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The Project Gutenberg eBook of Die Elixiere des Teufels
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will
have to check the laws of the country where you are located before using
this eBook.
Title: Die Elixiere des Teufels
Nachgelassene Papiere des Bruders Medardus, eines Kapuziners
Author: E. T. A. Hoffmann
Illustrator: Ernst Stern
Release date: June 23, 2025 [eBook #76360]
Language: German
Original publication: Berlin: Buchverlag fürs Deutsche Haus, 1908
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/76360
Credits: Markus Brenner and the Online Distributed Proofreading Team at
https://www.pgdp.net
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ELIXIERE
DES TEUFELS ***
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Title: Die Elixiere des Teufels
Nachgelassene Papiere des Bruders Medardus, eines Kapuziners
Author: E. T. A. Hoffmann
Illustrator: Ernst Stern
Release date: June 23, 2025 [eBook #76360]
Language: German
Original publication: Berlin: Buchverlag fürs Deutsche Haus, 1908
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Page 4
Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1908 so weit wie möglich originalgetreu
wiedergegeben. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und
heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert;
fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Antiquaschrift wird hier kursiv dargestellt. Abhängig
von der im jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original g e s p e r r t
gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt
erscheinen.
Dieses Buch wurde in der Deutschen
Buch- u. Kunstdruckerei G. m. b. H.
in Zossen gedruckt u. bei der Leipziger
☐ Buchbinderei-Actiengesellschaft ☐
===== in Leipzig gebunden. =====
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1908 so weit wie möglich originalgetreu
wiedergegeben. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und
heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert;
fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Antiquaschrift wird hier kursiv dargestellt. Abhängig
von der im jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original g e s p e r r t
gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt
erscheinen.
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in Zossen gedruckt u. bei der Leipziger
☐ Buchbinderei-Actiengesellschaft ☐
===== in Leipzig gebunden. =====
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Die Elixiere des Teufels
Page 6
Die Bücher des Deutschen Hauses
Herausgegeben von Rudolf Presber
Erste Reihe
3. Band
Herausgegeben von Rudolf Presber
Erste Reihe
3. Band
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Original-Reihentitel
Page 8
Die Elixiere des Teufels
Nachgelassene Papiere des
Bruders Medardus,
: : eines Kapuziners. : :
Mit 4 Illustrationen von Ernst Stern
1908
Buchverlag fürs Deutsche Haus
Berlin—Leipzig
Nachgelassene Papiere des
Bruders Medardus,
: : eines Kapuziners. : :
Mit 4 Illustrationen von Ernst Stern
1908
Buchverlag fürs Deutsche Haus
Berlin—Leipzig
Page 9
Original-Stücktitel
Page 10
„Wenn auch Bücher nicht
gut oder schlecht machen, besser
oder schlechter machen sie doch!“
(Jean Paul)
gut oder schlecht machen, besser
oder schlechter machen sie doch!“
(Jean Paul)
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Original-Zitatseite
Page 12
E. Th. A. Hoffmann
Im Jahre 1776, als der junge Goethe in Weimar heimisch wurde,
erblickte Hoffmann das Licht der Welt. Und als er nach fünf Jahrzehnten an
Rückenmarksdarre starb, war auch Goethes künstlerische Entwicklung
abgeschlossen; einige Jahre später legt er seines Geistes letzten Tiefsinn im
zweiten Teil des Faust nieder.
Wer dieser beiden Menschen Leben nach außen und innen mit der Seele
nachging, hat von der Zeit, in der sie wirkten, nicht alles, vom
Menschengeist in seinen Höhen und Tiefen Unendliches gespürt. Eine
Parallele zwischen ihnen zu ziehen — um so fruchtbarer oft, je greller der
Gegensatz ist — hier wäre es sinnlos. Und würde beiden Unrecht tun.
Goethen verkleinern, Hoffmann mit den schwärzesten Tinten tuschen. Eins
aber darf gesagt werden: daß beide so gerade leben, so sich entwickeln
konnten in einer weltgeschichtlichen Periode, da die Wogen des Kampfes
um die größten Gegenstände in alle Winkel Europas brandeten, ist
wunderbar und beweist, daß der Überwinder Goethe und der Überwundene
Hoffmann, jeder in seiner Art, Bahnen schritt, die abseits der Heerstraße in
purpurne Fernen führen.
Äußerlich war das Leben des romantischen Spätlings wilder und
wechselreicher, innerlich seichter. Hin und her, hinauf und hinunter wirbelte
Im Jahre 1776, als der junge Goethe in Weimar heimisch wurde,
erblickte Hoffmann das Licht der Welt. Und als er nach fünf Jahrzehnten an
Rückenmarksdarre starb, war auch Goethes künstlerische Entwicklung
abgeschlossen; einige Jahre später legt er seines Geistes letzten Tiefsinn im
zweiten Teil des Faust nieder.
Wer dieser beiden Menschen Leben nach außen und innen mit der Seele
nachging, hat von der Zeit, in der sie wirkten, nicht alles, vom
Menschengeist in seinen Höhen und Tiefen Unendliches gespürt. Eine
Parallele zwischen ihnen zu ziehen — um so fruchtbarer oft, je greller der
Gegensatz ist — hier wäre es sinnlos. Und würde beiden Unrecht tun.
Goethen verkleinern, Hoffmann mit den schwärzesten Tinten tuschen. Eins
aber darf gesagt werden: daß beide so gerade leben, so sich entwickeln
konnten in einer weltgeschichtlichen Periode, da die Wogen des Kampfes
um die größten Gegenstände in alle Winkel Europas brandeten, ist
wunderbar und beweist, daß der Überwinder Goethe und der Überwundene
Hoffmann, jeder in seiner Art, Bahnen schritt, die abseits der Heerstraße in
purpurne Fernen führen.
Äußerlich war das Leben des romantischen Spätlings wilder und
wechselreicher, innerlich seichter. Hin und her, hinauf und hinunter wirbelte
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E. Th. A. Hoffmann ein wenig gnädiges Geschick. Drei große Gaben
bescheerte ihm die Natur. Er war Zeichner, Musiker und Poet zugleich und
in allen drei Künsten hinausgehoben über werkelnden Dilettantismus. Und
hat doch hie und da zwischen seinen drei Musen hungernd gesessen. Er war
pflichtgetreu als Beamter und hat zweimal üble Differenzen mit seinen
Vorgesetzten bös büßen müssen. Er war ein sehr gescheiter, exakt und
schnell arbeitender Jurist und hat nach der Ansicht der meisten den Prozeß
seines Lebens, an eigener Schuld zerbrechend, in allen Instanzen verloren.
Wenn man hinzunimmt, daß diesem Schicksal, wie der Sauerteig dem
Brot, eine unendliche Phantasie, die jede andere Regung und Neigung
sieghaft beherrschte, beigegeben war, so geht die Rechnung restlos auf.
Hoffmanns Leben war ein Künstlerleben, trotz alledem. Nur daß seine
Kunst ihn wie im Taumel mit sich riß, statt daß er sie meisterte. Er sah die
Welt mit dem scharfen Auge des Karikaturisten, aber er lernte nichts daraus,
stieg nicht an fest durchdachten Erfahrungen in die Höhe, sondern goß
unermüdlich den hitzigen Wein seiner tollen Einbildungskraft darüber und
freute sich dann, unbekümmert um die Wirklichkeit, der wunderlichen
Schemen und Geister, die dem brodelnden Dunst entstiegen. Was er erlebte
war so widerspruchsvoll, daß er dazu kam, eigentlich nur an den Zufall zu
glauben und dem Genuß des Augenblicks nachzujagen. Menschenleben ist
Traum und Schatten. Seltsames geschieht ringsum. Wenn wir nüchtern nur
die Konturen beäugen, so gähnt’s uns an wie etwas Unheimliches, Dunkles,
Unerklärliches. Aber wenn der Wein und sprühender Witz im
Freundeskreise seelischen Rausch entzaubert, dann öffnen sich die Tiefen
und Geister steigen empor und tanzen und raunen und künden tiefere
Wahrheit als alles Forschen am hellen Tag.
Und diese Gespenster sah Hoffmann wirklich. Unter den Linden des
aufgeklärten Berlin begegneten sie ihm. Wenn die Feder in nächtlicher
Stunde seine Gesichte niederschrieb, standen sie am Bücherbrett, huschten
über den Spiegel, bis sich der Schöpfer vor den Geschöpfen fürchtete und in
grauser Angst den Namen der Gattin rief, die kommen und ihn über die
eigenen Phantasmen beruhigen mußte.
Kein Wunder, daß auch die Leser Hoffmanns zu sehen glauben, was er
beschreibt. Es hat kaum ein Dichter mit so geringer Gewalt über die
Sprache eine solche Plastik und Realität der Schilderung erreicht. Darauf
allein beruht seine weite Verbreitung. Denn der Dichter des „goldnen
bescheerte ihm die Natur. Er war Zeichner, Musiker und Poet zugleich und
in allen drei Künsten hinausgehoben über werkelnden Dilettantismus. Und
hat doch hie und da zwischen seinen drei Musen hungernd gesessen. Er war
pflichtgetreu als Beamter und hat zweimal üble Differenzen mit seinen
Vorgesetzten bös büßen müssen. Er war ein sehr gescheiter, exakt und
schnell arbeitender Jurist und hat nach der Ansicht der meisten den Prozeß
seines Lebens, an eigener Schuld zerbrechend, in allen Instanzen verloren.
Wenn man hinzunimmt, daß diesem Schicksal, wie der Sauerteig dem
Brot, eine unendliche Phantasie, die jede andere Regung und Neigung
sieghaft beherrschte, beigegeben war, so geht die Rechnung restlos auf.
Hoffmanns Leben war ein Künstlerleben, trotz alledem. Nur daß seine
Kunst ihn wie im Taumel mit sich riß, statt daß er sie meisterte. Er sah die
Welt mit dem scharfen Auge des Karikaturisten, aber er lernte nichts daraus,
stieg nicht an fest durchdachten Erfahrungen in die Höhe, sondern goß
unermüdlich den hitzigen Wein seiner tollen Einbildungskraft darüber und
freute sich dann, unbekümmert um die Wirklichkeit, der wunderlichen
Schemen und Geister, die dem brodelnden Dunst entstiegen. Was er erlebte
war so widerspruchsvoll, daß er dazu kam, eigentlich nur an den Zufall zu
glauben und dem Genuß des Augenblicks nachzujagen. Menschenleben ist
Traum und Schatten. Seltsames geschieht ringsum. Wenn wir nüchtern nur
die Konturen beäugen, so gähnt’s uns an wie etwas Unheimliches, Dunkles,
Unerklärliches. Aber wenn der Wein und sprühender Witz im
Freundeskreise seelischen Rausch entzaubert, dann öffnen sich die Tiefen
und Geister steigen empor und tanzen und raunen und künden tiefere
Wahrheit als alles Forschen am hellen Tag.
Und diese Gespenster sah Hoffmann wirklich. Unter den Linden des
aufgeklärten Berlin begegneten sie ihm. Wenn die Feder in nächtlicher
Stunde seine Gesichte niederschrieb, standen sie am Bücherbrett, huschten
über den Spiegel, bis sich der Schöpfer vor den Geschöpfen fürchtete und in
grauser Angst den Namen der Gattin rief, die kommen und ihn über die
eigenen Phantasmen beruhigen mußte.
Kein Wunder, daß auch die Leser Hoffmanns zu sehen glauben, was er
beschreibt. Es hat kaum ein Dichter mit so geringer Gewalt über die
Sprache eine solche Plastik und Realität der Schilderung erreicht. Darauf
allein beruht seine weite Verbreitung. Denn der Dichter des „goldnen
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Topf’s“, „des Spielers“ und anderer feiner psychologischen Studien braucht
es sich nicht gefallen lassen, lediglich als effektvoller
Gespensterbeschwörer zu gelten. Frankreich hat ihn verschlungen; und
diese Beliebtheit jenseits der Vogesen ist um so interessanter, als sie dem
formlosen deutschen Phantasten von einer Nation widerfährt, deren
künstlerische Stärke in der Form, deren Schwäche besonders in der
sinnlichen Anschauung liegt. Auch dem eigenen Volke lebt Hoffmann; in
unserer Zeit kräftiger, denn je. Mit dem mählichen Schwinden jeder
dogmatischen Religiosität geht heute eine seltsame Neigung zum
Transzendentalen Hand in Hand, die weiter verbreitet ist, als die Oberfläche
verrät. Und so kommts, daß man so viel über Ernst Theodor Amadäus
schreibt, ihn eifrig ediert und kommentiert.
Der vorliegende Band bietet eine seiner reifsten Erzählungen. „Die
Elixiere des Teufels“ schuf Hoffmann in der literarisch fruchtbarsten Zeit
seines Lebens. Der erste Band entstand in Dresden, als die unerquickliche
Bamberger Periode glücklich hinter ihm lag, der zweite in Berlin. „Die
Elixiere“ beweisen am besten, daß Hoffmann nicht nur, wie seine
zahlreichen mißgünstigen Beurteiler behaupten, stark nach der Weinlaune
schmeckende Capriccios düstrer und heitrer Art hinwerfen konnte. Wenn
auch — das gelang Hoffmann selten anders — die Komposition unklar und
in ihrer gehäuften Fülle scheinbar unentwirrbar bleibt, so geht doch eine
tiefe Idee durch das Buch. Eine einzige unbedachte Tat genügt, den
Menschen zu vernichten. Ein Augenblick verbotenen Lüsten nachgegeben,
und schleppend folgt eine dunkle Kette dumpfer Tage, in denen Frevel sich
häuft auf Frevel.
Aber es ist keine Wirklichkeit. Ein wüster Traum bleibt’s, der nur dem
unruhig Schlafenden krasse Wirklichkeit dünkt. Das Leben sind
Fieberphantasien, die vorübergleiten, und nur eins ist wahrhaftig und setzt
diesem ganzen tollen Daseinsspuk ein unentrinnbares Ende, der Tod.
Karlernst Knatz.
es sich nicht gefallen lassen, lediglich als effektvoller
Gespensterbeschwörer zu gelten. Frankreich hat ihn verschlungen; und
diese Beliebtheit jenseits der Vogesen ist um so interessanter, als sie dem
formlosen deutschen Phantasten von einer Nation widerfährt, deren
künstlerische Stärke in der Form, deren Schwäche besonders in der
sinnlichen Anschauung liegt. Auch dem eigenen Volke lebt Hoffmann; in
unserer Zeit kräftiger, denn je. Mit dem mählichen Schwinden jeder
dogmatischen Religiosität geht heute eine seltsame Neigung zum
Transzendentalen Hand in Hand, die weiter verbreitet ist, als die Oberfläche
verrät. Und so kommts, daß man so viel über Ernst Theodor Amadäus
schreibt, ihn eifrig ediert und kommentiert.
Der vorliegende Band bietet eine seiner reifsten Erzählungen. „Die
Elixiere des Teufels“ schuf Hoffmann in der literarisch fruchtbarsten Zeit
seines Lebens. Der erste Band entstand in Dresden, als die unerquickliche
Bamberger Periode glücklich hinter ihm lag, der zweite in Berlin. „Die
Elixiere“ beweisen am besten, daß Hoffmann nicht nur, wie seine
zahlreichen mißgünstigen Beurteiler behaupten, stark nach der Weinlaune
schmeckende Capriccios düstrer und heitrer Art hinwerfen konnte. Wenn
auch — das gelang Hoffmann selten anders — die Komposition unklar und
in ihrer gehäuften Fülle scheinbar unentwirrbar bleibt, so geht doch eine
tiefe Idee durch das Buch. Eine einzige unbedachte Tat genügt, den
Menschen zu vernichten. Ein Augenblick verbotenen Lüsten nachgegeben,
und schleppend folgt eine dunkle Kette dumpfer Tage, in denen Frevel sich
häuft auf Frevel.
Aber es ist keine Wirklichkeit. Ein wüster Traum bleibt’s, der nur dem
unruhig Schlafenden krasse Wirklichkeit dünkt. Das Leben sind
Fieberphantasien, die vorübergleiten, und nur eins ist wahrhaftig und setzt
diesem ganzen tollen Daseinsspuk ein unentrinnbares Ende, der Tod.
Karlernst Knatz.
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Die Elixiere des Teufel
Vorwort des Herausgebers
Gern möchte ich dich, günstiger Leser, unter jene dunklen Platanen
führen, wo ich die seltsame Geschichte des Bruders Medardus zum ersten
Male las. Du würdest dich mit mir auf dieselbe, in duftige Stauden und bunt
glühende Blumen halb versteckte, steinerne Bank setzen; du würdest, so
wie ich, recht sehnsüchtig nach den blauen Bergen schauen, die sich in
wunderlichen Gebilden hinter dem sonnichten Tal auftürmen, das am Ende
des Laubgangs sich vor uns ausbreitet. Aber nun wendest du dich um, und
erblickst kaum zwanzig Schritte hinter uns ein gotisches Gebäude, dessen
Portal reich mit Statuen verziert ist. — Durch die dunklen Zweige der
Platanen schauen dich Heiligenbilder recht mit klaren lebendigen Augen an;
es sind die frischen Freskogemälde, die auf der breiten Mauer prangen. —
Die Sonne steht glutrot auf dem Gebirge, der Abendwind erhebt sich,
überall Leben und Bewegung. Flüsternd und rauschend gehen wunderbare
Stimmen durch Baum und Gebüsch: als würden sie steigend und steigend
zu Gesang und Orgelklang, so tönt es von ferne herüber. Ernste Männer, in
weit gefalteten Gewändern, wandeln, den frommen Blick emporgerichtet,
schweigend, durch die Laubgänge des Gartens. Sind denn die
Heiligenbilder lebendig worden, und herabgestiegen von den hohen
Simsen? — Dich umwehen die geheimnisvollen Schauer der wunderbaren
Vorwort des Herausgebers
Gern möchte ich dich, günstiger Leser, unter jene dunklen Platanen
führen, wo ich die seltsame Geschichte des Bruders Medardus zum ersten
Male las. Du würdest dich mit mir auf dieselbe, in duftige Stauden und bunt
glühende Blumen halb versteckte, steinerne Bank setzen; du würdest, so
wie ich, recht sehnsüchtig nach den blauen Bergen schauen, die sich in
wunderlichen Gebilden hinter dem sonnichten Tal auftürmen, das am Ende
des Laubgangs sich vor uns ausbreitet. Aber nun wendest du dich um, und
erblickst kaum zwanzig Schritte hinter uns ein gotisches Gebäude, dessen
Portal reich mit Statuen verziert ist. — Durch die dunklen Zweige der
Platanen schauen dich Heiligenbilder recht mit klaren lebendigen Augen an;
es sind die frischen Freskogemälde, die auf der breiten Mauer prangen. —
Die Sonne steht glutrot auf dem Gebirge, der Abendwind erhebt sich,
überall Leben und Bewegung. Flüsternd und rauschend gehen wunderbare
Stimmen durch Baum und Gebüsch: als würden sie steigend und steigend
zu Gesang und Orgelklang, so tönt es von ferne herüber. Ernste Männer, in
weit gefalteten Gewändern, wandeln, den frommen Blick emporgerichtet,
schweigend, durch die Laubgänge des Gartens. Sind denn die
Heiligenbilder lebendig worden, und herabgestiegen von den hohen
Simsen? — Dich umwehen die geheimnisvollen Schauer der wunderbaren
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Sagen und Legenden, die dort abgebildet, dir ist, als geschähe alles vor
deinen Augen, und willig magst du daran glauben. In dieser Stimmung
liesest du die Geschichte des Medardus, und wohl magst du auch dann die
sonderbaren Visionen des Mönchs für mehr halten, als für das regellose
Spiel der erhitzten Einbildungskraft. —
Da du, günstiger Leser, soeben Heiligenbilder, ein Kloster und Mönche
geschaut hast, so darf ich kaum hinzufügen, daß es der herrliche Garten des
Kapuzinerklosters in B. war, in den ich dich geführt hatte.
Als ich mich einst in diesem Kloster einige Tage aufhielt, zeigte mir der
ehrwürdige Prior die von dem Bruder Medardus nachgelassenen, im Archiv
aufbewahrten Papiere als eine Merkwürdigkeit, und nur mit Mühe
überwand ich des Priors Bedenken, sie mir mitzuteilen. Eigentlich, meinte
der Alte, hätten diese Papiere verbrannt werden sollen. — Nicht ohne
Furcht, du werdest des Priors Meinung sein, gebe ich dir, günstiger Leser,
nun das aus jenen Papieren geformte Buch in die Hände. Entschließest du
dich aber, mit dem Medardus, als seist du sein treuer Gefährte, durch finstre
Kreuzgänge und Zellen — durch die bunte — bunteste Welt zu ziehen, und
mit ihm das Schauerliche, Entsetzliche, Tolle, Possenhafte seines Lebens zu
ertragen, so wirst du dich vielleicht an den mannigfachen Bildern der
Camera obscura, die sich dir aufgetan, ergötzen. — Es kann auch kommen,
daß das gestaltlos scheinende, sowie du schärfer es ins Auge fassest, sich
dir bald deutlich und rund darstellt. Du erkennst den verborgenen Keim,
den ein dunkles Verhängnis gebar, und der, zur üppigen Pflanze
emporgeschossen, fort und fort wuchert in tausend Ranken, bis e i n e Blüte,
zur Frucht reifend, allen Lebenssaft an sich zieht, und den Keim selbst tötet.
—
Nachdem ich die Papiere des Kapuziners Medardus recht emsig
durchgelesen, welches mir schwer genug wurde, da der Selige eine sehr
kleine, unleserliche mönchische Handschrift geschrieben, war es mir auch,
als könne das, was wir insgemein Traum und Einbildung nennen, wohl die
symbolische Erkenntnis des geheimen Fadens sein, der sich durch unser
Leben zieht, es festknüpfend in allen seinen Bedingungen, als sei d e r aber
für verloren zu erachten, der mit jener Erkenntnis die Kraft gewonnen
glaubt, jenen Faden gewaltsam zu zerreißen und es aufzunehmen mit der
dunklen Macht, die über uns gebietet.
deinen Augen, und willig magst du daran glauben. In dieser Stimmung
liesest du die Geschichte des Medardus, und wohl magst du auch dann die
sonderbaren Visionen des Mönchs für mehr halten, als für das regellose
Spiel der erhitzten Einbildungskraft. —
Da du, günstiger Leser, soeben Heiligenbilder, ein Kloster und Mönche
geschaut hast, so darf ich kaum hinzufügen, daß es der herrliche Garten des
Kapuzinerklosters in B. war, in den ich dich geführt hatte.
Als ich mich einst in diesem Kloster einige Tage aufhielt, zeigte mir der
ehrwürdige Prior die von dem Bruder Medardus nachgelassenen, im Archiv
aufbewahrten Papiere als eine Merkwürdigkeit, und nur mit Mühe
überwand ich des Priors Bedenken, sie mir mitzuteilen. Eigentlich, meinte
der Alte, hätten diese Papiere verbrannt werden sollen. — Nicht ohne
Furcht, du werdest des Priors Meinung sein, gebe ich dir, günstiger Leser,
nun das aus jenen Papieren geformte Buch in die Hände. Entschließest du
dich aber, mit dem Medardus, als seist du sein treuer Gefährte, durch finstre
Kreuzgänge und Zellen — durch die bunte — bunteste Welt zu ziehen, und
mit ihm das Schauerliche, Entsetzliche, Tolle, Possenhafte seines Lebens zu
ertragen, so wirst du dich vielleicht an den mannigfachen Bildern der
Camera obscura, die sich dir aufgetan, ergötzen. — Es kann auch kommen,
daß das gestaltlos scheinende, sowie du schärfer es ins Auge fassest, sich
dir bald deutlich und rund darstellt. Du erkennst den verborgenen Keim,
den ein dunkles Verhängnis gebar, und der, zur üppigen Pflanze
emporgeschossen, fort und fort wuchert in tausend Ranken, bis e i n e Blüte,
zur Frucht reifend, allen Lebenssaft an sich zieht, und den Keim selbst tötet.
—
Nachdem ich die Papiere des Kapuziners Medardus recht emsig
durchgelesen, welches mir schwer genug wurde, da der Selige eine sehr
kleine, unleserliche mönchische Handschrift geschrieben, war es mir auch,
als könne das, was wir insgemein Traum und Einbildung nennen, wohl die
symbolische Erkenntnis des geheimen Fadens sein, der sich durch unser
Leben zieht, es festknüpfend in allen seinen Bedingungen, als sei d e r aber
für verloren zu erachten, der mit jener Erkenntnis die Kraft gewonnen
glaubt, jenen Faden gewaltsam zu zerreißen und es aufzunehmen mit der
dunklen Macht, die über uns gebietet.
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Vielleicht geht es dir, günstiger Leser, wie mir, und das wünschte ich
denn, aus erheblichen Gründen, recht herzlich.
denn, aus erheblichen Gründen, recht herzlich.
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Erster Teil.
1. Abschnitt.
Die Jahre der Kindheit und das
Klosterleben.
Nie hat mir meine Mutter gesagt, in welchen Verhältnissen mein Vater
in der Welt lebte; rufe ich mir aber alles das ins Gedächtnis zurück, was sie
mir schon in meiner frühesten Jugend von ihm erzählte, so muß ich wohl
glauben, daß es ein mit tiefen Kenntnissen begabter lebenskluger Mann
war. Eben aus diesen Erzählungen und einzelnen Äußerungen meiner
Mutter, über ihr früheres Leben, die mir erst später verständlich worden,
weiß ich, daß meine Eltern von einem bequemen Leben, welches sie im
Besitz vielen Reichtums führten, herabsanken in die drückendste, bitterste
Armut, und daß mein Vater, einst durch den Satan verlockt zum verruchten
Frevel, eine Todsünde beging, die er, als ihn in späten Jahren die Gnade
Gottes erleuchtete, abbüßen wollte auf einer Pilgerreise nach der heiligen
Linde im weit entfernten kalten Preußen. — Auf der beschwerlichen
Wanderung dahin fühlte meine Mutter nach mehreren Jahren der Ehe zum
erstenmal, daß diese nicht unfruchtbar bleiben würde, wie mein Vater
befürchtet, und seiner Dürftigkeit unerachtet war er hoch erfreut, weil nun
eine Vision in Erfüllung gehen sollte, in welcher ihm der heilige Bernardus
Trost und Vergebung der Sünde durch die Geburt eines Sohnes zugesichert
hatte. In der heiligen Linde erkrankte mein Vater, und je weniger er die
vorgeschriebenen beschwerlichen Andachtsübungen seiner Schwäche
unerachtet aussetzen wollte, desto mehr nahm das Übel überhand; er starb
1. Abschnitt.
Die Jahre der Kindheit und das
Klosterleben.
Nie hat mir meine Mutter gesagt, in welchen Verhältnissen mein Vater
in der Welt lebte; rufe ich mir aber alles das ins Gedächtnis zurück, was sie
mir schon in meiner frühesten Jugend von ihm erzählte, so muß ich wohl
glauben, daß es ein mit tiefen Kenntnissen begabter lebenskluger Mann
war. Eben aus diesen Erzählungen und einzelnen Äußerungen meiner
Mutter, über ihr früheres Leben, die mir erst später verständlich worden,
weiß ich, daß meine Eltern von einem bequemen Leben, welches sie im
Besitz vielen Reichtums führten, herabsanken in die drückendste, bitterste
Armut, und daß mein Vater, einst durch den Satan verlockt zum verruchten
Frevel, eine Todsünde beging, die er, als ihn in späten Jahren die Gnade
Gottes erleuchtete, abbüßen wollte auf einer Pilgerreise nach der heiligen
Linde im weit entfernten kalten Preußen. — Auf der beschwerlichen
Wanderung dahin fühlte meine Mutter nach mehreren Jahren der Ehe zum
erstenmal, daß diese nicht unfruchtbar bleiben würde, wie mein Vater
befürchtet, und seiner Dürftigkeit unerachtet war er hoch erfreut, weil nun
eine Vision in Erfüllung gehen sollte, in welcher ihm der heilige Bernardus
Trost und Vergebung der Sünde durch die Geburt eines Sohnes zugesichert
hatte. In der heiligen Linde erkrankte mein Vater, und je weniger er die
vorgeschriebenen beschwerlichen Andachtsübungen seiner Schwäche
unerachtet aussetzen wollte, desto mehr nahm das Übel überhand; er starb
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entsündigt und getröstet in demselben Augenblick, als ich geboren wurde.
— Mit dem ersten Bewußtsein dämmern in mir die lieblichen Bilder von
dem Kloster, und von der herrlichen Kirche in der heiligen Linde, auf. Mich
umrauscht noch der dunkle Wald — mich umduften noch die üppig
aufgekeimten Gräser, die bunten Blumen, die meine Wiege waren. Kein
giftiges Tier, kein schädliches Insekt nistet in dem Heiligtum der
Gebenedeiten; nicht das Sumsen einer Fliege, nicht das Zirpen des
Heimchens unterbricht die heilige Stille, in der nur die frommen Gesänge
der Priester erhallen, die, mit den Pilgern goldne Rauchfässer schwingend,
aus denen der Duft des Weihrauchopfers emporsteigt, in langen Zügen
daherziehen. Noch sehe ich, mitten in der Kirche, den mit Silber
überzogenen Stamm der Linde, auf welche die Engel das wundertätige Bild
der heiligen Jungfrau niedersetzten. Noch lächeln mir die bunten Gestalten
der Engel — der Heiligen — von den Wänden, von der Decke der Kirche
an! — Die Erzählungen meiner Mutter von dem wundervollen Kloster, wo
ihrem tiefsten Schmerz gnadenreicher Trost zuteil wurde, sind so in mein
Innres gedrungen, daß ich alles selbst gesehen, selbst erfahren zu haben
glaube, unerachtet es unmöglich ist, daß meine Erinnerung so weit
hinausreicht, da meine Mutter nach anderthalb Jahren die heilige Stätte
verließ. — So ist es mir, als hätte ich selbst einmal in der öden Kirche die
wunderbare Gestalt eines ernsten Mannes gesehen, und es sei eben der
fremde Maler gewesen, der in uralter Zeit, als eben die Kirche gebaut,
erschien, dessen Sprache niemand verstehen konnte und der mit
kunstgeübter Hand in gar kurzer Zeit die Kirche auf das herrlichste
ausmalte, dann aber, als er fertig worden, wieder verschwand. — So
gedenke ich ferner noch eines alten fremdartig gekleideten Pilgers mit
langem grauem Barte, der mich oft auf den Armen umhertrug, im Walde
allerlei bunte Moose und Steine suchte, und mit mir spielte; unerachtet ich
gewiß glaube, daß nur aus der Beschreibung meiner Mutter sich im Innern
sein lebhaftes Bild erzeugt hat. Er brachte einmal einen fremden
wunderschönen Knaben mit, der mit mir von gleichem Alter war. Uns
herzend und küssend saßen wir im Grase, ich schenkte ihm alle meine
bunten Steine und er wußte damit allerlei Figuren auf dem Erdboden zu
ordnen, aber immer bildete sich daraus zuletzt die Gestalt des Kreuzes.
Meine Mutter saß neben uns auf einer steinernen Bank, und der Alte
schaute, hinter ihr stehend, mit mildem Ernst unsern kindischen Spielen zu.
Da traten einige Jünglinge aus dem Gebüsch, die, nach ihrer Kleidung und
— Mit dem ersten Bewußtsein dämmern in mir die lieblichen Bilder von
dem Kloster, und von der herrlichen Kirche in der heiligen Linde, auf. Mich
umrauscht noch der dunkle Wald — mich umduften noch die üppig
aufgekeimten Gräser, die bunten Blumen, die meine Wiege waren. Kein
giftiges Tier, kein schädliches Insekt nistet in dem Heiligtum der
Gebenedeiten; nicht das Sumsen einer Fliege, nicht das Zirpen des
Heimchens unterbricht die heilige Stille, in der nur die frommen Gesänge
der Priester erhallen, die, mit den Pilgern goldne Rauchfässer schwingend,
aus denen der Duft des Weihrauchopfers emporsteigt, in langen Zügen
daherziehen. Noch sehe ich, mitten in der Kirche, den mit Silber
überzogenen Stamm der Linde, auf welche die Engel das wundertätige Bild
der heiligen Jungfrau niedersetzten. Noch lächeln mir die bunten Gestalten
der Engel — der Heiligen — von den Wänden, von der Decke der Kirche
an! — Die Erzählungen meiner Mutter von dem wundervollen Kloster, wo
ihrem tiefsten Schmerz gnadenreicher Trost zuteil wurde, sind so in mein
Innres gedrungen, daß ich alles selbst gesehen, selbst erfahren zu haben
glaube, unerachtet es unmöglich ist, daß meine Erinnerung so weit
hinausreicht, da meine Mutter nach anderthalb Jahren die heilige Stätte
verließ. — So ist es mir, als hätte ich selbst einmal in der öden Kirche die
wunderbare Gestalt eines ernsten Mannes gesehen, und es sei eben der
fremde Maler gewesen, der in uralter Zeit, als eben die Kirche gebaut,
erschien, dessen Sprache niemand verstehen konnte und der mit
kunstgeübter Hand in gar kurzer Zeit die Kirche auf das herrlichste
ausmalte, dann aber, als er fertig worden, wieder verschwand. — So
gedenke ich ferner noch eines alten fremdartig gekleideten Pilgers mit
langem grauem Barte, der mich oft auf den Armen umhertrug, im Walde
allerlei bunte Moose und Steine suchte, und mit mir spielte; unerachtet ich
gewiß glaube, daß nur aus der Beschreibung meiner Mutter sich im Innern
sein lebhaftes Bild erzeugt hat. Er brachte einmal einen fremden
wunderschönen Knaben mit, der mit mir von gleichem Alter war. Uns
herzend und küssend saßen wir im Grase, ich schenkte ihm alle meine
bunten Steine und er wußte damit allerlei Figuren auf dem Erdboden zu
ordnen, aber immer bildete sich daraus zuletzt die Gestalt des Kreuzes.
Meine Mutter saß neben uns auf einer steinernen Bank, und der Alte
schaute, hinter ihr stehend, mit mildem Ernst unsern kindischen Spielen zu.
Da traten einige Jünglinge aus dem Gebüsch, die, nach ihrer Kleidung und
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nach ihrem ganzen Wesen zu urteilen, wohl nur aus Neugierde und
Schaulust nach der heiligen Linde gekommen waren. Einer von ihnen rief,
indem er uns gewahr wurde, lachend: „Sieh da! eine heilige Familie, das ist
etwas für meine Mappe!“ — Er zog wirklich Papier und Crayon hervor und
schickte sich an uns zu zeichnen, da erhob der alte Pilger sein Haupt und
rief zornig: „Elender Spötter, du willst ein Künstler sein und in deinem
Innern brannte nie die Flamme des Glaubens und der Liebe; aber deine
Werke werden tot und starr bleiben wie du selbst, und du wirst wie ein
Verstoßener in einsamer Leere verzweifeln und untergehen in deiner
eigenen Armseligkeit.“ — Die Jünglinge eilten bestürzt von dannen. — Der
alte Pilger sagte zu meiner Mutter: „Ich habe euch heute ein wunderbares
Kind gebracht, damit es in eurem Sohne den Funken der Liebe entzünde,
aber ich muß es wieder von euch nehmen und ihr werdet es wohl, so wie
mich selbst, nicht mehr schauen. Euer Sohn ist mit vielen Gaben herrlich
ausgestattet, aber die Sünde des Vaters kocht und gärt in seinem Blute, er
kann jedoch sich zum wackern Kämpen für den Glauben aufschwingen,
lasset ihn geistlich werden!“ — Meine Mutter konnte nicht genug sagen,
welchen tiefen unauslöschlichen Eindruck die Worte des Pilgers auf sie
gemacht hatten; sie beschloß aber dem unerachtet meiner Neigung durchaus
keinen Zwang anzutun, sondern ruhig abzuwarten, was das Geschick über
mich verhängen und wozu es mich leiten würde, da sie an irgend eine
andere höhere Erziehung, als die sie selbst mir zu geben imstande war, nicht
denken konnte. — Meine Erinnerungen aus deutlicher selbst gemachter
Erfahrung heben von dem Zeitpunkt an, als meine Mutter auf der Heimreise
in das Cisterzienser Nonnenkloster gekommen war, dessen gefürstete
Äbtissin, die meinen Vater gekannt hatte, sie freundlich aufnahm. Die Zeit
von jener Begebenheit mit dem alten Pilger, welche ich in der Tat aus eigner
Anschauung weiß, so daß sie meine Mutter nur rücksichts der Reden des
Malers und des alten Pilgers ergänzt hat, bis zu dem Moment, als mich
meine Mutter zum erstenmal zur Äbtissin brachte, macht eine völlige
Lücke: nicht die leiseste Ahnung ist mir davon übrig geblieben. Ich finde
mich erst wieder, als die Mutter meinen Anzug, soviel es ihr nur möglich
war, besserte und ordnete. Sie hatte neue Bänder in der Stadt gekauft, sie
verschnitt mein wild-verwachsnes Haar, sie putzte mich mit aller Mühe und
schärfte mir dabei ein, mich ja recht fromm und artig bei der Frau Äbtissin
zu betragen. Endlich stieg ich, an der Hand meiner Mutter, die breiten,
steinernen Treppen herauf und trat in das hohe, gewölbte, mit heiligen
Schaulust nach der heiligen Linde gekommen waren. Einer von ihnen rief,
indem er uns gewahr wurde, lachend: „Sieh da! eine heilige Familie, das ist
etwas für meine Mappe!“ — Er zog wirklich Papier und Crayon hervor und
schickte sich an uns zu zeichnen, da erhob der alte Pilger sein Haupt und
rief zornig: „Elender Spötter, du willst ein Künstler sein und in deinem
Innern brannte nie die Flamme des Glaubens und der Liebe; aber deine
Werke werden tot und starr bleiben wie du selbst, und du wirst wie ein
Verstoßener in einsamer Leere verzweifeln und untergehen in deiner
eigenen Armseligkeit.“ — Die Jünglinge eilten bestürzt von dannen. — Der
alte Pilger sagte zu meiner Mutter: „Ich habe euch heute ein wunderbares
Kind gebracht, damit es in eurem Sohne den Funken der Liebe entzünde,
aber ich muß es wieder von euch nehmen und ihr werdet es wohl, so wie
mich selbst, nicht mehr schauen. Euer Sohn ist mit vielen Gaben herrlich
ausgestattet, aber die Sünde des Vaters kocht und gärt in seinem Blute, er
kann jedoch sich zum wackern Kämpen für den Glauben aufschwingen,
lasset ihn geistlich werden!“ — Meine Mutter konnte nicht genug sagen,
welchen tiefen unauslöschlichen Eindruck die Worte des Pilgers auf sie
gemacht hatten; sie beschloß aber dem unerachtet meiner Neigung durchaus
keinen Zwang anzutun, sondern ruhig abzuwarten, was das Geschick über
mich verhängen und wozu es mich leiten würde, da sie an irgend eine
andere höhere Erziehung, als die sie selbst mir zu geben imstande war, nicht
denken konnte. — Meine Erinnerungen aus deutlicher selbst gemachter
Erfahrung heben von dem Zeitpunkt an, als meine Mutter auf der Heimreise
in das Cisterzienser Nonnenkloster gekommen war, dessen gefürstete
Äbtissin, die meinen Vater gekannt hatte, sie freundlich aufnahm. Die Zeit
von jener Begebenheit mit dem alten Pilger, welche ich in der Tat aus eigner
Anschauung weiß, so daß sie meine Mutter nur rücksichts der Reden des
Malers und des alten Pilgers ergänzt hat, bis zu dem Moment, als mich
meine Mutter zum erstenmal zur Äbtissin brachte, macht eine völlige
Lücke: nicht die leiseste Ahnung ist mir davon übrig geblieben. Ich finde
mich erst wieder, als die Mutter meinen Anzug, soviel es ihr nur möglich
war, besserte und ordnete. Sie hatte neue Bänder in der Stadt gekauft, sie
verschnitt mein wild-verwachsnes Haar, sie putzte mich mit aller Mühe und
schärfte mir dabei ein, mich ja recht fromm und artig bei der Frau Äbtissin
zu betragen. Endlich stieg ich, an der Hand meiner Mutter, die breiten,
steinernen Treppen herauf und trat in das hohe, gewölbte, mit heiligen
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Bildern ausgeschmückte Gemach, in dem wir die Fürstin fanden. Es war
eine große, majestätische, schöne Frau, der die Ordenstracht eine Ehrfurcht
einflößende Würde gab. Sie sah mich mit einem ernsten, bis ins Innerste
dringenden Blick an, und frug: „Ist das euer Sohn?“ — Ihre Stimme, ihr
ganzes Ansehn — selbst die fremde Umgebung, das hohe Gemach, die
Bilder, alles wirkte so auf mich, daß ich, von dem Gefühl eines inneren
Grauens ergriffen, bitterlich zu weinen anfing. Da sprach die Fürstin, indem
sie mich milder und gütiger anblickte: „Was ist dir Kleiner, fürchtest du
dich vor mir? — Wie heißt euer Sohn, liebe Frau?“ — „Franz“, erwiderte
meine Mutter; da rief die Fürstin mit der tiefsten Wehmut: „Franziskus!“
und hob mich auf und drückte mich heftig an sich, aber in dem Augenblick
preßte mir ein jäher Schmerz, den ich am Halse fühlte, einen starken Schrei
aus, so daß die Fürstin erschrocken mich losließ, und die durch mein
Betragen ganz bestürzt gewordene Mutter auf mich zusprang, um nur gleich
mich fortzuführen. Die Fürstin ließ das nicht zu; es fand sich, daß das
diamantne Kreuz, welches die Fürstin auf der Brust trug, mich, indem sie
heftig mich an sich drückte, am Halse so stark beschädigt hatte, daß die
Stelle ganz rot und mit Blut unterlaufen war. „Armer Franz,“ sprach die
Fürstin, „ich habe dir weh getan, aber wir wollen doch noch gute Freunde
werden.“ — Eine Schwester brachte Zuckerwerk und süßen Wein, ich ließ
mich, jetzt schon dreister geworden, nicht lange nötigen, sondern naschte
tapfer von den Süßigkeiten, die mir die holde Frau, welche sich gesetzt und
mich auf den Schoß genommen hatte, selbst in den Mund steckte. Als ich
einige Tropfen des süßen Getränks, das mir bis jetzt ganz unbekannt
gewesen, gekostet, kehrte mein munterer Sinn, die besondere Lebendigkeit,
die, nach meiner Mutter Zeugnis, von meiner frühsten Jugend mir eigen
war, zurück. Ich lachte und schwatzte zum größten Vergnügen der Äbtissin
und der Schwester, die im Zimmer geblieben. Noch ist es mir unerklärlich,
wie meine Mutter darauf verfiel, mich aufzufordern, der Fürstin von den
schönen herrlichen Dingen meines Geburtsortes zu erzählen, und ich, wie
von einer höheren Macht inspiriert, ihr die schönen Bilder des fremden
unbekannten Malers so lebendig, als habe ich sie im tiefsten Geiste
aufgefaßt, beschreiben konnte. Dabei ging ich ganz ein in die herrlichen
Geschichten der Heiligen, als sei ich mit allen Schriften der Kirche schon
bekannt und vertraut geworden. Die Fürstin, selbst meine Mutter, blickten
mich voll Erstaunen an, aber je mehr ich sprach, deste höher stieg meine
Begeisterung, und als mich endlich die Fürstin frug: „Sage mir liebes Kind,
eine große, majestätische, schöne Frau, der die Ordenstracht eine Ehrfurcht
einflößende Würde gab. Sie sah mich mit einem ernsten, bis ins Innerste
dringenden Blick an, und frug: „Ist das euer Sohn?“ — Ihre Stimme, ihr
ganzes Ansehn — selbst die fremde Umgebung, das hohe Gemach, die
Bilder, alles wirkte so auf mich, daß ich, von dem Gefühl eines inneren
Grauens ergriffen, bitterlich zu weinen anfing. Da sprach die Fürstin, indem
sie mich milder und gütiger anblickte: „Was ist dir Kleiner, fürchtest du
dich vor mir? — Wie heißt euer Sohn, liebe Frau?“ — „Franz“, erwiderte
meine Mutter; da rief die Fürstin mit der tiefsten Wehmut: „Franziskus!“
und hob mich auf und drückte mich heftig an sich, aber in dem Augenblick
preßte mir ein jäher Schmerz, den ich am Halse fühlte, einen starken Schrei
aus, so daß die Fürstin erschrocken mich losließ, und die durch mein
Betragen ganz bestürzt gewordene Mutter auf mich zusprang, um nur gleich
mich fortzuführen. Die Fürstin ließ das nicht zu; es fand sich, daß das
diamantne Kreuz, welches die Fürstin auf der Brust trug, mich, indem sie
heftig mich an sich drückte, am Halse so stark beschädigt hatte, daß die
Stelle ganz rot und mit Blut unterlaufen war. „Armer Franz,“ sprach die
Fürstin, „ich habe dir weh getan, aber wir wollen doch noch gute Freunde
werden.“ — Eine Schwester brachte Zuckerwerk und süßen Wein, ich ließ
mich, jetzt schon dreister geworden, nicht lange nötigen, sondern naschte
tapfer von den Süßigkeiten, die mir die holde Frau, welche sich gesetzt und
mich auf den Schoß genommen hatte, selbst in den Mund steckte. Als ich
einige Tropfen des süßen Getränks, das mir bis jetzt ganz unbekannt
gewesen, gekostet, kehrte mein munterer Sinn, die besondere Lebendigkeit,
die, nach meiner Mutter Zeugnis, von meiner frühsten Jugend mir eigen
war, zurück. Ich lachte und schwatzte zum größten Vergnügen der Äbtissin
und der Schwester, die im Zimmer geblieben. Noch ist es mir unerklärlich,
wie meine Mutter darauf verfiel, mich aufzufordern, der Fürstin von den
schönen herrlichen Dingen meines Geburtsortes zu erzählen, und ich, wie
von einer höheren Macht inspiriert, ihr die schönen Bilder des fremden
unbekannten Malers so lebendig, als habe ich sie im tiefsten Geiste
aufgefaßt, beschreiben konnte. Dabei ging ich ganz ein in die herrlichen
Geschichten der Heiligen, als sei ich mit allen Schriften der Kirche schon
bekannt und vertraut geworden. Die Fürstin, selbst meine Mutter, blickten
mich voll Erstaunen an, aber je mehr ich sprach, deste höher stieg meine
Begeisterung, und als mich endlich die Fürstin frug: „Sage mir liebes Kind,
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woher weißt du denn das alles?“ — da antwortete ich, ohne mich einen
Augenblick zu besinnen, daß der schöne wunderbare Knabe, den einst ein
fremder Pilgersmann mitgebracht hätte, mir alle Bilder in der Kirche
erklärt, ja selbst noch manches Bild mit bunten Steinen gemalt und mir
nicht allein den Sinn davon gelöset, sondern auch noch viele andere heilige
Geschichten erzählt hätte. —
Man läutete zur Vesper, die Schwester hatte eine Menge Zuckerwerk in
eine Tüte gepackt, die sie mir gab, und die ich voller Vergnügen einsteckte.
Die Äbtissin stand auf und sagte zu meiner Mutter: „Ich sehe Euern Sohn
als meinen Zögling an, liebe Frau! und will von nun an für ihn sorgen.“
Meine Mutter konnte vor Wehmut nicht sprechen, sie küßte, heiße Tränen
vergießend, die Hände der Fürstin. Schon wollten wir zur Türe hinaustreten,
als die Fürstin uns nachkam, mich nochmals aufhob, sorgfältig das Kreuz
beiseite schiebend, mich an sich drückte, und heftig weinend, so daß die
heißen Tropfen auf meine Stirn fielen, ausrief: „Franziskus! — Bleibe
fromm und gut!“ — Ich war im Innersten bewegt und mußte auch weinen,
ohne eigentlich zu wissen warum. —
Durch die Unterstützung der Äbtissin gewann der kleine Haushalt
meiner Mutter, die unfern dem Kloster in einer kleinen Meierei wohnte,
bald ein besseres Ansehen. Die Not hatte ein Ende, ich ging besser
gekleidet und genoß den Unterricht des Pfarrers, dem ich zugleich, wenn er
in der Klosterkirche das Amt hielt, als Chorknabe diente. —
Wie umfängt mich noch wie ein seliger Traum die Erinnerung an jene
glückliche Jugendzeit! — Ach, wie ein fernes herrliches Land, wo die
Freude wohnt und die ungetrübte Heiterkeit des kindlichen unbefangenen
Sinns, liegt die Heimat weit, weit hinter mir, aber wenn ich zurückblicke, da
gähnt mir die Kluft entgegen, die mich auf ewig von ihr geschieden. Von
heißer Sehnsucht ergriffen, trachte ich immer mehr und mehr die Geliebten
zu erkennen, die ich drüben, wie im Purpurschimmer des Frührots
wandelnd, erblicke, ich wähne ihre holden Stimmen zu vernehmen. Ach! —
gibt es denn eine Kluft, über die die Liebe mit starkem Fittich sich nicht
hinwegschwingen könnte. Was ist für die Liebe der Raum, die Zeit! — Lebt
sie nicht im Gedanken und kennt d e r denn ein Maß? — Aber finstre
Gestalten steigen auf, und immer dichter und dichter sich
zusammendrängend, immer enger und enger mich einschließend, versperren
sie die Aussicht und befangen meinen Sinn mit den Drangsalen der
Augenblick zu besinnen, daß der schöne wunderbare Knabe, den einst ein
fremder Pilgersmann mitgebracht hätte, mir alle Bilder in der Kirche
erklärt, ja selbst noch manches Bild mit bunten Steinen gemalt und mir
nicht allein den Sinn davon gelöset, sondern auch noch viele andere heilige
Geschichten erzählt hätte. —
Man läutete zur Vesper, die Schwester hatte eine Menge Zuckerwerk in
eine Tüte gepackt, die sie mir gab, und die ich voller Vergnügen einsteckte.
Die Äbtissin stand auf und sagte zu meiner Mutter: „Ich sehe Euern Sohn
als meinen Zögling an, liebe Frau! und will von nun an für ihn sorgen.“
Meine Mutter konnte vor Wehmut nicht sprechen, sie küßte, heiße Tränen
vergießend, die Hände der Fürstin. Schon wollten wir zur Türe hinaustreten,
als die Fürstin uns nachkam, mich nochmals aufhob, sorgfältig das Kreuz
beiseite schiebend, mich an sich drückte, und heftig weinend, so daß die
heißen Tropfen auf meine Stirn fielen, ausrief: „Franziskus! — Bleibe
fromm und gut!“ — Ich war im Innersten bewegt und mußte auch weinen,
ohne eigentlich zu wissen warum. —
Durch die Unterstützung der Äbtissin gewann der kleine Haushalt
meiner Mutter, die unfern dem Kloster in einer kleinen Meierei wohnte,
bald ein besseres Ansehen. Die Not hatte ein Ende, ich ging besser
gekleidet und genoß den Unterricht des Pfarrers, dem ich zugleich, wenn er
in der Klosterkirche das Amt hielt, als Chorknabe diente. —
Wie umfängt mich noch wie ein seliger Traum die Erinnerung an jene
glückliche Jugendzeit! — Ach, wie ein fernes herrliches Land, wo die
Freude wohnt und die ungetrübte Heiterkeit des kindlichen unbefangenen
Sinns, liegt die Heimat weit, weit hinter mir, aber wenn ich zurückblicke, da
gähnt mir die Kluft entgegen, die mich auf ewig von ihr geschieden. Von
heißer Sehnsucht ergriffen, trachte ich immer mehr und mehr die Geliebten
zu erkennen, die ich drüben, wie im Purpurschimmer des Frührots
wandelnd, erblicke, ich wähne ihre holden Stimmen zu vernehmen. Ach! —
gibt es denn eine Kluft, über die die Liebe mit starkem Fittich sich nicht
hinwegschwingen könnte. Was ist für die Liebe der Raum, die Zeit! — Lebt
sie nicht im Gedanken und kennt d e r denn ein Maß? — Aber finstre
Gestalten steigen auf, und immer dichter und dichter sich
zusammendrängend, immer enger und enger mich einschließend, versperren
sie die Aussicht und befangen meinen Sinn mit den Drangsalen der
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Gegenwart, daß selbst die Sehnsucht, welche mich mit namenlosem
wonnevollem Schmerz erfüllte, nun zu tötender, heilloser Qual wird! —
Der Pfarrer war die Güte selbst, er wußte meinen lebhaften Geist zu
fesseln, er wußte seinen Unterricht so nach meiner Sinnesart zu formen, daß
ich Freude daran fand und schnelle Fortschritte machte. — Meine Mutter
liebte ich über alles, aber die Fürstin verehrte ich wie eine Heilige, und es
war ein feierlicher Tag für mich, wenn ich sie sehen durfte. Jedesmal nahm
ich mir vor, mit den neuerworbenen Kenntnissen recht vor ihr zu leuchten,
aber wenn sie kam, wenn sie freundlich mich anredete, da konnte ich kaum
ein Wort herausbringen, ich mochte nur s i e anschauen, nur s i e hören. Jedes
ihrer Worte blieb tief in meiner Seele zurück, noch den ganzen Tag über,
wenn ich sie gesprochen, befand ich mich in wunderbarer feierlicher
Stimmung und ihre Gestalt begleitete mich auf den Spaziergängen, die ich
dann besuchte. — Welches namenlose Gefühl durchbebte mich, wenn ich,
das Rauchfaß schwingend, am Hochaltare stand, und nun die Töne der
Orgel von dem Chore herabströmten und, wie zur brausenden Flut
anschwellend, mich fortrissen — wenn ich dann in dem Hymnus ihre
Stimme erkannte, die wie ein leuchtender Strahl zu mir herabdrang und
mein Inneres mit den Ahnungen des Höchsten — des Heiligsten erfüllte.
Aber der herrlichste Tag, auf den ich mich wochenlang freute, ja, an den ich
niemals ohne inneres Entzücken denken konnte, war das Fest des heiligen
Bernardus, welches, da er der Heilige der Cisterzienser ist, im Kloster durch
einen großen Ablaß auf das Feierlichste begangen wurde. Schon den Tag
vorher strömten aus der benachbarten Stadt sowie aus der ganzen
umliegenden Gegend, eine Menge Menschen herbei und lagerten sich auf
der großen blumichten Wiese, die sich an das Kloster schloß, so daß das
frohe Getümmel Tag und Nacht nicht aufhörte. Ich erinnere mich nicht, daß
die Witterung in der günstigsten Jahreszeit (der Bernardustag fällt in den
August) dem Feste jemals ungünstig gewesen sein sollte. In bunter
Mischung sah man hier andächtige Pilger, Hymnen singend, daher
wandelnd, dort Bauernburschen sich mit den geputzten Dirnen jubelnd
umhertummeln — Geistliche, die in frommer Betrachtung, die Hände
andächtig gefaltet, in die Wolken schauen — Bürgerfamilien im Grase
gelagert, die die hochgefüllten Speisekörbe auspacken und ihr Mahl
verzehren. Lustiger Gesang, fromme Lieder, die inbrünstigen Seufzer der
Büßenden, das Gelächter der Fröhlichen, Klagen, Jauchzen, Jubel, Scherze,
Gebet erfüllen wie in wunderbarem betäubendem Konzert die Lüfte! —
wonnevollem Schmerz erfüllte, nun zu tötender, heilloser Qual wird! —
Der Pfarrer war die Güte selbst, er wußte meinen lebhaften Geist zu
fesseln, er wußte seinen Unterricht so nach meiner Sinnesart zu formen, daß
ich Freude daran fand und schnelle Fortschritte machte. — Meine Mutter
liebte ich über alles, aber die Fürstin verehrte ich wie eine Heilige, und es
war ein feierlicher Tag für mich, wenn ich sie sehen durfte. Jedesmal nahm
ich mir vor, mit den neuerworbenen Kenntnissen recht vor ihr zu leuchten,
aber wenn sie kam, wenn sie freundlich mich anredete, da konnte ich kaum
ein Wort herausbringen, ich mochte nur s i e anschauen, nur s i e hören. Jedes
ihrer Worte blieb tief in meiner Seele zurück, noch den ganzen Tag über,
wenn ich sie gesprochen, befand ich mich in wunderbarer feierlicher
Stimmung und ihre Gestalt begleitete mich auf den Spaziergängen, die ich
dann besuchte. — Welches namenlose Gefühl durchbebte mich, wenn ich,
das Rauchfaß schwingend, am Hochaltare stand, und nun die Töne der
Orgel von dem Chore herabströmten und, wie zur brausenden Flut
anschwellend, mich fortrissen — wenn ich dann in dem Hymnus ihre
Stimme erkannte, die wie ein leuchtender Strahl zu mir herabdrang und
mein Inneres mit den Ahnungen des Höchsten — des Heiligsten erfüllte.
Aber der herrlichste Tag, auf den ich mich wochenlang freute, ja, an den ich
niemals ohne inneres Entzücken denken konnte, war das Fest des heiligen
Bernardus, welches, da er der Heilige der Cisterzienser ist, im Kloster durch
einen großen Ablaß auf das Feierlichste begangen wurde. Schon den Tag
vorher strömten aus der benachbarten Stadt sowie aus der ganzen
umliegenden Gegend, eine Menge Menschen herbei und lagerten sich auf
der großen blumichten Wiese, die sich an das Kloster schloß, so daß das
frohe Getümmel Tag und Nacht nicht aufhörte. Ich erinnere mich nicht, daß
die Witterung in der günstigsten Jahreszeit (der Bernardustag fällt in den
August) dem Feste jemals ungünstig gewesen sein sollte. In bunter
Mischung sah man hier andächtige Pilger, Hymnen singend, daher
wandelnd, dort Bauernburschen sich mit den geputzten Dirnen jubelnd
umhertummeln — Geistliche, die in frommer Betrachtung, die Hände
andächtig gefaltet, in die Wolken schauen — Bürgerfamilien im Grase
gelagert, die die hochgefüllten Speisekörbe auspacken und ihr Mahl
verzehren. Lustiger Gesang, fromme Lieder, die inbrünstigen Seufzer der
Büßenden, das Gelächter der Fröhlichen, Klagen, Jauchzen, Jubel, Scherze,
Gebet erfüllen wie in wunderbarem betäubendem Konzert die Lüfte! —
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Aber, sowie die Glocke des Klosters anschlägt, verhallt das Getöse plötzlich
— soweit das Auge nur reicht, ist alles in dichte Reihen gedrängt auf die
Knie gesunken, und nur das dumpfe Murmeln des Gebets unterbricht die
heilige Stille. Der letzte Schlag der Glocke tönt aus, die bunte Menge
strömt wieder durcheinander, und aufs neue erschallt der nur minutenlang
unterbrochene Jubel. — Der Bischof selbst, welcher in der benachbarten
Stadt residiert, hielt an dem Bernardustage in der Kirche des Klosters,
bedient von der untern Geistlichkeit des Hochstifts, das feierliche Hochamt,
und seine Kapelle führte auf einer Tribüne, die man zur Seite des
Hochaltars errichtet, und mit reicher, seltener Hautelisse behängt hatte, die
Musik aus. — Noch jetzt sind die Empfindungen, die damals meine Brust
durchbebten, nicht erstorben, sie leben auf in jugendlicher Frische, wenn
ich mein Gemüt ganz zuwende jener seligen Zeit, die nur zu schnell
verschwunden. Ich gedenke lebhaft eines Gloria, welches mehrmals
ausgeführt wurde, da die Fürstin eben diese Komposition vor allen andern
liebte. — Wenn der Bischof das Gloria intoniert hatte, und nun die
mächtigen Töne des Chors daher brausten: Gloria in excelsis deo! — war es
nicht, als öffne sich die Wolkenglorie über dem Hochaltar? — ja, als
erglühten durch ein göttliches Wunder die gemalten Cherubim und
Seraphim zum Leben, und regten und bewegten die starken Fittiche, und
schwebten auf und nieder, Gott lobpreisend mit Gesang und wunderbarem
Saitenspiel? — Ich versank in das hinbrütende Staunen der begeisterten
Andacht, die mich durch glänzende Wolken in das ferne bekannte
heimatliche Land trug, und in dem duftenden Walde ertönten die holden
Engelsstimmen, und der wunderbare Knabe trat wie aus hohen
Lilienbüschen mir entgegen und frug mich lächelnd: „Wo warst du denn so
lange, Franziskus? — ich habe viele schöne bunte Blumen, die will ich dir
alle schenken, wenn du bei mir bleibst und mich liebst immerdar.“ —
Nach dem Hochamt hielten die Nonnen unter dem Vortritt der Äbtissin,
die mit der Inful geschmückt war, und den silbernen Hirtenstab trug, eine
feierliche Prozession durch die Gänge des Klosters und durch die Kirche.
Welche Heiligkeit, welche Würde, welche überirdische Größe strahlte aus
jedem Blick der herrlichen Frau, leitete jede ihrer Bewegungen! Es war die
triumphierende Kirche selbst, die dem frommen gläubigen Volke Gnade
und Segen verhieß. Ich hätte mich vor ihr in den Staub werfen mögen, wenn
ihr Blick zufällig auf mich fiel. — Nach beendigtem Gottesdienst wurde die
Geistlichkeit, sowie die Kapelle des Bischofs, in einem großen Saal des
— soweit das Auge nur reicht, ist alles in dichte Reihen gedrängt auf die
Knie gesunken, und nur das dumpfe Murmeln des Gebets unterbricht die
heilige Stille. Der letzte Schlag der Glocke tönt aus, die bunte Menge
strömt wieder durcheinander, und aufs neue erschallt der nur minutenlang
unterbrochene Jubel. — Der Bischof selbst, welcher in der benachbarten
Stadt residiert, hielt an dem Bernardustage in der Kirche des Klosters,
bedient von der untern Geistlichkeit des Hochstifts, das feierliche Hochamt,
und seine Kapelle führte auf einer Tribüne, die man zur Seite des
Hochaltars errichtet, und mit reicher, seltener Hautelisse behängt hatte, die
Musik aus. — Noch jetzt sind die Empfindungen, die damals meine Brust
durchbebten, nicht erstorben, sie leben auf in jugendlicher Frische, wenn
ich mein Gemüt ganz zuwende jener seligen Zeit, die nur zu schnell
verschwunden. Ich gedenke lebhaft eines Gloria, welches mehrmals
ausgeführt wurde, da die Fürstin eben diese Komposition vor allen andern
liebte. — Wenn der Bischof das Gloria intoniert hatte, und nun die
mächtigen Töne des Chors daher brausten: Gloria in excelsis deo! — war es
nicht, als öffne sich die Wolkenglorie über dem Hochaltar? — ja, als
erglühten durch ein göttliches Wunder die gemalten Cherubim und
Seraphim zum Leben, und regten und bewegten die starken Fittiche, und
schwebten auf und nieder, Gott lobpreisend mit Gesang und wunderbarem
Saitenspiel? — Ich versank in das hinbrütende Staunen der begeisterten
Andacht, die mich durch glänzende Wolken in das ferne bekannte
heimatliche Land trug, und in dem duftenden Walde ertönten die holden
Engelsstimmen, und der wunderbare Knabe trat wie aus hohen
Lilienbüschen mir entgegen und frug mich lächelnd: „Wo warst du denn so
lange, Franziskus? — ich habe viele schöne bunte Blumen, die will ich dir
alle schenken, wenn du bei mir bleibst und mich liebst immerdar.“ —
Nach dem Hochamt hielten die Nonnen unter dem Vortritt der Äbtissin,
die mit der Inful geschmückt war, und den silbernen Hirtenstab trug, eine
feierliche Prozession durch die Gänge des Klosters und durch die Kirche.
Welche Heiligkeit, welche Würde, welche überirdische Größe strahlte aus
jedem Blick der herrlichen Frau, leitete jede ihrer Bewegungen! Es war die
triumphierende Kirche selbst, die dem frommen gläubigen Volke Gnade
und Segen verhieß. Ich hätte mich vor ihr in den Staub werfen mögen, wenn
ihr Blick zufällig auf mich fiel. — Nach beendigtem Gottesdienst wurde die
Geistlichkeit, sowie die Kapelle des Bischofs, in einem großen Saal des
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Klosters bewirtet. Mehrere Freunde des Klosters, Offizianten, Kaufleute aus
der Stadt, nahmen an dem Mahle teil, und ich durfte, weil mich der
Konzertmeister des Bischofs lieb gewonnen und gern sich mit mir zu
schaffen machte, auch dabei sein. Hatte sich erst mein Inneres, von heiliger
Andacht durchglüht, ganz dem Überirdischen zugewendet, so trat jetzt das
frohe Leben auf mich ein und umfing mich mit seinen bunten Bildern.
Allerlei lustige Erzählungen, Späße und Schwänke wechselten unter dem
lauten Gelächter der Gäste, wobei die Flaschen fleißig geleert wurden bis
der Abend hereinbrach und die Wagen zur Abfahrt bereit standen.
Sechzehn Jahre war ich alt geworden, als der Pfarrer erklärte, daß ich
nun vorbereitet genug sei, die höheren theologischen Studien in dem
Seminar der benachbarten Stadt zu beginnen: ich hatte mich nämlich ganz
für den geistlichen Stand entschieden und dies erfüllte meine Mutter mit der
innigsten Freude, da sie hierdurch die geheimnisvollen Andeutungen des
Pilgers, die in gewisser Art mit der merkwürdigen, mir unbekannten Vision
meines Vaters in Verbindung stehen sollten, erklärt und erfüllt sah. Durch
meinen Entschluß glaubte sie erst die Seele meines Vaters entsühnt und von
der Qual ewiger Verdammnis errettet. Auch die Fürstin, die ich jetzt nur im
Sprachzimmer sehen konnte, billigte höchlich mein Vorhaben und
wiederholte ihr Versprechen, mich bis zur Erlangung einer geistlichen
Würde mit allem Nötigen zu unterstützen. Unerachtet die Stadt so nahe lag,
daß man von dem Kloster aus die Türme sehen konnte und nur irgend
rüstige Fußgänger von dort her die heitre anmutige Gegend des Klosters zu
ihren Spaziergängen wählten, so wurde mir doch der Abschied von meiner
guten Mutter, von der herrlichen Frau, die ich so tief im Gemüte verehrte,
sowie von meinem guten Lehrer, recht schwer. Es ist ja auch gewiß, daß
dem Schmerz der Trennung jede Spanne außerhalb dem Kreise der Lieben,
der weitesten Entfernung gleich dünkt! — Die Fürstin war auf besondere
Weise bewegt, ihre Stimme zitterte vor Wehmut, als sie noch salbungsvolle
Worte der Ermahnung sprach. Sie schenkte mir einen zierlichen Rosenkranz
und ein kleines Gebetbuch mit sauber illuminierten Bildern. Dann gab sie
mir noch ein Empfehlungsschreiben an den Prior des Kapuzinerklosters in
der Stadt, den sie mir empfahl gleich aufzusuchen, da er mir in allem mit
Rat und Tat eifrigst beistehen werde.
Gewiß gibt es nicht so leicht eine anmutigere Gegend als diejenige ist,
in welcher das Kapuzinerkloster dicht vor der Stadt liegt. Der herrliche
der Stadt, nahmen an dem Mahle teil, und ich durfte, weil mich der
Konzertmeister des Bischofs lieb gewonnen und gern sich mit mir zu
schaffen machte, auch dabei sein. Hatte sich erst mein Inneres, von heiliger
Andacht durchglüht, ganz dem Überirdischen zugewendet, so trat jetzt das
frohe Leben auf mich ein und umfing mich mit seinen bunten Bildern.
Allerlei lustige Erzählungen, Späße und Schwänke wechselten unter dem
lauten Gelächter der Gäste, wobei die Flaschen fleißig geleert wurden bis
der Abend hereinbrach und die Wagen zur Abfahrt bereit standen.
Sechzehn Jahre war ich alt geworden, als der Pfarrer erklärte, daß ich
nun vorbereitet genug sei, die höheren theologischen Studien in dem
Seminar der benachbarten Stadt zu beginnen: ich hatte mich nämlich ganz
für den geistlichen Stand entschieden und dies erfüllte meine Mutter mit der
innigsten Freude, da sie hierdurch die geheimnisvollen Andeutungen des
Pilgers, die in gewisser Art mit der merkwürdigen, mir unbekannten Vision
meines Vaters in Verbindung stehen sollten, erklärt und erfüllt sah. Durch
meinen Entschluß glaubte sie erst die Seele meines Vaters entsühnt und von
der Qual ewiger Verdammnis errettet. Auch die Fürstin, die ich jetzt nur im
Sprachzimmer sehen konnte, billigte höchlich mein Vorhaben und
wiederholte ihr Versprechen, mich bis zur Erlangung einer geistlichen
Würde mit allem Nötigen zu unterstützen. Unerachtet die Stadt so nahe lag,
daß man von dem Kloster aus die Türme sehen konnte und nur irgend
rüstige Fußgänger von dort her die heitre anmutige Gegend des Klosters zu
ihren Spaziergängen wählten, so wurde mir doch der Abschied von meiner
guten Mutter, von der herrlichen Frau, die ich so tief im Gemüte verehrte,
sowie von meinem guten Lehrer, recht schwer. Es ist ja auch gewiß, daß
dem Schmerz der Trennung jede Spanne außerhalb dem Kreise der Lieben,
der weitesten Entfernung gleich dünkt! — Die Fürstin war auf besondere
Weise bewegt, ihre Stimme zitterte vor Wehmut, als sie noch salbungsvolle
Worte der Ermahnung sprach. Sie schenkte mir einen zierlichen Rosenkranz
und ein kleines Gebetbuch mit sauber illuminierten Bildern. Dann gab sie
mir noch ein Empfehlungsschreiben an den Prior des Kapuzinerklosters in
der Stadt, den sie mir empfahl gleich aufzusuchen, da er mir in allem mit
Rat und Tat eifrigst beistehen werde.
Gewiß gibt es nicht so leicht eine anmutigere Gegend als diejenige ist,
in welcher das Kapuzinerkloster dicht vor der Stadt liegt. Der herrliche
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Klostergarten mit der Aussicht in die Gebirge hinein schien mir jedesmal,
wenn ich in den langen Alleen wandelte und bald bei dieser, bald bei jener
üppigen Baumgruppe stehen blieb, in neuer Schönheit zu erglänzen. —
Gerade in diesem Garten traf ich den Prior Leonardus, als ich zum
erstenmal das Kloster besuchte, um mein Empfehlungsschreiben von der
Äbtissin abzugeben. — Die dem Prior eigne Freundlichkeit wurde noch
erhöht, als er den Brief las, und er wußte soviel Anziehendes von der
herrlichen Frau, die er schon in frühen Jahren in Rom kennen gelernt, zu
sagen, daß er schon dadurch im ersten Augenblick mich ganz an sich zog.
Er war von den Brüdern umgeben und man erblickte bald das ganze
Verhältnis des Priors mit den Mönchen, die ganze klösterliche Einrichtung
und Lebensweise: die Ruhe und Heiterkeit des Geistes, welche sich in dem
Äußerlichen des Priors deutlich aussprach, verbreitete sich über alle Brüder.
Man sah nirgends eine Spur des Mißmuts oder jener feindlichen ins Innere
zehrenden Verschlossenheit, die man sonst wohl auf den Gesichtern der
Mönche wahrnimmt. Unerachtet der strengen Ordensregel, waren die
Andachtsübungen dem Prior Leonardus mehr Bedürfnis des dem
Himmlischen zugewandten Geistes, als asketische Buße für die der
menschlichen Natur anklebende Sünde, und er wußte diesen Sinn der
Andacht so in den Brüdern zu entzünden, daß sich über alles, was sie tun
mußten um der Regel zu genügen, eine Heiterkeit und Gemütlichkeit ergoß,
die in der Tat ein höheres Sein in der irdischen Beengtheit erzeugte. —
Selbst eine gewisse schickliche Verbindung mit der Welt wußte der Prior
Leonardus herzustellen, die für die Brüder nicht anders als heilsam sein
konnte. Reichliche Spenden, die von allen Seiten dem allgemein
hochgeachteten Kloster dargebracht wurden, machten es möglich, an
gewissen Tagen die Freunde und Beschützer des Klosters in dem
Refektorium zu bewirten. Dann wurde in der Mitte des Speisesaals eine
lange Tafel gedeckt, an deren oberem Ende der Prior Leonardus bei den
Gästen saß. Die Brüder blieben an der schmalen, der Wand entlang
stehenden Tafel und bedienten sich ihres einfachen Geschirres, der Regel
gemäß, während an der Gasttafel alles sauber und zierlich mit Porzellan und
Glas besetzt war. Der Koch des Klosters wußte vorzüglich auf eine leckere
Art Fastenspeisen zuzubereiten, die den Gästen gar wohl schmeckten. Die
Gäste sorgten für den Wein, und so waren die Mahle im Kapuzinerkloster
ein freundliches gemütliches Zusammentreten des Profanen mit dem
Geistlichen, welches in wechselseitiger Rückwirkung für das Leben nicht
wenn ich in den langen Alleen wandelte und bald bei dieser, bald bei jener
üppigen Baumgruppe stehen blieb, in neuer Schönheit zu erglänzen. —
Gerade in diesem Garten traf ich den Prior Leonardus, als ich zum
erstenmal das Kloster besuchte, um mein Empfehlungsschreiben von der
Äbtissin abzugeben. — Die dem Prior eigne Freundlichkeit wurde noch
erhöht, als er den Brief las, und er wußte soviel Anziehendes von der
herrlichen Frau, die er schon in frühen Jahren in Rom kennen gelernt, zu
sagen, daß er schon dadurch im ersten Augenblick mich ganz an sich zog.
Er war von den Brüdern umgeben und man erblickte bald das ganze
Verhältnis des Priors mit den Mönchen, die ganze klösterliche Einrichtung
und Lebensweise: die Ruhe und Heiterkeit des Geistes, welche sich in dem
Äußerlichen des Priors deutlich aussprach, verbreitete sich über alle Brüder.
Man sah nirgends eine Spur des Mißmuts oder jener feindlichen ins Innere
zehrenden Verschlossenheit, die man sonst wohl auf den Gesichtern der
Mönche wahrnimmt. Unerachtet der strengen Ordensregel, waren die
Andachtsübungen dem Prior Leonardus mehr Bedürfnis des dem
Himmlischen zugewandten Geistes, als asketische Buße für die der
menschlichen Natur anklebende Sünde, und er wußte diesen Sinn der
Andacht so in den Brüdern zu entzünden, daß sich über alles, was sie tun
mußten um der Regel zu genügen, eine Heiterkeit und Gemütlichkeit ergoß,
die in der Tat ein höheres Sein in der irdischen Beengtheit erzeugte. —
Selbst eine gewisse schickliche Verbindung mit der Welt wußte der Prior
Leonardus herzustellen, die für die Brüder nicht anders als heilsam sein
konnte. Reichliche Spenden, die von allen Seiten dem allgemein
hochgeachteten Kloster dargebracht wurden, machten es möglich, an
gewissen Tagen die Freunde und Beschützer des Klosters in dem
Refektorium zu bewirten. Dann wurde in der Mitte des Speisesaals eine
lange Tafel gedeckt, an deren oberem Ende der Prior Leonardus bei den
Gästen saß. Die Brüder blieben an der schmalen, der Wand entlang
stehenden Tafel und bedienten sich ihres einfachen Geschirres, der Regel
gemäß, während an der Gasttafel alles sauber und zierlich mit Porzellan und
Glas besetzt war. Der Koch des Klosters wußte vorzüglich auf eine leckere
Art Fastenspeisen zuzubereiten, die den Gästen gar wohl schmeckten. Die
Gäste sorgten für den Wein, und so waren die Mahle im Kapuzinerkloster
ein freundliches gemütliches Zusammentreten des Profanen mit dem
Geistlichen, welches in wechselseitiger Rückwirkung für das Leben nicht
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ohne Nutzen sein konnte. Denn, indem die im weltlichen Treiben
Befangenen hinaustraten und eingingen in die Mauern, wo alles das ihrem
Tun schnurstracks entgegengesetzte Leben der Geistlichen verkündet,
mußten sie, von manchem Funken, der in ihre Seele fiel, aufgeregt,
eingestehen, daß auch wohl auf anderem Wege als auf dem, den sie
eingeschlagen, Ruhe und Glück zu finden sei, daß vielleicht der Geist, je
mehr er sich über das Irdische erhebe, dem Menschen schon hienieden ein
höheres Sein bereiten könne. Dagegen gewannen die Mönche an
Lebensumsicht und Weisheit, da die Kunde, welche sie von dem Tun und
Treiben der bunten Welt außerhalb ihrer Mauern erhielten, in ihnen
Betrachtungen mancherlei Art erweckte. Ohne dem Irdischen einen falschen
Wert zu verleihen, mußten sie in der verschiedenen, aus dem Innern
bestimmten Lebensweise der Menschen, die Notwendigkeit einer solchen
Strahlenbrechung des geistigen Prinzips, ohne welche alles farb- und
glanzlos geblieben wäre, anerkennen. Über alle hocherhaben, rücksichts der
geistigen und wissenschaftlichen Ausbildung, stand von jeher der Prior
Leonardus. Außerdem, daß er allgemein für einen wackern Gelehrten in der
Theologie galt, so, daß er mit Leichtigkeit und Tiefe die schwierigsten
Materien abzuhandeln wußte, und sich die Professoren des Seminars oft bei
ihm Rat und Belehrung holten, war er auch mehr, als man es wohl einem
Klostergeistlichen zutrauen kann, für die Welt ausgebildet. Er sprach mit
Fertigkeit und Eleganz das Italienische und Französische, und seiner
besonderen Gewandtheit wegen, hatte man ihn in früherer Zeit zu wichtigen
Missionen gebraucht. Schon damals, als ich ihn kennen lernte, war er hoch
bejahrt, aber indem sein weißes Haar von seinem Alter zeugte, blitzte aus
den Augen noch jugendliches Feuer, und das anmutige Lächeln, welches
um seine Lippen schwebte, erhöhte den Ausdruck der inneren Behaglichkeit
und Gemütsruhe. Dieselbe Grazie, welche seine Rede schmückte, herrschte
in seinen Bewegungen, und selbst die unbehilfliche Ordenstracht schmiegte
sich wundersam den wohlgebauten Formen seines Körpers an. Es befand
sich kein einziger unter den Brüdern, den nicht eigne freie Wahl, den nicht
sogar das von der inneren geistigen Stimmung erzeugte Bedürfnis in das
Kloster gebracht hätte; aber auch den Unglücklichen, der im Kloster den
Port gesucht hätte um der Vernichtung zu entgehen, hätte Leonardus bald
getröstet; seine Buße wäre der kurze Übergang zur Ruhe geworden, und,
mit der Welt versöhnt, ohne ihren Tand zu achten, hätte er, im Irdischen
lebend, doch sich bald über das Irdische erhoben. Diese ungewöhnlichen
Befangenen hinaustraten und eingingen in die Mauern, wo alles das ihrem
Tun schnurstracks entgegengesetzte Leben der Geistlichen verkündet,
mußten sie, von manchem Funken, der in ihre Seele fiel, aufgeregt,
eingestehen, daß auch wohl auf anderem Wege als auf dem, den sie
eingeschlagen, Ruhe und Glück zu finden sei, daß vielleicht der Geist, je
mehr er sich über das Irdische erhebe, dem Menschen schon hienieden ein
höheres Sein bereiten könne. Dagegen gewannen die Mönche an
Lebensumsicht und Weisheit, da die Kunde, welche sie von dem Tun und
Treiben der bunten Welt außerhalb ihrer Mauern erhielten, in ihnen
Betrachtungen mancherlei Art erweckte. Ohne dem Irdischen einen falschen
Wert zu verleihen, mußten sie in der verschiedenen, aus dem Innern
bestimmten Lebensweise der Menschen, die Notwendigkeit einer solchen
Strahlenbrechung des geistigen Prinzips, ohne welche alles farb- und
glanzlos geblieben wäre, anerkennen. Über alle hocherhaben, rücksichts der
geistigen und wissenschaftlichen Ausbildung, stand von jeher der Prior
Leonardus. Außerdem, daß er allgemein für einen wackern Gelehrten in der
Theologie galt, so, daß er mit Leichtigkeit und Tiefe die schwierigsten
Materien abzuhandeln wußte, und sich die Professoren des Seminars oft bei
ihm Rat und Belehrung holten, war er auch mehr, als man es wohl einem
Klostergeistlichen zutrauen kann, für die Welt ausgebildet. Er sprach mit
Fertigkeit und Eleganz das Italienische und Französische, und seiner
besonderen Gewandtheit wegen, hatte man ihn in früherer Zeit zu wichtigen
Missionen gebraucht. Schon damals, als ich ihn kennen lernte, war er hoch
bejahrt, aber indem sein weißes Haar von seinem Alter zeugte, blitzte aus
den Augen noch jugendliches Feuer, und das anmutige Lächeln, welches
um seine Lippen schwebte, erhöhte den Ausdruck der inneren Behaglichkeit
und Gemütsruhe. Dieselbe Grazie, welche seine Rede schmückte, herrschte
in seinen Bewegungen, und selbst die unbehilfliche Ordenstracht schmiegte
sich wundersam den wohlgebauten Formen seines Körpers an. Es befand
sich kein einziger unter den Brüdern, den nicht eigne freie Wahl, den nicht
sogar das von der inneren geistigen Stimmung erzeugte Bedürfnis in das
Kloster gebracht hätte; aber auch den Unglücklichen, der im Kloster den
Port gesucht hätte um der Vernichtung zu entgehen, hätte Leonardus bald
getröstet; seine Buße wäre der kurze Übergang zur Ruhe geworden, und,
mit der Welt versöhnt, ohne ihren Tand zu achten, hätte er, im Irdischen
lebend, doch sich bald über das Irdische erhoben. Diese ungewöhnlichen
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Tendenzen des Klosterlebens hatte Leonardus in Italien aufgefaßt, wo der
Kultus und mit ihm die ganze Ansicht des religiösen Lebens heitrer ist, als
in dem katholischen Deutschland. So wie bei dem Bau der Kirchen noch die
antiken Formen sich erhielten, so scheint auch ein Strahl aus jener heitern,
lebendigen Zeit des Altertums in das mystische Dunkel des Christianismus
gedrungen zu sein, und es mit dem wunderbaren Glanze erhellt zu haben,
der sonst die Götter und Helden umstrahlte.
Leonardus gewann mich lieb, er unterrichtete mich im Italienischen und
Französischen, vorzüglich waren es aber die mannigfachen Bücher, welche
er mir in die Hand gab, sowie seine Gespräche, die meinen Geist auf
besondere Weise ausbildeten. Beinahe die ganze Zeit, welche meine Studien
im Seminar mir übrig ließen, brachte ich im Kapuzinerkloster zu, und ich
spürte, wie immer mehr meine Neigung zunahm, mich einkleiden zu lassen.
Ich öffnete dem Prior meinen Wunsch; ohne mich indessen gerade davon
abbringen zu wollen, riet er mir, wenigstens noch ein paar Jahre zu warten,
und unter der Zeit mich mehr als bisher in der Welt umzusehen. So wenig es
mir indessen an andrer Bekanntschaft fehlte, die ich mir vorzüglich durch
den bischöflichen Konzertmeister, welcher mich in der Musik unterrichtete,
erworben, so fühlte ich mich doch in jeder Gesellschaft, und vorzüglich,
wenn Frauenzimmer zugegen waren, auf unangenehme Weise befangen,
und dies, sowie überhaupt der Hang zum kontemplativen Leben, schien
meinen innern Beruf zum Kloster zu entscheiden. —
Einst hatte der Prior viel Merkwürdiges mit mir gesprochen über das
profane Leben; er war eingedrungen in die schlüpfrigsten Materien, die er
aber mit seiner gewöhnlichen Leichtigkeit und Anmut des Ausdrucks zu
behandeln wußte, so daß er, alles nur im mindesten Anstößige vermeidend,
doch immer auf den rechten Fleck traf. Er nahm endlich meine Hand, sah
mir scharf ins Auge und frug, ob ich noch unschuldig sei? — Ich fühlte
mich erglühen, denn indem Leonardus mich so verfänglich frug, sprang ein
Bild in den lebendigsten Farben hervor, welches solange ganz von mir
gewichen. — Der Konzertmeister hatte eine Schwester, welche gerade nicht
schön genannt zu werden verdiente, aber doch in der höchsten Blüte
stehend, ein überaus reizendes Mädchen war. Vorzüglich zeichnete sie ein
im reinsten Ebenmaß geformter Wuchs aus; sie hatte die schönsten Arme,
den schönsten Busen in Form und Kolorit den man nur sehen kann. —
Eines Morgens, als ich zum Konzertmeister gehen wollte, meines
Kultus und mit ihm die ganze Ansicht des religiösen Lebens heitrer ist, als
in dem katholischen Deutschland. So wie bei dem Bau der Kirchen noch die
antiken Formen sich erhielten, so scheint auch ein Strahl aus jener heitern,
lebendigen Zeit des Altertums in das mystische Dunkel des Christianismus
gedrungen zu sein, und es mit dem wunderbaren Glanze erhellt zu haben,
der sonst die Götter und Helden umstrahlte.
Leonardus gewann mich lieb, er unterrichtete mich im Italienischen und
Französischen, vorzüglich waren es aber die mannigfachen Bücher, welche
er mir in die Hand gab, sowie seine Gespräche, die meinen Geist auf
besondere Weise ausbildeten. Beinahe die ganze Zeit, welche meine Studien
im Seminar mir übrig ließen, brachte ich im Kapuzinerkloster zu, und ich
spürte, wie immer mehr meine Neigung zunahm, mich einkleiden zu lassen.
Ich öffnete dem Prior meinen Wunsch; ohne mich indessen gerade davon
abbringen zu wollen, riet er mir, wenigstens noch ein paar Jahre zu warten,
und unter der Zeit mich mehr als bisher in der Welt umzusehen. So wenig es
mir indessen an andrer Bekanntschaft fehlte, die ich mir vorzüglich durch
den bischöflichen Konzertmeister, welcher mich in der Musik unterrichtete,
erworben, so fühlte ich mich doch in jeder Gesellschaft, und vorzüglich,
wenn Frauenzimmer zugegen waren, auf unangenehme Weise befangen,
und dies, sowie überhaupt der Hang zum kontemplativen Leben, schien
meinen innern Beruf zum Kloster zu entscheiden. —
Einst hatte der Prior viel Merkwürdiges mit mir gesprochen über das
profane Leben; er war eingedrungen in die schlüpfrigsten Materien, die er
aber mit seiner gewöhnlichen Leichtigkeit und Anmut des Ausdrucks zu
behandeln wußte, so daß er, alles nur im mindesten Anstößige vermeidend,
doch immer auf den rechten Fleck traf. Er nahm endlich meine Hand, sah
mir scharf ins Auge und frug, ob ich noch unschuldig sei? — Ich fühlte
mich erglühen, denn indem Leonardus mich so verfänglich frug, sprang ein
Bild in den lebendigsten Farben hervor, welches solange ganz von mir
gewichen. — Der Konzertmeister hatte eine Schwester, welche gerade nicht
schön genannt zu werden verdiente, aber doch in der höchsten Blüte
stehend, ein überaus reizendes Mädchen war. Vorzüglich zeichnete sie ein
im reinsten Ebenmaß geformter Wuchs aus; sie hatte die schönsten Arme,
den schönsten Busen in Form und Kolorit den man nur sehen kann. —
Eines Morgens, als ich zum Konzertmeister gehen wollte, meines
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Unterrichts halber, überraschte ich die Schwester im leichten
Morgenanzuge, mit beinahe ganz entblößter Brust; schnell warf sie zwar
das Tuch über, aber doch schon zu viel hatten meine gierigen Blicke
erhascht, ich konnte kein Wort sprechen, nie gekannte Gefühle regten sich
stürmisch in mir und trieben das glühende Blut durch die Adern, daß hörbar
meine Pulse schlugen. Meine Brust war krampfhaft zusammengepreßt und
wollte zerspringen, ein leiser Seufzer machte mir endlich Luft. Dadurch,
daß das Mädchen ganz unbefangen auf mich zukam, mich bei der Hand
faßte und frug, was mir denn wäre, wurde das Übel wieder ärger, und es
war ein Glück, daß der Konzertmeister in die Stube trat und mich von der
Qual erlöste. Nie hatte ich indessen solche falsche Akkorde gegriffen, nie so
im Gesange detoniert, als dasmal. Fromm genug war ich, um später das
Ganze für eine böse Anfechtung des Teufels zu halten, und ich pries mich
nach kurzer Zeit recht glücklich, den bösen Feind durch die asketischen
Übungen die ich unternahm, aus dem Felde geschlagen zu haben. Jetzt bei
der verfänglichen Frage des Priors sah ich des Konzertmeisters Schwester
mit entblößtem Busen vor mir stehen, ich fühlte den warmen Hauch ihres
Atems, den Druck ihrer Hand — meine innere Angst stieg mit jedem
Momente. Leonardus sah mich mit einem gewissen ironischen Lächeln an,
vor dem ich erbebte. Ich konnte seinen Blick nicht ertragen, ich schlug die
Augen nieder, da klopfte mich der Prior auf die glühenden Wangen und
sprach: „Ich sehe, mein Sohn, daß Sie mich gefaßt haben und daß es noch
gut mit Ihnen steht, der Herr bewahre Sie vor der Verführung der Welt, die
Genüsse, die sie Ihnen darbietet, sind von kurzer Dauer, und man kann wohl
behaupten, daß ein Fluch darauf ruhe, da in dem unbeschreiblichen Ekel, in
der vollkommenen Erschlaffung, in der Stumpfheit für alles Höhere, die sie
hervorbringen, das bessere geistige Prinzip des Menschen untergeht.“ — So
sehr ich mich mühte, die Frage des Priors und das Bild, welches dadurch
hervorgerufen wurde, zu vergessen, so wollte es mir doch durchaus nicht
gelingen, und war es mir erst geglückt in Gegenwart jenes Mädchens
unbefangen zu sein, so scheute ich doch wieder jetzt mehr als jemals ihren
Anblick, da mich schon bei dem Gedanken an sie eine Beklommenheit, eine
innere Unruhe überfiel, die mir um so gefährlicher schien, als zugleich eine
unbekannte wundervolle Sehnsucht und mit ihr eine Lüsternheit sich regte,
die wohl sündlich sein mochte. Ein Abend sollte diesen zweifelhaften
Zustand entscheiden. Der Konzertmeister hatte mich, wie er manchmal zu
tun pflegte, zu einer musikalischen Unterhaltung, die er mit einigen
Morgenanzuge, mit beinahe ganz entblößter Brust; schnell warf sie zwar
das Tuch über, aber doch schon zu viel hatten meine gierigen Blicke
erhascht, ich konnte kein Wort sprechen, nie gekannte Gefühle regten sich
stürmisch in mir und trieben das glühende Blut durch die Adern, daß hörbar
meine Pulse schlugen. Meine Brust war krampfhaft zusammengepreßt und
wollte zerspringen, ein leiser Seufzer machte mir endlich Luft. Dadurch,
daß das Mädchen ganz unbefangen auf mich zukam, mich bei der Hand
faßte und frug, was mir denn wäre, wurde das Übel wieder ärger, und es
war ein Glück, daß der Konzertmeister in die Stube trat und mich von der
Qual erlöste. Nie hatte ich indessen solche falsche Akkorde gegriffen, nie so
im Gesange detoniert, als dasmal. Fromm genug war ich, um später das
Ganze für eine böse Anfechtung des Teufels zu halten, und ich pries mich
nach kurzer Zeit recht glücklich, den bösen Feind durch die asketischen
Übungen die ich unternahm, aus dem Felde geschlagen zu haben. Jetzt bei
der verfänglichen Frage des Priors sah ich des Konzertmeisters Schwester
mit entblößtem Busen vor mir stehen, ich fühlte den warmen Hauch ihres
Atems, den Druck ihrer Hand — meine innere Angst stieg mit jedem
Momente. Leonardus sah mich mit einem gewissen ironischen Lächeln an,
vor dem ich erbebte. Ich konnte seinen Blick nicht ertragen, ich schlug die
Augen nieder, da klopfte mich der Prior auf die glühenden Wangen und
sprach: „Ich sehe, mein Sohn, daß Sie mich gefaßt haben und daß es noch
gut mit Ihnen steht, der Herr bewahre Sie vor der Verführung der Welt, die
Genüsse, die sie Ihnen darbietet, sind von kurzer Dauer, und man kann wohl
behaupten, daß ein Fluch darauf ruhe, da in dem unbeschreiblichen Ekel, in
der vollkommenen Erschlaffung, in der Stumpfheit für alles Höhere, die sie
hervorbringen, das bessere geistige Prinzip des Menschen untergeht.“ — So
sehr ich mich mühte, die Frage des Priors und das Bild, welches dadurch
hervorgerufen wurde, zu vergessen, so wollte es mir doch durchaus nicht
gelingen, und war es mir erst geglückt in Gegenwart jenes Mädchens
unbefangen zu sein, so scheute ich doch wieder jetzt mehr als jemals ihren
Anblick, da mich schon bei dem Gedanken an sie eine Beklommenheit, eine
innere Unruhe überfiel, die mir um so gefährlicher schien, als zugleich eine
unbekannte wundervolle Sehnsucht und mit ihr eine Lüsternheit sich regte,
die wohl sündlich sein mochte. Ein Abend sollte diesen zweifelhaften
Zustand entscheiden. Der Konzertmeister hatte mich, wie er manchmal zu
tun pflegte, zu einer musikalischen Unterhaltung, die er mit einigen
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Freunden veranstaltet, eingeladen. Außer seiner Schwester waren noch
mehrere Frauenzimmer zugegen, und dieses steigerte die Befangenheit, die
mir schon bei der Schwester allein den Atem versetzte. Sie war sehr reizend
gekleidet, sie kam mir schöner als je vor, es war, als zöge mich eine
unsichtbare und unwiderstehliche Gewalt zu ihr hin, und so kam es denn,
daß ich, ohne selbst zu wissen wie, mich immer ihr nahe befand, jeden ihrer
Blicke, jedes ihrer Worte begierig aufhaschte, ja mich so an sie drängte, daß
wenigstens ihr Kleid im Vorbeistreifen mich berühren mußte, welches mich
mit innerer, nie gefühlter Lust erfüllte. Sie schien es zu bemerken und
Wohlgefallen daran zu finden; zuweilen war es mir, als müßte ich sie wie in
toller Liebeswut an mich reißen und inbrünstig an mich drücken! — Sie
hatte lange neben dem Flügel gesessen, endlich stand sie auf und ließ auf
dem Stuhl einen ihrer Handschuhe liegen, den ergriff ich und drückte ihn
im Wahnsinn heftig an den Mund! — Das sah eins von den Frauenzimmern,
die ging zu des Konzertmeisters Schwester und flüsterte ihr etwas ins Ohr,
nun schauten sie beide auf mich und kicherten und lachten höhnisch! — Ich
war wie vernichtet, ein Eisstrom goß sich durch mein Inneres —
besinnungslos stürzte ich fort ins Kollegium — in meine Zelle. Ich warf
mich wie in toller Verzweiflung auf den Fußboden — glühende Tränen
quollen mir aus den Augen, ich verwünschte — ich verfluchte das Mädchen
— mich selbst — dann betete ich wieder und lachte dazwischen wie ein
Wahnsinniger! Überall erklangen um mich Stimmen, die mich verspotteten,
verhöhnten; ich war im Begriff mich durch das Fenster zu stürzen, zum
Glück verhinderten mich die Eisenstäbe daran, mein Zustand war in der Tat
entsetzlich. Erst als der Morgen anbrach wurde ich ruhiger, aber fest war
ich entschlossen sie niemals mehr zu sehen und überhaupt der Welt zu
entsagen. Klarer als jemals stand der Beruf zum eingezogenen Klosterleben,
von dem mich keine Versuchung mehr ablenken sollte, vor meiner Seele.
Sowie ich nur von den gewöhnlichen Studien loskommen konnte, eilte ich
zu dem Prior in das Kapuzinerkloster und eröffnete ihm, wie ich nun
entschlossen sei, mein Noviziat anzutreten, und auch schon meiner Mutter
sowie der Fürstin Nachricht davon gegeben habe. Leonardus schien über
meinen plötzlichen Eifer verwundert, ohne in mich zu dringen, suchte er
doch auf diese und jene Weise zu erforschen, was mich wohl darauf
gebracht haben könne, nun mit einem Mal auf meine Einweihung zum
Klosterleben zu bestehen, denn er ahnte wohl, daß ein besonderes Ereignis
mir den Impuls dazu gegeben haben müsse. Eine innere Scham, die ich
mehrere Frauenzimmer zugegen, und dieses steigerte die Befangenheit, die
mir schon bei der Schwester allein den Atem versetzte. Sie war sehr reizend
gekleidet, sie kam mir schöner als je vor, es war, als zöge mich eine
unsichtbare und unwiderstehliche Gewalt zu ihr hin, und so kam es denn,
daß ich, ohne selbst zu wissen wie, mich immer ihr nahe befand, jeden ihrer
Blicke, jedes ihrer Worte begierig aufhaschte, ja mich so an sie drängte, daß
wenigstens ihr Kleid im Vorbeistreifen mich berühren mußte, welches mich
mit innerer, nie gefühlter Lust erfüllte. Sie schien es zu bemerken und
Wohlgefallen daran zu finden; zuweilen war es mir, als müßte ich sie wie in
toller Liebeswut an mich reißen und inbrünstig an mich drücken! — Sie
hatte lange neben dem Flügel gesessen, endlich stand sie auf und ließ auf
dem Stuhl einen ihrer Handschuhe liegen, den ergriff ich und drückte ihn
im Wahnsinn heftig an den Mund! — Das sah eins von den Frauenzimmern,
die ging zu des Konzertmeisters Schwester und flüsterte ihr etwas ins Ohr,
nun schauten sie beide auf mich und kicherten und lachten höhnisch! — Ich
war wie vernichtet, ein Eisstrom goß sich durch mein Inneres —
besinnungslos stürzte ich fort ins Kollegium — in meine Zelle. Ich warf
mich wie in toller Verzweiflung auf den Fußboden — glühende Tränen
quollen mir aus den Augen, ich verwünschte — ich verfluchte das Mädchen
— mich selbst — dann betete ich wieder und lachte dazwischen wie ein
Wahnsinniger! Überall erklangen um mich Stimmen, die mich verspotteten,
verhöhnten; ich war im Begriff mich durch das Fenster zu stürzen, zum
Glück verhinderten mich die Eisenstäbe daran, mein Zustand war in der Tat
entsetzlich. Erst als der Morgen anbrach wurde ich ruhiger, aber fest war
ich entschlossen sie niemals mehr zu sehen und überhaupt der Welt zu
entsagen. Klarer als jemals stand der Beruf zum eingezogenen Klosterleben,
von dem mich keine Versuchung mehr ablenken sollte, vor meiner Seele.
Sowie ich nur von den gewöhnlichen Studien loskommen konnte, eilte ich
zu dem Prior in das Kapuzinerkloster und eröffnete ihm, wie ich nun
entschlossen sei, mein Noviziat anzutreten, und auch schon meiner Mutter
sowie der Fürstin Nachricht davon gegeben habe. Leonardus schien über
meinen plötzlichen Eifer verwundert, ohne in mich zu dringen, suchte er
doch auf diese und jene Weise zu erforschen, was mich wohl darauf
gebracht haben könne, nun mit einem Mal auf meine Einweihung zum
Klosterleben zu bestehen, denn er ahnte wohl, daß ein besonderes Ereignis
mir den Impuls dazu gegeben haben müsse. Eine innere Scham, die ich
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nicht zu überwinden vermochte, hielt mich zurück ihm die Wahrheit zu
sagen, dagegen erzählte ich ihm mit dem Feuer der Exaltation, das noch in
mir glühte, die wunderbaren Begebenheiten meiner Kinderjahre, welche
alle auf meine Bestimmung zum Klosterleben hindeuteten. Leonardus hörte
mich ruhig an und ohne gerade gegen meine Visionen Zweifel
vorzubringen, schien er doch sie nicht sonderlich zu beachten, er äußerte
vielmehr, wie das alles noch sehr wenig für die Echtheit meines Berufs
spräche, da eben hier eine Illusion sehr möglich sei. Überhaupt pflegte
Leonardus nicht gern von den Visionen der Heiligen, ja selbst von den
Wundern der ersten Verkündiger des Christentums zu sprechen, und es gab
Augenblicke, in denen ich in Versuchung geriet, ihn für einen heimlichen
Zweifler zu halten. Einst erdreistete ich mich, um ihn zu irgend einer
bestimmten Äußerung zu nötigen, von den Verächtern des katholischen
Glaubens zu sprechen und vorzüglich auf diejenigen zu schmälen, die im
kindischen Übermute alles Übersinnliche mit dem heillosen Schimpfworte
des Aberglaubens abfertigten. Leonardus sprach sanft lächelnd: „Mein
Sohn, der Unglaube ist der ärgste Aberglaube,“ und fing ein anderes
Gespräch von fremden gleichgültigen Dingen an. Erst später durfte ich
eingehen in seine herrlichen Gedanken über den mystischen Teil unserer
Religion, der die geheimnisvolle Verbindung unsers geistigen Prinzips mit
höheren Wesen in sich schließt, und mußte mir denn wohl gestehen, daß
Leonardus die Mitteilung alles des Sublimen, das aus seinem Innersten sich
ergoß, mit Recht nur für die höchste Weihe seiner Schüler aufsparte. —
Meine Mutter schrieb mir, wie sie es längst geahnet, daß der
weltgeistliche Stand mir nicht genügen, sondern daß ich das Klosterleben
erwählen werde. Am Medardustage sei ihr der alte Pilgersmann aus der
heiligen Linde erschienen und habe mich im Ordenskleide der Kapuziner an
der Hand geführt. Auch die Fürstin war mit meinem Vorhaben ganz
einverstanden. Beide sah ich noch einmal vor meiner Einkleidung, welche,
da mir meinem innigsten Wunsche gemäß die Hälfte des Noviziats erlassen
wurde, sehr bald erfolgte. Ich nahm auf Veranlassung der Vision meiner
Mutter den Klosternamen Medardus an. —
Das Verhältnis der Brüder untereinander, die innere Einrichtung
rücksichts der Andachtsübungen und der ganzen Lebensweise im Kloster,
bewährten sich ganz in der Art, wie sie mir bei dem ersten Blick erschienen.
Die gemütliche Ruhe, die in allem herrschte, goß den himmlischen Frieden
sagen, dagegen erzählte ich ihm mit dem Feuer der Exaltation, das noch in
mir glühte, die wunderbaren Begebenheiten meiner Kinderjahre, welche
alle auf meine Bestimmung zum Klosterleben hindeuteten. Leonardus hörte
mich ruhig an und ohne gerade gegen meine Visionen Zweifel
vorzubringen, schien er doch sie nicht sonderlich zu beachten, er äußerte
vielmehr, wie das alles noch sehr wenig für die Echtheit meines Berufs
spräche, da eben hier eine Illusion sehr möglich sei. Überhaupt pflegte
Leonardus nicht gern von den Visionen der Heiligen, ja selbst von den
Wundern der ersten Verkündiger des Christentums zu sprechen, und es gab
Augenblicke, in denen ich in Versuchung geriet, ihn für einen heimlichen
Zweifler zu halten. Einst erdreistete ich mich, um ihn zu irgend einer
bestimmten Äußerung zu nötigen, von den Verächtern des katholischen
Glaubens zu sprechen und vorzüglich auf diejenigen zu schmälen, die im
kindischen Übermute alles Übersinnliche mit dem heillosen Schimpfworte
des Aberglaubens abfertigten. Leonardus sprach sanft lächelnd: „Mein
Sohn, der Unglaube ist der ärgste Aberglaube,“ und fing ein anderes
Gespräch von fremden gleichgültigen Dingen an. Erst später durfte ich
eingehen in seine herrlichen Gedanken über den mystischen Teil unserer
Religion, der die geheimnisvolle Verbindung unsers geistigen Prinzips mit
höheren Wesen in sich schließt, und mußte mir denn wohl gestehen, daß
Leonardus die Mitteilung alles des Sublimen, das aus seinem Innersten sich
ergoß, mit Recht nur für die höchste Weihe seiner Schüler aufsparte. —
Meine Mutter schrieb mir, wie sie es längst geahnet, daß der
weltgeistliche Stand mir nicht genügen, sondern daß ich das Klosterleben
erwählen werde. Am Medardustage sei ihr der alte Pilgersmann aus der
heiligen Linde erschienen und habe mich im Ordenskleide der Kapuziner an
der Hand geführt. Auch die Fürstin war mit meinem Vorhaben ganz
einverstanden. Beide sah ich noch einmal vor meiner Einkleidung, welche,
da mir meinem innigsten Wunsche gemäß die Hälfte des Noviziats erlassen
wurde, sehr bald erfolgte. Ich nahm auf Veranlassung der Vision meiner
Mutter den Klosternamen Medardus an. —
Das Verhältnis der Brüder untereinander, die innere Einrichtung
rücksichts der Andachtsübungen und der ganzen Lebensweise im Kloster,
bewährten sich ganz in der Art, wie sie mir bei dem ersten Blick erschienen.
Die gemütliche Ruhe, die in allem herrschte, goß den himmlischen Frieden
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in meine Seele, wie er mich, gleich einem seligen Traum aus der ersten Zeit
meiner frühsten Kinderjahre im Kloster der heiligen Linde umschwebte.
Während des feierlichen Akts meiner Einkleidung erblickte ich unter den
Zuschauern des Konzertmeisters Schwester; sie sah ganz schwermütig aus
und ich glaubte Tränen in ihren Augen zu erblicken, aber vorüber war die
Zeit der Versuchung und vielleicht war es frevelnder Stolz auf den so leicht
erfochtenen Sieg, der mir das Lächeln abnötigte, welches der an meiner
Seite wandelnde Bruder Cyrillus bemerkte. „Worüber erfreuest du dich so,
mein Bruder?“ frug Cyrillus. „Soll ich denn nicht froh sein, wenn ich der
schnöden Welt und ihrem Tand entsage?“ antwortete ich, aber nicht zu
leugnen ist es, daß, indem ich diese Worte sprach, ein unheimliches Gefühl
plötzlich das Innerste durchbebend, mich Lügen strafte. — Doch dies war
die letzte Anwandlung irdischer Selbstsucht, nach der jene Ruhe des Geistes
eintrat. Wäre sie nimmer von mir gewichen, aber die Macht des Feindes ist
groß! — Wer mag der Stärke seiner Waffen, wer mag seiner Wachsamkeit
vertrauen, wenn die unterirdischen Mächte lauern. — Schon fünf Jahre
war ich im Kloster, als nach der Verordnung des Priors mir der Bruder
Cyrillus, der alt und schwach geworden, die Aufsicht über die reiche
Reliquienkammer des Klosters übergeben sollte. Da befanden sich allerlei
Knochen von Heiligen, Späne aus dem Kreuze des Erlösers und andere
Heiligtümer, die in saubern Glasschränken aufbewahrt, und an gewissen
Tagen dem Volk zur Erbauung ausgestellt wurden. Der Bruder Cyrillus
machte mich mit jedem Stücke sowie mit den Dokumenten, die über ihre
Echtheit und über die Wunder, welche sie bewirkt, vorhanden, bekannt. Er
stand rücksichts der geistigen Ausbildung unserm Prior an der Seite und
umsoweniger trug ich Bedenken, das zu äußern, was sich gewaltsam aus
meinem Innern hervordrängte. „Sollten denn, lieber Bruder Cyrillus,“ sagte
ich, „alle diese Dinge gewiß und wahrhaftig das sein, wofür man sie
ausgibt? — Sollte auch hier nicht die betrügerische Habsucht manches
untergeschoben haben, was nun als wahre Reliquie dieses oder jenes
Heiligen gilt? So z. B. besitzt irgend ein Kloster das ganze Kreuz unsers
Erlösers und doch zeigt man überall wieder soviel Späne davon, daß, wie
jemand von uns selbst, freilich in freveligem Spott, behauptete, unser
Kloster ein ganzes Jahr hindurch damit geheizt werden könnte.“ — „Es
geziemt uns wohl eigentlich nicht,“ erwiderte der Bruder Cyrillus, „diese
Dinge einer solchen Untersuchung zu unterziehen, allein offenherzig
gestanden bin ich der Meinung, daß, der darüber sprechenden Dokumente
meiner frühsten Kinderjahre im Kloster der heiligen Linde umschwebte.
Während des feierlichen Akts meiner Einkleidung erblickte ich unter den
Zuschauern des Konzertmeisters Schwester; sie sah ganz schwermütig aus
und ich glaubte Tränen in ihren Augen zu erblicken, aber vorüber war die
Zeit der Versuchung und vielleicht war es frevelnder Stolz auf den so leicht
erfochtenen Sieg, der mir das Lächeln abnötigte, welches der an meiner
Seite wandelnde Bruder Cyrillus bemerkte. „Worüber erfreuest du dich so,
mein Bruder?“ frug Cyrillus. „Soll ich denn nicht froh sein, wenn ich der
schnöden Welt und ihrem Tand entsage?“ antwortete ich, aber nicht zu
leugnen ist es, daß, indem ich diese Worte sprach, ein unheimliches Gefühl
plötzlich das Innerste durchbebend, mich Lügen strafte. — Doch dies war
die letzte Anwandlung irdischer Selbstsucht, nach der jene Ruhe des Geistes
eintrat. Wäre sie nimmer von mir gewichen, aber die Macht des Feindes ist
groß! — Wer mag der Stärke seiner Waffen, wer mag seiner Wachsamkeit
vertrauen, wenn die unterirdischen Mächte lauern. — Schon fünf Jahre
war ich im Kloster, als nach der Verordnung des Priors mir der Bruder
Cyrillus, der alt und schwach geworden, die Aufsicht über die reiche
Reliquienkammer des Klosters übergeben sollte. Da befanden sich allerlei
Knochen von Heiligen, Späne aus dem Kreuze des Erlösers und andere
Heiligtümer, die in saubern Glasschränken aufbewahrt, und an gewissen
Tagen dem Volk zur Erbauung ausgestellt wurden. Der Bruder Cyrillus
machte mich mit jedem Stücke sowie mit den Dokumenten, die über ihre
Echtheit und über die Wunder, welche sie bewirkt, vorhanden, bekannt. Er
stand rücksichts der geistigen Ausbildung unserm Prior an der Seite und
umsoweniger trug ich Bedenken, das zu äußern, was sich gewaltsam aus
meinem Innern hervordrängte. „Sollten denn, lieber Bruder Cyrillus,“ sagte
ich, „alle diese Dinge gewiß und wahrhaftig das sein, wofür man sie
ausgibt? — Sollte auch hier nicht die betrügerische Habsucht manches
untergeschoben haben, was nun als wahre Reliquie dieses oder jenes
Heiligen gilt? So z. B. besitzt irgend ein Kloster das ganze Kreuz unsers
Erlösers und doch zeigt man überall wieder soviel Späne davon, daß, wie
jemand von uns selbst, freilich in freveligem Spott, behauptete, unser
Kloster ein ganzes Jahr hindurch damit geheizt werden könnte.“ — „Es
geziemt uns wohl eigentlich nicht,“ erwiderte der Bruder Cyrillus, „diese
Dinge einer solchen Untersuchung zu unterziehen, allein offenherzig
gestanden bin ich der Meinung, daß, der darüber sprechenden Dokumente
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unerachtet, wohl wenige dieser Dinge d a s sein dürften, wofür man sie
ausgibt. Allein es scheint mir auch gar nicht darauf anzukommen. Merke
wohl auf, lieber Bruder Medardus! wie ich und unser Prior darüber denken,
und du wirst unsere Religion in neuer Glorie erblicken. Ist es nicht herrlich,
lieber Bruder Medardus, daß unsere Kirche darnach trachtet, jene
geheimnisvollen Fäden zu erfassen, die das Sinnliche mit dem
Übersinnlichen verknüpfen, ja unseren zum irdischen Leben und Sein
gediehenen Organismus so anzuregen, daß sein Ursprung aus dem höhern,
geistigen Prinzip, ja seine innige Verwandtschaft mit dem wunderbaren
Wesen, dessen Kraft wie ein glühender Hauch die ganze Natur durchdringt,
klar hervortritt, und uns die Ahnung eines höheren Lebens, dessen Keim wir
in uns tragen, wie mit Seraphsfittichen umweht. — Was ist jenes Stückchen
Holz — jenes Knöchlein, jenes Läppchen — man sagt aus dem Kreuz
Christe sei es gehauen, dem Körper — dem Gewande eines Heiligen
entnommen; aber den Gläubigen, der ohne zu grübeln sein ganzes Gemüt
darauf richtet, erfüllt bald jene überirdische Begeisterung, die ihm das
Reich der Seligkeit erschließt, das er hienieden nur geahnt; und so wird der
geistige Einfluß des Heiligen, dessen auch nur angebliche Reliquie den
Impuls gab, erweckt, und der Mensch vermag Stärke und Kraft im Glauben
von dem höheren Geiste zu empfangen, den er im Innersten des Gemüts um
Trost und Beistand anrief. Ja, diese in ihm erweckte höhere geistige Kraft
wird selbst Leiden des Körpers zu überwinden vermögen, und daher kommt
es, daß jene Reliquien jene Mirakel bewirken, die, da sie so oft vor den
Augen des versammelten Volks geschehen, wohl nicht geleugnet werden
können.“ — Ich erinnerte mich augenblicklich gewisser Andeutungen des
Priors, die ganz mit den Worten des Bruders Cyrillus übereinstimmten, und
betrachtete nun die Reliquien, die mir sonst nur als religiöse Spielerei
erschienen, mit wahrer innerer Ehrfurcht und Andacht. Dem Bruder
Cyrillus entging diese Wirkung seiner Rede nicht und er fuhr nun fort, mit
größerem Eifer und mit recht zum Gemüte sprechender Innigkeit, mir die
Sammlung Stück vor Stück zu erklären. Endlich nahm er aus einem
wohlverschlossenen Schranke ein Kistchen heraus und sagte. „Hierinnen,
lieber Bruder Medardus, ist die geheimnisvollste, wunderbarste Reliquie
enthalten, die unser Kloster besitzt. Solange ich im Kloster bin, hat dieses
Kistchen niemand in der Hand gehabt als der Prior und ich; selbst die
andern Brüder, viel weniger Fremde, wissen etwas von dem Dasein dieser
Reliquie. Ich kann die Kiste nicht ohne inneren Schauer anrühren, es ist als
ausgibt. Allein es scheint mir auch gar nicht darauf anzukommen. Merke
wohl auf, lieber Bruder Medardus! wie ich und unser Prior darüber denken,
und du wirst unsere Religion in neuer Glorie erblicken. Ist es nicht herrlich,
lieber Bruder Medardus, daß unsere Kirche darnach trachtet, jene
geheimnisvollen Fäden zu erfassen, die das Sinnliche mit dem
Übersinnlichen verknüpfen, ja unseren zum irdischen Leben und Sein
gediehenen Organismus so anzuregen, daß sein Ursprung aus dem höhern,
geistigen Prinzip, ja seine innige Verwandtschaft mit dem wunderbaren
Wesen, dessen Kraft wie ein glühender Hauch die ganze Natur durchdringt,
klar hervortritt, und uns die Ahnung eines höheren Lebens, dessen Keim wir
in uns tragen, wie mit Seraphsfittichen umweht. — Was ist jenes Stückchen
Holz — jenes Knöchlein, jenes Läppchen — man sagt aus dem Kreuz
Christe sei es gehauen, dem Körper — dem Gewande eines Heiligen
entnommen; aber den Gläubigen, der ohne zu grübeln sein ganzes Gemüt
darauf richtet, erfüllt bald jene überirdische Begeisterung, die ihm das
Reich der Seligkeit erschließt, das er hienieden nur geahnt; und so wird der
geistige Einfluß des Heiligen, dessen auch nur angebliche Reliquie den
Impuls gab, erweckt, und der Mensch vermag Stärke und Kraft im Glauben
von dem höheren Geiste zu empfangen, den er im Innersten des Gemüts um
Trost und Beistand anrief. Ja, diese in ihm erweckte höhere geistige Kraft
wird selbst Leiden des Körpers zu überwinden vermögen, und daher kommt
es, daß jene Reliquien jene Mirakel bewirken, die, da sie so oft vor den
Augen des versammelten Volks geschehen, wohl nicht geleugnet werden
können.“ — Ich erinnerte mich augenblicklich gewisser Andeutungen des
Priors, die ganz mit den Worten des Bruders Cyrillus übereinstimmten, und
betrachtete nun die Reliquien, die mir sonst nur als religiöse Spielerei
erschienen, mit wahrer innerer Ehrfurcht und Andacht. Dem Bruder
Cyrillus entging diese Wirkung seiner Rede nicht und er fuhr nun fort, mit
größerem Eifer und mit recht zum Gemüte sprechender Innigkeit, mir die
Sammlung Stück vor Stück zu erklären. Endlich nahm er aus einem
wohlverschlossenen Schranke ein Kistchen heraus und sagte. „Hierinnen,
lieber Bruder Medardus, ist die geheimnisvollste, wunderbarste Reliquie
enthalten, die unser Kloster besitzt. Solange ich im Kloster bin, hat dieses
Kistchen niemand in der Hand gehabt als der Prior und ich; selbst die
andern Brüder, viel weniger Fremde, wissen etwas von dem Dasein dieser
Reliquie. Ich kann die Kiste nicht ohne inneren Schauer anrühren, es ist als
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sei darin ein böser Zauber verschlossen, der, gelänge es ihm, den Bann der
ihn umschließt und wirkungslos macht, zu zersprengen, Verderben und
heillosen Untergang jedem bereiten könnte, den er ereilt. — Das was
darinnen enthalten, stammt unmittelbar von dem Widersacher her aus jener
Zeit, als er noch sichtlich gegen das Heil der Menschen zu kämpfen
vermochte.“ — Ich sah den Bruder Cyrillus mit höchstem Erstaunen an;
ohne mir Zeit zu lassen etwas zu erwidern, fuhr er fort. „Ich will mich,
lieber Bruder Medardus, gänzlich enthalten, in dieser höchst mystischen
Sache nur irgend eine Meinung zu äußern oder wohl gar diese — jene —
Hypothese aufzutischen, die mir durch den Kopf gefahren, sondern lieber
getreulich dir das erzählen, was die über jene Reliquie vorhandenen
Dokumente davon sagen. — Du findest jene Dokumente in jenem Schrank
und kannst sie selbst nachlesen. — Dir ist das Leben des heiligen Antonius
zur Genüge bekannt, du weißt, daß er, um sich von allem Irdischen zu
entfernen, um seine Seele ganz dem Göttlichen zuzuwenden, in die Wüste
zog und da sein Leben den strengsten Buß- und Andachtsübungen weihte.
Der Widersacher verfolgte ihn und trat ihm oft sichtlich in den Weg, um ihn
in seinen frommen Betrachtungen zu stören. So kam es denn, daß der
hl. Antonius einmal in der Abenddämmerung eine finstere Gestalt
wahrnahm, die auf ihn zuschritt. In der Nähe erblickte er zu seinem
Erstaunen, daß aus den Löchern des zerrissenen Mantels, den die Gestalt
trug, Flaschenhälse hervorguckten. Es war der Widersacher, der in diesem
seltsamen Aufzuge ihn höhnisch anlächelte und frug, ob er nicht von den
Elixieren, die er in den Flaschen bei sich trüge, zu kosten begehre? Der
hl. Antonius, den diese Zumutung nicht einmal verdrießen konnte, weil der
Widersacher ohnmächtig und kraftlos geworden nicht mehr imstande war,
sich auf irgend einen Kampf einzulassen, und sich daher auf höhnische
Reden beschränken mußte, frug ihn: „Warum er denn so viele Flaschen und
auf solche besondere Weise bei sich trüge?“ Da antwortete der Widersacher.
„Siehe, wenn mir ein Mensch begegnet, so schaut er mich verwundert an
und kann es nicht lassen nach meinen Getränken zu fragen und zu kosten
aus Lüsternheit. Unter so vielen Elixieren findet er ja wohl eines, was ihm
recht mundet und er säuft die ganze Flasche aus und ergibt sich mir und
meinen Reiche. — Soweit steht das in allen Legenden; nach dem
besonderen Dokument, das wir über diese Vision des hl. Antonius besitzen,
heißt es aber weiter, daß der Widersacher, als er sich von dannen hub, einige
seiner Flaschen auf einem Rasen stehen ließ, die der hl. Antonius schnell in
ihn umschließt und wirkungslos macht, zu zersprengen, Verderben und
heillosen Untergang jedem bereiten könnte, den er ereilt. — Das was
darinnen enthalten, stammt unmittelbar von dem Widersacher her aus jener
Zeit, als er noch sichtlich gegen das Heil der Menschen zu kämpfen
vermochte.“ — Ich sah den Bruder Cyrillus mit höchstem Erstaunen an;
ohne mir Zeit zu lassen etwas zu erwidern, fuhr er fort. „Ich will mich,
lieber Bruder Medardus, gänzlich enthalten, in dieser höchst mystischen
Sache nur irgend eine Meinung zu äußern oder wohl gar diese — jene —
Hypothese aufzutischen, die mir durch den Kopf gefahren, sondern lieber
getreulich dir das erzählen, was die über jene Reliquie vorhandenen
Dokumente davon sagen. — Du findest jene Dokumente in jenem Schrank
und kannst sie selbst nachlesen. — Dir ist das Leben des heiligen Antonius
zur Genüge bekannt, du weißt, daß er, um sich von allem Irdischen zu
entfernen, um seine Seele ganz dem Göttlichen zuzuwenden, in die Wüste
zog und da sein Leben den strengsten Buß- und Andachtsübungen weihte.
Der Widersacher verfolgte ihn und trat ihm oft sichtlich in den Weg, um ihn
in seinen frommen Betrachtungen zu stören. So kam es denn, daß der
hl. Antonius einmal in der Abenddämmerung eine finstere Gestalt
wahrnahm, die auf ihn zuschritt. In der Nähe erblickte er zu seinem
Erstaunen, daß aus den Löchern des zerrissenen Mantels, den die Gestalt
trug, Flaschenhälse hervorguckten. Es war der Widersacher, der in diesem
seltsamen Aufzuge ihn höhnisch anlächelte und frug, ob er nicht von den
Elixieren, die er in den Flaschen bei sich trüge, zu kosten begehre? Der
hl. Antonius, den diese Zumutung nicht einmal verdrießen konnte, weil der
Widersacher ohnmächtig und kraftlos geworden nicht mehr imstande war,
sich auf irgend einen Kampf einzulassen, und sich daher auf höhnische
Reden beschränken mußte, frug ihn: „Warum er denn so viele Flaschen und
auf solche besondere Weise bei sich trüge?“ Da antwortete der Widersacher.
„Siehe, wenn mir ein Mensch begegnet, so schaut er mich verwundert an
und kann es nicht lassen nach meinen Getränken zu fragen und zu kosten
aus Lüsternheit. Unter so vielen Elixieren findet er ja wohl eines, was ihm
recht mundet und er säuft die ganze Flasche aus und ergibt sich mir und
meinen Reiche. — Soweit steht das in allen Legenden; nach dem
besonderen Dokument, das wir über diese Vision des hl. Antonius besitzen,
heißt es aber weiter, daß der Widersacher, als er sich von dannen hub, einige
seiner Flaschen auf einem Rasen stehen ließ, die der hl. Antonius schnell in
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seine Höhle mitnahm und verbarg, aus Furcht, selbst in der Einöde könnte
ein Verirrter, ja wohl gar einer seiner Schüler, von dem entsetzlichen
Getränke kosten und ins ewige Verderben geraten. — Zufällig, erzählt das
Dokument weiter, habe der hl. Antonius einmal eine dieser Flaschen
geöffnet, da sei ein seltsamer betäubender Dampf herausgefahren und
allerlei scheußliche, sinnverwirrende Bilder der Hölle hätten den Heiligen
umschwebt, ja ihn mit verführerischen Gaukeleien zu verlocken gesucht,
bis er sie durch strenges Fasten und anhaltendes Gebet wieder vertrieben.
— In diesem Kistchen befindet sich nun aus dem Nachlaß des hl. Antonius
eben eine solche Flasche mit einem Teufels-Elixier und die Dokumente sind
so authentisch und genau, daß wenigstens daran, daß die Flasche wirklich
nach dem Tode des hl. Antonius unter seinen nachgebliebenen Sachen
gefunden wurde, kaum zu zweifeln ist. Übrigens kann ich versichern, lieber
Bruder Medardus, daß, so oft ich die Flasche, ja nur dieses Kistchen, worin
sie verschlossen, berühre, mich ein unerklärliches, inneres Grauen
anwandelt, ja daß ich wähne, etwas von einem ganz seltsamen Duft zu
spüren, der mich betäubt und zugleich eine innere Unruhe des Geistes
hervorbringt, die mich selbst bei den Andachtsübungen zerstreut. Indessen
überwinde ich diese böse Stimmung, welche offenbar von dem Einfluß
irgend einer feindlichen Macht herrührt, sollte ich auch an die unmittelbare
Einwirkung des Widersachers nicht glauben, durch standhaftes Gebet. Dir,
lieber Bruder Medardus, der du noch so jung bist, der du noch alles, was dir
deine von fremder Kraft aufgeregte Fantasie vorbringen mag, in
glänzenden, lebhafteren Farben erblickst, der du noch wie ein tapferer aber
unerfahrener Krieger zwar rüstig im Kampfe, aber vielleicht zu kühn, das
Unmögliche wagend, deiner Stärke zu sehr vertraust, rate ich, das Kistchen
niemals, oder wenigstens erst nach Jahren zu öffnen, und damit dich deine
Neugierde nicht in Versuchung führe, es dir weit weg aus den Augen zu
stellen.“ —
Der Bruder Cyrillus verschloß die geheimnisvolle Kiste wieder in den
Schrank wo sie gestanden und übergab mir den Schlüsselbund, an dem auch
der Schlüssel jenes Schranks hing; die ganze Erzählung hatte auf mich
einen eignen Eindruck gemacht, aber je mehr ich eine innere Lüsternheit
emporkeimen fühlte die wunderbare Reliquie zu sehen, desto mehr war ich,
der Warnung des Bruders Cyrillus gedenkend, bemüht, auf jede Art es mir
zu erschweren. Als Cyrillus mich verlassen, übersah ich noch einmal die
mir anvertrauten Heiligtümer, löste ich aber das Schlüsselchen, welches den
ein Verirrter, ja wohl gar einer seiner Schüler, von dem entsetzlichen
Getränke kosten und ins ewige Verderben geraten. — Zufällig, erzählt das
Dokument weiter, habe der hl. Antonius einmal eine dieser Flaschen
geöffnet, da sei ein seltsamer betäubender Dampf herausgefahren und
allerlei scheußliche, sinnverwirrende Bilder der Hölle hätten den Heiligen
umschwebt, ja ihn mit verführerischen Gaukeleien zu verlocken gesucht,
bis er sie durch strenges Fasten und anhaltendes Gebet wieder vertrieben.
— In diesem Kistchen befindet sich nun aus dem Nachlaß des hl. Antonius
eben eine solche Flasche mit einem Teufels-Elixier und die Dokumente sind
so authentisch und genau, daß wenigstens daran, daß die Flasche wirklich
nach dem Tode des hl. Antonius unter seinen nachgebliebenen Sachen
gefunden wurde, kaum zu zweifeln ist. Übrigens kann ich versichern, lieber
Bruder Medardus, daß, so oft ich die Flasche, ja nur dieses Kistchen, worin
sie verschlossen, berühre, mich ein unerklärliches, inneres Grauen
anwandelt, ja daß ich wähne, etwas von einem ganz seltsamen Duft zu
spüren, der mich betäubt und zugleich eine innere Unruhe des Geistes
hervorbringt, die mich selbst bei den Andachtsübungen zerstreut. Indessen
überwinde ich diese böse Stimmung, welche offenbar von dem Einfluß
irgend einer feindlichen Macht herrührt, sollte ich auch an die unmittelbare
Einwirkung des Widersachers nicht glauben, durch standhaftes Gebet. Dir,
lieber Bruder Medardus, der du noch so jung bist, der du noch alles, was dir
deine von fremder Kraft aufgeregte Fantasie vorbringen mag, in
glänzenden, lebhafteren Farben erblickst, der du noch wie ein tapferer aber
unerfahrener Krieger zwar rüstig im Kampfe, aber vielleicht zu kühn, das
Unmögliche wagend, deiner Stärke zu sehr vertraust, rate ich, das Kistchen
niemals, oder wenigstens erst nach Jahren zu öffnen, und damit dich deine
Neugierde nicht in Versuchung führe, es dir weit weg aus den Augen zu
stellen.“ —
Der Bruder Cyrillus verschloß die geheimnisvolle Kiste wieder in den
Schrank wo sie gestanden und übergab mir den Schlüsselbund, an dem auch
der Schlüssel jenes Schranks hing; die ganze Erzählung hatte auf mich
einen eignen Eindruck gemacht, aber je mehr ich eine innere Lüsternheit
emporkeimen fühlte die wunderbare Reliquie zu sehen, desto mehr war ich,
der Warnung des Bruders Cyrillus gedenkend, bemüht, auf jede Art es mir
zu erschweren. Als Cyrillus mich verlassen, übersah ich noch einmal die
mir anvertrauten Heiligtümer, löste ich aber das Schlüsselchen, welches den
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gefährlichen Schrank schloß, vom Bunde ab und versteckte es tief unter
meine Skripturen im Schreibpulte. —
Unter den Professoren im Seminar gab es einen vortrefflichen Redner,
jedesmal, wenn er predigte, war die Kirche überfüllt; der Feuerstrom seiner
Worte riß alles unwiderstehlich fort, die inbrünstigste Andacht im Innern
entzündend. Auch mir drangen seine herrlichen, begeisterten Reden ins
Innerste, aber indem ich den Hochbegabten glücklich pries, war es mir, als
rege sich eine innere Kraft die mich mächtig antrieb es ihm gleich zu tun.
Hatte ich ihn gehört, so predigte ich auf meiner einsamen Stube, mich ganz
der Begeisterung des Moments überlassend, bis es mir gelang, meine Ideen,
meine Worte festzuhalten und aufzuschreiben. — Der Bruder, welcher im
Kloster zu predigen pflegte, wurde zusehends schwächer, seine Reden
schlichen wie ein halbversiegter Bach mühsam und tonlos dahin, und die
ungewöhnlich gedehnte Sprache, welche der Mangel an Ideen und Worten
erzeugte, da er ohne Konzept sprach, machte seine Reden so unausstehlich
lang, daß vor dem Amen schon der größte Teil der Gemeinde, wie bei dem
bedeutungslosen, eintönigen Geklapper einer Mühle, sanft eingeschlummert
war und nur durch den Klang der Orgel wieder erweckt werden konnte. Der
Prior Leonardus war zwar ein ganz vorzüglicher Redner, indessen trug er
Scheu zu predigen, weil es ihn bei den schon erreichten hohen Jahren zu
stark angriff, und sonst gab es im Kloster keinen, der die Stelle jenes
schwächlichen Bruders hätte ersetzen können. Leonardus sprach mit mir
über diesen Übelstand, der der Kirche den Besuch mancher Frommen
entzog; ich faßte mir ein Herz und sagte ihm, wie ich schon im Seminar
einen innern Beruf zum Predigen gespürt und manche geistliche Rede
aufgeschrieben habe. Er verlangte sie zu sehen und war so höchlich damit
zufrieden, daß er in mich drang, schon am nächsten heiligen Tage den
Versuch mit einer Predigt zu machen, der umsoweniger mißlingen werde,
als mich die Natur mit allem ausgestattet habe, was zum guten
Kanzelredner gehöre, nämlich mit einer einnehmenden Gestalt, einem
ausdrucksvollen Gesicht und einer kräftigen, tonreichen Stimme.
Rücksichts des äußern Anstandes, der richtigen Gestikulation unternahm
Leonardus selbst mich zu unterrichten. Der Heiligentag kam heran, die
Kirche war besetzter als gewöhnlich, und ich bestieg nicht ohne inneres
Erbeben die Kanzel. — Im Anfange blieb ich meiner Handschrift getreu,
und Leonardus sagte mir nachher, daß ich mit zitternder Stimme
gesprochen, welches aber gerade den andächtigen, wehmutsvollen
meine Skripturen im Schreibpulte. —
Unter den Professoren im Seminar gab es einen vortrefflichen Redner,
jedesmal, wenn er predigte, war die Kirche überfüllt; der Feuerstrom seiner
Worte riß alles unwiderstehlich fort, die inbrünstigste Andacht im Innern
entzündend. Auch mir drangen seine herrlichen, begeisterten Reden ins
Innerste, aber indem ich den Hochbegabten glücklich pries, war es mir, als
rege sich eine innere Kraft die mich mächtig antrieb es ihm gleich zu tun.
Hatte ich ihn gehört, so predigte ich auf meiner einsamen Stube, mich ganz
der Begeisterung des Moments überlassend, bis es mir gelang, meine Ideen,
meine Worte festzuhalten und aufzuschreiben. — Der Bruder, welcher im
Kloster zu predigen pflegte, wurde zusehends schwächer, seine Reden
schlichen wie ein halbversiegter Bach mühsam und tonlos dahin, und die
ungewöhnlich gedehnte Sprache, welche der Mangel an Ideen und Worten
erzeugte, da er ohne Konzept sprach, machte seine Reden so unausstehlich
lang, daß vor dem Amen schon der größte Teil der Gemeinde, wie bei dem
bedeutungslosen, eintönigen Geklapper einer Mühle, sanft eingeschlummert
war und nur durch den Klang der Orgel wieder erweckt werden konnte. Der
Prior Leonardus war zwar ein ganz vorzüglicher Redner, indessen trug er
Scheu zu predigen, weil es ihn bei den schon erreichten hohen Jahren zu
stark angriff, und sonst gab es im Kloster keinen, der die Stelle jenes
schwächlichen Bruders hätte ersetzen können. Leonardus sprach mit mir
über diesen Übelstand, der der Kirche den Besuch mancher Frommen
entzog; ich faßte mir ein Herz und sagte ihm, wie ich schon im Seminar
einen innern Beruf zum Predigen gespürt und manche geistliche Rede
aufgeschrieben habe. Er verlangte sie zu sehen und war so höchlich damit
zufrieden, daß er in mich drang, schon am nächsten heiligen Tage den
Versuch mit einer Predigt zu machen, der umsoweniger mißlingen werde,
als mich die Natur mit allem ausgestattet habe, was zum guten
Kanzelredner gehöre, nämlich mit einer einnehmenden Gestalt, einem
ausdrucksvollen Gesicht und einer kräftigen, tonreichen Stimme.
Rücksichts des äußern Anstandes, der richtigen Gestikulation unternahm
Leonardus selbst mich zu unterrichten. Der Heiligentag kam heran, die
Kirche war besetzter als gewöhnlich, und ich bestieg nicht ohne inneres
Erbeben die Kanzel. — Im Anfange blieb ich meiner Handschrift getreu,
und Leonardus sagte mir nachher, daß ich mit zitternder Stimme
gesprochen, welches aber gerade den andächtigen, wehmutsvollen
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Betrachtungen, womit die Rede begann, zugesagt, und bei den mehrsten für
eine besondere wirkungsvolle Kunst des Redners gegolten habe. Bald aber
war es, als strahle der glühende Funke himmlischer Begeisterung durch
mein Inneres — ich dachte nicht mehr an die Handschrift, sondern überließ
mich ganz den Eingebungen des Moments. Ich fühlte wie das Blut in allen
Pulsen glühte und sprühte — ich hörte meine Stimme durch das Gewölbe
donnern — ich sah mein erhobenes Haupt, meine ausgebreiteten Arme, wie
vom Strahlenglanz der Begeisterung umflossen. — Mit einer Sentenz, in
der ich alles Heilige und Herrliche das ich verkündet, nochmals wie in
einem flammenden Fokus zusammenfaßte, schloß ich meine Rede, deren
Eindruck ganz ungewöhnlich, ganz unerhört war. Heftiges Weinen —
unwillkürlich den Lippen entfliehende Ausrufe der andachtvollsten Wonne
— lautes Gebet, hallten meinen Worten nach. Die Brüder zollten mir ihre
höchste Bewunderung, Leonardus umarmte mich, er nannte mich den Stolz
des Klosters. Mein Ruf verbreitete sich schnell, und um den Bruder
Medardus zu hören, drängte sich der vornehmste, der gebildetste Teil der
Stadtbewohner schon eine Stunde vor dem Läuten in die nicht allzu große
Klosterkirche. Mit der Bewunderung stieg mein Eifer und meine Sorge, den
Reden im stärksten Feuer Ründe und Gewandtheit zu geben. Immer mehr
gelang es mir die Zuhörer zu fesseln und, immer steigend und steigend
glich bald die Verehrung die ich überall wo ich ging und stand in den
stärksten Zügen an den Tag legte, beinahe der Vergötterung eines Heiligen.
Ein religiöser Wahn hatte die Stadt ergriffen, alles strömte bei irgend einem
Anlaß, auch an gewöhnlichen Wochentagen nach dem Kloster, um den
Bruder Medardus zu sehen, zu sprechen. — Da keimte in mir der Gedanke
auf, ich sei ein besonders Erkorner des Himmels; die geheimnisvollen
Umstände bei meiner Geburt am heiligen Orte zur Entsündigung des
verbrecherischen Vaters, die wunderbaren Begebenheiten in meinen ersten
Kinderjahren, alles deutete dahin, daß mein Geist in unmittelbarer
Berührung mit dem Himmlischen, sich schon hienieden über das Irdische
erhebe, und ich nicht der Welt, den Menschen angehöre, denen Heil und
Trost zu geben ich hier auf Erden wandle. Es war mir nun gewiß, daß der
alte Pilgrim in der heiligen Linde der heilige Josef, der wunderbare Knabe
aber das Jesuskind selbst gewesen, das in mir den Heiligen, der auf Erden
zu wandeln bestimmt, begrüßt habe. Aber sowie dies alles immer
lebendiger vor meiner Seele stand, wurde mir auch meine Umgebung
immer lästiger und drückender. Jene Ruhe und Heiterkeit des Geistes die
eine besondere wirkungsvolle Kunst des Redners gegolten habe. Bald aber
war es, als strahle der glühende Funke himmlischer Begeisterung durch
mein Inneres — ich dachte nicht mehr an die Handschrift, sondern überließ
mich ganz den Eingebungen des Moments. Ich fühlte wie das Blut in allen
Pulsen glühte und sprühte — ich hörte meine Stimme durch das Gewölbe
donnern — ich sah mein erhobenes Haupt, meine ausgebreiteten Arme, wie
vom Strahlenglanz der Begeisterung umflossen. — Mit einer Sentenz, in
der ich alles Heilige und Herrliche das ich verkündet, nochmals wie in
einem flammenden Fokus zusammenfaßte, schloß ich meine Rede, deren
Eindruck ganz ungewöhnlich, ganz unerhört war. Heftiges Weinen —
unwillkürlich den Lippen entfliehende Ausrufe der andachtvollsten Wonne
— lautes Gebet, hallten meinen Worten nach. Die Brüder zollten mir ihre
höchste Bewunderung, Leonardus umarmte mich, er nannte mich den Stolz
des Klosters. Mein Ruf verbreitete sich schnell, und um den Bruder
Medardus zu hören, drängte sich der vornehmste, der gebildetste Teil der
Stadtbewohner schon eine Stunde vor dem Läuten in die nicht allzu große
Klosterkirche. Mit der Bewunderung stieg mein Eifer und meine Sorge, den
Reden im stärksten Feuer Ründe und Gewandtheit zu geben. Immer mehr
gelang es mir die Zuhörer zu fesseln und, immer steigend und steigend
glich bald die Verehrung die ich überall wo ich ging und stand in den
stärksten Zügen an den Tag legte, beinahe der Vergötterung eines Heiligen.
Ein religiöser Wahn hatte die Stadt ergriffen, alles strömte bei irgend einem
Anlaß, auch an gewöhnlichen Wochentagen nach dem Kloster, um den
Bruder Medardus zu sehen, zu sprechen. — Da keimte in mir der Gedanke
auf, ich sei ein besonders Erkorner des Himmels; die geheimnisvollen
Umstände bei meiner Geburt am heiligen Orte zur Entsündigung des
verbrecherischen Vaters, die wunderbaren Begebenheiten in meinen ersten
Kinderjahren, alles deutete dahin, daß mein Geist in unmittelbarer
Berührung mit dem Himmlischen, sich schon hienieden über das Irdische
erhebe, und ich nicht der Welt, den Menschen angehöre, denen Heil und
Trost zu geben ich hier auf Erden wandle. Es war mir nun gewiß, daß der
alte Pilgrim in der heiligen Linde der heilige Josef, der wunderbare Knabe
aber das Jesuskind selbst gewesen, das in mir den Heiligen, der auf Erden
zu wandeln bestimmt, begrüßt habe. Aber sowie dies alles immer
lebendiger vor meiner Seele stand, wurde mir auch meine Umgebung
immer lästiger und drückender. Jene Ruhe und Heiterkeit des Geistes die
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mich sonst umfing, war aus meiner Seele entschwunden — ja alle
gemütlichen Äußerungen der Brüder, die Freundlichkeit des Priors,
erweckten in mir einen feindseligen Zorn. Den H e i l i g e n , den hoch über sie
erhabenen, sollten sie in mir erkennen, sich niederwerfen in den Staub und
die Fürbitte erflehen vor dem Throne Gottes. So aber hielt ich sie für
befangen in verderblicher Verstocktheit. Selbst in meine Reden flocht ich
gewisse Anspielungen ein, die darauf hindeuteten, wie nun eine
wundervolle Zeit, gleich der in schimmernden Strahlen leuchtenden
Morgenröte, angebrochen, in der Trost und Heil bringend der gläubigen
Gemeinde ein Auserwählter Gottes auf Erden wandle. Meine eingebildete
Sendung kleidete ich in mystische Bilder ein, die umsomehr wie ein
fremdartiger Zauber auf die Menge wirkten, je weniger sie verstanden
wurden. Leonardus wurde sichtlich kälter gegen mich, er vermied, mit mir
ohne Zeugen zu sprechen, aber endlich, als wir einst zufällig von allen
Brüdern verlassen in der Allee des Klostergartens einhergingen, brach er
los: „Nicht verhehlen kann ich es dir, lieber Bruder Medardus, daß du seit
einiger Zeit durch dein ganzes Betragen mir Mißfallen erregst. — Es ist
etwas in deine Seele gekommen, das dich dem Leben in frommer Einfalt
abwendig macht. In deinen Reden herrscht ein feindliches Dunkel, aus dem
nur noch manches hervorzutreten sich scheut, was dich wenigstens mit mir
auf immer entzweien würde. — Laß mich offenherzig sein! — Du trägst in
diesem Augenblick die Schuld unseres sündigen Ursprungs, die jedem
mächtigen Emporstreben unserer geistigen Kraft die Schranken des
Verderbnisses öffnet, wohin wir uns in unbedachtem Fluge nur zu leicht
verirren! — Der Beifall, ja die abgöttische Bewunderung, die dir die
leichtsinnige, nach jeder Anreizung lüsterne Welt gezollt, hat dich
geblendet, und du siehst dich selbst in einer Gestalt, die nicht dein eigen,
sondern ein Trugbild ist, welches dich in den verderblichen Abgrund lockt.
Gehe in dich, Medardus! — entsage dem Wahn, der dich betört — ich
glaube ihn zu kennen! — schon jetzt ist dir die Ruhe des Gemüts, ohne
welche kein Heil hienieden zu finden, entflohen. — Laß dich warnen,
weiche aus dem Feinde, der dir nachstellt. — Sei wieder der gutmütige
Jüngling den ich mit ganzer Seele liebte.“ — Tränen quollen aus den Augen
des Priors als er dies sprach; er hatte meine Hand ergriffen, sie loslassend
entfernte er sich schnell, ohne meine Antwort abzuwarten. — Aber nur
feindselig waren seine Worte in mein Inneres gedrungen; er hatte des
Beifalls, ja der höchsten Bewunderung erwähnt, die ich mir durch meine
gemütlichen Äußerungen der Brüder, die Freundlichkeit des Priors,
erweckten in mir einen feindseligen Zorn. Den H e i l i g e n , den hoch über sie
erhabenen, sollten sie in mir erkennen, sich niederwerfen in den Staub und
die Fürbitte erflehen vor dem Throne Gottes. So aber hielt ich sie für
befangen in verderblicher Verstocktheit. Selbst in meine Reden flocht ich
gewisse Anspielungen ein, die darauf hindeuteten, wie nun eine
wundervolle Zeit, gleich der in schimmernden Strahlen leuchtenden
Morgenröte, angebrochen, in der Trost und Heil bringend der gläubigen
Gemeinde ein Auserwählter Gottes auf Erden wandle. Meine eingebildete
Sendung kleidete ich in mystische Bilder ein, die umsomehr wie ein
fremdartiger Zauber auf die Menge wirkten, je weniger sie verstanden
wurden. Leonardus wurde sichtlich kälter gegen mich, er vermied, mit mir
ohne Zeugen zu sprechen, aber endlich, als wir einst zufällig von allen
Brüdern verlassen in der Allee des Klostergartens einhergingen, brach er
los: „Nicht verhehlen kann ich es dir, lieber Bruder Medardus, daß du seit
einiger Zeit durch dein ganzes Betragen mir Mißfallen erregst. — Es ist
etwas in deine Seele gekommen, das dich dem Leben in frommer Einfalt
abwendig macht. In deinen Reden herrscht ein feindliches Dunkel, aus dem
nur noch manches hervorzutreten sich scheut, was dich wenigstens mit mir
auf immer entzweien würde. — Laß mich offenherzig sein! — Du trägst in
diesem Augenblick die Schuld unseres sündigen Ursprungs, die jedem
mächtigen Emporstreben unserer geistigen Kraft die Schranken des
Verderbnisses öffnet, wohin wir uns in unbedachtem Fluge nur zu leicht
verirren! — Der Beifall, ja die abgöttische Bewunderung, die dir die
leichtsinnige, nach jeder Anreizung lüsterne Welt gezollt, hat dich
geblendet, und du siehst dich selbst in einer Gestalt, die nicht dein eigen,
sondern ein Trugbild ist, welches dich in den verderblichen Abgrund lockt.
Gehe in dich, Medardus! — entsage dem Wahn, der dich betört — ich
glaube ihn zu kennen! — schon jetzt ist dir die Ruhe des Gemüts, ohne
welche kein Heil hienieden zu finden, entflohen. — Laß dich warnen,
weiche aus dem Feinde, der dir nachstellt. — Sei wieder der gutmütige
Jüngling den ich mit ganzer Seele liebte.“ — Tränen quollen aus den Augen
des Priors als er dies sprach; er hatte meine Hand ergriffen, sie loslassend
entfernte er sich schnell, ohne meine Antwort abzuwarten. — Aber nur
feindselig waren seine Worte in mein Inneres gedrungen; er hatte des
Beifalls, ja der höchsten Bewunderung erwähnt, die ich mir durch meine
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außerordentlichen Gaben erworben, und es war mir deutlich, daß nur
kleinlicher Neid jenes Mißbehagen an mir erzeugt habe, das er so
unverhohlen äußerte. Stumm und in mich gekehrt, blieb ich vom innern
Groll ergriffen, bei den Zusammenkünften der Mönche, und ganz erfüllt
von dem neuen Wesen das mir aufgegangen, sann ich den Tag über, und in
den schlaflosen Nächten, wie ich alles in mir Aufgekeimte in prächtige
Worte fassen und dem Volke verkünden wollte. Je mehr ich mich nun von
Leonardus und den Brüdern entfernte, mit desto stärkeren Banden wußte
ich die Menge an mich zu ziehen. —
Am Tage des heiligen Antonius war die Kirche so gedrängt voll, daß
man die Türen weit öffnen mußte, um dem zuströmenden Volke zu
vergönnen, mich auch noch vor der Kirche zu hören. Nie hatte ich kräftiger,
feuriger, eindringender gesprochen. Ich erzählte, wie es gewöhnlich,
manches aus dem Leben des Heiligen und knüpfte daran fromme, tief ins
Leben eindringende Betrachtungen. Von den Verführungen des Teufels, dem
der Sündenfall die Macht gegeben die Menschen zu verlocken, sprach ich,
und unwillkürlich führte mich der Strom der Rede hinein in die Legende
von den Elixieren, die ich wie eine sinnreiche Allegorie darstellen wollte.
Da fiel mein in der Kirche umherschweifender Blick auf einen langen,
hageren Mann, der mir schrägüber auf eine Bank gestiegen, sich an einen
Eckpfeiler lehnte. Er hatte auf seltsame fremde Weise einen dunkelvioletten
Mantel umgeworfen, und die übereinander geschlagenen Arme darein
gewickelt. Sein Gesicht war leichenblaß, aber der Blick der großen
schwarzen, stieren Augen fuhr wie ein glühender Dolchstich durch meine
Brust. Mich durchbebte ein unheimliches, grauenhaftes Gefühl, schnell
wandte ich mein Auge ab und sprach, alle meine Kraft zusammennehmend,
weiter. Aber wie von einer fremden, zauberischen Gewalt getrieben, mußte
ich immer wieder hinschauen, und immer starr und bewegungslos stand der
Mann da, den gespenstischen Blick auf mich gerichtet. So wie bittrer Hohn
— verachtender Haß, lag es auf der hohen gefurchten Stirn, in dem
herabgezogenen Munde. Die ganze Gestalt hatte etwas Furchtbares —
Entsetzliches! — Ja! — es war der unbekannte Maler aus der heiligen
Linde. Ich fühlte mich wie von eiskalten, grausigen Fäusten gepackt —
Tropfen des Angstschweißes standen auf meiner Stirn — meine Perioden
stockten — immer verwirrter und verwirrter wurden meine Reden — es
entstand ein Flüstern — ein Gemurmel in der Kirche — aber starr und
unbeweglich lehnte der fürchterliche Fremde am Pfeiler, den stieren Blick
kleinlicher Neid jenes Mißbehagen an mir erzeugt habe, das er so
unverhohlen äußerte. Stumm und in mich gekehrt, blieb ich vom innern
Groll ergriffen, bei den Zusammenkünften der Mönche, und ganz erfüllt
von dem neuen Wesen das mir aufgegangen, sann ich den Tag über, und in
den schlaflosen Nächten, wie ich alles in mir Aufgekeimte in prächtige
Worte fassen und dem Volke verkünden wollte. Je mehr ich mich nun von
Leonardus und den Brüdern entfernte, mit desto stärkeren Banden wußte
ich die Menge an mich zu ziehen. —
Am Tage des heiligen Antonius war die Kirche so gedrängt voll, daß
man die Türen weit öffnen mußte, um dem zuströmenden Volke zu
vergönnen, mich auch noch vor der Kirche zu hören. Nie hatte ich kräftiger,
feuriger, eindringender gesprochen. Ich erzählte, wie es gewöhnlich,
manches aus dem Leben des Heiligen und knüpfte daran fromme, tief ins
Leben eindringende Betrachtungen. Von den Verführungen des Teufels, dem
der Sündenfall die Macht gegeben die Menschen zu verlocken, sprach ich,
und unwillkürlich führte mich der Strom der Rede hinein in die Legende
von den Elixieren, die ich wie eine sinnreiche Allegorie darstellen wollte.
Da fiel mein in der Kirche umherschweifender Blick auf einen langen,
hageren Mann, der mir schrägüber auf eine Bank gestiegen, sich an einen
Eckpfeiler lehnte. Er hatte auf seltsame fremde Weise einen dunkelvioletten
Mantel umgeworfen, und die übereinander geschlagenen Arme darein
gewickelt. Sein Gesicht war leichenblaß, aber der Blick der großen
schwarzen, stieren Augen fuhr wie ein glühender Dolchstich durch meine
Brust. Mich durchbebte ein unheimliches, grauenhaftes Gefühl, schnell
wandte ich mein Auge ab und sprach, alle meine Kraft zusammennehmend,
weiter. Aber wie von einer fremden, zauberischen Gewalt getrieben, mußte
ich immer wieder hinschauen, und immer starr und bewegungslos stand der
Mann da, den gespenstischen Blick auf mich gerichtet. So wie bittrer Hohn
— verachtender Haß, lag es auf der hohen gefurchten Stirn, in dem
herabgezogenen Munde. Die ganze Gestalt hatte etwas Furchtbares —
Entsetzliches! — Ja! — es war der unbekannte Maler aus der heiligen
Linde. Ich fühlte mich wie von eiskalten, grausigen Fäusten gepackt —
Tropfen des Angstschweißes standen auf meiner Stirn — meine Perioden
stockten — immer verwirrter und verwirrter wurden meine Reden — es
entstand ein Flüstern — ein Gemurmel in der Kirche — aber starr und
unbeweglich lehnte der fürchterliche Fremde am Pfeiler, den stieren Blick
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auf mich gerichtet. Da schrie ich auf in der Höllenangst wahnsinniger
Verzweiflung. „Ha, Verruchter! hebe dich weg! — hebe dich weg — denn
ich bin es selbst! — ich bin der heilige Antonius!“ — Als ich aus dem
bewußtlosen Zustand, in den ich mit jenen Worten versunken, wieder
erwachte, befand ich mich auf meinem Lager und der Bruder Cyrillus saß
neben mir, mich pflegend und tröstend. Das schreckliche Bild des
Unbekannten stand mir noch lebhaft vor Augen, aber je mehr der Bruder
Cyrillus, dem ich alles erzählte, mich zu überzeugen suchte, daß dieses nur
ein Gaukelbild meiner durch das eifrige und starke Reden erhitzten Fantasie
gewesen, desto tiefer fühlte ich bittre Reue und Scham über mein Betragen
auf der Kanzel. Die Zuhörer dachten, wie ich nachher erfuhr, es habe mich
ein plötzlicher Wahnsinn überfallen, wozu ihnen vorzüglich mein letzter
Ausruf gerechten Anlaß gab. Ich war zerknirscht — zerrüttet im Geiste;
eingeschlossen in meine Zelle, unterwarf ich mich den strengsten
Bußübungen und stärkte mich durch inbrünstige Gebete zum Kampfe mit
dem Versucher, der mir selbst an heiliger Stätte erschienen, nur in frechem
Hohn die Gestalt borgend von dem frommen Maler in der heiligen Linde.
Niemand wollte übrigens den Mann im violetten Mantel erblickt haben, und
der Prior Leonardus verbreitete nach seiner anerkannten Gutmütigkeit auf
das eifrigste überall, wie es nur der Anfall einer hitzigen Krankheit
gewesen, welcher mich in der Predigt auf solche entsetzliche Weise
mitgenommen und meine verwirrten Reden veranlaßt habe: wirklich war
ich auch noch siech und krank, als ich nach mehreren Wochen wieder in das
gewöhnliche klösterliche Leben eintrat. Dennoch unternahm ich es wieder
die Kanzel zu besteigen, aber von innerer Angst gefoltert, gefolgt von der
entsetzlichen, bleichen Gestalt, vermochte ich kaum zusammenhängend zu
sprechen, viel weniger mich wie sonst dem Feuer der Beredsamkeit zu
überlassen. Meine Predigten waren gewöhnlich — steif — zerstückelt. —
Die Zuhörer bedauerten den Verlust meiner Rednergabe, verloren sich nach
und nach, und der alte Bruder der sonst gepredigt und nun noch offenbar
besser redete als ich, ersetzte wieder meine Stelle.
Nach einiger Zeit begab es sich, daß ein junger Graf, von seinem
Hofmeister mit dem er auf Reisen begriffen, begleitet, unser Kloster
besuchte und die vielen Merkwürdigkeiten desselben zu sehen begehrte. Ich
mußte die Reliquienkammer aufschließen und wir traten hinein, als der
Prior, der mit uns durch Chor und Kirche gegangen, abgerufen wurde, so
daß ich mit den Fremden allein blieb. Jedes Stück hatte ich gezeigt und
Verzweiflung. „Ha, Verruchter! hebe dich weg! — hebe dich weg — denn
ich bin es selbst! — ich bin der heilige Antonius!“ — Als ich aus dem
bewußtlosen Zustand, in den ich mit jenen Worten versunken, wieder
erwachte, befand ich mich auf meinem Lager und der Bruder Cyrillus saß
neben mir, mich pflegend und tröstend. Das schreckliche Bild des
Unbekannten stand mir noch lebhaft vor Augen, aber je mehr der Bruder
Cyrillus, dem ich alles erzählte, mich zu überzeugen suchte, daß dieses nur
ein Gaukelbild meiner durch das eifrige und starke Reden erhitzten Fantasie
gewesen, desto tiefer fühlte ich bittre Reue und Scham über mein Betragen
auf der Kanzel. Die Zuhörer dachten, wie ich nachher erfuhr, es habe mich
ein plötzlicher Wahnsinn überfallen, wozu ihnen vorzüglich mein letzter
Ausruf gerechten Anlaß gab. Ich war zerknirscht — zerrüttet im Geiste;
eingeschlossen in meine Zelle, unterwarf ich mich den strengsten
Bußübungen und stärkte mich durch inbrünstige Gebete zum Kampfe mit
dem Versucher, der mir selbst an heiliger Stätte erschienen, nur in frechem
Hohn die Gestalt borgend von dem frommen Maler in der heiligen Linde.
Niemand wollte übrigens den Mann im violetten Mantel erblickt haben, und
der Prior Leonardus verbreitete nach seiner anerkannten Gutmütigkeit auf
das eifrigste überall, wie es nur der Anfall einer hitzigen Krankheit
gewesen, welcher mich in der Predigt auf solche entsetzliche Weise
mitgenommen und meine verwirrten Reden veranlaßt habe: wirklich war
ich auch noch siech und krank, als ich nach mehreren Wochen wieder in das
gewöhnliche klösterliche Leben eintrat. Dennoch unternahm ich es wieder
die Kanzel zu besteigen, aber von innerer Angst gefoltert, gefolgt von der
entsetzlichen, bleichen Gestalt, vermochte ich kaum zusammenhängend zu
sprechen, viel weniger mich wie sonst dem Feuer der Beredsamkeit zu
überlassen. Meine Predigten waren gewöhnlich — steif — zerstückelt. —
Die Zuhörer bedauerten den Verlust meiner Rednergabe, verloren sich nach
und nach, und der alte Bruder der sonst gepredigt und nun noch offenbar
besser redete als ich, ersetzte wieder meine Stelle.
Nach einiger Zeit begab es sich, daß ein junger Graf, von seinem
Hofmeister mit dem er auf Reisen begriffen, begleitet, unser Kloster
besuchte und die vielen Merkwürdigkeiten desselben zu sehen begehrte. Ich
mußte die Reliquienkammer aufschließen und wir traten hinein, als der
Prior, der mit uns durch Chor und Kirche gegangen, abgerufen wurde, so
daß ich mit den Fremden allein blieb. Jedes Stück hatte ich gezeigt und
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erklärt, da fiel dem Grafen der mit zierlichem, altdeutschen Schnitzwerk
geschmückte Schrank ins Auge, in dem sich das Kistchen mit dem Teufels-
Elixier befand. Unerachtet ich nun nicht gleich mit der Sprache heraus
wollte was in dem Schrank verschlossen, so drangen beide, der Graf und
der Hofmeister, doch so lange in mich, bis ich die Legende vom
hl. Antonius und dem arglistigen Teufel erzählte und mich über die als
Reliquie aufbewahrte Flasche ganz getreu nach den Worten des Bruders
Cyrillus ausließ, ja sogar die Warnung hinzufügte, die er mir Rücksichts der
Gefahr des Öffnens der Kiste und des Vorzeigens der Flasche gegeben.
Unerachtet der Graf unserer Religion zugetan war, schien er doch
ebensowenig als der Hofmeister auf die Wahrscheinlichkeit der heiligen
Legenden viel zu bauen. Sie ergossen sich beide in allerlei witzigen
Anmerkungen und Einfällen über den komischen Teufel der die
Verführungsflaschen im zerrissenen Mantel trage, endlich nahm aber der
Hofmeister eine ernsthafte Miene an und sprach: „Haben Sie an uns
leichtsinnigen Weltmenschen kein Ärgernis, ehrwürdiger Herr! — Seien Sie
überzeugt, daß wir beide, ich und mein Graf, die Heiligen als herrliche von
der Religion hoch begeisterte Menschen verehren, die dem Heil ihrer Seele
sowie dem Heil der Menschen alle Freuden des Lebens, ja, das Leben selbst
opferten, was aber solche Geschichten betrifft, wie die soeben von Ihnen
erzählte, so glaube ich, daß nur eine geistreiche, von dem Heiligen
ersonnene Allegorie durch Mißverstand, als wirklich geschehen, ins Leben
gezogen wurde.“ —
geschmückte Schrank ins Auge, in dem sich das Kistchen mit dem Teufels-
Elixier befand. Unerachtet ich nun nicht gleich mit der Sprache heraus
wollte was in dem Schrank verschlossen, so drangen beide, der Graf und
der Hofmeister, doch so lange in mich, bis ich die Legende vom
hl. Antonius und dem arglistigen Teufel erzählte und mich über die als
Reliquie aufbewahrte Flasche ganz getreu nach den Worten des Bruders
Cyrillus ausließ, ja sogar die Warnung hinzufügte, die er mir Rücksichts der
Gefahr des Öffnens der Kiste und des Vorzeigens der Flasche gegeben.
Unerachtet der Graf unserer Religion zugetan war, schien er doch
ebensowenig als der Hofmeister auf die Wahrscheinlichkeit der heiligen
Legenden viel zu bauen. Sie ergossen sich beide in allerlei witzigen
Anmerkungen und Einfällen über den komischen Teufel der die
Verführungsflaschen im zerrissenen Mantel trage, endlich nahm aber der
Hofmeister eine ernsthafte Miene an und sprach: „Haben Sie an uns
leichtsinnigen Weltmenschen kein Ärgernis, ehrwürdiger Herr! — Seien Sie
überzeugt, daß wir beide, ich und mein Graf, die Heiligen als herrliche von
der Religion hoch begeisterte Menschen verehren, die dem Heil ihrer Seele
sowie dem Heil der Menschen alle Freuden des Lebens, ja, das Leben selbst
opferten, was aber solche Geschichten betrifft, wie die soeben von Ihnen
erzählte, so glaube ich, daß nur eine geistreiche, von dem Heiligen
ersonnene Allegorie durch Mißverstand, als wirklich geschehen, ins Leben
gezogen wurde.“ —
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Unter diesen Worten hatte der Hofmeister den Schieber des Kistchens
schnell aufgeschoben und die schwarze, sonderbar geformte Flasche
herausgenommen. Es verbreitete sich wirklich, wie der Bruder Cyrillus es
mir gesagt, ein starker Duft, der indessen nichts weniger als betäubend,
sondern vielmehr angenehm und wohltätig wirkte. „Ei“, rief der Graf, „ich
wette, daß das Elixier des Teufels weiter nichts ist als herrlicher echter
Syrakuser.“ — „Ganz gewiß,“ erwiderte der Hofmeister, „und stammt die
Flasche wirklich aus dem Nachlaß des hl. Antonius, so geht es Ihnen,
ehrwürdiger Herr, beinahe besser wie dem Könige von Neapel, den die
schnell aufgeschoben und die schwarze, sonderbar geformte Flasche
herausgenommen. Es verbreitete sich wirklich, wie der Bruder Cyrillus es
mir gesagt, ein starker Duft, der indessen nichts weniger als betäubend,
sondern vielmehr angenehm und wohltätig wirkte. „Ei“, rief der Graf, „ich
wette, daß das Elixier des Teufels weiter nichts ist als herrlicher echter
Syrakuser.“ — „Ganz gewiß,“ erwiderte der Hofmeister, „und stammt die
Flasche wirklich aus dem Nachlaß des hl. Antonius, so geht es Ihnen,
ehrwürdiger Herr, beinahe besser wie dem Könige von Neapel, den die
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Unart der Römer, den Wein nicht zu pfropfen sondern nur durch darauf
getröpfeltes Öl zu bewahren um das Vergnügen brachte, altrömischen Wein
zu kosten. Ist dieser Wein auch lange nicht so alt als jener gewesen wäre, so
ist es doch fürwahr der älteste, den es wohl geben mag, und darum täten Sie
wohl, die Reliquie in ihrem Nutzen zu verwenden und getrost
auszunippen.“ — „Gewiß“, fiel der Graf ein, „dieser uralte Syrakuser würde
neue Kraft in Ihre Adern gießen und die Kränklichkeit verscheuchen, von
der Sie, ehrwürdiger Herr, heimgesucht scheinen.“ Der Hofmeister holte
einen stählernen Korkzieher aus der Tasche und öffnete, meiner
Protestationen unerachtet, die Flasche. — Es war mir als zucke mit dem
Herausfliegen des Korks ein blaues Flämmchen empor, das gleich wieder
verschwand. — Stärker stieg der Duft aus der Flasche und wallte durch das
Zimmer. Der Hofmeister kostete zuerst und rief begeistert: „Herrlicher —
herrlicher Syrakuser! In der Tat, der Weinkeller des hl. Antonius war nicht
übel und machte der Teufel seinen Kellermeister, so meinte er es mit dem
heiligen Mann nicht so böse als man glaubt — kosten Sie, Graf!“ — Der
Graf tat es und bestätigte das, was der Hofmeister gesprochen. Beide
scherzten noch mehr über die Reliquie, die offenbar die schönste in der
ganzen Sammlung sei — sie wünschten sich einen ganzen Keller voll
solcher Reliquien usw. Ich hörte alles schweigend mit niedergesenktem
Haupte, mit zur Erde starrendem Blick an; der Frohsinn der Fremden hatte
für mich, in meiner düsteren Stimmung, etwas Quälendes; vergebens
drangen sie in mich, auch von dem Wein des heiligen Antonius zu kosten,
ich verweigerte es standhaft und verschloß die Flasche, wohl zugepfropft,
wieder in ihr Behältnis. —
Die Fremden verließen das Kloster, aber als ich einsam in meiner Zelle
saß, konnte ich mir selbst ein gewisses inneres Wohlbehagen, eine rege
Heiterkeit des Geistes nicht ableugnen. Es war offenbar, daß der geistige
Duft des Weins mich gestärkt hatte. Keine Spur der üblen Wirkung, von der
Cyrillus gesprochen, empfand ich, und nur der entgegengesetzte, wohltätige
Einfluß zeigte sich auf auffallende Weise: je mehr ich über die Legende des
hl. Antonius nachdachte, je lebhafter die Worte des Hofmeisters in meinem
Innern wiederklangen, desto gewisser wurde es mir, daß die Erklärung des
Hofmeisters die richtige sei, und nun erst durchfuhr mich, wie ein
leuchtender Blitz der Gedanke, daß an jenem unglücklichen Tage, als eine
feindselige Vision mich in der Predigt auf so verstörende Weise unterbrach,
ich ja selbst im Begriff gewesen, die Legende auf dieselbe Weise, als eine
getröpfeltes Öl zu bewahren um das Vergnügen brachte, altrömischen Wein
zu kosten. Ist dieser Wein auch lange nicht so alt als jener gewesen wäre, so
ist es doch fürwahr der älteste, den es wohl geben mag, und darum täten Sie
wohl, die Reliquie in ihrem Nutzen zu verwenden und getrost
auszunippen.“ — „Gewiß“, fiel der Graf ein, „dieser uralte Syrakuser würde
neue Kraft in Ihre Adern gießen und die Kränklichkeit verscheuchen, von
der Sie, ehrwürdiger Herr, heimgesucht scheinen.“ Der Hofmeister holte
einen stählernen Korkzieher aus der Tasche und öffnete, meiner
Protestationen unerachtet, die Flasche. — Es war mir als zucke mit dem
Herausfliegen des Korks ein blaues Flämmchen empor, das gleich wieder
verschwand. — Stärker stieg der Duft aus der Flasche und wallte durch das
Zimmer. Der Hofmeister kostete zuerst und rief begeistert: „Herrlicher —
herrlicher Syrakuser! In der Tat, der Weinkeller des hl. Antonius war nicht
übel und machte der Teufel seinen Kellermeister, so meinte er es mit dem
heiligen Mann nicht so böse als man glaubt — kosten Sie, Graf!“ — Der
Graf tat es und bestätigte das, was der Hofmeister gesprochen. Beide
scherzten noch mehr über die Reliquie, die offenbar die schönste in der
ganzen Sammlung sei — sie wünschten sich einen ganzen Keller voll
solcher Reliquien usw. Ich hörte alles schweigend mit niedergesenktem
Haupte, mit zur Erde starrendem Blick an; der Frohsinn der Fremden hatte
für mich, in meiner düsteren Stimmung, etwas Quälendes; vergebens
drangen sie in mich, auch von dem Wein des heiligen Antonius zu kosten,
ich verweigerte es standhaft und verschloß die Flasche, wohl zugepfropft,
wieder in ihr Behältnis. —
Die Fremden verließen das Kloster, aber als ich einsam in meiner Zelle
saß, konnte ich mir selbst ein gewisses inneres Wohlbehagen, eine rege
Heiterkeit des Geistes nicht ableugnen. Es war offenbar, daß der geistige
Duft des Weins mich gestärkt hatte. Keine Spur der üblen Wirkung, von der
Cyrillus gesprochen, empfand ich, und nur der entgegengesetzte, wohltätige
Einfluß zeigte sich auf auffallende Weise: je mehr ich über die Legende des
hl. Antonius nachdachte, je lebhafter die Worte des Hofmeisters in meinem
Innern wiederklangen, desto gewisser wurde es mir, daß die Erklärung des
Hofmeisters die richtige sei, und nun erst durchfuhr mich, wie ein
leuchtender Blitz der Gedanke, daß an jenem unglücklichen Tage, als eine
feindselige Vision mich in der Predigt auf so verstörende Weise unterbrach,
ich ja selbst im Begriff gewesen, die Legende auf dieselbe Weise, als eine
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geistreiche, belehrende Allegorie des heiligen Mannes vorzutragen. Diesem
Gedanken knüpfte sich ein anderer an, welcher bald mich so ganz und gar
erfüllte, daß alles übrige in ihm unterging. — Wie, dachte ich, wenn das
wunderbare Getränk mit geistiger Kraft dein Inneres stärkte, ja die
erloschene Flamme entzünden könnte, daß sie in neuem Leben
emporstrahlte? — Wenn schon dadurch eine geheimnisvolle Verwandtschaft
deines Geistes mit den in jenem Wein verschlossenen Naturkräften sich
offenbaret hätte, daß derselbe Duft der den schwächlichen Cyrillus
betäubte, auf dich nur wohltätig wirkte? — Aber, war ich auch schon
entschlossen dem Rate der Fremden zu folgen, wollte ich schon zur Tat
schreiten, so hielt mich immer wieder ein inneres, mir selbst unerklärliches
Widerstreben davon zurück. Ja, im Begriff den Schrank aufzuschließen,
schien es mir, als erblicke ich in dem Schnitzwerk das entsetzliche Gesicht
des Malers mit den mich durchbohrenden, lebendigtotstarren Augen, und
von gespenstischem Grauen gewaltsam ergriffen, floh ich aus der
Reliquienkammer, um an heiliger Stätte meinen Vorwitz zu bereuen. Aber
immer und immer verfolgte mich der Gedanke, daß nur durch den Genuß
des wunderbaren Weins mein Geist sich erlaben und stärken könne. — Das
Betragen des Priors — der Mönche — die mich wie einen geistig
Erkrankten mit gutgemeinter, aber niederbeugender Schonung behandelten,
brachte mich zur Verzweiflung, und als Leonardus nun gar mich von den
gewöhnlichen Andachtsübungen dispensierte, damit ich meine Kräfte ganz
sammeln solle, da beschloß ich, in schlafloser Nacht von tiefem Schlaf
gefoltert, auf den Tod alles zu wagen, um die geistige Kraft
wiederzugewinnen oder unterzugehen. — Ich stand vom Lager auf und
schlich wie ein Gespenst mit der Lampe, die ich bei dem Marienbilde auf
dem Gange des Klosters angezündet, durch die Kirche nach der
Reliquienkammer. Von dem flackernden Scheine der Lampe beleuchtet,
schienen die heiligen Bilder in der Kirche sich zu regen, es war, als blickten
sie mitleidsvoll auf mich herab, es war, als höre ich in dem dumpfen
Brausen des Sturms, der durch die zerschlagenen Fenster ins Chor
hineinfuhr, klägliche, warnende Stimmen, ja, als riefe mir meine Mutter zu
aus weiter Ferne: „Sohn Medardus, was beginnst du, laß ab von dem
gefährlichen Unternehmen!“ — Als ich in die Reliquienkammer getreten
war alles still und ruhig, ich schloß den Schrank auf, ich ergriff das
Kistchen, die Flasche, bald hatte ich einen kräftigen Zug getan! — Glut
strömte durch meine Adern und erfüllte mich mit dem Gefühl
Gedanken knüpfte sich ein anderer an, welcher bald mich so ganz und gar
erfüllte, daß alles übrige in ihm unterging. — Wie, dachte ich, wenn das
wunderbare Getränk mit geistiger Kraft dein Inneres stärkte, ja die
erloschene Flamme entzünden könnte, daß sie in neuem Leben
emporstrahlte? — Wenn schon dadurch eine geheimnisvolle Verwandtschaft
deines Geistes mit den in jenem Wein verschlossenen Naturkräften sich
offenbaret hätte, daß derselbe Duft der den schwächlichen Cyrillus
betäubte, auf dich nur wohltätig wirkte? — Aber, war ich auch schon
entschlossen dem Rate der Fremden zu folgen, wollte ich schon zur Tat
schreiten, so hielt mich immer wieder ein inneres, mir selbst unerklärliches
Widerstreben davon zurück. Ja, im Begriff den Schrank aufzuschließen,
schien es mir, als erblicke ich in dem Schnitzwerk das entsetzliche Gesicht
des Malers mit den mich durchbohrenden, lebendigtotstarren Augen, und
von gespenstischem Grauen gewaltsam ergriffen, floh ich aus der
Reliquienkammer, um an heiliger Stätte meinen Vorwitz zu bereuen. Aber
immer und immer verfolgte mich der Gedanke, daß nur durch den Genuß
des wunderbaren Weins mein Geist sich erlaben und stärken könne. — Das
Betragen des Priors — der Mönche — die mich wie einen geistig
Erkrankten mit gutgemeinter, aber niederbeugender Schonung behandelten,
brachte mich zur Verzweiflung, und als Leonardus nun gar mich von den
gewöhnlichen Andachtsübungen dispensierte, damit ich meine Kräfte ganz
sammeln solle, da beschloß ich, in schlafloser Nacht von tiefem Schlaf
gefoltert, auf den Tod alles zu wagen, um die geistige Kraft
wiederzugewinnen oder unterzugehen. — Ich stand vom Lager auf und
schlich wie ein Gespenst mit der Lampe, die ich bei dem Marienbilde auf
dem Gange des Klosters angezündet, durch die Kirche nach der
Reliquienkammer. Von dem flackernden Scheine der Lampe beleuchtet,
schienen die heiligen Bilder in der Kirche sich zu regen, es war, als blickten
sie mitleidsvoll auf mich herab, es war, als höre ich in dem dumpfen
Brausen des Sturms, der durch die zerschlagenen Fenster ins Chor
hineinfuhr, klägliche, warnende Stimmen, ja, als riefe mir meine Mutter zu
aus weiter Ferne: „Sohn Medardus, was beginnst du, laß ab von dem
gefährlichen Unternehmen!“ — Als ich in die Reliquienkammer getreten
war alles still und ruhig, ich schloß den Schrank auf, ich ergriff das
Kistchen, die Flasche, bald hatte ich einen kräftigen Zug getan! — Glut
strömte durch meine Adern und erfüllte mich mit dem Gefühl
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unbeschreiblichen Wohlseins — ich trank noch einmal, und die Lust eines
neuen, herrlichen Lebens ging in mir auf! — Schnell verschloß ich das leere
Kistchen in den Schrank, eilte rasch mit der wohltätigen Flasche nach
meiner Zelle und stellte sie in mein Schreibpult. — Da fiel mir der kleine
Schlüssel in die Hände, den ich damals, um jeder Versuchung zu entgehen,
vom Bunde löste, und doch hatte ich ohne ihn, sowohl damals als die
Fremden zugegen waren, als jetzt, den Schrank aufgeschlossen? — Ich
untersuchte meinen Schlüsselbund, und siehe, ein unbekannter Schlüssel,
mit dem ich damals und jetzt den Schrank geöffnet, ohne in der Zerstreuung
darauf zu merken, hatte sich zu den übrigen gefunden. — Ich erbebte
unwillkürlich, aber ein buntes Bild jug das andere bei dem wie aus tiefem
Schlaf aufgerüttelten Geiste vorüber. Ich hatte nicht Ruhe, nicht Rast, bis
der Morgen heiter anbrach und ich hinabeilen konnte in den Klostergarten,
um mich in den Strahlen der Sonne, die feurig und glühend hinter den
Bergen emporstieg, zu baden. Leonardus, die Brüder, bemerkten meine
Veränderung; statt daß ich sonst in mich verschlossen kein Wort sprach, war
ich heiter und lebendig. Als rede ich vor versammelter Gemeinde, sprach
ich mit dem Feuer der Beredsamkeit, wie es sonst mir eigen. Da ich mit
Leonardus allein geblieben, sah er mich lange an, als wollte er mein
Innerstes durchdringen; dann sprach er aber, indem ein leises ironisches
Lächeln über sein Gesicht flog: „Hat der Bruder Medardus vielleicht in
einer Vision neue Kraft und verjüngtes Leben von oben herab erhalten?“ —
Ich fühlte mich vor Scham erglühen, denn in dem Augenblick kam mir
meine Exaltation, durch einen Schluck alten Weins erzeugt, nichtswürdig
und armselig vor. Mit niedergeschlagenen Augen und gesenktem Haupte
stand ich da, Leonardus überließ mich meinen Betrachtungen. Nur zu sehr
hatte ich gefürchtet, daß die Spannung in die mich der genossene Wein
versetzt, nicht lange anhalten, sondern vielleicht zu meinem Gram noch
größere Ohnmacht nach sich ziehn würde; es war aber dem nicht so,
vielmehr fühlte ich, wie mit der wiedererlangten Kraft auch jugendlicher
Mut und jenes rastlose Streben nach dem höchsten Wirkungskreise den mir
das Kloster darbot, zurückkehrte. Ich bestand darauf, am nächsten heiligen
Tage wieder zu predigen, und es wurde mir vergönnt. Kurz vorher ehe ich
die Kanzel bestieg, genoß ich von dem wunderbaren Weine; nie hatte ich
darauf feuriger, salbungsreicher, eindringender gesprochen. Schnell
verbreitete sich der Ruf meiner gänzlichen Wiederherstellung und so wie
sonst füllte sich wieder die Kirche, aber je mehr ich den Beifall der Menge
neuen, herrlichen Lebens ging in mir auf! — Schnell verschloß ich das leere
Kistchen in den Schrank, eilte rasch mit der wohltätigen Flasche nach
meiner Zelle und stellte sie in mein Schreibpult. — Da fiel mir der kleine
Schlüssel in die Hände, den ich damals, um jeder Versuchung zu entgehen,
vom Bunde löste, und doch hatte ich ohne ihn, sowohl damals als die
Fremden zugegen waren, als jetzt, den Schrank aufgeschlossen? — Ich
untersuchte meinen Schlüsselbund, und siehe, ein unbekannter Schlüssel,
mit dem ich damals und jetzt den Schrank geöffnet, ohne in der Zerstreuung
darauf zu merken, hatte sich zu den übrigen gefunden. — Ich erbebte
unwillkürlich, aber ein buntes Bild jug das andere bei dem wie aus tiefem
Schlaf aufgerüttelten Geiste vorüber. Ich hatte nicht Ruhe, nicht Rast, bis
der Morgen heiter anbrach und ich hinabeilen konnte in den Klostergarten,
um mich in den Strahlen der Sonne, die feurig und glühend hinter den
Bergen emporstieg, zu baden. Leonardus, die Brüder, bemerkten meine
Veränderung; statt daß ich sonst in mich verschlossen kein Wort sprach, war
ich heiter und lebendig. Als rede ich vor versammelter Gemeinde, sprach
ich mit dem Feuer der Beredsamkeit, wie es sonst mir eigen. Da ich mit
Leonardus allein geblieben, sah er mich lange an, als wollte er mein
Innerstes durchdringen; dann sprach er aber, indem ein leises ironisches
Lächeln über sein Gesicht flog: „Hat der Bruder Medardus vielleicht in
einer Vision neue Kraft und verjüngtes Leben von oben herab erhalten?“ —
Ich fühlte mich vor Scham erglühen, denn in dem Augenblick kam mir
meine Exaltation, durch einen Schluck alten Weins erzeugt, nichtswürdig
und armselig vor. Mit niedergeschlagenen Augen und gesenktem Haupte
stand ich da, Leonardus überließ mich meinen Betrachtungen. Nur zu sehr
hatte ich gefürchtet, daß die Spannung in die mich der genossene Wein
versetzt, nicht lange anhalten, sondern vielleicht zu meinem Gram noch
größere Ohnmacht nach sich ziehn würde; es war aber dem nicht so,
vielmehr fühlte ich, wie mit der wiedererlangten Kraft auch jugendlicher
Mut und jenes rastlose Streben nach dem höchsten Wirkungskreise den mir
das Kloster darbot, zurückkehrte. Ich bestand darauf, am nächsten heiligen
Tage wieder zu predigen, und es wurde mir vergönnt. Kurz vorher ehe ich
die Kanzel bestieg, genoß ich von dem wunderbaren Weine; nie hatte ich
darauf feuriger, salbungsreicher, eindringender gesprochen. Schnell
verbreitete sich der Ruf meiner gänzlichen Wiederherstellung und so wie
sonst füllte sich wieder die Kirche, aber je mehr ich den Beifall der Menge
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erwarb, desto ernster und zurückhaltender wurde Leonardus, und ich fing
an, ihn von ganzer Seele zu hassen, da ich ihn von kleinlichem Neide und
mönchischem Stolz befangen glaubte. —
Der Bernardustag kam heran und ich war voll brennender Begierde vor
der Fürstin recht mein Licht leuchten zu lassen, weshalb ich den Prior bat es
zu veranstalten, daß es mir vergönnt werde, an dem Tage im
Cisterzienserkloster zu predigen. — Den Leonardus schien meine Bitte auf
besondere Weise zu überraschen, er gestand mir unverhohlen, daß er gerade
dieses Mal im Sinn gehabt habe selbst zu predigen, und daß deshalb schon
das Nötige angeordnet sei, desto leichter sei indessen die Erfüllung meiner
Bitte, da er sich mit Krankheit entschuldigen und mich statt seiner
herausschicken werde. —
Das geschah wirklich! — Ich sah meine Mutter sowie die Fürstin den
Abend vorher; mein Inneres war aber so ganz von meiner Rede erfüllt, die
den höchsten Gipfel der Beredsamkeit erreichen sollte, daß ihr Wiedersehen
nur einen geringen Eindruck auf mich machte. Es war in der Stadt
verbreitet, daß ich statt des erkrankten Leonardus predigen würde, und dies
hatte vielleicht noch einen größeren Teil des gebildeten Publikums
herbeigezogen. Ohne das Mindeste aufzuschreiben, nur in Gedanken die
Rede in ihren Teilen ordnend, rechnete ich auf die hohe Begeisterung, die
das feierliche Hochamt, das versammelte andächtige Volk, ja selbst die
herrliche hochgewölbte Kirche in mir erwecken würde, und hatte mich in
der Tat nicht geirrt. — Wie ein Feuerstrom flossen meine Worte, die mit der
Erinnerung an den heiligen Bernhard die sinnreichsten Bilder, die
frömmsten Betrachtungen enthielten, dahin, und in allen auf mich
gerichteten Blicken las ich Staunen und Bewunderung. Wie war ich darauf
gespannt was die Fürstin wohl sagen werde, wie erwartete ich den höchsten
Ausbruch ihres innigsten Wohlgefallens, ja es war mir, als müsse sie den,
der sie schon als Kind in Erstaunen gesetzt, jetzt die ihm inwohnende
höhere Macht deutlicher ahnend, mit unwillkürlicher Ehrfurcht empfangen.
Als ich sie sprechen wollte ließ sie mir sagen, daß sie, plötzlich von einer
Kränklichkeit überfallen, niemanden, auch mich nicht sprechen könne. —
Dies war mir um so verdrießlicher, als nach meinem stolzen Wahn die
Äbtissin in der höchsten Begeisterung das Bedürfnis hätte fühlen sollen,
noch salbungsreiche Worte von mir zu vernehmen. Meine Mutter schien
einen heimlichen Gram in sich zu tragen, nach dessen Ursache ich mich
an, ihn von ganzer Seele zu hassen, da ich ihn von kleinlichem Neide und
mönchischem Stolz befangen glaubte. —
Der Bernardustag kam heran und ich war voll brennender Begierde vor
der Fürstin recht mein Licht leuchten zu lassen, weshalb ich den Prior bat es
zu veranstalten, daß es mir vergönnt werde, an dem Tage im
Cisterzienserkloster zu predigen. — Den Leonardus schien meine Bitte auf
besondere Weise zu überraschen, er gestand mir unverhohlen, daß er gerade
dieses Mal im Sinn gehabt habe selbst zu predigen, und daß deshalb schon
das Nötige angeordnet sei, desto leichter sei indessen die Erfüllung meiner
Bitte, da er sich mit Krankheit entschuldigen und mich statt seiner
herausschicken werde. —
Das geschah wirklich! — Ich sah meine Mutter sowie die Fürstin den
Abend vorher; mein Inneres war aber so ganz von meiner Rede erfüllt, die
den höchsten Gipfel der Beredsamkeit erreichen sollte, daß ihr Wiedersehen
nur einen geringen Eindruck auf mich machte. Es war in der Stadt
verbreitet, daß ich statt des erkrankten Leonardus predigen würde, und dies
hatte vielleicht noch einen größeren Teil des gebildeten Publikums
herbeigezogen. Ohne das Mindeste aufzuschreiben, nur in Gedanken die
Rede in ihren Teilen ordnend, rechnete ich auf die hohe Begeisterung, die
das feierliche Hochamt, das versammelte andächtige Volk, ja selbst die
herrliche hochgewölbte Kirche in mir erwecken würde, und hatte mich in
der Tat nicht geirrt. — Wie ein Feuerstrom flossen meine Worte, die mit der
Erinnerung an den heiligen Bernhard die sinnreichsten Bilder, die
frömmsten Betrachtungen enthielten, dahin, und in allen auf mich
gerichteten Blicken las ich Staunen und Bewunderung. Wie war ich darauf
gespannt was die Fürstin wohl sagen werde, wie erwartete ich den höchsten
Ausbruch ihres innigsten Wohlgefallens, ja es war mir, als müsse sie den,
der sie schon als Kind in Erstaunen gesetzt, jetzt die ihm inwohnende
höhere Macht deutlicher ahnend, mit unwillkürlicher Ehrfurcht empfangen.
Als ich sie sprechen wollte ließ sie mir sagen, daß sie, plötzlich von einer
Kränklichkeit überfallen, niemanden, auch mich nicht sprechen könne. —
Dies war mir um so verdrießlicher, als nach meinem stolzen Wahn die
Äbtissin in der höchsten Begeisterung das Bedürfnis hätte fühlen sollen,
noch salbungsreiche Worte von mir zu vernehmen. Meine Mutter schien
einen heimlichen Gram in sich zu tragen, nach dessen Ursache ich mich
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nicht unterstand zu forschen, weil ein geheimes Gefühl mir selbst die
Schuld davon aufbürdete, ohne daß ich mir dies hätte deutlicher enträtseln
können. Sie gab mir ein kleines Billet von der Fürstin, das ich erst im
Kloster öffnen sollte: kaum war ich in meiner Zelle, als ich zu meinem
Erstaunen folgendes las:
„Du hast mich, mein lieber Sohn (denn noch will ich Dich so
nennen), durch die Rede, die Du in der Kirche unseres Klosters hieltest,
in die tiefste Betrübnis gesetzt. Deine Worte kommen nicht aus dem
andächtigen ganz dem Himmlischen zugewandten Gemüte, Deine
Begeisterung war nicht diejenige, welche den Frommen auf
Seraphsfittichen emporträgt, daß er in heiliger Verzückung das
himmlische Reich zu schauen vermag. Ach! — der stolze Prunk Deiner
Rede, Deine sichtliche Anstrengung, nur recht viel Auffallendes,
Glänzendes zu sagen, hat mir bewiesen, daß Du, statt die Gemeinde zu
belehren und zu frommen Betrachtungen zu entzünden, nur nach dem
Beifall, nach der wertlosen Bewunderung der weltlich gesinnten Menge
trachtest. Du hast Gefühle geheuchelt die nicht in Deinem Innern waren,
ja Du hast selbst gewisse sichtlich studierte Mienen und Bewegungen
erkünstelt wie ein eitler Schauspieler, alles nur des schnöden Beifalls
wegen. Der Geist des Truges ist in Dich gefahren und wird Dich
verderben, wenn Du nicht in Dich gehst und der Sünde entsagest. Denn
Sünde, große Sünde, ist dein Tun und Treiben, umsomehr, als Du Dich
zum frömmsten Wandel, zur Entsagung aller irdischen Torheit im
Kloster, dem Himmel verpflichtet. Der heilige Bernardus, den Du durch
Deine trügerische Rede so schnöde beleidigt, möge Dir nach seiner
himmlischen Langmut verzeihen, ja Dich erleuchten, daß Du den
rechten Pfad, von dem Du durch den Bösen verlockt abgewichen,
wieder findest, und er fürbitten könne für das Heil Deiner Seele. Gehab
Dich wohl!“
Wie hundert Blitze durchfuhren mich die Worte der Äbtissin und ich
erglühte vor innerm Zorn, denn nichts war mir gewisser, als daß Leonardus,
dessen mannigfache Andeutungen über meine Predigten ebendahin
gewiesen hatten, die Andächtelei der Fürstin benutzt und sie gegen mich
und mein Rednertalent aufgewiegelt habe. Kaum konnte ich ihn mehr
anschauen, ohne vor innerlicher Wut zu erbeben, ja es kamen mir oft
Schuld davon aufbürdete, ohne daß ich mir dies hätte deutlicher enträtseln
können. Sie gab mir ein kleines Billet von der Fürstin, das ich erst im
Kloster öffnen sollte: kaum war ich in meiner Zelle, als ich zu meinem
Erstaunen folgendes las:
„Du hast mich, mein lieber Sohn (denn noch will ich Dich so
nennen), durch die Rede, die Du in der Kirche unseres Klosters hieltest,
in die tiefste Betrübnis gesetzt. Deine Worte kommen nicht aus dem
andächtigen ganz dem Himmlischen zugewandten Gemüte, Deine
Begeisterung war nicht diejenige, welche den Frommen auf
Seraphsfittichen emporträgt, daß er in heiliger Verzückung das
himmlische Reich zu schauen vermag. Ach! — der stolze Prunk Deiner
Rede, Deine sichtliche Anstrengung, nur recht viel Auffallendes,
Glänzendes zu sagen, hat mir bewiesen, daß Du, statt die Gemeinde zu
belehren und zu frommen Betrachtungen zu entzünden, nur nach dem
Beifall, nach der wertlosen Bewunderung der weltlich gesinnten Menge
trachtest. Du hast Gefühle geheuchelt die nicht in Deinem Innern waren,
ja Du hast selbst gewisse sichtlich studierte Mienen und Bewegungen
erkünstelt wie ein eitler Schauspieler, alles nur des schnöden Beifalls
wegen. Der Geist des Truges ist in Dich gefahren und wird Dich
verderben, wenn Du nicht in Dich gehst und der Sünde entsagest. Denn
Sünde, große Sünde, ist dein Tun und Treiben, umsomehr, als Du Dich
zum frömmsten Wandel, zur Entsagung aller irdischen Torheit im
Kloster, dem Himmel verpflichtet. Der heilige Bernardus, den Du durch
Deine trügerische Rede so schnöde beleidigt, möge Dir nach seiner
himmlischen Langmut verzeihen, ja Dich erleuchten, daß Du den
rechten Pfad, von dem Du durch den Bösen verlockt abgewichen,
wieder findest, und er fürbitten könne für das Heil Deiner Seele. Gehab
Dich wohl!“
Wie hundert Blitze durchfuhren mich die Worte der Äbtissin und ich
erglühte vor innerm Zorn, denn nichts war mir gewisser, als daß Leonardus,
dessen mannigfache Andeutungen über meine Predigten ebendahin
gewiesen hatten, die Andächtelei der Fürstin benutzt und sie gegen mich
und mein Rednertalent aufgewiegelt habe. Kaum konnte ich ihn mehr
anschauen, ohne vor innerlicher Wut zu erbeben, ja es kamen mir oft
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Gedanken, ihn zu verderben in den Sinn, vor denen ich selbst erschrak. Um
so unerträglicher waren mir die Vorwürfe der Äbtissin und des Priors, als
ich in der tiefsten meiner Seele wohl die Wahrheit derselben fühlte; aber
immer fester und fester beharrend in meinem Tun, mich stärkend durch
Tropfen Weins aus der geheimnisvollen Flasche, fuhrt ich fort, meine
Predigten mit allen Künsten der Rhetorik auszuschmücken und mein
Mienenspiel, meine Gestikulationen sorgfältig zu studieren, und so gewann
ich des Beifalls, der Bewunderung immer mehr und mehr.
Das Morgenlicht brach in farbigten Strahlen durch die bunten Fenster
der Klosterkirche; einsam, und in tiefe Gedanken versunken saß ich im
Beichtstuhl; nur die Tritte des dienenden Laienbruders der die Kirche
reinigte, hallten durch das Gewölbe. Da rauschte es in meiner Nähe und ich
erblickte ein großes, schlankes Frauenzimmer, auf fremdartige Weise
gekleidet, einen Schleier über das Gesicht gehängt, die durch die
Seitenpforte hereingetreten, sich mir nahte um zu beichten. Sie bewegte
sich mit unbeschreiblicher Anmut, sie kniete nieder, ein tiefer Seufzer
entfloh ihrer Brust, ich fühlte ihren glühenden Atem, es war als umstricke
mich ein betäubender Zauber, noch ehe sie sprach! — Wie vermag ich den
ganz eignen, ins Innerste dringenden Ton ihrer Stimme zu beschreiben! —
Jedes ihrer Worte griff in meine Brust, als sie bekannte, wie sie eine
verbotene Liebe hege, die sie schon seit langer Zeit vergebens bekämpfe,
und daß diese Liebe um so sündlicher sei, als den Geliebten heilige Bande
auf ewig fesselten; aber im Wahnsinn hoffnungsloser Verzweiflung habe sie
diesen Banden schon geflucht. — Sie stockte — mit einem Tränenstrom der
die Worte beinahe erstickte, brach sie los: „Du selbst — du selbst,
Medardus, bist es, den ich so unaussprechlich liebe!“ — Wie im tötenden
Krampf zuckten alle meine Nerven, ich war außer mir selbst, ein nie
gekanntes Gefühl zerriß meine Brust, sie sehen, sie an mich drücken —
vergehen vor Wonne und Qual, eine Minute dieser Seligkeit für ewige
Marter der Hölle! — Sie schwieg, aber ich hörte sie tief atmen. — In einer
Art wilder Verzweiflung raffte ich mich gewaltsam zusammen, was ich
gesprochen, weiß ich nicht mehr, aber ich nahm wahr, daß sie schweigend
aufstand und sich entfernte, während ich das Tuch fest vor die Augen
drückte, und wie erstarrt, bewußtlos im Beichtstuhl sitzen blieb. —
Zum Glück kam niemand mehr in die Kirche, ich konnte daher
unbemerkt in meine Zelle entweichen. Wie so ganz anders erschien mir
so unerträglicher waren mir die Vorwürfe der Äbtissin und des Priors, als
ich in der tiefsten meiner Seele wohl die Wahrheit derselben fühlte; aber
immer fester und fester beharrend in meinem Tun, mich stärkend durch
Tropfen Weins aus der geheimnisvollen Flasche, fuhrt ich fort, meine
Predigten mit allen Künsten der Rhetorik auszuschmücken und mein
Mienenspiel, meine Gestikulationen sorgfältig zu studieren, und so gewann
ich des Beifalls, der Bewunderung immer mehr und mehr.
Das Morgenlicht brach in farbigten Strahlen durch die bunten Fenster
der Klosterkirche; einsam, und in tiefe Gedanken versunken saß ich im
Beichtstuhl; nur die Tritte des dienenden Laienbruders der die Kirche
reinigte, hallten durch das Gewölbe. Da rauschte es in meiner Nähe und ich
erblickte ein großes, schlankes Frauenzimmer, auf fremdartige Weise
gekleidet, einen Schleier über das Gesicht gehängt, die durch die
Seitenpforte hereingetreten, sich mir nahte um zu beichten. Sie bewegte
sich mit unbeschreiblicher Anmut, sie kniete nieder, ein tiefer Seufzer
entfloh ihrer Brust, ich fühlte ihren glühenden Atem, es war als umstricke
mich ein betäubender Zauber, noch ehe sie sprach! — Wie vermag ich den
ganz eignen, ins Innerste dringenden Ton ihrer Stimme zu beschreiben! —
Jedes ihrer Worte griff in meine Brust, als sie bekannte, wie sie eine
verbotene Liebe hege, die sie schon seit langer Zeit vergebens bekämpfe,
und daß diese Liebe um so sündlicher sei, als den Geliebten heilige Bande
auf ewig fesselten; aber im Wahnsinn hoffnungsloser Verzweiflung habe sie
diesen Banden schon geflucht. — Sie stockte — mit einem Tränenstrom der
die Worte beinahe erstickte, brach sie los: „Du selbst — du selbst,
Medardus, bist es, den ich so unaussprechlich liebe!“ — Wie im tötenden
Krampf zuckten alle meine Nerven, ich war außer mir selbst, ein nie
gekanntes Gefühl zerriß meine Brust, sie sehen, sie an mich drücken —
vergehen vor Wonne und Qual, eine Minute dieser Seligkeit für ewige
Marter der Hölle! — Sie schwieg, aber ich hörte sie tief atmen. — In einer
Art wilder Verzweiflung raffte ich mich gewaltsam zusammen, was ich
gesprochen, weiß ich nicht mehr, aber ich nahm wahr, daß sie schweigend
aufstand und sich entfernte, während ich das Tuch fest vor die Augen
drückte, und wie erstarrt, bewußtlos im Beichtstuhl sitzen blieb. —
Zum Glück kam niemand mehr in die Kirche, ich konnte daher
unbemerkt in meine Zelle entweichen. Wie so ganz anders erschien mir
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jetzt alles, wie töricht, wie schal mein ganzes Streben. — Ich hatte das
Gesicht der Unbekannten nicht gesehen und doch lebte sie in meinem
Innern und blickte mich an mit holdseligen dunkelblauen Augen, in denen
Tränen perlten, die wie mit verzehrender Glut in meine Seele fielen und die
Flamme entzündeten, die kein Gebet, keine Bußübung mehr dämpfte. Denn
diese unternahm ich, mich züchtigend bis aufs Blut mit dem Knotenstrick,
um der ewigen Verdammnis zu entgehen, die mir drohte, da oft jenes Feuer,
das das fremde Weib in mich geworfen, die sündlichsten Begierden, welche
sonst mir unbekannt geblieben, erregte, so daß ich mich nicht zu retten
wußte vor wollüstiger Qual.
