Die Schwestern im Kreuz _ Erzählung (German) Aleksei Remizov 1060 downloads.pdf

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Title: Die Schwestern im Kreuz
Erzählung

Author: Aleksei Remizov

Author of introduction, etc.: E. V. Anichkov

Translator: Fega Frisch

Release date: March 21, 2025 [eBook #75679]

Language: German

Original publication: Muenchen, Leipzig: Georg Mueller, 1912

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/75679

Credits: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team at
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE
SCHWESTERN IM KREUZ ***

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Remisow / Die Schwestern im Kreuz

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Alexej Remisow

Die Schwestern im Kreuz
Erzählung

1913
München und Leipzig bei Georg Müller

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Copyright 1912 by Georg Müller München

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Autorisierte Uebersetzung von Fega Frisch

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Einleitung
von Professor Eugen Anitschkow
(St. Petersburg)

A lexej Remisow ist im Herzen Rußlands, in Moskau, geboren. Dort sind
vierzig mal vierzig Kirchen; täglich dröhnen dort zur Früh- und
Abendmesse die Glocken, die großen und feierlichen in den Klöstern
und Kathedralen, die Zarenglocken des Kreml; es antworten ihnen mit allen
ihren Glocken die kleinen und niedrigen Glockentürme in den uralten
Pfarrkirchen. Gar viele Pfarrkirchen hat Moskau; um sie herum schlängeln
sich die Straßen und Gäßchen, in ihnen lebt der Moskauer Handelsstand
sein eigenes urwüchsiges Leben. Alle Fasten werden streng eingehalten; an
den Feiertagen ziehen die Priester mit dem ganzen Klerus aus einem Haus
ins andere, um die festlichen Tafeln zu segnen; dort werden bis heute die
Märtyrer- und Heiligenlegenden in der uralten Schrift gelesen, dunkle und
vertraute Mitteilungen über Gottesmänner und große Märtyrer. Mancher ist
sauber gekleidet und sieht ganz europäisch aus: ein gestärktes Vorhemd und
eine Krawatte nach der letzten Pariser Mode – doch beginnt er sich
auszuziehen, so entdeckt man ein kattunenes russisches Hemd darunter und
einen geweihten Gürtel mit eingewebten Gebeten. Voll Inbrunst kniet der
moderne Stutzer vor dem Familienschrein mit den Heiligenbildern. Der
unter der neumodischen Wäsche verborgene geweihte Gürtel schützt vor
Uebel. Der alte Glaube ist fest in ihm, und der uralte Kaufmannsstand in
Moskau lebt nach der Väter Art.
Einst wurde er von dem Advokatensohn Ostrowskij auf die Bühne
gebracht. Seitdem war es Mode, sich über die rührseligen Mitjas, die
gutmütigen Andrej Bruskows, die durchtriebenen Podchaljusins, über die
dünkelhaften Väter: Tit Tititsch und Torzows zu amüsieren. Das „finstere
Reich“ nannte die Kritik den Moskauer Kaufmannsstand. Diese eigenartige
Welt blieb ganz abseits von den großen Wegen der russischen Literatur. Um
die Mitte des vergangenen Jahrhunderts war die Literatur vorwiegend
ländlich, Gutsbesitzer- und Bauernliteratur. Die Stadt schämte sich

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gleichsam ihrer selbst. Was in ihr geschah, besonders unter der
Handelsbevölkerung in den alten Kirchspielen, das wußte man nicht, das
wollte man nicht wissen. Und wenn in der Literatur auch einige Sprößlinge
aus dieser Welt auftraten, so waren sie bemüht, möglichst rasch zu
vergessen, zu verschweigen und tief im Herzen alles zu verbergen, was sie
von dorther aus dem „finstern Reich“ in die Helligkeit der volkstümlichen
Bildung, auf welche die fortschrittlich Gebildeten so stolz waren,
mitbrachten.
Erst seit kurzem sind die stillen Kirchspiele auf den sieben Hügeln des
russischen Rom, des Mütterchens Moskau, gleichsam erwacht. Die neue
Kunst, die sozialdemokratischen Tendenzen, die Beziehungen zu
westeuropäischen Firmen, die Errungenschaften der Technik, die
Verfeinerungen in den Anschauungen, alles das ist bis in die dunkelsten
Winkel gedrungen. Und von da kam zu uns der Neueste: ein Erneuerer der
Kunst, ein Prophet von morgen, der dennoch nichts von gestern vergessen
hat: Alexej Remisow.
Sein Leben verläuft äußerlich wie das vieler gebildeter Russen der letzten
Zeit. Im Jahre 1877 geboren, hat er seine Bildung in einem
Handelsgymnasium und später auf der Universität empfangen; er hat
Nationalökonomie und deutsche Philosophie studiert, den Marxismus und
die Bewegung „Zurück zu Kant“ mitgemacht, in den Seminarien Aufsätze
über wirtschaftliche Fragen und über Statistik geschrieben, Arbeiterzirkel
gegründet, und war infolgedessen erst in die milde Verbannung eines
großrussischen Gouvernements, dann ins Gefängnis geraten, hat mit einem
ganzen Haufen revolutionärer russischer Intelligenz die Strapazen und
Mühsale des Etappenlebens mitgemacht, hat so manches Jahr im fernen
Norden, wo oft im Juni noch Schnee genug fällt, daß man Schlitten fahren
kann und wo das Nordlicht in seiner kalten Schönheit leuchtet, verbracht.
Er hat dies alles erduldet, sein Herz zermartert, eine Menge Bücher studiert
und kam zu uns nach Petersburg als ein fertiger Schriftsteller zurück, als ein
symbolistischer Schriftsteller und Stilist von neuester Prägung.
Wichtig aber ist, daß er seine uralte Moskauer Seele bewahrt hat; in
seiner Seele dröhnen die vierzig mal vierzig Kirchenglocken weiter und er
liebt noch immer die Legenden und Sagen von den Gottesmännern,
Heiligen und Märtyrern, von den von Gottes Gnade erleuchteten
Buhlerinnen, vom tapferen Georg, von allerlei märchenhaften
Seltsamkeiten: von Totenfeiern, Teufeln, Zauberern und Hexen. Alles was

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die Philologen, die sich mit alter Literatur befassen, studieren und was die
Engländer Folklore nennen: Märchen, Runen, Volkslieder und Riten,
Volksglauben und Apokryphen – dies alles pflegt er mit dem Talent eines
modernen Dichters, und sein Stil ist eigenartig, seltsam und prächtig, so
verfeinert und reich, als hätte sich ihm die ganze geistige Schatzkammer
des tausendjährigen heiligen Rußland aufgetan, zum Dank für seine Liebe
zu den vertrauten Kirchspielen aller sieben Hügel des Mütterchens Moskau.
Remisows erster großer Roman „Der Teich“ zeigt noch den jungen
Schmerz einer Seele, vor der sich eben erst das Böse des Lebenskampfes
erschlossen hat. Woher kommt das Böse? Es wird schon in der ganz naiven
kindlichen Seele geboren. Die rationalistischen Theorien aus den Büchern
tragen zur Lösung dieses schicksalsmäßigen Rätsels nichts bei – im
Gegenteil! – vielleicht muß man also nach rückwärts, in den uralten von
den Ahnen ererbten Sagen vom bösen Geist, in dem sagenhaften Teufel und
Spötter die Antwort suchen? – Remisows von den Fragen unserer Zeit
durchdrungener Geist vertiefte sich in das Studium alter Sagen und
Legenden, und eins an das andere reihten sich etwas wie Märchen oder
moderne Apokryphen und bildeten eine Art neues pratum spirituale, das mit
seiner Buntheit alle seine größeren Werke gleichsam einrahmt.
„Der Teich“ kann nur im Licht dieser apokryphischen Skizzen ganz
verstanden werden. Der Grundgedanke dieses Werkes ist noch nicht ganz
klar herausgearbeitet; die einzelnen Episoden wirken zwar an sich
erschütternd, doch fehlt noch das Allgemeine. Dies Allgemeine erscheint
klar auf eine neue Weise in einer objektiveren Form, losgelöst von den
tragischen poesieumwehten Erinnerungen im zweiten Roman „Die Uhren“.
Hier handelt es sich nicht mehr um die Chronik eines Moskauer
Handelshauses in einem der Moskauer Kirchspiele, in den „Uhren“ wollte
der Autor das Geheimnis der ganzen Stadt in all seiner Vielgestaltigkeit
auffangen, und die Frage nach dem Bösen hat eine größere Bestimmtheit
erhalten. Dennoch ist es auch hier schwer, den heimlichen Gedanken des
Autors herauszufinden und seine Symbole zu begreifen, die geheimnisvoll
sind wie uralte Runen. Erst später in den nachfolgenden Erzählungen sind
endlich die Schwierigkeiten überwunden, eine Klarheit ist erreicht und im
Herzen ist das ausgesprochen, was so lange nach außen drängte, aber keine
entsprechenden Bilder und Symbole fand. Ja, das Böse ist schicksalsmäßig,
es ist notwendig, es hat keinen Sinn, Idyllen zu schreiben, man muß das

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Böse erkennen und verstehen, diese irdische Hölle, die irdischen
Leidenschaften.
Schwierig waren seine Romane „Der Teich“ und „Die Uhren“. Schwierig
sind auch jetzt in den „Schwestern im Kreuze“ und im „Unbezähmbaren
armen Teufel“ die Betrachtungen über die schicksalsmäßige und offenbar
notwendige Schuld. Im „Unbezähmbaren armen Teufel“ ist diese Theorie
schon anschaulich und entschieden durchgeführt. In den „Schwestern im
Kreuze“ ist alles auf ihr aufgebaut. Marakulin denkt: „Der eine muß
verraten, um durch den Verrat seine Seele aufzuschließen und in der Welt er
selbst zu sein; der andere muß töten, um durch den Mord seine Seele
aufzuschließen und wenigstens als er selbst zu sterben; er aber mußte
offenbar eine Quittung ausfertigen – aber nicht der Person, der sie zukam –,
um seine Seele zu erschließen und in der Welt zu sein, und zwar nicht mehr
als irgendein beliebiger Marakulin, sondern als dieser Peter Alexejewitsch
Marakulin, der er war, sehen, hören und fühlen.“
Doch muß man sich fragen: Findet denn die Persönlichkeit sich selbst nur
in einem Verbrechen? Das scheint nicht glaubhaft. Natürlich nicht. Aber
gerade dieser Gedanke in seinem Rohzustand sozusagen führt uns zum
Verständnis einer der wichtigsten Fragen der Gegenwart. Darum lockte es
den Symbolisten Remisow, den Fall aller Einwohner des Burkowschen
Hauses zu schildern, weil dieses Symbol unseres zeitgenössischen
russischen Alltags sich durch alle traurigen Fälle der letzten Jahre
aufgeschlossen hatte.
Remisow versucht jetzt, seine Symbole zu deuten. „Die Katze miaute,
Murka miaute. Und plötzlich sah Marakulin so klar, wie noch nie zuvor,
daß Murka stets gemiaut hat, nicht nur gestern, sondern alle die fünf Jahre
hier an der Fontanka auf dem Burkowschen Hof; er hatte es nur nicht
bemerkt, und nicht nur hier auf dem Burkowschen Hof an der Fontanka,
sondern auch auf dem Newsky und in Moskau an der Taganka – bei der
Auferstehungskirche –, an der Taganka, wo er geboren war, überall, wo
etwas lebt. So klar sah er es, so deutlich sprach es in ihm, daß er sich vor
diesem Miauen, vor dieser Murka nirgends hätte verstecken können. Und er
fühlte es, daß Murka nicht dort unten im Hofe miaute, sondern hier ...“ Das
stöhnende Burkowsche Haus ist ganz Rußland, das heilige Rußland, und
zwar das ganz gewöhnliche, alltägliche. Es ist schuldig geworden, es hat
sich unvermögend erwiesen, es hat mehr versprochen, als es gehalten hat.
Hier hat es sich eben gezeigt, so wie es wirklich war und nicht wie es nach

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den Programmen geschienen hat. Man muß sich von allen Theorien
lossagen, um es so zu sehen. Noch wichtiger ist der Mut, es gegen alle
Programme und Theorien auszusprechen. Dies ist Remisows Stärke: sein
Held ist eine wirkliche Individualität. Er ist nicht aus Theorien geboren und
nicht verstandesmäßig gesehen. Marakulin lebt sein eigenes Leben, er ist
ein durchschnittlicher Mensch, aber eben von diesem Eigenen geht der
Symbolismus zum Allgemeinen. Auch Marakulin ist symbolisch. Waren wir
nicht alle noch vor kurzem ebenso offenherzig und vertrauensselig, als
hätten wir keine Lehren der Geschichte vor Augen? Damit haben wir
Schuld auf uns geladen. Das Leben ist bei uns erstarrt. Jetzt haben wir Zeit,
uns umzusehen.
Lange und hartnäckig hat sich Remisow mit den Fragen des Glaubens
befaßt, mit den Altertümern, mit der Volkspoesie, mit Sagen, aus denen das
uralte heilige Rußland sich Pein und Belehrung schöpfte. Man verstand ihn
nicht und hielt der unverstandenen Kunst Remisows den Realismus
entgegen. Es schien, daß sein Stilisieren kein Ende nehmen wollte in
diesem ganzen Strom von Skizzen, in denen er vor allem seine
Meisterschaft zeigte. Aber diese Skizzen Remisows waren nur seine
Lehrlingsarbeit.
Wer ihn gut kannte, der konnte nicht daran zweifeln, denn dieses
Stilisieren beschränkte sich nicht auf die Form. Es führte in das wahre
Verständnis dessen ein, was einst Volksseele genannt wurde. Denn die
Volksseele läßt sich nicht in Kategorien pressen, welche die politischen
Parteien für sie aufstellen, weder in die der volkstümlichen rechten oder
linken Partei, noch in die Kategorien derer, die der ganzen Menschheit Heil
versprechen. Das Geheimnis der Volksseele blieb verschlossen; jetzt sehen
wir es endlich klar ein. Im „Unbezähmbaren armen Teufel“ ist die verwirrte
moderne Seele, die Seele eines Trödlers geschildert. Plötzlich hat sich alles
das aus der Vergessenheit erhoben, was man ein für allemal hinter sich zu
haben glaubte. Dieses Alte in der jetzt ohnedies schon konventionellen
Gestalt des Trödlers zeigt sich auch mitten in Petersburg, es klafft aus der
Tiefe des Burkowschen Hofes wie aus der Unterwelt, und man fühlt: dies
ist wahr! Paradox ist vielleicht nur die Gestalt der Hörerin der
Hebammenkurse, welche alte Weisen singt. Hier hat die Phantasie
Remisows sich hinreißen lassen, die gewöhnt ist, auch im Neuesten etwas
Altertümliches herauszufinden. Aber da haben wir Akumowna; das
Schicksal hat sie in die Stadt getrieben, das Schicksal jagt ganz Rußland

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wenn nicht in die verderblichen Gegenden Sibiriens, so doch in die Städte,
wo das Neue geschaffen wird, neuer Glaube und neue Forderungen an das
Leben. Aber das Alte stirbt noch lange, lange nicht aus, es bewahrt sich
länger, als wir glauben. Daher die Vermengung und das Zusammenfließen
des Alten mit dem Neuen. Die Bewegung ins Volk suchte lange den Traum
vom freien Grundbesitz zu verwirklichen. Der Bauer hörte dem Sozialismus
zu und verstand, daß die Rede von freiem Grundbesitz war. Akumownas
Märchen und Lisaweta Iwanownas Geheimnis flossen zusammen mit den
Lehren der Verbannten Maria Alexandrowna. Dieses Ineinanderfließen zu
schildern, ist eine der vornehmsten künstlerischen Aufgaben, die sich
Remisow stellt.
Zu den besten Episoden der Erzählung gehören die Szenen, in denen von
der Reise ins Ausland geträumt wird. Darin liegt auch ein geheimer
Herzenswunsch verborgen: vom Lande strebt man in die Stadt, aus der
Stadt aber, aus allen Burkowschen Häusern, in denen sich das aufgewühlte
heilige Rußland quält, drängen die Träume, Wünsche und Hoffnungen
dahin, nach dem fernen fremden und seit uralten Zeiten vertrauten Westen.
Und es genügt nur zu denken, daß bald, bald eine Möglichkeit eintreten
könnte, hinzureisen, sich innerlich auszuruhen und das Martyrium des
heimatlichen Schmerzes für eine Weile zu vergessen, dann wird es einem
leicht zumute und die Freude leuchtet auf. Kommt von dort, aus der Heimat
unserer allerbegehrtesten Ideale – ich brauche absichtlich ein Fremdwort –
eine erfrischende Welle über uns, Verjüngung, Geist der sozialen Freiheit,
so vergessen wir ganz das Burkowsche Haus und Murkas schmerzliches
Miauen, das Weinen und Stöhnen des Volkes. Unsere Augen leuchten und
wir atmen freier.
Das Weiseste, was Remisow in seinen „Schwestern im Kreuz“ gesagt hat,
ist seine Theorie vom königlichen Recht. Gleich Raskolnikow zermartert
Marakulin in einem Ausbruch von Verzweiflung sein Gehirn mit der Frage
nach der Vertilgung der menschlichen „Laus“. Wie Raskolnikow sieht
Marakulin ebenfalls das ganze Uebel in einer jämmerlichen alten Frau, und
es dünkt ihn, daß man nur wagen, die konventionelle Angst vor dem
Verbrechen nur überwinden müßte, um das Uebel zu vernichten. Nur ist die
menschliche „Laus“, welche Marakulin sieht, keine Pfandverleiherin, sie tut
niemand etwas Böses. „Sie hat nichts in ihrem Leben zu bereuen; sie hat
weder getötet noch gestohlen und wird weder töten noch stehlen, denn sie
tut nichts als sich ernähren, sie trinkt und ißt, sie verdaut und härtet sich

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ab.“ Was bedeutet das? Remisow schildert die Raskolnikowsche „Laus“ in
der Gestalt einer Generalin, die von ihren Renten lebt. Eintönig und sinnlos
vergeht ihre Zeit. Sie braucht niemand und niemand braucht sie. „Die
Generalin rührt mit keinem Finger, tut rein nichts und erreicht alles: sie
härtet sich ganz sichtbar und zweifellos ab, und ihrem Leben ist kein Ende
abzusehen – der Chiromant hat sich nicht geirrt – sie ist vielleicht schon
unsterblich!“ Ein Leben ohne Arbeit, das heißt ohne Verbrechen und ohne
Heldentaten – denn jede Tat ist entweder ein Verbrechen oder eine
Heldentat – ein solches Leben beruht, Remisows Meinung nach, nicht auf
einem einfachen Recht, sondern auf einem königlichen Recht. So würden
wir alle, wenn wir die Utopie vom allgemeinen Wohlergehen verwirklicht
hätten, das kummerlose, sündenlose, unsterbliche Lauseleben der Generalin
genießen.
Rechtschaffener aber ist das heilige Martyrium des Lebens, mit seinen
Abstürzen, Ausbrüchen von Hoffnung, Kämpfen und zäher, qualvoller
Erwartung.

St. Petersburg 1912.

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Erstes Kapitel

M arakulin war mit Glotow befreundet; durchaus nicht etwa, weil der
Dienst sie eng miteinander verband und einer ohne den anderen nicht
hätte auskommen können: Peter Alexejewitsch gab die Quittungen
aus, Alexander Iwanowitsch war der Kassierer. Man weiß ja, wie die
Ordnung ist: Marakulin brauchte nur mit Tinte zu schreiben und Glotow
zahlte genau so viel in Gold aus. Dabei waren sie so verschieden und
einander so unähnlich: der eine schmalbrüstig, der Schnurrbart dünn wie ein
Faden, der andere breitschultrig und der Schnurrbart wie bei einem Kater;
der eine blickte von innen heraus, der andere strahlte. Dennoch waren sie
Freunde, ein Herz und eine Seele.
Denn sie hatten beide ein gemeinsames Merkmal, oder eine Eigenschaft,
und zwar eine grundlegende; etwas, das nicht zu verbergen ist: es würde
unter den Augenlidern des Schlafenden hervorblinken, gleichviel, ob es sich
in der Pupille versteckt oder aus der Pupille sich über den Augapfel
verbreitet: beide nämlich hatten eine Art von Fühler oder Rüsselchen. Nicht
nur daß dieser Fühler sich ans Leben klammerte, vielmehr sog er alles
Lebendige in sich auf, alles, was ringsum lebte und wob, bis auf den
Grashalm, der atmet, bis auf das Steinchen, das wächst, und er sog das alles
so gierig und fröhlich in sich auf, so ansteckend fröhlich. Das war es.
Wer es bemerken wollte, konnte es sehen, wer es nicht sah, der fühlte es,
und wer es nicht fühlte, der erriet es.
Dazu kam, daß sie gleich jung waren – beide waren an die Dreißig oder
etwas drüber – und der Erfolg – dem einen sowohl wie dem anderen gelang
alles – und die Kraft – keiner von ihnen war jemals krank oder klagte auch
nur über Zahnweh. Sie waren auch von keinerlei Banden gefesselt, weder
von gesetzlichen, noch von ungesetzlichen, sie waren wie in der Steppe,
allein, und die Steppe dehnte sich vor ihnen in ihrer ganzen Weite und
Macht, frei, ungebunden, unermeßlich – dein.
Vor drei Jahren etwa hatte Glotow seine rechtmäßige Gattin aus dem
dritten Stockwerk auf das Pflaster hinabgestürzt, und die Aermste brach
sich dabei das Genick; vielleicht aber war es nicht vor drei Jahren, es kann

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schon vor ganzen vier gewesen sein. Uebrigens ist das unwesentlich, – es
handelt sich ja gar nicht um Glotow, sondern um Peter Alexejewitsch
Marakulin.
Marakulin, welcher seine Kollegen mit Fröhlichkeit und Sorglosigkeit
ansteckte, gestand einmal, daß er, obschon dreißig Jahre alt, sich für nicht
mehr und nicht weniger als zwölfjährig hielte, er wüßte selbst nicht warum,
und er führte dafür Gründe an: so oft er mit jemand zusammenkäme, oder
sich in ein Gespräch einließe, hätte er das Gefühl, als wären die anderen alle
älter – alt, und er wäre der jüngste – ganz jung noch, zwölfjährig. Und
ferner gestand Marakulin, daß er sich den anderen Menschen gar nicht
ähnlich – nicht ein bißchen ähnlich fühle, wenigstens nicht jenen
richtiggehenden Menschen, wie man sie gewöhnlich im Theater, in
Gesellschaften oder in den Klubs beobachtet, während sie eintreten oder
fortgehen, sich unterhalten oder schweigen, sich ärgern oder zufrieden sind
– und daß alles an ihm, von der Nase bis zur kleinen Zeh wahrscheinlich
nicht auf dem richtigen Fleck säße – so schiene es ihm wenigstens. Und
weiter gestand Marakulin, daß er nie denke; er hätte einfach gar nicht die
Empfindung, daß er denke; wenn er durch die Straßen gehe, so geschehe
dies eben nur so mit den Beinen, und wenn er mit jemand bekannt werde,
dann fände er an seinem neuen Bekannten weder Unterschiedsmerkmale
noch Besonderheiten, nicht im Gesicht noch in den Bewegungen: er fühle
nur unklar, daß der eine ihn anziehe und der andre abstoße, einer weniger,
ein anderer mehr, und ein dritter sei ihm ganz gleichgültig; häufiger aber
herrsche doch das Gefühl der Nähe und das Vertrauen in das Wohlwollen
des anderen vor. Und weiter gestand Marakulin, daß ihn, seitdem er Bücher
lese und mit Menschen zusammenkomme, die entgegengesetzten
Meinungen nie abschreckten. Er sei vielmehr bereit, jedermann
zuzustimmen, weil er jeden in seiner Weise für berechtigt hielte, und
diskutiere nie; wenn er sich aber einmal selbst verstiege oder zu
Auseinandersetzungen aufreize, so geschehe es aus ganz indiskutabeln
Gründen, deren er sich jedesmal genau bewußt sei, obwohl er sie nicht
verrate – gebe es doch genug solcher indiskutabler und doch alltäglicher
Gründe! – Und weiter gestand Marakulin, daß er nie in seinem Leben
geweint habe, ein einziges Mal ausgenommen, als seine alte Kinderfrau ihn
verließ, an ihrem letzten Tag: damals wäre er, in der Rumpelkammer
versteckt, an seinen ersten und letzten Tränen fast erstickt. Noch eine
verrückte Eigenschaft hatte er, über die man sich lustig zu machen pflegte:

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wenn ihm irgendein Einfall in den Sinn kam, so stürzte er sich auf ihn mit
einer solchen Hartnäckigkeit, als läge in ihm der Sinn seines Lebens, oder
des Lebens überhaupt – aus Kleinigkeiten machte er wichtige Dinge. Zu
den Feiertagen, zum Beispiel, wurde dem Direktor gewöhnlich ein Bericht
überreicht. Dieser Bericht wurde stets mit der Maschine geschrieben, ihm
aber konnte es einfallen, ihn mit der Hand abzuschreiben; und obwohl es
mit der Maschine viel schneller, leichter und einfacher zu machen ging, – es
gab auch vorgedruckte Formulare zu diesem Zweck – so ließ er es sich
durchaus nicht nehmen und malte Tag und Nacht beharrlich und sorgfältig
einen Buchstaben nach dem andern und reihte die Zeilen aneinander, als
wären sie Perlen, und schrieb den Bericht so oft ab, bis er so war, daß er
ausgestellt werden konnte, – so war er geschrieben! – denn Marakulin war
wegen seiner Schrift berühmt. Am nächsten Tage schon wird so ein Bericht
irgendwohin verlegt, man schenkt ihm keine besondere Aufmerksamkeit,
man verlangt ihn nicht so, und eine Menge Zeit und Arbeit sind sinnlos
verschwendet worden! Ein verrückter Kerl, und wie beharrlich in seiner
Verrücktheit! Und weiter pflegte Marakulin noch etwas Seltsames zu
erzählen – von einer ihm eigenen, durch nichts erklärbaren ungewöhnlichen
Freude, die er ganz unerwartet empfinden konnte: manchmal, wenn er am
Morgen ins Bureau lief, begann ihm plötzlich das Herz in der Brust zu
flattern und er fühlte eine ungewöhnliche Freude. Und diese seine Freude
umfing ihn so ganz und sie war so groß, daß ihm schien, er könnte sie jetzt
warm aus der Brust herausnehmen und jeden mit ihr beschenken – es würde
für Alle reichen; wie ein Vögelchen wollte er sie in beide Hände nehmen,
damit ihm dies Paradiesvöglein nicht davonfliege, darauf hauchen, daß es
nicht friere und es so den Newsky entlang tragen: mögen sie alle sehen, ihre
Wärme einatmen, ihr Licht fühlen, – das stille Licht und die Wärme, die das
Herz vor Freude atmet und ausstrahlt.
Natürlich ist es schwer, sich selbst zu beurteilen, und mit Geständnissen
kommt man auch nicht weit: ob das alles stimmte oder nicht – wer kann es
wissen? – Aber eine Liebe zum Leben, ein Instinkt zum Leben, die
Heiterkeit des Gemütes – das war in ihm in der Tat.
Wenn man Marakulin zuhörte oder sah, wie er an Menschen
heranzutreten pflegte, wer sein Lächeln und seinen Blick kannte, dem
konnte manchmal der Gedanke kommen, daß so einer wie er, jederzeit
imstande wäre, zu einer Bestie in den Käfig zu treten und, ohne mit der
Wimper zu zucken, ohne zu überlegen, die Hand auszustrecken, um das

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sich sträubende wilde Haar des grimmigen Tieres zu streicheln – und das
Tier würde nicht beißen.
Und wie konnte es Marakulin betrüben, wenn es sich zuweilen, plötzlich
herausstellte, daß auch er, wie jeder andere, gehaßt wurde, daß auch er seine
Mißgönner hatte, daß auch er für jemand ein Balken im Auge sein konnte!
Denn man konnte ja mit ihm machen, was man wollte. Und wenn er es
dennoch zustande gebracht hatte, das dreißigste Jahr zu erleben, und mit
Erfolg, so war es das reinste Wunder – eine unwahrscheinliche Sache.
Meistens aber wurde Peter Alexejewitsch geliebt, nicht etwa besonders oder
gar zu sehr, aber es war gar kein Grund, ihn nicht zu lieben – brachte er
doch Heiterkeit und Lachen mit, dazu kein gewöhnliches Lachen, sondern
ein trunkenes, marakulinsches – warum sollte man ihn da hassen? Und
dennoch nahm das alles kein sehr gutes Ende – Peter Marakulin endete
schlimm.
Das kam so: Marakulin erwartete zu Ostern Beförderung und eine
Gratifikation – in den großen Geschäftshäusern ist es zu den Feiertagen so
üblich –; statt dessen aber wurde er aus dem Dienst gejagt. Es geschah
folgendermaßen: Fünf Jahre hatte Peter Alexejewitsch gedient, fünf Jahre
die Quittungsbücher geführt, und alles befand sich in bester Ordnung, –
Marakulin wurde sogar wegen seiner Ordnungsliebe und Genauigkeit
scherzweise „Der Deutsche“ genannt – als aber die Direktoren vor den
Feiertagen revidierten und zu vergleichen und zu rechnen begannen, da trat
eben die Verlegenheit ein: es stimmte etwas nicht, es fehlte etwas –
vielleicht nur eine wirkliche Bagatelle, – das Geschäft aber war groß, und
solche Kleinigkeiten konnten Verwirrungen verursachen. So nahm man ihm
denn die Bücher ab und entließ ihn.
Erst glaubte Marakulin nicht daran, er wollte es einfach nicht glauben,
und dachte, man triebe nur Scherz mit ihm, einen Jux zum allgemeinen
Ergötzen einfach, um vor dem Fest die Fröhlichkeit zu erhöhen; er lachte
dazu und begann seine Auseinandersetzung auch nicht ohne Witz:
– Gestatten Sie dem Dieb Soundso, dem Räuber und Wegelagerer, den
Diebstahl aufzuklären ...
– Wie?
– Ha – ha ... Und er war es, der zuerst lachte.
Und in einem aufklärenden Brief an eine wichtige und einflußreiche
Persönlichkeit, an den Direktor, unterschrieb er nicht einfach Peter
Marakulin, sondern „Der Dieb und Expropriateur Peter Marakulin“.

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„Der Dieb und Expropriateur Peter Marakulin.“
– Wie?
– Ha – ha ... Und er war es wieder, der zuerst lachte.
Aber der Scherz gelang diesmal offenbar vorbei, er wirkte gar nicht
spaßhaft, oder wenn er auch so wirken hätte können, so nahm man das gar
nicht wahr, und niemand lachte, – im Gegenteil. Und am komischsten war
die Antwort eines jungen Buchhalters, – dieser Buchhalter war ein kleiner
stiller Mensch, der nicht einmal eine Fliege zu kränken imstande war, so
still war er.
Dieser Awerjanow nun sagte: Ich möchte bis zur Aufklärung Ihres
Mißverständnisses mit meiner Antwort abwarten.
Hier wurde Peter Alexejewitsch ernst:
– Was für ein Mißverständnis! Es kann ja gar keinen Irrtum geben!
– Wie?
– Der Irrtum, meine ich ... ich irre mich nicht, ich bin ein „Deutscher“ ...
Wo ist denn der Irrtum?
Und jetzt mußte er es glauben. Er mußte ja glauben! Die wilde Bestie ist
offenbar doch nicht so einfach, sie unterwirft sich nicht so leicht, sie läßt
nicht so ohne weiteres ihr sich sträubendes Fell streicheln. Hände weg! Die
Bestie beißt dir noch die Finger ab! Ist es nicht so? – Oder hat es mit der
Bestie gar nichts auf sich und der Fluch besteht gar nicht darin, daß der
Mensch für den Menschen eine Bestie ist und eine grimmige dazu, sondern
darin, daß der Mensch für den Menschen ein Klotz ist: man mag ihn noch
so anflehen, er hört es nicht; man mag ihn noch so anrufen, er antwortet
nicht; man mag sich den Kopf einstoßen, indem man vor ihm mit der Stirn
auf den Boden schlägt, er rührt sich nicht; er bleibt so stehen, wie er
hingestellt wurde, bis er umfällt oder bis du umfällst. Ist es nicht so?
Etwas Derartiges flog damals Marakulin durch den Sinn, und zum
erstenmal dachte es in ihm und sprach sich deutlich aus: Der Mensch ist für
den Menschen ein Klotz.
Er lief da hin, klopfte dort an: überall war geschlossen, überall war zu: er
wurde nicht empfangen. Und wenn er empfangen wurde, so ließ man ihn
nicht sprechen, gar nicht zu Worte kommen. Dann begann man ihm die Tür
vor der Nase zuzuschlagen: keine Zeit! oder: laß, bitte, in Frieden! oder: wir
haben an was anderes zu denken! – Bald gab die Dienerschaft nicht einmal
Antwort mehr hinter der Vorlegekette: es war ihnen untersagt; außerdem
war er allen schon zu lästig geworden.

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Marakulin hatte keine Zuflucht mehr: er war wie in der Steppe, allein,
und die Steppe lag vor ihm, ausgebrannt, schwarz, endlos – fremd. Nach
allen vier Richtungen gleich unabsehbar. Erst hatte er alles, jetzt hatte er
nichts.
Und das alles wegen einer Bagatelle – wegen eines blinden Zufalls. Es
ging freilich ein Gerücht um, die ganze Sache sei von Alexander
Iwanowitsch angezettelt, sei ein Werk seiner Hände, – Glotow habe seinen
Freund hineingelegt und sich selbst aufs Trockene gebracht. Andererseits
aber wußte man, daß Marakulin selbst bereit war, sei es aus Herzensgüte
oder aus einer sonstigen Eigenschaft, etwa aus übermäßiger
Vertrauensseligkeit und Einbildungskraft – er kam mit den Menschen gern
gut aus – ja, daß er selbst nichts dagegen hatte, eine Quittung, provisorisch
natürlich, einer Person auszuhändigen, die mit einer Zahlung nichts zu tun
hatte; auf besondere Bitten hin oder mit Rücksicht auf die Verlegenheit
eines Kollegen – vielleicht eben dieses Alexander Iwanowitsch! Denn man
konnte mit Marakulin machen, was man wollte.
Er aber, durch einen blinden Zufall aus seiner Bahn geschleudert, ohne
Arbeit, allein, Tage und Nächte denkend, für sich allein denkend – es waren
eben andere Zeiten, jene Zeiten waren vorbei; jetzt hatte auch er, wie die
richtigen Menschen, zu denken angefangen – er selbst aber entschied und
sprach sich selbst das Urteil: er erkannte sich nicht schuldig und sprach sich
von Diebstahl frei. Und indem er sich in seiner fieberhaften Aufregung
seine Daseinsberechtigung bewies, tat er es wie früher mit Lachen und mit
Freude, auf die marakulinsche Art: er biß sich in diesen Klotz fest, in die
Vorstellung, zu der sein Denken ihn geführt, daß der Mensch für den
Menschen ein Klotz sei, und begann zu bohren. Er wollte um jeden Preis
ergründen, wer das alles brauchte und wozu: zum Vergnügen welchen
Klotzes all die andern Klötze hingestellt seien! Er wollte es nur ergründen,
um sich bestimmt sagen zu können, ob er selber noch länger als Klotz
dastehen sollte, so wie es irgend jemand beliebt hatte, ihn hinzustellen, oder
ob er, ohne abzuwarten, bis es jemand belieben würde, ihn umzustoßen,
sich selber hinstrecken sollte, freiwillig, ohne jemand zu fragen. Freilich
läßt sich dergleichen nicht auf einmal beantworten, urteilt selbst, und wer
könnte es auch? Es sei denn der Chiromant von der Kusnetschnybrücke,
welcher eine Hose gestohlen und nach den Linien der Hand einen anderen
beschuldigte, seinen Nachbar im Asyl nämlich, ebenfalls von der
Kusnetschnybrücke.

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Aber offenbar geht das nicht, ohne daß man sich an jemand rächt; es ist
schon so, wenn man erst anfängt, seine Daseinsberechtigung zu erweisen!
Und auch das ist es nicht, daß der Mensch für den Menschen eine Bestie ist,
und nicht, daß der Mensch für den Menschen ein Klotz ist; die Sache ist
einfacher: wenn das Unglück über einen kommt, dann heißt es: dulde, und
dulden mußt du darum, weil es einerlei ist, ob du mit den Hinterbeinen
ausschlägst oder beißest, – denn alles ist nutzlos, es läßt dich nicht los, bis
seine Zeit um ist. Ist es nicht so? Etwas Derartiges flog damals Marakulin
durch den Sinn und sprach deutlich zu ihm: Dulde.
Den ganzen Sommer trieb er sich ohne Arbeit herum. Alles, was er in den
fünf Petersburger Quittungsjahren erworben hatte, ging jetzt in die
Leihhäuser, in das Residenzpfandhaus oder in das städtische, auf dem
Wladimirsky-Prospekt. Bald besaß er nichts mehr; die Pfandscheine hatte er
auch an einen Uhrmacher in der Gorochowaja verklopft, und was ihm noch
übrig blieb, war so vertragen und zerrissen, daß nicht einmal der Tartar es
gekauft hätte. Er war abgerissen und schäbig; sein einziger Gummikragen
war ganz zerwaschen, nur das Kreuz am Hals war noch ganz und das
Amulett, das er sich übrigens längst nicht mehr umzuhängen pflegte; er
hatte es an die Wand gehängt zur Erinnerung. Und er begann, sich zu
schämen – früher hatte er nie etwas Derartiges gefühlt. Er wagte es nicht
mehr zu bitten. Zum Glück konnte er auch niemand bitten: wie vor einem
Cholerakranken waren alle Freunde davongelaufen und hielten sich vor ihm
versteckt. Und er empfand Angst vor Allen, vor Bekannten und
Unbekannten. Er schämte und fürchtete sich, durch die Straßen zu gehen; es
war ihm, als wüßten alle etwas von ihm, das er nicht den Mut hätte, sich
selber zu gestehen, geschweige den Menschen zu sagen. Die Passanten in
den Straßen stießen ihn. Sogar die Hunde, auch die bellten ihn an und
schnappten nach seinen Beinen. Er war eben ein verlorener Mensch.
Nun ja, ein verlorener, rechtloser – da heißt es eben: dulde, dulde und
vergiß ... Bricht das Unglück über dich herein, dann vergiß, daß es
Menschen auf der Welt gibt; die Menschen werden dir nicht helfen, und
wenn sie es wollten, gleichviel, das Unglück wird ihre Taten zunichte
machen, es wird sie auseinanderjagen und einschüchtern; darum vergiß die
Menschen. Ist es nicht so?
Und etwas Derartiges flog damals Marakulin durch den Sinn und sprach
deutlich zu ihm: Vergiß.

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Bald fanden sich dennoch Menschen. Es erschien aber nicht etwa so ein
Awerjanow oder sein Gehilfe Tschekurow – die Peitsche der Gemeinheit,
wie der ehrliche Tschekurow sich selbst nannte, – nein, es waren lauter
solche, an die Marakulin niemals vorher gedacht hatte: kleine, verdächtige
Beamte, die aus allen möglichen Aemtern fortgejagt waren, und solche, die
von einer Stellung zur anderen wanderten – Anwärter auf den Laufpaß,
Zugrundegegangene und Zugrundegehende, Betrogene und Vielgeprüfte,
die in anständige Häuser nicht kommen dürfen und denen die Hand zu
reichen für unpassend und unmöglich gilt, und endlich solche, die einen
sehr bezeichnenden Spitznamen haben – ihren eigenen Namen und den
Zunamen von Dieben, Schurken, Schuften: bekannte, halbbekannte und ihm
völlig unbekannte Gauner kamen zu Marakulin, um ihr Mitgefühl zu
bezeigen; sie waren es auch, die ihm fürs erste Arbeit fanden, wenn auch
keine sichere, nur so, um sich durchzufretten.
Marakulin hatte vorher eine Wohnung auf der Fontanka, an der
Obuchowskybrücke; sie war klein, aber doch seine eigene, jetzt mußte er
die Wohnung aufgeben und in ein Zimmer ziehen. Das Zimmer fand sich
auf derselben Treppe, drei Stockwerke höher. Im ganzen hatte sich
Marakulins Leben bis dahin ganz leidlich gestaltet, wenn auch verworren
und ungeordnet. Er hatte zwar schon früher einmal Zeiten gehabt, da er
nicht besonders gut lebte, freilich war das noch vor seiner warmen Stellung,
in den Anfängen seiner Laufbahn, da man sich aus so etwas gar nichts
macht. Jetzt aber war es anders: es fiel ihm schwer, sich einzuschränken,
um so mehr, als er keine Hoffnung auf Verbesserung hatte und der
Gaunerverdienst nicht übermäßig war; er reichte gerade, um sich
durchzufretten. Aber wozu sich durchfretten? Wozu leiden, leiden, wozu
vergessen, vergessen und dulden? Er wollte durchaus wissen, wer das alles
brauchte und wozu, zum Vergnügen welchen Diebes, welches Schurken
oder Schuften – welchen Gauners das nötig war? Und er wollte es wissen,
nur um sich klar zu sagen, ob es sich noch lohnte, das alles in die Länge zu
ziehen – zu dulden, nur um sich durchzufretten?
Freilich läßt sich dergleichen nicht auf einmal beantworten, urteilt selbst,
und wer könnte es auch? – Es sei denn der Chiromant von der
Kusnetschnybrücke, welcher eine Hose gestohlen und nach den Linien der
Hand einen anderen beschuldigte, seinen Nachbar im Asyl nämlich,
ebenfalls von der Kusnetschnybrücke.

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Aber offenbar geht das nicht, ohne daß man sich an jemand rächt; es ist
schon so, wenn man erst anfängt, seine Daseinsberechtigung zu erweisen!
Es kommt offenbar gar nicht darauf an, daß man duldet und auch nicht, daß
man vergißt; die Sache ist viel einfacher: Denke nicht. – Ist es nicht so?
Und etwas Derartiges flog damals Marakulin durch den Sinn und sprach
ganz deutlich zu ihm: Denke nicht.
Er sollte nicht denken, jetzt? Gerade jetzt, durch einen blinden Zufall aus
seiner Bahn geschleudert, allein, ohne Arbeit? Jetzt begann er erst recht zu
denken – jene Zeit, als er noch nicht dachte, war vorbei, und wird nie
wiederkehren.
Und der Kreis schloß sich in ihm: er wußte, daß es nutzlos war zu
denken, daß er nicht denken durfte, daß man nichts beweisen kann, und
konnte doch nicht umhin zu denken, konnte doch nicht umhin zu beweisen,
er mußte denken bis es schmerzte; die Gedanken jagten sich unaufhörlich
wie im Fieber.
Seine Wohnung wurde Marakulin glücklich los, ohne daß man ihn aufs
Polizeirevier geschleift oder gepfändet hätte – er hatte nichts, und die Seele
kann man einem doch nicht wegnehmen. Nur daß Michail Pawlowitsch ihm
die Hand nicht gereicht hatte, – der Oberhausmeister Michail Pawlowitsch
pflegte den mittleren Mietern, die er achtete, die Hand zu reichen.
Der letzte Tag am alten Herd verlief für Marakulin sehr denkwürdig. Am
Morgen geschah ein Unfall im Hof: eine Katze war verunglückt – eine
weiße, glatte Katze mit grauem Schnurrbart. Möglich, daß sie auch gar
nicht verunglückt war und gar nicht gedacht hatte, vom Dach des fünften
Stockwerks herabzustürzen, sondern sie mochte vielleicht zufällig etwas
verschluckt haben: einen Nagel oder eine Glasscherbe. Es kann auch sein,
daß jemand ihr absichtlich, zum Spaß, ein Nägelchen oder einen Splitter zu
fressen gegeben hatte, – es gibt nämlich solche Liebhaber. Sie quälte sich
sehr und litt: bald warf sie sich auf den Rücken und wälzte sich auf den
Steinen, bald drehte sie sich auf den Bauch herum, streckte die
Vorderpfoten aus, hob die Schnauze in die Höhe, als wollte sie in die
Fenster hineinsehen, und miaute.
Die kleinen Kinder umstanden die Katze, sie ließen ihre wilden Spiele
und wilden Arbeiten im Stich und hockten sich um sie herum. Sie waren
still geworden und konnten sich von der Katze nicht losreißen; sie aber
miaute. Der Perser, der schwarze Masseur aus der Badeanstalt, hockte sich
auch hin, rollte mit den Augäpfeln sie aber miaute.

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Ein rauchfarbener Kater sprang aus der Remise hervor, ging forsch quer
durch den Hof, über die Bretter und über den Kies geradeaus auf die Katze
zu, aber drei Schritt von ihr blieb er stehen, sträubte sein Fell und zog mit
hochgehobenem Schweif ab. Ein kleines Mädchen besann sich und lief um
Milch; sie brachte eine Scherbe voll und stellte sie der Katze unter die
Nase; die Katze aber sah gar nicht hin und miaute. – Die Katze ist verrückt!
– sagte ein Erwachsener, der ebenso wie Marakulin aus dem Fenster
zuschaute.
– Das ist unsere Katze Murka! – verbesserte ihn das kleine Mädchen, das
um Milch gelaufen war; ihr Gesicht glühte und in ihrer Stimme klang etwas
wie Gekränktheit und Ungeduld.
Und alle schienen auf eins zu warten: auf das Ende. Marakulin wich nicht
vom Fenster, er konnte sich nicht losreißen, auch er wartete auf das Ende.
Und er würde so, ohne sich zu rühren, auch bis zum Abend dagestanden
sein, wenn er nicht plötzlich gefühlt hätte, daß hinter seinem Rücken
jemand da war und von einem Fuß auf den anderen trat. Marakulin pflegte
die Türen schon längst nicht mehr abzuschließen, es war also jemand
hereingekommen! In der Tat: ein alter Mann stand vor ihm, von einem Fuß
auf den anderen tretend – ein zerzauster langer alter Mann, unter dem
Mantel schlotterten die Hosen um seine Beine, als wären es keine Beine,
sondern bloß Knochen. In der Hand zerknüllte er seine Mütze und noch
etwas – ein Kuvert, ja ein Kuvert. Diesen alten Mann hatte er früher nie
gesehen, natürlich! – was wollte er?
– Was wünschen Sie?
– Ich komme zu Euer Gnaden, Peter Alexejewitsch, ich komme von
Alexander Iwanowitsch.
– Von Alexander Iwanowitsch?
– Von ihm persönlich. Sie vergaßen die Tür zu schließen, so bin ich da, –
zu klingeln hab’ ich gefürchtet, verzeihen Sie, – der Alte kaute mit den
Lippen und zupfte an seiner Mütze.
In früheren Zeiten kamen manchmal allerlei Leute von Glotow – sie
brauchten im Kontor zuweilen Aushilfe für den Abenddienst – aber wie
konnte es Glotow einfallen, jetzt jemand zu ihm zu schicken, da Glotow
doch wußte, daß er stellungslos war und nur einen Sechser in der Tasche
hatte!
– Ich kann nichts für Sie tun, Sie brauchen doch Geld ...

