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The Project Gutenberg eBook of Der Skorpion. Band 2
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
will have to check the laws of the country where you are located
before using this eBook.
Title: Der Skorpion. Band 2
Author: Anna Elisabet Weirauch
Release date: March 22, 2025 [eBook #75685]
Language: German
Original publication: Berlin: Askanischer Verlag, 1921
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/75685
Credits: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team
at https://www.pgdp.net
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER
SKORPION. BAND 2 ***
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Title: Der Skorpion. Band 2
Author: Anna Elisabet Weirauch
Release date: March 22, 2025 [eBook #75685]
Language: German
Original publication: Berlin: Askanischer Verlag, 1921
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Credits: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team
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SKORPION. BAND 2 ***
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Der Skorpion
II
II
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Alle Rechte vorbehalten
Copyright by Askanischer Verlag
Berlin 1921
Druck von Herrosé & Ziemsen G. m. b. H., Wittenberg (Bez. Halle)
Einband von E. Albert Kindle, Berlin SW
Copyright by Askanischer Verlag
Berlin 1921
Druck von Herrosé & Ziemsen G. m. b. H., Wittenberg (Bez. Halle)
Einband von E. Albert Kindle, Berlin SW
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Anna Elisabet Weirauch
Der Skorpion
Ein Roman
Qui vivens laedit
Morte medetur
Zweiter Band
Askanischer Verlag Berlin
1921
Der Skorpion
Ein Roman
Qui vivens laedit
Morte medetur
Zweiter Band
Askanischer Verlag Berlin
1921
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O sorte dura, che mi fa esser quale
Punta d’un Scorpio, et domandar riparo
Contr’el velen’ d’all ’istesso animale.
(Louïze Labé.)
Punta d’un Scorpio, et domandar riparo
Contr’el velen’ d’all ’istesso animale.
(Louïze Labé.)
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M ette Rudloff verschloß und verriegelte die Tür. Sie hörte die Schritte
des Mädchens sich entfernen, hörte das An- und Abknipsen der
elektrischen Schalter, irgendwo in ziemlicher Entfernung eine Klinke
gehen, eine Angel kreischen – wieder Schritte ... das war wohl in einem
andern Stockwerk – ein leises, immer wiederkehrendes ungleichmäßiges
Geräusch, als ob ein offenstehendes Fenster im Winde klappte. Und Stille.
Eine weit sich wölbende, leere, kühle, dunkle, reglos harrende Stille.
Mette mußte sich entschließen, endlich die Hand vom Riegel zu nehmen
und nach dem Lichtschalter zu gehen, obgleich sie sich ein wenig fürchtete
vor dem Schall ihrer Tritte und dem Rauschen ihrer Röcke. Sie drehte alle
Flammen an, auch die kleinen Lampen neben dem Bett und auf dem
Schreibtisch. Die blendende Lichtfülle tat ihr wohl. In dem überhellen
Raum ging sie an den Wänden entlang, schloß die leeren Schränke auf und
wieder zu, hob die Gardinen und ließ sie wieder fallen. Sie hatte nicht den
Gedanken, daß sich irgendwo ein Mensch, ein Verbrecher verborgen haben
könnte, aber sie versuchte, sich auf jede Weise mit der fremden Umgebung
vertraut zu machen. Sie hatte Angst davor, daß irgend etwas sie überraschen
und dadurch erschrecken könnte. Die nie gesehenen Möbel konnten im
dunklen Zimmer so leicht eine spukhafte Gestalt annehmen, ein Luftzug
konnte der Gardine die Form eines Menschen geben. Sie betrachtete auch
die Bilder mit Aufmerksamkeit. Sie erinnerte sich aus fiebrigen Abenden
der Kinderzeit, daß selbst wohlbekannte Bilder, wenn man sie in der
Dämmerung oder beim Schein des Nachtlichts vom Bett aus sah, sich zu
grauenvollen Fratzen verwandeln konnten.
Sie versuchte, sich die Linien der blühenden Landschaften, der
friedlichen Bauernhäuschen, der drolligen Kinderköpfchen einzuprägen, um
sie nachher wiederzufinden in den verschwommenen Flecken, die sich so
gern zu hohngrinsenden Ungeheuern, zu ekelerregenden oder
furchteinflößenden Fabelwesen ballten und zerrten.
Als sie das Zimmer auf diese Art untersucht hatte, drehte sie das Licht
wieder aus, bis auf eine Birne, die den übermäßig großen Raum nur
dämmrig erhellte. Aber nun war in dieser Dämmerung nichts
Erschreckendes mehr – Mette wußte ja: dieser vorspringende Schatten war
des Mädchens sich entfernen, hörte das An- und Abknipsen der
elektrischen Schalter, irgendwo in ziemlicher Entfernung eine Klinke
gehen, eine Angel kreischen – wieder Schritte ... das war wohl in einem
andern Stockwerk – ein leises, immer wiederkehrendes ungleichmäßiges
Geräusch, als ob ein offenstehendes Fenster im Winde klappte. Und Stille.
Eine weit sich wölbende, leere, kühle, dunkle, reglos harrende Stille.
Mette mußte sich entschließen, endlich die Hand vom Riegel zu nehmen
und nach dem Lichtschalter zu gehen, obgleich sie sich ein wenig fürchtete
vor dem Schall ihrer Tritte und dem Rauschen ihrer Röcke. Sie drehte alle
Flammen an, auch die kleinen Lampen neben dem Bett und auf dem
Schreibtisch. Die blendende Lichtfülle tat ihr wohl. In dem überhellen
Raum ging sie an den Wänden entlang, schloß die leeren Schränke auf und
wieder zu, hob die Gardinen und ließ sie wieder fallen. Sie hatte nicht den
Gedanken, daß sich irgendwo ein Mensch, ein Verbrecher verborgen haben
könnte, aber sie versuchte, sich auf jede Weise mit der fremden Umgebung
vertraut zu machen. Sie hatte Angst davor, daß irgend etwas sie überraschen
und dadurch erschrecken könnte. Die nie gesehenen Möbel konnten im
dunklen Zimmer so leicht eine spukhafte Gestalt annehmen, ein Luftzug
konnte der Gardine die Form eines Menschen geben. Sie betrachtete auch
die Bilder mit Aufmerksamkeit. Sie erinnerte sich aus fiebrigen Abenden
der Kinderzeit, daß selbst wohlbekannte Bilder, wenn man sie in der
Dämmerung oder beim Schein des Nachtlichts vom Bett aus sah, sich zu
grauenvollen Fratzen verwandeln konnten.
Sie versuchte, sich die Linien der blühenden Landschaften, der
friedlichen Bauernhäuschen, der drolligen Kinderköpfchen einzuprägen, um
sie nachher wiederzufinden in den verschwommenen Flecken, die sich so
gern zu hohngrinsenden Ungeheuern, zu ekelerregenden oder
furchteinflößenden Fabelwesen ballten und zerrten.
Als sie das Zimmer auf diese Art untersucht hatte, drehte sie das Licht
wieder aus, bis auf eine Birne, die den übermäßig großen Raum nur
dämmrig erhellte. Aber nun war in dieser Dämmerung nichts
Erschreckendes mehr – Mette wußte ja: dieser vorspringende Schatten war
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die geschweifte Kommode, und der befremdende Lichtschein kam von der
Kante des Waschtischspiegels, die ihn von dem Bild der Lampe im
Schrankspiegel auffing.
Sie schloß den Handkoffer auf und nahm das Notwendigste heraus: das
Nachthemd, das sie übers Bett warf, ein paar Flaschen und Bürsten, die sie
nach dem Waschtisch trug. Dann zog sie den Nachttischkasten auf und legte
ihn mit einem weichen seidenen Tuch aus, – so sorgfältig, als glätte sie
einem Geliebten das Lager oder bereite eine priesterliche Handlung vor. Mit
behutsamen Bewegungen, als trüge sie etwas Lebendiges, bettete sie den
Revolver und das Zigarettenetui mit dem Skorpion hinein. Sie schob den
Kasten zu, mit einer angestrengten Entschlußkraft, denn wie immer, weckte
der Anblick des Revolvers den fast leidenschaftlichen Wunsch in ihr, den
kühlen glatten metallenen Mund an die Schläfe zu setzen. Sie fürchtete sich
davor, diesem Wunsch nachzugeben, denn sie wußte nicht, ob nicht eine
plötzliche Regung sie verleiten würde, die Sicherung zu lösen, den Hahn zu
berühren und also mehr durch einen Zufall als aus Notwendigkeit sich
selbst zu zerstören, und damit Denken, Fühlen, Erinnerung und Erwartung
auszulöschen.
Sie wollte nicht sterben. Oder vielmehr, sie wäre gern gestorben, wenn
sie nicht dann hätte tot sein müssen. Sie wäre gern desselben Todes
gestorben, den Olga Radó starb, nur um sich mit dem letzten Gedanken
sagen zu können, daß sie nun ertrug, was Olga ertragen hatte, und daß es
also nicht so unerträglich sein konnte, nicht so entsetzlich, wie die
unerfahrene Phantasie es sich ausmalte.
Aber andererseits hatte sie eine brennende Begier nach dem Leben, von
dem sie so wenig wußte. Nicht, daß sie sich große Freuden, hohe
Entzückungen davon versprochen hätte. Aber sie fühlte sich dem schönen
und grauenvollen Untier gegenüber so gut gewappnet, daß es schade
gewesen wäre, den Kampf aufzugeben. Ihr war, als hätte Olgas Blut ihrer
Seele das unverletzliche Kleid gegeben, das der hörnerne Siegfried im Blute
des Drachen gewann. Sie war überzeugt, das Schönste, das Schwerste, das
Wichtigste ihres Lebens überstanden zu haben. In der Tragödie oder
Komödie, in der mitzuwirken sie durch ihre Geburt gezwungen war, hatte
sie nur im ersten Akt eine Rolle zu spielen gehabt. Alle Kräfte und Gefühle
hatte sie verausgabt – nun mischte sie sich unter die Statisten, noch
glühend, aber doch schon ermüdet von den Erschütterungen, die sie
Kante des Waschtischspiegels, die ihn von dem Bild der Lampe im
Schrankspiegel auffing.
Sie schloß den Handkoffer auf und nahm das Notwendigste heraus: das
Nachthemd, das sie übers Bett warf, ein paar Flaschen und Bürsten, die sie
nach dem Waschtisch trug. Dann zog sie den Nachttischkasten auf und legte
ihn mit einem weichen seidenen Tuch aus, – so sorgfältig, als glätte sie
einem Geliebten das Lager oder bereite eine priesterliche Handlung vor. Mit
behutsamen Bewegungen, als trüge sie etwas Lebendiges, bettete sie den
Revolver und das Zigarettenetui mit dem Skorpion hinein. Sie schob den
Kasten zu, mit einer angestrengten Entschlußkraft, denn wie immer, weckte
der Anblick des Revolvers den fast leidenschaftlichen Wunsch in ihr, den
kühlen glatten metallenen Mund an die Schläfe zu setzen. Sie fürchtete sich
davor, diesem Wunsch nachzugeben, denn sie wußte nicht, ob nicht eine
plötzliche Regung sie verleiten würde, die Sicherung zu lösen, den Hahn zu
berühren und also mehr durch einen Zufall als aus Notwendigkeit sich
selbst zu zerstören, und damit Denken, Fühlen, Erinnerung und Erwartung
auszulöschen.
Sie wollte nicht sterben. Oder vielmehr, sie wäre gern gestorben, wenn
sie nicht dann hätte tot sein müssen. Sie wäre gern desselben Todes
gestorben, den Olga Radó starb, nur um sich mit dem letzten Gedanken
sagen zu können, daß sie nun ertrug, was Olga ertragen hatte, und daß es
also nicht so unerträglich sein konnte, nicht so entsetzlich, wie die
unerfahrene Phantasie es sich ausmalte.
Aber andererseits hatte sie eine brennende Begier nach dem Leben, von
dem sie so wenig wußte. Nicht, daß sie sich große Freuden, hohe
Entzückungen davon versprochen hätte. Aber sie fühlte sich dem schönen
und grauenvollen Untier gegenüber so gut gewappnet, daß es schade
gewesen wäre, den Kampf aufzugeben. Ihr war, als hätte Olgas Blut ihrer
Seele das unverletzliche Kleid gegeben, das der hörnerne Siegfried im Blute
des Drachen gewann. Sie war überzeugt, das Schönste, das Schwerste, das
Wichtigste ihres Lebens überstanden zu haben. In der Tragödie oder
Komödie, in der mitzuwirken sie durch ihre Geburt gezwungen war, hatte
sie nur im ersten Akt eine Rolle zu spielen gehabt. Alle Kräfte und Gefühle
hatte sie verausgabt – nun mischte sie sich unter die Statisten, noch
glühend, aber doch schon ermüdet von den Erschütterungen, die sie
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durchtobt hatten, und sah halb neugierig und halb gelangweilt dem Spiel
der andern zu.
Aber im Grunde überwog die Neugier, und obgleich sie wußte, oder zu
wissen glaubte, daß sie niemals mehr einer starken Empfindung – sei es
Glück oder Schmerz – fähig sein würde, obgleich sie ihr Gemüt gegen
Eindrücke jeder Art gepanzert fühlte, drängte es sie, gleichsam um die
Unversehrbarkeit dieses Panzers zu erproben, Eindrücke aufzusuchen, sich
ihnen darzubieten – sich in das Gewühl des Kampfes zu stürzen, die
starrenden Speerspitzen gegen die Brust zu drücken.
Das erste, dem sie sich willig hingab, und dessen Verwundungen sie
früher sicher nicht standgehalten hätte, war dies: Fremde und Einsamkeit.
Aus dem Gefühl heraus, daß sie selber in ihrer jungen Freiheit sich dies
erwählt hatte: Fremde und Einsamkeit, und bei dem Gedanken daran, daß
nichts ihr mehr wehtun könne und wehtun dürfe seit der Trennung von
Olga, seit Olgas Tod, empfand sie die kühle und fast feindliche Stille als
wohltuend und erlösend.
Sie wußte es: die Einsamkeit würde sie ertragen können. Aber morgen
würde sie gezwungen sein, mit zehn oder fünfzig fremden Menschen in
einem Raum ihre Mahlzeiten einzunehmen. Diese Vorstellung hatte etwas
atemraubendes. Neugierige Augen prickelten auf ihrer Haut wie
Nadelspitzen. Aber auch das würde sich ertragen lassen.
Unten im Haus schlug eine Tür, dumpf und schwer, daß ein Zittern durch
alle Wände lief. Der Fahrstuhl hob sich mit einem summenden Geräusch –
es war, als ob in dem Riesenleib des Hauses ein mühsamer Atemzug
aufröchelte. In der Stille der Nacht vernahm man ganz deutlich das
Knacken, wenn er am ersten, am zweiten Stockwerk vorüberglitt.
Man hörte das Aufschnappen der Tür, das Ins-Schloß-Fallen, Schlüssel-
Klappern, Schließen, das Drehen der Lichtschalter, Schritte, die behutsam
über den dämpfenden Teppich gingen, aber doch die Dielen zum Knarren
brachten, ein unterdrücktes Lachen, ein geflüstertes Gute-Nacht-Rufen.
Mette versuchte nachzuprüfen, ob die Stimmen, die sie kaum
vernommen, angenehm oder unangenehm gewesen seien – sie kam zu
keinem abschließenden Urteil.
Die Tür zum Nebenzimmer ging. Man hörte das leiseste Geräusch, das
Anknipsen des Lichtes, das Zuziehen der Fenstervorhänge.
Nichts wußte Mette von diesem Menschen da nebenan, nichts. Nicht
einmal den Namen, nicht das Alter, nicht einmal so viel, wie jedes Gesicht
der andern zu.
Aber im Grunde überwog die Neugier, und obgleich sie wußte, oder zu
wissen glaubte, daß sie niemals mehr einer starken Empfindung – sei es
Glück oder Schmerz – fähig sein würde, obgleich sie ihr Gemüt gegen
Eindrücke jeder Art gepanzert fühlte, drängte es sie, gleichsam um die
Unversehrbarkeit dieses Panzers zu erproben, Eindrücke aufzusuchen, sich
ihnen darzubieten – sich in das Gewühl des Kampfes zu stürzen, die
starrenden Speerspitzen gegen die Brust zu drücken.
Das erste, dem sie sich willig hingab, und dessen Verwundungen sie
früher sicher nicht standgehalten hätte, war dies: Fremde und Einsamkeit.
Aus dem Gefühl heraus, daß sie selber in ihrer jungen Freiheit sich dies
erwählt hatte: Fremde und Einsamkeit, und bei dem Gedanken daran, daß
nichts ihr mehr wehtun könne und wehtun dürfe seit der Trennung von
Olga, seit Olgas Tod, empfand sie die kühle und fast feindliche Stille als
wohltuend und erlösend.
Sie wußte es: die Einsamkeit würde sie ertragen können. Aber morgen
würde sie gezwungen sein, mit zehn oder fünfzig fremden Menschen in
einem Raum ihre Mahlzeiten einzunehmen. Diese Vorstellung hatte etwas
atemraubendes. Neugierige Augen prickelten auf ihrer Haut wie
Nadelspitzen. Aber auch das würde sich ertragen lassen.
Unten im Haus schlug eine Tür, dumpf und schwer, daß ein Zittern durch
alle Wände lief. Der Fahrstuhl hob sich mit einem summenden Geräusch –
es war, als ob in dem Riesenleib des Hauses ein mühsamer Atemzug
aufröchelte. In der Stille der Nacht vernahm man ganz deutlich das
Knacken, wenn er am ersten, am zweiten Stockwerk vorüberglitt.
Man hörte das Aufschnappen der Tür, das Ins-Schloß-Fallen, Schlüssel-
Klappern, Schließen, das Drehen der Lichtschalter, Schritte, die behutsam
über den dämpfenden Teppich gingen, aber doch die Dielen zum Knarren
brachten, ein unterdrücktes Lachen, ein geflüstertes Gute-Nacht-Rufen.
Mette versuchte nachzuprüfen, ob die Stimmen, die sie kaum
vernommen, angenehm oder unangenehm gewesen seien – sie kam zu
keinem abschließenden Urteil.
Die Tür zum Nebenzimmer ging. Man hörte das leiseste Geräusch, das
Anknipsen des Lichtes, das Zuziehen der Fenstervorhänge.
Nichts wußte Mette von diesem Menschen da nebenan, nichts. Nicht
einmal den Namen, nicht das Alter, nicht einmal so viel, wie jedes Gesicht
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verrät, das auf einer dunklen Straße an einem nachlässigen Blick
vorübergleitet – und doch wußte sie, daß dieses nachbarliche Wesen nicht
gern früh geweckt wurde – denn es verschloß die Fenster mit
ungewöhnlicher Sorgfalt. Es mußte ein rücksichtsvoller Mensch sein, denn
er bemühte sich, leise zu sein, zog gleich die Stiefel aus und schlüpfte in
weiche Schuhe, so daß man den Schritt nicht mehr hörte, ihn nur noch
durch eine leichte Erschütterung spürte. Es war auch ein reinlicher Mensch,
der sich trotz der späten Stunde mit viel Ausdauer die Zähne putzte.
Mette mußte lächeln. Vielleicht wäre es das Sicherste, die Bekanntschaft
aller Menschen auf diese Weise zu machen. Was half es einem, den Namen
eines Fremden zu erfahren, oder seinen Beruf, oder den Stand seines Vaters!
Was half es einem, mit einem Menschen zu plaudern, Stunden und Stunden,
um schließlich nichts von ihm zu wissen, als wo er den letzten Sommer
verbracht hatte, oder wie er die Besetzung der neuesten Operette fand! Und
was half es einem, wenn man Wand an Wand mit einem Menschen wohnte
und jeden Atemzug hörte ... und doch nichts von ihm wußte?
Ach, was half es selbst, mit einem Menschen eines Blutes zu sein, und
alle Tage des Lebens, vom ersten an, mit ihm zu verbringen. Oder was half
es, einen Menschen zu lieben, ihn zu lieben mit jeder Faser des Leibes und
der Seele – wenn im letzten Grunde doch einer nichts vom andern wußte!
Es war so unendlich schwer, sich zurechtzufinden in diesem Wirrwarr
von Charakteren, Gefühlen, Schicksalen und Lügen, die so millionenfach
verschlungen, einen selbst mit umschlangen – ach, so schwer, daß man
hätte weinen können, wenn man daran dachte, wie hilflos man war!
Mette trat ans Fenster und lehnte sich hinaus. Sie suchte am Himmel den
Antares, ihren Stern. Aber die Brandmauern der Häuser verdeckten ihn. Sie
beugte sich ein wenig weiter und sah in den Schacht des Hofes hinunter.
Ein seltsamer Schwindel faßte sie an. Wenn sie in die Tiefe da
hinunterglitte, würde es kein Mensch bemerken. Und wenn man morgen
früh ihre Leiche dort unten fände, würde man nicht wissen, was man
anfangen, wen man rufen, wen man benachrichtigen sollte.
Mette Rudloff war ja jetzt frei. So frei, daß ihr ein leiser Schauer über
den Rücken rieselte. Nirgends der Druck einer Kette, aber auch nirgends ein
haltendes Band, nirgends eine engende Mauer, aber auch nirgends ein
schützendes Dach.
Die Menschen, denen Liebe oder Pflicht sie verbunden hatte, waren tot.
Vater war tot, Olga war tot. Von den andern hatte sie selbst sich mit
vorübergleitet – und doch wußte sie, daß dieses nachbarliche Wesen nicht
gern früh geweckt wurde – denn es verschloß die Fenster mit
ungewöhnlicher Sorgfalt. Es mußte ein rücksichtsvoller Mensch sein, denn
er bemühte sich, leise zu sein, zog gleich die Stiefel aus und schlüpfte in
weiche Schuhe, so daß man den Schritt nicht mehr hörte, ihn nur noch
durch eine leichte Erschütterung spürte. Es war auch ein reinlicher Mensch,
der sich trotz der späten Stunde mit viel Ausdauer die Zähne putzte.
Mette mußte lächeln. Vielleicht wäre es das Sicherste, die Bekanntschaft
aller Menschen auf diese Weise zu machen. Was half es einem, den Namen
eines Fremden zu erfahren, oder seinen Beruf, oder den Stand seines Vaters!
Was half es einem, mit einem Menschen zu plaudern, Stunden und Stunden,
um schließlich nichts von ihm zu wissen, als wo er den letzten Sommer
verbracht hatte, oder wie er die Besetzung der neuesten Operette fand! Und
was half es einem, wenn man Wand an Wand mit einem Menschen wohnte
und jeden Atemzug hörte ... und doch nichts von ihm wußte?
Ach, was half es selbst, mit einem Menschen eines Blutes zu sein, und
alle Tage des Lebens, vom ersten an, mit ihm zu verbringen. Oder was half
es, einen Menschen zu lieben, ihn zu lieben mit jeder Faser des Leibes und
der Seele – wenn im letzten Grunde doch einer nichts vom andern wußte!
Es war so unendlich schwer, sich zurechtzufinden in diesem Wirrwarr
von Charakteren, Gefühlen, Schicksalen und Lügen, die so millionenfach
verschlungen, einen selbst mit umschlangen – ach, so schwer, daß man
hätte weinen können, wenn man daran dachte, wie hilflos man war!
Mette trat ans Fenster und lehnte sich hinaus. Sie suchte am Himmel den
Antares, ihren Stern. Aber die Brandmauern der Häuser verdeckten ihn. Sie
beugte sich ein wenig weiter und sah in den Schacht des Hofes hinunter.
Ein seltsamer Schwindel faßte sie an. Wenn sie in die Tiefe da
hinunterglitte, würde es kein Mensch bemerken. Und wenn man morgen
früh ihre Leiche dort unten fände, würde man nicht wissen, was man
anfangen, wen man rufen, wen man benachrichtigen sollte.
Mette Rudloff war ja jetzt frei. So frei, daß ihr ein leiser Schauer über
den Rücken rieselte. Nirgends der Druck einer Kette, aber auch nirgends ein
haltendes Band, nirgends eine engende Mauer, aber auch nirgends ein
schützendes Dach.
Die Menschen, denen Liebe oder Pflicht sie verbunden hatte, waren tot.
Vater war tot, Olga war tot. Von den andern hatte sie selbst sich mit
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scharfem Schnitt gelöst.
Und nun glitt sie frei durch den unendlichen Raum, wie ein losgetrenntes
Blatt, wie eine schwebende Schneeflocke. Ihre Hände klammerten sich um
das Fensterbord, als fürchtete sie, ein Lufthauch könne sie losreißen,
forttreiben, zerschellen.
Eine Furcht überkam sie, als wäre sie ein verirrtes Kind, dem im Dunkel
alle Wege gleich fremd und bedrohlich erscheinen.
Ihre verzweifelten Blicke suchten nach einem Halt und fanden ihn in dem
steten milden und geheimnisvollen Glanz der Sterne über ihr.
‚Liebe Sterne,‘ dachte Mette, ‚wie gut, daß ihr da seid! Immer noch
dieselben, wie vor Zehntausenden von Jahren, und sogar noch dieselben
von den Abenden, als ich mit Olga am Wannsee lag. Es gibt keinen Zufall,
es kann keinen Zufall geben. Warum prallen die Sterne da oben nicht
aneinander und stieben wie ein Funkenmeer durch die Nacht? Ewige,
unzerstörbare Gesetze halten ihr Milliardengewicht schwebend im Raum
und führen sie mit so überlegener Ruhe ihre Bahn, als sei es das leichteste
von der Welt, Sterne zu regieren. Und irgendwo stehe ich auch unter diesen
Gesetzen und kann mich nicht dagegen wehren – und will es ja auch gar
nicht. Ich bange mich vor der Entscheidung, ob ich rechts oder links gehen
soll, und dabei sind ja doch alle Wege versperrt bis auf den einzigen, den
ich gehen soll und muß, weil er der meine ist, der unabänderlich
vorgeschriebene, der ans Ziel führt. An welches Ziel? Ich weiß es nicht.
Aber da ich lebe, so wird man ja wohl noch irgend etwas mit mir vorhaben,
und das beste ist, in Geduld zu warten.‘
Ein Gesangbuchvers aus ihrer Kinderzeit drängte sich ihr in die
Gedanken – aber sie konnte ihn nicht mehr richtig zusammenbringen:
... der Sonne, Mond und Winden
Gibt Wege, Lauf und Bahn.
Der wird auch Wege finden,
Da dein Herz gehen kann.
Die Worte summten ihr immerzu im Kopf herum, während sie sich
auskleidete. Aber erst als sie im Bett lag, fiel es ihr plötzlich ein:
„die dein Fuß gehen kann“
Und nun glitt sie frei durch den unendlichen Raum, wie ein losgetrenntes
Blatt, wie eine schwebende Schneeflocke. Ihre Hände klammerten sich um
das Fensterbord, als fürchtete sie, ein Lufthauch könne sie losreißen,
forttreiben, zerschellen.
Eine Furcht überkam sie, als wäre sie ein verirrtes Kind, dem im Dunkel
alle Wege gleich fremd und bedrohlich erscheinen.
Ihre verzweifelten Blicke suchten nach einem Halt und fanden ihn in dem
steten milden und geheimnisvollen Glanz der Sterne über ihr.
‚Liebe Sterne,‘ dachte Mette, ‚wie gut, daß ihr da seid! Immer noch
dieselben, wie vor Zehntausenden von Jahren, und sogar noch dieselben
von den Abenden, als ich mit Olga am Wannsee lag. Es gibt keinen Zufall,
es kann keinen Zufall geben. Warum prallen die Sterne da oben nicht
aneinander und stieben wie ein Funkenmeer durch die Nacht? Ewige,
unzerstörbare Gesetze halten ihr Milliardengewicht schwebend im Raum
und führen sie mit so überlegener Ruhe ihre Bahn, als sei es das leichteste
von der Welt, Sterne zu regieren. Und irgendwo stehe ich auch unter diesen
Gesetzen und kann mich nicht dagegen wehren – und will es ja auch gar
nicht. Ich bange mich vor der Entscheidung, ob ich rechts oder links gehen
soll, und dabei sind ja doch alle Wege versperrt bis auf den einzigen, den
ich gehen soll und muß, weil er der meine ist, der unabänderlich
vorgeschriebene, der ans Ziel führt. An welches Ziel? Ich weiß es nicht.
Aber da ich lebe, so wird man ja wohl noch irgend etwas mit mir vorhaben,
und das beste ist, in Geduld zu warten.‘
Ein Gesangbuchvers aus ihrer Kinderzeit drängte sich ihr in die
Gedanken – aber sie konnte ihn nicht mehr richtig zusammenbringen:
... der Sonne, Mond und Winden
Gibt Wege, Lauf und Bahn.
Der wird auch Wege finden,
Da dein Herz gehen kann.
Die Worte summten ihr immerzu im Kopf herum, während sie sich
auskleidete. Aber erst als sie im Bett lag, fiel es ihr plötzlich ein:
„die dein Fuß gehen kann“
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hieß es wohl. Wie war sie nur auf „Herz“ gekommen? Ach, vielleicht, weil
es ihr wichtiger erschien – so unendlich viel wichtiger ...
es ihr wichtiger erschien – so unendlich viel wichtiger ...
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M ette durchwanderte Museen und Galerien mit angespannter
Aufmerksamkeit, gleichsam mit zusammengebissenen Zähnen. Sie
erlaubte es sich nicht mehr, wie früher durch die Säle zu schlendern,
zu betrachten, was ihr gefiel, wie ein Kind in einem Bilderbuch blättert,
ohne etwa nach dem Namen der Maler zu fragen, nach der Zeit, in der sie
gelebt, oder gar nach der Schule, der sie angehört hatten.
Sie arbeitete sich systematisch durch das überreiche Material hindurch.
Sie kaufte sich einen ganzen Stapel von Kunstgeschichten, Monographien,
Führern durch die Museen und studierte sie so gewissenhaft wie
Schulaufgaben. Manchmal übte ein Bild eine starke Anziehungskraft auf sie
aus, das sie nirgends als besonders wertvoll verzeichnet fand. Aber noch
gestattete sie sich keinen eigenen Geschmack. Sie schalt sich selber mit
unnachsichtiger Strenge jung, dumm, unreif, ungebildet. Es konnte
vorkommen, daß sie einem heimlich geliebten Bilde, das von andern
verächtlich behandelt wurde, im Vorübergehen einen zärtlichen Blick
zuwarf, der sagen sollte: ‚Noch kann ich mich nicht mit dir beschäftigen,
noch kann dir mein Wohlwollen auch gar nichts nützen, weil ich viel zu
unwissend bin – erst muß ich lernen, muß so klug werden, wie die Klügsten
der andern, dann will ich dich entdecken und will dein Lob singen.‘
Zuerst mußte man die ganz unanfechtbaren Größen aufsuchen, sich mit
ihnen vertraut machen, sie in sich aufnehmen. Manchmal empörte sich
Mettes Gefühl gegen irgend etwas, was sie schön und großartig finden
sollte. Das konnte sie in eine tiefe Mutlosigkeit stürzen. Sie überlegte
umsonst, ob sie nicht irgend jemand um Rat bitten könnte – um Beistand
gegen die Autorität, die für bezaubernd und reizvoll erklärte, was ihr
mißfiel. Dann versuchte sie, sich vorzustellen, was Olga Radó wohl gesagt
hätte – Olga, die durch keine Autorität einzuschüchtern war, die ihren
eignen Geschmack und ihre eigne Meinung hatte, bei der sie
unerschütterlich und manchmal sogar eigensinnig beharrte.
Mitunter fand Mette ein spöttisches Scherzwort, das Olga hätte
gebrauchen können, um sich gegen eine Bevormundung aufzulehnen. Wenn
sie Worte dachte, die so Olgas Prägung trugen, dann war ihr, als hörte sie
auch Olgas leises Lachen neben sich und ihre tiefe, klingende Stimme. Aber
Aufmerksamkeit, gleichsam mit zusammengebissenen Zähnen. Sie
erlaubte es sich nicht mehr, wie früher durch die Säle zu schlendern,
zu betrachten, was ihr gefiel, wie ein Kind in einem Bilderbuch blättert,
ohne etwa nach dem Namen der Maler zu fragen, nach der Zeit, in der sie
gelebt, oder gar nach der Schule, der sie angehört hatten.
Sie arbeitete sich systematisch durch das überreiche Material hindurch.
Sie kaufte sich einen ganzen Stapel von Kunstgeschichten, Monographien,
Führern durch die Museen und studierte sie so gewissenhaft wie
Schulaufgaben. Manchmal übte ein Bild eine starke Anziehungskraft auf sie
aus, das sie nirgends als besonders wertvoll verzeichnet fand. Aber noch
gestattete sie sich keinen eigenen Geschmack. Sie schalt sich selber mit
unnachsichtiger Strenge jung, dumm, unreif, ungebildet. Es konnte
vorkommen, daß sie einem heimlich geliebten Bilde, das von andern
verächtlich behandelt wurde, im Vorübergehen einen zärtlichen Blick
zuwarf, der sagen sollte: ‚Noch kann ich mich nicht mit dir beschäftigen,
noch kann dir mein Wohlwollen auch gar nichts nützen, weil ich viel zu
unwissend bin – erst muß ich lernen, muß so klug werden, wie die Klügsten
der andern, dann will ich dich entdecken und will dein Lob singen.‘
Zuerst mußte man die ganz unanfechtbaren Größen aufsuchen, sich mit
ihnen vertraut machen, sie in sich aufnehmen. Manchmal empörte sich
Mettes Gefühl gegen irgend etwas, was sie schön und großartig finden
sollte. Das konnte sie in eine tiefe Mutlosigkeit stürzen. Sie überlegte
umsonst, ob sie nicht irgend jemand um Rat bitten könnte – um Beistand
gegen die Autorität, die für bezaubernd und reizvoll erklärte, was ihr
mißfiel. Dann versuchte sie, sich vorzustellen, was Olga Radó wohl gesagt
hätte – Olga, die durch keine Autorität einzuschüchtern war, die ihren
eignen Geschmack und ihre eigne Meinung hatte, bei der sie
unerschütterlich und manchmal sogar eigensinnig beharrte.
Mitunter fand Mette ein spöttisches Scherzwort, das Olga hätte
gebrauchen können, um sich gegen eine Bevormundung aufzulehnen. Wenn
sie Worte dachte, die so Olgas Prägung trugen, dann war ihr, als hörte sie
auch Olgas leises Lachen neben sich und ihre tiefe, klingende Stimme. Aber
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öfter noch geschah es, daß sie sich vergebens fragte: würde dies oder jenes
Olga gefallen haben? Was würde Olga über dies oder jenes gesagt haben?
Und es konnte sie zur Verzweiflung bringen, daß sie sich keine Antwort zu
geben wußte. Daß Olga tot war, war schlimm. Aber fast noch schlimmer
war es, daß Mette die Zeit, da Olga lebte, nicht genügend ausgenutzt hatte.
Jetzt fielen ihr auf Schritt und Tritt Dinge ein, die sie hätte erfragen müssen
und nach denen sie nie gefragt hatte. Dann war ihr, als müsse es irgendeine
Kraft geben, das Geschehene ungeschehen zu machen, die Gewalt des
Todes zu zerbrechen, und ihre Gedanken schlugen sich wund an dem
ehernen Schweigen, das unerschütterlich all ihren Fragen entgegenstarrte.
Sie fühlte sich manchmal so klein, wie ein Kind, das nicht über die
gepolsterten Wände seines Laufstalls hinwegsehen kann. Der Wind hatte ihr
mancherlei ins Gesicht getrieben – Blüten und Staub. Es mußte wohl
außerhalb des Mäuerchens blühende Gärten geben und staubige Straßen –
aber Mette wußte nicht, woher der Wind blies. Sie versuchte, sich über sich
selbst hinaus zu dehnen – es half nichts. Aber sie wußte, was einzig helfen
konnte: und wie mit Ungeduld verschlang sie alles, was sich ihren Sinnen
und ihrer Seele darbot: Bücher, Bilder, Gespräche, Gesichter: sie wollte
wachsen, wachsen, um über die Mauer zu sehen, um alles zu übersehen,
was außerhalb lag, Welt und Leben, die Welt und das Leben, wo Olga Radó
hergekommen war, und die man verstehen mußte, um sie zu verstehen. – –
–
In dem großen Eßzimmer der Pension hatte Mette ihren Tisch in der
dunkelsten Ecke. Die freundliche Wirtin hatte geglaubt, sich entschuldigen
zu müssen, daß die Plätze in der Nähe der Fenster alle schon von älteren
Gästen besetzt wären. Metten war es gerade recht so. Sie saß mit dem
Rücken gegen die Wand und hatte den kleinen Tisch wie einen Schutzwall
vor sich. Sie war meistens beim ersten Gongruf schon fertig und setzte sich
auf ihren Platz, um die andern an sich vorüber zu lassen und sich nicht
zwischen den vollbesetzten Tischen hindurchwinden zu müssen. Wenn sie
sich einmal verspätete, war ihr der kurze Gang durch das Zimmer ein nicht
endenwollender Marterpfad. Sie fühlte sich von all den unverhohlen
neugierigen und selbst von den gleichgültigen Blicken gepeinigt und
gehemmt. Obgleich sie sich jedesmal vor dem Spiegel prüfte, ehe sie ihr
Olga gefallen haben? Was würde Olga über dies oder jenes gesagt haben?
Und es konnte sie zur Verzweiflung bringen, daß sie sich keine Antwort zu
geben wußte. Daß Olga tot war, war schlimm. Aber fast noch schlimmer
war es, daß Mette die Zeit, da Olga lebte, nicht genügend ausgenutzt hatte.
Jetzt fielen ihr auf Schritt und Tritt Dinge ein, die sie hätte erfragen müssen
und nach denen sie nie gefragt hatte. Dann war ihr, als müsse es irgendeine
Kraft geben, das Geschehene ungeschehen zu machen, die Gewalt des
Todes zu zerbrechen, und ihre Gedanken schlugen sich wund an dem
ehernen Schweigen, das unerschütterlich all ihren Fragen entgegenstarrte.
Sie fühlte sich manchmal so klein, wie ein Kind, das nicht über die
gepolsterten Wände seines Laufstalls hinwegsehen kann. Der Wind hatte ihr
mancherlei ins Gesicht getrieben – Blüten und Staub. Es mußte wohl
außerhalb des Mäuerchens blühende Gärten geben und staubige Straßen –
aber Mette wußte nicht, woher der Wind blies. Sie versuchte, sich über sich
selbst hinaus zu dehnen – es half nichts. Aber sie wußte, was einzig helfen
konnte: und wie mit Ungeduld verschlang sie alles, was sich ihren Sinnen
und ihrer Seele darbot: Bücher, Bilder, Gespräche, Gesichter: sie wollte
wachsen, wachsen, um über die Mauer zu sehen, um alles zu übersehen,
was außerhalb lag, Welt und Leben, die Welt und das Leben, wo Olga Radó
hergekommen war, und die man verstehen mußte, um sie zu verstehen. – –
–
In dem großen Eßzimmer der Pension hatte Mette ihren Tisch in der
dunkelsten Ecke. Die freundliche Wirtin hatte geglaubt, sich entschuldigen
zu müssen, daß die Plätze in der Nähe der Fenster alle schon von älteren
Gästen besetzt wären. Metten war es gerade recht so. Sie saß mit dem
Rücken gegen die Wand und hatte den kleinen Tisch wie einen Schutzwall
vor sich. Sie war meistens beim ersten Gongruf schon fertig und setzte sich
auf ihren Platz, um die andern an sich vorüber zu lassen und sich nicht
zwischen den vollbesetzten Tischen hindurchwinden zu müssen. Wenn sie
sich einmal verspätete, war ihr der kurze Gang durch das Zimmer ein nicht
endenwollender Marterpfad. Sie fühlte sich von all den unverhohlen
neugierigen und selbst von den gleichgültigen Blicken gepeinigt und
gehemmt. Obgleich sie sich jedesmal vor dem Spiegel prüfte, ehe sie ihr
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Zimmer verließ, hatte sie doch immer das Gefühl, daß ihr Haar sich löste,
wenn ein Blick an ihrem Kopf haften blieb, oder daß sie ein Loch im
Strumpf hatte, wenn jemand auf ihre Füße sah. Sie mußte dann immer
gegen den Wunsch ankämpfen, ängstlich nach ihrem Haarknoten zu greifen,
oder auch ihrerseits ihre Füße zu betrachten. Sie preßte die Ellbogen an den
Körper, bemühte sich, ein undurchdringliches und ausdrucksloses Gesicht
zu machen und vorsichtig zu gehen – weil die Vorstellung sie plagte, sie
würde einen Stuhl umreißen oder an einem Tisch anstoßen – aber dabei
doch so rasch, daß man ihr diese Vorsicht nicht anmerkte. Wenn sie dann
glücklich in ihrer Ecke saß, fühlte sie sich wie im Hafen.
Meistens nahm sie sich eine Zeitung mit, um sich während der Wartezeit
dahinter zu verschanzen. Sie hatte nicht Angst davor, daß jemand sie
anreden könnte – das Sprechen fiel ihr weniger schwer, als das Gehen –
aber Angst, daß sie so aussehen könnte, als wartete sie auf eine Anrede – so
beschäftigungslos, so einsam, so hungrig nach einem zugeworfenen Wort.
Dabei war sie es in Wahrheit gar nicht. Je weniger sie sprach, desto
weniger vermißte sie das Gespräch. Wenn es auch keine Qual verursachte,
so brauchte es doch immer eine gewisse Entschlußkraft, eh sie den Mund
aufbekam, um dem Mädchen irgend etwas zu sagen. Und wenn sie abends
auf ihr Zimmer ging und nach dem letzten „danke, Berta, ich brauche nichts
mehr“, die Tür verriegelte, dann kam das Gefühl des Schweigenkönnens,
des Schweigendürfens wie eine Erlösung über sie. Ihr war manchmal, als ob
ihre Zunge schon lahm geworden sei, wie irgendein anderer Muskel, der nie
bewegt wird. Und sie hatte kein Bedauern mehr für die Trappisten, weil sie
deutlich empfand, daß es nur weniger Wochen bedurfte, um sich so an das
Schweigen zu gewöhnen, daß sich vor jedes Wort unüberwindliche
Hemmungen stellten.
Aber sie wußte, daß keine schützenden Klostermauern sie umgaben, und
daß sie es sich nicht gestatten durfte, ein Trappistenleben zu führen. Sie
wollte sich in den Strom aller Menschlichkeiten hineinstürzen, um
Schwimmen zu lernen. Dabei klopfte ihr das Herz, wenn sie nur erst die
Zehenspitzen benetzte.
Trotzdem stand sie den Menschen nicht verächtlich, nicht einmal
gleichgültig gegenüber. Sie hatte für all und jeden eine wache
Aufmerksamkeit und war rasch bereit zu Sympathie und Antipathie.
Es waren besonders zwei Gruppen in der Pension, die ihre Beobachtung
auf sich zogen und ihre Teilnahme erregten. Die eine scharte sich um Luise
wenn ein Blick an ihrem Kopf haften blieb, oder daß sie ein Loch im
Strumpf hatte, wenn jemand auf ihre Füße sah. Sie mußte dann immer
gegen den Wunsch ankämpfen, ängstlich nach ihrem Haarknoten zu greifen,
oder auch ihrerseits ihre Füße zu betrachten. Sie preßte die Ellbogen an den
Körper, bemühte sich, ein undurchdringliches und ausdrucksloses Gesicht
zu machen und vorsichtig zu gehen – weil die Vorstellung sie plagte, sie
würde einen Stuhl umreißen oder an einem Tisch anstoßen – aber dabei
doch so rasch, daß man ihr diese Vorsicht nicht anmerkte. Wenn sie dann
glücklich in ihrer Ecke saß, fühlte sie sich wie im Hafen.
Meistens nahm sie sich eine Zeitung mit, um sich während der Wartezeit
dahinter zu verschanzen. Sie hatte nicht Angst davor, daß jemand sie
anreden könnte – das Sprechen fiel ihr weniger schwer, als das Gehen –
aber Angst, daß sie so aussehen könnte, als wartete sie auf eine Anrede – so
beschäftigungslos, so einsam, so hungrig nach einem zugeworfenen Wort.
Dabei war sie es in Wahrheit gar nicht. Je weniger sie sprach, desto
weniger vermißte sie das Gespräch. Wenn es auch keine Qual verursachte,
so brauchte es doch immer eine gewisse Entschlußkraft, eh sie den Mund
aufbekam, um dem Mädchen irgend etwas zu sagen. Und wenn sie abends
auf ihr Zimmer ging und nach dem letzten „danke, Berta, ich brauche nichts
mehr“, die Tür verriegelte, dann kam das Gefühl des Schweigenkönnens,
des Schweigendürfens wie eine Erlösung über sie. Ihr war manchmal, als ob
ihre Zunge schon lahm geworden sei, wie irgendein anderer Muskel, der nie
bewegt wird. Und sie hatte kein Bedauern mehr für die Trappisten, weil sie
deutlich empfand, daß es nur weniger Wochen bedurfte, um sich so an das
Schweigen zu gewöhnen, daß sich vor jedes Wort unüberwindliche
Hemmungen stellten.
Aber sie wußte, daß keine schützenden Klostermauern sie umgaben, und
daß sie es sich nicht gestatten durfte, ein Trappistenleben zu führen. Sie
wollte sich in den Strom aller Menschlichkeiten hineinstürzen, um
Schwimmen zu lernen. Dabei klopfte ihr das Herz, wenn sie nur erst die
Zehenspitzen benetzte.
Trotzdem stand sie den Menschen nicht verächtlich, nicht einmal
gleichgültig gegenüber. Sie hatte für all und jeden eine wache
Aufmerksamkeit und war rasch bereit zu Sympathie und Antipathie.
Es waren besonders zwei Gruppen in der Pension, die ihre Beobachtung
auf sich zogen und ihre Teilnahme erregten. Die eine scharte sich um Luise
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Peters – „Lawising“, wie sie von allen Seiten gerufen wurde – eine
norddeutsche Malerin, eine große, breite, derbknochige Person, deren
frisches, rotbackiges Gesicht mit blanken Augen und weißen Zähnen, deren
glattsträhniges und ungleichmäßig blondes Haar immer so aussah, als ob sie
eben einem eiskalten Bade entstiegen sei. Lawising hatte eine tiefe und
etwas rauhe Stimme, ein lautes und ins Auge fallendes Gebaren – aber man
spürte, daß ihr nichts ferner lag, als ein eitles Aufsehen-erregen-wollen. Ihre
große und kräftige Persönlichkeit konnte sich nur mit unsäglicher Mühe auf
zarte und vorsichtige Bewegungen oder einen leisen und gedämpften Ton
beschränken. Trotz ihres etwas lärmenden Wesens hatte sie nichts Unfeines,
sie blinkte von innerer und äußerer Sauberkeit – ja, sie roch förmlich nach
guter Familie.
Der Mittelpunkt des andern Kreises duftete eher nach französischer
Parfümerie. Daß das schmale, feingliedrige Wesen künstlich gebleichtes
Haar und künstlich getuschte Wimpern hatte, das entging auch Mettes
ungeübten Augen nicht. Aber sie stellte doch fest – so vorurteilslos, als ob
sie vor einem Bilde stände – daß die schwarz umränderten Augen zu den
kupferglänzenden Locken einen sehr reizvollen Gegensatz bildeten, daß das
Lachen, das die Kleine gefallsüchtig durch den Saal schwirren ließ,
wirklich einen süßen und silbrigen Ton hatte, und daß die reichlich kurzen
Röckchen allerliebst geformte schlanke Beine sehen ließen.
Bis auf zwei gutmütige alte Damen, die allen ein mütterliches
Wohlwollen zuteil werden ließen, und zwei bösartige, die für alles, was
Jugend hieß, nur ein giftiges Hohnlächeln übrig hatten, gehörten die Gäste
der Pension einer der beiden Cliquen an, die sich nicht gerade befehdeten,
aber sich doch gern mehr oder weniger offensichtlich übereinander lustig
machten. Und auch – zur Freude der Wirtin – einen gewissen harmlosen
Wettbewerb trieben: wenn die eine Partei bis Mitternacht zusammensaß und
eine Flasche Wein nach der andern trank, so braute sicher am übernächsten
Tag die andere Partei eine Bowle und zechte bis zum Morgengrauen.
Mette fühlte sich manchmal an ihre Schulzeit erinnert. Da waren
erwachsene Menschen, die ganz wie die kleinen Mädchen in der Klasse,
wenn sie sich von einem Tisch an den andern etwas sagen wollten, sich
einer Art Zeichensprache bedienten. Oder ein paar Worte auf den Rand
einer Zeitung schrieben und sie dem bedienenden Mädchen mitgaben –
ganz wie man in der Schule Zettelchen auf die Wanderschaft geschickt
hatte. Da waren Vertraute, die immer miteinander zu tuscheln hatten, ehe sie
norddeutsche Malerin, eine große, breite, derbknochige Person, deren
frisches, rotbackiges Gesicht mit blanken Augen und weißen Zähnen, deren
glattsträhniges und ungleichmäßig blondes Haar immer so aussah, als ob sie
eben einem eiskalten Bade entstiegen sei. Lawising hatte eine tiefe und
etwas rauhe Stimme, ein lautes und ins Auge fallendes Gebaren – aber man
spürte, daß ihr nichts ferner lag, als ein eitles Aufsehen-erregen-wollen. Ihre
große und kräftige Persönlichkeit konnte sich nur mit unsäglicher Mühe auf
zarte und vorsichtige Bewegungen oder einen leisen und gedämpften Ton
beschränken. Trotz ihres etwas lärmenden Wesens hatte sie nichts Unfeines,
sie blinkte von innerer und äußerer Sauberkeit – ja, sie roch förmlich nach
guter Familie.
Der Mittelpunkt des andern Kreises duftete eher nach französischer
Parfümerie. Daß das schmale, feingliedrige Wesen künstlich gebleichtes
Haar und künstlich getuschte Wimpern hatte, das entging auch Mettes
ungeübten Augen nicht. Aber sie stellte doch fest – so vorurteilslos, als ob
sie vor einem Bilde stände – daß die schwarz umränderten Augen zu den
kupferglänzenden Locken einen sehr reizvollen Gegensatz bildeten, daß das
Lachen, das die Kleine gefallsüchtig durch den Saal schwirren ließ,
wirklich einen süßen und silbrigen Ton hatte, und daß die reichlich kurzen
Röckchen allerliebst geformte schlanke Beine sehen ließen.
Bis auf zwei gutmütige alte Damen, die allen ein mütterliches
Wohlwollen zuteil werden ließen, und zwei bösartige, die für alles, was
Jugend hieß, nur ein giftiges Hohnlächeln übrig hatten, gehörten die Gäste
der Pension einer der beiden Cliquen an, die sich nicht gerade befehdeten,
aber sich doch gern mehr oder weniger offensichtlich übereinander lustig
machten. Und auch – zur Freude der Wirtin – einen gewissen harmlosen
Wettbewerb trieben: wenn die eine Partei bis Mitternacht zusammensaß und
eine Flasche Wein nach der andern trank, so braute sicher am übernächsten
Tag die andere Partei eine Bowle und zechte bis zum Morgengrauen.
Mette fühlte sich manchmal an ihre Schulzeit erinnert. Da waren
erwachsene Menschen, die ganz wie die kleinen Mädchen in der Klasse,
wenn sie sich von einem Tisch an den andern etwas sagen wollten, sich
einer Art Zeichensprache bedienten. Oder ein paar Worte auf den Rand
einer Zeitung schrieben und sie dem bedienenden Mädchen mitgaben –
ganz wie man in der Schule Zettelchen auf die Wanderschaft geschickt
hatte. Da waren Vertraute, die immer miteinander zu tuscheln hatten, ehe sie
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sich an ihre Plätze begaben, und die, wenn das Mädchen mit der Suppe
kam, sich mit einem vielverheißenden „nachher“ trennten. Oder andere, die
sich nur einen Blick zuzuwerfen brauchten, um einen Lachanfall zu
bekommen, den sie mühsam zu unterdrücken oder wenigstens zu verbergen
suchten.
Manchmal spürte Mette auch dasselbe Neidgefühl wie damals, als sie
fremd und vereinsamt der Lustigkeit der Klasse gegenüberstand. Und dann
dachte sie mit einem leisen inneren Lächeln, daß sie seit jener Zeit doch
schon um vieles älter geworden war – nicht nur um das eine Jahrzehnt, das
dazwischen lag. Sie war schon so alt und klug geworden, sich zu sagen, daß
all diese Heiterkeit und Wichtigtuerei und Geheimniskrämerei nur so
verlockend erschien für den, der unbeteiligt draußen stand – und daß sie
überhaupt jeden Reiz verlor, wenn nicht jemand da war, der das Spiel als
Zuschauer mit ansah und in dessen Gemüt man ein wenig Neugier und Neid
und Sehnsucht erwecken wollte.
Mette merkte wohl, daß – von beiden Parteien – manches in halb
unbewußter Berechnung geschah, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen.
Aber sie war nicht genug von ihrem Wert überzeugt, um sich dadurch
geschmeichelt zu fühlen.
‚Die spielenden Kinder brauchen einen Zuschauer,‘ dachte sie mit
nachsichtigem Lächeln.
Sie fühlte auch mitunter, daß es nicht schwer sein würde, an einen der
Kreise Anschluß zu finden. Sie hätte nur einmal in eines der allgemeinen
Gespräche, an denen auch die liebenswürdige Wirtin sich beteiligte, ein
paar Worte hineinwerfen müssen, sie hätte nur einmal einen Gruß weniger
zurückhaltend zu erwidern brauchen, und in kürzester Zeit hätte sie nicht
mehr abseits gestanden, hätte sie mitgeplätschert in dem muntern Bächlein
dieser mehr oder weniger seichten Beziehungen. Manchmal nahm sie einen
innerlichen Anlauf zu dem Sprung, weil sie dem, was sie „das Leben“
nannte, näher kommen wollte und mit leiser Angst verspürte, wie sie ihm
immer fremder wurde. Sie nahm sich vor, bei der nächsten Gelegenheit an
einem Gespräch teilzunehmen, und das Herz schlug ihr, wenn die
Gelegenheit da war – aber sie ließ sie ungenützt vorübergehen. Wenn sie
den fertig gebildeten Satz schon auf der Zunge hatte, faßte sie die Angst, –
nicht die Angst, den Satz nicht herauszubringen, oder für aufdringlich zu
gelten – sondern die Angst, durch ein Wort Beziehungen anzuknüpfen, die
nachher zu lösen schwer – ja fast unmöglich war.
kam, sich mit einem vielverheißenden „nachher“ trennten. Oder andere, die
sich nur einen Blick zuzuwerfen brauchten, um einen Lachanfall zu
bekommen, den sie mühsam zu unterdrücken oder wenigstens zu verbergen
suchten.
Manchmal spürte Mette auch dasselbe Neidgefühl wie damals, als sie
fremd und vereinsamt der Lustigkeit der Klasse gegenüberstand. Und dann
dachte sie mit einem leisen inneren Lächeln, daß sie seit jener Zeit doch
schon um vieles älter geworden war – nicht nur um das eine Jahrzehnt, das
dazwischen lag. Sie war schon so alt und klug geworden, sich zu sagen, daß
all diese Heiterkeit und Wichtigtuerei und Geheimniskrämerei nur so
verlockend erschien für den, der unbeteiligt draußen stand – und daß sie
überhaupt jeden Reiz verlor, wenn nicht jemand da war, der das Spiel als
Zuschauer mit ansah und in dessen Gemüt man ein wenig Neugier und Neid
und Sehnsucht erwecken wollte.
Mette merkte wohl, daß – von beiden Parteien – manches in halb
unbewußter Berechnung geschah, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen.
Aber sie war nicht genug von ihrem Wert überzeugt, um sich dadurch
geschmeichelt zu fühlen.
‚Die spielenden Kinder brauchen einen Zuschauer,‘ dachte sie mit
nachsichtigem Lächeln.
Sie fühlte auch mitunter, daß es nicht schwer sein würde, an einen der
Kreise Anschluß zu finden. Sie hätte nur einmal in eines der allgemeinen
Gespräche, an denen auch die liebenswürdige Wirtin sich beteiligte, ein
paar Worte hineinwerfen müssen, sie hätte nur einmal einen Gruß weniger
zurückhaltend zu erwidern brauchen, und in kürzester Zeit hätte sie nicht
mehr abseits gestanden, hätte sie mitgeplätschert in dem muntern Bächlein
dieser mehr oder weniger seichten Beziehungen. Manchmal nahm sie einen
innerlichen Anlauf zu dem Sprung, weil sie dem, was sie „das Leben“
nannte, näher kommen wollte und mit leiser Angst verspürte, wie sie ihm
immer fremder wurde. Sie nahm sich vor, bei der nächsten Gelegenheit an
einem Gespräch teilzunehmen, und das Herz schlug ihr, wenn die
Gelegenheit da war – aber sie ließ sie ungenützt vorübergehen. Wenn sie
den fertig gebildeten Satz schon auf der Zunge hatte, faßte sie die Angst, –
nicht die Angst, den Satz nicht herauszubringen, oder für aufdringlich zu
gelten – sondern die Angst, durch ein Wort Beziehungen anzuknüpfen, die
nachher zu lösen schwer – ja fast unmöglich war.
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M ette dachte oft über sich selbst nach. Sie las und lernte abends im
Bett so lange, bis ihre Gedanken sich verwirrten, und sie, schon halb
im Schlaf, nach der Lampe griff, um das Licht auszudrehen. Aber
manchmal wurde sie nach kurzer Zeit durch irgendein Geräusch geweckt,
daß sie mit hämmerndem Herzen auffuhr. Und dann konnte sie oft stunden-
und stundenlang den Schlaf nicht zwingen – dann nützte weder Zählen noch
Vokabelaufsagen, noch die Vorstellung des wogenden Kornfeldes – ein
Zehntel der Gedankenkraft blieb mechanisch bei den Zahlen, und neun
Zehntel jagten kreuz und quer und schleppten und zerrten alles herbei, was
peinvoll und quälend und beunruhigend war. In solchen schlaflosen
Nächten, wenn alle Dinge ihr so bedrohlich und feindselig naherückten und
sie immer mehr bedrängten, bis sie schließlich fiebernd und glühend die
Decken zurückwarf und sich aufrichtete, um Atem holen zu können, oder
um die gekrampften Fäuste gegen ihre Angreifer zu schütteln, oder um die
Finger in ihr Haar zu krallen und die gesenkte Stirn schwer, schwer in die
Hände zu stützen – in solchen schlaflosen Nächten dachte Mette auch über
sich selbst nach.
Sie wäre sich gern darüber klar geworden, ob sie ein guter oder ein
schlechter Mensch war. Es war sehr schwer, das festzustellen, und
manchmal spielte sie mit dem Gedanken, einen unbefangenen Menschen
zum Richter aufzurufen, ihm alle „Für“ und „Wider“ vorzutragen und sich
einem Urteil zu unterwerfen, sich freisprechen zu lassen oder eine Buße auf
sich zu nehmen. Sie suchte unter den Leuten auf der Straße, in den Bahnen,
in den Konzerten nach einem Gesicht, das von der Fähigkeit zu solchem
Richteramt zeugte. Aber sie fand keines.
Sie suchte auch unter den gemalten Gesichtern in den Galerien. Und da
war schon eher ein oder das andere, vor dem sie hätte stehenbleiben mögen,
um mit gefalteten Händen zu bitten: Hilf du mir doch – das hab’ ich getan –
und das hab’ ich verabsäumt – und dessen hat man mich ungerecht
beschuldigt. Wie steht es nun um mich – sind andere Menschen besser oder
schlimmer? Haben viele ein Recht, mich zu verachten? Habe ich das Recht
verwirkt, andere zu verachten? Gibt es nicht ehrbare und tugendhafte
Bett so lange, bis ihre Gedanken sich verwirrten, und sie, schon halb
im Schlaf, nach der Lampe griff, um das Licht auszudrehen. Aber
manchmal wurde sie nach kurzer Zeit durch irgendein Geräusch geweckt,
daß sie mit hämmerndem Herzen auffuhr. Und dann konnte sie oft stunden-
und stundenlang den Schlaf nicht zwingen – dann nützte weder Zählen noch
Vokabelaufsagen, noch die Vorstellung des wogenden Kornfeldes – ein
Zehntel der Gedankenkraft blieb mechanisch bei den Zahlen, und neun
Zehntel jagten kreuz und quer und schleppten und zerrten alles herbei, was
peinvoll und quälend und beunruhigend war. In solchen schlaflosen
Nächten, wenn alle Dinge ihr so bedrohlich und feindselig naherückten und
sie immer mehr bedrängten, bis sie schließlich fiebernd und glühend die
Decken zurückwarf und sich aufrichtete, um Atem holen zu können, oder
um die gekrampften Fäuste gegen ihre Angreifer zu schütteln, oder um die
Finger in ihr Haar zu krallen und die gesenkte Stirn schwer, schwer in die
Hände zu stützen – in solchen schlaflosen Nächten dachte Mette auch über
sich selbst nach.
Sie wäre sich gern darüber klar geworden, ob sie ein guter oder ein
schlechter Mensch war. Es war sehr schwer, das festzustellen, und
manchmal spielte sie mit dem Gedanken, einen unbefangenen Menschen
zum Richter aufzurufen, ihm alle „Für“ und „Wider“ vorzutragen und sich
einem Urteil zu unterwerfen, sich freisprechen zu lassen oder eine Buße auf
sich zu nehmen. Sie suchte unter den Leuten auf der Straße, in den Bahnen,
in den Konzerten nach einem Gesicht, das von der Fähigkeit zu solchem
Richteramt zeugte. Aber sie fand keines.
Sie suchte auch unter den gemalten Gesichtern in den Galerien. Und da
war schon eher ein oder das andere, vor dem sie hätte stehenbleiben mögen,
um mit gefalteten Händen zu bitten: Hilf du mir doch – das hab’ ich getan –
und das hab’ ich verabsäumt – und dessen hat man mich ungerecht
beschuldigt. Wie steht es nun um mich – sind andere Menschen besser oder
schlimmer? Haben viele ein Recht, mich zu verachten? Habe ich das Recht
verwirkt, andere zu verachten? Gibt es nicht ehrbare und tugendhafte
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Menschen, die niedriger stehen als ich? Und darf ich nicht zu manchen
aufsehen, die noch mehr gesündigt haben, als ich?
Manchmal prüfte sich Mette, ob sie irgend etwas anders tun würde, wenn
es ihr noch einmal zu tun gegeben würde. Sie meinte dann wohl, daß sie
ihrem Kinderfräulein nicht mehr mit so blinder Schwärmerei anhängen
würde. Und daß sie versuchen würde, ihrem Vater näher zu kommen, mehr
Verständnis für ihn zu gewinnen, und ihm mehr Verständnis beizubringen.
Und dann würde sie die Schuljahre besser ausnutzen, um das wenige, was
sich auf der Schule lernen ließ, wenigstens gründlich zu erfassen.
Aber all dies war es ja nicht, was man ihr als Schuld angerechnet hatte.
Ihre Schuld, ihr Verbrechen war gewesen, daß sie Olga Radó zu sehr geliebt
hatte.
Und wenn Mette an diesen Punkt kam, dann bäumte sich der
Widerspruch in ihr auf wie ein gepeitschtes wildes Pferd. Wenn Olga noch
einmal in ihr Leben träte, dann würde sie jedes Verbrechen begehen, um zu
ihr zu gelangen, ihre Stimme zu hören, ihre Hände zu fühlen.
Sie hatte einen Wachtraum, der mit der Hartnäckigkeit eines Fieberwahns
immer wiederkehrte. Sie sah Olga in weiter Entfernung, manchmal wie vor
ihr fliehend, aber meist ihr zugewandt, mit sehnsüchtig ausgestreckten
Händen. Sie wollte zu ihr. Sie mußte zu ihr. Aber immer drängte sich
jemand dazwischen. Ihr Vater, Tante Emilie, Onkel Jürgen, Frau Flesch, der
Detektiv, die Möbius-Mädels. Und Mette hielt den Revolver umklammert –
Olgas Revolver – und schoß. Und traf. Und die Getroffenen stürzten
zusammen und ließen den Nächsten auftauchen. Aber wenn die Reihe zu
Ende war, fing sie wieder von vorn an. Wie Puppen in einer Schießbude
standen sie wieder auf und versperrten ihr den Weg. Und Mette schoß sie
nieder, unzähligemal. Aber Olga entfernte sich, ihre Erscheinung wurde
immer undeutlicher, verblaßte, verdämmerte, bis sie verschwand.
Die Sehnsucht nach Olga konnte Mette fast bis zum Wahnsinn peinigen –
und doch war sie nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war die Sehnsucht,
die ins Ungewisse ging, die nach einem Menschen schrie, nicht nach Liebe
oder Kameradschaft oder Verständnis, nur nach der Wärme eines Körpers,
nach umschlingenden Armen, nach zärtlichen Lippen.
Dann konnte es vorkommen, daß Mette sich mit Nägeln und Zähnen in
die Kissen einkrallte und sich schüttelte wie im Fieber. In solchen
Augenblicken wurde es ihr auch klar, daß sie doch wohl ein schlechter
Mensch wäre. Und das Belastendste war, daß sie keine Reue kannte und
aufsehen, die noch mehr gesündigt haben, als ich?
Manchmal prüfte sich Mette, ob sie irgend etwas anders tun würde, wenn
es ihr noch einmal zu tun gegeben würde. Sie meinte dann wohl, daß sie
ihrem Kinderfräulein nicht mehr mit so blinder Schwärmerei anhängen
würde. Und daß sie versuchen würde, ihrem Vater näher zu kommen, mehr
Verständnis für ihn zu gewinnen, und ihm mehr Verständnis beizubringen.
Und dann würde sie die Schuljahre besser ausnutzen, um das wenige, was
sich auf der Schule lernen ließ, wenigstens gründlich zu erfassen.
Aber all dies war es ja nicht, was man ihr als Schuld angerechnet hatte.
Ihre Schuld, ihr Verbrechen war gewesen, daß sie Olga Radó zu sehr geliebt
hatte.
Und wenn Mette an diesen Punkt kam, dann bäumte sich der
Widerspruch in ihr auf wie ein gepeitschtes wildes Pferd. Wenn Olga noch
einmal in ihr Leben träte, dann würde sie jedes Verbrechen begehen, um zu
ihr zu gelangen, ihre Stimme zu hören, ihre Hände zu fühlen.
Sie hatte einen Wachtraum, der mit der Hartnäckigkeit eines Fieberwahns
immer wiederkehrte. Sie sah Olga in weiter Entfernung, manchmal wie vor
ihr fliehend, aber meist ihr zugewandt, mit sehnsüchtig ausgestreckten
Händen. Sie wollte zu ihr. Sie mußte zu ihr. Aber immer drängte sich
jemand dazwischen. Ihr Vater, Tante Emilie, Onkel Jürgen, Frau Flesch, der
Detektiv, die Möbius-Mädels. Und Mette hielt den Revolver umklammert –
Olgas Revolver – und schoß. Und traf. Und die Getroffenen stürzten
zusammen und ließen den Nächsten auftauchen. Aber wenn die Reihe zu
Ende war, fing sie wieder von vorn an. Wie Puppen in einer Schießbude
standen sie wieder auf und versperrten ihr den Weg. Und Mette schoß sie
nieder, unzähligemal. Aber Olga entfernte sich, ihre Erscheinung wurde
immer undeutlicher, verblaßte, verdämmerte, bis sie verschwand.
Die Sehnsucht nach Olga konnte Mette fast bis zum Wahnsinn peinigen –
und doch war sie nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war die Sehnsucht,
die ins Ungewisse ging, die nach einem Menschen schrie, nicht nach Liebe
oder Kameradschaft oder Verständnis, nur nach der Wärme eines Körpers,
nach umschlingenden Armen, nach zärtlichen Lippen.
Dann konnte es vorkommen, daß Mette sich mit Nägeln und Zähnen in
die Kissen einkrallte und sich schüttelte wie im Fieber. In solchen
Augenblicken wurde es ihr auch klar, daß sie doch wohl ein schlechter
Mensch wäre. Und das Belastendste war, daß sie keine Reue kannte und
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nicht einmal gute Vorsätze. Im Gegenteil. Wenn sie sehr unglücklich war,
dann faßte sie geradezu den Vorsatz, schlecht zu werden. Sie wollte nur
lernen und an sich arbeiten, um Macht über die Menschen zu gewinnen, um
zu berücken, zu verführen. Und dann wollte sie nach allem greifen, was ihre
Lust oder ihre Neugier auch nur für eine Stunde reizte, wollte nur den
Schaum von den Kelchen schlürfen, den Saft aus den Früchten pressen und
weiterjagen, von einem zum andern, nirgends verweilend, nirgends sich
anheftend, nirgends aus den Tiefen schöpfend.
Ein solcher Entschluß trieb sie den Menschen näher. Sie wollte kopfüber
den Sprung in den Strom wagen, weil sie die Kraft in sich fühlte, die Flut zu
meistern. Sie nahm sich vor, am andern Tag eine Bekanntschaft anzufangen,
mit irgend jemand auf Redefuß zu kommen – ein Wort konnte wie ein ins
Wasser geworfener Stein immer weitere Ringe ziehen, und in wenigen
Wochen konnte sie der Mittelpunkt eines Kreises sein.
Wenn sie am andern Tag unter den Gesichtern Umschau hielt, erschienen
sie ihr plötzlich alle leer und langweilig oder verlogen und unheimlich, und
ihr Inneres zog sich zusammen wie ein erschreckter Igel, ängstlich und
feindselig. Und sie faßte einen neuen Entschluß: zu schweigen, immer zu
schweigen, niemals mehr als das unumgänglich Notwendige zu reden,
niemals mehr einem Menschen das Du zu gönnen, Barrikaden und Mauern
des Schweigens zu errichten zwischen sich und der Welt. – – –
Es wäre vielleicht noch wochen- und monatelang so weiter gegangen, wenn
nicht eines Tages Gisela Werkenthin in die Pension gekommen wäre, um
die kleine Geschminkte zu besuchen. Sie fiel Mette sofort auf, als sie das
Eßzimmer betrat. Nicht, daß sie besonders schön gewesen wäre. Sie war
schlank, schmächtig, knabenhaft gebaut. Ihr schmales Gesicht wurde noch
schmäler durch das auf Pagenart geschnittene dunkle Haar, das die Hälfte
der Wangen verdeckte. Ihr Mund war fast lippenlos, nur eine feine blaßrote
stolz und schmerzlich gebogene Linie. Ihre dunklen Augen mit auffallend
breiten Lidern lagen in großen, tiefen, aschgrauen Höhlen.
Mette stand an diesem Abend nicht gleich nach dem Essen auf, wie
gewöhnlich. Sie ließ sich noch einen Tee bringen, um einen Vorwand zu
haben, tat, als ob sie ungeduldig in dem Tee rührte, um ihn abzukühlen, und
dann faßte sie geradezu den Vorsatz, schlecht zu werden. Sie wollte nur
lernen und an sich arbeiten, um Macht über die Menschen zu gewinnen, um
zu berücken, zu verführen. Und dann wollte sie nach allem greifen, was ihre
Lust oder ihre Neugier auch nur für eine Stunde reizte, wollte nur den
Schaum von den Kelchen schlürfen, den Saft aus den Früchten pressen und
weiterjagen, von einem zum andern, nirgends verweilend, nirgends sich
anheftend, nirgends aus den Tiefen schöpfend.
Ein solcher Entschluß trieb sie den Menschen näher. Sie wollte kopfüber
den Sprung in den Strom wagen, weil sie die Kraft in sich fühlte, die Flut zu
meistern. Sie nahm sich vor, am andern Tag eine Bekanntschaft anzufangen,
mit irgend jemand auf Redefuß zu kommen – ein Wort konnte wie ein ins
Wasser geworfener Stein immer weitere Ringe ziehen, und in wenigen
Wochen konnte sie der Mittelpunkt eines Kreises sein.
Wenn sie am andern Tag unter den Gesichtern Umschau hielt, erschienen
sie ihr plötzlich alle leer und langweilig oder verlogen und unheimlich, und
ihr Inneres zog sich zusammen wie ein erschreckter Igel, ängstlich und
feindselig. Und sie faßte einen neuen Entschluß: zu schweigen, immer zu
schweigen, niemals mehr als das unumgänglich Notwendige zu reden,
niemals mehr einem Menschen das Du zu gönnen, Barrikaden und Mauern
des Schweigens zu errichten zwischen sich und der Welt. – – –
Es wäre vielleicht noch wochen- und monatelang so weiter gegangen, wenn
nicht eines Tages Gisela Werkenthin in die Pension gekommen wäre, um
die kleine Geschminkte zu besuchen. Sie fiel Mette sofort auf, als sie das
Eßzimmer betrat. Nicht, daß sie besonders schön gewesen wäre. Sie war
schlank, schmächtig, knabenhaft gebaut. Ihr schmales Gesicht wurde noch
schmäler durch das auf Pagenart geschnittene dunkle Haar, das die Hälfte
der Wangen verdeckte. Ihr Mund war fast lippenlos, nur eine feine blaßrote
stolz und schmerzlich gebogene Linie. Ihre dunklen Augen mit auffallend
breiten Lidern lagen in großen, tiefen, aschgrauen Höhlen.
Mette stand an diesem Abend nicht gleich nach dem Essen auf, wie
gewöhnlich. Sie ließ sich noch einen Tee bringen, um einen Vorwand zu
haben, tat, als ob sie ungeduldig in dem Tee rührte, um ihn abzukühlen, und
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beobachtete dabei den Tisch, an dem die blasse Frau mit den
abgeschnittenen Haaren saß.
Sie lachte mit den andern, trank, und rauchte unzählige Zigaretten.
Aber plötzlich konnte sie während des lärmenden Gesprächs in sich
zusammensinken, wie eine Schlafende, die schmale Hand mit der
brennenden Zigarette stand wie erstarrt in der Luft, und ihre Augen bohrten
sich durch den Nebel von Rauch und Dunst, als sähen sie in der Ferne ein
furchtbares lähmendes Geschehen.
Am nächsten Tage suchte Mette Frau Meidinger, die Wirtin, auf. Sie hatte
eine unwichtige Kleinigkeit mit ihr zu besprechen, die sie sicher ein anderes
Mal durch die Vermittlung des Mädchens erledigt hätte. Aber in der Nacht
hatte sie den unerschütterlichen Entschluß gefaßt, den Sprung in das
„Leben“ zu tun, und aus diesem Grunde zwang sie sich erst einmal dazu,
Frau Meidinger persönlich aufzusuchen, die blond und rundlich,
wohlfrisiert und liebenswürdig wie immer, in ihrem sehr behaglichen
Wohnzimmer hinter einem gedeckten Teetisch thronte.
Sie schien sehr entzückt, Mette zu sehen. Sie quälte so lange, bis Mette
eine Tasse Tee genommen hatte, und dann fing sie an, in ebenso neugieriger
wie herzlicher Art, Fragen zu stellen, die Mette beantwortete, weil sie
keinen Grund hatte, sie nicht zu beantworten. Aber sie lächelte ein wenig
dabei und dachte: ‚Wenn ich etwas vor dir verbergen wollte, meine Liebe –
auf diese Weise würdest du es nicht aus mir herausfragen.‘
Sie gab gern zu, daß sie Waise wäre. Ja, es war ihr sogar ganz recht, daß
die Trauer, die sie noch um ihren Vater trug, eine genügende Erklärung für
ihr blasses und verhärmtes Aussehen gab. So kam die gutmütige und
aufdringliche Frau wenigstens nicht auf den Gedanken, nach einem
heimlichen Kummer und seiner Ursache zu forschen.
Mettes Schicksal war in wenigen Sätzen klargestellt: sie war Waise, hatte
weder Geschwister noch Großeltern am Leben und hatte mit Absicht eine
fremde Stadt aufgesucht, um in ganz veränderter Umgebung die traurigen
Eindrücke der letzten Zeit loszuwerden. Frau Meidinger gab sich damit
zufrieden, oder sie tat wenigstens so. Sie gestand Mette ein, daß – was diese
sehr verwunderte – schon alle Gäste nach ihr gefragt hätten, und daß jeder
hinter der jungen schweigsamen Dame in Trauer eine romantische
Geschichte vermutete. Fräulein Luigi – Mette würde doch zweifellos
Fräulein Luigi kennen? – sie wäre ja beim Kabarett und hätte viel Erfolg
jetzt, außergewöhnlich viel Erfolg – ja, die Kleine mit dem schönen roten
abgeschnittenen Haaren saß.
Sie lachte mit den andern, trank, und rauchte unzählige Zigaretten.
Aber plötzlich konnte sie während des lärmenden Gesprächs in sich
zusammensinken, wie eine Schlafende, die schmale Hand mit der
brennenden Zigarette stand wie erstarrt in der Luft, und ihre Augen bohrten
sich durch den Nebel von Rauch und Dunst, als sähen sie in der Ferne ein
furchtbares lähmendes Geschehen.
Am nächsten Tage suchte Mette Frau Meidinger, die Wirtin, auf. Sie hatte
eine unwichtige Kleinigkeit mit ihr zu besprechen, die sie sicher ein anderes
Mal durch die Vermittlung des Mädchens erledigt hätte. Aber in der Nacht
hatte sie den unerschütterlichen Entschluß gefaßt, den Sprung in das
„Leben“ zu tun, und aus diesem Grunde zwang sie sich erst einmal dazu,
Frau Meidinger persönlich aufzusuchen, die blond und rundlich,
wohlfrisiert und liebenswürdig wie immer, in ihrem sehr behaglichen
Wohnzimmer hinter einem gedeckten Teetisch thronte.
Sie schien sehr entzückt, Mette zu sehen. Sie quälte so lange, bis Mette
eine Tasse Tee genommen hatte, und dann fing sie an, in ebenso neugieriger
wie herzlicher Art, Fragen zu stellen, die Mette beantwortete, weil sie
keinen Grund hatte, sie nicht zu beantworten. Aber sie lächelte ein wenig
dabei und dachte: ‚Wenn ich etwas vor dir verbergen wollte, meine Liebe –
auf diese Weise würdest du es nicht aus mir herausfragen.‘
Sie gab gern zu, daß sie Waise wäre. Ja, es war ihr sogar ganz recht, daß
die Trauer, die sie noch um ihren Vater trug, eine genügende Erklärung für
ihr blasses und verhärmtes Aussehen gab. So kam die gutmütige und
aufdringliche Frau wenigstens nicht auf den Gedanken, nach einem
heimlichen Kummer und seiner Ursache zu forschen.
Mettes Schicksal war in wenigen Sätzen klargestellt: sie war Waise, hatte
weder Geschwister noch Großeltern am Leben und hatte mit Absicht eine
fremde Stadt aufgesucht, um in ganz veränderter Umgebung die traurigen
Eindrücke der letzten Zeit loszuwerden. Frau Meidinger gab sich damit
zufrieden, oder sie tat wenigstens so. Sie gestand Mette ein, daß – was diese
sehr verwunderte – schon alle Gäste nach ihr gefragt hätten, und daß jeder
hinter der jungen schweigsamen Dame in Trauer eine romantische
Geschichte vermutete. Fräulein Luigi – Mette würde doch zweifellos
Fräulein Luigi kennen? – sie wäre ja beim Kabarett und hätte viel Erfolg
jetzt, außergewöhnlich viel Erfolg – ja, die Kleine mit dem schönen roten
Page 23
Haar – mit dem rotgefärbten Haar, versteht sich, das hätte Mette doch wohl
auch schon bemerkt? – Also Fräulein Luigi hätte sogar Frau Meidinger
schon immer gequält, daß sie eine Bekanntschaft vermitteln solle; aber wie
Frau Meidinger das Fräulein Peters erzählt habe, hätte die gesagt, sie wäre
immer sehr geradezu, Fräulein Peters, und manchmal auch ein bißchen
derb: „Unterstehen Sie sich und machen Sie dies feine, zarte, vornehme
junge Menschenkind bekannt mit dieser ...“, na, sie wollte lieber nicht
wiederholen, was Fräulein Peters gesagt hätte, denn, wie gesagt, Fräulein
Peters sei manchmal ein bißchen derb. Aber so schlimm würde es wohl gar
nicht sein mit der kleinen Luigi. Sie wär’ natürlich keine Heilige vom
Himmel – aber wen ginge das was an? Sie, Frau Meidinger, wäre ihr nicht
zum Vormund gesetzt ... und die Hauptsache wäre, daß ihr Haus rein bliebe,
darauf achtete sie, und da könnte ihr keiner etwas nachsagen. Und wenn ein
junges Mädel heut ihr Brot verdienen müsse wie ein Mann, dann wolle sie
auch ihr Vergnügen haben wie ein Mann. Die Soliden wären ihr lieber,
freilich, selbstredend. Aber heutzutage, ach, wer wäre denn heutzutage noch
solid? Und wer es nicht so triebe, der triebe es eben anders. Ob Mette nicht
gestern die Gisela gesehen hätte?
Mette machte ein zweifelndes Gesicht und hatte das Gefühl, rot zu
werden.
„... eine von den Damen, die gestern zu Besuch bei Fräulein Luigi
waren?“
„Ja, die Dunkle – ach, Sie haben sie sicher gesehen, Fräulein Rudloff! Sie
sieht ja so elend aus, so namenlos elend! Ist Ihnen das nicht aufgefallen?
Sie haben wohl nicht so den Blick dafür – aber wer Bescheid weiß, der sieht
es ihr ja auf hundert Schritt an, daß sie Morphinistin ist. Es ist schließlich
keine Indiskretion von mir, wenn ich Ihnen etwas erzähle, was die ganze
Stadt weiß. Diese begabte Person! Es ist ein Jammer um sie, denn sie geht
zugrunde, sage ich Ihnen, sie geht zugrunde an einer Frau!“
Frau Meidinger machte eine Kunstpause und sah Mette erwartungsvoll
an.
Mette fühlte, daß dieser Blick sie aufforderte, irgend etwas zu sagen.
„Wie fürchterlich,“ sagte sie in dem Ton eines Kindes, dem man
unglaubbare Schauergeschichten erzählt.
„Ja, mein liebes Kind,“ sagte Frau Meidinger mit beinah mitleidiger
Überlegenheit, „in Ihren großen unschuldigen Augen, da steht so deutlich
die Frage: Gibt es denn so etwas überhaupt? Ach, mein Kind, haben Sie
auch schon bemerkt? – Also Fräulein Luigi hätte sogar Frau Meidinger
schon immer gequält, daß sie eine Bekanntschaft vermitteln solle; aber wie
Frau Meidinger das Fräulein Peters erzählt habe, hätte die gesagt, sie wäre
immer sehr geradezu, Fräulein Peters, und manchmal auch ein bißchen
derb: „Unterstehen Sie sich und machen Sie dies feine, zarte, vornehme
junge Menschenkind bekannt mit dieser ...“, na, sie wollte lieber nicht
wiederholen, was Fräulein Peters gesagt hätte, denn, wie gesagt, Fräulein
Peters sei manchmal ein bißchen derb. Aber so schlimm würde es wohl gar
nicht sein mit der kleinen Luigi. Sie wär’ natürlich keine Heilige vom
Himmel – aber wen ginge das was an? Sie, Frau Meidinger, wäre ihr nicht
zum Vormund gesetzt ... und die Hauptsache wäre, daß ihr Haus rein bliebe,
darauf achtete sie, und da könnte ihr keiner etwas nachsagen. Und wenn ein
junges Mädel heut ihr Brot verdienen müsse wie ein Mann, dann wolle sie
auch ihr Vergnügen haben wie ein Mann. Die Soliden wären ihr lieber,
freilich, selbstredend. Aber heutzutage, ach, wer wäre denn heutzutage noch
solid? Und wer es nicht so triebe, der triebe es eben anders. Ob Mette nicht
gestern die Gisela gesehen hätte?
Mette machte ein zweifelndes Gesicht und hatte das Gefühl, rot zu
werden.
„... eine von den Damen, die gestern zu Besuch bei Fräulein Luigi
waren?“
„Ja, die Dunkle – ach, Sie haben sie sicher gesehen, Fräulein Rudloff! Sie
sieht ja so elend aus, so namenlos elend! Ist Ihnen das nicht aufgefallen?
Sie haben wohl nicht so den Blick dafür – aber wer Bescheid weiß, der sieht
es ihr ja auf hundert Schritt an, daß sie Morphinistin ist. Es ist schließlich
keine Indiskretion von mir, wenn ich Ihnen etwas erzähle, was die ganze
Stadt weiß. Diese begabte Person! Es ist ein Jammer um sie, denn sie geht
zugrunde, sage ich Ihnen, sie geht zugrunde an einer Frau!“
Frau Meidinger machte eine Kunstpause und sah Mette erwartungsvoll
an.
Mette fühlte, daß dieser Blick sie aufforderte, irgend etwas zu sagen.
„Wie fürchterlich,“ sagte sie in dem Ton eines Kindes, dem man
unglaubbare Schauergeschichten erzählt.
„Ja, mein liebes Kind,“ sagte Frau Meidinger mit beinah mitleidiger
Überlegenheit, „in Ihren großen unschuldigen Augen, da steht so deutlich
die Frage: Gibt es denn so etwas überhaupt? Ach, mein Kind, haben Sie
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eine Ahnung, was es alles gibt! Wir leben in einer schrecklichen Zeit,
wirklich! Aber was soll man machen? Man kann aus der Zeit ebensowenig
heraus wie aus seiner eigenen Haut. Wenn ich es mir hätte aussuchen
können, ich hätte auch lieber im Biedermeier gelebt, wo alles recht
gemütlich herging. Oder zu Goethes Füßen gesessen – wo finden wir heute
einen Goethe?“
Mette bedauerte aufrichtig, Frau Meidinger nicht zu dem ersehnten Platz
verhelfen zu können. Sie stellte sich das Bild recht erheiternd vor und
benutzte die nächste Gelegenheit, um sich zu verabschieden.
Schon während sie über den langen, schlecht erleuchteten Flur nach
ihrem Zimmer ging, kehrten ihre Gedanken zu der armen Gisela zurück und
hörten nicht auf, sie zu umkreisen.
Arme Gisela, die an einer Frau zugrunde ging! Oh, wie Mette sie
verstehen konnte. Und sie würde Mette verstehen. Alles würde sie
verstehen, was Mette durchgemacht, Kampf und Liebe und Leid.
Mette war zumut, als müsse sie diese fremde Frau mit den
qualbrennenden Augen suchen, ihr nachgehen, sie bei der Hand fassen, um
ihr zu sagen: „Wir verstehen uns, wir gehören zusammen, weil wir die
Unglücklichsten der Welt sind. Wir müssen Freunde werden, weil niemand
außer uns begreifen kann, was wir gelitten haben.“ – – –
Am andern Abend ging das Gespräch zwischen den Tischen hin und her
über irgendeine Meldung des Abendblattes. Einige hatten die Zeitung schon
gelesen, andere nicht, und da Mette sie in der Hand hielt, bot sie sie ihrem
Nachbarn an. Die kleine Luigi bat, auch einen Blick hineinwerfen zu
dürfen, was Mette mit großer Liebenswürdigkeit gestattete, und nach fünf
Minuten war ein allgemeines Gespräch im Gange.
Am nächsten Tag schien es für Fräulein Luigi selbstverständlich, daß sie
Mette mit ein paar freundlichen Worten anredete. Und am Abend, als sie
die, welche sich gewöhnlich um sie scharten, aufforderte, auf ihrer Bude
noch einen Schnaps zu „genehmigen“, trat sie auch an Mettes Tisch heran
und bat sie, noch eine Viertelstunde mitzukommen – nicht „feierlich“, aber
„gemütlich“.
Mette gab sich innerlich einen Ruck und stand auf, um mitzugehen. Sie
mußte an dem Tisch vorüber, an dem Luise Peters mit ihren Genossen saß.
wirklich! Aber was soll man machen? Man kann aus der Zeit ebensowenig
heraus wie aus seiner eigenen Haut. Wenn ich es mir hätte aussuchen
können, ich hätte auch lieber im Biedermeier gelebt, wo alles recht
gemütlich herging. Oder zu Goethes Füßen gesessen – wo finden wir heute
einen Goethe?“
Mette bedauerte aufrichtig, Frau Meidinger nicht zu dem ersehnten Platz
verhelfen zu können. Sie stellte sich das Bild recht erheiternd vor und
benutzte die nächste Gelegenheit, um sich zu verabschieden.
Schon während sie über den langen, schlecht erleuchteten Flur nach
ihrem Zimmer ging, kehrten ihre Gedanken zu der armen Gisela zurück und
hörten nicht auf, sie zu umkreisen.
Arme Gisela, die an einer Frau zugrunde ging! Oh, wie Mette sie
verstehen konnte. Und sie würde Mette verstehen. Alles würde sie
verstehen, was Mette durchgemacht, Kampf und Liebe und Leid.
Mette war zumut, als müsse sie diese fremde Frau mit den
qualbrennenden Augen suchen, ihr nachgehen, sie bei der Hand fassen, um
ihr zu sagen: „Wir verstehen uns, wir gehören zusammen, weil wir die
Unglücklichsten der Welt sind. Wir müssen Freunde werden, weil niemand
außer uns begreifen kann, was wir gelitten haben.“ – – –
Am andern Abend ging das Gespräch zwischen den Tischen hin und her
über irgendeine Meldung des Abendblattes. Einige hatten die Zeitung schon
gelesen, andere nicht, und da Mette sie in der Hand hielt, bot sie sie ihrem
Nachbarn an. Die kleine Luigi bat, auch einen Blick hineinwerfen zu
dürfen, was Mette mit großer Liebenswürdigkeit gestattete, und nach fünf
Minuten war ein allgemeines Gespräch im Gange.
Am nächsten Tag schien es für Fräulein Luigi selbstverständlich, daß sie
Mette mit ein paar freundlichen Worten anredete. Und am Abend, als sie
die, welche sich gewöhnlich um sie scharten, aufforderte, auf ihrer Bude
noch einen Schnaps zu „genehmigen“, trat sie auch an Mettes Tisch heran
und bat sie, noch eine Viertelstunde mitzukommen – nicht „feierlich“, aber
„gemütlich“.
Mette gab sich innerlich einen Ruck und stand auf, um mitzugehen. Sie
mußte an dem Tisch vorüber, an dem Luise Peters mit ihren Genossen saß.
Page 25
Mette ging mit sehr hochgerecktem Kopf vorbei, aber sie glaubte die
erstaunten und spöttischen Blicke auf ihrem Rücken prickeln zu fühlen. In
einem aufwallenden Trotzgefühl schob sie ihre Hand in den Arm der
kleinen Luigi: ‚Ich gehöre zu diesen hier,‘ sollte das den andern sagen, ‚zu
diesen, die ihr verachtet, und die ein Herz für mich haben – und nicht zu
euch, ihr hochmütigen Tugendbolde – ihr hättet euch ja eher um mich
kümmern können – jetzt geschieht es euch recht, wenn ich zugrunde gehe!‘
Als dies Gefühl ihr klar wurde, kam sie sich selbst sehr lächerlich vor.
Was hatten diese wildfremden Menschen mit ihr zu tun, wieso hatten sie
eine Verantwortung für sie! Und doch empfand sie dunkel: Die da sitzen
und mir höhnisch und bedauernd nachsehen – die sind meine Klasse, sind
mir verwandt, zu ihnen gehöre ich – aber ich löse mich von ihnen und gehe
mit den andern, mit den fremden – mit denen, die mir verwandt sind, weil
sie mein Schicksal haben, weil sie überhaupt ein Schicksal haben und nicht
bloß ein Dasein, weil sie Leid kennen und Leidenschaft – und nicht bloß
Leiden, weil sie eifersüchtig sind und nicht bloß eifrig, weil sie triebhaft
sind und nicht bloß betriebsam ... nein, ich gehöre nicht zu euch, ich hasse
euch, ich verachte euch! Ihr und euresgleichen, ihr habt Olga Radó
gemordet – ich gehöre nicht mehr zu euch, und da ich doch irgendwohin
gehören muß, will ich versuchen, zu diesen zu gehören.
Sie überschritt die Schwelle zu Mara Luigis Zimmer mit so angespannter
Entschlußkraft, als schritte sie in ein neues Leben. – – –
Die kleine Luigi mußte von den meisten Stühlen erst eilig irgend etwas
wegraffen, um ihren Gästen Platz anbieten zu können. Als sie einen Arm
voll aller möglichen Gegenstände zusammen hatte, warf sie ihn aufs Bett:
„So, Kinder, setzt euch!“
Fräulein Lorenz, eine schlanke, gutgekleidete Blondine mit einem
hübschen und ausdruckslosen Puppengesicht, warf sich auf den
kissenbedeckten Diwan und nahm einen großen Teddybären zärtlich in den
Arm. Der kleine Kramer, ein blonder, schmächtiger Junge mit dem Gesicht
eines frühverdorbenen Kindes, bemühte sich, einen Platz auf dem Diwan zu
erkämpfen. Aber die hübsche Lorenz trat so heftig nach ihm, daß ihre
schlanken zappelnden Beine in dünnen Seidenstrümpfen bis über die Knie
sichtbar wurden.
erstaunten und spöttischen Blicke auf ihrem Rücken prickeln zu fühlen. In
einem aufwallenden Trotzgefühl schob sie ihre Hand in den Arm der
kleinen Luigi: ‚Ich gehöre zu diesen hier,‘ sollte das den andern sagen, ‚zu
diesen, die ihr verachtet, und die ein Herz für mich haben – und nicht zu
euch, ihr hochmütigen Tugendbolde – ihr hättet euch ja eher um mich
kümmern können – jetzt geschieht es euch recht, wenn ich zugrunde gehe!‘
Als dies Gefühl ihr klar wurde, kam sie sich selbst sehr lächerlich vor.
Was hatten diese wildfremden Menschen mit ihr zu tun, wieso hatten sie
eine Verantwortung für sie! Und doch empfand sie dunkel: Die da sitzen
und mir höhnisch und bedauernd nachsehen – die sind meine Klasse, sind
mir verwandt, zu ihnen gehöre ich – aber ich löse mich von ihnen und gehe
mit den andern, mit den fremden – mit denen, die mir verwandt sind, weil
sie mein Schicksal haben, weil sie überhaupt ein Schicksal haben und nicht
bloß ein Dasein, weil sie Leid kennen und Leidenschaft – und nicht bloß
Leiden, weil sie eifersüchtig sind und nicht bloß eifrig, weil sie triebhaft
sind und nicht bloß betriebsam ... nein, ich gehöre nicht zu euch, ich hasse
euch, ich verachte euch! Ihr und euresgleichen, ihr habt Olga Radó
gemordet – ich gehöre nicht mehr zu euch, und da ich doch irgendwohin
gehören muß, will ich versuchen, zu diesen zu gehören.
Sie überschritt die Schwelle zu Mara Luigis Zimmer mit so angespannter
Entschlußkraft, als schritte sie in ein neues Leben. – – –
Die kleine Luigi mußte von den meisten Stühlen erst eilig irgend etwas
wegraffen, um ihren Gästen Platz anbieten zu können. Als sie einen Arm
voll aller möglichen Gegenstände zusammen hatte, warf sie ihn aufs Bett:
„So, Kinder, setzt euch!“
Fräulein Lorenz, eine schlanke, gutgekleidete Blondine mit einem
hübschen und ausdruckslosen Puppengesicht, warf sich auf den
kissenbedeckten Diwan und nahm einen großen Teddybären zärtlich in den
Arm. Der kleine Kramer, ein blonder, schmächtiger Junge mit dem Gesicht
eines frühverdorbenen Kindes, bemühte sich, einen Platz auf dem Diwan zu
erkämpfen. Aber die hübsche Lorenz trat so heftig nach ihm, daß ihre
schlanken zappelnden Beine in dünnen Seidenstrümpfen bis über die Knie
sichtbar wurden.
Page 26
Ein ernst und kränklich aussehender Mann, der nicht unbedingt zu
diesem Kreis gehören mußte, da Mette ihn auch schon mit der andern Partei
in freundschaftlichem Gespräch getroffen hatte, schob Mette, die noch
immer wie unschlüssig in der Mitte des Zimmers stand, wortlos einen
Sessel hin.
Mette lächelte ihm dankbar und etwas verwirrt zu und setzte sich.
Unterdessen hatte der kleine Kramer einen so kräftigen Tritt erhalten, daß
er mit einem lauten Jammergeschrei von der Diwanecke herunterrutschte
und auf den Teppich glitt, wo er sitzen blieb und sich weder mit Gewalt
noch mit Zureden wieder in die Höhe bringen ließ.
Frau Breslauer, eine üppige Dame mit gemalten Augenbrauen, hatte auf
dem Bett ein Korsett aus weißem Seidentrikot entdeckt, das sie unter den
zahlreichen anderen Sachen hervorzog. Sie wollte absolut wissen, ob es
Maßarbeit sei, ob die berühmte Fischer es angefertigt hätte und wie teuer es
gewesen wäre.
Giesbert, ein junger Maler, ein schlanker, gut aussehender Mensch, riß
das Korsett aus den Händen der Frauen und tanzte damit durch die Stube.
Mara Luigi jagte hinter ihm her, sie hatte die ohnehin schon kurzen
Röckchen mit der linken Hand zusammengerafft, die rechte streckte sie
zappelnd in die Luft – wenn Giesbert sich aufreckte, kletterte sie auf einen
Stuhl, wenn er auf einer Seite des Tisches hin und her sprang, in
Bereitschaft, jeden Augenblick die Laufrichtung zu verändern, machte sie
es auf der anderen Seite ebenso. Ihre Haarnadeln fielen klirrend zu Boden,
Strähnen und Locken tanzten um ihr Gesicht.
Mette legte die Hände sehr fest um die Sessellehnen und schloß eine
Sekunde die Augen, weil sie fühlte, daß sie schwindlig wurde.
‚Das ist das Leben,‘ dachte sie, ‚ich muß mich daran gewöhnen.‘
Der häßlich und kränklich aussehende Mann, der immer noch hinter
ihrem Stuhl stand, beugte sich ein wenig vor und sagte mit einer ungemein
sanften und angenehmen Stimme:
„Gnädiges Fräulein sind fremd hier?“
„Ja,“ sagte Mette mit einem hilflosen Lächeln, „ziemlich!“
Sie schalt sich selbst sehr kleinlich und spießbürgerlich, aber sie hatte
doch das Gefühl, daß es immer noch leichter in einer der steifen und
herkömmlichen Gesellschaften sei, wo die Wirtin die Verpflichtung fühlte,
sich um einen fremden Gast zu kümmern. Sie wollte nicht beachtet werden,
nicht eine Rolle spielen, sie hätte diesem Durcheinander gern als
diesem Kreis gehören mußte, da Mette ihn auch schon mit der andern Partei
in freundschaftlichem Gespräch getroffen hatte, schob Mette, die noch
immer wie unschlüssig in der Mitte des Zimmers stand, wortlos einen
Sessel hin.
Mette lächelte ihm dankbar und etwas verwirrt zu und setzte sich.
Unterdessen hatte der kleine Kramer einen so kräftigen Tritt erhalten, daß
er mit einem lauten Jammergeschrei von der Diwanecke herunterrutschte
und auf den Teppich glitt, wo er sitzen blieb und sich weder mit Gewalt
noch mit Zureden wieder in die Höhe bringen ließ.
Frau Breslauer, eine üppige Dame mit gemalten Augenbrauen, hatte auf
dem Bett ein Korsett aus weißem Seidentrikot entdeckt, das sie unter den
zahlreichen anderen Sachen hervorzog. Sie wollte absolut wissen, ob es
Maßarbeit sei, ob die berühmte Fischer es angefertigt hätte und wie teuer es
gewesen wäre.
Giesbert, ein junger Maler, ein schlanker, gut aussehender Mensch, riß
das Korsett aus den Händen der Frauen und tanzte damit durch die Stube.
Mara Luigi jagte hinter ihm her, sie hatte die ohnehin schon kurzen
Röckchen mit der linken Hand zusammengerafft, die rechte streckte sie
zappelnd in die Luft – wenn Giesbert sich aufreckte, kletterte sie auf einen
Stuhl, wenn er auf einer Seite des Tisches hin und her sprang, in
Bereitschaft, jeden Augenblick die Laufrichtung zu verändern, machte sie
es auf der anderen Seite ebenso. Ihre Haarnadeln fielen klirrend zu Boden,
Strähnen und Locken tanzten um ihr Gesicht.
Mette legte die Hände sehr fest um die Sessellehnen und schloß eine
Sekunde die Augen, weil sie fühlte, daß sie schwindlig wurde.
‚Das ist das Leben,‘ dachte sie, ‚ich muß mich daran gewöhnen.‘
Der häßlich und kränklich aussehende Mann, der immer noch hinter
ihrem Stuhl stand, beugte sich ein wenig vor und sagte mit einer ungemein
sanften und angenehmen Stimme:
„Gnädiges Fräulein sind fremd hier?“
„Ja,“ sagte Mette mit einem hilflosen Lächeln, „ziemlich!“
Sie schalt sich selbst sehr kleinlich und spießbürgerlich, aber sie hatte
doch das Gefühl, daß es immer noch leichter in einer der steifen und
herkömmlichen Gesellschaften sei, wo die Wirtin die Verpflichtung fühlte,
sich um einen fremden Gast zu kümmern. Sie wollte nicht beachtet werden,
nicht eine Rolle spielen, sie hätte diesem Durcheinander gern als
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unbeteiligter Zuschauer beigewohnt – aber als unsichtbarer – weil sie –
ganz zu Unrecht – das Gefühl hatte, daß jeder sie ansah und mit leisem
Unbehagen feststellte, daß dieses ernste, unbeholfene und schweigsame
Wesen gar nicht in den Kreis paßte. Sie war sehr dankbar, daß dieser
fremde, nicht sehr sympathisch aussehende Mann sie ansprach, und daß sie
sich ihm zuwenden konnte – schon, damit die andern nicht dachten, sie
warte hochmütig darauf, daß sich irgend jemand ihrer annähme.
Der häßliche Mann neigte sich ein wenig:
„Eccarius. Man hat uns zwar sehr liebenswürdigerweise zusammen
eingeladen, aber man hat leider bis jetzt versäumt, uns miteinander bekannt
zu machen.“
Er lächelte. Und dies Lächeln war bei aller Überlegenheit so gütig und
nachsichtig, daß es Mette sofort für ihn einnahm.
„Man darf es so genau nicht nehmen,“ sagte sie, auch ihrerseits sofort zur
Nachsicht bereit. „Es geht auch so!“
Sie gab sich einen kleinen Stoß und nannte ihren Namen, was Eccarius
jedoch nicht veranlaßte, die Anrede „gnädiges Fräulein“ aufzugeben.
„Darf ich?“ Er zog sich einen Stuhl in ihre Nähe. „Natürlich, mein
gnädiges Fräulein, es geht auch so! Wir stecken immer noch viel zu sehr im
überlieferten Formelkram. Ich beneide diese Menschenkinder um ihre
schöne Leichtigkeit! Das hüpft und springt und duzt sich und teilt alle
Geheimnisse und weiß gar nicht, wie schwer es für unsereinen ist, eine
Brücke von Mensch zu Mensch zu schlagen.“
Durch das Wort „unsereinen“ fühlte Mette sich erkannt. Trotz aller Mühe,
die sie sich gab, merkte man ihr also an, wie fremd sie in diesem Kreise
war. Sie war sich nicht ganz klar, ob sie das als wohltuend oder schmerzlich
empfinden sollte.
Der hübsche Giesbert tanzte vor dem großen Schrankspiegel herum, hatte
das Korsett über seinen grauen Jackenanzug umgelegt und versuchte, es
zuzuzerren.
„Mein bestes Korsett,“ schrie die kleine Luigi aufgeregt, „du wirst es mir
kaputt machen! Du bist ein Viech, leg’ es hin, aber sofort!“
„Du brauchst es ja doch nicht,“ lachte Giesbert, „tu doch nicht so, als ob
du je eins anhättest!“
Er kniff sie in die Seiten, was sie zu einem lauten Quietschen veranlaßte.
Mette hätte es sich selbst nicht zugegeben, daß sie sich durch diesen Ton
verletzt fühlen könnte.
ganz zu Unrecht – das Gefühl hatte, daß jeder sie ansah und mit leisem
Unbehagen feststellte, daß dieses ernste, unbeholfene und schweigsame
Wesen gar nicht in den Kreis paßte. Sie war sehr dankbar, daß dieser
fremde, nicht sehr sympathisch aussehende Mann sie ansprach, und daß sie
sich ihm zuwenden konnte – schon, damit die andern nicht dachten, sie
warte hochmütig darauf, daß sich irgend jemand ihrer annähme.
Der häßliche Mann neigte sich ein wenig:
„Eccarius. Man hat uns zwar sehr liebenswürdigerweise zusammen
eingeladen, aber man hat leider bis jetzt versäumt, uns miteinander bekannt
zu machen.“
Er lächelte. Und dies Lächeln war bei aller Überlegenheit so gütig und
nachsichtig, daß es Mette sofort für ihn einnahm.
„Man darf es so genau nicht nehmen,“ sagte sie, auch ihrerseits sofort zur
Nachsicht bereit. „Es geht auch so!“
Sie gab sich einen kleinen Stoß und nannte ihren Namen, was Eccarius
jedoch nicht veranlaßte, die Anrede „gnädiges Fräulein“ aufzugeben.
„Darf ich?“ Er zog sich einen Stuhl in ihre Nähe. „Natürlich, mein
gnädiges Fräulein, es geht auch so! Wir stecken immer noch viel zu sehr im
überlieferten Formelkram. Ich beneide diese Menschenkinder um ihre
schöne Leichtigkeit! Das hüpft und springt und duzt sich und teilt alle
Geheimnisse und weiß gar nicht, wie schwer es für unsereinen ist, eine
Brücke von Mensch zu Mensch zu schlagen.“
Durch das Wort „unsereinen“ fühlte Mette sich erkannt. Trotz aller Mühe,
die sie sich gab, merkte man ihr also an, wie fremd sie in diesem Kreise
war. Sie war sich nicht ganz klar, ob sie das als wohltuend oder schmerzlich
empfinden sollte.
Der hübsche Giesbert tanzte vor dem großen Schrankspiegel herum, hatte
das Korsett über seinen grauen Jackenanzug umgelegt und versuchte, es
zuzuzerren.
„Mein bestes Korsett,“ schrie die kleine Luigi aufgeregt, „du wirst es mir
kaputt machen! Du bist ein Viech, leg’ es hin, aber sofort!“
„Du brauchst es ja doch nicht,“ lachte Giesbert, „tu doch nicht so, als ob
du je eins anhättest!“
Er kniff sie in die Seiten, was sie zu einem lauten Quietschen veranlaßte.
Mette hätte es sich selbst nicht zugegeben, daß sie sich durch diesen Ton
verletzt fühlen könnte.
Page 28
„Wie herrlich jung diese Menschen sind,“ sagte sie lächelnd zu Eccarius,
„ich komme mir ganz alt und grämlich vor neben diesen Kindern.“
„Kindern ...“ wiederholte Eccarius mit einem seltsam verschlossenen
Gesichtsausdruck und nach innen schauenden Augen, „ja, vielleicht ...
Kindern ...“ Dann sah er Mette an, mit einem vollen Blick und seinem guten
Lächeln:
„Sie haben sicher eine sehr glückliche Kindheit gehabt.“
„Ja,“ sagte Mette mit tiefster Überzeugung.
Sie dachte dabei nur an ihre ersten Lebensjahre. Sie sah sich im Park bei
den Großeltern, in weißen gestickten Kleidchen, die die welken, gütigen
Hände der Großmutter unermüdlich für sie arbeiteten. Sie sah das
Gartenhäuschen mit den bunten Gläsern in den Fensterscheiben und den
Bach mit der Brücke und die leuchtenden Blumenrondells vor der Terrasse.
Sie spürte den Heuduft, der von den Wiesen herüberkam, sie hörte das
Summen der Insekten, das die ganze Luft wie mit fernem Glockenton
erfüllte, sie sah die riesengroßen weißen und gelben Schmetterlinge, die fast
so groß waren wie die Kinderhändchen, die sich zärtlich nach ihnen
streckten.
Wie kam es nur, daß sie an diese Zeit dachte, als sei jeder Tag, jede
Stunde voll und übervoll einer unnennbaren Seligkeit gewesen, einer
Seligkeit, die jetzt noch, wenn nur das Wort „Kindheit“ gesprochen wurde,
das Herz mit einer sanften, lichten Wärme streichelte!
Wenn Mette daran dachte, daß sie sehr früh schon Kampf und Qual und
Leid kennengelernt hatte, daß sie gegen Tante Emilie, die mit viel
Rechtlichkeit und wenig Verständnis ihre Erziehung leitete, einen
peinigenden Haß empfunden hatte, daß ihr früh schon bewußt war, was es
hieß, Eifersucht zu fühlen, dann war ihr, als gehörte diese Zeit – eine Zeit,
wo sie noch nicht zehn Jahre alt war – schon nicht mehr ihrer Kindheit an.
Kindheit, das waren die wenigen Jahre, in denen ein Quell von
beglückender Liebe aus dem eigenen Herzen sprudelte und sich
unterschiedslos über Bäume, Tiere, Menschen und Puppen ergoß, die nur
irgend in den Bereich der Sinne kamen.
In dem Augenblick, wo dieser Liebesstrom in eine Richtung geleitet
wurde, wo er Hindernisse durchbrechen sollte, die sich ihm in den Weg
stellten, wo er austrocknete auf einer Stelle, die er vorher befruchtet hatte
und dürre Gleichgültigkeit oder sumpfigen Haß zurückließ – in diesem
Augenblick schien für Mette der Begriff „Kindheit“ schon vorüber.
„ich komme mir ganz alt und grämlich vor neben diesen Kindern.“
„Kindern ...“ wiederholte Eccarius mit einem seltsam verschlossenen
Gesichtsausdruck und nach innen schauenden Augen, „ja, vielleicht ...
Kindern ...“ Dann sah er Mette an, mit einem vollen Blick und seinem guten
Lächeln:
„Sie haben sicher eine sehr glückliche Kindheit gehabt.“
„Ja,“ sagte Mette mit tiefster Überzeugung.
Sie dachte dabei nur an ihre ersten Lebensjahre. Sie sah sich im Park bei
den Großeltern, in weißen gestickten Kleidchen, die die welken, gütigen
Hände der Großmutter unermüdlich für sie arbeiteten. Sie sah das
Gartenhäuschen mit den bunten Gläsern in den Fensterscheiben und den
Bach mit der Brücke und die leuchtenden Blumenrondells vor der Terrasse.
Sie spürte den Heuduft, der von den Wiesen herüberkam, sie hörte das
Summen der Insekten, das die ganze Luft wie mit fernem Glockenton
erfüllte, sie sah die riesengroßen weißen und gelben Schmetterlinge, die fast
so groß waren wie die Kinderhändchen, die sich zärtlich nach ihnen
streckten.
Wie kam es nur, daß sie an diese Zeit dachte, als sei jeder Tag, jede
Stunde voll und übervoll einer unnennbaren Seligkeit gewesen, einer
Seligkeit, die jetzt noch, wenn nur das Wort „Kindheit“ gesprochen wurde,
das Herz mit einer sanften, lichten Wärme streichelte!
Wenn Mette daran dachte, daß sie sehr früh schon Kampf und Qual und
Leid kennengelernt hatte, daß sie gegen Tante Emilie, die mit viel
Rechtlichkeit und wenig Verständnis ihre Erziehung leitete, einen
peinigenden Haß empfunden hatte, daß ihr früh schon bewußt war, was es
hieß, Eifersucht zu fühlen, dann war ihr, als gehörte diese Zeit – eine Zeit,
wo sie noch nicht zehn Jahre alt war – schon nicht mehr ihrer Kindheit an.
Kindheit, das waren die wenigen Jahre, in denen ein Quell von
beglückender Liebe aus dem eigenen Herzen sprudelte und sich
unterschiedslos über Bäume, Tiere, Menschen und Puppen ergoß, die nur
irgend in den Bereich der Sinne kamen.
In dem Augenblick, wo dieser Liebesstrom in eine Richtung geleitet
wurde, wo er Hindernisse durchbrechen sollte, die sich ihm in den Weg
stellten, wo er austrocknete auf einer Stelle, die er vorher befruchtet hatte
und dürre Gleichgültigkeit oder sumpfigen Haß zurückließ – in diesem
Augenblick schien für Mette der Begriff „Kindheit“ schon vorüber.
Page 29
„Ja,“ sagte sie und richtete die Augen wieder auf Eccarius, „eine sehr
glückliche Kindheit, aber keine sehr lange. Ich habe das Gefühl, daß ich
früher erwachsen war als andere Kinder – nicht reif, um Gottes willen, daß
Sie mich nicht mißverstehen – reif bin ich heute noch nicht ...“
„Wer ist reif?!“ warf Eccarius mit seinem sanften Lächeln ein.
„Aber ich glaube, daß ich früher als andere Kinder aus diesem Zustand
seliger Unbewußtheit erwacht bin.“
„Das ist schade.“ Über seine ernsten, hellgrauen Augen zog ein Schleier,
wie von tiefer Bekümmernis. „Das ist sehr, sehr schade.“
Mette hatte wohl unwillkürlich ein etwas erstauntes Gesicht gemacht,
denn er bemühte sich, seine Anteilnahme zu erklären:
„Sehen Sie, wenn ich glückliche Kinder sehe, dann möchte ich immer
Wälle und Mauern um sie errichten, damit sie so bleiben, wie sie sind,
recht, recht lange so bleiben. Der Gedanke ist so furchtbar, daß nur ein
giftiger Hauch diese zarten kleinen Geschöpfe zu treffen braucht, um all
ihre Glückseligkeit in höllische Qual zu verwandeln.“
„Schenk es ihm doch!“ schrie der kleine Kramer von seinem Platz auf
dem Fußboden aus, „wenn er sich doch von dem Korsett nicht trennen
kann! Es hat eben jeder seine Passion, und es soll Leute geben, die das sehr
amüsant finden!“
„Du Schwein!“ sagte Fräulein Lorenz und trat mit dem Fuß nach seiner
Schulter.
Giesbert hatte irgendwoher einen reihergeschmückten Tüllhut genommen
und ihn auf den Kopf gestülpt. Mit einer Hand hielt er das Korsett auf
seinem Magen zusammen, mit der anderen griff er bei jedem Schritt
ängstlich nach dem schwebenden Hut, um ihn im Gleichgewicht zu halten.
„So geh ich morgen aufs Atelierfest,“ verkündete er im Triumphton, „ich
werde Furore machen!“ Und plötzlich, mit einer Stimme, die ins Falsett
umschlug: „Huch nein! Ich bin die Schönste von allen! Die Tante wird mich
ausbilden lassen! Wenn ich nur wüßte, wozu? Ich habe so entsetzlich viele
Talente!“
„Richtig,“ schrie die kleine Luigi dazwischen und machte einen
Luftsprung, „das Atelierfest bei Sophus! Sei doch eine Minute still,
ekelhafter Bengel! Sagt mir lieber im Ernst, was zieht ihr an? Kostüm oder
so? Leg’ jetzt die Sachen hin, Giesbert, sonst bekommst du so gewiß und
wahrhaftig keinen Schnaps!“ Sie stampfte zur Bekräftigung mit dem Fuß
auf.
glückliche Kindheit, aber keine sehr lange. Ich habe das Gefühl, daß ich
früher erwachsen war als andere Kinder – nicht reif, um Gottes willen, daß
Sie mich nicht mißverstehen – reif bin ich heute noch nicht ...“
„Wer ist reif?!“ warf Eccarius mit seinem sanften Lächeln ein.
„Aber ich glaube, daß ich früher als andere Kinder aus diesem Zustand
seliger Unbewußtheit erwacht bin.“
„Das ist schade.“ Über seine ernsten, hellgrauen Augen zog ein Schleier,
wie von tiefer Bekümmernis. „Das ist sehr, sehr schade.“
Mette hatte wohl unwillkürlich ein etwas erstauntes Gesicht gemacht,
denn er bemühte sich, seine Anteilnahme zu erklären:
„Sehen Sie, wenn ich glückliche Kinder sehe, dann möchte ich immer
Wälle und Mauern um sie errichten, damit sie so bleiben, wie sie sind,
recht, recht lange so bleiben. Der Gedanke ist so furchtbar, daß nur ein
giftiger Hauch diese zarten kleinen Geschöpfe zu treffen braucht, um all
ihre Glückseligkeit in höllische Qual zu verwandeln.“
„Schenk es ihm doch!“ schrie der kleine Kramer von seinem Platz auf
dem Fußboden aus, „wenn er sich doch von dem Korsett nicht trennen
kann! Es hat eben jeder seine Passion, und es soll Leute geben, die das sehr
amüsant finden!“
„Du Schwein!“ sagte Fräulein Lorenz und trat mit dem Fuß nach seiner
Schulter.
Giesbert hatte irgendwoher einen reihergeschmückten Tüllhut genommen
und ihn auf den Kopf gestülpt. Mit einer Hand hielt er das Korsett auf
seinem Magen zusammen, mit der anderen griff er bei jedem Schritt
ängstlich nach dem schwebenden Hut, um ihn im Gleichgewicht zu halten.
„So geh ich morgen aufs Atelierfest,“ verkündete er im Triumphton, „ich
werde Furore machen!“ Und plötzlich, mit einer Stimme, die ins Falsett
umschlug: „Huch nein! Ich bin die Schönste von allen! Die Tante wird mich
ausbilden lassen! Wenn ich nur wüßte, wozu? Ich habe so entsetzlich viele
Talente!“
„Richtig,“ schrie die kleine Luigi dazwischen und machte einen
Luftsprung, „das Atelierfest bei Sophus! Sei doch eine Minute still,
ekelhafter Bengel! Sagt mir lieber im Ernst, was zieht ihr an? Kostüm oder
so? Leg’ jetzt die Sachen hin, Giesbert, sonst bekommst du so gewiß und
wahrhaftig keinen Schnaps!“ Sie stampfte zur Bekräftigung mit dem Fuß
auf.
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Giesbert markierte ein angstvolles Zittern und Schlottern und stürzte mit
knickenden Knien ans Bett, um die Sachen niederzulegen.
Die Kleine lachte und holte aus dem Schrank eine Schnapsflasche.
„Ich habe nur zwei Gläser! Erich, klingle mal!“ befahl sie.
„Ach, laß doch,“ meinte Fräulein Lorenz gleichmütig, ohne sich
aufzurichten, „wir trinken nacheinander! Wenn Emma jetzt hier
Schnapsgläser herbringen soll, erzählt sie wieder, wir feiern Orgien.“
„Also schön!“ Mara Luigi spülte die Gläser in der Waschschale aus. Sie
griff nach einem Handtuch, und Mette erschrak ein wenig, weil sie dachte,
sie würde es zum Abtrocknen der Gläser benutzen; aber sie wischte sich nur
die Fingerspitzen daran ab. Sie goß die Gläser voll und bot Mette zuerst an.
„Wissen Sie was, Fräulein Rudloff?“ sagte sie, als sie vor ihr stand, „Sie
müssen morgen da mit hin, ganz gewiß, das müssen Sie!“
„Ich?“ fragte Mette fast erschrocken, „wohin denn?“
„Auf das Atelierfest natürlich! Sie haben wahrscheinlich in Ihrem Leben
noch kein richtiggehendes Atelierfest mitgemacht. Das müssen Sie sich
doch mal ansehen.“
Mette verspürte gar keine Lust; sie verwünschte es, daß sie überhaupt
dieser Aufforderung gefolgt war, anstatt in ihrem Zimmer zu bleiben, wo sie
sich vor jedem störenden Geräusch verschließen konnte und sich vor den
eigenen Gedanken in ihre stillen, klugen Bücher flüchten.
„Aber ich kenne diese Herrschaften doch gar nicht,“ sagte sie hilflos.
