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The Project Gutenberg eBook of Bahnwärter
Thiel
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever.
You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project
Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.org.
If you are not located in the United States, you will have to check the laws of
the country where you are located before using this eBook.
Title: Bahnwärter Thiel
Author: Gerhart Hauptmann
Release date: July 11, 2009 [eBook #29376]
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/29376
Credits: Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK BAHNWÄRTER
THIEL ***
Anmerkungen zur Transkription:
Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden
Thiel
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Title: Bahnwärter Thiel
Author: Gerhart Hauptmann
Release date: July 11, 2009 [eBook #29376]
Language: German
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Credits: Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
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THIEL ***
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Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden
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korrigiert. Änderungen sind im Text gekennzeichnet, der
Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.
Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane
Bahnwärter Thiel
von
Gerhart Hauptmann
Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.
Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane
Bahnwärter Thiel
von
Gerhart Hauptmann
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S. Fischer, Verlag, Berlin
Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung, vorbehalten
Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung, vorbehalten
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Inhalt
Bahnwärter Thiel 7
Der Apostel 71
Bahnwärter Thiel 7
Der Apostel 71
Page 7
Bahnwärter Thiel
1
Allsonntäglich saß der Bahnwärter Thiel in der Kirche zu Neu-Zittau,
ausgenommen die Tage, an denen er Dienst hatte oder krank war und zu Bette
lag. Im Verlaufe von zehn Jahren war er zweimal krank gewesen; das eine Mal
infolge eines vom Tender einer Maschine während des Vorbeifahrens
herabgefallenen Stückes Kohle, welches ihn getroffen und mit
zerschmettertem Bein in den Bahngraben geschleudert hatte; das andere Mal
einer Weinflasche wegen, die aus dem vorüberrasenden Schnellzuge mitten auf
seine Brust geflogen war. Außer diesen beiden Unglücksfällen hatte nichts
vermocht, ihn, sobald er frei war, von der Kirche fernzuhalten.
Die ersten fünf Jahre hatte er den Weg von Schön-Schornstein, einer
Kolonie an der Spree, herüber nach Neu-Zittau allein machen müssen. Eines
schönen Tages war er dann in Begleitung eines schmächtigen und kränklich
aussehenden Frauenzimmers erschienen, die, wie die Leute meinten, zu seiner
herkulischen Gestalt wenig gepaßt hatte. Und wiederum eines schönen
Sonntag Nachmittags reichte er dieser selben Person am Altare der Kirche
feierlich die Hand zum Bunde fürs Leben. Zwei Jahre nun saß das junge, zarte
Weib ihm zur Seite in der Kirchenbank; zwei Jahre blickte ihr hohlwangiges,
feines Gesicht neben seinem vom Wetter gebräunten in das uralte Gesangbuch
–; und plötzlich saß der Bahnwärter wieder allein wie zuvor.
An einem der vorangegangenen Wochentage hatte die Sterbeglocke
geläutet: das war das Ganze.
An dem Wärter hatte man, wie die Leute versicherten, kaum eine
Veränderung wahrgenommen. Die Knöpfe seiner sauberen Sonntagsuniform
waren so blank geputzt als je zuvor, seine roten Haare so wohl geölt und
militärisch gescheitelt wie immer, nur daß er den breiten, behaarten Nacken
ein wenig gesenkt trug und noch eifriger der Predigt lauschte oder sang, als er
es früher getan hatte. Es war die allgemeine Ansicht, daß ihm der Tod seiner
1
Allsonntäglich saß der Bahnwärter Thiel in der Kirche zu Neu-Zittau,
ausgenommen die Tage, an denen er Dienst hatte oder krank war und zu Bette
lag. Im Verlaufe von zehn Jahren war er zweimal krank gewesen; das eine Mal
infolge eines vom Tender einer Maschine während des Vorbeifahrens
herabgefallenen Stückes Kohle, welches ihn getroffen und mit
zerschmettertem Bein in den Bahngraben geschleudert hatte; das andere Mal
einer Weinflasche wegen, die aus dem vorüberrasenden Schnellzuge mitten auf
seine Brust geflogen war. Außer diesen beiden Unglücksfällen hatte nichts
vermocht, ihn, sobald er frei war, von der Kirche fernzuhalten.
Die ersten fünf Jahre hatte er den Weg von Schön-Schornstein, einer
Kolonie an der Spree, herüber nach Neu-Zittau allein machen müssen. Eines
schönen Tages war er dann in Begleitung eines schmächtigen und kränklich
aussehenden Frauenzimmers erschienen, die, wie die Leute meinten, zu seiner
herkulischen Gestalt wenig gepaßt hatte. Und wiederum eines schönen
Sonntag Nachmittags reichte er dieser selben Person am Altare der Kirche
feierlich die Hand zum Bunde fürs Leben. Zwei Jahre nun saß das junge, zarte
Weib ihm zur Seite in der Kirchenbank; zwei Jahre blickte ihr hohlwangiges,
feines Gesicht neben seinem vom Wetter gebräunten in das uralte Gesangbuch
–; und plötzlich saß der Bahnwärter wieder allein wie zuvor.
An einem der vorangegangenen Wochentage hatte die Sterbeglocke
geläutet: das war das Ganze.
An dem Wärter hatte man, wie die Leute versicherten, kaum eine
Veränderung wahrgenommen. Die Knöpfe seiner sauberen Sonntagsuniform
waren so blank geputzt als je zuvor, seine roten Haare so wohl geölt und
militärisch gescheitelt wie immer, nur daß er den breiten, behaarten Nacken
ein wenig gesenkt trug und noch eifriger der Predigt lauschte oder sang, als er
es früher getan hatte. Es war die allgemeine Ansicht, daß ihm der Tod seiner
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Frau nicht sehr nahe gegangen sei; und diese Ansicht erhielt eine
Bekräftigung, als sich Thiel nach Verlauf eines Jahres zum zweiten Male, und
zwar mit einem dicken und starken Frauenzimmer, einer Kuhmagd aus Alte-
Grund, verheiratete.
Auch der Pastor gestattete sich, als Thiel die Trauung anmelden kam,
einige Bedenken zu äußern:
»Ihr wollt also schon wieder heiraten?«
»Mit der Toten kann ich nicht wirtschaften, Herr Prediger!«
»Nun ja wohl – aber ich meine – Ihr eilt ein wenig.«
»Der Junge geht mir drauf, Herr Prediger.«
Thiels Frau war im Wochenbett gestorben, und der Junge, welchen sie zur
Welt gebracht, lebte und hatte den Namen Tobias erhalten.
»Ach so, der Junge,« sagte der Geistliche und machte eine Bewegung, die
deutlich zeigte, daß er sich des Kleinen erst jetzt erinnere. »Das ist etwas
andres – wo habt Ihr ihn denn untergebracht, während Ihr im Dienst seid?«
Thiel erzählte nun, wie er Tobias einer alten Frau übergeben, die ihn
einmal beinahe habe verbrennen lassen, während er ein anderes Mal von ihrem
Schoß auf die Erde gekugelt sei, ohne glücklicherweise mehr als eine große
Beule davonzutragen. Das könne nicht so weiter gehen, meinte er, zudem da
der Junge, schwächlich wie er sei, eine ganz besondere Pflege benötige.
Deswegen und ferner weil er der Verstorbenen in die Hand gelobt, für die
Wohlfahrt des Jungen zu jeder Zeit ausgiebig Sorge zu tragen, habe er sich zu
dem Schritte entschlossen. –
Gegen das neue Paar, welches nun allsonntäglich zur Kirche kam, hatten
die Leute äußerlich durchaus nichts einzuwenden. Die frühere Kuhmagd
schien für den Wärter wie geschaffen. Sie war kaum einen halben Kopf kleiner
wie er und übertraf ihn an Gliederfülle. Auch war ihr Gesicht ganz so grob
geschnitten wie das seine, nur daß ihm im Gegensatz zu dem des Wärters die
Seele abging.
Wenn Thiel den Wunsch gehegt hatte, in seiner zweiten Frau eine
unverwüstliche Arbeiterin, eine musterhafte Wirtschafterin zu haben, so war
Bekräftigung, als sich Thiel nach Verlauf eines Jahres zum zweiten Male, und
zwar mit einem dicken und starken Frauenzimmer, einer Kuhmagd aus Alte-
Grund, verheiratete.
Auch der Pastor gestattete sich, als Thiel die Trauung anmelden kam,
einige Bedenken zu äußern:
»Ihr wollt also schon wieder heiraten?«
»Mit der Toten kann ich nicht wirtschaften, Herr Prediger!«
»Nun ja wohl – aber ich meine – Ihr eilt ein wenig.«
»Der Junge geht mir drauf, Herr Prediger.«
Thiels Frau war im Wochenbett gestorben, und der Junge, welchen sie zur
Welt gebracht, lebte und hatte den Namen Tobias erhalten.
»Ach so, der Junge,« sagte der Geistliche und machte eine Bewegung, die
deutlich zeigte, daß er sich des Kleinen erst jetzt erinnere. »Das ist etwas
andres – wo habt Ihr ihn denn untergebracht, während Ihr im Dienst seid?«
Thiel erzählte nun, wie er Tobias einer alten Frau übergeben, die ihn
einmal beinahe habe verbrennen lassen, während er ein anderes Mal von ihrem
Schoß auf die Erde gekugelt sei, ohne glücklicherweise mehr als eine große
Beule davonzutragen. Das könne nicht so weiter gehen, meinte er, zudem da
der Junge, schwächlich wie er sei, eine ganz besondere Pflege benötige.
Deswegen und ferner weil er der Verstorbenen in die Hand gelobt, für die
Wohlfahrt des Jungen zu jeder Zeit ausgiebig Sorge zu tragen, habe er sich zu
dem Schritte entschlossen. –
Gegen das neue Paar, welches nun allsonntäglich zur Kirche kam, hatten
die Leute äußerlich durchaus nichts einzuwenden. Die frühere Kuhmagd
schien für den Wärter wie geschaffen. Sie war kaum einen halben Kopf kleiner
wie er und übertraf ihn an Gliederfülle. Auch war ihr Gesicht ganz so grob
geschnitten wie das seine, nur daß ihm im Gegensatz zu dem des Wärters die
Seele abging.
Wenn Thiel den Wunsch gehegt hatte, in seiner zweiten Frau eine
unverwüstliche Arbeiterin, eine musterhafte Wirtschafterin zu haben, so war
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dieser Wunsch in überraschender Weise in Erfüllung gegangen. Drei Dinge
jedoch hatte er, ohne es zu wissen, mit seiner Frau in Kauf genommen: eine
harte, herrschsüchtige Gemütsart, Zanksucht und brutale Leidenschaftlichkeit.
Nach Verlauf eines halben Jahres war es ortsbekannt, wer in dem Häuschen
des Wärters das Regiment führte. Man bedauerte den Wärter.
Es sei ein Glück für »das Mensch«, daß sie ein so gutes Schaf wie den
Thiel zum Manne bekommen habe, äußerten die aufgebrachten Ehemänner; es
gäbe welche, bei denen sie greulich anlaufen würde. So ein »Tier« müsse doch
kirre zu machen sein, meinten sie, und wenn es nicht anders ginge, denn mit
Schlägen. Durchgewalkt müsse sie werden, aber dann gleich so, daß es zöge.
Sie durchzuwalken aber war Thiel trotz seiner sehnigen Arme nicht der
Mann. Das, worüber sich die Leute ereiferten, schien ihm wenig
Kopfzerbrechen zu machen. Die endlosen Predigten seiner Frau ließ er
gewöhnlich wortlos über sich ergehen, und wenn er einmal antwortete, so
stand das schleppende Zeitmaß, sowie der leise, kühle Ton seiner Rede in
seltsamstem Gegensatz zu dem kreischenden Gekeif seiner Frau. Die
Außenwelt schien ihm wenig anhaben zu können: es war, als trüge er etwas in
sich, wodurch er alles Böse, was sie ihm antat, reichlich mit Gutem
aufgewogen erhielt.
Trotz seines unverwüstlichen Phlegmas hatte er doch Augenblicke, in
denen er nicht mit sich spaßen ließ. Es war dies immer anläßlich solcher
Dinge, die Tobiäschen betrafen. Sein kindgutes, nachgiebiges Wesen gewann
dann einen Anstrich von Festigkeit, dem selbst ein so unzähmbares Gemüt wie
das Lenes nicht entgegenzutreten wagte.
Die Augenblicke indes, darin er diese Seite seines Wesens herauskehrte,
wurden mit der Zeit immer seltener und verloren sich zuletzt ganz. Ein
gewisser leidender Widerstand, den er der Herrschsucht Lenens während des
ersten Jahres entgegengesetzt, verlor sich ebenfalls im zweiten. Er ging nicht
mehr mit der früheren Gleichgültigkeit zum Dienst, nachdem er einen Auftritt
mit ihr gehabt, wenn er sie nicht vorher besänftigt hatte. Er ließ sich am Ende
nicht selten herab, sie zu bitten, doch wieder gut zu sein. – Nicht wie sonst
mehr war ihm sein einsamer Posten inmitten des märkischen Kiefernforstes
sein liebster Aufenthalt. Die stillen, hingebenden Gedanken an sein
verstorbenes Weib wurden von denen an die Lebende durchkreuzt. Nicht
jedoch hatte er, ohne es zu wissen, mit seiner Frau in Kauf genommen: eine
harte, herrschsüchtige Gemütsart, Zanksucht und brutale Leidenschaftlichkeit.
Nach Verlauf eines halben Jahres war es ortsbekannt, wer in dem Häuschen
des Wärters das Regiment führte. Man bedauerte den Wärter.
Es sei ein Glück für »das Mensch«, daß sie ein so gutes Schaf wie den
Thiel zum Manne bekommen habe, äußerten die aufgebrachten Ehemänner; es
gäbe welche, bei denen sie greulich anlaufen würde. So ein »Tier« müsse doch
kirre zu machen sein, meinten sie, und wenn es nicht anders ginge, denn mit
Schlägen. Durchgewalkt müsse sie werden, aber dann gleich so, daß es zöge.
Sie durchzuwalken aber war Thiel trotz seiner sehnigen Arme nicht der
Mann. Das, worüber sich die Leute ereiferten, schien ihm wenig
Kopfzerbrechen zu machen. Die endlosen Predigten seiner Frau ließ er
gewöhnlich wortlos über sich ergehen, und wenn er einmal antwortete, so
stand das schleppende Zeitmaß, sowie der leise, kühle Ton seiner Rede in
seltsamstem Gegensatz zu dem kreischenden Gekeif seiner Frau. Die
Außenwelt schien ihm wenig anhaben zu können: es war, als trüge er etwas in
sich, wodurch er alles Böse, was sie ihm antat, reichlich mit Gutem
aufgewogen erhielt.
Trotz seines unverwüstlichen Phlegmas hatte er doch Augenblicke, in
denen er nicht mit sich spaßen ließ. Es war dies immer anläßlich solcher
Dinge, die Tobiäschen betrafen. Sein kindgutes, nachgiebiges Wesen gewann
dann einen Anstrich von Festigkeit, dem selbst ein so unzähmbares Gemüt wie
das Lenes nicht entgegenzutreten wagte.
Die Augenblicke indes, darin er diese Seite seines Wesens herauskehrte,
wurden mit der Zeit immer seltener und verloren sich zuletzt ganz. Ein
gewisser leidender Widerstand, den er der Herrschsucht Lenens während des
ersten Jahres entgegengesetzt, verlor sich ebenfalls im zweiten. Er ging nicht
mehr mit der früheren Gleichgültigkeit zum Dienst, nachdem er einen Auftritt
mit ihr gehabt, wenn er sie nicht vorher besänftigt hatte. Er ließ sich am Ende
nicht selten herab, sie zu bitten, doch wieder gut zu sein. – Nicht wie sonst
mehr war ihm sein einsamer Posten inmitten des märkischen Kiefernforstes
sein liebster Aufenthalt. Die stillen, hingebenden Gedanken an sein
verstorbenes Weib wurden von denen an die Lebende durchkreuzt. Nicht
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widerwillig, wie die erste Zeit, trat er den Heimweg an, sondern mit
leidenschaftlicher Hast, nachdem er vorher oft Stunden und Minuten bis zur
Zeit der Ablösung gezählt hatte.
Er, der mit seinem ersten Weibe durch eine mehr vergeistigte Liebe
verbunden gewesen war, geriet durch die Macht roher Triebe in die Gewalt
seiner zweiten Frau und wurde zuletzt in allem fast unbedingt von ihr
abhängig. – Zuzeiten empfand er Gewissensbisse über diesen Umschwung der
Dinge und er bedurfte einer Anzahl außergewöhnlicher Hilfsmittel, um sich
darüber hinweg zu helfen. So erklärte er sein Wärterhäuschen und die
Bahnstrecke, die er zu besorgen hatte, insgeheim gleichsam für geheiligtes
Land, welches ausschließlich den Manen der Toten gewidmet sein sollte. Mit
Hilfe von allerhand Vorwänden war es ihm in der Tat bisher gelungen, seine
Frau davon abzuhalten, ihn dahin zu begleiten.
Er hoffte es auch fernerhin tun zu können. Sie hätte nicht gewußt, welche
Richtung sie einschlagen sollte, um seine »Bude«, deren Nummer sie nicht
einmal kannte, aufzufinden.
Dadurch, daß er die ihm zu Gebote stehende Zeit somit gewissenhaft
zwischen die Lebende und Tote zu teilen vermochte, beruhigte Thiel sein
Gewissen in der Tat.
Oft freilich und besonders in Augenblicken einsamer Andacht, wenn er
recht innig mit der Verstorbenen verbunden gewesen war, sah er seinen
jetzigen Zustand im Lichte der Wahrheit und empfand davor Ekel.
Hatte er Tagdienst, so beschränkte sich sein geistiger Verkehr mit der
Verstorbenen auf eine Menge lieber Erinnerungen aus der Zeit seines
Zusammenlebens mit ihr. Im Dunkel jedoch, wenn der Schneesturm durch die
Kiefern und über die Strecke raste, in tiefer Mitternacht beim Scheine seiner
Laterne, da wurde das Wärterhäuschen zur Kapelle.
Eine verblichene Photographie der Verstorbenen vor sich auf dem Tisch,
Gesangbuch und Bibel aufgeschlagen, las und sang er abwechselnd die lange
Nacht hindurch, nur von den in Zwischenräumen vorbeitobenden Bahnzügen
unterbrochen, und geriet hierbei in eine Ekstase, die sich zu Gesichten
steigerte, in denen er die Tote leibhaftig vor sich sah.
leidenschaftlicher Hast, nachdem er vorher oft Stunden und Minuten bis zur
Zeit der Ablösung gezählt hatte.
Er, der mit seinem ersten Weibe durch eine mehr vergeistigte Liebe
verbunden gewesen war, geriet durch die Macht roher Triebe in die Gewalt
seiner zweiten Frau und wurde zuletzt in allem fast unbedingt von ihr
abhängig. – Zuzeiten empfand er Gewissensbisse über diesen Umschwung der
Dinge und er bedurfte einer Anzahl außergewöhnlicher Hilfsmittel, um sich
darüber hinweg zu helfen. So erklärte er sein Wärterhäuschen und die
Bahnstrecke, die er zu besorgen hatte, insgeheim gleichsam für geheiligtes
Land, welches ausschließlich den Manen der Toten gewidmet sein sollte. Mit
Hilfe von allerhand Vorwänden war es ihm in der Tat bisher gelungen, seine
Frau davon abzuhalten, ihn dahin zu begleiten.
Er hoffte es auch fernerhin tun zu können. Sie hätte nicht gewußt, welche
Richtung sie einschlagen sollte, um seine »Bude«, deren Nummer sie nicht
einmal kannte, aufzufinden.
Dadurch, daß er die ihm zu Gebote stehende Zeit somit gewissenhaft
zwischen die Lebende und Tote zu teilen vermochte, beruhigte Thiel sein
Gewissen in der Tat.
Oft freilich und besonders in Augenblicken einsamer Andacht, wenn er
recht innig mit der Verstorbenen verbunden gewesen war, sah er seinen
jetzigen Zustand im Lichte der Wahrheit und empfand davor Ekel.
Hatte er Tagdienst, so beschränkte sich sein geistiger Verkehr mit der
Verstorbenen auf eine Menge lieber Erinnerungen aus der Zeit seines
Zusammenlebens mit ihr. Im Dunkel jedoch, wenn der Schneesturm durch die
Kiefern und über die Strecke raste, in tiefer Mitternacht beim Scheine seiner
Laterne, da wurde das Wärterhäuschen zur Kapelle.
Eine verblichene Photographie der Verstorbenen vor sich auf dem Tisch,
Gesangbuch und Bibel aufgeschlagen, las und sang er abwechselnd die lange
Nacht hindurch, nur von den in Zwischenräumen vorbeitobenden Bahnzügen
unterbrochen, und geriet hierbei in eine Ekstase, die sich zu Gesichten
steigerte, in denen er die Tote leibhaftig vor sich sah.
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Der Posten, den der Wärter nun schon zehn volle Jahre ununterbrochen
innehatte, war aber in seiner Abgelegenheit dazu angetan, seine mystischen
Neigungen zu fördern.
Nach allen vier Windrichtungen mindestens durch einen
dreiviertelstündigen Weg von jeder menschlichen Wohnung entfernt, lag die
Bude inmitten des Forstes dicht neben einem Bahnübergang, dessen Barrieren
der Wärter zu bedienen hatte.
Im Sommer vergingen Tage, im Winter Wochen, ohne daß ein
menschlicher Fuß, außer denen des Wärters und seines Kollegen, die Strecke
passierte. Das Wetter und der Wechsel der Jahreszeiten brachten in ihrer
periodischen Wiederkehr fast die einzige Abwechslung in diese Einöde. Die
Ereignisse, welche im übrigen den regelmäßigen Ablauf der Dienstzeit Thiels
außer den beiden Unglücksfällen unterbrochen hatten, waren unschwer zu
überblicken. Vor vier Jahren war der kaiserliche Extrazug, der den Kaiser nach
Breslau gebracht hatte, vorübergejagt. In einer Winternacht hatte der
Schnellzug einen Rehbock überfahren. An einem heißen Sommertage hatte
Thiel bei seiner Streckenrevision eine verkorkte Weinflasche gefunden, die
sich glühend heiß anfaßte und deren Inhalt deshalb von ihm für sehr gut
gehalten wurde, weil er nach Entfernung des Korkes einer Fontäne gleich
herausquoll, also augenscheinlich gegoren war. Diese Flasche, von Thiel in
den seichten Rand eines Waldsees gelegt, um abzukühlen, war von dort auf
irgend welche Weise abhanden gekommen, so daß er noch nach Jahren ihren
Verlust bedauern mußte.
Einige Zerstreuung vermittelte dem Wärter ein Brunnen dicht hinter
seinem Häuschen. Von Zeit zu Zeit nahmen in der Nähe beschäftigte Bahn-
oder Telegraphenarbeiter einen Trunk daraus, wobei natürlich ein kurzes
Gespräch mit unterlief. Auch der Förster kam zuweilen, um seinen Durst zu
löschen.
Tobias entwickelte sich nur langsam: erst gegen Ablauf seines zweiten
Lebensjahres lernte er notdürftig sprechen und gehen. Dem Vater bewies er
eine ganz besondere Zuneigung. Wie er verständiger wurde, erwachte auch die
alte Liebe des Vaters wieder. In dem Maße, wie diese zunahm, verringerte sich
die Liebe der Stiefmutter zu Tobias und schlug sogar in unverkennbare
innehatte, war aber in seiner Abgelegenheit dazu angetan, seine mystischen
Neigungen zu fördern.
Nach allen vier Windrichtungen mindestens durch einen
dreiviertelstündigen Weg von jeder menschlichen Wohnung entfernt, lag die
Bude inmitten des Forstes dicht neben einem Bahnübergang, dessen Barrieren
der Wärter zu bedienen hatte.
Im Sommer vergingen Tage, im Winter Wochen, ohne daß ein
menschlicher Fuß, außer denen des Wärters und seines Kollegen, die Strecke
passierte. Das Wetter und der Wechsel der Jahreszeiten brachten in ihrer
periodischen Wiederkehr fast die einzige Abwechslung in diese Einöde. Die
Ereignisse, welche im übrigen den regelmäßigen Ablauf der Dienstzeit Thiels
außer den beiden Unglücksfällen unterbrochen hatten, waren unschwer zu
überblicken. Vor vier Jahren war der kaiserliche Extrazug, der den Kaiser nach
Breslau gebracht hatte, vorübergejagt. In einer Winternacht hatte der
Schnellzug einen Rehbock überfahren. An einem heißen Sommertage hatte
Thiel bei seiner Streckenrevision eine verkorkte Weinflasche gefunden, die
sich glühend heiß anfaßte und deren Inhalt deshalb von ihm für sehr gut
gehalten wurde, weil er nach Entfernung des Korkes einer Fontäne gleich
herausquoll, also augenscheinlich gegoren war. Diese Flasche, von Thiel in
den seichten Rand eines Waldsees gelegt, um abzukühlen, war von dort auf
irgend welche Weise abhanden gekommen, so daß er noch nach Jahren ihren
Verlust bedauern mußte.
Einige Zerstreuung vermittelte dem Wärter ein Brunnen dicht hinter
seinem Häuschen. Von Zeit zu Zeit nahmen in der Nähe beschäftigte Bahn-
oder Telegraphenarbeiter einen Trunk daraus, wobei natürlich ein kurzes
Gespräch mit unterlief. Auch der Förster kam zuweilen, um seinen Durst zu
löschen.
Tobias entwickelte sich nur langsam: erst gegen Ablauf seines zweiten
Lebensjahres lernte er notdürftig sprechen und gehen. Dem Vater bewies er
eine ganz besondere Zuneigung. Wie er verständiger wurde, erwachte auch die
alte Liebe des Vaters wieder. In dem Maße, wie diese zunahm, verringerte sich
die Liebe der Stiefmutter zu Tobias und schlug sogar in unverkennbare
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Abneigung um, als Lene nach Verlauf eines neuen Jahres ebenfalls einen
Jungen gebar.
Von da ab begann für Tobias eine schlimme Zeit. Er wurde besonders in
Abwesenheit des Vaters unaufhörlich geplagt und mußte ohne die geringste
Belohnung dafür seine schwachen Kräfte im Dienste des kleinen Schreihalses
einsetzen, wobei er sich mehr und mehr aufrieb. Sein Kopf bekam einen
ungewöhnlichen Umfang; die brandroten Haare und das kreidige Gesicht
darunter machten einen unschönen und im Verein mit der übrigen kläglichen
Gestalt erbarmungswürdigen Eindruck. Wenn sich der zurückgebliebene
Tobias solchergestalt, das kleine, von Gesundheit strotzende Brüderchen auf
dem Arme, hinunter zur Spree schleppte, so wurden hinter den Fenstern der
Hütten Verwünschungen laut, die sich jedoch niemals hervorwagten. Thiel
aber, welchen die Sache doch vor allem anging, schien keine Augen für sie zu
haben und wollte auch die Winke nicht verstehen, welche ihm von
wohlmeinenden Nachbarsleuten gegeben wurden.
2
An einem Junimorgen gegen sieben Uhr kam Thiel aus dem Dienst. Seine
Frau hatte nicht so bald ihre Begrüßung beendet, als sie schon in gewohnter
Weise zu lamentieren begann. Der Pachtacker, welcher bisher den
Kartoffelbedarf der Familie gedeckt hatte, war vor Wochen gekündigt worden,
ohne daß es Lenen bisher gelungen war, einen Ersatz dafür ausfindig zu
machen. Wenngleich nun die Sorge um den Acker zu ihren Obliegenheiten
gehörte, so mußte doch Thiel einmal übers andre hören, daß niemand als er
daran schuld sei, wenn man in diesem Jahre zehn Sack Kartoffeln für schweres
Geld kaufen müsse. Thiel brummte nur und begab sich, Lenens Reden wenig
Beachtung schenkend, sogleich an das Bett seines Ältesten, welches er in den
Nächten, wo er nicht im Dienst war, mit ihm teilte. Hier ließ er sich nieder und
beobachtete mit einem sorglichen Ausdruck seines guten Gesichts das
schlafende Kind, welches er, nachdem er die zudringlichen Fliegen eine Weile
von ihm abgehalten, schließlich weckte. In den blauen, tiefliegenden Augen
des Erwachenden malte sich eine rührende Freude. Er griff hastig nach der
Hand des Vaters, indes sich seine Mundwinkel zu einem kläglichen Lächeln
Jungen gebar.
Von da ab begann für Tobias eine schlimme Zeit. Er wurde besonders in
Abwesenheit des Vaters unaufhörlich geplagt und mußte ohne die geringste
Belohnung dafür seine schwachen Kräfte im Dienste des kleinen Schreihalses
einsetzen, wobei er sich mehr und mehr aufrieb. Sein Kopf bekam einen
ungewöhnlichen Umfang; die brandroten Haare und das kreidige Gesicht
darunter machten einen unschönen und im Verein mit der übrigen kläglichen
Gestalt erbarmungswürdigen Eindruck. Wenn sich der zurückgebliebene
Tobias solchergestalt, das kleine, von Gesundheit strotzende Brüderchen auf
dem Arme, hinunter zur Spree schleppte, so wurden hinter den Fenstern der
Hütten Verwünschungen laut, die sich jedoch niemals hervorwagten. Thiel
aber, welchen die Sache doch vor allem anging, schien keine Augen für sie zu
haben und wollte auch die Winke nicht verstehen, welche ihm von
wohlmeinenden Nachbarsleuten gegeben wurden.
2
An einem Junimorgen gegen sieben Uhr kam Thiel aus dem Dienst. Seine
Frau hatte nicht so bald ihre Begrüßung beendet, als sie schon in gewohnter
Weise zu lamentieren begann. Der Pachtacker, welcher bisher den
Kartoffelbedarf der Familie gedeckt hatte, war vor Wochen gekündigt worden,
ohne daß es Lenen bisher gelungen war, einen Ersatz dafür ausfindig zu
machen. Wenngleich nun die Sorge um den Acker zu ihren Obliegenheiten
gehörte, so mußte doch Thiel einmal übers andre hören, daß niemand als er
daran schuld sei, wenn man in diesem Jahre zehn Sack Kartoffeln für schweres
Geld kaufen müsse. Thiel brummte nur und begab sich, Lenens Reden wenig
Beachtung schenkend, sogleich an das Bett seines Ältesten, welches er in den
Nächten, wo er nicht im Dienst war, mit ihm teilte. Hier ließ er sich nieder und
beobachtete mit einem sorglichen Ausdruck seines guten Gesichts das
schlafende Kind, welches er, nachdem er die zudringlichen Fliegen eine Weile
von ihm abgehalten, schließlich weckte. In den blauen, tiefliegenden Augen
des Erwachenden malte sich eine rührende Freude. Er griff hastig nach der
Hand des Vaters, indes sich seine Mundwinkel zu einem kläglichen Lächeln
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verzogen. Der Wärter half ihm sogleich beim Anziehen der wenigen
Kleidungsstücke, wobei plötzlich etwas wie ein Schatten durch seine Mienen
lief, als er bemerkte, daß sich auf der rechten, ein wenig angeschwollenen
Backe einige Fingerspuren weiß in rot abzeichneten.
