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The Project Gutenberg eBook of Kant's gesammelte Schriften.
Band V. Kritik der Urtheilskraft.
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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before using this eBook.
Title: Kant's gesammelte Schriften. Band V. Kritik der Urtheilskraft.
Author: Immanuel Kant
Release date: November 9, 2017 [eBook #55925]
Most recently updated: October 23, 2024
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/55925
Credits: Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KANT'S
GESAMMELTE SCHRIFTEN. BAND V. KRITIK DER
URTHEILSKRAFT. ***
Anmerkungen zur Transkription:
Zeilennummern der vorliegenden Ausgabe sind mit einem grauen Kasten
gekennzeichnet, Seitennummern der 1. Auflage sind fett gedruckt.
Band V. Kritik der Urtheilskraft.
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Author: Immanuel Kant
Release date: November 9, 2017 [eBook #55925]
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URTHEILSKRAFT. ***
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Zeilennummern der vorliegenden Ausgabe sind mit einem grauen Kasten
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Inkonsistenzen in der Rechtschreibung sind nicht korrigiert, lediglich ein
paar offensichtliche Schreibfehler, die nicht in dem Nachwort des
Herausgebers aufgeführt sind; diese Änderungen sind am Ende des
Dokuments zusammengefasst.
paar offensichtliche Schreibfehler, die nicht in dem Nachwort des
Herausgebers aufgeführt sind; diese Änderungen sind am Ende des
Dokuments zusammengefasst.
Page 5
Kant's
gesammelte Schriften
Herausgegeben
von der
Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften
Band V
Erste Abtheilung: Werke
Fünfter Band
Berlin
Druck und Verlag von Georg Reimer
1913
gesammelte Schriften
Herausgegeben
von der
Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften
Band V
Erste Abtheilung: Werke
Fünfter Band
Berlin
Druck und Verlag von Georg Reimer
1913
Page 6
Kant's Werke
Band V
Kritik der praktischen Vernunft.
Kritik der Urtheilskraft.
Berlin
Druck und Verlag von Georg Reimer
1913
Band V
Kritik der praktischen Vernunft.
Kritik der Urtheilskraft.
Berlin
Druck und Verlag von Georg Reimer
1913
Page 7
Inhaltsübersicht des Bandes.
1790.
Kritik der Urtheilskraft 166
Vo r r e d e 167
Einleitung 171
I. Von der Eintheilung der Philosophie 171
II. Vom Gebiete der Philosophie überhaupt 174
III. Von der Kritik der Urtheilskraft, als einem
Verbindungsmittel der zwei Theile der Philosophie zu
einem Ganzen 176
IV. Von der Urtheilskraft, als einem a priori gesetzgebenden
Vermögen 179
V. Das Princip der formalen Zweckmäßigkeit der Natur ist
ein transscendentales Princip der Urtheilskraft 181
VI. Von der Verbindung des Gefühls der Lust mit dem
Begriffe der Zweckmäßigkeit der Natur 186
VII. Von der ästhetischen Vorstellung der Zweckmäßigkeit
der Natur 188
VIII. Von der logischen Vorstellung der Zweckmäßigkeit
der Natur 192
IX. Von der Verknüpfung der Gesetzgebungen des
Verstandes und der Vernunft durch die Urtheilskraft 195
Eintheilung des ganzen Werks 199
Erster Theil. Kritik der ästhetischen Urtheilskraft 201
1790.