‚Doch seltsam,‘ dachte sie, ‚zu Hause hätte ich sicher „diese Leute“
gesagt und hätte mir von Tante Emilie einen Rüffel geholt. Hier, wo es
sicher allgemein als affektiert auffällt, wenn ich „Herrschaften“ sage,
kommen Tante Emiliens gute Lehren zum erstenmal zum Durchbruch.‘
„Wen? Sophus und Nora?“ fragte Giesbert, einen Augenblick von seinem
tollen Gehabe ablassend und – noch außer Atem – sich das Haar streichend
und wie ein vernünftiger Mensch redend:
„Die kennen Sie nicht? Dann müssen Sie morgen erst recht mit, denn
dann ist es höchste Zeit, daß Sie sie kennenlernen. Ein paar Prachtweiber,
ein paar ganz hervorragende Menschen! Will vielleicht jemand etwas
anderes behaupten? Den fordere ich sofort zu einem Boxmatch!“
Er krempelte die Ärmel auf, duckte den Nacken und fletschte die Zähne.
„Sie können ruhig mitgehen,“ sagte die üppige Frau Breslauer mit ihrer
etwas öligen Stimme, „ich bin das erstemal auch so sans façon
knickenden Knien ans Bett, um die Sachen niederzulegen.
Die Kleine lachte und holte aus dem Schrank eine Schnapsflasche.
„Ich habe nur zwei Gläser! Erich, klingle mal!“ befahl sie.
„Ach, laß doch,“ meinte Fräulein Lorenz gleichmütig, ohne sich
aufzurichten, „wir trinken nacheinander! Wenn Emma jetzt hier
Schnapsgläser herbringen soll, erzählt sie wieder, wir feiern Orgien.“
„Also schön!“ Mara Luigi spülte die Gläser in der Waschschale aus. Sie
griff nach einem Handtuch, und Mette erschrak ein wenig, weil sie dachte,
sie würde es zum Abtrocknen der Gläser benutzen; aber sie wischte sich nur
die Fingerspitzen daran ab. Sie goß die Gläser voll und bot Mette zuerst an.
„Wissen Sie was, Fräulein Rudloff?“ sagte sie, als sie vor ihr stand, „Sie
müssen morgen da mit hin, ganz gewiß, das müssen Sie!“
„Ich?“ fragte Mette fast erschrocken, „wohin denn?“
„Auf das Atelierfest natürlich! Sie haben wahrscheinlich in Ihrem Leben
noch kein richtiggehendes Atelierfest mitgemacht. Das müssen Sie sich
doch mal ansehen.“
Mette verspürte gar keine Lust; sie verwünschte es, daß sie überhaupt
dieser Aufforderung gefolgt war, anstatt in ihrem Zimmer zu bleiben, wo sie
sich vor jedem störenden Geräusch verschließen konnte und sich vor den
eigenen Gedanken in ihre stillen, klugen Bücher flüchten.
„Aber ich kenne diese Herrschaften doch gar nicht,“ sagte sie hilflos.
‚Doch seltsam,‘ dachte sie, ‚zu Hause hätte ich sicher „diese Leute“
gesagt und hätte mir von Tante Emilie einen Rüffel geholt. Hier, wo es
sicher allgemein als affektiert auffällt, wenn ich „Herrschaften“ sage,
kommen Tante Emiliens gute Lehren zum erstenmal zum Durchbruch.‘
„Wen? Sophus und Nora?“ fragte Giesbert, einen Augenblick von seinem
tollen Gehabe ablassend und – noch außer Atem – sich das Haar streichend
und wie ein vernünftiger Mensch redend:
„Die kennen Sie nicht? Dann müssen Sie morgen erst recht mit, denn
dann ist es höchste Zeit, daß Sie sie kennenlernen. Ein paar Prachtweiber,
ein paar ganz hervorragende Menschen! Will vielleicht jemand etwas
anderes behaupten? Den fordere ich sofort zu einem Boxmatch!“
Er krempelte die Ärmel auf, duckte den Nacken und fletschte die Zähne.
„Sie können ruhig mitgehen,“ sagte die üppige Frau Breslauer mit ihrer
etwas öligen Stimme, „ich bin das erstemal auch so sans façon
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mitgeschleppt worden und wurde gleich so reizend aufgenommen, nicht
wahr, Maralein? wirklich ganz reizend!“
„Ja,“ lachte der kleine Kramer, „die haben, glaub’ ich, noch nie einen
Menschen auf eine andere Weise kennengelernt, als daß er ihr Gast war!“
„Holt Gisela uns ab, oder treffen wir uns da?“ fragte die Lorenz.
‚Gisela,‘ dachte Mette, ‚die wird also auch dabei sein. Ich müßte es ja
tun. Ich habe eigentlich nur die Wahl, mich entweder zu vergraben und ein
Einsiedlerleben zu führen, oder aber jede Gelegenheit zu benutzen, um
unter Leute zu kommen und Welt und Menschen kennenzulernen. Gisela!
Ich sitze doch nur hier, um mir irgendwie einen Weg zu ihr zu bahnen, und
wenn es mir so bequem wie nur möglich geboten wird, ihre Bekanntschaft
zu machen, dann hab’ ich eigentlich nicht die geringste Lust, sondern nur
Angst und Scheu und Widerwillen und das Bedürfnis, mich irgendwohin zu
verkriechen, wo ich meine Ruhe hab’.‘
Eccarius mußte wohl den inneren Widerstreit auf ihrem Gesicht gelesen
haben. Er beugte sich ein wenig vor und sagte in einer sehr beruhigenden
Art:
„Sie können es wagen, denke ich. Sie werden eine bunte Auslese
Menschen versammelt finden. Es wird Sie sicher zerstreuen und auch
interessieren – es sind wirklich wertvolle darunter. Und wenn es Ihnen zu
lebhaft wird, dann verpflichte ich mich, Sie zu jeder Zeit sicher nach Hause
zu bringen.“
„Sie sind auch da?“ fragte Mette erleichtert.
Er nickte.
„Ja, dann glaub’ ich wirklich, ich kann es wagen!“ – – –
Während Mette sich ankleidete, um auf das Atelierfest zu gehen, hatte sie
durchaus nicht das Bestreben, sich möglichst hübsch herzurichten, um
beachtet zu werden, zu gefallen, zu wirken. Sie hatte nur den einen Wunsch,
möglichst wenig aufzufallen und hätte viel darum gegeben, unsichtbar sein
zu dürfen, oder sich den Trubel von einer Galerie herab, aus einem dunklen
Nebenzimmer, anzusehen.
Sie wählte ein sehr schlichtes schwarzes Taftkleid, das durch keinen
Farbenfleck, durch keine kühne Linie den Blick auf sich zog – aber sie
konnte nicht hindern, daß ihre Erscheinung trotzdem etwas Auffallendes
wahr, Maralein? wirklich ganz reizend!“
„Ja,“ lachte der kleine Kramer, „die haben, glaub’ ich, noch nie einen
Menschen auf eine andere Weise kennengelernt, als daß er ihr Gast war!“
„Holt Gisela uns ab, oder treffen wir uns da?“ fragte die Lorenz.
‚Gisela,‘ dachte Mette, ‚die wird also auch dabei sein. Ich müßte es ja
tun. Ich habe eigentlich nur die Wahl, mich entweder zu vergraben und ein
Einsiedlerleben zu führen, oder aber jede Gelegenheit zu benutzen, um
unter Leute zu kommen und Welt und Menschen kennenzulernen. Gisela!
Ich sitze doch nur hier, um mir irgendwie einen Weg zu ihr zu bahnen, und
wenn es mir so bequem wie nur möglich geboten wird, ihre Bekanntschaft
zu machen, dann hab’ ich eigentlich nicht die geringste Lust, sondern nur
Angst und Scheu und Widerwillen und das Bedürfnis, mich irgendwohin zu
verkriechen, wo ich meine Ruhe hab’.‘
Eccarius mußte wohl den inneren Widerstreit auf ihrem Gesicht gelesen
haben. Er beugte sich ein wenig vor und sagte in einer sehr beruhigenden
Art:
„Sie können es wagen, denke ich. Sie werden eine bunte Auslese
Menschen versammelt finden. Es wird Sie sicher zerstreuen und auch
interessieren – es sind wirklich wertvolle darunter. Und wenn es Ihnen zu
lebhaft wird, dann verpflichte ich mich, Sie zu jeder Zeit sicher nach Hause
zu bringen.“
„Sie sind auch da?“ fragte Mette erleichtert.
Er nickte.
„Ja, dann glaub’ ich wirklich, ich kann es wagen!“ – – –
Während Mette sich ankleidete, um auf das Atelierfest zu gehen, hatte sie
durchaus nicht das Bestreben, sich möglichst hübsch herzurichten, um
beachtet zu werden, zu gefallen, zu wirken. Sie hatte nur den einen Wunsch,
möglichst wenig aufzufallen und hätte viel darum gegeben, unsichtbar sein
zu dürfen, oder sich den Trubel von einer Galerie herab, aus einem dunklen
Nebenzimmer, anzusehen.
Sie wählte ein sehr schlichtes schwarzes Taftkleid, das durch keinen
Farbenfleck, durch keine kühne Linie den Blick auf sich zog – aber sie
konnte nicht hindern, daß ihre Erscheinung trotzdem etwas Auffallendes
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hatte – vielleicht machte das die Erwartung, die auf dem Grund ihrer leeren
Augen loderte, und diese Augen in so scharfen Gegensatz brachte zu der
sanften und fast abgeklärten Ruhe ihres blassen Gesichts. – – –
Als Mette in dem Vorraum der kleinen Villa draußen ihren Mantel ablegte
und eine Fülle von Menschen, zum Teil in phantastischen Verkleidungen,
sie umdrängte, eine Fülle von Geräuschen sie umbrauste, hatte sie schon
Fluchtgedanken. Sie sah sich nach der kleinen Luigi um, die eine Welle von
Menschen aus ihrer Nähe gerissen hatte. Vielleicht würde es niemand
bemerken, wenn sie sich ihren Mantel wiedergeben ließ und leise wieder
aus der Tür schlüpfte. Sie sah sich um, die Möglichkeiten eines
Entkommens erwägend, und traf mit dem Blick in Eccarius’ Augen, der
dicht hinter ihr stand.
„Nun sehen Sie sich einmal um,“ sagte er begütigend, als hätte er ihre
Gedanken erfühlt, „und wenn es Ihnen zuviel wird, geben Sie mir einen
Wink, und ich bringe Sie nach Hause. Ich habe gar nicht die Absicht, bis
zum grauenden Morgen hier zu bleiben.“
Die Räume waren groß und hell, aber so voll lärmender Menschen, daß
Mette schwindlig wurde. Ein dünner blauer Rauchschleier lag schon jetzt
über den Gruppen und zog in Kreisen um die Lampen. Gesichter tauchten
auf, prägten sich Mettes Sinnen ein, scharf und doch unwirklich, wie
Fiebererscheinungen, und verschwanden wieder.
Eccarius blieb an ihrer Seite und deutete manchmal auf irgend jemand,
den sie aus dem Gewühl nicht herausfinden konnte, und nannte ihr dazu
einen Namen, den sie nicht verstand oder nicht behielt, weil er keine
Bedeutung für sie hatte.
Eine schöne, große und schlanke Frau in einer Art Pagentracht eilte an
ihnen vorüber. Eccarius rief sie an, und sie blieb stehen, um ihn zu
begrüßen. Dadurch gewann Mette Zeit, sie zu betrachten. Sie trug
schwarzseidene Kniehosen, weiße Strümpfe, einen Frack mit
Spitzenmanschetten und hatte das dunkellockige Haar, das offen bis auf den
halben Rücken fiel, im Nacken mit einer großen schwarzen Schleife
zusammengebunden. Ihr Gesicht hatte klare und regelmäßige Züge, eine
hohe und schön gemodelte Stirn und einen fast herausfordernd freien und
kühnen Ausdruck, der Mette auf den ersten Blick gefangen nahm. Sie
Augen loderte, und diese Augen in so scharfen Gegensatz brachte zu der
sanften und fast abgeklärten Ruhe ihres blassen Gesichts. – – –
Als Mette in dem Vorraum der kleinen Villa draußen ihren Mantel ablegte
und eine Fülle von Menschen, zum Teil in phantastischen Verkleidungen,
sie umdrängte, eine Fülle von Geräuschen sie umbrauste, hatte sie schon
Fluchtgedanken. Sie sah sich nach der kleinen Luigi um, die eine Welle von
Menschen aus ihrer Nähe gerissen hatte. Vielleicht würde es niemand
bemerken, wenn sie sich ihren Mantel wiedergeben ließ und leise wieder
aus der Tür schlüpfte. Sie sah sich um, die Möglichkeiten eines
Entkommens erwägend, und traf mit dem Blick in Eccarius’ Augen, der
dicht hinter ihr stand.
„Nun sehen Sie sich einmal um,“ sagte er begütigend, als hätte er ihre
Gedanken erfühlt, „und wenn es Ihnen zuviel wird, geben Sie mir einen
Wink, und ich bringe Sie nach Hause. Ich habe gar nicht die Absicht, bis
zum grauenden Morgen hier zu bleiben.“
Die Räume waren groß und hell, aber so voll lärmender Menschen, daß
Mette schwindlig wurde. Ein dünner blauer Rauchschleier lag schon jetzt
über den Gruppen und zog in Kreisen um die Lampen. Gesichter tauchten
auf, prägten sich Mettes Sinnen ein, scharf und doch unwirklich, wie
Fiebererscheinungen, und verschwanden wieder.
Eccarius blieb an ihrer Seite und deutete manchmal auf irgend jemand,
den sie aus dem Gewühl nicht herausfinden konnte, und nannte ihr dazu
einen Namen, den sie nicht verstand oder nicht behielt, weil er keine
Bedeutung für sie hatte.
Eine schöne, große und schlanke Frau in einer Art Pagentracht eilte an
ihnen vorüber. Eccarius rief sie an, und sie blieb stehen, um ihn zu
begrüßen. Dadurch gewann Mette Zeit, sie zu betrachten. Sie trug
schwarzseidene Kniehosen, weiße Strümpfe, einen Frack mit
Spitzenmanschetten und hatte das dunkellockige Haar, das offen bis auf den
halben Rücken fiel, im Nacken mit einer großen schwarzen Schleife
zusammengebunden. Ihr Gesicht hatte klare und regelmäßige Züge, eine
hohe und schön gemodelte Stirn und einen fast herausfordernd freien und
kühnen Ausdruck, der Mette auf den ersten Blick gefangen nahm. Sie
Page 33
schien es Mette anzusehen, daß sie sich in dem Trubel nicht ganz zu Hause
fühlte. Sie faßte sie bei der Hand wie ein Kind:
„Kommen Sie nur!“ sagte sie, halb zu ihr, halb zu Eccarius gewandt, „ich
bringe die Kleine zu Nora – das ist doch immer ‚der ruhende Pol in der
Erscheinungen Flucht‘ – da werden Sie sich wohler fühlen. Ach Gott!“ sie
legte Mette die Hand unters Kinn und drehte so ihr Gesicht ein wenig zu
Eccarius, „sieht sie nicht aus wie ein Kleines am ersten Schultag? Kommen
Sie, Kindchen, Sie sollen einen Ehrenplatz haben!“
Sie bahnten sich einen Weg durch schwatzende und lärmende Gruppen.
Die schöne Frau wurde von allen Seiten angerufen, festgehalten, umarmt,
begrüßt, gefragt. Mit immer gleichbleibender Geduld und
Liebenswürdigkeit machte sie sich überall wieder los, aber es dauerte eine
Viertelstunde, bis sie mit Mette zwei Zimmer durchquert hatte.
Am Ende des zweiten Zimmers war ein etwas erhöhter Erker, auf dem,
andere Stühle und einen hübsch gedeckten Teetisch überragend, ein
hochlehniger, schön geschnitzter Renaissancesessel stand. In diesem Sessel,
von dem erdbeerroten Brokat abgehoben wie von einem gemalten
Hintergrund, saß eine hochblonde Frau, in Weiß gekleidet, weiße,
weichfließende Schleiertücher über den Schultern, eine leichte weiße Decke
über den Knien.
Beim ersten Anblick war Mette überrascht von der Schönheit des Bildes.
Bei näherer Betrachtung merkte sie, daß die thronende Frau die Vierzig
überschritten haben mochte, daß sie zu üppig war, um schön zu sein, daß
Alter und Krankheit die früheren reinen Linien des Gesichts angegriffen
und verwischt hatten, aber im nächsten Augenblick, als Mette ihre warme,
frauliche Hand hielt, als ein Lächeln von unbeschreiblich wärmender
Herzlichkeit und Güte sie anstrahlte, vergaß sie, nach Schönheit und
Häßlichkeit zu fragen und gab sich bedingungslos dem milden Zauber
dieser Persönlichkeit.
„Hier, Norina,“ der schlanke Page hatte den Arm leicht um Mettes
Schulter gelegt, „hier, nimm die Kleine unter deine schützenden Fittiche.
Sie geht uns sonst verloren in dem Wirrwarr.“
Irgend etwas in diesen Worten, die Fürsorge, die sich unter leichtem
Spott verbarg, erinnerte Mette so an Olga, daß sie hätte aufheulen mögen
wie ein getretener Hund.
Die hellen, menschenerfüllten Räume, die fremden Gesichter, die nicht
nur wie sonst gleichsam hinter Schranken an ihr vorüberzogen, sondern auf
fühlte. Sie faßte sie bei der Hand wie ein Kind:
„Kommen Sie nur!“ sagte sie, halb zu ihr, halb zu Eccarius gewandt, „ich
bringe die Kleine zu Nora – das ist doch immer ‚der ruhende Pol in der
Erscheinungen Flucht‘ – da werden Sie sich wohler fühlen. Ach Gott!“ sie
legte Mette die Hand unters Kinn und drehte so ihr Gesicht ein wenig zu
Eccarius, „sieht sie nicht aus wie ein Kleines am ersten Schultag? Kommen
Sie, Kindchen, Sie sollen einen Ehrenplatz haben!“
Sie bahnten sich einen Weg durch schwatzende und lärmende Gruppen.
Die schöne Frau wurde von allen Seiten angerufen, festgehalten, umarmt,
begrüßt, gefragt. Mit immer gleichbleibender Geduld und
Liebenswürdigkeit machte sie sich überall wieder los, aber es dauerte eine
Viertelstunde, bis sie mit Mette zwei Zimmer durchquert hatte.
Am Ende des zweiten Zimmers war ein etwas erhöhter Erker, auf dem,
andere Stühle und einen hübsch gedeckten Teetisch überragend, ein
hochlehniger, schön geschnitzter Renaissancesessel stand. In diesem Sessel,
von dem erdbeerroten Brokat abgehoben wie von einem gemalten
Hintergrund, saß eine hochblonde Frau, in Weiß gekleidet, weiße,
weichfließende Schleiertücher über den Schultern, eine leichte weiße Decke
über den Knien.
Beim ersten Anblick war Mette überrascht von der Schönheit des Bildes.
Bei näherer Betrachtung merkte sie, daß die thronende Frau die Vierzig
überschritten haben mochte, daß sie zu üppig war, um schön zu sein, daß
Alter und Krankheit die früheren reinen Linien des Gesichts angegriffen
und verwischt hatten, aber im nächsten Augenblick, als Mette ihre warme,
frauliche Hand hielt, als ein Lächeln von unbeschreiblich wärmender
Herzlichkeit und Güte sie anstrahlte, vergaß sie, nach Schönheit und
Häßlichkeit zu fragen und gab sich bedingungslos dem milden Zauber
dieser Persönlichkeit.
„Hier, Norina,“ der schlanke Page hatte den Arm leicht um Mettes
Schulter gelegt, „hier, nimm die Kleine unter deine schützenden Fittiche.
Sie geht uns sonst verloren in dem Wirrwarr.“
Irgend etwas in diesen Worten, die Fürsorge, die sich unter leichtem
Spott verbarg, erinnerte Mette so an Olga, daß sie hätte aufheulen mögen
wie ein getretener Hund.
Die hellen, menschenerfüllten Räume, die fremden Gesichter, die nicht
nur wie sonst gleichsam hinter Schranken an ihr vorüberzogen, sondern auf
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sie eindrangen, irgendwie die Schranken durchbrachen, die sie um ihr
Leben gezogen hatte, das war nach der Stille und Einsamkeit der letzten
Wochen zuviel. Ein Zustand kam über sie, der einem heftig einsetzenden
Fieber nicht unähnlich war.
Sie mußte lächeln, als sie sah, daß im selben Augenblick, wo der Raum
um sie zu flackern schien, ein Schatten von Sorge über das Gesicht der
blonden Frau lief. Zugleich fühlte sie, wie ihr ein Stuhl in die Kniekehlen
geschoben und sie von sanften, aber kraftvollen Händen auf den Sitz
gedrückt wurde.
Sie saß nun auf einem niedrigen Stuhl dicht neben dem hohen Sessel.
„So,“ sagte die dunkeltönige Stimme hinter ihr, „und wenn es Ihnen nun
zu hell oder zu laut oder zu bunt wird, dann legen Sie ihr Köpferl auf die
Lehne und kriechen ein bissel unter den Schleier, das mach’ ich auch immer
so.“
Mette schmiegte gehorsam die Wange gegen die Seitenlehne des hohen
Stuhls und fühlte, wie der Schleier ihr leicht über den Kopf gezogen wurde.
Der hauchdünnen weichen Seide entströmte ein leiser Resedaduft.
„Ach, Reseda,“ Mette war ganz glücklich, „das erinnert mich so an den
Garten meiner Großmutter. Alle Beete waren eingefaßt mit einem Kranz
von Reseden.“
„Ja,“ sagte Nora mit einer Stimme, die so sanft war wie der seidene
Schleier, „Reseda und Levkoien, das wächst immer in Großmutters Garten.
Darum hab’ ich auch den Duft gern.“
„Wohl dem, der wenigstens eine Großmutter gehabt hat,“ sagte ein ernst
aussehender Mensch an Noras anderer Seite. „Nein, lachen Sie nicht, Willi,
das sollte gar kein Witz sein. Eine Mutter, was man wirklich so nennt,
haben wir doch wohl alle nicht gehabt. Meine Mutter ist eine famose Frau,
Sie kennen sie ja, Nora ... aber als ich vierzehn war und in den
entsetzlichsten Kämpfen und Krisen, da machte sie eine große Tournee
durch Amerika und heimste Gold und Lorbeeren ein – ich war furchtbar
stolz auf sie, aber ich kann Ihnen sagen, ich wollte, ich hätte damals eine
Großmutter gehabt!“
„Und besonders eine mit einem Garten,“ lachte der „Willi“ Genannte und
streckte die Beine weiter in das Zimmer – er saß auf der Stufe, die zum
Erker hinaufführte.
„Auch das,“ erwiderte der Ernste, „wer hat heutzutage noch einen
Garten! Wohl dem, der wenigstens die Erinnerung daran hat! Ich kenne
Leben gezogen hatte, das war nach der Stille und Einsamkeit der letzten
Wochen zuviel. Ein Zustand kam über sie, der einem heftig einsetzenden
Fieber nicht unähnlich war.
Sie mußte lächeln, als sie sah, daß im selben Augenblick, wo der Raum
um sie zu flackern schien, ein Schatten von Sorge über das Gesicht der
blonden Frau lief. Zugleich fühlte sie, wie ihr ein Stuhl in die Kniekehlen
geschoben und sie von sanften, aber kraftvollen Händen auf den Sitz
gedrückt wurde.
Sie saß nun auf einem niedrigen Stuhl dicht neben dem hohen Sessel.
„So,“ sagte die dunkeltönige Stimme hinter ihr, „und wenn es Ihnen nun
zu hell oder zu laut oder zu bunt wird, dann legen Sie ihr Köpferl auf die
Lehne und kriechen ein bissel unter den Schleier, das mach’ ich auch immer
so.“
Mette schmiegte gehorsam die Wange gegen die Seitenlehne des hohen
Stuhls und fühlte, wie der Schleier ihr leicht über den Kopf gezogen wurde.
Der hauchdünnen weichen Seide entströmte ein leiser Resedaduft.
„Ach, Reseda,“ Mette war ganz glücklich, „das erinnert mich so an den
Garten meiner Großmutter. Alle Beete waren eingefaßt mit einem Kranz
von Reseden.“
„Ja,“ sagte Nora mit einer Stimme, die so sanft war wie der seidene
Schleier, „Reseda und Levkoien, das wächst immer in Großmutters Garten.
Darum hab’ ich auch den Duft gern.“
„Wohl dem, der wenigstens eine Großmutter gehabt hat,“ sagte ein ernst
aussehender Mensch an Noras anderer Seite. „Nein, lachen Sie nicht, Willi,
das sollte gar kein Witz sein. Eine Mutter, was man wirklich so nennt,
haben wir doch wohl alle nicht gehabt. Meine Mutter ist eine famose Frau,
Sie kennen sie ja, Nora ... aber als ich vierzehn war und in den
entsetzlichsten Kämpfen und Krisen, da machte sie eine große Tournee
durch Amerika und heimste Gold und Lorbeeren ein – ich war furchtbar
stolz auf sie, aber ich kann Ihnen sagen, ich wollte, ich hätte damals eine
Großmutter gehabt!“
„Und besonders eine mit einem Garten,“ lachte der „Willi“ Genannte und
streckte die Beine weiter in das Zimmer – er saß auf der Stufe, die zum
Erker hinaufführte.
„Auch das,“ erwiderte der Ernste, „wer hat heutzutage noch einen
Garten! Wohl dem, der wenigstens die Erinnerung daran hat! Ich kenne
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Menschen, die ihre ganze Lebenskraft aus ihren Kindheitserinnerungen
saugen. Ein großmütterlicher Garten, das ist wie eine Insel im Meer der
Geschehnisse, und ich kann nur sagen: Wohl dem, der von einer Insel
abgesegelt ist und nicht auf einem schaukelnden Schiff geboren.
Wenigstens weiß er doch, daß es irgendwo das friedliche Eiland gibt, und
ein günstiger Wind kann ihm einen Resedaduft zuwehen – aber für
unsereinen weht der Resedaduft immer aus dem Lande Nirgendwo ... oder
vielmehr: Es weht ein Duft an uns vorüber, und wir wissen nicht einmal,
daß es Reseda ist!“
„Warten Sie noch acht Tage, Ulrich,“ begütigte Nora, „wenn die Reseda
bei uns im Gärtchen blüht, setz’ ich Sie tagelang daneben in die Sonne –
dann werden Sie später, wenn Sie dem Duft irgendwo begegnen, immer die
Vorstellung von unserm Gärtchen haben ... und mich können Sie getrost als
Großmutterersatz betrachten.“
Er griff nach ihrer Hand, um sie zu küssen:
„Ja, bei Ihnen ist wirklich noch das Eiland des Friedens, und Sie sind ein
guter Engel, daß Sie jedem Müden hier Rast gönnen.“
Nora wandte sich an Mette.
„Sie dürfen nicht denken, daß es immer so bunt hier zugeht! Sie müssen
einmal kommen, wenn wir mehr unter uns sind – wir haben so ein nettes
Gärtchen, das ist unsre ganze Freude ... solange es irgend möglich ist,
trinken wir draußen unsern Tee und freuen uns, wenn uns dabei jemand
Gesellschaft leistet.“
„Ja, wenn die Fahne weht!“ lachte der junge Mensch auf der Stufe und
drehte sich mit einem Ruck herum, „Sie müssen wissen, gnädiges Fräulein,
hier geht es zu wie bei Majestätens. Wenn die Herrschaften anwesend sind,
dann wird die Flagge gehißt!“
„Du mußt ordentlich erklären, Willi,“ verbesserte Nora, „es ist nämlich
so: auf dem Laubendach ist so etwas wie eine Fahnenstange en miniature
und daran weht ein buntes Wimpelchen. Man sieht es von allen Seiten, auch
vorn, wenn man auf der Straße am Haus vorbeigeht.
Wenn nun Sophie übermäßig zu tun hat, oder es mir gesundheitlich nicht
hervorragend geht, dann wird das Fähnlein eingezogen, dann braucht keiner
– wenigstens kein Eingeweihter – sich erst bis zur Tür zu bemühen, um sich
abweisen zu lassen. Schließlich ist das doch für beide Teile immer peinlich.
Für den einen, der seine Arbeit unterbricht, oder seine Schmerzen bezwingt,
und dann doch ein unliebenswürdiger Wirt ist, für den andern, der sich als
saugen. Ein großmütterlicher Garten, das ist wie eine Insel im Meer der
Geschehnisse, und ich kann nur sagen: Wohl dem, der von einer Insel
abgesegelt ist und nicht auf einem schaukelnden Schiff geboren.
Wenigstens weiß er doch, daß es irgendwo das friedliche Eiland gibt, und
ein günstiger Wind kann ihm einen Resedaduft zuwehen – aber für
unsereinen weht der Resedaduft immer aus dem Lande Nirgendwo ... oder
vielmehr: Es weht ein Duft an uns vorüber, und wir wissen nicht einmal,
daß es Reseda ist!“
„Warten Sie noch acht Tage, Ulrich,“ begütigte Nora, „wenn die Reseda
bei uns im Gärtchen blüht, setz’ ich Sie tagelang daneben in die Sonne –
dann werden Sie später, wenn Sie dem Duft irgendwo begegnen, immer die
Vorstellung von unserm Gärtchen haben ... und mich können Sie getrost als
Großmutterersatz betrachten.“
Er griff nach ihrer Hand, um sie zu küssen:
„Ja, bei Ihnen ist wirklich noch das Eiland des Friedens, und Sie sind ein
guter Engel, daß Sie jedem Müden hier Rast gönnen.“
Nora wandte sich an Mette.
„Sie dürfen nicht denken, daß es immer so bunt hier zugeht! Sie müssen
einmal kommen, wenn wir mehr unter uns sind – wir haben so ein nettes
Gärtchen, das ist unsre ganze Freude ... solange es irgend möglich ist,
trinken wir draußen unsern Tee und freuen uns, wenn uns dabei jemand
Gesellschaft leistet.“
„Ja, wenn die Fahne weht!“ lachte der junge Mensch auf der Stufe und
drehte sich mit einem Ruck herum, „Sie müssen wissen, gnädiges Fräulein,
hier geht es zu wie bei Majestätens. Wenn die Herrschaften anwesend sind,
dann wird die Flagge gehißt!“
„Du mußt ordentlich erklären, Willi,“ verbesserte Nora, „es ist nämlich
so: auf dem Laubendach ist so etwas wie eine Fahnenstange en miniature
und daran weht ein buntes Wimpelchen. Man sieht es von allen Seiten, auch
vorn, wenn man auf der Straße am Haus vorbeigeht.
Wenn nun Sophie übermäßig zu tun hat, oder es mir gesundheitlich nicht
hervorragend geht, dann wird das Fähnlein eingezogen, dann braucht keiner
– wenigstens kein Eingeweihter – sich erst bis zur Tür zu bemühen, um sich
abweisen zu lassen. Schließlich ist das doch für beide Teile immer peinlich.
Für den einen, der seine Arbeit unterbricht, oder seine Schmerzen bezwingt,
und dann doch ein unliebenswürdiger Wirt ist, für den andern, der sich als
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Störenfried vorkommt, oder im andern Falle, wenn er wirklich abgewiesen
wird, doch meistens das Gefühl hat: mit mir hätte man eine Ausnahme
machen können, oder: mir hätte man es nicht durchs Mädchen sagen zu
lassen brauchen. Es ist auch den Mädchen gegenüber peinlich: Sie sind
meist so an das Lügen gewöhnt, daß sie von selber sagen: es ist niemand zu
Hause. Daß ein Mensch arbeitet, scheint ihnen immer keine genügende
Entschuldigung.
Nun wissen aber doch unsre Freunde, daß ich niemals das Haus verlasse
... und Sophie sehr selten. Sie kommen sich dann so angelogen vor. Um all
diese Peinlichkeiten zu vermeiden, ist also das Fähnlein da. Wenn es weht,
so heißt das: bitte, nur herein, wir erwarten euch. Da braucht es gar nicht
erst den Umweg durch das Haus, da kann jeder, der Lust hat, uns zu sehen,
gleich durch das Gartentürchen – und wenn es verschlossen ist, auch über
die Hecke, nicht wahr, Willi?“
Willi war aufgesprungen und winkte mit der Hand zurück, ohne sich
umzusehen, weil er mit gespannter Aufmerksamkeit in den Raum starrte,
wo sich ein Kreis um ein tanzendes Paar bildete.
„Fiametta tanzt!“ rief er nach rückwärts, mit einer flüchtigen Wendung
des Kopfes, „nein, dies Weib ist doch fabelhaft! Sie müssen sich das
ansehen!“
Er ergriff Mette am Ellbogen, ganz jungenhaft in seiner Ungeduld, und
zog sie vom Stuhl auf und an die Stufe des Erkers.
„Ich bitte Sie, haben Sie so etwas schon in Ihrem Leben gesehen? Ist sie
nicht blendend? Ist sie nicht vollendet?“
In dem ziemlich kleinen Kreis, den die drängenden Zuschauer
freigelassen hatten, tanzte ein schlanker, gutgewachsener junger Mensch
mit einer Frau von rassiger Schönheit und großer Anmut. Sie war so eins
mit der Musik, daß es schien, als entströmten die Töne ihren geschmeidigen
Gliedern.
Sie hatte eine Art, zu tanzen, wie Mette sie noch nie gesehen hatte. Ihre
Bewegungen waren sanft, kühl, gebändigt, edel und fast feierlich, und dabei
sah es aus, als verbrauche die schöne Person einen großen Kraftaufwand,
um ihren ebenmäßigen Körper in so würdevoller Ruhe zu bewahren, als
bedürfe es nur eines Momentes Selbstvergessenheit, um das gezügelte
Temperament wie eine Flamme auflohen zu lassen, um die lässige
Weichheit der Muskeln in Stahl zu wandeln, und den sehnigen Leib in
Raubtiersprüngen durch die Luft zu jagen.
wird, doch meistens das Gefühl hat: mit mir hätte man eine Ausnahme
machen können, oder: mir hätte man es nicht durchs Mädchen sagen zu
lassen brauchen. Es ist auch den Mädchen gegenüber peinlich: Sie sind
meist so an das Lügen gewöhnt, daß sie von selber sagen: es ist niemand zu
Hause. Daß ein Mensch arbeitet, scheint ihnen immer keine genügende
Entschuldigung.
Nun wissen aber doch unsre Freunde, daß ich niemals das Haus verlasse
... und Sophie sehr selten. Sie kommen sich dann so angelogen vor. Um all
diese Peinlichkeiten zu vermeiden, ist also das Fähnlein da. Wenn es weht,
so heißt das: bitte, nur herein, wir erwarten euch. Da braucht es gar nicht
erst den Umweg durch das Haus, da kann jeder, der Lust hat, uns zu sehen,
gleich durch das Gartentürchen – und wenn es verschlossen ist, auch über
die Hecke, nicht wahr, Willi?“
Willi war aufgesprungen und winkte mit der Hand zurück, ohne sich
umzusehen, weil er mit gespannter Aufmerksamkeit in den Raum starrte,
wo sich ein Kreis um ein tanzendes Paar bildete.
„Fiametta tanzt!“ rief er nach rückwärts, mit einer flüchtigen Wendung
des Kopfes, „nein, dies Weib ist doch fabelhaft! Sie müssen sich das
ansehen!“
Er ergriff Mette am Ellbogen, ganz jungenhaft in seiner Ungeduld, und
zog sie vom Stuhl auf und an die Stufe des Erkers.
„Ich bitte Sie, haben Sie so etwas schon in Ihrem Leben gesehen? Ist sie
nicht blendend? Ist sie nicht vollendet?“
In dem ziemlich kleinen Kreis, den die drängenden Zuschauer
freigelassen hatten, tanzte ein schlanker, gutgewachsener junger Mensch
mit einer Frau von rassiger Schönheit und großer Anmut. Sie war so eins
mit der Musik, daß es schien, als entströmten die Töne ihren geschmeidigen
Gliedern.
Sie hatte eine Art, zu tanzen, wie Mette sie noch nie gesehen hatte. Ihre
Bewegungen waren sanft, kühl, gebändigt, edel und fast feierlich, und dabei
sah es aus, als verbrauche die schöne Person einen großen Kraftaufwand,
um ihren ebenmäßigen Körper in so würdevoller Ruhe zu bewahren, als
bedürfe es nur eines Momentes Selbstvergessenheit, um das gezügelte
Temperament wie eine Flamme auflohen zu lassen, um die lässige
Weichheit der Muskeln in Stahl zu wandeln, und den sehnigen Leib in
Raubtiersprüngen durch die Luft zu jagen.
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Mette empfand bei ihrem Anblick ein schmerzlich-brennendes Gefühl,
und als sie versuchte, in ihrer gewohnten Ehrlichkeit, sich darüber
Rechenschaft zu geben, deutete sie es als Neid. Diese Frau konnten sicher
tausend beobachtende Blicke nicht in Verlegenheit bringen – ihr würde es
wohl keine Aufgabe bedeuten, durch einen menschenvollen Raum hindurch
auf einen Tisch loszusteuern.
„Ist sie nicht fabelhaft,“ sagte der junge Mensch neben ihr, glühend vor
Begeisterung, „ist sie nicht bezaubernd? Ist sie nicht wirklich wie aus einem
andern Jahrhundert? Aus einem Jahrhundert, wo es noch schöne Frauen gab
– schöne Frauen, die Persönlichkeit hatten und ihrer Umgebung – dem Hof,
der Stadt, den Künsten! – ihren Stempel aufdrückten?“
Mette nickte nur stumm. Sie hätte ihn gern zum Schweigen gebracht, um
zu verstehen, was hinter ihr gesprochen wurde. Sie hörte Noras sanfte,
ruhige Stimme:
„Gewiß, Ulrich, sie ist sehr schön – sie hat Rasse und Temperament und
Kultur, alles, was Sie wollen. Aber sie ist mir fremd und wird mir ewig
fremd bleiben. Es klingt Ihnen vielleicht sehr töricht und sentimental, wenn
ich sage: sie hat kein Herz. Aber ich glaube sogar, sie hat nicht einmal die
primitivste Art von Gutmütigkeit ...“
Was Ulrich dagegen einwendete, konnte Mette nicht verstehen. Sie hörte
erst wieder Noras Antwort:
„Nein, Ulrich, ich kann Ihnen nicht recht geben. Eine Frau ohne Güte ist
für mich etwas so Reizloses, so Duftloses – und wenn sie noch so schön ist
– so schön wie Ihre Fiametta – jawohl, Sie haben ein Faible für sie, und Sie
verzeihen ihr alles, was Sie andern nicht verzeihen würden.“
„... nein, natürlich hat kein Mensch die Verpflichtung zu lieben, nur weil
er geliebt wird. Aber man braucht ja nicht Gefühle in andern zu hegen und
zu pflegen, wenn man keine Verwendung dafür hat ...“
„... o doch! Sie tut es! Und nicht in einem Fall – in hundert Fällen, und
immer wieder! Sie hat die kleine Frau Bernhardt zugrunde gerichtet, sie hat
Erwin halb verrückt gemacht, und sie richtet die Gisela zugrunde – alles aus
Spielerei!“
Bei dem Namen Gisela zuckte Mette auf. Dies also war die Frau, an der
Gisela zugrunde ging ... arme Gisela! Oh, Mette wußte wohl, daß man an
einer Frau zugrunde gehen konnte! Das Herz brannte ihr in Zorn und
Mitleid, in schmerzlicher Erinnerung und in Sehnsucht, zu helfen, zu
lindern, zu retten.
und als sie versuchte, in ihrer gewohnten Ehrlichkeit, sich darüber
Rechenschaft zu geben, deutete sie es als Neid. Diese Frau konnten sicher
tausend beobachtende Blicke nicht in Verlegenheit bringen – ihr würde es
wohl keine Aufgabe bedeuten, durch einen menschenvollen Raum hindurch
auf einen Tisch loszusteuern.
„Ist sie nicht fabelhaft,“ sagte der junge Mensch neben ihr, glühend vor
Begeisterung, „ist sie nicht bezaubernd? Ist sie nicht wirklich wie aus einem
andern Jahrhundert? Aus einem Jahrhundert, wo es noch schöne Frauen gab
– schöne Frauen, die Persönlichkeit hatten und ihrer Umgebung – dem Hof,
der Stadt, den Künsten! – ihren Stempel aufdrückten?“
Mette nickte nur stumm. Sie hätte ihn gern zum Schweigen gebracht, um
zu verstehen, was hinter ihr gesprochen wurde. Sie hörte Noras sanfte,
ruhige Stimme:
„Gewiß, Ulrich, sie ist sehr schön – sie hat Rasse und Temperament und
Kultur, alles, was Sie wollen. Aber sie ist mir fremd und wird mir ewig
fremd bleiben. Es klingt Ihnen vielleicht sehr töricht und sentimental, wenn
ich sage: sie hat kein Herz. Aber ich glaube sogar, sie hat nicht einmal die
primitivste Art von Gutmütigkeit ...“
Was Ulrich dagegen einwendete, konnte Mette nicht verstehen. Sie hörte
erst wieder Noras Antwort:
„Nein, Ulrich, ich kann Ihnen nicht recht geben. Eine Frau ohne Güte ist
für mich etwas so Reizloses, so Duftloses – und wenn sie noch so schön ist
– so schön wie Ihre Fiametta – jawohl, Sie haben ein Faible für sie, und Sie
verzeihen ihr alles, was Sie andern nicht verzeihen würden.“
„... nein, natürlich hat kein Mensch die Verpflichtung zu lieben, nur weil
er geliebt wird. Aber man braucht ja nicht Gefühle in andern zu hegen und
zu pflegen, wenn man keine Verwendung dafür hat ...“
„... o doch! Sie tut es! Und nicht in einem Fall – in hundert Fällen, und
immer wieder! Sie hat die kleine Frau Bernhardt zugrunde gerichtet, sie hat
Erwin halb verrückt gemacht, und sie richtet die Gisela zugrunde – alles aus
Spielerei!“
Bei dem Namen Gisela zuckte Mette auf. Dies also war die Frau, an der
Gisela zugrunde ging ... arme Gisela! Oh, Mette wußte wohl, daß man an
einer Frau zugrunde gehen konnte! Das Herz brannte ihr in Zorn und
Mitleid, in schmerzlicher Erinnerung und in Sehnsucht, zu helfen, zu
lindern, zu retten.
Page 38
Sie hatte keinen Blick mehr für die schöne Frau – ihre Augen suchten
Gisela und fanden sie auf der andern Seite des Raumes, zusammengekauert,
die unvermeidliche Zigarette zwischen den Fingern, mit dem Ausdruck
gänzlicher Abwesenheit ins Leere starrend. Mette nahm einen Moment
wahr, in dem Mara Luigi sich Gisela Werkenthin näherte, um sich mit einer
Entschuldigung an Nora zu wenden:
„Sie gestatten, gnädige Frau, ich möchte ein Wort mit Fräulein Luigi
sprechen.“
In Noras Ton schien ein leises Erstaunen zu liegen:
„Ah? Sie kennen sich? Sind Sie befreundet?“
Mette fühlte ein flüchtiges Rot über Stirn und Wangen gleiten:
„Ja ... nein ... das heißt ... wir wohnen in derselben Pension,“ sagte sie
etwas verlegen.
Sie bahnte sich einen Weg an den Wänden entlang, immer in der Angst,
daß sie die kleine Luigi nicht mehr im Gespräch mit Gisela erreichen würde
und hatte dabei das Gefühl, eine Tat von großem Wagemut zu begehen. Sie
hatte fast ein Gefühl von Heimweh nach dem niedrigen Sitz unter dem
weichen, hüllenden Schleier – sie kam sich selbst vor wie ein halbflügger
Vogel, der das Nest verlassen hat, um einen Flug in die Welt zu tun.
Aber ein zwingendes Gefühl trieb sie vorwärts.
‚Ich darf nicht feige sein,‘ dachte sie, ‚ich will ein Schicksal haben, und
ich will ihm entgegengehen. Ich will die Arme breiten und alles mit
Freuden tragen, was mir beschieden ist. Ich will das Leben lieben, was es
auch bringt.‘
Die süßen und heißen Tanzmelodien zitterten durch die Luft. Es war, als
ob sie Mettes Schritte in ihren leichten und feurigen Rhythmus zwängen
und die Gedanken in ihr wie den Kehrreim eines Liedes klingen ließen:
‚Ich will das Leben lieben, ich will das Leben lieben.‘
Als Mette vor Gisela Werkenthin stand und Mara Luigi Namen nannte
und eine vorstellende Geste machte, war wieder dies seltsame Gefühl da:
‚Wozu das alles – was soll nun werden? Wir sind miteinander bekannt
gemacht, das heißt, wir wissen unsre Namen – die Buchstabenreihe, unter
der wir in staatlichen Registern geführt werden – und das gibt uns das
Recht, miteinander zu reden. Aber nichts gibt mir das Recht,
auszusprechen, was ich denke. Wenn ich sage: ich möchte Sie
kennenlernen, weil Sie mir so entsetzlich leid tun; weil Frau Meidinger mir
gesagt hat, daß Sie Morphium nehmen, um Ihr Leid zu betäuben – Ihr Leid
Gisela und fanden sie auf der andern Seite des Raumes, zusammengekauert,
die unvermeidliche Zigarette zwischen den Fingern, mit dem Ausdruck
gänzlicher Abwesenheit ins Leere starrend. Mette nahm einen Moment
wahr, in dem Mara Luigi sich Gisela Werkenthin näherte, um sich mit einer
Entschuldigung an Nora zu wenden:
„Sie gestatten, gnädige Frau, ich möchte ein Wort mit Fräulein Luigi
sprechen.“
In Noras Ton schien ein leises Erstaunen zu liegen:
„Ah? Sie kennen sich? Sind Sie befreundet?“
Mette fühlte ein flüchtiges Rot über Stirn und Wangen gleiten:
„Ja ... nein ... das heißt ... wir wohnen in derselben Pension,“ sagte sie
etwas verlegen.
Sie bahnte sich einen Weg an den Wänden entlang, immer in der Angst,
daß sie die kleine Luigi nicht mehr im Gespräch mit Gisela erreichen würde
und hatte dabei das Gefühl, eine Tat von großem Wagemut zu begehen. Sie
hatte fast ein Gefühl von Heimweh nach dem niedrigen Sitz unter dem
weichen, hüllenden Schleier – sie kam sich selbst vor wie ein halbflügger
Vogel, der das Nest verlassen hat, um einen Flug in die Welt zu tun.
Aber ein zwingendes Gefühl trieb sie vorwärts.
‚Ich darf nicht feige sein,‘ dachte sie, ‚ich will ein Schicksal haben, und
ich will ihm entgegengehen. Ich will die Arme breiten und alles mit
Freuden tragen, was mir beschieden ist. Ich will das Leben lieben, was es
auch bringt.‘
Die süßen und heißen Tanzmelodien zitterten durch die Luft. Es war, als
ob sie Mettes Schritte in ihren leichten und feurigen Rhythmus zwängen
und die Gedanken in ihr wie den Kehrreim eines Liedes klingen ließen:
‚Ich will das Leben lieben, ich will das Leben lieben.‘
Als Mette vor Gisela Werkenthin stand und Mara Luigi Namen nannte
und eine vorstellende Geste machte, war wieder dies seltsame Gefühl da:
‚Wozu das alles – was soll nun werden? Wir sind miteinander bekannt
gemacht, das heißt, wir wissen unsre Namen – die Buchstabenreihe, unter
der wir in staatlichen Registern geführt werden – und das gibt uns das
Recht, miteinander zu reden. Aber nichts gibt mir das Recht,
auszusprechen, was ich denke. Wenn ich sage: ich möchte Sie
kennenlernen, weil Sie mir so entsetzlich leid tun; weil Frau Meidinger mir
gesagt hat, daß Sie Morphium nehmen, um Ihr Leid zu betäuben – Ihr Leid
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an einer Frau, und weil ich Sie so ganz verstehe und versuchen möchte,
Ihnen zu helfen, oder wenigstens mit Ihnen unglücklich sein will – wenn
ich das sagte, würde man mich in ein Irrenhaus sperren und ganz mit Recht,
denn in einem normalen Zustand brächt’ ich das auch gar nicht über die
Lippen.‘
„Ich kenne gnädiges Fräulein schon vom Sehen, glaub’ ich,“ sagte Mette
mit einem kühlen Lächeln halb zu Gisela, halb zur Luigi gewendet, „waren
Sie nicht neulich einen Abend in der Pension Meidinger?“
„Ja freilich!“ Gisela hob die dunklen Augen zu ihr auf, „da hab ich Sie
auch g’sehn. Darum kam mir Ihr G’sichterl gleich so bekannt vor. Gehn’s,
setzen’s sich her zu mir, hier is noch a Platzl.“
Sie rückte ein wenig auf dem breiten Diwan.
„Vielen Dank,“ sagte Mette und strich den Taftrock glatt, um sich zu
setzen.
Sie war schon wieder in einer leisen Angst, weil sie meinte, nun wäre es
an ihr, irgend etwas zu sagen, und zwar etwas, was sie ein bißchen über das
Maß des Alltäglichen hinaushob – aber ihr fiel nichts ein.
Gisela Werkenthin war nicht so leicht in Verlegenheit um den Anfang
eines Gesprächs:
„Sie kennen die kleine Luigi aus der Pension, gell?“
Mette nickte.
„Und sie hat Sie hergebracht, gell? Sie haben im Grunde nichts mit Kunst
und ähnlichen Scheußlichkeiten zu tun?“
„Leider nicht,“ lachte Mette.
„Leider? Danken Sie Gott und Ihren höchstehrenwerten Eltern, daß Sie
einen anständigen Beruf haben.“
„Ich habe gar keinen.“
„Gar keinen? Das ist der anständigste.“
„Ist das Ihr Ernst? Ich finde es so entsetzlich, keinen Beruf zu haben.“
„Warum entsetzlich? Einen Beruf haben, das heißt: bezahlte Arbeit tun.
Von irgend jemand Geld zu nehmen, das heißt irgend jemandem dienstbar
zu sein ... ganz gleich, ob das ein Einzelwesen ist oder eine Gesellschaft
oder das Publikum. Dem Publikum dienstbar zu sein, das ist schon das
Schlimmste! Wenn man keinen Beruf hat und keinen zu haben braucht,
dann ist man sein eigener Herr! In diesen Worten liegt doch schon alles:
Daß man keines andern Knecht ist. Warum soll das entsetzlich sein?“
Ihnen zu helfen, oder wenigstens mit Ihnen unglücklich sein will – wenn
ich das sagte, würde man mich in ein Irrenhaus sperren und ganz mit Recht,
denn in einem normalen Zustand brächt’ ich das auch gar nicht über die
Lippen.‘
„Ich kenne gnädiges Fräulein schon vom Sehen, glaub’ ich,“ sagte Mette
mit einem kühlen Lächeln halb zu Gisela, halb zur Luigi gewendet, „waren
Sie nicht neulich einen Abend in der Pension Meidinger?“
„Ja freilich!“ Gisela hob die dunklen Augen zu ihr auf, „da hab ich Sie
auch g’sehn. Darum kam mir Ihr G’sichterl gleich so bekannt vor. Gehn’s,
setzen’s sich her zu mir, hier is noch a Platzl.“
Sie rückte ein wenig auf dem breiten Diwan.
„Vielen Dank,“ sagte Mette und strich den Taftrock glatt, um sich zu
setzen.
Sie war schon wieder in einer leisen Angst, weil sie meinte, nun wäre es
an ihr, irgend etwas zu sagen, und zwar etwas, was sie ein bißchen über das
Maß des Alltäglichen hinaushob – aber ihr fiel nichts ein.
Gisela Werkenthin war nicht so leicht in Verlegenheit um den Anfang
eines Gesprächs:
„Sie kennen die kleine Luigi aus der Pension, gell?“
Mette nickte.
„Und sie hat Sie hergebracht, gell? Sie haben im Grunde nichts mit Kunst
und ähnlichen Scheußlichkeiten zu tun?“
„Leider nicht,“ lachte Mette.
„Leider? Danken Sie Gott und Ihren höchstehrenwerten Eltern, daß Sie
einen anständigen Beruf haben.“
„Ich habe gar keinen.“
„Gar keinen? Das ist der anständigste.“
„Ist das Ihr Ernst? Ich finde es so entsetzlich, keinen Beruf zu haben.“
„Warum entsetzlich? Einen Beruf haben, das heißt: bezahlte Arbeit tun.
Von irgend jemand Geld zu nehmen, das heißt irgend jemandem dienstbar
zu sein ... ganz gleich, ob das ein Einzelwesen ist oder eine Gesellschaft
oder das Publikum. Dem Publikum dienstbar zu sein, das ist schon das
Schlimmste! Wenn man keinen Beruf hat und keinen zu haben braucht,
dann ist man sein eigener Herr! In diesen Worten liegt doch schon alles:
Daß man keines andern Knecht ist. Warum soll das entsetzlich sein?“
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„Ich weiß nicht,“ Mette drehte die Hände mit einer Geste der
Hilflosigkeit, „vielleicht, weil man dann gar nicht weiß, wo man hingehört.
Heimat haben wir doch kaum mehr.
Ich bin in Berlin geboren und groß geworden. Gibt mir das ein
Heimatsgefühl? Ja, vielleicht wenn ich in Tokio bin, und ich höre einen
Berliner reden, werde ich irgendwie verwandtschaftliche Gefühle in mir
entdecken und werde vielleicht mit ihm zusammen sentimental werden,
wenn wir an die Linden oder an Potsdam denken.
Aber stellen Sie sich vor, wie lächerlich man sich machen würde, wenn
man in Luzern oder Baden-Baden oder sonstwo einen Berliner ansprechen
würde: ich glaube, Sie sind aus meiner Heimatstadt! Wenn man in
Ritzebüttel geboren ist, geht das schon eher! Familie hat man auch nicht,
oder man macht keinen Gebrauch davon. Manchmal beneide ich die alten
Adelsgeschlechter, die so in hundert Zweigen ausgebreitet sind, und doch
mit allem verwachsen, was ihren Namen trägt. Und endlich beneid’ ich die
Leute, die einen Beruf haben ... schließlich hat doch jeder Schuster
Anknüpfungspunkte zu jedem Schuster der Welt, die Droschkenkutscher
duzen sich untereinander, die Ärzte haben einen Kollegen, an den sie sich
wenden könnten, fast in jedem Dorf der Erde – die Künstler sind wie eine
große Familie, namentlich die Leute vom Theater – Kollegenschaft ist doch
schon eine große Sache ... es ist ja möglich, daß Beruf eine Kette ist ... aber
... ich weiß nicht, ob Sie das Gefühl verstehen ... ich denke manchmal, es
müßte gut sein, irgendwo recht fest angekettet zu sein, damit man nicht in
einen Abgrund stürzt.“
„Oh! Ich versteh schon ... wollen Sie eine Zigarette?“ sie bot ihr das
schmale Birkenholzetui, „nur ... ich glaub’ nicht recht an eine
Zusammengehörigkeit zwischen Berufskollegen. Ebensowenig, wie an eine
Verwandtschaft des Blutes ... mir ist auf der ganzen Welt kein Mensch so
fremd, wie meine Schwestern. Nein, nein, derselbe Bildungsgrad, dieselben
Interessen, – das einigt die Menschen ebensowenig, wie dieselbe Höhe des
Einkommens.“
„Aber man muß sich doch irgendwo zugehörig fühlen ...,“ meinte Mette
ratlos.
Gisela hob müde die Achseln:
„Um sich glücklich zu fühlen, sicher. Das Beste ist vielleicht noch die
Zusammengehörigkeit mit einem Menschen. Aber das ist ein so seltner Fall,
daß man den Menschen findet. Und sonst? Ich denke manchmal, Leute, die
Hilflosigkeit, „vielleicht, weil man dann gar nicht weiß, wo man hingehört.
Heimat haben wir doch kaum mehr.
Ich bin in Berlin geboren und groß geworden. Gibt mir das ein
Heimatsgefühl? Ja, vielleicht wenn ich in Tokio bin, und ich höre einen
Berliner reden, werde ich irgendwie verwandtschaftliche Gefühle in mir
entdecken und werde vielleicht mit ihm zusammen sentimental werden,
wenn wir an die Linden oder an Potsdam denken.
Aber stellen Sie sich vor, wie lächerlich man sich machen würde, wenn
man in Luzern oder Baden-Baden oder sonstwo einen Berliner ansprechen
würde: ich glaube, Sie sind aus meiner Heimatstadt! Wenn man in
Ritzebüttel geboren ist, geht das schon eher! Familie hat man auch nicht,
oder man macht keinen Gebrauch davon. Manchmal beneide ich die alten
Adelsgeschlechter, die so in hundert Zweigen ausgebreitet sind, und doch
mit allem verwachsen, was ihren Namen trägt. Und endlich beneid’ ich die
Leute, die einen Beruf haben ... schließlich hat doch jeder Schuster
Anknüpfungspunkte zu jedem Schuster der Welt, die Droschkenkutscher
duzen sich untereinander, die Ärzte haben einen Kollegen, an den sie sich
wenden könnten, fast in jedem Dorf der Erde – die Künstler sind wie eine
große Familie, namentlich die Leute vom Theater – Kollegenschaft ist doch
schon eine große Sache ... es ist ja möglich, daß Beruf eine Kette ist ... aber
... ich weiß nicht, ob Sie das Gefühl verstehen ... ich denke manchmal, es
müßte gut sein, irgendwo recht fest angekettet zu sein, damit man nicht in
einen Abgrund stürzt.“
„Oh! Ich versteh schon ... wollen Sie eine Zigarette?“ sie bot ihr das
schmale Birkenholzetui, „nur ... ich glaub’ nicht recht an eine
Zusammengehörigkeit zwischen Berufskollegen. Ebensowenig, wie an eine
Verwandtschaft des Blutes ... mir ist auf der ganzen Welt kein Mensch so
fremd, wie meine Schwestern. Nein, nein, derselbe Bildungsgrad, dieselben
Interessen, – das einigt die Menschen ebensowenig, wie dieselbe Höhe des
Einkommens.“
„Aber man muß sich doch irgendwo zugehörig fühlen ...,“ meinte Mette
ratlos.
Gisela hob müde die Achseln:
„Um sich glücklich zu fühlen, sicher. Das Beste ist vielleicht noch die
Zusammengehörigkeit mit einem Menschen. Aber das ist ein so seltner Fall,
daß man den Menschen findet. Und sonst? Ich denke manchmal, Leute, die
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dasselbe Unglück haben, oder dieselbe Krankheit, sollten sich
zusammenschließen. Die Blinden, die Lahmen, die Buckligen.“
So ungefähr hatte Mette vorhin noch gedacht. Aber da ihre eignen
Gedanken, von einem andern in Worte gebracht, vor ihr standen, regte sich
in ihr der Widerspruch.
„Ich glaube nicht,“ sagte sie nachdenklich, „daß ich meine eignen
Gebrechen so rings um mich sehen möchte, vielleicht auch noch in
Verzerrungen und Vergröberungen, ebensowenig, wie ich mich in einem
Spiegelsaal aufhalten möchte, wenn ich aussätzig wär’. Im Grunde wird es
jeden mehr reizen, seine Gebrechen zu verbergen und möglichst unerkannt
unter Gesunden zu leben. Ach – und ich glaube nicht einmal, daß die
Kranken besonders mitleidig miteinander sind. Jeder sagt sich: bei dem ist
es noch weit schlimmer, als bei mir!“
Ein junger Mann trat neben Gisela und umschlang sie mit einer
mädchenhaft weichen, schmeichlerischen Bewegung.
„Du sollst uns etwas singen, Gisel,“ bat er, „bitte, bitte, sei lieb!“
Sie schüttelte schweigend den Kopf und zog ein wenig die Brauen
zusammen.
Er ließ sie nicht los und bettelte wie ein Kind:
„Ach, geh! Sei doch lieb ... nur für uns nebenan, nur für ein paar
Menschen, ein einziges, kleines Liedchen.“
„Meine Laute ist nicht da, Johannes!“
„Ach, du nimmst die vom Sophus, komm nur!“
Johannes zerrte sie mit sanfter Gewalt von ihrem Sitz auf. Sein schmales
Gesicht mit feinen Zügen und zarten, blühenden Farben war von fast
engelhafter Schönheit. Das blonde, weiche wellige Haar war ein wenig zu
lang, die großen dunkelblauen Augen zu sanft, fast schwärmerisch im Blick.
Mette fand sein Äußeres trotz seiner überraschenden Schönheit fast
unangenehm. Aber nach wenigen Sekunden kam sie zu der Einsicht, daß es
eigentlich nur der Anzug war, der sie störte, weil er so gar nicht zu ihm
paßte. In einer weißen Tunika, in einem seidenen Puffenwams, auch
vielleicht in einem goldgestickten Rokokorock wäre er ein vollendetes Bild
gewesen.
Gisela, immer noch von seinem Arm festgehalten, streckte die Hand nach
Metten aus.
„Kommen Sie mit, kleines Mädchen,“ sagte sie, „ich kann Ihnen zwar
keinen Genuß versprechen, aber Sie tun mir einen Gefallen, wenn Sie sich
zusammenschließen. Die Blinden, die Lahmen, die Buckligen.“
So ungefähr hatte Mette vorhin noch gedacht. Aber da ihre eignen
Gedanken, von einem andern in Worte gebracht, vor ihr standen, regte sich
in ihr der Widerspruch.
„Ich glaube nicht,“ sagte sie nachdenklich, „daß ich meine eignen
Gebrechen so rings um mich sehen möchte, vielleicht auch noch in
Verzerrungen und Vergröberungen, ebensowenig, wie ich mich in einem
Spiegelsaal aufhalten möchte, wenn ich aussätzig wär’. Im Grunde wird es
jeden mehr reizen, seine Gebrechen zu verbergen und möglichst unerkannt
unter Gesunden zu leben. Ach – und ich glaube nicht einmal, daß die
Kranken besonders mitleidig miteinander sind. Jeder sagt sich: bei dem ist
es noch weit schlimmer, als bei mir!“
Ein junger Mann trat neben Gisela und umschlang sie mit einer
mädchenhaft weichen, schmeichlerischen Bewegung.
„Du sollst uns etwas singen, Gisel,“ bat er, „bitte, bitte, sei lieb!“
Sie schüttelte schweigend den Kopf und zog ein wenig die Brauen
zusammen.
Er ließ sie nicht los und bettelte wie ein Kind:
„Ach, geh! Sei doch lieb ... nur für uns nebenan, nur für ein paar
Menschen, ein einziges, kleines Liedchen.“
„Meine Laute ist nicht da, Johannes!“
„Ach, du nimmst die vom Sophus, komm nur!“
Johannes zerrte sie mit sanfter Gewalt von ihrem Sitz auf. Sein schmales
Gesicht mit feinen Zügen und zarten, blühenden Farben war von fast
engelhafter Schönheit. Das blonde, weiche wellige Haar war ein wenig zu
lang, die großen dunkelblauen Augen zu sanft, fast schwärmerisch im Blick.
Mette fand sein Äußeres trotz seiner überraschenden Schönheit fast
unangenehm. Aber nach wenigen Sekunden kam sie zu der Einsicht, daß es
eigentlich nur der Anzug war, der sie störte, weil er so gar nicht zu ihm
paßte. In einer weißen Tunika, in einem seidenen Puffenwams, auch
vielleicht in einem goldgestickten Rokokorock wäre er ein vollendetes Bild
gewesen.
Gisela, immer noch von seinem Arm festgehalten, streckte die Hand nach
Metten aus.
„Kommen Sie mit, kleines Mädchen,“ sagte sie, „ich kann Ihnen zwar
keinen Genuß versprechen, aber Sie tun mir einen Gefallen, wenn Sie sich
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mein Gekrächz mit anhören.“
Mette ergriff die dargebotene Hand und ließ sich mit fortziehen. Es war
eine schmale, fieberheiße, zerbrechlich dünne Hand, die sich mit einem
lockeren und doch sehnigen Griff um ihre Finger klammerte.
Irgendwo in der Ferne sah sie Eccarius’ Gesicht auftauchen.
Er sah sie gar nicht an, und trotzdem schien ihr sein ernstes und
bekümmertes Gesicht einen Vorwurf gegen sie zu bedeuten.
‚Ich hätte mich um ihn kümmern müssen,‘ dachte sie mit leichtem
Erschrecken und dann, wie in aufflackerndem Trotz: ‚Warum eigentlich?
Wozu red’ ich mir Verpflichtungen ein, die ich nicht habe? Ich will keine
Rücksicht mehr nehmen, ich will dahin gehen, wohin es mich lockt –
immer nur dahin, wohin es mich lockt!‘
In dem kleinen Nebenzimmer saß, lag und hockte ein Dutzend Menschen
in den verschiedensten Stellungen.
Sophie war darunter in ihrer kleidsamen Pagentracht, neben ihr der junge
Mensch, der Willi hieß und vorhin auf der Erkerstufe gesessen hatte, die
kleine Luigi und der Maler Giesbert, der eine Art Cowboyanzug trug, und
Ulrich, der Mann mit dem hageren ernsten Gesicht und der tiefen,
mollklingenden Stimme.
Man hob Giselas schmale und leichte Gestalt auf einen Tisch, Johannes
nahm Sophien, die noch an den Wirbeln drehte, die Laute aus den Händen
und legte sie Gisela in den Arm.
Ein junger Mensch in einem seidenen Pierrot-Kostüm lief mit einem
Tablett voll Gläsern herum und bot auch Metten an. Mette trank den süßen
und feurigen Wein rasch aus, um das Glas wieder los zu werden, und sah
sich dann suchend nach einem Platz um.
Sophie streckte ihr die Hand hin.
„Kommen Sie her zu mir, kleiner verflogener Vogel,“ sagte sie, „hier tut
Ihnen keiner was.“
„Ich habe keine Angst,“ sagte Mette lächelnd.
Sie hatte wirklich keine Angst. Sie fühlte sich sehr wohl und geborgen in
den tiefen weichen seidenen Kissen, zwischen zwei Menschengesichtern,
die ihr nicht fremd und nicht unangenehm waren.
Der kleine Johannes setzte sich mit seiner pagenhaften Grazie zu ihren
Füßen nieder. Und obgleich sie keinerlei Zärtlichkeit für ihn empfand, tat
ihr seine leichte anschmiegende Berührung wohl.
Mette ergriff die dargebotene Hand und ließ sich mit fortziehen. Es war
eine schmale, fieberheiße, zerbrechlich dünne Hand, die sich mit einem
lockeren und doch sehnigen Griff um ihre Finger klammerte.
Irgendwo in der Ferne sah sie Eccarius’ Gesicht auftauchen.
Er sah sie gar nicht an, und trotzdem schien ihr sein ernstes und
bekümmertes Gesicht einen Vorwurf gegen sie zu bedeuten.
‚Ich hätte mich um ihn kümmern müssen,‘ dachte sie mit leichtem
Erschrecken und dann, wie in aufflackerndem Trotz: ‚Warum eigentlich?
Wozu red’ ich mir Verpflichtungen ein, die ich nicht habe? Ich will keine
Rücksicht mehr nehmen, ich will dahin gehen, wohin es mich lockt –
immer nur dahin, wohin es mich lockt!‘
In dem kleinen Nebenzimmer saß, lag und hockte ein Dutzend Menschen
in den verschiedensten Stellungen.
Sophie war darunter in ihrer kleidsamen Pagentracht, neben ihr der junge
Mensch, der Willi hieß und vorhin auf der Erkerstufe gesessen hatte, die
kleine Luigi und der Maler Giesbert, der eine Art Cowboyanzug trug, und
Ulrich, der Mann mit dem hageren ernsten Gesicht und der tiefen,
mollklingenden Stimme.
Man hob Giselas schmale und leichte Gestalt auf einen Tisch, Johannes
nahm Sophien, die noch an den Wirbeln drehte, die Laute aus den Händen
und legte sie Gisela in den Arm.
Ein junger Mensch in einem seidenen Pierrot-Kostüm lief mit einem
Tablett voll Gläsern herum und bot auch Metten an. Mette trank den süßen
und feurigen Wein rasch aus, um das Glas wieder los zu werden, und sah
sich dann suchend nach einem Platz um.
Sophie streckte ihr die Hand hin.
„Kommen Sie her zu mir, kleiner verflogener Vogel,“ sagte sie, „hier tut
Ihnen keiner was.“
„Ich habe keine Angst,“ sagte Mette lächelnd.
Sie hatte wirklich keine Angst. Sie fühlte sich sehr wohl und geborgen in
den tiefen weichen seidenen Kissen, zwischen zwei Menschengesichtern,
die ihr nicht fremd und nicht unangenehm waren.
Der kleine Johannes setzte sich mit seiner pagenhaften Grazie zu ihren
Füßen nieder. Und obgleich sie keinerlei Zärtlichkeit für ihn empfand, tat
ihr seine leichte anschmiegende Berührung wohl.
Page 43
Gisela probierte mit tiefgeneigtem Gesicht die Saiten. Das lose, schwarze
Haar fiel ihr über die Wangen. Mit einer plötzlichen Bewegung hob sie den
Kopf, schüttelte das Haar zurück, und nach ein paar einleitenden Akkorden
begann sie zu singen:
Irgendwo
ruft die Stimme durch die tiefe Nacht,
diese Stimme, die mich beben macht.
Irgendwo
irgendwo auf heißem Lager dehnt
sich die Hand, nach der sich meine sehnt.
Irgendwo
weint ein Herz im Dunkel heiß und still
das an meinem Herzen schlagen will.
Ihre Stimme war klein, wie durch einen Schleier gedämpft, aber namentlich
in der Tiefe von einem leidenschaftlichen, bestrickenden Klang.
Mette war wie eingesponnen in ein traumhaftes, süßes und doch
schmerzlich-sehnsüchtiges Glücksgefühl.
Sophie hatte den Arm um sie gelegt, und ihre Hand glitt manchmal im
Takte der Musik in einem sanften und wärmegebenden Streicheln über
Mettes Schulter.
Giselas Augen suchten Mette manchmal, wenn sie sang. Ihre Blicke
trafen ineinander, hingen ineinander, und Mette war, als sänge sie all diese
Worte ihr zu.
‚Süßes Leben,‘ dachte sie, ‚schönes geliebtes Leben.‘
Eine fiebernde Sehnsucht war in ihr, die ihr das Herz groß und übervoll
machte. Diese Sehnsucht hatte keinen Namen und kein Ziel. Es war
Sehnsucht nach fernen Ländern, und Sehnsucht nach Zärtlichkeit. Es war
Sehnsucht nach brausendem Ruhm, nach Heldentaten, und Sehnsucht nach
Großmutters stillem Garten, nach der Wiese, über der die Bienen stimmten.
Deine arme silberne Seele
Atmet so schwer in Blut.
O weh! daß ich dir fehle,
weh, daß ich dich nicht fand.
Haar fiel ihr über die Wangen. Mit einer plötzlichen Bewegung hob sie den
Kopf, schüttelte das Haar zurück, und nach ein paar einleitenden Akkorden
begann sie zu singen:
Irgendwo
ruft die Stimme durch die tiefe Nacht,
diese Stimme, die mich beben macht.
Irgendwo
irgendwo auf heißem Lager dehnt
sich die Hand, nach der sich meine sehnt.
Irgendwo
weint ein Herz im Dunkel heiß und still
das an meinem Herzen schlagen will.
Ihre Stimme war klein, wie durch einen Schleier gedämpft, aber namentlich
in der Tiefe von einem leidenschaftlichen, bestrickenden Klang.
Mette war wie eingesponnen in ein traumhaftes, süßes und doch
schmerzlich-sehnsüchtiges Glücksgefühl.
Sophie hatte den Arm um sie gelegt, und ihre Hand glitt manchmal im
Takte der Musik in einem sanften und wärmegebenden Streicheln über
Mettes Schulter.
Giselas Augen suchten Mette manchmal, wenn sie sang. Ihre Blicke
trafen ineinander, hingen ineinander, und Mette war, als sänge sie all diese
Worte ihr zu.
‚Süßes Leben,‘ dachte sie, ‚schönes geliebtes Leben.‘
Eine fiebernde Sehnsucht war in ihr, die ihr das Herz groß und übervoll
machte. Diese Sehnsucht hatte keinen Namen und kein Ziel. Es war
Sehnsucht nach fernen Ländern, und Sehnsucht nach Zärtlichkeit. Es war
Sehnsucht nach brausendem Ruhm, nach Heldentaten, und Sehnsucht nach
Großmutters stillem Garten, nach der Wiese, über der die Bienen stimmten.
Deine arme silberne Seele
Atmet so schwer in Blut.
O weh! daß ich dir fehle,
weh, daß ich dich nicht fand.
Page 44
Deine Seele will versinken,
deine Seele will ertrinken,
ertrinken im brennenden Blut, –
weil niemals meine kühle Hand
auf deiner Stirne geruht.
Sophiens schönes heiteres Gesicht überschattete sich mit einem fast
schmerzlichen Ernst. Sie lächelte, aber dies Lächeln war wie getränkt mit
Schwermut.
„Wart’ einen Augenblick,“ sie hob Gisela die Hand entgegen, „ich
möchte Nora holen, du weißt ja, wie gern sie dich hört.“
Sie stand rasch auf. Johannes sprang im selben Augenblick in die Höhe.
„Darf ich dir helfen?“ fragte er bittend.
Metten erschienen diese Worte rätselhaft, ohne daß sie indes lange
darüber nachdachte.
Sophie und Johannes gingen nicht in den großen, saalartigen Raum, aus
dem sie gekommen waren. Sophie öffnete eine Glastür hinter Vorhängen,
die in den nachtdunklen Garten hinausführte.
„Laßt einen Augenblick offen,“ bat sie, „es ist ja so warm draußen – wir
kommen so herum zurück.“
Gisela zögerte einen Augenblick. Ihr leicht bewegliches Gesicht spiegelte
einen inneren Kampf.
„Sophie,“ rief sie ihr nach, von dem hohen Tisch heruntergleitend, „ist es
dir lieber, wenn ich mitgehe? Ich kann schließlich auch drin singen.“
„Nein, nein,“ gab Sophie zurück. Sie stand schon auf den Stufen und hob
die Falten des Vorhangs auf, daß sie einen Augenblick wie eine kunstvolle
Umrahmung der schlanken Gestalt wirkten. „Es ist so voll und rauchig drin
und staubig vom Tanzen, und man kriegt die ganze Bande doch nicht zu
einem ruhigen Zuhören. Ich bin auch ganz froh, wenn ich einen guten
Grund habe, um Nora ein bißchen da herauszulocken – von selbst
entschließt sie sich doch nicht, und sonst wird es ihr wieder zu viel.“
Sie nickte Gisela noch einmal zu, herzlich, dankend, und tauchte im
Dunkel unter. Durch die halb offene Tür drang der vielfältige Duft der
warmen durchblühten Nacht.
In dem kleinen Kreis war eine wartende Stille. Die Leute, die
nebeneinander standen, tauschten mit gedämpfter Stimme Bemerkungen
aus. Gisela klimperte mit den Saiten, ohne die Augen aufzuheben.
deine Seele will ertrinken,
ertrinken im brennenden Blut, –
weil niemals meine kühle Hand
auf deiner Stirne geruht.
Sophiens schönes heiteres Gesicht überschattete sich mit einem fast
schmerzlichen Ernst. Sie lächelte, aber dies Lächeln war wie getränkt mit
Schwermut.
„Wart’ einen Augenblick,“ sie hob Gisela die Hand entgegen, „ich
möchte Nora holen, du weißt ja, wie gern sie dich hört.“
Sie stand rasch auf. Johannes sprang im selben Augenblick in die Höhe.
„Darf ich dir helfen?“ fragte er bittend.
Metten erschienen diese Worte rätselhaft, ohne daß sie indes lange
darüber nachdachte.
Sophie und Johannes gingen nicht in den großen, saalartigen Raum, aus
dem sie gekommen waren. Sophie öffnete eine Glastür hinter Vorhängen,
die in den nachtdunklen Garten hinausführte.
„Laßt einen Augenblick offen,“ bat sie, „es ist ja so warm draußen – wir
kommen so herum zurück.“
Gisela zögerte einen Augenblick. Ihr leicht bewegliches Gesicht spiegelte
einen inneren Kampf.
„Sophie,“ rief sie ihr nach, von dem hohen Tisch heruntergleitend, „ist es
dir lieber, wenn ich mitgehe? Ich kann schließlich auch drin singen.“
„Nein, nein,“ gab Sophie zurück. Sie stand schon auf den Stufen und hob
die Falten des Vorhangs auf, daß sie einen Augenblick wie eine kunstvolle
Umrahmung der schlanken Gestalt wirkten. „Es ist so voll und rauchig drin
und staubig vom Tanzen, und man kriegt die ganze Bande doch nicht zu
einem ruhigen Zuhören. Ich bin auch ganz froh, wenn ich einen guten
Grund habe, um Nora ein bißchen da herauszulocken – von selbst
entschließt sie sich doch nicht, und sonst wird es ihr wieder zu viel.“
Sie nickte Gisela noch einmal zu, herzlich, dankend, und tauchte im
Dunkel unter. Durch die halb offene Tür drang der vielfältige Duft der
warmen durchblühten Nacht.
In dem kleinen Kreis war eine wartende Stille. Die Leute, die
nebeneinander standen, tauschten mit gedämpfter Stimme Bemerkungen
aus. Gisela klimperte mit den Saiten, ohne die Augen aufzuheben.
Page 45
Das gemurmelte Gespräch wurde nach einigen Minuten ein wenig lauter
und lebhafter, um ganz zu stocken, als Schritte auf dem Gartenkies
knirschten, schwere Schritte, und um dann – angeregt von den intimsten
Freunden des Hauses – wieder aufzuflackern in einer Art, die zu bedeuten
schien: Wir haben nicht auf euch gewartet, wir achten nicht auf euch, wenn
ihr kommt.
Mette sah unwillkürlich nach der Gartentür, den Eintretenden entgegen,
und, obgleich sie im selben Augenblick sich zusammenriß, Beherrschung
von sich verlangte und ein Lächeln erzwang, erschrak sie so, daß sie fühlte,
wie sie blaß wurde.
Sie führten, sie schleppten Nora herein.
Sophie stützte sie auf der einen Seite, Johannes auf der andern. Aber sie
konnten ihren schweren Oberkörper nicht aufrichten; er neigte sich nach
vorn, als sei er verbogen, zerbrochen, und mühsam hatte sie den Kopf
wieder gehoben, und ihre sanften, braunen Augen, voll stummer Qual, wie
die eines gepeinigten Tieres, trafen von unten herauf einen Herzschlag lang
in Mettes Blicke.
Ulrich schob einen Stuhl zurecht, Willi schleppte Fußkissen herbei, ein
paar Sekunden später saß sie in dem Sessel, die Hände auf die Seitenlehnen
gestützt, die Knie, die ein wenig höher gezogen waren als bei andern, von
den leichten fließenden Falten der seidenen Decke überbreitet, den blonden
Kopf von einem veilchenfarbenen Kissen gestützt, wieder ein Bild von fast
königlicher Schönheit.
Nur wenn man sehr genau hinsah, entdeckte man um Mund und Wangen
ein leises Zittern, wie von Schmerzen oder von überstandener schwerer
Anstrengung.
Mettes Herz war ganz erfüllt von widerstreitenden Gefühlen: Ein
Entsetzen war in ihr, das an Grauen und fast an Ekel grenzte, ein quälendes
Mitleid und zugleich eine Angst wie vor niedersinkenden dunklen
Schleiern, vor einer langsam sich senkenden, unerträglichen Last.
War das Leben nicht eben noch hell und bunt und lockend gewesen?
Hatte sie es nicht geliebt mit einer heißen, sehnsüchtigen, inbrünstigen und
opferbereiten Liebe? Und war es nicht jetzt, als ob ein feuriger,
geschmeidiger Tänzer im Seidenwams, in dessen Armen sie sich noch eben
trunken gewiegt hatte, die Larve vom Gesicht hob und höhnisch grinsend
ein zerfallendes Totenangesicht zeigte?
und lebhafter, um ganz zu stocken, als Schritte auf dem Gartenkies
knirschten, schwere Schritte, und um dann – angeregt von den intimsten
Freunden des Hauses – wieder aufzuflackern in einer Art, die zu bedeuten
schien: Wir haben nicht auf euch gewartet, wir achten nicht auf euch, wenn
ihr kommt.
Mette sah unwillkürlich nach der Gartentür, den Eintretenden entgegen,
und, obgleich sie im selben Augenblick sich zusammenriß, Beherrschung
von sich verlangte und ein Lächeln erzwang, erschrak sie so, daß sie fühlte,
wie sie blaß wurde.
Sie führten, sie schleppten Nora herein.
Sophie stützte sie auf der einen Seite, Johannes auf der andern. Aber sie
konnten ihren schweren Oberkörper nicht aufrichten; er neigte sich nach
vorn, als sei er verbogen, zerbrochen, und mühsam hatte sie den Kopf
wieder gehoben, und ihre sanften, braunen Augen, voll stummer Qual, wie
die eines gepeinigten Tieres, trafen von unten herauf einen Herzschlag lang
in Mettes Blicke.
Ulrich schob einen Stuhl zurecht, Willi schleppte Fußkissen herbei, ein
paar Sekunden später saß sie in dem Sessel, die Hände auf die Seitenlehnen
gestützt, die Knie, die ein wenig höher gezogen waren als bei andern, von
den leichten fließenden Falten der seidenen Decke überbreitet, den blonden
Kopf von einem veilchenfarbenen Kissen gestützt, wieder ein Bild von fast
königlicher Schönheit.
Nur wenn man sehr genau hinsah, entdeckte man um Mund und Wangen
ein leises Zittern, wie von Schmerzen oder von überstandener schwerer
Anstrengung.
Mettes Herz war ganz erfüllt von widerstreitenden Gefühlen: Ein
Entsetzen war in ihr, das an Grauen und fast an Ekel grenzte, ein quälendes
Mitleid und zugleich eine Angst wie vor niedersinkenden dunklen
Schleiern, vor einer langsam sich senkenden, unerträglichen Last.
War das Leben nicht eben noch hell und bunt und lockend gewesen?
Hatte sie es nicht geliebt mit einer heißen, sehnsüchtigen, inbrünstigen und
opferbereiten Liebe? Und war es nicht jetzt, als ob ein feuriger,
geschmeidiger Tänzer im Seidenwams, in dessen Armen sie sich noch eben
trunken gewiegt hatte, die Larve vom Gesicht hob und höhnisch grinsend
ein zerfallendes Totenangesicht zeigte?
Page 46
Was gab es denn auf der Welt? Was erwartete einen denn im Leben?
Elend und Kummer, Siechtum und Tod und bittere, eiskalte Einsamkeit ...
Gisela griff ein paar Akkorde und sang:
Irgendwo
mahnt eine Turmuhr dumpf und schwer
Irgendwen,
daß es nun Zeit zum Heimgehn wär’.
Irgendwohin
führen die weißen Wege hinaus,
Irgendwo bin
ich auf der Erde doch auch zu Haus ...
Sie neigte den Kopf tiefer über das Instrument. Es war seltsam, daß aus der
zusammengepreßten Brust die Töne ihren Weg fanden.
Sie waren alle still, als sie geendet hatte.
Willi war der erste, der rief:
„Weiter, weiter ... noch eins, noch eins.“
Andere riefen es ihm nach. Gisela glitt von dem Tisch herunter und legte
die Laute in eine Ecke. Ihre müden Bewegungen waren die eines Kindes,
aber ihr immer schmales Gesicht war ganz klein und alt geworden.
„Ich glaube, ich kann nicht mehr,“ sagte sie, wie um Verzeihung bittend.
Ihre Stimme war nur wie ein heiseres Flüstern.
Durch die Tür des Nebenzimmers kam ein älterer dicker Mann mit einem
aufgeschwemmten häßlichen Gesicht.
Drinnen paukte jemand aufs Klavier, aber es wurde kaum vernehmbar
vor Lärmen und Lachen und dem Geräusch der schleifenden Füße.
Der dicke Mann griff den kleinen Johannes mit einem festen Griff um
den Leib.
„Komm, mein Hannchen, wir wollen tanzen,“ rief er und zerrte ihn im
Kreis herum.
Johannes wiegte sich in den Hüften wie ein kokettes Mädchen.
Mette sah jetzt erst, daß er an den auffallend schmalen und kleinen Füßen
zu den tief ausgeschnittenen Lackschuhen durchbrochene seidene Strümpfe
trug.
Er war ihr plötzlich widerlich. Der dicke Mann war ihr widerlich. Gisela
war ihr widerlich, weil ihr Gesicht alt und krank und verlebt aussah. Willi
Elend und Kummer, Siechtum und Tod und bittere, eiskalte Einsamkeit ...
Gisela griff ein paar Akkorde und sang:
Irgendwo
mahnt eine Turmuhr dumpf und schwer
Irgendwen,
daß es nun Zeit zum Heimgehn wär’.
Irgendwohin
führen die weißen Wege hinaus,
Irgendwo bin
ich auf der Erde doch auch zu Haus ...
Sie neigte den Kopf tiefer über das Instrument. Es war seltsam, daß aus der
zusammengepreßten Brust die Töne ihren Weg fanden.
Sie waren alle still, als sie geendet hatte.
Willi war der erste, der rief:
„Weiter, weiter ... noch eins, noch eins.“
Andere riefen es ihm nach. Gisela glitt von dem Tisch herunter und legte
die Laute in eine Ecke. Ihre müden Bewegungen waren die eines Kindes,
aber ihr immer schmales Gesicht war ganz klein und alt geworden.
„Ich glaube, ich kann nicht mehr,“ sagte sie, wie um Verzeihung bittend.
Ihre Stimme war nur wie ein heiseres Flüstern.
Durch die Tür des Nebenzimmers kam ein älterer dicker Mann mit einem
aufgeschwemmten häßlichen Gesicht.
Drinnen paukte jemand aufs Klavier, aber es wurde kaum vernehmbar
vor Lärmen und Lachen und dem Geräusch der schleifenden Füße.
Der dicke Mann griff den kleinen Johannes mit einem festen Griff um
den Leib.
„Komm, mein Hannchen, wir wollen tanzen,“ rief er und zerrte ihn im
Kreis herum.
Johannes wiegte sich in den Hüften wie ein kokettes Mädchen.
Mette sah jetzt erst, daß er an den auffallend schmalen und kleinen Füßen
zu den tief ausgeschnittenen Lackschuhen durchbrochene seidene Strümpfe
trug.
Er war ihr plötzlich widerlich. Der dicke Mann war ihr widerlich. Gisela
war ihr widerlich, weil ihr Gesicht alt und krank und verlebt aussah. Willi
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war ihr widerlich, weil er der Luigi Wein in den Ausschnitt schüttete und ihr
die Hand den Rücken hinuntergleiten ließ unter dem Vorwand, sie
abzutrocknen. Mara Luigi war ihr widerlich, weil sie es sich gefallen ließ
und es sich gern gefallen ließ, trotzdem sie schrie und zappelte und mit den
Beinen strampelte.
Mette hatte brennendes Verlangen nach der Ruhe ihres einsamen
Zimmers.
Giesbert stand vor ihr und wollte mit ihr tanzen. Sie stemmte beide
Hände gegen seinen Arm, der sie umklammern wollte und mit fortreißen.
„Bitte nicht,“ sagte sie flehentlich und ungeduldig, „nein, bitte, nein, ich
möchte nicht!“
Plötzlich, da sie sich losgemacht hatte und ein wenig taumelig auf den
Füßen stand, traf ihr Blick in Eccarius’ Gesicht.
Er trat mit einem leisen Lächeln auf sie zu, und sie streckte mit einer
unwillkürlichen Bewegung die Hand nach ihm aus.
„Gut, daß Sie da sind,“ wollte sie sagen, „ich möchte nach Haus!“
Dann fiel es ihr ein, daß sie kein Recht hätte, über ihn zu bestimmen wie
über einen Bedienten, nachdem sie sich den ganzen Abend nicht um ihn
gekümmert hatte.
Aber eh’ sie noch die Worte gefunden hatte, um ihn anzureden, sagte er:
„Sie sehen müde aus, gnädiges Fräulein. Ich will Sie nicht hetzen, wenn
Sie noch Lust haben, hierzubleiben. Aber wenn Sie gehen wollen, verfügen
Sie nur ganz über mich.“
Mette war ihm herzlich dankbar, obgleich sie wieder fast erschrocken
war über seine Häßlichkeit, als er so plötzlich vor ihr auftauchte.
Sie war mit sich selbst nicht zufrieden. Es mußte doch an ihr liegen, daß
sie überall Häßliches sah, Trauriges zu spüren glaubte. Sie war wohl nicht
stark genug für das Leben, nicht gesund genug, nicht dumm genug oder
nicht weise genug.
Das Leben hatte überall Schroffen und Kanten, Spitzen und Ecken. Wo
man nur hineingriff in die rosigen, schimmernden Wolken, die es
schmückend umzogen, wurde man gestoßen und geschunden. Man mußte
ein Pflasterstein sein oder ein Diamant, um nicht zu zersplittern an diesen
Härten.
Sie schritt in einem fast verstockten Schweigen neben Eccarius her.
Mochte er von ihr denken, was er wollte! Sie war müde und aufgewühlt,
die Hand den Rücken hinuntergleiten ließ unter dem Vorwand, sie
abzutrocknen. Mara Luigi war ihr widerlich, weil sie es sich gefallen ließ
und es sich gern gefallen ließ, trotzdem sie schrie und zappelte und mit den
Beinen strampelte.
Mette hatte brennendes Verlangen nach der Ruhe ihres einsamen
Zimmers.
Giesbert stand vor ihr und wollte mit ihr tanzen. Sie stemmte beide
Hände gegen seinen Arm, der sie umklammern wollte und mit fortreißen.
„Bitte nicht,“ sagte sie flehentlich und ungeduldig, „nein, bitte, nein, ich
möchte nicht!“
Plötzlich, da sie sich losgemacht hatte und ein wenig taumelig auf den
Füßen stand, traf ihr Blick in Eccarius’ Gesicht.
Er trat mit einem leisen Lächeln auf sie zu, und sie streckte mit einer
unwillkürlichen Bewegung die Hand nach ihm aus.
„Gut, daß Sie da sind,“ wollte sie sagen, „ich möchte nach Haus!“
Dann fiel es ihr ein, daß sie kein Recht hätte, über ihn zu bestimmen wie
über einen Bedienten, nachdem sie sich den ganzen Abend nicht um ihn
gekümmert hatte.
Aber eh’ sie noch die Worte gefunden hatte, um ihn anzureden, sagte er:
„Sie sehen müde aus, gnädiges Fräulein. Ich will Sie nicht hetzen, wenn
Sie noch Lust haben, hierzubleiben. Aber wenn Sie gehen wollen, verfügen
Sie nur ganz über mich.“
Mette war ihm herzlich dankbar, obgleich sie wieder fast erschrocken
war über seine Häßlichkeit, als er so plötzlich vor ihr auftauchte.
Sie war mit sich selbst nicht zufrieden. Es mußte doch an ihr liegen, daß
sie überall Häßliches sah, Trauriges zu spüren glaubte. Sie war wohl nicht
stark genug für das Leben, nicht gesund genug, nicht dumm genug oder
nicht weise genug.
Das Leben hatte überall Schroffen und Kanten, Spitzen und Ecken. Wo
man nur hineingriff in die rosigen, schimmernden Wolken, die es
schmückend umzogen, wurde man gestoßen und geschunden. Man mußte
ein Pflasterstein sein oder ein Diamant, um nicht zu zersplittern an diesen
Härten.
Sie schritt in einem fast verstockten Schweigen neben Eccarius her.
Mochte er von ihr denken, was er wollte! Sie war müde und aufgewühlt,
Page 48
zornig und mutlos – sie hatte keine Lust, sich mühsam durch eine
gleichgültige Unterhaltung hinzuquälen.
Eccarius ließ ihr Zeit, ihre fieberbrennende Stirn in der Nachtluft
abzukühlen. Sie sah nach den hellflammenden Sternen hinauf und spürte,
wie immer, die fast schmerzliche Bedrängnis, als ob etwas in ihr sich
mühte, die zusammengefalteten Flügel auszubreiten, um sich endlich,
endlich ins Grenzenlose aufzuschwingen und sich dabei so ungeduldig
gebärdete, daß es ihr das Herz bedrückte, den Atem beklemmte, die Rippen
preßte.
Nach einer ganzen Weile hörte sie eine ruhige Stimme neben sich, wie
aus einer langen Kette von Gedanken heraus:
„... Sie müssen mir einen Gefallen tun, gnädiges Fräulein! Sie dürfen dies
Haus und unsere Wirte nicht nach dem heutigen etwas“ – er zögerte –
„turbulenten Fest beurteilen. Sie müssen einmal einen ruhigen Nachmittag
da draußen im Gartenhäuschen sitzen und mit den beiden Frauen reden. Ich
glaube sicher, daß Sie viel davon haben könnten, und es wäre schade, wenn
Ihnen der heutige Tag die Lust dazu verdorben hätte.“
Mette fühlte sich durchschaut und ein wenig beschämt.
„Oh, durchaus nicht,“ sagte sie etwas verlegen, „ich war wirklich sehr
entzückt von den beiden Damen. Ich bin nur so etwas lärmende
Gesellschaft nicht gewöhnt, ach, ich bin überhaupt keine Geselligkeit
gewöhnt, und es waren einfach zu viel und zu vielerlei Eindrücke für mich
– ich habe ein bißchen Karussellgefühle, wenn Sie sich darunter etwas
vorstellen können.“
„O ja,“ Eccarius lachte leise, „darunter stell’ ich mir in der Hauptsache
vor: Schwindel und Übelkeit.“
„Nicht nur,“ widersprach Mette, „auch Musik, die immerfort in einem
weiterdröhnt, und sehr viel Buntes und sehr viel Licht, mysteriöse und
aufreizende Buntheit – perlgestickte flimmernde Bilder, hinter denen sich
das Geheimnisvolle, Verlockende und Unheimliche verbirgt – der Antrieb,
das Werk, die Maschine. Und im Dunkel einzelne grell beleuchtete
Gesichter, die immer wieder auftauchen und vorübergleiten – und vor allen
Dingen – ja natürlich vor allen Dingen der Eindruck eines ersehnten,
erwünschten und bis zur Ermüdung ausgekosteten Vergnügens.“
„Dann ist es ja gut.“ Eccarius lächelte, als wären seine Gedanken schon
wieder anderswo.
gleichgültige Unterhaltung hinzuquälen.
Eccarius ließ ihr Zeit, ihre fieberbrennende Stirn in der Nachtluft
abzukühlen. Sie sah nach den hellflammenden Sternen hinauf und spürte,
wie immer, die fast schmerzliche Bedrängnis, als ob etwas in ihr sich
mühte, die zusammengefalteten Flügel auszubreiten, um sich endlich,
endlich ins Grenzenlose aufzuschwingen und sich dabei so ungeduldig
gebärdete, daß es ihr das Herz bedrückte, den Atem beklemmte, die Rippen
preßte.
Nach einer ganzen Weile hörte sie eine ruhige Stimme neben sich, wie
aus einer langen Kette von Gedanken heraus:
„... Sie müssen mir einen Gefallen tun, gnädiges Fräulein! Sie dürfen dies
Haus und unsere Wirte nicht nach dem heutigen etwas“ – er zögerte –
„turbulenten Fest beurteilen. Sie müssen einmal einen ruhigen Nachmittag
da draußen im Gartenhäuschen sitzen und mit den beiden Frauen reden. Ich
glaube sicher, daß Sie viel davon haben könnten, und es wäre schade, wenn
Ihnen der heutige Tag die Lust dazu verdorben hätte.“
Mette fühlte sich durchschaut und ein wenig beschämt.
„Oh, durchaus nicht,“ sagte sie etwas verlegen, „ich war wirklich sehr
entzückt von den beiden Damen. Ich bin nur so etwas lärmende
Gesellschaft nicht gewöhnt, ach, ich bin überhaupt keine Geselligkeit
gewöhnt, und es waren einfach zu viel und zu vielerlei Eindrücke für mich
– ich habe ein bißchen Karussellgefühle, wenn Sie sich darunter etwas
vorstellen können.“
„O ja,“ Eccarius lachte leise, „darunter stell’ ich mir in der Hauptsache
vor: Schwindel und Übelkeit.“
„Nicht nur,“ widersprach Mette, „auch Musik, die immerfort in einem
weiterdröhnt, und sehr viel Buntes und sehr viel Licht, mysteriöse und
aufreizende Buntheit – perlgestickte flimmernde Bilder, hinter denen sich
das Geheimnisvolle, Verlockende und Unheimliche verbirgt – der Antrieb,
das Werk, die Maschine. Und im Dunkel einzelne grell beleuchtete
Gesichter, die immer wieder auftauchen und vorübergleiten – und vor allen
Dingen – ja natürlich vor allen Dingen der Eindruck eines ersehnten,
erwünschten und bis zur Ermüdung ausgekosteten Vergnügens.“
„Dann ist es ja gut.“ Eccarius lächelte, als wären seine Gedanken schon
wieder anderswo.
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„Sie wußten gar nicht, daß Frau von Hersfeld krank ist?“ fragte er nach
einer Weile.
„Nein,“ sagte Mette. Und dann stieß sie hervor, halb unwillkürlich, aber
wie getrieben von dem Gefühl einer Schuld, die sie wieder gutzumachen
hatte.
„Oh, sie tut mir ja so entsetzlich leid!“
„Sie hat ein sehr trauriges Geschick gehabt,“ sagte Eccarius etwas
zögernd, „aber trotzdem würde ich nicht sagen, daß sie mir leid tut –
denken Sie nur, ich würde nicht wagen, es zu sagen – es käme mir beinah
vermessen vor. Die Frau hat so unendlich viel, was zur Bewunderung
zwingt, so unendlich viel, durch das sie unsereinem überlegen ist und um
das man sie beinah beneiden könnte, daß Mitleid eigentlich – meinem
Gefühl nach – gar nicht angebracht wäre.“
Mette spürte, daß er die Worte so behutsam setzte, um ihr nicht grob und
deutlich zu verstehen zu geben, daß sie eine Dummheit gesagt hatte. Sie
war ihm dankbar für diese vorsichtige Art, denn es kränkte sie empfindlich,
wenn sie sich irgendwie zurechtgewiesen fühlte.
„Ich will jedenfalls alles versuchen, um sie näher kennenzulernen,“ sagte
sie herzhaft entschlossen. „Ich glaube, daß man viel von ihr lernen kann,
und nichts auf der Welt tut mir so not als zu lernen.“
„Es ist schon viel wert, wenn Sie das wissen,“ lächelte Eccarius, „die
meisten Zwanzigjährigen glauben, genug zu wissen. Wenn Sie sich noch
außerdem mit so sicherem Instinkt Ihre Lehrmeister suchen, dann können
Sie gar nicht fehlgehen.“
„Ich hoffe.“
Mette zog die Brauen zusammen. Die Angst glitt wieder wie eine
schattende Wolke über sie hin, die Angst, fehlzugehen, sich zu verirren, auf
schwankenden Sumpfboden zu geraten, einem Abgrund entgegenzugleiten,
irgendwie dem Untergang entgegenzutreiben.
‚Ich werde jedenfalls niemals nötig haben, einem zaudernden Tode
entgegenzuschmachten,‘ dachte sie, ‚wenn ich mit zerschmetterten Gliedern
in irgendeinem Abgrund liege, dann bleibt mir immer noch Olgas
Vermächtnis – mein Freund, der Revolver!‘
‚Nora von Hersfeld,‘ dachte sie, ‚vielleicht kann sie einem Halt geben,
vielleicht kann sie einem den Weg weisen ... vielleicht! Wer weiß es?
Eccarius ist dieser Meinung. Aber was weiß denn ich von Eccarius? Nichts.
Er kann ein Verbrecher sein, ein Bankdefraudant, ein Lustmörder, ein
einer Weile.
„Nein,“ sagte Mette. Und dann stieß sie hervor, halb unwillkürlich, aber
wie getrieben von dem Gefühl einer Schuld, die sie wieder gutzumachen
hatte.
„Oh, sie tut mir ja so entsetzlich leid!“
„Sie hat ein sehr trauriges Geschick gehabt,“ sagte Eccarius etwas
zögernd, „aber trotzdem würde ich nicht sagen, daß sie mir leid tut –
denken Sie nur, ich würde nicht wagen, es zu sagen – es käme mir beinah
vermessen vor. Die Frau hat so unendlich viel, was zur Bewunderung
zwingt, so unendlich viel, durch das sie unsereinem überlegen ist und um
das man sie beinah beneiden könnte, daß Mitleid eigentlich – meinem
Gefühl nach – gar nicht angebracht wäre.“
Mette spürte, daß er die Worte so behutsam setzte, um ihr nicht grob und
deutlich zu verstehen zu geben, daß sie eine Dummheit gesagt hatte. Sie
war ihm dankbar für diese vorsichtige Art, denn es kränkte sie empfindlich,
wenn sie sich irgendwie zurechtgewiesen fühlte.
„Ich will jedenfalls alles versuchen, um sie näher kennenzulernen,“ sagte
sie herzhaft entschlossen. „Ich glaube, daß man viel von ihr lernen kann,
und nichts auf der Welt tut mir so not als zu lernen.“
„Es ist schon viel wert, wenn Sie das wissen,“ lächelte Eccarius, „die
meisten Zwanzigjährigen glauben, genug zu wissen. Wenn Sie sich noch
außerdem mit so sicherem Instinkt Ihre Lehrmeister suchen, dann können
Sie gar nicht fehlgehen.“
„Ich hoffe.“
Mette zog die Brauen zusammen. Die Angst glitt wieder wie eine
schattende Wolke über sie hin, die Angst, fehlzugehen, sich zu verirren, auf
schwankenden Sumpfboden zu geraten, einem Abgrund entgegenzugleiten,
irgendwie dem Untergang entgegenzutreiben.
‚Ich werde jedenfalls niemals nötig haben, einem zaudernden Tode
entgegenzuschmachten,‘ dachte sie, ‚wenn ich mit zerschmetterten Gliedern
in irgendeinem Abgrund liege, dann bleibt mir immer noch Olgas
Vermächtnis – mein Freund, der Revolver!‘
‚Nora von Hersfeld,‘ dachte sie, ‚vielleicht kann sie einem Halt geben,
vielleicht kann sie einem den Weg weisen ... vielleicht! Wer weiß es?
Eccarius ist dieser Meinung. Aber was weiß denn ich von Eccarius? Nichts.
Er kann ein Verbrecher sein, ein Bankdefraudant, ein Lustmörder, ein
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Mädchenhändler. Er kann alles dies nicht sein, vielleicht aus Zufall nicht
sein, und kann doch die Neigung zum Schlechten, den Willen zum Bösen
haben, schlimmer vielleicht als ein alter Zuchthäusler, neben dem ich jetzt
nur gezwungen und in tödlicher Angst gehen würde. Aber Eccarius scheint
mir ein Schutz ... warum? Ich weiß nichts von ihm. Es ist schwer, sich
zurechtzufinden, wenn man den Instinkt schon verloren hat und ein
Erfahrungswissen noch nicht erworben.‘
„... Irgendwohin führen die weißen Wege hinaus ...“ summte sie.
„Mögen Sie die Lieder?“ fragte Eccarius rasch.
„Ich weiß nicht,“ antwortete Mette zögernd, „sie verlassen mich nicht.
Spricht das nun für oder gegen sie?“
„Sie haben sie heut’ zum erstenmal gehört?“ Er berichtigte sich gleich
selbst. „Ja, natürlich, Sie waren ja heut’ das erste Mal in diesem Kreise.“
Mette lächelte: „Kann man sie nur in diesem Kreise hören?“
„Ja, sie sind nicht veröffentlicht.“
„Hat Fräulein Werkenthin sie selbst verfaßt?“ Ihr Herz ging ein wenig
rascher bei dieser Frage.
„Ach nein.“ Mette schien es, als ob ein ganz leiser Hauch von
Geringschätzung in diesem „ach nein“ läge. „Sie stammen von Fräulein von
Gjellerström.“
„Die kenne ich nicht,“ sagte Mette gleichgültig, „sie war wohl heute
nicht da – oder ich habe sie nicht gesehen.“
„Sie haben sie sicher gesehen,“ sagte Eccarius mit einem Lächeln, von
dem Mette in dem Halbdunkel der nächtlichen Straße nicht feststellen
konnte, ob es spöttisch oder schmerzlich war. „Sie ist weder laut noch bunt
angezogen, aber man kann sie merkwürdigerweise nicht übersehen.
Vielleicht wissen Sie auch nur nicht, wie sie heißt. Ihre Freunde haben ihr
den Namen Fiametta gegeben.“
sein, und kann doch die Neigung zum Schlechten, den Willen zum Bösen
haben, schlimmer vielleicht als ein alter Zuchthäusler, neben dem ich jetzt
nur gezwungen und in tödlicher Angst gehen würde. Aber Eccarius scheint
mir ein Schutz ... warum? Ich weiß nichts von ihm. Es ist schwer, sich
zurechtzufinden, wenn man den Instinkt schon verloren hat und ein
Erfahrungswissen noch nicht erworben.‘
„... Irgendwohin führen die weißen Wege hinaus ...“ summte sie.
„Mögen Sie die Lieder?“ fragte Eccarius rasch.
„Ich weiß nicht,“ antwortete Mette zögernd, „sie verlassen mich nicht.
Spricht das nun für oder gegen sie?“
„Sie haben sie heut’ zum erstenmal gehört?“ Er berichtigte sich gleich
selbst. „Ja, natürlich, Sie waren ja heut’ das erste Mal in diesem Kreise.“
Mette lächelte: „Kann man sie nur in diesem Kreise hören?“
„Ja, sie sind nicht veröffentlicht.“
„Hat Fräulein Werkenthin sie selbst verfaßt?“ Ihr Herz ging ein wenig
rascher bei dieser Frage.
„Ach nein.“ Mette schien es, als ob ein ganz leiser Hauch von
Geringschätzung in diesem „ach nein“ läge. „Sie stammen von Fräulein von
Gjellerström.“
„Die kenne ich nicht,“ sagte Mette gleichgültig, „sie war wohl heute
nicht da – oder ich habe sie nicht gesehen.“
„Sie haben sie sicher gesehen,“ sagte Eccarius mit einem Lächeln, von
dem Mette in dem Halbdunkel der nächtlichen Straße nicht feststellen
konnte, ob es spöttisch oder schmerzlich war. „Sie ist weder laut noch bunt
angezogen, aber man kann sie merkwürdigerweise nicht übersehen.
Vielleicht wissen Sie auch nur nicht, wie sie heißt. Ihre Freunde haben ihr
den Namen Fiametta gegeben.“
Page 51
M ette saß in ihrem stillen Zimmer und lernte Vokabeln.
la sopera – die Suppenschüssel.
el relojero – der Uhrmacher.
Es lernte sich leicht, und es machte ihr Spaß.
Un sombrero es un hombre que hace sombreros.
Das Italienische war ihr viel schwerer geworden, ach, aber mit welchem
Feuereifer hatte sie damals gelernt. Sie hatte so viele Gründe, die sie zum
Lernen trieben. Sie durfte doch nicht sagen, daß sie die Stunden bei Olga
nahm, statt bei dem italienischen Professor, den Vater ihr ausgesucht hatte.
Und darum mußte sie sich möglichst rasch gründliche Kenntnisse aneignen,
damit Vater nicht auf den Gedanken kam, den Unterricht zu kontrollieren
oder dem Herrn Professor einen zur Strenge mahnenden Brief zu schreiben.
Und dann galt es auch, vor Olga zu bestehen. Sie wurde nicht ungeduldig,
aber sie war so fassungslos erstaunt, wenn man etwas nicht begriff oder
nicht behalten konnte.
Und dann war der heißeste Ansporn: Die Reise nach Italien, die
gemeinsame, die sie einstweilen nur auf der Landkarte oder im Baedeker
machten, und die einmal Wirklichkeit werden sollte, greifbare, herrliche,
unnennbar selige Wirklichkeit.
Und nun war alles vorbei und alle Hoffnungen vernichtet, gestorben,
begraben.
Mette würde niemals nach Italien fahren und niemals nach Spanien,
niemals, denn sie war allein und würde immer allein sein, und sie würde
sich in fremden Ländern noch viel einsamer, verlassener, unglücklicher
fühlen als in fremden deutschen Städten.
Es hatte wohl auch eigentlich keinen Zweck, Spanisch zu lernen ... wozu
die Mühe, sich etwas anzueignen, wofür man niemals Verwendung hatte!
Sie ließ das Heft sinken und starrte vor sich hin. Die Tränen, die ihr
schon in die Augen gestiegen waren, als sie an die italienischen Stunden bei
Olga dachte, lösten sich und rollten über ihr unbewegtes Gesicht – eine
nach der andern, ohne daß sie sich die Mühe gegeben hätte, sie aufzuhalten
oder auch nur abzutrocknen.
la sopera – die Suppenschüssel.
el relojero – der Uhrmacher.
Es lernte sich leicht, und es machte ihr Spaß.
Un sombrero es un hombre que hace sombreros.
Das Italienische war ihr viel schwerer geworden, ach, aber mit welchem
Feuereifer hatte sie damals gelernt. Sie hatte so viele Gründe, die sie zum
Lernen trieben. Sie durfte doch nicht sagen, daß sie die Stunden bei Olga
nahm, statt bei dem italienischen Professor, den Vater ihr ausgesucht hatte.
Und darum mußte sie sich möglichst rasch gründliche Kenntnisse aneignen,
damit Vater nicht auf den Gedanken kam, den Unterricht zu kontrollieren
oder dem Herrn Professor einen zur Strenge mahnenden Brief zu schreiben.
Und dann galt es auch, vor Olga zu bestehen. Sie wurde nicht ungeduldig,
aber sie war so fassungslos erstaunt, wenn man etwas nicht begriff oder
nicht behalten konnte.
Und dann war der heißeste Ansporn: Die Reise nach Italien, die
gemeinsame, die sie einstweilen nur auf der Landkarte oder im Baedeker
machten, und die einmal Wirklichkeit werden sollte, greifbare, herrliche,
unnennbar selige Wirklichkeit.
Und nun war alles vorbei und alle Hoffnungen vernichtet, gestorben,
begraben.
Mette würde niemals nach Italien fahren und niemals nach Spanien,
niemals, denn sie war allein und würde immer allein sein, und sie würde
sich in fremden Ländern noch viel einsamer, verlassener, unglücklicher
fühlen als in fremden deutschen Städten.
Es hatte wohl auch eigentlich keinen Zweck, Spanisch zu lernen ... wozu
die Mühe, sich etwas anzueignen, wofür man niemals Verwendung hatte!
Sie ließ das Heft sinken und starrte vor sich hin. Die Tränen, die ihr
schon in die Augen gestiegen waren, als sie an die italienischen Stunden bei
Olga dachte, lösten sich und rollten über ihr unbewegtes Gesicht – eine
nach der andern, ohne daß sie sich die Mühe gegeben hätte, sie aufzuhalten
oder auch nur abzutrocknen.
Page 52
Olga! – Aber Olga lernte nie eine Sprache, wie sie hochmütig sagte, „um
sich mit Hotelportiers und Ladenmädchen verständigen zu können“. Olga
studierte Sprachen, um sich in Geist und Wesenheit der Völker einzufühlen,
um ihre Verschiedenheiten oder Ähnlichkeiten zu erfassen. Sie lernte
Sprachen, weil sie sich an den Schönheiten eines Satzgefüges erfreuen
konnte wie an einem Bildwerk oder an einer Melodie. Und sie lernte sie vor
allen Dingen, wie sie alles tat, um sich zu bereichern, zu weiten, um mit
dem Lernen ihr Gehirn in ständiger, immer wachsender Anspannung zu
halten und um mit dem Gelernten ihr „inneres Haus auszubauen“, wie sie
manchmal scherzend sagte.
Mette nahm das Heft wieder vor. Sie wollte auch ihr Haus in sich
aufbauen. Sie wußte nicht recht, wie. Noch standen nicht die Grundmauern,
noch war nicht einmal ein Plan vorhanden. Aber sie trug Bausteine
zusammen, sie lernte, sie las, sie sah mit wachen Augen um sich, und sie
dachte nach über alles, was sie gelernt hatte. Vielleicht würde einmal ein
Tag kommen, da sie wußte, wie das alles zu ordnen und zu richten, da sie
wußte, wo sie hinaus wollte, wozu sie strebte und lernte und wofür – ach,
manchmal kam auch der ganz vermessene Gedanke: Da sie wußte, für wen
sie strebte und lernte.
El que nos trae las cartas es el cartero.
Es klopfte an die Tür, und Mara Luigi steckte den rötlichen Wuschelkopf
durch die Spalte. Sie hatte es sich angewöhnt, jeden Tag ein halb
dutzendmal bei Mette anzuklopfen, um eine belanglose Frage zu stellen,
oder eine noch belanglosere Mitteilung zu machen. Mette hatte einzig aus
diesem Grunde schon manchmal die Möglichkeit eines Umzugs erwogen.
„Störe ich?“ fragte sie, indem sie durch die Tür schlüpfte. Sie schlüpfte
wirklich, denn sie hatte die Gewohnheit, wenn sie so kam, die Tür nur zu
einem spitzen Winkel zu öffnen, ihren schmalen Körper noch schmäler zu
machen und mit hochgezogenen Schultern und katzenhaft geschmeidigen
Bewegungen durch den Spalt zu gleiten.
„Absolut nicht,“ sagte Mette geduldig. Im Grunde störte sie ja auch nicht.
Niemand fragte danach, wann Mette Rudloff die Lektion zu Ende bringen
würde ... leider!
„Kommen Sie ein bissel mit hinüber auf meine Bude, ja? Die Werkenthin
ist da, Giesbert, Kramer, die Breslauer. Wir trinken Tee und rauchen – ich
soll Sie schön bitten, auch im Namen der andern.“
sich mit Hotelportiers und Ladenmädchen verständigen zu können“. Olga
studierte Sprachen, um sich in Geist und Wesenheit der Völker einzufühlen,
um ihre Verschiedenheiten oder Ähnlichkeiten zu erfassen. Sie lernte
Sprachen, weil sie sich an den Schönheiten eines Satzgefüges erfreuen
konnte wie an einem Bildwerk oder an einer Melodie. Und sie lernte sie vor
allen Dingen, wie sie alles tat, um sich zu bereichern, zu weiten, um mit
dem Lernen ihr Gehirn in ständiger, immer wachsender Anspannung zu
halten und um mit dem Gelernten ihr „inneres Haus auszubauen“, wie sie
manchmal scherzend sagte.
Mette nahm das Heft wieder vor. Sie wollte auch ihr Haus in sich
aufbauen. Sie wußte nicht recht, wie. Noch standen nicht die Grundmauern,
noch war nicht einmal ein Plan vorhanden. Aber sie trug Bausteine
zusammen, sie lernte, sie las, sie sah mit wachen Augen um sich, und sie
dachte nach über alles, was sie gelernt hatte. Vielleicht würde einmal ein
Tag kommen, da sie wußte, wie das alles zu ordnen und zu richten, da sie
wußte, wo sie hinaus wollte, wozu sie strebte und lernte und wofür – ach,
manchmal kam auch der ganz vermessene Gedanke: Da sie wußte, für wen
sie strebte und lernte.
El que nos trae las cartas es el cartero.
Es klopfte an die Tür, und Mara Luigi steckte den rötlichen Wuschelkopf
durch die Spalte. Sie hatte es sich angewöhnt, jeden Tag ein halb
dutzendmal bei Mette anzuklopfen, um eine belanglose Frage zu stellen,
oder eine noch belanglosere Mitteilung zu machen. Mette hatte einzig aus
diesem Grunde schon manchmal die Möglichkeit eines Umzugs erwogen.
„Störe ich?“ fragte sie, indem sie durch die Tür schlüpfte. Sie schlüpfte
wirklich, denn sie hatte die Gewohnheit, wenn sie so kam, die Tür nur zu
einem spitzen Winkel zu öffnen, ihren schmalen Körper noch schmäler zu
machen und mit hochgezogenen Schultern und katzenhaft geschmeidigen
Bewegungen durch den Spalt zu gleiten.
„Absolut nicht,“ sagte Mette geduldig. Im Grunde störte sie ja auch nicht.
Niemand fragte danach, wann Mette Rudloff die Lektion zu Ende bringen
würde ... leider!
„Kommen Sie ein bissel mit hinüber auf meine Bude, ja? Die Werkenthin
ist da, Giesbert, Kramer, die Breslauer. Wir trinken Tee und rauchen – ich
soll Sie schön bitten, auch im Namen der andern.“
Page 53
Mette stand auf und legte Hefte und Bücher gerade. Sie fuhr noch ein
wenig unschlüssig mit den Fingern an dem Bleistift hin und her:
„Soll ich wirklich ...“
„Ja natürlich sollen Sie! Sie werden noch ganz dumm von dem vielen
Studieren, glauben Sie mir! Früher war ich auch so – Bücher, das war mein
Schönstes ... ich hab’ mir immer die Bücher im Bett versteckt, weil meine
Mutter nicht wollte, daß ich so viel lesen sollte ...“
‚Schöne Bücher mögen das gewesen sein,‘ dachte Mette.
„Und jetzt? Du lieber Gott! Jetzt bin ich froh, daß ich die ganze
Bücherweisheit vergessen habe! Das Leben sieht anders aus, als es in
Büchern beschrieben steht ...“
„Wissen Sie, wie es aussieht?“ fragte Mette ernsthaft, „darum könnt’ ich
Sie beinah beneiden. Mir erscheint es an einem Tag so und am andern Tag
so. Nicht nur mein Leben, sondern ‚das Leben‘ überhaupt.“
Sie hatten unterdessen den Türgang gequert, und die Luigi öffnete ihr
Zimmer und rief hinein:
„Kinder, wißt ihr, wie das Leben aussieht? Oder vielmehr, könnt ihr es
erklären und beschreiben?“
Mette hatte die Fenster weit offen gehabt, und die Strahlen der
tiefstehenden Sonne hatten das ganze Zimmer mit mildem, flirrenden
Goldglanz erfüllt. Hier waren alle Vorhänge sorgfältig zugezogen, und das
Licht der japanischen Korblampe, das durch den gebatikten Seidenschirm
verschleiert wurde, warf in ein tiefes Dämmern vereinzelte violette, grüne
und purpurne Reflexe.
„Wie das Leben aussieht?“ rief eine Männerstimme aus dem Dunkel. Es
war Giesbert, wie Mette gleich darauf erkannte, als ihre Augen sich in der
ungewohnten Beleuchtung zurechtgefunden hatten.
„Ist das eine Preisfrage für eine Malerakademie? Soll jeder ein Bild
malen, wie er sich das Leben vorstellt? Dann malen neunundneunzig
Prozent ein nacktes Weib! Nur die Attribute sind verschieden – dem einen
‚beut‘ es eine Schale mit goldenen Früchten, und für den andern schwingt
es hohnlachend eine Geißel.“
„Kann denn keiner von euch erklären, wie er findet, daß für ihn das
Leben aussieht?“
„Sphynx,“ sagte Kramer phlegmatisch, „fabelhafter Busen, weich,
verlockend und Raubtierkrallen. Und dazu das obligate Rätsel natürlich.
Und der Abgrund daneben!“
wenig unschlüssig mit den Fingern an dem Bleistift hin und her:
„Soll ich wirklich ...“
„Ja natürlich sollen Sie! Sie werden noch ganz dumm von dem vielen
Studieren, glauben Sie mir! Früher war ich auch so – Bücher, das war mein
Schönstes ... ich hab’ mir immer die Bücher im Bett versteckt, weil meine
Mutter nicht wollte, daß ich so viel lesen sollte ...“
‚Schöne Bücher mögen das gewesen sein,‘ dachte Mette.
„Und jetzt? Du lieber Gott! Jetzt bin ich froh, daß ich die ganze
Bücherweisheit vergessen habe! Das Leben sieht anders aus, als es in
Büchern beschrieben steht ...“
„Wissen Sie, wie es aussieht?“ fragte Mette ernsthaft, „darum könnt’ ich
Sie beinah beneiden. Mir erscheint es an einem Tag so und am andern Tag
so. Nicht nur mein Leben, sondern ‚das Leben‘ überhaupt.“
Sie hatten unterdessen den Türgang gequert, und die Luigi öffnete ihr
Zimmer und rief hinein:
„Kinder, wißt ihr, wie das Leben aussieht? Oder vielmehr, könnt ihr es
erklären und beschreiben?“
Mette hatte die Fenster weit offen gehabt, und die Strahlen der
tiefstehenden Sonne hatten das ganze Zimmer mit mildem, flirrenden
Goldglanz erfüllt. Hier waren alle Vorhänge sorgfältig zugezogen, und das
Licht der japanischen Korblampe, das durch den gebatikten Seidenschirm
verschleiert wurde, warf in ein tiefes Dämmern vereinzelte violette, grüne
und purpurne Reflexe.