Als Lene beim Frühstück mit vergrößertem Eifer auf vorberegte
Wirtschaftsangelegenheit zurückkam, schnitt er ihr das Wort ab mit der
Nachricht, daß ihm der Bahnmeister ein Stück Land längs des Bahndammes in
unmittelbarer Nähe des Wärterhauses umsonst überlassen habe, angeblich weil
es ihm, dem Bahnmeister, zu abgelegen sei.
Lene wollte das anfänglich nicht glauben. Nach und nach wichen jedoch
ihre Zweifel, und nun geriet sie in merklich gute Laune. Ihre Fragen nach
Größe und Güte des Ackers sowie andre mehr verschlangen sich förmlich, und
als sie erfuhr, daß bei alledem noch zwei Zwergobstbäume darauf stünden,
wurde sie rein närrisch. Als nichts mehr zu erfragen übrigblieb, zudem die
Türglocke des Krämers, die man, beiläufig gesagt, in jedem einzelnen Hause
des Ortes vernehmen konnte, unaufhörlich anschlug, schoß sie davon, um die
Neuigkeit im Örtchen auszusprengen.
Während Lene in die dunkle, mit Waren überfüllte Kammer des Krämers
kam, beschäftigte sich der Wärter daheim ausschließlich mit Tobias. Der Junge
saß auf seinen Knien und spielte mit einigen Kieferzapfen, die Thiel mit aus
dem Walde gebracht hatte.
»Was willst du werden?« fragte ihn der Vater, und diese Frage war
stereotyp wie die Antwort des Jungen: »ein Bahnmeister.« Es war keine
Scherzfrage, denn die Träume des Wärters verstiegen sich in der Tat in solche
Höhen, und er hegte allen Ernstes den Wunsch und die Hoffnung, daß aus
Tobias mit Gottes Hilfe etwas Außergewöhnliches werden sollte. Sobald die
Antwort »ein Bahnmeister« von den blutlosen Lippen des Kleinen kam, der
natürlich nicht wußte, was sie bedeuten sollte, begann Thiels Gesicht sich
aufzuhellen, bis es förmlich strahlte von innerer Glückseligkeit.
»Geh, Tobias, geh spielen!« sagte er kurz darauf, indem er eine Pfeife
Tabak mit einem im Herdfeuer entzündeten Span in Brand steckte, und der
Kleine drückte sich alsbald in scheuer Freude zur Türe hinaus. Thiel
entkleidete sich, ging zu Bett und entschlief, nachdem er geraume Zeit
gedankenvoll die niedrige und rissige Stubendecke angestarrt hatte. Gegen
Kleidungsstücke, wobei plötzlich etwas wie ein Schatten durch seine Mienen
lief, als er bemerkte, daß sich auf der rechten, ein wenig angeschwollenen
Backe einige Fingerspuren weiß in rot abzeichneten.
Als Lene beim Frühstück mit vergrößertem Eifer auf vorberegte
Wirtschaftsangelegenheit zurückkam, schnitt er ihr das Wort ab mit der
Nachricht, daß ihm der Bahnmeister ein Stück Land längs des Bahndammes in
unmittelbarer Nähe des Wärterhauses umsonst überlassen habe, angeblich weil
es ihm, dem Bahnmeister, zu abgelegen sei.
Lene wollte das anfänglich nicht glauben. Nach und nach wichen jedoch
ihre Zweifel, und nun geriet sie in merklich gute Laune. Ihre Fragen nach
Größe und Güte des Ackers sowie andre mehr verschlangen sich förmlich, und
als sie erfuhr, daß bei alledem noch zwei Zwergobstbäume darauf stünden,
wurde sie rein närrisch. Als nichts mehr zu erfragen übrigblieb, zudem die
Türglocke des Krämers, die man, beiläufig gesagt, in jedem einzelnen Hause
des Ortes vernehmen konnte, unaufhörlich anschlug, schoß sie davon, um die
Neuigkeit im Örtchen auszusprengen.
Während Lene in die dunkle, mit Waren überfüllte Kammer des Krämers
kam, beschäftigte sich der Wärter daheim ausschließlich mit Tobias. Der Junge
saß auf seinen Knien und spielte mit einigen Kieferzapfen, die Thiel mit aus
dem Walde gebracht hatte.
»Was willst du werden?« fragte ihn der Vater, und diese Frage war
stereotyp wie die Antwort des Jungen: »ein Bahnmeister.« Es war keine
Scherzfrage, denn die Träume des Wärters verstiegen sich in der Tat in solche
Höhen, und er hegte allen Ernstes den Wunsch und die Hoffnung, daß aus
Tobias mit Gottes Hilfe etwas Außergewöhnliches werden sollte. Sobald die
Antwort »ein Bahnmeister« von den blutlosen Lippen des Kleinen kam, der
natürlich nicht wußte, was sie bedeuten sollte, begann Thiels Gesicht sich
aufzuhellen, bis es förmlich strahlte von innerer Glückseligkeit.
»Geh, Tobias, geh spielen!« sagte er kurz darauf, indem er eine Pfeife
Tabak mit einem im Herdfeuer entzündeten Span in Brand steckte, und der
Kleine drückte sich alsbald in scheuer Freude zur Türe hinaus. Thiel
entkleidete sich, ging zu Bett und entschlief, nachdem er geraume Zeit
gedankenvoll die niedrige und rissige Stubendecke angestarrt hatte. Gegen
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zwölf Uhr mittags erwachte er, kleidete sich an und ging, während seine Frau
in ihrer lärmenden Weise das Mittagbrot bereitete, hinaus auf die Straße, wo er
Tobiäschen sogleich aufgriff, der mit den Fingern Kalk aus einem Loche in der
Wand kratzte und in den Mund steckte. Der Wärter nahm ihn bei der Hand und
ging mit ihm an den etwa acht Häuschen des Ortes vorüber bis hinunter zur
Spree, die schwarz und glasig zwischen schwach belaubten Pappeln lag. Dicht
am Rande des Wassers befand sich ein Granitblock, auf welchen Thiel sich
niederließ.
Der ganze Ort hatte sich gewöhnt, ihn bei nur irgend erträglichem Wetter
an dieser Stelle zu erblicken. Die Kinder besonders hingen an ihm, nannten ihn
»Vater Thiel« und wurden von ihm besonders in mancherlei Spielen
unterrichtet, deren er sich aus seiner Jugendzeit erinnerte. Das Beste jedoch
von dem Inhalt seiner Erinnerungen war für Tobias. Er schnitzelte ihm
Fitschepfeile, die höher flogen wie die aller anderen Jungen. Er schnitt ihm
Weidenpfeifchen und ließ sich sogar herbei, mit seinem verrosteten Baß das
Beschwörungslied zu singen, während er mit dem Horngriff seines
Taschenmessers die Rinde leise klopfte.
Die Leute verübelten ihm seine Läppschereien; es war ihnen unerfindlich,
wie er sich mit den Rotznasen so viel abgeben konnte. Im Grunde durften sie
jedoch damit zufrieden sein, denn die Kinder waren unter seiner Obhut gut
aufgehoben. Überdies nahm Thiel auch ernste Dinge mit ihnen vor, hörte den
Großen ihre Schulaufgaben ab, half ihnen beim Lernen der Bibel- und
Gesangbuchverse und buchstabierte mit den Kleinen »a« – »b« – »ab«, »d« –
»u« – »du« und so fort.
Nach dem Mittagessen legte sich der Wärter abermals zu kurzer Ruhe
nieder. Nachdem sie beendigt war, trank er den Nachmittagskaffee und begann
gleich darauf sich für den Gang in den Dienst vorzubereiten. Er brauchte dazu,
wie zu allen seinen Verrichtungen, viel Zeit; jeder Handgriff war seit Jahren
geregelt; in stets gleicher Reihenfolge wanderten die sorgsam auf der kleinen
Nußbaumkommode ausgebreiteten Gegenstände: Messer, Notizbuch, Kamm,
ein Pferdezahn, die alte eingekapselte Uhr in die Taschen seiner Kleider. Ein
kleines, in rotes Papier eingeschlagenes Büchelchen wurde mit besonderer
Sorgfalt behandelt. Es lag während der Nacht unter dem Kopfkissen des
Wärters und wurde am Tage von ihm stets in der Brusttasche des Dienstrockes
herumgetragen. Auf der Etikette unter dem Umschlag stand in unbeholfenen,
in ihrer lärmenden Weise das Mittagbrot bereitete, hinaus auf die Straße, wo er
Tobiäschen sogleich aufgriff, der mit den Fingern Kalk aus einem Loche in der
Wand kratzte und in den Mund steckte. Der Wärter nahm ihn bei der Hand und
ging mit ihm an den etwa acht Häuschen des Ortes vorüber bis hinunter zur
Spree, die schwarz und glasig zwischen schwach belaubten Pappeln lag. Dicht
am Rande des Wassers befand sich ein Granitblock, auf welchen Thiel sich
niederließ.
Der ganze Ort hatte sich gewöhnt, ihn bei nur irgend erträglichem Wetter
an dieser Stelle zu erblicken. Die Kinder besonders hingen an ihm, nannten ihn
»Vater Thiel« und wurden von ihm besonders in mancherlei Spielen
unterrichtet, deren er sich aus seiner Jugendzeit erinnerte. Das Beste jedoch
von dem Inhalt seiner Erinnerungen war für Tobias. Er schnitzelte ihm
Fitschepfeile, die höher flogen wie die aller anderen Jungen. Er schnitt ihm
Weidenpfeifchen und ließ sich sogar herbei, mit seinem verrosteten Baß das
Beschwörungslied zu singen, während er mit dem Horngriff seines
Taschenmessers die Rinde leise klopfte.
Die Leute verübelten ihm seine Läppschereien; es war ihnen unerfindlich,
wie er sich mit den Rotznasen so viel abgeben konnte. Im Grunde durften sie
jedoch damit zufrieden sein, denn die Kinder waren unter seiner Obhut gut
aufgehoben. Überdies nahm Thiel auch ernste Dinge mit ihnen vor, hörte den
Großen ihre Schulaufgaben ab, half ihnen beim Lernen der Bibel- und
Gesangbuchverse und buchstabierte mit den Kleinen »a« – »b« – »ab«, »d« –
»u« – »du« und so fort.
Nach dem Mittagessen legte sich der Wärter abermals zu kurzer Ruhe
nieder. Nachdem sie beendigt war, trank er den Nachmittagskaffee und begann
gleich darauf sich für den Gang in den Dienst vorzubereiten. Er brauchte dazu,
wie zu allen seinen Verrichtungen, viel Zeit; jeder Handgriff war seit Jahren
geregelt; in stets gleicher Reihenfolge wanderten die sorgsam auf der kleinen
Nußbaumkommode ausgebreiteten Gegenstände: Messer, Notizbuch, Kamm,
ein Pferdezahn, die alte eingekapselte Uhr in die Taschen seiner Kleider. Ein
kleines, in rotes Papier eingeschlagenes Büchelchen wurde mit besonderer
Sorgfalt behandelt. Es lag während der Nacht unter dem Kopfkissen des
Wärters und wurde am Tage von ihm stets in der Brusttasche des Dienstrockes
herumgetragen. Auf der Etikette unter dem Umschlag stand in unbeholfenen,
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aber verschnörkelten Schriftzügen, von Thiels Hand geschrieben:
Sparkassenbuch des Tobias Thiel.
Die Wanduhr mit dem langen Pendel und dem gelbsüchtigen Zifferblatt
zeigte dreiviertel fünf, als Thiel fortging. Ein kleiner Kahn, sein Eigentum,
brachte ihn über den Fluß. Am jenseitigen Spreeufer blieb er einige Male
stehen und lauschte nach dem Ort zurück. Endlich bog er in einen breiten
Waldweg und befand sich nach wenigen Minuten inmitten des
tiefaufrauschenden Kiefernforstes, dessen Nadelmassen einem schwarzgrünen,
wellenwerfenden Meere glichen. Unhörbar wie auf Filz schritt er über die
feuchte Moos- und Nadelschicht des Waldbodens. Er fand seinen Weg ohne
aufzublicken, hier durch die rostbraunen Säulen des Hochwaldes, dort
weiterhin durch dicht verschlungenes Jungholz, noch weiter über ausgedehnte
Schonungen, die von einzelnen hohen und schlanken Kiefern überschattet
wurden, welche man zum Schutze für den Nachwuchs aufbehalten hatte. Ein
bläulicher, durchsichtiger, mit allerhand Düften geschwängerter Dunst stieg
aus der Erde auf und ließ die Formen der Bäume verwaschen erscheinen. Ein
schwerer, milchiger Himmel hing tief herab über die Baumwipfel.
Krähenschwärme badeten gleichsam im Grau der Luft, unaufhörlich ihre
knarrenden Rufe ausstoßend. Schwarze Wasserlachen füllten die Vertiefungen
des Weges und spiegelten die trübe Natur noch trüber wider.
»Ein furchtbares Wetter,« dachte Thiel, als er aus tiefem Nachdenken
erwachte und aufschaute.
Plötzlich jedoch bekamen seine Gedanken eine andere Richtung. Er fühlte
dunkel, daß er etwas daheim vergessen haben müsse, und wirklich vermißte er
beim Durchsuchen seiner Taschen das Butterbrot, welches er der langen
Dienstzeit halber stets mitzunehmen genötigt war. Unschlüssig blieb er eine
Weile stehen, wandte sich dann aber plötzlich und eilte in der Richtung des
Dorfes zurück.
In kurzer Zeit hatte er die Spree erreicht, setzte mit wenigen kräftigen
Ruderschlägen über und stieg gleich darauf, am ganzen Körper schwitzend,
die sanft ansteigende Dorfstraße hinauf. Der alte, schäbige Pudel des Krämers
lag mitten auf der Straße. Auf dem geteerten Plankenzaune eines
Kossätenhofes saß eine Nebelkrähe. Sie spreizte die Federn, schüttelte sich,
nickte, stieß ein ohrenzerreißendes »krä«, »krä« aus und erhob sich mit
Sparkassenbuch des Tobias Thiel.
Die Wanduhr mit dem langen Pendel und dem gelbsüchtigen Zifferblatt
zeigte dreiviertel fünf, als Thiel fortging. Ein kleiner Kahn, sein Eigentum,
brachte ihn über den Fluß. Am jenseitigen Spreeufer blieb er einige Male
stehen und lauschte nach dem Ort zurück. Endlich bog er in einen breiten
Waldweg und befand sich nach wenigen Minuten inmitten des
tiefaufrauschenden Kiefernforstes, dessen Nadelmassen einem schwarzgrünen,
wellenwerfenden Meere glichen. Unhörbar wie auf Filz schritt er über die
feuchte Moos- und Nadelschicht des Waldbodens. Er fand seinen Weg ohne
aufzublicken, hier durch die rostbraunen Säulen des Hochwaldes, dort
weiterhin durch dicht verschlungenes Jungholz, noch weiter über ausgedehnte
Schonungen, die von einzelnen hohen und schlanken Kiefern überschattet
wurden, welche man zum Schutze für den Nachwuchs aufbehalten hatte. Ein
bläulicher, durchsichtiger, mit allerhand Düften geschwängerter Dunst stieg
aus der Erde auf und ließ die Formen der Bäume verwaschen erscheinen. Ein
schwerer, milchiger Himmel hing tief herab über die Baumwipfel.
Krähenschwärme badeten gleichsam im Grau der Luft, unaufhörlich ihre
knarrenden Rufe ausstoßend. Schwarze Wasserlachen füllten die Vertiefungen
des Weges und spiegelten die trübe Natur noch trüber wider.
»Ein furchtbares Wetter,« dachte Thiel, als er aus tiefem Nachdenken
erwachte und aufschaute.
Plötzlich jedoch bekamen seine Gedanken eine andere Richtung. Er fühlte
dunkel, daß er etwas daheim vergessen haben müsse, und wirklich vermißte er
beim Durchsuchen seiner Taschen das Butterbrot, welches er der langen
Dienstzeit halber stets mitzunehmen genötigt war. Unschlüssig blieb er eine
Weile stehen, wandte sich dann aber plötzlich und eilte in der Richtung des
Dorfes zurück.
In kurzer Zeit hatte er die Spree erreicht, setzte mit wenigen kräftigen
Ruderschlägen über und stieg gleich darauf, am ganzen Körper schwitzend,
die sanft ansteigende Dorfstraße hinauf. Der alte, schäbige Pudel des Krämers
lag mitten auf der Straße. Auf dem geteerten Plankenzaune eines
Kossätenhofes saß eine Nebelkrähe. Sie spreizte die Federn, schüttelte sich,
nickte, stieß ein ohrenzerreißendes »krä«, »krä« aus und erhob sich mit
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pfeifendem Flügelschlag, um sich vom Winde in der Richtung des Forstes
davontreiben zu lassen.
Von den Bewohnern der kleinen Kolonie, etwa zwanzig Fischern und
Waldarbeitern mit ihren Familien, war nichts zu sehen.
Der Ton einer kreischenden Stimme unterbrach die Stille so laut und
schrill, daß der Wärter unwillkürlich mit Laufen innehielt. Ein Schwall heftig
herausgestoßener, mißtönender Laute schlug an sein Ohr, die aus dem offenen
Giebelfenster eines niedrigen Häuschens zu kommen schienen, welches er nur
zu wohl kannte.
Das Geräusch seiner Schritte nach Möglichkeit dämpfend, schlich er sich
näher und unterschied nun ganz deutlich die Stimme seiner Frau. Nur noch
wenige Bewegungen, und die meisten ihrer Worte wurden ihm verständlich.
»Was, du unbarmherziger, herzloser Schuft! Soll sich das elende Wurm die
Plautze ausschreien vor Hunger? – wie? Na wart nur, wart, ich will dich lehren
aufpassen! – Du sollst dran denken.« Einige Augenblicke blieb es still; dann
hörte man ein Geräusch, wie wenn Kleidungsstücke ausgeklopft würden;
unmittelbar darauf entlud sich ein neues Hagelwetter von Schimpfworten.
»Du erbärmlicher Grünschnabel,« scholl es im schnellsten Tempo herunter,
»meinst du, ich sollte mein leibliches Kind wegen solch einem Jammerlappen,
wie du bist, verhungern lassen?« »Halts Maul!« schrie es, als ein leises
Wimmern hörbar wurde, »oder du sollst eine Portion kriegen, an der du acht
Tage zu fressen hast.«
Das Wimmern verstummte nicht.
Der Wärter fühlte, wie sein Herz in schweren, unregelmäßigen Schlägen
ging. Er begann leise zu zittern. Seine Blicke hingen wie abwesend am Boden
fest, und die plumpe und harte Hand strich mehrmals ein Büschel nasser Haare
zur Seite, das immer von neuem in die sommersprossige Stirne hinein fiel.
Einen Augenblick drohte es ihn zu überwältigen. Es war ein Krampf, der
die Muskeln schwellen machte und die Finger der Hand zur Faust
zusammenzog. Es ließ nach, und dumpfe Mattigkeit blieb zurück.
davontreiben zu lassen.
Von den Bewohnern der kleinen Kolonie, etwa zwanzig Fischern und
Waldarbeitern mit ihren Familien, war nichts zu sehen.
Der Ton einer kreischenden Stimme unterbrach die Stille so laut und
schrill, daß der Wärter unwillkürlich mit Laufen innehielt. Ein Schwall heftig
herausgestoßener, mißtönender Laute schlug an sein Ohr, die aus dem offenen
Giebelfenster eines niedrigen Häuschens zu kommen schienen, welches er nur
zu wohl kannte.
Das Geräusch seiner Schritte nach Möglichkeit dämpfend, schlich er sich
näher und unterschied nun ganz deutlich die Stimme seiner Frau. Nur noch
wenige Bewegungen, und die meisten ihrer Worte wurden ihm verständlich.
»Was, du unbarmherziger, herzloser Schuft! Soll sich das elende Wurm die
Plautze ausschreien vor Hunger? – wie? Na wart nur, wart, ich will dich lehren
aufpassen! – Du sollst dran denken.« Einige Augenblicke blieb es still; dann
hörte man ein Geräusch, wie wenn Kleidungsstücke ausgeklopft würden;
unmittelbar darauf entlud sich ein neues Hagelwetter von Schimpfworten.
»Du erbärmlicher Grünschnabel,« scholl es im schnellsten Tempo herunter,
»meinst du, ich sollte mein leibliches Kind wegen solch einem Jammerlappen,
wie du bist, verhungern lassen?« »Halts Maul!« schrie es, als ein leises
Wimmern hörbar wurde, »oder du sollst eine Portion kriegen, an der du acht
Tage zu fressen hast.«
Das Wimmern verstummte nicht.
Der Wärter fühlte, wie sein Herz in schweren, unregelmäßigen Schlägen
ging. Er begann leise zu zittern. Seine Blicke hingen wie abwesend am Boden
fest, und die plumpe und harte Hand strich mehrmals ein Büschel nasser Haare
zur Seite, das immer von neuem in die sommersprossige Stirne hinein fiel.
Einen Augenblick drohte es ihn zu überwältigen. Es war ein Krampf, der
die Muskeln schwellen machte und die Finger der Hand zur Faust
zusammenzog. Es ließ nach, und dumpfe Mattigkeit blieb zurück.
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Unsicheren Schrittes trat der Wärter in den engen, ziegelgepflasterten
Hausflur. Müde und langsam erklomm er die knarrende Holzstiege.
»Pfui, pfui, pfui!« hob es wieder an; dabei hörte man, wie jemand dreimal
hintereinander mit allen Zeichen der Wut und Verachtung ausspie. »Du
erbärmlicher, niederträchtiger, hinterlistiger, hämischer, feiger, gemeiner
Lümmel.« Die Worte folgten einander in steigender Betonung, und die
Stimme, welche sie herausstieß, schnappte zuweilen über vor Anstrengung.
»Meinen Buben willst du schlagen, was? Du elende Göre unterstehst dich, das
arme, hilflose Kind aufs Maul zu schlagen? – wie? – he, wie? – Ich will mich
nur nicht dreckig machen an dir, sonst …«
In diesem Augenblick öffnete Thiel die Tür des Wohnzimmers, weshalb
der erschrockenen Frau das Ende des begonnenen Satzes in der Kehle stecken
blieb. Sie war kreidebleich vor Zorn; ihre Lippen zuckten bösartig; sie hatte
die Rechte erhoben, senkte sie und griff nach dem Milchtopf, aus dem sie ein
Kinderfläschchen voll zu füllen versuchte. Sie ließ jedoch diese Arbeit, da der
größte Teil der Milch über den Flaschenhals auf den Tisch rann, halb
verrichtet, griff vollkommen fassungslos vor Erregung bald nach diesem, bald
nach jenem Gegenstand, ohne ihn länger als einige Augenblicke festhalten zu
können und ermannte sich endlich soweit, ihren Mann heftig anzulassen: was
es denn heißen solle, daß er um diese ungewöhnliche Zeit nach Hause käme, er
würde sie doch nicht etwa gar belauschen wollen; »das wäre noch das Letzte,«
meinte sie, und gleich darauf: sie habe ein reines Gewissen und brauche vor
niemand die Augen niederzuschlagen.
Thiel hörte kaum, was sie sagte. Seine Blicke streiften flüchtig das
heulende Tobiäschen. Einen Augenblick schien es, als müsse er gewaltsam
etwas Furchtbares zurückhalten, was in ihm aufstieg; dann legte sich über die
gespannten Mienen plötzlich das alte Phlegma, von einem verstohlnen
begehrlichen Aufblitzen der Augen seltsam belebt. Sekundenlang spielte sein
Blick über den starken Gliedmaßen seines Weibes, das, mit abgewandtem
Gesicht herumhantierend, noch immer nach Fassung suchte. Ihre vollen,
halbnackten Brüste blähten sich vor Erregung und drohten das Mieder zu
sprengen, und ihre aufgerafften Röcke ließen die breiten Hüften noch breiter
erscheinen. Eine Kraft schien von dem Weibe auszugehen, unbezwingbar,
unentrinnbar, der Thiel sich nicht gewachsen fühlte.
Hausflur. Müde und langsam erklomm er die knarrende Holzstiege.
»Pfui, pfui, pfui!« hob es wieder an; dabei hörte man, wie jemand dreimal
hintereinander mit allen Zeichen der Wut und Verachtung ausspie. »Du
erbärmlicher, niederträchtiger, hinterlistiger, hämischer, feiger, gemeiner
Lümmel.« Die Worte folgten einander in steigender Betonung, und die
Stimme, welche sie herausstieß, schnappte zuweilen über vor Anstrengung.
»Meinen Buben willst du schlagen, was? Du elende Göre unterstehst dich, das
arme, hilflose Kind aufs Maul zu schlagen? – wie? – he, wie? – Ich will mich
nur nicht dreckig machen an dir, sonst …«
In diesem Augenblick öffnete Thiel die Tür des Wohnzimmers, weshalb
der erschrockenen Frau das Ende des begonnenen Satzes in der Kehle stecken
blieb. Sie war kreidebleich vor Zorn; ihre Lippen zuckten bösartig; sie hatte
die Rechte erhoben, senkte sie und griff nach dem Milchtopf, aus dem sie ein
Kinderfläschchen voll zu füllen versuchte. Sie ließ jedoch diese Arbeit, da der
größte Teil der Milch über den Flaschenhals auf den Tisch rann, halb
verrichtet, griff vollkommen fassungslos vor Erregung bald nach diesem, bald
nach jenem Gegenstand, ohne ihn länger als einige Augenblicke festhalten zu
können und ermannte sich endlich soweit, ihren Mann heftig anzulassen: was
es denn heißen solle, daß er um diese ungewöhnliche Zeit nach Hause käme, er
würde sie doch nicht etwa gar belauschen wollen; »das wäre noch das Letzte,«
meinte sie, und gleich darauf: sie habe ein reines Gewissen und brauche vor
niemand die Augen niederzuschlagen.
Thiel hörte kaum, was sie sagte. Seine Blicke streiften flüchtig das
heulende Tobiäschen. Einen Augenblick schien es, als müsse er gewaltsam
etwas Furchtbares zurückhalten, was in ihm aufstieg; dann legte sich über die
gespannten Mienen plötzlich das alte Phlegma, von einem verstohlnen
begehrlichen Aufblitzen der Augen seltsam belebt. Sekundenlang spielte sein
Blick über den starken Gliedmaßen seines Weibes, das, mit abgewandtem
Gesicht herumhantierend, noch immer nach Fassung suchte. Ihre vollen,
halbnackten Brüste blähten sich vor Erregung und drohten das Mieder zu
sprengen, und ihre aufgerafften Röcke ließen die breiten Hüften noch breiter
erscheinen. Eine Kraft schien von dem Weibe auszugehen, unbezwingbar,
unentrinnbar, der Thiel sich nicht gewachsen fühlte.
Page 18
Leicht gleich einem feinen Spinngewebe und doch fest wie ein Netz von
Eisen legte es sich um ihn, fesselnd, überwindend, erschlaffend. Er hätte in
diesem Zustand überhaupt kein Wort an sie zu richten vermocht, am
allerwenigsten ein hartes, und so mußte Tobias, der in Tränen gebadet und
verängstet in einer Ecke hockte, sehen, wie der Vater, ohne sich auch nur
weiter nach ihm umzuschauen, das vergessene Brot von der Ofenbank nahm,
es der Mutter als einzige Erklärung hinhielt und mit einem kurzen, zerstreuten
Kopfnicken sogleich wieder verschwand.
3
Obgleich Thiel den Weg in seine Waldeinsamkeit mit möglichster Eile
zurücklegte, kam er doch erst fünfzehn Minuten nach der ordnungsmäßigen
Zeit an den Ort seiner Bestimmung.
Der Hilfswärter, ein infolge des bei seinem Dienst unumgänglichen,
schnellen Temperaturwechsels schwindsüchtig gewordener Mensch, der mit
ihm im Dienst abwechselte, stand schon fertig zum Aufbruch auf der kleinen,
sandigen Plattform des Häuschens, dessen große Nummer schwarz auf weiß
weithin durch die Stämme leuchtete.
Die beiden Männer reichten sich die Hände, machten sich einige kurze
Mitteilungen und trennten sich. Der eine verschwand im Innern der Bude, der
andere ging quer über die Strecke, die Fortsetzung jener Straße benutzend,
welche Thiel gekommen war. Man hörte sein krampfhaftes Husten erst näher,
dann ferner durch die Stämme, und mit ihm verstummte der einzige
menschliche Laut in dieser Einöde. Thiel begann wie immer so auch heute
damit, das enge, viereckige Steingebauer der Wärterbude auf seine Art für die
Nacht herzurichten. Er tat es mechanisch, während sein Geist mit dem
Eindruck der letzten Stunden beschäftigt war. Er legte sein Abendbrot auf den
schmalen, braungestrichenen Tisch an einem der beiden schlitzartigen
Seitenfenster, von denen aus man die Strecke bequem übersehen konnte.
Hierauf entzündete er in dem kleinen, rostigen Öfchen ein Feuer und stellte
einen Topf kalten Wassers darauf. Nachdem er schließlich noch in die
Gerätschaften Schaufel, Spaten, Schraubstock usw. einige Ordnung gebracht
Eisen legte es sich um ihn, fesselnd, überwindend, erschlaffend. Er hätte in
diesem Zustand überhaupt kein Wort an sie zu richten vermocht, am
allerwenigsten ein hartes, und so mußte Tobias, der in Tränen gebadet und
verängstet in einer Ecke hockte, sehen, wie der Vater, ohne sich auch nur
weiter nach ihm umzuschauen, das vergessene Brot von der Ofenbank nahm,
es der Mutter als einzige Erklärung hinhielt und mit einem kurzen, zerstreuten
Kopfnicken sogleich wieder verschwand.
3
Obgleich Thiel den Weg in seine Waldeinsamkeit mit möglichster Eile
zurücklegte, kam er doch erst fünfzehn Minuten nach der ordnungsmäßigen
Zeit an den Ort seiner Bestimmung.