Kritik der Urtheilskraft 166
Vo r r e d e 167
Einleitung 171
I. Von der Eintheilung der Philosophie 171
II. Vom Gebiete der Philosophie überhaupt 174
III. Von der Kritik der Urtheilskraft, als einem
Verbindungsmittel der zwei Theile der Philosophie zu
einem Ganzen 176
IV. Von der Urtheilskraft, als einem a priori gesetzgebenden
Vermögen 179
V. Das Princip der formalen Zweckmäßigkeit der Natur ist
ein transscendentales Princip der Urtheilskraft 181
VI. Von der Verbindung des Gefühls der Lust mit dem
Begriffe der Zweckmäßigkeit der Natur 186
VII. Von der ästhetischen Vorstellung der Zweckmäßigkeit
der Natur 188
VIII. Von der logischen Vorstellung der Zweckmäßigkeit
der Natur 192
IX. Von der Verknüpfung der Gesetzgebungen des
Verstandes und der Vernunft durch die Urtheilskraft 195
Eintheilung des ganzen Werks 199
Erster Theil. Kritik der ästhetischen Urtheilskraft 201
Page 8
Erster Abschnitt. Analytik der ästhetischen Urtheilskraft 203
Erstes Buch. A n a l y t i k d e s S c h ö n e n
1. Moment des Geschmacksurtheils der Qualität nach 203
§ 1. Das Geschmacksurtheil ist ästhetisch 203
§ 2. Das Wohlgefallen, welches das Geschmacksurtheil
bestimmt, ist ohne alles Interesse 204
§ 3. Das Wohlgefallen a m A n g e n e h m e n ist mit
Interesse verbunden 205
§ 4. Das Wohlgefallen a m G u t e n ist mit Interesse
verbunden 207
§ 5. Vergleichung der drei specifisch verschiedenen
Arten des Wohlgefallens 209
2. Moment des Geschmacksurtheils, nämlich seiner
Quantität nach 211
§ 6. Das Schöne ist das, was ohne Begriff als Object
eines a l l g e m e i n e n Wohlgefallens vorgestellt
wird 211
§ 7. Vergleichung des Schönen mit dem Angenehmen
und Guten durch obiges Merkmal 212
§ 8. Die Allgemeinheit des Wohlgefallens wird in
einem Geschmacksurtheile nur als subjectiv
vorgestellt 213
§ 9. Untersuchung der Frage: ob im
Geschmacksurtheile das Gefühl der Lust vor der
Beurtheilung des Gegenstandes, oder diese vor jener
vorhergehe 216
3. Moment der Geschmacksurtheile nach der Relation der
Zwecke, welche in ihnen in Betrachtung gezogen wird 219
§ 10. Von der Zweckmäßigkeit überhaupt 219
Erstes Buch. A n a l y t i k d e s S c h ö n e n
1. Moment des Geschmacksurtheils der Qualität nach 203
§ 1. Das Geschmacksurtheil ist ästhetisch 203
§ 2. Das Wohlgefallen, welches das Geschmacksurtheil
bestimmt, ist ohne alles Interesse 204
§ 3. Das Wohlgefallen a m A n g e n e h m e n ist mit
Interesse verbunden 205
§ 4. Das Wohlgefallen a m G u t e n ist mit Interesse
verbunden 207
§ 5. Vergleichung der drei specifisch verschiedenen
Arten des Wohlgefallens 209
2. Moment des Geschmacksurtheils, nämlich seiner
Quantität nach 211
§ 6. Das Schöne ist das, was ohne Begriff als Object
eines a l l g e m e i n e n Wohlgefallens vorgestellt
wird 211
§ 7. Vergleichung des Schönen mit dem Angenehmen
und Guten durch obiges Merkmal 212
§ 8. Die Allgemeinheit des Wohlgefallens wird in
einem Geschmacksurtheile nur als subjectiv
vorgestellt 213
§ 9. Untersuchung der Frage: ob im
Geschmacksurtheile das Gefühl der Lust vor der
Beurtheilung des Gegenstandes, oder diese vor jener
vorhergehe 216
3. Moment der Geschmacksurtheile nach der Relation der
Zwecke, welche in ihnen in Betrachtung gezogen wird 219
§ 10. Von der Zweckmäßigkeit überhaupt 219
Page 9
§ 11. Das Geschmacksurtheil hat nichts als die F o r m
d e r Z w e c k m ä ß i g k e i t eines Gegenstandes