Ein Altar in unserer Kirche war der heiligen Rosalia geweiht und ihr
herrliches Bild in dem Moment gemalt, als sie den Märtyrertod erleidet. —
Es war meine Geliebte, ich erkannte sie, ja sogar ihre Kleidung war dem
seltsamen Anzug der Unbekannten völlig gleich. Da lag ich stundenlang
wie von verderblichem Wahnsinn befangen, niedergeworfen auf den Stufen
des Altars und stieß heulende, entsetzliche Töne der Verzweiflung aus, daß
die Mönche sich entsetzten und scheu vor mir wichen. — In ruhigeren
Augenblicken lief ich im Klostergarten auf und ab, in duftiger Ferne sah ich
sie wandeln, sie trat aus den Gebüschen, sie stieg empor aus den Quellen,
sie schwebte auf blumigter Wiese, überall nur sie, nur sie! — Da
verwünschte ich mein Gelübde, mein Dasein! — Hinaus in die Welt wollte
ich und nicht rasten, bis ich sie gefunden, sie erkaufen mit dem Heil meiner
Seele. Es gelang mir endlich wenigstens, mich in den Ausbrüchen meines
den Brüdern und dem Prior unerklärlichen Wahnsinns zu mäßigen, ich
konnte ruhiger scheinen, aber immer tiefer ins Innere hinein zehrte die
verderbliche Flamme. Kein Schlaf! — Keine Ruhe! — Von ihrem Bilde
verfolgt wälzte ich mich auf dem harten Lager und rief die Heiligen an,
nicht, mich zu retten von dem verführerischen Gaukelbilde das mich
umschwebte, nicht, meine Seele zu bewahren vor ewiger Verdammnis,
nein! — mir das Weib zu geben, meinen Schwur zu lösen, mir Freiheit zu
schenken zum sündigen Abfall! —
Endlich stand es fest in meiner Seele, meiner Qual durch die Flucht aus
dem Kloster ein Ende zu machen. Denn nur die Befreiung von den
Klostergelübden schien mir notwendig zu sein, um das Weib in meinen
Armen zu sehen und die Begierde zu stillen, die in mir brannte. Ich
beschloß, unkenntlich geworden durch das Abscheren meines Barts und
Gesicht der Unbekannten nicht gesehen und doch lebte sie in meinem
Innern und blickte mich an mit holdseligen dunkelblauen Augen, in denen
Tränen perlten, die wie mit verzehrender Glut in meine Seele fielen und die
Flamme entzündeten, die kein Gebet, keine Bußübung mehr dämpfte. Denn
diese unternahm ich, mich züchtigend bis aufs Blut mit dem Knotenstrick,
um der ewigen Verdammnis zu entgehen, die mir drohte, da oft jenes Feuer,
das das fremde Weib in mich geworfen, die sündlichsten Begierden, welche
sonst mir unbekannt geblieben, erregte, so daß ich mich nicht zu retten
wußte vor wollüstiger Qual.
Ein Altar in unserer Kirche war der heiligen Rosalia geweiht und ihr
herrliches Bild in dem Moment gemalt, als sie den Märtyrertod erleidet. —
Es war meine Geliebte, ich erkannte sie, ja sogar ihre Kleidung war dem
seltsamen Anzug der Unbekannten völlig gleich. Da lag ich stundenlang
wie von verderblichem Wahnsinn befangen, niedergeworfen auf den Stufen
des Altars und stieß heulende, entsetzliche Töne der Verzweiflung aus, daß
die Mönche sich entsetzten und scheu vor mir wichen. — In ruhigeren
Augenblicken lief ich im Klostergarten auf und ab, in duftiger Ferne sah ich
sie wandeln, sie trat aus den Gebüschen, sie stieg empor aus den Quellen,
sie schwebte auf blumigter Wiese, überall nur sie, nur sie! — Da
verwünschte ich mein Gelübde, mein Dasein! — Hinaus in die Welt wollte
ich und nicht rasten, bis ich sie gefunden, sie erkaufen mit dem Heil meiner
Seele. Es gelang mir endlich wenigstens, mich in den Ausbrüchen meines
den Brüdern und dem Prior unerklärlichen Wahnsinns zu mäßigen, ich
konnte ruhiger scheinen, aber immer tiefer ins Innere hinein zehrte die
verderbliche Flamme. Kein Schlaf! — Keine Ruhe! — Von ihrem Bilde
verfolgt wälzte ich mich auf dem harten Lager und rief die Heiligen an,
nicht, mich zu retten von dem verführerischen Gaukelbilde das mich
umschwebte, nicht, meine Seele zu bewahren vor ewiger Verdammnis,
nein! — mir das Weib zu geben, meinen Schwur zu lösen, mir Freiheit zu
schenken zum sündigen Abfall! —
Endlich stand es fest in meiner Seele, meiner Qual durch die Flucht aus
dem Kloster ein Ende zu machen. Denn nur die Befreiung von den
Klostergelübden schien mir notwendig zu sein, um das Weib in meinen
Armen zu sehen und die Begierde zu stillen, die in mir brannte. Ich
beschloß, unkenntlich geworden durch das Abscheren meines Barts und
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weltliche Kleidung, so lange in der Stadt umherzuschweifen, bis ich sie
gefunden, und dachte nicht daran, wie schwer, ja wie unmöglich das
vielleicht sein werde, ja, wie ich vielleicht, von allem Gelde entblößt, nicht
einen einzigen Tag außerhalb der Mauern würde leben können.
Der letzte Tag den ich noch im Kloster zubringen wollte, war endlich
herangekommen, durch einen günstigen Zufall hatte ich anständige
bürgerliche Kleider erhalten; in der nächsten Nacht wollte ich das Kloster
verlassen um nie wieder zurückzukehren. Schon war es Abend geworden
als der Prior mich ganz unerwartet zu sich rufen ließ. Ich erbebte, denn
nichts glaubte ich gewisser, als daß er von meinem heimlichen Anschlage
etwas bemerkt habe. Leonardus empfing mich mit ungewöhnlichem Ernst,
ja mit einer imponierenden Würde, vor der ich unwillkürlich erzittern
mußte. „Bruder Medardus,“ fing er an, „dein unsinniges Betragen, das ich
nur für den stärkeren Ausbruch jener geistigen Exaltation halte, die du seit
längerer Zeit vielleicht nicht aus den reinsten Absichten herbeigeführt hast,
zerreißt unser ruhiges Beisammensein, ja es wirkt zerstörend auf die
Heiterkeit und Gemütlichkeit, die ich als das Erzeugnis eines stillen,
frommen Lebens bis jetzt unter den Brüdern zu erhalten strebte. —
Vielleicht ist aber auch irgend ein feindliches Ereignis das dich betroffen,
daran schuld. Du hättest bei mir, deinem väterlichen Freunde, dem du sicher
alles anvertrauen konntest, Trost gefunden, doch du schwiegst, und ich mag
umsoweniger in dich dringen, als mich jetzt dein Geheimnis um einen Teil
meiner Ruhe bringen könnte, die ich im heitern Alter über alles schätze. —
Du hast oftmals, vorzüglich bei dem Altar der hl. Rosalia, durch anstößige
entsetzliche Reden, die dir wie im Wahnsinn zu entfahren schienen, nicht
nur den Brüdern, sondern auch Fremden, die sich zufällig in der Kirche
befanden, ein heilloses Ärgernis gegeben; ich könnte dich daher nach der
Klosterzucht hart strafen, doch will ich dies nicht tun, da vielleicht irgend
eine böse Macht — der Widersacher selbst, dem du nicht genugsam
widerstanden, an deiner Verirrung schuld ist, und gebe dir nur auf, rüstig zu
sein in Buße und Gebet. — Ich schaue tief in deine Seele! — Du willst ins
Freie!“ —
Durchdringend schaute Leonardus mich an, ich konnte seinen Blick
nicht ertragen, schluchzend stürzte ich nieder in den Staub, mir bewußt des
bösen Vorhabens. „Ich verstehe dich,“ fuhr Leonardus fort, „und glaube
selbst, daß besser, als die Einsamkeit des Klosters, die Welt, wenn du sie in
gefunden, und dachte nicht daran, wie schwer, ja wie unmöglich das
vielleicht sein werde, ja, wie ich vielleicht, von allem Gelde entblößt, nicht
einen einzigen Tag außerhalb der Mauern würde leben können.
Der letzte Tag den ich noch im Kloster zubringen wollte, war endlich
herangekommen, durch einen günstigen Zufall hatte ich anständige
bürgerliche Kleider erhalten; in der nächsten Nacht wollte ich das Kloster
verlassen um nie wieder zurückzukehren. Schon war es Abend geworden
als der Prior mich ganz unerwartet zu sich rufen ließ. Ich erbebte, denn
nichts glaubte ich gewisser, als daß er von meinem heimlichen Anschlage
etwas bemerkt habe. Leonardus empfing mich mit ungewöhnlichem Ernst,
ja mit einer imponierenden Würde, vor der ich unwillkürlich erzittern
mußte. „Bruder Medardus,“ fing er an, „dein unsinniges Betragen, das ich
nur für den stärkeren Ausbruch jener geistigen Exaltation halte, die du seit
längerer Zeit vielleicht nicht aus den reinsten Absichten herbeigeführt hast,
zerreißt unser ruhiges Beisammensein, ja es wirkt zerstörend auf die
Heiterkeit und Gemütlichkeit, die ich als das Erzeugnis eines stillen,
frommen Lebens bis jetzt unter den Brüdern zu erhalten strebte. —
Vielleicht ist aber auch irgend ein feindliches Ereignis das dich betroffen,
daran schuld. Du hättest bei mir, deinem väterlichen Freunde, dem du sicher
alles anvertrauen konntest, Trost gefunden, doch du schwiegst, und ich mag
umsoweniger in dich dringen, als mich jetzt dein Geheimnis um einen Teil
meiner Ruhe bringen könnte, die ich im heitern Alter über alles schätze. —
Du hast oftmals, vorzüglich bei dem Altar der hl. Rosalia, durch anstößige
entsetzliche Reden, die dir wie im Wahnsinn zu entfahren schienen, nicht
nur den Brüdern, sondern auch Fremden, die sich zufällig in der Kirche
befanden, ein heilloses Ärgernis gegeben; ich könnte dich daher nach der
Klosterzucht hart strafen, doch will ich dies nicht tun, da vielleicht irgend
eine böse Macht — der Widersacher selbst, dem du nicht genugsam
widerstanden, an deiner Verirrung schuld ist, und gebe dir nur auf, rüstig zu
sein in Buße und Gebet. — Ich schaue tief in deine Seele! — Du willst ins
Freie!“ —
Durchdringend schaute Leonardus mich an, ich konnte seinen Blick
nicht ertragen, schluchzend stürzte ich nieder in den Staub, mir bewußt des
bösen Vorhabens. „Ich verstehe dich,“ fuhr Leonardus fort, „und glaube
selbst, daß besser, als die Einsamkeit des Klosters, die Welt, wenn du sie in
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Frömmigkeit durchziehst, dich von deiner Verirrung heilen wird. Eine
Angelegenheit unseres Klosters erfordert die Sendung eines Bruders nach
Rom. Ich habe dich dazu gewählt und schon morgen kannst du, mit den
nötigen Vollmachten und Instruktionen versehen, deine Reise antreten.
Umsomehr eignest du dich zur Ausführung dieses Auftrags, als du noch
jung, rüstig, gewandt in Geschäften und der italienischen Sprache
vollkommen mächtig bist. — Begieb dich jetzt in deine Zelle; bete mit
Inbrunst um das Heil deiner Seele, ich will ein Gleiches tun, doch
unterlasse alle Kasteiungen, die dich nur schwächen und zur Reise
untauglich machen würden. Mit dem Anbruch des Tages erwarte ich dich
hier im Zimmer.“ —
Wie ein Strahl des Himmels erleuchteten mich die Worte des
ehrwürdigen Leonardus, ich hatte ihn gehaßt, aber jetzt durchdrang mich
wie ein wonnevoller Schmerz d i e Liebe, welche mich sonst an ihn gefesselt
hatte. Ich vergoß heiße Tränen, ich drückte seine Hände an die Lippen. Er
umarmte mich und es war mir, als wisse er nun meine geheimsten
Gedanken, und erteile mir die Freiheit dem Verhängnis nachzugeben, das,
über mich waltend, nach minutenlanger Seligkeit mich vielleicht in ewiges
Verderben stürzen konnte.
Nun war die Flucht unnötig geworden, ich konnte das Kloster verlassen
und ihr, ihr, ohne die nun keine Ruhe, kein Heil hieneden zu finden, rastlos
folgen, bis ich sie gefunden. Die Reise nach Rom, die Aufträge dahin,
schienen mir nur von Leonardus ersonnen, um mich auf schickliche Weise
aus dem Kloster zu entlassen.
Die Nacht brachte ich betend und mich bereitend zur Reise, zu, den
Rest des geheimnisvollen Weins füllte ich in eine Korbflasche, um ihn als
bewährtes Wirkungsmittel zu gebrauchen und setzte die Flasche, welche
sonst das Elixier enthielt, wieder in die Kiste.
Nicht wenig verwundert war ich, als ich aus den weitläufigen
Instruktionen des Priors wahrnahm, daß es mit meiner Sendung nach Rom
nun wohl seine Richtigkeit hatte, und daß die Angelegenheit, welche dort
die Gegenwart eines bevollmächtigten Bruders verlangte, gar viel bedeutete
und in sich trug. Es fiel mir schwer aufs Herz, daß ich gesonnen, mit dem
ersten Schritt aus dem Kloster ohne alle Rücksicht mich meiner Freiheit zu
Angelegenheit unseres Klosters erfordert die Sendung eines Bruders nach
Rom. Ich habe dich dazu gewählt und schon morgen kannst du, mit den
nötigen Vollmachten und Instruktionen versehen, deine Reise antreten.
Umsomehr eignest du dich zur Ausführung dieses Auftrags, als du noch
jung, rüstig, gewandt in Geschäften und der italienischen Sprache
vollkommen mächtig bist. — Begieb dich jetzt in deine Zelle; bete mit
Inbrunst um das Heil deiner Seele, ich will ein Gleiches tun, doch
unterlasse alle Kasteiungen, die dich nur schwächen und zur Reise
untauglich machen würden. Mit dem Anbruch des Tages erwarte ich dich
hier im Zimmer.“ —
Wie ein Strahl des Himmels erleuchteten mich die Worte des
ehrwürdigen Leonardus, ich hatte ihn gehaßt, aber jetzt durchdrang mich
wie ein wonnevoller Schmerz d i e Liebe, welche mich sonst an ihn gefesselt
hatte. Ich vergoß heiße Tränen, ich drückte seine Hände an die Lippen. Er
umarmte mich und es war mir, als wisse er nun meine geheimsten
Gedanken, und erteile mir die Freiheit dem Verhängnis nachzugeben, das,
über mich waltend, nach minutenlanger Seligkeit mich vielleicht in ewiges
Verderben stürzen konnte.
Nun war die Flucht unnötig geworden, ich konnte das Kloster verlassen
und ihr, ihr, ohne die nun keine Ruhe, kein Heil hieneden zu finden, rastlos
folgen, bis ich sie gefunden. Die Reise nach Rom, die Aufträge dahin,
schienen mir nur von Leonardus ersonnen, um mich auf schickliche Weise
aus dem Kloster zu entlassen.
Die Nacht brachte ich betend und mich bereitend zur Reise, zu, den
Rest des geheimnisvollen Weins füllte ich in eine Korbflasche, um ihn als
bewährtes Wirkungsmittel zu gebrauchen und setzte die Flasche, welche
sonst das Elixier enthielt, wieder in die Kiste.
Nicht wenig verwundert war ich, als ich aus den weitläufigen
Instruktionen des Priors wahrnahm, daß es mit meiner Sendung nach Rom
nun wohl seine Richtigkeit hatte, und daß die Angelegenheit, welche dort
die Gegenwart eines bevollmächtigten Bruders verlangte, gar viel bedeutete
und in sich trug. Es fiel mir schwer aufs Herz, daß ich gesonnen, mit dem
ersten Schritt aus dem Kloster ohne alle Rücksicht mich meiner Freiheit zu
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überlassen; doch der Gedanke an s i e ermutigte mich und ich beschloß,
meinem Plan treu zu bleiben.
Die Brüder versammelten sich, und der Abschied von ihnen, vorzüglich
von dem Vater Leonardus, erfüllte mich mit der tiefsten Wehmut. —
Endlich schloß sich die Klosterpforte hinter mir, und ich war, gerüstet zur
weiten Reise, im Freien.
meinem Plan treu zu bleiben.
Die Brüder versammelten sich, und der Abschied von ihnen, vorzüglich
von dem Vater Leonardus, erfüllte mich mit der tiefsten Wehmut. —
Endlich schloß sich die Klosterpforte hinter mir, und ich war, gerüstet zur
weiten Reise, im Freien.
Page 54
2. Abschnitt.
Der Eintritt in die Welt.
In blauen Duft gehüllt, lag das Kloster unter mir im Tale; der frische
Morgenwind rührte sich und trug, die Lüfte durchstreichend, die frommen
Gesänge der Brüder zu mir herauf. Unwillkürlich stimmte ich ein. Die
Sonne trat in flammender Glut hinter der Stadt hervor, ihr funkelndes Gold
erglänzte in den Bäumen und in freudigem Rauschen fielen die Tautropfen
wie glühende Diamanten herab auf tausend bunte Insektlein, die sich
schwirrend und sumsend erhoben. Die Vögel erwachten und flatterten,
singend und jubilierend sich in froher Lust liebkosend, durch den Wald! —
Ein Zug von Bauerburschen und festlich geschmückten Dirnen kam den
Berg herauf. „Gelobt sei Jesus Christus!“ riefen sie, bei mir
vorüberwandelnd. „In Ewigkeit!“ antwortete ich, und es war mir, als trete
ein neues Leben, voll Lust und Freiheit, mit tausend holdseligen
Erscheinungen auf mich ein! — Nie war mir so zu Mute gewesen, ich
schien mir selbst ein andrer, und, wie von neuerweckter Kraft beseelt und
begeistert schritt ich rasch fort durch den Wald, den Berg herab. Den Bauer,
der mir jetzt in den Weg kam, frug ich nach dem Orte, den meine
Reiseroute als den ersten bezeichnete, wo ich übernachten sollte; und er
beschrieb mir genau einen nähern, von der Heerstraße abweichenden
Richtsteig mitten durchs Gebirge. Schon war ich eine ziemliche Strecke
einsam fortgewandelt, als mir erst der Gedanke an die Unbekannte und an
den fantastischen Plan sie aufzusuchen, wiederkam. Aber ihr Bild war wie
von fremder, unbekannter Macht verwischt, so daß ich nur mit Mühe die
bleichen, entstellten Züge wiedererkennen konnte; je mehr ich trachtete, die
Erscheinung im Geiste festzuhalten, desto mehr zerrann sie in Nebel. Nur
mein ausgelassenes Betragen im Kloster nach jener geheimnisvollen
Begebenheit stand mir noch klar vor Augen. Es war mir jetzt selbst
unbegreiflich, mit welcher Langmut der Prior das alles ertragen und mich
statt der wohlverdienten Strafe in die Welt geschickt hatte. Bald war ich
überzeugt, daß jene Erscheinung des unbekannten Weibes nur eine Vision
gewesen, die Folge gar zu großer Anstrengung, und statt, wie ich sonst
Der Eintritt in die Welt.
In blauen Duft gehüllt, lag das Kloster unter mir im Tale; der frische
Morgenwind rührte sich und trug, die Lüfte durchstreichend, die frommen
Gesänge der Brüder zu mir herauf. Unwillkürlich stimmte ich ein. Die
Sonne trat in flammender Glut hinter der Stadt hervor, ihr funkelndes Gold
erglänzte in den Bäumen und in freudigem Rauschen fielen die Tautropfen
wie glühende Diamanten herab auf tausend bunte Insektlein, die sich
schwirrend und sumsend erhoben. Die Vögel erwachten und flatterten,
singend und jubilierend sich in froher Lust liebkosend, durch den Wald! —
Ein Zug von Bauerburschen und festlich geschmückten Dirnen kam den
Berg herauf. „Gelobt sei Jesus Christus!“ riefen sie, bei mir
vorüberwandelnd. „In Ewigkeit!“ antwortete ich, und es war mir, als trete
ein neues Leben, voll Lust und Freiheit, mit tausend holdseligen
Erscheinungen auf mich ein! — Nie war mir so zu Mute gewesen, ich
schien mir selbst ein andrer, und, wie von neuerweckter Kraft beseelt und
begeistert schritt ich rasch fort durch den Wald, den Berg herab. Den Bauer,
der mir jetzt in den Weg kam, frug ich nach dem Orte, den meine
Reiseroute als den ersten bezeichnete, wo ich übernachten sollte; und er
beschrieb mir genau einen nähern, von der Heerstraße abweichenden
Richtsteig mitten durchs Gebirge. Schon war ich eine ziemliche Strecke
einsam fortgewandelt, als mir erst der Gedanke an die Unbekannte und an
den fantastischen Plan sie aufzusuchen, wiederkam. Aber ihr Bild war wie
von fremder, unbekannter Macht verwischt, so daß ich nur mit Mühe die
bleichen, entstellten Züge wiedererkennen konnte; je mehr ich trachtete, die
Erscheinung im Geiste festzuhalten, desto mehr zerrann sie in Nebel. Nur
mein ausgelassenes Betragen im Kloster nach jener geheimnisvollen
Begebenheit stand mir noch klar vor Augen. Es war mir jetzt selbst
unbegreiflich, mit welcher Langmut der Prior das alles ertragen und mich
statt der wohlverdienten Strafe in die Welt geschickt hatte. Bald war ich
überzeugt, daß jene Erscheinung des unbekannten Weibes nur eine Vision
gewesen, die Folge gar zu großer Anstrengung, und statt, wie ich sonst
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getan haben würde, das verführerische, verderbliche Trugbild der steten
Verfolgung des Widersachers zuzuschreiben, rechnete ich nur der
Täuschung der eignen aufgeregten Sinne zu, da der Umstand, daß die
Fremde ganz wie die hl. Rosalia gekleidet gewesen, mir zu beweisen
schien, daß das lebhafte Bild jener Heiligen, welches ich wirklich, wiewohl
in beträchtlicher Ferne und in schiefer Richtung aus dem Beichtstuhl sehen
konnte, großen Anteil daran gehabt habe. Tief bewunderte ich die Weisheit
des Priors, der das richtige Mittel zu meiner Heilung wählte, denn, in den
Klostermauern eingeschlossen, immer von denselben Gegenständen
umgeben, immer brütend und hineinzehrend in das Innere, hätte mich jene
Vision, der die Einsamkeit glühendere, keckere Farben lieh, zum Wahnsinn
gebracht. Immer vertrauter werdend mit der Idee nur geträumt zu haben,
konnte ich mich kaum des Lachens über mich selbst erwehren, ja mit einer
Frivolität, die mir sonst nicht eigen, scherzte ich im Innern über den
Gedanken, eine Heilige in mich verliebt zu wähnen, wobei ich zugleich
daran dachte, daß ich ja selbst schon einmal der hl. Antonius gewesen. —
Schon mehrere Tage war ich durch das Gebirge gewandelt, zwischen
kühn emporgetürmten, schauerlichen Felsenmassen, über schmale Stege,
unter denen reißende Waldbäche brausten; immer öder, immer
beschwerlicher wurde der Weg. Es war hoher Mittag, die Sonne brannte auf
mein unbedecktes Haupt, ich lechzte vor Durst, aber keine Quelle war in
der Nähe und noch immer konnte ich nicht das Dorf erreichen, auf das ich
stoßen sollte. Ganz entkräftet setzte ich mich auf ein Felsstück und konnte
nicht widerstehen einen Zug aus der Korbflasche zu tun, unerachtet ich das
seltsame Getränk soviel nur möglich aufsparen wollte. Neue Kraft
durchglühte meine Adern und erfrischt und gestärkt schritt ich weiter, um
mein Ziel, das nicht mehr fern sein konnte, zu erreichen. Immer dichter und
dichter wurde der Tannenwald, im tiefsten Dickicht rauschte es, und bald
darauf wieherte laut ein Pferd, das dort angebunden. Ich trat einige Schritte
weiter und erstarrte beinahe vor Schreck, als ich dicht an einem jähen,
entsetzlichen Abgrund stand, in den sich, zwischen schroffen, spitzen
Felsen, ein Waldbach zischend und brausend hinabstürzte, dessen
donnerndes Getöse ich schon in der Ferne vernommen. Dicht, dicht an dem
Sturz, saß auf einem über die Tiefe hervorragenden Felsenstück ein junger
Mann in Uniform, der Hut mit dem hohen Federbusch, der Degen, ein
Portefeuille lagen neben ihm. Mit dem ganzen Körper über den Abgrund
hängend, schien er eingeschlafen und immer mehr und mehr herüber zu
Verfolgung des Widersachers zuzuschreiben, rechnete ich nur der
Täuschung der eignen aufgeregten Sinne zu, da der Umstand, daß die
Fremde ganz wie die hl. Rosalia gekleidet gewesen, mir zu beweisen
schien, daß das lebhafte Bild jener Heiligen, welches ich wirklich, wiewohl
in beträchtlicher Ferne und in schiefer Richtung aus dem Beichtstuhl sehen
konnte, großen Anteil daran gehabt habe. Tief bewunderte ich die Weisheit
des Priors, der das richtige Mittel zu meiner Heilung wählte, denn, in den
Klostermauern eingeschlossen, immer von denselben Gegenständen
umgeben, immer brütend und hineinzehrend in das Innere, hätte mich jene
Vision, der die Einsamkeit glühendere, keckere Farben lieh, zum Wahnsinn
gebracht. Immer vertrauter werdend mit der Idee nur geträumt zu haben,
konnte ich mich kaum des Lachens über mich selbst erwehren, ja mit einer
Frivolität, die mir sonst nicht eigen, scherzte ich im Innern über den
Gedanken, eine Heilige in mich verliebt zu wähnen, wobei ich zugleich
daran dachte, daß ich ja selbst schon einmal der hl. Antonius gewesen. —
Schon mehrere Tage war ich durch das Gebirge gewandelt, zwischen
kühn emporgetürmten, schauerlichen Felsenmassen, über schmale Stege,
unter denen reißende Waldbäche brausten; immer öder, immer
beschwerlicher wurde der Weg. Es war hoher Mittag, die Sonne brannte auf
mein unbedecktes Haupt, ich lechzte vor Durst, aber keine Quelle war in
der Nähe und noch immer konnte ich nicht das Dorf erreichen, auf das ich
stoßen sollte. Ganz entkräftet setzte ich mich auf ein Felsstück und konnte
nicht widerstehen einen Zug aus der Korbflasche zu tun, unerachtet ich das
seltsame Getränk soviel nur möglich aufsparen wollte. Neue Kraft
durchglühte meine Adern und erfrischt und gestärkt schritt ich weiter, um
mein Ziel, das nicht mehr fern sein konnte, zu erreichen. Immer dichter und
dichter wurde der Tannenwald, im tiefsten Dickicht rauschte es, und bald
darauf wieherte laut ein Pferd, das dort angebunden. Ich trat einige Schritte
weiter und erstarrte beinahe vor Schreck, als ich dicht an einem jähen,
entsetzlichen Abgrund stand, in den sich, zwischen schroffen, spitzen
Felsen, ein Waldbach zischend und brausend hinabstürzte, dessen
donnerndes Getöse ich schon in der Ferne vernommen. Dicht, dicht an dem
Sturz, saß auf einem über die Tiefe hervorragenden Felsenstück ein junger
Mann in Uniform, der Hut mit dem hohen Federbusch, der Degen, ein
Portefeuille lagen neben ihm. Mit dem ganzen Körper über den Abgrund
hängend, schien er eingeschlafen und immer mehr und mehr herüber zu
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sinken. — Sein Sturz war unvermeidlich. Ich wagte mich heran; indem ich
ihn mit der Hand ergreifen und zurückhalten wollte, schrie ich laut: Um
Jesus willen! Herr! — erwacht — Um Jesus willen. — Sowie ich ihn
berührte, fuhr er aus tiefem Schlafe, aber in demselben Augenblick stürzte
er, das Gleichgewicht verlierend, hinab in den Abgrund, daß, von
Felsenspitze zu Felsenspitze geworfen, die zerschmetterten Glieder
zusammenkrachten; sein schneidendes Jammergeschrei verhallte in der
unermeßlichen Tiefe, aus der nur ein dumpfes Gewimmer herauftönte, das
endlich auch erstarb. Leblos vor Schreck und Entsetzen stand ich da,
endlich ergriff ich den Hut, den Degen, das Portefeuille und wollte mich
schnell von dem Unglücksorte entfernen, da trat mir ein junger Mensch aus
dem Tannenwalde entgegen, wie ein Jäger gekleidet, schaute mir erst starr
ins Gesicht und fing dann an, ganz übermäßig zu lachen, so daß ein
eiskalter Schauer mich durchbebte.
„Nun, gnädiger Herr Graf,“ sprach endlich der junge Mensch, „die
Maskerade ist in der Tat vollständig und herrlich, und wäre die Gnädige
Frau nicht schon vorher davon unterrichtet, wahrhaftig, sie würde den
Herzensgeliebten nicht wiedererkennen. Wo haben Sie aber die Uniform
hingetan, gnädiger Herr?“ — „Die schleuderte ich hinab in den Abgrund,“
antwortete es aus mir hohl und dumpf, denn ich war es nicht, der diese
Worte sprach, unwillkürlich entflohen sie meinen Lippen. In mich gekehrt,
immer in den Abgrund starrend, ob der blutige Leichnam des Grafen sich
nicht mir drohend erheben werde, stand ich da. — Es war mir als habe ich
ihn ermordet, noch immer hielt ich den Degen, Hut und Portefeuille
krampfhaft fest. Da fuhr der junge Mensch fort: „Nun gnädiger Herr, reite
ich den Fahrweg herab nach dem Städtchen, wo ich mich in dem Hause
dicht vor dem Tor linker Hand verborgen halten will, Sie werden wohl
gleich herab nach dem Schlosse wandeln, man wird Sie wohl schon
erwarten, Hut und Degen nehme ich mit mir.“ — Ich reichte ihm beides hin.
„Nun leben Sie wohl, Herr Graf! recht viel Glück im Schlosse,“ rief der
junge Mensch und verschwand singend und pfeifend in dem Dickicht. Ich
hörte, daß er das Pferd, das dort angebunden, losmachte und mit sich
fortführte. Als ich mich von meiner Betäubung erholt und die ganze
Begebenheit überdachte, mußte ich mir wohl eingestehen, daß ich bloß dem
Spiel des Zufalls, der mich mit einem Ruck in das sonderbarste Verhältnis
geworfen, nachgegeben. Es war mir klar, daß eine große Ähnlichkeit meiner
Gesichtszüge und meiner Gestalt mit der des unglücklichen Grafen den
ihn mit der Hand ergreifen und zurückhalten wollte, schrie ich laut: Um
Jesus willen! Herr! — erwacht — Um Jesus willen. — Sowie ich ihn
berührte, fuhr er aus tiefem Schlafe, aber in demselben Augenblick stürzte
er, das Gleichgewicht verlierend, hinab in den Abgrund, daß, von
Felsenspitze zu Felsenspitze geworfen, die zerschmetterten Glieder
zusammenkrachten; sein schneidendes Jammergeschrei verhallte in der
unermeßlichen Tiefe, aus der nur ein dumpfes Gewimmer herauftönte, das
endlich auch erstarb. Leblos vor Schreck und Entsetzen stand ich da,
endlich ergriff ich den Hut, den Degen, das Portefeuille und wollte mich
schnell von dem Unglücksorte entfernen, da trat mir ein junger Mensch aus
dem Tannenwalde entgegen, wie ein Jäger gekleidet, schaute mir erst starr
ins Gesicht und fing dann an, ganz übermäßig zu lachen, so daß ein
eiskalter Schauer mich durchbebte.
„Nun, gnädiger Herr Graf,“ sprach endlich der junge Mensch, „die
Maskerade ist in der Tat vollständig und herrlich, und wäre die Gnädige
Frau nicht schon vorher davon unterrichtet, wahrhaftig, sie würde den
Herzensgeliebten nicht wiedererkennen. Wo haben Sie aber die Uniform
hingetan, gnädiger Herr?“ — „Die schleuderte ich hinab in den Abgrund,“
antwortete es aus mir hohl und dumpf, denn ich war es nicht, der diese
Worte sprach, unwillkürlich entflohen sie meinen Lippen. In mich gekehrt,
immer in den Abgrund starrend, ob der blutige Leichnam des Grafen sich
nicht mir drohend erheben werde, stand ich da. — Es war mir als habe ich
ihn ermordet, noch immer hielt ich den Degen, Hut und Portefeuille
krampfhaft fest. Da fuhr der junge Mensch fort: „Nun gnädiger Herr, reite
ich den Fahrweg herab nach dem Städtchen, wo ich mich in dem Hause
dicht vor dem Tor linker Hand verborgen halten will, Sie werden wohl
gleich herab nach dem Schlosse wandeln, man wird Sie wohl schon
erwarten, Hut und Degen nehme ich mit mir.“ — Ich reichte ihm beides hin.
„Nun leben Sie wohl, Herr Graf! recht viel Glück im Schlosse,“ rief der
junge Mensch und verschwand singend und pfeifend in dem Dickicht. Ich
hörte, daß er das Pferd, das dort angebunden, losmachte und mit sich
fortführte. Als ich mich von meiner Betäubung erholt und die ganze
Begebenheit überdachte, mußte ich mir wohl eingestehen, daß ich bloß dem
Spiel des Zufalls, der mich mit einem Ruck in das sonderbarste Verhältnis
geworfen, nachgegeben. Es war mir klar, daß eine große Ähnlichkeit meiner
Gesichtszüge und meiner Gestalt mit der des unglücklichen Grafen den
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Jäger getäuscht, und der Graf gerade die Verkleidung als Kapuziner gewählt
haben müsse, um irgend ein Abenteuer in dem nahen Schlosse zu bestehen.
Der Tod hatte ihn ereilt und ein wunderbares Verhängnis mich in demselben
Augenblick an seine Stelle geschoben. Der innere, unwiderstehliche Drang
in mir, wie es jenes Verhängnis zu wollen schien, die Rolle des Grafen
fortzuspielen, überwog jeden Zweifel und übertäubte die innere Stimme,
welche mich des Mordes und des frechen Frevels bezieh. Ich eröffnete das
Portefeuille, welches ich behalten; Briefe, beträchtliche Wechsel fielen mir
in die Hand. Ich wollte die Papiere einzeln durchgehen, ich wollte die
Briefe lesen um mich von den Verhältnissen des Grafen zu unterrichten,
aber die innere Unruhe, der Flug von tausend und tausend Ideen die durch
meinen Kopf brausten, ließ es nicht zu.
Ich stand nach einigen Schritten wieder still, ich setzte mich auf ein
Felsstück, ich wollte eine ruhigere Stimmung erzwingen, ich sah die
Gefahr, so ganz unvorbereitet mich in den Kreis mir fremder Erscheinungen
zu wagen; da tönten lustige Hörner durch den Wald und mehrere Stimmen
jauchzten und jubelten immer näher und näher. Das Herz pochte mir in
gewaltigen Schlägen, mein Atem stockte, nun sollte sich mir eine neue
Welt, ein neues Leben erschließen! — Ich bog in einen schmalen Fußsteig
ein, der mich einen jähen Abhang hinabführte; als ich aus dem Gebüsch
trat, lag ein großes schön gebautes Schloß vor mir im Talgrunde. — Das
war der Ort des Abenteuers, welches der Graf zu bestehen im Sinn gehabt
und ich ging ihm mutig entgegen. Bald befand ich mich in den Gängen des
Parks, welcher das Schloß umgab; in einer dunklen Seitenallee sah ich zwei
Männer wandeln, von denen der eine wie ein Weltgeistlicher gekleidet war.
Sie kamen mir näher, aber ohne mich gewahr zu werden gingen sie in
tiefem Gespräch bei mir vorüber. Der Weltgeistliche war ein Jüngling, auf
dessen schönem Gesichte die Totenblässe eines tief nagenden Kummers lag,
der andere schlicht aber anständig gekleidet, schien ein schon bejahrter
Mann. Sie setzten sich, mir den Rücken zuwendend auf eine steinerne
Bank, ich konnte jedes Wort verstehen was sie sprachen. „Hermogen!“
sagte der Alte, „Sie bringen durch Ihr starrsinniges Schweigen Ihre Familie
zur Verzweiflung, Ihre düstre Schwermut steigt mit jedem Tage, Ihre
jugendliche Kraft ist gebrochen, die Blüte verwelkt, Ihr Entschluß den
geistlichen Stand zu wählen zerstört alle Hoffnungen, alle Wünsche Ihres
Vaters! — Aber willig würde er diese Hoffnung aufgeben, wenn ein wahrer
innerer Beruf, ein unwiderstehlicher Hang zur Einsamkeit von Jugend auf
haben müsse, um irgend ein Abenteuer in dem nahen Schlosse zu bestehen.
Der Tod hatte ihn ereilt und ein wunderbares Verhängnis mich in demselben
Augenblick an seine Stelle geschoben. Der innere, unwiderstehliche Drang
in mir, wie es jenes Verhängnis zu wollen schien, die Rolle des Grafen
fortzuspielen, überwog jeden Zweifel und übertäubte die innere Stimme,
welche mich des Mordes und des frechen Frevels bezieh. Ich eröffnete das
Portefeuille, welches ich behalten; Briefe, beträchtliche Wechsel fielen mir
in die Hand. Ich wollte die Papiere einzeln durchgehen, ich wollte die
Briefe lesen um mich von den Verhältnissen des Grafen zu unterrichten,
aber die innere Unruhe, der Flug von tausend und tausend Ideen die durch
meinen Kopf brausten, ließ es nicht zu.
Ich stand nach einigen Schritten wieder still, ich setzte mich auf ein
Felsstück, ich wollte eine ruhigere Stimmung erzwingen, ich sah die
Gefahr, so ganz unvorbereitet mich in den Kreis mir fremder Erscheinungen
zu wagen; da tönten lustige Hörner durch den Wald und mehrere Stimmen
jauchzten und jubelten immer näher und näher. Das Herz pochte mir in
gewaltigen Schlägen, mein Atem stockte, nun sollte sich mir eine neue
Welt, ein neues Leben erschließen! — Ich bog in einen schmalen Fußsteig
ein, der mich einen jähen Abhang hinabführte; als ich aus dem Gebüsch
trat, lag ein großes schön gebautes Schloß vor mir im Talgrunde. — Das
war der Ort des Abenteuers, welches der Graf zu bestehen im Sinn gehabt
und ich ging ihm mutig entgegen. Bald befand ich mich in den Gängen des
Parks, welcher das Schloß umgab; in einer dunklen Seitenallee sah ich zwei
Männer wandeln, von denen der eine wie ein Weltgeistlicher gekleidet war.
Sie kamen mir näher, aber ohne mich gewahr zu werden gingen sie in
tiefem Gespräch bei mir vorüber. Der Weltgeistliche war ein Jüngling, auf
dessen schönem Gesichte die Totenblässe eines tief nagenden Kummers lag,
der andere schlicht aber anständig gekleidet, schien ein schon bejahrter
Mann. Sie setzten sich, mir den Rücken zuwendend auf eine steinerne
Bank, ich konnte jedes Wort verstehen was sie sprachen. „Hermogen!“
sagte der Alte, „Sie bringen durch Ihr starrsinniges Schweigen Ihre Familie
zur Verzweiflung, Ihre düstre Schwermut steigt mit jedem Tage, Ihre
jugendliche Kraft ist gebrochen, die Blüte verwelkt, Ihr Entschluß den
geistlichen Stand zu wählen zerstört alle Hoffnungen, alle Wünsche Ihres
Vaters! — Aber willig würde er diese Hoffnung aufgeben, wenn ein wahrer
innerer Beruf, ein unwiderstehlicher Hang zur Einsamkeit von Jugend auf
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den Entschluß in Ihnen erzeugt hätte, er würde dann nicht dem zu
widerstreben wagen was das Schicksal einmal über ihn verhängt. Die
plötzliche Änderung Ihres ganzen Wesens hat indessen nur zu deutlich
gezeigt, daß irgend ein Ereignis das Sie uns hartnäckig verschweigen, Ihr
Inneres auf furchtbare Weise erschüttert hat und nun zerstörend fortarbeitet.
— Sie waren sonst ein froher, unbefangener, lebenslustiger Jüngling! —
Was konnte Sie denn dem Menschen so entfremden, daß Sie daran
verzweifeln, in eines Menschen Brust könne Trost für Ihre kranke Seele zu
finden sein? Sie schweigen? Sie starren vor sich hin? — Sie seufzen?
Hermogen! Sie liebten sonst Ihren Vater mit seltener Innigkeit, ist es Ihnen
aber jetzt unmöglich geworden ihm Ihr Herz zu erschließen, so quälen Sie
ihn wenigstens nicht durch den Anblick Ihres Rocks, der auf den für ihn
entsetzlichen Entschluß hindeutet. Ich beschwöre Sie, Hermogen! werfen
Sie diese verhaßte Kleidung ab. Glauben Sie mir, es liegt eine
geheimnisvolle Kraft in diesen äußerlichen Dingen; es kann Ihnen nicht
mißfallen, denn ich glaube von Ihnen ganz verstanden zu werden, wenn ich
in diesem Augenblick freilich auf fremdartig scheinende Weise der
Schauspieler gedenke, die oft, wenn sie sich in das Kostüm geworfen, wie
von einem fremden Geist sich angeregt fühlen und leichter in den
darzustellenden Charakter eingehen. Lassen Sie mich, meiner Natur gemäß,
heitrer von der Sache sprechen als sich sonst wohl ziemen würde. —
Meinen Sie denn nicht, daß wenn dieses lange Kleid nicht mehr Ihren Gang
zur düstern Gravität einhemmen würde, Sie wieder rasch und froh dahin
schreiten, ja laufen, springen würden, wie sonst? Der blinkende Schein der
Epaulettes die sonst auf Ihren Schultern prangten würde wieder jugendliche
Glut auf diese blassen Wangen werfen und die klirrenden Sporen würden
wie liebliche Musik dem muntern Rosse ertönen das Ihnen
entgegenwieherte, vor Lust tanzend und den Nacken beugend dem
geliebten Herrn. Auf, Baron! — Herunter mit dem schwarzen Gewande das
Ihnen nicht ansteht! — Soll Friedrich Ihre Uniform hervorsuchen?“
Der Alte stand auf und wollte fortgehen, der Jüngling fiel ihm in die
Arme. „Ach, Sie quälen mich, guter Reinhold!“ rief er mit matter Stimme,
„Sie quälen mich unaussprechlich! — Ach, je mehr Sie sich bemühen die
Saiten in meinem Innern anzuschlagen die sonst harmonisch erklangen,
desto mehr fühle ich, wie des Schicksals eherne Faust mich ergriffen, mich
erdrückt hat, so daß, wie in einer zerbrochenen Laute nur Mißtöne in mir
wohnen!“ — „So scheint es Ihnen, lieber Baron,“ fiel der Alte ein, „Sie
widerstreben wagen was das Schicksal einmal über ihn verhängt. Die
plötzliche Änderung Ihres ganzen Wesens hat indessen nur zu deutlich
gezeigt, daß irgend ein Ereignis das Sie uns hartnäckig verschweigen, Ihr
Inneres auf furchtbare Weise erschüttert hat und nun zerstörend fortarbeitet.
— Sie waren sonst ein froher, unbefangener, lebenslustiger Jüngling! —
Was konnte Sie denn dem Menschen so entfremden, daß Sie daran
verzweifeln, in eines Menschen Brust könne Trost für Ihre kranke Seele zu
finden sein? Sie schweigen? Sie starren vor sich hin? — Sie seufzen?
Hermogen! Sie liebten sonst Ihren Vater mit seltener Innigkeit, ist es Ihnen
aber jetzt unmöglich geworden ihm Ihr Herz zu erschließen, so quälen Sie
ihn wenigstens nicht durch den Anblick Ihres Rocks, der auf den für ihn
entsetzlichen Entschluß hindeutet. Ich beschwöre Sie, Hermogen! werfen
Sie diese verhaßte Kleidung ab. Glauben Sie mir, es liegt eine
geheimnisvolle Kraft in diesen äußerlichen Dingen; es kann Ihnen nicht
mißfallen, denn ich glaube von Ihnen ganz verstanden zu werden, wenn ich
in diesem Augenblick freilich auf fremdartig scheinende Weise der
Schauspieler gedenke, die oft, wenn sie sich in das Kostüm geworfen, wie
von einem fremden Geist sich angeregt fühlen und leichter in den
darzustellenden Charakter eingehen. Lassen Sie mich, meiner Natur gemäß,
heitrer von der Sache sprechen als sich sonst wohl ziemen würde. —
Meinen Sie denn nicht, daß wenn dieses lange Kleid nicht mehr Ihren Gang
zur düstern Gravität einhemmen würde, Sie wieder rasch und froh dahin
schreiten, ja laufen, springen würden, wie sonst? Der blinkende Schein der
Epaulettes die sonst auf Ihren Schultern prangten würde wieder jugendliche
Glut auf diese blassen Wangen werfen und die klirrenden Sporen würden
wie liebliche Musik dem muntern Rosse ertönen das Ihnen
entgegenwieherte, vor Lust tanzend und den Nacken beugend dem
geliebten Herrn. Auf, Baron! — Herunter mit dem schwarzen Gewande das
Ihnen nicht ansteht! — Soll Friedrich Ihre Uniform hervorsuchen?“
Der Alte stand auf und wollte fortgehen, der Jüngling fiel ihm in die
Arme. „Ach, Sie quälen mich, guter Reinhold!“ rief er mit matter Stimme,
„Sie quälen mich unaussprechlich! — Ach, je mehr Sie sich bemühen die
Saiten in meinem Innern anzuschlagen die sonst harmonisch erklangen,
desto mehr fühle ich, wie des Schicksals eherne Faust mich ergriffen, mich
erdrückt hat, so daß, wie in einer zerbrochenen Laute nur Mißtöne in mir
wohnen!“ — „So scheint es Ihnen, lieber Baron,“ fiel der Alte ein, „Sie
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sprechen von einem ungeheuren Schicksal, das Sie ergriffen, worin das
bestanden, verschweigen Sie, dem sei aber wie ihm wolle, ein Jüngling so
wie Sie, mit innerer Kraft, mit jugendlichem Feuermute ausgerüstet, muß
vermögen sich gegen des Schicksals eherne Faust zu wappnen, ja er muß,
wie durchstrahlt von einer göttlichen Natur, sich über sein Geschick
erheben und so dies höhere Sein in sich selbst erweckend und entzündend,
sich emporschwingen über die Qual dieses armseligen Lebens! Ich wüßte
nicht, Baron, welch ein Geschick denn imstande sein sollte, dies kräftige
innere Wollen zu zerstören.“ — Hermogen trat einen Schritt zurück und den
Alten mit einem düsteren, wie im verhaltenen Zorn glühenden Blicke, der
etwas Entsetzliches hatte, anstarrend, rief er mit dumpfer, hohler Stimme:
„So wisse denn, daß ich selbst das Schicksal bin das mich vernichtet, daß
ein ungeheures Verbrechen auf mir lastet, ein schändlicher Frevel, den ich
abbüße in Elend und Verzweiflung. — Darum sei barmherzig und flehe den
Vater an, daß er mich fort lasse in die Mauern!“ — „Baron,“ fiel der Alte
ein, „Sie sind in einer Stimmung die nur dem gänzlich zerrütteten Gemüte
eigen, Sie sollen nicht fort, Sie dürfen durchaus nicht fort. In diesen Tagen
kommt die Baronesse mit Aurelien, d i e müssen Sie sehen.“ Da lachte der
Jüngling wie in furchtbarem Hohn und rief mit einer Stimme, die durch
mein Inneres dröhnte: „Muß ich? — muß ich bleiben? — Ja, wahrhaftig,
Alter, du hast recht, ich muß bleiben und meine Buße wird hier
schrecklicher sein als in den dumpfen Mauern.“ — Damit sprang er fort
durch das Gebüsch und ließ den Alten stehen, der, das gesenkte Haupt in die
Hand gestützt, sich ganz dem Schmerz zu überlassen schien. „Gelobt sei
Jesus Christus!“ sprach ich, zu ihm hinantretend. — Er fuhr auf, er sah
mich ganz verwundert an, doch schien er sich bald auf meine Erscheinung
wie auf etwas ihm schon Bekanntes zu besinnen indem er sprach: „Ach
gewiß sind Sie es, ehrwürdiger Herr, dessen Ankunft uns die Frau
Baronesse zum Trost der in Trauer versunkenen Familie schon vor einiger
Zeit ankündigte?“ — Ich bejahte das, Reinhold ging bald ganz in die
Heiterkeit über, die ihm eigentümlich zu sein schien, wir durchwanderten
den schönen Park und kamen endlich in ein dem Schlosse ganz
nahgelegenes Boskett, vor dem sich eine herrliche Aussicht ins Gebirge
öffnete. Auf seinen Ruf eilte der Bediente, der eben aus dem Portal des
Schlosses trat, herbei, und gar bald wurde uns ein gar stattliches Frühstück
aufgetragen. Während daß wir die gefüllten Gläser anstießen, schien es mir,
als betrachte mich Reinhold immer aufmerksamer, ja, als suche er mit Mühe
bestanden, verschweigen Sie, dem sei aber wie ihm wolle, ein Jüngling so
wie Sie, mit innerer Kraft, mit jugendlichem Feuermute ausgerüstet, muß
vermögen sich gegen des Schicksals eherne Faust zu wappnen, ja er muß,
wie durchstrahlt von einer göttlichen Natur, sich über sein Geschick
erheben und so dies höhere Sein in sich selbst erweckend und entzündend,
sich emporschwingen über die Qual dieses armseligen Lebens! Ich wüßte
nicht, Baron, welch ein Geschick denn imstande sein sollte, dies kräftige
innere Wollen zu zerstören.“ — Hermogen trat einen Schritt zurück und den
Alten mit einem düsteren, wie im verhaltenen Zorn glühenden Blicke, der
etwas Entsetzliches hatte, anstarrend, rief er mit dumpfer, hohler Stimme:
„So wisse denn, daß ich selbst das Schicksal bin das mich vernichtet, daß
ein ungeheures Verbrechen auf mir lastet, ein schändlicher Frevel, den ich
abbüße in Elend und Verzweiflung. — Darum sei barmherzig und flehe den
Vater an, daß er mich fort lasse in die Mauern!“ — „Baron,“ fiel der Alte
ein, „Sie sind in einer Stimmung die nur dem gänzlich zerrütteten Gemüte
eigen, Sie sollen nicht fort, Sie dürfen durchaus nicht fort. In diesen Tagen
kommt die Baronesse mit Aurelien, d i e müssen Sie sehen.“ Da lachte der
Jüngling wie in furchtbarem Hohn und rief mit einer Stimme, die durch
mein Inneres dröhnte: „Muß ich? — muß ich bleiben? — Ja, wahrhaftig,
Alter, du hast recht, ich muß bleiben und meine Buße wird hier
schrecklicher sein als in den dumpfen Mauern.“ — Damit sprang er fort
durch das Gebüsch und ließ den Alten stehen, der, das gesenkte Haupt in die
Hand gestützt, sich ganz dem Schmerz zu überlassen schien. „Gelobt sei
Jesus Christus!“ sprach ich, zu ihm hinantretend. — Er fuhr auf, er sah
mich ganz verwundert an, doch schien er sich bald auf meine Erscheinung
wie auf etwas ihm schon Bekanntes zu besinnen indem er sprach: „Ach
gewiß sind Sie es, ehrwürdiger Herr, dessen Ankunft uns die Frau
Baronesse zum Trost der in Trauer versunkenen Familie schon vor einiger
Zeit ankündigte?“ — Ich bejahte das, Reinhold ging bald ganz in die
Heiterkeit über, die ihm eigentümlich zu sein schien, wir durchwanderten
den schönen Park und kamen endlich in ein dem Schlosse ganz
nahgelegenes Boskett, vor dem sich eine herrliche Aussicht ins Gebirge
öffnete. Auf seinen Ruf eilte der Bediente, der eben aus dem Portal des
Schlosses trat, herbei, und gar bald wurde uns ein gar stattliches Frühstück
aufgetragen. Während daß wir die gefüllten Gläser anstießen, schien es mir,
als betrachte mich Reinhold immer aufmerksamer, ja, als suche er mit Mühe
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eine halb erloschene Erinnerung aufzufrischen. Endlich brach er los: „Mein
Gott, ehrwürdiger Herr, alles müßte mich trügen, wenn Sie nicht der Pater
Medardus aus dem Kapuzinerkloster in ..r— wären, aber wie sollte das
möglich sein? — und doch! Sie sind es — Sie sind es gewiß — sprechen
Sie doch nur!“ — Als hätte ein Blitz aus heitrer Luft mich getroffen, bebte
es bei Reinholds Worten mir durch alle Glieder. Ich sah mich entlarvt,
entdeckt, des Mordes beschuldigt, die Verzweiflung gab mir Stärke, es ging
nun auf Tod und Leben. „Ich bin allerdings der Pater Medardus aus dem
Kapuzinerkloster in ..r— und mit Auftrag und Vollmacht des Klosters auf
einer Reise nach Rom begriffen.“ — Dies sprach ich mit all der Ruhe und
Gelassenheit, die ich nur zu erkünsteln vermochte. „So ist es denn vielleicht
nur Zufall,“ sagte Reinhold, „daß Sie auf der Reise, vielleicht von der
Heerstraße verirrt, hier eintrafen, oder wie kam es, daß die Frau Baronesse
mit Ihnen bekannt wurde und Sie herschickte?“ — Ohne mich zu besinnen,
blindlings das nachsprechend was mir eine fremde Stimme im Innern
zuzuflüstern schien, sagte ich: „Auf der Reise machte ich die Bekanntschaft
des Beichtvaters der Baronesse, und dieser empfahl mich, den Auftrag hier
im Hause zu vollbringen.“ „Es ist wahr,“ fiel Reinhold ein, „so schrieb es ja
die Frau Baronesse. Nun, dem Himmel sei es gedankt, der Sie zum Heil des
Hauses diesen Weg führte und daß Sie als ein frommer, wackrer Mann es
sich gefallen lassen mit Ihrer Reise zu zögern, um hier Gutes zu stiften. Ich
war zufällig vor einigen Jahren in ..r— und hörte Ihre salbungsvollen
Reden, die Sie in wahrhaft himmlischer Begeisterung von der Kanzel herab
hielten. Ihrer Frömmigkeit, Ihrem wahren Beruf, das Heil verlorner Seelen
zu erkämpfen mit glühendem Eifer, Ihrer herrlichen aus innerer
Begeisterung hervorströmenden Rednergabe, traue ich zu, daß Sie das
vollbringen werden, was wir alle nicht vermochten. Es ist mir lieb, daß ich
Sie traf, ehe sie den Baron gesprochen, ich will dies dazu benutzen, Sie mit
den Verhältnissen der Familie bekannt zu machen, und s o aufrichtig sein,
als ich es Ihnen, ehrwürdiger Herr, als einem heiligen Manne, den uns der
Himmel selbst zum Trost zu schicken scheint, wohl schuldig bin. Sie
müssen auch ohnedem, um Ihren Bemühungen die richtige Tendenz und
gehörige Wirkung zu geben, über manches wenigstens Andeutungen
erhalten, worüber ich gern schweigen möchte. — Alles ist übrigens mit
nicht gar zu viel Worten abgetan. — Mit dem Baron bin ich aufgewachsen,
die gleiche Stimmung unsrer Seelen machte uns zu Brüdern und vernichtete
die Scheidewand, die sonst unsere Geburt zwischen uns gezogen hätte. Ich
Gott, ehrwürdiger Herr, alles müßte mich trügen, wenn Sie nicht der Pater
Medardus aus dem Kapuzinerkloster in ..r— wären, aber wie sollte das
möglich sein? — und doch! Sie sind es — Sie sind es gewiß — sprechen
Sie doch nur!“ — Als hätte ein Blitz aus heitrer Luft mich getroffen, bebte
es bei Reinholds Worten mir durch alle Glieder. Ich sah mich entlarvt,
entdeckt, des Mordes beschuldigt, die Verzweiflung gab mir Stärke, es ging
nun auf Tod und Leben. „Ich bin allerdings der Pater Medardus aus dem
Kapuzinerkloster in ..r— und mit Auftrag und Vollmacht des Klosters auf
einer Reise nach Rom begriffen.“ — Dies sprach ich mit all der Ruhe und
Gelassenheit, die ich nur zu erkünsteln vermochte. „So ist es denn vielleicht
nur Zufall,“ sagte Reinhold, „daß Sie auf der Reise, vielleicht von der
Heerstraße verirrt, hier eintrafen, oder wie kam es, daß die Frau Baronesse
mit Ihnen bekannt wurde und Sie herschickte?“ — Ohne mich zu besinnen,
blindlings das nachsprechend was mir eine fremde Stimme im Innern
zuzuflüstern schien, sagte ich: „Auf der Reise machte ich die Bekanntschaft
des Beichtvaters der Baronesse, und dieser empfahl mich, den Auftrag hier
im Hause zu vollbringen.“ „Es ist wahr,“ fiel Reinhold ein, „so schrieb es ja
die Frau Baronesse. Nun, dem Himmel sei es gedankt, der Sie zum Heil des
Hauses diesen Weg führte und daß Sie als ein frommer, wackrer Mann es
sich gefallen lassen mit Ihrer Reise zu zögern, um hier Gutes zu stiften. Ich
war zufällig vor einigen Jahren in ..r— und hörte Ihre salbungsvollen
Reden, die Sie in wahrhaft himmlischer Begeisterung von der Kanzel herab
hielten. Ihrer Frömmigkeit, Ihrem wahren Beruf, das Heil verlorner Seelen
zu erkämpfen mit glühendem Eifer, Ihrer herrlichen aus innerer
Begeisterung hervorströmenden Rednergabe, traue ich zu, daß Sie das
vollbringen werden, was wir alle nicht vermochten. Es ist mir lieb, daß ich
Sie traf, ehe sie den Baron gesprochen, ich will dies dazu benutzen, Sie mit
den Verhältnissen der Familie bekannt zu machen, und s o aufrichtig sein,
als ich es Ihnen, ehrwürdiger Herr, als einem heiligen Manne, den uns der
Himmel selbst zum Trost zu schicken scheint, wohl schuldig bin. Sie
müssen auch ohnedem, um Ihren Bemühungen die richtige Tendenz und
gehörige Wirkung zu geben, über manches wenigstens Andeutungen
erhalten, worüber ich gern schweigen möchte. — Alles ist übrigens mit
nicht gar zu viel Worten abgetan. — Mit dem Baron bin ich aufgewachsen,
die gleiche Stimmung unsrer Seelen machte uns zu Brüdern und vernichtete
die Scheidewand, die sonst unsere Geburt zwischen uns gezogen hätte. Ich
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trennte mich nie von ihm und wurde in demselben Augenblick als wir
unsere akademischen Studien vollendet und er die Güter seines
verstorbenen Vaters hier im Gebirge in Besitz nahm, Intendant dieser Güter.
— Ich blieb sein innigster Freund und Bruder, und als solcher eingeweiht in
die geheimsten Angelegenheiten seines Hauses. Sein Vater hatte seine
Verbindung mit einer ihm befreundeten Familie durch eine Heirat
gewünscht, und um so freudiger erfüllte er diesen Willen, als er in der ihm
bestimmten Braut ein herrliches, von der Natur reich ausgestattetes Wesen
fand, zu dem er sich unwiderstehlich hingezogen fühlte. Selten kam wohl
der Wille der Väter so vollkommen mit dem Geschick überein, das die
Kinder in allen nur möglichen Beziehungen für einander bestimmt zu haben
schien. Hermogen und Aurelie waren die Frucht der glücklichen Ehe.
Mehrenteils brachten wir den Winter in der benachbarten Hauptstadt zu, als
aber bald nach Aureliens Geburt die Baronesse zu kränkeln anfing, blieben
wir auch den Sommer über in der Stadt, da sie unausgesetzt des Beistandes
geschickter Ärzte bedurfte. Sie starb, als eben im herannahenden Frühling
ihre scheinbare Besserung den Baron mit den frohsten Hoffnungen erfüllte.
Wir flohen auf das Land und nur die Zeit vermochte den tiefen zerstörenden
Gram zu mildern der den Baron ergriffen hatte. Hermogen wuchs zum
herrlichen Jüngling heran, Aurelie wurde immer mehr das Ebenbild ihrer
Mutter, die sorgfältige Erziehung der Kinder war unser Tagewerk und
unsere Freude. Hermogen zeigte entschiedenen Hang zum Militär und dies
zwang den Baron, ihn nach der Hauptstadt zu schicken, um dort unter den
Augen seines alten Freundes, des Gouverneurs, die Laufbahn zu beginnen.
— Erst vor drei Jahren brachte der Baron mit Aurelien und mit mir wieder,
wie vor alter Zeit, zum erstenmal den Winter in der Residenz zu, teils
seinen Sohn wenigstens einige Zeit hindurch in der Nähe zu haben, teils
seine Freunde, die ihn unaufhörlich dazu aufgefordert, wieder zu sehen.
Allgemeines Aufsehen in der Hauptstadt erregte damals die Nichte des
Gouverneurs, welche aus der Residenz dahin gekommen. Sie war elternlos
und hatte sich unter den Schutz des Oheims begeben, wiewohl sie, einen
besonderen Flügel des Palastes bewohnend, ein eignes Haus machte und die
schöne Welt um sich zu versammeln pflegte. Ohne Euphemien näher zu
beschreiben, welches um so unnötiger, da Sie, ehrwürdiger Herr, sie bald
selbst sehen werden, begnüge ich mich zu sagen, daß alles was sie tat, was
sie sprach, von einer unbeschreiblichen Anmut belebt, und so der Reiz ihrer
ausgezeichneten körperlichen Schönheit bis zum Unwiderstehlichen erhöht
unsere akademischen Studien vollendet und er die Güter seines
verstorbenen Vaters hier im Gebirge in Besitz nahm, Intendant dieser Güter.
— Ich blieb sein innigster Freund und Bruder, und als solcher eingeweiht in
die geheimsten Angelegenheiten seines Hauses. Sein Vater hatte seine
Verbindung mit einer ihm befreundeten Familie durch eine Heirat
gewünscht, und um so freudiger erfüllte er diesen Willen, als er in der ihm
bestimmten Braut ein herrliches, von der Natur reich ausgestattetes Wesen
fand, zu dem er sich unwiderstehlich hingezogen fühlte. Selten kam wohl
der Wille der Väter so vollkommen mit dem Geschick überein, das die
Kinder in allen nur möglichen Beziehungen für einander bestimmt zu haben
schien. Hermogen und Aurelie waren die Frucht der glücklichen Ehe.
Mehrenteils brachten wir den Winter in der benachbarten Hauptstadt zu, als
aber bald nach Aureliens Geburt die Baronesse zu kränkeln anfing, blieben
wir auch den Sommer über in der Stadt, da sie unausgesetzt des Beistandes
geschickter Ärzte bedurfte. Sie starb, als eben im herannahenden Frühling
ihre scheinbare Besserung den Baron mit den frohsten Hoffnungen erfüllte.
Wir flohen auf das Land und nur die Zeit vermochte den tiefen zerstörenden
Gram zu mildern der den Baron ergriffen hatte. Hermogen wuchs zum
herrlichen Jüngling heran, Aurelie wurde immer mehr das Ebenbild ihrer
Mutter, die sorgfältige Erziehung der Kinder war unser Tagewerk und
unsere Freude. Hermogen zeigte entschiedenen Hang zum Militär und dies
zwang den Baron, ihn nach der Hauptstadt zu schicken, um dort unter den
Augen seines alten Freundes, des Gouverneurs, die Laufbahn zu beginnen.
— Erst vor drei Jahren brachte der Baron mit Aurelien und mit mir wieder,
wie vor alter Zeit, zum erstenmal den Winter in der Residenz zu, teils
seinen Sohn wenigstens einige Zeit hindurch in der Nähe zu haben, teils
seine Freunde, die ihn unaufhörlich dazu aufgefordert, wieder zu sehen.
Allgemeines Aufsehen in der Hauptstadt erregte damals die Nichte des
Gouverneurs, welche aus der Residenz dahin gekommen. Sie war elternlos
und hatte sich unter den Schutz des Oheims begeben, wiewohl sie, einen
besonderen Flügel des Palastes bewohnend, ein eignes Haus machte und die
schöne Welt um sich zu versammeln pflegte. Ohne Euphemien näher zu
beschreiben, welches um so unnötiger, da Sie, ehrwürdiger Herr, sie bald
selbst sehen werden, begnüge ich mich zu sagen, daß alles was sie tat, was
sie sprach, von einer unbeschreiblichen Anmut belebt, und so der Reiz ihrer
ausgezeichneten körperlichen Schönheit bis zum Unwiderstehlichen erhöht
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wurde. — Überall wo sie erschien ging ein neues herrliches Leben auf und
man huldigte ihr mit dem glühendsten Enthusiasmus; den Unbedeutendsten,
Leblosesten wußte sie selbst in sein eignes Inneres hinein zu entzünden, daß
er, wie inspiriert, sich über die eigne Dürftigkeit erhob und entzückt in den
Genüssen eines höheren Lebens schwelgte, die ihm unbekannt gewesen. Es
fehlte natürlicherweise nicht an Anbetern, die täglich zu der Gottheit mit
Inbrunst flehten; man konnte indessen nie mit Bestimmtheit sagen, daß sie
diesen oder jenen besonders auszeichne, vielmehr wußte sie mit
schalkhafter Ironie, die, ohne zu beleidigen, nur wie starkes brennendes
Gewürz anregte und reizte, alle mit einem unauflöslichen Bande zu
umschlingen, daß sie sich, festgezaubert in dem magischen Kreise, froh und
lustig bewegten. Auf den Baron hatte diese Circe einen wunderbaren
Eindruck gemacht. Sie bewies ihm gleich bei seinem Erscheinen eine
Aufmerksamkeit, die von kindlicher Ehrfurcht erzeugt zu sein schien; in
jedem Gespräch mit ihm zeigte sie den gebildetsten Verstand und tiefes
Gefühl, wie er es kaum noch bei Weibern gefunden. Mit unbeschreiblicher
Zartheit suchte und fand sie Aureliens Freundschaft und nahm sich ihrer mit
so vieler Wärme an, daß sie sogar es nicht verschmähte, für die kleinsten
Bedürfnisse ihres Anzuges und sonst wie eine Mutter zu sorgen. Sie wußte
dem blöden unerfahrnen Mädchen in glänzender Gesellschaft auf eine so
feine Art beizustehen, daß dieser Beistand statt bemerkt zu werden, nur
dazu diente, Aureliens natürlichen Verstand und tiefes richtiges Gefühl so
herauszuheben, daß man sie bald mit der höchsten Achtung auszeichnete.
Der Baron ergoß sich bei jeder Gelegenheit in Euphemiens Lob, und hier
traf es sich vielleicht zum erstenmal in unserm Leben, daß wir so ganz
verschiedener Meinung waren. Gewöhnlich machte ich in jeder
Gesellschaft mehr den stillen aufmerksamen Beobachter, als daß ich hätte
unmittelbar eingehen sollen in lebendige Mitteilung und Unterhaltung. So
hatte ich auch Euphemien, die nur dann und wann, nach ihrer Gewohnheit
niemanden zu übersehen, ein paar freundliche Worte mit mir gewechselt,
als eine höchst interessante Erscheinung recht genau beobachtet. Ich mußte
eingestehen, daß sie das schönste, herrlichste Weib von allen war, daß aus
allem was sie sprach, Verstand und Gefühl hervorleuchtete; und doch wurde
ich auf ganz unerklärliche Weise von ihr zurückgestoßen, ja ich konnte ein
gewisses unheimliches Gefühl nicht unterdrücken, das sich augenblicklich
meiner bemächtigte, sobald ihr Blick mich traf oder sie mit mir zu sprechen
anfing. In ihren Augen brannte oft eine ganz eigne Glut, aus der, wenn sie
man huldigte ihr mit dem glühendsten Enthusiasmus; den Unbedeutendsten,
Leblosesten wußte sie selbst in sein eignes Inneres hinein zu entzünden, daß
er, wie inspiriert, sich über die eigne Dürftigkeit erhob und entzückt in den
Genüssen eines höheren Lebens schwelgte, die ihm unbekannt gewesen. Es
fehlte natürlicherweise nicht an Anbetern, die täglich zu der Gottheit mit
Inbrunst flehten; man konnte indessen nie mit Bestimmtheit sagen, daß sie
diesen oder jenen besonders auszeichne, vielmehr wußte sie mit
schalkhafter Ironie, die, ohne zu beleidigen, nur wie starkes brennendes
Gewürz anregte und reizte, alle mit einem unauflöslichen Bande zu
umschlingen, daß sie sich, festgezaubert in dem magischen Kreise, froh und
lustig bewegten. Auf den Baron hatte diese Circe einen wunderbaren
Eindruck gemacht. Sie bewies ihm gleich bei seinem Erscheinen eine
Aufmerksamkeit, die von kindlicher Ehrfurcht erzeugt zu sein schien; in
jedem Gespräch mit ihm zeigte sie den gebildetsten Verstand und tiefes
Gefühl, wie er es kaum noch bei Weibern gefunden. Mit unbeschreiblicher
Zartheit suchte und fand sie Aureliens Freundschaft und nahm sich ihrer mit
so vieler Wärme an, daß sie sogar es nicht verschmähte, für die kleinsten
Bedürfnisse ihres Anzuges und sonst wie eine Mutter zu sorgen. Sie wußte
dem blöden unerfahrnen Mädchen in glänzender Gesellschaft auf eine so
feine Art beizustehen, daß dieser Beistand statt bemerkt zu werden, nur
dazu diente, Aureliens natürlichen Verstand und tiefes richtiges Gefühl so
herauszuheben, daß man sie bald mit der höchsten Achtung auszeichnete.
Der Baron ergoß sich bei jeder Gelegenheit in Euphemiens Lob, und hier
traf es sich vielleicht zum erstenmal in unserm Leben, daß wir so ganz
verschiedener Meinung waren. Gewöhnlich machte ich in jeder
Gesellschaft mehr den stillen aufmerksamen Beobachter, als daß ich hätte
unmittelbar eingehen sollen in lebendige Mitteilung und Unterhaltung. So
hatte ich auch Euphemien, die nur dann und wann, nach ihrer Gewohnheit
niemanden zu übersehen, ein paar freundliche Worte mit mir gewechselt,
als eine höchst interessante Erscheinung recht genau beobachtet. Ich mußte
eingestehen, daß sie das schönste, herrlichste Weib von allen war, daß aus
allem was sie sprach, Verstand und Gefühl hervorleuchtete; und doch wurde
ich auf ganz unerklärliche Weise von ihr zurückgestoßen, ja ich konnte ein
gewisses unheimliches Gefühl nicht unterdrücken, das sich augenblicklich
meiner bemächtigte, sobald ihr Blick mich traf oder sie mit mir zu sprechen
anfing. In ihren Augen brannte oft eine ganz eigne Glut, aus der, wenn sie
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sich unbemerkt glaubte, funkelnde Blitze schossen, und es schien ein
inneres verderbliches Feuer, das nur mühsam überbaut, gewaltsam
hervorzustrahlen. Nächstdem schwebte oft um ihren sonst weich geformten
Mund eine gehässige Ironie, die mich, da es oft der grellste Ausdruck des
hämischen Hohns war, im Innersten erbeben machte. Daß sie oft den
Hermogen, der sich wenig oder gar nicht um sie bemühte, in dieser Art
anblickte, machte es mir gewiß, daß manches hinter der schönen Maske
verborgen, was wohl niemand ahne. Ich konnte dem ungemessenen Lob des
Barons freilich nichts entgegensetzen als meine physiognomischen
Bemerkungen, die er nicht im mindesten gelten ließ, vielmehr in meinem
innerlichen Abscheu gegen Euphemien nur eine höchst merkwürdige
Idiosynkrasie fand. Er vertraute mir, daß Euphemie wahrscheinlich in die
Familie treten werde, da er alles anwenden wolle, sie künftig mit Hermogen
zu verbinden. Dieser trat, als wir soeben recht ernstlich über die
Angelegenheit sprachen, und ich alle nur mögliche Gründe hervorsuchte,
meine Meinung über Euphemien zu rechtfertigen, ins Zimmer, und der
Baron, gewohnt in allem schnell und offen zu handeln, machte ihn
augenblicklich mit seinen Plänen und Wünschen Rücksichts Euphemiens
bekannt. Hermogen hörte alles ruhig an, was der Baron darüber und zum
Lobe Euphemiens mit dem größten Enthusiasmus sprach. Als die Lobrede
geendet, antwortete er, wie er sich auch nicht im mindesten von Euphemien
angezogen fühle, sie niemals lieben könne, und daher recht herzlich bitte,
den Plan jeder näheren Verbindung mit ihr aufzugeben. Der Baron war nicht
wenig bestürzt, seinen Lieblingsplan so beim ersten Schritt zertrümmert zu
sehen, indessen war er umsoweniger bemüht, noch mehr in Hermogen zu
dringen, als er nicht einmal Euphemiens Gesinnungen hierüber wußte. Mit
der ihm eignen Heiterkeit und Gemütlichkeit scherzte er bald über sein
unglückliches Bemühen und meinte, daß Hermogen mit mir vielleicht die
Idiosynkrasie teile, obgleich er nicht begreife, wie in einem schönen,
interessanten Weibe solch ein zurückschreckendes Prinzip wohnen könne.
Sein Verhältnis mit Euphemien blieb natürlicherweise dasselbe; er hatte
sich so an sie gewöhnt, daß er keinen Tag zubringen konnte, ohne sie zu
sehen. So kam es denn, daß er einmal in ganz heitrer, gemütlicher Laune ihr
scherzend sagte: Wie es nur einen einzigen Menschen in ihrem Zirkel gebe,
der nicht in sie verliebt sei, nämlich Hermogen. — Er habe die Verbindung
mit ihr, die er, der Baron, doch so herzlich gewünscht, hartnäckig
ausgeschlagen.
inneres verderbliches Feuer, das nur mühsam überbaut, gewaltsam
hervorzustrahlen. Nächstdem schwebte oft um ihren sonst weich geformten
Mund eine gehässige Ironie, die mich, da es oft der grellste Ausdruck des
hämischen Hohns war, im Innersten erbeben machte. Daß sie oft den
Hermogen, der sich wenig oder gar nicht um sie bemühte, in dieser Art
anblickte, machte es mir gewiß, daß manches hinter der schönen Maske
verborgen, was wohl niemand ahne. Ich konnte dem ungemessenen Lob des
Barons freilich nichts entgegensetzen als meine physiognomischen
Bemerkungen, die er nicht im mindesten gelten ließ, vielmehr in meinem
innerlichen Abscheu gegen Euphemien nur eine höchst merkwürdige
Idiosynkrasie fand. Er vertraute mir, daß Euphemie wahrscheinlich in die
Familie treten werde, da er alles anwenden wolle, sie künftig mit Hermogen
zu verbinden. Dieser trat, als wir soeben recht ernstlich über die
Angelegenheit sprachen, und ich alle nur mögliche Gründe hervorsuchte,
meine Meinung über Euphemien zu rechtfertigen, ins Zimmer, und der
Baron, gewohnt in allem schnell und offen zu handeln, machte ihn
augenblicklich mit seinen Plänen und Wünschen Rücksichts Euphemiens
bekannt. Hermogen hörte alles ruhig an, was der Baron darüber und zum
Lobe Euphemiens mit dem größten Enthusiasmus sprach. Als die Lobrede
geendet, antwortete er, wie er sich auch nicht im mindesten von Euphemien
angezogen fühle, sie niemals lieben könne, und daher recht herzlich bitte,
den Plan jeder näheren Verbindung mit ihr aufzugeben. Der Baron war nicht
wenig bestürzt, seinen Lieblingsplan so beim ersten Schritt zertrümmert zu
sehen, indessen war er umsoweniger bemüht, noch mehr in Hermogen zu
dringen, als er nicht einmal Euphemiens Gesinnungen hierüber wußte. Mit
der ihm eignen Heiterkeit und Gemütlichkeit scherzte er bald über sein
unglückliches Bemühen und meinte, daß Hermogen mit mir vielleicht die
Idiosynkrasie teile, obgleich er nicht begreife, wie in einem schönen,
interessanten Weibe solch ein zurückschreckendes Prinzip wohnen könne.
Sein Verhältnis mit Euphemien blieb natürlicherweise dasselbe; er hatte
sich so an sie gewöhnt, daß er keinen Tag zubringen konnte, ohne sie zu
sehen. So kam es denn, daß er einmal in ganz heitrer, gemütlicher Laune ihr
scherzend sagte: Wie es nur einen einzigen Menschen in ihrem Zirkel gebe,
der nicht in sie verliebt sei, nämlich Hermogen. — Er habe die Verbindung
mit ihr, die er, der Baron, doch so herzlich gewünscht, hartnäckig
ausgeschlagen.
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Euphemie meinte, daß es auch wohl noch darauf angekommen sein
würde, was sie zu der Verbindung gesagt, und daß ihr zwar jedes nähere
Verhältnis mit dem Baron wünschenswert sei, aber nicht durch Hermogen,
der ihr viel zu ernst und launisch wäre. Von der Zeit, als dieses Gespräch,
das mir der Baron gleich wieder erzählte, stattgefunden, verdoppelte
Euphemie ihre Aufmerksamkeit für den Baron und Aurelien, ja in manchen
leisen Andeutungen führte sie den Baron darauf, daß eine Verbindung mit
ihm selbst dem Ideal, das sie sich nun einmal von einer glücklichen Ehe
mache, ganz entspreche. Alles, was man Rücksichts des Unterschieds der
Jahre oder sonst entgegensetzen konnte, wußte sie auf die eindringendste
Weise zu widerlegen, und mit dem allen ging sie so leise, so fein, so
geschickt Schritt vor Schritt vorwärts, daß der Baron glauben mußte, alle
die Ideen, alle die Wünsche, die Euphemie gleichsam nur in sein Inneres
hauchte, wären eben in seinem Innern emporgekeimt. Kräftiger,
lebensvoller Natur wie er war, fühlte er sich bald von der glühenden
Leidenschaft des Jünglings ergriffen. Ich konnte den wilden Flug nicht
mehr aufhalten, es war zu spät. Nicht lange dauerte es, so war Euphemie,
zum Erstaunen der Hauptstadt, des Barons Gattin. Es war mir, als sei nun
das bedrohliche, grauenhafte Wesen, das mich in der Ferne geängstigt, recht
in mein Leben getreten und als müsse ich wachen und auf sorglicher Hut
sein für meinen Freund und für mich selbst. — Hermogen nahm die
Verheiratung seines Vaters mit kalter Gleichgültigkeit auf. Aurelie, das
liebe, ahnungsvolle Kind, zerfloß in Tränen.
Bald nach der Verbindung sehnte sich Euphemie ins Gebirge; sie kam
her und ich muß gestehen, daß ihr Betragen in hoher Liebenswürdigkeit
sich so ganz gleich blieb, daß sie mir unwillkürliche Bewunderung
abnötigte. So verflossen zwei Jahre in ruhigem, ungestörten Lebensgenuß.
Die beiden Winter brachten wir in der Hauptstadt zu, aber auch hier bewies
die Baronesse dem Gemahl so viel unbegrenzte Ehrfurcht, so viel
Aufmerksamkeit für seine leisesten Wünsche, daß der giftige Neid
verstummen mußte und keiner der jungen Herren, die sich schon freien
Spielraum für ihre Galanterie bei der Baronesse geträumt hatten, sich auch
die kleinste Glosse erlaubte. Im letzten Winter mochte ich auch wieder der
einzige sein, der, ergriffen von der alten, kaum verwundenen Idiosynkrasie,
wieder arges Mißtrauen zu hegen anfing.
würde, was sie zu der Verbindung gesagt, und daß ihr zwar jedes nähere
Verhältnis mit dem Baron wünschenswert sei, aber nicht durch Hermogen,
der ihr viel zu ernst und launisch wäre. Von der Zeit, als dieses Gespräch,
das mir der Baron gleich wieder erzählte, stattgefunden, verdoppelte
Euphemie ihre Aufmerksamkeit für den Baron und Aurelien, ja in manchen
leisen Andeutungen führte sie den Baron darauf, daß eine Verbindung mit
ihm selbst dem Ideal, das sie sich nun einmal von einer glücklichen Ehe
mache, ganz entspreche. Alles, was man Rücksichts des Unterschieds der
Jahre oder sonst entgegensetzen konnte, wußte sie auf die eindringendste
Weise zu widerlegen, und mit dem allen ging sie so leise, so fein, so
geschickt Schritt vor Schritt vorwärts, daß der Baron glauben mußte, alle
die Ideen, alle die Wünsche, die Euphemie gleichsam nur in sein Inneres
hauchte, wären eben in seinem Innern emporgekeimt. Kräftiger,
lebensvoller Natur wie er war, fühlte er sich bald von der glühenden
Leidenschaft des Jünglings ergriffen. Ich konnte den wilden Flug nicht
mehr aufhalten, es war zu spät. Nicht lange dauerte es, so war Euphemie,
zum Erstaunen der Hauptstadt, des Barons Gattin. Es war mir, als sei nun
das bedrohliche, grauenhafte Wesen, das mich in der Ferne geängstigt, recht
in mein Leben getreten und als müsse ich wachen und auf sorglicher Hut
sein für meinen Freund und für mich selbst. — Hermogen nahm die
Verheiratung seines Vaters mit kalter Gleichgültigkeit auf. Aurelie, das
liebe, ahnungsvolle Kind, zerfloß in Tränen.
Bald nach der Verbindung sehnte sich Euphemie ins Gebirge; sie kam
her und ich muß gestehen, daß ihr Betragen in hoher Liebenswürdigkeit
sich so ganz gleich blieb, daß sie mir unwillkürliche Bewunderung
abnötigte. So verflossen zwei Jahre in ruhigem, ungestörten Lebensgenuß.
Die beiden Winter brachten wir in der Hauptstadt zu, aber auch hier bewies
die Baronesse dem Gemahl so viel unbegrenzte Ehrfurcht, so viel
Aufmerksamkeit für seine leisesten Wünsche, daß der giftige Neid
verstummen mußte und keiner der jungen Herren, die sich schon freien
Spielraum für ihre Galanterie bei der Baronesse geträumt hatten, sich auch
die kleinste Glosse erlaubte. Im letzten Winter mochte ich auch wieder der
einzige sein, der, ergriffen von der alten, kaum verwundenen Idiosynkrasie,
wieder arges Mißtrauen zu hegen anfing.
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Vor der Verbindung mit dem Baron war der Graf Viktorin, ein junger
schöner Mann, Major bei der Ehrengarde, und nur abwechselnd in der
Hauptstadt, einer der eifrigsten Verehrer Euphemiens, und der einzige, den
sie oft wie unwillkürlich, hingerissen von dem Eindruck des Moments, vor
den andern auszeichnete. Man sprach sogar schon einmal davon, daß wohl
ein näheres Verhältnis zwischen ihm und Euphemien stattfinden möge, als
man es nach dem äußern Anschein vermuten solle, aber das Gerücht
verscholl ebenso dumpf als es entstanden. Graf Viktorin war eben den
Winter wieder in der Hauptstadt und natürlicherweise in Euphemiens
Zirkeln, er schien sich aber nicht im mindesten um sie zu bemühen, sondern
vielmehr sie absichtlich zu vermeiden. Demunerachtet war es mir oft, als
begegneten sich, wenn sie nicht bemerkt zu werden glaubten, ihre Blicke, in
denen inbrünstige Sehnsucht, lüsternes, glühendes Verlangen wie
verzehrendes Feuer brannte. Bei dem Gouverneur war eines Abends eine
glänzende Gesellschaft versammelt, ich stand in ein Fenster gedrückt, so
daß mich die herabfallende Draperie des reichen Vorhangs halb versteckte,
nur zwei bis drei Schritte vor mir stand Graf Viktorin. Da streifte Euphemie,
reizender gekleidet als je und in voller Schönheit strahlend, an ihm vorüber;
er faßte, so daß es niemand, als gerade ich, bemerken konnte, mit
leidenschaftlicher Heftigkeit ihren Arm, — sie erbebte sichtlich; ihr ganz
unbeschreiblicher Blick — es war die glutvollste Liebe, die nach Genuß
dürstende Wollust selbst — fiel auf ihn. Sie lispelten einige Worte die ich
nicht verstand. Euphemie mochte mich erblicken; sie wandte sich schnell
um, aber ich vernahm deutlich die Worte: „Wir werden bemerkt!“
Ich erstarrte vor Erstaunen, Schrecken und Schmerz! — Ach, wie soll
ich Ihnen, ehrwürdiger Herr, denn mein Gefühl beschreiben! — Denken Sie
an meine Liebe, an meine treue Anhänglichkeit mit der ich dem Baron
ergeben war — an meine bösen Ahnungen die nun erfüllt wurden; denn die
wenigen Worte hatten es mir ja ganz erschlossen, daß ein geheimes
Verhältnis zwischen der Baronesse und dem Grafen stattfand. Ich mußte
wohl vorderhand schweigen, aber die Baronesse wollte ich bewachen mit
Argusaugen, und dann, bei erlangter Gewißheit ihres Verbrechens, die
schändlichen Bande lösen, mit denen sie meinen unglücklichen Freund
umstrickt hatten. Doch wer vermag teuflischer Arglist zu begegnen;
umsonst, ganz umsonst waren meine Bemühungen und es wäre lächerlich
gewesen, dem Baron das mitzuteilen was ich gesehen und gehört, da die
schöner Mann, Major bei der Ehrengarde, und nur abwechselnd in der
Hauptstadt, einer der eifrigsten Verehrer Euphemiens, und der einzige, den
sie oft wie unwillkürlich, hingerissen von dem Eindruck des Moments, vor
den andern auszeichnete. Man sprach sogar schon einmal davon, daß wohl
ein näheres Verhältnis zwischen ihm und Euphemien stattfinden möge, als
man es nach dem äußern Anschein vermuten solle, aber das Gerücht
verscholl ebenso dumpf als es entstanden. Graf Viktorin war eben den
Winter wieder in der Hauptstadt und natürlicherweise in Euphemiens
Zirkeln, er schien sich aber nicht im mindesten um sie zu bemühen, sondern
vielmehr sie absichtlich zu vermeiden. Demunerachtet war es mir oft, als
begegneten sich, wenn sie nicht bemerkt zu werden glaubten, ihre Blicke, in
denen inbrünstige Sehnsucht, lüsternes, glühendes Verlangen wie
verzehrendes Feuer brannte. Bei dem Gouverneur war eines Abends eine
glänzende Gesellschaft versammelt, ich stand in ein Fenster gedrückt, so
daß mich die herabfallende Draperie des reichen Vorhangs halb versteckte,
nur zwei bis drei Schritte vor mir stand Graf Viktorin. Da streifte Euphemie,
reizender gekleidet als je und in voller Schönheit strahlend, an ihm vorüber;
er faßte, so daß es niemand, als gerade ich, bemerken konnte, mit
leidenschaftlicher Heftigkeit ihren Arm, — sie erbebte sichtlich; ihr ganz
unbeschreiblicher Blick — es war die glutvollste Liebe, die nach Genuß
dürstende Wollust selbst — fiel auf ihn. Sie lispelten einige Worte die ich
nicht verstand. Euphemie mochte mich erblicken; sie wandte sich schnell
um, aber ich vernahm deutlich die Worte: „Wir werden bemerkt!“
Ich erstarrte vor Erstaunen, Schrecken und Schmerz! — Ach, wie soll
ich Ihnen, ehrwürdiger Herr, denn mein Gefühl beschreiben! — Denken Sie
an meine Liebe, an meine treue Anhänglichkeit mit der ich dem Baron
ergeben war — an meine bösen Ahnungen die nun erfüllt wurden; denn die
wenigen Worte hatten es mir ja ganz erschlossen, daß ein geheimes
Verhältnis zwischen der Baronesse und dem Grafen stattfand. Ich mußte
wohl vorderhand schweigen, aber die Baronesse wollte ich bewachen mit
Argusaugen, und dann, bei erlangter Gewißheit ihres Verbrechens, die
schändlichen Bande lösen, mit denen sie meinen unglücklichen Freund
umstrickt hatten. Doch wer vermag teuflischer Arglist zu begegnen;
umsonst, ganz umsonst waren meine Bemühungen und es wäre lächerlich
gewesen, dem Baron das mitzuteilen was ich gesehen und gehört, da die
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Schlaue Auswege genug gefunden haben würde, mich als einen
abgeschmackten, törichten Geisterseher darzustellen. —
Der Schnee lag noch auf den Bergen als wir im vergangenen Frühling
hier einzogen, demunerachtet machte ich manchen Spaziergang in die
Berge hinein; im nächsten Dorfe begegne ich einem Bauer, der in Gang und
Haltung etwas Fremdartiges hat, als er den Kopf umwendet, erkenne ich
den Grafen Viktorin, aber in demselben Augenblick verschwindet er hinter
den Häusern und ist nicht mehr zu finden. — Was konnte ihn anders zu der
Verkleidung vermocht haben, als das Verständnis mit der Baronesse! —
Eben jetzt weiß ich gewiß, daß er sich wieder hier befindet, ich habe seinen
Jäger vorüberreiten gesehn, unerachtet es mir unbegreiflich ist, daß er die
Baronesse nicht in der Stadt aufgesucht haben sollte! — Vor drei Monaten
begab es sich, daß der Gouverneur heftig erkrankte und Euphemien zu
sehen wünschte, sie reiste mit Aurelien augenblicklich dahin und nur eine
Unpäßlichkeit hielt den Baron ab sie zu begleiten. Nun brach aber das
Unglück und die Trauer ein in unser Haus, denn bald schrieb Euphemie
dem Baron, wie Hermogen plötzlich von einer oft in wahnsinnige Wut
ausbrechenden Melancholie befallen, wie er einsam umherirre, sich und
sein Geschick verwünsche und wie alle Bemühungen der Freunde und
Ärzte bis jetzt umsonst gewesen. Sie können denken, ehrwürdiger Herr,
welch einen Eindruck diese Nachricht auf den Baron machte. Der Anblick
seines Sohnes würde ihn zu sehr erschüttert haben, ich reiste daher allein
nach der Stadt. Hermogen war durch starke Mittel die man angewandt,
wenigstens von den wilden Ausbrüchen des wütenden Wahnsinns befreit,
aber eine stille Melancholie war eingetreten, die den Ärzten unheilbar
schien. Als er mich sah, war er tief bewegt — er sagte mir, wie ihn ein
unglückliches Verhängnis treibe, dem Stande, in welchem er sich jetzt
befinde, auf immer zu entsagen und nur als Klostergeistlicher könne er
seine Seele erretten vor ewiger Verdammnis. Ich fand ihn schon in der
Tracht, wie Sie, ehrwürdiger Herr, ihn vorhin gesehen, und es gelang mir
seines Widerstrebens unerachtet endlich ihn hierher zu bringen. Er ist ruhig,
aber läßt nicht ab von der einmal gefaßten Idee, und alle Bemühungen das
Ereignis zu erforschen, das ihn in diesen Zustand versetzt, bleiben fruchtlos,
unerachtet die Entdeckung dieses Geheimnisses vielleicht am ersten auf
wirksame Mittel führen könnte ihn zu heilen.
abgeschmackten, törichten Geisterseher darzustellen. —
Der Schnee lag noch auf den Bergen als wir im vergangenen Frühling
hier einzogen, demunerachtet machte ich manchen Spaziergang in die
Berge hinein; im nächsten Dorfe begegne ich einem Bauer, der in Gang und
Haltung etwas Fremdartiges hat, als er den Kopf umwendet, erkenne ich
den Grafen Viktorin, aber in demselben Augenblick verschwindet er hinter
den Häusern und ist nicht mehr zu finden. — Was konnte ihn anders zu der
Verkleidung vermocht haben, als das Verständnis mit der Baronesse! —
Eben jetzt weiß ich gewiß, daß er sich wieder hier befindet, ich habe seinen
Jäger vorüberreiten gesehn, unerachtet es mir unbegreiflich ist, daß er die
Baronesse nicht in der Stadt aufgesucht haben sollte! — Vor drei Monaten
begab es sich, daß der Gouverneur heftig erkrankte und Euphemien zu
sehen wünschte, sie reiste mit Aurelien augenblicklich dahin und nur eine
Unpäßlichkeit hielt den Baron ab sie zu begleiten. Nun brach aber das
Unglück und die Trauer ein in unser Haus, denn bald schrieb Euphemie
dem Baron, wie Hermogen plötzlich von einer oft in wahnsinnige Wut
ausbrechenden Melancholie befallen, wie er einsam umherirre, sich und
sein Geschick verwünsche und wie alle Bemühungen der Freunde und
Ärzte bis jetzt umsonst gewesen. Sie können denken, ehrwürdiger Herr,
welch einen Eindruck diese Nachricht auf den Baron machte. Der Anblick
seines Sohnes würde ihn zu sehr erschüttert haben, ich reiste daher allein
nach der Stadt. Hermogen war durch starke Mittel die man angewandt,
wenigstens von den wilden Ausbrüchen des wütenden Wahnsinns befreit,
aber eine stille Melancholie war eingetreten, die den Ärzten unheilbar
schien. Als er mich sah, war er tief bewegt — er sagte mir, wie ihn ein
unglückliches Verhängnis treibe, dem Stande, in welchem er sich jetzt
befinde, auf immer zu entsagen und nur als Klostergeistlicher könne er
seine Seele erretten vor ewiger Verdammnis. Ich fand ihn schon in der
Tracht, wie Sie, ehrwürdiger Herr, ihn vorhin gesehen, und es gelang mir
seines Widerstrebens unerachtet endlich ihn hierher zu bringen. Er ist ruhig,
aber läßt nicht ab von der einmal gefaßten Idee, und alle Bemühungen das
Ereignis zu erforschen, das ihn in diesen Zustand versetzt, bleiben fruchtlos,
unerachtet die Entdeckung dieses Geheimnisses vielleicht am ersten auf
wirksame Mittel führen könnte ihn zu heilen.
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Vor einiger Zeit schrieb die Baronesse, wie sie auf Anraten ihres
Beichtvaters einen Ordensgeistlichen hersenden werde, dessen Umgang und
tröstender Zuspruch vielleicht besser als alles andere auf Hermogen wirken
könne, da sein Wahnsinn augenscheinlich eine ganz religiöse Tendenz
genommen. — Es freut mich recht innig, daß die Wahl Sie, ehrwürdiger
Herr, den ein glücklicher Zufall in die Hauptstadt führte, traf. Sie können
einer gebeugten Familie die verlorne Ruhe wiedergeben, wenn Sie Ihre
Bemühungen, die der Herr segnen möge, auf einen doppelten Zweck
richten. Erforschen Sie Hermogens entsetzliches Geheimnis, seine Brust
wird erleichtert sein, wenn er sich, sei es auch in heiliger Beichte, entdeckt
hat, und die Kirche wird ihn dem frohen Leben in der Welt, der er angehört,
wiedergeben, statt ihn in den Mauern zu begraben. — Aber treten Sie auch
der Baronesse näher. — Sie wissen alles. — Sie stimmen mir bei, daß
meine Bemerkungen von der Art sind, daß, so wenig sich darauf eine
Anklage gegen die Baronesse bauen läßt, doch eine Täuschung, ein
ungerechter Verdacht kaum möglich ist. Ganz meiner Meinung werden Sie
sein, wenn Sie Euphemien sehen und kennen lernen. Euphemie ist religiös
schon aus Temperament, vielleicht gelingt es Ihrer besonderen Rednergabe,
tief in ihr Herz zu dringen, sie zu erschüttern und zu bessern, daß sie den
Verrat am Freunde, der sie um die ewige Seligkeit bringt, unterläßt. Noch
muß ich sagen, ehrwürdiger Herr, daß es mir in manchen Augenblicken
scheint, als trage der Baron einen Gram in der Seele, dessen Ursache er mir
verschweigt, denn außer der Bekümmernis um Hermogen kämpft er
sichtlich mit einem Gedanken, der ihn beständig verfolgt. Es ist mir in den
Sinn gekommen, daß vielleicht ein böser Zufall noch deutlicher ihm die
Spur von dem verbrecherischen Umgange der Baronesse mit dem
fluchwürdigen Grafen zeigte, als mir. — Auch meinen Herzensfreund, den
Baron, empfehle ich, ehrwürdiger Herr, Ihrer geistlichen Sorge.“ —
Mit diesen Worten schloß Reinhold seine Erzählung, die mich auf
mannigfache Weise gefoltert hatte, indem die seltsamsten Widersprüche in
meinem Innern sich durchkreuzten. Mein eignes Ich, zum grausamen Spiel
eines launenhaften Zufalls geworden, und in fremdartige Gestalten
zerfließend, schwamm ohne Halt wie in einem Meer all der Ereignisse, die
wie tobende Wellen auf mich hineinbrausten. — Ich konnte mich selbst
nicht wiederfinden! — Offenbar wurde Viktorin durch den Zufall, der
meine Hand, nicht meinen Willen leitete, in den Abgrund gestürzt! — ich
trete an seine Stelle, aber Reinhold kennt den Pater Medardus, den Prediger
Beichtvaters einen Ordensgeistlichen hersenden werde, dessen Umgang und
tröstender Zuspruch vielleicht besser als alles andere auf Hermogen wirken
könne, da sein Wahnsinn augenscheinlich eine ganz religiöse Tendenz
genommen. — Es freut mich recht innig, daß die Wahl Sie, ehrwürdiger
Herr, den ein glücklicher Zufall in die Hauptstadt führte, traf. Sie können
einer gebeugten Familie die verlorne Ruhe wiedergeben, wenn Sie Ihre
Bemühungen, die der Herr segnen möge, auf einen doppelten Zweck
richten. Erforschen Sie Hermogens entsetzliches Geheimnis, seine Brust
wird erleichtert sein, wenn er sich, sei es auch in heiliger Beichte, entdeckt
hat, und die Kirche wird ihn dem frohen Leben in der Welt, der er angehört,
wiedergeben, statt ihn in den Mauern zu begraben. — Aber treten Sie auch
der Baronesse näher. — Sie wissen alles. — Sie stimmen mir bei, daß
meine Bemerkungen von der Art sind, daß, so wenig sich darauf eine
Anklage gegen die Baronesse bauen läßt, doch eine Täuschung, ein
ungerechter Verdacht kaum möglich ist. Ganz meiner Meinung werden Sie
sein, wenn Sie Euphemien sehen und kennen lernen. Euphemie ist religiös
schon aus Temperament, vielleicht gelingt es Ihrer besonderen Rednergabe,
tief in ihr Herz zu dringen, sie zu erschüttern und zu bessern, daß sie den
Verrat am Freunde, der sie um die ewige Seligkeit bringt, unterläßt. Noch
muß ich sagen, ehrwürdiger Herr, daß es mir in manchen Augenblicken
scheint, als trage der Baron einen Gram in der Seele, dessen Ursache er mir
verschweigt, denn außer der Bekümmernis um Hermogen kämpft er
sichtlich mit einem Gedanken, der ihn beständig verfolgt. Es ist mir in den
Sinn gekommen, daß vielleicht ein böser Zufall noch deutlicher ihm die
Spur von dem verbrecherischen Umgange der Baronesse mit dem
fluchwürdigen Grafen zeigte, als mir. — Auch meinen Herzensfreund, den
Baron, empfehle ich, ehrwürdiger Herr, Ihrer geistlichen Sorge.“ —
Mit diesen Worten schloß Reinhold seine Erzählung, die mich auf
mannigfache Weise gefoltert hatte, indem die seltsamsten Widersprüche in
meinem Innern sich durchkreuzten. Mein eignes Ich, zum grausamen Spiel
eines launenhaften Zufalls geworden, und in fremdartige Gestalten
zerfließend, schwamm ohne Halt wie in einem Meer all der Ereignisse, die
wie tobende Wellen auf mich hineinbrausten. — Ich konnte mich selbst
nicht wiederfinden! — Offenbar wurde Viktorin durch den Zufall, der
meine Hand, nicht meinen Willen leitete, in den Abgrund gestürzt! — ich
trete an seine Stelle, aber Reinhold kennt den Pater Medardus, den Prediger
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im Kapuzinerkloster in ..r—, und so bin ich ihm das wirklich, was ich bin!
— Aber das Verhältnis mit der Baronesse, welches Viktorin unterhält,
kommt auf mein Haupt, denn ich bin selbst Viktorin. Ich bin das, was ich
scheine und scheine das nicht, was ich bin, mir selbst ein unerklärliches
Rätsel, bin ich entzweit mit meinem Ich!
Des Sturms in meinem Innern unerachtet, gelang es mir die dem
Priester ziemliche Ruhe zu erheucheln, und so trat ich vor den Baron. Ich
fand in ihm einen bejahrten Mann, aber in den erloschenen Zügen lagen
noch die Andeutungen seltner Fülle und Kraft. Nicht das Alter, sondern der
Gram hatte die tiefen Furchen auf seiner breiten, offenen Stirn gezogen und
die Locken weiß gefärbt. Unerachtet dessen herrschte noch in allem was er
sprach, in seinem ganzen Benehmen, eine Heiterkeit und Gemütlichkeit, die
jeden unwiderstehlich zu ihm hinziehen mußte. Als Reinhold mich als den
vorstellte, dessen Ankunft die Baronesse angekündigt, sah er mich an mit
durchdringendem Blick, der immer freundlicher wurde, als Reinhold
erzählte, wie er mich schon vor mehreren Jahren im Kapuzinerkloster zu ..r
— predigen gehört, und sich von meiner seltnen Rednergabe überzeugt
hätte. Der Baron reichte mir treuherzig die Hand und sprach, sich zu
Reinhold wendend: „Ich weiß nicht, lieber Reinhold, wie so sonderbar mich
die Gesichtszüge des ehrwürdigen Herrn bei dem ersten Anblick
ansprachen; sie weckten eine Erinnerung, die vergebens strebte, deutlich
und lebendig hervorzugehen.“
Es war mir als würde er gleich herausbrechen: es ist ja Graf Viktorin,
denn auf wunderbare Weise glaubte ich nun wirklich Viktorin zu sein, und
ich fühlte mein Blut heftiger wallen und aufsteigend meine Wangen höher
färben. — Ich baute auf Reinhold, der mich ja als den Pater Medardus
kannte, unerachtet mir das eine Lüge zu sein schien: nichts konnte meinen
verworrenen Zustand lösen.
Nach dem Willen des Barons sollte ich sogleich Hermogens
Bekanntschaft machen, aber er war nirgends zu finden; man hatte ihn nach
dem Gebirge wandeln gesehen und war deshalb nicht besorgt um ihn, weil
er schon mehrmals tagelang auf diese Weise entfernt gewesen. Den ganzen
Tag über blieb ich in Reinholds und des Barons Gesellschaft, und nach und
nach faßte ich mich so im Innern, daß ich mich am Abend voll Mut und
Kraft fühlte, keck all den wunderlichen Ereignissen entgegen zu treten, die
meiner zu harren schienen. In der einsamen Nacht öffnete ich das
— Aber das Verhältnis mit der Baronesse, welches Viktorin unterhält,
kommt auf mein Haupt, denn ich bin selbst Viktorin. Ich bin das, was ich
scheine und scheine das nicht, was ich bin, mir selbst ein unerklärliches
Rätsel, bin ich entzweit mit meinem Ich!
Des Sturms in meinem Innern unerachtet, gelang es mir die dem
Priester ziemliche Ruhe zu erheucheln, und so trat ich vor den Baron. Ich
fand in ihm einen bejahrten Mann, aber in den erloschenen Zügen lagen
noch die Andeutungen seltner Fülle und Kraft. Nicht das Alter, sondern der
Gram hatte die tiefen Furchen auf seiner breiten, offenen Stirn gezogen und
die Locken weiß gefärbt. Unerachtet dessen herrschte noch in allem was er
sprach, in seinem ganzen Benehmen, eine Heiterkeit und Gemütlichkeit, die
jeden unwiderstehlich zu ihm hinziehen mußte. Als Reinhold mich als den
vorstellte, dessen Ankunft die Baronesse angekündigt, sah er mich an mit
durchdringendem Blick, der immer freundlicher wurde, als Reinhold
erzählte, wie er mich schon vor mehreren Jahren im Kapuzinerkloster zu ..r
— predigen gehört, und sich von meiner seltnen Rednergabe überzeugt
hätte. Der Baron reichte mir treuherzig die Hand und sprach, sich zu
Reinhold wendend: „Ich weiß nicht, lieber Reinhold, wie so sonderbar mich
die Gesichtszüge des ehrwürdigen Herrn bei dem ersten Anblick
ansprachen; sie weckten eine Erinnerung, die vergebens strebte, deutlich
und lebendig hervorzugehen.“
Es war mir als würde er gleich herausbrechen: es ist ja Graf Viktorin,
denn auf wunderbare Weise glaubte ich nun wirklich Viktorin zu sein, und
ich fühlte mein Blut heftiger wallen und aufsteigend meine Wangen höher
färben. — Ich baute auf Reinhold, der mich ja als den Pater Medardus
kannte, unerachtet mir das eine Lüge zu sein schien: nichts konnte meinen
verworrenen Zustand lösen.
Nach dem Willen des Barons sollte ich sogleich Hermogens
Bekanntschaft machen, aber er war nirgends zu finden; man hatte ihn nach
dem Gebirge wandeln gesehen und war deshalb nicht besorgt um ihn, weil
er schon mehrmals tagelang auf diese Weise entfernt gewesen. Den ganzen
Tag über blieb ich in Reinholds und des Barons Gesellschaft, und nach und
nach faßte ich mich so im Innern, daß ich mich am Abend voll Mut und
Kraft fühlte, keck all den wunderlichen Ereignissen entgegen zu treten, die
meiner zu harren schienen. In der einsamen Nacht öffnete ich das
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Portefeuille und überzeugte mich ganz davon, daß es eben Graf Viktorin
war, der zerschmettert im Abgrunde lag, doch waren übrigens die an ihn
gerichteten Briefe gleichgültigen Inhalts und kein einziger führte mich auch
nur mit einer Silbe ein in seine näheren Lebensverhältnisse. Ohne mich
darum weiter zu kümmern, beschloß ich d e m mich ganz zu fügen, was der
Zufall über mich verhängt haben würde, wenn die Baronesse angekommen
und mich gesehen. — Schon den andern Morgen traf die Baronesse mit
Aurelien ganz unerwartet ein. Ich sah beide aus dem Wagen steigen und,
von dem Baron und Reinhold empfangen, in das Portal des Schlosses
gehen. Unruhig schritt ich im Zimmer auf und ab von seltsamen Ahnungen
bestürmt, nicht lange dauerte es, so wurde ich hinabgerufen. — Die
Baronesse trat mir entgegen — ein schönes, herrliches Weib, noch in voller
Blüte. — Als sie mich erblickte, schien sie auf besondere Weise bewegt,
ihre Stimme zitterte, sie vermochte kaum Worte zu finden. Ihre sichtliche
Verlegenheit gab mir Mut, ich schaute ihr keck ins Auge und gab ihr nach
Klostersitte den Segen — sie erbleichte, sie mußte sich niederlassen.
Reinhold sah mich an, ganz froh und zufrieden lächelnd. In dem
Augenblick öffnete sich die Türe und der Baron trat mit Aurelien ein. —
Sowie ich Aurelien erblickte fuhr ein Strahl in meine Brust und
entzündete all die geheimsten Regungen, die wonnevollste Sehnsucht, das
Entzücken der inbrünstigen Liebe, alles was sonst nur gleich einer Ahnung
aus weiter Ferne im Innern erklungen, zum regen Leben; ja das Leben
selbst ging mir nun erst auf farbig und glänzend, denn alles vorher lag kalt
und erstorben in öder Nacht hinter mir. — Sie war es selbst, sie die ich in
jener wundervollen Vision im Beichtstuhl geschaut. Der schwermütige,
kindlich fromme Blick des dunkelblauen Auges, die weichgeformten
Lippen, der wie in betender Andacht sanft vorgebeugte Nacken, die hohe,
schlanke Gestalt, nicht Aurelie, die heilige Rosalie selbst war es. — Sogar
der azurblaue Schal, den Aurelie über das dunkelrote Kleid geschlagen, war
im fantastischen Faltenwurf ganz dem Gewande ähnlich, wie es die Heilige
auf jenem Gemälde, und eben die Unbekannte in jener Vision trug. — Was
war der Baronesse üppige Schönheit gegen Aureliens himmlischen
Liebreiz. Nur sie sah ich, indem alles um mich verschwunden. Meine innere
Bewegung konnte den Umstehenden nicht entgehen. „Was ist Ihnen,
ehrwürdiger Herr,“ fing der Baron an, „Sie scheinen auf ganz besondere
Weise bewegt?“ — Diese Worte brachten mich zu mir selbst, ja ich fühlte in
diesem Augenblick eine übermenschliche Kraft in mir emporkeimen, einen
war, der zerschmettert im Abgrunde lag, doch waren übrigens die an ihn
gerichteten Briefe gleichgültigen Inhalts und kein einziger führte mich auch
nur mit einer Silbe ein in seine näheren Lebensverhältnisse. Ohne mich
darum weiter zu kümmern, beschloß ich d e m mich ganz zu fügen, was der
Zufall über mich verhängt haben würde, wenn die Baronesse angekommen
und mich gesehen. — Schon den andern Morgen traf die Baronesse mit
Aurelien ganz unerwartet ein. Ich sah beide aus dem Wagen steigen und,
von dem Baron und Reinhold empfangen, in das Portal des Schlosses
gehen. Unruhig schritt ich im Zimmer auf und ab von seltsamen Ahnungen
bestürmt, nicht lange dauerte es, so wurde ich hinabgerufen. — Die
Baronesse trat mir entgegen — ein schönes, herrliches Weib, noch in voller
Blüte. — Als sie mich erblickte, schien sie auf besondere Weise bewegt,
ihre Stimme zitterte, sie vermochte kaum Worte zu finden. Ihre sichtliche
Verlegenheit gab mir Mut, ich schaute ihr keck ins Auge und gab ihr nach
Klostersitte den Segen — sie erbleichte, sie mußte sich niederlassen.
Reinhold sah mich an, ganz froh und zufrieden lächelnd. In dem
Augenblick öffnete sich die Türe und der Baron trat mit Aurelien ein. —
Sowie ich Aurelien erblickte fuhr ein Strahl in meine Brust und
entzündete all die geheimsten Regungen, die wonnevollste Sehnsucht, das
Entzücken der inbrünstigen Liebe, alles was sonst nur gleich einer Ahnung
aus weiter Ferne im Innern erklungen, zum regen Leben; ja das Leben
selbst ging mir nun erst auf farbig und glänzend, denn alles vorher lag kalt
und erstorben in öder Nacht hinter mir. — Sie war es selbst, sie die ich in
jener wundervollen Vision im Beichtstuhl geschaut. Der schwermütige,
kindlich fromme Blick des dunkelblauen Auges, die weichgeformten
Lippen, der wie in betender Andacht sanft vorgebeugte Nacken, die hohe,
schlanke Gestalt, nicht Aurelie, die heilige Rosalie selbst war es. — Sogar
der azurblaue Schal, den Aurelie über das dunkelrote Kleid geschlagen, war
im fantastischen Faltenwurf ganz dem Gewande ähnlich, wie es die Heilige
auf jenem Gemälde, und eben die Unbekannte in jener Vision trug. — Was
war der Baronesse üppige Schönheit gegen Aureliens himmlischen
Liebreiz. Nur sie sah ich, indem alles um mich verschwunden. Meine innere
Bewegung konnte den Umstehenden nicht entgehen. „Was ist Ihnen,
ehrwürdiger Herr,“ fing der Baron an, „Sie scheinen auf ganz besondere
Weise bewegt?“ — Diese Worte brachten mich zu mir selbst, ja ich fühlte in
diesem Augenblick eine übermenschliche Kraft in mir emporkeimen, einen
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nie gefühlten Mut alles zu bestehen, denn S i e mußte der Preis des Kampfes
werden.
„Wünschen Sie sich Glück, Herr Baron!“ rief ich, wie von hoher
Begeisterung plötzlich ergriffen, „wünschen Sie sich Glück! — eine Heilige
wandelt unter uns in diesen Mauern und bald öffnet sich in segensreicher
Klarheit der Himmel, und sie selbst, die heilige Rosalia, von den heiligen
Engeln umgeben, spendet Trost und Seligkeit den Gebeugten, die fromm
und gläubig sie anflehten. — Ich höre die Hymnen verklärter Geister, die
sich sehnen nach der Heiligen und sie im Gesange rufend, aus glänzenden
Wolken herabschweben. Ich sehe ihr Haupt strahlend in der Glorie
himmlischer Verklärung, emporgehoben nach dem Chor der Heiligen, der
ihrem Auge sichtlich! — Sancta Rosalia, ora pro nobis!“
Ich sank mit in die Höhe gerichteten Augen auf die Knie, die Hände
faltend zum Gebet, und alles folgte meinem Beispiel. Niemand frug mich
weiter, man schrieb den plötzlichen Ausbruch meiner Begeisterung irgend
einer Inspiration zu, so daß der Baron beschloß, wirklich am Altar der
heiligen Rosalia in der Hauptkirche der Stadt Messen lesen zu lassen.
Herrlich hatte ich mich auf diese Weise aus der Verlegenheit gerettet und
immer mehr war ich bereit, alles zu wagen, denn es galt Aureliens Besitz,
um den mir selbst mein Leben feil war. — Die Baronesse schien in ganz
besonderer Stimmung, ihre Blicke verfolgten mich, aber sowie ich sie
unbefangen anschaute, irrten ihre Augen unstät umher. Die Familie war in
ein anderes Zimmer getreten, ich eilte in den Garten hinab und schweifte
durch die Gänge, mit tausend Entschlüssen, Ideen, Plänen für mein
künftiges Leben im Schlosse arbeitend und kämpfend. Schon war es Abend
geworden, da erschien Reinhold und sagte mir, daß die Baronesse,
durchdrungen von meiner frommen Begeisterung, mich auf ihrem Zimmer
zu sprechen wünsche. —
Als ich in das Zimmer der Baronesse trat, kam sie mir einige Schritte
entgegen, mich bei den Armen fassend, sah sie mir starr ins Auge und rief:
„Ist es möglich — ist es möglich! — Bist du Medardus, der Kapuziner-
Mönch? — Aber die Stimme, die Gestalt, deine Augen, dein Haar! sprich
oder ich vergehe in Angst und Zweifel.“ — Viktorinus! lispelte ich leise, da
umschlang sie mich mit dem wilden Ungestüm unbezähmbarer Wollust, —
ein Glutstrom brauste durch meine Adern, das Blut siedete, die Sinne
vergingen mir in namenloser Wonne, in wahnsinniger Verzückung; aber
werden.
„Wünschen Sie sich Glück, Herr Baron!“ rief ich, wie von hoher
Begeisterung plötzlich ergriffen, „wünschen Sie sich Glück! — eine Heilige
wandelt unter uns in diesen Mauern und bald öffnet sich in segensreicher
Klarheit der Himmel, und sie selbst, die heilige Rosalia, von den heiligen
Engeln umgeben, spendet Trost und Seligkeit den Gebeugten, die fromm
und gläubig sie anflehten. — Ich höre die Hymnen verklärter Geister, die
sich sehnen nach der Heiligen und sie im Gesange rufend, aus glänzenden
Wolken herabschweben. Ich sehe ihr Haupt strahlend in der Glorie
himmlischer Verklärung, emporgehoben nach dem Chor der Heiligen, der
ihrem Auge sichtlich! — Sancta Rosalia, ora pro nobis!“
Ich sank mit in die Höhe gerichteten Augen auf die Knie, die Hände
faltend zum Gebet, und alles folgte meinem Beispiel. Niemand frug mich
weiter, man schrieb den plötzlichen Ausbruch meiner Begeisterung irgend
einer Inspiration zu, so daß der Baron beschloß, wirklich am Altar der
heiligen Rosalia in der Hauptkirche der Stadt Messen lesen zu lassen.
Herrlich hatte ich mich auf diese Weise aus der Verlegenheit gerettet und
immer mehr war ich bereit, alles zu wagen, denn es galt Aureliens Besitz,
um den mir selbst mein Leben feil war. — Die Baronesse schien in ganz
besonderer Stimmung, ihre Blicke verfolgten mich, aber sowie ich sie
unbefangen anschaute, irrten ihre Augen unstät umher. Die Familie war in
ein anderes Zimmer getreten, ich eilte in den Garten hinab und schweifte
durch die Gänge, mit tausend Entschlüssen, Ideen, Plänen für mein
künftiges Leben im Schlosse arbeitend und kämpfend. Schon war es Abend
geworden, da erschien Reinhold und sagte mir, daß die Baronesse,
durchdrungen von meiner frommen Begeisterung, mich auf ihrem Zimmer
zu sprechen wünsche. —
Als ich in das Zimmer der Baronesse trat, kam sie mir einige Schritte
entgegen, mich bei den Armen fassend, sah sie mir starr ins Auge und rief:
„Ist es möglich — ist es möglich! — Bist du Medardus, der Kapuziner-
Mönch? — Aber die Stimme, die Gestalt, deine Augen, dein Haar! sprich
oder ich vergehe in Angst und Zweifel.“ — Viktorinus! lispelte ich leise, da
umschlang sie mich mit dem wilden Ungestüm unbezähmbarer Wollust, —
ein Glutstrom brauste durch meine Adern, das Blut siedete, die Sinne
vergingen mir in namenloser Wonne, in wahnsinniger Verzückung; aber
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sündigend war mein ganzes Gemüt nur Aurelien zugewendet und I h r nur
opferte ich in dem Augenblick, durch den Bruch des Gelübdes, das Heil
meiner Seele.
Ja! Nur Aurelie lebte in mir, mein ganzer Sinn war vor ihr erfüllt, und
doch ergriff mich ein innerer Schauer, wenn ich daran dachte sie
wiederzusehen, was doch schon an der Abendtafel geschehen sollte. Es war
mir, als würde mich ihr frommer Blick heilloser Sünde zeihen, und als
würde ich, entlarvt und vernichtet, in Schmach und Verderben sinken.
Ebenso konnte ich mich nicht entschließen die Baronesse gleich nach jenen
Momenten wiederzusehen, und alles dieses bestimmte mich, eine
Andachtsübung vorschützend, in meinem Zimmer zu bleiben als man mich
zur Tafel einlud. Nur weniger Tage bedurfte es indessen, um alle Scheu, alle
Befangenheit, zu überwinden; die Baronesse war die Liebenswürdigkeit
selbst, und je enger sich unser Bündnis schloß, je reicher an frevelhaften
Genüssen es wurde, desto mehr verdoppelte sich ihre Aufmerksamkeit für
den Baron. Sie gestand mir, daß nur meine Tonsur, mein natürlicher Bart
sowie mein echt klösterlicher Gang, den ich aber jetzt nicht mehr so strenge
als anfangs beibehalte, sie in tausend Ängsten gesetzt habe. Ja, bei meiner
plötzlichen begeisterten Anrufung der heiligen Rosalia sei sie beinahe
überzeugt worden, irgend ein Irrtum, irgend ein feindlicher Zufall habe
ihren mit Viktorin so schlau entworfenen Plan vereitelt und einen
verdammten wirklichen Kapuziner an die Stelle geschoben. Sie bewundere
meine Vorsicht, mich wirklich tonsurieren und mir den Bart wachsen zu
lassen, ja mich in Gang und Stellung so ganz in meine Rolle einzustudieren,
daß sie oft selbst mir recht ins Auge blicken müsse, um nicht in
abenteuerliche Zweifel zu geraten.
Zuweilen ließ sich Viktorins Jäger, als Bauer verkleidet, am Ende des
Parks sehen und ich versäumte nicht, insgeheim mit ihm zu sprechen und
ihn zu ermahnen sich bereit zu halten, um mit mir fliehen zu können, wenn
vielleicht ein böser Zufall mich in Gefahr bringen sollte. Der Baron und
Reinhold schienen höchlich mit mir zufrieden und drangen in mich, ja des
tiefsinnigen Hermogen mich mit aller Kraft die mir zu Gebote stehe,
anzunehmen. Noch war es mir aber nicht möglich geworden auch nur ein
einziges Wort mit ihm zu sprechen, denn sichtlich wich er jeder Gelegenheit
aus mit mir allein zu sein, und traf er mich in der Gesellschaft des Barons
oder Reinholds, so blickte er mich auf so sonderbare Weise an, daß ich in
opferte ich in dem Augenblick, durch den Bruch des Gelübdes, das Heil
meiner Seele.
Ja! Nur Aurelie lebte in mir, mein ganzer Sinn war vor ihr erfüllt, und
doch ergriff mich ein innerer Schauer, wenn ich daran dachte sie
wiederzusehen, was doch schon an der Abendtafel geschehen sollte. Es war
mir, als würde mich ihr frommer Blick heilloser Sünde zeihen, und als
würde ich, entlarvt und vernichtet, in Schmach und Verderben sinken.
Ebenso konnte ich mich nicht entschließen die Baronesse gleich nach jenen
Momenten wiederzusehen, und alles dieses bestimmte mich, eine
Andachtsübung vorschützend, in meinem Zimmer zu bleiben als man mich
zur Tafel einlud. Nur weniger Tage bedurfte es indessen, um alle Scheu, alle
Befangenheit, zu überwinden; die Baronesse war die Liebenswürdigkeit
selbst, und je enger sich unser Bündnis schloß, je reicher an frevelhaften
Genüssen es wurde, desto mehr verdoppelte sich ihre Aufmerksamkeit für
den Baron. Sie gestand mir, daß nur meine Tonsur, mein natürlicher Bart
sowie mein echt klösterlicher Gang, den ich aber jetzt nicht mehr so strenge
als anfangs beibehalte, sie in tausend Ängsten gesetzt habe. Ja, bei meiner
plötzlichen begeisterten Anrufung der heiligen Rosalia sei sie beinahe
überzeugt worden, irgend ein Irrtum, irgend ein feindlicher Zufall habe
ihren mit Viktorin so schlau entworfenen Plan vereitelt und einen
verdammten wirklichen Kapuziner an die Stelle geschoben. Sie bewundere
meine Vorsicht, mich wirklich tonsurieren und mir den Bart wachsen zu
lassen, ja mich in Gang und Stellung so ganz in meine Rolle einzustudieren,
daß sie oft selbst mir recht ins Auge blicken müsse, um nicht in
abenteuerliche Zweifel zu geraten.
Zuweilen ließ sich Viktorins Jäger, als Bauer verkleidet, am Ende des
Parks sehen und ich versäumte nicht, insgeheim mit ihm zu sprechen und
ihn zu ermahnen sich bereit zu halten, um mit mir fliehen zu können, wenn
vielleicht ein böser Zufall mich in Gefahr bringen sollte. Der Baron und
Reinhold schienen höchlich mit mir zufrieden und drangen in mich, ja des
tiefsinnigen Hermogen mich mit aller Kraft die mir zu Gebote stehe,
anzunehmen. Noch war es mir aber nicht möglich geworden auch nur ein
einziges Wort mit ihm zu sprechen, denn sichtlich wich er jeder Gelegenheit
aus mit mir allein zu sein, und traf er mich in der Gesellschaft des Barons
oder Reinholds, so blickte er mich auf so sonderbare Weise an, daß ich in
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der Tat Mühe hatte nicht in augenscheinliche Verlegenheit zu geraten. Er
schien tief in meine Seele zu dringen und meine geheimsten Gedanken zu
erspähen. Ein unbezwinglicher tiefer Mißmut, ein unterdrückter Groll, ein
nur mit Mühe bezähmter Zorn lag auf seinem bleichen Gesichte sobald er
mich ansichtig wurde. — Es begab sich, daß er mir einmal als ich eben im
Park lustwandelte, ganz unerwartet entgegentrat; ich hielt dies für den
schicklichen Moment, endlich das drückende Verhältnis mit ihm
aufzuklären, daher faßte ich ihn schnell bei der Hand als er mir entweichen
wollte, und mein Rednertalent machte es mir möglich, so eindringend, so
salbungsvoll zu sprechen, daß er wirklich aufmerksam zu werden schien
und eine innere Rührung nicht unterdrücken konnte. Wir hatten uns auf eine
steinerne Bank am Ende eines Ganges, der nach dem Schloß führte,
niedergelassen. Im Reden stieg meine Begeisterung, ich sprach davon, daß
es sündlich sei, wenn der Mensch im innern Gram sich verzehrend den
Trost, die Hilfe der Kirche, die den Gebeugten aufrichte, verschmähe und
so den Zwecken des Lebens wie die höhere Macht sie ihm gestellt, feindlich
entgegenstrebe. Ja, daß selbst der Verbrecher nicht zweifeln solle an der
Gnade des Himmels, da dieser Zweifel ihn eben um die Seligkeit bringe,
die er, entsündigt durch Buße und Frömmigkeit, erwerben könne. Ich
forderte ihn endlich auf, gleich jetzt mir zu beichten und so sein Inneres wie
vor Gott auszuschütten, indem ich ihm von jeder Sünde die er begangen,
Absolution zusage: da stand er auf, seine Augenbraunen zogen sich
zusammen, die Augen brannten, eine glühende Röte überflog sein
leichenblasses Gesicht und mit seltsam gellender Stimme rief er: „Bist du
denn rein von der Sünde, daß du es wagst, wie der Reinste, ja wie Gott
selbst, den du verhöhnest, in meine Brust schauen zu wollen, daß du es
wagst, mir Vergebung der Sünde zuzusagen, du, der du selbst vergeblich
ringen wirst nach der Entsündigung, nach der Seligkeit des Himmels die
sich dir auf ewig verschloß? Elender Heuchler, bald kommt die Stunde der
Vergeltung, und in den Staub getreten, wie ein giftiger Wurm, zuckst du im
schmachvollen Tode vergebens nach Hilfe, nach Erlösung von unnennbarer
Qual ächzend, bis du verdirbst in Wahnsinn und Verzweiflung!“ — Er
schritt rasch von dannen, ich war zerschmettert, vernichtet, all meine
Fassung, mein Mut, war dahin. Ich sah Euphemien aus dem Schlosse
kommen mit Hut und Schal, wie zum Spaziergange gekleidet; bei ihr nur
war Trost und Hilfe zu finden, ich warf mich ihr entgegen, sie erschrak über
mein zerstörtes Wesen, sie frug nach der Ursache, und ich erzählte ihr
schien tief in meine Seele zu dringen und meine geheimsten Gedanken zu
erspähen. Ein unbezwinglicher tiefer Mißmut, ein unterdrückter Groll, ein
nur mit Mühe bezähmter Zorn lag auf seinem bleichen Gesichte sobald er
mich ansichtig wurde. — Es begab sich, daß er mir einmal als ich eben im
Park lustwandelte, ganz unerwartet entgegentrat; ich hielt dies für den
schicklichen Moment, endlich das drückende Verhältnis mit ihm
aufzuklären, daher faßte ich ihn schnell bei der Hand als er mir entweichen
wollte, und mein Rednertalent machte es mir möglich, so eindringend, so
salbungsvoll zu sprechen, daß er wirklich aufmerksam zu werden schien
und eine innere Rührung nicht unterdrücken konnte. Wir hatten uns auf eine
steinerne Bank am Ende eines Ganges, der nach dem Schloß führte,
niedergelassen. Im Reden stieg meine Begeisterung, ich sprach davon, daß
es sündlich sei, wenn der Mensch im innern Gram sich verzehrend den
Trost, die Hilfe der Kirche, die den Gebeugten aufrichte, verschmähe und
so den Zwecken des Lebens wie die höhere Macht sie ihm gestellt, feindlich
entgegenstrebe. Ja, daß selbst der Verbrecher nicht zweifeln solle an der
Gnade des Himmels, da dieser Zweifel ihn eben um die Seligkeit bringe,
die er, entsündigt durch Buße und Frömmigkeit, erwerben könne. Ich
forderte ihn endlich auf, gleich jetzt mir zu beichten und so sein Inneres wie
vor Gott auszuschütten, indem ich ihm von jeder Sünde die er begangen,
Absolution zusage: da stand er auf, seine Augenbraunen zogen sich
zusammen, die Augen brannten, eine glühende Röte überflog sein
leichenblasses Gesicht und mit seltsam gellender Stimme rief er: „Bist du
denn rein von der Sünde, daß du es wagst, wie der Reinste, ja wie Gott
selbst, den du verhöhnest, in meine Brust schauen zu wollen, daß du es
wagst, mir Vergebung der Sünde zuzusagen, du, der du selbst vergeblich
ringen wirst nach der Entsündigung, nach der Seligkeit des Himmels die
sich dir auf ewig verschloß? Elender Heuchler, bald kommt die Stunde der
Vergeltung, und in den Staub getreten, wie ein giftiger Wurm, zuckst du im
schmachvollen Tode vergebens nach Hilfe, nach Erlösung von unnennbarer
Qual ächzend, bis du verdirbst in Wahnsinn und Verzweiflung!“ — Er
schritt rasch von dannen, ich war zerschmettert, vernichtet, all meine
Fassung, mein Mut, war dahin. Ich sah Euphemien aus dem Schlosse
kommen mit Hut und Schal, wie zum Spaziergange gekleidet; bei ihr nur
war Trost und Hilfe zu finden, ich warf mich ihr entgegen, sie erschrak über
mein zerstörtes Wesen, sie frug nach der Ursache, und ich erzählte ihr
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getreulich den ganzen Auftritt den ich eben mit dem wahnsinnigen
Hermogen gehabt, indem ich noch meine Angst, meine Besorgnis, daß
Hermogen vielleicht durch einen unerklärlichen Zufall unser Geheimnis
erraten, hinzusetzte. Euphemie schien über alles nicht einmal betroffen, sie
lächelte auf so ganz seltsame Weise, daß mich ein Schauer ergriff und sagte:
„Gehen wir tiefer in den Park, denn hier werden wir zu sehr beobachtet und
es könnte auffallen, daß der ehrwürdige Pater Medardus so heftig mit mir
spricht.“ Wir waren in ein ganz entlegenes Boskett getreten, da umschlang
mich Euphemie mit leidenschaftlicher Heftigkeit; ihre heißen, glühenden
Küsse brannten auf meinen Lippen. „Ruhig, Viktorin,“ sprach Euphemie,
„ruhig kannst du sein über das alles, was dich so in Angst und Zweifel
gestürzt hat; es ist mir sogar lieb, daß es so mit Hermogen gekommen, denn
nun darf und muß ich mit dir über manches sprechen, wovon ich so lange
schwieg. — Du mußt eingestehen, daß ich mir eine seltene geistige
Herrschaft über alles was mich im Leben umgibt, zu erringen gewußt, und
ich glaube, daß dies dem Weibe leichter ist als euch. Freilich gehört nichts
Geringeres dazu, als daß außer jenem unnennbaren unwiderstehlichen Reiz
der äußern Gestalt, den die Natur dem Weibe zu spenden vermag, dasjenige
höhere Prinzip in ihr wohne, welches eben jenen Reiz mit dem geistigen
Vermögen in eins verschmilzt und nun nach Willkür beherrscht. Es ist das
eigne wunderbare Heraustreten aus sich selbst, das die Anschauung des
eignen Ichs vom andern Standpunkte gestattet, welches dann als ein sich
dem höheren Willen schmiegendes Mittel erscheint, d e m Zweck zu dienen,
den er sich als den höchsten, im Leben zu erringenden gesetzt. — Gibt es
etwas Höheres als das Leben im Leben zu beherrschen, alle seine
Erscheinungen, seine reichen Genüsse wie im mächtigen Zauber zu bannen,
nach der Willkür, die dem Herrscher verstattet? — Du Viktorin, gehörtest
von jeher zu den wenigen, die mich ganz verstanden, auch du hattest dir den
Standpunkt über dein Selbst gestellt, und ich verschmähte es daher nicht,
dich wie den königlichen Gemahl auf meinen Thron im höheren Reiche zu
erheben. Das Geheimnis erhöhte den Reiz dieses Bundes, und unsere
scheinbare Trennung diente nur dazu, unserer fantastischen Laune Raum zu
geben, die wie zu unserer Ergötzlichkeit mit den untergeordneten
Verhältnissen des gemeinen Alltagslebens spielte. Ist nicht unser jetziges
Beisammensein das kühnste Wagstück, das, im höheren Geiste gedacht, der
Ohnmacht konventioneller Beschränktheit spottet? Selbst bei deinem so
ganz fremdartigen Wesen, das nicht allein die Kleidung erzeugt, ist es mir
Hermogen gehabt, indem ich noch meine Angst, meine Besorgnis, daß
Hermogen vielleicht durch einen unerklärlichen Zufall unser Geheimnis
erraten, hinzusetzte. Euphemie schien über alles nicht einmal betroffen, sie
lächelte auf so ganz seltsame Weise, daß mich ein Schauer ergriff und sagte:
„Gehen wir tiefer in den Park, denn hier werden wir zu sehr beobachtet und
es könnte auffallen, daß der ehrwürdige Pater Medardus so heftig mit mir
spricht.“ Wir waren in ein ganz entlegenes Boskett getreten, da umschlang
mich Euphemie mit leidenschaftlicher Heftigkeit; ihre heißen, glühenden
Küsse brannten auf meinen Lippen. „Ruhig, Viktorin,“ sprach Euphemie,
„ruhig kannst du sein über das alles, was dich so in Angst und Zweifel
gestürzt hat; es ist mir sogar lieb, daß es so mit Hermogen gekommen, denn
nun darf und muß ich mit dir über manches sprechen, wovon ich so lange
schwieg. — Du mußt eingestehen, daß ich mir eine seltene geistige
Herrschaft über alles was mich im Leben umgibt, zu erringen gewußt, und
ich glaube, daß dies dem Weibe leichter ist als euch. Freilich gehört nichts
Geringeres dazu, als daß außer jenem unnennbaren unwiderstehlichen Reiz
der äußern Gestalt, den die Natur dem Weibe zu spenden vermag, dasjenige
höhere Prinzip in ihr wohne, welches eben jenen Reiz mit dem geistigen
Vermögen in eins verschmilzt und nun nach Willkür beherrscht. Es ist das
eigne wunderbare Heraustreten aus sich selbst, das die Anschauung des
eignen Ichs vom andern Standpunkte gestattet, welches dann als ein sich
dem höheren Willen schmiegendes Mittel erscheint, d e m Zweck zu dienen,
den er sich als den höchsten, im Leben zu erringenden gesetzt. — Gibt es
etwas Höheres als das Leben im Leben zu beherrschen, alle seine
Erscheinungen, seine reichen Genüsse wie im mächtigen Zauber zu bannen,
nach der Willkür, die dem Herrscher verstattet? — Du Viktorin, gehörtest
von jeher zu den wenigen, die mich ganz verstanden, auch du hattest dir den
Standpunkt über dein Selbst gestellt, und ich verschmähte es daher nicht,
dich wie den königlichen Gemahl auf meinen Thron im höheren Reiche zu
erheben. Das Geheimnis erhöhte den Reiz dieses Bundes, und unsere
scheinbare Trennung diente nur dazu, unserer fantastischen Laune Raum zu
geben, die wie zu unserer Ergötzlichkeit mit den untergeordneten
Verhältnissen des gemeinen Alltagslebens spielte. Ist nicht unser jetziges
Beisammensein das kühnste Wagstück, das, im höheren Geiste gedacht, der
Ohnmacht konventioneller Beschränktheit spottet? Selbst bei deinem so
ganz fremdartigen Wesen, das nicht allein die Kleidung erzeugt, ist es mir
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als unterwerfe sich das Geistige dem herrschenden, es bedingenden Prinzip,
und wirke so mit wunderbarer Kraft nach außen, selbst das Körperliche
anders formend und gestaltend, so daß es ganz der vorgesetzten
Bestimmung gemäß erscheint. — Wie herzlich ich nun bei dieser tief aus
meinem Wesen entspringenden Ansicht der Dinge alle konventionelle
Beschränktheit verachte, indem ich mit dir spiele, weißt du. — Der Baron
ist mir eine bis zum höchsten Überdruß ekelhaft gewordene Maschine, die
zu meinem Zweck verbraucht, tot daliegt wie ein abgelaufenes Räderwerk.
— Reinhold ist zu beschränkt um von mir beachtet zu werden, Aurelie ein
gutes Kind, wir haben es nur mit Hermogen zu tun. — Ich gestand dir
schon, daß Hermogen, als ich ihn zum erstenmal sah, einen wunderbaren
Eindruck auf mich machte. — Ich hielt ihn für fähig, einzugehen in das
höhere Leben, das ich ihm erschließen wollte, und irrte mich zum
erstenmal. — Es war etwas mir Feindliches in ihm, was in stetem regen
Widerspruch sich gegen mich auflehnte, ja der Zauber womit ich die andern
unwillkürlich zu umstricken wußte, stieß ihn zurück. Er blieb kalt, düster
verschlossen und reizte, indem er mit eigner wunderbarer Kraft mir
widerstrebte, meine Empfindlichkeit, meine Lust den Kampf zu beginnen,
in dem er unterliegen sollte. — Diesen Kampf hatte ich beschlossen, als der
Baron mir sagte, wie er Hermogen eine Verbindung mit mir vorgeschlagen,
dieser sie aber unter jeder Bedingung abgelehnt habe. — Wie ein göttlicher
Funke durchstrahlte mich in demselben Moment der Gedanke, mich mit
dem Baron selbst zu vermählen und so mit einem Mal all die kleinen
konventionellen Rücksichten, die mich oft einzwängten auf widrige Weise,
aus dem Wege zu räumen: doch ich habe ja selbst mit dir, Viktorin, oft
genug über jene Vermählung gesprochen, ich widerlegte deine Zweifel mit
der Tat, denn es gelang mir, den Alten in wenigen Tagen zum albernen,
zärtlichen Liebhaber zu machen und er mußte das, was ich gewollt, als die
Erfüllung seines innigsten Wunsches, den er laut werden zu lassen kaum
gewagt, ansehen. Aber tief im Hintergrunde lag noch in mir der Gedanke
der Rache an Hermogen, die mir nun leichter und befriedigender werden
sollte. Der Schlag wurde verschoben, um richtiger, tötender zu treffen. —
Kennte ich weniger dein Inneres, wüßte ich nicht, daß du dich zu der Höhe
meiner Ansichten zu erheben vermagst, ich würde Bedenken tragen dir
mehr von der Sache zu sagen, die nun einmal geschehen. Ich ließ es mir
angelegen sein, Hermogen recht in seinem Innern aufzufassen, ich erschien
in der Hauptstadt düster, in mich gekehrt, und bildete so den Kontrast mit
und wirke so mit wunderbarer Kraft nach außen, selbst das Körperliche
anders formend und gestaltend, so daß es ganz der vorgesetzten
Bestimmung gemäß erscheint. — Wie herzlich ich nun bei dieser tief aus
meinem Wesen entspringenden Ansicht der Dinge alle konventionelle
Beschränktheit verachte, indem ich mit dir spiele, weißt du. — Der Baron
ist mir eine bis zum höchsten Überdruß ekelhaft gewordene Maschine, die
zu meinem Zweck verbraucht, tot daliegt wie ein abgelaufenes Räderwerk.
— Reinhold ist zu beschränkt um von mir beachtet zu werden, Aurelie ein
gutes Kind, wir haben es nur mit Hermogen zu tun. — Ich gestand dir
schon, daß Hermogen, als ich ihn zum erstenmal sah, einen wunderbaren
Eindruck auf mich machte. — Ich hielt ihn für fähig, einzugehen in das
höhere Leben, das ich ihm erschließen wollte, und irrte mich zum
erstenmal. — Es war etwas mir Feindliches in ihm, was in stetem regen
Widerspruch sich gegen mich auflehnte, ja der Zauber womit ich die andern
unwillkürlich zu umstricken wußte, stieß ihn zurück. Er blieb kalt, düster
verschlossen und reizte, indem er mit eigner wunderbarer Kraft mir
widerstrebte, meine Empfindlichkeit, meine Lust den Kampf zu beginnen,
in dem er unterliegen sollte. — Diesen Kampf hatte ich beschlossen, als der
Baron mir sagte, wie er Hermogen eine Verbindung mit mir vorgeschlagen,
dieser sie aber unter jeder Bedingung abgelehnt habe. — Wie ein göttlicher
Funke durchstrahlte mich in demselben Moment der Gedanke, mich mit
dem Baron selbst zu vermählen und so mit einem Mal all die kleinen
konventionellen Rücksichten, die mich oft einzwängten auf widrige Weise,
aus dem Wege zu räumen: doch ich habe ja selbst mit dir, Viktorin, oft
genug über jene Vermählung gesprochen, ich widerlegte deine Zweifel mit
der Tat, denn es gelang mir, den Alten in wenigen Tagen zum albernen,
zärtlichen Liebhaber zu machen und er mußte das, was ich gewollt, als die
Erfüllung seines innigsten Wunsches, den er laut werden zu lassen kaum
gewagt, ansehen. Aber tief im Hintergrunde lag noch in mir der Gedanke
der Rache an Hermogen, die mir nun leichter und befriedigender werden
sollte. Der Schlag wurde verschoben, um richtiger, tötender zu treffen. —
Kennte ich weniger dein Inneres, wüßte ich nicht, daß du dich zu der Höhe
meiner Ansichten zu erheben vermagst, ich würde Bedenken tragen dir
mehr von der Sache zu sagen, die nun einmal geschehen. Ich ließ es mir
angelegen sein, Hermogen recht in seinem Innern aufzufassen, ich erschien
in der Hauptstadt düster, in mich gekehrt, und bildete so den Kontrast mit
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Hermogen, der in den lebendigen Beschäftigungen des Kriegsdienstes sich
heiter und lustig bewegte. Die Krankheit des Oheims verbot alle glänzende
Zirkel und selbst den Besuchen meiner nächsten Umgebung wußte ich
auszuweichen. — Hermogen kam zu mir, vielleicht nur um die Pflicht, die
er der Mutter schuldig, zu erfüllen, er fand mich in düstres Nachdenken
versunken, und als er, befremdet von meiner auffallenden Änderung,
dringend nach der Ursache frug, gestand ich ihm unter Tränen, wie des
Barons mißliche Gesundheitsumstände, die er nur mühsam verheimliche,
mich befürchten ließen, ihn bald zu verlieren, und wie dieser Gedanke mir
schrecklich, ja unerträglich sei. Er war erschüttert, und als ich nun den
Ausdruck des tiefsten Gefühls das Glück meiner Ehe mit dem Baron
schilderte, als ich zart und lebendig in die kleinsten Einzelheiten unseres
Lebens auf dem Lande einging, als ich immer mehr des Barons herrliches
Gemüt, sein ganzes Ich in vollem Glanz darstellte, so daß es immer lichter
hervortrat wie grenzenlos ich ihn verehre, ja wie ich so ganz in ihm lebe, da
schien immer mehr seine Bewunderung, sein Erstaunen zu steigen. — Er
kämpfte sichtlich mit sich selbst, aber die Macht, die jetzt wie mein Ich
selbst in sein Inneres gedrungen, siegte über das feindliche Prinzip, das
sonst mir widerstrebte; mein Triumph war mir gewiß, als er schon am
andern Abend wiederkam.
Er fand mich einsam, noch düstrer, noch aufgeregter als gestern, ich
sprach von dem Baron und meiner unaussprechlichen Sehnsucht, ihn
wiederzusehen. Hermogen war bald nicht mehr derselbe, er hing an meinen
Blicken und ihr gefährliches Feuer fiel zündend in sein Inneres. Wenn
meine Hand in der seinigen ruhte, zuckte diese oft krampfhaft, tiefe Seufzer
entflohen seiner Brust. Ich hatte die höchste Spitze dieser bewußtlosen
Exaltation richtig berechnet. Den Abend als er fallen sollte, verschmähte ich
selbst jene Künste nicht, die so verbraucht sind und immer wieder so
wirkungsvoll erneuert werden. Es gelang! — Die Folgen waren
entsetzlicher als ich sie mir gedacht, und doch erhöhten sie meinen
Triumph, indem sie meine Macht auf glänzende Weise bewährten. — Die
Gewalt, mit der ich das feindliche Prinzip bekämpfte, das wie in seltsamen
Ahnungen in ihm sich sonst aussprach, hatte seinen Geist gebrochen, er
verfiel in Wahnsinn wie du weißt, ohne daß du jedoch bis jetzt die
eigentliche Ursache gekannt haben solltest. — Es ist etwas Eignes, daß
Wahnsinnige oft, als ständen sie in näherer Beziehung mit dem Geiste und
gleichsam in ihrem eignen Innern leichter, wiewohl bewußtlos angeregt
heiter und lustig bewegte. Die Krankheit des Oheims verbot alle glänzende
Zirkel und selbst den Besuchen meiner nächsten Umgebung wußte ich
auszuweichen. — Hermogen kam zu mir, vielleicht nur um die Pflicht, die
er der Mutter schuldig, zu erfüllen, er fand mich in düstres Nachdenken
versunken, und als er, befremdet von meiner auffallenden Änderung,
dringend nach der Ursache frug, gestand ich ihm unter Tränen, wie des
Barons mißliche Gesundheitsumstände, die er nur mühsam verheimliche,
mich befürchten ließen, ihn bald zu verlieren, und wie dieser Gedanke mir
schrecklich, ja unerträglich sei. Er war erschüttert, und als ich nun den
Ausdruck des tiefsten Gefühls das Glück meiner Ehe mit dem Baron
schilderte, als ich zart und lebendig in die kleinsten Einzelheiten unseres
Lebens auf dem Lande einging, als ich immer mehr des Barons herrliches
Gemüt, sein ganzes Ich in vollem Glanz darstellte, so daß es immer lichter
hervortrat wie grenzenlos ich ihn verehre, ja wie ich so ganz in ihm lebe, da
schien immer mehr seine Bewunderung, sein Erstaunen zu steigen. — Er
kämpfte sichtlich mit sich selbst, aber die Macht, die jetzt wie mein Ich
selbst in sein Inneres gedrungen, siegte über das feindliche Prinzip, das
sonst mir widerstrebte; mein Triumph war mir gewiß, als er schon am
andern Abend wiederkam.
Er fand mich einsam, noch düstrer, noch aufgeregter als gestern, ich
sprach von dem Baron und meiner unaussprechlichen Sehnsucht, ihn
wiederzusehen. Hermogen war bald nicht mehr derselbe, er hing an meinen
Blicken und ihr gefährliches Feuer fiel zündend in sein Inneres. Wenn
meine Hand in der seinigen ruhte, zuckte diese oft krampfhaft, tiefe Seufzer
entflohen seiner Brust. Ich hatte die höchste Spitze dieser bewußtlosen
Exaltation richtig berechnet. Den Abend als er fallen sollte, verschmähte ich
selbst jene Künste nicht, die so verbraucht sind und immer wieder so
wirkungsvoll erneuert werden. Es gelang! — Die Folgen waren
entsetzlicher als ich sie mir gedacht, und doch erhöhten sie meinen
Triumph, indem sie meine Macht auf glänzende Weise bewährten. — Die
Gewalt, mit der ich das feindliche Prinzip bekämpfte, das wie in seltsamen
Ahnungen in ihm sich sonst aussprach, hatte seinen Geist gebrochen, er
verfiel in Wahnsinn wie du weißt, ohne daß du jedoch bis jetzt die
eigentliche Ursache gekannt haben solltest. — Es ist etwas Eignes, daß
Wahnsinnige oft, als ständen sie in näherer Beziehung mit dem Geiste und
gleichsam in ihrem eignen Innern leichter, wiewohl bewußtlos angeregt
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vom fremden geistigen Prinzip, oft das in uns Verborgene durchschauen
und in seltsamen Anklängen aussprechen, so daß uns oft die grauenvolle
Stimme eines zweiten Ichs mit unheimlichem Schauer befängt. Es mag
daher wohl sein, daß, zumal in der eignen Beziehung, in der du, Hermogen
und ich stehen, er auf geheimnisvolle Weise dich durchschaut und so dir
feindlich ist, allein Gefahr für uns ist deshalb nicht im mindesten
vorhanden. Bedenke, selbst wenn er mit seiner Feindschaft gegen dich offen
ins Feld rückte, wenn er es ausspräche: traut nicht dem verkappten Priester,
wer würde das für was anderes halten als für eine Idee, die der Wahnsinn
erzeugte, zumal, da Reinhold so gut gewesen ist, in dir den Pater Medardus
wiederzuerkennen? — Indessen bleibt es gewiß, daß du nicht mehr wie ich
gewollt und gedacht hatte, auf Hermogen wirken kannst. Meine Rache ist
erfüllt und Hermogen mir nun wie ein weggeworfenes Spielzeug
unbrauchbar, und umso überlästiger als er es wahrscheinlich für eine
Bußübung hält, mich zu sehen und daher mit seinem stieren, lebendigtoten
Blicken mich verfolgt. Er muß fort, und ich glaubte dich dazu benutzen zu
können, ihn in der Idee ins Kloster zu gehen zu bestärken und den Baron
sowie den ratgebenden Freund Reinhold zu gleicher Zeit durch die
dringendsten Vorstellungen, wie Hermogens Seelenheil nun einmal das
Kloster begehre, geschmeidiger zu machen, daß sie in sein Vorhaben
willigten. — Hermogen ist mir in der Tat höchst zuwider, sein Anblick
erschüttert mich oft, er muß fort! — Die einzige Person der er ganz anders
erscheint ist Aurelie, das fromme, kindische Kind; durch sie allein kannst
du auf Hermogen wirken und ich will dafür sorgen, daß du in nähere
Beziehung mit ihr trittst. Findest du einen schicklichen Zusammenhang der
äußern Umstände, so kannst du auch Reinholden oder dem Baron
entdecken, wie dir Hermogen ein schweres Verbrechen gebeichtet, das du
natürlicherweise, deiner Pflicht gemäß, verschweigen müßtest. — Doch
davon künftig mehr! — Nun weißt du alles, Viktorin, handle und bleibe
mein. Herrsche mit mir über die läppische Puppenwelt, wie sie sich um uns
dreht. Das Leben muß uns seine herrlichsten Genüsse spenden ohne uns in
seine Beengtheit einzuzwängen.“ — Wir sahen den Baron in der Entfernung
und gingen ihm, wie im frommen Gespräch begriffen, entgegen. —
Es bedurfte vielleicht nur Euphemiens Erklärung über die Tendenz ihres
Lebens, um mich selbst die überwiegende Macht fühlen zu lassen, die wie
der Ausfluß höherer Prinzipe mein Inneres beseelte. Es war etwas
Übermenschliches in mein Wesen getreten, das mich plötzlich auf einen
und in seltsamen Anklängen aussprechen, so daß uns oft die grauenvolle
Stimme eines zweiten Ichs mit unheimlichem Schauer befängt. Es mag
daher wohl sein, daß, zumal in der eignen Beziehung, in der du, Hermogen
und ich stehen, er auf geheimnisvolle Weise dich durchschaut und so dir
feindlich ist, allein Gefahr für uns ist deshalb nicht im mindesten
vorhanden. Bedenke, selbst wenn er mit seiner Feindschaft gegen dich offen
ins Feld rückte, wenn er es ausspräche: traut nicht dem verkappten Priester,
wer würde das für was anderes halten als für eine Idee, die der Wahnsinn
erzeugte, zumal, da Reinhold so gut gewesen ist, in dir den Pater Medardus
wiederzuerkennen? — Indessen bleibt es gewiß, daß du nicht mehr wie ich
gewollt und gedacht hatte, auf Hermogen wirken kannst. Meine Rache ist
erfüllt und Hermogen mir nun wie ein weggeworfenes Spielzeug
unbrauchbar, und umso überlästiger als er es wahrscheinlich für eine
Bußübung hält, mich zu sehen und daher mit seinem stieren, lebendigtoten
Blicken mich verfolgt. Er muß fort, und ich glaubte dich dazu benutzen zu
können, ihn in der Idee ins Kloster zu gehen zu bestärken und den Baron
sowie den ratgebenden Freund Reinhold zu gleicher Zeit durch die
dringendsten Vorstellungen, wie Hermogens Seelenheil nun einmal das
Kloster begehre, geschmeidiger zu machen, daß sie in sein Vorhaben
willigten. — Hermogen ist mir in der Tat höchst zuwider, sein Anblick
erschüttert mich oft, er muß fort! — Die einzige Person der er ganz anders
erscheint ist Aurelie, das fromme, kindische Kind; durch sie allein kannst
du auf Hermogen wirken und ich will dafür sorgen, daß du in nähere
Beziehung mit ihr trittst. Findest du einen schicklichen Zusammenhang der
äußern Umstände, so kannst du auch Reinholden oder dem Baron
entdecken, wie dir Hermogen ein schweres Verbrechen gebeichtet, das du
natürlicherweise, deiner Pflicht gemäß, verschweigen müßtest. — Doch
davon künftig mehr! — Nun weißt du alles, Viktorin, handle und bleibe
mein. Herrsche mit mir über die läppische Puppenwelt, wie sie sich um uns
dreht. Das Leben muß uns seine herrlichsten Genüsse spenden ohne uns in
seine Beengtheit einzuzwängen.“ — Wir sahen den Baron in der Entfernung
und gingen ihm, wie im frommen Gespräch begriffen, entgegen. —
Es bedurfte vielleicht nur Euphemiens Erklärung über die Tendenz ihres
Lebens, um mich selbst die überwiegende Macht fühlen zu lassen, die wie
der Ausfluß höherer Prinzipe mein Inneres beseelte. Es war etwas
Übermenschliches in mein Wesen getreten, das mich plötzlich auf einen
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Standpunkt erhob, von dem mir alles in anderm Verhältnis, in anderer Farbe
als sonst erschien. Die Geistesstärke, die Macht über das Leben, womit
Euphemie prahlte, war mir des bittersten Hohns würdig. In dem
Augenblick, daß die Elende ihr loses, unbedachtes Spiel mit den
gefährlichsten Verknüpfungen des Lebens zu treiben wähnte, war sie
hingegeben dem Zufall oder dem bösen Verhängnis, das meine Hand leitete.
Es war nur m e i n e Kraft, entflammt von geheimnisvollen Mächten, die sie
zwingen konnte im Wahn, d e n für den Freund und Bundesbruder zu halten,
der, nur ihr zum Verderben die äußere zufällige Bildung jenes Freundes
tragend, sie wie die feindliche Macht selbst umkrallte, so daß keine Freiheit
mehr möglich. Euphemie wurde mir in ihrem eitlen, selbstsüchtigen Wahn
verächtlich, und das Verhältnis mit ihr umso widriger, als Aurelie in
meinem Innern lebte, und nur s i e die Schuld meiner begangenen Sünden
trug, wenn ich das, was mir jetzt die höchste Spitze alles irdischen
Genusses zu sein schien, noch für Sünde gehalten hätte. Ich beschloß von
der mir innewohnenden Macht den vollsten Gebrauch zu machen, und s o
selbst den Zauberstab zu ergreifen um die Kreise zu beschreiben, in denen
sich all die Erscheinungen um mich her mir zur Lust bewegen sollten. Der
Baron und Reinhold wetteiferten miteinander, mir das Leben im Schlosse
recht angenehm zu machen; nicht die leiseste Ahnung von meinem
Verhältnis mit Euphemien stieg in ihnen auf, vielmehr äußerte der Baron
oft, wie in unwillkürlicher Herzensergießung, daß erst durch mich ihm
Euphemie ganz wiedergegeben sei, und dies schien mir die Richtigkeit der
Vermutung Reinholds, daß irgend ein Zufall dem Baron wohl die Spur von
Euphemiens verbotenen Wegen entdeckt haben könne, klar anzudeuten.
Den Hermogen sah ich selten, er vermied mich mit sichtlicher Angst und
Beklemmung, welches der Baron und Reinhold der Scheu vor meinem
heiligen, frommen Wesen und vor meiner geistigen Kraft, die das zerrüttete
Gemüt durchschaute, zuschrieben. Auch Aurelie schien sich absichtlich
meinem Blick zu entziehen, sie wich mir aus, und wenn ich mit ihr sprach,
war auch sie ängstlich und beklommen, wie Hermogen. Es war mir beinahe
gewiß, daß der wahnsinnige Hermogen gegen Aurelie jene schrecklichen
Ahnungen die mich durchbebten, ausgesprochen, indessen schien mir der
böse Eindruck zu bekämpfen möglich. — Wahrscheinlich auf Veranlassung
der Baronesse, die mich in näheren Rapport mit Aurelien setzen wollte, um
durch sie auf Hermogen zu wirken, bat mich der Baron, Aurelien in den
höheren Geheimnissen der Religion zu unterrichten. So verschaffte mir
als sonst erschien. Die Geistesstärke, die Macht über das Leben, womit
Euphemie prahlte, war mir des bittersten Hohns würdig. In dem
Augenblick, daß die Elende ihr loses, unbedachtes Spiel mit den
gefährlichsten Verknüpfungen des Lebens zu treiben wähnte, war sie
hingegeben dem Zufall oder dem bösen Verhängnis, das meine Hand leitete.
Es war nur m e i n e Kraft, entflammt von geheimnisvollen Mächten, die sie
zwingen konnte im Wahn, d e n für den Freund und Bundesbruder zu halten,
der, nur ihr zum Verderben die äußere zufällige Bildung jenes Freundes
tragend, sie wie die feindliche Macht selbst umkrallte, so daß keine Freiheit
mehr möglich. Euphemie wurde mir in ihrem eitlen, selbstsüchtigen Wahn
verächtlich, und das Verhältnis mit ihr umso widriger, als Aurelie in
meinem Innern lebte, und nur s i e die Schuld meiner begangenen Sünden
trug, wenn ich das, was mir jetzt die höchste Spitze alles irdischen
Genusses zu sein schien, noch für Sünde gehalten hätte. Ich beschloß von
der mir innewohnenden Macht den vollsten Gebrauch zu machen, und s o
selbst den Zauberstab zu ergreifen um die Kreise zu beschreiben, in denen
sich all die Erscheinungen um mich her mir zur Lust bewegen sollten. Der
Baron und Reinhold wetteiferten miteinander, mir das Leben im Schlosse
recht angenehm zu machen; nicht die leiseste Ahnung von meinem
Verhältnis mit Euphemien stieg in ihnen auf, vielmehr äußerte der Baron
oft, wie in unwillkürlicher Herzensergießung, daß erst durch mich ihm
Euphemie ganz wiedergegeben sei, und dies schien mir die Richtigkeit der
Vermutung Reinholds, daß irgend ein Zufall dem Baron wohl die Spur von
Euphemiens verbotenen Wegen entdeckt haben könne, klar anzudeuten.
Den Hermogen sah ich selten, er vermied mich mit sichtlicher Angst und
Beklemmung, welches der Baron und Reinhold der Scheu vor meinem
heiligen, frommen Wesen und vor meiner geistigen Kraft, die das zerrüttete
Gemüt durchschaute, zuschrieben. Auch Aurelie schien sich absichtlich
meinem Blick zu entziehen, sie wich mir aus, und wenn ich mit ihr sprach,
war auch sie ängstlich und beklommen, wie Hermogen. Es war mir beinahe
gewiß, daß der wahnsinnige Hermogen gegen Aurelie jene schrecklichen
Ahnungen die mich durchbebten, ausgesprochen, indessen schien mir der
böse Eindruck zu bekämpfen möglich. — Wahrscheinlich auf Veranlassung
der Baronesse, die mich in näheren Rapport mit Aurelien setzen wollte, um
durch sie auf Hermogen zu wirken, bat mich der Baron, Aurelien in den
höheren Geheimnissen der Religion zu unterrichten. So verschaffte mir
Page 78
Euphemie selbst die Mittel, das Herrlichste zu erreichen, was mir meine
glühende Einbildungskraft in tausend üppigen Bildern vorgemalt. Was war
jene Vision in der Kirche anderes als das Versprechen der höheren auf mich
einwirkenden Macht, mir d i e zu geben, von deren Besitz allein die
Besänftigung des Sturms zu hoffen, der in mir rasend, mich wie auf
tobenden Wellen umherwarf. — Aureliens Anblick, ihre Nähe, ja die
Berührung ihres Kleides, setzte mich in Flammen. Des Blutes Glutstrom
stieg fühlbar auf in die geheimnisvolle Werkstatt der Gedanken, und so
sprach ich von den wundervollen Geheimnissen der Religion in feurigen
Bildern, deren tiefere Bedeutung die wollüstige Raserei der glühendsten,
verlangenden Liebe war. So sollte diese Glut meiner Rede wie in
elektrischen Schlägen Aureliens Inneres durchdringen und sie sich
vergebens dagegen wappnen. — Ihr unbewußt sollten die in ihre Seele
geworfenen Bilder sich wunderbar entfalten und glänzender, flammender in
der tieferen Bedeutung hervorgehen, und diese ihre Brust dann mit den
Ahnungen des unbekannten Genusses erfüllen, bis sie sich, von
unnennbarer Sehnsucht gefoltert und zerrissen, selbst in meine Arme würfe.
Ich bereitete mich auf die sogenannten Lehrstunden bei Aurelien sorgsam
vor, ich wußte den Ausdruck meiner Rede zu steigern; andächtig, mit
gefalteten Händen, mit niedergeschlagenen Augen hörte mir das fromme
Kind zu, aber nicht eine Bewegung, nicht ein leiser Seufzer verrieten irgend
eine tiefere Wirkung meiner Worte. — Meine Bemühungen brachten mich
nicht weiter; statt in Aurelien das verderbliche Feuer zu entzünden das sie
der Verführung preisgeben sollte, wurde nur qualvoller und verzehrender
die Glut die in meinem Innern brannte. — Rasend vor Schmerz und Wollust
brütete ich über Pläne zu Aureliens Verderben und indem ich Euphemien
Wonne und Entzücken heuchelte, keimte ein glühender Haß in meiner Seele
empor, der, im seltsamen Widerspruch, meinem Betragen bei der Baronesse
etwas Wildes, Entsetzliches gab, vor dem sie selbst erbebte. — Fern von ihr
war jede Spur des Geheimnisses das in meiner Brust verborgen, und
unwillkürlich mußte sie der Herrschaft Raum geben, die ich immer mehr
und mehr über sie mir anzumaßen anfing. — Oft kam es mir in den Sinn,
durch einen wohlberechneten Gewaltstreich, dem Aurelie erliegen sollte,
meine Qual zu enden, aber sowie ich Aurelien erblickte, war es mir, als
stehe ein Engel neben ihr sie schirmend und schützend und Trotz bietend
der Macht des Feindes. Ein Schauer bebte dann durch meine Glieder in dem
mein böser Vorsatz erkaltete. Endlich fiel ich darauf mit ihr zu beten, denn
glühende Einbildungskraft in tausend üppigen Bildern vorgemalt. Was war
jene Vision in der Kirche anderes als das Versprechen der höheren auf mich
einwirkenden Macht, mir d i e zu geben, von deren Besitz allein die
Besänftigung des Sturms zu hoffen, der in mir rasend, mich wie auf
tobenden Wellen umherwarf. — Aureliens Anblick, ihre Nähe, ja die
Berührung ihres Kleides, setzte mich in Flammen. Des Blutes Glutstrom
stieg fühlbar auf in die geheimnisvolle Werkstatt der Gedanken, und so
sprach ich von den wundervollen Geheimnissen der Religion in feurigen
Bildern, deren tiefere Bedeutung die wollüstige Raserei der glühendsten,
verlangenden Liebe war. So sollte diese Glut meiner Rede wie in
elektrischen Schlägen Aureliens Inneres durchdringen und sie sich
vergebens dagegen wappnen. — Ihr unbewußt sollten die in ihre Seele
geworfenen Bilder sich wunderbar entfalten und glänzender, flammender in
der tieferen Bedeutung hervorgehen, und diese ihre Brust dann mit den
Ahnungen des unbekannten Genusses erfüllen, bis sie sich, von
unnennbarer Sehnsucht gefoltert und zerrissen, selbst in meine Arme würfe.
Ich bereitete mich auf die sogenannten Lehrstunden bei Aurelien sorgsam
vor, ich wußte den Ausdruck meiner Rede zu steigern; andächtig, mit
gefalteten Händen, mit niedergeschlagenen Augen hörte mir das fromme
Kind zu, aber nicht eine Bewegung, nicht ein leiser Seufzer verrieten irgend
eine tiefere Wirkung meiner Worte. — Meine Bemühungen brachten mich
nicht weiter; statt in Aurelien das verderbliche Feuer zu entzünden das sie
der Verführung preisgeben sollte, wurde nur qualvoller und verzehrender
die Glut die in meinem Innern brannte. — Rasend vor Schmerz und Wollust
brütete ich über Pläne zu Aureliens Verderben und indem ich Euphemien
Wonne und Entzücken heuchelte, keimte ein glühender Haß in meiner Seele
empor, der, im seltsamen Widerspruch, meinem Betragen bei der Baronesse
etwas Wildes, Entsetzliches gab, vor dem sie selbst erbebte. — Fern von ihr
war jede Spur des Geheimnisses das in meiner Brust verborgen, und
unwillkürlich mußte sie der Herrschaft Raum geben, die ich immer mehr
und mehr über sie mir anzumaßen anfing. — Oft kam es mir in den Sinn,
durch einen wohlberechneten Gewaltstreich, dem Aurelie erliegen sollte,
meine Qual zu enden, aber sowie ich Aurelien erblickte, war es mir, als
stehe ein Engel neben ihr sie schirmend und schützend und Trotz bietend
der Macht des Feindes. Ein Schauer bebte dann durch meine Glieder in dem
mein böser Vorsatz erkaltete. Endlich fiel ich darauf mit ihr zu beten, denn
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im Gebet strömt feuriger die Glut der Andacht und die geheimsten
Regungen werden wach und erheben sich wie auf brausenden Wellen und
strecken ihre Polypenarme aus um das Unbekannte zu fahen, das die
unnennbare Sehnsucht stillen soll, von der die Brust zerrissen. Dann mag
das Irdische sich wie Himmlisches verkündend, keck dem aufgeregten
Gemüt entgegentreten und im höchsten Genuß schon hienieden die
Erfüllung des Überschwenglichen verheißen; die bewußtlose Leidenschaft
wird getäuscht und das Streben nach dem Heiligen, Überirdischen wird
gebrochen in dem namenlosen nie gekannten Entzücken irdischer Begierde.
— Selbst darin, daß sie von mir verfaßte Gebete nachsprechen sollte,
glaubte ich Vorteile für meine verräterischen Absichten zu finden. — Es
war dem so! — Denn neben mir kniend, mit zum Himmel gewandten Blick
meine Gebete nachsprechend, färbten höher sich ihre Wangen und ihr
Busen wallte auf und nieder. — Da nahm ich wie im Eifer des Gebets ihre
Hände und drückte sie an meine Brust, ich war ihr so nahe, daß ich die
Wärme ihres Körpers fühlte, ihre losgelösten Locken hingen über meine
Schulter; ich war außer mir vor rasender Begierde, ich umschlang sie mit
wildem Verlangen, schon brannten meine Küsse auf ihrem Munde, auf
ihrem Busen, da wand sie sich mit einem durchdringenden Schrei aus
meinen Armen; ich hatte nicht Kraft sie zu halten, es war als strahle ein
Blitz herab, mich zerschmetternd! — Sie entfloh rasch in das
Nebenzimmer, die Türe öffnete sich und Hermogen zeigte sich in derselben,
er blieb stehen, mich mit dem furchtbaren, entsetzlichen Blick des wilden
Wahnsinns anstarrend. Da raffte ich alle meine Kraft zusammen, ich trat
keck auf ihn zu und rief mit trotziger, gebietender Stimme: „Was willst du
hier? Hebe dich weg Wahnsinniger!“ Aber Hermogen streckte mir die
rechte Hand entgegen und sprach dumpf und schaurig. „Ich wollte mit dir
kämpfen, aber ich habe kein Schwert und du bist der Mord, denn
Blutstropfen quillen aus deinen Augen und kleben in deinem Barte!“ —
Er verschwand die Türe heftig zuschlagend und ließ mich allein,
knirschend vor Wut über mich selbst, der ich mich hatte hinreißen lassen
von der Gewalt des Moments, so daß nun der Verrat mir Verderben drohte.
Niemand ließ sich sehen, ich hatte Zeit genug mich ganz zu ermannen und
der mir innewohnende Geist gab mir bald die Einschläge ein, jeder üblen
Folge des bösen Beginnens auszuweichen.
Regungen werden wach und erheben sich wie auf brausenden Wellen und
strecken ihre Polypenarme aus um das Unbekannte zu fahen, das die
unnennbare Sehnsucht stillen soll, von der die Brust zerrissen. Dann mag
das Irdische sich wie Himmlisches verkündend, keck dem aufgeregten
Gemüt entgegentreten und im höchsten Genuß schon hienieden die
Erfüllung des Überschwenglichen verheißen; die bewußtlose Leidenschaft
wird getäuscht und das Streben nach dem Heiligen, Überirdischen wird
gebrochen in dem namenlosen nie gekannten Entzücken irdischer Begierde.
— Selbst darin, daß sie von mir verfaßte Gebete nachsprechen sollte,
glaubte ich Vorteile für meine verräterischen Absichten zu finden. — Es
war dem so! — Denn neben mir kniend, mit zum Himmel gewandten Blick
meine Gebete nachsprechend, färbten höher sich ihre Wangen und ihr
Busen wallte auf und nieder. — Da nahm ich wie im Eifer des Gebets ihre
Hände und drückte sie an meine Brust, ich war ihr so nahe, daß ich die
Wärme ihres Körpers fühlte, ihre losgelösten Locken hingen über meine
Schulter; ich war außer mir vor rasender Begierde, ich umschlang sie mit
wildem Verlangen, schon brannten meine Küsse auf ihrem Munde, auf
ihrem Busen, da wand sie sich mit einem durchdringenden Schrei aus
meinen Armen; ich hatte nicht Kraft sie zu halten, es war als strahle ein
Blitz herab, mich zerschmetternd! — Sie entfloh rasch in das
Nebenzimmer, die Türe öffnete sich und Hermogen zeigte sich in derselben,
er blieb stehen, mich mit dem furchtbaren, entsetzlichen Blick des wilden
Wahnsinns anstarrend. Da raffte ich alle meine Kraft zusammen, ich trat
keck auf ihn zu und rief mit trotziger, gebietender Stimme: „Was willst du
hier? Hebe dich weg Wahnsinniger!“ Aber Hermogen streckte mir die
rechte Hand entgegen und sprach dumpf und schaurig. „Ich wollte mit dir
kämpfen, aber ich habe kein Schwert und du bist der Mord, denn
Blutstropfen quillen aus deinen Augen und kleben in deinem Barte!“ —
Er verschwand die Türe heftig zuschlagend und ließ mich allein,
knirschend vor Wut über mich selbst, der ich mich hatte hinreißen lassen
von der Gewalt des Moments, so daß nun der Verrat mir Verderben drohte.
Niemand ließ sich sehen, ich hatte Zeit genug mich ganz zu ermannen und
der mir innewohnende Geist gab mir bald die Einschläge ein, jeder üblen
Folge des bösen Beginnens auszuweichen.
Page 80
Sobald es tunlich war, eilte ich zu Euphemien und mit keckem Übermut
erzählte ich ihr die ganze Begebenheit mit Aurelien. Euphemie schien die
Sache nicht so leicht zu nehmen als ich es gewünscht hätte und es war mir
begreiflich, daß, ihrer gerühmten Geistesstärke, ihrer hohen Ansicht der
Dinge unerachtet, wohl kleinliche Eifersucht in ihr wohnen, sie aber
überdem noch befürchten könne, daß Aurelie über mich klagen, so der
Nimbus meiner Heiligkeit verlöschen und unser Geheimnis in Gefahr
geraten werde: aus einer mir selbst unerklärlichen Scheu verschwieg ich
Hermogens Hinzutreten und seine entsetzlichen mich durchbohrenden
Worte.
Euphemie hatte einige Minuten geschwiegen und schien, mich
seltsamlich anstarrend, in tiefes Nachdenken versunken. —
„Solltest du nicht, Viktorin,“ sprach sie endlich, „erraten, welche
herrliche Gedanken meines Geistes würdig mich durchströmen? — Aber du
kannst es nicht, doch rüttle frisch die Schwingen, um dem kühnen Fluge zu
folgen, den ich zu beginnen bereit bin. Daß du, der du mit voller Herrschaft
über alle Erscheinungen des Lebens schweben solltest, nicht neben einem
leidlich schönen Mädchen knien kannst ohne sie zu umarmen und zu
küssen, nimmt mich wunder, so wenig ich dir das Verlangen verarge, das in
dir aufstieg. So wie ich Aurelien kenne, wird sie voller Scham über die
Begebenheit schweigen und sich höchstens nur unter irgend einem
Vorwande deinem zu leidenschaftlichen Unterrichte entziehen. Ich
befürchte daher nicht im mindesten die verdrießlichen Folgen, die dein
Leichtsinn, deine ungezähmte Begierde hätte herbeiführen können. — Ich
hasse sie nicht, diese Aurelie, aber ihre Anspruchslosigkeit, ihr stilles
Frommtun, hinter dem sich ein unleidlicher Stolz versteckt, ärgert mich.
Nie habe ich, unerachtet ich es nicht verschmähte mit ihr zu spielen, ihr
Zutrauen gewinnen können, sie blieb scheu und verschlossen. Diese
Abgeneigtheit sich mir zu schmiegen, ja diese stolze Art mir auszuweichen,
erregt in mir die widrigsten Gefühle. — Es ist ein sublimer Gedanke, die
Blume, die auf den Prunk ihrer glänzenden Farben so stolz tut, gebrochen
und dahinwelken zu sehen! — ich gönne es dir, diesen sublimen Gedanken
auszuführen und es soll nicht an Mitteln fehlen, den Zweck leicht und
sicher zu erreichen. — Auf Hermogens soll die Schuld fallen und ihn
vernichten!“ — Ephemie sprach noch über ihren Plan und wurde mir mit
jedem Worte verhaßter, denn nur das gemeine, verbrecherische Weib sah ich
erzählte ich ihr die ganze Begebenheit mit Aurelien. Euphemie schien die
Sache nicht so leicht zu nehmen als ich es gewünscht hätte und es war mir
begreiflich, daß, ihrer gerühmten Geistesstärke, ihrer hohen Ansicht der
Dinge unerachtet, wohl kleinliche Eifersucht in ihr wohnen, sie aber
überdem noch befürchten könne, daß Aurelie über mich klagen, so der
Nimbus meiner Heiligkeit verlöschen und unser Geheimnis in Gefahr
geraten werde: aus einer mir selbst unerklärlichen Scheu verschwieg ich
Hermogens Hinzutreten und seine entsetzlichen mich durchbohrenden
Worte.
Euphemie hatte einige Minuten geschwiegen und schien, mich
seltsamlich anstarrend, in tiefes Nachdenken versunken. —
„Solltest du nicht, Viktorin,“ sprach sie endlich, „erraten, welche
herrliche Gedanken meines Geistes würdig mich durchströmen? — Aber du
kannst es nicht, doch rüttle frisch die Schwingen, um dem kühnen Fluge zu
folgen, den ich zu beginnen bereit bin. Daß du, der du mit voller Herrschaft
über alle Erscheinungen des Lebens schweben solltest, nicht neben einem
leidlich schönen Mädchen knien kannst ohne sie zu umarmen und zu
küssen, nimmt mich wunder, so wenig ich dir das Verlangen verarge, das in
dir aufstieg. So wie ich Aurelien kenne, wird sie voller Scham über die
Begebenheit schweigen und sich höchstens nur unter irgend einem
Vorwande deinem zu leidenschaftlichen Unterrichte entziehen. Ich
befürchte daher nicht im mindesten die verdrießlichen Folgen, die dein
Leichtsinn, deine ungezähmte Begierde hätte herbeiführen können. — Ich
hasse sie nicht, diese Aurelie, aber ihre Anspruchslosigkeit, ihr stilles
Frommtun, hinter dem sich ein unleidlicher Stolz versteckt, ärgert mich.
Nie habe ich, unerachtet ich es nicht verschmähte mit ihr zu spielen, ihr
Zutrauen gewinnen können, sie blieb scheu und verschlossen. Diese
Abgeneigtheit sich mir zu schmiegen, ja diese stolze Art mir auszuweichen,
erregt in mir die widrigsten Gefühle. — Es ist ein sublimer Gedanke, die
Blume, die auf den Prunk ihrer glänzenden Farben so stolz tut, gebrochen
und dahinwelken zu sehen! — ich gönne es dir, diesen sublimen Gedanken
auszuführen und es soll nicht an Mitteln fehlen, den Zweck leicht und
sicher zu erreichen. — Auf Hermogens soll die Schuld fallen und ihn
vernichten!“ — Ephemie sprach noch über ihren Plan und wurde mir mit
jedem Worte verhaßter, denn nur das gemeine, verbrecherische Weib sah ich
Page 81
in ihr, und so sehr ich nach Aureliens Verderben dürstete, da ich nur
dadurch Befreiung von der grenzenlosen Qual wahnsinniger Liebe, die
meine Brust zerfleischte, hoffen konnte, so war mir doch Euphemiens
Mitwirkung verächtlich. Ich wies daher zu ihrem nicht geringen Erstaunen
ihren Anschlag von der Hand, indem ich im Innern fest entschlossen war,
das durch eigne Macht zu vollführen, wozu Euphemie mir ihre Beihilfe
aufdringen wollte.
So wie die Baronesse es vermutet, blieb Aurelie in ihrem Zimmer, sich
mit einer Unpäßlichkeit entschuldigend, und so sich meinem Unterricht für
die nächsten Tage entziehend. Hermogen war wider seine Gewohnheit jetzt
viel in der Gesellschaft Reinholds und des Barons, er schien weniger in sich
gekehrt, aber wilder, zorniger. Man hörte ihn oft laut und nachdrücklich
sprechen und ich bemerkte, daß er mich mit Blicken des verhaltenen
Grimms ansah so oft der Zufall mich ihm in den Weg führte: das Betragen
des Barons und Reinholds veränderte sich in einigen Tagen auf ganz
seltsame Weise. Ohne im äußerlichen im mindesten von der
Aufmerksamkeit und Hochachtung, die sie mir sonst bezeigt, nachzulassen,
schien es, als wenn sie, gedrückt von einem wunderbaren, ahnenden
Gefühl, nicht jenen gemütlichen Ton finden konnten, der sonst unsre
Unterhaltung belebte. Alles, was sie mit mir sprachen, war so gezwungen,
so frostig, daß ich mich ernstlich mühen mußte, von allerlei Vermutungen
ergriffen, wenigstens unbefangen zu scheinen. —
Euphemiens Blicke, die ich immer richtig zu deuten wußte, sagten mir,
daß irgend etwas vorgegangen, wovon sie sich besonders aufgeregt fühlte,
doch war es den ganzen Tag unmöglich, uns unbemerkt zu sprechen. —
In dieser Nacht, als alles im Schlafe längst schlief, öffnete sich eine
Tapetentür in meinem Zimmer, die ich selbst noch nicht bemerkt, und
Euphemie trat herein, mit einem verstörten Wesen, wie ich sie noch niemals
gesehen. „Viktorin,“ sprach sie, „es droht uns Verrat. Hermogen, der
wahnsinnige Hermogen ist es, der, durch seltsame Ahnungen auf die Spur
geleitet, unser Geheimnis entdeckt hat. In allerlei Andeutungen, die gleich
schauerlichen, entsetzlichen Sprüchen einer dunklen Macht, die über uns
waltet, lauten, hat er dem Baron einen Verdacht eingeflößt, der ohne
deutlich ausgesprochen zu sein, mich doch auf quälende Weise verfolgt. —
Wer du bist, daß unter diesem heiligen Kleide Graf Viktorin verborgen, das
scheint Hermogen durchaus verschlossen geblieben; dagegen behauptet er,
dadurch Befreiung von der grenzenlosen Qual wahnsinniger Liebe, die
meine Brust zerfleischte, hoffen konnte, so war mir doch Euphemiens
Mitwirkung verächtlich. Ich wies daher zu ihrem nicht geringen Erstaunen
ihren Anschlag von der Hand, indem ich im Innern fest entschlossen war,
das durch eigne Macht zu vollführen, wozu Euphemie mir ihre Beihilfe
aufdringen wollte.
So wie die Baronesse es vermutet, blieb Aurelie in ihrem Zimmer, sich
mit einer Unpäßlichkeit entschuldigend, und so sich meinem Unterricht für
die nächsten Tage entziehend. Hermogen war wider seine Gewohnheit jetzt
viel in der Gesellschaft Reinholds und des Barons, er schien weniger in sich
gekehrt, aber wilder, zorniger. Man hörte ihn oft laut und nachdrücklich
sprechen und ich bemerkte, daß er mich mit Blicken des verhaltenen
Grimms ansah so oft der Zufall mich ihm in den Weg führte: das Betragen
des Barons und Reinholds veränderte sich in einigen Tagen auf ganz
seltsame Weise. Ohne im äußerlichen im mindesten von der
Aufmerksamkeit und Hochachtung, die sie mir sonst bezeigt, nachzulassen,
schien es, als wenn sie, gedrückt von einem wunderbaren, ahnenden
Gefühl, nicht jenen gemütlichen Ton finden konnten, der sonst unsre
Unterhaltung belebte. Alles, was sie mit mir sprachen, war so gezwungen,
so frostig, daß ich mich ernstlich mühen mußte, von allerlei Vermutungen
ergriffen, wenigstens unbefangen zu scheinen. —
Euphemiens Blicke, die ich immer richtig zu deuten wußte, sagten mir,
daß irgend etwas vorgegangen, wovon sie sich besonders aufgeregt fühlte,
doch war es den ganzen Tag unmöglich, uns unbemerkt zu sprechen. —
In dieser Nacht, als alles im Schlafe längst schlief, öffnete sich eine
Tapetentür in meinem Zimmer, die ich selbst noch nicht bemerkt, und
Euphemie trat herein, mit einem verstörten Wesen, wie ich sie noch niemals
gesehen. „Viktorin,“ sprach sie, „es droht uns Verrat. Hermogen, der
wahnsinnige Hermogen ist es, der, durch seltsame Ahnungen auf die Spur
geleitet, unser Geheimnis entdeckt hat. In allerlei Andeutungen, die gleich
schauerlichen, entsetzlichen Sprüchen einer dunklen Macht, die über uns
waltet, lauten, hat er dem Baron einen Verdacht eingeflößt, der ohne
deutlich ausgesprochen zu sein, mich doch auf quälende Weise verfolgt. —
Wer du bist, daß unter diesem heiligen Kleide Graf Viktorin verborgen, das
scheint Hermogen durchaus verschlossen geblieben; dagegen behauptet er,
Page 82
aller Verrat, alle Arglist, alles Verderben das über uns einbrechen werde,
ruhe in dir, ja wie der Widersacher selbst, sei der Mönch in das Haus
getreten, der von teuflischer Macht beseelt, verdammten Verrat brüte. — Es
kann so nicht bleiben, ich bin es müde, diesen Zwang zu tragen, den mir der
kindische Alte auferlegt, der nun mit kränkelnder Eifersucht wie es scheint,
ängstlich meine Schritte bewachen wird. Ich will dies Spielzeug, das mir
langweilig geworden, wegwerfen, und du, Viktorin, wirst dich umso
williger meinem Begehren fügen, als du auf einmal selbst der Gefahr
entgehst, endlich ertappt zu werden und so das geniale Verhältnis das unser
Geist ausbrütete, in eine gemeine, verbrauchte Mummerei, in eine
abgeschmackte Ehestandsgeschichte herabsinken zu sehen. Der lästige Alte
muß fort, und wie das am besten ins Werk zu richten ist, darüber laß uns zu
Rate gehen, höre aber erst meine Meinung. Du weißt, daß der Baron jeden
Morgen, wenn Reinhold beschäftigt, allein hinausgeht in das Gebirge, um
sich an den Gegenden nach seiner Art zu erlaben. — Schleiche dich früher
hinaus und suche ihm am Ausgange des Parks zu begegnen. Nicht weit von
hier gibt es eine wilde, schauerliche Felsengruppe; wenn man sie erstiegen,
gähnt dem Wandrer auf der einen Seite ein schwarzer bodenloser Abgrund
entgegen, dort ist, oben über den Abgrund herüberragend, der sogenannte
Teufelssitz. Man fabelt, daß giftige Dünste aus dem Abgrunde steigen, die
den der vermessen hinabschaut um zu erforschen was drunten verborgen,
betäuben und rettungslos in den Tod hinabziehen. Der Baron, dieses
Märchen verlachend, stand schon oft auf jenem Felsstück über dem
Abgrund, um die Aussicht die sich dort öffnet, zu genießen. Es wird leicht
sein ihn selbst darauf zu bringen, daß er dich an die gefährliche Stelle führt;
steht er nun dort und starrt in die Gegend hinein, so erlöst uns ein kräftiger
Stoß deiner Faust auf immer von dem ohnmächtigen Narren.“ — „Nein,
nimmermehr,“ schrie ich heftig, „ich kenne den entsetzlichen Abgrund, ich
kenne den Sitz des Teufels, nimmermehr, fort mit dir und dem Frevel, den
du mir zumutest!“ Da sprang Euphemie auf, wilde Glut entflammte ihren
Blick, ihr Gesicht war verzerrt von der wütenden Leidenschaft, die in ihr
tobte. „Elender Schwächling,“ rief sie, „du wagst es in dumpfer Feigheit
dem zu widerstreben, was ich beschloß? Du willst dich lieber dem
schmachvollen Joche schmiegen als mit mir herrschen? Aber du bist in
meiner Hand, vergebens entwindest du dich der Macht die dich gefesselt
hält zu meinen Füßen! — Du vollziehst meinen Auftrag, morgen darf der,
dessen Anblick mich peinigt, nicht mehr leben!“ —
ruhe in dir, ja wie der Widersacher selbst, sei der Mönch in das Haus
getreten, der von teuflischer Macht beseelt, verdammten Verrat brüte. — Es
kann so nicht bleiben, ich bin es müde, diesen Zwang zu tragen, den mir der
kindische Alte auferlegt, der nun mit kränkelnder Eifersucht wie es scheint,
ängstlich meine Schritte bewachen wird. Ich will dies Spielzeug, das mir
langweilig geworden, wegwerfen, und du, Viktorin, wirst dich umso
williger meinem Begehren fügen, als du auf einmal selbst der Gefahr
entgehst, endlich ertappt zu werden und so das geniale Verhältnis das unser
Geist ausbrütete, in eine gemeine, verbrauchte Mummerei, in eine
abgeschmackte Ehestandsgeschichte herabsinken zu sehen. Der lästige Alte
muß fort, und wie das am besten ins Werk zu richten ist, darüber laß uns zu
Rate gehen, höre aber erst meine Meinung. Du weißt, daß der Baron jeden
Morgen, wenn Reinhold beschäftigt, allein hinausgeht in das Gebirge, um
sich an den Gegenden nach seiner Art zu erlaben. — Schleiche dich früher
hinaus und suche ihm am Ausgange des Parks zu begegnen. Nicht weit von
hier gibt es eine wilde, schauerliche Felsengruppe; wenn man sie erstiegen,
gähnt dem Wandrer auf der einen Seite ein schwarzer bodenloser Abgrund
entgegen, dort ist, oben über den Abgrund herüberragend, der sogenannte
Teufelssitz. Man fabelt, daß giftige Dünste aus dem Abgrunde steigen, die
den der vermessen hinabschaut um zu erforschen was drunten verborgen,
betäuben und rettungslos in den Tod hinabziehen. Der Baron, dieses
Märchen verlachend, stand schon oft auf jenem Felsstück über dem
Abgrund, um die Aussicht die sich dort öffnet, zu genießen. Es wird leicht
sein ihn selbst darauf zu bringen, daß er dich an die gefährliche Stelle führt;
steht er nun dort und starrt in die Gegend hinein, so erlöst uns ein kräftiger
Stoß deiner Faust auf immer von dem ohnmächtigen Narren.“ — „Nein,
nimmermehr,“ schrie ich heftig, „ich kenne den entsetzlichen Abgrund, ich
kenne den Sitz des Teufels, nimmermehr, fort mit dir und dem Frevel, den
du mir zumutest!“ Da sprang Euphemie auf, wilde Glut entflammte ihren
Blick, ihr Gesicht war verzerrt von der wütenden Leidenschaft, die in ihr
tobte. „Elender Schwächling,“ rief sie, „du wagst es in dumpfer Feigheit
dem zu widerstreben, was ich beschloß? Du willst dich lieber dem
schmachvollen Joche schmiegen als mit mir herrschen? Aber du bist in
meiner Hand, vergebens entwindest du dich der Macht die dich gefesselt
hält zu meinen Füßen! — Du vollziehst meinen Auftrag, morgen darf der,
dessen Anblick mich peinigt, nicht mehr leben!“ —
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Indem Euphemie die Worte sprach, durchdrang mich die tiefste
Verachtung ihrer armseligen Prahlerei und im bittern Hohn lachte ich ihr
gellend entgegen, daß sie erbebte und die Totenblässe der Angst und des
tiefen Grauens ihr Gesicht überflog. — „Wahnsinnige,“ rief ich, „die du
glaubst über das Leben zu herrschen, die du glaubst mit seinen
Erscheinungen zu spielen, habe acht, daß dies Spielzeug nicht in deiner
Hand zur schneidenden Waffe wird, die dich tötet! Wisse Elende, daß ich,
den du in deinem ohnmächtigen Wahn zu beherrschen glaubst, dich wie das
Verhängnis selbst in meiner Macht festgekettet halte, dein frevelhaftes Spiel
ist nur das krampfhafte Winden des gefesselten Raubtiers im Käfig! —
Wisse, Elende, daß dein Buhle zerschmettert in jenem Abgrunde liegt und
daß du statt seiner den Geist der Rache selbst umarmtest! — Geh und
verzweifle!“
Euphemie wankte; im konvulsivischen Erbeben war sie im Begriff zu
Boden zu sinken, ich faßte sie und drückte sie durch die Tapetentüre den
Gang hinab. — Der Gedanke stieg mir auf, sie zu töten, ich unterließ es
ohne mich dessen bewußt zu sein, denn im ersten Augenblick als ich die
Tapetentüre schloß, glaubte ich die Tat vollbracht zu haben! — Ich hörte
einen durchdringenden Schrei und Türen zuschlagen.
Jetzt hatte ich mich selbst auf einen Standpunkt gestellt, der mich dem
gewöhnlichen menschlichen Tun ganz entrückte; jetzt mußte Schlag auf
Schlag folgen, und mich selbst als den bösen Geist der Rache verkündend,
mußte ich das Ungeheuere vollbringen. — Euphemiens Untergang war
beschlossen und der glühendste Haß sollte, mit der höchsten Inbrunst der
Liebe sich vermählend, mir d e n Genuß gewähren, der nun noch dem
übermenschlichen mir innewohnenden Geiste würdig. — In dem
Augenblick, daß Euphemie untergegangen, sollte Aurelie mein werden.
Ich erstaunte über Euphemiens innere Kraft, die es ihr möglich machte,
den andern Tag unbefangen und heiter zu scheinen. Sie sprach selbst
darüber, daß sie vorige Nacht in eine Art Somnambulismus geraten und
dann heftig an Krämpfen gelitten, der Baron schien sehr teilnehmend,
Reinholds Blicke waren zweifelhaft und mißtrauisch. Aurelie blieb auf
ihrem Zimmer und je weniger es mir gelang sie zu sehen, desto rasender
tobte die Wut in meinem Innern. Euphemie lud mich ein, auf bekanntem
Wege in ihr Zimmer zu schleichen wenn alles im Schlosse ruhig geworden.
— Mit Entzücken vernahm ich das, denn der Augenblick der Erfüllung
Verachtung ihrer armseligen Prahlerei und im bittern Hohn lachte ich ihr
gellend entgegen, daß sie erbebte und die Totenblässe der Angst und des
tiefen Grauens ihr Gesicht überflog. — „Wahnsinnige,“ rief ich, „die du
glaubst über das Leben zu herrschen, die du glaubst mit seinen
Erscheinungen zu spielen, habe acht, daß dies Spielzeug nicht in deiner
Hand zur schneidenden Waffe wird, die dich tötet! Wisse Elende, daß ich,
den du in deinem ohnmächtigen Wahn zu beherrschen glaubst, dich wie das
Verhängnis selbst in meiner Macht festgekettet halte, dein frevelhaftes Spiel
ist nur das krampfhafte Winden des gefesselten Raubtiers im Käfig! —
Wisse, Elende, daß dein Buhle zerschmettert in jenem Abgrunde liegt und
daß du statt seiner den Geist der Rache selbst umarmtest! — Geh und
verzweifle!“
Euphemie wankte; im konvulsivischen Erbeben war sie im Begriff zu
Boden zu sinken, ich faßte sie und drückte sie durch die Tapetentüre den
Gang hinab. — Der Gedanke stieg mir auf, sie zu töten, ich unterließ es
ohne mich dessen bewußt zu sein, denn im ersten Augenblick als ich die
Tapetentüre schloß, glaubte ich die Tat vollbracht zu haben! — Ich hörte
einen durchdringenden Schrei und Türen zuschlagen.
Jetzt hatte ich mich selbst auf einen Standpunkt gestellt, der mich dem
gewöhnlichen menschlichen Tun ganz entrückte; jetzt mußte Schlag auf
Schlag folgen, und mich selbst als den bösen Geist der Rache verkündend,
mußte ich das Ungeheuere vollbringen. — Euphemiens Untergang war
beschlossen und der glühendste Haß sollte, mit der höchsten Inbrunst der
Liebe sich vermählend, mir d e n Genuß gewähren, der nun noch dem
übermenschlichen mir innewohnenden Geiste würdig. — In dem
Augenblick, daß Euphemie untergegangen, sollte Aurelie mein werden.
Ich erstaunte über Euphemiens innere Kraft, die es ihr möglich machte,
den andern Tag unbefangen und heiter zu scheinen. Sie sprach selbst
darüber, daß sie vorige Nacht in eine Art Somnambulismus geraten und
dann heftig an Krämpfen gelitten, der Baron schien sehr teilnehmend,
Reinholds Blicke waren zweifelhaft und mißtrauisch. Aurelie blieb auf
ihrem Zimmer und je weniger es mir gelang sie zu sehen, desto rasender
tobte die Wut in meinem Innern. Euphemie lud mich ein, auf bekanntem
Wege in ihr Zimmer zu schleichen wenn alles im Schlosse ruhig geworden.
— Mit Entzücken vernahm ich das, denn der Augenblick der Erfüllung
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ihres bösen Verhängnisses war gekommen. — Ein kleines spitzes Messer,
das ich schon von Jugend auf bei mir trug und mit dem ich geschickt in
Holz zu schneiden wußte, verbarg ich in meiner Kutte, und so zum Morde
entschlossen, ging ich zu ihr. „Ich glaube,“ fing sie an, „wir haben beide
gestern schwere ängstliche Träume gehabt, es kam viel von Abgründen
darin vor, doch das ist nun vorbei!“ — Sie gab sich darauf wie gewöhnlich
meinen frevelnden Liebkosungen hin, ich war erfüllt von entsetzlichem,
teuflischem Hohn, indem ich nur die Lust empfand, die mir der Mißbrauch
ihrer eignen Schändlichkeit erregte. Als sie in meinen Armen lag, entfiel
mir das Messer, sie schauerte zusammen wie von Todesangst ergriffen, ich
hob das Messer rasch auf, den Mord noch verschiebend, der mir selbst
andere Waffen in die Hände gab. — Euphemie hatte italienischen Wein und
eingemachte Früchte auf dem Tisch stehen lassen. — Wie so ganz plump
und verbraucht, dachte ich, verwechselte geschickt die Gläser und genoß
nur scheinbar die mir dargebotenen Früchte, die ich in meinen weiten
Ärmel fallen ließ. Ich hatte zwei, drei Gläser von dem Wein, aber aus dem
Glase, das Euphemie für sich hingestellt, getrunken, als sie vorgab
Geräusch im Schlosse zu hören und mich bat, sie schnell zu verlassen. —
Nach ihrer Absicht sollte ich auf meinem Zimmer enden! Ich schlich durch
die langen, schwach erhellten Korridore, ich kam bei Aureliens Zimmer
vorüber, wie festgebannt blieb ich stehen. — Ich sah sie, es war als schwebe
sie daher, mich voll Liebe anblickend wie in jener Vision und mir winkend,
daß ich ihr folgen sollte. — Die Türe wich durch den Druck meiner Hand,
ich stand im Zimmer, nur angelehnt war die Türe des Kabinetts, eine
schwüle Luft wallte mir entgegen, meine Liebesglut stärker entzündend,
mich betäubend; kaum konnte ich atmen. — Aus dem Kabinett quollen die
tiefen, angstvollen Seufzer der vielleicht von Verrat und Mord Träumenden,
ich hörte sie im Schlafe beten! — „Zur Tat, zur Tat, was zauderst du, der
Augenblick entflieht,“ so trieb mich die unbekannte Macht in meinem
Innern. — Schon hatte ich einen Schritt ins Kabinett getan, da schrie es
hinter mir. „Verruchter Mordbruder! nun gehörst du mein!“ und ich fühlte
mich mit Riesenkraft von hinten festgepackt. — Es war Hermogen, ich
wand mich, alle meine Kräfte aufbietend, endlich von ihm los und wollte
mich fortdrängen, aber von neuem packte er mich hinterwärts und
zerfleischte meinen Nacken mit wütenden Bissen! — Vergebens rang ich,
unsinnig vor Schmerz und Wut, lange mit ihm, endlich zwang ihn ein
kräftiger Stoß von mir abzulassen und als er von neuem über mich herfiel,
das ich schon von Jugend auf bei mir trug und mit dem ich geschickt in
Holz zu schneiden wußte, verbarg ich in meiner Kutte, und so zum Morde
entschlossen, ging ich zu ihr. „Ich glaube,“ fing sie an, „wir haben beide
gestern schwere ängstliche Träume gehabt, es kam viel von Abgründen
darin vor, doch das ist nun vorbei!“ — Sie gab sich darauf wie gewöhnlich
meinen frevelnden Liebkosungen hin, ich war erfüllt von entsetzlichem,
teuflischem Hohn, indem ich nur die Lust empfand, die mir der Mißbrauch
ihrer eignen Schändlichkeit erregte. Als sie in meinen Armen lag, entfiel
mir das Messer, sie schauerte zusammen wie von Todesangst ergriffen, ich
hob das Messer rasch auf, den Mord noch verschiebend, der mir selbst
andere Waffen in die Hände gab. — Euphemie hatte italienischen Wein und
eingemachte Früchte auf dem Tisch stehen lassen. — Wie so ganz plump
und verbraucht, dachte ich, verwechselte geschickt die Gläser und genoß
nur scheinbar die mir dargebotenen Früchte, die ich in meinen weiten
Ärmel fallen ließ. Ich hatte zwei, drei Gläser von dem Wein, aber aus dem
Glase, das Euphemie für sich hingestellt, getrunken, als sie vorgab
Geräusch im Schlosse zu hören und mich bat, sie schnell zu verlassen. —
Nach ihrer Absicht sollte ich auf meinem Zimmer enden! Ich schlich durch
die langen, schwach erhellten Korridore, ich kam bei Aureliens Zimmer
vorüber, wie festgebannt blieb ich stehen. — Ich sah sie, es war als schwebe
sie daher, mich voll Liebe anblickend wie in jener Vision und mir winkend,
daß ich ihr folgen sollte. — Die Türe wich durch den Druck meiner Hand,
ich stand im Zimmer, nur angelehnt war die Türe des Kabinetts, eine
schwüle Luft wallte mir entgegen, meine Liebesglut stärker entzündend,
mich betäubend; kaum konnte ich atmen. — Aus dem Kabinett quollen die
tiefen, angstvollen Seufzer der vielleicht von Verrat und Mord Träumenden,
ich hörte sie im Schlafe beten! — „Zur Tat, zur Tat, was zauderst du, der
Augenblick entflieht,“ so trieb mich die unbekannte Macht in meinem
Innern. — Schon hatte ich einen Schritt ins Kabinett getan, da schrie es
hinter mir. „Verruchter Mordbruder! nun gehörst du mein!“ und ich fühlte
mich mit Riesenkraft von hinten festgepackt. — Es war Hermogen, ich
wand mich, alle meine Kräfte aufbietend, endlich von ihm los und wollte
mich fortdrängen, aber von neuem packte er mich hinterwärts und
zerfleischte meinen Nacken mit wütenden Bissen! — Vergebens rang ich,
unsinnig vor Schmerz und Wut, lange mit ihm, endlich zwang ihn ein
kräftiger Stoß von mir abzulassen und als er von neuem über mich herfiel,
Page 85
da zog ich mein Messer; zwei Stiche und er sank röchelnd zu Boden, daß es
dumpf im Korridor wiederhallte. — Bis heraus aus dem Zimmer hatten wir
uns gedrängt im Kampfe der Verzweiflung! —
Sowie Hermogen gefallen, rannte ich in wilder Wut die Treppe herab,
da riefen gellende Stimmen durch das ganze Schloß: Mord! Mord! —
Lichter schweiften hin und her und die Tritte der Herbeieilenden schallten
durch die langen Gänge, die Angst verwirrte mich, ich war auf entlegene
Seitentreppen geraten. — Immer lauter, immer heller wurde es im Schlosse,
immer näher und näher erscholl es gräßlich: Mord, Mord! Ich unterschied
die Stimme des Barons und Reinholds, welche heftig mit den Bedienten
sprachen. — Wohin fliehen, wohin mich verbergen? — Noch vor wenig
Augenblicken, als ich Euphemien mit demselben Messer ermorden wollte,
mit dem ich den wahnsinnigen Hermogen tötete, war es mir, als könne ich
mit dem blutigen Mordinstrument in der Hand, vertrauend auf meine
Macht, keck hinaustreten, da keiner, von scheuer Flucht ergriffen es wagen
würde mich aufzuhalten; jetzt war ich selbst von tödlicher Angst befangen.