„Wie das Leben aussieht?“ rief eine Männerstimme aus dem Dunkel. Es
war Giesbert, wie Mette gleich darauf erkannte, als ihre Augen sich in der
ungewohnten Beleuchtung zurechtgefunden hatten.
„Ist das eine Preisfrage für eine Malerakademie? Soll jeder ein Bild
malen, wie er sich das Leben vorstellt? Dann malen neunundneunzig
Prozent ein nacktes Weib! Nur die Attribute sind verschieden – dem einen
‚beut‘ es eine Schale mit goldenen Früchten, und für den andern schwingt
es hohnlachend eine Geißel.“
„Kann denn keiner von euch erklären, wie er findet, daß für ihn das
Leben aussieht?“
„Sphynx,“ sagte Kramer phlegmatisch, „fabelhafter Busen, weich,
verlockend und Raubtierkrallen. Und dazu das obligate Rätsel natürlich.
Und der Abgrund daneben!“
Page 54
„Grüß Sie Gott, Fräulein Rudloff,“ sagte Gisela Werkenthins dünne
zerbrochene Kinderstimme, „sind Sie auf die verrückte Idee gekommen,
daß Sie wissen wollen, wie das Leben ausschaut? Gell ja? Wenn ich ein
Maler wär’ und sollt’ ein Bild malen ‚das Leben‘, ja, Giesbert, du hast ganz
recht, ein nacktes Weib tät’s natürlich werden, bei mir auch. Und zwar eine
mit der Leyer im Arm, die in Entzückung dahin tanzt, den Blick nach oben.
Aber worauf sie tanzt, was im ersten Augenblick aussieht wie ein blumiger
Teppich, das sind verschlungene, verkrampfte Menschenleiber,
blutiggeschundene, röchelnde, ringende, alle, die das lachende Leben zu
Boden getreten hat, und die es verfluchen, aber sich doch noch ausrenken
und andere niederwürgen, um noch einen Zipfel seines Gewandes zu
erfassen ...“
„Einen Zipfel vom Gewand des nackten Weibes,“ spottete Giesbert, „o
heilige Logik! Sie spricht so schöne Sätze, die Kleine, ganz wie ihre
Freundin, die moderne Sappho, aber sie weiß am Schluß schon nicht mehr,
was sie am Anfang gesagt hat.“
„Du bist ein Viech!“ sagte Gisela und nahm irgendeinen Gegenstand auf,
um nach seinem Kopf zu zielen.
Frau Breslauer griff mit einem ängstlichen Aufschrei nach ihren Händen:
„Um Gottes willen, den guten Aschbecher! An dem seinem Schädel
zersplittert doch ein Stein!“
„Also nehmt euch in acht!“ rief Giesbert mit vorgestreckter Stirn, „ihr
demoliert das ganze Mobiliar, wenn ihr mir’s an den Kopf schmeißt! Ich
stehe wie ein Fels im Meer, und um mich liegen die Scherben der
Meidingerschen Wirtschaft!“
„Also Fräulein Rudloff,“ sagte der kleine Kramer, „Sie haben diesen
edlen Wettbewerb der Phantasien entzüngelt ... kann man das sagen? Ich
glaube, es ist ganz neu, und es ist jedenfalls ein sehr schönes Wort ...
entzüngelt! Aber ich bitte mir aus, daß ich es nicht nächstens in
irgendwelchen lyrischen Schöpfungen des verehrten Kreises wiederfinde
...“
„Ja, in meinen zum Beispiel,“ warf Frau Breslauer ein.
„Oder in meinen,“ lachte Mara Luigi.
„... kurz und gut, es ist mein Wort, und ich lege Beschlag darauf. Also Sie
haben die Phantasien entzüngelt, nun müssen Sie aber auch mittun in
diesem Wettbewerb ... wie würden Sie denn das Leben darstellen?“
zerbrochene Kinderstimme, „sind Sie auf die verrückte Idee gekommen,
daß Sie wissen wollen, wie das Leben ausschaut? Gell ja? Wenn ich ein
Maler wär’ und sollt’ ein Bild malen ‚das Leben‘, ja, Giesbert, du hast ganz
recht, ein nacktes Weib tät’s natürlich werden, bei mir auch. Und zwar eine
mit der Leyer im Arm, die in Entzückung dahin tanzt, den Blick nach oben.
Aber worauf sie tanzt, was im ersten Augenblick aussieht wie ein blumiger
Teppich, das sind verschlungene, verkrampfte Menschenleiber,
blutiggeschundene, röchelnde, ringende, alle, die das lachende Leben zu
Boden getreten hat, und die es verfluchen, aber sich doch noch ausrenken
und andere niederwürgen, um noch einen Zipfel seines Gewandes zu
erfassen ...“
„Einen Zipfel vom Gewand des nackten Weibes,“ spottete Giesbert, „o
heilige Logik! Sie spricht so schöne Sätze, die Kleine, ganz wie ihre
Freundin, die moderne Sappho, aber sie weiß am Schluß schon nicht mehr,
was sie am Anfang gesagt hat.“
„Du bist ein Viech!“ sagte Gisela und nahm irgendeinen Gegenstand auf,
um nach seinem Kopf zu zielen.
Frau Breslauer griff mit einem ängstlichen Aufschrei nach ihren Händen:
„Um Gottes willen, den guten Aschbecher! An dem seinem Schädel
zersplittert doch ein Stein!“
„Also nehmt euch in acht!“ rief Giesbert mit vorgestreckter Stirn, „ihr
demoliert das ganze Mobiliar, wenn ihr mir’s an den Kopf schmeißt! Ich
stehe wie ein Fels im Meer, und um mich liegen die Scherben der
Meidingerschen Wirtschaft!“
„Also Fräulein Rudloff,“ sagte der kleine Kramer, „Sie haben diesen
edlen Wettbewerb der Phantasien entzüngelt ... kann man das sagen? Ich
glaube, es ist ganz neu, und es ist jedenfalls ein sehr schönes Wort ...
entzüngelt! Aber ich bitte mir aus, daß ich es nicht nächstens in
irgendwelchen lyrischen Schöpfungen des verehrten Kreises wiederfinde
...“
„Ja, in meinen zum Beispiel,“ warf Frau Breslauer ein.
„Oder in meinen,“ lachte Mara Luigi.
„... kurz und gut, es ist mein Wort, und ich lege Beschlag darauf. Also Sie
haben die Phantasien entzüngelt, nun müssen Sie aber auch mittun in
diesem Wettbewerb ... wie würden Sie denn das Leben darstellen?“
Page 55
„Ach Gott,“ sagte Mette und hob ratlos die Achseln, „als eine Zwiebel
vielleicht. Eine Haut nach der andern zieht man herunter, aber man kommt
nicht an einen Kern!“
„Aber man vergießt Tränen bei dieser Beschäftigung!“ sagte Gisela fast
bitter.
„Ja, und wer sich zu intensiv damit befaßt, dem Leben auf den Grund zu
gehen,“ lachte Giesbert, „der kann leicht in schlechten Geruch kommen!“
„Ach, das Leben kann ganz nett sein,“ sagte Frau Breslauer behaglich.
„Ja,“ sagte Kramer und seine Augen wurden plötzlich ganz ernst und
weiteren sich, „am Meer! Am Meer, da kann das Leben schön sein. Da
gehört gar nichts dazu. Kein schönes Mädchen, und kein Alkohol, und kein
Geld, und keine Opiumzigarette, und kein Erfolg, und kein garnischt. Da ist
es einfach schön, zu atmen.
Es ist schön, die Sonne zu fühlen, und den Wind und den weichen,
weichen Sand, und die ewige Bewegung des Wassers. Wenn man nur das
Salz auf den Lippen schmeckt, und den Seegeruch atmet, diesen Duft, den
man nirgends findet, und der einem sofort das Atmen Lust sein läßt, ein
bißchen nach nassem Holz, und ein bißchen nach Teer, und ein bißchen
nach Fischen und Algen – aber vor allen Dingen nach Salzluft und
Salzwasser und Sonne, nach Reinheit und Weite, nach Frische und
Gesundheit und Kraft!“
Er blähte die Nüstern, als wolle er den Meerwind einsaugen, sein
unbedeutendes Knabengesicht war seltsam gespannt, ganz erfüllt und
durchdrungen von dem verschönenden Ausdruck einer tiefen verzehrenden
Sehnsucht.
Mette fühlte etwas wie Neid. Wie gut mußte es sein, Sehnsucht zu haben
nach etwas Unveränderlichem, ewig Lebendigen, nach etwas, das immer an
der gleichen Stelle war und einen immer mit der gleichen Liebe empfing.
„Überhaupt die Natur,“ sagte Frau Breslauer mit einem verzückten
Augenaufschlag, „Sie glauben gar nicht, wie ich für Natur schwärme. Sie
ist und bleibt doch immer unsre treueste Freundin. Ich habe immer gesagt:
der Wald ist mein Dom!“
„Ach, Natur ist meistens so kalt,“ sagte die kleine Luigi kläglich und zog
fröstelnd die Schultern hoch.
„... und im Sommer ist sie zu heiß,“ neckte Giesbert, „und wenn’s
trocken ist, dann staubt’s, und wenn’s regnet, ist es naß. Du bist mir schon
eine Heldin!“
vielleicht. Eine Haut nach der andern zieht man herunter, aber man kommt
nicht an einen Kern!“
„Aber man vergießt Tränen bei dieser Beschäftigung!“ sagte Gisela fast
bitter.
„Ja, und wer sich zu intensiv damit befaßt, dem Leben auf den Grund zu
gehen,“ lachte Giesbert, „der kann leicht in schlechten Geruch kommen!“
„Ach, das Leben kann ganz nett sein,“ sagte Frau Breslauer behaglich.
„Ja,“ sagte Kramer und seine Augen wurden plötzlich ganz ernst und
weiteren sich, „am Meer! Am Meer, da kann das Leben schön sein. Da
gehört gar nichts dazu. Kein schönes Mädchen, und kein Alkohol, und kein
Geld, und keine Opiumzigarette, und kein Erfolg, und kein garnischt. Da ist
es einfach schön, zu atmen.
Es ist schön, die Sonne zu fühlen, und den Wind und den weichen,
weichen Sand, und die ewige Bewegung des Wassers. Wenn man nur das
Salz auf den Lippen schmeckt, und den Seegeruch atmet, diesen Duft, den
man nirgends findet, und der einem sofort das Atmen Lust sein läßt, ein
bißchen nach nassem Holz, und ein bißchen nach Teer, und ein bißchen
nach Fischen und Algen – aber vor allen Dingen nach Salzluft und
Salzwasser und Sonne, nach Reinheit und Weite, nach Frische und
Gesundheit und Kraft!“
Er blähte die Nüstern, als wolle er den Meerwind einsaugen, sein
unbedeutendes Knabengesicht war seltsam gespannt, ganz erfüllt und
durchdrungen von dem verschönenden Ausdruck einer tiefen verzehrenden
Sehnsucht.
Mette fühlte etwas wie Neid. Wie gut mußte es sein, Sehnsucht zu haben
nach etwas Unveränderlichem, ewig Lebendigen, nach etwas, das immer an
der gleichen Stelle war und einen immer mit der gleichen Liebe empfing.
„Überhaupt die Natur,“ sagte Frau Breslauer mit einem verzückten
Augenaufschlag, „Sie glauben gar nicht, wie ich für Natur schwärme. Sie
ist und bleibt doch immer unsre treueste Freundin. Ich habe immer gesagt:
der Wald ist mein Dom!“
„Ach, Natur ist meistens so kalt,“ sagte die kleine Luigi kläglich und zog
fröstelnd die Schultern hoch.
„... und im Sommer ist sie zu heiß,“ neckte Giesbert, „und wenn’s
trocken ist, dann staubt’s, und wenn’s regnet, ist es naß. Du bist mir schon
eine Heldin!“
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„Natur,“ sagte Gisela nachdenklich, „Natur ist wieder so ein
Begriffswort, worunter sich jeder etwas anderes denkt. Der eine nennt grüne
Bäume Natur, der andere die weisen Einrichtungen, daß sich alles Lebende
untereinander auffrißt, einer versteht unter einem natürlichen Leben barfuß
gehen und Gras fressen, und der andere heiraten und Kinder kriegen.
Und wenn Hannchen Bodenstedt sich in seidene Kimonos hüllt und sich
die Lippen rotschminkt, so sagen die einen, es ist seine Natur, und die
andern sagen, es ist unnatürlich. Ich weiß überhaupt nicht, was Natur ist!“
Mit diesem achselzuckend herausgestoßenen Endurteil wandte sie sich
wieder mit voller Aufmerksamkeit ihrem Zigarettenetui und einem schlecht
funktionierenden Feuerzeug zu.
„Ich will euch mal was sagen, Kinder,“ sagte Giesbert entschieden,
„natürlich oder nicht. Nackte Waldschnecken, die überall Schleimspuren
hinterlassen, sind auch ‚natürlich‘, und sie sind mir darum doch widerlich.
Und dieser kleine heilige Johannes ist für meinen Geschmack ein ganz
übler Bursche.“
„Wie du redest,“ ereiferte sich die Luigi, „du kennst ihn gar nicht ... er ist
im Grunde ein so hochanständiger Kerl ...“
„Weil er keine Chantage betreibt? Das fehlte auch noch! Ich will ihn ja
auch gar nicht mit irgendwelchen erpresserischen Friseurgehilfen auf eine
Stufe stellen ...“
„... wenn du aber sagst, ‚übler Bursche,‘ klingt das so!“
„Also gut, ich nehme es zurück. Er ist nicht so übel, wie mir bei seinem
Anblick wird. Aber er ist entschieden etwas waldschneckenmäßig. Und
diese alte Tante, dieses Miststück von einem Kerl, dieser päpstliche Sänger,
dieses widerwärtige Subjekt ... entschuldigt, Kinder, aber ich kriege Magen-
und Gallenzustände, wenn ich an ihn denke.
Wie man sich an dieses dicke Schwein verkaufen kann, ist mir ewig
unfaßbar. Ich bin, weiß Gott, nicht intolerant und habe gar nichts gegen den
Gedanken, daß zwei schöne Frauen mal miteinander, na ja ... Obgleich mir
die Weiber mit Kragen und Schlips und abgeschnittenen Haaren auch zum
Kotzen sind ... Anwesende sind natürlich immer ausgeschlossen.“
Gisela verbeugte sich mit spöttischem Lächeln.
„Aber Giselchen, du bist doch kein Mannweib, so mit Baß und
Schnurrbart und dicken Zigarren. Du bist im Grunde doch ein süßes kleines
Weibchen.“ Er ließ sich vor ihr auf ein Knie nieder und umschlang sie mit
beiden Armen: „Du bist nur durch einen Zufall auf die falsche Bahn
Begriffswort, worunter sich jeder etwas anderes denkt. Der eine nennt grüne
Bäume Natur, der andere die weisen Einrichtungen, daß sich alles Lebende
untereinander auffrißt, einer versteht unter einem natürlichen Leben barfuß
gehen und Gras fressen, und der andere heiraten und Kinder kriegen.
Und wenn Hannchen Bodenstedt sich in seidene Kimonos hüllt und sich
die Lippen rotschminkt, so sagen die einen, es ist seine Natur, und die
andern sagen, es ist unnatürlich. Ich weiß überhaupt nicht, was Natur ist!“
Mit diesem achselzuckend herausgestoßenen Endurteil wandte sie sich
wieder mit voller Aufmerksamkeit ihrem Zigarettenetui und einem schlecht
funktionierenden Feuerzeug zu.
„Ich will euch mal was sagen, Kinder,“ sagte Giesbert entschieden,
„natürlich oder nicht. Nackte Waldschnecken, die überall Schleimspuren
hinterlassen, sind auch ‚natürlich‘, und sie sind mir darum doch widerlich.
Und dieser kleine heilige Johannes ist für meinen Geschmack ein ganz
übler Bursche.“
„Wie du redest,“ ereiferte sich die Luigi, „du kennst ihn gar nicht ... er ist
im Grunde ein so hochanständiger Kerl ...“
„Weil er keine Chantage betreibt? Das fehlte auch noch! Ich will ihn ja
auch gar nicht mit irgendwelchen erpresserischen Friseurgehilfen auf eine
Stufe stellen ...“
„... wenn du aber sagst, ‚übler Bursche,‘ klingt das so!“
„Also gut, ich nehme es zurück. Er ist nicht so übel, wie mir bei seinem
Anblick wird. Aber er ist entschieden etwas waldschneckenmäßig. Und
diese alte Tante, dieses Miststück von einem Kerl, dieser päpstliche Sänger,
dieses widerwärtige Subjekt ... entschuldigt, Kinder, aber ich kriege Magen-
und Gallenzustände, wenn ich an ihn denke.
Wie man sich an dieses dicke Schwein verkaufen kann, ist mir ewig
unfaßbar. Ich bin, weiß Gott, nicht intolerant und habe gar nichts gegen den
Gedanken, daß zwei schöne Frauen mal miteinander, na ja ... Obgleich mir
die Weiber mit Kragen und Schlips und abgeschnittenen Haaren auch zum
Kotzen sind ... Anwesende sind natürlich immer ausgeschlossen.“
Gisela verbeugte sich mit spöttischem Lächeln.
„Aber Giselchen, du bist doch kein Mannweib, so mit Baß und
Schnurrbart und dicken Zigarren. Du bist im Grunde doch ein süßes kleines
Weibchen.“ Er ließ sich vor ihr auf ein Knie nieder und umschlang sie mit
beiden Armen: „Du bist nur durch einen Zufall auf die falsche Bahn
Page 57
gelenkt, glaube mir, mein Herzblatt. Versuch, es nur einmal mit einem
reellen Mann, und du bist für immer geheilt und gerettet. Ich stelle mich dir
gern zur Verfügung, gratis und franko. Du ahnst gar nicht, was du für Spaß
haben wirst – frag’ nur Frau Breslauer ...“
Frau Breslauer kreischte laut auf:
„Uch nein, Giesbert, was soll denn Fräulein Luigi denken.“
„Aber Sie waren doch verheiratet, Frau Breslauer!“ sagte Giesbert ernst
und vorwurfsvoll. „Wollen Sie leugnen, daß es Ihnen Spaß gemacht hat?
Ich meine doch nicht mit mir! Mara weiß, daß ich die uneheliche Treue nie
verletze!“
„Na,“ sagte Kramer, scheinbar sehr befriedigt, „deutlicher man kann
nicht gut!“
Mette bemühte sich, zu all diesen Unterhaltungen ein lächelndes Gesicht
zu machen. Ihr war ein wenig fiebrig zumute, und die Stube mit den lauten,
lachenden, kreischenden, schwatzenden Menschen schien sich wie ein
atmender Brustkasten auszudehnen und wieder zusammenzuziehen, die
Wände glitten von ihr fort und rückten fast bedrohlich näher.
‚Dies alles geht mich gar nichts an,‘ dachte sie. ‚Ich will doch tapfer sein
und will das Leben kennenlernen, und dabei – wenn ich nur reden höre von
irgendwelchen Dingen, von denen ich doch weiß, daß sie existieren –
verwirrt es mich und macht mich schwindlig, nur weil ich in einem Kreis
aufgewachsen bin, in dem es nicht üblich war, erotische Beziehungen als
Salon-Unterhaltungen zu behandeln. Ich bin dumm und feige und eine
prüde Gans.‘
Gisela stand von ihrem Stuhl auf:
„Du hast ganz recht, Kramerle, das ist kein Ton für uns!“
Sie setzte sich auf Mettes Sessellehne und strich ihr mit einer behutsam,
kaum fühlbaren Bewegung das Haar aus der Stirn.
„Armes Hascherl,“ sagte sie bedauernd, „was müssen Sie sich alles mit
anhören! Sie müssen auch rein denken, Sie sind in ein Tollhaus geraten!
Achten Sie gar nicht auf das, was der Lackl daherredet! Es ist alles nur halb
so schlimm, wie es klingt!“
Mette lächelte zu ihr auf:
„Ach, wenn es nur nicht schlimmer ist, dann geht’s ja noch! Dinge, die
verheimlicht werden, sind meist viel schlimmer, als solche, über die
öffentlich gescherzt wird.“
reellen Mann, und du bist für immer geheilt und gerettet. Ich stelle mich dir
gern zur Verfügung, gratis und franko. Du ahnst gar nicht, was du für Spaß
haben wirst – frag’ nur Frau Breslauer ...“
Frau Breslauer kreischte laut auf:
„Uch nein, Giesbert, was soll denn Fräulein Luigi denken.“
„Aber Sie waren doch verheiratet, Frau Breslauer!“ sagte Giesbert ernst
und vorwurfsvoll. „Wollen Sie leugnen, daß es Ihnen Spaß gemacht hat?
Ich meine doch nicht mit mir! Mara weiß, daß ich die uneheliche Treue nie
verletze!“
„Na,“ sagte Kramer, scheinbar sehr befriedigt, „deutlicher man kann
nicht gut!“
Mette bemühte sich, zu all diesen Unterhaltungen ein lächelndes Gesicht
zu machen. Ihr war ein wenig fiebrig zumute, und die Stube mit den lauten,
lachenden, kreischenden, schwatzenden Menschen schien sich wie ein
atmender Brustkasten auszudehnen und wieder zusammenzuziehen, die
Wände glitten von ihr fort und rückten fast bedrohlich näher.
‚Dies alles geht mich gar nichts an,‘ dachte sie. ‚Ich will doch tapfer sein
und will das Leben kennenlernen, und dabei – wenn ich nur reden höre von
irgendwelchen Dingen, von denen ich doch weiß, daß sie existieren –
verwirrt es mich und macht mich schwindlig, nur weil ich in einem Kreis
aufgewachsen bin, in dem es nicht üblich war, erotische Beziehungen als
Salon-Unterhaltungen zu behandeln. Ich bin dumm und feige und eine
prüde Gans.‘
Gisela stand von ihrem Stuhl auf:
„Du hast ganz recht, Kramerle, das ist kein Ton für uns!“
Sie setzte sich auf Mettes Sessellehne und strich ihr mit einer behutsam,
kaum fühlbaren Bewegung das Haar aus der Stirn.
„Armes Hascherl,“ sagte sie bedauernd, „was müssen Sie sich alles mit
anhören! Sie müssen auch rein denken, Sie sind in ein Tollhaus geraten!
Achten Sie gar nicht auf das, was der Lackl daherredet! Es ist alles nur halb
so schlimm, wie es klingt!“
Mette lächelte zu ihr auf:
„Ach, wenn es nur nicht schlimmer ist, dann geht’s ja noch! Dinge, die
verheimlicht werden, sind meist viel schlimmer, als solche, über die
öffentlich gescherzt wird.“
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„Sie haben recht,“ sagte Gisela mit dunkelbrennenden Augen, „das
schlimmste weiß niemand, und es wird niemals ausgesprochen.“
Sie versuchte ein Lächeln, das Metten fast rührend erschien, und strich
ihr wieder mit weichen Fingern über das Haar. „Aber Sie sollten von allem
Schlimmen verschont bleiben, von allem Schlimmen und allem
Schmutzigen. Sie passen in ein Schloß. Oder noch besser in einen
Schloßpark. Wissen Sie, als ich Sie das erstemal sah, da wußt’ ich gleich
den passenden Rahmen für Sie. Ich kenne einen Schloßgarten, in dem Sie
sich ausnehmend gut machen würden. Da sind Terrassenstufen, die zu
einem kleinen See hinunterführen, direkt ins Wasser hinein. Und auf diesem
Teich sind sehr viele Schwäne, schwarze und weiße. Und ich sehe Sie
immer auf diesen Stufen stehen, in einem weißen Gewand, mit einem
Körbchen in der Hand und die Schwäne füttern, die sich an die Stufen
drängen.“
„Ein schönes Bild,“ sagte Mette lächelnd, „aber es hat eigentlich ein
bißchen etwas Melancholisches und Verlassenes. Wenn es im Kino wäre,
zum Beispiel, dann würde die Frau in dem weißen Gewand sicher im
letzten Akt die Stufen hinuntersteigen, in einer Mondscheinnacht, einen
Arm voll Blütenzweigen an die Brust gedrückt, und in dem stillen
Schloßteich verschwinden.“
„Das werden Sie nie tun,“ sagte Gisela ernst.
„Warum nicht,“ fragte Mette überrascht und fast ein wenig beleidigt, als
spüre sie eine leise Nichtachtung in diesem Zweifel. Sie war versucht, zu
erzählen, daß ein geladener Revolver in ihrem Nachttischkasten lag, und
daß sie hundertmal schon gegen die Versuchung angekämpft hatte, ihn an
die Schläfe zu drücken.
„Nicht weil Sie feige sind,“ sagte Gisela rasch, als ob sie ihre Gedanken
ahnte. „Vielleicht eher im Gegenteil, weil Sie viel Mut haben. Sie haben so
feste Hände und machen manchmal so eine merkwürdige Geste, so ...“ sie
machte die Bewegung, „Sie krallen so langsam die Finger zusammen, daß
man alle Sehnen sieht – es sieht aus, als freuten Sie sich direkt darauf, das
Leben bei den Hörnern zu packen, wenn es auf Sie loskommt.“
„Ich weiß das gar nicht,“ sagte Mette, „wie Sie beobachten?!“
Sie sagte mit Absicht nicht „mich beobachten“, wie es sich ihr erst auf
die Lippen drängen wollte.
Aber Gisela sprach es deutlicher aus:
schlimmste weiß niemand, und es wird niemals ausgesprochen.“
Sie versuchte ein Lächeln, das Metten fast rührend erschien, und strich
ihr wieder mit weichen Fingern über das Haar. „Aber Sie sollten von allem
Schlimmen verschont bleiben, von allem Schlimmen und allem
Schmutzigen. Sie passen in ein Schloß. Oder noch besser in einen
Schloßpark. Wissen Sie, als ich Sie das erstemal sah, da wußt’ ich gleich
den passenden Rahmen für Sie. Ich kenne einen Schloßgarten, in dem Sie
sich ausnehmend gut machen würden. Da sind Terrassenstufen, die zu
einem kleinen See hinunterführen, direkt ins Wasser hinein. Und auf diesem
Teich sind sehr viele Schwäne, schwarze und weiße. Und ich sehe Sie
immer auf diesen Stufen stehen, in einem weißen Gewand, mit einem
Körbchen in der Hand und die Schwäne füttern, die sich an die Stufen
drängen.“
„Ein schönes Bild,“ sagte Mette lächelnd, „aber es hat eigentlich ein
bißchen etwas Melancholisches und Verlassenes. Wenn es im Kino wäre,
zum Beispiel, dann würde die Frau in dem weißen Gewand sicher im
letzten Akt die Stufen hinuntersteigen, in einer Mondscheinnacht, einen
Arm voll Blütenzweigen an die Brust gedrückt, und in dem stillen
Schloßteich verschwinden.“
„Das werden Sie nie tun,“ sagte Gisela ernst.
„Warum nicht,“ fragte Mette überrascht und fast ein wenig beleidigt, als
spüre sie eine leise Nichtachtung in diesem Zweifel. Sie war versucht, zu
erzählen, daß ein geladener Revolver in ihrem Nachttischkasten lag, und
daß sie hundertmal schon gegen die Versuchung angekämpft hatte, ihn an
die Schläfe zu drücken.
„Nicht weil Sie feige sind,“ sagte Gisela rasch, als ob sie ihre Gedanken
ahnte. „Vielleicht eher im Gegenteil, weil Sie viel Mut haben. Sie haben so
feste Hände und machen manchmal so eine merkwürdige Geste, so ...“ sie
machte die Bewegung, „Sie krallen so langsam die Finger zusammen, daß
man alle Sehnen sieht – es sieht aus, als freuten Sie sich direkt darauf, das
Leben bei den Hörnern zu packen, wenn es auf Sie loskommt.“
„Ich weiß das gar nicht,“ sagte Mette, „wie Sie beobachten?!“
Sie sagte mit Absicht nicht „mich beobachten“, wie es sich ihr erst auf
die Lippen drängen wollte.
Aber Gisela sprach es deutlicher aus:
Page 59
„Manchmal – wenn mich etwas interessiert. Manchmal seh’ und hör’ ich
auch vom hellen Tage nix. Aber Sie hab’ ich beobachtet. Ich weiß auch, daß
Sie keine zusammengewachsenen Augenbrauen haben, und das ist schon
ein Zeichen, daß Sie eines natürlichen Todes sterben.“
Sie nahm Mettens Gesicht in beide Hände und drehte es ein wenig dem
Licht zu:
„Nein, sehen Sie, es ist gut ein Fingerbreit frei über der Nasenwurzel,“
sie legte die Spitzen ihrer schmalen Finger zwischen Mettes Brauen und
strich dann behutsam die Bogen entlang.
Mette schloß die Augen und lächelte. Die weichen Hände glitten wie
Vogelfittiche über ihre Schläfe, ihre Wangen.
Wie lange war es her, daß eine Hand sie gestreichelt hatte? Monate und
Monate ... endlose kalte, einsame, verzweifelte Monate.
Etwas wie ein Schluchzen quoll in ihrer Kehle auf: das heiße Mitleid mit
sich selbst.
‚Streichle mich,‘ dachte sie, ‚du weißt ja nicht, wie arm ich bin. Wie
grenzenlos arm und erfroren, daß es mich erwärmt, wenn du aus Spielerei
deine Hände über mein Haar gleiten läßt.‘
Mette schlug einen Moment die Augen auf. Niemand beobachtete sie.
Ein lautes und lebhaftes Gespräch war im Gange. Ach, diese glücklichen
Menschen litten nicht so unter Langerweile, daß sie immer auf der Lauer
liegen mußten, um irgendwo etwas Interessantes zu erspähen. Sie erlebten
ihre Romane selbst und brauchten sie nicht bei andern zu wittern – sie
waren so voll von ihren mannigfaltigen Schicksalen und Leidenschaften,
daß sie kaum noch Raum in sich fanden, um die fremden zu erwägen.
Giesbert hatte die kleine Luigi auf seine Knie gezogen, und sie wühlte
mit der Hand in seinen Haaren, während er sich mit Kramer über den Plan
zu einem Kolossalgemälde unterhielt, und sie mit Frau Breslauer über seine
Schulter hinweg ein neues Tanzkleid besprach.
Über Mettes Stirn glitten die weichen leichten Hände.
„Sie haben ein seltsames Gesicht,“ sagte die gedämpfte Stimme neben
ihr, „es ist so offen und klar und dabei ganz undurchsichtig. Es ist fast
unveränderlich und doch ausdrucksvoll. Merkwürdig.“
„Ich finde, mein Gesicht hat nur eine hervorstehende Eigenschaft,“ sagte
Mette halblachend, „es ist langweilig.“
„Vielleicht ist jedem Menschen, der sich sehr gut kennt, das eigene
Gesicht langweilig,“ sagte Gisela Werkenthin nach einer kleinen,
auch vom hellen Tage nix. Aber Sie hab’ ich beobachtet. Ich weiß auch, daß
Sie keine zusammengewachsenen Augenbrauen haben, und das ist schon
ein Zeichen, daß Sie eines natürlichen Todes sterben.“
Sie nahm Mettens Gesicht in beide Hände und drehte es ein wenig dem
Licht zu:
„Nein, sehen Sie, es ist gut ein Fingerbreit frei über der Nasenwurzel,“
sie legte die Spitzen ihrer schmalen Finger zwischen Mettes Brauen und
strich dann behutsam die Bogen entlang.
Mette schloß die Augen und lächelte. Die weichen Hände glitten wie
Vogelfittiche über ihre Schläfe, ihre Wangen.
Wie lange war es her, daß eine Hand sie gestreichelt hatte? Monate und
Monate ... endlose kalte, einsame, verzweifelte Monate.
Etwas wie ein Schluchzen quoll in ihrer Kehle auf: das heiße Mitleid mit
sich selbst.
‚Streichle mich,‘ dachte sie, ‚du weißt ja nicht, wie arm ich bin. Wie
grenzenlos arm und erfroren, daß es mich erwärmt, wenn du aus Spielerei
deine Hände über mein Haar gleiten läßt.‘
Mette schlug einen Moment die Augen auf. Niemand beobachtete sie.
Ein lautes und lebhaftes Gespräch war im Gange. Ach, diese glücklichen
Menschen litten nicht so unter Langerweile, daß sie immer auf der Lauer
liegen mußten, um irgendwo etwas Interessantes zu erspähen. Sie erlebten
ihre Romane selbst und brauchten sie nicht bei andern zu wittern – sie
waren so voll von ihren mannigfaltigen Schicksalen und Leidenschaften,
daß sie kaum noch Raum in sich fanden, um die fremden zu erwägen.
Giesbert hatte die kleine Luigi auf seine Knie gezogen, und sie wühlte
mit der Hand in seinen Haaren, während er sich mit Kramer über den Plan
zu einem Kolossalgemälde unterhielt, und sie mit Frau Breslauer über seine
Schulter hinweg ein neues Tanzkleid besprach.
Über Mettes Stirn glitten die weichen leichten Hände.
„Sie haben ein seltsames Gesicht,“ sagte die gedämpfte Stimme neben
ihr, „es ist so offen und klar und dabei ganz undurchsichtig. Es ist fast
unveränderlich und doch ausdrucksvoll. Merkwürdig.“
„Ich finde, mein Gesicht hat nur eine hervorstehende Eigenschaft,“ sagte
Mette halblachend, „es ist langweilig.“
„Vielleicht ist jedem Menschen, der sich sehr gut kennt, das eigene
Gesicht langweilig,“ sagte Gisela Werkenthin nach einer kleinen,
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nachdenklichen Pause.
‚Gott sei Dank, daß sie es mir erspart, mich gegen irgendeine Phrase wie
‚oh, durchaus nicht‘ zu wehren,‘ dachte Mette.
„Aber das ist sicher sehr unrecht,“ fuhr Gisela fort, „warum sieht die
kleine Mara so reizend aus? Weil sie wirkliches Interesse für sich hat und
sich tagelang im Spiegel anschaut und an sich herumputzt und schminkt
und frisiert, als wenn’s eine verhätschelte Lieblingspuppe wär’. Aber da
nützt kein ‚Vornehmen‘, das steckt im Blut, und wir beide werden’s wohl
nie erlernen. Schad’t auch nix. Mit mir wär’ eh nix anzufangen, auch mit
der größten Müh’ nicht, und Sie sind ohnedem schön genug!“
Es klopfte an die Tür, und auf ein fast allgemeines „Herein“-Rufen trat
Eccarius ein.
Sein ernstes, blasses häßliches Gesicht war Metten in diesem Augenblick
unangenehm. Sie wußte nicht, warum.
Erst einige Sekunden später kam es ihr zum Bewußtsein. Sie spürte die
weichen Hände nicht mehr auf ihrem Haar – Gisela war von der
Sessellehne heruntergeglitten und stand jetzt neben Frau Breslauer.
Mette wünschte Eccarius zu allen Teufeln, sie war einsilbig und fast
unliebenswürdig, weil sie erwartete, daß er dann bald wieder gehen würde.
Aber er wich den ganzen Abend nicht mehr von ihrer Seite.
‚Gott sei Dank, daß sie es mir erspart, mich gegen irgendeine Phrase wie
‚oh, durchaus nicht‘ zu wehren,‘ dachte Mette.
„Aber das ist sicher sehr unrecht,“ fuhr Gisela fort, „warum sieht die
kleine Mara so reizend aus? Weil sie wirkliches Interesse für sich hat und
sich tagelang im Spiegel anschaut und an sich herumputzt und schminkt
und frisiert, als wenn’s eine verhätschelte Lieblingspuppe wär’. Aber da
nützt kein ‚Vornehmen‘, das steckt im Blut, und wir beide werden’s wohl
nie erlernen. Schad’t auch nix. Mit mir wär’ eh nix anzufangen, auch mit
der größten Müh’ nicht, und Sie sind ohnedem schön genug!“
Es klopfte an die Tür, und auf ein fast allgemeines „Herein“-Rufen trat
Eccarius ein.
Sein ernstes, blasses häßliches Gesicht war Metten in diesem Augenblick
unangenehm. Sie wußte nicht, warum.
Erst einige Sekunden später kam es ihr zum Bewußtsein. Sie spürte die
weichen Hände nicht mehr auf ihrem Haar – Gisela war von der
Sessellehne heruntergeglitten und stand jetzt neben Frau Breslauer.
Mette wünschte Eccarius zu allen Teufeln, sie war einsilbig und fast
unliebenswürdig, weil sie erwartete, daß er dann bald wieder gehen würde.
Aber er wich den ganzen Abend nicht mehr von ihrer Seite.
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E s geschah nun schon zum drittenmal, daß Mette sich auf ihren
Spaziergängen plötzlich an einer Ecke der stillen Vorstadtstraße fand,
in der das Häuschen der Sophie Degebrodt gelegen war.
Dieses drittemal aber bog sie nicht rasch nach der entgegengesetzten
Seite um, sondern sie ging entschlossen die gerade Straße hinunter, die in
der vollen Herbstsonne lag, ganz weißgebadet bis auf die dünnen flirrenden
Schatten, die das zarte Gefieder der jungen Ebereschen warf, die, schwer
mit Beerendolden von leuchtendem Ockergelb bis zu glühendem Scharlach
beladen, in zwei schnurgeraden Reihen den Fahrdamm säumten.
Mette wußte zwar die Nummer nicht mehr, aber es würde nicht schwer
sein, das Haus wiederzufinden. Das dritte rechts mußte es sein – richtig, das
Gartengitter trug ein ziemlich auffallendes Namenschild, und über dem
Laubendach hing die kleine Fahne reglos in der stillen Luft.
Mette hatte ein wenig Herzklopfen, als sie das eingeklinkte Gittertürchen
öffnete. Sie war so befangen, wie als Kind, wenn sie zu fremden Leuten
gehen, an fremden Türen klingeln sollte. Wenn sie jetzt in die Laube käme,
würde man ihr vielleicht sehr erstaunt entgegenstarren. Niemand würde
ihren Namen wissen, niemand sich ihres Gesichtes erinnern, man würde sie
fragen, mit welchem Recht sie sich erlaubte, einzudringen – oh, sie würde
sich und andere in eine sehr peinliche Lage bringen!
Es wäre sicher besser, die paar Stufen zu dem Vordereingang
hinaufzugehen und dem öffnenden Mädchen die Karte zu geben. Dann
konnte man sie mit einer höflichen Phrase abweisen lassen, wenn man sich
ihres Namens nicht mehr entsann. Sie ging zögernd ein paar Schritte wieder
zurück.
Aber man hatte sie wohl gesehen, oder das Knirschen im Kies gehört –
hinter dem Haus reckte sich ein blonder Kopf hervor.
„Ah! Fräulein Rudloff!“ der kleine Johannes sprang ihr förmlich
entgegen. Und im ersten Augenblick hatte sie vergessen, was sie von ihm
gehört, was sie über ihn gedacht hatte, und war entzückt von seiner
knabenhaften Anmut, von der tänzerischen Leichtigkeit seiner
Bewegungen.
Spaziergängen plötzlich an einer Ecke der stillen Vorstadtstraße fand,
in der das Häuschen der Sophie Degebrodt gelegen war.
Dieses drittemal aber bog sie nicht rasch nach der entgegengesetzten
Seite um, sondern sie ging entschlossen die gerade Straße hinunter, die in
der vollen Herbstsonne lag, ganz weißgebadet bis auf die dünnen flirrenden
Schatten, die das zarte Gefieder der jungen Ebereschen warf, die, schwer
mit Beerendolden von leuchtendem Ockergelb bis zu glühendem Scharlach
beladen, in zwei schnurgeraden Reihen den Fahrdamm säumten.
Mette wußte zwar die Nummer nicht mehr, aber es würde nicht schwer
sein, das Haus wiederzufinden. Das dritte rechts mußte es sein – richtig, das
Gartengitter trug ein ziemlich auffallendes Namenschild, und über dem
Laubendach hing die kleine Fahne reglos in der stillen Luft.
Mette hatte ein wenig Herzklopfen, als sie das eingeklinkte Gittertürchen
öffnete. Sie war so befangen, wie als Kind, wenn sie zu fremden Leuten
gehen, an fremden Türen klingeln sollte. Wenn sie jetzt in die Laube käme,
würde man ihr vielleicht sehr erstaunt entgegenstarren. Niemand würde
ihren Namen wissen, niemand sich ihres Gesichtes erinnern, man würde sie
fragen, mit welchem Recht sie sich erlaubte, einzudringen – oh, sie würde
sich und andere in eine sehr peinliche Lage bringen!
Es wäre sicher besser, die paar Stufen zu dem Vordereingang
hinaufzugehen und dem öffnenden Mädchen die Karte zu geben. Dann
konnte man sie mit einer höflichen Phrase abweisen lassen, wenn man sich
ihres Namens nicht mehr entsann. Sie ging zögernd ein paar Schritte wieder
zurück.
Aber man hatte sie wohl gesehen, oder das Knirschen im Kies gehört –
hinter dem Haus reckte sich ein blonder Kopf hervor.
„Ah! Fräulein Rudloff!“ der kleine Johannes sprang ihr förmlich
entgegen. Und im ersten Augenblick hatte sie vergessen, was sie von ihm
gehört, was sie über ihn gedacht hatte, und war entzückt von seiner
knabenhaften Anmut, von der tänzerischen Leichtigkeit seiner
Bewegungen.
Page 62
„Wie nett, daß Sie kommen! Nein, bitte gleich hier herum, wir brauchen
ja nicht durch’s Haus. Wir haben schon öfters von Ihnen gesprochen, und
wo Sie wohl stecken möchten. Nora wird sich schrecklich freuen – Sophus
hat noch zu tun, kommt aber auch gleich.“
Er führte sie an einer grünen Wand vorbei, an der schon die ersten prallen
Bohnen zwischen unzähligen roten und weißen Blüten hingen.
Auf den schmalen Beeten wucherten Phlox und Astern in leuchtenden
Farben. Eingefaßt waren sie mit dem goldgrünen Saum blühender,
duftender Reseda.
In der großen, sechseckigen Laube war ein behaglicher Teetisch gedeckt.
Mette hatte auch ein wenig uneingestandene Angst davor gehabt, Nora
wiederzusehen. Nun war sie fast dankbar überrascht durch ihre Schönheit,
und durch den beherrschten Adel ihrer Bewegungen. Nora war schon so an
ihr Leiden gewöhnt, daß es ihr gar nicht einfiel, etwa den Versuch zu
machen, aufzustehen, um dann hilflos und kläglich zurückzusinken. Sie saß
ein wenig steif und sehr königlich und streckte Mette mit einem
gewinnenden Lächeln die Hand entgegen.
Neben ihr saß Ulrich Zeeden, der sich beeilte, aufzuspringen und hinter
dem Tisch hervorzukommen, wobei er das Teegeschirr in Gefahr brachte,
was sowohl Mette als Johannes zu einem eiligen Zugreifen veranlaßte.
Dadurch entstand eine heitere Verwirrung, die über die ersten Sekunden, die
von peinlicher Förmlichkeit hätten sein können, hinwegleitete und sofort
ein allgemeines, lebhaftes Gespräch in Gang brachte.
Nach einigen Minuten kam auch Sophie mit großen eiligen Schritten aus
dem Haus. Sie begrüßte Mette sehr herzlich, verlangte dazwischen „recht
rasch“ eine Tasse Tee, wollte sie im Stehen trinken, ließ sich dann doch auf
einen Stuhl nötigen und schwatzte sich für eine Viertelstunde fest, wobei sie
jede zweite Minute ängstlich sagte: „Oh, Kinder, das Licht geht mir weg,
ich muß ja hinein an die Arbeit!“
Als sie dann schließlich davonlief, kehrte sie am Haus noch einmal um
und rief zurück:
„Aber daß ihr mir alle dableibt, bis ich wiederkomme, ich will heut’
Abend noch eine Stunde Gemütlichkeit haben, ich hab’ so viel gearbeitet
heute.“
„In deinem traurigen Beruf, hast du vergessen zu sagen!“ lachte Johannes
hinter ihr her.
„Ja, in meinem traurigen Beruf!“ rief sie schon von der Tür her zurück.
ja nicht durch’s Haus. Wir haben schon öfters von Ihnen gesprochen, und
wo Sie wohl stecken möchten. Nora wird sich schrecklich freuen – Sophus
hat noch zu tun, kommt aber auch gleich.“
Er führte sie an einer grünen Wand vorbei, an der schon die ersten prallen
Bohnen zwischen unzähligen roten und weißen Blüten hingen.
Auf den schmalen Beeten wucherten Phlox und Astern in leuchtenden
Farben. Eingefaßt waren sie mit dem goldgrünen Saum blühender,
duftender Reseda.
In der großen, sechseckigen Laube war ein behaglicher Teetisch gedeckt.
Mette hatte auch ein wenig uneingestandene Angst davor gehabt, Nora
wiederzusehen. Nun war sie fast dankbar überrascht durch ihre Schönheit,
und durch den beherrschten Adel ihrer Bewegungen. Nora war schon so an
ihr Leiden gewöhnt, daß es ihr gar nicht einfiel, etwa den Versuch zu
machen, aufzustehen, um dann hilflos und kläglich zurückzusinken. Sie saß
ein wenig steif und sehr königlich und streckte Mette mit einem
gewinnenden Lächeln die Hand entgegen.
Neben ihr saß Ulrich Zeeden, der sich beeilte, aufzuspringen und hinter
dem Tisch hervorzukommen, wobei er das Teegeschirr in Gefahr brachte,
was sowohl Mette als Johannes zu einem eiligen Zugreifen veranlaßte.
Dadurch entstand eine heitere Verwirrung, die über die ersten Sekunden, die
von peinlicher Förmlichkeit hätten sein können, hinwegleitete und sofort
ein allgemeines, lebhaftes Gespräch in Gang brachte.
Nach einigen Minuten kam auch Sophie mit großen eiligen Schritten aus
dem Haus. Sie begrüßte Mette sehr herzlich, verlangte dazwischen „recht
rasch“ eine Tasse Tee, wollte sie im Stehen trinken, ließ sich dann doch auf
einen Stuhl nötigen und schwatzte sich für eine Viertelstunde fest, wobei sie
jede zweite Minute ängstlich sagte: „Oh, Kinder, das Licht geht mir weg,
ich muß ja hinein an die Arbeit!“
Als sie dann schließlich davonlief, kehrte sie am Haus noch einmal um
und rief zurück:
„Aber daß ihr mir alle dableibt, bis ich wiederkomme, ich will heut’
Abend noch eine Stunde Gemütlichkeit haben, ich hab’ so viel gearbeitet
heute.“
„In deinem traurigen Beruf, hast du vergessen zu sagen!“ lachte Johannes
hinter ihr her.
„Ja, in meinem traurigen Beruf!“ rief sie schon von der Tür her zurück.
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„Warum traurigen Beruf?“ fragte Mette verwundert.
„Sie sagt doch immer, sie käme gleich nach Leichenfrau und
Sargmagazin,“ erklärte Johannes, „sie macht doch Grabdenkmäler.“
„Das ist wirklich traurig,“ sagte Mette und bemühte sich, ein leises
Lächeln festzuhalten, um nicht für übertrieben sentimental zu gelten. Die
Worte „Grab“ und „Tod“ trafen sie immer noch wie ein schmerzlicher
Stich.
„Man gewöhnt sich daran,“ sagte Nora ernsthaft, „wie man sich an alles
gewöhnt. Und das ist gut. Man verroht ein bissel – für uns
Überempfindliche ist das ganz gut. Wir fühlen uns sehr wohl zwischen
Urnen und trauernden Genien, genau so wie ein Sargfabrikant nicht beim
Anblick eines Sarges erschrickt, oder ein Arzt beim Anblick einer Wunde.
Und wenn man so viel mit dem Tode zu tun hat, wie Sophie, und durch sie
auch ich, dann verliert der Tod alles Grausige, und man sieht schließlich
den Humor in tragischen Situationen – fragen Sie nur Sophie, die kann
Ihnen Geschichten aus ihrer ‚Praxis‘ erzählen.“ – – –
Nora nahm eine Handarbeit aus einem neben ihr stehenden Körbchen und
bat Johannes, das Mädchen zu rufen, damit der Tisch abgeräumt würde.
Johannes bettelte wie ein Kind, es selbst tun zu dürfen, und stellte
gewandt und behutsam das Porzellan auf dem Teebrett zusammen. Als er
wiederkam, saß er eine ganze Weile schweigend und sah mit verlangenden
Augen Noras fleißigen Händen zu.
Schließlich, als könnte er kindische Begierde nicht länger zügeln,
streckte er die Hände aus:
„Oh, bitte, bitte, laß mich auch ein paar Stiche machen!“
Nora überließ ihm lächelnd die Arbeit und suchte geduldig aus ihrem
Körbchen eine begonnene Häkelei für ihre eigne Beschäftigung.
„Oh, gnädige Frau,“ rief Mette erschrocken, „die wundervolle Stickerei!
Haben Sie denn gar keine Angst?“
„Ach nein,“ beruhigte Nora, „Johannes macht ebensogut Handarbeiten,
wie ich.“
„Ja, nicht wahr, Nora?“ fragte Johannes mit einem errötenden Stolz. „Ich
hätte Kunststicker werden müssen, oder Miniaturmaler. Ich habe für solche
„Sie sagt doch immer, sie käme gleich nach Leichenfrau und
Sargmagazin,“ erklärte Johannes, „sie macht doch Grabdenkmäler.“
„Das ist wirklich traurig,“ sagte Mette und bemühte sich, ein leises
Lächeln festzuhalten, um nicht für übertrieben sentimental zu gelten. Die
Worte „Grab“ und „Tod“ trafen sie immer noch wie ein schmerzlicher
Stich.
„Man gewöhnt sich daran,“ sagte Nora ernsthaft, „wie man sich an alles
gewöhnt. Und das ist gut. Man verroht ein bissel – für uns
Überempfindliche ist das ganz gut. Wir fühlen uns sehr wohl zwischen
Urnen und trauernden Genien, genau so wie ein Sargfabrikant nicht beim
Anblick eines Sarges erschrickt, oder ein Arzt beim Anblick einer Wunde.
Und wenn man so viel mit dem Tode zu tun hat, wie Sophie, und durch sie
auch ich, dann verliert der Tod alles Grausige, und man sieht schließlich
den Humor in tragischen Situationen – fragen Sie nur Sophie, die kann
Ihnen Geschichten aus ihrer ‚Praxis‘ erzählen.“ – – –
Nora nahm eine Handarbeit aus einem neben ihr stehenden Körbchen und
bat Johannes, das Mädchen zu rufen, damit der Tisch abgeräumt würde.
Johannes bettelte wie ein Kind, es selbst tun zu dürfen, und stellte
gewandt und behutsam das Porzellan auf dem Teebrett zusammen. Als er
wiederkam, saß er eine ganze Weile schweigend und sah mit verlangenden
Augen Noras fleißigen Händen zu.
Schließlich, als könnte er kindische Begierde nicht länger zügeln,
streckte er die Hände aus:
„Oh, bitte, bitte, laß mich auch ein paar Stiche machen!“
Nora überließ ihm lächelnd die Arbeit und suchte geduldig aus ihrem
Körbchen eine begonnene Häkelei für ihre eigne Beschäftigung.
„Oh, gnädige Frau,“ rief Mette erschrocken, „die wundervolle Stickerei!
Haben Sie denn gar keine Angst?“
„Ach nein,“ beruhigte Nora, „Johannes macht ebensogut Handarbeiten,
wie ich.“
„Ja, nicht wahr, Nora?“ fragte Johannes mit einem errötenden Stolz. „Ich
hätte Kunststicker werden müssen, oder Miniaturmaler. Ich habe für solche
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Dinge auch eine unerschöpfliche Geduld. Sonst habe ich gar keine
Ausdauer.“
Er neigte den Kopf über die Arbeit, daß ihm die weichen blonden
Haarwellen ins Gesicht fielen. Die schlanken, fast zu wohlgepflegten Hände
bewegten sich mit Anmut und Geschick und setzten sicher Stich neben
Stich.
Es war ein verwunderliches Bild. In Mette regte sich unwillkürlich der
Gedanke: ‚Gut, daß es nicht mein Sohn ist – ich glaube, dann würd’ ich ihm
die Stickerei aus den Händen reißen und um die Ohren schlagen. Aber so –
er sieht ja doch immer aus wie ein gemalter Engel oder Heiliger.‘ – – –
Johannes mußte gehen, ehe Sophie zurückkam. Er wartete auf sie, bis es zu
spät für ihn wurde, dann nahm er hastig, aber herzlich Abschied, trug den
andern viele Grüße für Sophie auf und lief davon.
Ulrich Zeeden sah ihm kopfschüttelnd nach.
„Ein seltsamer kleiner Bursche,“ sagte er.
„Ein seelensgutes Kerlchen,“ fügte Nora mit leisem Widerspruch im Ton
hinzu, „wir haben uns hier so an ihn gewöhnt, daß wir ihn kaum entbehren
könnten. Er ist wirklich wie ein treuer kleiner Page, immer bereit und
gefällig und liebenswürdig – ach, und mehr als das: herzensgut und
aufopfernd.“
„Es gehen ja sagenhafte Gerüchte über seine Güte,“ Ulrich Zeeden
verzog ein wenig spöttisch die Mundwinkel.
„Es gehen überhaupt viele Gerüchte über ihn um, leider!“ entfuhr es
Mette. Sie fühlte, wie ihr die Verlegenheit das Blut brennend in die Wangen
trieb, aber sie entschloß sich, das einmal Gesagte nun tapfer zu vertreten.
„Es sieht so häßlich aus, so klatschsüchtig, hinter einem Menschen
herzureden, der eben gegangen ist ... aber gerade weil er Ihr Freund ist, und
weil ich ihn sehr nett finde, wirklich sehr nett, darum ärgere ich mich, wenn
die Leute Scheußlichkeiten von ihm erzählen, und ich absolut kein Recht
habe, ihnen den Mund zu verbieten, oder sie Lügen zu strafen.“
„Würden Sie das sonst tun?“ fragte Ulrich Zeeden, „das wäre sehr tapfer
und anerkennenswert freundschaftlich von Ihnen, aber in den weitaus
meisten Fällen verfehlt. Denn was man auch an Scheußlichkeiten erzählt,
Ausdauer.“
Er neigte den Kopf über die Arbeit, daß ihm die weichen blonden
Haarwellen ins Gesicht fielen. Die schlanken, fast zu wohlgepflegten Hände
bewegten sich mit Anmut und Geschick und setzten sicher Stich neben
Stich.
Es war ein verwunderliches Bild. In Mette regte sich unwillkürlich der
Gedanke: ‚Gut, daß es nicht mein Sohn ist – ich glaube, dann würd’ ich ihm
die Stickerei aus den Händen reißen und um die Ohren schlagen. Aber so –
er sieht ja doch immer aus wie ein gemalter Engel oder Heiliger.‘ – – –
Johannes mußte gehen, ehe Sophie zurückkam. Er wartete auf sie, bis es zu
spät für ihn wurde, dann nahm er hastig, aber herzlich Abschied, trug den
andern viele Grüße für Sophie auf und lief davon.
Ulrich Zeeden sah ihm kopfschüttelnd nach.
„Ein seltsamer kleiner Bursche,“ sagte er.
„Ein seelensgutes Kerlchen,“ fügte Nora mit leisem Widerspruch im Ton
hinzu, „wir haben uns hier so an ihn gewöhnt, daß wir ihn kaum entbehren
könnten. Er ist wirklich wie ein treuer kleiner Page, immer bereit und
gefällig und liebenswürdig – ach, und mehr als das: herzensgut und
aufopfernd.“
„Es gehen ja sagenhafte Gerüchte über seine Güte,“ Ulrich Zeeden
verzog ein wenig spöttisch die Mundwinkel.
„Es gehen überhaupt viele Gerüchte über ihn um, leider!“ entfuhr es
Mette. Sie fühlte, wie ihr die Verlegenheit das Blut brennend in die Wangen
trieb, aber sie entschloß sich, das einmal Gesagte nun tapfer zu vertreten.
„Es sieht so häßlich aus, so klatschsüchtig, hinter einem Menschen
herzureden, der eben gegangen ist ... aber gerade weil er Ihr Freund ist, und
weil ich ihn sehr nett finde, wirklich sehr nett, darum ärgere ich mich, wenn
die Leute Scheußlichkeiten von ihm erzählen, und ich absolut kein Recht
habe, ihnen den Mund zu verbieten, oder sie Lügen zu strafen.“
„Würden Sie das sonst tun?“ fragte Ulrich Zeeden, „das wäre sehr tapfer
und anerkennenswert freundschaftlich von Ihnen, aber in den weitaus
meisten Fällen verfehlt. Denn was man auch an Scheußlichkeiten erzählt,
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wird immer noch bei weitem durch die Scheußlichkeiten überboten, die
ganz im Geheimen begangen werden, und von denen niemand was ahnt.“
„Ist das wahr?“ wandte sich Mette wie hilfesuchend an Nora.
Nora legte ihr die weiche Hand aufs Haar.
„Ach, Kind,“ tröstete sie, „es ist alles viel zu verwickelt und verworren,
als daß man so einfach ja oder nein sagen könnte. Sie brauchen darum nicht
so verzweifelte Augen zu machen. Alles gut und böse ist so ineinander
verquickt, daß wir es gar nicht auseinander lösen können, um eins gegen
das andere abzuwägen.
Ich will Ihnen etwas erzählen – denn ich weiß ganz genau, was Sie mit
den ‚Scheußlichkeiten‘ meinen, und Sie auch, Ulrich. Sie meinen die Sache
mit Drencker. Man erzählt sich – und Sie wissen, daß es wahr ist, Ulrich,
und wenn ich ehrlich sein soll – ich weiß es auch, daß Drencker den
Kleinen sozusagen mit Haut und Haaren gekauft hat, daß er ihm eine
bezaubernde Wohnung eingerichtet hat, daß er für seinen Unterhalt sorgt –
daß er ihn ‚aushält‘, wie man das ja nennt. Und daß Drencker das leider
nicht nur tut, um seine Millionen auf gute Art loszuwerden, das wissen wir
auch alle. Na, und daß unser gutes Hannchen diesem – milde gesagt,
reichlich unangenehmen Herrn nicht anhängt, wie Alkibiades dem Sokrates,
um Weisheit von seinen Lippen zu schlürfen, sondern daß er einfach den
pekuniären Vorteil wahrnimmt, ist auch klar.
Und trotzdem – wenn man ein bißchen tiefer sieht, dann entdeckt man
hinter all diesen Scheußlichkeiten auch etwas Versöhnendes ... der kleine
Johannes hat von Kindheit an eine große und unveränderliche Liebe gehabt,
eine Schwärmerei mehr, zu einem Schulkameraden, der alles das hatte, was
ihm selbst fehlte: das Männliche, Selbstbewußte, etwas Brutale – diese
Kinderschwärmerei ist zu einer ganz selbstlosen, ganz anbetenden
Freundschaft geworden. Nun kommt hinzu, daß der andere eine starke
Begabung besaß, die den Kleinen noch mehr zur Bewunderung zwang.
Geld hatten sie beide nicht. Johannes hat sich selbst wohl nie für besonders
wertvoll gehalten ... er hat sich verkauft – und mit voller Absicht teuer
verkauft – um dem Freund das Studium zu ermöglichen, um ihn in jeder
Weise zu unterstützen.“
„Und das hat Willi Krafft zugegeben? Das hat er angenommen?“ sagte
Ulrich Zeeden scharf, die Worte dehnend.
Nora hob etwas die Achseln: „Ich habe den Namen nicht genannt.“ Es
war eine kaum hörbare Schwingung von Bitterkeit in ihrer sanften Stimme.
ganz im Geheimen begangen werden, und von denen niemand was ahnt.“
„Ist das wahr?“ wandte sich Mette wie hilfesuchend an Nora.
Nora legte ihr die weiche Hand aufs Haar.
„Ach, Kind,“ tröstete sie, „es ist alles viel zu verwickelt und verworren,
als daß man so einfach ja oder nein sagen könnte. Sie brauchen darum nicht
so verzweifelte Augen zu machen. Alles gut und böse ist so ineinander
verquickt, daß wir es gar nicht auseinander lösen können, um eins gegen
das andere abzuwägen.
Ich will Ihnen etwas erzählen – denn ich weiß ganz genau, was Sie mit
den ‚Scheußlichkeiten‘ meinen, und Sie auch, Ulrich. Sie meinen die Sache
mit Drencker. Man erzählt sich – und Sie wissen, daß es wahr ist, Ulrich,
und wenn ich ehrlich sein soll – ich weiß es auch, daß Drencker den
Kleinen sozusagen mit Haut und Haaren gekauft hat, daß er ihm eine
bezaubernde Wohnung eingerichtet hat, daß er für seinen Unterhalt sorgt –
daß er ihn ‚aushält‘, wie man das ja nennt. Und daß Drencker das leider
nicht nur tut, um seine Millionen auf gute Art loszuwerden, das wissen wir
auch alle. Na, und daß unser gutes Hannchen diesem – milde gesagt,
reichlich unangenehmen Herrn nicht anhängt, wie Alkibiades dem Sokrates,
um Weisheit von seinen Lippen zu schlürfen, sondern daß er einfach den
pekuniären Vorteil wahrnimmt, ist auch klar.
Und trotzdem – wenn man ein bißchen tiefer sieht, dann entdeckt man
hinter all diesen Scheußlichkeiten auch etwas Versöhnendes ... der kleine
Johannes hat von Kindheit an eine große und unveränderliche Liebe gehabt,
eine Schwärmerei mehr, zu einem Schulkameraden, der alles das hatte, was
ihm selbst fehlte: das Männliche, Selbstbewußte, etwas Brutale – diese
Kinderschwärmerei ist zu einer ganz selbstlosen, ganz anbetenden
Freundschaft geworden. Nun kommt hinzu, daß der andere eine starke
Begabung besaß, die den Kleinen noch mehr zur Bewunderung zwang.
Geld hatten sie beide nicht. Johannes hat sich selbst wohl nie für besonders
wertvoll gehalten ... er hat sich verkauft – und mit voller Absicht teuer
verkauft – um dem Freund das Studium zu ermöglichen, um ihn in jeder
Weise zu unterstützen.“
„Und das hat Willi Krafft zugegeben? Das hat er angenommen?“ sagte
Ulrich Zeeden scharf, die Worte dehnend.
Nora hob etwas die Achseln: „Ich habe den Namen nicht genannt.“ Es
war eine kaum hörbare Schwingung von Bitterkeit in ihrer sanften Stimme.
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„Was hat Willi Krafft zugegeben? Was hat er angenommen?“ tönte
plötzlich Sophiens tiefe, klingende Stimme dicht neben ihnen.
„Wir verleumden deinen Freund, Sophus,“ lächelte Nora ihr entgegen,
„du kommst im richtigen Augenblick, um ihn zu verteidigen.“
„Verteidigen Sie ihn, wenn Sie können,“ sagte Zeeden in einem strengen,
richterlichen Ton, „Willi Krafft hat zugegeben, daß ein junger, unreifer,
etwas haltloser Mensch, mit dem er vorgeblich befreundet war, sich den
unnatürlichen Lüsten dieses Scheusals in Menschengestalt verkauft hat, und
hat sich von dieser Kaufsumme auch bezahlen lassen. Das ist für mich das
niedrigste, was ein Mensch überhaupt begehen kann – genau so, wie für
mich der Zuhälter noch viel verächtlicher ist, als die Dirne.“
„So!“ Sophie zog sich einen Stuhl zurecht und setzte sich. „Nun hab’ ich
Sie ausreden lassen, nun lassen Sie mich ausreden. Erstens können Sie statt
‚Scheusal in Menschengestalt‘ geradeso gut oder besser ‚Mensch in
Scheusalsgestalt‘ sagen – das nur en passant – das hat schließlich mit
‚meinem Freunde‘ Willi Krafft nichts zu tun. Aber ich kann auch einiges zu
seiner Verteidigung beibringen. Nämlich daß er Talent hat, um nicht zu
sagen Genie – und daß das Talent immer und unter allen Umständen das
Recht hat, sich durchzusetzen. Weil nur das Werk Wert hat, und nicht das
Leben, und am allerwenigsten das moralische Leben des Einzelnen.“
„Das ist Ansichtssache,“ unterbrach Zeeden, „trotzdem – weiter!“
„Vor allen Dingen aber – selbst wenn er talentlos wäre, wenn er keine
unsterblichen Werke schaffen könnte – wen schädigt er? Er ist in den Stand
gesetzt, zu arbeiten, und zwar, wie ich mir einbilde, und wie er sich
einbildet, für die Menschheit zu arbeiten. Er ist glücklich.
Noch glücklicher ist der alte Drencker, der sich am Ziel aller Wünsche
sieht, der endlich der Gefahr entronnen ist, Betrügern, Erpressern, ja
schließlich Räubern und Mördern in die Arme zu laufen, dem nicht mehr
die Angst vor dem Gefängnis das Leben verbittert, der zum erstenmal den
Segen seiner Millionen spürt, die ihm ein Leben lang nur Unsegen gebracht
haben.
Am glücklichsten aber ist entschieden der kleine Johannes. Er führt das
Leben, wozu seine eigentliche Natur ihn treibt. Er ist doch die geborene
kleine Kokotte! Wenn Ihr den Jungen in irgendeinen Beruf steckt, wird er
totunglücklich! Er hat keine besondere Begabung, keine übermäßige
Intelligenz, noch weniger körperliche Kraft und Leistungsfähigkeit. Er kann
seine Tage in irgendeinem Bureaudienst hinschleppen und wird durch
plötzlich Sophiens tiefe, klingende Stimme dicht neben ihnen.
„Wir verleumden deinen Freund, Sophus,“ lächelte Nora ihr entgegen,
„du kommst im richtigen Augenblick, um ihn zu verteidigen.“
„Verteidigen Sie ihn, wenn Sie können,“ sagte Zeeden in einem strengen,
richterlichen Ton, „Willi Krafft hat zugegeben, daß ein junger, unreifer,
etwas haltloser Mensch, mit dem er vorgeblich befreundet war, sich den
unnatürlichen Lüsten dieses Scheusals in Menschengestalt verkauft hat, und
hat sich von dieser Kaufsumme auch bezahlen lassen. Das ist für mich das
niedrigste, was ein Mensch überhaupt begehen kann – genau so, wie für
mich der Zuhälter noch viel verächtlicher ist, als die Dirne.“
„So!“ Sophie zog sich einen Stuhl zurecht und setzte sich. „Nun hab’ ich
Sie ausreden lassen, nun lassen Sie mich ausreden. Erstens können Sie statt
‚Scheusal in Menschengestalt‘ geradeso gut oder besser ‚Mensch in
Scheusalsgestalt‘ sagen – das nur en passant – das hat schließlich mit
‚meinem Freunde‘ Willi Krafft nichts zu tun. Aber ich kann auch einiges zu
seiner Verteidigung beibringen. Nämlich daß er Talent hat, um nicht zu
sagen Genie – und daß das Talent immer und unter allen Umständen das
Recht hat, sich durchzusetzen. Weil nur das Werk Wert hat, und nicht das
Leben, und am allerwenigsten das moralische Leben des Einzelnen.“
„Das ist Ansichtssache,“ unterbrach Zeeden, „trotzdem – weiter!“
„Vor allen Dingen aber – selbst wenn er talentlos wäre, wenn er keine
unsterblichen Werke schaffen könnte – wen schädigt er? Er ist in den Stand
gesetzt, zu arbeiten, und zwar, wie ich mir einbilde, und wie er sich
einbildet, für die Menschheit zu arbeiten. Er ist glücklich.
Noch glücklicher ist der alte Drencker, der sich am Ziel aller Wünsche
sieht, der endlich der Gefahr entronnen ist, Betrügern, Erpressern, ja
schließlich Räubern und Mördern in die Arme zu laufen, dem nicht mehr
die Angst vor dem Gefängnis das Leben verbittert, der zum erstenmal den
Segen seiner Millionen spürt, die ihm ein Leben lang nur Unsegen gebracht
haben.
Am glücklichsten aber ist entschieden der kleine Johannes. Er führt das
Leben, wozu seine eigentliche Natur ihn treibt. Er ist doch die geborene
kleine Kokotte! Wenn Ihr den Jungen in irgendeinen Beruf steckt, wird er
totunglücklich! Er hat keine besondere Begabung, keine übermäßige
Intelligenz, noch weniger körperliche Kraft und Leistungsfähigkeit. Er kann
seine Tage in irgendeinem Bureaudienst hinschleppen und wird durch
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seinen Hang zum Luxus dahin kommen, daß er womöglich
Unterschlagungen begeht.
Jetzt hat er alles, was er sich im Grunde immer ersehnt hat. Er ist begehrt,
verwöhnt, angebetet. Er sieht seine Schönheit, die er nebenbei sehr zu
schätzen weiß, im richtigen Rahmen. Er bringt halbe Tage damit zu, vor
seinem dreiteiligen Toilettespiegel zu sitzen, sich zu bewundern, sich mit
Salben und Pudern und Haarwassern zu pflegen.
Das tut er alles Willi Krafft zuliebe? Redet Euch doch so etwas nicht ein.
Er täte es ohne Willi Krafft genau so! Nein, nicht genau so! – Denn da
entschieden ein besserer Kern in ihm ist, ein Hang zum Idealistischen, so
täte er es mit Reue und würde sich selbst zum Ekel. Dadurch aber, daß er
einen Teil seiner – für ihn, für seine Natur ziemlich mühelos – gewonnenen
Einnahmen für diesen Menschen verwenden darf, den er anbetet, rückt er
sich selbst in ein verklärendes Licht. Er tut, was ihm bequem ist, und ist
noch obendrein Märtyrer und Heiliger!“
Zeeden bewegte die Hände, als klatsche er unhörbar Beifall.
„Eine schöne Rede, lieber Sophus! ‚Wenn man’s so hört, möcht’s leidlich
scheinen.‘ Irgendwo steckt ein Haken, ich weiß noch nicht recht, wo.
Vielleicht auch hier wieder in dem mangelnden ‚Christentum‘! Aber ich
glaube, Frau Nora fröstelt, es wird Zeit, daß wir ins Haus gehen. Die
Abende werden schon recht früh kühl.“
Mette war aufgestanden:
„Ja, es wird wohl auch Zeit, daß ich nach Hause gehe. Ich wollte auf
einen Sprung kommen und sitze schon Stunden und Stunden.“
„Ach, Unsinn,“ sagte Sophie, ruhig sitzenbleibend, und sah fast erstaunt
zu ihr auf, „das klingt ganz nach einer façon de parler. Warum wollen Sie
gehen? Haben Sie etwas Besseres vor? Oder hat man Ihnen einmal
beigebracht, daß man eine erste Visite nicht über zwanzig Minuten
ausdehnen darf?“
„Ja, das hat man mir beigebracht!“ lachte Mette, „das hat mir Tante
Emilie, glaub’ ich, wörtlich so gesagt.“
„Und haben Sie die unselige Absicht, sich in allem nach den Vorschriften
dieser Tante Emilie zu richten? Na also, dann fangen Sie auch gefälligst
nicht gerade bei uns damit an! Was die Tanten sagen, ist eo ipso verkehrt!
Sie bleiben jetzt hier und essen mit uns – die einzige Entschuldigung ist das
bekannte ‚Bessere‘.“
„Ich wüßte tatsächlich auf der Welt nichts Besseres.“
Unterschlagungen begeht.
Jetzt hat er alles, was er sich im Grunde immer ersehnt hat. Er ist begehrt,
verwöhnt, angebetet. Er sieht seine Schönheit, die er nebenbei sehr zu
schätzen weiß, im richtigen Rahmen. Er bringt halbe Tage damit zu, vor
seinem dreiteiligen Toilettespiegel zu sitzen, sich zu bewundern, sich mit
Salben und Pudern und Haarwassern zu pflegen.
Das tut er alles Willi Krafft zuliebe? Redet Euch doch so etwas nicht ein.
Er täte es ohne Willi Krafft genau so! Nein, nicht genau so! – Denn da
entschieden ein besserer Kern in ihm ist, ein Hang zum Idealistischen, so
täte er es mit Reue und würde sich selbst zum Ekel. Dadurch aber, daß er
einen Teil seiner – für ihn, für seine Natur ziemlich mühelos – gewonnenen
Einnahmen für diesen Menschen verwenden darf, den er anbetet, rückt er
sich selbst in ein verklärendes Licht. Er tut, was ihm bequem ist, und ist
noch obendrein Märtyrer und Heiliger!“
Zeeden bewegte die Hände, als klatsche er unhörbar Beifall.
„Eine schöne Rede, lieber Sophus! ‚Wenn man’s so hört, möcht’s leidlich
scheinen.‘ Irgendwo steckt ein Haken, ich weiß noch nicht recht, wo.
Vielleicht auch hier wieder in dem mangelnden ‚Christentum‘! Aber ich
glaube, Frau Nora fröstelt, es wird Zeit, daß wir ins Haus gehen. Die
Abende werden schon recht früh kühl.“
Mette war aufgestanden:
„Ja, es wird wohl auch Zeit, daß ich nach Hause gehe. Ich wollte auf
einen Sprung kommen und sitze schon Stunden und Stunden.“
„Ach, Unsinn,“ sagte Sophie, ruhig sitzenbleibend, und sah fast erstaunt
zu ihr auf, „das klingt ganz nach einer façon de parler. Warum wollen Sie
gehen? Haben Sie etwas Besseres vor? Oder hat man Ihnen einmal
beigebracht, daß man eine erste Visite nicht über zwanzig Minuten
ausdehnen darf?“
„Ja, das hat man mir beigebracht!“ lachte Mette, „das hat mir Tante
Emilie, glaub’ ich, wörtlich so gesagt.“
„Und haben Sie die unselige Absicht, sich in allem nach den Vorschriften
dieser Tante Emilie zu richten? Na also, dann fangen Sie auch gefälligst
nicht gerade bei uns damit an! Was die Tanten sagen, ist eo ipso verkehrt!
Sie bleiben jetzt hier und essen mit uns – die einzige Entschuldigung ist das
bekannte ‚Bessere‘.“
„Ich wüßte tatsächlich auf der Welt nichts Besseres.“
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„Armes Kleines – na, es kommt noch!“
Sophie stand auf und reckte sich kräftig:
„Ich spüre meine Knochen heute! Komm, Norina, wir machen es uns
drinnen hell und gemütlich. Daß Sie dableiben, Uli, ist doch abgemacht.“
Zeeden verbeugte sich schweigend.
Sophie rückte mit einem energischen Griff den Tisch beiseite, um den
Weg für Nora frei zu machen.
Mette, mit einer plötzlichen Entschlußkraft, die sie sich selbst nicht
erklären konnte, drängte sich neben Nora.
„Darf ich Sie stützen, gnädige Frau?“ Sie meinte, daß man das Schlagen
ihres Herzens in ihrer Stimme hören müßte.
„Oh, danke vielmals – es wird Ihnen zu schwer werden,“ sagte Nora mit
einer liebenswürdigen Befangenheit.
„Sicher nicht,“ beteuerte Mette, „ich bin sehr kräftig. Und wenn nicht
eine ganz besondere Übung dazu gehört ... glauben Sie mir, es würde
meinen Ehrgeiz befriedigen, wenn ich es dürfte. Ich würde mir einbilden,
daß ich zu irgend etwas auf der Welt nütze wäre.“
„Das ist ein unwiderstehliches Argument,“ sagte Sophie, „Ulrich, wollen
Sie dann, bitte, Martha rufen? Oder wollen Sie selbst so gut sein und sich
mit dem Stuhl beladen?“
Zeeden hatte den Stuhl schon ergriffen.
„Warum haben Sie eigentlich keinen Rollstuhl?“ fragte er.
„Kommen Sie mir auch noch damit!“ rief Sophie ärgerlich über die
Schulter zurück, „weil die Dame gehen soll! Sie kann es ja auch sehr gut –
sie hat die gesündesten Beine von der Welt! Sie ist nur zu eitel – sonst
könnte sie meilenweite Spaziergänge unternehmen.“
Mette empfand den Druck des Armes auf ihren stützenden Händen nicht
als übermäßig schwer. Und das Gefühl, helfen zu können, überwog das
Grauen so sehr, daß fast auch das schmerzliche Mitleid erlosch.
In dieser sanften Frau war die Verzweiflung über ihren zerstörten,
gehemmten Körper sicher längst gebrochen, und ihr Leben hatte gute und
schlimme Stunden, wie jedes andere auch. Vielleicht sogar einige gute mehr
und einige schlimme weniger, denn ihre Krankheit hielt sie vor dem
stärksten Anprall niedriger Kräfte geschützt; sie verließ kaum je das Haus,
in dem sie wie eine Königin behandelt wurde, niemand drängte sich zu ihr,
der nicht von freundschaftlichster Gesinnung für sie erfüllt war. – – –
Sophie stand auf und reckte sich kräftig:
„Ich spüre meine Knochen heute! Komm, Norina, wir machen es uns
drinnen hell und gemütlich. Daß Sie dableiben, Uli, ist doch abgemacht.“
Zeeden verbeugte sich schweigend.
Sophie rückte mit einem energischen Griff den Tisch beiseite, um den
Weg für Nora frei zu machen.
Mette, mit einer plötzlichen Entschlußkraft, die sie sich selbst nicht
erklären konnte, drängte sich neben Nora.
„Darf ich Sie stützen, gnädige Frau?“ Sie meinte, daß man das Schlagen
ihres Herzens in ihrer Stimme hören müßte.
„Oh, danke vielmals – es wird Ihnen zu schwer werden,“ sagte Nora mit
einer liebenswürdigen Befangenheit.
„Sicher nicht,“ beteuerte Mette, „ich bin sehr kräftig. Und wenn nicht
eine ganz besondere Übung dazu gehört ... glauben Sie mir, es würde
meinen Ehrgeiz befriedigen, wenn ich es dürfte. Ich würde mir einbilden,
daß ich zu irgend etwas auf der Welt nütze wäre.“
„Das ist ein unwiderstehliches Argument,“ sagte Sophie, „Ulrich, wollen
Sie dann, bitte, Martha rufen? Oder wollen Sie selbst so gut sein und sich
mit dem Stuhl beladen?“
Zeeden hatte den Stuhl schon ergriffen.
„Warum haben Sie eigentlich keinen Rollstuhl?“ fragte er.
„Kommen Sie mir auch noch damit!“ rief Sophie ärgerlich über die
Schulter zurück, „weil die Dame gehen soll! Sie kann es ja auch sehr gut –
sie hat die gesündesten Beine von der Welt! Sie ist nur zu eitel – sonst
könnte sie meilenweite Spaziergänge unternehmen.“
Mette empfand den Druck des Armes auf ihren stützenden Händen nicht
als übermäßig schwer. Und das Gefühl, helfen zu können, überwog das
Grauen so sehr, daß fast auch das schmerzliche Mitleid erlosch.
In dieser sanften Frau war die Verzweiflung über ihren zerstörten,
gehemmten Körper sicher längst gebrochen, und ihr Leben hatte gute und
schlimme Stunden, wie jedes andere auch. Vielleicht sogar einige gute mehr
und einige schlimme weniger, denn ihre Krankheit hielt sie vor dem
stärksten Anprall niedriger Kräfte geschützt; sie verließ kaum je das Haus,
in dem sie wie eine Königin behandelt wurde, niemand drängte sich zu ihr,
der nicht von freundschaftlichster Gesinnung für sie erfüllt war. – – –
Page 69
Während sie heiter und behaglich beim Essen um den hellen, hübsch
gedeckten Tisch saßen, erinnerte Nora daran, daß Sophie ihr einige
Geschichten aus der „Praxis“ zu erzählen schuldig geblieben sei, und bat
sie, wenn es angängig wäre, jetzt die kleine Gesellschaft damit zu
unterhalten.
„Ach ja, mein Freund, der trauernde Witwer!“ lachte Sophie. „Das ist
wirklich eine hübsche und erfreuliche Geschichte! Wissen Sie,“ sie wandte
sich direkt an Mette, „ich kann es mir nämlich leider immer noch nicht
abgewöhnen – mit ‚meinen Patienten‘ hätt’ ich fast gesagt – mit meinen
Kunden mitzufühlen. Ich kann auch nicht arbeiten, wenn ich nicht ein
bißchen persönlich daran beteiligt bin, ich rede gern mit den Leuten, und sie
reden gern mit mir, manchen ist die Beschäftigung mit diesen letzten
Dingen, dem Letzten, was man einem Geliebten schenken kann, wirklich
eine Erleichterung in ihrem Schmerz ... ja, also, und was ich nun eigentlich
erzählen wollte ... mein Freund, der Witwer!
Vor ... ich weiß nicht mehr genau, wie lange es her ist, kam ein noch
junger Mann zu mir, dem die Frau gestorben war. Der Mann tat mir so leid,
weil ich fühlte, wie er direkt vor Schmerz zerbrochen war. Wirklich, ich
dachte so viel an ihn – wenn ich mich zu Tisch setzte, fiel er mir ein, und
mir quoll direkt der Bissen im Halse, daß ich nicht schlucken konnte. Gelt,
poverina, du hast was auszustehen gehabt mit mir! Er kam sehr oft, ich
legte ihm Zeichnungen vor, wir saßen stundenlang zusammen und
entwarfen und änderten, er zeichnete selbst so ein bißchen, ich glaube, er
hätte am liebsten eine Zelle um das Grabmal gebaut, wo er hätte hausen
können, Tag und Nacht die Aschenurne im Arm.
Na, das dauerte natürlich eine Weile, erst mußte der Stein besorgt
werden, das Modell fertig gemacht und so weiter. Jedesmal, wenn er kam,
war er ein bißchen flüchtiger und uninteressierter und war so halb und halb
geneigt, hier und da eine Verbilligung zu beantragen ... heut’ war er wieder
da, sehr eilig: ‚Sie werden das schon machen, nur daß es nicht zu teuer
kommt!‘ Ich sah ihm nach heut’, zufällig, auf der andern Seite wartete eine
junge Dame auf ihn. Er ging so forsch und aufrecht – als er das erstemal bei
mir war, ging er wie ein Schwerkranker.“
„Erzähl’ auch einmal von deiner Witwe,“ sagte Nora, während sie das
Mundtuch zusammenfaltete und in den Ring schob.
gedeckten Tisch saßen, erinnerte Nora daran, daß Sophie ihr einige
Geschichten aus der „Praxis“ zu erzählen schuldig geblieben sei, und bat
sie, wenn es angängig wäre, jetzt die kleine Gesellschaft damit zu
unterhalten.
„Ach ja, mein Freund, der trauernde Witwer!“ lachte Sophie. „Das ist
wirklich eine hübsche und erfreuliche Geschichte! Wissen Sie,“ sie wandte
sich direkt an Mette, „ich kann es mir nämlich leider immer noch nicht
abgewöhnen – mit ‚meinen Patienten‘ hätt’ ich fast gesagt – mit meinen
Kunden mitzufühlen. Ich kann auch nicht arbeiten, wenn ich nicht ein
bißchen persönlich daran beteiligt bin, ich rede gern mit den Leuten, und sie
reden gern mit mir, manchen ist die Beschäftigung mit diesen letzten
Dingen, dem Letzten, was man einem Geliebten schenken kann, wirklich
eine Erleichterung in ihrem Schmerz ... ja, also, und was ich nun eigentlich
erzählen wollte ... mein Freund, der Witwer!
Vor ... ich weiß nicht mehr genau, wie lange es her ist, kam ein noch
junger Mann zu mir, dem die Frau gestorben war. Der Mann tat mir so leid,
weil ich fühlte, wie er direkt vor Schmerz zerbrochen war. Wirklich, ich
dachte so viel an ihn – wenn ich mich zu Tisch setzte, fiel er mir ein, und
mir quoll direkt der Bissen im Halse, daß ich nicht schlucken konnte. Gelt,
poverina, du hast was auszustehen gehabt mit mir! Er kam sehr oft, ich
legte ihm Zeichnungen vor, wir saßen stundenlang zusammen und
entwarfen und änderten, er zeichnete selbst so ein bißchen, ich glaube, er
hätte am liebsten eine Zelle um das Grabmal gebaut, wo er hätte hausen
können, Tag und Nacht die Aschenurne im Arm.
Na, das dauerte natürlich eine Weile, erst mußte der Stein besorgt
werden, das Modell fertig gemacht und so weiter. Jedesmal, wenn er kam,
war er ein bißchen flüchtiger und uninteressierter und war so halb und halb
geneigt, hier und da eine Verbilligung zu beantragen ... heut’ war er wieder
da, sehr eilig: ‚Sie werden das schon machen, nur daß es nicht zu teuer
kommt!‘ Ich sah ihm nach heut’, zufällig, auf der andern Seite wartete eine
junge Dame auf ihn. Er ging so forsch und aufrecht – als er das erstemal bei
mir war, ging er wie ein Schwerkranker.“
„Erzähl’ auch einmal von deiner Witwe,“ sagte Nora, während sie das
Mundtuch zusammenfaltete und in den Ring schob.
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„Ach ja, das war auch sehr nett. Eine Witwe bestellte bei mir ein sehr
schönes Grabmonument, in einem Stein zwei Urnen, die mit Ketten
zusammengehalten werden sollten. Aber eh’ das Ding noch fertig war, kam
sie ganz verzweifelt zu mir, ob ich es nicht noch ändern könnte: sie hatte
sich wieder verlobt, und wo sollte der arme dritte nun hin, wenn sie mit
Ketten an den ersten geschmiedet wäre? Ich wollte ihr vorschlagen, sie
sollte die beiden Männer in den zusammengeschmiedeten Urnen ruhen
lassen, und ich wollte ihr eine dritte für sie selbst krönend obenauf setzen.“
„Das ist doch aber furchtbar,“ sagte Mette zwischen Lachen und
Verzweiflung.
„Was ist furchtbar?“ fragte Sophie mit etwas spöttischer Ruhe, „daß der
Schmerz nicht ewig dauert? Das alte: tout passe, tout casse, tout lasse? Es
wäre viel furchtbarer, wenn es nicht so wäre! Als Kind habe ich jedesmal
geweint, wenn ich einen Leichenwagen gesehen habe – und zwar nicht aus
Angst, daß ich auch mal sterben würde, sondern aus Mitleid mit den
Leuten, die ihre Angehörigen begraben mußten. Jetzt sehe ich mir das schon
mit bedeutend mehr Ruhe an. Ich habe zu viel Verzweiflung gesehen, die in
ein paar Monaten ausgebrannt war! Man muß sich nur intensiv beschäftigen
mit Dingen, vor denen man ein Grauen hat – schließlich wird einem der Tod
vertraut wie einem Lokomotivführer seine Maschine, vor der sich ein
Fremder auch fürchten kann.“
„Ja,“ sagte Mette eifrig und wurde rot, weil sie daran dachte, wie rasch
sie das Grauen vor Noras Hilflosigkeit überwunden hatte, „das meiste sieht
sich aus der Ferne viel schlimmer an als aus der Nähe.“
„Die meisten schlimmen Dinge im Leben sind wie Nachtgespenster,“
lächelte Sophie mit ernsten, klaren Augen, „es ist etwas unfaßbar
Grauenvolles, und wenn wir darauf losgehen und es packen, ist es ein
Handtuch im Winde.“
„Nicht nur das,“ meinte Zeeden nachdenklich, „es gibt auch Dinge, die
nicht Spuk und Einbildung sind und sich doch von weitem schlimmer
ansehen als aus nächster Nähe. Einfach weil der, der mitten darinsteckt, sie
gar nicht in ihren ganzen Dimensionen überblicken kann. Wer in der Ferne
steht, sieht nur einen Berg des Elends. Wer diesen Berg zu erklimmen hat,
sieht weder die Höhe über sich, noch die Tiefe unter sich: er beobachtet
vielmehr das, was der andere nicht bemerken kann: die kleinen Steine, die
ihn verwunden, und die kleinen Blumen, die am Wegrand blühen.“
schönes Grabmonument, in einem Stein zwei Urnen, die mit Ketten
zusammengehalten werden sollten. Aber eh’ das Ding noch fertig war, kam
sie ganz verzweifelt zu mir, ob ich es nicht noch ändern könnte: sie hatte
sich wieder verlobt, und wo sollte der arme dritte nun hin, wenn sie mit
Ketten an den ersten geschmiedet wäre? Ich wollte ihr vorschlagen, sie
sollte die beiden Männer in den zusammengeschmiedeten Urnen ruhen
lassen, und ich wollte ihr eine dritte für sie selbst krönend obenauf setzen.“
„Das ist doch aber furchtbar,“ sagte Mette zwischen Lachen und
Verzweiflung.
„Was ist furchtbar?“ fragte Sophie mit etwas spöttischer Ruhe, „daß der
Schmerz nicht ewig dauert? Das alte: tout passe, tout casse, tout lasse? Es
wäre viel furchtbarer, wenn es nicht so wäre! Als Kind habe ich jedesmal
geweint, wenn ich einen Leichenwagen gesehen habe – und zwar nicht aus
Angst, daß ich auch mal sterben würde, sondern aus Mitleid mit den
Leuten, die ihre Angehörigen begraben mußten. Jetzt sehe ich mir das schon
mit bedeutend mehr Ruhe an. Ich habe zu viel Verzweiflung gesehen, die in
ein paar Monaten ausgebrannt war! Man muß sich nur intensiv beschäftigen
mit Dingen, vor denen man ein Grauen hat – schließlich wird einem der Tod
vertraut wie einem Lokomotivführer seine Maschine, vor der sich ein
Fremder auch fürchten kann.“
„Ja,“ sagte Mette eifrig und wurde rot, weil sie daran dachte, wie rasch
sie das Grauen vor Noras Hilflosigkeit überwunden hatte, „das meiste sieht
sich aus der Ferne viel schlimmer an als aus der Nähe.“
„Die meisten schlimmen Dinge im Leben sind wie Nachtgespenster,“
lächelte Sophie mit ernsten, klaren Augen, „es ist etwas unfaßbar
Grauenvolles, und wenn wir darauf losgehen und es packen, ist es ein
Handtuch im Winde.“
„Nicht nur das,“ meinte Zeeden nachdenklich, „es gibt auch Dinge, die
nicht Spuk und Einbildung sind und sich doch von weitem schlimmer
ansehen als aus nächster Nähe. Einfach weil der, der mitten darinsteckt, sie
gar nicht in ihren ganzen Dimensionen überblicken kann. Wer in der Ferne
steht, sieht nur einen Berg des Elends. Wer diesen Berg zu erklimmen hat,
sieht weder die Höhe über sich, noch die Tiefe unter sich: er beobachtet
vielmehr das, was der andere nicht bemerken kann: die kleinen Steine, die
ihn verwunden, und die kleinen Blumen, die am Wegrand blühen.“
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„Ja,“ lachte Sophie, „und nun paßt wieder unser beliebtes Wort hierher:
tale è vita. Im Ernst, man denkt viel zu wenig daran, daß das Leben aus
Minuten besteht und nicht aus Jahren. Wenn wir zurücksehen, gleitet es
immer mehr ineinander, wie helle und dunkle Streifen aus der Ferne zu
einer Farbe verschmelzen. Es gibt keine ganz glücklichen Jahre, wie es
keine ganz unglücklichen gibt.“
„Es gibt Jahre,“ sagte Nora leise und stockend, wie gegen ihren eigenen
Willen, „die so voller Verzweiflung sind, daß sie kaum durch eine lichte
Minute aufgehellt werden.“
„In der Erinnerung,“ sagte Sophie mit einer eigenen, sehr festen Güte,
und dann, wie um schnell auf ein anderes Thema zu kommen: „Wissen Sie,
daß ich auch für meine eigne Urne schon Entwürfe gemacht habe? So wie
ich Zeit habe, will ich sie einmal ausführen!“
Mette schien darin eine leichte Grausamkeit gegen Noras Hilflosigkeit zu
liegen.
„Und was sagt Ihre Freundin, wenn Sie sich mit solchen Gedanken
beschäftigen?“ sagte sie, wie um Nora zu schützen.
„Oh, wir machen das zusammen,“ lachte Sophie, „Norina hat sich ihre
Urne auch schon bei mir bestellt!“
„Finden Sie das so schlimm?“ lächelte Nora, „warum soll man nicht sich
selbst sein Bett machen, eh’ man sich schlafen legt? Sie müssen einmal die
Zeichnungen durchsehen, die Sophie schon für uns gemacht hat!“
„Ja, nun haben wir uns fürs erste entschieden!“ sagte Sophie. „Zwei ganz
gleiche Urnen in schönen und glatten Formen, und neben Noras zwei
Putten, die die Urne mit dicken Rosengirlanden bekränzen. Aber keine
geflügelte Genien, sondern richtige, feststehende Kinderkörperchen. Und
aus der andern Urne quillt eine Fülle von Rosen, ein kleiner Putto steht
daneben, fängt sie mit den Armen auf und drückt sie an sich. Sie sehen sehr
lustig aus, wie hübsche heitere Schmuckvasen in einem stillen Garten.“
„Es liegt eine sehr schöne Idee darin,“ sagte Mette nachdenklich.
„Die Idee stammt von Nora,“ wehrte Sophie ab. „Ich möchte mir in
keiner Richtung etwas anmaßen.“ – – –
Als sie nach dem Essen bei einer Tasse Tee und einer Zigarette
beisammensaßen, erschien plötzlich Gisela. Mette konnte sich nicht ganz
tale è vita. Im Ernst, man denkt viel zu wenig daran, daß das Leben aus
Minuten besteht und nicht aus Jahren. Wenn wir zurücksehen, gleitet es
immer mehr ineinander, wie helle und dunkle Streifen aus der Ferne zu
einer Farbe verschmelzen. Es gibt keine ganz glücklichen Jahre, wie es
keine ganz unglücklichen gibt.“
„Es gibt Jahre,“ sagte Nora leise und stockend, wie gegen ihren eigenen
Willen, „die so voller Verzweiflung sind, daß sie kaum durch eine lichte
Minute aufgehellt werden.“
„In der Erinnerung,“ sagte Sophie mit einer eigenen, sehr festen Güte,
und dann, wie um schnell auf ein anderes Thema zu kommen: „Wissen Sie,
daß ich auch für meine eigne Urne schon Entwürfe gemacht habe? So wie
ich Zeit habe, will ich sie einmal ausführen!“
Mette schien darin eine leichte Grausamkeit gegen Noras Hilflosigkeit zu
liegen.
„Und was sagt Ihre Freundin, wenn Sie sich mit solchen Gedanken
beschäftigen?“ sagte sie, wie um Nora zu schützen.
„Oh, wir machen das zusammen,“ lachte Sophie, „Norina hat sich ihre
Urne auch schon bei mir bestellt!“
„Finden Sie das so schlimm?“ lächelte Nora, „warum soll man nicht sich
selbst sein Bett machen, eh’ man sich schlafen legt? Sie müssen einmal die
Zeichnungen durchsehen, die Sophie schon für uns gemacht hat!“
„Ja, nun haben wir uns fürs erste entschieden!“ sagte Sophie. „Zwei ganz
gleiche Urnen in schönen und glatten Formen, und neben Noras zwei
Putten, die die Urne mit dicken Rosengirlanden bekränzen. Aber keine
geflügelte Genien, sondern richtige, feststehende Kinderkörperchen. Und
aus der andern Urne quillt eine Fülle von Rosen, ein kleiner Putto steht
daneben, fängt sie mit den Armen auf und drückt sie an sich. Sie sehen sehr
lustig aus, wie hübsche heitere Schmuckvasen in einem stillen Garten.“
„Es liegt eine sehr schöne Idee darin,“ sagte Mette nachdenklich.
„Die Idee stammt von Nora,“ wehrte Sophie ab. „Ich möchte mir in
keiner Richtung etwas anmaßen.“ – – –
Als sie nach dem Essen bei einer Tasse Tee und einer Zigarette
beisammensaßen, erschien plötzlich Gisela. Mette konnte sich nicht ganz
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klar darüber werden, was sie bei ihrem Anblick empfand. Sie freute sich,
daß sie kam, und zugleich war es ihr störend, durch irgend etwas, selbst
durch eine Freude, aus der behaglichen Ruhe gerissen zu werden. Und
Gisela riß unweigerlich jeden Menschen aus seiner behaglichen Ruhe.
Mette versuchte an diesem Abend zum erstenmal, sich Rechenschaft
darüber zu geben, woher die Unruhe stammte, die Gisela Werkenthin, allen
fühlbar, um sich verbreitete. Sie war nicht laut, nicht einmal sonderlich
gesprächig, sie konnte reglos auf einem Fleck sitzen und vor sich
hinstarren, und trotzdem schien es, als ob die Luft um sie zittere.
Mette fühlte dies Vibrieren in allen Nerven und fühlte das friedevolle
Gefühl immer mehr aufgesogen werden von einer brennenden, prickelnden
Unrast.
Es kam ihr vor, als ob Noras Gesicht die sanfte lächelnde Ergebung nur
wie eine Maske trüge, hinter der grauenvollste Verzweiflung gärte.
Es kam ihr vor, als ob Sophie vergebens mit der Kraft und Ruhe der
Karyatiden sich gegen eine untragbare Last stemmte.
Es kam ihr vor, als ob Ulrich Zeeden hinter seinem gemessenen Wesen
unaufhörlichen, qualvollen Kampf verbarg.
Es schien ihr, als ob Gisela so zerfressen von Schmerz und Leid sei wie
ein Haus, in dem die Flammen wüten, und von dem nur noch die
geschwärzten Mauern stehen, um jeden Augenblick zu völliger Vernichtung
zusammenzustürzen.
Und es war ihr, als ob sie, Mette, von all diesen Unglücklichen die
Unglücklichste sei, da Olga tot war und sie allein gelassen hatte in der Welt,
in einer Welt, die erfüllt war von fremden, bedrohlichen,
schmerzbringenden und angsterregenden Dingen.
Sie hatte es plötzlich eilig, nach Hause zu kommen, schon weil sie zu
bemerken glaubte, daß ihre Wirte nur aus Liebenswürdigkeit und mit
Anstrengung gegen Müdigkeit ankämpften.
Zeeden und Gisela gingen mit, und sie wanderten eine Zeitlang
schweigend durch die stillen Straßen.
Zeeden unterbrach eine lange Stille, indem er sich an Metten, und nur an
Metten mit der Frage wandte:
„Ich darf Sie nach Haus bringen, gnädiges Fräulein?“
„Danke vielmals,“ sagte Mette, „nur, wenn es Ihre Gegend ist – ich
fürchte mich nicht vorm Alleingehen.“
Gisela beugte sich ein wenig vor, um an Mette vorüber zu sprechen.
daß sie kam, und zugleich war es ihr störend, durch irgend etwas, selbst
durch eine Freude, aus der behaglichen Ruhe gerissen zu werden. Und
Gisela riß unweigerlich jeden Menschen aus seiner behaglichen Ruhe.
Mette versuchte an diesem Abend zum erstenmal, sich Rechenschaft
darüber zu geben, woher die Unruhe stammte, die Gisela Werkenthin, allen
fühlbar, um sich verbreitete. Sie war nicht laut, nicht einmal sonderlich
gesprächig, sie konnte reglos auf einem Fleck sitzen und vor sich
hinstarren, und trotzdem schien es, als ob die Luft um sie zittere.
Mette fühlte dies Vibrieren in allen Nerven und fühlte das friedevolle
Gefühl immer mehr aufgesogen werden von einer brennenden, prickelnden
Unrast.
Es kam ihr vor, als ob Noras Gesicht die sanfte lächelnde Ergebung nur
wie eine Maske trüge, hinter der grauenvollste Verzweiflung gärte.
Es kam ihr vor, als ob Sophie vergebens mit der Kraft und Ruhe der
Karyatiden sich gegen eine untragbare Last stemmte.
Es kam ihr vor, als ob Ulrich Zeeden hinter seinem gemessenen Wesen
unaufhörlichen, qualvollen Kampf verbarg.
Es schien ihr, als ob Gisela so zerfressen von Schmerz und Leid sei wie
ein Haus, in dem die Flammen wüten, und von dem nur noch die
geschwärzten Mauern stehen, um jeden Augenblick zu völliger Vernichtung
zusammenzustürzen.
Und es war ihr, als ob sie, Mette, von all diesen Unglücklichen die
Unglücklichste sei, da Olga tot war und sie allein gelassen hatte in der Welt,
in einer Welt, die erfüllt war von fremden, bedrohlichen,
schmerzbringenden und angsterregenden Dingen.
Sie hatte es plötzlich eilig, nach Hause zu kommen, schon weil sie zu
bemerken glaubte, daß ihre Wirte nur aus Liebenswürdigkeit und mit
Anstrengung gegen Müdigkeit ankämpften.
Zeeden und Gisela gingen mit, und sie wanderten eine Zeitlang
schweigend durch die stillen Straßen.
Zeeden unterbrach eine lange Stille, indem er sich an Metten, und nur an
Metten mit der Frage wandte:
„Ich darf Sie nach Haus bringen, gnädiges Fräulein?“
„Danke vielmals,“ sagte Mette, „nur, wenn es Ihre Gegend ist – ich
fürchte mich nicht vorm Alleingehen.“
Gisela beugte sich ein wenig vor, um an Mette vorüber zu sprechen.
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„Machen Sie sich keine Unbequemlichkeiten, Herr Zeeden. Und es wäre
doch sehr unbequem für Sie, wenn Sie jetzt in die Stadt hinein müßten und
nachher wieder nach Ihrer Wohnung zurück. Ich bringe Fräulein Rudloff
nach Hause – wir haben ohnehin denselben Weg.“
Mette schwankte einen Moment, ob sie nicht irgendwie gegen die
Verfügung protestieren sollte. Es war ihr unangenehm, daß Zeeden nun
vielleicht annehmen konnte, sie hätte seine Begleitung abgelehnt, um mit
Gisela allein zu sein. Aber ihn jetzt zum Mitgehen aufzufordern, war wieder
für Gisela eine Beleidigung. Sie schwieg und berief sich mit einem stillen
Trotz darauf, daß ihr ja die Meinung der Leute gleichgültig sein könnte und
sollte.
Zeeden verabschiedete sich an der nächsten Ecke, noch ein wenig steifer
und förmlicher als sonst.
„Mögen Sie ihn?“ fragte Gisela Metten, als er kaum außer Hörweite war.
„Ich kenne ihn ja kaum.“ Mette hob zögernd die Achseln.
„Er mag Sie sicher.“
„Warum denn?“ Mette lachte ein wenig durch die Zähne.
„Warum? Er mag alle Frauen, die ich mag. Darum kann er mich auch
nicht leiden,“ fuhr sie rasch, fast hastig fort, „das heißt, er liebt alle die
Frauen unglücklich ... und kommt niemals los von einer furchtbaren
Geliebten.“
„Wie kann man von einem furchtbaren Menschen nicht loskommen,“
sagte Mette grübelnd, „wenn man überhaupt die Möglichkeit in sich spürt,
andere zu lieben?!“
„Weiß ich?“ Gisela hob gleichmütig die eine Schulter, „man erzählt ja,
daß sie ihn jeden Abend blutig peitscht und daß er ohne das nicht leben
kann! Aber vielleicht hat er auch irgendeine andere Verrücktheit, in der nur
sie ihn versteht. Was bindet denn Menschen überhaupt aneinander? Daß der
eine den versteckten Wahnsinn des andern erkannt hat und ihn füttert und
hervorlockt und ihn liebkost und ihn großzieht – bis er sich gegen seinen
früheren Herrn hetzen läßt wie ein tückischer Hund.“
„Und das ist der Kernpunkt aller menschlichen Beziehungen?“ sagte
Mette traurig und empört. „Mit was für Augen sehen Sie nur die Welt an?“
„Mit ungetrübten!“ lachte Gisela bitter.
„Und Sophie Degebrodt?“ wandte Mette ein, „und Frau von Hersfeld?“
„Sophies Wahnsinn heißt Nora. Und sie ist der glücklichste Mensch, den
ich kenne, weil sie sich ganz auf diesen Wahnsinn konzentrieren kann. Und
doch sehr unbequem für Sie, wenn Sie jetzt in die Stadt hinein müßten und
nachher wieder nach Ihrer Wohnung zurück. Ich bringe Fräulein Rudloff
nach Hause – wir haben ohnehin denselben Weg.“
Mette schwankte einen Moment, ob sie nicht irgendwie gegen die
Verfügung protestieren sollte. Es war ihr unangenehm, daß Zeeden nun
vielleicht annehmen konnte, sie hätte seine Begleitung abgelehnt, um mit
Gisela allein zu sein. Aber ihn jetzt zum Mitgehen aufzufordern, war wieder
für Gisela eine Beleidigung. Sie schwieg und berief sich mit einem stillen
Trotz darauf, daß ihr ja die Meinung der Leute gleichgültig sein könnte und
sollte.
Zeeden verabschiedete sich an der nächsten Ecke, noch ein wenig steifer
und förmlicher als sonst.
„Mögen Sie ihn?“ fragte Gisela Metten, als er kaum außer Hörweite war.
„Ich kenne ihn ja kaum.“ Mette hob zögernd die Achseln.
„Er mag Sie sicher.“
„Warum denn?“ Mette lachte ein wenig durch die Zähne.
„Warum? Er mag alle Frauen, die ich mag. Darum kann er mich auch
nicht leiden,“ fuhr sie rasch, fast hastig fort, „das heißt, er liebt alle die
Frauen unglücklich ... und kommt niemals los von einer furchtbaren
Geliebten.“
„Wie kann man von einem furchtbaren Menschen nicht loskommen,“
sagte Mette grübelnd, „wenn man überhaupt die Möglichkeit in sich spürt,
andere zu lieben?!“
„Weiß ich?“ Gisela hob gleichmütig die eine Schulter, „man erzählt ja,
daß sie ihn jeden Abend blutig peitscht und daß er ohne das nicht leben
kann! Aber vielleicht hat er auch irgendeine andere Verrücktheit, in der nur
sie ihn versteht. Was bindet denn Menschen überhaupt aneinander? Daß der
eine den versteckten Wahnsinn des andern erkannt hat und ihn füttert und
hervorlockt und ihn liebkost und ihn großzieht – bis er sich gegen seinen
früheren Herrn hetzen läßt wie ein tückischer Hund.“
„Und das ist der Kernpunkt aller menschlichen Beziehungen?“ sagte
Mette traurig und empört. „Mit was für Augen sehen Sie nur die Welt an?“
„Mit ungetrübten!“ lachte Gisela bitter.
„Und Sophie Degebrodt?“ wandte Mette ein, „und Frau von Hersfeld?“
„Sophies Wahnsinn heißt Nora. Und sie ist der glücklichste Mensch, den
ich kenne, weil sie sich ganz auf diesen Wahnsinn konzentrieren kann. Und
Page 74
Nora? Was in der vorgeht, weiß kein Mensch. Ich weiß auch nicht, ob sie
glücklich ist.“
„Ich weiß nicht, ob sie glücklich sein kann,“ sagte Mette bedrückt, „es
muß furchtbar sein, wenn man gezwungen ist, immer zu nehmen, ohne zu
geben.“
„Sie weiß, daß sie viel gibt,“ widersprach Gisela, „Sophien alles! Sophie
ist doch erst ein Mensch geworden, an dem Tag, an dem Nora zu ihr kam.
Sie war faul und verbummelt und verschlampt und lebte von Zigaretten und
Alkohol und Kokain. Wir haben uns alle um sie bemüht, wir haben
versucht, sie aufzurütteln – es hat alles nichts genützt.“
„Und Nora,“ fragte Mette, mit stockendem Atem, „war sie damals schon
krank?“
„Als sie kam? Ja, natürlich – sie hatte, glaub’ ich, einen
Selbstmordversuch gemacht. Sie war mit einem Syphilitiker verheiratet und
hatte ein blödsinniges Kind, oder so ähnlich.“
‚Welt,‘ dachte Mette, ‚wo soll ich mich hinflüchten vor dir! Ich möchte
tot sein – ich möchte in einer von Sophiens schönen, steinernen,
rosenbekränzten Urnen schlafen! Wie soll ich fertig werden, ganz allein
fertig werden, mit all dem Furchtbaren, was menschliches Schicksal heißt!‘
Sie gingen eine ganze Weile schweigend, jeder versponnen in seine
eigenen Gedanken.
„Wissen Sie, Mette Rudloff, daß ich auch einen Wahnsinn habe?“ fragte
Giselas Stimme plötzlich, und sie war weicher und klingender als sonst.
Mette erschrak. Sie fürchtete sich davor, Beichten entgegenzunehmen.
Sie dachte: ‚O Gott, jetzt kommt das mit dem Morphium. Was soll ich nur
darauf sagen? Ich kann ihr doch auch nicht helfen!‘
Gisela erwartete keine Antwort. „Ich habe den Wahnsinn,“ fuhr sie fort,
in einem leisen, schwebenden Ton, ohne Mette anzusehen, ohne auch nur
den Kopf nach ihr zu wenden, „ich habe den Wahnsinn, schöne, reine
königliche Frauen zu lieben – immer nur solche, die weit über mir stehen,
immer nur solche, die zu schade für mich sind ... nach meinem eigenen
Urteil zu schade für mich ... Frauen wie Sie, Mette Rudloff!“
Sie waren vor dem Haus angelangt und blieben stehen. Mette zerquälte
sich immer noch um eine Antwort. Sie fand keine. Sie streckte Gisela die
Hand hin, ein wenig scheu, und sagte herzlich:
„Ich danke Ihnen.“
glücklich ist.“
„Ich weiß nicht, ob sie glücklich sein kann,“ sagte Mette bedrückt, „es
muß furchtbar sein, wenn man gezwungen ist, immer zu nehmen, ohne zu
geben.“
„Sie weiß, daß sie viel gibt,“ widersprach Gisela, „Sophien alles! Sophie
ist doch erst ein Mensch geworden, an dem Tag, an dem Nora zu ihr kam.
Sie war faul und verbummelt und verschlampt und lebte von Zigaretten und
Alkohol und Kokain. Wir haben uns alle um sie bemüht, wir haben
versucht, sie aufzurütteln – es hat alles nichts genützt.“
„Und Nora,“ fragte Mette, mit stockendem Atem, „war sie damals schon
krank?“
„Als sie kam? Ja, natürlich – sie hatte, glaub’ ich, einen
Selbstmordversuch gemacht. Sie war mit einem Syphilitiker verheiratet und
hatte ein blödsinniges Kind, oder so ähnlich.“
‚Welt,‘ dachte Mette, ‚wo soll ich mich hinflüchten vor dir! Ich möchte
tot sein – ich möchte in einer von Sophiens schönen, steinernen,
rosenbekränzten Urnen schlafen! Wie soll ich fertig werden, ganz allein
fertig werden, mit all dem Furchtbaren, was menschliches Schicksal heißt!‘
Sie gingen eine ganze Weile schweigend, jeder versponnen in seine
eigenen Gedanken.
„Wissen Sie, Mette Rudloff, daß ich auch einen Wahnsinn habe?“ fragte
Giselas Stimme plötzlich, und sie war weicher und klingender als sonst.
Mette erschrak. Sie fürchtete sich davor, Beichten entgegenzunehmen.
Sie dachte: ‚O Gott, jetzt kommt das mit dem Morphium. Was soll ich nur
darauf sagen? Ich kann ihr doch auch nicht helfen!‘
Gisela erwartete keine Antwort. „Ich habe den Wahnsinn,“ fuhr sie fort,
in einem leisen, schwebenden Ton, ohne Mette anzusehen, ohne auch nur
den Kopf nach ihr zu wenden, „ich habe den Wahnsinn, schöne, reine
königliche Frauen zu lieben – immer nur solche, die weit über mir stehen,
immer nur solche, die zu schade für mich sind ... nach meinem eigenen
Urteil zu schade für mich ... Frauen wie Sie, Mette Rudloff!“
Sie waren vor dem Haus angelangt und blieben stehen. Mette zerquälte
sich immer noch um eine Antwort. Sie fand keine. Sie streckte Gisela die
Hand hin, ein wenig scheu, und sagte herzlich:
„Ich danke Ihnen.“
Page 75
Gisela hob mit einem schmerzlich-spöttischen Lächeln den einen
Mundwinkel:
„Wofür?“
„Daß Sie mich nach Haus gebracht haben ... und für alles ... auch für das,
was Sie eben gesagt haben.“
Mettes Herz schlug zum Zerspringen, aber eigentlich nur in einer Art von
Verlegenheit. Sie hätte die Worte gern zurückgenommen. Es wäre vielleicht
taktvoller gewesen, wenn sie so getan hätte, als hätte sie nichts gehört oder
nichts verstanden.
Gisela wandte den Kopf ein wenig nach der Seite, mit einer
unbeherrschten und fast ungeduldigen Bewegung. Der Schein einer
Straßenlaterne fiel auf ihr Gesicht, das elend und traurig und fast verfallen
aussah.
‚Vielleicht würde es ihr Freude machen, wenn ich sie küßte,‘ dachte
Mette, ‚es ist traurig genug, aber ich tue niemandem weh damit.‘
Sie beugte sich ein wenig, mit einem kleinen, verlegenen Lächeln, und
legte ihren Mund auf Giselas Lippen.
Sie fühlte diese Lippen unter ihrem Mund aufzucken und aufblühen,
scharfe Zähne drängten sich knirschend gegen die ihren, preßten sich in ihre
Lippen.
Eine schmale Hand klammerte sich um ihr Genick, wühlte sich in ihr
Haar, gab sie nicht wieder frei.
Als Mette sich aufrichtete, war ihr ein wenig taumelig.
‚Ich liebe sie nicht,‘ dachte sie traurig, ‚vielleicht liebt sie mich, und ich
liebe sie nicht.‘
„Gute Nacht,“ sagte sie und legte einen Augenblick die Hand zärtlich und
behutsam gegen Giselas Wange. Ihr war, als spräche sie zu einem Kinde:
„Schlafen Sie recht, recht wohl!“
Mundwinkel:
„Wofür?“
„Daß Sie mich nach Haus gebracht haben ... und für alles ... auch für das,
was Sie eben gesagt haben.“
Mettes Herz schlug zum Zerspringen, aber eigentlich nur in einer Art von
Verlegenheit. Sie hätte die Worte gern zurückgenommen. Es wäre vielleicht
taktvoller gewesen, wenn sie so getan hätte, als hätte sie nichts gehört oder
nichts verstanden.
Gisela wandte den Kopf ein wenig nach der Seite, mit einer
unbeherrschten und fast ungeduldigen Bewegung. Der Schein einer
Straßenlaterne fiel auf ihr Gesicht, das elend und traurig und fast verfallen
aussah.
‚Vielleicht würde es ihr Freude machen, wenn ich sie küßte,‘ dachte
Mette, ‚es ist traurig genug, aber ich tue niemandem weh damit.‘
Sie beugte sich ein wenig, mit einem kleinen, verlegenen Lächeln, und
legte ihren Mund auf Giselas Lippen.
Sie fühlte diese Lippen unter ihrem Mund aufzucken und aufblühen,
scharfe Zähne drängten sich knirschend gegen die ihren, preßten sich in ihre
Lippen.
Eine schmale Hand klammerte sich um ihr Genick, wühlte sich in ihr
Haar, gab sie nicht wieder frei.
Als Mette sich aufrichtete, war ihr ein wenig taumelig.
‚Ich liebe sie nicht,‘ dachte sie traurig, ‚vielleicht liebt sie mich, und ich
liebe sie nicht.‘
„Gute Nacht,“ sagte sie und legte einen Augenblick die Hand zärtlich und
behutsam gegen Giselas Wange. Ihr war, als spräche sie zu einem Kinde:
„Schlafen Sie recht, recht wohl!“
Page 76
M ette wollte sich auf ihren Diwan legen.
Sie hatte trotz der frühen Nachmittagsstunde die Lampe angedreht
und die Vorhänge fest zugezogen, um nicht zu sehen, wie der
unermüdliche Herbstregen an den grauen Hofwänden entlang troff und
rieselte.
Sie hatte Kissen und Decken auf den Diwan gehäuft, einen Stuhl in
erreichbare Nähe gerückt, auf dem sie einen ganzen Stoß Bücher
aufschichtete – der Nachmittag war lang, und sie würde keine Lust haben,
aufzustehen ... sie würde auch keine Lust haben, stunden- und stundenlang
sich in ein Buch zu vertiefen. Sie trug ein halb Dutzend Bücher zusammen,
mit dem genießenden Vorgeschmack, mit dem ein Feinschmecker sich ein
erlesenes Mahl zusammenstellt:
Novellen von Herman Bang, Gedichte von Rainer Maria Rilke, einen
Band Dickens – ja, nach Dickens war ihr ganz besonders zumute – dann
wollte sie ein klein wenig Spanisch treiben, in dem bilderreichen Werk über
das Rokoko blättern, ein paar Briefe des Clemens Brentano an Sophie
Mereau lesen. Nein, nicht den Dostojewski, der einen so ganz gefangen
nahm, daß man tage- und wochenlang nicht von ihm loskam – und auch
nicht die „Antikrists mirakler“ – da mußte sie zu oft nach dem Wörterbuch
greifen, um einen Genuß zu haben.
Auf den kleinen, glasbedeckten Tisch am Kopfende stellte sie Zigaretten,
Schokolade und eine Vase mit ein paar blaßrosa, süßduftenden Nelken, die
sie sich heute in der Stadt gekauft hatte.
Als sie sich eben hingelegt hatte, eine leichte Decke über die Füße
gezogen und nach dem obersten Buch griff, klopfte es an die Tür.
Einen Augenblick dachte sie ärgerlich: ‚Warum habe ich nicht
abgeschlossen, dann würd’ ich mich jetzt nicht rühren – da könnte, wer
wollte, an der Tür rütteln.‘
Aber als auf ihr „Herein“ Gisela die Tür öffnete, freute sie sich doch.
„Oh, wie hübsch haben Sie es hier!“ rief Gisela, ehe sie noch guten Tag
sagte. „Nein, ich bitte Sie um Gottes willen, springen Sie nicht auf, sonst
lauf ich gleich wieder hinaus. Sie haben sich’s da so nett bequem gemacht,
nun dürfen Sie sich bitte nicht von mir aus Ihrer Ruhe aufjagen lassen. Ich
Sie hatte trotz der frühen Nachmittagsstunde die Lampe angedreht
und die Vorhänge fest zugezogen, um nicht zu sehen, wie der
unermüdliche Herbstregen an den grauen Hofwänden entlang troff und
rieselte.
Sie hatte Kissen und Decken auf den Diwan gehäuft, einen Stuhl in
erreichbare Nähe gerückt, auf dem sie einen ganzen Stoß Bücher
aufschichtete – der Nachmittag war lang, und sie würde keine Lust haben,
aufzustehen ... sie würde auch keine Lust haben, stunden- und stundenlang
sich in ein Buch zu vertiefen. Sie trug ein halb Dutzend Bücher zusammen,
mit dem genießenden Vorgeschmack, mit dem ein Feinschmecker sich ein
erlesenes Mahl zusammenstellt:
Novellen von Herman Bang, Gedichte von Rainer Maria Rilke, einen
Band Dickens – ja, nach Dickens war ihr ganz besonders zumute – dann
wollte sie ein klein wenig Spanisch treiben, in dem bilderreichen Werk über
das Rokoko blättern, ein paar Briefe des Clemens Brentano an Sophie
Mereau lesen. Nein, nicht den Dostojewski, der einen so ganz gefangen
nahm, daß man tage- und wochenlang nicht von ihm loskam – und auch
nicht die „Antikrists mirakler“ – da mußte sie zu oft nach dem Wörterbuch
greifen, um einen Genuß zu haben.
Auf den kleinen, glasbedeckten Tisch am Kopfende stellte sie Zigaretten,
Schokolade und eine Vase mit ein paar blaßrosa, süßduftenden Nelken, die
sie sich heute in der Stadt gekauft hatte.