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Der Alte wurde geschäftig und zog ein zerdrücktes Blatt Papier aus dem
Kuvert, das ungleichmäßig mit großen Buchstaben beschrieben war.
– Ich habe eine Bittschrift an Euer Gnaden verfaßt, ich geniere mich zu
bitten, und so habe ich diese Bittschrift verfaßt, – der Alte schob ihm das
Papier zu und lächelte ununterbrochen, ein Lächeln, das so war, als miaute
die Katze Murka.
Marakulin steckte dem Alten seinen letzten Sechser zu, setzte sich an den
Tisch und wartete nur, wann der Alte fortgehen und wann es ein Ende
nehmen würde.
Der Alte ging nicht, er preßte in der einen Faust den Sechser und die
Mütze und in der anderen das zerknüllte, ungleichmäßig mit großen
Buchstaben beschriebene Papier. Seine Hände zitterten und die Mütze fiel
zu Boden.
– Was macht Alexander Iwanowitsch, wie geht es ihm? – fragte
Marakulin und fühlte dabei, wie alles in ihm zitterte und daß er es bald
nicht mehr aushalten würde, nicht aufzustehen und den Alten
hinauszujagen.
Der Alte streckte vogelartig lang seinen Hals aus und sperrte den Mund
auf wie einen Schnabel.
– Heute ausgezeichnet, – er bewegte wie erfreut den Kopf, – er ist sehr
gut angezogen, wie ein Oberhausmeister, ein Rock, Lackstiefel, – wie ein
Oberhausmeister. – Geh, Gwosdjow, gradeaus zu Peter Alexejewitsch in die
Fontanka! – So geruhte er zu mir zu sagen. Wie ein Oberhausmeister. Ich
war bei ihm in Zarskoje in seiner Sommerwohnung, er scherzt immer: er ist
verliebt – sagt er – verliebt in eine Madame. Er scherzt immer: Einen
Hungrigen – sagt er – kann man satt machen, einen Armen kann man reich
machen, aber bist du verliebt und dein Gegenstand erweist dir keine
Gegenseitigkeit, so kannst du dich zerreißen, es gibt keine Hilfe. – Ich
verstehe es nicht, er scherzt nur immer. Einen Paletot hat er mir von seinen
eigenen Schultern geschenkt, und diese da Awerjanow der Buchhalter; seine
eigenen; sie sind mir etwas zu weit. Bist du keusch, Gwosdjow? – sagt er.
Nehmen Sie es mir nicht übel, Alexander Iwanowitsch, ich bin ein
Liebhaber von Weibern. Ja, er scherzt immer.
Ohne aufzuhören und alles durcheinanderbringend redete der Alte, setzte
sich aber nicht, öffnete nicht die Faust und hob auch die Mütze nicht vom
Boden auf.

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Ein ruheloser Alter war das, ach wie ruhelos! Er hatte bei den
Schachowskojs in Petersburg als Stallknecht gedient, es war eine gute
Stellung, aber einmal wurde ein Pferd scheu und stieß ihn in die Brust, da
ging er ins Kloster. Seitdem zog er herum, aus einem Kloster in das andere
– er war eine ruhelose Natur: sowie er anfing sich irgendwo zu gewöhnen,
da lief er fort. Vor einem Monat war er aus dem Tschermenetzkischen
Kloster davongelaufen.
– Da hat sich ein Bekannter meiner erbarmt. In der Seleninaja hat er ein
Zimmer, ein kleines Zimmerchen. Er selbst, dieser Korjakin, ist verheiratet,
hat eine Frau und ein kleines Kind, ein Mädchen, aber er hat sich meiner
erbarmt, und wir wohnten alle zusammen. Aber zum Fest der heiligen Olga
kam das älteste Töchterchen zu ihnen nach Petersburg zu Besuch, so wurde
es zu eng, auch ist es unschicklich: eine Jungfrau. So zog ich auf den
Obwodnij, hab’ da einen Winkel gemietet für anderthalb Rubel, mit Gurken
– ein schöner Winkel im Korridor. Ich möchte mich gern mit Handel
befassen, um mich nur irgendwie durchzufretten ...
Verworren und ohne aufzuhören redete der Alte, die Worte flossen
ineinander und zischten, – ein ruheloser Alter. Marakulins Augen
verschleierten sich, seine Lider wurden schwer, er sah nichts mehr, vor
seinen Augen bewegten sich nur die Hosen des Alten, die allzuweiten, von
Awerjanow, die nicht um Beine, sondern um Knochen zu schlottern
schienen.
– Ich bin Liebhaber von Weibern ... anderthalb Rubel mit Gurken ... nur
um mich irgendwie durchzufretten ...
Marakulin sprang vom Stuhl auf.
– Wozu, sagen Sie mir endlich, wozu wollen Sie sich durchfretten? – rief
er.
Aber er befand sich allein im Zimmer, es war niemand mehr drin.
Die Katze miaute, Murka miaute. Er war allein im Zimmer; er war mitten
im Gespräch eingeschlafen, der Alte hatte es offenbar bemerkt und sich mit
seinem letzten Fünfkopekenstück davongeschlichen, genau so, wie er
vorher unbemerkt eingetreten war. Auch die Mütze lag nicht mehr auf dem
Boden. Die Katze miaute, Murka miaute.
Und plötzlich sah Marakulin so klar, wie noch nie zuvor, daß Murka stets
gemiaut hat, und nicht nur gestern, sondern alle die fünf Jahre hier an der
Fontanka auf dem Burkowschen Hof; er hatte es nur nicht bemerkt, und
nicht nur hier auf dem Burkowschen Hof an der Fontanka, sondern auch auf

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dem Newsky und in Moskau an der Taganka – bei der Auferstehungskirche
–, an der Taganka, wo er geboren war, – überall, wo etwas lebt. So klar sah
er es, so deutlich sprach es in ihm, daß er sich vor diesem Miauen, vor
dieser Murka nirgends hätte verstecken können. Und er fühlte es, daß
Murka nicht dort unten im Hof miaute, sondern hier ...
– Gebt Luft! – miaute Murka, als könnte sie sprechen: – gebt Luft! – und
sie wälzte sich auf den Steinen, zu den Fenstern hinaufflehend.
Eng, immer enger hockten sich die Kinder um sie herum, sie vergaßen
ihre wilden Spiele und ihre wilden Beschäftigungen, sie horchten; auch die
Scherbe mit der Milch stand noch unberührt da, und der Perser, der
schwarze Masseur aus der Badeanstalt ging nicht fort und rollte mit den
Augäpfeln.
Erst spät am Abend bezog Marakulin in der fünften Etage sein neues
Zimmer, wo früher die Waschküche war. In der Wohnung war niemand,
außer der Köchin Akumowna; die Wirtin Adonja Iwoilowna war von der
Reise noch nicht zurück, – Adonja Iwoilowna pflegte im Sommer zu
pilgern und die Wohnung Akumownas Aufsicht zu überlassen. Die anderen
zwei Zimmer waren unvermietet.
Die erste Nacht in der neuen Wohnung träumte Marakulin, er sitze in
einem Lustgarten außerhalb der Stadt an einem Tischchen gegenüber der
Estrade – der Garten erinnerte an den Garten des Aquariums – und rings um
ihn lauter unbekannte Menschen: ihre Gesichter waren böse und unruhig,
und sie gingen herum und brummten und flüsterten miteinander. Er
verstand, daß ihr Brummen und Flüstern sich auf ihn bezog. Sie hatten
nichts Gutes im Sinn, gewiß nichts Gutes! Es wurde ihm Angst, sie aber
kamen immer näher, und bald flüsterten sie nicht mehr miteinander, sondern
winkten einander mit den Augen zu, verstanden einander und zeigten auf
ihn. Und schon gab es keinen Zweifel mehr: – er darf nicht länger
dableiben, sie würden ihn sonst totschlagen. Er erhebt sich und will ganz
unbemerkt zum Ausgang gelangen, – sie aber sind hinterher. So ist es, sie
wollen ihn totschlagen! Sie werden ihn totschlagen, erwürgen; wohin
fliehen, wo sich verstecken? O Gott, wenn doch ein Mensch wenigstens da
wäre, ein Mensch! Und sie verfolgen ihn, sind ihm schon auf den Fersen,
jetzt holen sie ihn ein. Er stürzt in eine Grotte, fällt mit dem Gesicht auf die
Steine. Und plötzlich läßt sich ein Vogel wie ein Stein auf ihn nieder, auf
den Rücken, kein Adler, sondern ein Habicht, der Hühner raubt. Er preßt
ihn hart zwischen den Klauen, zerdrückt ihn, wie er sonst die Hühner

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zermalmt. – Dieb, Dieb, Dieb – klopft sein Schnabel. Und ihm wird schwer,
so schwer, – es ist kein Zweifel mehr für ihn: er wird sich nie mehr erheben
können, nie mehr sich aufrichten, – und es ist ihm schwer; Bitternis ist in
ihm und Todesbangen.
– Ein böser Traum – sagte Akumowna, als Marakulin ihr am Morgen von
den nächtlichen Menschen und vom Habichtvogel erzählte, – man hat ihn
nur vor einer Krankheit. Sie werden ganz bestimmt krank werden.
Die Krankheit aber hatte sich seiner schon bemächtigt, er war ganz
zerbrochen, ganz aufgelöst, der Kopf hing ihm herab, er war krank: am
Morgen vermochte er kaum ein Glas Tee auszutrinken und der Bissen blieb
ihm im Munde stecken. Draußen war eine Hochsommerhitze und ihn
schüttelte der Frost wie im Januar.
Die göttliche Akumowna – im Burkowschen Hof wurde Akumowna die
göttliche genannt –, die gute Seele, brachte Marakulin zu Bett, gab ihm
Himbeertee zu trinken und legte ihm Senfpflaster auf; sie pflegte ihn Tag
und Nacht, und pflegte ihn gesund. Die Krankheit ließ ihn los und verließ
ihn. Doch hatte er an die zwei Wochen gelegen.
Das erste, was er empfand, als er nach der Krankheit die Hausschwelle
überschritt und sich auf der Straße befand, war – daß er jetzt alles zu sehen
und zu hören anfing. Und er fühlte, wie sein Herz sich auftat und seine
Seele lebte.
Der eine muß verraten, um durch den Verrat seine Seele aufzuschließen
und in der Welt er selbst zu sein; der andre muß töten, um durch den Mord
seine Seele aufzuschließen und wenigstens als er selbst zu sterben; er aber
mußte offenbar eine Quittung ausfertigen – aber nicht der Person, der sie
zukam, – um seine Seele zu erschließen und in der Welt zu sein, und zwar
nicht mehr als irgendein beliebiger Marakulin, sondern als dieser Peter
Alexejewitsch Marakulin, der er war, sehen, hören und fühlen.
So sprach es in Marakulin am ersten Tag seiner Genesung, so fand er ein
Schlupfloch, um wieder in die Welt hineinzuschlüpfen, so bewies er sich
sein Recht zum Dasein: nur sehen, nur hören, nur fühlen.
Er hatte keine Angst mehr vor den Menschen, sie schreckten ihn nicht
mehr. Und es war ihm jetzt eigentlich ganz gleichgültig, ob er ein Dieb war
oder nicht. Er fürchtete sich auch vor gar keinem Unglück mehr. Und wenn,
dachte er, noch tausendmal soviel Ungemach ihn heimsuchen sollte, so war
er zu allem bereit, mit allem einverstanden, alles wollte er hinnehmen und
erdulden und in jeglicher Schmach leben, in jeglicher Erniedrigung, alles

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sehend, alles hörend, alles fühlend. – Warum? Das wußte er selber nicht,
nur, daß er leben wollte.
Geschah dies dem Ungemach und dem einäugigen Bösen zum Trotz, dem
überall ein Fest gerichtet ist, wo man sich grämt und weint – er hat nämlich
das Ungemach ausgehungert und läßt es hungrig um die Erde streifen, und
er selbst, der Einäugige, blickt mit seinem unterlaufenen Auge scheel aus
den Wolken von der Höhe des Himmels herab, wie die Erde vor Kummer,
Gram, Not, Trauer, Leid, Bosheit und Haß sich wälzt und wie Murka klagt,
und duldet es vielleicht nur bis zu einer gewissen Zeit, oder betrachtet er es
mit Wohlgefallen –?
Oder geschah es dem Kummer und seinem Hohn zum Trotz, dem
mageren, dünnen, zusammengeschrumpften, von Weiden umgürteten, mit
Bast umwickelten, – diesem, wie der alte Gwosdjow, zerzausten Kummer,
mit seinen geheuchelten Tränen, die er vergießt, wenn er einen in die Grube
hinabstößt und dazu „Ecce homo!“ ruft? Oder erkannte er in Murkas
Miauen, in Murkas Bestimmung zu klagen, eine höhere Gerechtigkeit, eine
Strafe für Murkas Erbsünde, die nicht gesühnt, nicht vertuscht werden kann,
wenn sie vielleicht auch ganz geringfügig ist, weil geschrieben steht: Wer
das ganze Gesetz befolgt und nur eins übertritt, der ist im ganzen schuldig!
und er ergab sich drein mit Furcht und Beben, nachdem er erkannt hat, daß
sein Recht eben in der Rechtlosigkeit von Uranbeginn bestand? – Oder war
es seine Liebe zum Leben, sein Instinkt zum Leben, die Heiterkeit des
Gemüts – das Mark und die Wurzel seines Lebens, die ihm Recht sprachen,
als eingeborene Kräfte seiner Seele, und ihm die Fähigkeit verliehen, sich
zu finden, sich zu fügen und anzupassen, ohne Worte, ohne Beweise? Oder
wird er jetzt einfach nur leben, niemand zum Trotz, niemand zu Leide,
weder aus Erkenntnis, noch dank seiner besonderen seelischen
Eigenschaften, sondern einfach so – zu gar keinem Zweck, ebenso wie er
früher zu keinem Zweck für den Direktor vor den Feiertagen die Berichte
abgeschrieben hatte, Tag und Nacht beharrlich einen Buchstaben nach dem
anderen malend, die Zeilen wie Perlen aneinanderreihend? – Ist es nicht so?
Etwas Derartiges flog damals Marakulin durch den Sinn und sprach
deutlich in ihm: Zu keinem Zweck – zu gar keinem Zweck, aber du wirst
dennoch leben und nur sehen, nur hören, nur fühlen.

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Zweites Kapitel

D as Burkowsche Haus stößt an keine fremde Mauer. Ihm seitlich
gegenüber liegt das Obuchowsche Krankenhaus. Zwischen dem Haus
und dem Krankenhaus befinden sich zwei Höfe: Burkows Hof und der
Hof der Belgischen Gesellschaft. Die Fabrik der Gesellschaft liegt rechts, –
sie hat vier Ziegelschlote mit Blitzableitern; sie qualmen den ganzen Tag
und erfüllen die Fensterrahmen mit schwarzem Ruß. Ueber diesen Ruß
beklagt sich Akumowna so oft sie vor den Feiertagen die Zimmer reinigt,
aber sie schreibt die Schuld daran nicht den belgischen Schloten zu,
sondern der riesigen elektrischen Milchglaskugel, die den ganzen
belgischen Hof beleuchtet.
Der Mond blickt manchmal in die Fenster hinein, die Sonne aber ist nie
zu sehen, nur im Hochsommer glüht Marakulins Zimmer wie eine heiße
Pfanne: die Strahlen dringen herein zusammen mit dem Staub und jenem
lästigen Hämmern von Eisen gegen Stein, das dem sich erneuernden und
aufputzenden Petersburg im Sommer eigen ist. Auch die Sterne sind hier
wenig zu sehen, mit Ausnahme des Abendsterns, und auch dieser ist nur im
Frühjahr sichtbar, in später, nicht sehr dunkler Mitternacht; dafür aber
glänzt das Licht im Obuchowschen Krankenhaus wie ein Stern.
Wenn im Hof der Belgischen Gesellschaft schwarze Männer erscheinen
und wie Zuchthäusler einen schwarzen Karten mit Steinkohle nach dem
andern von der Fontanka hereinfahren, und der Hof sich im Laufe der Tage
in einen schwarzen Berg verwandelt, dann bedeutet es, daß der Sommer
vorüber ist und daß der Winter, der Herbst naht. Wenn aber der Berg
abzunehmen beginnt und wie Schnee schmelzend zergeht, wenn die
schwarzen Männer wieder mit schwarzen Karren erscheinen und klirrend
die letzten Stücke wegfahren; wenn in dem mit grauem Sandbestreuten Hof
weiße Zelte sich erheben, kurzgeschorene, erdfahle Menschen in grauen
Krankenhauskitteln herumzuschleichen beginnen und die roten Kreuze der
Schwestern leuchten, dann bedeutet es, daß der Winter vorüber ist und daß
der Sommer – der Frühling da ist.
Burkows Haus ist wie Petersburg selbst.

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Der herrschaftliche Teil des Hauses liegt nach der Seitengasse mit der
Kaserne – in ihm sind lauter teure Wohnungen. Hier wohnt der Eigentümer
Burkow selbst – ein ehemaliger Gouverneur: seine Uniform strahlt wie
elektrisches Licht und sein Vorzimmer ist voller Epauletten und blanker
Knöpfe. Eine Etage höher wohnt der Rechtsanwalt Amsterdamskij – er
nimmt zwei Wohnungen ein. Noch höher wohnen Oschurkows – ein
Ehepaar nur – in zehn Zimmern; alle zehn Zimmer sind voll von Nippes,
auch ein Aquarium mit Goldfischchen haben sie; die Dienstboten wechseln
jeden Tag. Der Nachbar der Oschurkows ist ein Deutscher, der Doktor der
Medizin Wittenstaube, der alle Krankheiten mit Röntgenstrahlen heilt.
Ueber Oschurkows und Wittenstaube wohnt die Generalin Cholmogorowa,
oder die Laus, wie sie im Hof genannt wird. Ueber der Generalin wohnt
niemand; unter Burkow befindet sich noch ein Kontor und an der Ecke eine
Bäckerei.
Burkow selbst wurde nie von jemand gesehen. Es gingen seltsame
Gerüchte um von seiner eigenartigen Selbstvernichtung: während er
Gouverneur in Purchowez war und dort den Aufruhr unterdrückte, soll er
dermaßen außer sich geraten sein, daß er unter anderen Akten auch eine von
ihm selbst verfaßte Meldung an das Ministerium über seine eigene völlige
Unfähigkeit unterschrieb, worauf er glücklich, aber ihm völlig überraschend
nach Petersburg berufen wurde, wo er seinen Abschied erhielt.
Die Generalin Cholmogorowa dagegen konnte ein jeder sehen, und alle
wußten, daß allein die Zinsen ihres Kapitals bis zu ihrem Tode reichten, und
leben könnte sie noch ein halbes Jahrhundert: kräftig und lebhaft würde sie
alle überleben, oder wie der Chiromant sich ausdrückte: es ist ihrem Leben
kein Ende abzusehen! Man wußte auch von der Generalin, daß sie jeden
Dienstag ins Dampfbad gehe und so abgehärtet sei, daß sie überhaupt nicht
altere, sondern immer im gleichen Zustand verharre. Weiter wußte man,
Gott weiß woher, daß sie nichts in ihrem Leben zu bereuen habe; sie hat
weder getötet noch gestohlen, und wird weder töten noch stehlen, denn sie
tut nichts, als sich ernähren – sie trinkt und ißt – sie verdaut und härtet sich
ab. Sonst nichts. Endlich wußte man, daß sie das Haus nie anders als mit
einem Klappstuhl verlasse; diesen nehme sie als eine Art Waffe mit, falls sie
überfallen werden sollte, – und so kann man sie mit dem Stuhl täglich auf
der Fontanka der Motion wegen promenierend antreffen, an Samstagen und
Sonntagen, vor den Festen und an den Festtagen selbst dagegen auf dem

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Sagorodny-Prospekt, wo sie entweder zur Kirche geht oder aus der Kirche
kommt.
Jeden Mittag Schlag Zwölf erscheint auf dem Hof das Burkowsche
Hausmädchen Susanna, das schon mehr wie ein Fräulein aussieht – wie
eine Stenotypistin aus irgendeinem Bureau – und führt den schönen Hund
des Gouverneurs, den rothaarigen Revisor über den Hof spazieren, wobei
sie kaum die lästige Stahlkette festhält. Jeden Mittwoch werden die
Teppiche in den Hof hinuntergebracht und vor den Feiertagen auch die
Polstermöbel, und die Teppichklopfer bearbeiten sie und klopfen so eifrig
und mit solchem Gedonner, daß es sich anhört, als würde auf der Newa aus
Kanonen geschossen; das bedeutet: ein Attentat oder eine
Ueberschwemmung. Alle diese Teppiche und Möbel stammen aus dem
herrschaftlichen Teil des Hauses – aus den reichen Wohnungen der
Burkows, Amsterdamskijs, Oschurkows, Wittenstaubes und der Generalin
Cholmogorowa.
Im Hinterhaus sind lauter kleine Wohnungen, und die Einwohner sind
mittlere, zumeist aber kleine Leute. Hier befinden sich Schuster und
Schneider, Bäcker, Bademeister, Friseure, eine Waschanstalt, zwei
Weißnäherinnen, drei Schneiderinnen, eine Krankenschwester aus dem
Obuchowschen Krankenhaus, Kondukteure, Maschinisten, Kürschner,
Schirmmacher, Bürstenmacher, Buchhalter, Wasserleitungsarbeiter, Setzer
und allerlei Mechaniker, Techniker und elektrische Monteure mit ihren
Familien und ihren Lumpen, Flaschen, Gläsern und Schwaben; hier sind
auch allerlei Fräuleins von der Gorochowaja und vom Sagorodny-Prospekt,
Nähmamsells, Mädchen aus den Teestuben und elegante junge Leute aus
den Badeanstalten, die die Petersburger Damen auf Wunsch bedienen; hier
befinden sich auch „die Winkel“.
Der Inhaber der Winkel, der Händler Gorbatschow, der Schweigsame –
so wurde er im ganzen Hof genannt – ein stämmiger, haariger, angegrauter,
betfrommer Mann, der allsonnabendlich alle seine dreißig Winkel mit
Weihrauch ausräuchert, besitzt auf dem Marsfeld drei Stände. Zu den
Feiertagen tummeln sich bei Gorbatschow Mädchen in schwarzen Tüchern
und Nonnen-Geldsammlerinnen in Schaftstiefeln, und zu Ostern legen alle
diese Töchter des Gesanges lustig und keck: Christ ist auferstanden! bei
ihm los. Gorbatschow ist allen bekannt und wenig beliebt; er kann Kinder
nicht ausstehen. Die Generalin Cholmogorowa kann, wie man sagt,
ebenfalls Kinder nicht ausstehen, aber sie selbst hat nie welche gehabt;

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Gorbatschow dagegen hatte ein Töchterchen gehabt, das er aber so lange in
einer leeren Kammer voller Ratten eingesperrt hielt und so lange
mißhandelte, bis er es ins Jenseits befördert hatte. Die kleinen Kinder
ärgern Gorbatschow, geben ihm allerlei Spitznamen, verfolgen ihn in
wilden Scharen, spotten über seinen Weihrauch und über seine mit
Pferdehaaren bewachsene Nase, und davon ertönt der Hof von so kräftigen,
geflügelten Worten, von einer so auserlesenen saftigen russischen Sprache,
wie man sie kaum im Gefängnis zu hören bekommt; und das Gefängnis ist
doch sozusagen ihre Akademie.
– Die Zeiten sind reif, die Sündenschale ist voll, die Strafe ist nah, ich
werde euch alle, ihr Lumpen, auf einem Stricklein aufhängen! – brummt der
gekränkte, von den Kindern gequälte alte Schweiger und schnuppert mit
seiner von Pferdehaaren bewachsenen Gorbatschowschen Nase, während er
an den Sonnabenden alle seine dreißig Winkel beweihräuchert, böse und
bitter das Göttliche mit dem Ungebührlichen durcheinandermengend.
Die Gorbatschowschen Winkel sind allbekannt. Hier wohnt die Alte, die
an der Badeanstalt Sonnenblumen- und Kürbissamen, Johannisbrot,
Zuckerplätzchen in rosa Papierchen mit Fransen, Heringe und eingelegte
Birnen feilbietet; stellenlose Köchinnen wohnen hier und sonst allerlei
Volk, von der Art des ruhelosen alten Gwosdjow: ein Maler, ein Tischler
und allerlei fliegende Händler.
Die Stände der Händler, ihre Kästen, befinden sich an der hölzernen
Ueberwölbung der Müllgrube und auf dem Müllkasten andererseits. Am
frühen Morgen, wenn die Hausmeister den Hof säubern und fegen, da kocht
es bei den Händlern vor Arbeit auf den Ständen: die Aepfel, Apfelsinen,
getrocknete Aprikosen, Pflaumen, Datteln und andere Süßigkeiten und
Näschereien, alles wird vorsichtig immer wieder verlockend zurechtgelegt,
aufgefrischt und erneuert. Dann wird es an der Fontanka herumgetragen
und sieht so verlockend, so schmackhaft aus, daß es über die Kraft geht,
sich zu versagen, wenigstens etwas davon zum Tee zu kaufen: eine Dattel
oder eine Tafel Schokolade, die nach Mistpilzen riecht.
Und so wie die Gorbatschowschen Winkel nie leer stehen, so sind auch
die Stände dieser Händler, ihre Kästen stets voll von den verlockendsten
Süßigkeiten und Näschereien.
Neben den Winkeln befindet sich die Hausmeisterwohnung. Es sind ihrer
sieben Hausmeister. Alle sehen sie so gesund aus, und alle sind sie
irgendwie krank; – wenn sich zum Spaß wenigstens ein gesunder unter

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ihnen fände! Der Beruf eines Hausmeisters ist auch gar nicht so einfach: er
muß aufpassen und Holz tragen und Leute auf die Wache schleppen, – und
alles muß flink geschehen. Ihr einziger Vorteil ist der Verkauf von
Brennholz. Nur der herrschaftliche Teil des Hauses bezieht das Holz vom
Wirt; im Hinterhaus aber wohnen nur kleine Leute, die ihr Holz selber
kaufen, und deshalb treiben durchweg alle sieben Hausmeister einen
schwunghaften Handel mit Holz.
Ueber der Portierloge wohnt der Oberhausmeister Michail Pawlowitsch,
der seiner Stattlichkeit nach besser in die Newskaja Lawra[1] passen würde
– auch in diesem Kloster würde er nicht zu den letzten zählen; – als
Feiertagsgeschenk nimmt er nicht weniger als einen Rubel an. Ueber
Michail Pawlowitsch wohnen der Paßaufseher Jerkin und der Kontorist
Stanislaus.
Jerkin ist im ganzen Burkowschen Hof in Beziehung auf Trinken als der
erste bekannt. Und in den Feiertagen kann es vorkommen, daß er, nachdem
er die fünfte Etage erklettert, an einer Tür geklingelt und mit Mühe
hervorgestammelt hat, er sei um seinen Feiertagsobolus gekommen, wie tot
auf dem Platz liegen bleibt. Einmal, war es Weihnachten oder Ostern, da
war er die ganze Treppe hinuntergekollert, von Stufe zu Stufe – „er liebt
mich, er liebt mich nicht“ – und hatte sich dermaßen an den Fliesen
zerschunden, daß man ihn kaum erkennen konnte. Nach Neujahr, am Tage
der heiligen drei Könige, brachte ihn Antonina Ignatjewna, Michail
Pawlowitschs Gattin, eine gottesfürchtige Frau, zum Mönch am Hafen, um
ihn wieder auf den guten Weg zu bekehren. Er ließ sich auch bekehren: er
legte vor dem Bruder ein Gelübde ab, – schriftlich – daß er ein ganzes Jahr
nicht mehr trinken würde, bis zum nächsten Neujahr. Jerkin handelt mit
Marken aus dem Krankenhaus, und diese Marken, meist im Werte eines
Rubels, sind für ihn dasselbe, was das Holz für einen Burkowschen
Hausmeister ist.
Jerkins Hausgenosse, der Kontorist Stanislaus, ist ebenso wie sein
Freund, der Monteur Kasimir, von jeher dadurch bekannt, daß er sich nachts
auf allen Treppen herumtreibt und daß keine Köchin, kein Hausmädchen
ihm widerstehen kann; ein solcher Fall soll noch nicht vorgekommen sein,
und kein Gardesoldat kommt ihm darin gleich.
Hochzeiten, Leichenbegängnisse, Unfälle, Begebenheiten, Skandale,
Raufereien, Schlägereien, Hilferufe und Polizeiwache – bald ist es, als

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schreie ein Mensch, bald, als miaue eine Katze oder als würde jemand
gewürgt. Und so jeden Tag.
Burkows Haus ist eine richtige Wjasma[2].
Die Wohnung Adonja Iwoilowna Jurawljowas, der Wirtin Marakulins, ist
im Hinterhaus gelegen und trägt die Nummer neunundsiebzig.
Auf Nummer achtundsiebzig wohnt die Hebamme Lebedjowa. Bei der
Hebamme wurde am Advent ein Pelzmantel gestohlen, und der Dieb war
nicht zu finden, als wäre der Pelz im Ofen verbrannt. Man warf dem
Schweizer Nikanor vor, daß er nicht aufgepaßt hätte, – aber wie konnte er
aufpassen, wenn er den ganzen Tag auf den Beinen sein muß und nachts
herausgeklingelt wird, und so das ganze Jahr hindurch! Natürlich war es ein
schlauer Dieb, ein Hausgenosse, – aber es war nichts zu machen.
Auf Nummer siebenundsiebzig wohnten eine Zeitlang zwei Studenten –
Scheweljow und Chabarow. Dem Aussehen nach waren sie wohlhabend; sie
waren elegant gekleidet und hatten die Miete für einen Monat
vorausbezahlt. Sie lebten zurückgezogen, niemand pflegte zu ihnen zu
kommen, es gab nie Lärm bei ihnen und sie hatten auch keine eigene
Bedienung. Gewöhnlich fuhren sie schon am Morgen fort und kamen erst
spät abends heim. Sie befaßten sich damit, Geld für ihre armen Kollegen zu
sammeln; so sagten sie bei ihren Besuchen in den Vorder- und
Hinterwohnungen des Burkowschen Hauses. Nur durch eins störten sie: sie
sangen sehr oft in der Nacht, wenn auch nicht laut, so doch vernehmlich
Totenmessen. Diese nächtlichen Totengesänge verursachten den Nachbarn
wenn nicht Schrecken, so doch einige Erregung. Aber was geschah? Nach
einem Monat stellte sich heraus, daß sie gar keine Studenten waren, auch
nicht Scheweljow und Chabarow hießen, sondern Schibanow und
Kotschenkow – Diebe vom reinsten Wasser, und ihre Wohnung war, als
wäre sie gar nicht bewohnt, leer, nicht einmal ein zerbrochener Stuhl war
drin – nichts, nur ein Kerzenstumpf in einer Bierflasche und ein
Messinghahn. Und da sie nicht wenig auf dem Kerbholz hatten, wurden sie
verhaftet.
An Stelle der Studenten quartierten sich auf Nummer siebenundsiebzig
zwei Artisten, die beiden Brüder Damaskin ein: Sergej Alexandrowitsch
vom Ballett – er hatte in zwölf Sprachen Examen gemacht und alle Gesetze
ausstudiert, wie man im Hof sagte, – und Wassilij Alexandrowitsch, ein
Zirkusclown oder der Klon[3], wie es in der Burkowschen Sprache hieß: er
spie Feuer und fürchtete nichts und ist schon im Luftballon geflogen. Die

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neuen Mieter wurden vom Oberhausmeister Michail Pawlowitsch die
Artisten genannt, und er war von einem ungewöhnlichen und ihm selbst
rätselhaften Respekt vor den Brüdern Damaskin durchdrungen, wie vor
einem Mönch aus dem Hafen.
Wassilij Alexandrowitsch, der Clown, sieht wie eine Teetasse aus, Sergej
Alexandrowitsch ist schlank und sauber, wie ein sechzehnjähriges Fräulein;
er berührt die Erde kaum beim Gehen und hält sich steil, wie ein
dreijähriges Kind; – er geht schnell, seine Schuhchen scheinen keine
Absätze zu haben, und jeden Augenblick kontrolliert er sozusagen seine
Füße gymnastisch: er beginnt mit den Füßen zu flattern, wie ein Hahn mit
den Flügeln. Wassilij Alexandrowitsch ist nur im Zirkus beschäftigt und hat
jeden Abend Vorstellung, wie das so ist, Sergej Alexandrowitsch dagegen
tanzt im Theater und gibt Stunden bei sich zu Hause und außer dem Hause.
Die Artisten verdienten gut, streuten das Geld aber um sich wie Späne –
Sergej Alexandrowitsch spielte Karten und verlor stets – sie kamen aus den
Schulden nicht heraus, und manchmal ging’s ihnen an den Kragen.
Sie beide waren nicht älter als Marakulin. Sergej Alexandrowitsch war
verheiratet, aber seine Frau hatte ihn verlassen. Und obgleich er sie
versicherte, daß die Liebe nur einmal komme – es gebe nur eine Liebe auf
der Welt – und, wenn er seinen Schülerinnen den Hof mache, dies eben nur
zu den Pflichten seines Berufes gehöre, und wenn er mit einer Schönen
spreche, so spreche er mit ihr nur, wie mit einem Menschen, ohne daß sein
Herz dabei beteiligt sei, so war seine Frau doch von ihm fortgegangen.
Sergej Alexandrowitsch ist sauber, Wassilij Alexandrowitsch das Gegenteil:
er braucht jeden Tag ein Fräulein, er kann sonst nicht leben; er ist dabei
nicht wählerisch und fürchtet sich vor nichts, dafür aber besucht er, wenn
auch nicht oft, die Kirche. Sergej Alexandrowitsch dagegen ist sogar Ostern
zu Hause geblieben. Und als Sergej Alexandrowitsch einmal Zahnweh
bekam und beschlossen hatte, er müsse sterben, dachte er gar nicht daran,
einen Priester rufen zu lassen, vielmehr warnte er die Sklavin – so nannten
die Artisten ihre Köchin Kusjmowna – und zwar aufs strengste davor: –
Wenn du mir einen Popen holst – rief er in seiner Zahnwehraserei – werfe
ich das Aas die Treppe hinab! –
Und er hätt’ es auch gewiß getan: Sergej Alexandrowitsch war ein großer
Philosoph.
Marakulin stand mit der Hebamme Lebedjowa nur auf dem Grüßfuß – sie
mißfiel ihm: sie sah nur auf die Tasche, war unterwürfig und verstand es mit

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zwei Stimmen zu sprechen: mit der einen zu denen mit den vollen Taschen
und mit der anderen zu denen, die nichts hatten. Bald hörte die Hebamme
auf, Marakulins Gruß zu erwidern, und auch er tat, als bemerkte er sie nicht
mehr. Mit den Studenten war Marakulin nicht näher bekannt gewesen und
nur manchmal an der Treppe mit ihnen zusammengestoßen: er stieg gerade
hinauf, als sie herunterliefen; nachts aber war er ein aufmerksamer Hörer
der studentischen Totengesänge. Auf den ersten Eindruck gefielen ihm diese
Kerle: sie waren so tüchtig und lebenslustig. Mit den Artisten aber hatte er
sich angefreundet und besuchte sie: er kam zu ihnen ab und zu abends zum
Tee.
Die Artisten waren geistlicher Herkunft und von seminaristischer
Bildung; sie waren beide ein paar fidele Hühner, nicht kopfhängerisch – sie
sparten kein Streichholz beim Zigarettenrauchen! – Wassilij
Alexandrowitsch, der Clown, war nicht sehr gesprächig, aber einem
Gespräch nicht hinderlich; er war gutmütig und lachte viel, häufig auch, wo
es gar keinen Anlaß zum Lachen gab, offenbar nach seiner eigenen
Clownlinie. Sergej Alexandrowitsch dagegen unterhielt sich gern. Er war
auch ein Bücherfreund und las nicht nur humoristische illustrierte
Zeitschriften wie etwa „das Petersburger Satirikon,“ nicht nur den
berühmten „Andrej, den Schwergeprüften,“ oder „Elsa von Gabron,“ oder
„die schrecklichen Geheimnisse des unterirdischen Gewölbes,“ oder „die
schrecklichen Abenteuer des Räuberhauptmanns die schwarze Hand,“ oder
„die Liebesrendezvous von Beritzky,“ „die Entführung Ludmillas durch den
Waldräuber Alexander“ – die Lieblingslektüre des Clowns –, nein, er las die
neuesten, sensationellen Bücher, die überall in den Schaufenstern zu sehen
sind: bei Ssuworin, bei Wolf, bei Mitjurnikow auf dem Newsky, im Gostiny
Dwor, auf der Litejnaja und sogar auf der Gorochowaja, in der einzigen
Buchhandlung dieser Straße. Und beim Tee pflegte Sergej Alexandrowitsch
auf alle totengräberischen, tendenziösen Betrachtungen Marakulins mit
eigenen ausgedehnten Betrachtungen über das Schicksal und das Los
verschiedener Länder, Völker und des Menschen überhaupt zu erwidern
und schloß gewöhnlich mit der kurzen Bemerkung:
– Man muß alles von sich abschütteln! – dabei flatterte er mit den Füßen
wie ein Hahn mit den Flügeln.
Sergej Alexandrowitsch ist ein großer Künstler.
Die Wirtin Marakulins Adonja Iwoilowna Jurawljowa – eine nicht mehr
junge, dicke und sehr gute Frau, ist seit fünfzehn Jahren Witwe, seitdem ihr

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Mann infolge einer Krebskrankheit den Hungertod starb. Er wurde auf dem
Smolensky-Kirchhof begraben. Sie selbst ist keine geborene Petersburgerin,
sie stammt von der Meeresküste, vom Weißen Meer. Ihr Mann besaß ein
Geschäft auf der Ssadowaja, einen Schnittwarenladen – Baumwolle und
Zwirn – jetzt hat sie es verpachtet. Sie hat keine Kinder und die Verwandten
von seiten ihres Mannes sind auch kinderlos, nur ein Neffe ist da. Der Neffe
pflegt an den Feiertagen zu Weihnachten und Ostern zu kommen, um ihr
zum Fest zu gratulieren, ebenso an ihrem Namens- und Geburtstag. Sie ist
reich – hat viel Geld und weiß nichts damit anzufangen; sie grämt sich sehr,
daß sie keine Kinder hat und seufzend klagt sie über das ihr von Gott
bestimmte kinderlose Leben.
Adonja Iwoilowna bewohnt das äußerste Zimmer; gleich am Eingang
rechts liegt ihr Zimmer. Den ganzen Tag sitzt sie zu Hause; auf die Straße
geht sie nicht – es ist ihr beschwerlich, die Treppen hinunterzusteigen –, der
eine Fuß schleppt etwas nach, und beim Hinaufsteigen vergeht ihr der
Atem; auch hat sie Angst vor der Elektrischen. Es bleibt ihr nur eine
Zerstreuung: in die Küche zu Akumowna zu spazieren und mit ihr vom
Essen zu sprechen.
Adonja Iwoilowna ißt gern.
Die Zimmer liegen alle in einer Reihe. Das zunächst an der Küche
gelegene ist das Marakulins, und Peter Alexejewitsch kann am Morgen
schon hören, wie sie das Mittagsessen bespricht. Adonja Iwoilowna ißt
besonders gern Fische. Und sie belehrt Akumowna über den Sterlet, über
die Zubereitung einer Sterletsuppe, von einem wahrhaft die Seele aus dem
Leibe schmeichelnden Geschmack.
– Zuerst mußt du, Uljanuschka – spricht sie zu Akumowna mit einer
Stimme, als schlucke sie Tränen – zuerst mußt du die Barsche bis zur
Erschöpfung kochen, dann tu’ den Sterlet hinein, das gibt eine
schmackhafte Suppe.
Und in der Tat wurde da eine schmackhafte Fischsuppe gekocht; ein die
Seele aus dem Leibe schmeichelnder, süßer, fetter Sterletgeruch erfüllte die
Küche und alle vier Zimmer, und Marakulin konnte es kaum aushalten,
kaum den glücklichen, seligen Augenblick erwarten, bis er in die Garküche
auf den Sabalkansky gehen konnte.
Adonja Iwoilowna versteht sich aufs Essen.
Den ganzen Winter sitzt sie fest, sie ist seßhaft und wird wegen ihrer
Seßhaftigkeit im ganzen Hof nicht anders als die Schmiede genannt; aber

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kaum, daß der Frühling beginnt, ist sie nicht mehr in Petersburg: den
ganzen Sommer zieht sie von Ort zu Ort, zu allen heiligen Stätten pilgernd.
Adonja Iwoilowna liebt die Einfältigen und Narren, die Starzy[4], Brüder
und Propheten. Sie war bei dem rasenden Starez in der Nähe von
Kischinew, hatte seine schrecklichen Schilderungen des Jüngsten Gerichts
und der Qualen der Sünder gehört; – sie waren so entsetzlich, daß die Pilger
wie von Sinnen davongingen und tobsüchtig wurden; manche starben auf
der Stelle vor Angst vor den Höllenqualen – so entsetzlich waren diese
Schilderungen. Sie war auch schon im Ural bei Makarij: – dieser Starez
wohnt auf einem Geflügelhof, pflegt das Geflügel, spricht mit dem
Geflügel, und ihm gehorcht alles Vieh: wenn sich der Starez bei
Sonnenuntergang zum Beten hinstellt, so stellt sich auch das ganze Vieh
hin, wendet die gehörnten, bärtigen Köpfe nach der Richtung, wohin der
Starez betet und steht und rührt sich nicht; es erklingt kein Glöcklein, es
klirrt keine Schelle. Sie war auch in Werchoturje bei Fedotuschka Kabakow,
der durch Gebete die Stimme des Himmels herabruft; sie war auch bei
jenem Starez, der durch seine Berührung engelhafte Reinheit schenkt und in
den paradiesischen Zustand versetzt; sie war auch bei dem Kitajewschen
Propheten: dieser Heilige läßt die Frommen an seiner Zunge saugen – er
steckt seine Zunge heraus, man saugt an ihr und ist geheiligt – die Gnade
hat sich auf einen herabgesenkt. Noch bei vielen anderen heiligen Männern
war sie in ihrem Leben gewesen: im Heiligengeistkloster, wo der Starez die
bösen Geister vertreibt, indem er durch den Beischlaf das Fleisch abtötet;
beim Bossoj-Iwanowskij-Starez, beim Starez Damian und bei Phoka
Skopinskij, der sich selbst auf dem Scheiterhaufen verbrannt hatte.
Adonja Iwoilowna liebt die Armen im Geist, die Narren, die Starzy,
Brüder und Propheten. Sie möchte ihr Leben lang ihren unverständlichen
Gesprächen, ihren Parabeln und Sprüchen lauschen, sie möchte in ihren
Zellen beten, wo die Oellampen sich von selbst entzünden, wie die Kerzen
Jerusalems. Sie hat nur einen Kummer: sie sprechen nicht mit ihr, – einzig
ihr allein hat noch niemand von diesen Heiligen etwas gesagt! Ob sie nun
zu alt an Jahren ist, oder ob sie vor Rührung die prophetischen Worte nicht
hört, oder ist es ihr vielleicht nicht gegeben zu hören –? Nur die heilige
Schwester Parascha hatte ihr einmal gesagt:
– Schiffe werden gehen, viele Schiffe – weit!
Und im Winter in ihrer schwülen Stube auf der Fontanka sitzend,
wiederholt Adonja Iwoilowna sehr oft:

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– Schiffe, Schiffe! – und kann diese Worte nicht begreifen, und die
Tränen rollen ihr wie die Erbsen die Wangen herab.
Adonja Iwoilownas Aehnlichkeit mit einer Seerobbe ist erstaunlich – eine
echte murmanische[5] Seerobbe.
Adonja Iwoilowna liebt die Armen im Geiste, die Narren, die Starzy,
Brüder und Propheten, aber sie hat noch eine andre Leidenschaft und eine
ebenso unbezwingliche: das Meer, das Meer – sie liebt das Meer. Alle
russischen Meere hat sie befahren, sie ist auf dem Murman, auf dem
Eismeer geschwommen, wo der Wal lebt, und hat auch das Mittelmeer
gesehen.
Und im Winter allein in ihrer schwülen Stube auf der Fontanka sitzend
denkt sie oft an das Weiße Meer, ihre Heimat, und an das warme Schwarze
Meer und an das smaragdgrüne Mittelmeer, und bei dem Gedanken an das
Meer wiederholt sie Paraschas einzige prophetische Worte:
– Schiffe, Schiffe! – und sie kann es nicht verstehen und Tränen rollen ihr
wie Erbsen die Wangen herab.
Nachts quälen Adonja Iwoilowna Träume. Sie träumt bunte Träume: sie
träumt von der Heimat, von den heimatlichen Flüssen, dem Onegafluß, dem
Dwinafluß, dem Pinegafluß, den Meshafluß, den Petschorafluß, vom
schweren Brokat altrussischer Gewänder, von weißen Perlen und rosa
Perlen aus Lappland, von Walfischen, Seerobben, Lappen, Samojeden, von
Märchen und alten Weisen, von langen Winternächten und von der
Mitternachtssonne, vom Kloster Ssolowski und vom Reigen. Sie träumt von
cholmogorischen ungehörnten Kühen, einer ganzen Herde; – und diese
Kühe haben menschliche Augen, sie schmiegen sich alle mit dem Rücken
an sie, dann tritt eine vor, reicht ihr einen Fuß wie eine Hand und sagt:
„Adonja Iwoilowna, lehre mich sprechen.“ Nach ihr tritt eine andre vor, und
so eine Kuh nach der anderen, jede reicht ihr einen Fuß wie die Hand, und
alle haben sie die gleiche Bitte: „Adonja Iwoilowna, lehre mich sprechen!“
Sie träumt von Skorpio-Chamäleonen; – alle sind sie im Frack, sitzen an
den Wänden und wedeln mit den Schwänzen, die bald smaragdgrün sind
und bald purpurn, wie eiskaltes Abendrot. Sie sehen sie alle nur an, und
bald sind alle Wände voll von Skorpio-Chamäleonen, überall sind sie: auf
den Heiligenbildern und hinter den Heiligenbildern, und ein Schweif, wie
aus tausend kleinen Schweifen zusammengesetzt, winkt ihr zu und lockt
sie, bald smaragdgrün und bald purpurn, wie eiskaltes Abendrot. Und
manchmal träumt sie auch baren Unsinn: als esse sie einen Käsekuchen,

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und so viel sie auch essen mag, sie wird nicht satt und der Käsekuchen
nimmt nicht ab.
Jeden Tag deutet Akumowna die Träume, und abends beim Tee legt sie
Karten. Akumowna kann wahrsagen aus den Weidenkätzchen, aus den
Wagenkerzen und zur Winterzeit aus den Frostblumen auf den Fenstern;
doch am genauesten kann sie aus den Karten wahrsagen.
Herbstabend. Draußen rieselt ein Petersburger Regen. Aus den
Dachrinnen schlägt dumpf, wie ein Hund aufheulend, das Wasser auf die
Steine. Die belgische Bogenlampe leuchtet wie der Mond durch das
Gewoge von Nebel und Rauch. Im Fenster des Obuchowschen
Krankenhauses blinkt nur ein Licht.
Im äußersten Zimmer bei Adonja Iwoilowna singt der Samowar – er geht
nicht aus, er ist voll und kochend heiß, der Dampf wallt nur so – der Sänger
summt sein Lied. Der Samowar singt, daß man es durch alle Zimmer hört.
Akumowna ist nicht in der Küche. Akumowna ist mit den Karten bei
Adonja Iwoilowna. Akumowna legt Karten. Der Samowar ist im Erlöschen,
sein Gesumme ist leiser und Akumownas Stimme tönt dumpfer:
– Fürs Haus. Fürs Herz. Was sein wird. Wie es endet. Wie es sich
beruhigt. Sagt die volle Wahrheit, reinen Herzens. Was kommt, wird auch
zutreffen.
Es kommen aber lauter unreine, lauter unerfreuliche und dunkle Karten.
Adonja Iwoilowna weint. Wie sollte sie auch nicht weinen! Ihren Mann
hatte man auf dem Smolensky-Kirchhof bestattet und sie wollte ihn doch in
der Newskaja Lawra haben: die Verwandten hatten darauf bestanden, hatten
nicht auf sie geachtet. Er war zu Allen gut gewesen, hatte viel geholfen,
aber sie liebten ihn nicht. Nur sie allein hatte ihn geliebt und auf sie hatte
man nicht gehört. Auf dem Kirchhof geht nun die Erde unter ihm weg, die
Erde bröckelt ab.
Und wieder ertönt Akumownas Stimme, noch dumpfer.
– Fürs Haus. Fürs Herz. Wie es endet. Was sein wird. Wie es sich
beruhigt. Sagt die volle Wahrheit reinen Herzens. Was sein wird, wird auch
zutreffen.
Doch es kommen wieder dieselben Karten. Und wieder dieselben
Träume; Adonja Iwoilowna weint: nur sie allein hatte ihn geliebt, aber man
hatte nicht auf sie gehört, und jetzt geht die Erde unter ihm weg, die Erde
bröckelt ab.
– Man darf niemand beschuldigen! – sagte Akumowna plötzlich.