Endlich, endlich war ich auf der Haupttreppe, der Tumult hatte sich nach
den Zimmern der Baronesse gezogen, es wurde ruhiger, in drei gewaltigen
Sprüngen war ich hinab, nur noch wenige Schritte vom Portal entfernt. Da
gellte ein durchdringender Schrei durch die Gänge, dem ähnlich, den ich in
voriger Nacht gehört. — Sie ist tot, gemordet durch das Gift das sie mir
bereitet, sprach ich dumpf in mich hinein. Aber nun strahlte es wieder hell
aus Euphemiens Zimmern. Aurelie schrie angstvoll um Hilfe. Aufs neue
erscholl es gräßlich: Mord, Mord! — Sie brachten Hermogens Leichnam!
— „Eilt nach dem Mörder,“ hörte ich Reinhold rufen. Da lachte ich
grimmig auf, daß es durch den Saal, durch die Gänge dröhnte und rief mit
schrecklicher Stimme. „Wahnwitzige, wollt ihr das Verhängnis fahen, das
die frevelnden Sünder gerichtet?“ — Sie horchten auf, der Zug blieb wie
festgebannt auf der Treppe stehen. — Nicht fliehen wollte ich mehr, — ja
ihnen entgegenschreiten, die Rache Gottes an den Frevlern in donnernden
Worten verkündend. Aber — des gräßlichen Anblicks! — vor mir — vor
mir stand Viktorins blutige Gestalt, nicht ich, er hatte die Worte gesprochen.
— Das Entsetzen sträubte mein Haar, ich stürzte in wahnsinniger Angst
hinaus durch den Park! — Bald war ich im Freien, da hörte ich
Pferdegetrappel hinter mir, und indem ich meine letzte Kraft
zusammennahm um der Verfolgung zu entgehen, fiel ich über eine
Baumwurzel strauchelnd zu Boden. Bald standen die Pferde bei mir. Es war
dumpf im Korridor wiederhallte. — Bis heraus aus dem Zimmer hatten wir
uns gedrängt im Kampfe der Verzweiflung! —
Sowie Hermogen gefallen, rannte ich in wilder Wut die Treppe herab,
da riefen gellende Stimmen durch das ganze Schloß: Mord! Mord! —
Lichter schweiften hin und her und die Tritte der Herbeieilenden schallten
durch die langen Gänge, die Angst verwirrte mich, ich war auf entlegene
Seitentreppen geraten. — Immer lauter, immer heller wurde es im Schlosse,
immer näher und näher erscholl es gräßlich: Mord, Mord! Ich unterschied
die Stimme des Barons und Reinholds, welche heftig mit den Bedienten
sprachen. — Wohin fliehen, wohin mich verbergen? — Noch vor wenig
Augenblicken, als ich Euphemien mit demselben Messer ermorden wollte,
mit dem ich den wahnsinnigen Hermogen tötete, war es mir, als könne ich
mit dem blutigen Mordinstrument in der Hand, vertrauend auf meine
Macht, keck hinaustreten, da keiner, von scheuer Flucht ergriffen es wagen
würde mich aufzuhalten; jetzt war ich selbst von tödlicher Angst befangen.
Endlich, endlich war ich auf der Haupttreppe, der Tumult hatte sich nach
den Zimmern der Baronesse gezogen, es wurde ruhiger, in drei gewaltigen
Sprüngen war ich hinab, nur noch wenige Schritte vom Portal entfernt. Da
gellte ein durchdringender Schrei durch die Gänge, dem ähnlich, den ich in
voriger Nacht gehört. — Sie ist tot, gemordet durch das Gift das sie mir
bereitet, sprach ich dumpf in mich hinein. Aber nun strahlte es wieder hell
aus Euphemiens Zimmern. Aurelie schrie angstvoll um Hilfe. Aufs neue
erscholl es gräßlich: Mord, Mord! — Sie brachten Hermogens Leichnam!
— „Eilt nach dem Mörder,“ hörte ich Reinhold rufen. Da lachte ich
grimmig auf, daß es durch den Saal, durch die Gänge dröhnte und rief mit
schrecklicher Stimme. „Wahnwitzige, wollt ihr das Verhängnis fahen, das
die frevelnden Sünder gerichtet?“ — Sie horchten auf, der Zug blieb wie
festgebannt auf der Treppe stehen. — Nicht fliehen wollte ich mehr, — ja
ihnen entgegenschreiten, die Rache Gottes an den Frevlern in donnernden
Worten verkündend. Aber — des gräßlichen Anblicks! — vor mir — vor
mir stand Viktorins blutige Gestalt, nicht ich, er hatte die Worte gesprochen.
— Das Entsetzen sträubte mein Haar, ich stürzte in wahnsinniger Angst
hinaus durch den Park! — Bald war ich im Freien, da hörte ich
Pferdegetrappel hinter mir, und indem ich meine letzte Kraft
zusammennahm um der Verfolgung zu entgehen, fiel ich über eine
Baumwurzel strauchelnd zu Boden. Bald standen die Pferde bei mir. Es war
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Viktorins Jäger. „Um Jesus willen, gnädiger Herr,“ fing er an, „was ist im
Schlosse vorgefallen, man schreit Mord! Schon ist das Dorf im Aufruhr. —
Nun, was es auch sein mag, ein guter Geist hat es mir eingegeben
aufzupacken und aus dem Städtchen hierher zu reiten; es ist alles im
Felleisen auf Ihrem Pferde, gnädiger Herr, denn wir werden uns doch wohl
trennen müssen vorderhand, es ist gewiß recht was Gefährliches geschehen,
nicht wahr?“ — Ich raffte mich auf und mich aufs Pferd schwingend,
bedeutete ich dem Jäger, in das Städtchen zurückzureiten und dort meine
Befehle zu erwarten. Sobald er sich in der Finsternis entfernt hatte, stieg ich
wieder vom Pferde und leitete es behutsam in den dicken Tannenwald
hinein, der sich vor mir ausbreitete.
Schlosse vorgefallen, man schreit Mord! Schon ist das Dorf im Aufruhr. —
Nun, was es auch sein mag, ein guter Geist hat es mir eingegeben
aufzupacken und aus dem Städtchen hierher zu reiten; es ist alles im
Felleisen auf Ihrem Pferde, gnädiger Herr, denn wir werden uns doch wohl
trennen müssen vorderhand, es ist gewiß recht was Gefährliches geschehen,
nicht wahr?“ — Ich raffte mich auf und mich aufs Pferd schwingend,
bedeutete ich dem Jäger, in das Städtchen zurückzureiten und dort meine
Befehle zu erwarten. Sobald er sich in der Finsternis entfernt hatte, stieg ich
wieder vom Pferde und leitete es behutsam in den dicken Tannenwald
hinein, der sich vor mir ausbreitete.
Page 87
3. Abschnitt.
Die Abenteuer der Reise.
Als die ersten Strahlen der Sonne durch den finstern Tannenwald
brachen, befand ich mich an einem frisch und hell über glatte Kieselsteine
dahinströmenden Bach. Das Pferd, welches ich mühsam durch das Dickicht
geleitet stand ruhig neben mir und ich hatte nichts Angelegentlicheres zu
tun, als das Felleisen, womit es bepackt war, zu untersuchen. — Wäsche,
Kleidungsstücke, ein mit Gold wohlgefüllter Beutel fielen mir in die Hände.
— Ich beschloß, mich sogleich umzukleiden; mit Hilfe der kleinen Schere
und des Kamms den ich in einem Besteck gefunden, verschnitt ich den Bart
und brachte die Haare so gut es gehen wollte in Ordnung. Ich warf die
Kutte ab, in welcher ich noch das kleine verhängnisvolle Messer, Viktorins
Portefeuille sowie die Korbflasche mit dem Rest des Teufels-Elixiers
vorfand, und bald stand ich da in weltlicher Kleidung mit der Reisemütze
auf dem Kopf, so daß ich mich selbst, als mir der Bach mein Bild
heraufspiegelte, kaum wieder erkannte. Bald war ich am Ausgange des
Waldes und der in der Ferne aufsteigende Dampf, sowie das helle
Glockengeläute, das zu mir herübertönte, ließen mich ein Dorf in der Nahe
vermuten. Kaum hatte ich die Anhöhe vor mir erreicht, als ein freundliches,
schönes Tal sich öffnete in dem ein großes Dorf lag. Ich schlug den breiten
Weg ein, der sich hinabschlängelte und sobald der Abhang weniger steil
wurde, schwang ich mich aufs Pferd um soviel möglich mich an das mir
ganz fremde Reiten zu gewöhnen. — Die Kutte hatte ich in einen hohlen
Baum verborgen und mit ihr all die feindseligen Erscheinungen auf dem
Schlosse in den finstern Wald gebannt; denn ich fühlte mich froh und mutig
und es war mir, als habe nur meine überreizte Fantasie mir Viktorins
blutige, gräßliche Gestalt gezeigt und als wären die letzten Worte die ich
den mir Verfolgenden entgegenrief, wie in hoher Begeisterung, unbewußt,
aus meinem Innern hervorgegangen und hätten die wahre, geheime
Beziehung des Zufalls, der mich auf das Schloß brachte und das, was ich
dort begann, herbeiführte, deutlich ausgesprochen. — Wie das waltende
Verhängnis selbst trat ich ein, den boshaften Frevel strafend und den Sünder
Die Abenteuer der Reise.
Als die ersten Strahlen der Sonne durch den finstern Tannenwald
brachen, befand ich mich an einem frisch und hell über glatte Kieselsteine
dahinströmenden Bach. Das Pferd, welches ich mühsam durch das Dickicht
geleitet stand ruhig neben mir und ich hatte nichts Angelegentlicheres zu
tun, als das Felleisen, womit es bepackt war, zu untersuchen. — Wäsche,
Kleidungsstücke, ein mit Gold wohlgefüllter Beutel fielen mir in die Hände.
— Ich beschloß, mich sogleich umzukleiden; mit Hilfe der kleinen Schere
und des Kamms den ich in einem Besteck gefunden, verschnitt ich den Bart
und brachte die Haare so gut es gehen wollte in Ordnung. Ich warf die
Kutte ab, in welcher ich noch das kleine verhängnisvolle Messer, Viktorins
Portefeuille sowie die Korbflasche mit dem Rest des Teufels-Elixiers
vorfand, und bald stand ich da in weltlicher Kleidung mit der Reisemütze
auf dem Kopf, so daß ich mich selbst, als mir der Bach mein Bild
heraufspiegelte, kaum wieder erkannte. Bald war ich am Ausgange des
Waldes und der in der Ferne aufsteigende Dampf, sowie das helle
Glockengeläute, das zu mir herübertönte, ließen mich ein Dorf in der Nahe
vermuten. Kaum hatte ich die Anhöhe vor mir erreicht, als ein freundliches,
schönes Tal sich öffnete in dem ein großes Dorf lag. Ich schlug den breiten
Weg ein, der sich hinabschlängelte und sobald der Abhang weniger steil
wurde, schwang ich mich aufs Pferd um soviel möglich mich an das mir
ganz fremde Reiten zu gewöhnen. — Die Kutte hatte ich in einen hohlen
Baum verborgen und mit ihr all die feindseligen Erscheinungen auf dem
Schlosse in den finstern Wald gebannt; denn ich fühlte mich froh und mutig
und es war mir, als habe nur meine überreizte Fantasie mir Viktorins
blutige, gräßliche Gestalt gezeigt und als wären die letzten Worte die ich
den mir Verfolgenden entgegenrief, wie in hoher Begeisterung, unbewußt,
aus meinem Innern hervorgegangen und hätten die wahre, geheime
Beziehung des Zufalls, der mich auf das Schloß brachte und das, was ich
dort begann, herbeiführte, deutlich ausgesprochen. — Wie das waltende
Verhängnis selbst trat ich ein, den boshaften Frevel strafend und den Sünder
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in dem ihm bereiteten Untergange entsündigend. Nur Aureliens holdes Bild
lebte noch wie sonst in mir und ich konnte nicht an sie denken, ohne meine
Brust beengt, ja physisch einen nagenden Schmerz in meinem Innern zu
fühlen. — Doch war es mir, als müsse ich sie vielleicht in fernen Landen
wiedersehen, ja, als müsse sie, wie von unwiderstehlichem Drange
hingerissen, von unauflöslichen Banden an mich gekettet, mein werden. —
Ich bemerkte, daß die Leute welche mir begegneten, still standen und
mir verwundert nachsahen, ja, daß der Wirt im Dorfe vor Erstaunen über
meinen Anblick kaum Worte finden konnte, welches mich nicht wenig
ängstigte. Während daß ich mein Frühstück verzehrte und mein Pferd
gefüttert wurde, versammelten sich mehrere Bauern in der Wirtsstube, die,
mit scheuen Blicken mich anschielend, miteinander flüsterten. — Immer
mehr drängte sich das Volk zu, und mich dicht umringend, gafften sie mich
an mit dummen Erstaunen. Ich bemühte mich, ruhig und unbefangen zu
bleiben und rief mir lauter Stimme den Wirt, den ich befahl mein Pferd
satteln und das Felleisen aufpacken zu lassen. Er ging zweideutig lächelnd
hinaus und kam bald darauf mit einem langen Mann zurück, der mit finstrer
Amtsmiene und komischer Gravität auf mich zuschritt. Er faßte mich scharf
ins Auge, ich erwiderte den Blick, indem ich aufstand und mich dicht vor
ihn stellte. Das schien ihn etwas außer Fassung zu setzen, indem er sich
scheu nach den versammelten Bauern umsah. „Nun was ist es,“ rief ich,
„Ihr scheint mir etwas sagen zu wollen.“ Da räusperte sich der ernsthafte
Mann und sprach, indem er sich bemühte in den Ton seiner Stimme recht
viel Gewichtiges zu legen. „Herr! Ihr kommt nicht eher von hinnen, bis Ihr
uns, dem Richter hier am Orte umständlich gesagt, wer Ihr seid, mit allen
Qualitäten, was Geburt, Stand und Würde anbelangt, auch woher Ihr
gekommen und wohin Ihr zu reisen gedenkt, nach allen Qualitäten, der
Lage des Orts, des Namens, Provinz und Stadt und was weiter zu bemerken,
und über das alles müßt Ihr uns, dem Richter, einen Paß vorzeigen,
geschrieben und unterschrieben, untersiegelt nach allen Qualitäten, wie es
recht ist und gebräuchlich!“ — Ich hatte noch gar nicht daran gedacht, daß
es nötig sei irgend einen Namen anzunehmen und noch weniger war mir
eingefallen, daß das Sonderbare, Fremde meines Äußern — welches durch
die Kleidung, der sich mein mönchischer Anstand nicht fügen wollte, sowie
durch die Spuren des übelverschnittenen Bartes erzeugt wurde — mich
jeden Augenblick in die Verlegenheit setzen würde, über meine Person
ausgeforscht zu werden. Die Frage des Dorfrichters kam mir daher so
lebte noch wie sonst in mir und ich konnte nicht an sie denken, ohne meine
Brust beengt, ja physisch einen nagenden Schmerz in meinem Innern zu
fühlen. — Doch war es mir, als müsse ich sie vielleicht in fernen Landen
wiedersehen, ja, als müsse sie, wie von unwiderstehlichem Drange
hingerissen, von unauflöslichen Banden an mich gekettet, mein werden. —
Ich bemerkte, daß die Leute welche mir begegneten, still standen und
mir verwundert nachsahen, ja, daß der Wirt im Dorfe vor Erstaunen über
meinen Anblick kaum Worte finden konnte, welches mich nicht wenig
ängstigte. Während daß ich mein Frühstück verzehrte und mein Pferd
gefüttert wurde, versammelten sich mehrere Bauern in der Wirtsstube, die,
mit scheuen Blicken mich anschielend, miteinander flüsterten. — Immer
mehr drängte sich das Volk zu, und mich dicht umringend, gafften sie mich
an mit dummen Erstaunen. Ich bemühte mich, ruhig und unbefangen zu
bleiben und rief mir lauter Stimme den Wirt, den ich befahl mein Pferd
satteln und das Felleisen aufpacken zu lassen. Er ging zweideutig lächelnd
hinaus und kam bald darauf mit einem langen Mann zurück, der mit finstrer
Amtsmiene und komischer Gravität auf mich zuschritt. Er faßte mich scharf
ins Auge, ich erwiderte den Blick, indem ich aufstand und mich dicht vor
ihn stellte. Das schien ihn etwas außer Fassung zu setzen, indem er sich
scheu nach den versammelten Bauern umsah. „Nun was ist es,“ rief ich,
„Ihr scheint mir etwas sagen zu wollen.“ Da räusperte sich der ernsthafte
Mann und sprach, indem er sich bemühte in den Ton seiner Stimme recht
viel Gewichtiges zu legen. „Herr! Ihr kommt nicht eher von hinnen, bis Ihr
uns, dem Richter hier am Orte umständlich gesagt, wer Ihr seid, mit allen
Qualitäten, was Geburt, Stand und Würde anbelangt, auch woher Ihr
gekommen und wohin Ihr zu reisen gedenkt, nach allen Qualitäten, der
Lage des Orts, des Namens, Provinz und Stadt und was weiter zu bemerken,
und über das alles müßt Ihr uns, dem Richter, einen Paß vorzeigen,
geschrieben und unterschrieben, untersiegelt nach allen Qualitäten, wie es
recht ist und gebräuchlich!“ — Ich hatte noch gar nicht daran gedacht, daß
es nötig sei irgend einen Namen anzunehmen und noch weniger war mir
eingefallen, daß das Sonderbare, Fremde meines Äußern — welches durch
die Kleidung, der sich mein mönchischer Anstand nicht fügen wollte, sowie
durch die Spuren des übelverschnittenen Bartes erzeugt wurde — mich
jeden Augenblick in die Verlegenheit setzen würde, über meine Person
ausgeforscht zu werden. Die Frage des Dorfrichters kam mir daher so
Page 89
unerwartet, daß ich vergebens sann, ihm irgend eine befriedigende Antwort
zu geben. Ich entschloß mich zu versuchen, was entschiedene Keckheit
bewirken würde und sagte mit fester Stimme: „Wer ich bin, habe ich
Ursache zu verschweigen und deshalb trachtet Ihr vergeblich meinen Paß zu
sehen, übrigens hütet Euch, eine Person von Stande mit Euren läppischen
Weitläufigkeiten nur einen Augenblick aufzuhalten.“ „Hoho!“ rief der
Dorfrichter, indem er eine große Dose hervorzog, in die, als er schnupfte,
fünf Hände der hinter ihm stehenden Gerichtsschöppen hineingriffen,
gewaltige Prisen herausholend, „hoho, nur nicht so barsch, gnädigster Herr!
— Ihre Exzellenz wird sich gefallen lassen müssen, uns, dem Richter, Rede
zu stehen und den Paß zu zeigen, denn, nun gerade heraus gesagt, hier im
Gebirge gibt es seit einiger Zeit allerlei verdächtige Gestalten, die dann und
wann aus dem Walde gucken und wieder verschwinden wie der
Gottseibeiuns selbst, aber es ist verfluchtes Diebs- und Raubgesindel, die
den Reisenden auflauern und allerlei Schaden anrichten durch Mord und
Brand, und Ihr, mein gnädigster Herr, seht in der Tat so absonderlich aus,
daß Ihr ganz dem Bilde ähnlich seid, das die hochlöbliche Landesregierung
von einem großen Räuber und Hauptspitzbuben geschrieben und
beschrieben nach allen Qualitäten, an uns den Richter geschickt hat. Also
nur ohne alle weitere Umstände und zeremonische Worte den Paß oder in
den Turm!“ — Ich sah, daß mit dem Mann s o nichts auszurichten war, ich
schickte mich daher an zu einem andern Versuch. „Gestrenger Herr
Richter,“ sprach ich, „wenn Ihr mir die Gnade erzeigen wolltet, daß ich mit
Euch allein sprechen dürfte, so wollte ich alle Eure Zweifel leicht aufklären
und im Vertrauen auf Eure Klugheit Euch das Geheimnis offenbaren, das
mich in dem Aufzuge, der Euch so auffallend dünkt, herführt.“ — „Ha ha!
Geheimnisse offenbaren,“ sprach der Richter, „ich merke schon, was das
sein wird; nun, geht nun hinaus, ihr Leute, bewacht die Türe und die Fenster
und laßt niemanden hinein und heraus!“ — Als wir allein waren, fing ich
an: „Ihr seht in mir, Herr Richter, einen unglücklichen Flüchtling, dem es
endlich durch seine Freunde glückte, einem schmachvollen Gefängnis und
der Gefahr auf ewig ins Kloster gesperrt zu werden, zu entgehen. Erlaßt mir
die näheren Umstände meiner Geschichte, die das Gewebe von Ränken und
Bosheiten einer rachsüchtigen Familie ist. Die Liebe zu einem Mädchen
niedern Standes war die Ursache meiner Leiden. In dem langen Gefängnis
war mir der Bart gewachsen und man hatte mir schon die Tonsur geben
lassen, wie Ihrs bemerken könnet, sowie ich auch in dem Gefängnisse in
zu geben. Ich entschloß mich zu versuchen, was entschiedene Keckheit
bewirken würde und sagte mit fester Stimme: „Wer ich bin, habe ich
Ursache zu verschweigen und deshalb trachtet Ihr vergeblich meinen Paß zu
sehen, übrigens hütet Euch, eine Person von Stande mit Euren läppischen
Weitläufigkeiten nur einen Augenblick aufzuhalten.“ „Hoho!“ rief der
Dorfrichter, indem er eine große Dose hervorzog, in die, als er schnupfte,
fünf Hände der hinter ihm stehenden Gerichtsschöppen hineingriffen,
gewaltige Prisen herausholend, „hoho, nur nicht so barsch, gnädigster Herr!
— Ihre Exzellenz wird sich gefallen lassen müssen, uns, dem Richter, Rede
zu stehen und den Paß zu zeigen, denn, nun gerade heraus gesagt, hier im
Gebirge gibt es seit einiger Zeit allerlei verdächtige Gestalten, die dann und
wann aus dem Walde gucken und wieder verschwinden wie der
Gottseibeiuns selbst, aber es ist verfluchtes Diebs- und Raubgesindel, die
den Reisenden auflauern und allerlei Schaden anrichten durch Mord und
Brand, und Ihr, mein gnädigster Herr, seht in der Tat so absonderlich aus,
daß Ihr ganz dem Bilde ähnlich seid, das die hochlöbliche Landesregierung
von einem großen Räuber und Hauptspitzbuben geschrieben und
beschrieben nach allen Qualitäten, an uns den Richter geschickt hat. Also
nur ohne alle weitere Umstände und zeremonische Worte den Paß oder in
den Turm!“ — Ich sah, daß mit dem Mann s o nichts auszurichten war, ich
schickte mich daher an zu einem andern Versuch. „Gestrenger Herr
Richter,“ sprach ich, „wenn Ihr mir die Gnade erzeigen wolltet, daß ich mit
Euch allein sprechen dürfte, so wollte ich alle Eure Zweifel leicht aufklären
und im Vertrauen auf Eure Klugheit Euch das Geheimnis offenbaren, das
mich in dem Aufzuge, der Euch so auffallend dünkt, herführt.“ — „Ha ha!
Geheimnisse offenbaren,“ sprach der Richter, „ich merke schon, was das
sein wird; nun, geht nun hinaus, ihr Leute, bewacht die Türe und die Fenster
und laßt niemanden hinein und heraus!“ — Als wir allein waren, fing ich
an: „Ihr seht in mir, Herr Richter, einen unglücklichen Flüchtling, dem es
endlich durch seine Freunde glückte, einem schmachvollen Gefängnis und
der Gefahr auf ewig ins Kloster gesperrt zu werden, zu entgehen. Erlaßt mir
die näheren Umstände meiner Geschichte, die das Gewebe von Ränken und
Bosheiten einer rachsüchtigen Familie ist. Die Liebe zu einem Mädchen
niedern Standes war die Ursache meiner Leiden. In dem langen Gefängnis
war mir der Bart gewachsen und man hatte mir schon die Tonsur geben
lassen, wie Ihrs bemerken könnet, sowie ich auch in dem Gefängnisse in
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dem ich schmachtete, in eine Mönchskutte gekleidet gehen mußte. Erst
nach meiner Flucht, hier im Walde, durfte ich mich umkleiden, weil man
mich sonst ereilt haben würde. Ihr merkt nun selbst, woher das Auffallende
in meinem Äußern rührt, das mich bei Euch in solch bösen Verdacht
gebracht hat. Einen Paß kann ich Euch, wie Ihr seht, nun nicht vorzeigen,
aber für die Wahrheit meiner Behauptungen habe ich gewisse Gründe, die
Ihr wohl für richtig anerkennen werdet.“ — Mit diesen Worten zog ich den
Geldbeutel hervor, legte drei blanke Dukaten auf den Tisch und der
gravitätische Ernst des Herrn Richters verzog sich zum schmunzelnden
Lächeln. „Eure Gründe, mein Herr,“ sagte er, „sind gewiß einleuchtend
genug, aber nehmt es nicht übel, mein Herr, es fehlt ihnen noch eine
gewisse überzeugende Gleichheit nach allen Qualitäten! Wenn Ihr wollt,
daß ich das Ungerade für gerade nehmen soll, so müssen Eure Gründe auch
so beschaffen sein.“ — Ich verstand den Schelm und legte noch einen
Dukaten hinzu. „Nun sehe ich,“ sprach der Richter, „daß ich Euch mit
meinem Verdacht unrecht getan habe; reiset nur weiter, aber schlagt, wie Ihr
es wohl gewohnt sein möget, hübsch die Nebenwege ein, haltet Euch von
der Heerstraße ab, bis Ihr Euch des verdächtigen Äußeren ganz entledigt.“
— Er öffnete die Türe nun weit und rief laut der versammelten Menge
entgegen. „Der Herr da drinnen ist ein vornehmer Herr, nach allen
Qualitäten, er hat sich uns, dem Richter, in einer geheimen Audienz
entdeckt, er reiset inkognito, das heißt, unbekannterweise, und daß ihr alle
davon nichts zu wissen und zu vernehmen braucht, ihr Schlingel! — Nun,
glückliche Reise, gnäd’ger Herr!“ Die Bauern zogen ehrfurchtsvoll
schweigend die Mützen ab als ich mich auf das Pferd schwang. Rasch
wollte ich durch das Tor sprengen, aber das Pferd fing an sich zu bäumen,
meine Unwissenheit, meine Ungeschicklichkeit im Reiten versagte mir
jedes Mittel es von der Stelle zu bringen, im Kreise drehte es sich mit mir
herum und warf mich endlich, unter dem schallenden Gelächter der Bauern,
dem herbeieilenden Richter und dem Wirte in die Arme. „Das ist ein böses
Pferd!“ sagte der Richter mit unterdrücktem Lachen. — „Ein böses Pferd!“
wiederholte ich, mir den Staub abklopfend. Sie halfen mir wieder herauf,
aber von neuem bäumte sich schnaubend und prustend das Pferd, durchaus
war es nicht durch das Tor zu bringen. Da rief ein alter Bauer. „Ei seht
doch, da sitzt ja das Zeterweib, die alte Liese, an dem Tor und läßt den
gnädigen Herrn nicht fort aus Schabernack, weil er ihr keinen Groschen
gegeben.“ — Nun erst fiel mir ein altes, zerlumptes Bettelweib ins Auge,
nach meiner Flucht, hier im Walde, durfte ich mich umkleiden, weil man
mich sonst ereilt haben würde. Ihr merkt nun selbst, woher das Auffallende
in meinem Äußern rührt, das mich bei Euch in solch bösen Verdacht
gebracht hat. Einen Paß kann ich Euch, wie Ihr seht, nun nicht vorzeigen,
aber für die Wahrheit meiner Behauptungen habe ich gewisse Gründe, die
Ihr wohl für richtig anerkennen werdet.“ — Mit diesen Worten zog ich den
Geldbeutel hervor, legte drei blanke Dukaten auf den Tisch und der
gravitätische Ernst des Herrn Richters verzog sich zum schmunzelnden
Lächeln. „Eure Gründe, mein Herr,“ sagte er, „sind gewiß einleuchtend
genug, aber nehmt es nicht übel, mein Herr, es fehlt ihnen noch eine
gewisse überzeugende Gleichheit nach allen Qualitäten! Wenn Ihr wollt,
daß ich das Ungerade für gerade nehmen soll, so müssen Eure Gründe auch
so beschaffen sein.“ — Ich verstand den Schelm und legte noch einen
Dukaten hinzu. „Nun sehe ich,“ sprach der Richter, „daß ich Euch mit
meinem Verdacht unrecht getan habe; reiset nur weiter, aber schlagt, wie Ihr
es wohl gewohnt sein möget, hübsch die Nebenwege ein, haltet Euch von
der Heerstraße ab, bis Ihr Euch des verdächtigen Äußeren ganz entledigt.“
— Er öffnete die Türe nun weit und rief laut der versammelten Menge
entgegen. „Der Herr da drinnen ist ein vornehmer Herr, nach allen
Qualitäten, er hat sich uns, dem Richter, in einer geheimen Audienz
entdeckt, er reiset inkognito, das heißt, unbekannterweise, und daß ihr alle
davon nichts zu wissen und zu vernehmen braucht, ihr Schlingel! — Nun,
glückliche Reise, gnäd’ger Herr!“ Die Bauern zogen ehrfurchtsvoll
schweigend die Mützen ab als ich mich auf das Pferd schwang. Rasch
wollte ich durch das Tor sprengen, aber das Pferd fing an sich zu bäumen,
meine Unwissenheit, meine Ungeschicklichkeit im Reiten versagte mir
jedes Mittel es von der Stelle zu bringen, im Kreise drehte es sich mit mir
herum und warf mich endlich, unter dem schallenden Gelächter der Bauern,
dem herbeieilenden Richter und dem Wirte in die Arme. „Das ist ein böses
Pferd!“ sagte der Richter mit unterdrücktem Lachen. — „Ein böses Pferd!“
wiederholte ich, mir den Staub abklopfend. Sie halfen mir wieder herauf,
aber von neuem bäumte sich schnaubend und prustend das Pferd, durchaus
war es nicht durch das Tor zu bringen. Da rief ein alter Bauer. „Ei seht
doch, da sitzt ja das Zeterweib, die alte Liese, an dem Tor und läßt den
gnädigen Herrn nicht fort aus Schabernack, weil er ihr keinen Groschen
gegeben.“ — Nun erst fiel mir ein altes, zerlumptes Bettelweib ins Auge,
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die dicht am Torwege niedergekauert saß und mich mit wahnsinnigen
Blicken anlachte. „Will die Zeterhexe gleich aus dem Wege!“ schrie der
Richter, aber die Alte kreischte: „Der Blutbruder hat mir keinen Groschen
gegeben, seht ihr nicht den toten Menschen vor mir liegen? Über den kann
der Blutbruder nicht wegspringen, der tote Mensch richtet sich auf, aber ich
drücke ihn nieder, wenn mir der Blutbruder einen Groschen gibt.“ Der
Richter hatte das Pferd bei dem Zügel ergriffen und wollte es, ohne auf das
wahnwitzige Geschrei der Alten zu achten, durch das Tor ziehen, vergeblich
war indessen alle Anstrengung, und die Alte schrie gräßlich dazwischen:
„Blutbruder, Blutbruder, gib mir Groschen, gib mir Groschen!“ Da griff ich
in die Tasche und warf ihr Geld in den Schoß und jubelnd und jauchzend
sprang die Alte auf in die Lüfte und schrie: „Seht die schönen Groschen die
mir der Blutbruder gegeben, seht die schönen Groschen!“ Aber mein Pferd
wieherte laut und kurbettierte, von dem Richter losgelassen, durch das Tor.
„Nun geht es gar schön und herrlich mit dem Reiten, gnädiger Herr, nach
allen Qualitäten,“ sagte der Richter, und die Bauern, die mir bis vors Tor
nachgelaufen, lachten noch einmal über die Maßen, als sie mich unter den
Sprüngen des muntern Pferdes so auf und nieder fliegen sahen und riefen:
„Seht doch, seht doch, der reitet wie ein Kapuziner!“ —
Der ganze Vorfall im Dorfe, vorzüglich die verhängnisvollen Worte des
wahnsinnigen Weibes hatten mich nicht wenig aufgeregt. Die vornehmsten
Maßregeln die ich jetzt zu ergreifen hatte, schienen mir bei der ersten
Gelegenheit alles Auffallende aus meinem Äußern zu verbannen und mir
irgend einen Namen zu geben, mit dem ich mich ganz unbemerkt in die
Masse der Menschen eindrängen könne. — Das Leben lag vor mir wie ein
finstres, undurchschauliches Verhängnis, was konnte ich anders tun, als
mich in meiner Verbannung ganz den Wellen des Stroms überlassen, der
mich unaufhaltsam dahinriß. Alle Faden, die mich sonst an bestimmte
Lebensverhältnisse banden, waren zerschnitten, und daher kein Halt für
mich zu finden. Immer lebendiger und lebendiger wurde die Heerstraße,
und alles kündigte schon in der Ferne die reiche, lebhafte Handelsstadt an,
der ich mich jetzt näherte. In wenigen Tagen lag sie mir vor Augen; ohne
gefragt, ja ohne einmal eben genau betrachtet zu werden, ritt ich in die
Vorstadt hinein. Ein großes Haus mit hellen Spiegelfenstern, über dessen
Türe ein goldner, geflügelter Löwe prangte, fiel mir in die Augen. Eine
Menge Menschen wogte hinein und hinaus, Wagen kamen und fuhren ab,
aus den untern Zimmern schallte mir Gelächter und Gläserklang entgegen.
Blicken anlachte. „Will die Zeterhexe gleich aus dem Wege!“ schrie der
Richter, aber die Alte kreischte: „Der Blutbruder hat mir keinen Groschen
gegeben, seht ihr nicht den toten Menschen vor mir liegen? Über den kann
der Blutbruder nicht wegspringen, der tote Mensch richtet sich auf, aber ich
drücke ihn nieder, wenn mir der Blutbruder einen Groschen gibt.“ Der
Richter hatte das Pferd bei dem Zügel ergriffen und wollte es, ohne auf das
wahnwitzige Geschrei der Alten zu achten, durch das Tor ziehen, vergeblich
war indessen alle Anstrengung, und die Alte schrie gräßlich dazwischen:
„Blutbruder, Blutbruder, gib mir Groschen, gib mir Groschen!“ Da griff ich
in die Tasche und warf ihr Geld in den Schoß und jubelnd und jauchzend
sprang die Alte auf in die Lüfte und schrie: „Seht die schönen Groschen die
mir der Blutbruder gegeben, seht die schönen Groschen!“ Aber mein Pferd
wieherte laut und kurbettierte, von dem Richter losgelassen, durch das Tor.
„Nun geht es gar schön und herrlich mit dem Reiten, gnädiger Herr, nach
allen Qualitäten,“ sagte der Richter, und die Bauern, die mir bis vors Tor
nachgelaufen, lachten noch einmal über die Maßen, als sie mich unter den
Sprüngen des muntern Pferdes so auf und nieder fliegen sahen und riefen:
„Seht doch, seht doch, der reitet wie ein Kapuziner!“ —
Der ganze Vorfall im Dorfe, vorzüglich die verhängnisvollen Worte des
wahnsinnigen Weibes hatten mich nicht wenig aufgeregt. Die vornehmsten
Maßregeln die ich jetzt zu ergreifen hatte, schienen mir bei der ersten
Gelegenheit alles Auffallende aus meinem Äußern zu verbannen und mir
irgend einen Namen zu geben, mit dem ich mich ganz unbemerkt in die
Masse der Menschen eindrängen könne. — Das Leben lag vor mir wie ein
finstres, undurchschauliches Verhängnis, was konnte ich anders tun, als
mich in meiner Verbannung ganz den Wellen des Stroms überlassen, der
mich unaufhaltsam dahinriß. Alle Faden, die mich sonst an bestimmte
Lebensverhältnisse banden, waren zerschnitten, und daher kein Halt für
mich zu finden. Immer lebendiger und lebendiger wurde die Heerstraße,
und alles kündigte schon in der Ferne die reiche, lebhafte Handelsstadt an,
der ich mich jetzt näherte. In wenigen Tagen lag sie mir vor Augen; ohne
gefragt, ja ohne einmal eben genau betrachtet zu werden, ritt ich in die
Vorstadt hinein. Ein großes Haus mit hellen Spiegelfenstern, über dessen
Türe ein goldner, geflügelter Löwe prangte, fiel mir in die Augen. Eine
Menge Menschen wogte hinein und hinaus, Wagen kamen und fuhren ab,
aus den untern Zimmern schallte mir Gelächter und Gläserklang entgegen.
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Kaum hielt ich an der Türe, als geschäftig der Hausknecht herbeisprang,
mein Pferd bei dem Zügel ergriff und es, als ich abgestiegen, hineinführte.
Der zierlich gekleidete Kellner kam mit dem klappernden Schlüsselbunde
und schritt mir voran die Treppe hinauf; als wir uns im zweiten Stock
befanden, sah er mich noch einmal flüchtig an und führte mich dann noch
eine Treppe höher, wo er ein mäßiges Zimmer öffnete und mich dann
höflich frug, was ich vorderhand befehle, um zwei Uhr würde gespeiset im
Saal Nr. 10 erster Stock usw. „Bringen Sie mir eine Flasche Wein!“ Das war
in der Tat das erste Wort, das ich der dienstfertigen Geschäftigkeit dieser
Leute einschieben konnte.
Kaum war ich allein als es klopfte und ein Gesicht zur Türe hereinsah,
das einer komischen Maske glich, wie ich sie wohl ehemals gesehen. Eine
spitze rote Nase, ein paar kleine, funkelnde Augen, ein langes Kinn und
dazu ein aufgetürmtes, gepudertes Toupet, das, wie ich nachher wahrnahm,
ganz unvermuteterweise hinten in einen Titus ausging, ein großes Jabot, ein
brennend rotes Gilet, unter dem zwei starke Uhrketten hervorhingen,
Pantalons, ein Frack, der manchmal zu enge, dann aber auch wieder zu weit
war, kurz mit Konsequenz überall nicht paßte! — So schritt die Figur in der
Krümmung des Bücklings, der in der Türe begonnen, herein, Hut, Schere
und Kamm in der Hand, sprechend: „Ich bin der Friseur des Hauses und
biete meine Dienste, meine unmaßgeblichen Dienste gehorsamst an.“ —
Die kleine, winddürre Figur hatte so etwas Possierliches, daß ich das
Lachen kaum unterdrücken konnte. Doch war mir der Mann willkommen
und ich stand nicht an ihn zu fragen, ob er sich getraue, meine durch die
lange Reise und noch dazu durch übles Verschneiden ganz in Verwirrung
geratenen Haare in Ordnung zu bringen. Er sah meinen Kopf mit
kunstrichterlichen Augen an und sprach, indem er die rechte Hand, graziös
gekrümmt, mit ausgespreizten Fingern auf die rechte Brust legte: „In
Ordnung bringen? — O Gott! Pietro Belcampo, du, den die schnöden
Neider schlechtweg Peter Schönfeld nennen, wie den göttlichen
Regimentspfeifer und Hornisten Giacomo Punto, Jakob Stich, du wirst
verkannt. Aber stellst du nicht selbst dein Licht unter den Scheffel, statt es
leuchten zu lassen vor der Welt? Sollte der Bau dieser Hand, sollte der
Funke des Genies der aus diesem Auge strahlt und wie ein lieblich
Morgenrot die Nase färbt im Vorbeistreifen, sollte dein ganzes Wesen nicht
dem ersten Blick des Kenners verraten, daß der Geist dir einwohnt, der
mein Pferd bei dem Zügel ergriff und es, als ich abgestiegen, hineinführte.
Der zierlich gekleidete Kellner kam mit dem klappernden Schlüsselbunde
und schritt mir voran die Treppe hinauf; als wir uns im zweiten Stock
befanden, sah er mich noch einmal flüchtig an und führte mich dann noch
eine Treppe höher, wo er ein mäßiges Zimmer öffnete und mich dann
höflich frug, was ich vorderhand befehle, um zwei Uhr würde gespeiset im
Saal Nr. 10 erster Stock usw. „Bringen Sie mir eine Flasche Wein!“ Das war
in der Tat das erste Wort, das ich der dienstfertigen Geschäftigkeit dieser
Leute einschieben konnte.
Kaum war ich allein als es klopfte und ein Gesicht zur Türe hereinsah,
das einer komischen Maske glich, wie ich sie wohl ehemals gesehen. Eine
spitze rote Nase, ein paar kleine, funkelnde Augen, ein langes Kinn und
dazu ein aufgetürmtes, gepudertes Toupet, das, wie ich nachher wahrnahm,
ganz unvermuteterweise hinten in einen Titus ausging, ein großes Jabot, ein
brennend rotes Gilet, unter dem zwei starke Uhrketten hervorhingen,
Pantalons, ein Frack, der manchmal zu enge, dann aber auch wieder zu weit
war, kurz mit Konsequenz überall nicht paßte! — So schritt die Figur in der
Krümmung des Bücklings, der in der Türe begonnen, herein, Hut, Schere
und Kamm in der Hand, sprechend: „Ich bin der Friseur des Hauses und
biete meine Dienste, meine unmaßgeblichen Dienste gehorsamst an.“ —
Die kleine, winddürre Figur hatte so etwas Possierliches, daß ich das
Lachen kaum unterdrücken konnte. Doch war mir der Mann willkommen
und ich stand nicht an ihn zu fragen, ob er sich getraue, meine durch die
lange Reise und noch dazu durch übles Verschneiden ganz in Verwirrung
geratenen Haare in Ordnung zu bringen. Er sah meinen Kopf mit
kunstrichterlichen Augen an und sprach, indem er die rechte Hand, graziös
gekrümmt, mit ausgespreizten Fingern auf die rechte Brust legte: „In
Ordnung bringen? — O Gott! Pietro Belcampo, du, den die schnöden
Neider schlechtweg Peter Schönfeld nennen, wie den göttlichen
Regimentspfeifer und Hornisten Giacomo Punto, Jakob Stich, du wirst
verkannt. Aber stellst du nicht selbst dein Licht unter den Scheffel, statt es
leuchten zu lassen vor der Welt? Sollte der Bau dieser Hand, sollte der
Funke des Genies der aus diesem Auge strahlt und wie ein lieblich
Morgenrot die Nase färbt im Vorbeistreifen, sollte dein ganzes Wesen nicht
dem ersten Blick des Kenners verraten, daß der Geist dir einwohnt, der
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nach dem Ideal strebt? — In Ordnung bringen! — ein kaltes Wort, mein
Herr!“ —
Ich bat den wunderlichen, kleinen Mann, sich nicht zu ereifern, indem
ich seiner Geschicklichkeit alles zutraue. „Geschicklichkeit?“ fuhr er in
einem Eifer fort, „was ist Geschicklichkeit? — Sie ist fremd dem Pietro
Belcampo, den die Kunst, die heilige, durchdringt. — Die Kunst, mein
Herr, die Kunst! — Meine Fantasie irrt in dem wunderbaren Lockenbau, in
dem künstlichen Gefüge, das der Zephirhauch in Wellenzirkeln baut und
zerstört. — Sie verstehen mich, mein Herr, denn Sie scheinen mir ein
Herr!“ —
Ich bat den wunderlichen, kleinen Mann, sich nicht zu ereifern, indem
ich seiner Geschicklichkeit alles zutraue. „Geschicklichkeit?“ fuhr er in
einem Eifer fort, „was ist Geschicklichkeit? — Sie ist fremd dem Pietro
Belcampo, den die Kunst, die heilige, durchdringt. — Die Kunst, mein
Herr, die Kunst! — Meine Fantasie irrt in dem wunderbaren Lockenbau, in
dem künstlichen Gefüge, das der Zephirhauch in Wellenzirkeln baut und
zerstört. — Sie verstehen mich, mein Herr, denn Sie scheinen mir ein
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denkender Kopf, wie ich aus dem Löckchen schließe, das sich rechter Hand
über Dero verehrte Stirn gelegt.“ — Ich versicherte, daß ich ihn
vollkommen verstände, und indem mich die ganz originelle Narrheit des
Kleinen höchlich ergötzte, beschloß ich, seine gerühmte Kunst in Anspruch
nehmend, seinen Eifer, seinen Pathos nicht im mindesten zu unterbrechen.
„Was gedenken Sie denn,“ sagte ich, „aus meinen verworrenen Haaren
herauszubringen?“ — „Alles was Sie wollen,“ erwiderte der Kleine, „soll
Pietro Belcampo des Künstlers Rat aber etwas vermögen, so lassen Sie
mich erst in den gehörigen Weiten, Breiten und Längen, Ihr wertes Haupt,
Ihre ganze Gestalt, Ihren Gang, Ihre Mienen, Ihr Gebärdenspiel betrachten,
dann werde ich sagen, ob Sie sich mehr zum Antiken oder zum
Romantischen, zum Heroischen, Großen, Erhabenen, zum Naiven, zum
Idyllischen, zum Spöttischen, zum Humoristischen hinneigen; dann werde
ich die Geister des Caracalla, des Titus, Karls des Großen, Heinrich des
Vierten, Gustav Adolfs oder Virgils, Tassos, Boccaccios, heraufbeschwören.
— Von ihnen beseelt zucken die Muskeln meiner Finger, und unter der
sonoren, zwitschernden Schere geht das Meisterstück hervor. Ich werde es
sein, mein Herr, der Ihre Charakteristik, wie sie sich aussprechen soll im
Leben, vollendet. Aber jetzt bitte ich die Stube einigemal auf und ab zu
schreiten, ich will beobachten, bemerken, anschauen, ich bitte!“
Dem wunderlichen Manne mußte ich mich wohl fügen, ich schritt daher
wie er gewollt, die Stube auf und ab, indem ich mir alle Mühe gab, den
gewissen mönchischen Anstand, den keiner ganz abzulegen vermag, ist er
auch noch so lange her, daß er das Kloster verlassen, zu verbergen. Der
Kleine betrachtete mich aufmerksam, dann aber fing er an, um mich her zu
trippeln, er seufzte und ächzte, er zog sein Schnupftuch hervor und wischte
sich die Schweißtropfen von der Stirne. Endlich stand er still und ich frug
ihn, ob er nun mit sich einig worden, wie er mein Haar behandeln müsse.
Da seufzte er und sprach: „Ach, mein Herr, was ist denn das? — Sie haben
sich nicht Ihrem natürlichen Wesen überlassen, es war ein Zwang in dieser
Bewegung, ein Kampf streitender Naturen. Noch ein paar Schritte, mein
Herr!“ — Ich schlug es ihm rund ab, mich noch einmal zur Schau zu
stellen, indem ich erklärte, daß wenn er nun sich nicht entschließen könne,
mein Haar zu verschneiden, ich darauf verzichten müsse seine Kunst in
Anspruch zu nehmen. „Begrabe dich, Pietro,“ rief der Kleine in vollem
Eifer, „denn du wirst verkannt in dieser Welt, wo keine Treue ist, keine
Aufrichtigkeit mehr zu finden. Aber Sie sollen doch meinen Blick, der in
über Dero verehrte Stirn gelegt.“ — Ich versicherte, daß ich ihn
vollkommen verstände, und indem mich die ganz originelle Narrheit des
Kleinen höchlich ergötzte, beschloß ich, seine gerühmte Kunst in Anspruch
nehmend, seinen Eifer, seinen Pathos nicht im mindesten zu unterbrechen.
„Was gedenken Sie denn,“ sagte ich, „aus meinen verworrenen Haaren
herauszubringen?“ — „Alles was Sie wollen,“ erwiderte der Kleine, „soll
Pietro Belcampo des Künstlers Rat aber etwas vermögen, so lassen Sie
mich erst in den gehörigen Weiten, Breiten und Längen, Ihr wertes Haupt,
Ihre ganze Gestalt, Ihren Gang, Ihre Mienen, Ihr Gebärdenspiel betrachten,
dann werde ich sagen, ob Sie sich mehr zum Antiken oder zum
Romantischen, zum Heroischen, Großen, Erhabenen, zum Naiven, zum
Idyllischen, zum Spöttischen, zum Humoristischen hinneigen; dann werde
ich die Geister des Caracalla, des Titus, Karls des Großen, Heinrich des
Vierten, Gustav Adolfs oder Virgils, Tassos, Boccaccios, heraufbeschwören.
— Von ihnen beseelt zucken die Muskeln meiner Finger, und unter der
sonoren, zwitschernden Schere geht das Meisterstück hervor. Ich werde es
sein, mein Herr, der Ihre Charakteristik, wie sie sich aussprechen soll im
Leben, vollendet. Aber jetzt bitte ich die Stube einigemal auf und ab zu
schreiten, ich will beobachten, bemerken, anschauen, ich bitte!“
Dem wunderlichen Manne mußte ich mich wohl fügen, ich schritt daher
wie er gewollt, die Stube auf und ab, indem ich mir alle Mühe gab, den
gewissen mönchischen Anstand, den keiner ganz abzulegen vermag, ist er
auch noch so lange her, daß er das Kloster verlassen, zu verbergen. Der
Kleine betrachtete mich aufmerksam, dann aber fing er an, um mich her zu
trippeln, er seufzte und ächzte, er zog sein Schnupftuch hervor und wischte
sich die Schweißtropfen von der Stirne. Endlich stand er still und ich frug
ihn, ob er nun mit sich einig worden, wie er mein Haar behandeln müsse.
Da seufzte er und sprach: „Ach, mein Herr, was ist denn das? — Sie haben
sich nicht Ihrem natürlichen Wesen überlassen, es war ein Zwang in dieser
Bewegung, ein Kampf streitender Naturen. Noch ein paar Schritte, mein
Herr!“ — Ich schlug es ihm rund ab, mich noch einmal zur Schau zu
stellen, indem ich erklärte, daß wenn er nun sich nicht entschließen könne,
mein Haar zu verschneiden, ich darauf verzichten müsse seine Kunst in
Anspruch zu nehmen. „Begrabe dich, Pietro,“ rief der Kleine in vollem
Eifer, „denn du wirst verkannt in dieser Welt, wo keine Treue ist, keine
Aufrichtigkeit mehr zu finden. Aber Sie sollen doch meinen Blick, der in
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die Tiefe schaut, bewundern, ja den Genius in mir verehren, mein Herr!
Vergebens suchte ich lange all das Widersprechende, was in Ihrem ganzen
Wesen, in Ihren Bewegungen liegt, zusammenzufügen. Es liegt in Ihrem
Gange etwas, das auf einen Geistlichen hindeutet. Ex profundis clamavi ad
te Domine — Oremus — Et in omnia saecula saeculorum Amen!“ — Diese
Worte sang der Kleine mit heisrer, quäkender Stimme, indem er mit treuster
Wahrheit, Stellung und Gebärde der Mönche nachahmte. Er drehte sich wie
vor dem Altar, er kniete und stand wieder auf, aber nun nahm er einen
stolzen, trotzigen Anstand an, er runzelte die Stirn, er riß die Augen auf und
sprach: „Mein ist die Welt! — Ich bin reicher, klüger, verständiger als ihr
alle, ihr Maulwürfe; beugt euch vor mir! Sehen Sie, mein Herr, sagte der
Kleine, das sind die Hauptingredienzien Ihres äußern Anstandes, und wenn
Sie es wünschen, so will ich, Ihre Züge, Ihre Gestalt, Ihre Sinnesart
beachtend, etwas Caracalla, Abälard und Boccaz zusammengießen, und so
in der Glut, Form und Gestalt bindend, den wunderbaren antik-
romantischen Bau ätherischer Locken und Löckchen beginnen.“ — Es lag
so viel Wahres in der Bemerkung des Kleinen, daß ich es für geraten hielt,
ihm zu gestehen, wie ich in der Tat geistlich gewesen und schon die Tonsur
erhalten, die ich jetzt soviel möglich zu verstecken wünsche.
Unter seltsamen Sprüngen, Grimassen und wunderlichen Reden
bearbeitete der Kleine mein Haar. Bald sah er finster und mürrisch aus, bald
lächelte er, bald stand er in athletischer Stellung, bald erhob er sich auf den
Fußspitzen, kurz es war mir kaum möglich, nicht noch mehr zu lachen als
schon wider meinen Willen geschah. — Endlich war er fertig und ich bat
ihn, noch ehe er in Worte ausbrechen konnte, die ihm schon auf der Zunge
schwebten, mir jemanden heraufzuschicken, der sich, ebenso wie er des
Haupthaars, meines verwirrten Barts annehmen könnte. Da lächelte er ganz
seltsam, schlich auf den Zehen zur Stubentür und verschloß sie. Dann
trippelte er leise bis mitten ins Zimmer und sprach: „Goldne Zeit, als noch
Bart und Haupthaar in einer Lockenfülle sich zum Schmuck des Mannes
ergoß, und die süße Sorge e i n e s Künstlers war. — Aber du bist dahin! —
der Mann hat seine schönste Zierde verworfen und eine schändliche Klasse
hat sich hingegeben, den Bart mit entsetzlichen Instrumenten bis auf die
Haut zu vertilgen. — Es gibt Pietros, die euerm schmachvollen Treiben, die
Bärte auszurotten, noch das zu retten suchen, was sich über die Wellen der
Zeit erhebt. Ha, Pietro! zeige, welcher Geist dir einwohnt, ja, was du für die
Kunst zu unternehmen bereit bist, indem du herabsteigst zum unleidlichen
Vergebens suchte ich lange all das Widersprechende, was in Ihrem ganzen
Wesen, in Ihren Bewegungen liegt, zusammenzufügen. Es liegt in Ihrem
Gange etwas, das auf einen Geistlichen hindeutet. Ex profundis clamavi ad
te Domine — Oremus — Et in omnia saecula saeculorum Amen!“ — Diese
Worte sang der Kleine mit heisrer, quäkender Stimme, indem er mit treuster
Wahrheit, Stellung und Gebärde der Mönche nachahmte. Er drehte sich wie
vor dem Altar, er kniete und stand wieder auf, aber nun nahm er einen
stolzen, trotzigen Anstand an, er runzelte die Stirn, er riß die Augen auf und
sprach: „Mein ist die Welt! — Ich bin reicher, klüger, verständiger als ihr
alle, ihr Maulwürfe; beugt euch vor mir! Sehen Sie, mein Herr, sagte der
Kleine, das sind die Hauptingredienzien Ihres äußern Anstandes, und wenn
Sie es wünschen, so will ich, Ihre Züge, Ihre Gestalt, Ihre Sinnesart
beachtend, etwas Caracalla, Abälard und Boccaz zusammengießen, und so
in der Glut, Form und Gestalt bindend, den wunderbaren antik-
romantischen Bau ätherischer Locken und Löckchen beginnen.“ — Es lag
so viel Wahres in der Bemerkung des Kleinen, daß ich es für geraten hielt,
ihm zu gestehen, wie ich in der Tat geistlich gewesen und schon die Tonsur
erhalten, die ich jetzt soviel möglich zu verstecken wünsche.
Unter seltsamen Sprüngen, Grimassen und wunderlichen Reden
bearbeitete der Kleine mein Haar. Bald sah er finster und mürrisch aus, bald
lächelte er, bald stand er in athletischer Stellung, bald erhob er sich auf den
Fußspitzen, kurz es war mir kaum möglich, nicht noch mehr zu lachen als
schon wider meinen Willen geschah. — Endlich war er fertig und ich bat
ihn, noch ehe er in Worte ausbrechen konnte, die ihm schon auf der Zunge
schwebten, mir jemanden heraufzuschicken, der sich, ebenso wie er des
Haupthaars, meines verwirrten Barts annehmen könnte. Da lächelte er ganz
seltsam, schlich auf den Zehen zur Stubentür und verschloß sie. Dann
trippelte er leise bis mitten ins Zimmer und sprach: „Goldne Zeit, als noch
Bart und Haupthaar in einer Lockenfülle sich zum Schmuck des Mannes
ergoß, und die süße Sorge e i n e s Künstlers war. — Aber du bist dahin! —
der Mann hat seine schönste Zierde verworfen und eine schändliche Klasse
hat sich hingegeben, den Bart mit entsetzlichen Instrumenten bis auf die
Haut zu vertilgen. — Es gibt Pietros, die euerm schmachvollen Treiben, die
Bärte auszurotten, noch das zu retten suchen, was sich über die Wellen der
Zeit erhebt. Ha, Pietro! zeige, welcher Geist dir einwohnt, ja, was du für die
Kunst zu unternehmen bereit bist, indem du herabsteigst zum unleidlichen
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Geschäft der Bartkratzer.“ — Unter diesen Worten hatte der Kleine ein
vollständiges Barbierzeug hervorgehoben und fing an, mich mit leichter
geübter Hand von meinem Barte zu befreien. Wirklich ging ich aus seinen
Händen ganz anders gestaltet hervor, und es bedurfte nur noch anderer,
weniger ins Auge fallender Kleidungsstücke, um mich der Gefahr zu
entziehen, wenigstens durch mein Äußeres eine mir gefährliche
Aufmerksamkeit zu erregen. Der Kleine stand, in inniger Zufriedenheit
mich anlächelnd, da. Ich sagte ihm, daß ich ganz unbekannt in der Stadt
wäre, und daß es mir angenehm sein würde, mich bald nach der Sitte des
Orts kleiden zu können. Ich drückte ihm für seine Bemühung und um ihn
aufzumuntern, meinen Kommissionär zu machen, einen Dukaten in die
Hand. Er war wie verklärt, er beäugelte die Dukaten in der flachen Hand.
„Wertester Gönner und Mäzen,“ fing er an, „ich habe mich nicht in Ihnen
betrogen, der Geist leitete meine Hand, und im Adlerflug des Backenbarts
sind Ihre hohen Gesinnungen rein ausgesprochen. Ich habe einen Freund,
einen Damon, einen Orest, der das am Körper vollendet, was ich am Haupt
begonnen, mit demselben tiefen Sinn, mit demselben Genie. Sie merken,
mein Herr, daß es ein Kostümkünstler ist, denn so nenne ich ihn, statt des
gewöhnlichen trivialen Ausdrucks S c h n e i d e r . — Er hüpfte schnell von
dannen und erschien bald mit einem großen, starken, anständig gekleideten
Manne wieder, der gerade den Gegensatz des Kleinen machte, sowohl im
Äußern, als in seinem ganzen Wesen, und den er mir doch eben als seinen
Damon vorstellte. — Damon maß mich mit den Augen und suchte dann
selbst aus dem Paket, das ihm ein Bursch nachgetragen, Kleidungsstücke
heraus, die den Wünschen, welche ich ihm eröffnet, ganz entsprachen. Ja,
erst in der Folge habe ich den feinen Takt des Kostümkünstlers, wie ihn der
Kleine preziös nannte, eingesehen, der in dem Sinn durchaus nicht
aufzufallen, sondern unbemerkt und doch beim Bekanntwerden geachtet,
ohne Neugierde über Stand, Gewerbe usw. zu erregen, zu wandeln, so
richtig wählte. Es ist in der Tat schwer, sich so zu kleiden, daß der gewisse
allgemeinere Charakter des Anzuges irgend eine Vermutung, man treibe
dies oder jenes Gewerbe, nicht aufkommen läßt, ja daß niemand daran
denkt, darauf zu sinnen. Das Kostüm des Weltbürgers wird wohl nur durch
das Negative bedingt, und läuft ungefähr darauf hinaus, was man das
gebildete Benehmen heißt, das auch mehr im Unterlassen als im Tun liegt.
— Der Kleine ergoß sich noch in allerlei sonderbaren grotesken
Redensarten, ja, da ihm vielleicht wenige so williges Ohr verliehen als ich,
vollständiges Barbierzeug hervorgehoben und fing an, mich mit leichter
geübter Hand von meinem Barte zu befreien. Wirklich ging ich aus seinen
Händen ganz anders gestaltet hervor, und es bedurfte nur noch anderer,
weniger ins Auge fallender Kleidungsstücke, um mich der Gefahr zu
entziehen, wenigstens durch mein Äußeres eine mir gefährliche
Aufmerksamkeit zu erregen. Der Kleine stand, in inniger Zufriedenheit
mich anlächelnd, da. Ich sagte ihm, daß ich ganz unbekannt in der Stadt
wäre, und daß es mir angenehm sein würde, mich bald nach der Sitte des
Orts kleiden zu können. Ich drückte ihm für seine Bemühung und um ihn
aufzumuntern, meinen Kommissionär zu machen, einen Dukaten in die
Hand. Er war wie verklärt, er beäugelte die Dukaten in der flachen Hand.
„Wertester Gönner und Mäzen,“ fing er an, „ich habe mich nicht in Ihnen
betrogen, der Geist leitete meine Hand, und im Adlerflug des Backenbarts
sind Ihre hohen Gesinnungen rein ausgesprochen. Ich habe einen Freund,
einen Damon, einen Orest, der das am Körper vollendet, was ich am Haupt
begonnen, mit demselben tiefen Sinn, mit demselben Genie. Sie merken,
mein Herr, daß es ein Kostümkünstler ist, denn so nenne ich ihn, statt des
gewöhnlichen trivialen Ausdrucks S c h n e i d e r . — Er hüpfte schnell von
dannen und erschien bald mit einem großen, starken, anständig gekleideten
Manne wieder, der gerade den Gegensatz des Kleinen machte, sowohl im
Äußern, als in seinem ganzen Wesen, und den er mir doch eben als seinen
Damon vorstellte. — Damon maß mich mit den Augen und suchte dann
selbst aus dem Paket, das ihm ein Bursch nachgetragen, Kleidungsstücke
heraus, die den Wünschen, welche ich ihm eröffnet, ganz entsprachen. Ja,
erst in der Folge habe ich den feinen Takt des Kostümkünstlers, wie ihn der
Kleine preziös nannte, eingesehen, der in dem Sinn durchaus nicht
aufzufallen, sondern unbemerkt und doch beim Bekanntwerden geachtet,
ohne Neugierde über Stand, Gewerbe usw. zu erregen, zu wandeln, so
richtig wählte. Es ist in der Tat schwer, sich so zu kleiden, daß der gewisse
allgemeinere Charakter des Anzuges irgend eine Vermutung, man treibe
dies oder jenes Gewerbe, nicht aufkommen läßt, ja daß niemand daran
denkt, darauf zu sinnen. Das Kostüm des Weltbürgers wird wohl nur durch
das Negative bedingt, und läuft ungefähr darauf hinaus, was man das
gebildete Benehmen heißt, das auch mehr im Unterlassen als im Tun liegt.
— Der Kleine ergoß sich noch in allerlei sonderbaren grotesken
Redensarten, ja, da ihm vielleicht wenige so williges Ohr verliehen als ich,
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schien er überglücklich, sein Licht recht leuchten lassen zu können. —
Damon, ein ernster, und wie mir schien verständiger Mann, schnitt ihm aber
plötzlich die Rede ab, indem er ihn bei der Schulter faßte und sprach.
„Schönfeld! du bist heute wieder einmal recht im Zuge tolles Zeug zu
schwatzen; ich wette, daß dem Herrn schon die Ohren wehe tun, von all
dem Unsinn, den du vorbringst.“ — Belcampo ließ traurig sein Haupt
sinken, aber dann ergriff er schnell den bestaubten Hut und rief laut, indem
er zur Türe hinaussprang: „So werd ich prostituiert von meinen besten
Freunden.“ — Damon sagte, indem er sich mir empfahl: „Es ist ein
Hasenfuß ganz eigner Art, dieser Schönfeld! — Das viele Lesen hat ihn
halb verrückt gemacht, aber sonst ein gutmütiger Mensch und in seinem
Metier geschickt, weshalb ich ihn leiden mag, denn leistet man recht viel
wenigstens in e i n e r Sache, so kann man sonst wohl etwas weniges über die
Schnur hauen.“ — Als ich allein war, fing ich vor dem großen Spiegel, der
im Zimmer aufgehängt war, eine förmliche Übung im Gehen an. Der kleine
Friseur hatte mir einen richtigen Fingerzeig gegeben. Den Mönchen ist eine
gewisse schwerfällige, ungelenke Geschwindigkeit im Gehen eigen, die
durch die lange Kleidung, welche die Schritte hemmt und durch das
Streben, sich schnell zu bewegen, wie es der Kultus erfordert,
hervorgebracht wird. Ebenso liegt in dem zurückgebeugten Körper und in
dem Tragen der Arme, die niemals herunterhängen dürfen, da der Mönch
die Hände, wenn er sie nicht faltet, in die weiten Ärmel der Kutte steckt,
etwas so Charakteristisches, das dem Aufmerksamen nicht leicht entgeht.
Ich versuchte dies alles abzulegen, um jede Spur meines Standes zu
verwischen. Nur darin fand ich Trost für mein Gemüt, daß ich mein ganzes
Leben, als ausgelebt möcht ich sagen, als überstanden ansah, und nun in ein
neues Sein so eintrat, als belebe ein geistiges Prinzip die neue Gestalt, von
der überhaupt selbst die Erinnerung ehemaliger Existenz immer schwächer
und schwächer werdend, endlich ganz unterginge. Das Gewühl der
Menschen, der fortdauernde Lärm des Gewerbes, das sich auf den Straßen
rührte, alles war mir neu und ganz dazu geeignet, die heitre Stimmung zu
erhalten, in die mich der komische Kleine versetzt. In meiner neuen
anständigen Kleidung wagte ich mich hinab an die zahlreiche Wirtstafel
und jede Scheu verschwand, als ich wahrnahm, daß mich niemand
bemerkte, ja daß mein nächster Nachbar sich nicht einmal die Mühe gab
mich anzuschauen, als ich mich neben ihn setzte. In der Fremdenliste hatte
ich, meiner Befreiung durch den Prior gedenkend, mich Leonhard genannt
Damon, ein ernster, und wie mir schien verständiger Mann, schnitt ihm aber
plötzlich die Rede ab, indem er ihn bei der Schulter faßte und sprach.
„Schönfeld! du bist heute wieder einmal recht im Zuge tolles Zeug zu
schwatzen; ich wette, daß dem Herrn schon die Ohren wehe tun, von all
dem Unsinn, den du vorbringst.“ — Belcampo ließ traurig sein Haupt
sinken, aber dann ergriff er schnell den bestaubten Hut und rief laut, indem
er zur Türe hinaussprang: „So werd ich prostituiert von meinen besten
Freunden.“ — Damon sagte, indem er sich mir empfahl: „Es ist ein
Hasenfuß ganz eigner Art, dieser Schönfeld! — Das viele Lesen hat ihn
halb verrückt gemacht, aber sonst ein gutmütiger Mensch und in seinem
Metier geschickt, weshalb ich ihn leiden mag, denn leistet man recht viel
wenigstens in e i n e r Sache, so kann man sonst wohl etwas weniges über die
Schnur hauen.“ — Als ich allein war, fing ich vor dem großen Spiegel, der
im Zimmer aufgehängt war, eine förmliche Übung im Gehen an. Der kleine
Friseur hatte mir einen richtigen Fingerzeig gegeben. Den Mönchen ist eine
gewisse schwerfällige, ungelenke Geschwindigkeit im Gehen eigen, die
durch die lange Kleidung, welche die Schritte hemmt und durch das
Streben, sich schnell zu bewegen, wie es der Kultus erfordert,
hervorgebracht wird. Ebenso liegt in dem zurückgebeugten Körper und in
dem Tragen der Arme, die niemals herunterhängen dürfen, da der Mönch
die Hände, wenn er sie nicht faltet, in die weiten Ärmel der Kutte steckt,
etwas so Charakteristisches, das dem Aufmerksamen nicht leicht entgeht.
Ich versuchte dies alles abzulegen, um jede Spur meines Standes zu
verwischen. Nur darin fand ich Trost für mein Gemüt, daß ich mein ganzes
Leben, als ausgelebt möcht ich sagen, als überstanden ansah, und nun in ein
neues Sein so eintrat, als belebe ein geistiges Prinzip die neue Gestalt, von
der überhaupt selbst die Erinnerung ehemaliger Existenz immer schwächer
und schwächer werdend, endlich ganz unterginge. Das Gewühl der
Menschen, der fortdauernde Lärm des Gewerbes, das sich auf den Straßen
rührte, alles war mir neu und ganz dazu geeignet, die heitre Stimmung zu
erhalten, in die mich der komische Kleine versetzt. In meiner neuen
anständigen Kleidung wagte ich mich hinab an die zahlreiche Wirtstafel
und jede Scheu verschwand, als ich wahrnahm, daß mich niemand
bemerkte, ja daß mein nächster Nachbar sich nicht einmal die Mühe gab
mich anzuschauen, als ich mich neben ihn setzte. In der Fremdenliste hatte
ich, meiner Befreiung durch den Prior gedenkend, mich Leonhard genannt
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und für einen Privatmann ausgegeben, der zu seinem Vergnügen reise.
Dergleichen Reisende mochte es in der Stadt gar viele geben, und
umsoweniger veranlaßte ich weitere Nachfrage. — Es war mir ein eignes
Vergnügen, die Straßen zu durchstreifen und mich an dem Anblick der
reichen Kaufladen, der ausgehängten Bilder und Kupferstiche zu ergötzen.
Abends besuchte ich die öffentlichen Spaziergänge, wo mich oft meine
Abgeschiedenheit mitten im lebhaftesten Gewühl der Menschen mit bittern
Empfindungen erfüllte. — Von niemandem gekannt zu sein, in niemandes
Brust die leiseste Ahnung vermuten zu können, wer ich sei, welch ein
wunderbares, merkwürdiges Spiel des Zufalls mich hieher geworfen, ja was
ich alles in mir selbst verschließe, so wohltätig es mir in meinem Verhältnis
sein mußte, hatte doch für mich etwas wahrhaft Schauerliches, indem ich
mir selbst dann vorkam, wie ein abgeschiedener Geist, der noch auf Erden
wandle, da alles ihm sonst im Leben Befreundete längst gestorben. Dachte
ich daran, wie ehemals den berühmten Kanzelredner alles freundlich und
ehrfurchtsvoll grüßte, wie alles nach seiner Unterhaltung, ja nach ein paar
Worten von ihm geizte, so ergriff mich bittere Unmut. — Aber jener
Kanzelredner war der Mönch Medardus, der ist gestorben und begraben in
den Abgründen des Gebirges, ich bin es nicht, denn ich lebe, ja mir ist erst
jetzt das Leben neu aufgegangen, das mir seine Genüsse bietet. — So war
es mir, wenn Träume mir die Begebenheiten im Schlosse wiederholten, als
wären sie einem anderen, nicht mir, geschehen; dieser andere war doch
wieder der Kapuziner, aber nicht ich selbst. Nur der Gedanke an Aurelien
verknüpfte noch mein voriges Sein mit dem jetzigen, aber wie ein tiefer nie
zu verwindender Schmerz tötete er oft die Lust, die mir aufgegangen, und
ich wurde dann plötzlich herausgerissen aus den bunten Kreisen, womit
mich immer mehr das Leben umfing. — Ich unterließ nicht, die vielen
öffentlichen Häuser zu besuchen, in denen man trank, spielte usw. und
vorzüglich war mir in dieser Art ein Hotel in der Stadt lieb geworden, in
dem sich, des guten Weins wegen, jeden Abend eine zahlreiche Gesellschaft
versammelte. — An einem Tisch im Nebenzimmer sah ich immer dieselben
Personen, ihre Unterhaltung war lebhaft und geistreich. Es gelang mir den
Männern, die einen geschlossenen Zirkel gebildet hatten, näher zu treten,
indem ich erst in einer Ecke des Zimmers still und bescheiden meinen Wein
trank, endlich irgend eine interessante literarische Notiz, nach der sie
vergebens suchten, mitteilte, und so einen Platz am Tische erhielt, den sie
mir umso lieber einräumten, als ihnen mein Vortrag sowie meine
Dergleichen Reisende mochte es in der Stadt gar viele geben, und
umsoweniger veranlaßte ich weitere Nachfrage. — Es war mir ein eignes
Vergnügen, die Straßen zu durchstreifen und mich an dem Anblick der
reichen Kaufladen, der ausgehängten Bilder und Kupferstiche zu ergötzen.
Abends besuchte ich die öffentlichen Spaziergänge, wo mich oft meine
Abgeschiedenheit mitten im lebhaftesten Gewühl der Menschen mit bittern
Empfindungen erfüllte. — Von niemandem gekannt zu sein, in niemandes
Brust die leiseste Ahnung vermuten zu können, wer ich sei, welch ein
wunderbares, merkwürdiges Spiel des Zufalls mich hieher geworfen, ja was
ich alles in mir selbst verschließe, so wohltätig es mir in meinem Verhältnis
sein mußte, hatte doch für mich etwas wahrhaft Schauerliches, indem ich
mir selbst dann vorkam, wie ein abgeschiedener Geist, der noch auf Erden
wandle, da alles ihm sonst im Leben Befreundete längst gestorben. Dachte
ich daran, wie ehemals den berühmten Kanzelredner alles freundlich und
ehrfurchtsvoll grüßte, wie alles nach seiner Unterhaltung, ja nach ein paar
Worten von ihm geizte, so ergriff mich bittere Unmut. — Aber jener
Kanzelredner war der Mönch Medardus, der ist gestorben und begraben in
den Abgründen des Gebirges, ich bin es nicht, denn ich lebe, ja mir ist erst
jetzt das Leben neu aufgegangen, das mir seine Genüsse bietet. — So war
es mir, wenn Träume mir die Begebenheiten im Schlosse wiederholten, als
wären sie einem anderen, nicht mir, geschehen; dieser andere war doch
wieder der Kapuziner, aber nicht ich selbst. Nur der Gedanke an Aurelien
verknüpfte noch mein voriges Sein mit dem jetzigen, aber wie ein tiefer nie
zu verwindender Schmerz tötete er oft die Lust, die mir aufgegangen, und
ich wurde dann plötzlich herausgerissen aus den bunten Kreisen, womit
mich immer mehr das Leben umfing. — Ich unterließ nicht, die vielen
öffentlichen Häuser zu besuchen, in denen man trank, spielte usw. und
vorzüglich war mir in dieser Art ein Hotel in der Stadt lieb geworden, in
dem sich, des guten Weins wegen, jeden Abend eine zahlreiche Gesellschaft
versammelte. — An einem Tisch im Nebenzimmer sah ich immer dieselben
Personen, ihre Unterhaltung war lebhaft und geistreich. Es gelang mir den
Männern, die einen geschlossenen Zirkel gebildet hatten, näher zu treten,
indem ich erst in einer Ecke des Zimmers still und bescheiden meinen Wein
trank, endlich irgend eine interessante literarische Notiz, nach der sie
vergebens suchten, mitteilte, und so einen Platz am Tische erhielt, den sie
mir umso lieber einräumten, als ihnen mein Vortrag sowie meine
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mannigfachen Kenntnisse, die ich, täglich mehr eindringend in all die
Zweige der Wissenschaft, die mir bisher unbekannt bleiben mußten,
erweiterte, zusagten. So erwarb ich mir eine Bekanntschaft, die mir wohl
tat, und mich immer mehr und mehr an das Leben in der Welt gewöhnend,
wurde meine Stimmung täglich unbefangener und heitrer; ich schliff all die
rauhen Ecken ab, die mir von meiner vorigen Lebensweise übrig geblieben.
—
Seit mehreren Abenden sprach man in der Gesellschaft, die ich
besuchte, viel von einem fremden Maler, der angekommen und eine
Ausstellung seiner Gemälde veranstaltet habe: Alle außer mir hatten die
Gemälde schon gesehen und rühmten ihre Vortrefflichkeit so sehr, daß ich
mich entschloß auch hinzugehen. Der Maler war nicht zugegen als ich in
den Saal trat, doch machte ein alter Mann den Cicerone und nannte die
Meister der fremden Gemälde, die der Maler zugleich mit den seinigen
ausgestellt. — Es waren herrliche Stücke, mehrenteils Originale berühmter
Meister, deren Anblick mich entzückte. — Bei manchen Bildern, die der
Alte flüchtige, großen Freskogemälden entnommene Kopien nannte,
dämmerten in meiner Seele Erinnerungen aus meiner frühsten Jugend auf.
— Immer deutlicher und deutlicher, immer lebendiger erglühten sie in
regen Farben. Es waren offenbar Kopien aus der heiligen Linde. So
erkannte ich auch bei einer heiligen Familie in Josephs Zügen ganz das
Gesicht jenes fremden Pilgers, der mir den wunderbaren Knaben brachte.
Das Gefühl der tiefsten Wehmut durchdrang mich, aber eines lauten Ausrufs
konnte ich mich nicht erwehren, als mein Blick auf ein lebensgroßes Porträt
fiel, in dem ich die Fürstin, meine Pflegemutter, erkannte. Sie war herrlich
und mit jener im höchsten Sinn aufgefaßten Ähnlichkeit, wie Van Dyk seine
Porträts malte, in der Tracht, wie sie in der Prozession am Bernardustage
vor den Nonnen einherzuschreiten pflegte, gemalt. Der Maler hatte gerade
den Moment ergriffen, als sie nach vollendetem Gebet sich anschickt, aus
ihrem Zimmer zu treten, um die Prozession zu beginnen, auf welche das
versammelte Volk in der Kirche, die sich in der Perspektive des
Hintergrundes öffnet, erwartungsvoll harrt. In dem Blick der herrlichen
Frau lag ganz der Ausdruck des zum Himmlischen erhobenen Gemüts, ach
es war, als schien sie Vergebung für den frevelnden, frechen Sünder zu
erflehen, der sich gewaltsam von ihrem Mutterherzen losgerissen und dieser
Sünder war ja ich selbst! Gefühle, die mir längst fremd worden,
durchströmten meine Brust, eine unaussprechliche Sehnsucht riß mich fort,
Zweige der Wissenschaft, die mir bisher unbekannt bleiben mußten,
erweiterte, zusagten. So erwarb ich mir eine Bekanntschaft, die mir wohl
tat, und mich immer mehr und mehr an das Leben in der Welt gewöhnend,
wurde meine Stimmung täglich unbefangener und heitrer; ich schliff all die
rauhen Ecken ab, die mir von meiner vorigen Lebensweise übrig geblieben.
—
Seit mehreren Abenden sprach man in der Gesellschaft, die ich
besuchte, viel von einem fremden Maler, der angekommen und eine
Ausstellung seiner Gemälde veranstaltet habe: Alle außer mir hatten die
Gemälde schon gesehen und rühmten ihre Vortrefflichkeit so sehr, daß ich
mich entschloß auch hinzugehen. Der Maler war nicht zugegen als ich in
den Saal trat, doch machte ein alter Mann den Cicerone und nannte die
Meister der fremden Gemälde, die der Maler zugleich mit den seinigen
ausgestellt. — Es waren herrliche Stücke, mehrenteils Originale berühmter
Meister, deren Anblick mich entzückte. — Bei manchen Bildern, die der
Alte flüchtige, großen Freskogemälden entnommene Kopien nannte,
dämmerten in meiner Seele Erinnerungen aus meiner frühsten Jugend auf.
— Immer deutlicher und deutlicher, immer lebendiger erglühten sie in
regen Farben. Es waren offenbar Kopien aus der heiligen Linde. So
erkannte ich auch bei einer heiligen Familie in Josephs Zügen ganz das
Gesicht jenes fremden Pilgers, der mir den wunderbaren Knaben brachte.
Das Gefühl der tiefsten Wehmut durchdrang mich, aber eines lauten Ausrufs
konnte ich mich nicht erwehren, als mein Blick auf ein lebensgroßes Porträt
fiel, in dem ich die Fürstin, meine Pflegemutter, erkannte. Sie war herrlich
und mit jener im höchsten Sinn aufgefaßten Ähnlichkeit, wie Van Dyk seine
Porträts malte, in der Tracht, wie sie in der Prozession am Bernardustage
vor den Nonnen einherzuschreiten pflegte, gemalt. Der Maler hatte gerade
den Moment ergriffen, als sie nach vollendetem Gebet sich anschickt, aus
ihrem Zimmer zu treten, um die Prozession zu beginnen, auf welche das
versammelte Volk in der Kirche, die sich in der Perspektive des
Hintergrundes öffnet, erwartungsvoll harrt. In dem Blick der herrlichen
Frau lag ganz der Ausdruck des zum Himmlischen erhobenen Gemüts, ach
es war, als schien sie Vergebung für den frevelnden, frechen Sünder zu
erflehen, der sich gewaltsam von ihrem Mutterherzen losgerissen und dieser
Sünder war ja ich selbst! Gefühle, die mir längst fremd worden,
durchströmten meine Brust, eine unaussprechliche Sehnsucht riß mich fort,
Page 100
ich war wieder bei dem guten Pfarrer im Dorfe des Cisterzienserklosters,
ein muntrer, unbefangener, froher Knabe, vor Lust jauchzend, weil der
Bernardustag gekommen. Ich sah sie. — Bist du recht fromm und gut
gewesen, Franziskus? frug sie mit der Stimme, deren vollen Klang die
Liebe dämpfte, daß sie weich und lieblich zu mir herübertönte. — Bist du
recht fromm und gut gewesen? Ach, was konnte ich ihr antworten? —
Frevel auf Frevel habe ich gehäuft, dem Bruch des Gelübdes folgte der
Mord! — Von Gram und Reue zerfleischt sank ich halb ohnmächtig auf die
Knie, Tränen entstürzten meinen Augen. — Erschrocken sprang der Alte
auf mich zu und frug heftig: „Was ist Ihnen, was ist Ihnen, mein Herr?“ —
Das Bild der Äbtissin ist meiner eines grausamen Todes gestorbenen Mutter
so ähnlich, sagte ich dumpf in mich hinein und suchte, indem ich aufstand,
soviel Fassung als möglich zu gewinnen. „Kommen Sie, mein Herr!“ sagte
der Alte, „solche Erinnerungen sind zu schmerzhaft, man darf sie
vermeiden, es ist noch ein Porträt hier, welches mein Herr für sein bestes
hält. Das Bild ist nach dem Leben gemalt und unlängst vollendet, wir haben
es verhängt damit die Sonne nicht die noch nicht einmal ganz
eingetrockneten Farben verderbe.“ — Der Alte stellte mich sorglich in das
gehörige Licht und zog dann schnell den Vorhang weg. — Es war Aurelie!
— Mich ergriff ein Entsetzen, das ich kaum zu bekämpfen vermochte. —
Aber ich erkannte die Nähe des Feindes, der mich in die wogende Flut der
ich kaum entronnen, gewaltsam hineindrängen, mich vernichten wollte, und
mir kam der Mut wieder, mich aufzulehnen gegen das Ungetüm, das in
geheimnisvollem Dunkel auf mich einstürmte. —
Mit gierigen Blicken verschlang ich Aureliens Reize, die aus dem in
regem Leben glühenden Bilde hervorstrahlten. — Der kindliche milde
Blick des frommen Kindes schien den verruchten Mörder des Bruders
anzuklagen, aber jedes Gefühl der Reue erstarb in dem bittern, feindlichen
Hohn, der, in meinem Innern aufkeimend, mich wie mit giftigen Stacheln
hinaustrieb aus dem freundlichen Leben. — Nur d a s peinigte mich, daß in
jener verhängnisvollen Nacht auf dem Schlosse Aurelie nicht mein worden.
Hermogens Erscheinung vereitelte das Unternehmen, aber er büßte mit dem
Tode! — Aurelie lebt, und das ist genug, der Hoffnung Raum zu geben, sie
zu besitzen! — Ja, es ist gewiß, daß sie noch mein wird, denn das
Verhängnis waltet, dem sie nicht entgehen kann; und bin ich nicht selbst
dieses Verhängnis?
ein muntrer, unbefangener, froher Knabe, vor Lust jauchzend, weil der
Bernardustag gekommen. Ich sah sie. — Bist du recht fromm und gut
gewesen, Franziskus? frug sie mit der Stimme, deren vollen Klang die
Liebe dämpfte, daß sie weich und lieblich zu mir herübertönte. — Bist du
recht fromm und gut gewesen? Ach, was konnte ich ihr antworten? —
Frevel auf Frevel habe ich gehäuft, dem Bruch des Gelübdes folgte der
Mord! — Von Gram und Reue zerfleischt sank ich halb ohnmächtig auf die
Knie, Tränen entstürzten meinen Augen. — Erschrocken sprang der Alte
auf mich zu und frug heftig: „Was ist Ihnen, was ist Ihnen, mein Herr?“ —
Das Bild der Äbtissin ist meiner eines grausamen Todes gestorbenen Mutter
so ähnlich, sagte ich dumpf in mich hinein und suchte, indem ich aufstand,
soviel Fassung als möglich zu gewinnen. „Kommen Sie, mein Herr!“ sagte
der Alte, „solche Erinnerungen sind zu schmerzhaft, man darf sie
vermeiden, es ist noch ein Porträt hier, welches mein Herr für sein bestes
hält. Das Bild ist nach dem Leben gemalt und unlängst vollendet, wir haben
es verhängt damit die Sonne nicht die noch nicht einmal ganz
eingetrockneten Farben verderbe.“ — Der Alte stellte mich sorglich in das
gehörige Licht und zog dann schnell den Vorhang weg. — Es war Aurelie!
— Mich ergriff ein Entsetzen, das ich kaum zu bekämpfen vermochte. —
Aber ich erkannte die Nähe des Feindes, der mich in die wogende Flut der
ich kaum entronnen, gewaltsam hineindrängen, mich vernichten wollte, und
mir kam der Mut wieder, mich aufzulehnen gegen das Ungetüm, das in
geheimnisvollem Dunkel auf mich einstürmte. —
Mit gierigen Blicken verschlang ich Aureliens Reize, die aus dem in
regem Leben glühenden Bilde hervorstrahlten. — Der kindliche milde
Blick des frommen Kindes schien den verruchten Mörder des Bruders
anzuklagen, aber jedes Gefühl der Reue erstarb in dem bittern, feindlichen
Hohn, der, in meinem Innern aufkeimend, mich wie mit giftigen Stacheln
hinaustrieb aus dem freundlichen Leben. — Nur d a s peinigte mich, daß in
jener verhängnisvollen Nacht auf dem Schlosse Aurelie nicht mein worden.
Hermogens Erscheinung vereitelte das Unternehmen, aber er büßte mit dem
Tode! — Aurelie lebt, und das ist genug, der Hoffnung Raum zu geben, sie
zu besitzen! — Ja, es ist gewiß, daß sie noch mein wird, denn das
Verhängnis waltet, dem sie nicht entgehen kann; und bin ich nicht selbst
dieses Verhängnis?
Page 101
So ermutigte ich mich zum Frevel, indem ich das Bild anstarrte. Der
Alte schien über mich verwundert. Er kramte viel Worte aus über
Zeichnung, Ton, Kolorit, ich hörte ihn nicht. Der Gedanke an Aurelie, die
Hoffnung, die nur aufgeschobene böse Tat noch zu vollbringen, erfüllte
mich so ganz und gar, daß ich forteilte ohne nach dem fremden Maler zu
fragen, und so vielleicht näher zu erforschen, was für eine Bewandtnis es
mit den Gemälden habe könne, die wie in einem Zyklus Andeutungen über
mein ganzes Leben enthielten. — Um Aureliens Besitz war ich entschlossen
alles zu wagen, ja es war mir, als ob ich selbst über die Erscheinungen
meines Lebens gestellt und sie durchschauend, niemals zu befürchten, und
daher auch niemals zu wagen haben könne. Ich brütete über allerlei Pläne
und Entwürfe meinem Ziele näher zu kommen, vorzüglich glaubte ich nun,
von dem fremden Maler manches zu erfahren und manche mir fremde
Beziehung zu erforschen, die mir zu wissen, als Vorbereitung zu meinem
Zweck, nötig sein konnte. Ich hatte nämlich nichts Geringeres im Sinn, als
in meiner jetzigen neuen Gestalt auf das Schloß zurückzukehren, und das
schien mir nicht einmal ein sonderlich kühnes Wagstück zu sein. — Am
Abend ging ich in jene Gesellschaft; es war mir darum zu tun, der immer
steigenden Spannung meines Geistes, dem ungezähmten Arbeiten meiner
aufgeregten Fantasie Schranken zu setzen. —
Man sprach viel von den Gemälden des fremden Malers und vorzüglich
von dem seltnen Ausdruck, den er seinen Porträts zu geben wüßte; es war
mir möglich in dies Lob einzustimmen und mit einem besonderen Glanz
des Ausdrucks, der nur der Reflex der höhnenden Ironie war, die in meinem
Innern wie verzehrendes Feuer brannte, die unnennbaren Reize, die über
Aureliens frommes, engelschönes Gesicht verbreitet, zu schildern. Einer
sagte, daß er den Maler, den die Vollendung mehrerer Porträts, die er
angefangen, noch am Orte festhielte, und der ein interessanter, herrlicher
Künstler, wiewohl schon ziemlich bejahrt sei, morgen abend in die
Gesellschaft mitbringen wolle.
Von seltsamen Gefühlen, von unbekannten Ahnungen bestürmt, ging ich
den andern Abend, später als gewöhnlich, in die Gesellschaft; der Fremde
saß mit mir zugekehrtem Rücken am Tische. Als ich mich setzte, als ich ihn
erblickte, da starrten mir die Züge jenes fürchterlichen Unbekannten
entgegen, der am Antoniustage an den Eckpfeiler gelehnt stand, und mich
mit Angst und Entsetzen erfüllte. — Er sah mich lange an mit tiefem Ernst,
Alte schien über mich verwundert. Er kramte viel Worte aus über
Zeichnung, Ton, Kolorit, ich hörte ihn nicht. Der Gedanke an Aurelie, die
Hoffnung, die nur aufgeschobene böse Tat noch zu vollbringen, erfüllte
mich so ganz und gar, daß ich forteilte ohne nach dem fremden Maler zu
fragen, und so vielleicht näher zu erforschen, was für eine Bewandtnis es
mit den Gemälden habe könne, die wie in einem Zyklus Andeutungen über
mein ganzes Leben enthielten. — Um Aureliens Besitz war ich entschlossen
alles zu wagen, ja es war mir, als ob ich selbst über die Erscheinungen
meines Lebens gestellt und sie durchschauend, niemals zu befürchten, und
daher auch niemals zu wagen haben könne. Ich brütete über allerlei Pläne
und Entwürfe meinem Ziele näher zu kommen, vorzüglich glaubte ich nun,
von dem fremden Maler manches zu erfahren und manche mir fremde
Beziehung zu erforschen, die mir zu wissen, als Vorbereitung zu meinem
Zweck, nötig sein konnte. Ich hatte nämlich nichts Geringeres im Sinn, als
in meiner jetzigen neuen Gestalt auf das Schloß zurückzukehren, und das
schien mir nicht einmal ein sonderlich kühnes Wagstück zu sein. — Am
Abend ging ich in jene Gesellschaft; es war mir darum zu tun, der immer
steigenden Spannung meines Geistes, dem ungezähmten Arbeiten meiner
aufgeregten Fantasie Schranken zu setzen. —
Man sprach viel von den Gemälden des fremden Malers und vorzüglich
von dem seltnen Ausdruck, den er seinen Porträts zu geben wüßte; es war
mir möglich in dies Lob einzustimmen und mit einem besonderen Glanz
des Ausdrucks, der nur der Reflex der höhnenden Ironie war, die in meinem
Innern wie verzehrendes Feuer brannte, die unnennbaren Reize, die über
Aureliens frommes, engelschönes Gesicht verbreitet, zu schildern. Einer
sagte, daß er den Maler, den die Vollendung mehrerer Porträts, die er
angefangen, noch am Orte festhielte, und der ein interessanter, herrlicher
Künstler, wiewohl schon ziemlich bejahrt sei, morgen abend in die
Gesellschaft mitbringen wolle.
Von seltsamen Gefühlen, von unbekannten Ahnungen bestürmt, ging ich
den andern Abend, später als gewöhnlich, in die Gesellschaft; der Fremde
saß mit mir zugekehrtem Rücken am Tische. Als ich mich setzte, als ich ihn
erblickte, da starrten mir die Züge jenes fürchterlichen Unbekannten
entgegen, der am Antoniustage an den Eckpfeiler gelehnt stand, und mich
mit Angst und Entsetzen erfüllte. — Er sah mich lange an mit tiefem Ernst,
Page 102
aber die Stimmung, in der ich mich befand, seitdem ich Aureliens Bild
geschaut hatte, gab mir Mut und Kraft diesen Blick zu ertragen. Der Feind
war nun sichtlich ins Leben getreten, und es galt, den Kampf auf den Tod
mit ihm zu beginnen. Ich beschloß, den Angriff abzuwarten, aber dann ihn
mit den Waffen, auf deren Stärke ich bauen konnte, zurückzuschlagen. Der
Fremde schien mich nicht sonderlich zu beachten, sondern setzte, den Blick
wieder von mir abwendend, das Kunstgespräch fort, in dem er begriffen
gewesen, als ich eintrat. Man kam auf seine Gemälde und lobte vorzüglich
Aureliens Porträt. Jemand behauptete, daß das Bild, unerachtet es sich auf
den ersten Blick als Porträt ausspreche, doch als Studie dienen und zu
irgend einer Heiligen benutzt werden könne. — Man frug nach meinem
Urteil, da ich eben jenes Bild so herrlich mit allen seinen Vorzügen in
Worten dargestellt, und unwillkürlich fuhr es mir heraus, daß ich die heilige
Rosalia mir nicht wohl anders denken könne, als eben so wie das Porträt der
Unbekannten. Der Maler schien meine Worte kaum zu bemerken, indem er
sogleich einfiel: „In der Tat ist jenes Frauenzimmer, die das Porträt
getreulich darstellt, eine fromme Heilige, die im Kampfe sich zum
Himmlischen erhebt. Ich habe sie gemalt, als sie, von dem entsetzlichen
Jammer ergriffen, doch in der Religion Trost, und von dem ewigen
Verhängnis, das über den Wolken thront, Hilfe hoffte; und den Ausdruck
dieser Hoffnung, die nur in dem Gemüt wohnen kann, das sich über das
Irdische hoch erhebt, habe ich dem Bilde zu geben gesucht.“ — Man verlor
sich in andere Gespräche, der Wein, der heute, dem fremden Maler zu
Ehren, in bessrer Sorte und reichlicher getrunken wurde als sonst, erheiterte
die Gemüter. Jeder wußte irgend etwas Ergötzliches zu erzählen, und
wiewohl der Fremde nur im Innern zu lachen, und dies innere Lachen sich
nur im Auge abzuspiegeln schien, so wußte er doch, oft nur durch ein paar
hineingeworfene kräftige Worte, das Ganze in besonderem Schwunge zu
erhalten. — Konnte ich auch, so oft mich der Fremde ins Auge faßte, ein
unheimliches, grauenhaftes Gefühl nicht unterdrücken, so überwand ich
doch immer mehr und mehr die entsetzliche Stimmung, von der ich erst
ergriffen, als ich den Fremden erblickte. Ich erzählte von dem possierlichen
Belcampo, den alle kannten, und wußte zu ihrer Freude seine fantastische
Hasenfüßigkeit recht ins grelle Licht zu stellen, so daß ein recht
gemütlicher, dicker Kaufmann, der mir gegenüber zu sitzen pflegte, mit vor
Lachen tränenden Augen versicherte, das sei seit langer Zeit der
vergnügteste Abend, den er erlebe. Als das Lachen endlich zu verstummen
geschaut hatte, gab mir Mut und Kraft diesen Blick zu ertragen. Der Feind
war nun sichtlich ins Leben getreten, und es galt, den Kampf auf den Tod
mit ihm zu beginnen. Ich beschloß, den Angriff abzuwarten, aber dann ihn
mit den Waffen, auf deren Stärke ich bauen konnte, zurückzuschlagen. Der
Fremde schien mich nicht sonderlich zu beachten, sondern setzte, den Blick
wieder von mir abwendend, das Kunstgespräch fort, in dem er begriffen
gewesen, als ich eintrat. Man kam auf seine Gemälde und lobte vorzüglich
Aureliens Porträt. Jemand behauptete, daß das Bild, unerachtet es sich auf
den ersten Blick als Porträt ausspreche, doch als Studie dienen und zu
irgend einer Heiligen benutzt werden könne. — Man frug nach meinem
Urteil, da ich eben jenes Bild so herrlich mit allen seinen Vorzügen in
Worten dargestellt, und unwillkürlich fuhr es mir heraus, daß ich die heilige
Rosalia mir nicht wohl anders denken könne, als eben so wie das Porträt der
Unbekannten. Der Maler schien meine Worte kaum zu bemerken, indem er
sogleich einfiel: „In der Tat ist jenes Frauenzimmer, die das Porträt
getreulich darstellt, eine fromme Heilige, die im Kampfe sich zum
Himmlischen erhebt. Ich habe sie gemalt, als sie, von dem entsetzlichen
Jammer ergriffen, doch in der Religion Trost, und von dem ewigen
Verhängnis, das über den Wolken thront, Hilfe hoffte; und den Ausdruck
dieser Hoffnung, die nur in dem Gemüt wohnen kann, das sich über das
Irdische hoch erhebt, habe ich dem Bilde zu geben gesucht.“ — Man verlor
sich in andere Gespräche, der Wein, der heute, dem fremden Maler zu
Ehren, in bessrer Sorte und reichlicher getrunken wurde als sonst, erheiterte
die Gemüter. Jeder wußte irgend etwas Ergötzliches zu erzählen, und
wiewohl der Fremde nur im Innern zu lachen, und dies innere Lachen sich
nur im Auge abzuspiegeln schien, so wußte er doch, oft nur durch ein paar
hineingeworfene kräftige Worte, das Ganze in besonderem Schwunge zu
erhalten. — Konnte ich auch, so oft mich der Fremde ins Auge faßte, ein
unheimliches, grauenhaftes Gefühl nicht unterdrücken, so überwand ich
doch immer mehr und mehr die entsetzliche Stimmung, von der ich erst
ergriffen, als ich den Fremden erblickte. Ich erzählte von dem possierlichen
Belcampo, den alle kannten, und wußte zu ihrer Freude seine fantastische
Hasenfüßigkeit recht ins grelle Licht zu stellen, so daß ein recht
gemütlicher, dicker Kaufmann, der mir gegenüber zu sitzen pflegte, mit vor
Lachen tränenden Augen versicherte, das sei seit langer Zeit der
vergnügteste Abend, den er erlebe. Als das Lachen endlich zu verstummen
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anfing, frug der Fremde plötzlich. „Haben Sie schon den Teufel gesehen,
meine Herren? — Man hielt die Frage für die Einleitung zu irgend einem
Schwank und versicherte allgemein, daß man noch nicht die Ehre gehabt;
da fuhr der Fremde fort: „Nun, es hätte wenig gefehlt, so wäre ich zu der
Ehre gekommen, und zwar auf dem Schlosse des Barons F. im Gebirge.“ —
Ich erbebte, aber die andern riefen lachend, nur weiter, weiter! „Sie
kennen,“ nahm der Fremde wieder das Wort, „wohl alle wahrscheinlich,
wenn Sie die Reise durch das Gebirge machten, jene wilde, schauerliche
Gegend, in der, wenn der Wanderer aus dem dicken Tannenwalde auf die
hohen Felsenmassen tritt, sich ihm ein tiefer, schwarzer Abgrund öffnet. Es
ist der sogenannte Teufelsgrund, und oben ragt ein Felsenstück hervor,
welches den sogenannten Teufelssitz bildet. — Man spricht davon, daß der
Graf Viktorin, mit bösen Anschlägen im Kopfe, eben auf diesem Felsen saß,
als plötzlich der Teufel erschien, und, weil er beschlossen, Viktorins ihm
wohlgefällige Anschläge selbst auszuführen, den Grafen in den Abgrund
schleuderte. Der Teufel erschien sodann als Kapuziner auf dem Schlosse
des Barons, und nachdem er seine Lust mit der Baronesse gehabt, schickte
er sie zur Hölle, sowie er auch den wahnsinnigen Sohn des Barons, der
durchaus des Teufels Inkognito nicht dulden wollte, sondern laut
verkündete: es ist der Teufel, erwürgte, wodurch denn aber eine fromme
Seele aus dem Verderben errettet wurde, das der arglistige Teufel
beschlossen. Nachher verschwand der Kapuziner auf unbegreifliche Weise,
und man sagt, er sei feige geflohn vor Viktorin, der aus seinem Grabe blutig
emporgestiegen. — Dem sei nun allem, wie ihm wolle, so kann ich Sie
doch davon versichern, daß die Baronesse an Gift umkam, Hermogen
meuchlings ermordet wurde, der Baron kurz darauf vor Gram starb, und
Aurelie, eben die fromme Heilige, die ich in der Zeit, als das Entsetzliche
geschehen, auf dem Schlosse malte, als verlassene Waise in ein fernes
Land, und zwar in ein Cisterzienserkloster, flüchtete, dessen Äbtissin ihrem
Vater befreundet war. Sie haben das Bild dieser herrlichen Frau in meiner
Galerie gesehen. Doch das alles wird Ihnen dieser Herr (er wies nach mir)
viel umständlicher und besser erzählen können, da er während der ganzen
Begebenheit auf dem Schlosse zugegen war.“ — Alle Blicke waren voll
Erstaunen auf mich gerüstet, entrüstet sprang ich auf und rief mit heftiger
Stimme: „Ei, mein Herr, was habe ich mit Ihren albernen
Teufelsgeschichten, mit Ihren Morderzählungen zu schaffen, Sie verkennen
mich, Sie verkennen mich in der Tat, und ich bitte, mich ganz aus dem Spiel
meine Herren? — Man hielt die Frage für die Einleitung zu irgend einem
Schwank und versicherte allgemein, daß man noch nicht die Ehre gehabt;
da fuhr der Fremde fort: „Nun, es hätte wenig gefehlt, so wäre ich zu der
Ehre gekommen, und zwar auf dem Schlosse des Barons F. im Gebirge.“ —
Ich erbebte, aber die andern riefen lachend, nur weiter, weiter! „Sie
kennen,“ nahm der Fremde wieder das Wort, „wohl alle wahrscheinlich,
wenn Sie die Reise durch das Gebirge machten, jene wilde, schauerliche
Gegend, in der, wenn der Wanderer aus dem dicken Tannenwalde auf die
hohen Felsenmassen tritt, sich ihm ein tiefer, schwarzer Abgrund öffnet. Es
ist der sogenannte Teufelsgrund, und oben ragt ein Felsenstück hervor,
welches den sogenannten Teufelssitz bildet. — Man spricht davon, daß der
Graf Viktorin, mit bösen Anschlägen im Kopfe, eben auf diesem Felsen saß,
als plötzlich der Teufel erschien, und, weil er beschlossen, Viktorins ihm
wohlgefällige Anschläge selbst auszuführen, den Grafen in den Abgrund
schleuderte. Der Teufel erschien sodann als Kapuziner auf dem Schlosse
des Barons, und nachdem er seine Lust mit der Baronesse gehabt, schickte
er sie zur Hölle, sowie er auch den wahnsinnigen Sohn des Barons, der
durchaus des Teufels Inkognito nicht dulden wollte, sondern laut
verkündete: es ist der Teufel, erwürgte, wodurch denn aber eine fromme
Seele aus dem Verderben errettet wurde, das der arglistige Teufel
beschlossen. Nachher verschwand der Kapuziner auf unbegreifliche Weise,
und man sagt, er sei feige geflohn vor Viktorin, der aus seinem Grabe blutig
emporgestiegen. — Dem sei nun allem, wie ihm wolle, so kann ich Sie
doch davon versichern, daß die Baronesse an Gift umkam, Hermogen
meuchlings ermordet wurde, der Baron kurz darauf vor Gram starb, und
Aurelie, eben die fromme Heilige, die ich in der Zeit, als das Entsetzliche
geschehen, auf dem Schlosse malte, als verlassene Waise in ein fernes
Land, und zwar in ein Cisterzienserkloster, flüchtete, dessen Äbtissin ihrem
Vater befreundet war. Sie haben das Bild dieser herrlichen Frau in meiner
Galerie gesehen. Doch das alles wird Ihnen dieser Herr (er wies nach mir)
viel umständlicher und besser erzählen können, da er während der ganzen
Begebenheit auf dem Schlosse zugegen war.“ — Alle Blicke waren voll
Erstaunen auf mich gerüstet, entrüstet sprang ich auf und rief mit heftiger
Stimme: „Ei, mein Herr, was habe ich mit Ihren albernen
Teufelsgeschichten, mit Ihren Morderzählungen zu schaffen, Sie verkennen
mich, Sie verkennen mich in der Tat, und ich bitte, mich ganz aus dem Spiel
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zu lassen.“ Bei dem Aufruhr in meinem Innern wurde es mir schwer genug,
meinen Worten noch diesen Anstrich von Gleichgültigkeit zu geben; die
Wirkung der geheimnisvollen Reden des Malers, sowie meine
leidenschaftliche Unruhe, die ich zu verbergen mich vergebens bemühte,
war nur zu sichtlich. Die heitre Stimmung verschwand, und die Gäste, nun
sich erinnernd, wie ich, allen gänzlich fremd, mich so nach und nach dazu
gefunden, sahen mich mit mißtrauischen, argwöhnischen Blicken an.
Der fremde Maler war aufgestanden und durchbohrte mich mit den
stieren, lebendigtoten Augen, wie damals in der Kapuzinerkirche. — Er
sprach kein Wort, er schien starr und leblos, aber sein gespenstischer
Anblick sträubte mein Haar, kalte Tropfen standen auf der Stirn, und von
Entsetzen gewaltig erfaßt, erbebten alle Fibern. — „Hebe dich weg,“ schrie
ich außer mir, „du bist der Satan, du bist der frevelnde Mord, aber über
mich hast du keine Macht!“
Alles erhob sich von den Sitzen. „Was ist das, was ist das?“ rief es
durcheinander; aus dem Saal drängten sich, das Spiel verlassend, die
Menschen herein, von dem fürchterlichen Ton meiner Stimme erschreckt.
„Ein Betrunkener, ein Wahnsinniger, bringt ihn fort, bringt ihn fort,“ riefen
mehrere. Aber der fremde Maler stand unbeweglich mich anstarrend.
Unsinnig vor Wut und Verzweiflung riß ich das Messer, womit ich
Hermogen getötet, und das ich stets bei mir zu tragen pflegte, aus der
Seitentasche und stürzte mich auf den Maler, aber ein Schlag warf mich
nieder und der Maler lachte im fürchterlichen Hohn, daß es im Zimmer
wiederhallte. „Bruder Medardus, Bruder Medardus, falsch ist dein Spiel,
geh und verzweifle in Reue und Scham.“ — Ich fühlte mich von den Gästen
angepackt, da ermannte ich mich, und wie ein wütender Stier drängte und
stieß ich gegen die Menge, daß mehrere zur Erde stürzten und ich mir den
Weg zur Tür bahnte. — Rasch eilte ich durch den Korridor, da öffnete sich
eine kleine Seitentüre, ich wurde in ein finstres Zimmer hineingezogen, ich
widerstrebte nicht, weil die Menschen schon hinter mir herbrausten. Als der
Schwarm vorüber, führte man mich eine Seitentreppe hinab in den Hof, und
dann durch das Hintergebäude auf die Straße. Bei dem hellen Schein der
Laterne erkannte ich in meinem Retter den possierlichen Belcampo.
„Dieselben scheinen,“ fing er an, „einige Fatalität mit dem fremden Maler
zu haben, ich trank im Nebenzimmer ein Gläschen, als der Lärm anging
und beschloß, da mir die Gelegenheit des Hauses bekannt, Sie zu retten,
meinen Worten noch diesen Anstrich von Gleichgültigkeit zu geben; die
Wirkung der geheimnisvollen Reden des Malers, sowie meine
leidenschaftliche Unruhe, die ich zu verbergen mich vergebens bemühte,
war nur zu sichtlich. Die heitre Stimmung verschwand, und die Gäste, nun
sich erinnernd, wie ich, allen gänzlich fremd, mich so nach und nach dazu
gefunden, sahen mich mit mißtrauischen, argwöhnischen Blicken an.
Der fremde Maler war aufgestanden und durchbohrte mich mit den
stieren, lebendigtoten Augen, wie damals in der Kapuzinerkirche. — Er
sprach kein Wort, er schien starr und leblos, aber sein gespenstischer
Anblick sträubte mein Haar, kalte Tropfen standen auf der Stirn, und von
Entsetzen gewaltig erfaßt, erbebten alle Fibern. — „Hebe dich weg,“ schrie
ich außer mir, „du bist der Satan, du bist der frevelnde Mord, aber über
mich hast du keine Macht!“
Alles erhob sich von den Sitzen. „Was ist das, was ist das?“ rief es
durcheinander; aus dem Saal drängten sich, das Spiel verlassend, die
Menschen herein, von dem fürchterlichen Ton meiner Stimme erschreckt.
„Ein Betrunkener, ein Wahnsinniger, bringt ihn fort, bringt ihn fort,“ riefen
mehrere. Aber der fremde Maler stand unbeweglich mich anstarrend.
Unsinnig vor Wut und Verzweiflung riß ich das Messer, womit ich
Hermogen getötet, und das ich stets bei mir zu tragen pflegte, aus der
Seitentasche und stürzte mich auf den Maler, aber ein Schlag warf mich
nieder und der Maler lachte im fürchterlichen Hohn, daß es im Zimmer
wiederhallte. „Bruder Medardus, Bruder Medardus, falsch ist dein Spiel,
geh und verzweifle in Reue und Scham.“ — Ich fühlte mich von den Gästen
angepackt, da ermannte ich mich, und wie ein wütender Stier drängte und
stieß ich gegen die Menge, daß mehrere zur Erde stürzten und ich mir den
Weg zur Tür bahnte. — Rasch eilte ich durch den Korridor, da öffnete sich
eine kleine Seitentüre, ich wurde in ein finstres Zimmer hineingezogen, ich
widerstrebte nicht, weil die Menschen schon hinter mir herbrausten. Als der
Schwarm vorüber, führte man mich eine Seitentreppe hinab in den Hof, und
dann durch das Hintergebäude auf die Straße. Bei dem hellen Schein der
Laterne erkannte ich in meinem Retter den possierlichen Belcampo.
„Dieselben scheinen,“ fing er an, „einige Fatalität mit dem fremden Maler
zu haben, ich trank im Nebenzimmer ein Gläschen, als der Lärm anging
und beschloß, da mir die Gelegenheit des Hauses bekannt, Sie zu retten,
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denn nur ich allein bin an der ganzen Fatalität schuld.“ „Wie ist das
möglich?“ frug ich voll Erstaunen. — „Wer gebietet dem Moment, wer
widerstrebt den Eingebungen des höhern Geistes!“ fuhr der Kleine voll
Pathos fort. „Als ich Ihr Haupthaar arrangierte, Verehrter, entzündeten sich
in mir comme à l’ordinaire die sublimsten Ideen, ich überließ mich dem
Ausbruch ungeregelter Fantasie, und darüber vergaß ich nicht allein die
Locke des Zorns auf dem Hauptwirbel gehörig zur weichen Runde
abzuglätten, sondern ließ auch sogar siebenundzwanzig Haare der Angst
und des Entsetzens über der Stirne stehen, diese richteten sich auf bei den
starren Blicken des Malers, der eigentlich ein Revenant ist, und neigten sich
ächzend gegen die Locke des Zorns, die zischend und knisternd
auseinanderfuhr. Ich habe alles geschaut, da zogen Sie, von Wut entbrannt,
ein Messer, Verehrter, an dem schon diverse Blutstropfen hingen, aber es
war ein eitles Bemühen, dem Orkus d e n zuzusenden, der dem Orkus schon
gehörte, denn dieser Maler ist Ahasverus der ewige Jude, oder Bertram de
Bornis, oder Mephistopheles, oder Benvenuto Cellini, oder der heilige
Peter, kurz ein schnöder Revenant.“ Das tolle Geschwätz des Kleinen, der
unterdessen mit mir durch die Straßen rannte, hatte in dem Augenblick für
mich etwas Grauenhaftes, und wenn ich dann und wann seine skurrilen
Sprünge, sein komisches Gesicht bemerkte, mußte ich, wie im
konvulsivischen Krampf, laut auflachen. Endlich waren wir in meinem
Zimmer; Belcampo half mir packen, bald war alles zur Reise bereit, ich
drückte dem Kleinen mehrere Dukaten in die Hand, er sprang hoch auf vor
Freude und rief laut: „Heisa, nun habe ich ehrenwertes Geld, lauter
flimmerndes Gold mit Herzblut getränkt, gleißend und rote Strahlen
spielen. Das ist ein Einfall und noch dazu ein lustiger, mein Herr, weiter
nichts.“
Den Zusatz mochte ihm mein Befremden über seinen Ausruf entlocken;
er bat sich es aus, der Locke des Zorns noch die gehörige Runde geben, die
Haare des Entsetzens kürzer schneiden und ein Löckchen Liebe zum
Andenken mitnehmen zu dürfen. Ich ließ ihn gewähren und er vollbrachte
alles unter den possierlichsten Gebärden und Grimassen. — Zuletzt ergriff
er das Messer, welches ich beim Umkleiden auf den Tisch gelegt und stach
damit, indem er eine Fechterstellung annahm, in die Luft hinein. „Ich töte
Ihren Widersacher,“ rief er, „und da er eine bloße Idee ist, muß er getötet
werden können durch eine Idee, und erstirbt demnach an dieser, der
meinigen, die ich, um die Expression zu verstärken, mit schicklichen
möglich?“ frug ich voll Erstaunen. — „Wer gebietet dem Moment, wer
widerstrebt den Eingebungen des höhern Geistes!“ fuhr der Kleine voll
Pathos fort. „Als ich Ihr Haupthaar arrangierte, Verehrter, entzündeten sich
in mir comme à l’ordinaire die sublimsten Ideen, ich überließ mich dem
Ausbruch ungeregelter Fantasie, und darüber vergaß ich nicht allein die
Locke des Zorns auf dem Hauptwirbel gehörig zur weichen Runde
abzuglätten, sondern ließ auch sogar siebenundzwanzig Haare der Angst
und des Entsetzens über der Stirne stehen, diese richteten sich auf bei den
starren Blicken des Malers, der eigentlich ein Revenant ist, und neigten sich
ächzend gegen die Locke des Zorns, die zischend und knisternd
auseinanderfuhr. Ich habe alles geschaut, da zogen Sie, von Wut entbrannt,
ein Messer, Verehrter, an dem schon diverse Blutstropfen hingen, aber es
war ein eitles Bemühen, dem Orkus d e n zuzusenden, der dem Orkus schon
gehörte, denn dieser Maler ist Ahasverus der ewige Jude, oder Bertram de
Bornis, oder Mephistopheles, oder Benvenuto Cellini, oder der heilige
Peter, kurz ein schnöder Revenant.“ Das tolle Geschwätz des Kleinen, der
unterdessen mit mir durch die Straßen rannte, hatte in dem Augenblick für
mich etwas Grauenhaftes, und wenn ich dann und wann seine skurrilen
Sprünge, sein komisches Gesicht bemerkte, mußte ich, wie im
konvulsivischen Krampf, laut auflachen. Endlich waren wir in meinem
Zimmer; Belcampo half mir packen, bald war alles zur Reise bereit, ich
drückte dem Kleinen mehrere Dukaten in die Hand, er sprang hoch auf vor
Freude und rief laut: „Heisa, nun habe ich ehrenwertes Geld, lauter
flimmerndes Gold mit Herzblut getränkt, gleißend und rote Strahlen
spielen. Das ist ein Einfall und noch dazu ein lustiger, mein Herr, weiter
nichts.“
Den Zusatz mochte ihm mein Befremden über seinen Ausruf entlocken;
er bat sich es aus, der Locke des Zorns noch die gehörige Runde geben, die
Haare des Entsetzens kürzer schneiden und ein Löckchen Liebe zum
Andenken mitnehmen zu dürfen. Ich ließ ihn gewähren und er vollbrachte
alles unter den possierlichsten Gebärden und Grimassen. — Zuletzt ergriff
er das Messer, welches ich beim Umkleiden auf den Tisch gelegt und stach
damit, indem er eine Fechterstellung annahm, in die Luft hinein. „Ich töte
Ihren Widersacher,“ rief er, „und da er eine bloße Idee ist, muß er getötet
werden können durch eine Idee, und erstirbt demnach an dieser, der
meinigen, die ich, um die Expression zu verstärken, mit schicklichen
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Leibesbewegungen begleite. Apage Satanas, apage, apage, Ahasverus,
allez-vous-en!“ — Nun das wäre getan, sagte er, das Messer weglegend, tief
atmend und sich die Stirne trocknend, wie einer, der sich tüchtig
angegriffen, um eine schwere Arbeit zu vollbringen. Rasch wollte ich das
Messer verbergen, und fuhr damit in den Ärmel, als trüge ich noch die
Mönchskutte, welches der Kleine bemerkte und ganz schlau belächelte.
Indem blies der Postillon vor dem Hause, da veränderte Belcampo plötzlich
Ton und Stellung, er holte ein kleines Schnupftuch hervor, tat als wische er
sich die Tränen aus den Augen, bückte sich einmal über das andere ganz
ehrerbietig, küßte mir die Hand und den Rock und flehte. „Zwei Messen für
meine Großmutter, die an einer Indigestion, vier Messen für meinen Vater,
der an unwillkürlichen Fasten starb, ehrwürdiger Herr! Aber für mich jede
Woche eine, wenn ich gestorben. — Vorderhand Ablaß für meine vielen
Sünden. — Ach, ehrwürdiger Herr, es steckt ein infamer, sündlicher Kerl in
meinem Innern und spricht. „Peter Schönfeld, sei kein Affe, und glaube,
daß du bist, sondern ich bin eigentlich d u , heiße Belcampo und bin eine
geniale Idee, und wenn du das nicht glaubst, so stoße ich dich nieder mit
einem spitzigen, haarscharfen Gedanken.“ Dieser feindliche Mensch,
Belcampo genannt, Ehrwürdiger! begeht alle mögliche Laster; unter andern
zweifelt er oft an der Gegenwart, betrinkt sich sehr, schlägt um sich, und
treibt Unzucht mit schönen, jungfräulichen Gedanken; dieser Belcampo hat
mich, den Peter Schönfeld, ganz verwirrt und konfuse gemacht, daß ich oft
ungebürlich springe und die Farbe der Unschuld schände, indem ich
singend in dulci jubilo mit weißseidenen Strümpfen in den Dr— setze.
Vergebung für beide, Pietro Belcampo und Peter Schönfeld!“ — Er kniete
vor mir nieder und tat als schluchzte er heftig. Die Narrheit des Menschen
wurde mir lästig. — „Seien Sie doch vernünftig,“ rief ich ihm zu; der
Kellner trat herein um mein Gepäck zu holen. Belcampo sprang auf, und
wieder in seinen lustigen Humor zurückkommend, half er, indem er in
einemfort schwatzte, dem Kellner das herzubringen, was ich noch in der
Eile verlangte. „Der Kerl ist ein ausgemachter Hasenfuß, man darf sich mit
ihm nicht viel einlassen,“ rief der Kellner, indem er die Wagentüre
zuschlug. Belcampo schwenkte den Hut und rief: „Bis zum letzten Hauch
meines Lebens!“ als ich mit bedeutendem Blick den Finger auf den Mund
legte.
Als der Morgen zu dämmern anfing, lag die Stadt schon weit hinter mir,
und die Gestalt des furchtbaren, entsetzlichen Menschen, der wie ein
allez-vous-en!“ — Nun das wäre getan, sagte er, das Messer weglegend, tief
atmend und sich die Stirne trocknend, wie einer, der sich tüchtig
angegriffen, um eine schwere Arbeit zu vollbringen. Rasch wollte ich das
Messer verbergen, und fuhr damit in den Ärmel, als trüge ich noch die
Mönchskutte, welches der Kleine bemerkte und ganz schlau belächelte.
Indem blies der Postillon vor dem Hause, da veränderte Belcampo plötzlich
Ton und Stellung, er holte ein kleines Schnupftuch hervor, tat als wische er
sich die Tränen aus den Augen, bückte sich einmal über das andere ganz
ehrerbietig, küßte mir die Hand und den Rock und flehte. „Zwei Messen für
meine Großmutter, die an einer Indigestion, vier Messen für meinen Vater,
der an unwillkürlichen Fasten starb, ehrwürdiger Herr! Aber für mich jede
Woche eine, wenn ich gestorben. — Vorderhand Ablaß für meine vielen
Sünden. — Ach, ehrwürdiger Herr, es steckt ein infamer, sündlicher Kerl in
meinem Innern und spricht. „Peter Schönfeld, sei kein Affe, und glaube,
daß du bist, sondern ich bin eigentlich d u , heiße Belcampo und bin eine
geniale Idee, und wenn du das nicht glaubst, so stoße ich dich nieder mit
einem spitzigen, haarscharfen Gedanken.“ Dieser feindliche Mensch,
Belcampo genannt, Ehrwürdiger! begeht alle mögliche Laster; unter andern
zweifelt er oft an der Gegenwart, betrinkt sich sehr, schlägt um sich, und
treibt Unzucht mit schönen, jungfräulichen Gedanken; dieser Belcampo hat
mich, den Peter Schönfeld, ganz verwirrt und konfuse gemacht, daß ich oft
ungebürlich springe und die Farbe der Unschuld schände, indem ich
singend in dulci jubilo mit weißseidenen Strümpfen in den Dr— setze.
Vergebung für beide, Pietro Belcampo und Peter Schönfeld!“ — Er kniete
vor mir nieder und tat als schluchzte er heftig. Die Narrheit des Menschen
wurde mir lästig. — „Seien Sie doch vernünftig,“ rief ich ihm zu; der
Kellner trat herein um mein Gepäck zu holen. Belcampo sprang auf, und
wieder in seinen lustigen Humor zurückkommend, half er, indem er in
einemfort schwatzte, dem Kellner das herzubringen, was ich noch in der
Eile verlangte. „Der Kerl ist ein ausgemachter Hasenfuß, man darf sich mit
ihm nicht viel einlassen,“ rief der Kellner, indem er die Wagentüre
zuschlug. Belcampo schwenkte den Hut und rief: „Bis zum letzten Hauch
meines Lebens!“ als ich mit bedeutendem Blick den Finger auf den Mund
legte.
Als der Morgen zu dämmern anfing, lag die Stadt schon weit hinter mir,
und die Gestalt des furchtbaren, entsetzlichen Menschen, der wie ein
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unerforschtes Geheimnis mich grauenvoll umfing, war verschwunden. —
Die Frage der Postmeister: „Wohin?“ rückte es immer wieder aufs neue mir
vor, wie ich nun jeder Verbindung im Leben abtrünnig worden und den
wogenden Wellen des Zufalls preisgegeben, umherstreiche. Aber, hatte
nicht eine unwiderstehliche Macht mich gewaltsam herausgerissen aus
allem, was mir sonst befreundet, nur damit der mir inwohnende Geist in
ungehemmter Kraft seine Schwingen rüstig entfalte und rege? — Rastlos
durchstrich ich das herrliche Land, nirgends fand ich Ruhe, es trieb mich
unaufhaltsam fort, immer weiter hinab in den Süden, ich war, ohne daran zu
denken, bis jetzt kaum merklich von der Reiseroute abgewichen die mir
Leonardus bezeichnet, und so wirkte der Stoß, mit dem er mich in die Welt
getrieben, wie mit magischer Gewalt fort in gerader Richtung. —
In einer finstern Nacht fuhr ich durch einen dichten Wald, der sich bis
über die nächste Station ausdehnen sollte, wie mir der Postmeister gesagt,
und deshalb geraten hatte, bei ihm den Morgen abzuwarten, welches ich,
um nur so rasch als möglich ein Ziel zu erreichen, das mir selbst ein
Geheimnis war, ausschlug. Schon als ich abfuhr, leuchteten Blitze in der
Ferne, aber bald zogen schwärzer und schwärzer die Wolken herauf, die der
Sturm zusammengeballt hatte und brausend vor sich herjagte; der Donner
hallte furchtbar im tausendstimmigen Echo wieder, und rote Blitze
durchkreuzten den Horizont soweit das Auge reichte; die hohen Tannen
krachten, bis in die Wurzel erschüttert, der Regen goß in Strömen herab.
Jeden Augenblick liefen wir Gefahr von den Bäumen erschlagen zu werden,
die Pferde bäumten sich, scheu geworden durch das Leuchten der Blitze,
bald konnten wir kaum noch fort; endlich wurde der Wagen so hart
umgeschleudert, daß das Hinterrad zerbrach. So mußten wir nun auf der
Stelle bleiben und warten, bis das Gewitter nachließ und der Mond durch
die Wolken brach. Jetzt bemerkte der Postillon, daß er in der Finsternis ganz
von der Straße abgekommen und in einen Waldweg geraten sei; es war kein
anderes Mittel, als diesen Weg, so gut es gehen wollte, zu verfolgen, und so
vielleicht mit Tagesanbruch in ein Dorf zu kommen. Der Wagen wurde mit
einem Baumast gestützt, und so ging es Schritt vor Schritt fort. Bald
bemerkte ich, der ich voranging, in der Ferne den Schimmer eines Lichts,
und glaubte Hundegebell zu vernehmen; ich hatte mich nicht getäuscht,
denn kaum waren wir einige Minuten länger gegangen, als ich ganz
deutlich Hunde anschlagen hörte. Wir kamen an ein ansehnliches Haus, das
in einem großen, mit einer Mauer umschlossenen Hofe stand. Der Postillon
Die Frage der Postmeister: „Wohin?“ rückte es immer wieder aufs neue mir
vor, wie ich nun jeder Verbindung im Leben abtrünnig worden und den
wogenden Wellen des Zufalls preisgegeben, umherstreiche. Aber, hatte
nicht eine unwiderstehliche Macht mich gewaltsam herausgerissen aus
allem, was mir sonst befreundet, nur damit der mir inwohnende Geist in
ungehemmter Kraft seine Schwingen rüstig entfalte und rege? — Rastlos
durchstrich ich das herrliche Land, nirgends fand ich Ruhe, es trieb mich
unaufhaltsam fort, immer weiter hinab in den Süden, ich war, ohne daran zu
denken, bis jetzt kaum merklich von der Reiseroute abgewichen die mir
Leonardus bezeichnet, und so wirkte der Stoß, mit dem er mich in die Welt
getrieben, wie mit magischer Gewalt fort in gerader Richtung. —
In einer finstern Nacht fuhr ich durch einen dichten Wald, der sich bis
über die nächste Station ausdehnen sollte, wie mir der Postmeister gesagt,
und deshalb geraten hatte, bei ihm den Morgen abzuwarten, welches ich,
um nur so rasch als möglich ein Ziel zu erreichen, das mir selbst ein
Geheimnis war, ausschlug. Schon als ich abfuhr, leuchteten Blitze in der
Ferne, aber bald zogen schwärzer und schwärzer die Wolken herauf, die der
Sturm zusammengeballt hatte und brausend vor sich herjagte; der Donner
hallte furchtbar im tausendstimmigen Echo wieder, und rote Blitze
durchkreuzten den Horizont soweit das Auge reichte; die hohen Tannen
krachten, bis in die Wurzel erschüttert, der Regen goß in Strömen herab.
Jeden Augenblick liefen wir Gefahr von den Bäumen erschlagen zu werden,
die Pferde bäumten sich, scheu geworden durch das Leuchten der Blitze,
bald konnten wir kaum noch fort; endlich wurde der Wagen so hart
umgeschleudert, daß das Hinterrad zerbrach. So mußten wir nun auf der
Stelle bleiben und warten, bis das Gewitter nachließ und der Mond durch
die Wolken brach. Jetzt bemerkte der Postillon, daß er in der Finsternis ganz
von der Straße abgekommen und in einen Waldweg geraten sei; es war kein
anderes Mittel, als diesen Weg, so gut es gehen wollte, zu verfolgen, und so
vielleicht mit Tagesanbruch in ein Dorf zu kommen. Der Wagen wurde mit
einem Baumast gestützt, und so ging es Schritt vor Schritt fort. Bald
bemerkte ich, der ich voranging, in der Ferne den Schimmer eines Lichts,
und glaubte Hundegebell zu vernehmen; ich hatte mich nicht getäuscht,
denn kaum waren wir einige Minuten länger gegangen, als ich ganz
deutlich Hunde anschlagen hörte. Wir kamen an ein ansehnliches Haus, das
in einem großen, mit einer Mauer umschlossenen Hofe stand. Der Postillon
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klopfte an die Pforte, die Hunde sprangen tobend und bellend herbei, aber
im Hause selbst blieb alles stille und tot, bis der Postillon sein Horn
erschallen ließ; da wurde im obern Stock das Fenster, aus dem mir das Licht
entgegenschimmerte, geöffnet, und eine tiefe, rauhe Stimme rief herab.
„Christian, Christian!“ — „Ja, gestrenger Herr,“ antwortete es unten. „Da
klopft und bläst es,“ fuhr die Stimme von oben fort, „an unserm Tor und die
Hunde sind ganz des Teufels. Nehm er einmal die Laterne und die Büchse
No. 3 und sehe er zu, was es gibt.“ — Bald darauf hörten wir, wie Christian
die Hunde ablockte, und sahen ihn endlich mit der Laterne kommen. Der
Postillon meinte, es sei kein Zweifel, wie er gleich, als der Wald begonnen,
statt geradeaus zu fahren, seitwärts eingebogen sein müsse, da wir bei der
Försterwohnung wären, die von der letzten Station eine Stunde rechts
abliege. — Als wir dem Christian den Zufall, der uns betroffen, geklagt,
öffnete er sogleich beide Flügel des Tors und half den Wagen hinein. Die
beschwichtigten Hunde schwänzelten und schnüffelten um uns her, und der
Mann, der sich nicht vom Fenster entfernt, rief unaufhörlich herab. „Was
da, was da? was für eine Karawane?“ — ohne daß Christian oder einer von
uns Bescheid gegeben. Endlich trat ich, während Christian Pferde und
Wagen unterbrachte, ins Haus, das Christian geöffnet, und es kam mir ein
großer, starker Mann mit sonneverbranntem Gesicht, den großen Hut mit
grünem Federbusch auf dem Kopfe, übrigens im Hemde, nur die Pantoffeln
an die Füße gesteckt, mit dem bloßen Hirschfänger in der Hand, entgegen,
indem er mir barsch entgegenrief: „Woher des Landes? — was turbiert man
die Leute in der Nacht, das ist hier kein Wirtshaus, keine Poststation. —
Hier wohnt der Revierförster, und das bin ich! — Christian ist ein Esel, daß
er das Tor geöffnet.“ Ich erzählte ganz kleinmütig meinen Unfall, und daß
nur die Not uns hier hineingetrieben, da wurde der Mann geschmeidiger, er
sagte: „Nun freilich, das Unwetter war gar heftig, aber der Postillon ist doch
ein Schlingel, daß er falsch fuhr und den Wagen zerbrach. — Solch ein Kerl
muß mit verbundenen Augen im Walde fahren können, er muß darin zu
Hause sein, wie unsereins. — Er führte mich herauf, und indem er den
Hirschfänger aus der Hand legte, den Hut abnahm und den Rock überwarf,
bat er, seinen rauhen Empfang nicht übel zu deuten, da er hier in der
abgelegenen Wohnung umsomehr auf der Hut sein müsse, als wohl öfters
allerlei liederlich Gesindel den Wald durchstreife, und er vorzüglich mit den
sogenannten Freischützen, die ihm schon oft nach dem Leben getrachtet,
beinahe in offener Fehde liege. „Aber,“ fuhr er fort, „die Spitzbuben können
im Hause selbst blieb alles stille und tot, bis der Postillon sein Horn
erschallen ließ; da wurde im obern Stock das Fenster, aus dem mir das Licht
entgegenschimmerte, geöffnet, und eine tiefe, rauhe Stimme rief herab.
„Christian, Christian!“ — „Ja, gestrenger Herr,“ antwortete es unten. „Da
klopft und bläst es,“ fuhr die Stimme von oben fort, „an unserm Tor und die
Hunde sind ganz des Teufels. Nehm er einmal die Laterne und die Büchse
No. 3 und sehe er zu, was es gibt.“ — Bald darauf hörten wir, wie Christian
die Hunde ablockte, und sahen ihn endlich mit der Laterne kommen. Der
Postillon meinte, es sei kein Zweifel, wie er gleich, als der Wald begonnen,
statt geradeaus zu fahren, seitwärts eingebogen sein müsse, da wir bei der
Försterwohnung wären, die von der letzten Station eine Stunde rechts
abliege. — Als wir dem Christian den Zufall, der uns betroffen, geklagt,
öffnete er sogleich beide Flügel des Tors und half den Wagen hinein. Die
beschwichtigten Hunde schwänzelten und schnüffelten um uns her, und der
Mann, der sich nicht vom Fenster entfernt, rief unaufhörlich herab. „Was
da, was da? was für eine Karawane?“ — ohne daß Christian oder einer von
uns Bescheid gegeben. Endlich trat ich, während Christian Pferde und
Wagen unterbrachte, ins Haus, das Christian geöffnet, und es kam mir ein
großer, starker Mann mit sonneverbranntem Gesicht, den großen Hut mit
grünem Federbusch auf dem Kopfe, übrigens im Hemde, nur die Pantoffeln
an die Füße gesteckt, mit dem bloßen Hirschfänger in der Hand, entgegen,
indem er mir barsch entgegenrief: „Woher des Landes? — was turbiert man
die Leute in der Nacht, das ist hier kein Wirtshaus, keine Poststation. —
Hier wohnt der Revierförster, und das bin ich! — Christian ist ein Esel, daß
er das Tor geöffnet.“ Ich erzählte ganz kleinmütig meinen Unfall, und daß
nur die Not uns hier hineingetrieben, da wurde der Mann geschmeidiger, er
sagte: „Nun freilich, das Unwetter war gar heftig, aber der Postillon ist doch
ein Schlingel, daß er falsch fuhr und den Wagen zerbrach. — Solch ein Kerl
muß mit verbundenen Augen im Walde fahren können, er muß darin zu
Hause sein, wie unsereins. — Er führte mich herauf, und indem er den
Hirschfänger aus der Hand legte, den Hut abnahm und den Rock überwarf,
bat er, seinen rauhen Empfang nicht übel zu deuten, da er hier in der
abgelegenen Wohnung umsomehr auf der Hut sein müsse, als wohl öfters
allerlei liederlich Gesindel den Wald durchstreife, und er vorzüglich mit den
sogenannten Freischützen, die ihm schon oft nach dem Leben getrachtet,
beinahe in offener Fehde liege. „Aber,“ fuhr er fort, „die Spitzbuben können
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mir nichts anhaben, denn mit der Hilfe Gottes verwalte ich mein Amt treu
und redlich, und im Glauben und im Vertrauen auf ihn, auf mein gut
Gewehr, biete ich ihnen Trotz.“ — Unwillkürlich schob ich, wie ich es noch
oft aus alter Gewohnheit nicht lassen konnte, einige salbungsvolle Worte
über die Kraft des Vertrauens auf Gott ein, und der Förster erheiterte sich
immer mehr und mehr. Meinen Protestationen unerachtet weckte er seine
Frau, eine betagte, aber muntre, rührige Matrone, die, wiewohl aus dem
Schlafe gestört, doch freundlich den Gast bewillkommnete und auf des
Mannes Geheiß sogleich ein Abendessen zu bereiten anfing. Der Postillon
sollte, so hatte es ihm der Förster als Strafe aufgegeben, noch in derselben
Nacht mit dem zerbrochenen Wagen auf die Station zurück, von der er
gekommen, und ich von ihm, dem Förster, nach meinem Belieben auf die
nächste Station gebracht werden. Ich ließ mir das umsoeher gefallen, als
mir selbst wenigstens eine kurze Ruhe nötig schien. Ich äußerte deshalb
dem Förster, daß ich wohl bis zum Mittag des folgenden Tages dazubleiben
wünsche, um mich ganz von der Ermüdung zu erholen, die mir das
beständige, unaufhörliche Fahren mehrere Tage hindurch verursacht. „Wenn
ich Ihnen raten soll, mein Herr,“ erwiderte der Förster, „so bleiben Sie
morgen den ganzen Tag über hier, und warten Sie bis übermorgen, da bringt
Sie mein ältester Sohn, den ich in die fürstliche Residenz schicke, selbst bis
auf die nächste Station.“ Auch damit war ich zufrieden, indem ich die
Einsamkeit des Ortes rühmte, die mich wunderbar anziehe. „Nun, mein
Herr!“ sagte der Förster, „einsam ist es hier wohl gar nicht, Sie müßten
denn so nach den gewöhnlichen Begriffen der Städter jede Wohnung
einsam nennen, die im Walde liegt, unerachtet es denn doch sehr darauf
ankommt, wer sich darin aufhält. Ja, wenn hier in diesem alten Jagdschloß
noch so ein griesgrammiger alter Herr wohnte, wie ehemals, der sich in
seinen vier Mauern einschloß und keine Lust hatte an Wald und Jagd, da
möchte es wohl ein einsamer Aufenthalt sein, aber seitdem er tot ist, und
der gnädige Landesfürst das Gebäude zur Försterwohnung hat einrichten
lassen, da ist es hier recht lebendig worden. Sie sind doch wohl so ein
Städter, mein Herr; der nichts weiß von Wald und Jagdlust, da können Sie
sichs denn nicht denken, was wir Jägersleute für ein herrlich freudig Leben
führen. Ich mit meinen Jägerburschen mache nur eine Familie aus, ja, Sie
mögen das nun kurios finden oder nicht, ich rechne meine klugen,
anstelligen Hunde auch dazu; die verstehen mich und passen auf mein Wort,
auf meinen Wink und sind mir treu bis zum Tode. — Sehen Sie wohl, wie
und redlich, und im Glauben und im Vertrauen auf ihn, auf mein gut
Gewehr, biete ich ihnen Trotz.“ — Unwillkürlich schob ich, wie ich es noch
oft aus alter Gewohnheit nicht lassen konnte, einige salbungsvolle Worte
über die Kraft des Vertrauens auf Gott ein, und der Förster erheiterte sich
immer mehr und mehr. Meinen Protestationen unerachtet weckte er seine
Frau, eine betagte, aber muntre, rührige Matrone, die, wiewohl aus dem
Schlafe gestört, doch freundlich den Gast bewillkommnete und auf des
Mannes Geheiß sogleich ein Abendessen zu bereiten anfing. Der Postillon
sollte, so hatte es ihm der Förster als Strafe aufgegeben, noch in derselben
Nacht mit dem zerbrochenen Wagen auf die Station zurück, von der er
gekommen, und ich von ihm, dem Förster, nach meinem Belieben auf die
nächste Station gebracht werden. Ich ließ mir das umsoeher gefallen, als
mir selbst wenigstens eine kurze Ruhe nötig schien. Ich äußerte deshalb
dem Förster, daß ich wohl bis zum Mittag des folgenden Tages dazubleiben
wünsche, um mich ganz von der Ermüdung zu erholen, die mir das
beständige, unaufhörliche Fahren mehrere Tage hindurch verursacht. „Wenn
ich Ihnen raten soll, mein Herr,“ erwiderte der Förster, „so bleiben Sie
morgen den ganzen Tag über hier, und warten Sie bis übermorgen, da bringt
Sie mein ältester Sohn, den ich in die fürstliche Residenz schicke, selbst bis
auf die nächste Station.“ Auch damit war ich zufrieden, indem ich die
Einsamkeit des Ortes rühmte, die mich wunderbar anziehe. „Nun, mein
Herr!“ sagte der Förster, „einsam ist es hier wohl gar nicht, Sie müßten
denn so nach den gewöhnlichen Begriffen der Städter jede Wohnung
einsam nennen, die im Walde liegt, unerachtet es denn doch sehr darauf
ankommt, wer sich darin aufhält. Ja, wenn hier in diesem alten Jagdschloß
noch so ein griesgrammiger alter Herr wohnte, wie ehemals, der sich in
seinen vier Mauern einschloß und keine Lust hatte an Wald und Jagd, da
möchte es wohl ein einsamer Aufenthalt sein, aber seitdem er tot ist, und
der gnädige Landesfürst das Gebäude zur Försterwohnung hat einrichten
lassen, da ist es hier recht lebendig worden. Sie sind doch wohl so ein
Städter, mein Herr; der nichts weiß von Wald und Jagdlust, da können Sie
sichs denn nicht denken, was wir Jägersleute für ein herrlich freudig Leben
führen. Ich mit meinen Jägerburschen mache nur eine Familie aus, ja, Sie
mögen das nun kurios finden oder nicht, ich rechne meine klugen,
anstelligen Hunde auch dazu; die verstehen mich und passen auf mein Wort,
auf meinen Wink und sind mir treu bis zum Tode. — Sehen Sie wohl, wie
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mein Waldmann da mich so verständig anschaut, weil er weiß, daß ich von
ihm rede? — Nun, Herr, gibt es beinahe immer was im Walde zu tun, da ist
denn nun abends ein Vorbereiten und Wirtschaften, und sowie der Morgen
graut, bin ich aus den Federn, und trete heraus, ein lustig Jägerstückchen
auf meinem Horn blasend. Da rüttelt und rappelt sich alles aus dem Schlafe,
die Hunde schlagen an, sie jauchzen vor Mut und Jagdbegier. Die Bursche
werfen sich schnell in die Kleider, Jagdtasch’ umgeworfen, Gewehr über
die Schulter, treten sie hinein in die Stube, wo meine Alte das
Jägerfrühstück bereitet, und nun geht’s heraus in Jubel und Lust. Wir
kommen hin an die Stellen, wo das Wild verborgen, da nimmt jeder vom
andern entfernt einzeln seinen Platz, die Hunde schleichen, den Kopf
geduckt zur Erde und schnüffeln und spüren, und schauen den Jäger an, wie
mit klugen menschlichen Augen, und der Jäger steht, kaum atmend, mit
gespanntem Hahn regungslos, wie eingewurzelt auf der Stelle. — Und
wenn nun das Wild herausspringt aus dem Dickicht, und die Schüsse
knallen, und die Hunde stürzen hinterdrein, ei Herr, da klopft einem das
Herz und man ist ein ganz andrer Mensch. Und jedesmal ist solch ein
Ausziehen zur Jagd was Neues, denn immer kommt was ganz Besonderes
vor, was noch nicht dagewesen. Schon dadurch, daß das Wild sich in die
Zeiten teilt, so daß nun dies, dann jenes sich zeigt, wird das Ding so
herrlich, daß kein Mensch auf Erden es satt haben kann. Aber, Herr! auch
der Wald schon an und für sich selbst, der Wald ist ja so lustig und lebendig,
daß ich mich niemals einsam fühle. Da kenne ich jedes Plätzchen und jeden
Baum, und es ist mir wahrhaftig so, als wenn jeder Baum, der unter meinen
Augen aufgewachsen und nun seine blanken regen Wipfel in die Lüfte
streckt, mich auch kennen und liebhaben müßte, weil ich ihn gehegt und
gepflegt, ja ich glaube ordentlich, wenn es manchmal so wunderbar rauscht
und flüstert, als spräche es zu mir mit ganz eignen Stimmen, und das wäre
eigentlich das wahre Lobpreisen Gottes und seiner Allmacht, und ein Gebet,
wie man es gar nicht mit Worten auszusprechen vermag. — Kurz, ein
rechtschaffener, frommer Jägersmann führt ein gar lustig, herrlich Leben,
denn es ist ihm ja wohl noch etwas von der alten schönen Freiheit
geblieben, wie die Menschen so recht in der Natur lebten, und von all dem
Geschwänzel und Geziere nichts wußten, womit sie sich in ihren
gemauerten Kerkern quälen, so daß sie auch ganz entfremdet sind all den
herrlichen Dingen, die Gott um sie hergestellt hat, damit sie sich daran
erbauen und ergötzen sollen, wie es sonst die Freien taten, die mit der
ihm rede? — Nun, Herr, gibt es beinahe immer was im Walde zu tun, da ist
denn nun abends ein Vorbereiten und Wirtschaften, und sowie der Morgen
graut, bin ich aus den Federn, und trete heraus, ein lustig Jägerstückchen
auf meinem Horn blasend. Da rüttelt und rappelt sich alles aus dem Schlafe,
die Hunde schlagen an, sie jauchzen vor Mut und Jagdbegier. Die Bursche
werfen sich schnell in die Kleider, Jagdtasch’ umgeworfen, Gewehr über
die Schulter, treten sie hinein in die Stube, wo meine Alte das
Jägerfrühstück bereitet, und nun geht’s heraus in Jubel und Lust. Wir
kommen hin an die Stellen, wo das Wild verborgen, da nimmt jeder vom
andern entfernt einzeln seinen Platz, die Hunde schleichen, den Kopf
geduckt zur Erde und schnüffeln und spüren, und schauen den Jäger an, wie
mit klugen menschlichen Augen, und der Jäger steht, kaum atmend, mit
gespanntem Hahn regungslos, wie eingewurzelt auf der Stelle. — Und
wenn nun das Wild herausspringt aus dem Dickicht, und die Schüsse
knallen, und die Hunde stürzen hinterdrein, ei Herr, da klopft einem das
Herz und man ist ein ganz andrer Mensch. Und jedesmal ist solch ein
Ausziehen zur Jagd was Neues, denn immer kommt was ganz Besonderes
vor, was noch nicht dagewesen. Schon dadurch, daß das Wild sich in die
Zeiten teilt, so daß nun dies, dann jenes sich zeigt, wird das Ding so
herrlich, daß kein Mensch auf Erden es satt haben kann. Aber, Herr! auch
der Wald schon an und für sich selbst, der Wald ist ja so lustig und lebendig,
daß ich mich niemals einsam fühle. Da kenne ich jedes Plätzchen und jeden
Baum, und es ist mir wahrhaftig so, als wenn jeder Baum, der unter meinen
Augen aufgewachsen und nun seine blanken regen Wipfel in die Lüfte
streckt, mich auch kennen und liebhaben müßte, weil ich ihn gehegt und
gepflegt, ja ich glaube ordentlich, wenn es manchmal so wunderbar rauscht
und flüstert, als spräche es zu mir mit ganz eignen Stimmen, und das wäre
eigentlich das wahre Lobpreisen Gottes und seiner Allmacht, und ein Gebet,
wie man es gar nicht mit Worten auszusprechen vermag. — Kurz, ein
rechtschaffener, frommer Jägersmann führt ein gar lustig, herrlich Leben,
denn es ist ihm ja wohl noch etwas von der alten schönen Freiheit
geblieben, wie die Menschen so recht in der Natur lebten, und von all dem
Geschwänzel und Geziere nichts wußten, womit sie sich in ihren
gemauerten Kerkern quälen, so daß sie auch ganz entfremdet sind all den
herrlichen Dingen, die Gott um sie hergestellt hat, damit sie sich daran
erbauen und ergötzen sollen, wie es sonst die Freien taten, die mit der
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ganzen Natur in Liebe und Freundschaft lebten, wie man es in den alten
Geschichten lieset.“ —
Alles das sagte der alte Förster mit einem Ton und Ausdruck, daß man
wohl überzeugt sein mußte, wie er es tief in der Brust fühle, und ich
beneidete ihn in der Tat um sein glückliches Leben, um seine im Innersten
tiefbegründete ruhige Gemütsstimmung, die der meinigen so unähnlich war.
Im andern Teil des, wie ich jetzt wahrnahm, ziemlich weitläuftigen
Gebäudes wies mir der Alte ein kleines, nett aufgeputztes Gemach an, in
welchem ich meine Sachen bereits vorfand, und verließ mich, indem er
versicherte, daß mich der frühe Lärm im Hause nicht wecken würde, da ich
mich von der übrigen Hausgenossenschaft ganz abgesondert befinde, und
daher so lange ruhen könne, als ich wolle, nur erst, wenn ich hinabrufe,
würde man mir das Frühstück bringen, ich aber ihn, den Alten, erst beim
Mittagsessen wiedersehen, da er früh mit den Burschen in den Wald ziehe
und vor Mittag nicht heimkehre. Ich warf mich auf das Lager, und fiel,
ermüdet wie ich war, bald in tiefen Schlaf, aber es folterte mich ein
entsetzliches Traumbild. — Auf ganz wunderbare Weise fing der Traum mit
dem Bewußtsein des Schlafs an, ich sagte mir nämlich selbst: nun das ist
herrlich, daß ich gleich eingeschlafen bin und so fest und ruhig
schlummere, das wird mich von der Ermüdung ganz erlaben; nur muß ich ja
nicht die Augen öffnen. Aber demunerachtet war es mir, als könne ich das
nicht unterlassen, und doch wurde mein Schlaf dadurch nicht unterbrochen:
da ging die Türe auf und eine dunkle Gestalt trat herein, die ich zu meinem
Entsetzen, als mich selbst, im Kapuzinerhabit, mit Bart und Tonsur
erkannte. Die Gestalt kam näher und näher an mein Bett, ich war
regungslos, und jeder Laut, den ich herauszupressen suchte, erstickte in
dem Starrkrampf, der mich ergriffen. Jetzt setzte sich die Gestalt auf mein
Bett und grinste mich höhnisch an. „Du mußt jetzt mit mir kommen,“
sprach die Gestalt, „wir wollen auf das Dach steigen unter die Wetterfahne,
die ein lustig Brautlied spielt, weil der Uhu Hochzeit macht. Dort wollen
wir ringen miteinander, und wer den andern herabstößt, ist König und darf
Blut trinken.“ — Ich fühlte, wie die Gestalt mich packte und in die Höhe
zog, da gab mir die Verzweiflung meine Kraft wieder. „Du bist nicht ich, du
bist der Teufel,“ schrie ich auf, und griff wie mit Krallen dem bedrohlichen
Gespenst ins Gesicht, aber es war, als bohrten meine Finger sich in die
Augen wie in tiefe Höhlen, und die Gestalt lachte von neuem auf in
Geschichten lieset.“ —
Alles das sagte der alte Förster mit einem Ton und Ausdruck, daß man
wohl überzeugt sein mußte, wie er es tief in der Brust fühle, und ich
beneidete ihn in der Tat um sein glückliches Leben, um seine im Innersten
tiefbegründete ruhige Gemütsstimmung, die der meinigen so unähnlich war.
Im andern Teil des, wie ich jetzt wahrnahm, ziemlich weitläuftigen
Gebäudes wies mir der Alte ein kleines, nett aufgeputztes Gemach an, in
welchem ich meine Sachen bereits vorfand, und verließ mich, indem er
versicherte, daß mich der frühe Lärm im Hause nicht wecken würde, da ich
mich von der übrigen Hausgenossenschaft ganz abgesondert befinde, und
daher so lange ruhen könne, als ich wolle, nur erst, wenn ich hinabrufe,
würde man mir das Frühstück bringen, ich aber ihn, den Alten, erst beim
Mittagsessen wiedersehen, da er früh mit den Burschen in den Wald ziehe
und vor Mittag nicht heimkehre. Ich warf mich auf das Lager, und fiel,
ermüdet wie ich war, bald in tiefen Schlaf, aber es folterte mich ein
entsetzliches Traumbild. — Auf ganz wunderbare Weise fing der Traum mit
dem Bewußtsein des Schlafs an, ich sagte mir nämlich selbst: nun das ist
herrlich, daß ich gleich eingeschlafen bin und so fest und ruhig
schlummere, das wird mich von der Ermüdung ganz erlaben; nur muß ich ja
nicht die Augen öffnen. Aber demunerachtet war es mir, als könne ich das
nicht unterlassen, und doch wurde mein Schlaf dadurch nicht unterbrochen:
da ging die Türe auf und eine dunkle Gestalt trat herein, die ich zu meinem
Entsetzen, als mich selbst, im Kapuzinerhabit, mit Bart und Tonsur
erkannte. Die Gestalt kam näher und näher an mein Bett, ich war
regungslos, und jeder Laut, den ich herauszupressen suchte, erstickte in
dem Starrkrampf, der mich ergriffen. Jetzt setzte sich die Gestalt auf mein
Bett und grinste mich höhnisch an. „Du mußt jetzt mit mir kommen,“
sprach die Gestalt, „wir wollen auf das Dach steigen unter die Wetterfahne,
die ein lustig Brautlied spielt, weil der Uhu Hochzeit macht. Dort wollen
wir ringen miteinander, und wer den andern herabstößt, ist König und darf
Blut trinken.“ — Ich fühlte, wie die Gestalt mich packte und in die Höhe
zog, da gab mir die Verzweiflung meine Kraft wieder. „Du bist nicht ich, du
bist der Teufel,“ schrie ich auf, und griff wie mit Krallen dem bedrohlichen
Gespenst ins Gesicht, aber es war, als bohrten meine Finger sich in die
Augen wie in tiefe Höhlen, und die Gestalt lachte von neuem auf in
Page 112
schneidendem Ton. In dem Augenblick erwachte ich, wie von einem
plötzlichen Ruck emporgeschüttelt. Aber das Gelächter dauerte fort im
Zimmer. Ich fuhr in die Höhe, der Morgen brach in lichten Strahlen durch
das Fenster, und ich sah vor dem Tisch, den Rücken mir zugewendet, eine
Gestalt im Kapuzinerhabit stehen. — Ich erstarrte vor Schreck, der
grauenhafte Traum trat ins Leben. — Der Kapuziner stöberte unter den
Sachen, die auf dem Tische lagen. Jetzt wandte er sich, und mir kam aller
Mut wieder, als ich in ein fremdes Gesicht mit schwarzem, verwildertem
Barte blickte, aus dessen Augen der gedankenlose Wahnsinn lachte: gewisse
Züge erinnerten entfernt an Hermogen. — Ich beschloß abzuwarten, was
der Unbekannte beginnen werde, und nur irgendeiner schädlichen
Unternehmung Einhalt zu tun. Mein Stilett lag neben mir, ich war deshalb
und schon meiner körperlichen Leibeskräfte wegen, auf die ich bauen
konnte, auch ohne weitere Hilfe des Fremden mächtig. Er schien mit
meinen Sachen wie ein Kind zu spielen, vorzüglich hatte er Freude an dem
roten Portefeuille, das er hin und her gegen das Fenster wandte, und dabei
auf seltsame Weise in die Höhe sprang. Endlich fand er die Korbflasche mit
dem Rest des geheimnisvollen Weins; er öffnete sie und roch daran, da
bebte es ihm durch alle Glieder, er stieß einen Schrei aus, der dumpf und
grauenvoll im Zimmer wiederklang. Eine helle Glocke im Hause schlug
drei Uhr, da heulte er wie von entsetzlicher Qual ergriffen, aber dann brach
er wieder aus in das schneidende Gelächter, wie ich es im Traum gehört, er
schwenkte sich in wilden Sprüngen, er trank aus der Flasche und rannte
dann, sie von sich schleudernd, zur Türe hinaus. Ich stand schnell auf und
lief ihm nach, aber er war mir schon aus dem Gesichte, ich hörte ihn die
entfernte Treppe hinabpoltern und einen dumpfen Schlag wie von einer hart
zugeworfenen Türe. Ich verriegelte mein Zimmer, um eines zweiten
Besuchs überhoben zu sein, und warf mich aufs neue ins Bett. Zu erschöpft
war ich nun, um nicht bald wieder einzuschlafen; erquickt und gestärkt
erwachte ich, als schon die Sonne ins Gemach hineinfunkelte. — Der
Förster war, wie er es gesagt hatte, mit seinen Söhnen und den
Jägerburschen in den Wald gezogen; ein blühendes, freundliches Mädchen,
des Försters jüngere Tochter, brachte mir das Frühstück, während die ältere
mit der Mutter in der Küche beschäftigt war. Das Mädchen wußte gar
lieblich zu erzählen, wie sie hier alle Tage froh und friedlich zusammen
lebten und nur manchmal es Tumult von vielen Menschen gäbe, wenn der
Fürst im Revier jage und dann manchmal im Hause übernachte. So
plötzlichen Ruck emporgeschüttelt. Aber das Gelächter dauerte fort im
Zimmer. Ich fuhr in die Höhe, der Morgen brach in lichten Strahlen durch
das Fenster, und ich sah vor dem Tisch, den Rücken mir zugewendet, eine
Gestalt im Kapuzinerhabit stehen. — Ich erstarrte vor Schreck, der
grauenhafte Traum trat ins Leben. — Der Kapuziner stöberte unter den
Sachen, die auf dem Tische lagen. Jetzt wandte er sich, und mir kam aller
Mut wieder, als ich in ein fremdes Gesicht mit schwarzem, verwildertem
Barte blickte, aus dessen Augen der gedankenlose Wahnsinn lachte: gewisse
Züge erinnerten entfernt an Hermogen. — Ich beschloß abzuwarten, was
der Unbekannte beginnen werde, und nur irgendeiner schädlichen
Unternehmung Einhalt zu tun. Mein Stilett lag neben mir, ich war deshalb
und schon meiner körperlichen Leibeskräfte wegen, auf die ich bauen
konnte, auch ohne weitere Hilfe des Fremden mächtig. Er schien mit
meinen Sachen wie ein Kind zu spielen, vorzüglich hatte er Freude an dem
roten Portefeuille, das er hin und her gegen das Fenster wandte, und dabei
auf seltsame Weise in die Höhe sprang. Endlich fand er die Korbflasche mit
dem Rest des geheimnisvollen Weins; er öffnete sie und roch daran, da
bebte es ihm durch alle Glieder, er stieß einen Schrei aus, der dumpf und
grauenvoll im Zimmer wiederklang. Eine helle Glocke im Hause schlug
drei Uhr, da heulte er wie von entsetzlicher Qual ergriffen, aber dann brach
er wieder aus in das schneidende Gelächter, wie ich es im Traum gehört, er
schwenkte sich in wilden Sprüngen, er trank aus der Flasche und rannte
dann, sie von sich schleudernd, zur Türe hinaus. Ich stand schnell auf und
lief ihm nach, aber er war mir schon aus dem Gesichte, ich hörte ihn die
entfernte Treppe hinabpoltern und einen dumpfen Schlag wie von einer hart
zugeworfenen Türe. Ich verriegelte mein Zimmer, um eines zweiten
Besuchs überhoben zu sein, und warf mich aufs neue ins Bett. Zu erschöpft
war ich nun, um nicht bald wieder einzuschlafen; erquickt und gestärkt
erwachte ich, als schon die Sonne ins Gemach hineinfunkelte. — Der
Förster war, wie er es gesagt hatte, mit seinen Söhnen und den
Jägerburschen in den Wald gezogen; ein blühendes, freundliches Mädchen,
des Försters jüngere Tochter, brachte mir das Frühstück, während die ältere
mit der Mutter in der Küche beschäftigt war. Das Mädchen wußte gar
lieblich zu erzählen, wie sie hier alle Tage froh und friedlich zusammen
lebten und nur manchmal es Tumult von vielen Menschen gäbe, wenn der
Fürst im Revier jage und dann manchmal im Hause übernachte. So
Page 113
schlichen ein paar Stunden hin, da war es Mittag und lustiger Jubel und
Hörnerklang verkündeten den Förster, der mit seinen vier Söhnen,
herrlichen blühenden Jünglingen, von denen der jüngste kaum fünfzehn
Jahre alt sein mochte, und drei Jägerburschen, heimkehrte. — Er frug, wie
ich denn geschlafen, und ob mich nicht der frühe Lärm vor der Zeit
geweckt habe; ich mochte ihm das überstandene Abenteuer nicht erzählen,
denn die lebendige Erscheinung des grauenhaften Mönchs hatte sich so fest
an das Traumbild gereiht, daß ich kaum zu unterscheiden vermochte, wo
der Traum übergegangen sei ins wirkliche Leben. — Der Tisch war
gedeckt, die Suppe dampfte, der Alte zog sein Käppchen ab um das Gebet
zu halten, da ging die Türe auf und der Kapuziner, den ich in der Nacht
gesehen, trat hinein. Der Wahnsinn war aus seinem Gesichte verschwunden,
aber er hatte ein düstres, störrisches Ansehen. „Seien Sie willkommen,
ehrwürdiger Herr!“ rief ihm der Alte entgegen. — „sprechen Sie das Gratias
und speisen Sie dann mit uns.“ — Da blickte er um sich mit zornfunkelnden
Augen und schrie mit fürchterlicher Stimme: „Der Satan soll dich zerreißen
mit deinem ehrwürdigen Herrn und deinem verfluchten Beten; hast du mich
nicht hergelockt, damit ich der dreizehnte sein soll, und du mich umbringen
lassen kannst von dem fremden Mörder? — Hast du mich nicht in diese
Kutte gesteckt, damit niemand den Grafen, deinen Herrn und Gebieter
erkennen soll? — Aber hüte dich, Verfluchter, vor meinem Zorn!“ — Damit
ergriff der Mönch einen schweren Krug, der auf dem Tische stand und
schleuderte ihn nach dem Alten, der nur durch eine geschickte Wendung
dem Wurf auswich, der ihm den Kopf zerschmettert hätte. Der Krug flog
gegen die Wand und zerbrach in tausend Scherben. Aber in dem Augenblick
packten die Jägerburschen den Rasenden und hielten ihn fest. „Was!“ rief
der Förster, „du verruchter, gotteslästerlicher Mensch, du wagst es, hier
wieder mit deinem rasenden Beginnen unter fromme Leute zu treten, du
wagst es, mir, der ich dich aus viehischem Zustande, aus der ewigen
Verderbnis errettet, aufs neue nach dem Leben zu trachten? — Fort mit dir
in den Turm!“ — Der Mönch fiel auf die Knie, er flehte heulend um
Erbarmen, aber der Alte sagte: „Du mußt in den Turm und darfst nicht eher
wieder hierher kommen, bis ich weiß, daß du dem Satan entsagt hast, der
dich verblendet, sonst mußt du sterben.“ Da schrie der Mönch auf, wie im
trostlosen Jammer der Todesnot, aber die Jägerburschen brachten ihn fort
und berichteten, wiederkehrend, daß der Mönch ruhiger geworden, sobald
er in das Turmgemach getreten. Christian, der ihn bewache, habe übrigens
Hörnerklang verkündeten den Förster, der mit seinen vier Söhnen,
herrlichen blühenden Jünglingen, von denen der jüngste kaum fünfzehn
Jahre alt sein mochte, und drei Jägerburschen, heimkehrte. — Er frug, wie
ich denn geschlafen, und ob mich nicht der frühe Lärm vor der Zeit
geweckt habe; ich mochte ihm das überstandene Abenteuer nicht erzählen,
denn die lebendige Erscheinung des grauenhaften Mönchs hatte sich so fest
an das Traumbild gereiht, daß ich kaum zu unterscheiden vermochte, wo
der Traum übergegangen sei ins wirkliche Leben. — Der Tisch war
gedeckt, die Suppe dampfte, der Alte zog sein Käppchen ab um das Gebet
zu halten, da ging die Türe auf und der Kapuziner, den ich in der Nacht
gesehen, trat hinein. Der Wahnsinn war aus seinem Gesichte verschwunden,
aber er hatte ein düstres, störrisches Ansehen. „Seien Sie willkommen,
ehrwürdiger Herr!“ rief ihm der Alte entgegen. — „sprechen Sie das Gratias
und speisen Sie dann mit uns.“ — Da blickte er um sich mit zornfunkelnden
Augen und schrie mit fürchterlicher Stimme: „Der Satan soll dich zerreißen
mit deinem ehrwürdigen Herrn und deinem verfluchten Beten; hast du mich
nicht hergelockt, damit ich der dreizehnte sein soll, und du mich umbringen
lassen kannst von dem fremden Mörder? — Hast du mich nicht in diese
Kutte gesteckt, damit niemand den Grafen, deinen Herrn und Gebieter
erkennen soll? — Aber hüte dich, Verfluchter, vor meinem Zorn!“ — Damit
ergriff der Mönch einen schweren Krug, der auf dem Tische stand und
schleuderte ihn nach dem Alten, der nur durch eine geschickte Wendung
dem Wurf auswich, der ihm den Kopf zerschmettert hätte. Der Krug flog
gegen die Wand und zerbrach in tausend Scherben. Aber in dem Augenblick
packten die Jägerburschen den Rasenden und hielten ihn fest. „Was!“ rief
der Förster, „du verruchter, gotteslästerlicher Mensch, du wagst es, hier
wieder mit deinem rasenden Beginnen unter fromme Leute zu treten, du
wagst es, mir, der ich dich aus viehischem Zustande, aus der ewigen
Verderbnis errettet, aufs neue nach dem Leben zu trachten? — Fort mit dir
in den Turm!“ — Der Mönch fiel auf die Knie, er flehte heulend um
Erbarmen, aber der Alte sagte: „Du mußt in den Turm und darfst nicht eher
wieder hierher kommen, bis ich weiß, daß du dem Satan entsagt hast, der
dich verblendet, sonst mußt du sterben.“ Da schrie der Mönch auf, wie im
trostlosen Jammer der Todesnot, aber die Jägerburschen brachten ihn fort
und berichteten, wiederkehrend, daß der Mönch ruhiger geworden, sobald
er in das Turmgemach getreten. Christian, der ihn bewache, habe übrigens
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erzählt, daß der Mönch die ganze Nacht über in den Gängen des Hauses
herumgepoltert und vorzüglich nach Tagesanbruch geschrien habe: „Gib
mir noch mehr von deinem Wein und ich will mich dir ganz ergeben; mehr
Wein, mehr Wein!“ Es habe dem Christian übrigens wirklich geschienen,
als taumle der Mönch wie betrunken, unerachtet er nicht begriffen, wie der
Mönch an irgend ein starkes, berauschendes Getränk gekommen sein
könne. — Nun nahm ich nicht länger Anstand, das überstandene Abenteuer
zu erzählen, wobei ich nicht vergaß der ausgeleerten Korbflasche zu
gedenken. „Ei, das ist schlimm,“ sagte der Förster, „doch Sie scheinen mir
ein mutiger, frommer Mann, ein anderer hätte des Todes sein können vor
Schreck.“ Ich bat ihn, mir näher zu sagen, was es mit dem wahnsinnigen
Mönch für eine Bewandtnis habe. „Ach,“ erwiderte der Alte, „das ist eine
lange, abenteuerliche Geschichte, so was taugt nicht beim Essen. Schlimm
genug schon, daß uns der garstige Mensch, eben als wir, was uns Gott
beschert, froh und freudig genießen wollten, mit seinem freveligen
Beginnen so gestört hat; aber nun wollen wir auch gleich an den Tisch.“
Damit zog er sein Mützchen ab, sprach andächtig und fromm das Gratias,
und unter lustigen, frohen Gesprächen verzehrten wir das ländliche, kräftig
und schmackhaft zubereitete Mahl. Dem Gast zu Ehren ließ der Alte guten
Wein heraufbringen, den er mir nach patriarchalischer Sitte aus einem
schönen Pokal zutrank. Der Tisch war indessen abgeräumt, die
Jägerburschen nahmen ein paar Hörner von der Wand und bliesen ein
Jägerlied. — Bei der zweiten Wiederholung fielen die Mädchen singend
ein, und mit ihnen wiederholten die Försterssöhne im Chor die
Schlußstrophe. — Meine Brust erweiterte sich auf wunderbare Weise: seit
langer Zeit war mir nicht im Innersten so wohl gewesen, als unter diesen
einfachen, frommen Menschen. Es wurden mehrere gemütliche,
wohltönende Lieder gesungen, bis der Alte aufstand und mit dem Ausruf:
„Es leben alle braven Männer, die das edle Weidwerk ehren,“ sein Glas
leerte; wir stimmten alle ein, und so war das frohe Mahl, das mir zu Ehren
durch Wein und Gesang verherrlicht wurde, beschlossen.
Der Alte sprach zu mir: „Nun, mein Herr! schlafe ich ein halbes
Stündchen, aber dann gehen wir in den Wald, und ich erzähle es Ihnen, wie
der Mönch in mein Haus gekommen, und was ich sonst von ihm weiß. Bis
dahin tritt die Dämmerung ein, dann gehen wir auf den Anstand, da es, wie
mir Franz sagt, Hühner gibt. Auch Sie sollen ein gutes Gewehr erhalten und
Ihr Glück versuchen.“ Die Sache war mir neu, da ich als Seminarist zwar
herumgepoltert und vorzüglich nach Tagesanbruch geschrien habe: „Gib
mir noch mehr von deinem Wein und ich will mich dir ganz ergeben; mehr
Wein, mehr Wein!“ Es habe dem Christian übrigens wirklich geschienen,
als taumle der Mönch wie betrunken, unerachtet er nicht begriffen, wie der
Mönch an irgend ein starkes, berauschendes Getränk gekommen sein
könne. — Nun nahm ich nicht länger Anstand, das überstandene Abenteuer
zu erzählen, wobei ich nicht vergaß der ausgeleerten Korbflasche zu
gedenken. „Ei, das ist schlimm,“ sagte der Förster, „doch Sie scheinen mir
ein mutiger, frommer Mann, ein anderer hätte des Todes sein können vor
Schreck.“ Ich bat ihn, mir näher zu sagen, was es mit dem wahnsinnigen
Mönch für eine Bewandtnis habe. „Ach,“ erwiderte der Alte, „das ist eine
lange, abenteuerliche Geschichte, so was taugt nicht beim Essen. Schlimm
genug schon, daß uns der garstige Mensch, eben als wir, was uns Gott
beschert, froh und freudig genießen wollten, mit seinem freveligen
Beginnen so gestört hat; aber nun wollen wir auch gleich an den Tisch.“
Damit zog er sein Mützchen ab, sprach andächtig und fromm das Gratias,
und unter lustigen, frohen Gesprächen verzehrten wir das ländliche, kräftig
und schmackhaft zubereitete Mahl. Dem Gast zu Ehren ließ der Alte guten
Wein heraufbringen, den er mir nach patriarchalischer Sitte aus einem
schönen Pokal zutrank. Der Tisch war indessen abgeräumt, die
Jägerburschen nahmen ein paar Hörner von der Wand und bliesen ein
Jägerlied. — Bei der zweiten Wiederholung fielen die Mädchen singend
ein, und mit ihnen wiederholten die Försterssöhne im Chor die
Schlußstrophe. — Meine Brust erweiterte sich auf wunderbare Weise: seit
langer Zeit war mir nicht im Innersten so wohl gewesen, als unter diesen
einfachen, frommen Menschen. Es wurden mehrere gemütliche,
wohltönende Lieder gesungen, bis der Alte aufstand und mit dem Ausruf:
„Es leben alle braven Männer, die das edle Weidwerk ehren,“ sein Glas
leerte; wir stimmten alle ein, und so war das frohe Mahl, das mir zu Ehren
durch Wein und Gesang verherrlicht wurde, beschlossen.
Der Alte sprach zu mir: „Nun, mein Herr! schlafe ich ein halbes
Stündchen, aber dann gehen wir in den Wald, und ich erzähle es Ihnen, wie
der Mönch in mein Haus gekommen, und was ich sonst von ihm weiß. Bis
dahin tritt die Dämmerung ein, dann gehen wir auf den Anstand, da es, wie
mir Franz sagt, Hühner gibt. Auch Sie sollen ein gutes Gewehr erhalten und
Ihr Glück versuchen.“ Die Sache war mir neu, da ich als Seminarist zwar
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manchmal nach der Scheibe, aber nie nach Wild geschossen; ich nahm
daher des Försters Anerbieten an, der höchlich darüber erfreut schien und
mir mit treuherziger Gutmütigkeit in aller Eil noch vor dem Schlaf, den er
zu tun gedachte, die ersten unentbehrlichsten Grundsätze der Schießkunst
beizubringen suchte.
Ich wurde mit Flinte und Jagdtasche ausgerüstet und so zog ich mit dem
Förster in den Wald, der die Geschichte von dem seltsamen Mönch in
folgender Art anfing.
„Künftigen Herbst sind es schon zwei Jahre her, als meine Bursche im
Wald oft ein entsetzliches Heulen vernahmen, das, so wenig Menschliches
es auch hatte, doch wie Franz, mein jüngst angenommener Lehrling meinte,
von einem Menschen herrühren mochte. Franz war dazu bestimmt, von dem
heulenden Ungetüm geneckt zu werden, denn, wenn er auf den Anstand
ging, so verscheuchte das Heulen, welches sich dicht bei ihm hören ließ, die
Tiere, und er sah zuletzt, wenn er auf ein Tier anlegen wollte, ein borstiges,
unkenntliches Wesen aus dem Gebüsch springen, das seinen Schuß
vereitelte. Franz hatte den Kopf voll von all den spukhaften Jägerlegenden,
die ihm sein Vater, ein alter Jäger, erzählt, und er war geneigt, das Wesen
für den Satan selbst zu halten, der ihm das Weidhandwerk verleiden oder
ihn sonst verlocken wollte. Die anderen Bursche, selbst meine Söhne, denen
auch das Ungetüm aufgestoßen, pflichteten ihm endlich bei, und um so
mehr war mir daran gelegen, dem Dinge näher auf die Spur zu kommen, als
ich es für eine List der Freischützen hielt, meine Jäger vom Anstand
wegzuschrecken. — Ich befahl deshalb meinen Söhnen und den Burschen,
die Gestalt, falls sie sich wieder zeigen sollte, anzurufen, und falls sie nicht
stehen oder Bescheid geben sollte, nach Jägerrecht ohne weiteres nach ihr
zu schießen. — Den Franz traf es wieder, der erste zu sein, dem das
Ungetüm auf dem Anstand in den Weg trat. Er rief ihm zu, das Gewehr
anlegend, die Gestalt sprang ins Gebüsch, Franz wollte hinterdreinknallen,
aber der Schuß versagte und nun lief er voll Angst und Schrecken zu den
andern, die von ihm entfernt standen, überzeugt, daß es der Satan sei, der
ihm zum Trutz das Wild verscheuche und sein Gewehr verzaubere; denn in
der Tat traf er, seitdem ihn das Ungetüm verfolgte, kein Tier, so gut er sonst
geschossen. Das Gerücht von dem Spuk im Walde verbreitete sich und man
erzählte schon im Dorfe, wie der Satan dem Franz in den Weg getreten und
ihm Freikugeln angeboten und noch anderes tolles Zeug mehr. — Ich
daher des Försters Anerbieten an, der höchlich darüber erfreut schien und
mir mit treuherziger Gutmütigkeit in aller Eil noch vor dem Schlaf, den er
zu tun gedachte, die ersten unentbehrlichsten Grundsätze der Schießkunst
beizubringen suchte.
Ich wurde mit Flinte und Jagdtasche ausgerüstet und so zog ich mit dem
Förster in den Wald, der die Geschichte von dem seltsamen Mönch in
folgender Art anfing.
„Künftigen Herbst sind es schon zwei Jahre her, als meine Bursche im
Wald oft ein entsetzliches Heulen vernahmen, das, so wenig Menschliches
es auch hatte, doch wie Franz, mein jüngst angenommener Lehrling meinte,
von einem Menschen herrühren mochte. Franz war dazu bestimmt, von dem
heulenden Ungetüm geneckt zu werden, denn, wenn er auf den Anstand
ging, so verscheuchte das Heulen, welches sich dicht bei ihm hören ließ, die
Tiere, und er sah zuletzt, wenn er auf ein Tier anlegen wollte, ein borstiges,
unkenntliches Wesen aus dem Gebüsch springen, das seinen Schuß
vereitelte. Franz hatte den Kopf voll von all den spukhaften Jägerlegenden,
die ihm sein Vater, ein alter Jäger, erzählt, und er war geneigt, das Wesen
für den Satan selbst zu halten, der ihm das Weidhandwerk verleiden oder
ihn sonst verlocken wollte. Die anderen Bursche, selbst meine Söhne, denen
auch das Ungetüm aufgestoßen, pflichteten ihm endlich bei, und um so
mehr war mir daran gelegen, dem Dinge näher auf die Spur zu kommen, als
ich es für eine List der Freischützen hielt, meine Jäger vom Anstand
wegzuschrecken. — Ich befahl deshalb meinen Söhnen und den Burschen,
die Gestalt, falls sie sich wieder zeigen sollte, anzurufen, und falls sie nicht
stehen oder Bescheid geben sollte, nach Jägerrecht ohne weiteres nach ihr
zu schießen. — Den Franz traf es wieder, der erste zu sein, dem das
Ungetüm auf dem Anstand in den Weg trat. Er rief ihm zu, das Gewehr
anlegend, die Gestalt sprang ins Gebüsch, Franz wollte hinterdreinknallen,
aber der Schuß versagte und nun lief er voll Angst und Schrecken zu den
andern, die von ihm entfernt standen, überzeugt, daß es der Satan sei, der
ihm zum Trutz das Wild verscheuche und sein Gewehr verzaubere; denn in
der Tat traf er, seitdem ihn das Ungetüm verfolgte, kein Tier, so gut er sonst
geschossen. Das Gerücht von dem Spuk im Walde verbreitete sich und man
erzählte schon im Dorfe, wie der Satan dem Franz in den Weg getreten und
ihm Freikugeln angeboten und noch anderes tolles Zeug mehr. — Ich
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beschloß, dem Unwesen ein Ende zu machen, und das Ungetüm, das mir
selbst noch niemals aufgestoßen, auf den Stätten, wo es sich zu zeigen
pflegte, zu verfolgen. Lange wollte es mir nicht glücken; endlich, als ich an
einem neblichten Novemberabend gerade da, wo Franz das Ungetüm zuerst
erblickt, auf dem Anstand war, rauschte es mir ganz nahe im Gebüsch, ich
legte leise das Gewehr an, ein Tier vermutend, aber eine gräßliche Gestalt
mit rotfunkelnden Augen und schwarzen borstigen Haaren, mit Lumpen
behangen, brach hervor. Das Ungetüm stierte mich an, indem es
entsetzliche, heulende Töne ausstieß. Herr! es war ein Anblick, der dem
Beherztesten Furcht einjagen könnte, ja mir war es, als stehe wirklich der
Satan vor mir und ich fühlte, wie mir der Angstschweiß ausbrach. Aber im
kräftigen Gebet, das ich mit starker Stimme sprach, ermutigte ich mich
ganz. Sowie ich betete und den Namen Jesus Christus aussprach, heulte
wütender das Ungetüm, und brach endlich in entsetzliche, gotteslästerliche
Verwünschungen aus. Da rief ich: „Du verfluchter, bübischer Kerl, halt ein
mit deinen gotteslästerlichen Reden und gib dich gefangen oder ich schieße
dich nieder.“ Da fiel der Mönch wimmernd zu Boden und bat um
Erbarmen. Meine Burschen kamen herbei, wir packten den Menschen und
führten ihn nach Hause, wo ich ihn in dem Turm bei dem Nebengebäude
einsperren ließ, und den nächsten Morgen den Vorfall der Obrigkeit
anzeigen wollte. Er fiel, sowie er in den Turm kam, in einen ohnmächtigen
Zustand. Als ich den andern Morgen zu ihm ging, saß er auf dem
Strohlager, das ich ihm bereiten lassen und weinte heftig. Er fiel mir zu
Füßen und flehte mich an, daß ich mit ihm Erbarmen haben sollte; schon
seit mehreren Wochen habe er im Walde gelebt und nichts gegessen, als
Kräuter und wildes Obst, er sei ein armer Kapuziner aus einem weit
entlegenen Kloster und aus dem Gefängnisse, in das man ihn Wahnsinns
halber gesperrt, entsprungen. Der Mensch war in der Tat in einem
erbarmungswürdigen Zustande, ich hatte Mitleiden mit ihm und ließ ihm
Speise und Wein zur Stärkung reichen, worauf er sich sichtlich erholte. Er
bat mich auf das Eindringendste, ihn nur einige Tage im Hause zu dulden
und ihm ein neues Ordenshabit zu verschaffen, er wolle dann selbst nach
dem Kloster zurückwandeln. Ich erfüllte seinen Wunsch, und sein Wahnsinn
schien wirklich nachzulassen, da die Paroxysmen minder heftig und seltner
wurden. In den Ausbrüchen der Raserei stieß er entsetzliche Reden aus und
ich bemerkte, daß er, wenn ich ihn deshalb hart anredete, und mit dem Tode
drohte, in einen Zustand innerer Zerknirschung überging, in dem er sich
selbst noch niemals aufgestoßen, auf den Stätten, wo es sich zu zeigen
pflegte, zu verfolgen. Lange wollte es mir nicht glücken; endlich, als ich an
einem neblichten Novemberabend gerade da, wo Franz das Ungetüm zuerst
erblickt, auf dem Anstand war, rauschte es mir ganz nahe im Gebüsch, ich
legte leise das Gewehr an, ein Tier vermutend, aber eine gräßliche Gestalt
mit rotfunkelnden Augen und schwarzen borstigen Haaren, mit Lumpen
behangen, brach hervor. Das Ungetüm stierte mich an, indem es
entsetzliche, heulende Töne ausstieß. Herr! es war ein Anblick, der dem
Beherztesten Furcht einjagen könnte, ja mir war es, als stehe wirklich der
Satan vor mir und ich fühlte, wie mir der Angstschweiß ausbrach. Aber im
kräftigen Gebet, das ich mit starker Stimme sprach, ermutigte ich mich
ganz. Sowie ich betete und den Namen Jesus Christus aussprach, heulte
wütender das Ungetüm, und brach endlich in entsetzliche, gotteslästerliche
Verwünschungen aus. Da rief ich: „Du verfluchter, bübischer Kerl, halt ein
mit deinen gotteslästerlichen Reden und gib dich gefangen oder ich schieße
dich nieder.“ Da fiel der Mönch wimmernd zu Boden und bat um
Erbarmen. Meine Burschen kamen herbei, wir packten den Menschen und
führten ihn nach Hause, wo ich ihn in dem Turm bei dem Nebengebäude
einsperren ließ, und den nächsten Morgen den Vorfall der Obrigkeit
anzeigen wollte. Er fiel, sowie er in den Turm kam, in einen ohnmächtigen
Zustand. Als ich den andern Morgen zu ihm ging, saß er auf dem
Strohlager, das ich ihm bereiten lassen und weinte heftig. Er fiel mir zu
Füßen und flehte mich an, daß ich mit ihm Erbarmen haben sollte; schon
seit mehreren Wochen habe er im Walde gelebt und nichts gegessen, als
Kräuter und wildes Obst, er sei ein armer Kapuziner aus einem weit
entlegenen Kloster und aus dem Gefängnisse, in das man ihn Wahnsinns
halber gesperrt, entsprungen. Der Mensch war in der Tat in einem
erbarmungswürdigen Zustande, ich hatte Mitleiden mit ihm und ließ ihm
Speise und Wein zur Stärkung reichen, worauf er sich sichtlich erholte. Er
bat mich auf das Eindringendste, ihn nur einige Tage im Hause zu dulden
und ihm ein neues Ordenshabit zu verschaffen, er wolle dann selbst nach
dem Kloster zurückwandeln. Ich erfüllte seinen Wunsch, und sein Wahnsinn
schien wirklich nachzulassen, da die Paroxysmen minder heftig und seltner
wurden. In den Ausbrüchen der Raserei stieß er entsetzliche Reden aus und
ich bemerkte, daß er, wenn ich ihn deshalb hart anredete, und mit dem Tode
drohte, in einen Zustand innerer Zerknirschung überging, in dem er sich
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kasteite, ja sogar Gott und die Heiligen anrief, ihn von der Höllenqual zu
befreien. Er schien sich dann für den heiligen Antonius zu halten, sowie er
in der Raserei immer tobte: er sei Graf und gebietender Herr, und er wolle
uns alle ermorden lassen, wenn seine Diener kämen. In den lichten
Zwischenräumen bat er mich um Gottes willen ihn nicht zu verstoßen, weil
er fühle, daß nur sein Aufenthalt bei mir ihn heilen könne. Nur ein einziges
Mal gab es noch einen harten Auftritt mit ihm und zwar, als der Fürst hier
eben im Revier gejagt, und bei mir übernachtet hatte. Der Mönch war,
nachdem er den Fürsten mit seiner glänzenden Umgebung gesehen, ganz
verändert. Er blieb störrisch und verschlossen, er entfernte sich schnell,
wenn wir beteten, es zuckte ihm durch alle Glieder, wenn er nur ein
andächtiges Wort hörte, und dabei schaute er meine Tochter Anna mit
solchen lüsternen Blicken an, daß ich beschloß, ihn fortzubringen, um
allerlei Unfug zu verhüten. In der Nacht vorher, als ich den Morgen meinen
Plan ausführen wollte, weckte mich ein durchdringendes Geschrei auf dem
Gange, ich sprang aus dem Bette und lief schnell mit angezündetem Licht
nach dem Gemach, wo meine Töchter schliefen. Der Mönch war aus dem
Turm, wo ich ihn allnächtlich eingeschlossen, gebrochen und in viehischer
Brunst nach dem Gemach meiner Töchter gerannt, dessen Türe er mit
einem Fußtritt sprengte. Zum Glück hatte den Franz ein unausstehlicher
Durst aus der Kammer, wo die Bursche schlafen, hinausgetrieben, und er
wollte gerade nach der Küche gehen, um sich Wasser zu schöpfen, als er
den Mönch über den Gang poltern hörte. Er lief herbei und packte ihn
gerade in dem Augenblick, als er die Türe einstieß, von hinten her; aber der
Junge war zu schwach den Rasenden zu bändigen, sie balgten sich unter
dem Geschrei der erwachten Mädchen in der Türe, und ich kam gerade in
dem Augenblick herzu, als der Mönch den Burschen zu Boden geworfen
und ihn meuchlerisch bei der Kehle gepackt hatte. Ohne mich zu besinnen,
faßte ich den Mönch und riß ihn von Franzen weg, aber plötzlich, noch
weiß ich nicht, wie das zugegangen, blinkte ein Messer in des Mönchs
Faust, er stieß nach mir, aber Franz, der sich aufgerafft, fiel ihm in den Arm,
und mir, der ich nun wohl ein starker Mann bin, gelang es bald den
Rasenden so fest an die Mauer zu drücken, daß ihm schier der Atem
ausgehen wollte. Die Bursche waren, ob dem Lärm, alle wach geworden
und herbeigelaufen; wir banden den Mönch und schmissen ihn in den Turm,
ich holte aber meine Hetzpeitsche herbei und zählte ihm zur Abmahnung
von künftigen Untaten ähnlicher Art, einige kräftige Hiebe auf, so daß er
befreien. Er schien sich dann für den heiligen Antonius zu halten, sowie er
in der Raserei immer tobte: er sei Graf und gebietender Herr, und er wolle
uns alle ermorden lassen, wenn seine Diener kämen. In den lichten
Zwischenräumen bat er mich um Gottes willen ihn nicht zu verstoßen, weil
er fühle, daß nur sein Aufenthalt bei mir ihn heilen könne. Nur ein einziges
Mal gab es noch einen harten Auftritt mit ihm und zwar, als der Fürst hier
eben im Revier gejagt, und bei mir übernachtet hatte. Der Mönch war,
nachdem er den Fürsten mit seiner glänzenden Umgebung gesehen, ganz
verändert. Er blieb störrisch und verschlossen, er entfernte sich schnell,
wenn wir beteten, es zuckte ihm durch alle Glieder, wenn er nur ein
andächtiges Wort hörte, und dabei schaute er meine Tochter Anna mit
solchen lüsternen Blicken an, daß ich beschloß, ihn fortzubringen, um
allerlei Unfug zu verhüten. In der Nacht vorher, als ich den Morgen meinen
Plan ausführen wollte, weckte mich ein durchdringendes Geschrei auf dem
Gange, ich sprang aus dem Bette und lief schnell mit angezündetem Licht
nach dem Gemach, wo meine Töchter schliefen. Der Mönch war aus dem
Turm, wo ich ihn allnächtlich eingeschlossen, gebrochen und in viehischer
Brunst nach dem Gemach meiner Töchter gerannt, dessen Türe er mit
einem Fußtritt sprengte. Zum Glück hatte den Franz ein unausstehlicher
Durst aus der Kammer, wo die Bursche schlafen, hinausgetrieben, und er
wollte gerade nach der Küche gehen, um sich Wasser zu schöpfen, als er
den Mönch über den Gang poltern hörte. Er lief herbei und packte ihn
gerade in dem Augenblick, als er die Türe einstieß, von hinten her; aber der
Junge war zu schwach den Rasenden zu bändigen, sie balgten sich unter
dem Geschrei der erwachten Mädchen in der Türe, und ich kam gerade in
dem Augenblick herzu, als der Mönch den Burschen zu Boden geworfen
und ihn meuchlerisch bei der Kehle gepackt hatte. Ohne mich zu besinnen,
faßte ich den Mönch und riß ihn von Franzen weg, aber plötzlich, noch
weiß ich nicht, wie das zugegangen, blinkte ein Messer in des Mönchs
Faust, er stieß nach mir, aber Franz, der sich aufgerafft, fiel ihm in den Arm,
und mir, der ich nun wohl ein starker Mann bin, gelang es bald den
Rasenden so fest an die Mauer zu drücken, daß ihm schier der Atem
ausgehen wollte. Die Bursche waren, ob dem Lärm, alle wach geworden
und herbeigelaufen; wir banden den Mönch und schmissen ihn in den Turm,
ich holte aber meine Hetzpeitsche herbei und zählte ihm zur Abmahnung
von künftigen Untaten ähnlicher Art, einige kräftige Hiebe auf, so daß er
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ganz erbärmlich ächzte und wimmerte; aber ich sprach: „Du Bösewicht, das
ist noch viel zu wenig für deine Schändlichkeit, daß du meine Tochter
verführen wollen und mir nach dem Leben getrachtet, eigentlich solltest du
sterben.“ — Er heulte vor Angst und Entsetzen, denn die Furcht vor dem
Tode schien ihn ganz zu vernichten. Den andern Morgen war es nicht
möglich, ihn fortzubringen, denn er lag totenähnlich in gänzlicher
Abspannung da und flößte mir wahres Mitleiden ein. Ich ließ ihm in einem
besseren Gemach ein gutes Bette bereiten, und meine Alte pflegte seiner,
indem sie ihm stärkende Suppen kochte und aus unserer Hausapotheke das
reichte, was ihm dienlich schien. Meine Alte hat die gute Gewohnheit,
wenn sie einsam sitzt, oft ein andächtig Lied anzustimmen, aber wenn es ihr
recht wohl ums Herz sein soll, muß meine Anne mit ihrer hellen Stimme ihr
solch ein Lied vorsingen. — Das geschah nun auch vor dem Bette des
Kranken. — Da seufzte er oft tief und sah meine Alte und die Anne mit
recht wehmütigen Blicken an, oft flossen ihm Tränen über die Wangen.
Zuweilen bewegte er die Hand und die Finger, als wolle er sich kreuzigen,
aber das gelang nicht, die Hand fiel kraftlos nieder; dann stieß er auch
manchmal leise Töne aus, als wolle er in den Gesang einstimmen. Endlich
fing er an zusehends zu genesen, jetzt schlug er oft das Kreuz nach Sitte der
Mönche und betete leise. Aber ganz unvermutet fing er einmal an
lateinische Lieder zu singen, die meiner Alten und der Anne unerachtet sie
die Worte nicht verstanden, mit ihren ganz wunderbaren, heiligen Tönen bis
ins Innerste drangen, so daß sie nicht genug sagen konnten, wie der Kranke
sie erbaue. Der Mönch war so weit hergestellt, daß er aufstehen und im
Hause umherwandeln konnte, aber sein Aussehen, sein Wesen war ganz
verändert. Die Augen blickten sanft, statt daß sonst ein gar böses Feuer in
ihnen funkelte, er schritt ganz nach Klostersitte, leise und andächtig mit
gefaltenen Händen umher, jede Spur des Wahnsinns war verschwunden. Er
genoß nichts als Gemüse, Brot und Wasser, und nur selten konnte ich ihn in
der letzten Zeit dahin bringen, daß er sich an meinen Tisch setzte, und etwas
von den Speisen genoß, sowie einen kleinen Schluck Wein trank. Dann
sprach er das Gratias und ergötzte uns mit seinen Reden, die er so wohl zu
stellen wußte, wie nicht leicht einer. Oft ging er im Walde einsam spazieren,
so kam es denn, daß ich ihm einmal begegnete, und ohne gerade viel zu
denken frug, ob er nicht nun bald in sein Kloster zurückkehren werde. Er
schien sehr bewegt, er faßte meine Hand und sprach: „Mein Freund, ich
habe dir das Heil meiner Seele zu danken, du hast mich errettet von der
ist noch viel zu wenig für deine Schändlichkeit, daß du meine Tochter
verführen wollen und mir nach dem Leben getrachtet, eigentlich solltest du
sterben.“ — Er heulte vor Angst und Entsetzen, denn die Furcht vor dem
Tode schien ihn ganz zu vernichten. Den andern Morgen war es nicht
möglich, ihn fortzubringen, denn er lag totenähnlich in gänzlicher
Abspannung da und flößte mir wahres Mitleiden ein. Ich ließ ihm in einem
besseren Gemach ein gutes Bette bereiten, und meine Alte pflegte seiner,
indem sie ihm stärkende Suppen kochte und aus unserer Hausapotheke das
reichte, was ihm dienlich schien. Meine Alte hat die gute Gewohnheit,
wenn sie einsam sitzt, oft ein andächtig Lied anzustimmen, aber wenn es ihr
recht wohl ums Herz sein soll, muß meine Anne mit ihrer hellen Stimme ihr
solch ein Lied vorsingen. — Das geschah nun auch vor dem Bette des
Kranken. — Da seufzte er oft tief und sah meine Alte und die Anne mit
recht wehmütigen Blicken an, oft flossen ihm Tränen über die Wangen.
Zuweilen bewegte er die Hand und die Finger, als wolle er sich kreuzigen,
aber das gelang nicht, die Hand fiel kraftlos nieder; dann stieß er auch
manchmal leise Töne aus, als wolle er in den Gesang einstimmen. Endlich
fing er an zusehends zu genesen, jetzt schlug er oft das Kreuz nach Sitte der
Mönche und betete leise. Aber ganz unvermutet fing er einmal an
lateinische Lieder zu singen, die meiner Alten und der Anne unerachtet sie
die Worte nicht verstanden, mit ihren ganz wunderbaren, heiligen Tönen bis
ins Innerste drangen, so daß sie nicht genug sagen konnten, wie der Kranke
sie erbaue. Der Mönch war so weit hergestellt, daß er aufstehen und im
Hause umherwandeln konnte, aber sein Aussehen, sein Wesen war ganz
verändert. Die Augen blickten sanft, statt daß sonst ein gar böses Feuer in
ihnen funkelte, er schritt ganz nach Klostersitte, leise und andächtig mit
gefaltenen Händen umher, jede Spur des Wahnsinns war verschwunden. Er
genoß nichts als Gemüse, Brot und Wasser, und nur selten konnte ich ihn in
der letzten Zeit dahin bringen, daß er sich an meinen Tisch setzte, und etwas
von den Speisen genoß, sowie einen kleinen Schluck Wein trank. Dann
sprach er das Gratias und ergötzte uns mit seinen Reden, die er so wohl zu
stellen wußte, wie nicht leicht einer. Oft ging er im Walde einsam spazieren,
so kam es denn, daß ich ihm einmal begegnete, und ohne gerade viel zu
denken frug, ob er nicht nun bald in sein Kloster zurückkehren werde. Er
schien sehr bewegt, er faßte meine Hand und sprach: „Mein Freund, ich
habe dir das Heil meiner Seele zu danken, du hast mich errettet von der
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ewigen Verderbnis, noch kann ich nicht von dir scheiden, laß mich bei dir
sein. Ach, habe Mitleid mit mir, den der Satan verlockt hat, und der
unwiederbringlich verloren war, wenn ihn der Heilige, zu dem er flehte in
angstvollen Stunden, nicht im Wahnsinn in diesen Wald gebracht hätte. —
Sie fanden mich,“ fuhr der Mönch nach einigem Stillschweigen fort, „in
einem ganz entarteten Zustande und ahnen auch jetzt gewiß nicht, daß ich
einst ein von der Natur reich ausgestatteter Jüngling war, den nur eine
schwärmerische Neigung zur Einsamkeit und zu den tiefsinnigsten Studien
ins Kloster brachte. Meine Brüder liebten mich alle ausnehmend, und ich
lebte so froh, als es nur in dem Kloster geschehen kann. Durch
Frömmigkeit und musterhaftes Betragen schwang ich mich empor, man sah
in mir schon den künftigen Prior. Es begab sich, daß einer der Brüder von
weiten Reisen heimkehrte und dem Kloster verschiedene Reliquien, die er
sich auf dem Wege zu verschaffen gewußt, mitbrachte. Unter diesen befand
sich eine verschlossene Flasche, die der heilige Antonius dem Teufel, der
darin ein verführerisches Elixier bewahrte, abgenommen haben sollte. Auch
diese Reliquie wurde sorgfältig aufbewahrt, unerachtet mir die Sache ganz
gegen den Geist der Andacht, den die wahren Reliquien einflößen sollten,
und überhaupt ganz abgeschmackt zu sein schien. Aber eine
unbeschreibliche Lüsternheit bemächtigte sich meiner, das zu erforschen,
was wohl eigentlich in der Flasche enthalten. Es gelang mir sie beiseite zu
schaffen, ich öffnete sie und fand ein herrlich duftendes, süß schmeckendes,
starkes Getränk darin, das ich bis auf den letzten Tropfen genoß. — Wie
nun mein ganzer Sinn sich änderte, wie ich einen brennenden Durst nach
der Lust der Welt empfand, wie das Laster in verführerischer Gestalt mir als
des Lebens höchste Spitze erschien, das alles mag ich nicht sagen, kurz,
mein Leben wurde eine Reihe schändlicher Verbrechen, so daß, als ich
meiner teuflischen List unerachtet verraten wurde, mich der Prior zum
ewigen Gefängnis verurteilte. Als ich schon mehrere Wochen in dem
dumpfen, feuchten Kerker zugebracht hatte, verfluchte ich mich und mein
Dasein, ich lästerte Gott und die Heiligen, da trat, im glühend roten
Scheine, der Satan zu mir und sprach, daß, wenn ich meine Seele ganz dem
Höchsten abwenden und ihm dienen wolle, er mich befreien werde.