Der Hilfswärter, ein infolge des bei seinem Dienst unumgänglichen,
schnellen Temperaturwechsels schwindsüchtig gewordener Mensch, der mit
ihm im Dienst abwechselte, stand schon fertig zum Aufbruch auf der kleinen,
sandigen Plattform des Häuschens, dessen große Nummer schwarz auf weiß
weithin durch die Stämme leuchtete.
Die beiden Männer reichten sich die Hände, machten sich einige kurze
Mitteilungen und trennten sich. Der eine verschwand im Innern der Bude, der
andere ging quer über die Strecke, die Fortsetzung jener Straße benutzend,
welche Thiel gekommen war. Man hörte sein krampfhaftes Husten erst näher,
dann ferner durch die Stämme, und mit ihm verstummte der einzige
menschliche Laut in dieser Einöde. Thiel begann wie immer so auch heute
damit, das enge, viereckige Steingebauer der Wärterbude auf seine Art für die
Nacht herzurichten. Er tat es mechanisch, während sein Geist mit dem
Eindruck der letzten Stunden beschäftigt war. Er legte sein Abendbrot auf den
schmalen, braungestrichenen Tisch an einem der beiden schlitzartigen
Seitenfenster, von denen aus man die Strecke bequem übersehen konnte.
Hierauf entzündete er in dem kleinen, rostigen Öfchen ein Feuer und stellte
einen Topf kalten Wassers darauf. Nachdem er schließlich noch in die
Gerätschaften Schaufel, Spaten, Schraubstock usw. einige Ordnung gebracht
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hatte, begab er sich ans Putzen seiner Laterne, die er zugleich mit frischem
Petroleum versorgte.
Als dies geschehen war, meldete die Glocke mit drei schrillen Schlägen,
die sich wiederholten, daß ein Zug in der Richtung von Breslau her aus der
nächstliegenden Station abgelassen sei. Ohne die mindeste Hast zu zeigen,
blieb Thiel noch eine gute Weile im Innern der Bude, trat endlich, Fahne und
Patronentasche in der Hand, langsam ins Freie und bewegte sich trägen und
schlürfenden Ganges über den schmalen Sandpfad, dem etwa zwanzig Schritt
entfernten Bahnübergang zu. Seine Barrieren schloß und öffnete Thiel vor und
nach jedem Zuge gewissenhaft, obgleich der Weg nur selten von jemand
passiert wurde.
Er hatte seine Arbeit beendet und lehnte jetzt wartend an der
schwarzweißen Sperrstange.
Die Strecke schnitt rechts und links gradlinig in den unabsehbaren, grünen
Forst hinein; zu ihren beiden Seiten stauten die Nadelmassen gleichsam
zurück, zwischen sich eine Gasse freilassend, die der rötlichbraune,
kiesbestreute Bahndamm ausfüllte. Die schwarzen parallellaufenden Geleise
darauf glichen in ihrer Gesamtheit einer ungeheuren, eisernen Netzmasche,
deren schmale Strähne sich im äußersten Süden und Norden in einem Punkte
des Horizontes zusammenzogen.
Der Wind hatte sich erhoben und trieb leise Wellen den Waldrand hinunter
und in die Ferne hinein. Aus den Telegraphenstangen, die die Strecke
begleiteten, tönten summende Akkorde. Auf den Drähten, die sich wie das
Gewebe einer Riesenspinne von Stange zu Stange fortrankten, klebten in
dichten Reihen Scharen zwitschernder Vögel. Ein Specht flog lachend über
Thiels Kopf weg, ohne daß er eines Blickes gewürdigt wurde.
Die Sonne, welche soeben unter dem Rande mächtiger Wolken herabhing,
um in das schwarzgrüne Wipfelmeer zu versinken, goß Ströme von Purpur
über den Forst. Die Säulenarkaden der Kiefernstämme jenseit des Dammes
entzündeten sich gleichsam von innen heraus und glühten wie Eisen.
Auch die Geleise begannen zu glühen, feurigen Schlangen gleich, aber sie
erloschen zuerst. Und nun stieg die Glut langsam vom Erdboden in die Höhe,
erst die Schäfte der Kiefern, weiter den größten Teil ihrer Kronen in kaltem
Petroleum versorgte.
Als dies geschehen war, meldete die Glocke mit drei schrillen Schlägen,
die sich wiederholten, daß ein Zug in der Richtung von Breslau her aus der
nächstliegenden Station abgelassen sei. Ohne die mindeste Hast zu zeigen,
blieb Thiel noch eine gute Weile im Innern der Bude, trat endlich, Fahne und
Patronentasche in der Hand, langsam ins Freie und bewegte sich trägen und
schlürfenden Ganges über den schmalen Sandpfad, dem etwa zwanzig Schritt
entfernten Bahnübergang zu. Seine Barrieren schloß und öffnete Thiel vor und
nach jedem Zuge gewissenhaft, obgleich der Weg nur selten von jemand
passiert wurde.
Er hatte seine Arbeit beendet und lehnte jetzt wartend an der
schwarzweißen Sperrstange.
Die Strecke schnitt rechts und links gradlinig in den unabsehbaren, grünen
Forst hinein; zu ihren beiden Seiten stauten die Nadelmassen gleichsam
zurück, zwischen sich eine Gasse freilassend, die der rötlichbraune,
kiesbestreute Bahndamm ausfüllte. Die schwarzen parallellaufenden Geleise
darauf glichen in ihrer Gesamtheit einer ungeheuren, eisernen Netzmasche,
deren schmale Strähne sich im äußersten Süden und Norden in einem Punkte
des Horizontes zusammenzogen.
Der Wind hatte sich erhoben und trieb leise Wellen den Waldrand hinunter
und in die Ferne hinein. Aus den Telegraphenstangen, die die Strecke
begleiteten, tönten summende Akkorde. Auf den Drähten, die sich wie das
Gewebe einer Riesenspinne von Stange zu Stange fortrankten, klebten in
dichten Reihen Scharen zwitschernder Vögel. Ein Specht flog lachend über
Thiels Kopf weg, ohne daß er eines Blickes gewürdigt wurde.
Die Sonne, welche soeben unter dem Rande mächtiger Wolken herabhing,
um in das schwarzgrüne Wipfelmeer zu versinken, goß Ströme von Purpur
über den Forst. Die Säulenarkaden der Kiefernstämme jenseit des Dammes
entzündeten sich gleichsam von innen heraus und glühten wie Eisen.
Auch die Geleise begannen zu glühen, feurigen Schlangen gleich, aber sie
erloschen zuerst. Und nun stieg die Glut langsam vom Erdboden in die Höhe,
erst die Schäfte der Kiefern, weiter den größten Teil ihrer Kronen in kaltem
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Verwesungslichte zurücklassend, zuletzt nur noch den äußersten Rand der
Wipfel mit einem rötlichen Schimmer streifend. Lautlos und feierlich vollzog
sich das erhabene Schauspiel. Der Wärter stand noch immer regungslos an der
Barriere. Endlich trat er einen Schritt vor. Ein dunkler Punkt am Horizonte, da
wo die Geleise sich trafen, vergrößerte sich. Von Sekunde zu Sekunde
wachsend, schien er doch auf einer Stelle zu stehen. Plötzlich bekam er
Bewegung und näherte sich. Durch die Geleise ging ein Vibrieren und
Summen, ein rhythmisches Geklirr, ein dumpfes Getöse, das, lauter und lauter
werdend, zuletzt den Hufschlägen eines heranbrausenden Reitergeschwaders
nicht unähnlich war.
Ein Keuchen und Brausen schwoll stoßweise fernher durch die Luft. Dann
plötzlich zerriß die Stille. Ein rasendes Tosen und Toben erfüllte den Raum,
die Geleise bogen sich, die Erde zitterte – ein starker Luftdruck – eine Wolke
von Staub, Dampf und Qualm, und das schwarze, schnaubende Ungetüm war
vorüber. So wie sie anwuchsen, starben nach und nach die Geräusche. Der
Dunst verzog sich. Zum Punkte eingeschrumpft, schwand der Zug in der
Ferne, und das alte heilge Schweigen schlug über dem Waldwinkel zusammen.
»Minna,« flüsterte der Wärter wie aus einem Traum erwacht und ging
nach seiner Bude zurück. Nachdem er sich einen dünnen Kaffee aufgebrüht,
ließ er sich nieder und starrte, von Zeit zu Zeit einen Schluck zu sich nehmend,
auf ein schmutziges Stück Zeitungspapier, das er irgendwo an der Strecke
aufgelesen.
Nach und nach überkam ihn eine seltsame Unruhe. Er schob es auf die
Backofenglut, welche das Stübchen erfüllte, und riß Rock und Weste auf, um
sich zu erleichtern. Wie das nichts half, erhob er sich, nahm einen Spaten aus
der Ecke und begab sich auf das geschenkte Äckerchen.
Es war ein schmaler Streifen Sandes, von Unkraut dicht überwuchert. Wie
schneeweißer Schaum lag die junge Blütenpracht auf den Zweigen der beiden
Zwergobstbäumchen, welche darauf standen.
Thiel wurde ruhig und ein stilles Wohlgefallen beschlich ihn.
Wipfel mit einem rötlichen Schimmer streifend. Lautlos und feierlich vollzog
sich das erhabene Schauspiel. Der Wärter stand noch immer regungslos an der
Barriere. Endlich trat er einen Schritt vor. Ein dunkler Punkt am Horizonte, da
wo die Geleise sich trafen, vergrößerte sich. Von Sekunde zu Sekunde
wachsend, schien er doch auf einer Stelle zu stehen. Plötzlich bekam er
Bewegung und näherte sich. Durch die Geleise ging ein Vibrieren und
Summen, ein rhythmisches Geklirr, ein dumpfes Getöse, das, lauter und lauter
werdend, zuletzt den Hufschlägen eines heranbrausenden Reitergeschwaders
nicht unähnlich war.
Ein Keuchen und Brausen schwoll stoßweise fernher durch die Luft. Dann
plötzlich zerriß die Stille. Ein rasendes Tosen und Toben erfüllte den Raum,
die Geleise bogen sich, die Erde zitterte – ein starker Luftdruck – eine Wolke
von Staub, Dampf und Qualm, und das schwarze, schnaubende Ungetüm war
vorüber. So wie sie anwuchsen, starben nach und nach die Geräusche. Der
Dunst verzog sich. Zum Punkte eingeschrumpft, schwand der Zug in der
Ferne, und das alte heilge Schweigen schlug über dem Waldwinkel zusammen.
»Minna,« flüsterte der Wärter wie aus einem Traum erwacht und ging
nach seiner Bude zurück. Nachdem er sich einen dünnen Kaffee aufgebrüht,
ließ er sich nieder und starrte, von Zeit zu Zeit einen Schluck zu sich nehmend,
auf ein schmutziges Stück Zeitungspapier, das er irgendwo an der Strecke
aufgelesen.
Nach und nach überkam ihn eine seltsame Unruhe. Er schob es auf die
Backofenglut, welche das Stübchen erfüllte, und riß Rock und Weste auf, um
sich zu erleichtern. Wie das nichts half, erhob er sich, nahm einen Spaten aus
der Ecke und begab sich auf das geschenkte Äckerchen.
Es war ein schmaler Streifen Sandes, von Unkraut dicht überwuchert. Wie
schneeweißer Schaum lag die junge Blütenpracht auf den Zweigen der beiden
Zwergobstbäumchen, welche darauf standen.
Thiel wurde ruhig und ein stilles Wohlgefallen beschlich ihn.
Page 21
Nun also an die Arbeit.
Der Spaten schnitt knirschend in das Erdreich; die nassen Schollen fielen
dumpf zurück und bröckelten auseinander.
Eine Zeitlang grub er ohne Unterbrechung. Dann hielt er plötzlich inne und
sagte laut und vernehmlich vor sich hin, indem er dazu bedenklich den Kopf
hin und her wiegte: »Nein, nein, das geht ja nicht,« und wieder: »nein, nein,
das geht ja gar nicht.«
Es war ihm plötzlich eingefallen, daß ja nun Lene des öftern
herauskommen würde, um den Acker zu bestellen, wodurch dann die
hergebrachte Lebensweise in bedenkliche Schwankungen geraten mußte. Und
jäh verwandelte sich seine Freude über den Besitz des Ackers in Widerwillen.
Hastig, wie wenn er etwas Unrechtes zu tun im Begriff gestanden hätte, riß er
den Spaten aus der Erde und trug ihn nach der Bude zurück. Hier versank er
abermals in dumpfe Grübelei. Er wußte kaum warum, aber die Aussicht, Lene
ganze Tage lang bei sich im Dienst zu haben, wurde ihm, so sehr er auch
versuchte, sich damit zu versöhnen, immer unerträglicher. Es kam ihm vor, als
habe er etwas ihm Wertes zu verteidigen, als versuchte jemand sein Heiligstes
anzutasten, und unwillkürlich spannten sich seine Muskeln in gelindem
Krampfe, während ein kurzes herausforderndes Lachen seinen Lippen entfuhr.
Vom Widerhall dieses Lachens erschreckt, blickte er auf und verlor dabei den
Faden seiner Betrachtungen. Als er ihn wiedergefunden, wühlte er sich
gleichsam in den alten Gegenstand.
Und plötzlich zerriß etwas wie ein dichter, schwarzer Vorhang in zwei
Stücke, und seine umnebelten Augen gewannen einen klaren Ausblick. Es war
ihm auf einmal zumute, als erwache er aus einem zweijährigen totenähnlichen
Schlaf und betrachte nun mit ungläubigem Kopfschütteln all das
Haarsträubende, welches er in diesem Zustand begangen haben sollte. Die
Leidensgeschichte seines Ältesten, welche die Eindrücke der letzten Stunden
nur noch hatten besiegeln können, trat deutlich vor seine Seele. Mitleid und
Reue ergriff ihn, sowie auch eine tiefe Scham darüber, daß er diese ganze Zeit
in schmachvoller Duldung hingelebt hatte, ohne sich des lieben, hilflosen
Geschöpfes anzunehmen, ja, ohne nur die Kraft zu finden, sich einzugestehen,
wie sehr dieses litt.
Der Spaten schnitt knirschend in das Erdreich; die nassen Schollen fielen
dumpf zurück und bröckelten auseinander.
Eine Zeitlang grub er ohne Unterbrechung. Dann hielt er plötzlich inne und
sagte laut und vernehmlich vor sich hin, indem er dazu bedenklich den Kopf
hin und her wiegte: »Nein, nein, das geht ja nicht,« und wieder: »nein, nein,
das geht ja gar nicht.«
Es war ihm plötzlich eingefallen, daß ja nun Lene des öftern
herauskommen würde, um den Acker zu bestellen, wodurch dann die
hergebrachte Lebensweise in bedenkliche Schwankungen geraten mußte. Und
jäh verwandelte sich seine Freude über den Besitz des Ackers in Widerwillen.
Hastig, wie wenn er etwas Unrechtes zu tun im Begriff gestanden hätte, riß er
den Spaten aus der Erde und trug ihn nach der Bude zurück. Hier versank er
abermals in dumpfe Grübelei. Er wußte kaum warum, aber die Aussicht, Lene
ganze Tage lang bei sich im Dienst zu haben, wurde ihm, so sehr er auch
versuchte, sich damit zu versöhnen, immer unerträglicher. Es kam ihm vor, als
habe er etwas ihm Wertes zu verteidigen, als versuchte jemand sein Heiligstes
anzutasten, und unwillkürlich spannten sich seine Muskeln in gelindem
Krampfe, während ein kurzes herausforderndes Lachen seinen Lippen entfuhr.
Vom Widerhall dieses Lachens erschreckt, blickte er auf und verlor dabei den
Faden seiner Betrachtungen. Als er ihn wiedergefunden, wühlte er sich
gleichsam in den alten Gegenstand.
Und plötzlich zerriß etwas wie ein dichter, schwarzer Vorhang in zwei
Stücke, und seine umnebelten Augen gewannen einen klaren Ausblick. Es war
ihm auf einmal zumute, als erwache er aus einem zweijährigen totenähnlichen
Schlaf und betrachte nun mit ungläubigem Kopfschütteln all das
Haarsträubende, welches er in diesem Zustand begangen haben sollte. Die
Leidensgeschichte seines Ältesten, welche die Eindrücke der letzten Stunden
nur noch hatten besiegeln können, trat deutlich vor seine Seele. Mitleid und
Reue ergriff ihn, sowie auch eine tiefe Scham darüber, daß er diese ganze Zeit
in schmachvoller Duldung hingelebt hatte, ohne sich des lieben, hilflosen
Geschöpfes anzunehmen, ja, ohne nur die Kraft zu finden, sich einzugestehen,
wie sehr dieses litt.
Page 22
Über den selbstquälerischen Vorstellungen all seiner Unterlassungssünden
überkam ihn eine schwere Müdigkeit, und so entschlief er mit gekrümmtem
Rücken, die Stirn auf die Hand, diese auf den Tisch gelegt.
Eine Zeitlang hatte er so gelegen, als er mit erstickter Stimme mehrmals
den Namen »Minna« rief.
Ein Brausen und Sausen füllte sein Ohr, wie von unermeßlichen
Wassermassen; es wurde dunkel um ihn, er riß die Augen auf und erwachte.
Seine Glieder flogen, der Angstschweiß drang ihm aus allen Poren, sein Puls
ging unregelmäßig, sein Gesicht war naß von Tränen.
Es war stockdunkel. Er wollte einen Blick nach der Tür werfen, ohne zu
wissen, wohin er sich wenden sollte. Taumelnd erhob er sich, noch immer
währte seine Herzensangst. Der Wald draußen rauschte wie Meeresbrandung,
der Wind warf Hagel und Regen gegen die Fenster des Häuschens. Thiel
tastete ratlos mit den Händen umher. Einen Augenblick kam er sich vor wie
ein Ertrinkender – da plötzlich flammte es bläulich blendend auf, wie wenn
Tropfen überirdischen Lichtes in die dunkle Erdatmosphäre herabsänken, um
sogleich von ihr erstickt zu werden.
Der Augenblick genügte, um den Wärter zu sich selbst zu bringen. Er griff
nach seiner Laterne, die er auch glücklich zu fassen bekam, und in diesem
Augenblick erwachte der Donner am fernsten Saume des märkischen
Nachthimmels. Erst dumpf und verhalten grollend, wälzte er sich näher in
kurzen, brandenden Erzwellen, bis er, zu Riesenstößen anwachsend, sich
endlich, die ganze Atmosphäre überflutend, dröhnend, schütternd und
brausend entlud.
Die Scheiben klirrten, die Erde erbebte.
Thiel hatte Licht gemacht. Sein erster Blick, nachdem er die Fassung
wieder gewonnen, galt der Uhr. Es lagen kaum fünf Minuten zwischen jetzt
und der Ankunft des Schnellzuges. Da er glaubte, das Signal überhört zu
haben, begab er sich, so schnell als Sturm und Dunkelheit erlaubten, nach der
Barriere. Als er noch damit beschäftigt war, diese zu schließen, erklang die
Signalglocke. Der Wind zerriß ihre Töne und warf sie nach allen Richtungen
auseinander. Die Kiefern bogen sich und rieben unheimlich knarrend und
quietschend ihre Zweige aneinander. Einen Augenblick wurde der Mond
überkam ihn eine schwere Müdigkeit, und so entschlief er mit gekrümmtem
Rücken, die Stirn auf die Hand, diese auf den Tisch gelegt.
Eine Zeitlang hatte er so gelegen, als er mit erstickter Stimme mehrmals
den Namen »Minna« rief.
Ein Brausen und Sausen füllte sein Ohr, wie von unermeßlichen
Wassermassen; es wurde dunkel um ihn, er riß die Augen auf und erwachte.
Seine Glieder flogen, der Angstschweiß drang ihm aus allen Poren, sein Puls
ging unregelmäßig, sein Gesicht war naß von Tränen.
Es war stockdunkel. Er wollte einen Blick nach der Tür werfen, ohne zu
wissen, wohin er sich wenden sollte. Taumelnd erhob er sich, noch immer
währte seine Herzensangst. Der Wald draußen rauschte wie Meeresbrandung,
der Wind warf Hagel und Regen gegen die Fenster des Häuschens. Thiel
tastete ratlos mit den Händen umher. Einen Augenblick kam er sich vor wie
ein Ertrinkender – da plötzlich flammte es bläulich blendend auf, wie wenn
Tropfen überirdischen Lichtes in die dunkle Erdatmosphäre herabsänken, um
sogleich von ihr erstickt zu werden.
Der Augenblick genügte, um den Wärter zu sich selbst zu bringen. Er griff
nach seiner Laterne, die er auch glücklich zu fassen bekam, und in diesem
Augenblick erwachte der Donner am fernsten Saume des märkischen
Nachthimmels. Erst dumpf und verhalten grollend, wälzte er sich näher in
kurzen, brandenden Erzwellen, bis er, zu Riesenstößen anwachsend, sich
endlich, die ganze Atmosphäre überflutend, dröhnend, schütternd und
brausend entlud.
Die Scheiben klirrten, die Erde erbebte.
Thiel hatte Licht gemacht. Sein erster Blick, nachdem er die Fassung
wieder gewonnen, galt der Uhr. Es lagen kaum fünf Minuten zwischen jetzt
und der Ankunft des Schnellzuges. Da er glaubte, das Signal überhört zu
haben, begab er sich, so schnell als Sturm und Dunkelheit erlaubten, nach der
Barriere. Als er noch damit beschäftigt war, diese zu schließen, erklang die
Signalglocke. Der Wind zerriß ihre Töne und warf sie nach allen Richtungen
auseinander. Die Kiefern bogen sich und rieben unheimlich knarrend und
quietschend ihre Zweige aneinander. Einen Augenblick wurde der Mond
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sichtbar, wie er gleich einer blaßgoldenen Schale zwischen den Wolken lag. In
seinem Lichte sah man das Wühlen des Windes in den schwarzen Kronen der
Kiefern. Die Blattgehänge der Birken am Bahndamm wehten und flatterten
wie gespenstige Roßschweife. Darunter lagen die Linien der Geleise, welche,
vor Nässe glänzend, das blasse Mondlicht in einzelnen Flecken aufsogen.
Thiel riß die Mütze vom Kopfe. Der Regen tat ihm wohl und lief vermischt
mit Tränen über sein Gesicht. Es gärte in seinem Hirn; unklare Erinnerungen
an das, was er im Traum gesehen, verjagten einander. Es war ihm gewesen, als
würde Tobias von jemand mißhandelt und zwar auf eine so entsetzliche Weise,
daß ihm noch jetzt bei dem Gedanken daran das Herz stille stand. Einer
anderen Erscheinung erinnerte er sich deutlicher. Er hatte seine verstorbene
Frau gesehen. Sie war irgendwoher aus der Ferne gekommen, auf einem der
Bahngeleise. Sie hatte recht kränklich ausgesehen und statt der Kleider hatte
sie Lumpen getragen. Sie war an Thiels Häuschen vorübergekommen, ohne
sich danach umzuschauen und schließlich – hier wurde die Erinnerung
undeutlich – war sie aus irgend welchem Grunde nur mit großer Mühe
vorwärts gekommen und sogar mehrmals zusammengebrochen.
Thiel dachte weiter nach, und nun wußte er, daß sie sich auf der Flucht
befunden hatte. Es lag außer allem Zweifel, denn weshalb hätte sie sonst diese
Blicke voll Herzensangst nach rückwärts gesandt und sich weiter geschleppt,
obgleich ihr die Füße den Dienst versagten. O diese entsetzlichen Blicke!
Aber es war etwas, das sie mit sich trug, in Tücher gewickelt, etwas
Schlaffes, Blutiges, Bleiches, und die Art, mit der sie darauf niederblickte,
erinnerte ihn an Szenen der Vergangenheit.
Er dachte an eine sterbende Frau, die ihr kaum geborenes Kind, das sie
zurücklassen mußte, unverwandt anblickte, mit einem Ausdruck tiefsten
Schmerzes, unfaßbarer Qual, jenem Ausdruck, den Thiel ebensowenig
vergessen konnte, als daß er einen Vater und eine Mutter habe.
Wo war sie hingekommen? Er wußte es nicht. Das aber trat ihm klar vor
die Seele: sie hatte sich von ihm losgesagt, ihn nicht beachtet, sie hatte sich
fortgeschleppt immer weiter und weiter durch die stürmische, dunkle Nacht.
Er hatte sie gerufen: »Minna, Minna,« und davon war er erwacht.
seinem Lichte sah man das Wühlen des Windes in den schwarzen Kronen der
Kiefern. Die Blattgehänge der Birken am Bahndamm wehten und flatterten
wie gespenstige Roßschweife. Darunter lagen die Linien der Geleise, welche,
vor Nässe glänzend, das blasse Mondlicht in einzelnen Flecken aufsogen.
Thiel riß die Mütze vom Kopfe. Der Regen tat ihm wohl und lief vermischt
mit Tränen über sein Gesicht. Es gärte in seinem Hirn; unklare Erinnerungen
an das, was er im Traum gesehen, verjagten einander. Es war ihm gewesen, als
würde Tobias von jemand mißhandelt und zwar auf eine so entsetzliche Weise,
daß ihm noch jetzt bei dem Gedanken daran das Herz stille stand. Einer
anderen Erscheinung erinnerte er sich deutlicher. Er hatte seine verstorbene
Frau gesehen. Sie war irgendwoher aus der Ferne gekommen, auf einem der
Bahngeleise. Sie hatte recht kränklich ausgesehen und statt der Kleider hatte
sie Lumpen getragen. Sie war an Thiels Häuschen vorübergekommen, ohne
sich danach umzuschauen und schließlich – hier wurde die Erinnerung
undeutlich – war sie aus irgend welchem Grunde nur mit großer Mühe
vorwärts gekommen und sogar mehrmals zusammengebrochen.
Thiel dachte weiter nach, und nun wußte er, daß sie sich auf der Flucht
befunden hatte. Es lag außer allem Zweifel, denn weshalb hätte sie sonst diese
Blicke voll Herzensangst nach rückwärts gesandt und sich weiter geschleppt,
obgleich ihr die Füße den Dienst versagten. O diese entsetzlichen Blicke!
Aber es war etwas, das sie mit sich trug, in Tücher gewickelt, etwas
Schlaffes, Blutiges, Bleiches, und die Art, mit der sie darauf niederblickte,
erinnerte ihn an Szenen der Vergangenheit.
Er dachte an eine sterbende Frau, die ihr kaum geborenes Kind, das sie
zurücklassen mußte, unverwandt anblickte, mit einem Ausdruck tiefsten
Schmerzes, unfaßbarer Qual, jenem Ausdruck, den Thiel ebensowenig
vergessen konnte, als daß er einen Vater und eine Mutter habe.
Wo war sie hingekommen? Er wußte es nicht. Das aber trat ihm klar vor
die Seele: sie hatte sich von ihm losgesagt, ihn nicht beachtet, sie hatte sich
fortgeschleppt immer weiter und weiter durch die stürmische, dunkle Nacht.
Er hatte sie gerufen: »Minna, Minna,« und davon war er erwacht.
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Zwei rote, runde Lichter durchdrangen wie die Glotzaugen eines riesigen
Ungetüms die Dunkelheit. Ein blutiger Schein ging vor ihnen her, der die
Regentropfen in seinem Bereich in Blutstropfen verwandelte. Es war, als fiele
ein Blutregen vom Himmel.
Thiel fühlte ein Grauen, und je näher der Zug kam, eine um so größere
Angst; Traum und Wirklichkeit verschmolzen ihm in eins. Noch immer sah er
das wandernde Weib auf den Schienen, und seine Hand irrte nach der
Patronentasche, als habe er die Absicht, den rasenden Zug zum Stehen zu
bringen. Zum Glück war es zu spät, denn schon flirrte es vor Thiels Augen von
Lichtern, und der Zug raste vorüber.
Den übrigen Teil der Nacht fand Thiel wenig Ruhe mehr in seinem Dienst.
Es drängte ihn daheim zu sein. Er sehnte sich, Tobiäschen wiederzusehen. Es
war ihm zumute, als sei er durch Jahre von ihm getrennt gewesen. Zuletzt war
er in steigender Bekümmernis um das Befinden des Jungen mehrmals
versucht, den Dienst zu verlassen.
Um die Zeit hinzubringen beschloß Thiel, sobald es dämmerte, seine
Strecke zu revidieren. In der Linken einen Stock, in der Rechten einen langen,
eisernen Schraubschlüssel schritt er denn auch alsbald auf dem Rücken einer
Bahnschiene in das schmutzig graue Zwielicht hinein.
Hin und wieder zog er mit dem Schraubschlüssel einen Bolzen fest oder
schlug an eine der runden Eisenstangen, welche die Geleise untereinander
verbanden.
Regen und Wind hatten nachgelassen, und zwischen zerschlissenen
Wolkenschichten wurden hie und da Stücke eines blaßblauen Himmels
sichtbar.
Das eintönige Klappen der Sohlen auf dem harten Metall, verbunden mit
dem schläfrigen Geräusch der tropfenschüttelnden Bäume beruhigte Thiel
nach und nach.
Um sechs Uhr früh wurde er abgelöst und trat ohne Verzug den Heimweg
an.
Es war ein herrlicher Sonntagmorgen.
Ungetüms die Dunkelheit. Ein blutiger Schein ging vor ihnen her, der die
Regentropfen in seinem Bereich in Blutstropfen verwandelte. Es war, als fiele
ein Blutregen vom Himmel.
Thiel fühlte ein Grauen, und je näher der Zug kam, eine um so größere
Angst; Traum und Wirklichkeit verschmolzen ihm in eins. Noch immer sah er
das wandernde Weib auf den Schienen, und seine Hand irrte nach der
Patronentasche, als habe er die Absicht, den rasenden Zug zum Stehen zu
bringen. Zum Glück war es zu spät, denn schon flirrte es vor Thiels Augen von
Lichtern, und der Zug raste vorüber.
Den übrigen Teil der Nacht fand Thiel wenig Ruhe mehr in seinem Dienst.
Es drängte ihn daheim zu sein. Er sehnte sich, Tobiäschen wiederzusehen. Es
war ihm zumute, als sei er durch Jahre von ihm getrennt gewesen. Zuletzt war
er in steigender Bekümmernis um das Befinden des Jungen mehrmals
versucht, den Dienst zu verlassen.
Um die Zeit hinzubringen beschloß Thiel, sobald es dämmerte, seine
Strecke zu revidieren. In der Linken einen Stock, in der Rechten einen langen,
eisernen Schraubschlüssel schritt er denn auch alsbald auf dem Rücken einer
Bahnschiene in das schmutzig graue Zwielicht hinein.