Als sie sich eben hingelegt hatte, eine leichte Decke über die Füße
gezogen und nach dem obersten Buch griff, klopfte es an die Tür.
Einen Augenblick dachte sie ärgerlich: ‚Warum habe ich nicht
abgeschlossen, dann würd’ ich mich jetzt nicht rühren – da könnte, wer
wollte, an der Tür rütteln.‘
Aber als auf ihr „Herein“ Gisela die Tür öffnete, freute sie sich doch.
„Oh, wie hübsch haben Sie es hier!“ rief Gisela, ehe sie noch guten Tag
sagte. „Nein, ich bitte Sie um Gottes willen, springen Sie nicht auf, sonst
lauf ich gleich wieder hinaus. Sie haben sich’s da so nett bequem gemacht,
nun dürfen Sie sich bitte nicht von mir aus Ihrer Ruhe aufjagen lassen. Ich
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wollte zu der kleinen Luigi, aber sie ist nicht da, und da wollt’ ich mir
eigentlich nur mal Ihr Zimmer anschauen. Jessas, ist das aufg’räumt bei
Ihnen – so sieht meine Bude nicht an hohen Feiertagen aus!“
„Wenn Sie wollen, daß ich nicht aufstehe,“ sagte Mette lächelnd – sie saß
auf einen Ellbogen gestützt, einen Fuß angezogen, die zurückgeschlagene
Decke in der Hand, immer noch im Begriff aufzuspringen – „dann müssen
Sie schon hierher kommen – sonst muß ich Licht anmachen und Sie
feierlich in einen Sessel nötigen.“
„Nein, nein, ich komm’ schon,“ Gisela lief nach dem Diwan, drückte
Mette auf das Kissen zurück und zog ihr die Decke bis unters Kinn.
„So, meine Schöne, wollten Sie schlafen? Soll ich Sie in den Schlaf
singen und mich dann auf den Zehenspitzen hinausschleichen? Schlaf,
Kindchen, schlaf!“ Sie stützte sich mit einem Knie auf den Diwan, faßte
Mette an beiden Schultern und wiegte sie leise hin und her.
Mette empfand ein leises und nicht unangenehmes Schwindelgefühl. Sie
griff nach den beiden Händen, die auf ihren Schultern lagen, und hielt sie
fest.
„Lassen Sie das,“ sagte sie mit geschlossenen Augen, „mir wird
schwindlig.“
Sie fühlte, daß die schaukelnde Bewegung aufhörte, aber zugleich fühlte
sie einen leichten Atem über ihre Stirn streifen und einen weichen Mund
sehr leise, sehr zärtlich über ihre Schläfen, ihre Wangen, ihre Augenlider
gleiten.
Es war wohltuend, aber sie wehrte sich gegen das Angenehme dieser
Empfindung.
‚Ich liebe sie nicht,‘ dachte sie trotzig, ‚ich habe mich nie nach ihrem
Mund gesehnt – so kann einem Tier zumute sein, wenn es gestreichelt
wird.‘
Der weiche Mund ließ ab von ihrem Gesicht, und Gisela kauerte sich auf
dem Diwan nieder.
Ohne jeden Übergang deutete sie auf die Blumen und fragte:
„Von wem haben Sie die schönen Nelken?“
Mette drehte ein wenig den Kopf, um der Bewegung mit den Augen zu
folgen.
„Von mir,“ lächelte sie.
„Was heißt das?“
„Was das heißt? Ich habe sie mir heute morgen selbst gekauft!“
eigentlich nur mal Ihr Zimmer anschauen. Jessas, ist das aufg’räumt bei
Ihnen – so sieht meine Bude nicht an hohen Feiertagen aus!“
„Wenn Sie wollen, daß ich nicht aufstehe,“ sagte Mette lächelnd – sie saß
auf einen Ellbogen gestützt, einen Fuß angezogen, die zurückgeschlagene
Decke in der Hand, immer noch im Begriff aufzuspringen – „dann müssen
Sie schon hierher kommen – sonst muß ich Licht anmachen und Sie
feierlich in einen Sessel nötigen.“
„Nein, nein, ich komm’ schon,“ Gisela lief nach dem Diwan, drückte
Mette auf das Kissen zurück und zog ihr die Decke bis unters Kinn.
„So, meine Schöne, wollten Sie schlafen? Soll ich Sie in den Schlaf
singen und mich dann auf den Zehenspitzen hinausschleichen? Schlaf,
Kindchen, schlaf!“ Sie stützte sich mit einem Knie auf den Diwan, faßte
Mette an beiden Schultern und wiegte sie leise hin und her.
Mette empfand ein leises und nicht unangenehmes Schwindelgefühl. Sie
griff nach den beiden Händen, die auf ihren Schultern lagen, und hielt sie
fest.
„Lassen Sie das,“ sagte sie mit geschlossenen Augen, „mir wird
schwindlig.“
Sie fühlte, daß die schaukelnde Bewegung aufhörte, aber zugleich fühlte
sie einen leichten Atem über ihre Stirn streifen und einen weichen Mund
sehr leise, sehr zärtlich über ihre Schläfen, ihre Wangen, ihre Augenlider
gleiten.
Es war wohltuend, aber sie wehrte sich gegen das Angenehme dieser
Empfindung.
‚Ich liebe sie nicht,‘ dachte sie trotzig, ‚ich habe mich nie nach ihrem
Mund gesehnt – so kann einem Tier zumute sein, wenn es gestreichelt
wird.‘
Der weiche Mund ließ ab von ihrem Gesicht, und Gisela kauerte sich auf
dem Diwan nieder.
Ohne jeden Übergang deutete sie auf die Blumen und fragte:
„Von wem haben Sie die schönen Nelken?“
Mette drehte ein wenig den Kopf, um der Bewegung mit den Augen zu
folgen.
„Von mir,“ lächelte sie.
„Was heißt das?“
„Was das heißt? Ich habe sie mir heute morgen selbst gekauft!“
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„Seltsam!“ Gisela schüttelte den Kopf. „Erwarten Sie Besuch?“
„Nein, warum denn?“
„Weil das für mich der einzig mögliche Grund wäre, um mir Blumen zu
kaufen und aufs Zimmer zu stellen!“
„Ich habe sie mir gerade gekauft, weil ich dachte, allein zu sein.“
„Es ist sehr lieb von Ihnen, daß Sie nicht sagen: weil ich hoffte ...“
Mette lächelte: „Also, weil ich fürchtete, allein zu sein!“
„Das ist eine höfliche Lüge,“ sagte Gisela, „aber trotzdem – ich bin
schon dankbar, daß ich Ihnen eine Lüge wert bin. Denn ich glaube, Sie
lügen selten.“
„Ich weiß nicht.“ Mette dachte ernstlich darüber nach. „Ich glaube, ich
habe als Kind ziemlich viel gelogen. Überhaupt, solange ich noch in
‚erzieherischen Händen‘ war. Aber es war ein unfrohes und phantasieloses
Lügen – ich habe mir niemals mit Begabung interessante Geschichten
ausgedacht –, es war wohl mehr ein Leugnen, ein sehr standhaftes und
hartnäckiges.“
„Lügen und leugnen – das ist ein himmelweiter Unterschied. Da haben
Sie ganz recht. Aber wenn ein Kind leugnet, heißt es immer ‚es lügt‘ und
‚es ist verlogen‘. Und dabei ist es vielleicht nur schamvoll und
hartschädelig und verbohrt. Ich bin so entsetzlich falsch behandelt worden
als Kind – warum haben Sie keine Kinder? – Sie wären sicher eine gute,
verständnisvolle Mutter.“
„Ich habe noch nicht darüber nachgedacht.“ Mette hob die Achseln. „Ich
habe mir immer eingebildet, jede Mutter wäre gut und verständnisvoll –
aber das mag wohl daran liegen, weil ich meine nie gekannt habe.“
Gisela lachte bitter auf: „Ich wollte, ich hätte meine auch nie gekannt!“
Mette griff fast erschrocken nach Giselas Hand:
„Das klingt furchtbar, wenn Sie so etwas sagen! War sie so schlimm?“
„Schlimm? Oh, gar nicht schlimm!“ In ihrer Stimme tanzte eine
erzwungene Leichtigkeit, „sie war eine brave, tüchtige, vortreffliche Frau.
Aber meinem Vater war sie auch zu brav und vortrefflich. Er hat sie
verlassen und hat sich zwei Jahre später aufgehängt. Und da ich ihm ähnlich
war – schließlich konnte ich nichts dafür, meine Mutter hatte ihn sich ja
zum Gatten ausgesucht und nicht ich ihn mir zum Vater –, aber weil ich so
ganz in die väterliche Familie hineingeschlagen bin, sah mich meine Mutter
schon von vornherein als erblich belastet an. Wissen Sie, es gibt Menschen
– und zu denen gehörte meine Mutter – die sind so sittlich, daß sie überall
„Nein, warum denn?“
„Weil das für mich der einzig mögliche Grund wäre, um mir Blumen zu
kaufen und aufs Zimmer zu stellen!“
„Ich habe sie mir gerade gekauft, weil ich dachte, allein zu sein.“
„Es ist sehr lieb von Ihnen, daß Sie nicht sagen: weil ich hoffte ...“
Mette lächelte: „Also, weil ich fürchtete, allein zu sein!“
„Das ist eine höfliche Lüge,“ sagte Gisela, „aber trotzdem – ich bin
schon dankbar, daß ich Ihnen eine Lüge wert bin. Denn ich glaube, Sie
lügen selten.“
„Ich weiß nicht.“ Mette dachte ernstlich darüber nach. „Ich glaube, ich
habe als Kind ziemlich viel gelogen. Überhaupt, solange ich noch in
‚erzieherischen Händen‘ war. Aber es war ein unfrohes und phantasieloses
Lügen – ich habe mir niemals mit Begabung interessante Geschichten
ausgedacht –, es war wohl mehr ein Leugnen, ein sehr standhaftes und
hartnäckiges.“
„Lügen und leugnen – das ist ein himmelweiter Unterschied. Da haben
Sie ganz recht. Aber wenn ein Kind leugnet, heißt es immer ‚es lügt‘ und
‚es ist verlogen‘. Und dabei ist es vielleicht nur schamvoll und
hartschädelig und verbohrt. Ich bin so entsetzlich falsch behandelt worden
als Kind – warum haben Sie keine Kinder? – Sie wären sicher eine gute,
verständnisvolle Mutter.“
„Ich habe noch nicht darüber nachgedacht.“ Mette hob die Achseln. „Ich
habe mir immer eingebildet, jede Mutter wäre gut und verständnisvoll –
aber das mag wohl daran liegen, weil ich meine nie gekannt habe.“
Gisela lachte bitter auf: „Ich wollte, ich hätte meine auch nie gekannt!“
Mette griff fast erschrocken nach Giselas Hand:
„Das klingt furchtbar, wenn Sie so etwas sagen! War sie so schlimm?“
„Schlimm? Oh, gar nicht schlimm!“ In ihrer Stimme tanzte eine
erzwungene Leichtigkeit, „sie war eine brave, tüchtige, vortreffliche Frau.
Aber meinem Vater war sie auch zu brav und vortrefflich. Er hat sie
verlassen und hat sich zwei Jahre später aufgehängt. Und da ich ihm ähnlich
war – schließlich konnte ich nichts dafür, meine Mutter hatte ihn sich ja
zum Gatten ausgesucht und nicht ich ihn mir zum Vater –, aber weil ich so
ganz in die väterliche Familie hineingeschlagen bin, sah mich meine Mutter
schon von vornherein als erblich belastet an. Wissen Sie, es gibt Menschen
– und zu denen gehörte meine Mutter – die sind so sittlich, daß sie überall
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Unsittlichkeiten wittern. Wir mußten mit den Händen auf der Bettdecke
schlafen, und wenn wir es einmal im Schlaf vergaßen, und meine Mutter
kam, um zu kontrollieren, dann riß sie uns die Decken weg. Ich schwöre
Ihnen, ich wußte nicht einmal, warum sie das tat.“
Mette wußte es auch nicht, aber sie fragte auch nicht, weil sie sich
schämte, ihre Unwissenheit einzugestehen und mehr noch, weil sie ahnte,
daß eine Erklärung ihr peinlich sein würde.
„Das war der Anfang.“ Gisela sprang auf und begann, ruhelos mit
unhörbaren Schritten auf dem dicken Teppich hin und her zu gehen. „Und
dann ging es weiter. Mit vierzehn hatt’ ich meine ersten heimlichen
Rendezvous. Mit einem Tanzstundenjüngling, einem kleinen Gymnasiasten,
der womöglich noch harmloser und idealer war als ich. Wie diese Untat ans
Licht kam, wurde ich einem furchtbaren Verhör unterworfen: Ob wir uns
geküßt hätten, ob wir uns umarmt hätten, und wann und wo und wie ... ich
bin dadurch erst auf den Gedanken dieser Möglichkeiten gekommen ...
Genau so wie in der Schule: dicht neben der Schule war ein Papierladen,
wo wir immer unsere Hefte kauften. Der Mann hatte Ansichtskarten im
Schaufenster, und dabei ein nacktes Frauenbild – die Reproduktion
irgendeines Kunstwerkes. Aus dieser Postkarte wurde ein fürchterlicher cas
gemacht. Es wurde herausgepreßt, wer von den Mädels vor diesem
Schaufenster stehengeblieben war; Eltern und Lehrer gingen gemeinsam
vor und zwangen den Mann, alle anstößigen Bilder aus seinem Laden zu
entfernen. Widrigenfalls uns anbefohlen wurde, ihn zu boykottieren. Was
war die Folge? Es wurde geradezu Sport bei uns, uns irgendwelche
Aktbilder zu verschaffen – in der Religionsstunde zirkulierten sie dann
unter den Tischen, mit Unterschriften und Bemerkungen versehen – es war
wie ein ansteckendes Fieber in der ganzen Klasse, aber den Bazillus hatte
man mühsam hineingetragen.
Vielleicht war in einigen unter uns, vielleicht in vielen, eine mühsam
zurückgedämmte, unreife Sinnlichkeit – aber Kinder sind lange nicht so
schamlos wie Erwachsene und fürchten sich viel mehr, zurückgewiesen zu
werden – durch das allgemeine Gespräch über das ‚unsittliche‘ Bild wurden
alle Hemmungen übersprungen ... es sprach natürlich jetzt jeder mit jedem
von ‚so etwas‘.
Ich habe mich gewehrt, kann ich Ihnen sagen, ich wollte nichts damit zu
tun haben – vielleicht hab’ ich mich aus Angst gewehrt, weil ich fühlte, daß
mir Schicksal werden könnte, was den andern nur Spielerei war ... wissen
schlafen, und wenn wir es einmal im Schlaf vergaßen, und meine Mutter
kam, um zu kontrollieren, dann riß sie uns die Decken weg. Ich schwöre
Ihnen, ich wußte nicht einmal, warum sie das tat.“
Mette wußte es auch nicht, aber sie fragte auch nicht, weil sie sich
schämte, ihre Unwissenheit einzugestehen und mehr noch, weil sie ahnte,
daß eine Erklärung ihr peinlich sein würde.
„Das war der Anfang.“ Gisela sprang auf und begann, ruhelos mit
unhörbaren Schritten auf dem dicken Teppich hin und her zu gehen. „Und
dann ging es weiter. Mit vierzehn hatt’ ich meine ersten heimlichen
Rendezvous. Mit einem Tanzstundenjüngling, einem kleinen Gymnasiasten,
der womöglich noch harmloser und idealer war als ich. Wie diese Untat ans
Licht kam, wurde ich einem furchtbaren Verhör unterworfen: Ob wir uns
geküßt hätten, ob wir uns umarmt hätten, und wann und wo und wie ... ich
bin dadurch erst auf den Gedanken dieser Möglichkeiten gekommen ...
Genau so wie in der Schule: dicht neben der Schule war ein Papierladen,
wo wir immer unsere Hefte kauften. Der Mann hatte Ansichtskarten im
Schaufenster, und dabei ein nacktes Frauenbild – die Reproduktion
irgendeines Kunstwerkes. Aus dieser Postkarte wurde ein fürchterlicher cas
gemacht. Es wurde herausgepreßt, wer von den Mädels vor diesem
Schaufenster stehengeblieben war; Eltern und Lehrer gingen gemeinsam
vor und zwangen den Mann, alle anstößigen Bilder aus seinem Laden zu
entfernen. Widrigenfalls uns anbefohlen wurde, ihn zu boykottieren. Was
war die Folge? Es wurde geradezu Sport bei uns, uns irgendwelche
Aktbilder zu verschaffen – in der Religionsstunde zirkulierten sie dann
unter den Tischen, mit Unterschriften und Bemerkungen versehen – es war
wie ein ansteckendes Fieber in der ganzen Klasse, aber den Bazillus hatte
man mühsam hineingetragen.
Vielleicht war in einigen unter uns, vielleicht in vielen, eine mühsam
zurückgedämmte, unreife Sinnlichkeit – aber Kinder sind lange nicht so
schamlos wie Erwachsene und fürchten sich viel mehr, zurückgewiesen zu
werden – durch das allgemeine Gespräch über das ‚unsittliche‘ Bild wurden
alle Hemmungen übersprungen ... es sprach natürlich jetzt jeder mit jedem
von ‚so etwas‘.
Ich habe mich gewehrt, kann ich Ihnen sagen, ich wollte nichts damit zu
tun haben – vielleicht hab’ ich mich aus Angst gewehrt, weil ich fühlte, daß
mir Schicksal werden könnte, was den andern nur Spielerei war ... wissen
Page 80
Sie, wie Kinder in solchen Fällen sind? Oh, so grausam, so wollüstig, so
sadistisch ... weil ich mich wehrte, wurde ich verfolgt ... die ganze Klasse
war gegen mich verschworen; ich mußte sehen, was ich nicht sehen wollte,
ich mußte hören, was ich nicht hören wollte, ich mußte tun, was ich nicht
tun wollte – ich wurde in einen Kessel hineingetrieben, aus dem ich nicht
wieder herausfand.“
Sie faltete die Hände und riß die Finger wieder auseinander, daß die
dünnen Gelenke knackten, als wollten sie zerbrechen.
„Nein, wie kann man sich nur selber Blumen kaufen,“ sagte sie plötzlich,
vor den Nelken stehenbleibend, „warum tun Sie das? Haben Sie an
irgendeinen Menschen gedacht, dem Sie sie bringen wollten? Und haben es
dann vielleicht nur nicht getan, weil – ja, vielleicht, weil Sie gerade
verstimmt miteinander sind.“
„Ich habe keinen Menschen auf der Welt, dem ich Blumen bringen
könnte,“ sagte Mette bitter, „höchstens ein Grab, und das kann ich nicht
erreichen.“
Sie wußte selbst nicht, wie sie dazu kam, das auszusprechen. Sie wurde
glühend rot bei dem Gedanken, daß sie in den Fehler der Vertraulichkeit
verfallen könnte – einen Fehler, den sie andern mit einer gewissen
überlegenen Nachsicht verzieh, den sie an sich selbst so haßte, daß sie
wochenlang keine Ruhe fand, wenn sie sich einmal darauf ertappte.
Vielleicht aber war es nicht einmal das Bedürfnis, sich anzuvertrauen.
Vielleicht war es schlimmeres als das. Vielleicht war es irgendwo – noch
ganz im Unbewußten – der Wunsch, sich mit diesem heiligen,
vernichtenden Schmerz zu drapieren, sich einen neuen, mystischen Reiz zu
geben in den Augen dieser ... dieser ...
In diesem Augenblick haßte Mette Gisela Werkenthin.
Es war, als ob Gisela diese Regung fühlte. Sie hatte eine Bewegung
begonnen, als wolle sie auf Mette losstürzen, sie mit tröstender, mitleidiger
Zärtlichkeit überschütten – und unterbrach sich, um mit gesenktem Kopf
und ineinandergeschlungenen Händen sich auf das Fußende des Diwans zu
kauern.
„Versprechen Sie mir eines,“ sagte sie leise und wie mit einer niemals
aufzuhellenden Freudlosigkeit in der Stimme, „wenn ich einmal tot bin,
legen Sie mir Blumen aufs Grab. Nicht zum Begräbnis und nicht einen
großen bestellten Kranz.
sadistisch ... weil ich mich wehrte, wurde ich verfolgt ... die ganze Klasse
war gegen mich verschworen; ich mußte sehen, was ich nicht sehen wollte,
ich mußte hören, was ich nicht hören wollte, ich mußte tun, was ich nicht
tun wollte – ich wurde in einen Kessel hineingetrieben, aus dem ich nicht
wieder herausfand.“
Sie faltete die Hände und riß die Finger wieder auseinander, daß die
dünnen Gelenke knackten, als wollten sie zerbrechen.
„Nein, wie kann man sich nur selber Blumen kaufen,“ sagte sie plötzlich,
vor den Nelken stehenbleibend, „warum tun Sie das? Haben Sie an
irgendeinen Menschen gedacht, dem Sie sie bringen wollten? Und haben es
dann vielleicht nur nicht getan, weil – ja, vielleicht, weil Sie gerade
verstimmt miteinander sind.“
„Ich habe keinen Menschen auf der Welt, dem ich Blumen bringen
könnte,“ sagte Mette bitter, „höchstens ein Grab, und das kann ich nicht
erreichen.“
Sie wußte selbst nicht, wie sie dazu kam, das auszusprechen. Sie wurde
glühend rot bei dem Gedanken, daß sie in den Fehler der Vertraulichkeit
verfallen könnte – einen Fehler, den sie andern mit einer gewissen
überlegenen Nachsicht verzieh, den sie an sich selbst so haßte, daß sie
wochenlang keine Ruhe fand, wenn sie sich einmal darauf ertappte.
Vielleicht aber war es nicht einmal das Bedürfnis, sich anzuvertrauen.
Vielleicht war es schlimmeres als das. Vielleicht war es irgendwo – noch
ganz im Unbewußten – der Wunsch, sich mit diesem heiligen,
vernichtenden Schmerz zu drapieren, sich einen neuen, mystischen Reiz zu
geben in den Augen dieser ... dieser ...
In diesem Augenblick haßte Mette Gisela Werkenthin.
Es war, als ob Gisela diese Regung fühlte. Sie hatte eine Bewegung
begonnen, als wolle sie auf Mette losstürzen, sie mit tröstender, mitleidiger
Zärtlichkeit überschütten – und unterbrach sich, um mit gesenktem Kopf
und ineinandergeschlungenen Händen sich auf das Fußende des Diwans zu
kauern.
„Versprechen Sie mir eines,“ sagte sie leise und wie mit einer niemals
aufzuhellenden Freudlosigkeit in der Stimme, „wenn ich einmal tot bin,
legen Sie mir Blumen aufs Grab. Nicht zum Begräbnis und nicht einen
großen bestellten Kranz.
Page 81
Ich denke es mir so schön, wenn ich Besuch bekomme, wenn ich schon
lange da liege und schlafe – ich liebe Friedhöfe so ... am meisten, wenn sie
ein bißchen verwildert sind, ich möchte kein wohlgepflegtes Prunkgrab –
einen grauen Stein, schon halb eingesunken und halb mit Efeu überwuchert
... und dann eine schöne Frau im weißen Kleid, die davor steht – nur eine
Minute an mich denkt – nicht mit Schmerz, nur mit einer milden Wehmut,
und eine Handvoll Blumen über mich streut – ich werde es fühlen, oh, ganz
gewiß, ich werde es fühlen.“
Mette richtete sich auf und faßte sie rüttelnd an beiden Schultern.
„Kind!“ sagte sie, „und darum ersuchen Sie mich? Ich werde meine
Enkelin beauftragen! Wenn der Stein auf Ihrem Grabe eingesunken ist,
flattert meine Asche längst im Winde.“
„Wie lange dauert es, bis ein Stein einsinkt?“ fragte Gisela in einem so
komisch-ungeduldigen Klageton, daß Mette auflachte.
„Noch sind Sie ja nicht tot und begraben,“ sagte sie tröstend.
Da sprühten ihr die dunklen Augen wie mit einem plötzlichen
Aufflackern entgegen:
„Leider!“ sagte die tonlose Stimme, fast zischend vor Bitterkeit.
Wieder war in Mette eine leise Abwehr.
‚Sie hat sicher kein Recht, so zu sprechen,‘ dachte sie, ‚sie hat sicher
nicht so Schweres erlitten ... aber schließlich, wer will abmessen, was
einem das Recht auf Verzweiflung gibt, und vielleicht macht es noch viel,
viel müder, gegen sich selbst zu kämpfen, als gegen das Schicksal.‘
Da wich die Abwehr, und es war nur ein heißes, hilfloses Mitleid in ihr.
Sie fing an, mit zaghaften Händen das weiche, wirre, dunkle Haar aus der
weißen Stirn vor ihr zu streichen. Die brennenden Augen schlossen sich,
und auf das schmale Gesicht trat der Ausdruck einer stillen, sehnsüchtigen
Seligkeit.
Da Gisela reglos stillhielt und kein Atemzug, kein Pulsen der Adern zu
spüren war, überkam Metten ein unheimliches Gefühl.
„Machen Sie die Augen auf,“ bat sie ängstlich, „es macht, glaub’ ich, dies
verwünschte violette Licht – Sie sehen aus wie eine marmorne
Totenmaske.“
Die breiten Lider hoben sich schwerfällig. In den weit offenen Augen war
eine schachttiefe, lichtlose Leere, in die erst allmählich Blick und Leben
wiederkehrte.
lange da liege und schlafe – ich liebe Friedhöfe so ... am meisten, wenn sie
ein bißchen verwildert sind, ich möchte kein wohlgepflegtes Prunkgrab –
einen grauen Stein, schon halb eingesunken und halb mit Efeu überwuchert
... und dann eine schöne Frau im weißen Kleid, die davor steht – nur eine
Minute an mich denkt – nicht mit Schmerz, nur mit einer milden Wehmut,
und eine Handvoll Blumen über mich streut – ich werde es fühlen, oh, ganz
gewiß, ich werde es fühlen.“
Mette richtete sich auf und faßte sie rüttelnd an beiden Schultern.
„Kind!“ sagte sie, „und darum ersuchen Sie mich? Ich werde meine
Enkelin beauftragen! Wenn der Stein auf Ihrem Grabe eingesunken ist,
flattert meine Asche längst im Winde.“
„Wie lange dauert es, bis ein Stein einsinkt?“ fragte Gisela in einem so
komisch-ungeduldigen Klageton, daß Mette auflachte.
„Noch sind Sie ja nicht tot und begraben,“ sagte sie tröstend.
Da sprühten ihr die dunklen Augen wie mit einem plötzlichen
Aufflackern entgegen:
„Leider!“ sagte die tonlose Stimme, fast zischend vor Bitterkeit.
Wieder war in Mette eine leise Abwehr.
‚Sie hat sicher kein Recht, so zu sprechen,‘ dachte sie, ‚sie hat sicher
nicht so Schweres erlitten ... aber schließlich, wer will abmessen, was
einem das Recht auf Verzweiflung gibt, und vielleicht macht es noch viel,
viel müder, gegen sich selbst zu kämpfen, als gegen das Schicksal.‘
Da wich die Abwehr, und es war nur ein heißes, hilfloses Mitleid in ihr.
Sie fing an, mit zaghaften Händen das weiche, wirre, dunkle Haar aus der
weißen Stirn vor ihr zu streichen. Die brennenden Augen schlossen sich,
und auf das schmale Gesicht trat der Ausdruck einer stillen, sehnsüchtigen
Seligkeit.
Da Gisela reglos stillhielt und kein Atemzug, kein Pulsen der Adern zu
spüren war, überkam Metten ein unheimliches Gefühl.
„Machen Sie die Augen auf,“ bat sie ängstlich, „es macht, glaub’ ich, dies
verwünschte violette Licht – Sie sehen aus wie eine marmorne
Totenmaske.“
Die breiten Lider hoben sich schwerfällig. In den weit offenen Augen war
eine schachttiefe, lichtlose Leere, in die erst allmählich Blick und Leben
wiederkehrte.
Page 82
„Glauben Sie mir, kleine Mette,“ sagte sie mit ihrer leisen, kranken
Kinderstimme, „ich werde sehr bald tot sein.“
„Was denken Sie sich unter ‚tot sein‘,“ fragte Mette zaghaft.
„Eine tiefe, kühle, unzerstörbare Ruhe.“ Sie schloß die Augen, und sofort
glich ihr Gesicht wieder einer marmornen Maske.
„Ewige Ruhe – das war schon in meiner Kindheit wie eine Melodie, wie
ein süßes, geheimnisvolles, verlockendes Lied – als ich ganz klein war und
mir gar nichts dabei denken konnte, hab’ ich es gehört – es war ein
typischer Ausdruck meiner Mutter: der oder der ist zur ewigen Ruhe
eingegangen. Und es hat mich nicht mehr verlassen, ich hab’ es mir immer
gewünscht: zur ewigen Ruhe einzugehen.“
Ihre hohe Stimme hatte einen verschwebenden körperlosen Ton.
Unter den langen dunklen Wimpern, die wie Schatten auf den schmalen
Wangen lagen, begann es zu blinken, zu glitzern, ein paar Tropfen lösten
sich und perlten herunter.
Mette hatte immer noch die beiden Hände um die blaugeäderten Schläfen
geschlossen.
„Nein,“ sagte sie, und ohne selbst zu wissen, was sie mit diesem ‚nein‘
meinte, „nein, nein, nein!“
Die Lider hoben sich wie ein Vorhang, und die Augen, ganz erfüllt mit
Tränen, in denen das Licht sich brach, schienen noch größer, noch
brennender als sonst.
„Nein,“ sagte Gisela, „nein, nein, nein! Noch keine ewige Ruhe, kleine
Mette, kleine süße schöne Mette! Aus deinen Fingerspitzen strömt Leben,
auf deinen Lippen blüht Leben, aus deinen Augen strahlt Leben. Mir ist, als
ob ich schon tot wäre, und du rührtest mich an und sagtest: steh auf und
wandle! Oh, wie schwer muß es sein, aus einem schmalen, kühlen Sarge
wieder aufzustehen, weil es einem Wundertäter so gefällt!
Ich bin gestorben, kleine Mette, an einer tödlichen Krankheit gestorben,
die Fiametta heißt. Wenn du Tote beschwören willst, kleine Zauberin, dann
mußt du sie mit deinem Blute nähren, das weißt du doch. Wenn ich leben
soll, dann muß ich von deinem Leben trinken.“
Die schmalen Hände krallten sich wie Raubtierpranken in Mettes
Schultern und preßten sie zurück auf die Kissen – auf dem ihren
ausgestreckt lag der leichte sehnige Körper, dicht über dem ihren schwebte
das weiße Gesicht mit den brennenden Augen.
Kinderstimme, „ich werde sehr bald tot sein.“
„Was denken Sie sich unter ‚tot sein‘,“ fragte Mette zaghaft.
„Eine tiefe, kühle, unzerstörbare Ruhe.“ Sie schloß die Augen, und sofort
glich ihr Gesicht wieder einer marmornen Maske.
„Ewige Ruhe – das war schon in meiner Kindheit wie eine Melodie, wie
ein süßes, geheimnisvolles, verlockendes Lied – als ich ganz klein war und
mir gar nichts dabei denken konnte, hab’ ich es gehört – es war ein
typischer Ausdruck meiner Mutter: der oder der ist zur ewigen Ruhe
eingegangen. Und es hat mich nicht mehr verlassen, ich hab’ es mir immer
gewünscht: zur ewigen Ruhe einzugehen.“
Ihre hohe Stimme hatte einen verschwebenden körperlosen Ton.
Unter den langen dunklen Wimpern, die wie Schatten auf den schmalen
Wangen lagen, begann es zu blinken, zu glitzern, ein paar Tropfen lösten
sich und perlten herunter.
Mette hatte immer noch die beiden Hände um die blaugeäderten Schläfen
geschlossen.
„Nein,“ sagte sie, und ohne selbst zu wissen, was sie mit diesem ‚nein‘
meinte, „nein, nein, nein!“
Die Lider hoben sich wie ein Vorhang, und die Augen, ganz erfüllt mit
Tränen, in denen das Licht sich brach, schienen noch größer, noch
brennender als sonst.
„Nein,“ sagte Gisela, „nein, nein, nein! Noch keine ewige Ruhe, kleine
Mette, kleine süße schöne Mette! Aus deinen Fingerspitzen strömt Leben,
auf deinen Lippen blüht Leben, aus deinen Augen strahlt Leben. Mir ist, als
ob ich schon tot wäre, und du rührtest mich an und sagtest: steh auf und
wandle! Oh, wie schwer muß es sein, aus einem schmalen, kühlen Sarge
wieder aufzustehen, weil es einem Wundertäter so gefällt!
Ich bin gestorben, kleine Mette, an einer tödlichen Krankheit gestorben,
die Fiametta heißt. Wenn du Tote beschwören willst, kleine Zauberin, dann
mußt du sie mit deinem Blute nähren, das weißt du doch. Wenn ich leben
soll, dann muß ich von deinem Leben trinken.“
Die schmalen Hände krallten sich wie Raubtierpranken in Mettes
Schultern und preßten sie zurück auf die Kissen – auf dem ihren
ausgestreckt lag der leichte sehnige Körper, dicht über dem ihren schwebte
das weiße Gesicht mit den brennenden Augen.
Page 83
Angst, Grauen, Widerwillen, Mitleid, Zärtlichkeit und das betörende
Brausen des eignen und des fremden Blutes stürzten zusammen zu einem
tosenden Wirbel, der jeden Gedanken in einem buntschäumenden Abgrund
verschlang.
Brausen des eignen und des fremden Blutes stürzten zusammen zu einem
tosenden Wirbel, der jeden Gedanken in einem buntschäumenden Abgrund
verschlang.
Page 84
Deine arme silberne Seele
atmet so schwer in Blut ...
atmet so schwer in Blut ...
Page 85
M ette saß in Sophiens Werkstatt auf einem Marmorblock und spielte
mit kleinen Klumpen feuchten Tons, die sie zu allerhand
wunderlichen Gebilden formte.
Sophie sah manchmal mit einem raschen Blick von der Arbeit auf und
auf Mettes spielende Finger.
„Du hast Talent,“ sagte sie mit gutmütigem Spott, „was machst du da
eigentlich? Es sieht aus wie Wasserspeier von einem gotischen Dom! Oder
sind es Seepferdchen?“
„Ich weiß nicht,“ sagte Mette, ohne aufzusehen, „vielleicht ein Symbol
meines Lebens. Mir schwebt irgend etwas vor, aber ich sehe es nicht klar.
Ich knete und knete daran herum und denke, ihm eine Form zu geben ... und
wenn man es bei Licht besieht ... sind es Fratzen.“
Sie ballte die Klümpchen in der Hand zusammen und schleuderte sie in
eine Ecke.
Sophie legte ihr Arbeitszeug aus der Hand und kam ein paar Schritte
näher.
„Willst du dein Leben auch so beiseite werfen, wenn es dir nicht gleich
gelingt?“ fragte sie mit lächelndem Ernst.
„Warum nicht?“ erwiderte Mette, „glaubst du, daß ein Menschenleben
mehr wert ist, als ein Klümpchen Ton? Es kann das Höchste daraus werden,
wenn ein formender Wille es in die Hand nimmt – aber wenn ungeschickte
Finger daran herumstümpern und doch nichts zu Wege bringen – dann in
die Ecke damit.“
„Ja, da hast du recht – das Material ist wertlos – erst die Idee gibt ihm
den Stempel.“
Sophie ging an den Waschtisch und ließ das Wasser über die Finger
rieseln, trocknete die Hände und zog den Leinenkittel aus.
„Willst du schon aufhören?“ fragte Mette erstaunt.
„Ja, dein Gesicht gefällt mir heut nicht,“ gab Sophie zurück, während sie
die feuchten Tücher um das Tonmodell wickelte. „Ich will dich nicht so der
Nachwelt überliefern!“
Sie ging auf Mette zu und faßte sie fest an beiden Schultern, um sie ein
bißchen zu rütteln.
mit kleinen Klumpen feuchten Tons, die sie zu allerhand
wunderlichen Gebilden formte.
Sophie sah manchmal mit einem raschen Blick von der Arbeit auf und
auf Mettes spielende Finger.
„Du hast Talent,“ sagte sie mit gutmütigem Spott, „was machst du da
eigentlich? Es sieht aus wie Wasserspeier von einem gotischen Dom! Oder
sind es Seepferdchen?“
„Ich weiß nicht,“ sagte Mette, ohne aufzusehen, „vielleicht ein Symbol
meines Lebens. Mir schwebt irgend etwas vor, aber ich sehe es nicht klar.
Ich knete und knete daran herum und denke, ihm eine Form zu geben ... und
wenn man es bei Licht besieht ... sind es Fratzen.“
Sie ballte die Klümpchen in der Hand zusammen und schleuderte sie in
eine Ecke.
Sophie legte ihr Arbeitszeug aus der Hand und kam ein paar Schritte
näher.
„Willst du dein Leben auch so beiseite werfen, wenn es dir nicht gleich
gelingt?“ fragte sie mit lächelndem Ernst.
„Warum nicht?“ erwiderte Mette, „glaubst du, daß ein Menschenleben
mehr wert ist, als ein Klümpchen Ton? Es kann das Höchste daraus werden,
wenn ein formender Wille es in die Hand nimmt – aber wenn ungeschickte
Finger daran herumstümpern und doch nichts zu Wege bringen – dann in
die Ecke damit.“
„Ja, da hast du recht – das Material ist wertlos – erst die Idee gibt ihm
den Stempel.“
Sophie ging an den Waschtisch und ließ das Wasser über die Finger
rieseln, trocknete die Hände und zog den Leinenkittel aus.
„Willst du schon aufhören?“ fragte Mette erstaunt.
„Ja, dein Gesicht gefällt mir heut nicht,“ gab Sophie zurück, während sie
die feuchten Tücher um das Tonmodell wickelte. „Ich will dich nicht so der
Nachwelt überliefern!“
Sie ging auf Mette zu und faßte sie fest an beiden Schultern, um sie ein
bißchen zu rütteln.
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„Was hast du nur, Mädel,“ fragte sie eindringlich, „kannst du den Kopf
nicht mehr gerade auf den Schultern halten? Kannst du nicht mehr
geradeaus in die Welt sehen mit deinen schönen klaren Augen?“
Mette legte beide Hände auf Sophiens haltende Arme und versuchte, zu
lächeln.
„Erzähl’ mir etwas, Sophus,“ bat sie.
„Nein, du sollst mir ja erzählen“ – bestand Sophie, „was hast du? Was
fehlt dir?“
„Ich habe nichts – und mir fehlt nichts.“
„Du wirst mir doch nicht vorreden wollen, daß du wunschlos glücklich
bist?!“
„Glücklich – nein! Aber wunschlos.“
„Das ist schlimm,“ sagte Sophie ernsthaft, „das ist der schlimmste
Zustand, den ich kenne: nicht glücklich sein und doch wunschlos. Das hab’
ich auch einmal durchgemacht – monatelang, jahrelang – dabei wär’ ich
auch beinah zugrunde gegangen ...“
Mette dachte an das, was sie von Gisela gehört hatte.
„Aber dann?“ fragte sie voll Spannung.
„Dann,“ lächelte Sophie, „ja, dann kam es wieder anders!“
„Du magst wohl nicht mit mir darüber sprechen?“
„Aber Kind,“ Sophie faßte herzlich ihre beiden Hände, „mit dir lieber, als
mit irgendeinem Menschen auf der Welt! Ich hab’ gar kein Talent und gar
keine Lust, mich auf Geheimnisse zu frisieren! Ich finde nur die Leute so
gräßlich uninteressant, die immer von ihrem lieben kleinen Ich erzählen.“
„Sieh mal,“ sagte Mette zaghaft, „ich mag wirklich nicht gern um
Vertrauen betteln, oder neugierige Fragen stellen. Aber ich habe manchmal
das Gefühl, ich möchte dich rütteln und dich anschreien: gib dein
Geheimnis heraus! Wie hast du es angestellt, so zu werden, wie du bist?
Kann man so werden, wie du? So ruhegebend, so Harmonie ausstrahlend,
so in sich gerundet und vollendet? Liegt es daran, daß du so glücklich bist?
Und bist du überhaupt so glücklich?“
„Ich habe, was ich wollte!“ Sophiens Augen sahen groß und mit
fanatischem Ausdruck ins Leere. „Oh, und ich habe so gewollt – was wißt
ihr alle davon – ihr könnt ja gar nicht wollen. Ich habe Nora gewollt, immer
und immer. Ich habe keine Kindheitserinnerung, die vor dieser Zeit war.
Nora ist zehn Jahre älter als ich. Und ich weiß noch, als sie zuerst zu uns
herüber kam, um mit meinen Brüdern auf unserm Tennisplatz zu spielen, da
nicht mehr gerade auf den Schultern halten? Kannst du nicht mehr
geradeaus in die Welt sehen mit deinen schönen klaren Augen?“
Mette legte beide Hände auf Sophiens haltende Arme und versuchte, zu
lächeln.
„Erzähl’ mir etwas, Sophus,“ bat sie.
„Nein, du sollst mir ja erzählen“ – bestand Sophie, „was hast du? Was
fehlt dir?“
„Ich habe nichts – und mir fehlt nichts.“
„Du wirst mir doch nicht vorreden wollen, daß du wunschlos glücklich
bist?!“
„Glücklich – nein! Aber wunschlos.“
„Das ist schlimm,“ sagte Sophie ernsthaft, „das ist der schlimmste
Zustand, den ich kenne: nicht glücklich sein und doch wunschlos. Das hab’
ich auch einmal durchgemacht – monatelang, jahrelang – dabei wär’ ich
auch beinah zugrunde gegangen ...“
Mette dachte an das, was sie von Gisela gehört hatte.
„Aber dann?“ fragte sie voll Spannung.
„Dann,“ lächelte Sophie, „ja, dann kam es wieder anders!“
„Du magst wohl nicht mit mir darüber sprechen?“
„Aber Kind,“ Sophie faßte herzlich ihre beiden Hände, „mit dir lieber, als
mit irgendeinem Menschen auf der Welt! Ich hab’ gar kein Talent und gar
keine Lust, mich auf Geheimnisse zu frisieren! Ich finde nur die Leute so
gräßlich uninteressant, die immer von ihrem lieben kleinen Ich erzählen.“
„Sieh mal,“ sagte Mette zaghaft, „ich mag wirklich nicht gern um
Vertrauen betteln, oder neugierige Fragen stellen. Aber ich habe manchmal
das Gefühl, ich möchte dich rütteln und dich anschreien: gib dein
Geheimnis heraus! Wie hast du es angestellt, so zu werden, wie du bist?
Kann man so werden, wie du? So ruhegebend, so Harmonie ausstrahlend,
so in sich gerundet und vollendet? Liegt es daran, daß du so glücklich bist?
Und bist du überhaupt so glücklich?“
„Ich habe, was ich wollte!“ Sophiens Augen sahen groß und mit
fanatischem Ausdruck ins Leere. „Oh, und ich habe so gewollt – was wißt
ihr alle davon – ihr könnt ja gar nicht wollen. Ich habe Nora gewollt, immer
und immer. Ich habe keine Kindheitserinnerung, die vor dieser Zeit war.
Nora ist zehn Jahre älter als ich. Und ich weiß noch, als sie zuerst zu uns
herüber kam, um mit meinen Brüdern auf unserm Tennisplatz zu spielen, da
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trug sie einen Mozartzopf und machte einen Knix vor meiner Mutter. Und
ich jagte herum und suchte die Bälle auf – aber wenn meine Brüder das von
mir verlangten, wenn Nora nicht da war, dann spuckte ich und kratzte vor
Wut. Sie hatten keine Ahnung von meiner Kinderseele. Sie dachten, ich
wollte vor fremden Leuten eine Komödie spielen, um in den Ruf zu
kommen, ein artiges und gefälliges Kind zu sein – ach, und das lag mir so
fern – so weit konnte mein kindlicher Verstand noch gar nicht rechnen. Ich
wollte einfach in Noras Nähe sein, ich wollte die Bälle aufheben, die sie in
der Hand gehalten hatte. Sie lobte mich einmal, weil ich so unermüdlich
wie ein kleiner Jagdhund in der heißen Sonnenglut hin- und herchassierte,
sie lobte mich und streichelte mich.
Mein Bruder Konrad war damals vielleicht sechzehn, und er hatte, glaub’
ich, wirklich viel mit mir auszustehen, weil ich ein sehr unnützes und
widerborstiges kleines Ding war. Er verklagte mich also, das heißt, er
äußerte sich sehr wegwerfend über mich – so ungefähr, daß ich die
Liebenswürdige spielte, wenn Gäste kämen, aber für den Hausgebrauch
unausstehlich wäre. Ich wollte ihn zum Schweigen bringen und wählte das
denkbar ungeeignetste Mittel: ich biß ihn nämlich in die Hand, daß sie
blutete.
Natürlich gab es eine große Szene, Nora war empört über mich, und ich
schämte mich so wahnsinnig, daß ich davonlief und mich versteckte. Das
tat ich dann wochenlang, jedesmal, wenn sie kam. Es war eine furchtbare
Zeit für mich, diese selbstauferlegte Qual ... ich hörte sie kommen, ich hörte
ihre Stimme, manchmal wurde ich gerufen und gesucht, Nora rief mich –
aber ich schämte mich zu sehr, um zum Vorschein zu kommen, ich verkroch
mich nur noch tiefer, dabei hoffte ich doch im innersten Herzen, Nora
würde mich finden, sie würde so unermüdlich suchen, bis sie mich
gefunden hätte – aber meistens wurde es ihr sehr schnell langweilig, und sie
gab es auf.
In der Zwischenzeit war ich natürlich extra ungezogen und ärgerte
meinen armen Bruder, wo ich nur konnte, ich hatte nämlich den Verdacht,
daß er ein kleines faible für Nora hatte, und was noch schlimmer war, daß
sie eins für ihn hatte. Sie streitet es zwar heute noch ab – alle Vierteljahr
einmal pfleg’ ich sie im Vertrauen danach zu fragen – aber sie streitet mir
manches ab, was sie zu jener Zeit gesagt und getan hat – ich hab’ das besser
im Gedächtnis bewahrt.“
ich jagte herum und suchte die Bälle auf – aber wenn meine Brüder das von
mir verlangten, wenn Nora nicht da war, dann spuckte ich und kratzte vor
Wut. Sie hatten keine Ahnung von meiner Kinderseele. Sie dachten, ich
wollte vor fremden Leuten eine Komödie spielen, um in den Ruf zu
kommen, ein artiges und gefälliges Kind zu sein – ach, und das lag mir so
fern – so weit konnte mein kindlicher Verstand noch gar nicht rechnen. Ich
wollte einfach in Noras Nähe sein, ich wollte die Bälle aufheben, die sie in
der Hand gehalten hatte. Sie lobte mich einmal, weil ich so unermüdlich
wie ein kleiner Jagdhund in der heißen Sonnenglut hin- und herchassierte,
sie lobte mich und streichelte mich.
Mein Bruder Konrad war damals vielleicht sechzehn, und er hatte, glaub’
ich, wirklich viel mit mir auszustehen, weil ich ein sehr unnützes und
widerborstiges kleines Ding war. Er verklagte mich also, das heißt, er
äußerte sich sehr wegwerfend über mich – so ungefähr, daß ich die
Liebenswürdige spielte, wenn Gäste kämen, aber für den Hausgebrauch
unausstehlich wäre. Ich wollte ihn zum Schweigen bringen und wählte das
denkbar ungeeignetste Mittel: ich biß ihn nämlich in die Hand, daß sie
blutete.
Natürlich gab es eine große Szene, Nora war empört über mich, und ich
schämte mich so wahnsinnig, daß ich davonlief und mich versteckte. Das
tat ich dann wochenlang, jedesmal, wenn sie kam. Es war eine furchtbare
Zeit für mich, diese selbstauferlegte Qual ... ich hörte sie kommen, ich hörte
ihre Stimme, manchmal wurde ich gerufen und gesucht, Nora rief mich –
aber ich schämte mich zu sehr, um zum Vorschein zu kommen, ich verkroch
mich nur noch tiefer, dabei hoffte ich doch im innersten Herzen, Nora
würde mich finden, sie würde so unermüdlich suchen, bis sie mich
gefunden hätte – aber meistens wurde es ihr sehr schnell langweilig, und sie
gab es auf.
In der Zwischenzeit war ich natürlich extra ungezogen und ärgerte
meinen armen Bruder, wo ich nur konnte, ich hatte nämlich den Verdacht,
daß er ein kleines faible für Nora hatte, und was noch schlimmer war, daß
sie eins für ihn hatte. Sie streitet es zwar heute noch ab – alle Vierteljahr
einmal pfleg’ ich sie im Vertrauen danach zu fragen – aber sie streitet mir
manches ab, was sie zu jener Zeit gesagt und getan hat – ich hab’ das besser
im Gedächtnis bewahrt.“
Page 88
Sophie schwieg. Ihre schönen, kräftigen Hände hingen wie müde von der
Arbeit zwischen den Knien.
„Und dann?“ fragte Mette nach einer Pause.
„Und dann?“ Sophie hob den Kopf mit einem leisen spitzbübischen
Lächeln. „Dann ging es immer so weiter – zwanzig Jahre lang. Manchmal
so und manchmal so.
Aber das eine blieb, und das war: Nora. Man kann sagen, daß es eine fixe
Idee von mir war. Weißt du, ich glaube manchmal, niemand weiß, wie tief
und echt und ganz verwurzelt solche fixen Ideen in Kinderseelen sein
können. Und um sie auszuroden, gibt es nur zweierlei: räumliche Trennung
– dann hält die kindliche Treue noch eine ganze Weile an dem geliebten
Bild fest – länger, als die mancher Frau und jeden Mannes – oder aber, das
viel häufigere: die Urteilskraft wächst, und was ein zwölfjähriges Herz
angebetet hat, dessen schämt sich ein vierzehnjähriges bereits – aber wenn
durch einen Zufall oder einen Schicksalswillen so eine kindliche
Schwärmerei sich an einen Gegenstand klammert, der auch dem reifsten
Urteil würdig erscheinen muß, wenn dieser Schwärmerei durch immer
neues Zusammensein immer neue Nahrung zugeführt wird, so liegt gar kein
Grund vor, daß sie erlischt oder sich abwendet – das ist die vernunftgemäße
Erklärung. Die gefühlsmäßige ist, daß dieser Mensch mir bestimmt war, seit
Jahrtausenden oder Jahrmillionen, und daß ich ihn erkannt habe, in dem
Augenblick, als er mir zuerst gegenübertrat.“
„Und Nora,“ fragte Mette mit zögerndem Zweifel, „hätte sie das dann
nicht auch spüren und erkennen müssen?“
Sophie hob die Achseln: „Ich war ein Kind. Vielleicht waren meine
Instinkte dadurch noch reiner und kräftiger. Was ist denn überhaupt Instinkt.
Die Erinnerung an die Erfahrungen eines vorigen Lebens, die noch nicht
überwuchert sind von neuen Eindrücken, noch nicht unterdrückt von der
Gegenarbeit des zweifelnden Bewußtseins. – Andererseits aber – wer kann
sich zu einem Kinde so hingezogen fühlen, daß er in ihm sein Schicksal zu
erkennen glaubt?“
„Und wann hat sie es eingesehen?“ fragte Mette, „ich bin wohl
schrecklich lästig, nicht wahr?“
„Nein, du bist sehr lieb. Aber danach mußt du besser sie selbst fragen.
Jedenfalls hat sie erst einmal einen sehr schönen Mann geheiratet, den ich
mit meinem glühendsten Haß beehrte. Na, er hat ihn ja auch redlich
verdient. Aber wir wollen jetzt zu ihr hinaufgehen. Wir haben gar keine
Arbeit zwischen den Knien.
„Und dann?“ fragte Mette nach einer Pause.
„Und dann?“ Sophie hob den Kopf mit einem leisen spitzbübischen
Lächeln. „Dann ging es immer so weiter – zwanzig Jahre lang. Manchmal
so und manchmal so.
Aber das eine blieb, und das war: Nora. Man kann sagen, daß es eine fixe
Idee von mir war. Weißt du, ich glaube manchmal, niemand weiß, wie tief
und echt und ganz verwurzelt solche fixen Ideen in Kinderseelen sein
können. Und um sie auszuroden, gibt es nur zweierlei: räumliche Trennung
– dann hält die kindliche Treue noch eine ganze Weile an dem geliebten
Bild fest – länger, als die mancher Frau und jeden Mannes – oder aber, das
viel häufigere: die Urteilskraft wächst, und was ein zwölfjähriges Herz
angebetet hat, dessen schämt sich ein vierzehnjähriges bereits – aber wenn
durch einen Zufall oder einen Schicksalswillen so eine kindliche
Schwärmerei sich an einen Gegenstand klammert, der auch dem reifsten
Urteil würdig erscheinen muß, wenn dieser Schwärmerei durch immer
neues Zusammensein immer neue Nahrung zugeführt wird, so liegt gar kein
Grund vor, daß sie erlischt oder sich abwendet – das ist die vernunftgemäße
Erklärung. Die gefühlsmäßige ist, daß dieser Mensch mir bestimmt war, seit
Jahrtausenden oder Jahrmillionen, und daß ich ihn erkannt habe, in dem
Augenblick, als er mir zuerst gegenübertrat.“
„Und Nora,“ fragte Mette mit zögerndem Zweifel, „hätte sie das dann
nicht auch spüren und erkennen müssen?“
Sophie hob die Achseln: „Ich war ein Kind. Vielleicht waren meine
Instinkte dadurch noch reiner und kräftiger. Was ist denn überhaupt Instinkt.
Die Erinnerung an die Erfahrungen eines vorigen Lebens, die noch nicht
überwuchert sind von neuen Eindrücken, noch nicht unterdrückt von der
Gegenarbeit des zweifelnden Bewußtseins. – Andererseits aber – wer kann
sich zu einem Kinde so hingezogen fühlen, daß er in ihm sein Schicksal zu
erkennen glaubt?“
„Und wann hat sie es eingesehen?“ fragte Mette, „ich bin wohl
schrecklich lästig, nicht wahr?“
„Nein, du bist sehr lieb. Aber danach mußt du besser sie selbst fragen.
Jedenfalls hat sie erst einmal einen sehr schönen Mann geheiratet, den ich
mit meinem glühendsten Haß beehrte. Na, er hat ihn ja auch redlich
verdient. Aber wir wollen jetzt zu ihr hinaufgehen. Wir haben gar keine
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Entschuldigung dafür, sie so lange allein zu lassen, wenn wir doch nichts
tun. Komm, willst du dich noch einmal kritisch betrachten?“
Sie nahm die Tücher von der Tonbüste.
„Bitte, schau dich an – hast du eine andre Vorstellung von dir gehabt?“
Mette legte den Kopf schräg.
„Eigentlich ja. Es ist seltsam, daß alle Werke immer ihrem Schöpfer
gleichen. Es ist so viel von dir darin, daß es direkt ein bißchen äußerliche
Ähnlichkeit mit dir hat!“
„Also bist du nicht zufrieden?“
„Ich bin mit mir nicht zufrieden, weil ich nicht so ausseh’. Aber ich will
mir Mühe geben, daß ich dem Bild ähnlich werde, das du dir von mir
machst. – Nur bei der Nase wird es mir nicht gelingen!“ setzte sie dann
lachend hinzu, „die hast du nämlich auch verschönt!“
„Ja? – ach, ich finde nicht! Heut’ abend kommt die Gjellerström – da
wirst du einer strengen Kritik unterworfen. Wenn sie dies Ding gut findet,
will sie mir auch ein paar Stunden sitzen – und da sie bekanntlich nie eine
Minute Zeit hat, muß ich das schon als große Vergünstigung ansehen.“
Sophie warf einen plötzlichen scharfen Seitenblick auf Mette und griff nach
dem Modellierholz. „Halt mal still einen Augenblick – du hast nämlich
recht mit der Nase – da stimmt etwas nicht!“
Mette hielt ihr die Hand fest:
„Ach nein, laß nur! Laß mich nur noch so schön, bis die strenge Kritik
vorüber ist! Vielleicht mach’ ich auf diese Weise Eindruck!“
„Du auch, mein Sohn Brutus?“ lachte Sophie, „armes Kind! Mein
herzlichstes Beileid!“
„Ja, nicht wahr?“ Mette lachte auch. „Ich würde mir selber leid tun –
darum tanz ich lieber nicht mit in dem Reigen um die göttliche Fiametta!“
„Ich auch nicht!“ Sophie legte die Tücher wieder um die Büste. „Weißt
du,“ sagte sie nach einem sinnenden Schweigen, „manchmal hab’ ich das
Gefühl, als hätte ich Noras Unglück verschuldet mit meinen wahnsinnigen
Wünschen. Es war doch mein einziges Gebet, daß ihr etwas Furchtbares
passieren sollte, damit ich sie retten könnte. Ich hab’ mir immer solche
Sachen ausgemalt, jeden Abend, wenn ich im Bett lag.
Zum Beispiel, daß sie bei uns auf der Treppe ein Bein brechen möchte,
und dann sechs Wochen bei uns liegen müßte, und ich hätte sie dann ganz
für mich und dürfte sie pflegen und immer um sie sein. Und später noch,
wenn ich hinter der Gardine am Fenster stand, um sie mit ihrem Mann
tun. Komm, willst du dich noch einmal kritisch betrachten?“
Sie nahm die Tücher von der Tonbüste.
„Bitte, schau dich an – hast du eine andre Vorstellung von dir gehabt?“
Mette legte den Kopf schräg.
„Eigentlich ja. Es ist seltsam, daß alle Werke immer ihrem Schöpfer
gleichen. Es ist so viel von dir darin, daß es direkt ein bißchen äußerliche
Ähnlichkeit mit dir hat!“
„Also bist du nicht zufrieden?“
„Ich bin mit mir nicht zufrieden, weil ich nicht so ausseh’. Aber ich will
mir Mühe geben, daß ich dem Bild ähnlich werde, das du dir von mir
machst. – Nur bei der Nase wird es mir nicht gelingen!“ setzte sie dann
lachend hinzu, „die hast du nämlich auch verschönt!“
„Ja? – ach, ich finde nicht! Heut’ abend kommt die Gjellerström – da
wirst du einer strengen Kritik unterworfen. Wenn sie dies Ding gut findet,
will sie mir auch ein paar Stunden sitzen – und da sie bekanntlich nie eine
Minute Zeit hat, muß ich das schon als große Vergünstigung ansehen.“
Sophie warf einen plötzlichen scharfen Seitenblick auf Mette und griff nach
dem Modellierholz. „Halt mal still einen Augenblick – du hast nämlich
recht mit der Nase – da stimmt etwas nicht!“
Mette hielt ihr die Hand fest:
„Ach nein, laß nur! Laß mich nur noch so schön, bis die strenge Kritik
vorüber ist! Vielleicht mach’ ich auf diese Weise Eindruck!“
„Du auch, mein Sohn Brutus?“ lachte Sophie, „armes Kind! Mein
herzlichstes Beileid!“
„Ja, nicht wahr?“ Mette lachte auch. „Ich würde mir selber leid tun –
darum tanz ich lieber nicht mit in dem Reigen um die göttliche Fiametta!“
„Ich auch nicht!“ Sophie legte die Tücher wieder um die Büste. „Weißt
du,“ sagte sie nach einem sinnenden Schweigen, „manchmal hab’ ich das
Gefühl, als hätte ich Noras Unglück verschuldet mit meinen wahnsinnigen
Wünschen. Es war doch mein einziges Gebet, daß ihr etwas Furchtbares
passieren sollte, damit ich sie retten könnte. Ich hab’ mir immer solche
Sachen ausgemalt, jeden Abend, wenn ich im Bett lag.
Zum Beispiel, daß sie bei uns auf der Treppe ein Bein brechen möchte,
und dann sechs Wochen bei uns liegen müßte, und ich hätte sie dann ganz
für mich und dürfte sie pflegen und immer um sie sein. Und später noch,
wenn ich hinter der Gardine am Fenster stand, um sie mit ihrem Mann
Page 90
vorbeireiten zu sehen, dann wollt’ ich mit meinen Gedanken das Pferd zum
Durchgehen zwingen – ich spähte schon immer, ob ich es nicht heranjagen
sah – dann wollt’ ich mich ihm entgegenstürzen und ihm in die Zügel fallen
und sie vom Tode erretten. Oder ich malte mir aus, sie würde stürzen, oder
verbrennen, oder die Blattern bekommen, und ihre Schönheit verlieren.
Dann würde Herr von Hersfeld sie verstoßen, und kein Mensch würde sie
mehr ansehen mögen – und dann wäre ich da – nur noch ich!
Wenn ich jetzt einmal nach Hause komm’ und die alten Wege gehe –
namentlich hinüber nach Hersfelde zu, dann hab’ ich so deutlich das
Gefühl, mit dem ich damals da ging: jetzt bei der nächsten Biegung müßte
ich Nora finden, irgendwo am Wegrand sitzend, weinend, verlassen,
verzweifelt. Und dann würde ich sie trösten und mit mir nehmen und immer
bei mir behalten. Vielleicht kam es auch daher, weil man in der Gegend
schon damals munkelte, wie unglücklich sie sei. – Meistens machten mir
die Äußerlichkeiten gar keine Schwierigkeiten – wenn ich an den Punkt
kam: wo gehe ich nun aber mit Nora hin, wenn ich sie finde, und sie will
bei mir bleiben? Dann dachte ich mir eben: ich habe ein Häuschen im Wald,
oder die und die hübsche Villa am See gehört mir, oder mein Auto steht
bereit, und wir fahren in die Stadt, wo ich mein Atelier habe – denn ein
Atelier hatte ich damals schon in meinen Träumen. Und eine sehr große und
berühmte Künstlerin war ich immer nebenbei. Komm, wir gehen hinauf.“
Sie hatte unterdessen ein wenig Ordnung gemacht – ‚für Fiametta‘, wie
Mette bei sich dachte – und schob ihren Arm in Mettes.
„Manchmal hatte ich auch realere Pläne – Gott sei Dank, daß daraus
nichts wurde!“
Sie schritten schon die Treppe hinauf: „Weißt du, was ich wollte?“
Sophie stieß ein leises spöttisches Lachen durch die Nase. „Ich wollte
Hersfeld verführen! Damals war ich aber schon, was man so erwachsen
nennt. Ich ging auf Tanzgesellschaften und saß stundenlang vorm Spiegel,
um mich schön zu machen. Weil ich Hersfeld verführen wollte!“ Sie
schüttelte den Kopf. „Verrückte Idee! Ich wollte dann vor Nora hintreten
und ihr die Beweise bringen: siehst du, so ein Schurke ist der Mann, den du
liebst! Verlaß ihn und komm mit mir! Aber als ich ihn dann soweit gebracht
hatte, daß er mich einmal in einem halbdunklen Wintergarten küssen wollte
– nebenbei war es nicht schwer, ihn soweit zu bringen – da packte mich das
Entsetzen so, daß ich ihn wegstieß.“
„Hast du das Nora auch gebeichtet?“ fragte Mette lächelnd.
Durchgehen zwingen – ich spähte schon immer, ob ich es nicht heranjagen
sah – dann wollt’ ich mich ihm entgegenstürzen und ihm in die Zügel fallen
und sie vom Tode erretten. Oder ich malte mir aus, sie würde stürzen, oder
verbrennen, oder die Blattern bekommen, und ihre Schönheit verlieren.
Dann würde Herr von Hersfeld sie verstoßen, und kein Mensch würde sie
mehr ansehen mögen – und dann wäre ich da – nur noch ich!
Wenn ich jetzt einmal nach Hause komm’ und die alten Wege gehe –
namentlich hinüber nach Hersfelde zu, dann hab’ ich so deutlich das
Gefühl, mit dem ich damals da ging: jetzt bei der nächsten Biegung müßte
ich Nora finden, irgendwo am Wegrand sitzend, weinend, verlassen,
verzweifelt. Und dann würde ich sie trösten und mit mir nehmen und immer
bei mir behalten. Vielleicht kam es auch daher, weil man in der Gegend
schon damals munkelte, wie unglücklich sie sei. – Meistens machten mir
die Äußerlichkeiten gar keine Schwierigkeiten – wenn ich an den Punkt
kam: wo gehe ich nun aber mit Nora hin, wenn ich sie finde, und sie will
bei mir bleiben? Dann dachte ich mir eben: ich habe ein Häuschen im Wald,
oder die und die hübsche Villa am See gehört mir, oder mein Auto steht
bereit, und wir fahren in die Stadt, wo ich mein Atelier habe – denn ein
Atelier hatte ich damals schon in meinen Träumen. Und eine sehr große und
berühmte Künstlerin war ich immer nebenbei. Komm, wir gehen hinauf.“
Sie hatte unterdessen ein wenig Ordnung gemacht – ‚für Fiametta‘, wie
Mette bei sich dachte – und schob ihren Arm in Mettes.
„Manchmal hatte ich auch realere Pläne – Gott sei Dank, daß daraus
nichts wurde!“
Sie schritten schon die Treppe hinauf: „Weißt du, was ich wollte?“
Sophie stieß ein leises spöttisches Lachen durch die Nase. „Ich wollte
Hersfeld verführen! Damals war ich aber schon, was man so erwachsen
nennt. Ich ging auf Tanzgesellschaften und saß stundenlang vorm Spiegel,
um mich schön zu machen. Weil ich Hersfeld verführen wollte!“ Sie
schüttelte den Kopf. „Verrückte Idee! Ich wollte dann vor Nora hintreten
und ihr die Beweise bringen: siehst du, so ein Schurke ist der Mann, den du
liebst! Verlaß ihn und komm mit mir! Aber als ich ihn dann soweit gebracht
hatte, daß er mich einmal in einem halbdunklen Wintergarten küssen wollte
– nebenbei war es nicht schwer, ihn soweit zu bringen – da packte mich das
Entsetzen so, daß ich ihn wegstieß.“
„Hast du das Nora auch gebeichtet?“ fragte Mette lächelnd.
Page 91
Auch Sophie lächelte, ein trübes Lächeln: „Ach Gott, da hatte Nora mich
schon nicht mehr nötig, um zu erfahren, was er für ein Schuft war. Da
wußte sie’s längst ... Jetzt trinken wir Tee – aber ausgiebig, ich hab’ einen
Mordshunger.“
So hübsch lag das helle warme Zimmer da, mit dem einladend gedeckten
Tisch. So schön sah Nora aus mit dem königlich getragenen, im
Lampenschein goldschimmernden Haupt über den weißen Gewändern. Und
es war wohltuend, zu sehen, wie ihre Augen Sophien erwarteten und ihr
entgegenleuchteten. Wohltuend zu sehen, wie Sophie diesen erwartenden
Augen entgegeneilte, wie sie sich beugte, um die Kissen bequemer zu
rücken, die Decke zurecht zu ziehen.
Aber es tat auch ein bißchen weh, diese beiden Menschen zu beobachten,
die mit so viel Liebe und Fürsorge aneinander hingen, und die sich so genug
waren, daß jeder Dritte sich überflüssig vorkam, so herzlich er auch
aufgenommen wurde.
Man kam sich jedesmal so grenzenlos allein vor ...
„Mettelchen!“ sagte Nora, als ob sie ein Kind bedauerte, „du ißt mich
nich, du trinkst mich nich, du bist mich doch nich krank?! Ich habe dir
schon dreimal Indianerkrapfen angeboten, und du reagierst nicht?! Du bist
doch sonst nicht so?!“
„Sie hat heut’ ihren melancholischen,“ neckte Sophie, „ich hab’ ihr zum
Trost schon meine ganze Lebensgeschichte erzählt, aber es hat nicht
verfangen.“
„Nein,“ sagte Mette eigensinnig, „es war mir auch gar kein Trost. Denn
das Traurige ist, daß ich nicht einmal weiß, was ich will. Du hast gewollt
und hast schließlich erreicht, was du gewollt hast ...“
„Ja, mit ein paar unbedeutenden Modifikationen,“ meinte Sophie, ohne
jede Bitterkeit, „denn eigentlich wollte ich eine berühmte Bildhauerin
werden und kein besserer Steinmetz. Aber das macht wirklich nicht viel
aus.“ Während sie sprach, horchte sie nach den Geräuschen – Klingeln,
Stimmen, Schritte – an der Außentür.
„Da kommt die Gisel, vielleicht ist dir das ein Trost. Vielleicht richtest du
dein Wollen auf die, ich glaube, sie hat ein großes faible für dich – es wäre
deinerseits keine starke Anstrengung vonnöten!“
„O Sophie,“ sagte Nora, halb erzürnt und halb erschrocken, „wie kannst
du nur so etwas daherreden! Du bist wirklich ganz frivol! Red’ dem Kind so
etwas ein – sie kommt noch auf dumme Gedanken – ich will gar nichts
schon nicht mehr nötig, um zu erfahren, was er für ein Schuft war. Da
wußte sie’s längst ... Jetzt trinken wir Tee – aber ausgiebig, ich hab’ einen
Mordshunger.“
So hübsch lag das helle warme Zimmer da, mit dem einladend gedeckten
Tisch. So schön sah Nora aus mit dem königlich getragenen, im
Lampenschein goldschimmernden Haupt über den weißen Gewändern. Und
es war wohltuend, zu sehen, wie ihre Augen Sophien erwarteten und ihr
entgegenleuchteten. Wohltuend zu sehen, wie Sophie diesen erwartenden
Augen entgegeneilte, wie sie sich beugte, um die Kissen bequemer zu
rücken, die Decke zurecht zu ziehen.
Aber es tat auch ein bißchen weh, diese beiden Menschen zu beobachten,
die mit so viel Liebe und Fürsorge aneinander hingen, und die sich so genug
waren, daß jeder Dritte sich überflüssig vorkam, so herzlich er auch
aufgenommen wurde.
Man kam sich jedesmal so grenzenlos allein vor ...
„Mettelchen!“ sagte Nora, als ob sie ein Kind bedauerte, „du ißt mich
nich, du trinkst mich nich, du bist mich doch nich krank?! Ich habe dir
schon dreimal Indianerkrapfen angeboten, und du reagierst nicht?! Du bist
doch sonst nicht so?!“
„Sie hat heut’ ihren melancholischen,“ neckte Sophie, „ich hab’ ihr zum
Trost schon meine ganze Lebensgeschichte erzählt, aber es hat nicht
verfangen.“
„Nein,“ sagte Mette eigensinnig, „es war mir auch gar kein Trost. Denn
das Traurige ist, daß ich nicht einmal weiß, was ich will. Du hast gewollt
und hast schließlich erreicht, was du gewollt hast ...“
„Ja, mit ein paar unbedeutenden Modifikationen,“ meinte Sophie, ohne
jede Bitterkeit, „denn eigentlich wollte ich eine berühmte Bildhauerin
werden und kein besserer Steinmetz. Aber das macht wirklich nicht viel
aus.“ Während sie sprach, horchte sie nach den Geräuschen – Klingeln,
Stimmen, Schritte – an der Außentür.
„Da kommt die Gisel, vielleicht ist dir das ein Trost. Vielleicht richtest du
dein Wollen auf die, ich glaube, sie hat ein großes faible für dich – es wäre
deinerseits keine starke Anstrengung vonnöten!“
„O Sophie,“ sagte Nora, halb erzürnt und halb erschrocken, „wie kannst
du nur so etwas daherreden! Du bist wirklich ganz frivol! Red’ dem Kind so
etwas ein – sie kommt noch auf dumme Gedanken – ich will gar nichts
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gegen die Gisel sagen – aber das ist doch kein Mensch, der zu unserer
kleinen Mette paßt!“
‚Das weiß ich selber am besten,‘ dachte Mette trotzig und trübselig.
Das Mädchen ließ Gisela eintreten, die alle drei in einer flüchtigen Art
und ohne zu lächeln begrüßte.
Sie setzte sich neben Mette, aber ein Stück entfernt vom Tisch, als wollte
sie damit zeigen, daß sie nicht die Absicht hatte, die ihr hingesetzte Tasse
Tee zu berühren und hielt beide Hände in ihrem großen Pelzmuff vergraben.
Nach einigen Minuten allgemeiner Redensarten wandte sie sich halblaut
an Mette:
„Ich komme aus deiner Pension – ich wollte zu dir, aber du warst nicht da
– auch kein Zettel, keine Nachricht, wo du wärest.“
„Ich wußte ja gar nicht, daß du kommen wolltest!“ sagte Mette erstaunt.
„Wenn mir nicht zufällig Herr Giesbert auf dem Korridor begegnet
wäre,“ fuhr Gisela fort, „dann könnte ich die Stadt durchirren, um dich zu
suchen.“
„Merkwürdig,“ sagte Mette laut und mit einem erzwungenen Lachen,
„woher wußte denn Giesbert, wo ich bin?“
„Doch wahrscheinlich von dir,“ Gisela zog die feingezeichneten Brauen
sehr hoch, „von mir jedenfalls nicht! Ich hab’ mich ja auch darüber
gewundert.“
„Na, jedenfalls hast du mich ja jetzt gefunden.“ Mette nickte ihr zu mit
einem herzlichen, aber etwas angestrengten Lächeln. „Das ist ja die
Hauptsache. Lag irgend etwas Besonderes vor, daß du mich sprechen
wolltest?“
„Etwas Besonderes – nein, denn daß ich mich vor dem Alleinsein fürchte,
weil ich denke, ich werde verrückt, das ist ja das alltägliche.“ – – –
Die Unterhaltung schleppte sich gezwungen fort.
Bei der nächsten Gelegenheit rief Sophie Mette ins Nebenzimmer:
„Was soll ich nur tun!“ klagte sie halblaut, „ich bin ganz verzweifelt. Du
mußt mir helfen, Mettekind! Du mußt mir irgendwie mit List oder Gewalt
die Gisel wegbringen! Es ist zu blöd – ich kann mich so maßlos ärgern. Ich
hatte mich so gefreut, dich heut’ Abend hier zu behalten – aber die
Gjellerström kehrt mir ja in der Türe um, wenn sie die Gisel sieht! Ach,
kleinen Mette paßt!“
‚Das weiß ich selber am besten,‘ dachte Mette trotzig und trübselig.
Das Mädchen ließ Gisela eintreten, die alle drei in einer flüchtigen Art
und ohne zu lächeln begrüßte.
Sie setzte sich neben Mette, aber ein Stück entfernt vom Tisch, als wollte
sie damit zeigen, daß sie nicht die Absicht hatte, die ihr hingesetzte Tasse
Tee zu berühren und hielt beide Hände in ihrem großen Pelzmuff vergraben.
Nach einigen Minuten allgemeiner Redensarten wandte sie sich halblaut
an Mette:
„Ich komme aus deiner Pension – ich wollte zu dir, aber du warst nicht da
– auch kein Zettel, keine Nachricht, wo du wärest.“
„Ich wußte ja gar nicht, daß du kommen wolltest!“ sagte Mette erstaunt.
„Wenn mir nicht zufällig Herr Giesbert auf dem Korridor begegnet
wäre,“ fuhr Gisela fort, „dann könnte ich die Stadt durchirren, um dich zu
suchen.“
„Merkwürdig,“ sagte Mette laut und mit einem erzwungenen Lachen,
„woher wußte denn Giesbert, wo ich bin?“
„Doch wahrscheinlich von dir,“ Gisela zog die feingezeichneten Brauen
sehr hoch, „von mir jedenfalls nicht! Ich hab’ mich ja auch darüber
gewundert.“
„Na, jedenfalls hast du mich ja jetzt gefunden.“ Mette nickte ihr zu mit
einem herzlichen, aber etwas angestrengten Lächeln. „Das ist ja die
Hauptsache. Lag irgend etwas Besonderes vor, daß du mich sprechen
wolltest?“
„Etwas Besonderes – nein, denn daß ich mich vor dem Alleinsein fürchte,
weil ich denke, ich werde verrückt, das ist ja das alltägliche.“ – – –
Die Unterhaltung schleppte sich gezwungen fort.
Bei der nächsten Gelegenheit rief Sophie Mette ins Nebenzimmer:
„Was soll ich nur tun!“ klagte sie halblaut, „ich bin ganz verzweifelt. Du
mußt mir helfen, Mettekind! Du mußt mir irgendwie mit List oder Gewalt
die Gisel wegbringen! Es ist zu blöd – ich kann mich so maßlos ärgern. Ich
hatte mich so gefreut, dich heut’ Abend hier zu behalten – aber die
Gjellerström kehrt mir ja in der Türe um, wenn sie die Gisel sieht! Ach,
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schrecklich, daß die Menschen sich und andern das Leben immer noch
unnütz komplizieren müssen! Es ist gerade kompliziert genug, wenn man
weiter nichts tun will, als es erhalten.“
Mette versprach mit freundlichster Bereitwilligkeit, zu gehen und Gisela
zum Mitkommen aufzufordern.
„Ach, sie geht schon von selbst,“ meinte Sophie leichthin, „sie ist ja nur
deinetwegen gekommen – uns beehrt sie schon lange nicht mehr!“ – – –
Mette war froh, als sie auf der Straße stand. Der scharfe Ostwind, der ihr
einen nadelscharfen, mit Eiskörnern gemischten Regen ins Gesicht trieb,
war ihr gerade recht. Sie ging so schnell vorwärts, daß Gisela kaum an ihrer
Seite bleiben konnte.
Ihr war, als ob ihr von allen Seiten brennende Schmach angetan worden
wäre, und als ob sie sich rächen könnte, indem sie sich selbst peinigte und
durch den dunklen, kalten Abend lief.
‚Ich bin fremd und ruhelos überall,‘ dachte sie mit selbstquälerischer
Bitterkeit, ‚ich habe keine Heimat, kein Haus und keine Freunde. Wohin
gehöre ich? Zu Gisela Werkenthin vielleicht? Ich weiß nichts von
Zusammengehörigkeit. Aber die anderen wissen davon. Und sie setzen
mich deswegen auf die Straße. Wohin gehöre ich? Zu Olga. Also ins Grab.
Wenn ich wenigstens in ihrer Nähe liegen könnte. Aber ich habe das
Gefühl, wenn ich mir jetzt die Kugel durch die Schläfe jage, verliere ich
mich im grenzenlosen Raum. Oh, meine arme kleine einsame Seele wird so
frieren und zittern in der unendlichen Unendlichkeit.‘
„Woran denkst du,“ fragte Gisela in einem fast neiderfüllten Ton.
„Ich weiß nicht.“ Mette hob die Achseln. „Vielleicht an das, woran
Hamlet im dritten Akt denkt: to be or not to be ...“
„Das ist keine question mehr für mich!“ sagte Gisela mit höhnischer
Bitterkeit, „not to be ist zehntausendmal besser! Wenn ich nur wüßte, wie
man es am besten bewerkstelligt. Morphium bin ich schon so gewöhnt – es
gibt gar kein Quantum mehr, das ich nicht vertrüge! Ins Wasser mag ich
nicht gehen, weil es dann doch einen Kampf gibt, weil sich der tierische
Lebenswille gegen den Intellekt aufbäumt – ich will keine Zeit mehr zu
Kampf und Reue haben, und ich will vor allen Dingen nicht noch einmal
mein ganzes Leben vorüberziehen sehen, wie einem das ja in den letzten
unnütz komplizieren müssen! Es ist gerade kompliziert genug, wenn man
weiter nichts tun will, als es erhalten.“
Mette versprach mit freundlichster Bereitwilligkeit, zu gehen und Gisela
zum Mitkommen aufzufordern.
„Ach, sie geht schon von selbst,“ meinte Sophie leichthin, „sie ist ja nur
deinetwegen gekommen – uns beehrt sie schon lange nicht mehr!“ – – –
Mette war froh, als sie auf der Straße stand. Der scharfe Ostwind, der ihr
einen nadelscharfen, mit Eiskörnern gemischten Regen ins Gesicht trieb,
war ihr gerade recht. Sie ging so schnell vorwärts, daß Gisela kaum an ihrer
Seite bleiben konnte.
Ihr war, als ob ihr von allen Seiten brennende Schmach angetan worden
wäre, und als ob sie sich rächen könnte, indem sie sich selbst peinigte und
durch den dunklen, kalten Abend lief.
‚Ich bin fremd und ruhelos überall,‘ dachte sie mit selbstquälerischer
Bitterkeit, ‚ich habe keine Heimat, kein Haus und keine Freunde. Wohin
gehöre ich? Zu Gisela Werkenthin vielleicht? Ich weiß nichts von
Zusammengehörigkeit. Aber die anderen wissen davon. Und sie setzen
mich deswegen auf die Straße. Wohin gehöre ich? Zu Olga. Also ins Grab.
Wenn ich wenigstens in ihrer Nähe liegen könnte. Aber ich habe das
Gefühl, wenn ich mir jetzt die Kugel durch die Schläfe jage, verliere ich
mich im grenzenlosen Raum. Oh, meine arme kleine einsame Seele wird so
frieren und zittern in der unendlichen Unendlichkeit.‘
„Woran denkst du,“ fragte Gisela in einem fast neiderfüllten Ton.
„Ich weiß nicht.“ Mette hob die Achseln. „Vielleicht an das, woran
Hamlet im dritten Akt denkt: to be or not to be ...“
„Das ist keine question mehr für mich!“ sagte Gisela mit höhnischer
Bitterkeit, „not to be ist zehntausendmal besser! Wenn ich nur wüßte, wie
man es am besten bewerkstelligt. Morphium bin ich schon so gewöhnt – es
gibt gar kein Quantum mehr, das ich nicht vertrüge! Ins Wasser mag ich
nicht gehen, weil es dann doch einen Kampf gibt, weil sich der tierische
Lebenswille gegen den Intellekt aufbäumt – ich will keine Zeit mehr zu
Kampf und Reue haben, und ich will vor allen Dingen nicht noch einmal
mein ganzes Leben vorüberziehen sehen, wie einem das ja in den letzten
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Augenblicken passieren soll. Ich danke dafür. Eine Revolverkugel wär’
schon das beste.“
„Ja,“ sagte Mette trocken, „soweit war ich auch gerade! Oder vielmehr,
ich war schon weiter. Ich sah meine arme Seele schon irgendwo im
Weltenraum zwischen den kalten Sternen umherirren und sich eine Heimat
suchen.“
„Glaubst du wirklich an so etwas wie eine Seele?“ Gisela lachte
spöttisch. „Vielleicht auch an den lieben Gott und Hölle und Himmelreich?
Schlaf, lieber Hamlet, Schlaf, und ohne Träume, garantiert!“
„Und dann?“ fragte Mette trostlos, „dann ist alles umsonst gewesen? Alle
Qual und alles Wissen und alle Erfahrung und alles Streben – alles
umsonst? Dir ist noch kein Mensch gestorben, sonst könntest du nicht so
reden.“
„Laß mir den Trost,“ bat Gisela, „laß mir wenigstens den einen Trost, daß
ich jeden Moment Ruhe haben kann, wenn ich will – ewige Ruhe.“
Sie gingen wieder eine ganze Weile in einem schweren und etwas
verdrossenen Schweigen.
„Willst du mit hinaufkommen?“ fragte Mette, als sie vor der Haustür
standen.
„Du fragst aus Höflichkeit, aber im Grunde paßt es dir nicht.“
Das wollte Mette sich selbst nicht eingestehen. Sie griff nach Giselas
Hand.
„Komm doch,“ sagte sie herzlich, „du wolltest doch sowieso zu mir –
jetzt bin ich doch zu Hause. Und laß den Unsinn – ich bin schon nicht
höflich! Davor brauchst du keine Angst zu haben!“
Die Wärme des Zimmers empfing sie wie mit ausgebreiteten Armen.
Gisela setzte sich, ohne den Mantel auszuziehen. Als Mette nach der
Klingel gehen wollte, sagte sie hastig:
„Ach, laß doch! Was willst du denn?“
Mette stand unschlüssig: „Dem Mädchen klingeln, um Tee für uns zu
bestellen. Man ist doch so durchgefroren. Magst du nicht?“
„Nein, bitte nicht! Dann kommt sie jetzt und fragt, dann sitzt man zehn
Minuten in der Erwartung, daß sie den Tee bringt, dann kommt sie nach
zehn Minuten wieder, um das Geschirr zu holen – ich kenn’ das; es ist eine
ewige Unruhe.“
„Schön, wie du willst.“ Mette warf Hut und Mantel auf einen Stuhl und
setzte sich. Die lichte Wärme des vertrauten Zimmers hatte sofort ein
schon das beste.“
„Ja,“ sagte Mette trocken, „soweit war ich auch gerade! Oder vielmehr,
ich war schon weiter. Ich sah meine arme Seele schon irgendwo im
Weltenraum zwischen den kalten Sternen umherirren und sich eine Heimat
suchen.“
„Glaubst du wirklich an so etwas wie eine Seele?“ Gisela lachte
spöttisch. „Vielleicht auch an den lieben Gott und Hölle und Himmelreich?
Schlaf, lieber Hamlet, Schlaf, und ohne Träume, garantiert!“
„Und dann?“ fragte Mette trostlos, „dann ist alles umsonst gewesen? Alle
Qual und alles Wissen und alle Erfahrung und alles Streben – alles
umsonst? Dir ist noch kein Mensch gestorben, sonst könntest du nicht so
reden.“
„Laß mir den Trost,“ bat Gisela, „laß mir wenigstens den einen Trost, daß
ich jeden Moment Ruhe haben kann, wenn ich will – ewige Ruhe.“
Sie gingen wieder eine ganze Weile in einem schweren und etwas
verdrossenen Schweigen.
„Willst du mit hinaufkommen?“ fragte Mette, als sie vor der Haustür
standen.
„Du fragst aus Höflichkeit, aber im Grunde paßt es dir nicht.“
Das wollte Mette sich selbst nicht eingestehen. Sie griff nach Giselas
Hand.
„Komm doch,“ sagte sie herzlich, „du wolltest doch sowieso zu mir –
jetzt bin ich doch zu Hause. Und laß den Unsinn – ich bin schon nicht
höflich! Davor brauchst du keine Angst zu haben!“
Die Wärme des Zimmers empfing sie wie mit ausgebreiteten Armen.
Gisela setzte sich, ohne den Mantel auszuziehen. Als Mette nach der
Klingel gehen wollte, sagte sie hastig:
„Ach, laß doch! Was willst du denn?“
Mette stand unschlüssig: „Dem Mädchen klingeln, um Tee für uns zu
bestellen. Man ist doch so durchgefroren. Magst du nicht?“
„Nein, bitte nicht! Dann kommt sie jetzt und fragt, dann sitzt man zehn
Minuten in der Erwartung, daß sie den Tee bringt, dann kommt sie nach
zehn Minuten wieder, um das Geschirr zu holen – ich kenn’ das; es ist eine
ewige Unruhe.“
„Schön, wie du willst.“ Mette warf Hut und Mantel auf einen Stuhl und
setzte sich. Die lichte Wärme des vertrauten Zimmers hatte sofort ein
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heimeliges Behagen in ihr wachgerufen. Sie hätte nun gern die schweren,
nassen Stiefel von den Füßen gezogen und es sich bei einer Tasse Tee recht
bequem gemacht. Aber auch das Stiefelausziehen würde wohl zuviel
Unruhe machen. Sie unterdrückte einen Seufzer und schickte sich.
„Ich glaube, ich habe schon einmal die dumme Frage gestellt,“ fing sie
nach einer Weile vorsichtig an, „hattest du mir irgend etwas besonderes zu
sagen, daß du mich so gesucht hast?“
„Besonderes? – nein!“ klang die gedehnte Antwort. „Ich hatte nur Angst,
allein zu sein – ich fürchte mich nicht vorm Tode – aber vor einem
Selbstmordversuch mit untauglichen Mitteln. Ich möchte mich nicht in
einem plötzlichen Lebensüberdruß aus dem ersten Stockwerk stürzen oder
mich unter einen lahmen Omnibus werfen, bloß um mir vielleicht die Beine
zu zerschmettern und als Krüppel durch die Welt zu kriechen. Nein, sich
möchte mein Leben erhalten, bis ich genügend Vorbereitungen getroffen
habe, um es anständig, rasch und gründlich zu erledigen. Und darum habe
ich nach irgendeinem Menschen gesucht, an den ich mich solange hätte
klammern können – aber du warst ja nicht da!“
‚Trotzdem ist dir ja nichts passiert,‘ lag es Mette auf der Zunge. Sie
unterdrückte es und schalt sich selbst unglaublich roh und herzlos.
Gisela hockte auf dem Stuhl in der Haltung eines kranken Äffchens. Ihr
kleines Gesicht mit den übergroßen Augen sah welk und fahl und wie
zerknittert aus.
„Ich weiß nicht, warum du sterben willst,“ sagte Mette mit einem
Versuch zu trösten, der keine Kraft hatte, weil sie sich seiner Nutzlosigkeit
schon von Anfang an bewußt war. „Es geht dir nicht schlechter als tausend
anderen Leuten, und es geht dir besser, als es dir schon ergangen ist. Es geht
dir gesundheitlich besser ...“
„Sag’ nur noch wie Frau Breslauer: Sie haben doch jetzt ein gutes
Auskommen,“ unterbrach Gisela scharf. „Weil ich mich sattessen kann und
mir außerdem noch seidene Strümpfe kaufen, habe ich die Verpflichtung,
glücklich zu sein und dem lieben Gott zu danken!“
„Vielleicht hätte man die Verpflichtung,“ sagte Mette, zum Widerspruch
gereizt, „vielleicht ist es das schwerste, zu hungern und zu frieren –
vielleicht schwerer als alles Liebesleid und alle Sehnsuchtsqual – was
wissen wir denn davon?“
„Wenn du das sagen kannst,“ Gisela verzerrte höhnisch den Mund, „dann
hast du noch nie eine seelische Qual empfunden. Jede körperliche
nassen Stiefel von den Füßen gezogen und es sich bei einer Tasse Tee recht
bequem gemacht. Aber auch das Stiefelausziehen würde wohl zuviel
Unruhe machen. Sie unterdrückte einen Seufzer und schickte sich.
„Ich glaube, ich habe schon einmal die dumme Frage gestellt,“ fing sie
nach einer Weile vorsichtig an, „hattest du mir irgend etwas besonderes zu
sagen, daß du mich so gesucht hast?“
„Besonderes? – nein!“ klang die gedehnte Antwort. „Ich hatte nur Angst,
allein zu sein – ich fürchte mich nicht vorm Tode – aber vor einem
Selbstmordversuch mit untauglichen Mitteln. Ich möchte mich nicht in
einem plötzlichen Lebensüberdruß aus dem ersten Stockwerk stürzen oder
mich unter einen lahmen Omnibus werfen, bloß um mir vielleicht die Beine
zu zerschmettern und als Krüppel durch die Welt zu kriechen. Nein, sich
möchte mein Leben erhalten, bis ich genügend Vorbereitungen getroffen
habe, um es anständig, rasch und gründlich zu erledigen. Und darum habe
ich nach irgendeinem Menschen gesucht, an den ich mich solange hätte
klammern können – aber du warst ja nicht da!“
‚Trotzdem ist dir ja nichts passiert,‘ lag es Mette auf der Zunge. Sie
unterdrückte es und schalt sich selbst unglaublich roh und herzlos.
Gisela hockte auf dem Stuhl in der Haltung eines kranken Äffchens. Ihr
kleines Gesicht mit den übergroßen Augen sah welk und fahl und wie
zerknittert aus.
„Ich weiß nicht, warum du sterben willst,“ sagte Mette mit einem
Versuch zu trösten, der keine Kraft hatte, weil sie sich seiner Nutzlosigkeit
schon von Anfang an bewußt war. „Es geht dir nicht schlechter als tausend
anderen Leuten, und es geht dir besser, als es dir schon ergangen ist. Es geht
dir gesundheitlich besser ...“
„Sag’ nur noch wie Frau Breslauer: Sie haben doch jetzt ein gutes
Auskommen,“ unterbrach Gisela scharf. „Weil ich mich sattessen kann und
mir außerdem noch seidene Strümpfe kaufen, habe ich die Verpflichtung,
glücklich zu sein und dem lieben Gott zu danken!“
„Vielleicht hätte man die Verpflichtung,“ sagte Mette, zum Widerspruch
gereizt, „vielleicht ist es das schwerste, zu hungern und zu frieren –
vielleicht schwerer als alles Liebesleid und alle Sehnsuchtsqual – was
wissen wir denn davon?“
„Wenn du das sagen kannst,“ Gisela verzerrte höhnisch den Mund, „dann
hast du noch nie eine seelische Qual empfunden. Jede körperliche
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Krankheit ist doch geradezu eine Erlösung, weil sie einen ein bißchen
ablenkt von dieser Verzweiflung, die einen wie mit stumpfen Zähnen
zernagt oder wie mit einem stumpfen Messer zersägt. Man sehnt sich direkt
nach einem scharfen, schneidenden Schmerz.“
„Ich kann dir ja auch nicht helfen,“ sagte Mette bedrückt.
„Nein, du kannst mir auch nicht helfen. Erstens liebst du mich nicht ...“
Mette nahm einen kraftlosen Anlauf, um zu widersprechen. Aber Gisela
schnitt ihr mit einer Bewegung das Wort ab:
„Sag’ nicht das Gegenteil – bemüh’ dich nicht. Ich liebe dich ja im
Grunde auch nicht – ich liebe überhaupt nicht mehr, glaube ich.“
„Dann weiß ich erst recht nicht, was du für Ursache hast, verzweifelt zu
sein,“ sagte Mette ratlos und ein wenig ungeduldig.
„Ich weiß es auch nicht. Vielleicht die, daß ich so unlöslich an mich
gekettet bin. Daß ich aus meiner eigenen Haut nicht heraus kann. Daß ich
sogar noch in ihr begraben werden muß. Aber es ist natürlich
unverantwortlich, daß ich auch noch andern Menschen zur Last falle. Ich
sollte mich irgendwo in einen Winkel verkriechen und sehen, wie ich mit
mir allein fertig werde, und krepieren, wenn ich nicht fertig werde. Schade
wär’s weiter nicht um mich.“
Aus den weit offenen Augen rannen langsam Tropfen über das weiße
abgezehrte Gesicht. Aber sie nahm die Hände nicht aus dem Muff, um die
Tränen abzutrocknen. Sie ließ sie rinnen, als fühlte sie sie nicht.
Mette ging das Mitleid wie ein heißer Strom übers Herz. Im nächsten
Augenblick kniete sie vor dem Stuhl und umschlang mit beiden Armen die
kinderschmale Gestalt.
„Wein’ nicht,“ bat sie, „wein’ doch nicht, Kleines, Geliebtes! Du hast
mich doch, und wir sind doch zusammen, du bist doch nicht allein auf der
Welt – wenn du mich auch nicht liebst, ich bin doch da für dich, und ich
bleibe bei dir, und ich tue für dich, was ich tun kann. Sei doch ruhig, mein
Herzblatt, mein Armes!“
Das lautlose Weinen ging in verzweifeltes Schluchzen über. Der ganze
zarte Körper bäumte sich und zuckte wie in Krämpfen. Mette nahm ihr
behutsam den Muff aus den Händen, den Hut vom Kopf, hob sie auf beide
Arme und trug sie nach dem Diwan. Sie bettete sie, deckte sie zu und legte
sich neben sie, um dem unruhigen Körper Ruhe und Wärme zu geben.
Das Weinen wurde leiser, müder, es kam nur noch von Zeit zu Zeit ein
stoßweises Aufschluchzen, wie bei einem erschöpften Kinde. Unter Mettes
ablenkt von dieser Verzweiflung, die einen wie mit stumpfen Zähnen
zernagt oder wie mit einem stumpfen Messer zersägt. Man sehnt sich direkt
nach einem scharfen, schneidenden Schmerz.“
„Ich kann dir ja auch nicht helfen,“ sagte Mette bedrückt.
„Nein, du kannst mir auch nicht helfen. Erstens liebst du mich nicht ...“
Mette nahm einen kraftlosen Anlauf, um zu widersprechen. Aber Gisela
schnitt ihr mit einer Bewegung das Wort ab:
„Sag’ nicht das Gegenteil – bemüh’ dich nicht. Ich liebe dich ja im
Grunde auch nicht – ich liebe überhaupt nicht mehr, glaube ich.“
„Dann weiß ich erst recht nicht, was du für Ursache hast, verzweifelt zu
sein,“ sagte Mette ratlos und ein wenig ungeduldig.
„Ich weiß es auch nicht. Vielleicht die, daß ich so unlöslich an mich
gekettet bin. Daß ich aus meiner eigenen Haut nicht heraus kann. Daß ich
sogar noch in ihr begraben werden muß. Aber es ist natürlich
unverantwortlich, daß ich auch noch andern Menschen zur Last falle. Ich
sollte mich irgendwo in einen Winkel verkriechen und sehen, wie ich mit
mir allein fertig werde, und krepieren, wenn ich nicht fertig werde. Schade
wär’s weiter nicht um mich.“
Aus den weit offenen Augen rannen langsam Tropfen über das weiße
abgezehrte Gesicht. Aber sie nahm die Hände nicht aus dem Muff, um die
Tränen abzutrocknen. Sie ließ sie rinnen, als fühlte sie sie nicht.
Mette ging das Mitleid wie ein heißer Strom übers Herz. Im nächsten
Augenblick kniete sie vor dem Stuhl und umschlang mit beiden Armen die
kinderschmale Gestalt.
„Wein’ nicht,“ bat sie, „wein’ doch nicht, Kleines, Geliebtes! Du hast
mich doch, und wir sind doch zusammen, du bist doch nicht allein auf der
Welt – wenn du mich auch nicht liebst, ich bin doch da für dich, und ich
bleibe bei dir, und ich tue für dich, was ich tun kann. Sei doch ruhig, mein
Herzblatt, mein Armes!“
Das lautlose Weinen ging in verzweifeltes Schluchzen über. Der ganze
zarte Körper bäumte sich und zuckte wie in Krämpfen. Mette nahm ihr
behutsam den Muff aus den Händen, den Hut vom Kopf, hob sie auf beide
Arme und trug sie nach dem Diwan. Sie bettete sie, deckte sie zu und legte
sich neben sie, um dem unruhigen Körper Ruhe und Wärme zu geben.
Das Weinen wurde leiser, müder, es kam nur noch von Zeit zu Zeit ein
stoßweises Aufschluchzen, wie bei einem erschöpften Kinde. Unter Mettes
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streichelnden Händen und geflüsterten Trostworten schlief Gisela ein. Sie
hatte sich an Mettes Schulter festgenestelt und atmete tief und ruhig.
Mette lag regungslos, um sie nicht zu wecken. Aber sie starrte mit
wachen, brennenden Augen in das Helldunkel des Zimmers, und das Herz
flatterte in ihrer Brust wie ein angeschossener Vogel.
hatte sich an Mettes Schulter festgenestelt und atmete tief und ruhig.
Mette lag regungslos, um sie nicht zu wecken. Aber sie starrte mit
wachen, brennenden Augen in das Helldunkel des Zimmers, und das Herz
flatterte in ihrer Brust wie ein angeschossener Vogel.
Page 98
„Rudlöffchen,“ rief Giesbert am andern Mittag von seinem Tisch aus zu
Mette hinüber, „was hatte denn Ihre Freundin gestern? Sie hat Sie
gesucht wie – wie – eine Stecknadel ist kein passender Vergleich für
Sie – also wie das verlorene Paradies!“
„Ich weiß nicht,“ sagte Mette gleichgültig – sie mußte sich zu einem
ruhig-freundlichen Ton zwingen, weil schon dieses Angerufenwerden ihr
entsetzlich war – „meinen Sie Fräulein Werkenthin? Sie wollte mich wohl
besuchen. Sie haben sie getroffen, nicht wahr?“
„Ja, ich dachte wunder was los wär’. Sie war so schrecklich aufgeregt.“
„Ach Gott,“ meinte die kleine Luigi spöttisch, „die gute Gisela ist immer
aufgeregt. Da braucht doch weiter gar nichts los zu sein!“
In Mette kämpften Scham und Empörung. Sie hätte nun wohl die Frau,
die man ihre Freundin nannte, gegen eine abfällige Bemerkung verteidigen
müssen. Aber es war gerade schlimm genug, daß man Gisela Werkenthin so
allgemein als ihre Freundin bezeichnete. Sie – Mette – hatte niemals durch
ihr Benehmen irgend jemand das Recht dazu gegeben.
Außerdem hatte Mara Luigi recht. Und einen Menschen, über den diese
kleine freche Person so zu urteilen sich erlaubte, einen solchen Menschen
mußte Mette „Ihre Freundin“ nennen lassen.
Sie schwieg. Aber sie war unzufrieden mit sich selbst.
„Sie saßen bei Sophus?“ fragte Giesbert weiter, „eine wundervolle
Alliteration! Sie saßen bei Sophus zur Sitzung – sie haute, den Hammer in
Händen, Ihr Haupt – Kramer, ich schenke Ihnen diesen Anfang für ein
Epos!“
Eccarius, der Mette zunächst saß, fragte jetzt – da das Gespräch nach der
andern Seite weitergeführt wurde:
„Gehen Sie heute wieder hin?“
„Ja, diese Woche alle Tage – weil Sophie jetzt gerade Zeit hat – oder
wenigstens nicht viel dringende Arbeiten.“
„Sie gehen gleich nach dem Essen?“
„Ja, weil Nora dann schläft – sonst läßt Sophie sie nicht gern allein, um
‚zu ihrem Vergnügen‘ zu arbeiten.“
Mette hinüber, „was hatte denn Ihre Freundin gestern? Sie hat Sie
gesucht wie – wie – eine Stecknadel ist kein passender Vergleich für
Sie – also wie das verlorene Paradies!“
„Ich weiß nicht,“ sagte Mette gleichgültig – sie mußte sich zu einem
ruhig-freundlichen Ton zwingen, weil schon dieses Angerufenwerden ihr
entsetzlich war – „meinen Sie Fräulein Werkenthin? Sie wollte mich wohl
besuchen. Sie haben sie getroffen, nicht wahr?“
„Ja, ich dachte wunder was los wär’. Sie war so schrecklich aufgeregt.“
„Ach Gott,“ meinte die kleine Luigi spöttisch, „die gute Gisela ist immer
aufgeregt. Da braucht doch weiter gar nichts los zu sein!“
In Mette kämpften Scham und Empörung. Sie hätte nun wohl die Frau,
die man ihre Freundin nannte, gegen eine abfällige Bemerkung verteidigen
müssen. Aber es war gerade schlimm genug, daß man Gisela Werkenthin so
allgemein als ihre Freundin bezeichnete. Sie – Mette – hatte niemals durch
ihr Benehmen irgend jemand das Recht dazu gegeben.
Außerdem hatte Mara Luigi recht. Und einen Menschen, über den diese
kleine freche Person so zu urteilen sich erlaubte, einen solchen Menschen
mußte Mette „Ihre Freundin“ nennen lassen.
Sie schwieg. Aber sie war unzufrieden mit sich selbst.
„Sie saßen bei Sophus?“ fragte Giesbert weiter, „eine wundervolle
Alliteration! Sie saßen bei Sophus zur Sitzung – sie haute, den Hammer in
Händen, Ihr Haupt – Kramer, ich schenke Ihnen diesen Anfang für ein
Epos!“
Eccarius, der Mette zunächst saß, fragte jetzt – da das Gespräch nach der
andern Seite weitergeführt wurde:
„Gehen Sie heute wieder hin?“
„Ja, diese Woche alle Tage – weil Sophie jetzt gerade Zeit hat – oder
wenigstens nicht viel dringende Arbeiten.“
„Sie gehen gleich nach dem Essen?“
„Ja, weil Nora dann schläft – sonst läßt Sophie sie nicht gern allein, um
‚zu ihrem Vergnügen‘ zu arbeiten.“
Page 99
„Sie müssen verzeihen, wenn es so klingt, als ob ich Sie ausfrage! Aber
es geschieht nicht aus müßiger Neugier ... ich wollte fragen, ob es Ihnen
recht wäre, wenn ich Sie heute hinausbegleite – ich hatte schon längst die
Absicht, meine Freundinnen einmal wieder aufzusuchen.“ – – –
Mette und Eccarius schritten durch die vor Kälte hallenden Straßen, die mit
einem dünnen Reif überflogen waren.
„Haben Sie sich gewundert,“ sagte Eccarius, „daß ich bei Tisch so
ostentativ von meinen Freundinnen sprach? Ich hatte nämlich einen kleinen
Disput mit Fräulein Peters. Fräulein Peters ist eine ganz prachtvolle Person,
aber ein bißchen streng in ihrem Urteil. Oder vielleicht noch besser gesagt:
ein bißchen beschränkt in ihrer Auffassung. Was sie nicht versteht, das wirft
sie alles zusammen in einen Topf und verdammt es. Und zu dem, was ihr
unverständlich ist, gehört natürlich auch eine Freundschaft wie die
zwischen Fräulein Degebrodt und Frau von Hersfeld. Sie warf da gleich mit
Worten wie ‚anormal‘ und ‚pervers‘ und ‚widernatürlich‘ um sich und
meinte, es wäre kein Verkehr für Sie!“
„Für mich?“ fragte Mette sehr erstaunt, „wie sind Sie denn auf mich
gekommen?“
„Offen gestanden – von Ihnen sind wir ausgegangen,“ erklärte Eccarius
mit einem um Verzeihung bittenden Lächeln. „Ja, ja, man weiß selber nie,
wie wichtig man andern ist, und was man für ‚interessanten Gesprächsstoff‘
liefert. Ernstlich – man kennt seine Feinde nicht und weiß nicht, wer einem
was am Zeuge zu flicken trachtet – aber man kennt auch seine Freunde
nicht und weiß nicht, wer um sein Wohl und Wehe besorgt ist.
Fräulein Peters ist eine Seele von einem Menschen, und sie macht sich
Gedanken um Sie – sie hat mir heute auseinandergesetzt, daß es meine
Pflicht wäre, Ihnen die Augen zu öffnen. Aber wenn ich Ihnen über Sophie
und Nora die Augen öffnen soll, kann ich nach bestem Wissen und
Gewissen nur sagen, daß es prachtvolle Menschen sind.“
„Frau von Hersfeld sagte mir neulich, daß Sie sich schon sehr lange
kennen,“ sagte Mette in einem leise drängenden Bestreben, das Gespräch
von sich selbst abzuwenden.
„Schon sehr lange“ – sie atmete erleichtert auf, als Eccarius das Thema
annahm – „ich kannte sie schon, als sie noch die schöne Nora von Zeyern
es geschieht nicht aus müßiger Neugier ... ich wollte fragen, ob es Ihnen
recht wäre, wenn ich Sie heute hinausbegleite – ich hatte schon längst die
Absicht, meine Freundinnen einmal wieder aufzusuchen.“ – – –
Mette und Eccarius schritten durch die vor Kälte hallenden Straßen, die mit
einem dünnen Reif überflogen waren.
„Haben Sie sich gewundert,“ sagte Eccarius, „daß ich bei Tisch so
ostentativ von meinen Freundinnen sprach? Ich hatte nämlich einen kleinen
Disput mit Fräulein Peters. Fräulein Peters ist eine ganz prachtvolle Person,
aber ein bißchen streng in ihrem Urteil. Oder vielleicht noch besser gesagt:
ein bißchen beschränkt in ihrer Auffassung. Was sie nicht versteht, das wirft
sie alles zusammen in einen Topf und verdammt es. Und zu dem, was ihr
unverständlich ist, gehört natürlich auch eine Freundschaft wie die
zwischen Fräulein Degebrodt und Frau von Hersfeld. Sie warf da gleich mit
Worten wie ‚anormal‘ und ‚pervers‘ und ‚widernatürlich‘ um sich und
meinte, es wäre kein Verkehr für Sie!“
„Für mich?“ fragte Mette sehr erstaunt, „wie sind Sie denn auf mich
gekommen?“
„Offen gestanden – von Ihnen sind wir ausgegangen,“ erklärte Eccarius
mit einem um Verzeihung bittenden Lächeln. „Ja, ja, man weiß selber nie,
wie wichtig man andern ist, und was man für ‚interessanten Gesprächsstoff‘
liefert. Ernstlich – man kennt seine Feinde nicht und weiß nicht, wer einem
was am Zeuge zu flicken trachtet – aber man kennt auch seine Freunde
nicht und weiß nicht, wer um sein Wohl und Wehe besorgt ist.
Fräulein Peters ist eine Seele von einem Menschen, und sie macht sich
Gedanken um Sie – sie hat mir heute auseinandergesetzt, daß es meine
Pflicht wäre, Ihnen die Augen zu öffnen. Aber wenn ich Ihnen über Sophie
und Nora die Augen öffnen soll, kann ich nach bestem Wissen und
Gewissen nur sagen, daß es prachtvolle Menschen sind.“
„Frau von Hersfeld sagte mir neulich, daß Sie sich schon sehr lange
kennen,“ sagte Mette in einem leise drängenden Bestreben, das Gespräch
von sich selbst abzuwenden.
„Schon sehr lange“ – sie atmete erleichtert auf, als Eccarius das Thema
annahm – „ich kannte sie schon, als sie noch die schöne Nora von Zeyern
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war, die gefeiertste Tänzerin, die kühnste Reiterin. Sie hatte hundert
Bewerber, und unter den hundert mußte sie gerade Herrn von Hersfeld
aussuchen!“
Er schwieg einen Augenblick mit bitterem Lächeln.
„Er war krank, nicht wahr?“ fragte Mette zaghaft.
„Oh, wenn Sie das wissen, dann ist es auch keine Indiskretion, wenn ich
Ihnen mehr erzähle. Er war sogenannt ausgeheilt, wie er selbst voll Stolz
jedem erzählte, der es hören wollte und nicht hören wollte. Nur seiner Frau
und seinen Schwiegereltern nicht.
Hersfelde war Majorat, und er wollte einen Sohn haben. Es kam auch ein
Junge zur Welt – er war schon ganz mit Ausschlag bedeckt, als er geboren
wurde. Was diese mütterlichste aller Frauen an diesem Kinde gelitten hat,
das ist unbeschreiblich! Und wir alle – seine sogenannten Freunde – wir
sahen das Kind an und sahen uns an und wußten: das wird nichts mehr.
Aber keiner traute sich, der jungen Mutter ein Wort zu sagen. Und sie hoffte
und hoffte und pflegte an diesem unseligen Würmchen herum und freute
sich über den kleinsten Fortschritt. Viel Fortschritte waren allerdings nicht
zu verzeichnen.
In einem Alter, wo andere Kinder herumlaufen und den ganzen Tag
plappern und krähen, lag er in seinen Kissen und drehte kaum den Kopf,
wenn man ihm etwas Blankes vortanzen ließ. ‚Er wird ein Denker,‘ sagte
Frau Nora dann und lächelte ein herzzerreißendes Lächeln. Aber als er mit
vier Jahren noch immer kein Wort sprach, sondern nur ein blödes Gelalle
von sich gab, da versteckte sie sich und ihn vor aller Welt. Sie ging nicht
mehr von ihrem Grund und Boden fort, sie empfing keinen Menschen. Sie
verschloß sich mit ihrem kranken Kinde in undurchdringlichste Einsamkeit,
sie pflegte es, sie spielte mit ihm, sie versuchte unermüdlich und vergebens,
ihm etwas beizubringen. Mit ungefähr fünf Jahren starb das arme Kind.
Aber Herr von Hersfeld brauchte einen Erben. Nach einem halben Jahr war
die unglückliche Frau wieder in der Hoffnung – ach Gott, sie war wirklich
in der Hoffnung.
Da nahm ein befreundeter Mediziner die Sache in die Hand – das heißt,
er sprach wohl nur ein leichtsinniges, aber ehrlich entrüstetes Wort von der
Unverantwortlichkeit, Kinder in die Welt zu setzen. Und als sie ihn zur
Rede stellte und nicht locker ließ, fragte er sehr erstaunt, ob sie nicht wisse,
was ihrem Kinde gefehlt hätte. Und da sie keine Ahnung hatte, sagte er
ihr’s. Das war ja schließlich auch sein gutes Recht. Aber er hat sich doch
Bewerber, und unter den hundert mußte sie gerade Herrn von Hersfeld
aussuchen!“
Er schwieg einen Augenblick mit bitterem Lächeln.
„Er war krank, nicht wahr?“ fragte Mette zaghaft.
„Oh, wenn Sie das wissen, dann ist es auch keine Indiskretion, wenn ich
Ihnen mehr erzähle. Er war sogenannt ausgeheilt, wie er selbst voll Stolz
jedem erzählte, der es hören wollte und nicht hören wollte. Nur seiner Frau
und seinen Schwiegereltern nicht.
Hersfelde war Majorat, und er wollte einen Sohn haben. Es kam auch ein
Junge zur Welt – er war schon ganz mit Ausschlag bedeckt, als er geboren
wurde. Was diese mütterlichste aller Frauen an diesem Kinde gelitten hat,
das ist unbeschreiblich! Und wir alle – seine sogenannten Freunde – wir
sahen das Kind an und sahen uns an und wußten: das wird nichts mehr.
Aber keiner traute sich, der jungen Mutter ein Wort zu sagen. Und sie hoffte
und hoffte und pflegte an diesem unseligen Würmchen herum und freute
sich über den kleinsten Fortschritt. Viel Fortschritte waren allerdings nicht
zu verzeichnen.
In einem Alter, wo andere Kinder herumlaufen und den ganzen Tag
plappern und krähen, lag er in seinen Kissen und drehte kaum den Kopf,
wenn man ihm etwas Blankes vortanzen ließ. ‚Er wird ein Denker,‘ sagte
Frau Nora dann und lächelte ein herzzerreißendes Lächeln. Aber als er mit
vier Jahren noch immer kein Wort sprach, sondern nur ein blödes Gelalle
von sich gab, da versteckte sie sich und ihn vor aller Welt. Sie ging nicht
mehr von ihrem Grund und Boden fort, sie empfing keinen Menschen. Sie
verschloß sich mit ihrem kranken Kinde in undurchdringlichste Einsamkeit,
sie pflegte es, sie spielte mit ihm, sie versuchte unermüdlich und vergebens,
ihm etwas beizubringen. Mit ungefähr fünf Jahren starb das arme Kind.
Aber Herr von Hersfeld brauchte einen Erben. Nach einem halben Jahr war
die unglückliche Frau wieder in der Hoffnung – ach Gott, sie war wirklich
in der Hoffnung.
Da nahm ein befreundeter Mediziner die Sache in die Hand – das heißt,
er sprach wohl nur ein leichtsinniges, aber ehrlich entrüstetes Wort von der
Unverantwortlichkeit, Kinder in die Welt zu setzen. Und als sie ihn zur
Rede stellte und nicht locker ließ, fragte er sehr erstaunt, ob sie nicht wisse,
was ihrem Kinde gefehlt hätte. Und da sie keine Ahnung hatte, sagte er
ihr’s. Das war ja schließlich auch sein gutes Recht. Aber er hat sich doch
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sehr schwere Vorwürfe gemacht. Denn am selben Tage verunglückte Frau
Nora durch einen Sturz vom Heuboden und holte sich so schwere innere
Verletzungen, daß sie nie wieder gesund wurde. Daraufhin ließ dann Herr
von Hersfeld sich von ihr scheiden!“
„Lebt er noch?“ fragte Mette.
„Warum? Sie machen ein Gesicht zu der Frage, als ob Sie ihn sonst
umbringen möchten. Aber Sie können ganz ruhig sein; er ist tot – er hat
sogar ein recht dramatisches Ende gefunden, oder vielmehr sein Ende hatte
einen dramatischen Anfang. Denken Sie, dieser Mensch hatte die Absicht,
ein zweitesmal zu heiraten, nachdem er von Nora geschieden war. Ein
schönes, unschuldiges junges Mädchen aus bester Familie. Sie machen sich
keinen Begriff, was die arme Frau Nora da an Gewissensqualen gelitten hat
– sie kannte die Braut – sie kannte die Eltern – und sie kannte da auch
endlich Herrn von Hersfeld, ihren geschiedenen Gatten. Aber trotzdem sie
ihn so gut kannte, liebte sie ihn wohl immer noch – irgendwo in einem
letzten Seelenwinkel waren noch die Trümmer des starken Gefühls. Und es
erschien ihr als ein Verbrechen, den Mann anzuklagen. Man hätte es ihr ja
auch so leicht als kleinlichen Racheakt auslegen können. Und andererseits
war es ein viel größeres Verbrechen, das arme Mädchen unwissend in eine
solche Ehe gehen zu lassen.“
„Um Gottes willen,“ sagte Mette mit angstvollen Augen, „hat sie das
getan?“
„Sie war so hilflos – sie konnte sich kaum rühren – die Lage wurde
erschwert dadurch, daß das Mädchen schon zu Zeiten seiner Ehe in
Hersfeld verliebt war und der Frau, wenn nicht feindlich, doch mißtrauisch
gegenüberstand. Sie hat mir oft gesagt, daß sie in ihrer verzweifelten Lage
um ein Wunder gebetet hat.
Und das Wunder geschah. Die Trauung war anberaumt, der Bräutigam
erschien nicht. Als er geholt werden sollte, versteckte er sich im Stall und
schoß mit dem Revolver um sich. Schließlich wurde er überwältigt und
nach einer Anstalt gebracht. Ein paar Monate lebte er noch unter Anfällen
von Verfolgungswahn und Tobsucht. Dann ging er ein. Gehirnerweichung.
Einer von seinen früheren Kameraden machte die treffende Bemerkung, als
die Todesursache bekannt wurde: „Das erstemal, daß man erfährt, daß
Hersfeld Gehirn gehabt hat!“
Sie gingen wieder eine Weile schweigend, jeder in seine Gedanken
versponnen.
Nora durch einen Sturz vom Heuboden und holte sich so schwere innere
Verletzungen, daß sie nie wieder gesund wurde. Daraufhin ließ dann Herr
von Hersfeld sich von ihr scheiden!“
„Lebt er noch?“ fragte Mette.
„Warum? Sie machen ein Gesicht zu der Frage, als ob Sie ihn sonst
umbringen möchten. Aber Sie können ganz ruhig sein; er ist tot – er hat
sogar ein recht dramatisches Ende gefunden, oder vielmehr sein Ende hatte
einen dramatischen Anfang. Denken Sie, dieser Mensch hatte die Absicht,
ein zweitesmal zu heiraten, nachdem er von Nora geschieden war. Ein
schönes, unschuldiges junges Mädchen aus bester Familie. Sie machen sich
keinen Begriff, was die arme Frau Nora da an Gewissensqualen gelitten hat
– sie kannte die Braut – sie kannte die Eltern – und sie kannte da auch
endlich Herrn von Hersfeld, ihren geschiedenen Gatten. Aber trotzdem sie
ihn so gut kannte, liebte sie ihn wohl immer noch – irgendwo in einem
letzten Seelenwinkel waren noch die Trümmer des starken Gefühls. Und es
erschien ihr als ein Verbrechen, den Mann anzuklagen. Man hätte es ihr ja
auch so leicht als kleinlichen Racheakt auslegen können. Und andererseits
war es ein viel größeres Verbrechen, das arme Mädchen unwissend in eine
solche Ehe gehen zu lassen.“
„Um Gottes willen,“ sagte Mette mit angstvollen Augen, „hat sie das
getan?“
„Sie war so hilflos – sie konnte sich kaum rühren – die Lage wurde
erschwert dadurch, daß das Mädchen schon zu Zeiten seiner Ehe in
Hersfeld verliebt war und der Frau, wenn nicht feindlich, doch mißtrauisch
gegenüberstand. Sie hat mir oft gesagt, daß sie in ihrer verzweifelten Lage
um ein Wunder gebetet hat.
Und das Wunder geschah. Die Trauung war anberaumt, der Bräutigam
erschien nicht. Als er geholt werden sollte, versteckte er sich im Stall und
schoß mit dem Revolver um sich. Schließlich wurde er überwältigt und
nach einer Anstalt gebracht. Ein paar Monate lebte er noch unter Anfällen
von Verfolgungswahn und Tobsucht. Dann ging er ein. Gehirnerweichung.
Einer von seinen früheren Kameraden machte die treffende Bemerkung, als
die Todesursache bekannt wurde: „Das erstemal, daß man erfährt, daß
Hersfeld Gehirn gehabt hat!“
Sie gingen wieder eine Weile schweigend, jeder in seine Gedanken
versponnen.