Heulend stürzte ich auf die Knie und rief: „Es ist kein Gott, dem ich diene,
du bist mein Herr, und aus deinen Gluten strömt die Lust des Lebens.“ —
Da brauste es in den Lüften wie eine Windsbraut und die Mauern dröhnten
wie vom Erdbeben erschüttert, ein schneidender Ton pfiff durch den Kerker,
sein. Ach, habe Mitleid mit mir, den der Satan verlockt hat, und der
unwiederbringlich verloren war, wenn ihn der Heilige, zu dem er flehte in
angstvollen Stunden, nicht im Wahnsinn in diesen Wald gebracht hätte. —
Sie fanden mich,“ fuhr der Mönch nach einigem Stillschweigen fort, „in
einem ganz entarteten Zustande und ahnen auch jetzt gewiß nicht, daß ich
einst ein von der Natur reich ausgestatteter Jüngling war, den nur eine
schwärmerische Neigung zur Einsamkeit und zu den tiefsinnigsten Studien
ins Kloster brachte. Meine Brüder liebten mich alle ausnehmend, und ich
lebte so froh, als es nur in dem Kloster geschehen kann. Durch
Frömmigkeit und musterhaftes Betragen schwang ich mich empor, man sah
in mir schon den künftigen Prior. Es begab sich, daß einer der Brüder von
weiten Reisen heimkehrte und dem Kloster verschiedene Reliquien, die er
sich auf dem Wege zu verschaffen gewußt, mitbrachte. Unter diesen befand
sich eine verschlossene Flasche, die der heilige Antonius dem Teufel, der
darin ein verführerisches Elixier bewahrte, abgenommen haben sollte. Auch
diese Reliquie wurde sorgfältig aufbewahrt, unerachtet mir die Sache ganz
gegen den Geist der Andacht, den die wahren Reliquien einflößen sollten,
und überhaupt ganz abgeschmackt zu sein schien. Aber eine
unbeschreibliche Lüsternheit bemächtigte sich meiner, das zu erforschen,
was wohl eigentlich in der Flasche enthalten. Es gelang mir sie beiseite zu
schaffen, ich öffnete sie und fand ein herrlich duftendes, süß schmeckendes,
starkes Getränk darin, das ich bis auf den letzten Tropfen genoß. — Wie
nun mein ganzer Sinn sich änderte, wie ich einen brennenden Durst nach
der Lust der Welt empfand, wie das Laster in verführerischer Gestalt mir als
des Lebens höchste Spitze erschien, das alles mag ich nicht sagen, kurz,
mein Leben wurde eine Reihe schändlicher Verbrechen, so daß, als ich
meiner teuflischen List unerachtet verraten wurde, mich der Prior zum
ewigen Gefängnis verurteilte. Als ich schon mehrere Wochen in dem
dumpfen, feuchten Kerker zugebracht hatte, verfluchte ich mich und mein
Dasein, ich lästerte Gott und die Heiligen, da trat, im glühend roten
Scheine, der Satan zu mir und sprach, daß, wenn ich meine Seele ganz dem
Höchsten abwenden und ihm dienen wolle, er mich befreien werde.
Heulend stürzte ich auf die Knie und rief: „Es ist kein Gott, dem ich diene,
du bist mein Herr, und aus deinen Gluten strömt die Lust des Lebens.“ —
Da brauste es in den Lüften wie eine Windsbraut und die Mauern dröhnten
wie vom Erdbeben erschüttert, ein schneidender Ton pfiff durch den Kerker,
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die Eisenstäbe des Fensters fielen zerbröckelt herab und ich stand von
unsichtbarer Gewalt hinausgeschleudert im Klosterhofe. Der Mond schien
hell durch die Wolken und in seinen Strahlen erglänzte das Standbild des
heiligen Antonius, das mitten im Hofe bei einem Springbrunnen
aufgerichtet war. — Eine unbeschreibliche Angst zerriß mein Herz, ich warf
mich zerknirscht nieder vor dem Heiligen, ich schwor dem Bösen ab und
flehte um Erbarmen; aber da zogen schwarze Wolken herauf und aufs neue
brauste der Orkan durch die Luft, mir vergingen die Sinne und ich fand
mich erst im Walde wieder, in dem ich wahnsinnig vor Hunger und
Verzweiflung umhertobte und aus dem Sie mich erretteten.“ — So erzählte
der Mönch und seine Geschichte machte auf mich solch einen tiefen
Eindruck, daß ich nach vielen Jahren noch so wie heute imstande sein
werde, alles Wort für Wort zu wiederholen. Seit der Zeit hat sich der Mönch
so fromm, so gutmütig betragen, daß wir ihn alle lieb gewannen, und um so
unbegreiflicher ist es mir, wie in voriger Nacht sein Wahnsinn hat aufs neue
ausbrechen können.“
„Wissen Sie denn gar nicht,“ fiel ich dem Förster ins Wort, „aus
welchem Kapuzinerkloster der Unglückliche entsprungen ist?“ — „Er hat
mir es verschwiegen,“ erwiderte der Förster, „und ich mag um so weniger
danach fragen, als es mir beinahe gewiß ist, daß es wohl derselbe
Unglückliche sein mag, der unlängst das Gespräch des Hofes war,
unerachtet man seine Nähe nicht vermutete, und ich auch meine Vermutung
zum wahren Besten des Mönchs nicht gerade bei Hofe laut werden lassen
möchte.“ — „Aber ich darf sie wohl erfahren,“ versetzte ich, „da ich ein
Fremder bin, und noch überdies mit Hand und Mund versprechen will,
gewissenhaft zu schweigen.“ — „Sie müssen wissen,“ sprach der Förster
weiter, „daß die Schwester unserer Fürstin Äbtissin des
Cisterzienserklosters in *** ist. Diese hatte sich des Sohnes einer armen
Frau, deren Mann mit unserm Hofe in gewissen geheimnisvollen
Beziehungen gestanden haben soll, angenommen und ihn aufziehen lassen.
Aus Neigung wurde er Kapuziner, und als Kanzelredner weit und breit
bekannt. Die Äbtissin schrieb ihrer Schwester sehr oft über den Pflegling
und betrauerte vor einiger Zeit tief seinen Verlust. Er soll durch den
Mißbrauch einer Reliquie schwer gesündigt haben und aus dem Kloster,
dessen Zierde er so lange war, verbannt worden sein. Alles dies weiß ich
aus einem Gespräch des fürstlichen Leibarztes mit einem andern Herrn vom
Hofe, das ich vor einiger Zeit anhörte. Sie erwähnten einiger sehr
unsichtbarer Gewalt hinausgeschleudert im Klosterhofe. Der Mond schien
hell durch die Wolken und in seinen Strahlen erglänzte das Standbild des
heiligen Antonius, das mitten im Hofe bei einem Springbrunnen
aufgerichtet war. — Eine unbeschreibliche Angst zerriß mein Herz, ich warf
mich zerknirscht nieder vor dem Heiligen, ich schwor dem Bösen ab und
flehte um Erbarmen; aber da zogen schwarze Wolken herauf und aufs neue
brauste der Orkan durch die Luft, mir vergingen die Sinne und ich fand
mich erst im Walde wieder, in dem ich wahnsinnig vor Hunger und
Verzweiflung umhertobte und aus dem Sie mich erretteten.“ — So erzählte
der Mönch und seine Geschichte machte auf mich solch einen tiefen
Eindruck, daß ich nach vielen Jahren noch so wie heute imstande sein
werde, alles Wort für Wort zu wiederholen. Seit der Zeit hat sich der Mönch
so fromm, so gutmütig betragen, daß wir ihn alle lieb gewannen, und um so
unbegreiflicher ist es mir, wie in voriger Nacht sein Wahnsinn hat aufs neue
ausbrechen können.“
„Wissen Sie denn gar nicht,“ fiel ich dem Förster ins Wort, „aus
welchem Kapuzinerkloster der Unglückliche entsprungen ist?“ — „Er hat
mir es verschwiegen,“ erwiderte der Förster, „und ich mag um so weniger
danach fragen, als es mir beinahe gewiß ist, daß es wohl derselbe
Unglückliche sein mag, der unlängst das Gespräch des Hofes war,
unerachtet man seine Nähe nicht vermutete, und ich auch meine Vermutung
zum wahren Besten des Mönchs nicht gerade bei Hofe laut werden lassen
möchte.“ — „Aber ich darf sie wohl erfahren,“ versetzte ich, „da ich ein
Fremder bin, und noch überdies mit Hand und Mund versprechen will,
gewissenhaft zu schweigen.“ — „Sie müssen wissen,“ sprach der Förster
weiter, „daß die Schwester unserer Fürstin Äbtissin des
Cisterzienserklosters in *** ist. Diese hatte sich des Sohnes einer armen
Frau, deren Mann mit unserm Hofe in gewissen geheimnisvollen
Beziehungen gestanden haben soll, angenommen und ihn aufziehen lassen.
Aus Neigung wurde er Kapuziner, und als Kanzelredner weit und breit
bekannt. Die Äbtissin schrieb ihrer Schwester sehr oft über den Pflegling
und betrauerte vor einiger Zeit tief seinen Verlust. Er soll durch den
Mißbrauch einer Reliquie schwer gesündigt haben und aus dem Kloster,
dessen Zierde er so lange war, verbannt worden sein. Alles dies weiß ich
aus einem Gespräch des fürstlichen Leibarztes mit einem andern Herrn vom
Hofe, das ich vor einiger Zeit anhörte. Sie erwähnten einiger sehr
Page 121
merkwürdiger Umstände, die mir jedoch, weil ich all die Geschichten nicht
von Grund aus kenne, unverständlich geblieben und wieder entfallen sind.
Erzählt nun auch der Mönch seine Errettung aus dem Klostergefängnis auf
andere Weise, soll sie nämlich durch den Satan geschehen sein, so halte ich
dies doch für eine Einbildung, die ihm noch vom Wahnsinn zurückblieb,
und meine, daß der Mönch kein anderer als eben der Bruder Medardus ist,
den die Äbtissin zum geistlichen Stande erziehen ließ, und den der Teufel
zu allerlei Sünden verlockte, bis ihn Gottes Gericht mit viehischer Raserei
strafte.“
Als der Förster den Namen Medardus nannte, durchbebte mich ein
innerer Schauer, ja die ganze Erzählung hatte mich, wie mit tödlichen
Stichen, die mein Innerstes trafen, gepeinigt. — Nur zu sehr war ich
überzeugt, daß der Mönch die Wahrheit gesprochen, da nur eben ein solches
Getränk der Hölle, das er lüstern genossen, ihn aufs neue in verruchten,
gotteslästerlichen Wahnsinn gestürzt hatte. — Aber ich selbst war
herabgesunken zum elenden Spielwerk der bösen, geheimnisvollen Macht,
die mich mit unauflöslichen Banden umstrickt hielt, so daß ich, der ich frei
zu sein glaubte, mich nur innerhalb des Käfigs bewegte, in den ich
rettungslos gesperrt worden. — Die guten Lehren des frommen Cyrillus,
die ich unbeachtet ließ, die Erscheinung des Grafen und seines
leichtsinnigen Hofmeisters, alles kam mir in den Sinn. — Ich wußte nun,
woher die plötzliche Gärung im Innern, die Änderung meines Gemüts
entstanden; ich schämte mich meines frevelichen Beginnens, und diese
Scham galt mir in dem Augenblick für die tiefe Reue und Zerknirschung,
die ich in wahrhafter Buße hätte empfinden sollen. So war ich in tiefes
Nachdenken versunken, und hörte kaum auf den Alten, der nun, wieder auf
die Jägerei gekommen, mir manchen Strauß schilderte, den er mit den
bösen Freischützen gehabt. Die Dämmerung war eingebrochen und wir
standen vor dem Gebüsch, in dem die Hühner liegen sollten; der Förster
stellte mich auf meinen Platz, schärfte mir ein, weder zu sprechen noch
sonst mich viel zu regen und mit gespanntem Hahn recht sorglich zu
lauschen. Die Jäger schlichen leise auf ihre Plätze und ich stand einsam in
der Dunkelheit, die immer mehr zunahm. — Da traten Gestalten aus
meinem Leben hervor im düstern Walde. Ich sah meine Mutter, die
Äbtissin, sie schauten mich an mit strafenden Blicken. — Euphemie
rauschte auf mich zu mit totenbleichem Gesicht, und starrte mich an mit
ihren schwarzen, glühenden Augen, sie erhob ihre blutigen Hände, mir
von Grund aus kenne, unverständlich geblieben und wieder entfallen sind.
Erzählt nun auch der Mönch seine Errettung aus dem Klostergefängnis auf
andere Weise, soll sie nämlich durch den Satan geschehen sein, so halte ich
dies doch für eine Einbildung, die ihm noch vom Wahnsinn zurückblieb,
und meine, daß der Mönch kein anderer als eben der Bruder Medardus ist,
den die Äbtissin zum geistlichen Stande erziehen ließ, und den der Teufel
zu allerlei Sünden verlockte, bis ihn Gottes Gericht mit viehischer Raserei
strafte.“
Als der Förster den Namen Medardus nannte, durchbebte mich ein
innerer Schauer, ja die ganze Erzählung hatte mich, wie mit tödlichen
Stichen, die mein Innerstes trafen, gepeinigt. — Nur zu sehr war ich
überzeugt, daß der Mönch die Wahrheit gesprochen, da nur eben ein solches
Getränk der Hölle, das er lüstern genossen, ihn aufs neue in verruchten,
gotteslästerlichen Wahnsinn gestürzt hatte. — Aber ich selbst war
herabgesunken zum elenden Spielwerk der bösen, geheimnisvollen Macht,
die mich mit unauflöslichen Banden umstrickt hielt, so daß ich, der ich frei
zu sein glaubte, mich nur innerhalb des Käfigs bewegte, in den ich
rettungslos gesperrt worden. — Die guten Lehren des frommen Cyrillus,
die ich unbeachtet ließ, die Erscheinung des Grafen und seines
leichtsinnigen Hofmeisters, alles kam mir in den Sinn. — Ich wußte nun,
woher die plötzliche Gärung im Innern, die Änderung meines Gemüts
entstanden; ich schämte mich meines frevelichen Beginnens, und diese
Scham galt mir in dem Augenblick für die tiefe Reue und Zerknirschung,
die ich in wahrhafter Buße hätte empfinden sollen. So war ich in tiefes
Nachdenken versunken, und hörte kaum auf den Alten, der nun, wieder auf
die Jägerei gekommen, mir manchen Strauß schilderte, den er mit den
bösen Freischützen gehabt. Die Dämmerung war eingebrochen und wir
standen vor dem Gebüsch, in dem die Hühner liegen sollten; der Förster
stellte mich auf meinen Platz, schärfte mir ein, weder zu sprechen noch
sonst mich viel zu regen und mit gespanntem Hahn recht sorglich zu
lauschen. Die Jäger schlichen leise auf ihre Plätze und ich stand einsam in
der Dunkelheit, die immer mehr zunahm. — Da traten Gestalten aus
meinem Leben hervor im düstern Walde. Ich sah meine Mutter, die
Äbtissin, sie schauten mich an mit strafenden Blicken. — Euphemie
rauschte auf mich zu mit totenbleichem Gesicht, und starrte mich an mit
ihren schwarzen, glühenden Augen, sie erhob ihre blutigen Hände, mir
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drohend, ach es waren Blutstropfen, Hermogens Todeswunde entquollen,
ich schrie auf! — Da schwirrte es über mir in starkem Flügelschlag, ich
schoß blindlings in die Luft und zwei Hühner stürzten getroffen herab.
„Bravo!“ rief der unfern von mir stehende Jägerbursche, indem er das dritte
herabschoß. — Schüsse knallten jetzt rings umher, und die Jäger
versammelten sich, jeder seine Beute herbeitragend. Der Jägerbursche
erzählte, nicht ohne listige Seitenblicke auf mich, wie ich ganz laut
aufgeschrien, da die Hühner dicht über meinen Kopf weggestrichen, als
hätte ich großen Schreck und dann, ohne einmal recht anzulegen, blindlings
drunter geschossen und doch zwei Hühner getroffen; ja es sei in der
Finsternis ihm vorgekommen, als hätte ich das Gewehr ganz nach anderer
Richtung hingehalten, und doch wären die Hühner gestürzt. Der alte Förster
lachte laut auf, daß ich so über die Hühner erschrocken sei, und mich nur
gewehrt habe mit Drunterschießen. — „Übrigens, mein Herr,“ fuhr er fort,
„will ich hoffen, daß Sie ein ehrlicher, frommer Weidmann und kein
Freijäger sind, der es mit dem Bösen hält und hinschießen kann, wo er will,
ohne das zu fehlen, was er zu treffen willens.“ — Dieser gewiß
unbefangene Scherz des Alten traf mein Innerstes, und selbst mein
glücklicher Schuß in jener aufgeregten, entsetzlichen Stimmung, den doch
nur der Zufall herbeigeführt, erfüllte mich mit Grauen. Mit meinem Selbst
mehr als jemals entzweit, wurde ich mir selbst zweideutig, und ein inneres
Grausen umfing mein eignes Wesen mit zerstörender Kraft.
Als wir ins Haus zurückkamen berichtete Christian, daß der Mönch sich
im Turm ganz ruhig verhalten, kein einziges Wort gesprochen und auch
keine Nahrung zu sich genommen habe. „Ich kann ihn nun nicht länger bei
mir behalten,“ sprach der Förster, „denn wer steht mir dafür, daß sein, wie
es scheint unheilbarer Wahnsinn, nach langer Zeit nicht aufs neue ausbricht,
und er irgend ein entsetzliches Unheil hier im Hause anrichtet; er muß
morgen in aller Frühe mit Christian und Franz nach der Stadt; mein Bericht
über den ganzen Vorgang ist längst fertig, und da mag er denn in die
Irrenanstalt gebracht werden.“
Als ich in meinem Gemach allein war, stand mir Hermogens Gestalt vor
Augen, und wenn ich sie fassen wollte mit schärferem Blick, wandelte sie
sich um in den wahnsinnigen Mönch. Beide flossen in meinem Gemüt in
eins zusammen, und bildeten so die Warnung der höhern Macht, die ich wie
dicht vor dem Abgrunde vernahm. Ich stieß an die Korbflasche, die noch
ich schrie auf! — Da schwirrte es über mir in starkem Flügelschlag, ich
schoß blindlings in die Luft und zwei Hühner stürzten getroffen herab.
„Bravo!“ rief der unfern von mir stehende Jägerbursche, indem er das dritte
herabschoß. — Schüsse knallten jetzt rings umher, und die Jäger
versammelten sich, jeder seine Beute herbeitragend. Der Jägerbursche
erzählte, nicht ohne listige Seitenblicke auf mich, wie ich ganz laut
aufgeschrien, da die Hühner dicht über meinen Kopf weggestrichen, als
hätte ich großen Schreck und dann, ohne einmal recht anzulegen, blindlings
drunter geschossen und doch zwei Hühner getroffen; ja es sei in der
Finsternis ihm vorgekommen, als hätte ich das Gewehr ganz nach anderer
Richtung hingehalten, und doch wären die Hühner gestürzt. Der alte Förster
lachte laut auf, daß ich so über die Hühner erschrocken sei, und mich nur
gewehrt habe mit Drunterschießen. — „Übrigens, mein Herr,“ fuhr er fort,
„will ich hoffen, daß Sie ein ehrlicher, frommer Weidmann und kein
Freijäger sind, der es mit dem Bösen hält und hinschießen kann, wo er will,
ohne das zu fehlen, was er zu treffen willens.“ — Dieser gewiß
unbefangene Scherz des Alten traf mein Innerstes, und selbst mein
glücklicher Schuß in jener aufgeregten, entsetzlichen Stimmung, den doch
nur der Zufall herbeigeführt, erfüllte mich mit Grauen. Mit meinem Selbst
mehr als jemals entzweit, wurde ich mir selbst zweideutig, und ein inneres
Grausen umfing mein eignes Wesen mit zerstörender Kraft.
Als wir ins Haus zurückkamen berichtete Christian, daß der Mönch sich
im Turm ganz ruhig verhalten, kein einziges Wort gesprochen und auch
keine Nahrung zu sich genommen habe. „Ich kann ihn nun nicht länger bei
mir behalten,“ sprach der Förster, „denn wer steht mir dafür, daß sein, wie
es scheint unheilbarer Wahnsinn, nach langer Zeit nicht aufs neue ausbricht,
und er irgend ein entsetzliches Unheil hier im Hause anrichtet; er muß
morgen in aller Frühe mit Christian und Franz nach der Stadt; mein Bericht
über den ganzen Vorgang ist längst fertig, und da mag er denn in die
Irrenanstalt gebracht werden.“
Als ich in meinem Gemach allein war, stand mir Hermogens Gestalt vor
Augen, und wenn ich sie fassen wollte mit schärferem Blick, wandelte sie
sich um in den wahnsinnigen Mönch. Beide flossen in meinem Gemüt in
eins zusammen, und bildeten so die Warnung der höhern Macht, die ich wie
dicht vor dem Abgrunde vernahm. Ich stieß an die Korbflasche, die noch
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auf dem Boden lag; der Mönch hatte sie bis auf den letzten Tropfen
ausgeleert, und so war ich jeder neuen Versuchung, davon zu genießen,
enthoben; aber auch selbst die Flasche, aus der noch ein starker,
berauschender Duft strömte, schleuderte ich fort, durch das offne Fenster
über die Hofmauer weg, um so jede mögliche Wirkung des
verhängnisvollen Elixiers zu vernichten. — Nach und nach wurde ich
ruhiger, ja der Gedanke ermutigte mich, daß ich auf jeden Fall in geistiger
Hinsicht erhaben sein müsse über jenen Mönch, den das dem meinigen
gleiche Getränk in wilden Wahnsinn stürzte. Ich fühlte, wie dies
entsetzliche Verhängnis bei mir vorübergestreift; ja, daß der alte Förster den
Mönch eben für den unglücklichen Medardus, für mich selbst, hielt, war
mir ein Fingerzeig der höheren, heiligen Macht, die mich noch nicht sinken
lassen wollte in das trostlose Elend. — Schien nicht der Wahnsinn, der
überall sich mir in den Weg stellte, nur allein vermögend, mein Inneres zu
durchblicken und immer dringender vor dem bösen Geiste zu warnen, der
mir, wie ich glaubte, sichtbarlich in der Gestalt des bedrohlichen,
gespenstischen Malers erschienen? —
Unwiderstehlich zog es mich fort nach der Residenz. Die Schwester
meiner Pflegemutter, die, wie ich mich besann, der Äbtissin ganz ähnlich
war, da ich ihr Bild öfters gesehen, sollte mich wieder zurückführen in das
fromme, schuldlose Leben, wie es ehemals mir blühte, denn dazu bedurfte
es in meiner jetzigen Stimmung nur ihres Anblicks und der dadurch
erweckten Erinnerungen. Dem Zufall wollte ich es überlassen, mich in ihre
Nähe zu bringen.
Kaum war es Tag geworden, als ich des Försters Stimme im Hofe
vernahm; früh sollte ich mit dem Sohne abreisen, ich warf mich daher
schnell in die Kleider. Als ich herabkam, stand ein Leiterwagen mit
Strohsitzen zum Abfahren bereit vor der Haustür: man brachte den Mönch,
der mit totenbleichem und verstörtem Gesicht sich geduldig führen ließ. Er
antwortete auf keine Frage, er wollte nichts genießen, kaum schien er die
Menschen um sich zu gewahren. Man hob ihn auf den Wagen und band ihn
mit Stricken fest, da sein Zustand allerdings bedenklich schien und man vor
dem plötzlichen Ausbruch einer innern, verhaltenen Wut keineswegs sicher
war. Als man seine Arme festschnürte, verzog sich sein Gesicht krampfhaft
und er ächzte leise. Sein Zustand durchbohrte mein Herz, er war mir
verwandt worden, ja nur seinem Verderben verdankte ich vielleicht meine
ausgeleert, und so war ich jeder neuen Versuchung, davon zu genießen,
enthoben; aber auch selbst die Flasche, aus der noch ein starker,
berauschender Duft strömte, schleuderte ich fort, durch das offne Fenster
über die Hofmauer weg, um so jede mögliche Wirkung des
verhängnisvollen Elixiers zu vernichten. — Nach und nach wurde ich
ruhiger, ja der Gedanke ermutigte mich, daß ich auf jeden Fall in geistiger
Hinsicht erhaben sein müsse über jenen Mönch, den das dem meinigen
gleiche Getränk in wilden Wahnsinn stürzte. Ich fühlte, wie dies
entsetzliche Verhängnis bei mir vorübergestreift; ja, daß der alte Förster den
Mönch eben für den unglücklichen Medardus, für mich selbst, hielt, war
mir ein Fingerzeig der höheren, heiligen Macht, die mich noch nicht sinken
lassen wollte in das trostlose Elend. — Schien nicht der Wahnsinn, der
überall sich mir in den Weg stellte, nur allein vermögend, mein Inneres zu
durchblicken und immer dringender vor dem bösen Geiste zu warnen, der
mir, wie ich glaubte, sichtbarlich in der Gestalt des bedrohlichen,
gespenstischen Malers erschienen? —
Unwiderstehlich zog es mich fort nach der Residenz. Die Schwester
meiner Pflegemutter, die, wie ich mich besann, der Äbtissin ganz ähnlich
war, da ich ihr Bild öfters gesehen, sollte mich wieder zurückführen in das
fromme, schuldlose Leben, wie es ehemals mir blühte, denn dazu bedurfte
es in meiner jetzigen Stimmung nur ihres Anblicks und der dadurch
erweckten Erinnerungen. Dem Zufall wollte ich es überlassen, mich in ihre
Nähe zu bringen.
Kaum war es Tag geworden, als ich des Försters Stimme im Hofe
vernahm; früh sollte ich mit dem Sohne abreisen, ich warf mich daher
schnell in die Kleider. Als ich herabkam, stand ein Leiterwagen mit
Strohsitzen zum Abfahren bereit vor der Haustür: man brachte den Mönch,
der mit totenbleichem und verstörtem Gesicht sich geduldig führen ließ. Er
antwortete auf keine Frage, er wollte nichts genießen, kaum schien er die
Menschen um sich zu gewahren. Man hob ihn auf den Wagen und band ihn
mit Stricken fest, da sein Zustand allerdings bedenklich schien und man vor
dem plötzlichen Ausbruch einer innern, verhaltenen Wut keineswegs sicher
war. Als man seine Arme festschnürte, verzog sich sein Gesicht krampfhaft
und er ächzte leise. Sein Zustand durchbohrte mein Herz, er war mir
verwandt worden, ja nur seinem Verderben verdankte ich vielleicht meine
Page 124
Rettung. Christian und ein Jägerbursche setzten sich neben ihn in den
Wagen. Erst im Fortfahren fiel sein Blick auf mich und er wurde plötzlich
von tiefem Staunen ergriffen; als der Wagen sich schon entfernte (wir waren
ihm bis vor die Mauer gefolgt), blieb sein Kopf gewandt und sein Blick auf
mich gerichtet. „Sehen Sie,“ sagte der alte Förster, „wie er Sie so scharf ins
Auge faßt; ich glaube, daß Ihre Gegenwart im Speisezimmer, die er nicht
vermutete, auch viel zu seinem rasenden Beginnen beigetragen hat, denn
selbst in seiner guten Periode blieb er ungemein scheu, und hatte immer den
Argwohn, daß ein Fremder kommen und ihn töten würde. Vor dem Tode hat
er nämlich eine ganz ungemessene Furcht, und durch die Drohung, ihn
gleich erschießen zu lassen, habe ich oft den Ausbrüchen seiner Raserei
widerstanden.“
Mir war wohl und leicht, daß der Mönch, dessen Erscheinung mein
eignes Ich in verzerrten, gräßlichen Zügen reflektierte, entfernt worden. Ich
freute mich auf die Residenz, denn es war mir, als solle dort die Last des
schweren, finstern Verhängnisses, die mich niedergedrückt, mir entnommen
werden, ja, als würde ich mich dort, erkräftigt, der bösen Macht die mein
Leben gefangen, entreißen können. Als das Frühstück verzehrt, fuhr der
saubre, mit raschen Pferden bespannte Reisewagen des Försters vor. —
Kaum gelang es mir, der Frau für die Gastlichkeit mit der ich
aufgenommen, etwas Geld, sowie den beiden bildhübschen Töchtern einige
Galanteriewaren, die ich zufällig bei mir trug, aufzudringen. Die ganze
Familie nahm so herzlichen Abschied, als sei ich längst im Hause bekannt
gewesen, der Alte scherzte noch viel über mein Jägertalent. Heiter und froh
fuhr ich von dannen.
Wagen. Erst im Fortfahren fiel sein Blick auf mich und er wurde plötzlich
von tiefem Staunen ergriffen; als der Wagen sich schon entfernte (wir waren
ihm bis vor die Mauer gefolgt), blieb sein Kopf gewandt und sein Blick auf
mich gerichtet. „Sehen Sie,“ sagte der alte Förster, „wie er Sie so scharf ins
Auge faßt; ich glaube, daß Ihre Gegenwart im Speisezimmer, die er nicht
vermutete, auch viel zu seinem rasenden Beginnen beigetragen hat, denn
selbst in seiner guten Periode blieb er ungemein scheu, und hatte immer den
Argwohn, daß ein Fremder kommen und ihn töten würde. Vor dem Tode hat
er nämlich eine ganz ungemessene Furcht, und durch die Drohung, ihn
gleich erschießen zu lassen, habe ich oft den Ausbrüchen seiner Raserei
widerstanden.“
Mir war wohl und leicht, daß der Mönch, dessen Erscheinung mein
eignes Ich in verzerrten, gräßlichen Zügen reflektierte, entfernt worden. Ich
freute mich auf die Residenz, denn es war mir, als solle dort die Last des
schweren, finstern Verhängnisses, die mich niedergedrückt, mir entnommen
werden, ja, als würde ich mich dort, erkräftigt, der bösen Macht die mein
Leben gefangen, entreißen können. Als das Frühstück verzehrt, fuhr der
saubre, mit raschen Pferden bespannte Reisewagen des Försters vor. —
Kaum gelang es mir, der Frau für die Gastlichkeit mit der ich
aufgenommen, etwas Geld, sowie den beiden bildhübschen Töchtern einige
Galanteriewaren, die ich zufällig bei mir trug, aufzudringen. Die ganze
Familie nahm so herzlichen Abschied, als sei ich längst im Hause bekannt
gewesen, der Alte scherzte noch viel über mein Jägertalent. Heiter und froh
fuhr ich von dannen.
Page 125
4. Abschnitt.
Das Leben am fürstlichen Hofe.
Die Residenz des Fürsten bildete gerade den Gegensatz zu der
Handelsstadt, die ich verlassen. Im Umfange bedeutend kleiner, war sie
regelmäßiger und schöner gebaut, aber ziemlich menschenleer. Mehrere
Straßen, worin Alleen gepflanzt, schienen mehr Anlagen eines Parks zu
sein, als zur Stadt zu gehören; alles bewegte sich still und feierlich, selten
von dem rasselnden Geräusch eines Wagens unterbrochen. Selbst in der
Kleidung und in dem Anstande der Einwohner bis auf den gemeinen Mann
herrschte eine gewisse Zierlichkeit, ein Streben, äußere Bildung zu zeigen.
Der fürstliche Palast war nichts weniger als groß, auch nicht im großen
Stil erbaut, aber Rücksichts der Eleganz, der richtigen Verhältnisse, eines
der schönsten Gebäude, die ich jemals gesehen; an ihn schloß sich ein
anmutiger Park, den der liberale Fürst den Einwohnern zum Spaziergange
geöffnet.
Man sagte mir in dem Gasthause, wo ich eingekehrt, daß die fürstliche
Familie gewöhnlich abends einen Gang durch den Park zu machen pflege,
und daß viele Einwohner diese Gelegenheit niemals versäumten, den
gütigen Landesherrn zu sehen. Ich eilte um die bestimmte Stunde in den
Park, der Fürst trat mit seiner Gemahlin und einer geringen Umgebung aus
dem Schlosse. — Ach! — bald sah ich nichts mehr als die Fürstin, sie, die
meiner Pflegemutter so ähnlich war! — Dieselbe Hoheit, dieselbe Anmut in
jeder ihrer Bewegungen, derselbe geistvolle Blick des Auges, dieselbe freie
Stirne, das himmlische Lächeln. — Nur schien sie mir im Wuchse voller
und jünger als die Äbtissin. Sie redete liebreich mit mehreren
Frauenzimmern, die sich eben in der Allee befanden, während der Fürst mit
einem ernsten Mann im interessanten, eifrigen Gespräch begriffen schien.
— Die Kleidung, das Benehmen der fürstlichen Familie, ihre Umgebung,
alles griff ein in den Ton des Ganzen. Man sah wohl, wie die anständige
Haltung in einer gewissen Ruhe und anspruchslosen Zierlichkeit, in der sich
die Residenz erhielt, von dem Hofe ausging. Zufällig stand ich bei einem
Das Leben am fürstlichen Hofe.
Die Residenz des Fürsten bildete gerade den Gegensatz zu der
Handelsstadt, die ich verlassen. Im Umfange bedeutend kleiner, war sie
regelmäßiger und schöner gebaut, aber ziemlich menschenleer. Mehrere
Straßen, worin Alleen gepflanzt, schienen mehr Anlagen eines Parks zu
sein, als zur Stadt zu gehören; alles bewegte sich still und feierlich, selten
von dem rasselnden Geräusch eines Wagens unterbrochen. Selbst in der
Kleidung und in dem Anstande der Einwohner bis auf den gemeinen Mann
herrschte eine gewisse Zierlichkeit, ein Streben, äußere Bildung zu zeigen.
Der fürstliche Palast war nichts weniger als groß, auch nicht im großen
Stil erbaut, aber Rücksichts der Eleganz, der richtigen Verhältnisse, eines
der schönsten Gebäude, die ich jemals gesehen; an ihn schloß sich ein
anmutiger Park, den der liberale Fürst den Einwohnern zum Spaziergange
geöffnet.
Man sagte mir in dem Gasthause, wo ich eingekehrt, daß die fürstliche
Familie gewöhnlich abends einen Gang durch den Park zu machen pflege,
und daß viele Einwohner diese Gelegenheit niemals versäumten, den
gütigen Landesherrn zu sehen. Ich eilte um die bestimmte Stunde in den
Park, der Fürst trat mit seiner Gemahlin und einer geringen Umgebung aus
dem Schlosse. — Ach! — bald sah ich nichts mehr als die Fürstin, sie, die
meiner Pflegemutter so ähnlich war! — Dieselbe Hoheit, dieselbe Anmut in
jeder ihrer Bewegungen, derselbe geistvolle Blick des Auges, dieselbe freie
Stirne, das himmlische Lächeln. — Nur schien sie mir im Wuchse voller
und jünger als die Äbtissin. Sie redete liebreich mit mehreren
Frauenzimmern, die sich eben in der Allee befanden, während der Fürst mit
einem ernsten Mann im interessanten, eifrigen Gespräch begriffen schien.
— Die Kleidung, das Benehmen der fürstlichen Familie, ihre Umgebung,
alles griff ein in den Ton des Ganzen. Man sah wohl, wie die anständige
Haltung in einer gewissen Ruhe und anspruchslosen Zierlichkeit, in der sich
die Residenz erhielt, von dem Hofe ausging. Zufällig stand ich bei einem
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aufgeweckten Mann, der mir auf alle mögliche Fragen Bescheid gab und
manche muntere Anmerkung einzuflechten wußte. Als die fürstliche
Familie vorüber war, schlug er mir vor einen Gang durch den Park zu
machen, und mir, dem Fremden, die geschmackvollen Anlagen zu zeigen
welche überall in demselben anzutreffen; das war mir nun ganz recht, und
ich fand in der Tat, daß überall der Geist der Anmut und des geregelten
Geschmacks verbreitet, wiewohl mir oft in den im Park zerstreuten
Gebäuden das Streben nach der antiken Form, die nur die grandiosesten
Verhältnisse duldet, den Bauherrn zu Kleinlichkeiten verleitet zu haben
schien. Ich äußerte dieses meinem Begleiter, er stimmte mir vollkommen
bei und suchte nur für jene Kleinlichkeiten darin eine Entschuldigung, daß
die in einem Park nötige Abwechslung, und selbst das Bedürfnis, hie und da
Gebäude als Zufluchtsort bei plötzlich einbrechendem Unwetter, oder auch
nur zur Erholung, zum Ausruhen zu finden, beinahe von selbst jene
Mißgriffe herbeiführe. — Die einfachsten, anspruchslosesten Gartenhäuser,
Strohdächer auf Baumstämme gestützt und in anmutige Gebüsche versteckt,
die eben jenen angedeuteten Zweck erreichten, meinte ich dagegen, wären
mir lieber, als alle jene Tempelchen und Kapellchen; und sollte denn nun
einmal gezimmert und gemauert werden, so stehe dem geistreichen
Baumeister, der Rücksichts des Umfanges und der Kosten beschränkt sei,
wohl ein Stil zu Gebote, der, sich zum antiken oder zum gotischen
hinneigend, ohne kleinliche Nachahmerei, ohne Anspruch, das grandiose
alte Muster zu erreichen, nur das Anmutige, den dem Gemüte des
Beschauers wohltuenden Eindruck bezweckt.
„Ich bin ganz Ihrer Meinung,“ erwiderte mein Begleiter, „indessen
rühren alle diese Gebäude, ja die Anlage des ganzen Parks von dem Fürsten
selbst her, und dieser Umstand beschwichtigt, wenigstens bei uns
Einheimischen, jeden Tadel. — Der Fürst ist der beste Mensch, den es auf
der Welt geben kann, von jeher hat er den wahrhaft landesväterlichen
Grundsatz, daß die Untertanen nicht seinetwegen da wären, er vielmehr der
Untertanen wegen da sei, recht an den Tag gelegt. Die Freiheit, alles zu
äußern was man denkt; die Geringfügigkeit der Abgaben und der daraus
entspringende niedrige Preis aller Lebensbedürfnisse; das gänzliche
Zurücktreten der Polizei, die nur dem boshaften Übermute ohne Geräusch
Schranken setzt und weit entfernt ist, den einheimischen Bürger sowie den
Fremden mit gehässigem Amtseifer zu quälen; die Entfernung alles
soldatischen Unwesens, die gemütliche Ruhe, womit Geschäfte, Gewerbe
manche muntere Anmerkung einzuflechten wußte. Als die fürstliche
Familie vorüber war, schlug er mir vor einen Gang durch den Park zu
machen, und mir, dem Fremden, die geschmackvollen Anlagen zu zeigen
welche überall in demselben anzutreffen; das war mir nun ganz recht, und
ich fand in der Tat, daß überall der Geist der Anmut und des geregelten
Geschmacks verbreitet, wiewohl mir oft in den im Park zerstreuten
Gebäuden das Streben nach der antiken Form, die nur die grandiosesten
Verhältnisse duldet, den Bauherrn zu Kleinlichkeiten verleitet zu haben
schien. Ich äußerte dieses meinem Begleiter, er stimmte mir vollkommen
bei und suchte nur für jene Kleinlichkeiten darin eine Entschuldigung, daß
die in einem Park nötige Abwechslung, und selbst das Bedürfnis, hie und da
Gebäude als Zufluchtsort bei plötzlich einbrechendem Unwetter, oder auch
nur zur Erholung, zum Ausruhen zu finden, beinahe von selbst jene
Mißgriffe herbeiführe. — Die einfachsten, anspruchslosesten Gartenhäuser,
Strohdächer auf Baumstämme gestützt und in anmutige Gebüsche versteckt,
die eben jenen angedeuteten Zweck erreichten, meinte ich dagegen, wären
mir lieber, als alle jene Tempelchen und Kapellchen; und sollte denn nun
einmal gezimmert und gemauert werden, so stehe dem geistreichen
Baumeister, der Rücksichts des Umfanges und der Kosten beschränkt sei,
wohl ein Stil zu Gebote, der, sich zum antiken oder zum gotischen
hinneigend, ohne kleinliche Nachahmerei, ohne Anspruch, das grandiose
alte Muster zu erreichen, nur das Anmutige, den dem Gemüte des
Beschauers wohltuenden Eindruck bezweckt.
„Ich bin ganz Ihrer Meinung,“ erwiderte mein Begleiter, „indessen
rühren alle diese Gebäude, ja die Anlage des ganzen Parks von dem Fürsten
selbst her, und dieser Umstand beschwichtigt, wenigstens bei uns
Einheimischen, jeden Tadel. — Der Fürst ist der beste Mensch, den es auf
der Welt geben kann, von jeher hat er den wahrhaft landesväterlichen
Grundsatz, daß die Untertanen nicht seinetwegen da wären, er vielmehr der
Untertanen wegen da sei, recht an den Tag gelegt. Die Freiheit, alles zu
äußern was man denkt; die Geringfügigkeit der Abgaben und der daraus
entspringende niedrige Preis aller Lebensbedürfnisse; das gänzliche
Zurücktreten der Polizei, die nur dem boshaften Übermute ohne Geräusch
Schranken setzt und weit entfernt ist, den einheimischen Bürger sowie den
Fremden mit gehässigem Amtseifer zu quälen; die Entfernung alles
soldatischen Unwesens, die gemütliche Ruhe, womit Geschäfte, Gewerbe
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getrieben werden, alles das wird Ihnen den Aufenthalt in unserm Ländchen
erfreulich machen. Ich wette, daß man Sie bis jetzt noch nicht nach Namen
und Stand gefragt hat, und der Gastwirt keineswegs, wie in andern Städten,
in der ersten Viertelstunde mit dem großen Buche unterm Arm feierlich
angerückt ist, worin man genötigt wird, seinen eignen Steckbrief mit
stumpfer Feder und blasser Tinte hineinzukritzeln. Kurz, die ganze
Einrichtung unseres kleinen Staats, in dem die wahre Lebensweisheit
herrscht, geht von unserm herrlichen Fürsten aus, da vorher die Menschen,
wie man mir gesagt hat, durch albernen Pedantismus eines Hofes, der die
Ausgabe des benachbarten großen Hofes in Taschenformat war, gequält
wurden. Der Fürst liebt Künste und Wissenschaften, daher ist ihm jeder
geschickte Künstler, jeder geistreiche Gelehrte willkommen, und der Grad
seines Wissens nur ist die Ahnenprobe, die die Fähigkeit bestimmt, in der
nächsten Umgebung des Fürsten erscheinen zu dürfen. Aber eben in die
Kunst und Wissenschaft des vielseitig gebildeten Fürsten hat sich etwas von
dem Pedantismus geschlichen, der ihn bei seiner Erziehung einzwängte,
und der sich jetzt in dem sklavischen Anhängen an irgend eine Form
ausspricht. Er schrieb und zeichnete den Baumeistern mit ängstlicher
Genauigkeit jedes Detail der Gebäude vor und jede geringe Abweichung
von dem aufgestellten Muster, das er mühsam aus allen nur möglichen
antiquarischen Werken herausgesucht, konnte ihn ebenso ängstigen, als
wenn dieses oder jenes dem verjüngten Maßstab, den ihm die beengten
Verhältnisse aufdrangen, sich durchaus nicht fügen wollte. Durch eben das
Anhängen an diese oder jene Form, die er liebgewonnen, leidet auch unser
Theater, das von der einmal bestimmten Manier, der sich die heterogensten
Elemente fügen müssen, nicht abweicht. Der Fürst wechselt mit gewissen
Lieblingsneigungen, die aber gewiß niemals irgend jemandem zu nahe
treten. Als der Park angelegt wurde, war er leidenschaftlicher Baumeister
und Gärtner, dann begeisterte ihn der Schwung, den seit einiger Zeit die
Musik genommen, und dieser Begeisterung verdanken wir die Einrichtung
einer ganz vorzüglichen Kapelle. — Dann beschäftigte ihn die Malerei, in
der er selbst das Ungewöhnliche leistet. Selbst bei den täglichen
Belustigungen des Hofes findet dieser Wechsel statt. — Sonst wurde viel
getanzt, jetzt wird an Gesellschaftstagen eine Farobank gehalten, und der
Fürst, ohne im mindesten eigentlicher Spieler zu sein, ergötzt er sich an den
sonderbaren Verknüpfungen des Zufalls, doch bedarf es nur irgend eines
Impulses, um wieder etwas anderes an die Tagesordnung zu bringen. Dieser
erfreulich machen. Ich wette, daß man Sie bis jetzt noch nicht nach Namen
und Stand gefragt hat, und der Gastwirt keineswegs, wie in andern Städten,
in der ersten Viertelstunde mit dem großen Buche unterm Arm feierlich
angerückt ist, worin man genötigt wird, seinen eignen Steckbrief mit
stumpfer Feder und blasser Tinte hineinzukritzeln. Kurz, die ganze
Einrichtung unseres kleinen Staats, in dem die wahre Lebensweisheit
herrscht, geht von unserm herrlichen Fürsten aus, da vorher die Menschen,
wie man mir gesagt hat, durch albernen Pedantismus eines Hofes, der die
Ausgabe des benachbarten großen Hofes in Taschenformat war, gequält
wurden. Der Fürst liebt Künste und Wissenschaften, daher ist ihm jeder
geschickte Künstler, jeder geistreiche Gelehrte willkommen, und der Grad
seines Wissens nur ist die Ahnenprobe, die die Fähigkeit bestimmt, in der
nächsten Umgebung des Fürsten erscheinen zu dürfen. Aber eben in die
Kunst und Wissenschaft des vielseitig gebildeten Fürsten hat sich etwas von
dem Pedantismus geschlichen, der ihn bei seiner Erziehung einzwängte,
und der sich jetzt in dem sklavischen Anhängen an irgend eine Form
ausspricht. Er schrieb und zeichnete den Baumeistern mit ängstlicher
Genauigkeit jedes Detail der Gebäude vor und jede geringe Abweichung
von dem aufgestellten Muster, das er mühsam aus allen nur möglichen
antiquarischen Werken herausgesucht, konnte ihn ebenso ängstigen, als
wenn dieses oder jenes dem verjüngten Maßstab, den ihm die beengten
Verhältnisse aufdrangen, sich durchaus nicht fügen wollte. Durch eben das
Anhängen an diese oder jene Form, die er liebgewonnen, leidet auch unser
Theater, das von der einmal bestimmten Manier, der sich die heterogensten
Elemente fügen müssen, nicht abweicht. Der Fürst wechselt mit gewissen
Lieblingsneigungen, die aber gewiß niemals irgend jemandem zu nahe
treten. Als der Park angelegt wurde, war er leidenschaftlicher Baumeister
und Gärtner, dann begeisterte ihn der Schwung, den seit einiger Zeit die
Musik genommen, und dieser Begeisterung verdanken wir die Einrichtung
einer ganz vorzüglichen Kapelle. — Dann beschäftigte ihn die Malerei, in
der er selbst das Ungewöhnliche leistet. Selbst bei den täglichen
Belustigungen des Hofes findet dieser Wechsel statt. — Sonst wurde viel
getanzt, jetzt wird an Gesellschaftstagen eine Farobank gehalten, und der
Fürst, ohne im mindesten eigentlicher Spieler zu sein, ergötzt er sich an den
sonderbaren Verknüpfungen des Zufalls, doch bedarf es nur irgend eines
Impulses, um wieder etwas anderes an die Tagesordnung zu bringen. Dieser
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schnelle Wechsel der Neigungen hat dem guten Fürsten den Vorwurf
zugezogen, daß ihm diejenige Tiefe des Geistes fehle, in der sich wie in
einem klaren, sonnenhellen See das farbenreiche Bild des Lebens
unverändert spiegelt; meiner Meinung nach tut man ihm aber unrecht, da
eine besondere Regsamkeit des Geistes nur ihn dazu treibt, diesem oder
jenem nach erhaltenem Impuls mit besonderer Leidenschaft nachzuhängen,
ohne daß darüber das ebenso Edle vergessen oder auch nur vernachlässigt
werden sollte. Daher kommt es, daß Sie diesen Park so wohl erhalten sehen,
daß unsere Kapelle, unser Theater fortdauernd auf alle mögliche Weise
unterstützt und gehoben, daß die Gemäldesammlung nach Kräften
bereichert wird. Was aber den Wechsel der Unterhaltungen bei Hofe betrifft,
so ist das wohl ein heitres Spiel im Leben, das jeder dem regsamen Fürsten
zur Erholung vom ernsten, oft mühevollen Geschäft recht herzlich gönnen
mag.“
Wir gingen eben bei ganz herrlichen, mit tiefem malerischem Sinn
gruppierten Gebüschen und Bäumen vorüber, ich äußerte meine
Bewunderung und mein Begleiter sagte: „Alle diese Anlagen, diese
Pflanzungen, diese Blumengruppen sind das Werk der vortrefflichen
Fürstin. Sie ist selbst vollendete Landschaftsmalerin, und außerdem ist die
Naturkunde ihre Lieblingswissenschaft. Sie finden daher ausländische
Bäume, seltene Blumen und Pflanzen, aber nicht wie zur Schau ausgestellt,
sondern mit tiefem Sinn so geordnet und in zwanglose Partien verteilt, als
wären sie ohne alles Zutun der Kunst aus heimatlichem Boden entsprossen.
— Die Fürstin äußerte einen Abscheu gegen all die aus Sandstein
unbeholfen gemeißelten Götter und Göttinnen, Najaden und Driaden,
wovon sonst der Park wimmelte. Diese Standbilder sind deshalb verbannt
worden, und Sie finden nun nur einige gute Kopien nach der Antike, die der
Fürst gewisser, ihm teurer Erinnerungen wegen gern im Park behalten
wollte, die aber die Fürstin so geschickt — mit zartem Sinn des Fürsten
innerste Willensmeinung ergreifend — aufstellen zu lassen wußte, daß sie
auf jeden, dem auch die geheimeren Beziehungen fremd sind, ganz
wunderbar wirken.“
Es war später Abend geworden, wir verließen den Park, mein Begleiter
nahm die Einladung an, mit mir im Gasthofe zu speisen, und gab sich
endlich als den Inspektor der fürstlichen Bildergalerie zu erkennen.
zugezogen, daß ihm diejenige Tiefe des Geistes fehle, in der sich wie in
einem klaren, sonnenhellen See das farbenreiche Bild des Lebens
unverändert spiegelt; meiner Meinung nach tut man ihm aber unrecht, da
eine besondere Regsamkeit des Geistes nur ihn dazu treibt, diesem oder
jenem nach erhaltenem Impuls mit besonderer Leidenschaft nachzuhängen,
ohne daß darüber das ebenso Edle vergessen oder auch nur vernachlässigt
werden sollte. Daher kommt es, daß Sie diesen Park so wohl erhalten sehen,
daß unsere Kapelle, unser Theater fortdauernd auf alle mögliche Weise
unterstützt und gehoben, daß die Gemäldesammlung nach Kräften
bereichert wird. Was aber den Wechsel der Unterhaltungen bei Hofe betrifft,
so ist das wohl ein heitres Spiel im Leben, das jeder dem regsamen Fürsten
zur Erholung vom ernsten, oft mühevollen Geschäft recht herzlich gönnen
mag.“
Wir gingen eben bei ganz herrlichen, mit tiefem malerischem Sinn
gruppierten Gebüschen und Bäumen vorüber, ich äußerte meine
Bewunderung und mein Begleiter sagte: „Alle diese Anlagen, diese
Pflanzungen, diese Blumengruppen sind das Werk der vortrefflichen
Fürstin. Sie ist selbst vollendete Landschaftsmalerin, und außerdem ist die
Naturkunde ihre Lieblingswissenschaft. Sie finden daher ausländische
Bäume, seltene Blumen und Pflanzen, aber nicht wie zur Schau ausgestellt,
sondern mit tiefem Sinn so geordnet und in zwanglose Partien verteilt, als
wären sie ohne alles Zutun der Kunst aus heimatlichem Boden entsprossen.
— Die Fürstin äußerte einen Abscheu gegen all die aus Sandstein
unbeholfen gemeißelten Götter und Göttinnen, Najaden und Driaden,
wovon sonst der Park wimmelte. Diese Standbilder sind deshalb verbannt
worden, und Sie finden nun nur einige gute Kopien nach der Antike, die der
Fürst gewisser, ihm teurer Erinnerungen wegen gern im Park behalten
wollte, die aber die Fürstin so geschickt — mit zartem Sinn des Fürsten
innerste Willensmeinung ergreifend — aufstellen zu lassen wußte, daß sie
auf jeden, dem auch die geheimeren Beziehungen fremd sind, ganz
wunderbar wirken.“
Es war später Abend geworden, wir verließen den Park, mein Begleiter
nahm die Einladung an, mit mir im Gasthofe zu speisen, und gab sich
endlich als den Inspektor der fürstlichen Bildergalerie zu erkennen.
Page 129
Ich äußerte ihm, als wir bei der Mahlzeit vertrauter geworden, meinen
herzlichen Wunsch, der fürstlichen Familie näher zu treten, und er
versicherte, daß nichts leichter sei als dieses, da jeder gebildete, geistreiche
Fremde im Zirkel des Hofes willkommen wäre. Ich dürfe nur dem
Hofmarschall den Besuch machen und ihn bitten, mich dem Fürsten
vorzustellen. Diese diplomatische Art zum Fürsten zu gelangen gefiel mir
um so weniger, als ich kaum hoffen konnte, gewissen lästigen Fragen des
Hofmarschalls über das „Woher?“, über Stand und Charakter zu entgehen;
ich beschloß daher, dem Zufall zu vertrauen, der mir vielleicht den kürzeren
Weg zeigen würde, und das traf auch in der Tat bald ein. Als ich nämlich
eines Morgens in dem, zur Stunde gerade ganz menschenleeren, Park
lustwandelte, begegnete mir der Fürst in einem schlichten Oberrock. Ich
begrüßte ihn, als sei er mir gänzlich unbekannt, er blieb stehen und
eröffnete das Gespräch mit der Frage: „Ob ich fremd hier sei?“ — Ich
bejahte es mit dem Zusatz, wie ich vor ein paar Tagen angekommen und
bloß durchreisen wollen; die Reize des Orts, und vorzüglich die
Gemütlichkeit und Ruhe, die hier überall herrsche, hätten mich aber
vermocht zu verweilen. Ganz unabhängig, bloß der Wissenschaft und der
Kunst lebend, wäre ich gesonnen, recht lange hier zu bleiben, da mich die
ganze Umgebung auf höchste Weise anspreche und anziehe. Dem Fürsten
schien das zu gefallen, und er erbot sich mir als Cicerone alle Anlagen des
Parks zu zeigen. Ich hütete mich zu verraten, daß ich das alles schon
gesehen, sondern ließ mich durch alle Grotten, Tempel, gotische Kapellen,
Pavillons führen, und hörte geduldig die weitschweifigen Kommentare an,
die der Fürst von jeder Anlage gab. Überall nannte er die Muster, nach
welchen gearbeitet worden, machte mich auf die genaue Ausführung der
gestellten Aufgaben aufmerksam, und verbreitete sich überhaupt über die
eigentliche Tendenz, die bei der ganzen Einrichtung d i e s e s Parks zum
Grunde gelegen, und die bei jedem Park vorwalten sollte. Er frug nach
meiner Meinung; ich rühmte die Anmut die Orts, die üppige, herrliche
Vegetation, unterließ aber auch nicht Rücksichts der Gebäude mich ebenso
wie gegen den Gallerieinspektor zu äußern. Er hörte mich aufmerksam an,
er schien manches meiner Urteile nicht gerade zu verwerfen, indessen
schnitt er jede weitere Diskussion über diesen Gegenstand durch die
Äußerung ab, daß ich zwar in ideeller Hinsicht recht haben könne, indessen
mir die Kenntnis des Praktischen und der wahren Art der Ausführung fürs
Leben, abzugehen scheine. Das Gespräch wandte sich zur Kunst, ich bewies
herzlichen Wunsch, der fürstlichen Familie näher zu treten, und er
versicherte, daß nichts leichter sei als dieses, da jeder gebildete, geistreiche
Fremde im Zirkel des Hofes willkommen wäre. Ich dürfe nur dem
Hofmarschall den Besuch machen und ihn bitten, mich dem Fürsten
vorzustellen. Diese diplomatische Art zum Fürsten zu gelangen gefiel mir
um so weniger, als ich kaum hoffen konnte, gewissen lästigen Fragen des
Hofmarschalls über das „Woher?“, über Stand und Charakter zu entgehen;
ich beschloß daher, dem Zufall zu vertrauen, der mir vielleicht den kürzeren
Weg zeigen würde, und das traf auch in der Tat bald ein. Als ich nämlich
eines Morgens in dem, zur Stunde gerade ganz menschenleeren, Park
lustwandelte, begegnete mir der Fürst in einem schlichten Oberrock. Ich
begrüßte ihn, als sei er mir gänzlich unbekannt, er blieb stehen und
eröffnete das Gespräch mit der Frage: „Ob ich fremd hier sei?“ — Ich
bejahte es mit dem Zusatz, wie ich vor ein paar Tagen angekommen und
bloß durchreisen wollen; die Reize des Orts, und vorzüglich die
Gemütlichkeit und Ruhe, die hier überall herrsche, hätten mich aber
vermocht zu verweilen. Ganz unabhängig, bloß der Wissenschaft und der
Kunst lebend, wäre ich gesonnen, recht lange hier zu bleiben, da mich die
ganze Umgebung auf höchste Weise anspreche und anziehe. Dem Fürsten
schien das zu gefallen, und er erbot sich mir als Cicerone alle Anlagen des
Parks zu zeigen. Ich hütete mich zu verraten, daß ich das alles schon
gesehen, sondern ließ mich durch alle Grotten, Tempel, gotische Kapellen,
Pavillons führen, und hörte geduldig die weitschweifigen Kommentare an,
die der Fürst von jeder Anlage gab. Überall nannte er die Muster, nach
welchen gearbeitet worden, machte mich auf die genaue Ausführung der
gestellten Aufgaben aufmerksam, und verbreitete sich überhaupt über die
eigentliche Tendenz, die bei der ganzen Einrichtung d i e s e s Parks zum
Grunde gelegen, und die bei jedem Park vorwalten sollte. Er frug nach
meiner Meinung; ich rühmte die Anmut die Orts, die üppige, herrliche
Vegetation, unterließ aber auch nicht Rücksichts der Gebäude mich ebenso
wie gegen den Gallerieinspektor zu äußern. Er hörte mich aufmerksam an,
er schien manches meiner Urteile nicht gerade zu verwerfen, indessen
schnitt er jede weitere Diskussion über diesen Gegenstand durch die
Äußerung ab, daß ich zwar in ideeller Hinsicht recht haben könne, indessen
mir die Kenntnis des Praktischen und der wahren Art der Ausführung fürs
Leben, abzugehen scheine. Das Gespräch wandte sich zur Kunst, ich bewies
Page 130
mich als guter Kenner der Malerei und als praktischer Tonkünstler, ich
wagte manchen Widerspruch gegen seine Urteile, die geistreich und präcis
seine innere Überzeugung aussprachen, aber auch wahrnehmen ließen, daß
seine Kunstbildung zwar bei weitem d i e übertraf, wie sie die Großen
gemeinhin zu erhalten pflegen, indessen doch viel zu oberflächlich war, um
nur die Tiefe zu ahnen, aus der dem wahren Künstler die herrliche Kunst
aufgeht, und in ihm den göttlichen Funken des Strebens nach dem
Wahrhaftigen entzündet. Meine Widersprüche, meine Ansichten galten ihm
nur als Beweis meines Dilettantismus, der gewöhnlich nicht von der wahren
praktischen Einsicht erleuchtet werde. Er belehrte mich über die wahren
Tendenzen der Malerei und der Musik, über die Bedingnisse des Gemäldes,
der Oper. — Ich erfuhr viel von Kolorit, Draperie, Pyramidalgruppen, von
ernster und komischer Musik, von Szenen für die Primadonna, von Chören,
vom Effekt, vom Helldunkel, der Beleuchtung usw. Ich hörte alles an ohne
den Fürsten, der sich in dieser Unterhaltung recht zu gefallen schien, zu
unterbrechen. Endlich schnitt er selbst seine Rede ab mit der schnellen
Frage: „Spielen Sie Faro?“ — Ich verneinte es. „Das ist ein herrliches
Spiel,“ fuhr er fort, „in seiner hohen Einfachheit das wahre Spiel für
geistreiche Männer. Man tritt gleichsam aus sich selbst heraus, oder besser,
man stellt sich auf einen Standpunkt, von dem man die sonderbaren
Verschlingungen und Verknüpfungen, die die geheime Macht, welche wir
Zufall nennen, mit unsichtbarem Faden spinnt, zu erblicken imstande ist.
Gewinn und Verlust sind die beiden Angeln, auf denen sich die
geheimnisvolle Maschine bewegt, die wir angestoßen, und die nun der ihr
einwohnende Geist nach Willkür forttreibt. — Das Spiel müssen Sie lernen,
ich will selbst Ihr Lehrmeister sein“ — Ich versicherte, bis jetzt nicht viel
Lust zu einem Spiel in mir zu spüren, das, wie mir oft versichert worden,
höchst gefährlich und verderblich sein solle. — Der Fürst lächelte, und fuhr,
mich mit seinen lebhaften, klaren Augen scharf anblickend, fort: „Ei, das
sind kindische Seelen, die das behaupten, aber am Ende halten Sie mich
wohl für einen Spieler, der Sie ins Garn locken will. — Ich bin der Fürst;
gefällt es Ihnen hier in der Residenz, so bleiben Sie hier, und besuchen Sie
meinen Zirkel, in dem wir manchmal Faro spielen, ohne daß ich zugebe,
daß sich irgend jemand durch dies Spiel derangiere, unerachtet das Spiel
bedeutend sein muß um zu interessieren, denn der Zufall ist träge, sobald
ihm nur Unbedeutendes dargeboten wird.“
wagte manchen Widerspruch gegen seine Urteile, die geistreich und präcis
seine innere Überzeugung aussprachen, aber auch wahrnehmen ließen, daß
seine Kunstbildung zwar bei weitem d i e übertraf, wie sie die Großen
gemeinhin zu erhalten pflegen, indessen doch viel zu oberflächlich war, um
nur die Tiefe zu ahnen, aus der dem wahren Künstler die herrliche Kunst
aufgeht, und in ihm den göttlichen Funken des Strebens nach dem
Wahrhaftigen entzündet. Meine Widersprüche, meine Ansichten galten ihm
nur als Beweis meines Dilettantismus, der gewöhnlich nicht von der wahren
praktischen Einsicht erleuchtet werde. Er belehrte mich über die wahren
Tendenzen der Malerei und der Musik, über die Bedingnisse des Gemäldes,
der Oper. — Ich erfuhr viel von Kolorit, Draperie, Pyramidalgruppen, von
ernster und komischer Musik, von Szenen für die Primadonna, von Chören,
vom Effekt, vom Helldunkel, der Beleuchtung usw. Ich hörte alles an ohne
den Fürsten, der sich in dieser Unterhaltung recht zu gefallen schien, zu
unterbrechen. Endlich schnitt er selbst seine Rede ab mit der schnellen
Frage: „Spielen Sie Faro?“ — Ich verneinte es. „Das ist ein herrliches
Spiel,“ fuhr er fort, „in seiner hohen Einfachheit das wahre Spiel für
geistreiche Männer. Man tritt gleichsam aus sich selbst heraus, oder besser,
man stellt sich auf einen Standpunkt, von dem man die sonderbaren
Verschlingungen und Verknüpfungen, die die geheime Macht, welche wir
Zufall nennen, mit unsichtbarem Faden spinnt, zu erblicken imstande ist.
Gewinn und Verlust sind die beiden Angeln, auf denen sich die
geheimnisvolle Maschine bewegt, die wir angestoßen, und die nun der ihr
einwohnende Geist nach Willkür forttreibt. — Das Spiel müssen Sie lernen,
ich will selbst Ihr Lehrmeister sein“ — Ich versicherte, bis jetzt nicht viel
Lust zu einem Spiel in mir zu spüren, das, wie mir oft versichert worden,
höchst gefährlich und verderblich sein solle. — Der Fürst lächelte, und fuhr,
mich mit seinen lebhaften, klaren Augen scharf anblickend, fort: „Ei, das
sind kindische Seelen, die das behaupten, aber am Ende halten Sie mich
wohl für einen Spieler, der Sie ins Garn locken will. — Ich bin der Fürst;
gefällt es Ihnen hier in der Residenz, so bleiben Sie hier, und besuchen Sie
meinen Zirkel, in dem wir manchmal Faro spielen, ohne daß ich zugebe,
daß sich irgend jemand durch dies Spiel derangiere, unerachtet das Spiel
bedeutend sein muß um zu interessieren, denn der Zufall ist träge, sobald
ihm nur Unbedeutendes dargeboten wird.“
Page 131
Schon im Begriff mich zu verlassen, kehrte der Fürst sich noch zu mir
und frug: „Mit wem habe ich aber gesprochen?“ — Ich erwiderte, daß ich
Leonard heiße und als Gelehrter privatisiere, ich sei übrigens keineswegs
von Adel und dürfe vielleicht daher von der mir angebotenen Gnade, im
Hofzirkel zu erscheinen, keinen Gebrauch machen. „Was Adel, was Adel,“
rief der Fürst heftig, „Sie sind, wie ich mich überzeugt habe, ein sehr
unterrichteter, geistreicher Mann. — Die Wissenschaft adelt Sie und macht
Sie fähig, in meiner Umgebung zu erscheinen. Adieu, Herr Leonard, auf
Wiedersehen!“ — So war denn mein Wunsch früher und leichter, als ich es
mir gedacht hatte, erfüllt. Zum erstenmal in meinem Leben sollte ich an
einem Hofe erscheinen, ja, in gewisser Art selbst am Hofe leben, und mir
gingen all die abenteuerlichen Geschichten von den Kabalen, Ränken,
Intriguen der Höfe, wie sie sinnreiche Roman- und Komödienschreiber
aushecken, durch den Kopf. Nach Aussage dieser Leute, mußte der Fürst
von Bösewichtern aller Art umgeben und verblendet, insonderheit aber der
Hofmarschall ein ahnenstolzer, abgeschmackter Pinsel, der erste Minister
ein ränkevoller, habsüchtiger Bösewicht, die Kammerjunker müssen aber
lockere Menschen und Mädchenverführer sein. — Jedes Gesicht ist
kunstmäßig in freundliche Falten gelegt, aber im Herzen Lug und Trug; sie
schmelzen vor Freundschaft und Zärtlichkeit, sie bücken und krümmen
sich, aber jeder ist des andern unversöhnlicher Feind und sucht ihm
hinterlistig ein Bein zu stellen, daß er rettungslos umschlägt und der
Hintermann in seine Stelle tritt, bis ihm ein Gleiches widerfährt. Die
Hofdamen sind häßlich, stolz, ränkevoll, dabei verliebt, und stellen Netze
und Sprenkeln, vor denen man sich zu hüten hat, wie vor dem Feuer! — So
stand das Bild eines Hofes vor meiner Seele, als ich im Seminar so viel
davon gelesen; es war mir immer, als treibe da der Teufel recht ungestört
sein Spiel, und unerachtet mir Leonardus manches von Höfen, an denen er
sonst gewesen, erzählte, was zu meinen Begriffen davon durchaus nicht
passen wollte, so blieb mir doch eine gewisse Scheu vor allem Höfischen
zurück, die noch jetzt, da ich im Begriff stand, einen Hof zu sehen, ihre
Wirkung äußerte. Mein Verlangen der Fürstin näher zu treten, ja eine innere
Stimme, die mir unaufhörlich, wie in dunklen Worten zurief, daß h i e r mein
Geschick sich bestimmen werde, trieben mich unwiderstehlich fort, und um
die bestimmte Stunde befand ich mich, nicht ohne innere Beklemmung, im
fürstlichen Vorsaal. —
und frug: „Mit wem habe ich aber gesprochen?“ — Ich erwiderte, daß ich
Leonard heiße und als Gelehrter privatisiere, ich sei übrigens keineswegs
von Adel und dürfe vielleicht daher von der mir angebotenen Gnade, im
Hofzirkel zu erscheinen, keinen Gebrauch machen. „Was Adel, was Adel,“
rief der Fürst heftig, „Sie sind, wie ich mich überzeugt habe, ein sehr
unterrichteter, geistreicher Mann. — Die Wissenschaft adelt Sie und macht
Sie fähig, in meiner Umgebung zu erscheinen. Adieu, Herr Leonard, auf
Wiedersehen!“ — So war denn mein Wunsch früher und leichter, als ich es
mir gedacht hatte, erfüllt. Zum erstenmal in meinem Leben sollte ich an
einem Hofe erscheinen, ja, in gewisser Art selbst am Hofe leben, und mir
gingen all die abenteuerlichen Geschichten von den Kabalen, Ränken,
Intriguen der Höfe, wie sie sinnreiche Roman- und Komödienschreiber
aushecken, durch den Kopf. Nach Aussage dieser Leute, mußte der Fürst
von Bösewichtern aller Art umgeben und verblendet, insonderheit aber der
Hofmarschall ein ahnenstolzer, abgeschmackter Pinsel, der erste Minister
ein ränkevoller, habsüchtiger Bösewicht, die Kammerjunker müssen aber
lockere Menschen und Mädchenverführer sein. — Jedes Gesicht ist
kunstmäßig in freundliche Falten gelegt, aber im Herzen Lug und Trug; sie
schmelzen vor Freundschaft und Zärtlichkeit, sie bücken und krümmen
sich, aber jeder ist des andern unversöhnlicher Feind und sucht ihm
hinterlistig ein Bein zu stellen, daß er rettungslos umschlägt und der
Hintermann in seine Stelle tritt, bis ihm ein Gleiches widerfährt. Die
Hofdamen sind häßlich, stolz, ränkevoll, dabei verliebt, und stellen Netze
und Sprenkeln, vor denen man sich zu hüten hat, wie vor dem Feuer! — So
stand das Bild eines Hofes vor meiner Seele, als ich im Seminar so viel
davon gelesen; es war mir immer, als treibe da der Teufel recht ungestört
sein Spiel, und unerachtet mir Leonardus manches von Höfen, an denen er
sonst gewesen, erzählte, was zu meinen Begriffen davon durchaus nicht
passen wollte, so blieb mir doch eine gewisse Scheu vor allem Höfischen
zurück, die noch jetzt, da ich im Begriff stand, einen Hof zu sehen, ihre
Wirkung äußerte. Mein Verlangen der Fürstin näher zu treten, ja eine innere
Stimme, die mir unaufhörlich, wie in dunklen Worten zurief, daß h i e r mein
Geschick sich bestimmen werde, trieben mich unwiderstehlich fort, und um
die bestimmte Stunde befand ich mich, nicht ohne innere Beklemmung, im
fürstlichen Vorsaal. —
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Mein ziemlich langer Aufenthalt in jener Reichs- und Handelsstadt hatte
mir dazu gedient, all das Ungelenke, Steife, Eckigte meines Betragens, das
mir sonst noch vom Klosterleben anklebte, ganz abzuschleifen. Mein von
Natur geschmeidiger, vorzüglich wohlgebauter Körper, gewöhnte sich
leicht an die ungezwungene freie Bewegung, die dem Weltmann eigen. Die
Blässe, die den jungen Mönch auch bei schönem Gesicht entstellt, war aus
meinem Gesicht verschwunden, ich befand mich in den Jahren der höchsten
Kraft, die meine Wangen rötete und aus meinen Augen blitzte; meine
dunkelbraunen Locken verbargen jedes Überbleibsel der Tonsur. Zu dem
allem kam, daß ich eine feine, zierliche schwarze Kleidung im neuesten
Geschmack trug, die ich aus der Handelsstadt mitgebracht, und so konnte es
nicht fehlen, daß meine Erscheinung angenehm auf die schon Versammelten
wirken mußte, wie sie es durch ihr zuvorkommendes Betragen, das, sich in
den Schranken der höchsten Feinheit haltend, nicht zudringlich wurde,
bewiesen. So wie nach meiner, aus Romanen und Komödien gezogenen
Theorie, der Fürst, als er mit mir im Park sprach, bei den Worten: ich bin
der Fürst, eigentlich den Oberrock rasch aufknöpfen, und mir einen großen
Stern entgegenblitzen lassen mußte, so sollten auch all die Herren, die den
Fürsten umgaben, in gestickten Röcken, steifen Frisuren usw. einhergehen,
und ich war nicht wenig verwundert, nur einfache, geschmackvolle Anzüge
zu bemerken. Ich nahm war, daß mein Begriff vom Leben am Hofe wohl
überhaupt ein kindisches Vorurteil sein könne, meine Befangenheit verlor
sich, und ganz ermutigte mich der Fürst, der mit den Worten auf mich
zutrat: „Sieh da, Herr Leonard!“ und dann über meinen strengen
kunstrichterlichen Blick scherzte, mit dem ich seinen Park gemustert. —
Die Flügeltüren öffneten sich und die Fürstin trat in den Konversationssaal,
nur von zwei Hofdamen begleitet. Wie erbebte ich bei ihrem Anblick im
Innersten, wie war sie nun, beim Schein der Lichter, meiner Pflegemutter
noch ähnlicher als sonst. — Die Damen umringten sie, man stellte sich vor,
sie sah mich an mit einem Blick, der Erstaunen, eine innere Bewegung
verriet; sie lispelte einige Worte, die ich nicht verstand und kehrte sich dann
zu einer alten Dame, der sie etwas leise sagte, worüber diese unruhig wurde
und mich scharf anblickte. — Alles dieses geschah in einem Moment. —
Jetzt teilte sich die Gesellschaft in kleinere und größere Gruppen, lebhafte
Gespräche begannen, es herrschte ein freier, ungezwungener Ton und doch
fühlte man es, daß man sich im Zirkel des Hofes, in der Nähe des Fürsten
befand, ohne daß dies Gefühl nur im mindesten gedrückt hätte. Kaum eine
mir dazu gedient, all das Ungelenke, Steife, Eckigte meines Betragens, das
mir sonst noch vom Klosterleben anklebte, ganz abzuschleifen. Mein von
Natur geschmeidiger, vorzüglich wohlgebauter Körper, gewöhnte sich
leicht an die ungezwungene freie Bewegung, die dem Weltmann eigen. Die
Blässe, die den jungen Mönch auch bei schönem Gesicht entstellt, war aus
meinem Gesicht verschwunden, ich befand mich in den Jahren der höchsten
Kraft, die meine Wangen rötete und aus meinen Augen blitzte; meine
dunkelbraunen Locken verbargen jedes Überbleibsel der Tonsur. Zu dem
allem kam, daß ich eine feine, zierliche schwarze Kleidung im neuesten
Geschmack trug, die ich aus der Handelsstadt mitgebracht, und so konnte es
nicht fehlen, daß meine Erscheinung angenehm auf die schon Versammelten
wirken mußte, wie sie es durch ihr zuvorkommendes Betragen, das, sich in
den Schranken der höchsten Feinheit haltend, nicht zudringlich wurde,
bewiesen. So wie nach meiner, aus Romanen und Komödien gezogenen
Theorie, der Fürst, als er mit mir im Park sprach, bei den Worten: ich bin
der Fürst, eigentlich den Oberrock rasch aufknöpfen, und mir einen großen
Stern entgegenblitzen lassen mußte, so sollten auch all die Herren, die den
Fürsten umgaben, in gestickten Röcken, steifen Frisuren usw. einhergehen,
und ich war nicht wenig verwundert, nur einfache, geschmackvolle Anzüge
zu bemerken. Ich nahm war, daß mein Begriff vom Leben am Hofe wohl
überhaupt ein kindisches Vorurteil sein könne, meine Befangenheit verlor
sich, und ganz ermutigte mich der Fürst, der mit den Worten auf mich
zutrat: „Sieh da, Herr Leonard!“ und dann über meinen strengen
kunstrichterlichen Blick scherzte, mit dem ich seinen Park gemustert. —
Die Flügeltüren öffneten sich und die Fürstin trat in den Konversationssaal,
nur von zwei Hofdamen begleitet. Wie erbebte ich bei ihrem Anblick im
Innersten, wie war sie nun, beim Schein der Lichter, meiner Pflegemutter
noch ähnlicher als sonst. — Die Damen umringten sie, man stellte sich vor,
sie sah mich an mit einem Blick, der Erstaunen, eine innere Bewegung
verriet; sie lispelte einige Worte, die ich nicht verstand und kehrte sich dann
zu einer alten Dame, der sie etwas leise sagte, worüber diese unruhig wurde
und mich scharf anblickte. — Alles dieses geschah in einem Moment. —
Jetzt teilte sich die Gesellschaft in kleinere und größere Gruppen, lebhafte
Gespräche begannen, es herrschte ein freier, ungezwungener Ton und doch
fühlte man es, daß man sich im Zirkel des Hofes, in der Nähe des Fürsten
befand, ohne daß dies Gefühl nur im mindesten gedrückt hätte. Kaum eine
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einzige Figur fand ich, die in das Bild des Hofes, wie ich ihn mir sonst
dachte, gepaßt haben sollte. Der Hofmarschall war ein alter, lebenslustiger,
aufgeweckter Mann, die Kammerjunker muntre Jünglinge, die nicht im
mindesten danach aussahen, als führten sie Böses im Schilde. Die beiden
Hofdamen schienen Schwestern, sie waren sehr jung und ebenso
unbedeutend, zum Glück aber sehr anspruchslos geputzt. Vorzüglich war es
ein kleiner Mann mit gestützter Nase und lebhaft funkelnden Augen,
schwarz gekleidet, den langen Stahldegen an der Seite, der, indem er sich
mit unglaublicher Schnelle durch die Gesellschaft wand und schlängelte,
und bald hier, bald dort war, nirgends weilend, keinem Rede stehend,
hundert witzige sarkastische Einfälle wie Feuerfunken umhersprühte,
überall reges Leben entzündete. Es war des Fürsten Leibarzt. — Die alte
Dame, mit der die Fürstin gesprochen, hatte unbemerkt mich so geschickt
zu umkreisen gewußt, daß ich, ehe ich mir’s versah, mit ihr allein im
Fenster stand. Sie ließ sich alsbald in ein Gespräch mit mir ein, das, so
schlau sie es anfing, bald den einzigen Zweck verriet, mich über meine
Lebensverhältnisse auszufragen. — Ich war auf dergleichen vorbereitet, und
überzeugt, daß die einfachste anspruchsloseste Erzählung in solchen Fällen
die unschädlichste und gefahrloseste ist, schränkte ich mich darauf ein, ihr
zu sagen, daß ich ehemals Theologie studiert, jetzt aber, nachdem ich den
reichen Vater beerbt, aus Lust und Liebe reise. Meinen Geburtsort verlegte
ich nach dem polnischen Preußen und gab ihm einen solchen barbarischen
Zähne und Zunge zerbrechenden Namen, der der alten Dame das Ohr
verletzte und ihr jede Lust benahm, noch einmal zu fragen. „Ei, ei,“ sagte
die alte Dame, „Sie haben ein Gesicht, mein Herr, das hier gewisse traurige
Erinnerungen wecken könnte, und sind vielleicht mehr als Sie scheinen
wollen, da Ihr Anstand keinesweges auf einen Studenten der Theologie
deutet.“
Nachdem Erfrischungen gereicht worden, ging es in den Saal, wo der
Farotisch in Bereitschaft stand. Der Hofmarschall machte den Banquier,
doch stand er, wie man mir sagte, mit dem Fürsten in der Art im Verein, daß
er allen Gewinn behielt, der Fürst ihm aber jeden Verlust, insofern er den
Fonds der Bank schwächte, ersetzte. Die Herren versammelten sich um den
Tisch, bis auf den Leibarzt, der durchaus niemals spielte, sondern bei den
Damen blieb, die an dem Spiel keinen Anteil nahmen. Der Fürst rief mich
zu sich, ich mußte neben ihm stehen, und er wählte meine Karten, nachdem
er mir in kurzen Worten das Mechanische des Spiels erklärt. Dem Fürsten
dachte, gepaßt haben sollte. Der Hofmarschall war ein alter, lebenslustiger,
aufgeweckter Mann, die Kammerjunker muntre Jünglinge, die nicht im
mindesten danach aussahen, als führten sie Böses im Schilde. Die beiden
Hofdamen schienen Schwestern, sie waren sehr jung und ebenso
unbedeutend, zum Glück aber sehr anspruchslos geputzt. Vorzüglich war es
ein kleiner Mann mit gestützter Nase und lebhaft funkelnden Augen,
schwarz gekleidet, den langen Stahldegen an der Seite, der, indem er sich
mit unglaublicher Schnelle durch die Gesellschaft wand und schlängelte,
und bald hier, bald dort war, nirgends weilend, keinem Rede stehend,
hundert witzige sarkastische Einfälle wie Feuerfunken umhersprühte,
überall reges Leben entzündete. Es war des Fürsten Leibarzt. — Die alte
Dame, mit der die Fürstin gesprochen, hatte unbemerkt mich so geschickt
zu umkreisen gewußt, daß ich, ehe ich mir’s versah, mit ihr allein im
Fenster stand. Sie ließ sich alsbald in ein Gespräch mit mir ein, das, so
schlau sie es anfing, bald den einzigen Zweck verriet, mich über meine
Lebensverhältnisse auszufragen. — Ich war auf dergleichen vorbereitet, und
überzeugt, daß die einfachste anspruchsloseste Erzählung in solchen Fällen
die unschädlichste und gefahrloseste ist, schränkte ich mich darauf ein, ihr
zu sagen, daß ich ehemals Theologie studiert, jetzt aber, nachdem ich den
reichen Vater beerbt, aus Lust und Liebe reise. Meinen Geburtsort verlegte
ich nach dem polnischen Preußen und gab ihm einen solchen barbarischen
Zähne und Zunge zerbrechenden Namen, der der alten Dame das Ohr
verletzte und ihr jede Lust benahm, noch einmal zu fragen. „Ei, ei,“ sagte
die alte Dame, „Sie haben ein Gesicht, mein Herr, das hier gewisse traurige
Erinnerungen wecken könnte, und sind vielleicht mehr als Sie scheinen
wollen, da Ihr Anstand keinesweges auf einen Studenten der Theologie
deutet.“
Nachdem Erfrischungen gereicht worden, ging es in den Saal, wo der
Farotisch in Bereitschaft stand. Der Hofmarschall machte den Banquier,
doch stand er, wie man mir sagte, mit dem Fürsten in der Art im Verein, daß
er allen Gewinn behielt, der Fürst ihm aber jeden Verlust, insofern er den
Fonds der Bank schwächte, ersetzte. Die Herren versammelten sich um den
Tisch, bis auf den Leibarzt, der durchaus niemals spielte, sondern bei den
Damen blieb, die an dem Spiel keinen Anteil nahmen. Der Fürst rief mich
zu sich, ich mußte neben ihm stehen, und er wählte meine Karten, nachdem
er mir in kurzen Worten das Mechanische des Spiels erklärt. Dem Fürsten
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schlugen alle Karten um, und auch ich befand mich, so genau ich den Rat
des Fürsten befolgte, fortwährend im Verlust, der bedeutend wurde, da ein
Louisdor als niedrigster Point galt. Meine Kasse war ziemlich auf die
Neige, und schon oft hatte ich gesonnen, wie es gehen würde, wenn die
letzten Louisdor ausgegeben, um so mehr war mir das Spiel, welches mich
auf einmal arm machen konnte, fatal. Eine neue Taille begann, und ich bat
den Fürsten, mich nun ganz mir selbst zu überlassen, da es scheine, als
wenn ich, als ein ausgemacht unglücklicher Spieler, ihn auch in Verlust
brächte. Der Fürst meinte lächelnd, daß ich noch vielleicht meinen Verlust
hätte einbringen können, wenn ich nach dem Rat des erfahrnen Spielers
fortgefahren, indessen wolle er nun sehn, wie ich mich benehmen würde, da
ich mir so viel zutraue. — Ich zog aus meinen Karten, ohne sie anzusehen,
blindlings eine heraus, es war die Dame. — Wohl mag es lächerlich zu
sagen sein, daß ich in diesem blassen, leblosen Kartengesicht Aureliens
Züge zu entdecken glaubte. Ich starrte das Blatt an, kaum konnte ich meine
innere Bewegung verbergen; der Zuruf des Banquiers, ob das Spiel gemacht
sei, riß mich aus der Betäubung. Ohne mich zu besinnen, zog ich die letzten
fünf Louisdor, die ich noch bei mir trug, aus der Tasche und setzte sie auf
die Dame. Sie gewann, nun setzte ich immer fort und fort auf die Dame,
und immer höher, so wie der Gewinn stieg. Jedesmal, wenn ich wieder die
Dame setzte, riefen die Spieler: „Nein, es ist unmöglich, jetzt muß die
Dame untreu werden — und alle Karten der übrigen Spieler schlugen um.
„Das ist mirakulos, das ist unerhört,“ erscholl es von allen Seiten, indem ich
still und in mich gekehrt, ganz mein Gemüt Aurelien zugewendet, kaum das
Gold achtete, das mir der Banquier einmal übers andere zuschob. — Kurz
in den vier letzten Taillen hatte die Dame unausgesetzt gewonnen und ich
die Taschen voll Gold. Es waren an zweitausend Louisdor, die mir das
Glück durch die Dame zugeteilt, und unerachtet ich nun aller Verlegenheit
enthoben, so konnte ich mich doch eines innern unheimlichen Gefühls nicht
erwehren. — Auf wunderbare Art fand ich einen geheimen Zusammenhang
zwischen dem glücklichen Schuß aufs Geratewohl, der neulich die Hühner
herabwarf, und zwischen meinem heutigen Glück. Es wurde mir klar, daß
nicht ich, sondern die fremde Macht, die in mein Wesen getreten, alles das
Ungewöhnliche bewirke, und ich nur das willenlose Werkzeug sei, dessen
sich jene Macht bediene, zu mir unbekannten Zwecken. Die Erkenntnis
dieses Zwiespalts, der mein Inneres feindselig trennte, gab mir aber Trost,
indem sie mir das allmähliche Aufkeimen eigner Kraft, die bald stärker und
des Fürsten befolgte, fortwährend im Verlust, der bedeutend wurde, da ein
Louisdor als niedrigster Point galt. Meine Kasse war ziemlich auf die
Neige, und schon oft hatte ich gesonnen, wie es gehen würde, wenn die
letzten Louisdor ausgegeben, um so mehr war mir das Spiel, welches mich
auf einmal arm machen konnte, fatal. Eine neue Taille begann, und ich bat
den Fürsten, mich nun ganz mir selbst zu überlassen, da es scheine, als
wenn ich, als ein ausgemacht unglücklicher Spieler, ihn auch in Verlust
brächte. Der Fürst meinte lächelnd, daß ich noch vielleicht meinen Verlust
hätte einbringen können, wenn ich nach dem Rat des erfahrnen Spielers
fortgefahren, indessen wolle er nun sehn, wie ich mich benehmen würde, da
ich mir so viel zutraue. — Ich zog aus meinen Karten, ohne sie anzusehen,
blindlings eine heraus, es war die Dame. — Wohl mag es lächerlich zu
sagen sein, daß ich in diesem blassen, leblosen Kartengesicht Aureliens
Züge zu entdecken glaubte. Ich starrte das Blatt an, kaum konnte ich meine
innere Bewegung verbergen; der Zuruf des Banquiers, ob das Spiel gemacht
sei, riß mich aus der Betäubung. Ohne mich zu besinnen, zog ich die letzten
fünf Louisdor, die ich noch bei mir trug, aus der Tasche und setzte sie auf
die Dame. Sie gewann, nun setzte ich immer fort und fort auf die Dame,
und immer höher, so wie der Gewinn stieg. Jedesmal, wenn ich wieder die
Dame setzte, riefen die Spieler: „Nein, es ist unmöglich, jetzt muß die
Dame untreu werden — und alle Karten der übrigen Spieler schlugen um.
„Das ist mirakulos, das ist unerhört,“ erscholl es von allen Seiten, indem ich
still und in mich gekehrt, ganz mein Gemüt Aurelien zugewendet, kaum das
Gold achtete, das mir der Banquier einmal übers andere zuschob. — Kurz
in den vier letzten Taillen hatte die Dame unausgesetzt gewonnen und ich
die Taschen voll Gold. Es waren an zweitausend Louisdor, die mir das
Glück durch die Dame zugeteilt, und unerachtet ich nun aller Verlegenheit
enthoben, so konnte ich mich doch eines innern unheimlichen Gefühls nicht
erwehren. — Auf wunderbare Art fand ich einen geheimen Zusammenhang
zwischen dem glücklichen Schuß aufs Geratewohl, der neulich die Hühner
herabwarf, und zwischen meinem heutigen Glück. Es wurde mir klar, daß
nicht ich, sondern die fremde Macht, die in mein Wesen getreten, alles das
Ungewöhnliche bewirke, und ich nur das willenlose Werkzeug sei, dessen
sich jene Macht bediene, zu mir unbekannten Zwecken. Die Erkenntnis
dieses Zwiespalts, der mein Inneres feindselig trennte, gab mir aber Trost,
indem sie mir das allmähliche Aufkeimen eigner Kraft, die bald stärker und
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stärker werdend, dem Feinde widerstehen und ihn bekämpfen werde,
verkündete. — Das ewige Abspiegeln von Aureliens Bild konnte nichts
anderes sein als ein verruchtes Verlocken zum bösen Beginnen, und eben
dieser frevelige Mißbrauch des frommen lieben Bildes erfüllte mich mit
Grausen und Abscheu.
In der düstersten Stimmung schlich ich des Morgens durch den Park, als
mir der Fürst, der um die Stunde auch zu lustwandeln pflegte, entgegentrat.
„Nun, Herr Leonard,“ rief er, „wie finden Sie mein Farospiel? — was sagen
Sie von der Laune des Zufalls, der Ihnen alles tolle Beginnen verzieh und
das Gold zuwarf. Sie hatten glücklicherweise die Carte Favorite getroffen,
aber so blindlings dürfen Sie selbst der Carte Favorite nicht immer
vertrauen.“ — Er verbreitete sich weitläufig über den Begriff der Carte
Favorite, gab mir die wohl ersonnensten Regeln, wie man dem Zufall in die
Hand spielen müsse, und schloß mit der Äußerung, daß ich nun mein Glück
im Spiel wohl eifrigst verfolgen werde. Ich versicherte dagegen freimütig,
daß es mein fester Vorsatz sei, nie mehr eine Karte anzurühren. Der Fürst
sah mich verwundert an. — „Eben mein gestriges wunderbares Glück,“
fuhr ich fort, „hat diesen Entschluß erzeugt, denn alles das, was ich sonst
von dem Gefährlichen, ja Verderblichen dieses Spiels gehört, ist dadurch
bewährt worden. Es lag für mich etwas Entsetzliches darin, daß, indem die
gleichgültige Karte, die ich blindlings zog, in mir eine schmerzhafte
herzzerreißende Erinnerung weckte, ich von einer unbekannten Macht
ergriffen wurde, die das Glück des Spiels, den losen Geldgewinn mir
zuwarf, als entsprösse es aus meinem eignen Innern, als wenn ich selbst,
jenes Wesen denkend, das aus der leblosen Karte mir mit glühenden Farben
entgegenstrahlte, dem Zufall gebieten könne, seine geheimsten
Verschlingungen erkennend.“ — „Ich verstehe Sie,“ unterbrach mich der
Fürst, „Sie liebten unglücklich, die Karte rief das Bild der verlornen
Geliebten in Ihre Seele zurück, obgleich mich das, mit Ihrer Erkenntnis,
possierlich anspricht, wenn ich mir das breite, blasse, komische
Kartengesicht der Coeurdame, die Ihnen in die Hand fiel, lebhaft
imaginiere. — Doch Sie dachten nun einmal an die Geliebte, und sie war
Ihnen im Spiel treuer und wohltuender, als vielleicht im Leben; aber was
darin Entsetzliches, Schreckbares liegen soll, kann ich durchaus nicht
begreifen, vielmehr muß es ja erfreulich sein, daß Ihnen das Glück
wohlwollte. Überhaupt — ist Ihnen denn nun einmal die ominöse
Verknüpfung des Spielglücks mit Ihrer Geliebten so unheimlich, so trägt
verkündete. — Das ewige Abspiegeln von Aureliens Bild konnte nichts
anderes sein als ein verruchtes Verlocken zum bösen Beginnen, und eben
dieser frevelige Mißbrauch des frommen lieben Bildes erfüllte mich mit
Grausen und Abscheu.
In der düstersten Stimmung schlich ich des Morgens durch den Park, als
mir der Fürst, der um die Stunde auch zu lustwandeln pflegte, entgegentrat.
„Nun, Herr Leonard,“ rief er, „wie finden Sie mein Farospiel? — was sagen
Sie von der Laune des Zufalls, der Ihnen alles tolle Beginnen verzieh und
das Gold zuwarf. Sie hatten glücklicherweise die Carte Favorite getroffen,
aber so blindlings dürfen Sie selbst der Carte Favorite nicht immer
vertrauen.“ — Er verbreitete sich weitläufig über den Begriff der Carte
Favorite, gab mir die wohl ersonnensten Regeln, wie man dem Zufall in die
Hand spielen müsse, und schloß mit der Äußerung, daß ich nun mein Glück
im Spiel wohl eifrigst verfolgen werde. Ich versicherte dagegen freimütig,
daß es mein fester Vorsatz sei, nie mehr eine Karte anzurühren. Der Fürst
sah mich verwundert an. — „Eben mein gestriges wunderbares Glück,“
fuhr ich fort, „hat diesen Entschluß erzeugt, denn alles das, was ich sonst
von dem Gefährlichen, ja Verderblichen dieses Spiels gehört, ist dadurch
bewährt worden. Es lag für mich etwas Entsetzliches darin, daß, indem die
gleichgültige Karte, die ich blindlings zog, in mir eine schmerzhafte
herzzerreißende Erinnerung weckte, ich von einer unbekannten Macht
ergriffen wurde, die das Glück des Spiels, den losen Geldgewinn mir
zuwarf, als entsprösse es aus meinem eignen Innern, als wenn ich selbst,
jenes Wesen denkend, das aus der leblosen Karte mir mit glühenden Farben
entgegenstrahlte, dem Zufall gebieten könne, seine geheimsten
Verschlingungen erkennend.“ — „Ich verstehe Sie,“ unterbrach mich der
Fürst, „Sie liebten unglücklich, die Karte rief das Bild der verlornen
Geliebten in Ihre Seele zurück, obgleich mich das, mit Ihrer Erkenntnis,
possierlich anspricht, wenn ich mir das breite, blasse, komische
Kartengesicht der Coeurdame, die Ihnen in die Hand fiel, lebhaft
imaginiere. — Doch Sie dachten nun einmal an die Geliebte, und sie war
Ihnen im Spiel treuer und wohltuender, als vielleicht im Leben; aber was
darin Entsetzliches, Schreckbares liegen soll, kann ich durchaus nicht
begreifen, vielmehr muß es ja erfreulich sein, daß Ihnen das Glück
wohlwollte. Überhaupt — ist Ihnen denn nun einmal die ominöse
Verknüpfung des Spielglücks mit Ihrer Geliebten so unheimlich, so trägt
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nicht das Spiel die Schuld, sondern nur Ihre individuelle Stimmung.“ —
„Mag das sein, gnädigster Herr,“ erwiderte ich, „aber ich fühle nur zu
lebhaft, daß es nicht sowohl die Gefahr ist, durch bedeutenden Verlust in die
übelste Lage zu geraten, welche dieses Spiel so verderblich macht, sondern
vielmehr die Kühnheit, geradezu wie in offener Fehde, es mit der geheimen
Macht aufzunehmen, die aus dem Dunkel glänzend hervortritt und uns wie
ein verführerisches Trugbild in eine Region verlockt, in der sie uns höhnend
ergreift und zermalt. Eben dieser Kampf mit jener Macht scheint das
anziehende Wagestück zu sein, das der Mensch, seiner Kraft kindisch
vertrauend, so gern unternimmt, und das er, einmal begonnen, beständig, ja
noch im Todeskampfe den Sieg hoffend, nicht mehr lassen kann. Daher
kommt meines Bedünkens die wahnsinnige Leidenschaft der Farospieler
und die innere Zerrüttung des Geistes, die der bloße Geldverlust nicht nach
sich zu ziehen vermag, und die Sie zerstört. Aber auch schon in
untergeordneter Hinsicht kann selbst dieser Verlust auch den
leidenschaftlosen Spieler, in den noch nicht jenes feindselige Prinzip
gedrungen, in tausend Unannehmlichkeiten, ja in offenbare Not stürzen, da
er doch nur durch die Umstände veranlaßt spielte. Ich darf es gestehen,
gnädigster Herr, daß ich selbst gestern im Begriff stand, meine ganze
Reisekasse gesprengt zu sehen.“ — „Das hätte ich erfahren,“ fiel der Fürst
rasch ein, „und Ihnen den Verlust dreidoppelt ersetzt, denn ich will nicht,
daß sich jemand meines Vergnügens wegen ruiniere, überhaupt kann das bei
mir nicht geschehen, da ich meine Spieler kenne und sie nicht aus den
Augen lasse.“ — „Aber eben diese Einschränkung, gnädigster Herr,“
erwiderte ich, „hebt wieder die Freiheit des Spiels auf und setzt selbst jenen
besonderen Verknüpfungen des Zufalls Schranken, deren Betrachtung
Ihnen, gnädigster Herr, das Spiel so interessant macht. Aber wird nicht auch
dieser oder jener, den die Leidenschaft des Spiels unwiderstehlich ergriffen,
Mittel finden zu seinem eignen Verderben der Aufsicht zu entgehen, und so
ein Mißverhältnis in sein Leben bringen, das ihn zerstört? — Verzeihen Sie
meine Freimütigkeit, gnädigster Herr! — Ich glaube überdem, daß jede
Einschränkung der Freiheit, sollte diese auch gemißbraucht werden,
drückend, ja, als dem menschlichen Wesen schnurstracks entgegenstrebend,
unausstehlich ist.“ — „Sie sind nun einmal, wie es scheint, überall nicht
meiner Meinung, Herr Leonard,“ fuhr der Fürst auf und entfernte sich
rasch, indem er mir ein leichtes „Adieu“ zuwarf. Kaum wußte ich selbst,
wie ich dazu gekommen, mich so offenherzig zu äußern, ja ich hatte
„Mag das sein, gnädigster Herr,“ erwiderte ich, „aber ich fühle nur zu
lebhaft, daß es nicht sowohl die Gefahr ist, durch bedeutenden Verlust in die
übelste Lage zu geraten, welche dieses Spiel so verderblich macht, sondern
vielmehr die Kühnheit, geradezu wie in offener Fehde, es mit der geheimen
Macht aufzunehmen, die aus dem Dunkel glänzend hervortritt und uns wie
ein verführerisches Trugbild in eine Region verlockt, in der sie uns höhnend
ergreift und zermalt. Eben dieser Kampf mit jener Macht scheint das
anziehende Wagestück zu sein, das der Mensch, seiner Kraft kindisch
vertrauend, so gern unternimmt, und das er, einmal begonnen, beständig, ja
noch im Todeskampfe den Sieg hoffend, nicht mehr lassen kann. Daher
kommt meines Bedünkens die wahnsinnige Leidenschaft der Farospieler
und die innere Zerrüttung des Geistes, die der bloße Geldverlust nicht nach
sich zu ziehen vermag, und die Sie zerstört. Aber auch schon in
untergeordneter Hinsicht kann selbst dieser Verlust auch den
leidenschaftlosen Spieler, in den noch nicht jenes feindselige Prinzip
gedrungen, in tausend Unannehmlichkeiten, ja in offenbare Not stürzen, da
er doch nur durch die Umstände veranlaßt spielte. Ich darf es gestehen,
gnädigster Herr, daß ich selbst gestern im Begriff stand, meine ganze
Reisekasse gesprengt zu sehen.“ — „Das hätte ich erfahren,“ fiel der Fürst
rasch ein, „und Ihnen den Verlust dreidoppelt ersetzt, denn ich will nicht,
daß sich jemand meines Vergnügens wegen ruiniere, überhaupt kann das bei
mir nicht geschehen, da ich meine Spieler kenne und sie nicht aus den
Augen lasse.“ — „Aber eben diese Einschränkung, gnädigster Herr,“
erwiderte ich, „hebt wieder die Freiheit des Spiels auf und setzt selbst jenen
besonderen Verknüpfungen des Zufalls Schranken, deren Betrachtung
Ihnen, gnädigster Herr, das Spiel so interessant macht. Aber wird nicht auch
dieser oder jener, den die Leidenschaft des Spiels unwiderstehlich ergriffen,
Mittel finden zu seinem eignen Verderben der Aufsicht zu entgehen, und so
ein Mißverhältnis in sein Leben bringen, das ihn zerstört? — Verzeihen Sie
meine Freimütigkeit, gnädigster Herr! — Ich glaube überdem, daß jede
Einschränkung der Freiheit, sollte diese auch gemißbraucht werden,
drückend, ja, als dem menschlichen Wesen schnurstracks entgegenstrebend,
unausstehlich ist.“ — „Sie sind nun einmal, wie es scheint, überall nicht
meiner Meinung, Herr Leonard,“ fuhr der Fürst auf und entfernte sich
rasch, indem er mir ein leichtes „Adieu“ zuwarf. Kaum wußte ich selbst,
wie ich dazu gekommen, mich so offenherzig zu äußern, ja ich hatte
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niemals, unerachtet ich in der Handelsstadt oft an bedeutenden Banken als
Zuschauer stand, genug über das Spiel nachgedacht, um meine
Überzeugung im Innern so zu ordnen, wie sie mir jetzt unwillkürlich von
den Lippen floß. Es tat mir leid, die Gnade des Fürsten verscherzt und das
Recht verloren zu haben, im Zirkel des Hofes erscheinen und der Fürstin
näher treten zu dürfen. Ich hatte mich indessen geirrt, denn noch denselben
Abend erhielt ich eine Einladungskarte zum Hofkonzert und der Fürst sagte
im Vorbeistreifen mit freundlichem Humor zu mir: „Guten Abend, Herr
Leonard, gebe der Himmel, daß meine Kapelle heute Ehre einlegt und
meine Musik Ihnen besser gefällt als mein Park.“
Die Musik war in der Tat recht artig, es ging alles präcis, indessen
schien mir die Wahl der Stücke nicht glücklich, indem eins die Wirkung des
andern vernichtete, und vorzüglich erregte mir eine lange Szene, die mir
wie nach einer aufgegebenen Formel komponiert zu sein schien, herzliche
Langeweile. Ich hütete mich wohl, meine wahre innere Meinung zu äußern
und hatte um so klüger daran getan, als man mir in der Folge sagte, daß
eben jene lange Szene eine Komposition des Fürsten gewesen.
Ohne Bedenken fand ich mich in dem nächsten Zirkel des Hofes ein
und wollte selbst am Farospiel teilnehmen, um den Fürsten ganz mit mir zu
versöhnen, aber nicht wenig erstaunte ich, als ich keine Bank erblickte,
vielmehr sich einige gewöhnliche Spieltische formten, und unter den
übrigen Herren und Damen, die sich im Zirkel um den Fürsten setzten, eine
lebhafte geistreiche Unterhaltung begann. Dieser oder jener wußte manches
Ergötzliche zu erzählen, ja Anekdoten mit scharfer Spitze wurden nicht
verschmäht; meine Rednergabe kam mir zu statten, und es waren
Andeutungen aus meinem eigenen Leben, die ich unter der Hülle
romantischer Dichtung auf anziehende Weise vorzutragen wußte. So erwarb
ich mir die Aufmerksamkeit und den Beifall des Zirkels; der Fürst liebte
aber mehr das Heitre, Humoristische, und darin übertraf niemand den
Leibarzt, der in tausend possierlichen Einfällen und Wendungen
unerschöpflich war.
Diese Art der Unterhaltung erweiterte sich dahin, daß oft dieser oder
jener etwas aufgeschrieben hatte, das er in der Gesellschaft vorlas, und so
kam es denn, daß das Ganze bald das Ansehen eines wohlorganisierten
literarisch-ästhetischen Vereins erhielt, in dem der Fürst präsidierte, und in
welchem jeder das Fach ergriff, welches ihm am mehrsten zusagte. —
Zuschauer stand, genug über das Spiel nachgedacht, um meine
Überzeugung im Innern so zu ordnen, wie sie mir jetzt unwillkürlich von
den Lippen floß. Es tat mir leid, die Gnade des Fürsten verscherzt und das
Recht verloren zu haben, im Zirkel des Hofes erscheinen und der Fürstin
näher treten zu dürfen. Ich hatte mich indessen geirrt, denn noch denselben
Abend erhielt ich eine Einladungskarte zum Hofkonzert und der Fürst sagte
im Vorbeistreifen mit freundlichem Humor zu mir: „Guten Abend, Herr
Leonard, gebe der Himmel, daß meine Kapelle heute Ehre einlegt und
meine Musik Ihnen besser gefällt als mein Park.“
Die Musik war in der Tat recht artig, es ging alles präcis, indessen
schien mir die Wahl der Stücke nicht glücklich, indem eins die Wirkung des
andern vernichtete, und vorzüglich erregte mir eine lange Szene, die mir
wie nach einer aufgegebenen Formel komponiert zu sein schien, herzliche
Langeweile. Ich hütete mich wohl, meine wahre innere Meinung zu äußern
und hatte um so klüger daran getan, als man mir in der Folge sagte, daß
eben jene lange Szene eine Komposition des Fürsten gewesen.
Ohne Bedenken fand ich mich in dem nächsten Zirkel des Hofes ein
und wollte selbst am Farospiel teilnehmen, um den Fürsten ganz mit mir zu
versöhnen, aber nicht wenig erstaunte ich, als ich keine Bank erblickte,
vielmehr sich einige gewöhnliche Spieltische formten, und unter den
übrigen Herren und Damen, die sich im Zirkel um den Fürsten setzten, eine
lebhafte geistreiche Unterhaltung begann. Dieser oder jener wußte manches
Ergötzliche zu erzählen, ja Anekdoten mit scharfer Spitze wurden nicht
verschmäht; meine Rednergabe kam mir zu statten, und es waren
Andeutungen aus meinem eigenen Leben, die ich unter der Hülle
romantischer Dichtung auf anziehende Weise vorzutragen wußte. So erwarb
ich mir die Aufmerksamkeit und den Beifall des Zirkels; der Fürst liebte
aber mehr das Heitre, Humoristische, und darin übertraf niemand den
Leibarzt, der in tausend possierlichen Einfällen und Wendungen
unerschöpflich war.
Diese Art der Unterhaltung erweiterte sich dahin, daß oft dieser oder
jener etwas aufgeschrieben hatte, das er in der Gesellschaft vorlas, und so
kam es denn, daß das Ganze bald das Ansehen eines wohlorganisierten
literarisch-ästhetischen Vereins erhielt, in dem der Fürst präsidierte, und in
welchem jeder das Fach ergriff, welches ihm am mehrsten zusagte. —
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Einmal hatte ein Gelehrter, der ein trefflicher, tiefdenkender Physiker war,
uns mit neuen interessanten Entdeckungen im Gebiet seiner Wissenschaft
überrascht, und so sehr dies d e n Teil der Gesellschaft ansprach, der
wissenschaftlich genug war, den Vortrag des Professors zu fassen, so sehr
langweilte sich d e r Teil, dem das alles fremd und unbekannt blieb. Selbst
der Fürst schien sich nicht sonderlich in die Ideen des Professors zu finden,
und auf den Schluß mit herzlicher Sehnsucht zu warten. Endlich hatte der
Professor geendet, der Leibarzt war vorzüglich erfreut und brach aus in Lob
und Bewunderung, indem er hinzufügte, daß dem tiefen Wissenschaftlichen
wohl zur Erheiterung des Gemüts etwas folgen könne, das nun eben auf
nichts weiter Anspruch mache, als auf Erreichung dieses Zwecks. — Die
Schwächlichen, die die Macht der ihnen fremden Wissenschaft gebeugt
hatte, richteten sich auf, und selbst des Fürsten Gesicht überflog ein
Lächeln, welches bewies, wie sehr ihm die Rückkehr ins Alltagsleben
wohltat.
„Sie wissen, gnädigster Herr,“ hob der Leibarzt an, indem er sich zum
Fürsten wandte, „daß ich auf meinen Reisen nicht unterließ, all die lustigen
Vorfälle, wie sie das Leben durchkreuzen, vorzüglich aber die possierlichen
Originale die mir aufstießen, treu in meinem Reisejournal zu bewahren, und
eben aus diesem Journal bin ich im Begriff etwas mitzuteilen, das, ohne
sonderlich bedeutend zu sein, doch mir ergötzlich scheint. — Auf meiner
vorjährigen Reise kam ich in später Nacht in das schöne, große Dorf vier
Stunden von B.; ich entschloß mich in den stattlichen Gasthof einzukehren,
wo mich ein freundlicher, aufgeweckter Wirt empfing. Ermüdet, ja
zerschlagen von der weiten Reise, warf ich mich in meinem Zimmer gleich
ins Bette, um recht auszuschlafen, aber es mochte eben Eins geschlagen
haben, als mich eine Flöte, die dicht neben mir geblasen wurde, weckte. In
meinem Leben hatt’ ich solch ein Blasen nicht gehört. Der Mensch muß
ungeheure Lungen haben, denn mit einem schneidenden, durchdringenden
Ton, der den Charakter des Instruments ganz vernichtete, blies er immer
dieselbe Passage hintereinander fort, so daß man sich nichts
Abscheulicheres, Unsinnigeres denken konnte. Ich schimpfte und fluchte
auf den verdammten tollen Musikanten, der mir den Schlaf raubte und die
Ohren zerriß, aber wie ein aufgezogenes Uhrwerk rollte die Passage fort,
bis ich endlich einen dumpfen Schlag vernahm, als würde etwas gegen die
Wand geschleudert, worauf es still blieb und ich ruhig fortschlafen konnte.
uns mit neuen interessanten Entdeckungen im Gebiet seiner Wissenschaft
überrascht, und so sehr dies d e n Teil der Gesellschaft ansprach, der
wissenschaftlich genug war, den Vortrag des Professors zu fassen, so sehr
langweilte sich d e r Teil, dem das alles fremd und unbekannt blieb. Selbst
der Fürst schien sich nicht sonderlich in die Ideen des Professors zu finden,
und auf den Schluß mit herzlicher Sehnsucht zu warten. Endlich hatte der
Professor geendet, der Leibarzt war vorzüglich erfreut und brach aus in Lob
und Bewunderung, indem er hinzufügte, daß dem tiefen Wissenschaftlichen
wohl zur Erheiterung des Gemüts etwas folgen könne, das nun eben auf
nichts weiter Anspruch mache, als auf Erreichung dieses Zwecks. — Die
Schwächlichen, die die Macht der ihnen fremden Wissenschaft gebeugt
hatte, richteten sich auf, und selbst des Fürsten Gesicht überflog ein
Lächeln, welches bewies, wie sehr ihm die Rückkehr ins Alltagsleben
wohltat.
„Sie wissen, gnädigster Herr,“ hob der Leibarzt an, indem er sich zum
Fürsten wandte, „daß ich auf meinen Reisen nicht unterließ, all die lustigen
Vorfälle, wie sie das Leben durchkreuzen, vorzüglich aber die possierlichen
Originale die mir aufstießen, treu in meinem Reisejournal zu bewahren, und
eben aus diesem Journal bin ich im Begriff etwas mitzuteilen, das, ohne
sonderlich bedeutend zu sein, doch mir ergötzlich scheint. — Auf meiner
vorjährigen Reise kam ich in später Nacht in das schöne, große Dorf vier
Stunden von B.; ich entschloß mich in den stattlichen Gasthof einzukehren,
wo mich ein freundlicher, aufgeweckter Wirt empfing. Ermüdet, ja
zerschlagen von der weiten Reise, warf ich mich in meinem Zimmer gleich
ins Bette, um recht auszuschlafen, aber es mochte eben Eins geschlagen
haben, als mich eine Flöte, die dicht neben mir geblasen wurde, weckte. In
meinem Leben hatt’ ich solch ein Blasen nicht gehört. Der Mensch muß
ungeheure Lungen haben, denn mit einem schneidenden, durchdringenden
Ton, der den Charakter des Instruments ganz vernichtete, blies er immer
dieselbe Passage hintereinander fort, so daß man sich nichts
Abscheulicheres, Unsinnigeres denken konnte. Ich schimpfte und fluchte
auf den verdammten tollen Musikanten, der mir den Schlaf raubte und die
Ohren zerriß, aber wie ein aufgezogenes Uhrwerk rollte die Passage fort,
bis ich endlich einen dumpfen Schlag vernahm, als würde etwas gegen die
Wand geschleudert, worauf es still blieb und ich ruhig fortschlafen konnte.
Page 139
Am Morgen hörte ich ein starkes Gezänk unten im Hause. Ich
unterschied die Stimme des Wirts und eines Mannes, der unaufhörlich
schrie: „Verdammt sei Ihr Haus, wäre ich nie über die Schwelle getreten. —
Der Teufel hat mich in ihr Haus geführt, wo man nichts trinken, nichts
genießen kann! — alles ist infam schlecht und hundemäßig teuer. — Da
haben Sie Ihr Geld, Adieu, Sie sehen mich nicht wieder in Ihrer
vermaledeiten Kneipe.“ — Damit sprang ein kleiner, winddürrer Mann, in
einem kaffeebraunen Rocke und fuchsroter runder Perücke, auf die er einen
grauen Hut ganz schief und martialisch gestülpt, schnell zum Hause hinaus
und lief nach dem Stalle, aus dem ich ihn bald auf einem ziemlich steifen
Gaule in schwerfälligem Galopp zum Hofe hinausreiten sah.
Natürlich hielt ich ihn für einen Fremden, der sich mit dem Wirt
entzweit habe und nun abgereist sei; eben deshalb nahm es mich nicht
wenig wunder, als ich mittags, da ich mich in der Wirtsstube befand,
dieselbe komische kaffeebraune Figur mit der fuchsroten Perücke, welche
des Morgens hinausritt, eintreten und ohne Umstände an dem gedeckten
Tisch Platz nehmen sah. Es war das häßlichste und dabei possierlichste
Gesicht, das mir jemals aufstieß. In dem ganzen Wesen des Mannes lag so
etwas drollig Ernstes, daß man ihn betrachtend, sich kaum des Lachens
enthalten konnte. Wir aßen miteinander, und ein wortkarges Gespräch
schlich zwischen mir und dem Wirt hin, ohne daß der Fremde, der gewaltig
aß, daran Anteil nehmen wollte. Offenbar war es, wie ich nachher einsah,
Bosheit des Wirts, daß er das Gespräch geschickt auf nationelle
Eigentümlichkeiten lenkte, und mich geradezu frug, ob ich wohl schon
Irländer kennen gelernt und von ihren sogenannten Bulls etwas wisse?
Allerdings! erwiderte ich, indem mir gleich eine ganze Reihe solcher Bulls
durch den Kopf ging. Ich erzählte von jenem Irländer, der, als man ihn frug,
warum er den Strumpf verkehrt angezogen, ganz treuherzig antwortete:
„Auf der rechten Seite ist ein Loch!“ — Es kam mir ferner der herrliche
Bull jenes Irländers in den Sinn, der mit einem jähzornigen Schotten
zusammen in einem Bette schlief und den bloßen Fuß unter der Decke
hervorgestreckt hatte. Nun bemerkte dies ein Engländer, der im Zimmer
befindlich und schnallte flugs dem Irländer den Sporn an den Fuß, den er
von seinem Stiefel heruntergenommen. Der Irländer zog schlafend den Fuß
wieder unter die Decke und ritzte mit dem Sporn den Schotten, der darüber
aufwachte und dem Irländer eine tüchtige Ohrfeige gab. Darauf entspann
sich unter ihnen folgendes sinnreiche Gespräch: „Was Teufel ficht dich an,
unterschied die Stimme des Wirts und eines Mannes, der unaufhörlich
schrie: „Verdammt sei Ihr Haus, wäre ich nie über die Schwelle getreten. —
Der Teufel hat mich in ihr Haus geführt, wo man nichts trinken, nichts
genießen kann! — alles ist infam schlecht und hundemäßig teuer. — Da
haben Sie Ihr Geld, Adieu, Sie sehen mich nicht wieder in Ihrer
vermaledeiten Kneipe.“ — Damit sprang ein kleiner, winddürrer Mann, in
einem kaffeebraunen Rocke und fuchsroter runder Perücke, auf die er einen
grauen Hut ganz schief und martialisch gestülpt, schnell zum Hause hinaus
und lief nach dem Stalle, aus dem ich ihn bald auf einem ziemlich steifen
Gaule in schwerfälligem Galopp zum Hofe hinausreiten sah.
Natürlich hielt ich ihn für einen Fremden, der sich mit dem Wirt
entzweit habe und nun abgereist sei; eben deshalb nahm es mich nicht
wenig wunder, als ich mittags, da ich mich in der Wirtsstube befand,
dieselbe komische kaffeebraune Figur mit der fuchsroten Perücke, welche
des Morgens hinausritt, eintreten und ohne Umstände an dem gedeckten
Tisch Platz nehmen sah. Es war das häßlichste und dabei possierlichste
Gesicht, das mir jemals aufstieß. In dem ganzen Wesen des Mannes lag so
etwas drollig Ernstes, daß man ihn betrachtend, sich kaum des Lachens
enthalten konnte. Wir aßen miteinander, und ein wortkarges Gespräch
schlich zwischen mir und dem Wirt hin, ohne daß der Fremde, der gewaltig
aß, daran Anteil nehmen wollte. Offenbar war es, wie ich nachher einsah,
Bosheit des Wirts, daß er das Gespräch geschickt auf nationelle
Eigentümlichkeiten lenkte, und mich geradezu frug, ob ich wohl schon
Irländer kennen gelernt und von ihren sogenannten Bulls etwas wisse?
Allerdings! erwiderte ich, indem mir gleich eine ganze Reihe solcher Bulls
durch den Kopf ging. Ich erzählte von jenem Irländer, der, als man ihn frug,
warum er den Strumpf verkehrt angezogen, ganz treuherzig antwortete:
„Auf der rechten Seite ist ein Loch!“ — Es kam mir ferner der herrliche
Bull jenes Irländers in den Sinn, der mit einem jähzornigen Schotten
zusammen in einem Bette schlief und den bloßen Fuß unter der Decke
hervorgestreckt hatte. Nun bemerkte dies ein Engländer, der im Zimmer
befindlich und schnallte flugs dem Irländer den Sporn an den Fuß, den er
von seinem Stiefel heruntergenommen. Der Irländer zog schlafend den Fuß
wieder unter die Decke und ritzte mit dem Sporn den Schotten, der darüber
aufwachte und dem Irländer eine tüchtige Ohrfeige gab. Darauf entspann
sich unter ihnen folgendes sinnreiche Gespräch: „Was Teufel ficht dich an,
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warum schlägst du mich?“ — „Weil du mich mit deinem Sporn geritzt
hast!“ — „Wie ist das möglich, da ich mit bloßen Füßen bei dir im Bette
liege.“ — „Und doch ist es so, sieh nur her.“ — „Gott verdamm mich, du
hast recht, hat der verfluchte Kerl von Hausknecht mir den Stiefel
ausgezogen und den Sporn sitzen lassen.“ — Der Wirt brach in ein
unmäßiges Gelächter aus, aber der Fremde, der eben mit dem Essen fertig
worden und ein großes Glas Bier hinuntergestürzt hatte, sah mich ernst an
und sprach: „Sie haben ganz recht, die Irländer machen oft dergleichen
Bulls, aber es liegt keineswegs an dem Volke, das regsam und geistreich ist,
vielmehr weht dort eine solche verfluchte Luft, die einen mit dergleichen
Tollheiten wie mit einem Schnupfen befällt, denn, mein Herr, ich selbst bin
zwar ein Engländer, aber in Irland geboren und erzogen und nur deshalb
jener verdammten Krankheit der Bulls unterworfen.“ — Der Wirt lachte
noch stärker und ich mußte unwillkürlich einstimmen, denn sehr ergötzlich
war es doch, daß der Irländer, nur von Bulls sprechend, gleich selbst einen
ganz vortrefflichen zum besten gab. Der Fremde, weit entfernt durch unser
Gelächter beleidigt zu werden, riß die Augen weit auf, legte die Finger an
die Nase und sprach: „In England sind die Irländer das starke Gewürz, das
der Gesellschaft hinzugefügt wird, um sie schmackhaft zu machen. Ich
selbst bin in dem einzigen Stück dem Fallstaff ähnlich, daß ich oft nicht
allein selbst witzig bin, sondern auch den Witz anderer erwecke, was in
dieser nüchternen Zeit kein geringes Verdienst ist. Sollten Sie denken, daß
in dieser ledernen leeren Bierwirtsseele sich auch oft dergleichen regt, bloß
auf meinen Anlaß? Aber dieser Wirt ist ein guter Wirt, er greift sein dürftig
Kapital von guten Einfällen durchaus nicht an, sondern leiht hie und da in
Gesellschaft der Reichen nur einen aus auf hohe Zinsen; er zeigt, ist er
dieser Zinsen nicht versichert, wie eben jetzt, höchstens den Einband eines
Hauptbuchs, und der ist sein unmäßiges Lachen; denn in dieses Lachen hat
er seinen Witz eingewickelt. Gott befohlen meine Herren!“ — damit schritt
der originelle Mann zur Türe hinaus, und ich bat den Wirt sofort um
Auskunft über ihn. „Dieser Irländer,“ sagte der Wirt, „der Ewson heißt und
deswegen ein Engländer sein will, weil sein Stammbaum in England
wurzelt, ist erst seit kurzer Zeit hier, es werden nun gerade zweiundzwanzig
Jahre sein. — Ich hatte als ein junger Mensch den Gasthof gekauft und hielt
Hochzeit, als Herr Ewson, der auch noch ein Jüngling war, aber schon
damals eine fuchsrote Perücke, einen grauen Hut und einen kaffeebraunen
Rock von demselben Schnitt wie heute trug, auf der Rückreise nach seinem
hast!“ — „Wie ist das möglich, da ich mit bloßen Füßen bei dir im Bette
liege.“ — „Und doch ist es so, sieh nur her.“ — „Gott verdamm mich, du
hast recht, hat der verfluchte Kerl von Hausknecht mir den Stiefel
ausgezogen und den Sporn sitzen lassen.“ — Der Wirt brach in ein
unmäßiges Gelächter aus, aber der Fremde, der eben mit dem Essen fertig
worden und ein großes Glas Bier hinuntergestürzt hatte, sah mich ernst an
und sprach: „Sie haben ganz recht, die Irländer machen oft dergleichen
Bulls, aber es liegt keineswegs an dem Volke, das regsam und geistreich ist,
vielmehr weht dort eine solche verfluchte Luft, die einen mit dergleichen
Tollheiten wie mit einem Schnupfen befällt, denn, mein Herr, ich selbst bin
zwar ein Engländer, aber in Irland geboren und erzogen und nur deshalb
jener verdammten Krankheit der Bulls unterworfen.“ — Der Wirt lachte
noch stärker und ich mußte unwillkürlich einstimmen, denn sehr ergötzlich
war es doch, daß der Irländer, nur von Bulls sprechend, gleich selbst einen
ganz vortrefflichen zum besten gab. Der Fremde, weit entfernt durch unser
Gelächter beleidigt zu werden, riß die Augen weit auf, legte die Finger an
die Nase und sprach: „In England sind die Irländer das starke Gewürz, das
der Gesellschaft hinzugefügt wird, um sie schmackhaft zu machen. Ich
selbst bin in dem einzigen Stück dem Fallstaff ähnlich, daß ich oft nicht
allein selbst witzig bin, sondern auch den Witz anderer erwecke, was in
dieser nüchternen Zeit kein geringes Verdienst ist. Sollten Sie denken, daß
in dieser ledernen leeren Bierwirtsseele sich auch oft dergleichen regt, bloß
auf meinen Anlaß? Aber dieser Wirt ist ein guter Wirt, er greift sein dürftig
Kapital von guten Einfällen durchaus nicht an, sondern leiht hie und da in
Gesellschaft der Reichen nur einen aus auf hohe Zinsen; er zeigt, ist er
dieser Zinsen nicht versichert, wie eben jetzt, höchstens den Einband eines
Hauptbuchs, und der ist sein unmäßiges Lachen; denn in dieses Lachen hat
er seinen Witz eingewickelt. Gott befohlen meine Herren!“ — damit schritt
der originelle Mann zur Türe hinaus, und ich bat den Wirt sofort um
Auskunft über ihn. „Dieser Irländer,“ sagte der Wirt, „der Ewson heißt und
deswegen ein Engländer sein will, weil sein Stammbaum in England
wurzelt, ist erst seit kurzer Zeit hier, es werden nun gerade zweiundzwanzig
Jahre sein. — Ich hatte als ein junger Mensch den Gasthof gekauft und hielt
Hochzeit, als Herr Ewson, der auch noch ein Jüngling war, aber schon
damals eine fuchsrote Perücke, einen grauen Hut und einen kaffeebraunen
Rock von demselben Schnitt wie heute trug, auf der Rückreise nach seinem
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Vaterlande begriffen, hier vorbeikam, und durch die Tanzmusik, die lustig
erschallte, hereingelockt wurde. Er schwur, daß man nur auf dem Schiffe zu
tanzen verstehe, wo er es seit seiner Kindheit erlernt, und führte, um dies zu
beweisen, indem er auf gräßliche Weise dazu zwischen den Zähnen pfiff,
einen Hornpipe auf, wobei er aber bei einem Hauptsprunge sich den Fuß
dermaßen verrenkte, daß er bei mir liegen bleiben und sich heilen lassen
mußte. — Seit der Zeit hat er mich nicht wieder verlassen. Mit seinen
Eigenheiten habe ich meine liebe Not; jeden Tag seit den vielen Jahren
zankt er mit mir, er schmält auf die Lebensart, er wirft mir vor, daß ich ihn
überteure, daß er ohne Roastbeef und Porter nicht länger leben könne, packt
sein Felleisen, setzt seine drei Perücken auf, eine über die andre, nimmt von
mir Abschied und reitet auf seinem alten Gaule davon. Das ist aber nur sein
Spazierritt, denn mittags kommt er wieder zum andern Tore herein, setzt
sich, wie Sie heute gesehen haben, ruhig an den Tisch und ißt von den
ungenießbaren Speisen für drei Mann. Jedes Jahr erhält er einen starken
Wechsel; dann sagt er mir ganz wehmütig Lebewohl, er nennt mich seinen
besten Freund und vergießt Tränen, wobei mir auch die Tränen über die
Backen laufen, aber vor unterdrücktem Lachen. Nachdem er noch, Lebens
und Sterbens halber, seinen letzten Willen aufgesetzt, und, wie er sagt,
meiner ältesten Tochter sein Vermögen vermacht hat, reitet er ganz langsam
und betrübt nach der Stadt. Den dritten oder höchstens vierten Tag ist er
aber wieder hier und bringt zwei kaffeebraune Röcke, drei fuchsrote
Perücken, eine gleißender wie die andere, sechs Hemden, einen neuen
grauen Hut und andere Bedürfnisse seines Anzuges, meiner ältesten
Tochter, seiner Lieblingin, aber ein Tütchen Zuckerwerk mit, wie einem
Kinde, unerachtet sie nun schon achtzehn Jahre alt worden. Er denkt dann
weder an seinen Aufenthalt in der Stadt, noch an die Heimreise. Seine
Zeche berichtigt er jeden Abend und das Geld für das Frühstück wirft er mir
jeden Morgen zornig hin, wenn er wegreitet, um nicht wiederzukommen.
Sonst ist er der gutmütigste Mensch von der Welt, er beschenkt meine
Kinder bei jeder Gelegenheit, er tut den Armen im Dorfe wohl, nur den
Prediger kann er nicht leiden, weil er, wie Herr Ewson es von dem
Schulmeister erfuhr, einmal ein Goldstück, das Ewson in die Armenbüchse
geworfen, eingewechselt und lauter Kupferpfennige dafür gegeben hat. Seit
der Zeit weicht er ihm überall aus und geht niemals in die Kirche, weshalb
der Prediger ihn für einen Atheisten ausschreit. Wie gesagt, habe ich aber
oft meine liebe Not mit ihm, weil er jähzornig ist und ganz tolle Einfälle
erschallte, hereingelockt wurde. Er schwur, daß man nur auf dem Schiffe zu
tanzen verstehe, wo er es seit seiner Kindheit erlernt, und führte, um dies zu
beweisen, indem er auf gräßliche Weise dazu zwischen den Zähnen pfiff,
einen Hornpipe auf, wobei er aber bei einem Hauptsprunge sich den Fuß
dermaßen verrenkte, daß er bei mir liegen bleiben und sich heilen lassen
mußte. — Seit der Zeit hat er mich nicht wieder verlassen. Mit seinen
Eigenheiten habe ich meine liebe Not; jeden Tag seit den vielen Jahren
zankt er mit mir, er schmält auf die Lebensart, er wirft mir vor, daß ich ihn
überteure, daß er ohne Roastbeef und Porter nicht länger leben könne, packt
sein Felleisen, setzt seine drei Perücken auf, eine über die andre, nimmt von
mir Abschied und reitet auf seinem alten Gaule davon. Das ist aber nur sein
Spazierritt, denn mittags kommt er wieder zum andern Tore herein, setzt
sich, wie Sie heute gesehen haben, ruhig an den Tisch und ißt von den
ungenießbaren Speisen für drei Mann. Jedes Jahr erhält er einen starken
Wechsel; dann sagt er mir ganz wehmütig Lebewohl, er nennt mich seinen
besten Freund und vergießt Tränen, wobei mir auch die Tränen über die
Backen laufen, aber vor unterdrücktem Lachen. Nachdem er noch, Lebens
und Sterbens halber, seinen letzten Willen aufgesetzt, und, wie er sagt,
meiner ältesten Tochter sein Vermögen vermacht hat, reitet er ganz langsam
und betrübt nach der Stadt. Den dritten oder höchstens vierten Tag ist er
aber wieder hier und bringt zwei kaffeebraune Röcke, drei fuchsrote
Perücken, eine gleißender wie die andere, sechs Hemden, einen neuen
grauen Hut und andere Bedürfnisse seines Anzuges, meiner ältesten
Tochter, seiner Lieblingin, aber ein Tütchen Zuckerwerk mit, wie einem
Kinde, unerachtet sie nun schon achtzehn Jahre alt worden. Er denkt dann
weder an seinen Aufenthalt in der Stadt, noch an die Heimreise. Seine
Zeche berichtigt er jeden Abend und das Geld für das Frühstück wirft er mir
jeden Morgen zornig hin, wenn er wegreitet, um nicht wiederzukommen.
Sonst ist er der gutmütigste Mensch von der Welt, er beschenkt meine
Kinder bei jeder Gelegenheit, er tut den Armen im Dorfe wohl, nur den
Prediger kann er nicht leiden, weil er, wie Herr Ewson es von dem
Schulmeister erfuhr, einmal ein Goldstück, das Ewson in die Armenbüchse
geworfen, eingewechselt und lauter Kupferpfennige dafür gegeben hat. Seit
der Zeit weicht er ihm überall aus und geht niemals in die Kirche, weshalb
der Prediger ihn für einen Atheisten ausschreit. Wie gesagt, habe ich aber
oft meine liebe Not mit ihm, weil er jähzornig ist und ganz tolle Einfälle
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hat. Erst gestern hörte ich, als ich nach Hause kam, schon von weitem ein
heftiges Geschrei und unterschied Ewsons Stimme. Als ich ins Haus trat,
fand ich ihn im stärksten Zank mit der Hausmagd begriffen. Er hatte, wie es
im Zorn immer geschieht, bereits seine Perücke weggeschleudert und stand
im kahlen Kopf, ohne Rock, in Hemdärmeln dicht vor der Magd, der er ein
großes Buch unter die Nase hielt und stark schreiend und fluchend mit dem
Finger hineinwies. Die Magd hatte die Hände in die Seiten gestemmt und
schrie, er möge andere zu seinen Streichen brauchen, er sei ein schlechter
Mensch, der an nichts glaube usw. Mit Mühe gelang es mir, die Streitenden
auseinander zu bringen und der Sache auf den Grund zu kommen. — Herr
Ewson hatte verlangt, die Magd solle ihm Oblate verschaffen zum
Briefsiegeln; die Magd verstand ihn anfangs gar nicht, zuletzt fiel ihr ein,
daß das Oblate sei, was bei dem Abendmahl gebraucht werde, und meinte,
Herr Ewson wolle mit der Hostie verruchtes Gespötte treiben, weil der Herr
Pfarrer ohnedies gesagt, daß er ein Gottesleugner sei. Sie widersetzte sich
daher und Herr Ewson, der da glaubte nur nicht richtig ausgesprochen zu
haben und nicht verstanden zu sein, holte sofort sein englisch-deutsches
Wörterbuch und demonstrierte daraus der Bauernmagd, die kein Wort lesen
konnte, was er haben wolle, wobei er zuletzt nichts als englisch sprach,
welches die Magd für das sinnverwirrende Gewäsche des Teufels hielt. Nur
mein Dazwischentreten verhinderte die Prügelei, in der Herr Ewson
vielleicht den Kürzeren gezogen.“
Ich unterbrach den Wirt in der Erzählung von dem drolligen Manne,
indem ich frug, ob das vielleicht auch Herr Ewson gewesen, der mich in der
Nacht durch sein gräßliches Flötenblasen so gestört und geärgert habe.
„Ach, mein Herr,“ fuhr der Wirt fort, „das ist nun auch eine von Herr
Ewsons Eigenheiten, womit er mir beinahe die Gäste verscheucht. Vor drei
Jahren kam mein Sohn aus der Stadt hierher; der Junge bläst eine herrliche
Flöte und übte hier fleißig sein Instrument. Da fiel es Herrn Ewson ein, daß
er ehemals auch Flöte geblasen und ließ nicht nach, bis ihm Fritz seine
Flöte und ein Konzert, das er mitgebracht hatte, für schweres Geld
verkaufte.
Nun fing Herr Ewson, der gar keinen Sinn für Musik, gar keinen Takt
hat, mit dem größten Eifer an, das Konzert zu blasen. Er kam aber nur bis
zum zweiten Solo des ersten Allegros, da stieß ihm eine Passage auf, die er
nicht herausbringen konnte, und diese einzige Passage bläst er nun seit den
heftiges Geschrei und unterschied Ewsons Stimme. Als ich ins Haus trat,
fand ich ihn im stärksten Zank mit der Hausmagd begriffen. Er hatte, wie es
im Zorn immer geschieht, bereits seine Perücke weggeschleudert und stand
im kahlen Kopf, ohne Rock, in Hemdärmeln dicht vor der Magd, der er ein
großes Buch unter die Nase hielt und stark schreiend und fluchend mit dem
Finger hineinwies. Die Magd hatte die Hände in die Seiten gestemmt und
schrie, er möge andere zu seinen Streichen brauchen, er sei ein schlechter
Mensch, der an nichts glaube usw. Mit Mühe gelang es mir, die Streitenden
auseinander zu bringen und der Sache auf den Grund zu kommen. — Herr
Ewson hatte verlangt, die Magd solle ihm Oblate verschaffen zum
Briefsiegeln; die Magd verstand ihn anfangs gar nicht, zuletzt fiel ihr ein,
daß das Oblate sei, was bei dem Abendmahl gebraucht werde, und meinte,
Herr Ewson wolle mit der Hostie verruchtes Gespötte treiben, weil der Herr
Pfarrer ohnedies gesagt, daß er ein Gottesleugner sei. Sie widersetzte sich
daher und Herr Ewson, der da glaubte nur nicht richtig ausgesprochen zu
haben und nicht verstanden zu sein, holte sofort sein englisch-deutsches
Wörterbuch und demonstrierte daraus der Bauernmagd, die kein Wort lesen
konnte, was er haben wolle, wobei er zuletzt nichts als englisch sprach,
welches die Magd für das sinnverwirrende Gewäsche des Teufels hielt. Nur
mein Dazwischentreten verhinderte die Prügelei, in der Herr Ewson
vielleicht den Kürzeren gezogen.“
Ich unterbrach den Wirt in der Erzählung von dem drolligen Manne,
indem ich frug, ob das vielleicht auch Herr Ewson gewesen, der mich in der
Nacht durch sein gräßliches Flötenblasen so gestört und geärgert habe.
„Ach, mein Herr,“ fuhr der Wirt fort, „das ist nun auch eine von Herr
Ewsons Eigenheiten, womit er mir beinahe die Gäste verscheucht. Vor drei
Jahren kam mein Sohn aus der Stadt hierher; der Junge bläst eine herrliche
Flöte und übte hier fleißig sein Instrument. Da fiel es Herrn Ewson ein, daß
er ehemals auch Flöte geblasen und ließ nicht nach, bis ihm Fritz seine
Flöte und ein Konzert, das er mitgebracht hatte, für schweres Geld
verkaufte.
Nun fing Herr Ewson, der gar keinen Sinn für Musik, gar keinen Takt
hat, mit dem größten Eifer an, das Konzert zu blasen. Er kam aber nur bis
zum zweiten Solo des ersten Allegros, da stieß ihm eine Passage auf, die er
nicht herausbringen konnte, und diese einzige Passage bläst er nun seit den
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drei Jahren fast jeden Tag hundertmal hintereinander, bis er im höchsten
Zorn erst die Flöte und dann die Perücke an die Wand schleudert. Da dies
nun wenige Flöten lange aushalten, so braucht er gar oft neue, und hat jetzt
gewöhnlich drei bis vier im Gange. Ist nur ein Schräubchen zerbrochen
oder eine Klappe schadhaft, so wirft er sie mit einem: Gott verdamm mich,
nur in England macht man Instrumente, die was taugen! — durchs Fenster.
Ganz erschrecklich ist es, daß ihn diese Passion der Flötenblaserei oft
nachts überfällt und er dann meine Gäste aus dem tiefsten Schlafe dudelt.
Sollten Sie aber glauben, daß hier im Amtshause sich, beinahe ebenso lange
als Herr Ewson bei mir ist, ein englischer Doktor aufhält, der Green heißt
und mit Herrn Ewson darin sympathisiert, daß er ebenso originell, ebenso
voll sonderbaren Humors ist? — Sie zanken sich unaufhörlich und können
doch nicht ohne einander leben. Es fällt mir eben ein, daß Herr Ewson auf
heute abend einen Punsch bei mir bestellt hat, zu dem er den Amtmann und
den Doktor Green eingeladen. Wollen Sie es sich, mein Herr, gefallen
lassen, noch bis morgen früh hier zu verweilen, so können Sie heute abend
bei mir das possierlichste Kleeblatt sehen, das sich nur zusammenfinden
kann.“ —
Sie stellen sich es vor, gnädigster Herr, daß ich mir den Aufschub der
Reise gern gefallen ließ, weil ich hoffte, den Herrn Ewson in seiner Glorie
zu sehen. Er trat, sowie es Abend worden, ins Zimmer und war artig genug,
mich zu dem Punsch einzuladen, indem er hinzusetzte, wie es ihm nur leid
täte, mich mit dem nichtswürdigen Getränk, das man hier Punsch nenne,
bewirten zu müssen; nur in England trinke man Punsch, und da er nächstens
dahin zurückkehren werde, hoffe er, käme ich jemals nach England, mir es
beweisen zu können, daß er es verstehe, das köstliche Getränk zu bereiten.
— Ich wußte, was ich davon zu denken hatte. — Bald darauf traten auch
die eingeladenen Geiste ein. Der Amtmann war ein kleines kugelrundes,
höchst freundliches Männlein mit vergnügt blickenden Augen und einem
roten Näschen; der Doktor Green ein robuster Mann von mittlern Jahren mit
einem ausfallenden Nationalgesicht, modern, aber nachlässig gekleidet,
Brill’ auf der Nase, Hut auf dem Kopfe. — „Gebt mir Sekt, daß meine
Augen rot werden!“ rief er pathetisch, indem er auf den Wirt zuschritt und
ihn, bei der Brust packend, heftig schüttelte: „Hallunkischer Cambyses,
sprich! wo sind die Prinzessinnen? Nach Kaffee riecht’s und nicht nach
Trank der Götter!“ — „Laß ab von mir, o Held! weg mit der starken Faust,
zermalmst im Zorne mir die Rippen!“ — rief der Wirt keuchend. „Nicht
Zorn erst die Flöte und dann die Perücke an die Wand schleudert. Da dies
nun wenige Flöten lange aushalten, so braucht er gar oft neue, und hat jetzt
gewöhnlich drei bis vier im Gange. Ist nur ein Schräubchen zerbrochen
oder eine Klappe schadhaft, so wirft er sie mit einem: Gott verdamm mich,
nur in England macht man Instrumente, die was taugen! — durchs Fenster.
Ganz erschrecklich ist es, daß ihn diese Passion der Flötenblaserei oft
nachts überfällt und er dann meine Gäste aus dem tiefsten Schlafe dudelt.
Sollten Sie aber glauben, daß hier im Amtshause sich, beinahe ebenso lange
als Herr Ewson bei mir ist, ein englischer Doktor aufhält, der Green heißt
und mit Herrn Ewson darin sympathisiert, daß er ebenso originell, ebenso
voll sonderbaren Humors ist? — Sie zanken sich unaufhörlich und können
doch nicht ohne einander leben. Es fällt mir eben ein, daß Herr Ewson auf
heute abend einen Punsch bei mir bestellt hat, zu dem er den Amtmann und
den Doktor Green eingeladen. Wollen Sie es sich, mein Herr, gefallen
lassen, noch bis morgen früh hier zu verweilen, so können Sie heute abend
bei mir das possierlichste Kleeblatt sehen, das sich nur zusammenfinden
kann.“ —
Sie stellen sich es vor, gnädigster Herr, daß ich mir den Aufschub der
Reise gern gefallen ließ, weil ich hoffte, den Herrn Ewson in seiner Glorie
zu sehen. Er trat, sowie es Abend worden, ins Zimmer und war artig genug,
mich zu dem Punsch einzuladen, indem er hinzusetzte, wie es ihm nur leid
täte, mich mit dem nichtswürdigen Getränk, das man hier Punsch nenne,
bewirten zu müssen; nur in England trinke man Punsch, und da er nächstens
dahin zurückkehren werde, hoffe er, käme ich jemals nach England, mir es
beweisen zu können, daß er es verstehe, das köstliche Getränk zu bereiten.
— Ich wußte, was ich davon zu denken hatte. — Bald darauf traten auch
die eingeladenen Geiste ein. Der Amtmann war ein kleines kugelrundes,
höchst freundliches Männlein mit vergnügt blickenden Augen und einem
roten Näschen; der Doktor Green ein robuster Mann von mittlern Jahren mit
einem ausfallenden Nationalgesicht, modern, aber nachlässig gekleidet,
Brill’ auf der Nase, Hut auf dem Kopfe. — „Gebt mir Sekt, daß meine
Augen rot werden!“ rief er pathetisch, indem er auf den Wirt zuschritt und
ihn, bei der Brust packend, heftig schüttelte: „Hallunkischer Cambyses,
sprich! wo sind die Prinzessinnen? Nach Kaffee riecht’s und nicht nach
Trank der Götter!“ — „Laß ab von mir, o Held! weg mit der starken Faust,
zermalmst im Zorne mir die Rippen!“ — rief der Wirt keuchend. „Nicht
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eher, feiger Schwächling,“ fuhr der Doktor fort, „bis süßer Dampf des
Punsches Sinn umnebelnd Nase kitzelt, nicht eher laß ich dich, du ganz
unwerter Wirt!“ — Aber nun schoß Ewson grimmig auf den Doktor zu und
schalt: „Unwürdiger Green! Grün soll’s dir werden vor den Augen, ja
greinen sollst du gramerfüllt, wenn du nicht abläßt von schmachvoller Tat!“
— Nun dacht ich, würde Zank und Tumult losbrechen, aber der Doktor
sagte: „So will ich, feiger Ohnmacht spottend, ruhig sein, und harrn des
Göttertranks den du bereitet, würd’ger Ewson.“ — Er ließ den Wirt los, der
eiligst davonsprang, setzte sich mit einer Catomiene an den Tisch, ergriff
die gestopfte Pfeife und blies große Dampfwolken von sich. — „Ist das
nicht, als wäre man im Theater?“ sagte der freundliche Amtmann zu mir,
„aber der Doktor, der sonst kein deutsches Buch in die Hand nimmt, fand
zufällig Schlegels Shakespeare bei mir, und seit der Zeit spielt er, nach
seinem Ausdruck, uralte bekannte Melodien auf einem fremden
Instrumente. Sie werden bemerkt haben, daß sogar der Wirt rhythmisch
spricht, der Doktor hat ihn so zu sagen eingejambt.“ — Der Wirt brachte
den dampfenden Punschnapf, und unerachtet Ewson und Green schwuren,
er sei kaum trinkbar, so stürzten sie doch ein großes Glas nach dem andern
hinab. Wir führten ein leidlich Gespräch. Green blieb wortkarg, nur dann
und wann gab er auf komische Weise, die Opposition behauptend, etwas
von sich. So sprach z. B. der Amtmann von dem Theater in der Stadt, und
ich versicherte, der erste Held spiele vortrefflich. — „Das kann ich nicht
finden,“ fiel sogleich der Doktor ein, „glauben Sie nicht, daß, hatte der
Mann sechsmal besser gespielt, er des Beifalls viel würdiger sein würde?“
Ich mußte das notgedrungen zugeben, und meinte nur, daß dies sechsmal
besser spielen d e m Schauspieler not tue, der die zärtlichen Väter ganz
erbärmlich tragiere. — „Das kann ich nicht finden,“ sagte Green wieder,
„der Mann gibt alles, was er in sich trägt! Kann er dafür, daß seine Tendenz
sich zum Schlechten hinneigt? Er hat es aber im Schlechten zu rühmlicher
Vollkommenheit gebracht, man muß ihn deshalb loben!“ — Der Amtmann
saß mit seinem Talent, die beiden anzuregen zu allerlei tollen Einfällen und
Meinungen, in ihrer Mitte, wie das exzitierende Prinzip, und so ging es fort,
bis der starke Punsch zu wirken anfing. Da wurde Ewson ausgelassen
lustig, er sang mit krächzender Stimme Nationallieder, er warf Perücke und
Rock durchs Fenster in den Hof und fing an mit den sonderbarsten
Grimassen auf so drollige Weise zu tanzen, daß man sich vor Lachen hätte
ausschütten mögen. Der Doktor blieb ernsthaft, hatte aber die seltsamsten
Punsches Sinn umnebelnd Nase kitzelt, nicht eher laß ich dich, du ganz
unwerter Wirt!“ — Aber nun schoß Ewson grimmig auf den Doktor zu und
schalt: „Unwürdiger Green! Grün soll’s dir werden vor den Augen, ja
greinen sollst du gramerfüllt, wenn du nicht abläßt von schmachvoller Tat!“
— Nun dacht ich, würde Zank und Tumult losbrechen, aber der Doktor
sagte: „So will ich, feiger Ohnmacht spottend, ruhig sein, und harrn des
Göttertranks den du bereitet, würd’ger Ewson.“ — Er ließ den Wirt los, der
eiligst davonsprang, setzte sich mit einer Catomiene an den Tisch, ergriff
die gestopfte Pfeife und blies große Dampfwolken von sich. — „Ist das
nicht, als wäre man im Theater?“ sagte der freundliche Amtmann zu mir,
„aber der Doktor, der sonst kein deutsches Buch in die Hand nimmt, fand
zufällig Schlegels Shakespeare bei mir, und seit der Zeit spielt er, nach
seinem Ausdruck, uralte bekannte Melodien auf einem fremden
Instrumente. Sie werden bemerkt haben, daß sogar der Wirt rhythmisch
spricht, der Doktor hat ihn so zu sagen eingejambt.“ — Der Wirt brachte
den dampfenden Punschnapf, und unerachtet Ewson und Green schwuren,
er sei kaum trinkbar, so stürzten sie doch ein großes Glas nach dem andern
hinab. Wir führten ein leidlich Gespräch. Green blieb wortkarg, nur dann
und wann gab er auf komische Weise, die Opposition behauptend, etwas
von sich. So sprach z. B. der Amtmann von dem Theater in der Stadt, und
ich versicherte, der erste Held spiele vortrefflich. — „Das kann ich nicht
finden,“ fiel sogleich der Doktor ein, „glauben Sie nicht, daß, hatte der
Mann sechsmal besser gespielt, er des Beifalls viel würdiger sein würde?“
Ich mußte das notgedrungen zugeben, und meinte nur, daß dies sechsmal
besser spielen d e m Schauspieler not tue, der die zärtlichen Väter ganz
erbärmlich tragiere. — „Das kann ich nicht finden,“ sagte Green wieder,
„der Mann gibt alles, was er in sich trägt! Kann er dafür, daß seine Tendenz
sich zum Schlechten hinneigt? Er hat es aber im Schlechten zu rühmlicher
Vollkommenheit gebracht, man muß ihn deshalb loben!“ — Der Amtmann
saß mit seinem Talent, die beiden anzuregen zu allerlei tollen Einfällen und
Meinungen, in ihrer Mitte, wie das exzitierende Prinzip, und so ging es fort,
bis der starke Punsch zu wirken anfing. Da wurde Ewson ausgelassen
lustig, er sang mit krächzender Stimme Nationallieder, er warf Perücke und
Rock durchs Fenster in den Hof und fing an mit den sonderbarsten
Grimassen auf so drollige Weise zu tanzen, daß man sich vor Lachen hätte
ausschütten mögen. Der Doktor blieb ernsthaft, hatte aber die seltsamsten
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Visionen. Er sah den Punschnapf für eine Baßgeige an und wollte durchaus
darauf herumstreichen, mit dem Löffel Ewsons Lieder akkompagnierend,
wovon ihn nur des Wirts dringendste Protestationen abhalten konnten. —
Der Amtmann war immer stiller und stiller geworden, am Ende stolperte er
in eine Ecke des Zimmers, wo er sich hinsetzte und heftig zu weinen anfing.
Ich verstand den Wink des Wirts und frug den Amtmann um die Ursache
seines tiefen Schmerzes. — „Ach! ach!“ brach er schluchzend los; „der
Prinz Eugen war doch ein großer Feldherr, und dieser heldenmütige Fürst
mußte sterben. Ach, ach!“ — und damit weinte er heftiger, daß ihm die
hellen Tränen über die Backen liefen. Ich versuchte ihn über den Verlust
dieses wackern Prinzen des längst vergangenen Jahrhunderts möglichst zu
trösten, aber es war vergebens. Der Doktor Green hatte indessen eine große
Lichtschere ergriffen und fuhr damit unaufhörlich gegen das offene Fenster.
— Er hatte nichts Geringeres im Sinn, als den Mond zu putzen, der hell
hineinschien. Ewson sprang und schrie als wäre er besessen von tausend
Teufeln, bis endlich der Hausknecht, des hellen Mondscheins unerachtet,
mit einer großen Laterne in das Zimmer trat und laut rief: „Da bin ich,
meine Herren, nun kann’s fortgehen.“ Der Doktor stellte sich dicht vor ihm
hin und sprach, ihm die Dampfwolken ins Gesicht blasend: „Willkommen,
Freund! Bist du der Squenz der Mondschein trägt, und Hund, und
Dornbusch? Ich habe dich geputzt, Hallunke, darum scheinst du hell! Gut
Nacht denn, viel des schnöden Safts hab ich getrunken, gut Nacht, mein
werter Wirt, gut Nacht, mein Pylades!“ — Ewson schwur, daß kein Mensch
zu Hause gehen solle, ohne den Hals zu brechen, aber niemand achtete
darauf, vielmehr nahm der Hausknecht den Doktor unter den einen, den
Amtmann, der noch immer über den Verlust des Prinzen Eugen lamentierte,
unter den andern Arm, und so wackelten sie über die Straße fort nach dem
Amtshause. Mir Mühe brachten wir den närrischen Ewson in sein Zimmer,
wo er noch die halbe Nacht auf der Flöte tobte, so daß ich kein Auge zutun,
und mich erst im Wagen schlafend, von dem tollen Abend im Gasthause
erholen konnte.“
Die Erzählung des Leibarztes wurde oft durch lauteres Gelächter, als
man es sonst wohl im Zirkel eines Hofes hören mag, unterbrochen. Der
Fürst schien sich sehr ergötzt zu haben. „Nur eine Figur,“ sagte er zum
Leibarzt, „haben Sie in dem Gemälde zu sehr in den Hintergrund gestellt,
und das ist Ihre eigne, denn ich wette, daß Ihr zu Zeiten etwas boshafter
Humor den närrischen Ewson sowie den pathetischen Doktor zu tausend
darauf herumstreichen, mit dem Löffel Ewsons Lieder akkompagnierend,
wovon ihn nur des Wirts dringendste Protestationen abhalten konnten. —
Der Amtmann war immer stiller und stiller geworden, am Ende stolperte er
in eine Ecke des Zimmers, wo er sich hinsetzte und heftig zu weinen anfing.
Ich verstand den Wink des Wirts und frug den Amtmann um die Ursache
seines tiefen Schmerzes. — „Ach! ach!“ brach er schluchzend los; „der
Prinz Eugen war doch ein großer Feldherr, und dieser heldenmütige Fürst
mußte sterben. Ach, ach!“ — und damit weinte er heftiger, daß ihm die
hellen Tränen über die Backen liefen. Ich versuchte ihn über den Verlust
dieses wackern Prinzen des längst vergangenen Jahrhunderts möglichst zu
trösten, aber es war vergebens. Der Doktor Green hatte indessen eine große
Lichtschere ergriffen und fuhr damit unaufhörlich gegen das offene Fenster.
— Er hatte nichts Geringeres im Sinn, als den Mond zu putzen, der hell
hineinschien. Ewson sprang und schrie als wäre er besessen von tausend
Teufeln, bis endlich der Hausknecht, des hellen Mondscheins unerachtet,
mit einer großen Laterne in das Zimmer trat und laut rief: „Da bin ich,
meine Herren, nun kann’s fortgehen.“ Der Doktor stellte sich dicht vor ihm
hin und sprach, ihm die Dampfwolken ins Gesicht blasend: „Willkommen,
Freund! Bist du der Squenz der Mondschein trägt, und Hund, und
Dornbusch? Ich habe dich geputzt, Hallunke, darum scheinst du hell! Gut
Nacht denn, viel des schnöden Safts hab ich getrunken, gut Nacht, mein
werter Wirt, gut Nacht, mein Pylades!“ — Ewson schwur, daß kein Mensch
zu Hause gehen solle, ohne den Hals zu brechen, aber niemand achtete
darauf, vielmehr nahm der Hausknecht den Doktor unter den einen, den
Amtmann, der noch immer über den Verlust des Prinzen Eugen lamentierte,
unter den andern Arm, und so wackelten sie über die Straße fort nach dem
Amtshause. Mir Mühe brachten wir den närrischen Ewson in sein Zimmer,
wo er noch die halbe Nacht auf der Flöte tobte, so daß ich kein Auge zutun,
und mich erst im Wagen schlafend, von dem tollen Abend im Gasthause
erholen konnte.“
Die Erzählung des Leibarztes wurde oft durch lauteres Gelächter, als
man es sonst wohl im Zirkel eines Hofes hören mag, unterbrochen. Der
Fürst schien sich sehr ergötzt zu haben. „Nur eine Figur,“ sagte er zum
Leibarzt, „haben Sie in dem Gemälde zu sehr in den Hintergrund gestellt,
und das ist Ihre eigne, denn ich wette, daß Ihr zu Zeiten etwas boshafter
Humor den närrischen Ewson sowie den pathetischen Doktor zu tausend
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tollen Ausschweifungen verleitet hat, und daß Sie eigentlich das
exzitierende Prinzip waren, für das Sie den lamentablen Amtmann
ausgeben.“ — „Ich versichere, gnädigster Herr,“ erwiderte der Leibarzt,
„daß dieser aus seltner Narrheit komponierte Klub so in sich abgeründet
war, daß alles Fremde nur dissoniert hätte. Um in dem musikalischen
Gleichnis zu bleiben, waren die drei Menschen der reine Dreiklang, jeder
verschieden, im Ton aber harmonisch mitklingend, der Wirt sprang hinzu
wie eine Septime.“ — Auf diese Weise wurde noch manches hin und her
gesprochen, bis sich, wie gewöhnlich, die fürstliche Familie in ihre Zimmer
zurückzog und die Gesellschaft in der gemütlichsten Laune auseinander
ging. — Ich bewegte mich heiter und lebenslustig in einer neuen Welt. Je
mehr ich in den ruhigen, gemütlichen Gang des Lebens in der Residenz und
am Hofe eingriff, je mehr man mir einen Platz einräumte, den ich mit Ehre
und Beifall behaupten konnte, desto weniger dachte ich an die
Vergangenheit, sowie daran, daß mein hiesiges Verhältnis sich jemals
ändern könne. Der Fürst schien ein besonderes Wohlgefallen an mir zu
finden, und aus verschiedenen flüchtigen Andeutungen konnte ich
schließen, daß er mich auf diese oder jene Weise in seiner Umgebung fest
zu stellen wünschte. Nicht zu leugnen war es, daß eine gewisse
Gleichförmigkeit der Ausbildung, ja eine gewisse angenommene gleiche
Manier in allem wissenschaftlichen und künstlerischen Treiben, die sich
vom Hofe aus über die ganze Residenz verbreitete, manchem geistreichen
und an unbedingte Freiheit gewöhnten Mann den Aufenthalt daselbst bald
verleidet hätte; indessen kam mir, so oft auch die Beschränkung, welche die
Einseitigkeit des Hofes hervorbrachte, lästig wurde, das frühere Gewöhnen
an eine bestimmte Form, die wenigstens das Äußere regelt, dabei sehr zu
statten. Mein Klosterleben war es, das hier, freilich unmerklicher Weise,
noch auf mich wirkte. — So sehr mich der Fürst auszeichnete, so sehr ich
mich bemühte die Aufmerksamkeit der Fürstin auf mich zu ziehen, so blieb
diese doch kalt und verschlossen. — Ja, meine Gegenwart schien sie oft auf
besondere Weise zu beunruhigen, und nur mit Mühe erhielt sie es über sich,
mir wie den andern ein paar freundliche Worte zuzuwerfen. Bei den Damen,
die sie umgaben, war ich glücklicher; mein Äußeres schien einen günstigen
Eindruck gemacht zu haben, und indem ich mich oft in ihren Kreisen
bewegte, gelang es mir bald, diejenige wunderliche Weltbildung zu
erhalten, welche man Galanterie nennt, und die in nichts anderm besteht, als
die äußere körperliche Geschmeidigkeit, vermöge der man immer da, wo
exzitierende Prinzip waren, für das Sie den lamentablen Amtmann
ausgeben.“ — „Ich versichere, gnädigster Herr,“ erwiderte der Leibarzt,
„daß dieser aus seltner Narrheit komponierte Klub so in sich abgeründet
war, daß alles Fremde nur dissoniert hätte. Um in dem musikalischen
Gleichnis zu bleiben, waren die drei Menschen der reine Dreiklang, jeder
verschieden, im Ton aber harmonisch mitklingend, der Wirt sprang hinzu
wie eine Septime.“ — Auf diese Weise wurde noch manches hin und her
gesprochen, bis sich, wie gewöhnlich, die fürstliche Familie in ihre Zimmer
zurückzog und die Gesellschaft in der gemütlichsten Laune auseinander
ging. — Ich bewegte mich heiter und lebenslustig in einer neuen Welt. Je
mehr ich in den ruhigen, gemütlichen Gang des Lebens in der Residenz und
am Hofe eingriff, je mehr man mir einen Platz einräumte, den ich mit Ehre
und Beifall behaupten konnte, desto weniger dachte ich an die
Vergangenheit, sowie daran, daß mein hiesiges Verhältnis sich jemals
ändern könne. Der Fürst schien ein besonderes Wohlgefallen an mir zu
finden, und aus verschiedenen flüchtigen Andeutungen konnte ich
schließen, daß er mich auf diese oder jene Weise in seiner Umgebung fest
zu stellen wünschte. Nicht zu leugnen war es, daß eine gewisse
Gleichförmigkeit der Ausbildung, ja eine gewisse angenommene gleiche
Manier in allem wissenschaftlichen und künstlerischen Treiben, die sich
vom Hofe aus über die ganze Residenz verbreitete, manchem geistreichen
und an unbedingte Freiheit gewöhnten Mann den Aufenthalt daselbst bald
verleidet hätte; indessen kam mir, so oft auch die Beschränkung, welche die
Einseitigkeit des Hofes hervorbrachte, lästig wurde, das frühere Gewöhnen
an eine bestimmte Form, die wenigstens das Äußere regelt, dabei sehr zu
statten. Mein Klosterleben war es, das hier, freilich unmerklicher Weise,
noch auf mich wirkte. — So sehr mich der Fürst auszeichnete, so sehr ich
mich bemühte die Aufmerksamkeit der Fürstin auf mich zu ziehen, so blieb
diese doch kalt und verschlossen. — Ja, meine Gegenwart schien sie oft auf
besondere Weise zu beunruhigen, und nur mit Mühe erhielt sie es über sich,
mir wie den andern ein paar freundliche Worte zuzuwerfen. Bei den Damen,
die sie umgaben, war ich glücklicher; mein Äußeres schien einen günstigen
Eindruck gemacht zu haben, und indem ich mich oft in ihren Kreisen
bewegte, gelang es mir bald, diejenige wunderliche Weltbildung zu
erhalten, welche man Galanterie nennt, und die in nichts anderm besteht, als
die äußere körperliche Geschmeidigkeit, vermöge der man immer da, wo
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man steht oder geht, hinzupassen scheint, auch in die Unterhaltung zu
übertragen. Es ist die sonderbare Gabe, über Nichts mit bedeutenden
Worten zu schwatzen und so den Weibern ein gewisses Wohlbehagen zu
erregen, von dem, wie es entstanden, sie sich selbst nicht Rechenschaft
geben können. Daß diese höhere und eigentliche Galanterie sich nicht mit
plumpen Schmeicheleien abgeben kann, fließt aus dem Gesagten, wiewohl
in jenem interessanten Geschwätz, das wie ein Hymnus der Angebeteten
erklingt, eben das gänzliche Eingehen in ihr Innerstes liegt, so daß ihr
eignes Selbst ihnen klar zu werden scheint, und sie sich in dem Reflex ihres
eignen Ichs mit Wohlgefallen spiegeln. — — Wer hätte nun noch den
Mönch in mir erkennen sollen! — Der einzige mir gefährliche Ort war
vielleicht nur noch die Kirche, in welcher es mir schwer wurde, jene
klösterlichen Andachtsübungen, die ein besonderer Rhythmus, ein
besonderer Takt auszeichnet, zu vermeiden. —
Der Leibarzt war der Einzige, der das Gepräge, womit alles wie gleiche
Münze ausgestempelt war, nicht angenommen hatte, und dies zog mich zu
ihm hin, so wie er sich deshalb an mich anschloß, weil ich, wie er recht gut
wußte, anfangs die Opposition gebildet, und meine freimütigen
Äußerungen, die dem für kecke Wahrheit empfänglichen Fürsten
eindrangen, das verhaßte Farospiel mit einem Mal verbannt hatten.
So kam es denn, daß wir oft zusammen waren, und bald über
Wissenschaft und Kunst, bald über das Leben, wie es sich vor uns
ausbreitete, sprachen. Der Leibarzt verehrte ebenso hoch die Fürstin, als
ich, und versicherte, daß nur sie es sei, die manche Abgeschmacktheit des
Fürsten abwende, und diejenige sonderbare Art Langeweile, welche ihn auf
der Oberfläche hin und her treibe, dadurch zu verscheuchen wisse, daß sie
ihm oft ganz unvermerkt ein unschädliches Spielzeug in die Hände gebe.
Ich unterließ nicht, bei dieser Gelegenheit mich zu beklagen, daß ich, ohne
den Grund erforschen zu können, der Fürstin durch meine Gegenwart oft
ein unausstehliches Mißbehagen zu erregen scheine. Der Leibarzt stand
sofort auf und holte, da wir uns gerade in seinem Zimmer befanden, ein
kleines Miniaturbild aus dem Schreibepult, welches er mir mit der Weisung,
es recht genau zu betrachten, in die Hände gab. Ich tat es und erstaunte
nicht wenig, als ich in den Zügen des Mannes, den das Bild darstellte, ganz
die meinigen erkannte. Nur der Änderung der Frisur und der Kleidung, die
nach verjährter Mode gemalt war, nur der Hinzufügung meines
übertragen. Es ist die sonderbare Gabe, über Nichts mit bedeutenden
Worten zu schwatzen und so den Weibern ein gewisses Wohlbehagen zu
erregen, von dem, wie es entstanden, sie sich selbst nicht Rechenschaft
geben können. Daß diese höhere und eigentliche Galanterie sich nicht mit
plumpen Schmeicheleien abgeben kann, fließt aus dem Gesagten, wiewohl
in jenem interessanten Geschwätz, das wie ein Hymnus der Angebeteten
erklingt, eben das gänzliche Eingehen in ihr Innerstes liegt, so daß ihr
eignes Selbst ihnen klar zu werden scheint, und sie sich in dem Reflex ihres
eignen Ichs mit Wohlgefallen spiegeln. — — Wer hätte nun noch den
Mönch in mir erkennen sollen! — Der einzige mir gefährliche Ort war
vielleicht nur noch die Kirche, in welcher es mir schwer wurde, jene
klösterlichen Andachtsübungen, die ein besonderer Rhythmus, ein
besonderer Takt auszeichnet, zu vermeiden. —
Der Leibarzt war der Einzige, der das Gepräge, womit alles wie gleiche
Münze ausgestempelt war, nicht angenommen hatte, und dies zog mich zu
ihm hin, so wie er sich deshalb an mich anschloß, weil ich, wie er recht gut
wußte, anfangs die Opposition gebildet, und meine freimütigen
Äußerungen, die dem für kecke Wahrheit empfänglichen Fürsten
eindrangen, das verhaßte Farospiel mit einem Mal verbannt hatten.
So kam es denn, daß wir oft zusammen waren, und bald über
Wissenschaft und Kunst, bald über das Leben, wie es sich vor uns
ausbreitete, sprachen. Der Leibarzt verehrte ebenso hoch die Fürstin, als
ich, und versicherte, daß nur sie es sei, die manche Abgeschmacktheit des
Fürsten abwende, und diejenige sonderbare Art Langeweile, welche ihn auf
der Oberfläche hin und her treibe, dadurch zu verscheuchen wisse, daß sie
ihm oft ganz unvermerkt ein unschädliches Spielzeug in die Hände gebe.
Ich unterließ nicht, bei dieser Gelegenheit mich zu beklagen, daß ich, ohne
den Grund erforschen zu können, der Fürstin durch meine Gegenwart oft
ein unausstehliches Mißbehagen zu erregen scheine. Der Leibarzt stand
sofort auf und holte, da wir uns gerade in seinem Zimmer befanden, ein
kleines Miniaturbild aus dem Schreibepult, welches er mir mit der Weisung,
es recht genau zu betrachten, in die Hände gab. Ich tat es und erstaunte
nicht wenig, als ich in den Zügen des Mannes, den das Bild darstellte, ganz
die meinigen erkannte. Nur der Änderung der Frisur und der Kleidung, die
nach verjährter Mode gemalt war, nur der Hinzufügung meines
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Backenbarts, dem Meisterstück Belcampos, bedurfte es, um das Bild ganz
zu meinem Porträt zu machen. Ich äußerte dies unverhohlen dem Leibarzt.
„Und eben diese Ähnlichkeit,“ sagte er, „ist es, welche die Fürstin
erschreckt und beunruhigt, so oft Sie in ihre Nähe kommen, denn Ihr
Gesicht erneuert das Andenken einer entsetzlichen Begebenheit, die vor
mehreren Jahren den Hof traf wie ein zerstörender Schlag. Der vorige
Leibarzt, der vor einigen Jahren starb und dessen Zögling in der
Wissenschaft ich bin, vertraute mir jenen Vorgang in der fürstlichen Familie
und gab mir zugleich das Bild, welches den ehemaligen Günstling des
Fürsten, Francesko, darstellt, und zugleich, wie Sie sehen, rücksichts der
Malerei, ein wahres Meisterstück ist. Es rührt von dem wunderlichen
fremden Maler her, der sich damals am Hofe befand und eben in jener
Tragödie die Hauptrolle spielte.“ — Bei der Betrachtung des Bildes regten
sich gewisse verworrene Ahnungen in mir, die ich vergebens trachtete klar
aufzufassen. — Jene Begebenheit schien mir ein Geheimnis erschließen zu
wollen, in das ich selbst verflochten war, und um so mehr drang ich in den
Leibarzt, mir das zu vertrauen, welches zu erfahren mich die zufällige
Ähnlichkeit mit Francesko zu berechtigen scheine. — „Freilich,“ sagte der
Leibarzt, „muß dieser höchst merkwürdige Umstand Ihre Neugierde nicht
wenig aufregen und so ungern ich eigentlich von jener Begebenheit
sprechen mag, über die noch jetzt, für mich wenigstens, ein geheimnisvoller
Schleier liegt, den ich auch weiter gar nicht lüften will, so sollen Sie doch
alles erfahren, was ich davon weiß. Viele Jahre sind vergangen und die
Hauptpersonen von der Bühne abgetreten, nur die Erinnerung ist es, welche
feindselig wirkt. Ich bitte, gegen niemanden von dem, was Sie erfuhren,
etwas zu äußern.“ Ich versprach das, und der Arzt fing in folgender Art
seine Erzählung an:
„Eben zu der Zeit, als unser Fürst sich vermählte, kam sein Bruder in
der Gesellschaft eines Mannes, den er Francesko nannte, unerachtet man
wußte, daß er ein Deutscher war, sowie eines Malers, von weiten Reisen
zurück. Der Prinz war einer der schönsten Männer die man gesehen, und
schon deshalb stach er vor unserm Fürsten hervor, hätte er ihn auch nicht an
Lebensfülle und geistiger Kraft übertroffen. — Er machte auf die junge
Fürstin, die damals bis zur Ausgelassenheit lebhaft, und der der Fürst viel
zu formell, viel zu kalt war, einen seltenen Eindruck, und ebenso fand sich
der Prinz von der jungen bildschönen Gemahlin seines Bruders angezogen.
Ohne an ein strafbares Verhältnis zu denken, mußten sie der
zu meinem Porträt zu machen. Ich äußerte dies unverhohlen dem Leibarzt.
„Und eben diese Ähnlichkeit,“ sagte er, „ist es, welche die Fürstin
erschreckt und beunruhigt, so oft Sie in ihre Nähe kommen, denn Ihr
Gesicht erneuert das Andenken einer entsetzlichen Begebenheit, die vor
mehreren Jahren den Hof traf wie ein zerstörender Schlag. Der vorige
Leibarzt, der vor einigen Jahren starb und dessen Zögling in der
Wissenschaft ich bin, vertraute mir jenen Vorgang in der fürstlichen Familie
und gab mir zugleich das Bild, welches den ehemaligen Günstling des
Fürsten, Francesko, darstellt, und zugleich, wie Sie sehen, rücksichts der
Malerei, ein wahres Meisterstück ist. Es rührt von dem wunderlichen
fremden Maler her, der sich damals am Hofe befand und eben in jener
Tragödie die Hauptrolle spielte.“ — Bei der Betrachtung des Bildes regten
sich gewisse verworrene Ahnungen in mir, die ich vergebens trachtete klar
aufzufassen. — Jene Begebenheit schien mir ein Geheimnis erschließen zu
wollen, in das ich selbst verflochten war, und um so mehr drang ich in den
Leibarzt, mir das zu vertrauen, welches zu erfahren mich die zufällige
Ähnlichkeit mit Francesko zu berechtigen scheine. — „Freilich,“ sagte der
Leibarzt, „muß dieser höchst merkwürdige Umstand Ihre Neugierde nicht
wenig aufregen und so ungern ich eigentlich von jener Begebenheit
sprechen mag, über die noch jetzt, für mich wenigstens, ein geheimnisvoller
Schleier liegt, den ich auch weiter gar nicht lüften will, so sollen Sie doch
alles erfahren, was ich davon weiß. Viele Jahre sind vergangen und die
Hauptpersonen von der Bühne abgetreten, nur die Erinnerung ist es, welche
feindselig wirkt. Ich bitte, gegen niemanden von dem, was Sie erfuhren,
etwas zu äußern.“ Ich versprach das, und der Arzt fing in folgender Art
seine Erzählung an:
„Eben zu der Zeit, als unser Fürst sich vermählte, kam sein Bruder in
der Gesellschaft eines Mannes, den er Francesko nannte, unerachtet man
wußte, daß er ein Deutscher war, sowie eines Malers, von weiten Reisen
zurück. Der Prinz war einer der schönsten Männer die man gesehen, und
schon deshalb stach er vor unserm Fürsten hervor, hätte er ihn auch nicht an
Lebensfülle und geistiger Kraft übertroffen. — Er machte auf die junge
Fürstin, die damals bis zur Ausgelassenheit lebhaft, und der der Fürst viel
zu formell, viel zu kalt war, einen seltenen Eindruck, und ebenso fand sich
der Prinz von der jungen bildschönen Gemahlin seines Bruders angezogen.
Ohne an ein strafbares Verhältnis zu denken, mußten sie der
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unwiderstehlichen Gewalt nachgeben, die ihr inneres Leben, nur wie
wechselseitig sich entzündend, bedingte, und so die Flamme nähren, die ihr
Wesen in eins verschmolz. — Francesko allein war es, der in jeder Hinsicht
seinem Freunde an die Seite gesetzt werden konnte, und so, wie der Prinz
auf die Gemahlin seines Bruders, so wirkte Francesko auf die ältere
Schwester der Fürstin. Francesko wurde sein Glück bald gewahr, benutzte
es mit durchdachter Schlauheit und die Neigung der Prinzessin wuchs bald
zur heftigsten brennendsten Liebe. Der Fürst war von der Tugend seiner
Gemahlin zu sehr überzeugt, um nicht alle hämische Zwischenträger zu
verachten, wiewohl ihn das gespannte Verhältnis mit dem Bruder drückte;
und nur dem Francesko, den er seines seltnen Geistes, seiner lebensklugen
Umsicht halber lieb gewonnen, war es möglich, ihn in gewissem Gleichmut
zu erhalten. Der Fürst wollte ihn zu den ersten Hofstellen befördern,
Francesko begnügte sich aber mit den geheimen Vorrechten des ersten
Günstlings und mit der Liebe der Prinzessin. In diesen Verhältnissen
bewegte sich der Hof so gut es gehen wollte, aber nur die vier durch
geheime Bande verknüpften Personen waren glücklich in dem Eldorado der
Liebe, das sie sich gebildet und das anderen verschlossen. — Wohl mochte
es der Fürst, ohne daß man es wußte, veranstaltet haben, daß mit vielem
Pomp eine italienische Prinzessin am Hofe erschien, die früher dem Prinzen
als Gemahlin zugedacht war, und der er, als er auf der Reise sich am Hofe
ihres Vaters befand, sichtliche Zuneigung bewiesen hatte. — Sie soll
ausnehmend schön und überhaupt die Grazie, die Anmut selbst gewesen
sein, und dies spricht auch das herrliche Porträt aus, was Sie noch auf der
Galerie sehen können. Ihre Gegenwart belebte den in düstre Langeweile
versunkenen Hof, sie überstrahlte alles, selbst die Fürstin und ihre
Schwester nicht ausgenommen. Franceskos Betragen änderte sich bald nach
der Ankunft der Italienerin auf eine ganz auffallende Weise; es war, als
zehre ein geheimer Gram an seiner Lebensblüte, er wurde mürrisch,
verschlossen, er vernachlässigte seine fürstliche Geliebte. Der Prinz war
ebenso tiefsinnig geworden, er fühlte sich von Regungen ergriffen, denen er
nicht zu widerstehen vermochte. Der Fürstin stieß die Ankunft der
Italienerin einen Dolch ins Herz. Für die zur Schwärmerei geneigte
Prinzessin war nun mit Franceskos Liebe alles Lebensglück entflohen, und
so waren die vier Glücklichen, Beneidenswerten, in Gram und Betrübnis
versenkt. Der Prinz erholte sich zuerst, indem er, bei der strengen Tugend
seiner Schwägerin, den Lockungen des schönen, verführerischen Weibes
wechselseitig sich entzündend, bedingte, und so die Flamme nähren, die ihr
Wesen in eins verschmolz. — Francesko allein war es, der in jeder Hinsicht
seinem Freunde an die Seite gesetzt werden konnte, und so, wie der Prinz
auf die Gemahlin seines Bruders, so wirkte Francesko auf die ältere
Schwester der Fürstin. Francesko wurde sein Glück bald gewahr, benutzte
es mit durchdachter Schlauheit und die Neigung der Prinzessin wuchs bald
zur heftigsten brennendsten Liebe. Der Fürst war von der Tugend seiner
Gemahlin zu sehr überzeugt, um nicht alle hämische Zwischenträger zu
verachten, wiewohl ihn das gespannte Verhältnis mit dem Bruder drückte;
und nur dem Francesko, den er seines seltnen Geistes, seiner lebensklugen
Umsicht halber lieb gewonnen, war es möglich, ihn in gewissem Gleichmut
zu erhalten. Der Fürst wollte ihn zu den ersten Hofstellen befördern,
Francesko begnügte sich aber mit den geheimen Vorrechten des ersten
Günstlings und mit der Liebe der Prinzessin. In diesen Verhältnissen
bewegte sich der Hof so gut es gehen wollte, aber nur die vier durch
geheime Bande verknüpften Personen waren glücklich in dem Eldorado der
Liebe, das sie sich gebildet und das anderen verschlossen. — Wohl mochte
es der Fürst, ohne daß man es wußte, veranstaltet haben, daß mit vielem
Pomp eine italienische Prinzessin am Hofe erschien, die früher dem Prinzen
als Gemahlin zugedacht war, und der er, als er auf der Reise sich am Hofe
ihres Vaters befand, sichtliche Zuneigung bewiesen hatte. — Sie soll
ausnehmend schön und überhaupt die Grazie, die Anmut selbst gewesen
sein, und dies spricht auch das herrliche Porträt aus, was Sie noch auf der
Galerie sehen können. Ihre Gegenwart belebte den in düstre Langeweile
versunkenen Hof, sie überstrahlte alles, selbst die Fürstin und ihre
Schwester nicht ausgenommen. Franceskos Betragen änderte sich bald nach
der Ankunft der Italienerin auf eine ganz auffallende Weise; es war, als
zehre ein geheimer Gram an seiner Lebensblüte, er wurde mürrisch,
verschlossen, er vernachlässigte seine fürstliche Geliebte. Der Prinz war
ebenso tiefsinnig geworden, er fühlte sich von Regungen ergriffen, denen er
nicht zu widerstehen vermochte. Der Fürstin stieß die Ankunft der
Italienerin einen Dolch ins Herz. Für die zur Schwärmerei geneigte
Prinzessin war nun mit Franceskos Liebe alles Lebensglück entflohen, und
so waren die vier Glücklichen, Beneidenswerten, in Gram und Betrübnis
versenkt. Der Prinz erholte sich zuerst, indem er, bei der strengen Tugend
seiner Schwägerin, den Lockungen des schönen, verführerischen Weibes
Page 150
nicht widerstehen konnte. Jenes kindliche, recht aus dem tiefsten Innern
entsprossene Verhältnis mit der Fürstin, ging unter in der namenlosen Lust,
die ihm die Italienerin verhieß, und so kam es denn, daß er bald aufs neue in
den alten Fesseln lag, denen er, seit nicht lange her, sich entwunden. — Je
mehr der Prinz dieser Liebe nachhing, desto auffallender wurde Franceskos
Betragen, den man jetzt beinahe gar nicht mehr am Hofe sah, sondern der
einsam umherschwärmte und oft wochenlang von der Residenz abwesend
war. Dagegen ließ sich der wunderliche, menschenscheue Maler mehr sehen
als sonst, und arbeitete vorzüglich gern in dem Atelier, das ihm die
Italienerin in ihrem Hause hatte einrichten lassen. Er malte sie mehrmals
mit einem Ausdruck ohnegleichen; der Fürstin schien er abhold, er wollte
sie durchaus nicht malen, dagegen vollendete er das Porträt der Prinzessin,
ohne daß sie ihm ein einziges Mal gesessen, auf das Ähnlichste und
Herrlichste. Die Italienerin erwies diesem Maler so viel Aufmerksamkeit,
und er dagegen begegnete ihr mit solcher vertraulicher Galanterie, daß der
Prinz eifersüchtig wurde, und dem Maler, als er ihn einmal im Atelier
arbeitend antraf, und er, fest den Blick auf den Kopf der Italienerin, den er
wieder hingezaubert, gerichtet, sein Eintreten gar nicht zu bemerken schien,
— rund heraussagte, er möge ihm den Gefallen tun und hier nicht arbeiten,
sondern sich ein anderes Atelier suchen. Der Maler schnikte gelassen den
Pinsel aus und nahm schweigend das Bild von der Staffelei. Im höchsten
Unmute riß es der Prinz ihm aus der Hand mit der Äußerung, es sei so
herrlich getroffen, daß e r es besitzen müsse. Der Maler, immer ruhig und
gelassen bleibend, bat, nur zu erlauben, daß er das Bild mit ein paar Zügen
vollende. Der Prinz stellte das Bild wieder auf die Staffelei, nach ein paar
Minuten gab der Maler es ihm zurück und lachte hell auf, als der Prinz über
das gräßlich verzerrte Gesicht erschrak, zu dem das Porträt geworden. Nun
ging der Maler langsam aus dem Saal, aber nah an der Türe kehrte er um,
sah den Prinzen an mit ernstem durchdringenden Blick und sprach dumpf
und feierlich: „Nun bist du verloren!“ —
Dies geschah als die Italienerin schon für des Prinzen Braut erklärt war
und in wenigen Tagen die feierliche Vermählung vor sich gehen sollte. Des
Malers Betragen achtete der Prinz um so weniger, als er in dem allgemeinen
Ruf stand, zuweilen von einiger Tollheit heimgesucht zu werden. Er saß,
wie man erzählte, nun wieder in seinem kleinen Zimmer und starrte
tagelang eine große aufgespannte Leinwand an, indem er versicherte, wie er
entsprossene Verhältnis mit der Fürstin, ging unter in der namenlosen Lust,
die ihm die Italienerin verhieß, und so kam es denn, daß er bald aufs neue in
den alten Fesseln lag, denen er, seit nicht lange her, sich entwunden. — Je
mehr der Prinz dieser Liebe nachhing, desto auffallender wurde Franceskos
Betragen, den man jetzt beinahe gar nicht mehr am Hofe sah, sondern der
einsam umherschwärmte und oft wochenlang von der Residenz abwesend
war. Dagegen ließ sich der wunderliche, menschenscheue Maler mehr sehen
als sonst, und arbeitete vorzüglich gern in dem Atelier, das ihm die
Italienerin in ihrem Hause hatte einrichten lassen. Er malte sie mehrmals
mit einem Ausdruck ohnegleichen; der Fürstin schien er abhold, er wollte
sie durchaus nicht malen, dagegen vollendete er das Porträt der Prinzessin,
ohne daß sie ihm ein einziges Mal gesessen, auf das Ähnlichste und
Herrlichste. Die Italienerin erwies diesem Maler so viel Aufmerksamkeit,
und er dagegen begegnete ihr mit solcher vertraulicher Galanterie, daß der
Prinz eifersüchtig wurde, und dem Maler, als er ihn einmal im Atelier
arbeitend antraf, und er, fest den Blick auf den Kopf der Italienerin, den er
wieder hingezaubert, gerichtet, sein Eintreten gar nicht zu bemerken schien,
— rund heraussagte, er möge ihm den Gefallen tun und hier nicht arbeiten,
sondern sich ein anderes Atelier suchen. Der Maler schnikte gelassen den
Pinsel aus und nahm schweigend das Bild von der Staffelei. Im höchsten
Unmute riß es der Prinz ihm aus der Hand mit der Äußerung, es sei so
herrlich getroffen, daß e r es besitzen müsse. Der Maler, immer ruhig und
gelassen bleibend, bat, nur zu erlauben, daß er das Bild mit ein paar Zügen
vollende. Der Prinz stellte das Bild wieder auf die Staffelei, nach ein paar
Minuten gab der Maler es ihm zurück und lachte hell auf, als der Prinz über
das gräßlich verzerrte Gesicht erschrak, zu dem das Porträt geworden. Nun
ging der Maler langsam aus dem Saal, aber nah an der Türe kehrte er um,
sah den Prinzen an mit ernstem durchdringenden Blick und sprach dumpf
und feierlich: „Nun bist du verloren!“ —
Dies geschah als die Italienerin schon für des Prinzen Braut erklärt war
und in wenigen Tagen die feierliche Vermählung vor sich gehen sollte. Des
Malers Betragen achtete der Prinz um so weniger, als er in dem allgemeinen
Ruf stand, zuweilen von einiger Tollheit heimgesucht zu werden. Er saß,
wie man erzählte, nun wieder in seinem kleinen Zimmer und starrte
tagelang eine große aufgespannte Leinwand an, indem er versicherte, wie er
Page 151
eben jetzt an ganz herrlichen Gemälden arbeite; so vergaß er den Hof und
wurde von diesem wieder vergessen.
Die Vermählung des Prinzen mit der Italienerin ging in dem Palast des
Fürsten auf das feierlichste vor sich; die Fürstin hatte sich in ihr Geschick
gefügt und einer zwecklosen, nie zu befriedigenden Neigung entsagt; die
Prinzessin war wie verklärt, denn ihr geliebter Francesko war wieder
erschienen, blühender, lebensfroher als je. Der Prinz sollte mit seiner
Gemahlin den Flügel des Schlosses beziehen, den der Fürst erst zu dem
Behuf einrichten lassen. Bei diesem Bau war er recht in seinem
Wirkungskreise, man sah ihn nicht anders, als von Architekten, Malern,
Tapezierern umgeben, in großen Büchern blätternd und Pläne, Risse,
Skizzen vor sich ausbreitend, die er zum Teil selbst gemacht und die
mitunter schlecht genug geraten waren. Weder der Prinz noch seine Braut
durften früher etwas von der inneren Einrichtung sehen bis zum späten
Abend des Vermählungstages, an dem sie von dem Fürsten in einem langen
feierlichen Zuge durch die in der Tat mit geschmackvoller Pracht
dekorierten Zimmer geleitet wurden, und ein Ball in einem herrlichen Saal,
der einem blühenden Garten glich, das Fest beschloß. In der Nacht entstand
in dem Flügel des Prinzen ein dumpfer Lärm, aber lauter und lauter wurde
das Getöse, bis es den Fürsten selbst aufweckte. Unglückahnend sprang er
auf, eilte von der Wache begleitet nach dem entfernten Flügel und trat in
den breiten Korridor, als eben der Prinz gebracht wurde, den man vor der
Türe des Brautgemachs durch einen Messerstich in den Hals ermordet
gefunden. Man kann sich das Entsetzen des Fürsten, der Prinzessin
Verzweiflung, die tiefe herzzerreißende Trauer der Fürstin denken. — Als
der Fürst ruhiger geworden, fing er an, der Möglichkeit wie der Mord
geschehen, wie der Mörder durch die überall mit Wachen besetzten
Korridore habe entfliehen können, nachzuspähen; alle Schlupfwinkel
wurden durchsucht, aber vergebens. Der Page, der den Prinzen bedient,
erzählte, wie er seinen Herrn, der, von banger Ahnung ergriffen, sehr
unruhig gewesen und lange in seinem Kabinett auf und ab gegangen sei,
endlich entkleidet und mit dem Armleuchter in der Hand bis an das
Vorzimmer des Brautgemachs geleuchtet habe. Der Prinz hätte ihm den
Leuchter aus der Hand genommen und ihn zurückgeschickt; kaum sei er
aber aus dem Zimmer gewesen, als er einen dumpfen Schrei, einen Schlag
und das Klirren des fallenden Armleuchters gehört. Gleich sei er
zurückgerannt und habe bei dem Schein eines Lichts, das noch auf der Erde
wurde von diesem wieder vergessen.
Die Vermählung des Prinzen mit der Italienerin ging in dem Palast des
Fürsten auf das feierlichste vor sich; die Fürstin hatte sich in ihr Geschick
gefügt und einer zwecklosen, nie zu befriedigenden Neigung entsagt; die
Prinzessin war wie verklärt, denn ihr geliebter Francesko war wieder
erschienen, blühender, lebensfroher als je. Der Prinz sollte mit seiner
Gemahlin den Flügel des Schlosses beziehen, den der Fürst erst zu dem
Behuf einrichten lassen. Bei diesem Bau war er recht in seinem
Wirkungskreise, man sah ihn nicht anders, als von Architekten, Malern,
Tapezierern umgeben, in großen Büchern blätternd und Pläne, Risse,
Skizzen vor sich ausbreitend, die er zum Teil selbst gemacht und die
mitunter schlecht genug geraten waren. Weder der Prinz noch seine Braut
durften früher etwas von der inneren Einrichtung sehen bis zum späten
Abend des Vermählungstages, an dem sie von dem Fürsten in einem langen
feierlichen Zuge durch die in der Tat mit geschmackvoller Pracht
dekorierten Zimmer geleitet wurden, und ein Ball in einem herrlichen Saal,
der einem blühenden Garten glich, das Fest beschloß. In der Nacht entstand
in dem Flügel des Prinzen ein dumpfer Lärm, aber lauter und lauter wurde
das Getöse, bis es den Fürsten selbst aufweckte. Unglückahnend sprang er
auf, eilte von der Wache begleitet nach dem entfernten Flügel und trat in
den breiten Korridor, als eben der Prinz gebracht wurde, den man vor der
Türe des Brautgemachs durch einen Messerstich in den Hals ermordet
gefunden. Man kann sich das Entsetzen des Fürsten, der Prinzessin
Verzweiflung, die tiefe herzzerreißende Trauer der Fürstin denken. — Als
der Fürst ruhiger geworden, fing er an, der Möglichkeit wie der Mord
geschehen, wie der Mörder durch die überall mit Wachen besetzten
Korridore habe entfliehen können, nachzuspähen; alle Schlupfwinkel
wurden durchsucht, aber vergebens. Der Page, der den Prinzen bedient,
erzählte, wie er seinen Herrn, der, von banger Ahnung ergriffen, sehr
unruhig gewesen und lange in seinem Kabinett auf und ab gegangen sei,
endlich entkleidet und mit dem Armleuchter in der Hand bis an das
Vorzimmer des Brautgemachs geleuchtet habe. Der Prinz hätte ihm den
Leuchter aus der Hand genommen und ihn zurückgeschickt; kaum sei er
aber aus dem Zimmer gewesen, als er einen dumpfen Schrei, einen Schlag
und das Klirren des fallenden Armleuchters gehört. Gleich sei er
zurückgerannt und habe bei dem Schein eines Lichts, das noch auf der Erde
Page 152
fortgebrannt, den Prinzen vor der Türe des Brautgemachs und neben ihm
ein kleines blutiges Messer liegen sehen, nun aber gleich Lärm gemacht. —
Nach der Erzählung der Gemahlin des unglücklichen Prinzen war er, gleich
nachdem sie die Kammerfrau entfernt, hastig ohne Licht in das Zimmer
getreten, hatte alle Lichter schnell ausgelöscht, war wohl eine halbe Stunde
bei ihr geblieben und hatte sich dann wieder entfernt; erst einige Minuten
darauf geschah der Mord. — Als man sich in Vermutungen, wer der Mörder
sein könnte, erschöpfte, als es durchaus kein einziges Mittel mehr gab, dem
Täter auf die Spur zu kommen, da trat eine Kammerfrau der Prinzessin auf,
die in einem Nebenzimmer, dessen Türe geöffnet war, jenen verfänglichen
Auftritt des Prinzen mit dem Maler bemerkt hatte; den erzählte sie nun mit
allen Umständen. Niemand zweifelte, daß der Maler sich auf unbegreifliche
Weise in den Palast zu schleichen gewußt und den Prinzen ermordet habe.
Der Maler sollte im Augenblick verhaftet werden, schon seit zwei Tagen
war er aber aus dem Hause verschwunden, niemand wußte wohin und alle
Nachforschungen blieben vergebens. Der Hof war in die tiefste Trauer
versenkt, die die ganze Residenz mit ihm teilte, und es war nur Francesko,
der, unausgesetzt bei Hofe erscheinend, in dem kleinen Familienzirkel
manchen Sonnenblick aus den trüben Wolken hervorzuzaubern wußte.
Die Prinzessin fühlte sich schwanger, und da es klar zu sein schien, daß
der Mörder des Gemahls die ähnliche Gestalt zum verruchten Betruge
gemißbraucht, begab sie sich auf ein entferntes Schloß des Fürsten, damit
die Niederkunft verschwiegen bliebe und so die Frucht eines höllischen
Frevels wenigstens nicht vor der Welt, der der Leichtsinn der Diener die
Ereignisse der Brautnacht verraten, den unglücklichen Gemahl schände. —
Franceskos Verhältnis mit der Schwester der Fürstin wurde in dieser
Trauerzeit immer fester und inniger, und ebensosehr verstärkte sich die
Freundschaft des fürstlichen Paares für ihn. Der Fürst war längst in
Franceskos Geheimnis eingeweiht, er konnte bald nicht länger dem
Andringen der Fürstin und der Prinzessin widerstehen und willigte in
Franceskos heimliche Vermählung mit der Prinzessin. Francesko sollte sich
im Dienst eines fremden Hofes zu einem hohen militärischen Grad
aufschwingen und dann die öffentliche Kundgebung seiner Ehe mit der
Prinzessin erfolgen. An jenem Hofe war das damals, bei den Verbindungen
des Fürsten mit ihm, möglich.
ein kleines blutiges Messer liegen sehen, nun aber gleich Lärm gemacht. —
Nach der Erzählung der Gemahlin des unglücklichen Prinzen war er, gleich
nachdem sie die Kammerfrau entfernt, hastig ohne Licht in das Zimmer
getreten, hatte alle Lichter schnell ausgelöscht, war wohl eine halbe Stunde
bei ihr geblieben und hatte sich dann wieder entfernt; erst einige Minuten
darauf geschah der Mord. — Als man sich in Vermutungen, wer der Mörder
sein könnte, erschöpfte, als es durchaus kein einziges Mittel mehr gab, dem
Täter auf die Spur zu kommen, da trat eine Kammerfrau der Prinzessin auf,
die in einem Nebenzimmer, dessen Türe geöffnet war, jenen verfänglichen
Auftritt des Prinzen mit dem Maler bemerkt hatte; den erzählte sie nun mit
allen Umständen. Niemand zweifelte, daß der Maler sich auf unbegreifliche
Weise in den Palast zu schleichen gewußt und den Prinzen ermordet habe.
Der Maler sollte im Augenblick verhaftet werden, schon seit zwei Tagen
war er aber aus dem Hause verschwunden, niemand wußte wohin und alle
Nachforschungen blieben vergebens. Der Hof war in die tiefste Trauer
versenkt, die die ganze Residenz mit ihm teilte, und es war nur Francesko,
der, unausgesetzt bei Hofe erscheinend, in dem kleinen Familienzirkel
manchen Sonnenblick aus den trüben Wolken hervorzuzaubern wußte.
Die Prinzessin fühlte sich schwanger, und da es klar zu sein schien, daß
der Mörder des Gemahls die ähnliche Gestalt zum verruchten Betruge
gemißbraucht, begab sie sich auf ein entferntes Schloß des Fürsten, damit
die Niederkunft verschwiegen bliebe und so die Frucht eines höllischen
Frevels wenigstens nicht vor der Welt, der der Leichtsinn der Diener die
Ereignisse der Brautnacht verraten, den unglücklichen Gemahl schände. —
Franceskos Verhältnis mit der Schwester der Fürstin wurde in dieser
Trauerzeit immer fester und inniger, und ebensosehr verstärkte sich die
Freundschaft des fürstlichen Paares für ihn. Der Fürst war längst in
Franceskos Geheimnis eingeweiht, er konnte bald nicht länger dem
Andringen der Fürstin und der Prinzessin widerstehen und willigte in
Franceskos heimliche Vermählung mit der Prinzessin. Francesko sollte sich
im Dienst eines fremden Hofes zu einem hohen militärischen Grad
aufschwingen und dann die öffentliche Kundgebung seiner Ehe mit der
Prinzessin erfolgen. An jenem Hofe war das damals, bei den Verbindungen
des Fürsten mit ihm, möglich.
Page 153
Der Tag der Verbindung erschien, der Fürst mit seiner Gemahlin sowie
zwei vertraute Männer des Hofes (mein Vorgänger war einer von ihnen)
waren die einzigen, die der Trauung in der kleinen Kapelle im fürstlichen
Palast beiwohnen sollten. Ein einziger Page, in das Geheimnis eingeweiht,
bewachte die Türe.
Das Paar stand vor dem Altar, der Beichtiger des Fürsten, ein alter
ehrwürdiger Priester, begann das Formular, nachdem er ein stilles Amt
gehalten. — Da erblaßte Francesko, und mit stieren, auf den Eckpfeiler
beim Hochaltar gerichteten Augen, rief er mit dumpfer Stimme: „Was willst
du von mir?“ — An den Eckpfeiler gelehnt stand der Maler, in fremder,
seltsamer Tracht, den violetten Mantel um die Schulter geschlagen und
durchbohrte Francesko mit dem gespenstischen Blick seiner hohlen,
schwarzen Augen. Die Prinzessin war der Ohnmacht nahe, alles erbebte
vom Entsetzen ergriffen, nur der Priester blieb ruhig und sprach zu
Francesko: „Warum erschreckt dich die Gestalt dieses Mannes, wenn dein
Gewissen rein ist?“ Da raffte sich Francesko auf, der noch gekniet, und
stürzte mit einem kleinen Messer in der Hand auf den Maler, aber noch ehe
er ihn erreicht, sank er mit einem dumpfen Geheul ohnmächtig nieder und
der Maler verschwand hinter dem Pfeiler. Da erwachten alle wie aus einer
Betäubung, man eilte Francesko zu Hilfe, er lag totenähnlich da. Um alles
Aufsehen zu vermeiden, wurde er von den beiden vertrauten Männern in
die Zimmer des Fürsten getragen. Als er aus der Ohnmacht erwachte,
verlangte er heftig, daß man ihn entlasse in seine Wohnung, ohne eine
einzige Frage des Fürsten über den geheimnisvollen Vorgang in der Kirche
zu beantworten. Den andern Morgen war Francesko aus der Residenz, mit
den Kostbarkeiten, die ihm die Gunst des Prinzen und des Fürsten
zugewendet, entflohen. Der Fürst unterließ nichts, um dem Geheimnisse,
dem gespenstischen Erscheinen des Malers, auf die Spur zu kommen. Die
Kapelle hatte nur zwei Eingänge, von denen einer aus den inneren Zimmern
des Palastes nach den Logen neben dem Hochaltar, der andere hingegen aus
dem breiten Hauptkorridor in das Schiff der Kapelle führte. Diesen Eingang
hatte der Page bewacht, damit kein Neugieriger sich nahe, der andere war
verschlossen, unbegreiflich blieb es daher, wie der Maler in der Kapelle
erscheinen und wieder verschwinden können. — Das Messer, welches
Francesko gegen den Maler gezückt, behielt er, ohnmächtig werdend, wie
im Starrkrampf in der Hand, und der Page (derselbe, der an dem
unglücklichen Vermählungsabende den Prinzen entkleidete und der nun die
zwei vertraute Männer des Hofes (mein Vorgänger war einer von ihnen)
waren die einzigen, die der Trauung in der kleinen Kapelle im fürstlichen
Palast beiwohnen sollten. Ein einziger Page, in das Geheimnis eingeweiht,
bewachte die Türe.