Hin und wieder zog er mit dem Schraubschlüssel einen Bolzen fest oder
schlug an eine der runden Eisenstangen, welche die Geleise untereinander
verbanden.
Regen und Wind hatten nachgelassen, und zwischen zerschlissenen
Wolkenschichten wurden hie und da Stücke eines blaßblauen Himmels
sichtbar.
Das eintönige Klappen der Sohlen auf dem harten Metall, verbunden mit
dem schläfrigen Geräusch der tropfenschüttelnden Bäume beruhigte Thiel
nach und nach.
Um sechs Uhr früh wurde er abgelöst und trat ohne Verzug den Heimweg
an.
Es war ein herrlicher Sonntagmorgen.
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Die Wolken hatten sich zerteilt und waren mittlerweile hinter den Umkreis
des Horizontes hinabgesunken. Die Sonne goß, im Aufgehen gleich einem
ungeheuren blutroten Edelstein funkelnd, wahre Lichtmassen über den Forst.
In scharfen Linien schossen die Strahlenbündel durch das Gewirr der
Stämme, hier eine Insel zarter Farnkräuter, deren Wedel feingeklöppelten
Spitzen glichen, mit Glut behauchend, dort die silbergrauen Flechten des
Waldgrundes zu roten Korallen umwandelnd.
Von Wipfeln, Stämmen und Gräsern floß der Feuertau. Eine Sintflut von
Licht schien über die Erde ausgegossen. Es lag eine Frische in der Luft, die bis
ins Herz drang, und auch hinter Thiels Stirn mußten die Bilder der Nacht
allmählich verblassen.
Mit dem Augenblick jedoch, wo er in die Stube trat und Tobiäschen
rotwangiger als je im sonnenbeschienenen Bette liegen sah, waren sie ganz
verschwunden.
Wohl wahr! Im Verlauf des Tages glaubte Lene mehrmals etwas
Befremdliches an ihm wahrzunehmen; so im Kirchstuhl, als er, statt ins Buch
zu schauen, sie selbst von der Seite betrachtete, und dann auch um die
Mittagszeit, als er, ohne ein Wort zu sagen, das Kleine, welches Tobias wie
gewöhnlich auf die Straße tragen sollte, aus dessen Arm nahm und ihr auf den
Schoß setzte. Sonst aber hatte er nicht das geringste Auffällige an sich.
Thiel, der den Tag über nicht dazu gekommen war, sich niederzulegen,
kroch, da er die folgende Woche Tagdienst hatte, bereits gegen neun Uhr
abends ins Bett. Gerade als er im Begriff war einzuschlafen, eröffnete ihm die
Frau, daß sie am folgenden Morgen mit nach dem Walde gehen werde, um das
Land umzugraben und Kartoffeln zu stecken.
Thiel zuckte zusammen; er war ganz wach geworden, hielt jedoch die
Augen fest geschlossen.
Es sei die höchste Zeit, meinte Lene, wenn aus den Kartoffeln noch etwas
werden sollte, und fügte bei, daß sie die Kinder werde mitnehmen müssen, da
vermutlich der ganze Tag draufgehen würde. Der Wärter brummte einige
unverständliche Worte, die Lene weiter nicht beachtete. Sie hatte ihm den
des Horizontes hinabgesunken. Die Sonne goß, im Aufgehen gleich einem
ungeheuren blutroten Edelstein funkelnd, wahre Lichtmassen über den Forst.
In scharfen Linien schossen die Strahlenbündel durch das Gewirr der
Stämme, hier eine Insel zarter Farnkräuter, deren Wedel feingeklöppelten
Spitzen glichen, mit Glut behauchend, dort die silbergrauen Flechten des
Waldgrundes zu roten Korallen umwandelnd.
Von Wipfeln, Stämmen und Gräsern floß der Feuertau. Eine Sintflut von
Licht schien über die Erde ausgegossen. Es lag eine Frische in der Luft, die bis
ins Herz drang, und auch hinter Thiels Stirn mußten die Bilder der Nacht
allmählich verblassen.
Mit dem Augenblick jedoch, wo er in die Stube trat und Tobiäschen
rotwangiger als je im sonnenbeschienenen Bette liegen sah, waren sie ganz
verschwunden.
Wohl wahr! Im Verlauf des Tages glaubte Lene mehrmals etwas
Befremdliches an ihm wahrzunehmen; so im Kirchstuhl, als er, statt ins Buch
zu schauen, sie selbst von der Seite betrachtete, und dann auch um die
Mittagszeit, als er, ohne ein Wort zu sagen, das Kleine, welches Tobias wie
gewöhnlich auf die Straße tragen sollte, aus dessen Arm nahm und ihr auf den
Schoß setzte. Sonst aber hatte er nicht das geringste Auffällige an sich.
Thiel, der den Tag über nicht dazu gekommen war, sich niederzulegen,
kroch, da er die folgende Woche Tagdienst hatte, bereits gegen neun Uhr
abends ins Bett. Gerade als er im Begriff war einzuschlafen, eröffnete ihm die
Frau, daß sie am folgenden Morgen mit nach dem Walde gehen werde, um das
Land umzugraben und Kartoffeln zu stecken.
Thiel zuckte zusammen; er war ganz wach geworden, hielt jedoch die
Augen fest geschlossen.
Es sei die höchste Zeit, meinte Lene, wenn aus den Kartoffeln noch etwas
werden sollte, und fügte bei, daß sie die Kinder werde mitnehmen müssen, da
vermutlich der ganze Tag draufgehen würde. Der Wärter brummte einige
unverständliche Worte, die Lene weiter nicht beachtete. Sie hatte ihm den
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Rücken gewandt und war beim Scheine eines Talglichtes damit beschäftigt,
das Mieder aufzunesteln und die Röcke herabzulassen.
Plötzlich fuhr sie herum, ohne selbst zu wissen aus welchem Grunde, und
blickte in das von Leidenschaften verzerrte, erdfarbene Gesicht ihres Mannes,
der sie, halb aufgerichtet, die Hände auf der Bettkante, mit brennenden Augen
anstarrte.
»Thiel!« – schrie die Frau halb zornig, halb erschreckt, und wie ein
Nachtwandler, den man bei Namen ruft, erwachte er aus seiner Betäubung,
stotterte einige verwirrte Worte, warf sich in die Kissen zurück und zog das
Deckbett über die Ohren.
Lene war die erste, welche sich am folgenden Morgen vom Bett erhob.
Ohne dabei Lärm zu machen, bereitete sie alles Nötige für den Ausflug vor.
Der Kleinste wurde in den Kinderwagen gelegt, darauf Tobias geweckt und
angezogen. Als er erfuhr, wohin es gehen sollte, mußte er lächeln. Nachdem
alles bereit war und auch der Kaffee fertig auf dem Tisch stand, erwachte
Thiel. Mißbehagen war sein erstes Gefühl beim Anblick all der getroffenen
Vorbereitungen. Er hätte wohl gern ein Wort dagegen gesagt, aber er wußte
nicht, womit beginnen. Und welche für Lene stichhaltigen Gründe hätte er
auch angeben sollen?
Allmählich begann dann das mehr und mehr strahlende Gesichtchen seinen
Einfluß auf Thiel zu üben, so daß er schließlich schon um der Freude willen,
welche dem Jungen der Ausflug bereitete, nicht daran denken konnte,
Widerspruch zu erheben. Nichtsdestoweniger blieb Thiel während der
Wanderung durch den Wald nicht frei von Unruhe. Er stieß das
Kinderwägelchen mühsam durch den tiefen Sand und hatte allerhand Blumen
darauf liegen, die Tobias gesammelt hatte.
Der Junge war ausnehmend lustig. Er hüpfte in seinem braunen
Plüschmützchen zwischen den Farnkräutern umher und suchte auf eine freilich
etwas unbeholfene Art die glasflügligen Libellen zu fangen, die darüber
hingaukelten. Sobald man angelangt war, nahm Lene den Acker in
Augenschein. Sie warf das Säckchen mit Kartoffelstücken, welches sie zur
Saat mitgebracht hatte, auf den Grasrand eines kleinen Birkengehölzes, kniete
nieder und ließ den etwas dunkel gefärbten Sand durch ihre harten Finger
laufen.
das Mieder aufzunesteln und die Röcke herabzulassen.
Plötzlich fuhr sie herum, ohne selbst zu wissen aus welchem Grunde, und
blickte in das von Leidenschaften verzerrte, erdfarbene Gesicht ihres Mannes,
der sie, halb aufgerichtet, die Hände auf der Bettkante, mit brennenden Augen
anstarrte.
»Thiel!« – schrie die Frau halb zornig, halb erschreckt, und wie ein
Nachtwandler, den man bei Namen ruft, erwachte er aus seiner Betäubung,
stotterte einige verwirrte Worte, warf sich in die Kissen zurück und zog das
Deckbett über die Ohren.
Lene war die erste, welche sich am folgenden Morgen vom Bett erhob.
Ohne dabei Lärm zu machen, bereitete sie alles Nötige für den Ausflug vor.
Der Kleinste wurde in den Kinderwagen gelegt, darauf Tobias geweckt und
angezogen. Als er erfuhr, wohin es gehen sollte, mußte er lächeln. Nachdem
alles bereit war und auch der Kaffee fertig auf dem Tisch stand, erwachte
Thiel. Mißbehagen war sein erstes Gefühl beim Anblick all der getroffenen
Vorbereitungen. Er hätte wohl gern ein Wort dagegen gesagt, aber er wußte
nicht, womit beginnen. Und welche für Lene stichhaltigen Gründe hätte er
auch angeben sollen?
Allmählich begann dann das mehr und mehr strahlende Gesichtchen seinen
Einfluß auf Thiel zu üben, so daß er schließlich schon um der Freude willen,
welche dem Jungen der Ausflug bereitete, nicht daran denken konnte,
Widerspruch zu erheben. Nichtsdestoweniger blieb Thiel während der
Wanderung durch den Wald nicht frei von Unruhe. Er stieß das
Kinderwägelchen mühsam durch den tiefen Sand und hatte allerhand Blumen
darauf liegen, die Tobias gesammelt hatte.
Der Junge war ausnehmend lustig. Er hüpfte in seinem braunen
Plüschmützchen zwischen den Farnkräutern umher und suchte auf eine freilich
etwas unbeholfene Art die glasflügligen Libellen zu fangen, die darüber
hingaukelten. Sobald man angelangt war, nahm Lene den Acker in
Augenschein. Sie warf das Säckchen mit Kartoffelstücken, welches sie zur
Saat mitgebracht hatte, auf den Grasrand eines kleinen Birkengehölzes, kniete
nieder und ließ den etwas dunkel gefärbten Sand durch ihre harten Finger
laufen.
Page 27
Thiel beobachtete sie gespannt: »Nun, wie ist er?«
»Reichlich so gut wie die Spree-Ecke!« Dem Wärter fiel eine Last von der
Seele. Er hatte gefürchtet, sie würde unzufrieden sein, und kratzte beruhigt
seine Bartstoppeln.
Nachdem die Frau hastig eine dicke Brotkante verzehrt hatte, warf sie
Tuch und Jacke fort und begann zu graben, mit der Geschwindigkeit und
Ausdauer einer Maschine. In bestimmten Zwischenräumen richtete sie sich auf
und holte in tiefen Zügen Luft, aber es war jeweilig nur ein Augenblick, wenn
nicht etwa das Kleine gestillt werden mußte, was mit keuchender,
schweißtropfender Brust hastig geschah.
»Ich muß die Strecke belaufen, ich werde Tobias mitnehmen,« rief der
Wärter nach einer Weile von der Plattform vor der Bude aus zu ihr herüber.
»Ach was – Unsinn!« schrie sie zurück, »wer soll bei dem Kleinen
bleiben?« – »Hierher kommst du!« setzte sie noch lauter hinzu, während der
Wärter, als ob er sie nicht hören könne, mit Tobiäschen davonging.
Im ersten Augenblick erwog sie, ob sie nicht nachlaufen solle, und nur der
Zeitverlust bestimmte sie, davon abzustehen. Thiel ging mit Tobias die Strecke
entlang. Der Kleine war nicht wenig erregt; alles war ihm neu, fremd. Er
begriff nicht, was die schmalen, schwarzen, vom Sonnenlicht erwärmten
Schienen zu bedeuten hatten. Unaufhörlich tat er allerhand sonderbare Fragen.
Vor allem verwunderlich war ihm das Klingen der Telegraphenstangen. Thiel
kannte den Ton jeder einzelnen seines Reviers, so daß er mit geschlossenen
Augen stets gewußt haben würde, in welchem Teil der Strecke er sich gerade
befand.
Oft blieb er, Tobiäschen an der Hand, stehen, um den wunderbaren Lauten
zu lauschen, die aus dem Holze wie sonore Choräle aus dem Innern einer
Kirche hervorströmten. Die Stange am Südende des Reviers hatte einen
besonders vollen und schönen Akkord. Es war ein Gewühl von Tönen in ihrem
Innern, die ohne Unterbrechung gleichsam in einem Atem fortklangen, und
Tobias lief rings um das verwitterte Holz, um, wie er glaubte, durch eine
Öffnung die Urheber des lieblichen Getöns zu entdecken. Der Wärter wurde
weihevoll gestimmt, ähnlich wie in der Kirche. Zudem unterschied er mit der
Zeit eine Stimme, die ihn an seine verstorbene Frau erinnerte. Er stellte sich
»Reichlich so gut wie die Spree-Ecke!« Dem Wärter fiel eine Last von der
Seele. Er hatte gefürchtet, sie würde unzufrieden sein, und kratzte beruhigt
seine Bartstoppeln.
Nachdem die Frau hastig eine dicke Brotkante verzehrt hatte, warf sie
Tuch und Jacke fort und begann zu graben, mit der Geschwindigkeit und
Ausdauer einer Maschine. In bestimmten Zwischenräumen richtete sie sich auf
und holte in tiefen Zügen Luft, aber es war jeweilig nur ein Augenblick, wenn
nicht etwa das Kleine gestillt werden mußte, was mit keuchender,
schweißtropfender Brust hastig geschah.
»Ich muß die Strecke belaufen, ich werde Tobias mitnehmen,« rief der
Wärter nach einer Weile von der Plattform vor der Bude aus zu ihr herüber.
»Ach was – Unsinn!« schrie sie zurück, »wer soll bei dem Kleinen
bleiben?« – »Hierher kommst du!« setzte sie noch lauter hinzu, während der
Wärter, als ob er sie nicht hören könne, mit Tobiäschen davonging.
Im ersten Augenblick erwog sie, ob sie nicht nachlaufen solle, und nur der
Zeitverlust bestimmte sie, davon abzustehen. Thiel ging mit Tobias die Strecke
entlang. Der Kleine war nicht wenig erregt; alles war ihm neu, fremd. Er
begriff nicht, was die schmalen, schwarzen, vom Sonnenlicht erwärmten
Schienen zu bedeuten hatten. Unaufhörlich tat er allerhand sonderbare Fragen.
Vor allem verwunderlich war ihm das Klingen der Telegraphenstangen. Thiel
kannte den Ton jeder einzelnen seines Reviers, so daß er mit geschlossenen
Augen stets gewußt haben würde, in welchem Teil der Strecke er sich gerade
befand.
Oft blieb er, Tobiäschen an der Hand, stehen, um den wunderbaren Lauten
zu lauschen, die aus dem Holze wie sonore Choräle aus dem Innern einer
Kirche hervorströmten. Die Stange am Südende des Reviers hatte einen
besonders vollen und schönen Akkord. Es war ein Gewühl von Tönen in ihrem
Innern, die ohne Unterbrechung gleichsam in einem Atem fortklangen, und
Tobias lief rings um das verwitterte Holz, um, wie er glaubte, durch eine
Öffnung die Urheber des lieblichen Getöns zu entdecken. Der Wärter wurde
weihevoll gestimmt, ähnlich wie in der Kirche. Zudem unterschied er mit der
Zeit eine Stimme, die ihn an seine verstorbene Frau erinnerte. Er stellte sich
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vor, es sei ein Chor seliger Geister, in den sie ja auch ihre Stimme mische, und
diese Vorstellung erweckte in ihm eine Sehnsucht, eine Rührung bis zu Tränen.
Tobias verlangte nach den Blumen, die seitab standen, und Thiel wie
immer gab ihm nach.
Stücke blauen Himmels schienen auf den Boden des Haines
herabgesunken, so wunderbar dicht standen kleine, blaue Blüten darauf.
Farbigen Wimpeln gleich flatterten und gaukelten die Schmetterlinge lautlos
zwischen dem leuchtenden Weiß der Stämme, indes durch die zartgrünen
Blätterwolken der Birkenkronen ein sanftes Rieseln ging.
Tobias rupfte Blumen und der Vater schaute ihm sinnend zu. Zuweilen
auch erhob sich der Blick des letzteren und suchte durch die Lücken der
Blätter den Himmel, der wie eine riesige, makellos blaue Kristallschale das
Goldlicht der Sonne auffing.
»Vater, ist das der liebe Gott?« fragte der Kleine plötzlich, auf ein braunes
Eichhörnchen deutend, das unter kratzenden Geräuschen am Stamme einer
alleinstehenden Kiefer hinanhuschte.
»Närrischer Kerl,« war alles, was Thiel erwidern konnte, während
losgerissene Borkenstückchen den Stamm herunter vor seine Füße fielen.
Die Mutter grub noch immer, als Thiel und Tobias zurückkamen. Die
Hälfte des Ackers war bereits umgeworfen.
Die Bahnzüge folgten einander in kurzen Zwischenräumen, und Tobias sah
sie jedesmal mit offenem Munde vorübertoben.
Die Mutter selbst hatte ihren Spaß an seinen drolligen Grimassen.
Das Mittagessen, bestehend aus Kartoffeln und einem Restchen kalten
Schweinebraten, verzehrte man in der Bude. Lene war aufgeräumt, und auch
Thiel schien sich in das Unvermeidliche mit gutem Anstand fügen zu wollen.
Er unterhielt seine Frau während des Essens mit allerlei Dingen, die in seinen
Beruf schlugen. So fragte er sie, ob sie sich denken könne, daß in einer
einzigen Bahnschiene sechsundvierzig Schrauben säßen und anderes mehr.
Am Vormittage war Lene mit Umgraben fertig geworden; am Nachmittag
sollten die Kartoffeln gesteckt werden. Sie bestand darauf, daß Tobias jetzt das
diese Vorstellung erweckte in ihm eine Sehnsucht, eine Rührung bis zu Tränen.
Tobias verlangte nach den Blumen, die seitab standen, und Thiel wie
immer gab ihm nach.
Stücke blauen Himmels schienen auf den Boden des Haines
herabgesunken, so wunderbar dicht standen kleine, blaue Blüten darauf.
Farbigen Wimpeln gleich flatterten und gaukelten die Schmetterlinge lautlos
zwischen dem leuchtenden Weiß der Stämme, indes durch die zartgrünen
Blätterwolken der Birkenkronen ein sanftes Rieseln ging.
Tobias rupfte Blumen und der Vater schaute ihm sinnend zu. Zuweilen
auch erhob sich der Blick des letzteren und suchte durch die Lücken der
Blätter den Himmel, der wie eine riesige, makellos blaue Kristallschale das
Goldlicht der Sonne auffing.
»Vater, ist das der liebe Gott?« fragte der Kleine plötzlich, auf ein braunes
Eichhörnchen deutend, das unter kratzenden Geräuschen am Stamme einer
alleinstehenden Kiefer hinanhuschte.
»Närrischer Kerl,« war alles, was Thiel erwidern konnte, während
losgerissene Borkenstückchen den Stamm herunter vor seine Füße fielen.
Die Mutter grub noch immer, als Thiel und Tobias zurückkamen. Die
Hälfte des Ackers war bereits umgeworfen.
Die Bahnzüge folgten einander in kurzen Zwischenräumen, und Tobias sah
sie jedesmal mit offenem Munde vorübertoben.
Die Mutter selbst hatte ihren Spaß an seinen drolligen Grimassen.
Das Mittagessen, bestehend aus Kartoffeln und einem Restchen kalten
Schweinebraten, verzehrte man in der Bude. Lene war aufgeräumt, und auch
Thiel schien sich in das Unvermeidliche mit gutem Anstand fügen zu wollen.
Er unterhielt seine Frau während des Essens mit allerlei Dingen, die in seinen
Beruf schlugen. So fragte er sie, ob sie sich denken könne, daß in einer
einzigen Bahnschiene sechsundvierzig Schrauben säßen und anderes mehr.
Am Vormittage war Lene mit Umgraben fertig geworden; am Nachmittag
sollten die Kartoffeln gesteckt werden. Sie bestand darauf, daß Tobias jetzt das
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Kleine warte und nahm ihn mit sich.
»Paß auf …« rief Thiel ihr nach, von plötzlicher Besorgnis ergriffen, »paß
auf, daß er den Geleisen nicht zu nahe kommt.«
Ein Achselzucken Lenes war die Antwort.
Der schlesische Schnellzug war gemeldet und Thiel mußte auf seinen
Posten. Kaum stand er dienstfertig an der Barriere, so hörte er ihn auch schon
heranbrausen.
Der Zug wurde sichtbar – er kam näher – in unzählbaren, sich
überhastenden Stößen fauchte der Dampf aus dem schwarzen
Maschinenschlote. Da: ein – zwei – drei milchweiße Dampfstrahlen quollen
kerzengrade empor, und gleich darauf brachte die Luft den Pfiff der Maschine
getragen. Dreimal hintereinander, kurz, grell, beängstigend. Sie bremsen,
dachte Thiel, warum nur? Und wieder gellten die Notpfiffe schreiend, den
Widerhall weckend, diesmal in langer, ununterbrochener Reihe.
Thiel trat vor, um die Strecke überschauen zu können. Mechanisch zog er
die rote Fahne aus dem Futteral und hielt sie gerade vor sich hin über die
Geleise. – Jesus Christus! war er blind gewesen? »Jesus Christus – o Jesus,
Jesus, Jesus Christus! was war das? Dort! – dort zwischen den Schienen …
Ha–alt!« schrie der Wärter aus Leibeskräften. Zu spät. Eine dunkle Masse war
unter den Zug geraten und wurde zwischen den Rädern wie ein Gummiball hin
und her geworfen. Noch einige Augenblicke, und man hörte das Knarren und
Quietschen der Bremsen. Der Zug stand.
Die einsame Strecke belebte sich. Zugführer und Schaffner rannten über
den Kies nach dem Ende des Zuges. Aus jedem Fenster blickten neugierige
Gesichter und jetzt – die Menge knäulte sich und kam nach vorn.
Thiel keuchte; er mußte sich festhalten, um nicht umzusinken wie ein
gefällter Stier. Wahrhaftig, man winkt ihm – »nein!«
Ein Aufschrei zerreißt die Luft von der Unglücksstelle her, ein Geheul
folgt, wie aus der Kehle eines Tieres kommend. Wer war das?! Lene?! Es war
»Paß auf …« rief Thiel ihr nach, von plötzlicher Besorgnis ergriffen, »paß
auf, daß er den Geleisen nicht zu nahe kommt.«
Ein Achselzucken Lenes war die Antwort.
Der schlesische Schnellzug war gemeldet und Thiel mußte auf seinen
Posten. Kaum stand er dienstfertig an der Barriere, so hörte er ihn auch schon
heranbrausen.
Der Zug wurde sichtbar – er kam näher – in unzählbaren, sich
überhastenden Stößen fauchte der Dampf aus dem schwarzen
Maschinenschlote. Da: ein – zwei – drei milchweiße Dampfstrahlen quollen
kerzengrade empor, und gleich darauf brachte die Luft den Pfiff der Maschine
getragen. Dreimal hintereinander, kurz, grell, beängstigend. Sie bremsen,
dachte Thiel, warum nur? Und wieder gellten die Notpfiffe schreiend, den
Widerhall weckend, diesmal in langer, ununterbrochener Reihe.
Thiel trat vor, um die Strecke überschauen zu können. Mechanisch zog er
die rote Fahne aus dem Futteral und hielt sie gerade vor sich hin über die
Geleise. – Jesus Christus! war er blind gewesen? »Jesus Christus – o Jesus,
Jesus, Jesus Christus! was war das? Dort! – dort zwischen den Schienen …
Ha–alt!« schrie der Wärter aus Leibeskräften. Zu spät. Eine dunkle Masse war
unter den Zug geraten und wurde zwischen den Rädern wie ein Gummiball hin
und her geworfen. Noch einige Augenblicke, und man hörte das Knarren und
Quietschen der Bremsen. Der Zug stand.
Die einsame Strecke belebte sich. Zugführer und Schaffner rannten über
den Kies nach dem Ende des Zuges. Aus jedem Fenster blickten neugierige
Gesichter und jetzt – die Menge knäulte sich und kam nach vorn.
Thiel keuchte; er mußte sich festhalten, um nicht umzusinken wie ein
gefällter Stier. Wahrhaftig, man winkt ihm – »nein!«
Ein Aufschrei zerreißt die Luft von der Unglücksstelle her, ein Geheul
folgt, wie aus der Kehle eines Tieres kommend. Wer war das?! Lene?! Es war
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nicht ihre Stimme und doch …
Ein Mann kommt in Eile die Strecke herauf.
»Wärter!!«
»Was gibt's?«
»Ein Unglück!« … Der Bote schrickt zurück, denn des Wärters Augen
spielen seltsam. Die Mütze sitzt schief, die roten Haare scheinen sich
aufzubäumen.
»Er lebt noch, vielleicht ist noch Hilfe.«
Ein Röcheln ist die einzige Antwort.
»Kommen Sie schnell, schnell!«
Thiel reißt sich auf mit gewaltiger Anstrengung. Seine schlaffen Muskeln
spannen sich; er richtet sich hoch auf, sein Gesicht ist blöd und tot.
Er rennt mit dem Boten, er sieht nicht die todbleichen, erschreckten
Gesichter der Reisenden in den Zugfenstern. Eine junge Frau schaut heraus,
ein Handlungsreisender im Fes, ein junges Paar, anscheinend auf der
Hochzeitsreise. Was geht's ihn an? Er hat sich nie um den Inhalt dieser
Polterkasten gekümmert; – sein Ohr füllt das Geheul Lenens. Vor seinen
Augen schwimmt es durcheinander, gelbe Punkte, Glühwürmchen gleich,
unzählig. Er schrickt zurück – er steht. Aus dem Tanze der Glühwürmchen tritt
es hervor, blaß, schlaff, blutrünstig. Eine Stirn, braun und blau geschlagen,
blaue Lippen, über die schwarzes Blut tröpfelt. Er ist es.
Thiel spricht nicht. Sein Gesicht nimmt eine schmutzige Blässe an. Er
lächelt wie abwesend; endlich beugt er sich; er fühlt die schlaffen, toten
Gliedmaßen schwer in seinen Armen; die rote Fahne wickelt sich darum.
Er geht.
Wohin?
»Zum Bahnarzt, zum Bahnarzt,« tönt es durcheinander.
Ein Mann kommt in Eile die Strecke herauf.
»Wärter!!«
»Was gibt's?«
»Ein Unglück!« … Der Bote schrickt zurück, denn des Wärters Augen
spielen seltsam. Die Mütze sitzt schief, die roten Haare scheinen sich
aufzubäumen.
»Er lebt noch, vielleicht ist noch Hilfe.«
Ein Röcheln ist die einzige Antwort.
»Kommen Sie schnell, schnell!«
Thiel reißt sich auf mit gewaltiger Anstrengung. Seine schlaffen Muskeln
spannen sich; er richtet sich hoch auf, sein Gesicht ist blöd und tot.
Er rennt mit dem Boten, er sieht nicht die todbleichen, erschreckten
Gesichter der Reisenden in den Zugfenstern. Eine junge Frau schaut heraus,
ein Handlungsreisender im Fes, ein junges Paar, anscheinend auf der
Hochzeitsreise. Was geht's ihn an? Er hat sich nie um den Inhalt dieser
Polterkasten gekümmert; – sein Ohr füllt das Geheul Lenens. Vor seinen
Augen schwimmt es durcheinander, gelbe Punkte, Glühwürmchen gleich,
unzählig. Er schrickt zurück – er steht. Aus dem Tanze der Glühwürmchen tritt
es hervor, blaß, schlaff, blutrünstig. Eine Stirn, braun und blau geschlagen,
blaue Lippen, über die schwarzes Blut tröpfelt. Er ist es.
Thiel spricht nicht. Sein Gesicht nimmt eine schmutzige Blässe an. Er
lächelt wie abwesend; endlich beugt er sich; er fühlt die schlaffen, toten
Gliedmaßen schwer in seinen Armen; die rote Fahne wickelt sich darum.
Er geht.
Wohin?
»Zum Bahnarzt, zum Bahnarzt,« tönt es durcheinander.
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»Wir nehmen ihn gleich mit,« ruft der Packmeister und macht in seinem
Wagen aus Dienströcken und Büchern ein Lager zurecht. »Nun also?«
Thiel macht keine Anstalten, den Verunglückten loszulassen. Man drängt
in ihn. Vergebens. Der Packmeister läßt eine Bahre aus dem Packwagen
reichen und beordert einen Mann, dem Vater beizustehen.
Die Zeit ist kostbar. Die Pfeife des Zugführers trillert. Münzen regnen aus
den Fenstern.
Lene gebärdet sich wie wahnsinnig. »Das arme, arme Weib,« heißt es in
den Kupees, »die arme, arme Mutter.«
Der Zugführer trillert abermals – ein Pfiff – die Maschine stößt weiße,
zischende Dämpfe aus ihren Zylindern und streckt ihre eisernen Sehnen;
einige Sekunden und der Kurierzug braust mit wehender Rauchfahne in
doppelter Geschwindigkeit durch den Forst.
Der Wärter, anderen Sinnes geworden, legt den halbtoten Jungen auf die
Bahre. Da liegt er da in seiner verkommenen Körpergestalt, und hin und
wieder hebt ein langer, rasselnder Atemzug die knöcherne Brust, welche unter
dem zerfetzten Hemd sichtbar wird. Die Ärmchen und Beinchen, nicht nur in
den Gelenken gebrochen, nehmen die unnatürlichsten Stellungen ein. Die
Ferse des kleinen Fußes ist nach vorn gedreht. Die Arme schlottern über den
Rand der Bahre.
Lene wimmert in einem fort; jede Spur ihres einstigen Trotzes ist aus
ihrem Wesen gewichen. Sie wiederholt fortwährend eine Geschichte, die sie
von jeder Schuld an dem Vorfall reinwaschen soll.