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Herbstabend. Draußen rieselt ein Petersburger Regen. Aus den Rinnen
schlägt das Wasser, wie ein Hund aufheulend auf die Steine. Die belgische
Bogenlampe leuchtet wie der Mond durch das Gewoge von Nebel und
Rauch. Im Fenster des Obuchowschen Krankenhauses schimmert nur ein
einziges Lichtlein.
Im äußersten Zimmer, in der schwülen Stube bei Adonja Iwoilowna
brennen drei ewige Oellämpchen. Adonja Iwoilowna betet lange. Auch in
der Küche, in der vom unverwüstlichen Sterletgeruch und vom Geruch
getrockneter Pilze gesättigten Küche, brennen drei Oellämpchen.
Akumowna betet lange.
– Schiffe, Schiffe! – ertönt des Nachts eine Stimme inmitten des
weinerlichen Schnarchens.
Und am anderen Ende der Wohnung antwortet ihr dumpf eine andere:
– Man kann niemand beschuldigen! –
Und eine dritte Stimme, die durch die Wand aus dem Zimmer der
Artisten hereindringt, sagt:
– Man muß alles von sich abschütteln.
Marakulin fährt dabei auf, kauert sich zusammen, ganz verstummt und
bedrückt horcht er und wiederholt sich vergebens immer dasselbe; trotzig
wie er ist, kann er nicht mehr nicht denken, er kann nicht auf seine
Gedanken nicht hören, und der Friede flieht ihn.
Die göttliche Akumowna ist laut ihrem Paß eine Jungfrau von
zweiunddreißig Jahren, aber laut ihren eigenen Versicherungen – es war
übrigens auch ohne ihre Versicherungen einleuchtend – war sie nicht
zweiunddreißig, sondern sicher fünfzig. Sie ist aus Pskow gebürtig oder
eine Pskowitanerin, wie die Artisten sie zu nennen pflegen, zu denen sie
ebenfalls manchmal hinläuft, um Karten zu legen; für Sergej
Alexandrowitsch wäre sie sogar bereit, den ganzen Tag Karten zu legen,
außerdem ist die Sklavin Kusjmowna, welche halb an eine Flunder, halb an
ein gefrorenes Huhn von der Sennaja erinnert, so etwas wie ihre Gevatterin.
Akumowna ist klein und schwarz, ihr Gesicht ist sehr dunkel, – ein
Käfer! Sie lächelt und blickt so eigentümlich, idiotisch, nicht gradeaus,
sondern von der Seite, mit etwas geneigtem Kopf. Sie ist sanft und wird nie
böse. Und flink ist sie, aber sie läuft nicht, sondern sie dreht sich auf
demselben Fleck herum und es sieht nur so aus, als liefe sie. Und geschickt
ist sie, man würde glauben, sie mache alles sofort; wenn es aber vorkommt,
daß man sie irgendwohin rasch schicken muß, dann ist’s aus, dann kann

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man lange warten! Es ist ja auch die fünfte Etage und ihre Beine sind schon
alt. Das Hinunterlaufen geht noch, aber beim Hinaufsteigen der Treppe – da
bleibt sie stecken. Die Füße möchten schon laufen, und Akumowna wäre
froh, möglichst schnell zurück zu sein, aber sie hat eben keine Kraft mehr,
und sie dreht sich nur auf demselben Fleck.
Den Tag und die Nacht verbringt Akumowna ebenso wie Adonja
Iwoilowna. Sie träumt allerlei Träume: sie sieht Feuersbrünste – das Haus
brennt ab – und Räuber – die Räuber jagen und verfolgen sie – und einen
nackten Mann – der Nackte steht an einem Ufer und wäscht sich mit Seife –
und ein fleckiges Reptil – das Reptil beißt sie; – und Beeren ißt sie im
Traum – Preißelbeeren, die Büschel so groß wie ein Hammelschwanz. Aber
am häufigsten – sehr häufig fliegt sie im Traum: sie fliegt immer nach
einem und demselben Ort, zu Ostaschkow in Nils Einsiedelei, zum
ehrwürdigen Nilus Stolbenskij.
– Ich mache einen Sprung und fliege – erzählt Akumowna, – ich steige
auf und greife aus mit den Händen, wie auf dem Wasser, und es wird mir so
leicht und ich fliege vorwärts wie ein Vogel.
Schon vor langer Zeit hatte Akumowna ein Gelübde getan, zum
ehrwürdigen Nilus zu pilgern, und bis jetzt hat sie dieses Gelübde noch
nicht erfüllt; sie war noch nicht ein einziges Mal da, deshalb fliegt sie oft,
sehr oft zu Ostaschkow.
Im Hof wird Akumowna geliebt: die göttliche Akumowna. Und immer
treiben sich Scharen von Kindern bei ihr in der Küche herum, sie versteht
und liebt es mit den Kindern zu spielen und zu scherzen. Sie besucht alle;
wenn sie Geld hat, gibt sie es – und man nimmt es von ihr, um es ihr nie
zurückzugeben – in allen Winkeln ist sie willkommen. Und nur eins
fürchtet sie: wenn auf dem Hof eine Schlägerei angeht.
Sergej Alexandrowitsch Damaskin hat alle Gesetze ausstudiert, – er ist
ein Artist. Akumowna aber ist ein Mensch, der weiß, was im Jenseits
geschieht. So sagt man im Burkowschen Hof.
Akumowna war schon im Jenseits, – sie war dort den Passionsweg
gegangen.
Dort in jener Welt wurde ihr alles gezeigt, nur weiß sie nicht, wer der
Mensch war, der sie geführt.
– Ich trat in ein Gebäude – so erzählt Akumowna ihren Passionsweg, – in
einen Saal: der Fußboden war morsch, die Dielen eingefallen, die Erde
unter ihnen war Schutt und auf dem Boden lagen Fische, stinkende,

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abscheuliche Fische verschiedener Art, Fleisch, Schädel; lauter schlechtes
Zeug lag da herum und bis auf die Knochen verweste Menschen – einzelne
menschliche Glieder, verweste Tiere, alles verfault und abscheulich.
Und sie wurde durch dieses Gemach geführt und es wurde ihr alles
gezeigt! Das Gemach war lang, unabsehbar, und breit, und dennoch war ihr
so eng. Vor ihnen waren Menschen, viele Menschen, hinter ihnen ebenfalls
viele Menschen, ringsum und überall gingen und standen Menschen. Und in
den Winkeln befanden sich Menschen, aber keine richtigen Menschen – das
nimmt sie so an; – auch solcher gab es viele.
– Ich habe mich so gequält, ein Gebet gesprochen, sie antworteten aber
nicht – sie hatten Schwänze und Beine wie Kühe und Krallen wie Hunde. –
Laßt mich heraus! – flehte ich.
Einer aber sagte: – Nein, sie muß noch etwas sehen! – Und darauf ein
andrer: – Warten wir, sie muß alles sehen, – und sie führten mich weiter.
Und sie führten sie durch das Gemach und zeigten ihr alles. Es lag da nur
Schlechtes und Vermodertes herum, lauter Aas, alles verwest und
abscheulich, tote Menschen, tote Tiere, Gebein, Schädel, Kehricht.
– Wenn Gott mich wenigstens die heiligen Sakramente empfangen lassen
wollte! – dachte ich, – da könnte ich dieser Unzucht entrinnen. Und ich
wiederholte bei mir: – Herrgott, laß mich das Abendmahl nehmen, ich bin
schon zu Tode gequält! – Und da sehe ich, wir sind schon draußen.
Draußen wurde sie auf einen Berg geführt, und auf dem Berg standen
drei Personen, alle in hellen Mänteln und die Gesichter mit etwas Hellem
verhüllt; sie nahmen das Abendmahl. Nur daß statt des Kelches ein
Spülnapf war und der Löffel fehlte; so nahmen sie das Abendmahl. Und viel
Volk war da, und alle traten hinzu, alle nahmen das Abendmahl.
Und auch sie wurde hingeführt. Sie wollte sich bekreuzigen, aber es war
ihr schwer, als würde sie gehindert.
Er selbst reicht mir eigenhändig die Oblate, aber nicht befeuchtet,
sondern trocken. Und ich kann ihre Hostie nicht hinunterschlucken, sie
bleibt mir im Halse stecken, ich ersticke fast. – Herrgott! Herrgott! Euch
Heilige und Engel Gottes bitte ich, genug schon mich zu quälen! – Sie aber
lachen. Der eine sagt: „Warte nur, wirst noch weiter gehen.“ Und nach ihm
der andre: „Ja, wir müssen sie noch weiter führen!“ – Sie lachen – ihre
Schwänze und Beine sind wie bei Kühen, die Krallen wie bei Hunden. Und
wieder beginnen sie mich zu führen.

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Sie führten sie den Berg hinunter zum See. An ihnen vorbei strömt das
Volk in großen Scharen, wie auf dem Newsky – sie eilen, überholen
einander, laufen, laufen und schleifen ihre langen Schwänze nach. Alle
laufen sie vom Berg zum See, und am See verwandeln sie sich in Tauben –
einer Riesenwolke gleicht diese Taubenschar.
– Die Tauben ließen sich am Wasser nieder und begannen zu trinken, und
ich sagte: „Gehen wir auch hin?“ „Ja,“ wurde mir die Antwort, „wir gehen
auch hin.“ Einer aber sagte: „Nun ist es bald mit euch zu Ende.“ Schon
nähern wir uns immer mehr dem See. Ich räuspere mich, noch immer kann
ich die Hostie nicht herunterschlucken! Herrgott, bitte ich, genug schon
mich zu quälen. Um mich herum tummeln sich Kinder und ich stürze zu
den Kindern, ob sie mich nicht retten wollen: „Schütz mich doch, mein
Schutzengel, schützt mich doch, seid mir gnädig!“ Nun ist der ganze See
mit Tauben bedeckt, das Wasser ist trübe und schmutzig. Ich steige bis an
die Knie ins Wasser. „Jetzt ist dein Ende nah“ vernahm ich eine Stimme,
und der, welcher mich geführt hatte, war fort und verschwunden.
So war Akumowna im Jenseits gewesen, so war ihr Passionsweg.
Zum Glück hat sie ein gesundes Herz, über ihren Leib klagt Akumowna
oft. Denn sie hat nicht wenig Schweres erlebt – sie war gehörig unter der
Fuchtel.
Akumownas Vater war wohlhabend und stand in gutem Ruf. Sie war
noch nicht zehn Jahre alt, da starb ihre Mutter. Sie hatte sieben Brüder, alle
älter als sie. Sie war ein gesundes Mädchen. Zwar hatte sie als kleines Kind
einen Unfall: sie schlief in der Hängewiege und die älteren Geschwister
wiegten sie, da rissen die Stricke, die Wiege flog auf die Erde und mit ihr
das Kind. Es schrie Tag und Nacht und ließ sich nicht einmal mit der Brust
beruhigen, dann wurde es besser und es erholte sich ganz. Sie war ein
kluges Kind. Vor dem Tode hatte ihr die Mutter fünfzig Rubel übergeben, in
Leinewand eingewickelt. Niemand wußte etwas vom Gelde, nur der Vater
allein. Und wenn der Vater es brauchte, da wickelte sie so viel er benötigte
aus der Leinwand heraus und gab es ihm. Später gab er’s ihr wieder zurück,
sie wickelte es wieder ein und verriet niemand etwas davon. Auch ihre
Schwägerin wußte nichts davon. Der Vater lebte mit seiner
Schwiegertochter. Die Schwiegertochter liebte sie nicht. Beim Mittagessen
nahm sie sie bei der Hand und zerrte sie vom Tisch. Sie quälte das kleine
Mädchen sehr. Der Vater lebte mit der Schwiegertochter. Einmal kam ein
Vetter; der Vater hatte längst versprochen, ihm Geld zu leihen, jetzt war er

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gekommen, um es zu holen. Aber der Vater wurde böse und wollte ihm
keines geben. Wassilij aber brauchte das Geld sehr, außerdem kränkte es
ihn: warum hatte er es erst versprochen! Er weinte und ging fort. Das
Mädelchen hörte es – sie war so gut und nicht glücklich – sie holte Wassilij
ein und bot ihm von ihrem Geld an, das in der Leinwand eingewickelt war,
aber er sollte ihr versprechen, es ihr bald zurückzugeben. Er war natürlich
froh: „Möge mein Haus verbrennen, mag ich meine Kinder nicht
wiedersehen,“ schwor er. Und sie gab ihm das Geld – genau so viel, Heller
bei Heller, wie ihr Vater ihm versprochen hatte. Aber als die Zeit kam, gab
er’s ihr nicht zurück. Er habe eben kein Geld, hieß es, sie müsse warten. Sie
hätte auch gewartet, auch war es ihr gar nicht um das Geld zu tun, aber was
sollte sie dem Vater sagen, wenn er danach fragte! Und grade mußte es
kommen, daß der Vater krank wurde: er hatte Bier getrunken, da wurden
seine Füße blau und es ging ihm schlecht. Das ganze Dorf wurde
zusammengerufen. Auch Wassilij kam, der Vetter. Alle setzten sich um ihn
herum und saßen. Da sagte der Vater zum Mädchen, sie solle die Leinwand
bringen, worin das Geld war. Sie erschrak, wußte nicht was zu sagen und
redete sich heraus: Sie habe den Schlüssel verloren. Verloren? – Schön. Die
Schwägerin nahm eine Axt, ging in den Speicher, brach den Koffer auf und
holte die Leinwand. Man zählte das Geld und es fehlten zwanzig Rubel.
Der Vater sagte zum Mädchen: – Wo ist das Geld? – Sie schwieg. Und
nochmals: Wo ist das Geld? – Sie aber schwieg wieder. Und als es ganz
schlimm mit ihm wurde, begann er die Kinder zu segnen. Er segnete erst
seine Söhne, ihre älteren Brüder, dann kam die Reihe an sie. Sie fing an zu
weinen und bat Wassilij leise, er möchte doch das vom Gelde sagen – aber
Wassilij der Räuber erwiderte: – Ich weiß von nichts, ich habe dein Geld
nicht genommen! – als hätte er in der Tat nie Geld von ihr genommen. Sie
weinte nicht mehr; – wenn es einem gar schlimm zumute ist, da weint man
nicht, sie sah nur den Vater an, sie sah ihn nur an. Der Vater sagte zu ihr: –
Ich segne dich – er hielt inne und überlegte: – sei wie ein rollender Stein um
die weite Welt! – dann knirschte er mit den Zähnen und verschied.
„Wie ein rollender Stein um die weite Welt!“ So lautete der Segen ihres
Vaters, den Akumowna empfing und der sie offenbar, wie Akumowna
annahm, zum Herumirren in der weiten Welt bestimmte.
Sie hielt es darauf keine sechs Wochen mehr zu Hause aus, und lebte
dann in einem Gemüsegarten. Zu Lebzeiten des Vaters, ob es schlecht oder
gut ging, hieß es dulden; als aber der Vater starb, da ward die Schwägerin

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grimmiger als eine Bestie, sie verfolgte sie und fraß sie auf. Am sechsten
Tag nach dem Froltage nahm die Herrin von Turij-Rog, Frau Bujanowa die
Akumowna zu sich aufs Gut, ins Haus. Das Bujanowsche Gut Turij-Rog lag
sechs Werst von Ssosna-Gora entfernt.
Auf dem Gut hatte sie es sehr schön. Die Herrin Bujanowa gewann sie
lieb. Sie war nur ein wenig älter als Akumowna: Akumowna war damals
dreizehn, die Herrin sechzehn Jahre alt. Herr Bujanow selbst war nicht
mehr jung und hätte gut der Großvater der beiden sein können. Er reiste oft
in Geschäften in die Stadt und war auch zu Hause viel beschäftigt: er besaß
viel Land, viel Wald und See, – er war ein tüchtiger Wirt und liebte sein
Gut: der Hanf in Turij-Rog stand so dicht, daß ein Mensch nicht durch
konnte, und die Hühner weideten auf den Feldern wie Schafe! Die Herrin
aber war immer allein mit Akumowna, wie mit einem lieben
Schwesterchen. Sie nahm sie überall mit, ins Feld, in den Wald, in das junge
Gehölz, um Pilze und in den dunkeln Wald, um Beeren zu suchen. Im
dunkeln Wald, in den Lichtungen, in der Sonne da stehen die Beeren so rot,
daß es eine Freude ist, sie zu pflücken. Sie pflückten Nüsse, sammelten
Eicheln zum Kaffee, oder die Herrin legte sich unter eine Kiefer und
schickte Akumowna Blumen zu holen. Akumowna kehrte dann mit Blumen
zurück – mit vielen verschiedenen blauen Blumen – und wand einen Kranz,
die Herrin aber lag unter der Kiefer und weinte. Akumowna schmückte sie
mit den blauen Blumen – und küßte sie halbtot; – sie selbst war schwarz,
mit blanken, lustigen Augen, ein rotes Band im Zopf – ein Käfer.
So verbrachte Akumowna ein Jahr unzertrennlich von der Herrin: sie
wurde zu allem angeleitet, lernte Plätten und Waschen. Vor Mariä Schutz
und Fürbitte fuhr der Herr in die Stadt und wurde da krank. Dem Herrn
geschah dies oft: man behauptete, daß sie ihn quälten: – der Wald hat seinen
Herrn und das Wasser seinen, die Wald- und Wasserbeherrscher. Der Wald
in Turij-Rog war früher dicht und undurchdringlich, ein Käfer konnte kaum
durchfliegen; Bujanow hatte den Wald gelichtet. Zu den Seen konnte man
früher nicht gelangen, er aber hatte Wege gebaut und die Seen gereinigt.
Ihnen aber ist so etwas nicht recht. Und von Zeit zu Zeit kamen sie zu ihm
und machten ihm Vorwürfe, daß er sie umgebracht hatte. Dies eben war
seine Krankheit. So sagten die Menschen. Man benachrichtigte die Herrin
in Turij-Rog, sie machte sich auf und fuhr zu ihm.
– Die gnädige Frau befahl mir, auf das Schönchen acht zu geben, –
erzählte Akumowna, – jede Nacht nach der Kuh zu sehen. Es gab da viele

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Kühe, aber das Schönchen war ihre Lieblingskuh. Das Schönchen sollte
kalben. Damit fing’s an. Im Dorf war grade eine Hochzeit und ich bat um
Erlaubnis hinzugehen. Ich versprach um Zwölf heimzukommen, vergaffte
mich und kam erst um Zwei. Inzwischen hatte das Schönchen um Zwölf
gekalbt und das Kalb mit einem Fußtritt erschlagen. „Eins von uns bleibt
am Leben, entweder du oder ich!“ sagte der Aufseher des Viehhofs, –
entweder ich werde davongejagt oder er. Und so gehe ich zum jungen Herrn
– der Bruder der gnädigen Frau war bei uns damals Verwalter – und fürchte
mich hineinzugehen: ich versuche die Tür aufzumachen und laufe zurück.
„Was hast du, Käfer?“ Er hatte mich also kommen gehört. „Verzeihen Sie,
gnädiger Herr, verzeihen Sie, ein Unglück ist passiert!“ „Komm her!“ Er
ließ mich eintreten. Ich werfe mich auf die Knie, erzähle ihm auf den Knien
alles und weine. „Hinaus! Pack deine Sachen!“ Und jagt mich hinaus. Ich
ging zu mir aufs Zimmer – meine kleine Kammer lag hinter dem
Speisezimmer – und wußte gar nicht, was für Sachen zu packen, denn ich
hatte keine, ich weinte nur. Und so weinte ich die ganze Nacht. Am
nächsten Morgen kommt der Herr. „Hast du schon eingepackt?“ Ich fange
wieder an. „Verzeihen Sie, gnädiger Herr, ich bekenne meine Schuld!“
„Schweig, wag es nicht zu weinen, – ruft er – sonst laß ich dich aufhängen“
und ging fort. Ich denke mir, aufhängen läßt er mich doch nicht, er will mir
nur Angst machen, und dennoch fürchte ich, und mir ist so bange. Es war
Samstag, das Bad wurde geheizt. Ich scheuerte die Schwitzbank, stellte Bier
hin und wollte eben gehen, da kommt der gnädige Herr. Ich will zur Tür
hinaus. „Halt, hast du schon deine Sachen gepackt?“ Ich wiederhole das
meinige: „Verzeihen Sie mir, gnädiger Herr, ich bekenne meine Schuld,
jagen Sie mich nicht fort!“ – Er überlegt und sagt zu mir: „Wenn du
einwilligst mit mir zu leben, dann bleibe hier, brauchst dann nicht
fortzugehen!“ Und stieß mich hinaus. Ich wollte aber nicht fortgehen,
wollte nicht von meiner gnädigen Frau verstoßen werden, und wohin sollte
ich auch gehen? – wieder zum Bruder, zur Schwägerin? Und so gehe ich
herum und weine. Der Viehhofaufseher wiederholt aber nur: „Eins von uns
bleibt am Leben, du oder ich!“ Entweder er wird fortgejagt oder ich. Wäre
die gnädige Frau nur zu Hause gewesen, aber sie kam immer noch nicht. Es
wurde wieder Samstag. Wieder wurde das Bad geheizt. Ich scheuerte die
Schwitzbank, stellte Bier hin und wollte mich beeilen, vor dem gnädigen
Herrn fortzugehen, mir war so bange, ich fürchtete mich. Er trat aber schon
ein. „Bist du nun einverstanden?“ – „Ja.“ – Natürlich, ich war ein dummes

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Mädchen, hab’ nichts verstanden. „Geh, zieh dich aus, ich will dich
ansehen.“ Ich zog mich aus. Am nächsten Tag fuhr der gnädige Herr in die
Stadt – er hatte mich noch nicht angerührt – und brachte mir ein seidenes
Tuch und ein Band ins Haar mit. Ich erzählte es der Kinderfrau, – eine alte,
ganz alte Kinderfrau war da im Hause. „Das macht nichts,“ sagte die
Kinderfrau, „verlange du aber fünfhundert Rubel auf ein Büchlein, zur
Sicherstellung!“ Ich konnte nicht verstehen, was für ein Büchlein sie
meinte. Ich war eben ein kleines dummes Mädchen und verstand nichts. Am
Abend ruft mich die Kinderfrau: „Wenn du dem gnädigen Herrn den
Samowar hineinbringst, dann geh nicht fort!“ Das Zimmer des gnädigen
Herrn lag neben dem Speisezimmer. Ich nahm das seidene Tuch um, flocht
mir das Band ins Haar, brachte den Samowar und setzte mich an den Tisch,
– und es schüttelte mich nur so.
Die Schande und die Schmach! – Akumowna schämte sich sehr, sie
wollte sich erhängen: ihre Herrin war zurückgekehrt, ihre Herrin – und
Akumowna ging so herum. Die Herrin beruhigte sie, versprach ihr das Kind
zu erziehen, verzieh ihr das mit dem Schönchen und verwies sie nicht von
sich. Akumowna brachte einen Knaben zur Welt, bald darauf bekam auch
die Herrin einen Knaben. Die Kinder wurden zusammen erzogen, sie hatten
eine Kinderfrau, und wurden später auch gemeinsam unterrichtet. Mit neun
Jahren wurden beide nach Petersburg gebracht. Der Bruder der gnädigen
Frau adoptierte Akumownas Sohn. Sie kamen nur zu den Sommerferien, zu
Weihnachten und zu Ostern heim. Im gleichen Jahr beendigten sie beide ihr
Studium und wurden Offiziere. Da blieben sie kurze Zeit auf dem Gut und
fuhren bald nach Petersburg zurück. Als Akumownas Sohn klein war, da
war er sanft und zärtlich, später aber als er groß wurde, begann Akumowna
sich vor ihm zu fürchten: wenn er sie ansah, hätte sie sich verkriechen
mögen, sie hätte nicht gewagt ein Wort zu ihm zu sprechen.
Die Zeit aber wartet nicht, die Zeit nimmt das ihrige! Der alte Herr starb
– sie hatten ihn erwürgt: der Wald hat seinen Herrn und das Wasser hat
seinen Herrn, Wald- und Wasserherren, so sagt man. Und nach dem Tod des
alten Herrn stieß auch dem Bruder der Herrin ein Unglück zu: an einem
Kirchenfest ihres Sprengels wurden sieben Menschen auf der Hauptstraße
ermordet; man begann zu untersuchen und der Weg führte gradeaus nach
Turij-Rog in den Hof, und so wurde er wegen Mitwisserschaft eingesperrt.
Ein Jahr blieb er im Gefängnis, und als er wieder frei wurde und sich zu
einer Reise ins Ausland rüstete, starb er. Akumowna hatte den gnädigen

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Herrn nicht gesehen, als er im Sterben lag, sie hatte ihn nur gesehen, als er
aus dem Gefängnis kam. Sie hätte ihn nicht erkannt: er war schwarz, wie
die Erde. Man sagte, seine Lungen hätten sich abgelöst.
Akumowna blieb wieder allein mit der Herrin zurück, wie einst. Sie
gingen wie einst wieder ins Feld und in den Wald. Akumowna sammelte
Blumen für ihre Herrin, allerlei blaue Blumen, und wand ihr einen Kranz;
die Herrin lag wieder unter einer Kiefer, nur weinte sie nicht mehr, sie
schlief; – sie trank jetzt, schon längst hatte sie sich ans Trinken gewöhnt: sie
nahm einen Schluck, aß eine Pfefferminzpastille dazu und schlief ein.
Der gnädige Herr, der Bruder der Herrin, starb im Frühling, und im
Herbst wurde Akumownas Sohn aus Petersburg nach Turij-Rog gebracht. Er
hatte gebeten, daß man ihn vor dem Tode nach Turij-Rog bringe: er war
schwindsüchtig. Er wurde auf dem Gut bestattet, auf dem Turij-Rogschen
Kirchhof. Seine Uniform und seine Mütze bekam Akumowna. Und das Jahr
war noch nicht um, da starb die Herrin. An ihrem Todestage sah sie im
Traum den alten Herrn mit einem weißen Hund kommen ... Und auch die
Herrin wurde bestattet.
Turij-Rog war nun vereinsamt. Akumowna war allein auf dem Gut. Der
junge Herr wollte sie nicht mehr behalten und entließ sie nach der
Beerdigung. Und so war sie ganz allein. Sie weinte aber nicht, – wenn es
einem gar zu schlimm ist, dann weint man nicht.
Zum letzten Mal ging sie ins Feld, in den dunkeln Wald und in das junge
Gehölz, saß zum letzten Male im Wald auf dem Abhang, wo die Sonne am
stärksten brennt und wo die Beeren so rot stehen, und unter der Kiefer, wo
ihre Herrin zu liegen pflegte, verneigte sich tief vor dem jungen Wald, vor
dem Feld – vor dem alten dunkeln Wald und vor der Kiefer, und ging. Sie
ging die Hauptstraße aus Turij-Rog an Ssosna-Gora vorbei, vorbei am
Bruder und an der Schwägerin, an Wassilijs Haus, am Kirchhof, an den
Grabkreuzen des Vaters und der Mutter, immer gradeaus von Turij-Rog,
immer gradeaus die Hauptstraße lang, wie ein rollender Stein um die weite
Welt.
Und manches Jahr dehnte sich der Weg von Turij-Rog nach Petersburg.
Bis sie Petersburg erreichte, ging sie oft hinter dem Pflug und mit der
Sense, oder mußte wie eine Zigeunerin in den Hohlwegen herumlungern.
Neun Jahre lebt nun Akumowna in Petersburg. Die Uniform und die
Mütze wurden ihr noch auf dem Weg von Turij-Rog nach Petersburg
gestohlen, und nur ein Andenken ist ihr geblieben: ein Paar warme Schuhe

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und ein Paar Gummischuhe hängen mit Naphtalin bestreut in einem Karton
an der Decke ihrer Küche.
– Ich sehe diese Sachen an, als wenn er es selbst wäre! – sagt
Akumowna, wenn sie an den Feiertagen den Karton öffnet.
Neun Jahre wohnt nun Akumowna auf der Fontanka im Hinterhaus des
Burkowschen Hofes, Sommer und Winter, und weiter als auf die Sennaja
oder bis zum Fischteich ist sie noch nicht gekommen, und sie sehnt sich
nach freier Luft.
– Wenigstens etwas Luft atmen! – sagt sie manchmal und lächelt und
blickt idiotisch von der Seite – die sanfte, göttliche, verwaiste, unglückliche
Akumowna.

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Drittes Kapitel

D ie Zimmer, die im Herbst leergestanden hatten, wurden zu Anfang des
Winters vermietet, und Marakulin hatte nun zwei neue Nachbarinnen:
Wera Nikolajewna Klikatschowa, Hörerin der Nadeschdinschen
Kurse, und Wera Iwanowna Wechorjowa, Schülerin der Theaterschule.
Wera Nikolajewna war sehr mager, so mager, daß man Angst um sie
bekommen konnte, besonders nachdem sie die Nacht über den Büchern
verbracht hatte. Wie ein solcher Mensch bloß leben kann: nicht ein
Blutstropfen war in ihrem Gesicht, und ihre Augen waren jene verlorenen
Augen des herumschweifenden heiligen Rußland.
Sie hatte mit ihrer Mutter in der Provinz gelebt, in der alten Kreisstadt
Kostrinsk. Sie hatten ein eignes Häuschen, das Häuschen aber brannte ab,
und sie verloren dabei alle ihre Habseligkeiten. Man hätte sie retten können,
wenigstens ein Teil konnte gerettet werden, aber die Mutter, die alte
Klikatschowa stellte sich mit dem Heiligenbild den Flammen gegenüber
und ließ nichts wegtragen, – alles verbrannte. Wenn man dem Feuer erlaubt,
alles aufzufressen, ohne sich zu widersetzen, dann ersetzt es alles
hundertfach, – so glaubte die Alte. Zwar hatte sie vorher schon eine
Erscheinung gehabt, ein Zeichen hatte ihr den Brand verkündet: eine Woche
früher hatte der Tisch und die Heiligenbilder unheimlich geknistert, doch
die Alte besann sich erst darauf, als alles schon verbrannt war. Nach dem
Brande wohnten sie in einem alten Badehäuschen. Wera Nikolajewna
absolvierte die Kostrinskische Gemeindeschule und wäre in ihrem alten
Badehäuschen sitzen geblieben, wenn nicht eine Verbannte aus Petersburg
hingekommen wäre, die sie zu unterrichten begann und zur Aufnahme in
die vierte Gymnasialklasse vorbereitete. Wera Nikolajewna reiste in die
Gouvernementstadt, machte da das Examen und blieb dort drei Jahre in der
Heilgehilfenschule am Gouvernementkrankenhaus. Darauf ging sie nach
Petersburg, wo sie jetzt im Begriff war, die Nadeschdinschen Kurse zu
absolvieren.
Das Lernen fiel ihr nicht leicht, – bis zum Weinen schwer war ihr das
Lernen. Aber sie wollte es nicht aufgeben, sie war von einem unheimlichen

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Fleiß. Nach Absolvierung der Nadeschdinschen Kurse beabsichtigte sie, das
Abiturientenexamen zu machen, um in das medizinische Institut
aufgenommen zu werden.
Voller Sorgen, von den Lehrbüchern und von Arbeit erfüllt – sie mußte
als Masseuse ihren Lebensunterhalt verdienen – saß sie nie mit im Schoß
müßig gefaltenen Händen, und es war schwer, ein Wort aus ihr
herauszubringen; sie erzählte selten und war nicht gesprächig. Sie erwähnte
nur zuweilen ihre Mutter und jene Verbannte, Maria Alexandrowna, die sie
unterrichtet und in ihr die Lust zum Lernen erweckt hatte, – nur von diesen
beiden sprach sie.
Wera Nikolajewnas Mutter, Lisaweta Iwanowna, lebte seit ihrer Kindheit
in dem kleinen, weißen, verlassenen, alten Städtchen mit den fünfzehn
weißen Kirchen. Kostrinsk ist eine alte Stadt am Ufer des Flusses
Ustjuschina, – und in Beziehung auf das Trauergeläute der Glocken eine
erste Stadt, eine Klagestadt. Alte Leute können sich noch erinnern, wie
Lisaweta Iwanowna jung war, eine lustige Reigenführerin,
Märchenerzählerin und Sängerin uralter Weisen. Sie erinnern sich noch, wie
sie im Dom getraut wurde und wie der Priester, der doch Braut und
Bräutigam kannte, sich fortwährend irrte und die Namen verwechselte, und
wie Jutschicha, eine alte Waschfrau, dazu traurig den Kopf schüttelte, weil
sie in ihrer ahnenden Seele wußte, daß das junge Paar nicht lange
zusammenbleiben wird: ein Dritter stand zwischen ihnen unter dem
Baldachin. Die Alte wußte es, aber sie schwieg.
Und diese Jutschicha war auch dabei, als Lisaweta Iwanownas Mann
starb, und dabei, als das Haus brannte. Sie war es auch, die ihr beigebracht
hatte, nichts hinauszutragen und alles dem Feuer zu überlassen. Und nicht
das allein bloß hatte sie sie gelehrt, sondern all ihr nicht einfaches,
ahnungsvolles Wissen. Denn Jutschicha wußte viel, ja, vielleicht alles, was
dem Menschen zugestanden ist. So sagte man in Kostrinsk. Und sie stieg
ruhig ins Grab, weil sie in der Welt einen andern Menschen an ihrer Statt
zurücklassen konnte. Lisaweta Iwanowna würde für sie besonders zu Gott
beten, weil ihr die Alte alles überliefert und für sie mehr getan hatte, als
Vater und Mutter tun könnten, so viel, daß es wohl keinem Menschen
gegeben ist, mehr zu tun. So urteilte man in Kostrinsk.
Zehn Jahre waren nach Jutschichas Tod und nach dem Brand des Hauses
vergangen. Noch immer im alten Badehäuschen lebend, träumte Lisaweta
Iwanowna davon, sich ein neues stattliches Haus zu bauen, ähnlich wie das

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verbrannte. Jeden Sommer ließ sie Bauholz aus dem Wald in ihrem
Gemüsegarten aufstapeln. Sie war auch schon beim Vater Johann von
Kronstadt gewesen, um seinen Segen zu erbitten und brachte ihm ein altes
Heiligenbild im Stroganowschen Stil zum Geschenk, und er schenkte ihr
dagegen hundert Rubel für den Anfang. Wie oft schon hatte sie sich von
Verbannten einen Plan zeichnen lassen und ihn scharfsichtig genau geprüft
und untersucht: ob die Speisekammer oder die Rumpelkammer nicht
vergessen worden sei, ob auch alles genau so wäre, wie im alten
verbrannten Hause. Aber ein neues, stattliches baute sie doch nicht. Das
Bauholz verfaulte im Gemüsegarten, der Plan wurde sorgfältig in einem
Kästchen aufbewahrt und die hundert Rubel, das Geschenk des Priesters
hatten auf der Rückfahrt nicht einmal Moskau erreicht. Sie hatte nie in
ihrem Leben soviel Geld beisammen gehabt – ihr Mann war ein kleiner
Beamter in Kostrinsk gewesen und mußte mit Kopeken rechnen – und des
ehrwürdigen Vaters regenbogenfarbener Schein verflüchtigte sich im
Handumdrehen: sie brachte allerlei Nippes, Schächtelchen und Schachteln,
nötige und unnötige, zerbrochene und ganze, als Geschenke aus Kronstadt
mit, und jeder Gegenstand, jedes Schächtelchen hatte seine Bestimmung;
das größte Paket aber sollte seine Bestimmung nach näherer Erwägung
erhalten, und für diese „nähere Erwägung“ war fast ein halbes hundert
Rubel daraufgegangen. Wie sollte man da ein Haus bauen!
Lisaweta Iwanowna ist gebückt, zahnlos, ihre schweren weißen Flechten
umwickeln den ganzen Kopf, und die blauen Augen sind noch heller
geworden und leuchten. Sie hat vieles in dieser Welt gesehen, obwohl die
ganze Welt für sie die kleine weiße verlassene alte Stadt mit den fünfzehn
weißen Kirchen war, und alle ihre Tage waren besungen vom Trauergeläute.
Kostrinsk ist eine alte Stadt am Fluß Ustjuschina und dem Trauergeläute der
Glocken nach eine erste Stadt, eine Klagestadt. Viele Menschen hat
Lisaweta Iwanowna schon zu Grabe geleitet; sie besucht ihre Gräber und
am Ostersonntag trägt sie rote Eier hin, um den Toten den Gruß: „Christ ist
erstanden“ zu entbieten; denn es ist viel wichtiger, den Toten diesen Gruß
zu bringen als den Lebenden, so glaubte die Alte. So lebte sie in ihrem
Badehäuschen, wie in einem richtigen Haus dahin und genoß den Anblick
der Sonne, wenn sie hinter dem Kirchturm unterging, und das Kreuz
vergoldete, freute sich, wenn man zum erstenmal Schlitten fuhr, oder wenn
die Kinder im Frühjahr auf den Brettern sich schaukelten, und wartete nur
auf den Menschen, dem sie all das Wissen, das ihr die alte Waschfrau

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Jutschicha überliefert hatte, weiter überliefern könnte. Und der Mensch,
dem sie es überliefern würde, wird ebenso glücklich werden wie sie selbst;
denn es gebe kein größeres Glück als das ihre, – so dachte die Alte. Ihr
Glück aber bestand darin, daß sie durch ihr nicht einfaches, ahnungsvolles,
gleichviel ob eingebildetes oder tatsächliches Wissen erkannt hat, wie man
leben muß. Sie lebte nicht für sich und nicht für die anderen, und wenn sie
etwas tat, so dachte sie weder an sich noch an die Einwohner von Kostrinsk,
sondern sie bereitete sich fürs andere Leben vor, fürs Jenseits, und dachte
bei ihren Handlungen nur an das andre Leben und an das Jenseits;
deswegen war ihr selbst wohl, und deswegen tat sie den anderen wohl.
Lisaweta Iwanowna war für Kostrinsk dasselbe, was irgendein Bruder im
Hafen für die arme Petersburger Bevölkerung.
Da kam nach Kostrinsk eine Verbannte aus Petersburg, Maria
Alexandrowna. Um sich die Tage abzukürzen und auf irgendeine Weise die
Zeit zu vertreiben, die in der Unfreiheit sich so ausdehnende Zeit, begann
sie Wera Nikolajewna zu unterrichten. Wera Nikolajewna gefiel ihr, und sie
kam oft zu Klikatschows. Auch Lisaweta Iwanowna interessierte sie und sie
fragte die Alte aus, wie sie denkt, daß man leben und wofür man leben
müsse, wie man vergessen könnte, was nicht zu vergessen ist, und was man
tun müsse, daß man keine Angst hätte und nicht begehre, was man nicht
nehmen darf, – Alles das fragte sie die Alte. Und aus diesen Fragen
erkannte die Alte und ihr Herz flüsterte ihr zu, daß diese Verbannte eben der
Mensch war, dem sie ihr nicht einfaches ahnungsvolles Wissen überliefern
und ihn glücklich machen müßte.
Ein Jahr lang lebte Maria Alexandrowna in Unfreiheit in dieser kleinen,
weißen, verlassenen, alten Stadt. Zu Ostern kam sie zu Klikatschows, um
am geweihten Mahl teilzunehmen; – zu Ostern aber ist für den Wissenden
alles besonders sichtbar und klar. Und so erblickte Lisaweta Iwanowna bei
ihrem Liebling, bei ihrer Auserwählten auf der Stirn zwischen den
Augenbrauen das Zeichen des Todes. Und sie wollte erst nicht glauben, als
sie dieses Geheimnis erkannte. Aber schon in der Osterwoche war Maria
Alexandrowna nicht mehr in Kostrinsk, sie war ganz spurlos verschwunden.
Vieles hatte Lisaweta Iwanowna gesehen: sie hatte ihren Mann begraben,
hatte auch viel fremden Kummer mit angesehen – wo gibt es ihn nicht! –
aber niemals hatte sie so viel geseufzt, wie damals, als der Morgen kam, der
Tag verstrich und es Abend wurde und Nacht, und ihre Auserwählte, ihr
Liebling, die dem Tod Geweihte verschwunden blieb. Sie, die Glückliche,

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hatte dank ihrem nicht einfachen, ahnungsvollen, gleichviel ob
eingebildeten oder tatsächlichen Wissen erkannt, wie man leben muß, aber
sie hat die ihr bestimmte göttliche Tat nicht vollbracht, sie hat ihr Wissen
nicht überliefert, und wenn Maria Alexandrowna nicht zurückkehrte, müßte
sie als Unglückliche sterben. Und die Alte wartet; ihr von schweren weißen
Flechten umwundener Kopf wackelt, sie betet leise, sanft und demütig, und
über ihr läuten die Glocken ihr Trauergeläute und besingen sie. Kostrinsk ist
eine alte Stadt am Fluß Ustjuschina und dem Trauergeläut nach eine erste
Stadt, eine Klagestadt.
– Wohin ist denn Maria Alexandrowna verschwunden? – fragte einmal
Marakulin.
Aber Wera Nikolajewna sagte nichts, nur ihre verlorenen Augen, die
Augen des herumschweifenden heiligen Rußland lohten auf wie zwei
Scheiterhaufen, und sie weinte nicht, sondern schrie die ganze Nacht, als
hätte man ihr die Kehle zugeschnürt und die Schlinge sehr eng
zusammengezogen.
Marakulin konnte diese Nacht auch nicht einschlafen. Er horchte, er
verstand, und es war ihm unheimlich zumute.
– Dem Gorbatschow aber, – dachte er, – werden seine Nonnen und
Jungfrauen in schwarzen Kopftüchern bis in die Ewigkeit hinein „Christ ist
auferstanden“ zu Ostern singen.
Dieser Gedanke wiederholte sich in ihm und zog durch ihn schleppend
und zäh und drückte sich in Worten aus. Als er aber erschöpft war, überkam
ihn eine Unruhe: er vergaß Gorbatschow, Maria Alexandrowna und
Lisaweta Iwanowna, nur eins wollte er erkennen: was man wegräumen
müßte, um seine Ruhe wiederzufinden.
Da erinnerte er sich plötzlich an die Generalin Cholmogorowa, wie sie
satt und gesund, so zufrieden und sieghaft herumgeht, diese Laus, die nichts
zu bereuen hat und nur der Motion wegen herumgeht, wie sie mit ihrem
Klappstuhl auf der Fontanka herumspaziert oder auf dem Sagorodny-
Prospekt aus der Kirche zurückkommt, – und es war, als wenn modriges
Spinnweb sich ihr nachziehen würde, wie es in den Winkeln ungelüfteter
Rattenkammern hängt, oder zwischen dem Fußboden und unverschiebbaren
schweren Kästen, – dieses Spinnweb zieht sich ihr nach und dringt einem
gradezu in den Mund – es ist um sich ins Wasser zu werfen!
Schon lange hatte er das bemerkt, aber erst jetzt erkannte er es. Und er
überlegte die ganze Nacht bis zum Morgen ingrimmig, wie man die

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Generalin möglichst geschickt beseitigen könnte, so daß nicht einmal eine
nasse Spur von ihr zurückbliebe; denn er konnte nicht leben, ohne daß sie
beseitigt wäre, es fehlte ihm die Luft zum Atmen, sie ließ ihn nicht atmen
mit ihrem modrigen Spinnweb. – Es läßt einen nicht frei aufatmen, dachte
er, man hat keinen Schlaf, keine Geduld, keine Ruhe.
Hätte Marakulin im Moment der Verzweiflung die Generalin ermordet,
und wäre am Morgen vor Gericht gestellt worden, so hätte er zu seiner
Rechtfertigung sagen können, daß nicht er gemordet hat, sondern die
grausame Burkowsche Nacht.
Und Wera Nikolajewna weinte nicht, sondern schrie die ganze Nacht bis
zum Morgen, als hätte man ihr die Kehle zugeschnürt und die Schlinge sehr
eng zusammengezogen.
Es waren jetzt grausame Nächte für Marakulin. Wo blieb seine
Bereitwilligkeit, alles zu ertragen, nur um zu sehen, nur um zu hören, nur
um zu fühlen? Immer derselbe Gedanke an die Generalin ging ihm nicht
aus dem Sinn, die unglückliche Generalin war ihm im Halse stecken
geblieben! – Ein verrückter Mensch und in seiner Verrücktheit beharrlich.
Als er einmal am Morgen in der Zeitung von einem Arzt las, der des
Giftmordes beschuldigt wurde, versteckte er die Zeitung unter sein Kissen
und las am Abend vor dem Einschlafen wieder die Stelle.
– Wohltäter der Menschheit, Doktor – flüsterte er im Dunkeln, – du
magst wohl nicht eine Laus nur ins Jenseits befördert haben und vielleicht
wirst du ... noch jemand befördern!
Und angesichts der allgemeinen Entrüstung der Zeitungen sprach er zu
sich ganz trunken:
– Das sind Schwestern meiner Generalin, die für diese vom Doktor
vergiftete Laus so einmütig eintreten.
Er stand mitten in der Nacht auf, zündete eine Kerze an, las nochmals die
Zeitung und versteckte sie unter dem Kopfkissen. Darauf legte er sich
wieder hin und flüsterte im Dunkeln und dachte bis zum Morgen. Und er
übertrug seine eigene Burkowsche Verzweiflung auf die ganze Menschheit,
deren Wohltäter vielleicht dieser giftmischerische Arzt werden könnte, der
eine Laus nach der anderen ins Jenseits befördert und die Luft reinigt, damit
man atmen kann: denn sonst hätte er keine Luft zum Atmen, keinen Schlaf,
keine Geduld, keine Ruhe. Ein verrückter Mensch war er und in seiner
Verrücktheit beharrlich.