(oder der Vorstellungsart desselben) zum Grunde 221
§ 12. Das Geschmacksurtheil beruht auf Gründen a
priori 221
§ 13. Das reine Geschmacksurtheil ist von Reiz und
Rührung unabhängig 223
§ 14. Erläuterung durch Beispiele 223
§ 15. Das Geschmacksurtheil ist von dem Begriffe der
Vollkommenheit gänzlich unabhängig 226
§ 16. Das Geschmacksurtheil, wodurch ein
Gegenstand unter der Bedingung eines bestimmten
Begriffs für schön erklärt wird, ist nicht rein 229
§ 17. Vom Ideale der Schönheit 231
4. Moment des Geschmacksurtheils nach der Modalität
des Wohlgefallens an dem Gegenstande 236
§ 18. Was die Modalität eines Geschmacksurtheils sei 236
§ 19. Die subjective Nothwendigkeit, die wir dem
Geschmacksurtheile beilegen, ist bedingt 237
§ 20. Die Bedingung der Nothwendigkeit, die ein
Geschmacksurtheil vorgiebt, ist die Idee eines
Gemeinsinnes 237
§ 21. Ob man mit Grunde einen Gemeinsinn
voraussetzen könne 238
§ 22. Die Nothwendigkeit der allgemeinen
Beistimmung, die in einem Geschmacksurtheil
gedacht wird, ist eine subjective Nothwendigkeit,
die unter der Voraussetzung eines Gemeinsinnes als
objectiv vorgestellt wird 239
d e r Z w e c k m ä ß i g k e i t eines Gegenstandes
(oder der Vorstellungsart desselben) zum Grunde 221
§ 12. Das Geschmacksurtheil beruht auf Gründen a
priori 221
§ 13. Das reine Geschmacksurtheil ist von Reiz und
Rührung unabhängig 223
§ 14. Erläuterung durch Beispiele 223
§ 15. Das Geschmacksurtheil ist von dem Begriffe der
Vollkommenheit gänzlich unabhängig 226
§ 16. Das Geschmacksurtheil, wodurch ein
Gegenstand unter der Bedingung eines bestimmten
Begriffs für schön erklärt wird, ist nicht rein 229
§ 17. Vom Ideale der Schönheit 231
4. Moment des Geschmacksurtheils nach der Modalität
des Wohlgefallens an dem Gegenstande 236
§ 18. Was die Modalität eines Geschmacksurtheils sei 236
§ 19. Die subjective Nothwendigkeit, die wir dem
Geschmacksurtheile beilegen, ist bedingt 237
§ 20. Die Bedingung der Nothwendigkeit, die ein
Geschmacksurtheil vorgiebt, ist die Idee eines
Gemeinsinnes 237
§ 21. Ob man mit Grunde einen Gemeinsinn
voraussetzen könne 238
§ 22. Die Nothwendigkeit der allgemeinen
Beistimmung, die in einem Geschmacksurtheil
gedacht wird, ist eine subjective Nothwendigkeit,
die unter der Voraussetzung eines Gemeinsinnes als
objectiv vorgestellt wird 239
Page 10
A l l g e m e i n e A n m e r k u n g zum ersten Abschnitte
der Analytik 240
Zweites Buch. A n a l y t i k d e s E r h a b e n e n
§ 23. Übergang von dem Beurtheilungsvermögen des
Schönen zu dem des Erhabenen 244
§ 24. Von der Eintheilung einer Untersuchung des
Gefühls des Erhabenen 247
A. Vom Mathematisch-Erhabenen 248
§ 25. Namenerklärung des Erhabenen 248
§ 26. Von der Größenschätzung der Naturdinge, die zur
Idee des Erhabenen erforderlich ist 251
§ 27. Von der Qualität des Wohlgefallens in der
Beurtheilung des Erhabenen 257
B. Vom Dynamisch-Erhabenen der Natur 260
§ 28. Von der Natur als einer Macht 260
§ 29. Von der Modalität des Urtheils über das
Erhabene der Natur 264
A l l g e m e i n e A n m e r k u n g zur Exposition der
ästhetischen reflectirenden Urtheile 266
Deduction der reinen ästhetischen
Urtheile 279
§ 30. Die Deduction der ästhetischen Urtheile über die
Gegenstände der Natur darf nicht auf das, was wir in
dieser erhaben nennen, sondern nur auf das Schöne
gerichtet werden 279
§ 31. Von der Methode der Deduction der
Geschmacksurtheile 280