Thiel scheint sie nicht zu beachten; mit entsetzlich bangem Ausdruck
haften seine Augen an dem Kinde.
Es ist still ringsum geworden, totenstill; schwarz und heiß ruhen die
Geleise auf dem blendenden Kies. Der Mittag hat die Winde erstickt, und
regungslos wie aus Stein steht der Forst.
Die Männer beraten sich leise. Man muß, um auf dem schnellsten Wege
nach Friedrichshagen zu kommen, nach der Station zurück, die nach der
Wagen aus Dienströcken und Büchern ein Lager zurecht. »Nun also?«
Thiel macht keine Anstalten, den Verunglückten loszulassen. Man drängt
in ihn. Vergebens. Der Packmeister läßt eine Bahre aus dem Packwagen
reichen und beordert einen Mann, dem Vater beizustehen.
Die Zeit ist kostbar. Die Pfeife des Zugführers trillert. Münzen regnen aus
den Fenstern.
Lene gebärdet sich wie wahnsinnig. »Das arme, arme Weib,« heißt es in
den Kupees, »die arme, arme Mutter.«
Der Zugführer trillert abermals – ein Pfiff – die Maschine stößt weiße,
zischende Dämpfe aus ihren Zylindern und streckt ihre eisernen Sehnen;
einige Sekunden und der Kurierzug braust mit wehender Rauchfahne in
doppelter Geschwindigkeit durch den Forst.
Der Wärter, anderen Sinnes geworden, legt den halbtoten Jungen auf die
Bahre. Da liegt er da in seiner verkommenen Körpergestalt, und hin und
wieder hebt ein langer, rasselnder Atemzug die knöcherne Brust, welche unter
dem zerfetzten Hemd sichtbar wird. Die Ärmchen und Beinchen, nicht nur in
den Gelenken gebrochen, nehmen die unnatürlichsten Stellungen ein. Die
Ferse des kleinen Fußes ist nach vorn gedreht. Die Arme schlottern über den
Rand der Bahre.
Lene wimmert in einem fort; jede Spur ihres einstigen Trotzes ist aus
ihrem Wesen gewichen. Sie wiederholt fortwährend eine Geschichte, die sie
von jeder Schuld an dem Vorfall reinwaschen soll.
Thiel scheint sie nicht zu beachten; mit entsetzlich bangem Ausdruck
haften seine Augen an dem Kinde.
Es ist still ringsum geworden, totenstill; schwarz und heiß ruhen die
Geleise auf dem blendenden Kies. Der Mittag hat die Winde erstickt, und
regungslos wie aus Stein steht der Forst.
Die Männer beraten sich leise. Man muß, um auf dem schnellsten Wege
nach Friedrichshagen zu kommen, nach der Station zurück, die nach der
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Richtung Breslau liegt, da der nächste Zug, ein beschleunigter Personenzug,
auf der Friedrichshagen nähergelegenen nicht anhält.
Thiel scheint zu überlegen, ob er mitgehen solle. Augenblicklich ist
niemand da, der den Dienst versteht. Eine stumme Handbewegung bedeutet
seiner Frau, die Bahre aufzunehmen; sie wagt nicht, sich zu widersetzen,
obgleich sie um den zurückbleibenden Säugling besorgt ist. Sie und der
fremde Mann tragen die Bahre. Thiel begleitet den Zug bis an die Grenze
seines Reviers, dann bleibt er stehen und schaut ihm lange nach. Plötzlich
schlägt er sich mit der flachen Hand vor die Stirn, daß es weithin schallt.
Er meint sich zu erwecken, »denn es wird ein Traum sein, wie der
gestern,« sagt er sich. – Vergebens. – Mehr taumelnd als laufend erreichte er
sein Häuschen. Drinnen fiel er auf die Erde, das Gesicht voran. Seine Mütze
rollte in die Ecke, seine peinlich gepflegte Uhr fiel aus der Tasche, die Kapsel
sprang, das Glas zerbrach. Es war, als hielt ihn eine eiserne Faust im Nacken
gepackt, so fest, daß er sich nicht bewegen konnte, so sehr er auch unter
Ächzen und Stöhnen sich frei zu machen suchte. Seine Stirn war kalt, seine
Augen trocken, sein Schlund brannte.
Die Signalglocke weckte ihn. Unter dem Eindruck jener sich
wiederholenden drei Glockenschläge ließ der Anfall nach. Thiel konnte sich
erheben und seinen Dienst tun. Zwar waren seine Füße bleischwer, zwar
kreiste um ihn die Strecke wie die Speiche eines ungeheuren Rades, dessen
Achse sein Kopf war; aber er gewann doch wenigstens so viel Kraft, sich für
einige Zeit aufrechtzuerhalten.
Der Personenzug kam heran. Tobias mußte darin sein. Je näher er rückte,
um so mehr verschwammen die Bilder vor Thiels Augen. Am Ende sah er nur
noch den zerschlagenen Jungen mit dem blutigen Munde. Dann wurde es
Nacht.
Nach einer Weile erwachte er aus einer Ohnmacht. Er fand sich dicht an
der Barriere im heißen Sande liegen. Er stand auf, schüttelte die Sandkörner
aus seinen Kleidern und spie sie aus seinem Munde. Sein Kopf wurde ein
wenig freier, er vermochte ruhiger zu denken.
In der Bude nahm er sogleich seine Uhr vom Boden auf und legte sie auf
den Tisch. Sie war trotz des Falles nicht stehengeblieben. Er zählte während
auf der Friedrichshagen nähergelegenen nicht anhält.
Thiel scheint zu überlegen, ob er mitgehen solle. Augenblicklich ist
niemand da, der den Dienst versteht. Eine stumme Handbewegung bedeutet
seiner Frau, die Bahre aufzunehmen; sie wagt nicht, sich zu widersetzen,
obgleich sie um den zurückbleibenden Säugling besorgt ist. Sie und der
fremde Mann tragen die Bahre. Thiel begleitet den Zug bis an die Grenze
seines Reviers, dann bleibt er stehen und schaut ihm lange nach. Plötzlich
schlägt er sich mit der flachen Hand vor die Stirn, daß es weithin schallt.
Er meint sich zu erwecken, »denn es wird ein Traum sein, wie der
gestern,« sagt er sich. – Vergebens. – Mehr taumelnd als laufend erreichte er
sein Häuschen. Drinnen fiel er auf die Erde, das Gesicht voran. Seine Mütze
rollte in die Ecke, seine peinlich gepflegte Uhr fiel aus der Tasche, die Kapsel
sprang, das Glas zerbrach. Es war, als hielt ihn eine eiserne Faust im Nacken
gepackt, so fest, daß er sich nicht bewegen konnte, so sehr er auch unter
Ächzen und Stöhnen sich frei zu machen suchte. Seine Stirn war kalt, seine
Augen trocken, sein Schlund brannte.
Die Signalglocke weckte ihn. Unter dem Eindruck jener sich
wiederholenden drei Glockenschläge ließ der Anfall nach. Thiel konnte sich
erheben und seinen Dienst tun. Zwar waren seine Füße bleischwer, zwar
kreiste um ihn die Strecke wie die Speiche eines ungeheuren Rades, dessen
Achse sein Kopf war; aber er gewann doch wenigstens so viel Kraft, sich für
einige Zeit aufrechtzuerhalten.
Der Personenzug kam heran. Tobias mußte darin sein. Je näher er rückte,
um so mehr verschwammen die Bilder vor Thiels Augen. Am Ende sah er nur
noch den zerschlagenen Jungen mit dem blutigen Munde. Dann wurde es
Nacht.
Nach einer Weile erwachte er aus einer Ohnmacht. Er fand sich dicht an
der Barriere im heißen Sande liegen. Er stand auf, schüttelte die Sandkörner
aus seinen Kleidern und spie sie aus seinem Munde. Sein Kopf wurde ein
wenig freier, er vermochte ruhiger zu denken.
In der Bude nahm er sogleich seine Uhr vom Boden auf und legte sie auf
den Tisch. Sie war trotz des Falles nicht stehengeblieben. Er zählte während
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zweier Stunden die Sekunden und Minuten, indem er sich vorstellte, was indes
mit Tobias geschehen mochte: Jetzt kam Lene mit ihm an; jetzt stand sie vor
dem Arzte. Dieser betrachtete und betastete den Jungen und schüttelte den
Kopf.
»Schlimm, sehr schlimm – aber vielleicht … wer weiß?« Er untersuchte
genauer. »Nein,« sagte er dann, »nein, es ist vorbei.«
»Vorbei, vorbei,« stöhnte der Wärter. Dann aber richtete er sich hoch auf
und schrie, die rollenden Augen an die Decke geheftet, die erhobenen Hände
unbewußt zur Faust ballend und mit einer Stimme, als müsse der enge Raum
davon zerbersten: »Er muß, muß leben, ich sage dir, er muß, muß leben.« Und
schon stieß er die Tür des Häuschens von neuem auf, durch die das rote Feuer
des Abends hereinbrach, und rannte mehr als er ging nach der Barriere zurück.
Hier blieb er eine Weile wie betroffen stehen und schritt dann plötzlich, beide
Arme ausbreitend, bis in die Mitte des Dammes, als wenn er etwas aufhalten
wollte, das aus der Richtung des Personenzuges kam. Dabei machten seine
weit offenen Augen den Eindruck der Blindheit.
Während er, rückwärts schreitend, vor etwas zu weichen schien, stieß er in
einem fort halbverständliche Worte zwischen den Zähnen hervor: »Du – hörst
du – bleib doch – du – hör doch – bleib – gib ihn wieder – er ist braun und
blau geschlagen – ja ja – gut – ich will sie wieder braun und blau schlagen –
hörst du? bleib doch – gib ihn mir wieder.«
Es schien, als ob etwas an ihm vorüberwandle, denn er wandte sich und
bewegte sich, wie um es zu verfolgen, nach der anderen Richtung.
»Du, Minna« – seine Stimme wurde weinerlich, wie die eines kleinen
Kindes. »Du, Minna, hörst du? – gib ihn wieder – ich will …« Er tastete in die
Luft, wie um jemand festzuhalten. »Weibchen – ja – und da will ich sie … und
da will ich sie auch schlagen – braun und blau – auch schlagen – und da will
ich mit dem Beil – siehst du? – Küchenbeil – mit dem Küchenbeil will ich sie
schlagen, und da wird sie verrecken.«
»Und da … ja mit dem Beil – Küchenbeil ja – schwarzes Blut!« Schaum
stand vor seinem Munde, seine gläsernen Pupillen bewegten sich unaufhörlich.
mit Tobias geschehen mochte: Jetzt kam Lene mit ihm an; jetzt stand sie vor
dem Arzte. Dieser betrachtete und betastete den Jungen und schüttelte den
Kopf.
»Schlimm, sehr schlimm – aber vielleicht … wer weiß?« Er untersuchte
genauer. »Nein,« sagte er dann, »nein, es ist vorbei.«
»Vorbei, vorbei,« stöhnte der Wärter. Dann aber richtete er sich hoch auf
und schrie, die rollenden Augen an die Decke geheftet, die erhobenen Hände
unbewußt zur Faust ballend und mit einer Stimme, als müsse der enge Raum
davon zerbersten: »Er muß, muß leben, ich sage dir, er muß, muß leben.« Und
schon stieß er die Tür des Häuschens von neuem auf, durch die das rote Feuer
des Abends hereinbrach, und rannte mehr als er ging nach der Barriere zurück.
Hier blieb er eine Weile wie betroffen stehen und schritt dann plötzlich, beide
Arme ausbreitend, bis in die Mitte des Dammes, als wenn er etwas aufhalten
wollte, das aus der Richtung des Personenzuges kam. Dabei machten seine
weit offenen Augen den Eindruck der Blindheit.
Während er, rückwärts schreitend, vor etwas zu weichen schien, stieß er in
einem fort halbverständliche Worte zwischen den Zähnen hervor: »Du – hörst
du – bleib doch – du – hör doch – bleib – gib ihn wieder – er ist braun und
blau geschlagen – ja ja – gut – ich will sie wieder braun und blau schlagen –
hörst du? bleib doch – gib ihn mir wieder.«
Es schien, als ob etwas an ihm vorüberwandle, denn er wandte sich und
bewegte sich, wie um es zu verfolgen, nach der anderen Richtung.
»Du, Minna« – seine Stimme wurde weinerlich, wie die eines kleinen
Kindes. »Du, Minna, hörst du? – gib ihn wieder – ich will …« Er tastete in die
Luft, wie um jemand festzuhalten. »Weibchen – ja – und da will ich sie … und
da will ich sie auch schlagen – braun und blau – auch schlagen – und da will
ich mit dem Beil – siehst du? – Küchenbeil – mit dem Küchenbeil will ich sie
schlagen, und da wird sie verrecken.«
»Und da … ja mit dem Beil – Küchenbeil ja – schwarzes Blut!« Schaum
stand vor seinem Munde, seine gläsernen Pupillen bewegten sich unaufhörlich.
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Ein sanfter Abendhauch strich leis und nachhaltig über den Forst, und
rosaflammiges Wolkengelock hing über dem westlichen Himmel.
Etwa hundert Schritt hatte er so das unsichtbare Etwas verfolgt, als er
anscheinend mutlos stehenblieb, und mit entsetzlicher Angst in den Mienen
streckte der Mann seine Arme aus, flehend, beschwörend. Er strengte seine
Augen an und beschattete sie mit der Hand, wie um noch einmal in weiter
Ferne das Wesenlose zu entdecken. Schließlich sank die Hand, und der
gespannte Ausdruck seines Gesichts verkehrte sich in stumpfe
Ausdruckslosigkeit; er wandte sich und schleppte sich den Weg zurück, den er
gekommen.
Die Sonne goß ihre letzte Glut über den Forst, dann erlosch sie. Die
Stämme der Kiefern streckten sich wie bleiches, verwestes Gebein zwischen
die Wipfel hinein, die wie grauschwarze Moderschichten auf ihnen lasteten.
Das Hämmern eines Spechtes durchdrang die Stille. Durch den kalten,
stahlblauen Himmelsraum ging ein einziges verspätetes Rosengewölk. Der
Windhauch wurde kellerkalt, so daß es den Wärter fröstelte. Alles war ihm
neu, alles fremd. Er wußte nicht, was das war, worauf er ging, oder das, was
ihn umgab. Da huschte ein Eichhorn über die Strecke, und Thiel besann sich.
Er mußte an den lieben Gott denken, ohne zu wissen warum. »Der liebe Gott
springt über den Weg, der liebe Gott springt über den Weg.« Er wiederholte
diesen Satz mehrmals, gleichsam um auf etwas zu kommen, das damit
zusammenhing. Er unterbrach sich, ein Lichtschein fiel in sein Hirn, »aber
mein Gott, das ist ja Wahnsinn.« Er vergaß alles und wandte sich gegen diesen
neuen Feind. Er suchte Ordnung in seine Gedanken zu bringen, vergebens! Es
war ein haltloses Streifen und Schweifen. Er ertappte sich auf den unsinnigsten
Vorstellungen und schauderte zusammen im Bewußtsein seiner
Machtlosigkeit.
Aus dem nahen Birkenwäldchen kam Kindergeschrei. Es war das Signal
zur Raserei. Fast gegen seinen Willen mußte er darauf zueilen und fand das
Kleine, um welches sich niemand mehr gekümmert hatte, weinend und
strampelnd ohne Bettchen im Wagen liegen. Was wollte er tun? Was trieb ihn
hierher? Ein wirbelnder Strom von Gefühlen und Gedanken verschlang diese
Fragen.
rosaflammiges Wolkengelock hing über dem westlichen Himmel.
Etwa hundert Schritt hatte er so das unsichtbare Etwas verfolgt, als er
anscheinend mutlos stehenblieb, und mit entsetzlicher Angst in den Mienen
streckte der Mann seine Arme aus, flehend, beschwörend. Er strengte seine
Augen an und beschattete sie mit der Hand, wie um noch einmal in weiter
Ferne das Wesenlose zu entdecken. Schließlich sank die Hand, und der
gespannte Ausdruck seines Gesichts verkehrte sich in stumpfe
Ausdruckslosigkeit; er wandte sich und schleppte sich den Weg zurück, den er
gekommen.
Die Sonne goß ihre letzte Glut über den Forst, dann erlosch sie. Die
Stämme der Kiefern streckten sich wie bleiches, verwestes Gebein zwischen
die Wipfel hinein, die wie grauschwarze Moderschichten auf ihnen lasteten.
Das Hämmern eines Spechtes durchdrang die Stille. Durch den kalten,
stahlblauen Himmelsraum ging ein einziges verspätetes Rosengewölk. Der
Windhauch wurde kellerkalt, so daß es den Wärter fröstelte. Alles war ihm
neu, alles fremd. Er wußte nicht, was das war, worauf er ging, oder das, was
ihn umgab. Da huschte ein Eichhorn über die Strecke, und Thiel besann sich.
Er mußte an den lieben Gott denken, ohne zu wissen warum. »Der liebe Gott
springt über den Weg, der liebe Gott springt über den Weg.« Er wiederholte
diesen Satz mehrmals, gleichsam um auf etwas zu kommen, das damit
zusammenhing. Er unterbrach sich, ein Lichtschein fiel in sein Hirn, »aber
mein Gott, das ist ja Wahnsinn.« Er vergaß alles und wandte sich gegen diesen
neuen Feind. Er suchte Ordnung in seine Gedanken zu bringen, vergebens! Es
war ein haltloses Streifen und Schweifen. Er ertappte sich auf den unsinnigsten
Vorstellungen und schauderte zusammen im Bewußtsein seiner
Machtlosigkeit.
Aus dem nahen Birkenwäldchen kam Kindergeschrei. Es war das Signal
zur Raserei. Fast gegen seinen Willen mußte er darauf zueilen und fand das
Kleine, um welches sich niemand mehr gekümmert hatte, weinend und
strampelnd ohne Bettchen im Wagen liegen. Was wollte er tun? Was trieb ihn
hierher? Ein wirbelnder Strom von Gefühlen und Gedanken verschlang diese
Fragen.
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»Der liebe Gott springt über den Weg,« jetzt wußte er, was das bedeuten
wollte. »Tobias« – sie hatte ihn gemordet – Lene – ihr war er anvertraut –
»Stiefmutter, Rabenmutter,« knirschte er, »und ihr Balg lebt.« Ein roter Nebel
umwölkte seine Sinne, zwei Kinderaugen durchdrangen ihn; er fühlte etwas
Weiches, Fleischiges zwischen seinen Fingern. Gurgelnde und pfeifende
Laute, untermischt mit heiseren Ausrufen, von denen er nicht wußte, wer sie
ausstieß, trafen sein Ohr.
Da fiel etwas in sein Hirn wie Tropfen heißen Siegellacks, und es hob sich
wie eine Starre von seinem Geist. Zum Bewußtsein kommend, hörte er den
Nachhall der Meldeglocke durch die Luft zittern.
Mit eins begriff er, was er hatte tun wollen: seine Hand löste sich von der
Kehle des Kindes, welches sich unter seinem Griffe wand. – Es rang nach
Luft, dann begann es zu husten und zu schreien.
»Es lebt! Gott sei Dank, es lebt!« Er ließ es liegen und eilte nach dem
Übergange. Dunkler Qualm wälzte sich fernher über die Strecke, und der Wind
drückte ihn zu Boden. Hinter sich vernahm er das Keuchen einer Maschine,
welches wie das stoßweise gequälte Atmen eines kranken Riesen klang.
Ein kaltes Zwielicht lag über der Gegend.
Nach einer Weile, als die Rauchwolken auseinandergingen, erkannte Thiel
den Kieszug, der mit geleerten Loren zurückging und die Arbeiter mit sich
führte, welche tagsüber auf der Strecke gearbeitet hatten.
Der Zug hatte eine reichbemessene Fahrzeit und durfte überall anhalten,
um die hie und da noch beschäftigten Arbeiter aufzunehmen, andere hingegen
abzusetzen. Ein gutes Stück vor Thiels Bude begann man zu bremsen. Ein
lautes Quietschen, Schnarren, Rasseln und Klirren durchdrang weithin die
Abendstille, bis der Zug unter einem einzigen schrillen, langgedehnten Ton
stillstand.
Etwa fünfzig Arbeiter und Arbeiterinnen waren in den Loren verteilt. Fast
alle standen aufrecht, einige unter den Männern mit entblößtem Kopfe. In ihrer
aller Wesen lag eine rätselhafte Feierlichkeit. Als sie des Wärters ansichtig
wurden, erhob sich ein Flüstern unter ihnen. Die Alten zogen die
Tabakspfeifen zwischen den gelben Zähnen hervor und hielten sie respektvoll
wollte. »Tobias« – sie hatte ihn gemordet – Lene – ihr war er anvertraut –
»Stiefmutter, Rabenmutter,« knirschte er, »und ihr Balg lebt.« Ein roter Nebel
umwölkte seine Sinne, zwei Kinderaugen durchdrangen ihn; er fühlte etwas
Weiches, Fleischiges zwischen seinen Fingern. Gurgelnde und pfeifende
Laute, untermischt mit heiseren Ausrufen, von denen er nicht wußte, wer sie
ausstieß, trafen sein Ohr.
Da fiel etwas in sein Hirn wie Tropfen heißen Siegellacks, und es hob sich
wie eine Starre von seinem Geist. Zum Bewußtsein kommend, hörte er den
Nachhall der Meldeglocke durch die Luft zittern.
Mit eins begriff er, was er hatte tun wollen: seine Hand löste sich von der
Kehle des Kindes, welches sich unter seinem Griffe wand. – Es rang nach
Luft, dann begann es zu husten und zu schreien.
»Es lebt! Gott sei Dank, es lebt!« Er ließ es liegen und eilte nach dem
Übergange. Dunkler Qualm wälzte sich fernher über die Strecke, und der Wind
drückte ihn zu Boden. Hinter sich vernahm er das Keuchen einer Maschine,
welches wie das stoßweise gequälte Atmen eines kranken Riesen klang.
Ein kaltes Zwielicht lag über der Gegend.
Nach einer Weile, als die Rauchwolken auseinandergingen, erkannte Thiel
den Kieszug, der mit geleerten Loren zurückging und die Arbeiter mit sich
führte, welche tagsüber auf der Strecke gearbeitet hatten.
Der Zug hatte eine reichbemessene Fahrzeit und durfte überall anhalten,
um die hie und da noch beschäftigten Arbeiter aufzunehmen, andere hingegen
abzusetzen. Ein gutes Stück vor Thiels Bude begann man zu bremsen. Ein
lautes Quietschen, Schnarren, Rasseln und Klirren durchdrang weithin die
Abendstille, bis der Zug unter einem einzigen schrillen, langgedehnten Ton
stillstand.
Etwa fünfzig Arbeiter und Arbeiterinnen waren in den Loren verteilt. Fast
alle standen aufrecht, einige unter den Männern mit entblößtem Kopfe. In ihrer
aller Wesen lag eine rätselhafte Feierlichkeit. Als sie des Wärters ansichtig
wurden, erhob sich ein Flüstern unter ihnen. Die Alten zogen die
Tabakspfeifen zwischen den gelben Zähnen hervor und hielten sie respektvoll
Page 36
in den Händen. Hie und da wandte sich ein Frauenzimmer, um sich zu
schneuzen. Der Zugführer stieg auf die Strecke herunter und trat auf Thiel zu.
Die Arbeiter sahen, wie er ihm feierlich die Hand schüttelte, worauf Thiel mit
langsamem, fast militärisch-steifem Schritt auf den letzten Wagen zuschritt.
Keiner der Arbeiter wagte ihn anzureden, obgleich sie ihn alle kannten.
Aus dem letzten Wagen hob man soeben das kleine Tobiäschen.
Es war tot.
Lene folgte ihm; ihr Gesicht war bläulich-weiß, braune Kreise lagen um
ihre Augen.
Thiel würdigte sie keines Blickes; sie aber erschrak beim Anblick ihres
Mannes. Seine Wangen waren hohl, Wimpern und Barthaare verklebt, der
Scheitel, so schien es ihr, ergrauter als bisher. Die Spuren vertrockneter Tränen
überall auf dem Gesicht; dazu ein unstetes Licht in seinen Augen, davor sie ein
Grauen ankam.
Auch die Tragbahre hatte man wieder mitgebracht, um die Leiche
transportieren zu können.
Eine Weile herrschte unheimliche Stille. Eine tiefe, entsetzliche
Versonnenheit hatte sich Thiels bemächtigt. Es wurde dunkler. Ein Rudel Rehe
setzte seitab auf den Bahndamm. Der Bock blieb stehen mitten zwischen den
Geleisen. Er wandte seinen gelenken Hals neugierig herum, da pfiff die
Maschine, und blitzartig verschwand er samt seiner Herde.
In dem Augenblick, als der Zug sich in Bewegung setzen wollte, brach
Thiel zusammen.
Der Zug hielt abermals, und es entspann sich eine Beratung über das, was
nun zu tun sei. Man entschied sich dafür, die Leiche des Kindes einstweilen im
Wärterhaus unterzubringen und statt ihrer den durch kein Mittel wieder ins
Bewußtsein zu rufenden Wärter mittelst der Bahre nach Hause zu bringen.
Und so geschah es. Zwei Männer trugen die Bahre mit dem Bewußtlosen,
gefolgt von Lene, die, fortwährend schluchzend, mit tränenüberströmtem
Gesicht den Kinderwagen mit dem Kleinsten durch den Sand stieß.
schneuzen. Der Zugführer stieg auf die Strecke herunter und trat auf Thiel zu.
Die Arbeiter sahen, wie er ihm feierlich die Hand schüttelte, worauf Thiel mit
langsamem, fast militärisch-steifem Schritt auf den letzten Wagen zuschritt.
Keiner der Arbeiter wagte ihn anzureden, obgleich sie ihn alle kannten.
Aus dem letzten Wagen hob man soeben das kleine Tobiäschen.
Es war tot.
Lene folgte ihm; ihr Gesicht war bläulich-weiß, braune Kreise lagen um
ihre Augen.
Thiel würdigte sie keines Blickes; sie aber erschrak beim Anblick ihres
Mannes. Seine Wangen waren hohl, Wimpern und Barthaare verklebt, der
Scheitel, so schien es ihr, ergrauter als bisher. Die Spuren vertrockneter Tränen
überall auf dem Gesicht; dazu ein unstetes Licht in seinen Augen, davor sie ein
Grauen ankam.
Auch die Tragbahre hatte man wieder mitgebracht, um die Leiche
transportieren zu können.
Eine Weile herrschte unheimliche Stille. Eine tiefe, entsetzliche
Versonnenheit hatte sich Thiels bemächtigt. Es wurde dunkler. Ein Rudel Rehe
setzte seitab auf den Bahndamm. Der Bock blieb stehen mitten zwischen den
Geleisen. Er wandte seinen gelenken Hals neugierig herum, da pfiff die
Maschine, und blitzartig verschwand er samt seiner Herde.
In dem Augenblick, als der Zug sich in Bewegung setzen wollte, brach
Thiel zusammen.
Der Zug hielt abermals, und es entspann sich eine Beratung über das, was
nun zu tun sei. Man entschied sich dafür, die Leiche des Kindes einstweilen im
Wärterhaus unterzubringen und statt ihrer den durch kein Mittel wieder ins
Bewußtsein zu rufenden Wärter mittelst der Bahre nach Hause zu bringen.
Und so geschah es. Zwei Männer trugen die Bahre mit dem Bewußtlosen,
gefolgt von Lene, die, fortwährend schluchzend, mit tränenüberströmtem
Gesicht den Kinderwagen mit dem Kleinsten durch den Sand stieß.
Page 37
Wie eine riesige purpurglühende Kugel lag der Mond zwischen den
Kieferschäften am Waldesgrund. Je höher er rückte um so kleiner schien er zu
werden, um so mehr verblaßte er. Endlich hing er, einer Ampel vergleichbar,
über dem Forst, durch alle Spalten und Lücken der Kronen einen matten
Lichtdunst drängend, welcher die Gesichter der Dahinschreitenden leichenhaft
anmalte.
Rüstig, aber vorsichtig schritt man vorwärts, jetzt durch enggedrängtes
Jungholz, dann wieder an weiten hochwaldumstandenen Schonungen entlang,
darin sich das bleiche Licht wie in großen, dunklen Becken angesammelt hatte.
Der Bewußtlose röchelte von Zeit zu Zeit oder begann zu phantasieren.
Mehrmals ballte er die Fäuste und versuchte mit geschlossenen Augen sich
emporzurichten.
Es kostete Mühe, ihn über die Spree zu bringen; man mußte ein zweites
Mal übersetzen, um die Frau und das Kind nachzuholen.
Als man die kleine Anhöhe des Ortes emporstieg, begegnete man einigen
Einwohnern, welche die Botschaft des geschehenen Unglücks sofort
verbreiteten.
Die ganze Kolonie kam auf die Beine.
Angesichts ihrer Bekannten brach Lene in erneutes Klagen aus.
Man beförderte den Kranken mühsam die schmale Stiege hinauf in seine
Wohnung und brachte ihn sogleich zu Bett. Die Arbeiter kehrten sogleich um,
um Tobiäschens Leiche nachzuholen.
Alte erfahrene Leute hatten kalte Umschläge angeraten, und Lene befolgte
ihre Weisung mit Eifer und Umsicht. Sie legte Handtücher in eiskaltes
Brunnenwasser und erneuerte sie, sobald die brennende Stirn des Bewußtlosen
sie durchhitzt hatte. Ängstlich beobachtete sie die Atemzüge des Kranken,
welche ihr mit jeder Minute regelmäßiger zu werden schienen.
Die Aufregungen des Tages hatten sie doch stark mitgenommen und sie
beschloß, ein wenig zu schlafen, fand jedoch keine Ruhe. Gleichviel ob sie die
Augen öffnete oder schloß, unaufhörlich zogen die Ereignisse der
Vergangenheit daran vorüber. Das Kleine schlief. Sie hatte sich entgegen ihrer
Kieferschäften am Waldesgrund. Je höher er rückte um so kleiner schien er zu
werden, um so mehr verblaßte er. Endlich hing er, einer Ampel vergleichbar,
über dem Forst, durch alle Spalten und Lücken der Kronen einen matten
Lichtdunst drängend, welcher die Gesichter der Dahinschreitenden leichenhaft
anmalte.
Rüstig, aber vorsichtig schritt man vorwärts, jetzt durch enggedrängtes
Jungholz, dann wieder an weiten hochwaldumstandenen Schonungen entlang,
darin sich das bleiche Licht wie in großen, dunklen Becken angesammelt hatte.