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Eine Woche oder länger lebte Marakulin in einer Art Raserei und
erreichte, wie es ihm schien, den Punkt. Und als er den Punkt erreicht hatte,
fand er einen Schlupfweg, um wieder in die Welt zu gelangen, er fand sein
Recht in der Welt zu sein, welches seit dem Herbst schon schwankte, oder
richtiger, nicht bloß schwankte, sondern ihm abhanden gekommen war,
zusammen mit dem Schlaf, mit der Geduld, mit der Ruhe.
Gorbatschow hatte, so dachte Marakulin, nach all seinen Umtrieben und
Klügeleien erkannt, wie er leben muß: er wollte seine Seele erlösen, und
deshalb räucherte er seine Winkel mit Weihrauch, alles übrige aber: ob man
die Kinder alle auf einen Strick aufhängen oder sie mit Bonbons in rosa
Papierchen füttern müßte – das betrachtete er als unwesentlich für die
Erlösung seiner Seele. Maria Alexandrowna hatte ebenfalls nach allen ihren
Fragen erkannt und begriffen, wie sie leben mußte: nicht daß sie die Gefahr
besonders liebte und ein Leben, neben dem der Tod einherging – nein, sie
wollte verderben, ihre Seele für andre hingeben, sie hatte sich zum Opfer
auserkoren für ein Gesetz und eine Wahrheit, von deren Herrschaft das
Glück der Menschen abhängt, und sie hatte gewiß getötet, oder einen
Totschlag vorbereitet, oder war bei irgendeinem Attentat gegen eine Person,
die ihrer Meinung nach dem Gesetz und dem Recht schadete, behilflich
gewesen. Lisaweta Iwanowna hat durch ihr nicht einfaches, ahnungsvolles,
gleichviel ob eingebildetes oder tatsächliches Wissen erkannt und begriffen,
wie sie leben muß: sie denkt weder an sich, noch an die anderen, sondern
sie denkt an das Jenseits und an das jenseitige Leben, und indem sie sich für
das Jenseits und für das jenseitige Leben vorbereitet, handelt sie
dementsprechend. Aber mit Weihrauch räuchern und dabei sich gegen die
Kinder wehren, ebenso wie ein Attentat vorbereiten oder sich für das
jenseitige Leben vorbereiten – das alles ist Tat, Aktion, Arbeit, und setzt zu
seiner Verwirklichung eine Menge wichtiger Entschlüsse voraus. Vor allem
muß man wissen, gleichviel ob vor seinem Gewissen oder aus
Verantwortung vor der Vergangenheit und ihren Werken, muß man sich
selbst antworten können, daß man seine Seele erlösen, oder daß man seine
Seele verderben soll – oder daß man sich für das jenseitige Leben
vorbereiten soll, und es sich fest vornehmen im Namen eines
Unwiderruflichen. Die Generalin dagegen rührt keinen Finger, tut nichts –
man kann doch das Besuchen des Dampfbades nicht eine Tat nennen! –
erreicht aber alles, und wie glänzend! Der Erfolg ihrer Abhärtung ist
handgreiflich und ganz zweifellos, so daß ihrem Leben kein Ende

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abzusehen ist – der Chiromant hat sich in diesem Falle nicht geirrt, und sie
ist vielleicht schon unsterblich. Dabei sucht sie weder ihre Seele zu erlösen,
noch zu verderben – denn verderben ist dasselbe wie erlösen – und sie
gedeiht, indem sie auf jede Erlösung verzichtet und nichts und niemand
etwas schuldet. Und hat Gorbatschow, welcher weiß, wie man leben muß,
ein Daseinsrecht, und haben Maria Alexandrowna und Lisaweta Iwanowna,
die ebenfalls wissen, wie man leben muß, ebenfalls ein Daseinsrecht, so hat
die Generalin, wie ein Kelch der Auserwähltheit, nicht nur ein einfaches
Recht, sondern ein königliches!
– Und jetzt ist zu überlegen und sehr genau zu überlegen, – räsonierte
Marakulin, als er den springenden Punkt, wie ihm schien, erreichte, – um
einen entscheidenden Schluß zu ziehen, ein für allemal: wie würde die
Menschheit handeln, wenn, sagen wir, wenn alle Großmächte, ein Bündnis
aller Mächte der Welt, mit England an der Spitze, ihren Untertanen, der
ganzen Menschheit, durch die Parlamente und Reichstage in besonderen
Manifesten dieses sorgenlose Lauseleben, das sündenlose und unsterbliche
Leben der Generalin anbieten würden? – Gesetzt, so etwas wäre möglich,
sei es durch eine wirkliche Erfindung – wenn etwa der gelehrte Deutsche
Wittenstaube es mit Hilfe seiner Röntgenstrahlen herausgefunden hätte;
oder durch einen Betrug – oder wenn etwa einer unserer gewesenen
Gouverneure wie Burkow der Selbstvertilger – wie viele solcher Vertilger
gibt es in Rußland, die fanatisch ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten gegen
sich selbst richten! – also, wenn so ein Burkow einen Trick erfunden hätte,
meinetwegen einen vorübergehenden Betrug, aber natürlich so, daß alles
glatt ginge; oder durch ein freches Wagnis, wenn etwa ein lichtspendender,
hochheiliger Starez Kabakow, nachdem er ein Grammophon in seinen
Keller eingemauert, sich durch eine Himmelsstimme der Welt als Hirte und
Richter offenbaren ließe – als der Erlöser von Murkas Erbsünde – und ein
neues, nicht von Menschenhand geschaffenes Zion aufgebaut hätte, voll
Frieden und Gnade, schnell, einfach und billig, – wie würde sich die
Menschheit dazu verhalten, wie würde sie darauf reagieren? Ich denke –
fuhr Marakulin fort zu räsonieren, als er mit Marakulinscher Hartnäckigkeit
bis zu seinem springenden Punkt vorgedrungen war – alle Untertanen
würden ohne alle überflüssigen Worte und Zeremonien, das Soll und
Nichtsoll und jeden Gedanken an Erlösung vergessend, ganz leise, ohne die
Hüte oder sonst den Rang bezeichnenden Kopfputz abzunehmen, die Hosen
ausziehen und auf den mutigen, freien, stolzen, heiligen Anruf, sich

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bekreuzigend, in einen gigantischen mit Pferdehaaren bedeckten, vielleicht
bei uns in der belgischen Fabrik hergestellten Kopf, hineinschlüpfen. Sie
würden in dieses neue, nicht von Menschenhand erschaffene Kabakowsche
Zion voll Frieden und Gnade hineinstürzen, um ein neues Lauseleben, ein
schmerzloses, sündenloses, unsterbliches, und vor allem ruhiges Leben
anzufangen: ernähre dich, verdaue und härte dich ab! Ein Klappstühlchen
könnte man sich noch immer anschaffen; vielleicht wäre es sogar möglich,
unter diesen allgemeingültigen und deshalb zwingenden, freiwillig
angenommenen Bedingungen, da bei jedem am Hals ein Kuhglöcklein
läuten würde, damit man, sorglos weidend, nicht verloren gehe, sich auch
ohne Klappstühlchen auf der Fontanka Motion zu machen, oder auf dem
Sagorodny in die Kirche zu gehen. Und es ist anzunehmen, daß jeder
Vernünftige und Gute so handeln würde – denn wer ist sein eigener Feind?
– und er würde nach dem Gesetz richtig, weise und menschlich handeln:
denn in der Tat, wer hätte Lust sich zu quälen, zu ersticken ohne Schlaf,
ohne Geduld, ohne Ruhe!
Als Marakulin einst in seiner Kindheit Gardist bei der Kavallerie werden
wollte, betete er, Gott möge ihm helfen, ein Gardekavallerist zu werden,
und als er Räuber werden wollte, betete er mit denselben Worten, nur daß
der Gardekavallerist durch den Räuber ersetzt wurde, und ebenso betete er,
als er Kalligraphielehrer zu werden wünschte. Das waren seine Hauptgebete
für sich in Moskau auf der Taganka, denn um ein gutes Zeugnis hatte er nie
gebetet. Später pflegte er beim gewohnheitsmäßigen Beten, während er
morgens beim Erwachen und nachts beim Einschlafen „Gott sei mir
gnädig“ aufsagte, von Gott nichts mehr zu verlangen. Dann hatte er auch
dies: „Gott sei mir gnädig“ vergessen. Jetzt aber, als er, wie ihm schien, in
seinen Betrachtungen bis zu jenem springenden Punkt angelangt war und
das königliche Recht entdeckt hatte und dieses königliche Recht auf der
Welt zu sein auch für sich begehrte, warf er sich nachts inbrünstig auf die
Erde und betete in der Raserei, die Stirn gegen den Boden schlagend:
– Herrgott! – flehte er – gewähre mir für einen Augenblick nur dieses
wahre Lauseleben, mach mich deiner Gnade teilhaftig, Herrgott, laß mich
nur für einen Augenblick aufatmen, dann mag dein Wille geschehen!
Und hätte sich Marakulin in seiner Verzweiflung, während er mit der
Stirn gegen den Fußboden schlug, den Schädel gespalten, und man hätte ihn
am nächsten Morgen dafür zur Verantwortung gezogen, so hätte er, zur

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Besinnung gekommen, nur eins zu seiner Rechtfertigung sagen können, daß
nicht er sich getötet, sondern die grausame Burkowsche Nacht.
Hier muß noch gesagt werden, daß seine Geschäfte, die auch sonst nicht
besonders waren, zu Weihnachten überhaupt stillstanden. Er fand gar keine
Arbeit mehr; ein Entehrter findet sehr schwer Arbeit, besonders wenn auf
die Frage: „Womit beschäftigen Sie sich sonst?“ der wirkliche Grund der
Untätigkeit nicht verheimlicht wird. Marakulin verheimlichte ihn auch
nicht, und erzählte naiv wie ein zwölfjähriges Kind von seinen Streichen,
von seinen Quittungsbüchern und wie er wegen jener Quittung
herausgeflogen war.
Seine Lage war schlimm. Die Artisten Damaskin halfen ihm aus, und
ohne Sergej Alexandrowitsch, Wassilij Alexandrowitsch und Wera
Nikolajewna wäre ihm nichts übrig geblieben, als eine Bittschrift zu
verfassen, gleich dem ruhelosen alten Gwosdjow, der damals an Murkas
Tag bei ihm erschienen war, am letzten Tag in seiner eigenen Wohnung.
Und am Ende wird man sie doch verfassen müssen, denn das königliche
Recht, dieses nächtliche königliche Recht, wird einem offenbar nicht so
leicht gewährt, und wenn man keine Renten hat, die bis ans Lebensende
reichen, da ist es vielleicht besser, Gott gar nicht zu beunruhigen: man
erreicht ja doch nichts.
Zu Weihnachten gab es bei den Artisten einen Weihnachtsbaum, und alle
Mieter Adonja Iwoilownas waren eingeladen. Es war da eine Menge Leute,
gewiß lauter Artisten. Sergej Alexandrowitsch war sehr geschäftig und
reichte den Gästen Aschenschalen, damit die Zigarettenstummel nicht auf
den Boden geworfen werden, und Wassilij Alexandrowitsch ging so aus
sich heraus, ließ solche Raketen steigen, daß alle vor Lachen beinahe
umkamen. Im Kartenspiel verloren die Brüder das Letzte. In der
Gesellschaft taute auch Wera Nikolajewna auf und sang ihre
Kostrinskischen uralten Weisen, wie sie sie von ihrer Mutter Lisaweta
Iwanowna gelernt hatte.
Und seitdem, seit jenem Damaskinschen Weihnachtsabend, sang Wera
Nikolajewna an den Abenden der Weihnachtswoche allein in ihrem
Zimmer, zuweilen von den Lehrbüchern sich losreißend, mit halblauter
Stimme vor sich hin. Sie sang auf altertümliche Art, und in ihren Weisen
atmete das uralte Rußland.
Gewöhnlich begann sie mit dem Gesang von den sieben wilden Stieren
und von ihrer Mutter, der Stierin; wie die sieben goldgehörnten wilden

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Stiere am Gestade des blauen Meeres wanderten, wie sie über das blaue
Meer schwammen und auf der berühmten Insel Bujan landeten, wo sie ihrer
Mutter, der Stierin, begegneten. Und die Stiere erzählten ihr, wie sie an
Kiew vorbeikamen und an der Auferstehungskirche, und was sie da für ein
Wunder gesehen hatten: aus der Kirche kam eine Jungfrau, sie trug auf dem
Kopf ein goldnes Buch, trat bis zum Gürtel in den Newafluß, legte das
Buch auf einen weißen, heißen Stein, las im Buch und weinte. Und die
Stierin deutet den Stieren dies übergroße Wunder: die Jungfrau war die
Mutter Gottes und sie las ein goldnes Buch – das Evangelium, und sie
weinte, weil sie Ungemach über Kiew heraufkommen sah, Ungemach über
das ganze heilige Rußland.
Und nach den Stieren erhob sich in seiner ganzen reckenhaften Größe der
Riese Ilja Muromez; wie der Recke am Grabe des Swjatogor den
reckenhaften Geist einatmet – den dritten, weißen Grabesschaum, – und es
treibt ihn und es hebt ihn, er weiß nicht, wo er mit seiner Kraft hin soll.
Dann folgte die Nachtschwalbe, die Aebtissin, die blonde Füchsin; vierzig
schwarze Jungfrauen folgen ihr wie die Dohlen, und schon donnert und
poltert der schreckliche Alte, Igrimistsche-Kologrenistsche. Er tritt aus dem
Bogoljubowschen Kloster aus, er will seine Seele retten, sie ins Paradies
bringen und schleppt in einem Sack weißen Kohl, bitteren Rettich, rote
Rüben – und ein schwarzlockiges Mägdelein.
Und wieder schwimmen auf dem blauen Meere die goldgehörnten Stiere,
begegnen ihrer Mutter, der Stierin, und erzählen ihr das übergroße Wunder.
Die Stierin deutet ihnen das Wunder: die Jungfrau ist die Mutter Gottes, und
lesen tut sie ein goldenes Buch, das Evangelium, und sie weint, weil sie ein
Ungemach über Kiew ahnt, Ungemach über das ganze heilige Rußland.
Wera Nikolajewna sang auch die Räuberweise, von dem Scnurrbart, dem
Teufelskerl; sie sang von Gauklern und von lustigen Leuten ...

Leise spielt, ihr Spielmänner,
Leise spielt, ihr Lustigen,
Mir tut der Kopf so weh,
Mir ist mein Herz so schwer ...

In der Küche betet Akumowna vor den drei ewigen Lampen; sie betet für
ihre Herrin, für den Bruder der Herrin, für ihren eigenen Sohn. Im

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hintersten Zimmer betet vor den drei ewigen Lampen Adonja Iwoilowna;
sie denkt an Paraschas Schiffe und weint, weil sie es nicht versteht.
Mit Wera Nikolajewna schien etwas vorzugehen: sie sang viel und war
nicht mehr so fleißig.
– Bei Gott, Sie sind in Sergej Alexandrowitsch verliebt –, sagte einmal
Werotschka Wechorjowa plötzlich in Wera Nikolajewnas Zimmer
eintretend, und sah sie schelmisch, herausfordernd und boshaft an.
Und die sonst so Blasse flammte plötzlich auf und wurde still – kein
Wort. Und auch ihm wird sie kein Wort sagen, sie wird eher sterben, als
etwas sagen – es gibt Solche. Und darum klang in ihren alten Weisen, in
denen das uralte Russland atmete, eine so dumpfe beklommene Sehnsucht.
Werotschka – so wurde vom ersten Tage an Wera Iwanowna Wechorjowa
genannt –, welche Akumowna auch die Unverschämte nannte, nicht etwa
als Schimpfwort, sondern als Kosename – Werotschka verbrachte selten
einen Abend zu Hause. Am Tage war sie in der Schule, dann kam sie für ein
Stündchen nach Hause und bald darauf lief sie irgendwohin, ins Theater.
Wenn sie nichts vorhatte, dann saß sie bei den Damaskins. Sergej
Alexandrowitsch unterrichtete sie in allerlei Tänzen. Sie war biegsam,
schlank und leicht, wie ein Federchen, und wenn beide miteinander tanzten,
so schien es, als hätten sie Flügel wie Vögel. Die Zeit verging ihnen lustig.
Einmal fand sie Marakulin beim Tanzen, und seitdem kam er öfters zu
den Nachbarn, und daß Werotschka dort war und tanzte, das tat ihm wohl.
Wera Nikolajewna aber kam seit Weihnachten nicht mehr zu Damaskins; sie
fand stets eine Ausrede und saß allein, in ihre Lehrbücher vertieft, oder
hatte Wache im Krankenhaus.
Werotschka gefiel Marakulin. Sie tanzte schön und las gut vor – mit
einem schönen Organ. Im Süden geboren, war sie in Moskau erzogen
worden, und in ihrer Sprache war weder das lästige südliche Zwitschern,
noch die nordische Kälte – die gebändigte Freiheit, dafür aber Festigkeit
und jene besondere Moskauer Lieblichkeit. Nach dem Tanzen bat sie
gewöhnlich Sergej Alexandrowitsch, der Verse liebte, etwas vorzulesen.
Und Onjergins Brief: „Ich weiß voraus, beleidigen wird Sie des traurigen
Geheimnisses Erklärung ...“ mußte sie ihm einigemal wiederholen.
Was Marakulin auffiel und ihn am Anfang von Werotschka abgestoßen
hatte, war ihr äußerst starkes Selbstgefühl, eine maßlose Selbstüberhebung
und Prahlerei, die marktschreierisch wirkte. Man mußte sich für sie
schämen. Und jeden Widerspruch faßte sie als Beleidigung auf. Sie konnte

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sich dermaßen versteigen bis zu einer Höhe, wo alle Worte einander
gleichen und nur einen Sinn haben: – es war nicht der sehnsüchtige Ruf
eines Hoffenden, sondern eine Herausforderung, ein unheimlicher Schrei
nach dem Recht, die himmlischen Scharen kurz und klein zu schlagen,
wenn es nur eine Himmelsleiter gäbe, wie es in der alten Weise heißt, –
oder die Erde auf den Kopf zu stellen, wenn man nur einen Griff zu fassen
kriegte! – Dabei hört ein so Verstiegener, ein so unheimlich nach seinem
Recht Schreiender ja niemals seinen eigenen Schrei. Und Werotschka tat
einem leid.
Sie behauptete, sie sei eine große Schauspielerin, sie brauche bei
niemand zu lernen, vielmehr müßten alle bei ihr lernen. Und wenn sie
dennoch in diese dumme Schule eingetreten sei, so wäre es nur geschehen,
um sich den Weg zu bahnen. Ohne das komme man eben nicht vorwärts.
Und sie werde sich ihren Weg schon bahnen, sie werde ihren Schatz heben,
dann würden alle sehen ...
– Und dann werden alle sehen – Werotschka zerriß sich fast vor Schreien,
– Vielen wird es leid tun, aber zu spät! – Und die Namen der Berühmtheiten
aufzählend, als wollte sie sie mit sich vergleichen, lächelte Werotschka halb
verächtlich, halb mitleidig, – Ihr werdet mich noch sehen! – und ihre Augen
flammten begeistert auf und loderten in brennendem Haß, – ich werde
zeigen, wer ich bin, der ganzen Welt, – mögen sie dann sehen ...
„Aber wer sind denn diese sie?“ fragte sich Marakulin nicht einmal, je
öfter er über Werotschka nachdachte. Werotschka erzählte gern von sich,
aber auf allerlei Art, und es war nicht herauszubringen, was daran echte
Wahrheit war und was bloß so Wahrheit.
Ihr Vater war gestorben, als sie noch klein war. Er war Offizier. Aus
Wosnessensk im Chersonschen Gouvernement, wo sein Regiment stand,
übersiedelte die Mutter nach Moskau; hier wurde sie Haushälterin bei
einem alten General, einem Verwandten ihres Mannes. Werotschka wurde
im Institut erzogen, doch bevor sie es noch absolviert hatte, starb ihre
Mutter. Zum General pflegte ein reicher Fabrikant, Wakujew mit Namen, zu
kommen – ein nicht mehr junger, aber schöner gesunder Mann – wie man in
Moskau von ihm sagte. Er hatte einträgliche Geschäfte mit dem General.
Anissim Nikititsch begann Werotschka den Hof zu machen und gefiel ihr
auch. Und so kam es, daß Werotschka mit der Zustimmung des Generals zu
Wakujew zog. Wakujew besaß auf dem Arbat ein altes herrschaftliches
Einfamilienhaus. Seine Frau war tot, seine Kinder versorgt; nur drei schon

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ziemlich bejahrte Fräulein, seine Nichten, die er nach dem Tode seines
ruinierten Bruders ins Haus genommen, führten ihm die Wirtschaft. Ein
Jahr blieb Werotschka bei Wakujew, und es ist anzunehmen, daß er ihrer im
Laufe dieses Jahres überdrüssig wurde; ferner ist anzunehmen, daß ihr
Leben auf dem Arbat nicht besonders heiter war. Anissim liebte, wie sie
selbst erzählte, Abwechslung, Zerstreuung, und es wurde ihm alles
nachgesehen. Anissim war es auch, der sie in Petersburg studieren ließ und
ihr fünfunddreißig Rubel monatlich schickte; von diesem Geld lebte sie.
„Ist es dieser Anissim und seine drei Nichten, die ihr so zugesetzt haben,
sind sie es, diese sie, die dann sehen werden?“ fragte sich Marakulin nicht
einmal, als er jetzt immer häufiger über Werotschka nachdachte.
Eines Tages, es war in der Theodorwoche, ganz am Anfang des
Frühlings, da kam Werotschka so lustig und aufgeräumt nach Hause, daß sie
die Hausgenossen beinahe überrannte. Selbst die sonst weinerliche und
unbewegliche Adonja Iwoilowna vergaß ihre Tränen, und begann mit noch
tränenfeuchten Augen herumzuwirtschaften, als wäre Werotschka ihre
Tochter, die jetzt so lustig und aufgeräumt heimgekommen. Akumowna
drehte sich ebenfalls flinker herum, als wäre es ein Feiertag, und sah ihre
„Unverschämte“ besonders zärtlich an.
Der Tag war sonnig, der Frühling, die Wärme lockte, im belgischen Hof
schmolz der Schnee zusammen mit dem Steinkohlenberg dahin. Aus den
vier Ziegelschloten stieg gleichmäßig der Rauch in die Höhe, die
Burkowschen Fenster vermeidend, und der Burkowsche Hof war voll von
Kindern; sogar die Säuglinge waren mit ihren Ammen draußen.
Anissim Nikititsch Wakujew war in eigener Person nach Petersburg
gekommen, und Werotschka war ihm auf dem Newsky begegnet – das war
es: daher die Freude und diese ungewöhnliche Ausgelassenheit.
Diese Nacht schlief Werotschka nicht zu Hause. Und als sie am Morgen
wiederkam, machte sie sich sofort daran, ihr Zimmer aufzuräumen. Wieviel
Erfindungsgeist zeigte sie dabei, sie, die sonst doch – ganz anders als Wera
Nikolajewna – so zerfahren und unordentlich war! Jetzt blies sie jedes
Stäubchen fort, legte Papier unter den wackelnden Tisch, damit er fester
stand und brachte die Haarnadeln in eine Schachtel unter. Und wieviel
Lauferei gab es und welche Geschäftigkeit entwickelte sie – sogar einen
Blumentopf hatte sie irgendwo erstanden, wie zu Pfingsten. Sie erwartete
einen Gast, Anissim Nikititsch Wakujew selbst. Und der Tag war ebenfalls
sonnig, es lockte der Frühling, die Wärme.

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Der Tag verstrich langsam, es kam der Abend, ein unruhiger Abend, und
als dann in der Wohnung die Klingel anschlug, da hielt die ganze Wohnung,
alle vier Zimmer und die Küche, den Atem an, und Marakulin wollte sogar
die Lampe auslöschen, aber die Lampe erlosch von selbst, ohne zu fragen,
als hätte sie ein krachender Donner, ein moskauischer Donner getroffen.
Es war ein Student, ein Techniker, der auf der Suche nach seinem
Bekannten an die falsche Tür geraten war. Und Akumowna hatte noch lange
mit ihm zu schaffen, da er sich auf keine Weise dabei beruhigen konnte, daß
es hier keinen Ljubimow gab und nie gegeben hatte.
– Es kann nicht sein – sperrte sich wichtigtuerisch der Student, – das ist
Willkür!
Der Student wurde mit Mühe und Not fortgeschickt; der betrunkene
Student verzog sich endlich wie Rauch, aber nun konnte man niemand mehr
erwarten.
Werotschka ging in ihrem Zimmer auf und ab, unermüdlich und nicht wie
mit ihren eigenen Schritten. Ihre Schritte waren fest und krallig und ihre
„unverschämten“ Augen wie zwei scharfe Klingen. Es war einem
unheimlich.
Vom sonnigen Frühlingstag aufgescheucht, ließ sich Adonja Iwoilowna
beim abendlichen Samowar von Akumowna über ihre sommerliche
Pilgerfahrt wahrsagen: es war schon Zeit für sie, sich auf den Weg zu
machen, der Frühling war schon da.
– Jedes Stengelchen verflicht sich mit einem Stengelchen – tönte
Akumownas gerührte Stimme, – jedes Zweiglein mit einem Zweiglein.
Und Wera Nikolajewna, die mit ihren Arbeiten fertig war, sang leise ihre
geliebten alten Weisen, und in ihren Liedern atmete das uralte Rußland und
eine dumpfe beklommene Sehnsucht:

Leise spielt, ihr Spielmänner,
Leise spielt, ihr Lustigen,
Mir ist mein Kopf so weh,
Mir ist mein Herz so schwer ...

Und plötzlich wurde sie still. Kein Wort mehr. Sie wird auch ihm nichts
sagen, sie wird eher sterben als etwas sagen.
– Jedes Zweiglein mit einem Zweiglein, jedes Blättchen mit einem
Blättchen – tönte Akumownas gerührte Stimme, – der Frühling ist da.

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Und es wurde immer bedrückender. Denn Adonja Iwoilowna begann zu
weinen, und noch lauter als sonst; sie erinnerte sich gewiß an ihren Mann,
und daß die Erde an dem Friedhof unter ihm weggeht und von seinem
Grabe abbröckelt.
Werotschka ging im Zimmer auf und ab, unermüdlich und nicht wie mit
ihren eignen Schritten. Ihre Schritte waren fest und krallig und ihre
„unverschämten“ Augen wie zwei scharfe Klingen. Es war einem
unheimlich.
Doch der Sänger, der Samowar, erlosch, die Tränen waren ausgeweint
und die Schritte verstummt. Alles schlief im Haus und im Hof, die Hupen
der Automobile tönten nicht mehr von der Fontanka herüber, im
Obuchowschen Krankenhaus blinkte das Licht schon auf nächtliche Weise
wie ein Stern, und über den belgischen Ziegelschloten ging ein Stern an und
sah in die Fenster hinein, so ein großer Frühlings-Abendstern – die Stunde
der Nacht war da. Und Marakulin war es, als klopfte jemand – ein seltsames
Klopfen. Er horchte auf und erkannte: das Klopfen kam aus Werotschkas
Zimmer. Und nun verstand er, daß Werotschka allein in ihrem Zimmer nicht
eingeschlafen war und nicht einschlafen würde, und daß sie mit dem Kopf
gegen die Wand schlug, ohne Tränen, ohne Klage, mit weit aufgerissenen
trockenen Augen: wenn es gar zu schlimm ist, dann weint man nicht.
Und all sein Gefühl, seine ganze Erbitterung, seine ganze Verzweiflung,
die für eine Weile sich gelegt hatte, loderte hell auf und ergoß sich wieder
auf seine auserkorene, verhaßte Generalin. Fiebernd wie im widerlichsten
Rausch und zähneknirschend malte er sich aus, wie diese unglückselige
Generalin, diese kerngesunde, unsterbliche, sündenlose, kummerlose Laus –
dieser Kelch der Auserwähltheit – süß schlafe. Und er mußte es jemand
sagen, einerlei wem, aber sofort, solange das Herz noch nicht gesprungen
war.
Und fast erstickend sprang er ans Fenster und schrie aus Leibeskräften
hinaus:
– Ihr rechtgläubigen Christen, die Laus schläft, so helft doch!
Und als er es hinausgeschrien hatte, da fühlte er, wie seine einstige
ungewöhnliche Freude langsam in ihm hochsteigt, hinaufbrandet und bald
sein Herz überfluten und die Brust überfüllen werde.
– Was brüllst du so? – schrie ihn eine knarrende Stimme an, und aus den
Winkeln zeigte sich Gorbatschows haarige Nase.

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Das Klopfen aber dauerte fort. Das war Werotschka, allein in ihrem
Zimmer – sie war nicht eingeschlafen und wird nicht einschlafen – sie
schlug mit dem Kopf gegen die Wand, ohne Tränen, ohne Klage, mit
weitaufgerissenen trockenen Augen: wenn es gar zu schlimm ist, dann
weint man nicht.
Grausame Augenblicke, Herumtreiben ohne Arbeit und Erschöpfung
beschlossen das erste Burkowsche Jahr Marakulins.
Als erste machte sich Adonja Iwoilowna auf die Reise: sie fuhr nach
Kaschin zu der ehrwürdigen Anna von Kaschin, und aus Kaschin auf den
Murman in das Petschenegische Kloster zum ehrwürdigen Tryphon. Nach
Adonja Iwoilowna verreiste Wera Nikolajewna, nachdem sie ihre Prüfungen
abgelegt, bis zum Herbst zu ihrer Mutter, in ihr kleines weißes Städtchen
mit den fünfzehn weißen Kirchen, in die alte vergessene Stadt Kostrinsk.
Sie sah zum Umblasen schwach aus. Als letzte reiste Werotschka. Sie hatte
sich zu gar keiner Prüfung gemeldet und ihre Theaterschule aufgegeben, da
sie offenbar ein anderes sicheres Mittel gefunden, „sich den Weg zu
bahnen“, – sie sagte aber nicht was für eins.
Sie sagte nur:
– Im nächsten Jahr werdet ihr sehen, ich werde ganz Rußland zeigen, wer
ich bin!
Marakulin brachte sie zum Nikolajewschen Bahnhof: Werotschka reiste
über Moskau irgendwohin nach der Krim. Nach dem ersten Glockenzeichen
fühlte er es besonders stark, wie bitter es ihm war, daß Werotschka nicht
mehr da sein wird und stand schweigend vor dem Wagen. Sie aber streckte
sich so sonderbar, indem sie die Vorübergehenden ungeduldig ansah und die
Blicke auf sich zog, schlank, biegsam und leicht.
Plötzlich lächelte Marakulin zum erstenmal in seiner ganzen
Burkowschen Zeit, ohne zu wissen weshalb und warum, – er lächelte
einfach. Und sie mußte es sicher bemerkt haben, denn es war so
ungewöhnlich und unerwartet!
– Weinen müßte man um mich! – sagte sie theatralisch und kniff die
Augen zusammen, halb mit Bedauern, halb mit Ekel, und während sie ihm
mit dem Schirm auf die Hand schlug, sagte sie ganz ernst, übertrieben ernst,
mit einer Falte auf der Stirn: – Ich bin eine große Schauspielerin!
Er glaubte es damals gern und von ganzem Herzen, daß Werotschka eine
große Schauspielerin sei und daß sie sich im nächsten Jahr wirklich

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auszeichnen würde in ganz Rußland und daß ihr Name bald in ganz Europa,
in der ganzen Welt berühmt sein werde.
Als er vom Bahnhof zu sich nach der Fontanka kam und sich mit
Akumowna allein fand, da fühlte Marakulin, wie ihm das Leben jetzt
zuwider war und daß er nicht so leben konnte.
Der eine muß verraten, um durch den Verrat seine Seele aufzutun und in
der Welt er selbst zu sein, der andre muß töten, um durch den Mord seine
Seele aufzutun und wenigstens als er selbst zu sterben, er aber mußte
offenbar eine Quittung ausfertigen, aber nicht der Person, der sie zukam,
um seine Seele aufzutun und in der Welt zu sein, und zwar nicht mehr als
irgendein Marakulin, sondern als Peter Alexejewitsch Marakulin: sehen,
hören, fühlen.
Aber er war nicht mehr damit einverstanden, weil er es nicht mehr ertrug;
er wollte nicht mehr so dahinleben ohne einen Zweck, nur um zu sehen, zu
hören und zu fühlen, – und auch das Leben einer Laus, das unsterbliche,
sündenlose, kummerlose Leben, das königliche Recht, jenen Tropfen
Wasser, den die sündige Seele im Jenseits sucht, wünschte er nicht mehr. Er
will leben und wird es, aber um nur noch einmal wenigstens jene
ungewöhnliche Freude zu fühlen, die er in seiner Kindheit kannte und die er
nicht mehr kennt, die nur das eine Mal in ihm hochgestiegen war, in jener
Frühlingsnacht, als Anissim zu Werotschka nicht kam, in jener
Frühlingsnacht, als jedes Stenglein sich mit einem Stenglein verflocht, jedes
Zweiglein mit einem Zweiglein, jedes Blättchen mit einem Blättchen. Und
wie klebrige junge Blättchen waren ihm in der Erinnerung die
Frühlingsworte der von der Sonne gerührten Akumowna.
Und es war ihm so bitter, noch bitterer als an jenem Abend, weil
Werotschka nicht mehr da war; als wenn seine ganze ungewöhnliche Freude
– der Quell seines Lebens nur in ihr sich bergen würde.

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Viertes Kapitel

W era! Weruschka! Werotschka!
Marakulin, der gerade damit beschäftigt war, eine lustige
altertümliche russische Erzählung in Halbfraktur abzuschreiben, eine
Arbeit, über der er vom Morgen bis in die Nacht hinein saß – ein seltener
und einträglicher Auftrag, der wie erfrischende paradiesische Manna auf ihn
herabgefallen war. – Marakulin fuhr auf, so daß er den Schnörkel am
Anfangsbuchstaben W nicht zu Ende brachte.
Von der Treppe her aber tönte immer beharrlicher der bekannte Name:
– Wera! Weruschka! Werotschka!
– Wen rufen Sie da, Akumowna?
Marakulin konnte es nicht aushalten und sah in die Küche hinein.
– Wera! – sagte Akumowna, ohne sich umzuwenden, – ach, die
Unverschämte! – und sie stampfte die Treppe hinunter in den Hof.
Es war spät – etwa elf Uhr. Schon verbreitete sich der windige
Sonnenuntergang staubig hinter dem Obuchowschen Krankenhaus, und
zusammen mit der kurzen Nacht krochen aus den sumpfigen Vorstädten die
Nebel herauf; aber auf dem mit Kehricht, Schutt und Ziegeln bedeckten Hof
lärmten noch immer die Kinder, und klagend klimperte die Balalaika – von
dieser nicht russischen, armseligen Habe gab es reichlich auf dem
Burkowschen Hof – und in den Fenstern, auf Kissen gestützt, steckten
zerzauste, von der steinernen Petersburger Glut zermarterte Köpfe, in der
Hoffnung, etwas Kühle zu schöpfen.
Die Tusche vertrocknete auf der Feder, die Buchstaben wollten nicht
werden, und Marakulin schien es, daß Akumowna nicht wiederkommen,
daß sie mit ihrer geheimnisvollen Wera irgendwo im Burkowschen Schutt
untergehen würde. Und als in der Küche wieder Stampfen vernehmbar
wurde, und nicht Akumowna, sondern noch eine zweite Stimme, halb
kindlich und halb mädchenhaft rasch zu sprechen begann, bald in fröhliches
Lachen, bald in ein schmerzliches Klagen übergehend, da zog er wie
erleichtert wieder den Vorhang zu und begann weiterzuarbeiten.

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Die Abschrift war für Marakulin sehr wichtig, und er wollte sie
unbedingt heute fertigmachen, da er fast zwei Monate schon über ihr saß.
Diese seltene Arbeitsgelegenheit hatte ihm Sergej Alexandrowitsch vor der
Abreise in sein Sommergastspiel verschafft. Marakulin hatte ganze fünfzig
Rubel dafür zu bekommen und seine Verhältnisse sollten sich dadurch ganz
bedeutend verbessern.
– Wer wohnt denn bei Ihnen in der Küche? – fragte Marakulin am
nächsten Abend, als Akumowna ihm den roten blitzenden Sänger, den
Samowar hereinbrachte.
– Weruschka – antwortete Akumowna und lächelte und blickte so
eigentümlich idiotisch von der Seite, – Weruschka, die Wundertätige.
Und die Spülschale brachte schon nicht Akumowna herein – sie blieb in
der Tür stehen –, sondern es brachte sie die „wundertätige“ Weruschka.
Es war ein kleines Mädchen – ein Backfisch von fünfzehn Jahren, wie
ihrer so viele auf dem Burkowschen Hof als Kindermädchen dienen, und
doch schon völlig wie ein junges Mädchen entwickelt. Als er sie aber
aufmerksamer ansah, fand Marakulin in ihren Augen etwas ihm sehr
Bekanntes und ungewöhnlich Verwandtes, er konnte es nur nicht benennen
und vermochte sich nicht zu erinnern, wo er Derartiges schon gesehen: ein
Feuer, – nein, noch etwas anderes, das man auf keinen Fall verbergen kann,
denn es würde selbst beim Schlafenden unter den Lidern hervorblinken.
– Sie heißen Wera?
– Werutschka ... Werotschka – antwortete das Kind verwirrt, leise und
mürrisch und trat zurück, als hätte es etwas verlegen gemacht.
– Werotschka gar, so! – rief Marakulin entzückt, das Kind betrachtend
und erhob sich plötzlich.
Doch das Mädchen zog sich hinter Akumowna in den Korridor zurück
und machte sich hörbar in der Küche zu schaffen. Oder war es sein Herz,
das so hörbar klopfte, Gott weiß warum?
– Gnädiger Herr, ich möchte Sie bitten, gnädiger Herr, rühren Sie sie
nicht an!
– Was fällt Ihnen ein, Akumowna, Gott schütze Sie!
Aber wie ertappt ließ er sich auf seinen Stuhl fallen.
– Ich fürchte Wassilij Alexandrowitsch – fuhr Akumowna fort, – mir ist
Angst, wenn er aus der Sommerfrische zurückkommt. Er muß ja immerzu
eine haben, der Unbezähmbare. Sobald es Nacht wird, kriechen auch die
hier auf der Treppe herum und kratzen an der Tür, die Herumtreiber!