§ 32. Erste Eigenthümlichkeit des Geschmacksurtheils 281
der Analytik 240
Zweites Buch. A n a l y t i k d e s E r h a b e n e n
§ 23. Übergang von dem Beurtheilungsvermögen des
Schönen zu dem des Erhabenen 244
§ 24. Von der Eintheilung einer Untersuchung des
Gefühls des Erhabenen 247
A. Vom Mathematisch-Erhabenen 248
§ 25. Namenerklärung des Erhabenen 248
§ 26. Von der Größenschätzung der Naturdinge, die zur
Idee des Erhabenen erforderlich ist 251
§ 27. Von der Qualität des Wohlgefallens in der
Beurtheilung des Erhabenen 257
B. Vom Dynamisch-Erhabenen der Natur 260
§ 28. Von der Natur als einer Macht 260
§ 29. Von der Modalität des Urtheils über das
Erhabene der Natur 264
A l l g e m e i n e A n m e r k u n g zur Exposition der
ästhetischen reflectirenden Urtheile 266
Deduction der reinen ästhetischen
Urtheile 279
§ 30. Die Deduction der ästhetischen Urtheile über die
Gegenstände der Natur darf nicht auf das, was wir in
dieser erhaben nennen, sondern nur auf das Schöne
gerichtet werden 279
§ 31. Von der Methode der Deduction der
Geschmacksurtheile 280
§ 32. Erste Eigenthümlichkeit des Geschmacksurtheils 281
Page 11
§ 33. Zweite Eigenthümlichkeit des
Geschmacksurtheils 284
§ 34. Es ist kein objectives Princip des Geschmacks
möglich 285
§ 35. Das Princip des Geschmacks ist das subjective
Princip der Urtheilskraft überhaupt 286
§ 36. Von der Aufgabe einer Deduction der
Geschmacksurtheile 287
§ 37. Was wird eigentlich in einem
Geschmacksurtheile von einem Gegenstande a
priori behauptet? 289
§ 38. Deduction der Geschmacksurtheile 289
§ 39. Von der Mittheilbarkeit einer Empfindung 291
§ 40. Vom Geschmacke als einer Art von sensus
communis 293
§ 41. Vom empirischen Interesse am Schönen 296
§ 42. Vom intellectuellen Interesse am Schönen 298
§ 43. Von der Kunst überhaupt 303
§ 44. Von der schönen Kunst 304
§ 45. Schöne Kunst ist eine Kunst, sofern sie zugleich
Natur zu sein scheint 306
§ 46. Schöne Kunst ist Kunst des Genies 307
§ 47. Erläuterung und Bestätigung obiger Erklärung
vom Genie 308
§ 48. Vom Verhältnisse des Genies zum Geschmack 311
§ 49. Von den Vermögen des Gemüths, welche das
Genie ausmachen 313
Geschmacksurtheils 284
§ 34. Es ist kein objectives Princip des Geschmacks
möglich 285
§ 35. Das Princip des Geschmacks ist das subjective
Princip der Urtheilskraft überhaupt 286
§ 36. Von der Aufgabe einer Deduction der
Geschmacksurtheile 287
§ 37. Was wird eigentlich in einem
Geschmacksurtheile von einem Gegenstande a
priori behauptet? 289
§ 38. Deduction der Geschmacksurtheile 289
§ 39. Von der Mittheilbarkeit einer Empfindung 291
§ 40. Vom Geschmacke als einer Art von sensus
communis 293
§ 41. Vom empirischen Interesse am Schönen 296
§ 42. Vom intellectuellen Interesse am Schönen 298
§ 43. Von der Kunst überhaupt 303
§ 44. Von der schönen Kunst 304
§ 45. Schöne Kunst ist eine Kunst, sofern sie zugleich
Natur zu sein scheint 306
§ 46. Schöne Kunst ist Kunst des Genies 307
§ 47. Erläuterung und Bestätigung obiger Erklärung
vom Genie 308
§ 48. Vom Verhältnisse des Genies zum Geschmack 311
§ 49. Von den Vermögen des Gemüths, welche das
Genie ausmachen 313
Page 12
§ 50. Von der Verbindung des Geschmacks mit Genie
in Producten der schönen Kunst 319
§ 51. Von der Eintheilung der schönen Künste 320
§ 52. Von der Verbindung der schönen Künste in einem
und demselben Producte 325
§ 53. Vergleichung des ästhetischen Werths der