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Eccarius hob den Kopf mit einem plötzlichen Entschluß. Sein Gesicht
war wieder wie aufgehellt von dem flüchtig darübergleitenden
liebenswürdigen Lächeln.
„Nun haben Sie mich mit ganz heimtückischer Eleganz von meinem
Thema weggelockt. Ich habe Ihnen lange Geschichten erzählt und nichts
von dem gesagt, was ich beauftragt war, Ihnen zu sagen – und nicht nur
beauftragt – was ich auch aus eigenem Antrieb sagen wollte ...“
„Muß es denn sein?“ fragte Mette mit flehenden Augen, „glauben Sie im
Ernst, daß ich nicht alles weiß, was Sie mir sagen können? Ich weiß, daß
Sie es gut mit mir meinen, und ich bin Ihnen auch so dankbar dafür. Aber
ich habe – vielleicht gerade weil ich so jung und eben erst mündig
geworden bin – so sehr das Gefühl, daß nur ich selber mir helfen kann und
daß ich mir selber helfen muß. Ich weiß, daß ich nicht immer den kürzesten
und den geradesten Weg finden werde – aber ich habe ja auch kein Ziel –
nur das eine Ziel, das Leben kennenzulernen, ganz, soweit das einer Frau
möglich ist, mit Licht- und Schattenseiten, mit Fehlern und Vorzügen – wie
man einen Menschen kennenlernen will – den man liebt!“
„Wenn Sie das Leben so lieben,“ sagte Eccarius mit einer nachgiebigen
Beharrlichkeit, „so müssen Sie sehr behutsam damit umgehen. Und wenn
Sie auf Ihrer Wanderung kein Ziel haben, oder nur das Ziel, möglichst viel
zu sehen auf Ihren selbstgesuchten Wegen, so dürfen Sie sich nicht in eine
Sackgasse verrennen, aus der Sie nicht wieder herausfinden. Seien Sie mir
nicht böse – aber ich habe die Frechheit gehabt, Sie im stillen zu
beobachten – ich sehe Sie doch seit Monaten zweimal täglich mindestens –
und ich habe mir im Laufe der Jahre ein wenig Menschenkenntnis erworben
– Sie machen, wenn man es so in zwei Sätzen bezeichnen darf, nicht den
Eindruck eines Menschen, der das Leben liebt, sondern eher eines
Menschen, der – den Tod nicht fürchtet.“
Mette hatte schon auf die Klingel an der Haustür gedrückt und wandte
sich um:
„Ist das ein Widerspruch? Kann man nicht beides – das Lebens lieben
und den Tod nicht fürchten?! Vielleicht gehört es zusammen. Ich will es zu
meinem Wahlspruch machen und groß über alle meine Tage schreiben: Das
Leben lieben und den Tod nicht fürchten!“
„Ich weiß kein noch besseres Wort,“ sagte Eccarius mit nach innen
gekehrten Blicken, „man kann diesen Satz auch anders stellen – dann will
ich ihn zu meinem Wahlspruch machen.“
war wieder wie aufgehellt von dem flüchtig darübergleitenden
liebenswürdigen Lächeln.
„Nun haben Sie mich mit ganz heimtückischer Eleganz von meinem
Thema weggelockt. Ich habe Ihnen lange Geschichten erzählt und nichts
von dem gesagt, was ich beauftragt war, Ihnen zu sagen – und nicht nur
beauftragt – was ich auch aus eigenem Antrieb sagen wollte ...“
„Muß es denn sein?“ fragte Mette mit flehenden Augen, „glauben Sie im
Ernst, daß ich nicht alles weiß, was Sie mir sagen können? Ich weiß, daß
Sie es gut mit mir meinen, und ich bin Ihnen auch so dankbar dafür. Aber
ich habe – vielleicht gerade weil ich so jung und eben erst mündig
geworden bin – so sehr das Gefühl, daß nur ich selber mir helfen kann und
daß ich mir selber helfen muß. Ich weiß, daß ich nicht immer den kürzesten
und den geradesten Weg finden werde – aber ich habe ja auch kein Ziel –
nur das eine Ziel, das Leben kennenzulernen, ganz, soweit das einer Frau
möglich ist, mit Licht- und Schattenseiten, mit Fehlern und Vorzügen – wie
man einen Menschen kennenlernen will – den man liebt!“
„Wenn Sie das Leben so lieben,“ sagte Eccarius mit einer nachgiebigen
Beharrlichkeit, „so müssen Sie sehr behutsam damit umgehen. Und wenn
Sie auf Ihrer Wanderung kein Ziel haben, oder nur das Ziel, möglichst viel
zu sehen auf Ihren selbstgesuchten Wegen, so dürfen Sie sich nicht in eine
Sackgasse verrennen, aus der Sie nicht wieder herausfinden. Seien Sie mir
nicht böse – aber ich habe die Frechheit gehabt, Sie im stillen zu
beobachten – ich sehe Sie doch seit Monaten zweimal täglich mindestens –
und ich habe mir im Laufe der Jahre ein wenig Menschenkenntnis erworben
– Sie machen, wenn man es so in zwei Sätzen bezeichnen darf, nicht den
Eindruck eines Menschen, der das Leben liebt, sondern eher eines
Menschen, der – den Tod nicht fürchtet.“
Mette hatte schon auf die Klingel an der Haustür gedrückt und wandte
sich um:
„Ist das ein Widerspruch? Kann man nicht beides – das Lebens lieben
und den Tod nicht fürchten?! Vielleicht gehört es zusammen. Ich will es zu
meinem Wahlspruch machen und groß über alle meine Tage schreiben: Das
Leben lieben und den Tod nicht fürchten!“
„Ich weiß kein noch besseres Wort,“ sagte Eccarius mit nach innen
gekehrten Blicken, „man kann diesen Satz auch anders stellen – dann will
ich ihn zu meinem Wahlspruch machen.“
Page 103
Das Mädchen öffnete die Tür. Auf Mettes fragenden Blick schüttelte
Eccarius leicht den Kopf:
„Ein andermal ...“ – – –
Sie saßen in der frühen Dämmerung des Wintertages zusammen, Nora,
Sophie, Eccarius und Mette. Es war schon so dunkel im Zimmer, daß man
kaum mehr deutlich die Gesichtszüge der Zunächstsitzenden unterscheiden
konnte. Aber keiner hatte das Verlangen nach Helligkeit.
Mette hatte nach Johannes gefragt – und Sophie hatte ihr in Aufregung
und Empörung mitgeteilt, daß er sehr unter häßlichen Klatschgeschichten
zu leiden habe. Man hatte seinem alten Freund, dem dicken Drencker, in
gehässiger Weise hinterbracht, daß sein Geld dem jungen Krafft das
Studium ermögliche – oder vielmehr, daß Willi Krafft sein – Drenckers
Geld – im Bac verspiele und mit Frauenzimmern verprasse.
Nora hatte Johannes verteidigt. Wenn sie ihn auch nicht in verklärendem
Licht sah, und sein Verhältnis zu Drencker ihr unbegreiflich und peinlich
war – sie hatte immer geglaubt, daß seine Freundschaft für Willi Krafft von
einer ganz idealen schwärmerischen Art wäre.
„Und wenn nicht!“ sagte Sophie eigensinnig. „Wo immer ein
Menschenhandel abgeschlossen wird, liegt die Schuld auf seiten des
Käufers. Der Gekaufte ist immer in Notlage. Und es ist gerade schlimm
genug, wenn so ein reiches Schwein einen Anteil an einem Menschen
kaufen kann. Daß er ihn dann noch ganz und restlos haben will, ist eine
Frechheit.“
„Jeder Handel sollte ehrlich sein!“ warf Eccarius in seiner leisen,
nachdenklichen Art ein.
„Nein,“ ereiferte sich Sophie, „wer sich für sein schmieriges Geld einen
Menschen kaufen will zur Befriedigung seiner kleinen niedrigen Lüstlein,
der soll betrogen werden. Es soll Dinge geben, die nicht zu kaufen sind, für
kein Geld der Welt. Und glauben Sie mir, Eccarius – in all diesen
schmutzigen Handeln, wo es sich um eigentlich Unverkäufliches dreht – ob
es nun Liebe ist oder Ehre oder Ruhm oder Begabung oder Adel – immer
war zuerst der Käufer da, immer zuerst der, der auf seinen Geldsack schlug
und sagte: das will ich haben, schafft es mir, ich kann es zahlen. Und dann
wurde erst die Ware gesucht. Glauben Sie, daß ein armer Musiker auf den
Eccarius leicht den Kopf:
„Ein andermal ...“ – – –
Sie saßen in der frühen Dämmerung des Wintertages zusammen, Nora,
Sophie, Eccarius und Mette. Es war schon so dunkel im Zimmer, daß man
kaum mehr deutlich die Gesichtszüge der Zunächstsitzenden unterscheiden
konnte. Aber keiner hatte das Verlangen nach Helligkeit.
Mette hatte nach Johannes gefragt – und Sophie hatte ihr in Aufregung
und Empörung mitgeteilt, daß er sehr unter häßlichen Klatschgeschichten
zu leiden habe. Man hatte seinem alten Freund, dem dicken Drencker, in
gehässiger Weise hinterbracht, daß sein Geld dem jungen Krafft das
Studium ermögliche – oder vielmehr, daß Willi Krafft sein – Drenckers
Geld – im Bac verspiele und mit Frauenzimmern verprasse.
Nora hatte Johannes verteidigt. Wenn sie ihn auch nicht in verklärendem
Licht sah, und sein Verhältnis zu Drencker ihr unbegreiflich und peinlich
war – sie hatte immer geglaubt, daß seine Freundschaft für Willi Krafft von
einer ganz idealen schwärmerischen Art wäre.
„Und wenn nicht!“ sagte Sophie eigensinnig. „Wo immer ein
Menschenhandel abgeschlossen wird, liegt die Schuld auf seiten des
Käufers. Der Gekaufte ist immer in Notlage. Und es ist gerade schlimm
genug, wenn so ein reiches Schwein einen Anteil an einem Menschen
kaufen kann. Daß er ihn dann noch ganz und restlos haben will, ist eine
Frechheit.“
„Jeder Handel sollte ehrlich sein!“ warf Eccarius in seiner leisen,
nachdenklichen Art ein.
„Nein,“ ereiferte sich Sophie, „wer sich für sein schmieriges Geld einen
Menschen kaufen will zur Befriedigung seiner kleinen niedrigen Lüstlein,
der soll betrogen werden. Es soll Dinge geben, die nicht zu kaufen sind, für
kein Geld der Welt. Und glauben Sie mir, Eccarius – in all diesen
schmutzigen Handeln, wo es sich um eigentlich Unverkäufliches dreht – ob
es nun Liebe ist oder Ehre oder Ruhm oder Begabung oder Adel – immer
war zuerst der Käufer da, immer zuerst der, der auf seinen Geldsack schlug
und sagte: das will ich haben, schafft es mir, ich kann es zahlen. Und dann
wurde erst die Ware gesucht. Glauben Sie, daß ein armer Musiker auf den
Page 104
Gedanken kommt, seine Gedanken, seine Melodien, das liebste, was er hat,
einem reichen Krämer anzubieten, damit der sie unter seinem Namen
erscheinen läßt? Nein, so ein Gedanke kann nur in einem Krämergehirn
aufkeimen!
Ich kenne solche Fälle – sehr genau! Von den harmlosesten Anfängen, wo
ein wohlgenährter Bürgerssohn von einem armen begabten Mitschüler sich
die ersten Liebesbriefe schreiben läßt – für eine Handvoll Zigaretten – bis
zu Opernpremieren, wo sich als Komponist ein Herr verbeugt, der nie einen
Ton von der aufgeführten Musik geschrieben hat – hätte schreiben können.
Ach, die Welt ist schon ziemlich ekelhaft. Man kann nur froh sein, wenn
man möglichst wenig mit ihr zu tun hat. Wir sitzen hier auf unserer Insel –
gelt Norina? Und soviel Schiffe auch anlegen – sie fahren alle wieder weiter
– ansiedeln darf sich keiner in unserm Bereich. Im übrigen kann ich nur
sagen: Drencker soll froh sein, daß es ihm nicht ergangen ist wie dem
armen Keller, der sich vor acht Tagen erschossen hat, weil ihn eine
Erpresserbande langsam erdrosselt hat und weil der unglückliche Mensch
lieber tot sein wollte, als immer vor dem Gefängnis zittern.“
Eccarius schüttelte den Kopf:
„Daß die mittelalterliche Institution dieser Strafen immer noch besteht!“
Nora legte sich dafür ein: „Es muß doch einen Schutz für Kinder und
Unmündige geben – auch wenn die Unmündigen zufällig über
einundzwanzig Jahre sind. Es gibt ein sehr wahres Wort: wo kein Kläger ist,
ist auch kein Richter. Wie zwei reife Menschen miteinander leben, geht
keinen Staatsanwalt etwas an. Genau so, wie kein Staatsanwalt sich in das
hineinmischt, was in einer Ehe vorgeht. Ich muß sagen, in manchen Fällen:
leider! Wenn gestraft wird, so wird geklagt, und wenn jemand klagt, so fühlt
er, daß ihm Unrecht geschehen ist.“
„Der Paragraph hundertfünfundsiebzig ist eine Einnahmequelle für
Gauner und Erpresser,“ widersprach Eccarius heftiger, als es seine Art war
– „aber kein Schutz für Kinder irgendwelchen Alters. Kinder dulden stumm
und klagen nicht. Wenn einmal ein Fall ans Licht kommt, dann schreit die
Welt vor Empörung – aber in tausend Fällen kommt von solchen an
Kindern begangenen Verbrechen nicht ein Schimmer zutage.“
„Das ist nicht möglich,“ sagte Sophie mit vor Erregung bebender
Stimme, „es kann auf der ganzen Welt nicht tausend Unmenschen geben,
denen ein Kind nicht heilig wäre.“
Eccarius lachte, ein heiseres, tonloses Lachen:
einem reichen Krämer anzubieten, damit der sie unter seinem Namen
erscheinen läßt? Nein, so ein Gedanke kann nur in einem Krämergehirn
aufkeimen!
Ich kenne solche Fälle – sehr genau! Von den harmlosesten Anfängen, wo
ein wohlgenährter Bürgerssohn von einem armen begabten Mitschüler sich
die ersten Liebesbriefe schreiben läßt – für eine Handvoll Zigaretten – bis
zu Opernpremieren, wo sich als Komponist ein Herr verbeugt, der nie einen
Ton von der aufgeführten Musik geschrieben hat – hätte schreiben können.
Ach, die Welt ist schon ziemlich ekelhaft. Man kann nur froh sein, wenn
man möglichst wenig mit ihr zu tun hat. Wir sitzen hier auf unserer Insel –
gelt Norina? Und soviel Schiffe auch anlegen – sie fahren alle wieder weiter
– ansiedeln darf sich keiner in unserm Bereich. Im übrigen kann ich nur
sagen: Drencker soll froh sein, daß es ihm nicht ergangen ist wie dem
armen Keller, der sich vor acht Tagen erschossen hat, weil ihn eine
Erpresserbande langsam erdrosselt hat und weil der unglückliche Mensch
lieber tot sein wollte, als immer vor dem Gefängnis zittern.“
Eccarius schüttelte den Kopf:
„Daß die mittelalterliche Institution dieser Strafen immer noch besteht!“
Nora legte sich dafür ein: „Es muß doch einen Schutz für Kinder und
Unmündige geben – auch wenn die Unmündigen zufällig über
einundzwanzig Jahre sind. Es gibt ein sehr wahres Wort: wo kein Kläger ist,
ist auch kein Richter. Wie zwei reife Menschen miteinander leben, geht
keinen Staatsanwalt etwas an. Genau so, wie kein Staatsanwalt sich in das
hineinmischt, was in einer Ehe vorgeht. Ich muß sagen, in manchen Fällen:
leider! Wenn gestraft wird, so wird geklagt, und wenn jemand klagt, so fühlt
er, daß ihm Unrecht geschehen ist.“
„Der Paragraph hundertfünfundsiebzig ist eine Einnahmequelle für
Gauner und Erpresser,“ widersprach Eccarius heftiger, als es seine Art war
– „aber kein Schutz für Kinder irgendwelchen Alters. Kinder dulden stumm
und klagen nicht. Wenn einmal ein Fall ans Licht kommt, dann schreit die
Welt vor Empörung – aber in tausend Fällen kommt von solchen an
Kindern begangenen Verbrechen nicht ein Schimmer zutage.“
„Das ist nicht möglich,“ sagte Sophie mit vor Erregung bebender
Stimme, „es kann auf der ganzen Welt nicht tausend Unmenschen geben,
denen ein Kind nicht heilig wäre.“
Eccarius lachte, ein heiseres, tonloses Lachen:
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„Ich will Ihnen einen Fall erzählen – einen Fall von tausend. Ein
Verbrechen von tausend, bei welchem der Verbrecher straflos ausging ... ich
kannte eine Familie – eine wohlhabende, angesehene Familie, kluge gütige
Eltern, die vier gesunde, begabte, gut veranlagte Kinder hatten ... vier
Knaben. Die Mutter konnte nicht ganz allein die Sorge für vier
heranwachsende Jungen haben – es wäre auch gegen das Herkommen
gewesen – man nahm ein Kinderfräulein ins Haus – eine halbgebildete
Person, wie es üblich war, eine von sympathischem Äußern mit guten
Zeugnissen und allen möglichen Empfehlungen. Dies Kinderfräulein hatte
nichts besseres zu tun, als den Knaben beizubringen ... wovor man sie sonst
sorglich behütet. Die unglücklichen Kinder gerieten dadurch ganz in den
Bann dieser Person. Sie wußten, daß sie etwas Verbotenes taten. Sie
schlugen sich mit dem schweren Begriff ‚Sünde‘ herum, und baten Gott um
Beistand. Das infame Weib erfand mit unerschöpflicher Phantasie immer
neue Listen, um die widerstrebenden und ermüdeten Kinder aufzustacheln.
Sie wurden immer elender – sie wurden auf alles mögliche behandelt, in
teure Bäder geschickt – natürlich in Begleitung des Fräuleins. Manchmal
faßte eines der Kinder den Entschluß, der Mutter alles zu beichten – aber es
blieb bei dem Entschluß. Diese Dinge waren zu furchtbar, als daß man sie
der gütigsten Mutter hätte anvertrauen können. Vielleicht können Sie sich
eine Vorstellung davon machen, was solche Kinder für eine ‚Kindheit‘
gehabt haben. An Leib und Seele erschöpft, unlustig zu Spiel und Arbeit,
bei aller Begabung kaum fähig, in der Schule mitzukommen, in ewiger
Angst vor Entdeckung, vor Strafe, vor Krankheit, vor der Hölle – und
immer widerstandsloser dem Laster hingegeben, immer mehr wie Schatten
durch die Tage schleichend, und lebend nur in dem gefährlichen Spiel der
Nächte.
Als das Kinderfräulein ging, um in einer andern Familie ihr Werk
fortzusetzen – da war es zu spät. Von den vieren hat sich keiner mehr
erholen können. Der eine erschoß sich in der Nacht nach seiner Verlobung.
Der zweite blieb ein unseliger Monomane und mußte schließlich mit
völliger Nervenzerrüttung in eine Heilanstalt gebracht werden. Die beiden
jüngsten haben allem, was Eros heißt, im tiefsten angewidert, den Rücken
gekehrt. Der eine, schwärmerischen Geistes, hat sich in ein Kloster
geflüchtet – der andere schlägt sich durch eine graue und freudlose Welt
und schaudert zurück vor jeder Gemeinschaft mit Menschen. Das Weib ist
Verbrechen von tausend, bei welchem der Verbrecher straflos ausging ... ich
kannte eine Familie – eine wohlhabende, angesehene Familie, kluge gütige
Eltern, die vier gesunde, begabte, gut veranlagte Kinder hatten ... vier
Knaben. Die Mutter konnte nicht ganz allein die Sorge für vier
heranwachsende Jungen haben – es wäre auch gegen das Herkommen
gewesen – man nahm ein Kinderfräulein ins Haus – eine halbgebildete
Person, wie es üblich war, eine von sympathischem Äußern mit guten
Zeugnissen und allen möglichen Empfehlungen. Dies Kinderfräulein hatte
nichts besseres zu tun, als den Knaben beizubringen ... wovor man sie sonst
sorglich behütet. Die unglücklichen Kinder gerieten dadurch ganz in den
Bann dieser Person. Sie wußten, daß sie etwas Verbotenes taten. Sie
schlugen sich mit dem schweren Begriff ‚Sünde‘ herum, und baten Gott um
Beistand. Das infame Weib erfand mit unerschöpflicher Phantasie immer
neue Listen, um die widerstrebenden und ermüdeten Kinder aufzustacheln.
Sie wurden immer elender – sie wurden auf alles mögliche behandelt, in
teure Bäder geschickt – natürlich in Begleitung des Fräuleins. Manchmal
faßte eines der Kinder den Entschluß, der Mutter alles zu beichten – aber es
blieb bei dem Entschluß. Diese Dinge waren zu furchtbar, als daß man sie
der gütigsten Mutter hätte anvertrauen können. Vielleicht können Sie sich
eine Vorstellung davon machen, was solche Kinder für eine ‚Kindheit‘
gehabt haben. An Leib und Seele erschöpft, unlustig zu Spiel und Arbeit,
bei aller Begabung kaum fähig, in der Schule mitzukommen, in ewiger
Angst vor Entdeckung, vor Strafe, vor Krankheit, vor der Hölle – und
immer widerstandsloser dem Laster hingegeben, immer mehr wie Schatten
durch die Tage schleichend, und lebend nur in dem gefährlichen Spiel der
Nächte.
Als das Kinderfräulein ging, um in einer andern Familie ihr Werk
fortzusetzen – da war es zu spät. Von den vieren hat sich keiner mehr
erholen können. Der eine erschoß sich in der Nacht nach seiner Verlobung.
Der zweite blieb ein unseliger Monomane und mußte schließlich mit
völliger Nervenzerrüttung in eine Heilanstalt gebracht werden. Die beiden
jüngsten haben allem, was Eros heißt, im tiefsten angewidert, den Rücken
gekehrt. Der eine, schwärmerischen Geistes, hat sich in ein Kloster
geflüchtet – der andere schlägt sich durch eine graue und freudlose Welt
und schaudert zurück vor jeder Gemeinschaft mit Menschen. Das Weib ist
Page 106
wahrscheinlich heute noch eine würdige Kinderfrau, und die ihr
anvertrauten Kinder werden elend unter ihrer umsichtigen Pflege.“
Niemand sprach. Die Dunkelheit war über das ganze Zimmer gekrochen
und ließ kaum mehr von den Fenstern einen blassen grauen Fleck sehen.
„Oh!“ sagte Sophie – Mette glaubte zu hören, daß ihre Stimme von
zornigen Tränen bebte und glaubte zu fühlen, wie sie die Fäuste ballte:
„Man sollte sie hinrichten.“
„Dann müßte man viele hinrichten,“ sagte Eccarius ruhig.
Wieder lastete das Schweigen.
Es klopfte, jemand öffnete die Tür, heller Lichtschein stach in die
Dunkelheit, Lärm zerriß die Stille.
„Ich bringe die Zeitung,“ sagte das Mädchen und blieb verwundert in der
Tür stehen. „Soll ich Licht machen, gnädige Frau?“
„Ja, machen Sie Licht, Martha.“
Das Licht gellte auf wie ein Trompetenstoß. Sie neigten alle die Stirnen,
um ihm zu entgehen und zogen die Brauen zusammen und blinzelten mit
den Augen.
Keiner fand den Mut, den andern anzusehen. Sophie nahm dem Mädchen
die Zeitung ab und fing an, daraus vorzulesen, die gleichgültigsten Dinge
der Welt, die niemanden interessieren konnten. Aber alle heuchelten
Anteilnahme und wußten irgend etwas dazu zu sagen, so daß ein lebhaftes
Gespräch aus lauter belanglosen Phrasen zustande kam.
Eccarius ging, ehe die Unterhaltung wieder versickerte.
Sie sprachen noch über ein Dutzend anderer Dinge, als er fort war. Aber
es war, als ob sie weder ein ernstes, noch ein erzwungen leichtes Gespräch
mehr ertragen konnten. Sophie fand den erlösenden Gedanken. Sie machte
den Vorschlag einer Skatpartie, um noch ein Weilchen gemütlich
beieinander zu sitzen und Ablenkung für die Gedanken zu haben.
Aber plötzlich, mitten im Spiel, ließ sie die Hand mit den Karten auf den
Tisch sinken:
„Er hat einen Bruder in der Irrenanstalt,“ sagte sie, als hätte sie die ganze
Zeit nichts anderes gedacht.
„Ich weiß,“ sagte Nora ebenso ernsthaft. „Und einen im Kloster.“
anvertrauten Kinder werden elend unter ihrer umsichtigen Pflege.“
Niemand sprach. Die Dunkelheit war über das ganze Zimmer gekrochen
und ließ kaum mehr von den Fenstern einen blassen grauen Fleck sehen.
„Oh!“ sagte Sophie – Mette glaubte zu hören, daß ihre Stimme von
zornigen Tränen bebte und glaubte zu fühlen, wie sie die Fäuste ballte:
„Man sollte sie hinrichten.“
„Dann müßte man viele hinrichten,“ sagte Eccarius ruhig.
Wieder lastete das Schweigen.
Es klopfte, jemand öffnete die Tür, heller Lichtschein stach in die
Dunkelheit, Lärm zerriß die Stille.
„Ich bringe die Zeitung,“ sagte das Mädchen und blieb verwundert in der
Tür stehen. „Soll ich Licht machen, gnädige Frau?“
„Ja, machen Sie Licht, Martha.“
Das Licht gellte auf wie ein Trompetenstoß. Sie neigten alle die Stirnen,
um ihm zu entgehen und zogen die Brauen zusammen und blinzelten mit
den Augen.
Keiner fand den Mut, den andern anzusehen. Sophie nahm dem Mädchen
die Zeitung ab und fing an, daraus vorzulesen, die gleichgültigsten Dinge
der Welt, die niemanden interessieren konnten. Aber alle heuchelten
Anteilnahme und wußten irgend etwas dazu zu sagen, so daß ein lebhaftes
Gespräch aus lauter belanglosen Phrasen zustande kam.
Eccarius ging, ehe die Unterhaltung wieder versickerte.
Sie sprachen noch über ein Dutzend anderer Dinge, als er fort war. Aber
es war, als ob sie weder ein ernstes, noch ein erzwungen leichtes Gespräch
mehr ertragen konnten. Sophie fand den erlösenden Gedanken. Sie machte
den Vorschlag einer Skatpartie, um noch ein Weilchen gemütlich
beieinander zu sitzen und Ablenkung für die Gedanken zu haben.
Aber plötzlich, mitten im Spiel, ließ sie die Hand mit den Karten auf den
Tisch sinken:
„Er hat einen Bruder in der Irrenanstalt,“ sagte sie, als hätte sie die ganze
Zeit nichts anderes gedacht.
„Ich weiß,“ sagte Nora ebenso ernsthaft. „Und einen im Kloster.“
Page 107
A ls Mette nach Hause kam, begegnete ihr auf der Diele eines der
Mädchen und sagte – wie es ihr schien, mit einem vieldeutigen und
unverschämten Lächeln:
„Fräulein Werkenthin ist da und wartet auf Fräulein Rudloff.“
Mette fühlte ihr Herz zittern, wie in letzter Zeit so oft. Sie ging
langsamer, weil sie nicht so schnell nach ihrer Zimmertür kommen wollte.
Ihr war, als ob sie dringend noch einiger Sekunden Aufschub bedürfte –
dann schien es wieder, als wäre das Mädchen stehengeblieben, sie glaubte
den spöttischen, beobachtenden Blick wie einen Stich zwischen den
Schulterblättern zu fühlen und ging wieder rascher.
Es war kalt draußen, kalt auf der Treppe, kalt auf dem Türgang.
Sie hatte sich so auf ihr warmes stilles Zimmer gefreut, auf den milden
Schein der Lampe, auf eine Stunde im Sessel, ein gutes Buch in der Hand.
Nun war ihr liebes Zimmer ganz erfüllt von fremdem Wesen, eine Wolke
von Opium und betäubendem Parfüm würde ihr entgegenschlagen, und sie
würde heute Abend keine ruhige Viertelstunde mehr haben.
Sie würde wieder die halbe Nacht in allen Nerven zitternd im Bett liegen
und ein Adalin nach dem andern schlucken müssen, um ein paar Stunden
steinschweren, unerquicklichen Schlafes zu haben.
Eine jähe Wut packte sie an und schüttelte sie.
‚Ich will, daß mein Zimmer leer ist,‘ dachte sie wie ein trotziges Kind mit
zusammengebissenen Zähnen und geballten Fäusten, ‚jedes Tier hat seine
Höhle, in die es sich verkriechen kann! Ich will jetzt einen Raum haben, wo
ich allein bin. Ich muß allein sein, ich muß Ruhe haben, ich will keine
fremden Menschen in meinem Zimmer!‘
Sie lehnte sich einen Augenblick erschöpft und dem Weinen nah gegen
die Wand. Sie überlegte, ob es nicht das beste wäre, wieder fortzugehen,
sich in ein Kaffeehaus zu setzen und Zeitungen zu lesen – aber sie war
müde und fürchtete sich vor den kalten, dunklen Straßen. Außerdem mußte
sie ja schließlich doch einmal nach Hause, und sie würde um Mitternacht
immer noch jemand wartend in ihrem Zimmer vorfinden.
Sie ging also rasch entschlossen auf ihre Tür los. Sie nahm sich vor,
Kopfschmerzen zu heucheln – ach, sie hatte wahrhaftig schon welche vor
Mädchen und sagte – wie es ihr schien, mit einem vieldeutigen und
unverschämten Lächeln:
„Fräulein Werkenthin ist da und wartet auf Fräulein Rudloff.“
Mette fühlte ihr Herz zittern, wie in letzter Zeit so oft. Sie ging
langsamer, weil sie nicht so schnell nach ihrer Zimmertür kommen wollte.
Ihr war, als ob sie dringend noch einiger Sekunden Aufschub bedürfte –
dann schien es wieder, als wäre das Mädchen stehengeblieben, sie glaubte
den spöttischen, beobachtenden Blick wie einen Stich zwischen den
Schulterblättern zu fühlen und ging wieder rascher.
Es war kalt draußen, kalt auf der Treppe, kalt auf dem Türgang.
Sie hatte sich so auf ihr warmes stilles Zimmer gefreut, auf den milden
Schein der Lampe, auf eine Stunde im Sessel, ein gutes Buch in der Hand.
Nun war ihr liebes Zimmer ganz erfüllt von fremdem Wesen, eine Wolke
von Opium und betäubendem Parfüm würde ihr entgegenschlagen, und sie
würde heute Abend keine ruhige Viertelstunde mehr haben.
Sie würde wieder die halbe Nacht in allen Nerven zitternd im Bett liegen
und ein Adalin nach dem andern schlucken müssen, um ein paar Stunden
steinschweren, unerquicklichen Schlafes zu haben.
Eine jähe Wut packte sie an und schüttelte sie.
‚Ich will, daß mein Zimmer leer ist,‘ dachte sie wie ein trotziges Kind mit
zusammengebissenen Zähnen und geballten Fäusten, ‚jedes Tier hat seine
Höhle, in die es sich verkriechen kann! Ich will jetzt einen Raum haben, wo
ich allein bin. Ich muß allein sein, ich muß Ruhe haben, ich will keine
fremden Menschen in meinem Zimmer!‘
Sie lehnte sich einen Augenblick erschöpft und dem Weinen nah gegen
die Wand. Sie überlegte, ob es nicht das beste wäre, wieder fortzugehen,
sich in ein Kaffeehaus zu setzen und Zeitungen zu lesen – aber sie war
müde und fürchtete sich vor den kalten, dunklen Straßen. Außerdem mußte
sie ja schließlich doch einmal nach Hause, und sie würde um Mitternacht
immer noch jemand wartend in ihrem Zimmer vorfinden.
Sie ging also rasch entschlossen auf ihre Tür los. Sie nahm sich vor,
Kopfschmerzen zu heucheln – ach, sie hatte wahrhaftig schon welche vor
Page 108
Angst und lauter Ärger – sie würde sich einfach ins Bett legen, Kompressen
machen, Pulver schlucken und auf alle Fragen und Erzählungen nur ein ja
oder nein stöhnen. Vielleicht bliebe sie dann bald allein.
Als sie die Tür öffnete, hatte sie einen Augenblick das Gefühl, zu
träumen oder wahnsinnig zu sein.
Alle Türen und Fächer ihres Schreibtisches waren offen. Weiße Berge
häuften sich davor. Sie erkannte mit einem flüchtigen Blick Briefe, Bilder,
Studienhefte – alles in einem wüsten Durcheinander.
Vor den offenen Schüben der Kommode kniete Gisela in Hemd und
schwarzseidnen Trikothöschen und zerrte und wühlte in Mettes Wäsche.
Es war das Schlimmste, was man Mette antun konnte, wenn man sich an
ihren wehrlosen Sachen vergriff.
Sie stürzte auf Gisela zu und packte zornig ihren nackten Arm.
„Was machst du denn da? Was fällt dir denn ein?“ herrschte sie sie an.
Gisela war nicht im mindesten erschrocken. „Du kommst zu früh,“ sagte
sie kalt und entblößte mit einem höhnischen Mundziehen die Zähne,
„jawohl, zu früh, ich weiß ganz gut, was ich sage, ich meine nicht zu spät,
sondern zu früh. Wenn du fünf Minuten später gekommen wärst, wäre alles
schon erledigt gewesen.“
„Was heißt das?“ fragte Mette, immer noch mehr in Wut, als in Angst,
obgleich das Gesicht, das sie hundert Sekunden lang dicht vor dem ihrigen
gesehen hatte, ihr fremd und unheimlich erschien, „was tust du hier? Was
kramst du in meinen Sachen?“
„Ich suche etwas,“ sagte Gisela scharf und höhnisch, „das siehst du wohl,
daß ich etwas suche. Geht es dich etwas an? Ich glaube im Grunde nicht,
daß es dich etwas angeht. Ich glaube nicht, daß es dich,“ sie zeigte ein
paarmal mit ausgestrecktem Finger auf Mettes Brust, „dich im Grunde
etwas angeht – in deinem Grunde. Ich in meinem Grunde gehe dich nichts
an. Ich bin am Grunde – ganz tief am Grunde.“ Sie sang mit leiser
gebrochener Stimme und schmerzlich verzogenem Gesicht „In einem
kühlen Grunde“, um plötzlich mit ganz verändertem klaren und fast
geschäftsmäßigen Ton zu sagen: „Ich suche deinen Revolver.“
Mette wollte einen Blick nach dem Nachttisch werfen, aber mit fast
übermenschlicher Energie bezwang sie die schon begonnene Bewegung, als
sie sah, daß Giselas Augen an ihrem Gesicht hingen und jeder leisen
Regung folgten.
machen, Pulver schlucken und auf alle Fragen und Erzählungen nur ein ja
oder nein stöhnen. Vielleicht bliebe sie dann bald allein.
Als sie die Tür öffnete, hatte sie einen Augenblick das Gefühl, zu
träumen oder wahnsinnig zu sein.
Alle Türen und Fächer ihres Schreibtisches waren offen. Weiße Berge
häuften sich davor. Sie erkannte mit einem flüchtigen Blick Briefe, Bilder,
Studienhefte – alles in einem wüsten Durcheinander.
Vor den offenen Schüben der Kommode kniete Gisela in Hemd und
schwarzseidnen Trikothöschen und zerrte und wühlte in Mettes Wäsche.
Es war das Schlimmste, was man Mette antun konnte, wenn man sich an
ihren wehrlosen Sachen vergriff.
Sie stürzte auf Gisela zu und packte zornig ihren nackten Arm.
„Was machst du denn da? Was fällt dir denn ein?“ herrschte sie sie an.
Gisela war nicht im mindesten erschrocken. „Du kommst zu früh,“ sagte
sie kalt und entblößte mit einem höhnischen Mundziehen die Zähne,
„jawohl, zu früh, ich weiß ganz gut, was ich sage, ich meine nicht zu spät,
sondern zu früh. Wenn du fünf Minuten später gekommen wärst, wäre alles
schon erledigt gewesen.“
„Was heißt das?“ fragte Mette, immer noch mehr in Wut, als in Angst,
obgleich das Gesicht, das sie hundert Sekunden lang dicht vor dem ihrigen
gesehen hatte, ihr fremd und unheimlich erschien, „was tust du hier? Was
kramst du in meinen Sachen?“
„Ich suche etwas,“ sagte Gisela scharf und höhnisch, „das siehst du wohl,
daß ich etwas suche. Geht es dich etwas an? Ich glaube im Grunde nicht,
daß es dich etwas angeht. Ich glaube nicht, daß es dich,“ sie zeigte ein
paarmal mit ausgestrecktem Finger auf Mettes Brust, „dich im Grunde
etwas angeht – in deinem Grunde. Ich in meinem Grunde gehe dich nichts
an. Ich bin am Grunde – ganz tief am Grunde.“ Sie sang mit leiser
gebrochener Stimme und schmerzlich verzogenem Gesicht „In einem
kühlen Grunde“, um plötzlich mit ganz verändertem klaren und fast
geschäftsmäßigen Ton zu sagen: „Ich suche deinen Revolver.“
Mette wollte einen Blick nach dem Nachttisch werfen, aber mit fast
übermenschlicher Energie bezwang sie die schon begonnene Bewegung, als
sie sah, daß Giselas Augen an ihrem Gesicht hingen und jeder leisen
Regung folgten.
Page 109
„Was willst du mit dem Revolver?“ fragte sie ganz ruhig, „das ist kein
Spielzeug für dich.“
„Was ich mit dem Revolver will?“ sagte Gisela mit einem klagenden,
singenden Kinderton. „Ihn abdrücken, gegen meine Schläfe halten,
losdrücken, sterben, schlafen. Wie du fragst! Was ich mit dem Revolver
will? Ei nun – was man mit einem Revolver zu tun pflegt. Ei nun ...“ Sie
fing plötzlich an zu lachen. „Hast du schon einmal in deinem Leben gehört,
daß ein Mensch ‚Ei nun‘ sagt. Zu blöd’!! Wer wohl diesen Satz erfunden
hat! Ei nun ... ei nun ...“ Sie kam immer mehr ins Lachen, lachte so, daß ihr
die Tränen über’s Gesicht liefen, schüttelte den Kopf, daß ihr die Strähnen
um die Stirn flogen und wiederholte immer „ei nun – ei nun.“
Plötzlich stand sie auf und stieß mit den schmalen zierlich beschuhten
Füßen gegen die Kleider, die auf dem Boden lagen.
„Du mußt dich nicht wundern, daß ich mich ausgezogen habe. Ich habe
es ganz mit Absicht getan, weil mir zu warm war. Vielleicht findest du es
ungehörig, daß ich mich in deinem Zimmer ausgezogen habe. Dann bitte
ich dich hiermit um Verzeihung,“ sagte sie sehr förmlich, „du findest ja
manches ungehörig, weil du aus einer höheren Gesellschaftssphäre
stammst. Du bist eben ein Sphäroid,“ sie fing wieder an, unbändig zu
lachen, „ich habe nie eine Ahnung gehabt, was das ist, aber genau so habe
ich mir ein Sphäroid immer vorgestellt.“ Sie schwankte und stützte sich mit
beiden Händen auf die Kommode, ihre Augen schlossen sich halb, ihr
Mund verzog sich schmerzlich. „Wenn mich jetzt ein Mensch auf der Welt
lieb hätte, würde er mich zu Bett bringen. Oh, nur liegen, daß mein Gehirn
endlich in die richtige Lage kommt. Es hat sich umgedreht und stößt sich
fortwährend an der Hirnschale.“ Sie lächelte, wie um Verzeihung bittend:
„Ich weiß natürlich, daß es sich nicht umgedreht hat, aber es fühlt sich so
an, glaub’ mir, genau so.“
Mette griff stützend an ihren Ellbogen:
„Komm, ich will dich hinlegen,“ sie bemühte sich, sehr sanft zu
sprechen, „komm, sei mein gutes Kind. Du legst dich schön auf den Diwan
– dann kommt dein armes Gehirn wieder in die richtige Lage – du bist
müde, glaub’ mir, du mußt schlafen, dann bist du in ein paar Stunden
wieder ganz frisch und munter.“
Sie faßte den schmalen, willenlosen Körper um die Schultern, führte ihn
nach dem Diwan, bettete ihn auf die Kissen und bedeckte ihn noch mit den
Decken aus dem Bett.
Spielzeug für dich.“
„Was ich mit dem Revolver will?“ sagte Gisela mit einem klagenden,
singenden Kinderton. „Ihn abdrücken, gegen meine Schläfe halten,
losdrücken, sterben, schlafen. Wie du fragst! Was ich mit dem Revolver
will? Ei nun – was man mit einem Revolver zu tun pflegt. Ei nun ...“ Sie
fing plötzlich an zu lachen. „Hast du schon einmal in deinem Leben gehört,
daß ein Mensch ‚Ei nun‘ sagt. Zu blöd’!! Wer wohl diesen Satz erfunden
hat! Ei nun ... ei nun ...“ Sie kam immer mehr ins Lachen, lachte so, daß ihr
die Tränen über’s Gesicht liefen, schüttelte den Kopf, daß ihr die Strähnen
um die Stirn flogen und wiederholte immer „ei nun – ei nun.“
Plötzlich stand sie auf und stieß mit den schmalen zierlich beschuhten
Füßen gegen die Kleider, die auf dem Boden lagen.
„Du mußt dich nicht wundern, daß ich mich ausgezogen habe. Ich habe
es ganz mit Absicht getan, weil mir zu warm war. Vielleicht findest du es
ungehörig, daß ich mich in deinem Zimmer ausgezogen habe. Dann bitte
ich dich hiermit um Verzeihung,“ sagte sie sehr förmlich, „du findest ja
manches ungehörig, weil du aus einer höheren Gesellschaftssphäre
stammst. Du bist eben ein Sphäroid,“ sie fing wieder an, unbändig zu
lachen, „ich habe nie eine Ahnung gehabt, was das ist, aber genau so habe
ich mir ein Sphäroid immer vorgestellt.“ Sie schwankte und stützte sich mit
beiden Händen auf die Kommode, ihre Augen schlossen sich halb, ihr
Mund verzog sich schmerzlich. „Wenn mich jetzt ein Mensch auf der Welt
lieb hätte, würde er mich zu Bett bringen. Oh, nur liegen, daß mein Gehirn
endlich in die richtige Lage kommt. Es hat sich umgedreht und stößt sich
fortwährend an der Hirnschale.“ Sie lächelte, wie um Verzeihung bittend:
„Ich weiß natürlich, daß es sich nicht umgedreht hat, aber es fühlt sich so
an, glaub’ mir, genau so.“
Mette griff stützend an ihren Ellbogen:
„Komm, ich will dich hinlegen,“ sie bemühte sich, sehr sanft zu
sprechen, „komm, sei mein gutes Kind. Du legst dich schön auf den Diwan
– dann kommt dein armes Gehirn wieder in die richtige Lage – du bist
müde, glaub’ mir, du mußt schlafen, dann bist du in ein paar Stunden
wieder ganz frisch und munter.“
Sie faßte den schmalen, willenlosen Körper um die Schultern, führte ihn
nach dem Diwan, bettete ihn auf die Kissen und bedeckte ihn noch mit den
Decken aus dem Bett.
Page 110
Sie setzte sich daneben und streichelte mechanisch die kalten und wie
leblosen Hände, bis die zitternden Atemzüge ruhiger wurden, die Glieder
sich streckten, und der Kopf sich tiefer in die Kissen grub.
Eine Weile saß Mette ohne sich zu rühren, weil sie Angst hatte, die
Schlafende zu wecken. Jetzt war es doch wenigstens still im Zimmer.
Sie sah nach der Uhr. In einer halben Stunde hätte Gisela auf dem
Podium stehen sollen, um zu singen. Sie warf einen Blick auf das
erschöpfte Gesicht mit den erschlafften Zügen und dem geöffneten Mund.
Es würde kaum möglich sein, die Schlafende jetzt zu erwecken, und sie an
ihre Berufspflichten zu erinnern. Mette verspürte auch nicht die geringste
Lust dazu.
Sie stand leise auf, um an das Telephon zu gehen. Sie wollte wenigstens
bei dem Kabarett anklingeln und Gisela krank melden. Vielleicht konnte sie
ihr dadurch eine Strafe ersparen. Außerdem war ihrem bürgerlichen
Empfinden der Gedanke unerträglich, daß die Leute dort in fieberhafter
Aufregung von Minute zu Minute warten sollten und keine Nachricht
bekämen.
Sie schlich erst auf Zehenspitzen, sich vorsichtig umschauend wie ein
Verbrecher, nach dem Nachttisch, um den Revolver herauszunehmen. Sie
überlegte, wohin sie ihn tun könnte – kein Platz erschien ihr sicher genug.
Sie beschloß, ihn mitzunehmen, und da sie nicht mit ihm gesehen werden
wollte, schob sie ihn vorn in die Bluse. Sie fühlte ihn kalt und schwer und
unheimlich in dem leichten Stoff hängen, und obgleich sie die Sicherung
noch einmal geprüft hatte, hatte sie bei jedem Schritt das Gefühl, beim
leisesten Anstoß würde Sicherung und Hahn sich lösen, und die Kugel ihr in
die Brust dringen. Sie sagte sich trotzig, daß es das Beste wäre, was ihr
geschehen könnte, und bezwang damit ihre Angst.
In der Telephonzelle wartete sie lange, ehe sie die Nummer nannte, weil
sie auf dem Gang Schritte zu hören glaubte, oder Türen, die sich öffneten –
sie wollte nicht, daß irgend jemand das Gespräch mit anhörte.
Als sie die Verbindung endlich bekommen hatte, mußte sie die Litanei,
daß Fräulein Werkenthin krank sei und nicht kommen könne, dreimal
herunterbeten.
„Einen Augenblick bitte, ich verbinde mit dem Bureau,“ sagte das
erstemal eine höfliche Stimme.
„Moment, ich verbinde mit der Direktion,“ das klang schon weniger
liebenswürdig.
leblosen Hände, bis die zitternden Atemzüge ruhiger wurden, die Glieder
sich streckten, und der Kopf sich tiefer in die Kissen grub.
Eine Weile saß Mette ohne sich zu rühren, weil sie Angst hatte, die
Schlafende zu wecken. Jetzt war es doch wenigstens still im Zimmer.
Sie sah nach der Uhr. In einer halben Stunde hätte Gisela auf dem
Podium stehen sollen, um zu singen. Sie warf einen Blick auf das
erschöpfte Gesicht mit den erschlafften Zügen und dem geöffneten Mund.
Es würde kaum möglich sein, die Schlafende jetzt zu erwecken, und sie an
ihre Berufspflichten zu erinnern. Mette verspürte auch nicht die geringste
Lust dazu.
Sie stand leise auf, um an das Telephon zu gehen. Sie wollte wenigstens
bei dem Kabarett anklingeln und Gisela krank melden. Vielleicht konnte sie
ihr dadurch eine Strafe ersparen. Außerdem war ihrem bürgerlichen
Empfinden der Gedanke unerträglich, daß die Leute dort in fieberhafter
Aufregung von Minute zu Minute warten sollten und keine Nachricht
bekämen.
Sie schlich erst auf Zehenspitzen, sich vorsichtig umschauend wie ein
Verbrecher, nach dem Nachttisch, um den Revolver herauszunehmen. Sie
überlegte, wohin sie ihn tun könnte – kein Platz erschien ihr sicher genug.
Sie beschloß, ihn mitzunehmen, und da sie nicht mit ihm gesehen werden
wollte, schob sie ihn vorn in die Bluse. Sie fühlte ihn kalt und schwer und
unheimlich in dem leichten Stoff hängen, und obgleich sie die Sicherung
noch einmal geprüft hatte, hatte sie bei jedem Schritt das Gefühl, beim
leisesten Anstoß würde Sicherung und Hahn sich lösen, und die Kugel ihr in
die Brust dringen. Sie sagte sich trotzig, daß es das Beste wäre, was ihr
geschehen könnte, und bezwang damit ihre Angst.
In der Telephonzelle wartete sie lange, ehe sie die Nummer nannte, weil
sie auf dem Gang Schritte zu hören glaubte, oder Türen, die sich öffneten –
sie wollte nicht, daß irgend jemand das Gespräch mit anhörte.
Als sie die Verbindung endlich bekommen hatte, mußte sie die Litanei,
daß Fräulein Werkenthin krank sei und nicht kommen könne, dreimal
herunterbeten.
„Einen Augenblick bitte, ich verbinde mit dem Bureau,“ sagte das
erstemal eine höfliche Stimme.
„Moment, ich verbinde mit der Direktion,“ das klang schon weniger
liebenswürdig.
Page 111
„So,“ sagte eine scharfe Stimme nach dem drittenmal, „Fräulein
Werkenthin ist krank. Das wird der Arzt entscheiden! Er wird in einer
Viertelstunde in ihrer Wohnung sein.“
„Fräulein Werkenthin ist nicht in ihrer Wohnung,“ sagte Mette mit
klopfendem Herzen, „sie ist bei mir.“
„Wer ist denn überhaupt da am Telephon?“
„Eine Freundin von Fräulein Werkenthin.“ Nicht, wenn man sie gefoltert
hätte, würde Mette jetzt ihren Namen genannt haben. „Fräulein Werkenthin
war bei mir zu Besuch und ist ohnmächtig geworden.“
Sie hörte, daß die Stimme mit höhnischer Betonung nach rückwärts
sagte: „Sie war bei ihrer Freundin und ist ohnmächtig geworden!“
Eine Stimme schrie, heiser vor Wut, dicht am Apparat: „Sie ist wohl
besoffen, wie?“
Mette hörte, daß jemand weggedrängt und zur Ruhe verwiesen wurde,
und hörte noch ein unwirsches Gemurmel – „Morphium oder Koks oder
Alkohol – immer abwechselnd“.
„Sagen Sie Ihrer Freundin,“ das war wieder die scharfe Stimme von
zuerst, und wie sie höhnisch hervorhob „Ihrer Freundin“ traf es Mette wie
eine Ohrfeige, „ich könnte sehr gut verstehen, daß sie das Vergnügen Ihrer
Gesellschaft dem Auftreten an meinem Institut vorzieht. Aber ich kann ihr
auch versichern, daß es mir durchaus kein Vergnügen macht, ihr für nichts
und wieder nichts eine hohe Gage zu zahlen. Fräulein Werkenthin wird
morgen ein Attest des Theaterarztes einreichen, oder sie ist entlassen.“
Der Hörer wurde mit einem Ruck aufgelegt.
Mette überlegte eine qualvolle Minute lang, ob sie an den Theaterarzt
telephonieren sollte. Vielleicht ließ er sich bewegen, ein Attest zu schreiben.
Aber sie hätte ihren Namen angeben müssen, ihre Wohnung. Sie hätte
diesem fremden Mann gegenübertreten müssen, ihn in ihr Zimmer führen.
Alles in ihr kochte auf vor Empörung. Wie kam sie dazu?
Sie ging geräuschlos in ihr Zimmer zurück. Als sie ihre Sachen auf dem
Boden verstreut sah, schüttelte sie wieder eine Welle Zorn.
Sie hatte jetzt keine Lust, aufzuräumen. Sie wollte auch gar nicht sehen,
was da alles lag, so roh herumgezerrt und herumgeworfen.
Sie drehte einen Sessel so, daß er der Verwüstung und dem Diwan den
Rücken drehte. Sie nahm ein wissenschaftliches Buch vor und versuchte, zu
lesen. Vom Diwan klang der regelmäßige Atem so rauh und schwer, daß er
gar nicht aus dem zarten Körper zu kommen schien. Und die Unordnung
Werkenthin ist krank. Das wird der Arzt entscheiden! Er wird in einer
Viertelstunde in ihrer Wohnung sein.“
„Fräulein Werkenthin ist nicht in ihrer Wohnung,“ sagte Mette mit
klopfendem Herzen, „sie ist bei mir.“
„Wer ist denn überhaupt da am Telephon?“
„Eine Freundin von Fräulein Werkenthin.“ Nicht, wenn man sie gefoltert
hätte, würde Mette jetzt ihren Namen genannt haben. „Fräulein Werkenthin
war bei mir zu Besuch und ist ohnmächtig geworden.“
Sie hörte, daß die Stimme mit höhnischer Betonung nach rückwärts
sagte: „Sie war bei ihrer Freundin und ist ohnmächtig geworden!“
Eine Stimme schrie, heiser vor Wut, dicht am Apparat: „Sie ist wohl
besoffen, wie?“
Mette hörte, daß jemand weggedrängt und zur Ruhe verwiesen wurde,
und hörte noch ein unwirsches Gemurmel – „Morphium oder Koks oder
Alkohol – immer abwechselnd“.
„Sagen Sie Ihrer Freundin,“ das war wieder die scharfe Stimme von
zuerst, und wie sie höhnisch hervorhob „Ihrer Freundin“ traf es Mette wie
eine Ohrfeige, „ich könnte sehr gut verstehen, daß sie das Vergnügen Ihrer
Gesellschaft dem Auftreten an meinem Institut vorzieht. Aber ich kann ihr
auch versichern, daß es mir durchaus kein Vergnügen macht, ihr für nichts
und wieder nichts eine hohe Gage zu zahlen. Fräulein Werkenthin wird
morgen ein Attest des Theaterarztes einreichen, oder sie ist entlassen.“
Der Hörer wurde mit einem Ruck aufgelegt.
Mette überlegte eine qualvolle Minute lang, ob sie an den Theaterarzt
telephonieren sollte. Vielleicht ließ er sich bewegen, ein Attest zu schreiben.
Aber sie hätte ihren Namen angeben müssen, ihre Wohnung. Sie hätte
diesem fremden Mann gegenübertreten müssen, ihn in ihr Zimmer führen.
Alles in ihr kochte auf vor Empörung. Wie kam sie dazu?
Sie ging geräuschlos in ihr Zimmer zurück. Als sie ihre Sachen auf dem
Boden verstreut sah, schüttelte sie wieder eine Welle Zorn.
Sie hatte jetzt keine Lust, aufzuräumen. Sie wollte auch gar nicht sehen,
was da alles lag, so roh herumgezerrt und herumgeworfen.
Sie drehte einen Sessel so, daß er der Verwüstung und dem Diwan den
Rücken drehte. Sie nahm ein wissenschaftliches Buch vor und versuchte, zu
lesen. Vom Diwan klang der regelmäßige Atem so rauh und schwer, daß er
gar nicht aus dem zarten Körper zu kommen schien. Und die Unordnung
Page 112
hinter ihr bedeutete zugleich auch Unruhe. Es war, als ob die offenen
Schübe und Türen ein hilfesuchendes Klagen ausstießen. Und als ob sie
Augen auf dem Rücken hätte, die durch die Sessellehne hindurch immerzu
die weißen Flecke von Papier und Batist auf dem dunklen Teppich sahen.
Das Gehen und Reden draußen hörte auf. Es wurde still in der Wohnung,
still im Haus.
Die Heizung ließ nach, das Zimmer wurde immer kälter.
Die Kälte kroch vom Fußboden herauf in Mettes Glieder. Sie zog die
Füße auf den Sitz, aber auch das half nicht für lange.
Dicht neben ihr auf der Erde lag Giselas Mantel. Sie hob ihn auf und
legte ihn sich über die Knie. Eine Duftwelle stieg von ihm auf. Sie
schleuderte ihn angeekelt wieder auf den Teppich zurück.
Sie zittert vor Kälte, Aufregung und Müdigkeit. – – –
Lange nach Mitternacht stand sie leise auf, um sich vom nächsten Stuhl
ihren eigenen Mantel zu holen. Die erstarrten Glieder schmerzten bei jeder
Bewegung. So vorsichtig sie ging, die Dielen krachten unter ihrem Schritt,
und Gisela fuhr mit einem Aufschrei in die Höh’.
Ihre Augenlider waren dick geschwollen, das Haar hing in wirren
Strähnen um das blasse, verwüstete Gesicht.
„Wer geht da?“ rief sie, „oh, du bist es, Mette!“ sie lachte halb verlegen,
„ich dachte, es wären Einbrecher.“
„Ich habe ans Trocadero telephoniert,“ sagte Mette müde und ruhig. „Ich
glaube, Kayser war selbst am Telephon – du hast die Vorstellung versäumt.
Er war sehr wütend – du sollst morgen ein Attest beibringen, oder du bist
entlassen.“
„Wenn schon,“ sagte Gisela wegwerfend, „er soll sich nicht lächerlich
machen mit seinen Drohungen.“
Mette hob die Achseln: „Das kannst du ihm vielleicht selber sagen! Mir
war es unangenehm genug, mich von den Herren behandeln zu lassen, als
wäre ich daran schuld.“
„Arme Mette“ – das klang ehrlich bedauernd und ohne jeden Spott – „du
weißt gar nicht, wie leid du mir tust. Mußtest du armes kleines
Bürgerseelchen mit deinen tausend Ängsten an mich geraten!“ Sie arbeitete
sich aus den Decken heraus: „Ich war schon ziemlich bei mir, vorhin, als
Schübe und Türen ein hilfesuchendes Klagen ausstießen. Und als ob sie
Augen auf dem Rücken hätte, die durch die Sessellehne hindurch immerzu
die weißen Flecke von Papier und Batist auf dem dunklen Teppich sahen.
Das Gehen und Reden draußen hörte auf. Es wurde still in der Wohnung,
still im Haus.
Die Heizung ließ nach, das Zimmer wurde immer kälter.
Die Kälte kroch vom Fußboden herauf in Mettes Glieder. Sie zog die
Füße auf den Sitz, aber auch das half nicht für lange.
Dicht neben ihr auf der Erde lag Giselas Mantel. Sie hob ihn auf und
legte ihn sich über die Knie. Eine Duftwelle stieg von ihm auf. Sie
schleuderte ihn angeekelt wieder auf den Teppich zurück.
Sie zittert vor Kälte, Aufregung und Müdigkeit. – – –
Lange nach Mitternacht stand sie leise auf, um sich vom nächsten Stuhl
ihren eigenen Mantel zu holen. Die erstarrten Glieder schmerzten bei jeder
Bewegung. So vorsichtig sie ging, die Dielen krachten unter ihrem Schritt,
und Gisela fuhr mit einem Aufschrei in die Höh’.
Ihre Augenlider waren dick geschwollen, das Haar hing in wirren
Strähnen um das blasse, verwüstete Gesicht.
„Wer geht da?“ rief sie, „oh, du bist es, Mette!“ sie lachte halb verlegen,
„ich dachte, es wären Einbrecher.“
„Ich habe ans Trocadero telephoniert,“ sagte Mette müde und ruhig. „Ich
glaube, Kayser war selbst am Telephon – du hast die Vorstellung versäumt.
Er war sehr wütend – du sollst morgen ein Attest beibringen, oder du bist
entlassen.“
„Wenn schon,“ sagte Gisela wegwerfend, „er soll sich nicht lächerlich
machen mit seinen Drohungen.“
Mette hob die Achseln: „Das kannst du ihm vielleicht selber sagen! Mir
war es unangenehm genug, mich von den Herren behandeln zu lassen, als
wäre ich daran schuld.“
„Arme Mette“ – das klang ehrlich bedauernd und ohne jeden Spott – „du
weißt gar nicht, wie leid du mir tust. Mußtest du armes kleines
Bürgerseelchen mit deinen tausend Ängsten an mich geraten!“ Sie arbeitete
sich aus den Decken heraus: „Ich war schon ziemlich bei mir, vorhin, als
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ich den Revolver suchte, glaub’ mir! Ich weiß ganz genau, was ich wert bin,
und was für mich und alle das beste wäre.“
Sie saß auf dem Diwan und sah betrübt auf ihre schlanken Beine in
schwarzseidnen Strümpfen hinab.
„Meine Mutter hat mir immer prophezeit, daß ich in der Gosse ende.
Schon als ich ganz klein war. Ich muß bald enden, wenn es nicht doch noch
dahin kommen soll. Krank bin ich – vielleicht bin ich morgen brotlos –
meine Stimme ist hin, verbraucht, kaputt. Morgen such’ ich mir einen
Liebhaber im Klub, übermorgen im Kaffee, nächste Woche auf der Straße.“
Sie hob das Gesicht, das von Tränen überströmt war.
„Gib mir deinen Revolver, Mette, ich bitte dich, du tust ein gutes Werk.
Ich schreibe noch einen Abschiedsbrief, damit dich kein Verdacht trifft. Ich
bitte dich, sei barmherzig!“
„Ich habe ihn gar nicht mehr,“ log Mette, „ich habe ihn verborgt.“
Dabei fühlte sie sein Gewicht. Er hing vorn in ihrer Bluse, daß der
Kragen wie eine feine drückende Schnur auf ihrem Nacken lag.
‚Was soll nun werden?‘ dachte sie, ‚niemals werde ich von ihr frei
kommen. Es wird immer so weiter gehen, ich werde sie in meinem Zimmer
finden, jedesmal, wenn ich heimkomme, sie wird keinen Beruf mehr haben,
kein Geld, sie wird wie eine Klette an mir hängen – und das soll mein
Leben sein. Warum nur das alles? Wodurch habe ich das verdient? Nur weil
ich mir ihre Zärtlichkeiten habe gefallen lassen? Hat sie dadurch ein
Anrecht auf mich, habe ich mich in ihre Hände gegeben, mit Leib und
Seele?‘
Gisela kreuzte fröstelnd die nackten Arme über der Brust.
„Es ist kalt hier,“ sagte sie, „warum bist du nicht ins Bett gegangen,
armes Tierchen? Es ist doch sicher schon sehr spät – viel zu spät, als daß
ich noch eine Bahn nach Hause bekäme. Ach, ich bin wie gerädert. Komm,
Mettelchen, wir legen uns beide in dein Bett, damit wir warm werden.
Frierst du auch so mordsmäßig?“
„Nein,“ sagte Mette kurz. „Leg du dich nur ins Bett. Ich will noch ein
bißchen lesen – ich bin noch zu wach.“
Gisela schlüpfte aus den Schuhen und kroch ins Bett.
„Ich lege mich ganz an die Wand,“ sagte sie, „du hast noch Platz.“
„Ja, ja, danke schön.“
Mette saß wieder ganz still in dem tiefen Sessel ...
und was für mich und alle das beste wäre.“
Sie saß auf dem Diwan und sah betrübt auf ihre schlanken Beine in
schwarzseidnen Strümpfen hinab.
„Meine Mutter hat mir immer prophezeit, daß ich in der Gosse ende.
Schon als ich ganz klein war. Ich muß bald enden, wenn es nicht doch noch
dahin kommen soll. Krank bin ich – vielleicht bin ich morgen brotlos –
meine Stimme ist hin, verbraucht, kaputt. Morgen such’ ich mir einen
Liebhaber im Klub, übermorgen im Kaffee, nächste Woche auf der Straße.“
Sie hob das Gesicht, das von Tränen überströmt war.
„Gib mir deinen Revolver, Mette, ich bitte dich, du tust ein gutes Werk.
Ich schreibe noch einen Abschiedsbrief, damit dich kein Verdacht trifft. Ich
bitte dich, sei barmherzig!“
„Ich habe ihn gar nicht mehr,“ log Mette, „ich habe ihn verborgt.“
Dabei fühlte sie sein Gewicht. Er hing vorn in ihrer Bluse, daß der
Kragen wie eine feine drückende Schnur auf ihrem Nacken lag.
‚Was soll nun werden?‘ dachte sie, ‚niemals werde ich von ihr frei
kommen. Es wird immer so weiter gehen, ich werde sie in meinem Zimmer
finden, jedesmal, wenn ich heimkomme, sie wird keinen Beruf mehr haben,
kein Geld, sie wird wie eine Klette an mir hängen – und das soll mein
Leben sein. Warum nur das alles? Wodurch habe ich das verdient? Nur weil
ich mir ihre Zärtlichkeiten habe gefallen lassen? Hat sie dadurch ein
Anrecht auf mich, habe ich mich in ihre Hände gegeben, mit Leib und
Seele?‘
Gisela kreuzte fröstelnd die nackten Arme über der Brust.
„Es ist kalt hier,“ sagte sie, „warum bist du nicht ins Bett gegangen,
armes Tierchen? Es ist doch sicher schon sehr spät – viel zu spät, als daß
ich noch eine Bahn nach Hause bekäme. Ach, ich bin wie gerädert. Komm,
Mettelchen, wir legen uns beide in dein Bett, damit wir warm werden.
Frierst du auch so mordsmäßig?“
„Nein,“ sagte Mette kurz. „Leg du dich nur ins Bett. Ich will noch ein
bißchen lesen – ich bin noch zu wach.“
Gisela schlüpfte aus den Schuhen und kroch ins Bett.
„Ich lege mich ganz an die Wand,“ sagte sie, „du hast noch Platz.“
„Ja, ja, danke schön.“
Mette saß wieder ganz still in dem tiefen Sessel ...
Page 114
Das Gewicht des Revolvers ließ sie wieder eine feine drückende Schnur
im Nacken spüren ...
Sie dachte über sich selbst nach und ihr war schwindelig, als sähe sie
einen Abgrund, den sie überquert hatte, ohne seine entsetzliche Tiefe
gewahr zu werden.
Hatte nicht vor einigen Minuten eine Stimme in ihr geschrien: Tu es
doch, gib ihr den Revolver, laß sie ein Ende machen, dann hast du Ruh’!
Wenn sie es getan hätte, dann hätte ein Schuß gekracht, Blut und Hirn
hätte sie bespritzt, im Zimmer läge jetzt eine Tote – oder eine Sterbende.
Und sie, Mette Rudloff, hätte einen Mord begangen!
Aus Feigheit, aus Bequemlichkeit, aus kleiner, erbärmlicher Selbstsucht.
Sie hatte diesen Mord in Gedanken begangen. Es hätte nur einer
harmlosen Bewegung bedurft ...
Und dann ...
Sie schauderte zusammen.
Vom Bett her klang ein tiefes, ruhiges Atmen.
Mettes Mund verzog sich zu einem höhnischen Lächeln.
‚Sie hätte es nicht getan,‘ dachte sie, ‚die hätte es nicht getan.‘
im Nacken spüren ...
Sie dachte über sich selbst nach und ihr war schwindelig, als sähe sie
einen Abgrund, den sie überquert hatte, ohne seine entsetzliche Tiefe
gewahr zu werden.
Hatte nicht vor einigen Minuten eine Stimme in ihr geschrien: Tu es
doch, gib ihr den Revolver, laß sie ein Ende machen, dann hast du Ruh’!
Wenn sie es getan hätte, dann hätte ein Schuß gekracht, Blut und Hirn
hätte sie bespritzt, im Zimmer läge jetzt eine Tote – oder eine Sterbende.
Und sie, Mette Rudloff, hätte einen Mord begangen!
Aus Feigheit, aus Bequemlichkeit, aus kleiner, erbärmlicher Selbstsucht.
Sie hatte diesen Mord in Gedanken begangen. Es hätte nur einer
harmlosen Bewegung bedurft ...
Und dann ...
Sie schauderte zusammen.
Vom Bett her klang ein tiefes, ruhiges Atmen.
Mettes Mund verzog sich zu einem höhnischen Lächeln.
‚Sie hätte es nicht getan,‘ dachte sie, ‚die hätte es nicht getan.‘
Page 115
E ine Landstraße dehnte sich weiß im Licht. In schattendunklen Ecken,
wo die Sonne niemals hinkam, lagen noch kleine bräunlich-zermürbte
Fleckchen Schnee. Die Obstbäume an beiden Seiten der Straße hatten
kugeldicke Knospen, an denen die dunkle Hülle schon weißschimmernde
Streifchen sehen ließ. Der Wald in der Ferne war überflogen mit einem
rötlichen lebenverkündenden Schleier.
Mette und Sophie wanderten die Straße entlang.
„Gott, ist das schön,“ sagte Mette und zog mit offenem Mund die reine
starke Luft in die Lungen, „es war ein wundervoller Gedanke von Nora, uns
einmal hinauszujagen!“
„Nora hat immer wundervolle Ideen,“ meinte Sophie mit einem heitern
und zärtlichen Stolz. „Sie weiß immer, was ich brauche und was mir gut tut,
viel besser, als ich selbst. Ich weiß nun allerdings meistens nicht, was mir
fehlt. Tatsächlich – ich fühle mich unbehaglich und weiß nicht, ob ich
schlafen möchte, oder essen, oder spazierengehen. Aber Nora sagt mir
dann: du mußt dich hinlegen, oder: du mußt an die Luft – und es ist immer
das Richtige.“
„Du hast es gut,“ sagte Mette mit einem kleinen nachdenklichen Seufzer,
„aber du weißt es wenigstens – darum gönne ich es dir auch.“
„Ja, ich weiß es,“ das klang fast andächtig. „Ich hab’ es so unmenschlich
gut! Ich weiß es – und du weißt es. Aber die wenigsten Leute sonst machen
sich einen rechten Begriff davon. Ich glaube, sie überschätzen mich
vielfach. Man hält mich im allgemeinen für viel stärker und selbständiger,
als ich in Wirklichkeit bin – für viel männlicher, können wir ja auch sagen.
Und dabei bin ich im Grunde so entsetzlich hilflos! Ich kann arbeiten – aber
doch nur, weil ich weiß, für wen ich arbeite. Ich glaube, wenn ich nach der
Arbeit in eine leere Wohnung hinaufsteigen müßte, ich würde wahnsinnig
vor Einsamkeitsangst, oder ich würde Abend für Abend im Kaffee sitzen
und trinken und rauchen, bis mir das Leben erträglich erscheint. Ich weiß,
daß manche Leute mich bedauern, weil Nora krank ist. Denke dir, vielleicht
klingt es brutal und herzlos – aber manchmal empfinde ich es direkt als ein
Glück, daß sie sozusagen mit dem Haus verwachsen ist. Das Haus und sie –
es bleibt immer auf demselben Fleck und ist immer da für mich.“
wo die Sonne niemals hinkam, lagen noch kleine bräunlich-zermürbte
Fleckchen Schnee. Die Obstbäume an beiden Seiten der Straße hatten
kugeldicke Knospen, an denen die dunkle Hülle schon weißschimmernde
Streifchen sehen ließ. Der Wald in der Ferne war überflogen mit einem
rötlichen lebenverkündenden Schleier.
Mette und Sophie wanderten die Straße entlang.
„Gott, ist das schön,“ sagte Mette und zog mit offenem Mund die reine
starke Luft in die Lungen, „es war ein wundervoller Gedanke von Nora, uns
einmal hinauszujagen!“
„Nora hat immer wundervolle Ideen,“ meinte Sophie mit einem heitern
und zärtlichen Stolz. „Sie weiß immer, was ich brauche und was mir gut tut,
viel besser, als ich selbst. Ich weiß nun allerdings meistens nicht, was mir
fehlt. Tatsächlich – ich fühle mich unbehaglich und weiß nicht, ob ich
schlafen möchte, oder essen, oder spazierengehen. Aber Nora sagt mir
dann: du mußt dich hinlegen, oder: du mußt an die Luft – und es ist immer
das Richtige.“
„Du hast es gut,“ sagte Mette mit einem kleinen nachdenklichen Seufzer,
„aber du weißt es wenigstens – darum gönne ich es dir auch.“
„Ja, ich weiß es,“ das klang fast andächtig. „Ich hab’ es so unmenschlich
gut! Ich weiß es – und du weißt es. Aber die wenigsten Leute sonst machen
sich einen rechten Begriff davon. Ich glaube, sie überschätzen mich
vielfach. Man hält mich im allgemeinen für viel stärker und selbständiger,
als ich in Wirklichkeit bin – für viel männlicher, können wir ja auch sagen.
Und dabei bin ich im Grunde so entsetzlich hilflos! Ich kann arbeiten – aber
doch nur, weil ich weiß, für wen ich arbeite. Ich glaube, wenn ich nach der
Arbeit in eine leere Wohnung hinaufsteigen müßte, ich würde wahnsinnig
vor Einsamkeitsangst, oder ich würde Abend für Abend im Kaffee sitzen
und trinken und rauchen, bis mir das Leben erträglich erscheint. Ich weiß,
daß manche Leute mich bedauern, weil Nora krank ist. Denke dir, vielleicht
klingt es brutal und herzlos – aber manchmal empfinde ich es direkt als ein
Glück, daß sie sozusagen mit dem Haus verwachsen ist. Das Haus und sie –
es bleibt immer auf demselben Fleck und ist immer da für mich.“
Page 116
„Es erwartet dich,“ sagte Mette mit trübem Lächeln, „und im Grunde
freust du dich jetzt schon auf den Abend, wenn du wieder heimkommst.
Das ist für dich das Schönste an dem ganzen Ausflug.“ – – –
Sie schritten bergan. Die Sonne brannte so, daß sie die Jacken öffnen
mußten.
„Was macht Gisela eigentlich?“ fragte Sophie. Man merkte es dem Ton
an, daß die Frage beiläufig und harmlos klingen sollte, und vielleicht darum
schon dreißigmal im letzten Moment zurückgehalten worden war.
„Es geht ihr schlecht,“ sagte Mette trotzig, „hast du schon einmal erlebt,
daß es ihr nicht schlecht ging?“
Sophie schüttelte den Kopf:
„Daß du nicht mehr Einfluß auf sie hast! Du bist doch im Grunde so eine
gesunde und kraftvolle Natur. Aber sie zieht dich hinunter, anstatt daß du
sie heraufreißt. Woran liegt es, daß du gar keinen Einfluß auf sie hast?“
„Das liegt daran, daß ich sie nicht liebe,“ sagte Mette in einer verärgerten
Stimmung, die ihr lange schweigend getragene Gedanken über die Lippen
drängte, „und daran, daß sie mich nicht liebt. Glaub’ mir, in jedem großen
Einfluß, den ein Mensch auf einen andern ausübt, steckt – ganz unbewußt
vielleicht und ganz verborgen – ein Stück Liebe. Ich wenigstens bin sicher
nur zu beeinflussen, wenn ich liebe.“
„Du wirst aber beeinflußt,“ Sophie wurde plötzlich sehr ernst, „obgleich
du ja nicht liebst, wie du sagst. Du glaubst nicht, wie du dich für einen
unbefangenen Beobachter verändert hast! Als wir dich kennenlernten, warst
du so kinderjung – selbst wenn du ernst warst oder melancholisch, es war
eine so ungebrochene Lebenskraft in dir. Du warst – wie soll ich es nur
sagen? – wie eine Flamme, die noch fast bedeckt ist, aber man spürt, daß sie
sich durchfressen wird und plötzlich hell und sieghaft auflohen.“
„Und jetzt?“ sagte Mette trübe. „Jetzt glimmt es und schwelt, und die
Glut läuft an den Kanten entlang, und manchmal züngelt noch irgendwo ein
ganz schwächliches blaues Flämmchen auf, aber man sieht, daß es keinen
Atem hat, es wird erlöschen, die Glut wird erlöschen, und es bleibt ein
dunkler, kalter, halbverkohlter rauchender Haufen – kein Aschenhaufen,
denn der hat ja seinen Zweck erfüllt, der hat sich in Flammen verzehrt und
hat Wärme gegeben – oder sonst seinen Zweck erfüllt. Glaub’ mir, ich
freust du dich jetzt schon auf den Abend, wenn du wieder heimkommst.
Das ist für dich das Schönste an dem ganzen Ausflug.“ – – –
Sie schritten bergan. Die Sonne brannte so, daß sie die Jacken öffnen
mußten.
„Was macht Gisela eigentlich?“ fragte Sophie. Man merkte es dem Ton
an, daß die Frage beiläufig und harmlos klingen sollte, und vielleicht darum
schon dreißigmal im letzten Moment zurückgehalten worden war.
„Es geht ihr schlecht,“ sagte Mette trotzig, „hast du schon einmal erlebt,
daß es ihr nicht schlecht ging?“
Sophie schüttelte den Kopf:
„Daß du nicht mehr Einfluß auf sie hast! Du bist doch im Grunde so eine
gesunde und kraftvolle Natur. Aber sie zieht dich hinunter, anstatt daß du
sie heraufreißt. Woran liegt es, daß du gar keinen Einfluß auf sie hast?“
„Das liegt daran, daß ich sie nicht liebe,“ sagte Mette in einer verärgerten
Stimmung, die ihr lange schweigend getragene Gedanken über die Lippen
drängte, „und daran, daß sie mich nicht liebt. Glaub’ mir, in jedem großen
Einfluß, den ein Mensch auf einen andern ausübt, steckt – ganz unbewußt
vielleicht und ganz verborgen – ein Stück Liebe. Ich wenigstens bin sicher
nur zu beeinflussen, wenn ich liebe.“
„Du wirst aber beeinflußt,“ Sophie wurde plötzlich sehr ernst, „obgleich
du ja nicht liebst, wie du sagst. Du glaubst nicht, wie du dich für einen
unbefangenen Beobachter verändert hast! Als wir dich kennenlernten, warst
du so kinderjung – selbst wenn du ernst warst oder melancholisch, es war
eine so ungebrochene Lebenskraft in dir. Du warst – wie soll ich es nur
sagen? – wie eine Flamme, die noch fast bedeckt ist, aber man spürt, daß sie
sich durchfressen wird und plötzlich hell und sieghaft auflohen.“
„Und jetzt?“ sagte Mette trübe. „Jetzt glimmt es und schwelt, und die
Glut läuft an den Kanten entlang, und manchmal züngelt noch irgendwo ein
ganz schwächliches blaues Flämmchen auf, aber man sieht, daß es keinen
Atem hat, es wird erlöschen, die Glut wird erlöschen, und es bleibt ein
dunkler, kalter, halbverkohlter rauchender Haufen – kein Aschenhaufen,
denn der hat ja seinen Zweck erfüllt, der hat sich in Flammen verzehrt und
hat Wärme gegeben – oder sonst seinen Zweck erfüllt. Glaub’ mir, ich
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könnte auch meinen Zweck in der Welt erfüllen, wenn er auch noch so
gering ist – es müßte nur einer Feuer in mich hineinwerfen, mich in
Flammen setzen – das Material ist ganz gut.“
„Vielleicht,“ lächelte Sophie, „ist jeder Mensch so ein Haufen
Brennmaterial – mehr oder weniger gutes. Manche haben die Flamme
direkt von Gott – manche haben sie von brennenden Menschen. Aber es
kommt auch dann immer noch darauf an, ob das Häuflein am richtigen
Platz verbrennt. Es kann einem einzigen Wärme spenden, es kann, in einem
Maschinenkessel eingesperrt, Wunder vollbringen und Tausende übers
Meer führen – es kann auch wild um sich brennen und Städte und Wälder in
Asche legen. Aber, schön ist es immer, wenn’s brennt, und wenn es Pech
und Werg und Moorerde ist.“
Mette hob die Achseln – ihr war, als höbe sie eine Last hoch: „Ich bin am
Verlöschen, glaub’ mir – und habe mit meiner Kraft keinen erwärmt und
kein Rädchen in Bewegung gesetzt – und bin noch nicht einmal
ausgebrannt – das ist das schlimmste!“
Sie gingen ein paar Minuten schweigend. Sophie stieß mit der
Stockspitze nach Kieseln, die im Wege lagen, als wollte sie sie zersplittern.
Plötzlich warf sie den Kopf hoch.
„Geh’ weg von hier!“ sagte sie zwingend, „pack’ deine Koffer und fahr’
morgen nach Hause!“
„Ich hab’ kein ‚Zuhause‘,“ sagte Mette bitter.
„Dann fahr’ irgendwohin – in eine fremde Stadt, oder in die Berge, oder
in ein Bad. Irgendwohin, wo du fremd bist. Such’ dir einen Kreis
intelligenter, anregender, aber vor allen Dingen reinlicher Menschen. Ich
würde sagen: such’ dir einen Menschen – aber da ist mit Suchen so wenig
getan. Es ist ja auch vorgekommen, daß einer auf der Straße eine goldene
Uhr oder eine gefüllte Brieftasche gefunden hat – darum wäre es doch recht
töricht, auszugehen, um goldene Uhren oder Brieftaschen zu finden. Aber
was du hier um dich hast – das sind ja keine Menschen für dich.“
„Und du?“ fragte Mette, „du und Nora, und Eccarius, und Zeeden und
Johannes? – Ich hab’ hier ein Dutzend Menschen, die mir wohlwollen, die
freundschaftlich für mich empfinden, deren Gesichter mir vertraut sind –
ach, du ahnst ja nicht, wie unendlich viel das schon wert ist!“
„Ach, weißt du,“ Sophie lächelte nachdenklich, „man hat überall
Freunde, auch wenn man sie nicht kennt. Man kann ihnen ja
entgegenfahren, um sie kennenzulernen! Ich mußte einmal nach Marburg an
gering ist – es müßte nur einer Feuer in mich hineinwerfen, mich in
Flammen setzen – das Material ist ganz gut.“
„Vielleicht,“ lächelte Sophie, „ist jeder Mensch so ein Haufen
Brennmaterial – mehr oder weniger gutes. Manche haben die Flamme
direkt von Gott – manche haben sie von brennenden Menschen. Aber es
kommt auch dann immer noch darauf an, ob das Häuflein am richtigen
Platz verbrennt. Es kann einem einzigen Wärme spenden, es kann, in einem
Maschinenkessel eingesperrt, Wunder vollbringen und Tausende übers
Meer führen – es kann auch wild um sich brennen und Städte und Wälder in
Asche legen. Aber, schön ist es immer, wenn’s brennt, und wenn es Pech
und Werg und Moorerde ist.“
Mette hob die Achseln – ihr war, als höbe sie eine Last hoch: „Ich bin am
Verlöschen, glaub’ mir – und habe mit meiner Kraft keinen erwärmt und
kein Rädchen in Bewegung gesetzt – und bin noch nicht einmal
ausgebrannt – das ist das schlimmste!“
Sie gingen ein paar Minuten schweigend. Sophie stieß mit der
Stockspitze nach Kieseln, die im Wege lagen, als wollte sie sie zersplittern.
Plötzlich warf sie den Kopf hoch.
„Geh’ weg von hier!“ sagte sie zwingend, „pack’ deine Koffer und fahr’
morgen nach Hause!“
„Ich hab’ kein ‚Zuhause‘,“ sagte Mette bitter.
„Dann fahr’ irgendwohin – in eine fremde Stadt, oder in die Berge, oder
in ein Bad. Irgendwohin, wo du fremd bist. Such’ dir einen Kreis
intelligenter, anregender, aber vor allen Dingen reinlicher Menschen. Ich
würde sagen: such’ dir einen Menschen – aber da ist mit Suchen so wenig
getan. Es ist ja auch vorgekommen, daß einer auf der Straße eine goldene
Uhr oder eine gefüllte Brieftasche gefunden hat – darum wäre es doch recht
töricht, auszugehen, um goldene Uhren oder Brieftaschen zu finden. Aber
was du hier um dich hast – das sind ja keine Menschen für dich.“
„Und du?“ fragte Mette, „du und Nora, und Eccarius, und Zeeden und
Johannes? – Ich hab’ hier ein Dutzend Menschen, die mir wohlwollen, die
freundschaftlich für mich empfinden, deren Gesichter mir vertraut sind –
ach, du ahnst ja nicht, wie unendlich viel das schon wert ist!“
„Ach, weißt du,“ Sophie lächelte nachdenklich, „man hat überall
Freunde, auch wenn man sie nicht kennt. Man kann ihnen ja
entgegenfahren, um sie kennenzulernen! Ich mußte einmal nach Marburg an
Page 118
der Lahn – ich kannte keine Seele da und fürchtete mich ein bißchen, wie
ich so durch die Nacht fuhr, einer unbekannten Stadt entgegen. Da fiel mir
meine Namensschwester ein, Sophie Mereau, nach der sie mich auch immer
Sophus nennen – ich hab’ dir ja ihren Briefwechsel mit ihrem verrückten
Mann zu lesen gegeben – ich dachte daran, wie sie nach Marburg fuhr, auf
der Landstraße im Postwagen noch dazu, und was für Mut dazu gehört
haben mag, sich von allen Freunden loszumachen und in ein ungewisses
Leben hineinzufahren – in ein Leben mit diesem tollköpfigen, heißblütigen,
grüblerischen Seelensadisten, diesem Clemens. Und ich freute mich auf die
Stadt – ich wollte die Gassen aufsuchen, durch die sie ihre täglichen Gänge
machen mußte, und wollte suchen, was vielleicht damals schon so war und
was sich verändert hatte. Du glaubst nicht, wie mich das beruhigte.
Denke dir, du kämest in eine Stadt, in der deine besten Freunde gewohnt
haben, von der sie dir immer erzählt haben, vielleicht fändest du sogar ihr
Haus, ihre Wohnung noch unverändert – würde es dir fremd vorkommen,
auch wenn sie lange gestorben sind? Und eigentlich haben wir doch in jeder
deutschen Stadt gute Freunde gehabt. Geh’ nach Weimar – es hört sich sehr
lächerlich an, wenn man sagt: ‚um auf Goethes Spuren zu wandeln.‘ Aber
da ist kein Weg und kein Platz und kein Park und kein Dorf in der
Umgegend, das dir nicht vertraut vorkommt und wo du nicht sagst: aha, das
war da! und hier geschah das! Und wenn du durch die Straßen gehst und die
Gedächtnistafeln an jedem dritten Haus siehst, dann kommt es dir vor, als
wären es Türschilder von guten Bekannten, und wenn du Lust hast, kannst
du auch hinaufspringen und durch ihre Wohnräume gehen – du bist bei
Goethe ein ebenso gern gesehener Gast wie bei Liszt – nur schade, sie sind
gerade nicht zu Hause – es wäre schön, ihnen einmal die Hand zu drücken –
aber das ist ja nicht das wesentliche. Wir wissen ja, was sie uns zu sagen
haben. Wir nehmen irgendwelche alte Briefe vor, zum Beispiel – ganz
gewiß, wenn Goethe noch lebte, würde er uns niemals lesen lassen, was er
Lida schrieb – und so kennen wir ihn ja eigentlich viel besser, als wenn wir
ihn wirklich gekannt hätten!“
„Wie du mich manchmal an Olga erinnerst,“ sagte Mette kopfschüttelnd.
„Das ist deine Freundin, die gestorben ist?“ fragte Sophie sehr zart, mit
Augen, in denen Angst und Trauer stand.
„Ja!“ Mette konnte lächeln. „Sie konnte auch Leute lieben, die hundert
Jahre tot sind. Nur daß bei ihr Leidenschaft werden konnte, was bei dir
doch immerhin mehr Freundschaft und Verehrung ist. Ich komme mir
ich so durch die Nacht fuhr, einer unbekannten Stadt entgegen. Da fiel mir
meine Namensschwester ein, Sophie Mereau, nach der sie mich auch immer
Sophus nennen – ich hab’ dir ja ihren Briefwechsel mit ihrem verrückten
Mann zu lesen gegeben – ich dachte daran, wie sie nach Marburg fuhr, auf
der Landstraße im Postwagen noch dazu, und was für Mut dazu gehört
haben mag, sich von allen Freunden loszumachen und in ein ungewisses
Leben hineinzufahren – in ein Leben mit diesem tollköpfigen, heißblütigen,
grüblerischen Seelensadisten, diesem Clemens. Und ich freute mich auf die
Stadt – ich wollte die Gassen aufsuchen, durch die sie ihre täglichen Gänge
machen mußte, und wollte suchen, was vielleicht damals schon so war und
was sich verändert hatte. Du glaubst nicht, wie mich das beruhigte.
Denke dir, du kämest in eine Stadt, in der deine besten Freunde gewohnt
haben, von der sie dir immer erzählt haben, vielleicht fändest du sogar ihr
Haus, ihre Wohnung noch unverändert – würde es dir fremd vorkommen,
auch wenn sie lange gestorben sind? Und eigentlich haben wir doch in jeder
deutschen Stadt gute Freunde gehabt. Geh’ nach Weimar – es hört sich sehr
lächerlich an, wenn man sagt: ‚um auf Goethes Spuren zu wandeln.‘ Aber
da ist kein Weg und kein Platz und kein Park und kein Dorf in der
Umgegend, das dir nicht vertraut vorkommt und wo du nicht sagst: aha, das
war da! und hier geschah das! Und wenn du durch die Straßen gehst und die
Gedächtnistafeln an jedem dritten Haus siehst, dann kommt es dir vor, als
wären es Türschilder von guten Bekannten, und wenn du Lust hast, kannst
du auch hinaufspringen und durch ihre Wohnräume gehen – du bist bei
Goethe ein ebenso gern gesehener Gast wie bei Liszt – nur schade, sie sind
gerade nicht zu Hause – es wäre schön, ihnen einmal die Hand zu drücken –
aber das ist ja nicht das wesentliche. Wir wissen ja, was sie uns zu sagen
haben. Wir nehmen irgendwelche alte Briefe vor, zum Beispiel – ganz
gewiß, wenn Goethe noch lebte, würde er uns niemals lesen lassen, was er
Lida schrieb – und so kennen wir ihn ja eigentlich viel besser, als wenn wir
ihn wirklich gekannt hätten!“
„Wie du mich manchmal an Olga erinnerst,“ sagte Mette kopfschüttelnd.
„Das ist deine Freundin, die gestorben ist?“ fragte Sophie sehr zart, mit
Augen, in denen Angst und Trauer stand.
„Ja!“ Mette konnte lächeln. „Sie konnte auch Leute lieben, die hundert
Jahre tot sind. Nur daß bei ihr Leidenschaft werden konnte, was bei dir
doch immerhin mehr Freundschaft und Verehrung ist. Ich komme mir
Page 119
manchmal sehr klein und sehr tierisch vor – aber mir gibt immer noch eine
warme Hand oder ein schlagendes Herz oder ein lebendiger Atem
tausendmal mehr das Gefühl menschlicher Nähe, als ein Bild oder ein
Buch, aus dem eine ganze Seele mich unverhüllt ansieht. Aber ich gebe zu,
daß das ein Manko ist.“ – – –
Die Wege im Wald waren mit Tannennadeln bedeckt. Kleine Quellen, vom
schmelzenden Schnee gespeist, suchten sich hastig und rücksichtslos ihre
Straße meerwärts und überrieselten in vielfach geteilten, schmalen und
breiten Rinnsalen die Fußsteige, um sich in das Bachbett zu stürzen.
Gefällte Baumstämme lagen quer über den Weg und wollten umgangen
oder überklettert sein.
Nach jedem dritten oder vierten Baum schien ein ebener, weithin
sichtbarer, gebahnter Pfad zwischen den geraden Reihen der hohen
Fichtenstämme zu laufen. Der Boden war rings umher mit einer ganz
gleichmäßigen dicken Schicht abgefallener Nadeln überzogen, die unter
jedem Tritt leise knackten und knirschten.
Sophie und Mette schlugen irgendeinen dieser Wege ein, im Gespräch
vertieft. Aber sie merkten nach einer Weile, wie unter dem Nadelteppich
Moospolster sich hoben, Wurzeln sich streckten. Der Boden wurde
unebener, Löcher wechselten mit kleinen Hügelchen.
„Ich finde diesen Weg nicht sehr gepflegt,“ erklärte Sophie lachend,
„wollen wir umkehren oder sehen, daß wir hier irgendwo weiter und wieder
hinaus kommen?“
„Weiter,“ entschied Mette, „umkehren ist mir gräßlich! Dann hat man alle
Unannehmlichkeiten, die man noch in ganz frischer Erinnerung hat, noch
einmal zu bestehen und ist schließlich wieder am Ausgangspunkt. Lieber
will ich dreimal solange und über dreifach schwierigeres Gelände gehen,
aber geradeaus und auf unbekannten Wegen.“
„Das versteh’ ich,“ lachte Sophie, „ich hab’ immer gesagt, das muß das
schlimmste am Kinderkriegen sein, daß man es dreiviertel Jahr lang vorher
weiß. Nur nicht wissen, was einem bevorsteht. Also – dann: durch!“
Jede Andeutung eines Pfades hatte längst aufgehört. Das Gestrüpp des
Heidelbeerkrautes schlug ihnen bis fast an die Knie und ließ kein Plätzchen
frei, wohin sie nur den Fuß hätten setzen können, ohne die zähen, holzigen
warme Hand oder ein schlagendes Herz oder ein lebendiger Atem
tausendmal mehr das Gefühl menschlicher Nähe, als ein Bild oder ein
Buch, aus dem eine ganze Seele mich unverhüllt ansieht. Aber ich gebe zu,
daß das ein Manko ist.“ – – –
Die Wege im Wald waren mit Tannennadeln bedeckt. Kleine Quellen, vom
schmelzenden Schnee gespeist, suchten sich hastig und rücksichtslos ihre
Straße meerwärts und überrieselten in vielfach geteilten, schmalen und
breiten Rinnsalen die Fußsteige, um sich in das Bachbett zu stürzen.
Gefällte Baumstämme lagen quer über den Weg und wollten umgangen
oder überklettert sein.
Nach jedem dritten oder vierten Baum schien ein ebener, weithin
sichtbarer, gebahnter Pfad zwischen den geraden Reihen der hohen
Fichtenstämme zu laufen. Der Boden war rings umher mit einer ganz
gleichmäßigen dicken Schicht abgefallener Nadeln überzogen, die unter
jedem Tritt leise knackten und knirschten.
Sophie und Mette schlugen irgendeinen dieser Wege ein, im Gespräch
vertieft. Aber sie merkten nach einer Weile, wie unter dem Nadelteppich
Moospolster sich hoben, Wurzeln sich streckten. Der Boden wurde
unebener, Löcher wechselten mit kleinen Hügelchen.
„Ich finde diesen Weg nicht sehr gepflegt,“ erklärte Sophie lachend,
„wollen wir umkehren oder sehen, daß wir hier irgendwo weiter und wieder
hinaus kommen?“
„Weiter,“ entschied Mette, „umkehren ist mir gräßlich! Dann hat man alle
Unannehmlichkeiten, die man noch in ganz frischer Erinnerung hat, noch
einmal zu bestehen und ist schließlich wieder am Ausgangspunkt. Lieber
will ich dreimal solange und über dreifach schwierigeres Gelände gehen,
aber geradeaus und auf unbekannten Wegen.“
„Das versteh’ ich,“ lachte Sophie, „ich hab’ immer gesagt, das muß das
schlimmste am Kinderkriegen sein, daß man es dreiviertel Jahr lang vorher
weiß. Nur nicht wissen, was einem bevorsteht. Also – dann: durch!“
Jede Andeutung eines Pfades hatte längst aufgehört. Das Gestrüpp des
Heidelbeerkrautes schlug ihnen bis fast an die Knie und ließ kein Plätzchen
frei, wohin sie nur den Fuß hätten setzen können, ohne die zähen, holzigen
Page 120
Stiele unter der Sohle zu biegen. Abgebrochene Äste von der Größe junger
Bäume, manche noch mit grünen Nadeln bedeckt, die meisten nackte,
schwarze, traurige Gerippe, mit grauer Flechte überzogen, reckten sich
ihnen entgegen, griffen mit Hakenarmen nach ihren Füßen, ihren Kleidern,
als böten sie allen Willen eines lebenden Wesens auf, um sie nicht
durchzulassen oder mitgenommen zu werden.
Die Stämme wurden schlanker, traten dichter zusammen. Ihre unteren
Äste, zu denen die Sonne niemals durchdringen konnte, waren abgestorben,
schwarz und dürr, grau übersponnen, und sie griffen nacheinander, schienen
miteinander verwachsen, daß die beiden sich nur mit Mühe durch sie
hindurchdrängen konnten oder sich bücken mußten, um unter ihnen
wegzukriechen, wobei sie dann doch mit den Köpfen anstießen und im
windzerwehten Haar allerlei abgesplitterte Zweigendchen oder trockene
Flechte mitrissen.
„Wir sind im Zauberwald,“ flüsterte Mette, „gleich kommt der Herr des
Berges, was meinst du – soll es ein Zwerg oder ein Riese sein?“
„Dort liegt das Feenschloß.“ Sophie deutete auf eine Stelle, wo es wie
eine goldene Wand durch die Äste schimmerte. „Wenn wir dort sind, sind
wir geborgen! Komm, Schwesterchen, gib mir die Hand, wir laufen, was
wir können!“
Sie strebten vorwärts, so rasch es ging. Dort hinter den Bäumen stand
lichter Himmel, sonnige Weite. Schon traten die Stämme mehr auseinander,
an den glatten Rinden spielten Sonnenflecke.
Sie traten wie aus einem Tor ins Freie. Ein Abhang lag zu ihren Füßen,
nach Süden gewandt, ganz getränkt und geblendet von Sonnenlicht.
Laubbäume standen hier, Buchen und Eichen, und streckten die ganze
Pracht ihrer kahlen Kronen wie starkes und zierliches Schmiedewerk gegen
den blauen Glanz des Himmels. Im Unterholz aber waren schon
ungeduldige Knospen gesprungen und falteten die fein gekrausten, von
Frische glänzenden Blättchen auseinander.
Zwischen dem grauen, verwitterten Laub am Boden drängten sich grüne
Spitzchen hervor, blaue Leberblümchen und weiße Windröschen hatten die
Kelche weit, weit aufgetan, um die kosenden Strahlen einzusaugen.
Ein breiter weißer Weg führte unten vorbei, von jungen Birken gesäumt,
deren schleierzartes, hängendes Astwerk besät war mit gelben
Blütenbüscheln. Er machte unter dem Abhang eine Biegung und lief ein
Stück sanft, fast eben, weiter talwärts. Da, wo man ihn aus den Augen
Bäume, manche noch mit grünen Nadeln bedeckt, die meisten nackte,
schwarze, traurige Gerippe, mit grauer Flechte überzogen, reckten sich
ihnen entgegen, griffen mit Hakenarmen nach ihren Füßen, ihren Kleidern,
als böten sie allen Willen eines lebenden Wesens auf, um sie nicht
durchzulassen oder mitgenommen zu werden.
Die Stämme wurden schlanker, traten dichter zusammen. Ihre unteren
Äste, zu denen die Sonne niemals durchdringen konnte, waren abgestorben,
schwarz und dürr, grau übersponnen, und sie griffen nacheinander, schienen
miteinander verwachsen, daß die beiden sich nur mit Mühe durch sie
hindurchdrängen konnten oder sich bücken mußten, um unter ihnen
wegzukriechen, wobei sie dann doch mit den Köpfen anstießen und im
windzerwehten Haar allerlei abgesplitterte Zweigendchen oder trockene
Flechte mitrissen.
„Wir sind im Zauberwald,“ flüsterte Mette, „gleich kommt der Herr des
Berges, was meinst du – soll es ein Zwerg oder ein Riese sein?“
„Dort liegt das Feenschloß.“ Sophie deutete auf eine Stelle, wo es wie
eine goldene Wand durch die Äste schimmerte. „Wenn wir dort sind, sind
wir geborgen! Komm, Schwesterchen, gib mir die Hand, wir laufen, was
wir können!“
Sie strebten vorwärts, so rasch es ging. Dort hinter den Bäumen stand
lichter Himmel, sonnige Weite. Schon traten die Stämme mehr auseinander,
an den glatten Rinden spielten Sonnenflecke.
Sie traten wie aus einem Tor ins Freie. Ein Abhang lag zu ihren Füßen,
nach Süden gewandt, ganz getränkt und geblendet von Sonnenlicht.
Laubbäume standen hier, Buchen und Eichen, und streckten die ganze
Pracht ihrer kahlen Kronen wie starkes und zierliches Schmiedewerk gegen
den blauen Glanz des Himmels. Im Unterholz aber waren schon
ungeduldige Knospen gesprungen und falteten die fein gekrausten, von
Frische glänzenden Blättchen auseinander.
Zwischen dem grauen, verwitterten Laub am Boden drängten sich grüne
Spitzchen hervor, blaue Leberblümchen und weiße Windröschen hatten die
Kelche weit, weit aufgetan, um die kosenden Strahlen einzusaugen.
Ein breiter weißer Weg führte unten vorbei, von jungen Birken gesäumt,
deren schleierzartes, hängendes Astwerk besät war mit gelben
Blütenbüscheln. Er machte unter dem Abhang eine Biegung und lief ein
Stück sanft, fast eben, weiter talwärts. Da, wo man ihn aus den Augen
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verlor, lag überraschend wie ein köstliches Wunder der glatte Spiegel eines
Sees so gleißend im Sonnenlicht, daß er die Augen blendete. Daneben
ragten rote Dächer, weißes Mauerwerk – das Ziel.
„Herrgott, ist die Welt schön!“ jauchzte Mette, „oh, Sophus, ich bin dir ja
so wahnsinnig dankbar, daß du mir das mal wieder zum Bewußtsein
gebracht hast!“
„Wir wollen oft zusammen ins Freie,“ sagte Sophie, „ich will dir alles
zeigen, was ich früher – ganz früher – so hundertmal gesehen habe, immer
in so verzweifelter Einsamkeit und immer in so zerfressender Sehnsucht
nach einem Menschen, dem ich das alles zeigen könnte. Wir müssen gehen,
wenn die Obstbäume blühen, und nachher, wenn der ganze Wald voll
Heckenrosen und Gaisblatt steht, oh, und im September, wenn das Laub
bunt wird.“ Sie faßte nach Mettes Hand und preßte mit einem fast
schmerzend festen Druck die Finger um das Gelenk. „Du sollst auch nicht
fortgehen – das war ja alles Unsinn, was ich dir vorhin gepredigt habe. Wir
werden schon sehen, dein Leben hier zurechtzukriegen – wir müssen dir nur
eine Arbeit suchen – und du mußt dir ein nettes, kleines Heim einrichten,
daß du nicht mehr in der scheußlichen Pension zu wohnen brauchst – und
dann mußt du feierabends kommen und gemütlich bei uns sitzen, und
einmal in der Woche müssen wir uns freimachen von aller Arbeit und von
morgens bis abends in den Bergen herumlaufen.“ Sie wechselte plötzlich
den Ton und sagte komisch trocken: „Und dann müssen wir uns verlaufen
und müssen die Dächer, aus denen das von Gott uns bestimmte Mittagessen
raucht, vor der Nase haben und an einem Abhang stehen, den wir nicht
hinunterkommen – oder?“
„Wir kommen!“ sagte Mette zuversichtlich. „Schon weil uns nichts
anderes übrigbleibt. Oder wollen wir uns vielleicht vom Ziel entfernen, um
einen bequemeren Weg zu suchen? Ausgeschlossen!“
Im Anfang, als die Füße in dem raschelnden Laub versanken, ging es
ganz gut. Aber auf dem letzten Streifen, kaum haushoch über der Chaussee,
standen wieder Fichten und Kiefern, und der nadelbedeckte Boden war in
der Sonne glatter als gebohntes Parkett.
Sophie, die das Bergauf-bergab von Kindheit an gewohnt war, stand –
wenn auch in letzter Zeit aus der Übung gekommen – doch auf festeren
Füßen als Mette, die von Schritt zu Schritt nach einem Ast suchte, an dem
sie sich halten konnte. Sophie streckte ihr die Hand hin, aber Mette schlug
ehrgeizig jede Hilfe aus; dabei fingen sie beide an zu lachen, über sich
Sees so gleißend im Sonnenlicht, daß er die Augen blendete. Daneben
ragten rote Dächer, weißes Mauerwerk – das Ziel.
„Herrgott, ist die Welt schön!“ jauchzte Mette, „oh, Sophus, ich bin dir ja
so wahnsinnig dankbar, daß du mir das mal wieder zum Bewußtsein
gebracht hast!“
„Wir wollen oft zusammen ins Freie,“ sagte Sophie, „ich will dir alles
zeigen, was ich früher – ganz früher – so hundertmal gesehen habe, immer
in so verzweifelter Einsamkeit und immer in so zerfressender Sehnsucht
nach einem Menschen, dem ich das alles zeigen könnte. Wir müssen gehen,
wenn die Obstbäume blühen, und nachher, wenn der ganze Wald voll
Heckenrosen und Gaisblatt steht, oh, und im September, wenn das Laub
bunt wird.“ Sie faßte nach Mettes Hand und preßte mit einem fast
schmerzend festen Druck die Finger um das Gelenk. „Du sollst auch nicht
fortgehen – das war ja alles Unsinn, was ich dir vorhin gepredigt habe. Wir
werden schon sehen, dein Leben hier zurechtzukriegen – wir müssen dir nur
eine Arbeit suchen – und du mußt dir ein nettes, kleines Heim einrichten,
daß du nicht mehr in der scheußlichen Pension zu wohnen brauchst – und
dann mußt du feierabends kommen und gemütlich bei uns sitzen, und
einmal in der Woche müssen wir uns freimachen von aller Arbeit und von
morgens bis abends in den Bergen herumlaufen.“ Sie wechselte plötzlich
den Ton und sagte komisch trocken: „Und dann müssen wir uns verlaufen
und müssen die Dächer, aus denen das von Gott uns bestimmte Mittagessen
raucht, vor der Nase haben und an einem Abhang stehen, den wir nicht
hinunterkommen – oder?“
„Wir kommen!“ sagte Mette zuversichtlich. „Schon weil uns nichts
anderes übrigbleibt. Oder wollen wir uns vielleicht vom Ziel entfernen, um
einen bequemeren Weg zu suchen? Ausgeschlossen!“
Im Anfang, als die Füße in dem raschelnden Laub versanken, ging es
ganz gut. Aber auf dem letzten Streifen, kaum haushoch über der Chaussee,
standen wieder Fichten und Kiefern, und der nadelbedeckte Boden war in
der Sonne glatter als gebohntes Parkett.
Sophie, die das Bergauf-bergab von Kindheit an gewohnt war, stand –
wenn auch in letzter Zeit aus der Übung gekommen – doch auf festeren
Füßen als Mette, die von Schritt zu Schritt nach einem Ast suchte, an dem
sie sich halten konnte. Sophie streckte ihr die Hand hin, aber Mette schlug
ehrgeizig jede Hilfe aus; dabei fingen sie beide an zu lachen, über sich
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selbst, über den andern, über das kleine Abenteuer, über Scherzworte, die
sie sich zuriefen, es brauchte nur der Warnung des andern, daß man fallen
würde, der Ahnung einer wirklichen leichten Gefahr, um das Gelächter, das
man unterdrücken wollte, in tolle, kindische Lustigkeit ausarten zu lassen.
Mette lachte, daß ihr die Tränen aus den Augen stürzten, sie sah nicht mehr,
wohin sie trat, die Füße glitten unter ihr weg, ein Zweig, an dem sie sich
hielt, knickte ab und blieb ihr in den Händen; sie wäre unfehlbar gestürzt,
wenn nicht Sophie, einen Fuß gegen eine Wurzel gestemmt, sich ihr
entgegengebeugt, sie aufgefangen und gehalten hätte. Einen Augenblick
lagen sie so Brust an Brust, heiß, lachend, mit hastigem Atem und
schlagenden Herzen. Im selben Augenblick wurden beide ernst, neigten die
Gesichter zueinander und legten willenlos und demütig Mund auf Mund.
Mette schloß die Augen. Sie fühlte Sophies fiebernde Lippen auf ihren
Lidern, ihren Schläfen, ihren Wangen. Sie hörte ihre heiße Stimme flüstern:
„Rühr’ dich nicht, wehr’ dich nicht, sonst stürzen wir beide hinunter!“
Sie dachte nicht daran, sich zu wehren. Sie dachte nicht daran, sich zu
rühren. Sie hielt reglos still, das Herz wurde ihr groß und warm, und ihr
war, als müsse es unter Liebkosungen aufblühen wie ein junger Baum im
Maienregen. – – –
Sie aßen Mittag unter dem freundlich winkenden roten Dach und fuhren
über den silbernen See und wanderten nach der Bahnstation, und waren
bald ausgelassen, bald sentimental, aber immer zuvorkommend und
ritterlich gegeneinander – und sie sprachen von tausend Dingen, nur nicht
von sich selbst und nicht von dem, was sie dachten und empfanden.
Auf dem kleinen Bahnhof saßen sie zwischen andern Leuten,
schweigsam und müde, und warteten auf den Zug. Die frühe Dunkelheit
brach an, die wenigen Laternen warfen trübes Licht in das blaue Dämmer.
Mette fing an zu frieren und drückte das Gesicht in den hochgeschlagenen
Kragen.
Endlich kam der Zug. Sie suchten beide nach einem leeren Abteil, ohne
diese Absicht auszusprechen. Sie fanden eines und stiegen ein.
‚Nun wird alles gut,‘ dachte Mette, ‚ich will meinen Kopf an ihre
Schulter legen und mir leise gute Worte sagen lassen. Dann wird das
Frösteln aufhören.‘
sie sich zuriefen, es brauchte nur der Warnung des andern, daß man fallen
würde, der Ahnung einer wirklichen leichten Gefahr, um das Gelächter, das
man unterdrücken wollte, in tolle, kindische Lustigkeit ausarten zu lassen.
Mette lachte, daß ihr die Tränen aus den Augen stürzten, sie sah nicht mehr,
wohin sie trat, die Füße glitten unter ihr weg, ein Zweig, an dem sie sich
hielt, knickte ab und blieb ihr in den Händen; sie wäre unfehlbar gestürzt,
wenn nicht Sophie, einen Fuß gegen eine Wurzel gestemmt, sich ihr
entgegengebeugt, sie aufgefangen und gehalten hätte. Einen Augenblick
lagen sie so Brust an Brust, heiß, lachend, mit hastigem Atem und
schlagenden Herzen. Im selben Augenblick wurden beide ernst, neigten die
Gesichter zueinander und legten willenlos und demütig Mund auf Mund.
Mette schloß die Augen. Sie fühlte Sophies fiebernde Lippen auf ihren
Lidern, ihren Schläfen, ihren Wangen. Sie hörte ihre heiße Stimme flüstern:
„Rühr’ dich nicht, wehr’ dich nicht, sonst stürzen wir beide hinunter!“
Sie dachte nicht daran, sich zu wehren. Sie dachte nicht daran, sich zu
rühren. Sie hielt reglos still, das Herz wurde ihr groß und warm, und ihr
war, als müsse es unter Liebkosungen aufblühen wie ein junger Baum im
Maienregen. – – –
Sie aßen Mittag unter dem freundlich winkenden roten Dach und fuhren
über den silbernen See und wanderten nach der Bahnstation, und waren
bald ausgelassen, bald sentimental, aber immer zuvorkommend und
ritterlich gegeneinander – und sie sprachen von tausend Dingen, nur nicht
von sich selbst und nicht von dem, was sie dachten und empfanden.
Auf dem kleinen Bahnhof saßen sie zwischen andern Leuten,
schweigsam und müde, und warteten auf den Zug. Die frühe Dunkelheit
brach an, die wenigen Laternen warfen trübes Licht in das blaue Dämmer.
Mette fing an zu frieren und drückte das Gesicht in den hochgeschlagenen
Kragen.
Endlich kam der Zug. Sie suchten beide nach einem leeren Abteil, ohne
diese Absicht auszusprechen. Sie fanden eines und stiegen ein.
‚Nun wird alles gut,‘ dachte Mette, ‚ich will meinen Kopf an ihre
Schulter legen und mir leise gute Worte sagen lassen. Dann wird das
Frösteln aufhören.‘
Page 123
Sophie saß neben ihr, ein wenig vorgebeugt, und sah aus dem Fenster,
ohne ein Wort zu sprechen – lange, lange. Draußen glitten Felder und
Wälder vorbei, immer dichter in Dunkelheit gehüllt, selten durch ein helles
Fenster, eine einsame Laterne unterbrochen. Endlich wandte Sophie Metten
das Gesicht zu – ein Gesicht, das im schwachen Schein des flackernden
Gaslämpchens gespannt in allen Zügen, ernst und totenblaß aussah.
„Ich habe dir heut’ morgen etwas gesagt, Metti,“ fing sie an –
schwerfällig, stockend, und doch so, als hätte sie die letzte schweigsame
Stunde dazu verwandt, es auswendig zu lernen, „denk’, es wäre das einzige
gewesen, und vergiß alles, was ich sonst gesagt oder getan habe. Ich hab’
dir gesagt: geh’ weg von hier! Und ich bitte dich jetzt, wenn du das
geringste – Wohlwollen für mich hast: geh’ weg von hier! Ich weiß seit
beinah’ dreißig Jahren, daß ich ohne Nora nicht leben kann. Ich habe es mir
selbst bewiesen – ich bin in jeder Hinsicht verkommen, als ich den
Zusammenhang mit ihr ganz verloren hatte, und ich bin ein Mensch und ein
Arbeiter geworden, von dem Moment an, wo sie bei mir war. Ich lebe seit
fünf Jahren in der Überzeugung, daß ich restlos glücklich bin. Ich darf mir
diese Überzeugung durch nichts erschüttern lassen. Ich darf niemals auf den
Gedanken kommen, daß es eine Lebensmöglichkeit für mich gibt außer
Nora. Sie würde es fühlen, und sie würde gehen. Sie erträgt ihre Leiden nur,
weil sie mir bedingungslose Notwendigkeit ist. Sie würde ein Ende machen,
wenn sie wüßte, daß ich mich eine Stunde lang wohlfühle ohne sie.
Vielleicht hast du uns so gern, daß es dir ein Opfer ist, den
freundschaftlichen Verkehr mit uns aufzugeben. Ich möchte beinah sagen:
ich hoffe es.“ Sie senkte den Kopf sehr tief, damit man das Zucken ihrer
Lippen nicht sah. „Aber ich weiß, daß du dieses Opfer bringen wirst, weil
du eine Ahnung hast, um was es geht. Ich habe mich überschätzt. Es ist sehr
schlimm, sich das eingestehen zu müssen. Wenn du fort bist, werd’ ich es
Nora beichten – aber nicht jetzt, solange es ihr nur eine Minute die Ruhe
nehmen könnte. Ich würde auch jetzt nicht den richtigen Ton dafür finden!“
Sie sah wieder aus dem Fenster.
Mette war die Kehle trocken.
„Natürlich,“ sagte sie gedankenlos, „selbstverständlich.“ Und immer
wieder: „Ja – selbstverständlich – natürlich,“ ohne zu wissen, was sie damit
meinte.
Als der Zug hielt, sprang Sophie heraus und faßte Mettes Ellbogen, um
ihr beim Aussteigen zu helfen. Aber sie ließ sie gleich wieder los, und beide
ohne ein Wort zu sprechen – lange, lange. Draußen glitten Felder und
Wälder vorbei, immer dichter in Dunkelheit gehüllt, selten durch ein helles
Fenster, eine einsame Laterne unterbrochen. Endlich wandte Sophie Metten
das Gesicht zu – ein Gesicht, das im schwachen Schein des flackernden
Gaslämpchens gespannt in allen Zügen, ernst und totenblaß aussah.
„Ich habe dir heut’ morgen etwas gesagt, Metti,“ fing sie an –
schwerfällig, stockend, und doch so, als hätte sie die letzte schweigsame
Stunde dazu verwandt, es auswendig zu lernen, „denk’, es wäre das einzige
gewesen, und vergiß alles, was ich sonst gesagt oder getan habe. Ich hab’
dir gesagt: geh’ weg von hier! Und ich bitte dich jetzt, wenn du das
geringste – Wohlwollen für mich hast: geh’ weg von hier! Ich weiß seit
beinah’ dreißig Jahren, daß ich ohne Nora nicht leben kann. Ich habe es mir
selbst bewiesen – ich bin in jeder Hinsicht verkommen, als ich den
Zusammenhang mit ihr ganz verloren hatte, und ich bin ein Mensch und ein
Arbeiter geworden, von dem Moment an, wo sie bei mir war. Ich lebe seit
fünf Jahren in der Überzeugung, daß ich restlos glücklich bin. Ich darf mir
diese Überzeugung durch nichts erschüttern lassen. Ich darf niemals auf den
Gedanken kommen, daß es eine Lebensmöglichkeit für mich gibt außer
Nora. Sie würde es fühlen, und sie würde gehen. Sie erträgt ihre Leiden nur,
weil sie mir bedingungslose Notwendigkeit ist. Sie würde ein Ende machen,
wenn sie wüßte, daß ich mich eine Stunde lang wohlfühle ohne sie.
Vielleicht hast du uns so gern, daß es dir ein Opfer ist, den
freundschaftlichen Verkehr mit uns aufzugeben. Ich möchte beinah sagen:
ich hoffe es.“ Sie senkte den Kopf sehr tief, damit man das Zucken ihrer
Lippen nicht sah. „Aber ich weiß, daß du dieses Opfer bringen wirst, weil
du eine Ahnung hast, um was es geht. Ich habe mich überschätzt. Es ist sehr
schlimm, sich das eingestehen zu müssen. Wenn du fort bist, werd’ ich es
Nora beichten – aber nicht jetzt, solange es ihr nur eine Minute die Ruhe
nehmen könnte. Ich würde auch jetzt nicht den richtigen Ton dafür finden!“
Sie sah wieder aus dem Fenster.
Mette war die Kehle trocken.
„Natürlich,“ sagte sie gedankenlos, „selbstverständlich.“ Und immer
wieder: „Ja – selbstverständlich – natürlich,“ ohne zu wissen, was sie damit
meinte.
Als der Zug hielt, sprang Sophie heraus und faßte Mettes Ellbogen, um
ihr beim Aussteigen zu helfen. Aber sie ließ sie gleich wieder los, und beide
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lächelten verlegen und schmerzlich.
Auf dem Bahnsteig gaben sie sich mit festem Druck die Hand.
„Komm gut nach Hause, Kind,“ sagte Sophie. „Und gut durchs Leben.
Und ich danke dir – für alles.“
„Ich dir auch,“ antwortete Mette tonlos.
Dann ließ die gute feste Hand sie los.
Einen Augenblick trafen sich ihre Augen, glitten ineinander, dann irrten
sie wie aufgescheucht nach irgendeinem hellen Fleck in der Ferne.
Sophie wandte sich. Sie vergrub beide Hände in den Taschen, drückte
den Kopf in den Nacken und schritt weit aus.
Eine Weile überragte sie noch das Gewühl der strömenden Menge, dann
tauchte die hohe Gestalt unter und verschwand.
Langsam, mit schweren Füßen, wandte sich Mette nach der andern
Treppe.
Auf dem Bahnsteig gaben sie sich mit festem Druck die Hand.
„Komm gut nach Hause, Kind,“ sagte Sophie. „Und gut durchs Leben.
Und ich danke dir – für alles.“
„Ich dir auch,“ antwortete Mette tonlos.
Dann ließ die gute feste Hand sie los.
Einen Augenblick trafen sich ihre Augen, glitten ineinander, dann irrten
sie wie aufgescheucht nach irgendeinem hellen Fleck in der Ferne.
Sophie wandte sich. Sie vergrub beide Hände in den Taschen, drückte
den Kopf in den Nacken und schritt weit aus.
Eine Weile überragte sie noch das Gewühl der strömenden Menge, dann
tauchte die hohe Gestalt unter und verschwand.
Langsam, mit schweren Füßen, wandte sich Mette nach der andern
Treppe.
Page 125
M ette hatte das Fenster weit aufgemacht, einen Stuhl dicht daran
gestellt und saß nun, beide Arme auf die Brüstung gestützt, das
Gesicht in die Hände gelegt und starrte zu dem Stückchen
Nachthimmel auf, das die Häuser freigaben. Sie suchte den Antares – „ihren
Stern“. Aber die Mauern verbargen ihn.
Die Luft war weich und warm, fast schwül. Manchmal wehte von
irgendwoher ein Duft wie von Akazien oder Tuberosen. Irgendwo war
Musik. Man hörte mancherlei Geräusch aus dem Schacht des Hofes
heraufdringen. Geschirrklappern, Lachen, Sprechen, Singen – das kam, weil
alle Fenster offen standen.
Mette fühlte sich an irgend etwas erinnert, an eine sehr glückliche Zeit,
die begleitet war von diesen noch ungewohnten Geräuschen des jungen
Sommers. Aber sie konnte sich nicht besinnen, wann und wo das gewesen
war. Vielleicht in ihrer Kindheit, wenn sie abends am Fenster ihres weißen
Mädchenstübchens saß, zu den Sternen hinaufstarrte und in den Garten
hinunter und ganz erfüllt war von der ahnenden Erwartung des Lebens, das
kommen sollte – des großen, starken, brausenden Lebens, dessen Widerhall
an Sommerabenden das von Häusern umschlossene Viereck zu durchzittern
schien – so wie das Brausen des Meeres sich in einer Muschel fängt und
weitersummt.