Das Paar stand vor dem Altar, der Beichtiger des Fürsten, ein alter
ehrwürdiger Priester, begann das Formular, nachdem er ein stilles Amt
gehalten. — Da erblaßte Francesko, und mit stieren, auf den Eckpfeiler
beim Hochaltar gerichteten Augen, rief er mit dumpfer Stimme: „Was willst
du von mir?“ — An den Eckpfeiler gelehnt stand der Maler, in fremder,
seltsamer Tracht, den violetten Mantel um die Schulter geschlagen und
durchbohrte Francesko mit dem gespenstischen Blick seiner hohlen,
schwarzen Augen. Die Prinzessin war der Ohnmacht nahe, alles erbebte
vom Entsetzen ergriffen, nur der Priester blieb ruhig und sprach zu
Francesko: „Warum erschreckt dich die Gestalt dieses Mannes, wenn dein
Gewissen rein ist?“ Da raffte sich Francesko auf, der noch gekniet, und
stürzte mit einem kleinen Messer in der Hand auf den Maler, aber noch ehe
er ihn erreicht, sank er mit einem dumpfen Geheul ohnmächtig nieder und
der Maler verschwand hinter dem Pfeiler. Da erwachten alle wie aus einer
Betäubung, man eilte Francesko zu Hilfe, er lag totenähnlich da. Um alles
Aufsehen zu vermeiden, wurde er von den beiden vertrauten Männern in
die Zimmer des Fürsten getragen. Als er aus der Ohnmacht erwachte,
verlangte er heftig, daß man ihn entlasse in seine Wohnung, ohne eine
einzige Frage des Fürsten über den geheimnisvollen Vorgang in der Kirche
zu beantworten. Den andern Morgen war Francesko aus der Residenz, mit
den Kostbarkeiten, die ihm die Gunst des Prinzen und des Fürsten
zugewendet, entflohen. Der Fürst unterließ nichts, um dem Geheimnisse,
dem gespenstischen Erscheinen des Malers, auf die Spur zu kommen. Die
Kapelle hatte nur zwei Eingänge, von denen einer aus den inneren Zimmern
des Palastes nach den Logen neben dem Hochaltar, der andere hingegen aus
dem breiten Hauptkorridor in das Schiff der Kapelle führte. Diesen Eingang
hatte der Page bewacht, damit kein Neugieriger sich nahe, der andere war
verschlossen, unbegreiflich blieb es daher, wie der Maler in der Kapelle
erscheinen und wieder verschwinden können. — Das Messer, welches
Francesko gegen den Maler gezückt, behielt er, ohnmächtig werdend, wie
im Starrkrampf in der Hand, und der Page (derselbe, der an dem
unglücklichen Vermählungsabende den Prinzen entkleidete und der nun die
Page 154
Türe der Kapelle bewachte) behauptete, es sei dasselbe gewesen, was
damals neben dem Prinzen gelegen, da es seiner silbernen blinkenden
Schale wegen sehr ins Auge falle. — Nicht lange nach diesen
geheimnisvollen Begebenheiten kamen Nachrichten von der Prinzessin; an
eben dem Tage, da Franceskos Vermählung vor sich gehen sollte, hatte sie
einen Sohn geboren, und war bald nach der Entbindung gestorben. — Der
Fürst betrauerte ihren Verlust, wiewohl das Geheimnis der Brautnacht
schwer auf ihr lag, und in gewisser Art einen vielleicht ungerechten
Verdacht gegen sie selbst erweckte. Der Sohn, die Frucht einer freveligen,
verruchten Tat, wurde in entfernten Landen unter dem Namen des Grafen
Viktorin erzogen. Die Prinzessin (ich meine die Schwester der Fürstin) im
Innersten zerrissen von den schrecklichen Begebenheiten, die in so kurzer
Zeit auf sie eindrangen, wählte das Kloster. Sie ist, wie es Ihnen bekannt
sein wird, Äbtissin des Cisterzienserklosters in ***. — Ganz wunderbar
und geheimnisvoll sich beziehend auf jene Begebenheiten an unserm Hofe,
ist nun aber ein Ereignis, das sich unlängst auf dem Schlosse des Barons F.
zutrug, und diese Familie, so wie damals unsern Hof, auseinander warf. —
Die Äbtissin hatte nämlich, gerührt von dem Elende einer armen Frau, die
mit einem kleinen Kinde auf der Pilgerfahrt von der heiligen Linde ins
Kloster einkehrte, ihren —“
Hier unterbrach ein Besuch die Erzählung des Leibarztes und es gelang
mir den Sturm, der in mir wogte, zu verbergen. Klar stand es vor meiner
Seele, Francesko war mein Vater, er hatte den Prinzen mit demselben
Messer ermordet, mit dem ich Hermogen tötete. — Ich beschloß, in einigen
Tagen nach Italien abzureisen, und so endlich aus dem Kreise zu treten, in
den mich die böse feindliche Macht gebannt hatte. Denselben Abend
erschien ich im Zirkel des Hofes; man erzählte viel von einem herrlichen,
bildschönen Fräulein, die als Hofdame in der Umgebung der Fürstin heute
zum erstenmal erscheinen werde, da sie erst gestern angekommen.
Die Flügeltüren öffneten sich, die Fürstin trat herein, mit ihr die
Fremde. — Ich erkannte Aurelien.
damals neben dem Prinzen gelegen, da es seiner silbernen blinkenden
Schale wegen sehr ins Auge falle. — Nicht lange nach diesen
geheimnisvollen Begebenheiten kamen Nachrichten von der Prinzessin; an
eben dem Tage, da Franceskos Vermählung vor sich gehen sollte, hatte sie
einen Sohn geboren, und war bald nach der Entbindung gestorben. — Der
Fürst betrauerte ihren Verlust, wiewohl das Geheimnis der Brautnacht
schwer auf ihr lag, und in gewisser Art einen vielleicht ungerechten
Verdacht gegen sie selbst erweckte. Der Sohn, die Frucht einer freveligen,
verruchten Tat, wurde in entfernten Landen unter dem Namen des Grafen
Viktorin erzogen. Die Prinzessin (ich meine die Schwester der Fürstin) im
Innersten zerrissen von den schrecklichen Begebenheiten, die in so kurzer
Zeit auf sie eindrangen, wählte das Kloster. Sie ist, wie es Ihnen bekannt
sein wird, Äbtissin des Cisterzienserklosters in ***. — Ganz wunderbar
und geheimnisvoll sich beziehend auf jene Begebenheiten an unserm Hofe,
ist nun aber ein Ereignis, das sich unlängst auf dem Schlosse des Barons F.
zutrug, und diese Familie, so wie damals unsern Hof, auseinander warf. —
Die Äbtissin hatte nämlich, gerührt von dem Elende einer armen Frau, die
mit einem kleinen Kinde auf der Pilgerfahrt von der heiligen Linde ins
Kloster einkehrte, ihren —“
Hier unterbrach ein Besuch die Erzählung des Leibarztes und es gelang
mir den Sturm, der in mir wogte, zu verbergen. Klar stand es vor meiner
Seele, Francesko war mein Vater, er hatte den Prinzen mit demselben
Messer ermordet, mit dem ich Hermogen tötete. — Ich beschloß, in einigen
Tagen nach Italien abzureisen, und so endlich aus dem Kreise zu treten, in
den mich die böse feindliche Macht gebannt hatte. Denselben Abend
erschien ich im Zirkel des Hofes; man erzählte viel von einem herrlichen,
bildschönen Fräulein, die als Hofdame in der Umgebung der Fürstin heute
zum erstenmal erscheinen werde, da sie erst gestern angekommen.
Die Flügeltüren öffneten sich, die Fürstin trat herein, mit ihr die
Fremde. — Ich erkannte Aurelien.
Page 155
Page 156
Zweiter Teil.
1. Abschnitt.
Der Wendepunkt.
In wessen Leben ging nicht einmal das wunderbare, in tiefster Brust
bewahrte Geheimnis der Liebe auf! — Wer du auch sein magst, der du
künftig diese Blätter liesest, rufe dir jene höchste Sonnenzeit zurück, schaue
noch einmal das holde Frauenbild, das, der Geist der Liebe selbst, dir
entgegentrat. Da glaubtest du ja nun in i h r dich, dein höheres Sein zu
erkennen. Weißt du noch, wie die rauschenden Quellen, die flüsternden
Büsche, wie der kosende Abendwind von ihr, von deiner Liebe, so
vernehmlich zu dir sprachen? Siehst du es noch, wie die Blumen dich mit
hellen, freundlichen Augen anblickten, Gruß und Kuß von ihr bringend? —
Und sie kam, sie wollte dein sein ganz und gar. Du umfingst sie voll
glühenden Verlangens und wolltest, losgelöset von der Erde, auflodern in
inbrünstiger Sehnsucht! — Aber das Mysterium blieb unerfüllt, eine finstre
Macht zog stark und gewaltig dich zur Erde nieder, als du dich
aufschwingen wolltest mit ihr zu dem fernen Jenseits, das dir verheißen.
Noch ehe du zu hoffen wagtest, hattest du sie verloren, alle Stimmen, alle
Töne waren verklungen, und nur die hoffnungslose Klage des Einsamen
ächzte grauenvoll durch die düstre Einöde. — Du, Fremder! Unbekannter!
hat dich je solch namenloser Schmerz zermalmt, so stimme ein in den
trostlosen Jammer des ergrauten Mönchs, der in finstrer Zelle der
Sonnenzeit seiner Liebe gedenkend, das harte Lager mit blutigen Tränen
netzt, dessen bange Todesseufzer in stiller Nacht durch die düstren
Klostergänge hallen. — Aber auch du, du mir im Innern Verwandter, auch
1. Abschnitt.
Der Wendepunkt.
In wessen Leben ging nicht einmal das wunderbare, in tiefster Brust
bewahrte Geheimnis der Liebe auf! — Wer du auch sein magst, der du
künftig diese Blätter liesest, rufe dir jene höchste Sonnenzeit zurück, schaue
noch einmal das holde Frauenbild, das, der Geist der Liebe selbst, dir
entgegentrat. Da glaubtest du ja nun in i h r dich, dein höheres Sein zu
erkennen. Weißt du noch, wie die rauschenden Quellen, die flüsternden
Büsche, wie der kosende Abendwind von ihr, von deiner Liebe, so
vernehmlich zu dir sprachen? Siehst du es noch, wie die Blumen dich mit
hellen, freundlichen Augen anblickten, Gruß und Kuß von ihr bringend? —
Und sie kam, sie wollte dein sein ganz und gar. Du umfingst sie voll
glühenden Verlangens und wolltest, losgelöset von der Erde, auflodern in
inbrünstiger Sehnsucht! — Aber das Mysterium blieb unerfüllt, eine finstre
Macht zog stark und gewaltig dich zur Erde nieder, als du dich
aufschwingen wolltest mit ihr zu dem fernen Jenseits, das dir verheißen.
Noch ehe du zu hoffen wagtest, hattest du sie verloren, alle Stimmen, alle
Töne waren verklungen, und nur die hoffnungslose Klage des Einsamen
ächzte grauenvoll durch die düstre Einöde. — Du, Fremder! Unbekannter!
hat dich je solch namenloser Schmerz zermalmt, so stimme ein in den
trostlosen Jammer des ergrauten Mönchs, der in finstrer Zelle der
Sonnenzeit seiner Liebe gedenkend, das harte Lager mit blutigen Tränen
netzt, dessen bange Todesseufzer in stiller Nacht durch die düstren
Klostergänge hallen. — Aber auch du, du mir im Innern Verwandter, auch
Page 157
du glaubst es, daß der Liebe höchste Seligkeit, die Erfüllung des
Geheimnisses im Tode aufgeht. — So verkünden es uns die dunklen,
weissagenden Stimmen, die aus jener, keinem irdischen Maßstab meßlichen
Urzeit zu uns herübertönen, und wie in den Mysterien, die die Säuglinge
der Natur feierten, ist uns ja auch der Tod das Weihfest der Liebe! — —
Ein Blitz fuhr durch mein Innres, mein Atem stockte, die Pulse
schlugen, krampfhaft zuckte das Herz, zerspringen wollte die Brust! — Hin
zu ihr — hin zu ihr — sie an mich reißen in toller Liebeswut! — Was
widerstrebst du, Unselige! der Macht, die dich unauflöslich an mich
gekettet? Bist du nicht mein! — mein immerdar? Doch besser, wie damals,
als ich Aurelien zum erstenmal im Schlosse des Barons erblickte, hemmte
ich den Ausbruch meiner wahnsinnigen Leidenschaft. Überdem waren aller
Augen auf Aurelien gerichtet, und so gelang es mir, im Kreise
gleichgültiger Menschen mich zu drehen und zu wenden, ohne daß irgend
einer mich sonderlich bemerkt oder gar angeredet hätte, welches mir
unerträglich gewesen sein würde, da ich nur s i e sehen — hören — denken
wollte. — —
Man sage nicht, daß das einfache Hauskleid das wahrhaft schöne
Mädchen am besten ziere, der Putz der Weiber übt einen geheimnisvollen
Zauber, dem wir nicht leicht widerstehen können. In ihrer tiefsten Natur
mag es liegen, daß im Putz recht aus ihrem Innern heraus, sich alles
schimmernder und schöner entfaltet, wie Blumen nur dann vollendet sich
darstellen, wenn sie in üppiger Fülle in bunten, glänzenden Farben
aufgebrochen. — Als du die Geliebte zum erstenmal geschmückt sahst,
fröstelte da nicht ein unerklärlich Gefühl dir durch Nerv und Adern? — Sie
kam dir so fremd vor, aber selbst das gab ihr einen unnennbaren Reiz. Wie
durchbebten dich Wonne und namenlose Lüsternheit, wenn du verstohlen
ihre Hand drücken konntest! — Aurelien hatte ich nie anders als im
einfachen Hauskleide gesehen, heute erschien sie, der Hofsitte gemäß, in
vollem Schmuck. — Wie schön sie war! Wie fühlte ich mich bei ihrem
Anblick von unnennbarem Entzücken, von süßer Wollust durchschauert! —
Aber da wurde der Geist des Bösen mächtig in mir und erhob seine Stimme,
der ich williges Ohr lieh. „Siehst du es nun wohl, Medardus,“ so flüsterte es
mir zu, siehst du es nun wohl, wie du dem Geschick gebietest, wie der
Zufall, dir untergeordnet, nur die Faden geschickt verschlingt, die du selbst
gesponnen?“ — Es gab in dem Zirkel des Hofes Frauen, die für vollendet
Geheimnisses im Tode aufgeht. — So verkünden es uns die dunklen,
weissagenden Stimmen, die aus jener, keinem irdischen Maßstab meßlichen
Urzeit zu uns herübertönen, und wie in den Mysterien, die die Säuglinge
der Natur feierten, ist uns ja auch der Tod das Weihfest der Liebe! — —
Ein Blitz fuhr durch mein Innres, mein Atem stockte, die Pulse
schlugen, krampfhaft zuckte das Herz, zerspringen wollte die Brust! — Hin
zu ihr — hin zu ihr — sie an mich reißen in toller Liebeswut! — Was
widerstrebst du, Unselige! der Macht, die dich unauflöslich an mich
gekettet? Bist du nicht mein! — mein immerdar? Doch besser, wie damals,
als ich Aurelien zum erstenmal im Schlosse des Barons erblickte, hemmte
ich den Ausbruch meiner wahnsinnigen Leidenschaft. Überdem waren aller
Augen auf Aurelien gerichtet, und so gelang es mir, im Kreise
gleichgültiger Menschen mich zu drehen und zu wenden, ohne daß irgend
einer mich sonderlich bemerkt oder gar angeredet hätte, welches mir
unerträglich gewesen sein würde, da ich nur s i e sehen — hören — denken
wollte. — —
Man sage nicht, daß das einfache Hauskleid das wahrhaft schöne
Mädchen am besten ziere, der Putz der Weiber übt einen geheimnisvollen
Zauber, dem wir nicht leicht widerstehen können. In ihrer tiefsten Natur
mag es liegen, daß im Putz recht aus ihrem Innern heraus, sich alles
schimmernder und schöner entfaltet, wie Blumen nur dann vollendet sich
darstellen, wenn sie in üppiger Fülle in bunten, glänzenden Farben
aufgebrochen. — Als du die Geliebte zum erstenmal geschmückt sahst,
fröstelte da nicht ein unerklärlich Gefühl dir durch Nerv und Adern? — Sie
kam dir so fremd vor, aber selbst das gab ihr einen unnennbaren Reiz. Wie
durchbebten dich Wonne und namenlose Lüsternheit, wenn du verstohlen
ihre Hand drücken konntest! — Aurelien hatte ich nie anders als im
einfachen Hauskleide gesehen, heute erschien sie, der Hofsitte gemäß, in
vollem Schmuck. — Wie schön sie war! Wie fühlte ich mich bei ihrem
Anblick von unnennbarem Entzücken, von süßer Wollust durchschauert! —
Aber da wurde der Geist des Bösen mächtig in mir und erhob seine Stimme,
der ich williges Ohr lieh. „Siehst du es nun wohl, Medardus,“ so flüsterte es
mir zu, siehst du es nun wohl, wie du dem Geschick gebietest, wie der
Zufall, dir untergeordnet, nur die Faden geschickt verschlingt, die du selbst
gesponnen?“ — Es gab in dem Zirkel des Hofes Frauen, die für vollendet
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schön geachtet werden konnten, aber vor Aureliens, das Gemüt tief
ergreifendem Liebreiz verblaßte alles wie in unscheinbarer Farbe. Eine
eigne Begeisterung regte die Trägsten auf, selbst den älteren Männern riß
der Faden gewöhnlicher Hofkonversation, wo es nur auf Wörter ankommt,
denen von außen her einiger Sinn anfliegt, jählings ab, und es war lustig,
wie jeder mit sichtlicher Qual darnach rang, in Wort und Miene recht
sonntagsmäßig vor der Fremden zu erscheinen. Aurelie nahm diese
Huldigungen mit niedergeschlagenen Augen in holder Anmut hoch errötend
auf: aber als nun der Fürst die älteren Männer um sich sammelte und
mancher bildschöne Jüngling sich schüchtern mit freundlichen Worten
Aurelien nahte, wurde sie sichtlich heitrer und unbefangener. Vorzüglich
gelang es einem Major von der Leibgarde, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu
ziehen, so daß sie bald in lebhaftem Gespräch begriffen schienen. Ich
kannte den Major als entschiedenen Liebling der Weiber. Er wußte mit
geringem Aufwande harmlos scheinender Mittel, Sinn und Geist aufzuregen
und zu umstricken. Mit feinem Ohr auch den leisesten Anklang
erlauschend, ließ er schnell, wie ein geschickter Spieler, alle verwandte
Akkorde nach Willkür vibrieren, so daß die Getäuschte in den fremden
Tönen nur ihre eigne innere Musik zu hören glaubte. — Ich stand nicht fern
von Aurelien, sie schien mich nicht zu bemerken — ich wollte hin zu ihr,
aber wie mit eisernen Banden gefesselt, vermochte ich nicht, mich von der
Stelle zu rühren. — Noch einmal den Major scharf anblickend, war es mir
plötzlich, als stehe Viktorin bei Aurelien. Da lachte ich auf im grimmigen
Hohn: „Hei! — Hei! Du Verruchter, hast du dich im Teufelsgrunde so weich
gebettet, daß du in toller Brunst trachten magst nach der Buhlin des
Mönchs?“ —
Ich weiß nicht, ob ich diese Worte wirklich sprach, aber ich hörte mich
selbst lachen und fuhr auf wie aus tiefem Traum, als der alte Hofmarschall,
sanft meine Hand fassend, frug: „Worüber erfreuen Sie sich so, lieber Herr
Leonard?“ — Eiskalt durchbebte es mich!
Waren das nicht die Worte des frommen Bruders Cyrill, der mich
ebenso frug, als er bei der Einkleidung mein freveliches Lächeln bemerkte?
— Kaum vermochte ich, etwas Unzusammenhängendes herzustammeln. Ich
fühlte es, daß Aurelie nicht mehr in meiner Nähe war, doch wagte ich es
nicht, aufzublicken, ich rannte fort durch die erleuchteten Säle. Wohl mag
mein ganzes Wesen gar unheimlich erschienen sein; denn ich bemerkte, wie
ergreifendem Liebreiz verblaßte alles wie in unscheinbarer Farbe. Eine
eigne Begeisterung regte die Trägsten auf, selbst den älteren Männern riß
der Faden gewöhnlicher Hofkonversation, wo es nur auf Wörter ankommt,
denen von außen her einiger Sinn anfliegt, jählings ab, und es war lustig,
wie jeder mit sichtlicher Qual darnach rang, in Wort und Miene recht
sonntagsmäßig vor der Fremden zu erscheinen. Aurelie nahm diese
Huldigungen mit niedergeschlagenen Augen in holder Anmut hoch errötend
auf: aber als nun der Fürst die älteren Männer um sich sammelte und
mancher bildschöne Jüngling sich schüchtern mit freundlichen Worten
Aurelien nahte, wurde sie sichtlich heitrer und unbefangener. Vorzüglich
gelang es einem Major von der Leibgarde, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu
ziehen, so daß sie bald in lebhaftem Gespräch begriffen schienen. Ich
kannte den Major als entschiedenen Liebling der Weiber. Er wußte mit
geringem Aufwande harmlos scheinender Mittel, Sinn und Geist aufzuregen
und zu umstricken. Mit feinem Ohr auch den leisesten Anklang
erlauschend, ließ er schnell, wie ein geschickter Spieler, alle verwandte
Akkorde nach Willkür vibrieren, so daß die Getäuschte in den fremden
Tönen nur ihre eigne innere Musik zu hören glaubte. — Ich stand nicht fern
von Aurelien, sie schien mich nicht zu bemerken — ich wollte hin zu ihr,
aber wie mit eisernen Banden gefesselt, vermochte ich nicht, mich von der
Stelle zu rühren. — Noch einmal den Major scharf anblickend, war es mir
plötzlich, als stehe Viktorin bei Aurelien. Da lachte ich auf im grimmigen
Hohn: „Hei! — Hei! Du Verruchter, hast du dich im Teufelsgrunde so weich
gebettet, daß du in toller Brunst trachten magst nach der Buhlin des
Mönchs?“ —
Ich weiß nicht, ob ich diese Worte wirklich sprach, aber ich hörte mich
selbst lachen und fuhr auf wie aus tiefem Traum, als der alte Hofmarschall,
sanft meine Hand fassend, frug: „Worüber erfreuen Sie sich so, lieber Herr
Leonard?“ — Eiskalt durchbebte es mich!
Waren das nicht die Worte des frommen Bruders Cyrill, der mich
ebenso frug, als er bei der Einkleidung mein freveliches Lächeln bemerkte?
— Kaum vermochte ich, etwas Unzusammenhängendes herzustammeln. Ich
fühlte es, daß Aurelie nicht mehr in meiner Nähe war, doch wagte ich es
nicht, aufzublicken, ich rannte fort durch die erleuchteten Säle. Wohl mag
mein ganzes Wesen gar unheimlich erschienen sein; denn ich bemerkte, wie
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mir alles scheu auswich, als ich die breite Haupttreppe mehr herabsprang
als herabstieg.
Ich mied den Hof, denn Aurelien, ohne Gefahr mein tiefstes Geheimnis
zu verraten, wiederzusehen, schien mir unmöglich. Einmal lief ich durch
Flur und Wald, nur sie denkend, nur sie schauend. Fester und fester wurde
meine Überzeugung, daß ein dunkles Verhängnis ihr Geschick in das
meinige verschlungen habe, und daß das, was mir manchmal als sündhafter
Frevel erschienen, nur die Erfüllung eines ewigen, unabänderlichen
Ratschlusses sei. So mich ermutigend lachte ich der Gefahr, die mir dann
drohen könnte, wenn Aurelie in mir Hermogens Mörder erkennen sollte.
Dies dünkte mir jedoch überdem höchst unwahrscheinlich. — Wie
erbärmlich erschienen mir nun jene Jünglinge, die in eitlem Wahn sich um
d i e bemühten, die so ganz und gar mein Eigen worden, daß ihr leisester
Lebenshauch nur durch das Sein in mir bedingt schien. — Was sind mir
diese Grafen, diese Freiherren, diese Kammerherren, diese Offiziere in
ihren bunten Röcken — in ihrem blinkenden Golde, ihren schimmernden
Orden, anders als ohnmächtige, geschmückte Insektlein, die ich, wird mir
das Volk lästig, mit kräftiger Faust zermalme. — In der Kutte will ich unter
sie treten, Aurelien bräutlich geschmückt in meinen Armen, und diese
stolze, feindliche Fürstin soll selbst das Hochzeitslager bereiten dem
siegenden Mönch, den sie verachtet. — In solchen Gedanken arbeitend, rief
ich oft laut Aureliens Namen und lachte und heulte wie ein Wahnsinniger.
Aber bald legte sich der Sturm. Ich wurde ruhiger und fähig, darüber
Entschlüsse zu fassen, wie ich nun mich Aurelien nähern wollte. — Eben
schlich ich eines Tages durch den Park, nachsinnend, ob es ratsam sei, die
Abendgesellschaft zu besuchen, die der Fürst ansagen lassen, als man von
hinten her auf meine Schulter klopfte. Ich wandte mich um, der Leibarzt
stand vor mir. „Erlauben Sie mir Ihren werten Puls!“ fing er sogleich an,
und griff, starr mir ins Auge blickend, nach meinem Arm. „Was bedeutet
das?“ frug ich erstaunt. „Nicht viel,“ fuhr er fort, „es soll hier still und
heimlich einige Tollheit umherschleichen, die die Menschen recht
banditenmäßig überfällt und ihnen eins versetzt, daß sie laut aufkreischen
müssen, klingt das auch zuweilen nur wie ein unsinnig Lachen. Indessen
kann alles auch nur ein Fantasma, oder jener tolle Teufel nur ein gelindes
Fieber mit steigender Hitze sein, darum erlauben Sie Ihren werten Puls,
Liebster!“ — „Ich versichere Sie, mein Herr, daß ich von dem allen kein
Wort verstehe!“ So fiel ich ein, aber der Leibarzt hatte meinen Arm gefaßt
als herabstieg.
Ich mied den Hof, denn Aurelien, ohne Gefahr mein tiefstes Geheimnis
zu verraten, wiederzusehen, schien mir unmöglich. Einmal lief ich durch
Flur und Wald, nur sie denkend, nur sie schauend. Fester und fester wurde
meine Überzeugung, daß ein dunkles Verhängnis ihr Geschick in das
meinige verschlungen habe, und daß das, was mir manchmal als sündhafter
Frevel erschienen, nur die Erfüllung eines ewigen, unabänderlichen
Ratschlusses sei. So mich ermutigend lachte ich der Gefahr, die mir dann
drohen könnte, wenn Aurelie in mir Hermogens Mörder erkennen sollte.
Dies dünkte mir jedoch überdem höchst unwahrscheinlich. — Wie
erbärmlich erschienen mir nun jene Jünglinge, die in eitlem Wahn sich um
d i e bemühten, die so ganz und gar mein Eigen worden, daß ihr leisester
Lebenshauch nur durch das Sein in mir bedingt schien. — Was sind mir
diese Grafen, diese Freiherren, diese Kammerherren, diese Offiziere in
ihren bunten Röcken — in ihrem blinkenden Golde, ihren schimmernden
Orden, anders als ohnmächtige, geschmückte Insektlein, die ich, wird mir
das Volk lästig, mit kräftiger Faust zermalme. — In der Kutte will ich unter
sie treten, Aurelien bräutlich geschmückt in meinen Armen, und diese
stolze, feindliche Fürstin soll selbst das Hochzeitslager bereiten dem
siegenden Mönch, den sie verachtet. — In solchen Gedanken arbeitend, rief
ich oft laut Aureliens Namen und lachte und heulte wie ein Wahnsinniger.
Aber bald legte sich der Sturm. Ich wurde ruhiger und fähig, darüber
Entschlüsse zu fassen, wie ich nun mich Aurelien nähern wollte. — Eben
schlich ich eines Tages durch den Park, nachsinnend, ob es ratsam sei, die
Abendgesellschaft zu besuchen, die der Fürst ansagen lassen, als man von
hinten her auf meine Schulter klopfte. Ich wandte mich um, der Leibarzt
stand vor mir. „Erlauben Sie mir Ihren werten Puls!“ fing er sogleich an,
und griff, starr mir ins Auge blickend, nach meinem Arm. „Was bedeutet
das?“ frug ich erstaunt. „Nicht viel,“ fuhr er fort, „es soll hier still und
heimlich einige Tollheit umherschleichen, die die Menschen recht
banditenmäßig überfällt und ihnen eins versetzt, daß sie laut aufkreischen
müssen, klingt das auch zuweilen nur wie ein unsinnig Lachen. Indessen
kann alles auch nur ein Fantasma, oder jener tolle Teufel nur ein gelindes
Fieber mit steigender Hitze sein, darum erlauben Sie Ihren werten Puls,
Liebster!“ — „Ich versichere Sie, mein Herr, daß ich von dem allen kein
Wort verstehe!“ So fiel ich ein, aber der Leibarzt hatte meinen Arm gefaßt
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und zählte den Puls mit zum Himmel gerichtetem Blick — eins — zwei,
drei. — Mir war sein wunderliches Betragen rätselhaft, ich drang in ihn, mir
doch nur zu sagen, was er eigentlich wolle. „Sie wissen also nicht, werter
Herr Leonard, daß Sie neulich den ganzen Hof in Schrecken und
Bestürzung gesetzt haben? — Die Oberhofmeisterin leidet bis dato an
Krämpfen und der Konsistorialpräsident versäumt die wichtigsten
Sessionen, weil es Ihnen beliebt hat, über seine podagrischen Füße
wegzurennen, so daß er, im Lehnstuhl sitzend, noch über mannigfache
Stiche beträchtlich brüllt! — das geschah nämlich, als Sie, wie von einiger
Tollheit heimgesucht, aus dem Saale stürzten, nachdem Sie ohne merkliche
Ursache so aufgelacht hatten, daß allen ein Grausen ankam und sich die
Haare sträubten!“ — In dem Augenblick dachte ich an den Hofmarschall
und meinte, daß ich mich nun wohl erinnere in Gedanken laut aufgelacht zu
haben, um so weniger könne das aber von solch wunderlicher Wirkung
gewesen sein, als der Hofmarschall mich ja ganz sanft gefragt hätte,
worüber ich mich so erfreue? „Ei, ei!“ — fuhr der Leibarzt fort, „das will
nichts bedeuten, der Hofmarschall ist solch ein homo impavidus, der sich
aus dem Teufel selbst nichts macht. Er blieb in seiner ruhigen Dolcezza,
obgleich erwähnter Konsistorialpräsident wirklich meinte, der Teufel habe
aus Ihnen, mein Teurer, auf seine Art gelächelt und unsere schöne Aurelie
von solchem Grausen und Entsetzen ergriffen wurde, daß alle Bemühungen
der Herrschaft sie zu beruhigen, vergebens blieben und sie bald die
Gesellschaft verlassen mußte, zur Verzweiflung sämtlicher Herren, denen
sichtlich das Liebesfeuer aus den exaltierten Toupets dampfte! In dem
Augenblick, als Sie, werter Herr Leonard, so lieblich lachten, soll Aurelie
mit schneidendem, in das Herz dringendem Ton: Hermogen! gerufen haben.
Ei, ei! was mag das bedeuten? — Das könnten S i e vielleicht wissen — Sie
sind überhaupt ein lieber, lustiger, kluger Mann, Herr Leonard, und es ist
mir nicht unlieb, daß ich Ihnen Franceskos merkwürdige Geschichte
anvertraut habe, das muß recht lehrreich für Sie werden!“ — Immerfort
hielt der Leibarzt meinen Arm fest und sah mir starr in die Augen. — „Ich
weiß,“ sagte ich, mich ziemlich unsanft losmachend, „ich weiß Ihre
wunderlichen Reden nicht zu deuten, mein Herr, aber ich muß gestehen,
daß, als ich Aurelien von den geschmückten Herrn umlagert sah, denen, wie
Sie witzig bemerken, das Liebesfeuer aus den exaltierten Toupets dampfte,
mir eine sehr bittre Erinnerung aus meinem früheren Leben durch die Seele
fuhr, und daß ich, von recht grimmigem Hohn über mancher Menschen
drei. — Mir war sein wunderliches Betragen rätselhaft, ich drang in ihn, mir
doch nur zu sagen, was er eigentlich wolle. „Sie wissen also nicht, werter
Herr Leonard, daß Sie neulich den ganzen Hof in Schrecken und
Bestürzung gesetzt haben? — Die Oberhofmeisterin leidet bis dato an
Krämpfen und der Konsistorialpräsident versäumt die wichtigsten
Sessionen, weil es Ihnen beliebt hat, über seine podagrischen Füße
wegzurennen, so daß er, im Lehnstuhl sitzend, noch über mannigfache
Stiche beträchtlich brüllt! — das geschah nämlich, als Sie, wie von einiger
Tollheit heimgesucht, aus dem Saale stürzten, nachdem Sie ohne merkliche
Ursache so aufgelacht hatten, daß allen ein Grausen ankam und sich die
Haare sträubten!“ — In dem Augenblick dachte ich an den Hofmarschall
und meinte, daß ich mich nun wohl erinnere in Gedanken laut aufgelacht zu
haben, um so weniger könne das aber von solch wunderlicher Wirkung
gewesen sein, als der Hofmarschall mich ja ganz sanft gefragt hätte,
worüber ich mich so erfreue? „Ei, ei!“ — fuhr der Leibarzt fort, „das will
nichts bedeuten, der Hofmarschall ist solch ein homo impavidus, der sich
aus dem Teufel selbst nichts macht. Er blieb in seiner ruhigen Dolcezza,
obgleich erwähnter Konsistorialpräsident wirklich meinte, der Teufel habe
aus Ihnen, mein Teurer, auf seine Art gelächelt und unsere schöne Aurelie
von solchem Grausen und Entsetzen ergriffen wurde, daß alle Bemühungen
der Herrschaft sie zu beruhigen, vergebens blieben und sie bald die
Gesellschaft verlassen mußte, zur Verzweiflung sämtlicher Herren, denen
sichtlich das Liebesfeuer aus den exaltierten Toupets dampfte! In dem
Augenblick, als Sie, werter Herr Leonard, so lieblich lachten, soll Aurelie
mit schneidendem, in das Herz dringendem Ton: Hermogen! gerufen haben.
Ei, ei! was mag das bedeuten? — Das könnten S i e vielleicht wissen — Sie
sind überhaupt ein lieber, lustiger, kluger Mann, Herr Leonard, und es ist
mir nicht unlieb, daß ich Ihnen Franceskos merkwürdige Geschichte
anvertraut habe, das muß recht lehrreich für Sie werden!“ — Immerfort
hielt der Leibarzt meinen Arm fest und sah mir starr in die Augen. — „Ich
weiß,“ sagte ich, mich ziemlich unsanft losmachend, „ich weiß Ihre
wunderlichen Reden nicht zu deuten, mein Herr, aber ich muß gestehen,
daß, als ich Aurelien von den geschmückten Herrn umlagert sah, denen, wie
Sie witzig bemerken, das Liebesfeuer aus den exaltierten Toupets dampfte,
mir eine sehr bittre Erinnerung aus meinem früheren Leben durch die Seele
fuhr, und daß ich, von recht grimmigem Hohn über mancher Menschen
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töricht’ Treiben ergriffen, unwillkürlich hell auflachen mußte. Es tut mir
leid, daß ich, ohne es zu wollen, so viel Unheil angerichtet habe, und ich
büße dafür, indem ich mich selbst auf einige Zeit vom Hofe verbanne. Mag
mir die Fürstin, mag mir Aurelie verzeihen. „Ei, mein lieber Leonard,“
versetzte der Leibarzt, „man hat ja wohl wunderliche Anwandlungen, denen
man leicht widersteht, wenn man sonst nur reinen Herzens ist.“ — „Wer
darf sich dessen rühmen hienieden?“ frug ich dumpf in mich hinein. Der
Leibarzt änderte plötzlich Blick und Ton. „Sie scheinen mir,“ sprach er mild
und ernst, „Sie scheinen mir aber doch wirklich krank. — Sie sehen blaß
und verstört aus — Ihr Auge ist eingefallen und brennt seltsam in rötlicher
Glut ... Ihr Puls geht fieberhaft ... Ihre Sprache klingt dumpf ... soll ich
Ihnen etwas aufschreiben?“ — „Gift!“ sprach ich kaum vernehmbar. —
„Ho ho!“ rief der Leibarzt, „steht es so mit Ihnen? Nun, nun, statt des Gifts
das niederschlagende Mittel zerstreuender Gesellschaft. — Es kann aber
auch sein, daß ... Wunderlich ist es aber doch ... vielleicht —“ „Ich bitte Sie,
mein Herr!“ rief ich ganz erzürnt, „ich bitte Sie mich nicht mit
abgebrochenen, unverständlichen Reden zu quälen, sondern lieber geradezu
alles ...“ — „Halt!“ unterbrach mich der Leibarzt, „halt ... es gibt die
wunderlichsten Täuschungen, mein Herr Leonard; beinahe ist’s mir gewiß,
daß man auf augenblicklichen Eindruck eine Hypothese gebaut hat, die
vielleicht in wenigen Minuten in Nichts zerfällt. Dort kommt die Fürstin
mit Aurelien, nützen Sie dieses zufällige Zusammentreffen, entschuldigen
Sie Ihr Betragen ... Eigentlich ... mein Gott! eigentlich haben Sie ja auch
nur gelacht ... freilich auf etwas wunderliche Weise, wer kann aber dafür,
daß schwachnervige Personen darüber erschrecken. Adieu!“
Der Leibarzt sprang mit der ihm eignen Behendigkeit davon. Die
Fürstin kam mit Aurelien den Gang herab. — Ich erbebte. — Mit aller
Gewalt raffte ich mich zusammen. Ich fühlte nach des Leibarztes
geheimnisvollen Reden, daß es nun galt, mich auf der Stelle zu behaupten.
Keck trat ich den Kommenden entgegen. Als Aurelie mich ins Auge faßte,
sank sie mit einem dumpfen Schrei wie tot zusammen, ich wollte hinzu, mit
Abscheu und Entsetzen winkte mich die Fürstin fort, laut um Hilfe rufend.
Wie von Furien und Teufeln gepeitscht, rannte ich fort durch den Park. Ich
schloß mich in meine Wohnung ein und warf mich, vor Wut und
Verzweiflung knirschend, aufs Lager! — Der Abend kam, die Nacht brach
ein, da hörte ich die Haustüre aufschließen, mehrere Stimmen murmelten
und flüsterten durcheinander, es wandte und tappte die Treppe herauf —
leid, daß ich, ohne es zu wollen, so viel Unheil angerichtet habe, und ich
büße dafür, indem ich mich selbst auf einige Zeit vom Hofe verbanne. Mag
mir die Fürstin, mag mir Aurelie verzeihen. „Ei, mein lieber Leonard,“
versetzte der Leibarzt, „man hat ja wohl wunderliche Anwandlungen, denen
man leicht widersteht, wenn man sonst nur reinen Herzens ist.“ — „Wer
darf sich dessen rühmen hienieden?“ frug ich dumpf in mich hinein. Der
Leibarzt änderte plötzlich Blick und Ton. „Sie scheinen mir,“ sprach er mild
und ernst, „Sie scheinen mir aber doch wirklich krank. — Sie sehen blaß
und verstört aus — Ihr Auge ist eingefallen und brennt seltsam in rötlicher
Glut ... Ihr Puls geht fieberhaft ... Ihre Sprache klingt dumpf ... soll ich
Ihnen etwas aufschreiben?“ — „Gift!“ sprach ich kaum vernehmbar. —
„Ho ho!“ rief der Leibarzt, „steht es so mit Ihnen? Nun, nun, statt des Gifts
das niederschlagende Mittel zerstreuender Gesellschaft. — Es kann aber
auch sein, daß ... Wunderlich ist es aber doch ... vielleicht —“ „Ich bitte Sie,
mein Herr!“ rief ich ganz erzürnt, „ich bitte Sie mich nicht mit
abgebrochenen, unverständlichen Reden zu quälen, sondern lieber geradezu
alles ...“ — „Halt!“ unterbrach mich der Leibarzt, „halt ... es gibt die
wunderlichsten Täuschungen, mein Herr Leonard; beinahe ist’s mir gewiß,
daß man auf augenblicklichen Eindruck eine Hypothese gebaut hat, die
vielleicht in wenigen Minuten in Nichts zerfällt. Dort kommt die Fürstin
mit Aurelien, nützen Sie dieses zufällige Zusammentreffen, entschuldigen
Sie Ihr Betragen ... Eigentlich ... mein Gott! eigentlich haben Sie ja auch
nur gelacht ... freilich auf etwas wunderliche Weise, wer kann aber dafür,
daß schwachnervige Personen darüber erschrecken. Adieu!“
Der Leibarzt sprang mit der ihm eignen Behendigkeit davon. Die
Fürstin kam mit Aurelien den Gang herab. — Ich erbebte. — Mit aller
Gewalt raffte ich mich zusammen. Ich fühlte nach des Leibarztes
geheimnisvollen Reden, daß es nun galt, mich auf der Stelle zu behaupten.
Keck trat ich den Kommenden entgegen. Als Aurelie mich ins Auge faßte,
sank sie mit einem dumpfen Schrei wie tot zusammen, ich wollte hinzu, mit
Abscheu und Entsetzen winkte mich die Fürstin fort, laut um Hilfe rufend.
Wie von Furien und Teufeln gepeitscht, rannte ich fort durch den Park. Ich
schloß mich in meine Wohnung ein und warf mich, vor Wut und
Verzweiflung knirschend, aufs Lager! — Der Abend kam, die Nacht brach
ein, da hörte ich die Haustüre aufschließen, mehrere Stimmen murmelten
und flüsterten durcheinander, es wandte und tappte die Treppe herauf —
Page 162
endlich pochte man an meine Türe und befahl mir, im Namen der Obrigkeit,
aufzumachen. Ohne deutliches Bewußtsein, was mir drohen könne, glaubte
ich zu fühlen, daß ich nun verloren sei. Rettung durch Flucht — so dachte
ich und riß das Fenster auf. — Ich erblickte Bewaffnete vor dem Hause,
von denen mich einer sogleich bemerkte. „Wohin?“ rief er mir zu, und in
dem Augenblick wurde die Türe meines Schlafzimmers gesprengt. Mehrere
Männer traten herein; bei dem Leuchten der Laterne, die einer von ihnen
trug, erkannte ich sie für Polizeisoldaten. Man zeigte mir die Ordre des
Kriminalgerichts mich zu verhaften, vor; jeder Widerstand wäre töricht
gewesen. Man warf mich in den Wagen, der vor dem Hause hielt, und als
ich an dem Ort, der meine Bestimmung schien, angekommen, frug, wo ich
mich befände, so erhielt ich zur Antwort, in den Gefängnissen der obern
Burg. Ich wußte, daß man hier gefährliche Verbrecher während des
Prozesses einsperre. Nicht lange dauerte es, so wurde mein Bette gebracht
und der Gefangenwärter frug mich, ob ich noch etwas zu meiner
Bequemlichkeit wünsche? Ich verneinte das, und blieb endlich allein. Die
lange nachhallenden Tritte und das Auf- und Zuschließen vieler Türen
ließen mich wahrnehmen, daß ich mich in einem der innersten Gefängnisse
auf der Burg befand. Auf mir selbst unerklärliche Weise war ich während
der ziemlich langen Fahrt ruhig geworden, ja in einer Art Sinnesbetäubung
erblickte ich alle Bilder, die mir vorübergingen, nur in blassen,
halberloschenen Farben. Ich erlag nicht dem Schlaf, sondern einer
gedanken- und phantasielähmenden Ohnmacht. Als ich am hellen Morgen
erwachte, kam mir nur nach und nach die Erinnerung dessen, was
geschehen und wo ich hingebracht worden. Die gewölbte, ganz zellenartige
Kammer, wo ich lag, hätte mir kaum ein Gefängnis erschienen, wenn nicht
das kleine Fenster stark mit Eisenstäben vergittert und so hoch angebracht
gewesen wäre, daß ich es nicht einmal mit ausgestreckter Hand erreichen,
viel weniger hinausschauen konnte. Nur wenige Sonnenstrahlen fielen
sparsam hinein; mich wandelte die Lust an, die Umgebungen meines
Aufenthaltes zu erforschen, ich rückte daher mein Bette heran und stellte
den Tisch darauf. Eben wollte ich hinaufklettern, als der Gefangenwärter
hereintrat und über mein Beginnen sehr verwundert schien. Er frug mich,
was ich da mache, ich erwiderte, daß ich nur hinausschauen wollen;
schweigend trug er Tisch, Bette und den Stuhl fort und schloß mich
sogleich wieder ein. Nicht eine Stunde hatte es gedauert, als er von zwei
andern Männern begleitet, wieder erschien und mich durch lange Gänge
aufzumachen. Ohne deutliches Bewußtsein, was mir drohen könne, glaubte
ich zu fühlen, daß ich nun verloren sei. Rettung durch Flucht — so dachte
ich und riß das Fenster auf. — Ich erblickte Bewaffnete vor dem Hause,
von denen mich einer sogleich bemerkte. „Wohin?“ rief er mir zu, und in
dem Augenblick wurde die Türe meines Schlafzimmers gesprengt. Mehrere
Männer traten herein; bei dem Leuchten der Laterne, die einer von ihnen
trug, erkannte ich sie für Polizeisoldaten. Man zeigte mir die Ordre des
Kriminalgerichts mich zu verhaften, vor; jeder Widerstand wäre töricht
gewesen. Man warf mich in den Wagen, der vor dem Hause hielt, und als
ich an dem Ort, der meine Bestimmung schien, angekommen, frug, wo ich
mich befände, so erhielt ich zur Antwort, in den Gefängnissen der obern
Burg. Ich wußte, daß man hier gefährliche Verbrecher während des
Prozesses einsperre. Nicht lange dauerte es, so wurde mein Bette gebracht
und der Gefangenwärter frug mich, ob ich noch etwas zu meiner
Bequemlichkeit wünsche? Ich verneinte das, und blieb endlich allein. Die
lange nachhallenden Tritte und das Auf- und Zuschließen vieler Türen
ließen mich wahrnehmen, daß ich mich in einem der innersten Gefängnisse
auf der Burg befand. Auf mir selbst unerklärliche Weise war ich während
der ziemlich langen Fahrt ruhig geworden, ja in einer Art Sinnesbetäubung
erblickte ich alle Bilder, die mir vorübergingen, nur in blassen,
halberloschenen Farben. Ich erlag nicht dem Schlaf, sondern einer
gedanken- und phantasielähmenden Ohnmacht. Als ich am hellen Morgen
erwachte, kam mir nur nach und nach die Erinnerung dessen, was
geschehen und wo ich hingebracht worden. Die gewölbte, ganz zellenartige
Kammer, wo ich lag, hätte mir kaum ein Gefängnis erschienen, wenn nicht
das kleine Fenster stark mit Eisenstäben vergittert und so hoch angebracht
gewesen wäre, daß ich es nicht einmal mit ausgestreckter Hand erreichen,
viel weniger hinausschauen konnte. Nur wenige Sonnenstrahlen fielen
sparsam hinein; mich wandelte die Lust an, die Umgebungen meines
Aufenthaltes zu erforschen, ich rückte daher mein Bette heran und stellte
den Tisch darauf. Eben wollte ich hinaufklettern, als der Gefangenwärter
hereintrat und über mein Beginnen sehr verwundert schien. Er frug mich,
was ich da mache, ich erwiderte, daß ich nur hinausschauen wollen;
schweigend trug er Tisch, Bette und den Stuhl fort und schloß mich
sogleich wieder ein. Nicht eine Stunde hatte es gedauert, als er von zwei
andern Männern begleitet, wieder erschien und mich durch lange Gänge
Page 163
treppauf, treppab führte, bis ich endlich in einen kleinen Saal eintrat, wo
mich der Kriminalrichter erwartete. Ihm zur Seite saß ein junger Mann, dem
er in der Folge alles, was ich auf die an mich gerichteten Fragen erwidert
hatte, laut in die Feder diktierte. Meinen ehemaligen Verhältnissen bei Hofe
und der allgemeinen Achtung, die ich in der Tat so lange genossen hatte,
mochte ich die höfliche Art danken, mit der man mich behandelte, wiewohl
ich auch die Überzeugung darauf baute, daß nur Vermutungen, die
hauptsächlich auf Aureliens ahnendem Gefühl beruhen konnten, meine
Verhaftung veranlaßt hatten. Der Richter forderte mich auf, meine
bisherigen Lebensverhältnisse genau anzugeben; ich bat ihn, mir erst die
Ursache meiner plötzlichen Verhaftung zu sagen, er erwiderte, daß ich über
das mir schuld gegebene Verbrechen zu seiner Zeit genau genug
vernommen werden solle. Jetzt komme es nur darauf an, meinen ganzen
Lebenslauf bis zur Ankunft in der Residenz auf das genaueste zu wissen,
und er müsse mich daran erinnern, daß es dem Kriminalgericht nicht an
Mitteln fehlen würde, auch dem kleinsten von mir angegebenen Umstande
nachzuspüren, weshalb ich denn ja der strengsten Wahrheit treu bleiben
möge. Diese Ermahnung, die der Richter, ein kleiner dürrer Mann mit
fuchsroten Haaren, mit heiserer, lächerlich quäkender Stimme mir hielt,
indem er die grauen Augen weit aufriß, fiel auf einen fruchtbaren Boden;
denn ich erinnerte mich nun, daß ich in meiner Erzählung den Faden genau
so aufgreifen und fortspinnen müsse, wie ich ihn angelegt, als ich bei Hofe
meinen Namen und Geburtsort angab. Auch war es wohl nötig, alles
auffallende vermeidend, meinen Lebenslauf ins Alltägliche, aber weit
Entfernte, Ungewisse zu spielen, so daß die weitern Nachforschungen
dadurch auf jeden Fall weit aussehend und schwierig werden mußten. In
dem Augenblick kam mir auch ein junger Pole ins Gedächtnis, mit dem ich
auf dem Seminar in B. studierte; ich beschloß, seine einfachen
Lebensumstände mir anzueignen. So gerüstet begann ich in folgender Art:
„Es mag wohl sein, daß man mich eines schweren Verbrechen beschuldigt,
ich habe indessen hier unter den Augen des Fürsten und der ganzen Stadt
gelebt, und es ist während der Zeit meines Aufenthaltes kein Verbrechen
verübt worden, für dessen Urheber ich gehalten werden oder dessen
Teilnehmer ich sein könnte. Es muß also ein Fremder sein, der mich eines
in früherer Zeit begangenen Verbrechens anklagt, und da ich mich von aller
Schuld völlig rein fühle, so hat vielleicht nur eine unglückliche Ähnlichkeit
die Vermutung meiner Schuld erregt; um so härter finde ich es aber, daß
mich der Kriminalrichter erwartete. Ihm zur Seite saß ein junger Mann, dem
er in der Folge alles, was ich auf die an mich gerichteten Fragen erwidert
hatte, laut in die Feder diktierte. Meinen ehemaligen Verhältnissen bei Hofe
und der allgemeinen Achtung, die ich in der Tat so lange genossen hatte,
mochte ich die höfliche Art danken, mit der man mich behandelte, wiewohl
ich auch die Überzeugung darauf baute, daß nur Vermutungen, die
hauptsächlich auf Aureliens ahnendem Gefühl beruhen konnten, meine
Verhaftung veranlaßt hatten. Der Richter forderte mich auf, meine
bisherigen Lebensverhältnisse genau anzugeben; ich bat ihn, mir erst die
Ursache meiner plötzlichen Verhaftung zu sagen, er erwiderte, daß ich über
das mir schuld gegebene Verbrechen zu seiner Zeit genau genug
vernommen werden solle. Jetzt komme es nur darauf an, meinen ganzen
Lebenslauf bis zur Ankunft in der Residenz auf das genaueste zu wissen,
und er müsse mich daran erinnern, daß es dem Kriminalgericht nicht an
Mitteln fehlen würde, auch dem kleinsten von mir angegebenen Umstande
nachzuspüren, weshalb ich denn ja der strengsten Wahrheit treu bleiben
möge. Diese Ermahnung, die der Richter, ein kleiner dürrer Mann mit
fuchsroten Haaren, mit heiserer, lächerlich quäkender Stimme mir hielt,
indem er die grauen Augen weit aufriß, fiel auf einen fruchtbaren Boden;
denn ich erinnerte mich nun, daß ich in meiner Erzählung den Faden genau
so aufgreifen und fortspinnen müsse, wie ich ihn angelegt, als ich bei Hofe
meinen Namen und Geburtsort angab. Auch war es wohl nötig, alles
auffallende vermeidend, meinen Lebenslauf ins Alltägliche, aber weit
Entfernte, Ungewisse zu spielen, so daß die weitern Nachforschungen
dadurch auf jeden Fall weit aussehend und schwierig werden mußten. In
dem Augenblick kam mir auch ein junger Pole ins Gedächtnis, mit dem ich
auf dem Seminar in B. studierte; ich beschloß, seine einfachen
Lebensumstände mir anzueignen. So gerüstet begann ich in folgender Art:
„Es mag wohl sein, daß man mich eines schweren Verbrechen beschuldigt,
ich habe indessen hier unter den Augen des Fürsten und der ganzen Stadt
gelebt, und es ist während der Zeit meines Aufenthaltes kein Verbrechen
verübt worden, für dessen Urheber ich gehalten werden oder dessen
Teilnehmer ich sein könnte. Es muß also ein Fremder sein, der mich eines
in früherer Zeit begangenen Verbrechens anklagt, und da ich mich von aller
Schuld völlig rein fühle, so hat vielleicht nur eine unglückliche Ähnlichkeit
die Vermutung meiner Schuld erregt; um so härter finde ich es aber, daß
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man mich leerer Vermutungen und vorgefaßter Meinungen wegen, dem
überführten Verbrecher gleich, in ein strenges Kriminalgefängnis sperrt.
Warum stellt man mich nicht meinem leichtsinnigen, vielleicht boshaften
Ankläger unter die Augen? ... Gewiß ist es am Ende ein alberner Tor, der
...“ „Gemach, gemach, Herr Leonard,“ quäkte der Richter, „menagieren Sie
sich, Sie könnten sonst garstig anstoßen gegen hohe Personen, und die
fremde Person, die Sie, mein Herr Leonard, oder Herr ... (er biß sich schnell
in die Lippen) erkannt hat, ist auch weder leichtsinnig noch albern, sondern
... Nun, und dann haben wir gute Nachrichten aus der ...“ Er nannte die
Gegend, wo die Güter des Barons F. lagen, und alles klärte sich dadurch mir
deutlich auf. Entschieden war es, daß Aurelie in mir den Mönch erkannt
hatte, der ihren Bruder ermordete. Dieser Mönch war ja aber Medardus, der
berühmte Kanzelredner aus dem Kapuzinerkloster in B. Als diesen hatte ihn
Reinhold erkannt und so hatte er sich auch selbst kund getan. Daß
Francesko der Vater jenes Medardus war, wußte die Äbtissin, und so mußte
meine Ähnlichkeit mit ihm, die der Fürstin gleich anfangs so unheimlich
worden, die Vermutungen, welche die Fürstin und die Äbtissin vielleicht
schon brieflich unter sich angeregt hatten, beinahe zur Gewißheit erheben.
Möglich war es auch, daß Nachrichten selbst aus dem Kapuzinerkloster in
B. eingeholt worden; daß man meine Spur genau verfolgt, und so die
Identität meiner Person mit dem Mönch Medardus festgestellt hatte. Alles
dieses überdachte ich schnell und sah die Gefahr meiner Lage. Der Richter
schwatzte noch fort, und dies brachte mir Vorteil, denn es fiel mir auch jetzt
der lange vergebens gesuchte Name des polnischen Städtchens ein, das ich
der alten Dame bei Hofe als meinen Geburtsort genannt hatte. Kaum endete
daher der Richter seinen Sermon mit der barschen Äußerung, daß ich nun
ohne weiteres meinen bisherigen Lebenslauf erzählen solle, als ich anfing:
„Ich heiße eigentlich Leonard Krczynki und bin der einzige Sohn eines
Edelmanns, der sein Gütchen verkauft hatte und sich in Kwiecziczewo
aufhielt.“ — „Wie, was? — rief der Richter, indem er sich vergebens
bemühte, meinen, sowie den Namen meines angeblichen Geburtsorts
nachzusprechen. Der Protokollführer wußte gar nicht, wie er die Wörter
aufschreiben sollte; ich mußte beide Namen selbst einrücken, und fuhr dann
fort: „Sie bemerken, mein Herr, wie schwer es der deutschen Zunge wird,
meinen konsonantenreichen Namen nachzusprechen, und darin liegt die
Ursache, warum ich ihn, als ich nach Deutschland kam, wegwarf, und mich
bloß nach meinem Vornamen, Leonard, nannte. Übrigens kann keines
überführten Verbrecher gleich, in ein strenges Kriminalgefängnis sperrt.
Warum stellt man mich nicht meinem leichtsinnigen, vielleicht boshaften
Ankläger unter die Augen? ... Gewiß ist es am Ende ein alberner Tor, der
...“ „Gemach, gemach, Herr Leonard,“ quäkte der Richter, „menagieren Sie
sich, Sie könnten sonst garstig anstoßen gegen hohe Personen, und die
fremde Person, die Sie, mein Herr Leonard, oder Herr ... (er biß sich schnell
in die Lippen) erkannt hat, ist auch weder leichtsinnig noch albern, sondern
... Nun, und dann haben wir gute Nachrichten aus der ...“ Er nannte die
Gegend, wo die Güter des Barons F. lagen, und alles klärte sich dadurch mir
deutlich auf. Entschieden war es, daß Aurelie in mir den Mönch erkannt
hatte, der ihren Bruder ermordete. Dieser Mönch war ja aber Medardus, der
berühmte Kanzelredner aus dem Kapuzinerkloster in B. Als diesen hatte ihn
Reinhold erkannt und so hatte er sich auch selbst kund getan. Daß
Francesko der Vater jenes Medardus war, wußte die Äbtissin, und so mußte
meine Ähnlichkeit mit ihm, die der Fürstin gleich anfangs so unheimlich
worden, die Vermutungen, welche die Fürstin und die Äbtissin vielleicht
schon brieflich unter sich angeregt hatten, beinahe zur Gewißheit erheben.
Möglich war es auch, daß Nachrichten selbst aus dem Kapuzinerkloster in
B. eingeholt worden; daß man meine Spur genau verfolgt, und so die
Identität meiner Person mit dem Mönch Medardus festgestellt hatte. Alles
dieses überdachte ich schnell und sah die Gefahr meiner Lage. Der Richter
schwatzte noch fort, und dies brachte mir Vorteil, denn es fiel mir auch jetzt
der lange vergebens gesuchte Name des polnischen Städtchens ein, das ich
der alten Dame bei Hofe als meinen Geburtsort genannt hatte. Kaum endete
daher der Richter seinen Sermon mit der barschen Äußerung, daß ich nun
ohne weiteres meinen bisherigen Lebenslauf erzählen solle, als ich anfing:
„Ich heiße eigentlich Leonard Krczynki und bin der einzige Sohn eines
Edelmanns, der sein Gütchen verkauft hatte und sich in Kwiecziczewo
aufhielt.“ — „Wie, was? — rief der Richter, indem er sich vergebens
bemühte, meinen, sowie den Namen meines angeblichen Geburtsorts
nachzusprechen. Der Protokollführer wußte gar nicht, wie er die Wörter
aufschreiben sollte; ich mußte beide Namen selbst einrücken, und fuhr dann
fort: „Sie bemerken, mein Herr, wie schwer es der deutschen Zunge wird,
meinen konsonantenreichen Namen nachzusprechen, und darin liegt die
Ursache, warum ich ihn, als ich nach Deutschland kam, wegwarf, und mich
bloß nach meinem Vornamen, Leonard, nannte. Übrigens kann keines
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Menschen Lebenslauf einfacher sein, als der meinige. Mein Vater, selbst
ziemlich unterrichtet, billigte meinen entschiedenen Hang zu den
Wissenschaften, und wollte mich eben nach Krakau zu einem ihm
verwandten Geistlichen, Stanislaw Krczynski, schicken, als er starb.
Niemand bekümmerte sich um mich, ich verkaufte die kleine Habe, zog
einige Schulden ein und begab mich wirklich mit dem ganzen mir von
meinem Vater hinterlassenen Vermögen nach Krakau, wo ich einige Jahre
unter meines Verwandten Aufsicht studierte. Dann ging ich nach Danzig
und nach Königsberg. Endlich trieb es mich wie mit unwiderstehlicher
Gewalt, eine Reise nach dem Süden zu machen; ich hoffte, mich mit dem
Rest meines kleinen Vermögens durchzubringen und dann eine Anstellung
an irgendeiner Universität zu finden, doch wäre es mir hier beinahe
schlimm ergangen, wenn nicht ein beträchtlicher Gewinn an der Farobank
des Fürsten mich in den Stand gesetzt hätte, hier noch ganz gemächlich zu
verweilen und dann, wie ich es im Sinn hatte, meine Reise nach Italien
fortzusetzen. Irgend etwas Ausgezeichnetes, das wert wäre, erzählt zu
werden, hat sich in meinem Leben gar nicht zugetragen. Doch muß ich
wohl noch erwähnen, daß es mir leicht gewesen sein würde, die Wahrheit
meiner Angaben ganz unzweifelhaft nachzuweisen, wenn nicht ein ganz
besonderer Zufall mich um meine Brieftasche gebracht hätte, worin mein
Paß, meine Reiseroute und verschiedene andere Skripturen befindlich
waren, die jenem Zweck gedient hätten.“ — Der Richter fuhr absichtlich
auf, er sah mich scharf an und frug mit beinahe spöttischem Ton, welcher
Zufall mich denn außer stande gesetzt hätte, mich, wie es verlangt werden
müßte, zu legitimieren. „Vor mehreren Monaten, so erzählte ich, befand ich
mich auf dem Wege hierher im Gebirge. Die anmutige Jahreszeit, sowie die
herrliche romantische Gegend bestimmten mich, den Weg zu Fuße zu
machen. Ermüdet saß ich eines Tages in dem Wirtshause eines kleinen
Dörfchens; ich hatte mir Erfrischungen reichen lassen und ein Blättchen aus
meiner Brieftasche genommen, um irgend etwas, das mir eingefallen,
aufzuzeichnen; die Brieftasche lag vor mir auf dem Tische. Bald darauf
kam ein Reiter dahergesprengt, dessen sonderbare Kleidung und
verwildertes Ansehen meine Aufmerksamkeit erregte. Er trat ins Zimmer,
forderte einen Trunk und setzte sich, finster und scheu mich anblickend, mir
gegenüber an den Tisch. Der Mann war mir unheimlich, ich trat daher ins
Freie hinaus. Bald darauf kam auch der Reiter, bezahlte den Wirt und
sprengte, mich flüchtig grüßend, davon. Ich stand im Begriff weiter zu
ziemlich unterrichtet, billigte meinen entschiedenen Hang zu den
Wissenschaften, und wollte mich eben nach Krakau zu einem ihm
verwandten Geistlichen, Stanislaw Krczynski, schicken, als er starb.
Niemand bekümmerte sich um mich, ich verkaufte die kleine Habe, zog
einige Schulden ein und begab mich wirklich mit dem ganzen mir von
meinem Vater hinterlassenen Vermögen nach Krakau, wo ich einige Jahre
unter meines Verwandten Aufsicht studierte. Dann ging ich nach Danzig
und nach Königsberg. Endlich trieb es mich wie mit unwiderstehlicher
Gewalt, eine Reise nach dem Süden zu machen; ich hoffte, mich mit dem
Rest meines kleinen Vermögens durchzubringen und dann eine Anstellung
an irgendeiner Universität zu finden, doch wäre es mir hier beinahe
schlimm ergangen, wenn nicht ein beträchtlicher Gewinn an der Farobank
des Fürsten mich in den Stand gesetzt hätte, hier noch ganz gemächlich zu
verweilen und dann, wie ich es im Sinn hatte, meine Reise nach Italien
fortzusetzen. Irgend etwas Ausgezeichnetes, das wert wäre, erzählt zu
werden, hat sich in meinem Leben gar nicht zugetragen. Doch muß ich
wohl noch erwähnen, daß es mir leicht gewesen sein würde, die Wahrheit
meiner Angaben ganz unzweifelhaft nachzuweisen, wenn nicht ein ganz
besonderer Zufall mich um meine Brieftasche gebracht hätte, worin mein
Paß, meine Reiseroute und verschiedene andere Skripturen befindlich
waren, die jenem Zweck gedient hätten.“ — Der Richter fuhr absichtlich
auf, er sah mich scharf an und frug mit beinahe spöttischem Ton, welcher
Zufall mich denn außer stande gesetzt hätte, mich, wie es verlangt werden
müßte, zu legitimieren. „Vor mehreren Monaten, so erzählte ich, befand ich
mich auf dem Wege hierher im Gebirge. Die anmutige Jahreszeit, sowie die
herrliche romantische Gegend bestimmten mich, den Weg zu Fuße zu
machen. Ermüdet saß ich eines Tages in dem Wirtshause eines kleinen
Dörfchens; ich hatte mir Erfrischungen reichen lassen und ein Blättchen aus
meiner Brieftasche genommen, um irgend etwas, das mir eingefallen,
aufzuzeichnen; die Brieftasche lag vor mir auf dem Tische. Bald darauf
kam ein Reiter dahergesprengt, dessen sonderbare Kleidung und
verwildertes Ansehen meine Aufmerksamkeit erregte. Er trat ins Zimmer,
forderte einen Trunk und setzte sich, finster und scheu mich anblickend, mir
gegenüber an den Tisch. Der Mann war mir unheimlich, ich trat daher ins
Freie hinaus. Bald darauf kam auch der Reiter, bezahlte den Wirt und
sprengte, mich flüchtig grüßend, davon. Ich stand im Begriff weiter zu
Page 166
gehen, als ich mich der Brieftasche erinnerte, die ich in der Stube auf dem
Tische liegen gelassen; ich ging hinein und fand sie noch auf dem alten
Platz. Erst des anderen Tages, als ich die Brieftasche hervorzog, entdeckte
ich, daß es nicht die meinige war, sondern daß sie wahrscheinlich dem
Fremden gehörte, der gewiß aus Irrtum die meinige eingesteckt hatte. Nur
einige mir unverständliche Notizen und mehrere an einen Grafen Viktorin
gerichtete Briefe befanden sich darin. Diese Brieftasche nebst dem Inhalt
wird man noch unter meinen Sachen finden; in der meinigen hatte ich, wie
gesagt, meinen Paß, meine Reiseroute, und, wie mir jetzt eben einfällt,
sogar meinen Taufschein; um das alles bin ich durch jene Verwechslung
gekommen.“ — Der Richter ließ den Fremden, dessen ich erwähnt, von
Kopf bis zu Fuß beschreiben, und ich ermangelte nicht, die Figur mit aller
nur möglichen Eigentümlichkeit aus der Gestalt des Grafen Viktorin und
aus der meinigen auf der Flucht aus dem Schlosse des Barons F. geschickt
zusammenzufügen. Nicht aufhören konnte der Richter, mich über die
kleinsten Umstände dieser Begebenheit auszufragen, und indem ich alles
befriedigend beantwortete, ründete sich das Bild davon so in meinem
Innern, daß ich selbst daran glaubte, und keine Gefahr lief, mich in
Widersprüche zu verwickeln. Mit Recht konnte ich es übrigens wohl für
einen glücklichen Gedanken halten, wenn ich, den Besitz jener an den
Grafen Viktorin gerichteten Briefe, die in der Tat sich noch im Portefeuille
befanden, rechtfertigend, zugleich eine fingierte Person einzuflechten, die
künftig, je nachdem die Umstände darauf hindeuteten, den entflohenen
Medardus oder den Grafen Viktorin vorstellen konnte. Dabei fiel mir ein,
daß vielleicht unter Euphemiens Papieren sich Briefe vorfanden, die über
Viktorins Plan, als Mönch im Schlosse zu erscheinen, Aufschluß gaben, und
daß dies aufs neue den eigentlichen Hergang der Sache verdunkeln und
verwirren könne. Meine Phantasie arbeitete fort, indem der Richter mich
frug, und es entwickelten sich mir immer neue Mittel, mich vor jeder
Entdeckung zu sichern, so daß ich auf das ärgste gefaßt zu sein glaubte. —
Ich erwartete nun, da über mein Leben im allgemeinen alles genug erörtert
schien, daß der Richter dem mir angeschuldigten Verbrechen näher
kommen würde, es war dem aber nicht so; vielmehr frug er, warum ich habe
aus dem Gefängnis entfliehen wollen? — Ich versicherte, daß mir dies nicht
in den Sinn gekommen sei. Das Zeugnis des Gefangenwärters, der mich an
das Fenster hinaufkletternd angetroffen, schien aber wider mich zu
sprechen. Der Richter drohte mir, daß ich nach einem zweiten Versuch
Tische liegen gelassen; ich ging hinein und fand sie noch auf dem alten
Platz. Erst des anderen Tages, als ich die Brieftasche hervorzog, entdeckte
ich, daß es nicht die meinige war, sondern daß sie wahrscheinlich dem
Fremden gehörte, der gewiß aus Irrtum die meinige eingesteckt hatte. Nur
einige mir unverständliche Notizen und mehrere an einen Grafen Viktorin
gerichtete Briefe befanden sich darin. Diese Brieftasche nebst dem Inhalt
wird man noch unter meinen Sachen finden; in der meinigen hatte ich, wie
gesagt, meinen Paß, meine Reiseroute, und, wie mir jetzt eben einfällt,
sogar meinen Taufschein; um das alles bin ich durch jene Verwechslung
gekommen.“ — Der Richter ließ den Fremden, dessen ich erwähnt, von
Kopf bis zu Fuß beschreiben, und ich ermangelte nicht, die Figur mit aller
nur möglichen Eigentümlichkeit aus der Gestalt des Grafen Viktorin und
aus der meinigen auf der Flucht aus dem Schlosse des Barons F. geschickt
zusammenzufügen. Nicht aufhören konnte der Richter, mich über die
kleinsten Umstände dieser Begebenheit auszufragen, und indem ich alles
befriedigend beantwortete, ründete sich das Bild davon so in meinem
Innern, daß ich selbst daran glaubte, und keine Gefahr lief, mich in
Widersprüche zu verwickeln. Mit Recht konnte ich es übrigens wohl für
einen glücklichen Gedanken halten, wenn ich, den Besitz jener an den
Grafen Viktorin gerichteten Briefe, die in der Tat sich noch im Portefeuille
befanden, rechtfertigend, zugleich eine fingierte Person einzuflechten, die
künftig, je nachdem die Umstände darauf hindeuteten, den entflohenen
Medardus oder den Grafen Viktorin vorstellen konnte. Dabei fiel mir ein,
daß vielleicht unter Euphemiens Papieren sich Briefe vorfanden, die über
Viktorins Plan, als Mönch im Schlosse zu erscheinen, Aufschluß gaben, und
daß dies aufs neue den eigentlichen Hergang der Sache verdunkeln und
verwirren könne. Meine Phantasie arbeitete fort, indem der Richter mich
frug, und es entwickelten sich mir immer neue Mittel, mich vor jeder
Entdeckung zu sichern, so daß ich auf das ärgste gefaßt zu sein glaubte. —
Ich erwartete nun, da über mein Leben im allgemeinen alles genug erörtert
schien, daß der Richter dem mir angeschuldigten Verbrechen näher
kommen würde, es war dem aber nicht so; vielmehr frug er, warum ich habe
aus dem Gefängnis entfliehen wollen? — Ich versicherte, daß mir dies nicht
in den Sinn gekommen sei. Das Zeugnis des Gefangenwärters, der mich an
das Fenster hinaufkletternd angetroffen, schien aber wider mich zu
sprechen. Der Richter drohte mir, daß ich nach einem zweiten Versuch
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angeschlossen werden solle. Ich wurde in den Kerker zurückgeführt. —
Man hatte mir das Bett genommen und ein Strohlager auf dem Boden
bereitet, der Tisch war festgeschraubt, statt des Stuhles fand ich eine sehr
niedrige Bank. Es vergingen drei Tage, ohne daß man weiter nach mir frug,
ich sah nur das mürrische Gesicht eines alten Knechts, der mir das Essen
brachte und abends die Lampe ansteckte. Da ließ die gespannte Stimmung
nach, in der es mir war, als stehe ich im lustigen Kampfe auf Leben und
Tod, den ich wie ein wackrer Streiter ausfechten werde. Ich fiel in ein
trübes, düsteres Hinbrüten, alles schien mir gleichgültig, selbst Aureliens
Bild war verschwunden. Doch bald rüttelte sich der Geist wieder auf, aber
nur um stärker von dem unheimlichen, krankhaften Gefühl befangen zu
werden, das die Einsamkeit, die dumpfe Kerkerluft erzeugt hatte, und dem
ich nicht zu widerstehen vermochte. Ich konnte nicht mehr schlafen. In den
wunderlichen Reflexen, die der düstere, flackernde Schein der Lampe an
Wände und Decke warf, grinsten mich allerlei verzerrte Gesichter an; ich
löschte die Lampe aus, ich barg mich in die Strohkissen, aber gräßlicher
tönte dann das dumpfe Stöhnen, das Kettengerassel der Gefangenen durch
die grauenvolle Stille der Nacht. Oft war es mir, als hörte ich Euphemiens
— Viktorins Todesröcheln. „Bin ich denn schuld an euerm Verderben? wart
ihr es nicht selbst, Verruchte! die ihr euch hingabt meinem rächenden
Arm?“ — So schrie ich laut auf, aber dann ging ein langer, tief ausatmender
Todesseufzer durch die Gewölbe, und in wilder Verzweiflung heulte ich:
„Du bist es Hermogen! ... nah ist die Rache! ... Keine Rettung mehr!“ — In
der neunten Nacht mochte es sein, als ich, halb ohnmächtig von Grauen und
Entsetzen, auf dem kalten Boden des Gefängnisses ausgestreckt lag. Da
vernahm ich deutlich unter mir ein leises, abgemessenes Klopfen. Ich
horchte auf, das Klopfen dauerte fort, und dazwischen lachte es seltsamlich
aus dem Boden hervor! — Ich sprang auf, und warf mich auf das
Strohlager, aber immerfort klopfte es und lachte und stöhnte dazwischen. —
Endlich rief es leise, leise, aber wie mit häßlicher, heiserer, stammelnder
Stimme hintereinander fort. Me-dar-dus! Me-dar-dus! — Ein Eisstrom goß
sich mir durch die Glieder! Ich ermannte mich und rief: Wer da! Wer ist da?
— Lauter lachte es nun und stöhnte und ächzte und klopfte und stammelte
heiser: Me-dar-dus ... Me-dar-dus! — Ich raffte mich auf vom Lager. „Wer
du auch bist, der du hier tollen Spuk treibst, stell dich her sichtbarlich vor
meine Augen, daß ich dich schauen mag, oder höre auf mit deinem wüsten
Lachen und Klopfen!“ — So rief ich in die dicke Finsternis hinein, aber
Man hatte mir das Bett genommen und ein Strohlager auf dem Boden
bereitet, der Tisch war festgeschraubt, statt des Stuhles fand ich eine sehr
niedrige Bank. Es vergingen drei Tage, ohne daß man weiter nach mir frug,
ich sah nur das mürrische Gesicht eines alten Knechts, der mir das Essen
brachte und abends die Lampe ansteckte. Da ließ die gespannte Stimmung
nach, in der es mir war, als stehe ich im lustigen Kampfe auf Leben und
Tod, den ich wie ein wackrer Streiter ausfechten werde. Ich fiel in ein
trübes, düsteres Hinbrüten, alles schien mir gleichgültig, selbst Aureliens
Bild war verschwunden. Doch bald rüttelte sich der Geist wieder auf, aber
nur um stärker von dem unheimlichen, krankhaften Gefühl befangen zu
werden, das die Einsamkeit, die dumpfe Kerkerluft erzeugt hatte, und dem
ich nicht zu widerstehen vermochte. Ich konnte nicht mehr schlafen. In den
wunderlichen Reflexen, die der düstere, flackernde Schein der Lampe an
Wände und Decke warf, grinsten mich allerlei verzerrte Gesichter an; ich
löschte die Lampe aus, ich barg mich in die Strohkissen, aber gräßlicher
tönte dann das dumpfe Stöhnen, das Kettengerassel der Gefangenen durch
die grauenvolle Stille der Nacht. Oft war es mir, als hörte ich Euphemiens
— Viktorins Todesröcheln. „Bin ich denn schuld an euerm Verderben? wart
ihr es nicht selbst, Verruchte! die ihr euch hingabt meinem rächenden
Arm?“ — So schrie ich laut auf, aber dann ging ein langer, tief ausatmender
Todesseufzer durch die Gewölbe, und in wilder Verzweiflung heulte ich:
„Du bist es Hermogen! ... nah ist die Rache! ... Keine Rettung mehr!“ — In
der neunten Nacht mochte es sein, als ich, halb ohnmächtig von Grauen und
Entsetzen, auf dem kalten Boden des Gefängnisses ausgestreckt lag. Da
vernahm ich deutlich unter mir ein leises, abgemessenes Klopfen. Ich
horchte auf, das Klopfen dauerte fort, und dazwischen lachte es seltsamlich
aus dem Boden hervor! — Ich sprang auf, und warf mich auf das
Strohlager, aber immerfort klopfte es und lachte und stöhnte dazwischen. —
Endlich rief es leise, leise, aber wie mit häßlicher, heiserer, stammelnder
Stimme hintereinander fort. Me-dar-dus! Me-dar-dus! — Ein Eisstrom goß
sich mir durch die Glieder! Ich ermannte mich und rief: Wer da! Wer ist da?
— Lauter lachte es nun und stöhnte und ächzte und klopfte und stammelte
heiser: Me-dar-dus ... Me-dar-dus! — Ich raffte mich auf vom Lager. „Wer
du auch bist, der du hier tollen Spuk treibst, stell dich her sichtbarlich vor
meine Augen, daß ich dich schauen mag, oder höre auf mit deinem wüsten
Lachen und Klopfen!“ — So rief ich in die dicke Finsternis hinein, aber
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recht unter meinen Füßen klopfte es stärker und stammelte: Hihihi ... hihihi
... Brü-der-lein ... Brü-der-lein ... Me-dar-dus ... ich bin da ... bin da ... ma-
mach auf ... auf ... wir wollen in den Wa-Wald gehn ... Wald gehn! — Jetzt
tönte die Stimme dunkel in meinem Innern wie bekannt; ich hatte sie schon
sonst gehört, doch nicht, wie mich es dünkte, so abgebrochen und so
stammelnd. Ja, mit Entsetzen glaubte ich, meinen eigenen Sprachton zu
vernehmen. Unwillkürlich, als wollte ich es versuchen, ob es dem so sei,
stammelte ich nach: Me-dar-dus ... Me-dar-dus! Da lachte es wieder, aber
höhnisch und grimmig, und rief: Brü-der-lein ... Brü-der-lein, hast ... du, du
mi-mich erkannt ... erkannt? ... ma-mach auf ... wir wo-wollen in den Wa-
Wald ... in den Wald! — Armer Wahnsinniger, so sprach es dumpf und
schauerlich aus mir heraus, armer Wahnsinniger, nicht aufmachen kann ich
dir, nicht heraus mit dir in den schönen Wald, in die herrliche, freie
Frühlingsluft, die draußen wehen mag; eingesperrt im dumpfen, düstern
Kerker bin ich wie du! — Da ächzte es im trostlosen Jammer, und immer
leiser und vernehmlicher wurde das Klopfen, bis es endlich ganz schwieg;
der Morgen brach durch das Fenster, die Schlösser rasselten, und der
Kerkermeister, den ich die ganze Zeit über nicht gesehen, trat herein. „Man
hat“, fing er an, „in dieser Nacht allerlei Lärm in Ihrem Zimmer gehört und
lautes Sprechen. Wie ist es damit?“ — Ich habe die Gewohnheit, erwiderte
ich so ruhig, als es mir nur möglich war, laut und stark im Schlafe zu reden,
und führte ich auch im Wachen Selbstgespräche, so glaube ich, daß mir dies
wohl erlaubt sein wird. — „Wahrscheinlich“, fuhr der Kerkermeister fort,
„ist Ihnen bekannt worden, daß jeder Versuch zu entfliehen, jedes
Einverständnis mit den Mitgefangenen hart geahndet wird.“ — Ich
beteuerte, nichts dergleichen hätte ich vor. — Ein paar Stunden nachher
führte man mich hinauf zum Kriminalgericht. Nicht der Richter, der mich
zuerst vernommen, sondern ein anderer, ziemlich junger Mann, dem ich auf
den ersten Blick anmerkte, daß er dem vorigen an Gewandtheit und
eindringendem Sinn weit überlegen sein müsse, trat freundlich auf mich zu
und lud mich zum Sitzen ein. Noch steht er mir gar lebendig vor Augen. Er
war für seine Jahre ziemlich untersetzt, sein Kopf beinahe haarlos, er trug
eine Brille. In seinem ganzen Wesen lag so viel Güte und Gemütlichkeit,
daß ich wohl fühlte, gerade deshalb müsse jeder nicht ganz verstockte
Verbrecher ihm schwer widerstehen können. Seine Fragen warf er leicht,
beinahe im Konversationston hin, aber sie waren überdacht und so präzis
gestellt, daß nur bestimmte Antworten erfolgen konnten. „Ich muß Sie
... Brü-der-lein ... Brü-der-lein ... Me-dar-dus ... ich bin da ... bin da ... ma-
mach auf ... auf ... wir wollen in den Wa-Wald gehn ... Wald gehn! — Jetzt
tönte die Stimme dunkel in meinem Innern wie bekannt; ich hatte sie schon
sonst gehört, doch nicht, wie mich es dünkte, so abgebrochen und so
stammelnd. Ja, mit Entsetzen glaubte ich, meinen eigenen Sprachton zu
vernehmen. Unwillkürlich, als wollte ich es versuchen, ob es dem so sei,
stammelte ich nach: Me-dar-dus ... Me-dar-dus! Da lachte es wieder, aber
höhnisch und grimmig, und rief: Brü-der-lein ... Brü-der-lein, hast ... du, du
mi-mich erkannt ... erkannt? ... ma-mach auf ... wir wo-wollen in den Wa-
Wald ... in den Wald! — Armer Wahnsinniger, so sprach es dumpf und
schauerlich aus mir heraus, armer Wahnsinniger, nicht aufmachen kann ich
dir, nicht heraus mit dir in den schönen Wald, in die herrliche, freie
Frühlingsluft, die draußen wehen mag; eingesperrt im dumpfen, düstern
Kerker bin ich wie du! — Da ächzte es im trostlosen Jammer, und immer
leiser und vernehmlicher wurde das Klopfen, bis es endlich ganz schwieg;
der Morgen brach durch das Fenster, die Schlösser rasselten, und der
Kerkermeister, den ich die ganze Zeit über nicht gesehen, trat herein. „Man
hat“, fing er an, „in dieser Nacht allerlei Lärm in Ihrem Zimmer gehört und
lautes Sprechen. Wie ist es damit?“ — Ich habe die Gewohnheit, erwiderte
ich so ruhig, als es mir nur möglich war, laut und stark im Schlafe zu reden,
und führte ich auch im Wachen Selbstgespräche, so glaube ich, daß mir dies
wohl erlaubt sein wird. — „Wahrscheinlich“, fuhr der Kerkermeister fort,
„ist Ihnen bekannt worden, daß jeder Versuch zu entfliehen, jedes
Einverständnis mit den Mitgefangenen hart geahndet wird.“ — Ich
beteuerte, nichts dergleichen hätte ich vor. — Ein paar Stunden nachher
führte man mich hinauf zum Kriminalgericht. Nicht der Richter, der mich
zuerst vernommen, sondern ein anderer, ziemlich junger Mann, dem ich auf
den ersten Blick anmerkte, daß er dem vorigen an Gewandtheit und
eindringendem Sinn weit überlegen sein müsse, trat freundlich auf mich zu
und lud mich zum Sitzen ein. Noch steht er mir gar lebendig vor Augen. Er
war für seine Jahre ziemlich untersetzt, sein Kopf beinahe haarlos, er trug
eine Brille. In seinem ganzen Wesen lag so viel Güte und Gemütlichkeit,
daß ich wohl fühlte, gerade deshalb müsse jeder nicht ganz verstockte
Verbrecher ihm schwer widerstehen können. Seine Fragen warf er leicht,
beinahe im Konversationston hin, aber sie waren überdacht und so präzis
gestellt, daß nur bestimmte Antworten erfolgen konnten. „Ich muß Sie
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zuvörderst fragen, (so fing er an) ob alles das, was Sie über Ihren
Lebenslauf angegeben haben, wirklich gegründet ist, oder ob bei reiflichem
Nachdenken Ihnen nicht dieser oder jener Umstand einfiel, den Sie noch
erwähnen wollen?“
„Ich habe alles gesagt, was ich über mein einfaches Leben zu sagen
wußte.“
„Haben Sie nie mit Geistlichen ... mit Mönchen Umgang gepflogen?“
„Ja, in Krakau ... Danzig ... Frauenburg ... Königsberg. Am letzteren Ort
mit den Weltgeistlichen, die bei der Kirche als Pfarrer und Kapellan
angestellt waren.“
„Sie haben früher nicht erwähnt, daß Sie auch in Frauenburg gewesen
sind?“
„Weil ich es nicht der Mühe wert hielt, eines kurzen, wie mich dünkt,
achttägigen Aufenthalts dort, auf der Reise von Danzig nach Königsberg zu
erwähnen.“
„Also in Kwiecziczewo sind Sie geboren?“
Dies frug der Richter plötzlich in polnischer Sprache, und zwar in echt
polnischem Dialekt, jedoch ebenfalls ganz leichthin. Ich wurde in der Tat
einen Augenblick verwirrt, raffte mich jedoch zusammen, besann mich auf
das wenige Polnische, was ich von meinem Freunde Krczynski im Seminar
gelernt hatte, und antwortete:
„Auf dem kleinen Gute meines Vaters bei Kwiecziczewo.“
„Wie hieß dieses Gut?“
„Krziniewo, das Stammgut meiner Familie.“
„Sie sprechen für einen Nationalpolen das Polnische nicht sonderlich
aus. Aufrichtig gesagt, in ziemlich deutschem Dialekt. Wie kommt das?“
„Schon seit vielen Jahren spreche ich nichts als deutsch. Ja selbst schon
in Krakau hatte ich viel Umgang mit Deutschen, die das Polnische von mir
erlernen wollten; unvermerkt mag ich ihren Dialekt mir angewöhnt haben,
wie man leicht provinzielle Aussprache annimmt, und die bessere,
eigentümliche darüber vergißt.“
Lebenslauf angegeben haben, wirklich gegründet ist, oder ob bei reiflichem
Nachdenken Ihnen nicht dieser oder jener Umstand einfiel, den Sie noch
erwähnen wollen?“
„Ich habe alles gesagt, was ich über mein einfaches Leben zu sagen
wußte.“
„Haben Sie nie mit Geistlichen ... mit Mönchen Umgang gepflogen?“
„Ja, in Krakau ... Danzig ... Frauenburg ... Königsberg. Am letzteren Ort
mit den Weltgeistlichen, die bei der Kirche als Pfarrer und Kapellan
angestellt waren.“
„Sie haben früher nicht erwähnt, daß Sie auch in Frauenburg gewesen
sind?“
„Weil ich es nicht der Mühe wert hielt, eines kurzen, wie mich dünkt,
achttägigen Aufenthalts dort, auf der Reise von Danzig nach Königsberg zu
erwähnen.“
„Also in Kwiecziczewo sind Sie geboren?“
Dies frug der Richter plötzlich in polnischer Sprache, und zwar in echt
polnischem Dialekt, jedoch ebenfalls ganz leichthin. Ich wurde in der Tat
einen Augenblick verwirrt, raffte mich jedoch zusammen, besann mich auf
das wenige Polnische, was ich von meinem Freunde Krczynski im Seminar
gelernt hatte, und antwortete:
„Auf dem kleinen Gute meines Vaters bei Kwiecziczewo.“
„Wie hieß dieses Gut?“
„Krziniewo, das Stammgut meiner Familie.“
„Sie sprechen für einen Nationalpolen das Polnische nicht sonderlich
aus. Aufrichtig gesagt, in ziemlich deutschem Dialekt. Wie kommt das?“
„Schon seit vielen Jahren spreche ich nichts als deutsch. Ja selbst schon
in Krakau hatte ich viel Umgang mit Deutschen, die das Polnische von mir
erlernen wollten; unvermerkt mag ich ihren Dialekt mir angewöhnt haben,
wie man leicht provinzielle Aussprache annimmt, und die bessere,
eigentümliche darüber vergißt.“
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Der Richter blickte mich an, ein leises Lächeln flog über sein Gesicht,
dann wandte er sich zum Protokollführer und diktierte ihm leise etwas. Ich
unterschied deutlich die Worte: „Sichtlich in Verlegenheit“ und wollte mich
eben noch mehr über mein schlechtes Polnisch auslassen, als der Richter
frug:
„Waren Sie niemals in B.?“
„Niemals!“
„Der Weg von Königsberg hierher kann Sie über den Ort geführt
haben?“
„Ich habe eine andere Straße eingeschlagen.“
„Haben Sie nie einen Mönch aus dem Kapuzinerkloster in B. kennen
gelernt?“
„Nein!“
Der Richter klingelte und gab dem hereintretenden Gerichtsdiener leise
einen Befehl. Bald darauf öffnete sich die Türe und wie durchbebten mich
Schreck und Entsetzen, als ich den Pater Cyrillus eintreten sah. Der Richter
frug:
„Kennen Sie diesen Mann?“
„Nein! ... ich habe ihn früher niemals gesehen!“
Da heftete Cyrillus den starren Blick auf mich, dann trat er näher; er
schlug die Hände zusammen und rief laut, indem Tränen ihm aus den
Augen gewaltsam hervorquollen: „Medardus, Bruder Medardus! ... um
Christus willen, wie muß ich dich wiederfinden, im Verbrechen teuflisch
frevelnd. Bruder Medardus, gehe in dich, bekenne, bereue ... Gottes
Langmut ist unendlich!“ — Der Richter schien mit Cyrillus Rede
unzufrieden, er unterbrach ihn mit der Frage: „Erkennen Sie diesen Mann
für den Mönch Medardus aus dem Kapuzinerkloster in B.?“
„So wahr mir Christus helfe zur Seligkeit,“ erwiderte Cyrillus, „so kann
ich nicht anders glauben, als dieser Mann, trägt er auch weltliche Kleidung,
jener Medardus ist, der im Kapuzinerkloster zu B. unter meinen Augen
Noviz war und die Weihe empfing. Doch hat Medardus das rote Zeichen
eines Kreuzes an der linken Seite des Halses, und wenn dieser Mann ...“
dann wandte er sich zum Protokollführer und diktierte ihm leise etwas. Ich
unterschied deutlich die Worte: „Sichtlich in Verlegenheit“ und wollte mich
eben noch mehr über mein schlechtes Polnisch auslassen, als der Richter
frug:
„Waren Sie niemals in B.?“
„Niemals!“
„Der Weg von Königsberg hierher kann Sie über den Ort geführt
haben?“
„Ich habe eine andere Straße eingeschlagen.“
„Haben Sie nie einen Mönch aus dem Kapuzinerkloster in B. kennen
gelernt?“
„Nein!“
Der Richter klingelte und gab dem hereintretenden Gerichtsdiener leise
einen Befehl. Bald darauf öffnete sich die Türe und wie durchbebten mich
Schreck und Entsetzen, als ich den Pater Cyrillus eintreten sah. Der Richter
frug:
„Kennen Sie diesen Mann?“
„Nein! ... ich habe ihn früher niemals gesehen!“
Da heftete Cyrillus den starren Blick auf mich, dann trat er näher; er
schlug die Hände zusammen und rief laut, indem Tränen ihm aus den
Augen gewaltsam hervorquollen: „Medardus, Bruder Medardus! ... um
Christus willen, wie muß ich dich wiederfinden, im Verbrechen teuflisch
frevelnd. Bruder Medardus, gehe in dich, bekenne, bereue ... Gottes
Langmut ist unendlich!“ — Der Richter schien mit Cyrillus Rede
unzufrieden, er unterbrach ihn mit der Frage: „Erkennen Sie diesen Mann
für den Mönch Medardus aus dem Kapuzinerkloster in B.?“
„So wahr mir Christus helfe zur Seligkeit,“ erwiderte Cyrillus, „so kann
ich nicht anders glauben, als dieser Mann, trägt er auch weltliche Kleidung,
jener Medardus ist, der im Kapuzinerkloster zu B. unter meinen Augen
Noviz war und die Weihe empfing. Doch hat Medardus das rote Zeichen
eines Kreuzes an der linken Seite des Halses, und wenn dieser Mann ...“
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„Sie bemerken,“ unterbrach der Richter den Mönch, sich zu mir wendend,
„daß man Sie für den Kapuziner Medardus aus dem Kloster in B. hält, und
daß man eben diesen Medardus schwerer Verbrechen halber angeklagt hat.
Sind Sie nicht dieser Mönch, so wird es Ihnen leicht werden, dies darzutun;
eben daß jener Medardus ein besonderes Abzeichen am Halse trägt, —
welches Sie, sind Ihre Angaben richtig, nicht haben können — gibt Ihnen
die beste Gelegenheit dazu. Entblößen Sie Ihren Hals.“ — „Es bedarf
dessen nicht,“ erwiderte ich gefaßt, „ein besonderes Verhängnis scheint mir
die treueste Ähnlichkeit mit jenem angeklagten, mir gänzlich unbekannten,
Mönch Medardus gegeben zu haben, denn selbst ein rotes Kreuzzeichen
trage ich an der linken Seite des Halses.“ — Es war dem wirklich so, jene
Verwundung am Halse, die mir das diamantne Kreuz der Äbtissin zufügte,
hatte eine rote kreuzförmige Narbe hinterlassen, die die Zeit nicht vertilgen
konnte. „Entblößen Sie Ihren Hals,“ wiederholte der Richter. — Ich tat es,
da schrie Cyrillus laut: „Heilige Mutter Gottes, es ist es, es ist das rote
Kreuzzeichen! ... Medardus ... Ach, Bruder Medardus, hast du denn ganz
entsagt dem ewigen Heil?“ — Weinend und halb ohnmächtig sank er in
einen Stuhl. „Was erwidern Sie auf die Behauptung dieses ehrwürdigen
Geistlichen?“ frug der Richter. In dem Augenblick durchfuhr es mich wie
eine Blitzesflamme; alle Verzagtheit, die mich zu übermannen drohte, war
von mir gewichen, ach, es war der Widersacher selbst, der mir zuflüsterte:
„Was vermögen diese Schwächlinge gegen dich Starken in Sinn und Geist?
... Soll Aurelie denn nicht dein werden?“ — Ich fuhr heraus beinahe in
wildem, höhnendem Trotz: „Dieser Mönch da, der ohnmächtig im Stuhle
liegt, ist ein schwachsinniger, blöder Greis, der in toller Einbildung mich
für irgend einen verlaufenen Kapuziner seines Klosters hält, von dem ich
vielleicht eine flüchtige Ähnlichkeit trage.“ — Der Richter war bis jetzt in
ruhiger Fassung geblieben, ohne Blick und Ton zu ändern; zum erstenmal
verzog sich nun sein Gesicht zum finstern, durchbohrenden Ernst, er stand
auf und blickte mir scharf ins Auge. Ich muß gestehen, selbst das Funkeln
seiner Gläser hatte für mich etwas Unerträgliches, Entsetzliches, ich konnte
nicht weiter reden; von innerer verzweifelnder Wut grimmig erfaßt, die
geballte Faust vor der Stirn, schrie ich laut auf: „Aurelie!“ — „Was soll das,
was bedeutet der Name?“ frug der Richter heftig. — „Ein dunkles
Verhängnis opfert mich dem schmachvollen Tode,“ sagte ich dumpf, „aber
ich bin unschuldig, gewiß ... ich bin ganz unschuldig ... entlassen Sie mich
... haben Sie Mitleiden ... ich fühle es, daß Wahnsinn mir durch Nerv und
„daß man Sie für den Kapuziner Medardus aus dem Kloster in B. hält, und
daß man eben diesen Medardus schwerer Verbrechen halber angeklagt hat.
Sind Sie nicht dieser Mönch, so wird es Ihnen leicht werden, dies darzutun;
eben daß jener Medardus ein besonderes Abzeichen am Halse trägt, —
welches Sie, sind Ihre Angaben richtig, nicht haben können — gibt Ihnen
die beste Gelegenheit dazu. Entblößen Sie Ihren Hals.“ — „Es bedarf
dessen nicht,“ erwiderte ich gefaßt, „ein besonderes Verhängnis scheint mir
die treueste Ähnlichkeit mit jenem angeklagten, mir gänzlich unbekannten,
Mönch Medardus gegeben zu haben, denn selbst ein rotes Kreuzzeichen
trage ich an der linken Seite des Halses.“ — Es war dem wirklich so, jene
Verwundung am Halse, die mir das diamantne Kreuz der Äbtissin zufügte,
hatte eine rote kreuzförmige Narbe hinterlassen, die die Zeit nicht vertilgen
konnte. „Entblößen Sie Ihren Hals,“ wiederholte der Richter. — Ich tat es,
da schrie Cyrillus laut: „Heilige Mutter Gottes, es ist es, es ist das rote
Kreuzzeichen! ... Medardus ... Ach, Bruder Medardus, hast du denn ganz
entsagt dem ewigen Heil?“ — Weinend und halb ohnmächtig sank er in
einen Stuhl. „Was erwidern Sie auf die Behauptung dieses ehrwürdigen
Geistlichen?“ frug der Richter. In dem Augenblick durchfuhr es mich wie
eine Blitzesflamme; alle Verzagtheit, die mich zu übermannen drohte, war
von mir gewichen, ach, es war der Widersacher selbst, der mir zuflüsterte:
„Was vermögen diese Schwächlinge gegen dich Starken in Sinn und Geist?
... Soll Aurelie denn nicht dein werden?“ — Ich fuhr heraus beinahe in
wildem, höhnendem Trotz: „Dieser Mönch da, der ohnmächtig im Stuhle
liegt, ist ein schwachsinniger, blöder Greis, der in toller Einbildung mich
für irgend einen verlaufenen Kapuziner seines Klosters hält, von dem ich
vielleicht eine flüchtige Ähnlichkeit trage.“ — Der Richter war bis jetzt in
ruhiger Fassung geblieben, ohne Blick und Ton zu ändern; zum erstenmal
verzog sich nun sein Gesicht zum finstern, durchbohrenden Ernst, er stand
auf und blickte mir scharf ins Auge. Ich muß gestehen, selbst das Funkeln
seiner Gläser hatte für mich etwas Unerträgliches, Entsetzliches, ich konnte
nicht weiter reden; von innerer verzweifelnder Wut grimmig erfaßt, die
geballte Faust vor der Stirn, schrie ich laut auf: „Aurelie!“ — „Was soll das,
was bedeutet der Name?“ frug der Richter heftig. — „Ein dunkles
Verhängnis opfert mich dem schmachvollen Tode,“ sagte ich dumpf, „aber
ich bin unschuldig, gewiß ... ich bin ganz unschuldig ... entlassen Sie mich
... haben Sie Mitleiden ... ich fühle es, daß Wahnsinn mir durch Nerv und
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Adern zu toben beginnt ... entlassen Sie mich!“ — Der Richter, wieder ganz
ruhig geworden, diktierte dem Protokollführer vieles, was ich nicht
verstand, endlich las er mir eine Verhandlung vor, worin alles was er gefragt
und was ich geantwortet, sowie, was sich mit Cyrillus zugetragen hatte,
verzeichnet war. Ich mußte meinen Namen unterschreiben, dann forderte
mich der Richter auf, irgend etwas polnisch und deutsch aufzuzeichnen, ich
tat es. Der Richter nahm das deutsche Blatt und gab es dem Pater Cyrillus,
der sich unterdessen wieder erholt hatte, mit der Frage in die Hände:
„Haben diese Schriftzüge Ähnlichkeit mit der Hand, die Ihr Klosterbruder
Medardus schrieb? — „Es ist ganz genau seine Hand, bis auf die kleinsten
Eigentümlichkeiten,“ erwiderte Cyrillus, und wandte sich wieder zu mir. Er
wollte sprechen, ein Blick des Richters wies ihn zur Ruhe. Der Richter sah
das von mir geschriebene polnische Blatt sehr aufmerksam durch, dann
stand er auf, trat dicht vor mir hin, und sagte mit sehr ernstem,
entscheidendem Ton:
„Sie sind kein Pole. Diese Schrift ist durchaus unrichtig, voller
grammatischer und orthographischer Fehler. Kein Nationalpole schreibt so,
wäre er auch viel weniger wissenschaftlich ausgebildet, als Sie es sind.“
„Ich bin in Krcziniewo geboren, folglich allerdings ein Pole. Selbst aber
in dem Fall, daß ich es nicht wäre, daß geheimnisvolle Umstände mich
zwängen, Stand und Namen zu verleugnen, so würde ich deshalb doch nicht
der Kapuziner Medardus sein dürfen, der aus dem Kloster in B., wie ich
glauben muß, entsprang.“
„Ach Bruder Medardus,“ fiel Cyrillus ein, „schickte dich unser
ehrwürdiger Prior Leonardus nicht im Vertrauen auf deine Treue und
Frömmigkeit nach Rom?... Bruder Medardus! um Christus willen,
verleugne nicht länger auf gottlose Weise den heiligen Stand, dem du
entronnen.“
„Ich bitte Sie, uns nicht zu unterbrechen,“ sagte der Richter, und fuhr
dann, sich zu mir wendend, fort:
„Ich muß Ihnen merklich machen, wie die unverdächtige Aussage
dieses ehrwürdigen Herrn die dringendste Vermutung bewirkt, daß Sie
wirklich der Medardus sind, für den man Sie hält. Nicht verhehlen mag ich
auch, daß man Ihnen mehrere Personen entgegenstellen wird, die Sie für
jenen Mönch unzweifelhaft erkannt haben. Unter diesen Personen befindet
ruhig geworden, diktierte dem Protokollführer vieles, was ich nicht
verstand, endlich las er mir eine Verhandlung vor, worin alles was er gefragt
und was ich geantwortet, sowie, was sich mit Cyrillus zugetragen hatte,
verzeichnet war. Ich mußte meinen Namen unterschreiben, dann forderte
mich der Richter auf, irgend etwas polnisch und deutsch aufzuzeichnen, ich
tat es. Der Richter nahm das deutsche Blatt und gab es dem Pater Cyrillus,
der sich unterdessen wieder erholt hatte, mit der Frage in die Hände:
„Haben diese Schriftzüge Ähnlichkeit mit der Hand, die Ihr Klosterbruder
Medardus schrieb? — „Es ist ganz genau seine Hand, bis auf die kleinsten
Eigentümlichkeiten,“ erwiderte Cyrillus, und wandte sich wieder zu mir. Er
wollte sprechen, ein Blick des Richters wies ihn zur Ruhe. Der Richter sah
das von mir geschriebene polnische Blatt sehr aufmerksam durch, dann
stand er auf, trat dicht vor mir hin, und sagte mit sehr ernstem,
entscheidendem Ton:
„Sie sind kein Pole. Diese Schrift ist durchaus unrichtig, voller
grammatischer und orthographischer Fehler. Kein Nationalpole schreibt so,
wäre er auch viel weniger wissenschaftlich ausgebildet, als Sie es sind.“
„Ich bin in Krcziniewo geboren, folglich allerdings ein Pole. Selbst aber
in dem Fall, daß ich es nicht wäre, daß geheimnisvolle Umstände mich
zwängen, Stand und Namen zu verleugnen, so würde ich deshalb doch nicht
der Kapuziner Medardus sein dürfen, der aus dem Kloster in B., wie ich
glauben muß, entsprang.“
„Ach Bruder Medardus,“ fiel Cyrillus ein, „schickte dich unser
ehrwürdiger Prior Leonardus nicht im Vertrauen auf deine Treue und
Frömmigkeit nach Rom?... Bruder Medardus! um Christus willen,
verleugne nicht länger auf gottlose Weise den heiligen Stand, dem du
entronnen.“
„Ich bitte Sie, uns nicht zu unterbrechen,“ sagte der Richter, und fuhr
dann, sich zu mir wendend, fort:
„Ich muß Ihnen merklich machen, wie die unverdächtige Aussage
dieses ehrwürdigen Herrn die dringendste Vermutung bewirkt, daß Sie
wirklich der Medardus sind, für den man Sie hält. Nicht verhehlen mag ich
auch, daß man Ihnen mehrere Personen entgegenstellen wird, die Sie für
jenen Mönch unzweifelhaft erkannt haben. Unter diesen Personen befindet
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sich eine, die Sie, treffen die Vermutungen ein, schwer fürchten müssen. Ja
selbst unter Ihren eigenen Sachen hat sich manches gefunden, was den
Verdacht wider Sie unterstützt. Endlich werden bald die Nachrichten über
Ihre vorgeblichen Familienumstände eingehen, um die man die Gerichte in
Posen ersucht hat ... Alles dieses sage ich Ihnen offner, als es mein Amt
gebietet, damit Sie sich überzeugen, wie wenig ich auf irgend einen
Kunstgriff rechne, Sie, haben jene Vermutungen Grund, zum Geständnis der
Wahrheit zu bringen. Bereiten Sie sich vor, wie Sie wollen; sind Sie
wirklich jener angeklagte Medardus, so glauben Sie, daß der Blick des
Richters die tiefste Verhüllung bald durchdringen wird; Sie werden dann
auch selbst sehr genau wissen, welcher Verbrechen man Sie anklagt. Sollten
Sie dagegen wirklich der Leonard von Krczynki sein, für den Sie sich
ausgeben, und ein besonderes Spiel der Natur Sie, selbst rücksichts
besonderer Abzeichen, jenem Medardus ähnlich gemacht haben, so werden
Sie selbst leicht Mittel finden, dies klar nachzuweisen. Sie schienen mir erst
in einem sehr exaltierten Zustande, schon deshalb brach ich die
Verhandlung ab, indessen wollte ich Ihnen zugleich auch Raum geben zum
reiflichen Nachdenken. Nach dem, was heute geschehen, kann es Ihnen an
Stoff dazu nicht fehlen.“
„Sie halten also meine Angaben durchaus für falsch? ... Sie sehen in mir
den verlaufenen Mönch Medardus?“ — So frug ich; der Richter sagte mit
einer leichten Verbeugung: „Adieu, Herr von Krczynski!“ und man brachte
mich in den Kerker zurück.
Die Worte des Richters durchbohrten mein Innres wie glühende
Stacheln. Alles, was ich vorgegeben, kam mir seicht und abgeschmackt vor.
Daß die Person, der ich entgegengestellt werden und die ich so schwer zu
fürchten haben sollte, Aurelie sein mußte, war nur zu klar. Wie sollt ich das
ertragen! Ich dachte nach, was unter meinen Sachen wohl verdächtig sein
könne, da fiel es mir schwer aufs Herz, daß ich noch aus jener Zeit meines
Aufenthaltes auf dem Schlosse des Barons von F. einen Ring mit
Euphemiens Namen besaß, sowie, daß Viktorins Felleisen, das ich auf
meiner Flucht mit mir genommen, noch mit dem Kapuzinerstrick
zugeschnürt war! — Ich hielt mich für verloren! — Verzweifelnd rannte ich
den Kerker auf und ab. Da war es, als flüsterte, als zischte es mir in die
Ohren: Du Tor, was verzagst du? denkst du nicht an Viktorin? — Laut rief
ich: „Ha! nicht verloren, gewonnen ist das Spiel.“ Es arbeitete und kochte
selbst unter Ihren eigenen Sachen hat sich manches gefunden, was den
Verdacht wider Sie unterstützt. Endlich werden bald die Nachrichten über
Ihre vorgeblichen Familienumstände eingehen, um die man die Gerichte in
Posen ersucht hat ... Alles dieses sage ich Ihnen offner, als es mein Amt
gebietet, damit Sie sich überzeugen, wie wenig ich auf irgend einen
Kunstgriff rechne, Sie, haben jene Vermutungen Grund, zum Geständnis der
Wahrheit zu bringen. Bereiten Sie sich vor, wie Sie wollen; sind Sie
wirklich jener angeklagte Medardus, so glauben Sie, daß der Blick des
Richters die tiefste Verhüllung bald durchdringen wird; Sie werden dann
auch selbst sehr genau wissen, welcher Verbrechen man Sie anklagt. Sollten
Sie dagegen wirklich der Leonard von Krczynki sein, für den Sie sich
ausgeben, und ein besonderes Spiel der Natur Sie, selbst rücksichts
besonderer Abzeichen, jenem Medardus ähnlich gemacht haben, so werden
Sie selbst leicht Mittel finden, dies klar nachzuweisen. Sie schienen mir erst
in einem sehr exaltierten Zustande, schon deshalb brach ich die
Verhandlung ab, indessen wollte ich Ihnen zugleich auch Raum geben zum
reiflichen Nachdenken. Nach dem, was heute geschehen, kann es Ihnen an
Stoff dazu nicht fehlen.“
„Sie halten also meine Angaben durchaus für falsch? ... Sie sehen in mir
den verlaufenen Mönch Medardus?“ — So frug ich; der Richter sagte mit
einer leichten Verbeugung: „Adieu, Herr von Krczynski!“ und man brachte
mich in den Kerker zurück.
Die Worte des Richters durchbohrten mein Innres wie glühende
Stacheln. Alles, was ich vorgegeben, kam mir seicht und abgeschmackt vor.
Daß die Person, der ich entgegengestellt werden und die ich so schwer zu
fürchten haben sollte, Aurelie sein mußte, war nur zu klar. Wie sollt ich das
ertragen! Ich dachte nach, was unter meinen Sachen wohl verdächtig sein
könne, da fiel es mir schwer aufs Herz, daß ich noch aus jener Zeit meines
Aufenthaltes auf dem Schlosse des Barons von F. einen Ring mit
Euphemiens Namen besaß, sowie, daß Viktorins Felleisen, das ich auf
meiner Flucht mit mir genommen, noch mit dem Kapuzinerstrick
zugeschnürt war! — Ich hielt mich für verloren! — Verzweifelnd rannte ich
den Kerker auf und ab. Da war es, als flüsterte, als zischte es mir in die
Ohren: Du Tor, was verzagst du? denkst du nicht an Viktorin? — Laut rief
ich: „Ha! nicht verloren, gewonnen ist das Spiel.“ Es arbeitete und kochte
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in meinem Innern! — Schon früher hatte ich daran gedacht, daß unter
Euphemiens Papieren sich wohl etwas gefunden haben müsse, was auf
Viktorins Erscheinen auf dem Schlosse als Mönch hindeute. Darauf mich
stützend, wollte ich auf irgend eine Weise ein Zusammentreffen mit
Viktorin, ja selbst mit dem Medardus, für den man mich hielt, vorgeben;
jenes Abenteuer auf dem Schlosse, das so fürchterlich endete, als von
Hörensagen erzählen, und mich selbst, meine Ähnlichkeit mit jenen beiden,
auf unschädliche Weise geschickt hinein verflechten. Der kleinste Umstand
mußte reiflich erwogen werden; aufzuschreiben beschloß ich daher den
Roman, der mich retten sollte! — Man bewilligte mir die
Schreibematerialien, die ich forderte, um schriftlich noch manchen
verschwiegenen Umstand meines Lebens zu erörtern. Ich arbeitete mit
Anstrengung bis in die Nacht hinein; im Schreiben erhitzte sich meine
Fantasie, alles formte sich wie eine geründete Dichtung, und fester und
fester spann sich das Gewebe endloser Lügen, womit ich dem Richter die
Wahrheit zu verschleiern hoffte.
Die Burgglocke hatte zwölf geschlagen, als sich wieder leise und
entfernt das Pochen vernehmen ließ, das mich gestern so verstört hatte. —
Ich wollte nicht darauf achten, aber immer lauter pochte es in
abgemessenen Schlägen, und dabei fing es wieder an, dazwischen zu lachen
und zu ächzen. — Stark auf den Tisch schlagend, rief ich laut: „Still ihr da
drunten!“ und glaubte mich so von dem Grauen, das mich befing, zu
ermutigten; aber da lachte es gellend und schneidend durch das Gewölbe
und stammelte: „Brü-der-lein, Brü-der-lein ... zu dir her-auf ... herauf ... ma-
mach auf ... mach auf!“ — Nun begann es dicht neben mir im Fußboden zu
schaben, zu rasseln und zu kratzen, und immer wieder lachte es und ächzte;
stärker und immer stärker wurde das Geräusch, das Rasseln, das Kratzen —
dazwischen dumpf dröhnende Schläge wie das Fallen schwerer Massen. —
Ich war aufgestanden, mit der Lampe in der Hand. Da rührte es sich unter
meinem Fuß, ich schritt weiter und sah, wie an der Stelle, wo ich gestanden,
sich ein Stein des Pflasters losbröckelte. Ich erfaßte ihn und hob ihn mit
leichter Mühe vollends heraus. Ein düstrer Schein brach durch die Öffnung,
ein nackter Arm mit einem blinkenden Messer in der Hand streckte sich mir
entgegen. Von tiefem Entsetzen durchschauert bebte ich zurück. Da
stammelte es von unten herauf: „Brü-der-lein, Medar-dus ist da-da, herauf
... nimm, nimm! ... brich ... brich ... in den Wa-Wald ... in den Wald! —
Schnell dachte ich Flucht und Rettung; alles Grauen überwunden ergriff ich
Euphemiens Papieren sich wohl etwas gefunden haben müsse, was auf
Viktorins Erscheinen auf dem Schlosse als Mönch hindeute. Darauf mich
stützend, wollte ich auf irgend eine Weise ein Zusammentreffen mit
Viktorin, ja selbst mit dem Medardus, für den man mich hielt, vorgeben;
jenes Abenteuer auf dem Schlosse, das so fürchterlich endete, als von
Hörensagen erzählen, und mich selbst, meine Ähnlichkeit mit jenen beiden,
auf unschädliche Weise geschickt hinein verflechten. Der kleinste Umstand
mußte reiflich erwogen werden; aufzuschreiben beschloß ich daher den
Roman, der mich retten sollte! — Man bewilligte mir die
Schreibematerialien, die ich forderte, um schriftlich noch manchen
verschwiegenen Umstand meines Lebens zu erörtern. Ich arbeitete mit
Anstrengung bis in die Nacht hinein; im Schreiben erhitzte sich meine
Fantasie, alles formte sich wie eine geründete Dichtung, und fester und
fester spann sich das Gewebe endloser Lügen, womit ich dem Richter die
Wahrheit zu verschleiern hoffte.
Die Burgglocke hatte zwölf geschlagen, als sich wieder leise und
entfernt das Pochen vernehmen ließ, das mich gestern so verstört hatte. —
Ich wollte nicht darauf achten, aber immer lauter pochte es in
abgemessenen Schlägen, und dabei fing es wieder an, dazwischen zu lachen
und zu ächzen. — Stark auf den Tisch schlagend, rief ich laut: „Still ihr da
drunten!“ und glaubte mich so von dem Grauen, das mich befing, zu
ermutigten; aber da lachte es gellend und schneidend durch das Gewölbe
und stammelte: „Brü-der-lein, Brü-der-lein ... zu dir her-auf ... herauf ... ma-
mach auf ... mach auf!“ — Nun begann es dicht neben mir im Fußboden zu
schaben, zu rasseln und zu kratzen, und immer wieder lachte es und ächzte;
stärker und immer stärker wurde das Geräusch, das Rasseln, das Kratzen —
dazwischen dumpf dröhnende Schläge wie das Fallen schwerer Massen. —
Ich war aufgestanden, mit der Lampe in der Hand. Da rührte es sich unter
meinem Fuß, ich schritt weiter und sah, wie an der Stelle, wo ich gestanden,
sich ein Stein des Pflasters losbröckelte. Ich erfaßte ihn und hob ihn mit
leichter Mühe vollends heraus. Ein düstrer Schein brach durch die Öffnung,
ein nackter Arm mit einem blinkenden Messer in der Hand streckte sich mir
entgegen. Von tiefem Entsetzen durchschauert bebte ich zurück. Da
stammelte es von unten herauf: „Brü-der-lein, Medar-dus ist da-da, herauf
... nimm, nimm! ... brich ... brich ... in den Wa-Wald ... in den Wald! —
Schnell dachte ich Flucht und Rettung; alles Grauen überwunden ergriff ich
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das Messer, das die Hand mir willig ließ, und fing an, den Mörtel zwischen
den Steinen des Fußbodens emsig wegzubrechen. Der, der unten war,
drückte wacker herauf. Vier, fünf Steine lagen zur Seite weggeschleudert,
da erhob sich plötzlich ein nackter Mensch bis an die Hüften aus der Tiefe
empor und starrte mich gespenstisch an mit des Wahnsinns grinsendem,
entsetzlichem Gelächter. Der volle Schein der Lampe fiel auf das Gesicht
— ich erkannte mich selbst — mir vergingen die Sinne. — Ein
empfindlicher Schmerz an den Armen weckte mich aus tiefer Ohnmacht;
hell war es um mich her; der Kerkermeister stand mit einer blendenden
Leuchte vor mir, Kettengerassel und Hammerschläge hallten durch das
Gewölbe. Man war beschäftigt mich in Fesseln zu schmieden. Außer den
Hand- und Fußschellen wurde ich mittelst eines Ringes um den Leib und
einer daran befestigten Kette an die Mauer gefesselt. „Nun wird es der Herr
wohl bleiben lassen, an das Durchbrechen zu denken,“ sagte der
Kerkermeister. — Was hat denn der Kerl eigentlich getan?“ frug ein
Schmiedeknecht. „Ei,“ erwiderte der Kerkermeister, „weißt du denn das
nicht, Jost? ... die ganze Stadt ist ja davon voll. ’s ist ein verfluchter
Kapuziner, der drei Menschen ermordet hat. Sie haben’s schon ganz heraus.
In wenigen Tagen haben wir große Gala, da werden die Räder spielen.“ —
Ich hörte nichts mehr, denn aufs neue entschwanden mir Sinn und
Gedanken. Nur mühsam erholte ich mich aus der Betäubung, finster blieb
es, endlich brachen einige matte Streiflichter des Tages herein in das
niedrige, kaum sechs Fuß hohe Gewölbe, in das, wie ich jetzt zu meinem
Entsetzen wahrnahm, man mich aus meinem vorigen Kerker gebracht hatte.
Mich dürstete, ich griff nach dem Wasserkruge, der neben mir stand, feucht
und kalt schlüpfte es mir durch die Hand, ich sah eine aufgedunsene,
scheußliche Kröte schwerfällig davonhüpfen. Voll Ekel und Abscheu ließ
ich den Krug fahren. „Aurelie!“ stöhnte ich auf in dem Gefühl des
namenlosen Elends, das nun über mich hereingebrochen. „Und darum das
armselige Leugnen und Lügen vor Gericht? — alle gleißnerischen Künste
des teuflischen Heuchlers? — darum, um ein zerrissenes, qualvolles Leben
einige Stunden länger zu fristen? Was willst du, Wahnsinniger! Aurelien
besitzen, die nur durch ein unerhörtes Verbrechen dein werden konnte? —
denn immerdar, lügst du auch der Welt deine Unschuld vor, würde sie in dir
Hermogens verruchten Mörder erkennen und dich tief verabscheuen.
Elender, wahnwitziger Tor, wo sind nun deine hochfliegenden Pläne, der
Glaube an deine überirdische Macht, womit du das Schicksal selbst nach
den Steinen des Fußbodens emsig wegzubrechen. Der, der unten war,
drückte wacker herauf. Vier, fünf Steine lagen zur Seite weggeschleudert,
da erhob sich plötzlich ein nackter Mensch bis an die Hüften aus der Tiefe
empor und starrte mich gespenstisch an mit des Wahnsinns grinsendem,
entsetzlichem Gelächter. Der volle Schein der Lampe fiel auf das Gesicht
— ich erkannte mich selbst — mir vergingen die Sinne. — Ein
empfindlicher Schmerz an den Armen weckte mich aus tiefer Ohnmacht;
hell war es um mich her; der Kerkermeister stand mit einer blendenden
Leuchte vor mir, Kettengerassel und Hammerschläge hallten durch das
Gewölbe. Man war beschäftigt mich in Fesseln zu schmieden. Außer den
Hand- und Fußschellen wurde ich mittelst eines Ringes um den Leib und
einer daran befestigten Kette an die Mauer gefesselt. „Nun wird es der Herr
wohl bleiben lassen, an das Durchbrechen zu denken,“ sagte der
Kerkermeister. — Was hat denn der Kerl eigentlich getan?“ frug ein
Schmiedeknecht. „Ei,“ erwiderte der Kerkermeister, „weißt du denn das
nicht, Jost? ... die ganze Stadt ist ja davon voll. ’s ist ein verfluchter
Kapuziner, der drei Menschen ermordet hat. Sie haben’s schon ganz heraus.
In wenigen Tagen haben wir große Gala, da werden die Räder spielen.“ —
Ich hörte nichts mehr, denn aufs neue entschwanden mir Sinn und
Gedanken. Nur mühsam erholte ich mich aus der Betäubung, finster blieb
es, endlich brachen einige matte Streiflichter des Tages herein in das
niedrige, kaum sechs Fuß hohe Gewölbe, in das, wie ich jetzt zu meinem
Entsetzen wahrnahm, man mich aus meinem vorigen Kerker gebracht hatte.
Mich dürstete, ich griff nach dem Wasserkruge, der neben mir stand, feucht
und kalt schlüpfte es mir durch die Hand, ich sah eine aufgedunsene,
scheußliche Kröte schwerfällig davonhüpfen. Voll Ekel und Abscheu ließ
ich den Krug fahren. „Aurelie!“ stöhnte ich auf in dem Gefühl des
namenlosen Elends, das nun über mich hereingebrochen. „Und darum das
armselige Leugnen und Lügen vor Gericht? — alle gleißnerischen Künste
des teuflischen Heuchlers? — darum, um ein zerrissenes, qualvolles Leben
einige Stunden länger zu fristen? Was willst du, Wahnsinniger! Aurelien
besitzen, die nur durch ein unerhörtes Verbrechen dein werden konnte? —
denn immerdar, lügst du auch der Welt deine Unschuld vor, würde sie in dir
Hermogens verruchten Mörder erkennen und dich tief verabscheuen.
Elender, wahnwitziger Tor, wo sind nun deine hochfliegenden Pläne, der
Glaube an deine überirdische Macht, womit du das Schicksal selbst nach
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Willkür zu lenken wähntest; nicht zu töten vermagst du den Wurm, der an
deinem Herzmark mit tödlichen Bissen nagt, schmachvoll verderben wirst
du in trostlosem Jammer, wenn der Arm der Gerechtigkeit auch deiner
schont.“ So laut klagend, warf ich mich auf das Stroh und fühlte in dem
Augenblick einen Druck auf der Brust, der von einem harten Körper in der
Busentasche meiner Weste herzurühren schien. Ich faßte hinein und zog ein
kleines Messer hervor. Nie hatte ich, solange ich im Kerker war, ein Messer
bei mir getragen, es mußte daher dasselbe sein, das mir mein gespenstisches
Ebenbild heraufgereicht hatte. Mühsam stand ich auf und hielt das Messer
in den stärker hereinbrechenden Lichtstrahl. Ich erblickte das silberne,
blinkende Heft. Unerforschliches Verhängnis! es war dasselbe Messer,
womit ich Hermogen getötet und das ich seit einigen Wochen vermißt hatte.
Aber nun ging plötzlich in meinem Innern, wunderbar leuchtend, Trost und
Rettung von der Schmach auf. Die unbegreifliche Art wie ich das Messer
erhalten, war mir ein Fingerzeig der ewigen Macht, wie ich meine
Verbrechen büßen, wie ich im Tode Aurelien versöhnen solle. Wie ein
göttlicher Strahl im reinen Feuer, durchglühte mich nun die Liebe zu
Aurelien, jede sündliche Begierde war von mir gewichen. Es war mir, als
sähe ich sie selbst, wie damals, als sie am Beichtstuhl in der Kirche des
Kapuzinerklosters erschien. „Wohl liebe ich dich, Medardus, aber du
verstandest mich nicht! ... meine Liebe ist der Tod!“ — so umsäuselte und
umflüsterte mich Aureliens Stimme, und fest stand mein Entschluß, dem
Richter frei die merkwürdige Geschichte meiner Verirrungen zu gestehen,
und dann mir den Tod zu geben.
Der Kerkermeister trat herein und brachte mir bessere Speisen als ich
sonst zu erhalten pflegte, sowie eine Flasche Wein. — „Vom Fürsten so
befohlen,“ sprach er, indem er den Tisch, den ihm sein Knecht nachtrug,
deckte, und die Kette die mich an die Wand fesselte, losschloß. Ich bat ihn,
dem Richter zu sagen, daß ich vernommen zu werden wünsche, weil ich
vieles zu eröffnen hätte, was mir schwer auf dem Herzen liege. Er versprach
meinen Auftrag auszurichten, indessen wartete ich vergebens, daß man
mich zum Verhör abholen solle; niemand ließ sich mehr sehen, bis der
Knecht, als es schon ganz finster geworden, hereintrat und die am Gewölbe
hängende Lampe anzündete. In meinem Innern war es ruhiger als jemals,
doch fühlte ich mich sehr erschöpft und versank bald in tiefen Schlaf. Da
wurde ich in einen langen, düstern, gewölbten Saal geführt, in dem ich eine
Reihe in schwarzen Talaren gekleideter Geistlicher erblickte, die der Wand
deinem Herzmark mit tödlichen Bissen nagt, schmachvoll verderben wirst
du in trostlosem Jammer, wenn der Arm der Gerechtigkeit auch deiner
schont.“ So laut klagend, warf ich mich auf das Stroh und fühlte in dem
Augenblick einen Druck auf der Brust, der von einem harten Körper in der
Busentasche meiner Weste herzurühren schien. Ich faßte hinein und zog ein
kleines Messer hervor. Nie hatte ich, solange ich im Kerker war, ein Messer
bei mir getragen, es mußte daher dasselbe sein, das mir mein gespenstisches
Ebenbild heraufgereicht hatte. Mühsam stand ich auf und hielt das Messer
in den stärker hereinbrechenden Lichtstrahl. Ich erblickte das silberne,
blinkende Heft. Unerforschliches Verhängnis! es war dasselbe Messer,
womit ich Hermogen getötet und das ich seit einigen Wochen vermißt hatte.
Aber nun ging plötzlich in meinem Innern, wunderbar leuchtend, Trost und
Rettung von der Schmach auf. Die unbegreifliche Art wie ich das Messer
erhalten, war mir ein Fingerzeig der ewigen Macht, wie ich meine
Verbrechen büßen, wie ich im Tode Aurelien versöhnen solle. Wie ein
göttlicher Strahl im reinen Feuer, durchglühte mich nun die Liebe zu
Aurelien, jede sündliche Begierde war von mir gewichen. Es war mir, als
sähe ich sie selbst, wie damals, als sie am Beichtstuhl in der Kirche des
Kapuzinerklosters erschien. „Wohl liebe ich dich, Medardus, aber du
verstandest mich nicht! ... meine Liebe ist der Tod!“ — so umsäuselte und
umflüsterte mich Aureliens Stimme, und fest stand mein Entschluß, dem
Richter frei die merkwürdige Geschichte meiner Verirrungen zu gestehen,
und dann mir den Tod zu geben.
Der Kerkermeister trat herein und brachte mir bessere Speisen als ich
sonst zu erhalten pflegte, sowie eine Flasche Wein. — „Vom Fürsten so
befohlen,“ sprach er, indem er den Tisch, den ihm sein Knecht nachtrug,
deckte, und die Kette die mich an die Wand fesselte, losschloß. Ich bat ihn,
dem Richter zu sagen, daß ich vernommen zu werden wünsche, weil ich
vieles zu eröffnen hätte, was mir schwer auf dem Herzen liege. Er versprach
meinen Auftrag auszurichten, indessen wartete ich vergebens, daß man
mich zum Verhör abholen solle; niemand ließ sich mehr sehen, bis der
Knecht, als es schon ganz finster geworden, hereintrat und die am Gewölbe
hängende Lampe anzündete. In meinem Innern war es ruhiger als jemals,
doch fühlte ich mich sehr erschöpft und versank bald in tiefen Schlaf. Da
wurde ich in einen langen, düstern, gewölbten Saal geführt, in dem ich eine
Reihe in schwarzen Talaren gekleideter Geistlicher erblickte, die der Wand
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entlang auf hohen Stühlen saßen. Vor ihnen, an einem mit blutroter Decke
behangenen Tisch, saß der Richter, und neben ihm ein Dominikaner im
Ordenshabit. „Du bist jetzt,“ sprach der Richter mit feierlich erhabener
Stimme, „dem geistlichen Gericht übergeben, da du verstockter, frevelicher
Mönch, vergebens deinen Stand und Namen verleugnet hast. Franciskus,
mit dem Klosternamen Medardus genannt, sprich, welcher Verbrechen bist
du beziehen worden?“ — Ich wollte alles, was ich je Sündhaftes und
Freveliches begangen, offen eingestehen, aber zu meinem Entsetzen war
das, was ich sprach, durchaus nicht das, was ich dachte und sagen wollte.
Statt des ernsten, reuigen Bekenntnisses verlor ich mich in ungereimte,
unzusammenhängende Reden. Da sagte der Dominikaner, riesengroß vor
mir stehend und mit gräßlich funkelndem Blick mich durchbohrend: „Auf
die Folter mit dir, du halsstarriger, verstockter Mönch.“ Die seltsamen
Gestalten rings umher erhoben sich und streckten ihre langen Arme nach
mir aus, und riefen in heiserem, grausigem Einklang: „Auf die Folter mit
ihm.“ Ich riß das Messer heraus und stieß nach meinem Herzen, aber der
Arm fuhr unwillkürlich herauf; ich traf den Hals und am Zeichen des
Kreuzes sprang die Klinge wie in Glasscherben, ohne mich zu verwunden.
Da ergriffen mich die Henkersknechte und stießen mich hinab in ein tiefes
unterirdisches Gewölbe. Der Dominikaner und der Richter stiegen mir
nach. Noch einmal forderte mich dieser auf, zu gestehen. Nochmals strengte
ich mich an, aber in tollem Zwiespalt stand Rede und Gedanke. —
Reuevoll, zerknirscht von tiefer Schmach bekannte ich im Innern alles —
abgeschmackt, verwirrt, sinnlos war, was der Mund ausstieß. Auf den Wink
des Dominikaners zogen mich die Henkersknechte nackt aus, schnürten mir
beide Arme über den Rücken zusammen, und hinaufgewunden fühlte ich,
wie die ausgedehnten Gelenke knackend zerbröckeln wollten. In heillosem,
wütendem Schmerz schrie ich laut auf und erwachte. Der Schmerz an den
Händen und Füßen dauerte fort, er rührte von den schweren Ketten her, die
ich trug, doch empfand ich noch außerdem einen Druck über den Augen,
die ich nicht aufzuschlagen vermochte. Endlich war es, als würde plötzlich
eine Last mir von der Stirn genommen, ich richtete mich schnell empor, ein
Dominikanermönch stand vor meinem Strohlager. Mein Traum trat in das
Leben, eiskalt rieselte es mir durch die Adern. Unbeweglich, wie eine
Bildsäule, mit übereinander geschlagenen Armen stand der Mönch da und
starrte mich an mit den hohlen schwarzen Augen. Ich erkannte den
gräßlichen Maler und fiel halb ohnmächtig auf mein Strohlager zurück. —
behangenen Tisch, saß der Richter, und neben ihm ein Dominikaner im
Ordenshabit. „Du bist jetzt,“ sprach der Richter mit feierlich erhabener
Stimme, „dem geistlichen Gericht übergeben, da du verstockter, frevelicher
Mönch, vergebens deinen Stand und Namen verleugnet hast. Franciskus,
mit dem Klosternamen Medardus genannt, sprich, welcher Verbrechen bist
du beziehen worden?“ — Ich wollte alles, was ich je Sündhaftes und
Freveliches begangen, offen eingestehen, aber zu meinem Entsetzen war
das, was ich sprach, durchaus nicht das, was ich dachte und sagen wollte.
Statt des ernsten, reuigen Bekenntnisses verlor ich mich in ungereimte,
unzusammenhängende Reden. Da sagte der Dominikaner, riesengroß vor
mir stehend und mit gräßlich funkelndem Blick mich durchbohrend: „Auf
die Folter mit dir, du halsstarriger, verstockter Mönch.“ Die seltsamen
Gestalten rings umher erhoben sich und streckten ihre langen Arme nach
mir aus, und riefen in heiserem, grausigem Einklang: „Auf die Folter mit
ihm.“ Ich riß das Messer heraus und stieß nach meinem Herzen, aber der
Arm fuhr unwillkürlich herauf; ich traf den Hals und am Zeichen des
Kreuzes sprang die Klinge wie in Glasscherben, ohne mich zu verwunden.
Da ergriffen mich die Henkersknechte und stießen mich hinab in ein tiefes
unterirdisches Gewölbe. Der Dominikaner und der Richter stiegen mir
nach. Noch einmal forderte mich dieser auf, zu gestehen. Nochmals strengte
ich mich an, aber in tollem Zwiespalt stand Rede und Gedanke. —
Reuevoll, zerknirscht von tiefer Schmach bekannte ich im Innern alles —
abgeschmackt, verwirrt, sinnlos war, was der Mund ausstieß. Auf den Wink
des Dominikaners zogen mich die Henkersknechte nackt aus, schnürten mir
beide Arme über den Rücken zusammen, und hinaufgewunden fühlte ich,
wie die ausgedehnten Gelenke knackend zerbröckeln wollten. In heillosem,
wütendem Schmerz schrie ich laut auf und erwachte. Der Schmerz an den
Händen und Füßen dauerte fort, er rührte von den schweren Ketten her, die
ich trug, doch empfand ich noch außerdem einen Druck über den Augen,
die ich nicht aufzuschlagen vermochte. Endlich war es, als würde plötzlich
eine Last mir von der Stirn genommen, ich richtete mich schnell empor, ein
Dominikanermönch stand vor meinem Strohlager. Mein Traum trat in das
Leben, eiskalt rieselte es mir durch die Adern. Unbeweglich, wie eine
Bildsäule, mit übereinander geschlagenen Armen stand der Mönch da und
starrte mich an mit den hohlen schwarzen Augen. Ich erkannte den
gräßlichen Maler und fiel halb ohnmächtig auf mein Strohlager zurück. —
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Vielleicht war es nur eine Täuschung der durch den Traum aufgeregten
Sinne? Ich ermannte mich, ich richtete mich auf, aber unbeweglich stand
der Mönch und starrte mich an mit den hohlen, schwarzen Augen. Da schrie
ich in wahnsinniger Verzweiflung: „Entsetzlicher Mensch ... hebe dich weg!
... Nein! ... Kein Mensch, du bist der Widersacher selbst, der mich stürzen
will in ewige Verderbnis ... hebe dich weg, Verruchter! hebe dich weg!“ —
„Armer kurzsichtiger Tor, ich bin nicht der, der dich ganz unauflöslich zu
umstricken strebt mit ehernen Banden! — der dich abwendig machen will
dem heiligen Werk, zu dem dich die ewige Macht berief! — Medardus! —
armer kurzsichtiger Tor! — schreckbar, grauenvoll bin ich dir erschienen,
wenn du über dem offenen Grabe ewiger Verdammnis leichtsinnig
gaukeltest. Ich warnte dich, aber du hast mich nicht verstanden! Auf! nähere
dich mir!“ Der Mönch sprach alles dieses im dumpfen Ton der tiefen,
herzzerschneidendsten Klage; sein Blick, mir sonst so fürchterlich, war
sanft und milde geworden, weicher die Form seines Gesichts. Eine
unbeschreibliche Wehmut durchbebte mein Innerstes; wie ein Gesandter der
ewigen Macht, mich aufzurichten, mich zu trösten im endlosen Elend,
erschien mir der sonst so schreckliche Maler. — Ich stand auf vom Lager,
ich trat ihm nahe, es war kein Phantom, ich berührte sein Kleid; ich kniete
unwillkürlich nieder, er legte die Hand auf mein Haupt, wie mich segnend.
Da gingen in lichten Farben herrliche Gebilde in mir auf. — Ach! ich war in
dem heiligen Walde! — ja es war derselbe Platz, wo in früher Kindheit der
fremdartig gekleidete Pilger mir den wunderbaren Knaben brachte. Ich
wollte fortschreiten, ich wollte hinein in die Kirche, die ich dicht vor mir
erblickte. Dort sollte ich (so war es mir) büßend und bereuend Ablaß
erhalten von schwerer Sünde. Aber ich blieb regungslos — mein eignes Ich
konnte ich nicht erschauen, nicht erfassen. Da sprach eine dumpfe, hohle
Stimme: „Der Gedanke ist die Tat!“ — Die Träume verschwebten; es war
der Maler, der jene Worte gesprochen. „Unbegreifliches Wesen, warst du es
denn selbst? an jenem unglücklichen Morgen in der Kapuzinerkirche zu
B.?, in der Reichsstadt, und nun?“ — „Halt ein,“ unterbrach mich der
Maler, „ich war es, der überall dir nahe war, um dich zu retten von
Verderben und Schmach, aber dein Sinn blieb verschlossen! Das Werk, zu
dem du erkoren, mußt du vollbringen zu deinem eignen Heil.“ — „Ach,“
rief ich voll Verzweiflung, „warum hieltst du nicht meinen Arm zurück, als
ich in verruchtem Frevel jenen Jüngling ...“ „Das war mir nicht vergönnt,“
fiel der Maler ein, „frage nicht weiter, vermessen ist es, vorgreifen zu
Sinne? Ich ermannte mich, ich richtete mich auf, aber unbeweglich stand
der Mönch und starrte mich an mit den hohlen, schwarzen Augen. Da schrie
ich in wahnsinniger Verzweiflung: „Entsetzlicher Mensch ... hebe dich weg!
... Nein! ... Kein Mensch, du bist der Widersacher selbst, der mich stürzen
will in ewige Verderbnis ... hebe dich weg, Verruchter! hebe dich weg!“ —
„Armer kurzsichtiger Tor, ich bin nicht der, der dich ganz unauflöslich zu
umstricken strebt mit ehernen Banden! — der dich abwendig machen will
dem heiligen Werk, zu dem dich die ewige Macht berief! — Medardus! —
armer kurzsichtiger Tor! — schreckbar, grauenvoll bin ich dir erschienen,
wenn du über dem offenen Grabe ewiger Verdammnis leichtsinnig
gaukeltest. Ich warnte dich, aber du hast mich nicht verstanden! Auf! nähere
dich mir!“ Der Mönch sprach alles dieses im dumpfen Ton der tiefen,
herzzerschneidendsten Klage; sein Blick, mir sonst so fürchterlich, war
sanft und milde geworden, weicher die Form seines Gesichts. Eine
unbeschreibliche Wehmut durchbebte mein Innerstes; wie ein Gesandter der
ewigen Macht, mich aufzurichten, mich zu trösten im endlosen Elend,
erschien mir der sonst so schreckliche Maler. — Ich stand auf vom Lager,
ich trat ihm nahe, es war kein Phantom, ich berührte sein Kleid; ich kniete
unwillkürlich nieder, er legte die Hand auf mein Haupt, wie mich segnend.
Da gingen in lichten Farben herrliche Gebilde in mir auf. — Ach! ich war in
dem heiligen Walde! — ja es war derselbe Platz, wo in früher Kindheit der
fremdartig gekleidete Pilger mir den wunderbaren Knaben brachte. Ich
wollte fortschreiten, ich wollte hinein in die Kirche, die ich dicht vor mir
erblickte. Dort sollte ich (so war es mir) büßend und bereuend Ablaß
erhalten von schwerer Sünde. Aber ich blieb regungslos — mein eignes Ich
konnte ich nicht erschauen, nicht erfassen. Da sprach eine dumpfe, hohle
Stimme: „Der Gedanke ist die Tat!“ — Die Träume verschwebten; es war
der Maler, der jene Worte gesprochen. „Unbegreifliches Wesen, warst du es
denn selbst? an jenem unglücklichen Morgen in der Kapuzinerkirche zu
B.?, in der Reichsstadt, und nun?“ — „Halt ein,“ unterbrach mich der
Maler, „ich war es, der überall dir nahe war, um dich zu retten von
Verderben und Schmach, aber dein Sinn blieb verschlossen! Das Werk, zu
dem du erkoren, mußt du vollbringen zu deinem eignen Heil.“ — „Ach,“
rief ich voll Verzweiflung, „warum hieltst du nicht meinen Arm zurück, als
ich in verruchtem Frevel jenen Jüngling ...“ „Das war mir nicht vergönnt,“
fiel der Maler ein, „frage nicht weiter, vermessen ist es, vorgreifen zu
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wollen dem, was die ewige Macht beschlossen ... Medardus! du gehst
deinem Ziel entgegen ... morgen!“ — Ich erbebte in einem eiskalten
Schauer, denn ich glaubte, den Maler ganz zu verstehen. Er wußte und
billigte den beschlossenen Selbstmord. Der Maler wankte mit leisem Tritt
nach der Tür des Kerkers. „Wann, wann sehe ich dich wieder?“ — „Am
Ziele!“ rief er, sich noch einmal nach mir umwendend, feierlich und stark,
daß das Gewölbe dröhnte — „Also morgen?“ — Leise drehte sich die Türe
in den Angeln, der Maler war verschwunden. —
Sowie der helle Tag nur angebrochen, erschien der Kerkermeister mit
seinen Knechten, die mir die Fesseln von den wunden Armen und Füßen
ablösten. Ich solle bald zum Verhör hinaufgeführt werden, hieß es. Tief in
mich gekehrt, mit dem Gedanken des nahen Todes vertraut, schritt ich
hinauf in den Gerichtssaal; mein Bekenntnis hatte ich im Innern so
geordnet, daß ich dem Richter eine kurze, aber den kleinsten Umstand mit
aufgreifende Erzählung zu machen hoffte. Der Richter kam mir schnell
entgegen, ich mußte höchst entstellt aussehen, denn bei meinem Anblick
verzog sich schnell das freudige Lächeln, das erst auf seinem Gesicht
schwebte, zur Miene des tiefsten Mitleids. Er faßte meine beiden Hände
und schob mich sanft in seinen Lehnstuhl. Dann mich starr anschauend,
sagte er langsam und feierlich: „Herr von Krczynski! ich habe Ihnen Frohes
zu verkünden! Sie sind frei! Die Untersuchung ist auf Befehl des Fürsten
niedergeschlagen worden. Man hat Sie mit einer andern Person
verwechselt, woran ihre ganz unglaubliche Ähnlichkeit mit dieser Person
schuld ist. Klar, ganz klar ist Ihre Schuldlosigkeit dargetan! ... Sie sind
frei!“ — Es schwirrte und sauste und drehte sich alles um mich her. — Des
Richters Gestalt blinkte, hundertfach vervielfältigt, durch den düstern
Nebel, alles schwand in dicker Finsternis. — Ich fühlte endlich, daß man
mir die Stirne mit starkem Wasser rieb, und erholte mich aus dem
ohnmachtähnlichen Zustande, in den ich versunken. Der Richter las mir ein
kurzes Protokoll vor, welches sagte, daß er mir die Niederschlagung des
Prozesses bekannt gemacht, und meine Entlassung aus dem Kerker bewirkt
habe. Ich unterschrieb schweigend, keines Wortes war ich mächtig. Ein
unbeschreibliches, mich im Innersten vernichtendes Gefühl ließ keine
Freude aufkommen. Sowie mich der Richter mit recht in das Herz
dringender Gutmütigkeit anblickte, war es mir, als müsse ich nun, da man
an meine Unschuld glaubte und mich freilassen wollte, allen verruchten
Frevel, den ich begangen, frei gestehen und dann mir das Messer in das
deinem Ziel entgegen ... morgen!“ — Ich erbebte in einem eiskalten
Schauer, denn ich glaubte, den Maler ganz zu verstehen. Er wußte und
billigte den beschlossenen Selbstmord. Der Maler wankte mit leisem Tritt
nach der Tür des Kerkers. „Wann, wann sehe ich dich wieder?“ — „Am
Ziele!“ rief er, sich noch einmal nach mir umwendend, feierlich und stark,
daß das Gewölbe dröhnte — „Also morgen?“ — Leise drehte sich die Türe
in den Angeln, der Maler war verschwunden. —
Sowie der helle Tag nur angebrochen, erschien der Kerkermeister mit
seinen Knechten, die mir die Fesseln von den wunden Armen und Füßen
ablösten. Ich solle bald zum Verhör hinaufgeführt werden, hieß es. Tief in
mich gekehrt, mit dem Gedanken des nahen Todes vertraut, schritt ich
hinauf in den Gerichtssaal; mein Bekenntnis hatte ich im Innern so
geordnet, daß ich dem Richter eine kurze, aber den kleinsten Umstand mit
aufgreifende Erzählung zu machen hoffte. Der Richter kam mir schnell
entgegen, ich mußte höchst entstellt aussehen, denn bei meinem Anblick
verzog sich schnell das freudige Lächeln, das erst auf seinem Gesicht
schwebte, zur Miene des tiefsten Mitleids. Er faßte meine beiden Hände
und schob mich sanft in seinen Lehnstuhl. Dann mich starr anschauend,
sagte er langsam und feierlich: „Herr von Krczynski! ich habe Ihnen Frohes
zu verkünden! Sie sind frei! Die Untersuchung ist auf Befehl des Fürsten
niedergeschlagen worden. Man hat Sie mit einer andern Person
verwechselt, woran ihre ganz unglaubliche Ähnlichkeit mit dieser Person
schuld ist. Klar, ganz klar ist Ihre Schuldlosigkeit dargetan! ... Sie sind
frei!“ — Es schwirrte und sauste und drehte sich alles um mich her. — Des
Richters Gestalt blinkte, hundertfach vervielfältigt, durch den düstern
Nebel, alles schwand in dicker Finsternis. — Ich fühlte endlich, daß man
mir die Stirne mit starkem Wasser rieb, und erholte mich aus dem
ohnmachtähnlichen Zustande, in den ich versunken. Der Richter las mir ein
kurzes Protokoll vor, welches sagte, daß er mir die Niederschlagung des
Prozesses bekannt gemacht, und meine Entlassung aus dem Kerker bewirkt
habe. Ich unterschrieb schweigend, keines Wortes war ich mächtig. Ein
unbeschreibliches, mich im Innersten vernichtendes Gefühl ließ keine
Freude aufkommen. Sowie mich der Richter mit recht in das Herz
dringender Gutmütigkeit anblickte, war es mir, als müsse ich nun, da man
an meine Unschuld glaubte und mich freilassen wollte, allen verruchten
Frevel, den ich begangen, frei gestehen und dann mir das Messer in das
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Herz stoßen. — Ich wollte reden — der Richter schien meine Entfernung zu
wünschen. Ich ging nach der Türe, da kam er mir nach und sagte leise:
„Nun habe ich aufgehört Richter zu sein; von dem ersten Augenblick, als
ich Sie sah, interessierten Sie mich auf das höchste. So sehr, wie (Sie
werden das selbst zugeben müssen) der Schein wider Sie war, so wünschte
ich doch gleich, daß Sie in der Tat nicht der abscheuliche, verbrecherische
Mönch sein möchten, für den man sie hielt. Jetzt darf ich Ihnen zutraulich
sagen ... Sie sind kein Pole. Sie sind nicht in Kwiecziczewo geboren. Sie
heißen nicht Leonard von Krczynski.“ — Mit Ruhe und Festigkeit
antwortete ich. „Nein!“ — „Und auch kein Geistlicher?“ — frug der
Richter weiter, indem er die Augen niederschlug, wahrscheinlich um mir
den Blick des Inquisitors zu ersparen. Es wallte auf in meinem Innern. —
„So hören Sie denn,“ fuhr ich heraus — „Still,“ unterbrach mich der
Richter, „was ich anfangs geglaubt und noch glaube, bestätigt sich. Ich
sehe, daß hier rätselhafte Umstände walten, und daß Sie selbst mit gewissen
Personen des Hofes in ein geheimnisvolles Spiel des Schicksals verflochten
sind. Es ist nicht mehr meines Berufs, tiefer einzudringen, und ich würde es
für unziemlichen Vorwitz halten, Ihnen irgend etwas über Ihre Person, über
Ihre wahrscheinlich ganz eignen Lebensverhältnisse entlocken zu wollen!
— Doch, wie wäre es, wenn Sie, sich losreißend von allem Ihrer Ruhe
Bedrohlichem, den Ort verließen. Nach dem, was geschehen, kann Ihnen
ohnedies der Aufenthalt hier nicht wohltun.“ — Sowie der Richter dieses
sprach, war es, als flöhen alle finstre Schatten, die sich drückend über mich
gelegt hatten, schnell von hinnen. Das Leben war wiedergewonnen, und die
Lebenslust stieg durch Nerv und Adern glühend in mir auf. Aurelie! s i e
dachte ich wieder, und ich sollte jetzt fort von dem Orte, fort von ihr? —
Tief seufzte ich auf: „Und s i e verlassen?“ — Der Richter blickte mich im
höchsten Erstaunen an und sagte dann schnell: „Ach! jetzt glaube ich klar
zu sehen! Der Himmel gebe, Herr Leonard! daß eine sehr schlimme
Ahnung, die mir eben jetzt recht deutlich wird, nicht in Erfüllung gehen
möge.“ — Alles hatte sich in meinem Innern anders gestaltet. Hin war alle
Reue und wohl mochte es beinahe frevelnde Frechheit sein, daß ich den
Richter mit erheuchelter Ruhe frug: „Und Sie halten mich doch für
schuldig?“ — „Erlauben Sie, mein Herr!“ erwiderte der Richter sehr ernst,
„daß ich meine Überzeugungen, die doch nur auf ein reges Gefühl gestützt
scheinen, für mich behalte. Es ist ausgemittelt, nach bester Form und Weise,
daß Sie nicht der Mönch Medardus sein können, da eben dieser Medardus
wünschen. Ich ging nach der Türe, da kam er mir nach und sagte leise:
„Nun habe ich aufgehört Richter zu sein; von dem ersten Augenblick, als
ich Sie sah, interessierten Sie mich auf das höchste. So sehr, wie (Sie
werden das selbst zugeben müssen) der Schein wider Sie war, so wünschte
ich doch gleich, daß Sie in der Tat nicht der abscheuliche, verbrecherische
Mönch sein möchten, für den man sie hielt. Jetzt darf ich Ihnen zutraulich
sagen ... Sie sind kein Pole. Sie sind nicht in Kwiecziczewo geboren. Sie
heißen nicht Leonard von Krczynski.“ — Mit Ruhe und Festigkeit
antwortete ich. „Nein!“ — „Und auch kein Geistlicher?“ — frug der
Richter weiter, indem er die Augen niederschlug, wahrscheinlich um mir
den Blick des Inquisitors zu ersparen. Es wallte auf in meinem Innern. —
„So hören Sie denn,“ fuhr ich heraus — „Still,“ unterbrach mich der
Richter, „was ich anfangs geglaubt und noch glaube, bestätigt sich. Ich
sehe, daß hier rätselhafte Umstände walten, und daß Sie selbst mit gewissen
Personen des Hofes in ein geheimnisvolles Spiel des Schicksals verflochten
sind. Es ist nicht mehr meines Berufs, tiefer einzudringen, und ich würde es
für unziemlichen Vorwitz halten, Ihnen irgend etwas über Ihre Person, über
Ihre wahrscheinlich ganz eignen Lebensverhältnisse entlocken zu wollen!
— Doch, wie wäre es, wenn Sie, sich losreißend von allem Ihrer Ruhe
Bedrohlichem, den Ort verließen. Nach dem, was geschehen, kann Ihnen
ohnedies der Aufenthalt hier nicht wohltun.“ — Sowie der Richter dieses
sprach, war es, als flöhen alle finstre Schatten, die sich drückend über mich
gelegt hatten, schnell von hinnen. Das Leben war wiedergewonnen, und die
Lebenslust stieg durch Nerv und Adern glühend in mir auf. Aurelie! s i e
dachte ich wieder, und ich sollte jetzt fort von dem Orte, fort von ihr? —
Tief seufzte ich auf: „Und s i e verlassen?“ — Der Richter blickte mich im
höchsten Erstaunen an und sagte dann schnell: „Ach! jetzt glaube ich klar
zu sehen! Der Himmel gebe, Herr Leonard! daß eine sehr schlimme
Ahnung, die mir eben jetzt recht deutlich wird, nicht in Erfüllung gehen
möge.“ — Alles hatte sich in meinem Innern anders gestaltet. Hin war alle
Reue und wohl mochte es beinahe frevelnde Frechheit sein, daß ich den
Richter mit erheuchelter Ruhe frug: „Und Sie halten mich doch für
schuldig?“ — „Erlauben Sie, mein Herr!“ erwiderte der Richter sehr ernst,
„daß ich meine Überzeugungen, die doch nur auf ein reges Gefühl gestützt
scheinen, für mich behalte. Es ist ausgemittelt, nach bester Form und Weise,
daß Sie nicht der Mönch Medardus sein können, da eben dieser Medardus
Page 181
sich hier befindet und von dem Pater Cyrill, der sich durch Ihre ganz
genaue Ähnlichkeit täuschen ließ, anerkannt wurde, ja auch selbst gar nicht
leugnet, daß er jener Kapuziner sei. Damit ist nun alles geschehen, was
geschehen konnte, um Sie von jedem Verdacht zu reinigen, und um so mehr
muß ich glauben, daß Sie sich frei von jeder Schuld fühlen.“ — Ein
Gerichtsdiener rief in diesem Augenblick den Richter ab und so wurde ein
Gespräch unterbrochen, als es eben begann mich zu peinigen.
Ich begab mich nach meiner Wohnung und fand alles so wieder, wie ich
es verlassen. Meine Papiere hatte man in Beschlag genommen, in ein Paket
gesiegelt lagen sie auf meinem Schreibtische, nur Viktorins Brieftasche,
Euphemiens Ring und den Kapuzinerstrick vermißte ich, meine
Vermutungen im Gefängnisse waren daher richtig. Nicht lange dauerte es,
so erschien ein fürstlicher Diener, der mit einem Handbillet des Fürsten mir
eine goldene, mit kostbaren Steinen besetzte Dose überreichte. „Es ist Ihnen
übel mitgespielt worden, Herr von Krczynski,“ schrieb der Fürst, „aber
weder ich noch meine Gerichte sind schuld daran. Sie sind einem sehr
bösen Menschen auf ganz unglaubliche Weise ähnlich; alles ist aber nun zu
Ihrem Besten aufgeklärt; ich sende Ihnen ein Zeichen meines Wohlwollens
und hoffe, Sie bald zu sehen.“ — Des Fürsten Gnade war mir ebenso
gleichgültig als sein Geschenk; eine düstre Traurigkeit, die geisttötend mein
Inneres durchschlich, war die Folge des strengen Gefängnisses; ich fühlte,
daß mir körperlich aufgeholfen werden müsse, und lieb war es mir daher,
als der Leibarzt erschien. Das Ärztliche war bald besprochen. „Ist es nicht,“
fing nun der Leibarzt an, „eine besondere Fügung des Schicksals, daß eben
in dem Augenblick, als man davon überzeugt zu sein glaubt, daß Sie jener
abscheuliche Mönch sind, der in der Familie des Barons von F. so viel
Unheil anrichtete, dieser Mönch wirklich erscheint, und Sie von jedem
Verdacht rettet?“
„Ich muß versichern, daß ich von den nähern Umständen, die meine
Befreiung bewirkten, nicht unterrichtet bin; nur im allgemeinen sagte mir
der Richter, daß der Kapuziner Medardus, dem man nachspürte und für den
man mich hielt, sich hier eingefunden habe.“
„Nicht eingefunden hat er sich, sondern hergebracht ist er worden,
festgebunden auf einem Wagen, und seltsamerweise zu derselben Zeit, als
Sie hergekommen waren. Eben fällt mir ein, daß, als ich Ihnen einst jene
wunderbaren Ereignisse erzählen wollte, die sich vor einiger Zeit an unserm
genaue Ähnlichkeit täuschen ließ, anerkannt wurde, ja auch selbst gar nicht
leugnet, daß er jener Kapuziner sei. Damit ist nun alles geschehen, was
geschehen konnte, um Sie von jedem Verdacht zu reinigen, und um so mehr
muß ich glauben, daß Sie sich frei von jeder Schuld fühlen.“ — Ein
Gerichtsdiener rief in diesem Augenblick den Richter ab und so wurde ein
Gespräch unterbrochen, als es eben begann mich zu peinigen.
Ich begab mich nach meiner Wohnung und fand alles so wieder, wie ich
es verlassen. Meine Papiere hatte man in Beschlag genommen, in ein Paket
gesiegelt lagen sie auf meinem Schreibtische, nur Viktorins Brieftasche,
Euphemiens Ring und den Kapuzinerstrick vermißte ich, meine
Vermutungen im Gefängnisse waren daher richtig. Nicht lange dauerte es,
so erschien ein fürstlicher Diener, der mit einem Handbillet des Fürsten mir
eine goldene, mit kostbaren Steinen besetzte Dose überreichte. „Es ist Ihnen
übel mitgespielt worden, Herr von Krczynski,“ schrieb der Fürst, „aber
weder ich noch meine Gerichte sind schuld daran. Sie sind einem sehr
bösen Menschen auf ganz unglaubliche Weise ähnlich; alles ist aber nun zu
Ihrem Besten aufgeklärt; ich sende Ihnen ein Zeichen meines Wohlwollens
und hoffe, Sie bald zu sehen.“ — Des Fürsten Gnade war mir ebenso
gleichgültig als sein Geschenk; eine düstre Traurigkeit, die geisttötend mein
Inneres durchschlich, war die Folge des strengen Gefängnisses; ich fühlte,
daß mir körperlich aufgeholfen werden müsse, und lieb war es mir daher,
als der Leibarzt erschien. Das Ärztliche war bald besprochen. „Ist es nicht,“
fing nun der Leibarzt an, „eine besondere Fügung des Schicksals, daß eben
in dem Augenblick, als man davon überzeugt zu sein glaubt, daß Sie jener
abscheuliche Mönch sind, der in der Familie des Barons von F. so viel
Unheil anrichtete, dieser Mönch wirklich erscheint, und Sie von jedem
Verdacht rettet?“
„Ich muß versichern, daß ich von den nähern Umständen, die meine
Befreiung bewirkten, nicht unterrichtet bin; nur im allgemeinen sagte mir
der Richter, daß der Kapuziner Medardus, dem man nachspürte und für den
man mich hielt, sich hier eingefunden habe.“
„Nicht eingefunden hat er sich, sondern hergebracht ist er worden,
festgebunden auf einem Wagen, und seltsamerweise zu derselben Zeit, als
Sie hergekommen waren. Eben fällt mir ein, daß, als ich Ihnen einst jene
wunderbaren Ereignisse erzählen wollte, die sich vor einiger Zeit an unserm
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Hofe zutrugen, ich gerade dann unterbrochen wurde, als ich auf den
feindlichen Medardus, Franceskos Sohn, und auf seine verruchte Tat im
Schlosse des Barons von F. gekommen war. Ich nehme den Faden der
Begebenheit da wieder auf, wo er damals abriß. — Die Schwester unserer
Fürstin, wie Sie wissen, Äbtissin im Cisterzienserkloster zu B., nahm einst
freundlich eine arme Frau mit einem Kinde auf, die von der Pilgerfahrt nach
der heiligen Linde wiederkehrte.“
„Die Frau war Franceskos Witwe und der Knabe eben der Medardus.“
„Ganz recht, aber wie kommen Sie dazu, dies zu wissen?“
„Auf die seltsamste Weise sind mir die geheimnisvollen
Lebensumstände des Kapuziners Medardus bekannt worden. Bis zu dem
Augenblick, als er aus dem Schloß des Barons von F. entfloh, bin ich von
dem, was sich dort zutrug, genau unterrichtet.“
„Aber wie? ... von wem?“ ...
„Ein lebendiger Traum hat mir alles dargestellt.“
„Sie scherzen?“
„Keineswegs. Es ist mir wirklich so, als hätte ich träumend die
Geschichte eines Unglücklichen gehört, der, ein Spielwerk dunkler Mächte,
hin und her geschleudert und von Verbrechen zu Verbrechen getrieben
wurde. In dem ...tzer Forst hatte mich auf der Reise hierher der Postillon
irre gefahren; ich kam in das Försterhaus, und dort ...“
„Ha! ich verstehe alles, dort trafen Sie den Mönch an“ ...
„So ist es, er war aber wahnsinnig.“
„Er scheint es nicht mehr zu sein. Schon damals hatte er lichte Stunden
und vertraute Ihnen alles?“ ...
„Nicht geradezu. In der Nacht trat er, von meiner Ankunft im
Försterhause nicht unterrichtet, in mein Zimmer. Ich, mit der treuen
beispiellosen Ähnlichkeit, war ihm furchtbar. Er hielt mich für seinen
Doppelgänger, dessen Erscheinung ihm den Tod verkünde. — Er stammelte
— stotterte Bekenntnisse her — unwillkürlich übermannte mich, von der
Reise ermüdet, der Schlaf; es war mir, als spreche der Mönch nun ruhig und
gefaßt weiter, und ich weiß in der Tat jetzt nicht, wo und wie der Traum
feindlichen Medardus, Franceskos Sohn, und auf seine verruchte Tat im
Schlosse des Barons von F. gekommen war. Ich nehme den Faden der
Begebenheit da wieder auf, wo er damals abriß. — Die Schwester unserer
Fürstin, wie Sie wissen, Äbtissin im Cisterzienserkloster zu B., nahm einst
freundlich eine arme Frau mit einem Kinde auf, die von der Pilgerfahrt nach
der heiligen Linde wiederkehrte.“
„Die Frau war Franceskos Witwe und der Knabe eben der Medardus.“
„Ganz recht, aber wie kommen Sie dazu, dies zu wissen?“
„Auf die seltsamste Weise sind mir die geheimnisvollen
Lebensumstände des Kapuziners Medardus bekannt worden. Bis zu dem
Augenblick, als er aus dem Schloß des Barons von F. entfloh, bin ich von
dem, was sich dort zutrug, genau unterrichtet.“
„Aber wie? ... von wem?“ ...
„Ein lebendiger Traum hat mir alles dargestellt.“
„Sie scherzen?“
„Keineswegs. Es ist mir wirklich so, als hätte ich träumend die
Geschichte eines Unglücklichen gehört, der, ein Spielwerk dunkler Mächte,
hin und her geschleudert und von Verbrechen zu Verbrechen getrieben
wurde. In dem ...tzer Forst hatte mich auf der Reise hierher der Postillon
irre gefahren; ich kam in das Försterhaus, und dort ...“
„Ha! ich verstehe alles, dort trafen Sie den Mönch an“ ...
„So ist es, er war aber wahnsinnig.“
„Er scheint es nicht mehr zu sein. Schon damals hatte er lichte Stunden
und vertraute Ihnen alles?“ ...
„Nicht geradezu. In der Nacht trat er, von meiner Ankunft im
Försterhause nicht unterrichtet, in mein Zimmer. Ich, mit der treuen
beispiellosen Ähnlichkeit, war ihm furchtbar. Er hielt mich für seinen
Doppelgänger, dessen Erscheinung ihm den Tod verkünde. — Er stammelte
— stotterte Bekenntnisse her — unwillkürlich übermannte mich, von der
Reise ermüdet, der Schlaf; es war mir, als spreche der Mönch nun ruhig und
gefaßt weiter, und ich weiß in der Tat jetzt nicht, wo und wie der Traum
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eintrat. Es dünkt mich, daß der Mönch behauptete, nicht e r habe
Euphemien und Hermogen getötet, sondern beider Mörder sei der Graf
Viktorin.“ —
„Sonderbar, höchst sonderbar, aber warum verschwiegen Sie das alles
dem Richter?“
„Wie konnte ich hoffen, daß der Richter auch nur einiges Gewicht auf
eine Erzählung legen werde, die ihm ganz abenteuerlich klingen mußte.
Darf denn überhaupt ein erleuchtetes Kriminalgericht an das Wunderbare
glauben?“
„Wenigstens hätten Sie aber doch gleich ahnen, daß man Sie mit dem
wahnsinnigen Mönch verwechsle, und diesen als den Kapuziner Medardus
bezeichnen sollen?“
„Freilich — und zwar nachdem mich ein alter, blöder Greis, ich glaube
er heißt Cyrillus, durchaus für seinen Klosterbruder halten wollte. Es ist mir
nicht eingefallen, daß der wahnsinnige Mönch eben der Medardus, und das
Verbrechen, das er mir bekannte, Gegenstand des jetzigen Prozesses sein
könne. Aber, wie mir der Förster sagte, hatte er ihm niemals seinen Namen
genannt — wie kam man zur Entdeckung?“
„Auf die einfachste Weise. Der Mönch hatte sich, wie Sie wissen, einige
Zeit bei dem Förster aufgehalten; er schien geheilt, aber aufs neue brach der
Wahnsinn so verderblich aus, daß der Förster sich genötigt sah, ihn hierher
zu schaffen, wo er in das Irrenhaus eingesperrt wurde. Dort saß er Tag und
Nacht mit starrem Blick, ohne Regung, wie eine Bildsäule. Er sprach kein
Wort und mußte gefüttert werden, da er keine Hand bewegte. Verschiedene
Mittel ihn aus der Starrsucht zu wecken, blieben fruchtlos, zu den stärksten
durfte man nicht schreiten, ohne Gefahr ihn wieder in wilde Raserei zu
stürzen. Vor einigen Tagen kommt des Försters ältester Sohn nach der Stadt,
er geht in das Irrenhaus, um den Mönch wieder zu sehen. Ganz erfüllt von
dem trostlosen Zustande des Unglücklichen, tritt er aus dem Hause, als eben
der Pater Cyrillus aus dem Kapuzinerkloster in B. vorüberschreitet. Den
redet er an und bittet ihn, den unglücklichen, hier eingesperrten
Klosterbruder zu besuchen, da ihm der Zuspruch eines Geistlichen seines
Ordens vielleicht heilsam sein könne. Als Cyrillus den Mönch erblickt,
fährt er entsetzt zurück. „Heilige Mutter Gottes! Medardus, unglückseliger
Medardus!“ So ruft Cyrillus, und in dem Augenblick beleben sich die
Euphemien und Hermogen getötet, sondern beider Mörder sei der Graf
Viktorin.“ —
„Sonderbar, höchst sonderbar, aber warum verschwiegen Sie das alles
dem Richter?“
„Wie konnte ich hoffen, daß der Richter auch nur einiges Gewicht auf
eine Erzählung legen werde, die ihm ganz abenteuerlich klingen mußte.
Darf denn überhaupt ein erleuchtetes Kriminalgericht an das Wunderbare
glauben?“
„Wenigstens hätten Sie aber doch gleich ahnen, daß man Sie mit dem
wahnsinnigen Mönch verwechsle, und diesen als den Kapuziner Medardus
bezeichnen sollen?“
„Freilich — und zwar nachdem mich ein alter, blöder Greis, ich glaube
er heißt Cyrillus, durchaus für seinen Klosterbruder halten wollte. Es ist mir
nicht eingefallen, daß der wahnsinnige Mönch eben der Medardus, und das
Verbrechen, das er mir bekannte, Gegenstand des jetzigen Prozesses sein
könne. Aber, wie mir der Förster sagte, hatte er ihm niemals seinen Namen
genannt — wie kam man zur Entdeckung?“
„Auf die einfachste Weise. Der Mönch hatte sich, wie Sie wissen, einige
Zeit bei dem Förster aufgehalten; er schien geheilt, aber aufs neue brach der
Wahnsinn so verderblich aus, daß der Förster sich genötigt sah, ihn hierher
zu schaffen, wo er in das Irrenhaus eingesperrt wurde. Dort saß er Tag und
Nacht mit starrem Blick, ohne Regung, wie eine Bildsäule. Er sprach kein
Wort und mußte gefüttert werden, da er keine Hand bewegte. Verschiedene
Mittel ihn aus der Starrsucht zu wecken, blieben fruchtlos, zu den stärksten
durfte man nicht schreiten, ohne Gefahr ihn wieder in wilde Raserei zu
stürzen. Vor einigen Tagen kommt des Försters ältester Sohn nach der Stadt,
er geht in das Irrenhaus, um den Mönch wieder zu sehen. Ganz erfüllt von
dem trostlosen Zustande des Unglücklichen, tritt er aus dem Hause, als eben
der Pater Cyrillus aus dem Kapuzinerkloster in B. vorüberschreitet. Den
redet er an und bittet ihn, den unglücklichen, hier eingesperrten
Klosterbruder zu besuchen, da ihm der Zuspruch eines Geistlichen seines
Ordens vielleicht heilsam sein könne. Als Cyrillus den Mönch erblickt,
fährt er entsetzt zurück. „Heilige Mutter Gottes! Medardus, unglückseliger
Medardus!“ So ruft Cyrillus, und in dem Augenblick beleben sich die
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starren Augen des Mönchs. Er steht auf und fällt mit einem dumpfen Schrei
kraftlos zu Boden. — Cyrillus, mit den übrigen, die bei dem Ereignis
zugegen waren, geht sofort zum Präsidenten des Kriminalgerichts und zeigt
alles an. Der Richter, dem die Untersuchungen wider Sie übertragen, begibt
sich mit Cyrillus nach dem Irrenhause; man findet den Mönch sehr matt,
aber frei von allem Wahnsinn. Er gesteht ein, daß er der Mönch Medardus
aus dem Kapuzinerkloster in B. sei. Cyrillus versicherte seinerseits, daß
Ihre unglaubliche Ähnlichkeit mit Medardus ihn getäuscht habe. Nun
bemerke er wohl, wie Herr Leonard sich in Sprache, Blick, Gang und
Stellung sehr merklich von dem Mönch Medardus, den er nun vor sich
sehe, unterscheide. Man entdeckte auch das bedeutende Kreuzeszeichen an
der linken Seite des Halses, von dem in Ihrem Prozeß so viel Aufhebens
gemacht worden ist. Nun wird der Mönch über die Begebenheiten auf dem
Schlosse des Barons von F. befragt. — „Ich bin ein abscheulicher,
verruchter Verbrecher, sagt er mit matter, kaum vernehmbarer Stimme: ich
bereue tief, was ich getan. — Ach, ich ließ mich um mein Selbst, um meine
unsterbliche Seele betrügen! ... Man habe Mitleiden! ... man lasse mir Zeit
... alles ... alles will ich gestehen.“ — Der Fürst, unterrichtet, befiehlt sofort
den Prozeß wider Sie aufzuheben und Sie der Haft zu entlassen. Das ist die
Geschichte Ihrer Befreiung. — Der Mönch ist nach dem Kriminalgefängnis
gebracht worden.“
„Und hat alles gestanden? Hat er Euphemen, Hermogen ermordet? wie
ist es mit dem Grafen Viktorin? ...“
„So viel, wie ich weiß, fängt der eigentliche Kriminalprozeß wider den
Mönch erst heute an. Was aber den Grafen Viktorin betrifft, so scheint es,
als wenn nun einmal alles, was nur irgend mit jenen Ereignissen an unserem
Hofe in Verbindung stehe, dunkel und unbegreiflich bleiben müsse.“
„Wie die Ereignisse auf dem Schlosse des Barons von F. aber mit jener
Katastrophe an Ihrem Hofe sich verbinden sollen, sehe ich in der Tat nicht
ein.“
„Eigentlich meinte ich auch mehr die spielenden Personen, als die
Begebenheit.“
„Ich verstehe Sie nicht.“
kraftlos zu Boden. — Cyrillus, mit den übrigen, die bei dem Ereignis
zugegen waren, geht sofort zum Präsidenten des Kriminalgerichts und zeigt
alles an. Der Richter, dem die Untersuchungen wider Sie übertragen, begibt
sich mit Cyrillus nach dem Irrenhause; man findet den Mönch sehr matt,
aber frei von allem Wahnsinn. Er gesteht ein, daß er der Mönch Medardus
aus dem Kapuzinerkloster in B. sei. Cyrillus versicherte seinerseits, daß
Ihre unglaubliche Ähnlichkeit mit Medardus ihn getäuscht habe. Nun
bemerke er wohl, wie Herr Leonard sich in Sprache, Blick, Gang und
Stellung sehr merklich von dem Mönch Medardus, den er nun vor sich
sehe, unterscheide. Man entdeckte auch das bedeutende Kreuzeszeichen an
der linken Seite des Halses, von dem in Ihrem Prozeß so viel Aufhebens
gemacht worden ist. Nun wird der Mönch über die Begebenheiten auf dem
Schlosse des Barons von F. befragt. — „Ich bin ein abscheulicher,
verruchter Verbrecher, sagt er mit matter, kaum vernehmbarer Stimme: ich
bereue tief, was ich getan. — Ach, ich ließ mich um mein Selbst, um meine
unsterbliche Seele betrügen! ... Man habe Mitleiden! ... man lasse mir Zeit
... alles ... alles will ich gestehen.“ — Der Fürst, unterrichtet, befiehlt sofort
den Prozeß wider Sie aufzuheben und Sie der Haft zu entlassen. Das ist die
Geschichte Ihrer Befreiung. — Der Mönch ist nach dem Kriminalgefängnis
gebracht worden.“
„Und hat alles gestanden? Hat er Euphemen, Hermogen ermordet? wie
ist es mit dem Grafen Viktorin? ...“
„So viel, wie ich weiß, fängt der eigentliche Kriminalprozeß wider den
Mönch erst heute an. Was aber den Grafen Viktorin betrifft, so scheint es,
als wenn nun einmal alles, was nur irgend mit jenen Ereignissen an unserem
Hofe in Verbindung stehe, dunkel und unbegreiflich bleiben müsse.“
„Wie die Ereignisse auf dem Schlosse des Barons von F. aber mit jener
Katastrophe an Ihrem Hofe sich verbinden sollen, sehe ich in der Tat nicht
ein.“
„Eigentlich meinte ich auch mehr die spielenden Personen, als die
Begebenheit.“
„Ich verstehe Sie nicht.“
Page 185
„Erinnern Sie sich genau meiner Erzählung jener Katastrophe, die dem
Prinzen den Tod brachte?“
„Allerdings.“
„Ist es Ihnen dabei nicht völlig klar worden, daß Francesko
verbrecherisch die Italienerin liebte? daß er es war, der vor dem Prinzen in
die Brautkammer schlich und den Prinzen niederstieß? — Viktorin ist die
Frucht jener freveligen Untat. — Er und Medardus sind Söhne eines Vaters.
Spurlos ist Viktorin verschwunden, alles Nachforschen blieb vergebens.“
„Der Mönch schleuderte ihn hinab in den Teufelsgrund. Fluch dem
wahnsinnigen Brudermörder!“ —
Leise — leise ließ sich in dem Augenblick, als ich heftig diese Worte
ausstieß, jenes Klopfen des gespenstischen Unholds aus dem Kerker hören.
Vergebens suchte ich das Grausen zu bekämpfen, welches mich ergriff. Der
Arzt schien so wenig das Klopfen als meinen inneren Kampf zu bemerken.
Er fuhr fort: „Was ... hat der Mönch Ihnen gestanden, daß auch Viktorin
durch seine Hand fiel?“
„Ja!... wenigstens schließe ich aus seinen abgebrochenen Äußerungen,
halte ich damit Viktorins Verschwinden zusammen, daß sich die Sache
wirklich so verhält. Fluch dem wahnsinnigen Brudermörder!“ — Stärker
klopfte es und stöhnte und ächzte: ein feines Lachen, das durch die Stube
pfiff, klang wie Medardus ... Medardus ... hi ... hi ... hi hilf! — Der Arzt,
ohne das zu bemerken, fuhr fort:
„Ein besonderes Geheimnis scheint noch auf Franceskos Herkunft zu
ruhen. Er ist höchstwahrscheinlich dem fürstlichen Hause verwandt. So viel
ist gewiß, daß Euphemie die Tochter ...“
Mit einem entsetzlichen Schlage, daß die Angeln zusammenkrachten,
sprang die Tür auf, ein schneidendes Gelächter gellte herein. „Ho ... ho ...
ho ... ho Brüderlein, schrie ich wahnsinnig auf: hoho ... hierher ... frisch,
frisch, wenn du kämpfen willst mit mir ... der Uhu macht Hochzeit; nun
wollen wir auf das Dach steigen und ringen miteinander, und wer den
andern herabstößt, ist König und darf Blut trinken.“ — Der Leibarzt faßte
mich in die Arme und rief: „Was ist das? Was ist das? Sie sind krank ... in
der Tat, gefährlich krank. Fort, fort, zu Bette.“ — Aber ich starrte nach der
offenen Tür, ob mein scheußlicher Doppelgänger nicht hereintreten werde,
Prinzen den Tod brachte?“
„Allerdings.“
„Ist es Ihnen dabei nicht völlig klar worden, daß Francesko
verbrecherisch die Italienerin liebte? daß er es war, der vor dem Prinzen in
die Brautkammer schlich und den Prinzen niederstieß? — Viktorin ist die
Frucht jener freveligen Untat. — Er und Medardus sind Söhne eines Vaters.
Spurlos ist Viktorin verschwunden, alles Nachforschen blieb vergebens.“
„Der Mönch schleuderte ihn hinab in den Teufelsgrund. Fluch dem
wahnsinnigen Brudermörder!“ —
Leise — leise ließ sich in dem Augenblick, als ich heftig diese Worte
ausstieß, jenes Klopfen des gespenstischen Unholds aus dem Kerker hören.
Vergebens suchte ich das Grausen zu bekämpfen, welches mich ergriff. Der
Arzt schien so wenig das Klopfen als meinen inneren Kampf zu bemerken.
Er fuhr fort: „Was ... hat der Mönch Ihnen gestanden, daß auch Viktorin
durch seine Hand fiel?“
„Ja!... wenigstens schließe ich aus seinen abgebrochenen Äußerungen,
halte ich damit Viktorins Verschwinden zusammen, daß sich die Sache
wirklich so verhält. Fluch dem wahnsinnigen Brudermörder!“ — Stärker
klopfte es und stöhnte und ächzte: ein feines Lachen, das durch die Stube
pfiff, klang wie Medardus ... Medardus ... hi ... hi ... hi hilf! — Der Arzt,
ohne das zu bemerken, fuhr fort:
„Ein besonderes Geheimnis scheint noch auf Franceskos Herkunft zu
ruhen. Er ist höchstwahrscheinlich dem fürstlichen Hause verwandt. So viel
ist gewiß, daß Euphemie die Tochter ...“
Mit einem entsetzlichen Schlage, daß die Angeln zusammenkrachten,
sprang die Tür auf, ein schneidendes Gelächter gellte herein. „Ho ... ho ...
ho ... ho Brüderlein, schrie ich wahnsinnig auf: hoho ... hierher ... frisch,
frisch, wenn du kämpfen willst mit mir ... der Uhu macht Hochzeit; nun
wollen wir auf das Dach steigen und ringen miteinander, und wer den
andern herabstößt, ist König und darf Blut trinken.“ — Der Leibarzt faßte
mich in die Arme und rief: „Was ist das? Was ist das? Sie sind krank ... in
der Tat, gefährlich krank. Fort, fort, zu Bette.“ — Aber ich starrte nach der
offenen Tür, ob mein scheußlicher Doppelgänger nicht hereintreten werde,
Page 186
doch ich erschaute nichts und erholte mich bald von dem wilden Entsetzen,
das mich gepackt hatte mit eiskalten Krallen. Der Leibarzt bestand darauf,
daß ich kränker sei, als ich selbst wohl glauben möge, und schob alles auf
den Kerker und die Gemütsbewegung, die mir überhaupt der Prozeß
verursacht haben müsse. Ich brauchte seine Mittel, aber mehr als seine
Kunst trug zu meiner schnellen Genesung bei, daß das Klopfen sich nicht
mehr hören ließ, der furchtbare Doppelgänger mich daher ganz verlassen zu
haben schien.
Die Frühlingssonne warf eines Morgens ihre goldnen Strahlen hell und
freundlich in mein Zimmer, süße Blumendüfte strömten durch das Fenster;
hinaus ins Freie trieb mich ein unendlich Sehnen, und des Arztes Verbot
nicht achtend, lief ich fort in den Park. — Da begrüßten Bäume und Büsche
rauschend und flüsternd den von der Todeskrankheit Genesenen. Ich atmete
auf, wie aus langem, schwerem Traum erwacht, und tiefe Seufzer waren des
Entzückens unaussprechbare Worte, die ich hineinhauchte in das Gejauchze
der Vögel, in das fröhliche Sumsen und Schwirren bunter Insekten.
Ja! — ein schwerer Traum dünkte mir, nicht nur die letztvergangene
Zeit, sondern mein ganzes Leben, seitdem ich das Kloster verlassen, als ich
mich in einem von dunklen Platanen beschatteten Garten befand. — Ich
war im Garten der Kapuziner zu B. Aus dem fernen Gebüsch ragte schon
das hohe Kreuz hervor, an dem ich sonst oft mit tiefer Inbrunst flehte, um
Kraft, aller Versuchung zu widerstehen. — Das Kreuz schien mir nun das
Ziel zu sein, wo ich hinwallen müsse, um, in den Staub niedergeworfen, zu
bereuen und zu büßen den Frevel sündhafter Träume, die mir der Satan
vorgegaukelt; und ich schritt fort mit gefalteten emporgehobenen Händen,
den Blick nach dem Kreuz gerichtet. — Stärker und stärker zog der
Luftstrom — ich glaubte die Hymnen der Brüder zu vernehmen, aber es
waren nur des Waldes wunderbare Klänge, die der Wind, durch die Bäume
sausend, geweckt hatte, und der meinen Atem fortriß, so daß ich bald
erschöpft stillstehen, ja mich an einem nahen Baum festhalten mußte, um
nicht niederzusinken. Doch hin zog es mich mit unwiderstehlicher Gewalt
nach dem fernen Kreuz; ich nahm alle meine Kraft zusammen und wankte
weiter fort, aber nur bis an den Moossitz dicht vor dem Gebüsch konnte ich
gelangen; alle Glieder lähmte plötzlich tötliche Ermattung; wie ein
schwacher Greis ließ ich langsam mich nieder, und in dumpfem Stöhnen
suchte ich die gepreßte Brust zu erleichtern. — Es rauschte im Gange dicht
das mich gepackt hatte mit eiskalten Krallen. Der Leibarzt bestand darauf,
daß ich kränker sei, als ich selbst wohl glauben möge, und schob alles auf
den Kerker und die Gemütsbewegung, die mir überhaupt der Prozeß
verursacht haben müsse. Ich brauchte seine Mittel, aber mehr als seine
Kunst trug zu meiner schnellen Genesung bei, daß das Klopfen sich nicht
mehr hören ließ, der furchtbare Doppelgänger mich daher ganz verlassen zu
haben schien.
Die Frühlingssonne warf eines Morgens ihre goldnen Strahlen hell und
freundlich in mein Zimmer, süße Blumendüfte strömten durch das Fenster;
hinaus ins Freie trieb mich ein unendlich Sehnen, und des Arztes Verbot
nicht achtend, lief ich fort in den Park. — Da begrüßten Bäume und Büsche
rauschend und flüsternd den von der Todeskrankheit Genesenen. Ich atmete
auf, wie aus langem, schwerem Traum erwacht, und tiefe Seufzer waren des
Entzückens unaussprechbare Worte, die ich hineinhauchte in das Gejauchze
der Vögel, in das fröhliche Sumsen und Schwirren bunter Insekten.
Ja! — ein schwerer Traum dünkte mir, nicht nur die letztvergangene
Zeit, sondern mein ganzes Leben, seitdem ich das Kloster verlassen, als ich
mich in einem von dunklen Platanen beschatteten Garten befand. — Ich
war im Garten der Kapuziner zu B. Aus dem fernen Gebüsch ragte schon
das hohe Kreuz hervor, an dem ich sonst oft mit tiefer Inbrunst flehte, um
Kraft, aller Versuchung zu widerstehen. — Das Kreuz schien mir nun das
Ziel zu sein, wo ich hinwallen müsse, um, in den Staub niedergeworfen, zu
bereuen und zu büßen den Frevel sündhafter Träume, die mir der Satan
vorgegaukelt; und ich schritt fort mit gefalteten emporgehobenen Händen,
den Blick nach dem Kreuz gerichtet. — Stärker und stärker zog der
Luftstrom — ich glaubte die Hymnen der Brüder zu vernehmen, aber es
waren nur des Waldes wunderbare Klänge, die der Wind, durch die Bäume
sausend, geweckt hatte, und der meinen Atem fortriß, so daß ich bald
erschöpft stillstehen, ja mich an einem nahen Baum festhalten mußte, um
nicht niederzusinken. Doch hin zog es mich mit unwiderstehlicher Gewalt
nach dem fernen Kreuz; ich nahm alle meine Kraft zusammen und wankte
weiter fort, aber nur bis an den Moossitz dicht vor dem Gebüsch konnte ich
gelangen; alle Glieder lähmte plötzlich tötliche Ermattung; wie ein
schwacher Greis ließ ich langsam mich nieder, und in dumpfem Stöhnen
suchte ich die gepreßte Brust zu erleichtern. — Es rauschte im Gange dicht
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neben mir ... Aurelie! Sowie der Gedanke mich durchblitzte, stand sie vor
mir! — Tränen inbrünstiger Wehmut quollen aus den Himmelsaugen, aber
durch die Tränen funkelte ein zündender Strahl; es war der unbeschreibliche
Ausdruck der glühendsten Sehnsucht, der Aurelien fremd schien. Aber so
flammte der Liebesblick jenes geheimnisvollen Wesens am Beichtstuhl, das
ich oft in süßen Träumen sah. „Können Sie mir jemals verzeihen!“ lispelte
Aurelie. Da stürzte ich wahnsinnig vor namenlosem Entzücken vor ihr hin,
ich ergriff ihre Hände! — „Aurelie ... Aurelie ... für dich Marter! ... Tod!“
Ich fühlte mich sanft emporgehoben — Aurelie sank an meine Brust, ich
schwelgte in glühenden Küssen. Aufgeschreckt durch ein nahes Geräusch,
wand sie sich endlich los aus meinen Armen, ich durfte sie nicht
zurückhalten. „Erfüllt ist all’ mein Sehnen und Hoffen,“ sprach sie leise,
und in dem Augenblick sah ich die Fürstin den Gang heraufkommen. Ich
trat hinein in das Gebüsch, und wurde nun gewahr, daß ich
wunderlicherweise einen dürren, grauen Stamm für ein Kruzifix gehalten.
Ich fühlte keine Ermattung mehr; Aureliens Küsse durchglühten mich
mit neuer Lebenskraft; es war mir, als sei jetzt hell und herrlich das
Geheimnis meines Seins aufgegangen. Ach, es war das wunderbare
Geheimnis der Liebe, das sich nun erst in rein strahlender Glorie mir
erschlossen. — Diese Zeit war es, die mich wie ein Traum aus dem Himmel
umfing, als ich das aufzuzeichnen begann, was sich nach Aureliens
Wiedersehen mit mir begab. Dich Fremden, Unbekannten! der du einst
diese Blätter lesen wirst, bat ich, du solltest jene höchste Sonnenzeit deines
eigenen Lebens zurückrufen, dann würdest du den trostlosen Jammer des in
Reue und Buße ergrauten Mönchs verstehen und einstimmen in seine
Klagen. Noch einmal bitte ich dich jetzt, laß jene Zeit im Innern dir
aufgehen, und nicht darf ich dann dir’s sagen: wie Aureliens Liebe mich
und alles um mich her verklärte, wie reger und lebendiger mein Geist das
Leben im Leben erschaute und ergriff, wie mich, den göttlich Begeisterten,
die Freudigkeit des Himmels erfüllte. Kein finstrer Gedanke ging durch
meine Seele, Aureliens Liebe hatte mich entsündigt, ja! auf wunderbare
Weise keimte in mir die feste Überzeugung auf, daß nicht ich jener ruchlose
Frevler auf dem Schlosse des Barons von F. war, der Euphemien —
Hermogen erschlug, sondern, daß der wahnsinnige Mönch, den ich im
Försterhause traf, die Tat begangen. Alles, was ich dem Leibarzt gestand,
schien mir nicht Lüge, sondern der wahre, geheimnisvolle Hergang der
Sache zu sein, die mir selbst unbegreiflich blieb. — Der Fürst hatte mich
mir! — Tränen inbrünstiger Wehmut quollen aus den Himmelsaugen, aber
durch die Tränen funkelte ein zündender Strahl; es war der unbeschreibliche
Ausdruck der glühendsten Sehnsucht, der Aurelien fremd schien. Aber so
flammte der Liebesblick jenes geheimnisvollen Wesens am Beichtstuhl, das
ich oft in süßen Träumen sah. „Können Sie mir jemals verzeihen!“ lispelte
Aurelie. Da stürzte ich wahnsinnig vor namenlosem Entzücken vor ihr hin,
ich ergriff ihre Hände! — „Aurelie ... Aurelie ... für dich Marter! ... Tod!“
Ich fühlte mich sanft emporgehoben — Aurelie sank an meine Brust, ich
schwelgte in glühenden Küssen. Aufgeschreckt durch ein nahes Geräusch,
wand sie sich endlich los aus meinen Armen, ich durfte sie nicht
zurückhalten. „Erfüllt ist all’ mein Sehnen und Hoffen,“ sprach sie leise,
und in dem Augenblick sah ich die Fürstin den Gang heraufkommen. Ich
trat hinein in das Gebüsch, und wurde nun gewahr, daß ich
wunderlicherweise einen dürren, grauen Stamm für ein Kruzifix gehalten.
Ich fühlte keine Ermattung mehr; Aureliens Küsse durchglühten mich
mit neuer Lebenskraft; es war mir, als sei jetzt hell und herrlich das
Geheimnis meines Seins aufgegangen. Ach, es war das wunderbare
Geheimnis der Liebe, das sich nun erst in rein strahlender Glorie mir
erschlossen. — Diese Zeit war es, die mich wie ein Traum aus dem Himmel
umfing, als ich das aufzuzeichnen begann, was sich nach Aureliens
Wiedersehen mit mir begab. Dich Fremden, Unbekannten! der du einst
diese Blätter lesen wirst, bat ich, du solltest jene höchste Sonnenzeit deines
eigenen Lebens zurückrufen, dann würdest du den trostlosen Jammer des in
Reue und Buße ergrauten Mönchs verstehen und einstimmen in seine
Klagen. Noch einmal bitte ich dich jetzt, laß jene Zeit im Innern dir
aufgehen, und nicht darf ich dann dir’s sagen: wie Aureliens Liebe mich
und alles um mich her verklärte, wie reger und lebendiger mein Geist das
Leben im Leben erschaute und ergriff, wie mich, den göttlich Begeisterten,
die Freudigkeit des Himmels erfüllte. Kein finstrer Gedanke ging durch
meine Seele, Aureliens Liebe hatte mich entsündigt, ja! auf wunderbare
Weise keimte in mir die feste Überzeugung auf, daß nicht ich jener ruchlose
Frevler auf dem Schlosse des Barons von F. war, der Euphemien —
Hermogen erschlug, sondern, daß der wahnsinnige Mönch, den ich im
Försterhause traf, die Tat begangen. Alles, was ich dem Leibarzt gestand,
schien mir nicht Lüge, sondern der wahre, geheimnisvolle Hergang der
Sache zu sein, die mir selbst unbegreiflich blieb. — Der Fürst hatte mich
Page 188
empfangen, wie einen Freund, den man verloren glaubt und wieder findet;
dies gab natürlicherweise den Ton an, in den alle einstimmen mußten, nur
die Fürstin, war sie auch milder als sonst, blieb ernst und zurückhaltend.
Aurelie gab sich mir mit kindlicher Unbefangenheit ganz hin, ihre Liebe
war ihr keine Schuld, die sie der Welt verbergen mußte, und ebenso wenig
vermochte ich, auch nur im mindesten das Gefühl zu verhehlen, in dem
allein ich nur lebte. Jeder bemerkte mein Verhältnis mit Aurelien, niemand
sprach darüber, weil man in des Fürsten Blicken las, daß er unsere Liebe,
wo nicht begünstigen, doch stillschweigend dulden wolle. So kam es, daß
ich zwanglos Aurelien öfter, manchmal auch wohl ohne Zeugen sah. — Ich
schloß sie in meine Arme, sie erwiderte meine Küsse, aber es fühlend, wie
sie erbebte in jungfräulicher Scheu, konnte ich nicht Raum geben der
sündlichen Begierde; jeder frevelige Gedanke erstarb in dem Schauer, der
durch mein Inneres glitt. Sie schien keine Gefahr zu ahnen, wirklich gab es
für sie keine, denn oft, wenn sie im einsamen Zimmer neben mir saß, wenn
mächtiger als je ihr Himmelsreiz strahlte, wenn wilder die Liebesglut in mir
aufflammen wollte, blickte sie mich an so unbeschreiblich milde und
keusch, daß es mir war, als vergönne es der Himmel dem büßenden Sünder,
schon hier auf Erden der Heiligen zu nahen. Ja, nicht Aurelie, die heilige
Rosalia selbst war es, und ich stürzte zu ihren Füßen und rief laut: „O du
fromme, hohe Heilige, darf sich denn irdische Liebe zu dir im Herzen
regen?“ — Dann reichte sie mir die Hand und sprach mit süßer, milder
Stimme: „Ach, keine hohe Heilige bin ich, aber wohl recht fromm und liebe
dich gar sehr!“
Ich hatte Aurelien mehrere Tage nicht gesehen, sie war mit der Fürstin
auf ein nahe gelegenes Lustschloß gegangen. Ich ertrug es nicht länger, ich
rannte hin. — Am späten Abend angekommen, traf ich im Garten auf eine
Kammerfrau, die mir Aureliens Zimmer nachwies. Leise, leise öffnete ich
die Tür — ich trat hinein — eine schwüle Luft, ein wunderbarer
Blumengeruch wallte mir sinnebetäubend entgegen. Erinnerungen stiegen
in mir auf wie dunkle Träume. Ist das nicht Aureliens Zimmer auf dem
Schlosse des Barons, wo ich ... Sowie ich dies dachte, war es, als erhebe
sich hinter mir eine finstre Gestalt, und: Hermogen! rief es in meinem
Innern. Entsetzt rannte ich vorwärts, nur angelehnt war die Türe des
Kabinetts. Aurelie kniete, den Rücken mir zugekehrt vor einem Tabourett,
auf dem ein aufgeschlagenes Buch lag. Voll scheuer Angst blickte ich
dies gab natürlicherweise den Ton an, in den alle einstimmen mußten, nur
die Fürstin, war sie auch milder als sonst, blieb ernst und zurückhaltend.
Aurelie gab sich mir mit kindlicher Unbefangenheit ganz hin, ihre Liebe
war ihr keine Schuld, die sie der Welt verbergen mußte, und ebenso wenig
vermochte ich, auch nur im mindesten das Gefühl zu verhehlen, in dem
allein ich nur lebte. Jeder bemerkte mein Verhältnis mit Aurelien, niemand
sprach darüber, weil man in des Fürsten Blicken las, daß er unsere Liebe,
wo nicht begünstigen, doch stillschweigend dulden wolle. So kam es, daß
ich zwanglos Aurelien öfter, manchmal auch wohl ohne Zeugen sah. — Ich
schloß sie in meine Arme, sie erwiderte meine Küsse, aber es fühlend, wie
sie erbebte in jungfräulicher Scheu, konnte ich nicht Raum geben der
sündlichen Begierde; jeder frevelige Gedanke erstarb in dem Schauer, der
durch mein Inneres glitt. Sie schien keine Gefahr zu ahnen, wirklich gab es
für sie keine, denn oft, wenn sie im einsamen Zimmer neben mir saß, wenn
mächtiger als je ihr Himmelsreiz strahlte, wenn wilder die Liebesglut in mir
aufflammen wollte, blickte sie mich an so unbeschreiblich milde und
keusch, daß es mir war, als vergönne es der Himmel dem büßenden Sünder,
schon hier auf Erden der Heiligen zu nahen. Ja, nicht Aurelie, die heilige
Rosalia selbst war es, und ich stürzte zu ihren Füßen und rief laut: „O du
fromme, hohe Heilige, darf sich denn irdische Liebe zu dir im Herzen
regen?“ — Dann reichte sie mir die Hand und sprach mit süßer, milder
Stimme: „Ach, keine hohe Heilige bin ich, aber wohl recht fromm und liebe
dich gar sehr!“
Ich hatte Aurelien mehrere Tage nicht gesehen, sie war mit der Fürstin
auf ein nahe gelegenes Lustschloß gegangen. Ich ertrug es nicht länger, ich
rannte hin. — Am späten Abend angekommen, traf ich im Garten auf eine
Kammerfrau, die mir Aureliens Zimmer nachwies. Leise, leise öffnete ich
die Tür — ich trat hinein — eine schwüle Luft, ein wunderbarer
Blumengeruch wallte mir sinnebetäubend entgegen. Erinnerungen stiegen
in mir auf wie dunkle Träume. Ist das nicht Aureliens Zimmer auf dem
Schlosse des Barons, wo ich ... Sowie ich dies dachte, war es, als erhebe
sich hinter mir eine finstre Gestalt, und: Hermogen! rief es in meinem
Innern. Entsetzt rannte ich vorwärts, nur angelehnt war die Türe des
Kabinetts. Aurelie kniete, den Rücken mir zugekehrt vor einem Tabourett,
auf dem ein aufgeschlagenes Buch lag. Voll scheuer Angst blickte ich
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unwillkürlich zurück — ich schaute nichts, da rief ich im höchsten
Entzücken: „Aurelie, Aurelie!“ — Sie wandte sich schnell um, aber noch
ehe sie aufgestanden, lag ich neben ihr und hatte sie fest umschlungen.
„Leonard! mein Geliebter!“ — lispelte sie leise. Da kochte und gährte in
meinem Innern rasende Begier, wildes, sündiges Verlangen. Sie hing
kraftlos in meinen Armen; die genestelten Haare waren aufgegangen und
fielen in üppigen Locken über meine Schultern, der jugendliche Busen
quoll hervor — sie ächzte dumpf — ich kannte mich selbst nicht mehr! —
Ich riß sie empor, sie schien erkräftigt, eine fremde Glut brannte in ihrem
Auge, feuriger erwiderte sie meine wütenden Küsse. Da rauschte es hinter
uns wie starker, mächtiger Flügelschlag; ein schneidender Ton, wie das
Angstgeschrei des zum Tode Getroffenen, gellte durch das Zimmer. —
„Hermogen!“ schrie Aurelie und sank ohnmächtig hin aus meinen Armen.
Von wildem Entsetzen erfaßt, rannte ich fort! — Im Flur trat mir die
Fürstin, von einem Spaziergange heimkehrend, entgegen. Sie blickte mich
ernst und stolz an, indem sie sprach: „Es ist mir in der Tat sehr befremdlich,
Sie hier zu sehen, Herr Leonard!“ — meine Verstörtheit im Augenblick
bemeisternd, antwortete ich in beinahe bestimmterem Ton, als es ziemlich
sein mochte, daß man oft gegen große Anregungen vergebens ankämpfe,
und daß oft das unschicklich Scheinende für das Schicklichste gelten
könne! — Als ich durch die finstre Nacht der Residenz zueilte, war es mir,
als liefe jemand neben mir her, und als flüsterte eine Stimme: „I ... Imm ...
Immer bin ich bei di ... dir ... Brü... Brüderlein ... Brüderlein Medardus! —
Blickte ich um mich her, so merkte ich wohl, daß das Phantom des
Doppelgängers nur in meiner Fantasie spuke; aber nicht los konnte ich das
entsetzliche Bild werden, ja es war mir endlich, als müsse ich mit ihm
sprechen und ihm erzählen, daß ich wieder recht albern gewesen sei und
mich habe schrecken lassen von dem tollen Hermogen; die heilige Rosalia
sollte denn nun bald mein — ganz mein sein, denn dafür wäre ich Mönch
und habe die Weihe erhalten. Da lachte und stöhnte mein Doppelgänger,
wie er sonst getan, und stotterte: „Aber schn... schnell ... schnell!“ —
„Gedulde dich nur,“ sprach ich wieder, „gedulde dich nur, mein Junge!
Alles wird gut werden. Den Hermogen habe ich nur nicht gut getroffen, er
hat solch ein verdammtes Kreuz am Halse, wie wir beide, aber mein flinkes
Messerchen ist noch stark und spitzig.“ — „Hi ... hi hi ... tri... triff gut ...
triff gut!“ — So flüsterte des Doppelgängers Stimme im Sausen des
Entzücken: „Aurelie, Aurelie!“ — Sie wandte sich schnell um, aber noch
ehe sie aufgestanden, lag ich neben ihr und hatte sie fest umschlungen.
„Leonard! mein Geliebter!“ — lispelte sie leise. Da kochte und gährte in
meinem Innern rasende Begier, wildes, sündiges Verlangen. Sie hing
kraftlos in meinen Armen; die genestelten Haare waren aufgegangen und
fielen in üppigen Locken über meine Schultern, der jugendliche Busen
quoll hervor — sie ächzte dumpf — ich kannte mich selbst nicht mehr! —
Ich riß sie empor, sie schien erkräftigt, eine fremde Glut brannte in ihrem
Auge, feuriger erwiderte sie meine wütenden Küsse. Da rauschte es hinter
uns wie starker, mächtiger Flügelschlag; ein schneidender Ton, wie das
Angstgeschrei des zum Tode Getroffenen, gellte durch das Zimmer. —
„Hermogen!“ schrie Aurelie und sank ohnmächtig hin aus meinen Armen.