schönen Künste untereinander 326
§ 54. Anmerkung 330
Zweiter Abschnitt. Dialektik der ästhetischen Urtheilskraft 337
§ 55. 337
§ 56. Vorstellung der Antinomie des Geschmacks 338
§ 57. Auflösung der Antinomie des Geschmacks 339
§ 58. Vom Idealismus der Zweckmäßigkeit der Natur
sowohl als Kunst, als dem alleinigen Princip der
ästhetischen Urtheilskraft 346
§ 59. Von der Schönheit als Symbol der Sittlichkeit 351
§ 60. Anhang. Von der Methodenlehre des
Geschmacks 354
Zweiter Theil. Kritik der teleologischen Urtheilskraft 357
§ 61. Von der objectiven Zweckmäßigkeit der Natur 359
Erste Abtheilung. Analytik der teleologischen
Urtheilskraft 362
§ 62. Von der objectiven Zweckmäßigkeit, die bloß
formal ist, zum Unterschiede von der materialen 362
§ 63. Von der relativen Zweckmäßigkeit der Natur zum
Unterschiede von der innern 366
in Producten der schönen Kunst 319
§ 51. Von der Eintheilung der schönen Künste 320
§ 52. Von der Verbindung der schönen Künste in einem
und demselben Producte 325
§ 53. Vergleichung des ästhetischen Werths der
schönen Künste untereinander 326
§ 54. Anmerkung 330
Zweiter Abschnitt. Dialektik der ästhetischen Urtheilskraft 337
§ 55. 337
§ 56. Vorstellung der Antinomie des Geschmacks 338
§ 57. Auflösung der Antinomie des Geschmacks 339
§ 58. Vom Idealismus der Zweckmäßigkeit der Natur
sowohl als Kunst, als dem alleinigen Princip der
ästhetischen Urtheilskraft 346
§ 59. Von der Schönheit als Symbol der Sittlichkeit 351
§ 60. Anhang. Von der Methodenlehre des
Geschmacks 354
Zweiter Theil. Kritik der teleologischen Urtheilskraft 357
§ 61. Von der objectiven Zweckmäßigkeit der Natur 359
Erste Abtheilung. Analytik der teleologischen
Urtheilskraft 362
§ 62. Von der objectiven Zweckmäßigkeit, die bloß
formal ist, zum Unterschiede von der materialen 362
§ 63. Von der relativen Zweckmäßigkeit der Natur zum
Unterschiede von der innern 366
Page 13
§ 64. Von dem eigenthümlichen Charakter der Dinge
als Naturzwecke 369
§ 65. Dinge als Naturzwecke sind organisirte Wesen 372
§ 66. Vom Princip der Beurtheilung der innern
Zweckmäßigkeit in organisirten Wesen 376
§ 67. Vom Princip der teleologischen Beurtheilung der
Natur überhaupt als System der Zwecke 377
§ 68. Von dem Princip der Teleologie als innerem
Princip der Naturwissenschaft 381
Zweite Abtheilung. Dialektik der teleologischen
Urtheilskraft 385
§ 69. Was eine Antinomie der Urtheilskraft sei 385
§ 70. Vorstellung dieser Antinomie 386
§ 71. Vorbereitung zur Auflösung obiger Antinomie 388
§ 72. Von den mancherlei Systemen über die
Zweckmäßigkeit der Natur 389
§ 73. Keines der obigen Systeme leistet das, was es
vorgiebt 392
§ 74. Die Ursache der Unmöglichkeit, den Begriff
einer Technik der Natur dogmatisch zu behandeln,
ist die Unerklärlichkeit eines Naturzwecks 395
§ 75. Der Begriff einer objectiven Zweckmäßigkeit der
Natur ist ein kritisches Princip der Vernunft für die
reflectirende Urtheilskraft 397
§ 76. Anmerkung 401
§ 77. Von der Eigenthümlichkeit des menschlichen
Verstandes, wodurch uns der Begriff eines
Naturzwecks möglich wird 405
als Naturzwecke 369
§ 65. Dinge als Naturzwecke sind organisirte Wesen 372
§ 66. Vom Princip der Beurtheilung der innern
Zweckmäßigkeit in organisirten Wesen 376
§ 67. Vom Princip der teleologischen Beurtheilung der
Natur überhaupt als System der Zwecke 377
§ 68. Von dem Princip der Teleologie als innerem