Der Bewußtlose röchelte von Zeit zu Zeit oder begann zu phantasieren.
Mehrmals ballte er die Fäuste und versuchte mit geschlossenen Augen sich
emporzurichten.
Es kostete Mühe, ihn über die Spree zu bringen; man mußte ein zweites
Mal übersetzen, um die Frau und das Kind nachzuholen.
Als man die kleine Anhöhe des Ortes emporstieg, begegnete man einigen
Einwohnern, welche die Botschaft des geschehenen Unglücks sofort
verbreiteten.
Die ganze Kolonie kam auf die Beine.
Angesichts ihrer Bekannten brach Lene in erneutes Klagen aus.
Man beförderte den Kranken mühsam die schmale Stiege hinauf in seine
Wohnung und brachte ihn sogleich zu Bett. Die Arbeiter kehrten sogleich um,
um Tobiäschens Leiche nachzuholen.
Alte erfahrene Leute hatten kalte Umschläge angeraten, und Lene befolgte
ihre Weisung mit Eifer und Umsicht. Sie legte Handtücher in eiskaltes
Brunnenwasser und erneuerte sie, sobald die brennende Stirn des Bewußtlosen
sie durchhitzt hatte. Ängstlich beobachtete sie die Atemzüge des Kranken,
welche ihr mit jeder Minute regelmäßiger zu werden schienen.
Die Aufregungen des Tages hatten sie doch stark mitgenommen und sie
beschloß, ein wenig zu schlafen, fand jedoch keine Ruhe. Gleichviel ob sie die
Augen öffnete oder schloß, unaufhörlich zogen die Ereignisse der
Vergangenheit daran vorüber. Das Kleine schlief. Sie hatte sich entgegen ihrer
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sonstigen Gewohnheit wenig darum bekümmert. Sie war überhaupt eine
andere geworden. Nirgend eine Spur des früheren Trotzes. Ja, dieser kranke
Mann mit dem farblosen, schweißglänzenden Gesicht regierte sie im Schlaf.
Eine Wolke verdeckte die Mondkugel, es wurde finster im Zimmer, und
Lene hörte nur noch das schwere, aber gleichmäßige Atemholen ihres Mannes.
Sie überlegte, ob sie Licht machen sollte. Es wurde ihr unheimlich im
Dunkeln. Als sie aufstehen wollte, lag es ihr bleiern in allen Gliedern, die
Lider fielen ihr zu, sie entschlief.
Nach Verlauf von einigen Stunden, als die Männer mit der Kindesleiche
zurückkehrten, fanden sie die Haustüre weit offen. Verwundert über diesen
Umstand stiegen sie die Treppe hinauf, in die obere Wohnung, deren Tür
ebenfalls weit geöffnet war.
Man rief mehrmals den Namen der Frau, ohne eine Antwort zu erhalten.
Endlich strich man ein Schwefelholz an der Wand, und der aufzuckende
Lichtschein enthüllte eine grauenvolle Verwüstung.
»Mord, Mord!«
Lene lag in ihrem Blut, das Gesicht unkenntlich, mit zerschlagener
Hirnschale.
»Er hat seine Frau ermordet, er hat seine Frau ermordet!«
Kopflos lief man umher. Die Nachbarn kamen, einer stieß an die Wiege.
»Heiliger Himmel« und er fuhr zurück, bleich, mit entsetzensstarrem Blick. Da
lag das Kind mit durchschnittenem Halse.
Der Wärter war verschwunden; die Nachforschungen, welche man noch in
derselben Nacht anstellte, blieben erfolglos. Den Morgen darauf fand ihn der
diensttuende Wärter zwischen den Bahngeleisen und an der Stelle sitzend, wo
Tobiäschen überfahren worden war.
Er hielt das braune Pudelmützchen im Arm und liebkoste es
ununterbrochen wie etwas, das Leben hat.
Der Wärter richtete einige Fragen an ihn, bekam jedoch keine Antwort und
bemerkte bald, daß er es mit einem Irrsinnigen zu tun habe.
andere geworden. Nirgend eine Spur des früheren Trotzes. Ja, dieser kranke
Mann mit dem farblosen, schweißglänzenden Gesicht regierte sie im Schlaf.
Eine Wolke verdeckte die Mondkugel, es wurde finster im Zimmer, und
Lene hörte nur noch das schwere, aber gleichmäßige Atemholen ihres Mannes.
Sie überlegte, ob sie Licht machen sollte. Es wurde ihr unheimlich im
Dunkeln. Als sie aufstehen wollte, lag es ihr bleiern in allen Gliedern, die
Lider fielen ihr zu, sie entschlief.
Nach Verlauf von einigen Stunden, als die Männer mit der Kindesleiche
zurückkehrten, fanden sie die Haustüre weit offen. Verwundert über diesen
Umstand stiegen sie die Treppe hinauf, in die obere Wohnung, deren Tür
ebenfalls weit geöffnet war.
Man rief mehrmals den Namen der Frau, ohne eine Antwort zu erhalten.
Endlich strich man ein Schwefelholz an der Wand, und der aufzuckende
Lichtschein enthüllte eine grauenvolle Verwüstung.
»Mord, Mord!«
Lene lag in ihrem Blut, das Gesicht unkenntlich, mit zerschlagener
Hirnschale.
»Er hat seine Frau ermordet, er hat seine Frau ermordet!«
Kopflos lief man umher. Die Nachbarn kamen, einer stieß an die Wiege.
»Heiliger Himmel« und er fuhr zurück, bleich, mit entsetzensstarrem Blick. Da
lag das Kind mit durchschnittenem Halse.
Der Wärter war verschwunden; die Nachforschungen, welche man noch in
derselben Nacht anstellte, blieben erfolglos. Den Morgen darauf fand ihn der
diensttuende Wärter zwischen den Bahngeleisen und an der Stelle sitzend, wo
Tobiäschen überfahren worden war.
Er hielt das braune Pudelmützchen im Arm und liebkoste es
ununterbrochen wie etwas, das Leben hat.
Der Wärter richtete einige Fragen an ihn, bekam jedoch keine Antwort und
bemerkte bald, daß er es mit einem Irrsinnigen zu tun habe.
Page 39
Der Wärter am Block, davon in Kenntnis gesetzt, erbat telegraphische
Hilfe.
Nun versuchten mehrere Männer ihn durch gutes Zureden von den
Geleisen fortzulocken; jedoch vergebens.
Der Schnellzug, der um diese Zeit passierte, mußte anhalten, und erst der
Übermacht seines Personales gelang es, den Kranken, der alsbald furchtbar zu
toben begann, mit Gewalt von der Strecke zu entfernen.
Man mußte ihm Hände und Füße binden, und der inzwischen requirierte
Gendarm überwachte seinen Transport nach dem Berliner
Untersuchungsgefängnisse, von wo aus er jedoch schon am ersten Tage nach
der Irrenabteilung der Charité überführt wurde. Noch bei der Einlieferung hielt
er das braune Mützchen in Händen und bewachte es mit eifersüchtiger Sorgfalt
und Zärtlichkeit.
Hilfe.
Nun versuchten mehrere Männer ihn durch gutes Zureden von den
Geleisen fortzulocken; jedoch vergebens.
Der Schnellzug, der um diese Zeit passierte, mußte anhalten, und erst der
Übermacht seines Personales gelang es, den Kranken, der alsbald furchtbar zu
toben begann, mit Gewalt von der Strecke zu entfernen.
Man mußte ihm Hände und Füße binden, und der inzwischen requirierte
Gendarm überwachte seinen Transport nach dem Berliner
Untersuchungsgefängnisse, von wo aus er jedoch schon am ersten Tage nach
der Irrenabteilung der Charité überführt wurde. Noch bei der Einlieferung hielt
er das braune Mützchen in Händen und bewachte es mit eifersüchtiger Sorgfalt
und Zärtlichkeit.
Page 40
Der Apostel
Spät am Abend war er in Zürich angelangt. Eine Dachkammer in der
»Taube«, ein wenig Brot und klares Wasser, bevor er sich niederlegte: das
genügte ihm.
Er schlief unruhig wenige Stunden. Schon kurz nach vier erhob er sich.
Der Kopf schmerzte ihn. Er schob es auf die lange Eisenbahnfahrt vom
gestrigen Tage. Um so etwas auszuhalten mußte man Nerven wie Seile haben.
Er haßte diese Bahnen mit ihrem ewigen Gerüttel, Gestampf und Gepolter, mit
ihren jagenden Bildern; – er haßte sie und mit ihnen die meisten anderen der
sogenannten Errungenschaften dieser sogenannten Kultur.
Durch den Gotthard allein … es war wirklich eine Tortur, durch den
Gotthard zu fahren: dazusitzen, beim Scheine eines zuckenden Lämpchens,
mit dem Bewußtsein, diese ungeheure Steinmasse über sich zu haben. Dazu
dieses markerschütternde Konzert von Geräuschen im Ohr. Es war eine Tortur,
es war zum Verrücktwerden! In einen Zustand war er hineingeraten, in eine
Angst, kaum zu glauben. Wenn das nahe Rauschen so zurücksank und dann
wieder daherkam, daherfuhr wie die ganze Hölle und so tosend wurde, daß es
alles in einem förmlich zerschlug … nie und nimmer würde er nochmals durch
den Gotthard fahren!
Man hatte nur einen Kopf. Wenn der einmal aufgestört war – der
Bienenschwarm da drinnen – da mochte der Teufel wieder Ruhe schaffen:
alles brach durch seine Grenzen, verlor die natürlichen Dimensionen, dehnte
sich hoch auf und hatte einen eigenen Willen.
Die Nacht hatte es ihn noch geplagt, nun sollte es damit ein Ende haben.
Der kalte, klare Morgen mußte das seinige tun. Übrigens würde er von hier ab
nach Deutschland hinein zu Fuße reisen.
Er wusch sich und zog die Kleider über. Als er die Sandalen unterband,
tauchte ihm flüchtig auf, wie er zu dem Kostüm, das er trug und das ihn von
allen übrigen Menschen unterschied, gekommen war: die Gestalt Meister
Diefenbachs ging vorüber. – Dann war es ein Sprung in frühe Jahre: er sah sich
Spät am Abend war er in Zürich angelangt. Eine Dachkammer in der
»Taube«, ein wenig Brot und klares Wasser, bevor er sich niederlegte: das
genügte ihm.
Er schlief unruhig wenige Stunden. Schon kurz nach vier erhob er sich.
Der Kopf schmerzte ihn. Er schob es auf die lange Eisenbahnfahrt vom
gestrigen Tage. Um so etwas auszuhalten mußte man Nerven wie Seile haben.
Er haßte diese Bahnen mit ihrem ewigen Gerüttel, Gestampf und Gepolter, mit
ihren jagenden Bildern; – er haßte sie und mit ihnen die meisten anderen der
sogenannten Errungenschaften dieser sogenannten Kultur.
Durch den Gotthard allein … es war wirklich eine Tortur, durch den
Gotthard zu fahren: dazusitzen, beim Scheine eines zuckenden Lämpchens,
mit dem Bewußtsein, diese ungeheure Steinmasse über sich zu haben. Dazu
dieses markerschütternde Konzert von Geräuschen im Ohr. Es war eine Tortur,
es war zum Verrücktwerden! In einen Zustand war er hineingeraten, in eine
Angst, kaum zu glauben. Wenn das nahe Rauschen so zurücksank und dann
wieder daherkam, daherfuhr wie die ganze Hölle und so tosend wurde, daß es
alles in einem förmlich zerschlug … nie und nimmer würde er nochmals durch
den Gotthard fahren!
Man hatte nur einen Kopf. Wenn der einmal aufgestört war – der
Bienenschwarm da drinnen – da mochte der Teufel wieder Ruhe schaffen:
alles brach durch seine Grenzen, verlor die natürlichen Dimensionen, dehnte
sich hoch auf und hatte einen eigenen Willen.
Die Nacht hatte es ihn noch geplagt, nun sollte es damit ein Ende haben.
Der kalte, klare Morgen mußte das seinige tun. Übrigens würde er von hier ab
nach Deutschland hinein zu Fuße reisen.
Er wusch sich und zog die Kleider über. Als er die Sandalen unterband,
tauchte ihm flüchtig auf, wie er zu dem Kostüm, das er trug und das ihn von
allen übrigen Menschen unterschied, gekommen war: die Gestalt Meister
Diefenbachs ging vorüber. – Dann war es ein Sprung in frühe Jahre: er sah sich
Page 41
selbst in der sogenannten Normaltracht zur Schule gehen – der Glatzkopf des
Vaters blickte hinter dem Ladentische der Apotheke hervor, die Tracht des
Sohnes milde bespöttelnd. Die Mutter hatte doch immer gesagt, er sei kein
Hypochonder. Der Glatzkopf und das junge Frauengesicht schoben sich
nebeneinander. Welch ein ungeheurer Unterschied! Daß er das früher nie
bemerkt hatte.
Die Sandalen saßen fest. Er legte den Strick, der die weiße Frieskutte
zusammenhielt, um die Hüften und eine Schnur rund um den Kopf.
Auf dem Hausflur der Herberge war ein alter Spiegel angebracht. Einen
Augenblick im Vorübergehen hielt er inne, um sich zu mustern. Wirklich! – er
sah aus wie ein Apostel. Das heilige Blond der langen Haare, der starke, rote,
keilförmige Bart, das kühne, feste und doch so unendlich milde Gesicht, die
weiße Mönchskutte, die seine schöne, straffe Gestalt, seinen elastischen,
soldatisch geschulten Körper zu voller Geltung brachte.
Mit Wohlgefallen spiegelte er sich. Warum sollte er es auch nicht? Warum
sollte er sich selbst nicht bewundern, da er doch nicht aufhörte, die Natur zu
bestaunen in allem, was sie hervorbrachte? Er lief ja durch die Welt von
Wunder zu Wunder, und Dinge, von anderen nicht beachtet, erzeugten in ihm
religiöse Schauer. Übrigens nahm sie sich gut aus – die Neuerung dieses
Morgens: man konnte ja denken, diese Schnur um den Kopf habe den Zweck,
das Haar zusammenzuhalten. Daß sie einem Heiligenscheine ähnelte, hatte
nichts auf sich. Heilige gab es nicht mehr, oder besser: der Heiligenschein kam
jedem Naturerzeugnis, auch dem kleinsten Blümchen oder Käferchen zu, und
dessen Auge war ein profanes Auge, der nicht über allem solche
Heiligenscheine schweben sah. – –
Auf der Straße war noch niemand: einsamer Sonnenschein lag darauf; hie
und da der lange, ein wenig schräge Schatten eines Hauses. Er bog in ein
Seitengäßchen, das bergan stieg, und klomm bald zwischen Wiesen und
Obstgärten hin aufwärts.
Bisweilen ein hochgiebliges, altväterisches Häuschen, ein enges, mit
Blumen vollgepfropftes Hausgärtchen, dann wieder eine Wiese oder ein
Weinberg. Der Ruch des weißen Jasmins, des blauen Flieders und des
dunkelbrennenden Goldlacks erfüllte stellenweise die reine und starke Luft,
daß er sie wohlig in sich sog wie einen gewürzten Wein.
Vaters blickte hinter dem Ladentische der Apotheke hervor, die Tracht des
Sohnes milde bespöttelnd. Die Mutter hatte doch immer gesagt, er sei kein
Hypochonder. Der Glatzkopf und das junge Frauengesicht schoben sich
nebeneinander. Welch ein ungeheurer Unterschied! Daß er das früher nie
bemerkt hatte.
Die Sandalen saßen fest. Er legte den Strick, der die weiße Frieskutte
zusammenhielt, um die Hüften und eine Schnur rund um den Kopf.
Auf dem Hausflur der Herberge war ein alter Spiegel angebracht. Einen
Augenblick im Vorübergehen hielt er inne, um sich zu mustern. Wirklich! – er
sah aus wie ein Apostel. Das heilige Blond der langen Haare, der starke, rote,
keilförmige Bart, das kühne, feste und doch so unendlich milde Gesicht, die
weiße Mönchskutte, die seine schöne, straffe Gestalt, seinen elastischen,
soldatisch geschulten Körper zu voller Geltung brachte.
Mit Wohlgefallen spiegelte er sich. Warum sollte er es auch nicht? Warum
sollte er sich selbst nicht bewundern, da er doch nicht aufhörte, die Natur zu
bestaunen in allem, was sie hervorbrachte? Er lief ja durch die Welt von
Wunder zu Wunder, und Dinge, von anderen nicht beachtet, erzeugten in ihm
religiöse Schauer. Übrigens nahm sie sich gut aus – die Neuerung dieses
Morgens: man konnte ja denken, diese Schnur um den Kopf habe den Zweck,
das Haar zusammenzuhalten. Daß sie einem Heiligenscheine ähnelte, hatte
nichts auf sich. Heilige gab es nicht mehr, oder besser: der Heiligenschein kam
jedem Naturerzeugnis, auch dem kleinsten Blümchen oder Käferchen zu, und
dessen Auge war ein profanes Auge, der nicht über allem solche
Heiligenscheine schweben sah. – –
Auf der Straße war noch niemand: einsamer Sonnenschein lag darauf; hie
und da der lange, ein wenig schräge Schatten eines Hauses. Er bog in ein
Seitengäßchen, das bergan stieg, und klomm bald zwischen Wiesen und
Obstgärten hin aufwärts.
Bisweilen ein hochgiebliges, altväterisches Häuschen, ein enges, mit
Blumen vollgepfropftes Hausgärtchen, dann wieder eine Wiese oder ein
Weinberg. Der Ruch des weißen Jasmins, des blauen Flieders und des
dunkelbrennenden Goldlacks erfüllte stellenweise die reine und starke Luft,
daß er sie wohlig in sich sog wie einen gewürzten Wein.
Page 42
Er fühlte sich freier nach jedem Schritt.
Wie wenn ein Dorn aus seinem Herzen sich löste, war ihm zu Sinn, als es
ihm das Auge so still und unwiderstehlich nach außen zog. Das Dunkel in ihm
ward aufgesogen von all dem Licht. Die Köpfchen des gelben Löwenzahns,
gleich unzähligen, kleinen Sonnen in das sprießende Grün des Wegrandes
gelegt, blendeten ihn fast. Durch den schweren Blütenregen der Obstbäume
schossen die Sonnenstrahlen schräg in den wiesigen Grund, ihn mit goldigen
Tupfen überdeckend. So honigsüß dufteten die Birken. Und so viel Leben,
Behaglichkeit und Fleiß sprach aus dem verlorenen Sumsen früher Bienen.
Sorgfältig vermied er im Aufsteigen irgend etwas zu beschädigen oder gar
zu vernichten, was Leben hatte. Das kleinste Käferchen wurde umgangen, die
zudringliche Wespe vorsichtig verscheucht. Er liebte die Mücken und Fliegen
brüderlich, und zu töten, – auch nur den allergewöhnlichsten Kohlweißling –
schien ihm das schwerste aller Verbrechen.
Blumen, halbwelk, von Kinderhänden ausgerauft, hob er vom Wege auf,
um sie irgendwo ins Wasser zu werfen. Er selbst pflückte niemals Veilchen
oder Rosen, um sich damit zu schmücken. Er verabscheute Sträuße und
Kränze; er wollte alles an seinem Ort.
Ihm war wohl und zufrieden. Nur, daß er sich selbst nicht sehen konnte,
bedauerte er. Er selbst mit seinem edlen Gange, einsam in der Frühe auf die
Berge steigend: das hätte ein Motiv abgegeben für einen großen Maler –: und
das Bild stand vor seiner Phantasie.
Dann sah er sich um, ob nicht doch vielleicht irgendeine menschliche
Seele bereits wach sei und ihn sehen könne. Niemand war zu erblicken.
Übrigens fing das merkwürdige Schwatzen – im Ohr oder gar im Kopf
drinnen, er wußte nicht wo – wieder an. Seit einigen Wochen plagte es ihn.
Sicherlich waren es Blutstockungen. Man mußte laufen, sich anstrengen, das
Blut in schnelleren Umlauf versetzen –
Und er beschleunigte seine Schritte.
Allmählich war er so über die Dächer der Häuser hinausgekommen. Er
stand ruhend still und hatte alle Pracht unter sich. Eine Erschütterung überkam
ihn. Ein Gefühl tiefer Zerknirschung brannte in ihm angesichts dieser
Wie wenn ein Dorn aus seinem Herzen sich löste, war ihm zu Sinn, als es
ihm das Auge so still und unwiderstehlich nach außen zog. Das Dunkel in ihm
ward aufgesogen von all dem Licht. Die Köpfchen des gelben Löwenzahns,
gleich unzähligen, kleinen Sonnen in das sprießende Grün des Wegrandes
gelegt, blendeten ihn fast. Durch den schweren Blütenregen der Obstbäume
schossen die Sonnenstrahlen schräg in den wiesigen Grund, ihn mit goldigen
Tupfen überdeckend. So honigsüß dufteten die Birken. Und so viel Leben,
Behaglichkeit und Fleiß sprach aus dem verlorenen Sumsen früher Bienen.
Sorgfältig vermied er im Aufsteigen irgend etwas zu beschädigen oder gar
zu vernichten, was Leben hatte. Das kleinste Käferchen wurde umgangen, die
zudringliche Wespe vorsichtig verscheucht. Er liebte die Mücken und Fliegen
brüderlich, und zu töten, – auch nur den allergewöhnlichsten Kohlweißling –
schien ihm das schwerste aller Verbrechen.
Blumen, halbwelk, von Kinderhänden ausgerauft, hob er vom Wege auf,
um sie irgendwo ins Wasser zu werfen. Er selbst pflückte niemals Veilchen
oder Rosen, um sich damit zu schmücken. Er verabscheute Sträuße und
Kränze; er wollte alles an seinem Ort.
Ihm war wohl und zufrieden. Nur, daß er sich selbst nicht sehen konnte,
bedauerte er. Er selbst mit seinem edlen Gange, einsam in der Frühe auf die
Berge steigend: das hätte ein Motiv abgegeben für einen großen Maler –: und
das Bild stand vor seiner Phantasie.
Dann sah er sich um, ob nicht doch vielleicht irgendeine menschliche
Seele bereits wach sei und ihn sehen könne. Niemand war zu erblicken.
Übrigens fing das merkwürdige Schwatzen – im Ohr oder gar im Kopf
drinnen, er wußte nicht wo – wieder an. Seit einigen Wochen plagte es ihn.
Sicherlich waren es Blutstockungen. Man mußte laufen, sich anstrengen, das
Blut in schnelleren Umlauf versetzen –
Und er beschleunigte seine Schritte.
Allmählich war er so über die Dächer der Häuser hinausgekommen. Er
stand ruhend still und hatte alle Pracht unter sich. Eine Erschütterung überkam
ihn. Ein Gefühl tiefer Zerknirschung brannte in ihm angesichts dieser
Page 43
wundervollen Tiefe. – Lange ließ er das verzückte Auge umherschwelgen: –
über alles hin, zu der Spitze des jenseitigen Berges, dessen schründige Hänge
zartes, wolliges Grün umzog. – Hinunter, wo die veilchenfarbne Fläche des
Sees den Talgrund ausfüllte, wo die weichen, grasigen Uferhügel daraus
hervorstiegen, grüne Polster, überschüttet, soweit die Sehkraft reichte, mit
Blüten und wieder Blüten. Dazwischen Häuschen, Villen und Dörfer, deren
Fenster elektrisch aufblitzten, deren rote Dächer und Türme leuchteten.
Nur im Süden, fern, verband ein grauer, silberiger Duft See und Himmel
und verdeckte die Landschaft; aber über ihm, fein und weiß leuchtend, auf das
blasse Blau der Luft gelegt, schemenhaft tauchten sie auf – einem ungeheuren
Silberschatz vergleichbar – in langer sich verlierender Reihe: die Spitzen der
Schneeberge.
Dort haftete sein Blick – starr – lange. Als es ihn los ließ, blieb nichts
Festes mehr in ihm. Alles weich, aufgelöst. Tränen und Schluchzen.
Er ging weiter.
Von oben her, wo die Buchen anfingen, traf das Geschrei des Kuckucks
sein Ohr: jene zwei Noten, die sich wiederholen, aussetzen, um dann wieder
und wieder zu beginnen. Er ging weiter, nunmehr für sich und grüblerisch.
Mysteriöse Rührungen waren ihm angesichts der Natur nichts
Ungewöhnliches, so stark und jäh wie diesmal indes hatten sie ihn noch
niemals befallen. – Es war eben sein Naturgefühl, das stärker und tiefer wurde.
Nichts war begreiflicher, und es tat nicht not, sich darüber hypochondrische
Gedanken zu machen. Übrigens fing es an, sich in ihm zu verdichten, zu
gestalten, zu erbauen. Kaum daß Minuten vergingen, und alles in ihm war
gebunden und fest.
Er stand still, wieder schauend. Nun war es die Stadt unten, die ihn anzog
und abstieß. Wie ein grauer, widerlicher Schorf erschien sie ihm, wie ein
Grind, der weiter fressen würde, in dies Paradies hineingeimpft: Steinhaufen
an Steinhaufen, spärliches Grün dazwischen. Er begriff, daß der Mensch das
allergefährlichste Ungeziefer sei. Jawohl, das stand außer Zweifel: Städte
waren nicht besser als Beulen, Auswüchse der Kultur. Ihr Anblick verursachte
ihm Ekel und Weh.
über alles hin, zu der Spitze des jenseitigen Berges, dessen schründige Hänge
zartes, wolliges Grün umzog. – Hinunter, wo die veilchenfarbne Fläche des
Sees den Talgrund ausfüllte, wo die weichen, grasigen Uferhügel daraus
hervorstiegen, grüne Polster, überschüttet, soweit die Sehkraft reichte, mit
Blüten und wieder Blüten. Dazwischen Häuschen, Villen und Dörfer, deren
Fenster elektrisch aufblitzten, deren rote Dächer und Türme leuchteten.
Nur im Süden, fern, verband ein grauer, silberiger Duft See und Himmel
und verdeckte die Landschaft; aber über ihm, fein und weiß leuchtend, auf das
blasse Blau der Luft gelegt, schemenhaft tauchten sie auf – einem ungeheuren
Silberschatz vergleichbar – in langer sich verlierender Reihe: die Spitzen der
Schneeberge.
Dort haftete sein Blick – starr – lange. Als es ihn los ließ, blieb nichts
Festes mehr in ihm. Alles weich, aufgelöst. Tränen und Schluchzen.
Er ging weiter.
Von oben her, wo die Buchen anfingen, traf das Geschrei des Kuckucks
sein Ohr: jene zwei Noten, die sich wiederholen, aussetzen, um dann wieder
und wieder zu beginnen. Er ging weiter, nunmehr für sich und grüblerisch.
Mysteriöse Rührungen waren ihm angesichts der Natur nichts
Ungewöhnliches, so stark und jäh wie diesmal indes hatten sie ihn noch
niemals befallen. – Es war eben sein Naturgefühl, das stärker und tiefer wurde.
Nichts war begreiflicher, und es tat nicht not, sich darüber hypochondrische
Gedanken zu machen. Übrigens fing es an, sich in ihm zu verdichten, zu
gestalten, zu erbauen. Kaum daß Minuten vergingen, und alles in ihm war
gebunden und fest.
Er stand still, wieder schauend. Nun war es die Stadt unten, die ihn anzog
und abstieß. Wie ein grauer, widerlicher Schorf erschien sie ihm, wie ein
Grind, der weiter fressen würde, in dies Paradies hineingeimpft: Steinhaufen
an Steinhaufen, spärliches Grün dazwischen. Er begriff, daß der Mensch das
allergefährlichste Ungeziefer sei. Jawohl, das stand außer Zweifel: Städte
waren nicht besser als Beulen, Auswüchse der Kultur. Ihr Anblick verursachte
ihm Ekel und Weh.
Page 44
Zwischen den Buchen angelangt, ließ er sich nieder. Lang ausgestreckt,
den Kopf dicht an der Erde, Humus- und Grasgeruch einziehend, die
transparenten, grünen Halme dicht vor den Augen, lag er da. Ein Behagen
erfüllte ihn so, eine schwellende Liebe, eine taumelnde Glückseligkeit. Wie
Silbersäulen die Buchenstämme. Der wogende und rauschende,
sonnengolddurchschlagene, grüne Baldachin darüber, der Gesang, die Freude,
der eifrige und lachende Jubel der Vögel. Er schloß die Augen, er gab sich
ganz hin. – –
Dabei stieg ihm der Traum der Nacht auf: eine fremde Stimmung zuerst,
ein Herzklopfen, eine Gehobenheit, die eine Vorstellung mitbrachte, über
deren Ursprung er grübeln mußte. Endlich kam die Erinnerung –: zwischen
Tag und Abend. Eine endlose, staubige, italienische Landstraße, noch erhitzt,
flimmernde Wärme ausströmend. Landleute kommen vom Felde, braun, bunt,
zerlumpt. Männer, Weiber und Kinder mit schwarzen, stechenden und
glaubenskranken Augen. Ärmliche Hütten schräg drüben. Über sie her
einfältiges, katholisches Aveglockengebimmel. Er selbst bestaubt, müde,
hungernd, dürstend. Er schreitet langsam, die Leute knien am Wegrand, sie
falten die Hände, sie beten ihn an. Ihm ist weich, ihm ist groß.
Er lag und hing an dem Bilde. Fieber, Wollust, göttliche Hoheitsschauer
wühlten in ihm. Er erhob sich Gott gleich.
Nun war er bestürzt, als er die Augen auftat. Wie eine Säule aus Wasser
brach es zusammen und verrann.
Sich selbst fragend und zur Rede stellend, drang er ins Waldinnere. Er
machte sich Vorwürfe über sein verzücktes Träumen; es kam wider seinen
Willen und Entschluß. Die Wucht seiner Gefühle machte ihm bange, dennoch
aber: es konnte sein, daß seine nagende Angst ohne Grund war.
Übrigens wuchs die Angst, obgleich es ihm jetzt gerade ganz klar wurde,
daß sie grundlos war.