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Nachdem sie es von der Straße aufgelesen hatte, behütete Akumowna das
kleine Mädchen eifersüchtig vor den Burkowschen Herumtreibern, vor
Stanislaus dem Kontoristen und vor Kasimir, dem Monteur; sie schloß oft
die Küche noch bei Tageslicht ab und bettete die Kleine sicherheitshalber
auf ihr eignes Bett unter den drei Oellämpchen. Und wundertätig nannte sie
Wera darum, weil ein Wunder an ihr geschehen war.
– Sie ist eine Wundertätige – pflegte Akumowna zu sagen, – bis zum
fünften Jahre war sie ohne Zunge, sie sprach nicht, man hat sie dem Doktor
Nikolai Franzewitsch gezeigt, vergebens; zu der Schmerzensreichen hat die
Mutter sie gebracht, auch wurde ihr geraten, barfuß zu Matrionuschka zu
pilgern – nichts hat genützt. Aber am dunkeln Freitag gingen sie in die
Pulverfabriken, – am Iljinischnen-Freitag ist da eine Prozession, zwölf
große Heiligenbilder werden da herumgetragen und fast tausend kleinere.
Als die Messe zu Ende war und sie nach Hause gehen wollten, da verlangte
das Kind plötzlich zu trinken: „Mama – sprach sie – gib mir zu trinken!“
Seitdem spricht sie.
Weras Vater war Buchhändler: er handelte mit Büchern, Haken, Knöpfen
und allerlei Kleinkram. Ihre kränkliche Mutter ging als Tagelöhnerin
Fußboden scheuern und reinmachen. Sie wohnten im Kusnetschnygäßchen,
in den „Winkeln“, wo der Chiromant wohnt – die Fenster dort sind von
venezianischer Art und unheimlich. Als Wera etwas größer wurde, gab man
sie zu einer Goldstickerin in die Lehre, ein Jahr blieb sie da, aber sie taugte
nicht dazu, da ihre Augen krank wurden; so wurde sie Kindermädchen. Da
passierte es, daß ihr Vater mit seinem Stand über den Wladimirsky vor
einem Schutzmann floh; an den fünf „Winkeln“ bei der Kreuzung geriet er
unter die Elektrische und wurde zermalmt. Zur gleichen Zeit wurde Wera
gekündigt. Es ging ihnen damals sehr schlecht. Und so kam die Mutter auf
den Gedanken, sie zum Onkel zu schicken, welcher auf dem Murinsky-
Prospekt in Lesnoj als Hausmeister lebte, vielleicht, daß er für sie eine
Stellung finden würde. Die Kleine ging fort, erreichte Lesnoj erst am
Abend, und unterwegs, während sie das Haus suchte, blieb sie vor einem
Gasthaus stehen, um die Musik zu hören. Sie stand da und hörte zu, ihre
Augen glühten, der Mund war weit aufgesperrt, da kam aus dem Gasthaus
ein Herr, der eine Gnädige untergefaßt hielt und sah Wera sehr freundlich
an. Er blieb ebenfalls stehen und fragte sie freundlich aus. Sie erzählte ihm
alles, auch wie sie stehengeblieben war, um die Musik zu hören. Und sieh
da, welch glücklicher Zufall: die Herrschaften brauchten gerade gleich ein

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Kindermädchen und ihre Bedingungen waren günstig. Wera war erfreut und
willigte ein. Sie nahmen eine Droschke und brachten sie zu sich nach Hause
– sie wohnten auch gar nicht weit. Welch ein glücklicher Zufall! – Es war
schon spät, es dämmerte, und als sie zu Hause anlangten, gingen sie sofort
zu Tisch und ließen auch Wera neben sich Platz nehmen. Und als sie sich
satt gegessen hatte, da führte sie der Herr in ein Zimmer, das im Korridor
gegenüber lag. Nachts kam er wieder. Sie wollte schreien, aber er verschloß
ihr den Mund mit den Händen. So fing es an. Als Wera zu sich kam, war es
bereits Tag. Sie trat aus dem Zimmer und streifte im Korridor herum, um
den gnädigen Herrn und die gnädige Frau zu suchen und geriet in das
Büfettzimmer: sie hatte also in einem Gasthaus übernachtet. Sie fragte den
Büfettier, wo der gnädige Herr und die gnädige Frau seien? Der Büfettier
lachte: es gäbe weder einen gnädigen Herrn noch eine gnädige Frau; wenn
sie aber gewillt sei, könne sie auch bei ihm als Kindermädchen bleiben. Das
war eine schlimme Lage! Wenn sie nicht einwilligte, hatte sie Angst zur
Mutter zurückzukehren, doch wie, wenn der Büfettier, wie der Herr von
gestern, ihr ebenfalls den Mund mit den Fäusten stopfen würde! ... Das eine
war schrecklich, das andere war ebenfalls schrecklich, und ein drittes gab es
nicht. So blieb sie beim Büfettier als Kindermädchen. Es waren viele
Kinder und sie konnte kaum mit der Arbeit fertig werden. Es verging eine
Woche. Nach einer Woche aber, kaum, daß sie sich etwas eingelebt hatte,
quartierte sie der Büfettier in ein besonderes Zimmer ein, damit sie von den
Kindern getrennt schlafe – es waren eben viele Kinder – es würde
bequemer und ruhiger für sie sein. Und wieder begann es: erst der Wirt
selbst, der Büfettier, nach ihm der Reviervorsteher. Sobald die Nacht kam,
erschien jemand – man brachte ihr im Laufe der Nacht fünf Männer. Man
ließ sie nicht mehr aus dem Zimmer, die Kinder sah sie auch nicht wieder;
es war bereits ein neues Kindermädchen da. Sie weinte, aber was half es,
man lachte sie nur aus. Nur durch ein Wunder entkam sie aus diesem
Zimmer und dem Büfettier. Ein glücklicher Zufall kam ihr zu Hilfe: ein
Brand! Im Gasthaus war Feuer ausgebrochen. Sonst wäre sie zugrunde
gegangen. Im Trubel sprang sie aus ihrem Zimmerchen und begann zu
laufen. Sie kam an die Kusnetschnybrücke gelaufen, in die Winkel, wo der
Chiromant wohnt, die Mutter aber war nicht mehr da: sie war an der
Cholera gestorben. Das war eine schlimme Lage: es wäre ihr schließlich
nichts anderes übriggeblieben, als zum Büfettier ins Zimmerchen
zurückzukehren. Aber die Hausmeisterin hatte Mitleid mit ihr – sie pflegte

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ebenso wie Antonina Ignatjewna, die Gattin des Oberhausmeisters, in den
Hafen von Kronstadt zum „Bruder“ zu pilgern – sie war barmherzig und
mit Antonina Ignatjewna bekannt. So schickte sie das Mädchen zu ihr ins
Burkowsche Haus, ob sich da für das Kind vielleicht eine Stellung fände.
Aber Wera geriet statt zu Antonina Ignatjewna zu Akumowna.
– Sie ist eine Wundertätige – pflegte Akumowna zu sagen, – nur eins ist
schrecklich – diese Herumtreiber; sobald es Nacht wird, da kriechen sie
herum und rütteln an der Tür, – es wird einem ganz Angst! –
Der Sommer dehnte sich endlos, quälend, eintönig. Es war heiß und fast
in ganz Petersburg waren die Straßen gesperrt: das Pflaster wurde
ausgebessert, wie immer im Sommer; es war nirgends ein Durchgang,
nirgends eine Durchfahrt, und es herrschte eine große Schwüle.
Am Abend beim Samowar legte Akumowna Karten für Marakulin, wie
sie es im Winter für Adonja Iwoilowna tat. Sie wahrsagte viel und
ausgiebig, nicht nur für den Treffkönig oder Kreuzkönig, wie ihn
Akumowna nannte und der Marakulins Karte war, sondern auch für andere
Könige und Damen – für die Kreuz-, Coeur-, Karo- und Pik-Dame, als für
alle die Personen, die ihm in den Karten zulagen, um auch ihr Schicksal zu
erfahren und dadurch besser zu erforschen, wer sie seien und was sie
vorhaben.
Die Karten logen nicht. Das gleiche Orakel kehrte immer wieder und
brachte meist etwas unsinnig Bedeutungsloses: ein wenig Langweile, ein
wenig Geld, ein wenig Veränderung, ein wenig Tränen, Verdruß, eine junge
Person, ein eigenes Haus, ein eigener Gegenstand, ein vornehmer,
einflußreicher Herr mit einem Schriftstück, eine behördliche Anstalt,
Langweile der jungen Person, eine kleine Unannehmlichkeit, eigene
Sorgen, Gespräch mit sich selbst. Und das letzte war stets das Gespräch mit
sich selbst.
Wenn Akumowna zum letztenmal die Karten ausbreitete, pflegte sie zu
flüstern: – Fürs Haus. Fürs Herz. Was sein wird. Wie es enden wird. Womit
es beruhigen wird. Womit überraschen. Sagt die ganze Wahrheit reinen
Herzens. Was sein muß, wird sich erfüllen.
Und auch zum letztenmal kam das gleiche – dieselben Karten: unsinnig
bedeutungsloses Zeug und das Gespräch mit sich selbst.
Die Karten logen nicht. Nur zuweilen wurden sie offenbar selbst der
Sache überdrüssig und ärgerten sich: dann waren sie bissig, zeigten große

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Veränderungen an oder einen weiten Weg, viel Geld und Erfüllung aller
Wünsche.
Beim Kartenlegen erinnerte sich Akumowna oft an ihre Herrin, an den
alten Herrn, an den Bruder der Herrin und an ihren eigenen Sohn, was für
Träume sie alle geträumt hatten, welche Ereignisse nach ihnen eintraten und
was jeder Traum bedeutete.
– Unser Priester in Turij-Rog – er war ein guter Mann, ein großer Büßer,
der Vater Arsenij – erzählte Akumowna aus ihren Erinnerungen – vor
seinem Tode erhob er sich und fragte: „Sind die Pferde bereit!“ – Was für
Pferde, ehrwürdiger Vater? – „Ich habe ja eben ein Paar getraut, man ladet
mich zur Hochzeit ins Ausland!“ Und starb. – Sechs Tage, bevor der alte
Herr sterben mußte, sah meine gnädige Frau, daß sie einen Stiefel vom Fuß
verloren hatte. Und vor dem Tode der gnädigen Frau träumte ich, ich sitze
vor einem Ofen, den Ofen habe ich eingeheizt, das Holz brennt hell, die
Scheite verkohlen schon. Ich zerschnitt Speck, tat ihn in einen Topf und
stellte den Topf in den Ofen, aber kaum, daß ich ihn hineinstelle, da zerfällt
der Topf in zwei Hälften, die Glut prasselt und ein Qualm erhebt sich ...
Mein Vater gab mir keinen Segen. Und so kam es auch! Wie ein rollender
Stein um die weite Welt.
– Wie geht es Ihrem Bruder und Ihrer Schwägerin?
– Sie plagen sich auch, haben weder Wald noch Holz noch Weide. Und
ihre jüngere Tochter Fedossja, meine Nichte, ging nach Turij-Rog als
Taglöhnerin zur Feldarbeit; sie gefiel dem gnädigen Herrn, dem jungen
Bujanow, er ist ein toller Kerl. Er nahm sie für einen Monat zu sich in
Dienst. Als der Monat zu Ende war, behielt er sie noch für einen Monat,
dann für den ganzen Winter. Mein Bruder verstand wohl alles, sagte aber
zur Schwägerin nichts. Sie hatten keinen Wald, kein Holz, keine Weide;
vom gnädigen Herrn aber kam Holz und Geld, es war vorteilhaft. So
verlebte Fedossja dort den ganzen Winter. Im Frühjahr aber reiste der
gnädige Herr in die Stadt und verheiratete sich dort. Da kehrte Fedossja
wieder heim zum Vater, und alle wußten es bereits; es war auch schon zu
sehen. Ihre Brüder machten ihr Vorwürfe, daß sie so eine war, daß ihr so
etwas geschehen konnte. Wie die Raben haben sie auf sie eingehackt, sie
hielt es nicht aus; zehn Tage vor Pokrow starb sie. Sie war gerade zwanzig
Jahre alt geworden, – so jung noch. Und Wassilij, dem Vetter, sind in der
Butterwoche die Füße erfroren ...

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Während sie sich an Turij-Rog und Ssosna-Gora erinnerte, konnte
Akumowna ab und zu einen Ausspruch tun, von so echt Turij-Rogischer
Art, daß man sich wundern mußte, wie es ihr hier auf dem Burkowschen
Hof in den Kopf konnte.
– Jetzt – konnte sie sagen – ist das Korn schon reif, gelobt sei Gott! – sie
bekreuzigte sich. – Regen wäre jetzt nicht gut.
Wera gewöhnte sich an Marakulin und hatte keine Scheu mehr vor ihm.
Auch er hatte sich an sie gewöhnt, und es tat ihm wohl, wenn sie sein
Zimmer betrat. Voran schritt dann Akumowna mit dem Samowar und ihr
folgte Wera mit der Spülschale.
„Aus der Spülschale reichen die Teufel im Jenseits den Teufeln und
Sündern das Abendmahl!“ Marakulin erinnerte sich einmal an Akumownas
Vision aus ihrem Passionsweg und lächelte zum erstenmal seit Werotschkas
Abreise.
Und als hätte sie seine Gedanken erraten, erwiderte ihm Wera mit einem
Lächeln. Und noch lange sah er dieses halbkindliche, halbmädchenhafte
Lächeln vor sich.
Wie leer erschien es ihm im Hause, als Wera, die eine Stellung gefunden,
aus Akumownas Küche in die vierte Etage desselben Burkowschen Hofes
verzogen war, in den Flügel, wie der nicht herrschaftliche an der belgischen
Fabrik belegene Teil des Hauses genannt wurde.
Akumowna begann jetzt öfters fortzubleiben. Sie ging, um nach ihrer
„Wundertätigen“, nach ihrem Flämmchen, nach ihrer Wera zu sehen. Sie
lehrte sie gewiß Zimmer aufräumen, Feuer aus Birkenholz anmachen und
dergleichen mehr. Marakulin blieb allein, es schien ihm ganz öde.
Ein Herr aus dem Flügel hatte folgende Gewohnheit: sobald es Abend
wurde, steckte er seinen Kopf aus dem Fenster, das Gesicht zu Marakulin
gewandt und pfiff. Daß der Herr kein Auge von ihm wandte – Marakulin
hatte sich überzeugt, daß es ihm galt, – und daß das Pfeifen nicht aufhörte,
brachte ihn zur Raserei, und ob er wollte oder nicht, er mußte den Vorhang
zuziehen und in der Schwüle sitzen bleiben.
Es war öde um ihn und die Wut machte ihn fast ersticken.
Am Morgen beim Zeitungslesen suchte er mit einer Art Ungeduld alle
Berichte über Morde, Brande, Katastrophen, Ueberschwemmungen,
Wolkenbrüche und Erdbeben und las sie mit großer Schadenfreude, indem
er sich einbildete, man könne den Menschen mit Furcht besiegen, ihn
erschüttern, sein Gehirn und seine Seele umstülpen; dann würde vielleicht

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dieses abendliche selbstzufriedene, freche Pfeifen an seinem Ohr ein Ende
nehmen.
In Weras neuer Stellung ging aber nicht alles glatt: es war doch wohl
nicht leicht, sie vor den Herumtreibern zu schützen; auch mochte sie selbst
schwer zu bewachen sein, die Unverschämte.
Wenn sie das Kartenlegen unterbrach und von Wera anfing, sagte
Akumowna jedesmal unter Tränen:
– Ich werde zum Kaiser gehen – die Hände so, wie im Sterben, – und
werde alles erzählen.
– Man wird Sie nicht zulassen.
Nackt geh’ ich hin, splitternackt – die Hände so, wie im Sterben. – Alles
werde ich erzählen.
– Auch splitternackt wird man Sie nicht zulassen.
Aber sie blieb dabei: sie glaubte, der Kaiser würde sie in Schutz nehmen
und die Kleine nicht zugrunde gehen lassen. Beharrlich blieb sie dabei,
dann wurde sie auf einmal still und gab nach. Und Marakulin hörte, wie sie
ihren Wahlspruch, ihr Sterbegebet flüsterte: – die Sühne und den Lohn für
alle Taten!
– Man darf niemand beschuldigen.
– Wer ist aber schuldig, Akumowna?
– Ich bin ein unwissender Mensch, ich weiß nichts – antwortete
Akumowna und lächelte und sah idiotisch zur Seite.
Der Sommer dehnte sich endlos, quälend, eintönig.
Marakulin wartete auf die Feiertage: wie immer sie waren, es waren doch
Feiertage!

***

Als erster kam Wassilij Alexandrowitsch, der Clown zurück. Er trat zwar
auch im Sommer in Petersburg auf, wohnte aber in der Sommerfrische in
Schuwalowo und kam in die Stadtwohnung nur ab und zu, um nachzusehen.
Auch die Sklavin Kusjmowna war bei ihm in Schuwalowo. Nach Wassilij
Alexandrowitsch erschien nach absolvierter Gastspielreise Sergej
Alexandrowitsch und brachte aus den warmen Ländern, oder aus jenen
Gegenden, wo man mit Ochsen fährt, wie Akumowna sagte, hundert
Gläschen mit Honig mit; – er war eben ein wirtschaftlicher Mensch. Bald
nach Sergej Alexandrowitsch kam auch Wera Nikolajewna zurück, mit

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eingemachten nordischen Himbeeren aus ihrem kleinen weißen verlassenen
Städtchen mit den fünfzehn weißen Kirchen, von ihrer Mutter aus
Kostrinsk. Nach Wera Nikolajewna erschien Adonja Iwoilowna selbst.
Alle waren zurückgekehrt, nur Werotschka fehlte. Es kamen auch keine
Nachrichten von ihr. Und bereits im September wurde Werotschkas Zimmer
mit Hilfe eines grünen Zettels, der beim Portier Nikanor ausgehängt war,
vermietet.
Die neue Nachbarin Marakulins hieß Anna Stepanowna Schianowa, nach
ihrem Manne Lestschowa genannt, und war eine Lehrerin aus Purchowez.
Purchowez ist eine alte Stadt am Fluß Smugra, und in Beziehung auf
Nachtigallengesang eine erste Stadt – eine Nachtigallstadt. Es waren in
Purchowez im Mädchengymnasium, wo Anna Stepanowna unterrichtet
hatte, zwei Lehrer, zwei Berühmtheiten: der Lehrer für Geschichte: Rakow,
und der für Literatur: Lestschow. Sie waren Freunde und beide – nach ihrer
eigenen Definition – Menschen von Bestrebungen. Das Schicksal Anna
Stepanownas war mit dem Schicksal Lestschows eng verbunden;
Lestschow aber und Rakow waren wie zwei Hälften und nach der
Uebereinstimmung von Gemüt und Gesinnung – ein Ganzes. Nur war
Rakow etwas älter. Sie wohnten beide bei derselben Wirtin, sie lebten
eingeschränkt, nüchtern, einsam. Ihre Wirtin Pawlina Polikarpowna,
obschon nicht mehr sechzehnjährig, so doch munter und fest, hatte in längst
verflossenen Zeiten als Köchin beim Gouvernementsrat Gerassimow
gedient; und Gerassimow hatte sie vor seinem Tode „in allem
eingeschränkt“, wie Pawlina Polikarpowna sich auszudrücken pflegte, das
heißt: er hatte sie versorgt und ihr für ihren musterhaften Dienst ein teures
Lotterielos geschenkt. Pawlina Polikarpowna kaufte sich ein Häuschen und
lebte vom Vermieten.
Als Rakow von diesem Gerassimowschen Lotterielos erfuhr, konnte er es
als gewissenhafter Historiker nicht unterlassen, dessen Nummer in sein
Notizbuch einzutragen und verfolgte wachsam die Ziehungen in den
Zeitungen. Pawlina Polikarpowna behandelte er respektvoll, streng und
freundlich. Und so vergingen die Jahre, still, einsam und erwartungsvoll.
Pawlina Polikarpowna war zwar nicht mehr sechzehnjährig, doch hatte
sie manchmal ihre bestimmten Gedanken, und zuweilen weinte sie, einfach
so, ohne jeden Grund. Besonders im Frühling, wenn die Sonne zu brennen
begann, die Hühner zu legen anfingen, die Gärten ergrünten und die Nächte
warm, schwül und sehnsuchtsweckend waren, wenn die Nachtigall schlug

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und selbst Rakow auf der Gitarre wie auf einer Harfe spielte und dazu wie
eine Nachtigall sang: „Auf den blauen Wogen des Ozeans, kaum daß die
Sterne am Himmel erglühen, treibt ein einsames Schifflein“ – dann konnte
kein Herz es länger ertragen, und Pawlina Polikarpownas Herz sank dahin.
Purchowez ist eine alte Stadt am Fluß Smugra, und in Beziehung auf
Nachtigallengesang eine erste Stadt, eine Nachtigallstadt!
Eines Morgens, als Rakow die „Purchowezschen
Gouvernementsnachrichten“ durchflog, begann er plötzlich laut zu lachen,
so laut, wie ein Mensch nur vor Freude lachen kann, wenn ihm zumute ist,
als reiche die eigne Kehle nicht aus. Und wie sollte er auch nicht lachen?
Das Gerassimowsche Los hatte gewonnen, und zwar keine Kleinigkeit,
sondern die ganzen Zweimalhunderttausend! Er besann sich aber
rechtzeitig, steckte die Zeitung in die Tasche, hustete absichtlich laut und
begab sich mit dem Geheimnis von Pawlinas Glück ins Gymnasium, als
wäre nichts vorgefallen.
Nachdem er mit Mühe seine Stunden gegeben hatte, wurde Rakow vor
Aufregung noch am selben Abend krank, und Pawlina Polikarpowna mußte
die ganze Nacht den Kranken pflegen. Am nächsten Morgen ging es ihm
auch nicht besser, und so die ganze Woche. Eine Woche lang pflegte ihn
Pawlina Polikarpowna, und um Fastnacht hielten sie Hochzeit. Sofort nach
der Trauung, als die Neuvermählten allein blieben, lautete die erste
indiskrete, aber durchaus berechtigte Frage des jungen Ehemannes: „Wo ist
das Los?“ – „Was für ein Los?“ – „Was für eins? Das Gerassimowsche!“
Das Gerassimowsche Los aber war längst verkauft; es war nicht mehr da.
Um Fastnacht, fast am gleichen Tage, heiratete auch Lestschow Anna
Stepanowna Schianowa. Die Schianows waren einst die reichsten Leute in
Purchowez, aber Anna Stepanownas Vater hatte das ganze Vermögen
verspielt, und so mußte die Familie nach großer Ueppigkeit in Armut
weiterleben. Dann starb der Vater, es starb auch die Mutter. Anna
Stepanowna war bereits mehr als zwanzig Jahre alt, und obwohl in ihrem
Gesicht nichts Abstoßendes war, nichts, was man häßlich oder entstellend
nennen konnte, im Gegenteil, – so gefiel sie dennoch niemand besonders
und wurde überhaupt nicht begehrt. Sie gehörte nicht zu den
Heiratskandidatinnen von Purchowez, hielt sich auch selbst nicht dafür, und
hatte sich bereits damit abgefunden, allein und ledig zu bleiben, oder
vielmehr, sie hatte sich nicht damit abgefunden, – man kann sich damit
nicht abfinden, – sondern sie redete sich das eben ein. Eines schönen Tages

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aber fiel ihr die Erbschaft von einer Tante zu, von der sie nie etwas gehört
hatte, und zwar eine nicht geringe Erbschaft: etwa Fünfzigtausend.
Natürlich wurde es im Gymnasium, an dem sie unterrichtete, bald bekannt,
– war sie doch selbst die erste, die es erzählte, – und so erfuhr es auch
Lestschow. Sofort ging er ans Werk: er begann, Anna Stepanownas Spuren
zu folgen, wurde mit einem Male sehr unglücklich, beklagte sich, jammerte,
erfand allerlei Verfolgungen seiner Person, ersann sich Feinde; auf einmal
brachen auch sämtliche Krankheiten bei ihm aus, und lauter unheilbare, so
daß er im Begriff war, Selbstmord zu begehen. Und die verzweifelte Liebe
sang aus ihm wie eine Nachtigall, ja, er übertraf die Nachtigall ...
Purchowez ist eine uralte Stadt am Fluß Smugra, und in Beziehung auf
Nachtigallengesang eine erste Stadt – eine Nachtigallstadt. So heiratete
Lestschow Anna Stepanowna, nahm ihr die Erbschaft der Tante ab, die
ganzen Fünfzigtausend und wies ihr die Tür: „Ich brauche dich nicht,“ sagte
er, „ich brauche dein Geld.“
Wera Nikolajewna mußte man bedauern; um Werotschka hatte man
Angst, aber Anna Stepanowna tat einem weh. Sie lächelte so, daß es in die
Seele hinein weh tat.
Wera Nikolajewna wollte studieren. Warum? Weil es ihr Maria
Alexandrowna so geraten hatte, an die sie glaubte wie an die Iwerskaja
Mutter Gottes[6]. Und sie wird studieren, solange ihre Kräfte reichen, und
eines Tages wird sie vielleicht über der Physik von Krajewitsch[7] die Seele
aushauchen.
Werotschka wollte eine große Schauspielerin werden, berühmt in ganz
Rußland, in ganz Europa, in der ganzen Welt – und sie wollte das, um sich
an Anissim zu rächen: nur damit Anissim Nikititsch Wakujew, dem alles
gelingt und dem man alles durchgehen läßt, nur einen Augenblick lang es
bedauern und bereuen solle, daß er sie um andere, die ihn liebten oder sich
ihm verkauften, verlassen hatte. Und so bahnte sie sich jetzt den Weg mit
ihrem sicheren, erprobten Mittel, und wird sich ihn weiterbahnen, solange
ihre Kräfte reichen.
Was aber wollte Anna Stepanowna? Sie war allein geblieben und ohne
Mittel, aber das war es nicht: sie hatte ja auch früher allein und ohne Geld
gelebt. Hier war es etwas anderes, etwas Seelisches: sie hatte mit der
ganzen Seele geglaubt, daß man sie liebte und hatte wieder geliebt. Was
wollte sie nun? Was konnte sie wollen! Das, was ein Mensch will, dessen
Seele beschmutzt, dessen Seele vergewaltigt worden ist.

Page 82

Und während Marakulin Anna Stepanowna näher betrachtete, überzeugte
er sich immer mehr, daß sie auf der Welt nichts zu tun hatte. Und weil sie so
lächelte, tat es ihm weh bis in die Seele hinein.
Es begann ein böser Herbst; es ging ihnen allen schlecht. Nach dem
Kirchenfest der Kreuzeserhöhung geschah es, daß Wassilij
Alexandrowitsch, der Clown, als er im Zirkus auf dem Trapez in der Luft
sich schwang, herabstürzte und verunglückte; er verletzte sich – wie man
auf dem Burkowschen Hof sagte – die Wirbelsäule und den „Stamm der
Beine“. Es stand um ihn nach diesem Sturz aus den Lüften so schlecht, daß
er sogar einen Priester holen ließ, um die heiligen Sakramente zu
empfangen. Der Arzt aber meinte, er würde sechs Monate liegen und sich
einer schweren Operation unterziehen müssen.
– Sie werden ihm von der Ferse ein Stück abschneiden und das Fleisch
öffnen – bedauerte Akumowna, – sie werden den Knochen mit einem
Bohrer wegbohren, beide Fersen abschneiden. Hätte er aber einen Aufguß
von Pferdemist getrunken, so wäre alles fort, wie mit der Hand ...
Marakulin hatte seit jenem Glückszufall im Sommer keine Arbeit mehr
gefunden. An allen Orten und Anstalten, an die er sich wandte, wurde
höchstens seine Adresse notiert, und bekanntlich hat man nichts mehr zu
erwarten, wenn die Adresse notiert wird. Um diese Zeit fand gerade in
Petersburg eine Hundezählung statt. Eine Woche lang ging er auf den
Burkowschen und belgischen Höfen herum, zählte die Hunde und lernte
dabei einen Studenten Lichowidow kennen, der, so wie er, Hundezähler
war. Der Student Lichowidow, ebenfalls ein Mensch in den letzten Zügen,
verstand es jedoch schließlich, sich noch irgendwelche Hundearbeiten zu
verschaffen, und auch für Marakulin fiel dabei etwas ab. Es begann ihm
schon etwas besser zu gehen, da mußte Lichowidow ein kleines Malheur
passieren: er arbeitete damals in irgendeinem Bureau und trat eines späten
Abends nach seinem Dienst auf die Straße, als ihm sein Vorgesetzter, der
Bureauchef – gut angezogen, im Pelz, mit einem kostbaren Kragen –
entgegenkam. „Was meinen Sie, Herr Lichowidow, was wäre jetzt besser,
Tee oder Kaffee zu trinken?“ Lichowidow aber hatte seit dem Morgen
nichts gegessen, er war hungrig wie ein Hund, auch hatte ihn gerade der
Petersburger Wind angeblasen, seine Zähne klapperten nur so. Er sah den
Chef an, als überlegte er, was jetzt besser wäre, Tee oder Kaffee zu trinken
und haute ihm eine in die Fresse. Seitdem war Lichowidow verschwunden,
und Marakulins Mühle stand still.

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Dem guten Jäger läuft das Wild in’s Garn. Nach langem Suchen fand
Anna Stepanowna eine Anstellung in einem Privatgymnasium. Es war ein
Mustergymnasium und seine Vorsteherin Lednjowa war eine Frau von
Bestrebungen. Sie verstand die große Kunst, zu wirtschaften, ohne einen
Heller aus eigener Tasche auszugeben, und sie tat es sehr einfach und
gleichzeitig ziemlich verzwickt: sie verschleierte ihre Manipulationen mit
einem echten Petersburger Nebel. Man sagte, sie bezahle die Lehrer aus
geheimnisvollen Equipierungsgeldern, die ihr gar nicht gehörten, und daß
die Lehrer im Lednjowschen Gymnasium jedes Jahr wechselten. Rakow
und Lestschow waren, was Bestrebungen betrifft, im Vergleich mit der
Lednjowa die reinen Waisenknaben, so wie der schönste Gardesoldat in
Beziehung auf Köchinnen gegen Kasimir den Monteur und Stanislaus den
Kontoristen gar nicht in Betracht kommt.
Zwei Monate bekam Anna Stepanowna keinen Gehalt: die Zahlung
wurde unter allerlei Vorwänden hinausgeschoben. Erst im dritten Monat
wurde er ihr ausgezahlt, aber selbstverständlich nicht als gewöhnlicher
Gehalt, sondern als eine Anleihe aus eben jenen geheimnisvollen
Equipierungsgeldern. Als sie das Geld bekam, lud sie Marakulin und Wera
Nikolajewna zum Besuch des Marijinschen Theaters ein, zu einer
Opernvorstellung. Die Billetts kosteten nicht wenig, dafür waren es gute
Plätze; es war alles gut zu sehen und zu hören.
An diesem Abend begegnete Marakulin im Theater Werotschka. Wie oft
hatte er im Sommer und im Herbst an sie gedacht und im Meldeamt nach
ihrer Adresse geforscht – immer wieder aber hieß es: verreist. Jetzt traf er
sie. Im ersten Augenblick erschrak er, dann verwandelte sich sein Schreck
in Unruhe: Werotschka war nicht allein; mit Werotschka ging Glotow, der
Kassierer, Alexander Iwanowitsch, Marakulins ehemaliger Freund.
Werotschka hatte sich gar nicht verändert. Verändern sich denn die
Menschen überhaupt? Werotschka erkannte ihn gleich, Glotow aber nicht,
oder er tat so, absichtlich, aus wohlerwogenen und unwiderleglichen
Gründen.
– Das ist aber eine Ueberraschung, denn wir haben dich längst begraben,
weißt du, Petruscha! – sagte er.
Und als Werotschka erfuhr, daß Wera Nikolajewna ebenfalls im Theater
sei, ging sie sie aufsuchen und kam nicht wieder.
Glotow führte Marakulin ins Theaterrestaurant.
– Woher kennst du sie? – fragte Glotow seinen Freund.

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– Wir haben einen Winter lang bei derselben Wirtin gewohnt – erwiderte
Marakulin.
– Du kennst sie also gut?
– Wie man es nimmt.
Und plötzlich verwandelte die Wut ihre Gesichter. Sie verstanden
einander nur zu gut. Sie hatten sich nichts mehr zu sagen. Aber es war
peinlich, so auseinanderzugehen, und auch das Schweigen war peinlich.
Glotow schlug vor, etwas zu trinken. Marakulin dankte. Und so traten sie
aus dem Restaurant, gingen Schulter an Schulter nebeneinander und
suchten Werotschka. Marakulin schwieg. Glotow aber wiederholte mit einer
Art Vergnügen und als hätte er es einstudiert, immer dasselbe:
– Das ist aber eine Ueberraschung! Denn wir haben dich ja längst
begraben, Petruscha, weißt du!
Marakulin traf Werotschka auch in der nächsten Pause nicht: sie hatte
Wera Nikolajewna versprochen, sie noch zu treffen und kam nicht. Er sah
sie an dem Abend nicht wieder.
Nach dem Theater ging Marakulin mit Wera Nikolajewna und mit Anna
Stepanowna in ein Café auf dem Newsky.
Die Begegnung mit Werotschka und mit Glotow, und daß er sie
zusammen getroffen, das Theater, das Café, alles wühlte Marakulin auf, und
was dort im Theaterrestaurant verborgen in ihm brodelte, als er neben
Glotow stand, sammelte sich jetzt zu brennender Verzweiflung. Und
gemartert fühlte er: wenn jetzt dieser Glotow, sein Bruder oder sein
Verwandter, einer, der Werotschka kennt und den auch Werotschka gut
kennt, aufstehen und ihm, Marakulin, eine herunterhauen würde, wie der
Student Lichowidow dem Bureauchef, so würde er, Marakulin, ihm zum
Dank dafür die Füße küssen und ihm noch seinen Nacken hinhalten, daß er
nach Herzenslust dreinhaue, oder ihm die Zähne einschlage, daß die Kiefer
knacken. Und in seinem grausamen Martyrium das ganze Brennen des
freiwillig auf sich genommenen Schmerzes fühlend, erinnerte er sich an
seine geliebte, verhaßte, unglückselige Generalin, und es verging ihm die
Lust an seinem Leid – er wollte keine Ohrfeigen, keine Faustschläge, keine
Fußtritte, weder von diesem gestutzten Schnurrbart, der so selbstgefällig
mit diesem andern widerlichen Glattgesicht plauderte, noch von jenem
roten, nach oben gekräuselten Schnurrbart, der auch vielleicht Werotschka
kennt und den Werotschka sehr gut kennt. Nein, in seiner Verzweiflung
dachte er jetzt, wie gut es wäre, die Generalin mit kochendem Wasser zu

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übergießen, sie ein wenig nur zu verbrühen. Mit welcher Wut würde sie sich
auf alle stürzen und beißen, – alle zerbeißen!
– Warum heißt Werotschka nicht mehr Wechorjowa, sondern Rogowa?
– Weil sie keine Generalin ist – antwortete Marakulin.
– Was für eine Generalin?
Wera Nikolajewna verstand nichts und sah bald ihn, bald Anna
Stepanowna an, welche lächelte und deren Lächeln bis in die Seele hinein
weh tat.
Marakulin hätte jetzt aufstehen und der einen die Augen ausstechen
mögen – diese verlorenen Augen des vagabundierenden heiligen Rußland,
des verschüchterten, freiwillig bettelnden, von Armut, wie von einem
geweihten Gürtel umgürteten, alles ertragenden, demütigen, geduldigen
Rußland, das sich nicht einmal einen Sarg zusammenzuzimmern vermag,
höchstens einen Scheiterhaufen zusammenbringen und sich darauf
verbrennen! Die andre aber hätte er ersticken mögen, damit sie aufhörte zu
lächeln, damit es dieses Lächeln nicht mehr gäbe, aus dem mit frecher
Schamlosigkeit eine beschmutzte, vergewaltigte Seele jedem in die Augen
sticht: sie braucht nicht zu leben, sie hat hier nichts zu tun, es ist kein Platz
für sie auf der Erde!
Oder war für ihn selbst kein Platz mehr auf der Erde?
– Und was meinen Sie, Wera Nikolajewna? – fragte er.
– Werotschka gab mir ihre Adresse und bat mich, nicht nach
Wechorjowa, sondern nach Rogowa zu fragen – antwortete Wera
Nikolajewna.
Marakulin schloß die Augen. Er empfand plötzlich eine äußerste
Müdigkeit und Erschöpfung, eine so vollkommene Gleichgültigkeit, daß er
sich nicht gerührt und nicht einmal sich umgesehen haben würde, wenn das
Café in Brand geraten oder die Decke herabgestürzt wäre.
Als Wera Nikolajewna und Anna Stepanowna bemerkten, wie verstimmt
er war, wollten sie ihn nicht beunruhigen, und um seiner Seele nicht lästig
zu sein, unterhielten sie sich leise miteinander.
Wera Nikolajewna erzählte von einer Krankenschwester:
– Man brachte ins Krankenhaus ein Kindchen: es war verbrüht. Um die
Operation zu machen, brauchte man Haut, und wo sollte man sie
hernehmen? Vom Kindchen selbst? – das hätte es nicht ausgehalten, es war
zu schwach. So bot sich die Schwester dazu an, und man schnitt ihr so viel
Haut aus, als man brauchte.

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– Und wie ist es verlaufen?
– Gott sei Dank, beide leben.
Anna Stepanowna bekreuzigte sich lächelnd:
– Gott sei Dank!
Marakulin erhob sich, und sie gingen nach der Fontanka zurück.

***

Werotschka bewohnte eine kleine möblierte Wohnung an der Mojka, die sie
nur mit ihrer Wirtin teilte. Die Zimmer waren mit allerlei Sofachen und
Tischchen vollgepfropft und mit Sächelchen angefüllt, wie sie wohl auch
das Ehepaar Oschurkow in seinen zehn Zimmern haben mochte. Die
kanariengelbe Farbe war in der Wohnung vorherrschend: gelbe Kissen,
gelbe Wandschirme, – alles hier war gelb.
Marakulin, der Werotschka endlich gefunden hatte, begriff schon im
Vorzimmer, daß Werotschka hier nicht aus eigener Wahl wohnte, sondern
daß sie in diese möblierte gelbe Wohnung von jemand einquartiert worden
war.
Er fand sie zu Hause und freute sich sehr über sein Glück: sie war allein,
sie kamen einfach und leicht ins Gespräch. Wie immer, redete sie erst
äußerst herausfordernd, und ihre Erzählung war von solcher Art, daß man
aus ihr nicht klug werden konnte, ob es echte Wahrheit war oder bloß so
eine Wahrheit. Sie habe ihren Namen geändert, weil sie jetzt beim Theater
sei; sie sei bei einer kleinen Bühne engagiert, in einem Petersburger Café
chantant.
– Ich tanze dort – erzählte sie – kommen Sie einmal hin, um mich zu
sehen.
Doch abgesehen vom Theater und vom Tanzen stand es mit ihr so, daß
Anissim Wakujew ihr kein Geld mehr schickte. Statt seiner war jetzt ein
vornehmer alter Herr ihr Gönner. Er hatte ihr diese Wohnung gemietet und
seinetwegen hatte sie den Familiennamen geändert, – oder richtiger: sie
mußte einen andern Familiennamen annehmen. Warjaginskij war eine
einflußreiche Persönlichkeit und verkehrte bei Hofe.
– Er ist ein ganz altes Kerlchen. Mit dem linken Auge sieht er immer eine
Maus; wenn er es zukneift, dann verschwindet die Maus, macht er es aber
auf, dann ist die Maus wieder da, ein graues, ganz kleines Mäuschen.

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Anissim schicke ihr längst kein Geld mehr, sie aber brauche Geld. Sie
müsse es soweit bringen, daß der alte Warjaginskij auf ihren Namen ein
Kapital deponiere, dann ...
– Dann werde ich zeigen, wer ich bin – der ganzen Welt, – dann sollen
sie sehen!
Ja, sie werde sich schon erweisen, ihr Name werde in ganz Rußland
berühmt sein, in ganz Europa, in der ganzen Welt! Sie habe ihren Weg
durch den Scheiterhaufen gewählt; denn auf dem gewöhnlichen Wege
gelange man nirgends hin; man komme auf andre Weise nicht vorwärts;
ohne Geld lasse man einen nirgends hin; man werde zerrieben, und wäre
man der Teufel selbst! Man müsse lügen können und Geld haben – Lügen
und Geld haben, das sei notwendig. Sie hätte ja auch versucht, auf die
gewöhnliche Weise durchzukommen – sie kenne es gut! Sie könne ja
schließlich nicht Waschfrau werden – oder sollte sie in der Tat Waschfrau
werden? Sie sei durchaus nicht damit einverstanden, im
Kusnetschnygäßchen zusammen mit dem Chiromanten oder in den
Gorbatschowschen „Winkeln“ zu wohnen. Wenn der Alte aber erst ein
Kapital auf ihren Namen deponiert und sie viel Geld haben würde, dann ...
ja dann ...
– Für Geld kann man alles kaufen! – schrie Werotschka mit ihrem
unheimlichen Schrei. Es war nicht der sehnsüchtige Ruf eines Hoffenden,
sondern eine Herausforderung, ein Schrei nach dem Recht, die ganzen
himmlischen Heerscharen kurz und klein zu schlagen, wäre nur eine Leiter
bei der Hand – wie es in einer alten Weise heißt – oder die Erde aus den
Angeln zu heben, bekäme man nur einen Griff zu fassen! – Es war eine
Herausforderung, ein Schrei der Verzweiflung auf ihrem Weg durch den
Scheiterhaufen.
– Ich bin eine Dirne und bleibe eine Dirne. Aber im nächsten Jahre werde
ich mich zeigen. Sie werden mich dann sehen. Jawohl, auch Wera
Nikolajewna würde kein Geld ausschlagen, und auch diese Ihre Andre, mit
dem kläglichen Lächeln, würde es annehmen! Es gibt ihnen bloß niemand
etwas, mir aber gibt jeder, ich verstehe zu lügen und werde mein Ziel
erreichen!
Sie begann hastig ihre Toiletten zu zeigen, riß alle Schubfächer auf und
öffnete den Kleiderschrank; Kleider und Wäschestücke flogen haufenweise
zu Marakulin hin, und ein bunter Berg von Seide und Spitzen türmte sich
zwischen den gelben Sofas, wie der schwarze Berg auf dem belgischen Hof.

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– Und alles das ist mein – schrie sie, – sehen Sie, es sind Geschenke,
alles gehört mir!
Marakulin erhob sich, er wollte sie zurückhalten, aber es war unmöglich;
er setzte sich wieder auf das gelbe Sofa. Werotschka aber war in Raserei
geraten, sie zerknüllte und zerfetzte die Sachen und warf sie um sich her.
Und als die Kommoden entleert und alle Schubfächer von unterst zu oberst
gekehrt waren, begann sie die Nippes abzuräumen, zerschlug alles und warf
es auf einen Haufen.
– Und alles das gehört mir, lauter Geschenke! – schrie sie mit dem letzten
Aufwand ihrer Stimme, fast schon ohne Stimme. Einen Augenblick stieg in
Marakulin der heftige Wunsch auf, ein Streichholz anzuzünden und alles in
Brand zu stecken, alles zu vernichten, den ganzen Haufen, den Berg, die
gelben Kanapees, gelben Wandschirme, gelben Lampenschirme, gelben
Kissen – alle diese Geschenke!
Werotschka riß von der Etagere eine kleine bronzene Schildkröte herab
und reichte sie ihm, offenbar in der Absicht, sie ihm zu schenken.
– Man kann nur schenk–, man kann nur schenk–, man kann nur schenk–
– stieß Marakulin hervor, als wollte er mit den Worten dreinschlagen, und
sah Werotschka fest an, aber der Atem verging ihm, bevor er das Wort zu
Ende brachte. Seine Schultern zitterten plötzlich.
Ja, sie wisse es selbst. Hier sei nichts, was ihr gehöre. Und fremde
Sachen dürfe man nicht verschenken. Geschenke verschenke man zwar
nicht, doch dürfte man es tun; hier aber gehöre ihr nichts, es seien nicht
Geschenke, es seien lauter fremde Sachen. Fremde Sachen aber dürfe man
nicht verschenken. Eigentümer sei hier der alte Warjaginskij, der Mäuse
sieht, und Glotow der Kassierer, und sonst jeder, der Geld hat und Geld
ausgeben kann – und je mehr einer Geld gebe, desto wichtiger sei er. Alles
an ihr sei beschmutzt, alles abgegriffen, sie könne Wera Nikolajewna nicht
einmal einen Kuß geben, sie habe nichts mehr zu geben, alles sei eingesetzt,
alles bespuckt.
– Und Sie, Petruscha, Sie möchten wohl auch? – fragte sie plötzlich voll
Bosheit, – ja, wollen Sie? – nicht?
Marakulin erhob sich.
– Da – Werotschka zeigte ihm die Zunge – nichts kriegen Sie, Sie
Bettler! Bettler empfange ich nicht, verstehen Sie! – und ihre
unverschämten Augen blitzten auf wie zwei scharfe Klingen und ihr
aufgelöstes Haar brannte wie Feuer.

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Ohne die Straßen zu unterscheiden ging Marakulin wohin ihn seine Füße
trugen. Es war im Dezember und Tauwetter. Ein warmer Wind wehte, die
Laternen sahen aus wie vom Himmel herabgestiegene Sterne und Monde
und schienen im Nebel aufgehängt. Beim Hinaustreten aus der
Podjatscheskaja auf die Ssadowaja blieb er plötzlich stehen: vor dem Tor
des Spaßeschen Polizeireviers, da, wo die Glocke hängt, stand ein
Feuerwehrmann in einem riesigen Messinghelm, ein wirklicher
Feuerwehrmann, aber überlebensgroß, und sein Messinghelm reichte über
die Torwölbung hinauf.
Marakulin begann vor Entsetzen zu laufen. Etwas stieg ihm die Kehle
hinauf und preßte sie zusammen. Und erst als er zu Hause war, allein in
seinem Zimmer im Burkowschen Hof, fühlte er, daß er weinte, so wie er
nur einmal im Leben geweint hatte, als seine Kinderfrau ihn verlassen.
Nachts träumte er, er läge auf dem Burkowschen Hof. Der Hof aber war
größer als in Wirklichkeit, und obwohl er an den Seiten von den Häusern
zusammengedrückt war, so lagen doch die Stände und Kästen der
fliegenden Händler viel weiter als sonst, und die Wagenremise, die
Müllgrube und der Abguß waren viel entfernter. Es waren unter den
Fenstern viel mehr Ziegelsteine, Schutt und Kehricht angehäuft. Er lag
nicht allein auf dem Hof, neben ihm lagen die Mieter aus dem Vorderhaus
und aus dem Hinterhaus, aus den Seitenflügeln, aus den Gorbatschowschen
„Winkeln“. Und obwohl er viele von ihnen nicht kannte, so erriet er doch,
wer sie waren, und irrte sich bestimmt nicht darin, daß dieser Herr und
diese Dame Herr und Frau Oschurkow waren, die zehn Zimmer und allerlei
Nippes, die die Wohnung ganz ausfüllten, und ein Aquarium mit
Goldfischchen hatten. Und dieser da, der Bewegliche im Zylinder, war der
Rechtsanwalt Amsterdamskij, ein lustiger Kerl, – er verstand es, Prozesse
gut zu führen; die Portiers im Senat warteten auf ihn, wie auf das Osterfest.
Und Burkow selbst, der frühere Gouverneur, der Selbstvertilger, lag da,
aber man sah nur seine Uniform. Neben der Uniform lag der älteste
Hausmeister Michail Pawlowitsch mit seiner Gemahlin, der
gottesfürchtigen Antonina Ignatjewa, und der Händler Gorbatschow mit
einem kleinen Mädchen – mit seiner Tochter, der er einst in der
Rattenkammer die Fingerchen zerbrochen, und Wera mit Akumowna,
Stanislaus der Kontorist und Kasimir der Monteur, Adonja Iwoilowna und
die Artisten Damaskin, Sergej Alexandrowitsch und Wassilij
Alexandrowitsch, Wera Nikolajewna und Anna Stepanowna, die Hebamme

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Lebedjowa in ihren Pelz eingewickelt, den man ihr um Weihnachten
gestohlen hatte, und der Portier Nikanor; auch lagen hier die Studenten,
welche nachts Totenmessen sangen, in neuen studentischen Uniformen und
mit ihrem Messinghahn, dann alle sieben Hausmeister und der Paßaufseher
Jerkin – die Hausmeister mit Holz und Jerkin mit Krankenhausmarken, jede
Marke ein Rubel, Gesicht und Hände ganz mit Marken beklebt. Kleine
Kinder lagen in Haufen, der Perser – der Masseur aus der Badeanstalt und
jenes kleine Mädchen, welches Murka damals Milch gebracht hatte, mit der
Scherbe; es lagen da alle Schuster, Bäcker, Bader, Friseure, Schneiderinnen,
Weißnäherinnen, eine Krankenschwester aus dem Obuchowschen
Krankenhaus, Kondukteure, Maschinisten, Kürschner, Schirm- und
Bürstenmacher, Kommis, Wasserleitungsmonteure, Setzer und allerlei
Mechaniker, Techniker und elektrische Meister mitsamt ihren Familien und
ihrem Gerümpel, mit Gläsern, Flaschen und Schwaben, und allerlei
Fräuleins von der Gorochowaja und vom Sagorodny, kleine Nähmädchen,
Mädchen aus den Teestuben und elegante junge Leute aus der Badeanstalt,
die die Petersburger Damen auf Wunsch bedienen, die alte Frau, welche
Sonnenblumensamen und sonst allerlei Kram feilbietet, stellenlose
Köchinnen, Maler und Schreiner, fliegende Händler mit Datteln und
Zuckerwerk, das nach Mistpilzen riecht, – mit einem Wort: der ganze
Burkowsche Hof, ganz Petersburg. Und nachdem Marakulin alle diese
Burkowschen Gestalten feststellte, erblickte er auch noch andre: seine
Mutter, seinen Vater, seine Schwestern, den alten Gwosdjow, den
Buchhalter Awerjanow, Tschekurow, Lisaweta Iwanowna und Maria
Alexandrowna, Rakow mit dem Lotterielos von Zweihunderttausend,
Lestschow, Pawlina Polikarpowna und alle Idioten, Geistesarmen, Eremiten
und heiligen Brüder, allerhand Belgier und Deutsche, die Deutschen um den
Doktor Wittenstaube zusammengedrängt, der alle Krankheiten mit
Röntgenstrahlen heilt, – überhaupt das ganze vagabundierende Rußland.
Da lagen sie alle auf dem Burkowschen Hof, wie auf einem Totenfeld,
nur war es nicht trocknes Gebein, sondern es waren lebendige Menschen,
und in jedem lebte und schlug ein Herz. Und Tiere lagen da zusammen mit
den Menschen: der schöne rothaarige Hund des Gouverneurs, Revisor, an
der lästigen Stahlkette hob zuweilen seine kluge Schnauze, und Murka lag
auch daneben, von einem rauchfarbenen Kater belegt. Neben Marakulin
aber lag die Generalin Cholmogorowa, die Laus, und die elektrischen

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Lampen brannten wie vom Himmel herabgestiegene Sterne und Monde tief
im Nebel über dem Burkowschen Hof.
– Die Zeiten sind reif, die Sündenschale ist übervoll, die Strafe ist nah! –
sang Gorbatschow im Halbschlaf, die Worte durch die mit Pferdehaaren
bewachsene Nase dehnend.
Da klirrte etwas wie ein Säbel, und aus einem Schrank trat ein
Feuerwehrmann, überlebensgroß, in einem riesigen messingnen Helm, und
begann zu schreiten, mit den Stiefeln polternd. Und rasch über die Maler,
Schlosser und fliegende Händler hinwegschreitend, nahte er Marakulin und
blieb vor ihm stehen.
Es war ein ganz gewöhnlicher Feuerwehrmann mit einem roten Gesicht.
Da fühlte Marakulin, wie es ihm so schwer wurde, daß er weder einen
Fuß noch eine Hand rühren konnte, und er wußte, daß er nicht mehr lange
leben werde und daß ihm nur noch die Freiheit zu reden übriggeblieben
war. Er fühlte auch, daß es Allen – dem ganzen Totenfeld – ebenso schwer
war; sie konnten weder einen Fuß noch eine Hand rühren und hatten nur
noch die Freiheit zu reden; und während er seine letzten Augenblicke nahen
fühlte, hörte er die Automobile auf der Fontanka tuten.
Ueber ihm aber stand unbeweglich der Feuerwehrmann. Es war ein ganz
gewöhnlicher Feuerwehrmann mit einem roten Gesicht.
Erst wollte Marakulin es wagen, gleich jenem Starez Kabakow, der durch
Gebete die Stimme des Himmels befragte, den Feuerwehrmann für Alle, für
die ganze Welt auszufragen, aber er hatte nicht den Mut, wie Kabakow für
Alle, für die ganze Welt, für das ganze Totenfeld zu fragen, sondern er
fragte nur für sich.
– Wird es mir gut ergehen?
– Warte – sagte der Feuerwehrmann.
– Gut? – fragte Marakulin nochmals mit stockendem Atem, und hörte
dabei, wie auf der Fontanka die Automobile tuteten.
Und der Feuerwehrmann antwortete ihm, jedoch sehr kleinlaut, kaum daß
er das Wort zu Ende sprach:
– G–u–t.