Princip der Naturwissenschaft 381
Zweite Abtheilung. Dialektik der teleologischen
Urtheilskraft 385
§ 69. Was eine Antinomie der Urtheilskraft sei 385
§ 70. Vorstellung dieser Antinomie 386
§ 71. Vorbereitung zur Auflösung obiger Antinomie 388
§ 72. Von den mancherlei Systemen über die
Zweckmäßigkeit der Natur 389
§ 73. Keines der obigen Systeme leistet das, was es
vorgiebt 392
§ 74. Die Ursache der Unmöglichkeit, den Begriff
einer Technik der Natur dogmatisch zu behandeln,
ist die Unerklärlichkeit eines Naturzwecks 395
§ 75. Der Begriff einer objectiven Zweckmäßigkeit der
Natur ist ein kritisches Princip der Vernunft für die
reflectirende Urtheilskraft 397
§ 76. Anmerkung 401
§ 77. Von der Eigenthümlichkeit des menschlichen
Verstandes, wodurch uns der Begriff eines
Naturzwecks möglich wird 405
Page 14
§ 78. Von der Vereinigung des Princips des
allgemeinen Mechanismus der Materie mit dem
teleologischen in der Technik der Natur 410
Anhang. Methodenlehre der teleologischen Urtheilskraft 416
§ 79. Ob die Teleologie als zur Naturlehre gehörend
abgehandelt werden müsse 416
§ 80. Von der nothwendigen Unterordnung des
Princips des Mechanismus unter dem teleologischen
in Erklärung eines Dinges als Naturzwecks 417
§ 81. Von der Beigesellung des Mechanismus zum
teleologischen Princip in der Erklärung eines
Naturzwecks als Naturproducts 421
§ 82. Von dem teleologischen System in den äußern
Verhältnissen organisirter Wesen 425
§ 83. Von dem letzten Zwecke der Natur als eines
teleologischen Systems 429
§ 84. Von dem Endzwecke des Daseins einer Welt, d. i.
der Schöpfung selbst 434
§ 85. Von der Physikotheologie 436
§ 86. Von der Ethikotheologie 442
§ 87. Von dem moralischen Beweise des Daseins
Gottes 447
§ 88. Beschränkung der Gültigkeit des moralischen
Beweises 453
§ 89. Von dem Nutzen des moralischen Arguments 459
§ 90. Von der Art des Fürwahrhaltens in einem
teleologischen Beweise des Daseins Gottes 461
§ 91. Von der Art des Fürwahrhaltens durch einen
praktischen Glauben 467
allgemeinen Mechanismus der Materie mit dem
teleologischen in der Technik der Natur 410
Anhang. Methodenlehre der teleologischen Urtheilskraft 416
§ 79. Ob die Teleologie als zur Naturlehre gehörend
abgehandelt werden müsse 416
§ 80. Von der nothwendigen Unterordnung des
Princips des Mechanismus unter dem teleologischen
in Erklärung eines Dinges als Naturzwecks 417
§ 81. Von der Beigesellung des Mechanismus zum
teleologischen Princip in der Erklärung eines
Naturzwecks als Naturproducts 421
§ 82. Von dem teleologischen System in den äußern
Verhältnissen organisirter Wesen 425
§ 83. Von dem letzten Zwecke der Natur als eines
teleologischen Systems 429
§ 84. Von dem Endzwecke des Daseins einer Welt, d. i.
der Schöpfung selbst 434
§ 85. Von der Physikotheologie 436
§ 86. Von der Ethikotheologie 442
§ 87. Von dem moralischen Beweise des Daseins
Gottes 447
§ 88. Beschränkung der Gültigkeit des moralischen
Beweises 453
§ 89. Von dem Nutzen des moralischen Arguments 459
§ 90. Von der Art des Fürwahrhaltens in einem
teleologischen Beweise des Daseins Gottes 461
§ 91. Von der Art des Fürwahrhaltens durch einen
praktischen Glauben 467
Page 15
A l l g e m e i n e A n m e r k u n g z u r Te l e o l o g i e 475
Anmerkungen 510
Anmerkungen 510
Page 16
Kritik
der
Urtheilskraft
von
Immanuel Kant.
der
Urtheilskraft
von
Immanuel Kant.
Page 17
Vorrede III
zur ersten Auflage, 1790.