Sie hatten ihn wirklich verehrt, die Italiener, deren Dörfer er zu Fuß
durchzogen hatte. Sie waren gekommen, um ihre Kinder von ihm segnen zu
lassen. Warum sollte er nicht segnen, wenn andere Priester segnen durften? Er
hatte etwas – er hatte mehr mitzuteilen als sie. Es gab ein Wort, ein einziges
den Kopf dicht an der Erde, Humus- und Grasgeruch einziehend, die
transparenten, grünen Halme dicht vor den Augen, lag er da. Ein Behagen
erfüllte ihn so, eine schwellende Liebe, eine taumelnde Glückseligkeit. Wie
Silbersäulen die Buchenstämme. Der wogende und rauschende,
sonnengolddurchschlagene, grüne Baldachin darüber, der Gesang, die Freude,
der eifrige und lachende Jubel der Vögel. Er schloß die Augen, er gab sich
ganz hin. – –
Dabei stieg ihm der Traum der Nacht auf: eine fremde Stimmung zuerst,
ein Herzklopfen, eine Gehobenheit, die eine Vorstellung mitbrachte, über
deren Ursprung er grübeln mußte. Endlich kam die Erinnerung –: zwischen
Tag und Abend. Eine endlose, staubige, italienische Landstraße, noch erhitzt,
flimmernde Wärme ausströmend. Landleute kommen vom Felde, braun, bunt,
zerlumpt. Männer, Weiber und Kinder mit schwarzen, stechenden und
glaubenskranken Augen. Ärmliche Hütten schräg drüben. Über sie her
einfältiges, katholisches Aveglockengebimmel. Er selbst bestaubt, müde,
hungernd, dürstend. Er schreitet langsam, die Leute knien am Wegrand, sie
falten die Hände, sie beten ihn an. Ihm ist weich, ihm ist groß.
Er lag und hing an dem Bilde. Fieber, Wollust, göttliche Hoheitsschauer
wühlten in ihm. Er erhob sich Gott gleich.
Nun war er bestürzt, als er die Augen auftat. Wie eine Säule aus Wasser
brach es zusammen und verrann.
Sich selbst fragend und zur Rede stellend, drang er ins Waldinnere. Er
machte sich Vorwürfe über sein verzücktes Träumen; es kam wider seinen
Willen und Entschluß. Die Wucht seiner Gefühle machte ihm bange, dennoch
aber: es konnte sein, daß seine nagende Angst ohne Grund war.
Übrigens wuchs die Angst, obgleich es ihm jetzt gerade ganz klar wurde,
daß sie grundlos war.
Sie hatten ihn wirklich verehrt, die Italiener, deren Dörfer er zu Fuß
durchzogen hatte. Sie waren gekommen, um ihre Kinder von ihm segnen zu
lassen. Warum sollte er nicht segnen, wenn andere Priester segnen durften? Er
hatte etwas – er hatte mehr mitzuteilen als sie. Es gab ein Wort, ein einziges
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wundervolles Wortjuwel: Friede! Darin lag es, was er brachte, darin lag alles
verschlossen – alles – alles.
Blutgeruch lag über der Welt. Das fließende Blut war das Zeichen des
Kampfes. Diesen Kampf hörte er toben, unaufhörlich, im Wachen und
Schlafen. Es waren Brüder und Brüder, Schwestern und Schwestern, die sich
erschlugen. Er liebte sie alle, er sah ihr Wüten und rang die Hände in Schmerz
und Verzweiflung.
Mit der Stimme des Donners reden zu können wünschte er glühend.
Angesichts der tosenden Schlacht, auf einem Felsblock, allen sichtbar,
stehend, mußte man rufen und winken. Zu warnen vor dem Bruder- und
Schwestermord, hinzuweisen auf den Weg zum Frieden war eine Forderung
des Gewissens.
Er kannte diesen Weg. Man betrat ihn durch ein Tor mit der Aufschrift:
Natur.
Mut und Eifer hatte die Angst seiner Seele allmählich wieder verdrängt. Er
ging, nicht wissend wohin, predigend im Geiste und bei sich selbst zu allem
Volke redend: ihr seid Fresser und Weinsäufer. Auf euren Tafeln prangen
kannibalisch Tierkadaver. Laßt ab vom Schlemmen! Laßt ab vom ruchlosen
Morde der Kreaturen! Früchte des Feldes seien eure Nahrung! Eure seidnen
Betten, eure Polster, eure kostbaren Möbel und Kleider, tragt alles zusammen,
werft die Fackeln hinein, daß die Flamme himmelan schlage und es verzehre!
Habt ihr das getan, dann kommt – kommt alle, die ihr mühselig und beladen
seid und folgt mir nach! In ein Land will ich euch führen, wo Tiger und Büffel
nebeneinander weiden, wo die Schlangen ohne Gift und die Bienen ohne
Stachel sind. Dort wird der Haß in euch sterben und die ewige Liebe lebendig
werden.
Ihm schwoll das Herz. Wie ein reißender Strom stürzte der Schwall
strafender, tröstender und ermahnender Worte. Sein ganzer Körper bebte in
Leidenschaft. Mit hinreißender Stärke überkam ihn der Drang, seine ganze
Liebe und Sehnsucht auszuströmen. Als müsse er den Bäumen und Vögeln
predigen, war ihm zumut. Die Kraft seiner Rede mußte unwiderstehlich sein.
Er hätte das Eichhorn, welches in Bogensprüngen zwischen den Stämmen
hinhuschte, mit einem einzigen Worte bannen und zu sich rufen können. Er
verschlossen – alles – alles.
Blutgeruch lag über der Welt. Das fließende Blut war das Zeichen des
Kampfes. Diesen Kampf hörte er toben, unaufhörlich, im Wachen und
Schlafen. Es waren Brüder und Brüder, Schwestern und Schwestern, die sich
erschlugen. Er liebte sie alle, er sah ihr Wüten und rang die Hände in Schmerz
und Verzweiflung.
Mit der Stimme des Donners reden zu können wünschte er glühend.
Angesichts der tosenden Schlacht, auf einem Felsblock, allen sichtbar,
stehend, mußte man rufen und winken. Zu warnen vor dem Bruder- und
Schwestermord, hinzuweisen auf den Weg zum Frieden war eine Forderung
des Gewissens.
Er kannte diesen Weg. Man betrat ihn durch ein Tor mit der Aufschrift:
Natur.
Mut und Eifer hatte die Angst seiner Seele allmählich wieder verdrängt. Er
ging, nicht wissend wohin, predigend im Geiste und bei sich selbst zu allem
Volke redend: ihr seid Fresser und Weinsäufer. Auf euren Tafeln prangen
kannibalisch Tierkadaver. Laßt ab vom Schlemmen! Laßt ab vom ruchlosen
Morde der Kreaturen! Früchte des Feldes seien eure Nahrung! Eure seidnen
Betten, eure Polster, eure kostbaren Möbel und Kleider, tragt alles zusammen,
werft die Fackeln hinein, daß die Flamme himmelan schlage und es verzehre!
Habt ihr das getan, dann kommt – kommt alle, die ihr mühselig und beladen
seid und folgt mir nach! In ein Land will ich euch führen, wo Tiger und Büffel
nebeneinander weiden, wo die Schlangen ohne Gift und die Bienen ohne
Stachel sind. Dort wird der Haß in euch sterben und die ewige Liebe lebendig
werden.
Ihm schwoll das Herz. Wie ein reißender Strom stürzte der Schwall
strafender, tröstender und ermahnender Worte. Sein ganzer Körper bebte in
Leidenschaft. Mit hinreißender Stärke überkam ihn der Drang, seine ganze
Liebe und Sehnsucht auszuströmen. Als müsse er den Bäumen und Vögeln
predigen, war ihm zumut. Die Kraft seiner Rede mußte unwiderstehlich sein.
Er hätte das Eichhorn, welches in Bogensprüngen zwischen den Stämmen
hinhuschte, mit einem einzigen Worte bannen und zu sich rufen können. Er
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wußte es, wußte es sicher, wie man weiß, daß der Stein fällt. Eine Allmacht
war in ihm: die Allmacht der Wahrheit.
Plötzlich hörte der Wald auf. Fast erschreckt, geblendet, wie jemand, der
aus einem tiefen Schacht aufsteigt, sah er die Welt. Aber es hörte nicht auf in
ihm zu wirken. Mit eins kam Richtung in seine Schritte. Er stieg niederwärts,
den abschüssigen Weg laufend und springend.
Wie ein Soldat, der stürmt, das Ziel im Auge, kam er sich nun vor. Einmal
im Laufen, war es schwer sich aufzuhalten. Die schnelle, heftige Bewegung
aber weckte etwas: eine Lust, eine Art Begeisterung, eine Tollheit.
Das Bewußtsein kam, und mit Grausen sah er sich selbst in großen Sätzen
bergab eilen. Etwas in ihm wollte hastig hemmen, Einhalt tun, aber schon war
es ein Meer, das die Dämme durchbrochen hatte. Ein lähmender Schreck blieb
geduckt im Grunde seiner Seele und ein entsetztes, namenloses Staunen dazu.
Sein Körper indes, wie etwas Fremdes, tobte entfesselt. Er schlug mit den
Händen, knirschte mit den Zähnen und stampfte den Boden. Er lachte – lachte
lauter und lauter, ohne daß es abriß.
Als er zu sich kam, zitterte er. Fast gelähmt vor Entsetzen, hielt er den
Stamm einer jungen Linde umklammert. Nur mit Vorsicht und stets in Angst
vor der Wiederkehr des Unbekannten, Fürchterlichen ging er dann weiter. Aber
er wurde doch wieder frei und sicher, so daß er am Ende über seine Angst
lächeln konnte.
Nun, unter dem festen Gleichmaß seiner Schritte, angesichts der ersten
Häuser, kam die Erinnerung seiner Soldatenzeit. Wie oft, das Herz mit dem
tauben Hochgefühl befriedigter Eitelkeit zum Bersten gefüllt, hatte er als
Leutnant, an der Seite der Truppe, unter klingendem Spiele Einzug gehalten.
Er dachte es kaum, und schon hatte in seinem Kopfe die markige, feurige
Marschmusik eingesetzt, durch die er so oft fanatisiert worden war. Sie klang
in seinem Ohr und bewirkte, daß er die Füße in Takt setzte und Kopf und Brust
ungewöhnlich stolz trug. Sie legte das sieghafte Lächeln um seine Lippen und
den lebendigen Glanz in seine Augen. So marschierend lauschte er zugleich in
sich hinein, verwundert, daß er so jeden Ton, jeden Akkord, jedes Instrument
scharf unterschied, bis auf das Nachschüttern des Zusammenschlags von
Pauke und Becken. Er wußte nicht, sollte ihn die Stärke seiner
war in ihm: die Allmacht der Wahrheit.
Plötzlich hörte der Wald auf. Fast erschreckt, geblendet, wie jemand, der
aus einem tiefen Schacht aufsteigt, sah er die Welt. Aber es hörte nicht auf in
ihm zu wirken. Mit eins kam Richtung in seine Schritte. Er stieg niederwärts,
den abschüssigen Weg laufend und springend.
Wie ein Soldat, der stürmt, das Ziel im Auge, kam er sich nun vor. Einmal
im Laufen, war es schwer sich aufzuhalten. Die schnelle, heftige Bewegung
aber weckte etwas: eine Lust, eine Art Begeisterung, eine Tollheit.
Das Bewußtsein kam, und mit Grausen sah er sich selbst in großen Sätzen
bergab eilen. Etwas in ihm wollte hastig hemmen, Einhalt tun, aber schon war
es ein Meer, das die Dämme durchbrochen hatte. Ein lähmender Schreck blieb
geduckt im Grunde seiner Seele und ein entsetztes, namenloses Staunen dazu.
Sein Körper indes, wie etwas Fremdes, tobte entfesselt. Er schlug mit den
Händen, knirschte mit den Zähnen und stampfte den Boden. Er lachte – lachte
lauter und lauter, ohne daß es abriß.
Als er zu sich kam, zitterte er. Fast gelähmt vor Entsetzen, hielt er den
Stamm einer jungen Linde umklammert. Nur mit Vorsicht und stets in Angst
vor der Wiederkehr des Unbekannten, Fürchterlichen ging er dann weiter. Aber
er wurde doch wieder frei und sicher, so daß er am Ende über seine Angst
lächeln konnte.
Nun, unter dem festen Gleichmaß seiner Schritte, angesichts der ersten
Häuser, kam die Erinnerung seiner Soldatenzeit. Wie oft, das Herz mit dem
tauben Hochgefühl befriedigter Eitelkeit zum Bersten gefüllt, hatte er als
Leutnant, an der Seite der Truppe, unter klingendem Spiele Einzug gehalten.
Er dachte es kaum, und schon hatte in seinem Kopfe die markige, feurige
Marschmusik eingesetzt, durch die er so oft fanatisiert worden war. Sie klang
in seinem Ohr und bewirkte, daß er die Füße in Takt setzte und Kopf und Brust
ungewöhnlich stolz trug. Sie legte das sieghafte Lächeln um seine Lippen und
den lebendigen Glanz in seine Augen. So marschierend lauschte er zugleich in
sich hinein, verwundert, daß er so jeden Ton, jeden Akkord, jedes Instrument
scharf unterschied, bis auf das Nachschüttern des Zusammenschlags von
Pauke und Becken. Er wußte nicht, sollte ihn die Stärke seiner
Page 47
Vorstellungskraft beunruhigen oder erfreuen. Ohne Zweifel war es eine
Fähigkeit. Er hatte die Fähigkeit zur Musik. Er würde sicher große
Kompositionen geschaffen haben. Wie viele Fähigkeiten mochten überhaupt in
ihm erstickt worden sein! Übrigens war das gleichgültig. Alle Kunst war
Unsinn, Gift. Es gab andere, wichtigere Dinge für ihn zu tun.
Ein Mädchen in blauem Kattun, mit einem rosa Brusttuch, eine Kanne aus
Blech in der Hand, welches augenscheinlich Milch austrug, kam ihm
entgegen. Er hatte sie mit dem Blick gestreift und bemerkt, wie sie erstaunt
über seinen Anblick still stand und groß auf ihn blickte. Sie grüßte dann
kleinlaut mit ehrfürchtiger Betonung, und er ging gemessen und ernst dankend
an ihr vorüber.
Sofort war alles in ihm verstummt. Weit hinaus wuchs er im Augenblick
über seine bisherigen kleinen Vorstellungen. Wenn er noch etwas wie Musik in
seinem Ohre trug, so war es jedenfalls keine irdische Melodie. Mit einer
Empfindung schritt er, wie wenn er trockenen Fußes über Wasser ginge. So
hehr und groß kam er sich vor, daß er sich selbst zur Demut ermahnte. Und
wie er das tat, mußte er sich an Christi Einzug in Jerusalem erinnern und
schließlich der Worte: Siehe, dein König kommt zu dir, sanftmütig.
Noch eine Zeitlang fühlte er den Blick des Mädchens sich nachfolgen. Aus
irgendwelchem Grunde hielt er im Gehen möglichst genau die Mitte des
Fahrdamms inne, auch als er eine Biegung machte in eine breite, weiße, sich
abwärts senkende Straße hinein. Dabei wie unter einem Zwange stehend,
mußte er immer und immer wiederholen: Dein König kommt zu dir.
Kinderstimmen sangen diese Worte. Sie lagen ihm noch ungeformt
zwischen Gaumen und Zunge. Aus dem unartikulierten Geräusch seines Atems
konnte er sie heraushören. Dazwischen Hosianna, rauschende Palmenwedel,
Jauchzen, bleiche, verzückte Gesichter. Dann wieder jähe Stille – Einsamkeit.
Er sah auf, voll Verwunderung. Wie leere Kulissen alles. Häuser aus Stein
rechts und links, stumm, nüchtern, schläfrig. Nachdenklich prüfte er.
Allmählich, da es feststand, begann sein Inneres sich daran zu ordnen. So
wurde er klein, einfach, und fing an nüchtern zu schauen.
Hier und da war ein Fenster geöffnet. Der Kopf eines Hausmädchens
wurde sichtbar, man klopfte einen Betteppich aus. Ein Student, schwarzhaarig,
Fähigkeit. Er hatte die Fähigkeit zur Musik. Er würde sicher große
Kompositionen geschaffen haben. Wie viele Fähigkeiten mochten überhaupt in
ihm erstickt worden sein! Übrigens war das gleichgültig. Alle Kunst war
Unsinn, Gift. Es gab andere, wichtigere Dinge für ihn zu tun.
Ein Mädchen in blauem Kattun, mit einem rosa Brusttuch, eine Kanne aus
Blech in der Hand, welches augenscheinlich Milch austrug, kam ihm
entgegen. Er hatte sie mit dem Blick gestreift und bemerkt, wie sie erstaunt
über seinen Anblick still stand und groß auf ihn blickte. Sie grüßte dann
kleinlaut mit ehrfürchtiger Betonung, und er ging gemessen und ernst dankend
an ihr vorüber.
Sofort war alles in ihm verstummt. Weit hinaus wuchs er im Augenblick
über seine bisherigen kleinen Vorstellungen. Wenn er noch etwas wie Musik in
seinem Ohre trug, so war es jedenfalls keine irdische Melodie. Mit einer
Empfindung schritt er, wie wenn er trockenen Fußes über Wasser ginge. So
hehr und groß kam er sich vor, daß er sich selbst zur Demut ermahnte. Und
wie er das tat, mußte er sich an Christi Einzug in Jerusalem erinnern und
schließlich der Worte: Siehe, dein König kommt zu dir, sanftmütig.
Noch eine Zeitlang fühlte er den Blick des Mädchens sich nachfolgen. Aus
irgendwelchem Grunde hielt er im Gehen möglichst genau die Mitte des
Fahrdamms inne, auch als er eine Biegung machte in eine breite, weiße, sich
abwärts senkende Straße hinein. Dabei wie unter einem Zwange stehend,
mußte er immer und immer wiederholen: Dein König kommt zu dir.
Kinderstimmen sangen diese Worte. Sie lagen ihm noch ungeformt
zwischen Gaumen und Zunge. Aus dem unartikulierten Geräusch seines Atems
konnte er sie heraushören. Dazwischen Hosianna, rauschende Palmenwedel,
Jauchzen, bleiche, verzückte Gesichter. Dann wieder jähe Stille – Einsamkeit.
Er sah auf, voll Verwunderung. Wie leere Kulissen alles. Häuser aus Stein
rechts und links, stumm, nüchtern, schläfrig. Nachdenklich prüfte er.
Allmählich, da es feststand, begann sein Inneres sich daran zu ordnen. So
wurde er klein, einfach, und fing an nüchtern zu schauen.
Hier und da war ein Fenster geöffnet. Der Kopf eines Hausmädchens
wurde sichtbar, man klopfte einen Betteppich aus. Ein Student, schwarzhaarig,
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mit wulstigen Lippen, augenscheinlich ein Russe, drehte auf dem Fensterbrett
seine Frühstückszigarette. Und schon wurde es lebendiger auf der Straße. Die
Augen auf den Boden geheftet, unterließ er es doch nicht, verstohlen zu
beobachten. Oft sah er mitten hinein in ein breites, freches Lachen. Oft
bemerkte er, wie Staunen den Spott bannte. Aber hinter seinem Rücken
befreite sich dann der Spott, und dreiste Reden, spitz und beißend, flogen ihm
nach.
Mit jedem Schritt unter so viel Stichen und Schlägen wurde ihm
alltäglicher zu Sinn. Ein Krampf saß ihm in der Kehle. Der alte bittere,
hoffnungslose Gram trat hervor. Wie eine Mauer, dick, unübersteiglich,
richtete sie sich auf vor ihm, die grausame Blindheit der Menschen.
Nun schien es ihm auf einmal, als ob alles Leugnen unnütz sei. Er war
doch wohl nur eine eitle, kleine, flache Natur. Ihm geschah doch wohl recht,
wenn man ihn verhöhnte und verspottete. So empfand er minutenlang die Pein
und Scham eines entlarvten Hochstaplers und den Wunsch, von aller Welt
fortzulaufen, sich zu verkriechen, zu verstecken, oder auf irgendeine Weise
seinem Leben überhaupt ein Ende zu machen.
Wäre er jetzt allein gewesen, würde er den Strick um seinen Kopf, der wie
ein Heiligenschein aussah, heruntergerissen und verbrannt haben. Wie unter
einer Narrenkrone aus Papier, halb vernichtet vor Scham, ging er darunter.
In enge, labyrinthische Gäßchen ohne Sonne hatte er eingelenkt. Ein
kleines Fensterchen voller Backware zog ihn an. Er öffnete die Glastür und trat
in den Laden. Der Bäcker sah ihn an – die Bäckersfrau – er wählte ein kleines
Brot, sagte nichts und ging.
Vor der Tür hatte sich eine Schar Neugieriger angesammelt: eine alte Frau,
Kinder, ein Schlächtergesell, die Mulde mit roten Fleischstücken auf der
Schulter. Er überflog ihre Gesichter, es war nichts Freches darin, und ging
mitten durch sie hin seines Weges.
Mit welchem Ausdruck sie ihn alle angeblickt hatten! Erst die
Bäckersleute. Als ob er des kleinen Brotes nicht zum Essen bedürfe, sondern
vielmehr, um damit ein Wunder zu tun. Und weshalb warteten die Leute auf
ihn vor den Türen? Es mußte doch einen Grund haben. Und nun gar das
seine Frühstückszigarette. Und schon wurde es lebendiger auf der Straße. Die
Augen auf den Boden geheftet, unterließ er es doch nicht, verstohlen zu
beobachten. Oft sah er mitten hinein in ein breites, freches Lachen. Oft
bemerkte er, wie Staunen den Spott bannte. Aber hinter seinem Rücken
befreite sich dann der Spott, und dreiste Reden, spitz und beißend, flogen ihm
nach.
Mit jedem Schritt unter so viel Stichen und Schlägen wurde ihm
alltäglicher zu Sinn. Ein Krampf saß ihm in der Kehle. Der alte bittere,
hoffnungslose Gram trat hervor. Wie eine Mauer, dick, unübersteiglich,
richtete sie sich auf vor ihm, die grausame Blindheit der Menschen.
Nun schien es ihm auf einmal, als ob alles Leugnen unnütz sei. Er war
doch wohl nur eine eitle, kleine, flache Natur. Ihm geschah doch wohl recht,
wenn man ihn verhöhnte und verspottete. So empfand er minutenlang die Pein
und Scham eines entlarvten Hochstaplers und den Wunsch, von aller Welt
fortzulaufen, sich zu verkriechen, zu verstecken, oder auf irgendeine Weise
seinem Leben überhaupt ein Ende zu machen.
Wäre er jetzt allein gewesen, würde er den Strick um seinen Kopf, der wie
ein Heiligenschein aussah, heruntergerissen und verbrannt haben. Wie unter
einer Narrenkrone aus Papier, halb vernichtet vor Scham, ging er darunter.
In enge, labyrinthische Gäßchen ohne Sonne hatte er eingelenkt. Ein
kleines Fensterchen voller Backware zog ihn an. Er öffnete die Glastür und trat
in den Laden. Der Bäcker sah ihn an – die Bäckersfrau – er wählte ein kleines
Brot, sagte nichts und ging.
Vor der Tür hatte sich eine Schar Neugieriger angesammelt: eine alte Frau,
Kinder, ein Schlächtergesell, die Mulde mit roten Fleischstücken auf der
Schulter. Er überflog ihre Gesichter, es war nichts Freches darin, und ging
mitten durch sie hin seines Weges.
Mit welchem Ausdruck sie ihn alle angeblickt hatten! Erst die
Bäckersleute. Als ob er des kleinen Brotes nicht zum Essen bedürfe, sondern
vielmehr, um damit ein Wunder zu tun. Und weshalb warteten die Leute auf
ihn vor den Türen? Es mußte doch einen Grund haben. Und nun gar das
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Getrappel und Geflüster hinter ihm drein. Weshalb lief man ihm nach?
Weshalb verfolgte man ihn?
Er horchte gespannt und wurde bald inne, daß er ein Gefolge von Kindern
hinter sich hatte. Durch Kreuz- und Quergehen über kleine Plätze mit alten
Brunnen darauf, absichtlich umkehrend und die Richtung wechselnd,
vergewisserte er sich, daß der kleine Trupp nicht von ihm abließ.
Warum verfolgten sie ihn und ließen sich nicht genügen an seinem
Anblick? Erwarteten sie mehr von ihm? Hofften sie in der Tat von ihm etwas
Neues, Außergewöhnliches, Wundervolles zu sehen? Es kam ihm vor, als
spräche aus der eintönigen Hast der Geräusche ihrer Füße ein starker Glaube,
ja mehr als dies: eine Gewißheit. Und plötzlich ging es ihm hell auf, weshalb
Propheten, wahrhaftige Menschen voll Größe und Reinheit, so oft am Schluß
zu gemeinen Betrügern werden. Er empfand auf einmal eine brennende Sucht,
einen unwiderstehlichen Trieb, etwas Wundervolles zu verrichten, und die
größte Schmach würde ihm klein erschienen sein im Vergleiche zu dem
Eingeständnis seiner Unkraft.
Bis an den Limmatquai war er inzwischen gelangt, und noch immer
folgten ihm die Kleinen. Einige trabten, die größeren machten unmäßig lange
Schritte, um ihm nachzukommen. In abgebrochenen Worten, mit dem
feierlichen Flüsterton der Kirche vorgebracht, bestand ihre Unterhaltung. Es
war ihm bisher nicht gelungen, etwas von dem, was sie sprachen, zu verstehen.
Plötzlich aber – er hatte es ganz deutlich gehört – wurden die Worte »Herr
Jesus« ausgesprochen.
Die Wirkung eines Zaubers lag in diesen Worten. Er fühlte sich
aufgehoben durch sie, gestärkt, wiederhergestellt.
Jesus war verhöhnt worden: man hatte ihn geschlagen, angespien und ans
Kreuz genagelt. In Verachtung und Spott bestand der Lohn aller Propheten.
Sein eigenes bißchen Leiden kam nicht in Betracht. Kleine, feige Nadelstiche
hatte man ihm versetzt. Ein Zärtling, der daran zugrunde ging!
Zum Kampf war man da. Wunden bewiesen den Krieger. Spott und Hohn
der Menge … wo gab es höhere Ehrenzeichen?! Die Brust damit geschmückt,
durfte man stolz und frei blicken. Und überdies: aus dem Munde der
Unmündigen und Säuglinge hast du dir dein Lob zugerichtet.
Weshalb verfolgte man ihn?
Er horchte gespannt und wurde bald inne, daß er ein Gefolge von Kindern
hinter sich hatte. Durch Kreuz- und Quergehen über kleine Plätze mit alten
Brunnen darauf, absichtlich umkehrend und die Richtung wechselnd,
vergewisserte er sich, daß der kleine Trupp nicht von ihm abließ.
Warum verfolgten sie ihn und ließen sich nicht genügen an seinem
Anblick? Erwarteten sie mehr von ihm? Hofften sie in der Tat von ihm etwas
Neues, Außergewöhnliches, Wundervolles zu sehen? Es kam ihm vor, als
spräche aus der eintönigen Hast der Geräusche ihrer Füße ein starker Glaube,
ja mehr als dies: eine Gewißheit. Und plötzlich ging es ihm hell auf, weshalb
Propheten, wahrhaftige Menschen voll Größe und Reinheit, so oft am Schluß
zu gemeinen Betrügern werden. Er empfand auf einmal eine brennende Sucht,
einen unwiderstehlichen Trieb, etwas Wundervolles zu verrichten, und die
größte Schmach würde ihm klein erschienen sein im Vergleiche zu dem
Eingeständnis seiner Unkraft.
Bis an den Limmatquai war er inzwischen gelangt, und noch immer
folgten ihm die Kleinen. Einige trabten, die größeren machten unmäßig lange
Schritte, um ihm nachzukommen. In abgebrochenen Worten, mit dem
feierlichen Flüsterton der Kirche vorgebracht, bestand ihre Unterhaltung. Es
war ihm bisher nicht gelungen, etwas von dem, was sie sprachen, zu verstehen.
Plötzlich aber – er hatte es ganz deutlich gehört – wurden die Worte »Herr
Jesus« ausgesprochen.
Die Wirkung eines Zaubers lag in diesen Worten. Er fühlte sich
aufgehoben durch sie, gestärkt, wiederhergestellt.
Jesus war verhöhnt worden: man hatte ihn geschlagen, angespien und ans
Kreuz genagelt. In Verachtung und Spott bestand der Lohn aller Propheten.
Sein eigenes bißchen Leiden kam nicht in Betracht. Kleine, feige Nadelstiche
hatte man ihm versetzt. Ein Zärtling, der daran zugrunde ging!
Zum Kampf war man da. Wunden bewiesen den Krieger. Spott und Hohn
der Menge … wo gab es höhere Ehrenzeichen?! Die Brust damit geschmückt,
durfte man stolz und frei blicken. Und überdies: aus dem Munde der
Unmündigen und Säuglinge hast du dir dein Lob zugerichtet.
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Vor einer Frau, die Orangen feilbot, blieb er stehen. Sogleich hielten auch
die Kleinen im Laufen inne, und ein Haufe Neugieriger staute sich auf dem
Bürgersteig. Er hätte seine Früchte gern ohne alles Reden gekauft. Mit einer
Spannung warteten die Leute auf sein erstes Wort, die ihn befangen und scheu
machte. Ein sicheres Gefühl sagte ihm, daß er eine Illusion zu schonen hatte,
daß es von der Art, wie er sprach, abhing, ob seine Hörer ihm weiter folgten
oder enttäuscht davonschlichen. Aber es war nicht zu vermeiden, die
Hökerfrau fragte und schwatzte zu viel, und so mußte er endlich reden.
Er war beruhigt und zufrieden, sobald er seine eigene Stimme vernahm;
etwas Singendes und Getragenes lag darin, eine feierliche und gleichsam
melancholische Würde, die, wie er überzeugt war, Eindruck machen mußte. Er
hatte sich kaum je so reden hören, und indem er sprach, wurde ihm das Reden
selbst zum Genuß, wie dem Sänger der Gesang. Auf der Brücke, unter die
hinein der blaugrüne See seine Wellen schlug, hielt er abermals an. Über das
Geländer gebeugt, nahm er aufs neue Licht, Farbe und Frische des Morgens in
sich auf. Der ungestüme, stärkende Wind, der den See herauffuhr, wehte ihm
den Bart über die Schulter und umspülte ihm Stirn und Brust wie ein kaltes
Bad.
Und nun aus der mutigen Aufwallung seines Innern stieg es auf als ein
fester Entschluß. Die Zeit war gekommen. Etwas mußte geschehen. In ihm
war eine Kraft, die Menschheit aufzurütteln. Jawohl! und sie mochten lachen,
spotten und ihn verhöhnen, er würde sie dennoch erlösen, alle, alle!
Nun fing er an, tief und verschlossen zu grübeln. D a ß es geschehen
würde, stand nun fest; w i e es geschehen würde, mußte erwogen werden. Man
feierte heute Pfingsten, und das war gut. Um Pfingsten hatten die Jünger Jesu
mit feurigen Zungen geredet. Die Feierstimmung bedeutete Empfänglichkeit.