Von wildem Entsetzen erfaßt, rannte ich fort! — Im Flur trat mir die
Fürstin, von einem Spaziergange heimkehrend, entgegen. Sie blickte mich
ernst und stolz an, indem sie sprach: „Es ist mir in der Tat sehr befremdlich,
Sie hier zu sehen, Herr Leonard!“ — meine Verstörtheit im Augenblick
bemeisternd, antwortete ich in beinahe bestimmterem Ton, als es ziemlich
sein mochte, daß man oft gegen große Anregungen vergebens ankämpfe,
und daß oft das unschicklich Scheinende für das Schicklichste gelten
könne! — Als ich durch die finstre Nacht der Residenz zueilte, war es mir,
als liefe jemand neben mir her, und als flüsterte eine Stimme: „I ... Imm ...
Immer bin ich bei di ... dir ... Brü... Brüderlein ... Brüderlein Medardus! —
Blickte ich um mich her, so merkte ich wohl, daß das Phantom des
Doppelgängers nur in meiner Fantasie spuke; aber nicht los konnte ich das
entsetzliche Bild werden, ja es war mir endlich, als müsse ich mit ihm
sprechen und ihm erzählen, daß ich wieder recht albern gewesen sei und
mich habe schrecken lassen von dem tollen Hermogen; die heilige Rosalia
sollte denn nun bald mein — ganz mein sein, denn dafür wäre ich Mönch
und habe die Weihe erhalten. Da lachte und stöhnte mein Doppelgänger,
wie er sonst getan, und stotterte: „Aber schn... schnell ... schnell!“ —
„Gedulde dich nur,“ sprach ich wieder, „gedulde dich nur, mein Junge!
Alles wird gut werden. Den Hermogen habe ich nur nicht gut getroffen, er
hat solch ein verdammtes Kreuz am Halse, wie wir beide, aber mein flinkes
Messerchen ist noch stark und spitzig.“ — „Hi ... hi hi ... tri... triff gut ...
triff gut!“ — So flüsterte des Doppelgängers Stimme im Sausen des
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Morgenwindes, der vor dem Feuerpurpur herstrich, welches ausbrannte im
Osten.
Eben war ich in meiner Wohnung angekommen, als ich zum Fürsten
beschieden wurde. Der Fürst kam mir sehr freundlich entgegen. „In der Tat,
Herr Leonard!“ fing er an, „Sie haben sich meine Zuneigung im hohen
Grade erworben; nicht verhehlen kann ichs Ihnen, daß mein Wohlwollen für
Sie wahre Freundschaft geworden ist, ich möchte Sie nicht verlieren, ich
möchte Sie glücklich sehen. Überdem ist man Ihnen für das, was sie
gelitten haben, alle nur mögliche Entschädigung zu gewähren schuldig.
Wissen Sie wohl, Herr Leonard! wer Ihren bösen Prozeß einzig und allein
veranlaßte? wer Sie anklagte?“
„Nein gnädigster Herr!“
„Baronesse Aurelie! ... Sie erstaunen? Ja ja, Baronesse Aurelie, mein
Herr Leonard, die hat Sie (er lachte laut auf), die hat Sie für einen
Kapuziner gehalten! — Nun bei Gott! sind Sie ein Kapuziner, so sind Sie
der liebenswürdigste, den Je ein menschliches Auge sah! — Sagen Sie
aufrichtig, Herr Leonard, sind Sie wirklich so ein Stück von
Klostergeistlichen?“
„Gnädigster Herr, ich weiß nicht, welch ein böses Verhängnis mich
immer zu dem Mönch machen will, der ...“
„Nun nun! — ich bin kein Inquisitor! — fatal wär’s doch, wenn ein
geistliches Gelübde Sie bände. — Zur Sache! — möchten Sie nicht für das
Unheil, das Baronesse Aurelie Ihnen zufügte, Rache nehmen?“ —
„In welches Menschen Brust könnte ein Gedanke der Art gegen das
holde Himmelsbild aufkommen?“
„Sie lieben Aurelien?“
Dies frug der Fürst, mir ernst und scharf ins Auge blickend. Ich
schwieg, indem ich die Hand auf die Brust legte. Der Fürst fuhr weiter fort:
„Ich weiß es, Sie haben Aurelien geliebt seit dem Augenblick, als sie
mit der Fürstin hier zum erstenmal in den Saal trat. — Sie werden wieder
geliebt und zwar mit einem Feuer, das ich der sanften Aurelie nicht
zugetraut hätte. Sie lebt nur in Ihnen, die Fürstin hat mir alles gesagt.
Glauben Sie wohl, daß nach Ihrer Verhaftung Aurelie sich einer ganz
Osten.
Eben war ich in meiner Wohnung angekommen, als ich zum Fürsten
beschieden wurde. Der Fürst kam mir sehr freundlich entgegen. „In der Tat,
Herr Leonard!“ fing er an, „Sie haben sich meine Zuneigung im hohen
Grade erworben; nicht verhehlen kann ichs Ihnen, daß mein Wohlwollen für
Sie wahre Freundschaft geworden ist, ich möchte Sie nicht verlieren, ich
möchte Sie glücklich sehen. Überdem ist man Ihnen für das, was sie
gelitten haben, alle nur mögliche Entschädigung zu gewähren schuldig.
Wissen Sie wohl, Herr Leonard! wer Ihren bösen Prozeß einzig und allein
veranlaßte? wer Sie anklagte?“
„Nein gnädigster Herr!“
„Baronesse Aurelie! ... Sie erstaunen? Ja ja, Baronesse Aurelie, mein
Herr Leonard, die hat Sie (er lachte laut auf), die hat Sie für einen
Kapuziner gehalten! — Nun bei Gott! sind Sie ein Kapuziner, so sind Sie
der liebenswürdigste, den Je ein menschliches Auge sah! — Sagen Sie
aufrichtig, Herr Leonard, sind Sie wirklich so ein Stück von
Klostergeistlichen?“
„Gnädigster Herr, ich weiß nicht, welch ein böses Verhängnis mich
immer zu dem Mönch machen will, der ...“
„Nun nun! — ich bin kein Inquisitor! — fatal wär’s doch, wenn ein
geistliches Gelübde Sie bände. — Zur Sache! — möchten Sie nicht für das
Unheil, das Baronesse Aurelie Ihnen zufügte, Rache nehmen?“ —
„In welches Menschen Brust könnte ein Gedanke der Art gegen das
holde Himmelsbild aufkommen?“
„Sie lieben Aurelien?“
Dies frug der Fürst, mir ernst und scharf ins Auge blickend. Ich
schwieg, indem ich die Hand auf die Brust legte. Der Fürst fuhr weiter fort:
„Ich weiß es, Sie haben Aurelien geliebt seit dem Augenblick, als sie
mit der Fürstin hier zum erstenmal in den Saal trat. — Sie werden wieder
geliebt und zwar mit einem Feuer, das ich der sanften Aurelie nicht
zugetraut hätte. Sie lebt nur in Ihnen, die Fürstin hat mir alles gesagt.
Glauben Sie wohl, daß nach Ihrer Verhaftung Aurelie sich einer ganz
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trostlosen, verzweifelten Stimmung überließ, die sie auf das Krankenbett
warf und dem Tode nahe brachte? Aurelie hielt Sie damals für den Mörder
ihres Bruders, um so unerklärlicher war uns ihr Schmerz. Schon damals
wurden Sie geliebt. Nun, Herr Leonard, oder vielmehr Herr von Krczynski,
Sie sind von Adel, ich fixiere Sie bei Hofe auf eine Art, die Ihnen angenehm
sein soll. Sie heiraten Aurelien. — In einigen Tagen feiern wir die
Verlobung, ich selbst werde die Stelle des Brautvaters vertreten.“ —
Stumm, von den widersprechendsten Gefühlen zerrissen, stand ich da. —
„Adieu, Herr Leonard!“ rief der Fürst und verschwand, mir freundlich
zuwinkend, aus dem Zimmer.
Aurelie mein Weib! — Das Weib eines verbrecherischen Mönchs! Nein!
so wollen es die dunklen Mächte nicht, mag auch über die Arme verhängt
sein, was da will! — Dieser Gedanke erhob sich in mir, siegend über alles,
was sich dagegen auflehnen mochte. Irgend ein Entschluß, das fühlte ich,
mußte auf der Stelle gefaßt werden, aber vergebens sann ich auf Mittel,
mich schmerzlos von Aurelien zu trennen. Der Gedanke, sie nicht wieder zu
sehen, war mir unerträglich, aber daß sie mein Weib werden sollte, das
erfüllte mich mit einem mir selbst unerklärlichen Abscheu. Deutlich ging in
mir die Ahnung auf, daß, wenn der verbrecherische Mönch vor dem Altar
des Herrn stehen werde, um mit heiligen Gelübden freveliges Spiel zu
treiben, jenes fremden Malers Gestalt, aber nicht milde tröstend wie im
Gefängnis, sondern Rache und Verderben furchtbar verkündend, wie bei
Franceskos Trauung, erscheinen, und mich stürzen werde in namenlose
Schmach, in zeitliches, ewiges Elend. Aber dann vernahm ich tief im Innern
eine dunkle Stimme: „Und doch muß Aurelie dein sein! Schwachsinniger
Tor, wie denkst du zu ändern das, was über euch verhängt ist.“ Und dann
rief es wiederum: „Nieder — nieder wirf dich in den Staub! —
Verblendeter, du frevelst! — nie kann sie dein werden; es ist die heilige
Rosalia selbst, die du zu umfangen gedenkst in irdischer Liebe.“ So in
Zwiespalt grauser Mächte hin und her getrieben, vermochte ich nicht zu
denken, nicht zu ahnen, was ich tun müsse, um dem Verderben zu
entrinnen, das mir überall zu drohen schien. Vorüber war jene begeisterte
Stimmung, in der mein ganzes Leben, mein verhängnisvoller Aufenthalt auf
dem Schlosse des Barons von F. mir nur ein schwerer Traum schien. In
düstrer Verzagtheit sah ich in mir nur den gemeinen Lüstling und
Verbrecher. Alles, was ich dem Richter, dem Leibarzt gesagt, war nun
warf und dem Tode nahe brachte? Aurelie hielt Sie damals für den Mörder
ihres Bruders, um so unerklärlicher war uns ihr Schmerz. Schon damals
wurden Sie geliebt. Nun, Herr Leonard, oder vielmehr Herr von Krczynski,
Sie sind von Adel, ich fixiere Sie bei Hofe auf eine Art, die Ihnen angenehm
sein soll. Sie heiraten Aurelien. — In einigen Tagen feiern wir die
Verlobung, ich selbst werde die Stelle des Brautvaters vertreten.“ —
Stumm, von den widersprechendsten Gefühlen zerrissen, stand ich da. —
„Adieu, Herr Leonard!“ rief der Fürst und verschwand, mir freundlich
zuwinkend, aus dem Zimmer.
Aurelie mein Weib! — Das Weib eines verbrecherischen Mönchs! Nein!
so wollen es die dunklen Mächte nicht, mag auch über die Arme verhängt
sein, was da will! — Dieser Gedanke erhob sich in mir, siegend über alles,
was sich dagegen auflehnen mochte. Irgend ein Entschluß, das fühlte ich,
mußte auf der Stelle gefaßt werden, aber vergebens sann ich auf Mittel,
mich schmerzlos von Aurelien zu trennen. Der Gedanke, sie nicht wieder zu
sehen, war mir unerträglich, aber daß sie mein Weib werden sollte, das
erfüllte mich mit einem mir selbst unerklärlichen Abscheu. Deutlich ging in
mir die Ahnung auf, daß, wenn der verbrecherische Mönch vor dem Altar
des Herrn stehen werde, um mit heiligen Gelübden freveliges Spiel zu
treiben, jenes fremden Malers Gestalt, aber nicht milde tröstend wie im
Gefängnis, sondern Rache und Verderben furchtbar verkündend, wie bei
Franceskos Trauung, erscheinen, und mich stürzen werde in namenlose
Schmach, in zeitliches, ewiges Elend. Aber dann vernahm ich tief im Innern
eine dunkle Stimme: „Und doch muß Aurelie dein sein! Schwachsinniger
Tor, wie denkst du zu ändern das, was über euch verhängt ist.“ Und dann
rief es wiederum: „Nieder — nieder wirf dich in den Staub! —
Verblendeter, du frevelst! — nie kann sie dein werden; es ist die heilige
Rosalia selbst, die du zu umfangen gedenkst in irdischer Liebe.“ So in
Zwiespalt grauser Mächte hin und her getrieben, vermochte ich nicht zu
denken, nicht zu ahnen, was ich tun müsse, um dem Verderben zu
entrinnen, das mir überall zu drohen schien. Vorüber war jene begeisterte
Stimmung, in der mein ganzes Leben, mein verhängnisvoller Aufenthalt auf
dem Schlosse des Barons von F. mir nur ein schwerer Traum schien. In
düstrer Verzagtheit sah ich in mir nur den gemeinen Lüstling und
Verbrecher. Alles, was ich dem Richter, dem Leibarzt gesagt, war nun
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nichts, als alberne, schlecht erfundene Lüge, nicht eine innere Stimme hatte
gesprochen, wie ich sonst mich selbst überreden wollte.
Tief in mich gekehrt, nichts außer mir bemerkend und vernehmend,
schlich ich über die Straße. Der laute Zuruf des Kutschers, das Gerassel des
Wagens weckte mich, schnell sprang ich zur Seite. Der Wagen der Fürstin
rollte vorüber, der Leibarzt bückte sich aus dem Schlage und winkte mir
freundlich zu; ich folgte ihm nach seiner Wohnung. Er sprang heraus und
zog mich mit den Worten: „Eben komme ich von Aurelien, ich habe Ihnen
manches zu sagen!“ herauf in sein Zimmer. „Ei, ei,“ fing er an, „Sie
Heftiger, Unbesonnener! was haben Sie angefangen. Aurelien sind Sie
erschienen plötzlich, wie ein Gespenst, und das arme nervenschwache
Wesen ist darüber erkrankt!“ — Der Arzt bemerkte mein Erbleichen. „Nun
nun,“ fuhr er fort, „arg ist es eben nicht, sie geht wieder im Garten umher
und kehrt morgen mit der Fürstin nach der Residenz zurück. Von Ihnen,
lieber Leonard! sprach Aurelie viel, sie empfindet herzliche Sehnsucht Sie
wieder zu sehen und sich zu entschuldigen. Sie glaubt, Ihnen albern und
töricht erschienen zu sein.“
Ich wußte, dachte ich daran, was auf dem Lustschlosse vorgegangen,
Aureliens Äußerung nicht zu deuten.
Der Arzt schien von dem, was der Fürst mit mir im Sinn hatte,
unterrichtet, er gab mir dies nicht undeutlich zu verstehen, und mittelst
seiner hellen Lebendigkeit, die alles um ihn her ergriff, gelang es ihm bald,
mich aus der düstern Stimmung zu reißen, so daß unser Gespräch sich
heiter wandte. Er beschrieb noch einmal, wie er Aurelien getroffen, die,
dem Kinde gleich, das sich nicht vom schweren Traum erholen kann, mit
halb geschlossenen, in Tränen lächelnden Augen auf dem Ruhebette, das
Köpfchen in die Hand gestützt, gelegen, und ihm ihre krankhaften Visionen
geklagt habe. Er wiederholte ihre Worte, die durch leise Seufzer
unterbrochene Stimme des Mädchens nachahmend, und wußte, indem er
manche ihrer Klagen neckisch genug stellte, das anmutige Bild durch einige
kecke ironische Lichtblicke so zu heben, daß es gar heiter und lebendig vor
mir aufging. Dazu kam, daß er im Kontrast die gravitätische Fürstin
hinstellte, welches mich nicht wenig ergötzte. „Haben Sie wohl gedacht,“
fing er endlich an, „haben Sie wohl gedacht, als Sie in die Residenz
einzogen, daß Ihnen so viel Wunderliches hier geschehen würde? Erst das
tolle Mißverständnis, das Sie in die Hände des Kriminalgerichts brachte,
gesprochen, wie ich sonst mich selbst überreden wollte.
Tief in mich gekehrt, nichts außer mir bemerkend und vernehmend,
schlich ich über die Straße. Der laute Zuruf des Kutschers, das Gerassel des
Wagens weckte mich, schnell sprang ich zur Seite. Der Wagen der Fürstin
rollte vorüber, der Leibarzt bückte sich aus dem Schlage und winkte mir
freundlich zu; ich folgte ihm nach seiner Wohnung. Er sprang heraus und
zog mich mit den Worten: „Eben komme ich von Aurelien, ich habe Ihnen
manches zu sagen!“ herauf in sein Zimmer. „Ei, ei,“ fing er an, „Sie
Heftiger, Unbesonnener! was haben Sie angefangen. Aurelien sind Sie
erschienen plötzlich, wie ein Gespenst, und das arme nervenschwache
Wesen ist darüber erkrankt!“ — Der Arzt bemerkte mein Erbleichen. „Nun
nun,“ fuhr er fort, „arg ist es eben nicht, sie geht wieder im Garten umher
und kehrt morgen mit der Fürstin nach der Residenz zurück. Von Ihnen,
lieber Leonard! sprach Aurelie viel, sie empfindet herzliche Sehnsucht Sie
wieder zu sehen und sich zu entschuldigen. Sie glaubt, Ihnen albern und
töricht erschienen zu sein.“
Ich wußte, dachte ich daran, was auf dem Lustschlosse vorgegangen,
Aureliens Äußerung nicht zu deuten.
Der Arzt schien von dem, was der Fürst mit mir im Sinn hatte,
unterrichtet, er gab mir dies nicht undeutlich zu verstehen, und mittelst
seiner hellen Lebendigkeit, die alles um ihn her ergriff, gelang es ihm bald,
mich aus der düstern Stimmung zu reißen, so daß unser Gespräch sich
heiter wandte. Er beschrieb noch einmal, wie er Aurelien getroffen, die,
dem Kinde gleich, das sich nicht vom schweren Traum erholen kann, mit
halb geschlossenen, in Tränen lächelnden Augen auf dem Ruhebette, das
Köpfchen in die Hand gestützt, gelegen, und ihm ihre krankhaften Visionen
geklagt habe. Er wiederholte ihre Worte, die durch leise Seufzer
unterbrochene Stimme des Mädchens nachahmend, und wußte, indem er
manche ihrer Klagen neckisch genug stellte, das anmutige Bild durch einige
kecke ironische Lichtblicke so zu heben, daß es gar heiter und lebendig vor
mir aufging. Dazu kam, daß er im Kontrast die gravitätische Fürstin
hinstellte, welches mich nicht wenig ergötzte. „Haben Sie wohl gedacht,“
fing er endlich an, „haben Sie wohl gedacht, als Sie in die Residenz
einzogen, daß Ihnen so viel Wunderliches hier geschehen würde? Erst das
tolle Mißverständnis, das Sie in die Hände des Kriminalgerichts brachte,
Page 193
und dann das wahrhaft beneidenswerte Glück, das Ihnen der fürstliche
Freund bereitet!“
„Ich muß in der Tat gestehen, daß gleich anfangs der freundliche
Empfang des Fürsten mir wohl tat; doch fühle ich, wie sehr ich jetzt in
seiner, in aller Achtung bei Hofe gestiegen bin, das habe ich gewiß meinem
erlittenen Unrecht zu verdanken.“
„Nicht sowohl d e m , als einem andern ganz kleinen Umstande, den Sie
wohl erraten können.“
„Keineswegs.“
„Zwar nennt man Sie, weil Sie es so wollen, schlechtweg Herr Leonard,
wie vorher, jeder weiß aber jetzt, daß Sie von Adel sind, da die Nachrichten,
die man aus Posen erhalten hat, Ihre Angaben bestätigten.“
„Wie kann das aber auf den Fürsten, auf die Achtung, die ich im Zirkel
des Hofes genieße, von Einfluß sein? Als mich der Fürst kennen lernte und
mich einlud, im Zirkel des Hofes zu erscheinen, wandte ich ein, daß ich nur
von bürgerlicher Abkunft sei, da sagte mir der Fürst, daß die Wissenschaft
mich adle und fähig mache, in seiner Umgebung zu erscheinen.“
„Er hält es wirklich so, kokettierend mit aufgeklärtem Sinn für
Wissenschaft und Kunst. Sie werden im Zirkel des Hofes manchen
bürgerlichen Gelehrten und Künstler bemerkt haben, aber die
Feinfühlenden unter diesen, denen Leichtigkeit des innern Seins abgeht, die
sich nicht in heitrer Ironie auf den hohen Standpunkt stellen können, der sie
über das Ganze erhebt, sieht man nur selten, sie bleiben auch wohl ganz
aus. Bei dem besten Willen, sich recht vorurteilsfrei zu zeigen, mischt sich
in das Betragen der Adligen gegen den Bürger ein gewisses Etwas, das wie
Herablassung, Duldung des eigentlich Unziemlichen aussieht; das leidet
kein Mann, der im gerechten Stolz wohl fühlt, wie in adliger Gesellschaft
oft nur er es ist, der sich herablassen und dulden muß das geistig Gemeine
und Abgeschmackte. Sie sind selbst von Adel, Herr Leonard, aber wie ich
höre, ganz geistlich und wissenschaftlich erzogen. Daher mag es kommen,
daß Sie der erste Adlige sind, an dem ich selbst im Zirkel des Hofes unter
Adligen auch jetzt nichts Adliges, im schlimmen Sinn genommen, verspürt
habe. Sie können glauben, ich spräche da, als Bürgerlicher, vorgefaßte
Meinungen aus, oder mir sei persönlich etwas begegnet, das ein Vorurteil
Freund bereitet!“
„Ich muß in der Tat gestehen, daß gleich anfangs der freundliche
Empfang des Fürsten mir wohl tat; doch fühle ich, wie sehr ich jetzt in
seiner, in aller Achtung bei Hofe gestiegen bin, das habe ich gewiß meinem
erlittenen Unrecht zu verdanken.“
„Nicht sowohl d e m , als einem andern ganz kleinen Umstande, den Sie
wohl erraten können.“
„Keineswegs.“
„Zwar nennt man Sie, weil Sie es so wollen, schlechtweg Herr Leonard,
wie vorher, jeder weiß aber jetzt, daß Sie von Adel sind, da die Nachrichten,
die man aus Posen erhalten hat, Ihre Angaben bestätigten.“
„Wie kann das aber auf den Fürsten, auf die Achtung, die ich im Zirkel
des Hofes genieße, von Einfluß sein? Als mich der Fürst kennen lernte und
mich einlud, im Zirkel des Hofes zu erscheinen, wandte ich ein, daß ich nur
von bürgerlicher Abkunft sei, da sagte mir der Fürst, daß die Wissenschaft
mich adle und fähig mache, in seiner Umgebung zu erscheinen.“
„Er hält es wirklich so, kokettierend mit aufgeklärtem Sinn für
Wissenschaft und Kunst. Sie werden im Zirkel des Hofes manchen
bürgerlichen Gelehrten und Künstler bemerkt haben, aber die
Feinfühlenden unter diesen, denen Leichtigkeit des innern Seins abgeht, die
sich nicht in heitrer Ironie auf den hohen Standpunkt stellen können, der sie
über das Ganze erhebt, sieht man nur selten, sie bleiben auch wohl ganz
aus. Bei dem besten Willen, sich recht vorurteilsfrei zu zeigen, mischt sich
in das Betragen der Adligen gegen den Bürger ein gewisses Etwas, das wie
Herablassung, Duldung des eigentlich Unziemlichen aussieht; das leidet
kein Mann, der im gerechten Stolz wohl fühlt, wie in adliger Gesellschaft
oft nur er es ist, der sich herablassen und dulden muß das geistig Gemeine
und Abgeschmackte. Sie sind selbst von Adel, Herr Leonard, aber wie ich
höre, ganz geistlich und wissenschaftlich erzogen. Daher mag es kommen,
daß Sie der erste Adlige sind, an dem ich selbst im Zirkel des Hofes unter
Adligen auch jetzt nichts Adliges, im schlimmen Sinn genommen, verspürt
habe. Sie können glauben, ich spräche da, als Bürgerlicher, vorgefaßte
Meinungen aus, oder mir sei persönlich etwas begegnet, das ein Vorurteil
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erweckt habe, dem ist aber nicht so. Ich gehöre nun einmal zu einer der
Klassen, die ausnahmsweise nicht bloß toleriert, sondern wirklich gehegt
und gepflegt werden. Ärzte und Beichtväter sind regierende Herren —
Herrscher über Leib und Seele, mithin allemal von gutem Adel. Der Ahnen-
und Adelsstolz ist in unserer, alles immer mehr vergeistigenden Zeit, eine
höchst seltsame, beinahe lächerliche Erscheinung. — Vom Altertum, von
Krieg und Waffen ausgehend, bildet sich eine Kaste, die ausschließlich die
andern Stände schützt, und das subordinierte Verhältnis des Beschützten
gegen den Schutzherrn erzeugt sich von selbst. Mag der Gelehrte seine
Wissenschaft, der Künstler seine Kunst, der Handwerker, der Kaufmann
sein Gewerbe rühmen, siehe sagt der Ritter, da kommt ein ungebärdiger
Feind, dem ihr, des Krieges Unerfahrne, nicht zu widerstehen vermöget,
aber ich Waffengeübter stelle mich mit meinem Schlachtschwert vor euch
hin, und was mein Spiel, was meine Freude ist, rettet euer Leben, euer Hab
und Gut. — Doch immer mehr schwindet die rohe Gewalt von der Erde,
immer mehr treibt und schafft der Geist, und immer mehr enthüllt sich seine
alles überwältigende Kraft. Bald wird man gewahr, daß seine starke Faust,
ein Harnisch, ein mächtig geschwungenes Schwert nicht hinreichen d a s zu
besiegen, was der Geist will; selbst Krieg und Waffenübung unterwerfen
sich dem geistigen Prinzip der Zeit. Jeder wird immer mehr und mehr auf
sich selbst gestellt, aus seinem innern geistigen Vermögen muß er das
schöpfen, womit er, gibt der Staat ihm auch irgend einen blendenden äußern
Glanz, sich der Welt geltend machen muß. Auf das entgegengesetzte Prinzip
stützt sich der aus dem Rittertum hervorgehende Ahnenstolz, der nur in dem
Satz seinen Grund findet: meine Voreltern waren Helden, also bin ich dito
ein Held. Je höher das hinaufgeht, desto besser; denn kann man das leicht
absehen, wo einem Großpapa der Heldensinn kommen, und ihm der Adel
verliehen worden, so traut man dem, wie allem Wunderbaren, das zu nahe
liegt, nicht recht. Die Ritterkaste rein zu halten, war daher wohl Erfordernis
jener alten Ritterzeit, und kein geringes Verdienst für ein altstämmiges
Fräulein, einen Junker zu gebären, zu dem die arme bürgerliche Welt flehte:
Bitte, friß uns nicht, sondern schütze uns vor anderen Junkern. Mit dem
geistigen Vermögen ist es nicht so. Sehr weise Väter erzielen oft dumme
Söhnchen, und es möchte, eben weil die Zeit dem physischen Rittertum das
psychische untergeschoben hat, rücksichts des Beweises angeerbten Adels
ängstlicher sein, von Leibnitz abzustammen als von Amadis von Gallien
oder sonst einem uralten Ritter der Tafelrunde. In der einmal bestimmten
Klassen, die ausnahmsweise nicht bloß toleriert, sondern wirklich gehegt
und gepflegt werden. Ärzte und Beichtväter sind regierende Herren —
Herrscher über Leib und Seele, mithin allemal von gutem Adel. Der Ahnen-
und Adelsstolz ist in unserer, alles immer mehr vergeistigenden Zeit, eine
höchst seltsame, beinahe lächerliche Erscheinung. — Vom Altertum, von
Krieg und Waffen ausgehend, bildet sich eine Kaste, die ausschließlich die
andern Stände schützt, und das subordinierte Verhältnis des Beschützten
gegen den Schutzherrn erzeugt sich von selbst. Mag der Gelehrte seine
Wissenschaft, der Künstler seine Kunst, der Handwerker, der Kaufmann
sein Gewerbe rühmen, siehe sagt der Ritter, da kommt ein ungebärdiger
Feind, dem ihr, des Krieges Unerfahrne, nicht zu widerstehen vermöget,
aber ich Waffengeübter stelle mich mit meinem Schlachtschwert vor euch
hin, und was mein Spiel, was meine Freude ist, rettet euer Leben, euer Hab
und Gut. — Doch immer mehr schwindet die rohe Gewalt von der Erde,
immer mehr treibt und schafft der Geist, und immer mehr enthüllt sich seine
alles überwältigende Kraft. Bald wird man gewahr, daß seine starke Faust,
ein Harnisch, ein mächtig geschwungenes Schwert nicht hinreichen d a s zu
besiegen, was der Geist will; selbst Krieg und Waffenübung unterwerfen
sich dem geistigen Prinzip der Zeit. Jeder wird immer mehr und mehr auf
sich selbst gestellt, aus seinem innern geistigen Vermögen muß er das
schöpfen, womit er, gibt der Staat ihm auch irgend einen blendenden äußern
Glanz, sich der Welt geltend machen muß. Auf das entgegengesetzte Prinzip
stützt sich der aus dem Rittertum hervorgehende Ahnenstolz, der nur in dem
Satz seinen Grund findet: meine Voreltern waren Helden, also bin ich dito
ein Held. Je höher das hinaufgeht, desto besser; denn kann man das leicht
absehen, wo einem Großpapa der Heldensinn kommen, und ihm der Adel
verliehen worden, so traut man dem, wie allem Wunderbaren, das zu nahe
liegt, nicht recht. Die Ritterkaste rein zu halten, war daher wohl Erfordernis
jener alten Ritterzeit, und kein geringes Verdienst für ein altstämmiges
Fräulein, einen Junker zu gebären, zu dem die arme bürgerliche Welt flehte:
Bitte, friß uns nicht, sondern schütze uns vor anderen Junkern. Mit dem
geistigen Vermögen ist es nicht so. Sehr weise Väter erzielen oft dumme
Söhnchen, und es möchte, eben weil die Zeit dem physischen Rittertum das
psychische untergeschoben hat, rücksichts des Beweises angeerbten Adels
ängstlicher sein, von Leibnitz abzustammen als von Amadis von Gallien
oder sonst einem uralten Ritter der Tafelrunde. In der einmal bestimmten
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Richtung schreitet der Geist der Zeit vorwärts, und die Lage des
ahnenstolzen Adels verschlimmert sich merklich; daher denn auch wohl
jenes taktlose, aus Anerkennung des Verdienstes und widerlicher
Herablassung gemischte Benehmen gegen der Welt und dem Staat hoch
geltende Bürgerliche, das Erzeugnis eines dunkeln, verzagten Gefühls sein
mag, in dem sie ahnen, daß vor den Augen der Weisen der veraltete Tand
längst verjährter Zeit abfällt, und die lächerliche Blöße sich ihnen frei
darstellt. Dank sei es dem Himmel, viele Adlige, Männer und Frauen,
erkennen den Geist der Zeit und schwingen sich auf im herrlichen Fluge zu
der Lebenshöhe, die ihnen Wissenschaft und Kunst darbieten; diese werden
die wahren Geisterbanner jenes Unholds sein.“
Des Leibarztes Gespräch hatte mich in ein fremdes Gebiet geführt.
Niemals war es mir eingefallen, über den Adel und über sein Verhältnis zum
Bürger zu reflektieren. Wohl mochte der Leibarzt nicht ahnen, daß ich
ehedem eben zu der zweiten Klasse gehört hatte, die, nach seiner
Behauptung, der Stolz des Adels nicht trifft. — War ich denn nicht in den
vornehmsten adligen Häusern zu B. der hochgeachtete, hochverehrte
Beichtiger? — Weiter nachsinnend erkannte ich, wie ich s e l b s t aufs neue
mein Schicksal verschlungen hatte, indem aus dem Namen Kwiecziczewo,
den ich jener alten Dame bei Hofe nannte, mein Adel entsprang, und s o
dem Fürsten der Gedanke einkam, mich mit Aurelien zu vermählen. —
Die Fürstin war zurückgekommen. Ich eilte zu Aurelien. Sie empfing
mich mit holder, jungfräulicher Verschämtheit; ich schloß sie in meine
Arme und glaubte in dem Augenblick daran, daß sie mein Weib werden
könne. Aurelie war weicher, hingebender als sonst. Ihr Auge hing voll
Tränen und der Ton, in dem sie sprach, war wehmütige Bitte, so wie wenn
im Gemüt des schmollenden Kindes sich der Zorn bricht, in dem es
gesündigt. — Ich durfte an meinen Besuch im Lustschloß der Fürstin
denken, lebhaft drang ich darauf, alles zu erfahren; ich beschwor Aurelien
mir zu vertrauen, was sie damals so erschrecken konnte. — Sie schwieg, sie
schlug die Augen nieder, aber sowie mich selbst der Gedanke meines
gräßlichen Doppelgängers stärker erfaßte, schrie ich auf: „Aurelie! um aller
Heiligen willen, welche schreckliche Gestalt erblicktest du hinter uns!“ Sie
sah mich voll Verwunderung an, immer starrer und starrer wurde ihr Blick,
dann sprang sie plötzlich auf, als wolle sie fliehen, doch blieb sie und
schluchzte, beide Hände vor die Augen gedrückt. „Nein, nein, nein — er ist
ahnenstolzen Adels verschlimmert sich merklich; daher denn auch wohl
jenes taktlose, aus Anerkennung des Verdienstes und widerlicher
Herablassung gemischte Benehmen gegen der Welt und dem Staat hoch
geltende Bürgerliche, das Erzeugnis eines dunkeln, verzagten Gefühls sein
mag, in dem sie ahnen, daß vor den Augen der Weisen der veraltete Tand
längst verjährter Zeit abfällt, und die lächerliche Blöße sich ihnen frei
darstellt. Dank sei es dem Himmel, viele Adlige, Männer und Frauen,
erkennen den Geist der Zeit und schwingen sich auf im herrlichen Fluge zu
der Lebenshöhe, die ihnen Wissenschaft und Kunst darbieten; diese werden
die wahren Geisterbanner jenes Unholds sein.“
Des Leibarztes Gespräch hatte mich in ein fremdes Gebiet geführt.
Niemals war es mir eingefallen, über den Adel und über sein Verhältnis zum
Bürger zu reflektieren. Wohl mochte der Leibarzt nicht ahnen, daß ich
ehedem eben zu der zweiten Klasse gehört hatte, die, nach seiner
Behauptung, der Stolz des Adels nicht trifft. — War ich denn nicht in den
vornehmsten adligen Häusern zu B. der hochgeachtete, hochverehrte
Beichtiger? — Weiter nachsinnend erkannte ich, wie ich s e l b s t aufs neue
mein Schicksal verschlungen hatte, indem aus dem Namen Kwiecziczewo,
den ich jener alten Dame bei Hofe nannte, mein Adel entsprang, und s o
dem Fürsten der Gedanke einkam, mich mit Aurelien zu vermählen. —
Die Fürstin war zurückgekommen. Ich eilte zu Aurelien. Sie empfing
mich mit holder, jungfräulicher Verschämtheit; ich schloß sie in meine
Arme und glaubte in dem Augenblick daran, daß sie mein Weib werden
könne. Aurelie war weicher, hingebender als sonst. Ihr Auge hing voll
Tränen und der Ton, in dem sie sprach, war wehmütige Bitte, so wie wenn
im Gemüt des schmollenden Kindes sich der Zorn bricht, in dem es
gesündigt. — Ich durfte an meinen Besuch im Lustschloß der Fürstin
denken, lebhaft drang ich darauf, alles zu erfahren; ich beschwor Aurelien
mir zu vertrauen, was sie damals so erschrecken konnte. — Sie schwieg, sie
schlug die Augen nieder, aber sowie mich selbst der Gedanke meines
gräßlichen Doppelgängers stärker erfaßte, schrie ich auf: „Aurelie! um aller
Heiligen willen, welche schreckliche Gestalt erblicktest du hinter uns!“ Sie
sah mich voll Verwunderung an, immer starrer und starrer wurde ihr Blick,
dann sprang sie plötzlich auf, als wolle sie fliehen, doch blieb sie und
schluchzte, beide Hände vor die Augen gedrückt. „Nein, nein, nein — er ist
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es ja nicht!“ — Ich erfaßte sie sanft, erschöpft ließ sie sich nieder. „Wer,
wer ist es nicht?“ — frug ich heftig, wohl alles ahnend, was in ihrem Innern
sich entfalten mochte. — „Ach, mein Freund, mein Geliebter,“ sprach sie
leise und wehmütig, „würdest du mich nicht für eine wahnsinnige
Schwärmerin halten, wenn ich alles . . . alles . . . dir sagen sollte, was mich
immer wieder so verstört im vollen Glück der reinsten Liebe? — Ein
grauenvoller Traum geht durch mein Leben, er stellte sich mit seinen
entsetzlichen Bildern zwischen uns, als ich dich zum ersten Male sah; wie
mit kalten Todesschwingen wehte er mich an, als du so plötzlich eintratst in
mein Zimmer auf dem Lustschloß der Fürstin. Wisse, so wie du damals,
kniete einst neben mir ein verruchter Mönch und wollte heiliges Gebet
mißbrauchen zum gräßlichen Frevel. Er wurde, als er, wie ein wildes Tier
listig auf seine Beute lauernd, mich umschlich, der Mörder meines Bruders!
Ach und du! ... deine Züge! ... deine Sprache ... jenes Bild! ... laß mich
schweigen, o laß mich schweigen.“ Aurelie bog sich zurück; in halb
liegender Stellung lehnte sie, den Kopf auf die Hand gestützt, in die Ecke
des Sofas, üppiger traten die schwellenden Umrisse des jugendlichen
Körpers hervor. Ich stand vor ihr, das lüsterne Auge schwelgte in dem
unendlichen Liebreiz, aber mit der Lust kämpfte der teuflische Hohn, der in
mir rief: „Du Unglückselige, du dem Satan Erkaufte, bist du ihm denn
entflohen, dem Mönch, der dich im Gebet zur Sünde verlockte? Nun bist du
seine Braut ... seine Braut!“ — In dem Augenblick war jene Liebe zu
Aurelien, die ein Himmelsstrahl zu entzünden schien, als dem Gefängnis,
dem Tode entronnen, ich sie im Park wiedersah, aus meinem Innern
verschwunden, und der Gedanke: daß ihr Verderben meines Lebens
glänzendster Lichtpunkt sein könne, erfüllte mich ganz und gar. — Man rief
Aurelien zur Fürstin. Klar wurde es mir, daß Aureliens Leben gewisse mir
noch unbekannte Beziehungen auf mich selbst haben müsse; und doch fand
ich keinen Weg dies zu erfahren, da Aurelie alles Bittens unerachtet, jene
einzelne hingeworfene Äußerungen nicht näher deuten wollte. Der Zufall
enthüllte mir das, was sie zu verschweigen gedachte. — Eines Tages befand
ich mich in dem Zimmer des Hofbeamten, dem es oblag, alle Privatbriefe
des Fürsten und der dem Hofe Angehörigen zur Post zu befördern. Er war
eben abwesend, als Aureliens Mädchen mit einem starken Briefe hereintrat,
und ihn auf den Tisch zu den übrigen, die schon dort befindlich, legte. Ein
flüchtiger Blick überzeugte mich, daß die Aufschrift an die Äbtissin, der
Fürstin Schwester, von Aureliens Hand war. Die Ahnung, alles noch nickt
wer ist es nicht?“ — frug ich heftig, wohl alles ahnend, was in ihrem Innern
sich entfalten mochte. — „Ach, mein Freund, mein Geliebter,“ sprach sie
leise und wehmütig, „würdest du mich nicht für eine wahnsinnige
Schwärmerin halten, wenn ich alles . . . alles . . . dir sagen sollte, was mich
immer wieder so verstört im vollen Glück der reinsten Liebe? — Ein
grauenvoller Traum geht durch mein Leben, er stellte sich mit seinen
entsetzlichen Bildern zwischen uns, als ich dich zum ersten Male sah; wie
mit kalten Todesschwingen wehte er mich an, als du so plötzlich eintratst in
mein Zimmer auf dem Lustschloß der Fürstin. Wisse, so wie du damals,
kniete einst neben mir ein verruchter Mönch und wollte heiliges Gebet
mißbrauchen zum gräßlichen Frevel. Er wurde, als er, wie ein wildes Tier
listig auf seine Beute lauernd, mich umschlich, der Mörder meines Bruders!
Ach und du! ... deine Züge! ... deine Sprache ... jenes Bild! ... laß mich
schweigen, o laß mich schweigen.“ Aurelie bog sich zurück; in halb
liegender Stellung lehnte sie, den Kopf auf die Hand gestützt, in die Ecke
des Sofas, üppiger traten die schwellenden Umrisse des jugendlichen
Körpers hervor. Ich stand vor ihr, das lüsterne Auge schwelgte in dem
unendlichen Liebreiz, aber mit der Lust kämpfte der teuflische Hohn, der in
mir rief: „Du Unglückselige, du dem Satan Erkaufte, bist du ihm denn
entflohen, dem Mönch, der dich im Gebet zur Sünde verlockte? Nun bist du
seine Braut ... seine Braut!“ — In dem Augenblick war jene Liebe zu
Aurelien, die ein Himmelsstrahl zu entzünden schien, als dem Gefängnis,
dem Tode entronnen, ich sie im Park wiedersah, aus meinem Innern
verschwunden, und der Gedanke: daß ihr Verderben meines Lebens
glänzendster Lichtpunkt sein könne, erfüllte mich ganz und gar. — Man rief
Aurelien zur Fürstin. Klar wurde es mir, daß Aureliens Leben gewisse mir
noch unbekannte Beziehungen auf mich selbst haben müsse; und doch fand
ich keinen Weg dies zu erfahren, da Aurelie alles Bittens unerachtet, jene
einzelne hingeworfene Äußerungen nicht näher deuten wollte. Der Zufall
enthüllte mir das, was sie zu verschweigen gedachte. — Eines Tages befand
ich mich in dem Zimmer des Hofbeamten, dem es oblag, alle Privatbriefe
des Fürsten und der dem Hofe Angehörigen zur Post zu befördern. Er war
eben abwesend, als Aureliens Mädchen mit einem starken Briefe hereintrat,
und ihn auf den Tisch zu den übrigen, die schon dort befindlich, legte. Ein
flüchtiger Blick überzeugte mich, daß die Aufschrift an die Äbtissin, der
Fürstin Schwester, von Aureliens Hand war. Die Ahnung, alles noch nickt
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Erforschte sei darin enthalten, durchflog mich mit Blitzesschnelle; noch ehe
der Beamte zurückgekehrt, war ich fort mit dem Briefe Aureliens.
Du Mönch, oder im weltlichen Treiben Befangener, der du aus meinem
Leben Lehre und Warnung zu schöpfen trachtest, lies die Blätter, die ich
hier einschalte, lies die Geständnisse des frommen, reinen Mädchens, von
den bitteren Tränen des reuigen, hoffnungslosen Sünders benetzt. Möge das
fromme Gemüt dir aufgehen, wie leuchtender Trost in der Zeit der Sünde
und des Frevels.
der Beamte zurückgekehrt, war ich fort mit dem Briefe Aureliens.
Du Mönch, oder im weltlichen Treiben Befangener, der du aus meinem
Leben Lehre und Warnung zu schöpfen trachtest, lies die Blätter, die ich
hier einschalte, lies die Geständnisse des frommen, reinen Mädchens, von
den bitteren Tränen des reuigen, hoffnungslosen Sünders benetzt. Möge das
fromme Gemüt dir aufgehen, wie leuchtender Trost in der Zeit der Sünde
und des Frevels.
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A u r e l i e a n d i e Ä b t i s s i n d e s C i s t e r z i e n s e r - N o n n e n k l o s t e r s z u ...
Meine teure, gute Mutter! mit welchen Worten soll ich Dir’s denn
verkünden, daß dein Kind glücklich ist, daß endlich die grause Gestalt, die,
wie ein schrecklich drohendes Gespenst, alle Blüten abstreifend, alle
Hoffnungen zerstörend in mein Leben trat, gebannt wurde, durch der Liebe
göttlichen Zauber. Aber nun fällt es mir recht schwer aufs Herz, daß wenn
Du meines unglücklichen Bruders, meines Vaters, den der Gram tötete,
gedachtest und mich aufrichtetest in meinem trostlosen Jammer — daß ich
dann Dir nicht, wie in heiliger Beichte, mein Innres ganz aufschloß. Doch
ich vermag ja auch nun erst das düstre Geheimnis auszusprechen, das tief in
meiner Brust verborgen lag. Es ist, als wenn eine böse unheimliche Macht
mir mein höchstes Lebensglück recht trügerisch wie ein grausiges
Schreckbild vorgaukelte. Ich sollte wie auf einem wogenden Meer hin und
her schwanken und vielleicht rettungslos untergehen. Doch der Himmel
half, wie durch ein Wunder, in dem Augenblick, als ich im Begriff stand,
unnennbar elend zu werden. — Ich muß zurückgehen in meine frühe
Kinderzeit, um alles, alles zu sagen, denn schon damals wurde der Keim in
mein Innres gelegt, der so lange Zeit hindurch verderblich fortwucherte.
Erst drei oder vier Jahre war ich alt, als ich einst, in der schönsten
Frühlingszeit, im Garten unseres Schlosses mit Hermogen spielte. Wir
pflückten allerlei Blumen, und Hermogen, sonst eben nicht dazu aufgelegt,
ließ es sich gefallen, mir Kränze zu flechten, in die ich mich putzte. Nun
wollen wir zur Mutter gehen, sprach ich, als ich mich über und über mit
Blumen behängt hatte; da sprang aber Hermogen hastig auf und rief mit
wilder Stimme: „Laß uns nur hier bleiben, klein Ding! Die Mutter ist im
blauen Kabinett und spricht mit dem Teufel!“ — Ich wußte gar nicht, was er
damit sagen wollte, aber dennoch erstarrte ich vor Schreck und fing endlich
an jämmerlich zu weinen. „Dumme Schwester, was heulst du,“ rief
Hermogen, „Mutter spricht alle Tage mit dem Teufel, er tut ihr nichts!“ Ich
fürchtete mich vor Hermogen, weil er so finster vor sich hinblickte, so rauh
sprach, und schwieg stille. Die Mutter war damals schon sehr kränklich, sie
wurde oft von fürchterlichen Krämpfen ergriffen, die in einen todähnlichen
Zustand übergingen. Wir, ich und Hermogen, wurden dann fortgebracht. Ich
hörte nicht auf zu klagen, aber Hermogen sprach dumpf in sich hinein: „Der
Teufel hat’s ihr angetan!“ So wurde in meinem kindischen Gemüt der
Gedanke erweckt, die Mutter habe Gemeinschaft mit einem bösen,
Meine teure, gute Mutter! mit welchen Worten soll ich Dir’s denn
verkünden, daß dein Kind glücklich ist, daß endlich die grause Gestalt, die,
wie ein schrecklich drohendes Gespenst, alle Blüten abstreifend, alle
Hoffnungen zerstörend in mein Leben trat, gebannt wurde, durch der Liebe
göttlichen Zauber. Aber nun fällt es mir recht schwer aufs Herz, daß wenn
Du meines unglücklichen Bruders, meines Vaters, den der Gram tötete,
gedachtest und mich aufrichtetest in meinem trostlosen Jammer — daß ich
dann Dir nicht, wie in heiliger Beichte, mein Innres ganz aufschloß. Doch
ich vermag ja auch nun erst das düstre Geheimnis auszusprechen, das tief in
meiner Brust verborgen lag. Es ist, als wenn eine böse unheimliche Macht
mir mein höchstes Lebensglück recht trügerisch wie ein grausiges
Schreckbild vorgaukelte. Ich sollte wie auf einem wogenden Meer hin und
her schwanken und vielleicht rettungslos untergehen. Doch der Himmel
half, wie durch ein Wunder, in dem Augenblick, als ich im Begriff stand,
unnennbar elend zu werden. — Ich muß zurückgehen in meine frühe
Kinderzeit, um alles, alles zu sagen, denn schon damals wurde der Keim in
mein Innres gelegt, der so lange Zeit hindurch verderblich fortwucherte.
Erst drei oder vier Jahre war ich alt, als ich einst, in der schönsten
Frühlingszeit, im Garten unseres Schlosses mit Hermogen spielte. Wir
pflückten allerlei Blumen, und Hermogen, sonst eben nicht dazu aufgelegt,
ließ es sich gefallen, mir Kränze zu flechten, in die ich mich putzte. Nun
wollen wir zur Mutter gehen, sprach ich, als ich mich über und über mit
Blumen behängt hatte; da sprang aber Hermogen hastig auf und rief mit
wilder Stimme: „Laß uns nur hier bleiben, klein Ding! Die Mutter ist im
blauen Kabinett und spricht mit dem Teufel!“ — Ich wußte gar nicht, was er
damit sagen wollte, aber dennoch erstarrte ich vor Schreck und fing endlich
an jämmerlich zu weinen. „Dumme Schwester, was heulst du,“ rief
Hermogen, „Mutter spricht alle Tage mit dem Teufel, er tut ihr nichts!“ Ich
fürchtete mich vor Hermogen, weil er so finster vor sich hinblickte, so rauh
sprach, und schwieg stille. Die Mutter war damals schon sehr kränklich, sie
wurde oft von fürchterlichen Krämpfen ergriffen, die in einen todähnlichen
Zustand übergingen. Wir, ich und Hermogen, wurden dann fortgebracht. Ich
hörte nicht auf zu klagen, aber Hermogen sprach dumpf in sich hinein: „Der
Teufel hat’s ihr angetan!“ So wurde in meinem kindischen Gemüt der
Gedanke erweckt, die Mutter habe Gemeinschaft mit einem bösen,
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häßlichen Gespenst, denn anders dachte ich mir nicht den Teufel, da ich mit
den Lehren der Kirche noch unbekannt war. Eines Tages hatte man mich
allein gelassen, mir wurde ganz unheimlich zu Mute, und vor Schreck
vermochte ich nicht zu fliehen, als ich wahrnahm, daß ich eben in dem
blauen Kabinett mich befand, wo nach Hermogens Behauptung die Mutter
mit dem Teufel sprechen sollte. Die Türe ging auf, die Mutter trat
leichenblaß herein und vor eine leere Wand hin. Sie rief mit dumpfer, tief
klagender Stimme: „Francesko, Francesko!“ Da rauschte und regte es sich
hinter der Wand, sie schob sich auseinander und das lebensgroße Bild eines
schönen, in einem violetten Mantel wunderbar gekleideten Mannes machte
einen unbeschreiblichen Eindruck auf mich, ich jauchzte auf vor Freude;
die Mutter umblickend, wurde nun erst mich gewahr und rief heftig: „Was
willst du hier Aurelie? — wer hat dich hierher gebracht?“ — Die Mutter,
sonst so sanft und gütig, war erzürnter, als ich sie je gesehen. Ich glaubte
daran schuld zu sein. „Ach,“ stammelte ich unter vielen Tränen, „sie haben
mich hier allein gelassen, ich wollte ja nicht hier bleiben.“ Aber als ich
wahrnahm, daß das Bild verschwunden, da rief ich: „Ach das schöne Bild,
wo ist das schöne Bild!“ — Die Mutter hob mich in die Höhe, küßte und
herzte mich und sprach: „Du bist mein gutes, liebes Kind, aber das Bild darf
niemand sehen, auch ist es nun auf immer fort!“ Niemand vertraute ich, was
mir widerfahren, nur zu Hermogen sprach ich einmal: „Höre! Die Mutter
spricht nicht mit dem Teufel, sondern mit einem schönen Mann, aber der ist
nur ein Bild und springt aus der Wand, wenn Mutter ihn ruft.“ Da sah
Hermogen starr vor sich hin und murmelte: „Der Teufel kann aussehen, wie
er will, sagt der Herr Pater, aber der Mutter tut er doch nichts.“ — Mich
überfiel ein Grauen, und ich bat Hermogen flehentlich, doch ja nicht wieder
von dem Teufel zu sprechen. Wir gingen nach der Hauptstadt, das Bild
verlor sich aus meinem Gedächtnis und wurde selbst dann nicht wieder
lebendig, als wir nach dem Tode der guten Mutter auf das Land
zurückgekehrt waren. Der Flügel des Schlosses, in welchem jenes blaue
Kabinett gelegen, blieb unbewohnt; es waren die Zimmer meiner Mutter,
die der Vater nicht betreten konnte, ohne die schmerzlichsten Erinnerungen
in sich aufzuregen. Eine Reparatur des Gebäudes machte es endlich nötig
die Zimmer zu öffnen; ich trat in das blaue Kabinett, als die Arbeiter eben
beschäftigt waren, den Fußboden aufzureißen. Sowie einer von ihnen eine
Tafel in der Mitte des Zimmers emporhob, rauschte es hinter der Wand, sie
schob sich auseinander und das lebensgroße Bild des Unbekannten wurde
den Lehren der Kirche noch unbekannt war. Eines Tages hatte man mich
allein gelassen, mir wurde ganz unheimlich zu Mute, und vor Schreck
vermochte ich nicht zu fliehen, als ich wahrnahm, daß ich eben in dem
blauen Kabinett mich befand, wo nach Hermogens Behauptung die Mutter
mit dem Teufel sprechen sollte. Die Türe ging auf, die Mutter trat
leichenblaß herein und vor eine leere Wand hin. Sie rief mit dumpfer, tief
klagender Stimme: „Francesko, Francesko!“ Da rauschte und regte es sich
hinter der Wand, sie schob sich auseinander und das lebensgroße Bild eines
schönen, in einem violetten Mantel wunderbar gekleideten Mannes machte
einen unbeschreiblichen Eindruck auf mich, ich jauchzte auf vor Freude;
die Mutter umblickend, wurde nun erst mich gewahr und rief heftig: „Was
willst du hier Aurelie? — wer hat dich hierher gebracht?“ — Die Mutter,
sonst so sanft und gütig, war erzürnter, als ich sie je gesehen. Ich glaubte
daran schuld zu sein. „Ach,“ stammelte ich unter vielen Tränen, „sie haben
mich hier allein gelassen, ich wollte ja nicht hier bleiben.“ Aber als ich
wahrnahm, daß das Bild verschwunden, da rief ich: „Ach das schöne Bild,
wo ist das schöne Bild!“ — Die Mutter hob mich in die Höhe, küßte und
herzte mich und sprach: „Du bist mein gutes, liebes Kind, aber das Bild darf
niemand sehen, auch ist es nun auf immer fort!“ Niemand vertraute ich, was
mir widerfahren, nur zu Hermogen sprach ich einmal: „Höre! Die Mutter
spricht nicht mit dem Teufel, sondern mit einem schönen Mann, aber der ist
nur ein Bild und springt aus der Wand, wenn Mutter ihn ruft.“ Da sah
Hermogen starr vor sich hin und murmelte: „Der Teufel kann aussehen, wie
er will, sagt der Herr Pater, aber der Mutter tut er doch nichts.“ — Mich
überfiel ein Grauen, und ich bat Hermogen flehentlich, doch ja nicht wieder
von dem Teufel zu sprechen. Wir gingen nach der Hauptstadt, das Bild
verlor sich aus meinem Gedächtnis und wurde selbst dann nicht wieder
lebendig, als wir nach dem Tode der guten Mutter auf das Land
zurückgekehrt waren. Der Flügel des Schlosses, in welchem jenes blaue
Kabinett gelegen, blieb unbewohnt; es waren die Zimmer meiner Mutter,
die der Vater nicht betreten konnte, ohne die schmerzlichsten Erinnerungen
in sich aufzuregen. Eine Reparatur des Gebäudes machte es endlich nötig
die Zimmer zu öffnen; ich trat in das blaue Kabinett, als die Arbeiter eben
beschäftigt waren, den Fußboden aufzureißen. Sowie einer von ihnen eine
Tafel in der Mitte des Zimmers emporhob, rauschte es hinter der Wand, sie
schob sich auseinander und das lebensgroße Bild des Unbekannten wurde
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sichtbar. Man entdeckte die Feder im Fußboden, welche, angedrückt, eine
Maschine hinter der Wand in Bewegung setzte, die ein Feld des Tafelwerks,
womit die Wand bekleidet, auseinander schob. Nun gedachte ich lebhaft
jenes Augenblicks meiner Kinderjahre, meine Mutter stand wieder vor mir,
ich vergoß heiße Tränen, aber nicht wegwenden konnte ich den Blick von
dem fremden herrlichen Mann, der mich mit lebendig strahlenden Augen
anschaute. Man hatte wahrscheinlich meinem Vater gleich gemeldet, was
sich zugetragen, er trat herein, als ich noch vor dem Bilde stand. Nur einen
Blick hatte er darauf geworfen, als er, von Entsetzen ergriffen, stehen blieb
und dumpf in sich hineinmurmelte: „Francesko, Francesko!“ Darauf wandte
er sich rasch zu den Arbeitern und befahl mit starker Stimme: „Man breche
sogleich das Bild aus der Wand, rolle es auf und übergebe es Reinhold.“ Es
war mir, als solle ich den schönen, herrlichen Mann, der in seinem
wunderbaren Gewande mir wie ein hoher Geisterfürst vorkam, niemals
wiedersehen, und doch hielt mich eine unüberwindliche Scheu zurück, den
Vater zu bitten, das Bild ja nicht vernichten zu lassen. In wenigen Tagen
verschwand jedoch der Eindruck, den der Auftritt mit dem Bilde auf mich
gemacht hatte, spurlos aus meinem Innern. — Ich war schon vierzehn Jahr
alt worden, und noch ein wildes, unbesonnenes Ding, so daß ich sonderbar
genug gegen den ernsten, feierlichen Hermogen abstach, und der Vater oft
sagte, daß wenn Hermogen mehr ein stilles Mädchen schiene, ich ein recht
ausgelassener Knabe sei. Das sollte sich bald ändern. Hermogen fing an,
mit Leidenschaft und Kraft ritterliche Übungen zu treiben. Er lebte nur in
Kampf und Schlacht, seine ganze Seele war davon erfüllt, und da es eben
Krieg geben sollte, lag er dem Vater an, ihn nur gleich Dienste nehmen zu
lassen. Mich überfiel dagegen eben zu der Zeit eine solch unerklärliche
Stimmung, die ich nicht zu deuten wußte, und die bald mein ganzes Wesen
verstörte. Ein seltsames Übelbefinden schien aus der Seele zu kommen und
alle Lebenspulse gewaltsam zu ergreifen. Ich war oft der Ohnmacht nahe,
dann kamen allerlei wunderliche Bilder und Träume und es war mir, als
solle ich einen glänzenden Himmel voll Seligkeit und Wonne erschauen und
könne nur, wie ein schlaftrunknes Kind, die Augen nicht öffnen. Ohne zu
wissen, warum, konnte ich oft bis zum Tode betrübt, oft ausgelassen
fröhlich sein. Bei dem geringsten Anlaß stürzten mir die Tränen aus den
Augen, eine unerklärliche Sehnsucht stieg oft bis zu körperlichem Schmerz,
so daß alle Glieder krampfhaft zuckten. Der Vater bemerkte meinen
Zustand, schrieb ihn überreizten Nerven zu und suchte die Hilfe des Arztes,
Maschine hinter der Wand in Bewegung setzte, die ein Feld des Tafelwerks,
womit die Wand bekleidet, auseinander schob. Nun gedachte ich lebhaft
jenes Augenblicks meiner Kinderjahre, meine Mutter stand wieder vor mir,
ich vergoß heiße Tränen, aber nicht wegwenden konnte ich den Blick von
dem fremden herrlichen Mann, der mich mit lebendig strahlenden Augen
anschaute. Man hatte wahrscheinlich meinem Vater gleich gemeldet, was
sich zugetragen, er trat herein, als ich noch vor dem Bilde stand. Nur einen
Blick hatte er darauf geworfen, als er, von Entsetzen ergriffen, stehen blieb
und dumpf in sich hineinmurmelte: „Francesko, Francesko!“ Darauf wandte
er sich rasch zu den Arbeitern und befahl mit starker Stimme: „Man breche
sogleich das Bild aus der Wand, rolle es auf und übergebe es Reinhold.“ Es
war mir, als solle ich den schönen, herrlichen Mann, der in seinem
wunderbaren Gewande mir wie ein hoher Geisterfürst vorkam, niemals
wiedersehen, und doch hielt mich eine unüberwindliche Scheu zurück, den
Vater zu bitten, das Bild ja nicht vernichten zu lassen. In wenigen Tagen
verschwand jedoch der Eindruck, den der Auftritt mit dem Bilde auf mich
gemacht hatte, spurlos aus meinem Innern. — Ich war schon vierzehn Jahr
alt worden, und noch ein wildes, unbesonnenes Ding, so daß ich sonderbar
genug gegen den ernsten, feierlichen Hermogen abstach, und der Vater oft
sagte, daß wenn Hermogen mehr ein stilles Mädchen schiene, ich ein recht
ausgelassener Knabe sei. Das sollte sich bald ändern. Hermogen fing an,
mit Leidenschaft und Kraft ritterliche Übungen zu treiben. Er lebte nur in
Kampf und Schlacht, seine ganze Seele war davon erfüllt, und da es eben
Krieg geben sollte, lag er dem Vater an, ihn nur gleich Dienste nehmen zu
lassen. Mich überfiel dagegen eben zu der Zeit eine solch unerklärliche
Stimmung, die ich nicht zu deuten wußte, und die bald mein ganzes Wesen
verstörte. Ein seltsames Übelbefinden schien aus der Seele zu kommen und
alle Lebenspulse gewaltsam zu ergreifen. Ich war oft der Ohnmacht nahe,
dann kamen allerlei wunderliche Bilder und Träume und es war mir, als
solle ich einen glänzenden Himmel voll Seligkeit und Wonne erschauen und
könne nur, wie ein schlaftrunknes Kind, die Augen nicht öffnen. Ohne zu
wissen, warum, konnte ich oft bis zum Tode betrübt, oft ausgelassen
fröhlich sein. Bei dem geringsten Anlaß stürzten mir die Tränen aus den
Augen, eine unerklärliche Sehnsucht stieg oft bis zu körperlichem Schmerz,
so daß alle Glieder krampfhaft zuckten. Der Vater bemerkte meinen
Zustand, schrieb ihn überreizten Nerven zu und suchte die Hilfe des Arztes,
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der allerlei Mittel verordnete, die ohne Wirkung blieben. Ich weiß selbst
nicht, wie es kam, urplötzlich erschien mir das vergessene Bild jenes
unbekannten Mannes so lebhaft, daß es mir war, als stehe es vor mir, Blicke
des Mitleids auf mich gerichtet. „Ach! — soll ich denn sterben? — was ist
es, das mich so unaussprechlich quält?“ So rief ich dem Traumbilde
entgegen, da lächelte der Unbekannte und antwortete: „Du liebst mich,
Aurelie; das ist deine Qual, aber kannst du die Gelübde des Gottgeweihten
brechen?“ — Zu meinem Erstaunen wurde ich nun gewahr, daß der
Unbekannte das Ordenskleid der Kapuziner trug. — Ich raffte mich mit
aller Gewalt auf, um nur aus dem träumerischen Zustande zu erwachen. Es
gelang mir. Fest war ich überzeugt, daß jener Mönch nur ein loses,
trügerisches Spiel meiner Einbildung gewesen, und doch ahnte ich nur zu
deutlich, daß das Geheimnis der Liebe sich mir erschlossen hatte. Ja! — ich
liebte den Unbekannten mit aller Stärke des erwachten Gefühls, mit aller
Leidenschaft und Inbrunst, deren das jugendliche Herz fähig. In jenen
Augenblicken träumerischen Hinbrütens, als ich den Unbekannten zu sehen
glaubte, schien mein Übelbefinden den höchsten Punkt erreicht zu haben,
ich wurde zusehends wohler, indem meine Nervenschwäche nachließ, und
nur das stete starre Festhalten jenes Bildes, die fantastische Liebe zu einem
Wesen, das nur in mir lebte, gab mir das Ansehen einer Träumerin. Ich war
für alles verstummt, ich saß in der Gesellschaft ohne mich zu regen, und
indem ich mit meinem Ideal beschäftigt, nicht darauf achtete, was man
sprach, gab ich oft verkehrte Antworten, so daß man mich für ein einfältig
Ding achten mochte. In meines Bruders Zimmer sah ich ein fremdes Buch
auf dem Tische liegen; ich schlug es auf, es war ein aus dem Englischen
übersetzter Roman: Der Mönch! — Mit eiskaltem Schauer durchbebte mich
der Gedanke, daß der unbekannte Geliebte ein Mönch sei. Nie hatte ich
geahnt, daß die Liebe zu einem Gottgeweihten sündlich sein könne, nun
kamen mir plötzlich die Worte des Traumbildes ein: Kannst du die Gelübde
des Gottgeweihten brechen? — und nun erst verwundeten sie, mit
schwerem Gewicht in mein Inneres fallend, mich tief. Es war mir, als könne
jenes Buch mir manchen Aufschluß geben. Ich nahm es mit mir, ich fing an
zu lesen, die wunderbare Geschichte riß mich hin, aber als der erste Mord
geschehen, als immer verruchter der gräßliche Mönch frevelt, als er endlich
ins Bündnis tritt mit dem Bösen, da ergriff mich namenloses Entsetzen,
denn ich gedachte jener Worte Hermogens: Die Mutter spricht mit dem
Teufel! Nun glaubte ich, so wie jener Mönch im Roman, sei der
nicht, wie es kam, urplötzlich erschien mir das vergessene Bild jenes
unbekannten Mannes so lebhaft, daß es mir war, als stehe es vor mir, Blicke
des Mitleids auf mich gerichtet. „Ach! — soll ich denn sterben? — was ist
es, das mich so unaussprechlich quält?“ So rief ich dem Traumbilde
entgegen, da lächelte der Unbekannte und antwortete: „Du liebst mich,
Aurelie; das ist deine Qual, aber kannst du die Gelübde des Gottgeweihten
brechen?“ — Zu meinem Erstaunen wurde ich nun gewahr, daß der
Unbekannte das Ordenskleid der Kapuziner trug. — Ich raffte mich mit
aller Gewalt auf, um nur aus dem träumerischen Zustande zu erwachen. Es
gelang mir. Fest war ich überzeugt, daß jener Mönch nur ein loses,
trügerisches Spiel meiner Einbildung gewesen, und doch ahnte ich nur zu
deutlich, daß das Geheimnis der Liebe sich mir erschlossen hatte. Ja! — ich
liebte den Unbekannten mit aller Stärke des erwachten Gefühls, mit aller
Leidenschaft und Inbrunst, deren das jugendliche Herz fähig. In jenen
Augenblicken träumerischen Hinbrütens, als ich den Unbekannten zu sehen
glaubte, schien mein Übelbefinden den höchsten Punkt erreicht zu haben,
ich wurde zusehends wohler, indem meine Nervenschwäche nachließ, und
nur das stete starre Festhalten jenes Bildes, die fantastische Liebe zu einem
Wesen, das nur in mir lebte, gab mir das Ansehen einer Träumerin. Ich war
für alles verstummt, ich saß in der Gesellschaft ohne mich zu regen, und
indem ich mit meinem Ideal beschäftigt, nicht darauf achtete, was man
sprach, gab ich oft verkehrte Antworten, so daß man mich für ein einfältig
Ding achten mochte. In meines Bruders Zimmer sah ich ein fremdes Buch
auf dem Tische liegen; ich schlug es auf, es war ein aus dem Englischen
übersetzter Roman: Der Mönch! — Mit eiskaltem Schauer durchbebte mich
der Gedanke, daß der unbekannte Geliebte ein Mönch sei. Nie hatte ich
geahnt, daß die Liebe zu einem Gottgeweihten sündlich sein könne, nun
kamen mir plötzlich die Worte des Traumbildes ein: Kannst du die Gelübde
des Gottgeweihten brechen? — und nun erst verwundeten sie, mit
schwerem Gewicht in mein Inneres fallend, mich tief. Es war mir, als könne
jenes Buch mir manchen Aufschluß geben. Ich nahm es mit mir, ich fing an
zu lesen, die wunderbare Geschichte riß mich hin, aber als der erste Mord
geschehen, als immer verruchter der gräßliche Mönch frevelt, als er endlich
ins Bündnis tritt mit dem Bösen, da ergriff mich namenloses Entsetzen,
denn ich gedachte jener Worte Hermogens: Die Mutter spricht mit dem
Teufel! Nun glaubte ich, so wie jener Mönch im Roman, sei der
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Unbekannte ein dem Bösen Verkaufter, der mich verlocken wolle. Und
doch konnte ich nicht gebieten der Liebe zu dem Mönch, der in mir lebte.
Nun erst wußte ich, daß es frevelhafte Liebe gebe, mein Abscheu dagegen
kämpfte mit dem Gefühl, das meine Brust erfüllte, und dieser Kampf
machte mich auf eigne Weise reizbar. Oft bemeisterte sich meiner in der
Nähe eines Mannes ein unheimliches Gefühl, weil es mir plötzlich war, als
sei es der Mönch, der nun mich erfassen und fortreißen werde ins
Verderben. Reinhold kam von einer Reise zurück und erzählte viel von
einem Kapuziner Medardus, der als Kanzelredner weit und breit berühmt
sei und den er selbst in ...r mit Verwunderung gehört habe. Ich dachte an
den Mönch im Roman und es überfiel mich eine seltsame Ahnung, daß das
geliebte und gefürchtete Traumbild jener Medardus sein könne. Der
Gedanke war mir schrecklich, selbst wußte ich nicht, warum? und mein
Zustand wurde in der Tat peinlicher und verstörter, als ich es zu ertragen
vermochte. Ich schwamm in einem Meer von Ahnungen und Träumen. Aber
vergebens suchte ich das Bild des Mönchs aus meinem Innern zu
verbannen; ich unglückliches Kind konnte nicht widerstehen der sündigen
Liebe zu dem Gottgeweihten. — Ein Geistlicher besuchte einst, wie er es
wohl manchmal zu tun pflegte, den Vater. Er ließ sich weitläufig über die
mannigfachen Versuchungen des Teufels aus und mancher Funke fiel in
meine Seele, indem der Geistliche den trostlosen Zustand des jungen
Gemüts beschrieb, in das sich der Böse den Weg bahnen wolle und worin er
nur schwaches Widerstreben fände. Mein Vater fügte manches hinzu, als ob
er von mir rede. Nur unbegrenzte Zuversicht, sagte endlich der Geistliche,
nur unwandelbares Vertrauen, nicht sowohl zu befreundeten Menschen, als
zur Religion und ihren Dienern, könne Rettung bringen. Dies merkwürdige
Gespräch bestimmte mich, den Trost der Kirche zu suchen, und meine
Brust, durch reuiges Geständnis in heiliger Beichte, zu erleichtern. Am
frühen Morgen des andern Tags wollte ich, da wir uns eben in der Residenz
befanden, in die dicht neben unserm Hause gelegene Klosterkirche gehen.
Es war eine qualvolle, entsetzliche Nacht, die ich zu überstehen hatte.
Abscheuliche, frevelige Bilder, wie ich sie nie gesehen, nie gedacht,
umgaukelten mich, aber dann mitten drunter stand der Mönch da, mir die
Hand wie zur Rettung bietend und rief: „Sprich es nur aus, daß du mich
liebst, und frei bist du aller Not.“ Da mußt ich unwillkürlich rufen: „Ja
Medardus, ich liebe dich!“ — und verschwunden waren die Geister der
doch konnte ich nicht gebieten der Liebe zu dem Mönch, der in mir lebte.
Nun erst wußte ich, daß es frevelhafte Liebe gebe, mein Abscheu dagegen
kämpfte mit dem Gefühl, das meine Brust erfüllte, und dieser Kampf
machte mich auf eigne Weise reizbar. Oft bemeisterte sich meiner in der
Nähe eines Mannes ein unheimliches Gefühl, weil es mir plötzlich war, als
sei es der Mönch, der nun mich erfassen und fortreißen werde ins
Verderben. Reinhold kam von einer Reise zurück und erzählte viel von
einem Kapuziner Medardus, der als Kanzelredner weit und breit berühmt
sei und den er selbst in ...r mit Verwunderung gehört habe. Ich dachte an
den Mönch im Roman und es überfiel mich eine seltsame Ahnung, daß das
geliebte und gefürchtete Traumbild jener Medardus sein könne. Der
Gedanke war mir schrecklich, selbst wußte ich nicht, warum? und mein
Zustand wurde in der Tat peinlicher und verstörter, als ich es zu ertragen
vermochte. Ich schwamm in einem Meer von Ahnungen und Träumen. Aber
vergebens suchte ich das Bild des Mönchs aus meinem Innern zu
verbannen; ich unglückliches Kind konnte nicht widerstehen der sündigen
Liebe zu dem Gottgeweihten. — Ein Geistlicher besuchte einst, wie er es
wohl manchmal zu tun pflegte, den Vater. Er ließ sich weitläufig über die
mannigfachen Versuchungen des Teufels aus und mancher Funke fiel in
meine Seele, indem der Geistliche den trostlosen Zustand des jungen
Gemüts beschrieb, in das sich der Böse den Weg bahnen wolle und worin er
nur schwaches Widerstreben fände. Mein Vater fügte manches hinzu, als ob
er von mir rede. Nur unbegrenzte Zuversicht, sagte endlich der Geistliche,
nur unwandelbares Vertrauen, nicht sowohl zu befreundeten Menschen, als
zur Religion und ihren Dienern, könne Rettung bringen. Dies merkwürdige
Gespräch bestimmte mich, den Trost der Kirche zu suchen, und meine
Brust, durch reuiges Geständnis in heiliger Beichte, zu erleichtern. Am
frühen Morgen des andern Tags wollte ich, da wir uns eben in der Residenz
befanden, in die dicht neben unserm Hause gelegene Klosterkirche gehen.
Es war eine qualvolle, entsetzliche Nacht, die ich zu überstehen hatte.
Abscheuliche, frevelige Bilder, wie ich sie nie gesehen, nie gedacht,
umgaukelten mich, aber dann mitten drunter stand der Mönch da, mir die
Hand wie zur Rettung bietend und rief: „Sprich es nur aus, daß du mich
liebst, und frei bist du aller Not.“ Da mußt ich unwillkürlich rufen: „Ja
Medardus, ich liebe dich!“ — und verschwunden waren die Geister der
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Hölle! Endlich stand ich auf, kleidete mich an und ging nach der
Klosterkirche.
Das Morgenlicht brach eben in farbigen Strahlen durch die bunten
Fenster, ein Laienbruder reinigte die Gänge. Unfern der Seitenpforte, wo
ich hineingetreten, stand ein der heiligen Rosalia geweihter Altar, dort hielt
ich ein kurzes Gebet und schritt dann auf den Beichtstuhl zu, in dem ich
einen Mönch erblickte. Hilf, heiliger Himmel! — es war Medardus! Kein
Zweifel blieb übrig, eine höhere Macht sagte es mir. Da ergriff mich
wahnsinnige Angst und Liebe, aber ich fühlte, daß nur standhafter Mut
mich retten könne. Ich beichtete ihm selbst meine sündliche Liebe zu dem
Gottgeweihten, ja mehr als das! ... Ewiger Gott! in dem Augenblicke war es
mir, als hätte ich schon oft in trostloser Verzweiflung den heiligen Banden,
die den Geliebten fesselten, geflucht, und auch das beichtete ich. „Du
selbst, du selbst, Medardus, bist es, den ich so unaussprechlich liebe.“ Das
waren die letzten Worte, die ich zu sprechen vermochte, aber nun floß
lindernder Trost der Kirche, wie des Himmels Balsam, von den Lippen des
Mönchs, der mir plötzlich nicht mehr Medardus schien. Bald darauf nahm
mich ein alter ehrwürdiger Pilger in seine Arme und führte mich langsamen
Schrittes durch die Gänge der Kirche zur Hauptpforte hinaus. Er sprach
hochheilige, herrliche Worte, aber ich mußte entschlummern wie ein unter
sanften, süßen Tönen eingewiegtes Kind. Ich verlor das Bewußtsein. Als ich
erwachte, lag ich angekleidet auf dem Sofa meines Zimmers. „Gott und den
Heiligen Lob und Dank, die Krisis ist vorüber, sie erholt sich!“ rief eine
Stimme. Es war der Arzt, der diese Worte zu meinem Vater sprach. Man
sagte mir, daß man mich des Morgens in einem erstarrten, todähnlichen
Zustande gefunden und einen Nervenschlag befürchtet habe. Du siehst,
meine liebe, fromme Mutter, daß meine Beichte bei dem Mönch Medardus
nur ein lebhafter Traum in einem überreizten Zustande war, aber die heilige
Rosalia, zu der ich oft flehte, und deren Bildnis ich ja auch im Traum anrief,
hat mir wohl alles so erscheinen lassen, damit ich errettet werden möge aus
den Schlingen, die mir der arglistige Böse gelegt. Verschwunden war aus
meinem Innern die wahnsinnige Liebe zu dem Trugbilde im
Mönchsgewand. Ich erholte mich ganz, und trat nun erst heiter und
unbefangen in das Leben ein. — Aber, gerechter Gott, noch einmal sollte
mich jener verhaßte Mönch auf entsetzliche Weise bis zum Tode treffen.
Für eben jenen Medardus, dem ich im Traum gebeichtet, erkannte ich
augenblicklich den Mönch, der sich auf unserm Schlosse eingefunden. „Das
Klosterkirche.
Das Morgenlicht brach eben in farbigen Strahlen durch die bunten
Fenster, ein Laienbruder reinigte die Gänge. Unfern der Seitenpforte, wo
ich hineingetreten, stand ein der heiligen Rosalia geweihter Altar, dort hielt
ich ein kurzes Gebet und schritt dann auf den Beichtstuhl zu, in dem ich
einen Mönch erblickte. Hilf, heiliger Himmel! — es war Medardus! Kein
Zweifel blieb übrig, eine höhere Macht sagte es mir. Da ergriff mich
wahnsinnige Angst und Liebe, aber ich fühlte, daß nur standhafter Mut
mich retten könne. Ich beichtete ihm selbst meine sündliche Liebe zu dem
Gottgeweihten, ja mehr als das! ... Ewiger Gott! in dem Augenblicke war es
mir, als hätte ich schon oft in trostloser Verzweiflung den heiligen Banden,
die den Geliebten fesselten, geflucht, und auch das beichtete ich. „Du
selbst, du selbst, Medardus, bist es, den ich so unaussprechlich liebe.“ Das
waren die letzten Worte, die ich zu sprechen vermochte, aber nun floß
lindernder Trost der Kirche, wie des Himmels Balsam, von den Lippen des
Mönchs, der mir plötzlich nicht mehr Medardus schien. Bald darauf nahm
mich ein alter ehrwürdiger Pilger in seine Arme und führte mich langsamen
Schrittes durch die Gänge der Kirche zur Hauptpforte hinaus. Er sprach
hochheilige, herrliche Worte, aber ich mußte entschlummern wie ein unter
sanften, süßen Tönen eingewiegtes Kind. Ich verlor das Bewußtsein. Als ich
erwachte, lag ich angekleidet auf dem Sofa meines Zimmers. „Gott und den
Heiligen Lob und Dank, die Krisis ist vorüber, sie erholt sich!“ rief eine
Stimme. Es war der Arzt, der diese Worte zu meinem Vater sprach. Man
sagte mir, daß man mich des Morgens in einem erstarrten, todähnlichen
Zustande gefunden und einen Nervenschlag befürchtet habe. Du siehst,
meine liebe, fromme Mutter, daß meine Beichte bei dem Mönch Medardus
nur ein lebhafter Traum in einem überreizten Zustande war, aber die heilige
Rosalia, zu der ich oft flehte, und deren Bildnis ich ja auch im Traum anrief,
hat mir wohl alles so erscheinen lassen, damit ich errettet werden möge aus
den Schlingen, die mir der arglistige Böse gelegt. Verschwunden war aus
meinem Innern die wahnsinnige Liebe zu dem Trugbilde im
Mönchsgewand. Ich erholte mich ganz, und trat nun erst heiter und
unbefangen in das Leben ein. — Aber, gerechter Gott, noch einmal sollte
mich jener verhaßte Mönch auf entsetzliche Weise bis zum Tode treffen.
Für eben jenen Medardus, dem ich im Traum gebeichtet, erkannte ich
augenblicklich den Mönch, der sich auf unserm Schlosse eingefunden. „Das
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ist der Teufel, mit dem die Mutter gesprochen, hüte dich, hüte dich! — er
stellt dir nach!“ so rief der unglückliche Hermogen immer in mich hinein.
Ach, es hätte dieser Warnung nicht bedurft. Von dem ersten Moment an, als
mich der Mönch mit vor freveliger Begier funkelnden Augen anblickte, und
dann in geheuchelter Verzückung die heilige Rosalia anrief, war er mir
unheimlich und entsetzlich. Du weißt alles Fürchterliche, was sich darauf
begab, meine gute liebe Mutter. Ach aber, muß ich es nicht dir auch
gestehen, daß der Mönch mir desto gefährlicher war, als sich tief in meinem
Innersten ein Gefühl regte, dem gleich als zuerst der Gedanke der Sünde in
mir entstand und als ich ankämpfen mußte gegen die Verlockung des
Bösen? Es gab Augenblicke, in denen ich Verblendete den heuchlerischen
frommen Reden des Mönchs traute, ja in denen es mir war, als strahle aus
seinem Innern der Funke des Himmels, der mich zur reinen überirdischen
Liebe entzünden könne. Aber dann wußte er mit verruchter List, selbst in
begeisterter Andacht, eine Glut anzufachen, die aus der Hölle kam. Wie den
mich bewachenden Schutzengel sandten mir dann die Heiligen, zu denen
ich inbrünstig flehte, den Bruder. — Denke dir, liebe Mutter, mein
Entsetzen, als hier, bald nachdem ich zum erstenmal bei Hofe erschienen,
ein Mann auf mich zutrat, den ich auf den ersten Blick für den Mönch
Medardus zu erkennen glaubte, unerachtet er weltlich gekleidet ging. Ich
wurde ohnmächtig, als ich ihn sah. In den Armen der Fürstin erwacht, rief
ich laut: Er ist es, er ist es, der Mörder meines Bruders. — „Ja, er ist es,
sprach die Fürstin: der verkappte Mönch Medardus, der dem Kloster
entsprang; die auffallende Ähnlichkeit mit seinem Vater Francesko ...“ Hilf,
heiliger Himmel, indem ich diesen Namen schreibe, rinnen eiskalte Schauer
mir durch alle Glieder. Jenes Bild meiner Mutter war Francesko ... das
trügerische Mönchsgebilde, das mich quälte, hatte ganz seine Züge! —
Medardus, ihn erkannte ich als jenes Gebilde in dem wunderbaren Traum
der Beichte. Medardus ist Franceskos Sohn, Franz, den du, meine gute
Mutter, so fromm erziehen ließest und der in Sünde und Frevel geriet.
Welche Verbindung hatte meine Mutter mit jenem Francesko, daß sie sein
Bild heimlich aufbewahrte, und bei seinem Anblick sich dem Andenken
einer seligen Zeit zu überlassen schien? — Wie kam es, daß in diesem Bilde
Hermogen den Teufel sah, und daß es den Grund legte zu meiner
sonderbaren Verirrung? Ich versinke in Ahnungen und Zweifel. — Heiliger
Gott, bin ich denn entronnen der bösen Macht, die mich umstrickt hielt? —
Nein, ich kann nicht weiter schreiben, mir ist, als würd’ ich von dunkler
stellt dir nach!“ so rief der unglückliche Hermogen immer in mich hinein.
Ach, es hätte dieser Warnung nicht bedurft. Von dem ersten Moment an, als
mich der Mönch mit vor freveliger Begier funkelnden Augen anblickte, und
dann in geheuchelter Verzückung die heilige Rosalia anrief, war er mir
unheimlich und entsetzlich. Du weißt alles Fürchterliche, was sich darauf
begab, meine gute liebe Mutter. Ach aber, muß ich es nicht dir auch
gestehen, daß der Mönch mir desto gefährlicher war, als sich tief in meinem
Innersten ein Gefühl regte, dem gleich als zuerst der Gedanke der Sünde in
mir entstand und als ich ankämpfen mußte gegen die Verlockung des
Bösen? Es gab Augenblicke, in denen ich Verblendete den heuchlerischen
frommen Reden des Mönchs traute, ja in denen es mir war, als strahle aus
seinem Innern der Funke des Himmels, der mich zur reinen überirdischen
Liebe entzünden könne. Aber dann wußte er mit verruchter List, selbst in
begeisterter Andacht, eine Glut anzufachen, die aus der Hölle kam. Wie den
mich bewachenden Schutzengel sandten mir dann die Heiligen, zu denen
ich inbrünstig flehte, den Bruder. — Denke dir, liebe Mutter, mein
Entsetzen, als hier, bald nachdem ich zum erstenmal bei Hofe erschienen,
ein Mann auf mich zutrat, den ich auf den ersten Blick für den Mönch
Medardus zu erkennen glaubte, unerachtet er weltlich gekleidet ging. Ich
wurde ohnmächtig, als ich ihn sah. In den Armen der Fürstin erwacht, rief
ich laut: Er ist es, er ist es, der Mörder meines Bruders. — „Ja, er ist es,
sprach die Fürstin: der verkappte Mönch Medardus, der dem Kloster
entsprang; die auffallende Ähnlichkeit mit seinem Vater Francesko ...“ Hilf,
heiliger Himmel, indem ich diesen Namen schreibe, rinnen eiskalte Schauer
mir durch alle Glieder. Jenes Bild meiner Mutter war Francesko ... das
trügerische Mönchsgebilde, das mich quälte, hatte ganz seine Züge! —
Medardus, ihn erkannte ich als jenes Gebilde in dem wunderbaren Traum
der Beichte. Medardus ist Franceskos Sohn, Franz, den du, meine gute
Mutter, so fromm erziehen ließest und der in Sünde und Frevel geriet.
Welche Verbindung hatte meine Mutter mit jenem Francesko, daß sie sein
Bild heimlich aufbewahrte, und bei seinem Anblick sich dem Andenken
einer seligen Zeit zu überlassen schien? — Wie kam es, daß in diesem Bilde
Hermogen den Teufel sah, und daß es den Grund legte zu meiner
sonderbaren Verirrung? Ich versinke in Ahnungen und Zweifel. — Heiliger
Gott, bin ich denn entronnen der bösen Macht, die mich umstrickt hielt? —
Nein, ich kann nicht weiter schreiben, mir ist, als würd’ ich von dunkler
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Nacht befangen und kein Hoffnungsstern leuchte, mir freundlich den Weg
zeigend, den ich wandeln soll!
(Einige Tage später.)
Nein! Keine finsteren Zweifel sollen mir die hellen Sonnentage
verdüstern, die mir aufgegangen sind. Der ehrwürdige Pater Cyrillus hat dir,
meine teure Mutter, wie ich weiß, schon ausführlich berichtet, welch
schlimme Wendung der Prozeß Leonards nahm, den meine Übereilung den
bösen Kriminalgerichten in die Hände gab. Daß dieser wirkliche Medardus
eingefangen wurde, daß sein vielleicht verstellter Wahnsinn bald ganz
nachließ daß er seine Freveltaten eingestand, daß er seine gerechte Strafe
erwartet und ... doch nicht weiter, denn nur zu sehr würde das schmachvolle
Schicksal des Verbrechers, der als Knabe Dir so teuer war, Dein Herz
verwunden. — Der merkwürdige Prozeß war das einzige Gespräch bei
Hofe. Man hielt Leonard für einen verschmitzten, hartnäckigen Verbrecher,
weil er alles leugnete. — Gott im Himmel! — Dolchstiche waren mir
manche Reden, denn auf wunderbare Weise sprach eine Stimme in mir: er
ist unschuldig und das wird klar werden, wie der Tag. — Ich empfand das
tiefste Mitleid mit ihm, gestehen mußte ich es mir selbst, daß mir sein Bild,
rief ich es mir wieder zurück, Regungen erweckte, die ich nicht mißdeuten
konnte. Ja! — ich liebte ihn schon unaussprechlich, als er der Welt noch ein
freveliger Verbrecher schien. Ein Wunder mußte ihn und mich retten, denn
ich starb, sowie Leonard durch die Hand des Henkers fiel. Er ist schuldlos,
er liebt mich, und bald ist er ganz mein. So geht eine dunkle Ahnung aus
frühen Kindesjahren, die mir eine feindliche Macht arglistig zu vertrüben
suchte, herrlich, herrlich auf in regem wonnigen Leben. O gib mir, gib dem
Geliebten Deinen Segen, Du fromme Mutter! — Ach könnte Dein
glückliches Kind nur ihre volle Himmelslust recht ausweinen an Deinem
Herzen! — Leonard gleicht ganz jenem Francesko, nur scheint er größer,
auch unterscheidet ihn ein gewisser charakteristischer Zug, der seiner
Nation eigen, (Du weißt, daß er ein Pole ist) von Francesko und dem
Mönch Medardus sehr merklich. Albern war es wohl überhaupt, den
geistreichen, gewandten, herrlichen Leonard auch nur einen Augenblick für
einen entlaufenen Mönch anzusehen. Aber so stark ist noch der
fürchterliche Eindruck jener gräßlichen Szenen auf unserm Schlosse, daß
oft, tritt Leonard unvermutet zu mir herein und blickt mich an mit seinem
zeigend, den ich wandeln soll!
(Einige Tage später.)
Nein! Keine finsteren Zweifel sollen mir die hellen Sonnentage
verdüstern, die mir aufgegangen sind. Der ehrwürdige Pater Cyrillus hat dir,
meine teure Mutter, wie ich weiß, schon ausführlich berichtet, welch
schlimme Wendung der Prozeß Leonards nahm, den meine Übereilung den
bösen Kriminalgerichten in die Hände gab. Daß dieser wirkliche Medardus
eingefangen wurde, daß sein vielleicht verstellter Wahnsinn bald ganz
nachließ daß er seine Freveltaten eingestand, daß er seine gerechte Strafe
erwartet und ... doch nicht weiter, denn nur zu sehr würde das schmachvolle
Schicksal des Verbrechers, der als Knabe Dir so teuer war, Dein Herz
verwunden. — Der merkwürdige Prozeß war das einzige Gespräch bei
Hofe. Man hielt Leonard für einen verschmitzten, hartnäckigen Verbrecher,
weil er alles leugnete. — Gott im Himmel! — Dolchstiche waren mir
manche Reden, denn auf wunderbare Weise sprach eine Stimme in mir: er
ist unschuldig und das wird klar werden, wie der Tag. — Ich empfand das
tiefste Mitleid mit ihm, gestehen mußte ich es mir selbst, daß mir sein Bild,
rief ich es mir wieder zurück, Regungen erweckte, die ich nicht mißdeuten
konnte. Ja! — ich liebte ihn schon unaussprechlich, als er der Welt noch ein
freveliger Verbrecher schien. Ein Wunder mußte ihn und mich retten, denn
ich starb, sowie Leonard durch die Hand des Henkers fiel. Er ist schuldlos,
er liebt mich, und bald ist er ganz mein. So geht eine dunkle Ahnung aus
frühen Kindesjahren, die mir eine feindliche Macht arglistig zu vertrüben
suchte, herrlich, herrlich auf in regem wonnigen Leben. O gib mir, gib dem
Geliebten Deinen Segen, Du fromme Mutter! — Ach könnte Dein
glückliches Kind nur ihre volle Himmelslust recht ausweinen an Deinem
Herzen! — Leonard gleicht ganz jenem Francesko, nur scheint er größer,
auch unterscheidet ihn ein gewisser charakteristischer Zug, der seiner
Nation eigen, (Du weißt, daß er ein Pole ist) von Francesko und dem
Mönch Medardus sehr merklich. Albern war es wohl überhaupt, den
geistreichen, gewandten, herrlichen Leonard auch nur einen Augenblick für
einen entlaufenen Mönch anzusehen. Aber so stark ist noch der
fürchterliche Eindruck jener gräßlichen Szenen auf unserm Schlosse, daß
oft, tritt Leonard unvermutet zu mir herein und blickt mich an mit seinem
Page 206
strahlenden Auge, das ach nur zu sehr jenem Medardus gleicht, mich
unwillkürliches Grausen befällt und ich Gefahr laufe, durch mein
kindisches Wesen den Geliebten zu verletzen. Mir ist, als würde erst des
Priesters Segen die finsteren Gestalten bannen, die noch jetzt recht feindlich
manchen Wolkenschatten in mein Leben werfen. Schließe mich und den
Geliebten in Dein frommes Gebet, meine teure Mutter! — Der Fürst
wünscht, daß die Vermählung bald vor sich gehe; den Tag schreibe ich Dir,
damit Du Deines Kindes gedenken mögest, in ihres Lebens feierlicher,
verhängnisvoller Stunde usw.“
Immer und immer wieder las ich Aureliens Blätter. Es war, als wenn der
Geist des Himmels, der daraus hervorleuchtete, in mein Inneres dringe und
vor seinem reinen Strahl alle sündliche, frevelige Glut verlösche. Bei
Aureliens Anblick überfiel mich heilige Scheu, ich wagte es nicht mehr, sie
stürmisch zu liebkosen, wie sonst. Aurelie bemerkte mein verändertes
Betragen, ich gestand ihr reuig den Raub des Briefes an die Äbtissin; ich
entschuldigte ihn mit einem unerklärlichen Drange, dem ich, wie der
Gewalt einer unsichtbaren höheren Macht, nicht widerstehen könne, ich
behauptete, daß eben jene höhere, auf mich einwirkende Macht, mir jene
Vision am Beichtstuhle habe kund tun wollen, um mir zu zeigen, wie unsere
innigste Verbindung ihr ewiger Ratschluß sei. „Ja, du frommes
Himmelskind,“ sprach ich, „auch mir ging einst ein wunderbarer Traum auf,
in dem du mir deine Liebe gestandest, aber ich war ein unglücklicher, vom
Geschick zermalmter Mönch, dessen Brust tausend Qualen der Hölle
zerrissen. — Dich — dich liebte ich mit namenloser Inbrunst, doch Frevel,
doppelter, verruchter Frevel war meine Liebe, denn ich war ja ein Mönch,
und du die heilige Rosalia.“ Erschrocken fuhr Aurelie auf. „Um Gott,
sprach sie „um Gott, es geht ein tiefes unerforschliches Geheimnis durch
unser Leben; ach, Leonard, laß uns nie an dem Schleier rühren, der es
umhüllt, wer weiß, was Grauenvolles, Entsetzliches dahinter verborgen.
Laß uns fromm sein, und fest aneinander halten in treuer Liebe, so
widerstehen wir der dunklen Macht, deren Geister uns vielleicht feindlich
bedrohen. Daß du meinen Brief lasest, das mußte so sein; ach! ich selbst
hätte dir alles erschließen sollen, kein Geheimnis darf unter uns walten.
Und doch ist es mir, als kämpftest du mit manchem, was früher recht
verderblich eintrat in dein Leben und was du nicht vermöchtest über die
Lippen zu bringen vor unrechter Scheu! — Sei aufrichtig, Leonard! — Ach,
wie wird ein freimütiges Geständnis deine Brust erleichtern, und heller
unwillkürliches Grausen befällt und ich Gefahr laufe, durch mein
kindisches Wesen den Geliebten zu verletzen. Mir ist, als würde erst des
Priesters Segen die finsteren Gestalten bannen, die noch jetzt recht feindlich
manchen Wolkenschatten in mein Leben werfen. Schließe mich und den
Geliebten in Dein frommes Gebet, meine teure Mutter! — Der Fürst
wünscht, daß die Vermählung bald vor sich gehe; den Tag schreibe ich Dir,
damit Du Deines Kindes gedenken mögest, in ihres Lebens feierlicher,
verhängnisvoller Stunde usw.“
Immer und immer wieder las ich Aureliens Blätter. Es war, als wenn der
Geist des Himmels, der daraus hervorleuchtete, in mein Inneres dringe und
vor seinem reinen Strahl alle sündliche, frevelige Glut verlösche. Bei
Aureliens Anblick überfiel mich heilige Scheu, ich wagte es nicht mehr, sie
stürmisch zu liebkosen, wie sonst. Aurelie bemerkte mein verändertes
Betragen, ich gestand ihr reuig den Raub des Briefes an die Äbtissin; ich
entschuldigte ihn mit einem unerklärlichen Drange, dem ich, wie der
Gewalt einer unsichtbaren höheren Macht, nicht widerstehen könne, ich
behauptete, daß eben jene höhere, auf mich einwirkende Macht, mir jene
Vision am Beichtstuhle habe kund tun wollen, um mir zu zeigen, wie unsere
innigste Verbindung ihr ewiger Ratschluß sei. „Ja, du frommes
Himmelskind,“ sprach ich, „auch mir ging einst ein wunderbarer Traum auf,
in dem du mir deine Liebe gestandest, aber ich war ein unglücklicher, vom
Geschick zermalmter Mönch, dessen Brust tausend Qualen der Hölle
zerrissen. — Dich — dich liebte ich mit namenloser Inbrunst, doch Frevel,
doppelter, verruchter Frevel war meine Liebe, denn ich war ja ein Mönch,
und du die heilige Rosalia.“ Erschrocken fuhr Aurelie auf. „Um Gott,
sprach sie „um Gott, es geht ein tiefes unerforschliches Geheimnis durch
unser Leben; ach, Leonard, laß uns nie an dem Schleier rühren, der es
umhüllt, wer weiß, was Grauenvolles, Entsetzliches dahinter verborgen.
Laß uns fromm sein, und fest aneinander halten in treuer Liebe, so
widerstehen wir der dunklen Macht, deren Geister uns vielleicht feindlich
bedrohen. Daß du meinen Brief lasest, das mußte so sein; ach! ich selbst
hätte dir alles erschließen sollen, kein Geheimnis darf unter uns walten.
Und doch ist es mir, als kämpftest du mit manchem, was früher recht
verderblich eintrat in dein Leben und was du nicht vermöchtest über die
Lippen zu bringen vor unrechter Scheu! — Sei aufrichtig, Leonard! — Ach,
wie wird ein freimütiges Geständnis deine Brust erleichtern, und heller
Page 207
unsere Liebe strahlen!“ — Wohl fühlte ich bei diesen Worten Aureliens
recht marternd, wie der Geist des Truges in mir wohne, und wie ich nur
noch vor wenigen Augenblicken das fromme Kind recht frevelig getäuscht;
und dies Gefühl regte sich stärker und stärker auf in wunderbarer Weise, ich
mußte Aurelien alles — alles entdecken und doch ihre Liebe gewinnen.
„Aurelie — du meine Heilige, — die mich rettet von ...“ In dem Augenblick
trat die Fürstin herein, ihr Anblick warf mich plötzlich zurück in die Hölle,
voll Hohn und Gedanken des Verderbens. Sie m u ß t e mich jetzt dulden, ich
blieb, und stellte mich als Aureliens Bräutigam kühn und keck ihr entgegen.
Überhaupt war ich nur frei von allen bösen Gedanken, wenn ich mit
Aurelien allein mich befand; dann ging mir aber auch die Seligkeit des
Himmels auf. Jetzt erst wünschte ich lebhaft meine Vermählung mit
Aurelien. — In einer Nacht stand lebhaft meine Mutter vor mir, ich wollte
ihre Hand ergreifen und wurde gewahr, daß es nur Duft sei, der sich
gestaltet. Weshalb diese alberne Täuschung, rief ich erzürnt; da flossen
helle Tränen aus meiner Mutter Augen, die wurden aber zu silbernen,
hellblinkenden Sternen, aus denen leuchtende Tropfen fielen, und um mein
Haupt kreisten, als wollten sie einen Heiligenschein bilden, doch immer
zerriß eine schwarze, fürchterliche Faust den Kreis. „Du, den ich rein von
jeder Untat geboren“, sprach meine Mutter mit sanfter Stimme, „ist denn
deine Kraft gebrochen, daß du nicht zu widerstehen vermagst den
Verlockungen des Satans? — Jetzt kann ich erst dein Inneres durchschauen,
denn mir ist die Last des Irdischen entnommen! — Erhebe dich,
Franciskus! ich will dich schmücken mit Bändern und Blumen, denn es ist
der Tag des heiligen Bernardus gekommen und du sollst wieder ein
frommer Knabe sein!“ — Da war es mir, als müsse ich, wie sonst, einen
Hymnus anstimmen zum Lobe des Heiligen, aber entsetzlich tobte es
dazwischen, mein Gesang wurde ein wildes Geheul und schwarze Schleier
rauschten herab, zwischen mir und der Gestalt meiner Mutter. — Mehrere
Tage nach dieser Vision begegnete mir der Kriminalrichter auf der Straße.
Er trat freundlich auf mich zu. „Wissen Sie schon, fing er an, daß der
Prozeß des Kapuziners Medardus wieder zweifelhaft worden? Das Urteil,
das ihm höchstwahrscheinlich den Tod zuerkannt hätte, sollte schon
abgefaßt werden, als er aufs neue Spuren des Wahnsinns zeigte. Das
Kriminalgericht erhielt nämlich die Nachricht von dem Tode seiner Mutter;
ich machte es ihm bekannt, da lachte er wild auf und rief mit einer Stimme,
die selbst dem standhaftesten Gemüt Entsetzen erregen konnte: „Ha ha ha!
recht marternd, wie der Geist des Truges in mir wohne, und wie ich nur
noch vor wenigen Augenblicken das fromme Kind recht frevelig getäuscht;
und dies Gefühl regte sich stärker und stärker auf in wunderbarer Weise, ich
mußte Aurelien alles — alles entdecken und doch ihre Liebe gewinnen.
„Aurelie — du meine Heilige, — die mich rettet von ...“ In dem Augenblick
trat die Fürstin herein, ihr Anblick warf mich plötzlich zurück in die Hölle,
voll Hohn und Gedanken des Verderbens. Sie m u ß t e mich jetzt dulden, ich
blieb, und stellte mich als Aureliens Bräutigam kühn und keck ihr entgegen.
Überhaupt war ich nur frei von allen bösen Gedanken, wenn ich mit
Aurelien allein mich befand; dann ging mir aber auch die Seligkeit des
Himmels auf. Jetzt erst wünschte ich lebhaft meine Vermählung mit
Aurelien. — In einer Nacht stand lebhaft meine Mutter vor mir, ich wollte
ihre Hand ergreifen und wurde gewahr, daß es nur Duft sei, der sich
gestaltet. Weshalb diese alberne Täuschung, rief ich erzürnt; da flossen
helle Tränen aus meiner Mutter Augen, die wurden aber zu silbernen,
hellblinkenden Sternen, aus denen leuchtende Tropfen fielen, und um mein
Haupt kreisten, als wollten sie einen Heiligenschein bilden, doch immer
zerriß eine schwarze, fürchterliche Faust den Kreis. „Du, den ich rein von
jeder Untat geboren“, sprach meine Mutter mit sanfter Stimme, „ist denn
deine Kraft gebrochen, daß du nicht zu widerstehen vermagst den
Verlockungen des Satans? — Jetzt kann ich erst dein Inneres durchschauen,
denn mir ist die Last des Irdischen entnommen! — Erhebe dich,
Franciskus! ich will dich schmücken mit Bändern und Blumen, denn es ist
der Tag des heiligen Bernardus gekommen und du sollst wieder ein
frommer Knabe sein!“ — Da war es mir, als müsse ich, wie sonst, einen
Hymnus anstimmen zum Lobe des Heiligen, aber entsetzlich tobte es
dazwischen, mein Gesang wurde ein wildes Geheul und schwarze Schleier
rauschten herab, zwischen mir und der Gestalt meiner Mutter. — Mehrere
Tage nach dieser Vision begegnete mir der Kriminalrichter auf der Straße.
Er trat freundlich auf mich zu. „Wissen Sie schon, fing er an, daß der
Prozeß des Kapuziners Medardus wieder zweifelhaft worden? Das Urteil,
das ihm höchstwahrscheinlich den Tod zuerkannt hätte, sollte schon
abgefaßt werden, als er aufs neue Spuren des Wahnsinns zeigte. Das
Kriminalgericht erhielt nämlich die Nachricht von dem Tode seiner Mutter;
ich machte es ihm bekannt, da lachte er wild auf und rief mit einer Stimme,
die selbst dem standhaftesten Gemüt Entsetzen erregen konnte: „Ha ha ha!
Page 208
— die Prinzessin von ... (er nannte die Gemahlin des ermordeten Bruders
unsers Fürsten) ist längst gestorben!“ — Es ist jetzt eine neue ärztliche
Untersuchung verfügt, man glaubt jedoch, daß der Wahnsinn des Mönchs
verstellt sei. — Ich ließ mir Tag und Stunde des Todes meiner Mutter sagen;
sie war mir in demselben Moment, als sie starb, erschienen, und tief
eindringend in Sinn und Gemüt, war nun auch die nur zu sehr vergessene
Mutter die Mittlerin zwischen mir und der reinen Himmelsseele, die mein
werden sollte. Milder und weicher geworden, schien ich nun erst Aureliens
Liebe ganz zu verstehen, ich mochte sie wie eine mich beschirmende
Heilige kaum verlassen, und mein düsteres Geheimnis wurde, indem sie
nicht mehr deshalb in mich drang, nun ein mir selbst unerforschliches, von
höheren Mächten verhängtes, Ereignis. — Der von dem Fürsten bestimmte
Tag der Vermählung war gekommen. Aurelie wollte in erster Frühe vor dem
Altar der heiligen Rosalia, in der nahe gelegenen Klosterkirche, getraut
sein. Wachend, und nach langer Zeit zum erstenmal inbrünstig betend,
brachte ich die Nacht zu. Ach! ich Verblendeter fühlte nicht, daß das Gebet,
womit ich mich zur Sünde rüstete, höllischer Frevel sei! — Als ich zu
Aurelien eintrat, kam sie mir, weiß gekleidet und mit duftenden Rosen
geschmückt, in holder Engelsschönheit entgegen. Ihr Gewand sowie ihr
Haarschmuck hatte etwas sonderbar Altertümliches, eine dunkle Erinnerung
ging in mir auf, aber von tiefem Schauer fühlte ich mich durchbebt, als
plötzlich lebhaft das Bild des Altars, an dem wir getraut werden sollten, mir
vor Augen stand. Das Bild stellte das Martyrium der heiligen Rosalia vor,
und gerade so wie Aurelie, war sie gekleidet. — Schwer wurde es mir, den
grausigen Eindruck, den dies auf mich machte, zu verbergen. Aurelie gab
mir mit einem Blick, aus dem ein ganzer Himmel voll Liebe und Seligkeit
strahlte, die Hand, ich zog sie an meine Brust, und mit dem Kuß des
reinsten Entzückens, durchdrang mich aufs neue das deutliche Gefühl, daß
nur durch Aurelie meine Seele errettet werden könne. Ein fürstlicher
Bedienter meldete, daß die Herrschaft bereit sei, uns zu empfangen. Aurelie
zog schnell die Handschuhe an, ich nahm ihren Arm, da bemerkte das
Kammermädchen, daß das Haar in Unordnung gekommen sei, sie sprang
fort um Nadeln zu holen. Wir warteten an der Türe, der Aufenthalt schien
Aurelien unangenehm. In dem Augenblick entstand ein dumpfes Geräusch
auf der Straße, hohle Stimmen riefen durcheinander, und das dröhnende
Gerassel eines schweren, langsam rollenden Wagens ließ sich vernehmen.
Ich eilte ans Fenster. — Da stand eben vor dem Palast der vom
unsers Fürsten) ist längst gestorben!“ — Es ist jetzt eine neue ärztliche
Untersuchung verfügt, man glaubt jedoch, daß der Wahnsinn des Mönchs
verstellt sei. — Ich ließ mir Tag und Stunde des Todes meiner Mutter sagen;
sie war mir in demselben Moment, als sie starb, erschienen, und tief
eindringend in Sinn und Gemüt, war nun auch die nur zu sehr vergessene
Mutter die Mittlerin zwischen mir und der reinen Himmelsseele, die mein
werden sollte. Milder und weicher geworden, schien ich nun erst Aureliens
Liebe ganz zu verstehen, ich mochte sie wie eine mich beschirmende
Heilige kaum verlassen, und mein düsteres Geheimnis wurde, indem sie
nicht mehr deshalb in mich drang, nun ein mir selbst unerforschliches, von
höheren Mächten verhängtes, Ereignis. — Der von dem Fürsten bestimmte
Tag der Vermählung war gekommen. Aurelie wollte in erster Frühe vor dem
Altar der heiligen Rosalia, in der nahe gelegenen Klosterkirche, getraut
sein. Wachend, und nach langer Zeit zum erstenmal inbrünstig betend,
brachte ich die Nacht zu. Ach! ich Verblendeter fühlte nicht, daß das Gebet,
womit ich mich zur Sünde rüstete, höllischer Frevel sei! — Als ich zu
Aurelien eintrat, kam sie mir, weiß gekleidet und mit duftenden Rosen
geschmückt, in holder Engelsschönheit entgegen. Ihr Gewand sowie ihr
Haarschmuck hatte etwas sonderbar Altertümliches, eine dunkle Erinnerung
ging in mir auf, aber von tiefem Schauer fühlte ich mich durchbebt, als
plötzlich lebhaft das Bild des Altars, an dem wir getraut werden sollten, mir
vor Augen stand. Das Bild stellte das Martyrium der heiligen Rosalia vor,
und gerade so wie Aurelie, war sie gekleidet. — Schwer wurde es mir, den
grausigen Eindruck, den dies auf mich machte, zu verbergen. Aurelie gab
mir mit einem Blick, aus dem ein ganzer Himmel voll Liebe und Seligkeit
strahlte, die Hand, ich zog sie an meine Brust, und mit dem Kuß des
reinsten Entzückens, durchdrang mich aufs neue das deutliche Gefühl, daß
nur durch Aurelie meine Seele errettet werden könne. Ein fürstlicher
Bedienter meldete, daß die Herrschaft bereit sei, uns zu empfangen. Aurelie
zog schnell die Handschuhe an, ich nahm ihren Arm, da bemerkte das
Kammermädchen, daß das Haar in Unordnung gekommen sei, sie sprang
fort um Nadeln zu holen. Wir warteten an der Türe, der Aufenthalt schien
Aurelien unangenehm. In dem Augenblick entstand ein dumpfes Geräusch
auf der Straße, hohle Stimmen riefen durcheinander, und das dröhnende
Gerassel eines schweren, langsam rollenden Wagens ließ sich vernehmen.
Ich eilte ans Fenster. — Da stand eben vor dem Palast der vom
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Henkersknecht geführte Leiterwagen, auf dem der Mönch rückwärts saß,
vor ihm ein Kapuziner, laut und eifrig mit ihm betend. Er war entstellt von
der Blässe der Todesangst und dem struppigen Bart — doch waren die Züge
des gräßlichen Doppelgängers mir nur zu kenntlich. — Sowie der Wagen,
augenblicklich gehemmt durch die andrängende Volksmasse, wieder
fortrollte, warf er den stieren, entsetzlichen Blick der funkelnden Augen zu
mir herauf und lachte und heulte herauf: „Bräutigam, Bräutigam! ... komm
... komm aufs Dach ... da wollen wir ringen miteinander, und wer den
andern herabstößt, ist König und darf Blut trinken!“ Ich schrie auf:
„Entsetzlicher Mensch ... was willst du ... was willst du von mir.“ —
Aurelie umfaßte mich mit beiden Armen, sie riß mich mit Gewalt vom
Fenster, rufend: „Um Gottes und der heiligen Jungfrau willen ... Sie führen
den Medardus ... den Mörder meines Bruders, zum Tode ... Leonard ...
Leonard!“ — Da wurden die Geister der Hölle in mir wach, und bäumten
sich auf mit der Gewalt, die ihnen verliehen über den frevelnden,
verruchten Sünder. — Ich erfaßte Aurelien mit grimmer Wut, daß sie
zusammenzuckte. „Ha ha ha ... Wahnsinniges, törichtes Weib ... ich ... ich,
dein Buhle, dein Bräutigam, bin der Medardus ... bin deines Bruders
Mörder ... du, Braut des Mönchs, willst Verderben herabwinseln über
deinen Bräutigam? Ho ho ho! ... ich bin König ... ich trinke dein Blut!“ —
Das Mordmesser riß ich heraus — ich stieß nach Aurelien, die ich zu Boden
fallen lassen — ein Blutstrom sprang hervor über meine Hand. — Ich
stürzte die Treppen herab, durch das Volk hin zum Wagen, ich riß den
Mönch herab und warf ihn zu Boden; da wurde ich festgepackt, wütend
stieß ich mit dem Messer um mich herum — ich wurde frei — ich sprang
fort — man drang auf mich ein, ich fühlte mich in der Seite durch einen
Stich verwundet, aber das Messer in der rechten Hand und mit der linken
kräftige Faustschläge austeilend, arbeitete ich mich durch bis an die nahe
Mauer des Parks, die ich mit einem fürchterlichen Satz übersprang. „Mord
... Mord ... Haltet ... haltet den Mörder!“ riefen Stimmen hinter mir, ich
hörte es rasseln, man wollte das verschlossene Tor des Parks sprengen,
unaufhaltsam rannte ich fort. Ich kam an den breiten Graben, der den Park
von dem dicht dabei gelegenen Walde trennte, ein mächtiger Sprung — ich
war hinüber, und immer fort und fort rannte ich durch den Wald, bis ich
erschöpft unter einem Baume niedersank. Es war schon finstre Nacht
geworden, als ich, wie aus tiefer Betäubung erwachte. Nur der Gedanke, zu
fliehen, wie ein gehetztes Tier, stand fest in meiner Seele. Ich stand auf,
vor ihm ein Kapuziner, laut und eifrig mit ihm betend. Er war entstellt von
der Blässe der Todesangst und dem struppigen Bart — doch waren die Züge
des gräßlichen Doppelgängers mir nur zu kenntlich. — Sowie der Wagen,
augenblicklich gehemmt durch die andrängende Volksmasse, wieder
fortrollte, warf er den stieren, entsetzlichen Blick der funkelnden Augen zu
mir herauf und lachte und heulte herauf: „Bräutigam, Bräutigam! ... komm
... komm aufs Dach ... da wollen wir ringen miteinander, und wer den
andern herabstößt, ist König und darf Blut trinken!“ Ich schrie auf:
„Entsetzlicher Mensch ... was willst du ... was willst du von mir.“ —
Aurelie umfaßte mich mit beiden Armen, sie riß mich mit Gewalt vom
Fenster, rufend: „Um Gottes und der heiligen Jungfrau willen ... Sie führen
den Medardus ... den Mörder meines Bruders, zum Tode ... Leonard ...
Leonard!“ — Da wurden die Geister der Hölle in mir wach, und bäumten
sich auf mit der Gewalt, die ihnen verliehen über den frevelnden,
verruchten Sünder. — Ich erfaßte Aurelien mit grimmer Wut, daß sie
zusammenzuckte. „Ha ha ha ... Wahnsinniges, törichtes Weib ... ich ... ich,
dein Buhle, dein Bräutigam, bin der Medardus ... bin deines Bruders
Mörder ... du, Braut des Mönchs, willst Verderben herabwinseln über
deinen Bräutigam? Ho ho ho! ... ich bin König ... ich trinke dein Blut!“ —
Das Mordmesser riß ich heraus — ich stieß nach Aurelien, die ich zu Boden
fallen lassen — ein Blutstrom sprang hervor über meine Hand. — Ich
stürzte die Treppen herab, durch das Volk hin zum Wagen, ich riß den
Mönch herab und warf ihn zu Boden; da wurde ich festgepackt, wütend
stieß ich mit dem Messer um mich herum — ich wurde frei — ich sprang
fort — man drang auf mich ein, ich fühlte mich in der Seite durch einen
Stich verwundet, aber das Messer in der rechten Hand und mit der linken
kräftige Faustschläge austeilend, arbeitete ich mich durch bis an die nahe
Mauer des Parks, die ich mit einem fürchterlichen Satz übersprang. „Mord
... Mord ... Haltet ... haltet den Mörder!“ riefen Stimmen hinter mir, ich
hörte es rasseln, man wollte das verschlossene Tor des Parks sprengen,
unaufhaltsam rannte ich fort. Ich kam an den breiten Graben, der den Park
von dem dicht dabei gelegenen Walde trennte, ein mächtiger Sprung — ich
war hinüber, und immer fort und fort rannte ich durch den Wald, bis ich
erschöpft unter einem Baume niedersank. Es war schon finstre Nacht
geworden, als ich, wie aus tiefer Betäubung erwachte. Nur der Gedanke, zu
fliehen, wie ein gehetztes Tier, stand fest in meiner Seele. Ich stand auf,
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aber kaum war ich einige Schritte fort, als, aus dem Gebüsch
hervorrauschend, ein Mensch auf meinen Rücken sprang und mich mit den
Armen umhalste. Vergebens versuchte ich, ihn abzuschütteln — ich warf
mich nieder, ich drückte mich hinterrücks an die Bäume, alles umsonst. Der
Mensch kicherte und lachte höhnisch; da brach der Mond hellleuchtend
durch die schwarzen Tannen, und das totenbleiche, gräßliche Gesicht des
Mönchs — des vermeintlichen Medardus, des Doppelgängers, starrte mich
an mit dem gräßlichen Blick, wie von dem Wagen herauf. — „Hi ... hi ... hi
... Brüderlein ... Brüderlein, immer immer bin ich bei dir ... lasse dich nicht
... lasse ... dich nicht ... Kann nicht lau ... laufen ... wie du ... mußt mich
tra... tragen ... Komme vom Ga... Galgen ... haben mich rä... rädern wollen
... hi hi ...“ So lachte und heulte das grause Gespenst, indem ich, von
wildem Entsetzen gekräftigt, hoch emporsprang wie ein von der
Riesenschlange eingeschnürter Tiger! — Ich raste gegen Baum- und
Felsstücke, um ihn wo nicht zu töten, doch wenigstens hart zu verwunden,
daß er mich zu lassen genötigt sein sollte. Dann lachte er stärker und mich
nur traf jäher Schmerz; ich versuchte seine unter meinem Kinn
festgeknoteten Hände loszuwinden, aber die Gurgel einzudrücken drohte
mir des Ungetümes Gewalt. Endlich, nach tollem Rasen, fiel er plötzlich
herab, aber kaum war ich einige Schritte fortgerannt, als er von neuem auf
meinem Rücken saß, kichernd und lachend, und jene entsetzlichen Worte
stammelnd! Aufs neue jene Anstrengungen wilder Wut — aufs neue befreit!
— aufs neue umhalst von dem fürchterlichen Gespenst. — Es ist mir nicht
möglich, deutlich anzugeben, wie lange ich, von dem Doppelgänger
verfolgt, durch finstre Wälder floh, es ist mir so, als müsse das Monate
hindurch, ohne daß ich Speise und Trank genoß, gedauert haben. Nur e i n e s
lichten Augenblicks erinnere ich mich lebhaft, nach welchem ich in
gänzlich bewußtlosen Zustand verfiel. Eben war es mir geglückt, meinen
Doppelgänger abzuwerfen, als ein heller Sonnenstrahl und mit ihm ein
holdes anmutiges Tönen den Wald durchdrang. Ich unterschied eine
Klosterglocke, die zur Frühmette läutete. „Du hast Aurelie ermordet!“ Der
Gedanke erfaßte mich mit des Todes eiskalten Armen, und ich sank
bewußtlos nieder.
hervorrauschend, ein Mensch auf meinen Rücken sprang und mich mit den
Armen umhalste. Vergebens versuchte ich, ihn abzuschütteln — ich warf
mich nieder, ich drückte mich hinterrücks an die Bäume, alles umsonst. Der
Mensch kicherte und lachte höhnisch; da brach der Mond hellleuchtend
durch die schwarzen Tannen, und das totenbleiche, gräßliche Gesicht des
Mönchs — des vermeintlichen Medardus, des Doppelgängers, starrte mich
an mit dem gräßlichen Blick, wie von dem Wagen herauf. — „Hi ... hi ... hi
... Brüderlein ... Brüderlein, immer immer bin ich bei dir ... lasse dich nicht
... lasse ... dich nicht ... Kann nicht lau ... laufen ... wie du ... mußt mich
tra... tragen ... Komme vom Ga... Galgen ... haben mich rä... rädern wollen
... hi hi ...“ So lachte und heulte das grause Gespenst, indem ich, von
wildem Entsetzen gekräftigt, hoch emporsprang wie ein von der
Riesenschlange eingeschnürter Tiger! — Ich raste gegen Baum- und
Felsstücke, um ihn wo nicht zu töten, doch wenigstens hart zu verwunden,
daß er mich zu lassen genötigt sein sollte. Dann lachte er stärker und mich
nur traf jäher Schmerz; ich versuchte seine unter meinem Kinn
festgeknoteten Hände loszuwinden, aber die Gurgel einzudrücken drohte
mir des Ungetümes Gewalt. Endlich, nach tollem Rasen, fiel er plötzlich
herab, aber kaum war ich einige Schritte fortgerannt, als er von neuem auf
meinem Rücken saß, kichernd und lachend, und jene entsetzlichen Worte
stammelnd! Aufs neue jene Anstrengungen wilder Wut — aufs neue befreit!
— aufs neue umhalst von dem fürchterlichen Gespenst. — Es ist mir nicht
möglich, deutlich anzugeben, wie lange ich, von dem Doppelgänger
verfolgt, durch finstre Wälder floh, es ist mir so, als müsse das Monate
hindurch, ohne daß ich Speise und Trank genoß, gedauert haben. Nur e i n e s
lichten Augenblicks erinnere ich mich lebhaft, nach welchem ich in
gänzlich bewußtlosen Zustand verfiel. Eben war es mir geglückt, meinen
Doppelgänger abzuwerfen, als ein heller Sonnenstrahl und mit ihm ein
holdes anmutiges Tönen den Wald durchdrang. Ich unterschied eine
Klosterglocke, die zur Frühmette läutete. „Du hast Aurelie ermordet!“ Der
Gedanke erfaßte mich mit des Todes eiskalten Armen, und ich sank
bewußtlos nieder.
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2. Abschnitt.
Die Buße.
Eine sanfte Wärme glitt durch mein Inneres. Dann fühlte ich es in allen
Adern seltsam arbeiten und prickeln; dies Gefühl wurde zu Gedanken, doch
war mein Ich hundertfach zerteilt. Jeder Teil hatte im eignen Regen eignes
Bewußtsein des Lebens und umsonst gebot das Haupt den Gliedern, die wie
untreue Vasallen sich nicht sammeln mochten unter seiner Herrschaft. Nun
fingen die Gedanken der einzelnen Teile an sich zu drehen, wie leuchtende
Punkte, immer schneller und schneller, so daß sie einen Feuerkreis bildeten,
der wurde kleiner, sowie die Schnelligkeit wuchs, daß er zuletzt nur eine
stillstehende Feuerkugel schien. Aus der schossen rotglühende Strahlen und
bewegten sich im farbigten Flammenspiel. „Das sind meine Glieder, die
sich regen, jetzt erwache ich!“ So dachte ich deutlich, aber in dem
Augenblick durchzuckte mich ein jäher Schmerz, helle Glockentöne
schlugen an mein Ohr. „Fliehen, weiter fort! — weiter fort!“ rief ich laut,
wollte mich schnell aufraffen, fiel aber entkräftet zurück. Jetzt erst
vermochte ich die Augen zu öffnen. Die Glockentöne dauerten fort — ich
glaubte noch im Walde zu sein, aber wie erstaunte ich, als ich die
Gegenstände rings umher, als ich mich selbst betrachtete. In dem
Ordenshabit der Kapuziner lag ich, in einem hohen, einfachen Zimmer, auf
einer wohlgepolsterten Matratze ausgestreckt. Ein paar Rohrstühle, ein
kleiner Tisch und ein ärmliches Bett waren die einzigen Gegenstände, die
sich noch im Zimmer befanden. Es wurde mir klar, daß mein bewußtloser
Zustand eine Zeitlang gedauert haben, und daß ich in demselben auf diese
oder jene Weise in ein Kloster gebracht sein mußte, das Kranke aufnehme.
Vielleicht war meine Kleidung zerrissen, und man gab mir vorläufig eine
Kutte. Der Gefahr, so schien es mir, war ich entronnen. Diese Vorstellungen
beruhigten mich ganz, und ich beschloß abzuwarten, was sich weiter
zutragen würde, da ich voraussetzen konnte, daß man bald nach dem
Kranken sehen würde. Ich fühlte mich sehr matt, sonst aber ganz
schmerzlos. Nur einige Minuten hatte ich so, zum vollkommenen
Bewußtsein erwacht, gelegen, als ich Tritte vernahm, die sich wie auf einem
Die Buße.
Eine sanfte Wärme glitt durch mein Inneres. Dann fühlte ich es in allen
Adern seltsam arbeiten und prickeln; dies Gefühl wurde zu Gedanken, doch
war mein Ich hundertfach zerteilt. Jeder Teil hatte im eignen Regen eignes
Bewußtsein des Lebens und umsonst gebot das Haupt den Gliedern, die wie
untreue Vasallen sich nicht sammeln mochten unter seiner Herrschaft. Nun
fingen die Gedanken der einzelnen Teile an sich zu drehen, wie leuchtende
Punkte, immer schneller und schneller, so daß sie einen Feuerkreis bildeten,
der wurde kleiner, sowie die Schnelligkeit wuchs, daß er zuletzt nur eine
stillstehende Feuerkugel schien. Aus der schossen rotglühende Strahlen und
bewegten sich im farbigten Flammenspiel. „Das sind meine Glieder, die
sich regen, jetzt erwache ich!“ So dachte ich deutlich, aber in dem
Augenblick durchzuckte mich ein jäher Schmerz, helle Glockentöne
schlugen an mein Ohr. „Fliehen, weiter fort! — weiter fort!“ rief ich laut,
wollte mich schnell aufraffen, fiel aber entkräftet zurück. Jetzt erst
vermochte ich die Augen zu öffnen. Die Glockentöne dauerten fort — ich
glaubte noch im Walde zu sein, aber wie erstaunte ich, als ich die
Gegenstände rings umher, als ich mich selbst betrachtete. In dem
Ordenshabit der Kapuziner lag ich, in einem hohen, einfachen Zimmer, auf
einer wohlgepolsterten Matratze ausgestreckt. Ein paar Rohrstühle, ein
kleiner Tisch und ein ärmliches Bett waren die einzigen Gegenstände, die
sich noch im Zimmer befanden. Es wurde mir klar, daß mein bewußtloser
Zustand eine Zeitlang gedauert haben, und daß ich in demselben auf diese
oder jene Weise in ein Kloster gebracht sein mußte, das Kranke aufnehme.
Vielleicht war meine Kleidung zerrissen, und man gab mir vorläufig eine
Kutte. Der Gefahr, so schien es mir, war ich entronnen. Diese Vorstellungen
beruhigten mich ganz, und ich beschloß abzuwarten, was sich weiter
zutragen würde, da ich voraussetzen konnte, daß man bald nach dem
Kranken sehen würde. Ich fühlte mich sehr matt, sonst aber ganz
schmerzlos. Nur einige Minuten hatte ich so, zum vollkommenen
Bewußtsein erwacht, gelegen, als ich Tritte vernahm, die sich wie auf einem
Page 212
langen Gange näherten. Man schloß meine Türe auf und ich erblickte zwei
Männer, von denen einer bürgerlich gekleidet war, der andere aber den
Ordenshabit der barmherzigen Brüder trug. Sie traten schweigend auf mich
zu, der bürgerlich gekleidete sah mir scharf in die Augen und schien sehr
verwundert. „Ich bin wieder zu mir selbst gekommen, mein Herr,“ fing ich
mit matter Stimme an, „dem Himmel sei es gedankt, der mich zum Leben
erweckt hat — wo befinde ich mich aber? wie bin ich hergekommen?“ —
Ohne mir zu antworten, wandte sich der bürgerlich gekleidete zu dem
Geistlichen und sprach auf italienisch: „Das ist in der Tat erstaunenswürdig,
der Blick ist ganz geändert, die Sprache rein, nur matt ... es muß eine
besondere Krisis eingetreten sein.“ — „Mir scheint,“ erwiderte der
Geistliche, „mir scheint, als wenn die Heilung nicht mehr zweifelhaft sein
könne.“ „Das kommt,“ fuhr der bürgerlich gekleidete fort, „das kommt
darauf an, wie er sich in den nächsten Tagen hält. Verstehen Sie nicht so
viel deutsch, um mit ihm zu sprechen?“ „Leider nein,“ antwortete der
Geistliche. — „Ich verstehe und spreche italienisch,“ fiel ich ein; „sagen Sie
mir, wo bin ich, wie bin ich hergekommen?“ — Der bürgerlich gekleidete,
wie ich wohl merken konnte, ein Arzt, schien freudig verwundert. „Ah,“
rief er aus, „ah das ist gut. Ihr befindet Euch, ehrwürdiger Herr! an einem
Orte, wo man nur für Euer Wohl auf alle mögliche Weise sorgt. Ihr wurdet
vor drei Monaten in einem sehr bedenklichen Zustande hergebracht. Ihr
wart sehr krank, aber durch unsere Sorgfalt und Pflege scheint Ihr Euch auf
dem Wege der Genesung zu befinden. Haben wir das Glück, Euch ganz zu
heilen, so könnt Ihr ruhig Eure Straße fortwandeln, denn wie ich höre, wollt
Ihr nach Rom!“ — „Bin ich denn,“ frug ich weiter „in der Kleidung, die ich
trage, zu Euch gekommen?“ — „Freilich,“ erwiderte der Arzt, „aber laßt
das Fragen, beunruhigt Euch nur nicht, alles sollt Ihr erfahren, die Sorge für
Eure Gesundheit ist jetzt das vornehmlichste.“ Er faßte meinen Puls, der
Geistliche hatte unterdessen eine Tasse herbeigebracht, die er mir
darreichte. „Trinkt,“ sprach der Arzt, „und sagt mir dann, wofür Ihr das
Getränk haltet.“ — „Es ist,“ erwiderte ich, nachdem ich getrunken, „es ist
eine gar kräftig zubereitete Fleischbrühe.“ — Der Arzt lächelte zufrieden
und rief dem Geistlichen zu: „Gut, sehr gut!“ — Beide verließen mich. Nun
war meine Vermutung, wie ich glaubte, richtig. Ich befand mich in einem
öffentlichen Krankenhause. Man pflegte mich mit stärkenden
Nahrungsmitteln und kräftiger Arzenei, so daß ich nach drei Tagen
imstande war, aufzustehen. Der Geistliche öffnete ein Fenster, eine warme,
Männer, von denen einer bürgerlich gekleidet war, der andere aber den
Ordenshabit der barmherzigen Brüder trug. Sie traten schweigend auf mich
zu, der bürgerlich gekleidete sah mir scharf in die Augen und schien sehr
verwundert. „Ich bin wieder zu mir selbst gekommen, mein Herr,“ fing ich
mit matter Stimme an, „dem Himmel sei es gedankt, der mich zum Leben
erweckt hat — wo befinde ich mich aber? wie bin ich hergekommen?“ —
Ohne mir zu antworten, wandte sich der bürgerlich gekleidete zu dem
Geistlichen und sprach auf italienisch: „Das ist in der Tat erstaunenswürdig,
der Blick ist ganz geändert, die Sprache rein, nur matt ... es muß eine
besondere Krisis eingetreten sein.“ — „Mir scheint,“ erwiderte der
Geistliche, „mir scheint, als wenn die Heilung nicht mehr zweifelhaft sein
könne.“ „Das kommt,“ fuhr der bürgerlich gekleidete fort, „das kommt
darauf an, wie er sich in den nächsten Tagen hält. Verstehen Sie nicht so
viel deutsch, um mit ihm zu sprechen?“ „Leider nein,“ antwortete der
Geistliche. — „Ich verstehe und spreche italienisch,“ fiel ich ein; „sagen Sie
mir, wo bin ich, wie bin ich hergekommen?“ — Der bürgerlich gekleidete,
wie ich wohl merken konnte, ein Arzt, schien freudig verwundert. „Ah,“
rief er aus, „ah das ist gut. Ihr befindet Euch, ehrwürdiger Herr! an einem
Orte, wo man nur für Euer Wohl auf alle mögliche Weise sorgt. Ihr wurdet
vor drei Monaten in einem sehr bedenklichen Zustande hergebracht. Ihr
wart sehr krank, aber durch unsere Sorgfalt und Pflege scheint Ihr Euch auf
dem Wege der Genesung zu befinden. Haben wir das Glück, Euch ganz zu
heilen, so könnt Ihr ruhig Eure Straße fortwandeln, denn wie ich höre, wollt
Ihr nach Rom!“ — „Bin ich denn,“ frug ich weiter „in der Kleidung, die ich
trage, zu Euch gekommen?“ — „Freilich,“ erwiderte der Arzt, „aber laßt
das Fragen, beunruhigt Euch nur nicht, alles sollt Ihr erfahren, die Sorge für
Eure Gesundheit ist jetzt das vornehmlichste.“ Er faßte meinen Puls, der
Geistliche hatte unterdessen eine Tasse herbeigebracht, die er mir
darreichte. „Trinkt,“ sprach der Arzt, „und sagt mir dann, wofür Ihr das
Getränk haltet.“ — „Es ist,“ erwiderte ich, nachdem ich getrunken, „es ist
eine gar kräftig zubereitete Fleischbrühe.“ — Der Arzt lächelte zufrieden
und rief dem Geistlichen zu: „Gut, sehr gut!“ — Beide verließen mich. Nun
war meine Vermutung, wie ich glaubte, richtig. Ich befand mich in einem
öffentlichen Krankenhause. Man pflegte mich mit stärkenden
Nahrungsmitteln und kräftiger Arzenei, so daß ich nach drei Tagen
imstande war, aufzustehen. Der Geistliche öffnete ein Fenster, eine warme,
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herrliche Luft, wie ich sie nie geatmet, strömte herein, ein Garten schloß
sich an das Gebäude, herrliche fremde Bäume grünten und blühten,
Weinlaub rangte sich üppig an der Mauer empor, vor allem aber war mir der
dunkelblaue Himmel eine Erscheinung aus ferner Zauberwelt. „Wo bin ich
denn,“ rief ich voll Entzücken aus, „haben mich die Heiligen gewürdigt, in
einem Himmelslande zu wohnen?“ Der Geistliche lächelte wohlbehaglich,
indem er sprach: „Ihr seid in Italien, mein Bruder! in Italien!“ — Meine
Verwunderung wuchs bis zum höchsten Grade, ich drang in den
Geistlichen, mir genau die Umstände meines Eintritts in dies Haus zu
sagen, er wies mich an den Doktor. Der sagte mir endlich, daß vor drei
Monaten mich ein wunderlicher Mensch hergebracht und gebeten habe
mich aufzunehmen; ich befände mich nämlich in einem Krankenhause, das
von barmherzigen Brüdern verwaltet werde. Sowie ich mich mehr und mehr
erkräftigte, bemerkte ich, daß beide, der Arzt und der Geistliche, sich in
mannigfache Gespräche mit mir einließen und mir vorzüglich Gelegenheit
gaben, lange hintereinander zu erzählen. Meine ausgebreiteten Kenntnisse
in den verschiedensten Fächern des Wissens gaben mir reichen Stoff dazu,
und der Arzt lag mir an, manches niederzuschreiben, welches er dann in
meiner Gegenwart las und sehr zufrieden schien. Doch fiel es mir oft
seltsamlich auf, daß er, statt meine Arbeit selbst zu loben, immer nur sagte:
„In der Tat ... das geht gut ... ich habe mich nicht getäuscht! ... wunderbar ...
wunderbar!“ Ich durfte nun zu gewissen Stunden in den Garten hinab, wo
ich manchmal grausig entstellte, totenblasse, bis zum Geripp
ausgetrocknete Menschen, von barmherzigen Brüdern geleitet, erblickte.
Einmal begegnete mir, als ich schon im Begriff stand in das Haus
zurückzukehren, ein langer, hagerer Mann, in einem seltsamen erdgelben
Mantel, der wurde von zwei Geistlichen bei den Armen geführt, und nach
jedem Schritt machte er einen possierlichen Sprung, und pfiff dazu mit
durchdringender Stimme. Erstaunt blieb ich stehen, doch der Geistliche, der
mich begleitete, zog mich schnell fort, indem er sprach: „Kommt, kommt,
lieber Bruder Medardus! das ist nichts für Euch.“ — „Um Gott,“ rief ich
aus, „woher wißt Ihr meinen Namen?“ — Die Heftigkeit, womit ich diese
Worte ausstieß, schien mein Begleiter zu beunruhigen. „Ei,“ sprach er, „wie
sollen wir denn Euern Namen nicht wissen? Der Mann, der Euch
herbrachte, nannte ihn ja ausdrücklich, und Ihr seid eingetragen in die
Register des Hauses: Medardus, Bruder des Kapuzinerklosters zu B.“ —
Eiskalt bebte es mir durch die Glieder. Aber mochte der Unbekannte der
sich an das Gebäude, herrliche fremde Bäume grünten und blühten,
Weinlaub rangte sich üppig an der Mauer empor, vor allem aber war mir der
dunkelblaue Himmel eine Erscheinung aus ferner Zauberwelt. „Wo bin ich
denn,“ rief ich voll Entzücken aus, „haben mich die Heiligen gewürdigt, in
einem Himmelslande zu wohnen?“ Der Geistliche lächelte wohlbehaglich,
indem er sprach: „Ihr seid in Italien, mein Bruder! in Italien!“ — Meine
Verwunderung wuchs bis zum höchsten Grade, ich drang in den
Geistlichen, mir genau die Umstände meines Eintritts in dies Haus zu
sagen, er wies mich an den Doktor. Der sagte mir endlich, daß vor drei
Monaten mich ein wunderlicher Mensch hergebracht und gebeten habe
mich aufzunehmen; ich befände mich nämlich in einem Krankenhause, das
von barmherzigen Brüdern verwaltet werde. Sowie ich mich mehr und mehr
erkräftigte, bemerkte ich, daß beide, der Arzt und der Geistliche, sich in
mannigfache Gespräche mit mir einließen und mir vorzüglich Gelegenheit
gaben, lange hintereinander zu erzählen. Meine ausgebreiteten Kenntnisse
in den verschiedensten Fächern des Wissens gaben mir reichen Stoff dazu,
und der Arzt lag mir an, manches niederzuschreiben, welches er dann in
meiner Gegenwart las und sehr zufrieden schien. Doch fiel es mir oft
seltsamlich auf, daß er, statt meine Arbeit selbst zu loben, immer nur sagte:
„In der Tat ... das geht gut ... ich habe mich nicht getäuscht! ... wunderbar ...
wunderbar!“ Ich durfte nun zu gewissen Stunden in den Garten hinab, wo
ich manchmal grausig entstellte, totenblasse, bis zum Geripp
ausgetrocknete Menschen, von barmherzigen Brüdern geleitet, erblickte.
Einmal begegnete mir, als ich schon im Begriff stand in das Haus
zurückzukehren, ein langer, hagerer Mann, in einem seltsamen erdgelben
Mantel, der wurde von zwei Geistlichen bei den Armen geführt, und nach
jedem Schritt machte er einen possierlichen Sprung, und pfiff dazu mit
durchdringender Stimme. Erstaunt blieb ich stehen, doch der Geistliche, der
mich begleitete, zog mich schnell fort, indem er sprach: „Kommt, kommt,
lieber Bruder Medardus! das ist nichts für Euch.“ — „Um Gott,“ rief ich
aus, „woher wißt Ihr meinen Namen?“ — Die Heftigkeit, womit ich diese
Worte ausstieß, schien mein Begleiter zu beunruhigen. „Ei,“ sprach er, „wie
sollen wir denn Euern Namen nicht wissen? Der Mann, der Euch
herbrachte, nannte ihn ja ausdrücklich, und Ihr seid eingetragen in die
Register des Hauses: Medardus, Bruder des Kapuzinerklosters zu B.“ —
Eiskalt bebte es mir durch die Glieder. Aber mochte der Unbekannte der
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mich in das Krankenhaus gebracht hatte, sein wer er wollte, mochte er
eingeweiht sein in mein entsetzliches Geheimnis; er konnte nichts Böses
wollen, denn er hatte ja freundlich für mich gesorgt, und ich war ja frei. —
Ich lag im offenen Fenster und atmete in vollen Zügen die herrliche,
warme Luft ein, die durch Mark und Adern strömend neues Leben in mir
entzündete, als ich eine kleine, dürre Figur, ein spitzes Hütchen auf dem
Kopfe, und in einen ärmlichen, erblichenen Überrock gekleidet, den
Hauptgang nach dem Hause herauf mehr hüpfen und trippeln als gehen sah.
Als er mich erblickte, schwenkte er den Hut in der Luft und warf mir
Kußhändchen zu. Das Männlein hatte etwas Bekanntes, doch konnte ich die
Gesichtszüge nicht deutlich erkennen, und er verschwand unter den
Bäumen, ehe ich mit mir einig geworden, wer es wohl sein müsse. Doch
nicht lange dauerte es, so klopfte es an meine Türe, ich öffnete, und
dieselbe Figur, die ich im Garten gesehen trat herein. „Schönfeld,“ rief ich
voll Verwunderung, „Schönfeld, wie kommen Sie her, um des Himmels
willen?“ — Es war jener närrische Friseur aus der Handelsstadt, der mich
damals rettete aus großer Gefahr. „Ach — ach ach!“ seufzte er, indem er
sein Gesicht auf komische Weise weinerlich verzog: „Wie soll ich denn
herkommen anders, als geworfen — geschleudert von dem bösen
Verhängnis, das alle Genies verfolgt! Eines Mordes wegen mußte ich
fliehen ...“ „Eines Mordes wegen?“ unterbrach ich ihn heftig. „Ja eines
Mordes wegen,“ fuhr er fort, „ich hatte im Zorn den linken Backenbart des
jüngsten Kommerzienrates in der Stadt getötet, und dem rechten gefährliche
Wunden beigebracht.“ — „Ich bitte Sie,“ unterbrach ich ihn aufs neue,
„lassen Sie die Possen, seien Sie einmal vernünftig und erzählen Sie im
Zusammenhange oder verlassen Sie mich.“ — „Ei, lieber Bruder
Medardus,“ fing er plötzlich sehr ernst an, „du willst mich fortschicken, nun
du genesen, und mußtest mich doch in deiner Nähe leiden, als du krank
dalagst und ich dein Stubenkamerad war und in jenem Bette schlief.“ —
„Was heißt das,“ rief ich bestürzt aus, „wie kommen Sie auf den Namen
Medardus?“ — „Schauen Sie,“ sprach er lächelnd, „den rechten Zipfel Ihrer
Kutte gefälligst an.“ Ich tat es, und erstarrte vor Schreck und Erstaunen,
denn ich fand, daß der Name Medardus hineingenäht war, sowie mich, bei
genauerer Untersuchung, untrügliche Kennzeichen wahrnehmen ließen, daß
ich ganz unbezweifelt dieselbe Kutte trug, die ich auf der Flucht aus dem
Schlosse des Barons von F. in einen hohlen Baum verborgen hatte.
Schönfeld bemerkte meine innere Bewegung, er lächelte ganz seltsam; den
eingeweiht sein in mein entsetzliches Geheimnis; er konnte nichts Böses
wollen, denn er hatte ja freundlich für mich gesorgt, und ich war ja frei. —
Ich lag im offenen Fenster und atmete in vollen Zügen die herrliche,
warme Luft ein, die durch Mark und Adern strömend neues Leben in mir
entzündete, als ich eine kleine, dürre Figur, ein spitzes Hütchen auf dem
Kopfe, und in einen ärmlichen, erblichenen Überrock gekleidet, den
Hauptgang nach dem Hause herauf mehr hüpfen und trippeln als gehen sah.
Als er mich erblickte, schwenkte er den Hut in der Luft und warf mir
Kußhändchen zu. Das Männlein hatte etwas Bekanntes, doch konnte ich die
Gesichtszüge nicht deutlich erkennen, und er verschwand unter den
Bäumen, ehe ich mit mir einig geworden, wer es wohl sein müsse. Doch
nicht lange dauerte es, so klopfte es an meine Türe, ich öffnete, und
dieselbe Figur, die ich im Garten gesehen trat herein. „Schönfeld,“ rief ich
voll Verwunderung, „Schönfeld, wie kommen Sie her, um des Himmels
willen?“ — Es war jener närrische Friseur aus der Handelsstadt, der mich
damals rettete aus großer Gefahr. „Ach — ach ach!“ seufzte er, indem er
sein Gesicht auf komische Weise weinerlich verzog: „Wie soll ich denn
herkommen anders, als geworfen — geschleudert von dem bösen
Verhängnis, das alle Genies verfolgt! Eines Mordes wegen mußte ich
fliehen ...“ „Eines Mordes wegen?“ unterbrach ich ihn heftig. „Ja eines
Mordes wegen,“ fuhr er fort, „ich hatte im Zorn den linken Backenbart des
jüngsten Kommerzienrates in der Stadt getötet, und dem rechten gefährliche
Wunden beigebracht.“ — „Ich bitte Sie,“ unterbrach ich ihn aufs neue,
„lassen Sie die Possen, seien Sie einmal vernünftig und erzählen Sie im
Zusammenhange oder verlassen Sie mich.“ — „Ei, lieber Bruder
Medardus,“ fing er plötzlich sehr ernst an, „du willst mich fortschicken, nun
du genesen, und mußtest mich doch in deiner Nähe leiden, als du krank
dalagst und ich dein Stubenkamerad war und in jenem Bette schlief.“ —
„Was heißt das,“ rief ich bestürzt aus, „wie kommen Sie auf den Namen
Medardus?“ — „Schauen Sie,“ sprach er lächelnd, „den rechten Zipfel Ihrer
Kutte gefälligst an.“ Ich tat es, und erstarrte vor Schreck und Erstaunen,
denn ich fand, daß der Name Medardus hineingenäht war, sowie mich, bei
genauerer Untersuchung, untrügliche Kennzeichen wahrnehmen ließen, daß
ich ganz unbezweifelt dieselbe Kutte trug, die ich auf der Flucht aus dem
Schlosse des Barons von F. in einen hohlen Baum verborgen hatte.
Schönfeld bemerkte meine innere Bewegung, er lächelte ganz seltsam; den
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Zeigefinger an die Nase gelegt, sich auf den Fußspitzen erhebend, schaute
er mir ins Auge; ich blieb sprachlos, da fing er leise und bedächtig an: „Ew.
Ehrwürden wundern sich merklich über das schöne Kleid, das Ihnen
angelegt worden, es scheint Ihnen überall wunderbar anzustehen und zu
passen, besser als jenes nußbraune Kleid mit schnöden besponnenen
Knöpfen, das mein ernsthafter, vernünftiger Damon Ihnen anlegte ... Ich ...
ich ... der verkannte, verbannte Pietro Belcampo war es, der Eure Blöße
deckte mit diesem Kleide. Bruder Medardus! Ihr wart nicht im
sonderlichsten Zustande, denn als Überrock — Spenzer — englischen
Frack trugt Ihr simplerweise Eure eigne Haut, und an schickliche Frisur war
nicht zu denken, da Ihr, eingreifend in meine Kunst, Euern Karakalla mit
dem zehnzahnigten Kamm, der Euch an die Fäuste gewachsen, selbst
besorgtet.“ — „Laßt die Narrheiten,“ fuhr ich auf, „laßt die Narrheiten,
Schönfeld“ ... „Pietro Belcampo heiße ich,“ unterbrach er mich in vollem
Zorne, „ja Pietro Belcampo, hier in Italien, und du magst es nur wissen,
Medardus, ich selbst, ich selbst bin die Narrheit, die ist überall hinter dir
her, um deiner Vernunft beizustehen, und du magst es nun einsehen oder
nicht, in der Narrheit findest du nur dein Heil, denn deine Vernunft ist ein
höchst miserables Ding und kann sich nicht aufrecht erhalten, sie taumelt
hin und her wie ein gebrechliches Kind und muß mit der Narrheit in
Kompanie treten, die hilft ihr auf und weiß den richtigen Weg zu finden
nach der Heimat — das ist das Tollhaus, da sind wir beide richtig angelangt,
mein Brüderchen Medardus.“ — Ich schauderte zusammen, ich dachte an
die Gestalten, die ich gesehen; an den springenden Mann im erdgelben
Mantel, und konnte nicht zweifeln, daß Schönfeld in seinem Wahnsinn mir
die Wahrheit sagte. „Ja, mein Brüderchen Medardus,“ fuhr Schönfeld mit
erhobeneer Stimme und heftig gestikulierend fort: „Ja, mein liebes
Brüderchen. Die Narrheit erscheint auf Erden, wie die wahre
Geisterkönigin. Die Vernunft ist nur ein träger Statthalter, der sich nie
darum kümmert, was außer den Grenzen des Reichs vorgeht, der nur aus
Langeweile auf dem Paradeplatz die Soldaten exerzieren läßt, die können
nachher keinen ordentlichen Schuß tun, wenn der Feind eindringt von
außen. Aber die Narrheit, die wahre Königin des Volks zieht ein mit Pauken
und Trompeten: hussa hussa! — hinter ihr her Jubel — Jubel — Die
Vasallen erheben sich von den Plätzen, wo sie die Vernunft einsperrte, und
wollen nicht mehr stehen, sitzen und liegen wie der pedantische Hofmeister
es will; der sieht die Nummern durch und spricht: Seht die Narrheit hat mir
er mir ins Auge; ich blieb sprachlos, da fing er leise und bedächtig an: „Ew.
Ehrwürden wundern sich merklich über das schöne Kleid, das Ihnen
angelegt worden, es scheint Ihnen überall wunderbar anzustehen und zu
passen, besser als jenes nußbraune Kleid mit schnöden besponnenen
Knöpfen, das mein ernsthafter, vernünftiger Damon Ihnen anlegte ... Ich ...
ich ... der verkannte, verbannte Pietro Belcampo war es, der Eure Blöße
deckte mit diesem Kleide. Bruder Medardus! Ihr wart nicht im
sonderlichsten Zustande, denn als Überrock — Spenzer — englischen
Frack trugt Ihr simplerweise Eure eigne Haut, und an schickliche Frisur war
nicht zu denken, da Ihr, eingreifend in meine Kunst, Euern Karakalla mit
dem zehnzahnigten Kamm, der Euch an die Fäuste gewachsen, selbst
besorgtet.“ — „Laßt die Narrheiten,“ fuhr ich auf, „laßt die Narrheiten,
Schönfeld“ ... „Pietro Belcampo heiße ich,“ unterbrach er mich in vollem
Zorne, „ja Pietro Belcampo, hier in Italien, und du magst es nur wissen,
Medardus, ich selbst, ich selbst bin die Narrheit, die ist überall hinter dir
her, um deiner Vernunft beizustehen, und du magst es nun einsehen oder
nicht, in der Narrheit findest du nur dein Heil, denn deine Vernunft ist ein
höchst miserables Ding und kann sich nicht aufrecht erhalten, sie taumelt
hin und her wie ein gebrechliches Kind und muß mit der Narrheit in
Kompanie treten, die hilft ihr auf und weiß den richtigen Weg zu finden
nach der Heimat — das ist das Tollhaus, da sind wir beide richtig angelangt,
mein Brüderchen Medardus.“ — Ich schauderte zusammen, ich dachte an
die Gestalten, die ich gesehen; an den springenden Mann im erdgelben
Mantel, und konnte nicht zweifeln, daß Schönfeld in seinem Wahnsinn mir
die Wahrheit sagte. „Ja, mein Brüderchen Medardus,“ fuhr Schönfeld mit
erhobeneer Stimme und heftig gestikulierend fort: „Ja, mein liebes
Brüderchen. Die Narrheit erscheint auf Erden, wie die wahre
Geisterkönigin. Die Vernunft ist nur ein träger Statthalter, der sich nie
darum kümmert, was außer den Grenzen des Reichs vorgeht, der nur aus
Langeweile auf dem Paradeplatz die Soldaten exerzieren läßt, die können
nachher keinen ordentlichen Schuß tun, wenn der Feind eindringt von
außen. Aber die Narrheit, die wahre Königin des Volks zieht ein mit Pauken
und Trompeten: hussa hussa! — hinter ihr her Jubel — Jubel — Die
Vasallen erheben sich von den Plätzen, wo sie die Vernunft einsperrte, und
wollen nicht mehr stehen, sitzen und liegen wie der pedantische Hofmeister
es will; der sieht die Nummern durch und spricht: Seht die Narrheit hat mir
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meine besten Eleven entrückt — fortgerückt — verrückt — ja sie sind
verrückt worden. Das ist ein Wortspiel, Brüderlein Medardus — ein
Wortspiel ist ein glühendes Lockeneisen in der Hand der Narrheit, womit
sie Gedanken krümmt.“ — „Noch einmal,“ fiel ich dem albernen Schönfeld
in die Rede, noch einmal bitte ich Euch, das unsinnige Geschwätz zu lassen,
wenn Ihr es vermöget, und mir zu sagen, wie Ihr hergekommen seid, und
was Ihr von mir und dem Kleide wißt, das ich trage.“ — Ich hatte ihn bei
diesen Worten mit beiden Händen gefaßt und in einen Stuhl gedrückt. Er
schien sich zu besinnen, indem er die Augen niederschlug und tief Atem
schöpfte. „Ich habe Ihnen,“ fing er dann mit leiser, matter Stimme an, „ich
habe Ihnen das Leben zum zweitenmal gerettet, ich war es ja, der Ihrer
Flucht aus der Handelsstadt behilflich war, ich war es wiederum, der Sie
herbrachte.“ — „Aber um Gottes, um der Heiligen willen, wo fanden Sie
mich?“ — So rief ich laut aus, indem ich ihn losriß, doch in dem
Augenblick sprang er auf und schrie mit funkelnden Augen: „Ei, Bruder
Medardus, hätt’ ich dich nicht, klein und schwach, wie ich bin, auf meinen
Schultern fortgeschleppt, du lägest mit zerschmetterten Gliedern auf dem
Rade.“ — Ich erbebte — wie vernichtet sank ich in den Stuhl, die Türe
öffnete sich und hastig trat der mich pflegende Geistliche herein. „Wie
kommt Ihr hierher? wer hat Euch erlaubt, dies Zimmer zu betreten?“ So
fuhr er auf Belcampo los, dem stürzten aber die Tränen aus den Augen und
er sprach mit flehentlicher Stimme: „Ach, mein ehrwürdiger Herr! nicht
länger konnte ich dem Drange widerstehen, meinen Freund zu sprechen,
den ich dringender Todesgefahr entrissen!“ Ich ermannte mich. „Sagt mir,
mein lieber Bruder!“ sprach ich zu dem Geistlichen, „hat mich dieser Mann
wirklich hergebracht?“ — Er stockte. — „Ich weiß jetzt, wo ich mich
befinde,“ fuhr ich fort, „ich kann vermuten, daß ich im schrecklichsten
Zustande war, den es gibt, aber Ihr merkt, daß ich vollkommen genesen,
und so darf ich nun wohl alles erfahren, was man mir bis jetzt absichtlich
verschweigen mochte, weil man mich für zu reizbar hielt.“ „So ist es in der
Tat,“ antwortete der Geistliche, „dieser Mann brachte Euch, es mögen
ungefähr drei bis viertehalb Monate her sein, in unsere Anstalt. Er hatte
Euch, wie er erzählte, für tot in dem Walde, der vier Meilen von hier das
...sche von unserm Gebiet scheidet, gefunden, und Euch für den ihm früher
bekannten Kapuzinermönch Medardus aus dem Kloster zu B. erkannt, der
auf einer Reise nach Rom durch den Ort kam, wo er sonst wohnte. Ihr
befandet Euch in einem vollkommen apathischen Zustande. Ihr gingt, wenn
verrückt worden. Das ist ein Wortspiel, Brüderlein Medardus — ein
Wortspiel ist ein glühendes Lockeneisen in der Hand der Narrheit, womit
sie Gedanken krümmt.“ — „Noch einmal,“ fiel ich dem albernen Schönfeld
in die Rede, noch einmal bitte ich Euch, das unsinnige Geschwätz zu lassen,
wenn Ihr es vermöget, und mir zu sagen, wie Ihr hergekommen seid, und
was Ihr von mir und dem Kleide wißt, das ich trage.“ — Ich hatte ihn bei
diesen Worten mit beiden Händen gefaßt und in einen Stuhl gedrückt. Er
schien sich zu besinnen, indem er die Augen niederschlug und tief Atem
schöpfte. „Ich habe Ihnen,“ fing er dann mit leiser, matter Stimme an, „ich
habe Ihnen das Leben zum zweitenmal gerettet, ich war es ja, der Ihrer
Flucht aus der Handelsstadt behilflich war, ich war es wiederum, der Sie
herbrachte.“ — „Aber um Gottes, um der Heiligen willen, wo fanden Sie
mich?“ — So rief ich laut aus, indem ich ihn losriß, doch in dem
Augenblick sprang er auf und schrie mit funkelnden Augen: „Ei, Bruder
Medardus, hätt’ ich dich nicht, klein und schwach, wie ich bin, auf meinen
Schultern fortgeschleppt, du lägest mit zerschmetterten Gliedern auf dem
Rade.“ — Ich erbebte — wie vernichtet sank ich in den Stuhl, die Türe
öffnete sich und hastig trat der mich pflegende Geistliche herein. „Wie
kommt Ihr hierher? wer hat Euch erlaubt, dies Zimmer zu betreten?“ So
fuhr er auf Belcampo los, dem stürzten aber die Tränen aus den Augen und
er sprach mit flehentlicher Stimme: „Ach, mein ehrwürdiger Herr! nicht
länger konnte ich dem Drange widerstehen, meinen Freund zu sprechen,
den ich dringender Todesgefahr entrissen!“ Ich ermannte mich. „Sagt mir,
mein lieber Bruder!“ sprach ich zu dem Geistlichen, „hat mich dieser Mann
wirklich hergebracht?“ — Er stockte. — „Ich weiß jetzt, wo ich mich
befinde,“ fuhr ich fort, „ich kann vermuten, daß ich im schrecklichsten
Zustande war, den es gibt, aber Ihr merkt, daß ich vollkommen genesen,
und so darf ich nun wohl alles erfahren, was man mir bis jetzt absichtlich
verschweigen mochte, weil man mich für zu reizbar hielt.“ „So ist es in der
Tat,“ antwortete der Geistliche, „dieser Mann brachte Euch, es mögen
ungefähr drei bis viertehalb Monate her sein, in unsere Anstalt. Er hatte
Euch, wie er erzählte, für tot in dem Walde, der vier Meilen von hier das
...sche von unserm Gebiet scheidet, gefunden, und Euch für den ihm früher
bekannten Kapuzinermönch Medardus aus dem Kloster zu B. erkannt, der
auf einer Reise nach Rom durch den Ort kam, wo er sonst wohnte. Ihr
befandet Euch in einem vollkommen apathischen Zustande. Ihr gingt, wenn
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man Euch führte, Ihr bliebt stehen, wenn man Euch losließ, Ihr setztet, Ihr
legtet Euch nieder, wenn man Euch die Richtung gab. Speise und Trank
mußte man Euch einflößen. Nur dumpfe, unverständliche Laute vermochtet
Ihr auszustoßen, Euer Blick schien ohne alle Sehkraft. Belcampo verließ
Euch nicht, sondern war Euer treuer Wärter. Nach vier Wochen fielt Ihr in
die schrecklichste Raserei, man war genötigt, Euch in eins der dazu
bestimmten abgelegeneren Gemächer zu bringen. Ihr wahret dem wilden
Tier gleich — doch nicht näher mag ich Euch einen Zustand schildern,
dessen Erinnerung Euch vielleicht zu schmerzlich sein würde. Nach vier
Wochen kehrte plötzlich jener apathische Zustand wieder, der in eine
vollkommene Starrsucht überging, aus der Ihr genesen erwachtet.“ —
Schönfeld hatte sich während dieser Erzählung des Geistlichen gesetzt, und,
wie in tiefes Nachdenken versunken, den Kopf in die Hand gestützt. „Ja,“
fing er an, „ich weiß recht gut, daß ich zuweilen ein aberwitziger Narr bin,
aber die Luft im Tollhause, vernünftigen Leuten verderblich, hat gar gut auf
mich gewirkt. Ich fange an, über mich selbst zu räsonnieren, und das ist
kein übles Zeichen. Existiere ich überhaupt nur durch mein eignes
Bewußtsein, so kommt es nur darauf an, daß dies Bewußtsein dem
Bewußten die Hanswurstjacke ausziehe, und ich selbst stehe da als solider
Gentleman. — O Gott! — ist aber ein genialer Friseur nicht schon an und
vor sich selbst ein gesetzter Hasenfuß? — Hasenfüßigkeit schützt vor allem
Wahnsinn, und ich kann Euch versichern, ehrwürdiger Herr, daß ich auch
bei Nordnordwest einen Kirchturm von einem Leuchtenpfahl genau zu
unterscheiden vermag.“ — „Ist dem wirklich so,“ sprach ich, „so beweisen
Sie es dadurch, daß Sie mir ruhig den Hergang der Sache erzählen, wie Sie
mich fanden und wie Sie mich herbrachten.“ „Das will ich tun,“ erwiderte
Schönfeld, „unerachtet der geistliche Herr hier ein gar besorgliches Gesicht
schneidet; erlaube aber, Bruder Medardus, daß ich dich, als meinen
Schützling, mit dem vertraulichen Du anrede. — Der fremde Maler war den
andern Morgen, nachdem du in der Nacht entflohen, auch mit seiner
Gemäldesammlung auf unbeschreibliche Weise verschwunden. So sehr die
Sache überhaupt anfangs Aufsehen erregt hatte, so bald war sie doch im
Strome neuer Begebenheiten untergegangen. Nur als der Mord auf dem
Schlosse des Barons F. bekannt wurde; als die ...schen Gerichte durch
Steckbriefe den Mönch Medardus aus dem Kapuzinerkloster zu B.
verfolgten, da erinnerte man sich daran, daß der Maler die ganze Geschichte
im Weinhause erzählt und in dir den Bruder Medardus erkannt hatte. Der
legtet Euch nieder, wenn man Euch die Richtung gab. Speise und Trank
mußte man Euch einflößen. Nur dumpfe, unverständliche Laute vermochtet
Ihr auszustoßen, Euer Blick schien ohne alle Sehkraft. Belcampo verließ
Euch nicht, sondern war Euer treuer Wärter. Nach vier Wochen fielt Ihr in
die schrecklichste Raserei, man war genötigt, Euch in eins der dazu
bestimmten abgelegeneren Gemächer zu bringen. Ihr wahret dem wilden
Tier gleich — doch nicht näher mag ich Euch einen Zustand schildern,
dessen Erinnerung Euch vielleicht zu schmerzlich sein würde. Nach vier
Wochen kehrte plötzlich jener apathische Zustand wieder, der in eine
vollkommene Starrsucht überging, aus der Ihr genesen erwachtet.“ —
Schönfeld hatte sich während dieser Erzählung des Geistlichen gesetzt, und,
wie in tiefes Nachdenken versunken, den Kopf in die Hand gestützt. „Ja,“
fing er an, „ich weiß recht gut, daß ich zuweilen ein aberwitziger Narr bin,
aber die Luft im Tollhause, vernünftigen Leuten verderblich, hat gar gut auf
mich gewirkt. Ich fange an, über mich selbst zu räsonnieren, und das ist
kein übles Zeichen. Existiere ich überhaupt nur durch mein eignes
Bewußtsein, so kommt es nur darauf an, daß dies Bewußtsein dem
Bewußten die Hanswurstjacke ausziehe, und ich selbst stehe da als solider
Gentleman. — O Gott! — ist aber ein genialer Friseur nicht schon an und
vor sich selbst ein gesetzter Hasenfuß? — Hasenfüßigkeit schützt vor allem
Wahnsinn, und ich kann Euch versichern, ehrwürdiger Herr, daß ich auch
bei Nordnordwest einen Kirchturm von einem Leuchtenpfahl genau zu
unterscheiden vermag.“ — „Ist dem wirklich so,“ sprach ich, „so beweisen
Sie es dadurch, daß Sie mir ruhig den Hergang der Sache erzählen, wie Sie
mich fanden und wie Sie mich herbrachten.“ „Das will ich tun,“ erwiderte
Schönfeld, „unerachtet der geistliche Herr hier ein gar besorgliches Gesicht
schneidet; erlaube aber, Bruder Medardus, daß ich dich, als meinen
Schützling, mit dem vertraulichen Du anrede. — Der fremde Maler war den
andern Morgen, nachdem du in der Nacht entflohen, auch mit seiner
Gemäldesammlung auf unbeschreibliche Weise verschwunden. So sehr die
Sache überhaupt anfangs Aufsehen erregt hatte, so bald war sie doch im
Strome neuer Begebenheiten untergegangen. Nur als der Mord auf dem
Schlosse des Barons F. bekannt wurde; als die ...schen Gerichte durch
Steckbriefe den Mönch Medardus aus dem Kapuzinerkloster zu B.
verfolgten, da erinnerte man sich daran, daß der Maler die ganze Geschichte
im Weinhause erzählt und in dir den Bruder Medardus erkannt hatte. Der
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Wirt des Hotels, wo du gewohnt hattest, bestätigte die Vermutung, daß ich
deiner Flucht förderlich gewesen war. Man wurde auf mich aufmerksam,
man wollte mich ins Gefängnis setzen. Leicht war mir der Entschluß, dem
elenden Leben, das schon längst mich zu Boden gedrückt hatte, zu
entfliehen. Ich beschloß, nach Italien zu gehen, wo es Abbates und Frisuren
gibt. Auf meinem Wege dahin sah ich dich in der Residenz des Fürsten von
***. Man sprach von deiner Vermählung mit Aurelien und von der
Hinrichtung des Mönchs Medardus. Ich sah auch diesen Mönch — Nun! —
dem sei wie ihm wolle, ich halte dich nun einmal für den wahren Medardus.
Ich stellte mich dir in den Weg, du bemerktest mich nicht, und ich verließ
die Residenz, um meine Straße weiter zu verfolgen. Nach langer Reise
rüstete ich mich einst in frühster Morgendämmerung, den Wald zu
durchwandern, der in düstrer Schwärze vor mir lag. Eben brachen die ersten
Strahlen der Morgensonne hervor, als es in dem dicken Gebüsch rauschte
und ein Mensch mit zerzaustem Kopfhaar und Bart, aber in zierlicher
Kleidung, bei mir vorübersprang. Sein Blick war wild und verstört, im
Augenblick war er mir aus dem Gesicht verschwunden. Ich schritt weiter
fort, doch wie entsetzte ich mich, als ich dicht vor mir eine nackte
menschliche Figur ausgestreckt auf dem Boden erblickte. Ich glaubte, es sei
ein Mord geschehen und der Fliehende sei der Mörder. Ich bückte mich
herab zu dem Nackten, erkannte dich und wurde gewahr, daß du leise
atmetest. Dicht bei dir lag die Mönchskutte, die du jetzt trägst; mit vieler
Mühe kleidete ich dich darin und schleppte dich weiter fort. Endlich
erwachtest du aus tiefer Ohnmacht, du bliebst aber in dem Zustande, wie
ihn dir der ehrwürdige Herr hier erst beschrieben. Es kostete keine geringe
Anstrengung, dich fortzuschaffen, und so kam es, daß ich erst am Abende
eine Schenke erreichte, die mitten im Walde liegt. Wie schlaftrunken ließ
ich dich auf einem Rasenplatz zurück, und ging hinein, um Speise und
Trank zu holen. In der Schenke saßen ***sche Dragoner, die sollten, wie
die Wirtin sagte, einem Mönch bis an die Grenze nachspüren, der auf
unbegreifliche Weise in dem Augenblicke entflohen sei, als er schwerer
Verbrechen halber in *** hätte hingerichtet werden sollen. Ein Geheimnis
war es mir, wie du aus der Residenz in den Wald kamst, aber die
Überzeugung, da seist eben der Medardus, den man suche, hieß mich alle
Sorgfalt anwenden, dich der Gefahr, in der du mir zu schweben schienst, zu
entreißen. Durch Schleichwege schaffte ich dich fort, über die Grenze, und
kam endlich mit dir in dies Haus, wo man dich und auch mich aufnahm, da
deiner Flucht förderlich gewesen war. Man wurde auf mich aufmerksam,
man wollte mich ins Gefängnis setzen. Leicht war mir der Entschluß, dem
elenden Leben, das schon längst mich zu Boden gedrückt hatte, zu
entfliehen. Ich beschloß, nach Italien zu gehen, wo es Abbates und Frisuren
gibt. Auf meinem Wege dahin sah ich dich in der Residenz des Fürsten von
***. Man sprach von deiner Vermählung mit Aurelien und von der
Hinrichtung des Mönchs Medardus. Ich sah auch diesen Mönch — Nun! —
dem sei wie ihm wolle, ich halte dich nun einmal für den wahren Medardus.
Ich stellte mich dir in den Weg, du bemerktest mich nicht, und ich verließ
die Residenz, um meine Straße weiter zu verfolgen. Nach langer Reise
rüstete ich mich einst in frühster Morgendämmerung, den Wald zu
durchwandern, der in düstrer Schwärze vor mir lag. Eben brachen die ersten
Strahlen der Morgensonne hervor, als es in dem dicken Gebüsch rauschte
und ein Mensch mit zerzaustem Kopfhaar und Bart, aber in zierlicher
Kleidung, bei mir vorübersprang. Sein Blick war wild und verstört, im
Augenblick war er mir aus dem Gesicht verschwunden. Ich schritt weiter
fort, doch wie entsetzte ich mich, als ich dicht vor mir eine nackte
menschliche Figur ausgestreckt auf dem Boden erblickte. Ich glaubte, es sei
ein Mord geschehen und der Fliehende sei der Mörder. Ich bückte mich
herab zu dem Nackten, erkannte dich und wurde gewahr, daß du leise
atmetest. Dicht bei dir lag die Mönchskutte, die du jetzt trägst; mit vieler
Mühe kleidete ich dich darin und schleppte dich weiter fort. Endlich
erwachtest du aus tiefer Ohnmacht, du bliebst aber in dem Zustande, wie
ihn dir der ehrwürdige Herr hier erst beschrieben. Es kostete keine geringe
Anstrengung, dich fortzuschaffen, und so kam es, daß ich erst am Abende
eine Schenke erreichte, die mitten im Walde liegt. Wie schlaftrunken ließ
ich dich auf einem Rasenplatz zurück, und ging hinein, um Speise und
Trank zu holen. In der Schenke saßen ***sche Dragoner, die sollten, wie
die Wirtin sagte, einem Mönch bis an die Grenze nachspüren, der auf
unbegreifliche Weise in dem Augenblicke entflohen sei, als er schwerer
Verbrechen halber in *** hätte hingerichtet werden sollen. Ein Geheimnis
war es mir, wie du aus der Residenz in den Wald kamst, aber die
Überzeugung, da seist eben der Medardus, den man suche, hieß mich alle
Sorgfalt anwenden, dich der Gefahr, in der du mir zu schweben schienst, zu
entreißen. Durch Schleichwege schaffte ich dich fort, über die Grenze, und
kam endlich mit dir in dies Haus, wo man dich und auch mich aufnahm, da
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ich erklärte, mich von dir nicht trennen zu wollen. Hier warst du sicher,
denn in keiner Art hätte man den aufgenommenen Kranken fremden
Gerichten ausgeliefert. Mit deinen fünf Sinnen war es nicht sonderlich
bestellt, als ich hier im Zimmer bei dir wohnte und dich pflegte. Auch die
Bewegung deiner Gliedmaßen war nicht zu rühmen, Noverre und Vestris
hätten dich tief verachtet, denn dein Kopf hing auf die Brust, und wollte
man dich gerade aufrichten, so stülptest du um, wie ein mißratner Kegel.
Auch mit der Rednergabe ging es höchst traurig, denn du warst verdammt
einsilbig und sagtest in aufgeräumten Stunden nur „Hu hu! und Me ... me
...“, woraus dein Wollen und Denken nicht sonderlich zu vernehmen und
beinahe zu glauben, beides sei dir untreu geworden und vagabondiere auf
seine eigene Hand oder seinen eignen Fuß. Endlich wurdest du mit einem
Mal überaus lustig, du sprangst hoch in die Lüfte, brülltest vor lauter
Entzücken und rissest dir die Kutte vom Leibe, um frei zu sein von jeder
naturbeschränkenden Fessel — dein Appetit ...“ „Halten Sie ein,
Schönfeld,“ unterbrach ich den entsetzlichen Witzling, „halten Sie ein! Man
hat mich schon von dem fürchterlichen Zustande, in den ich versunken,
unterrichtet. Dank sei es der ewigen Langmut und Gnade des Herren, Dank
sei es der Fürsprache der Gebenedeiten und der Heiligen, daß ich errettet
worden bin!“ — „Ei, ehrwürdiger Herr!“ fuhr Schönfeld fort, „was haben
Sie denn nun davon; ich meine von der besonderen Geistesfunktion, die
man Bewußtsein nennt, und die nichts anders ist, als die verfluchte
Tätigkeit eines verdammten Toreinnehmers — Akziseoffizianten —
Oberkontrollassistenten, der sein heilloses Comptoir im Oberstübchen
aufgeschlagen hat, und zu aller Ware, die hinaus will, sagt: hei ... hei ... die
Ausfuhr ist verboten ... im Lande, im Lande bleibt’s. — Die schönsten
Juwelen werden wie schnöde Saatkörner in die Erde gesteckt und was
emporschießt, sind höchstens Runkelrüben, aus denen die Praxis mit
tausend Zentner schwerem Gewicht eine Viertel Unze übelschmeckenden
Zucker preßt ... Hei hei ... und doch sollte jene Ausfuhr einen
Handelsverkehr begründen mit der herrlichen Gottesstadt da droben, wo
alles stolz und herrlich ist! — Gott im Himmel! Herr! Allen meinen teuer
erkauften Puder à la Maréchal oder à la Pompadour, oder à la reine de
Golconde hätte ich in den Fluß geworfen, wo er am tiefsten ist, hätte ich nur
wenigstens durch Transitohandel ein Quentlein Sonnenstäubchen von
dorther bekommen können, um die Perücken höchst gebildeter Professoren
und Schulkollegen zu pudern, zuvörderst aber meine eigne! — Was sage
denn in keiner Art hätte man den aufgenommenen Kranken fremden
Gerichten ausgeliefert. Mit deinen fünf Sinnen war es nicht sonderlich
bestellt, als ich hier im Zimmer bei dir wohnte und dich pflegte. Auch die
Bewegung deiner Gliedmaßen war nicht zu rühmen, Noverre und Vestris
hätten dich tief verachtet, denn dein Kopf hing auf die Brust, und wollte
man dich gerade aufrichten, so stülptest du um, wie ein mißratner Kegel.
Auch mit der Rednergabe ging es höchst traurig, denn du warst verdammt
einsilbig und sagtest in aufgeräumten Stunden nur „Hu hu! und Me ... me
...“, woraus dein Wollen und Denken nicht sonderlich zu vernehmen und
beinahe zu glauben, beides sei dir untreu geworden und vagabondiere auf
seine eigene Hand oder seinen eignen Fuß. Endlich wurdest du mit einem
Mal überaus lustig, du sprangst hoch in die Lüfte, brülltest vor lauter
Entzücken und rissest dir die Kutte vom Leibe, um frei zu sein von jeder
naturbeschränkenden Fessel — dein Appetit ...“ „Halten Sie ein,
Schönfeld,“ unterbrach ich den entsetzlichen Witzling, „halten Sie ein! Man
hat mich schon von dem fürchterlichen Zustande, in den ich versunken,
unterrichtet. Dank sei es der ewigen Langmut und Gnade des Herren, Dank
sei es der Fürsprache der Gebenedeiten und der Heiligen, daß ich errettet
worden bin!“ — „Ei, ehrwürdiger Herr!“ fuhr Schönfeld fort, „was haben
Sie denn nun davon; ich meine von der besonderen Geistesfunktion, die
man Bewußtsein nennt, und die nichts anders ist, als die verfluchte
Tätigkeit eines verdammten Toreinnehmers — Akziseoffizianten —
Oberkontrollassistenten, der sein heilloses Comptoir im Oberstübchen
aufgeschlagen hat, und zu aller Ware, die hinaus will, sagt: hei ... hei ... die
Ausfuhr ist verboten ... im Lande, im Lande bleibt’s. — Die schönsten
Juwelen werden wie schnöde Saatkörner in die Erde gesteckt und was
emporschießt, sind höchstens Runkelrüben, aus denen die Praxis mit
tausend Zentner schwerem Gewicht eine Viertel Unze übelschmeckenden
Zucker preßt ... Hei hei ... und doch sollte jene Ausfuhr einen
Handelsverkehr begründen mit der herrlichen Gottesstadt da droben, wo
alles stolz und herrlich ist! — Gott im Himmel! Herr! Allen meinen teuer
erkauften Puder à la Maréchal oder à la Pompadour, oder à la reine de
Golconde hätte ich in den Fluß geworfen, wo er am tiefsten ist, hätte ich nur
wenigstens durch Transitohandel ein Quentlein Sonnenstäubchen von
dorther bekommen können, um die Perücken höchst gebildeter Professoren
und Schulkollegen zu pudern, zuvörderst aber meine eigne! — Was sage
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ich? hätte mein Damon Ihnen, ehrwürdigster aller ehrwürdigen Mönche,
statt des flohfarbnen Fracks einen Sonnenmatin umhängen können, in dem
die reichen, übermütigen Bürger der Gottesstadt zu Stuhle gehen,
wahrhaftig es wäre, was Anstand und Würde betrifft, alles anders
gekommen; aber so hielt Sie die Welt für einen gemeinen glebae adscriptus
und den Teufel für Ihren Cousin germain.“ — Schönfeld war aufgestanden
und ging, oder hüpfte vielmehr, stark gestikulierend und tolle Gesichter
schneidend, von einer Ecke des Zimmers zur andern. Er war im vollen
Zuge, wie gewöhnlich, sich in der Narrheit durch die Narrheit zu
entzünden, ich faßte ihn daher bei beiden Händen und sprach: „Willst du
dich denn durchaus statt meiner hier einbürgern? Ist es denn nicht möglich,
nach einer Minute verständigen Ernstes das Possenhafte zu lassen?“ Er
lächelte auf seltsame Weise und sagte: „Ist wirklich alles so albern, was ich
spreche, wenn mir der Geist kommt?“ — „Das ist ja eben das Unglück,“
erwiderte ich, „daß deinen Fratzen oft tiefer Sinn zum Grunde liegt, aber du
vertrödelst und verbrämst alles mit solch buntem Zeuge, daß ein guter, in
echter Farbe gehaltener Gedanke lächerlich und unscheinbar wird, wie ein
mit scheckigen Fetzen behängtes Kleid. — Du kannst, wie ein Betrunkener,
nicht auf gerader Schnur gehen, du springst hinüber und herüber — deine
Richtung ist schief!“ — „Was ist Richtung,“ unterbrach mich Schönfeld
leise, und fortlächelnd mit bittersüßer Miene. „Was ist Richtung,
ehrwürdiger Kapuziner? Richtung setzt ein Ziel voraus, nach dem wir
unsere Richtung nehmen. Sind Sie Ihres Ziels gewiß, teurer Mönch? —
fürchten Sie nicht, daß Sie bisweilen zu wenig Katzenhirn zu sich
genommen, statt dessen aber im Wirtshause neben der gezogenen Schnur zu
viel Spirituöses genossen, und nun wie ein schwindliger Turmdecker zwei
Ziele sehn, ohne zu wissen, welches das rechte? — Überdem, Kapuziner!
vergib es meinem Stande, daß ich das Possenhafte als eine angenehme
Beimischung, spanischen Pfeffer zum Blumenkohl, in mir trage. Ohne das
ist ein Haarkünstler eine erbärmliche Figur, ein armseliger Dummkopf, der
das Privilegium in der Tasche trägt, ohne es zu nutzen zu seiner Lust und
Freude.“ Der Geistliche hatte bald mich, bald den grimassierenden
Schönfeld mit Aufmerksamkeit betrachtet; er verstand, da wir deutsch
sprachen, kein Wort; jetzt unterbrach er unser Gespräch. „Verzeihet, meine
Herren! wenn es meine Pflicht heischt, eine Unterredung zu enden, die euch
beiden unmöglich wohl tun kann. Ihr seid, mein Bruder, noch zu sehr
geschwächt, um von Dingen, die wahrscheinlich aus Euerm frühern Leben
statt des flohfarbnen Fracks einen Sonnenmatin umhängen können, in dem
die reichen, übermütigen Bürger der Gottesstadt zu Stuhle gehen,
wahrhaftig es wäre, was Anstand und Würde betrifft, alles anders
gekommen; aber so hielt Sie die Welt für einen gemeinen glebae adscriptus
und den Teufel für Ihren Cousin germain.“ — Schönfeld war aufgestanden
und ging, oder hüpfte vielmehr, stark gestikulierend und tolle Gesichter
schneidend, von einer Ecke des Zimmers zur andern. Er war im vollen
Zuge, wie gewöhnlich, sich in der Narrheit durch die Narrheit zu
entzünden, ich faßte ihn daher bei beiden Händen und sprach: „Willst du
dich denn durchaus statt meiner hier einbürgern? Ist es denn nicht möglich,
nach einer Minute verständigen Ernstes das Possenhafte zu lassen?“ Er
lächelte auf seltsame Weise und sagte: „Ist wirklich alles so albern, was ich
spreche, wenn mir der Geist kommt?“ — „Das ist ja eben das Unglück,“
erwiderte ich, „daß deinen Fratzen oft tiefer Sinn zum Grunde liegt, aber du
vertrödelst und verbrämst alles mit solch buntem Zeuge, daß ein guter, in
echter Farbe gehaltener Gedanke lächerlich und unscheinbar wird, wie ein
mit scheckigen Fetzen behängtes Kleid. — Du kannst, wie ein Betrunkener,
nicht auf gerader Schnur gehen, du springst hinüber und herüber — deine
Richtung ist schief!“ — „Was ist Richtung,“ unterbrach mich Schönfeld
leise, und fortlächelnd mit bittersüßer Miene. „Was ist Richtung,
ehrwürdiger Kapuziner? Richtung setzt ein Ziel voraus, nach dem wir
unsere Richtung nehmen. Sind Sie Ihres Ziels gewiß, teurer Mönch? —
fürchten Sie nicht, daß Sie bisweilen zu wenig Katzenhirn zu sich
genommen, statt dessen aber im Wirtshause neben der gezogenen Schnur zu
viel Spirituöses genossen, und nun wie ein schwindliger Turmdecker zwei
Ziele sehn, ohne zu wissen, welches das rechte? — Überdem, Kapuziner!
vergib es meinem Stande, daß ich das Possenhafte als eine angenehme
Beimischung, spanischen Pfeffer zum Blumenkohl, in mir trage. Ohne das
ist ein Haarkünstler eine erbärmliche Figur, ein armseliger Dummkopf, der
das Privilegium in der Tasche trägt, ohne es zu nutzen zu seiner Lust und
Freude.“ Der Geistliche hatte bald mich, bald den grimassierenden
Schönfeld mit Aufmerksamkeit betrachtet; er verstand, da wir deutsch
sprachen, kein Wort; jetzt unterbrach er unser Gespräch. „Verzeihet, meine
Herren! wenn es meine Pflicht heischt, eine Unterredung zu enden, die euch
beiden unmöglich wohl tun kann. Ihr seid, mein Bruder, noch zu sehr
geschwächt, um von Dingen, die wahrscheinlich aus Euerm frühern Leben
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schmerzhafte Erinnerungen aufregen, so anhaltend fortzusprechen; Ihr
könnet ja nach und nach von Euerm Freunde alles erfahren, denn wenn Ihr
auch ganz genesen unsere Anstalt verlasset, so wird Euch doch wohl Euer
Freund weiter geleiten. Zudem habt Ihr (er wandte sich zu Schönfeld) eine
Art des Vortrags, die ganz dazu geeignet ist, alles das, wovon Ihr sprecht,
dem Zuhörer lebendig vor die Augen zu bringen. In Deutschland muß man
Euch für toll halten, und selbst bei uns würdet Ihr für einen guten Buffone
gelten. Ihr könnt auf dem komischen Theater Euer Glück machen.“
Schönfeld starrte den Geistlichen mit weit aufgerissenen Augen an, dann
erhob er sich auf den Fußspitzen, schlug die Hände über den Kopf
zusammen und rief auf italienisch: „Geisterstimme! ... Schicksalsstimme,
du hast aus dem Munde dieses ehrwürdigen Herrn zu mir gesprochen! ...
Belcampo ... Belcampo ... so konntest du deinen wahrhaften Beruf
verkennen ... es ist entschieden!“ — Damit sprang er zur Türe hinaus. Den
andern Morgen trat er reisefertig zu mir herein. „Du bist, mein lieber Bruder
Medardus,“ sprach er, „nunmehr ganz genesen, du bedarfst meines
Beistandes nicht mehr, ich ziehe fort, wohin mich mein innerster Beruf
leitet ... Lebe wohl! ... doch erlaube, daß ich zum letztenmal meine Kunst,
die mir nun wie ein schnödes Gewerbe vorkommt, an dir übe.“ Er zog
Messer, Schere und Kamm hervor und brachte unter tausend Grimassen und
possenhaften Reden meine Tonsur und meinen Bart in Ordnung. Der
Mensch war mir, trotz der Treue die er mir bewiesen, unheimlich geworden,
ich war froh, als er geschieden. Der Arzt hatte mir mit stärkender Arznei
ziemlich aufgeholfen; meine Farbe war frischer geworden, und durch
immer längere Spaziergänge gewann ich meine Kräfte wieder. Ich war
überzeugt, eine Fußreise aushalten zu können, und verließ ein Haus, das
dem Geisteskranken wohltätig, dem Gesunden aber unheimlich und
grauenvoll sein mußte. Man hatte mir die Absicht untergeschoben, nach
Rom zu pilgern, ich beschloß, dieses wirklich zu tun, und so wandelte ich
fort auf der Straße, die, als dorthin führend, mir bezeichnet worden war.
Unerachtet mein Geist vollkommen genesen, war ich mir doch selbst eines
gefühllosen Zustandes bewußt, der über jedes im Innern aufkeimende Bild
einen düstern Flor warf, so daß alles farblos, grau in grau erschien. Ohne
alle deutliche Erinnerung des Vergangenen, beschäftigte mich die Sorge für
den Augenblick ganz und gar. Ich sah in die Ferne, um den Ort zu erspähen,
wo ich würde einsprechen können, um mir Speise oder Nachtquartier zu
erbetteln und war recht innig froh, wenn Andächtige meinen Bettelsack und
könnet ja nach und nach von Euerm Freunde alles erfahren, denn wenn Ihr
auch ganz genesen unsere Anstalt verlasset, so wird Euch doch wohl Euer
Freund weiter geleiten. Zudem habt Ihr (er wandte sich zu Schönfeld) eine
Art des Vortrags, die ganz dazu geeignet ist, alles das, wovon Ihr sprecht,
dem Zuhörer lebendig vor die Augen zu bringen. In Deutschland muß man
Euch für toll halten, und selbst bei uns würdet Ihr für einen guten Buffone
gelten. Ihr könnt auf dem komischen Theater Euer Glück machen.“
Schönfeld starrte den Geistlichen mit weit aufgerissenen Augen an, dann
erhob er sich auf den Fußspitzen, schlug die Hände über den Kopf
zusammen und rief auf italienisch: „Geisterstimme! ... Schicksalsstimme,
du hast aus dem Munde dieses ehrwürdigen Herrn zu mir gesprochen! ...
Belcampo ... Belcampo ... so konntest du deinen wahrhaften Beruf
verkennen ... es ist entschieden!“ — Damit sprang er zur Türe hinaus. Den
andern Morgen trat er reisefertig zu mir herein. „Du bist, mein lieber Bruder
Medardus,“ sprach er, „nunmehr ganz genesen, du bedarfst meines
Beistandes nicht mehr, ich ziehe fort, wohin mich mein innerster Beruf
leitet ... Lebe wohl! ... doch erlaube, daß ich zum letztenmal meine Kunst,
die mir nun wie ein schnödes Gewerbe vorkommt, an dir übe.“ Er zog
Messer, Schere und Kamm hervor und brachte unter tausend Grimassen und
possenhaften Reden meine Tonsur und meinen Bart in Ordnung. Der
Mensch war mir, trotz der Treue die er mir bewiesen, unheimlich geworden,
ich war froh, als er geschieden. Der Arzt hatte mir mit stärkender Arznei
ziemlich aufgeholfen; meine Farbe war frischer geworden, und durch
immer längere Spaziergänge gewann ich meine Kräfte wieder. Ich war
überzeugt, eine Fußreise aushalten zu können, und verließ ein Haus, das
dem Geisteskranken wohltätig, dem Gesunden aber unheimlich und
grauenvoll sein mußte. Man hatte mir die Absicht untergeschoben, nach
Rom zu pilgern, ich beschloß, dieses wirklich zu tun, und so wandelte ich
fort auf der Straße, die, als dorthin führend, mir bezeichnet worden war.
Unerachtet mein Geist vollkommen genesen, war ich mir doch selbst eines
gefühllosen Zustandes bewußt, der über jedes im Innern aufkeimende Bild
einen düstern Flor warf, so daß alles farblos, grau in grau erschien. Ohne
alle deutliche Erinnerung des Vergangenen, beschäftigte mich die Sorge für
den Augenblick ganz und gar. Ich sah in die Ferne, um den Ort zu erspähen,
wo ich würde einsprechen können, um mir Speise oder Nachtquartier zu
erbetteln und war recht innig froh, wenn Andächtige meinen Bettelsack und
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meine Flasche gut gefüllt hatten, wofür ich meine Gebete mechanisch
herplapperte. Ich war selbst im Geist zum gewöhnlichen, stupiden
Bettelmönch herabgesunken. So kam ich endlich an das große
Kapuzinerkloster, das, wenige Stunden von Rom, nur von
Wirtschaftsgebäuden umgeben, einzeln darliegt. Dort mußte man den
Ordensbruder aufnehmen, und ich gedachte, mich in voller Gemächlichkeit
recht auszupflegen. Ich gab vor, daß, nachdem das Kloster in Deutschland,
worin ich mich sonst befand, aufgehoben worden, ich fortgepilgert sei, und
in irgend ein anderes Kloster meines Ordens einzutreten wünsche. Mit der
Freundlichkeit, die den italienischen Mönchen eigen, bewirtete man mich
reichlich, und der Prior erklärte, daß, insofern mich nicht vielleicht die
Erfüllung eines Gelübdes weiter zu pilgern nötige, ich als Fremder so lange
im Kloster bleiben könne, als es mir anstehen würde. Es war Vesperzeit, die
Mönche gingen in den Chor, und ich trat in die Kirche. Der kühne, herrliche
Bau des Schiffs setzte mich nicht wenig in Verwunderung, aber mein zur
Erde gebeugter Geist konnte sich nicht erheben, wie es sonst geschah, seit
der Zeit, als ich, ein kaum erwachtes Kind, die Kirche der heiligen Linde
geschaut. Nachdem ich mein Gebet am Hochaltar verrichtet, schritt ich
durch die Seitengänge, die Altargemälde betrachtend, welche, wie
gewöhnlich, die Martyrien der Heiligen, denen sie geweiht, darstellten.
Endlich trat ich in eine Seitenkapelle, deren Altar von den durch die bunten
Fensterscheiben brechenden Sonnenstrahlen magisch beleuchtet wurde. Ich
wollte das Gemälde betrachten, ich stieg die Stufen hinauf. — Die heilige
Rosalia — das verhängnisvolle Altarblatt meines Klosters. — Ach! —
Aurelien erblickte ich! Mein ganzes Leben — meine tausendfachen Frevel
— meine Missetaten — Hermogens — Aureliens Mord — alles — alles nur
e i n entsetzlicher Gedanke, und d e r durchfuhr wie ein spitzes, glühendes
Eisen mein Gehirn. — Meine Brust — Adern und Fibern zerrissen im
wilden Schmerz der grausamsten Folter! — Kein lindernder Tod! — Ich
warf mich nieder — ich zerriß in rasender Verzweiflung mein Gewand —
ich heulte auf im trostlosen Jammer, daß es weit in der Kirche nachhallte:
„Ich bin verflucht, ich bin verflucht! — Keine Gnade — kein Trost mehr,
hier und dort! — Zur Hölle — zur Hölle — ewige Verdammnis über mich
verruchten Sünder beschlossen!“ — Man hob mich auf — die Mönche
waren in der Kapelle, vor mir stand der Prior, ein hoher, ehrwürdiger Greis.
Er schaute mich an mit unbeschreiblich mildem Ernst, er faßte meine
Hände, und es war, als halte ein Heiliger, von himmlischem Mitleid erfüllt,
herplapperte. Ich war selbst im Geist zum gewöhnlichen, stupiden
Bettelmönch herabgesunken. So kam ich endlich an das große
Kapuzinerkloster, das, wenige Stunden von Rom, nur von
Wirtschaftsgebäuden umgeben, einzeln darliegt. Dort mußte man den
Ordensbruder aufnehmen, und ich gedachte, mich in voller Gemächlichkeit
recht auszupflegen. Ich gab vor, daß, nachdem das Kloster in Deutschland,
worin ich mich sonst befand, aufgehoben worden, ich fortgepilgert sei, und
in irgend ein anderes Kloster meines Ordens einzutreten wünsche. Mit der
Freundlichkeit, die den italienischen Mönchen eigen, bewirtete man mich
reichlich, und der Prior erklärte, daß, insofern mich nicht vielleicht die
Erfüllung eines Gelübdes weiter zu pilgern nötige, ich als Fremder so lange
im Kloster bleiben könne, als es mir anstehen würde. Es war Vesperzeit, die
Mönche gingen in den Chor, und ich trat in die Kirche. Der kühne, herrliche
Bau des Schiffs setzte mich nicht wenig in Verwunderung, aber mein zur
Erde gebeugter Geist konnte sich nicht erheben, wie es sonst geschah, seit
der Zeit, als ich, ein kaum erwachtes Kind, die Kirche der heiligen Linde
geschaut. Nachdem ich mein Gebet am Hochaltar verrichtet, schritt ich
durch die Seitengänge, die Altargemälde betrachtend, welche, wie
gewöhnlich, die Martyrien der Heiligen, denen sie geweiht, darstellten.
Endlich trat ich in eine Seitenkapelle, deren Altar von den durch die bunten
Fensterscheiben brechenden Sonnenstrahlen magisch beleuchtet wurde. Ich
wollte das Gemälde betrachten, ich stieg die Stufen hinauf. — Die heilige
Rosalia — das verhängnisvolle Altarblatt meines Klosters. — Ach! —
Aurelien erblickte ich! Mein ganzes Leben — meine tausendfachen Frevel
— meine Missetaten — Hermogens — Aureliens Mord — alles — alles nur
e i n entsetzlicher Gedanke, und d e r durchfuhr wie ein spitzes, glühendes
Eisen mein Gehirn. — Meine Brust — Adern und Fibern zerrissen im
wilden Schmerz der grausamsten Folter! — Kein lindernder Tod! — Ich
warf mich nieder — ich zerriß in rasender Verzweiflung mein Gewand —
ich heulte auf im trostlosen Jammer, daß es weit in der Kirche nachhallte:
„Ich bin verflucht, ich bin verflucht! — Keine Gnade — kein Trost mehr,
hier und dort! — Zur Hölle — zur Hölle — ewige Verdammnis über mich
verruchten Sünder beschlossen!“ — Man hob mich auf — die Mönche
waren in der Kapelle, vor mir stand der Prior, ein hoher, ehrwürdiger Greis.