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Fünftes Kapitel

V or Weihnachten zerbrach Marakulin sein Kreuz.
Anna Stepanowna nahm es mit, um es reparieren zu lassen, ging
aber aus dem Gymnasium erst auf den Gostinij-Markt. Dort wurde ihr
das Portemonnaie gestohlen und mit ihm auch Marakulins Kreuz, sein
kleines goldenes Taufkreuz.
In den Weihnachtstagen wahrsagte Akumowna wieder aus den Karten,
und Marakulin schien es, daß die Karten jetzt ganz erbost seien und ihn mit
ihrem schonungslosen „reinen Herzen“ verspotteten. Sie orakelten: ein
fröhlicher Weg; ein wohlgeborener einflußreicher Herr; viel Geld; wenn Sie
heute keinen Brief bekommen, so bekommen Sie ihn morgen; er trinkt ein
wenig, – und in den Ecken Gras und Tannen.
Aber die Karten logen diesmal nicht. Sei es, daß Akumowna es mit ihrem
Wahrsagen heraufbeschworen hatte, oder, daß es ihm sonst bestimmt war –
Marakulin mußte in der Tat bald nach dem Tag der hl. Tatjana und ganz
unerwartet nach Moskau verreisen.
Marakulin war ein Moskauer. In Moskau geboren und aufgewachsen, war
er auch dort zur Schule gegangen. Nur die fünf Jahre vor seinem
Petersburger Aufenthalt hatte er in der Provinz verlebt und in Geschäften
auch solche Städte wie Kostrinsk und Purchowez besucht. Er hatte in
Moskau in einer Privatrealschule in der Handelsabteilung studiert. Kaum
daß er in die Schule eintrat, starb seine Mutter, und bevor er die Schule
verließ, verlor er den Vater. Die letzten Schuljahre waren sehr schwierig, er
mußte selbst für sich sorgen. Er hatte zwei Schwestern, beide älter als er
und beide verheiratet. Als er noch in Moskau lebte, besuchte er die
Schwestern, erst oft, dann seltener, endlich ganz selten. Als er klein war
hatten sie ihn sehr gern gehabt und ihn verwöhnt. Er wußte es noch genau,
sie aber hatten es vergessen. Als er in der Provinz wohnte, schrieb er den
Schwestern im Anfang oft, dann seltener, dann ganz selten und nur noch
Gratulationsbriefe, dann hörte er überhaupt auf zu schreiben. Sie waren es,
die zuerst den Briefwechsel abbrachen. Und seit er in Petersburg lebte, hatte
er sich an den Gedanken gewöhnt, daß er in Moskau niemand hatte. Nur auf

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dem Kalitnikowschen Kirchhof befanden sich zwei Gräber, zwei Kreuze:
das Kreuz des Vaters und das Kreuz der Mutter.
Sein Vater war der älteste Buchführer bei Plotnikow gewesen. Plotnikows
Fabrik befand sich auf der Taganka, das Engrosgeschäft auf der Iljinka. Der
Vater war ein Mann der Arbeit, der sich mit Energie seinen Weg bahnte.
Seine Mutter war anders; sie war ein Mensch von besonderer Art.
Jewgenja Alexandrowna – so hieß sie – war aufrichtig, einfach und
herzlich. Ihre Aufrichtigkeit kannten alle; ihr Vater kannte sie und alle, die
im Hause verkehrten kannten sie. Man klatschte in ihrer Gegenwart nicht
über Bekannte, man schärfte nicht unnütz die Zungen – man sagte nichts,
was man den andern nicht ins Gesicht hätte sagen können. Die
Gepflogenheit, zwei Meinungen über jemand oder über etwas zu haben:
eine Meinung sozusagen für’s Haus, welche nur im engen Familienkreis
ausgesprochen wird, und eine andere für die Straße, welche vor Fremden
geäußert wird, wenn es nützlich erscheint, – diese üblichen Formen des
Umgangs waren ihr fremd. Es fehlte ihr der praktische Sinn. Daraus konnte
oft ein kleiner Skandal, zumindest eine Verlegenheit entstehen, und ihr
Vater mußte sie häufig davor warnen. Dieser praktische Sinn, der zwei
Meinungen kennt, dieser einfältige und oft niederträchtige Selbstschutz ist
keine Weisheit. In der echten Weisheit, die nicht nur zwei, sondern
zwanzigmal zwei Meinungen kennt, ist Wissen und Schonung. Diese
höhere Weisheit konnte sie natürlich noch nicht haben, aber sie besaß jene,
die aus dem Instinkt stammt und die das Herz begreift. Es fehlte ihr
dagegen völlig an jener Schlampigkeit des Herzens, an der Gewöhnlichkeit
der Seele, die wie grobe Geradlinigkeit aussieht. Alles berührte und quälte
sie; sie hatte keine Gleichgültigkeit in sich, im Gegenteil: ungewöhnlich
barmherzig und mitfühlend, war sie bereit, jedem zu helfen. Kaum aus der
Schule, verliebte sie sich in einen Studenten, in den Hauslehrer ihres
Bruders, und wie zu Gott sah sie zu ihrem Studenten auf. Der Student aber
– sagte nichts, und als ein ernsthafter Student, der er war, lächelte er nur,
lächelte und dankte. Jenjas Vater – Marakulins Großvater – war Arzt, und
als Fabrikarzt bei Plotnikow angestellt, nahm er das junge Mädchen oft in
die Fabrik mit. Bei Plotnikow war aber auch ein junger Techniker namens
Ziganow. Dieser machte sich mit den Fabrikarbeitern zu schaffen,
veranstaltete Vorlesungen und Theatervorstellungen für sie, und soll auch,
wie die Wissenden behaupteten, einen Streik angezettelt haben. Die
Fabrikarbeiter liebten Ziganow und gehorchten ihm. Jenja, der das Leben in

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der Fabrik, das sie allmählich kennen lernte, die Seele verwundete, bot
Ziganow ihre Mithilfe an. Sie verbrachte viel Zeit mit dem Techniker und
arbeitete mit, so weit ihre Kräfte reichten. Und wenn eine Sache gelang, –
mit welcher Freude erzählte sie von ihrem Erfolg dem Hauslehrer ihres
Bruders, ihrem Studenten, zu dem sie wie zu Gott aufsah! Der Student aber
– sagte nichts, und als ein ernsthafter Student, der er war, lächelte er nur,
lächelte und dankte. So traf es sich auch einmal, daß Jenja bei Ziganow in
der Wohnung war. Sie half ihm Lektüre für die Fabrikarbeiter
zusammenstellen; es waren Broschüren. Sie war sehr eifrig dabei, sie
brannte darauf, daß die Broschüren bald gelesen werden, denn sie glaubte,
daß in ihnen die Wahrheit stand und ein Ausweg aus dem erbärmlichen
Leben, das ihr die Seele verwundete. Sie brannte vor Eifer – es war ja das
erstemal. Ziganow arbeitete am selben Tisch mit ihr und wich nicht von
ihrer Seite; auch er wollte die Arbeit möglichst rasch erledigen, denn die
Sache war gefährlich! Als dann alles fertig war, die Broschüren geordnet,
ausgesucht und verteilt, und sie, befriedigt, freudig erregt und davon
träumend, wie sie alles dem Studenten, ihrem Abgott erzählen würde – (er
hatte wohl jetzt die Lektion mit ihrem Bruder beendigt, saß vielleicht mit
ihrem Vater im Eßzimmer beim Tee und spielte mit ihm Schach) – gerade
im Begriff war, nach Hause zu gehen, – da fiel Ziganow über sie her und
warf sie zu Boden ...
An diesem Abend, als sie nach Hause zurückkehrte und den Studenten,
wie sie erwartet hatte, im Eßzimmer beim Tee mit ihrem Vater Schach
spielend fand, – sagte sie nichts; weder dem Vater, noch dem Studenten. Sie
verriet nicht mit der leisesten Andeutung, was eben zwischen ihr und
Ziganow vorgefallen war, sie verriet mit keiner Silbe das Entsetzen, das sie
erfüllte.
Entsetzen und Scham besiegten all ihre Wahrhaftigkeit und zwangen sie,
das Schreckliche zu verheimlichen. Sie schwieg, und obwohl sie, die sich
nicht verstellen konnte, sich so gab, wie sie war, bemerkte dennoch
niemand etwas, nur dem Vater fiel eine Trauer in ihrem Gesicht auf, die
früher nicht in ihm war. Erst viele Jahre später sah es auch manch andrer,
sprach aber nicht darüber. Denn diejenigen, die sie oft sahen, mochten sie
dann vielleicht zum erstenmal aufmerksam angesehen haben und konnten
deshalb nicht feststellen, ob diese Trauer in ihrem Gesicht schon immer
dagewesen und von ihnen nur nicht bemerkt worden war, oder ob
tatsächlich eine Veränderung in ihm stattgefunden hatte.

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Wohl war diese Trauer schon immer in ihr, seit ihrer Geburt vielleicht,
vielleicht war sie zusammen mit ihr zur Welt gekommen, hatte sich all die
siebzehn Jahre in ihrer Seele verborgen gehalten und trat erst an jenem
Abend hervor, an dem Jenja bei Ziganow die Broschüren ordnete und
glücklich, freudig erregt daran dachte, wie sie ihrem Studenten, ihrem
Abgott von ihrer Freude erzählen würde; – damals mochte das Entsetzen
die eingeborene Trauer hervorgeholt und über ihr Gesicht gebreitet haben.
War es nur Trauer, was ihr Gesicht verriet, als sie sich auf dem Boden
wälzte und vor tierischem Schmerz, vor Ekel und Entsetzen geschrien
haben würde, wenn sie ihre Schreie nicht hätte unterdrücken müssen? War
nur Trauer in ihrem Gesicht, da sie schweigend und doch unverstellt sich
quälte?
Wenn die Menschen einander genau sehen und beobachten würden, wenn
Alle Augen hätten, dann könnte nur ein eisernes Herz das ganze Entsetzen,
die ganze Rätselhaftigkeit des Lebens ertragen. Oder am Ende wäre, wenn
die Menschen einander sehen würden, das eiserne Herz gar nicht nötig?
Wie war das alles so gekommen, und weshalb? Und wie erklärte Jenja es
sich selber?
An jenem Abend war Ziganow geblendet, – einen andern Grund gab es
nicht – es war nicht vorgefaßte Absicht, er war einfach geblendet. Und hätte
er auch sieben Augen gehabt, wer weiß, ob er nicht an allen sieben Augen
geblendet worden wäre vor ihren beiden, mit denen sie so freudig
dreinblickte, bereit, im nächsten Augenblick von ihrer Freude dem
Studenten, ihrem Abgott zu erzählen: ihre Freude war so gewaltig; es war ja
das erstemal, die Sache war gefährlich und sie glaubte die Erlösung
gefunden zu haben aus dem erbärmlichen Leben, das ihre Seele
verwundete.
So erklärte Jenja das, was vorgefallen, indem sie niemand beschuldigte,
außer sich selbst.
Ob es so war oder nicht, ob er tatsächlich geblendet war oder nicht, ob er
dem Zwang nicht widerstehen konnte, sich auf sie zu stürzen, oder ob er
sich hätte zurückhalten müssen – einerlei: am Ende wäre es auch einem
andern so ergangen wie Ziganow, der sich mit einer gefährlichen Sache
befaßte, die heimlich und verborgen getan werden mußte, und der vor lauter
geschäftigem Mißtrauen seine Augen verloren hatte? Jedenfalls aber hatte
er seine Augen verloren, gleichviel warum: denn hätte er sehen können, so
wäre das nicht geschehen, was weiter geschah. Es kam aber, daß jedesmal,

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wenn Jenja bei ihm war, um Broschüren zu ordnen, oder in ähnlichen
Angelegenheiten, sich jener gefährliche und freudig erregte Abend
wiederholte. Sie flehte ihn an, sie zu schonen, sie nicht anzurühren, aber er
wollte nichts hören, weil er taub und blind war. Und so verging ein ganzes
Jahr.
Als dann Ziganow aus der Plotnikowschen Fabrik verschwunden war –
manche behaupteten, er wäre nach Sibirien verbannt worden, andre
dagegen, daß er jenseits der Trechgornaja-Maut in einer Fabrik eine
gutbezahlte Stellung angenommen hatte, wieder andre, daß er der Welt so
etwas wie ein „neues Zion“ verkündete – mit einem Wort, als Ziganow
nicht mehr da war, und Jenja aufatmen konnte, da widerfuhr ihr das gleiche,
nur daß diesmal an Ziganows Stelle ihr eigener Bruder, der Kadett war. Sie
bat ihren Bruder, flehte ihn an, sie zu schonen, sie nicht anzurühren, er aber
wollte nichts hören, und darum nicht, weil er in diesem Augenblick taub
und blind war.
Ja, auch er war in diesem Augenblick geblendet, und nur, weil in ihr
selbst etwas Sinnberaubendes, Blendendes war; denn sonst hatte doch
dieser Bruderabend nichts gemeinsames mit jenem Ziganowschen, jenem
gefährlichen und freudig erregten Abend.
So erklärte sich Jenja alles, was vorgefallen, indem sie niemand als sich
selbst beschuldigte.
Ob es nun so war oder nicht, ob der Bruder ebenfalls geblendet war oder
nicht – jedenfalls ist es klar, daß er, ohne sich mit gefährlichen Dingen zu
befassen, wie Ziganow und nicht wie dieser durch die Heimlichkeit und die
Gefahr der Arbeit in gemeinsame Erregung mit der Schwester gedrängt, –
im Gegenteil: er hatte einen offenen Weg vor sich, frei von jedem Spähen
und Horchen – jedenfalls ist es klar, daß er, wie so viele Menschen von
Beruf oder Handwerk, von Meisterschaft oder Leidenschaft, sich eben
durch keinen besonderen Scharfblick auszeichnete. Nein, er zeichnete sich
nicht durch besonderen Scharfblick aus, denn hätte er etwas gesehen, so
wäre nicht geschehen, was weiter geschah. Es kam aber, daß sich jedesmal,
wenn er sie allein fand, das wiederholte, was an jenem Schwesterabend
geschah. So verging wieder ein Jahr.
Als der Bruder dann von Moskau abgereist war und sie, allein geblieben,
aufzuatmen hoffte, da wurde der Bruder von dem Gehilfen ihres Vaters, von
einem jungen Arzt ersetzt, so wie einst der Bruder Ziganow abgelöst hatte.

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Und nach dem Arzt kam noch einer und wieder einer; alle traten sie kühn an
sie heran und taten mit ihr, was sie wollten.
Sie taten es aber nicht deshalb, weil sie es freiwillig gewährte, nein, sie
taten nur das, wozu es sie, die Geblendeten, trieb.
So erklärte sich Jenja alles, indem sie niemand als sich selbst
beschuldigte.
Ob es so war oder nicht, ob sie wirklich geblendet waren oder nicht, ob
es sie trieb, oder ob sie sich selbst über sie warfen, jedenfalls beschuldigte
sie keinen von ihnen, nur sich selbst: dies etwas in ihrem Wesen, das
blendete und betäubte.
Sie schwieg – ganze drei Jahre schwieg sie. Sie machte nie eine
Andeutung, verriet sich mit keinem Wort. In ihr aber war Entsetzen, Scham
und Qual. Sie wurde geliebt, hatte viele Freundinnen, und wußte, wie sehr
man sie liebte und wie gut man von ihr dachte; und trotz aller Aufrichtigkeit
und Wahrhaftigkeit, die in ihr war, vermochte sie es nicht, ihnen zu sagen,
wie sehr sie sich irrten: daß sie nicht so war, wie sie von ihr dachten. Hätten
sie die Wahrheit gewußt, dann würden sie sich von ihr losgesagt haben, so
aber stahl sie ihre Liebe dadurch, daß sie die Wahrheit verheimlichte.
Die Menschen traten kühn an sie heran und taten mit ihr was sie wollten,
sie aber konnte sich nicht wehren und gab, erfüllt von tierischem Ekel und
Schmerz, nach. Und dafür, daß sie nachgab, daß sie trotz Ekel und Schmerz
nachgab und nachgeben mußte, für dies blendende und betäubende Wesen
in ihr, das die Menschen trieb, sich über sie zu werfen, reichte eine von
Menschen verhängte Strafe nicht aus. Es wäre ihr ja ein leichtes gewesen,
ein Ende mit sich zu machen, aber das hätte ihr nicht genügt. Auch wenn
man sie gefoltert und gemartert, wenn man sie zu Tode gefoltert hätte, was
hätte ihr das genützt? Für sie war eine von Menschen bestimmte Strafe zu
gering, sie mußte sich selbst ihr Urteil sprechen und sich selbst hinrichten.
Aber wie sich strafen, wie sich hinrichten? In den drei Jahren des
Entsetzens, der Scham und der Qual hatte sie sich in den schlaflosen
Nächten die Haare gerauft, hatte mit dem Kopf gegen die Eisenstäbe ihres
Bettes, – ihres schmalen Mädchenbettes – geschlagen, aber was war damit
erreicht? Nichts, gar nichts! Wer sollte ihr die Strafe diktieren und wie sollte
sie sie vollziehen?
Wenn die Menschen einander genau sehen und beachten würden, wenn
Alle Augen hätten, dann könnte nur ein eisernes Herz das ganze Entsetzen,

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die ganze Rätselhaftigkeit des Lebens ertragen. Oder am Ende wäre das
eiserne Herz gar nicht nötig, wenn die Menschen einander sehen würden!
Jenja verließ Moskau und lebte einige Zeit auf dem Lande, in der Familie
eines ihrem Vater befreundeten Arztes. Ihr Vater, der jetzt nicht nur Trauer
in ihrem Gesicht bemerkt hatte und unruhig geworden war, erklärte sich ihr
Aussehen mit Uebermüdung und redete Jenja zu, sich auf dem Lande zu
erholen. Folgendes geschah nun während ihres Landaufenthaltes: Am
Dienstag in der Karwoche reiste sie von da ab, aber nicht nach Hause zum
Osterfest, wie man annahm, sondern sie begab sich in den Wald und betete
dort drei Tage und drei Nächte mit der ganzen Glut des Entsetzens, der
Scham und der Qual eines sich selbst verurteilenden Herzens, und flehte
nur um eins: um Strafe, – daß ihr eine Strafe angezeigt und eine Buße
auferlegt werde. Am Karfreitag aber erschien sie in der Kirche zur
Zeremonie des Grabtuches, ganz nackt, mit einem Rasiermesser in der
Hand. Als das Grabtuch hinausgetragen wurde, folgte sie ihm – alle wichen
vor ihr zurück, wie vor dem Grabtuch selbst. Sie stand ganz nackt da, mit
dem Rasiermesser in der Hand: „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des
heiligen Geistes!“ rief sie aus. Jemand erwiderte „Amen“. Da erhob sie das
Messer und schnitt sich Kreuze hinein in die Stirn, in die Schultern, in die
Arme, in die Brust, und ihr Blut ergoß sich auf das Grabtuch.
Ein ganzes Jahr oder noch länger lag Jenja im Krankenhaus, wohin man
sie bewußtlos aus der Kirche gebracht hatte. Von den Kreuzen waren keine
deutlichen Male zurückgeblieben, nur eine schwache Narbe auf der Stirn,
aber auch diese war unter dem Haar nicht zu sehen. Und als man fand, daß
sie sich genügend erholt hatte, schickte man sie zu ihrem Vater zurück.
Hatte sie sich nun beruhigt? Nein. Aber sie betete nicht mehr um Strafe.
Tief in ihrem Innern war es still geworden. Mag sein, daß man durch
irgendwelche Heilmittel auf sie gewirkt hatte, oder daß sie, sich erholend
und gesundend, nicht mehr so fein in sich hineinhorchen konnte, um zu
vernehmen, was in der Tiefe redete. Aber bald sollte sie es doch vernehmen,
und ganz unerwartet.
Zu ihrem Vater kam häufig der Buchführer der Plotnikowschen Fabrik,
Alexej Iwanowitsch Marakulin. Jenja gefiel ihm sehr, und er erklärte sich
bald. Da vernahm sie plötzlich, was in der Tiefe sprach.
Niemand wußte bis dahin, wofür sie eine Strafe für sich herabgefleht
hatte, kein Mensch ahnte etwas von den drei qualvollen Jahren und von
dem vierten Jahr ihrer Buße. Nicht einmal dem Priester in der Beichte hatte

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sie etwas verraten: sie sprach es in Gedanken unter dem Epitrachelion,
wenn der Priester über ihr gebeugt die Vergebung las. Sie konnte sich nicht
entschließen, ihm etwas zu sagen: es hätte ihm vielleicht nicht genügt zu
erfahren, was sie getan; er hätte sie jederzeit über die Personen ausfragen
können, die mit ihr verkehrt hatten. Vielleicht hätte er auch angesichts ihres
Entsetzens, ihrer Scham und ihrer Qual, um ihr einen weltlichen Trost zu
verschaffen, zu erfahren gewünscht, wie sich alles zugetragen hatte, und
dann gar, über die Umstände unterrichtet, jene Personen verurteilt und sie
selbst von aller Sünde freigesprochen! Sie aber beschuldigte niemand als
sich selbst, ihr eigenes blendendes und betäubendes Wesen. Außerdem hätte
der Geistliche jene Menschen auch denunzieren können. Jetzt aber wollte
sie es dem Menschen offenbaren, der sie liebte. Sie mußte alles sagen – so
sprach es in ihrem Innern – sie mußte diesem Menschen alles sagen.
Und sie erzählte ihm alles, rückhaltlos. Er hörte milde zu und weinte; – er
liebte sie. Ohne daß er im Innern glaubte, daß es sich nie wiederholen
würde, daß die Geschehnisse dieser drei Jahre nicht wiederkehren könnten,
wollte er es doch glauben, denn er liebte sie.
Ihr ganzes weiteres Leben widmete Jenja ausschließlich ihren Kindern.
Gleich im ersten Jahr ihres neuen Lebens war es, als wäre sie plötzlich alt
geworden, aber es war nicht Alter, sondern jenes Entsetzen, jene Scham und
Qual, die jetzt auf ihrem Gesicht, wie einst die Trauer, sichtbar wurden und
es alt machten. Und ihre Augen, die oft wie aufgescheucht waren und die
Hände stets wie im Gebet gefaltet, als flehten sie, sie zu schonen und nicht
anzurühren, – dies blieb ihr eigen bis an ihr Lebensende. Im Sarg lag sie mit
dem Kreuz auf der Stirn: unter der Stirnbinde war es jetzt deutlich zu sehen.
Marakulin war damals zehn Jahre alt, aber er konnte sich noch genau an
dieses Kreuz erinnern, an das auf der wachsgelben Stirn unter der weißen
Binde sichtbare Kreuz. Und auch jetzt auf der Fahrt nach Moskau dachte er
daran, und die Erinnerung an das Kreuz der Mutter war in ihm irgendwie
fest und unlösbar mit seinem eigenen goldnen Taufkreuz verbunden, das
ihm vor Weihnachten abhanden gekommen war.
Und Trauer überflutete ihn.

***

Marakulin reiste nach Moskau auf den dringenden Ruf Plotnikows:

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Pawel Plotnikow war mit Marakulin zur Schule gegangen, war aber um
zwei Klassen jünger. Als Marakulin ihn zum erstenmal sah, gefiel er ihm
sehr: es war ein gesunder Knabe, von einer wie Milch und Blut zarten Haut,
so daß man Lust bekam, ihn zu streicheln und mit ihm zu scherzen, um ihn
lachen zu machen. Im ersten Schuljahr hatte Pawel Plotnikow oft
Halsschmerzen, und das weiße Tuch um den Hals machte ihn noch
liebenswerter. Marakulin sprach und scherzte oft überaus freundlich mit
ihm, Plotnikow aber zeigte eine gewisse Scheu. Erst im nächsten Jahr
wurden sie durch einen Zufall einander näher gebracht: Marakulin sang im
Chor mit, und auch Plotnikow wurde in den Chor aufgenommen, ebenfalls
für die Altstimme. Bei den Gesangproben stand Plotnikow neben
Marakulin, und allmählich verlor er seine Scheu vor ihm und schloß sich
jetzt enger an Marakulin an, welcher für ihn alles tat, was er nur konnte: er
löste schwierige Aufgaben, machte die Uebersetzungen für ihn. Diese
rührende und zärtliche Freundschaft dauerte ein Jahr. Darauf war Plotnikow
nach den Sommerferien auf einmal so erwachsen, und es war nichts mehr in
ihm von dem Jung-Katzen- oder Hundeartigen, das Marakulin so gereizt
hatte, ihn wie ein kleines Tier zu streicheln. Marakulin gab sich nun
weniger mit ihm ab, unterhielt sich nicht so freundlich mit ihm wie früher,
fuhr aber im übrigen fort, alles für ihn zu tun, was er nur konnte. Denn
Plotnikow wandte sich oft an ihn, wie an einen ältern, der alles weiß, was er
selbst niemals wissen könnte.
Plotnikow kam in der Schule nicht vorwärts. In der fünften Klasse blieb
er sitzen und wurde aus der Schule genommen. Er war der einzige Sohn
seiner Eltern, dazu der jüngste einer ganzen Reihe von Schwestern, und
wurde fürs Geschäft gebraucht. Das Plotnikowsche Geschäft war in der
ganzen Taganka[8], ja, in ganz Rußland bekannt. Zu jener Zeit war
Plotnikow bereits so dick und groß geworden, daß man bei seinem Anblick
sich schwer den kleinen Buben Pascha mit dem weißen Tuch vorstellen
konnte, jenen wie kuhwarme Milch frischen Pascha, den man gern
streicheln mochte, um ihn lächeln zu machen. Man hätte wohl annehmen
sollen, daß jetzt jede Beziehung zwischen den beiden Knaben aufhören
müßte, aber dem war nicht so. Plotnikow kam manchmal zu Marakulin, um
sich ein Buch zu holen: er bat stets um irgendein Buch zum Lesen, und so
schüchtern, als hätte er Angst. Marakulin gab ihm dann ein Buch, worauf er
sich längere Zeit nicht sehen ließ. Dann konnte er wieder ganz unerwartet
erscheinen, meist zu einer unpassenden Stunde, am frühen Morgen, und oft

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in so erregtem Zustand, daß es den Eindruck machte, er hätte, nachdem er
am vorherigen Abend in einem Bierlokal der Taganka angefangen, die
Nacht bis zum Morgen im Restaurant „Ssaratow“ und bei Jar
durchgekneipt, sich morgens in einer Fünfkopeken-Badeanstalt gewaschen
und wäre von da aus direkt zu Marakulin gekommen, – es fehlte nur der
Birkenbesen. Es war in der Tat auch so. Schüchtern gab er das Buch zurück,
brachte ebenso schüchtern vor, daß er es nicht habe bewältigen können und
ein einfacheres haben möchte. Marakulin gab ihm ein einfacheres Buch,
und Plotnikow verschwand wieder für längere Zeit.
In den letzten Schulklassen gab es damals eine zusammengelaufene
Bande, die ungefähr das gleiche miteinander verband, was Marakulin
späterhin mit Glotow verbunden hatte. Es waren einige Tollköpfe mit einem
Gefolge von Nachahmern und sonst Burschen, die sich austoben wollten
und aus denen später die tüchtigsten Geschäftsleute und die
unbedeutendsten Kommis wurden. Mancher von ihnen ergab sich nachher
dem Trunk und endete auf der Ssiworotka. Die Mitglieder dieser Bande
waren Stammgäste in einem Bierlokal an der Taganka, auf den Moskauer
Boulevards, an den Sonntagen im Sommer auch in Kuskowo, denn die
Bewohner der Taganka und der Rogoschskaja ziehen im Sommer nach
Kuskowo hinaus. Zu dieser Bande gehörte auch Marakulin. Zuweilen
schloß sich ihr auch Plotnikow an.
Plotnikow, der bis zur Besinnungslosigkeit trank, ließ sich einmal in
einem sehr leichten Anzug – noch leichter angezogene werden auf die
Wache gebracht – auf dem Taganskij-Platz in einen Kampf mit Pferden ein.
Wüst und Beschwichtigungen unzugänglich, betrunken bis zum äußersten,
konnte er die tollsten Sachen anstellen, ganz wahllos, wie es ihm gerade
einfiel, und ließ sich dabei von niemand und von nichts stören. Das war
bekannt. Nur für Marakulin machte er eine Ausnahme. In den äußersten
Fällen konnte einzig Marakulin den wilden, unantastbaren Plotnikow
beschwichtigen und sogar zur Einsicht bringen.
Pawel Plotnikow glich in der Unerschütterlichkeit und unbeschränkten
Willkür, zum eignen Spaß die tollsten Streiche auszuführen, ganz seinem
Vater Wassilij Pawlowitsch. Wassilij Pawlowitsch Plotnikow aber war in
dieser Beziehung der erste auf der Taganka, und seine „Tätigkeit“ wirkte
ansteckend: er hatte nicht wenig Nachahmer. Nur daß Wassilij Pawlowitsch,
der keine einzige, geschweige denn fünf Klassen absolviert hatte, im
Gegensatz zu seinem Sohn niemals wüst wurde und auf den Plätzen weder

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mit Menschen noch mit Pferden sich in Kämpfe einließ. Er war still und
sanft; Branntwein kam nie über seine Lippen. Noch in den letzten Jahren
seines Lebens, als Wassilij Pawlowitsch schon alt war, seine
Erfindungsgabe ihn verlassen hatte und er selbst sich wohl bewußt war,
nicht mehr recht auf der Höhe zu sein, kam er auf den Gedanken, zum
Zeitvertreib die Schutzleute zum Trunk zu verführen – er wollte die ganze
Polizei buchstäblich kopfstehen machen. Und er führte diese Absicht mit
der größten Meisterschaft aus, sein Ziel mit allen Mitteln verfolgend:
konnte er es selbst nicht tun, so mußten es seine Leute auf Befehl
ausführen. Als Lockmittel diente ein Wagen, ein ganz gewöhnlicher alter
Wagen, an dem nichts Besonderes war, nicht einmal ein Wappen; denn den
Bewohnern der Taganka kommen Wappen ihrem Stande nach nicht zu. Am
Morgen setzte sich also Wassilij Pawlowitsch ans Fenster und fing einen
Schutzmann ab, der um diese Zeit zum Polizeirevier zu gehen pflegte. Der
Schutzmann wurde dann ins Haus gerufen, irgendeiner Angelegenheit
wegen, die es natürlich gar nicht gab, denn man hütete sich sonst mit der
Polizei zu tun zu haben, aber eine Kleinigkeit, die zum Vorwand dienen
konnte, gab es doch immer. Dabei schlug Wassilij Pawlowitsch dem
Schutzmann vor, sich den Wagen anzusehen, und sein Vorschlag klang
mehr wie eine Bitte. Der geschmeichelte Schutzmann folgte ihm in den
Schuppen, wo schon alles für den Spaß notwendige vorbereitet war. Der
Schutzmann wurde erst herausgelassen, wenn er sternhagelvoll nicht mehr
auf den Beinen stehen konnte. Am nächsten Tag wiederholte sich die
Geschichte und allmählich kam es so weit, daß der Schutzmann alle Würde
beiseite ließ und am Morgen von selbst in den Schuppen kam, um sich den
Wagen anzusehen. Natürlich wurde er bald aus dem Dienst entlassen, an
seine Stelle trat ein andrer, und mit diesem begann die Wagengeschichte
von neuem. Der Ruhm Wassilij Pawlowitschs ließ den Fischhändler
Barabochin nicht schlafen, und seinem Vorbilde nacheifernd verführte er
die Popen zum Trunk. Als Lockmittel diente ihm ein ganz gewöhnlicher
Fischbehälter; nicht etwa, daß sich darin irgendwelche ausgefallenen
fabelhaften ausländischen Fische mit schwer auszusprechenden Namen
befunden hätten, sondern es war ein Behälter mit ganz gewöhnlichen
Sterleten ... Der Wagen sowohl wie der Fischbehälter arbeiteten ziemlich
lange Zeit mit unerhörtem Erfolg, bis ihre Inhaber des Spaßes überdrüssig
wurden. So war Wassilij Pawlowitsch beschaffen, und er ließ in seinem
Sohne Pawel einen Erben zurück, der seiner würdig war. Zusammen mit

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dem Wagen hatte Plotnikow von seinem Vater auch sonst noch allerlei
Einfälle zum Zeitvertreib geerbt und hatte dieses Pfund nicht vergraben,
sondern weiter damit gewuchert. Es mochte ihm was immer einfallen, so
beruhigte er sich nicht, bis er es ausgeführt hatte; es fiel ihm aber manches
ein, wovor einem Angst werden konnte. Aber nie hätte er sich etwas erlaubt,
das geeignet gewesen wäre, Marakulin zu verletzen – Marakulin war eben
eine Ausnahme. Und auch das wußten alle.
Dreimal hatte Plotnikow Marakulin seine warme, freundschaftliche
Teilnahme bewiesen: einmal, indem er ihn beschützte, das zweitemal,
indem er ihn einrichtete, und das dritte, indem er ihn befreite. Das
Beschützen bestand darin, daß Plotnikow Marakulin von Strakunow
befreite, indem er Strakunow vor allem Volk und unter Begleitung guter
Lehren tüchtig verprügelte. Auf der Taganka trieb sich damals nämlich ein
gewisser Ssaschka Strakunow herum, ein Durchschlüpfer: der Teufel
mochte wissen, wovon er lebte, er war eben nicht wählerisch. Es gelang
ihm, sich in die Bande, die sich in Kuskowo herumtrieb, einzuschleichen
und Marakulin zu gefallen. Gott weiß wodurch, denn Marakulin selbst hätte
nicht sagen können, was ihn an Strakunow so sehr anzog. Er stammte wohl
von Zigeunern ab und schnitt beständig Grimassen, sonst war an ihm nichts
Hervorragendes. Dieser Bursche plünderte Marakulin förmlich aus, und
alles Geld, das dieser durch Stundengeben verdiente, machte er sich zur
Beute. So ging es einen Monat lang. Als Plotnikow dies erfuhr, zögerte er
nicht lange und beschützte Marakulin.
Ferner: gleich nach Absolvierung der Schule, fast unmittelbar nach dem
Examen, kaum daß er eine Woche die Freiheit genossen hatte, trat
Marakulin bereits in das Bureau an der Kusnetzkajabrücke ein – und das
war Plotnikows Werk.
Die Sommerabende wurden damals auf den Boulevards verbracht.
Einmal lernte Marakulin bei der Donnerstagsmusik in Tschistije-Prudy ein
Mädchen namens Polja kennen. Polja, die erst in der Dämmerung auf dem
Boulevard zu erscheinen pflegte, wohnte auf der Rogoschka, in der
Bahnhofstraße. In Tschistije-Prudy war sie als Polja bekannt, aber Dunajew,
der Marakulin mit ihr bekanntgemacht hatte, nannte sie Dunja, auch von
Poljanskij wurde sie so genannt. Dunajew und Poljanskij waren seine
Schulkollegen, und da sie beide ebenfalls auf der Taganka wohnten,
gehörten sie mit zu der Bande. Bald wurde Polja auch für Marakulin zur
Dunja. Diese nähere Bekanntschaft kam nicht zustande, weil Marakulin sie

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so sehr ersehnt hatte, nein, der Grund war ein ganz anderer – purer
Blödsinn. Zu Ostern nämlich hatte Marakulin Poljanskij besucht und war in
einem gewöhnlichen Gespräch über die Schulkameraden – es war kurz vor
den Schlußprüfungen – mit Poljanskij in einen Streit über Dunajew geraten.
„Du bist in Dunajew einfach verliebt,“ bemerkte Poljanskij eigentümlich
lächelnd, „er sieht wie ein junges Mädchen aus, deshalb nimmst du ihn so
in Schutz.“ Marakulin wurde ganz rot und sehr verlegen, weil Poljanskij so
lächelte und weil er selbst sich rot werden fühlte: sollte er in der Tat
Dunajew deshalb verteidigt haben, weil dieser einem jungen Mädchen
glich? – Damit fing es an. Dieser wie ein junges Mädchen aussehende
Dunajew, der auf den Boulevards zu Hause war, bot Marakulin an, – sei es
als Zeichen seines kameradschaftlichen Dankes, oder „überhaupt so“ – in
solchen Angelegenheiten spielt dieses „überhaupt so“ eine wichtige Rolle –
ihn mit Polja bekanntzumachen. Marakulin, der Poljanskijs Worte und vor
allem die Art, wie er gelächelt hatte, nicht vergessen konnte, stürzte sich auf
diese Bekanntschaft: jetzt würde Poljanskij nicht mehr so lächeln. Ein
richtiger Knabenunsinn wurde so zum Anlaß! An einem der
Donnerstagabende in Tschistije-Prudy kam die Bekanntschaft zustande.
Marakulin gefiel dem Mädchen auf den ersten Blick. Gleich in den ersten
Tagen, nachdem sie ihn kennen gelernt hatte, sprach sie es vor Dunajew und
Poljanskij ganz geradezu aus. Und als sie einmal nachts im
Bahnhofgäßchen Marakulin aus ihrem Zimmer hinunterbegleitete, lief sie
flink die Treppe voraus, um die Tür aufzuschließen, versperrte Marakulin
den Weg, umarmte ihn fest – ihre Arme wurden dabei plötzlich ganz
kindlich-zart – und steckte ihm ein Tuch, in dem die Anfangsbuchstaben
seines Namens in Kreuzstich eingestickt waren, ein seidenes, duftendes
Tüchlein, in die Tasche. Es duftete aber nicht nach dem Parfüm, das sie
sonst brauchte, wenn sie in der Dämmerung auf den Boulevard ging,
sondern nach einem anderen. Seit jener Nacht aber trieb es ihn immer mehr
von ihr fort, und je mehr sich Dunja an ihn hing, desto mehr entfernte es ihn
von ihr. Gegen Ende des Sommers wurde ihm ihre Betulichkeit und ihr
Auflauern ganz unerträglich: er konnte sich nirgends mehr vor ihr
verstecken. Sie hatte sich vom Boulevardleben zurückgezogen, putzte sich
nur für ihn, parfümierte sich für ihn mit jenem anderen Parfüm. Dies war
für sie ein Opfer: denn es ist für eine, die von der Straße lebt, ganz
unmöglich, Geld für Putz auszugeben, wenn sie nichts verdient. Und sie
hätte auch jetzt noch, so wie sie war, vorwärts kommen können, wenn sie

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gewollt hätte: es war etwas Ungewöhnliches an ihr. Ihre
Boulevardfreundinnen behaupteten es, auch Dunajew und Poljanskij waren
dieser Meinung. Auch Marakulin wußte es – ihre Arme waren damals in der
Nacht plötzlich so kindlich-zart geworden – doch was sollte er tun? Ihr
Tuch, das er nie aus der Tasche nahm und das er gewiß vergessen hätte,
wenn er es nicht immerzu hätte fühlen müssen, dieses Tuch mit seinen in
Kreuzstich gestickten Anfangsbuchstaben, das kleine seidne Tüchlein, zog
ihn wie etwas Schweres hinunter, als wäre es aus Blei und nicht aus Seide,
und es blieb ihm nichts übrig, als entweder es zu verbrennen oder in den
Moskaufluß zu werfen. Er warf es in die Moskau. – Es war Ende August, an
einem der letzten Kuskowschen Feste: die Bewohner der Taganka und der
Rogoschskaja waren im Begriff heimzukehren, – es war der letzte
Sonntagabend, kalt und klar gestirnt. Das Theater war bereits aus und der
Bahnhof voller Menschen. Auf dem Perron spazierte Dunja. Da trat
Marakulin auf sie zu und überschüttete sie mit der ganzen in ihm
aufgesammelten, lange zurückgehaltenen und jetzt plötzlich aufkochenden
Wut, ohne eine Erwiderung abzuwarten, ohne ihr nur Zeit zum Erwidern zu
lassen. Auf einmal brach er ab und ließ sie stehen. Er glaubte jetzt alles
ausgerichtet zu haben: jetzt war er sie los, war er mit ihr fertig. Und mehr
wollte er ja nicht! Zu Dunja gesellte sich darauf Poljanskij und ging mit ihr
auf dem Perron auf und ab. Als sie an Marakulin vorbeikamen, flüsterte
Poljanskij ihm etwas zu, aber so leise, daß er die Worte nicht verstehen
konnte, nur das Lächeln bemerkte er, das gleiche Lächeln, wie damals zu
Ostern. Als dann Marakulin die beiden von ferne – am anderen Ende des
Perrons – wieder erblickte, empfand er einen brennenden Vorwurf. Je näher
sie kamen, desto brennender wurde der Vorwurf und die Scham in ihm. Und
als sie wieder ganz nah an ihm vorüberging – er stand ganz allein und für
sich – und er sie von Angesicht zu Angesicht sah – da konnte er dies
brennende Gefühl des Vorwurfs und der Scham nicht mehr ertragen: er warf
sich ihr zu Füßen und verneigte sich tief bis zur Erde. Da geschah lautlos
offenbar etwas Unheimliches: denn die Menge stob plötzlich nach allen
Richtungen auseinander. In dem Moment nämlich, da sich Marakulin
verneigte, fuhr der Zug ein, der Bahnhof erdröhnte, der Wind pfiff, – und
als er sich erhob, sah er, daß ein Polizist, vielleicht war es auch ein
Polizeileutnant, Dunja beim Arm fortschleppte. Marakulin begann zu
zittern, begriff nichts, und einzig das scharfe Pfeifen des Windes in den
Ohren, versetzte er dem Polizeileutnant einen Schlag. Es war aber so, daß

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der Reviervorsteher Dunja gar nicht arretieren wollte, vielmehr konnte er
sie gerade noch zurückreißen, bevor der Zug sie erfaßte und zermalmt hätte.
Dies erfuhr Marakulin aber, als es schon zu spät war. Am nächsten Abend
erschien Plotnikow plötzlich im Polizeirevier auf der Taganka, wohin
Marakulin aus Kuskowo gebracht worden war, und teilte ihm schüchtern
mit: man würde ihn morgen früh freilassen. In der Tat wurde Marakulin am
nächsten Morgen ohne weitere Folgen entlassen. So hatte ihn Plotnikow
damals aus dem Gefängnis befreit. Das war auch Marakulins letztes
Zusammentreffen mit ihm gewesen.
Alle diese Moskauer Erlebnisse stiegen bis ins kleinste in seiner
Erinnerung auf und ließen Marakulin die ganze Nacht nicht schlafen. Erst
ganz nah vor Moskau schlummerte er ein und hatte einen seltsamen Traum.
Er träumte, Pawel Plotnikow trete zu ihm und spreche schüchtern:
– Das beste, rationellste und psychologischste für dein Leben wäre, dir
den Kopf abzuschneiden.
Marakulin aber antwortete:
– Wie soll ich dann ohne Kopf leben, es ist ja schrecklich ohne Kopf!
– Was ist aber zu machen! – erwiderte Plotnikow und redete ihm zu: es
würde gar nicht weh tun und ihm höchstens seltsam und sonderbar
vorkommen. Und obwohl er ihm auf seine Art schüchtern zuredete, so ließ
er doch keinen Widerspruch gelten.
– Nun, so schneide ab! – willigte Marakulin ein.
Da nahm Plotnikow ein Rasiermesser und machte sich ans Abschneiden.
Es tat wirklich nicht weh, und bald hing der Kopf nur noch wie an einem
Faden nach hinten.
– Noch eine kleine entscheidende Bewegung und der Kopf ist
abgeschnitten – sagte Plotnikow und arbeitete mit dem Rasiermesser.
Und der Kopf fällt zu Boden.
Aber auch ohne Kopf sieht Marakulin alles: er sieht, wie der Kopf
herunterfällt, auf dem Fußboden rollt und verschwindet, und gleichzeitig
schießt aus dem Hals das Blut in einem großen Strahl in die Höhe bis zur
Decke – dickes, kirschrotes Blut. Der ganze Boden ist überflutet, und auch
er ist ganz mit Blut bedeckt. Dann wird die kirschrote Blutfontäne
schwächer, immer schwächer, und bald spritzt das Blut nicht mehr, es
versiegt, und nur ein kleines Bächlein rinnt über die Weste zu Boden.
Marakulin tritt zum Spiegel: seltsam und sonderbar kommt er sich ohne
Kopf vor, – es ragt nur noch der blutige Hals.