Einem erschlossenen Acker gleichen die Seelen der Menschen an Feiertagen.
Tiefer und tiefer ging er in sich hinein, bis er in Räume eindrang, weit,
hoch, unendlich. Und so ganz versunken war er mit allen Sinnen in diese
zweite Welt, daß er wie ein Schlafender nur willenlos sich fortbewegte. Von
allem, was ihn umgab, drang nichts mehr in sein Bewußtsein außer dem
Getrappel der Kinderfüßchen hinter ihm.
Gleichmäßig eine Zeitlang, schwoll es allmählich an, wie wenn den
Wenigen, die ihm folgten, andere sich angeschlossen hätten. Und stärker und
die Kleinen im Laufen inne, und ein Haufe Neugieriger staute sich auf dem
Bürgersteig. Er hätte seine Früchte gern ohne alles Reden gekauft. Mit einer
Spannung warteten die Leute auf sein erstes Wort, die ihn befangen und scheu
machte. Ein sicheres Gefühl sagte ihm, daß er eine Illusion zu schonen hatte,
daß es von der Art, wie er sprach, abhing, ob seine Hörer ihm weiter folgten
oder enttäuscht davonschlichen. Aber es war nicht zu vermeiden, die
Hökerfrau fragte und schwatzte zu viel, und so mußte er endlich reden.
Er war beruhigt und zufrieden, sobald er seine eigene Stimme vernahm;
etwas Singendes und Getragenes lag darin, eine feierliche und gleichsam
melancholische Würde, die, wie er überzeugt war, Eindruck machen mußte. Er
hatte sich kaum je so reden hören, und indem er sprach, wurde ihm das Reden
selbst zum Genuß, wie dem Sänger der Gesang. Auf der Brücke, unter die
hinein der blaugrüne See seine Wellen schlug, hielt er abermals an. Über das
Geländer gebeugt, nahm er aufs neue Licht, Farbe und Frische des Morgens in
sich auf. Der ungestüme, stärkende Wind, der den See herauffuhr, wehte ihm
den Bart über die Schulter und umspülte ihm Stirn und Brust wie ein kaltes
Bad.
Und nun aus der mutigen Aufwallung seines Innern stieg es auf als ein
fester Entschluß. Die Zeit war gekommen. Etwas mußte geschehen. In ihm
war eine Kraft, die Menschheit aufzurütteln. Jawohl! und sie mochten lachen,
spotten und ihn verhöhnen, er würde sie dennoch erlösen, alle, alle!
Nun fing er an, tief und verschlossen zu grübeln. D a ß es geschehen
würde, stand nun fest; w i e es geschehen würde, mußte erwogen werden. Man
feierte heute Pfingsten, und das war gut. Um Pfingsten hatten die Jünger Jesu
mit feurigen Zungen geredet. Die Feierstimmung bedeutete Empfänglichkeit.
Einem erschlossenen Acker gleichen die Seelen der Menschen an Feiertagen.
Tiefer und tiefer ging er in sich hinein, bis er in Räume eindrang, weit,
hoch, unendlich. Und so ganz versunken war er mit allen Sinnen in diese
zweite Welt, daß er wie ein Schlafender nur willenlos sich fortbewegte. Von
allem, was ihn umgab, drang nichts mehr in sein Bewußtsein außer dem
Getrappel der Kinderfüßchen hinter ihm.
Gleichmäßig eine Zeitlang, schwoll es allmählich an, wie wenn den
Wenigen, die ihm folgten, andere sich angeschlossen hätten. Und stärker und
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stärker immer, als ob aus Einzelnen Hunderte, aus Hunderten Tausende
geworden wären.
Ganz plötzlich wurde er aufmerksam, und nun war es, als ob hinter ihm
drein Heeresmassen sich wälzten.
In seinen Füßen bis in die Knöchel hinauf spürte er ein Erzittern des
Erdreiches. Er vernahm hinter sich starkes Atmen, heißes, hastiges Geflüster.
Er vernahm Frohlocken, kurz abgerissen, halb unterdrückt, das sich weit
zurück fortpflanzte und erst in tiefen Fernen echohaft erstarb.
Was das bedeutete, wußte er wohl. Daß es so überraschend schnell kam,
hatte er nicht erwartet. Durch seine Glieder brannte der Stolz eines Feldherrn,
und das Bewußtsein einer unerhörten Verantwortung lastete nicht schwerer auf
ihm wie der Strick auf seinem Kopfe. Er war ja der, der er war. Er wußte ja
den Weg, den er sie führen mußte. Er spürte ja aus dem Lachen und Drängen
seiner Seele, daß es ihm nahe war, jenes Endglück der Welt, wonach die
blinden Menschen mit blutenden Augen und Händen so viele Jahrtausende
vergebens gesucht hatten.
So schritt er voran – er – er – also doch er! und in die Stapfen seiner Füße
stürzten die Völker wie Meereswogen. Zu ihm blickten sie auf, die Milliarden.
Der letzte Spötter war längst verstummt. Der letzte Verächter war eine Mythe
geworden.
So schritt er voran, dem Gebirge entgegen. Dort oben war die Grenze,
dahinter lag das Land, wo das Glück im Arme des Friedens ewig ruhte. Und
schon jetzt durchdrang ihn das Glück mit einer Wucht und Gewalt, die ihm
bewies, daß man athletische Muskeln nötig hatte, um es zu ertragen.
Er hatte sie, er hatte athletische Muskeln. Sein Leben, sein Dasein war jetzt
nur ein wollüstiges, spielendes Kraftentfalten.
Eine Lust kam ihn an, mit Felsen und Bäumen Fangball zu spielen. Aber
hinter ihm rauschten die seidenen Banner, drängte und dröhnte unaufhaltsam
die ungeheure Wallfahrt der Menschen.
Man rief, man lockte, man winkte; schwarze, blaue, rote Schleier
flatterten; blonde offene Frauenhaare; graue und weiße Köpfe nickten; Fleisch
bloßer, nerviger Arme leuchtete auf; begeisterte Augen, zum Himmel blickend,
geworden wären.
Ganz plötzlich wurde er aufmerksam, und nun war es, als ob hinter ihm
drein Heeresmassen sich wälzten.
In seinen Füßen bis in die Knöchel hinauf spürte er ein Erzittern des
Erdreiches. Er vernahm hinter sich starkes Atmen, heißes, hastiges Geflüster.
Er vernahm Frohlocken, kurz abgerissen, halb unterdrückt, das sich weit
zurück fortpflanzte und erst in tiefen Fernen echohaft erstarb.
Was das bedeutete, wußte er wohl. Daß es so überraschend schnell kam,
hatte er nicht erwartet. Durch seine Glieder brannte der Stolz eines Feldherrn,
und das Bewußtsein einer unerhörten Verantwortung lastete nicht schwerer auf
ihm wie der Strick auf seinem Kopfe. Er war ja der, der er war. Er wußte ja
den Weg, den er sie führen mußte. Er spürte ja aus dem Lachen und Drängen
seiner Seele, daß es ihm nahe war, jenes Endglück der Welt, wonach die
blinden Menschen mit blutenden Augen und Händen so viele Jahrtausende
vergebens gesucht hatten.
So schritt er voran – er – er – also doch er! und in die Stapfen seiner Füße
stürzten die Völker wie Meereswogen. Zu ihm blickten sie auf, die Milliarden.
Der letzte Spötter war längst verstummt. Der letzte Verächter war eine Mythe
geworden.
So schritt er voran, dem Gebirge entgegen. Dort oben war die Grenze,
dahinter lag das Land, wo das Glück im Arme des Friedens ewig ruhte. Und
schon jetzt durchdrang ihn das Glück mit einer Wucht und Gewalt, die ihm
bewies, daß man athletische Muskeln nötig hatte, um es zu ertragen.
Er hatte sie, er hatte athletische Muskeln. Sein Leben, sein Dasein war jetzt
nur ein wollüstiges, spielendes Kraftentfalten.
Eine Lust kam ihn an, mit Felsen und Bäumen Fangball zu spielen. Aber
hinter ihm rauschten die seidenen Banner, drängte und dröhnte unaufhaltsam
die ungeheure Wallfahrt der Menschen.
Man rief, man lockte, man winkte; schwarze, blaue, rote Schleier
flatterten; blonde offene Frauenhaare; graue und weiße Köpfe nickten; Fleisch
bloßer, nerviger Arme leuchtete auf; begeisterte Augen, zum Himmel blickend,
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oder flammend auf ihn gerichtet, voll reinen Glaubens: auf ihn, der
voranschritt.
Und nun sprach er es aus, ganz leise, kaum hörbar, das heilige
Kleinodwort: – Weltfriede! Aber es lebte und flog zurück von einem zum
andern. Es war ein Gemurmel der Ergriffenheit und Feierlichkeit. Von ferne
her kam der Wind und brachte weiche Akkorde beginnender Choräle.
Gedämpfte Posaunenklänge, Menschenstimmen, welche zaghaft und rein
sangen; bis etwas brach, wie das Eis eines Stromes, und ein Gesang
emporschwoll wie von tausend brausenden Orgeln. Ein Gesang, der ganz
Seele und Sturm war und eine alte Melodie hatte, die er kannte: »Nun danket
alle Gott.«
Er kam zu sich. Sein Herz hämmerte. Er war nahe am Weinen. Vor seinen
Augen schwammen weiße Punkte durcheinander. Seine Glieder waren wie
zerschlagen.
Er setzte sich auf eine Bank nieder, die am See stand, und fing an, das Brot
zu essen, das er sich gekauft hatte. Dann schälte er die Orange und drückt die
kalte Schale an seine Stirn. Mit Andacht, wie der Christ die Hostie, genoß er
die Frucht. Noch war er damit nicht zu Ende, als er müde zurücksank. Ein
wenig Schlaf würde ihm willkommen gewesen sein. Ja, wenn das so leicht
wäre: ausruhen. Wie soll man ruhen, wenn es im Kopfe drinnen endlos wühlt
und gärt? Wenn das Herz heraus will, wenn es einen zieht ins Unbestimmte, –
wenn man eine Mission hat, die verlangt, daß man sich ihr unterziehe – wenn
die Menschen draußen warten und sich die Köpfe zerbrechen? Wie soll man
ruhen und schlafen, wo es not tut zu handeln?
Es war ein peinigender Zustand, wie er so dalag. Fragen und Fragen und
nie eine Antwort. Graue, quälende Leere, mitunter schmerzende Stockungen.
An einen Ziehbrunnen mußte er denken. Man steht, zieht mit aller Kraft am
Seil, aber das Rad, worüber es geht, dreht sich nicht mehr. Man läßt nicht nach
mit Zerren und Stemmen. Der Eimer soll herauf. Man dürstet zum
Verschmachten. Das Rad gibt nicht nach. Weder vor- noch rückwärts schiebt
sich das Seil. – Eine Plage war das, eine Qual – beinahe ein physisches
Leiden. Als er Schritte vernahm, freute er sich der Ablenkung. Ja, du lieber
Gott! Was war das überhaupt für ein Gedanke gewesen, jetzt schlafen zu
wollen! Er stand auf, verwundert, daß er sich in seiner Kammer befand, und
voranschritt.
Und nun sprach er es aus, ganz leise, kaum hörbar, das heilige
Kleinodwort: – Weltfriede! Aber es lebte und flog zurück von einem zum
andern. Es war ein Gemurmel der Ergriffenheit und Feierlichkeit. Von ferne
her kam der Wind und brachte weiche Akkorde beginnender Choräle.
Gedämpfte Posaunenklänge, Menschenstimmen, welche zaghaft und rein
sangen; bis etwas brach, wie das Eis eines Stromes, und ein Gesang
emporschwoll wie von tausend brausenden Orgeln. Ein Gesang, der ganz
Seele und Sturm war und eine alte Melodie hatte, die er kannte: »Nun danket
alle Gott.«
Er kam zu sich. Sein Herz hämmerte. Er war nahe am Weinen. Vor seinen
Augen schwammen weiße Punkte durcheinander. Seine Glieder waren wie
zerschlagen.
Er setzte sich auf eine Bank nieder, die am See stand, und fing an, das Brot
zu essen, das er sich gekauft hatte. Dann schälte er die Orange und drückt die
kalte Schale an seine Stirn. Mit Andacht, wie der Christ die Hostie, genoß er
die Frucht. Noch war er damit nicht zu Ende, als er müde zurücksank. Ein
wenig Schlaf würde ihm willkommen gewesen sein. Ja, wenn das so leicht
wäre: ausruhen. Wie soll man ruhen, wenn es im Kopfe drinnen endlos wühlt
und gärt? Wenn das Herz heraus will, wenn es einen zieht ins Unbestimmte, –
wenn man eine Mission hat, die verlangt, daß man sich ihr unterziehe – wenn
die Menschen draußen warten und sich die Köpfe zerbrechen? Wie soll man
ruhen und schlafen, wo es not tut zu handeln?
Es war ein peinigender Zustand, wie er so dalag. Fragen und Fragen und
nie eine Antwort. Graue, quälende Leere, mitunter schmerzende Stockungen.
An einen Ziehbrunnen mußte er denken. Man steht, zieht mit aller Kraft am
Seil, aber das Rad, worüber es geht, dreht sich nicht mehr. Man läßt nicht nach
mit Zerren und Stemmen. Der Eimer soll herauf. Man dürstet zum
Verschmachten. Das Rad gibt nicht nach. Weder vor- noch rückwärts schiebt
sich das Seil. – Eine Plage war das, eine Qual – beinahe ein physisches
Leiden. Als er Schritte vernahm, freute er sich der Ablenkung. Ja, du lieber
Gott! Was war das überhaupt für ein Gedanke gewesen, jetzt schlafen zu
wollen! Er stand auf, verwundert, daß er sich in seiner Kammer befand, und
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öffnete die Tür nach dem Flur. Seine Mutter, wie er wußte, stand auf dem
Gange, und er mußte sie hereinlassen. Sie kam, sah ihn an mit strahlender
Bewunderung, ihre Lippen zitterten, und sie faltete in Ehrfurcht ihre Hände. Er
legte ihr die Hände aufs Haupt und sprach: stehe auf! – und – die Kranke
erhob sich und konnte gehen. Und wie sie sich aufrichtete, erkannte er, daß es
nicht seine Mutter war, sondern er, der Dulder von Nazareth. Nicht nur geheilt
hatte er ihn; er hatte ihn lebendig gemacht. Noch wehten die Grabtücher um
Jesu Leib. Er kam auf ihn zu und schritt in ihn hinein. Und eine
unbeschreibliche Musik tönte, als er so in ihn hineinging. Den ganzen
geheimnisvollen Vorgang als die Gewalt Jesu in der seinigen sich auflöste,
empfand er genau. Er sah nun die Jünger, die den Meister suchten. Aus ihnen
trat Petrus auf ihn zu und sagte: Rabbi! – »Ich bin es,« gab er zur Antwort.
Und Petrus kam näher, ganz nahe, berührte seinen Augapfel und begann ihn zu
drehen: der Jünger drehte den Erdball. Die Stunde war da, sich dem Volke zu
zeigen. Auf den Balkon des Saales, den er bewohnte, trat er hinaus. Unten
wogte die Menge, und in das Brausen und Wogen sang eine einzige dünne
Kinderstimme: »Christ ist erstanden.«
Sie hatte kaum begonnen, als das Eisen des Balkons nachgab. Er erschrak
heftig, wachte auf, rieb sich die Augen und wurde inne, daß er auf der Bank
eingeschlafen war. –
Gegen Mittag mochte es sein. Er wollte wieder hinauf in den Buchenwald,
um seine Zeit abzuwarten Die Sonne sollte ihn weihen, dort oben.
Noch immer kühle und reine Luft, wie er den Berg hinanstieg. Hymnen der
Vögel. Der Himmel wie eine blaßblaue, leere Kristallschale. Alles so
makellos. Alles so neu.
Auch er selbst war neu. Er betrachtete seine Hand, es war die Hand eines
Gottes; und wie frei und rein war sein Geist! Und diese Ungebundenheit der
Glieder, diese völlige innere Sicherheit und Skrupellosigkeit. Grübeln und
Denken lag ihm nun weltfern. Er lächelte voll Mitleid, wenn er an die
Philosophen dieser Welt zurückdachte. Daß sie mit ihrem Grübeln etwas
ergründen wollten, war so rührend, wie wenn etwa ein Kind sich abmüht, mit
seinen zwei bloßen Ärmchen in die Luft zu fliegen.
Nein, nein – dazu gehören Flügel, breite Riesenschwingen eines Adlers –
Kraft eines Gottes!
Gange, und er mußte sie hereinlassen. Sie kam, sah ihn an mit strahlender
Bewunderung, ihre Lippen zitterten, und sie faltete in Ehrfurcht ihre Hände. Er
legte ihr die Hände aufs Haupt und sprach: stehe auf! – und – die Kranke
erhob sich und konnte gehen. Und wie sie sich aufrichtete, erkannte er, daß es
nicht seine Mutter war, sondern er, der Dulder von Nazareth. Nicht nur geheilt
hatte er ihn; er hatte ihn lebendig gemacht. Noch wehten die Grabtücher um
Jesu Leib. Er kam auf ihn zu und schritt in ihn hinein. Und eine
unbeschreibliche Musik tönte, als er so in ihn hineinging. Den ganzen
geheimnisvollen Vorgang als die Gewalt Jesu in der seinigen sich auflöste,
empfand er genau. Er sah nun die Jünger, die den Meister suchten. Aus ihnen
trat Petrus auf ihn zu und sagte: Rabbi! – »Ich bin es,« gab er zur Antwort.
Und Petrus kam näher, ganz nahe, berührte seinen Augapfel und begann ihn zu
drehen: der Jünger drehte den Erdball. Die Stunde war da, sich dem Volke zu
zeigen. Auf den Balkon des Saales, den er bewohnte, trat er hinaus. Unten
wogte die Menge, und in das Brausen und Wogen sang eine einzige dünne
Kinderstimme: »Christ ist erstanden.«
Sie hatte kaum begonnen, als das Eisen des Balkons nachgab. Er erschrak
heftig, wachte auf, rieb sich die Augen und wurde inne, daß er auf der Bank
eingeschlafen war. –
Gegen Mittag mochte es sein. Er wollte wieder hinauf in den Buchenwald,
um seine Zeit abzuwarten Die Sonne sollte ihn weihen, dort oben.
Noch immer kühle und reine Luft, wie er den Berg hinanstieg. Hymnen der
Vögel. Der Himmel wie eine blaßblaue, leere Kristallschale. Alles so
makellos. Alles so neu.
Auch er selbst war neu. Er betrachtete seine Hand, es war die Hand eines
Gottes; und wie frei und rein war sein Geist! Und diese Ungebundenheit der
Glieder, diese völlige innere Sicherheit und Skrupellosigkeit. Grübeln und
Denken lag ihm nun weltfern. Er lächelte voll Mitleid, wenn er an die
Philosophen dieser Welt zurückdachte. Daß sie mit ihrem Grübeln etwas
ergründen wollten, war so rührend, wie wenn etwa ein Kind sich abmüht, mit
seinen zwei bloßen Ärmchen in die Luft zu fliegen.
Nein, nein – dazu gehören Flügel, breite Riesenschwingen eines Adlers –
Kraft eines Gottes!
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Er trug etwas wie einen ungeheuren Diamanten in seinem Kopfe, dessen
Licht alle schwarzen Tiefen und Abgründe hell machte: da war kein Dunkel
mehr in seinem Bereich … Das große Wissen war angebrochen. –
Die Glocken der Kirchen begannen zu läuten. Ein Gewühl und Gebrause
von Tönen erfüllte das Tal. Mit einer erznen Zunge schien die Luft zu
sprechen.
Er beugte sich vor und lauschte, als es zu ihm heraufkam. Er senkte das
Haupt nicht, er kniete nicht nieder. Er horchte lächelnd wie auf eines alten
Freundes Stimme, und doch war es Gottvater, der mit seinem Sohne redete.
Ende
We r k e v o n G e r h a r t H a u p t m a n n :
Vor Sonnenaufgang. Bühnendichtung. 13. Auflage.
Das Friedensfest. Soziales Drama. 8. Auflage.
Einsame Menschen. Drama. 30. Auflage.
Die Weber. Schauspiel. 46. Auflage.
Kollege Crampton. Komödie. 9. Auflage.
Der Biberpelz. Eine Diebskomödie. 16. Auflage.
Hanneles Himmelfahrt. Eine Traumdichtung. 26. Auflage.
Florian Geyer. 10. Auflage.
Die versunkene Glocke. Ein deutsches Märchendrama. 85. Auflage.
Fuhrmann Henschel. Schauspiel. (Originalausg.) 16. Auflage.
Fuhrmann Henschel. Schauspiel. (Übertragung.) 18. Auflage.
Schluck und Jau. Spiel zu Scherz und Schimpf. 10. Auflage.
Licht alle schwarzen Tiefen und Abgründe hell machte: da war kein Dunkel
mehr in seinem Bereich … Das große Wissen war angebrochen. –
Die Glocken der Kirchen begannen zu läuten. Ein Gewühl und Gebrause
von Tönen erfüllte das Tal. Mit einer erznen Zunge schien die Luft zu
sprechen.
Er beugte sich vor und lauschte, als es zu ihm heraufkam. Er senkte das
Haupt nicht, er kniete nicht nieder. Er horchte lächelnd wie auf eines alten
Freundes Stimme, und doch war es Gottvater, der mit seinem Sohne redete.
Ende
We r k e v o n G e r h a r t H a u p t m a n n :
Vor Sonnenaufgang. Bühnendichtung. 13. Auflage.
Das Friedensfest. Soziales Drama. 8. Auflage.
Einsame Menschen. Drama. 30. Auflage.
Die Weber. Schauspiel. 46. Auflage.
Kollege Crampton. Komödie. 9. Auflage.
Der Biberpelz. Eine Diebskomödie. 16. Auflage.
Hanneles Himmelfahrt. Eine Traumdichtung. 26. Auflage.
Florian Geyer. 10. Auflage.
Die versunkene Glocke. Ein deutsches Märchendrama. 85. Auflage.
Fuhrmann Henschel. Schauspiel. (Originalausg.) 16. Auflage.
Fuhrmann Henschel. Schauspiel. (Übertragung.) 18. Auflage.
Schluck und Jau. Spiel zu Scherz und Schimpf. 10. Auflage.
Page 55
Michael Kramer. Drama. 11. Auflage.
Der rote Hahn. Tragikomödie. 8. Auflage.
Der arme Heinrich. Dramatische Dichtung. 23. Auflage.
Rose Bernd. Schauspiel. 18. Auflage.
Elga. 8. Auflage.
Und Pippa tanzt! Ein Glashüttenmärchen. 10. Auflage.
Die Jungfern vom Bischofsberg. Lustspiel. 4. Auflage.
Kaiser Karls Geisel. Drama. 6. Auflage.
Griechischer Frühling. 7. Auflage.
Griselda. 6. Auflage.
Der Narr in Christo Emanuel Quint. Roman. 18. Auflage.
Die Ratten. Berliner Tragikomödie. 7. Auflage.
Gabriel Schillings Flucht. Drama. 10. Auflage.
Atlantis. Roman. 27. Auflage.
Festspiel. 32. Auflage.
Der Bogen des Odysseus. 7. Auflage.
Gesamtausgaben moderner Dichter
Der rote Hahn. Tragikomödie. 8. Auflage.
Der arme Heinrich. Dramatische Dichtung. 23. Auflage.
Rose Bernd. Schauspiel. 18. Auflage.
Elga. 8. Auflage.
Und Pippa tanzt! Ein Glashüttenmärchen. 10. Auflage.
Die Jungfern vom Bischofsberg. Lustspiel. 4. Auflage.
Kaiser Karls Geisel. Drama. 6. Auflage.
Griechischer Frühling. 7. Auflage.
Griselda. 6. Auflage.
Der Narr in Christo Emanuel Quint. Roman. 18. Auflage.
Die Ratten. Berliner Tragikomödie. 7. Auflage.
Gabriel Schillings Flucht. Drama. 10. Auflage.
Atlantis. Roman. 27. Auflage.
Festspiel. 32. Auflage.
Der Bogen des Odysseus. 7. Auflage.
Gesamtausgaben moderner Dichter
Page 56
Björnstjerne Björnson
Gesammelte Werke. Volksausgabe in fünf Bänden. In Leinen 15 Mark.
Gesammelte Werke. Volksausgabe in fünf Bänden. In Leinen 15 Mark.
Page 57
Richard Dehmel
Gesammelte Werke in zehn Bänden. Geheftet 30 Mark, in Halbpergament
40 Mark, in Ganzpergament 50 Mark.
Gesammelte Werke in drei Bänden. In Leinen 12 Mark 50 Pfennig, in
Halbleder 16 Mark.
Gesammelte Werke in zehn Bänden. Geheftet 30 Mark, in Halbpergament
40 Mark, in Ganzpergament 50 Mark.
Gesammelte Werke in drei Bänden. In Leinen 12 Mark 50 Pfennig, in
Halbleder 16 Mark.
Page 58
Theodor Fontane
Gesammelte Werke. Auswahl in fünf Bänden. In Leinen 20 Mark.
Gesammelte Werke. Auswahl in fünf Bänden. In Leinen 20 Mark.
Page 59
Gustaf af Geijerstam
Gesammelte Romane in fünf Bänden. Geheftet 12 Mark, in Leinen 15 Mark.
Gesammelte Romane in fünf Bänden. Geheftet 12 Mark, in Leinen 15 Mark.
Page 60
Otto Erich Hartleben
Ausgewählte Werke in drei Bänden. Geheftet 8 Mark, in Pappbänden 10 Mark,
in Ganzpergament 15 Mark.
Ausgewählte Werke in drei Bänden. Geheftet 8 Mark, in Pappbänden 10 Mark,
in Ganzpergament 15 Mark.
Page 61
Gerhart Hauptmann
Gesammelte Werke. Gesamtausgabe in sechs Bänden. In Leinen 24 Mark, in
Halbleder 30 Mark.
Gesammelte Werke. Gesamtausgabe in sechs Bänden. In Leinen 24 Mark, in
Halbleder 30 Mark.
Page 62
Henrik Ibsen
Sämtliche Werke in deutscher Sprache. Zehn Bände. Geheftet 35 Mark, in
Leinen 45 Mark.
Sämtliche Werke in deutscher Sprache. Zehn Bände. Geheftet 35 Mark, in
Leinen 45 Mark.
Page 63
Henrik Ibsen
Sämtliche Werke. Volksausgabe in fünf Bänden. In Leinen gebunden 15 Mark.
Sämtliche Werke. Volksausgabe in fünf Bänden. In Leinen gebunden 15 Mark.
Page 64
Peter Nansen
Ausgewählte Werke in drei Bänden. In Leinen gebunden 12 Mark.
Ausgewählte Werke in drei Bänden. In Leinen gebunden 12 Mark.
Page 65
Arthur Schnitzler
Gesammelte Werke. I. Die erzählenden Schriften in drei Bänden. In Leinen
10 Mark, in Halbleder 13 Mark, in Ganzleder 17 Mark.
II. Die Theaterstücke in vier Bänden. In Leinen 12 Mark, in Halbleder 16 Mark,
in Ganzleder 21 Mark.
Gesammelte Werke. I. Die erzählenden Schriften in drei Bänden. In Leinen
10 Mark, in Halbleder 13 Mark, in Ganzleder 17 Mark.
II. Die Theaterstücke in vier Bänden. In Leinen 12 Mark, in Halbleder 16 Mark,
in Ganzleder 21 Mark.
Page 66
Bernard Shaw
Dramatische Werke. Auswahl in drei Bänden. In Leinen 12 Mark.
Sammlung von Schriften zur
Zeitgeschichte
Jeder Band gebunden 1 Mark
1. B a n d: Aus den Kämpfen um Lüttich. Von einem Sanitätssoldaten.
2. B a n d: Weltwirtschaft und Nationalwirtschaft. Von Franz Oppenheimer.
3. B a n d: Der englische Charakter, heute wie gestern. Von Theodor Fontane.
4. B a n d: Preußische Prägung. Von Lucia Dora Frost.
5. B a n d: Friedrich und die große Koalition. Von Thomas Mann.
6. B a n d: Die Fahrten der Emden und der Ayesha. Mit 20 Abbildungen. Von Emil
Ludwig.
7. B a n d: In England – Ostpreußen – Südösterreich. Von Arthur Holitscher.
8. B a n d: Der deutsche Mensch. Von Leopold Ziegler.
9. B a n d: Russischer Volksimperialismus. Von Karl Leuthner.
Dramatische Werke. Auswahl in drei Bänden. In Leinen 12 Mark.
Sammlung von Schriften zur
Zeitgeschichte
Jeder Band gebunden 1 Mark
1. B a n d: Aus den Kämpfen um Lüttich. Von einem Sanitätssoldaten.
2. B a n d: Weltwirtschaft und Nationalwirtschaft. Von Franz Oppenheimer.
3. B a n d: Der englische Charakter, heute wie gestern. Von Theodor Fontane.
4. B a n d: Preußische Prägung. Von Lucia Dora Frost.
5. B a n d: Friedrich und die große Koalition. Von Thomas Mann.
6. B a n d: Die Fahrten der Emden und der Ayesha. Mit 20 Abbildungen. Von Emil
Ludwig.
7. B a n d: In England – Ostpreußen – Südösterreich. Von Arthur Holitscher.
8. B a n d: Der deutsche Mensch. Von Leopold Ziegler.
9. B a n d: Russischer Volksimperialismus. Von Karl Leuthner.
Page 67
10. B a n d: Die Flüchtlinge. Von einer Reise durch Holland hinter die belgische Front. Von
Norbert Jacques.
11. B a n d: Zwischen Lindau und Memel während des Krieges. Von Paul Schlenther.
12. B a n d: Deutsche Kunst. Von Karl Scheffler.
13. B a n d: Gedanken zur deutschen Sendung. Von Alfred Weber.
S . F i s c h e r · Ve r l a g · B e r l i n
Norbert Jacques.
11. B a n d: Zwischen Lindau und Memel während des Krieges. Von Paul Schlenther.
12. B a n d: Deutsche Kunst. Von Karl Scheffler.
13. B a n d: Gedanken zur deutschen Sendung. Von Alfred Weber.
S . F i s c h e r · Ve r l a g · B e r l i n
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*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK BAHNWÄRTER
THIEL ***
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to date contact information can be found at the Foundation’s website and
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electronic works
Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg
concept of a library of electronic works that could be freely shared with
anyone. For forty years, he produced and distributed Project Gutenberg
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