Er schaute mich an mit unbeschreiblich mildem Ernst, er faßte meine
Hände, und es war, als halte ein Heiliger, von himmlischem Mitleid erfüllt,
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den Verlorenen in den Lüften über dem Flammenpfuhl fest, in den er
hinabstürzen wollte. „Du bist krank, mein Bruder! sprach der Prior, wir
wollen dich in das Kloster bringen, da magst du dich erholen.“ Ich küßte
seine Hände, sein Kleid, ich konnte nicht sprechen, nur tiefe, angstvolle
Seufzer verrieten den fürchterlichen, zerrissenen Zustand meiner Seele. —
Man führte mich in das Refektorium, auf einen Wink des Priors entfernten
sich die Mönche, ich blieb mit ihm allein. „Du scheinst, mein Bruder,“ fing
er an, „von schwerer Sünde belastet, denn nur die tiefste, trostloseste Reue
über eine entsetzliche Tat kann sich so gebärden. Doch groß ist die
Langmut des Herrn, stark und kräftig ist die Fürsprache der Heiligen, fasse
Vertrauen — du sollst mir beichten und es wird dir wenn du büßest, Trost
der Kirche werden!“ In dem Augenblick schien es mir, als sei der Prior
jener alte Pilger aus der heiligen Linde, und nur d e r sei das einzige Wesen
auf der ganzen weiten Erde, dem ich mein Leben voller Sünde und Frevel
offenbaren müsse. Noch war ich keines Wortes mächtig, ich warf mich vor
dem Greise nieder in den Staub. „Ich gehe in die Kapelle des Klosters,“
sprach er mit feierlichem Ton, und schritt von dannen. — Ich war gefaßt —
ich eilte ihm nach, er saß im Beichtstuhl, und ich tat augenblicklich, wozu
mich der Geist unwiderstehlich trieb; ich beichtete alles — alles! —
Schrecklich war die Buße, die mir der Prior auflegte. Verstoßen von der
Kirche, wie ein Aussätziger verbannt aus den Versammlungen der Brüder,
lag ich in den Totengewölben des Klosters, mein Leben kärglich fristend
durch unschmackhafte, in Wasser gekochte Kräuter, mich geißelnd und
peinigend mit Marterinstrumenten, die die sinnreichste Grausamkeit
erfunden, und meine Stimme erhebend nur zur eigenen Anklage, zum
zerknirschten Gebet um Rettung aus der Hölle, deren Flammen schon in
mir loderten. Aber wenn das Blut aus hundert Wunden rann, wenn der
Schmerz in hundert giftigen Skorpionstichen brannte und dann endlich die
Natur erlag, bis der Schlaf sie, wie ein ohnmächtiges Kind, schützend mit
seinen Armen umfing, dann stiegen feindliche Traumbilder empor, die mir
neue Todesmarter bereiteten. — Mein ganzes Leben gestaltete sich auf
entsetzliche Weise. Ich sah Euphemien, wie sie in üppiger Schönheit mir
nahte, aber laut schrie ich auf: „Was willst du von mir, Verruchte! Nein, die
Hölle hat keinen Teil an mir.“ Da schlug sie ihr Gewand auseinander, und
die Schauer der Verdammnis ergriffen mich. Zum Gerippe eingedorrt war
ihr Leib, aber in dem Gerippe wanden sich unzählige Schlangen
durcheinander und streckten ihre Häupter, ihre rotglühenden Zungen mit
hinabstürzen wollte. „Du bist krank, mein Bruder! sprach der Prior, wir
wollen dich in das Kloster bringen, da magst du dich erholen.“ Ich küßte
seine Hände, sein Kleid, ich konnte nicht sprechen, nur tiefe, angstvolle
Seufzer verrieten den fürchterlichen, zerrissenen Zustand meiner Seele. —
Man führte mich in das Refektorium, auf einen Wink des Priors entfernten
sich die Mönche, ich blieb mit ihm allein. „Du scheinst, mein Bruder,“ fing
er an, „von schwerer Sünde belastet, denn nur die tiefste, trostloseste Reue
über eine entsetzliche Tat kann sich so gebärden. Doch groß ist die
Langmut des Herrn, stark und kräftig ist die Fürsprache der Heiligen, fasse
Vertrauen — du sollst mir beichten und es wird dir wenn du büßest, Trost
der Kirche werden!“ In dem Augenblick schien es mir, als sei der Prior
jener alte Pilger aus der heiligen Linde, und nur d e r sei das einzige Wesen
auf der ganzen weiten Erde, dem ich mein Leben voller Sünde und Frevel
offenbaren müsse. Noch war ich keines Wortes mächtig, ich warf mich vor
dem Greise nieder in den Staub. „Ich gehe in die Kapelle des Klosters,“
sprach er mit feierlichem Ton, und schritt von dannen. — Ich war gefaßt —
ich eilte ihm nach, er saß im Beichtstuhl, und ich tat augenblicklich, wozu
mich der Geist unwiderstehlich trieb; ich beichtete alles — alles! —
Schrecklich war die Buße, die mir der Prior auflegte. Verstoßen von der
Kirche, wie ein Aussätziger verbannt aus den Versammlungen der Brüder,
lag ich in den Totengewölben des Klosters, mein Leben kärglich fristend
durch unschmackhafte, in Wasser gekochte Kräuter, mich geißelnd und
peinigend mit Marterinstrumenten, die die sinnreichste Grausamkeit
erfunden, und meine Stimme erhebend nur zur eigenen Anklage, zum
zerknirschten Gebet um Rettung aus der Hölle, deren Flammen schon in
mir loderten. Aber wenn das Blut aus hundert Wunden rann, wenn der
Schmerz in hundert giftigen Skorpionstichen brannte und dann endlich die
Natur erlag, bis der Schlaf sie, wie ein ohnmächtiges Kind, schützend mit
seinen Armen umfing, dann stiegen feindliche Traumbilder empor, die mir
neue Todesmarter bereiteten. — Mein ganzes Leben gestaltete sich auf
entsetzliche Weise. Ich sah Euphemien, wie sie in üppiger Schönheit mir
nahte, aber laut schrie ich auf: „Was willst du von mir, Verruchte! Nein, die
Hölle hat keinen Teil an mir.“ Da schlug sie ihr Gewand auseinander, und
die Schauer der Verdammnis ergriffen mich. Zum Gerippe eingedorrt war
ihr Leib, aber in dem Gerippe wanden sich unzählige Schlangen
durcheinander und streckten ihre Häupter, ihre rotglühenden Zungen mit
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entgegen. „Laß ab von mir! ... Deine Schlangen stechen hinein in die wunde
Brust ... sie wollen sich mästen an meinem Herzblut ... aber dann sterbe ich
... dann sterbe ich ... der Tod entreißt mich deiner Rache.“ So schrie ich auf,
da heulte die Gestalt: — „Meine Schlangen können sich nähren von deinem
Herzblut ... aber das fühlst du nicht, denn das ist nicht deine Qual — deine
Qual ist in dir, und tötet dich nicht, denn du lebst in ihr. Deine Qual ist der
Gedanke des Frevels und der ist ewig!“ — Der blutende Hermogen stieg
auf, aber vor ihm floh Euphemie und er rauschte vorüber, auf die
Halswunde deutend, die die Gestalt des Kreuzes hatte. Ich wollte beten, da
begann ein sinnverwirrendes Flüstern und Rauschen. Menschen, die ich
sonst gesehen, erschienen zu tollen Fratzen verunstaltet. — Köpfe krochen
mit Heuschreckenbeinen, die ihnen an die Ohren gewachsen, umher und
lachten mich hämisch an — seltsames Geflügel — Raben mit
Menschengesichtern rauschten in der Luft. — Ich erkannte den
Konzertmeister aus B. mit seiner Schwester, die drehte sich in wildem
Walzer, und der Bruder spielte dazu auf, aber auf der eigenen Brust
streichend, die zur Geige worden. — Belcampo, mit einem häßlichen
Eidechsengesicht, auf einem ekelhaften, geflügelten Wurm sitzend, fuhr auf
mich ein, er wollte meinen Bart kämmen mit eisernem, glühendem Kamm
— aber es gelang ihm nicht. — Toller und toller wird das Gewirre,
seltsamer, abenteuerlicher werden die Gestalten von der kleinsten Ameise
mit tanzenden Menschenfüßchen bis zum langgedehnten Roßgerippe mit
funkelnden Augen, dessen Haut zur Schabracke worden, auf der ein Reiter
mit leuchtendem Eulenkopfe sitzt. — Ein bodenloser Becher ist sein
Leibharnisch — ein umgestülpter Trichter sein Helm! — Der Spaß der
Hölle ist emporgestiegen. Ich höre mich lachen, aber dies Lachen
zerschneidet die Brust, und brennender wird der Schmerz und heftiger
bluten alle Wunden. — Die Gestalt eines Weibes leuchtet hervor, das
Gesindel weicht — sie tritt auf mich zu! — Ach es ist Aurelie! „Ich lebe
und bin nun ganz dein!“ spricht die Gestalt. — Da wird der Frevel in mir
wach. — Rasend vor wilder Begier umschlinge ich sie mit meinen Armen.
— Alle Ohnmacht ist von mir gewichen, aber da legt es sich glühend an
meine Brust — rauhe Borsten zerkratzen meine Augen und der Satan lacht
gellend auf: Nun bist du ganz mein! — Mit dem Schrei des Entsetzens
erwache ich, und bald fließt mein Blut in Strömen von den Hieben der
Stachelpeitsche, mit der ich mich in trostloser Verzweiflung züchtige. Denn
selbst die Frevel des Traumes, jeder sündliche Gedanke, fordert doppelte
Brust ... sie wollen sich mästen an meinem Herzblut ... aber dann sterbe ich
... dann sterbe ich ... der Tod entreißt mich deiner Rache.“ So schrie ich auf,
da heulte die Gestalt: — „Meine Schlangen können sich nähren von deinem
Herzblut ... aber das fühlst du nicht, denn das ist nicht deine Qual — deine
Qual ist in dir, und tötet dich nicht, denn du lebst in ihr. Deine Qual ist der
Gedanke des Frevels und der ist ewig!“ — Der blutende Hermogen stieg
auf, aber vor ihm floh Euphemie und er rauschte vorüber, auf die
Halswunde deutend, die die Gestalt des Kreuzes hatte. Ich wollte beten, da
begann ein sinnverwirrendes Flüstern und Rauschen. Menschen, die ich
sonst gesehen, erschienen zu tollen Fratzen verunstaltet. — Köpfe krochen
mit Heuschreckenbeinen, die ihnen an die Ohren gewachsen, umher und
lachten mich hämisch an — seltsames Geflügel — Raben mit
Menschengesichtern rauschten in der Luft. — Ich erkannte den
Konzertmeister aus B. mit seiner Schwester, die drehte sich in wildem
Walzer, und der Bruder spielte dazu auf, aber auf der eigenen Brust
streichend, die zur Geige worden. — Belcampo, mit einem häßlichen
Eidechsengesicht, auf einem ekelhaften, geflügelten Wurm sitzend, fuhr auf
mich ein, er wollte meinen Bart kämmen mit eisernem, glühendem Kamm
— aber es gelang ihm nicht. — Toller und toller wird das Gewirre,
seltsamer, abenteuerlicher werden die Gestalten von der kleinsten Ameise
mit tanzenden Menschenfüßchen bis zum langgedehnten Roßgerippe mit
funkelnden Augen, dessen Haut zur Schabracke worden, auf der ein Reiter
mit leuchtendem Eulenkopfe sitzt. — Ein bodenloser Becher ist sein
Leibharnisch — ein umgestülpter Trichter sein Helm! — Der Spaß der
Hölle ist emporgestiegen. Ich höre mich lachen, aber dies Lachen
zerschneidet die Brust, und brennender wird der Schmerz und heftiger
bluten alle Wunden. — Die Gestalt eines Weibes leuchtet hervor, das
Gesindel weicht — sie tritt auf mich zu! — Ach es ist Aurelie! „Ich lebe
und bin nun ganz dein!“ spricht die Gestalt. — Da wird der Frevel in mir
wach. — Rasend vor wilder Begier umschlinge ich sie mit meinen Armen.
— Alle Ohnmacht ist von mir gewichen, aber da legt es sich glühend an
meine Brust — rauhe Borsten zerkratzen meine Augen und der Satan lacht
gellend auf: Nun bist du ganz mein! — Mit dem Schrei des Entsetzens
erwache ich, und bald fließt mein Blut in Strömen von den Hieben der
Stachelpeitsche, mit der ich mich in trostloser Verzweiflung züchtige. Denn
selbst die Frevel des Traumes, jeder sündliche Gedanke, fordert doppelte
Page 225
Buße. — Endlich war die Zeit, die der Prior zur strengsten Buße bestimmt
hatte, verstrichen und ich stieg empor aus dem Totengewölbe, um in dem
Kloster selbst, aber in abgesonderter Zelle, entfernt von den Brüdern, die
nun mir auferlegten Bußübungen vorzunehmen. Dann, immer in geringeren
Graden der Buße, wurde mir der Eintritt in die Kirche und in den Chor der
Brüder erlaubt. Doch mir selbst genügte nicht die letzte Art der Buße, die
nur in täglicher gewöhnlicher Geißelung bestehen sollte. Ich wies standhaft
jede bessere Kost zurück, die man mir reichen wollte, ganze Tage lag ich
ausgestreckt auf dem kalten Marmorboden vor dem Bilde der heiligen
Rosalia, und marterte mich in einsamer Zelle selbst auf die grausamste
Weise, denn durch äußere Qualen gedachte ich die innere gräßliche Marter
zu übertäuben. Es war vergebens, immer kehrten jene Gestalten, von dem
Gedanken erzeugt, wieder, und dem Satan selbst war ich preisgegeben, daß
er mich höhnend foltere und verlocke zur Sünde. Meine strenge Buße, die
unerhörte Weise, wie ich sie vollzog, erregte die Aufmerksamkeit der
Mönche. Sie betrachteten mich mit ehrfurchtsvoller Scheu, und ich hörte es
sogar unter ihnen flüstern: Das ist ein Heiliger! Dies Wort war mir
entsetzlich, denn nur zu lebhaft erinnerte es mich an jenen gräßlichen
Augenblick in der Kapuzinerkirche zu B., als ich dem mich anstarrenden
Maler in vermessenem Wahnsinn entgegenrief: ich bin der heilige Antonius!
— Die letzte von dem Prior bestimmte Zeit der Buße war endlich auch
verflossen, ohne daß ich davon abließ, mich zu martern, unerachtet meine
Natur der Qual zu erliegen schien. Meine Augen waren erloschen, mein
wunder Körper ein blutendes Gerippe, und es kam dahin, daß wenn ich
stundenlang am Boden gelegen, ich ohne Hilfe anderer nicht aufzustehen
vermochte. Der Prior ließ mich in sein Sprechzimmer bringen. „Fühlst du,
mein Bruder,“ fing er an, „durch die strenge Buße dein Inneres erleichtert?
ist Trost des Himmels dir worden?“ — „Nein, ehrwürdiger Herr,“ erwiderte
ich in dumpfer Verzweiflung. „Indem ich dir,“ fuhr der Prior mit erhöhter
Stimme fort: „Indem ich dir, mein Bruder, da du mir eine Reihe
entsetzlicher Taten gebeichtet hattest, die strengste Buße auflegte, genügte
ich den Gesetzen der Kirche, welche wollen, daß der Übeltäter, den der Arm
der Gerechtigkeit nicht erreichte und der reuig dem Diener des Herrn seine
Verbrechen bekannte, auch durch äußere Handlungen die Wahrheit seiner
Reue kundtue. Er soll den Geist ganz dem Himmlischen zuwenden, und
doch das Fleisch peinigen, damit die irdische Marter jede teuflische Lust
der Untaten aufwäge. Doch glaube ich, und mir stimmen berühmte
hatte, verstrichen und ich stieg empor aus dem Totengewölbe, um in dem
Kloster selbst, aber in abgesonderter Zelle, entfernt von den Brüdern, die
nun mir auferlegten Bußübungen vorzunehmen. Dann, immer in geringeren
Graden der Buße, wurde mir der Eintritt in die Kirche und in den Chor der
Brüder erlaubt. Doch mir selbst genügte nicht die letzte Art der Buße, die
nur in täglicher gewöhnlicher Geißelung bestehen sollte. Ich wies standhaft
jede bessere Kost zurück, die man mir reichen wollte, ganze Tage lag ich
ausgestreckt auf dem kalten Marmorboden vor dem Bilde der heiligen
Rosalia, und marterte mich in einsamer Zelle selbst auf die grausamste
Weise, denn durch äußere Qualen gedachte ich die innere gräßliche Marter
zu übertäuben. Es war vergebens, immer kehrten jene Gestalten, von dem
Gedanken erzeugt, wieder, und dem Satan selbst war ich preisgegeben, daß
er mich höhnend foltere und verlocke zur Sünde. Meine strenge Buße, die
unerhörte Weise, wie ich sie vollzog, erregte die Aufmerksamkeit der
Mönche. Sie betrachteten mich mit ehrfurchtsvoller Scheu, und ich hörte es
sogar unter ihnen flüstern: Das ist ein Heiliger! Dies Wort war mir
entsetzlich, denn nur zu lebhaft erinnerte es mich an jenen gräßlichen
Augenblick in der Kapuzinerkirche zu B., als ich dem mich anstarrenden
Maler in vermessenem Wahnsinn entgegenrief: ich bin der heilige Antonius!
— Die letzte von dem Prior bestimmte Zeit der Buße war endlich auch
verflossen, ohne daß ich davon abließ, mich zu martern, unerachtet meine
Natur der Qual zu erliegen schien. Meine Augen waren erloschen, mein
wunder Körper ein blutendes Gerippe, und es kam dahin, daß wenn ich
stundenlang am Boden gelegen, ich ohne Hilfe anderer nicht aufzustehen
vermochte. Der Prior ließ mich in sein Sprechzimmer bringen. „Fühlst du,
mein Bruder,“ fing er an, „durch die strenge Buße dein Inneres erleichtert?
ist Trost des Himmels dir worden?“ — „Nein, ehrwürdiger Herr,“ erwiderte
ich in dumpfer Verzweiflung. „Indem ich dir,“ fuhr der Prior mit erhöhter
Stimme fort: „Indem ich dir, mein Bruder, da du mir eine Reihe
entsetzlicher Taten gebeichtet hattest, die strengste Buße auflegte, genügte
ich den Gesetzen der Kirche, welche wollen, daß der Übeltäter, den der Arm
der Gerechtigkeit nicht erreichte und der reuig dem Diener des Herrn seine
Verbrechen bekannte, auch durch äußere Handlungen die Wahrheit seiner
Reue kundtue. Er soll den Geist ganz dem Himmlischen zuwenden, und
doch das Fleisch peinigen, damit die irdische Marter jede teuflische Lust
der Untaten aufwäge. Doch glaube ich, und mir stimmen berühmte
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Kirchenlehrer bei, daß die entsetzlichsten Qualen, die sich der Büßende
zufügt, dem Gewicht seiner Sünden auch nicht ein Quentlein entnehmen,
sobald er darauf seine Zuversicht stützt und der Gnade des Ewigen deshalb
sich würdig dünkt. Keiner menschlichen Vernunft erforschlich ist es, wie
der Ewige unsere Taten mißt, verloren ist der, der, ist er auch vom
wirklichen Frevel rein, vermessen glaubt, den Himmel zu erstürmen durch
äußeres Formtun, und der Büßende, welcher nach der Bußübung seinen
Frevel vertilgt glaubt, beweiset, daß seine innere Reue nicht wahrhaft ist.
Du, lieber Bruder Medardus, empfindest noch keine Tröstung, das beweiset
die Wahrhaftigkeit deiner Reue, unterlasse jetzt, ich will es, alle
Geißelungen, nimm bessere Speise zu dir, und fliehe nicht mehr den
Umgang der Brüder. — Wisse, daß dein geheimnisvolles Leben mir in allen
seinen wunderbarsten Verschlingungen besser bekannt worden, als dir
selbst. — Ein Verhängnis, dem du nicht entrinnen konntest, gab dem Satan
Macht über dich, und indem du freveltest, warst du nur sein Werkzeug.
Wähne aber nicht, daß du deshalb weniger sündig vor den Augen des Herrn
erschienest, denn dir war die Kraft gegeben, im rüstigen Ringen den Satan
zu bezwingen. In wessen Menschen Herz stürmt nicht der Böse, und
widerstrebt dem Guten; aber ohne diesen Kampf gäb’ es keine Tugend,
denn diese ist nur der Sieg des guten Prinzips über das böse, sowie aus dem
umgekehrten die Sünde entspringt. — Wisse fürs erste, daß du dich e i n e s
Verbrechens anklagst, welches du nur im Willen vollbrachtest. — Aurelie
lebt, in wildem Wahnsinn verletztest du dich selbst, das Blut deiner eigenen
Wunde war es, was über deine Hand floß ... Aurelie lebt ... ich weiß es.“ Ich
stürzte auf die Knie, ich hob meine Hände betend empor, tiefe Seufzer
entflohen der Brust, Tränen quollen aus den Augen! — „Wisse ferner,“ fuhr
der Prior fort, „daß jener alte fremde Maler, von dem du in der Beichte
gesprochen, schon so lange, als ich denken kann, zuweilen unser Kloster
besucht hat und vielleicht bald wieder eintreffen wird. Er hat ein Buch mir
in Verwahrung gegeben, welches verschiedene Zeichnungen, vorzüglich
aber eine Geschichte enthält, der er jedesmal, wenn er bei uns einsprach,
einige Zeilen zusetzte. — Er hat mir nicht verboten, das Buch jemandem in
die Hände zu geben, und um so mehr will ich es dir anvertrauen, als dies
meine heiligste Pflicht ist. Den Zusammenhang deiner eigenen, seltsamen
Schicksale, die dich bald in eine höhere Welt wunderbarer Visionen, bald in
das gemeinste Leben versetzten, wirst du erfahren. Man sagt, das
Wunderbare sei von der Erde verschwunden, ich glaube nicht daran. Die
zufügt, dem Gewicht seiner Sünden auch nicht ein Quentlein entnehmen,
sobald er darauf seine Zuversicht stützt und der Gnade des Ewigen deshalb
sich würdig dünkt. Keiner menschlichen Vernunft erforschlich ist es, wie
der Ewige unsere Taten mißt, verloren ist der, der, ist er auch vom
wirklichen Frevel rein, vermessen glaubt, den Himmel zu erstürmen durch
äußeres Formtun, und der Büßende, welcher nach der Bußübung seinen
Frevel vertilgt glaubt, beweiset, daß seine innere Reue nicht wahrhaft ist.
Du, lieber Bruder Medardus, empfindest noch keine Tröstung, das beweiset
die Wahrhaftigkeit deiner Reue, unterlasse jetzt, ich will es, alle
Geißelungen, nimm bessere Speise zu dir, und fliehe nicht mehr den
Umgang der Brüder. — Wisse, daß dein geheimnisvolles Leben mir in allen
seinen wunderbarsten Verschlingungen besser bekannt worden, als dir
selbst. — Ein Verhängnis, dem du nicht entrinnen konntest, gab dem Satan
Macht über dich, und indem du freveltest, warst du nur sein Werkzeug.
Wähne aber nicht, daß du deshalb weniger sündig vor den Augen des Herrn
erschienest, denn dir war die Kraft gegeben, im rüstigen Ringen den Satan
zu bezwingen. In wessen Menschen Herz stürmt nicht der Böse, und
widerstrebt dem Guten; aber ohne diesen Kampf gäb’ es keine Tugend,
denn diese ist nur der Sieg des guten Prinzips über das böse, sowie aus dem
umgekehrten die Sünde entspringt. — Wisse fürs erste, daß du dich e i n e s
Verbrechens anklagst, welches du nur im Willen vollbrachtest. — Aurelie
lebt, in wildem Wahnsinn verletztest du dich selbst, das Blut deiner eigenen
Wunde war es, was über deine Hand floß ... Aurelie lebt ... ich weiß es.“ Ich
stürzte auf die Knie, ich hob meine Hände betend empor, tiefe Seufzer
entflohen der Brust, Tränen quollen aus den Augen! — „Wisse ferner,“ fuhr
der Prior fort, „daß jener alte fremde Maler, von dem du in der Beichte
gesprochen, schon so lange, als ich denken kann, zuweilen unser Kloster
besucht hat und vielleicht bald wieder eintreffen wird. Er hat ein Buch mir
in Verwahrung gegeben, welches verschiedene Zeichnungen, vorzüglich
aber eine Geschichte enthält, der er jedesmal, wenn er bei uns einsprach,
einige Zeilen zusetzte. — Er hat mir nicht verboten, das Buch jemandem in
die Hände zu geben, und um so mehr will ich es dir anvertrauen, als dies
meine heiligste Pflicht ist. Den Zusammenhang deiner eigenen, seltsamen
Schicksale, die dich bald in eine höhere Welt wunderbarer Visionen, bald in
das gemeinste Leben versetzten, wirst du erfahren. Man sagt, das
Wunderbare sei von der Erde verschwunden, ich glaube nicht daran. Die
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Wunder sind geblieben, denn wenn wir selbst das Wunderbarste, von dem
wir täglich umgeben, deshalb nicht mehr so nennen wollen, weil wir einer
Reihe von Erscheinungen die Regel der zyklischen Wiederkehr abgelauert
haben, so fährt doch oft durch jenen Kreis ein Phänomen, das all’ unsre
Klugheit zu schanden macht, und an das wir, weil wir es nicht zu erfassen
vermögen, in stumpfsinniger Verstocktheit nicht glauben. Hartnäckig
leugnen wir dem inneren Auge deshalb die Erscheinung ab, weil sie zu
durchsichtig war, um sich auf der rauhen Fläche des äußeren Auges
abzuspiegeln. — Jenen seltsamen Maler rechne ich zu den
außerordentlichen Erscheinungen, die jeder erlauerten Regel spotten; ich
bin zweifelhaft, ob seine körperliche Erscheinung d a s ist, was wir w a h r
nennen. So viel ist gewiß, daß niemand die gewöhnlichen Funktionen des
Lebens bei ihm bemerkt hat. Auch sah ich ihn niemals schreiben oder
zeichnen, unerachtet im Buch, worin er nur zu lesen schien, jedesmal, wenn
er bei uns gewesen, mehr Blätter als vorher beschrieben waren. Seltsam ist
es auch, daß mir alles im Buche nur verworrenes Gekritzel, undeutliche
Skizze eines fantastischen Malers zu sein schien, und nur dann erst
erkennbar und lesbar wurde, als du, mein lieber Bruder Medardus! mir
gebeichtet hattest. — Nicht näher darf ich mich darüber auslassen, was ich
Rücksichts des Malers ahne und glaube. Du selbst wirst es erraten, oder
vielmehr das Geheimnis wird sich dir von selbst auftun. Gehe, erkräftige
dich, und fühlst du dich, wie ich glaube, daß es in wenigen Tagen
geschehen wird, im Geiste aufgerichtet, so erhältst du von mir des fremden
Malers wunderbares Buch.“ Ich tat nach dem Willen des Priors, ich aß mit
den Brüdern, ich unterließ die Kasteiungen, und beschränkte mich auf
inbrünstiges Gebet an den Altären der Heiligen. Blutete auch meine
Herzenswunde fort, wurde auch nicht milder der Schmerz, der aus dem
Innern heraus mich durchbohrte, so verließen mich doch die entsetzlichen
Traumbilder, und oft, wenn ich, zum Tode matt, auf dem harten Lager
schlaflos lag, umwehte es mich, wie mit Engelsfittichen, und ich sah die
holde Gestalt der lebenden Aurelie, die, himmlisches Mitleiden im Auge
voll Tränen, sich über mich hinbeugte. Sie streckte die Hand, wie mich
beschirmend, aus über mein Haupt, da senkten sich meine Augenlider, und
ein sanfter, erquickender Schlummer goß neue Lebenskraft in meine Adern.
Als der Prior bemerkte, daß mein Geist wieder einige Spannung gewonnen,
gab er mir des Malers Buch, und ermahnte mich, es aufmerksam in seiner
Zelle zu lesen. — Ich schlug es auf, und das erste, was mir ins Auge fiel,
wir täglich umgeben, deshalb nicht mehr so nennen wollen, weil wir einer
Reihe von Erscheinungen die Regel der zyklischen Wiederkehr abgelauert
haben, so fährt doch oft durch jenen Kreis ein Phänomen, das all’ unsre
Klugheit zu schanden macht, und an das wir, weil wir es nicht zu erfassen
vermögen, in stumpfsinniger Verstocktheit nicht glauben. Hartnäckig
leugnen wir dem inneren Auge deshalb die Erscheinung ab, weil sie zu
durchsichtig war, um sich auf der rauhen Fläche des äußeren Auges
abzuspiegeln. — Jenen seltsamen Maler rechne ich zu den
außerordentlichen Erscheinungen, die jeder erlauerten Regel spotten; ich
bin zweifelhaft, ob seine körperliche Erscheinung d a s ist, was wir w a h r
nennen. So viel ist gewiß, daß niemand die gewöhnlichen Funktionen des
Lebens bei ihm bemerkt hat. Auch sah ich ihn niemals schreiben oder
zeichnen, unerachtet im Buch, worin er nur zu lesen schien, jedesmal, wenn
er bei uns gewesen, mehr Blätter als vorher beschrieben waren. Seltsam ist
es auch, daß mir alles im Buche nur verworrenes Gekritzel, undeutliche
Skizze eines fantastischen Malers zu sein schien, und nur dann erst
erkennbar und lesbar wurde, als du, mein lieber Bruder Medardus! mir
gebeichtet hattest. — Nicht näher darf ich mich darüber auslassen, was ich
Rücksichts des Malers ahne und glaube. Du selbst wirst es erraten, oder
vielmehr das Geheimnis wird sich dir von selbst auftun. Gehe, erkräftige
dich, und fühlst du dich, wie ich glaube, daß es in wenigen Tagen
geschehen wird, im Geiste aufgerichtet, so erhältst du von mir des fremden
Malers wunderbares Buch.“ Ich tat nach dem Willen des Priors, ich aß mit
den Brüdern, ich unterließ die Kasteiungen, und beschränkte mich auf
inbrünstiges Gebet an den Altären der Heiligen. Blutete auch meine
Herzenswunde fort, wurde auch nicht milder der Schmerz, der aus dem
Innern heraus mich durchbohrte, so verließen mich doch die entsetzlichen
Traumbilder, und oft, wenn ich, zum Tode matt, auf dem harten Lager
schlaflos lag, umwehte es mich, wie mit Engelsfittichen, und ich sah die
holde Gestalt der lebenden Aurelie, die, himmlisches Mitleiden im Auge
voll Tränen, sich über mich hinbeugte. Sie streckte die Hand, wie mich
beschirmend, aus über mein Haupt, da senkten sich meine Augenlider, und
ein sanfter, erquickender Schlummer goß neue Lebenskraft in meine Adern.
Als der Prior bemerkte, daß mein Geist wieder einige Spannung gewonnen,
gab er mir des Malers Buch, und ermahnte mich, es aufmerksam in seiner
Zelle zu lesen. — Ich schlug es auf, und das erste, was mir ins Auge fiel,
Page 228
waren die in Umrissen angedeuteten und dann in Licht und Schatten
ausgeführten Zeichnungen der Fresko-Gemälde in der heiligen Linde. Nicht
das mindeste Erstaunen, nicht die mindeste Begierde, schnell das Rätsel zu
lösen, regte sich in mir. Nein! — es gab kein Rätsel für mich, längst wußte
ich ja alles, was in diesem Malerbuch aufbewahrt worden. Das, was der
Maler auf den letzten Seiten des Buchs in kleiner, kaum lesbarer, bunt
gefärbter Schrift zusammengetragen hatte, waren meine Träume, meine
Ahnungen, nur deutlich, bestimmt in scharfen Zügen dargestellt, wie ich es
niemals zu tun vermochte.
ausgeführten Zeichnungen der Fresko-Gemälde in der heiligen Linde. Nicht
das mindeste Erstaunen, nicht die mindeste Begierde, schnell das Rätsel zu
lösen, regte sich in mir. Nein! — es gab kein Rätsel für mich, längst wußte
ich ja alles, was in diesem Malerbuch aufbewahrt worden. Das, was der
Maler auf den letzten Seiten des Buchs in kleiner, kaum lesbarer, bunt
gefärbter Schrift zusammengetragen hatte, waren meine Träume, meine
Ahnungen, nur deutlich, bestimmt in scharfen Zügen dargestellt, wie ich es
niemals zu tun vermochte.
Page 229
Eingeschaltete Anmerkung des Herausgebers.
Bruder Medardus fährt hier, ohne sich weiter auf das, was er im
Malerbuche fand, einzulassen, in seiner Erzählung fort, wie er Abschied
nahm von dem in seine Geheimnisse eingeweihten Prior und von den
freundlichen Brüdern, und wie er nach Rom pilgerte, und überall, in Sankt
Peter, in St. Sebastian und Laurenz, in St. Giovanni a Laterano, in Sankta
Maria Maggiore usw. an allen Altären kniete und betete, wie er selbst des
Papstes Aufmerksamkeit erregte, und endlich in einen Geruch der
Heiligkeit kam, der ihn — da er jetzt wirklich ein reuiger Sünder worden,
und wohl fühlte, daß er nichts mehr als das sei — von Rom vertrieb. Wir,
ich meine dich und mich, mein günstiger Leser, wissen aber viel zu wenig
Deutliches von den Ahnungen und Träumen des Bruders Medardus, als daß
wir, ohne zu lesen, was der Maler aufgeschrieben, auch nur im mindesten
das Band zusammenzuknüpfen vermöchten, welches die verworren
auseinander laufenden Fäden der Geschichte des Medardus, wie in einen
Knoten einigt. Ein besseres Gleichnis übrigens ist es, daß uns der Fokus
fehlt, aus dem die verschiedenen bunten Strahlen brachen. Das Manuskript
des seligen Kapuziners war in altes, vergelbtes Pergament eingeschlagen,
und dies Pergament mit kleiner, beinahe unleserlicher Schrift beschrieben,
die, da sich darin eine ganz seltsame Hand kundtat, meine Neugierde nicht
wenig reizte. Nach vieler Mühe gelang es mir, Buchstaben und Worte zu
entziffern, und wie erstaunte ich, als es mir klar wurde, daß es jene im
Malerbuch aufgezeichnete Geschichte sei, von der Medardus spricht. Im
alten Italienisch ist sie beinahe chronikenartig und sehr aphoristisch
geschrieben. Der seltsame Ton klingt im Deutschen nur rauh und dumpf,
wie ein gesprungenes Glas, doch war es nötig, zum Verständnis des Ganzen
hier die Übersetzung einzuschalten; dies tue ich, nachdem ich nur noch
folgendes wehmütigst bemerkt. Die fürstliche Familie, aus der jener oft
genannte Francesko abstammte, lebt noch in Italien, und ebenso leben noch
die Nachkömmlinge des Fürsten, in dessen Residenz sich Medardus
aufhielt. Unmöglich war es daher, die Namen zu nennen, und
unbehilflicher, ungeschickter ist niemand auf der ganzen Welt, als
derjenige, der dir, günstiger Leser, dies Buch in die Hände gibt, wenn er
Namen erdenken soll, da, wo schon wirkliche, und zwar schön und
romantisch tönende, vorhanden sind, wie es hier der Fall war. Bezeichneter
Herausgeber gedachte sich sehr gut mit dem: der Fürst, der Baron usw.
herauszuhelfen, nun aber der alte Maler die geheimnisvollsten,
Bruder Medardus fährt hier, ohne sich weiter auf das, was er im
Malerbuche fand, einzulassen, in seiner Erzählung fort, wie er Abschied
nahm von dem in seine Geheimnisse eingeweihten Prior und von den
freundlichen Brüdern, und wie er nach Rom pilgerte, und überall, in Sankt
Peter, in St. Sebastian und Laurenz, in St. Giovanni a Laterano, in Sankta
Maria Maggiore usw. an allen Altären kniete und betete, wie er selbst des
Papstes Aufmerksamkeit erregte, und endlich in einen Geruch der
Heiligkeit kam, der ihn — da er jetzt wirklich ein reuiger Sünder worden,
und wohl fühlte, daß er nichts mehr als das sei — von Rom vertrieb. Wir,
ich meine dich und mich, mein günstiger Leser, wissen aber viel zu wenig
Deutliches von den Ahnungen und Träumen des Bruders Medardus, als daß
wir, ohne zu lesen, was der Maler aufgeschrieben, auch nur im mindesten
das Band zusammenzuknüpfen vermöchten, welches die verworren
auseinander laufenden Fäden der Geschichte des Medardus, wie in einen
Knoten einigt. Ein besseres Gleichnis übrigens ist es, daß uns der Fokus
fehlt, aus dem die verschiedenen bunten Strahlen brachen. Das Manuskript
des seligen Kapuziners war in altes, vergelbtes Pergament eingeschlagen,
und dies Pergament mit kleiner, beinahe unleserlicher Schrift beschrieben,
die, da sich darin eine ganz seltsame Hand kundtat, meine Neugierde nicht
wenig reizte. Nach vieler Mühe gelang es mir, Buchstaben und Worte zu
entziffern, und wie erstaunte ich, als es mir klar wurde, daß es jene im
Malerbuch aufgezeichnete Geschichte sei, von der Medardus spricht. Im
alten Italienisch ist sie beinahe chronikenartig und sehr aphoristisch
geschrieben. Der seltsame Ton klingt im Deutschen nur rauh und dumpf,
wie ein gesprungenes Glas, doch war es nötig, zum Verständnis des Ganzen
hier die Übersetzung einzuschalten; dies tue ich, nachdem ich nur noch
folgendes wehmütigst bemerkt. Die fürstliche Familie, aus der jener oft
genannte Francesko abstammte, lebt noch in Italien, und ebenso leben noch
die Nachkömmlinge des Fürsten, in dessen Residenz sich Medardus
aufhielt. Unmöglich war es daher, die Namen zu nennen, und
unbehilflicher, ungeschickter ist niemand auf der ganzen Welt, als
derjenige, der dir, günstiger Leser, dies Buch in die Hände gibt, wenn er
Namen erdenken soll, da, wo schon wirkliche, und zwar schön und
romantisch tönende, vorhanden sind, wie es hier der Fall war. Bezeichneter
Herausgeber gedachte sich sehr gut mit dem: der Fürst, der Baron usw.
herauszuhelfen, nun aber der alte Maler die geheimnisvollsten,
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verwackelten Familienverhältnisse ins klare stellt, sieht er wohl ein, daß er
mit den allgemeinen Bezeichnungen nicht vermag, ganz verständlich zu
werden. Er müßte den einfachen Chroniken-Choral des Malers mit allerlei
Erklärungen und Zurechtweisungen, wie mit krausen Figuren,
verschnörkeln und verbrämen. — Ich trete in die Person des Herausgebers,
und bitte dich, günstiger Leser, du wolltest, ehe du weiter liesest, folgendes
dir gütigst merken. Camillo, Fürst von P., tritt als Stammvater der Familie
auf, aus der Francesko, des Medardus Vater, stammt. Theodor, Fürst von
W., ist der Vater des Fürsten Alexander von W., an dessen Hofe sich
Medardus aufhielt. Sein Bruder Albert, Fürst von W., vermählte sich mit der
italienischen Prinzessin Giazinta B. Die Familie des Barons F. im Gebirge
ist bekannt, und nur zu bemerken, daß die Baronesse von F. aus Italien
abstammte, denn sie war die Tochter des Grafen Pietro S., eines Sohnes des
Grafen Filippo S. Alles wird sich, lieber Leser, nun klärlich dartun, wenn du
diese wenigen Vornamen und Buchstaben im Sinn behältst. Es folgt
nunmehr, statt der Fortsetzung der Geschichte,
das Pergamentblatt des alten Malers.
— — — Und es begab sich, daß die Republik Genua, hart bedrängt von
den algierischen Korsaren, sich an den großen Seehelden Camillo, Fürsten
von P., wandte, daß er mit vier wohl ausgerüsteten und bemannten
Galeonen einen Streifzug gegen die verwegenen Räuber unternehmen
möge. Camillo, nach ruhmvollen Taten dürstend, schrieb sofort an seinen
ältesten Sohn Francesko, daß er kommen möge, in des Vaters Abwesenheit
das Land zu regieren. Francesko übte in Leonardo da Vincis Schule die
Malerei, und der Geist der Kunst hatte sich seiner so ganz und gar
bemächtigt, daß er nichts anderes denken konnte. Daher hielt er auch die
Kunst höher, als alle Ehre und Pracht auf Erden, und alles übrige Tun und
Treiben der Menschen erschien ihm als ein klägliches Bemühen um eitlen
Tand. Er konnte von der Kunst und von dem Meister, der schon hoch in den
Jahren war, nicht lassen, und schrieb daher dem Vater zurück, daß er wohl
den Pinsel, aber nicht das Zepter zu führen verstehe, und bei Leonardo
bleiben wolle. Da war der alte, stolze Fürst Camillo hoch erzürnt, schalt den
Sohn einen unwürdigen Toren und schickte vertraute Diener ab, die den
Sohn zurückbringen sollten. Als nun aber Francesko standhaft verweigerte,
zurückzukehren, als er erklärte, daß ein Fürst, von allem Glanz des Throns
umstrahlt, ihm nur ein elendiglich Wesen dünke gegen einen tüchtigen
mit den allgemeinen Bezeichnungen nicht vermag, ganz verständlich zu
werden. Er müßte den einfachen Chroniken-Choral des Malers mit allerlei
Erklärungen und Zurechtweisungen, wie mit krausen Figuren,
verschnörkeln und verbrämen. — Ich trete in die Person des Herausgebers,
und bitte dich, günstiger Leser, du wolltest, ehe du weiter liesest, folgendes
dir gütigst merken. Camillo, Fürst von P., tritt als Stammvater der Familie
auf, aus der Francesko, des Medardus Vater, stammt. Theodor, Fürst von
W., ist der Vater des Fürsten Alexander von W., an dessen Hofe sich
Medardus aufhielt. Sein Bruder Albert, Fürst von W., vermählte sich mit der
italienischen Prinzessin Giazinta B. Die Familie des Barons F. im Gebirge
ist bekannt, und nur zu bemerken, daß die Baronesse von F. aus Italien
abstammte, denn sie war die Tochter des Grafen Pietro S., eines Sohnes des
Grafen Filippo S. Alles wird sich, lieber Leser, nun klärlich dartun, wenn du
diese wenigen Vornamen und Buchstaben im Sinn behältst. Es folgt
nunmehr, statt der Fortsetzung der Geschichte,
das Pergamentblatt des alten Malers.
— — — Und es begab sich, daß die Republik Genua, hart bedrängt von
den algierischen Korsaren, sich an den großen Seehelden Camillo, Fürsten
von P., wandte, daß er mit vier wohl ausgerüsteten und bemannten
Galeonen einen Streifzug gegen die verwegenen Räuber unternehmen
möge. Camillo, nach ruhmvollen Taten dürstend, schrieb sofort an seinen
ältesten Sohn Francesko, daß er kommen möge, in des Vaters Abwesenheit
das Land zu regieren. Francesko übte in Leonardo da Vincis Schule die
Malerei, und der Geist der Kunst hatte sich seiner so ganz und gar
bemächtigt, daß er nichts anderes denken konnte. Daher hielt er auch die
Kunst höher, als alle Ehre und Pracht auf Erden, und alles übrige Tun und
Treiben der Menschen erschien ihm als ein klägliches Bemühen um eitlen
Tand. Er konnte von der Kunst und von dem Meister, der schon hoch in den
Jahren war, nicht lassen, und schrieb daher dem Vater zurück, daß er wohl
den Pinsel, aber nicht das Zepter zu führen verstehe, und bei Leonardo
bleiben wolle. Da war der alte, stolze Fürst Camillo hoch erzürnt, schalt den
Sohn einen unwürdigen Toren und schickte vertraute Diener ab, die den
Sohn zurückbringen sollten. Als nun aber Francesko standhaft verweigerte,
zurückzukehren, als er erklärte, daß ein Fürst, von allem Glanz des Throns
umstrahlt, ihm nur ein elendiglich Wesen dünke gegen einen tüchtigen
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Maler, und daß die größten Kriegestaten nur ein grausames, irdisches Spiel
wären, dagegen die Schöpfung des Malers die reine Abspiegelung des ihm
inwohnenden göttlichen Geistes sei, da ergrimmte der Seeheld Camillo und
schwur, daß er den Francesko verstoßen und seinem jüngern Bruder
Zenobio die Nachfolge zusichern wolle. Francesko war damit gar zufrieden,
ja er trat in einer Urkunde seinem jüngern Bruder die Nachfolge auf den
fürstlichen Thron mit aller Form und Feierlichkeit ab, und so begab es sich,
daß, als der alte Fürst Camillo in einem harten, blutigen Kampfe mit den
Algierern sein Leben verloren hatte, Zenobio zur Regierung kam,
Francesko dagegen, seinen fürstlichen Stand und Namen verleugnend, ein
Maler wurde, und von einem kleinen Jahrgehalt, den ihm der regierende
Bruder ausgesetzt, kümmerlich genug lebte. Francesko war sonst ein
stolzer, übermütiger Jüngling gewesen, nur der alte Leonardo zähmte seinen
wilden Sinn, und als Francesko dem fürstlichen Stand entsagt hatte, wurde
er Leonardos frommer, treuer Sohn. Er half dem Alten manch wichtiges
großes Werk vollenden, und es geschah, daß der Schüler, sich
hinaufschwingend zu der Höhe des Meisters, berühmt wurde, und manches
Altarblatt für Kirchen und Klöster malen mußte. Der alte Leonardo stand
ihm treulich bei mit Rat und Tat, bis er denn endlich im hohen Alter starb.
Da brach, wie ein lange mühsam unterdrücktes Feuer, in dem Jüngling
Francesko wieder der Stolz und Übermut hervor. Er hielt sich für den
größten Maler seiner Zeit und die erreichte Kunstvollkommenheit mit
seinem Stande paarend, nannte er sich selbst den fürstlichen Maler. Von
dem alten Leonardo sprach er verächtlich, und schuf, abweichend von dem
frommen, einfachen Stil, sich eine neue Manier, die mit der Üppigkeit der
Gestalten und dem prahlenden Farbenglanz die Augen der Menge
verblendete, deren übertriebene Lobsprüche ihn immer eitler und
übermütiger machten. Es geschah, daß er zu Rom unter wilde,
ausschweifende Jünglinge geriet, und wie er nun in allem der erste und
vorzüglichste zu sein begehrte, so war er bald im wilden Sturm des Lasters
der rüstigste Segler. Ganz von der falschen, trügerischen Pracht des
Heidentums verführt, bildeten die Jünglinge, an deren Spitze Francesko
stand, einen geheimen Bund, in dem sie, das Christentum auf frevelige
Weise verspottend, die Gebräuche der alten Griechen nachahmten und mit
frechen Dirnen verruchte, sündhafte Feste feierten. Es waren Maler, aber
noch mehr Bildhauer unter ihnen, die wollten nur von der antikischen Kunst
etwas wissen und verlachten alles, was neue Künstler, von dem heiligen
wären, dagegen die Schöpfung des Malers die reine Abspiegelung des ihm
inwohnenden göttlichen Geistes sei, da ergrimmte der Seeheld Camillo und
schwur, daß er den Francesko verstoßen und seinem jüngern Bruder
Zenobio die Nachfolge zusichern wolle. Francesko war damit gar zufrieden,
ja er trat in einer Urkunde seinem jüngern Bruder die Nachfolge auf den
fürstlichen Thron mit aller Form und Feierlichkeit ab, und so begab es sich,
daß, als der alte Fürst Camillo in einem harten, blutigen Kampfe mit den
Algierern sein Leben verloren hatte, Zenobio zur Regierung kam,
Francesko dagegen, seinen fürstlichen Stand und Namen verleugnend, ein
Maler wurde, und von einem kleinen Jahrgehalt, den ihm der regierende
Bruder ausgesetzt, kümmerlich genug lebte. Francesko war sonst ein
stolzer, übermütiger Jüngling gewesen, nur der alte Leonardo zähmte seinen
wilden Sinn, und als Francesko dem fürstlichen Stand entsagt hatte, wurde
er Leonardos frommer, treuer Sohn. Er half dem Alten manch wichtiges
großes Werk vollenden, und es geschah, daß der Schüler, sich
hinaufschwingend zu der Höhe des Meisters, berühmt wurde, und manches
Altarblatt für Kirchen und Klöster malen mußte. Der alte Leonardo stand
ihm treulich bei mit Rat und Tat, bis er denn endlich im hohen Alter starb.
Da brach, wie ein lange mühsam unterdrücktes Feuer, in dem Jüngling
Francesko wieder der Stolz und Übermut hervor. Er hielt sich für den
größten Maler seiner Zeit und die erreichte Kunstvollkommenheit mit
seinem Stande paarend, nannte er sich selbst den fürstlichen Maler. Von
dem alten Leonardo sprach er verächtlich, und schuf, abweichend von dem
frommen, einfachen Stil, sich eine neue Manier, die mit der Üppigkeit der
Gestalten und dem prahlenden Farbenglanz die Augen der Menge
verblendete, deren übertriebene Lobsprüche ihn immer eitler und
übermütiger machten. Es geschah, daß er zu Rom unter wilde,
ausschweifende Jünglinge geriet, und wie er nun in allem der erste und
vorzüglichste zu sein begehrte, so war er bald im wilden Sturm des Lasters
der rüstigste Segler. Ganz von der falschen, trügerischen Pracht des
Heidentums verführt, bildeten die Jünglinge, an deren Spitze Francesko
stand, einen geheimen Bund, in dem sie, das Christentum auf frevelige
Weise verspottend, die Gebräuche der alten Griechen nachahmten und mit
frechen Dirnen verruchte, sündhafte Feste feierten. Es waren Maler, aber
noch mehr Bildhauer unter ihnen, die wollten nur von der antikischen Kunst
etwas wissen und verlachten alles, was neue Künstler, von dem heiligen
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Christentum entzündet, zur Glorie desselben erfunden und herrlich
ausgeführt hatten. Francesko malte in unheiliger Begeisterung viele Bilder
aus der lügenhaften Fabelwelt. Keiner als er vermochte die buhlerische
Üppigkeit der weiblichen Gestalten so wahrhaft darzustellen, indem er von
lebenden Modellen die Karnation, von den alten Marmorbildern aber Form
und Bildung entnahm. Statt, wie sonst, in den Kirchen und Klöstern sich an
den herrlichen Bildern der alten frommen Meister zu erbauen, und sie mit
künstlerischer Andacht aufzunehmen in sein Inneres, zeichnete er emsig die
Gestalten der lügnerischen Heidengötter ab. Von keiner Gestalt war er aber
so ganz und gar durchdrungen, als von einem berühmten Venusbilde, das er
stets in Gedanken trug. Das Jahrgehalt, das Zenobio dem Bruder ausgesetzt
hatte, blieb einmal länger als gewöhnlich aus, und so kam es, daß Francesko
bei seinem wilden Leben, das ihm allen Verdienst schnell hinwegraffte, und
das er doch nicht lassen wollte, in arge Geldnot geriet. Da gedachte er, daß
vor langer Zeit ihm ein Kapuzinerkloster aufgetragen hatte, für einen hohen
Preis das Bild der heiligen Rosalia zu malen, und er beschloß, das Werk,
das er aus Abscheu gegen alle christliche Heiligen nicht unternehmen
wollte, nun schnell zu vollenden um das Geld zu erhalten. Er gedachte die
Heilige nackt, und in Form und Bildung des Gesichts jenem Venusbilde
gleich, darzustellen. Der Entwurf geriet über die Maßen wohl, und die
freveligen Jünglinge priesen hoch Franceskos verruchten Einfall, den
frommen Mönchen, statt der christlichen Heiligen, ein heidnisches
Götzenbild in die Kirche zu stellen. Aber wie Francesko zu malen begann,
siehe, da gestaltete sich alles anders, als er es in Sinn und Gedanken
getragen, und ein mächtigerer Geist überwältigte den Geist der schnöden
Lüge, der ihn beherrscht hatte. Das Gesicht eines Engels aus dem hohen
Himmelreiche fing an, aus düstern Nebeln hervor zu dämmern; aber als wie
vor scheuer Angst, das Heilige zu verletzen und dann dem Strafgericht des
Herrn zu erliegen, ergriffen, wagte Francesko nicht, das Gesicht zu
vollenden, und um den nackt gezeichneten Körper legten in anmutigen
Falten sich züchtige Gewänder, ein dunkelrotes Kleid und ein azurblauer
Mantel. Die Kapuzinermönche hatten in dem Schreiben an den Maler
Francesko nur des Bildes der heiligen Rosalia gedacht, ohne weiter zu
bestimmen, ob dabei nicht eine denkwürdige Geschichte ihres Lebens der
Vorwurf des Malers sein solle, und ebendaher hatte Francesko auch nur in
der Mitte des Blatts die Gestalt der Heiligen entworfen; aber nun malte er,
vom Geiste getrieben, allerlei Figuren rings umher, die sich wunderbarlich
ausgeführt hatten. Francesko malte in unheiliger Begeisterung viele Bilder
aus der lügenhaften Fabelwelt. Keiner als er vermochte die buhlerische
Üppigkeit der weiblichen Gestalten so wahrhaft darzustellen, indem er von
lebenden Modellen die Karnation, von den alten Marmorbildern aber Form
und Bildung entnahm. Statt, wie sonst, in den Kirchen und Klöstern sich an
den herrlichen Bildern der alten frommen Meister zu erbauen, und sie mit
künstlerischer Andacht aufzunehmen in sein Inneres, zeichnete er emsig die
Gestalten der lügnerischen Heidengötter ab. Von keiner Gestalt war er aber
so ganz und gar durchdrungen, als von einem berühmten Venusbilde, das er
stets in Gedanken trug. Das Jahrgehalt, das Zenobio dem Bruder ausgesetzt
hatte, blieb einmal länger als gewöhnlich aus, und so kam es, daß Francesko
bei seinem wilden Leben, das ihm allen Verdienst schnell hinwegraffte, und
das er doch nicht lassen wollte, in arge Geldnot geriet. Da gedachte er, daß
vor langer Zeit ihm ein Kapuzinerkloster aufgetragen hatte, für einen hohen
Preis das Bild der heiligen Rosalia zu malen, und er beschloß, das Werk,
das er aus Abscheu gegen alle christliche Heiligen nicht unternehmen
wollte, nun schnell zu vollenden um das Geld zu erhalten. Er gedachte die
Heilige nackt, und in Form und Bildung des Gesichts jenem Venusbilde
gleich, darzustellen. Der Entwurf geriet über die Maßen wohl, und die
freveligen Jünglinge priesen hoch Franceskos verruchten Einfall, den
frommen Mönchen, statt der christlichen Heiligen, ein heidnisches
Götzenbild in die Kirche zu stellen. Aber wie Francesko zu malen begann,
siehe, da gestaltete sich alles anders, als er es in Sinn und Gedanken
getragen, und ein mächtigerer Geist überwältigte den Geist der schnöden
Lüge, der ihn beherrscht hatte. Das Gesicht eines Engels aus dem hohen
Himmelreiche fing an, aus düstern Nebeln hervor zu dämmern; aber als wie
vor scheuer Angst, das Heilige zu verletzen und dann dem Strafgericht des
Herrn zu erliegen, ergriffen, wagte Francesko nicht, das Gesicht zu
vollenden, und um den nackt gezeichneten Körper legten in anmutigen
Falten sich züchtige Gewänder, ein dunkelrotes Kleid und ein azurblauer
Mantel. Die Kapuzinermönche hatten in dem Schreiben an den Maler
Francesko nur des Bildes der heiligen Rosalia gedacht, ohne weiter zu
bestimmen, ob dabei nicht eine denkwürdige Geschichte ihres Lebens der
Vorwurf des Malers sein solle, und ebendaher hatte Francesko auch nur in
der Mitte des Blatts die Gestalt der Heiligen entworfen; aber nun malte er,
vom Geiste getrieben, allerlei Figuren rings umher, die sich wunderbarlich
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zusammenfügten, um das Martyrium der Heiligen darzustellen. Francesko
war in sein Bild ganz und gar versunken, oder vielmehr das Bild war selbst
der mächtige Geist geworden, der ihn mit starken Armen umfaßte und
emporhielt über das frevelige Weltleben, das er bisher getrieben. Nicht zu
vollenden vermochte er aber das Gesicht der Heiligen, und das wurde ihm
zu einer höllischen Qual, die, wie mit spitzen Stacheln, in sein inneres
Gemüt bohrte. Er gedachte nicht mehr des Venusbildes, wohl aber war es
ihm, als sähe er den alten Meister Leonardo, der ihn anblickte mit
kläglicher Gebärde und ganz ängstlich und schmerzlich sprach: „Ach, ich
wollte dir wohl helfen, aber ich darf es nicht, du mußt erst entsagen allem
sündhaften Streben, und in tiefer Reue und Demut die Fürbitte der Heiligen
erflehen, gegen die du gefrevelt hast.“ — Die Jünglinge, welche Francesko
so lange geflohen, suchten ihn auf in seiner Werkstatt und fanden ihn, wie
einen ohnmächtigen Kranken, ausgestreckt auf seinem Lager liegen. Da
aber Francesko ihnen seine Not klagte, wie er, als habe ein böser Geist seine
Kraft gebrochen, nicht das Bild der heiligen Rosalia fertig zu machen
vermöge, da lachten sie alle auf und sprachen: „Ei mein Bruder, wie bist du
denn mit einem Mal so krank geworden? — Laßt uns dem Äskulap und der
freundlichen Hygeia ein Weinopfer bringen, damit jener Schwache dort
genese!“ Es wurde Syrakuser Wein gebracht, womit die Jünglinge die
Trinkschalen füllten, und, vor dem unvollendeten Bilde den heidnischen
Göttern Libationen darbringend, ausgossen. Aber als sie dann wacker zu
zechen begannen und dem Francesko Wein darboten, da wollte dieser nicht
trinken und nicht teilnehmen an dem Gelage der wilden Brüder, unerachtet
sie Frau Venus hochleben ließen! Da sprach einer unter ihnen: „Der törichte
Maler ist da wohl wirklich in seinen Gedanken und Gliedmaßen krank, und
ich muß nur einen Doktor herbeiholen.“ Er warf seinen Mantel um, steckte
seinen Stoßdegen an und schritt zur Türe hinaus. Es hatte aber nur wenige
Augenblicke gedauert als er wieder hereintrat und sagte: „Ei seht doch nur,
ich bin ja selbst schon der Arzt, der jenen Siechling dort heilen will.“ Der
Jüngling, der gewiß einem alten Arzt in Gang und Stellung recht ähnlich zu
sein begehrte, trippelte mit gekrümmten Knien einher, und hatte sein
jugendliches Gesicht seltsamlich in Runzeln und Falten verzogen, so daß er
anzusehen war, wie ein alter recht häßlicher Mann, und die Jünglinge sehr
lachten und riefen: „Ei seht doch, was der Doktor für gelehrte Gesichter zu
schneiden vermag!“ Der Doktor näherte sich dem kranken Francesko und
sprach mit rauher Stimme und verhöhnendem Ton: „Ei, du armer Geselle,
war in sein Bild ganz und gar versunken, oder vielmehr das Bild war selbst
der mächtige Geist geworden, der ihn mit starken Armen umfaßte und
emporhielt über das frevelige Weltleben, das er bisher getrieben. Nicht zu
vollenden vermochte er aber das Gesicht der Heiligen, und das wurde ihm
zu einer höllischen Qual, die, wie mit spitzen Stacheln, in sein inneres
Gemüt bohrte. Er gedachte nicht mehr des Venusbildes, wohl aber war es
ihm, als sähe er den alten Meister Leonardo, der ihn anblickte mit
kläglicher Gebärde und ganz ängstlich und schmerzlich sprach: „Ach, ich
wollte dir wohl helfen, aber ich darf es nicht, du mußt erst entsagen allem
sündhaften Streben, und in tiefer Reue und Demut die Fürbitte der Heiligen
erflehen, gegen die du gefrevelt hast.“ — Die Jünglinge, welche Francesko
so lange geflohen, suchten ihn auf in seiner Werkstatt und fanden ihn, wie
einen ohnmächtigen Kranken, ausgestreckt auf seinem Lager liegen. Da
aber Francesko ihnen seine Not klagte, wie er, als habe ein böser Geist seine
Kraft gebrochen, nicht das Bild der heiligen Rosalia fertig zu machen
vermöge, da lachten sie alle auf und sprachen: „Ei mein Bruder, wie bist du
denn mit einem Mal so krank geworden? — Laßt uns dem Äskulap und der
freundlichen Hygeia ein Weinopfer bringen, damit jener Schwache dort
genese!“ Es wurde Syrakuser Wein gebracht, womit die Jünglinge die
Trinkschalen füllten, und, vor dem unvollendeten Bilde den heidnischen
Göttern Libationen darbringend, ausgossen. Aber als sie dann wacker zu
zechen begannen und dem Francesko Wein darboten, da wollte dieser nicht
trinken und nicht teilnehmen an dem Gelage der wilden Brüder, unerachtet
sie Frau Venus hochleben ließen! Da sprach einer unter ihnen: „Der törichte
Maler ist da wohl wirklich in seinen Gedanken und Gliedmaßen krank, und
ich muß nur einen Doktor herbeiholen.“ Er warf seinen Mantel um, steckte
seinen Stoßdegen an und schritt zur Türe hinaus. Es hatte aber nur wenige
Augenblicke gedauert als er wieder hereintrat und sagte: „Ei seht doch nur,
ich bin ja selbst schon der Arzt, der jenen Siechling dort heilen will.“ Der
Jüngling, der gewiß einem alten Arzt in Gang und Stellung recht ähnlich zu
sein begehrte, trippelte mit gekrümmten Knien einher, und hatte sein
jugendliches Gesicht seltsamlich in Runzeln und Falten verzogen, so daß er
anzusehen war, wie ein alter recht häßlicher Mann, und die Jünglinge sehr
lachten und riefen: „Ei seht doch, was der Doktor für gelehrte Gesichter zu
schneiden vermag!“ Der Doktor näherte sich dem kranken Francesko und
sprach mit rauher Stimme und verhöhnendem Ton: „Ei, du armer Geselle,
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ich muß dich wohl aufrichten aus trübseliger Ohnmacht! — Ei, du
erbärmlicher Geselle, wie siehst du doch so blaß und krank aus, der Frau
Venus wirst du so nicht gefallen! — Kann sein, daß Donna Rosalia sich
deiner annehmen wird, wenn du gesundet! — Du ohnmächtiger Geselle,
nippe von meiner Wunderarzenei. Da du Heilige malen willst, wird dich
mein Trank wohl zu erkräftigen vermögen, es ist Wein aus dem Keller des
heiligen Antonius.“ Der angebliche Doktor hatte eine Flasche unter dem
Mantel hervorgezogen, die er jetzt öffnete. Es stieg ein seltsamer Duft aus
der Flasche, der die Jünglinge betäubte, so daß sie, wie von Schläfrigkeit
übernommen, in die Sessel sanken und die Augen schlossen. Aber
Francesko riß in wilder Wut, verhöhnt zu sein als ein ohnmächtiger
Schwächling, die Flasche dem Doktor aus den Händen und trank in vollen
Zügen. „Wohl bekomm dir’s,“ rief der Jüngling, der nun wieder sein
jugendliches Gesicht und seinen kräftigen Gang angenommen hatte. Dann
rief er die andern Jünglinge aus dem Schlafe auf, worin sie versunken, und
sie taumelten mit ihm die Treppe hinab. — So wie der Berg Vesuv in
wildem Brausen verzehrende Flammen aussprüht, so tobte es jetzt in
Feuerströmen heraus aus Franceskos Innern. Alle heidnische Geschichten,
die er jemals gemalt, sah er vor Augen, als ob sie lebendig geworden, und er
rief mit gewaltiger Stimme: „Auch du mußt kommen, meine geliebte
Göttin, du mußt leben und mein sein oder ich weihe mich den
unterirdischen Göttern!“ Da erblickte er Frau Venus, dicht vor dem Bilde
stehend und ihm freundlich zuwinkend. Er sprang auf von seinem Lager
und begann an dem Kopfe der heiligen Rosalia zu malen, weil er nun der
Frau Venus reizendes Angesicht ganz getreulich abzukonterfeien gedachte.
Es war ihm so, als könne der feste Wille nicht gebieten der Hand, denn
immer glitt der Pinsel ab von den Nebeln, in denen der Kopf der heiligen
Rosalia eingehüllt war, und strich unwillkürlich an den Häuptern der
barbarischen Männer, von denen sie umgeben. Und doch kam das
himmlische Antlitz der Heiligen immer sichtbarlicher zum Vorschein und
blickte den Francesko plötzlich mit solchen lebendigstrahlenden Augen an,
daß er, wie von einem herabfahrenden Blitze tödlich getroffen, zu Boden
stürzte. Als er wieder nur etwas weniges seiner Sinnen mächtig geworden,
richtete er sich mühsam in die Höhe, er wagte jedoch nicht, nach dem
Bilde, das ihm so schrecklich geworden, hinzublicken, sondern schlich mit
gesenktem Haupte nach dem Tische, auf dem des Doktors Weinflasche
stand, aus der er einen tüchtigen Zug tat. Da war Francesko wieder ganz
erbärmlicher Geselle, wie siehst du doch so blaß und krank aus, der Frau
Venus wirst du so nicht gefallen! — Kann sein, daß Donna Rosalia sich
deiner annehmen wird, wenn du gesundet! — Du ohnmächtiger Geselle,
nippe von meiner Wunderarzenei. Da du Heilige malen willst, wird dich
mein Trank wohl zu erkräftigen vermögen, es ist Wein aus dem Keller des
heiligen Antonius.“ Der angebliche Doktor hatte eine Flasche unter dem
Mantel hervorgezogen, die er jetzt öffnete. Es stieg ein seltsamer Duft aus
der Flasche, der die Jünglinge betäubte, so daß sie, wie von Schläfrigkeit
übernommen, in die Sessel sanken und die Augen schlossen. Aber
Francesko riß in wilder Wut, verhöhnt zu sein als ein ohnmächtiger
Schwächling, die Flasche dem Doktor aus den Händen und trank in vollen
Zügen. „Wohl bekomm dir’s,“ rief der Jüngling, der nun wieder sein
jugendliches Gesicht und seinen kräftigen Gang angenommen hatte. Dann
rief er die andern Jünglinge aus dem Schlafe auf, worin sie versunken, und
sie taumelten mit ihm die Treppe hinab. — So wie der Berg Vesuv in
wildem Brausen verzehrende Flammen aussprüht, so tobte es jetzt in
Feuerströmen heraus aus Franceskos Innern. Alle heidnische Geschichten,
die er jemals gemalt, sah er vor Augen, als ob sie lebendig geworden, und er
rief mit gewaltiger Stimme: „Auch du mußt kommen, meine geliebte
Göttin, du mußt leben und mein sein oder ich weihe mich den
unterirdischen Göttern!“ Da erblickte er Frau Venus, dicht vor dem Bilde
stehend und ihm freundlich zuwinkend. Er sprang auf von seinem Lager
und begann an dem Kopfe der heiligen Rosalia zu malen, weil er nun der
Frau Venus reizendes Angesicht ganz getreulich abzukonterfeien gedachte.
Es war ihm so, als könne der feste Wille nicht gebieten der Hand, denn
immer glitt der Pinsel ab von den Nebeln, in denen der Kopf der heiligen
Rosalia eingehüllt war, und strich unwillkürlich an den Häuptern der
barbarischen Männer, von denen sie umgeben. Und doch kam das
himmlische Antlitz der Heiligen immer sichtbarlicher zum Vorschein und
blickte den Francesko plötzlich mit solchen lebendigstrahlenden Augen an,
daß er, wie von einem herabfahrenden Blitze tödlich getroffen, zu Boden
stürzte. Als er wieder nur etwas weniges seiner Sinnen mächtig geworden,
richtete er sich mühsam in die Höhe, er wagte jedoch nicht, nach dem
Bilde, das ihm so schrecklich geworden, hinzublicken, sondern schlich mit
gesenktem Haupte nach dem Tische, auf dem des Doktors Weinflasche
stand, aus der er einen tüchtigen Zug tat. Da war Francesko wieder ganz
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erkräftigt, er schaute nach seinem Bilde, es stand, bis auf den letzten
Pinselstrich vollendet, vor ihm, und nicht das Antlitz der heiligen Rosalia,
sondern das geliebte Venusbild lachte ihn mit üppigem Liebesblicke an. In
demselben Augenblick wurde Francesko von wilden, freveligen Trieben
entzündet. Er heulte vor wahnsinniger Begier, er gedachte des heidnischen
Bildhauers Pygmalion, dessen Geschichte er gemalt, und flehte so wie er
zur Frau Venus, daß sie seinem Bilde Leben einhauchen möge. Bald war es
ihm auch, als finge das Bild an sich zu regen, doch als er es in seine Arme
fassen wollte, sah er wohl, daß es tote Leinewand geblieben. Dann zerraufte
er sein Haar und gebärdete sich wie einer, der von dem Satan besessen.
Schon zwei Tage und zwei Nächte hatte es Francesko so getrieben; am
dritten Tage, als er, wie eine erstarrte Bildsäule vor dem Bilde stand, ging
die Türe seines Gemachs auf, und es rauschte hinter ihm wie mit weiblichen
Gewändern. Er drehte sich um und erblickte ein Weib, das er für das
Original seines Bildes erkannte. Es wären ihm schier die Sinne vergangen,
als er das Bild, welches er aus seinen innersten Gedanken nach einem
Marmorbilde erschaffen, nun lebendig vor sich in aller nur erdenklichen
Schönheit erblickte, und es wandelte ihn beinahe ein Grausen an, wenn er
das Gemälde ansah, das nun wie eine getreuliche Abspiegelung des fremden
Weibes erschien. Es geschah ihm dasjenige, was die wunderbarliche
Erscheinung eines Geistes zu bewirken pflegt, die Zunge war ihm
gebunden, und er fiel lautlos vor der Fremden auf die Knie und hob die
Hände wie anbetend zu ihr empor. Das fremde Weib richtete ihn aber
lächelnd auf und sagte ihm, daß sie ihn schon damals, als er in der
Malerschule des alten Leonardo da Vinci gewesen, als ein kleines Mädchen
oftmals gesehen und eine unsägliche Liebe zu ihm gefaßt habe. Eltern und
Verwandte habe sie nun verlassen und sei allein nach Rom gewandert, um
ihn wiederzufinden, da eine in ihrem Innern ertönende Stimme ihr gesagt
habe, daß er sie sehr liebe und sie aus lauter Sehnsucht und Begierde
abkonterfeit habe, was denn, wie sie jetzt sehe, auch wirklich wahr sei.
Francesko merkte nun, daß ein geheimnisvolles Seelenverständnis mit dem
fremden Weibe obgewaltet, und daß dieses Verständnis das wunderbare
Bild und seine wahnsinnige Liebe zu demselben geschaffen hatte. Er
umarmte das Weib voll inbrünstiger Liebe und wollte sie sogleich nach der
Kirche führen, damit ein Priester sie durch das heilige Sakrament der Ehe
auf ewig binde. Davor schien sich das Weib aber zu entsetzen, und sie
sprach: „Ei, mein geliebter Francesko, bist du denn nicht ein wackrer
Pinselstrich vollendet, vor ihm, und nicht das Antlitz der heiligen Rosalia,
sondern das geliebte Venusbild lachte ihn mit üppigem Liebesblicke an. In
demselben Augenblick wurde Francesko von wilden, freveligen Trieben
entzündet. Er heulte vor wahnsinniger Begier, er gedachte des heidnischen
Bildhauers Pygmalion, dessen Geschichte er gemalt, und flehte so wie er
zur Frau Venus, daß sie seinem Bilde Leben einhauchen möge. Bald war es
ihm auch, als finge das Bild an sich zu regen, doch als er es in seine Arme
fassen wollte, sah er wohl, daß es tote Leinewand geblieben. Dann zerraufte
er sein Haar und gebärdete sich wie einer, der von dem Satan besessen.
Schon zwei Tage und zwei Nächte hatte es Francesko so getrieben; am
dritten Tage, als er, wie eine erstarrte Bildsäule vor dem Bilde stand, ging
die Türe seines Gemachs auf, und es rauschte hinter ihm wie mit weiblichen
Gewändern. Er drehte sich um und erblickte ein Weib, das er für das
Original seines Bildes erkannte. Es wären ihm schier die Sinne vergangen,
als er das Bild, welches er aus seinen innersten Gedanken nach einem
Marmorbilde erschaffen, nun lebendig vor sich in aller nur erdenklichen
Schönheit erblickte, und es wandelte ihn beinahe ein Grausen an, wenn er
das Gemälde ansah, das nun wie eine getreuliche Abspiegelung des fremden
Weibes erschien. Es geschah ihm dasjenige, was die wunderbarliche
Erscheinung eines Geistes zu bewirken pflegt, die Zunge war ihm
gebunden, und er fiel lautlos vor der Fremden auf die Knie und hob die
Hände wie anbetend zu ihr empor. Das fremde Weib richtete ihn aber
lächelnd auf und sagte ihm, daß sie ihn schon damals, als er in der
Malerschule des alten Leonardo da Vinci gewesen, als ein kleines Mädchen
oftmals gesehen und eine unsägliche Liebe zu ihm gefaßt habe. Eltern und
Verwandte habe sie nun verlassen und sei allein nach Rom gewandert, um
ihn wiederzufinden, da eine in ihrem Innern ertönende Stimme ihr gesagt
habe, daß er sie sehr liebe und sie aus lauter Sehnsucht und Begierde
abkonterfeit habe, was denn, wie sie jetzt sehe, auch wirklich wahr sei.
Francesko merkte nun, daß ein geheimnisvolles Seelenverständnis mit dem
fremden Weibe obgewaltet, und daß dieses Verständnis das wunderbare
Bild und seine wahnsinnige Liebe zu demselben geschaffen hatte. Er
umarmte das Weib voll inbrünstiger Liebe und wollte sie sogleich nach der
Kirche führen, damit ein Priester sie durch das heilige Sakrament der Ehe
auf ewig binde. Davor schien sich das Weib aber zu entsetzen, und sie
sprach: „Ei, mein geliebter Francesko, bist du denn nicht ein wackrer
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Künstler, der sich nicht fesseln läßt von den Banden der christlichen
Kirche? Bist du nicht mit Leib und Seele dem freudigen frischen Altertum
und seinen dem Leben freundlichen Göttern zugewandt? Was geht unser
Bündnis die traurigen Priester an, die in düstern Hallen ihr Leben in
hoffnungsloser Klage verjammern? Laß uns heiter und hell das Fest unserer
Liebe feiern.“ Francesko wurde von diesen Reden des Weibes verführt, und
so geschah es, daß er mit den von sündigem, freveligem Leichtsinn
befangenen Jünglingen, die sich seine Freunde nannten, noch an demselben
Abende sein Hochzeitsfest mit dem fremden Weibe nach heidnischen
Gebräuchen beging. Es fand sich, daß das Weib eine Kiste mit Kleinodien
und barem Gelde mitgebracht hatte, und Francesko lebte mit ihr, in
sündlichen Genüssen schwelgend, und seiner Kunst entsagend, lange Zeit
hindurch. Das Weib fühlte sich schwanger und blühte nun erst immer
herrlicher und herrlicher in leuchtender Schönheit auf, sie schien ganz und
gar das erweckte Venusbild, und Francesko vermochte kaum, die üppige
Lust seines Lebens zu ertragen. Ein dumpfes, angstvolles Stöhnen weckte
in einer Nacht den Francesko aus dem Schlafe; als er erschrocken aufsprang
und mit der Leuchte in der Hand nach seinem Weibe sah, hatte sie ihm ein
Knäblein geboren. Schnell mußten die Diener eilen, um Wehmutter und
Arzt herbeizurufen. Francesko nahm das Kind von dem Schoße der Mutter,
aber in demselben Augenblick stieß das Weib einen entsetzlichen,
durchdringenden Schrei aus und krümmte sich, wie von gewaltigen Fäusten
gepackt, zusammen. Die Wehmutter kam mit ihrer Dienerin, ihr folgte der
Arzt; als sie nun aber dem Weibe Hilfe leisten wollten, schauderten sie
entsetzt zurück, denn das Weib war zum Tode erstarrt, Hals und Brust durch
blaue, garstige Flecke verunstaltet, und statt des jungen schönen Gesichts
erblickten sie ein gräßlich verzerrtes, runzliges Gesicht mit offnen
herausstarrenden Augen. Auf das Geschrei, das die beiden Weiber erhoben,
liefen die Nachbarsleute herzu, man hatte von jeher von dem fremden
Weibe allerlei Seltsames gesprochen; die üppige Lebensart, die sie mit
Francesko führte, war allen ein Greuel gewesen, und es stand daran, daß
man ihr sündhaftes Beisammensein ohne priesterliche Einsegnung, den
geistlichen Gerichten anzeigen wollte. Nun, als sie die gräßlich entstellte
Tote sahen, war es allen gewiß, daß sie im Bündnis mit dem Teufel gelebt,
der sich jetzt ihrer bemächtigt habe. Ihre Schönheit war nur ein lügnerisches
Trugbild verdammter Zauberei gewesen. Alle Leute die gekommen, flohen
erschreckt von dannen, keiner mochte die Tote anrühren. Francesko wußte
Kirche? Bist du nicht mit Leib und Seele dem freudigen frischen Altertum
und seinen dem Leben freundlichen Göttern zugewandt? Was geht unser
Bündnis die traurigen Priester an, die in düstern Hallen ihr Leben in
hoffnungsloser Klage verjammern? Laß uns heiter und hell das Fest unserer
Liebe feiern.“ Francesko wurde von diesen Reden des Weibes verführt, und
so geschah es, daß er mit den von sündigem, freveligem Leichtsinn
befangenen Jünglingen, die sich seine Freunde nannten, noch an demselben
Abende sein Hochzeitsfest mit dem fremden Weibe nach heidnischen
Gebräuchen beging. Es fand sich, daß das Weib eine Kiste mit Kleinodien
und barem Gelde mitgebracht hatte, und Francesko lebte mit ihr, in
sündlichen Genüssen schwelgend, und seiner Kunst entsagend, lange Zeit
hindurch. Das Weib fühlte sich schwanger und blühte nun erst immer
herrlicher und herrlicher in leuchtender Schönheit auf, sie schien ganz und
gar das erweckte Venusbild, und Francesko vermochte kaum, die üppige
Lust seines Lebens zu ertragen. Ein dumpfes, angstvolles Stöhnen weckte
in einer Nacht den Francesko aus dem Schlafe; als er erschrocken aufsprang
und mit der Leuchte in der Hand nach seinem Weibe sah, hatte sie ihm ein
Knäblein geboren. Schnell mußten die Diener eilen, um Wehmutter und
Arzt herbeizurufen. Francesko nahm das Kind von dem Schoße der Mutter,
aber in demselben Augenblick stieß das Weib einen entsetzlichen,
durchdringenden Schrei aus und krümmte sich, wie von gewaltigen Fäusten
gepackt, zusammen. Die Wehmutter kam mit ihrer Dienerin, ihr folgte der
Arzt; als sie nun aber dem Weibe Hilfe leisten wollten, schauderten sie
entsetzt zurück, denn das Weib war zum Tode erstarrt, Hals und Brust durch
blaue, garstige Flecke verunstaltet, und statt des jungen schönen Gesichts
erblickten sie ein gräßlich verzerrtes, runzliges Gesicht mit offnen
herausstarrenden Augen. Auf das Geschrei, das die beiden Weiber erhoben,
liefen die Nachbarsleute herzu, man hatte von jeher von dem fremden
Weibe allerlei Seltsames gesprochen; die üppige Lebensart, die sie mit
Francesko führte, war allen ein Greuel gewesen, und es stand daran, daß
man ihr sündhaftes Beisammensein ohne priesterliche Einsegnung, den
geistlichen Gerichten anzeigen wollte. Nun, als sie die gräßlich entstellte
Tote sahen, war es allen gewiß, daß sie im Bündnis mit dem Teufel gelebt,
der sich jetzt ihrer bemächtigt habe. Ihre Schönheit war nur ein lügnerisches
Trugbild verdammter Zauberei gewesen. Alle Leute die gekommen, flohen
erschreckt von dannen, keiner mochte die Tote anrühren. Francesko wußte
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nun wohl, mit wem er es zu tun gehabt hatte, und es bemächtigte sich seiner
eine entsetzliche Angst. Alle seine Frevel standen ihm vor Augen, und das
Strafgericht des Herrn begann hier schon auf Erden, die die Flammen der
Hölle in seinem Innern aufloderten.
Des andern Tages kam ein Abgeordneter des geistlichen Gerichts mit
den Häschern und wollte den Francesko verhaften, da erwachte aber sein
Mut und stolzer Sinn, er ergriff seinen Stoßdegen, machte sich Platz und
entrann. Eine gute Strecke von Rom fand er eine Höhle, in die er sich
ermüdet und ermattet verbarg. Ohne sich dessen deutlich bewußt zu sein,
hatte er das neugeborne Knäblein in den Mantel gewickelt und mit sich
genommen. Voll wilden Ingrimms wollte er das von dem teuflischen Weibe
ihm geborene Kind an den Steinen zerschmettern, aber indem er es in die
Höhe hob, stieß es klägliche bittende Töne aus, und es wandelte ihn tiefes
Mitleid an, er legte das Knäblein auf weiches Moos und tröpfelte ihm den
Saft einer Pomeranze ein, die er bei sich getragen. Francesko hatte, gleich
einem büßenden Einsiedler, mehrere Wochen in der Höhle zugebracht, und
sich abwendend von dem sündlichen Frevel, in dem er gelebt, inbrünstig zu
den Heiligen gebetet. Aber vor allen anderen rief er die von ihm schwer
beleidigte Rosalia an, daß sie vor dem Throne des Herrn seine
Fürsprecherin sein möge. Eines Abends lag Francesko, in der Wildnis
betend, auf den Knien, und schaute in die Sonne, welche sich tauchte in das
Meer, das in Westen seine roten Flammenwellen emporschlug. Aber, sowie
die Flammen verblaßten im grauen Abendnebel, gewahrte Francesko in den
Lüften einen leuchtenden Rosenschimmer, der sich bald zu gestalten
begann. Von Engeln umgeben sah Francesko die heilige Rosalia, wie sie auf
einer Wolke kniete, und ein sanftes Säuseln und Rauschen sprach die Worte:
„Herr, vergib dem Menschen, der in seiner Schwachheit und Ohnmacht
nicht zu widerstehen vermochte den Lockungen des Satans.“ Da zuckten
Blitze durch den Rosenschimmer, und ein dumpfer Donner ging dröhnend
durch das Gewölbe des Himmels: „Welcher sündige Mensch hat gleich
diesem gefrevelt! Nicht Gnade, nicht Ruhe im Grabe soll er finden, solange
der Stamm, den sein Verbrechen erzeugte, fortwuchert in freveliger Sünde!“
— — Francesko sank nieder in den Staub, denn er wußte wohl, daß nun
sein Urteil gesprochen, und ein entsetzliches Verhängnis ihn trostlos
umhertreiben werde. Er floh, ohne des Knäbleins in der Höhle zu gedenken,
von dannen, und lebte, da er nicht mehr zu malen vermochte, im tiefen,
jammervollen Elend. Manchmal kam es ihm in den Sinn, als müsse er, zur
eine entsetzliche Angst. Alle seine Frevel standen ihm vor Augen, und das
Strafgericht des Herrn begann hier schon auf Erden, die die Flammen der
Hölle in seinem Innern aufloderten.
Des andern Tages kam ein Abgeordneter des geistlichen Gerichts mit
den Häschern und wollte den Francesko verhaften, da erwachte aber sein
Mut und stolzer Sinn, er ergriff seinen Stoßdegen, machte sich Platz und
entrann. Eine gute Strecke von Rom fand er eine Höhle, in die er sich
ermüdet und ermattet verbarg. Ohne sich dessen deutlich bewußt zu sein,
hatte er das neugeborne Knäblein in den Mantel gewickelt und mit sich
genommen. Voll wilden Ingrimms wollte er das von dem teuflischen Weibe
ihm geborene Kind an den Steinen zerschmettern, aber indem er es in die
Höhe hob, stieß es klägliche bittende Töne aus, und es wandelte ihn tiefes
Mitleid an, er legte das Knäblein auf weiches Moos und tröpfelte ihm den
Saft einer Pomeranze ein, die er bei sich getragen. Francesko hatte, gleich
einem büßenden Einsiedler, mehrere Wochen in der Höhle zugebracht, und
sich abwendend von dem sündlichen Frevel, in dem er gelebt, inbrünstig zu
den Heiligen gebetet. Aber vor allen anderen rief er die von ihm schwer
beleidigte Rosalia an, daß sie vor dem Throne des Herrn seine
Fürsprecherin sein möge. Eines Abends lag Francesko, in der Wildnis
betend, auf den Knien, und schaute in die Sonne, welche sich tauchte in das
Meer, das in Westen seine roten Flammenwellen emporschlug. Aber, sowie
die Flammen verblaßten im grauen Abendnebel, gewahrte Francesko in den
Lüften einen leuchtenden Rosenschimmer, der sich bald zu gestalten
begann. Von Engeln umgeben sah Francesko die heilige Rosalia, wie sie auf
einer Wolke kniete, und ein sanftes Säuseln und Rauschen sprach die Worte:
„Herr, vergib dem Menschen, der in seiner Schwachheit und Ohnmacht
nicht zu widerstehen vermochte den Lockungen des Satans.“ Da zuckten
Blitze durch den Rosenschimmer, und ein dumpfer Donner ging dröhnend
durch das Gewölbe des Himmels: „Welcher sündige Mensch hat gleich
diesem gefrevelt! Nicht Gnade, nicht Ruhe im Grabe soll er finden, solange
der Stamm, den sein Verbrechen erzeugte, fortwuchert in freveliger Sünde!“
— — Francesko sank nieder in den Staub, denn er wußte wohl, daß nun
sein Urteil gesprochen, und ein entsetzliches Verhängnis ihn trostlos
umhertreiben werde. Er floh, ohne des Knäbleins in der Höhle zu gedenken,
von dannen, und lebte, da er nicht mehr zu malen vermochte, im tiefen,
jammervollen Elend. Manchmal kam es ihm in den Sinn, als müsse er, zur
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Glorie der christlichen Religion, herrliche Gemälde ausführen, und er
dachte große Stücke in der Zeichnung und Färbung aus, die die heiligen
Geschichten der Jungfrau und der heiligen Rosalia darstellen sollten; aber
wie konnte er solche Malerei beginnen, da er keinen Skudo besaß, um
Leinwand und Farben zu kaufen, und nur von dürftigen Almosen, an den
Kirchentüren gespendet, sein qualvolles Leben durchbrachte. Da begab es
sich, daß, als er einst in einer Kirche, die leere Wand anstarrend, in
Gedanken malte, zwei in Schleier gehüllte Frauen auf ihn zutraten, von
denen eine mit holder Engelsstimme sprach: „In dem fernen Preußen ist der
Jungfrau Maria, da wo die Engel des Herrn ihr Bildnis auf einen
Lindenbaum niedersetzten, eine Kirche erbaut worden, die noch des
Schmuckes der Malerei entbehrt. Ziehe hin, die Ausübung deiner Kunst sei
dir heilige Andacht, und deine zerrissene Seele wird gelabt werden mit
himmlischem Trost.“ — Als Francesko aufblickte zu den Frauen, gewahrte
er, wie sie in sanftleuchtenden Strahlen zerflossen, und ein Lilien- und
Rosenduft die Kirche durchströmte. Nun wußte Francesko, wer die Frauen
waren und wollte den andern Morgen seine Pilgerfahrt beginnen. Aber noch
am Abende desselben Tages fand ihn, nach vielem Mühen, ein Diener
Zenobios auf, der ihm ein zweijähriges Gehalt auszahlte, und ihn einlud an
den Hof seines Herrn. Doch nur eine geringe Summe behielt Francesko, das
übrige teilte er aus an die Armen und machte sich auf nach dem fernen
Preußen. Der Weg führte ihn über Rom, und er kam in das nicht ferne
davon gelegene Kapuzinerkloster, für welches er die heilige Rosalia gemalt
hatte. Er sah auch das Bild in den Altar eingefügt, doch bemerkte er bei
näherer Betrachtung, daß es nur eine Kopie seines Gemäldes war. Das
Original hatten, wie er erfuhr, die Mönche nicht behalten wegen der
sonderbaren Gerüchte, die man von dem entflohenen Maler verbreitete, aus
dessen Nachlaß sie das Bild bekommen, sondern dasselbe nach gewonnener
Kopie, an das Kapuzinerkloster in B. verkauft. Nach beschwerlicher
Pilgerfahrt langte Francesko in dem Kloster der heiligen Linde in
Ostpreußen an, und erfüllte den Befehl, den ihm die heilige Jungfrau selbst
gegeben. Er malte die Kirche so wunderbarlich aus, daß er wohl einsah, wie
der Geist der Gnade in ihm zu wirken beginne. Trost des Himmels floß in
seine Seele.
dachte große Stücke in der Zeichnung und Färbung aus, die die heiligen
Geschichten der Jungfrau und der heiligen Rosalia darstellen sollten; aber
wie konnte er solche Malerei beginnen, da er keinen Skudo besaß, um
Leinwand und Farben zu kaufen, und nur von dürftigen Almosen, an den
Kirchentüren gespendet, sein qualvolles Leben durchbrachte. Da begab es
sich, daß, als er einst in einer Kirche, die leere Wand anstarrend, in
Gedanken malte, zwei in Schleier gehüllte Frauen auf ihn zutraten, von
denen eine mit holder Engelsstimme sprach: „In dem fernen Preußen ist der
Jungfrau Maria, da wo die Engel des Herrn ihr Bildnis auf einen
Lindenbaum niedersetzten, eine Kirche erbaut worden, die noch des
Schmuckes der Malerei entbehrt. Ziehe hin, die Ausübung deiner Kunst sei
dir heilige Andacht, und deine zerrissene Seele wird gelabt werden mit
himmlischem Trost.“ — Als Francesko aufblickte zu den Frauen, gewahrte
er, wie sie in sanftleuchtenden Strahlen zerflossen, und ein Lilien- und
Rosenduft die Kirche durchströmte. Nun wußte Francesko, wer die Frauen
waren und wollte den andern Morgen seine Pilgerfahrt beginnen. Aber noch
am Abende desselben Tages fand ihn, nach vielem Mühen, ein Diener
Zenobios auf, der ihm ein zweijähriges Gehalt auszahlte, und ihn einlud an
den Hof seines Herrn. Doch nur eine geringe Summe behielt Francesko, das
übrige teilte er aus an die Armen und machte sich auf nach dem fernen
Preußen. Der Weg führte ihn über Rom, und er kam in das nicht ferne
davon gelegene Kapuzinerkloster, für welches er die heilige Rosalia gemalt
hatte. Er sah auch das Bild in den Altar eingefügt, doch bemerkte er bei
näherer Betrachtung, daß es nur eine Kopie seines Gemäldes war. Das
Original hatten, wie er erfuhr, die Mönche nicht behalten wegen der
sonderbaren Gerüchte, die man von dem entflohenen Maler verbreitete, aus
dessen Nachlaß sie das Bild bekommen, sondern dasselbe nach gewonnener
Kopie, an das Kapuzinerkloster in B. verkauft. Nach beschwerlicher
Pilgerfahrt langte Francesko in dem Kloster der heiligen Linde in
Ostpreußen an, und erfüllte den Befehl, den ihm die heilige Jungfrau selbst
gegeben. Er malte die Kirche so wunderbarlich aus, daß er wohl einsah, wie
der Geist der Gnade in ihm zu wirken beginne. Trost des Himmels floß in
seine Seele.
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Es begab sich, daß der Graf Filippo S. auf der Jagd in einer abgelegenen
wilden Gegend von einem bösen Unwetter überfallen wurde. Der Sturm
heulte durch die Klüfte, der Regen goß in Strömen herab, als solle in einer
neuen Sündflut Mensch und Tier untergehen; da fand Graf Filippo eine
Höhle, in die er sich, samt seinem Pferde, das er mühsam hineinzog, rettete.
Schwarzes Gewölk hatte sich über den ganzen Horizont gelegt, daher war
es, zumal in der Höhle, so finster, daß Graf Filippo nichts unterscheiden
und nicht entdecken konnte, was dicht neben ihm so raschle und rausche. Er
war voll Bangigkeit, daß wohl ein wildes Tier in der Höhle verborgen sein
könne, und zog sein Schwert, um jeden Angriff abzuwehren. Als aber das
Unwetter vorüber und die Sonnenstrahlen in die Höhle fielen, gewahrte er
zu seinem Erstaunen, daß neben ihm auf einem Blätterlager ein nacktes
Knäblein lag und ihn mit hellen, funkelnden Augen anschaute. Neben ihm
stand ein Becher von Elfenbein, in dem der Graf Filippo noch einige
Tropfen duftenden Weines fand, die das Knäblein begierig einsog. Der Graf
ließ sein Horn ertönen, nach und nach sammelten sich seine Leute, die
hierhin, dorthin geflüchtet waren, und man wartete auf des Grafen Befehl,
ob sich nicht derjenige, der das Kind in die Höhle gelegt, einfinden würde,
es abzuholen. Als nun aber die Nacht einzubrechen begann, da sprach der
Graf Filippo: „Ich kann das Knäblein nicht hilflos liegen lassen, sondern
will es mit mir nehmen, und daß ich dies getan, überall bekannt machen
lassen, damit es die Eltern oder sonst einer, der es in die Höhle legte, von
mir abfordern kann.“ Es geschah so; aber Wochen, Monate und Jahre
vergingen, ohne daß sich jemand gemeldet hätte. Der Graf hatte dem
Findling in heiliger Taufe den Namen Francesko geben lassen. Der Knabe
wuchs heran und wurde an Gestalt und Geist ein wunderbarer Jüngling, den
der Graf, seiner seltenen Gaben wegen, wie seinen Sohn liebte und ihm, da
er kinderlos war, sein ganzes Vermögen zuzuwenden gedachte. Schon
fünfundzwanzig Jahre war Francesko alt geworden, als der Graf Filippo in
törichter Liebe zu einem armen bildschönen Fräulein entbrannte und sie
heiratete, unerachtet sie blutjung, er aber schon sehr hoch in Jahren war.
Francesko wurde alsbald von sündhafter Begier nach dem Besitze der
Gräfin erfaßt, und unerachtet sie gar fromm und tugendhaft war, und nicht
die geschworene Treue verletzen wollte, gelang es ihm doch endlich nach
hartem Kampfe, sie durch teuflische Künste zu verstricken, so daß sie sich
der freveligen Lust überließ, und er seinem Wohltäter mit schwarzem
Undank und Verrat lohnte. Die beiden Kinder, Graf Pietro und Gräfin
wilden Gegend von einem bösen Unwetter überfallen wurde. Der Sturm
heulte durch die Klüfte, der Regen goß in Strömen herab, als solle in einer
neuen Sündflut Mensch und Tier untergehen; da fand Graf Filippo eine
Höhle, in die er sich, samt seinem Pferde, das er mühsam hineinzog, rettete.
Schwarzes Gewölk hatte sich über den ganzen Horizont gelegt, daher war
es, zumal in der Höhle, so finster, daß Graf Filippo nichts unterscheiden
und nicht entdecken konnte, was dicht neben ihm so raschle und rausche. Er
war voll Bangigkeit, daß wohl ein wildes Tier in der Höhle verborgen sein
könne, und zog sein Schwert, um jeden Angriff abzuwehren. Als aber das
Unwetter vorüber und die Sonnenstrahlen in die Höhle fielen, gewahrte er
zu seinem Erstaunen, daß neben ihm auf einem Blätterlager ein nacktes
Knäblein lag und ihn mit hellen, funkelnden Augen anschaute. Neben ihm
stand ein Becher von Elfenbein, in dem der Graf Filippo noch einige
Tropfen duftenden Weines fand, die das Knäblein begierig einsog. Der Graf
ließ sein Horn ertönen, nach und nach sammelten sich seine Leute, die
hierhin, dorthin geflüchtet waren, und man wartete auf des Grafen Befehl,
ob sich nicht derjenige, der das Kind in die Höhle gelegt, einfinden würde,
es abzuholen. Als nun aber die Nacht einzubrechen begann, da sprach der
Graf Filippo: „Ich kann das Knäblein nicht hilflos liegen lassen, sondern
will es mit mir nehmen, und daß ich dies getan, überall bekannt machen
lassen, damit es die Eltern oder sonst einer, der es in die Höhle legte, von
mir abfordern kann.“ Es geschah so; aber Wochen, Monate und Jahre
vergingen, ohne daß sich jemand gemeldet hätte. Der Graf hatte dem
Findling in heiliger Taufe den Namen Francesko geben lassen. Der Knabe
wuchs heran und wurde an Gestalt und Geist ein wunderbarer Jüngling, den
der Graf, seiner seltenen Gaben wegen, wie seinen Sohn liebte und ihm, da
er kinderlos war, sein ganzes Vermögen zuzuwenden gedachte. Schon
fünfundzwanzig Jahre war Francesko alt geworden, als der Graf Filippo in
törichter Liebe zu einem armen bildschönen Fräulein entbrannte und sie
heiratete, unerachtet sie blutjung, er aber schon sehr hoch in Jahren war.
Francesko wurde alsbald von sündhafter Begier nach dem Besitze der
Gräfin erfaßt, und unerachtet sie gar fromm und tugendhaft war, und nicht
die geschworene Treue verletzen wollte, gelang es ihm doch endlich nach
hartem Kampfe, sie durch teuflische Künste zu verstricken, so daß sie sich
der freveligen Lust überließ, und er seinem Wohltäter mit schwarzem
Undank und Verrat lohnte. Die beiden Kinder, Graf Pietro und Gräfin
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Angiola, die der greise Filippo in vollem Entzücken der Vaterfreude an sein
Herz drückte, waren die Früchte des Frevels, der ihm, sowie der Welt, auf
ewig verborgen blieb.
Von innerm Geiste getrieben, trat ich zu meinem Bruder Zenobio und
sprach: „Ich habe dem Throne entsagt, und selbst dann, wenn du kinderlos
vor mir sterben solltest, will ich ein armer Maler bleiben und mein Leben in
stiller Andacht, die Kunst übend, hinbringen. Doch nicht fremdem Staat soll
unser Ländlein anheim fallen. Jener Francesko, den der Graf Filippo S.
erzogen, ist mein Sohn. Ich war es, der auf wilder Flucht ihn in der Höhle
zurückließ, wo ihn der Graf fand. Auf dem elfenbeinernen Becher, der bei
ihm stand, ist unser Wappen geschnitzt, doch noch mehr als das schützt des
Jünglings Bildung, die ihn als aus unserer Familie abstammend, getreulich
bezeichnet, vor jedem Irrtum. Nimm, mein Bruder Zenobio, den Jüngling
als deinen Sohn auf, und er sei dein Nachfolger!“ — Zenobios Zweifel, ob
der Jüngling Francesko in rechtmäßiger Ehe erzeugt sei, wurden durch die
von dem Papst sanktionierte Adoptionsurkunde, die ich auswirkte, gehoben,
und so geschah es, daß meines Sohnes sündhaftes, ehebrecherisches Leben
endete und er bald in rechtmäßiger Ehe einen Sohn erzeugte, den er Paolo
Francesko nannte. — Gewuchert hat der verbrecherische Stamm auf
verbrecherische Weise. Doch, kann meines Sohnes Reue nicht seine Frevel
sühnen? Ich stand vor ihm, wie das Strafgericht des Herrn, denn sein
Innerstes lag vor mir offen und klar, und was der Welt verborgen, das sagte
mir der Geist, der mächtig und mächtiger wird in mir, und mich emporhebt
über den brausenden Wellen des Lebens, daß ich hinabzuschauen vermag in
die Tiefe, ohne daß dieser Blick mich hinabzieht zum Tode.
Franceskos Entfernung brachte der Gräfin S. den Tod, denn nun erst
erwachte sie zum Bewußtsein der Sünde, und nicht überstehen konnte sie
den Kampf der Liebe zum Verbrecher, und der Reue über das, was sie
begangen. Graf Filippo wurde neunzig Jahre alt, dann starb er als ein
kindischer Greis. Sein vermeintlicher Sohn Pietro zog mit seiner Schwester
Herz drückte, waren die Früchte des Frevels, der ihm, sowie der Welt, auf
ewig verborgen blieb.
Von innerm Geiste getrieben, trat ich zu meinem Bruder Zenobio und
sprach: „Ich habe dem Throne entsagt, und selbst dann, wenn du kinderlos
vor mir sterben solltest, will ich ein armer Maler bleiben und mein Leben in
stiller Andacht, die Kunst übend, hinbringen. Doch nicht fremdem Staat soll
unser Ländlein anheim fallen. Jener Francesko, den der Graf Filippo S.
erzogen, ist mein Sohn. Ich war es, der auf wilder Flucht ihn in der Höhle
zurückließ, wo ihn der Graf fand. Auf dem elfenbeinernen Becher, der bei
ihm stand, ist unser Wappen geschnitzt, doch noch mehr als das schützt des
Jünglings Bildung, die ihn als aus unserer Familie abstammend, getreulich
bezeichnet, vor jedem Irrtum. Nimm, mein Bruder Zenobio, den Jüngling
als deinen Sohn auf, und er sei dein Nachfolger!“ — Zenobios Zweifel, ob
der Jüngling Francesko in rechtmäßiger Ehe erzeugt sei, wurden durch die
von dem Papst sanktionierte Adoptionsurkunde, die ich auswirkte, gehoben,
und so geschah es, daß meines Sohnes sündhaftes, ehebrecherisches Leben
endete und er bald in rechtmäßiger Ehe einen Sohn erzeugte, den er Paolo
Francesko nannte. — Gewuchert hat der verbrecherische Stamm auf
verbrecherische Weise. Doch, kann meines Sohnes Reue nicht seine Frevel
sühnen? Ich stand vor ihm, wie das Strafgericht des Herrn, denn sein
Innerstes lag vor mir offen und klar, und was der Welt verborgen, das sagte
mir der Geist, der mächtig und mächtiger wird in mir, und mich emporhebt
über den brausenden Wellen des Lebens, daß ich hinabzuschauen vermag in
die Tiefe, ohne daß dieser Blick mich hinabzieht zum Tode.
Franceskos Entfernung brachte der Gräfin S. den Tod, denn nun erst
erwachte sie zum Bewußtsein der Sünde, und nicht überstehen konnte sie
den Kampf der Liebe zum Verbrecher, und der Reue über das, was sie
begangen. Graf Filippo wurde neunzig Jahre alt, dann starb er als ein
kindischer Greis. Sein vermeintlicher Sohn Pietro zog mit seiner Schwester
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Angiola an den Hof Franceskos, der dem Zenobio gefolgt war. Durch
glänzende Feste wurde Paolo Franceskos Verlobung mit Vittoria, Fürstin
von M., gefeiert, als aber Pietro die Braut in voller Schönheit erblickte,
wurde er in heftiger Liebe entzündet, und ohne der Gefahr zu achten,
bewarb er sich um Vittorias Gunst. Doch Paolo Franceskos Blicken entging
Pietros Bestreben, da er selbst in seine Schwester Angiola heftig entbrannt
war, die all’ sein Bemühen kalt zurückwies. Vittoria entfernte sich von dem
Hofe, um, wie sie vorgab, noch vor ihrer Heirat in stiller Einsamkeit ein
heiliges Gelübde zu erfüllen. Erst nach Ablauf eines Jahres kehrte sie
zurück, die Hochzeit sollte vor sich gehen, und gleich nach derselben wollte
Graf Pietro mit seiner Schwester Angiola nach seiner Vaterstadt
zurückkehren. Paolo Franceskos Liebe zur Angiola war durch ihr stetes,
standhaftes Widerstreben immer mehr entflammt worden, und artete jetzt
aus in die wütende Begier des wilden Tieres, die er nur durch den Gedanken
des Genusses zu bezähmen vermochte. — So geschah es, daß er durch den
schändlichsten Verrat am Hochzeitstage, ehe er in die Brautkammer ging,
Angiola in ihrem Schlafzimmer überfiel, und ohne daß sie zur Besinnung
kam, denn Opiate hatte sie beim Hochzeitmahl bekommen, seine frevelige
Lust befriedigte. Als Angiola durch die verruchte Tat dem Tode nahe
gebracht wurde, da gestand der von Gewissensbissen gefolterte Paolo
Francesko ein, was er begangen. Im ersten Aufbrausen des Zorns wollte
Pietro den Verräter niederstoßen, aber gelähmt sank sein Arm nieder, da er
daran dachte, daß seine Rache der Tat vorangegangen. Die kleine Giazinta,
Fürstin von B., allgemein für die Tochter der Schwester Vittorias geltend,
war die Frucht des geheimen Verständnisses, das Pietro mit Paolo
Franceskos Braut unterhalten hatte. Pietro ging mit Angiola nach
Deutschland, wo sie einen Sohn gebar, den man Franz nannte und sorgfältig
erziehen ließ. Die schuldlose Angiola tröstete sich endlich über den
entsetzlichen Frevel, und blühte wieder auf in gar herrlicher Anmut und
Schönheit. So kam es, daß der Fürst Theodor von W. eine gar heftige Liebe
zu ihr faßte, die sie aus tiefer Seele erwiderte. Sie wurde in kurzer Zeit
seine Gemahlin, und Graf Pietro vermählte sich zu gleicher Zeit mit einem
deutschen Fräulein, mit der er eine Tochter erzeugte, so wie Angiola dem
Fürsten zwei Söhne gebar. Wohl konnte sich die fromme Angiola ganz rein
im Gewissen fühlen, und doch versank sie oft in düsteres Nachdenken,
wenn ihr, wie ein böser Traum, Paolo Franceskos verruchte Tat in den Sinn
kam, ja es war ihr oft zu Mute, als sei selbst die bewußtlos begangene
glänzende Feste wurde Paolo Franceskos Verlobung mit Vittoria, Fürstin
von M., gefeiert, als aber Pietro die Braut in voller Schönheit erblickte,
wurde er in heftiger Liebe entzündet, und ohne der Gefahr zu achten,
bewarb er sich um Vittorias Gunst. Doch Paolo Franceskos Blicken entging
Pietros Bestreben, da er selbst in seine Schwester Angiola heftig entbrannt
war, die all’ sein Bemühen kalt zurückwies. Vittoria entfernte sich von dem
Hofe, um, wie sie vorgab, noch vor ihrer Heirat in stiller Einsamkeit ein
heiliges Gelübde zu erfüllen. Erst nach Ablauf eines Jahres kehrte sie
zurück, die Hochzeit sollte vor sich gehen, und gleich nach derselben wollte
Graf Pietro mit seiner Schwester Angiola nach seiner Vaterstadt
zurückkehren. Paolo Franceskos Liebe zur Angiola war durch ihr stetes,
standhaftes Widerstreben immer mehr entflammt worden, und artete jetzt
aus in die wütende Begier des wilden Tieres, die er nur durch den Gedanken
des Genusses zu bezähmen vermochte. — So geschah es, daß er durch den
schändlichsten Verrat am Hochzeitstage, ehe er in die Brautkammer ging,
Angiola in ihrem Schlafzimmer überfiel, und ohne daß sie zur Besinnung
kam, denn Opiate hatte sie beim Hochzeitmahl bekommen, seine frevelige
Lust befriedigte. Als Angiola durch die verruchte Tat dem Tode nahe
gebracht wurde, da gestand der von Gewissensbissen gefolterte Paolo
Francesko ein, was er begangen. Im ersten Aufbrausen des Zorns wollte
Pietro den Verräter niederstoßen, aber gelähmt sank sein Arm nieder, da er
daran dachte, daß seine Rache der Tat vorangegangen. Die kleine Giazinta,
Fürstin von B., allgemein für die Tochter der Schwester Vittorias geltend,
war die Frucht des geheimen Verständnisses, das Pietro mit Paolo
Franceskos Braut unterhalten hatte. Pietro ging mit Angiola nach
Deutschland, wo sie einen Sohn gebar, den man Franz nannte und sorgfältig
erziehen ließ. Die schuldlose Angiola tröstete sich endlich über den
entsetzlichen Frevel, und blühte wieder auf in gar herrlicher Anmut und
Schönheit. So kam es, daß der Fürst Theodor von W. eine gar heftige Liebe
zu ihr faßte, die sie aus tiefer Seele erwiderte. Sie wurde in kurzer Zeit
seine Gemahlin, und Graf Pietro vermählte sich zu gleicher Zeit mit einem
deutschen Fräulein, mit der er eine Tochter erzeugte, so wie Angiola dem
Fürsten zwei Söhne gebar. Wohl konnte sich die fromme Angiola ganz rein
im Gewissen fühlen, und doch versank sie oft in düsteres Nachdenken,
wenn ihr, wie ein böser Traum, Paolo Franceskos verruchte Tat in den Sinn
kam, ja es war ihr oft zu Mute, als sei selbst die bewußtlos begangene
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Sünde strafbar, und würde gerächt werden an ihr und ihren Nachkommen.
Selbst die Beichte und vollständige Absolution konnte sie nicht beruhigen.
Wie eine himmlische Eingebung kam ihr nach langer Qual der Gedanke,
daß sie alles ihrem Gemahl entdecken müsse. Unerachtet sie wohl sich des
schweren Kampfes versah, den ihr das Geständnis des von dem Bösewicht
Paolo Francesko verübten Frevels kosten würde, so gelobte sie sich doch
feierlich, den schweren Schritt zu wagen, und sie hielt, was sie gelobt hatte.
Mit Entsetzen vernahm Fürst Theodor die verruchte Tat, sein Inneres wurde
heftig erschüttert, und der tiefe Ingrimm schien selbst der schuldlosen
Gemahlin bedrohlich zu werden. So geschah es, daß sie einige Monate auf
einem entfernten Schloß zubrachte; während der Zeit bekämpfte der Fürst
die bittern Empfindungen, die ihn quälten, und es kam so weit, daß er nicht
allein versöhnt der Gemahlin die Hand bot, sondern auch, ohne daß sie es
wußte, für Franzens Erziehung sorgte. Nach dem Tode des Fürsten und
seiner Gemahlin, wußte nur Graf Pietro und der junge Fürst Alexander von
W. um das Geheimnis von Franzens Geburt. Keiner der Nachkömmlinge
des Malers wurde jenem Francesko, den Graf Filippo erzog, so ganz und
gar ähnlich an Geist und Bildung als dieser Franz. Ein wunderbarer
Jüngling vom höheren Geiste belebt, feurig und rasch in Gedanken und Tat.
Mag des Vaters, mag des Ahnherrn Sünde nicht auf ihm lasten, mag er
widerstehen den bösen Verlockungen des Satans. Ehe Fürst Theodor starb,
reisten seine beiden Söhne Alexander und Johann nach dem schönen
Welschland, doch nicht sowohl offenbare Uneinigkeit, als verschiedene
Neigung, verschiedenes Streben war die Ursache, daß die beiden Brüder
sich in Rom trennten. Alexander kam an Paolo Franceskos Hof, und faßte
solche Liebe zu Paolos jüngster mit Vittoria erzeugten Tochter, daß er sich
ihr zu vermählen gedachte. Fürst Theodor wies indessen mit einem
Abscheu, der dem Fürsten Alexander unerklärlich war, die Verbindung
zurück, und so kam, daß erst nach Theodors Tode Fürst Alexander sich mit
Paolo Franceskos Tochter vermählte. Prinz Johann hatte auf dem Heimwege
seinen Bruder Franz kennen gelernt, und fand an dem Jünglinge, dessen
nahe Verwandtschaft mit ihm er nicht ahnte, solches Behagen, daß er sich
nicht mehr von ihm trennen mochte. Franz war die Ursache, daß der Prinz,
statt heimzukehren nach der Residenz des Bruders, nach Italien zurückging.
Das ewige unerforschliche Verhängnis wollte es, daß beide, Prinz Johann
und Franz, Vittorias und Pietros Tochter Giazinta sahen, und beide in
Selbst die Beichte und vollständige Absolution konnte sie nicht beruhigen.
Wie eine himmlische Eingebung kam ihr nach langer Qual der Gedanke,
daß sie alles ihrem Gemahl entdecken müsse. Unerachtet sie wohl sich des
schweren Kampfes versah, den ihr das Geständnis des von dem Bösewicht
Paolo Francesko verübten Frevels kosten würde, so gelobte sie sich doch
feierlich, den schweren Schritt zu wagen, und sie hielt, was sie gelobt hatte.
Mit Entsetzen vernahm Fürst Theodor die verruchte Tat, sein Inneres wurde
heftig erschüttert, und der tiefe Ingrimm schien selbst der schuldlosen
Gemahlin bedrohlich zu werden. So geschah es, daß sie einige Monate auf
einem entfernten Schloß zubrachte; während der Zeit bekämpfte der Fürst
die bittern Empfindungen, die ihn quälten, und es kam so weit, daß er nicht
allein versöhnt der Gemahlin die Hand bot, sondern auch, ohne daß sie es
wußte, für Franzens Erziehung sorgte. Nach dem Tode des Fürsten und
seiner Gemahlin, wußte nur Graf Pietro und der junge Fürst Alexander von
W. um das Geheimnis von Franzens Geburt. Keiner der Nachkömmlinge
des Malers wurde jenem Francesko, den Graf Filippo erzog, so ganz und
gar ähnlich an Geist und Bildung als dieser Franz. Ein wunderbarer
Jüngling vom höheren Geiste belebt, feurig und rasch in Gedanken und Tat.
Mag des Vaters, mag des Ahnherrn Sünde nicht auf ihm lasten, mag er
widerstehen den bösen Verlockungen des Satans. Ehe Fürst Theodor starb,
reisten seine beiden Söhne Alexander und Johann nach dem schönen
Welschland, doch nicht sowohl offenbare Uneinigkeit, als verschiedene
Neigung, verschiedenes Streben war die Ursache, daß die beiden Brüder
sich in Rom trennten. Alexander kam an Paolo Franceskos Hof, und faßte
solche Liebe zu Paolos jüngster mit Vittoria erzeugten Tochter, daß er sich
ihr zu vermählen gedachte. Fürst Theodor wies indessen mit einem
Abscheu, der dem Fürsten Alexander unerklärlich war, die Verbindung
zurück, und so kam, daß erst nach Theodors Tode Fürst Alexander sich mit
Paolo Franceskos Tochter vermählte. Prinz Johann hatte auf dem Heimwege
seinen Bruder Franz kennen gelernt, und fand an dem Jünglinge, dessen
nahe Verwandtschaft mit ihm er nicht ahnte, solches Behagen, daß er sich
nicht mehr von ihm trennen mochte. Franz war die Ursache, daß der Prinz,
statt heimzukehren nach der Residenz des Bruders, nach Italien zurückging.
Das ewige unerforschliche Verhängnis wollte es, daß beide, Prinz Johann
und Franz, Vittorias und Pietros Tochter Giazinta sahen, und beide in
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heftiger Liebe zu ihr entbrannten. — Das Verbrechen keimt, wer vermag zu
widerstehen den dunkeln Mächten.
Wohl waren die Sünden und Frevel meiner Jugend entsetzlich, aber
durch die Fürsprache der Gebenedeiten und der heiligen Rosalia bin ich
errettet vom ewigen Verderben, und es ist mir vergönnt, die Qualen der
Verdammnis zu erdulden hier auf Erden, bis der verbrecherische Stamm
verdorret ist und keine Früchte mehr trägt. Über geistige Kräfte gebietend
drückt mich die Last des Irdischen nieder, und das Geheimnis der düstern
Zukunft ahnend, blendet mich der trügerische Farbenglanz des Lebens, und
das blöde Auge verwirrt sich in zerfließenden Bildern, ohne daß es die
wahre innere Gestaltung zu erkennen vermag! — Ich erblicke oft den
Faden, den die dunkle Macht, sich auflehnend gegen das Heil meiner Seele,
fortspinnt, und glaube töricht ihn erfassen, ihn zerreißen zu können. Aber
dulden soll ich, und gläubig und fromm in fortwährender reuiger Buße die
Marter ertragen, die mir auferlegt worden, um meine Missetaten zu sühnen.
Ich habe den Prinzen und Franz von Giazinta weggescheucht, aber der
Satan ist geschäftig, dem Franz das Verderben zu bereiten, dem er nicht
entgehen wird. — Franz kam mit dem Prinzen an den Ort, wo sich Graf
Pietro mit seiner Gemahlin und seiner Tochter Aurelie, die eben fünfzehn
Jahr alt worden, aufhielt. So wie der verbrecherische Vater Paolo Francesko
in wilder Begier entbrannte, als er Angiola sah, so loderte das Feuer
verbotener Lust auf in dem Sohn, als er das holde Kind Aurelie erblickte.
Durch allerlei teuflische Künste der Verführung wußte er die fromme kaum
erblühte Aurelie zu umstricken, daß sie mit ganzer Seele ihm sich ergab,
und sie hatte gesündigt, ehe der Gedanke der Sünde aufgegangen in ihrem
Innern. Als die Tat nicht mehr verschwiegen bleiben konnte, da warf er
sich, wie voll Verzweiflung über das, was er begangen, der Mutter zu Füßen
und gestand alles. Graf Pietro, unerachtet selbst in Sünde und Frevel
befangen, hätte Franz und Aurelie ermordet. Die Mutter ließ den Franz
ihren gerechten Zorn fühlen, indem sie ihn mit der Drohung, die verruchte
Tat dem Grafen Pietro zu entdecken, auf immer aus ihren und der
verführten Tochter Augen verbannte. Es gelang der Gräfin, die Tochter den
Augen des Grafen zu entziehen, und sie gebar an entferntem Orte ein
Töchterlein. Aber Franz konnte nicht lassen von Aurelien, er erfuhr ihren
widerstehen den dunkeln Mächten.
Wohl waren die Sünden und Frevel meiner Jugend entsetzlich, aber
durch die Fürsprache der Gebenedeiten und der heiligen Rosalia bin ich
errettet vom ewigen Verderben, und es ist mir vergönnt, die Qualen der
Verdammnis zu erdulden hier auf Erden, bis der verbrecherische Stamm
verdorret ist und keine Früchte mehr trägt. Über geistige Kräfte gebietend
drückt mich die Last des Irdischen nieder, und das Geheimnis der düstern
Zukunft ahnend, blendet mich der trügerische Farbenglanz des Lebens, und
das blöde Auge verwirrt sich in zerfließenden Bildern, ohne daß es die
wahre innere Gestaltung zu erkennen vermag! — Ich erblicke oft den
Faden, den die dunkle Macht, sich auflehnend gegen das Heil meiner Seele,
fortspinnt, und glaube töricht ihn erfassen, ihn zerreißen zu können. Aber
dulden soll ich, und gläubig und fromm in fortwährender reuiger Buße die
Marter ertragen, die mir auferlegt worden, um meine Missetaten zu sühnen.
Ich habe den Prinzen und Franz von Giazinta weggescheucht, aber der
Satan ist geschäftig, dem Franz das Verderben zu bereiten, dem er nicht
entgehen wird. — Franz kam mit dem Prinzen an den Ort, wo sich Graf
Pietro mit seiner Gemahlin und seiner Tochter Aurelie, die eben fünfzehn
Jahr alt worden, aufhielt. So wie der verbrecherische Vater Paolo Francesko
in wilder Begier entbrannte, als er Angiola sah, so loderte das Feuer
verbotener Lust auf in dem Sohn, als er das holde Kind Aurelie erblickte.
Durch allerlei teuflische Künste der Verführung wußte er die fromme kaum
erblühte Aurelie zu umstricken, daß sie mit ganzer Seele ihm sich ergab,
und sie hatte gesündigt, ehe der Gedanke der Sünde aufgegangen in ihrem
Innern. Als die Tat nicht mehr verschwiegen bleiben konnte, da warf er
sich, wie voll Verzweiflung über das, was er begangen, der Mutter zu Füßen
und gestand alles. Graf Pietro, unerachtet selbst in Sünde und Frevel
befangen, hätte Franz und Aurelie ermordet. Die Mutter ließ den Franz
ihren gerechten Zorn fühlen, indem sie ihn mit der Drohung, die verruchte
Tat dem Grafen Pietro zu entdecken, auf immer aus ihren und der
verführten Tochter Augen verbannte. Es gelang der Gräfin, die Tochter den
Augen des Grafen zu entziehen, und sie gebar an entferntem Orte ein
Töchterlein. Aber Franz konnte nicht lassen von Aurelien, er erfuhr ihren
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Aufenthalt, eilte hin und trat in das Zimmer, als eben die Gräfin, verlassen
vom Hausgesinde, neben dem Bette der Tochter saß und das Töchterlein,
das erst acht Tage alt worden, auf dem Schoße hielt. Die Gräfin stand voller
Schreck und Entsetzen über den unvermuteten Anblick des Bösewichts auf,
und gebot ihm, das Zimmer zu verlassen. „Fort ... fort, sonst bist du
verloren; Graf Pietro weiß, was du Verruchter begangen!“ So rief sie, um
dem Franz Furcht einzujagen, und drängte ihn nach der Türe; da
übermannte den Franz wilde, teuflische Wut, er riß der Gräfin das Kind
vom Arme, versetzte ihr einen Faustschlag vor die Brust, daß sie rücklings
niederstürzte, und rannte fort. Als Aurelie aus tiefer Ohnmacht erwachte,
war die Mutter nicht mehr am Leben, die tiefe Kopfwunde (sie war auf
einen mit Eisen beschlagenen Kasten gestürzt) hatte sie getötet. Franz hatte
im Sinn, das Kind zu ermorden, er wickelte es in Tücher, lief am finstern
Abend die Treppe hinab und wollte eben zum Hause hinaus, als er ein
dumpfes Wimmern vernahm, das aus einem Zimmer des Erdgeschosses zu
kommen schien. Unwillkürlich blieb er stehen, horchte und schlich endlich
jenem Zimmer näher. In dem Augenblick trat eine Frau, welche er für die
Kinderwärterin der Baronesse S., in deren Hause er wohnte, erkannte, unter
kläglichem Jammern heraus. Franz frug, weshalb sie sich so gebärde? „Ach
Herr,“ sagte die Frau, „mein Unglück ist gewiß, soeben saß die kleine
Euphemie auf meinem Schoße und juchzte und lachte, aber mit einemmal
läßt sie das Köpfchen sinken und ist tot. — Blaue Flecken hat sie auf der
Stirn, und so wird man mir Schuld geben, daß ich sie habe fallen lassen!“
— Schnell trat Franz hinein, und als er das tote Kind erblickte, gewahrte er,
wie das Verhängnis das Leben seines Kindes wollte, denn es war mit der
toten Euphemie auf wunderbare Weise gleich gebildet und gestaltet. Die
Wärterin, vielleicht nicht so unschuldig an dem Tode des Kindes als sie
vorgab, und bestochen durch Franzens reichliches Geschenk, ließ sich den
Tausch gefallen; Franz wickelte nun das tote Kind in die Tücher und warf
es in den Strom. Aureliens Kind wurde als die Tochter der Baronesse von
S., Euphemie mit Namen, erzogen und der Welt blieb das Geheimnis ihrer
Geburt verborgen. Die Unselige wurde nicht durch das Sakrament der
heiligen Taufe in den Schoß der Kirche aufgenommen, denn getauft war
schon das Kind, dessen Tod ihr Leben erhielt. Aurelie hatte sich nach
mehreren Jahren mit dem Baron von S. vermählt; zwei Kinder, Hermogen
und Aurelie sind die Frucht dieser Vermählung.
vom Hausgesinde, neben dem Bette der Tochter saß und das Töchterlein,
das erst acht Tage alt worden, auf dem Schoße hielt. Die Gräfin stand voller
Schreck und Entsetzen über den unvermuteten Anblick des Bösewichts auf,
und gebot ihm, das Zimmer zu verlassen. „Fort ... fort, sonst bist du
verloren; Graf Pietro weiß, was du Verruchter begangen!“ So rief sie, um
dem Franz Furcht einzujagen, und drängte ihn nach der Türe; da
übermannte den Franz wilde, teuflische Wut, er riß der Gräfin das Kind
vom Arme, versetzte ihr einen Faustschlag vor die Brust, daß sie rücklings
niederstürzte, und rannte fort. Als Aurelie aus tiefer Ohnmacht erwachte,
war die Mutter nicht mehr am Leben, die tiefe Kopfwunde (sie war auf
einen mit Eisen beschlagenen Kasten gestürzt) hatte sie getötet. Franz hatte
im Sinn, das Kind zu ermorden, er wickelte es in Tücher, lief am finstern
Abend die Treppe hinab und wollte eben zum Hause hinaus, als er ein
dumpfes Wimmern vernahm, das aus einem Zimmer des Erdgeschosses zu
kommen schien. Unwillkürlich blieb er stehen, horchte und schlich endlich
jenem Zimmer näher. In dem Augenblick trat eine Frau, welche er für die
Kinderwärterin der Baronesse S., in deren Hause er wohnte, erkannte, unter
kläglichem Jammern heraus. Franz frug, weshalb sie sich so gebärde? „Ach
Herr,“ sagte die Frau, „mein Unglück ist gewiß, soeben saß die kleine
Euphemie auf meinem Schoße und juchzte und lachte, aber mit einemmal
läßt sie das Köpfchen sinken und ist tot. — Blaue Flecken hat sie auf der
Stirn, und so wird man mir Schuld geben, daß ich sie habe fallen lassen!“
— Schnell trat Franz hinein, und als er das tote Kind erblickte, gewahrte er,
wie das Verhängnis das Leben seines Kindes wollte, denn es war mit der
toten Euphemie auf wunderbare Weise gleich gebildet und gestaltet. Die
Wärterin, vielleicht nicht so unschuldig an dem Tode des Kindes als sie
vorgab, und bestochen durch Franzens reichliches Geschenk, ließ sich den
Tausch gefallen; Franz wickelte nun das tote Kind in die Tücher und warf
es in den Strom. Aureliens Kind wurde als die Tochter der Baronesse von
S., Euphemie mit Namen, erzogen und der Welt blieb das Geheimnis ihrer
Geburt verborgen. Die Unselige wurde nicht durch das Sakrament der
heiligen Taufe in den Schoß der Kirche aufgenommen, denn getauft war
schon das Kind, dessen Tod ihr Leben erhielt. Aurelie hatte sich nach
mehreren Jahren mit dem Baron von S. vermählt; zwei Kinder, Hermogen
und Aurelie sind die Frucht dieser Vermählung.
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Die ewige Macht des Himmels hatte es mir vergönnt, daß, als der Prinz
mit Francesko (so nannte er den Franz auf italienische Weise) nach der
Residenzstadt des fürstlichen Bruders zu gehen gedachte, ich zu ihnen
treten und mitziehen durfte. Mit kräftigem Arm wollte ich den
schwankenden Francesko erfassen, wenn er sich dem Abgrunde nahte, der
sich vor ihm aufgetan. Törichtes Beginnen des ohnmächtigen Sünders, der
noch nicht Gnade gefunden vor dem Throne des Herrn! — Francesko
ermordete den Bruder, nachdem er an Giazinta verruchten Frevel geübt!
Franceskos Sohn ist der unselige Knabe, den der Fürst unter dem Namen
des Grafen Viktorin erziehen läßt. Der Mörder Francesko gedachte sich zu
vermählen mit der frommen Schwester der Fürstin, aber ich vermochte dem
Frevel vorzubeugen in dem Augenblick, als er begangen werden sollte an
heiliger Stätte.
Wohl bedurfte es des tiefen Elends, in das Franz versank — nachdem er,
gefoltert von dem Gedanken nie abzubüßender Sünde, entflohen — um ihn
zur Reue zu wenden. Von Gram und Krankheit gebeugt kam er auf der
Flucht zu einem Landmann, der ihn freundlich aufnahm. Des Landmanns
Tochter, eine fromme, stille Jungfrau, faßte wunderbare Liebe zu dem
Fremden, und pflegte ihn sorglich. So geschah es, daß, als Francesko
genesen, er der Jungfrau Liebe erwiderte, und sie wurden durch das heilige
Sakrament der Ehe vereinigt. Es gelang ihm, durch seine Klugheit und
Wissenschaft sich aufzuschwingen und des Vaters nicht geringen Nachlaß
reichlich zu vermehren, so daß er viel irdischen Wohlstand genoß. Aber
unsicher und eitel ist das Glück des mit Gott nicht versöhnten Sünders.
Franz sank zurück in die bitterste Armut und tötend war sein Elend, denn er
fühlte, wie Geist und Körper hinschwanden in kränkelnder Siechheit. Sein
Leben wurde eine fortwährende Bußübung. Endlich sandte ihm der Himmel
einen Strahl des Trostes. — Er soll pilgern nach der heiligen Linde und dort
wird ihm die Geburt eines Sohnes die Gnade des Herrn verkünden.
mit Francesko (so nannte er den Franz auf italienische Weise) nach der
Residenzstadt des fürstlichen Bruders zu gehen gedachte, ich zu ihnen
treten und mitziehen durfte. Mit kräftigem Arm wollte ich den
schwankenden Francesko erfassen, wenn er sich dem Abgrunde nahte, der
sich vor ihm aufgetan. Törichtes Beginnen des ohnmächtigen Sünders, der
noch nicht Gnade gefunden vor dem Throne des Herrn! — Francesko
ermordete den Bruder, nachdem er an Giazinta verruchten Frevel geübt!
Franceskos Sohn ist der unselige Knabe, den der Fürst unter dem Namen
des Grafen Viktorin erziehen läßt. Der Mörder Francesko gedachte sich zu
vermählen mit der frommen Schwester der Fürstin, aber ich vermochte dem
Frevel vorzubeugen in dem Augenblick, als er begangen werden sollte an
heiliger Stätte.
Wohl bedurfte es des tiefen Elends, in das Franz versank — nachdem er,
gefoltert von dem Gedanken nie abzubüßender Sünde, entflohen — um ihn
zur Reue zu wenden. Von Gram und Krankheit gebeugt kam er auf der
Flucht zu einem Landmann, der ihn freundlich aufnahm. Des Landmanns
Tochter, eine fromme, stille Jungfrau, faßte wunderbare Liebe zu dem
Fremden, und pflegte ihn sorglich. So geschah es, daß, als Francesko
genesen, er der Jungfrau Liebe erwiderte, und sie wurden durch das heilige
Sakrament der Ehe vereinigt. Es gelang ihm, durch seine Klugheit und
Wissenschaft sich aufzuschwingen und des Vaters nicht geringen Nachlaß
reichlich zu vermehren, so daß er viel irdischen Wohlstand genoß. Aber
unsicher und eitel ist das Glück des mit Gott nicht versöhnten Sünders.
Franz sank zurück in die bitterste Armut und tötend war sein Elend, denn er
fühlte, wie Geist und Körper hinschwanden in kränkelnder Siechheit. Sein
Leben wurde eine fortwährende Bußübung. Endlich sandte ihm der Himmel
einen Strahl des Trostes. — Er soll pilgern nach der heiligen Linde und dort
wird ihm die Geburt eines Sohnes die Gnade des Herrn verkünden.
Page 246
In dem Walde, der das Kloster zur heiligen Linde umschließt, trat ich zu
der bedrängten Mutter, als sie über dem neugeborenen vaterlosen Knäblein
weinte, und erquickte sie mit Worten des Trostes. —
Wunderbar geht die Gnade des Herrn auf, dem Kinde, das geboren wird
in dem segensreichen Heiligtum der Gebenedeiten! Oftmals begibt es sich,
daß das Jesuskindlein sichtbarlich zu ihm tritt und früh in dem kindischen
Gemüt den Funken der Liebe entzündet. —
Die Mutter hatte in heiliger Taufe dem Knaben des Vaters Namen,
Franz, geben lassen! — Wirst du es denn sein, Franziskus, der, an heiliger
Stätte geboren, durch frommen Wandel den verbrecherischen Ahnherrn
entsündigt und ihm Ruhe schafft im Grabe? Fern von der Welt und ihren
verführerischen Lockungen, soll der Knabe sich ganz dem Himmlischen
zuwenden. Er soll geistlich werden. So hat es der heilige Mann, der
wunderbaren Trost in meine Seele goß, der Mutter verkündet, und es mag
wohl die Prophezeiung der Gnade sein, die mich mit wundervoller Klarheit
erleuchtet, so daß ich in meinem Innern das lebendige Bild der Zukunft zu
erschauen vermeine.
Ich sehe den Jüngling den Todeskampf streiten mit der finstern Macht,
die auf ihn eindringt mit furchtbarer Waffe! — Er fällt, doch ein göttlich
Weib erhebt über sein Haupt die Siegeskrone! — Es ist die heilige Rosalie
selbst, die ihn errettet! — So oft es mir die ewige Macht des Himmels
vergönnt, will ich dem Knaben, dem Jünglinge, dem Mann nahe sein und
ihn schützen, wie es die mir verliehene Kraft vermag. — Er wird sein wie
—
Anmerkung des Herausgebers.
Hier wird, günstiger Leser! die halb erloschene Schrift des alten Malers
so undeutlich, daß weiter etwas zu entziffern, ganz unmöglich ist. Wir
kehren zu dem Manuskript des merkwürdigen Kapuziners Medardus
zurück.
der bedrängten Mutter, als sie über dem neugeborenen vaterlosen Knäblein
weinte, und erquickte sie mit Worten des Trostes. —
Wunderbar geht die Gnade des Herrn auf, dem Kinde, das geboren wird
in dem segensreichen Heiligtum der Gebenedeiten! Oftmals begibt es sich,
daß das Jesuskindlein sichtbarlich zu ihm tritt und früh in dem kindischen
Gemüt den Funken der Liebe entzündet. —
Die Mutter hatte in heiliger Taufe dem Knaben des Vaters Namen,
Franz, geben lassen! — Wirst du es denn sein, Franziskus, der, an heiliger
Stätte geboren, durch frommen Wandel den verbrecherischen Ahnherrn
entsündigt und ihm Ruhe schafft im Grabe? Fern von der Welt und ihren
verführerischen Lockungen, soll der Knabe sich ganz dem Himmlischen
zuwenden. Er soll geistlich werden. So hat es der heilige Mann, der
wunderbaren Trost in meine Seele goß, der Mutter verkündet, und es mag
wohl die Prophezeiung der Gnade sein, die mich mit wundervoller Klarheit
erleuchtet, so daß ich in meinem Innern das lebendige Bild der Zukunft zu
erschauen vermeine.
Ich sehe den Jüngling den Todeskampf streiten mit der finstern Macht,
die auf ihn eindringt mit furchtbarer Waffe! — Er fällt, doch ein göttlich
Weib erhebt über sein Haupt die Siegeskrone! — Es ist die heilige Rosalie
selbst, die ihn errettet! — So oft es mir die ewige Macht des Himmels
vergönnt, will ich dem Knaben, dem Jünglinge, dem Mann nahe sein und
ihn schützen, wie es die mir verliehene Kraft vermag. — Er wird sein wie
—
Anmerkung des Herausgebers.
Hier wird, günstiger Leser! die halb erloschene Schrift des alten Malers
so undeutlich, daß weiter etwas zu entziffern, ganz unmöglich ist. Wir
kehren zu dem Manuskript des merkwürdigen Kapuziners Medardus
zurück.
Page 247
Page 248
3. Abschnitt.
Die Rückkehr in das Kloster.
Es war so weit gekommen, daß überall, wo ich mich in den Straßen von
Rom blicken ließ, einzelne aus dem Volk stillstanden, und in gebeugter,
demütiger Stellung um meinen Segen baten. Mocht’ es sein, daß meine
strengen Bußübungen, die ich fortsetzte, schon Aufsehen erregten, aber
gewiß war es, daß meine fremdartige, wunderliche Erscheinung den
lebhaften fantastischen Römern bald zu einer Legende werden mußte, und
daß sie mich vielleicht, ohne daß ich es ahnte, zu dem Helden irgend eines
frommen Märchens erhoben hatten. Oft weckten mich bange Seufzer und
das Gemurmel leiser Gebete aus tiefer Betrachtung, in die ich, auf den
Stufen des Altars liegend, versunken, und ich bemerkte dann, wie rings um
mich her Andächtige knieten, und meine Fürbitte zu erflehen schienen. So
wie in jenem Kapuzinerkloster, hörte ich hinter mir rufen: il Santo! — und
schmerzhafte Dolchstiche fuhren durch meine Brust. Ich wollte Rom
verlassen, doch wie erschrak ich, als der Prior des Klosters, in dem ich mich
aufhielt, mir ankündigte, daß der Papst mich hätte zu sich entbieten lassen.
Düstre Ahnungen stiegen in mir auf, daß vielleicht aufs neue die böse
Macht in feindlichen Verkettungen mich festzubannen trachte, indessen
faßte ich Mut, und ging zur bestimmten Stunde nach dem Vatikan. Der
Papst, ein wohlgebildeter Mann, noch in den Jahren der vollen Kraft,
empfing mich auf einem reich verzierten Lehnstuhl sitzend. Zwei
wunderschöne, geistlich gekleidete Knaben bedienten ihn mit Eiswasser
und durchfächelten das Zimmer mit Reiherbüschen, um, da der Tag
überheiß war, die Kühle zu erhalten. Demütig trat ich auf ihn zu und machte
die gewöhnliche Kniebeugung. Er sah mich scharf an, der Blick hatte aber
etwas Gutmütiges und statt des strengen Ernstes, der sonst, wie ich aus der
Ferne wahrzunehmen geglaubt, auf seinem Gesicht ruhte, ging ein sanftes
Lächeln durch alle Züge. Er frug, woher ich käme, was mich nach Rom
gebracht — kurz das gewöhnlichste über meine persönlichen Verhältnisse,
und stand dann auf, indem er sprach: „Ich ließ Euch rufen, weil man mir
von Eurer seltenen Frömmigkeit erzählt. — Warum, Mönch Medardus,
Die Rückkehr in das Kloster.
Es war so weit gekommen, daß überall, wo ich mich in den Straßen von
Rom blicken ließ, einzelne aus dem Volk stillstanden, und in gebeugter,
demütiger Stellung um meinen Segen baten. Mocht’ es sein, daß meine
strengen Bußübungen, die ich fortsetzte, schon Aufsehen erregten, aber
gewiß war es, daß meine fremdartige, wunderliche Erscheinung den
lebhaften fantastischen Römern bald zu einer Legende werden mußte, und
daß sie mich vielleicht, ohne daß ich es ahnte, zu dem Helden irgend eines
frommen Märchens erhoben hatten. Oft weckten mich bange Seufzer und
das Gemurmel leiser Gebete aus tiefer Betrachtung, in die ich, auf den
Stufen des Altars liegend, versunken, und ich bemerkte dann, wie rings um
mich her Andächtige knieten, und meine Fürbitte zu erflehen schienen. So
wie in jenem Kapuzinerkloster, hörte ich hinter mir rufen: il Santo! — und
schmerzhafte Dolchstiche fuhren durch meine Brust. Ich wollte Rom
verlassen, doch wie erschrak ich, als der Prior des Klosters, in dem ich mich
aufhielt, mir ankündigte, daß der Papst mich hätte zu sich entbieten lassen.
Düstre Ahnungen stiegen in mir auf, daß vielleicht aufs neue die böse
Macht in feindlichen Verkettungen mich festzubannen trachte, indessen
faßte ich Mut, und ging zur bestimmten Stunde nach dem Vatikan. Der
Papst, ein wohlgebildeter Mann, noch in den Jahren der vollen Kraft,
empfing mich auf einem reich verzierten Lehnstuhl sitzend. Zwei
wunderschöne, geistlich gekleidete Knaben bedienten ihn mit Eiswasser
und durchfächelten das Zimmer mit Reiherbüschen, um, da der Tag
überheiß war, die Kühle zu erhalten. Demütig trat ich auf ihn zu und machte
die gewöhnliche Kniebeugung. Er sah mich scharf an, der Blick hatte aber
etwas Gutmütiges und statt des strengen Ernstes, der sonst, wie ich aus der
Ferne wahrzunehmen geglaubt, auf seinem Gesicht ruhte, ging ein sanftes
Lächeln durch alle Züge. Er frug, woher ich käme, was mich nach Rom
gebracht — kurz das gewöhnlichste über meine persönlichen Verhältnisse,
und stand dann auf, indem er sprach: „Ich ließ Euch rufen, weil man mir
von Eurer seltenen Frömmigkeit erzählt. — Warum, Mönch Medardus,
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treibst du deine Andachtsübungen öffentlich vor dem Volk in den
besuchtesten Kirchen? — Gedenkst du zu erscheinen als ein Heiliger des
Herrn und angebetet zu werden von dem fanatischen Pöbel, so greife in
deine Brust und forsche wohl, wie der innerste Gedanke beschaffen, der
dich so zu handeln treibt. — Bist du nicht rein vor dem Herrn und vor mir,
seinem Statthalter, so nimmst du bald ein schmähliches Ende, Mönch
Medardus!“ — Diese Worte sprach der Papst mit starker, durchdringender
Stimme, und wie treffende Blitze funkelte es aus seinen Augen. Nach langer
Zeit zum erstenmal fühlte ich mich nicht der Sünde schuldig, der ich
angeklagt wurde, und so mußte es wohl kommen, daß ich nicht allein meine
Fassung behielt, sondern auch von dem Gedanken, daß meine Buße aus
wahrer, innerer Zerknirschung hervorgegangen, erhoben wurde, und wie ein
Begeisterter zu sprechen vermochte: „Ihr hochheiliger Statthalter des Herrn,
wohl ist Euch die Kraft verliehen, in mein Inneres zu schauen; wohl mögt
Ihr es wissen, daß zentnerschwer mich die unsägliche Last meiner Sünden
zu Boden drückt, aber ebenso werdet Ihr die Wahrheit meiner Reue
erkennen. Fern von mir ist der Gedanke schnöder Heuchelei, fern von mir
jede ehrgeizige Absicht, das Volk zu täuschen auf verruchte Weise. —
Vergönnt es dem büßenden Mönche, o hochheiliger Herr! daß er in kurzen
Worten sein verbrecherisches Leben, aber auch das, was er in der tiefsten
Reue und Zerknirschung begonnen, Euch enthülle!“ — So fing ich an, und
erzählte nun, ohne Namen zu nennen und so gedrängt als möglich meinen
Lebenslauf. Aufmerksamer und aufmerksamer wurde der Papst. Er setzte
sich in den Lehnstuhl und stützte den Kopf in die Hand; er sah zur Erde
nieder, dann fuhr er plötzlich in die Höhe; die Hände übereinander
geschlagen und mit dem rechten Fuß ausschreitend, als wolle er auf mich zu
treten, starrte er mich an mit glühenden Augen. Als ich geendet, setzte er
sich aufs neue. „Eure Geschichte, Mönch Medardus!“ fing er an, „ist die
verwunderlichste, die ich jemals vernommen. — Glaubt Ihr an die
offenbare sichtliche Einwirkung einer bösen Macht, die die Kirche Teufel
nennt?“ — Ich wollte antworten, der Papst fuhr fort: „Glaubt Ihr, daß der
Wein, den Ihr aus der Reliquienkammer stahlt und austranket, Euch zu den
Freveln trieb, die Ihr beginget?“ — „Wie ein von giftigen Dünsten
geschwängertes Wasser gab er Kraft dem bösen Keim, der in mir ruhete,
daß er fortzuwuchern vermochte!“ — Als ich dies erwidert, schwieg der
Papst einige Augenblicke, dann fuhr er mit ernstem, in sich gekehrtem
Blick fort: „Wie, wenn die Natur die Regel des körperlichen Organismus
besuchtesten Kirchen? — Gedenkst du zu erscheinen als ein Heiliger des
Herrn und angebetet zu werden von dem fanatischen Pöbel, so greife in
deine Brust und forsche wohl, wie der innerste Gedanke beschaffen, der
dich so zu handeln treibt. — Bist du nicht rein vor dem Herrn und vor mir,
seinem Statthalter, so nimmst du bald ein schmähliches Ende, Mönch
Medardus!“ — Diese Worte sprach der Papst mit starker, durchdringender
Stimme, und wie treffende Blitze funkelte es aus seinen Augen. Nach langer
Zeit zum erstenmal fühlte ich mich nicht der Sünde schuldig, der ich
angeklagt wurde, und so mußte es wohl kommen, daß ich nicht allein meine
Fassung behielt, sondern auch von dem Gedanken, daß meine Buße aus
wahrer, innerer Zerknirschung hervorgegangen, erhoben wurde, und wie ein
Begeisterter zu sprechen vermochte: „Ihr hochheiliger Statthalter des Herrn,
wohl ist Euch die Kraft verliehen, in mein Inneres zu schauen; wohl mögt
Ihr es wissen, daß zentnerschwer mich die unsägliche Last meiner Sünden
zu Boden drückt, aber ebenso werdet Ihr die Wahrheit meiner Reue
erkennen. Fern von mir ist der Gedanke schnöder Heuchelei, fern von mir
jede ehrgeizige Absicht, das Volk zu täuschen auf verruchte Weise. —
Vergönnt es dem büßenden Mönche, o hochheiliger Herr! daß er in kurzen
Worten sein verbrecherisches Leben, aber auch das, was er in der tiefsten
Reue und Zerknirschung begonnen, Euch enthülle!“ — So fing ich an, und
erzählte nun, ohne Namen zu nennen und so gedrängt als möglich meinen
Lebenslauf. Aufmerksamer und aufmerksamer wurde der Papst. Er setzte
sich in den Lehnstuhl und stützte den Kopf in die Hand; er sah zur Erde
nieder, dann fuhr er plötzlich in die Höhe; die Hände übereinander
geschlagen und mit dem rechten Fuß ausschreitend, als wolle er auf mich zu
treten, starrte er mich an mit glühenden Augen. Als ich geendet, setzte er
sich aufs neue. „Eure Geschichte, Mönch Medardus!“ fing er an, „ist die
verwunderlichste, die ich jemals vernommen. — Glaubt Ihr an die
offenbare sichtliche Einwirkung einer bösen Macht, die die Kirche Teufel
nennt?“ — Ich wollte antworten, der Papst fuhr fort: „Glaubt Ihr, daß der
Wein, den Ihr aus der Reliquienkammer stahlt und austranket, Euch zu den
Freveln trieb, die Ihr beginget?“ — „Wie ein von giftigen Dünsten
geschwängertes Wasser gab er Kraft dem bösen Keim, der in mir ruhete,
daß er fortzuwuchern vermochte!“ — Als ich dies erwidert, schwieg der
Papst einige Augenblicke, dann fuhr er mit ernstem, in sich gekehrtem
Blick fort: „Wie, wenn die Natur die Regel des körperlichen Organismus
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auch im geistigen befolgte, daß gleicher Keim nur Gleiches zu gebären
vermag? ... Wenn Neigung und Wollen, — wie die Kraft, die im Kern
erschlossen, des hervorschießenden Baumes Blätter wieder grün färbt —
sich fortpflanzte von Vätern zu Vätern, alle Willkür aufgebend? ... Es gibt
Familien von Mördern, von Räubern! ... Das wäre die Erbsünde, des
frevelhaften Geschlechts ewiger, durch kein Sühnopfer vertilgbarer Fluch!“
— „Muß der vom Sünder Geborne wieder sündigen, vermöge des vererbten
Organism, dann gibt es keine Sünde,“ so unterbrach ich den Papst. „Doch!“
sprach er, „der ewige Geist schuf einen Riesen, der jenes blinde Tier, das in
uns wütet, zu bändigen und in Fesseln zu schlagen vermag. Bewußtsein
heißt dieser Riese, aus dessen Kampf mit dem Tier sich die Spontaneität
erzeugt. Des Riesen Sieg ist die Tugend, der Sieg des Tieres die Sünde.“
Der Papst schwieg einige Augenblicke, dann heiterte sein Blick sich auf,
und er sprach mit sanfter Stimme: „Glaubt Ihr, Mönch Medardus, daß es für
den Statthalter des Herrn schicklich sei, mit Euch über Tugend und Sünde
zu vernünfteln?“ — „Ihr habt, hochheiliger Herr,“ erwiderte ich, „Euren
Diener gewürdigt Eure tiefe Ansicht des menschlichen Seins zu vernehmen,
und wohl mag es Euch ziemen, über den Kampf zu sprechen, den Ihr längst,
herrlich und glorreich siegend, geendet.“ — „Du hast eine gute Meinung
von mir, Bruder Medardus,“ sprach der Papst, „oder glaubst du, daß die
Tiara der Lorbeer sei, der mich als Helden und Sieger der Welt verkündet?“
— „Es ist“, sprach ich, „wohl etwas Großes, König sein und herrschen über
ein Volk. So im Leben hochgestellt, mag alles rings umher näher
zusammengerückt in jedem Verhältnis kommensurabler erscheinen, und
eben durch die hohe Stellung sich die wunderbare Kraft des Überschauens
entwickeln, die, wie eine höhere Weihe, sich kundtut im gebornen Fürsten.“
— „Du meinst,“ fiel der Papst ein, „daß selbst den Fürsten, die schwach an
Verstande und Willen, doch eine gewisse wunderliche Sagazität beiwohne,
die füglich für Weisheit geltend, der Menge zu imponieren vermag. Aber
wie gehört das hierher?“ — „Ich wollte,“ fuhr ich fort, „von der Weihe der
Fürsten reden, deren Reich von dieser Welt ist, und dann von der heiligen,
göttlichen Weihe des Statthalters des Herrn. Auf geheimnisvolle Weise
erleuchtet der Geist des Herrn die im Konklave eingeschlossenen hohen
Priester. Getrennt, in einzelnen Gemächern frommer Betrachtung
hingegeben, befruchtet der Strahl des Himmels das nach der Offenbarung
sich sehnende Gemüt, und e i n Name erschallt, wie ein, die ewige Macht
lobpreisender Hymnus, von den begeisterten Lippen. — Nur kund getan in
vermag? ... Wenn Neigung und Wollen, — wie die Kraft, die im Kern
erschlossen, des hervorschießenden Baumes Blätter wieder grün färbt —
sich fortpflanzte von Vätern zu Vätern, alle Willkür aufgebend? ... Es gibt
Familien von Mördern, von Räubern! ... Das wäre die Erbsünde, des
frevelhaften Geschlechts ewiger, durch kein Sühnopfer vertilgbarer Fluch!“
— „Muß der vom Sünder Geborne wieder sündigen, vermöge des vererbten
Organism, dann gibt es keine Sünde,“ so unterbrach ich den Papst. „Doch!“
sprach er, „der ewige Geist schuf einen Riesen, der jenes blinde Tier, das in
uns wütet, zu bändigen und in Fesseln zu schlagen vermag. Bewußtsein
heißt dieser Riese, aus dessen Kampf mit dem Tier sich die Spontaneität
erzeugt. Des Riesen Sieg ist die Tugend, der Sieg des Tieres die Sünde.“
Der Papst schwieg einige Augenblicke, dann heiterte sein Blick sich auf,
und er sprach mit sanfter Stimme: „Glaubt Ihr, Mönch Medardus, daß es für
den Statthalter des Herrn schicklich sei, mit Euch über Tugend und Sünde
zu vernünfteln?“ — „Ihr habt, hochheiliger Herr,“ erwiderte ich, „Euren
Diener gewürdigt Eure tiefe Ansicht des menschlichen Seins zu vernehmen,
und wohl mag es Euch ziemen, über den Kampf zu sprechen, den Ihr längst,
herrlich und glorreich siegend, geendet.“ — „Du hast eine gute Meinung
von mir, Bruder Medardus,“ sprach der Papst, „oder glaubst du, daß die
Tiara der Lorbeer sei, der mich als Helden und Sieger der Welt verkündet?“
— „Es ist“, sprach ich, „wohl etwas Großes, König sein und herrschen über
ein Volk. So im Leben hochgestellt, mag alles rings umher näher
zusammengerückt in jedem Verhältnis kommensurabler erscheinen, und
eben durch die hohe Stellung sich die wunderbare Kraft des Überschauens
entwickeln, die, wie eine höhere Weihe, sich kundtut im gebornen Fürsten.“
— „Du meinst,“ fiel der Papst ein, „daß selbst den Fürsten, die schwach an
Verstande und Willen, doch eine gewisse wunderliche Sagazität beiwohne,
die füglich für Weisheit geltend, der Menge zu imponieren vermag. Aber
wie gehört das hierher?“ — „Ich wollte,“ fuhr ich fort, „von der Weihe der
Fürsten reden, deren Reich von dieser Welt ist, und dann von der heiligen,
göttlichen Weihe des Statthalters des Herrn. Auf geheimnisvolle Weise
erleuchtet der Geist des Herrn die im Konklave eingeschlossenen hohen
Priester. Getrennt, in einzelnen Gemächern frommer Betrachtung
hingegeben, befruchtet der Strahl des Himmels das nach der Offenbarung
sich sehnende Gemüt, und e i n Name erschallt, wie ein, die ewige Macht
lobpreisender Hymnus, von den begeisterten Lippen. — Nur kund getan in
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irdischer Sprache wird der Beschluß der ewigen Macht, die sich ihren
würdigen Statthalter auf Erden erkor, und so, hochheiliger Herr! ist Eure
Krone, im dreifachen Ringe das Mysterium Eures Herrn, des Herrn der
Welten, verkündend, in der Tat der Lorbeer, der Euch als Helden und Sieger
darstellt. — Nicht von dieser Welt ist Euer Reich, und doch seid Ihr berufen
zu herrschen über alle Reiche dieser Erde, die Glieder der unsichtbaren
Kirche sammelnd unter der Fahne des Herrn! — Das weltliche Reich, das
Euch beschieden, ist nur Euer in himmlischer Pracht blühender Thron.“ —
„Das gibst du zu,“ unterbrach mich der Papst, — „das gibst du zu, Bruder
Medardus, daß ich Ursache habe, mit diesem mir beschiedenen Thron
zufrieden zu sein. Wohl ist meine blühende Roma geschmückt mit
himmlischer Pracht, das wirst du auch wohl fühlen, Bruder Medardus! hast
du deinen Blick nicht ganz dem Irdischen verschlossen ... Doch das glaub’
ich nicht ... Du bist ein wackerer Redner und hast mir zum Sinn gesprochen
... Wir werden uns, merk’ ich, näher verständigen!... Bleibe hier! ... In
einigen Tagen bist du vielleicht Prior, und später könnt’ ich dich wohl gar
zu meinem Beichtvater erwählen ... Gehe ... gebärde dich weniger närrisch
in den Kirchen, zum Heiligen schwingst du dich nun einmal nicht hinauf —
der Kalender ist vollzählig. Gehe.“ — Des Papstes letzte Worte
verwunderten mich ebenso, wie sein ganzes Betragen überhaupt, das ganz
dem Bilde widersprach, wie es sonst von dem Höchsten der christlichen
Gemeinde, dem die Macht gegeben zu binden und zu lösen, in meinem
Innern aufgegangen war. Es war mir nicht zweifelhaft, daß er alles, was ich
von der hohen Göttlichkeit seines Berufs gesprochen, für eine leere, listige
Schmeichelei gehalten hatte. Er ging von der Idee aus, daß ich mich hatte
zum Heiligen aufschwingen wollen, und daß ich, da er mir aus besonderen
Gründen den Weg dazu versperren mußte, nun gesonnen war, mir auf
andere Weise Ansehen und Einfluß zu verschaffen. Auf dieses wollte er
wieder aus besonderen mir unbekannten Gründen eingehen.
Ich beschloß, — ohne daran zu denken, daß ich ja, ehe der Papst mich
rufen ließ, Rom hatte verlassen wollen — meine Andachtsübungen
fortzusetzen. Doch nur zu sehr im Innern fühlte ich mich bewegt, um wie
sonst mein Gemüt ganz dem Himmlischen zuwenden zu können.
Unwillkürlich dachte ich selbst im Gebet an mein früheres Leben; erblaßt
war das Bild meiner Sünden und nur das Glänzende der Laufbahn, die ich
als Liebling eines Fürsten begonnen, als Beichtiger des Papstes fortsetzen,
und wer weiß auf welcher Höhe enden werde, stand grell leuchtend vor
würdigen Statthalter auf Erden erkor, und so, hochheiliger Herr! ist Eure
Krone, im dreifachen Ringe das Mysterium Eures Herrn, des Herrn der
Welten, verkündend, in der Tat der Lorbeer, der Euch als Helden und Sieger
darstellt. — Nicht von dieser Welt ist Euer Reich, und doch seid Ihr berufen
zu herrschen über alle Reiche dieser Erde, die Glieder der unsichtbaren
Kirche sammelnd unter der Fahne des Herrn! — Das weltliche Reich, das
Euch beschieden, ist nur Euer in himmlischer Pracht blühender Thron.“ —
„Das gibst du zu,“ unterbrach mich der Papst, — „das gibst du zu, Bruder
Medardus, daß ich Ursache habe, mit diesem mir beschiedenen Thron
zufrieden zu sein. Wohl ist meine blühende Roma geschmückt mit
himmlischer Pracht, das wirst du auch wohl fühlen, Bruder Medardus! hast
du deinen Blick nicht ganz dem Irdischen verschlossen ... Doch das glaub’
ich nicht ... Du bist ein wackerer Redner und hast mir zum Sinn gesprochen
... Wir werden uns, merk’ ich, näher verständigen!... Bleibe hier! ... In
einigen Tagen bist du vielleicht Prior, und später könnt’ ich dich wohl gar
zu meinem Beichtvater erwählen ... Gehe ... gebärde dich weniger närrisch
in den Kirchen, zum Heiligen schwingst du dich nun einmal nicht hinauf —
der Kalender ist vollzählig. Gehe.“ — Des Papstes letzte Worte
verwunderten mich ebenso, wie sein ganzes Betragen überhaupt, das ganz
dem Bilde widersprach, wie es sonst von dem Höchsten der christlichen
Gemeinde, dem die Macht gegeben zu binden und zu lösen, in meinem
Innern aufgegangen war. Es war mir nicht zweifelhaft, daß er alles, was ich
von der hohen Göttlichkeit seines Berufs gesprochen, für eine leere, listige
Schmeichelei gehalten hatte. Er ging von der Idee aus, daß ich mich hatte
zum Heiligen aufschwingen wollen, und daß ich, da er mir aus besonderen
Gründen den Weg dazu versperren mußte, nun gesonnen war, mir auf
andere Weise Ansehen und Einfluß zu verschaffen. Auf dieses wollte er
wieder aus besonderen mir unbekannten Gründen eingehen.
Ich beschloß, — ohne daran zu denken, daß ich ja, ehe der Papst mich
rufen ließ, Rom hatte verlassen wollen — meine Andachtsübungen
fortzusetzen. Doch nur zu sehr im Innern fühlte ich mich bewegt, um wie
sonst mein Gemüt ganz dem Himmlischen zuwenden zu können.
Unwillkürlich dachte ich selbst im Gebet an mein früheres Leben; erblaßt
war das Bild meiner Sünden und nur das Glänzende der Laufbahn, die ich
als Liebling eines Fürsten begonnen, als Beichtiger des Papstes fortsetzen,
und wer weiß auf welcher Höhe enden werde, stand grell leuchtend vor
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meines Geistes Augen. So kam es, daß ich, nicht weil es der Papst verboten,
sondern unwillkürlich meine Andachtsübungen einstellte, und statt dessen
in den Straßen von Rom umherschlenderte. Als ich eines Tages über den
spanischen Platz ging, war ein Haufen Volks um den Kasten eines
Puppenspielers versammelt. Ich vernahm Pulcinells komisches Gequäke
und das wiehernde Gelächter der Menge. Der erste Akt war geendet, man
bereitete sich auf den zweiten vor. Die kleine Decke flog auf, der junge
David erschien mit seiner Schleuder und dem Sack voll Kieselsteinen.
Unter possierlichen Bewegungen versprach er, daß nunmehr der
ungeschlachte Riese Goliath ganz gewiß erschlagen und Israel errettet
werden solle. Es ließ sich ein dumpfes Rauschen und Brummen hören. Der
Riese Goliath stieg empor mit einem ungeheuren Kopfe. — Wie erstaunte
ich, als ich auf den ersten Blick in dem Goliathskopf den närrischen
Belcampo erkannte. Dicht unter dem Kopf hatte er mittels einer besonderen
Vorrichtung einen kleinen Körper mit Ärmchen und Beinchen angebracht,
seine eigenen Schultern und Arme aber durch eine Draperie versteckt, die
wie Goliaths breit gefalteter Mantel anzusehen war. Goliath hielt, mit den
seltsamsten Grimassen und groteskem Schütteln des Zwergleibes, eine
stolze Rede, die David nur zuweilen durch ein feines Kichern unterbrach.
Das Volk lachte unmäßig, und ich selbst, wunderlich angesprochen von der
neuen, fabelhaften Erscheinung Belcampos, ließ mich fortreißen und brach
aus in das längst ungewohnte Lachen der innern kindischen Lust. — Ach,
wie oft war sonst mein Lachen nur der konvulsivische Krampf der innern
herzzerreißenden Qual. Dem Kampf mit dem Riesen ging eine lange
Disputation voraus, und David bewies überaus künstlich und gelehrt,
warum er den furchtbaren Gegner totschmeißen müsse und werde.
Belcampo ließ alle Muskeln seines Gesichts wie knisternde Lauffeuer
spielen, und dabei schlugen die Riesenärmchen nach dem kleiner als
kleinen David, der geschickt unterzuducken wußte und dann hier und da, ja
selbst aus Goliaths eigner Mantelfalte zum Vorschein kam. Endlich flog der
Kiesel an Goliaths Haupt, er sank hin und die Decke fiel. Ich lachte immer
mehr, durch Belcampos tollen Genius gereizt, überlaut, da klopfte jemand
leise auf meine Schulter. Ein Abbate stand neben mir. „Es freut mich,“ fing
er an, „daß Ihr, mein ehrwürdiger Herr, nicht die Lust am Irdischen verloren
habt. Beinahe traute ich Euch, nachdem ich Eure merkwürdigen
Andachtsübungen gesehen, nicht mehr zu, daß Ihr über solche Torheiten zu
lachen vermöchtet.“ Es war mir, als der Abbate dieses sprach, als müßte ich
sondern unwillkürlich meine Andachtsübungen einstellte, und statt dessen
in den Straßen von Rom umherschlenderte. Als ich eines Tages über den
spanischen Platz ging, war ein Haufen Volks um den Kasten eines
Puppenspielers versammelt. Ich vernahm Pulcinells komisches Gequäke
und das wiehernde Gelächter der Menge. Der erste Akt war geendet, man
bereitete sich auf den zweiten vor. Die kleine Decke flog auf, der junge
David erschien mit seiner Schleuder und dem Sack voll Kieselsteinen.
Unter possierlichen Bewegungen versprach er, daß nunmehr der
ungeschlachte Riese Goliath ganz gewiß erschlagen und Israel errettet
werden solle. Es ließ sich ein dumpfes Rauschen und Brummen hören. Der
Riese Goliath stieg empor mit einem ungeheuren Kopfe. — Wie erstaunte
ich, als ich auf den ersten Blick in dem Goliathskopf den närrischen
Belcampo erkannte. Dicht unter dem Kopf hatte er mittels einer besonderen
Vorrichtung einen kleinen Körper mit Ärmchen und Beinchen angebracht,
seine eigenen Schultern und Arme aber durch eine Draperie versteckt, die
wie Goliaths breit gefalteter Mantel anzusehen war. Goliath hielt, mit den
seltsamsten Grimassen und groteskem Schütteln des Zwergleibes, eine
stolze Rede, die David nur zuweilen durch ein feines Kichern unterbrach.
Das Volk lachte unmäßig, und ich selbst, wunderlich angesprochen von der
neuen, fabelhaften Erscheinung Belcampos, ließ mich fortreißen und brach
aus in das längst ungewohnte Lachen der innern kindischen Lust. — Ach,
wie oft war sonst mein Lachen nur der konvulsivische Krampf der innern
herzzerreißenden Qual. Dem Kampf mit dem Riesen ging eine lange
Disputation voraus, und David bewies überaus künstlich und gelehrt,
warum er den furchtbaren Gegner totschmeißen müsse und werde.
Belcampo ließ alle Muskeln seines Gesichts wie knisternde Lauffeuer
spielen, und dabei schlugen die Riesenärmchen nach dem kleiner als
kleinen David, der geschickt unterzuducken wußte und dann hier und da, ja
selbst aus Goliaths eigner Mantelfalte zum Vorschein kam. Endlich flog der
Kiesel an Goliaths Haupt, er sank hin und die Decke fiel. Ich lachte immer
mehr, durch Belcampos tollen Genius gereizt, überlaut, da klopfte jemand
leise auf meine Schulter. Ein Abbate stand neben mir. „Es freut mich,“ fing
er an, „daß Ihr, mein ehrwürdiger Herr, nicht die Lust am Irdischen verloren
habt. Beinahe traute ich Euch, nachdem ich Eure merkwürdigen
Andachtsübungen gesehen, nicht mehr zu, daß Ihr über solche Torheiten zu
lachen vermöchtet.“ Es war mir, als der Abbate dieses sprach, als müßte ich
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mich meiner Lustigkeit schämen, und unwillkürlich sprach ich, was ich
gleich darauf schwer bereute gesprochen zu haben. „Glaubt mir, mein Herr
Abbate,“ sagte ich, „daß dem, der in dem buntesten Wogenspiel des Lebens
ein rüstiger Schwimmer war, nie die Kraft gebricht, aus dunkler Flut
aufzutauchen und mutig sein Haupt zu erheben.“ Der Abbate sah mich mit
blitzenden Augen an. „Ei,“ sprach er, „wie habt Ihr das Bild so gut erfunden
und ausgeführt. Ich glaube Euch jetzt zu kennen ganz und gar, und
bewundere Euch aus tiefstem Grunde meiner Seele.“
„Ich weiß nicht, mein Herr! wie ein armer büßender Mönch Eure
Bewunderung zu erregen vermochte!“
„Vortrefflich, Ehrwürdigster! — Ihr fallt zurück in Eure Rolle! — Ihr
seid des Papstes Liebling?“
„Dem hochheiligen Statthalter des Herrn hat es gefallen, mich seines
Blicks zu würdigen. — Ich habe ihn verehrt im Staube, wie es der Würde,
die ihm die ewige Macht verlieh, als sie himmlisch reine Tugend bewährt
fand in seinem Innern, geziemt.“
„Nun, du ganz würdiger Vasall an dem Thron des dreifach Gekrönten,
du wirst tapfer tun, was deines Amtes ist! — Aber glaube mir, der jetzige
Statthalter des Herrn ist ein Kleinod der Tugend gegen Alexander den
sechsten, und da magst du dich vielleicht doch verrechnet haben! — Doch
— spiele deine Rolle — ausgespielt ist bald, was munter und lustig begann.
— Lebt wohl, mein sehr ehrwürdiger Herr!“
Mit gellendem Hohngelächter sprang der Abbate von dannen, erstarrt
blieb ich stehen. Hielt ich seine letzte Äußerung mit meinen eignen
Bemerkungen über den Papst zusammen, so mußte es mir wohl klar
aufgehen, daß er keineswegs der nach dem Kampf mit dem Tier gekrönte
Sieger war, für den ich ihn gehalten, und ebenso mußte ich auf entsetzliche
Weise mich überzeugen, daß, wenigstens dem eingeweihten Teil des
Publikums, meine Buße als ein heuchlerisches Bestreben erschienen war,
mich auf diese oder jene Weise aufzuschwingen. Verwundet bis tief in das
Innerste, kehrte ich in mein Kloster zurück und betete inbrünstig in der
einsamen Kirche. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, und ich
erkannte bald die Versuchung der finstern Macht, die mich aufs neue zu
verstricken getrachtet hatte, aber auch zugleich meine sündige Schwachheit
und die Strafe des Himmels. — Nur schnelle Flucht konnte mich retten, und
gleich darauf schwer bereute gesprochen zu haben. „Glaubt mir, mein Herr
Abbate,“ sagte ich, „daß dem, der in dem buntesten Wogenspiel des Lebens
ein rüstiger Schwimmer war, nie die Kraft gebricht, aus dunkler Flut
aufzutauchen und mutig sein Haupt zu erheben.“ Der Abbate sah mich mit
blitzenden Augen an. „Ei,“ sprach er, „wie habt Ihr das Bild so gut erfunden
und ausgeführt. Ich glaube Euch jetzt zu kennen ganz und gar, und
bewundere Euch aus tiefstem Grunde meiner Seele.“
„Ich weiß nicht, mein Herr! wie ein armer büßender Mönch Eure
Bewunderung zu erregen vermochte!“
„Vortrefflich, Ehrwürdigster! — Ihr fallt zurück in Eure Rolle! — Ihr
seid des Papstes Liebling?“
„Dem hochheiligen Statthalter des Herrn hat es gefallen, mich seines
Blicks zu würdigen. — Ich habe ihn verehrt im Staube, wie es der Würde,
die ihm die ewige Macht verlieh, als sie himmlisch reine Tugend bewährt
fand in seinem Innern, geziemt.“
„Nun, du ganz würdiger Vasall an dem Thron des dreifach Gekrönten,
du wirst tapfer tun, was deines Amtes ist! — Aber glaube mir, der jetzige
Statthalter des Herrn ist ein Kleinod der Tugend gegen Alexander den
sechsten, und da magst du dich vielleicht doch verrechnet haben! — Doch
— spiele deine Rolle — ausgespielt ist bald, was munter und lustig begann.
— Lebt wohl, mein sehr ehrwürdiger Herr!“
Mit gellendem Hohngelächter sprang der Abbate von dannen, erstarrt
blieb ich stehen. Hielt ich seine letzte Äußerung mit meinen eignen
Bemerkungen über den Papst zusammen, so mußte es mir wohl klar
aufgehen, daß er keineswegs der nach dem Kampf mit dem Tier gekrönte
Sieger war, für den ich ihn gehalten, und ebenso mußte ich auf entsetzliche
Weise mich überzeugen, daß, wenigstens dem eingeweihten Teil des
Publikums, meine Buße als ein heuchlerisches Bestreben erschienen war,
mich auf diese oder jene Weise aufzuschwingen. Verwundet bis tief in das
Innerste, kehrte ich in mein Kloster zurück und betete inbrünstig in der
einsamen Kirche. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, und ich
erkannte bald die Versuchung der finstern Macht, die mich aufs neue zu
verstricken getrachtet hatte, aber auch zugleich meine sündige Schwachheit
und die Strafe des Himmels. — Nur schnelle Flucht konnte mich retten, und
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ich beschloß mit dem frühesten Morgen mich auf den Weg zu machen.
Schon war beinahe die Nacht eingebrochen, als die Hausglocke des
Klosters stark angezogen wurde. Bald darauf trat der Bruder Pförtner in
meine Zelle und berichtete, daß ein seltsam gekleideter Mann durchaus
begehre mich zu sprechen. Ich ging nach dem Sprachzimmer, es war
Belcampo, der nach seiner tollen Weise auf mich zusprang, bei beiden
Armen mich packte, und mich schnell in einen Winkel zog. „Medardus,“
fing er leise und eilig an, „Medardus, du magst es nun anstellen wie du
willst, um dich zu verderben, die Narrheit ist hinter dir her auf den Flügeln
des Westwindes — Südwindes oder auch Süd-Südwest — oder sonst, und
packt dich, ragt auch nur noch ein Zipfel deiner Kutte hervor aus dem
Abgrunde, und zieht dich herauf — O Medardus, erkenne das — erkenne
was Freundschaft ist, erkenne was Liebe vermag, glaube an David und
Jonathan, liebster Kapuziner!“ — „Ich habe Sie als Goliath bewundert,“ fiel
ich dem Schwätzer in die Rede, „aber sagen Sie mir schnell, worauf es
ankommt — was Sie zu mir hertreibt?“ — „Was mich hertreibt?“ sprach
Belcampo, „was mich hertreibt? — Wahnsinnige Liebe zu einem
Kapuziner, dem ich einst den Kopf zurechtsetzte, der umherwarf mit
blutiggoldenen Dukaten — der Umgang hatte mit scheußlichen Revenants
— der, nachdem er was weniges gemordet hatte — die Schönste der Welt
heiraten wollte, bürgerlicher oder vielmehr adliger Weise.“ — „Halt ein,“
rief ich, „halt ein, du grauenhafter Narr! Gebüßt habe ich schwer, was du
mir vorwirfst im freveligen Mutwillen.“ — „O Herr,“ fuhr Belcampo fort,
„noch ist die Stelle so empfindlich, wo Euch die feindliche Macht tiefe
Wunden schlug? — Ei, so ist Eure Heilung noch nicht vollbracht. — Nun
ich will sanft und ruhig sein, wie ein frommes Kind, ich will mich
bezähmen, ich will nicht mehr springen, weder körperlich noch geistig, und
Euch, geliebter Kapuziner, bloß sagen, daß ich Euch hauptsächlich Eurer
sublimen Tollheit halber so zärtlich liebe, und da es überhaupt nützlich ist,
daß jedes tolle Prinzip so lange lebe und gedeihe auf Erden als nur immer
möglich, so rette ich dich aus jeder Todesgefahr, in die du mutwilligerweise
dich begibst. In meinem Puppenkasten habe ich ein Gespräch belauscht, das
dich betrifft. Der Papst will dich zum Prior des hiesigen Kapuzinerklosters
und zu seinem Beichtiger erheben. Fliehe schnell, schnell fort von Rom,
denn Dolche lauern auf dich. Ich kenne den Bravo, der dich ins
Himmelreich spedieren soll. Du bist dem Dominikaner, der jetzt des Papstes
Beichtiger ist, und seinem Anhange im Wege. — Morgen darfst du nicht
Schon war beinahe die Nacht eingebrochen, als die Hausglocke des
Klosters stark angezogen wurde. Bald darauf trat der Bruder Pförtner in
meine Zelle und berichtete, daß ein seltsam gekleideter Mann durchaus
begehre mich zu sprechen. Ich ging nach dem Sprachzimmer, es war
Belcampo, der nach seiner tollen Weise auf mich zusprang, bei beiden
Armen mich packte, und mich schnell in einen Winkel zog. „Medardus,“
fing er leise und eilig an, „Medardus, du magst es nun anstellen wie du
willst, um dich zu verderben, die Narrheit ist hinter dir her auf den Flügeln
des Westwindes — Südwindes oder auch Süd-Südwest — oder sonst, und
packt dich, ragt auch nur noch ein Zipfel deiner Kutte hervor aus dem
Abgrunde, und zieht dich herauf — O Medardus, erkenne das — erkenne
was Freundschaft ist, erkenne was Liebe vermag, glaube an David und
Jonathan, liebster Kapuziner!“ — „Ich habe Sie als Goliath bewundert,“ fiel
ich dem Schwätzer in die Rede, „aber sagen Sie mir schnell, worauf es
ankommt — was Sie zu mir hertreibt?“ — „Was mich hertreibt?“ sprach
Belcampo, „was mich hertreibt? — Wahnsinnige Liebe zu einem
Kapuziner, dem ich einst den Kopf zurechtsetzte, der umherwarf mit
blutiggoldenen Dukaten — der Umgang hatte mit scheußlichen Revenants
— der, nachdem er was weniges gemordet hatte — die Schönste der Welt
heiraten wollte, bürgerlicher oder vielmehr adliger Weise.“ — „Halt ein,“
rief ich, „halt ein, du grauenhafter Narr! Gebüßt habe ich schwer, was du
mir vorwirfst im freveligen Mutwillen.“ — „O Herr,“ fuhr Belcampo fort,
„noch ist die Stelle so empfindlich, wo Euch die feindliche Macht tiefe
Wunden schlug? — Ei, so ist Eure Heilung noch nicht vollbracht. — Nun
ich will sanft und ruhig sein, wie ein frommes Kind, ich will mich
bezähmen, ich will nicht mehr springen, weder körperlich noch geistig, und
Euch, geliebter Kapuziner, bloß sagen, daß ich Euch hauptsächlich Eurer
sublimen Tollheit halber so zärtlich liebe, und da es überhaupt nützlich ist,
daß jedes tolle Prinzip so lange lebe und gedeihe auf Erden als nur immer
möglich, so rette ich dich aus jeder Todesgefahr, in die du mutwilligerweise
dich begibst. In meinem Puppenkasten habe ich ein Gespräch belauscht, das
dich betrifft. Der Papst will dich zum Prior des hiesigen Kapuzinerklosters
und zu seinem Beichtiger erheben. Fliehe schnell, schnell fort von Rom,
denn Dolche lauern auf dich. Ich kenne den Bravo, der dich ins
Himmelreich spedieren soll. Du bist dem Dominikaner, der jetzt des Papstes
Beichtiger ist, und seinem Anhange im Wege. — Morgen darfst du nicht
Page 255
mehr hier sein.“ — Diese neue Begebenheit konnte ich gar gut mit den
Äußerungen des unbekannten Abbate zusammenreimen; so betroffen war
ich, daß ich kaum bemerkte, wie der possierliche Belcampo mich ein Mal
über das andere an das Herz drückte und endlich mit seinen gewöhnlichen
seltsamen Grimassen und Sprüngen Abschied nahm. —
Mitternacht mochte vorüber sein, als ich die äußere Pforte des Klosters
öffnen und einen Wagen dumpf über das Pflaster des Hofes hereinrollen
hörte. Bald darauf kam es den Gang herauf; man klopfte an meine Zelle, ich
öffnete und erblickte den Pater Guardian, dem ein tief vermummter Mann
mit einer Fackel folgte. „Bruder Medardus,“ sprach der Guardian, „ein
Sterbender verlangt in der Todesnot Euern geistlichen Zuspruch und die
letzte Ölung. Tut was Eures Amtes ist und folgt diesem Mann, der Euch
dorthin führen wird, wo man Eurer bedarf.“ — Mich überlief ein kalter
Schauer, die Ahnung, daß man mich zum Tode führen wolle, regte sich in
mir auf; doch durfte ich mich nicht weigern und folgte daher dem
Vermummten, der den Schlag des Wagens öffnete, und mich nötigte
einzusteigen. Im Wagen fand ich zwei Männer, die mich in ihre Mitte
nahmen. Ich frug, wo man mich hinführen wolle? — w e r gerade von m i r
Zuspruch und letzte Ölung verlange? — Keine Antwort! In tiefem
Schweigen ging es fort durch mehrere Straßen. Ich glaubte an dem Klange
wahrzunehmen, daß wir schon außerhalb Roms waren, doch bald vernahm
ich deutlich, daß wir durch ein Tor und dann wieder durch gepflasterte
Straßen fuhren. Endlich hielt der Wagen, und schnell wurden mir die Hände
gebunden und eine dicke Kappe fiel über mein Gesicht. „Euch soll nichts
Böses widerfahren,“ sprach eine rauhe Stimme, „nur schweigen müßt ihr
über alles, was Ihr sehen und hören werdet, sonst ist Euer augenblicklicher
Tod gewiß.“ — Man hob mich aus dem Wagen, Schlösser klirrten, und ein
Tor dröhnte auf in schweren, ungefügigen Angeln. Man führte mich durch
lange Gänge und endlich Treppen hinab — tiefer und tiefer. Der Schall der
Tritte überzeugte mich, daß wir uns in Gewölben befanden, deren
Bestimmung der durchdringende Totengeruch verriet. Endlich stand man
still — die Hände wurden mir losgebunden, die Kappe mir vom Kopfe
gezogen. Ich befand mich in einem geräumigen, von einer Ampel schwach
beleuchteten Gewölbe, ein schwarz vermummter Mann, wahrscheinlich
derselbe, der mich hergeführt hatte, stand neben mir, rings umher saßen auf
niedrigen Bänken Dominikanermönche. Der grauenhafte Traum, den ich
einst in dem Kerker träumte, kam mir in den Sinn, ich hielt meinen
Äußerungen des unbekannten Abbate zusammenreimen; so betroffen war
ich, daß ich kaum bemerkte, wie der possierliche Belcampo mich ein Mal
über das andere an das Herz drückte und endlich mit seinen gewöhnlichen
seltsamen Grimassen und Sprüngen Abschied nahm. —
Mitternacht mochte vorüber sein, als ich die äußere Pforte des Klosters
öffnen und einen Wagen dumpf über das Pflaster des Hofes hereinrollen
hörte. Bald darauf kam es den Gang herauf; man klopfte an meine Zelle, ich
öffnete und erblickte den Pater Guardian, dem ein tief vermummter Mann
mit einer Fackel folgte. „Bruder Medardus,“ sprach der Guardian, „ein
Sterbender verlangt in der Todesnot Euern geistlichen Zuspruch und die
letzte Ölung. Tut was Eures Amtes ist und folgt diesem Mann, der Euch
dorthin führen wird, wo man Eurer bedarf.“ — Mich überlief ein kalter
Schauer, die Ahnung, daß man mich zum Tode führen wolle, regte sich in
mir auf; doch durfte ich mich nicht weigern und folgte daher dem
Vermummten, der den Schlag des Wagens öffnete, und mich nötigte
einzusteigen. Im Wagen fand ich zwei Männer, die mich in ihre Mitte
nahmen. Ich frug, wo man mich hinführen wolle? — w e r gerade von m i r
Zuspruch und letzte Ölung verlange? — Keine Antwort! In tiefem
Schweigen ging es fort durch mehrere Straßen. Ich glaubte an dem Klange
wahrzunehmen, daß wir schon außerhalb Roms waren, doch bald vernahm
ich deutlich, daß wir durch ein Tor und dann wieder durch gepflasterte
Straßen fuhren. Endlich hielt der Wagen, und schnell wurden mir die Hände
gebunden und eine dicke Kappe fiel über mein Gesicht. „Euch soll nichts
Böses widerfahren,“ sprach eine rauhe Stimme, „nur schweigen müßt ihr
über alles, was Ihr sehen und hören werdet, sonst ist Euer augenblicklicher
Tod gewiß.“ — Man hob mich aus dem Wagen, Schlösser klirrten, und ein
Tor dröhnte auf in schweren, ungefügigen Angeln. Man führte mich durch
lange Gänge und endlich Treppen hinab — tiefer und tiefer. Der Schall der
Tritte überzeugte mich, daß wir uns in Gewölben befanden, deren
Bestimmung der durchdringende Totengeruch verriet. Endlich stand man
still — die Hände wurden mir losgebunden, die Kappe mir vom Kopfe
gezogen. Ich befand mich in einem geräumigen, von einer Ampel schwach
beleuchteten Gewölbe, ein schwarz vermummter Mann, wahrscheinlich
derselbe, der mich hergeführt hatte, stand neben mir, rings umher saßen auf
niedrigen Bänken Dominikanermönche. Der grauenhafte Traum, den ich
einst in dem Kerker träumte, kam mir in den Sinn, ich hielt meinen
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qualvollen Tod für gewiß, doch blieb ich gefaßt und betete inbrünstig im
stillen, nicht um Rettung, sondern um ein seliges Ende. Nach einigen
Minuten düstern ahnungsvollen Schweigens trat einer der Mönche auf mich
zu und sprach mit dumpfer Stimme: „Wir haben einen Eurer Ordensbrüder
gerichtet, Medardus! Das Urteil soll vollstreckt werden. Von Euch, einem
heiligen Manne, erwartet er Absolution und Zuspruch im Tode! — Geht und
tut was Eures Amtes ist.“ Der Vermummte, welcher neben mir stand, faßte
mich unter den Arm und führte mich weiter fort, durch einen engen Gang in
ein kleines Gewölbe. Hier lag in einem kleinen Winkel auf dem Strohlager
ein bleiches, abgezehrtes, mit Lumpen behängtes Gerippe. Der Vermummte
setzte die Lampe, die er mitgebracht, auf den steinernen Tisch in der Mitte
des Gewölbes und entfernte sich. Ich nahte mich dem Gefangenen, er drehte
sich mühsam nach mir um; ich erstarrte, als ich die ehrwürdigen Züge des
frommen Cyrillus erkannte. Ein himmlisches, verklärtes Lächeln überflog
sein Gesicht. „So haben mich,“ fing er mit matter Stimme an, „die
entsetzlichen Diener der Hölle, welche hier hausen, doch nicht getäuscht.
Durch sie erfuhr ich, daß du, mein lieber Bruder Medardus, dich in Rom
befändest, und als ich mich so sehnte nach dir, weil ich großes Unrecht an
dir verübt habe, da versprachen sie mir, sie wollten dich zu mir führen in
der Todesstunde. Die ist nun wohl gekommen und sie haben Wort
gehalten.“ Ich kniete nieder bei dem frommen, ehrwürdigen Greis, ich
beschwor ihn, mir nur vor allen Dingen zu sagen, wie es möglich gewesen
sei, ihn einzukerkern, ihn zum Tode zu verdammen. „Mein lieber Bruder
Medardus,“ sprach Cyrill, „erst nachdem ich reuig bekannt, wie sündlich
ich aus Irrtum an dir gehandelt, erst wenn du mich mit Gott versöhnt, darf
ich von meinem Elende, von meinem irdischen Untergange zu dir reden! —
Du weißt, daß ich, und mit mir unser Kloster, dich für den verruchtesten
Sünder gehalten; die ungeheuersten Frevel hattest du (so glaubten wir) auf
dein Haupt geladen, und ausgestoßen hatten wir dich aus aller
Gemeinschaft. Und doch war es nur ein verhängnisvoller Augenblick, in
dem der Teufel dir die Schlinge über den Hals warf und dich fortriß von der
heiligen Stätte in das sündliche Weltleben. Dich um deinen Namen, um dein
Kleid, um deine Gestalt betrügend, beging ein teuflischer Heuchler jene
Untaten, die dir beinahe den schmachvollen Tod des Mörders zugezogen
hätten. Die ewige Macht hat es auf wunderbare Weise offenbart, daß d u
zwar leichtsinnig sündigtest, indem dein Trachten darauf ausging, dein
Gelübde zu brechen, daß du aber rein bist von jenen entsetzlichen Freveln.
stillen, nicht um Rettung, sondern um ein seliges Ende. Nach einigen
Minuten düstern ahnungsvollen Schweigens trat einer der Mönche auf mich
zu und sprach mit dumpfer Stimme: „Wir haben einen Eurer Ordensbrüder
gerichtet, Medardus! Das Urteil soll vollstreckt werden. Von Euch, einem
heiligen Manne, erwartet er Absolution und Zuspruch im Tode! — Geht und
tut was Eures Amtes ist.“ Der Vermummte, welcher neben mir stand, faßte
mich unter den Arm und führte mich weiter fort, durch einen engen Gang in
ein kleines Gewölbe. Hier lag in einem kleinen Winkel auf dem Strohlager
ein bleiches, abgezehrtes, mit Lumpen behängtes Gerippe. Der Vermummte
setzte die Lampe, die er mitgebracht, auf den steinernen Tisch in der Mitte
des Gewölbes und entfernte sich. Ich nahte mich dem Gefangenen, er drehte
sich mühsam nach mir um; ich erstarrte, als ich die ehrwürdigen Züge des
frommen Cyrillus erkannte. Ein himmlisches, verklärtes Lächeln überflog
sein Gesicht. „So haben mich,“ fing er mit matter Stimme an, „die
entsetzlichen Diener der Hölle, welche hier hausen, doch nicht getäuscht.
Durch sie erfuhr ich, daß du, mein lieber Bruder Medardus, dich in Rom
befändest, und als ich mich so sehnte nach dir, weil ich großes Unrecht an
dir verübt habe, da versprachen sie mir, sie wollten dich zu mir führen in
der Todesstunde. Die ist nun wohl gekommen und sie haben Wort
gehalten.“ Ich kniete nieder bei dem frommen, ehrwürdigen Greis, ich
beschwor ihn, mir nur vor allen Dingen zu sagen, wie es möglich gewesen
sei, ihn einzukerkern, ihn zum Tode zu verdammen. „Mein lieber Bruder
Medardus,“ sprach Cyrill, „erst nachdem ich reuig bekannt, wie sündlich
ich aus Irrtum an dir gehandelt, erst wenn du mich mit Gott versöhnt, darf
ich von meinem Elende, von meinem irdischen Untergange zu dir reden! —
Du weißt, daß ich, und mit mir unser Kloster, dich für den verruchtesten
Sünder gehalten; die ungeheuersten Frevel hattest du (so glaubten wir) auf
dein Haupt geladen, und ausgestoßen hatten wir dich aus aller
Gemeinschaft. Und doch war es nur ein verhängnisvoller Augenblick, in
dem der Teufel dir die Schlinge über den Hals warf und dich fortriß von der
heiligen Stätte in das sündliche Weltleben. Dich um deinen Namen, um dein
Kleid, um deine Gestalt betrügend, beging ein teuflischer Heuchler jene
Untaten, die dir beinahe den schmachvollen Tod des Mörders zugezogen
hätten. Die ewige Macht hat es auf wunderbare Weise offenbart, daß d u
zwar leichtsinnig sündigtest, indem dein Trachten darauf ausging, dein
Gelübde zu brechen, daß du aber rein bist von jenen entsetzlichen Freveln.
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Kehre zurück in unser Kloster, Leonardus, die Brüder werden dich, den
verloren Geglaubten, mit Liebe und Freudigkeit aufnehmen. — O
Medardus ...“ — Der Greis, von Schwäche übermannt, sank in eine tiefe
Ohnmacht. Ich widerstand der Spannung, die seine Worte, welche eine
neue, wunderbare Begebenheit zu verkünden schienen, in mir erregt hatten,
und nur an i h n , an das Heil s e i n e r Seele denkend, suchte ich, von allen
andern Hilfsmitteln entblößt, ihn dadurch ins Leben zurückzurufen, daß ich
langsam und leise Kopf und Brust mit meiner rechten Hand anstrich, eine in
unsern Klöstern übliche Art, Todkranke aus der Ohnmacht zu wecken.
Cyrillus erholte sich bald, und beichtete mir, er der Fromme, dem freveligen
Sünder! — Aber es war, als würde, indem ich den Greis, dessen höchste
Vergehen nur in Zweifeln bestanden, die ihm hie und da aufgestoßen,
absolvierte, von der hohen ewigen Macht ein Geist des Himmels in mir
entzündet, und als sei ich nur das Werkzeug, das körpergewordene Organ,
dessen sich jene Macht bediene, um schon hienieden zu dem noch nicht
entbundenen Menschen menschlich zu reden. Cyrillus hob den
andachtsvollen Blick zum Himmel und sprach: „O, mein Bruder Medardus,
wie haben mich deine Worte erquickt! — Froh gehe ich dem Tode
entgegen, den mir verruchte Bösewichter bereitet! Ich falle, ein Opfer der
gräßlichen Falschheit und Sünde, die den Thron des dreifach Gekrönten
umgibt.“ — Ich vernahm dumpfe Tritte, die näher und näher kamen, die
Schlüssel rasselten im Schloß der Türe. Cyrillus raffte sich mit Gewalt
empor, erfaßte meine Hand und rief mir ins Ohr: „Kehre in unser Kloster
zurück — Leonardus ist von allem unterrichtet, er weiß, wie ich sterbe —
beschwöre ihn, über meinen Tod zu schweigen. — Wie bald hätte mich
ermatteten Greis auch sonst der Tod ereilt — Lebe wohl, mein Bruder! —
Bete für das Heil meiner Seele! — Ich werde bei euch sein, wenn ihr im
Kloster mein Totenamt haltet. Gelobe mir, daß du hier über alles was du
erfahren, schweigen willst, denn du führst nur dein Verderben herbei und
verwickelst unser Kloster in tausend schlimme Händel!“ — Ich tat es,
Vermummte waren hereingetreten, sie hoben den Greis aus dem Bette und
schleppten ihn, der vor Mattigkeit nicht fortzuschreiten vermochte, durch
den Gang nach dem Gewölbe, in dem ich früher gewesen. Auf den Wink
des Vermummten war ich gefolgt, die Dominikaner hatten einen Kreis
geschlossen, in den man den Greis brachte und auf ein Häufchen Erde, das
man in der Mitte aufgeschüttet, niederknien hieß. Man hatte ihm ein
Kruzifix in die Hand gegeben. Ich war, weil ich es meines Amts hielt, mit in
verloren Geglaubten, mit Liebe und Freudigkeit aufnehmen. — O
Medardus ...“ — Der Greis, von Schwäche übermannt, sank in eine tiefe
Ohnmacht. Ich widerstand der Spannung, die seine Worte, welche eine
neue, wunderbare Begebenheit zu verkünden schienen, in mir erregt hatten,
und nur an i h n , an das Heil s e i n e r Seele denkend, suchte ich, von allen
andern Hilfsmitteln entblößt, ihn dadurch ins Leben zurückzurufen, daß ich
langsam und leise Kopf und Brust mit meiner rechten Hand anstrich, eine in
unsern Klöstern übliche Art, Todkranke aus der Ohnmacht zu wecken.