Oh – wie schön müßte es sein, auf irgend etwas zu warten. Auf das
Namenlose, das Unbegreifliche ... vielleicht kam es doch noch! Was wußte
menschlicher Verstand! Vielleicht waren da oben keine Welten, wo unselige
Lebewesen von Qual zerfressen wurden und sich gegenseitig zerfleischten.
Vielleicht waren es Löcher im dunklen Vorhang, der den goldenen
Thronsaal verhüllt, oder Blumen auf dem Wiesenteppich, über den die
Seligen wandeln ...
Vielleicht war Sterben schön ...
Vielleicht war es ein Moment unbeschreiblichen Jubels, mit dem die
Seele sich aus dem zerfallenden Kadaver aufschwang ... vielleicht, sie
schloß die Augen – eine Welle der Erregung überflutete sie, daß ihr
schwindlig wurde – vielleicht würde sie im Augenblick des Sterbens Olga
gestellt und saß nun, beide Arme auf die Brüstung gestützt, das
Gesicht in die Hände gelegt und starrte zu dem Stückchen
Nachthimmel auf, das die Häuser freigaben. Sie suchte den Antares – „ihren
Stern“. Aber die Mauern verbargen ihn.
Die Luft war weich und warm, fast schwül. Manchmal wehte von
irgendwoher ein Duft wie von Akazien oder Tuberosen. Irgendwo war
Musik. Man hörte mancherlei Geräusch aus dem Schacht des Hofes
heraufdringen. Geschirrklappern, Lachen, Sprechen, Singen – das kam, weil
alle Fenster offen standen.
Mette fühlte sich an irgend etwas erinnert, an eine sehr glückliche Zeit,
die begleitet war von diesen noch ungewohnten Geräuschen des jungen
Sommers. Aber sie konnte sich nicht besinnen, wann und wo das gewesen
war. Vielleicht in ihrer Kindheit, wenn sie abends am Fenster ihres weißen
Mädchenstübchens saß, zu den Sternen hinaufstarrte und in den Garten
hinunter und ganz erfüllt war von der ahnenden Erwartung des Lebens, das
kommen sollte – des großen, starken, brausenden Lebens, dessen Widerhall
an Sommerabenden das von Häusern umschlossene Viereck zu durchzittern
schien – so wie das Brausen des Meeres sich in einer Muschel fängt und
weitersummt.
Oh – wie schön müßte es sein, auf irgend etwas zu warten. Auf das
Namenlose, das Unbegreifliche ... vielleicht kam es doch noch! Was wußte
menschlicher Verstand! Vielleicht waren da oben keine Welten, wo unselige
Lebewesen von Qual zerfressen wurden und sich gegenseitig zerfleischten.
Vielleicht waren es Löcher im dunklen Vorhang, der den goldenen
Thronsaal verhüllt, oder Blumen auf dem Wiesenteppich, über den die
Seligen wandeln ...
Vielleicht war Sterben schön ...
Vielleicht war es ein Moment unbeschreiblichen Jubels, mit dem die
Seele sich aus dem zerfallenden Kadaver aufschwang ... vielleicht, sie
schloß die Augen – eine Welle der Erregung überflutete sie, daß ihr
schwindlig wurde – vielleicht würde sie im Augenblick des Sterbens Olga
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sehen ... sehen? wenn der Mechanismus von Linsen und Sehpurpur und
Nerven zerstört war? ... aber fühlen ... ahnen.
Es gab nur zwei Möglichkeiten – entweder das Bewußtsein blieb
erhalten, oder es verflüchtigte sich. Im ersteren Fall war es kein größeres
Risiko, eine andere Daseinsform anzunehmen, als etwa die Wohnung zu
wechseln – im letzteren gab es keinen Schmerz, keine Reue, keine Trauer
über das vertane Leben ...
Mette starrte nach den Sternen. Sie dachte daran, daß Olga ihr einmal
erzählt hatte, wie sie durch die Kraft ihrer sehnsüchtigen Wünsche fast die
Seele vom Körper gelöst hätte und auf die Wanderschaft geschickt. Mette
fühlte, daß sie diese suggestive Macht über sich selbst nicht hatte. Aber
vielleicht konnte sie nachhelfen, der gefangenen Seele ein kleines Tor
aufsprengen – in der Brust oder in der Schläfe.
Ob sie wohl abdrücken würde, wenn sie jetzt den Revolver in Händen
hielte? – – –
Aber der Weg durch das Zimmer war weit. Eh’ sie den dritten Schritt getan
hätte, würde die feige Angst wieder da sein, und der brennende Wunsch
nach den ganz kleinen, dummen, niedrigen Freuden des Lebens ... es müßte
so nett sein, jetzt auf einer der Terrassen der hellerleuchteten Kaffeehäuser
zu sitzen, Eis zu essen und Musik zu hören – nicht allein natürlich – in
einem Kreis ruhiger, harmloser, bürgerlicher Menschen.
Es müßte sehr nett sein ...
... schöne und elegante Frauen an sich vorübergehen zu lassen – die auf-
und abwogenden Leute zu bewundern oder zu bespötteln – sich von süßen
und sentimentalen Geigenmelodien streicheln zu lassen ...
Und Eis mit Früchten! ...
Freilich, Sterben war vielleicht schöner ...
Und es war eigentlich leichter –
Der Revolver lag so nah!
Sie wandte den Kopf nach ihm. Es war fast, als riefe er nach ihr. Aber ihr
Körper war schwer und wie festgekettet an dem Stuhl. Sie wußte: ‚Wenn
ich jetzt aufsteh’, dann tu ich’s!‘
Aber sie stand nicht auf.
Draußen wurden lachende Stimmen hörbar, wurden lauter, kamen näher.
Nerven zerstört war? ... aber fühlen ... ahnen.
Es gab nur zwei Möglichkeiten – entweder das Bewußtsein blieb
erhalten, oder es verflüchtigte sich. Im ersteren Fall war es kein größeres
Risiko, eine andere Daseinsform anzunehmen, als etwa die Wohnung zu
wechseln – im letzteren gab es keinen Schmerz, keine Reue, keine Trauer
über das vertane Leben ...
Mette starrte nach den Sternen. Sie dachte daran, daß Olga ihr einmal
erzählt hatte, wie sie durch die Kraft ihrer sehnsüchtigen Wünsche fast die
Seele vom Körper gelöst hätte und auf die Wanderschaft geschickt. Mette
fühlte, daß sie diese suggestive Macht über sich selbst nicht hatte. Aber
vielleicht konnte sie nachhelfen, der gefangenen Seele ein kleines Tor
aufsprengen – in der Brust oder in der Schläfe.
Ob sie wohl abdrücken würde, wenn sie jetzt den Revolver in Händen
hielte? – – –
Aber der Weg durch das Zimmer war weit. Eh’ sie den dritten Schritt getan
hätte, würde die feige Angst wieder da sein, und der brennende Wunsch
nach den ganz kleinen, dummen, niedrigen Freuden des Lebens ... es müßte
so nett sein, jetzt auf einer der Terrassen der hellerleuchteten Kaffeehäuser
zu sitzen, Eis zu essen und Musik zu hören – nicht allein natürlich – in
einem Kreis ruhiger, harmloser, bürgerlicher Menschen.
Es müßte sehr nett sein ...
... schöne und elegante Frauen an sich vorübergehen zu lassen – die auf-
und abwogenden Leute zu bewundern oder zu bespötteln – sich von süßen
und sentimentalen Geigenmelodien streicheln zu lassen ...
Und Eis mit Früchten! ...
Freilich, Sterben war vielleicht schöner ...
Und es war eigentlich leichter –
Der Revolver lag so nah!
Sie wandte den Kopf nach ihm. Es war fast, als riefe er nach ihr. Aber ihr
Körper war schwer und wie festgekettet an dem Stuhl. Sie wußte: ‚Wenn
ich jetzt aufsteh’, dann tu ich’s!‘
Aber sie stand nicht auf.
Draußen wurden lachende Stimmen hörbar, wurden lauter, kamen näher.
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Man rief ihren Namen, klopfte an ihre Tür.
Sie brachen wie eine Horde in das stille Zimmer ein: Gisela, Kramer,
Giesbert, die Luigi, Willi Krafft und Johannes.
„Weiß Gott, sie sitzt im Dunkeln!“ „Hast du gemunkelt?“ „Machst du
astronomische Studien, oder willst du dich aus dem Fenster stürzen?“
„Mach hopp, dalli, komm mit, wir wollen noch ein bißchen bummeln! Es
ist eine herrliche Frühlingsluft draußen!“ „Atmest du nicht mit mir ...?“
Sie hatte sich nicht nach diesen Menschen gesehnt – nach keinem von
ihnen. Aber sie war fast gerührt, daß man sie nicht vergessen hatte. Sie
dachten doch an sie – sie wollten sie mithaben – sie hatten sie vermißt – es
war doch gut, nicht ganz allein zu sein auf der Welt.
„Gut,“ sagte sie heiter, „ich dachte gerade an Eis mit Früchten, als ihr
kamt! Es ist nett, daß ihr mich holt – aber ihr müßt mir fünf Minuten Zeit
lassen, daß ich mich anziehen kann – um eurer illustren Gesellschaft würdig
zu erscheinen.“
Mette holte ihr hübschestes Sommerkleid aus dem Schrank, den
kleidsamsten Hut – sie wußte selbst nicht warum. Aber sie hatte das unklare
Gefühl, als liefen heute alle Bewohner der Stadt auf der Straße herum, um
mit sehnsüchtigen Augen nach einem Menschen zu suchen. Vielleicht traf
sie für eine Sekunde ein Blick, der an ihr Gefallen fand, aus irgendeinem
Augenpaar, das ihr gefiel.
Es flog ihr durch den Kopf, während sie vorm Spiegel den Hut aufsetzte:
Vielleicht ist es das, was die Menschen so ruhelos umhertreibt, immer von
einer dieser sogenannten Vergnügungsstätten nach der andern – dies, daß
sie hoffen, irgendwo für einen flüchtigen Augenblick dem Menschen zu
begegnen, den sie suchen – den sie alle suchen, ihr Leben lang, weil sie alle
allein sind. – – –
Sie saßen erst in den Korbsesseln einer Kaffeeterrasse, bei kleinen Lampen
mit rosenbedruckten Seidenschirmen und Perlfransen, und aßen Eisfrüchte
und Waffeln und tranken einen süßen Likör, um einer „Vergletscherung der
Magenwände“ vorzubeugen, wie Giesbert sagte.
Aber die Luigi, die getanzt hatte, und Krafft und Johannes, die im
Konzert gewesen waren, hatten noch nicht zu Abend gegessen und äußerten
Sehnsucht nach einem reellen Beefsteak oder Schnitzel.
Sie brachen wie eine Horde in das stille Zimmer ein: Gisela, Kramer,
Giesbert, die Luigi, Willi Krafft und Johannes.
„Weiß Gott, sie sitzt im Dunkeln!“ „Hast du gemunkelt?“ „Machst du
astronomische Studien, oder willst du dich aus dem Fenster stürzen?“
„Mach hopp, dalli, komm mit, wir wollen noch ein bißchen bummeln! Es
ist eine herrliche Frühlingsluft draußen!“ „Atmest du nicht mit mir ...?“
Sie hatte sich nicht nach diesen Menschen gesehnt – nach keinem von
ihnen. Aber sie war fast gerührt, daß man sie nicht vergessen hatte. Sie
dachten doch an sie – sie wollten sie mithaben – sie hatten sie vermißt – es
war doch gut, nicht ganz allein zu sein auf der Welt.
„Gut,“ sagte sie heiter, „ich dachte gerade an Eis mit Früchten, als ihr
kamt! Es ist nett, daß ihr mich holt – aber ihr müßt mir fünf Minuten Zeit
lassen, daß ich mich anziehen kann – um eurer illustren Gesellschaft würdig
zu erscheinen.“
Mette holte ihr hübschestes Sommerkleid aus dem Schrank, den
kleidsamsten Hut – sie wußte selbst nicht warum. Aber sie hatte das unklare
Gefühl, als liefen heute alle Bewohner der Stadt auf der Straße herum, um
mit sehnsüchtigen Augen nach einem Menschen zu suchen. Vielleicht traf
sie für eine Sekunde ein Blick, der an ihr Gefallen fand, aus irgendeinem
Augenpaar, das ihr gefiel.
Es flog ihr durch den Kopf, während sie vorm Spiegel den Hut aufsetzte:
Vielleicht ist es das, was die Menschen so ruhelos umhertreibt, immer von
einer dieser sogenannten Vergnügungsstätten nach der andern – dies, daß
sie hoffen, irgendwo für einen flüchtigen Augenblick dem Menschen zu
begegnen, den sie suchen – den sie alle suchen, ihr Leben lang, weil sie alle
allein sind. – – –
Sie saßen erst in den Korbsesseln einer Kaffeeterrasse, bei kleinen Lampen
mit rosenbedruckten Seidenschirmen und Perlfransen, und aßen Eisfrüchte
und Waffeln und tranken einen süßen Likör, um einer „Vergletscherung der
Magenwände“ vorzubeugen, wie Giesbert sagte.
Aber die Luigi, die getanzt hatte, und Krafft und Johannes, die im
Konzert gewesen waren, hatten noch nicht zu Abend gegessen und äußerten
Sehnsucht nach einem reellen Beefsteak oder Schnitzel.
Page 128
Man ging also zwei Häuser weiter in ein Weinrestaurant, wo die Musik
dieselben Stücke in etwas veränderter Reihenfolge spielte.
Nach dem Essen ging man in die nächste Bar, trank ein Glas
Schwedenpunsch und eine Flasche Sekt, und die Luigi tanzte mit Giesbert
und mit Krafft, was alle andern Tanzenden zum Aufhören und interessierten
Zuschauen veranlaßte. Mette fühlte sich ein wenig in ihrer Eitelkeit
geschmeichelt, weil sie zu diesen gut tanzenden Leuten gehörte.
Als die Polizeistunde kam, machten die Kellner Rechnung, stellten eine
gedämpftere Beleuchtung her und zogen die schweren violetten Vorhänge
vor die Fenster. Niemand dachte daran, aufzustehen und zu gehen.
An einem Nebentisch saß eine schöne blonde Frau mit zwei Herren.
Mette sah die ganze Zeit zu ihnen hinüber. Die blonde Frau beobachtete
alles mit einer lachenden staunenden Neugier, als hätte man sie in einen
zoologischen Garten geführt, und die beiden hochgewachsenen Männer
saßen neben ihr, als hätten sie die Aufgabe, sie vor jedem frechen Blick und
jedem giftigen Hauch zu schützen.
‚Vielleicht ist das eine ihr Mann und das andere ihr Bruder,‘ dachte
Mette, ‚es ist ein Platz am Tisch frei – warum sitz’ ich nicht da? Gehör’ ich
nicht zu diesen Leuten? Meiner Familie nach, meiner Erziehung, meiner
Bildung, meinen Manieren? Der Glattrasierte ist sicher ihr Bruder – er hat
eigentlich ganz ihr Gesicht. Würde es nicht viel besser zu mir passen, wenn
ich mit ihm verlobt wäre und mit ihm und meiner Schwägerin und meinem
Schwager einen kleinen Bummel machte – sehr hübsch wäre das. Warum
wünsch’ ich mir das eigentlich? Wirklich nur, weil ich Sehnsucht nach ganz
klaren, bürgerlichen, reinlichen Verhältnissen habe? ... oder weil die schöne
Frau mir gefällt?‘
Als die drei Leute vom Nebentisch aufgebrochen waren, fing Mette an,
es langweilig und öde zu finden. Sie war müde und hatte reichlich genug,
aber ihr war doch, als müßte sie noch weiter, um irgend etwas zu erleben,
als müsse sich noch irgend etwas ereignen, was dieser sinnlosen
Vergeudung von Zeit und Geld einen Schein von Berechtigung gäbe. Sie
hatte Angst, daß es wieder so würde wie immer, wenn sie sich zeitiger von
der Gesellschaft trennte, weil sie die Langeweile nicht mehr ertragen konnte
und es dann am anderen Tage hieß: „Schade, daß du so früh gegangen bist –
es war noch so besonders nett nachher, wir haben den und den getroffen,
und wir waren so ausgelassen!“
dieselben Stücke in etwas veränderter Reihenfolge spielte.
Nach dem Essen ging man in die nächste Bar, trank ein Glas
Schwedenpunsch und eine Flasche Sekt, und die Luigi tanzte mit Giesbert
und mit Krafft, was alle andern Tanzenden zum Aufhören und interessierten
Zuschauen veranlaßte. Mette fühlte sich ein wenig in ihrer Eitelkeit
geschmeichelt, weil sie zu diesen gut tanzenden Leuten gehörte.
Als die Polizeistunde kam, machten die Kellner Rechnung, stellten eine
gedämpftere Beleuchtung her und zogen die schweren violetten Vorhänge
vor die Fenster. Niemand dachte daran, aufzustehen und zu gehen.
An einem Nebentisch saß eine schöne blonde Frau mit zwei Herren.
Mette sah die ganze Zeit zu ihnen hinüber. Die blonde Frau beobachtete
alles mit einer lachenden staunenden Neugier, als hätte man sie in einen
zoologischen Garten geführt, und die beiden hochgewachsenen Männer
saßen neben ihr, als hätten sie die Aufgabe, sie vor jedem frechen Blick und
jedem giftigen Hauch zu schützen.
‚Vielleicht ist das eine ihr Mann und das andere ihr Bruder,‘ dachte
Mette, ‚es ist ein Platz am Tisch frei – warum sitz’ ich nicht da? Gehör’ ich
nicht zu diesen Leuten? Meiner Familie nach, meiner Erziehung, meiner
Bildung, meinen Manieren? Der Glattrasierte ist sicher ihr Bruder – er hat
eigentlich ganz ihr Gesicht. Würde es nicht viel besser zu mir passen, wenn
ich mit ihm verlobt wäre und mit ihm und meiner Schwägerin und meinem
Schwager einen kleinen Bummel machte – sehr hübsch wäre das. Warum
wünsch’ ich mir das eigentlich? Wirklich nur, weil ich Sehnsucht nach ganz
klaren, bürgerlichen, reinlichen Verhältnissen habe? ... oder weil die schöne
Frau mir gefällt?‘
Als die drei Leute vom Nebentisch aufgebrochen waren, fing Mette an,
es langweilig und öde zu finden. Sie war müde und hatte reichlich genug,
aber ihr war doch, als müßte sie noch weiter, um irgend etwas zu erleben,
als müsse sich noch irgend etwas ereignen, was dieser sinnlosen
Vergeudung von Zeit und Geld einen Schein von Berechtigung gäbe. Sie
hatte Angst, daß es wieder so würde wie immer, wenn sie sich zeitiger von
der Gesellschaft trennte, weil sie die Langeweile nicht mehr ertragen konnte
und es dann am anderen Tage hieß: „Schade, daß du so früh gegangen bist –
es war noch so besonders nett nachher, wir haben den und den getroffen,
und wir waren so ausgelassen!“
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Gisela bestand darauf, in den Klub zu gehen. Die andern, bis auf Krafft,
der keine Karte anrührte, nicht aus moralischen Bedenken, aber weil es ihn
tödlich langweilte, stimmten ihr zu.
Mette erschrak ein wenig. Sie wußte, daß es kommen würde, wie immer.
Gisela würde spielen und verlieren. Dann würde sie für Mette weitersetzen
und wieder verlieren. Dann würde Mette versuchen, etwas zu retten und
selbst setzen – mit ein wenig Vorsicht und Zurückhaltung. Und sie würde
zweimal gewinnen und dreimal verlieren. Oder auch umgekehrt.
Jedenfalls hatte die Stunde im Klub nachher immer ein paar hundert oder
ein paar tausend Mark gekostet, und Mette pflegte dann wochenlang die
verlorene Summe in Bücher umzurechnen, die sie in den Schaufenstern sah,
oder in schöne Holz- und Ledersachen. Oder sie betrachtete die Bettler auf
der Straße, die sie damit hätte glücklich machen können, und die blassen
Kinder, die mit wunschbrennenden Augen vor Spielzeug- oder
Süßigkeitenläden standen.
Gewiß – sie kam nicht in Verlegenheit. Sie konnte an die Bank
telegraphieren und hatte in wenigen Stunden Geld, soviel sie wollte. Sie
wurde nicht ganz klug aus den Bankabrechnungen – aber soviel wußte sie
doch, daß sie mehr als ihre Zinsen verbrauchte. Es gab ihr manchmal ein
unbehagliches Gefühl, fast wie einen leichten Schwindel. Aber dann schalt
sie sich philisterhaft und enggeistig. Sie würde ja nie Kinder haben – und
sie würde nicht lange leben. Vielleicht wäre es ganz gut, einmal keinen
Pfennig mehr zu besitzen, und so gleichsam auf des Messers Schneide zu
balanzieren. In solchem Augenblick würde sich erweisen, ob die Kräfte des
Lebens stark genug in ihr wären – vielleicht würde sie in einem ganz
bescheidenen, arbeitsamen Dasein – als Kellnerin, als Verkäuferin –
glücklicher werden. Vielleicht wäre äußere Not Anstoß zugleich und
Entschuldigung, den geliebten Revolver an der Schläfe abzudrücken.
Es war nicht nur Gleichgültigkeit gegen Leben und Tod, die Mette
veranlaßte, mit den andern in den Klub zu gehen. Gisela spielte mit mehr
Unglück als Leidenschaft, und wenn sie so dringend darauf bestand, den
Klub, irgendeine Bar oder eine Diele aufzusuchen, so tat sie es, weil sie
vermutete, Fiametta dort zu treffen. Mette wußte das. Sie waren einander im
Winter oft begegnet, und Mette freute sich jedesmal an ihrer
ausdrucksvollen und hochmütigen Schönheit und ärgerte sich jedesmal,
weil die andere immer gewählter angezogen, sicherer im Auftreten und vor
allen Dingen in besserer Gesellschaft war als sie selbst.
der keine Karte anrührte, nicht aus moralischen Bedenken, aber weil es ihn
tödlich langweilte, stimmten ihr zu.
Mette erschrak ein wenig. Sie wußte, daß es kommen würde, wie immer.
Gisela würde spielen und verlieren. Dann würde sie für Mette weitersetzen
und wieder verlieren. Dann würde Mette versuchen, etwas zu retten und
selbst setzen – mit ein wenig Vorsicht und Zurückhaltung. Und sie würde
zweimal gewinnen und dreimal verlieren. Oder auch umgekehrt.
Jedenfalls hatte die Stunde im Klub nachher immer ein paar hundert oder
ein paar tausend Mark gekostet, und Mette pflegte dann wochenlang die
verlorene Summe in Bücher umzurechnen, die sie in den Schaufenstern sah,
oder in schöne Holz- und Ledersachen. Oder sie betrachtete die Bettler auf
der Straße, die sie damit hätte glücklich machen können, und die blassen
Kinder, die mit wunschbrennenden Augen vor Spielzeug- oder
Süßigkeitenläden standen.
Gewiß – sie kam nicht in Verlegenheit. Sie konnte an die Bank
telegraphieren und hatte in wenigen Stunden Geld, soviel sie wollte. Sie
wurde nicht ganz klug aus den Bankabrechnungen – aber soviel wußte sie
doch, daß sie mehr als ihre Zinsen verbrauchte. Es gab ihr manchmal ein
unbehagliches Gefühl, fast wie einen leichten Schwindel. Aber dann schalt
sie sich philisterhaft und enggeistig. Sie würde ja nie Kinder haben – und
sie würde nicht lange leben. Vielleicht wäre es ganz gut, einmal keinen
Pfennig mehr zu besitzen, und so gleichsam auf des Messers Schneide zu
balanzieren. In solchem Augenblick würde sich erweisen, ob die Kräfte des
Lebens stark genug in ihr wären – vielleicht würde sie in einem ganz
bescheidenen, arbeitsamen Dasein – als Kellnerin, als Verkäuferin –
glücklicher werden. Vielleicht wäre äußere Not Anstoß zugleich und
Entschuldigung, den geliebten Revolver an der Schläfe abzudrücken.
Es war nicht nur Gleichgültigkeit gegen Leben und Tod, die Mette
veranlaßte, mit den andern in den Klub zu gehen. Gisela spielte mit mehr
Unglück als Leidenschaft, und wenn sie so dringend darauf bestand, den
Klub, irgendeine Bar oder eine Diele aufzusuchen, so tat sie es, weil sie
vermutete, Fiametta dort zu treffen. Mette wußte das. Sie waren einander im
Winter oft begegnet, und Mette freute sich jedesmal an ihrer
ausdrucksvollen und hochmütigen Schönheit und ärgerte sich jedesmal,
weil die andere immer gewählter angezogen, sicherer im Auftreten und vor
allen Dingen in besserer Gesellschaft war als sie selbst.
Page 130
Da nichts und niemand in der Nähe war, um Mettes Aufmerksamkeit auf
sich zu lenken, hatte sie Zeit gehabt, in einem Pfeilerspiegel sich selbst zu
beobachten. Sie erschien sich sehr fremd, aber eben darum ganz annehmbar
– sie nickte ihrem Bild mit den Augen zu, als wollte sie sagen: Sei nur
ruhig, heut’ wird es uns gelingen, ein ebenso hochmütiges Gesicht zu
machen wie diese selbstbewußte Person! – – –
Als sie den Klub verließen, waren sie alle mehr oder weniger schlechter
Laune. Sie hatten alle verloren bis auf Johannes, der, die Hände voller
Scheine, mit Tränen in den Augen und flehenden Worten hinter Krafft
herlief, um ihm das Geld aufzudrängen.
„... das ist doch meins, Willi,“ hörte Mette, „das hab’ ich doch so gut wie
verdient! Davon weiß doch kein Mensch etwas!“
Willi Krafft wies ihn ab, mit kaum beherrschter Ungeduld, beide Hände
in den Jackentaschen vergraben.
Sie taten alle beide Mette leid. Und Kramer tat ihr leid, der unheimlich
viel verloren hatte und ganz blaß und einsilbig war.
Und Giesbert und die Luigi taten ihr leid, die sich gegenseitig Vorwürfe
machten, nicht wenigstens auf verschiedenen Seiten des Tisches gesetzt zu
haben. Und aus deren halblauten heftigen Worten etwas flackerte wie
jahrelang schwelender Haß.
Und Gisela tat ihr leid, weil sie elend und verfallen aussah wie eine
Schwerkranke – und weil sie die Fiametta nicht getroffen hatte.
Und sie selbst tat sich leid – oh, sie tat sich selbst so leid!
Sie waren alle schlechter Laune, aber niemand wollte nach Hause gehen,
um allein damit fertig zu werden.
Sie erwarteten alle noch eine Entschädigung für diese vergeudete Nacht,
einen tollen Rausch, eine große Lustigkeit – eine Sensation, ein Erlebnis,
eine Freude, oder eine Stunde Vergessen aller Widerwärtigkeiten.
„Wo jetzt hin?“ fragte Giesbert und ließ mit etwas erzwungenem
Übermut den Stock tanzen, „Stimmung, Herrschaften, Stimmung. Der
Kater hat bekanntlich erst morgen in Aktion zu treten! Auf zum süßen Emil.
Ich taxiere, die überwiegende Mehrzahl unserer erlauchten kleinen
Gesellschaft wird sich da wie zu Hause fühlen.“
sich zu lenken, hatte sie Zeit gehabt, in einem Pfeilerspiegel sich selbst zu
beobachten. Sie erschien sich sehr fremd, aber eben darum ganz annehmbar
– sie nickte ihrem Bild mit den Augen zu, als wollte sie sagen: Sei nur
ruhig, heut’ wird es uns gelingen, ein ebenso hochmütiges Gesicht zu
machen wie diese selbstbewußte Person! – – –
Als sie den Klub verließen, waren sie alle mehr oder weniger schlechter
Laune. Sie hatten alle verloren bis auf Johannes, der, die Hände voller
Scheine, mit Tränen in den Augen und flehenden Worten hinter Krafft
herlief, um ihm das Geld aufzudrängen.
„... das ist doch meins, Willi,“ hörte Mette, „das hab’ ich doch so gut wie
verdient! Davon weiß doch kein Mensch etwas!“
Willi Krafft wies ihn ab, mit kaum beherrschter Ungeduld, beide Hände
in den Jackentaschen vergraben.
Sie taten alle beide Mette leid. Und Kramer tat ihr leid, der unheimlich
viel verloren hatte und ganz blaß und einsilbig war.
Und Giesbert und die Luigi taten ihr leid, die sich gegenseitig Vorwürfe
machten, nicht wenigstens auf verschiedenen Seiten des Tisches gesetzt zu
haben. Und aus deren halblauten heftigen Worten etwas flackerte wie
jahrelang schwelender Haß.
Und Gisela tat ihr leid, weil sie elend und verfallen aussah wie eine
Schwerkranke – und weil sie die Fiametta nicht getroffen hatte.
Und sie selbst tat sich leid – oh, sie tat sich selbst so leid!
Sie waren alle schlechter Laune, aber niemand wollte nach Hause gehen,
um allein damit fertig zu werden.
Sie erwarteten alle noch eine Entschädigung für diese vergeudete Nacht,
einen tollen Rausch, eine große Lustigkeit – eine Sensation, ein Erlebnis,
eine Freude, oder eine Stunde Vergessen aller Widerwärtigkeiten.
„Wo jetzt hin?“ fragte Giesbert und ließ mit etwas erzwungenem
Übermut den Stock tanzen, „Stimmung, Herrschaften, Stimmung. Der
Kater hat bekanntlich erst morgen in Aktion zu treten! Auf zum süßen Emil.
Ich taxiere, die überwiegende Mehrzahl unserer erlauchten kleinen
Gesellschaft wird sich da wie zu Hause fühlen.“
Page 131
Sie bogen in eine stille, dunkle Seitenstraße. Still und dunkel lag da ein
kleines bürgerliches Bierlokal dritten Ranges. Eine ältere Frau mit bloßem
Kopf und Umschlagetuch schien auf einen herumschnüffelnden kleinen
Hund zu warten, den sie von Zeit zu Zeit lockte und rief.
Giesbert schien sie zu kennen. Er begrüßte sie durch einen
freundschaftlichen Schlag auf die Schulter und forderte sie auf, die Haustür
zu öffnen.
Die Alte übernahm die Führung, unter ständigen geflüsterten „Obacht“-
Rufen ging es Stufen hinauf und hinab, über einen unbeleuchteten Hof,
durch schmale Türen, enge, stockdunkle Gänge zwischen dicken
Friesvorhängen hindurch, bis Licht, Geräusch, Farben und Stimmen einem
plötzlich wirr und überraschend entgegenschlugen.
Der große langgezogene Raum, in einem fliederfarbenen Licht gebadet,
war mit raffiniertem Geschmack ausgestattet, schwarz und lila waren die
vorherrschenden Farben, schwarz war der dicke Teppich mit verstreuten lila
Blüten, schwarz die polierte Holztäfelung, schwarz der Marmorkamin, die
schweren Samtvorhänge, mit rasend verzerrten lila Ornamenten bedeckt,
schwarz Bronzen und Holzschnitzereien, die auf dem Sims der Täfelung
standen und sich von der fliederfarbenen Wandbespannung abhoben.
„Hübsch,“ sagte Mette mit erstaunten Augen, „wie kommt das hierher?“
„Das haben ihm seine Freunde so eingerichtet,“ sagte Giesbert mit etwas
spöttischem Lächeln. „So als eine Art kleines Privatetablissement! Warum
soll es nicht hübsch sein? Es sind sehr reiche Leute darunter – und sehr
bekannte Künstler – Maler, Bildhauer, Innenarchitekten – was Sie wollen!
Der süße Emil liefert ihnen als Revanche den Sekt und die Gesellschaft!“
„Emil!“ rief Johannes einen schlanken, geschmeidigen, dunkellockigen
Mann an, „zeig’ doch unsern Damen einmal dein Lokal!“
Der Gerufene war mit viel Liebenswürdigkeit bereit. Er öffnete eine
schmale Tür, und man kam in einen trübe erleuchteten, nüchternen Raum,
in dem ein Dutzend braune Tische standen, auf denen jetzt schon die
leichten Rohrstühle aufgestapelt waren, und wo bunte Plakate von Bier- und
Tabakfirmen an den Wänden prangten.
An einem Tisch in der Ecke, der noch gedeckt war, lümmelten sich ein
paar junge Burschen mit Karten in der Hand.
Anstoßend war der eigentliche Schankraum, dessen Fenster auf die
Straße gingen. Wieder ein paar Tische und Stühle, die Theke mit den
blankgeputzten Bierhähnen, ein Orchestrion an einer Wand. Hier war es fast
kleines bürgerliches Bierlokal dritten Ranges. Eine ältere Frau mit bloßem
Kopf und Umschlagetuch schien auf einen herumschnüffelnden kleinen
Hund zu warten, den sie von Zeit zu Zeit lockte und rief.
Giesbert schien sie zu kennen. Er begrüßte sie durch einen
freundschaftlichen Schlag auf die Schulter und forderte sie auf, die Haustür
zu öffnen.
Die Alte übernahm die Führung, unter ständigen geflüsterten „Obacht“-
Rufen ging es Stufen hinauf und hinab, über einen unbeleuchteten Hof,
durch schmale Türen, enge, stockdunkle Gänge zwischen dicken
Friesvorhängen hindurch, bis Licht, Geräusch, Farben und Stimmen einem
plötzlich wirr und überraschend entgegenschlugen.
Der große langgezogene Raum, in einem fliederfarbenen Licht gebadet,
war mit raffiniertem Geschmack ausgestattet, schwarz und lila waren die
vorherrschenden Farben, schwarz war der dicke Teppich mit verstreuten lila
Blüten, schwarz die polierte Holztäfelung, schwarz der Marmorkamin, die
schweren Samtvorhänge, mit rasend verzerrten lila Ornamenten bedeckt,
schwarz Bronzen und Holzschnitzereien, die auf dem Sims der Täfelung
standen und sich von der fliederfarbenen Wandbespannung abhoben.
„Hübsch,“ sagte Mette mit erstaunten Augen, „wie kommt das hierher?“
„Das haben ihm seine Freunde so eingerichtet,“ sagte Giesbert mit etwas
spöttischem Lächeln. „So als eine Art kleines Privatetablissement! Warum
soll es nicht hübsch sein? Es sind sehr reiche Leute darunter – und sehr
bekannte Künstler – Maler, Bildhauer, Innenarchitekten – was Sie wollen!
Der süße Emil liefert ihnen als Revanche den Sekt und die Gesellschaft!“
„Emil!“ rief Johannes einen schlanken, geschmeidigen, dunkellockigen
Mann an, „zeig’ doch unsern Damen einmal dein Lokal!“
Der Gerufene war mit viel Liebenswürdigkeit bereit. Er öffnete eine
schmale Tür, und man kam in einen trübe erleuchteten, nüchternen Raum,
in dem ein Dutzend braune Tische standen, auf denen jetzt schon die
leichten Rohrstühle aufgestapelt waren, und wo bunte Plakate von Bier- und
Tabakfirmen an den Wänden prangten.
An einem Tisch in der Ecke, der noch gedeckt war, lümmelten sich ein
paar junge Burschen mit Karten in der Hand.
Anstoßend war der eigentliche Schankraum, dessen Fenster auf die
Straße gingen. Wieder ein paar Tische und Stühle, die Theke mit den
blankgeputzten Bierhähnen, ein Orchestrion an einer Wand. Hier war es fast
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ganz dunkel, nur eine kleine Notlampe über dem Büffet warf blitzende
Lichter auf das Metall. In einer Ecke sah man schattenhaft zwei Gestalten,
die miteinander zu ringen schienen, und hörte unterdrücktes Gekicher.
Sie gingen in den ersten Raum zurück, und „Emil“, wie er von allen
Seiten gerufen wurde, war ihnen behilflich, einen bequemen Tisch und die
nötige Anzahl Stühle zu finden.
Mette betrachtete die Leute um sich mit einem Gemisch von Neugierde,
Teilnahme und Widerwillen.
Nicht weit von ihr saß ein fetter, schwarzbärtiger Mann, an seiner breiten,
behaarten Hand blitzte und funkelte ein rosiger Solitär. Mit dieser
dickfingrigen, ringgeschmückten Hand tätschelte er Kopf und Schulter
eines jungen, blassen Burschen, der offenbar einen ausgewachsenen
Sonntagsanzug anhatte und halb frech und halb verlegen aussah.
An einem anderen Tisch saß ein vornehm aussehender alter Herr, dessen
feingezeichnetes Gesicht mit dem ergrauenden Spitzbart den Denker
verriet. Die eine der schmalen weißen Hände lag um den Fuß des
Sektkelches, die andere begleitete seine langen Reden mit einer Geste, als
stünde er auf der Tribüne oder auf der Kanzel. Seine schönen blauen Augen
glühten wie in einem Feuer jugendlicher Begeisterung. Ihm gegenüber saß
ein breitschultriger, stiernackiger Soldat mit einem hübschen ehrlichen
Bauerngesicht und grinste geschmeichelt und verständnislos.
Mehr noch als die Männer zogen die Frauen Mettes Blicke an. Es war
eine ganze Stufenleiter von Erscheinungen da. Solche, die zum dunklen
Jackenkleid mit Aufschlag und Brusttasche den steifen Kragen, zum
kurzgeschnittenen Haar den kleinen Herrenhut trugen – andere, die sich nur
durch eine leise Schattierung verrieten – einige, aus deren scharfen Zügen
Geist und Charakter sprachen, andere, die ganz den Typ der Kokotte
vertraten.
Eine von allen fand Mette sehr schön. Sie war groß und schlank, hatte
kurze goldbraune Locken und Bau und Profil eines Griechenknaben. Sie
war in einer großen, ausgelassenen Gesellschaft, lachte viel und schien
schon leicht betrunken.
Eine süße, aufreizende und gedämpfte Musik ertönte hinter einem
Vorhang. Zwei junge Soldaten in Uniform hielten sich an den Hüften gefaßt
und wiegten den geschmeidigen Körper im Walzertakt. Sie setzten die Füße
in den schweren Stiefeln zierlich und behutsam wie Tänzerinnen – kein
Schritt wurde hörbar.
Lichter auf das Metall. In einer Ecke sah man schattenhaft zwei Gestalten,
die miteinander zu ringen schienen, und hörte unterdrücktes Gekicher.
Sie gingen in den ersten Raum zurück, und „Emil“, wie er von allen
Seiten gerufen wurde, war ihnen behilflich, einen bequemen Tisch und die
nötige Anzahl Stühle zu finden.
Mette betrachtete die Leute um sich mit einem Gemisch von Neugierde,
Teilnahme und Widerwillen.
Nicht weit von ihr saß ein fetter, schwarzbärtiger Mann, an seiner breiten,
behaarten Hand blitzte und funkelte ein rosiger Solitär. Mit dieser
dickfingrigen, ringgeschmückten Hand tätschelte er Kopf und Schulter
eines jungen, blassen Burschen, der offenbar einen ausgewachsenen
Sonntagsanzug anhatte und halb frech und halb verlegen aussah.
An einem anderen Tisch saß ein vornehm aussehender alter Herr, dessen
feingezeichnetes Gesicht mit dem ergrauenden Spitzbart den Denker
verriet. Die eine der schmalen weißen Hände lag um den Fuß des
Sektkelches, die andere begleitete seine langen Reden mit einer Geste, als
stünde er auf der Tribüne oder auf der Kanzel. Seine schönen blauen Augen
glühten wie in einem Feuer jugendlicher Begeisterung. Ihm gegenüber saß
ein breitschultriger, stiernackiger Soldat mit einem hübschen ehrlichen
Bauerngesicht und grinste geschmeichelt und verständnislos.
Mehr noch als die Männer zogen die Frauen Mettes Blicke an. Es war
eine ganze Stufenleiter von Erscheinungen da. Solche, die zum dunklen
Jackenkleid mit Aufschlag und Brusttasche den steifen Kragen, zum
kurzgeschnittenen Haar den kleinen Herrenhut trugen – andere, die sich nur
durch eine leise Schattierung verrieten – einige, aus deren scharfen Zügen
Geist und Charakter sprachen, andere, die ganz den Typ der Kokotte
vertraten.
Eine von allen fand Mette sehr schön. Sie war groß und schlank, hatte
kurze goldbraune Locken und Bau und Profil eines Griechenknaben. Sie
war in einer großen, ausgelassenen Gesellschaft, lachte viel und schien
schon leicht betrunken.
Eine süße, aufreizende und gedämpfte Musik ertönte hinter einem
Vorhang. Zwei junge Soldaten in Uniform hielten sich an den Hüften gefaßt
und wiegten den geschmeidigen Körper im Walzertakt. Sie setzten die Füße
in den schweren Stiefeln zierlich und behutsam wie Tänzerinnen – kein
Schritt wurde hörbar.
Page 133
„Jetzt ist der Moment gekommen,“ entschied Giesbert, „wo wir uns einen
andudeln müssen. Ach Emil, wie ist doch das Leben bei dir reell! Wenn ich
denke, ich kriege eine Flasche Sekt, dann krieg’ ich sie auch, aber wenn ich
denke, ich kriege neune, dann kriegt sie die Bank.“
„Aber nein, Herr Giesbert,“ sagte Emil lächelnd, „Sie kriegen auch neun
Flaschen Sekt!“
Sie tranken Sekt, und Sekt mit Rotwein, und Sekt mit Porter, und
Benediktiner, und Schwedenpunsch, und Flips und wieder Sekt.
Mette trank ein wenig vorsichtig, und es machte ihr Spaß, zu beobachten,
wie sie alle, einer nach dem andern, anfingen, Unsinn zu schwatzen.
Aber obgleich sie noch ihrer Zunge und ihrer Gedanken Herr war, fühlte
sie doch das Blut etwas rascher kreisen und die Musik wie einen warmen
Strom durch ihre Nerven rinnen. Einen Augenblick, als sie die Augen
schloß, hatte sie den Wunsch und fast visionär auch die Vorstellung, am
Rhein zu sitzen, auf einer Terrasse oder in einem blühenden Garten, vom
Wasser her alte sentimentale Volkslieder zu hören und in einem vertrauten
Kreise eine duftende Maibowle zu trinken.
Als sie die Augen aufschlug und den rauch- und dunsterfüllten Raum in
den krankhaften Farben sah, faßte sie Grauen und Elend.
Sie waren so lustig geworden am Tisch, alle hatten sie weiche, offene,
brennende Lippen und glühende Augen, alle lachten und schmiegten sich
wie liebkosend in die Stühle oder tasteten mit den Händen nach einander.
‚Rausch, Rausch,‘ dachte Mette, ‚ich muß es doch erzwingen können, ich
muß doch empfinden können, was sie alle empfinden! Es war doch vorhin
schon so ein warmes Wohlgefühl in mir, ein leichter, gleitender Schwindel –
warum ist es nur schon wieder verraucht und alles so schal und ekelhaft?‘
Sie stürzte rasch ein paar Gläser Sekt herunter. Aber sie spürte danach
nur einen dumpfen, lastenden Druck über den Augen.
Sie hielt die Hand über das Glas, als Krafft ihr einschenken wollte, um
sie ‚lustig zu machen‘:
„Bitte, nicht, ich habe schon Kopfweh, und lustig werde ich doch nicht.“
„Nimm doch ein bissel Koks, damit du den Kopf freikriegst,“ riet Gisela.
„Vielleicht.“ Mette war alles recht.
Von allen Seiten wurden ihr goldene und silberne Döschen gereicht.
Sie nahm ein wenig von dem weißen Pulver auf den Handrücken und sog
es in die Nase. Sie hatte die Vorstellung von stäubendem Schnee, als sie die
weißen Kristalle sah. Der Raum war schwül und dunstig, und die
andudeln müssen. Ach Emil, wie ist doch das Leben bei dir reell! Wenn ich
denke, ich kriege eine Flasche Sekt, dann krieg’ ich sie auch, aber wenn ich
denke, ich kriege neune, dann kriegt sie die Bank.“
„Aber nein, Herr Giesbert,“ sagte Emil lächelnd, „Sie kriegen auch neun
Flaschen Sekt!“
Sie tranken Sekt, und Sekt mit Rotwein, und Sekt mit Porter, und
Benediktiner, und Schwedenpunsch, und Flips und wieder Sekt.
Mette trank ein wenig vorsichtig, und es machte ihr Spaß, zu beobachten,
wie sie alle, einer nach dem andern, anfingen, Unsinn zu schwatzen.
Aber obgleich sie noch ihrer Zunge und ihrer Gedanken Herr war, fühlte
sie doch das Blut etwas rascher kreisen und die Musik wie einen warmen
Strom durch ihre Nerven rinnen. Einen Augenblick, als sie die Augen
schloß, hatte sie den Wunsch und fast visionär auch die Vorstellung, am
Rhein zu sitzen, auf einer Terrasse oder in einem blühenden Garten, vom
Wasser her alte sentimentale Volkslieder zu hören und in einem vertrauten
Kreise eine duftende Maibowle zu trinken.
Als sie die Augen aufschlug und den rauch- und dunsterfüllten Raum in
den krankhaften Farben sah, faßte sie Grauen und Elend.
Sie waren so lustig geworden am Tisch, alle hatten sie weiche, offene,
brennende Lippen und glühende Augen, alle lachten und schmiegten sich
wie liebkosend in die Stühle oder tasteten mit den Händen nach einander.
‚Rausch, Rausch,‘ dachte Mette, ‚ich muß es doch erzwingen können, ich
muß doch empfinden können, was sie alle empfinden! Es war doch vorhin
schon so ein warmes Wohlgefühl in mir, ein leichter, gleitender Schwindel –
warum ist es nur schon wieder verraucht und alles so schal und ekelhaft?‘
Sie stürzte rasch ein paar Gläser Sekt herunter. Aber sie spürte danach
nur einen dumpfen, lastenden Druck über den Augen.
Sie hielt die Hand über das Glas, als Krafft ihr einschenken wollte, um
sie ‚lustig zu machen‘:
„Bitte, nicht, ich habe schon Kopfweh, und lustig werde ich doch nicht.“
„Nimm doch ein bissel Koks, damit du den Kopf freikriegst,“ riet Gisela.
„Vielleicht.“ Mette war alles recht.
Von allen Seiten wurden ihr goldene und silberne Döschen gereicht.
Sie nahm ein wenig von dem weißen Pulver auf den Handrücken und sog
es in die Nase. Sie hatte die Vorstellung von stäubendem Schnee, als sie die
weißen Kristalle sah. Der Raum war schwül und dunstig, und die
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Vorstellung tat wohl. Es war, als ob sie reine, klare Winterluft atmete. Ihre
Schädeldecke tat sich auf, und der drückende Nebel, der sich um ihr Gehirn
gelagert hatte, entwich. Schleier schienen vor ihren müden Augen zu
zerreißen, alles rückte näher, wurde fester in den Umrissen, klarer in den
Farben.
„Gott sei Dank,“ sagte sie erleichtert, „ich fange an, euch zu begreifen –
es ist wirklich ein herrliches Gefühl.“
Nur ließ die Wirkung bald nach. Sie versuchte es noch einmal.
Ihr Kopf war frei, ihre Gedanken fest. Sie fühlte sich wohl und sicher.
Giesbert machte ihr Komplimente, mit ein wenig schwerer Zunge:
„Fabelhaft, kleine Rudloff, fabelhaft! Das kleine Mädchen kann was
vertragen, allerhand Hochachtung! Die trinkt uns unter’n Tisch, Willi, und
schnupft uns unter den Fußboden, in den Keller, noch unter den Keller –
wir sind überhaupt gar nicht mehr da, so klein sind wir vor ihr – sooo
klein.“
Die kleine Luigi hatte mit Kramer den Platz gewechselt, um neben Mette
zu sitzen. Sie legte beide Arme auf ihre Stuhllehne und redete halblaut auf
sie ein:
„Sagen Sie mir ehrlich – warum können Sie mich eigentlich nicht leiden?
Ich habe Sie immer so furchtbar gern gehabt, vom ersten Augenblick an –
ich darf das doch sagen, nicht, Giselchen? Aber ich hatte immer das Gefühl,
daß Sie mich nicht leiden mochten! Ich bin Ihnen wohl zu weiblich, nicht
wahr? Aber – glauben Sie mir, das hat mit dem Äußeren gar nichts zu tun!
Oder mögen Sie gern kurzes Haar? Soll ich mir die Haare abschneiden
lassen?“
„Mette ist die einzige Frau der Welt, die ich heiraten würde,“ erklärte der
kleine Johannes wie ein schlaftrunkenes Kind, „Mette würde ich glatt
heiraten, wenn ich ein Mann wäre!“
„Gott, was hat die Frau für Fesseln!“ Krafft umspannte bewundernd
Mettes Handgelenke. „Zeigen Sie her! An den Füßen auch?“
Mette stemmte lachend die gekreuzten Füße gegen den Rand seines
Stuhls. Er streichelte ihre Knöchel in den dünnen seidenen Strümpfen.
„Du darfst sie streicheln,“ erlaubte Johannes großmütig, „weil es Mette
ist, darfst du!“
In Metten schwoll eine große und fast gerührte Freude. Sie fühlte sich
schön, begehrenswert und begehrt.
Schädeldecke tat sich auf, und der drückende Nebel, der sich um ihr Gehirn
gelagert hatte, entwich. Schleier schienen vor ihren müden Augen zu
zerreißen, alles rückte näher, wurde fester in den Umrissen, klarer in den
Farben.
„Gott sei Dank,“ sagte sie erleichtert, „ich fange an, euch zu begreifen –
es ist wirklich ein herrliches Gefühl.“
Nur ließ die Wirkung bald nach. Sie versuchte es noch einmal.
Ihr Kopf war frei, ihre Gedanken fest. Sie fühlte sich wohl und sicher.
Giesbert machte ihr Komplimente, mit ein wenig schwerer Zunge:
„Fabelhaft, kleine Rudloff, fabelhaft! Das kleine Mädchen kann was
vertragen, allerhand Hochachtung! Die trinkt uns unter’n Tisch, Willi, und
schnupft uns unter den Fußboden, in den Keller, noch unter den Keller –
wir sind überhaupt gar nicht mehr da, so klein sind wir vor ihr – sooo
klein.“
Die kleine Luigi hatte mit Kramer den Platz gewechselt, um neben Mette
zu sitzen. Sie legte beide Arme auf ihre Stuhllehne und redete halblaut auf
sie ein:
„Sagen Sie mir ehrlich – warum können Sie mich eigentlich nicht leiden?
Ich habe Sie immer so furchtbar gern gehabt, vom ersten Augenblick an –
ich darf das doch sagen, nicht, Giselchen? Aber ich hatte immer das Gefühl,
daß Sie mich nicht leiden mochten! Ich bin Ihnen wohl zu weiblich, nicht
wahr? Aber – glauben Sie mir, das hat mit dem Äußeren gar nichts zu tun!
Oder mögen Sie gern kurzes Haar? Soll ich mir die Haare abschneiden
lassen?“
„Mette ist die einzige Frau der Welt, die ich heiraten würde,“ erklärte der
kleine Johannes wie ein schlaftrunkenes Kind, „Mette würde ich glatt
heiraten, wenn ich ein Mann wäre!“
„Gott, was hat die Frau für Fesseln!“ Krafft umspannte bewundernd
Mettes Handgelenke. „Zeigen Sie her! An den Füßen auch?“
Mette stemmte lachend die gekreuzten Füße gegen den Rand seines
Stuhls. Er streichelte ihre Knöchel in den dünnen seidenen Strümpfen.
„Du darfst sie streicheln,“ erlaubte Johannes großmütig, „weil es Mette
ist, darfst du!“
In Metten schwoll eine große und fast gerührte Freude. Sie fühlte sich
schön, begehrenswert und begehrt.
Page 135
„Sie hat die schönsten Beine der Welt,“ sagte Gisela und schob Mette
lachend die Röcke bis an die Knie zurück. Mette ließ es ruhig geschehen.
Zum erstenmal sah sie selbst in einem Rausch von Stolz das vollendete
Ebenmaß ihrer schlanken Beine.
Das Mädchen am andern Tisch, das aussah wie ein Griechenknabe,
versuchte immer Mettes Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Jedesmal,
wenn Mettes Blick hinübertraf, führte die andere das Glas zum Munde. Erst
hatte sie es wie zufällig getan, jetzt lächelte sie und hob es ihr entgegen.
Mette lächelte wieder und trank ihr zu.
Jetzt wollte das Mädchen aufstehen; die Leute am Tisch suchten sie mit
Gelächter zurückzuhalten. Aber sie ließ sich nicht beirren.
Sie kam mit dem Glas in der Hand auf Mette zu. Die Bemühung, recht
gerade und sicher zu gehen, gab ihren Bewegungen eine besondere Anmut.
„Ich möchte mit Ihnen anstoßen,“ sagte sie mit einem trotzigen kleinen
Lachen.
Mette hob ihr Glas. Sie stießen an und tranken.
Die Fremde blieb stehen: „Und – ich möchte Ihnen auch einen Kuß
geben – das heißt, wenn Fräulein Werkenthin es erlaubt.“
Alle am Tisch lachten schallend auf und riefen alles Mögliche
durcheinander.
„Ich erlaube,“ sagte Gisela spöttisch.
„Sie hat gar nichts zu erlauben,“ widersprach Mette trotzig.
Die Fremde beugte sich schnell über sie, und Mette fühlte auf ihren
Lippen den offenen, heißen, weinfeuchten Mund – sekundenlang. Sie
schloß die Augen, und dadurch, daß ihr der Kopf in den Nacken gepreßt
wurde, dadurch, daß Krafft ihre Füße immer noch auf seinem Stuhl
festhielt, wurde ihr so schwindlig, daß sie sich mit beiden Händen an ihrem
Sitz festklammerte. Sie hatte das Gefühl, daß der Stuhl sich neigte, daß der
Raum schwankte, daß sie auf einer Schaukel wäre, die losgerissen durch die
Luft flöge, oder auf einem Schiff, dessen auseinandergeborstene Planken
von einem strudelnden Abgrund verschlungen würden.
Sie richtete sich auf und stieß die Fremde fast heftig vor die Brust, um
Luft zu bekommen.
In demselben Augenblick sah sie, daß Gisela aufsprang, totenblaß, mit
verzerrtem Mund und den Kopf vorgestreckt, wie ein sprungbereiter
Panther, mit brennenden Augen nach dem Eingang starrte.
lachend die Röcke bis an die Knie zurück. Mette ließ es ruhig geschehen.
Zum erstenmal sah sie selbst in einem Rausch von Stolz das vollendete
Ebenmaß ihrer schlanken Beine.
Das Mädchen am andern Tisch, das aussah wie ein Griechenknabe,
versuchte immer Mettes Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Jedesmal,
wenn Mettes Blick hinübertraf, führte die andere das Glas zum Munde. Erst
hatte sie es wie zufällig getan, jetzt lächelte sie und hob es ihr entgegen.
Mette lächelte wieder und trank ihr zu.
Jetzt wollte das Mädchen aufstehen; die Leute am Tisch suchten sie mit
Gelächter zurückzuhalten. Aber sie ließ sich nicht beirren.
Sie kam mit dem Glas in der Hand auf Mette zu. Die Bemühung, recht
gerade und sicher zu gehen, gab ihren Bewegungen eine besondere Anmut.
„Ich möchte mit Ihnen anstoßen,“ sagte sie mit einem trotzigen kleinen
Lachen.
Mette hob ihr Glas. Sie stießen an und tranken.
Die Fremde blieb stehen: „Und – ich möchte Ihnen auch einen Kuß
geben – das heißt, wenn Fräulein Werkenthin es erlaubt.“
Alle am Tisch lachten schallend auf und riefen alles Mögliche
durcheinander.
„Ich erlaube,“ sagte Gisela spöttisch.
„Sie hat gar nichts zu erlauben,“ widersprach Mette trotzig.
Die Fremde beugte sich schnell über sie, und Mette fühlte auf ihren
Lippen den offenen, heißen, weinfeuchten Mund – sekundenlang. Sie
schloß die Augen, und dadurch, daß ihr der Kopf in den Nacken gepreßt
wurde, dadurch, daß Krafft ihre Füße immer noch auf seinem Stuhl
festhielt, wurde ihr so schwindlig, daß sie sich mit beiden Händen an ihrem
Sitz festklammerte. Sie hatte das Gefühl, daß der Stuhl sich neigte, daß der
Raum schwankte, daß sie auf einer Schaukel wäre, die losgerissen durch die
Luft flöge, oder auf einem Schiff, dessen auseinandergeborstene Planken
von einem strudelnden Abgrund verschlungen würden.
Sie richtete sich auf und stieß die Fremde fast heftig vor die Brust, um
Luft zu bekommen.
In demselben Augenblick sah sie, daß Gisela aufsprang, totenblaß, mit
verzerrtem Mund und den Kopf vorgestreckt, wie ein sprungbereiter
Panther, mit brennenden Augen nach dem Eingang starrte.
Page 136
Mette folgte unwillkürlich dem Blick, und sie sah noch den dunklen
Vorhang hinter den eben Eingetretenen zusammenfallen.
Neben der etwas gebeugten Gestalt Ulrich Zeedens stand Corona von
Gjellerström, am Arm eines großen, schlanken, eleganten Mannes.
Ihre Augen waren so groß und klar, ohne Erstaunen, voll prüfender
Neugier und von einem warmen, samtenen Glanz. Metten schien es, als
wären diese Augen nicht eines Armes Länge von ihr entfernt, so deutlich
sah sie das Spiel der Lider, die Lichtflecke in der braunen Iris, den Schatten
der Wimpern.
Diese Augen hoben sich mit sanftem Aufstrahlen dem Mann an ihrer
Seite zu, als hätten sie übergenug von dem Bilde, das sie eben aufgefangen,
ihre Lippen bewegten sich, der Mann nickte zustimmend, sie wandten sich
alle drei, und der Vorhang fiel wieder hinter ihnen zusammen.
Gisela riß ihr Glas vom Tisch und schleuderte es mit einem harten
Auflachen nach der Tür. Giesbert und Krafft packten sie sofort an den
Handgelenken. Sie wehrte sich, wollte sich freimachen, ließ schließlich den
Kopf auf die Brust hängen und brach in ein lautes haltloses, hysterisches
Weinen aus.
Die andern Leute, so sehr sie auch mit sich beschäftigt waren, wurden
aufmerksam.
Mette fing an, am ganzen Körper zu zittern.
„Fort,“ sagte sie halblaut, „nur fort, nur fort, nur fort.“
Sie hatte das Gefühl, als ob sie im nächsten Augenblick in das schreiende
Weinen einstimmen müßte, oder sich auf den Boden werfen, oder den Tisch
umstoßen und mit den Füßen in die Gläser und Flaschen treten.
Sie war froh, als sie endlich auf der Straße standen, in einer kühlen,
blauen Morgendämmerung, noch froher, als sie ein Auto fanden, das sie alle
aufnahm.
Die Luft gab ihr die Besinnung wieder. Ihr war übel und sterbenselend.
Sie beschwor die anderen auf den Treppen, auf den Gängen, keinen
unnötigen Lärm zu machen. Je mehr sie bat, desto übermütiger wurden sie.
Kramer hatte jeden Halt verloren; er wollte durchaus bei Frau Meidinger
anklopfen und sie ersuchen, ihm ein schönes Mädchen zur Verfügung zu
stellen.
„Es ist ihre Pflicht,“ lallte er, „sie ist die Mutter von diesem sogenannten
Etablissement hier. Sie kann es mir ruhig auf die Rechnung setzen, sie setzt
einem ja so alles auf die Rechnung.“
Vorhang hinter den eben Eingetretenen zusammenfallen.
Neben der etwas gebeugten Gestalt Ulrich Zeedens stand Corona von
Gjellerström, am Arm eines großen, schlanken, eleganten Mannes.
Ihre Augen waren so groß und klar, ohne Erstaunen, voll prüfender
Neugier und von einem warmen, samtenen Glanz. Metten schien es, als
wären diese Augen nicht eines Armes Länge von ihr entfernt, so deutlich
sah sie das Spiel der Lider, die Lichtflecke in der braunen Iris, den Schatten
der Wimpern.
Diese Augen hoben sich mit sanftem Aufstrahlen dem Mann an ihrer
Seite zu, als hätten sie übergenug von dem Bilde, das sie eben aufgefangen,
ihre Lippen bewegten sich, der Mann nickte zustimmend, sie wandten sich
alle drei, und der Vorhang fiel wieder hinter ihnen zusammen.
Gisela riß ihr Glas vom Tisch und schleuderte es mit einem harten
Auflachen nach der Tür. Giesbert und Krafft packten sie sofort an den
Handgelenken. Sie wehrte sich, wollte sich freimachen, ließ schließlich den
Kopf auf die Brust hängen und brach in ein lautes haltloses, hysterisches
Weinen aus.
Die andern Leute, so sehr sie auch mit sich beschäftigt waren, wurden
aufmerksam.
Mette fing an, am ganzen Körper zu zittern.
„Fort,“ sagte sie halblaut, „nur fort, nur fort, nur fort.“
Sie hatte das Gefühl, als ob sie im nächsten Augenblick in das schreiende
Weinen einstimmen müßte, oder sich auf den Boden werfen, oder den Tisch
umstoßen und mit den Füßen in die Gläser und Flaschen treten.
Sie war froh, als sie endlich auf der Straße standen, in einer kühlen,
blauen Morgendämmerung, noch froher, als sie ein Auto fanden, das sie alle
aufnahm.
Die Luft gab ihr die Besinnung wieder. Ihr war übel und sterbenselend.
Sie beschwor die anderen auf den Treppen, auf den Gängen, keinen
unnötigen Lärm zu machen. Je mehr sie bat, desto übermütiger wurden sie.
Kramer hatte jeden Halt verloren; er wollte durchaus bei Frau Meidinger
anklopfen und sie ersuchen, ihm ein schönes Mädchen zur Verfügung zu
stellen.
„Es ist ihre Pflicht,“ lallte er, „sie ist die Mutter von diesem sogenannten
Etablissement hier. Sie kann es mir ruhig auf die Rechnung setzen, sie setzt
einem ja so alles auf die Rechnung.“
Page 137
Als Mette ihre Tür aufschloß, wollte Giesbert sich mit hineindrängen. Sie
stieß ihn zurück, aber er packte sie, und in der offenen Tür entspann sich ein
Ringen, bei dem Giesbert Mette an sich riß und ihr Gesicht und Hals mit
wütenden Küssen bedeckte.
Plötzlich tat sich die Nebentür geräuschvoll auf, und Luise Peters stand
auf dem Gang, in einem seltsamen großkarrierten Morgenrock und einer
Nachtfrisur, zwei langen, glattgeflochtenen Zöpfen, und verlangte energisch
Ruhe.
Die kleine Luigi fand ihren unerwarteten Anblick so komisch, daß sie
sich bog und schüttelte und mit ausgestrecktem Finger auf sie zeigte.
Mette benutzte Giesberts überraschtes Herumfahren, um in ihr Zimmer
zu schlüpfen, die Tür zuzuschlagen und abzuriegeln.
Sie taumelte gegen den Schrank, an dem sie sich festhielt, an allen
Gliedern zitternd. Eine brennende Scham fraß an ihr, zernagte sie innerlich,
höhlte sie aus.
Sie krümmte sich und konnte doch den unablässigen, bohrenden
Schmerzen nicht entgehen. Sie wünschte sich fort und wußte doch, daß sie
nicht den Mut und die Kraft hatte, einen Handkoffer zu packen. Sie mußte
fort sein, wenigstens aus dem Haus, eh’ der Morgen kam. Es war
undenkbar, daß sie je wieder das gemeinsame Speisezimmer betrat.
Undenkbar, daß sie abwartete, bis Frau Meidinger ihr kündigte, weil sie
solche Elemente nicht in ihrem Haus dulden wollte.
Sie verspürte Grauen und Ekel vor sich selber. Dazu kam das körperliche
Übelbefinden, Schwindel, Müdigkeit, Herzschlagen, die gallige Bitterkeit,
mit der das Kokain ihr im Rachen brannte ...
Sie fühlte, daß ein Entschluß gefaßt werden mußte, und sie wußte nicht,
welcher.
Ihre Gedanken suchten in fiebernder Angst nach einem Halt, an den sie
sich klammern konnten. Sie suchten nach einem Menschen, dem sie
beichten konnte, und der die Macht hatte, loszusprechen. Sie suchten nach
einem Menschen, der sie vor sich selbst in Schutz nahm, vor dem sie knien
könnte, in dessen Schoß sie das Gesicht verbergen könnte, und der gütige,
starke Hände auf ihren Kopf legte.
‚Mutter,‘ schrie es in ihr, ‚Mutter!‘
Ihre Gedanken drängten zu Sophie – sie wehrte ihnen. In dem
friedevollen kleinen Haus, das ihr immer so tröstlich Zuflucht geboten
stieß ihn zurück, aber er packte sie, und in der offenen Tür entspann sich ein
Ringen, bei dem Giesbert Mette an sich riß und ihr Gesicht und Hals mit
wütenden Küssen bedeckte.
Plötzlich tat sich die Nebentür geräuschvoll auf, und Luise Peters stand
auf dem Gang, in einem seltsamen großkarrierten Morgenrock und einer
Nachtfrisur, zwei langen, glattgeflochtenen Zöpfen, und verlangte energisch
Ruhe.
Die kleine Luigi fand ihren unerwarteten Anblick so komisch, daß sie
sich bog und schüttelte und mit ausgestrecktem Finger auf sie zeigte.
Mette benutzte Giesberts überraschtes Herumfahren, um in ihr Zimmer
zu schlüpfen, die Tür zuzuschlagen und abzuriegeln.
Sie taumelte gegen den Schrank, an dem sie sich festhielt, an allen
Gliedern zitternd. Eine brennende Scham fraß an ihr, zernagte sie innerlich,
höhlte sie aus.
Sie krümmte sich und konnte doch den unablässigen, bohrenden
Schmerzen nicht entgehen. Sie wünschte sich fort und wußte doch, daß sie
nicht den Mut und die Kraft hatte, einen Handkoffer zu packen. Sie mußte
fort sein, wenigstens aus dem Haus, eh’ der Morgen kam. Es war
undenkbar, daß sie je wieder das gemeinsame Speisezimmer betrat.
Undenkbar, daß sie abwartete, bis Frau Meidinger ihr kündigte, weil sie
solche Elemente nicht in ihrem Haus dulden wollte.
Sie verspürte Grauen und Ekel vor sich selber. Dazu kam das körperliche
Übelbefinden, Schwindel, Müdigkeit, Herzschlagen, die gallige Bitterkeit,
mit der das Kokain ihr im Rachen brannte ...
Sie fühlte, daß ein Entschluß gefaßt werden mußte, und sie wußte nicht,
welcher.
Ihre Gedanken suchten in fiebernder Angst nach einem Halt, an den sie
sich klammern konnten. Sie suchten nach einem Menschen, dem sie
beichten konnte, und der die Macht hatte, loszusprechen. Sie suchten nach
einem Menschen, der sie vor sich selbst in Schutz nahm, vor dem sie knien
könnte, in dessen Schoß sie das Gesicht verbergen könnte, und der gütige,
starke Hände auf ihren Kopf legte.
‚Mutter,‘ schrie es in ihr, ‚Mutter!‘
Ihre Gedanken drängten zu Sophie – sie wehrte ihnen. In dem
friedevollen kleinen Haus, das ihr immer so tröstlich Zuflucht geboten
Page 138
hatte, war sie zum Störenfried geworden. Nicht durch eigene Schuld, dachte
sie bitter.
Olga – nur bei Olga war Rettung. Sie wollte den Revolver an die Stirn
drücken und wollte denken, es wären Olgas kühle feste Hände.
Und Olgas Hände würden alles Peinigende auswischen – auslöschen –
Scham und Reue und Ekel und Gram und hoffnungslose Verzweiflung. In
der nächsten Sekunde schon konnte das alles ausgelöscht sein.
Und wenn sie morgen tot war, war alles erklärt. Die kleine Luigi würde
es nicht verstehen. Sie würde immer dabei bleiben: sie war doch so lustig
gestern.
Aber Cora von Gjellerström würde es erfahren. Und sie würde sich der
heutigen Nacht erinnern – sie hatte Mette wohl gesehen, oh, Mette fühlte
noch ihren Blick – und sie würde ein wenig fröstelnd die Schultern
zusammenziehen bei dem Gedanken, daß sie eine Sterbende gesehen hatte.
Und Luise Peters würde sagen: das arme Kind, sie hat sich Mut
angetrunken.
Sophie würde sehr erschrecken – vielleicht auch sich grämen. Aber was
ging das Metten an! Sophie hatte sich ja auch nicht darum gekümmert, was
aus Mette wurde. Und sie hatte ja Nora ...
Es mußte schnell geschehen, eh’ jemand im Haus wach wurde. In
zwanzig Sekunden konnte es vorüber sein – alles vorüber ...
In dem Augenblick, als sie den Revolver aus dem Kasten hob, klopfte es
an die Tür.
Mette stand reglos und hielt den Atem an. Vielleicht sollte sie es jetzt tun,
gerade, schnell, gehetzt von dem ungeduldigen Klopfen.
Dann war es vorbei – dann sollte der, der da klopfte, ihretwegen die Tür
eintreten.
Ob es einen lauten Knall gab? Sie selber würde wohl nichts mehr davon
hören ... hoffentlich nicht – obgleich das Ohr von allen Sinnen am längsten
in Funktion bleiben sollte ... ach, vielleicht ging es gar nicht so schnell –
vielleicht hörte sie noch das Tür-Aufbrechen und Gekreisch und Gejammer.
„Bitte, machen Sie auf!“ rief draußen eine ebenso flehende als fordernde
Stimme, „bitte, Fräulein Rudloff, machen Sie einen Augenblick auf.“
Das war nicht Giesbert, oder Mara Luigi, oder eins von den Mädchen.
Das war Luise Peters.
Vielleicht war sie krank und brauchte einen Menschen. Sie würde wohl
schwerlich in der Nacht an der Tür rütteln, um Mette eine Moralpredigt zu
sie bitter.
Olga – nur bei Olga war Rettung. Sie wollte den Revolver an die Stirn
drücken und wollte denken, es wären Olgas kühle feste Hände.
Und Olgas Hände würden alles Peinigende auswischen – auslöschen –
Scham und Reue und Ekel und Gram und hoffnungslose Verzweiflung. In
der nächsten Sekunde schon konnte das alles ausgelöscht sein.
Und wenn sie morgen tot war, war alles erklärt. Die kleine Luigi würde
es nicht verstehen. Sie würde immer dabei bleiben: sie war doch so lustig
gestern.
Aber Cora von Gjellerström würde es erfahren. Und sie würde sich der
heutigen Nacht erinnern – sie hatte Mette wohl gesehen, oh, Mette fühlte
noch ihren Blick – und sie würde ein wenig fröstelnd die Schultern
zusammenziehen bei dem Gedanken, daß sie eine Sterbende gesehen hatte.
Und Luise Peters würde sagen: das arme Kind, sie hat sich Mut
angetrunken.
Sophie würde sehr erschrecken – vielleicht auch sich grämen. Aber was
ging das Metten an! Sophie hatte sich ja auch nicht darum gekümmert, was
aus Mette wurde. Und sie hatte ja Nora ...
Es mußte schnell geschehen, eh’ jemand im Haus wach wurde. In
zwanzig Sekunden konnte es vorüber sein – alles vorüber ...
In dem Augenblick, als sie den Revolver aus dem Kasten hob, klopfte es
an die Tür.
Mette stand reglos und hielt den Atem an. Vielleicht sollte sie es jetzt tun,
gerade, schnell, gehetzt von dem ungeduldigen Klopfen.
Dann war es vorbei – dann sollte der, der da klopfte, ihretwegen die Tür
eintreten.
Ob es einen lauten Knall gab? Sie selber würde wohl nichts mehr davon
hören ... hoffentlich nicht – obgleich das Ohr von allen Sinnen am längsten
in Funktion bleiben sollte ... ach, vielleicht ging es gar nicht so schnell –
vielleicht hörte sie noch das Tür-Aufbrechen und Gekreisch und Gejammer.
„Bitte, machen Sie auf!“ rief draußen eine ebenso flehende als fordernde
Stimme, „bitte, Fräulein Rudloff, machen Sie einen Augenblick auf.“
Das war nicht Giesbert, oder Mara Luigi, oder eins von den Mädchen.
Das war Luise Peters.
Vielleicht war sie krank und brauchte einen Menschen. Sie würde wohl
schwerlich in der Nacht an der Tür rütteln, um Mette eine Moralpredigt zu
Page 139
halten.
Mette warf den Revolver achtlos in den offenen Kasten zurück und
öffnete die Tür.
Luise Peters drängte sich ins Zimmer. Breit und robust stand sie da, ein
wenig lächerlich in ihrem großkarrierten Morgenrock, trotz ihrem
angstblassen Gesicht.
Ihr rascher, wacher Blick traf den offenen Nachttischkasten und den
Kolben des Revolvers, der kaum sichtbar daraus hervorragte.
Aber sie verriet sich mit keiner Miene.
„Ich wollte Sie um Entschuldigung bitten, mein kleines Fräulein,“ sagte
sie mit gutmütigem Lächeln, „ich habe mich vorhin beschwert, weil ich
dachte, Sie kämen sehr lustig nach Hause. Aber ich merkte dann gleich, daß
Ihnen nicht gut war. Sie müssen sich gleich hinlegen – aber Sie können ja
kaum auf den Füßen stehen – darf ich Ihnen nicht behilflich sein? Sie
können es mir gern erlauben, ich versteh’ etwas von Krankenpflege ...“
Während sie sprach, nahm sie Mette den Hut von dem wirren Haar. Sie
knöpfte ihr das Kleid auf. Sie hielt sie dabei wie eine Puppe immer in einem
ihrer starken Arme und drehte sie hin und her. Sie zog ihr die drückenden
Haarnadeln aus dem gelockerten Knoten.
Mette spürte plötzlich die warme Nähe eines Menschen, sie spürte die
guten, starken, sorgenden Hände – es war, als ob eiternde Wunden in ihr
aufbrächen und warmes Blut alle Schmerzen wegschwemmte – sie fing an
zu weinen, ein unstillbares, sanftes, erlösendes, qual-fortspülendes Weinen.
„Ich bin noch zu klein,“ sagte sie unter strömenden Tränen, „Sie werden
denken, ich bin betrunken – aber es ist mein voller Ernst: um so entsetzlich
allein durch die Welt zu laufen, bin ich noch viel zu klein!“ – – –
Drei Tage lang hielt Luise Peters Metten in einer sanften Gefangenschaft.
Sie ließ sie keine Minute allein, bestellte ihr das Essen aufs Zimmer und
wies jeden Besucher mit der Begründung ab, daß Mette krank sei.
Metten war es ganz recht so. Sie selbst hätte die Kraft zu dieser Lüge
nicht gefunden, und doch fühlte sie die Notwendigkeit, sich von all den
Menschen, mit denen sie das letzte Jahr gelebt hatte, auf
Nimmerwiedersehen zu lösen.
Mette warf den Revolver achtlos in den offenen Kasten zurück und
öffnete die Tür.
Luise Peters drängte sich ins Zimmer. Breit und robust stand sie da, ein
wenig lächerlich in ihrem großkarrierten Morgenrock, trotz ihrem
angstblassen Gesicht.
Ihr rascher, wacher Blick traf den offenen Nachttischkasten und den
Kolben des Revolvers, der kaum sichtbar daraus hervorragte.
Aber sie verriet sich mit keiner Miene.
„Ich wollte Sie um Entschuldigung bitten, mein kleines Fräulein,“ sagte
sie mit gutmütigem Lächeln, „ich habe mich vorhin beschwert, weil ich
dachte, Sie kämen sehr lustig nach Hause. Aber ich merkte dann gleich, daß
Ihnen nicht gut war. Sie müssen sich gleich hinlegen – aber Sie können ja
kaum auf den Füßen stehen – darf ich Ihnen nicht behilflich sein? Sie
können es mir gern erlauben, ich versteh’ etwas von Krankenpflege ...“
Während sie sprach, nahm sie Mette den Hut von dem wirren Haar. Sie
knöpfte ihr das Kleid auf. Sie hielt sie dabei wie eine Puppe immer in einem
ihrer starken Arme und drehte sie hin und her. Sie zog ihr die drückenden
Haarnadeln aus dem gelockerten Knoten.
Mette spürte plötzlich die warme Nähe eines Menschen, sie spürte die
guten, starken, sorgenden Hände – es war, als ob eiternde Wunden in ihr
aufbrächen und warmes Blut alle Schmerzen wegschwemmte – sie fing an
zu weinen, ein unstillbares, sanftes, erlösendes, qual-fortspülendes Weinen.
„Ich bin noch zu klein,“ sagte sie unter strömenden Tränen, „Sie werden
denken, ich bin betrunken – aber es ist mein voller Ernst: um so entsetzlich
allein durch die Welt zu laufen, bin ich noch viel zu klein!“ – – –
Drei Tage lang hielt Luise Peters Metten in einer sanften Gefangenschaft.
Sie ließ sie keine Minute allein, bestellte ihr das Essen aufs Zimmer und
wies jeden Besucher mit der Begründung ab, daß Mette krank sei.
Metten war es ganz recht so. Sie selbst hätte die Kraft zu dieser Lüge
nicht gefunden, und doch fühlte sie die Notwendigkeit, sich von all den
Menschen, mit denen sie das letzte Jahr gelebt hatte, auf
Nimmerwiedersehen zu lösen.
Page 140
Am ersten Tag versuchte Luise Peters Metten zu überzeugen – was nicht
schwer war – daß sie einen ganz unpassenden Verkehr unterhielte und am
besten täte, der Stadt und all ihren sogenannten Freunden den Rücken zu
kehren.
Am dritten – vormittags – erzählte sie Mette viel von ihrer Heimatstadt –
von der weitberühmten Sauberkeit, nach der sie sich immer zurücksehne,
von den Menschen, die für steif und förmlich galten, weil sie das Herz nicht
auf der Zunge trügen – die aber ehrlich wären und trotzig und treu – und
von ihrer kleinen schönen Stiefschwester Gwendolen, die in Mettes Alter
wäre, aber noch ein Kind – das vom ganzen Hause sorglich behütete
Nestküken. Das wäre eher ein passender Umgang für die arme kleine feine
Mette, als diese greulichen Weiber hier ...
Am Nachmittag half sie Mette die Koffer packen. Mette wollte fort –
nach der reinlichen Stadt, wo die flinken weißen Schiffchen das blaue
Wasser kreuzten.
Mette war sehr gerührt von all der Güte, und fast noch mehr von dem
Vertrauen.
Sie lächelte – ein schweres und wissendes Lächeln – als Luise Peters sie
zum Abschied in die Arme nahm und mit tränennassen Augen auf beide
Wangen küßte.
‚Im Grunde bin ich doch zehn Jahre älter als sie,‘ dachte sie traurig,
‚denn ich weiß, wovon sie Gott sei Dank keine Ahnung hat: daß sie verliebt
in mich ist! Weil sie ein wenig von der Veranlagung der greulichen Weiber
hat – sie würde es sich selbst nie eingestehen. Vielleicht würde sie sich
erschießen, wenn sie es sich zugeben müßte. Gott gebe, daß es ihr niemals
zum Bewußtsein kommt.‘
Der einzige, dem Mette noch einmal die Hand geben wollte, war
Eccarius. In seinem Gesicht stand viel Anteilnahme. Vielleicht hatte Luise
Peters ihm mehr erzählt, als sie sich Metten gegenüber den Anschein gab,
zu wissen.
„Sie sind mir noch ein Wort schuldig,“ sagte Mette mit einem mühsamen
Lächeln, „ich habe öfter in schlaflosen Nächten darüber gegrübelt und
wollte Sie fragen – dann hab’ ich’s immer wieder vergessen. Wissen Sie
noch – als wir einmal zu Frau von Hersfeld hinaus pilgerten ...“ eine
plötzliche Scheu hielt sie ab, Sophiens Namen auszusprechen, „da sagte ich,
es soll mein Wahlspruch sein: das Leben lieben und den Tod nicht fürchten.
Sie wollten aber den Satz nur umgekehrt gelten lassen ...“
schwer war – daß sie einen ganz unpassenden Verkehr unterhielte und am
besten täte, der Stadt und all ihren sogenannten Freunden den Rücken zu
kehren.
Am dritten – vormittags – erzählte sie Mette viel von ihrer Heimatstadt –
von der weitberühmten Sauberkeit, nach der sie sich immer zurücksehne,
von den Menschen, die für steif und förmlich galten, weil sie das Herz nicht
auf der Zunge trügen – die aber ehrlich wären und trotzig und treu – und
von ihrer kleinen schönen Stiefschwester Gwendolen, die in Mettes Alter
wäre, aber noch ein Kind – das vom ganzen Hause sorglich behütete
Nestküken. Das wäre eher ein passender Umgang für die arme kleine feine
Mette, als diese greulichen Weiber hier ...
Am Nachmittag half sie Mette die Koffer packen. Mette wollte fort –
nach der reinlichen Stadt, wo die flinken weißen Schiffchen das blaue
Wasser kreuzten.
Mette war sehr gerührt von all der Güte, und fast noch mehr von dem
Vertrauen.
Sie lächelte – ein schweres und wissendes Lächeln – als Luise Peters sie
zum Abschied in die Arme nahm und mit tränennassen Augen auf beide
Wangen küßte.
‚Im Grunde bin ich doch zehn Jahre älter als sie,‘ dachte sie traurig,
‚denn ich weiß, wovon sie Gott sei Dank keine Ahnung hat: daß sie verliebt
in mich ist! Weil sie ein wenig von der Veranlagung der greulichen Weiber
hat – sie würde es sich selbst nie eingestehen. Vielleicht würde sie sich
erschießen, wenn sie es sich zugeben müßte. Gott gebe, daß es ihr niemals
zum Bewußtsein kommt.‘
Der einzige, dem Mette noch einmal die Hand geben wollte, war
Eccarius. In seinem Gesicht stand viel Anteilnahme. Vielleicht hatte Luise
Peters ihm mehr erzählt, als sie sich Metten gegenüber den Anschein gab,
zu wissen.
„Sie sind mir noch ein Wort schuldig,“ sagte Mette mit einem mühsamen
Lächeln, „ich habe öfter in schlaflosen Nächten darüber gegrübelt und
wollte Sie fragen – dann hab’ ich’s immer wieder vergessen. Wissen Sie
noch – als wir einmal zu Frau von Hersfeld hinaus pilgerten ...“ eine
plötzliche Scheu hielt sie ab, Sophiens Namen auszusprechen, „da sagte ich,
es soll mein Wahlspruch sein: das Leben lieben und den Tod nicht fürchten.
Sie wollten aber den Satz nur umgekehrt gelten lassen ...“
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„Ja,“ Eccarius nickte ernsthaft. „Den Tod lieben und das Leben nicht
fürchten! Oder in andern Worten – und das ist der Spruch, der über meinem
Leben steht – ein guter Spruch, um ihn auf eine weite Reise mitzugeben:
Niemand darf sterben, ehe er den Tod nicht lieb gewann!“
fürchten! Oder in andern Worten – und das ist der Spruch, der über meinem
Leben steht – ein guter Spruch, um ihn auf eine weite Reise mitzugeben:
Niemand darf sterben, ehe er den Tod nicht lieb gewann!“
Page 142
Irgendwohin
führen die weißen Wege hinaus.
Irgendwo bin
ich auf der Erde doch auch zu Haus.
führen die weißen Wege hinaus.
Irgendwo bin
ich auf der Erde doch auch zu Haus.
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M ette saß auf der Terrasse mit den älteren Damen, mit Frau Konsul
Peters, mit Frau Senator Börgessen, mit Frau Generaldirektor
Wietinghoff und mit der jungen Frau Vandahl, die ihres Zustandes
wegen ein wenig schwerfällig war und lieber still im Korbsessel saß, als
sich mit der „Jugend“ im Garten zu vergnügen.
Die Damen hatten fast alle eine Handarbeit zwischen den Fingern und
arbeiteten mit mehr oder weniger Aufmerksamkeit. Das Gespräch floß
dabei sanft und ruhig fort, ohne Hast, aber auch ohne Stockung.
Mette sah auf den weißen Netzgrund, durch den sie unermüdlich, aber
ohne Eile, die Nadel hin- und herführte und freute sich im Stillen, daß sie
die Unterhaltung nicht in Gang zu halten brauchte. Sie durfte die Augen auf
ihre Arbeit gesenkt halten und brauchte nur aufzusehen und zu reden, wenn
sie gefragt wurde. Sie wirkte dadurch bescheiden und jungmädchenhaft,
und niemand ahnte, wie herrlich bequem sie das fand.
Sie hatte in den letzten Monaten mehr als ein dutzendmal auf dieser
Terrasse gesessen, aber an diesem Tage empfand sie zum erstenmal die
Schönheit des Gartens, die ruhigen Stimmen neben ihr, die hellen Rufe vom
Tennisplatz, alles, Farben, Düfte, Klänge mit einem unendlichen
Wohlbehagen, mit einer dankbar genießenden Freude.
Wochen und Wochen hatte sie in einem heimlichen Zittern gelebt, wie ein
Verbrecher auf der Flucht. Hundertmal hatte sie geglaubt, Gisela vor sich zu
sehen oder ihre Stimme zu hören, hundertmal, wenn sie einen Brief von
Luise Peters aufriß, erwartete sie die Nachricht, daß Gisela Werkenthin ein
entsetzliches Ende gefunden, hundertmal hatte ihr das Herz schon so
gewaltsam geschlagen, daß sie mühsam nach Atem ringen mußte –
hundertmal war Angst und Erschrecken umsonst gewesen.
Sie hatte sich oft vorgebetet, daß sie einen Skandal nicht zu fürchten
brauche, weil ihr an der Meinung und Gunst der Leute nichts gelegen sei.
Und doch hatte sie Momente, in denen sie sich eingestehen mußte, daß es
weniger gräßlich wäre, die Nachricht von Giselas Tode zu empfangen, als
sie plötzlich auftauchen zu sehen – hier zum Beispiel, auf der Terrasse des
Peters’schen Hauses – und irgendeiner aufregenden Szene beizuwohnen –
einer geschmacklosen Szene, zu deren Mittelpunkt sie wider ihren Willen
Peters, mit Frau Senator Börgessen, mit Frau Generaldirektor
Wietinghoff und mit der jungen Frau Vandahl, die ihres Zustandes
wegen ein wenig schwerfällig war und lieber still im Korbsessel saß, als
sich mit der „Jugend“ im Garten zu vergnügen.
Die Damen hatten fast alle eine Handarbeit zwischen den Fingern und
arbeiteten mit mehr oder weniger Aufmerksamkeit. Das Gespräch floß
dabei sanft und ruhig fort, ohne Hast, aber auch ohne Stockung.
Mette sah auf den weißen Netzgrund, durch den sie unermüdlich, aber
ohne Eile, die Nadel hin- und herführte und freute sich im Stillen, daß sie
die Unterhaltung nicht in Gang zu halten brauchte. Sie durfte die Augen auf
ihre Arbeit gesenkt halten und brauchte nur aufzusehen und zu reden, wenn
sie gefragt wurde. Sie wirkte dadurch bescheiden und jungmädchenhaft,
und niemand ahnte, wie herrlich bequem sie das fand.
Sie hatte in den letzten Monaten mehr als ein dutzendmal auf dieser
Terrasse gesessen, aber an diesem Tage empfand sie zum erstenmal die
Schönheit des Gartens, die ruhigen Stimmen neben ihr, die hellen Rufe vom
Tennisplatz, alles, Farben, Düfte, Klänge mit einem unendlichen
Wohlbehagen, mit einer dankbar genießenden Freude.
Wochen und Wochen hatte sie in einem heimlichen Zittern gelebt, wie ein
Verbrecher auf der Flucht. Hundertmal hatte sie geglaubt, Gisela vor sich zu
sehen oder ihre Stimme zu hören, hundertmal, wenn sie einen Brief von
Luise Peters aufriß, erwartete sie die Nachricht, daß Gisela Werkenthin ein
entsetzliches Ende gefunden, hundertmal hatte ihr das Herz schon so
gewaltsam geschlagen, daß sie mühsam nach Atem ringen mußte –
hundertmal war Angst und Erschrecken umsonst gewesen.
Sie hatte sich oft vorgebetet, daß sie einen Skandal nicht zu fürchten
brauche, weil ihr an der Meinung und Gunst der Leute nichts gelegen sei.
Und doch hatte sie Momente, in denen sie sich eingestehen mußte, daß es
weniger gräßlich wäre, die Nachricht von Giselas Tode zu empfangen, als
sie plötzlich auftauchen zu sehen – hier zum Beispiel, auf der Terrasse des
Peters’schen Hauses – und irgendeiner aufregenden Szene beizuwohnen –
einer geschmacklosen Szene, zu deren Mittelpunkt sie wider ihren Willen
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selbst gemacht wurde. Sie konnte sich eine solche Szene mit Rede und
Gegenrede bis ins kleinste ausmalen, so daß sie blaß und rot wurde, und das
Blut ihr in allen Pulsen hämmerte.
Und mehr als einmal faßte sie den Vorsatz, eine erstaunt-beleidigte
Haltung nicht zu verlieren, ein verständnisloses Lächeln festzuhalten –
wenn sie die Sicherheit fand, jede Bekanntschaft zu leugnen, dann konnte,
dann mußte man Gisela Werkenthin für eine Wahnsinnige halten und sie
durch die Diener hinausschaffen lassen.
In schlaflosen Nächten lebte Mette das wieder und wieder durch.
Sie sah Giselas Gesicht, so unbeherrscht, so verzerrt von Haß und
Schmerz und Rachsucht, wie in dem Augenblick, da sie Cora von
Gjellerström ihr Glas nachschleuderte.
Und sie hörte sich selbst mit sehr klarer und ruhiger Stimme sagen: ‚Es
tut mir so entsetzlich leid, gnädige Frau, daß ich die unschuldige
Veranlassung zu einem solchen Auftritt in Ihrem Hause bin. Aber ich kann
Ihnen nur versichern, daß ich diese ... Dame nie in meinem Leben gesehen
habe.‘
Es würde sich ganz gut machen, vor dem Wort „Dame“ eine kleine Pause
zu machen, viel besser, als etwa „Person“ zu sagen.
Vielleicht wäre es noch klüger, ganz sanft auf Gisela zuzugehen und in
einem Krankenschwesternton zu fragen: „Wollen Sie mir nicht sagen,
woher Sie mich kennen? Woher wissen Sie meinen Namen? Ich kenne Sie,
natürlich, aber ich kann mich im Augenblick nicht besinnen – wollen Sie
mir nicht helfen? Sind wir vielleicht zusammen in die Schule gegangen?“
Oder würde es nicht am Ende den günstigsten Eindruck hervorrufen,
wenn sie die Erschrockene spielte, wenn sie zitternd hinter einen Stuhl
flüchtete, oder sich schutzsuchend an eine der Damen klammerte: „Helfen
Sie mir nur! Was will sie denn von mir? Verstehen Sie, was sie von mir
will? Kennen Sie sie denn? Wissen Sie, wer das ist?“
Ja, vielleicht wäre das das natürlichste für ein wohlerzogenes und etwas
schüchternes junges Mädchen, wenn es von einer Geisteskranken
angefallen oder belästigt würde ...
Sie würde lügen, lügen bis aufs äußerste – obgleich ihr weder an der
Meinung von Frau Konsul Peters, noch an der Meinung von Frau Senator
Börgessen so sehr viel gelegen war. Aber sie wollte Ruhe haben, sie wollte
ganz eingehüllt sein in einen undurchdringlichen Mantel von
Wohlanständigkeit und hergebrachter Sitte, sie wollte nicht wieder am
Gegenrede bis ins kleinste ausmalen, so daß sie blaß und rot wurde, und das
Blut ihr in allen Pulsen hämmerte.
Und mehr als einmal faßte sie den Vorsatz, eine erstaunt-beleidigte
Haltung nicht zu verlieren, ein verständnisloses Lächeln festzuhalten –
wenn sie die Sicherheit fand, jede Bekanntschaft zu leugnen, dann konnte,
dann mußte man Gisela Werkenthin für eine Wahnsinnige halten und sie
durch die Diener hinausschaffen lassen.
In schlaflosen Nächten lebte Mette das wieder und wieder durch.
Sie sah Giselas Gesicht, so unbeherrscht, so verzerrt von Haß und
Schmerz und Rachsucht, wie in dem Augenblick, da sie Cora von
Gjellerström ihr Glas nachschleuderte.
Und sie hörte sich selbst mit sehr klarer und ruhiger Stimme sagen: ‚Es
tut mir so entsetzlich leid, gnädige Frau, daß ich die unschuldige
Veranlassung zu einem solchen Auftritt in Ihrem Hause bin. Aber ich kann
Ihnen nur versichern, daß ich diese ... Dame nie in meinem Leben gesehen
habe.‘
Es würde sich ganz gut machen, vor dem Wort „Dame“ eine kleine Pause
zu machen, viel besser, als etwa „Person“ zu sagen.
Vielleicht wäre es noch klüger, ganz sanft auf Gisela zuzugehen und in
einem Krankenschwesternton zu fragen: „Wollen Sie mir nicht sagen,
woher Sie mich kennen? Woher wissen Sie meinen Namen? Ich kenne Sie,
natürlich, aber ich kann mich im Augenblick nicht besinnen – wollen Sie
mir nicht helfen? Sind wir vielleicht zusammen in die Schule gegangen?“
Oder würde es nicht am Ende den günstigsten Eindruck hervorrufen,
wenn sie die Erschrockene spielte, wenn sie zitternd hinter einen Stuhl
flüchtete, oder sich schutzsuchend an eine der Damen klammerte: „Helfen
Sie mir nur! Was will sie denn von mir? Verstehen Sie, was sie von mir
will? Kennen Sie sie denn? Wissen Sie, wer das ist?“
Ja, vielleicht wäre das das natürlichste für ein wohlerzogenes und etwas
schüchternes junges Mädchen, wenn es von einer Geisteskranken
angefallen oder belästigt würde ...
Sie würde lügen, lügen bis aufs äußerste – obgleich ihr weder an der
Meinung von Frau Konsul Peters, noch an der Meinung von Frau Senator
Börgessen so sehr viel gelegen war. Aber sie wollte Ruhe haben, sie wollte
ganz eingehüllt sein in einen undurchdringlichen Mantel von
Wohlanständigkeit und hergebrachter Sitte, sie wollte nicht wieder am
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Pranger stehen und sich das Hemd von den Schultern reißen lassen, kein
verächtlicher Blick sollte sie mehr treffen dürfen – ihre Haut war
empfindlich geworden, so übermäßig empfindlich – und ein Blick, in dem
nicht Wohlwollen und Freundlichkeit lag, tat ihr schon weh.
Oh, wie gut sie Olga Radó jetzt begriff, die sie verleugnet hatte, so
erbarmungslos verleugnet und preisgegeben. Die war schon müde gehetzt
gewesen, und ihre Haut war verbrannt gewesen von den vielen
verächtlichen Blicken – sie konnte keinen Blick mehr ertragen und wollte
es nicht. Sie fürchtete sich vor Blicken – fürchtete sich bis zur kleinlichen
Feigheit.
Aber vor dem geladenen Revolver fürchtete sie sich nicht ...
Jetzt war Mette ebenso weit.
Bereit, lieber zu sterben, als Verachtung zu erdulden.
Und bereit, zu lügen, mit ruhiger Stirn, mit klarer Stimme, mit kaltem
Blut zu lügen, nicht um Vorteil, nicht einmal um Achtung – nur aus Scham,
aus tiefster, abgründigster Scham – nur um sich den deckenden Mantel
nicht von der nackten Seele zerren zu lassen.
Nur daß Mette Rudloff Gisela Werkenthin nie geliebt hatte ...
Aber manchmal war ihr, als wäre sie jetzt fähig, auch ihre größte und
heiligste Liebe zu verleugnen.
Das war, wenn sie vor den Möbius-Mädeln zitterte.
Konnte es nicht sein, daß sie plötzlich Fannis und Emmis rotblonde
Köpfe hier irgendwo auftauchen sah? Konnte sie nicht ganz unvorbereitet
einer von den beiden gegenüberstehen?
Ja, dann konnte sie sich nicht damit helfen, daß sie sie für wahnsinnig
erklärte. An dem gesunden Menschenverstand der Möbius-Mädel würde
niemand zweifeln. Und hier schon ganz gewiß niemand ...
Aber was konnten die ihr schon nachweisen! Und immer konnte Mette
jedem Angriff durch einen Gegenangriff begegnen. Im Hause Möbius hatte
Mette Olga Radó kennen gelernt – ihre „Cousine“ hatten die Mädel sie mit
Stolz genannt. Sie brauchte ja nur bei ihnen sich nach ihrer „Verwandten“
zu erkundigen und erstaunt zu fragen, ob es denn wahr wäre, daß Olga
Radó tot wäre? Ob sie wirklich sich erschossen hätte?
Nur weinen dürfte sie dabei nicht ...
Und wenn Mette nur daran dachte, daß sie nicht weinen dürfte, dann
stürzten ihr die Tränen stromweis über’s Gesicht.
verächtlicher Blick sollte sie mehr treffen dürfen – ihre Haut war
empfindlich geworden, so übermäßig empfindlich – und ein Blick, in dem
nicht Wohlwollen und Freundlichkeit lag, tat ihr schon weh.
Oh, wie gut sie Olga Radó jetzt begriff, die sie verleugnet hatte, so
erbarmungslos verleugnet und preisgegeben. Die war schon müde gehetzt
gewesen, und ihre Haut war verbrannt gewesen von den vielen
verächtlichen Blicken – sie konnte keinen Blick mehr ertragen und wollte
es nicht. Sie fürchtete sich vor Blicken – fürchtete sich bis zur kleinlichen
Feigheit.
Aber vor dem geladenen Revolver fürchtete sie sich nicht ...
Jetzt war Mette ebenso weit.
Bereit, lieber zu sterben, als Verachtung zu erdulden.
Und bereit, zu lügen, mit ruhiger Stirn, mit klarer Stimme, mit kaltem
Blut zu lügen, nicht um Vorteil, nicht einmal um Achtung – nur aus Scham,
aus tiefster, abgründigster Scham – nur um sich den deckenden Mantel
nicht von der nackten Seele zerren zu lassen.
Nur daß Mette Rudloff Gisela Werkenthin nie geliebt hatte ...
Aber manchmal war ihr, als wäre sie jetzt fähig, auch ihre größte und
heiligste Liebe zu verleugnen.
Das war, wenn sie vor den Möbius-Mädeln zitterte.
Konnte es nicht sein, daß sie plötzlich Fannis und Emmis rotblonde
Köpfe hier irgendwo auftauchen sah? Konnte sie nicht ganz unvorbereitet
einer von den beiden gegenüberstehen?
Ja, dann konnte sie sich nicht damit helfen, daß sie sie für wahnsinnig
erklärte. An dem gesunden Menschenverstand der Möbius-Mädel würde
niemand zweifeln. Und hier schon ganz gewiß niemand ...
Aber was konnten die ihr schon nachweisen! Und immer konnte Mette
jedem Angriff durch einen Gegenangriff begegnen. Im Hause Möbius hatte
Mette Olga Radó kennen gelernt – ihre „Cousine“ hatten die Mädel sie mit
Stolz genannt. Sie brauchte ja nur bei ihnen sich nach ihrer „Verwandten“
zu erkundigen und erstaunt zu fragen, ob es denn wahr wäre, daß Olga
Radó tot wäre? Ob sie wirklich sich erschossen hätte?
Nur weinen dürfte sie dabei nicht ...
Und wenn Mette nur daran dachte, daß sie nicht weinen dürfte, dann
stürzten ihr die Tränen stromweis über’s Gesicht.
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Aber jetzt fing sie allmählich an, ruhiger zu werden. Sie dachte nicht
mehr oft an die Möglichkeit irgendwelcher Begegnungen. Mitunter
erschienen ihr auch die letzten Jahre ein wenig unwirklich, verschwommen
und fast bedeutungslos.
Die Erinnerung an Olga blieb. Aber am stärksten war jetzt die Erinnerung
an die erste Zeit ihrer Freundschaft, an die reine Anbetung, die Mette da
empfunden hatte, an Olgas geistige Überlegenheit, ihre vollendeten
Manieren, die bestrickende Vornehmheit ihrer Erscheinung und ihres
Auftretens. Mette dachte seltener an ihre herzverbrennenden Zärtlichkeiten,
seltener an die Qual des Abschieds, der nicht einmal ein Abschied zu
nennen war – seltener an ihren Tod.
Es war ihr manchmal ein schmerzliches und rührendes Vergnügen, sich
auszumalen, daß Olga noch lebte und plötzlich in diesen Kreis einträte. Sie
würde unter diesen eleganten, sicheren, gewandten Frauen die eleganteste,
sicherste, gewandteste sein – und wenn sie wollte, würde sie es fertig
bringen, in einer halben Stunde diese ganze kühle, zurückhaltende und
selbstbewußte Gesellschaft zu heller Begeisterung hinzureißen.
Aber je klarer das Bild der lebenden Olga vor ihr aufstand, um so mehr
verblaßte die Erinnerung an die letzten Monate. Mitunter schien ihr das
ganze wie der Wirbel einer Karnevalsnacht, und sie war der Überzeugung,
daß niemand ein Recht hatte, aus dieser Zeit eine Vertraulichkeit herzuleiten
– ebensowenig etwa, wie man eine Dame bei nüchternem Tageslicht daran
erinnern darf, daß man sie auf dem Faschingsball unter der Larve küßte.
Mette hatte die Larve und den Maskenflitter abgelegt, sie war wieder
Melitta Rudloff, und es wäre taktlos gewesen, auf irgendwelche flüchtigen,
halbvergessenen Beziehungen anzuspielen.
So sehr war sie Melitta Rudloff, daß sie manchmal Umschau hielt, ob sie
nicht jemand ihres Namens wüßte, dem sie sich anschließen, oder den sie
zu sich rufen könnte.
So müde war sie der jungen Freiheit.
Oder vielleicht der Gebundenheit.
Denn wenn sie irgendeine ältere Verwandte bei sich gehabt hätte, so hätte
sie sich eine Wohnung nehmen und viel mehr nach ihrem Geschmack leben
können.
Aber so war es ihr natürlich verboten, allein zu wohnen, ebenso wie sie
nicht in einem Hotel absteigen durfte, und ihr von Pensionen,
mehr oft an die Möglichkeit irgendwelcher Begegnungen. Mitunter
erschienen ihr auch die letzten Jahre ein wenig unwirklich, verschwommen
und fast bedeutungslos.
Die Erinnerung an Olga blieb. Aber am stärksten war jetzt die Erinnerung
an die erste Zeit ihrer Freundschaft, an die reine Anbetung, die Mette da
empfunden hatte, an Olgas geistige Überlegenheit, ihre vollendeten
Manieren, die bestrickende Vornehmheit ihrer Erscheinung und ihres
Auftretens. Mette dachte seltener an ihre herzverbrennenden Zärtlichkeiten,
seltener an die Qual des Abschieds, der nicht einmal ein Abschied zu
nennen war – seltener an ihren Tod.
Es war ihr manchmal ein schmerzliches und rührendes Vergnügen, sich
auszumalen, daß Olga noch lebte und plötzlich in diesen Kreis einträte. Sie
würde unter diesen eleganten, sicheren, gewandten Frauen die eleganteste,
sicherste, gewandteste sein – und wenn sie wollte, würde sie es fertig
bringen, in einer halben Stunde diese ganze kühle, zurückhaltende und
selbstbewußte Gesellschaft zu heller Begeisterung hinzureißen.
Aber je klarer das Bild der lebenden Olga vor ihr aufstand, um so mehr
verblaßte die Erinnerung an die letzten Monate. Mitunter schien ihr das
ganze wie der Wirbel einer Karnevalsnacht, und sie war der Überzeugung,
daß niemand ein Recht hatte, aus dieser Zeit eine Vertraulichkeit herzuleiten
– ebensowenig etwa, wie man eine Dame bei nüchternem Tageslicht daran
erinnern darf, daß man sie auf dem Faschingsball unter der Larve küßte.
Mette hatte die Larve und den Maskenflitter abgelegt, sie war wieder
Melitta Rudloff, und es wäre taktlos gewesen, auf irgendwelche flüchtigen,
halbvergessenen Beziehungen anzuspielen.
So sehr war sie Melitta Rudloff, daß sie manchmal Umschau hielt, ob sie
nicht jemand ihres Namens wüßte, dem sie sich anschließen, oder den sie
zu sich rufen könnte.
So müde war sie der jungen Freiheit.
Oder vielleicht der Gebundenheit.
Denn wenn sie irgendeine ältere Verwandte bei sich gehabt hätte, so hätte
sie sich eine Wohnung nehmen und viel mehr nach ihrem Geschmack leben
können.
Aber so war es ihr natürlich verboten, allein zu wohnen, ebenso wie sie
nicht in einem Hotel absteigen durfte, und ihr von Pensionen,
Page 147
Kaffeehäusern, Restaurants und Theatern, ja selbst Straßen nur eine ganz
beschränkte Auswahl erlaubt war.
Manchmal war es ihr lächerlich vorgekommen, wenn man ihr ganz
erschrocken sagte: „O Gott nein, da dürfen Sie nicht hin – man sieht, daß
Sie hier fremd sind!“
Aber sie hatte sich immer gefügt.
Sie wußte zu gut, daß sie selber Maß und Urteil verloren hatte. Sie hatte
eine Zeitlang in trotzigem Selbstgefühl gedacht, daß sie alt und gefestigt
genug sei, um sich ohne Schaden jeden Umgang, jedes Buch, jede Art des
Lebens erlauben zu können. Sie hatte dann erfahren, daß sie nicht
schwimmen konnte in dem trüben strudelnden Wasser, in das sie kopfüber
hineingesprungen. Dicht am Ertrinken hatte ihr Stolz sie verlassen, und sie
hatte sich willenlos und dankbar von einer festen Hand herausziehen lassen.
Nun hatte sie keine Sicherheit mehr. Sie hatte geglaubt, sich ohne Gefahr
ins Meer stürzen zu können – und war jetzt froh, wenn eine kundige Hand
ihr das Badewasser bereitete.
Sie geriet manchmal in eine leise Verlegenheit, wenn ein erstaunter Blick
sie traf, weil es sich herausstellte, daß sie ein Buch gelesen, ein
Theaterstück gesehen hatte, was sonst jungen Mädchen „ihrer Kreise“
streng verboten war.
Sie mußte manchmal einen burschikosen Ausdruck hinunterschlucken,
der ihr in den letzten Monaten so geläufig geworden war, daß sie nichts
Unpassendes mehr dabei finden konnte.
Manchmal dachte sie fast mit Dankbarkeit an Tante Emilie. Wenigstens
hatte sie gelernt, wie man Messer und Gabel zu halten hatte – es wäre
schlimm gewesen, wenn sie auch auf solche Dinge noch hätte achten, auch
da noch irgendeinen Verstoß hätte fürchten müssen. Aber was die äußere
Form betraf, war die „gute Erziehung“ ihr in Fleisch und Blut
übergegangen.
Es konnte vorkommen – wenn es ihr zweifelhaft war, ob ein Mädchen
aus guter Familie allein in die Oper gehen, oder sich von einem Bekannten,
den sie am Vormittag in der Stadt traf, in eine Konditorei zu einem Stück
Torte einladen lassen durfte – es konnte vorkommen, daß sie sich in solchen
schwierigen Fällen blitzschnell überlegte: was würde Tante Emilie dazu
sagen? Und da Tante Emilie so ziemlich alles für unschicklich, verwerflich
und sittenlos erklärte, so konnte Mette sicher sein, auch in den Augen der
strengsten Richterin einen wohlgefälligen Wandel zu führen.
beschränkte Auswahl erlaubt war.
Manchmal war es ihr lächerlich vorgekommen, wenn man ihr ganz
erschrocken sagte: „O Gott nein, da dürfen Sie nicht hin – man sieht, daß
Sie hier fremd sind!“
Aber sie hatte sich immer gefügt.
Sie wußte zu gut, daß sie selber Maß und Urteil verloren hatte. Sie hatte
eine Zeitlang in trotzigem Selbstgefühl gedacht, daß sie alt und gefestigt
genug sei, um sich ohne Schaden jeden Umgang, jedes Buch, jede Art des
Lebens erlauben zu können. Sie hatte dann erfahren, daß sie nicht
schwimmen konnte in dem trüben strudelnden Wasser, in das sie kopfüber
hineingesprungen. Dicht am Ertrinken hatte ihr Stolz sie verlassen, und sie
hatte sich willenlos und dankbar von einer festen Hand herausziehen lassen.
Nun hatte sie keine Sicherheit mehr. Sie hatte geglaubt, sich ohne Gefahr
ins Meer stürzen zu können – und war jetzt froh, wenn eine kundige Hand
ihr das Badewasser bereitete.
Sie geriet manchmal in eine leise Verlegenheit, wenn ein erstaunter Blick
sie traf, weil es sich herausstellte, daß sie ein Buch gelesen, ein
Theaterstück gesehen hatte, was sonst jungen Mädchen „ihrer Kreise“
streng verboten war.
Sie mußte manchmal einen burschikosen Ausdruck hinunterschlucken,
der ihr in den letzten Monaten so geläufig geworden war, daß sie nichts
Unpassendes mehr dabei finden konnte.
Manchmal dachte sie fast mit Dankbarkeit an Tante Emilie. Wenigstens
hatte sie gelernt, wie man Messer und Gabel zu halten hatte – es wäre
schlimm gewesen, wenn sie auch auf solche Dinge noch hätte achten, auch
da noch irgendeinen Verstoß hätte fürchten müssen. Aber was die äußere
Form betraf, war die „gute Erziehung“ ihr in Fleisch und Blut
übergegangen.
Es konnte vorkommen – wenn es ihr zweifelhaft war, ob ein Mädchen
aus guter Familie allein in die Oper gehen, oder sich von einem Bekannten,
den sie am Vormittag in der Stadt traf, in eine Konditorei zu einem Stück
Torte einladen lassen durfte – es konnte vorkommen, daß sie sich in solchen
schwierigen Fällen blitzschnell überlegte: was würde Tante Emilie dazu
sagen? Und da Tante Emilie so ziemlich alles für unschicklich, verwerflich
und sittenlos erklärte, so konnte Mette sicher sein, auch in den Augen der
strengsten Richterin einen wohlgefälligen Wandel zu führen.
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Sie hatte wahrhaftig schon erwogen, ob es nicht das vernünftigste wäre,
Tante Emilie kommen zu lassen. Dann hätte sie das unfehlbare Orakel in
Schicklichkeitsfragen gleich zur Hand – sie könnte eine Wohnung mieten,
die Möbel kommen lassen, ein Heim haben, Besuch empfangen, kleine
Gesellschaften geben – ach, und zu Streitigkeiten irgendwelcher Art lag ja
kein Anlaß vor.
Selbst Tante Emilie konnte gegen diesen Verkehr nichts einzuwenden
haben.
Mette war zahm geworden – es war etwas anderes, ob man die Welt, die
blühende, lachende Welt, immer nur durch das Gitter des Käfigs sah und
sich Kopf und Flügel an den Stäben zerstieß, um nur einmal aufzufliegen ...
oder ob man abends müde geflogen, ein bißchen zerkratzt und zerrupft,
freiwillig in das behagliche Bauer zurückschlüpfte, um geborgen zu sein.
Schließlich, die Tür blieb ja immer offen. Mette war mündig.
Und plötzlich fiel ihr dann wieder ein, daß sie es um kurze Monate zu
spät geworden war. Daß Olga Radó noch leben könnte, mit ihr leben, frei
von allen Sorgen und Schulden und Ängsten, in einem schönen behaglichen
Heim, wie sie es sich gewünscht hatte, daß sie leben könnte und glücklich
sein, daß ihr Lachen noch auf der Welt wäre, und ihre glockentönige
Stimme, und ihr schönes, stolzes Gesicht und ihre zärtlichen kraftvollen
Hände – daß das alles nicht vernichtet zu sein brauchte, zerstört,
weggeweht, ausgelöscht – wenn Tante Emilie nicht gewesen wäre.
Und dann schlug der Haß wieder wie rote Flammen in ihr hoch ...
Die Stimmen vom Tennisplatz kamen näher. Die weißen Kleider
schimmerten durch das schwarzrote Laub der Blutbuchen und das
goldfarbene des Ahorns. Jetzt bogen die ersten um die Ecke und schritten
um das Rosenrondell herum auf die Terrasse zu: Gwendolen und Fred
Wietinghoff.
Frau Konsul Peters lächelte ihrer schönen Tochter entgegen. Dies
Lächeln zeigt noch mehr von den langen vorstehenden, etwas
auseinandergerückten Zähnen, die, mit Plomben aller Art versehen, mit
weißen Porzellanflecken geziert, mit haarfeinen Goldleisten umgeben,
dieselbe Farbe hatten, wie die großen mattgrauschimmernden Perlen in den
schöngeformten Ohren, und den Eindruck von unendlich zerbrechlichen
und kostbaren Wesen machten, die um jeden Preis und mit zartester Sorgfalt
erhalten werden mußten. Mit andern Zähnen wäre das regelmäßige, etwas
welke und hochmütige Gesicht – das unverändert, der wechselnden Mode
Tante Emilie kommen zu lassen. Dann hätte sie das unfehlbare Orakel in
Schicklichkeitsfragen gleich zur Hand – sie könnte eine Wohnung mieten,
die Möbel kommen lassen, ein Heim haben, Besuch empfangen, kleine
Gesellschaften geben – ach, und zu Streitigkeiten irgendwelcher Art lag ja
kein Anlaß vor.
Selbst Tante Emilie konnte gegen diesen Verkehr nichts einzuwenden
haben.
Mette war zahm geworden – es war etwas anderes, ob man die Welt, die
blühende, lachende Welt, immer nur durch das Gitter des Käfigs sah und
sich Kopf und Flügel an den Stäben zerstieß, um nur einmal aufzufliegen ...
oder ob man abends müde geflogen, ein bißchen zerkratzt und zerrupft,
freiwillig in das behagliche Bauer zurückschlüpfte, um geborgen zu sein.
Schließlich, die Tür blieb ja immer offen. Mette war mündig.
Und plötzlich fiel ihr dann wieder ein, daß sie es um kurze Monate zu
spät geworden war. Daß Olga Radó noch leben könnte, mit ihr leben, frei
von allen Sorgen und Schulden und Ängsten, in einem schönen behaglichen
Heim, wie sie es sich gewünscht hatte, daß sie leben könnte und glücklich
sein, daß ihr Lachen noch auf der Welt wäre, und ihre glockentönige
Stimme, und ihr schönes, stolzes Gesicht und ihre zärtlichen kraftvollen
Hände – daß das alles nicht vernichtet zu sein brauchte, zerstört,
weggeweht, ausgelöscht – wenn Tante Emilie nicht gewesen wäre.
Und dann schlug der Haß wieder wie rote Flammen in ihr hoch ...
Die Stimmen vom Tennisplatz kamen näher. Die weißen Kleider
schimmerten durch das schwarzrote Laub der Blutbuchen und das
goldfarbene des Ahorns. Jetzt bogen die ersten um die Ecke und schritten
um das Rosenrondell herum auf die Terrasse zu: Gwendolen und Fred
Wietinghoff.
Frau Konsul Peters lächelte ihrer schönen Tochter entgegen. Dies
Lächeln zeigt noch mehr von den langen vorstehenden, etwas
auseinandergerückten Zähnen, die, mit Plomben aller Art versehen, mit
weißen Porzellanflecken geziert, mit haarfeinen Goldleisten umgeben,
dieselbe Farbe hatten, wie die großen mattgrauschimmernden Perlen in den
schöngeformten Ohren, und den Eindruck von unendlich zerbrechlichen
und kostbaren Wesen machten, die um jeden Preis und mit zartester Sorgfalt
erhalten werden mußten. Mit andern Zähnen wäre das regelmäßige, etwas
welke und hochmütige Gesicht – das unverändert, der wechselnden Mode
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zum Trotz, von hochstehendem, sorgsam gewellten und sorgsam unter ein
Netz gebrachtem dunkelblonden Haar umgeben war, – fast schön zu nennen
gewesen.
Sie lächelte stolz und wohlgefällig. Und sie war dazu berechtigt.
Mette war von neuem entzückt, wie Gwendolen die schmalen Füße mit
den federnden Gelenken schön und sicher setzte, wie die schlanken, festen
Formen sich unter dem weißen Kleid zeichneten, wie das lockige Haar in
der Sonne gleißte und flirrte.
Mettes Herz war voll lichter Freude bei diesem Anblick – aber es schlug
nicht um einen Schlag schneller.
Ihr Herz war ebenso froh, wenn sie Fred Wietinghoff sah, der neben
Gwendolen ging, viel größer als sie, breit in den Schultern, schmal in den
Hüften, alle Konturen der Muskeln zeigend unter dem seidenen Hemd.
Wenn er so kam, sah er aus wie ein Zwanzigjähriger. Aber wenn das Licht
ihm ins Gesicht fiel, sah man auf der klaren, goldbraunen Haut scharf
eingeritzte Fältchen um Mund und Augen, und in dem glatten
metallblonden Haar ein paar weiße Fäden an den Schläfen.
Aber sie freute sich auch, wenn sie Vandahl sah, der schon von weitem
die aufleuchtenden Augen seiner jungen Frau suchte und ihr grüßend
zuwinkte.
Und sie freute sich, wenn sie dann hinter den andern Heinrich von
Rantzau und den jungen Lucius auftauchen sah, so eifrig in ein Gespräch
vertieft, das der Jüngere mit weitausholenden Gesten begleitete, als gingen
sie irgendwo über einsames Feld, und nicht auf eine Gesellschaft von
Leuten zu, die sie erwartete und beobachtete.
„Kinder, ich verdurste!“ Das war Gwendolens erstes Wort, während sie
die letzten Stufen der Terrasse im Sprung nahm.
Sie lief auf den Teewagen zu, der hinter Mette stand, und goß
Himbeersaft und eisgekühltes Wasser in ein geschliffenes Glas.
Fred Wietinghoff nahm ihr mit großer Ruhe das Glas aus der Hand, als
sie es zum Munde führen wollte und trank es aus.
„Was heißt das?“ fragte sie verdutzt und empört.
„Ich opfere mich mal wieder für Sie,“ sagte er mit unerschütterlichem
Gleichmut, „ich habe Sie eben vor einer Lungenentzündung bewahrt. Bitte,
wenn Sie Durst haben, trinken Sie Tee. Darf ich Ihnen eine Tasse
zurechtmachen?“
Netz gebrachtem dunkelblonden Haar umgeben war, – fast schön zu nennen
gewesen.
Sie lächelte stolz und wohlgefällig. Und sie war dazu berechtigt.
Mette war von neuem entzückt, wie Gwendolen die schmalen Füße mit
den federnden Gelenken schön und sicher setzte, wie die schlanken, festen
Formen sich unter dem weißen Kleid zeichneten, wie das lockige Haar in
der Sonne gleißte und flirrte.
Mettes Herz war voll lichter Freude bei diesem Anblick – aber es schlug
nicht um einen Schlag schneller.
Ihr Herz war ebenso froh, wenn sie Fred Wietinghoff sah, der neben
Gwendolen ging, viel größer als sie, breit in den Schultern, schmal in den
Hüften, alle Konturen der Muskeln zeigend unter dem seidenen Hemd.
Wenn er so kam, sah er aus wie ein Zwanzigjähriger. Aber wenn das Licht
ihm ins Gesicht fiel, sah man auf der klaren, goldbraunen Haut scharf
eingeritzte Fältchen um Mund und Augen, und in dem glatten
metallblonden Haar ein paar weiße Fäden an den Schläfen.
Aber sie freute sich auch, wenn sie Vandahl sah, der schon von weitem
die aufleuchtenden Augen seiner jungen Frau suchte und ihr grüßend
zuwinkte.