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– Wie soll ich nun ohne Kopf leben? – Er spuckte aus und erwachte.
Der Traum war ahnungsvoll: seltsam und sonderbar war auch, was dann
geschah.
Bei Plotnikow wurde Marakulin schon erwartet. Der alte Arbeiter
Fomitsch führte ihn gleich zu seinem Herrn ins Arbeitszimmer. Das Zimmer
war in zwei Hälften geteilt. In der einen Abteilung befanden sich Kopien
nach Nesterowschen Heiligenbildern, in der anderen zwei Käfige mit Affen.
Zwischen dem heiligen Rußland und den Affen saß Plotnikow vom
Delirium des Säufers übermannt. Er war ganz mit Honig beschmiert und
von der quälenden Trauer eines Einsiedlers umdüstert. Auf dem Tisch
standen geleerte Flaschen herum, ebenso unter dem heiligen Rußland und
vor dem Affenkäfig.
Er habe keinen Kopf mehr, klagte Plotnikow, sein Mund sei ihm im
Rücken, die Augen in den Schultern. In den Weihnachtstagen habe er sich
auf den Honig gestürzt und ihn samt den Waben verzehrt. Er habe zuviel
davon gegessen und infolgedessen hätten sich Bienen in ihm eingenistet,
ein ganzer Bienenstock. Jetzt sei er ein Bienenstock und fürchte sich sehr, –
Alle seien ja auf das Süße so erpicht – er fürchte, daß man alle seine Bienen
umbringen, den Bienenstock zerstören und ihn auffressen würde! Im
Sommer aber, sobald die erste Fliege auftauchen werde, wolle er sich mit
der Ausbeutung der Fliege als einer motorischen Kraft befassen. Er werde
ganz Rußland in Abteilungen einteilen, mit je einem Fliegenstatthalter in
jeder Provinz. Die Statthalter, mit der Vollmacht von Generalgouverneuren
ausgerüstet, werden die Fliegenlese überwachen und sie in automatischer
Packung in ganz besonders gepanzerten Automobilen von allen Ecken
Rußlands gradewegs nach Moskau, nach der Taganka befördern. Die
russische Fliege werde den Dampf und die Elektrizität besiegen, Rußland
werde England und Amerika zu Staub zermalmen. Er habe keinen Kopf,
sein Mund sei im Rücken, die Augen in den Schultern. Er sei ein
Bienenstock. Die russische Sprache verstehe er nicht und könne auch nicht
Russisch sprechen.
– Ich brauche deinen Elephanten nicht! – schrie Plotnikow, indem er
Marakulin mit seinen betrunkenen Augen von oben bis unten hochmütig
ansah, und schimpfte in so echt russischen Wendungen, ließ solche Blasen
steigen, daß ihm vor der Klangfülle und Kernigkeit der Muttersprache die
Augen aus den Höhlen traten.

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Marakulin stand zwischen dem heiligen Rußland und den Affen und
begriff nichts: weder das von dem sonderbaren russischen Fliegenmotor,
noch vom Bienenstock und Elephanten, und es war ihm seltsam und
sonderbar zumute. Sein Schweigen aber begann Plotnikow offenbar zu
reizen. Er war nicht mehr in dem reuig-traurigen Zustand eines Einsiedlers,
sondern er schnaubte.
Die russische Sprache verstehe er nicht und Russisch könne er nicht
sprechen. Mit Hilfe der arktischen Flotte werde Rußland, nachdem es
Europa zermalmt, über Lappland zum Pol ziehen und nicht bloß den Pol
erobern, wo die Fische mit angebratenen Schwänzen leben, sondern alles,
was sich hinter dem Pol befindet, den unbekannten Wohnsitz von Gog und
Magog – und dieses unbekannte Gog und Magog werde Landia genannt
werden, das heißt: das Land. Von dort aus, von dieser hinterpolaren Landia
aus, werde Rußland, das heißt er, Pawel Plotnikow, die unentgeltliche,
allrussische Fliegenkraft als Motor benutzend, die Erdkugel automatisch
regieren und sie nach Gutdünken bald rechts, bald links rotieren lassen, sie
bald aufhalten und bald wieder in Bewegung setzen.
– Du Schuft! – rief Plotnikow plötzlich, – deine Elephanten sind
zerdrückt, ich sage dir, ich kaufe keine zerdrückten Elephanten!
Er ergriff eine Flasche vom Tisch, erhob sich, rot, zerzaust, mit Honig
beschmiert, den Mund wie einen Rachen weit aufgesperrt und holte zielend
mit der Flasche aus.
Marakulin stand zwischen dem heiligen Rußland und den Affen. Er
begriff nichts, weder das von der arktischen Flotte, noch von Gog und
Magog, noch von der Landia und vom Rotierenlassen der Erdkugel nach
Belieben, – und es war ihm seltsam und sonderbar zumute.
Plötzlich aber glitt die Flasche fast schüchtern zu Boden, und ein
rasender tierischer Schrei, erschütternder als jeder Hilferuf, ertönte so
gewaltig, daß die Wände fast barsten, das heilige Rußland zu wanken
begann und die Affen in ihren Käfigen zurückscheuten. Es stöhnte in den
Winkeln des Raumes und dröhnte durchs ganze Haus:
Plotnikow, der sich in seiner bösen Trinkerperiode befand, ohne Kopf,
mit dem Mund auf dem Rücken und den Augen in den Schultern,
Plotnikow, der Bienenstock, der kein Wort Russisch verstand und nicht
Russisch sprach – hatte Marakulin plötzlich erkannt.
– Petruscha, Schuft aller Schufte! – schrie er. Er blieb stecken, drehte den
Kopf wie einen Rüssel, stampfte vor Marakulin hin und her und spreizte die

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behaarten Hände wie Fangarme; dabei rüttelte und schüttelte es ihn, wie ein
arktisches Panzerschiff: – Petruschka, du Schuft! –
Er wankte zum Sofa, schlug mit seinem bepanzerten, Gog und Magog
ähnlichen urtümlichen Plotnikowschen Körper auf den Boden zwischen
dem heiligen Rußland und den Affen hin und begann wie ein Bienenstock
zu dröhnen.
Zwei junge Männer, die an der Tür Wache hielten, faßten Marakulin
unter die Arme und trugen ihn wie eine kostbare Truhe aus dem
Arbeitszimmer in den Salon. Ihm entgegen kam auf einen Stock gestützt
eine magere alte Frau, die Mutter Plotnikows, Eudokia Andrejewna in
eigener Person.
– Du hast ihn gesund gemacht! – Die Alte konnte vor Erregung kaum
sprechen, und nachdem sie auf altrussische Art ein großes Kreuz
geschlagen, ließ sie den Stock fallen und verneigte sich vor Marakulin tief
bis zur Erde. Einige dunkelgekleidete alte Frauen stürzten aus den Ecken
hinzu, um ihr zu helfen, aber sie wollte nicht aufstehen. Erst Marakulin
gelang es, die Alte zu beruhigen.
Achtundvierzig Stunden schlief Plotnikow, wie ein Bienenstock
dröhnend. Es herrschte eine Stille, als wäre außer ihm, außer dem
Bienenstock keine lebendige Seele im Hause. Diese ganzen zwei Tage ließ
man Marakulin nicht aus dem Hause: er wurde gepflegt, gefüttert, aber
seine Tür wurde verschlossen gehalten.
Man unterhielt sich über den unseligen Pascha[9], über sein Unglück: er
habe sich mit Honig beschmiert und seitdem aufgehört, die Menschen zu
erkennen, selbst seine Mutter hielt er für einen gehörnten Elephanten, für
ein zerdrücktes Tier, und habe Fomitsch befohlen, sie zu erschießen. Er
habe dann in seinem unglückseligen Delirium jammervoll nach Marakulin
gerufen, so jammervoll, wie eine Katze, der man die Jungen entrissen.
– Da erinnerte ich mich – erzählte Eudokia Andrejewna, – daß Pascha,
als er anfing, sich ans Geschäft zu gewöhnen, oftmals ein Buch mitbrachte.
Bei Petruscha, bei Peter Alexejewitsch war er, hieß es, und habe das Glück
mitgebracht. Er glaubt an dich von Kindheit an. Und so dachte ich: der
einzige Retter vor seiner grausamen Krankheit und vor seinem Unglück
kannst du nur ihm sein. Wir baten den Priester von Woskressenje[10], den
Vater Ssemjon, ihn mit Weihwasser zu besprengen, er ließ ihn aber nicht an
sich heran und nannte ihn ein zerdrücktes Tier. Dann wollten wir ihn nach
Chapilowka zum Bruder Iwanuschka bringen, er wollte aber nichts hören.

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Dem Arzt Nikolai Fjodrowitsch sei es gedankt. Er hat uns auf den
Gedanken gebracht, dich kommen zu lassen. Du, Lieber, hast ihn geheilt! –
und die Alte bekreuzigte sich auf altrussische Art mit einem großen Kreuz
und verneigte sich tief.
– Durch die Einwirkung des Unreinen, – wie eine grimmige Bestie! –
flüsterten die dunklen Alten in den Ecken.
Und Eudokia Andrejewna schlug Kreuze und verneigte sich tief.
Am dritten Tag erwachte Plotnikow, fuhr, als wäre nichts vorgefallen, in
die Stadt und kehrte erst am Abend wohlbehalten wieder heim. Am Abend
schleifte er Marakulin mit sich ins Wirtshaus zu Lawrow.
Sie saßen wieder wie einst im linken Saal in einer Ecke, und wie einst
spielte der Musikautomat. Plotnikow kramte Erinnerungen aus:
Erinnerungen an die Schule, an die Lehrer, an Tschistije-Prudy und
Kuskowo. Er erinnerte sich sogar an eine besondre Lawrowsche Suppe, die
Marakulin damals so gern gegessen haben sollte. Der Musikautomat machte
traurig: doch nicht daß man Lust bekam, das Vergangene zurückzurufen –
die Vergangenheit lag ja hier vor einem wie auf der flachen Hand – sondern
es war unverständlich, wozu es einmal gewesen war, es sei denn dazu, daß
man sich einmal daran erinnerte. Und in die geheimsten Winkel seines
Lebens hineinschauend, erkannte Marakulin, daß es sich eigentlich in nichts
verändert hatte, daß er damals bei der besondren Lawrowschen Suppe
dasselbe gedacht und gefühlt hatte wie jetzt, nur unklar und nicht
ausgesprochen, mit einem flüchtigen, zufälligen Aufflackern von Klarheit.
Uebrigens, verändern sich denn die Menschen überhaupt? –
Sie saßen wie einst im linken Saal in einer Ecke, und wie einst spielte der
Musikautomat.
– Mit deinem Arkadij Pawlowitsch – sagte Plotnikow, – mit dem
Reviervorsteher, – du hast ihn damals sehr zu Unrecht gekränkt, Petruscha –
habe ich da ... – Plotnikow zeigte in die Richtung der Separés und schlug
sich seufzend auf die Tasche, – Fünfhundert Rubel verlangte er für den
Vergleich, und alles wegen deiner Fenja ...
– Dunja – verbesserte Marakulin.
– Dunja, Fenja, einerlei, – komm mit zu Arkadij Pawlowitsch, Freund, er
wird sich sehr freuen! Er hat, weißt du, für den Moskauer Aufstand ein
Kreuz bekommen, wirklich, und ist auf die Twerskaja versetzt worden – er
wird sich sehr freuen! Und weißt du was noch, Petruscha – Plotnikow
neigte sich zu ihm und sprach ganz leise – ich glaube an dich, wie an den

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lieben Gott, und wenn in den Geschäften etwas nicht glatt geht, so brauche
ich nur an dich zu denken, deinen Namen laut auszusprechen, und sieh,
alles geht nach Wunsch. Ich denke darum, wenn mein Ende einst naht und
ich sterben muß, dann werde ich dich rufen, du wirst kommen und meinen
Tod aufhalten. Ich werde wie eine grindige Katze miauen, du aber wirst
mich wieder zum Menschen machen. So denke ich von dir, Petruscha!
Sie saßen wie einst im linken Saal, und wie einst spielte der
Musikautomat.
Doch sonderbar: während Plotnikow sich an alles von früher her
erinnerte, selbst an die besondre Lawrowsche Suppe, die Marakulin gern
gegessen haben sollte, und während er seinen Glauben an ihn bekannte, war
er gar nicht neugierig und fragte auch nicht mit einem Wort, wie es
Marakulin jetzt gehe; und noch sonderbarer war dies, daß Plotnikow, ohne
die Augen von Marakulin abzuwenden, einen ganz anderen zu sehen schien,
nicht Marakulin, sondern Gott weiß wen! Vielleicht sah er in der Tat in ihm
jemand, den man nicht nach seinen Angelegenheiten ausfragen kann. Man
fragt doch die Iwerskaja Mutter Gottes[11] nicht nach ihren Geschäften! –
Und es war Marakulin sonderbar und seltsam zumute.
Noch einen Tag blieb Marakulin bei Plotnikow. Plotnikow führte ihn
nach der Iljinka in den Speicher, dann in das Twersche Polizeirevier zu
Arkadij Pawlowitsch; er war zu Plotnikows großem Bedauern nicht
anwesend. Abends brachte er Marakulin zur Bahn. Und beim Abschied
wiederholte er, daß er an ihn wie an den lieben Gott glaube, und wenn er
einst im Sterben ihn erblicken werde, so werde er sich vom Krankenlager
erheben, wie eine grindige Katze miauen und sich wieder in einen
Menschen verwandeln.
Erst nachts unterwegs fragte sich Marakulin plötzlich, ob er seinen
Aufenthalt in Moskau nicht geträumt hätte.
Das Alles war so sonderbar und seltsam: daß Plotnikow an ihn wie an
den lieben Gott glaubte, daß er sich nach der Iljinka in den Speicher
schleifen ließ, ja sogar zum Reviervorsteher Arkadij Pawlowitsch, – aber
nach Kalitnikowo auf den Friedhof zu gehen, hatte er vergessen. Und er
hätte doch unbedingt hingehen müssen, einen Augenblick am Grabe seiner
Eltern verweilen, es nur ansehen, – nur ansehen und Abschied nehmen!
Und ein Gefühl von Gram überflutete ihn.

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Sechstes Kapitel

D en ganzen Tag von Morgen bis zum Abend lief Wera Nikolajewna
herum, um zu massieren, die Abende verbrachte sie über ihren
Lehrbüchern: sie bereitete sich zum Abiturientenexamen vor, weil sie
um jeden Preis in das medizinische Institut eintreten wollte. Wera
Nikolajewna wurde von Anna Stepanowna unterrichtet, deren
Angelegenheiten im Lednjowschen Mustergymnasium übrigens nicht zum
besten standen.
Die Vorsteherin Lednjowa zahlte ihr vorläufig mit Aussicht auf die
geheimnisvollen Equipierungsgelder den Gehalt aus eigener Tasche, und sie
begleitete diesen üppigen Vorschuß jedesmal mit ihren beliebten
Erörterungen über gute Taten, über den Verfall der Moral überhaupt und
über ihre eigene Opferwilligkeit – man denke: in ihrem eignen Gymnasium
gab sie den Unterricht umsonst! –
Nach Anna Stepanownas Erzählungen war in diesem Gymnasium die
Hölle los. Es herrschte ein musterhafter Wirrwarr in dem musterhaften
Gymnasium. Nicht weil da etwa lauter ungezogene Kinder beisammen
gewesen wären, nicht an ihrer Ausgelassenheit lag es, sondern weil man die
Schülerinnen als Einnahmequellen warm halten mußte, und diese
Behandlung von den Kindern ganz richtig eingeschätzt wurde. Natürlich
wurden nie Verweise erteilt, und die Noten mußten so ausfallen, daß die
Eltern nicht auf den Gedanken kommen sollten, ihre Töchter in eine andre
Schule zu geben. Die Lednjowa gab selbst Unterricht und liebte es auch,
den Stunden andrer beizuwohnen und durch allerlei Fragen ihre
unbezahlten Lehrer zu kontrollieren. Es wurde überhaupt nach keinem
Programm unterrichtet, auch nicht nach den Lehrbüchern, die das
Unterrichtsministerium begutachtet und bestimmt. So zum Beispiel waren
in der großen französischen Revolution nicht etwa Robespierre und Marat
die Führer, wie man gewöhnlich lehrt – was bedeutet auch so ein
Robespierre oder Marat! – der Hauptführer war Hugo Capet, der für sein
Verbrechen gegen König Louis zugrunde ging.

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Der musterhafte Wirrwarr im musterhaften Gymnasium wurde durch eine
musterhafte Enge und Kälte vervollständigt. Es herrschte darin eine echte
Januarkälte. Die Oefen wurden niemals geheizt, und zwar nicht nur nicht in
den Klassenzimmern – denn so verlangt es das letzte Wort der Hygiene –,
sondern auch nicht im Lehrerzimmer. Es ist wahr, daß die Kinder nicht sehr
darunter litten: sie tanzten, sprangen, tobten herum, und das Gymnasium
war ein wahres Sodom an Lärm. Für die Lehrer war es weniger bequem,
daran teilzunehmen: leise kann man nicht Lärm machen und laut schickt es
sich nicht. Auf alle Vorstellungen hatte die Lednjowa nur eine Antwort:
– Was fällt Ihnen ein? Sie sollten sich erst das Karrassewsche
Gymnasium, oder das Spaßesche ansehen, dort ist es wirklich kalt!
Diese Antwort der Lednjowa versetzte Anna Stepanowna aus Petersburg
in ihr Purchowez zurück und erinnerte sie an den Inspektor der
Volksschulen, an den berühmten Obraßzow.
Dieser berühmte Mann aber war nicht mehr und nicht minder als der
leibliche Bruder der Vorsteherin Lednjowa.
Rakow, der Historiker, sprach mit großem Respekt von ihm. Nach
Rakow, wäre Obraßzows Name, hätte dieser in der „antiken Geschichte“
gelebt, unbedingt unter den berühmten Aussprüchen im Tempel zu Delphi
eingegraben worden, und sein Kopf hätte den Giebel des athenischen
Parthenon geschmückt. Und Rakow, der Historiker, irrte sich nie.
Als einmal ein Lehrer sich bei Obraßzow beklagte, daß es in der Schule
naß und kalt sei, nur sechs Grad, da lautete Obraßzows, einer Lednjowa
würdige Antwort folgendermaßen:
– Ich bitte Sie, sechs Grad, das ist ja doch ein wahrer Segen. Im
Pokidoschenschen Gouvernement aber, da kam ich einmal, als ich noch
Inspektor dort war, in eine Schule: die Kinder saßen in Schafpelzen, der
Lehrer im Pelz und in Gummischuhen. Ich sitze ein Weilchen da, bin ganz
durchfroren. Ich will eine Notiz über meinen Besuch machen, doch die
Tinte ist eingefroren. Der Lehrer blies in das Tintenfaß, blies und wärmte
es, es nützte aber nichts, und ich mußte ohne Notiz abreisen. Eine solche
Kälte war da! Bei Ihnen aber ist ein wahrer Segen! – Und als ein andrer
Lehrer sich einmal über die Enge in der Schule beklagte, da blieb ihm
Obraßzow auch die Antwort nicht schuldig:
– Ich bitte Sie – rief er, – Sie haben keine Ahnung von wirklicher Enge.
Im Pokidoschenschen Gouvernement, da kam ich einmal, als ich dort noch
Inspektor war, in eine Pfarrschule: es war auch zugleich das Armenhaus. Im

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selben Zimmer die Betten der Armenhäuslerinnen, eine Gans schnattert in
einem Korb auf den Eiern, ein Kalb blökt, und gleich daneben die
Kinderchen auf fünf Bänken, – kein Platz, um auch nur einen Schritt zu
machen, und die Luft so, daß mir der Atem verging. So eng ist es
manchmal, hier aber ist ein wahrer Segen! – Dem Lehrer aber, der von einer
Masse Frösche meldete, die sogar unter die Bettdecke krochen, gab
Obraßzow einen wahrhaft delphischen Verweis, der es gebieterisch
verlangt, Purchowez oder Pokidosch in Rakows Geschichte des Altertums
aufzunehmen.
– Es kann hier von einer Masse gar nicht die Rede sein – rief Obraßzow –
ein Dutzend höchstens hüpft da herum, gleich kommen Sie und nennen das
eine Masse! Sie haben eben nie eine Masse gesehen! Im Pokidoschenschen
Gouvernement, da kam ich einmal, als ich noch Inspektor dort war, in eine
Schule, da wimmelte es an der Decke buchstäblich von Schwaben. Wenn
man die Tür zuschlug, da regneten sie nur so herunter! Das nenne ich eine
Masse. Als ich nach Hause kam und mich auszukleiden begann, da
wimmelten die Schwaben nur so auf mir herum. Meine Frau bekam Angst
und stieß mich sofort in den Frost hinaus, und ich mußte mich draußen
ausziehen. Aber bei Ihnen hier ist ja ein wahrer Segen!
Ja, Rakow der Historiker hatte recht, wie immer.
Doch wenn man den Namen des berühmten Purchowezschen Inspektors
unter den berühmten Aussprüchen im Tempel von Delphi hätte eingraben
müssen, so müßte man die Vorsteherin Lednjowa, welche die große Kunst
besaß, keinen Heller aus ihrer eigenen Tasche auszugeben und die nicht nur
ihre ausgehungerten Lehrer, sondern sogar das Ministerium naszuführen
verstand, – noch großartiger ehren!
Der Winter ging zur Neige. Zugleich mit dem Schnee schmolz der große
schwarze Berg auf dem belgischen Hof zusammen. Der Frühling kam,
Ostern kam.
Freudlos wurde das Osterfest empfangen, so wie das Weihnachtsfest
freudlos vergangen war. Wassilij Alexandrowitsch der Clown hatte das
Krankenhaus verlassen. Seine Ferse war geheilt, dennoch war seine Kunst
unwiderruflich verloren. An der Ferse war etwas nicht richtig, er hatte
gleichsam keine Ferse mehr: er konnte nur bis zur Ecke der Gorochowaja
gehen, bis zum Zeitungsausträger und zurück, nicht weiter. Wera
Nikolajewna riet der Arzt, statt das Abiturientenexamen zu machen, keine
Zeit zu verlieren und nach Abas-Tuman[12] zu reisen: an ihrer Lunge war

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etwas sehr nicht in Ordnung – es war etwas wie ein Geräusch oder ein
Zischen. Anna Stepanowna fiel bei der musterhaften Lednjowschen
Ordnung einfach um vor Müdigkeit – und lächelte. Sie lächelte stets ihr
krankes, erschreckendes Lächeln.
Zu Ostern ereignete sich auf dem Burkowschen Hof alles, was jahraus,
jahrein an den hohen Feiertagen sich zu ereignen pflegte, seitdem das Haus
an der Fontanka stand: Unfälle, Begebenheiten, Skandale, Schlägereien,
Prügeleien, Hilferufe, Polizeiwache – doch alles in sehr gesteigertem Maße
und viel lauter als gewöhnlich.
Bei der Hebamme Lebedjowa ereignete sich wieder ein Diebstahl,
diesmal aber wurde ihr kein Pelzmantel gestohlen, sondern zweiunddreißig
Rubel, die sie sich für einen neuen Pelz zusammengespart hatte. Das Geld
lag in einem Strumpf in einer geschlossenen Kommode; der Strumpf fand
sich, doch das Geld war spurlos verschwunden, als wäre es im Ofen
verbrannt worden. Man beschuldigte wieder den Portier Nikanor, er hätte
nicht genügend aufgepaßt, doch wie sollte er aufpassen: den ganzen Tag ist
er auf den Beinen und bei Nacht das Geklingel, und so das ganze Jahr
hindurch! Natürlich war es ein schlauer Dieb, einer von den Hausgenossen
– aber es war nichts zu machen. Der Bäcker Jarigin aus der Burkowschen
Bäckerei legte sich, nachdem er den ganzen ersten Feiertag gesoffen hatte,
abends auf ein Brett schlafen, das über dem Backtrog lag. In der Nacht hatte
er sich wohl ungeschickt umgedreht und fiel in den Teig. Im Laufe der
Nacht hat es ihn eingesaugt, und als man es am Morgen gewahr wurde, da
war es zu spät, nur die Beine ragten noch aus dem Teig. Ein guter Bäcker
war der Jarigin! Stanislaus der Kontorist und Kasimir der Monteur wollten
sich amüsieren und machten zum Spaß Jerkin den Paßaufseher betrunken.
Jerkin aber, der sein Neujahrsgelübde, nicht zu trinken, das er dem Bruder
im Hafen abgelegt, bis nun streng befolgt hatte, wurde infolge der strengen
Enthaltsamkeit nach einem Glas Pfefferbranntwein toll und begann zu
raufen. Das geschah am hellichten Tage im Hof, während in den „Winkeln“
die Mädchen in den schwarzen Kopftüchern und die Nonnen, die
Almosensammlerinnen in Schaftstiefeln, für Gorbatschow „Christ ist
auferstanden“ sangen. Kasimir entkam, Stanislaus aber fiel herein: Jerkin
nahm ihn auf die Arme, warf ihn zu Boden, preßte ihn, drückte ihn mit dem
Knie und biß ihm die Nase ab. Der rote Hund des Gouverneurs, der gerade
auf dem Hofe war, fraß Stanislaus’ Nase auf. Burkow selbst, der ehemalige
Gouverneur, der Selbstvertilger, vergaß am ersten Ostertag, als er aus einer

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vornehmen Gesellschaft nach Hause fuhr, ein Osterei im Wagen, und als er
am anderen Morgen den Verlust bemerkte, meldete er es der Polizei und
forderte die Feststellung des Kutschers, der sich dies offenbar
außergewöhnliche Ei angeeignet hatte; – was man in allen Petersburger
Zeitungen am dritten Tag lesen konnte. Ebenfalls am dritten Tag
verurteilten die Kinder im Hof, Kriegsrecht spielend, Wanjuschka, den
Sohn des Portiers Nikanor zur Todesstrafe durch den Strang und vollzogen
das Urteil: sie schleppten den Knaben in die Wagenremise und hingen ihn
vermittelst einer Pferdeleine auf. Kaum, daß man ihn wieder ins Leben
rufen konnte: es war ein schwächlicher Bub. Er war schon ganz blau und
wäre beinahe erstickt. Schließlich beging das Ehepaar Oschurkow ganz
unerwartet Selbstmord. Niemand im Hof konnte begreifen, weshalb sie es
getan hatten. Sie hatten ja eine Wohnung von zehn Zimmern, alle zehn
Zimmer voll von Nippes, und ein Aquarium mit Goldfischchen. „Es war
eine feine Gesellschaft!“ wiederholten die Dienstmädchen einstimmig, jene
Köchinnen und Hausmädchen, die wegen eben dieser Nippes nie lange bei
Oschurkows aushalten konnten.
Kurz nach Ostern, in der Thomaswoche, kam einmal Sergej
Alexandrowitsch, der mit dem Theater einen Vertrag über eine
Gastspielreise ins Ausland geschlossen hatte, zu Marakulin zum Tee. Es
kamen auch Wera Nikolajewna und Anna Stepanowna, und auch Wassilij
Alexandrowitsch der Clown, auf ein Stöckchen gestützt. Es war die Rede
von der Damaskinschen Gastspielreise ins Ausland; Sergej Alexandrowitsch
sah in ihr fast so etwas wie Rußlands Rettung. Er meinte: Rußland, das
unter all den Rakows, Lestschows, Obraßzows, Lednjowas, Burkows,
Gorbatschows und Kabakows erstickte, dieses Rußland werde sich zum
erstenmal mit seiner Kunst der Stadt der großen Männer, dem Herzen
Europas – Paris, zeigen und es besiegen.
– In der Tat, – rief Sergej Alexandrowitsch, indem er sich wie auf dem
Theater reckte, – laßt uns doch alle hinfahren! Alle müssen wir ins Ausland,
wenn auch nur für einen Monat, für eine Woche, gleichviel, nur um einen
Blick zu tun, und um uns von dieser ganzen Burkowerei zu erholen. Auch
du, Wassilij, auch dich schleppen wir mit! Und auch Sie, Wera
Nikolajewna, denken Sie nicht mehr an Ihr Abas-Tuman!
– Wo nehmen wir das Geld zur Reise? fragte Anna Stepanowna und
lächelte.
– Wie? wieso Geld?

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– Wie kommen wir ins Ausland? – bemerkte Wera Nikolajewna.
– Du hast dich verstiegen, Bruder, mit deinem Paris, meine ich!
– Ich werde das Geld schaffen – rief Marakulin, der sich plötzlich an
Plotnikow erinnerte, – ich werde uns tausend Rubel verschaffen! –
Marakulin sagte es so fest und überzeugt, daß es alle mit Glauben erfüllte,
und man sprach nicht mehr vom Gelde.
So wurde der Beschluß gefaßt: Alle reisen ins Ausland, nach der Stadt
der großen Männer, ins Herz Europas – nach Paris. Sie bekamen ganz heiße
Köpfe und schmiedeten allerlei Pläne. Die Einzelheiten dieser Pläne
wurden mit solcher Begeisterung und mit solchem Glauben ausgemalt, als
wäre in der Tat Rußlands Rettung, – ihre Rettung mit dieser Reise
verbunden, und sie brauchten bloß die Grenze zu überschreiten, damit die
Rettung sich vollziehe.
Dort, in Paris wird Anna Stepanowna ihren Platz auf Erden finden, ihre
Seele wird sich aufrichten, und sie wird anders lächeln können. Dort, in
Paris wird Wera Nikolajewna sich erholen und ihr Abiturientenexamen
machen. Dort, in Paris wird Wassilij Alexandrowitsch wieder das Trapez
besteigen und seine Künste zeigen können. Dort, in Paris wird, während
Sergej Alexandrowitsch tanzend das Herz Europas besiegt, auch Marakulin
seine verlorene Freude wiederfinden.
Man müßte Werotschka finden – dachte Marakulin plötzlich, und er
sagte: wir müssen auch Werotschka mitnehmen, damit sie dort in Paris zu
sich kommt. Entweder sie wird dort eine große Schauspielerin und rächt
sich so an Anissim Wakujew, oder noch besser: mag dort Ruhe über sie
kommen und der Friede Gottes, daß die Rache in ihr still wird, und sie
verzeiht ihm.
Als er dies sagte, waren alle einverstanden, daß man auch Werotschka
mitnehmen müsse. – Ich bin Werotschka begegnet – erzählte Wera
Nikolajewna, – Sie waren damals in Moskau. Ich gehe einmal abends durch
die Gorochowaja nach Hause, da kommt sie mir entgegengelaufen. Es war
kalt, der Sturm pfiff, und sie lief in einem Sommerjäckchen herum, ein
weißes Tuch um den Kopf. „Werotschka!“ rufe ich. Sie blieb stehen, sah
mich an, aber so sonderbar. Sie zitterte am ganzen Leibe. „Werotschka,“
sage ich, „kommen Sie Tee trinken, kommen Sie zu uns Tee trinken!“ Sie
aber richtet ihr Kopftuch, zittert am ganzen Leibe und schüttelt den Kopf.
Es war auf der Ssemjonowschen Brücke, – eine furchtbare Kälte, der Sturm
pfiff ...

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Noch am selben Abend wurde der Brief an Plotnikow geschrieben, und
am nächsten Morgen eingeschrieben nach Moskau abgeschickt. Marakulin
glaubte so fest, daß das Geld kommen würde, er glaubte so fest an die
tausend Rubel von Plotnikow, wie Plotnikow selbst an Marakulin glaubte.
Inzwischen begab sich Adonja Iwoilowna auf ihre Pilgerfahrt. Sie zog
nach Jerusalem, wo der Weihrauch nie verduftet und wo die Kerzen
brennen, die nie verlöschen. Dort wird sie im Jordanfluß baden und sich mit
Wermut abtrocknen, damit all ihr Gram wie Tannenrinde von ihr abfalle, all
ihr Kummer und ihre Tränen. Dann wird sie Paraschas Schiffe verstehen,
und die Erde am Grabe ihres Mannes auf dem Smolenskischen Kirchhof
wird nicht mehr abbröckeln.
An den Abenden war Akumowna frei und legte Karten. Sie zeigten für
jeden eine große Veränderung an und einen Weg, und für Marakulin
außerdem noch Gras und Tannen, wie damals vor seiner Reise nach
Moskau, nur daß die Tannen jetzt nicht mehr am Rande, sondern ganz nahe
bei ihm lagen. Bei Wera Nikolajewna lagen sie am Rande.
– Ein fröhlicher Weg! – flüsterte Akumowna.
– Wir fahren nach Paris, Akumowna, ins Herz Europas!
– Wollen wir nicht auch Akumowna mitnehmen? Ist Akumowna
einverstanden, mit uns nach Paris zu gehen? – fragte Sergej
Alexandrowitsch zwinkernd.
– Gewiß. Ich komme mit. Neun Jahre habe ich keine Luft geatmet. Da
werde ich aufatmen.
Akumowna ließ sich nicht lange bitten, denn sie wäre bereit gewesen,
Sergej Alexandrowitsch nicht nur nach Paris, sondern sogar bis ans Ende
der Welt zu Fuß zu folgen.
– Ausgezeichnet! Wir lassen also die Sklavin Kusjmowna hier, um die
Wohnung zu hüten, und adieu Rußland! Man muß alles von sich
abschütteln! – Und vor Ueberschwang der Gefühle und Hoffnungen auf den
Erfolg Rußlands, oder auf seinen eigenen Sieg im Herzen Europas, begann
Sergej Alexandrowitsch mit den Füßen zu flattern, wie ein Hahn mit den
Flügeln.
– Man soll dann schon auch Weruschka mitnehmen. Die wird hier
zugrunde gehen, die Unverschämte! – sprach Akumowna, an ihre Wera
denkend, die auf dem Burkowschen Hof längst zugrunde gegangen war.
– Auch deine Weruschka nehmen wir mit, Alle werden wir im Auslande
sein!

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Akumowna legte liebevoll Karten für Sergej Alexandrowitsch.
– Unser Priester in Turij-Rog – erinnerte sich Akumowna plötzlich, – er
war ein guter Mann, ein großer Büßer, der Vater Arsenij! Vor seinem Tode
erhob er sich und fragte: „Sind die Pferde bereit?“ – „Was für Pferde,
ehrwürdiger Vater?“ – „Ich habe ja eben ein Paar getraut, man ladet mich
zur Hochzeit ins Ausland!“ sagte er und starb.
– Ein Pope stirbt wie ein Pope! – sagte Sergej Alexandrowitsch lächelnd
und verfolgte weiter die Karten.
Marakulin aber fühlte plötzlich, wie es in seinem Innern zuckte, als
würde etwas in ihm brechen, doch die Hoffnung rüttelte und richtete ihn
wieder auf. Alle seine Hoffnungen waren jetzt auf Plotnikow gerichtet, und
er konnte an nichts andres denken. Die Hoffnungen waren Mächte.
Der Mai kam. Auf dem belgischen Hof erhoben sich die weißen Zelte,
Ziegelsteine und Sand wurden angefahren, und die Instandsetzung des
Hauses begann. Abends erklang schluchzend die Balalaika, – von dieser
armseligen nichtrussischen Habe gab es viel auf dem Burkowschen Hof –
und aus den Fenstern reckten sich die während des Winters zerzausten,
ausgehungerten Köpfe, in der Hoffnung, sich in der Maisonne etwas zu
erwärmen.
Von Plotnikow aber kam noch immer keine Antwort. In Marakulins Herz
schlich sich eine unheimliche Unruhe; er fürchtete, es sich selbst zu
gestehen und sprach zu niemand davon. Die Antwort wird kommen, sie
muß kommen! Sie müssen und sie werden im Ausland sein, in der Stadt der
großen Männer, im Herzen Europas, in Paris!
Dort, in Paris wird Anna Stepanowna ihren Platz auf Erden finden, ihre
Seele wird sich aufrichten, und sie wird anders lächeln können; dort, in
Paris wird Wera Nikolajewna sich erholen und ihr Abiturientenexamen
machen; dort in Paris wird Wassilij Alexandrowitsch wieder das Trapez
besteigen und seine Künste zeigen, und dort in Paris wird auch Marakulin,
während Sergej Alexandrowitsch im Tanz das Herz Europas besiegen wird,
seine verlorene Freude wiederfinden. Er wird Werotschka finden, und in
Paris wird Werotschka eine große Schauspielerin werden, Gottes Friede
wird über sie kommen. Dort, in Paris wird von Akumowna, die als rollender
Stein bis nach Paris gelangt sein wird, der väterliche Fluch weichen, sie
wird Luft atmen, die sie neun Jahre nicht geatmet hat, und sie wird es nicht
mehr nötig haben, bis zum Kaiser vorzudringen, oder Aufguß von

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Pferdemist zu trinken. Dort, in Paris wird ihre Wera nicht zugrunde gehen,
die auf dem Burkowschen Hof schon längst zugrunde gegangen war.
Der Glaube besiegte jeden Zweifel, zerstreute durch seine Kraft und
Festigkeit jedwede Unruhe. Marakulin glaubte an die Plotnikowschen
Tausend, wie Plotnikow an ihn selbst. Eine Woche nur blieb noch bis zu
Sergej Alexandrowitschs Abreise ins Ausland. Es wurde beschlossen, daß er
mit seinem Theater vorausfahren und von dort, aus Paris, schreiben sollte.
Inzwischen wird das Geld angekommen sein, und dann wird fast der ganze
Burkowsche Hof von der Fontanka geradeaus nach Paris aufbrechen.
Doch diese Woche, voll von Unruhe, Erwartung und Schwanken
zwischen Glaube und Zweifel, zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit,
bestimmte von selbst alles auf ihre Weise.
Im Gymnasium bei Anna Stepanowna waren die Prüfungen vorüber, und
offenbar waren jetzt endlich die geheimnisvollen Equipierungs-,
Wohnungs- oder Reisegelder – jeder nannte sie anders – angekommen. Und
da diese Gelder dort nur einmal ausgezahlt wurden, wurde Anna
Stepanowna natürlich von der Lednjowa gekündigt. Für Anna Stepanowna,
meinte die Vorsteherin, sei es zu schwer am Gymnasium, sie sei auch nicht
ganz ohne Tadel, sie trage zum Beispiel eine halsfreie Bluse, das schicke
sich nicht; auch lächle sie so eigentümlich, – dieses Lächeln mache Seine
Ehrwürden, den Religionslehrer Aristowulow verwirrt, das schicke sich
auch nicht; man könnte ja sagen: im Lednjowschen Mustergymnasium
werde Seine Hochwürden durch eine Lehrerin verdorben, und das wäre
schon ganz fatal! – Mit einem Wort: wenn der Mensch die Absicht hat, zu
irgendeinem ihm notwendig erscheinenden Zwecke einen anderen zu
beschmutzen, so gibt er sich Mühe, – dazu ist er ja ein Mensch.
Selbstverständlich ertranken die halsfreie Bluse und der Priester
Aristowulow, der von Anna Stepanowna verdorben wurde, in den beliebten
Betrachtungen der Lednjowa über gute Taten überhaupt, über den Verfall
der Moral und über die Sittenverderbnis, über die junge Sache, die man
fördern und über die Opfer, die man ihr bringen müsse: sie, die Lednjowa
selbst, gebe in ihrem eigenen Gymnasium Unterricht umsonst, außerdem
ernähre sie zwanzig Lehrer! Ganz Petersburg kenne sie sehr gut, sie, die
Vorsteherin Lednjowa, und die Generalin Cholmogorowa selbst sei ihre
Freundin.
So einfach war das Ende bei Anna Stepanowna, sehr einfach. Und sie
ging lächelnd – mit jenem Lächeln, das in der Seele weh tat – ihren Weg,

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der sie von Leschtschow zu der Lednjowa führte, und von der Lednjowa zur
Petrowa, zu irgendeiner Seelenschwester der Lednjowa führen wird, bis sie
endlich aufhören wird zu lächeln.
Endlich kam die so lange, so ungeduldig, so viel erwartete Antwort von
Plotnikow: Plotnikow ließ Marakulin durch die Bank fünfundzwanzig
Rubel anweisen. So reiste denn Sergej Alexandrowitsch allein mit dem
Theater ins Ausland, nach Paris, um mit der russischen Kunst das Herz
Europas zu besiegen. Vor der Abreise mietete er eine Sommerwohnung in
Finnland und überredete Wera Nikolajewna und Anna Stepanowna
zusammen mit Wassilij Alexandrowitsch, der noch immer sorgsamer Pflege
bedurfte, und damit er sich ohne Ferse und mit seinem Stöckchen nicht zu
sehr langweilte, hinauszuziehen. Mit der Sklavin Kusjmowna an der Spitze
zogen sie also statt nach Paris nach Tur-Kilja: Wera Nikolajewna, Anna
Stepanowna und Wassilij Alexandrowitsch, der Clown. Nur Marakulin und
Akumowna blieben zurück, um auf dem Burkowschen Hof zu
übersommern.
– Ich werde zum Kaiser gehen: die Hände so, wie im Sterben, und werde
alles sagen. Ich werde zum Kaiser gehen, nackt, splitternackt; die Hände so,
wie im Sterben, und werde ihm alles erzählen.
Aber Marakulin erwiderte Akumowna nichts mehr, nicht einmal mit
ihren eigenen Worten, die ihr Wahlspruch, ihr Sterbegebet – die Sühne und
der Lohn für alle Taten waren: Man darf niemand beschuldigen! – Alles war
in ihm still und taub geworden.

***

Der eine muß verraten, um durch den Verrat seine Seele aufzuschließen und
in der Welt er selbst zu sein, der andere muß töten, um durch den Mord
seine Seele zu finden und wenigstens als er selbst zu sterben. Marakulin
aber mußte offenbar eine Quittung ausfertigen – aber nicht an die Person,
der sie zukam –, um seine Seele zu erschließen und in der Welt nicht ein
beliebiger Marakulin zu sein, sondern als dieser Peter Alexejewitsch
Marakulin, der er war, sehen, hören und fühlen.
Aber er ertrug es nicht, dieses Leben für nichts: nur sehen, nur hören, nur
fühlen, und flehte um Ruhe. Da erfand er die Generalin – die unsterbliche,
sünden- und schmerzenlose Laus, erdachte er ihr königliches Recht, in der
Hoffnung, dadurch seine verlorene große Freude wiederzugewinnen. Schon

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begannen auf seinem glatten, geraden, hoffnungslosen Weg, wo der letzte
Schatten, die letzte Spur der Hoffnung sich verlor, jene leisen und wie die
Raupen haftenden, bösen, dunklen Mächte der herannahenden Verzweiflung
zu arbeiten, das feste Mark und die Wurzel seines Lebens anzunagen und
ihn vom Leben abzulösen.
Vom Morgen bis zum Abend lief Marakulin in Petersburg herum, jagte
von einem Ende zum anderen, von Schlagbaum zu Schlagbaum, von Viertel
zu Viertel, – er lief herum wie eine Maus in der Falle. In seiner Tasche lag
der neue Plotnikowsche Schein, die fünfundzwanzig Rubel, wie einst
Dunjas neues seidenes Taschentuch mit den in Kreuzstich eingestickten
Anfangsbuchstaben seines Namens, und er vergaß den Schein wie er einst
Dunjas seidenes parfümiertes Tuch vergessen hatte.
Und dennoch, welch zähes Leben steckt doch im Menschen! Hin- und
hergeworfen, geschlagen läuft er wie ein geschlachteter Hahn auch ohne
Kopf herum, als wollte er auch ohne Kopf nach Körnern suchen, und bläht
sich noch auf! Marakulin fand nämlich eine Beschäftigung, er fand etwas,
um sich Luft zu machen; er machte eine Entdeckung, die in ihrer Tragweite
dem betrunkenen Plotnikowschen Projekt, die Fliege als Motor
auszubeuten, wahrlich in nichts nachstand:
Man braucht bloß auf die Straße hinauszugehen, um ganz unabhängig
vom eigenen Willen unter die Herrschaft eines besonderen Gesetzes der
Straße zu geraten, und deine Art aufzutreten und deine Haltung hängt nicht
mehr von dir ab, sondern von der Welle oder vom Strom, in den du geraten
bist. Gerätst du in die eine Welle, dann ist dir so, als machten sich alle über
dich lustig, als schnitten dir alle Grimassen, die Frauen kichern, die Männer
schieben ihre Lippen vor und spitzen sie wie zum Pfeifen. Da kommt eine
andre Welle herangerollt, und das Bild ist plötzlich verändert: die Männer
haben bestialische, düstre, drohende Gesichter, man begegnet selten einer
Frau, und wenn eine vorübergeht, so ist sie ganz allein; sie geht und lacht,
sieht niemand, als wäre sie blind, und lacht zu sich selbst. Wieder eine neue
breite Welle: – lauter Frauen – und es ist einem, als gäbe es keine böseren
Augen, kein böseres Lächeln; sie betrachten einander, sie stechen mit den
Augen und lächeln, als wollten sie mit ihrem Lächeln einander verbrühen,
die bösen Weiber. Da rollt noch eine Welle heran: Menschen, gewöhnliche
Menschen, – sie gehen dicht zusammen gedrängt und sind munter. Aber
man sieht keine Kinder unter ihnen, nur ausgemergelte, verkrüppelte
Zwerge mit schlaff wie Peitschen herabhängenden Armen und

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riesengroßen, nach vorn gebeugten Köpfen. Und so noch viele verschiedene
Wellen. Es gibt auch zurückflutende Wellen. Gerätst du da hinein, so treibt
es dich vom großen Strom ab, und alles jagt an einem vorbei: alte Männer,
Kinder, alte Frauen, Straßenbahnwagen und Automobile.
Als Marakulin diese Entdeckung gemacht hatte, stürzte er sich auf sie mit
der gleichen Hartnäckigkeit, wie einst über den Bericht an den Direktor. Er
war ja jetzt eigentlich wie tot, man hatte ihn ja bereits begraben. Er
erinnerte sich an die Worte, die der Kassierer Alexander Iwanowitsch
Glotow damals im Theater zu ihm gesprochen hatte: „Und wir haben dich
schon längst begraben, weißt du, Petruscha!“ Ja, seit langem hatte man ihn
begraben, und er konnte wie ein Toter, wie eine Leiche, wie einer aus dem
Jenseits leicht, unauffällig und unparteiisch die Diesseitigen, die Lebenden
beobachten. Und jetzt wollte er seine Entdeckung überprüfen.
Doch wozu sie prüfen, was für einen Sinn das haben sollte, wer diese
Entdeckung brauchte, welchem Toten, welcher Leiche, welchem Gespenst
aus dem Jenseits, oder welchem Lebenden zum Spaß oder zu Nutzen sie
dienen sollte? – das fragte er sich nicht, das ging ihn nichts an; – in ihm war
alles stumm und taub geworden – es war eben zwecklos und nichts mehr als
das Sichaufblähen des geköpften Hahns.
Doch auch darin irrte er sich. Er hatte keine Zeit mehr zum Prüfen.
Eines Nachts, als er auf dem Newsky ging, traf Marakulin Werotschka.
Es war so: an dem Wartturm des Magistrates wurde Razzia gemacht, und
wie immer in solchen Fällen, liefen auf dem Newsky etwa hundert sinnlos
herausgeputzte Weiber herum, die sich auf die Passanten stürzten und sie
anflehten, sie ein kleines Stückchen zu begleiten. Unter diesen Weibern fiel
ihm eine auf, die ebenso besinnungslos wie die anderen, vom Bürgersteig
auf den Damm und vom Damm auf den Bürgersteig sprang. Sie war ganz
schwarz gekleidet. Als sie am Schutzmann glücklich vorüber war, lief sie
zur Anitschkowschen Brücke. In dieser einsamen Dunklen – alles war
schwarz an ihr: das Kleid, der Hut, die Handschuhe – erkannte er
Werotschka. Da erinnerte er sich an den neuen Plotnikowschen
Fünfundzwanzigrubelschein, befühlte ihn in der Tasche – er war jetzt kein
Bettler mehr – und stürzte ihr nach. Aber an der Anitschkowschen Brücke
mischte sich Werotschka unter die Menge und verschwand ihm aus den
Augen.
– Werotschka! – rief er, indem er sich bald nach der Fontanka und bald
nach dem Newsky umsah, – Werotschka! – und etwas Schwarzes, Kaltes

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wand sich wie eine Schlange um sein Herz.
Am nächsten Morgen war das erste, was in ihm als Gedanke und
Entschluß erwachte, der feste Vorsatz, schon am frühen Abend auf den
Newsky zu gehen und Werotschka aufzulauern. Den ganzen Tag blieb er zu
Hause. Es war Donnerstag vor Pfingsten, und Akumowna hatte heute vor,
besonders ausgiebig Karten zu legen: nach ihr war das ein günstiger Tag
zum Wahrsagen, auch Träume in dieser Nacht geträumt, sollten die
Wahrheit künden.
Auf den Burkowschen Hof kamen wandernde Musikanten: eine
Harmonika und ein Tamburin.
Die Harmonika spielte ein Handwerker, wohl irgendein Schlosser oder
Wasserleitungsarbeiter, ein großgewachsener dunkler Mann, das Tamburin
schlug ein kleines Mädchen in einer Matrosenbluse und Matrosenmütze; sie
war etwa zwölf Jahre alt, man konnte es genau nicht feststellen. Das kleine
Mädchen hatte nur ein Bein. Sie stützte sich auf einen Stock und hielt das
Tamburin auf dem gebogenen Knie.
Das kleine Mädchen sang zur Harmonika.
Sie sang ein Lied, wie es in Fabriken gesungen wird, mit fremden Versen
durcheinandergemengt, wie: „Ich werde auf den Grund des Meeres tauchen,
ich werde fliehen zu den Wolken hinan,“ sie sang aus Zigeunerliedern von
Troikas und von feurigen Augen und gefühlvollen Tränlein. Plötzlich brach
auch eine uralte Weise durch. Sie sprach rein und deutlich aus, so daß man
jedes Wort verstehen konnte. Aber nicht am Wort lag es. Mit einem vollen
tiefen Alt sang das kleine Mädchen und schlug das Tamburin dazu. Von der
Weite der Steppe und der Unermeßlichkeit des Meeres war das Lied
getränkt. Und das Tamburin schlug, wie das Herz schlägt.
Die Musikanten wurden von den Kindern umringt; sie ließen ihre wilden
Spiele und ihre wilden Arbeiten, sie standen still herum und wandten kein
Auge ab von dem einbeinigen kleinen Mädchen, wie einst von der Katze
Murka, die sich vor Schmerz auf den Steinen gewälzt hatte. Und das
Mädchen sang. Der Perser, der Masseur aus der Badeanstalt – er hielt sich
stets in der Nähe der Kinder auf – der schwarze Perser hockte sich ebenfalls
hin und rollte seine Augäpfel. Und das Mädchen sang. Mit einem vollen
tiefen Alt sang das kleine Mädchen und schlug das Tamburin im Takt zu.
Von der Weite der Steppe und der Unermeßlichkeit des Meeres war das
Lied getränkt. Und das Tamburin schlug, wie das Herz schlägt.