Cyrillus erholte sich bald, und beichtete mir, er der Fromme, dem freveligen
Sünder! — Aber es war, als würde, indem ich den Greis, dessen höchste
Vergehen nur in Zweifeln bestanden, die ihm hie und da aufgestoßen,
absolvierte, von der hohen ewigen Macht ein Geist des Himmels in mir
entzündet, und als sei ich nur das Werkzeug, das körpergewordene Organ,
dessen sich jene Macht bediene, um schon hienieden zu dem noch nicht
entbundenen Menschen menschlich zu reden. Cyrillus hob den
andachtsvollen Blick zum Himmel und sprach: „O, mein Bruder Medardus,
wie haben mich deine Worte erquickt! — Froh gehe ich dem Tode
entgegen, den mir verruchte Bösewichter bereitet! Ich falle, ein Opfer der
gräßlichen Falschheit und Sünde, die den Thron des dreifach Gekrönten
umgibt.“ — Ich vernahm dumpfe Tritte, die näher und näher kamen, die
Schlüssel rasselten im Schloß der Türe. Cyrillus raffte sich mit Gewalt
empor, erfaßte meine Hand und rief mir ins Ohr: „Kehre in unser Kloster
zurück — Leonardus ist von allem unterrichtet, er weiß, wie ich sterbe —
beschwöre ihn, über meinen Tod zu schweigen. — Wie bald hätte mich
ermatteten Greis auch sonst der Tod ereilt — Lebe wohl, mein Bruder! —
Bete für das Heil meiner Seele! — Ich werde bei euch sein, wenn ihr im
Kloster mein Totenamt haltet. Gelobe mir, daß du hier über alles was du
erfahren, schweigen willst, denn du führst nur dein Verderben herbei und
verwickelst unser Kloster in tausend schlimme Händel!“ — Ich tat es,
Vermummte waren hereingetreten, sie hoben den Greis aus dem Bette und
schleppten ihn, der vor Mattigkeit nicht fortzuschreiten vermochte, durch
den Gang nach dem Gewölbe, in dem ich früher gewesen. Auf den Wink
des Vermummten war ich gefolgt, die Dominikaner hatten einen Kreis
geschlossen, in den man den Greis brachte und auf ein Häufchen Erde, das
man in der Mitte aufgeschüttet, niederknien hieß. Man hatte ihm ein
Kruzifix in die Hand gegeben. Ich war, weil ich es meines Amts hielt, mit in
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den Kreis getreten und betete laut. Ein Dominikaner ergriff mich beim Arm
und zog mich beiseite. In dem Augenblick sah ich in der Hand eines
Vermummten, der hinterwärts in den Kreis getreten, ein Schwert blitzen
und Cyrillus’ blutiges Haupt rollte zu meinen Füßen hin. — Ich sank
bewußtlos nieder. Als ich wieder zu mir selbst kam, befand ich mich in
einem kleinen, zellenartigen Zimmer. Ein Dominikaner trat auf mich zu und
sprach mit hähmischem Lächeln: „Ihr seid wohl recht erschrocken, mein
Bruder, und solltet doch billig Euch erfreuen, da Ihr mit eignen Augen ein
schönes Martyrium angeschaut habt. So muß man ja wohl es nennen, wenn
ein Bruder aus Euerm Kloster den verdienten Tod empfängt, denn ihr seid
wohl alle samt und sonders Heilige?“ — „Nicht Heilige sind wir,“ sprach
ich, „aber in unserm Kloster wurde noch nie ein Unschuldiger ermordet! —
Entlaßt mich — ich habe mein Amt vollbracht mit Freudigkeit! — Der
Geist des Verklärten wird mir nahe sein, wenn ich fallen sollte in die Hände
verruchter Mörder!“ — „Ich zweifle gar nicht,“ sprach der Dominikaner,
„daß der selige Bruder Cyrillus Euch in dergleichen Fällen beizustehen
imstande sein wird, wollet aber doch, lieber Bruder, seine Hinrichtung nicht
etwa einen Mord nennen? — Schwer hatte sich Cyrillus versündigt an dem
Statthalter des Herrn, und dieser selbst war es, der seinen Tod befahl. —
Doch er muß Euch ja wohl alles gebeichtet haben, unnütz ist es daher, mit
Euch darüber zu sprechen, nehmt lieber dieses zur Stärkung und
Erfrischung, Ihr seht ganz blaß und verstört aus.“ Mit diesen Worten reichte
mir der Dominikaner einen kristallenen Pokal, in dem ein dunkelroter, stark
duftender Wein schäumte. Ich weiß nicht, welche Ahnung mich
durchblitzte, als ich den Pokal an den Mund brachte. — Doch war es gewiß,
daß ich denselben Wein roch, den mir einst Euphemie in jener
verhängnisvollen Nacht kredenzte, und unwillkürlich, ohne deutlichen
Gedanken, goß ich ihn aus in den linken Ärmel meines Habits, indem ich,
wie von der Ampel geblendet, die linke Hand vor die Augen hielt. „Wohl
bekomm’ es Euch,“ rief der Dominikaner, indem er mich schnell zur Türe
hinausschob. — Man warf mich in den Wagen, der zu meiner
Verwunderung leer war, und zog mit mir von dannen. Die Schrecken der
Nacht, die geistige Anspannung, der tiefe Schmerz über den unglücklichen
Cyrill warfen mich in einen betäubten Zustand, so daß ich mich ohne zu
widerstehen hingab, als man mich aus dem Wagen herausriß und ziemlich
unsanft auf den Boden fallen ließ. Der Morgen brach an, und ich sah mich
an der Pforte des Kapuzinerklosters liegen, dessen Glocke ich, als ich mich
und zog mich beiseite. In dem Augenblick sah ich in der Hand eines
Vermummten, der hinterwärts in den Kreis getreten, ein Schwert blitzen
und Cyrillus’ blutiges Haupt rollte zu meinen Füßen hin. — Ich sank
bewußtlos nieder. Als ich wieder zu mir selbst kam, befand ich mich in
einem kleinen, zellenartigen Zimmer. Ein Dominikaner trat auf mich zu und
sprach mit hähmischem Lächeln: „Ihr seid wohl recht erschrocken, mein
Bruder, und solltet doch billig Euch erfreuen, da Ihr mit eignen Augen ein
schönes Martyrium angeschaut habt. So muß man ja wohl es nennen, wenn
ein Bruder aus Euerm Kloster den verdienten Tod empfängt, denn ihr seid
wohl alle samt und sonders Heilige?“ — „Nicht Heilige sind wir,“ sprach
ich, „aber in unserm Kloster wurde noch nie ein Unschuldiger ermordet! —
Entlaßt mich — ich habe mein Amt vollbracht mit Freudigkeit! — Der
Geist des Verklärten wird mir nahe sein, wenn ich fallen sollte in die Hände
verruchter Mörder!“ — „Ich zweifle gar nicht,“ sprach der Dominikaner,
„daß der selige Bruder Cyrillus Euch in dergleichen Fällen beizustehen
imstande sein wird, wollet aber doch, lieber Bruder, seine Hinrichtung nicht
etwa einen Mord nennen? — Schwer hatte sich Cyrillus versündigt an dem
Statthalter des Herrn, und dieser selbst war es, der seinen Tod befahl. —
Doch er muß Euch ja wohl alles gebeichtet haben, unnütz ist es daher, mit
Euch darüber zu sprechen, nehmt lieber dieses zur Stärkung und
Erfrischung, Ihr seht ganz blaß und verstört aus.“ Mit diesen Worten reichte
mir der Dominikaner einen kristallenen Pokal, in dem ein dunkelroter, stark
duftender Wein schäumte. Ich weiß nicht, welche Ahnung mich
durchblitzte, als ich den Pokal an den Mund brachte. — Doch war es gewiß,
daß ich denselben Wein roch, den mir einst Euphemie in jener
verhängnisvollen Nacht kredenzte, und unwillkürlich, ohne deutlichen
Gedanken, goß ich ihn aus in den linken Ärmel meines Habits, indem ich,
wie von der Ampel geblendet, die linke Hand vor die Augen hielt. „Wohl
bekomm’ es Euch,“ rief der Dominikaner, indem er mich schnell zur Türe
hinausschob. — Man warf mich in den Wagen, der zu meiner
Verwunderung leer war, und zog mit mir von dannen. Die Schrecken der
Nacht, die geistige Anspannung, der tiefe Schmerz über den unglücklichen
Cyrill warfen mich in einen betäubten Zustand, so daß ich mich ohne zu
widerstehen hingab, als man mich aus dem Wagen herausriß und ziemlich
unsanft auf den Boden fallen ließ. Der Morgen brach an, und ich sah mich
an der Pforte des Kapuzinerklosters liegen, dessen Glocke ich, als ich mich
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aufgerichtet hatte, anzog. Der Pförtner erschrak über mein bleiches,
verstörtes Ansehen und mochte dem Prior die Art, wie ich
zurückgekommen, gemeldet haben, denn gleich nach der Frühmesse trat
dieser mit besorglichem Blick in meine Zelle. Auf sein Fragen erwiderte ich
nur im allgemeinen, daß der Tod dessen, den ich absolvieren müssen, zu
gräßlich gewesen sei, um mich nicht im Innersten aufzuregen, aber bald
konnte ich vor dem wütenden Schmerz, den ich am linken Arme empfand,
nicht weiter reden, ich schrie laut auf. Der Wundarzt des Klosters kam, man
riß mir den fest am Fleisch klebenden Ärmel herab, und fand den ganzen
Arm wie von einer ätzenden Materie zerfleischt und zerfressen. — „Ich
habe den Wein trinken sollen — ich habe ihn in den Ärmel gegossen,“
stöhnte ich, ohnmächtig von der entsetzlichen Qual! — „Ätzendes Gift war
in dem Weine,“ rief der Wundarzt, und eilte, Mittel anzuwenden, die
wenigstens bald den wütenden Schmerz linderten. Es gelang der
Geschicklichkeit des Wundarztes und der sorglichen Pflege, die mir der
Prior angedeihen ließ, den Arm, der erst abgenommen werden sollte, zu
retten, aber bis auf den Knochen dorrte das Fleisch ein und alle Kraft der
Bewegung hatte der feindliche Schierlingstrank gebrochen. „Ich sehe nur zu
deutlich,“ sprach der Prior, „was es mit jener Begebenheit, die Euch um
Euern Arm brachte, für eine Bewandtnis hat. Der fromme Bruder Cyrillus
verschwand aus unserm Kloster und aus Rom auf unbegreifliche Weise, und
auch Ihr, lieber Bruder Medardus, werdet auf dieselbe Weise verloren
gehen, wenn Ihr Rom nicht alsbald verlasset. Auf verschiedene verdächtige
Weise erkundigte man sich nach Euch, während der Zeit als Ihr krank lagt,
und nur meiner Wachsamkeit und der Einigkeit der frommgesinnten Bruder
möget ihr es verdanken, daß Euch der Mord nicht bis in Eure Zelle
verfolgte. So wie Ihr überhaupt mir ein verwunderlicher Mann zu sein
scheint, den überall verhängnisvolle Bande umschlingen, so seid Ihr auch
seit der kurzen Zeit Eures Aufenthalts in Rom gewiß wider Euren Willen
viel zu merkwürdig geworden, als daß es gewissen Personen nicht
wünschenswert sein sollte, Euch aus dem Wege zu räumen. Kehrt zurück in
Euer Vaterland, in Euer Kloster! — Friede sei mit Euch!“ —
Ich fühlte wohl, daß, solange ich mich in Rom befände, mein Leben in
steter Gefahr bleiben müsse, aber zu dem peinigenden Andenken an alle
begangenen Frevel, das die strengste Buße nicht zu vertilgen vermocht
hatte, gesellte sich der körperliche, empfindliche Schmerz des abwelkenden
Armes, und so achtete ich ein qualvolles, sieches Dasein nicht, das ich
verstörtes Ansehen und mochte dem Prior die Art, wie ich
zurückgekommen, gemeldet haben, denn gleich nach der Frühmesse trat
dieser mit besorglichem Blick in meine Zelle. Auf sein Fragen erwiderte ich
nur im allgemeinen, daß der Tod dessen, den ich absolvieren müssen, zu
gräßlich gewesen sei, um mich nicht im Innersten aufzuregen, aber bald
konnte ich vor dem wütenden Schmerz, den ich am linken Arme empfand,
nicht weiter reden, ich schrie laut auf. Der Wundarzt des Klosters kam, man
riß mir den fest am Fleisch klebenden Ärmel herab, und fand den ganzen
Arm wie von einer ätzenden Materie zerfleischt und zerfressen. — „Ich
habe den Wein trinken sollen — ich habe ihn in den Ärmel gegossen,“
stöhnte ich, ohnmächtig von der entsetzlichen Qual! — „Ätzendes Gift war
in dem Weine,“ rief der Wundarzt, und eilte, Mittel anzuwenden, die
wenigstens bald den wütenden Schmerz linderten. Es gelang der
Geschicklichkeit des Wundarztes und der sorglichen Pflege, die mir der
Prior angedeihen ließ, den Arm, der erst abgenommen werden sollte, zu
retten, aber bis auf den Knochen dorrte das Fleisch ein und alle Kraft der
Bewegung hatte der feindliche Schierlingstrank gebrochen. „Ich sehe nur zu
deutlich,“ sprach der Prior, „was es mit jener Begebenheit, die Euch um
Euern Arm brachte, für eine Bewandtnis hat. Der fromme Bruder Cyrillus
verschwand aus unserm Kloster und aus Rom auf unbegreifliche Weise, und
auch Ihr, lieber Bruder Medardus, werdet auf dieselbe Weise verloren
gehen, wenn Ihr Rom nicht alsbald verlasset. Auf verschiedene verdächtige
Weise erkundigte man sich nach Euch, während der Zeit als Ihr krank lagt,
und nur meiner Wachsamkeit und der Einigkeit der frommgesinnten Bruder
möget ihr es verdanken, daß Euch der Mord nicht bis in Eure Zelle
verfolgte. So wie Ihr überhaupt mir ein verwunderlicher Mann zu sein
scheint, den überall verhängnisvolle Bande umschlingen, so seid Ihr auch
seit der kurzen Zeit Eures Aufenthalts in Rom gewiß wider Euren Willen
viel zu merkwürdig geworden, als daß es gewissen Personen nicht
wünschenswert sein sollte, Euch aus dem Wege zu räumen. Kehrt zurück in
Euer Vaterland, in Euer Kloster! — Friede sei mit Euch!“ —
Ich fühlte wohl, daß, solange ich mich in Rom befände, mein Leben in
steter Gefahr bleiben müsse, aber zu dem peinigenden Andenken an alle
begangenen Frevel, das die strengste Buße nicht zu vertilgen vermocht
hatte, gesellte sich der körperliche, empfindliche Schmerz des abwelkenden
Armes, und so achtete ich ein qualvolles, sieches Dasein nicht, das ich
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durch einen schnell mir gegebenen Tod wie eine drückende Bürde fahren
lassen konnte. Immer mehr gewöhnte ich mich an den Gedanken, eines
gewaltsamen Todes zu sterben, und er erschien mir bald sogar als ein
glorreiches, durch meine strenge Buße erworbenes Märtyrertum. Ich sah
mich selbst, wie ich zu den Pforten des Klosters hinausschritt, und wie eine
finstre Gestalt mich schnell mit einem Dolch durchbohrte. Das Volk
versammelte sich um den blutigen Leichnam — „Medardus — der fromme,
büßende Medardus ist ermordet!“ — So rief man durch die Straßen und
dichter und dichter drängten sich die Menschen, laut wehklagend um den
Entseelten. — Weiber knieten nieder und trockneten mit weißen Tüchern
die Wunde, aus der das Blut hervorquoll. Da sieht eine das Kreuz an
meinem Halse, laut schreit sie auf: „Er ist ein Märtyrer, ein Heiliger — seht
hier das Zeichen des Herrn, das er am Halse trägt, — da wirft sich alles auf
die Knie. — Glücklich, der den Körper des Heiligen berühren, der nur sein
Gewand erfassen kann! — schnell ist eine Bahre gebracht, der Körper
hinaufgelegt, mit Blumen bekränzt und im Triumphzuge unter lautem
Gesang und Gebet tragen ihn Jünglinge nach St. Peter! — So arbeitete
meine Fantasie ein Gemälde aus, das meine Verherrlichung hienieden mit
lebendigen Farben darstellte, und nicht gedenkend, nicht ahnend, wie der
böse Geist des sündlichen Stolzes mich auf neue Weise zu verlocken
trachte, beschloß ich, nach meiner völligen Genesung in Rom zu bleiben,
meine bisherige Lebensweise fortzusetzen, und so entweder glorreich zu
sterben oder, durch den Papst meinen Feinden entrissen, emporzusteigen zu
hohen Würden der Kirche. — Meine starke lebenskräftige Natur ließ mich
endlich den namenlosen Schmerz ertragen, und widerstand der Einwirkung
des höllischen Safts, der von außen her mein Inneres zerrütten wollte. Der
Arzt versprach meine baldige Herstellung, und in der Tat empfand ich nur
in den Augenblicken jenes Delirierens, das dem Einschlafen vorherzugehen
pflegt, fieberhafte Anfälle, die mit kalten Schauern und fliegender Hitze
wechselten. Gerade in diesen Augenblicken war es, als ich, ganz erfüllt von
dem Bilde meines Martyriums, mich selbst, wie es schon oft geschehen,
durch einen Dolchstich in der Brust ermordet schaute. Doch, statt daß ich
mich sonst gewöhnlich auf dem spanischen Platz niedergestreckt und bald
von einer Menge Volks, die meine Heiligsprechung verbreitete, umgeben
sah, lag ich einsam in einem Laubgange des Klostergartens in B. — Statt
des Blutes quoll ein ekelhafter, farbloser Saft aus der weit aufklaffenden
Wunde und eine Stimme sprach: „Ist d a s Blut vom Märtyrer vergossen? —
lassen konnte. Immer mehr gewöhnte ich mich an den Gedanken, eines
gewaltsamen Todes zu sterben, und er erschien mir bald sogar als ein
glorreiches, durch meine strenge Buße erworbenes Märtyrertum. Ich sah
mich selbst, wie ich zu den Pforten des Klosters hinausschritt, und wie eine
finstre Gestalt mich schnell mit einem Dolch durchbohrte. Das Volk
versammelte sich um den blutigen Leichnam — „Medardus — der fromme,
büßende Medardus ist ermordet!“ — So rief man durch die Straßen und
dichter und dichter drängten sich die Menschen, laut wehklagend um den
Entseelten. — Weiber knieten nieder und trockneten mit weißen Tüchern
die Wunde, aus der das Blut hervorquoll. Da sieht eine das Kreuz an
meinem Halse, laut schreit sie auf: „Er ist ein Märtyrer, ein Heiliger — seht
hier das Zeichen des Herrn, das er am Halse trägt, — da wirft sich alles auf
die Knie. — Glücklich, der den Körper des Heiligen berühren, der nur sein
Gewand erfassen kann! — schnell ist eine Bahre gebracht, der Körper
hinaufgelegt, mit Blumen bekränzt und im Triumphzuge unter lautem
Gesang und Gebet tragen ihn Jünglinge nach St. Peter! — So arbeitete
meine Fantasie ein Gemälde aus, das meine Verherrlichung hienieden mit
lebendigen Farben darstellte, und nicht gedenkend, nicht ahnend, wie der
böse Geist des sündlichen Stolzes mich auf neue Weise zu verlocken
trachte, beschloß ich, nach meiner völligen Genesung in Rom zu bleiben,
meine bisherige Lebensweise fortzusetzen, und so entweder glorreich zu
sterben oder, durch den Papst meinen Feinden entrissen, emporzusteigen zu
hohen Würden der Kirche. — Meine starke lebenskräftige Natur ließ mich
endlich den namenlosen Schmerz ertragen, und widerstand der Einwirkung
des höllischen Safts, der von außen her mein Inneres zerrütten wollte. Der
Arzt versprach meine baldige Herstellung, und in der Tat empfand ich nur
in den Augenblicken jenes Delirierens, das dem Einschlafen vorherzugehen
pflegt, fieberhafte Anfälle, die mit kalten Schauern und fliegender Hitze
wechselten. Gerade in diesen Augenblicken war es, als ich, ganz erfüllt von
dem Bilde meines Martyriums, mich selbst, wie es schon oft geschehen,
durch einen Dolchstich in der Brust ermordet schaute. Doch, statt daß ich
mich sonst gewöhnlich auf dem spanischen Platz niedergestreckt und bald
von einer Menge Volks, die meine Heiligsprechung verbreitete, umgeben
sah, lag ich einsam in einem Laubgange des Klostergartens in B. — Statt
des Blutes quoll ein ekelhafter, farbloser Saft aus der weit aufklaffenden
Wunde und eine Stimme sprach: „Ist d a s Blut vom Märtyrer vergossen? —
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Doch ich will das unreine Wasser klären und färben, und dann wird das
Feuer, welches über das Licht gesiegt, ihn krönen!“ Ich war es, der dies
gesprochen, als ich mich aber von meinem toten Selbst getrennt fühlte,
merkte ich wohl, daß ich der wesenlose Gedanke meines Ichs sei, und bald
erkannte ich mich als das im Äther schwimmende Rot. Ich schwang mich
auf zu den leuchtenden Bergspitzen — ich wollte einziehn durch das Tor
goldner Morgenwolken in die heimatliche Burg, aber Blitze durchkreuzten,
gleich im Feuer auflodernden Schlangen, das Gewölbe des Himmels, und
ich sank herab, ein feuchter, farbloser Nebel. Ich — ich, sprach der
Gedanke, ich bin es, der Eure Blumen — Euer Blut färbt — Blumen und
Blut sind Euer Hochzeitsschmuck, den ich bereite! — Sowie ich tiefer und
tiefer niederfiel, erblickte ich die Leiche mit weitaufklaffender Wunde in
der Brust, aus der jenes unreine Wasser in Strömen floß. Mein Hauch sollte
das Wasser umwandeln in Blut, doch geschah es nicht, die Leiche richtete
sich auf und starrte mich an mit hohlen, gräßlichen Augen und heulte wie
der Nordwind in tiefer Kluft: Verblendeter, törichter Gedanke, kein Kampf
zwischen Licht und Feuer, aber das Licht ist die Feuertaufe durch das Rot,
das du zu vergiften trachtest — Die Leiche sank nieder; alle Blumen auf der
Flur neigten verwelkt ihre Häupter, Menschen, bleichen Gespenstern
ähnlich, warfen sich zur Erde und ein tausendstimmiger trostloser Jammer
stieg in die Lüfte: „O Herr, Herr! ist so unermeßlich die Last unsrer Sünde,
daß du Macht gibst dem Feinde unseres Blutes Sühnopfer zu ertöten?“
Stärker und stärker, wie des Meeres brausende Welle, schwoll die Klage! —
der Gedanke wollte zerstäuben in dem gewaltigen Ton des trostlosen
Jammers, da wurde ich wie durch einen elektrischen Schlag emporgerissen
aus dem Traum. Die Turmglocke des Klosters schlug zwölfe, ein
blendendes Licht fiel aus den Fenstern der Kirche in meine Zelle. „Die
Toten richten sich auf aus den Gräbern und halten Gottesdienst.“ So sprach
es in meinem Innern und ich begann zu beten. Da vernahm ich leises
Klopfen. Ich glaubte, irgend ein Mönch wolle zu mir herein, aber mit tiefem
Entsetzen hörte ich bald jenes grauenvolle Kichern und Lachen meines
gespenstischen Doppelgängers, und es rief neckend und höhnend: —
„Brüderchen ... Brüderchen ... Nun bin ich wieder bei dir ... die Wunde
blutet ... die Wunde blutet ... rot ... rot ... Komm mit mir, Brüderchen
Medardus! Komm mit mir!“ — Ich wollte aufspringen vom Lager, aber das
Grausen hatte seine Eisdecke über mich geworfen und jede Bewegung die
ich versuchte, wurde zum innern Krampf, der die Muskeln zerschnitt. Nur
Feuer, welches über das Licht gesiegt, ihn krönen!“ Ich war es, der dies
gesprochen, als ich mich aber von meinem toten Selbst getrennt fühlte,
merkte ich wohl, daß ich der wesenlose Gedanke meines Ichs sei, und bald
erkannte ich mich als das im Äther schwimmende Rot. Ich schwang mich
auf zu den leuchtenden Bergspitzen — ich wollte einziehn durch das Tor
goldner Morgenwolken in die heimatliche Burg, aber Blitze durchkreuzten,
gleich im Feuer auflodernden Schlangen, das Gewölbe des Himmels, und
ich sank herab, ein feuchter, farbloser Nebel. Ich — ich, sprach der
Gedanke, ich bin es, der Eure Blumen — Euer Blut färbt — Blumen und
Blut sind Euer Hochzeitsschmuck, den ich bereite! — Sowie ich tiefer und
tiefer niederfiel, erblickte ich die Leiche mit weitaufklaffender Wunde in
der Brust, aus der jenes unreine Wasser in Strömen floß. Mein Hauch sollte
das Wasser umwandeln in Blut, doch geschah es nicht, die Leiche richtete
sich auf und starrte mich an mit hohlen, gräßlichen Augen und heulte wie
der Nordwind in tiefer Kluft: Verblendeter, törichter Gedanke, kein Kampf
zwischen Licht und Feuer, aber das Licht ist die Feuertaufe durch das Rot,
das du zu vergiften trachtest — Die Leiche sank nieder; alle Blumen auf der
Flur neigten verwelkt ihre Häupter, Menschen, bleichen Gespenstern
ähnlich, warfen sich zur Erde und ein tausendstimmiger trostloser Jammer
stieg in die Lüfte: „O Herr, Herr! ist so unermeßlich die Last unsrer Sünde,
daß du Macht gibst dem Feinde unseres Blutes Sühnopfer zu ertöten?“
Stärker und stärker, wie des Meeres brausende Welle, schwoll die Klage! —
der Gedanke wollte zerstäuben in dem gewaltigen Ton des trostlosen
Jammers, da wurde ich wie durch einen elektrischen Schlag emporgerissen
aus dem Traum. Die Turmglocke des Klosters schlug zwölfe, ein
blendendes Licht fiel aus den Fenstern der Kirche in meine Zelle. „Die
Toten richten sich auf aus den Gräbern und halten Gottesdienst.“ So sprach
es in meinem Innern und ich begann zu beten. Da vernahm ich leises
Klopfen. Ich glaubte, irgend ein Mönch wolle zu mir herein, aber mit tiefem
Entsetzen hörte ich bald jenes grauenvolle Kichern und Lachen meines
gespenstischen Doppelgängers, und es rief neckend und höhnend: —
„Brüderchen ... Brüderchen ... Nun bin ich wieder bei dir ... die Wunde
blutet ... die Wunde blutet ... rot ... rot ... Komm mit mir, Brüderchen
Medardus! Komm mit mir!“ — Ich wollte aufspringen vom Lager, aber das
Grausen hatte seine Eisdecke über mich geworfen und jede Bewegung die
ich versuchte, wurde zum innern Krampf, der die Muskeln zerschnitt. Nur
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der Gedanke blieb und war ein inbrünstiges Gebet, daß ich errettet werden
möge von den dunklen Mächten, die aus der offenen Höllenpforte auf mich
eindrangen. Es geschah, daß ich mein Gebet, nur im Innern gedacht, laut
und vernehmlich hörte, wie es Herr wurde über das Klopfen und Kichern
und unheimliche Geschwätz des furchtbaren Doppelgängers, aber zuletzt
sich verlor in ein seltsames Summen, wie wenn der Südwind Schwärme
feindlicher Insekten geweckt hat, die giftige Saugrüssel ansetzen an die
blühende Saat. Zu jener trostlosen Klage der Menschen wurde das
Summen, und meine Seele frug, ist das nicht der weissagende Traum, der
sich auf deine blutende Wunde heilend und tröstend legen will? — In dem
Augenblicke brach der Purpurschimmer des Abendrots durch den düstern,
farblosen Nebel, aber in ihm erhob sich eine hohe Gestalt. — Es war
Christus, aus jeder seiner Wunden perlte ein Tropfen Bluts und
wiedergegeben war der Erde das Rot, und der Menschen Jammer wurde ein
jauchzender Hymnus, denn das Rot war die Gnade des Herrn, die über
ihnen aufgegangen! Nur Medardus’ Blut floß noch farblos aus der Wunde,
und er flehte inbrünstig: „Soll auf der ganzen weiten Erde i c h , i c h allein
nur trostlos der ewigen Qual der Verdammnis preisgegeben bleiben?“ da
regte es sich in den Büschen — eine Rose, von himmlischer Glut hoch
gefärbt, streckte ihr Haupt empor und schaute den Medardus an mit
englisch mildem Lächeln, und süßer Duft umfing ihn, und der Duft war das
wunderbare Leuchten des reinsten Frühlingsäthers. „Nicht das Feuer hat
gesiegt, kein Kampf zwischen Licht und Feuer. — Feuer ist das Wort, das
den Sündigen erleuchtet.“ — Es war, als hätte die Rose diese Worte
gesprochen, aber die Rose war ein holdes Frauenbild. — In weißem
Gewande, Rosen in das dunkle Haar geflochten, trat sie mir entgegen. —
„Aurelie“, schrie ich auf, aus dem Traume erwachend; ein wunderbarer
Rosengeruch erfüllte die Zelle und für Täuschung meiner aufgeregten Sinne
mußt’ ich es wohl halten, als ich deutlich Aureliens Gestalt wahrzunehmen
glaubte, wie sie mich mit ernsten Blicken anschaute und dann in den
Strahlen des Morgens, die in die Zelle fielen, zu verduften schien. — Nun
erkannte ich die Versuchung des Teufels und meine sündige Schwachheit.
Ich eilte herab und betete inbrünstig am Altar der heiligen Rosalia. — Keine
Kasteiung, — keine Buße im Sinn des Klosters; aber als die Mittagssonne
senkrecht ihre Strahlen herabschoß, war ich schon mehrere Stunden von
Rom entfernt. — Nicht nur Cyrillus’ Mahnung, sondern eine innere,
unwiderstehliche Sehnsucht nach der Heimat, trieb mich fort auf demselben
möge von den dunklen Mächten, die aus der offenen Höllenpforte auf mich
eindrangen. Es geschah, daß ich mein Gebet, nur im Innern gedacht, laut
und vernehmlich hörte, wie es Herr wurde über das Klopfen und Kichern
und unheimliche Geschwätz des furchtbaren Doppelgängers, aber zuletzt
sich verlor in ein seltsames Summen, wie wenn der Südwind Schwärme
feindlicher Insekten geweckt hat, die giftige Saugrüssel ansetzen an die
blühende Saat. Zu jener trostlosen Klage der Menschen wurde das
Summen, und meine Seele frug, ist das nicht der weissagende Traum, der
sich auf deine blutende Wunde heilend und tröstend legen will? — In dem
Augenblicke brach der Purpurschimmer des Abendrots durch den düstern,
farblosen Nebel, aber in ihm erhob sich eine hohe Gestalt. — Es war
Christus, aus jeder seiner Wunden perlte ein Tropfen Bluts und
wiedergegeben war der Erde das Rot, und der Menschen Jammer wurde ein
jauchzender Hymnus, denn das Rot war die Gnade des Herrn, die über
ihnen aufgegangen! Nur Medardus’ Blut floß noch farblos aus der Wunde,
und er flehte inbrünstig: „Soll auf der ganzen weiten Erde i c h , i c h allein
nur trostlos der ewigen Qual der Verdammnis preisgegeben bleiben?“ da
regte es sich in den Büschen — eine Rose, von himmlischer Glut hoch
gefärbt, streckte ihr Haupt empor und schaute den Medardus an mit
englisch mildem Lächeln, und süßer Duft umfing ihn, und der Duft war das
wunderbare Leuchten des reinsten Frühlingsäthers. „Nicht das Feuer hat
gesiegt, kein Kampf zwischen Licht und Feuer. — Feuer ist das Wort, das
den Sündigen erleuchtet.“ — Es war, als hätte die Rose diese Worte
gesprochen, aber die Rose war ein holdes Frauenbild. — In weißem
Gewande, Rosen in das dunkle Haar geflochten, trat sie mir entgegen. —
„Aurelie“, schrie ich auf, aus dem Traume erwachend; ein wunderbarer
Rosengeruch erfüllte die Zelle und für Täuschung meiner aufgeregten Sinne
mußt’ ich es wohl halten, als ich deutlich Aureliens Gestalt wahrzunehmen
glaubte, wie sie mich mit ernsten Blicken anschaute und dann in den
Strahlen des Morgens, die in die Zelle fielen, zu verduften schien. — Nun
erkannte ich die Versuchung des Teufels und meine sündige Schwachheit.
Ich eilte herab und betete inbrünstig am Altar der heiligen Rosalia. — Keine
Kasteiung, — keine Buße im Sinn des Klosters; aber als die Mittagssonne
senkrecht ihre Strahlen herabschoß, war ich schon mehrere Stunden von
Rom entfernt. — Nicht nur Cyrillus’ Mahnung, sondern eine innere,
unwiderstehliche Sehnsucht nach der Heimat, trieb mich fort auf demselben
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Pfade, den ich bis nach Rom durchwandert. Ohne es zu wollen hatte ich,
indem ich meinem Beruf entfliehen wollte, den geradesten Weg nach dem
mir von dem Prior Leonardus bestimmten Ziel genommen. —
Ich vermied die Residenz des Fürsten, nicht weil ich fürchtete, erkannt
zu werden und aufs neue dem Kriminalgericht in die Hände zu fallen, aber
wie konnte ich ohne herzzerreißende Erinnerung den Ort betreten, wo ich in
frevelnder Verkehrtheit nach einem irdischen Glück zu trachten mich
vermaß, dem ich Gottgeweihter ja entsagt hatte — ach, wo ich, dem ewigen
reinen Geist der Liebe abgewandt, für des Lebens höchsten Lichtpunkt, in
dem das Sinnliche und Übersinnliche in e i n e r Flamme auflodert, den
Moment der Befriedigung des irdischen Triebes nahm; wo mir die rege
Fülle des Lebens, genährt von seinem eigenen üppigen Reichtum, als das
Prinzip erschien, das sich kräftig auflehnen müsse gegen jenes Aufstreben
nach dem Himmlischen, das ich nur unnatürliche Selbstverleugnung nennen
konnte! — Aber noch mehr! — tief im Innern fühlte ich, trotz der
Erkräftigung, die mir durch unsträflichen Wandel, durch anhaltende
schwere Buße werden sollte, die Ohnmacht, einen Kampf glorreich zu
bestehen, zu dem mich jene dunkle, grauenvolle Macht, deren Einwirkung
ich nur zu oft, zu schreckbar gefühlt, unversehends aufreizen könne. —
Aurelien wiedersehen! — vielleicht in voller Anmut und Schönheit
prangend! — Konnt’ ich das ertragen, ohne übermannt zu werden von dem
Geist des Bösen, der wohl noch mit den Flammen der Hölle mein Blut
aufkochte, daß es zischend und gärend durch die Adern strömte. — Wie oft
erschien mir Aureliens Gestalt, aber wie oft regten sich dabei Gefühle in
meinem Innersten, deren Sündhaftigkeit ich erkannte und mit aller Kraft des
Willens vernichtete. Nur in dem Bewußtsein alles dessen, woraus die hellste
Aufmerksamkeit auf mich selbst hervorging, und dem Gefühl meiner
Ohnmacht, die mich den Kampf vermeiden hieß, glaubte ich die
Wahrhaftigkeit meiner Buße zu erkennen, und tröstend war die
Überzeugung, daß wenigstens der höllische Geist des Stolzes, die
Vermessenheit, es aufzunehmen mit den dunklen Mächten, mich verlassen
habe. Bald war ich im Gebirge, und eines Morgens tauchte aus dem Nebel
des vor mir liegenden Tals ein Schloß auf, das ich näher schreitend wohl
erkannte. Ich war auf dem Gute des Barons von F. Die Anlagen des Parks
waren verwildert, die Gänge verwachsen und mit Unkraut bedeckt; auf dem
sonst so schönen Rasenplatz vor dem Schlosse weidete in dem hohen Grase
Vieh — die Fenster des Schlosses hin und wieder zerbrochen — der
indem ich meinem Beruf entfliehen wollte, den geradesten Weg nach dem
mir von dem Prior Leonardus bestimmten Ziel genommen. —
Ich vermied die Residenz des Fürsten, nicht weil ich fürchtete, erkannt
zu werden und aufs neue dem Kriminalgericht in die Hände zu fallen, aber
wie konnte ich ohne herzzerreißende Erinnerung den Ort betreten, wo ich in
frevelnder Verkehrtheit nach einem irdischen Glück zu trachten mich
vermaß, dem ich Gottgeweihter ja entsagt hatte — ach, wo ich, dem ewigen
reinen Geist der Liebe abgewandt, für des Lebens höchsten Lichtpunkt, in
dem das Sinnliche und Übersinnliche in e i n e r Flamme auflodert, den
Moment der Befriedigung des irdischen Triebes nahm; wo mir die rege
Fülle des Lebens, genährt von seinem eigenen üppigen Reichtum, als das
Prinzip erschien, das sich kräftig auflehnen müsse gegen jenes Aufstreben
nach dem Himmlischen, das ich nur unnatürliche Selbstverleugnung nennen
konnte! — Aber noch mehr! — tief im Innern fühlte ich, trotz der
Erkräftigung, die mir durch unsträflichen Wandel, durch anhaltende
schwere Buße werden sollte, die Ohnmacht, einen Kampf glorreich zu
bestehen, zu dem mich jene dunkle, grauenvolle Macht, deren Einwirkung
ich nur zu oft, zu schreckbar gefühlt, unversehends aufreizen könne. —
Aurelien wiedersehen! — vielleicht in voller Anmut und Schönheit
prangend! — Konnt’ ich das ertragen, ohne übermannt zu werden von dem
Geist des Bösen, der wohl noch mit den Flammen der Hölle mein Blut
aufkochte, daß es zischend und gärend durch die Adern strömte. — Wie oft
erschien mir Aureliens Gestalt, aber wie oft regten sich dabei Gefühle in
meinem Innersten, deren Sündhaftigkeit ich erkannte und mit aller Kraft des
Willens vernichtete. Nur in dem Bewußtsein alles dessen, woraus die hellste
Aufmerksamkeit auf mich selbst hervorging, und dem Gefühl meiner
Ohnmacht, die mich den Kampf vermeiden hieß, glaubte ich die
Wahrhaftigkeit meiner Buße zu erkennen, und tröstend war die
Überzeugung, daß wenigstens der höllische Geist des Stolzes, die
Vermessenheit, es aufzunehmen mit den dunklen Mächten, mich verlassen
habe. Bald war ich im Gebirge, und eines Morgens tauchte aus dem Nebel
des vor mir liegenden Tals ein Schloß auf, das ich näher schreitend wohl
erkannte. Ich war auf dem Gute des Barons von F. Die Anlagen des Parks
waren verwildert, die Gänge verwachsen und mit Unkraut bedeckt; auf dem
sonst so schönen Rasenplatz vor dem Schlosse weidete in dem hohen Grase
Vieh — die Fenster des Schlosses hin und wieder zerbrochen — der
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Aufgang verfallen. — Keine menschliche Seele ließ sich blicken. —
Stumm und starr stand ich da in grauenvoller Einsamkeit. Ein leises
Stöhnen drang aus einem noch ziemlich erhaltenen Boskett, und ich wurde
einen alten, eisgrauen Mann gewahr, der in dem Boskett saß, und mich,
unerachtet ich ihm nahe genug war, nicht wahrzunehmen schien. Als ich
mich noch mehr näherte, vernahm ich die Worte: „Tot — tot sind alle, die
ich liebte! — Ach Aurelie! Aurelie — auch du! — die letzte! — tot — tot
für diese Welt!“ Ich erkannte den alten Reinhold — eingewurzelt blieb ich
stehen. — „Aurelie tot? Nein, nein, du irrst Alter, die hat die ewige Macht
beschützt vor dem Messer des freveligen Mörders.“ — So sprach ich, da
fuhr der Alte wie vom Blitz getroffen zusammen, und rief laut: „Wer ist
hier? — wer ist hier? Leopold! — Leopold!“ — Ein Knabe sprang herbei;
als er mich erblickte, neigte er sich tief und grüßte. „Laudetur Jesus
Christus!“ — „In omnia saecula saeculorum“ erwiderte ich, da raffte der
Alte sich auf und rief noch stärker: „Wer ist hier? — wer ist hier?“ — Nun
sah ich, daß der Alte blind war. — „Ein ehrwürdiger Herr,“ sprach der
Knabe, „ein Geistlicher vom Orden der Kapuziner ist hier.“ Da war es, als
erfasse den Alten tiefes Grauen und Entsetzen, und er schrie. „Fort — fort
— Knabe führe mich fort — hinein — hinein — verschließ’ die Türen —
Peter soll Wache halten — fort, fort, hinein.“ Der Alte nahm alle Kraft
zusammen, die ihm geblieben, um vor mir zu fliehen, wie vor dem
reißenden Tier. Verwundert, erschrocken sah mich der Knabe an, doch der
Alte, statt sich von ihm führen zu lassen, riß ihn fort, und bald waren sie
durch die Türe verschwunden, die, wie ich hörte, fest verschlossen wurde.
— Schnell floh ich fort von dem Schauplatz meiner höchsten Frevel, die bei
diesem Auftritt lebendiger als jemals vor mir sich wiedergestalteten, und
bald befand ich mich in dem tiefsten Dickicht. Ermüdet setzte ich mich an
den Fuß eines Baumes in das Moos nieder; unweit davon war ein kleiner
Hügel aufgeschüttet, auf welchem ein Kreuz stand. Als ich aus dem Schlaf,
in den ich vor Ermattung gesunken, erwachte, saß ein alter Bauer neben
mir, der alsbald, da er mich ermuntert sah, ehrerbietig seine Mütze abzog
und im Ton der vollsten ehrlichsten Gutmütigkeit sprach: „Ei, Ihr seid wohl
weit her gewandert, ehrwürdiger Herr! und recht müde geworden, denn
sonst wäret Ihr hier an dem schauerlichen Plätzchen nicht in solch tiefen
Schlaf gesunken. Oder Ihr wisset vielleicht gar nicht, was es mit diesem
Orte hier für eine Bewandtnis hat?“ — Ich versicherte, daß ich als fremder,
von Italien hereinwandernder Pilger durchaus nicht von dem, was hier
Stumm und starr stand ich da in grauenvoller Einsamkeit. Ein leises
Stöhnen drang aus einem noch ziemlich erhaltenen Boskett, und ich wurde
einen alten, eisgrauen Mann gewahr, der in dem Boskett saß, und mich,
unerachtet ich ihm nahe genug war, nicht wahrzunehmen schien. Als ich
mich noch mehr näherte, vernahm ich die Worte: „Tot — tot sind alle, die
ich liebte! — Ach Aurelie! Aurelie — auch du! — die letzte! — tot — tot
für diese Welt!“ Ich erkannte den alten Reinhold — eingewurzelt blieb ich
stehen. — „Aurelie tot? Nein, nein, du irrst Alter, die hat die ewige Macht
beschützt vor dem Messer des freveligen Mörders.“ — So sprach ich, da
fuhr der Alte wie vom Blitz getroffen zusammen, und rief laut: „Wer ist
hier? — wer ist hier? Leopold! — Leopold!“ — Ein Knabe sprang herbei;
als er mich erblickte, neigte er sich tief und grüßte. „Laudetur Jesus
Christus!“ — „In omnia saecula saeculorum“ erwiderte ich, da raffte der
Alte sich auf und rief noch stärker: „Wer ist hier? — wer ist hier?“ — Nun
sah ich, daß der Alte blind war. — „Ein ehrwürdiger Herr,“ sprach der
Knabe, „ein Geistlicher vom Orden der Kapuziner ist hier.“ Da war es, als
erfasse den Alten tiefes Grauen und Entsetzen, und er schrie. „Fort — fort
— Knabe führe mich fort — hinein — hinein — verschließ’ die Türen —
Peter soll Wache halten — fort, fort, hinein.“ Der Alte nahm alle Kraft
zusammen, die ihm geblieben, um vor mir zu fliehen, wie vor dem
reißenden Tier. Verwundert, erschrocken sah mich der Knabe an, doch der
Alte, statt sich von ihm führen zu lassen, riß ihn fort, und bald waren sie
durch die Türe verschwunden, die, wie ich hörte, fest verschlossen wurde.
— Schnell floh ich fort von dem Schauplatz meiner höchsten Frevel, die bei
diesem Auftritt lebendiger als jemals vor mir sich wiedergestalteten, und
bald befand ich mich in dem tiefsten Dickicht. Ermüdet setzte ich mich an
den Fuß eines Baumes in das Moos nieder; unweit davon war ein kleiner
Hügel aufgeschüttet, auf welchem ein Kreuz stand. Als ich aus dem Schlaf,
in den ich vor Ermattung gesunken, erwachte, saß ein alter Bauer neben
mir, der alsbald, da er mich ermuntert sah, ehrerbietig seine Mütze abzog
und im Ton der vollsten ehrlichsten Gutmütigkeit sprach: „Ei, Ihr seid wohl
weit her gewandert, ehrwürdiger Herr! und recht müde geworden, denn
sonst wäret Ihr hier an dem schauerlichen Plätzchen nicht in solch tiefen
Schlaf gesunken. Oder Ihr wisset vielleicht gar nicht, was es mit diesem
Orte hier für eine Bewandtnis hat?“ — Ich versicherte, daß ich als fremder,
von Italien hereinwandernder Pilger durchaus nicht von dem, was hier
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vorgefallen, unterrichtet sei. „Es geht,“ sprach der Bauer, „Euch und Euere
Ordensbrüder ganz besonders an, und ich muß gestehen, als ich Euch so
sanft schlafend fand, setzte ich mich her, um jede etwaige Gefahr von Euch
abzuwenden. Vor mehreren Jahren soll hier ein Kapuziner ermordet worden
sein. So viel ist gewiß, daß ein Kapuziner zu der Zeit durch unser Dorf kam,
und nachdem er übernachtet, dem Gebirge zuwanderte. An demselben Tage
ging mein Nachbar den tiefen Talweg, unterhalb des Teufelsgrundes, hinab,
und hörte mit einem Mal ein fernes, durchdringendes Geschrei, welches
ganz absonderlich in den Lüften verklang. Er will sogar, was mir aber
unmöglich scheint, eine Gestalt von der Bergspitze herab in den Abgrund
stürzen gesehen haben. So viel ist gewiß, daß wir alle im Dorfe, ohne zu
wissen warum, glaubten, der Kapuziner könne wohl herabgestürzt sein, und
daß mehrere von uns hingingen und, soweit es nur möglich war, ohne das
Leben aufs Spiel zu setzen, hinabstiegen, um wenigstens die Leiche des
unglücklichen Menschen zu finden. Wir konnten aber nichts entdecken und
lachten den Nachbar tüchtig aus, als er einmal in der mondhellen Nacht auf
dem Talwege heimkehrend, ganz voll Todesschrecken einen nackten
Menschen aus dem Teufelsgrunde wollte emporsteigen gesehen haben. Das
war nun pure Einbildung; aber später erfuhr man denn wohl, daß der
Kapuziner, Gott weiß warum, hier von einem vornehmen Mann ermordet,
und der Leichnam in den Teufelsgrund geschleudert worden sei. Hier auf
diesem Fleck muß der Mord geschehen sein, davon bin ich überzeugt, denn
seht einmal, ehrwürdiger Herr, hier sitze ich einst, und schaue so in
Gedanken da den hohlen Baum neben uns an. Mit einem Mal ist es mir, als
hinge ein Stück dunkelbraunes Tuch zur Spalte heraus. Ich springe auf, ich
gehe hin, und ziehe einen ganz neuen Kapuzinerhabit heraus. An dem einen
Ärmel klebte etwas Blut und in einem Zipfel war der Name Medardus
hineingezeichnet. Ich dachte, arm wie ich bin, ein gutes Werk zu tun, wenn
ich den Habit verkaufte und für das daraus gelöste Geld dem armen
ehrwürdigen Herrn, der hier ermordet, ohne sich zum Tode vorzubereiten
und seine Rechnung zu machen, Messen lesen ließe. So geschah es denn,
daß ich das Kleid nach der Stadt trug, aber kein Trödler wollte es kaufen,
und ein Kapuzinerkloster gab es nicht am Orte; endlich kam ein Mann,
seiner Kleidung nach war’s wohl ein Jäger oder ein Förster, da sagte, er
brauche gerade solch einen Kapuzinerrock und bezahlte mir meinen Fund
reichlich. Nun ließ ich von unserm Herrn Pfarrer eine tüchtige Messe lesen
und setzte, da im Teufelsgrunde kein Kreuz anzubringen, hier eins hin zum
Ordensbrüder ganz besonders an, und ich muß gestehen, als ich Euch so
sanft schlafend fand, setzte ich mich her, um jede etwaige Gefahr von Euch
abzuwenden. Vor mehreren Jahren soll hier ein Kapuziner ermordet worden
sein. So viel ist gewiß, daß ein Kapuziner zu der Zeit durch unser Dorf kam,
und nachdem er übernachtet, dem Gebirge zuwanderte. An demselben Tage
ging mein Nachbar den tiefen Talweg, unterhalb des Teufelsgrundes, hinab,
und hörte mit einem Mal ein fernes, durchdringendes Geschrei, welches
ganz absonderlich in den Lüften verklang. Er will sogar, was mir aber
unmöglich scheint, eine Gestalt von der Bergspitze herab in den Abgrund
stürzen gesehen haben. So viel ist gewiß, daß wir alle im Dorfe, ohne zu
wissen warum, glaubten, der Kapuziner könne wohl herabgestürzt sein, und
daß mehrere von uns hingingen und, soweit es nur möglich war, ohne das
Leben aufs Spiel zu setzen, hinabstiegen, um wenigstens die Leiche des
unglücklichen Menschen zu finden. Wir konnten aber nichts entdecken und
lachten den Nachbar tüchtig aus, als er einmal in der mondhellen Nacht auf
dem Talwege heimkehrend, ganz voll Todesschrecken einen nackten
Menschen aus dem Teufelsgrunde wollte emporsteigen gesehen haben. Das
war nun pure Einbildung; aber später erfuhr man denn wohl, daß der
Kapuziner, Gott weiß warum, hier von einem vornehmen Mann ermordet,
und der Leichnam in den Teufelsgrund geschleudert worden sei. Hier auf
diesem Fleck muß der Mord geschehen sein, davon bin ich überzeugt, denn
seht einmal, ehrwürdiger Herr, hier sitze ich einst, und schaue so in
Gedanken da den hohlen Baum neben uns an. Mit einem Mal ist es mir, als
hinge ein Stück dunkelbraunes Tuch zur Spalte heraus. Ich springe auf, ich
gehe hin, und ziehe einen ganz neuen Kapuzinerhabit heraus. An dem einen
Ärmel klebte etwas Blut und in einem Zipfel war der Name Medardus
hineingezeichnet. Ich dachte, arm wie ich bin, ein gutes Werk zu tun, wenn
ich den Habit verkaufte und für das daraus gelöste Geld dem armen
ehrwürdigen Herrn, der hier ermordet, ohne sich zum Tode vorzubereiten
und seine Rechnung zu machen, Messen lesen ließe. So geschah es denn,
daß ich das Kleid nach der Stadt trug, aber kein Trödler wollte es kaufen,
und ein Kapuzinerkloster gab es nicht am Orte; endlich kam ein Mann,
seiner Kleidung nach war’s wohl ein Jäger oder ein Förster, da sagte, er
brauche gerade solch einen Kapuzinerrock und bezahlte mir meinen Fund
reichlich. Nun ließ ich von unserm Herrn Pfarrer eine tüchtige Messe lesen
und setzte, da im Teufelsgrunde kein Kreuz anzubringen, hier eins hin zum
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Zeichen des schmählichen Todes des Herrn Kapuziners. Aber der selige
Herr muß etwas viel über die Schnur gehauen haben, denn er soll hier noch
zuweilen herumspuken und so hat des Herrn Pfarrers Messe nicht viel
geholfen. Darum bitte ich Euch, ehrwürdiger Herr, seid Ihr gesund
heimgekehrt von Eurer Reise, so haltet ein Amt für das Heil der Seele Eures
Ordensbruders Medardus. Versprecht mir das!“ — „Ihr seid im Irrtum, mein
guter Freund,“ sprach ich, „der Kapuziner Medardus, der vor mehreren
Jahren auf der Reise nach Italien durch Euer Dorf zog, ist nicht ermordet.
Noch bedarf es keiner Seelenmesse für ihn, er lebt und kann noch arbeiten
für sein ewiges Heil! — Ich bin selbst dieser Medardus!“ — Mit diesen
Worten schlug ich meine Kutte auseinander und zeigte ihm den in den
Zipfel gestickten Namen Medardus. Kaum hatte der Bauer den Namen
erblickt, als er erbleichte und mich voll Entsetzen anstarrte. Dann sprang er
jählings auf und lief laut schreiend in den Wald hinein. Es war klar, daß er
mich für das umgehende Gespenst des ermordeten Medardus hielt, und
vergeblich würde mein Bestreben gewesen sein, ihm den Irrtum zu
benehmen. — Die Abgeschiedenheit, die Stille des Orts nur von dem
dumpfen Brausen des nicht fernen Waldstroms unterbrochen, war auch ganz
dazu geeignet, grauenvolle Bilder aufzuregen; ich dachte an meinen
gräßlichen Doppelgänger, und, angesteckt von dem Entsetzen des Bauers,
fühlte ich mich im Innersten erbeben, da es mir war, als würde er aus
diesem, aus jenem finstern Busch hervortreten. — Mich ermannend schritt
ich weiter fort, und erst dann, als mich die grausige Idee des Gespenstes
meines Ichs, für das mich der Bauer gehalten, verlassen, dachte ich daran,
daß mir nun ja erklärt worden sei, wie der wahnsinnige Mönch zu dem
Kapuzinerrock gekommen, den er mir auf der Flucht zurückließ und den ich
unbezweifelt für den meinigen erkannte. Der Förster, bei dem er sich
aufhielt, und den er um ein neues Kleid angesprochen, hatte ihn in der Stadt
von dem Bauer gekauft. Wie die verhängnisvolle Begebenheit am
Teufelsgrunde auf merkwürdige Weise verstümmelt worden, das fiel tief in
meine Seele, denn ich sah wohl, wie alle Umstände sich vereinigen mußten,
um jene unheilbringende Verwechslung mit Viktorin herbeizuführen. Sehr
wichtig schien mir des furchtsamen Nachbars wunderbare Vision, und ich
sah mit Zuversicht noch deutlicherer Aufklärung entgegen, ohne zu ahnen,
wo und wie ich sie erhalten würde.
Endlich, nach rastloser Wanderung, mehrere Wochen hindurch, nahte
ich mich der Heimat; mit klopfendem Herzen sah ich die Türme des
Herr muß etwas viel über die Schnur gehauen haben, denn er soll hier noch
zuweilen herumspuken und so hat des Herrn Pfarrers Messe nicht viel
geholfen. Darum bitte ich Euch, ehrwürdiger Herr, seid Ihr gesund
heimgekehrt von Eurer Reise, so haltet ein Amt für das Heil der Seele Eures
Ordensbruders Medardus. Versprecht mir das!“ — „Ihr seid im Irrtum, mein
guter Freund,“ sprach ich, „der Kapuziner Medardus, der vor mehreren
Jahren auf der Reise nach Italien durch Euer Dorf zog, ist nicht ermordet.
Noch bedarf es keiner Seelenmesse für ihn, er lebt und kann noch arbeiten
für sein ewiges Heil! — Ich bin selbst dieser Medardus!“ — Mit diesen
Worten schlug ich meine Kutte auseinander und zeigte ihm den in den
Zipfel gestickten Namen Medardus. Kaum hatte der Bauer den Namen
erblickt, als er erbleichte und mich voll Entsetzen anstarrte. Dann sprang er
jählings auf und lief laut schreiend in den Wald hinein. Es war klar, daß er
mich für das umgehende Gespenst des ermordeten Medardus hielt, und
vergeblich würde mein Bestreben gewesen sein, ihm den Irrtum zu
benehmen. — Die Abgeschiedenheit, die Stille des Orts nur von dem
dumpfen Brausen des nicht fernen Waldstroms unterbrochen, war auch ganz
dazu geeignet, grauenvolle Bilder aufzuregen; ich dachte an meinen
gräßlichen Doppelgänger, und, angesteckt von dem Entsetzen des Bauers,
fühlte ich mich im Innersten erbeben, da es mir war, als würde er aus
diesem, aus jenem finstern Busch hervortreten. — Mich ermannend schritt
ich weiter fort, und erst dann, als mich die grausige Idee des Gespenstes
meines Ichs, für das mich der Bauer gehalten, verlassen, dachte ich daran,
daß mir nun ja erklärt worden sei, wie der wahnsinnige Mönch zu dem
Kapuzinerrock gekommen, den er mir auf der Flucht zurückließ und den ich
unbezweifelt für den meinigen erkannte. Der Förster, bei dem er sich
aufhielt, und den er um ein neues Kleid angesprochen, hatte ihn in der Stadt
von dem Bauer gekauft. Wie die verhängnisvolle Begebenheit am
Teufelsgrunde auf merkwürdige Weise verstümmelt worden, das fiel tief in
meine Seele, denn ich sah wohl, wie alle Umstände sich vereinigen mußten,
um jene unheilbringende Verwechslung mit Viktorin herbeizuführen. Sehr
wichtig schien mir des furchtsamen Nachbars wunderbare Vision, und ich
sah mit Zuversicht noch deutlicherer Aufklärung entgegen, ohne zu ahnen,
wo und wie ich sie erhalten würde.
Endlich, nach rastloser Wanderung, mehrere Wochen hindurch, nahte
ich mich der Heimat; mit klopfendem Herzen sah ich die Türme des
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Cisterzienserklosters vor mir aufsteigen. Ich kam in das Dorf, auf den freien
Platz vor der Klosterkirche. Ein Hymnus, von Männerstimmen gesungen,
klang aus der Ferne herüber. — Ein Kreuz wurde sichtbar — Mönche,
paarweise wie in Prozessionen fortschreitend, hinter ihm. — Ach — ich
erkannte meine Ordensbrüder, den greisen Leonardus von einem jungen,
mir unbekannten Bruder geführt, an ihrer Spitze. — Ohne mich zu
bemerken, schritten sie singend bei mir vorüber und hinein durch die
geöffnete Klosterpforte. Bald darauf zogen auf gleiche Weise die
Dominikaner und Franziskaner aus B. herbei, fest verschlossene Kutschen
fuhren hinein in den Klosterhof, es waren die Klaren Nonnen aus B. Alles
ließ mich wahrnehmen, daß irgendein außerordentliches Fest gefeiert
werden solle. Die Kirchentüren standen weit offen, ich trat hinein und
bemerkte, wie alles sorgfältig gekehrt und gesäubert wurde. — Man
schmückte den Hochaltar und die Nebenaltäre mit Blumengewinden, und
ein Kirchendiener sprach viel von aufgeblühten Rosen, die durchaus
morgen in aller Frühe herbeigeschafft werden müßten, weil die Frau
Äbtissin ausdrücklich befohlen habe, daß mit R o s e n der Hochaltar verziert
werden solle. — Entschlossen, nun gleich zu den Brüdern zu treten, ging
ich, nachdem ich mich durch kräftiges Gebet gestärkt, in das Kloster und
frug nach dem Prior Leonardus; die Pförtnerin führte mich in einen Saal,
Leonardus saß im Lehnstuhl, von den Brüdern umgeben; laut weinend, im
Innersten zerknirscht, keines Wortes mächtig, stürzte ich zu seinen Füßen.
„Medardus!“ — schrie er auf, und ein dumpfes Gemurmel lief durch die
Reihe der Brüder: „Medardus — Bruder Medardus ist endlich wieder da!“
— Man hob mich auf, — die Brüder drückten mich an ihre Brust. „Dank
den himmlischen Mächten, daß du errettet bist aus den Schlingen der
arglistigen Welt — aber erzähle — erzähle, mein Bruder“ so riefen die
Mönche durcheinander. Der Prior erhob sich, und auf seinen Wink folgte
ich ihm in das Zimmer, welches ihm gewöhnlich bei dem Besuch des
Klosters zum Aufenthalt diente. „Medardus,“ fing er an, „du hast auf
frevelige Weise dein Gelübde gebrochen; du hast, indem du, anstatt die dir
gegebenen Aufträge auszurichten, schändlich entflohst, das Kloster auf die
unwürdigste Weise betrogen. — Einmauern könnte ich dich lassen, wollte
ich verfahren nach der Strenge des Klostergesetzes!“ — „Richtet mich,
mein ehrwürdiger Vater,“ erwiderte ich: „richtet mich, wie das Gesetz es
will; ach! mit Freuden werfe ich die Bürde eines elenden qualvollen Lebens
ab! — Ich fühl’ es wohl, daß die strengste Buße, der ich mich unterwarf,
Platz vor der Klosterkirche. Ein Hymnus, von Männerstimmen gesungen,
klang aus der Ferne herüber. — Ein Kreuz wurde sichtbar — Mönche,
paarweise wie in Prozessionen fortschreitend, hinter ihm. — Ach — ich
erkannte meine Ordensbrüder, den greisen Leonardus von einem jungen,
mir unbekannten Bruder geführt, an ihrer Spitze. — Ohne mich zu
bemerken, schritten sie singend bei mir vorüber und hinein durch die
geöffnete Klosterpforte. Bald darauf zogen auf gleiche Weise die
Dominikaner und Franziskaner aus B. herbei, fest verschlossene Kutschen
fuhren hinein in den Klosterhof, es waren die Klaren Nonnen aus B. Alles
ließ mich wahrnehmen, daß irgendein außerordentliches Fest gefeiert
werden solle. Die Kirchentüren standen weit offen, ich trat hinein und
bemerkte, wie alles sorgfältig gekehrt und gesäubert wurde. — Man
schmückte den Hochaltar und die Nebenaltäre mit Blumengewinden, und
ein Kirchendiener sprach viel von aufgeblühten Rosen, die durchaus
morgen in aller Frühe herbeigeschafft werden müßten, weil die Frau
Äbtissin ausdrücklich befohlen habe, daß mit R o s e n der Hochaltar verziert
werden solle. — Entschlossen, nun gleich zu den Brüdern zu treten, ging
ich, nachdem ich mich durch kräftiges Gebet gestärkt, in das Kloster und
frug nach dem Prior Leonardus; die Pförtnerin führte mich in einen Saal,
Leonardus saß im Lehnstuhl, von den Brüdern umgeben; laut weinend, im
Innersten zerknirscht, keines Wortes mächtig, stürzte ich zu seinen Füßen.
„Medardus!“ — schrie er auf, und ein dumpfes Gemurmel lief durch die
Reihe der Brüder: „Medardus — Bruder Medardus ist endlich wieder da!“
— Man hob mich auf, — die Brüder drückten mich an ihre Brust. „Dank
den himmlischen Mächten, daß du errettet bist aus den Schlingen der
arglistigen Welt — aber erzähle — erzähle, mein Bruder“ so riefen die
Mönche durcheinander. Der Prior erhob sich, und auf seinen Wink folgte
ich ihm in das Zimmer, welches ihm gewöhnlich bei dem Besuch des
Klosters zum Aufenthalt diente. „Medardus,“ fing er an, „du hast auf
frevelige Weise dein Gelübde gebrochen; du hast, indem du, anstatt die dir
gegebenen Aufträge auszurichten, schändlich entflohst, das Kloster auf die
unwürdigste Weise betrogen. — Einmauern könnte ich dich lassen, wollte
ich verfahren nach der Strenge des Klostergesetzes!“ — „Richtet mich,
mein ehrwürdiger Vater,“ erwiderte ich: „richtet mich, wie das Gesetz es
will; ach! mit Freuden werfe ich die Bürde eines elenden qualvollen Lebens
ab! — Ich fühl’ es wohl, daß die strengste Buße, der ich mich unterwarf,
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mir keinen Trost hinieden geben konnte!“ — „Ermanne dich,“ fuhr
Leonardus fort, „der Prior hat mit dir gesprochen, jetzt kann der Freund, der
Vater mit dir reden! — Auf wunderbare Weise bist du errettet worden vom
Tode, der dir in Rom drohte. — Nur Cyrillus fiel als Opfer ...“ — „Ihr wißt
also,“ frug ich voll Staunen. „Alles,“ erwiderte der Prior: „Ich weiß, daß du
dem Armen beistandest in der letzten Todesnot, und daß man dich mit
vergiftetem Wein, den man dir zum Labetrunk darbot, zu ermorden
gedachte. Wahrscheinlich hast du, bewacht von den Argusaugen der
Mönche, doch Gelegenheit gefunden, den Wein ganz zu verschütten, denn
trankst du nur einen Tropfen, so warst du hin, in Zeit von zehn Minuten.“
— „O, schaut her,“ rief ich und zeigte, den Ärmel der Kutte aufstreifend,
dem Prior meinen bis auf den Knochen eingeschrumpften Arm, indem ich
erzählte, wie ich, Böses ahnend, den Wein in den Ärmel gegossen.
Leonardus schauerte zurück vor dem häßlichen Anblick des mumienartigen
Gliedes, und sprach dumpf in sich hinein. „Gebüßt hast du, der du freveltest
auf jegliche Weise; aber Cyrillus — du frommer Greis!“ — Ich sagte dem
Prior, daß mir die eigentliche Ursache der heimlichen Hinrichtung des
armen Cyrillus unbekannt geblieben. „Vielleicht,“ sprach der Prior, „hattest
du dasselbe Schicksal, wenn du, wie Cyrillus, als Bevollmächtigter unseres
Klosters auftratst. Du weißt, daß die Ansprüche unsers Klosters Einkünfte
des Kardinals ***, die er auf unrechtmäßige Weise zieht, vernichten; dies
war die Ursache, warum der Kardinal mit des Papstes Beichtvater, den er
bis jetzt angefeindet, plötzlich Freundschaft schloß, und so sich in dem
Dominikaner einen kräftigen Gegner gewann, den er dem Cyrillus
entgegenstellen konnte. Der schlaue Mönch fand bald die Art aus, wie
Cyrill gestürzt werden konnte. Er führte ihn selbst ein bei dem Papst, und
wußte diesem den fremden Kapuziner so darzustellen, daß der Papst ihn
wie eine merkwürdige Erscheinung bei sich aufnahm, und Cyrillus in die
Reihe der Geistlichen trat, von denen er umgeben. Cyrillus mußte nun bald
gewahr werden, wie der Statthalter des Herrn nur zu sehr sein Reich in
dieser Welt und ihren Lüsten suche und finde; wie er einer heuchlerischen
Brut zum Spielwerk diene, die ihn trotz des kräftigen Geistes, der sonst ihm
einwohnte, den sie aber durch die verworfensten Mittel zu beugen wußte,
zwischen Himmel und Hölle herumwerfe. Der fromme Mann, das war
vorauszusehen, nahm großes Ärgernis daran, und fühlte sich berufen, durch
feurige Reden, wie der Geist sie ihm eingab, den Papst im Innersten zu
erschüttern und seinen Geist von dem Irdischen abzulenken. Der Papst, wie
Leonardus fort, „der Prior hat mit dir gesprochen, jetzt kann der Freund, der
Vater mit dir reden! — Auf wunderbare Weise bist du errettet worden vom
Tode, der dir in Rom drohte. — Nur Cyrillus fiel als Opfer ...“ — „Ihr wißt
also,“ frug ich voll Staunen. „Alles,“ erwiderte der Prior: „Ich weiß, daß du
dem Armen beistandest in der letzten Todesnot, und daß man dich mit
vergiftetem Wein, den man dir zum Labetrunk darbot, zu ermorden
gedachte. Wahrscheinlich hast du, bewacht von den Argusaugen der
Mönche, doch Gelegenheit gefunden, den Wein ganz zu verschütten, denn
trankst du nur einen Tropfen, so warst du hin, in Zeit von zehn Minuten.“
— „O, schaut her,“ rief ich und zeigte, den Ärmel der Kutte aufstreifend,
dem Prior meinen bis auf den Knochen eingeschrumpften Arm, indem ich
erzählte, wie ich, Böses ahnend, den Wein in den Ärmel gegossen.
Leonardus schauerte zurück vor dem häßlichen Anblick des mumienartigen
Gliedes, und sprach dumpf in sich hinein. „Gebüßt hast du, der du freveltest
auf jegliche Weise; aber Cyrillus — du frommer Greis!“ — Ich sagte dem
Prior, daß mir die eigentliche Ursache der heimlichen Hinrichtung des
armen Cyrillus unbekannt geblieben. „Vielleicht,“ sprach der Prior, „hattest
du dasselbe Schicksal, wenn du, wie Cyrillus, als Bevollmächtigter unseres
Klosters auftratst. Du weißt, daß die Ansprüche unsers Klosters Einkünfte
des Kardinals ***, die er auf unrechtmäßige Weise zieht, vernichten; dies
war die Ursache, warum der Kardinal mit des Papstes Beichtvater, den er
bis jetzt angefeindet, plötzlich Freundschaft schloß, und so sich in dem
Dominikaner einen kräftigen Gegner gewann, den er dem Cyrillus
entgegenstellen konnte. Der schlaue Mönch fand bald die Art aus, wie
Cyrill gestürzt werden konnte. Er führte ihn selbst ein bei dem Papst, und
wußte diesem den fremden Kapuziner so darzustellen, daß der Papst ihn
wie eine merkwürdige Erscheinung bei sich aufnahm, und Cyrillus in die
Reihe der Geistlichen trat, von denen er umgeben. Cyrillus mußte nun bald
gewahr werden, wie der Statthalter des Herrn nur zu sehr sein Reich in
dieser Welt und ihren Lüsten suche und finde; wie er einer heuchlerischen
Brut zum Spielwerk diene, die ihn trotz des kräftigen Geistes, der sonst ihm
einwohnte, den sie aber durch die verworfensten Mittel zu beugen wußte,
zwischen Himmel und Hölle herumwerfe. Der fromme Mann, das war
vorauszusehen, nahm großes Ärgernis daran, und fühlte sich berufen, durch
feurige Reden, wie der Geist sie ihm eingab, den Papst im Innersten zu
erschüttern und seinen Geist von dem Irdischen abzulenken. Der Papst, wie
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verweichlichte Gemüter pflegen, wurde in der Tat von des frommen Greises
Worten ergriffen, und eben in diesem erregten Zustande wurde es dem
Dominikaner leicht, auf geschickte Weise nach und nach den Schlag
vorzubereiten, der den armen Cyrillus treffen sollte. Er berichtete dem
Papst, daß es auf nichts Geringeres abgesehen sei, als auf eine heimliche
Verschwörung, die ihn der Kirche als unwürdig der dreifachen Krone
darstellen sollte; Cyrillus habe den Auftrag, ihn dahin zu bringen, daß er
irgendeine öffentliche Bußübung vornehme, welches dann als Signal des
förmlichen, unter den Kardinälen gärenden Aufstandes dienen würde. Jetzt
fand der Papst in den salbungsvollen Reden unseres Bruders die versteckte
Absicht leicht heraus, der Alte wurde ihm tief verhaßt, und um nur
irgendeinen auffallenden Schritt zu vermeiden, litt er ihn noch in seiner
Nähe. Als Cyrillus wieder einmal Gelegenheit fand, zu dem Papst ohne
Zeugen zu sprechen, sagte er geradezu, daß der, der den Lüsten der Welt
nicht ganz entsage, der nicht einen wahrhaft heiligen Wandel führe, ein
unwürdiger Statthalter des Herrn, und der Kirche eine Schmach und
Verdammnis bringende Last sei, von der sie sich befreien müsse. Bald
darauf, und zwar nachdem man Cyrillus aus den innern Kammern des
Papstes treten gesehen, fand man das Eiswasser, welches der Papst zu
trinken pflegte, vergiftet. Daß Cyrillus unschuldig war, darf ich dir, der du
den frommen Greis gekannt hast, nicht versichern. Doch überzeugt war der
Papst von seiner Schuld, und der Befehl, den fremden Mönch bei den
Dominikanern heimlich hinzurichten, die Folge davon. Du warst in Rom
eine auffallende Erscheinung; die Art, wie du dich gegen den Papst
äußertest, vorzüglich die Erzählung deines Lebenslaufs, ließ ihn eine
gewisse geistige Verwandtschaft zwischen ihm und dir finden; er glaubte,
sich mit dir zu einem höheren Standpunkt erheben und in sündhaftem
Vernünfteln über alle Tugend und Religion recht erlaben und erkräftigen zu
können, um, wie ich wohl sagen mag, mit rechter Begeisterung für die
Sünde zu sündigen. Deine Bußübungen waren ihm nur ein recht klug
angelegtes heuchlerisches Bestreben, zum höheren Zweck zu gelangen. Er
bewunderte dich und sonnte sich in den glänzenden, lobpreisenden Reden,
die du ihm hieltest. So kam es, daß du, ehe der Dominikaner es ahnte, dich
erhobst und der Rotte gefährlicher wurdest, als es Cyrillus jemals werden
konnte. — Du merkst, Medardus! daß ich von deinem Beginnen in Rom
genau unterrichtet bin; daß ich jedes Wort weiß, welches du mit dem Papst
sprachst, und darin liegt weiter nichts Geheimnisvolles, wenn ich dir sage,
Worten ergriffen, und eben in diesem erregten Zustande wurde es dem
Dominikaner leicht, auf geschickte Weise nach und nach den Schlag
vorzubereiten, der den armen Cyrillus treffen sollte. Er berichtete dem
Papst, daß es auf nichts Geringeres abgesehen sei, als auf eine heimliche
Verschwörung, die ihn der Kirche als unwürdig der dreifachen Krone
darstellen sollte; Cyrillus habe den Auftrag, ihn dahin zu bringen, daß er
irgendeine öffentliche Bußübung vornehme, welches dann als Signal des
förmlichen, unter den Kardinälen gärenden Aufstandes dienen würde. Jetzt
fand der Papst in den salbungsvollen Reden unseres Bruders die versteckte
Absicht leicht heraus, der Alte wurde ihm tief verhaßt, und um nur
irgendeinen auffallenden Schritt zu vermeiden, litt er ihn noch in seiner
Nähe. Als Cyrillus wieder einmal Gelegenheit fand, zu dem Papst ohne
Zeugen zu sprechen, sagte er geradezu, daß der, der den Lüsten der Welt
nicht ganz entsage, der nicht einen wahrhaft heiligen Wandel führe, ein
unwürdiger Statthalter des Herrn, und der Kirche eine Schmach und
Verdammnis bringende Last sei, von der sie sich befreien müsse. Bald
darauf, und zwar nachdem man Cyrillus aus den innern Kammern des
Papstes treten gesehen, fand man das Eiswasser, welches der Papst zu
trinken pflegte, vergiftet. Daß Cyrillus unschuldig war, darf ich dir, der du
den frommen Greis gekannt hast, nicht versichern. Doch überzeugt war der
Papst von seiner Schuld, und der Befehl, den fremden Mönch bei den
Dominikanern heimlich hinzurichten, die Folge davon. Du warst in Rom
eine auffallende Erscheinung; die Art, wie du dich gegen den Papst
äußertest, vorzüglich die Erzählung deines Lebenslaufs, ließ ihn eine
gewisse geistige Verwandtschaft zwischen ihm und dir finden; er glaubte,
sich mit dir zu einem höheren Standpunkt erheben und in sündhaftem
Vernünfteln über alle Tugend und Religion recht erlaben und erkräftigen zu
können, um, wie ich wohl sagen mag, mit rechter Begeisterung für die
Sünde zu sündigen. Deine Bußübungen waren ihm nur ein recht klug
angelegtes heuchlerisches Bestreben, zum höheren Zweck zu gelangen. Er
bewunderte dich und sonnte sich in den glänzenden, lobpreisenden Reden,
die du ihm hieltest. So kam es, daß du, ehe der Dominikaner es ahnte, dich
erhobst und der Rotte gefährlicher wurdest, als es Cyrillus jemals werden
konnte. — Du merkst, Medardus! daß ich von deinem Beginnen in Rom
genau unterrichtet bin; daß ich jedes Wort weiß, welches du mit dem Papst
sprachst, und darin liegt weiter nichts Geheimnisvolles, wenn ich dir sage,
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daß das Kloster in der Nähe Sr. Heiligkeit einen Freund hat, der mir genau
alles berichtete. Selbst als du mit dem Papst allein zu sein glaubtest, war er
nahe genug, um jedes Wort zu verstehen. — Als du in dem
Kapuzinerkloster, dessen Prior mir nahe verwandt ist, deine strengen
Bußübungen begannst, hielt ich deine Reue für echt. Es war auch wohl dem
so, aber in Rom erfaßte dich der böse Geist des sündhaften Hochmuts, dem
du bei uns erlagst, aufs neue. Warum klagtest du dich gegen den Papst
Verbrechen an, die du niemals begingst? — Warst du denn jemals auf dem
Schlosse des Barons von F.?“ — „Ach! mein ehrwürdiger Vater,“ rief ich
von innerm Schmerz zermalmt, „das war ja der Ort meiner entsetzlichsten
Frevel! — Das ist aber die härteste Strafe der ewigen, unerforschlichen
Macht, daß ich auf Erden nicht gereinigt erscheinen soll von der Sünde, die
ich in wahnsinniger Verblendung beging! — Auch Euch, mein ehrwürdiger
Vater, bin ich ein sündiger Heuchler?“ — „In der Tat,“ fuhr der Prior fort,
„bin ich jetzt, da ich dich sehe und spreche, beinahe überzeugt, daß du, nach
deiner Buße, der Lüge nicht mehr fähig warst, dann aber waltet noch ein
mir bis jetzt unerklärliches Geheimnis ob. Bald nach deiner Flucht aus der
Residenz (der Himmel wollte den Frevel nicht, den du zu begehen im
Begriff standest, er errettete die fromme Aurelie), bald nach deiner Flucht,
sage ich, und nachdem der Mönch, den selbst Cyrillus für dich hielt, wie
durch ein Wunder sich gerettet hatte, wurde es bekannt, daß nicht du,
sondern der als Kapuziner verkappte Graf Viktorin auf dem Schlosse des
Barons gewesen war. Briefe, die sich in Euphemiens Nachlaß fanden, hatten
dies zwar schon früher kundgetan, man hielt aber Euphemien selbst für
getäuscht, da Reinhold versicherte, er habe dich zu genau erkannt, um
selbst bei deiner treuesten Ähnlichkeit mit Viktorin getäuscht zu werden.
Da erschien plötzlich der Reitknecht des Grafen, und erzählte, wie der Graf,
der seit Monaten im Gebirge einsam gelebt, und sich den Bart wachsen
lassen, ihm in dem Walde und zwar bei dem sogenannten Teufelsgrunde
plötzlich als Kapuziner gekleidet erschienen sei. Obgleich er nicht gewußt,
wo der Graf die Kleider hergenommen, so sei ihm doch die Verkleidung
weiter nicht aufgefallen, da er von dem Anschlage des Grafen, im Schlosse
des Barons im Mönchshabit zu erscheinen, denselben ein ganzes Jahr zu
tragen und so auch wohl noch höhere Dinge auszuführen, unterrichtet
gewesen. Geahnt habe er wohl, wo der Graf zum Kapuzinerrock gekommen
sei, da er den Tag vorher gesagt, wie er einen Kapuziner im Dorfe gesehen,
und von ihm, wandere er durch den Wald, seinen Rock auf diese oder jene
alles berichtete. Selbst als du mit dem Papst allein zu sein glaubtest, war er
nahe genug, um jedes Wort zu verstehen. — Als du in dem
Kapuzinerkloster, dessen Prior mir nahe verwandt ist, deine strengen
Bußübungen begannst, hielt ich deine Reue für echt. Es war auch wohl dem
so, aber in Rom erfaßte dich der böse Geist des sündhaften Hochmuts, dem
du bei uns erlagst, aufs neue. Warum klagtest du dich gegen den Papst
Verbrechen an, die du niemals begingst? — Warst du denn jemals auf dem
Schlosse des Barons von F.?“ — „Ach! mein ehrwürdiger Vater,“ rief ich
von innerm Schmerz zermalmt, „das war ja der Ort meiner entsetzlichsten
Frevel! — Das ist aber die härteste Strafe der ewigen, unerforschlichen
Macht, daß ich auf Erden nicht gereinigt erscheinen soll von der Sünde, die
ich in wahnsinniger Verblendung beging! — Auch Euch, mein ehrwürdiger
Vater, bin ich ein sündiger Heuchler?“ — „In der Tat,“ fuhr der Prior fort,
„bin ich jetzt, da ich dich sehe und spreche, beinahe überzeugt, daß du, nach
deiner Buße, der Lüge nicht mehr fähig warst, dann aber waltet noch ein
mir bis jetzt unerklärliches Geheimnis ob. Bald nach deiner Flucht aus der
Residenz (der Himmel wollte den Frevel nicht, den du zu begehen im
Begriff standest, er errettete die fromme Aurelie), bald nach deiner Flucht,
sage ich, und nachdem der Mönch, den selbst Cyrillus für dich hielt, wie
durch ein Wunder sich gerettet hatte, wurde es bekannt, daß nicht du,
sondern der als Kapuziner verkappte Graf Viktorin auf dem Schlosse des
Barons gewesen war. Briefe, die sich in Euphemiens Nachlaß fanden, hatten
dies zwar schon früher kundgetan, man hielt aber Euphemien selbst für
getäuscht, da Reinhold versicherte, er habe dich zu genau erkannt, um
selbst bei deiner treuesten Ähnlichkeit mit Viktorin getäuscht zu werden.
Da erschien plötzlich der Reitknecht des Grafen, und erzählte, wie der Graf,
der seit Monaten im Gebirge einsam gelebt, und sich den Bart wachsen
lassen, ihm in dem Walde und zwar bei dem sogenannten Teufelsgrunde
plötzlich als Kapuziner gekleidet erschienen sei. Obgleich er nicht gewußt,
wo der Graf die Kleider hergenommen, so sei ihm doch die Verkleidung
weiter nicht aufgefallen, da er von dem Anschlage des Grafen, im Schlosse
des Barons im Mönchshabit zu erscheinen, denselben ein ganzes Jahr zu
tragen und so auch wohl noch höhere Dinge auszuführen, unterrichtet
gewesen. Geahnt habe er wohl, wo der Graf zum Kapuzinerrock gekommen
sei, da er den Tag vorher gesagt, wie er einen Kapuziner im Dorfe gesehen,
und von ihm, wandere er durch den Wald, seinen Rock auf diese oder jene
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Weise zu bekommen hoffe. Gesehen habe er den Kapuziner nicht, wohl
aber einen Schrei gehört; bald darauf sei auch im Dorf von einem im Walde
ermordeten Kapuziner die Rede gewesen. Zu genau habe er seinen Herrn
gekannt, zu viel mit ihm noch auf der Flucht aus dem Schlosse gesprochen,
als daß hier eine Verwechslung stattfinden könne. — Diese Aussage des
Reitknechts entkräftete Reinholds Meinung, und nur Viktorins gänzliches
Verschwinden blieb unbegreiflich. Die Fürstin stellte die Hypothese auf,
daß der vorgebliche Herr von Krczynski aus Kwiecziczewo eben der Graf
Viktorin gewesen sei, und stützte sich auf seine merkwürdige, ganz
auffallende Ähnlichkeit mit Francesko, an dessen Schuld längst niemand
zweifelte, sowie auf die Motion, die ihr jedesmal sein Anblick verursacht
habe. Viele traten ihr bei und wollten, im Grunde genommen, viel
gräflichen Anstand an jenem Abenteurer bemerkt haben, den man
lächerlicherweise für einen verkappten Mönch gehalten. Die Erzählung des
Försters von dem wahnsinnigen Mönch, der im Walde hauste und zuletzt
von ihm aufgenommen wurde, fand nun auch ihren Zusammenhang mit der
Untat Viktorins, sobald man nur einige Umstände als wahr voraussetzte. —
Ein Bruder des Klosters, in dem Medardus gewesen, hatte den
wahnsinnigen Mönch ausdrücklich für den Medardus erkannt, er mußte es
also wohl sein. Viktorin hatte ihn in den Abgrund gestürzt; durch irgend
einen Zufall, der gar nicht unerhört sein dürfte, wurde er errettet. Aus der
Betäubung erwacht, aber schwer am Kopfe verwundet, gelang es ihm, aus
dem Grabe heraufzukriechen. Der Schmerz der Wunde, Hunger und Durst
machten ihn wahnsinnig — rasend! — So lief er durch das Gebirge,
vielleicht von einem mitleidigen Bauer hin und wieder gespeiset und mit
Lumpen behangen, bis er in die Gegend der Försterwohnung kam. Zwei
Dinge bleiben hier aber unerklärbar, nämlich wie Medardus eine solche
Strecke aus dem Gebirge laufen konnte, ohne angehalten zu werden, und
wie er, selbst in den von Ärzten bezeugten Augenblicken des
vollkommensten, ruhigsten Bewußtseins, sich zu Untaten bekennen konnte,
die er nie begangen. Die, welche die Wahrscheinlichkeit jenes
Zusammenhangs der Sache verteidigten, bemerkten, daß man ja von den
Schicksalen des aus dem Teufelsgrunde erretteten Medardus gar nichts
wisse; es sei ja möglich, daß sein Wahnsinn erst ausgebrochen, als er auf
der Pilgerreise in der Gegend der Försterwohnung sich befand. Was aber
das Zugeständnis der Verbrechen, deren er beschuldigt, belange, so sei eben
daraus abzunehmen, daß er niemals geheilt gewesen, sondern, anscheinend
aber einen Schrei gehört; bald darauf sei auch im Dorf von einem im Walde
ermordeten Kapuziner die Rede gewesen. Zu genau habe er seinen Herrn
gekannt, zu viel mit ihm noch auf der Flucht aus dem Schlosse gesprochen,
als daß hier eine Verwechslung stattfinden könne. — Diese Aussage des
Reitknechts entkräftete Reinholds Meinung, und nur Viktorins gänzliches
Verschwinden blieb unbegreiflich. Die Fürstin stellte die Hypothese auf,
daß der vorgebliche Herr von Krczynski aus Kwiecziczewo eben der Graf
Viktorin gewesen sei, und stützte sich auf seine merkwürdige, ganz
auffallende Ähnlichkeit mit Francesko, an dessen Schuld längst niemand
zweifelte, sowie auf die Motion, die ihr jedesmal sein Anblick verursacht
habe. Viele traten ihr bei und wollten, im Grunde genommen, viel
gräflichen Anstand an jenem Abenteurer bemerkt haben, den man
lächerlicherweise für einen verkappten Mönch gehalten. Die Erzählung des
Försters von dem wahnsinnigen Mönch, der im Walde hauste und zuletzt
von ihm aufgenommen wurde, fand nun auch ihren Zusammenhang mit der
Untat Viktorins, sobald man nur einige Umstände als wahr voraussetzte. —
Ein Bruder des Klosters, in dem Medardus gewesen, hatte den
wahnsinnigen Mönch ausdrücklich für den Medardus erkannt, er mußte es
also wohl sein. Viktorin hatte ihn in den Abgrund gestürzt; durch irgend
einen Zufall, der gar nicht unerhört sein dürfte, wurde er errettet. Aus der
Betäubung erwacht, aber schwer am Kopfe verwundet, gelang es ihm, aus
dem Grabe heraufzukriechen. Der Schmerz der Wunde, Hunger und Durst
machten ihn wahnsinnig — rasend! — So lief er durch das Gebirge,
vielleicht von einem mitleidigen Bauer hin und wieder gespeiset und mit
Lumpen behangen, bis er in die Gegend der Försterwohnung kam. Zwei
Dinge bleiben hier aber unerklärbar, nämlich wie Medardus eine solche
Strecke aus dem Gebirge laufen konnte, ohne angehalten zu werden, und
wie er, selbst in den von Ärzten bezeugten Augenblicken des
vollkommensten, ruhigsten Bewußtseins, sich zu Untaten bekennen konnte,
die er nie begangen. Die, welche die Wahrscheinlichkeit jenes
Zusammenhangs der Sache verteidigten, bemerkten, daß man ja von den
Schicksalen des aus dem Teufelsgrunde erretteten Medardus gar nichts
wisse; es sei ja möglich, daß sein Wahnsinn erst ausgebrochen, als er auf
der Pilgerreise in der Gegend der Försterwohnung sich befand. Was aber
das Zugeständnis der Verbrechen, deren er beschuldigt, belange, so sei eben
daraus abzunehmen, daß er niemals geheilt gewesen, sondern, anscheinend
Page 272
bei Verstande, doch immer wahnsinnig geblieben wäre. Daß er die ihm
angeschuldigten Mordtaten wirklich begangen, dieser Gedanke habe sich
zur fixen Idee umgestaltet. — Der Kriminalrichter, auf dessen Sagazität
man sehr baute, sprach, als man ihn um seine Meinung frug: Der
vorgebliche Herr von Krczynski war kein Pole und auch kein Graf, der Graf
Viktorin gewiß nicht, aber unschuldig auch keineswegs — der Mönch blieb
wahnsinnig und unzurechnungsfähig in jedem Fall, deshalb das
Kriminalgericht auch nur auf seine Einsperrung als Sicherheitsmaßregel
erkennen konnte. — Dieses Urteil durfte der Fürst nicht hören, denn e r war
es allein, der, tief ergriffen von den Freveln auf dem Schlosse des Barons,
jene von dem Kriminalgericht in Vorschlag gebrachte Einsperrung in die
Strafe des Schwerts umwandelte. — Wie aber alles in diesem elenden,
vergänglichen Leben, sei es Begebenheit oder Tat, noch so ungeheuer im
ersten Augenblick erscheinend, sehr bald Glanz und Farbe verliert, so
geschah es auch, daß das, was in der Residenz und vorzüglich am Hofe
Schauer und Entsetzen erregt hatte, herabsank bis zur ärgerlichen
Klatscherei. Jene Hypothese, daß Aureliens entflohener Bräutigam Graf
Viktorin gewesen, brachte die Geschichte der Italienerin in frisches
Andenken; selbst die früher nicht Unterrichteten wurden von denen, die nun
nicht mehr schweigen zu dürfen glaubten, aufgeklärt, und jeder, der den
Medardus gesehen, fand es natürlich, daß seine Gesichtszüge vollkommen
denen des Grafen Viktorin glichen, da sie Söhne e i n e s Vaters waren. Der
Leibarzt war überzeugt, daß die Sache sich so verhalten müßte und sprach
zum Fürsten: „Wir wollen froh sein, gnädigster Herr! daß beide
unheimliche Gesellen fort sind, und es bei der ersten vergeblich
gebliebenen Verfolgung bewenden lassen.“ — Dieser Meinung trat der
Fürst aus dem Grunde seines Herzens bei, denn er fühlte wohl, wie der
doppelte Medardus ihn von einem Mißgriff zum andern verleitet hatte. „Die
Sache wird geheimnisvoll bleiben,“ sagte der Fürst: „wir wollen nicht mehr
an dem Schleier zupfen, den ein wunderbares Geschick wohltätig darüber
geworfen hat. — Nur Aurelie ...“ — „Aurelie,“ unterbrach ich den Prior mit
Heftigkeit, „um Gott, mein ehrwürdiger Vater, sagt mir, wie ward es mit
Aurelien?“ — „Ei, Bruder Medardus,“ sprach der Prior sanft lächelnd,
„noch ist das gefährliche Feuer in deinem Innern nicht verdampft? — noch
lodert die Flamme empor bei leiser Berührung? — So bist du noch nicht
frei von den sündlichen Trieben, denen du dich hingabst. — Und ich soll
der Wahrheit deiner Buße trauen; ich soll überzeugt sein, daß der Geist der
angeschuldigten Mordtaten wirklich begangen, dieser Gedanke habe sich
zur fixen Idee umgestaltet. — Der Kriminalrichter, auf dessen Sagazität
man sehr baute, sprach, als man ihn um seine Meinung frug: Der
vorgebliche Herr von Krczynski war kein Pole und auch kein Graf, der Graf
Viktorin gewiß nicht, aber unschuldig auch keineswegs — der Mönch blieb
wahnsinnig und unzurechnungsfähig in jedem Fall, deshalb das
Kriminalgericht auch nur auf seine Einsperrung als Sicherheitsmaßregel
erkennen konnte. — Dieses Urteil durfte der Fürst nicht hören, denn e r war
es allein, der, tief ergriffen von den Freveln auf dem Schlosse des Barons,
jene von dem Kriminalgericht in Vorschlag gebrachte Einsperrung in die
Strafe des Schwerts umwandelte. — Wie aber alles in diesem elenden,
vergänglichen Leben, sei es Begebenheit oder Tat, noch so ungeheuer im
ersten Augenblick erscheinend, sehr bald Glanz und Farbe verliert, so
geschah es auch, daß das, was in der Residenz und vorzüglich am Hofe
Schauer und Entsetzen erregt hatte, herabsank bis zur ärgerlichen
Klatscherei. Jene Hypothese, daß Aureliens entflohener Bräutigam Graf
Viktorin gewesen, brachte die Geschichte der Italienerin in frisches
Andenken; selbst die früher nicht Unterrichteten wurden von denen, die nun
nicht mehr schweigen zu dürfen glaubten, aufgeklärt, und jeder, der den
Medardus gesehen, fand es natürlich, daß seine Gesichtszüge vollkommen
denen des Grafen Viktorin glichen, da sie Söhne e i n e s Vaters waren. Der
Leibarzt war überzeugt, daß die Sache sich so verhalten müßte und sprach
zum Fürsten: „Wir wollen froh sein, gnädigster Herr! daß beide
unheimliche Gesellen fort sind, und es bei der ersten vergeblich
gebliebenen Verfolgung bewenden lassen.“ — Dieser Meinung trat der
Fürst aus dem Grunde seines Herzens bei, denn er fühlte wohl, wie der
doppelte Medardus ihn von einem Mißgriff zum andern verleitet hatte. „Die
Sache wird geheimnisvoll bleiben,“ sagte der Fürst: „wir wollen nicht mehr
an dem Schleier zupfen, den ein wunderbares Geschick wohltätig darüber
geworfen hat. — Nur Aurelie ...“ — „Aurelie,“ unterbrach ich den Prior mit
Heftigkeit, „um Gott, mein ehrwürdiger Vater, sagt mir, wie ward es mit
Aurelien?“ — „Ei, Bruder Medardus,“ sprach der Prior sanft lächelnd,
„noch ist das gefährliche Feuer in deinem Innern nicht verdampft? — noch
lodert die Flamme empor bei leiser Berührung? — So bist du noch nicht
frei von den sündlichen Trieben, denen du dich hingabst. — Und ich soll
der Wahrheit deiner Buße trauen; ich soll überzeugt sein, daß der Geist der
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Lüge dich ganz verlassen? Wisse, Medardus, daß ich deine Reue für
wahrhaft nur dann anerkennen würde, wenn du jene Frevel, deren du dich
anklagst, wirklich begingst. Denn nur in diesem Falle könnt’ ich glauben,
daß jene Untaten so dein Inneres zerrütteten, daß du, meiner Lehren, alles
dessen, was ich dir über äußere und innere Buße sagte, uneingedenk, wie
der Schiffbrüchige nach dem leichten unsichern Brett, nach jenen
trügerischen Mitteln, dein Verbrechen zu sühnen haschtest, die dich nicht
allein einem verworfenen Papst, sondern jedem wahrhaft frommen Mann
als einen eitlen Gaukler erscheinen ließen. — Sage, Medardus! war deine
Andacht, deine Erhebung zu der ewigen Macht ganz makellos, wenn du
Aureliens gedenken mußtest?“ — Ich schlug, im Innern vernichtet, die
Augen nieder. — „Du bist aufrichtig, Medardus,“ fuhr der Prior fort, „dein
Schweigen sagt mir alles. — Ich wußte mit der vollsten Überzeugung, daß
du es warst, der in der Residenz die Rolle eines polnischen Edelmanns
spielte und die Baronesse Aurelie heiraten wollte. Ich hatte den Weg, den du
genommen, ziemlich genau verfolgt, ein seltsamer Mensch (er nannte sich
den Haarkünstler Belcampo), den du zuletzt in Rom sahst, gab mir
Nachrichten; ich war überzeugt, daß du auf verruchte Weise Hermogen und
Euphemien mordetest, und um so gräßlicher war es mir, daß du Aurelien so
in Teufelsbande verstricken wolltest. Ich hätte dich verderben können; doch
weit entfernt, mich zum Rächeramt erkoren zu glauben, überließ ich dich
und dein Schicksal der ewigen Macht des Himmels. Du bist erhalten
worden auf wunderbare Weise und schon dieses überzeugt mich, daß dein
irdischer Untergang noch nicht beschlossen war. — Höre, welches
besonderen Umstandes halber ich später glauben mußte, daß es in der Tat
Graf Viktorin war, der als Kapuziner auf dem Schlosse des Barons von F.
erschien! — Nicht gar zu lange ist es her, als Bruder Sebastianus, der
Pförtner, durch ein Ächzen und Stöhnen, das den Seufzern eines Sterbenden
glich, geweckt wurde. Der Morgen war schon angebrochen, er stand auf,
öffnete die Klosterpforte und fand einen Menschen, der dicht vor derselben,
halb erstarrt vor Kälte, lag und mühsam die Worte herausbrachte: er sei
Medardus, der aus unserm Kloster entflohene Mönch. — Sebastianus
meldete mir ganz erschrocken, was sich unten zugetragen; ich stieg mit den
Brüdern hinab, wir brachten den ohnmächtigen Mann in das Refektorium.
Trotz des bis zum Grausen entstellten Gesichts des Mannes, glaubten wir
doch deine Züge zu erkennen, und mehrere meinten, daß wohl nur die
veränderte Tracht den wohlbekannten Medardus so fremdartig darstelle. Er
wahrhaft nur dann anerkennen würde, wenn du jene Frevel, deren du dich
anklagst, wirklich begingst. Denn nur in diesem Falle könnt’ ich glauben,
daß jene Untaten so dein Inneres zerrütteten, daß du, meiner Lehren, alles
dessen, was ich dir über äußere und innere Buße sagte, uneingedenk, wie
der Schiffbrüchige nach dem leichten unsichern Brett, nach jenen
trügerischen Mitteln, dein Verbrechen zu sühnen haschtest, die dich nicht
allein einem verworfenen Papst, sondern jedem wahrhaft frommen Mann
als einen eitlen Gaukler erscheinen ließen. — Sage, Medardus! war deine
Andacht, deine Erhebung zu der ewigen Macht ganz makellos, wenn du
Aureliens gedenken mußtest?“ — Ich schlug, im Innern vernichtet, die
Augen nieder. — „Du bist aufrichtig, Medardus,“ fuhr der Prior fort, „dein
Schweigen sagt mir alles. — Ich wußte mit der vollsten Überzeugung, daß
du es warst, der in der Residenz die Rolle eines polnischen Edelmanns
spielte und die Baronesse Aurelie heiraten wollte. Ich hatte den Weg, den du
genommen, ziemlich genau verfolgt, ein seltsamer Mensch (er nannte sich
den Haarkünstler Belcampo), den du zuletzt in Rom sahst, gab mir
Nachrichten; ich war überzeugt, daß du auf verruchte Weise Hermogen und
Euphemien mordetest, und um so gräßlicher war es mir, daß du Aurelien so
in Teufelsbande verstricken wolltest. Ich hätte dich verderben können; doch
weit entfernt, mich zum Rächeramt erkoren zu glauben, überließ ich dich
und dein Schicksal der ewigen Macht des Himmels. Du bist erhalten
worden auf wunderbare Weise und schon dieses überzeugt mich, daß dein
irdischer Untergang noch nicht beschlossen war. — Höre, welches
besonderen Umstandes halber ich später glauben mußte, daß es in der Tat
Graf Viktorin war, der als Kapuziner auf dem Schlosse des Barons von F.
erschien! — Nicht gar zu lange ist es her, als Bruder Sebastianus, der
Pförtner, durch ein Ächzen und Stöhnen, das den Seufzern eines Sterbenden
glich, geweckt wurde. Der Morgen war schon angebrochen, er stand auf,
öffnete die Klosterpforte und fand einen Menschen, der dicht vor derselben,
halb erstarrt vor Kälte, lag und mühsam die Worte herausbrachte: er sei
Medardus, der aus unserm Kloster entflohene Mönch. — Sebastianus
meldete mir ganz erschrocken, was sich unten zugetragen; ich stieg mit den
Brüdern hinab, wir brachten den ohnmächtigen Mann in das Refektorium.
Trotz des bis zum Grausen entstellten Gesichts des Mannes, glaubten wir
doch deine Züge zu erkennen, und mehrere meinten, daß wohl nur die
veränderte Tracht den wohlbekannten Medardus so fremdartig darstelle. Er
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hatte Bart und Tonsur, dazu aber eine weltliche Kleidung, die zwar ganz
verdorben und zerrissen war, der man aber noch die ursprüngliche
Zierlichkeit ansah. Er trug seidene Strümpfe, auf einem Schuhe noch eine
goldene Schnalle, eine weiße Atlasweste ...“ — „Einen kastanienbraunen
Rock von dem feinsten Tuch,“ fiel ich ein, „zierlich genähte Wäsche —
einen einfachen, goldenen Ring am Finger.“ — „Allerdings,“ sprach
Leonardus erstaunt: „aber wie kannst du ...“ — „Ach, es war ja der Anzug,
wie ich ihn an jenem verhängnisvollen Hochzeitstage trug! — Der
Doppelgänger stand mir vor Augen. — Nein es war nicht der wesenlose,
entsetzliche Teufel des Wahnsinns, der hinter mir herrannte, der, wie ein
mich bis ins Innerste zerfleischendes Untier, aufhockte auf meinen
Schultern; es war der entflohene wahnsinnige Mönch, der mich verfolgte,
der endlich, als ich in tiefer Ohnmacht dalag, meine Kleider nahm und mir
die Kutte überwarf. Er war es, der an der Klosterpforte lag, mich — mich
selbst auf schauderhafte Weise darstellend!“ — Ich bat den Prior, nur
fortzufahren in seiner Erzählung, da die Ahnung der Wahrheit, wie es sich
mit mir auf die wunderbarste, geheimnisvollste Weise zugetragen, in mir
aufdämmere. — „Nicht lange dauerte es,“ erzählte der Prior weiter, „als
sich bei dem Manne die deutlichsten unzweifelhaften Spuren des
unheilbaren Wahnsinns zeigten, und unerachtet, wie gesagt, die Züge seines
Gesichts den deinigen auf das Genaueste glichen, unerachtet er fortwährend
rief: Ich bin Medardus, der entlaufene Mönch, ich will Buße tun bei euch —
so war doch bald jeder von uns überzeugt, daß es fixe Idee des Fremden sei,
sich für dich zu halten. Wir zogen ihm das Kleid der Kapuziner an, wir
führten ihn in die Kirche, er mußte die gewöhnlichen Andachtsübungen
vornehmen, und wie er dies zu tun sich bemühte, bemerkten wir bald, daß
er niemals in einem Kloster gewesen sein könne. Es mußte mir wohl die
Idee kommen: wie, wenn dies der aus der Residenz entsprungene Mönch,
wie wenn dieser Mönch Viktorin wäre? — Die Geschichte, die der
Wahnsinnige ehemals dem Förster aufgetischt hatte, war mir bekannt
worden, indessen fand ich, daß alle Umstände, das Auffinden und
Austrinken des Teufelselixiers, die Vision in dem Kerker, kurz der ganze
Aufenthalt im Kloster, wohl die, durch deine auf seltsame psychische Weise
einwirkende Individualität, erzeugte Ausgeburt des erkrankten Geistes sein
könne. Merkwürdig war es in dieser Hinsicht, daß der Mönch in bösen
Augenblicken immer geschrien hatte, er sei Graf und gebietender Herr! —
Ich beschloß, den fremden Mann der Irrenanstalt zu St. Getreu zu
verdorben und zerrissen war, der man aber noch die ursprüngliche
Zierlichkeit ansah. Er trug seidene Strümpfe, auf einem Schuhe noch eine
goldene Schnalle, eine weiße Atlasweste ...“ — „Einen kastanienbraunen
Rock von dem feinsten Tuch,“ fiel ich ein, „zierlich genähte Wäsche —
einen einfachen, goldenen Ring am Finger.“ — „Allerdings,“ sprach
Leonardus erstaunt: „aber wie kannst du ...“ — „Ach, es war ja der Anzug,
wie ich ihn an jenem verhängnisvollen Hochzeitstage trug! — Der
Doppelgänger stand mir vor Augen. — Nein es war nicht der wesenlose,
entsetzliche Teufel des Wahnsinns, der hinter mir herrannte, der, wie ein
mich bis ins Innerste zerfleischendes Untier, aufhockte auf meinen
Schultern; es war der entflohene wahnsinnige Mönch, der mich verfolgte,
der endlich, als ich in tiefer Ohnmacht dalag, meine Kleider nahm und mir
die Kutte überwarf. Er war es, der an der Klosterpforte lag, mich — mich
selbst auf schauderhafte Weise darstellend!“ — Ich bat den Prior, nur
fortzufahren in seiner Erzählung, da die Ahnung der Wahrheit, wie es sich
mit mir auf die wunderbarste, geheimnisvollste Weise zugetragen, in mir
aufdämmere. — „Nicht lange dauerte es,“ erzählte der Prior weiter, „als
sich bei dem Manne die deutlichsten unzweifelhaften Spuren des
unheilbaren Wahnsinns zeigten, und unerachtet, wie gesagt, die Züge seines
Gesichts den deinigen auf das Genaueste glichen, unerachtet er fortwährend
rief: Ich bin Medardus, der entlaufene Mönch, ich will Buße tun bei euch —
so war doch bald jeder von uns überzeugt, daß es fixe Idee des Fremden sei,
sich für dich zu halten. Wir zogen ihm das Kleid der Kapuziner an, wir
führten ihn in die Kirche, er mußte die gewöhnlichen Andachtsübungen
vornehmen, und wie er dies zu tun sich bemühte, bemerkten wir bald, daß
er niemals in einem Kloster gewesen sein könne. Es mußte mir wohl die
Idee kommen: wie, wenn dies der aus der Residenz entsprungene Mönch,
wie wenn dieser Mönch Viktorin wäre? — Die Geschichte, die der
Wahnsinnige ehemals dem Förster aufgetischt hatte, war mir bekannt
worden, indessen fand ich, daß alle Umstände, das Auffinden und
Austrinken des Teufelselixiers, die Vision in dem Kerker, kurz der ganze
Aufenthalt im Kloster, wohl die, durch deine auf seltsame psychische Weise
einwirkende Individualität, erzeugte Ausgeburt des erkrankten Geistes sein
könne. Merkwürdig war es in dieser Hinsicht, daß der Mönch in bösen
Augenblicken immer geschrien hatte, er sei Graf und gebietender Herr! —
Ich beschloß, den fremden Mann der Irrenanstalt zu St. Getreu zu
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übergeben, weil ich hoffen durfte, daß, wäre Wiederherstellung möglich, sie
gewiß dem Direktor jener Anstalt, einem in jede Abnormität des
menschlichen Organismus tief eindringenden, genialen Arzte, gelingen
werde. Des Fremden Genesen mußte das geheimnisvolle Spiel der
unbekannten Mächte wenigstens zum Teil enthüllen. — Es kam nicht dazu.
— In der dritten Nacht weckte mich die Glocke, die, wie du weißt,
angezogen wird, sobald jemand im Krankenzimmer meines Beistandes
bedarf. Ich trat hinein, man sagte mir, der Fremde habe eifrig nach mir
verlangt und es scheine, als habe ihn der Wahnsinn gänzlich verlassen,
wahrscheinlich wolle er beichten; denn er sei so schwach, daß er die Nacht
wohl nicht überleben werde. Verzeiht, fing der Fremde an, als ich ihm mit
frommen Worten zugesprochen, verzeiht, ehrwürdiger Herr, daß ich Euch
täuschen zu wollen mich vermaß. Ich bin nicht der Mönch Medardus, der
Euerm Kloster entfloh. Den Grafen Viktorin seht Ihr vor Euch ... Fürst
sollte er heißen, denn aus fürstlichem Hause ist er entsprossen, und ich rate
Euch, dies zu beachten, da sonst mein Zorn Euch treffen könnte. — Sei er
auch Fürst, erwiderte ich, so wäre dies in unsern Mauern und in seiner
jetzigen Lage ohne alle Bedeutung und es schiene mir besser zu sein, wenn
er sich abwende von dem Irdischen und in Demut erwarte, was die ewige
Macht über ihn verhängt habe. — Er sah mich starr an, ihm schienen die
Sinne zu vergehen, man gab ihm stärkende Tropfen, er erholte sich bald und
sprach: Es ist mir so, als müsse ich bald sterben und vorher mein Herz
erleichtern. Ihr habt Macht über mich, denn so sehr Ihr Euch auch verstellen
möget, merke ich doch wohl, daß Ihr der heilige Antonius seid und am
besten wisset, was für Unheil Eure Elixiere angerichtet. Ich hatte wohl
Großes im Sinne, als ich beschloß, mich als ein geistlicher Herr darzustellen
mit großem Barte und brauner Kutte. Aber als ich so recht mit mir zu Rate
ging, war es, als träten die heimlichsten Gedanken aus meinem Innern
heraus und verpuppten sich zu einem körperlichen Wesen, das recht
graulich, doch mein Ich war. Dies zweite Ich hatte grimmige Kraft und
schleuderte mich, als aus dem schwarzen Gestein des tiefen Abgrundes,
zwischen sprudelndem, schäumigen Gewässer, die Prinzessin schneeweiß
hervortrat, hinab. Die Prinzessin fing mich auf in ihren Armen und wusch
meine Wunden aus, daß ich bald keinen Schmerz mehr fühlte. Mönch war
ich nun freilich geworden, aber das Ich meiner Gedanken war stärker, und
trieb mich, daß ich die Prinzessin, die mich errettet und die ich sehr liebte,
samt ihrem Bruder ermorden mußte. Man warf mich in den Kerker, aber Ihr
gewiß dem Direktor jener Anstalt, einem in jede Abnormität des
menschlichen Organismus tief eindringenden, genialen Arzte, gelingen
werde. Des Fremden Genesen mußte das geheimnisvolle Spiel der
unbekannten Mächte wenigstens zum Teil enthüllen. — Es kam nicht dazu.
— In der dritten Nacht weckte mich die Glocke, die, wie du weißt,
angezogen wird, sobald jemand im Krankenzimmer meines Beistandes
bedarf. Ich trat hinein, man sagte mir, der Fremde habe eifrig nach mir
verlangt und es scheine, als habe ihn der Wahnsinn gänzlich verlassen,
wahrscheinlich wolle er beichten; denn er sei so schwach, daß er die Nacht
wohl nicht überleben werde. Verzeiht, fing der Fremde an, als ich ihm mit
frommen Worten zugesprochen, verzeiht, ehrwürdiger Herr, daß ich Euch
täuschen zu wollen mich vermaß. Ich bin nicht der Mönch Medardus, der
Euerm Kloster entfloh. Den Grafen Viktorin seht Ihr vor Euch ... Fürst
sollte er heißen, denn aus fürstlichem Hause ist er entsprossen, und ich rate
Euch, dies zu beachten, da sonst mein Zorn Euch treffen könnte. — Sei er
auch Fürst, erwiderte ich, so wäre dies in unsern Mauern und in seiner
jetzigen Lage ohne alle Bedeutung und es schiene mir besser zu sein, wenn
er sich abwende von dem Irdischen und in Demut erwarte, was die ewige
Macht über ihn verhängt habe. — Er sah mich starr an, ihm schienen die
Sinne zu vergehen, man gab ihm stärkende Tropfen, er erholte sich bald und
sprach: Es ist mir so, als müsse ich bald sterben und vorher mein Herz
erleichtern. Ihr habt Macht über mich, denn so sehr Ihr Euch auch verstellen
möget, merke ich doch wohl, daß Ihr der heilige Antonius seid und am
besten wisset, was für Unheil Eure Elixiere angerichtet. Ich hatte wohl
Großes im Sinne, als ich beschloß, mich als ein geistlicher Herr darzustellen
mit großem Barte und brauner Kutte. Aber als ich so recht mit mir zu Rate
ging, war es, als träten die heimlichsten Gedanken aus meinem Innern
heraus und verpuppten sich zu einem körperlichen Wesen, das recht
graulich, doch mein Ich war. Dies zweite Ich hatte grimmige Kraft und
schleuderte mich, als aus dem schwarzen Gestein des tiefen Abgrundes,
zwischen sprudelndem, schäumigen Gewässer, die Prinzessin schneeweiß
hervortrat, hinab. Die Prinzessin fing mich auf in ihren Armen und wusch
meine Wunden aus, daß ich bald keinen Schmerz mehr fühlte. Mönch war
ich nun freilich geworden, aber das Ich meiner Gedanken war stärker, und
trieb mich, daß ich die Prinzessin, die mich errettet und die ich sehr liebte,
samt ihrem Bruder ermorden mußte. Man warf mich in den Kerker, aber Ihr
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wißt selbst, heiliger Antonius, auf welche Weise Ihr, nachdem ich Euern
verfluchten Trank gesoffen, mich entführtet durch die Lüfte. Der grüne
Waldkönig nahm mich schlecht auf, unerachtet er doch meine Fürstlichkeit
kannte; das Ich meiner Gedanken erschien bei ihm und rückte mir allerlei
Häßliches vor, und wollte, weil wir doch alles zusammen getan, in
Gemeinschaft mit mir bleiben. Das geschah auch, aber bald, als wir
davonliefen, weil man uns den Kopf abschlagen wollte, haben wir uns doch
entzweit. Als das lächerliche Ich indessen immer und ewig genährt sein
wollte von meinem Gedanken, schmiß ich es nieder, prügelte es derb ab und
nahm ihm seinen Rock. — Soweit waren die Reden des Unglücklichen
einigermaßen verständlich, dann verlor er sich in das unsinnige alberne
Gewäsch des höchsten Wahnsinns. Eine Stunde später, als das Frühamt
eingeläutet wurde, fuhr er mit einem durchdringenden entsetzlichen Schrei
auf, und sank, wie es uns schien, tot nieder. Ich ließ ihn nach der
Totenkammer bringen, er sollte in unserm Garten an geweihter Stätte
begraben werden, du kannst dir aber wohl unser Erstaunen, unsern Schreck
denken, als die Leiche, da wir sie hinaustragen und einsargen wollten,
spurlos verschwunden war. Alles Nachforschen blieb vergebens, und ich
mußte darauf verzichten, jemals Näheres, Verständlicheres über den
rätselhaften Zusammenhang der Begebenheiten, in die du mit dem Grafen
verwickelt wurdest, zu erfahren. Indessen hielt ich alle mir über die Vorfälle
im Schloß bekannt gewordenen Umstände mit jenen verworrenen, durch
Wahnsinn entstellten Reden zusammen, so konnte ich kaum daran zweifeln,
daß der Verstorbene wirklich Graf Viktorin war. Er hatte, wie der
Reitknecht andeutete, irgend einen pilgernden Kapuziner im Gebirge
ermordet und ihm das Kleid genommen, um seinen Anschlag im Schlosse
des Barons auszuführen. Wie er vielleicht es gar nicht im Sinn hatte, endete
der begonnene Frevel mit dem Morde Euphemiens und Hermogens.
Vielleicht war er schon wahnsinnig, wie Reinhold es behauptet, oder er
wurde es dann auf der Flucht, gequält von Gewissensbissen. Das Kleid,
welches er trug und die Ermordung des Mönchs, gestaltete sich in ihm zur
fixen Idee, daß er wirklich ein Mönch, und sein Ich zerspaltet sei in zwei
sich feindliche Wesen. Nur die Periode von der Flucht aus dem Schlosse bis
zur Ankunft bei dem Förster, bleibt dunkel, sowie es unerklärlich ist, wie
sich die Erzählung von seinem Aufenthalt im Kloster und der Art seiner
Rettung aus dem Kerker in ihm bildete. Daß äußere Motive stattfinden
mußten, leidet gar keinen Zweifel, aber höchst merkwürdig ist es, daß diese
verfluchten Trank gesoffen, mich entführtet durch die Lüfte. Der grüne
Waldkönig nahm mich schlecht auf, unerachtet er doch meine Fürstlichkeit
kannte; das Ich meiner Gedanken erschien bei ihm und rückte mir allerlei
Häßliches vor, und wollte, weil wir doch alles zusammen getan, in
Gemeinschaft mit mir bleiben. Das geschah auch, aber bald, als wir
davonliefen, weil man uns den Kopf abschlagen wollte, haben wir uns doch
entzweit. Als das lächerliche Ich indessen immer und ewig genährt sein
wollte von meinem Gedanken, schmiß ich es nieder, prügelte es derb ab und
nahm ihm seinen Rock. — Soweit waren die Reden des Unglücklichen
einigermaßen verständlich, dann verlor er sich in das unsinnige alberne
Gewäsch des höchsten Wahnsinns. Eine Stunde später, als das Frühamt
eingeläutet wurde, fuhr er mit einem durchdringenden entsetzlichen Schrei
auf, und sank, wie es uns schien, tot nieder. Ich ließ ihn nach der
Totenkammer bringen, er sollte in unserm Garten an geweihter Stätte
begraben werden, du kannst dir aber wohl unser Erstaunen, unsern Schreck
denken, als die Leiche, da wir sie hinaustragen und einsargen wollten,
spurlos verschwunden war. Alles Nachforschen blieb vergebens, und ich
mußte darauf verzichten, jemals Näheres, Verständlicheres über den
rätselhaften Zusammenhang der Begebenheiten, in die du mit dem Grafen
verwickelt wurdest, zu erfahren. Indessen hielt ich alle mir über die Vorfälle
im Schloß bekannt gewordenen Umstände mit jenen verworrenen, durch
Wahnsinn entstellten Reden zusammen, so konnte ich kaum daran zweifeln,
daß der Verstorbene wirklich Graf Viktorin war. Er hatte, wie der
Reitknecht andeutete, irgend einen pilgernden Kapuziner im Gebirge
ermordet und ihm das Kleid genommen, um seinen Anschlag im Schlosse
des Barons auszuführen. Wie er vielleicht es gar nicht im Sinn hatte, endete
der begonnene Frevel mit dem Morde Euphemiens und Hermogens.
Vielleicht war er schon wahnsinnig, wie Reinhold es behauptet, oder er
wurde es dann auf der Flucht, gequält von Gewissensbissen. Das Kleid,
welches er trug und die Ermordung des Mönchs, gestaltete sich in ihm zur
fixen Idee, daß er wirklich ein Mönch, und sein Ich zerspaltet sei in zwei
sich feindliche Wesen. Nur die Periode von der Flucht aus dem Schlosse bis
zur Ankunft bei dem Förster, bleibt dunkel, sowie es unerklärlich ist, wie
sich die Erzählung von seinem Aufenthalt im Kloster und der Art seiner
Rettung aus dem Kerker in ihm bildete. Daß äußere Motive stattfinden
mußten, leidet gar keinen Zweifel, aber höchst merkwürdig ist es, daß diese
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Erzählung dein Schicksal, wiewohl verstümmelt, darstellt. Nur die Zeit der
Ankunft des Mönchs bei dem Förster, wie dieser sie angibt, will gar nicht
mit Reinholds Angabe des Tages, wann Viktorin aus dem Schlosse entfloh,
zusammenstimmen. Nach der Behauptung des Försters mußte sich der
wahnsinnige Viktorin gleich haben im Walde blicken lassen, nachdem er
auf dem Schlosse des Barons angekommen.“ — „Haltet ein,“ unterbrach
ich den Prior, „haltet ein, mein ehrwürdiger Vater, jede Hoffnung, der Last
meiner Sünden unerachtet, nach der Langmut des Herrn noch Gnade und
ewige Seligkeit zu erringen, soll aus meiner Seele schwinden; in trostloser
Verzweiflung, mich selbst und mein Leben verfluchend, will ich sterben,
wenn ich nicht in tiefster Reue und Zerknirschung Euch alles, was sich mit
mir begab, seitdem ich das Kloster verließ, getreulich offenbaren will, wie
ich es in heiliger Beichte tat.“ Der Prior geriet in das höchste Erstaunen, als
ich ihm nun mein ganzes Leben mit aller nur möglichen Umständlichkeit
enthüllte. — „Ich muß dir glauben,“ sprach der Prior, als ich geendet, „ich
muß dir glauben, Bruder Medardus, denn alle Zeichen wahrer Reue
entdeckte ich, als du redetest. — Wer vermag das Geheimnis zu enthüllen,
das die geistige Verwandtschaft zweier Brüder, Söhne eines
verbrecherischen Vaters, und selbst in Verbrechen befangen, bildete. — Es
ist gewiß, daß Viktorin auf wunderbare Weise errettet wurde aus dem
Abgrunde, in den du ihn stürztest, daß e r der wahnsinnige Mönch war, den
der Förster aufnahm, der dich als dein Doppelgänger verfolgte und hier im
Kloster starb. Er diente der dunkeln Macht, die in dein Leben eingriff, nur
zum Spiel, — nicht dein Genosse war er, nur das untergeordnete Wesen,
welches dir in den Weg gestellt wurde, damit das lichte Ziel, das sich dir
vielleicht auftun konnte, deinem Blick verhüllt bleibe. Ach, Bruder
Medardus, noch geht der Teufel rastlos auf Erden umher und bietet den
Menschen seine Elixiere dar! — Wer hat dieses oder jenes seiner höllischen
Getränke nicht einmal schmackhaft gefunden; aber das ist der Wille des
Himmels, daß der Mensch der bösen Wirkung des augenblicklichen
Leichtsinns sich bewußt werde, und aus diesem klaren Bewußtsein die
Kraft schöpfe, ihr zu widerstehen. Darin offenbart sich die Macht des
Herrn, daß, so wie das Leben der Natur durch das Gift, das sittlich gute
Prinzip in ihr erst durch das Böse bedingt wird. — Ich darf zu dir so
sprechen, Medardus, da ich weiß, daß du mich nicht mißverstehest. Gehe
jetzt zu den Brüdern.“ —
Ankunft des Mönchs bei dem Förster, wie dieser sie angibt, will gar nicht
mit Reinholds Angabe des Tages, wann Viktorin aus dem Schlosse entfloh,
zusammenstimmen. Nach der Behauptung des Försters mußte sich der
wahnsinnige Viktorin gleich haben im Walde blicken lassen, nachdem er
auf dem Schlosse des Barons angekommen.“ — „Haltet ein,“ unterbrach
ich den Prior, „haltet ein, mein ehrwürdiger Vater, jede Hoffnung, der Last
meiner Sünden unerachtet, nach der Langmut des Herrn noch Gnade und
ewige Seligkeit zu erringen, soll aus meiner Seele schwinden; in trostloser
Verzweiflung, mich selbst und mein Leben verfluchend, will ich sterben,
wenn ich nicht in tiefster Reue und Zerknirschung Euch alles, was sich mit
mir begab, seitdem ich das Kloster verließ, getreulich offenbaren will, wie
ich es in heiliger Beichte tat.“ Der Prior geriet in das höchste Erstaunen, als
ich ihm nun mein ganzes Leben mit aller nur möglichen Umständlichkeit
enthüllte. — „Ich muß dir glauben,“ sprach der Prior, als ich geendet, „ich
muß dir glauben, Bruder Medardus, denn alle Zeichen wahrer Reue
entdeckte ich, als du redetest. — Wer vermag das Geheimnis zu enthüllen,
das die geistige Verwandtschaft zweier Brüder, Söhne eines
verbrecherischen Vaters, und selbst in Verbrechen befangen, bildete. — Es
ist gewiß, daß Viktorin auf wunderbare Weise errettet wurde aus dem
Abgrunde, in den du ihn stürztest, daß e r der wahnsinnige Mönch war, den
der Förster aufnahm, der dich als dein Doppelgänger verfolgte und hier im
Kloster starb. Er diente der dunkeln Macht, die in dein Leben eingriff, nur
zum Spiel, — nicht dein Genosse war er, nur das untergeordnete Wesen,
welches dir in den Weg gestellt wurde, damit das lichte Ziel, das sich dir
vielleicht auftun konnte, deinem Blick verhüllt bleibe. Ach, Bruder
Medardus, noch geht der Teufel rastlos auf Erden umher und bietet den
Menschen seine Elixiere dar! — Wer hat dieses oder jenes seiner höllischen
Getränke nicht einmal schmackhaft gefunden; aber das ist der Wille des
Himmels, daß der Mensch der bösen Wirkung des augenblicklichen
Leichtsinns sich bewußt werde, und aus diesem klaren Bewußtsein die
Kraft schöpfe, ihr zu widerstehen. Darin offenbart sich die Macht des
Herrn, daß, so wie das Leben der Natur durch das Gift, das sittlich gute
Prinzip in ihr erst durch das Böse bedingt wird. — Ich darf zu dir so
sprechen, Medardus, da ich weiß, daß du mich nicht mißverstehest. Gehe
jetzt zu den Brüdern.“ —
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In dem Augenblick erfaßte mich, wie ein jäher alle Nerven und Pulse
durchzuckender Schmerz, die Sehnsucht der höchsten Liebe; „Aurelie —
ach Aurelie!“ rief ich laut. Der Prior stand auf und sprach in sehr ernstem
Ton: „Du hast wahrscheinlich die Zubereitungen zu einem großen Feste in
dem Kloster bemerkt? — Aurelie wird morgen eingekleidet und erhält den
Klosternamen Rosalia.“ — Erstarrt — lautlos blieb ich vor dem Prior
stehen. „Gehe zu den Brüdern!“ rief er beinahe zornig, und ohne deutliches
Bewußtsein stieg ich hinab in das Refektorium, wo die Brüder versammelt
waren. Man bestürmte mich aufs neue mit Fragen, aber nicht fähig war ich,
auch nur ein einziges Wort über mein Leben zu sagen; alle Bilder der
Vergangenheit verdunkelten sich in mir, und nur Aureliens Lichtgestalt trat
mir glänzend entgegen. Unter dem Vorwande einer Andachtsübung verließ
ich die Brüder und begab mich nach der Kapelle, die an dem äußersten
Ende des weitläufigen Klostergartens lag. Hier wollte ich beten, aber das
kleinste Geräusch, das linde Säuseln des Laubganges riß mich empor aus
frommer Betrachtung. Sie ist es ... Sie kommt ... ich werde sie wiedersehen
— so rief es in mir, und mein Herz bebte vor Angst und Entzücken. Es war
mir, als höre ich ein leises Gespräch. Ich raffte mich auf, ich trat aus der
Kapelle, und siehe, langsamen Schrittes, nicht fern von mir, wandelten zwei
Nonnen, in ihrer Mitte eine Novize. — Ach, es war gewiß Aurelie — mich
überfiel ein krampfhaftes Zittern — mein Atem stockte — ich wollte
vorschreiten, aber keines Schrittes mächtig sank ich zu Boden. Die Nonnen,
mit ihnen die Novize, verschwanden im Gebüsch. Welch ein Tag! — welch
eine Nacht! Immer nur Aurelie und Aurelie — Kein anderes Bild — Kein
anderer Gedanke fand Raum in meinem Innern. —
Sowie die ersten Strahlen des Morgens aufgingen, verkündigten die
Glocken des Klosters das Fest der Einkleidung Aureliens, und bald darauf
versammelten sich die Brüder in einem großen Saal; die Äbtissin trat, von
zwei Schwestern begleitet, herein. — Unbeschreiblich ist das Gefühl, das
mich durchdrang, als ich d i e wiedersah, die meinen Vater so innig liebte,
und unerachtet er durch Freveltaten ein Bündnis, das ihm das höchste
Erdenglück erwerben mußte, gewaltsam zerriß, doch die Neigung, die ihr
Glück zerstört hatte, auf den Sohn übertrug. Zur Tugend, zur Frömmigkeit
wollte sie diesen Sohn aufziehen, aber dem Vater gleich, häufte er Frevel
auf Frevel und vernichtete so jede Hoffnung der frommen Pflegemutter, die
in der Tugend des Sohnes Trost für des sündigen Vaters Verderben finden
wollte. — Niedergesenkten Hauptes, den Blick zur Erde gerichtet, hörte ich
durchzuckender Schmerz, die Sehnsucht der höchsten Liebe; „Aurelie —
ach Aurelie!“ rief ich laut. Der Prior stand auf und sprach in sehr ernstem
Ton: „Du hast wahrscheinlich die Zubereitungen zu einem großen Feste in
dem Kloster bemerkt? — Aurelie wird morgen eingekleidet und erhält den
Klosternamen Rosalia.“ — Erstarrt — lautlos blieb ich vor dem Prior
stehen. „Gehe zu den Brüdern!“ rief er beinahe zornig, und ohne deutliches
Bewußtsein stieg ich hinab in das Refektorium, wo die Brüder versammelt
waren. Man bestürmte mich aufs neue mit Fragen, aber nicht fähig war ich,
auch nur ein einziges Wort über mein Leben zu sagen; alle Bilder der
Vergangenheit verdunkelten sich in mir, und nur Aureliens Lichtgestalt trat
mir glänzend entgegen. Unter dem Vorwande einer Andachtsübung verließ
ich die Brüder und begab mich nach der Kapelle, die an dem äußersten
Ende des weitläufigen Klostergartens lag. Hier wollte ich beten, aber das
kleinste Geräusch, das linde Säuseln des Laubganges riß mich empor aus
frommer Betrachtung. Sie ist es ... Sie kommt ... ich werde sie wiedersehen
— so rief es in mir, und mein Herz bebte vor Angst und Entzücken. Es war
mir, als höre ich ein leises Gespräch. Ich raffte mich auf, ich trat aus der
Kapelle, und siehe, langsamen Schrittes, nicht fern von mir, wandelten zwei
Nonnen, in ihrer Mitte eine Novize. — Ach, es war gewiß Aurelie — mich
überfiel ein krampfhaftes Zittern — mein Atem stockte — ich wollte
vorschreiten, aber keines Schrittes mächtig sank ich zu Boden. Die Nonnen,
mit ihnen die Novize, verschwanden im Gebüsch. Welch ein Tag! — welch
eine Nacht! Immer nur Aurelie und Aurelie — Kein anderes Bild — Kein
anderer Gedanke fand Raum in meinem Innern. —
Sowie die ersten Strahlen des Morgens aufgingen, verkündigten die
Glocken des Klosters das Fest der Einkleidung Aureliens, und bald darauf
versammelten sich die Brüder in einem großen Saal; die Äbtissin trat, von
zwei Schwestern begleitet, herein. — Unbeschreiblich ist das Gefühl, das
mich durchdrang, als ich d i e wiedersah, die meinen Vater so innig liebte,
und unerachtet er durch Freveltaten ein Bündnis, das ihm das höchste
Erdenglück erwerben mußte, gewaltsam zerriß, doch die Neigung, die ihr
Glück zerstört hatte, auf den Sohn übertrug. Zur Tugend, zur Frömmigkeit
wollte sie diesen Sohn aufziehen, aber dem Vater gleich, häufte er Frevel
auf Frevel und vernichtete so jede Hoffnung der frommen Pflegemutter, die
in der Tugend des Sohnes Trost für des sündigen Vaters Verderben finden
wollte. — Niedergesenkten Hauptes, den Blick zur Erde gerichtet, hörte ich
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die kurze Rede an, worin die Äbtissin nochmals der versammelten
Geistlichkeit Aureliens Eintritt in das Kloster anzeigte, und sie aufforderte,
eifrig zu beten in dem entscheidenden Augenblick des Gelübdes, damit der
Erbfeind nicht Macht haben möge, sinneverwirrendes Spiel zu treiben, zur
Qual der frommen Jungfrau. „Schwer,“ sprach die Äbtissin, „schwer waren
die Prüfungen, die die Jungfrau zu überstehen hatte. Der Feind wollte sie
verlocken zum Bösen, und alles, was die List der Hölle vermag, wandte er
an, sie zu betören, daß sie, ohne Böses zu ahnen, sündige und dann, aus
dem Traum erwachend, untergehe in Schmach und Verzweiflung. Doch die
ewige Macht beschützte das Himmelskind, und mag denn der Feind auch
noch heute es versuchen, ihr verderblich zu nahen, ihr Sieg über ihn wird
desto glorreicher sein. Betet — betet, meine Brüder, nicht darum, daß die
Christusbraut nicht wanke, denn fest und standhaft ist ihr dem Himmlischen
ganz zugewandter Sinn, sondern daß kein irdisches Unheil die fromme
Handlung unterbreche. — Eine Bangigkeit hat sich meines Gemüts
bemächtigt, der ich nicht zu widerstehen vermag!“ —
Es war klar, daß die Äbtissin mich — mich allein den Teufel der
Versuchung nannte, daß sie meine Ankunft mit der Einkleidung Aureliens in
Bezug, daß sie vielleicht in mir die Absicht irgend einer Greueltat
voraussetzte. Das Gefühl der Wahrheit meiner Reue, meiner Buße, der
Überzeugung, daß mein Sinn geändert worden, richtete mich empor. Die
Äbtissin würdigte mich nicht eines Blickes; tief im Innersten gekränkt,
regte sich in mir jener bittere, verhöhnende Haß, wie ich ihn sonst in der
Residenz bei dem Anblick der Fürstin gefühlt, und statt daß ich, ehe die
Äbtissin jene Worte sprach, mich hätte vor ihr niederwerfen mögen in den
Staub, wollte ich keck und kühn vor sie hintreten und sprechen: „Warst du
denn immer solch ein überirdisches Weib, daß die Lust der Erde dir nicht
aufging? ... Als du meinen Vater sahst, verwahrtest du denn immer dich so,
daß der Gedanke der Sünde nicht Raum fand? ... Ei, sage doch, ob selbst
dann, als schon die Inful und der Stab dich schmückten, in unbewachten
Augenblicken meines Vaters Bild nicht Sehnsucht nach irdischer Lust in dir
aufregte? ... Was empfandest du denn, Stolze! als du den Sohn des
Geliebten an dein Herz drücktest, und den Namen des Verlornen, war er
gleich ein freveliger Sünder, so schmerzlich riefst? — Hast du jemals
gekämpft mit der dunklen Macht wie ich? — Kannst du dich eines wahren
Sieges erfreuen, wenn kein harter Kampf vorherging? — Fühlst du dich
selbst so stark, daß du d e n verachtest, der dem mächtigsten Feinde erlag
Geistlichkeit Aureliens Eintritt in das Kloster anzeigte, und sie aufforderte,
eifrig zu beten in dem entscheidenden Augenblick des Gelübdes, damit der
Erbfeind nicht Macht haben möge, sinneverwirrendes Spiel zu treiben, zur
Qual der frommen Jungfrau. „Schwer,“ sprach die Äbtissin, „schwer waren
die Prüfungen, die die Jungfrau zu überstehen hatte. Der Feind wollte sie
verlocken zum Bösen, und alles, was die List der Hölle vermag, wandte er
an, sie zu betören, daß sie, ohne Böses zu ahnen, sündige und dann, aus
dem Traum erwachend, untergehe in Schmach und Verzweiflung. Doch die
ewige Macht beschützte das Himmelskind, und mag denn der Feind auch
noch heute es versuchen, ihr verderblich zu nahen, ihr Sieg über ihn wird
desto glorreicher sein. Betet — betet, meine Brüder, nicht darum, daß die
Christusbraut nicht wanke, denn fest und standhaft ist ihr dem Himmlischen
ganz zugewandter Sinn, sondern daß kein irdisches Unheil die fromme
Handlung unterbreche. — Eine Bangigkeit hat sich meines Gemüts
bemächtigt, der ich nicht zu widerstehen vermag!“ —
Es war klar, daß die Äbtissin mich — mich allein den Teufel der
Versuchung nannte, daß sie meine Ankunft mit der Einkleidung Aureliens in
Bezug, daß sie vielleicht in mir die Absicht irgend einer Greueltat
voraussetzte. Das Gefühl der Wahrheit meiner Reue, meiner Buße, der
Überzeugung, daß mein Sinn geändert worden, richtete mich empor. Die
Äbtissin würdigte mich nicht eines Blickes; tief im Innersten gekränkt,
regte sich in mir jener bittere, verhöhnende Haß, wie ich ihn sonst in der
Residenz bei dem Anblick der Fürstin gefühlt, und statt daß ich, ehe die
Äbtissin jene Worte sprach, mich hätte vor ihr niederwerfen mögen in den
Staub, wollte ich keck und kühn vor sie hintreten und sprechen: „Warst du
denn immer solch ein überirdisches Weib, daß die Lust der Erde dir nicht
aufging? ... Als du meinen Vater sahst, verwahrtest du denn immer dich so,
daß der Gedanke der Sünde nicht Raum fand? ... Ei, sage doch, ob selbst
dann, als schon die Inful und der Stab dich schmückten, in unbewachten
Augenblicken meines Vaters Bild nicht Sehnsucht nach irdischer Lust in dir
aufregte? ... Was empfandest du denn, Stolze! als du den Sohn des
Geliebten an dein Herz drücktest, und den Namen des Verlornen, war er
gleich ein freveliger Sünder, so schmerzlich riefst? — Hast du jemals
gekämpft mit der dunklen Macht wie ich? — Kannst du dich eines wahren
Sieges erfreuen, wenn kein harter Kampf vorherging? — Fühlst du dich
selbst so stark, daß du d e n verachtest, der dem mächtigsten Feinde erlag
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und sie dennoch erhob in dieser Reue und Buße?“ — Die plötzliche
Änderung meiner Gedanken, die Umwandlung des Büßenden in den, der
stolz auf den bestandenen Kampf fest einschreitet in das wiedergewonnene
Leben, muß selbst im Äußern sichtlich gewesen sein. Denn der neben mir
stehende Bruder frug: „Was ist dir, Medardus, warum wirfst du solche
sonderbare zürnende Blicke auf die hochheilige Frau?“ — „Ja,“ erwiderte
ich halblaut, „wohl mag es eine hochheilige Frau sein, denn sie stand immer
so hoch, daß das Profane sie nicht erreichen konnte, doch kommt sie mir
jetzt nicht sowohl wie eine christliche, sondern wie eine heidnische
Priesterin vor, die sich bereitet, mit gezücktem Messer das Menschenopfer
zu vollbringen.“ Ich weiß selbst nicht, wie ich dazu kam, die letzten Worte,
die außer meiner Ideenreihe lagen, zu sprechen, aber mit ihnen drängten
sich im bunten Gewirr Bilder durcheinander, die nur im Entsetzlichsten sich
zu einen schienen. — Aurelie sollte auf immer die Welt verlassen, sie sollte,
wie ich, durch ein Gelübde, das mir jetzt nur die Ausgeburt des religiösen
Wahnsinns schien, dem Irdischen entsagen? — So wie ehemals, als ich,
dem Satan verkauft, in Sünde und Frevel den höchsten strahlendsten
Lichtpunkt des Lebens zu schauen wähnte, dachte ich jetzt daran, daß
beide, ich und Aurelie, sei es auch nur durch den einzigen Moment des
höchsten irdischen Genusses, vereint und dann als der unterirdischen Macht
Geweihte sterben müßten. — Ja, wie ein gräßlicher Unhold, wie der Satan
selbst, ging der Gedanke des Mordes mir durch die Seele! — Ach, ich
Verblendeter gewahrte nicht, daß in dem Moment, als ich der Äbtissin
Worte auf mich deutete, ich preisgegeben war der vielleicht härtesten
Prüfung, daß der Satan Macht bekommen über mich und mich verlocken
wollte zu dem Entsetzlichsten, das ich noch begangen! Der Bruder, zu dem
ich gesprochen, sah mich erschrocken an. „Um Jesus und der heiligen
Jungfrau willen, was sagt Ihr da!“ so sprach er; ich schaute nach der
Äbtissin, die im Begriff stand, den Saal zu verlassen, ihr Blick fiel auf
mich, totenbleich starrte sie mich an, sie wankte, die Nonnen mußten sie
unterstützen. Es war mir, als lisple sie die Worte: „O all ihr Heiligen, meine
Ahnung.“ Bald darauf wurde der Prior Leonardus zu ihr gerufen. Schon
läuteten aufs neue alle Glocken des Klosters, und dazwischen tönten die
donnernden Töne der Orgel, die Weihgesänge der im Chor versammelten
Schwestern, durch die Lüfte, als der Prior wieder in den Saal trat. Nun
begaben sich die Brüder der verschiedenen Orden in feierlichem Zuge nach
der Kirche, die von Menschen beinahe so überfüllt war, als sonst am Tage
Änderung meiner Gedanken, die Umwandlung des Büßenden in den, der
stolz auf den bestandenen Kampf fest einschreitet in das wiedergewonnene
Leben, muß selbst im Äußern sichtlich gewesen sein. Denn der neben mir
stehende Bruder frug: „Was ist dir, Medardus, warum wirfst du solche
sonderbare zürnende Blicke auf die hochheilige Frau?“ — „Ja,“ erwiderte
ich halblaut, „wohl mag es eine hochheilige Frau sein, denn sie stand immer
so hoch, daß das Profane sie nicht erreichen konnte, doch kommt sie mir
jetzt nicht sowohl wie eine christliche, sondern wie eine heidnische
Priesterin vor, die sich bereitet, mit gezücktem Messer das Menschenopfer
zu vollbringen.“ Ich weiß selbst nicht, wie ich dazu kam, die letzten Worte,
die außer meiner Ideenreihe lagen, zu sprechen, aber mit ihnen drängten
sich im bunten Gewirr Bilder durcheinander, die nur im Entsetzlichsten sich
zu einen schienen. — Aurelie sollte auf immer die Welt verlassen, sie sollte,
wie ich, durch ein Gelübde, das mir jetzt nur die Ausgeburt des religiösen
Wahnsinns schien, dem Irdischen entsagen? — So wie ehemals, als ich,
dem Satan verkauft, in Sünde und Frevel den höchsten strahlendsten
Lichtpunkt des Lebens zu schauen wähnte, dachte ich jetzt daran, daß
beide, ich und Aurelie, sei es auch nur durch den einzigen Moment des
höchsten irdischen Genusses, vereint und dann als der unterirdischen Macht
Geweihte sterben müßten. — Ja, wie ein gräßlicher Unhold, wie der Satan
selbst, ging der Gedanke des Mordes mir durch die Seele! — Ach, ich
Verblendeter gewahrte nicht, daß in dem Moment, als ich der Äbtissin
Worte auf mich deutete, ich preisgegeben war der vielleicht härtesten
Prüfung, daß der Satan Macht bekommen über mich und mich verlocken
wollte zu dem Entsetzlichsten, das ich noch begangen! Der Bruder, zu dem
ich gesprochen, sah mich erschrocken an. „Um Jesus und der heiligen
Jungfrau willen, was sagt Ihr da!“ so sprach er; ich schaute nach der
Äbtissin, die im Begriff stand, den Saal zu verlassen, ihr Blick fiel auf
mich, totenbleich starrte sie mich an, sie wankte, die Nonnen mußten sie
unterstützen. Es war mir, als lisple sie die Worte: „O all ihr Heiligen, meine
Ahnung.“ Bald darauf wurde der Prior Leonardus zu ihr gerufen. Schon
läuteten aufs neue alle Glocken des Klosters, und dazwischen tönten die
donnernden Töne der Orgel, die Weihgesänge der im Chor versammelten
Schwestern, durch die Lüfte, als der Prior wieder in den Saal trat. Nun
begaben sich die Brüder der verschiedenen Orden in feierlichem Zuge nach
der Kirche, die von Menschen beinahe so überfüllt war, als sonst am Tage
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des heiligen Bernardus. An einer Seite des mit duftenden Rosen
geschmückten Hochaltars waren erhöhte Sitze für die Geistlichkeit
angebracht, der Tribüne gegenüber, auf welcher die Kapelle des Bischofs
die Musik des Amts, welches er selbst hielt, ausführte. Leonardus rief mich
an seine Seite, und ich bemerkte, daß er ängstlich auf mich wachte; die
kleinste Bewegung erregte seine Aufmerksamkeit; er hielt mich an,
fortwährend aus meinem Brevier zu beten. Die Klaren Nonnen
versammelten sich in dem mit einem niedrigen Gitter eingeschlossenen
Platz dicht vor dem Hochaltar, der entscheidende Augenblick kam; aus dem
Innern des Klosters, durch die Gittertüre hinter dem Altar, führten die
Cisterziensernonnen Aurelien herbei. — Ein Geflüster rauschte durch die
Menge, als sie sichtbar geworden, die Orgel schwieg und der einfache
Hymnus der Nonnen erklang in wunderbaren, tief ins Innerste dringenden
Akkorden. Noch hatte ich keinen Blick aufgeschlagen; von einer
furchtbaren Angst ergriffen, zuckte ich krampfhaft zusammen, so daß mein
Brevier zur Erde fiel. Ich bückte mich darnach, es aufzuheben, aber ein
plötzlicher Schwindel hätte mich von dem hohen Sitz herabgestürzt, wenn
Leonardus mich nicht faßte und festhielt. „Was ist dir, Medardus,“ sprach
der Prior leise, „du befindest dich in seltsamer Bewegung, widerstehe dem
bösen Feinde, der dich treibt.“ Ich faßte mich mit aller Kraft zusammen, ich
schaute auf, und erblickte Aurelien, vor dem Hochaltar knieend. O Herr des
Himmels, in hoher Schönheit und Anmut strahlte sie mehr als je! Sie war
bräutlich — ach! ebenso wie an jenem verhängnisvollen Tage, da sie mein
werden sollte, gekleidet. Blühende Myrten und Rosen im künstlich
geflochtenen Haar. Die Andacht, das Feierliche des Moments, hatte ihre
Wangen höher gefärbt, und in dem zum Himmel gerichteten Blick lag der
volle Ausdruck himmlischer Lust. Was waren jene Augenblicke, als ich
Aurelien zum erstenmal, als ich sie am Hofe des Fürsten sah, gegen dieses
Wiedersehen. Rasender als jemals flammte in mir die Glut der Liebe — der
wilden Begier auf — O Gott — o, all ihr Heiligen! laßt mich nicht
wahnsinnig werden, nur nicht wahnsinnig — rettet mich, rettet mich von
dieser Pein der Hölle. — Nur nicht wahnsinnig laßt mich werden — denn
das Entsetzliche muß ich sonst tun, und meine Seele preisgeben der ewigen
Verdammnis! — So betete ich im Innern, denn ich fühlte, wie immer mehr
und mehr der böse Geist über mich Herr werden wollte. — Es war mir als
habe Aurelie teil an dem Frevel, den ich nur beging, als sei das Gelübde,
das sie zu leisten gedachte, in ihren Gedanken nur der feierliche Schwur,
geschmückten Hochaltars waren erhöhte Sitze für die Geistlichkeit
angebracht, der Tribüne gegenüber, auf welcher die Kapelle des Bischofs
die Musik des Amts, welches er selbst hielt, ausführte. Leonardus rief mich
an seine Seite, und ich bemerkte, daß er ängstlich auf mich wachte; die
kleinste Bewegung erregte seine Aufmerksamkeit; er hielt mich an,
fortwährend aus meinem Brevier zu beten. Die Klaren Nonnen
versammelten sich in dem mit einem niedrigen Gitter eingeschlossenen
Platz dicht vor dem Hochaltar, der entscheidende Augenblick kam; aus dem
Innern des Klosters, durch die Gittertüre hinter dem Altar, führten die
Cisterziensernonnen Aurelien herbei. — Ein Geflüster rauschte durch die
Menge, als sie sichtbar geworden, die Orgel schwieg und der einfache
Hymnus der Nonnen erklang in wunderbaren, tief ins Innerste dringenden
Akkorden. Noch hatte ich keinen Blick aufgeschlagen; von einer
furchtbaren Angst ergriffen, zuckte ich krampfhaft zusammen, so daß mein
Brevier zur Erde fiel. Ich bückte mich darnach, es aufzuheben, aber ein
plötzlicher Schwindel hätte mich von dem hohen Sitz herabgestürzt, wenn
Leonardus mich nicht faßte und festhielt. „Was ist dir, Medardus,“ sprach
der Prior leise, „du befindest dich in seltsamer Bewegung, widerstehe dem
bösen Feinde, der dich treibt.“ Ich faßte mich mit aller Kraft zusammen, ich
schaute auf, und erblickte Aurelien, vor dem Hochaltar knieend. O Herr des
Himmels, in hoher Schönheit und Anmut strahlte sie mehr als je! Sie war
bräutlich — ach! ebenso wie an jenem verhängnisvollen Tage, da sie mein
werden sollte, gekleidet. Blühende Myrten und Rosen im künstlich
geflochtenen Haar. Die Andacht, das Feierliche des Moments, hatte ihre
Wangen höher gefärbt, und in dem zum Himmel gerichteten Blick lag der
volle Ausdruck himmlischer Lust. Was waren jene Augenblicke, als ich
Aurelien zum erstenmal, als ich sie am Hofe des Fürsten sah, gegen dieses
Wiedersehen. Rasender als jemals flammte in mir die Glut der Liebe — der
wilden Begier auf — O Gott — o, all ihr Heiligen! laßt mich nicht
wahnsinnig werden, nur nicht wahnsinnig — rettet mich, rettet mich von
dieser Pein der Hölle. — Nur nicht wahnsinnig laßt mich werden — denn
das Entsetzliche muß ich sonst tun, und meine Seele preisgeben der ewigen
Verdammnis! — So betete ich im Innern, denn ich fühlte, wie immer mehr
und mehr der böse Geist über mich Herr werden wollte. — Es war mir als
habe Aurelie teil an dem Frevel, den ich nur beging, als sei das Gelübde,
das sie zu leisten gedachte, in ihren Gedanken nur der feierliche Schwur,
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vor dem Altar des Herrn m e i n zu sein. — Nicht die Christusbraut, des
Mönchs der sein Gelübde brach verbrecherisches Weib sah ich in ihr. — Sie
mit aller Inbrunst der wütenden Begier umarmen und dann ihr den Tod
geben — d e r Gedanke erfaßte mich unwiderstehlich. Der böse Geist trieb
mich wilder und wilder — schon wollte ich schreien: „Haltet ein,
verblendete Toren, nicht die von irdischem Triebe reine Jungfrau, die Braut
des Mönchs wollt ihr erheben zur Himmelsbraut!“ — mich hinabstürzen
unter die Nonnen, sie herausreißen — ich faßte in die Kutte, ich suchte nach
dem Messer, da war die Zeremonie so weit gediehen, daß Aurelie anfing
das Gelübde zu sprechen. — Als ich ihre Stimme hörte, war es, als bräche
milder Mondesglanz durch die schwarzen, von wildem Sturm gejagten
Wetterwolken. Licht wurde es in mir, und ich erkannte den bösen Geist,
dem ich mit aller Gewalt widerstand. — Jedes Wort Aureliens gab mir neue
Kraft, und im heißen Kampf wurde ich bald Sieger. Entflohen war jeder
schwarze Gedanke des Frevels, jede Regung der irdischen Begier. —
Aurelie war die fromme Himmelsbraut, deren Gebet mich retten konnte von
ewiger Schmach und Verderbnis. — Ihr Gelübde war mein Trost, meine
Hoffnung, und hell ging in mir die Heiterkeit des Himmels auf. Leonardus,
den ich nun erst wieder bemerkte, schien die Änderung in meinem Innern
wahrzunehmen, denn mit sanfter Stimme sprach er: „Du hast dem Feinde
widerstanden, mein Sohn! das war wohl die letzte schwere Prüfung, die dir
die ewige Macht auferlegt!“ —
Das Gelübde war gesprochen; während eines Wechselgesanges, den die
Klaren Schwestern anstimmten, wollte man Aurelien das Nonnengewand
anlegen. Schon hatte man die Myrten und Rosen aus dem Haar geflochten,
schon stand man im Begriff die herabwallenden Locken abzuschneiden, als
ein Getümmel in der Kirche entstand — ich sah, wie die Menschen
auseinander gedrängt und zu Boden geworfen wurden; — näher und näher
wirbelte der Tumult. — Mit rasender Gebärde, — mit wildem, entsetzlichen
Blick drängte sich ein halbnackter Mensch (die Lumpen eines
Kapuzinerrocks hingen ihm um den Leib), alles um sich her mit geballten
Fäusten niederstoßend, durch die Menge. — Ich erkannte meinen
gräßlichen Doppelgänger, aber in demselben Moment, als ich, Entsetzliches
ahnend, hinabspringen und mich ihm entgegenwerfen wollte, hatte der
wahnsinnige Unhold die Galerie, die den Platz des Hochaltars einschloß,
übersprungen. Die Nonnen stäubten schreiend auseinander; die Äbtissin
hatte Aurelien fest in ihre Arme eingeschlossen. — „Ha ha ha!“ — kreischte
Mönchs der sein Gelübde brach verbrecherisches Weib sah ich in ihr. — Sie
mit aller Inbrunst der wütenden Begier umarmen und dann ihr den Tod
geben — d e r Gedanke erfaßte mich unwiderstehlich. Der böse Geist trieb
mich wilder und wilder — schon wollte ich schreien: „Haltet ein,
verblendete Toren, nicht die von irdischem Triebe reine Jungfrau, die Braut
des Mönchs wollt ihr erheben zur Himmelsbraut!“ — mich hinabstürzen
unter die Nonnen, sie herausreißen — ich faßte in die Kutte, ich suchte nach
dem Messer, da war die Zeremonie so weit gediehen, daß Aurelie anfing
das Gelübde zu sprechen. — Als ich ihre Stimme hörte, war es, als bräche
milder Mondesglanz durch die schwarzen, von wildem Sturm gejagten
Wetterwolken. Licht wurde es in mir, und ich erkannte den bösen Geist,
dem ich mit aller Gewalt widerstand. — Jedes Wort Aureliens gab mir neue
Kraft, und im heißen Kampf wurde ich bald Sieger. Entflohen war jeder
schwarze Gedanke des Frevels, jede Regung der irdischen Begier. —
Aurelie war die fromme Himmelsbraut, deren Gebet mich retten konnte von
ewiger Schmach und Verderbnis. — Ihr Gelübde war mein Trost, meine
Hoffnung, und hell ging in mir die Heiterkeit des Himmels auf. Leonardus,
den ich nun erst wieder bemerkte, schien die Änderung in meinem Innern
wahrzunehmen, denn mit sanfter Stimme sprach er: „Du hast dem Feinde
widerstanden, mein Sohn! das war wohl die letzte schwere Prüfung, die dir
die ewige Macht auferlegt!“ —
Das Gelübde war gesprochen; während eines Wechselgesanges, den die
Klaren Schwestern anstimmten, wollte man Aurelien das Nonnengewand
anlegen. Schon hatte man die Myrten und Rosen aus dem Haar geflochten,
schon stand man im Begriff die herabwallenden Locken abzuschneiden, als
ein Getümmel in der Kirche entstand — ich sah, wie die Menschen
auseinander gedrängt und zu Boden geworfen wurden; — näher und näher
wirbelte der Tumult. — Mit rasender Gebärde, — mit wildem, entsetzlichen
Blick drängte sich ein halbnackter Mensch (die Lumpen eines
Kapuzinerrocks hingen ihm um den Leib), alles um sich her mit geballten
Fäusten niederstoßend, durch die Menge. — Ich erkannte meinen
gräßlichen Doppelgänger, aber in demselben Moment, als ich, Entsetzliches
ahnend, hinabspringen und mich ihm entgegenwerfen wollte, hatte der
wahnsinnige Unhold die Galerie, die den Platz des Hochaltars einschloß,
übersprungen. Die Nonnen stäubten schreiend auseinander; die Äbtissin
hatte Aurelien fest in ihre Arme eingeschlossen. — „Ha ha ha!“ — kreischte
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der Rasende mit gellender Stimme, „wollt ihr mir die Prinzessin rauben? —
Ha ha ha! — die Prinzessin ist mein Bräutchen, mein Bräutchen“ — und
damit riß er Aurelien empor und stieß ihr das Messer, das er
hochgeschwungen in der Hand hielt, bis an das Heft in die Brust, daß des
Blutes Springquell hoch emporspritzte. „Juchhe — Juch Juch — nun hab’
ich mein Bräutchen, nun hab’ ich die Prinzessin gewonnen!“ — So schrie
der Rasende auf und sprang hinter den Hochaltar, durch die Gittertüre fort
in die Klostergänge. Voll Entsetzen kreischten die Nonnen auf. — „Mord —
Mord am Altar des Herrn,“ schrie das Volk, nach dem Hochaltar stürmend.
„Besetzt die Ausgänge des Klosters, daß der Mörder nicht entkomme,“ rief
Leonardus mit lauter Stimme, und das Volk stürzte hinaus und wer von den
Mönchen rüstig war, ergriff die im Winkel stehenden Prozessionsstäbe und
setzte dem Unhold nach durch die Gänge des Klosters. Alles war die Tat
eines Augenblicks; bald kniete ich neben Aurelien, die Nonnen hatten mit
weißen Tüchern die Wunde, so gut es gehen wollte, verbunden, und standen
der ohnmächtigen Äbtissin bei. Eine starke Stimme sprach neben mir:
„Sancta Rosalia, ora pro nobis,“ und alle die noch in der Kirche geblieben,
riefen laut: „Ein Mirakel — ein Mirakel, ja sie ist eine Märtyrin — Sancta
Rosalia, ora pro nobis.“ — Ich schaute auf. — Der alte Maler stand neben
mir, aber ernst und mild, so wie er mir im Kerker erschien. — Kein
irdischer Schmerz über Aureliens Tod, kein Entsetzen über die Erscheinung
des Malers konnte mich fassen, denn in meiner Seele dämmerte es auf, wie
nun die rätselhaften Schlingen, die die dunkle Macht geknüpft, sich lösten.
Mirakel, Mirakel! schrie das Volk immerfort; seht ihr wohl den alten
Mann im violetten Mantel? — der ist aus dem Bilde des Hochaltars
herabgestiegen — ich habe es gesehen — ich auch, ich auch — riefen
mehrere Stimmen durcheinander und nun stürzte alles auf die Knie nieder
und das verworrene Getümmel verbrauste und ging über in ein von
heftigem Schluchzen und Weinen unterbrochenes Gemurmel des Gebets.
Die Äbtissin erwachte aus der Ohnmacht, und sprach mit dem
herzzerschneidenden Ton des tiefen, gewaltigen Schmerzes: „Aurelie! mein
Kind! meine fromme Tochter! — ewiger Gott — es ist dein Ratschluß!“ —
Man hatte eine mit Polstern und Decken belegte Bahre herbeigebracht. Als
man Aurelien hinaufhob, seufzte sie tief und schlug die Augen auf. Der
Maler stand hinter ihrem Haupte, auf das er seine Hand gelegt. Er war
anzusehen wie ein mächtiger Heiliger, und alle, selbst die Äbtissin,
schienen von wunderbarer, scheuer Ehrfurcht durchdrungen. — Ich kniete
Ha ha ha! — die Prinzessin ist mein Bräutchen, mein Bräutchen“ — und
damit riß er Aurelien empor und stieß ihr das Messer, das er
hochgeschwungen in der Hand hielt, bis an das Heft in die Brust, daß des
Blutes Springquell hoch emporspritzte. „Juchhe — Juch Juch — nun hab’
ich mein Bräutchen, nun hab’ ich die Prinzessin gewonnen!“ — So schrie
der Rasende auf und sprang hinter den Hochaltar, durch die Gittertüre fort
in die Klostergänge. Voll Entsetzen kreischten die Nonnen auf. — „Mord —
Mord am Altar des Herrn,“ schrie das Volk, nach dem Hochaltar stürmend.
„Besetzt die Ausgänge des Klosters, daß der Mörder nicht entkomme,“ rief
Leonardus mit lauter Stimme, und das Volk stürzte hinaus und wer von den
Mönchen rüstig war, ergriff die im Winkel stehenden Prozessionsstäbe und
setzte dem Unhold nach durch die Gänge des Klosters. Alles war die Tat
eines Augenblicks; bald kniete ich neben Aurelien, die Nonnen hatten mit
weißen Tüchern die Wunde, so gut es gehen wollte, verbunden, und standen
der ohnmächtigen Äbtissin bei. Eine starke Stimme sprach neben mir:
„Sancta Rosalia, ora pro nobis,“ und alle die noch in der Kirche geblieben,
riefen laut: „Ein Mirakel — ein Mirakel, ja sie ist eine Märtyrin — Sancta
Rosalia, ora pro nobis.“ — Ich schaute auf. — Der alte Maler stand neben
mir, aber ernst und mild, so wie er mir im Kerker erschien. — Kein
irdischer Schmerz über Aureliens Tod, kein Entsetzen über die Erscheinung
des Malers konnte mich fassen, denn in meiner Seele dämmerte es auf, wie
nun die rätselhaften Schlingen, die die dunkle Macht geknüpft, sich lösten.
Mirakel, Mirakel! schrie das Volk immerfort; seht ihr wohl den alten
Mann im violetten Mantel? — der ist aus dem Bilde des Hochaltars
herabgestiegen — ich habe es gesehen — ich auch, ich auch — riefen
mehrere Stimmen durcheinander und nun stürzte alles auf die Knie nieder
und das verworrene Getümmel verbrauste und ging über in ein von
heftigem Schluchzen und Weinen unterbrochenes Gemurmel des Gebets.
Die Äbtissin erwachte aus der Ohnmacht, und sprach mit dem
herzzerschneidenden Ton des tiefen, gewaltigen Schmerzes: „Aurelie! mein
Kind! meine fromme Tochter! — ewiger Gott — es ist dein Ratschluß!“ —
Man hatte eine mit Polstern und Decken belegte Bahre herbeigebracht. Als
man Aurelien hinaufhob, seufzte sie tief und schlug die Augen auf. Der
Maler stand hinter ihrem Haupte, auf das er seine Hand gelegt. Er war
anzusehen wie ein mächtiger Heiliger, und alle, selbst die Äbtissin,
schienen von wunderbarer, scheuer Ehrfurcht durchdrungen. — Ich kniete
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beinahe dicht an der Seite der Bahre. Aureliens Blick fiel auf mich, da
erfaßte mich tiefer Jammer über der Heiligen schmerzliches Märtyrertum.
Keines Wortes mächtig, war es nur ein dumpfer Schrei, den ich ausstieß. Da
sprach Aurelie sanft und leise: „Was klagst du über die, welche von der
ewigen Macht des Himmels gewürdigt wurde von der Erde zu scheiden in
dem Augenblick, als sie die Nichtigkeit alles Irdischen erkannt, als die
unendliche Sehnsucht nach dem Reich der ewigen Freude und Seligkeit ihre
Brust erfüllte?“ — Ich war aufgestanden, ich war dicht an die Bahre
getreten. „Aurelie,“ sprach ich, — „heilige Jungfrau! Nur einen einzigen
Augenblick senke deinen Blick herab aus den hohen Regionen, sonst muß
ich vergehen in — meine Seele, mein innerstes Gemüt zerrüttenden,
verderbenden Zweifeln. — Aurelie! verachtest du den Frevler der, wie der
böse Feind selbst, in dein Leben trat? — Ach! schwer hat er gebüßt — aber
er weiß es wohl, daß alle Buße seiner Sünden Maß nicht mindert —
Aurelie! bist du versöhnt im Tode?“ — Wie von Engelsfittichen berührt,
lächelte Aurelie und schloß die Augen. „O, — Heiland der Welt — heilige
Jungfrau — so bleibe ich zurück, ohne Trost der Verzweiflung hingegeben!
— O Rettung! — Rettung von höllischem Verderben!“ So betete ich
inbrünstig, da schlug Aurelie noch einmal die Augen auf und sprach:
„Medardus — nachgegeben hast du der bösen Macht! aber blieb ich denn
rein von der Sünde, als ich irdisches Glück zu erlangen hoffte in meiner
verbrecherischen Liebe? — Ein besonderer Ratschluß des Ewigen hatte uns
bestimmt, schwere Verbrechen unseres freveligen Stammes zu sühnen, und
so vereinigte uns das Band der Liebe, die nur über den Sternen thront und
nichts gemein hat mit irdischer Lust. Aber dem listigen Feinde gelang es,
die tiefe Bedeutung unserer Liebe uns zu verhüllen, ja uns auf entsetzliche
Weise zu verlocken, daß wir das Himmlische nur deuten konnten auf
irdische Weise. — Ach! war i c h es denn nicht, die dir ihre Liebe bekannte
im Beichtstuhl, aber statt den Gedanken der ewigen Liebe in dir zu
entzünden, die höllische Glut der Lust in dir entflammte, welche du, da sie
dich verzehren wollte, durch Verbrechen zu löschen gedachtest? Fasse Mut,
Medardus! der wahnsinnige Tor, den der böse Feind verlockt hat zu
glauben, er sei du, und müsse vollbringen, was du begonnen, war das
Werkzeug des Himmels, durch das sein Ratschluß vollendet wurde. —
Fasse Mut, Medardus — bald bald ...“ Aurelie, die das letzte schon mit
geschlossenen Augen und hörbarer Anstrengung gesprochen, wurde
ohnmächtig, doch der Tod konnte sie noch nicht erfassen. „Hat sie Euch
erfaßte mich tiefer Jammer über der Heiligen schmerzliches Märtyrertum.
Keines Wortes mächtig, war es nur ein dumpfer Schrei, den ich ausstieß. Da
sprach Aurelie sanft und leise: „Was klagst du über die, welche von der
ewigen Macht des Himmels gewürdigt wurde von der Erde zu scheiden in
dem Augenblick, als sie die Nichtigkeit alles Irdischen erkannt, als die
unendliche Sehnsucht nach dem Reich der ewigen Freude und Seligkeit ihre
Brust erfüllte?“ — Ich war aufgestanden, ich war dicht an die Bahre
getreten. „Aurelie,“ sprach ich, — „heilige Jungfrau! Nur einen einzigen
Augenblick senke deinen Blick herab aus den hohen Regionen, sonst muß
ich vergehen in — meine Seele, mein innerstes Gemüt zerrüttenden,
verderbenden Zweifeln. — Aurelie! verachtest du den Frevler der, wie der
böse Feind selbst, in dein Leben trat? — Ach! schwer hat er gebüßt — aber
er weiß es wohl, daß alle Buße seiner Sünden Maß nicht mindert —
Aurelie! bist du versöhnt im Tode?“ — Wie von Engelsfittichen berührt,
lächelte Aurelie und schloß die Augen. „O, — Heiland der Welt — heilige
Jungfrau — so bleibe ich zurück, ohne Trost der Verzweiflung hingegeben!
— O Rettung! — Rettung von höllischem Verderben!“ So betete ich
inbrünstig, da schlug Aurelie noch einmal die Augen auf und sprach:
„Medardus — nachgegeben hast du der bösen Macht! aber blieb ich denn
rein von der Sünde, als ich irdisches Glück zu erlangen hoffte in meiner
verbrecherischen Liebe? — Ein besonderer Ratschluß des Ewigen hatte uns
bestimmt, schwere Verbrechen unseres freveligen Stammes zu sühnen, und
so vereinigte uns das Band der Liebe, die nur über den Sternen thront und
nichts gemein hat mit irdischer Lust. Aber dem listigen Feinde gelang es,
die tiefe Bedeutung unserer Liebe uns zu verhüllen, ja uns auf entsetzliche
Weise zu verlocken, daß wir das Himmlische nur deuten konnten auf
irdische Weise. — Ach! war i c h es denn nicht, die dir ihre Liebe bekannte
im Beichtstuhl, aber statt den Gedanken der ewigen Liebe in dir zu
entzünden, die höllische Glut der Lust in dir entflammte, welche du, da sie
dich verzehren wollte, durch Verbrechen zu löschen gedachtest? Fasse Mut,
Medardus! der wahnsinnige Tor, den der böse Feind verlockt hat zu
glauben, er sei du, und müsse vollbringen, was du begonnen, war das
Werkzeug des Himmels, durch das sein Ratschluß vollendet wurde. —
Fasse Mut, Medardus — bald bald ...“ Aurelie, die das letzte schon mit
geschlossenen Augen und hörbarer Anstrengung gesprochen, wurde
ohnmächtig, doch der Tod konnte sie noch nicht erfassen. „Hat sie Euch
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gebeichtet, ehrwürdiger Herr? hat sie Euch gebeichtet?“ so frugen mich
neugierig die Nonnen. „Mit nichten,“ erwiderte ich: „nicht ich, s i e hat
meine Seele mit himmlischem Trost erfüllt.“ — „Wohl dir, Medardus, bald
ist deine Prüfungszeit beendet — und wohl mir dann!“ Es war der Maler,
der diese Worte sprach. Ich trat auf ihn zu: „So verlaßt mich nicht,
wunderbarer Mann.“ — Ich weiß selbst nicht, wie meine Sinne, indem ich
weiter sprechen wollte, auf seltsame Weise betäubt worden; ich geriet in
einen Zustand zwischen Wachen und Träumen, aus dem mich ein lautes
Rufen und Schreien erweckte. Ich sah den Maler nicht mehr. Bauern —
Bürgersleute — Soldaten waren in die Kirche gedrungen und verlangten
durchaus, daß ihnen erlaubt werden solle, das ganze Kloster zu
durchsuchen, um den Mörder Aureliens, der noch im Kloster sein müsse,
aufzufinden. Die Äbtissin, mit Recht Unordnungen befürchtend,
verweigerte dies, aber ihres Ansehens unerachtet vermochte sie nicht die
erhitzten Gemüter zu beschwichtigen. Man warf ihr vor, daß sie aus
kleinlicher Furcht den Mörder verhehle, weil er ein Mönch sei, und immer
heftiger tobend schien das Volk sich zum Stürmen des Klosters aufzuregen.
Da bestieg Leonardus die Kanzel und sagte dem Volk nach einigen
kräftigen Worten über die Entweihung heiliger Stätten, daß der Mörder
keineswegs ein Mönch, sondern ein Wahnsinniger sei, den er im Kloster zur
Pflege aufgenommen, den er, als er tot geschienen, im Ordenshabit nach der
Totenkammer bringen lassen, der aber aus dem todähnlichen Zustande
erwacht und entsprungen sei. Wäre er noch im Kloster, so würden es ihm
die getroffenen Maßregeln unmöglich machen, zu entspringen. Das Volk
beruhigte sich, und verlangte nur, daß Aurelie nicht durch die Gänge,
sondern über den Hof in feierlicher Prozession nach dem Kloster gebracht
werden solle. Dies geschah. Die verschüchterten Nonnen hoben die Bahre
auf, die man mit Rosen bekränzt hatte. Auch Aurelie war, wie vorher, mit
Myrten und Rosen geschmückt. Dicht hinter der Bahre, über welche vier
Nonnen den Baldachin trugen, schritt die Äbtissin von zwei Nonnen
unterstützt, die übrigen folgten mit den Klaren Schwestern, dann die Brüder
der verschiedenen Orden, ihnen schloß sich das Volk an, und so bewegte
sich der Zug durch die Kirche. Die Schwester, welche die Orgel spielte,
mußte sich auf den Chor begeben haben, denn, sowie der Zug in der Mitte
der Kirche war, ertönten dumpf und schauerlich tiefe Orgeltöne vom Chor
herab. Aber siehe, da richtete sich Aurelie langsam auf, und erhob die
Hände betend zum Himmel, und aufs neue stürzte alles Volk auf die Kniee
neugierig die Nonnen. „Mit nichten,“ erwiderte ich: „nicht ich, s i e hat
meine Seele mit himmlischem Trost erfüllt.“ — „Wohl dir, Medardus, bald
ist deine Prüfungszeit beendet — und wohl mir dann!“ Es war der Maler,
der diese Worte sprach. Ich trat auf ihn zu: „So verlaßt mich nicht,
wunderbarer Mann.“ — Ich weiß selbst nicht, wie meine Sinne, indem ich
weiter sprechen wollte, auf seltsame Weise betäubt worden; ich geriet in
einen Zustand zwischen Wachen und Träumen, aus dem mich ein lautes
Rufen und Schreien erweckte. Ich sah den Maler nicht mehr. Bauern —
Bürgersleute — Soldaten waren in die Kirche gedrungen und verlangten
durchaus, daß ihnen erlaubt werden solle, das ganze Kloster zu
durchsuchen, um den Mörder Aureliens, der noch im Kloster sein müsse,
aufzufinden. Die Äbtissin, mit Recht Unordnungen befürchtend,
verweigerte dies, aber ihres Ansehens unerachtet vermochte sie nicht die
erhitzten Gemüter zu beschwichtigen. Man warf ihr vor, daß sie aus
kleinlicher Furcht den Mörder verhehle, weil er ein Mönch sei, und immer
heftiger tobend schien das Volk sich zum Stürmen des Klosters aufzuregen.
Da bestieg Leonardus die Kanzel und sagte dem Volk nach einigen
kräftigen Worten über die Entweihung heiliger Stätten, daß der Mörder
keineswegs ein Mönch, sondern ein Wahnsinniger sei, den er im Kloster zur
Pflege aufgenommen, den er, als er tot geschienen, im Ordenshabit nach der
Totenkammer bringen lassen, der aber aus dem todähnlichen Zustande
erwacht und entsprungen sei. Wäre er noch im Kloster, so würden es ihm
die getroffenen Maßregeln unmöglich machen, zu entspringen. Das Volk
beruhigte sich, und verlangte nur, daß Aurelie nicht durch die Gänge,
sondern über den Hof in feierlicher Prozession nach dem Kloster gebracht
werden solle. Dies geschah. Die verschüchterten Nonnen hoben die Bahre
auf, die man mit Rosen bekränzt hatte. Auch Aurelie war, wie vorher, mit
Myrten und Rosen geschmückt. Dicht hinter der Bahre, über welche vier
Nonnen den Baldachin trugen, schritt die Äbtissin von zwei Nonnen
unterstützt, die übrigen folgten mit den Klaren Schwestern, dann die Brüder
der verschiedenen Orden, ihnen schloß sich das Volk an, und so bewegte
sich der Zug durch die Kirche. Die Schwester, welche die Orgel spielte,
mußte sich auf den Chor begeben haben, denn, sowie der Zug in der Mitte
der Kirche war, ertönten dumpf und schauerlich tiefe Orgeltöne vom Chor
herab. Aber siehe, da richtete sich Aurelie langsam auf, und erhob die
Hände betend zum Himmel, und aufs neue stürzte alles Volk auf die Kniee
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nieder und rief Sancta Rosalia, ora pro nobis. — So wurde d a s wahr, was
ich, als ich Aurelien zum erstenmal sah, in satanischer Verblendung nur
frevelig heuchelnd, verkündet.
Als die Nonnen in dem untern Saal des Klosters die Bahre
niedersetzten, als Schwestern und Brüder betend im Kreis umherstanden,
sank Aurelie mit einem tiefen Seufzer der Äbtissin, die neben ihr kniete, in
die Arme. — Sie war tot! — Das Volk wich nicht von der Klosterpforte,
und als nun die Glocken den irdischen Untergang der frommen Jungfrau
verkündeten, brach alles aus in Schluchzen und Jammergeschrei. — Viele
taten das Gelübde, bis zu Aureliens Exequien in dem Dorf zu bleiben, und
erst nach denselben in die Heimat zurückzufahren, während der Zeit aber
strenge zu fasten. Das Gerücht von der entsetzlichen Untat, und von dem
Martyrium der Braut des Himmels, verbreitete sich schnell, und so geschah
es, daß Aureliens Exequien, die nach vier Tagen begangen wurden, einem
hohen, die Verklärung einer Heiligen feiernden Jubelfest glichen. Denn
schon tags vorher war die Wiese vor dem Kloster, wie sonst am
Bernardustage, mit Menschen bedeckt, die, sich auf dem Boden lagernd,
den Morgen erwarteten. Nur statt des frohen Getümmels hörte man fromme
Seufzer und ein dumpfes Murmeln. — Von Mund zu Mund ging die
Erzählung von der entsetzlichen Tat am Hochaltar der Kirche, und brach
einmal eine laute Stimme hervor, so geschah es in Verwünschungen des
Mörders, der spurlos verschwunden blieb. —
Von tieferer Einwirkung auf das Heil meiner Seele waren wohl diese
vier Tage, die ich meistens einsam in der Kapelle des Gartens zubrachte, als
die lange, strenge Buße im Kapuzinerkloster bei Rom. Aureliens letzte
Worte hatten mir das Geheimnis meiner Sünden erschlossen und ich
erkannte, daß ich, ausgerüstet mit aller Kraft der Tugend und Frömmigkeit,
doch wie ein mutloser Feigling dem Satan, der den verbrecherischen Stamm
zu hegen trachtete, daß er fort und fort gedeihe, nicht zu widerstehen
vermochte. Gering war der Keim des Bösen in mir, als ich des
Konzertmeisters Schwester sah, als der frevelige Stolz in mir erwachte, aber
da spielte mir der Satan jenes Elixier in die Hände, das mein Blut wie ein
verdammtes Gift in Gärung setzte. Nicht achtete ich des unbekannten
Malers, des Priors, der Äbtissin ernste Mahnung. — Aureliens Erscheinung
am Beichtstuhl vollendete den Verbrecher. Wie eine physische Krankheit,
von jenem Gift erzeugt, brach die Sünde hervor. Wie konnte der dem Satan
ich, als ich Aurelien zum erstenmal sah, in satanischer Verblendung nur
frevelig heuchelnd, verkündet.
Als die Nonnen in dem untern Saal des Klosters die Bahre
niedersetzten, als Schwestern und Brüder betend im Kreis umherstanden,
sank Aurelie mit einem tiefen Seufzer der Äbtissin, die neben ihr kniete, in
die Arme. — Sie war tot! — Das Volk wich nicht von der Klosterpforte,
und als nun die Glocken den irdischen Untergang der frommen Jungfrau
verkündeten, brach alles aus in Schluchzen und Jammergeschrei. — Viele
taten das Gelübde, bis zu Aureliens Exequien in dem Dorf zu bleiben, und
erst nach denselben in die Heimat zurückzufahren, während der Zeit aber
strenge zu fasten. Das Gerücht von der entsetzlichen Untat, und von dem
Martyrium der Braut des Himmels, verbreitete sich schnell, und so geschah
es, daß Aureliens Exequien, die nach vier Tagen begangen wurden, einem
hohen, die Verklärung einer Heiligen feiernden Jubelfest glichen. Denn
schon tags vorher war die Wiese vor dem Kloster, wie sonst am
Bernardustage, mit Menschen bedeckt, die, sich auf dem Boden lagernd,
den Morgen erwarteten. Nur statt des frohen Getümmels hörte man fromme
Seufzer und ein dumpfes Murmeln. — Von Mund zu Mund ging die
Erzählung von der entsetzlichen Tat am Hochaltar der Kirche, und brach
einmal eine laute Stimme hervor, so geschah es in Verwünschungen des
Mörders, der spurlos verschwunden blieb. —
Von tieferer Einwirkung auf das Heil meiner Seele waren wohl diese
vier Tage, die ich meistens einsam in der Kapelle des Gartens zubrachte, als
die lange, strenge Buße im Kapuzinerkloster bei Rom. Aureliens letzte
Worte hatten mir das Geheimnis meiner Sünden erschlossen und ich
erkannte, daß ich, ausgerüstet mit aller Kraft der Tugend und Frömmigkeit,
doch wie ein mutloser Feigling dem Satan, der den verbrecherischen Stamm
zu hegen trachtete, daß er fort und fort gedeihe, nicht zu widerstehen
vermochte. Gering war der Keim des Bösen in mir, als ich des
Konzertmeisters Schwester sah, als der frevelige Stolz in mir erwachte, aber
da spielte mir der Satan jenes Elixier in die Hände, das mein Blut wie ein
verdammtes Gift in Gärung setzte. Nicht achtete ich des unbekannten
Malers, des Priors, der Äbtissin ernste Mahnung. — Aureliens Erscheinung
am Beichtstuhl vollendete den Verbrecher. Wie eine physische Krankheit,
von jenem Gift erzeugt, brach die Sünde hervor. Wie konnte der dem Satan
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Ergebene das Band erkennen, das die Macht des Himmels als Symbol der
ewigen Liebe um mich und Aurelien geschlungen? — Schadenfroh fesselte
mich der Satan an einen Verruchten, in dessen Sein mein Ich eindringen, so
wie er geistig auf mich einwirken mußte. Seinen scheinbaren Tod, vielleicht
das leere Blendwerk des Teufels, mußte ich m i r zuschreiben. Die Tat
machte mich vertraut mit dem Gedanken des Mordes, der dem teuflischen
Trug folgte. So war der in verruchter Sünde erzeugte Bruder das vom Teufel
beseelte Prinzip, das mich in die abscheulichsten Frevel stürzte und mich
mit den gräßlichsten Qualen umhertrieb. Bis dahin, als Aurelie nach dem
Ratschluß der ewigen Macht ihr Gelübde sprach, war mein Inneres nicht
rein von der Sünde; bis dahin hatte der Feind Macht über mich, aber die
wunderbare innere Ruhe, die wie von oben herabstrahlende Heiterkeit, die
über mich kam, als Aurelie die letzten Worte gesprochen, überzeugte mich,
daß Aureliens Tod die Verheißung der Sühne sei. — Als in dem feierlichen
Requiem der Chor die Worte sang: Confutatis maledictis flammis acribus
addictis, fühlte ich mich erbeben, aber bei dem Voca me cum benedictis war
es mir, als sehe ich in himmlischer Sonnenklarheit Aurelien, wie sie erst auf
mich niederblickte und dann ihr von einem strahlenden Sternenringe
umgebenes Haupt zum höchsten Wesen erhob, um für das ewige Heil
meiner Seele zu bitten! — Oro supplex et acclinis cor contritum quasi
cinis! — Nieder sank ich in den Staub, aber wie wenig glich mein inneres
Gefühl, mein demütiges Flehen, jener leidenschaftlichen Zerknirschung,
jenen grausamen, wilden Bußübungen im Kapuzinerkloster. Erst jetzt war
mein Geist fähig, das Wahre von dem Falschen zu unterscheiden, und bei
diesem klaren Bewußtsein mußte jede neue Prüfung des Feindes
wirkungslos bleiben. — Nicht Aureliens Tod, sondern nur die als gräßlich
und entsetzlich erscheinende Art desselben hatte mich in den ersten
Augenblicken so tief erschüttert; aber wie bald erkannte ich, daß die Gunst
der ewigen Macht sie das Höchste bestehen ließ! — Das Martyrium der
geprüften, entsündigten Christusbraut! — War sie denn für mich
untergegangen? Nein! jetzt erst, nachdem sie der Erde voller Qual entrückt,
wurde sie mir der reine Strahl der ewigen Liebe, der in meiner Brust
aufglühte. Ja! Aureliens Tod war das Weihfest jener Liebe, die, wie Aurelie
sprach, nur über den Sternen thront, und nichts gemein hat mit dem
Irdischen. — Diese Gedanken erhoben mich über mein irdisches Selbst,
und so waren wohl jene Tage im Cisterzienserkloster die wahrhaft seligsten
meines Lebens.
ewigen Liebe um mich und Aurelien geschlungen? — Schadenfroh fesselte
mich der Satan an einen Verruchten, in dessen Sein mein Ich eindringen, so
wie er geistig auf mich einwirken mußte. Seinen scheinbaren Tod, vielleicht
das leere Blendwerk des Teufels, mußte ich m i r zuschreiben. Die Tat
machte mich vertraut mit dem Gedanken des Mordes, der dem teuflischen
Trug folgte. So war der in verruchter Sünde erzeugte Bruder das vom Teufel
beseelte Prinzip, das mich in die abscheulichsten Frevel stürzte und mich
mit den gräßlichsten Qualen umhertrieb. Bis dahin, als Aurelie nach dem
Ratschluß der ewigen Macht ihr Gelübde sprach, war mein Inneres nicht
rein von der Sünde; bis dahin hatte der Feind Macht über mich, aber die
wunderbare innere Ruhe, die wie von oben herabstrahlende Heiterkeit, die
über mich kam, als Aurelie die letzten Worte gesprochen, überzeugte mich,
daß Aureliens Tod die Verheißung der Sühne sei. — Als in dem feierlichen
Requiem der Chor die Worte sang: Confutatis maledictis flammis acribus
addictis, fühlte ich mich erbeben, aber bei dem Voca me cum benedictis war
es mir, als sehe ich in himmlischer Sonnenklarheit Aurelien, wie sie erst auf
mich niederblickte und dann ihr von einem strahlenden Sternenringe
umgebenes Haupt zum höchsten Wesen erhob, um für das ewige Heil
meiner Seele zu bitten! — Oro supplex et acclinis cor contritum quasi
cinis! — Nieder sank ich in den Staub, aber wie wenig glich mein inneres
Gefühl, mein demütiges Flehen, jener leidenschaftlichen Zerknirschung,
jenen grausamen, wilden Bußübungen im Kapuzinerkloster. Erst jetzt war
mein Geist fähig, das Wahre von dem Falschen zu unterscheiden, und bei
diesem klaren Bewußtsein mußte jede neue Prüfung des Feindes
wirkungslos bleiben. — Nicht Aureliens Tod, sondern nur die als gräßlich
und entsetzlich erscheinende Art desselben hatte mich in den ersten
Augenblicken so tief erschüttert; aber wie bald erkannte ich, daß die Gunst
der ewigen Macht sie das Höchste bestehen ließ! — Das Martyrium der
geprüften, entsündigten Christusbraut! — War sie denn für mich
untergegangen? Nein! jetzt erst, nachdem sie der Erde voller Qual entrückt,
wurde sie mir der reine Strahl der ewigen Liebe, der in meiner Brust
aufglühte. Ja! Aureliens Tod war das Weihfest jener Liebe, die, wie Aurelie
sprach, nur über den Sternen thront, und nichts gemein hat mit dem
Irdischen. — Diese Gedanken erhoben mich über mein irdisches Selbst,
und so waren wohl jene Tage im Cisterzienserkloster die wahrhaft seligsten
meines Lebens.
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Nach der Exportation, welche am folgenden Morgen stattfand, wollte
Leonardus mit den Brüdern nach der Stadt zurückkehren; die Äbtissin ließ
mich, als schon der Zug beginnen sollte, zu sich rufen. Ich fand sie allein in
ihrem Zimmer, sie war in der höchsten Bewegung, die Tränen stürzten ihr
aus den Augen. „Alles — alles weiß ich jetzt, mein Sohn Medardus! Ja, ich
nenne dich so wieder, denn überstanden hast du die Prüfungen, die über
dich Unglücklichen, Bedauernswürdigen ergingen! Ach, Medardus, nur s i e ,
nur s i e , die am Throne Gottes unsere Fürsprecherin sein mag, ist rein von
der Sünde. Stand ich nicht am Rande des Abgrundes, als ich, von dem
Gedanken an irdische Lust erfüllt, dem Mörder mich verkaufen wollte? —
Und doch — Sohn Medardus! — verbrecherische Tränen hab’ ich geweint,
in einsamer Zelle, deines Vaters gedenkend! — Gehe, Sohn Medardus!
Jeder Zweifel, daß ich vielleicht, zur mir selbst anzurechnenden Schuld in
dir den freveligsten Sünder erzog, ist aus meiner Seele verschwunden.“ —
Leonardus, der gewiß der Äbtissin alles enthüllt hatte, was ihr aus
meinem Leben noch unbekannt geblieben, bewies mir durch sein Betragen,
daß auch er mir verziehen und dem Höchsten anheimgestellt hatte, wie ich
vor seinem Richterstuhl bestehen werde. Die alte Ordnung des Klosters war
geblieben, und ich trat in die Reihe der Brüder ein, wie sonst. Leonardus
sprach eines Tages zu mir: „ich möchte dir, Bruder Medardus, wohl noch
eine Bußübung aufgeben.“ Demütig frug ich, worin sie bestehen solle. „Du
magst,“ erwiderte der Prior, „die Geschichte deines Lebens genau
aufschreiben. Keiner der merkwürdigen Vorfälle, auch selbst der
unbedeutenderen, vorzüglich nichts, was dir im bunten Weltleben
widerfuhr, darfst du auslassen. Die Fantasie wird dich wirklich in die Welt
zurückführen, du wirst alles Grauenvolle, Possenhafte, Schauerliche und
Lustige noch einmal fühlen, ja es ist möglich, daß du im Moment Aurelien
anders, nicht als die Nonne Rosalia, die das Martyrium bestand, erblickst;
aber hat der Geist des Bösen dich ganz verlassen, hast du dich ganz vom
Irdischen abgewendet, so wirst du, wie ein höheres Prinzip über allem
schweben, und so wird jener Eindruck keine Spur hinterlassen.“ Ich tat, wie
der Prior geboten. Ach! — wohl geschah es so, wie er es ausgesprochen! —
Schmerz und Wonne, Grauen und Lust — Entsetzen und Entzücken
stürmten in meinem Innern, als ich mein Leben schrieb. — Du, der du einst
diese Blätter liesest, ich sprach zu dir von der Liebe höchster Sonnenzeit,
als Aureliens Bild mir im regen Leben aufging! — Es gibt Höheres als
irdische Lust, die meistens nur Verderben bereitet dem leichtsinnigen,
Leonardus mit den Brüdern nach der Stadt zurückkehren; die Äbtissin ließ
mich, als schon der Zug beginnen sollte, zu sich rufen. Ich fand sie allein in
ihrem Zimmer, sie war in der höchsten Bewegung, die Tränen stürzten ihr
aus den Augen. „Alles — alles weiß ich jetzt, mein Sohn Medardus! Ja, ich
nenne dich so wieder, denn überstanden hast du die Prüfungen, die über
dich Unglücklichen, Bedauernswürdigen ergingen! Ach, Medardus, nur s i e ,
nur s i e , die am Throne Gottes unsere Fürsprecherin sein mag, ist rein von
der Sünde. Stand ich nicht am Rande des Abgrundes, als ich, von dem
Gedanken an irdische Lust erfüllt, dem Mörder mich verkaufen wollte? —
Und doch — Sohn Medardus! — verbrecherische Tränen hab’ ich geweint,
in einsamer Zelle, deines Vaters gedenkend! — Gehe, Sohn Medardus!
Jeder Zweifel, daß ich vielleicht, zur mir selbst anzurechnenden Schuld in
dir den freveligsten Sünder erzog, ist aus meiner Seele verschwunden.“ —
Leonardus, der gewiß der Äbtissin alles enthüllt hatte, was ihr aus
meinem Leben noch unbekannt geblieben, bewies mir durch sein Betragen,
daß auch er mir verziehen und dem Höchsten anheimgestellt hatte, wie ich
vor seinem Richterstuhl bestehen werde. Die alte Ordnung des Klosters war
geblieben, und ich trat in die Reihe der Brüder ein, wie sonst. Leonardus
sprach eines Tages zu mir: „ich möchte dir, Bruder Medardus, wohl noch
eine Bußübung aufgeben.“ Demütig frug ich, worin sie bestehen solle. „Du
magst,“ erwiderte der Prior, „die Geschichte deines Lebens genau
aufschreiben. Keiner der merkwürdigen Vorfälle, auch selbst der
unbedeutenderen, vorzüglich nichts, was dir im bunten Weltleben
widerfuhr, darfst du auslassen. Die Fantasie wird dich wirklich in die Welt
zurückführen, du wirst alles Grauenvolle, Possenhafte, Schauerliche und
Lustige noch einmal fühlen, ja es ist möglich, daß du im Moment Aurelien
anders, nicht als die Nonne Rosalia, die das Martyrium bestand, erblickst;
aber hat der Geist des Bösen dich ganz verlassen, hast du dich ganz vom
Irdischen abgewendet, so wirst du, wie ein höheres Prinzip über allem
schweben, und so wird jener Eindruck keine Spur hinterlassen.“ Ich tat, wie
der Prior geboten. Ach! — wohl geschah es so, wie er es ausgesprochen! —
Schmerz und Wonne, Grauen und Lust — Entsetzen und Entzücken
stürmten in meinem Innern, als ich mein Leben schrieb. — Du, der du einst
diese Blätter liesest, ich sprach zu dir von der Liebe höchster Sonnenzeit,
als Aureliens Bild mir im regen Leben aufging! — Es gibt Höheres als
irdische Lust, die meistens nur Verderben bereitet dem leichtsinnigen,
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blödsinnigen Menschen, und d a s ist jene höchste Sonnenzeit, wenn fern
von dem Gedanken freveliger Begier die Geliebte, wie ein Himmelsstrahl,
alles Höhere, alles, was aus dem Reich der Liebe segensvoll herabkommt
auf den armen Menschen, in deiner Brust entzündet. — Dieser Gedanke hat
mich erquickt, wenn bei der Erinnerung an die herrlichsten Momente, die
mir die Welt gab, heiße Tränen den Augen entstürzten und alle längst
verharschte Wunden aufs neue bluteten.
Ich weiß, daß vielleicht noch im Tode der Widersacher Macht haben
wird, den sündigen Mönch zu quälen, aber standhaft, ja mit inbrünstiger
Sehnsucht erwarte ich den Augenblick, der mich der Erde entrückt, denn es
ist der Augenblick der Erfüllung alles dessen, was mir Aurelie, ach! die
heilige Rosalia selbst im Tode verheißen. Bitte — bitte für mich, o heilige
Jungfrau, in der dunklen Stunde, daß die Macht der Hölle, der ich so oft
erlegen, nicht mich bezwinge und hinabreiße in den Pfuhl ewiger
Verderbnis!
Nachtrag des Paters Spiridion, Bibliothekar des Kapuzinerklosters
zu B.
In der Nacht vom dritten auf den vierten September des Jahres 17** hat
sich viel Wunderbares in unserm Kloster ereignet. Es mochte wohl um
Mitternacht sein, als ich in der, neben der meinigen liegenden, Zelle des
Bruders Medardus ein seltsames Kichern und Lachen, und währenddessen
ein dumpfes, klägliches Ächzen vernahm. Mir war es, als höre ich deutlich
von einer sehr häßlichen, widerwärtigen Stimme die Worte sprechen:
„Komm mit mir, Brüderchen Medardus, wir wollen die Braut suchen.“ Ich
stand auf und wollte mich zum Bruder Medardus begeben, da überfiel mich
aber ein besonderes Grauen, so daß ich wie vom Frost eines Fiebers ganz
gewaltig durch alle Glieder geschüttelt wurde; ich ging demnach, statt in
des Medardus Zelle, zum Prior Leonardus, weckte ihn nicht ohne Mühe,
und erzählte ihm, was ich vernommen. Der Prior erschrak sehr, sprang auf
und sagte, ich solle geweihte Kerzen holen und wir wollten uns beide dann
zum Bruder Medardus begeben. Ich tat, wie mir geheißen, zündete die
Kerzen an der Lampe des Mutter-Gottesbildes auf dem Gange an, und wir
stiegen die Treppe hinauf. So sehr wir aber auch horchen mochten, die
abscheuliche Stimme, die ich vernommen, ließ sich nicht wieder hören.
Statt dessen hörten wir leise, liebliche Glockenklänge, und es war so, als
von dem Gedanken freveliger Begier die Geliebte, wie ein Himmelsstrahl,
alles Höhere, alles, was aus dem Reich der Liebe segensvoll herabkommt
auf den armen Menschen, in deiner Brust entzündet. — Dieser Gedanke hat
mich erquickt, wenn bei der Erinnerung an die herrlichsten Momente, die
mir die Welt gab, heiße Tränen den Augen entstürzten und alle längst
verharschte Wunden aufs neue bluteten.
Ich weiß, daß vielleicht noch im Tode der Widersacher Macht haben
wird, den sündigen Mönch zu quälen, aber standhaft, ja mit inbrünstiger
Sehnsucht erwarte ich den Augenblick, der mich der Erde entrückt, denn es
ist der Augenblick der Erfüllung alles dessen, was mir Aurelie, ach! die
heilige Rosalia selbst im Tode verheißen. Bitte — bitte für mich, o heilige
Jungfrau, in der dunklen Stunde, daß die Macht der Hölle, der ich so oft
erlegen, nicht mich bezwinge und hinabreiße in den Pfuhl ewiger
Verderbnis!
Nachtrag des Paters Spiridion, Bibliothekar des Kapuzinerklosters
zu B.
In der Nacht vom dritten auf den vierten September des Jahres 17** hat
sich viel Wunderbares in unserm Kloster ereignet. Es mochte wohl um
Mitternacht sein, als ich in der, neben der meinigen liegenden, Zelle des
Bruders Medardus ein seltsames Kichern und Lachen, und währenddessen
ein dumpfes, klägliches Ächzen vernahm. Mir war es, als höre ich deutlich
von einer sehr häßlichen, widerwärtigen Stimme die Worte sprechen:
„Komm mit mir, Brüderchen Medardus, wir wollen die Braut suchen.“ Ich
stand auf und wollte mich zum Bruder Medardus begeben, da überfiel mich
aber ein besonderes Grauen, so daß ich wie vom Frost eines Fiebers ganz
gewaltig durch alle Glieder geschüttelt wurde; ich ging demnach, statt in
des Medardus Zelle, zum Prior Leonardus, weckte ihn nicht ohne Mühe,
und erzählte ihm, was ich vernommen. Der Prior erschrak sehr, sprang auf
und sagte, ich solle geweihte Kerzen holen und wir wollten uns beide dann
zum Bruder Medardus begeben. Ich tat, wie mir geheißen, zündete die
Kerzen an der Lampe des Mutter-Gottesbildes auf dem Gange an, und wir
stiegen die Treppe hinauf. So sehr wir aber auch horchen mochten, die
abscheuliche Stimme, die ich vernommen, ließ sich nicht wieder hören.
Statt dessen hörten wir leise, liebliche Glockenklänge, und es war so, als
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verbreite sich ein feiner Rosenduft. Wir traten näher, da öffnete sich die
Türe der Zelle, und ein wunderlicher großer Mann, mit weißem krausen
Bart, in einem violetten Mantel, schritt heraus; ich war sehr erschrocken,
denn ich wußte wohl, daß der Mann ein drohendes Gespenst sein mußte, da
die Klosterpforten fest verschlossen waren, mithin kein Fremder eindringen
konnte; aber Leonardus schaute ihn keck an, jedoch ohne ein Wort zu
sagen. „Die Stunde der Erfüllung ist nicht mehr fern,“ sprach die Gestalt
sehr dumpf und feierlich, und verschwand in dem dunklen Gange, so daß
meine Bangigkeit noch stärker wurde und ich schier hätte die Kerze aus der
zitternden Hand fallen lassen mögen. Aber der Prior, der, ob seiner
Frömmigkeit und Stärke im Glauben, nach den Gespenstern nicht viel frägt,
faßte mich beim Arm und sagte: „nun wollen wir in die Zelle des Bruders
Medardus treten.“ Das geschah denn auch. Wir fanden den Bruder, der
schon seit einiger Zeit sehr schwach worden, im Sterben, der Tod hatte ihm
die Zunge gebunden, er röchelte nur noch was weniges. Leonardus blieb bei
ihm, und ich weckte die Brüder, indem ich die Glocke stark anzog und mit
lauter Stimme rief: „Steht auf! — steht auf! — Der Bruder Medardus liegt
im Tode!“ Sie standen auch wirklich auf, so daß nicht ein einziger fehlte,
als wir mit angebrannten Kerzen uns zu dem sterbenden Bruder begaben.
Alle, auch ich, der ich dem Grauen endlich widerstanden, überließen uns
vieler Betrübnis. Wir trugen den Bruder Medardus auf einer Bahre nach der
Klosterkirche, und setzten ihn vor dem Hochaltar nieder. Da erholte er sich
zu unserm Erstaunen und fing an zu sprechen, so daß Leonardus selbst,
sogleich nach vollendeter Beichte und Absolution, die letzte Ölung
vornahm. Nachher begaben wir uns, während Leonardus unten blieb und
immerfort mit dem Bruder Medardus redete, in den Chor und sangen die
gewöhnlichen Totengesänge für das Heil der Seele des sterbenden Bruders.
Gerade als die Glocke des Klosters den andern Tag, nämlich am fünften
September des Jahres 17** mittags zwölfe schlug, verschied Bruder
Medardus in des Priors Armen. Wir bemerkten, daß es Tag und Stunde war,
in der voriges Jahr die Nonne Rosalia auf entsetzliche Weise, gleich
nachdem sie das Gelübde abgelegt, ermordet wurde. Bei dem Requiem und
der Exportation hat sich noch folgendes ereignet. Bei dem Requiem
nämlich verbreitete sich ein sehr starker Rosenduft, und wir bemerkten, daß
an dem schönen Bilde der heiligen Rosalia, das von einem sehr alten,
unbekannten italienischen Maler verfertigt sein soll, und das unser Kloster
von den Kapuzinern in der Gegend von Rom für erkleckliches Geld
Türe der Zelle, und ein wunderlicher großer Mann, mit weißem krausen
Bart, in einem violetten Mantel, schritt heraus; ich war sehr erschrocken,
denn ich wußte wohl, daß der Mann ein drohendes Gespenst sein mußte, da
die Klosterpforten fest verschlossen waren, mithin kein Fremder eindringen
konnte; aber Leonardus schaute ihn keck an, jedoch ohne ein Wort zu
sagen. „Die Stunde der Erfüllung ist nicht mehr fern,“ sprach die Gestalt
sehr dumpf und feierlich, und verschwand in dem dunklen Gange, so daß
meine Bangigkeit noch stärker wurde und ich schier hätte die Kerze aus der
zitternden Hand fallen lassen mögen. Aber der Prior, der, ob seiner
Frömmigkeit und Stärke im Glauben, nach den Gespenstern nicht viel frägt,
faßte mich beim Arm und sagte: „nun wollen wir in die Zelle des Bruders
Medardus treten.“ Das geschah denn auch. Wir fanden den Bruder, der
schon seit einiger Zeit sehr schwach worden, im Sterben, der Tod hatte ihm
die Zunge gebunden, er röchelte nur noch was weniges. Leonardus blieb bei
ihm, und ich weckte die Brüder, indem ich die Glocke stark anzog und mit
lauter Stimme rief: „Steht auf! — steht auf! — Der Bruder Medardus liegt
im Tode!“ Sie standen auch wirklich auf, so daß nicht ein einziger fehlte,
als wir mit angebrannten Kerzen uns zu dem sterbenden Bruder begaben.
Alle, auch ich, der ich dem Grauen endlich widerstanden, überließen uns
vieler Betrübnis. Wir trugen den Bruder Medardus auf einer Bahre nach der
Klosterkirche, und setzten ihn vor dem Hochaltar nieder. Da erholte er sich
zu unserm Erstaunen und fing an zu sprechen, so daß Leonardus selbst,
sogleich nach vollendeter Beichte und Absolution, die letzte Ölung
vornahm. Nachher begaben wir uns, während Leonardus unten blieb und
immerfort mit dem Bruder Medardus redete, in den Chor und sangen die
gewöhnlichen Totengesänge für das Heil der Seele des sterbenden Bruders.
Gerade als die Glocke des Klosters den andern Tag, nämlich am fünften
September des Jahres 17** mittags zwölfe schlug, verschied Bruder
Medardus in des Priors Armen. Wir bemerkten, daß es Tag und Stunde war,
in der voriges Jahr die Nonne Rosalia auf entsetzliche Weise, gleich
nachdem sie das Gelübde abgelegt, ermordet wurde. Bei dem Requiem und
der Exportation hat sich noch folgendes ereignet. Bei dem Requiem
nämlich verbreitete sich ein sehr starker Rosenduft, und wir bemerkten, daß
an dem schönen Bilde der heiligen Rosalia, das von einem sehr alten,
unbekannten italienischen Maler verfertigt sein soll, und das unser Kloster
von den Kapuzinern in der Gegend von Rom für erkleckliches Geld
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erkaufte, so daß sie nur eine Kopie des Bildes behielten, ein Strauß der
schönsten, in dieser Jahreszeit seltenen Rosen befestigt war. Der Bruder
Pförtner sagte, daß am frühen Morgen ein zerlumpter, sehr elend
aussehender Bettler, von uns unbemerkt, hinaufgestiegen und den Strauß an
das Bild geheftet habe. Derselbe Bettler fand sich bei der Exportation ein
und drängte sich unter die Brüder. Wir wollten ihn zurückweisen, als aber
der Prior Leonardus ihn scharf angeblickt hatte, befahl er, ihn unter uns zu
leiden. Er nahm ihn als Laienbruder im Kloster auf; wir nannten ihn Bruder
Peter, da er im Leben Peter Schönfeld geheißen, und gönnten ihm den
stolzen Namen, weil er überaus still und gutmütig war, wenig sprach und
nur zuweilen sehr possierlich lachte, welches, da es gar nichts Sündliches
hatte, uns sehr ergötzte. Der Prior Leonardus sprach einmal: des Peters
Licht sei im Dampf der Narrheit verlöscht, in die sich in seinem Innern die
Ironie des Lebens umgestaltet. Wir verstanden alle nicht, was der gelehrte
Leonardus damit sagen wollte, merkten aber wohl, daß er mit dem
Laienbruder Peter längst bekannt sein müsse. So habe ich den Blättern, die
des Bruders Medardi Leben enthalten sollen, die ich aber nicht gelesen, die
Umstände seines Todes sehr genau und nicht ohne Mühe ad majorem dei
gloriam hinzugefügt. Friede und Ruhe dem entschlafenen Bruder
Medardus, der Herr des Himmels lasse ihn dereinst fröhlich auferstehen und
nehme ihn auf in den Chor heiliger Männer, da er sehr fromm gestorben.
Typographmaschinensatz der Deutschen Buch- und Kunstdruckerei, G. m. b. H., Zossen-Berlin SW.
11.
schönsten, in dieser Jahreszeit seltenen Rosen befestigt war. Der Bruder
Pförtner sagte, daß am frühen Morgen ein zerlumpter, sehr elend
aussehender Bettler, von uns unbemerkt, hinaufgestiegen und den Strauß an
das Bild geheftet habe. Derselbe Bettler fand sich bei der Exportation ein
und drängte sich unter die Brüder. Wir wollten ihn zurückweisen, als aber
der Prior Leonardus ihn scharf angeblickt hatte, befahl er, ihn unter uns zu
leiden. Er nahm ihn als Laienbruder im Kloster auf; wir nannten ihn Bruder
Peter, da er im Leben Peter Schönfeld geheißen, und gönnten ihm den
stolzen Namen, weil er überaus still und gutmütig war, wenig sprach und
nur zuweilen sehr possierlich lachte, welches, da es gar nichts Sündliches
hatte, uns sehr ergötzte. Der Prior Leonardus sprach einmal: des Peters
Licht sei im Dampf der Narrheit verlöscht, in die sich in seinem Innern die
Ironie des Lebens umgestaltet. Wir verstanden alle nicht, was der gelehrte
Leonardus damit sagen wollte, merkten aber wohl, daß er mit dem
Laienbruder Peter längst bekannt sein müsse. So habe ich den Blättern, die
des Bruders Medardi Leben enthalten sollen, die ich aber nicht gelesen, die
Umstände seines Todes sehr genau und nicht ohne Mühe ad majorem dei
gloriam hinzugefügt. Friede und Ruhe dem entschlafenen Bruder
Medardus, der Herr des Himmels lasse ihn dereinst fröhlich auferstehen und
nehme ihn auf in den Chor heiliger Männer, da er sehr fromm gestorben.
Typographmaschinensatz der Deutschen Buch- und Kunstdruckerei, G. m. b. H., Zossen-Berlin SW.
11.
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Die Bücher des Deutschen Hauses
Herausgegeben von Rudolf Presber.
In gleicher Ausstattung und zum gleichen Preise gelangen zur Ausgabe:
1. Goethe: Die Leiden des jungen Werther.
2. Otto Ludwig: Zwischen Himmel und Erde.
3. E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels.
4. Friedrich Spielhagen: Deutsche Pioniere.
5. Zschokke: Hans Dampf. Kleine Ursachen.
6. Max Kretzer: Die Sphinx in Trauer.
7. Thackeray: Der Diamant.
8. Balzac: Die Frau von dreißig Jahren.
9. Brüder Grimm: Märchen.
10. Dickens: Weihnachtserzählungen.
11. Nicolai: Zum Neujahrsfest.
12. Tolstoi: Die Kosaken.
13. Karl Grunert: Der Marsspion.
14. Spanische Novellen.
15. Hans Hauptmann: Auf tönernen Füßen.
16. Henri Murger: Bohême.
17. Deutscher Humor. 1. Band.
18. Björnson: Synöve Solbakken.
19. Jean Paul: Dr. Katzenbergers Badereise.
20. Gespensternovellen.
21. Holländische Novellen.
22. Gerstäcker: Die Flußpiraten. 1. Band.
23. Gerstäcker: Die Flußpiraten. 2. Band.
24. Deutscher Humor. 2. Band.
25. Puschkin: Pique Dame.
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2. Otto Ludwig: Zwischen Himmel und Erde.
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4. Friedrich Spielhagen: Deutsche Pioniere.
5. Zschokke: Hans Dampf. Kleine Ursachen.
6. Max Kretzer: Die Sphinx in Trauer.
7. Thackeray: Der Diamant.
8. Balzac: Die Frau von dreißig Jahren.
9. Brüder Grimm: Märchen.
10. Dickens: Weihnachtserzählungen.
11. Nicolai: Zum Neujahrsfest.
12. Tolstoi: Die Kosaken.
13. Karl Grunert: Der Marsspion.
14. Spanische Novellen.
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16. Henri Murger: Bohême.
17. Deutscher Humor. 1. Band.
18. Björnson: Synöve Solbakken.
19. Jean Paul: Dr. Katzenbergers Badereise.
20. Gespensternovellen.
21. Holländische Novellen.
22. Gerstäcker: Die Flußpiraten. 1. Band.
23. Gerstäcker: Die Flußpiraten. 2. Band.
24. Deutscher Humor. 2. Band.
25. Puschkin: Pique Dame.
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Die 2. Reihe (26.–50. Band) enthält u. a. Meisterschöpfungen von
Harlan, Zobeltitz, Bittrich, Richard Nordhausen, Alfred Meebold,
Hermann Heiberg, Oppeln-Bronikowski, Arthur Achleitner u. a. m.
Harlan, Zobeltitz, Bittrich, Richard Nordhausen, Alfred Meebold,
Hermann Heiberg, Oppeln-Bronikowski, Arthur Achleitner u. a. m.
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DES TEUFELS ***
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THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
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arise directly or indirectly from any of the following which you do or cause
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Gutenberg
Project Gutenberg is synonymous with the free distribution of electronic
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Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
they need are critical to reaching Project Gutenberg’s goals and ensuring
that the Project Gutenberg collection will remain freely available for
generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation was created to provide a secure and permanent future for
Project Gutenberg and future generations. To learn more about the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org.
Section 3. Information about the Project Gutenberg
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The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit 501(c)
(3) educational corporation organized under the laws of the state of
Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax
deductible to the full extent permitted by U.S. federal laws and your state’s
laws.
The Foundation’s business office is located at 41 Watchung Plaza #516,
Montclair NJ 07042, USA, +1 (862) 621-9288. Email contact links and up
to date contact information can be found at the Foundation’s website and
official page at www.gutenberg.org/contact
Section 4. Information about Donations to the Project
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Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread
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number of public domain and licensed works that can be freely distributed
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particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable effort,
much paperwork and many fees to meet and keep up with these
requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
determine the status of compliance for any particular state visit
www.gutenberg.org/donate.
While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
with offers to donate.
International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
statements concerning tax treatment of donations received from outside the
United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
Please check the Project Gutenberg web pages for current donation methods
and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
checks, online payments and credit card donations. To donate, please visit:
www.gutenberg.org/donate.
Section 5. General Information About Project Gutenberg
electronic works
Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg
concept of a library of electronic works that could be freely shared with
anyone. For forty years, he produced and distributed Project Gutenberg
eBooks with only a loose network of volunteer support.
Project Gutenberg eBooks are often created from several printed editions,
all of which are confirmed as not protected by copyright in the U.S. unless a
particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
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much paperwork and many fees to meet and keep up with these
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copyright notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in
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This website includes information about Project Gutenberg, including how
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