Und sie freute sich, wenn sie dann hinter den andern Heinrich von
Rantzau und den jungen Lucius auftauchen sah, so eifrig in ein Gespräch
vertieft, das der Jüngere mit weitausholenden Gesten begleitete, als gingen
sie irgendwo über einsames Feld, und nicht auf eine Gesellschaft von
Leuten zu, die sie erwartete und beobachtete.
„Kinder, ich verdurste!“ Das war Gwendolens erstes Wort, während sie
die letzten Stufen der Terrasse im Sprung nahm.
Sie lief auf den Teewagen zu, der hinter Mette stand, und goß
Himbeersaft und eisgekühltes Wasser in ein geschliffenes Glas.
Fred Wietinghoff nahm ihr mit großer Ruhe das Glas aus der Hand, als
sie es zum Munde führen wollte und trank es aus.
„Was heißt das?“ fragte sie verdutzt und empört.
„Ich opfere mich mal wieder für Sie,“ sagte er mit unerschütterlichem
Gleichmut, „ich habe Sie eben vor einer Lungenentzündung bewahrt. Bitte,
wenn Sie Durst haben, trinken Sie Tee. Darf ich Ihnen eine Tasse
zurechtmachen?“
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„Ich will Wasser trinken!“ Gwendolen stampfte ungeduldig mit dem Fuß,
„geben Sie mir die Karaffe, ich verdurste!“
„Sie verdursten noch lange nicht,“ gab Wietinghoff zurück, „Sie haben
ein ganz – klein – wenig Durst. Da Sie aber noch nie in Ihrem Leben Durst
gelitten haben, so haben Sie gar keine Vergleichsmöglichkeiten. Trinken Sie
eine Tasse lauwarmen Tee, das wird Ihnen sehr gut tun.“
„Ich mag aber keinen lauwarmen Tee,“ sagte Gwendolen zwischen
Lachen und Ärger. „Ich trinke im Winter heißen Tee und im Sommer kaltes
Wasser. Ich will Wasser trinken, und wenn ich eine Lungenentzündung
kriege, geht es Sie auch nichts an.“
„Ach Gott,“ machte Wietinghoff bedauernd, „die kleine Siebzehnjährige!
So jung sind Sie gar nicht mehr, daß Sie sich damit ‚nüdlich‘ machen
könnten. Sie denken sich das wohl sehr romantisch, wenn Sie, erhitzt vom
Spiel, in jugendlicher Unbesonnenheit ein Glas eiskaltes Wasser
herunterstürzen und dann in der Blüte Ihrer Jahre durch eine
Lungenentzündung dahingerafft werden.“ Er saß auf der Lehne eines
Korbsessels und schaukelte den einen Fuß im absatzlosen weißen Schuh in
der Luft: „Lungenentzündung ist eine gräßliche Schleim- und
Spuckangelegenheit – nicht ein bißchen poetisch. Es gibt überhaupt keine
poetische Krankheit,“ er reckte sich ein wenig in den Schultern, „nur
Gesundheit ist poetisch – aber von einem Säbelhieb bis zum Nervenfieber
ist alles prosaisch und ekelhaft und meist mit schlechten Gerüchen
verbunden.“
„Oh, Fred, Sie sind widerlich,“ sie drehte ihm den Rücken, „Sie sind
absolut nicht salonfähig – ich werde es Ihrer Mutter erzählen.“
„Och, die denkt, Sie verleumden mich!“ er lächelte behaglich und etwas
boshaft, „die weiß auch, daß Sie mich nicht leiden können.“ – – –
Vandahl hatte sich einen Hocker dicht neben den Stuhl seiner jungen Frau
gerückt. Mette sah, wie seine großen, gutgeformten Hände verstohlen die
Falten ihres Kleides streichelten.
Aus ihren sanften braunen Augen floß fortwährend ein leuchtender Strom
von Zärtlichkeit über ihn hin.
Mette hatte ein wenig Angst um sie. Sie sah so glücklich aus, und sie
liebte ihren Mann anscheinend so abgöttisch und wurde ebenso abgöttisch
„geben Sie mir die Karaffe, ich verdurste!“
„Sie verdursten noch lange nicht,“ gab Wietinghoff zurück, „Sie haben
ein ganz – klein – wenig Durst. Da Sie aber noch nie in Ihrem Leben Durst
gelitten haben, so haben Sie gar keine Vergleichsmöglichkeiten. Trinken Sie
eine Tasse lauwarmen Tee, das wird Ihnen sehr gut tun.“
„Ich mag aber keinen lauwarmen Tee,“ sagte Gwendolen zwischen
Lachen und Ärger. „Ich trinke im Winter heißen Tee und im Sommer kaltes
Wasser. Ich will Wasser trinken, und wenn ich eine Lungenentzündung
kriege, geht es Sie auch nichts an.“
„Ach Gott,“ machte Wietinghoff bedauernd, „die kleine Siebzehnjährige!
So jung sind Sie gar nicht mehr, daß Sie sich damit ‚nüdlich‘ machen
könnten. Sie denken sich das wohl sehr romantisch, wenn Sie, erhitzt vom
Spiel, in jugendlicher Unbesonnenheit ein Glas eiskaltes Wasser
herunterstürzen und dann in der Blüte Ihrer Jahre durch eine
Lungenentzündung dahingerafft werden.“ Er saß auf der Lehne eines
Korbsessels und schaukelte den einen Fuß im absatzlosen weißen Schuh in
der Luft: „Lungenentzündung ist eine gräßliche Schleim- und
Spuckangelegenheit – nicht ein bißchen poetisch. Es gibt überhaupt keine
poetische Krankheit,“ er reckte sich ein wenig in den Schultern, „nur
Gesundheit ist poetisch – aber von einem Säbelhieb bis zum Nervenfieber
ist alles prosaisch und ekelhaft und meist mit schlechten Gerüchen
verbunden.“
„Oh, Fred, Sie sind widerlich,“ sie drehte ihm den Rücken, „Sie sind
absolut nicht salonfähig – ich werde es Ihrer Mutter erzählen.“
„Och, die denkt, Sie verleumden mich!“ er lächelte behaglich und etwas
boshaft, „die weiß auch, daß Sie mich nicht leiden können.“ – – –
Vandahl hatte sich einen Hocker dicht neben den Stuhl seiner jungen Frau
gerückt. Mette sah, wie seine großen, gutgeformten Hände verstohlen die
Falten ihres Kleides streichelten.
Aus ihren sanften braunen Augen floß fortwährend ein leuchtender Strom
von Zärtlichkeit über ihn hin.
Mette hatte ein wenig Angst um sie. Sie sah so glücklich aus, und sie
liebte ihren Mann anscheinend so abgöttisch und wurde ebenso abgöttisch
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wieder geliebt. Wenn sie nur ihre schwere Stunde erst gut überstanden
hätte! Der Wunsch brannte in Mettes Herzen wie ein stilles Gebet.
Rantzau und Lucius standen gegen die steinerne Brüstung gelehnt. Mette
hörte nur abgerissene Bruchstücke ihres Gesprächs, wenn die andern
schwiegen:
„Warum nicht? Die Elektronen, die als sogenannte Kathodenstrahlen
abgeschleudert werden, haben eine Geschwindigkeit von zirka einer Viertel
Million Kilometersekunden.“
Das war Rantzaus tiefe, ruhige, klangvolle Stimme.
Gwendolen setzte sich auf Mettes Stuhllehne und legte den Arm um ihre
Schulter.
„Schützen Sie mich, Mette,“ sagte sie, „alle Menschen ärgern mich und
sind scheußlich zu mir. Sie sind der einzige Mensch hier, den ich wirklich
lieb habe!“
„Oh, Gwen,“ Mette sah lächelnd zu ihr auf. „Es ist gut, daß Sie heute
Abend über keine Brücke mehr gehen.“
Gwendolen machte ein ernstes Gesicht:
„Ich werde einmal jemand umbringen,“ sagte sie, als erzähle sie
Märchen, „und werde die Leiche im Keller verscharren und alles wertvolle
stehlen und im Wald vergraben. Dann werde ich irgendwohin gehen – aufs
Gericht, oder auf die Polizei oder zum Senat und werde alles erzählen. Und
dann werden die Leute lachen, oder sie werden mich bedauern und werden
sagen: ‚Das arme Kind! Sie hat Fieber, sie phantasiert – das ist Konsul
Peters seine Kleine. Krischan, nehmen Sie ein Auto, bringen Sie die lütt’
Deern tu Hus, die Mudder schall se in’t Bett packen, se kriegt die Masern.‘
Und dann bringt mich der Gerichtsdiener oder der Wachtmeister nach
Hause, damit mir ja unterwegs kein Malheur passiert ... oh, Mette, haben
Sie von den Mürbekuchen gegessen? Die macht Deuli immer so großartig!
Dafür lohnt es sich direkt, zu leben. Aber ich habe noch nie genug davon
gekriegt. Ich hab’ mir ausbedungen: wenn ich einmal heirate, will ich als
Hochzeitsgeschenk von ihr eine Badewanne voll Mürbekuchen haben. Und
an meinem Hochzeitstag esse ich von morgens bis abends Mürbekuchen.
Essen Sie doch, Mette – ich glaube wirklich, Sie leben von Luft und Liebe.“
„Von Luft vielleicht,“ sagte Wietinghoff sachlich, „soweit ich Ihren
Konsum an dem andern eben genannten Volksnahrungsmittel beurteilen
kann, würde ich bei Ihrem Jahresquantum nicht eine Woche bestehen.“
Mette gab sich Mühe, seine Worte nicht zu verstehen.
hätte! Der Wunsch brannte in Mettes Herzen wie ein stilles Gebet.
Rantzau und Lucius standen gegen die steinerne Brüstung gelehnt. Mette
hörte nur abgerissene Bruchstücke ihres Gesprächs, wenn die andern
schwiegen:
„Warum nicht? Die Elektronen, die als sogenannte Kathodenstrahlen
abgeschleudert werden, haben eine Geschwindigkeit von zirka einer Viertel
Million Kilometersekunden.“
Das war Rantzaus tiefe, ruhige, klangvolle Stimme.
Gwendolen setzte sich auf Mettes Stuhllehne und legte den Arm um ihre
Schulter.
„Schützen Sie mich, Mette,“ sagte sie, „alle Menschen ärgern mich und
sind scheußlich zu mir. Sie sind der einzige Mensch hier, den ich wirklich
lieb habe!“
„Oh, Gwen,“ Mette sah lächelnd zu ihr auf. „Es ist gut, daß Sie heute
Abend über keine Brücke mehr gehen.“
Gwendolen machte ein ernstes Gesicht:
„Ich werde einmal jemand umbringen,“ sagte sie, als erzähle sie
Märchen, „und werde die Leiche im Keller verscharren und alles wertvolle
stehlen und im Wald vergraben. Dann werde ich irgendwohin gehen – aufs
Gericht, oder auf die Polizei oder zum Senat und werde alles erzählen. Und
dann werden die Leute lachen, oder sie werden mich bedauern und werden
sagen: ‚Das arme Kind! Sie hat Fieber, sie phantasiert – das ist Konsul
Peters seine Kleine. Krischan, nehmen Sie ein Auto, bringen Sie die lütt’
Deern tu Hus, die Mudder schall se in’t Bett packen, se kriegt die Masern.‘
Und dann bringt mich der Gerichtsdiener oder der Wachtmeister nach
Hause, damit mir ja unterwegs kein Malheur passiert ... oh, Mette, haben
Sie von den Mürbekuchen gegessen? Die macht Deuli immer so großartig!
Dafür lohnt es sich direkt, zu leben. Aber ich habe noch nie genug davon
gekriegt. Ich hab’ mir ausbedungen: wenn ich einmal heirate, will ich als
Hochzeitsgeschenk von ihr eine Badewanne voll Mürbekuchen haben. Und
an meinem Hochzeitstag esse ich von morgens bis abends Mürbekuchen.
Essen Sie doch, Mette – ich glaube wirklich, Sie leben von Luft und Liebe.“
„Von Luft vielleicht,“ sagte Wietinghoff sachlich, „soweit ich Ihren
Konsum an dem andern eben genannten Volksnahrungsmittel beurteilen
kann, würde ich bei Ihrem Jahresquantum nicht eine Woche bestehen.“
Mette gab sich Mühe, seine Worte nicht zu verstehen.
Page 152
„Ich möchte von Luft leben,“ sie sog die Luft ein, die über den Garten
herüberwehte. Trotz des Rosenduftes war sie stark und herbe, und
schmeckte ein wenig nach Meer. „Von viel frischer, reiner Luft!“
herüberwehte. Trotz des Rosenduftes war sie stark und herbe, und
schmeckte ein wenig nach Meer. „Von viel frischer, reiner Luft!“
Page 153
M ette wartete – schon im Abendkleid – in Gwendolens weißem
Zimmer. Sie waren zu einer Tanzgesellschaft geladen, die ziemlich
früh ihren Anfang nahm, und Mette sollte im Petersschen Wagen
mitfahren – aber Gwendolen hätte um nichts in der Welt ein Rennen
versäumt und war noch nicht zurück.
Mette wartete. Es war warm und still und fing an zu dämmern. Das
Zimmer war geheizt, aber das Fenster stand offen. Das gab zusammen den
Eindruck eines Sommerabends, mehr als den eines Herbstnachmittags.
Mette dachte an den Abend mit einer Freude, die ihr selbst als kindlich
erschien. Es war so nett, sich hübsch angezogen in hübschen Räumen zu
bewegen, viele Bekannte zu treffen, zu plaudern, zu tanzen und sich ein
klein wenig den Hof machen zu lassen. Manchmal dachte sie wie mit einem
plötzlichen Aufdämmern des Bewußtseins: ‚Wie lange kann das dauern?
Dies plätschernde Treiben kann doch nicht ein Leben ausfüllen? Wann wird
der Tag kommen, da mir all dies schal und widerwärtig ist?‘
Aber sie verscheuchte diese Gedanken, wie man halb im Schlaf versucht,
das Erwachen zu verscheuchen und einen sanften Traum festzuhalten.
Endlich rollten draußen Räder, und eine Minute später war das ganze
Haus voll Leben und Bewegung: Klingeln riefen, das Haustelephon
schnarrte, Türen gingen, Schritte wurden laut, unten, oben, auf der Treppe.
Gwendolen riß die Tür auf und stürmte ins Zimmer. Sie hatte für
gewöhnlich sehr lebhafte Bewegungen und pflegte öfter zu laufen, zu
hüpfen, zu springen, als zu gehen. Das alte Kinderfräulein mit ergrauten
Scheiteln folgte ihr mit ausgestreckten Händen, um den weißen Mantel in
Empfang zu nehmen, den Gwen von den Schultern zerrte.
„Rasch, rasch, Deuli, umziehen – das hellblaue, nicht das Taft, das
Georgette, das mit der Rose – oh, Metti-Betti, mein Armes, sitzen Sie schon
lange hier? Aber Sie sind nicht ungeduldig geworden, nein? Ach, Sie
werden ja überhaupt niemals ungeduldig! Warum sind Sie nicht
mitgekommen! Es war fabelbar, einfach fabelbar! Ich verstehe Sie nicht!
Wie kann man sich nichts aus Pferderennen machen?!“
Mette lächelte:
Zimmer. Sie waren zu einer Tanzgesellschaft geladen, die ziemlich
früh ihren Anfang nahm, und Mette sollte im Petersschen Wagen
mitfahren – aber Gwendolen hätte um nichts in der Welt ein Rennen
versäumt und war noch nicht zurück.
Mette wartete. Es war warm und still und fing an zu dämmern. Das
Zimmer war geheizt, aber das Fenster stand offen. Das gab zusammen den
Eindruck eines Sommerabends, mehr als den eines Herbstnachmittags.
Mette dachte an den Abend mit einer Freude, die ihr selbst als kindlich
erschien. Es war so nett, sich hübsch angezogen in hübschen Räumen zu
bewegen, viele Bekannte zu treffen, zu plaudern, zu tanzen und sich ein
klein wenig den Hof machen zu lassen. Manchmal dachte sie wie mit einem
plötzlichen Aufdämmern des Bewußtseins: ‚Wie lange kann das dauern?
Dies plätschernde Treiben kann doch nicht ein Leben ausfüllen? Wann wird
der Tag kommen, da mir all dies schal und widerwärtig ist?‘
Aber sie verscheuchte diese Gedanken, wie man halb im Schlaf versucht,
das Erwachen zu verscheuchen und einen sanften Traum festzuhalten.
Endlich rollten draußen Räder, und eine Minute später war das ganze
Haus voll Leben und Bewegung: Klingeln riefen, das Haustelephon
schnarrte, Türen gingen, Schritte wurden laut, unten, oben, auf der Treppe.
Gwendolen riß die Tür auf und stürmte ins Zimmer. Sie hatte für
gewöhnlich sehr lebhafte Bewegungen und pflegte öfter zu laufen, zu
hüpfen, zu springen, als zu gehen. Das alte Kinderfräulein mit ergrauten
Scheiteln folgte ihr mit ausgestreckten Händen, um den weißen Mantel in
Empfang zu nehmen, den Gwen von den Schultern zerrte.
„Rasch, rasch, Deuli, umziehen – das hellblaue, nicht das Taft, das
Georgette, das mit der Rose – oh, Metti-Betti, mein Armes, sitzen Sie schon
lange hier? Aber Sie sind nicht ungeduldig geworden, nein? Ach, Sie
werden ja überhaupt niemals ungeduldig! Warum sind Sie nicht
mitgekommen! Es war fabelbar, einfach fabelbar! Ich verstehe Sie nicht!
Wie kann man sich nichts aus Pferderennen machen?!“
Mette lächelte:
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„Vielleicht liegt es daran, weil ich niemals ungeduldig werde! Man darf
das eben nicht in aller Geduld abwarten, welcher Gaul nun zuerst am Ziel
ankommt! Die Ungeduld ist doch die einzige Würze dieses Vergnügens!“
„Ach, es ist zu herrlich.“ Gwendolen ließ Kleid und Unterrock auf den
Boden gleiten und trat mit einem großen Schritt aus den Sachen, die sich
hemmend um ihre Füße bauschten. „Wissen Sie, daß ich immer am ganzen
Körper vibriere? Die Wettlust – das hat mit dem Geldgewinn gar nichts zu
tun. Ich habe auch schon gesetzt,“ sie kauerte sich auf eine Stuhlkante und
zog die grauen Halbschuhe von den Füßen, ohne die Bänder zu lösen.
„Heimlich natürlich, denn ich darf ja nicht – Mama würde mich – aber dann
kann es mir passieren, daß ich mich während des Rennens gar nicht mehr
um den Gaul kümmere, den ich gewettet habe, weil mir ein anderes Vieh
sympathischer ist.“ Sie schleuderte das batistene Unterleibchen auf einen
Stuhl und löste die Schnüre des dünnen weichen Korsetts. „Deuli! Du mußt
mir den Tub bringen! Es war so heiß und staubig, ich kann nicht
ungewaschen tanzen gehen – sind Sie böse, Metting? Ach, wir kriegen von
dem Zimt immer noch genug, auch wenn wir eine Viertelstunde später
hinkommen!“ Sie zog die Strümpfe aus, während die Alte die Gummiwanne
hinstellte und den Hahn über dem Waschbecken aufdrehte.
„Soll ich solange nach nebenan gehen?“ fragte Mette.
„Ach wo,“ machte Gwendolen leichthin, „finden Sie etwas dabei, wenn
ich mich vor Ihnen wasche? Nur kaltes, Deuli, und einen Schuß Lubin
hinein! Ja, also, wenn mir ein anderes Pferd sympathischer ist, kümmer’ ich
mich den Deubel um das gewettete. Meistens wette ich ja auch nicht – ich
such’ mir einfach ein Pferd aus, was mir gefällt.“ Sie löste das Hemd auf
den Schultern, ließ es zu Boden fallen, trat in ihrer zierlichen,
schimmernden Nacktheit in das große Gummibecken und ließ den
rieselnden Schwamm über Gesicht und Nacken, Brust und Arme gleiten.
„Huh, kalt, aber schön! Das Wetten ist eigentlich nur Einbildung – weil die
meisten Menschen ihr Interesse nur auf etwas konzentrieren können, wenn
sie zwanzig Mark dran gewinnen oder verlieren können. Das Tuch, Deuli!
Auf das Konzentrieren kommt es nämlich an: Man sitzt auf diesem Pferd,
nein, man sitzt in ihm, man peitscht es an, mit jedem Atemzug, mit jedem
Gedanken, mit jedem Nerv, vorwärts, vorwärts, vorwärts, man sieht, wie es
zittert und schnaubt und schäumt und keucht und nicht nachläßt, immer
toller, je näher dem Ende, desto toller – weiter, weiter – oh, man fiebert –
und tausend Menschen fiebern mit einem, sie rasen, sie schreien, sie
das eben nicht in aller Geduld abwarten, welcher Gaul nun zuerst am Ziel
ankommt! Die Ungeduld ist doch die einzige Würze dieses Vergnügens!“
„Ach, es ist zu herrlich.“ Gwendolen ließ Kleid und Unterrock auf den
Boden gleiten und trat mit einem großen Schritt aus den Sachen, die sich
hemmend um ihre Füße bauschten. „Wissen Sie, daß ich immer am ganzen
Körper vibriere? Die Wettlust – das hat mit dem Geldgewinn gar nichts zu
tun. Ich habe auch schon gesetzt,“ sie kauerte sich auf eine Stuhlkante und
zog die grauen Halbschuhe von den Füßen, ohne die Bänder zu lösen.
„Heimlich natürlich, denn ich darf ja nicht – Mama würde mich – aber dann
kann es mir passieren, daß ich mich während des Rennens gar nicht mehr
um den Gaul kümmere, den ich gewettet habe, weil mir ein anderes Vieh
sympathischer ist.“ Sie schleuderte das batistene Unterleibchen auf einen
Stuhl und löste die Schnüre des dünnen weichen Korsetts. „Deuli! Du mußt
mir den Tub bringen! Es war so heiß und staubig, ich kann nicht
ungewaschen tanzen gehen – sind Sie böse, Metting? Ach, wir kriegen von
dem Zimt immer noch genug, auch wenn wir eine Viertelstunde später
hinkommen!“ Sie zog die Strümpfe aus, während die Alte die Gummiwanne
hinstellte und den Hahn über dem Waschbecken aufdrehte.
„Soll ich solange nach nebenan gehen?“ fragte Mette.
„Ach wo,“ machte Gwendolen leichthin, „finden Sie etwas dabei, wenn
ich mich vor Ihnen wasche? Nur kaltes, Deuli, und einen Schuß Lubin
hinein! Ja, also, wenn mir ein anderes Pferd sympathischer ist, kümmer’ ich
mich den Deubel um das gewettete. Meistens wette ich ja auch nicht – ich
such’ mir einfach ein Pferd aus, was mir gefällt.“ Sie löste das Hemd auf
den Schultern, ließ es zu Boden fallen, trat in ihrer zierlichen,
schimmernden Nacktheit in das große Gummibecken und ließ den
rieselnden Schwamm über Gesicht und Nacken, Brust und Arme gleiten.
„Huh, kalt, aber schön! Das Wetten ist eigentlich nur Einbildung – weil die
meisten Menschen ihr Interesse nur auf etwas konzentrieren können, wenn
sie zwanzig Mark dran gewinnen oder verlieren können. Das Tuch, Deuli!
Auf das Konzentrieren kommt es nämlich an: Man sitzt auf diesem Pferd,
nein, man sitzt in ihm, man peitscht es an, mit jedem Atemzug, mit jedem
Gedanken, mit jedem Nerv, vorwärts, vorwärts, vorwärts, man sieht, wie es
zittert und schnaubt und schäumt und keucht und nicht nachläßt, immer
toller, je näher dem Ende, desto toller – weiter, weiter – oh, man fiebert –
und tausend Menschen fiebern mit einem, sie rasen, sie schreien, sie
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peitschen alle mit ihrem brennenden Blut dieses eine fliegende Etwas
vorwärts – vorwärts, bis es durchs Ziel schießt. Ah! Das ist die Erlösung!
Die große Entspannung! Man ist ganz erschlagen, ganz müde und ganz
selig. Die Knie zittern einem so angenehm – wahrhaftig, nach jedem
Rennen zittern mir die Knie. Man hat gerade Zeit, sich zu erholen, dann
fängt die nächste Spannung an – ganz sanft, vorbereitend – sich steigernd –
bis zur Ekstase. Es läßt sich überhaupt nur mit etwas vergleichen ... wissen
Sie nicht, was ich meine?“
Mette schüttelte den Kopf.
„Ach Gott, wie soll ich es dann erklären! Deuli, hör mal weg!“ Die Alte
kniete auf dem Boden und zog mit behutsamen Händen die seidenen
Strümpfe über die schlanken, festen, weißen Beine. „Wissen Sie nicht,
womit man es vergleichen kann? Mit der Liebe natürlich!“
„Mit der Liebe?“ Mette machte ein verständnisloses Gesicht.
Gwendolen stand auf, um die zierlichen ausgeschnittenen Schuhe an den
Füßen festzutreten.
„O Gott, Mette, reizen Sie mich nicht! Ich kriege es fertig und spreche es
glatt aus – alles! Fragen Sie Deuli – es gibt nichts, was ich nicht über die
Lippen bringe! Mädchen, machen Sie doch nicht ein Gesicht, als ob Sie
noch an den Osterhasen glaubten! Wollen Sie mir erzählen, Sie hätten noch
nie geliebt?“
Mette schlug tapfer die Augen auf.
„Ich will Ihnen gar nichts erzählen!“ sagte sie ruhig.
„Oh, das war eine schlagfertige Antwort!“ Gwendolen verbeugte sich tief
und beschrieb mit der rechten Hand einen großen Bogen vom Herzen durch
die Luft, während sie mit der linken an den Korsettschnüren zog. „Mein
Kompliment, schöne Dame! Es war eine so nette Abfuhr, daß ich sie mir
gern gefallen lasse. Und trotzdem,“ sie trat einen Schritt näher und sah
Mette mit einem seltsamen Blick an, „trotzdem,“ sagte sie halblaut,
„werden Sie mir noch sehr viel erzählen. Nicht jetzt und nicht hier – später
– wenn ich Sie einmal darum bitten werde.“
Mette geriet in eine leichte Verlegenheit:
„Ach Gott, ich habe das überhaupt nur so hingesagt ... warum heißen Sie
eigentlich ‚Deuli‘, Fräulein Hellmann?“
Die Alte strahlte auf: „Das hat Fräulein Gwen immer gesagt, wie sie ganz
klein war. Sie konnte noch kaum sprechen, da rief sie immerzu ‚Deuli,
Deuli‘. Das sollte Fräulein heißen!“
vorwärts – vorwärts, bis es durchs Ziel schießt. Ah! Das ist die Erlösung!
Die große Entspannung! Man ist ganz erschlagen, ganz müde und ganz
selig. Die Knie zittern einem so angenehm – wahrhaftig, nach jedem
Rennen zittern mir die Knie. Man hat gerade Zeit, sich zu erholen, dann
fängt die nächste Spannung an – ganz sanft, vorbereitend – sich steigernd –
bis zur Ekstase. Es läßt sich überhaupt nur mit etwas vergleichen ... wissen
Sie nicht, was ich meine?“
Mette schüttelte den Kopf.
„Ach Gott, wie soll ich es dann erklären! Deuli, hör mal weg!“ Die Alte
kniete auf dem Boden und zog mit behutsamen Händen die seidenen
Strümpfe über die schlanken, festen, weißen Beine. „Wissen Sie nicht,
womit man es vergleichen kann? Mit der Liebe natürlich!“
„Mit der Liebe?“ Mette machte ein verständnisloses Gesicht.
Gwendolen stand auf, um die zierlichen ausgeschnittenen Schuhe an den
Füßen festzutreten.
„O Gott, Mette, reizen Sie mich nicht! Ich kriege es fertig und spreche es
glatt aus – alles! Fragen Sie Deuli – es gibt nichts, was ich nicht über die
Lippen bringe! Mädchen, machen Sie doch nicht ein Gesicht, als ob Sie
noch an den Osterhasen glaubten! Wollen Sie mir erzählen, Sie hätten noch
nie geliebt?“
Mette schlug tapfer die Augen auf.
„Ich will Ihnen gar nichts erzählen!“ sagte sie ruhig.
„Oh, das war eine schlagfertige Antwort!“ Gwendolen verbeugte sich tief
und beschrieb mit der rechten Hand einen großen Bogen vom Herzen durch
die Luft, während sie mit der linken an den Korsettschnüren zog. „Mein
Kompliment, schöne Dame! Es war eine so nette Abfuhr, daß ich sie mir
gern gefallen lasse. Und trotzdem,“ sie trat einen Schritt näher und sah
Mette mit einem seltsamen Blick an, „trotzdem,“ sagte sie halblaut,
„werden Sie mir noch sehr viel erzählen. Nicht jetzt und nicht hier – später
– wenn ich Sie einmal darum bitten werde.“
Mette geriet in eine leichte Verlegenheit:
„Ach Gott, ich habe das überhaupt nur so hingesagt ... warum heißen Sie
eigentlich ‚Deuli‘, Fräulein Hellmann?“
Die Alte strahlte auf: „Das hat Fräulein Gwen immer gesagt, wie sie ganz
klein war. Sie konnte noch kaum sprechen, da rief sie immerzu ‚Deuli,
Deuli‘. Das sollte Fräulein heißen!“
Page 156
„Das behauptet ihr!“ lachte Gwendolen und schlüpfte in die
bereitgehaltene, blaßblaue Seidenwolke, „ich hab’ immerzu ‚greulich,
greulich‘ geschrien, wenn ich dich gesehen habe!“ – – –
Mette tanzte. Die sanfte Bewegung, in welcher die Musik die gelösten
Glieder führte, tat körperlich wohl. Es tat gut, müde zu werden. Nur wäre es
fast besser gewesen, schweigend zu tanzen. Es war ein wenig langweilig,
immer auf dieselben Fragen antworten zu müssen – „Gnädiges Fräulein
sind wohl noch nicht lange hier?“ „Wie gefällt Ihnen unser Städtchen?“
„Sind gnädiges Fräulein verwandt mit Konsul Peters?“
Dann kam Vandahl und holte sie zum Tanz.
„Gott sei Dank, daß Sie über mich orientiert sind,“ lachte sie.
„Leider bin ich das durchaus nicht,“ entgegnete er ernsthaft.
„Ich brauche aber wenigstens nicht zu informieren, wie lange ich hier
bin, und ob ich hier zu bleiben gedenke, und wo ich vorher war!“
„Nein, das ist allerdings das, was mich am wenigsten interessiert – und
das, was mich interessiert, beantworten Sie mir ja doch nicht!“
„Oh, bitte,“ sagte Mette höflich verwundert. „Ich glaube nicht, daß ich
Ihnen irgendeine Frage unbeantwortet ließe!“
Dabei ging ihr Herz schneller. Was vermutete dieser Mann hinter ihr, daß
er neugierige Fragen stellen wollte? Sie hatte heute noch lange, lange ihr
Gesicht vorm Spiegel geprüft. Es war glatt und faltenlos, ihr Mund war
kühl und etwas herb verschlossen, ihre Augen klar und ruhig. Ihr Kleid war
vom ersten Schneider der Stadt und ganz dem soliden Geschmack der
besseren Bürger angepaßt. Der beliebteste Friseur hatte ihr Haar so
geordnet, wie es in diesem Jahr „die Damen der Gesellschaft“ trugen. Nein,
es war nichts, aber auch nichts Auffälliges an ihr.
„Bitte, fragen Sie!“ sagte sie – vielleicht etwas zu liebenswürdig im Ton,
weil sie es weder zu herausfordernd, noch zu ängstlich sagen wollte.
„Ich möchte wissen,“ begann er zögernd und tauchte dabei den
lächelnden Blick sehr tief in ihre Augen, „was eigentlich der Inhalt dieses
schönen Gefäßes ist, das ich hier im Arm halte. Ist es Milch oder Eiswasser
oder Sekt, was in Ihren Adern fließt?“
„Sekt doch wohl kaum.“ Mette versuchte, seinen Blick mit sehr
gleichgültiger Miene auszuhalten und verzog nur ein wenig spöttisch die
bereitgehaltene, blaßblaue Seidenwolke, „ich hab’ immerzu ‚greulich,
greulich‘ geschrien, wenn ich dich gesehen habe!“ – – –
Mette tanzte. Die sanfte Bewegung, in welcher die Musik die gelösten
Glieder führte, tat körperlich wohl. Es tat gut, müde zu werden. Nur wäre es
fast besser gewesen, schweigend zu tanzen. Es war ein wenig langweilig,
immer auf dieselben Fragen antworten zu müssen – „Gnädiges Fräulein
sind wohl noch nicht lange hier?“ „Wie gefällt Ihnen unser Städtchen?“
„Sind gnädiges Fräulein verwandt mit Konsul Peters?“
Dann kam Vandahl und holte sie zum Tanz.
„Gott sei Dank, daß Sie über mich orientiert sind,“ lachte sie.
„Leider bin ich das durchaus nicht,“ entgegnete er ernsthaft.
„Ich brauche aber wenigstens nicht zu informieren, wie lange ich hier
bin, und ob ich hier zu bleiben gedenke, und wo ich vorher war!“
„Nein, das ist allerdings das, was mich am wenigsten interessiert – und
das, was mich interessiert, beantworten Sie mir ja doch nicht!“
„Oh, bitte,“ sagte Mette höflich verwundert. „Ich glaube nicht, daß ich
Ihnen irgendeine Frage unbeantwortet ließe!“
Dabei ging ihr Herz schneller. Was vermutete dieser Mann hinter ihr, daß
er neugierige Fragen stellen wollte? Sie hatte heute noch lange, lange ihr
Gesicht vorm Spiegel geprüft. Es war glatt und faltenlos, ihr Mund war
kühl und etwas herb verschlossen, ihre Augen klar und ruhig. Ihr Kleid war
vom ersten Schneider der Stadt und ganz dem soliden Geschmack der
besseren Bürger angepaßt. Der beliebteste Friseur hatte ihr Haar so
geordnet, wie es in diesem Jahr „die Damen der Gesellschaft“ trugen. Nein,
es war nichts, aber auch nichts Auffälliges an ihr.
„Bitte, fragen Sie!“ sagte sie – vielleicht etwas zu liebenswürdig im Ton,
weil sie es weder zu herausfordernd, noch zu ängstlich sagen wollte.
„Ich möchte wissen,“ begann er zögernd und tauchte dabei den
lächelnden Blick sehr tief in ihre Augen, „was eigentlich der Inhalt dieses
schönen Gefäßes ist, das ich hier im Arm halte. Ist es Milch oder Eiswasser
oder Sekt, was in Ihren Adern fließt?“
„Sekt doch wohl kaum.“ Mette versuchte, seinen Blick mit sehr
gleichgültiger Miene auszuhalten und verzog nur ein wenig spöttisch die
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Lippen. „Oder finden Sie, daß in meinem Wesen so etwas
Überschäumendes ist?“
Er zog sie einen Augenblick so fest an sich, daß ihre Brust die seine
berührte.
„Es ist doch Sekt,“ sagte er leise mit zusammengebissenen Zähnen, „er
ist nur sehr gut frappiert. Aber wenn er warm wird, sprengt er die Flasche –
den Augenblick möcht’ ich einmal erleben!“
„Er wird nicht warm,“ sagte Mette und zog den Mund noch ein wenig
mehr, „es wird schon genügend für kalte Duschen gesorgt.“
Als Mette auf ihren Platz zurückkehrte, traf ihr Blick auf Heinrich
Rantzau, der, schwarz und schlank, an einem weißen Türpfosten lehnte. Ihr
Blick glitt weiter und über das heiße, strahlende Gesicht des jungen Lucius.
Ein paar Worte fielen in ihr Ohr:
„Hab’ ich zuviel getanzt?“
„Aber nein, mein Junge – amüsier’ dich nur.“
„Ich hatte Angst, du wärest böse ...“
Die abgerissenen Sätze verließen Mette nicht mehr. Sie summten ihr
durch den Kopf wie eine Melodie, die man nicht loswerden kann.
Fred Wietinghoff verbeugte sich vor ihr:
„Darf ich Sie zum Zweck eines Bostons aus Ihren sanften Träumen
reißen?“ fragte er lachend. „Gestehen Sie mir – woran haben Sie eben
gedacht?“
„Daran, daß ich heute keinen guten Tag habe,“ sagte Mette nachdenklich.
„Was heißt ‚guten Tag‘? Wenn Sie damit auf deutsch beau jour sagen
wollen, so wäre das ein ganz unverschämtes fishing!“
„Ach, das meint’ ich wahrhaftig nicht,“ sagte Mette wegwerfend, „nein,
so einen Tag, wissen Sie, wo man Bühnenzauber im Vormittagslicht sieht
und überall die Maschinerie hervorguckt. Wo man die Drähte sieht, an
denen die Engel fliegen, und die Versenkung, aus der der Teufel aufsteigt.“
Fred Wietinghoff lächelte, während er sie sehr sicher durch das Gewühl
der Tanzenden hindurchsteuerte. Es war ein gutes, schönes, weiches, etwas
mitleidiges und ein klein wenig triumphierendes Lächeln.
„Sie sind ja doch ein richtiges Mädelchen,“ sagte er.
„Wieso doch?“ fragte Mette mit etwas erzwungenem Lachen. „Natürlich
bin ich es, leider. Aber warum konstatieren Sie das gerade jetzt?“
„Weil das, was Sie eben sagen, so typisch dafür ist. Denken Sie sich zwei
Kinder: einen Jungen und ein Mädel im Theater. Und dann denken Sie sich
Überschäumendes ist?“
Er zog sie einen Augenblick so fest an sich, daß ihre Brust die seine
berührte.
„Es ist doch Sekt,“ sagte er leise mit zusammengebissenen Zähnen, „er
ist nur sehr gut frappiert. Aber wenn er warm wird, sprengt er die Flasche –
den Augenblick möcht’ ich einmal erleben!“
„Er wird nicht warm,“ sagte Mette und zog den Mund noch ein wenig
mehr, „es wird schon genügend für kalte Duschen gesorgt.“
Als Mette auf ihren Platz zurückkehrte, traf ihr Blick auf Heinrich
Rantzau, der, schwarz und schlank, an einem weißen Türpfosten lehnte. Ihr
Blick glitt weiter und über das heiße, strahlende Gesicht des jungen Lucius.
Ein paar Worte fielen in ihr Ohr:
„Hab’ ich zuviel getanzt?“
„Aber nein, mein Junge – amüsier’ dich nur.“
„Ich hatte Angst, du wärest böse ...“
Die abgerissenen Sätze verließen Mette nicht mehr. Sie summten ihr
durch den Kopf wie eine Melodie, die man nicht loswerden kann.
Fred Wietinghoff verbeugte sich vor ihr:
„Darf ich Sie zum Zweck eines Bostons aus Ihren sanften Träumen
reißen?“ fragte er lachend. „Gestehen Sie mir – woran haben Sie eben
gedacht?“
„Daran, daß ich heute keinen guten Tag habe,“ sagte Mette nachdenklich.
„Was heißt ‚guten Tag‘? Wenn Sie damit auf deutsch beau jour sagen
wollen, so wäre das ein ganz unverschämtes fishing!“
„Ach, das meint’ ich wahrhaftig nicht,“ sagte Mette wegwerfend, „nein,
so einen Tag, wissen Sie, wo man Bühnenzauber im Vormittagslicht sieht
und überall die Maschinerie hervorguckt. Wo man die Drähte sieht, an
denen die Engel fliegen, und die Versenkung, aus der der Teufel aufsteigt.“
Fred Wietinghoff lächelte, während er sie sehr sicher durch das Gewühl
der Tanzenden hindurchsteuerte. Es war ein gutes, schönes, weiches, etwas
mitleidiges und ein klein wenig triumphierendes Lächeln.
„Sie sind ja doch ein richtiges Mädelchen,“ sagte er.
„Wieso doch?“ fragte Mette mit etwas erzwungenem Lachen. „Natürlich
bin ich es, leider. Aber warum konstatieren Sie das gerade jetzt?“
„Weil das, was Sie eben sagen, so typisch dafür ist. Denken Sie sich zwei
Kinder: einen Jungen und ein Mädel im Theater. Und dann denken Sie sich
Page 158
die beiden hinter den Kulissen. Das Mädel ist enttäuscht, weil die
Rosengärten aus Papier sind und die Goldkronen aus Blech und die Wolken
auf Gaze gemalt – und weil eben überall die Maschinerie herausguckt. In
dem Augenblick fängt der Junge erst an, sich für den ganzen Kram zu
interessieren: Wie kommt es? Wie entsteht es? Wie wird es gemacht? Die
Drahtvorrichtung, an der die Engel fliegen, oder die Versenkung, aus der
der Teufel herausgeschraubt wird – das ist ja millionenmal interessanter als
der ganze faule Zauber in bengalischer Beleuchtung! Haben Sie nur den
Mut zur Gründlichkeit – steigen Sie in die Versenkung und auf den
Schnürboden, in alle Tiefen und Höhen, und lassen Sie sich alles zeigen und
erklären, und prüfen Sie und untersuchen Sie – folgern Sie und
experimentieren Sie. Dann sitzen Sie mit dem Lächeln der Wissenden im
Theater und hören um sich die Ahs und Ohs der naiven Gemüter – und
wissen ganz genau, wie alles kommt. Und wenn Sie weit genug
eingedrungen sind, dann lassen Sie selber die Engel fliegen und den Teufel
aufsteigen – ganz wie es Ihnen beliebt!“
„Ich will aber gar nicht,“ klagte Mette eigensinnig, „ich will es von
weitem sehen und in feenhafter Beleuchtung, und wenn ich zehnmal weiß,
daß es gemacht ist, um mich zu betrügen, so will ich doch daran glauben
können!“
„Oh, Sie Frau!“ Er tanzte mit ihr aus dem Saal in ein kleineres Zimmer
und führte sie zu einem Sessel, „wenn es nicht so komisch wäre, müßte man
euch bedauern.“ Er zog sich einen Stuhl neben sie: „Die Frauen leben doch
von Illusionen!“ Er stützte die Ellbogen auf die Knie und die Stirn auf die
Handballen. Da der kleine Stuhl viel zu niedrig für ihn war, hatte er es nicht
schwer, die langen Arme und die langen Beine zusammen zu bringen. Ohne
aufzusehen, schüttelte er den Kopf in den Händen: „Was macht denn eine
Frau in der Ehe glücklich? Die Vereinigung? Fragen Sie einmal nach! Für
fünfzig Prozent der Frauen bedeutet sie ein Martyrium. Nein, der
phantastische Gedanke einer ewigen, unveränderlichen – einer
beschworenen und unterschriebenen Treue – das ist das eheliche Glück der
Frau!“
„Dann gibt es also eigentlich keine Frau, die in der Ehe glücklich ist?“
Mette lächelte traurig. „Höchstens solche, die sich einbilden, es zu sein?“
„Das ist doch in der Praxis genau dasselbe.“ Wietinghoff zuckte leicht die
Achseln. „Ich möchte lieber krank sein und mir einbilden, ganz gesund zu
sein – wohlverstanden, solange ich mir das noch einbilden kann – als
Rosengärten aus Papier sind und die Goldkronen aus Blech und die Wolken
auf Gaze gemalt – und weil eben überall die Maschinerie herausguckt. In
dem Augenblick fängt der Junge erst an, sich für den ganzen Kram zu
interessieren: Wie kommt es? Wie entsteht es? Wie wird es gemacht? Die
Drahtvorrichtung, an der die Engel fliegen, oder die Versenkung, aus der
der Teufel herausgeschraubt wird – das ist ja millionenmal interessanter als
der ganze faule Zauber in bengalischer Beleuchtung! Haben Sie nur den
Mut zur Gründlichkeit – steigen Sie in die Versenkung und auf den
Schnürboden, in alle Tiefen und Höhen, und lassen Sie sich alles zeigen und
erklären, und prüfen Sie und untersuchen Sie – folgern Sie und
experimentieren Sie. Dann sitzen Sie mit dem Lächeln der Wissenden im
Theater und hören um sich die Ahs und Ohs der naiven Gemüter – und
wissen ganz genau, wie alles kommt. Und wenn Sie weit genug
eingedrungen sind, dann lassen Sie selber die Engel fliegen und den Teufel
aufsteigen – ganz wie es Ihnen beliebt!“
„Ich will aber gar nicht,“ klagte Mette eigensinnig, „ich will es von
weitem sehen und in feenhafter Beleuchtung, und wenn ich zehnmal weiß,
daß es gemacht ist, um mich zu betrügen, so will ich doch daran glauben
können!“
„Oh, Sie Frau!“ Er tanzte mit ihr aus dem Saal in ein kleineres Zimmer
und führte sie zu einem Sessel, „wenn es nicht so komisch wäre, müßte man
euch bedauern.“ Er zog sich einen Stuhl neben sie: „Die Frauen leben doch
von Illusionen!“ Er stützte die Ellbogen auf die Knie und die Stirn auf die
Handballen. Da der kleine Stuhl viel zu niedrig für ihn war, hatte er es nicht
schwer, die langen Arme und die langen Beine zusammen zu bringen. Ohne
aufzusehen, schüttelte er den Kopf in den Händen: „Was macht denn eine
Frau in der Ehe glücklich? Die Vereinigung? Fragen Sie einmal nach! Für
fünfzig Prozent der Frauen bedeutet sie ein Martyrium. Nein, der
phantastische Gedanke einer ewigen, unveränderlichen – einer
beschworenen und unterschriebenen Treue – das ist das eheliche Glück der
Frau!“
„Dann gibt es also eigentlich keine Frau, die in der Ehe glücklich ist?“
Mette lächelte traurig. „Höchstens solche, die sich einbilden, es zu sein?“
„Das ist doch in der Praxis genau dasselbe.“ Wietinghoff zuckte leicht die
Achseln. „Ich möchte lieber krank sein und mir einbilden, ganz gesund zu
sein – wohlverstanden, solange ich mir das noch einbilden kann – als
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gesund sein und mir irgendeine schwere Krankheit einreden. Die
sogenannten Tatsachen sind doch im Leben das allerbelangloseste!“
„Ich möchte doch nicht in einem Wahn befangen glücklich sein,“ Mette
schüttelte wie abwehrend den Kopf, „lieber eine leidbringende Gewißheit,
als ein geträumtes Glück!“
„Dann sind Sie doch kein richtiges Mädchen,“ neckte Wietinghoff, „eben
wollten Sie doch noch Ihre Illusionen behalten – um jeden Preis. Aber was
ist überhaupt ‚gewiß‘, und was ist unsere Vorstellung? Damit verlieren wir
uns in die tiefsten Abgründe der Philosophie!“
„Also das, was man ganz landläufig unter ‚Gewißheit‘ versteht, meine
ich. Ich kann das Wort nicht leiden: ‚Was ich nicht weiß, macht mich nicht
heiß.‘ Es ist kein wahres Wort.“
„Es ist sehr wahr. Was Sie absolut nicht wissen und nie wissen werden –
das macht Sie auch nicht heiß. Nur was Sie zu spät wissen, kann Sie heiß
machen. Was Sie ahnen, fürchten, halb wissen.“
„Wenn Sie in einem glücklichen Rausch leben wollen,“ sagte Mette
trotzig, „dann können Sie sich betrinken oder Morphium nehmen ...“
„Das Zeug hält nur alles nicht vor,“ meinte Wietinghoff verächtlich, „ich
schwöre Ihnen, wenn es ein Gift gäbe, das einen fortwährenden und
ununterbrochenen, dreißig Jahre langen, heiteren Rausch verschafft, dann
wär ich der erste, es zu nehmen – und wenn die ganze Welt gegen das
‚Laster‘ anheulte. Merken Sie, wie wir langsam gewechselt haben?“ Er
lachte auf. „Jetzt sind Sie für Ergründung und ich für Rausch. Das heißt, ich
wäre dafür,“ setzte er ernsthaft hinzu, „wenn ich ein schlechterer Rechner
wäre! Alkoholiker, Morphinisten, Kokainisten und wie sie alle heißen, sind
keine guten Rechner. Sonst wüßten sie, daß Rausch und Elend sich
kompensiert. Und um dem Elend auch ja das Übergewicht zu geben, werfen
sie noch Kampf und Reue in die Wagschale.“ Er stand auf und reckte sich
etwas. „Nein – der beste von allen Räuschen bleibt noch die Liebe. Es ist
nicht der stärkste Rausch – aber es ist der erträglichste Jammer.“
Der Raum war jetzt ganz leer. Wietinghoff ging ein paar Schritte auf und
ab.
Mette saß in sich zusammengesunken.
„Und weiter gibt es nichts?“ fragte sie mit einer hilflosen
Handbewegung.
Er drehte sich rasch um und sah voll ins Licht. Seine großen dunklen
Pupillen zogen sich wie durch eine bewußte Muskelanstrengung zu
sogenannten Tatsachen sind doch im Leben das allerbelangloseste!“
„Ich möchte doch nicht in einem Wahn befangen glücklich sein,“ Mette
schüttelte wie abwehrend den Kopf, „lieber eine leidbringende Gewißheit,
als ein geträumtes Glück!“
„Dann sind Sie doch kein richtiges Mädchen,“ neckte Wietinghoff, „eben
wollten Sie doch noch Ihre Illusionen behalten – um jeden Preis. Aber was
ist überhaupt ‚gewiß‘, und was ist unsere Vorstellung? Damit verlieren wir
uns in die tiefsten Abgründe der Philosophie!“
„Also das, was man ganz landläufig unter ‚Gewißheit‘ versteht, meine
ich. Ich kann das Wort nicht leiden: ‚Was ich nicht weiß, macht mich nicht
heiß.‘ Es ist kein wahres Wort.“
„Es ist sehr wahr. Was Sie absolut nicht wissen und nie wissen werden –
das macht Sie auch nicht heiß. Nur was Sie zu spät wissen, kann Sie heiß
machen. Was Sie ahnen, fürchten, halb wissen.“
„Wenn Sie in einem glücklichen Rausch leben wollen,“ sagte Mette
trotzig, „dann können Sie sich betrinken oder Morphium nehmen ...“
„Das Zeug hält nur alles nicht vor,“ meinte Wietinghoff verächtlich, „ich
schwöre Ihnen, wenn es ein Gift gäbe, das einen fortwährenden und
ununterbrochenen, dreißig Jahre langen, heiteren Rausch verschafft, dann
wär ich der erste, es zu nehmen – und wenn die ganze Welt gegen das
‚Laster‘ anheulte. Merken Sie, wie wir langsam gewechselt haben?“ Er
lachte auf. „Jetzt sind Sie für Ergründung und ich für Rausch. Das heißt, ich
wäre dafür,“ setzte er ernsthaft hinzu, „wenn ich ein schlechterer Rechner
wäre! Alkoholiker, Morphinisten, Kokainisten und wie sie alle heißen, sind
keine guten Rechner. Sonst wüßten sie, daß Rausch und Elend sich
kompensiert. Und um dem Elend auch ja das Übergewicht zu geben, werfen
sie noch Kampf und Reue in die Wagschale.“ Er stand auf und reckte sich
etwas. „Nein – der beste von allen Räuschen bleibt noch die Liebe. Es ist
nicht der stärkste Rausch – aber es ist der erträglichste Jammer.“
Der Raum war jetzt ganz leer. Wietinghoff ging ein paar Schritte auf und
ab.
Mette saß in sich zusammengesunken.
„Und weiter gibt es nichts?“ fragte sie mit einer hilflosen
Handbewegung.
Er drehte sich rasch um und sah voll ins Licht. Seine großen dunklen
Pupillen zogen sich wie durch eine bewußte Muskelanstrengung zu
Page 160
schwarzen Pünktchen zusammen, daß die tiefblau gerandete Iris eisgrau
wurde.
„Doch,“ sagte er aus der Tiefe der Brust, „Kraftrausch! Arbeitsrausch!
Denkrausch!“ Ein flüchtiger Schmerz glitt über sein Gesicht.
„Schaffensrausch – das ist der höchste und vielleicht auch der stärkste –
aber das ist der Kelch für den Priester und nicht für die Gemeinde. Im
übrigen ...“ er setzte sich mit einem Ruck wieder neben sie, „wozu red’ ich
eigentlich auf Sie ein, wenn Sie gar nicht zuhören, sondern meinem Freund
Vandahl nachschauen, wie gebannt.“
„Er tanzt eigentlich sehr gut,“ sagte Mette gedankenlos – ihre Blicke
hatten wirklich Vandahl verfolgt.
„Sie müssen es wissen,“ meinte Wietinghoff spöttisch, „Sie haben ja
intensiv genug mit ihm getanzt!“
„Seltsam,“ sagte Mette, „daß Sie bei allem In-Anspruch-genommen-sein
noch Zeit und Sinn dafür haben, andere Leute zu beobachten.“
„Sie müssen nicht denken, daß ich den Eifersüchtigen spielen will,“ er
preßte einen Augenblick die Lippen zusammen, was ihm ein ganz
knabenhaftes Aussehen gab, „mit so verbrauchten Tricks arbeite ich nicht.“
„Ich denke gar nichts dergleichen.“ Mette sah ihn mit ruhiger
Freundlichkeit an. „Aber ich kann Ihnen sagen, daß es mich freuen würde,
wenn Ihr Freund Vandahl etwas weniger – intensiv tanzte. Seine – Intensität
hat mir heute schon einmal die Laune verdorben. Er sollte überhaupt nicht
tanzen, wenn seine Frau nicht tanzen kann.“
„Er verlernt es,“ lächelte Wietinghoff. „Und vielleicht würde ihn seine
Frau gar nicht mögen, wenn er nicht so ein guter Tänzer wäre. Im übrigen
ist Vandahl wirklich der beste Ehemann der Welt ...“
„Wenn das der beste ist!“ seufzte Mette leicht.
„Ernstlich. Nur ein Mann, der die Frauen braucht, liebt und vergöttert,
kann ein guter Ehemann sein. Kann er in dem Moment, wo er eine von
ihnen heiratet, seine besten Eigenschaften ablegen? Wenn sie ihn glücklich
macht, ganz sicher nicht. Höchstens, wenn er einen Drachen erwischt hat,
wird ihm das ganze Geschlecht verleidet, und er zieht sich grollend an den
Stammtisch zurück.“
„Also eigentlich,“ lachte Mette, „ist es das Zeichen einer glücklichen
Ehe, wenn der Ehemann allen andern Frauen den Hof macht.“
„Natürlich,“ stimmte Wietinghoff vergnügt bei. „Wenigstens ein Zeichen,
daß die Frau dem Mann noch nicht alle Sympathie für ihr Geschlecht
wurde.
„Doch,“ sagte er aus der Tiefe der Brust, „Kraftrausch! Arbeitsrausch!
Denkrausch!“ Ein flüchtiger Schmerz glitt über sein Gesicht.
„Schaffensrausch – das ist der höchste und vielleicht auch der stärkste –
aber das ist der Kelch für den Priester und nicht für die Gemeinde. Im
übrigen ...“ er setzte sich mit einem Ruck wieder neben sie, „wozu red’ ich
eigentlich auf Sie ein, wenn Sie gar nicht zuhören, sondern meinem Freund
Vandahl nachschauen, wie gebannt.“
„Er tanzt eigentlich sehr gut,“ sagte Mette gedankenlos – ihre Blicke
hatten wirklich Vandahl verfolgt.
„Sie müssen es wissen,“ meinte Wietinghoff spöttisch, „Sie haben ja
intensiv genug mit ihm getanzt!“
„Seltsam,“ sagte Mette, „daß Sie bei allem In-Anspruch-genommen-sein
noch Zeit und Sinn dafür haben, andere Leute zu beobachten.“
„Sie müssen nicht denken, daß ich den Eifersüchtigen spielen will,“ er
preßte einen Augenblick die Lippen zusammen, was ihm ein ganz
knabenhaftes Aussehen gab, „mit so verbrauchten Tricks arbeite ich nicht.“
„Ich denke gar nichts dergleichen.“ Mette sah ihn mit ruhiger
Freundlichkeit an. „Aber ich kann Ihnen sagen, daß es mich freuen würde,
wenn Ihr Freund Vandahl etwas weniger – intensiv tanzte. Seine – Intensität
hat mir heute schon einmal die Laune verdorben. Er sollte überhaupt nicht
tanzen, wenn seine Frau nicht tanzen kann.“
„Er verlernt es,“ lächelte Wietinghoff. „Und vielleicht würde ihn seine
Frau gar nicht mögen, wenn er nicht so ein guter Tänzer wäre. Im übrigen
ist Vandahl wirklich der beste Ehemann der Welt ...“
„Wenn das der beste ist!“ seufzte Mette leicht.
„Ernstlich. Nur ein Mann, der die Frauen braucht, liebt und vergöttert,
kann ein guter Ehemann sein. Kann er in dem Moment, wo er eine von
ihnen heiratet, seine besten Eigenschaften ablegen? Wenn sie ihn glücklich
macht, ganz sicher nicht. Höchstens, wenn er einen Drachen erwischt hat,
wird ihm das ganze Geschlecht verleidet, und er zieht sich grollend an den
Stammtisch zurück.“
„Also eigentlich,“ lachte Mette, „ist es das Zeichen einer glücklichen
Ehe, wenn der Ehemann allen andern Frauen den Hof macht.“
„Natürlich,“ stimmte Wietinghoff vergnügt bei. „Wenigstens ein Zeichen,
daß die Frau dem Mann noch nicht alle Sympathie für ihr Geschlecht
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ausgetrieben hat. Wenn ein Freund der Frauen nach der Verheiratung kein
Weib mehr ansieht, so hat er wahrscheinlich den Geschmack daran
verloren, weil er zum erstenmal eine gründlich durchschaut hat.“ – – –
An Heinrich von Rantzaus Arm ging Mette zu einem der kleinen
weißschimmernden, blumengeschmückten Tische. Sie hatte eine leise
Sympathie für Rantzaus stille und zurückhaltende Art und freute sich, von
ihm bevorzugt zu werden. Heut zum erstenmal wurde ihr die Ursache dieser
Bevorzugung klar. Er fühlte, daß sie keinerlei Ansprüche an ihn stellte – sie
verlangte keine Schmeicheleien von ihm, sie versuchte nicht, ihn durch
Blicke, Worte oder unabsichtlich scheinende Berührung in Verlegenheit zu
bringen – jedes Gespräch war ihr recht und ein langes Schweigen fast noch
lieber; er fühlte sich bei ihr nicht böswillig beobachtet und konnte ohne
Zwang, ganz kameradschaftlich mit ihr verkehren. An all das dachte Mette
nun zum erstenmal – aber es stieß sie nicht ab. In seinem
scharfgeschnittenen und energischen Gesicht lag ein leidvoller Zug um den
Mund, eine Last auf den breiten dünnen Augenlidern.
‚Armer Hund,‘ dachte Mette, ‚ich will gut mit ihm sein. Wenn er auch
zehnmal sagt: amüsier’ dich, mein Junge – es tut ihm ja doch innen alles
weh.‘
Schräg gegenüber an einem anderen Tisch saß Gwendolen neben dem
jungen Lucius. Unter den vielen hübschen und frischen Erscheinungen war
Gwen unstreitig die schönste. Sie lachte und lockte und prangte wie ein
junger Baum in der Blüte. Ihre meerfarbenen Augen unter den gebogenen
Wimpern wechselten in fortwährendem Spiel von Hell und Dunkel. Ihr
zartes, weißes Gesicht strahlte in einem kühlen Rosenschein, wie
durchleuchteter Marmor. Bei jeder Bewegung tanzten die goldflirrenden
Löckchen ihr um Stirn und Nacken.
Rantzau folgte Mettes Blick, oder vielleicht suchten seine Augen auch
Lucius. Ohne jeden Zusammenhang mit früher Gesagtem fragte er
plötzlich:
„Wie kommen Sie eigentlich zu der Freundschaft mit Fräulein Peters?“
Mette sah ihn etwas verwundert an:
„Sie fragen so, als ob irgend etwas Erstaunliches dabei wäre? Wir sind
doch ziemlich in einem Alter – ziemlich gleich erzogen ...“
Weib mehr ansieht, so hat er wahrscheinlich den Geschmack daran
verloren, weil er zum erstenmal eine gründlich durchschaut hat.“ – – –
An Heinrich von Rantzaus Arm ging Mette zu einem der kleinen
weißschimmernden, blumengeschmückten Tische. Sie hatte eine leise
Sympathie für Rantzaus stille und zurückhaltende Art und freute sich, von
ihm bevorzugt zu werden. Heut zum erstenmal wurde ihr die Ursache dieser
Bevorzugung klar. Er fühlte, daß sie keinerlei Ansprüche an ihn stellte – sie
verlangte keine Schmeicheleien von ihm, sie versuchte nicht, ihn durch
Blicke, Worte oder unabsichtlich scheinende Berührung in Verlegenheit zu
bringen – jedes Gespräch war ihr recht und ein langes Schweigen fast noch
lieber; er fühlte sich bei ihr nicht böswillig beobachtet und konnte ohne
Zwang, ganz kameradschaftlich mit ihr verkehren. An all das dachte Mette
nun zum erstenmal – aber es stieß sie nicht ab. In seinem
scharfgeschnittenen und energischen Gesicht lag ein leidvoller Zug um den
Mund, eine Last auf den breiten dünnen Augenlidern.
‚Armer Hund,‘ dachte Mette, ‚ich will gut mit ihm sein. Wenn er auch
zehnmal sagt: amüsier’ dich, mein Junge – es tut ihm ja doch innen alles
weh.‘
Schräg gegenüber an einem anderen Tisch saß Gwendolen neben dem
jungen Lucius. Unter den vielen hübschen und frischen Erscheinungen war
Gwen unstreitig die schönste. Sie lachte und lockte und prangte wie ein
junger Baum in der Blüte. Ihre meerfarbenen Augen unter den gebogenen
Wimpern wechselten in fortwährendem Spiel von Hell und Dunkel. Ihr
zartes, weißes Gesicht strahlte in einem kühlen Rosenschein, wie
durchleuchteter Marmor. Bei jeder Bewegung tanzten die goldflirrenden
Löckchen ihr um Stirn und Nacken.
Rantzau folgte Mettes Blick, oder vielleicht suchten seine Augen auch
Lucius. Ohne jeden Zusammenhang mit früher Gesagtem fragte er
plötzlich:
„Wie kommen Sie eigentlich zu der Freundschaft mit Fräulein Peters?“
Mette sah ihn etwas verwundert an:
„Sie fragen so, als ob irgend etwas Erstaunliches dabei wäre? Wir sind
doch ziemlich in einem Alter – ziemlich gleich erzogen ...“
Page 162
„Merkwürdig!“ Ein leiser Spott zuckte um seinen Mund. „Sind das die
Gesichtspunkte, nach denen Sie Ihre Freunde wählen? Ich hatte Sie etwas
anders eingeschätzt!“
„Freunde!“ sagte Mette und zog die Brauen hoch. „Zu Freundinnen
haben andere Leute uns gemacht. Sie haben mich sicher noch nie sagen
hören: meine Freundin Gwendolen Peters. Ich habe in meinem ganzen
Leben erst von einem Menschen gesagt: meine Freundin ...“
Rantzau fiel ihr ins Wort, leise, flüchtig, und doch war eine verhaltene
Dringlichkeit in seiner Stimme:
„Sie sagen es nicht mehr?“
„Meine Freundin ist tot.“
Er schwieg. Er sagte kein bedauerndes „ah“ oder „oh“, und Mette war
ihm dankbar dafür.
Ihr war seltsam zumute. Sie saß in diesem fremden Raum, sah viele
fremde Gesichter um sich und erzählte einem fremden Mann von Olga
Radós Tod. Sie trug ein helles, festliches Kleid und hatte getanzt und
gelacht und geplaudert. Wein schimmerte vor ihr im geschliffenen Kelch,
Blumen leuchteten in kristallenen Vasen vom weißglänzenden Damast, und
ihr Duft mischte sich mit mannigfachem Wohlgeruch, der von nackten,
gepuderten Frauenschultern aufstieg. Stimmen schwirrten fröhlich
durcheinander und übertäubten doch nicht das leise Klirren von Glas und
Silber und den süßen Gesang der Geigen.
Und hier saß Mette Rudloff und zerschnitt auf dem Teller eine Scheibe
saftigen Rehbratens und sagte dabei:
„Meine Freundin ist tot.“
Die Tage und Wochen der Qual und Verzweiflung wollten wieder
aufsteigen. Mette hatte sie nicht vergessen: die Stunde, da sie es erfahren
hatte, den Augenblick, da sie den Revolver berührte, den Weg über die
Straße, als sie von Peterchen nach Hause ging und so gern ihr Gesicht vor
den Leuten versteckt hätte, weil sie das Gefühl hatte, als sei ihr ganzes
Gesicht eine offene blutende Wunde, in die jeder neugierige Blick Schmutz
und Steine werfe. Sie wußte das alles. Aber sie konnte nicht mehr
unterscheiden, was Traum und was Wirklichkeit war. Vielleicht war dies
Traum: der helle Saal, und die Musik, und diese festfrohen Menschen, von
denen sie keinen länger als ein paar Monate kannte. Vielleicht war alles
andere Traum gewesen, alles Große, Hinreißende, Quälende, Schmerzende,
und all das Trübe und Wirre der letzten Zeit. Vielleicht war dies ihr Leben –
Gesichtspunkte, nach denen Sie Ihre Freunde wählen? Ich hatte Sie etwas
anders eingeschätzt!“
„Freunde!“ sagte Mette und zog die Brauen hoch. „Zu Freundinnen
haben andere Leute uns gemacht. Sie haben mich sicher noch nie sagen
hören: meine Freundin Gwendolen Peters. Ich habe in meinem ganzen
Leben erst von einem Menschen gesagt: meine Freundin ...“
Rantzau fiel ihr ins Wort, leise, flüchtig, und doch war eine verhaltene
Dringlichkeit in seiner Stimme:
„Sie sagen es nicht mehr?“
„Meine Freundin ist tot.“
Er schwieg. Er sagte kein bedauerndes „ah“ oder „oh“, und Mette war
ihm dankbar dafür.
Ihr war seltsam zumute. Sie saß in diesem fremden Raum, sah viele
fremde Gesichter um sich und erzählte einem fremden Mann von Olga
Radós Tod. Sie trug ein helles, festliches Kleid und hatte getanzt und
gelacht und geplaudert. Wein schimmerte vor ihr im geschliffenen Kelch,
Blumen leuchteten in kristallenen Vasen vom weißglänzenden Damast, und
ihr Duft mischte sich mit mannigfachem Wohlgeruch, der von nackten,
gepuderten Frauenschultern aufstieg. Stimmen schwirrten fröhlich
durcheinander und übertäubten doch nicht das leise Klirren von Glas und
Silber und den süßen Gesang der Geigen.
Und hier saß Mette Rudloff und zerschnitt auf dem Teller eine Scheibe
saftigen Rehbratens und sagte dabei:
„Meine Freundin ist tot.“
Die Tage und Wochen der Qual und Verzweiflung wollten wieder
aufsteigen. Mette hatte sie nicht vergessen: die Stunde, da sie es erfahren
hatte, den Augenblick, da sie den Revolver berührte, den Weg über die
Straße, als sie von Peterchen nach Hause ging und so gern ihr Gesicht vor
den Leuten versteckt hätte, weil sie das Gefühl hatte, als sei ihr ganzes
Gesicht eine offene blutende Wunde, in die jeder neugierige Blick Schmutz
und Steine werfe. Sie wußte das alles. Aber sie konnte nicht mehr
unterscheiden, was Traum und was Wirklichkeit war. Vielleicht war dies
Traum: der helle Saal, und die Musik, und diese festfrohen Menschen, von
denen sie keinen länger als ein paar Monate kannte. Vielleicht war alles
andere Traum gewesen, alles Große, Hinreißende, Quälende, Schmerzende,
und all das Trübe und Wirre der letzten Zeit. Vielleicht war dies ihr Leben –
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das Leben, zu dem sie geboren war – das zu den weißen gestickten
Kleidchen paßte und zu dem großelterlichen Garten.
Und einen flüchtigen Augenblick war ihr, als hätte sie gar kein Recht zu
sagen: meine Freundin ist tot. Als wäre sie noch zu jung, um irgendein Leid
erfahren zu haben, als schmücke sie sich mit einem erdichteten Schmerz,
um sich dem ernsten und abgesonderten Mann gegenüber einen Schein von
Gleichberechtigung zu geben.
Die schlimmen Tage stiegen wieder auf – aber sie stiegen auf wie
schattenhafte Gespenster, durch deren durchsichtige Leiber der
lichterstrahlende Saal schimmerte. Sie waren ohne Farbe und Leben, weil
sie nicht mehr das Blut aus Mettes tiefen Wunden tranken. – – –
Mette saß neben Gwendolen im Wagen.
„Ich seh’ wohl furchtbar um den Kopf aus?“ sagte Gwen, „wenn Mama
mich so sieht, dann fängt sie ihre alte Predigt wieder an, ich müßte ein Netz
tragen. Hassen Sie Haarnetze auch so wie ich, Mette? Wie kommt es, daß
Ihr Haar so gut hält? Sie haben doch auch getanzt! Mama würde ihre
Freude an Ihnen haben! Mama hat Sie überhaupt schrecklich gern – Sie
werden mir immer als Muster vorgehalten. Aber selbst das kann Sie mir
nicht verekeln. Ich bin schon sehr angetan von Ihnen, wirklich – aber ich
glaube, Sie können mich nicht leiden.“
Mette legte leicht den Arm um ihre Schultern.
„Kleine, törichte Gwen,“ sagte sie lächelnd, „Sie glauben ja selber nicht,
was Sie da schwatzen.“
„Ach ja,“ sagte Gwen und schmiegte sich wie ein Kätzchen an sie,
„lassen Sie den Arm so liegen, das tut gut. Ich weiß ganz genau, was ich
rede, Mama sagt zwar immer: schweig, du bist betanzt, weil sie behauptet,
ich rede nach dem Tanzen so viel Unsinn – noch mehr als sonst. Aber ich
bin wirklich nicht betanzt, und ich weiß sehr genau, daß ich Sie gern habe –
und ich weiß auch, daß Sie mich nicht leiden können – Sie widersprechen ja
auch gar nicht – dazu sind Sie viel zu ehrlich. Sie sagen: schwatz keinen
Unsinn, kleine Gwen – das sagt man zu kleinen Kindern auch immer, wenn
sie zufällig die Wahrheit treffen. Aber ich will Sie nicht in Verlegenheit
bringen – Sie machen schon ganz traurige Augen, weil Sie nicht wissen,
wie Sie sich aus der Affäre ziehen sollen.“
Kleidchen paßte und zu dem großelterlichen Garten.
Und einen flüchtigen Augenblick war ihr, als hätte sie gar kein Recht zu
sagen: meine Freundin ist tot. Als wäre sie noch zu jung, um irgendein Leid
erfahren zu haben, als schmücke sie sich mit einem erdichteten Schmerz,
um sich dem ernsten und abgesonderten Mann gegenüber einen Schein von
Gleichberechtigung zu geben.
Die schlimmen Tage stiegen wieder auf – aber sie stiegen auf wie
schattenhafte Gespenster, durch deren durchsichtige Leiber der
lichterstrahlende Saal schimmerte. Sie waren ohne Farbe und Leben, weil
sie nicht mehr das Blut aus Mettes tiefen Wunden tranken. – – –
Mette saß neben Gwendolen im Wagen.
„Ich seh’ wohl furchtbar um den Kopf aus?“ sagte Gwen, „wenn Mama
mich so sieht, dann fängt sie ihre alte Predigt wieder an, ich müßte ein Netz
tragen. Hassen Sie Haarnetze auch so wie ich, Mette? Wie kommt es, daß
Ihr Haar so gut hält? Sie haben doch auch getanzt! Mama würde ihre
Freude an Ihnen haben! Mama hat Sie überhaupt schrecklich gern – Sie
werden mir immer als Muster vorgehalten. Aber selbst das kann Sie mir
nicht verekeln. Ich bin schon sehr angetan von Ihnen, wirklich – aber ich
glaube, Sie können mich nicht leiden.“
Mette legte leicht den Arm um ihre Schultern.
„Kleine, törichte Gwen,“ sagte sie lächelnd, „Sie glauben ja selber nicht,
was Sie da schwatzen.“
„Ach ja,“ sagte Gwen und schmiegte sich wie ein Kätzchen an sie,
„lassen Sie den Arm so liegen, das tut gut. Ich weiß ganz genau, was ich
rede, Mama sagt zwar immer: schweig, du bist betanzt, weil sie behauptet,
ich rede nach dem Tanzen so viel Unsinn – noch mehr als sonst. Aber ich
bin wirklich nicht betanzt, und ich weiß sehr genau, daß ich Sie gern habe –
und ich weiß auch, daß Sie mich nicht leiden können – Sie widersprechen ja
auch gar nicht – dazu sind Sie viel zu ehrlich. Sie sagen: schwatz keinen
Unsinn, kleine Gwen – das sagt man zu kleinen Kindern auch immer, wenn
sie zufällig die Wahrheit treffen. Aber ich will Sie nicht in Verlegenheit
bringen – Sie machen schon ganz traurige Augen, weil Sie nicht wissen,
wie Sie sich aus der Affäre ziehen sollen.“
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„Ich dachte daran,“ sagte Mette aufrichtig, „daß Sie ein so entzückendes
kleines Menschenwesen sind – und daß ich Sie herzlich gern habe – und
daß ich Sie trotzdem heut verleugnet habe und gesagt, Sie wären nicht
meine Freundin.“
„Bei Tisch,“ Gwendolen nickte ernsthaft, „ich hab’ es gefühlt. Aber das
nehm’ ich Ihnen nicht übel,“ sie lächelte, „Sie durften das auch nicht
zugeben, wenn Sie bei meinem lieben Heinrich nicht in Ungnade fallen
wollten. Hat er nicht gesagt, ich wäre eine Kanaille?“
„Er hat gar nichts gesagt,“ widersprach Mette erschrocken, „wie kommen
Sie überhaupt darauf, daß es Rantzau gegenüber war?“
„Weil ich ihn kenne!“ triumphierte Gwen. „Er haßt mich doch wie – wie
die Sünde ist entschieden nicht das richtige Wort. Ich weiß es aber, und ich
weiß auch warum.“
Mette fühlte sich durch diese Worte und noch mehr durch den Ausdruck
ihres Gesichts etwas abgestoßen.
‚Sie ist doch wie alle Frauen,‘ dachte sie verächtlich. ‚Sie bildet sich jetzt
ein, daß Heinrich von Rantzau sie haßt, weil er eine unerwiderte Liebe zu
ihr hat! Sie wird mir jetzt erzählen, daß sie ihn bei irgendeiner Gelegenheit
hat abfallen lassen. Eine andere Möglichkeit findet gar keinen Platz in dem
Gehirn dieser Weibchen.‘
„Soll ich Ihnen erzählen, warum Ihr Freund mich nicht ausstehen kann?“
Tausend Kobolde tanzten auf Gwens Gesicht.
„Bitte!“ sagte Mette ziemlich kühl.
„Ich habe ihm einen Freund abspenstig gemacht!“
„Was heißt das: einen Freund abspenstig gemacht?“ Mette horchte auf,
„kann eine Frau einem Mann den Freund abspenstig machen?“
„Herrn von Rantzau? – o ja! Denn er begehrt seine Freunde ganz und gar
für sich – mit Haut und Haar – mit Leib und Seele. – Tun Sie doch nicht so,
Sie Unschuldsengel, als wenn Sie nicht gemerkt hätten, was die ganze Stadt
weiß!“
„Seltsam,“ Mette schüttelte den Kopf, „was eine Stadt alles weiß!“
„Viel seltsamer, was sie nicht weiß!“ lachte Gwen, „was alles in ihrem
Innern vorgeht, ohne daß sie eine Ahnung davon hat! – Aber Rantzau ist
bekannt, weil er gemeingefährlich ist. Er hat einen Einfluß auf die jungen
Leute, der geradezu unheimlich ist. Er hat doch immer einen ganzen Kreis
um sich, der ihn direkt vergöttert. Aber ich mag das gar nicht ...“
„Wenn ein anderer vergöttert wird?“ neckte Mette.
kleines Menschenwesen sind – und daß ich Sie herzlich gern habe – und
daß ich Sie trotzdem heut verleugnet habe und gesagt, Sie wären nicht
meine Freundin.“
„Bei Tisch,“ Gwendolen nickte ernsthaft, „ich hab’ es gefühlt. Aber das
nehm’ ich Ihnen nicht übel,“ sie lächelte, „Sie durften das auch nicht
zugeben, wenn Sie bei meinem lieben Heinrich nicht in Ungnade fallen
wollten. Hat er nicht gesagt, ich wäre eine Kanaille?“
„Er hat gar nichts gesagt,“ widersprach Mette erschrocken, „wie kommen
Sie überhaupt darauf, daß es Rantzau gegenüber war?“
„Weil ich ihn kenne!“ triumphierte Gwen. „Er haßt mich doch wie – wie
die Sünde ist entschieden nicht das richtige Wort. Ich weiß es aber, und ich
weiß auch warum.“
Mette fühlte sich durch diese Worte und noch mehr durch den Ausdruck
ihres Gesichts etwas abgestoßen.
‚Sie ist doch wie alle Frauen,‘ dachte sie verächtlich. ‚Sie bildet sich jetzt
ein, daß Heinrich von Rantzau sie haßt, weil er eine unerwiderte Liebe zu
ihr hat! Sie wird mir jetzt erzählen, daß sie ihn bei irgendeiner Gelegenheit
hat abfallen lassen. Eine andere Möglichkeit findet gar keinen Platz in dem
Gehirn dieser Weibchen.‘
„Soll ich Ihnen erzählen, warum Ihr Freund mich nicht ausstehen kann?“
Tausend Kobolde tanzten auf Gwens Gesicht.
„Bitte!“ sagte Mette ziemlich kühl.
„Ich habe ihm einen Freund abspenstig gemacht!“
„Was heißt das: einen Freund abspenstig gemacht?“ Mette horchte auf,
„kann eine Frau einem Mann den Freund abspenstig machen?“
„Herrn von Rantzau? – o ja! Denn er begehrt seine Freunde ganz und gar
für sich – mit Haut und Haar – mit Leib und Seele. – Tun Sie doch nicht so,
Sie Unschuldsengel, als wenn Sie nicht gemerkt hätten, was die ganze Stadt
weiß!“
„Seltsam,“ Mette schüttelte den Kopf, „was eine Stadt alles weiß!“
„Viel seltsamer, was sie nicht weiß!“ lachte Gwen, „was alles in ihrem
Innern vorgeht, ohne daß sie eine Ahnung davon hat! – Aber Rantzau ist
bekannt, weil er gemeingefährlich ist. Er hat einen Einfluß auf die jungen
Leute, der geradezu unheimlich ist. Er hat doch immer einen ganzen Kreis
um sich, der ihn direkt vergöttert. Aber ich mag das gar nicht ...“
„Wenn ein anderer vergöttert wird?“ neckte Mette.
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„Ja, sehr richtig,“ bestätigte Gwen trotzig, „aber vor allen Dingen kann
ich es nicht vertragen, wenn ein Mann von Männern vergöttert wird. Ich
weiß nicht, ob ich es erklären kann: sehen Sie, das Ursprünglichste im
Menschen ist doch das Geschlecht. Die große Zweiteilung alles Lebenden –
das stammt nicht von mir, natürlich. Viel später kommt dann die Einteilung
in Rassen, die Rassen scheiden sich in Nationen, die Nationen in Klassen
und in Familien – alles befehdet sich untereinander. Ich bin Bürger
gegenüber dem Adel, und Aristokrat gegenüber der Plebs. Ich bin Germane
dem Romanen gegenüber, und Arier gegenüber dem Semiten. Aber das alles
kann ich vergessen, weil es mir erst beigebracht worden ist. Aber zu
allererst bin ich Weib gegenüber dem Mann, und die unverzeihlichste
Beleidigung ist die, die man meinem Geschlecht zufügt. Verstehen Sie das
nicht? Wenn ein Mann mich nicht ansieht, weil er eine andere Frau anbetet,
so kränkt das meine Eitelkeit gar nicht – aber ein Mann, dem keine Frau gut
genug ist, der einem Mann anhängt, der mein ganzes Geschlecht verachtet –
o, das kann mich zur Raserei stacheln. Rantzau ist unerschütterlich – das
weiß ich – aber seine Favoriten lock ich ihm weg, einen nach dem andern.
Solange ich denken kann – nein, solange ich fühlen kann, führen wir einen
erbitterten Kampf. Wissen Sie, Mette, daß es mir manchmal ist wie eine
heilige Aufgabe und gar nicht wie ein amüsantes Spiel?“ Ihre Augen
brannten in einem seltsamen Licht wie blaue Edelsteine. „Der, von dem ich
zuerst sprach, Friedel Reimer – den hat er wahnsinnig geliebt – und der ist
jetzt sehr glücklich verheiratet. Was hab’ ich davon? Aber manchmal, wenn
ich die Frau sehe, denk’ ich: das dankst du mir und ahnst nichts davon.“
„Was sind Sie für ein wunderliches Gemisch,“ Mette betrachtete sie mit
nachdenklichem Kopfschütteln, „so ein wohlerzogenes behütetes Kind und
...“
„Und dabei? ... sprechen Sie’s ruhig aus!“
„Ach, nichts ... sagen Sie mir nur – wie kommt es, daß Ihre Eltern von
alledem nichts merken ... zum Beispiel von Heinrich Rantzau, von dessen
Ruf doch die ganze Stadt weiß?“
„Eltern,“ sagte Gwen mit überlegenem Lächeln, „wissen Sie nicht, Mette,
daß Eltern mit tödlicher Sicherheit immer nur das bemerken, was nicht
vorhanden ist?“
ich es nicht vertragen, wenn ein Mann von Männern vergöttert wird. Ich
weiß nicht, ob ich es erklären kann: sehen Sie, das Ursprünglichste im
Menschen ist doch das Geschlecht. Die große Zweiteilung alles Lebenden –
das stammt nicht von mir, natürlich. Viel später kommt dann die Einteilung
in Rassen, die Rassen scheiden sich in Nationen, die Nationen in Klassen
und in Familien – alles befehdet sich untereinander. Ich bin Bürger
gegenüber dem Adel, und Aristokrat gegenüber der Plebs. Ich bin Germane
dem Romanen gegenüber, und Arier gegenüber dem Semiten. Aber das alles
kann ich vergessen, weil es mir erst beigebracht worden ist. Aber zu
allererst bin ich Weib gegenüber dem Mann, und die unverzeihlichste
Beleidigung ist die, die man meinem Geschlecht zufügt. Verstehen Sie das
nicht? Wenn ein Mann mich nicht ansieht, weil er eine andere Frau anbetet,
so kränkt das meine Eitelkeit gar nicht – aber ein Mann, dem keine Frau gut
genug ist, der einem Mann anhängt, der mein ganzes Geschlecht verachtet –
o, das kann mich zur Raserei stacheln. Rantzau ist unerschütterlich – das
weiß ich – aber seine Favoriten lock ich ihm weg, einen nach dem andern.
Solange ich denken kann – nein, solange ich fühlen kann, führen wir einen
erbitterten Kampf. Wissen Sie, Mette, daß es mir manchmal ist wie eine
heilige Aufgabe und gar nicht wie ein amüsantes Spiel?“ Ihre Augen
brannten in einem seltsamen Licht wie blaue Edelsteine. „Der, von dem ich
zuerst sprach, Friedel Reimer – den hat er wahnsinnig geliebt – und der ist
jetzt sehr glücklich verheiratet. Was hab’ ich davon? Aber manchmal, wenn
ich die Frau sehe, denk’ ich: das dankst du mir und ahnst nichts davon.“
„Was sind Sie für ein wunderliches Gemisch,“ Mette betrachtete sie mit
nachdenklichem Kopfschütteln, „so ein wohlerzogenes behütetes Kind und
...“
„Und dabei? ... sprechen Sie’s ruhig aus!“
„Ach, nichts ... sagen Sie mir nur – wie kommt es, daß Ihre Eltern von
alledem nichts merken ... zum Beispiel von Heinrich Rantzau, von dessen
Ruf doch die ganze Stadt weiß?“
„Eltern,“ sagte Gwen mit überlegenem Lächeln, „wissen Sie nicht, Mette,
daß Eltern mit tödlicher Sicherheit immer nur das bemerken, was nicht
vorhanden ist?“
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„Ichmankomme gleich,“ rief Gwendolen hinter der Tür des Badezimmers, wo
das Plätschern des Wassers, das Rieseln der Brause hörte, „setz’
dich Metting-Betting und sieh dir ein Buch an! In fünf Minuten bin ich
fertig.“
„Ich habe Zeit,“ gab Mette ruhig zurück.
Gwen bemühte sich trotzdem, ihr das Warten zu verkürzen:
„Du kannst dir immer etwas ansehen – auf dem Tisch liegt ein Paket, ein
dickes, weiches, das pack mal aus. Ich hab’ mir heut Strümpfe gekauft –
wie findest du sie? Sind sie nicht blendend? Aber was darunter liegt, darfst
du nicht aufmachen – so etwas flaches, in Seidenpapier ... ach, ich zeig’ es
dir ja doch! Mach es ruhig auf ...“
„Ich bin nicht neugierig.“
„Doch, doch, du sollst es sogar aufmachen. Es ist besser, du siehst es,
wenn ich nicht dabei bin – dann kann ich wenigstens nicht rot werden.
Mach schnell – in zwei Minuten komm ich! Hörst du? Ich entsteige schon
plätschernd den kristallenen Fluten! Sowie ich halbwegs trocken bin,
erscheine ich!“
Mette schlug die Seidenpapierhülle auseinander. Fred Wietinghoffs
Gesicht sah sie an, lebendig und ausdrucksvoll. Eine helle Freude
durchzuckte sie, als sie die schönen Züge sah, und fast zugleich der
kindische Wunsch, das Bild zu entwenden, um es immer vor sich sehen zu
können und sich daran zu erfreuen, wenn sie sehr weit von hier sein würde.
Denn in diesem Augenblick war es ihr ohne jede Überlegung ganz
bewußt, daß sie in kurzer Zeit die Stadt verlassen würde. Sie hatte noch nie
mit einem Gedanken die Möglichkeit gestreift, den Aufenthalt zu wechseln
und sah sich jetzt mit visionärer Deutlichkeit – die so selbstverständlich
war, daß sie nichts Erschreckendes hatte – in einer tiefen Einsamkeit, in der
dies Bild ihr eine freundliche Gesellschaft sein könnte.
Sie erschrak, als sich Gwen über ihre Schulter neigte.
„Schönes Bild, nicht?“ lachte sie, „du bist jetzt so zusammengezuckt, daß
ich mir einbilden könnte, du hättest ein kleines Faible für ihn. Gestehe,
Mettiling, wie ist es? Na, heraus mit der Wahrheit – du warst sehr vertieft in
den Anblick – so vertieft, daß du mich gar nicht hast kommen hören.“
das Plätschern des Wassers, das Rieseln der Brause hörte, „setz’
dich Metting-Betting und sieh dir ein Buch an! In fünf Minuten bin ich
fertig.“
„Ich habe Zeit,“ gab Mette ruhig zurück.
Gwen bemühte sich trotzdem, ihr das Warten zu verkürzen:
„Du kannst dir immer etwas ansehen – auf dem Tisch liegt ein Paket, ein
dickes, weiches, das pack mal aus. Ich hab’ mir heut Strümpfe gekauft –
wie findest du sie? Sind sie nicht blendend? Aber was darunter liegt, darfst
du nicht aufmachen – so etwas flaches, in Seidenpapier ... ach, ich zeig’ es
dir ja doch! Mach es ruhig auf ...“
„Ich bin nicht neugierig.“
„Doch, doch, du sollst es sogar aufmachen. Es ist besser, du siehst es,
wenn ich nicht dabei bin – dann kann ich wenigstens nicht rot werden.
Mach schnell – in zwei Minuten komm ich! Hörst du? Ich entsteige schon
plätschernd den kristallenen Fluten! Sowie ich halbwegs trocken bin,
erscheine ich!“
Mette schlug die Seidenpapierhülle auseinander. Fred Wietinghoffs
Gesicht sah sie an, lebendig und ausdrucksvoll. Eine helle Freude
durchzuckte sie, als sie die schönen Züge sah, und fast zugleich der
kindische Wunsch, das Bild zu entwenden, um es immer vor sich sehen zu
können und sich daran zu erfreuen, wenn sie sehr weit von hier sein würde.
Denn in diesem Augenblick war es ihr ohne jede Überlegung ganz
bewußt, daß sie in kurzer Zeit die Stadt verlassen würde. Sie hatte noch nie
mit einem Gedanken die Möglichkeit gestreift, den Aufenthalt zu wechseln
und sah sich jetzt mit visionärer Deutlichkeit – die so selbstverständlich
war, daß sie nichts Erschreckendes hatte – in einer tiefen Einsamkeit, in der
dies Bild ihr eine freundliche Gesellschaft sein könnte.
Sie erschrak, als sich Gwen über ihre Schulter neigte.
„Schönes Bild, nicht?“ lachte sie, „du bist jetzt so zusammengezuckt, daß
ich mir einbilden könnte, du hättest ein kleines Faible für ihn. Gestehe,
Mettiling, wie ist es? Na, heraus mit der Wahrheit – du warst sehr vertieft in
den Anblick – so vertieft, daß du mich gar nicht hast kommen hören.“
Page 167
Mette legte das Bild aus der Hand, ohne es noch einmal mit einem Blick
zu streifen.
„Weil ich mit meinen Gedanken ganz wo anders war,“ sagte sie, immer
noch abwesend.
„Schade,“ neckte Gwen, „wo anders als bei Fred Wietinghoff? Aber bei
mir auch nicht, fürchte ich. Sehr weit weg? Willst du mir nicht sagen, wo?“
Sie legte die weichen, nackten Arme schmeichelnd um Mettes Hals und
preßte sie gegen ihre Wangen.
„Ich weiß selbst nicht, wo,“ sagte Mette nachsinnend. „In keiner
Vergangenheit und keiner Gegenwart. Irgendwo, wo ich noch niemals war.
Vielleicht in der Zukunft. Ich habe das Gefühl – ganz unklar und
verschwommen – von einem verschneiten einsamen Haus.“
Gwen faßte sie rüttelnd an den Schultern:
„Komm wieder,“ rief sie, „du sollst jetzt hier sein und nicht in
verschneiten Einsamkeiten. Wie findest du unsern Freund Freddy?“
„Unsern Freund,“ wiederholte Mette lächelnd.
„Natürlich ‚unsern‘. Er ist dein Freund so gut wie meiner. Er schätzt dich
sehr – oh, sehr!“
„Das sagt er nur, um dich eifersüchtig zu machen,“ sagte Mette tröstend.
„Mich eifersüchtig!“ Gwen lachte hell auf, „nein, so kleinlich bin ich
nicht. Und außerdem stehst du mir viel zu nah – ich werde immer ganz stolz
– wirklich, mein Herz wird ordentlich heiß und groß, wenn ich höre, wie
andere Leute von dir schwärmen. Und Fred Wietinghoff schwärmt sehr oft
von dir ...“
‚Er sollte mir das Bild schenken,‘ dachte Mette, ‚wenn er mich wirklich
schätzt, oder von mir schwärmt – wenn nicht alles bloß unsinniges Gerede
ist – dann sollte er mir dies Bild schenken. Weiter will ich nichts von ihm
...‘
„Magst du ihn eigentlich?“ Gwen fragte es leichthin. Aber Metten schien
es, als würde sie von einem Blick gestreift, der etwas Beobachtendes – ja
fast Lauerndes hatte.
Sie zuckte die Achseln.
„Er sieht gut aus und hat ein sehr angenehmes Wesen,“ sagte sie
gleichmütig.
„Mehr nicht?“
Mette hatte keine Lust, zu antworten.
„Noch mehr? Ich weiß ja nicht viel mehr von ihm.“
zu streifen.
„Weil ich mit meinen Gedanken ganz wo anders war,“ sagte sie, immer
noch abwesend.
„Schade,“ neckte Gwen, „wo anders als bei Fred Wietinghoff? Aber bei
mir auch nicht, fürchte ich. Sehr weit weg? Willst du mir nicht sagen, wo?“
Sie legte die weichen, nackten Arme schmeichelnd um Mettes Hals und
preßte sie gegen ihre Wangen.
„Ich weiß selbst nicht, wo,“ sagte Mette nachsinnend. „In keiner
Vergangenheit und keiner Gegenwart. Irgendwo, wo ich noch niemals war.
Vielleicht in der Zukunft. Ich habe das Gefühl – ganz unklar und
verschwommen – von einem verschneiten einsamen Haus.“
Gwen faßte sie rüttelnd an den Schultern:
„Komm wieder,“ rief sie, „du sollst jetzt hier sein und nicht in
verschneiten Einsamkeiten. Wie findest du unsern Freund Freddy?“
„Unsern Freund,“ wiederholte Mette lächelnd.
„Natürlich ‚unsern‘. Er ist dein Freund so gut wie meiner. Er schätzt dich
sehr – oh, sehr!“
„Das sagt er nur, um dich eifersüchtig zu machen,“ sagte Mette tröstend.
„Mich eifersüchtig!“ Gwen lachte hell auf, „nein, so kleinlich bin ich
nicht. Und außerdem stehst du mir viel zu nah – ich werde immer ganz stolz
– wirklich, mein Herz wird ordentlich heiß und groß, wenn ich höre, wie
andere Leute von dir schwärmen. Und Fred Wietinghoff schwärmt sehr oft
von dir ...“
‚Er sollte mir das Bild schenken,‘ dachte Mette, ‚wenn er mich wirklich
schätzt, oder von mir schwärmt – wenn nicht alles bloß unsinniges Gerede
ist – dann sollte er mir dies Bild schenken. Weiter will ich nichts von ihm
...‘
„Magst du ihn eigentlich?“ Gwen fragte es leichthin. Aber Metten schien
es, als würde sie von einem Blick gestreift, der etwas Beobachtendes – ja
fast Lauerndes hatte.
Sie zuckte die Achseln.
„Er sieht gut aus und hat ein sehr angenehmes Wesen,“ sagte sie
gleichmütig.
„Mehr nicht?“
Mette hatte keine Lust, zu antworten.
„Noch mehr? Ich weiß ja nicht viel mehr von ihm.“
Page 168
„Er ist diskret und verläßlich,“ sagte Gwen nach kurzem Zögern. Dann
stieß sie ein leises Lachen durch die Zähne: „Und er hat einen sehr guten
Geschmack!“
„Vielleicht,“ sagte Mette etwas abwehrend.
Es lag ihr nicht daran, irgendwelche Vertraulichkeiten zu erfahren. Sie
hatte manchmal ein Gefühl von Angst gegenüber diesem blondlockigen
Kind – sie scheute sich oft, eine Frage zu stellen, weil sie die Antwort nicht
hören wollte – eine Antwort, die eine dünne Decke von Abgründen riß.
Gwen strich ihr plötzlich mir einer kindlichen Bewegung über die
Wangen.
„Sei nicht böse,“ bat sie leise.
Mette legte die Lippen leicht gegen die kleine weiche duftende Hand.
„Warum sollte ich dir denn böse sein, du Kindskopf?“ fragte sie lächelnd.
Aber sie wußte ganz genau, daß sie böse gewesen war.
„Erzähl mir was!“ bettelte Gwen. „Ja, setz’ dich ’n büschen zu mir und
erzähl mir was. Ich leg mich hin – ich bin etwas müde vom Baden, und du
setzt dich neben mich und wir klöhnen ein bißchen.“
Mit der einen Hand zog sie Metten schmeichelnd nach dem Diwan, mit
der andern hielt sie den Kimono aus schwerem pfirsichblütfarbenen
Chinakrepp zusammen, unter dem sich alle Linien des schlanken weichen
Körpers zeichneten.
Sie schob sich die Kissenberge zurecht und kauerte sich voll
Wohlbehagen hinein.
Mette saß still und aufrecht neben ihr auf einem Stuhl. Sie kam sich
selbst immer ein wenig steif vor neben dieser schmiegsamen Anmut, und
ein wenig frostig neben dem warmen Hauch dieses sonnigen Wesens.
„Weißt du, Mette,“ sagte Gwen nach einer Weile fast traurig, „daß ich dir
eigentlich nicht um einen Schritt näher gekommen bin seit dem ersten Tage,
den du hier bist? Du erlaubst mir, dich zu duzen. Du duzt mich auch
manchmal – meistens vergißt du es, wahrscheinlich, weil es dir so gegen die
Natur geht. Nein, nein, du brauchst gar nicht erst einen höflichen Versuch
zum Widerspruch zu machen! Du bist mir sehr fremd – nie, nie, nie erzählst
du irgend etwas von dir aus eigenem Antrieb. Manchmal beantwortest du
mir eine von zehn Fragen. Ach, ich trau’ mich schon gar nicht mehr, irgend
etwas zu fragen, weil ich denke, ich verscheuche dich dadurch, daß du
überhaupt nicht wiederkommst.“
stieß sie ein leises Lachen durch die Zähne: „Und er hat einen sehr guten
Geschmack!“
„Vielleicht,“ sagte Mette etwas abwehrend.
Es lag ihr nicht daran, irgendwelche Vertraulichkeiten zu erfahren. Sie
hatte manchmal ein Gefühl von Angst gegenüber diesem blondlockigen
Kind – sie scheute sich oft, eine Frage zu stellen, weil sie die Antwort nicht
hören wollte – eine Antwort, die eine dünne Decke von Abgründen riß.
Gwen strich ihr plötzlich mir einer kindlichen Bewegung über die
Wangen.
„Sei nicht böse,“ bat sie leise.
Mette legte die Lippen leicht gegen die kleine weiche duftende Hand.
„Warum sollte ich dir denn böse sein, du Kindskopf?“ fragte sie lächelnd.
Aber sie wußte ganz genau, daß sie böse gewesen war.
„Erzähl mir was!“ bettelte Gwen. „Ja, setz’ dich ’n büschen zu mir und
erzähl mir was. Ich leg mich hin – ich bin etwas müde vom Baden, und du
setzt dich neben mich und wir klöhnen ein bißchen.“
Mit der einen Hand zog sie Metten schmeichelnd nach dem Diwan, mit
der andern hielt sie den Kimono aus schwerem pfirsichblütfarbenen
Chinakrepp zusammen, unter dem sich alle Linien des schlanken weichen
Körpers zeichneten.
Sie schob sich die Kissenberge zurecht und kauerte sich voll
Wohlbehagen hinein.
Mette saß still und aufrecht neben ihr auf einem Stuhl. Sie kam sich
selbst immer ein wenig steif vor neben dieser schmiegsamen Anmut, und
ein wenig frostig neben dem warmen Hauch dieses sonnigen Wesens.
„Weißt du, Mette,“ sagte Gwen nach einer Weile fast traurig, „daß ich dir
eigentlich nicht um einen Schritt näher gekommen bin seit dem ersten Tage,
den du hier bist? Du erlaubst mir, dich zu duzen. Du duzt mich auch
manchmal – meistens vergißt du es, wahrscheinlich, weil es dir so gegen die
Natur geht. Nein, nein, du brauchst gar nicht erst einen höflichen Versuch
zum Widerspruch zu machen! Du bist mir sehr fremd – nie, nie, nie erzählst
du irgend etwas von dir aus eigenem Antrieb. Manchmal beantwortest du
mir eine von zehn Fragen. Ach, ich trau’ mich schon gar nicht mehr, irgend
etwas zu fragen, weil ich denke, ich verscheuche dich dadurch, daß du
überhaupt nicht wiederkommst.“
Page 169
„Was weiß ich denn von dir?“ fragte Mette, ohne sie anzusehen, „du bist
mir genau so fremd. Du hast ein sehr kindliches und offenes Wesen – ich
hab’ vielleicht ein verschlosseneres und kälteres – aber im Grunde stecken
vielleicht hinter deiner harmlosen kleinen Larve hundertmal größere und
schwerere Geheimnisse, als hinter meiner Schweigsamkeit.“
„Das ist etwas anderes,“ unterbrach Gwendolen lebhaft. „Ich kann dir ja
gar nichts erzählen, weil du dich dagegen wehrst! Ich habe manchmal das
Bedürfnis, dir irgend etwas anzuvertrauen, was mich bedrückt, oder auch
nur sehr beschäftigt. Aber dann lenkst du ab – oder du machst ein Gesicht,
daß einem das Wort in der Kehle einfriert. So, als wolltest du um
Gotteswillen nichts von mir wissen, um mich nicht verachten zu müssen.
Oder als wüßtest du schon zu viel und hättest Angst, irgendwelche
Herzlichkeit aufkommen zu lassen. Und dann fühl’ ich doch wieder ganz
genau, du bist nicht kalt und verständnislos – du bist nicht prüde – und du
hast auch kein Recht, es zu sein ... oh Mette, sei nicht böse, daß ich das
gesagt habe! Aber du kannst mir nicht vorreden, daß du dein Leben damit
verbracht hast, still und freundlich zwischen alten Damen zu sitzen und
Filet zu sticken.“
Mette lachte auf: „Das hab’ ich dir ja auch noch nie vorreden wollen.“
„Aber du tust doch so,“ sagte Gwen verzweifelt, „du bist wie ein Stein,
der keine Funken gibt, wenn man noch so auf ihn losschlägt. Oh, Mette,
und ich werde doch das Gefühl nicht los, als könnte ich ein ganzes
Feuerwerk aus dir herausschlagen – ein so herrliches Feuerwerk! Bin ich
nicht stählern genug, oder woran liegt es nur? Es peinigt mich so
wahnsinnig ...“
Eine Erregung schüttelte sie, die ihr die Tränen in die Augen trieb. Sie
streckte sich wie in einem Krampf und zerrte mit den Zähnen an den
seidenen Kissen.
Plötzlich richtete sie sich auf, schlang die Arme um Mettes Hals und
wühlte das Gesicht zwischen Lachen und Weinen an ihre Schulter.
„Sag’ mir’s doch, Metting,“ schmeichelte sie. „Sag’ mir’s doch einmal,
was ich schon längst weiß! Du hast schon einmal in deinem Leben eine
Frau geliebt. Du weißt, wie es sein kann – wie himmlisch es sein kann!
Warum magst du mich nicht, Mette? Bin ich dir nicht gut genug? Nicht
schön genug? Oder glaubst du, ich hätte keine Erfahrung? Oder denkst du,
ich würde dich verraten? Warum sagst du nicht ein Wort? Verachtest du
mich so, daß du mich nicht mehr einer Antwort würdigst?“
mir genau so fremd. Du hast ein sehr kindliches und offenes Wesen – ich
hab’ vielleicht ein verschlosseneres und kälteres – aber im Grunde stecken
vielleicht hinter deiner harmlosen kleinen Larve hundertmal größere und
schwerere Geheimnisse, als hinter meiner Schweigsamkeit.“
„Das ist etwas anderes,“ unterbrach Gwendolen lebhaft. „Ich kann dir ja
gar nichts erzählen, weil du dich dagegen wehrst! Ich habe manchmal das
Bedürfnis, dir irgend etwas anzuvertrauen, was mich bedrückt, oder auch
nur sehr beschäftigt. Aber dann lenkst du ab – oder du machst ein Gesicht,
daß einem das Wort in der Kehle einfriert. So, als wolltest du um
Gotteswillen nichts von mir wissen, um mich nicht verachten zu müssen.
Oder als wüßtest du schon zu viel und hättest Angst, irgendwelche
Herzlichkeit aufkommen zu lassen. Und dann fühl’ ich doch wieder ganz
genau, du bist nicht kalt und verständnislos – du bist nicht prüde – und du
hast auch kein Recht, es zu sein ... oh Mette, sei nicht böse, daß ich das
gesagt habe! Aber du kannst mir nicht vorreden, daß du dein Leben damit
verbracht hast, still und freundlich zwischen alten Damen zu sitzen und
Filet zu sticken.“
Mette lachte auf: „Das hab’ ich dir ja auch noch nie vorreden wollen.“
„Aber du tust doch so,“ sagte Gwen verzweifelt, „du bist wie ein Stein,
der keine Funken gibt, wenn man noch so auf ihn losschlägt. Oh, Mette,
und ich werde doch das Gefühl nicht los, als könnte ich ein ganzes
Feuerwerk aus dir herausschlagen – ein so herrliches Feuerwerk! Bin ich
nicht stählern genug, oder woran liegt es nur? Es peinigt mich so
wahnsinnig ...“
Eine Erregung schüttelte sie, die ihr die Tränen in die Augen trieb. Sie
streckte sich wie in einem Krampf und zerrte mit den Zähnen an den
seidenen Kissen.
Plötzlich richtete sie sich auf, schlang die Arme um Mettes Hals und
wühlte das Gesicht zwischen Lachen und Weinen an ihre Schulter.
„Sag’ mir’s doch, Metting,“ schmeichelte sie. „Sag’ mir’s doch einmal,
was ich schon längst weiß! Du hast schon einmal in deinem Leben eine
Frau geliebt. Du weißt, wie es sein kann – wie himmlisch es sein kann!
Warum magst du mich nicht, Mette? Bin ich dir nicht gut genug? Nicht
schön genug? Oder glaubst du, ich hätte keine Erfahrung? Oder denkst du,
ich würde dich verraten? Warum sagst du nicht ein Wort? Verachtest du
mich so, daß du mich nicht mehr einer Antwort würdigst?“
Page 170
Mette biß die Zähne zusammen und richtete sich ein wenig straffer auf.
„Ich weiß nicht, Kind,“ sagte sie mit einem mühsamen Lächeln und
blicklosen Augen, „ich weiß gar nicht, was du zusammenredest. Wie
kommst du nur darauf, in mir irgend etwas zu vermuten ...“
„Stopp!“ sagte Gwendolen fast böse und legte ihr die Hand auf den
Mund, „ich vermute gar nichts – ich weiß. Du kannst schweigen, solange du
willst. Ich werde dir die Worte nicht von der Zunge reißen – aber belügen
laß ich mich nicht. Und laß mich auch nicht als Irrsinnige hinstellen. Ich
weiß doch, daß ich Recht habe. Nicht etwa, daß du jetzt denkst, ich hätte
irgendwelche Klatschgeschichten gehört. Ich hab’ ein Gefühl dafür, und
darauf kann ich mich verlassen. Liebe kleine Mette, und wenn du
wochenlang vorm Spiegel säßest und dir ein Gesicht einübtest, wie eine
steinerne Maske – du trägst doch den Stempel ... deine Hände tragen ihn,
und deine Augenlider und deine Mundwinkel – hier – die Winkel deines
lieben, stolzen, sehnsüchtigen Mundes – versprich mir, Mette, versprich mir
eines: ich glaub’ dir, daß du wie eine Heilige lebst und leben möchtest –
aber ich weiß ja doch, daß du’s nicht kannst – nicht lange mehr kannst –
wenn es einmal stärker ist als du, dann ruf’ mich. Ich möchte dich küssen,
bis dein sehnsüchtiger Mund ganz satt ist, ich möchte dich aufblühen sehen
in Zärtlichkeit, du Rose von Jericho. Und wenn ich’s nicht zuwege bringe,
dann möcht’ ich wenigstens dabei sein. Oh, Mette, du machst ein Gesicht,
als wenn ich häßliche Dinge sagte. Die Ekstase eines schönen
Menschenkörpers ist schön, das rauschende Blut und der jagende Atem
eines geliebten Wesens ist die schönste Musik der Welt. Und alles andere,
Kunst und Sport, und mehr noch Alkohol und Morphium – das sind alles
elende Ersatzversuche für das einzige, eigentliche – für die Liebe.“
„Was man alles ‚Liebe‘ nennt,“ sagte Mette und spürte einen bittern
Geschmack im Mund.
„Den Rausch des Blutes nenne ich Liebe und die Entzückungen der
Sinne. Und das ist etwas, was ich allen Menschen geben möchte,“ Gwen
richtete sich auf, die weiche Seide glitt von der wunderschön gemodelten
Schulter, ihre Augen flammten in einem blauen Feuer, „nicht allen – aber
den schönen, tiefen, heißen, empfindenden – den durstenden und
hungernden – und ich möchte es geben, weil ich es geben kann, weil ich
reich bin, weil es mir von Gott gegeben ist – und Gott gibt keinem
Menschen etwas, damit er es behalten soll – so verschwenderisch darf er
nicht sein, weil er zu viele zu beschenken hat. Wir sind nur als seine
„Ich weiß nicht, Kind,“ sagte sie mit einem mühsamen Lächeln und
blicklosen Augen, „ich weiß gar nicht, was du zusammenredest. Wie
kommst du nur darauf, in mir irgend etwas zu vermuten ...“
„Stopp!“ sagte Gwendolen fast böse und legte ihr die Hand auf den
Mund, „ich vermute gar nichts – ich weiß. Du kannst schweigen, solange du
willst. Ich werde dir die Worte nicht von der Zunge reißen – aber belügen
laß ich mich nicht. Und laß mich auch nicht als Irrsinnige hinstellen. Ich
weiß doch, daß ich Recht habe. Nicht etwa, daß du jetzt denkst, ich hätte
irgendwelche Klatschgeschichten gehört. Ich hab’ ein Gefühl dafür, und
darauf kann ich mich verlassen. Liebe kleine Mette, und wenn du
wochenlang vorm Spiegel säßest und dir ein Gesicht einübtest, wie eine
steinerne Maske – du trägst doch den Stempel ... deine Hände tragen ihn,
und deine Augenlider und deine Mundwinkel – hier – die Winkel deines
lieben, stolzen, sehnsüchtigen Mundes – versprich mir, Mette, versprich mir
eines: ich glaub’ dir, daß du wie eine Heilige lebst und leben möchtest –
aber ich weiß ja doch, daß du’s nicht kannst – nicht lange mehr kannst –
wenn es einmal stärker ist als du, dann ruf’ mich. Ich möchte dich küssen,
bis dein sehnsüchtiger Mund ganz satt ist, ich möchte dich aufblühen sehen
in Zärtlichkeit, du Rose von Jericho. Und wenn ich’s nicht zuwege bringe,
dann möcht’ ich wenigstens dabei sein. Oh, Mette, du machst ein Gesicht,
als wenn ich häßliche Dinge sagte. Die Ekstase eines schönen
Menschenkörpers ist schön, das rauschende Blut und der jagende Atem
eines geliebten Wesens ist die schönste Musik der Welt. Und alles andere,
Kunst und Sport, und mehr noch Alkohol und Morphium – das sind alles
elende Ersatzversuche für das einzige, eigentliche – für die Liebe.“
„Was man alles ‚Liebe‘ nennt,“ sagte Mette und spürte einen bittern
Geschmack im Mund.
„Den Rausch des Blutes nenne ich Liebe und die Entzückungen der
Sinne. Und das ist etwas, was ich allen Menschen geben möchte,“ Gwen
richtete sich auf, die weiche Seide glitt von der wunderschön gemodelten
Schulter, ihre Augen flammten in einem blauen Feuer, „nicht allen – aber
den schönen, tiefen, heißen, empfindenden – den durstenden und
hungernden – und ich möchte es geben, weil ich es geben kann, weil ich
reich bin, weil es mir von Gott gegeben ist – und Gott gibt keinem
Menschen etwas, damit er es behalten soll – so verschwenderisch darf er
nicht sein, weil er zu viele zu beschenken hat. Wir sind nur als seine
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Verwaltungsbeamten eingesetzt – wir sollen ihm eine Mühe ersparen,
darum gibt er uns viel, damit wir den Würdigsten abgeben.“
Mette schüttelte den Kopf:
„Du siehst aus, wie der Engel im Weihnachtsmärchen und trägst diese
schönen Theorien auch ganz im Weihnachtsmärchenton vor. Manchmal
hab’ ich das Gefühl, du weißt gar nicht, was du sprichst. Du bist wie ein
Stück Gartenland, in das eine fremde Hand allen möglichen Samen gestreut
hat, und das sich selbst wundert über all das bunte Zeug, was es ans Licht
bringt. Und ich fürchte, ich kenne auch den Gärtner, der so ein krauses
Blumenbeet aus dir macht!“
„Mette,“ schmeichelte Gwen, „sag’ mir das eine, bitte, bitte, sag’ es mir:
Liebst du Fred Wietinghoff?“
„Unsinn,“ sagte Mette hart, „wie kommst du darauf?“
„Lieben vielleicht nicht,“ gab Gwen zögernd zu, „vielleicht nennst du
‚lieben‘ noch etwas anderes ... aber findest du nicht auch, daß er fabelhaft
aufregend ist?“
Mette verzog das Gesicht, ohne zu antworten, stand auf und trat an das
Fenster.
Sie hörte die weiche Seide hinter sich rauschen und knistern.
Gwen schob ihren geschmeidigen Körper zwischen Mette und die
Glasscheibe, hinter der der winterliche Garten lag.
Ihr engelhaftes Gesicht war rot überhaucht, ihre großen Augen unter den
langen Wimpern glänzten von Tränen. Das blonde Haar, flüchtig
aufgesteckt, kraus und feucht vom Bade, zitterte in Ringeln und Löckchen
um das Kindergesicht.
Sie schob die Lippen vor, als kämpfe sie gegen ein heftiges Weinen, und
klammerte sich mit den kleinen weichen Händen an Mettes Blusenfalten
fest.
„Ich bin dir wohl sehr widerlich?“ fragte sie schüchtern. „Ja? Bin ich sehr
widerlich?“
Mette küßte lachend die runde feste pfirsichflaumige Wange:
„Du bist sehr süß!“ sagte sie herzlich. – – –
darum gibt er uns viel, damit wir den Würdigsten abgeben.“
Mette schüttelte den Kopf:
„Du siehst aus, wie der Engel im Weihnachtsmärchen und trägst diese
schönen Theorien auch ganz im Weihnachtsmärchenton vor. Manchmal
hab’ ich das Gefühl, du weißt gar nicht, was du sprichst. Du bist wie ein
Stück Gartenland, in das eine fremde Hand allen möglichen Samen gestreut
hat, und das sich selbst wundert über all das bunte Zeug, was es ans Licht
bringt. Und ich fürchte, ich kenne auch den Gärtner, der so ein krauses
Blumenbeet aus dir macht!“
„Mette,“ schmeichelte Gwen, „sag’ mir das eine, bitte, bitte, sag’ es mir:
Liebst du Fred Wietinghoff?“
„Unsinn,“ sagte Mette hart, „wie kommst du darauf?“
„Lieben vielleicht nicht,“ gab Gwen zögernd zu, „vielleicht nennst du
‚lieben‘ noch etwas anderes ... aber findest du nicht auch, daß er fabelhaft
aufregend ist?“
Mette verzog das Gesicht, ohne zu antworten, stand auf und trat an das
Fenster.
Sie hörte die weiche Seide hinter sich rauschen und knistern.
Gwen schob ihren geschmeidigen Körper zwischen Mette und die
Glasscheibe, hinter der der winterliche Garten lag.
Ihr engelhaftes Gesicht war rot überhaucht, ihre großen Augen unter den
langen Wimpern glänzten von Tränen. Das blonde Haar, flüchtig
aufgesteckt, kraus und feucht vom Bade, zitterte in Ringeln und Löckchen
um das Kindergesicht.
Sie schob die Lippen vor, als kämpfe sie gegen ein heftiges Weinen, und
klammerte sich mit den kleinen weichen Händen an Mettes Blusenfalten
fest.
„Ich bin dir wohl sehr widerlich?“ fragte sie schüchtern. „Ja? Bin ich sehr
widerlich?“
Mette küßte lachend die runde feste pfirsichflaumige Wange:
„Du bist sehr süß!“ sagte sie herzlich. – – –
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„Ichzusammen.
möchte lieber nicht,“ sagte Mette und zog die Brauen leicht
„Mette!“ Gwen stampfte zornig mit dem Fuß, „ich verstehe dich
nicht! Was kann es dir schaden, wenn du mitgehst? Und mir tätest du einen
solchen Gefallen! Wir hatten es uns so nett gedacht ... es kann doch
eigentlich kein vernünftiger Mensch etwas dabei finden – wenn wir zu
zweit sind ...“
„Aber deinen Eltern gegenüber ...“ wandte Mette ein.
„Denen tust du doch nur etwas Gutes an, wenn du mich nicht allein zu
einem Junggesellen in die Wohnung gehen läßt! Ich gehe ja doch! Aber es
wäre viel netter, wenn du mitkämest – und Fred wollte dir doch seine
Bibliothek zeigen!“
Das war das einzige, was Metten locken konnte – Gwen wußte das ganz
genau.
Mette hätte gern die Wohnung und die Bücher gesehen. Etwas wie Neid
erfaßte sie, wenn sie daran dachte, daß Gwendolen und Fred Wietinghoff in
einem sicher sehr schönen und geschmackvollen Raum eine behagliche
Tee- und Plauderstunde verleben würden und daß sie nicht dabei sein sollte
– aus Trotz, aus Eigensinn, aus einer albernen Scheu.
Sie hatte vieles getan, was noch weit weniger vereinbar mit Herkommen
und guter Sitte war. Sie hatte es getan aus Leidenschaft, aus Laune, aus
Mitleid – aus Dummheit. Zum erstenmal in ihrem Leben wehrte sie sich
ängstlich gegen eine so harmlose Abweichung vom Hergebrachten, wie es
dieser Teebesuch bei einem Junggesellen war.
Mit einem Schlage flammte der Trotz in ihr auf. Warum sollte sie sich ein
Vergnügen versagen, weil die wohlgeborenen und hochgesitteten Familien
ihr darauf die Gnade verweigern konnten, sie ferner in ihren teuern und
gediegen ausgestatteten und sorgfältig reingemachten Häusern zu
empfangen? Dann sollten diese Familien erst einmal ihre Söhne und
Töchter so erziehen, daß sie ihr, der armen schutzlosen Mette Rudloff, nicht
mutwillig die schwer erkämpfte Ruhe zu zerstören suchten.
„Ich gehe mit,“ sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen.
Gwen schloß sie aufjubelnd in die Arme. – – –
möchte lieber nicht,“ sagte Mette und zog die Brauen leicht
„Mette!“ Gwen stampfte zornig mit dem Fuß, „ich verstehe dich
nicht! Was kann es dir schaden, wenn du mitgehst? Und mir tätest du einen
solchen Gefallen! Wir hatten es uns so nett gedacht ... es kann doch
eigentlich kein vernünftiger Mensch etwas dabei finden – wenn wir zu
zweit sind ...“
„Aber deinen Eltern gegenüber ...“ wandte Mette ein.
„Denen tust du doch nur etwas Gutes an, wenn du mich nicht allein zu
einem Junggesellen in die Wohnung gehen läßt! Ich gehe ja doch! Aber es
wäre viel netter, wenn du mitkämest – und Fred wollte dir doch seine
Bibliothek zeigen!“
Das war das einzige, was Metten locken konnte – Gwen wußte das ganz
genau.
Mette hätte gern die Wohnung und die Bücher gesehen. Etwas wie Neid
erfaßte sie, wenn sie daran dachte, daß Gwendolen und Fred Wietinghoff in
einem sicher sehr schönen und geschmackvollen Raum eine behagliche
Tee- und Plauderstunde verleben würden und daß sie nicht dabei sein sollte
– aus Trotz, aus Eigensinn, aus einer albernen Scheu.
Sie hatte vieles getan, was noch weit weniger vereinbar mit Herkommen
und guter Sitte war. Sie hatte es getan aus Leidenschaft, aus Laune, aus
Mitleid – aus Dummheit. Zum erstenmal in ihrem Leben wehrte sie sich
ängstlich gegen eine so harmlose Abweichung vom Hergebrachten, wie es
dieser Teebesuch bei einem Junggesellen war.
Mit einem Schlage flammte der Trotz in ihr auf. Warum sollte sie sich ein
Vergnügen versagen, weil die wohlgeborenen und hochgesitteten Familien
ihr darauf die Gnade verweigern konnten, sie ferner in ihren teuern und
gediegen ausgestatteten und sorgfältig reingemachten Häusern zu
empfangen? Dann sollten diese Familien erst einmal ihre Söhne und
Töchter so erziehen, daß sie ihr, der armen schutzlosen Mette Rudloff, nicht
mutwillig die schwer erkämpfte Ruhe zu zerstören suchten.