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Die Kinder rückten immer näher zu dem einbeinigen Mädchen, als
wollten sie es nicht von sich lassen. Nun verdeckten sie es ganz, so daß man
es nicht mehr sehen konnte, und es schien, es singe die Erde und die Steppe,
das Meer – die Weite und Unermeßlichkeit, das Herz der Erde. Und man
fürchtete, daß das Lied bald zu Ende sein und das Mädchen zu singen
aufhören und fortgehen würde. Man wollte nicht, daß sie fortgehe.
Aber der Gesang war zu Ende. Es spielte nur noch die Harmonika allein.
Das kleine Mädchen humpelte, auf den Stock gestützt, über den Kies und
schien sich mit dem hingehaltenen Tamburin im Hof zu drehen und sah
ohne Lächeln mit ihrem offenen, reinen Gesicht nach oben zu den Fenstern
hinauf, wie die Katze Murka zu den Fenstern hinaufgesehen hatte, als sie
sich vor Schmerz auf den Steinen wälzte.
Akumowna begann so seltsam kindlich und bitter zu weinen, sicher weil
sie an ihren Fluch: „Wie ein rollender Stein um die weite Welt“ dachte.
Marakulin stürzte auf die Straße und holte die Musikanten, die schon vor
dem Tor waren, ein.
– Wie heißt du, kleines Mädchen? – fragte er, ihre Hand berührend.
– Marja – antwortete das Mädchen, indem sie, ohne zu lächeln, ihm ihr
offenes, reines Gesicht zuwandte.
Auch der Harmonikaspieler blieb stehen, zog seine Mütze. Es war wohl
der Vater. Er war von dunkler Farbe und rauh.
Marakulin nahm Plotnikows neuen zerknüllten Schein, steckte ihn dem
kleinen Mädchen in die Hand und ging fort, ohne sich umzusehen. Und als
wollte es ihn einholen, so strömte das breite Lied. Von der Weite der Steppe
und von der Unermeßlichkeit des Meeres war das Lied getränkt. Und das
Tamburin schlug, wie das Herz schlägt.
Er ging seinen glatten, geraden Weg nach dem Newsky. Schon sank die
Nacht herab. Dort auf dem Newsky wollte er auf Werotschka warten. Die
ganze Nacht wird er auf sie lauern. Und er wird sich nicht irren. Es war ja
eine weiße Nacht – die weiße Nacht trügt nicht.
Die weiße Nacht trügt nicht: ein Mädchen ganz in Schwarz stieß ihn an
und lief, das Kleid raffend, in der Richtung der Anitschkowbrücke. Alles an
ihr war dunkel, das Kleid, der Hut, die Handschuhe – er erkannte
Werotschka und stürzte ihr nach. Aber an der Anitschkowbrücke mischte
sich Werotschka unter andere Frauen – sie war nicht allein in Schwarz.
– Werotschka, Werotschka! – rief er, jeder Dunklen in die Augen
schauend. Es waren aber ihrer nicht zwei, nicht drei, es waren ihrer eine

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ganze Menge. Und alle wichen ihm aus, sammelten sich und schlichen
wieder an ihn heran, leise und unmerklich, dunkel und still. Und etwas
Dunkles und Kaltes umwand wie eine Schlange sein Herz.
Und nachts, in der Donnerstagnacht vor Pfingsten, träumte Marakulin,
als säße er am Tisch beim Samowar in einem großen vollgestellten Zimmer,
und alles war hingeworfen und zerstreut, wie nach einer Vorbereitung zur
Reise, und lauter unbekannte Menschen waren im Zimmer, alle so müde
und niedergeschlagen. Und neben ihm saß – er wurde es mit Ekel gewahr –
eine stülpnasige Frau mit großen Zähnen und nackt, und mit ihr noch
jemand in dunklen Kleidern. Sie beugten sich über dem Gerümpel und
ordneten die Lumpen. Verdrossen nahm er ein Glas und zielte nach dem
leeren, nackten Schädel.
Sie aber, die stülpnasige Nackte mit den großen Zähnen, erhob sich und
wandte sich zur Tür.
– Am Sabbat – sie klapperte mit den Zähnen und lachte – vergiß nicht,
Akumowna ein Pfund zu geben – sie klapperte mit den Zähnen und lachte,
– und die Mutter wird in Weiß sein – sie lachte und zeigte ihre großen
Zähne.
– Was für ein Pfund? Graupen etwa? – begann er erbittert zu streiten, als
stritte er um sein letztes Recht, sich keinem Termin, keinem Sabbat zu
fügen – ach was, red’ keine Dummheiten! oder ein Pfund Sterling, ja?
– Am Sabbat – lachte die stülpnasige Nackte mit den großen Zähnen, und
schon klapperte sie, ohne sich umzusehen, die Steintreppe hinunter auf den
Hof.
Im Hof aber – es war ja Burkows Hof – strömten alle Einwohner aus
allen Wohnungen, aus dem Seitenflügel und aus den Gorbatschowschen
Winkeln zusammen: alle sieben Hausmeister – der erste Hausmeister
Michail Pawlowitsch und Antonina Ignatjewna, seine Gemahlin, der
Paßaufseher Jerkin, Stanislaus der Kontorist mit der abgebissenen Nase,
und Kasimir der Monteur, der Portier Nikanor und Wanjuschka, Nikanors
Bub, den die kleinen Kinder zum Tode durch den Strang verurteilt hatten,
und die kleinen Kinder, die ihn verurteilt hatten, und der Perser, der
Masseur aus der Badeanstalt, und das kleine Mädchen, das einst Murka
Milch gebracht hatte, und die Schuster, Bäcker, Bademeister, Friseure,
Schneiderinnen, Weißnäherinnen, eine Schwester aus dem Obuchowschen
Krankenhaus, Kondukteure, Maschinisten, Kürschner, Schirmmacher,
Bürstenmacher, Wasserleitungsschlosser, Setzer und allerlei Mechaniker

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und elektrische Arbeiter mir ihren Familien, allerlei „Fräulein“ von der
Gorochowaja und vom Sagorodny-Prospekt, Nähmädchen, Mädchen aus
der Teestube, und elegante junge Leute aus den Badeanstalten, die die
Petersburger Damen auf Wunsch bedienen, und die Alte, die an der
Badeanstalt Sonnenblumensamen und allerlei Kram feilbietet, stellungslose
Köchinnen, Maler, Tischler, fliegende Händler – mit einem Wort: der ganze
Burkowsche Hof – ganz Petersburg.
Und alle sehen nach oben zum Fenster hinauf, wie Murka hinaufgesehen
hatte, als sie vor Schmerz sich auf den Steinen wälzte, wie die wandernde
Sängerin hinaufgesehen, als sie sich im Hof auf ihrem einen Bein
herumdrehte, mit dem Tamburin in der Hand.
– Was hat sie gesagt? – fragt jemand Marakulin.
Und Marakulin steht am Fenster, wie der Starez Kabakow, der durch
Gebete die Stimme des Himmels befragt, – so steht er vor dem Volk.
– Einer von uns wird sterben! – sagt Marakulin.
Und zur Antwort flüstert der ganze Burkowsche Hof in Todesbangen:
– Bin ich’s, Herr? – Bin ich’s, Herr?
Und hoch oben, viel höher als die vier belgischen Ziegelschlote mit den
Blitzableitern, schweben wie grüne Vögel grüne Aeroplane und verdecken
mit ihren riesengroßen grünen Flügeln den Himmel.
– Bin ich’s, Herr? – Bin ich’s Herr? – flüstert der Burkowsche Hof in
Todesbangen.
Und schon geht Marakulin nach Hause, nach der Fontanka, und seltsam!
er hört, wie man in der Auferstehungskirche auf der Taganka[13] zur
Abendmesse läutet. Er geht nicht den herrschaftlichen Eingang hinauf,
sondern durch die Küche. Er macht die Tür auf, und in der Küche sitzt am
Herd eine Frau, Akumowna ähnlich, und doch nicht Akumowna, ganz in
Weiß. Er erinnert sich an die Worte der Stülpnasigen, Nackten, mit den
großen Zähnen: „Die Mutter wird ganz in Weiß sein“, und stürzt ins
Zimmer.
Auch dieses Zimmer ist vollgestellt, und Sachen sind da verstreut und
hingeworfen, wie nach einer Vorbereitung zur Reise, nur sind die
Unbekannten nicht mehr da, keine Seele ist im Zimmer, nur seine Mutter
sitzt, seine Mutter allein, mit dem Kreuz auf der Stirn.
– Sie ist schon gekommen, sie sitzt hier – sagt die Mutter. Sie spricht von
jener, die in der Küche vor dem Herd ganz in Weiß sitzt, und beginnt zu
weinen.

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Voll Verzweiflung und Todesbangen erwachte Marakulin. Es war Freitag.
Und von dem düsteren Gedanken getroffen, daß seine Frist der Samstag sei,
daß nur ein Tag ihm geblieben sei, wurde er eisstarr. Er wollte es nicht
glauben und glaubte es doch, und weil er glaubte, verurteilte er sich selbst
zum Tode.
Der Mensch wird geboren und ist bereits verurteilt; Alle sind von Geburt
an verurteilt, und dennoch lebt man, verurteilt und das Todesurteil
vergessend, weil man die Stunde nicht kennt. Aber wenn einem der Tag
gesagt wird, wenn die Zeit abgemessen, die Frist bestimmt und der Sabbat
verkündigt ist – das geht über die Kraft, die Gott dem Menschen verliehen,
dem Menschen, den er mit dem Leben beschenkt, zum Tode verurteilt und
dem er die Todesstunde verheimlicht hat.
Als Marakulin an die Wahrheit seines Traumes glauben mußte, da fühlte
er, daß er es nicht aushalten würde, den Sabbat abzuwarten, und seit dem
Morgen in Verzweiflung, in Todesbangen durch die Straßen schweifend,
harrte er der Nacht. Er wollte nur eins noch: Werotschka sehen, ihr alles
erzählen und von ihr Abschied nehmen.
Und auf seinem glatten, geraden, hoffnungslosen Weg, wo der letzte
Schatten und die letzte Spur der Hoffnung sich verlor, zernagten jene leisen,
wie Raupen haftenden, bösen, dunklen Mächte der herangenahten
Verzweiflung die letzten Fasern seiner einst so festen Lebenswurzel.
Es ward ihm schwer, sich vom Leben loszureißen.
Vielleicht aber war der Traum nur ein Traum, und in Wirklichkeit würde
etwas anderes kommen? Warum mußte er dem Traum glauben? War das
nicht töricht? Wer weiß, wohin das führt! Es pflegt ja auch sonst so zu sein!
Vor dem Tode träumt man nicht nur etwas Belangloses: daß man einen
Stiefel verliert, oder sonst einen Gegenstand, oder daß man im Begriff ist,
ins Ausland zu reisen ...
Da erinnerte sich Marakulin an die geplante Auslandsreise, an seinen
paradiesischen Traum von Paris, und fuhr auf.
Er stand an einem Bretterzaun, der ganz mit Anzeigen bedeckt war, und
konnte nicht erkennen, in welcher Straße er sich befand. Ueber den Bäumen
ragte die Turmspitze des Ingenieurschlosses, als er aber längs des Zaunes
und, wie ihm schien, geradeaus in der Richtung der Turmspitze sich in
Bewegung setzte, verschwand sie plötzlich. Er wagte nicht weiterzugeben,
als harrte eben dort seiner sein Sabbat, seine letzte Frist, seine Stunde. Er
kehrte um und hatte die Spitze wieder vor sich. Er schritt also tapfer längs

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des Zaunes in die entgegengesetzte Richtung, die Spitze blieb lange vor
seinen Augen, verschwand aber dann ebenso wie das erstemal ganz
plötzlich. Und er wagte nicht weiterzugehen, als harrte eben dort seiner sein
Sabbat, seine letzte Frist, seine Stunde. Und so ging er am Zaun entlang, hin
und zurück, die Spitze des Ingenieurschlosses immer im Auge, bis zu einer
Grenze, die er sich selbst bestimmte, voll Verzweiflung und Todesbangen.
Es war das Ungemach, das ihn so führte, das Unglück jagte ihn von
Straße zu Straße, von Gäßchen zu Gäßchen, blendete ihm die Augen und
verwirrte ihn; es war sein Schicksal, dem man sich nicht widersetzen und
nicht entrinnen kann.
Das tödliche Bangen und die Last der Verzweiflung erschöpften ihn
endlich. Die letzte Frist, die Stunde waren vergessen, sein Kopf sank herab,
und die noch gehorchenden Beine brachten ihn auf den Weg. Er ging durch
die Ingeniernaja und wollte gerade die Straße zum Michailowschen Palast
überschreiten.
Da klammerte sich ein altes, zerlumptes, zusammengeschrumpftes,
triefäugiges Weiblein fest an seine Hand, damit er ihm über die Straße
helfe. Und obwohl es so klein war – nichts als ein Häuflein Knochen – so
erschien es ihm, wie es mit seinen knöchernen Fingern so fest an ihm hing,
als hätte es überhaupt keine Beine, so schwer, daß er mit Mühe die
Schienen erreichte. Und während er die Schienen überschritt, wurde die
Alte noch schwerer, und es war ein Wunder, daß er nicht unter den Wagen
geriet: der sausende, ununterbrochen klingelnde Wagen flog so hart an ihm
vorbei, daß ihm ganz heiß wurde.
Marakulin ließ die Alte stehen und begann zu laufen. Abwechselnd
flammendheiß und eiskalt lief er in der Richtung des Narva-Tores. Er floh
vor der knöchernen Alten, er floh vor seiner letzten Frist, und gerade auf
das Narva-Tor zu, unter den Bogen: dort war keine knöcherne Alte und wird
nie eine sein, dort wird er seine letzte Frist, seine Stunde, seinen Sabbat
vergessen.
Aber als er die Gorochowaja erreichte, ging er nicht die Ssadowaja
entlang, sondern bog in die Fontanka ein.
Auf der Fontanka, im Seitengäßchen, in der Nähe des Burkowschen
Hauses, wurde ein junges Mädchen – offenbar eine Revolutionärin – von
der Polizei verfolgt. Die Schutzleute hatten das Gäßchen umzingelt und
man konnte nicht passieren. Marakulin blieb stehen.

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Die Jagd dauerte ziemlich lange, endlich wurde das Mädchen von einigen
Männern in Zivil, Spitzeln offenbar, dicht umringt und zu einer Droschke
geführt. Die Revolutionärin erinnerte ihn durch etwas an die
Wandersängerin von gestern, an das kleine Mädchen. Vielleicht erinnerte
ihn an Maria ihr offenes, reines Gesicht, das aber frisch und rosig war. Sie
war schlank. Die Haarnadeln waren ihr herausgefallen, der Strohhut saß
schief und das volle blonde Haar war aufgelöst. Der Reviervorsteher setzte
sich zu ihr in den Wagen und man führte sie ab.
„Maria Alexandrowna,“ – dachte Marakulin, „so ist Maria
Alexandrowna, die sich selbst zum Opfer auserkor, und bereit ist, noch
einmal für die Menschheit zu sterben!“ Er ging weiter, am Burkowschen
Hof vorbei, die Fontanka entlang.
An der Ismailowschen Brücke, drei Schritte von der Bierwirtschaft, holte
er eine Dame ein. Sie war nicht mehr jung und schon ganz grau, aber
kräftig und gesund, ging sie im gleichmäßigen Schritt, als spazierte sie nur
der Motion wegen. Als aber Marakulin sie überholen wollte, beugte sie sich
etwas vor und begann ganz unsinnig zu laufen. In diesem Augenblick
knallte aus dem Wirtshaus ein Schuß und ein zweiter, Hilferufe ertönten –
und auf dem Bürgersteig lag mit durchschossenem Rücken, das Gesicht an
die Steine gepreßt, die Dame – die gesunde, kräftige, alte Frau, und neben
ihr, noch rauchend, der versengte Klappstuhl.
„Da hast du die Unsterbliche!“ dachte Marakulin, als er in der
Ermordeten seine unglückselige Generalin erkannte, dieses auserwählte
Gefäß, die Laus, die er mit dem königlichen Recht beschenkt hatte, in jener
grausamen Burkowschen Nacht.
Nun war ihr das königliche Recht vom blinden Zufall geraubt, und auch
der Klappstuhl hatte ihr nicht geholfen.
Von der Fontanka und den Seitengäßchen strömte eine Menschenmenge
herbei. Alle starrten mit Neugierde, mit Schrecken und mit jener
besonderen Schadenfreude, mit der lebendige Augen in tote blicken, in das
Gesicht der Toten. Sie aber, die Unsterbliche, Sündenlose, Kummerlose, lag
da unbeweglich, mit ihrem durchbohrten Rücken, hilflos, leblos, unselig.
– Das ist eine von unseren Burkowschen, die Generalin Cholmogorowa!
– erklärte Marakulin dem herbeigeeilten Schutzmann.
Man trug die Generalin fort. Der weiße Schleier auf ihrem Hut war
aufgegangen und schleifte flatternd nach wie Spinnweb. Marakulin schritt
der Menge voraus, hinter dem Klappstuhl.

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Und wieder ging er an seiner Wohnung vorbei in die Gorochowaja, und
von da weiter bis zum Admiralitätspalast und wiederholte immer wieder vor
sich ganz stumpf: „Da hast du die Unsterbliche! Da hast du
Unsterblichkeit!“
Im Alexandergarten setzte er sich erst auf eine Bank, plötzlich aber
sprang er wie gestochen auf und ging weiter. Vor dem Denkmal Peters des
Großen blieb er stehen.
– Peter Alexejewitsch – sagte er, zum Denkmal gewandt, – Eure
kaiserliche Majestät! Das russische Volk trinkt Aufguß von Pferdemist und
gewinnt das Herz Europas für anderthalb Rubel mit Gurken. Mehr habe ich
nicht zu sagen! – Er zog den Hut, grüßte und ging weiter, den Englischen
Kai entlang, über die Nikolaibrücke auf die Wassiljewskiinsel.
Auf dem kleinen Boulevard zwischen der Siebenten und der Sechsten
Linie, hinter dem Ssredny-Prospekt versperrte ihm eine
Menschenansammlung den Weg. Die Menge stand schweigsam, ohne ein
Wort zu sprechen, und es war ungewöhnlich still. Unter einem Baum saß
eine alte Frau, ihr von schweren weißen Flechten umwickelter Kopf zitterte.
Sie sah starr vor sich hin. Nicht Tränen, sondern Blut floß ihr die Wangen
herab, in stillen Bächlein aus den demütig stillen Augen.
„Sie hat umsonst gewartet“, dachte Marakulin, „sie hat es nicht erlebt.
Sie hat das gottgefällige Werk nicht vollbracht, sie hat ihr Glück niemand
überliefert, die Unglückselige!“ – Und er verspürte plötzlich einen
schrecklichen Durst, als hätten ihn diese stillen, blutigen Tränen versengt.
Nicht weit vom Kleinen Prospekt auf der Siebenten Linie befand sich
neben einem großen Gebäude in einem kleinen einstöckigen Häuschen eine
Schankwirtschaft. Marakulin fand noch ein letztes vergessenes
Zehnkopekenstück in der Tasche und ging hinein: der Durst quälte ihn
unerträglich.
Er setzte sich an ein schmutziges, nasses Tischchen, mit dem Gesicht
zum Fenster und nahm ganz mechanisch eine Zeitung zur Hand, nicht um
zu lesen.
– Einen Hungrigen kann man satt machen, einen Armen kann man reich
machen – er vernahm eine bekannte Stimme und bekannte Worte, – aber
sobald du verliebt bist und dein Gegenstand erweist dir keine
Gegenseitigkeit, da kannst du meinetwegen platzen, es gibt keine Hilfe!
„An Murkas Tage war es, der unruhige alte Gwosdjow, der sagte es!“
erinnerte sich Marakulin, legte die Zeitung weg und trank das lauwarme

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Bier.
– Sie scherzen immer, Alexander Iwanowitsch, – – ich habe neulich eine
Maus aufgegessen, Alexander Iwanowitsch, – auf dem Hof des
Athosklosters – für fünf Rubel. Ich habe mit der heiligen Brüderschaft
gewettet. „Ißt du die Maus auf, Gwosdjow,“ sagten sie, „dann ist der Fünfer
dein, wenn nicht, mußt du uns bezahlen!“ Schön. Sie fingen gleich ein
Mäuslein, im Klosterhof gibt es viele. Es war eine graue, junge. Ich zog
dem Mäuslein die Haut ab, röstete es an den Seiten ein wenig an, wegen des
Wohlgeschmacks, zerschnitt es in Scheibchen, salzte es, sprach den Segen
und aß es auf. Und aß das Mäuslein auf. Ich nahm die fünf Rubel und
wollte mich vor Lachen ausschütten. Ich sagte: „Und ihr seid mir noch
Athonische, hehe ... fünf Rubel für ein junges Mäuslein; ich hab’ ja bei
Prokopij dem Gerechten so eine Ratte und dazu ohne Salz für einen Rubel
gegessen!“ Wenn man sich nur durchfrettet, Alexander Iwanowitsch!
Und als Antwort auf Gwosdjows Worte erklang eine gerührte Stimme:
– Euretwegen geh’ ich zugrunde, ihr lieben Aeuglein!
– Ich selbst bin auch auf Weiber lecker, Alexander Iwanowitsch!
Gleich darauf fiel etwas schwer auf den klebrigen Boden, begann zu
strampeln und bitter zu weinen, so bitter, wie nur Kinder weinen, so bitter,
wie Akumowna weinte, als sie durch Marjas Gesang an alle ihre Erlebnisse
erinnert wurde.
Nachdem er das laue Bier, das seinen Durst noch gesteigert,
ausgetrunken hatte, ging Marakulin hinaus.
Er ging seinen glatten geraden Weg auf den Newsky. Die Nacht sank
bereits herab. Dort auf dem Newsky wollte er auf Werotschka warten. Dort
wollte er ihr die ganze Nacht auflauern. Er wird sie sehen, ihr alles
erzählen, von ihr Abschied nehmen. Und er wird sich nicht irren. Es ist ja
eine weiße Nacht – die weiße Nacht trügt nicht.
Die weiße Nacht trügt nicht: Werotschka erschien auch bald. Er erkannte
sie an ihrem schwarzen Kleide. Aber er erstarrte vor Entsetzen: alle Frauen
waren ausnahmslos in Schwarz – alles an ihnen war schwarz, die Kleider,
die Hüte, die Handschuhe. Sie wichen nicht mehr aus, sie gingen sicher und
stolz am Polizisten in der weißen Sommeruniform vorbei, sie umsegelten
den Polizisten in Weiß wie in einem altertümlichen feierlichen Tanz, von
der Snamenje-Kirche zur Admiralität und von der Admiralität zur
Snamenje-Kirche.

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– Werotschka – rief er, – Werotschka! – Er sah einer jeden in die Augen,
ohne eine auszulassen, und etwas Kaltes und Dunkles ringelte sich wie eine
Schlange um sein Herz. Es war die Verzweiflung, die sich um sein Herz
ringelte.
Schon schritt der Tod auf verschlungenen Seitenpfaden seiner Schwelle
zu.
Die ganze Nacht streifte er herum, voll Verzweiflung und Todesbangen,
sah jeder Frau in die Augen, ohne auch nur eine zu übersehen, blieb
zuweilen auf der Anitschkowbrücke stehen und ließ sie Alle an sich
vorbeipassieren. Sie umsegelten ihn, wie den Schutzmann in Weiß, sie
schritten sicher und stolz, wie in einem altertümlichen feierlichen Tanz von
der Snamenje-Kirche bis zur Admiralität, und von der Admiralität bis zur
Snamenje-Kirche.
Und als die Sonne aufging und all die schwarzen Gestalten irgendwo
verschwanden und keine einzige mehr blieb – niemand war mehr auf dem
Newsky außer den Schutzleuten in Weiß – da wandte sich Marakulin durch
die Litejnaja zum finnländischen Bahnhof.
Er beschloß ganz plötzlich, – vielmehr es beschloß in ihm von selbst –
nach Tur-Kila in die Sommerfrische zu Wassilij Iwanowitsch zu fahren, zu
Wera Nikolajewna und Anna Stepanowna. Sie haben ihm ja schon oft
geholfen, sie werden ihm auch jetzt helfen, sie werden ihm Milch geben, –
er hat Hunger – er ist ja nur zwölf Jahre alt! – sie werden ihm Milch geben
...
Es war der Sonnabend vor Pfingsten und auf der Litejnaja wurden die
Pfingstbäumchen angefahren: lockige grüne Wagen zogen durch die Straße,
voll von grünen jungen Birken.
Auf dem finnländischen Bahnhof verkehrten noch keine Züge. Er mußte
warten, aber er wollte nicht auf dem Bahnhof warten. Marakulin ging erst
über die Schwellen der Schienen, aber nachdem er ein Weilchen gegangen
war, verließ er die Schienen, setzte sich an den Rand eines Grabens und
schlief ein. Er schlief so fest, wie Plotnikow die zwei Tage nach jenem
schlimmen Delirium-Anfall geschlafen hatte.
Als er erwachte, war es Abend, der Sonnabend ging zur Neige. Und
wieder jäh von dem düsteren Gedanken getroffen, daß sein Ende der Sabbat
sei, wurde er eiskalt. Er wollte an seinen Traum nicht glauben und glaubte
doch, und indem er glaubte, verurteilte er sich selbst zum Tode.

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Der Mensch kommt zur Welt und ist bereits verurteilt; Alle sind von
Geburt an verurteilt, und dennoch lebt man, verurteilt und das Todesurteil
vergessend, weil man die Stunde nicht kennt. Aber wenn der Tag einem
gesagt wird, wenn die Zeit abgemessen, die letzte Frist bestimmt und der
Sabbat verkündigt ist, – das geht über die Kraft, die Gott dem Menschen
verliehen, dem Menschen, den er mit dem Leben beschenkt, zum Tode
verurteilt, dem er aber die Todesstunde verheimlicht hat.
Der Sabbat war gekommen, der Sabbat ging zur Neige, seine letzte Frist,
seine letzte Stunde nahte.
Und auf seinem glatten, geraden, hoffnungslosen Weg, wo der letzte
Schatten und die letzte Spur der Hoffnung sich verlor, zernagten jene leisen,
wie Raupen haftenden, bösen, dunklen Mächte der herangenahten
Verzweiflung die letzten Fasern seiner einst so festen Lebenswurzel.
Es war ihm schwer, sich vom Leben loszureißen.
Oder vielleicht war der Traum nur ein Traum und in Wirklichkeit würde
etwas anderes kommen? Warum mußte er dem Traum glauben? War das
nicht töricht? Wer weiß, wohin das führte?
Warum hatte er bloß Akumowna diesen düsteren Traum nicht erzählt,
Akumowna konnte ihn vielleicht deuten, sie, die Göttliche wüßte zu sagen,
ob er wahr sei oder nicht.
Marakulin stürzte erregt zur Trambahn und stieg in einen Wagen. Da
erinnerte er sich, daß er sein letztes Zehnkopekenstück in der Wirtschaft
ausgegeben und sprang ab und lief zu Fuß nach der Fontanka, die
Elektrische fast überholend.
Er erreichte die Fontanka und das Burkowsche Haus, aber es wurde ihm
nicht leicht, in die Wohnung zu gelangen. Es schien ihm, als hätte er
mindestens eine halbe Stunde geklingelt, aber niemand öffnete und keine
Stimme ließ sich vernehmen. Er hörte zu klingeln auf und begann an die
Tür zu klopfen, aber auch auf das Klopfen erwiderte niemand. Es blieb still
in der Wohnung, nur der Wind pfiff durch die Türspalte, – offenbar standen
die Ofenklappen auf – der Wind pfiff unheimlich.
Noch einmal klingelte Marakulin, klopfte noch einmal, wartete und ging
dann in die Portierloge. Aber auch Nikanor war nicht da. Er war in
irgendeinen Kramladen gegangen; Wanjuschka aber, Nikanors Sohn, wußte
nur zu sagen: er habe Akumowna am Morgen gesehen, seitdem sei er nicht
mehr bei ihr oben gewesen; Akumowna sei zu Hause. Dabei lachte er über
irgend etwas.

Page 135

Wenn sie aber zu Hause war, warum hörte sie nicht das Klopfen und
öffnete die Tür nicht? Er hatte ja mindestens eine halbe Stunde geklingelt
und nicht weniger lange geklopft. – War die Alte etwa tot?
Er ging in das Seitengäßchen, trat ins Haustor und stieg die Hintertreppe
hinauf. Aber seltsam: – während er hinaufstieg, glaubte er plötzlich in der
Auferstehungskirche auf der Taganka[14] zur Abendmesse läuten zu hören,
und sein Herz begann voll Unruhe rasch zu pochen.
Die Tür in die Küche war nicht verschlossen. Akumowna saß am Herd,
ihr Kopf war mit einem weißen Tuch umwickelt – mit einem weißen Tuch.
Er erinnerte sich an die nächtlichen Worte aus seinem Traum in der
Donnerstagnacht: „Die Mutter wird in Weiß sein.“ Vor Akumowna lagen
auf einem Tellerchen zwei Eier, das dritte aß sie grade. „Das Pfund!“ flog es
Marakulin durch den Sinn, „– das ist das Pfund!“
Akumowna lächelte nicht, und ihre Augen waren fremd und
hervorquellend. Nicht Akumowna saß am Herd, nein, nur eine, die
Akumowna ähnlich sah. Und Entsetzen übermannte Marakulin.
– Guter, gnädiger Herr! – Akumowna erhob sich plötzlich von ihrem
Platz und sprach die Worte mit einer heiseren, betrunkenen Stimme, die der
Stimme Akumownas nur von ferne glich.
Marakulins Kräfte waren zu Ende, er klammerte sich an den Türpfosten
und begann zu stöhnen.
– Lieber gnädiger Herr, Gott behüte Sie, gnädiger Herr, Peter
Alexejewitsch! Gleich bereite ich den Samowar, im Augenblick! – Jetzt
wurde sie auf ihre gewöhnliche Art geschäftig, legte das Ei fort, ergriff den
blanken Samowar und begann mit dem Blechrohr zu klappern.
Marakulin ließ sich auf Akumownas Bank nieder, konnte aber nichts
sagen; die Kehle war ihm zugeschnürt und seine Lippen bebten.
– Lieber gnädiger Herr, – Akumowna machte sich mit dem Samowar zu
schaffen, – mit mir ist was passiert, ich wäre fast gestorben, aber Gott hat
sich meiner erbarmt!
In der Tat, mit Akumowna hatte sich etwas ereignet, und wie sie dabei
heil geblieben, war das reinste Wunder – Gott hatte sich ihrer erbarmt.
Darum hatte sie weder das Klingeln noch das Klopfen gehört. Ja, es sei
noch ein Glück, daß sie Marakulin überhaupt erkennen konnte und noch so
viel Stimme hatte, um ein Wort hervorzubringen. Die Eier aber esse sie, um
wieder zu Stimme zu kommen, und wenn auch heiser, so doch sprechen zu

Page 136

können und nicht wie eine Kuh zu muhen; – man könne auch das noch
erleben.
Akumowna war nämlich am Morgen auf den Boden hinaufgestiegen. Sie
wollte die Wäsche, die dort hing, abnehmen, um sie noch vor der
Abendmesse zu Pfingsten fertig zu plätten. Aber irgend jemand hatte sich
wohl den Spaß gemacht, sie dort einzuschließen. Sie hatte zu schreien
begonnen und schrie wohl ziemlich lange, aber niemand hörte sie. Es war ja
kein Mensch in den Wohnungen, da sich alle in der Sommerfrische
befanden, und keine Köchin, kein Hausmädchen hatte etwas auf dem Boden
zu tun. Akumowna wußte, daß es nutzlos war, rief aber doch. Was sollte sie
wohl anderes tun? Und wie sollte sie nicht schreien? Sollte sie auf dem
Boden bleiben – wie lange? bis zum Herbst? bis die Leute aus der
Sommerfrische zurückkehren würden? oder bis sich jener ihrer erbarmt, der
sie eingeschlossen hatte? konnte man sich darauf verlassen? Man konnte sie
ja inzwischen vergessen haben! Konnte man es wissen? Und auf dem
Boden bleiben konnte sie doch auf keinen Fall! Sie war schon ganz heiser
vom Schreien. Und so kroch sie im Dunkeln herum, um das vernagelte
Fenster zu finden: sie hatte sich erinnert, daß da ganz unten am Dach ein
Fenster war. Sie tappte um sich herum und fand schließlich eine Spalte,
fand das mit Brettern vernagelte Fenster. Sie krallte sich in ein Brett, um es
abzureißen, aber es saß zu fest, und wie sehr sie sich anstrengte, gelang es
ihr nicht, die Oeffnung zu erweitern. Die Spalte aber war so klein, daß
kaum eine Maus hätte durchschlüpfen können. Sie hing sich daran mit aller
Kraft, riß mit beiden Händen – endlich gab es nach. Gott sei Dank, freies
Licht! Sie bekreuzigte sich und stieg auf das Dach hinaus. In der
Verwirrung aber wandte sie sich nach der herrschaftlichen Seite, nach den
Kasernen zu. Sie kroch auf allen Vieren, aus Angst, auszurutschen, und
schrie. So kam sie bis zum Schornstein, richtete sich am Schornstein auf,
zog die Stiefel aus und warf sie auf die Straße. Die Kinder aber fingen die
Stiefel auf und trugen sie davon. Sie stand barfuß, hielt sich am Schornstein
fest und schrie. Und da sie dachte, daß niemand ihr bloßes Geschrei
beachten würde, so schrie sie: der gnädige Herr sei nach Hause gekommen,
klingle und sie könne nicht öffnen. Auf der Fontanka aber ist es so laut, die
Dampfpfeifen, die Automobilhupen übertönen jedes Geschrei. Da sie
barfuß nicht mehr auszugleiten fürchtete, entfernte sie sich vom
Schornstein, ging auf dem Dach hin und her und schrie immer wieder: der
gnädige Herr sei nach Hause gekommen, klingle und sie könne nicht

Page 137

öffnen. Auf dem Nachbardach arbeiteten Maler, die hörten es. „Was schreist
du, Frauchen,“ riefen sie, „spring zu uns herüber,“ und lachten. Wie aber
sollte sie hinübergelangen, wenn sie ihr keine Leiter reichten – sie hatten
alle ihre Leitern selbst nötig – sie war doch keine Katze! Aber der erste
Schreck war nun vorüber, und nachdem sie erst eine menschliche Stimme
vernommen, erholte sie sich etwas und kam auf den Gedanken, auf die
andre Seite hinüberzugehen, auf die Rückseite des Hauses, um dort an der
Regenrinne entlang in den Hof hinunterzugleiten. Denn sich an der Rinne
hinaufzuziehen, meinte Akumowna, sei schwer, die Hände könnten
ohnmächtig werden, aber hinabzugleiten sei leicht: wenn das Rohr nur nicht
aus den Händen entweicht, glitt man bequem hinab. In dieser Erwägung
begab sie sich auf die Rückseite des Hauses und geradeaus zur Wasserrinne;
– sie war nicht schwindlig. Schon hatte sie mit beiden Händen die
Bekrönung erfaßt und die Füße herabgelassen, um die Rinne zu
umklammern, da schrie Nikanor von unten: „Halt, Frauchen, kriech nicht,
ich werde dir aufmachen!“ und lachte. Sie mußte nun über das ganze Dach
zurück und sich durch das Fenster auf den Boden hinunterlassen.
– Sechs Stunden habe ich mich so gequält, lieber gnädiger Herr, bin
beinahe gestorben, aber Gott hat mich gerettet, hat sich meiner erbarmt! –
schloß Akumowna.
Inzwischen begann das Wasser im Samowar zu sieden, der rote
Jurawljowsche Sänger schnaubte und schickte sich zu seinem Abendgesang
an. Marakulin, der sich während der Erzählung Akumownas etwas erholt
hatte, ging in sein Zimmer.
Vielleicht war es möglich, daß sein düsterer Traum sich gar nicht auf ihn,
sondern auf Akumowna bezog? – Oder sollte es doch nicht möglich sein, da
man nicht für andre träumt? – Warum sollte man aber nicht auch für andre
träumen können!
Aber der Tag war noch nicht zu Ende, die Nacht kam, es kamen die
letzten Stunden; es nahte die Stunde, da es galt, Rede und Antwort zu
stehen, Rechenschaft zu geben und zu fordern.
Akumowna brachte den Samowar, aß in der Küche ihre Eier, um ihre
Stimme zu heilen, und kam wieder zu Marakulin herein, nach ihrer
Gewohnheit mit den Karten in der Hand. Marakulin aber lehnte ab: er wolle
keine Karten gelegt haben, er wolle ihr lieber seinen Traum erzählen, nur
möge sie ihm die reine Wahrheit darüber sagen.

Page 138

Und er erzählte ihr ausführlich seinen düsteren Traum, alles genau
hintereinander – er erinnerte sich ganz deutlich an jede Einzelheit. Er
erzählte von der Stülpnasigen, Nackten, mit den großen Zähnen, und wie
sie ihm eine Frist gesetzt hatte: den Sabbat, und von der Mutter mit dem
Kreuz auf der Stirn, und wie die Mutter geweint hatte.
– Was bedeutet dieser Traum, Akumowna?
Akumowna schwieg, lächelte und sah eigentümlich idiotisch zur Seite.
Und plötzlich wieder von dem schwarzen Gedanken getroffen, daß seine
Frist der Sabbat sei, wurde Marakulin eiskalt.
– Also ist alles wahr – dachte er, – denn warum schweigt Akumowna? –
Also ist alles wahr, und in einigen Minuten würde seine Frist vollendet sein,
seine Stunde schlagen, sein Ende?
Der Mensch kommt zur Welt und ist bereits verurteilt; Alle sind von
Geburt an verurteilt, und dennoch lebt man, verurteilt und das Todesurteil
vergessend, weil man die Stunde nicht kennt. Aber wenn der Tag einem
gesagt wird, wenn die Zeit abgemessen, die letzte Frist bestimmt und der
Sabbat verkündigt ist, – das geht über die Kraft, die Gott dem Menschen
verliehen, dem Menschen, den er mit dem Leben beschenkt, zum Tode
verurteilt, dem er aber die Todesstunde verheimlicht hat.
– Akumowna, ist es wahr, oder nicht wahr?
– Ich bin ein unwissender Mensch, ich weiß nichts – erwiderte
Akumowna, lächelte und sah eigentümlich idiotisch zur Seite.
Da schnarrte die Uhr in der Küche und begann langsam zu schlagen,
einen Schlag nach dem andern. Es schlug Zwölf. Der Sabbat war zu Ende,
und der Sonntag begann.
– Akumowna, hat es Zwölf geschlagen? – fragte Marakulin unsicher.
– Zwölf, gnädiger Herr, Schlag Zwölf!
– Es ist also schon Sonntag?
– Ja, Sonntag, der heilige Sonntag, gnädiger Herr. Schlafen Sie wohl,
Gott sei mit Ihnen! – Akumowna ließ den singenden Jurawljowschen
Samowar stehen und ging in die Küche schlafen.
Doch Marakulin konnte nicht schlafen. Er wartete ab, bis Akumowna
ruhig wurde, deckte den Samowar zu, dann nahm er ein Kissen, legte es
aufs Fensterbrett, wie es die Burkowschen Mieter, die in Petersburg
übersommern, machen, und lehnte sich hinaus. Nein, er wollte nicht
schlafen, die ganze Nacht nicht: der Sabbat war zu Ende, der Sonntag hatte
begonnen!

Page 139

Es war leer ringsum, kein Mensch im Hof, kein Mensch in den Fenstern,
nur er allein. Und plötzlich erblickte er auf dem Kehricht- und
Ziegelhaufen, längs der Kästen und Stände, von der Müllgrube bis zum
Abgußloch und weiter bis zu den Remisen, überall junge grüne Birken
stehen. Der ganze Burkowsche Hof war mit Birken bedeckt, und die jungen
Blättchen leuchteten so grün. Er fühlte, wie seine verlorene große Freude in
ihm emporstieg und ihn überströmte: wie ein Quell schoß ihm unter dem
Herzen diese große heiße Freude hervor – und wuchs, füllte das Herz und
überflutete heiß die ganze Brust. Er sah nichts anderes mehr als diese
Birken, und unter den Birken wandelte, selbst wie eine junge Birke schlank,
seine Weruschka – Werotschka – Wera. Ihre Hände schienen mit den
Blättern verwoben, und sie wandelte von Blättchen zu Blättchen nach der
Remise zu, so leicht, als schwebte sie in der Luft, und es war, als wenn die
Erde unter ihr verschwände. Da schwang sein Herz sich auf, überwallend,
es riß ihn in die Höhe, er streckte die Arme aus – und das Gleichgewicht
verlierend, stürzte Marakulin mitsamt dem Kissen in die Tiefe.
Und im Sturze hörte er, wie durch ein Rohr aus einem tiefen
Brunnenschacht, eine Stimme rufen:
– Die Zeiten sind reif, die Sündenschale ist voll, die Strafe naht! – Ah, so
steht es mit uns! Lieg du nun da. – Wieder einer weniger. – Du stehst nicht
mehr auf – Dreckkopf!
Marakulin lag mit zerschmettertem Schädel in einer Blutlache auf den
Steinen des Burkowschen Hofes.

Druck von Mänicke und Jahn in Rudolstadt.

Page 140

Fußnoten
[1] Ein großes Petersburger Kloster.

[2] Eine Industriestadt in Großrußland.

[3] Klon bedeutet auf russisch etwa, die Neigung sich zu beugen.

[4] Wundertätige Mönche, Heilige.

[5] Vom Weißen Meer.

[6] Berühmtes Moskauer Muttergottesbild.

[7] Populäres Physik-Lehrbuch.

[8] Ein Stadtviertel in Moskau.

[9] Diminutiv von Pawel.

[10] Kirche an der Taganka in Moskau.

[11] Ein berühmtes Muttergottesbild in Moskau.

[12] Ort in der Krim.

[13] In Moskau.

[14] In Moskau.

Page 141

Anmerkungen zur Transkription

Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen sind hier
aufgeführt (vorher/nachher):

... Geschenk, und er schenkte er ihr dagegen hundert ...
... Geschenk, und er schenkte ihr dagegen hundert ...
... den Kalitnikowschen Kirchhof befanden sich ...
... dem Kalitnikowschen Kirchhof befanden sich ...
... beklagte, daß in der Schule naß und kalt ...
... beklagte, daß es in der Schule naß und kalt ...

Page 142

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE
SCHWESTERN IM KREUZ ***

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