„Ich gehe mit,“ sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen.
Gwen schloß sie aufjubelnd in die Arme. – – –
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Sanftes und doch klares Licht floß über schimmerndes edles Holz,
aufglänzende Bronze, tief und sattleuchtende Teppiche.
„Ist es nicht schön hier?“ fragte Gwen und stolzierte umher, dies zeigend
und jenes anpreisend, als sei alles ihr Eigentum oder noch mehr – ihr Werk.
Sie bewegte sich mit einer Sicherheit durch die Räume, die durchaus
nicht darauf schließen ließ, daß sie sie eben zum erstenmal betreten hatte.
„Und den Corot mußt du dir noch ansehen,“ sagte sie, wobei sie ins
Nebenzimmer lief und eine verborgen angebrachte Beleuchtung
einschaltete, die das Bild aufstrahlen ließ.
Mette ging ihr nach, ein spöttisches Lächeln auf den Lippen.
„Wenn ich nur wüßte, wieso ich durchaus mitkommen mußte, damit du
endlich diese Wohnung kennen lernst,“ sagte sie halblaut, „du scheinst doch
eigentlich ganz gut Bescheid zu wissen!“
Gwen lachte, nicht im mindesten beleidigt, oder in Verlegenheit gebracht.
„Hab’ ich dir denn nicht erzählt, daß ich schon einmal hier war? Nicht
allein natürlich. Auch zum Tee. Die alte Frau Wietinghoff war hier und
meine Mutter – oder nicht meine Mutter. Warte mal, irgend jemand von
meiner Familie war mit. Fred, mit wem war ich damals hier zum Tee?“
Im Nebenzimmer knisterte eine Zeitung.
„Was sagst du, Kind?“ rief Wietinghoffs Stimme.
Gwen bog sich in unterdrücktem Lachen.
„Trottel!“ sagte sie halblaut.
Mette lachte mit. Es war doch recht gut, klar zu sehen, Zusammenhänge
zu durchschauen, Verwirrendes, durch ein Wort aufgedeckt, zu überblicken.
Sie sagte es sich vor, daß es gut sei. Ein innerliches Wohlbehagen empfand
sie nicht dabei. Ihr Gefühl sagte ihr: ‚Geh, du bist hier überflüssig,
vielleicht sogar lästig, du spielst eine Rolle, die dir aufgedrängt ist, und die
dir nicht liegt.‘ Aber sie hätte sich selbst prüde und albern gescholten, wenn
sie, von diesem Gefühl getrieben, gegangen wäre.
Gwen legte ihren Arm um Mette und zog sie nach der Tür.
„Wie meinten Herr Wietinghoff?“ fragte sie spöttisch, als sie auf der
Schwelle stand, „ich weiß gar nicht, wo wir miteinander Schweine gehütet
hätten?!“
Fred Wietinghoff legte etwas verlegen die Zeitung rasch aus der Hand.
aufglänzende Bronze, tief und sattleuchtende Teppiche.
„Ist es nicht schön hier?“ fragte Gwen und stolzierte umher, dies zeigend
und jenes anpreisend, als sei alles ihr Eigentum oder noch mehr – ihr Werk.
Sie bewegte sich mit einer Sicherheit durch die Räume, die durchaus
nicht darauf schließen ließ, daß sie sie eben zum erstenmal betreten hatte.
„Und den Corot mußt du dir noch ansehen,“ sagte sie, wobei sie ins
Nebenzimmer lief und eine verborgen angebrachte Beleuchtung
einschaltete, die das Bild aufstrahlen ließ.
Mette ging ihr nach, ein spöttisches Lächeln auf den Lippen.
„Wenn ich nur wüßte, wieso ich durchaus mitkommen mußte, damit du
endlich diese Wohnung kennen lernst,“ sagte sie halblaut, „du scheinst doch
eigentlich ganz gut Bescheid zu wissen!“
Gwen lachte, nicht im mindesten beleidigt, oder in Verlegenheit gebracht.
„Hab’ ich dir denn nicht erzählt, daß ich schon einmal hier war? Nicht
allein natürlich. Auch zum Tee. Die alte Frau Wietinghoff war hier und
meine Mutter – oder nicht meine Mutter. Warte mal, irgend jemand von
meiner Familie war mit. Fred, mit wem war ich damals hier zum Tee?“
Im Nebenzimmer knisterte eine Zeitung.
„Was sagst du, Kind?“ rief Wietinghoffs Stimme.
Gwen bog sich in unterdrücktem Lachen.
„Trottel!“ sagte sie halblaut.
Mette lachte mit. Es war doch recht gut, klar zu sehen, Zusammenhänge
zu durchschauen, Verwirrendes, durch ein Wort aufgedeckt, zu überblicken.
Sie sagte es sich vor, daß es gut sei. Ein innerliches Wohlbehagen empfand
sie nicht dabei. Ihr Gefühl sagte ihr: ‚Geh, du bist hier überflüssig,
vielleicht sogar lästig, du spielst eine Rolle, die dir aufgedrängt ist, und die
dir nicht liegt.‘ Aber sie hätte sich selbst prüde und albern gescholten, wenn
sie, von diesem Gefühl getrieben, gegangen wäre.
Gwen legte ihren Arm um Mette und zog sie nach der Tür.
„Wie meinten Herr Wietinghoff?“ fragte sie spöttisch, als sie auf der
Schwelle stand, „ich weiß gar nicht, wo wir miteinander Schweine gehütet
hätten?!“
Fred Wietinghoff legte etwas verlegen die Zeitung rasch aus der Hand.
Page 174
„Wieso, gnädiges Fräulein? Ich bitte um Verzeihung, daß ich in
Abwesenheit der Damen einen Blick in die Zeitung geworfen habe. Habe
ich in der Zerstreutheit irgend etwas unpassendes gesagt?“
Gwen setzte sich auf die Lehne eines Ledersessels und baumelte mit den
Beinen.
„Unpassend? Ach nein, es ging,“ sagte sie übermütig. „Sie haben mich
nur geduzt, aus Versehen, Herr Wietinghoff. Sie sind so gewohnt, hier
Besuche zu haben, die Sie duzen, daß es Ihnen gar nicht in den Sinn
kommt, daß es auch anders sein könnte. Ich habe übrigens schon eben im
Nebenzimmer konstatiert, Sie wären ein Trottel!“
„Damit war ja die Sache allerdings hinreichend geklärt,“ Wietinghoff
verneigte sich leicht. „Aber sagen Sie selbst, mein gnädiges Fräulein,“ er
wandte sich an Mette, „setzen wir einmal den ungewöhnlichen und ganz
unwahrscheinlichen Fall, daß ich mich nicht in der Person geirrt hätte,
sondern daß ich tatsächlich – wie man sagt – mich ‚verschnappt‘ hätte: Es
wäre wieder ein Beweis, wieweit die Männer den Frauen in allen Künsten
der Lüge und Verstellung unterlegen sind.
Einer Frau kann es nicht passieren, daß sie sich ‚verschnappt‘ und
plötzlich ‚du‘ sagt – es kann ihr nicht passieren, daß sie belastende Briefe
acht Tage in der Rocktasche mit herumschleppt, einfach, weil sie vergißt,
sie herauszunehmen und zu vernichten, es kann ihr nicht passieren, daß sie
sich einfach immer und überall und bei jeder Gelegenheit ertappen läßt.
Der Mann ist ja so einfach, so durchsichtig, so vertrauend, so harmlos ...“
Er sagte es mit gewollt scheinheiliger Miene.
„Hoh! Hoh! Hoh! Hoh!“ unterbrach Gwen, „halt, mein Lieber! Vielleicht
ist die Frau vorsichtiger, mißtrauischer, ängstlicher – schon weil sie mehr zu
fürchten hat. Aber laßt einmal einen Mann ertappt sein, laßt ihn gesehen
werden, oder laßt ihn sich ‚verschnappen‘, oder laßt seine Korrespondenz
gefunden werden – was dann? Dann leugnet er! Mit einer Ruhe, mit einer
Stirne – mit einer Frechheit auf deutsch. Ich kenne hundert Fälle ...“
„Aus Erfahrung?“
„Gott sei Dank nicht – es könnte mir wohl kaum in einem Fall passieren.
Aber lassen Sie mich ausreden, Sie haben bloß Angst, ich könnte etwas
Treffendes sagen, und darum wollen Sie mich aus dem Konzept bringen –“
„Warum soll ich Angst davor haben ...?“
„Weil Sie eitel sind, wie alle Männer. Erstens mögen Sie nicht, daß
jemand anders als Sie etwas Gutes sagt – und zweitens mögen Sie nicht,
Abwesenheit der Damen einen Blick in die Zeitung geworfen habe. Habe
ich in der Zerstreutheit irgend etwas unpassendes gesagt?“
Gwen setzte sich auf die Lehne eines Ledersessels und baumelte mit den
Beinen.
„Unpassend? Ach nein, es ging,“ sagte sie übermütig. „Sie haben mich
nur geduzt, aus Versehen, Herr Wietinghoff. Sie sind so gewohnt, hier
Besuche zu haben, die Sie duzen, daß es Ihnen gar nicht in den Sinn
kommt, daß es auch anders sein könnte. Ich habe übrigens schon eben im
Nebenzimmer konstatiert, Sie wären ein Trottel!“
„Damit war ja die Sache allerdings hinreichend geklärt,“ Wietinghoff
verneigte sich leicht. „Aber sagen Sie selbst, mein gnädiges Fräulein,“ er
wandte sich an Mette, „setzen wir einmal den ungewöhnlichen und ganz
unwahrscheinlichen Fall, daß ich mich nicht in der Person geirrt hätte,
sondern daß ich tatsächlich – wie man sagt – mich ‚verschnappt‘ hätte: Es
wäre wieder ein Beweis, wieweit die Männer den Frauen in allen Künsten
der Lüge und Verstellung unterlegen sind.
Einer Frau kann es nicht passieren, daß sie sich ‚verschnappt‘ und
plötzlich ‚du‘ sagt – es kann ihr nicht passieren, daß sie belastende Briefe
acht Tage in der Rocktasche mit herumschleppt, einfach, weil sie vergißt,
sie herauszunehmen und zu vernichten, es kann ihr nicht passieren, daß sie
sich einfach immer und überall und bei jeder Gelegenheit ertappen läßt.
Der Mann ist ja so einfach, so durchsichtig, so vertrauend, so harmlos ...“
Er sagte es mit gewollt scheinheiliger Miene.
„Hoh! Hoh! Hoh! Hoh!“ unterbrach Gwen, „halt, mein Lieber! Vielleicht
ist die Frau vorsichtiger, mißtrauischer, ängstlicher – schon weil sie mehr zu
fürchten hat. Aber laßt einmal einen Mann ertappt sein, laßt ihn gesehen
werden, oder laßt ihn sich ‚verschnappen‘, oder laßt seine Korrespondenz
gefunden werden – was dann? Dann leugnet er! Mit einer Ruhe, mit einer
Stirne – mit einer Frechheit auf deutsch. Ich kenne hundert Fälle ...“
„Aus Erfahrung?“
„Gott sei Dank nicht – es könnte mir wohl kaum in einem Fall passieren.
Aber lassen Sie mich ausreden, Sie haben bloß Angst, ich könnte etwas
Treffendes sagen, und darum wollen Sie mich aus dem Konzept bringen –“
„Warum soll ich Angst davor haben ...?“
„Weil Sie eitel sind, wie alle Männer. Erstens mögen Sie nicht, daß
jemand anders als Sie etwas Gutes sagt – und zweitens mögen Sie nicht,
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wenn Sie sich durchschaut und getroffen fühlen.“
„Jetzt haben Sie mich nicht ausreden lassen. Ich wollte sagen: warum soll
ich Angst davor haben, daß Sie etwas ‚Treffendes‘, etwas ‚Gutes‘ sagen?
Diese Angst wäre durch nichts begründet.“
„Oh, Mette, er ist gemein! Findest du ihn nicht furchtbar gemein gegen
mich? Aber darum sage ich doch, was ich sagen wollte, nun gerade! Also
ich kenne hundert Fälle, in denen Männer ihre Frauen betrügen. Und wenn
die Frauen glauben, irgendeinen unumstößlichen Beweis in Händen zu
haben, wenn sie dem Mann in monatelanger Eifersucht nachgespürt haben,
und sie haben ihn endlich einmal gesehen, oder sie haben einen Brief
gefunden – was ist dann? Dann erklärt der Herr der Schöpfung die Frau für
blind, oder für blödsinnig, sie hat sich geirrt, oder es war Frau Meyer, mit
der sie ihn gesehen hat, oder der Brief ist ganz harmlos, oder es ist ein
schlechter Witz von einem Stammtischbruder – er tobt, oder er lacht – auf
alle Fälle bleibt er im Recht ...“
„Ich staune,“ sagte Fred Wietinghoff, lehnte sich weit in den Sessel
zurück, kreuzte die Beine, legte die Fingerspitzen der seitlich aufgestützten
Arme aufeinander und sah kopfschüttelnd zu ihr auf: „Ich staune! Diese
Fülle von Kenntnis in diesem lockigen Köpfchen! Sie müssen sich von
sämtlichen in Ihrer Bekanntschaft vorkommenden Wasch-, Koch- und
Kinderfrauen die Eheerlebnisse haben erzählen lassen.“
„Ach Gott!“ Gwen blähte verächtlich die feinen Nüstern, „als wenn die
upper ten irgendwie anders wären! Höchstens, daß sie den Stammtisch
Klub nennen. Aber betrügen tun sie ihre Frauen gerade so!“
„Bis auf die wenigen Anständigen,“ sagte Wietinghoff in seiner
gemessenen Art, „die nicht heiraten, um nicht in diese Verlegenheit zu
kommen. – Aber darf ich noch eine Bemerkung zu Ihren Ausführungen
hinzufügen, mein gnädiges Fräulein? Warum wird dem Mann denn
geglaubt, wenn er leugnet, wenn er für alles fadenscheinige Erklärungen
hat, wenn er den eklatantesten Beweis seiner Untreue als harmlos hinstellt?
Weil die Frauen ja so gerne glauben wollen! Warum fahnden die Frauen
denn nach Beweisen? Weil sie sich scheiden lassen wollen? O nein! Weil
sie sich beruhigen lassen wollen! Folglich geschieht ihnen eben, was sie
wünschen, und sie werden beruhigt. Mit welchen Phrasen, ist ja ganz
nebensächlich! Es gäbe ja nichts von einer ähnlich häßlichen nackten
Brutalität, als einer eifersüchtigen Frau ins Gesicht zu sagen: Du hast ganz
recht, ich liebe eine andere! Pfui, wer das fertig brächte!“
„Jetzt haben Sie mich nicht ausreden lassen. Ich wollte sagen: warum soll
ich Angst davor haben, daß Sie etwas ‚Treffendes‘, etwas ‚Gutes‘ sagen?
Diese Angst wäre durch nichts begründet.“
„Oh, Mette, er ist gemein! Findest du ihn nicht furchtbar gemein gegen
mich? Aber darum sage ich doch, was ich sagen wollte, nun gerade! Also
ich kenne hundert Fälle, in denen Männer ihre Frauen betrügen. Und wenn
die Frauen glauben, irgendeinen unumstößlichen Beweis in Händen zu
haben, wenn sie dem Mann in monatelanger Eifersucht nachgespürt haben,
und sie haben ihn endlich einmal gesehen, oder sie haben einen Brief
gefunden – was ist dann? Dann erklärt der Herr der Schöpfung die Frau für
blind, oder für blödsinnig, sie hat sich geirrt, oder es war Frau Meyer, mit
der sie ihn gesehen hat, oder der Brief ist ganz harmlos, oder es ist ein
schlechter Witz von einem Stammtischbruder – er tobt, oder er lacht – auf
alle Fälle bleibt er im Recht ...“
„Ich staune,“ sagte Fred Wietinghoff, lehnte sich weit in den Sessel
zurück, kreuzte die Beine, legte die Fingerspitzen der seitlich aufgestützten
Arme aufeinander und sah kopfschüttelnd zu ihr auf: „Ich staune! Diese
Fülle von Kenntnis in diesem lockigen Köpfchen! Sie müssen sich von
sämtlichen in Ihrer Bekanntschaft vorkommenden Wasch-, Koch- und
Kinderfrauen die Eheerlebnisse haben erzählen lassen.“
„Ach Gott!“ Gwen blähte verächtlich die feinen Nüstern, „als wenn die
upper ten irgendwie anders wären! Höchstens, daß sie den Stammtisch
Klub nennen. Aber betrügen tun sie ihre Frauen gerade so!“
„Bis auf die wenigen Anständigen,“ sagte Wietinghoff in seiner
gemessenen Art, „die nicht heiraten, um nicht in diese Verlegenheit zu
kommen. – Aber darf ich noch eine Bemerkung zu Ihren Ausführungen
hinzufügen, mein gnädiges Fräulein? Warum wird dem Mann denn
geglaubt, wenn er leugnet, wenn er für alles fadenscheinige Erklärungen
hat, wenn er den eklatantesten Beweis seiner Untreue als harmlos hinstellt?
Weil die Frauen ja so gerne glauben wollen! Warum fahnden die Frauen
denn nach Beweisen? Weil sie sich scheiden lassen wollen? O nein! Weil
sie sich beruhigen lassen wollen! Folglich geschieht ihnen eben, was sie
wünschen, und sie werden beruhigt. Mit welchen Phrasen, ist ja ganz
nebensächlich! Es gäbe ja nichts von einer ähnlich häßlichen nackten
Brutalität, als einer eifersüchtigen Frau ins Gesicht zu sagen: Du hast ganz
recht, ich liebe eine andere! Pfui, wer das fertig brächte!“
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„Warum sind aber Frauen so?“ fragte Gwen mit glühendem Gesicht, „so
klein und so – so entsetzlich töricht? Warum lassen sie sich betrügen und
freuen sich, wenn sie überdies auch noch belogen werden?“
Wietinghoff legte die Fingerspitzen der etwas erhobenen Hände
gegeneinander und überlegte einen Augenblick.
„Vielleicht kann man es mit einem Satz so ausdrücken,“ sagte er mit
einem etwas malitiösen Lächeln: „Die Frau liebt immer das am meisten,
was ihr am nächsten liegt – und der Mann liebt das am meisten, was ihm
am fernsten steht. Oder, wenn man es deutlicher sagen soll: Die Frau liebt
den Mann am meisten, der sie am öftesten besessen hat – und der Mann
liebt die Frau am meisten, die er nie besitzen wird.“
Ein flüchtiger Schatten von Schwermut glitt über sein Gesicht.
„Wollen wir Bilderbücher besehen?“ fragte er aufspringend. „Haben Sie
besondere Lieblinge? Doré oder Rackham? Cornelius oder Bayros? Es ist
alles vorhanden.
Sehen Sie, das ist schön. Haben Sie auch so eine Freude daran, Wildleder
anzufassen? Oder verstehen Sie wenigstens, daß man eine ganz irrsinnige
Freude daran haben kann? Fühlen Sie nur,“ er reichte Mette einen
schmiegsamen Band in rotem Leder, „ist das nicht herrlich?“
„Ja, wie Samt!“ sagte Gwendolen boshaft und schaukelte stärker mit den
hängenden Beinen.
„Oh, Samt!“ er zuckte unwillig die Achseln. „Diese niederträchtige
kleine Person will mich damit ärgern! Es gibt nämlich törichte Leute, die
einem solchen Leder schmeicheln wollen und sagen, es ist wie Samt. Dabei
hab’ ich direkt etwas gegen Samt. Es gibt mir immer so ein scheußliches
staubiges Gefühl an den Fingerspitzen.“
Mette schlug das Buch auf. Ihr Blick fiel auf die grazilen,
faltenumbauschten Gestalten eines Zeichners, der in seiner Eigenart auch
ihr unverkennbar war.
„Um Gottes willen,“ Wietinghoff legte die beiden Hände mit gespreizten
Fingern auf die Seiten des Buches, „Sie sollten den Einband fühlen, aber
nicht die Bilder ansehen. Das ist nichts für junge Mädchen. Nachher
erzählen Sie der Tante Konsul, ich hätte Ihnen unsittliche Bücher gezeigt.
Und dabei hab’ ich lauter Jung-Mädchen-Bücher in meiner Bibliothek und
nur dies eine einzige weniger passende – des schönen Einbandes wegen.“
„Sind es Bilder, die man nicht sehen darf?“ fragte Mette ruhig. „Ich
kenne eine ganze Menge von ihm und bin immer sehr entzückt davon
klein und so – so entsetzlich töricht? Warum lassen sie sich betrügen und
freuen sich, wenn sie überdies auch noch belogen werden?“
Wietinghoff legte die Fingerspitzen der etwas erhobenen Hände
gegeneinander und überlegte einen Augenblick.
„Vielleicht kann man es mit einem Satz so ausdrücken,“ sagte er mit
einem etwas malitiösen Lächeln: „Die Frau liebt immer das am meisten,
was ihr am nächsten liegt – und der Mann liebt das am meisten, was ihm
am fernsten steht. Oder, wenn man es deutlicher sagen soll: Die Frau liebt
den Mann am meisten, der sie am öftesten besessen hat – und der Mann
liebt die Frau am meisten, die er nie besitzen wird.“
Ein flüchtiger Schatten von Schwermut glitt über sein Gesicht.
„Wollen wir Bilderbücher besehen?“ fragte er aufspringend. „Haben Sie
besondere Lieblinge? Doré oder Rackham? Cornelius oder Bayros? Es ist
alles vorhanden.
Sehen Sie, das ist schön. Haben Sie auch so eine Freude daran, Wildleder
anzufassen? Oder verstehen Sie wenigstens, daß man eine ganz irrsinnige
Freude daran haben kann? Fühlen Sie nur,“ er reichte Mette einen
schmiegsamen Band in rotem Leder, „ist das nicht herrlich?“
„Ja, wie Samt!“ sagte Gwendolen boshaft und schaukelte stärker mit den
hängenden Beinen.
„Oh, Samt!“ er zuckte unwillig die Achseln. „Diese niederträchtige
kleine Person will mich damit ärgern! Es gibt nämlich törichte Leute, die
einem solchen Leder schmeicheln wollen und sagen, es ist wie Samt. Dabei
hab’ ich direkt etwas gegen Samt. Es gibt mir immer so ein scheußliches
staubiges Gefühl an den Fingerspitzen.“
Mette schlug das Buch auf. Ihr Blick fiel auf die grazilen,
faltenumbauschten Gestalten eines Zeichners, der in seiner Eigenart auch
ihr unverkennbar war.
„Um Gottes willen,“ Wietinghoff legte die beiden Hände mit gespreizten
Fingern auf die Seiten des Buches, „Sie sollten den Einband fühlen, aber
nicht die Bilder ansehen. Das ist nichts für junge Mädchen. Nachher
erzählen Sie der Tante Konsul, ich hätte Ihnen unsittliche Bücher gezeigt.
Und dabei hab’ ich lauter Jung-Mädchen-Bücher in meiner Bibliothek und
nur dies eine einzige weniger passende – des schönen Einbandes wegen.“
„Sind es Bilder, die man nicht sehen darf?“ fragte Mette ruhig. „Ich
kenne eine ganze Menge von ihm und bin immer sehr entzückt davon
Page 177
gewesen.“
„Natürlich darf man sie sehen,“ Wietinghoff zog die Hände fort und
richtete sich auf, „es war nur Scherz von mir. Jeder vernünftige Mensch
darf sie sehen und wird seine Freude daran haben. Sehen Sie es sich ruhig
an. Außerdem ist das Buch eine bibliophile Rarität. Es ist konfisziert – daß
man den Zeichner ausgewiesen hat, wissen Sie doch?“
„Nein,“ sagte Mette erstaunt, „ich wußte es nicht. Warum nur?“
Sie ergriff mit Eifer jedes Gesprächsthema, um die Augen von dem Buch
aufheben zu können. Sie hatte ein wenig Angst davor, weiter zu blättern,
und sie hatte fast noch mehr Angst, prüde und feige zu erscheinen, und es
ungesehen wegzulegen.
So lag es also aufgeschlagen auf ihren Knien, und sie sah ein wenig
geflissentlich irgendwo anders hin – zum Beispiel in Fred Wietinghoffs
ruhiges und beruhigendes Gesicht.
„Warum!“ Wietinghoff zuckte die Achseln. „Vielleicht würde man aus
einem Temperenzlerverein auch Kotanyi Janos ausstoßen. Nicht weil er
trinkt, aber weil er Paprika fabriziert, und weil Paprika Durst gibt.
Die Menschheit teilt sich in vier Klassen – je zwei dieser Klassen – die
extremen – gehören wieder zusammen. Erste Klasse: (Reihenfolge bedeutet
keinen Rang, sonst würde ich anders herum anfangen.) Die, die keinen
Durst haben und nichts trinken. Die sind glücklich. Zweite Klasse: Die, die
Durst haben und nichts zu trinken. Die Revolutionäre. Dritte Klasse: Die,
die zu trinken haben, aber keinen Durst. Die Mucker und Bourgeois. Vierte
Klasse: Die, die zu trinken haben und Durst haben. Das sind die
allerglücklichsten.
Nun gibt es noch zahlreiche kleine Unterabteilungen. Die zum Beispiel,
die Durst haben und vor einer Quelle stehen und nicht trinken können, weil
sie kein Glas haben. Oder die, die trinken, und nachher Magenschmerzen
bekommen. Oder die, die einen ganz gesegneten Durst haben, und doch
einmal etwas gepfeffertes essen, damit ihnen der kühle Rheinwein nachher
noch besser schmeckt. Oder die, die in einem Weinkeller sitzen und
verdursten, weil kein weißer Burgunder da ist. Und dann gibt es Leute,
denen der Sekt nur mit Porter schmeckt, oder sogar mit Angostura – die das
Süße nur mögen, wenn ein wenig Bitterkeit dabei ist – oder Leute, die den
dunklen und den blonden Wein zusammengießen, die dem schweren
warmen Bordeaux den dünnblütigen prickelnden Sekt beimengen, um ihn
aufschäumen zu lassen ... ach ja, es gibt Trinker auf mancherlei Art, und
„Natürlich darf man sie sehen,“ Wietinghoff zog die Hände fort und
richtete sich auf, „es war nur Scherz von mir. Jeder vernünftige Mensch
darf sie sehen und wird seine Freude daran haben. Sehen Sie es sich ruhig
an. Außerdem ist das Buch eine bibliophile Rarität. Es ist konfisziert – daß
man den Zeichner ausgewiesen hat, wissen Sie doch?“
„Nein,“ sagte Mette erstaunt, „ich wußte es nicht. Warum nur?“
Sie ergriff mit Eifer jedes Gesprächsthema, um die Augen von dem Buch
aufheben zu können. Sie hatte ein wenig Angst davor, weiter zu blättern,
und sie hatte fast noch mehr Angst, prüde und feige zu erscheinen, und es
ungesehen wegzulegen.
So lag es also aufgeschlagen auf ihren Knien, und sie sah ein wenig
geflissentlich irgendwo anders hin – zum Beispiel in Fred Wietinghoffs
ruhiges und beruhigendes Gesicht.
„Warum!“ Wietinghoff zuckte die Achseln. „Vielleicht würde man aus
einem Temperenzlerverein auch Kotanyi Janos ausstoßen. Nicht weil er
trinkt, aber weil er Paprika fabriziert, und weil Paprika Durst gibt.
Die Menschheit teilt sich in vier Klassen – je zwei dieser Klassen – die
extremen – gehören wieder zusammen. Erste Klasse: (Reihenfolge bedeutet
keinen Rang, sonst würde ich anders herum anfangen.) Die, die keinen
Durst haben und nichts trinken. Die sind glücklich. Zweite Klasse: Die, die
Durst haben und nichts zu trinken. Die Revolutionäre. Dritte Klasse: Die,
die zu trinken haben, aber keinen Durst. Die Mucker und Bourgeois. Vierte
Klasse: Die, die zu trinken haben und Durst haben. Das sind die
allerglücklichsten.
Nun gibt es noch zahlreiche kleine Unterabteilungen. Die zum Beispiel,
die Durst haben und vor einer Quelle stehen und nicht trinken können, weil
sie kein Glas haben. Oder die, die trinken, und nachher Magenschmerzen
bekommen. Oder die, die einen ganz gesegneten Durst haben, und doch
einmal etwas gepfeffertes essen, damit ihnen der kühle Rheinwein nachher
noch besser schmeckt. Oder die, die in einem Weinkeller sitzen und
verdursten, weil kein weißer Burgunder da ist. Und dann gibt es Leute,
denen der Sekt nur mit Porter schmeckt, oder sogar mit Angostura – die das
Süße nur mögen, wenn ein wenig Bitterkeit dabei ist – oder Leute, die den
dunklen und den blonden Wein zusammengießen, die dem schweren
warmen Bordeaux den dünnblütigen prickelnden Sekt beimengen, um ihn
aufschäumen zu lassen ... ach ja, es gibt Trinker auf mancherlei Art, und
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jeder hält seinen Geschmack für den besten ... hier haben Sie Friedrich den
Großen mit Menzel-Zeichnungen, das nimmt sich besser aus in Ihren
gedankenvollen Händen. Aber vor allen Dingen steht jetzt da drin unser
Tee, sanfter, milder, freundlicher, geistanregender Tee – er wird uns zu
ersprießlicheren Gesprächen bringen. Kommen Sie, meine Damen!“ – – –
Ein, zwei Stunden waren vergangen. Gwen war es, und nicht Mette, die
zuerst nach der Uhr sah und zum Aufbruch drängte.
Wietinghoff half ihnen in die Mäntel und küßte ihnen dankend die
Hände. Sie mußten versprechen, bald wiederzukommen. Mette versprach es
gern. Die vornehme Schönheit der Räume hatte es ihr angetan. Und Fred
Wietinghoff wirkte gut – wie die meisten Menschen – wenn er sich
zwischen seinen eigenen Sachen bewegte. Sie freute sich auf die nächste
Plauderstunde. Alle Angst, die sie ursprünglich gehemmt hatte, war
verschwunden.
Aber als sie unten die schwere Haustür öffnete, zuckte sie zusammen und
wurde blaß vor Schreck.
„Um Gottes willen, Gwen, bleib im Haus! Eben geht dein Onkel vorbei,
Senator Börgessen. Wenn er uns sieht! Was sollen wir sagen, wo wir
herkommen?“
„Vom Zahnarzt!“ lachte Gwen und schob Mette auf die Straße, „Leute
wie Fred Wietinghoff wohnen immer in einem Hause, wo ein Zahnarzt ist.
Aber im übrigen – Börgessen! – ausgerechnet Börgessen! Der kann
mindestens solche Angst vor mir haben, wie ich vor ihm! Die ganze Stadt
weiß, daß er ein Verhältnis mit seiner Köchin hat. Außerdem fährt er alle
drei Wochen nach Berlin und verspielt sein Geld – hier kann er das nicht so
gut. Sein Geld und Tantes Geld. Arme Tante Fanchette! Aber sie riecht nach
Achselschweiß ... prrr! Hast du das noch nicht bemerkt? Und solche Frauen
verdienen jedes Schicksal!“
Großen mit Menzel-Zeichnungen, das nimmt sich besser aus in Ihren
gedankenvollen Händen. Aber vor allen Dingen steht jetzt da drin unser
Tee, sanfter, milder, freundlicher, geistanregender Tee – er wird uns zu
ersprießlicheren Gesprächen bringen. Kommen Sie, meine Damen!“ – – –
Ein, zwei Stunden waren vergangen. Gwen war es, und nicht Mette, die
zuerst nach der Uhr sah und zum Aufbruch drängte.
Wietinghoff half ihnen in die Mäntel und küßte ihnen dankend die
Hände. Sie mußten versprechen, bald wiederzukommen. Mette versprach es
gern. Die vornehme Schönheit der Räume hatte es ihr angetan. Und Fred
Wietinghoff wirkte gut – wie die meisten Menschen – wenn er sich
zwischen seinen eigenen Sachen bewegte. Sie freute sich auf die nächste
Plauderstunde. Alle Angst, die sie ursprünglich gehemmt hatte, war
verschwunden.
Aber als sie unten die schwere Haustür öffnete, zuckte sie zusammen und
wurde blaß vor Schreck.
„Um Gottes willen, Gwen, bleib im Haus! Eben geht dein Onkel vorbei,
Senator Börgessen. Wenn er uns sieht! Was sollen wir sagen, wo wir
herkommen?“
„Vom Zahnarzt!“ lachte Gwen und schob Mette auf die Straße, „Leute
wie Fred Wietinghoff wohnen immer in einem Hause, wo ein Zahnarzt ist.
Aber im übrigen – Börgessen! – ausgerechnet Börgessen! Der kann
mindestens solche Angst vor mir haben, wie ich vor ihm! Die ganze Stadt
weiß, daß er ein Verhältnis mit seiner Köchin hat. Außerdem fährt er alle
drei Wochen nach Berlin und verspielt sein Geld – hier kann er das nicht so
gut. Sein Geld und Tantes Geld. Arme Tante Fanchette! Aber sie riecht nach
Achselschweiß ... prrr! Hast du das noch nicht bemerkt? Und solche Frauen
verdienen jedes Schicksal!“
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V orfrühling lag in der Luft.
Stürme hatten gewütet, daß man des nachts nicht schlafen konnte,
daß man mit klopfendem Herzen im Bett saß und auf das Klappern der
Dachziegel lauschte, auf das Zittern der Fenster, auf das Schlagen der
Türen, und mit Bangen an die Schiffe draußen auf See dachte.
Plötzlich hielten die Stürme den Atem an.
So jäh, so ohne Vorbereitung, daß die Stille fast noch unheimlicher war
als der Lärm. Die Luft war schwer, voll Sonnenglanz und Süße, und so
erfüllt mit einem fremden Duft, als käme sie von Hyazinthenfeldern und
hätte nie nach Teer und Fisch und Salzwasser geschmeckt.
Die Leute auf der Straße sahen sich an, als wollten sie sagen: Also bitte,
was sagt ihr zu dem Wetter? Und wo zwei Bekannte sich trafen, auf der
Straße, in der Bahn, in einem Laden, sprachen sie es aus: Also nein, was
sagen Sie zu dem Wetter? Und alle, die es hörten, verbargen mühsam ein
Lächeln in ihren hölzernen Gesichtern, weil sie ihre innersten Gedanken
ausgesprochen hörten.
Mette konnte das Lächeln nicht verbergen. Diese stille, weiche Luft, die
liebkosende Sonne, dieser ganze unwahrscheinliche und unangebrachte
Frühling hatte etwas so einschmeichelndes, so betörendes, daß sie ganz
erfüllt war von einer warmen Glückseligkeit, die sich einen Ausweg suchte
– da sie nicht singen konnte, mußte sie wenigstens lächeln.
Das machte nicht der Frühling allein. Es war auch, daß sie den Frühling
ertragen konnte, ohne zu leiden. Ihr war zumut wie einem, der nach langer
Krankheit zum erstenmal ohne Schmerzen die Glieder regt und jeden
Atemzug als himmlische Gnade empfindet.
„Ich bin gesund,“ sie sagte es sich selbst immer wieder vor wie den
Kehrreim eines Liedes: „Ich bin gesund! Ich bin gesund!“ – – –
Gwen und Mette saßen in einem Abteil des rollenden Zuges. Zwei ältere
Damen, schwarz, steif und aufrecht, saßen ihnen gegenüber und
beobachteten sie scharf.
Stürme hatten gewütet, daß man des nachts nicht schlafen konnte,
daß man mit klopfendem Herzen im Bett saß und auf das Klappern der
Dachziegel lauschte, auf das Zittern der Fenster, auf das Schlagen der
Türen, und mit Bangen an die Schiffe draußen auf See dachte.
Plötzlich hielten die Stürme den Atem an.
So jäh, so ohne Vorbereitung, daß die Stille fast noch unheimlicher war
als der Lärm. Die Luft war schwer, voll Sonnenglanz und Süße, und so
erfüllt mit einem fremden Duft, als käme sie von Hyazinthenfeldern und
hätte nie nach Teer und Fisch und Salzwasser geschmeckt.
Die Leute auf der Straße sahen sich an, als wollten sie sagen: Also bitte,
was sagt ihr zu dem Wetter? Und wo zwei Bekannte sich trafen, auf der
Straße, in der Bahn, in einem Laden, sprachen sie es aus: Also nein, was
sagen Sie zu dem Wetter? Und alle, die es hörten, verbargen mühsam ein
Lächeln in ihren hölzernen Gesichtern, weil sie ihre innersten Gedanken
ausgesprochen hörten.
Mette konnte das Lächeln nicht verbergen. Diese stille, weiche Luft, die
liebkosende Sonne, dieser ganze unwahrscheinliche und unangebrachte
Frühling hatte etwas so einschmeichelndes, so betörendes, daß sie ganz
erfüllt war von einer warmen Glückseligkeit, die sich einen Ausweg suchte
– da sie nicht singen konnte, mußte sie wenigstens lächeln.
Das machte nicht der Frühling allein. Es war auch, daß sie den Frühling
ertragen konnte, ohne zu leiden. Ihr war zumut wie einem, der nach langer
Krankheit zum erstenmal ohne Schmerzen die Glieder regt und jeden
Atemzug als himmlische Gnade empfindet.
„Ich bin gesund,“ sie sagte es sich selbst immer wieder vor wie den
Kehrreim eines Liedes: „Ich bin gesund! Ich bin gesund!“ – – –
Gwen und Mette saßen in einem Abteil des rollenden Zuges. Zwei ältere
Damen, schwarz, steif und aufrecht, saßen ihnen gegenüber und
beobachteten sie scharf.
Page 180
Von Zeit zu Zeit ging Fred Wietinghoff auf dem Gang vorüber und
schnitt Grimassen, mit dem erwünschten Erfolg, daß Gwen fast erstickte
vor Lachen.
Wenn sie sich aber notdürftig erholt hatte, bot sie ihrerseits alles auf, um
Mette zum Lachen zu reizen.
„Unverschämtheit,“ sagte sie mit gespielter Entrüstung, „sieh nur, wie
dieser Mensch jedesmal hereinstarrt, wenn er vorbeigeht. Ich werde mich
nächstens beim Schaffner beschweren.“
Mit beleidigter Miene rückte sie das Reisemützchen fester, um sich
anzulehnen, und schlug die Beine übereinander.
Aber Mette ließ sich durch nichts aus der Fassung bringen.
„Ach, denk’ nur nicht, er starrt herein, weil du ihm so gefällst!“ sagte sie
ruhig, „daß ist entweder ein Verbrecher oder ein Detektiv, der einen
Verbrecher sucht. Das sieht man doch sofort.“
„Ach Gott, nein!“ Gwen trieb das Spiel voller Übermut weiter, „mach’
mich nur nicht gruselig! Ich hab’ neulich eine schreckliche Geschichte
gelesen – von einem gesuchten Schwerverbrecher, der in Frauenkleidern
reiste. Natürlich war er glattrasiert. Aber er hatte einen so starken
Bartwuchs, daß er sich zweimal am Tage rasieren mußte.“ Sie sprach leise,
aber gerade laut genug, um von scharf gespitzten Ohren verstanden zu
werden – dabei streifte ihr Blick mit gewollter Unauffälligkeit das stark
beflaumte Gesicht ihres Gegenübers. „Und denke dir, er war allein im
Abteil mit einer jungen Frau, auf einer sehr langen Fahrt, und sie sieht –
erst denkt sie natürlich, sie täuscht sich – aber sie sieht immer deutlicher,
wie bei der Dame, die ihr gegenübersitzt, sich allmählich das ganze Gesicht
mit hervorkeimenden Bartstoppeln bedeckt! Das muß doch furchtbar sein –
ich glaube, ich wäre vor Entsetzen gestorben, ich habe mir auch fest
vorgenommen, nie wieder allein zu reisen. Darum hab’ ich dich auch so
gebeten, heute mitzukommen.“
„Ich hab’s ja auch gern getan,“ Mette machte ein sorgenvolles Gesicht,
„wenn Emma nur gut auf die Kleinen aufpaßt ... Bubi hat heute morgen
wieder so gehustet.“
Das war selbst Gwen zuviel. Einen Augenblick starrte sie in Mettes
unverändert ernstes Gesicht, dann prustete sie los, fuhr aber sofort mit dem
Taschentuch an den Mund und hustete krampfhaft.
Mette klopfte ihr besorgt den Rücken:
schnitt Grimassen, mit dem erwünschten Erfolg, daß Gwen fast erstickte
vor Lachen.
Wenn sie sich aber notdürftig erholt hatte, bot sie ihrerseits alles auf, um
Mette zum Lachen zu reizen.
„Unverschämtheit,“ sagte sie mit gespielter Entrüstung, „sieh nur, wie
dieser Mensch jedesmal hereinstarrt, wenn er vorbeigeht. Ich werde mich
nächstens beim Schaffner beschweren.“
Mit beleidigter Miene rückte sie das Reisemützchen fester, um sich
anzulehnen, und schlug die Beine übereinander.
Aber Mette ließ sich durch nichts aus der Fassung bringen.
„Ach, denk’ nur nicht, er starrt herein, weil du ihm so gefällst!“ sagte sie
ruhig, „daß ist entweder ein Verbrecher oder ein Detektiv, der einen
Verbrecher sucht. Das sieht man doch sofort.“
„Ach Gott, nein!“ Gwen trieb das Spiel voller Übermut weiter, „mach’
mich nur nicht gruselig! Ich hab’ neulich eine schreckliche Geschichte
gelesen – von einem gesuchten Schwerverbrecher, der in Frauenkleidern
reiste. Natürlich war er glattrasiert. Aber er hatte einen so starken
Bartwuchs, daß er sich zweimal am Tage rasieren mußte.“ Sie sprach leise,
aber gerade laut genug, um von scharf gespitzten Ohren verstanden zu
werden – dabei streifte ihr Blick mit gewollter Unauffälligkeit das stark
beflaumte Gesicht ihres Gegenübers. „Und denke dir, er war allein im
Abteil mit einer jungen Frau, auf einer sehr langen Fahrt, und sie sieht –
erst denkt sie natürlich, sie täuscht sich – aber sie sieht immer deutlicher,
wie bei der Dame, die ihr gegenübersitzt, sich allmählich das ganze Gesicht
mit hervorkeimenden Bartstoppeln bedeckt! Das muß doch furchtbar sein –
ich glaube, ich wäre vor Entsetzen gestorben, ich habe mir auch fest
vorgenommen, nie wieder allein zu reisen. Darum hab’ ich dich auch so
gebeten, heute mitzukommen.“
„Ich hab’s ja auch gern getan,“ Mette machte ein sorgenvolles Gesicht,
„wenn Emma nur gut auf die Kleinen aufpaßt ... Bubi hat heute morgen
wieder so gehustet.“
Das war selbst Gwen zuviel. Einen Augenblick starrte sie in Mettes
unverändert ernstes Gesicht, dann prustete sie los, fuhr aber sofort mit dem
Taschentuch an den Mund und hustete krampfhaft.
Mette klopfte ihr besorgt den Rücken:
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„Wenn du dich nur nicht von meinem Bubi angesteckt hast. Du hast ihn
gestern immerzu geküßt.“
Gwen drohte zu ersticken.
„Ich hab’ dir gleich gesagt, Keuchhusten ist so ansteckend – und so
gefährlich für Erwachsene!“
Gwen richtete sich auf, erschöpft und tränenüberströmt.
„Meistens tödlich!“ stöhnte sie, „Professor Rabe hat mir auch gesagt: der
Keuchhusten, der jetzt grassiert, würde die ganze Stadt entvölkern.“
„Gwen,“ mahnte Mette noch leiser, mit zuckenden Mundwinkeln.
Gwen schob mit der flachen Hand jeden Widerspruch beiseite.
„Alles tödlich,“ sagte sie grabesernst, „alles tödlich!“
Als sie endlich den Zug verließen, blieben sie auf dem Bahnsteig stehen
und bogen sich vor Lachen.
Mette sah sich nach dem eben verlassenen Wagen um. Sie hatte sich nicht
getäuscht: eine schwarzbeschuhte Hand wischte die Fensterscheibe blank,
und eine spitze Nase reckte sich vor. Ein aufmerksamer Blick verfolgte sie.
Gwen hob die Hand, um einen Abschiedsgruß zurückzuwinken. Mette
hielt ihr den Arm fest.
„Laß doch,“ Gwen wollte sich losreißen, „ich kann doch Bekannte in
dem Zug haben! Was geht das die alten Hexen an? Winke – Winke! Adieu,
lieber Zug, fahr’ wohl oder entgleise! Ach nein, lieber nicht, es könnten ja
vielleicht auch noch nette Menschen drin sein.“
„Komm jetzt,“ sagte Mette, „Wietinghoff steht da und schließt und
schnallt an seiner Reisetasche herum, nur um nicht aufzufallen – ganz wie
ein richtiger Detektiv. Wir hatten doch verabredet, daß wir zuerst den
Bahnhof verlassen. Komm! Er wirft schon ganz verzweifelte Blicke!“
Sie gingen durch die Sperre und durch den Schalterraum hindurch auf die
Straße, die flirrend im Sonnenglanz vor ihnen lag.
Fünf Minuten später trat Fred Wietinghoff, den Hut ziehend, an sie heran.
„Nein, meine Damen, welche Überraschung, daß ich Sie hier treffe!“
„Herr Wietinghoff!“ auch Gwen war sehr überrascht, „was tun Sie denn
hier? Darf ich bekannt machen? Herr Wietinghoff – Fräulein Rudloff ... ach
nein, kennen tut ihr euch doch wohl schon? Also, meine Freundin besucht
nämlich hier eine erkrankte Großtante, und Mama hat mir die Erlaubnis
gegeben, sie zu begleiten.“
„Ich denke, du mußtest reisen, und ich habe darum Bubi mit dem
Keuchhusten zu Hause gelassen?!“ neckte Mette.
gestern immerzu geküßt.“
Gwen drohte zu ersticken.
„Ich hab’ dir gleich gesagt, Keuchhusten ist so ansteckend – und so
gefährlich für Erwachsene!“
Gwen richtete sich auf, erschöpft und tränenüberströmt.
„Meistens tödlich!“ stöhnte sie, „Professor Rabe hat mir auch gesagt: der
Keuchhusten, der jetzt grassiert, würde die ganze Stadt entvölkern.“
„Gwen,“ mahnte Mette noch leiser, mit zuckenden Mundwinkeln.
Gwen schob mit der flachen Hand jeden Widerspruch beiseite.
„Alles tödlich,“ sagte sie grabesernst, „alles tödlich!“
Als sie endlich den Zug verließen, blieben sie auf dem Bahnsteig stehen
und bogen sich vor Lachen.
Mette sah sich nach dem eben verlassenen Wagen um. Sie hatte sich nicht
getäuscht: eine schwarzbeschuhte Hand wischte die Fensterscheibe blank,
und eine spitze Nase reckte sich vor. Ein aufmerksamer Blick verfolgte sie.
Gwen hob die Hand, um einen Abschiedsgruß zurückzuwinken. Mette
hielt ihr den Arm fest.
„Laß doch,“ Gwen wollte sich losreißen, „ich kann doch Bekannte in
dem Zug haben! Was geht das die alten Hexen an? Winke – Winke! Adieu,
lieber Zug, fahr’ wohl oder entgleise! Ach nein, lieber nicht, es könnten ja
vielleicht auch noch nette Menschen drin sein.“
„Komm jetzt,“ sagte Mette, „Wietinghoff steht da und schließt und
schnallt an seiner Reisetasche herum, nur um nicht aufzufallen – ganz wie
ein richtiger Detektiv. Wir hatten doch verabredet, daß wir zuerst den
Bahnhof verlassen. Komm! Er wirft schon ganz verzweifelte Blicke!“
Sie gingen durch die Sperre und durch den Schalterraum hindurch auf die
Straße, die flirrend im Sonnenglanz vor ihnen lag.
Fünf Minuten später trat Fred Wietinghoff, den Hut ziehend, an sie heran.
„Nein, meine Damen, welche Überraschung, daß ich Sie hier treffe!“
„Herr Wietinghoff!“ auch Gwen war sehr überrascht, „was tun Sie denn
hier? Darf ich bekannt machen? Herr Wietinghoff – Fräulein Rudloff ... ach
nein, kennen tut ihr euch doch wohl schon? Also, meine Freundin besucht
nämlich hier eine erkrankte Großtante, und Mama hat mir die Erlaubnis
gegeben, sie zu begleiten.“
„Ich denke, du mußtest reisen, und ich habe darum Bubi mit dem
Keuchhusten zu Hause gelassen?!“ neckte Mette.
Page 182
Wietinghoff griff sich an den Kopf:
„Himmel, die Familienverhältnisse scheinen aber ziemlich ungeklärt! Ich
mache den Vorschlag, daß wir uns bemühen, alles, was wir von Familie
haben, möglichst zu vergessen und zu diesem Zweck erst mal ausgiebig
frühstücken!“ – – –
Als sie aus dem Ratskeller wieder ans Tageslicht stiegen, stand auf dem
sonnigen Platz eine alte Frau mit einem großen, vollen Veilchenkorb. Fred
kaufte zwei Sträußchen und brachte sie den beiden Mädchen.
„Ach, Kinder,“ sagte er dabei und strahlte sie an, „ich möchte euch ja
Blumen geben, daß ihr sie nicht mehr tragen könntet – aber es geht nicht –
es sieht zu hochzeitsreisemäßig aus!“
Sie wanderten durch die alten Straßen, durch die winkligen Gassen mit
vorhängenden Giebelhäusern, über weite hallende Plätze mit schön
geformten Brunnen.
Fred Wietinghoff war ein guter Führer. Er wußte Bescheid, und was er
nicht kannte, entdeckte er im Augenblick. Seinem scharfen und geübten
Auge entging kein geschnitzter Balkon, kein Spruch über den Fenstern,
kein altertümlicher Türklopfer.
Die Schatten wurden lang, und der Westhimmel stand schon in roter Glut,
da fiel es ihm mit plötzlichem Erschrecken ein:
„Herrgott, daß ich daran nicht gedacht habe! Wir hätten ans Meer fahren
müssen, um die Sonne untergehen zu sehen.“
„Ach, ans Meer!“ In Mette kämpften Sehnsucht und Enttäuschung.
„Morgen!“ jauchzte Gwen, „oh, bitte, bitte, laßt uns morgen ans Meer
fahren! Wir versäumen den letzten Zug – ich telephoniere nach Hause, oh,
Metting, mach’ kein Gouvernantengesicht – dich erwartet ja sowieso
niemand. Wir machen heut’ Abend einen gemütlichen kleinen Bummel und
fahren morgen ans Meer!“
Fred Wietinghoff hielt sie am Ellbogen fest:
„Erst mal werden hier keine Indianertänze aufgeführt. Im übrigen ist die
Idee durchaus akzeptabel. Das heißt, wenn Fräulein Rudloff mittut. Denn
ich allein kann weder die Verantwortung für Ihr Betragen, noch für Ihren
Ruf übernehmen.“
„Himmel, die Familienverhältnisse scheinen aber ziemlich ungeklärt! Ich
mache den Vorschlag, daß wir uns bemühen, alles, was wir von Familie
haben, möglichst zu vergessen und zu diesem Zweck erst mal ausgiebig
frühstücken!“ – – –
Als sie aus dem Ratskeller wieder ans Tageslicht stiegen, stand auf dem
sonnigen Platz eine alte Frau mit einem großen, vollen Veilchenkorb. Fred
kaufte zwei Sträußchen und brachte sie den beiden Mädchen.
„Ach, Kinder,“ sagte er dabei und strahlte sie an, „ich möchte euch ja
Blumen geben, daß ihr sie nicht mehr tragen könntet – aber es geht nicht –
es sieht zu hochzeitsreisemäßig aus!“
Sie wanderten durch die alten Straßen, durch die winkligen Gassen mit
vorhängenden Giebelhäusern, über weite hallende Plätze mit schön
geformten Brunnen.
Fred Wietinghoff war ein guter Führer. Er wußte Bescheid, und was er
nicht kannte, entdeckte er im Augenblick. Seinem scharfen und geübten
Auge entging kein geschnitzter Balkon, kein Spruch über den Fenstern,
kein altertümlicher Türklopfer.
Die Schatten wurden lang, und der Westhimmel stand schon in roter Glut,
da fiel es ihm mit plötzlichem Erschrecken ein:
„Herrgott, daß ich daran nicht gedacht habe! Wir hätten ans Meer fahren
müssen, um die Sonne untergehen zu sehen.“
„Ach, ans Meer!“ In Mette kämpften Sehnsucht und Enttäuschung.
„Morgen!“ jauchzte Gwen, „oh, bitte, bitte, laßt uns morgen ans Meer
fahren! Wir versäumen den letzten Zug – ich telephoniere nach Hause, oh,
Metting, mach’ kein Gouvernantengesicht – dich erwartet ja sowieso
niemand. Wir machen heut’ Abend einen gemütlichen kleinen Bummel und
fahren morgen ans Meer!“
Fred Wietinghoff hielt sie am Ellbogen fest:
„Erst mal werden hier keine Indianertänze aufgeführt. Im übrigen ist die
Idee durchaus akzeptabel. Das heißt, wenn Fräulein Rudloff mittut. Denn
ich allein kann weder die Verantwortung für Ihr Betragen, noch für Ihren
Ruf übernehmen.“
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„Oh, Mette!“ Gwen verdrehte vor Empörung die Augen, „er kann die
Verantwortung für mein Betragen nicht übernehmen! Mir geht die Luft
weg! Mette, liebe, liebste Mette, fahren wir morgen ans Meer?“
„Mir ist alles recht,“ sagte Mette mit frohmütiger Überzeugung.
Ihr war alles recht. Sie war in einem so traumhaften Glücksgefühl
befangen, wie man es nur an fremden Orten haben kann, auf Reisen, wenn
der Alltag wie etwas Unwahrscheinliches, Halbvergessenes hinter einem
liegt, und fremde Häuser, fremde Mauern, fremde Berge, fremde Seen bunt
und eindringlich vor einem aufsteigen, an einem vorüberziehen.
Sie war froh, daß dieser Zustand noch nicht zu Ende sein sollte. Daß sie
morgen erwachen durfte, einen Fenstervorhang beiseite schieben und auf
eine Straße heruntersehen, die ihr im Morgenlicht ein nie erblicktes Bild
bot. Daß sie dann ans Meer fahren wollten ...
Und dann ...?
In eine andere Stadt –
an einen rauschenden Strom –
oder an einen stillen See –
oder in die Berge –
in den keimenden, knospenden Wald –
nur immer weiter. Und nie zurück. Immer dies Gefühl des Losgelöstseins
in sich, des Schwebens, der großen Freude, der stillen, genießenden
Seligkeit. – – –
„Wenn ich den Damen einen Vorschlag machen dürfte,“ sagte Wietinghoff,
„so holen wir jetzt meine Reisetasche vom Bahnhof ab, und Sie bewaffnen
sich damit, eh Sie in einem Hotel Unterkommen suchen. Damen ohne
Gepäck – das macht sich nicht gut, und Sie können schließlich nicht jedem
Kellner und Zimmermädchen die Geschichte von dem versäumten letzten
Zug erzählen.“
„Und Sie,“ fragte Gwen.
„Ich borge mir bei einem Bekannten ein Gepäckstück. Wir können jetzt
auf dem Wege zum Bahnhof die notwendigsten Übernachtungsrequisiten
besorgen – das packen Sie in meine Tasche und begeben sich nach dem
Deutschen Kaiser. Ich suche unterdessen meinen Freund Schmidtke auf und
borge mir einen vertraueneinflößenden Handkoffer. Nach einer halben
Verantwortung für mein Betragen nicht übernehmen! Mir geht die Luft
weg! Mette, liebe, liebste Mette, fahren wir morgen ans Meer?“
„Mir ist alles recht,“ sagte Mette mit frohmütiger Überzeugung.
Ihr war alles recht. Sie war in einem so traumhaften Glücksgefühl
befangen, wie man es nur an fremden Orten haben kann, auf Reisen, wenn
der Alltag wie etwas Unwahrscheinliches, Halbvergessenes hinter einem
liegt, und fremde Häuser, fremde Mauern, fremde Berge, fremde Seen bunt
und eindringlich vor einem aufsteigen, an einem vorüberziehen.
Sie war froh, daß dieser Zustand noch nicht zu Ende sein sollte. Daß sie
morgen erwachen durfte, einen Fenstervorhang beiseite schieben und auf
eine Straße heruntersehen, die ihr im Morgenlicht ein nie erblicktes Bild
bot. Daß sie dann ans Meer fahren wollten ...
Und dann ...?
In eine andere Stadt –
an einen rauschenden Strom –
oder an einen stillen See –
oder in die Berge –
in den keimenden, knospenden Wald –
nur immer weiter. Und nie zurück. Immer dies Gefühl des Losgelöstseins
in sich, des Schwebens, der großen Freude, der stillen, genießenden
Seligkeit. – – –
„Wenn ich den Damen einen Vorschlag machen dürfte,“ sagte Wietinghoff,
„so holen wir jetzt meine Reisetasche vom Bahnhof ab, und Sie bewaffnen
sich damit, eh Sie in einem Hotel Unterkommen suchen. Damen ohne
Gepäck – das macht sich nicht gut, und Sie können schließlich nicht jedem
Kellner und Zimmermädchen die Geschichte von dem versäumten letzten
Zug erzählen.“
„Und Sie,“ fragte Gwen.
„Ich borge mir bei einem Bekannten ein Gepäckstück. Wir können jetzt
auf dem Wege zum Bahnhof die notwendigsten Übernachtungsrequisiten
besorgen – das packen Sie in meine Tasche und begeben sich nach dem
Deutschen Kaiser. Ich suche unterdessen meinen Freund Schmidtke auf und
borge mir einen vertraueneinflößenden Handkoffer. Nach einer halben
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Stunde komm’ ich ins Hotel, gehe in den Speisesaal und bin wahnsinnig
überrascht, Sie da zu finden. Abgemacht?“
„Herrlich!“ Gwen zappelte schon wieder mit den Füßen vor Vergnügen.
„Stopp, stopp, stopp! Keine Pirouetten und Spitzentänze, wenn ich bitten
darf! Ich flehe Sie an, Fräulein Mette, passen Sie auf das Kind auf, die
Kleine macht uns im Hotel und in der ganzen Stadt unmöglich – ich weiß
gar nicht, ob ich Sie eine halbe Stunde mit ihr allein lassen darf?“
„Das ist nur Ihre Gegenwart, die sie so übermütig macht,“ beruhigte
Mette, „wenn sie mit mir allein ist, ist sie ganz vernünftig.“
„So?“ Ein seltsames Zucken glitt um Fred Wietinghoffs Mundwinkel, ein
kurzer scharfer Blick flog von Mettes Gesicht zu Gwens. – – –
Die frühe Dämmerung war schon hereingebrochen. Gwen zog die gelben
Vorhänge vor die Fenster und drehte alle elektrischen Flammen an – die
Krone, die Nachttischlampen, die Birnen über dem Waschtisch und dem
Spiegelschrank – daß das große Hotelzimmer ganz in Licht gebadet war.
„So hab’ ich’s gern.“ Sie zog die Schultern hoch wie ein schnurrendes
Kätzchen. „Licht und Wärme muß ich haben.“ Sie prüfte die Zentralheizung
unter den Fenstern, der sengende Glut entstieg. „So ist es schön! Nur kein
kaltes Schlafzimmer! Zu Haus wird mir sowieso die Heizung abgedreht,
weil Mama es für ungesund hält, warm zu schlafen. Wenn ich verheiratet
bin, muß mein Schlafzimmer warm sein wie ein Treibhaus, damit ich ohne
Hemd und ohne Decke schlafen kann!“
Sie öffnete Wietinghoffs Reisetasche und nahm die kleinen Einkäufe
heraus. Als das geschehen war, stöberte sie ganz selbstverständlich weiter.
„Was er da alles drin hat! Herrliche Seife, riech mal, Mette! Die könnten
wir eigentlich hierbehalten. Und Mundwasser auch. Rasiercreme –
brauchen wir nicht. Herrgott, wieviel Bürsten denn noch! Schön, die
Wildlederslippers – daß ich keine Pantoffeln da habe, ist mir eigentlich am
unangenehmsten; ich hasse es, mit bloßen Füßen auf Hotelteppichen herum
zu laufen. Ich muß doch sehen, was er für Pyjamas mit hat. Violett mit
weiß. Ganz hübsch. Möchtest du Pyjamas tragen? Ich denk’ sie mir
ziemlich unbequem. Aber morgens zum Frühstücken find’ ich sie sehr nett.
Weißt du, ich glaube, sie sind für häßliche Leute kleidsamer als für
hübsche. Schon weil man Hals und Arme nicht sieht. Ich möcht’ doch
überrascht, Sie da zu finden. Abgemacht?“
„Herrlich!“ Gwen zappelte schon wieder mit den Füßen vor Vergnügen.
„Stopp, stopp, stopp! Keine Pirouetten und Spitzentänze, wenn ich bitten
darf! Ich flehe Sie an, Fräulein Mette, passen Sie auf das Kind auf, die
Kleine macht uns im Hotel und in der ganzen Stadt unmöglich – ich weiß
gar nicht, ob ich Sie eine halbe Stunde mit ihr allein lassen darf?“
„Das ist nur Ihre Gegenwart, die sie so übermütig macht,“ beruhigte
Mette, „wenn sie mit mir allein ist, ist sie ganz vernünftig.“
„So?“ Ein seltsames Zucken glitt um Fred Wietinghoffs Mundwinkel, ein
kurzer scharfer Blick flog von Mettes Gesicht zu Gwens. – – –
Die frühe Dämmerung war schon hereingebrochen. Gwen zog die gelben
Vorhänge vor die Fenster und drehte alle elektrischen Flammen an – die
Krone, die Nachttischlampen, die Birnen über dem Waschtisch und dem
Spiegelschrank – daß das große Hotelzimmer ganz in Licht gebadet war.
„So hab’ ich’s gern.“ Sie zog die Schultern hoch wie ein schnurrendes
Kätzchen. „Licht und Wärme muß ich haben.“ Sie prüfte die Zentralheizung
unter den Fenstern, der sengende Glut entstieg. „So ist es schön! Nur kein
kaltes Schlafzimmer! Zu Haus wird mir sowieso die Heizung abgedreht,
weil Mama es für ungesund hält, warm zu schlafen. Wenn ich verheiratet
bin, muß mein Schlafzimmer warm sein wie ein Treibhaus, damit ich ohne
Hemd und ohne Decke schlafen kann!“
Sie öffnete Wietinghoffs Reisetasche und nahm die kleinen Einkäufe
heraus. Als das geschehen war, stöberte sie ganz selbstverständlich weiter.
„Was er da alles drin hat! Herrliche Seife, riech mal, Mette! Die könnten
wir eigentlich hierbehalten. Und Mundwasser auch. Rasiercreme –
brauchen wir nicht. Herrgott, wieviel Bürsten denn noch! Schön, die
Wildlederslippers – daß ich keine Pantoffeln da habe, ist mir eigentlich am
unangenehmsten; ich hasse es, mit bloßen Füßen auf Hotelteppichen herum
zu laufen. Ich muß doch sehen, was er für Pyjamas mit hat. Violett mit
weiß. Ganz hübsch. Möchtest du Pyjamas tragen? Ich denk’ sie mir
ziemlich unbequem. Aber morgens zum Frühstücken find’ ich sie sehr nett.
Weißt du, ich glaube, sie sind für häßliche Leute kleidsamer als für
hübsche. Schon weil man Hals und Arme nicht sieht. Ich möcht’ doch
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einmal einen anziehen, um zu sehen, ob er mir steht, bleu électrique
vielleicht. Und du müßtest einen erdbeerroten haben, aber nicht ‚fraise‘,
sondern erdbeerrot – nach den deutsch-französischen Farbenbezeichnungen
müßte man eigentlich die Franzosen für farbenblind halten – aus fraise
écrasée machen wir fraise und wundern uns, daß wir noch nie im Leben
fraisefarbene Erdbeeren gesehen haben. Ist es dir noch nie passiert, daß dir
ein Ladenfräulein gesagt hat: ‚In blau haben wir das nicht, höchstens in
bleu.‘? Ach, die Welt ist zu idiotisch. Ich habe so Lust auf guten Alkohol.
Was trinkst du eigentlich am liebsten? Willst du das rechte Bett oder das
linke? Ich glaube, ich muß mir die Haare noch mal machen. Soll ich das
Mützchen aufbehalten? Es sieht vielleicht am ladylikesten aus. Findest du
eigentlich, daß ich ladylike aussehe? Ach doch, nicht? Bist du fertig?
Wollen wir hinunter? Woher kommt es, daß deine Haare immer tadellos
sitzen? Du hast auch nicht soviel kurzes wie ich. Seh’ ich anständig aus?
Von hinten, von vorn, von allen Seiten? So, dann gib’ mir noch einen Kuß
und komm!“
Auf der Treppe kehrte Gwen noch einmal um.
Sie schwenkte Mette den Zimmerschlüssel entgegen, ehe sie ihn in ihr
Handtäschchen gleiten ließ.
„Den Schlüssel! Ich hab’ ihn abgezogen – schließlich braucht nicht jeder
eine Herrentasche mit Rasierzeug und Pyjamas bei uns zu finden. Fred soll
sie rausholen, sobald er kommt.“
Mette fürchtete sich ein wenig vor dem großen, hellen Speisesaal. Sie
hatte es völlig verlernt, sich einen Tisch auszusuchen, mit Kellnern zu
verhandeln, eine Weinkarte zu prüfen. Es stand ihr wie ein Examen bevor.
Und das schlimmste war, daß sie sich nicht verraten durfte und die
Beantwortung dieser Fragen mit einem ‚wir erwarten noch jemand‘
hinausschieben.
Als sie eintraten, fiel ihr erster Blick in einen Spiegel, und in diesem
Spiegel sah sie Fred Wietinghoffs Gesicht. Er sah über eine Zeitung
hinweg, die er in beiden Händen hielt, seine Augen, groß und offen und von
tiefem leuchtenden Blau, sahen ihr entgegen und grüßten sie. Und von
seinem Blick, von seinem festen hellen Gesicht ging ein Strom von Ruhe
und Sicherheit aus.
Wie gut, daß er da war! Wie gut, daß er da war!
Jetzt sah sie auch vor dem Spiegel seine breiten Schultern, seinen
blonden Kopf.
vielleicht. Und du müßtest einen erdbeerroten haben, aber nicht ‚fraise‘,
sondern erdbeerrot – nach den deutsch-französischen Farbenbezeichnungen
müßte man eigentlich die Franzosen für farbenblind halten – aus fraise
écrasée machen wir fraise und wundern uns, daß wir noch nie im Leben
fraisefarbene Erdbeeren gesehen haben. Ist es dir noch nie passiert, daß dir
ein Ladenfräulein gesagt hat: ‚In blau haben wir das nicht, höchstens in
bleu.‘? Ach, die Welt ist zu idiotisch. Ich habe so Lust auf guten Alkohol.
Was trinkst du eigentlich am liebsten? Willst du das rechte Bett oder das
linke? Ich glaube, ich muß mir die Haare noch mal machen. Soll ich das
Mützchen aufbehalten? Es sieht vielleicht am ladylikesten aus. Findest du
eigentlich, daß ich ladylike aussehe? Ach doch, nicht? Bist du fertig?
Wollen wir hinunter? Woher kommt es, daß deine Haare immer tadellos
sitzen? Du hast auch nicht soviel kurzes wie ich. Seh’ ich anständig aus?
Von hinten, von vorn, von allen Seiten? So, dann gib’ mir noch einen Kuß
und komm!“
Auf der Treppe kehrte Gwen noch einmal um.
Sie schwenkte Mette den Zimmerschlüssel entgegen, ehe sie ihn in ihr
Handtäschchen gleiten ließ.
„Den Schlüssel! Ich hab’ ihn abgezogen – schließlich braucht nicht jeder
eine Herrentasche mit Rasierzeug und Pyjamas bei uns zu finden. Fred soll
sie rausholen, sobald er kommt.“
Mette fürchtete sich ein wenig vor dem großen, hellen Speisesaal. Sie
hatte es völlig verlernt, sich einen Tisch auszusuchen, mit Kellnern zu
verhandeln, eine Weinkarte zu prüfen. Es stand ihr wie ein Examen bevor.
Und das schlimmste war, daß sie sich nicht verraten durfte und die
Beantwortung dieser Fragen mit einem ‚wir erwarten noch jemand‘
hinausschieben.
Als sie eintraten, fiel ihr erster Blick in einen Spiegel, und in diesem
Spiegel sah sie Fred Wietinghoffs Gesicht. Er sah über eine Zeitung
hinweg, die er in beiden Händen hielt, seine Augen, groß und offen und von
tiefem leuchtenden Blau, sahen ihr entgegen und grüßten sie. Und von
seinem Blick, von seinem festen hellen Gesicht ging ein Strom von Ruhe
und Sicherheit aus.
Wie gut, daß er da war! Wie gut, daß er da war!
Jetzt sah sie auch vor dem Spiegel seine breiten Schultern, seinen
blonden Kopf.
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Gwen fing an zu kichern und stieß Metten an. Sie machte eine
Bewegung, als wollte sie auf ihn zueilen und ihn durch einen Schlag auf die
Schulter aufschrecken.
Mette hielt ihren Arm fest.
„Er hat uns gesehen,“ sagte sie leise, „komm ruhig an ihm vorbei.“
Mette hörte das Stuhlrücken hinter sich und seine raschen großen
Schritte.
Sie begrüßten sich wieder voller Verwunderung. Wietinghoff suchte
einen größeren Tisch – er hatte sich absichtlich an einen ganz kleinen
gesetzt – und beauftragte den Kellner, seine Sachen herüberzubringen.
Er wählte mit Bedacht ein kleines Abendessen, einen edlen Wein.
„Nachher trinken wir Sekt,“ sagte er, als der Kellner außer Hörweite war,
„ich werde natürlich in seiner,“ mit einer Schulterbewegung, „Gegenwart
auf diese Idee kommen: ‚Aber ich bitte Sie, meine Damen, diese
Begegnung müssen wir doch mit einer Schampus feiern!‘ Klingt es nicht
ganz glaubwürdig?“
„Sehr,“ bestätigte Mette lachend.
„Herrgott, die Tasche.“ Gwen hob erschrocken die Hand vor den offenen
Mund und sah mit runden entsetzten Kinderaugen von einem zum andern.
„Fred, Sie müssen Ihre Tasche aus unserm Zimmer holen! Was soll denn
das Zimmermädchen von uns denken? Aber lassen Sie sich nicht erwischen,
sonst werden Sie noch als Einbrecher verhaftet! Das wär’ eigentlich ein
herrlicher Witz! Passen Sie auf, ich will Ihnen unauffällig den Schlüssel
zustecken!“
Sie kramte in ihrer Tasche, die sie unter dem Tisch auf ihrem Schoß hielt,
zog den Schlüssel heraus, krampfhaft bemüht, ihn in ihrer kleinen Faust
verschwinden zu lassen, und schob die geschlossene Hand über den Tisch.
Wietinghoff nahm ihr den Schlüssel ab, ließ ihn in die Hosentasche
gleiten und bog sich vor Lachen mit dem Stuhl zurück.
„Wundervoll,“ sagte er und zeigte sehr vergnügt seine festen weißen
Zähne, „jetzt hat das ganze Lokal gesehen, wie Sie mir unauffällig den
Zimmerschlüssel zugesteckt haben! Na, mir soll’s recht sein! Ich fühle mich
nicht weiter kompromittiert. Niedlich genug sehen Sie aus!“
Er sagte es etwas geringschätzig, mit einem spöttischen Zucken um den
Mund. Aber unter gesenkten Augenlidern hervor lief ein Blick über Gwen
hin, der etwas Vertrauliches, Taxierendes und zugleich Brennendes und
Einsaugendes hatte.
Bewegung, als wollte sie auf ihn zueilen und ihn durch einen Schlag auf die
Schulter aufschrecken.
Mette hielt ihren Arm fest.
„Er hat uns gesehen,“ sagte sie leise, „komm ruhig an ihm vorbei.“
Mette hörte das Stuhlrücken hinter sich und seine raschen großen
Schritte.
Sie begrüßten sich wieder voller Verwunderung. Wietinghoff suchte
einen größeren Tisch – er hatte sich absichtlich an einen ganz kleinen
gesetzt – und beauftragte den Kellner, seine Sachen herüberzubringen.
Er wählte mit Bedacht ein kleines Abendessen, einen edlen Wein.
„Nachher trinken wir Sekt,“ sagte er, als der Kellner außer Hörweite war,
„ich werde natürlich in seiner,“ mit einer Schulterbewegung, „Gegenwart
auf diese Idee kommen: ‚Aber ich bitte Sie, meine Damen, diese
Begegnung müssen wir doch mit einer Schampus feiern!‘ Klingt es nicht
ganz glaubwürdig?“
„Sehr,“ bestätigte Mette lachend.
„Herrgott, die Tasche.“ Gwen hob erschrocken die Hand vor den offenen
Mund und sah mit runden entsetzten Kinderaugen von einem zum andern.
„Fred, Sie müssen Ihre Tasche aus unserm Zimmer holen! Was soll denn
das Zimmermädchen von uns denken? Aber lassen Sie sich nicht erwischen,
sonst werden Sie noch als Einbrecher verhaftet! Das wär’ eigentlich ein
herrlicher Witz! Passen Sie auf, ich will Ihnen unauffällig den Schlüssel
zustecken!“
Sie kramte in ihrer Tasche, die sie unter dem Tisch auf ihrem Schoß hielt,
zog den Schlüssel heraus, krampfhaft bemüht, ihn in ihrer kleinen Faust
verschwinden zu lassen, und schob die geschlossene Hand über den Tisch.
Wietinghoff nahm ihr den Schlüssel ab, ließ ihn in die Hosentasche
gleiten und bog sich vor Lachen mit dem Stuhl zurück.
„Wundervoll,“ sagte er und zeigte sehr vergnügt seine festen weißen
Zähne, „jetzt hat das ganze Lokal gesehen, wie Sie mir unauffällig den
Zimmerschlüssel zugesteckt haben! Na, mir soll’s recht sein! Ich fühle mich
nicht weiter kompromittiert. Niedlich genug sehen Sie aus!“
Er sagte es etwas geringschätzig, mit einem spöttischen Zucken um den
Mund. Aber unter gesenkten Augenlidern hervor lief ein Blick über Gwen
hin, der etwas Vertrauliches, Taxierendes und zugleich Brennendes und
Einsaugendes hatte.
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‚Was soll ich hier?‘ dachte Mette in plötzlicher Qual, ‚warum muß ich
Zeuge ihrer Verliebtheit sein? Bloß, weil sie ihren Ruf wahren wollen?
Lächerlich. Sie sind sicher schon hundertmal allein zusammen gewesen. Sie
können nicht Angst haben, daß etwas geschehen könnte, was noch nicht
geschehen wäre. Diese beiden Menschen kennen einer den andern ganz und
ohne Rückhalt. Ich hab’ es vor Monaten schon gewußt. Wie konnte ich es
wieder vergessen? Was soll ich hier?‘
Fred Wietinghoff goß die Gläser voll.
„Auf gute und ehrliche Kameradschaft!“ sagte er.
„Darauf trink ich mit!“ Mette hob ihr Glas.
Wietinghoff suchte ihren Blick mit ernsten und offenen Augen.
„Sie sind der geborene Kamerad,“ sagte er herzlich. „Treu, klug,
verschwiegen und kühn. Wissen Sie – man sieht oft Menschen in einer
anderen Zeit, unter anderen Schicksalen – sozusagen in einer anderen Rolle.
Wenn ich Sie sehe, denke ich immer tausend Jahre zurück, Minnesänger-
und Ritterzeit, und dann seh’ ich Sie in Knappentracht Ihrem auserwählten
Liebsten folgen – es gibt solche Gestalten in den alten Liedern und Sagen,
und sie haben mich schon in meiner Knabenzeit immer mit Rührung und
Bewunderung erfüllt. So ein Heldenmädchen, das ganz ohne Ehrgeiz, nur
aus Liebe, alle Strapazen erträgt, an allen Ruhmestaten seinen Anteil hat,
geneckt und gelobt wird, aber niemals den Lohn der Leidenschaft empfängt
– bis es einmal im Gewühl des Kampfes Hieb oder Stich empfängt und der
Ritter selber auf beiden Armen seinen treuen Knappen ins Zelt trägt und aus
dem Knabenwams einen weißleuchtenden Frauenleib ans Licht schält.“
„Findest du nicht, daß er Talent hat?“ neckte Gwen. „Er sollte doch unter
die Dichter gehen. Und was bin ich? Äußern Sie sich, Herr Wietinghoff, in
welcher Rolle belieben Sie mich zu sehen?“
„Sie sind absolut eine Ausgeburt des zwanzigsten Jahrhunderts,“ gab
Wietinghoff fast verächtlich zurück, „albern und frühreif, verderbt und
kindlich, putzsüchtig, anspruchsvoll ...“
Gwen zappelte mit den Füßen und öffnete den Mund zu einem
ungezogenen Schreien.
Wietinghoff beeilte sich, sie zu beschwichtigen.
„Aber süß,“ sagte er hastig, ängstlich, „ganz entzückend dabei,
unwiderstehlich, bezaubernd, berückend, betörend.“
„Scheint so,“ lachte Gwen, „Sie hab’ ich jedenfalls betört, denn Sie sind
furchtbar töricht. Prost, Kinder – ich finde den Wein herrlich und das Leben
Zeuge ihrer Verliebtheit sein? Bloß, weil sie ihren Ruf wahren wollen?
Lächerlich. Sie sind sicher schon hundertmal allein zusammen gewesen. Sie
können nicht Angst haben, daß etwas geschehen könnte, was noch nicht
geschehen wäre. Diese beiden Menschen kennen einer den andern ganz und
ohne Rückhalt. Ich hab’ es vor Monaten schon gewußt. Wie konnte ich es
wieder vergessen? Was soll ich hier?‘
Fred Wietinghoff goß die Gläser voll.
„Auf gute und ehrliche Kameradschaft!“ sagte er.
„Darauf trink ich mit!“ Mette hob ihr Glas.
Wietinghoff suchte ihren Blick mit ernsten und offenen Augen.
„Sie sind der geborene Kamerad,“ sagte er herzlich. „Treu, klug,
verschwiegen und kühn. Wissen Sie – man sieht oft Menschen in einer
anderen Zeit, unter anderen Schicksalen – sozusagen in einer anderen Rolle.
Wenn ich Sie sehe, denke ich immer tausend Jahre zurück, Minnesänger-
und Ritterzeit, und dann seh’ ich Sie in Knappentracht Ihrem auserwählten
Liebsten folgen – es gibt solche Gestalten in den alten Liedern und Sagen,
und sie haben mich schon in meiner Knabenzeit immer mit Rührung und
Bewunderung erfüllt. So ein Heldenmädchen, das ganz ohne Ehrgeiz, nur
aus Liebe, alle Strapazen erträgt, an allen Ruhmestaten seinen Anteil hat,
geneckt und gelobt wird, aber niemals den Lohn der Leidenschaft empfängt
– bis es einmal im Gewühl des Kampfes Hieb oder Stich empfängt und der
Ritter selber auf beiden Armen seinen treuen Knappen ins Zelt trägt und aus
dem Knabenwams einen weißleuchtenden Frauenleib ans Licht schält.“
„Findest du nicht, daß er Talent hat?“ neckte Gwen. „Er sollte doch unter
die Dichter gehen. Und was bin ich? Äußern Sie sich, Herr Wietinghoff, in
welcher Rolle belieben Sie mich zu sehen?“
„Sie sind absolut eine Ausgeburt des zwanzigsten Jahrhunderts,“ gab
Wietinghoff fast verächtlich zurück, „albern und frühreif, verderbt und
kindlich, putzsüchtig, anspruchsvoll ...“
Gwen zappelte mit den Füßen und öffnete den Mund zu einem
ungezogenen Schreien.
Wietinghoff beeilte sich, sie zu beschwichtigen.
„Aber süß,“ sagte er hastig, ängstlich, „ganz entzückend dabei,
unwiderstehlich, bezaubernd, berückend, betörend.“
„Scheint so,“ lachte Gwen, „Sie hab’ ich jedenfalls betört, denn Sie sind
furchtbar töricht. Prost, Kinder – ich finde den Wein herrlich und das Leben
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wunderschön.“
Mette trank ihr zu. Der Wein goß warme Ströme durch ihre Nerven.
‚Kamerad,‘ dachte sie, ‚schönes, liebes Wort. Kamerad! Das möcht’ ich
sein, und das kann ich sein. Kameradschaft. Das ist mein Reichtum und
meine Stärke. Aber noch nie hat sie jemand von mir verlangt. Ich kann
diesem kleinen Mädchen Kamerad sein und kann’s diesem Mann sein – ob
die beiden nun andere Beziehungen miteinander haben, geht mich gar
nichts an – es berührt mich gar nicht. Seltsam – noch nie hat mich jemand
zum Kameraden haben wollen – nicht einmal Olga. Und dabei ist mir, als
wäre mir durch dies Wort ein Schlüssel zu meinem Innern gegeben, daß ich
in mich selbst hineinsehen kann und erkenne, was in mir ist. Ich will Fred
Wietinghoff immer dankbar sein, daß er mir dieses gute Wort gesagt hat.‘
Die frohe Stimmung hielt bei allen an. Manchmal lachte Gwen so
ausgelassen, daß Wietinghoff oder Mette sie zur Ruhe verweisen mußten.
Manchmal flog ein Scherzwort hin und her, das Mette nicht verstand. Aber
es quälte sie nicht mehr. Ein guter Kamerad mußte sich vertrauensvoll und
geduldig in alles schicken. Mußte überhören können, was er nicht zu wissen
brauchte. Und mußte mit immer wachen, hundertfach geschärften Ohren
hören, wenn ein Notruf an ihn erging. – – –
Auf dem Türgang sagte Fred Wietinghoff ihnen gute Nacht. Er küßte beiden
lange die Hand, und keiner um einen Herzschlag länger als der andern.
Aber Gwens Finger hob er an die Lippen und sah ihr dabei in die Augen,
eindringlich und wie beschwörend. Über Mettes Hand beugte er tief den
Kopf. – – –
„Morgen fahren wir ans Meer!“ Gwen tanzte übermütig durchs Zimmer.
„Mette, süße Mette, ist das Leben nicht schön? Und ist es nicht entzückend,
mit Fred zu bummeln und zu reisen? Bist du nicht entzückt von ihm? Ach,
etwas doch, mir kannst du es ruhig zugeben, ich bin nicht eifersüchtig! Nur
ausschalten laß ich mich nicht – aber sonst ... Du bist ja doch ein bißchen in
ihn verliebt, sag’ es nur ruhig.“
„Ich glaube, du bist ein bißchen beschwipst, kleine Maus,“ sagte Mette
lächelnd, „es ist höchste Zeit, daß du in dein Bettchen kommst.“
Mette trank ihr zu. Der Wein goß warme Ströme durch ihre Nerven.
‚Kamerad,‘ dachte sie, ‚schönes, liebes Wort. Kamerad! Das möcht’ ich
sein, und das kann ich sein. Kameradschaft. Das ist mein Reichtum und
meine Stärke. Aber noch nie hat sie jemand von mir verlangt. Ich kann
diesem kleinen Mädchen Kamerad sein und kann’s diesem Mann sein – ob
die beiden nun andere Beziehungen miteinander haben, geht mich gar
nichts an – es berührt mich gar nicht. Seltsam – noch nie hat mich jemand
zum Kameraden haben wollen – nicht einmal Olga. Und dabei ist mir, als
wäre mir durch dies Wort ein Schlüssel zu meinem Innern gegeben, daß ich
in mich selbst hineinsehen kann und erkenne, was in mir ist. Ich will Fred
Wietinghoff immer dankbar sein, daß er mir dieses gute Wort gesagt hat.‘
Die frohe Stimmung hielt bei allen an. Manchmal lachte Gwen so
ausgelassen, daß Wietinghoff oder Mette sie zur Ruhe verweisen mußten.
Manchmal flog ein Scherzwort hin und her, das Mette nicht verstand. Aber
es quälte sie nicht mehr. Ein guter Kamerad mußte sich vertrauensvoll und
geduldig in alles schicken. Mußte überhören können, was er nicht zu wissen
brauchte. Und mußte mit immer wachen, hundertfach geschärften Ohren
hören, wenn ein Notruf an ihn erging. – – –
Auf dem Türgang sagte Fred Wietinghoff ihnen gute Nacht. Er küßte beiden
lange die Hand, und keiner um einen Herzschlag länger als der andern.
Aber Gwens Finger hob er an die Lippen und sah ihr dabei in die Augen,
eindringlich und wie beschwörend. Über Mettes Hand beugte er tief den
Kopf. – – –
„Morgen fahren wir ans Meer!“ Gwen tanzte übermütig durchs Zimmer.
„Mette, süße Mette, ist das Leben nicht schön? Und ist es nicht entzückend,
mit Fred zu bummeln und zu reisen? Bist du nicht entzückt von ihm? Ach,
etwas doch, mir kannst du es ruhig zugeben, ich bin nicht eifersüchtig! Nur
ausschalten laß ich mich nicht – aber sonst ... Du bist ja doch ein bißchen in
ihn verliebt, sag’ es nur ruhig.“
„Ich glaube, du bist ein bißchen beschwipst, kleine Maus,“ sagte Mette
lächelnd, „es ist höchste Zeit, daß du in dein Bettchen kommst.“
Page 189
„Ja, höchste Zeit – höchste Zeit,“ trällerte Gwen leise. Sie zog sich aus,
während sie in der Stube herumtanzte, und streute ihre Sachen auf alle
vorhandenen Stühle und Tische. „Müde bin ich zwar gar nicht ... bist du
müde, Metting? Hoffentlich nicht.“
„Warum nicht? Was hast du denn noch vor?“
„Ach, ich geh’ heut Abend noch auf den Ball mit dir ... auf den Federball
... habt ihr das als Kinder auch immer gesagt? Blöd, nicht? Alle Kinder
haben dieselben dummen Redensarten und finden sie tausendmal
hintereinander immer wieder witzig. Und wenn man älter wird, mag man
die besten Witze nicht zweimal hören und die schönsten Gerichte nicht
zweimal essen. Eigentlich traurig, nicht? Oder? Fred Wietinghoff würde
sagen: der ewige Hunger nach neuem peitscht uns vorwärts. Sonst würden
wir uns wie Karusselpferde im Kreis herumdrehen. Also, gepriesen sei der
Drang nach Abwechslung! Was machst du nur so ewig, Mettika? Ich steige
gleich ins Bett.“
Sie stieg aber trotzdem nicht gleich ins Bett, sondern lief im Hemd im
Zimmer hin und her, hatte dort etwas zu ordnen und hier etwas zu suchen
und verbrachte die Zeit mit Geschwätz und Getändel.
Mette lag schon im Bett: „Du wirst dich erkälten,“ sagte sie
kopfschüttelnd, „wie kann man so herumtrödeln? Du warst doch schon vor
einer halben Stunde fertig. Dreh’ die überflüssige Beleuchtung aus und
kriech’ ins Bett.“
Gwen reckte die nackten Arme über den Kopf.
„Ich hab’ eine solche Unruhe in mir,“ klagte sie. „Begreifst du denn das
nicht? Ach Mette, du tust ja nur so, als ob du von Eis und Schnee wärst.
Fühlst du denn nicht, wie der Wein durch deine Adern geht und dir immer
von unten gegen das Herz stößt, immer so.“ Sie schlug ruckweise mit der
geballten Faust gegen die Brust. „Und fühlst du nicht, daß es da draußen
Frühling wird? Hast du keine Wurzeln mehr in der Erde, daß du nicht
fühlst, wie der Saft in dir gärt ... in dir, wie in jedem Baum und Strauch ...“
Sie blieb neben dem Schrank stehen und legte die Arme, die Schläfe an
das glatte Holz:
„Manchmal glaub’ ich, diese armen mißhandelten, zersägten, behobelten
Bäume haben noch einen Rest Leben in sich – und im Frühling, wenn die
große Orgie sich vorbereitet ... dann fängt es an, noch in dem armen
polierten Holz zu pulsen und zu zucken – fühl’ nur, es ist wie ein leiser
Herzschlag drin, und dann denk’ ich, die Möbel freuen sich an mir – sie
während sie in der Stube herumtanzte, und streute ihre Sachen auf alle
vorhandenen Stühle und Tische. „Müde bin ich zwar gar nicht ... bist du
müde, Metting? Hoffentlich nicht.“
„Warum nicht? Was hast du denn noch vor?“
„Ach, ich geh’ heut Abend noch auf den Ball mit dir ... auf den Federball
... habt ihr das als Kinder auch immer gesagt? Blöd, nicht? Alle Kinder
haben dieselben dummen Redensarten und finden sie tausendmal
hintereinander immer wieder witzig. Und wenn man älter wird, mag man
die besten Witze nicht zweimal hören und die schönsten Gerichte nicht
zweimal essen. Eigentlich traurig, nicht? Oder? Fred Wietinghoff würde
sagen: der ewige Hunger nach neuem peitscht uns vorwärts. Sonst würden
wir uns wie Karusselpferde im Kreis herumdrehen. Also, gepriesen sei der
Drang nach Abwechslung! Was machst du nur so ewig, Mettika? Ich steige
gleich ins Bett.“
Sie stieg aber trotzdem nicht gleich ins Bett, sondern lief im Hemd im
Zimmer hin und her, hatte dort etwas zu ordnen und hier etwas zu suchen
und verbrachte die Zeit mit Geschwätz und Getändel.
Mette lag schon im Bett: „Du wirst dich erkälten,“ sagte sie
kopfschüttelnd, „wie kann man so herumtrödeln? Du warst doch schon vor
einer halben Stunde fertig. Dreh’ die überflüssige Beleuchtung aus und
kriech’ ins Bett.“
Gwen reckte die nackten Arme über den Kopf.
„Ich hab’ eine solche Unruhe in mir,“ klagte sie. „Begreifst du denn das
nicht? Ach Mette, du tust ja nur so, als ob du von Eis und Schnee wärst.
Fühlst du denn nicht, wie der Wein durch deine Adern geht und dir immer
von unten gegen das Herz stößt, immer so.“ Sie schlug ruckweise mit der
geballten Faust gegen die Brust. „Und fühlst du nicht, daß es da draußen
Frühling wird? Hast du keine Wurzeln mehr in der Erde, daß du nicht
fühlst, wie der Saft in dir gärt ... in dir, wie in jedem Baum und Strauch ...“
Sie blieb neben dem Schrank stehen und legte die Arme, die Schläfe an
das glatte Holz:
„Manchmal glaub’ ich, diese armen mißhandelten, zersägten, behobelten
Bäume haben noch einen Rest Leben in sich – und im Frühling, wenn die
große Orgie sich vorbereitet ... dann fängt es an, noch in dem armen
polierten Holz zu pulsen und zu zucken – fühl’ nur, es ist wie ein leiser
Herzschlag drin, und dann denk’ ich, die Möbel freuen sich an mir – sie
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fühlen mein Leben aufschäumen, und das gibt ihnen Lust und Ruhe –
Mette!“ – Sie war mit ein paar Sprüngen auf dem Bettrand und faßte Mette
rüttelnd an den Schultern. „Bist du lebloser als das tote Holz? Das ist nicht
wahr und das glaub’ ich dir nicht!“
Sie schlang die Arme um Mette und wühlte den Kopf neben ihr in die
Kissen.
„Warum magst du mich nicht, Metting?“ flüsterte sie ihr ins Ohr. „Sag’
mir, ist es, weil du Fred liebst? Es ist nicht wahr, daß du nie eine Frau
geliebt hast. Es ist auch nicht wahr, daß du mich nicht lieben könntest ...“
„Lieben,“ sagte Mette tonlos, „was nennst du lieben.“
„Lieben nenne ich selig machen ... und selbst dabei selig sein ... alles
andere nenn’ ich Freundschaft oder Anbetung oder Schwärmerei, ja, am
besten Schwärmerei. Ich will wissen, was du gegen mich hast!“
Sie kniete auf dem Bettrand und riß sich wie eine Rasende das Hemd von
den Schultern.
„Du sollst mich jetzt ansehen! Du mußt mich jetzt ansehen! Wo hab’ ich
irgendeinen Fehler, der dich abstößt?“
„Du bist sehr schön,“ sagte Mette mit gequältem Lächeln.
„Ach, und du erst,“ Gwen warf sich über sie und küßte ihr Mund und
Augenlider, Hals und Wangen.
‚Ich will nicht,‘ dachte Mette, ‚sie ist mir anvertraut, und ich rühre sie
nicht an. Ich bin sein Kamerad ... ich bin sein Kamerad ...‘
Rosenrote Wellen hoben sich. Sie stiegen ihr bis zum Herzen, bis zum
Hals, bis über die Augen. Das Zimmer schien zu schwanken, wie in
zitternden Atemzügen, wie in ruckweisen Herzstößen.
Plötzlich war alles still, hell, es war wie blendendes Licht, und wie ein
schmetternder Hornstoß.
Vielleicht hatte ganz leise eine Diele geknarrt.
Mette fuhr auf, wach, nüchtern.
Irgend etwas war im Zimmer, was vorher nicht da gewesen war.
Ein violetter Fleck. Und darüber Fred Wietinghoffs Gesicht.
Fred Wietinghoffs Augen. Brennend. Gierig. Ganz unverhüllt, wie die
Augen brünstiger Tiere – ganz nackte Augen.
Mette schrie nicht auf.
Sie schleuderte den weichen Körper von sich, der würgend auf ihr lag.
Ein Wort stieg in ihr auf und verließ sie nicht mehr. Es war das einzige
Wort, das sie denken konnte, und das ihre Gedanken unablässig
Mette!“ – Sie war mit ein paar Sprüngen auf dem Bettrand und faßte Mette
rüttelnd an den Schultern. „Bist du lebloser als das tote Holz? Das ist nicht
wahr und das glaub’ ich dir nicht!“
Sie schlang die Arme um Mette und wühlte den Kopf neben ihr in die
Kissen.
„Warum magst du mich nicht, Metting?“ flüsterte sie ihr ins Ohr. „Sag’
mir, ist es, weil du Fred liebst? Es ist nicht wahr, daß du nie eine Frau
geliebt hast. Es ist auch nicht wahr, daß du mich nicht lieben könntest ...“
„Lieben,“ sagte Mette tonlos, „was nennst du lieben.“
„Lieben nenne ich selig machen ... und selbst dabei selig sein ... alles
andere nenn’ ich Freundschaft oder Anbetung oder Schwärmerei, ja, am
besten Schwärmerei. Ich will wissen, was du gegen mich hast!“
Sie kniete auf dem Bettrand und riß sich wie eine Rasende das Hemd von
den Schultern.
„Du sollst mich jetzt ansehen! Du mußt mich jetzt ansehen! Wo hab’ ich
irgendeinen Fehler, der dich abstößt?“
„Du bist sehr schön,“ sagte Mette mit gequältem Lächeln.
„Ach, und du erst,“ Gwen warf sich über sie und küßte ihr Mund und
Augenlider, Hals und Wangen.
‚Ich will nicht,‘ dachte Mette, ‚sie ist mir anvertraut, und ich rühre sie
nicht an. Ich bin sein Kamerad ... ich bin sein Kamerad ...‘
Rosenrote Wellen hoben sich. Sie stiegen ihr bis zum Herzen, bis zum
Hals, bis über die Augen. Das Zimmer schien zu schwanken, wie in
zitternden Atemzügen, wie in ruckweisen Herzstößen.
Plötzlich war alles still, hell, es war wie blendendes Licht, und wie ein
schmetternder Hornstoß.
Vielleicht hatte ganz leise eine Diele geknarrt.
Mette fuhr auf, wach, nüchtern.
Irgend etwas war im Zimmer, was vorher nicht da gewesen war.
Ein violetter Fleck. Und darüber Fred Wietinghoffs Gesicht.
Fred Wietinghoffs Augen. Brennend. Gierig. Ganz unverhüllt, wie die
Augen brünstiger Tiere – ganz nackte Augen.
Mette schrie nicht auf.
Sie schleuderte den weichen Körper von sich, der würgend auf ihr lag.
Ein Wort stieg in ihr auf und verließ sie nicht mehr. Es war das einzige
Wort, das sie denken konnte, und das ihre Gedanken unablässig
Page 191
wiederholten:
‚Abgekartet. Alles abgekartet.‘
Sie richtete sich auf und griff nach ihren Kleidern.
In diesem Augenblick stürzte Wietinghoff auf sie zu.
„Mette,“ stammelte er, „Süßeste.“
Da schlug sie ihm mit der flachen Hand ins Gesicht.
Er war auf Widerstand gefaßt gewesen, auf Stoßen, Kratzen, Beißen – er
hätte sie lachend bezwungen.
Der Schlag ließ ihn zurücktaumeln.
Mette schlüpfte in ihre Bluse.
‚Abgekartet,‘ dachte sie, ‚abgekartet.‘
Sie knüpfte die Bänder des Unterrocks. Ihre Hände zitterten nicht, trotz
der wahnsinnigen Hast. Erst als sie angezogen war, warf sie einen
flüchtigen Blick auf Wietinghoff.
Auf seinem blassen Gesicht brannte die Spur ihrer Hand wie ein feuriges
Mal. Über seinen Augen lagen die breiten zitternden Lider.
Ein seltsames Gefühl stieg in Mette auf. Eine rasende Freude: ‚ich habe
ihn gut getroffen.‘ Und dann eine dämmernde Erkenntnis: ‚es ist das
erstemal, daß ich dies schöne Gesicht berührt habe – dies schöne Gesicht.‘
Nie hatte sie mit einem Gedanken daran gedacht – aber ihr war, als hätten
ihre Hände sich immer danach gesehnt, dies Gesicht zu streicheln.
Ein namenloses Weh quoll in ihrem Herzen. So, als hätte sie etwas
Schönes und Kostbares besessen, und sähe es zum erstenmal, da es ruchlos
zerstört und zerbrochen vor ihr lag.
Sie ging ruhig im Zimmer hin und her und holte ihre Sachen zusammen.
Wenn sie an Fred Wietinghoff vorüber mußte, machte sie einen Bogen. Er
sah sie nicht an, aber er fühlte es und zuckte zusammen.
Gwen war auf ihr Bett gekrochen. Sie saß nackt und rosig auf dem
großen Federbett, hatte die Schultern hochgezogen und spielte verlegen mit
ihren Zehen.
Die Tür nach dem Nebenzimmer stand offen. Es war die Tür, durch die
Fred Wietinghoff gekommen war.
‚Abgekartet,‘ dachte Mette, ‚abgekartet.‘
Sie ging in Hut und Mantel auf die Tür zu. Als sie die Klinke in der Hand
hielt, blieb sie stehen.
„Ich werde in das Zimmer nebenan gehen,“ sagte sie ruhig, „ich habe
keine Lust, jetzt in der Nacht das Hotel zu verlassen. Um sieben Uhr werde
‚Abgekartet. Alles abgekartet.‘
Sie richtete sich auf und griff nach ihren Kleidern.
In diesem Augenblick stürzte Wietinghoff auf sie zu.
„Mette,“ stammelte er, „Süßeste.“
Da schlug sie ihm mit der flachen Hand ins Gesicht.
Er war auf Widerstand gefaßt gewesen, auf Stoßen, Kratzen, Beißen – er
hätte sie lachend bezwungen.
Der Schlag ließ ihn zurücktaumeln.
Mette schlüpfte in ihre Bluse.
‚Abgekartet,‘ dachte sie, ‚abgekartet.‘
Sie knüpfte die Bänder des Unterrocks. Ihre Hände zitterten nicht, trotz
der wahnsinnigen Hast. Erst als sie angezogen war, warf sie einen
flüchtigen Blick auf Wietinghoff.
Auf seinem blassen Gesicht brannte die Spur ihrer Hand wie ein feuriges
Mal. Über seinen Augen lagen die breiten zitternden Lider.
Ein seltsames Gefühl stieg in Mette auf. Eine rasende Freude: ‚ich habe
ihn gut getroffen.‘ Und dann eine dämmernde Erkenntnis: ‚es ist das
erstemal, daß ich dies schöne Gesicht berührt habe – dies schöne Gesicht.‘
Nie hatte sie mit einem Gedanken daran gedacht – aber ihr war, als hätten
ihre Hände sich immer danach gesehnt, dies Gesicht zu streicheln.
Ein namenloses Weh quoll in ihrem Herzen. So, als hätte sie etwas
Schönes und Kostbares besessen, und sähe es zum erstenmal, da es ruchlos
zerstört und zerbrochen vor ihr lag.
Sie ging ruhig im Zimmer hin und her und holte ihre Sachen zusammen.
Wenn sie an Fred Wietinghoff vorüber mußte, machte sie einen Bogen. Er
sah sie nicht an, aber er fühlte es und zuckte zusammen.
Gwen war auf ihr Bett gekrochen. Sie saß nackt und rosig auf dem
großen Federbett, hatte die Schultern hochgezogen und spielte verlegen mit
ihren Zehen.
Die Tür nach dem Nebenzimmer stand offen. Es war die Tür, durch die
Fred Wietinghoff gekommen war.
‚Abgekartet,‘ dachte Mette, ‚abgekartet.‘
Sie ging in Hut und Mantel auf die Tür zu. Als sie die Klinke in der Hand
hielt, blieb sie stehen.
„Ich werde in das Zimmer nebenan gehen,“ sagte sie ruhig, „ich habe
keine Lust, jetzt in der Nacht das Hotel zu verlassen. Um sieben Uhr werde
Page 192
ich gehen und die Tür vom Korridor offen lassen.“
Wietinghoff drehte sich um.
„Gnädiges Fräulein,“ sagte er heiser.
In seinem blassen Gesicht standen seine dunklen Augen wie zwei offene
Wunden.
Mette zog die Tür hinter sich zu und riegelte hart ab.
Sie drehte das Licht nicht an.
Sie wußte und fühlte es: überall lagen Sachen – fremde Sachen – seine
Sachen.
Nach einer ganzen Weile hörte sie Stimmen von nebenan, hin und her,
gedämpft und unterdrückt, aber doch vernehmlich.
‚Lieber Gott, was werd ich noch alles hören,‘ dachte sie, ‚lieber Gott, gib
mir Kraft, gib mir Kraft. Laß mich sterben, wenn du kannst, aber laß mich
nicht wahnsinnig werden, daß ich nicht irgend etwas tue – irgend etwas
ganz Furchtbares ...‘
Aber das Schlimmste war der Duft, der über dem Zimmer lag. Der Hauch
der Zigarette, der feine Geruch des Juchtenleders, der Duft der Seife, des
Essigs.
Mette machte das Fenster weit auf und schob sich einen Stuhl zwischen
die Flügel. Die Nacht war kalt, Mette zitterte, so fest sie sich auch in ihren
Mantel wickelte.
Sie dachte an die Stadt, die sie verlassen würde. Wo nun hin – wohin?
Sich weiter hetzen lassen, heimatlos, ruhelos, jeder Begierde ein
Freiwild?
Oder sterben?
Ja, wenn sie an den Schlaf hätte glauben können.
Aber sie fühlte in dieser Stunde stärker als je, unleugbar, unantastbar das
Unzerstörbare in sich.
Sie wurde demütig vor dem, was sie in sich trug, wie eine Mutter in
Demut ein fremdes Leben in sich fühlt.
‚Meine arme Seele,‘ sagte sie leise, ‚was hab’ ich dir getan? Warum hab’
ich nie daran gedacht, dich zu pflegen und dir zu helfen? Warum wollt’ ich
dich immer nur auf die Wanderschaft schicken, immer in den kalten
Sternenraum hinein? Arme Seele – wozu hab’ ich dich denn, wenn du nur
leidest an mir, und ich an dir! Einmal werd’ ich es wissen – einmal werd’
ich alles erfahren. Ich möchte nicht sterben, nein, ich möchte nicht sterben,
eh ich nicht weiß, warum ich gelebt habe.‘
Wietinghoff drehte sich um.
„Gnädiges Fräulein,“ sagte er heiser.
In seinem blassen Gesicht standen seine dunklen Augen wie zwei offene
Wunden.
Mette zog die Tür hinter sich zu und riegelte hart ab.
Sie drehte das Licht nicht an.
Sie wußte und fühlte es: überall lagen Sachen – fremde Sachen – seine
Sachen.
Nach einer ganzen Weile hörte sie Stimmen von nebenan, hin und her,
gedämpft und unterdrückt, aber doch vernehmlich.
‚Lieber Gott, was werd ich noch alles hören,‘ dachte sie, ‚lieber Gott, gib
mir Kraft, gib mir Kraft. Laß mich sterben, wenn du kannst, aber laß mich
nicht wahnsinnig werden, daß ich nicht irgend etwas tue – irgend etwas
ganz Furchtbares ...‘
Aber das Schlimmste war der Duft, der über dem Zimmer lag. Der Hauch
der Zigarette, der feine Geruch des Juchtenleders, der Duft der Seife, des
Essigs.
Mette machte das Fenster weit auf und schob sich einen Stuhl zwischen
die Flügel. Die Nacht war kalt, Mette zitterte, so fest sie sich auch in ihren
Mantel wickelte.
Sie dachte an die Stadt, die sie verlassen würde. Wo nun hin – wohin?
Sich weiter hetzen lassen, heimatlos, ruhelos, jeder Begierde ein
Freiwild?
Oder sterben?
Ja, wenn sie an den Schlaf hätte glauben können.
Aber sie fühlte in dieser Stunde stärker als je, unleugbar, unantastbar das
Unzerstörbare in sich.
Sie wurde demütig vor dem, was sie in sich trug, wie eine Mutter in
Demut ein fremdes Leben in sich fühlt.
‚Meine arme Seele,‘ sagte sie leise, ‚was hab’ ich dir getan? Warum hab’
ich nie daran gedacht, dich zu pflegen und dir zu helfen? Warum wollt’ ich
dich immer nur auf die Wanderschaft schicken, immer in den kalten
Sternenraum hinein? Arme Seele – wozu hab’ ich dich denn, wenn du nur
leidest an mir, und ich an dir! Einmal werd’ ich es wissen – einmal werd’
ich alles erfahren. Ich möchte nicht sterben, nein, ich möchte nicht sterben,
eh ich nicht weiß, warum ich gelebt habe.‘
Page 193
Eccarius fiel ihr ein: Niemand darf sterben, ehe er den Tod nicht lieb
gewann.
‚Nein, ich liebe den Tod nicht. Ich fürchte ihn nicht, aber ich liebe ihn
nicht. Ich will ihn lieb gewinnen. Ich will leben, um den Tod lieb zu
gewinnen. Vielleicht ist es das, warum wir leben müssen. Und vielleicht ist
es das, warum wir leiden müssen.‘
Die Stimmen nebenan waren zur Ruhe gegangen. Der fremd-vertraute
Duft war aus dem Zimmer entwichen.
Am Himmel erblaßten die Sterne vor dem ersten fahlen Dämmerlicht des
aufsteigenden Märzmorgens.
Ende des zweiten Buches
gewann.
‚Nein, ich liebe den Tod nicht. Ich fürchte ihn nicht, aber ich liebe ihn
nicht. Ich will ihn lieb gewinnen. Ich will leben, um den Tod lieb zu
gewinnen. Vielleicht ist es das, warum wir leben müssen. Und vielleicht ist
es das, warum wir leiden müssen.‘
Die Stimmen nebenan waren zur Ruhe gegangen. Der fremd-vertraute
Duft war aus dem Zimmer entwichen.
Am Himmel erblaßten die Sterne vor dem ersten fahlen Dämmerlicht des
aufsteigenden Märzmorgens.
Ende des zweiten Buches
Page 194
Askanischer Verlag Berlin SW
In unserem Verlage erschien
Anna Elisabet Weirauch
Der Skorpion
Ein Roman
Erster Band
„Der Skorpion“ behandelt mit Unerschrockenheit und Klarheit ein Thema, welches selten, vielleicht
nie zum Gegenstand eines Romans gemacht worden ist: Das Problem der gleichgeschlechtlichen
Liebe.
Es wird die Geschichte der Liebe, der Leidenschaft zweier junger Mädchen erzählt, die beide
reizvolle, geistig hochstehende Menschen sind. Sie wird erzählt von den ersten Anfängen einer
schwärmerischen Sympathie, mit allen innerlichen und äußerlichen Kämpfen, allen Qualen und
Seligkeiten bis zur Katastrophe der Trennung, des gewaltsamen Todes der einen und darüber hinaus.
Sie wird erzählt ohne jede Tendenz, ohne zu schmähen und ohne zu verherrlichen, in wundervoller
dichterischer Sprache, die nie auch nur die Grenzen des Unschönen streift, nicht in der Absicht, eine
Lanze zu brechen oder Sensation zu erregen, nur in der Absicht, Vorgänge zu schildern, die sich –
manchem unerklärlich – tausendmal unter unsern Augen abspielen, und die nicht aufhören zu
existieren, dadurch, daß man sie verschweigt.
Schön gebunden 15,– Mark
Zu beziehen durch alle Buchhandlungen
Gewissen
Ein Roman
Der Held des Romans, der Maler Norman, ist der Typ des anständigen Menschen, der ängstlich
befolgt, was sein Gewissen ihm vorschreibt, der nicht den Mut findet, sich mit kraftvoller Faust die
irdische Seligkeit von den Sternen zu holen, dem jedes ertrotzte Glück Sünde zu sein scheint und nur
das Schwer-zu-ertragende Pflicht bedeutet. Dieser Pflichtmensch wird zum Mörder, weil sein
Gewissen ihm verwehrt, das Joch einer unwürdigen Ehe abzuschütteln, und ihn antreibt, das
Mädchen, das er liebt und das in grenzenloser Liebe und Leidenschaft sich ihm anbietet, zu
verschmähen, weil er in dem hergebrachten törichten Wahn befangen ist, daß die körperliche
Unberührtheit das heiligste Gut des Weibes sei, und daß es verwerflicher sei, den Leib eines
Mädchens zu zerstören, als ihre Seele.
Schön gebunden 18,– Mark
Zu beziehen durch alle Buchhandlungen
Anja
Die Geschichte einer unglücklichen Liebe
Ein Roman
„Anja“ erzählt die Geschichte eines schönen und stolzen Mädchens, das, nur seiner souveränen
Weibesnatur folgend, sich verschenkt und gerade deshalb dem Begreifen des Mannes immer
In unserem Verlage erschien
Anna Elisabet Weirauch
Der Skorpion
Ein Roman
Erster Band
„Der Skorpion“ behandelt mit Unerschrockenheit und Klarheit ein Thema, welches selten, vielleicht
nie zum Gegenstand eines Romans gemacht worden ist: Das Problem der gleichgeschlechtlichen
Liebe.
Es wird die Geschichte der Liebe, der Leidenschaft zweier junger Mädchen erzählt, die beide
reizvolle, geistig hochstehende Menschen sind. Sie wird erzählt von den ersten Anfängen einer
schwärmerischen Sympathie, mit allen innerlichen und äußerlichen Kämpfen, allen Qualen und
Seligkeiten bis zur Katastrophe der Trennung, des gewaltsamen Todes der einen und darüber hinaus.
Sie wird erzählt ohne jede Tendenz, ohne zu schmähen und ohne zu verherrlichen, in wundervoller
dichterischer Sprache, die nie auch nur die Grenzen des Unschönen streift, nicht in der Absicht, eine
Lanze zu brechen oder Sensation zu erregen, nur in der Absicht, Vorgänge zu schildern, die sich –
manchem unerklärlich – tausendmal unter unsern Augen abspielen, und die nicht aufhören zu
existieren, dadurch, daß man sie verschweigt.
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Gewissen
Ein Roman
Der Held des Romans, der Maler Norman, ist der Typ des anständigen Menschen, der ängstlich
befolgt, was sein Gewissen ihm vorschreibt, der nicht den Mut findet, sich mit kraftvoller Faust die
irdische Seligkeit von den Sternen zu holen, dem jedes ertrotzte Glück Sünde zu sein scheint und nur
das Schwer-zu-ertragende Pflicht bedeutet. Dieser Pflichtmensch wird zum Mörder, weil sein
Gewissen ihm verwehrt, das Joch einer unwürdigen Ehe abzuschütteln, und ihn antreibt, das
Mädchen, das er liebt und das in grenzenloser Liebe und Leidenschaft sich ihm anbietet, zu
verschmähen, weil er in dem hergebrachten törichten Wahn befangen ist, daß die körperliche
Unberührtheit das heiligste Gut des Weibes sei, und daß es verwerflicher sei, den Leib eines
Mädchens zu zerstören, als ihre Seele.
Schön gebunden 18,– Mark
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Anja
Die Geschichte einer unglücklichen Liebe
Ein Roman
„Anja“ erzählt die Geschichte eines schönen und stolzen Mädchens, das, nur seiner souveränen
Weibesnatur folgend, sich verschenkt und gerade deshalb dem Begreifen des Mannes immer
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rätselhaft bleiben muß.
In diesem Roman werden mit sezierender Hand die tiefsten Fasern menschlichen Fühlens
aufgedeckt. Der Widerspruch zwischen der Gefühlsnatur der Frau und dem verstandesmäßigen
Erfassenwollen des Mannes tritt in reizvollem Gegensatz hervor, von dem aus blendende
Schlaglichter auf die Charaktere beider Geschlechter geworfen werden. Wir sehen hier Liebe geboren
werden, wachsen, sich entwickeln. Liebe, die Mitleid ist, Sorgsamkeit, gütiges Helfenwollen – und
die erst nach Erfüllung aller Wünsche zur rasenden Leidenschaft wird und den zerbricht, der stark,
gesund und harmonisch, sich anmaßt, von seiner Höhe herab Menschen beglücken und Schicksale
trennen zu können.
Schön gebunden 15,– Mark
Zu beziehen durch alle Buchhandlungen
Der Tag der Artemis
Drei Novellen
„Der Tag der Artemis“ – das ist der Tag, der Knaben zu Männern macht, der Tag, an dem im jungen
Menschenkinde unerkannt, gebieterisch, erschreckend oder beglückend zum erstenmal das
Geschlecht sich regt.
Die erste der Novellen ist eine Institutsgeschichte. Schwärmerische Neigung, ehrliche
Kameradschaft, Eifersucht, Haß, gekränkter Ehrgeiz – alle Leidenschaften toben und gären in diesen
unreifen Knabenseelen, bis sie in einer Katastrophe explodieren.
„Gere“ ist die Geschichte eines Schülerselbstmordes. Der Gequälte, der in dem unverstandenen
natürlichen Trieb nur Schmutz und Laster sieht, verliert seinen letzten Halt, den Glauben an die
Heiligkeit der Mutter, und greift zum Revolver.
„Der Statist“ variiert das Thema des erwachenden Liebesgefühls in heiterer Form. Einen
armseligen Drogistenlehrling bringt ein Zufall als Statisten ans Theater. Die schwärmerische
Leidenschaft für die Heldin des Hoftheaterchens macht einen Menschen aus ihm und führt ihn auf
einen Weg, den er weitergehen wird, auch wenn die Leidenschaft längst verlodert ist.
Erzählungen aus jenen Lebensjahren, wo die Erotik noch schlummert, wo sie aber im geheimen
heftiger wühlt, als wir ahnen und ahnen wollen.
Schön gebunden 15,– Mark
Zu beziehen durch alle Buchhandlungen
Askanischer Verlag Berlin SW
In diesem Roman werden mit sezierender Hand die tiefsten Fasern menschlichen Fühlens
aufgedeckt. Der Widerspruch zwischen der Gefühlsnatur der Frau und dem verstandesmäßigen
Erfassenwollen des Mannes tritt in reizvollem Gegensatz hervor, von dem aus blendende
Schlaglichter auf die Charaktere beider Geschlechter geworfen werden. Wir sehen hier Liebe geboren
werden, wachsen, sich entwickeln. Liebe, die Mitleid ist, Sorgsamkeit, gütiges Helfenwollen – und
die erst nach Erfüllung aller Wünsche zur rasenden Leidenschaft wird und den zerbricht, der stark,
gesund und harmonisch, sich anmaßt, von seiner Höhe herab Menschen beglücken und Schicksale
trennen zu können.
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Der Tag der Artemis
Drei Novellen
„Der Tag der Artemis“ – das ist der Tag, der Knaben zu Männern macht, der Tag, an dem im jungen
Menschenkinde unerkannt, gebieterisch, erschreckend oder beglückend zum erstenmal das
Geschlecht sich regt.
Die erste der Novellen ist eine Institutsgeschichte. Schwärmerische Neigung, ehrliche
Kameradschaft, Eifersucht, Haß, gekränkter Ehrgeiz – alle Leidenschaften toben und gären in diesen
unreifen Knabenseelen, bis sie in einer Katastrophe explodieren.
„Gere“ ist die Geschichte eines Schülerselbstmordes. Der Gequälte, der in dem unverstandenen
natürlichen Trieb nur Schmutz und Laster sieht, verliert seinen letzten Halt, den Glauben an die
Heiligkeit der Mutter, und greift zum Revolver.
„Der Statist“ variiert das Thema des erwachenden Liebesgefühls in heiterer Form. Einen
armseligen Drogistenlehrling bringt ein Zufall als Statisten ans Theater. Die schwärmerische
Leidenschaft für die Heldin des Hoftheaterchens macht einen Menschen aus ihm und führt ihn auf
einen Weg, den er weitergehen wird, auch wenn die Leidenschaft längst verlodert ist.
Erzählungen aus jenen Lebensjahren, wo die Erotik noch schlummert, wo sie aber im geheimen
heftiger wühlt, als wir ahnen und ahnen wollen.
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Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen sind hier
aufgeführt (vorher/nachher):
... blättert, ohne etwas nach dem Namen der Maler ...
... blättert, ohne etwa nach dem Namen der Maler ...
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen sind hier
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... blättert, ohne etwas nach dem Namen der Maler ...
... blättert, ohne etwa nach dem Namen der Maler ...
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*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SKORPION.
BAND 2 ***
Updated editions will replace the previous one—the old editions will
be renamed.
Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
law means that no one owns a United States copyright in these works,
so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
States without permission and without paying copyright royalties.
Special rules, set forth in the General Terms of Use part of this license,
apply to copying and distributing Project Gutenberg™ electronic
works to protect the PROJECT GUTENBERG™ concept and
trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, and may not
be used if you charge for an eBook, except by following the terms of
the trademark license, including paying royalties for use of the Project
Gutenberg trademark. If you do not charge anything for copies of this
eBook, complying with the trademark license is very easy. You may
use this eBook for nearly any purpose such as creation of derivative
works, reports, performances and research. Project Gutenberg eBooks
may be modified and printed and given away—you may do practically
ANYTHING in the United States with eBooks not protected by U.S.
copyright law. Redistribution is subject to the trademark license,
especially commercial redistribution.
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BAND 2 ***
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EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
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paragraph 1.F.3, this work is provided to you ‘AS-IS’, WITH NO
OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED,
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any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the law
of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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Foundation, the trademark owner, any agent or employee of the
Foundation, anyone providing copies of Project Gutenberg™
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volunteers associated with the production, promotion and distribution
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from any of the following which you do or cause to occur: (a)
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and (c) any Defect you cause.
Section 2. Information about the Mission of Project
Gutenberg
Project Gutenberg is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.
Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg’s goals
and ensuring that the Project Gutenberg collection will remain freely
available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation was created to provide a secure and
permanent future for Project Gutenberg and future generations. To
learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and
the Foundation information page at www.gutenberg.org.
Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation
The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state
of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue
Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification number is
64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S.
federal laws and your state’s laws.
The Foundation’s business office is located at 41 Watchung Plaza
#516, Montclair NJ 07042, USA, +1 (862) 621-9288. Email contact
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Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without
widespread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small
donations ($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax
exempt status with the IRS.
The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
requirements. We do not solicit donations in locations where we have
not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate.
While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.
International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate.
Foundation’s website and official page at www.gutenberg.org/contact
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electronic works
Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg eBooks with only a loose network of volunteer support.
Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
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Most people start at our website which has the main PG search facility:
www.gutenberg.org.
This website includes information about Project Gutenberg, including
how to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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