Man kann das Vermögen der Erkenntniß aus Principien a priori d i e
r e i n e Ve r n u n f t und die Untersuchung der Möglichkeit und Gränzen
derselben überhaupt die Kritik der reinen Vernunft nennen: ob man gleich
5 unter diesem Vermögen nur die Vernunft in ihrem theoretischen
Gebrauche versteht, wie es auch in dem ersten Werke unter jener
Benennung geschehen ist, ohne noch ihr Vermögen als praktische Vernunft
nach ihren besonderen Principien in Untersuchung ziehen zu wollen. Jene
geht alsdann bloß auf unser Vermögen, Dinge a priori zu erkennen, und
beschäftigt 10 sich also nur mit dem E r k e n n t n i ß v e r m ö g e n mit
Ausschließung des Gefühls der Lust und Unlust und des
Begehrungsvermögens; und unter den Erkenntnißvermögen mit dem
Ve r s t a n d e nach seinen Principien a priori mit Ausschließung der
U r t h e i l s k r a f t und der Ve r n u n f t (als IV zum theoretischen
Erkenntniß gleichfalls gehöriger Vermögen), weil es sich 15 in dem
Fortgange findet, daß kein anderes Erkenntnißvermögen als der Verstand
constitutive Erkenntnißprincipien a priori an die Hand geben kann. Die
Kritik also, welche sie insgesammt nach dem Antheile, den jedes der
anderen an dem baaren Besitz der Erkenntniß aus eigener Wurzel zu haben
vorgeben möchte, sichtet, läßt nichts übrig, als was der Ve r s t a n d 20 a
priori als Gesetz für die Natur, als den Inbegriff von Erscheinungen (deren
Form eben sowohl a priori gegeben ist), vorschreibt; verweiset aber alle
andere reine Begriffe unter die Ideen, die für unser theoretisches
Erkenntnißvermögen überschwenglich, dabei aber doch nicht etwa unnütz
oder entbehrlich sind, sondern als regulative Principien dienen: theils die
besorglichen 25 Anmaßungen des Verstandes, als ob er (indem er a priori
die Bedingungen der Möglichkeit aller Dinge, die er erkennen kann,
anzugeben vermag) dadurch auch die Möglichkeit aller Dinge überhaupt in
diesen Gränzen beschlossen habe, zurück zu halten, theils um ihn selbst in
der Betrachtung der Natur nach einem Princip der Vollständigkeit, wiewohl
V er sie nie erreichen kann, zu leiten und dadurch die Endabsicht alles
Erkenntnisses zu befördern. 5
zur ersten Auflage, 1790.
Man kann das Vermögen der Erkenntniß aus Principien a priori d i e
r e i n e Ve r n u n f t und die Untersuchung der Möglichkeit und Gränzen
derselben überhaupt die Kritik der reinen Vernunft nennen: ob man gleich
5 unter diesem Vermögen nur die Vernunft in ihrem theoretischen
Gebrauche versteht, wie es auch in dem ersten Werke unter jener
Benennung geschehen ist, ohne noch ihr Vermögen als praktische Vernunft
nach ihren besonderen Principien in Untersuchung ziehen zu wollen. Jene
geht alsdann bloß auf unser Vermögen, Dinge a priori zu erkennen, und
beschäftigt 10 sich also nur mit dem E r k e n n t n i ß v e r m ö g e n mit
Ausschließung des Gefühls der Lust und Unlust und des
Begehrungsvermögens; und unter den Erkenntnißvermögen mit dem
Ve r s t a n d e nach seinen Principien a priori mit Ausschließung der
U r t h e i l s k r a f t und der Ve r n u n f t (als IV zum theoretischen
Erkenntniß gleichfalls gehöriger Vermögen), weil es sich 15 in dem
Fortgange findet, daß kein anderes Erkenntnißvermögen als der Verstand
constitutive Erkenntnißprincipien a priori an die Hand geben kann. Die
Kritik also, welche sie insgesammt nach dem Antheile, den jedes der
anderen an dem baaren Besitz der Erkenntniß aus eigener Wurzel zu haben
vorgeben möchte, sichtet, läßt nichts übrig, als was der Ve r s t a n d 20 a
priori als Gesetz für die Natur, als den Inbegriff von Erscheinungen (deren
Form eben sowohl a priori gegeben ist), vorschreibt; verweiset aber alle
andere reine Begriffe unter die Ideen, die für unser theoretisches
Erkenntnißvermögen überschwenglich, dabei aber doch nicht etwa unnütz
oder entbehrlich sind, sondern als regulative Principien dienen: theils die
besorglichen 25 Anmaßungen des Verstandes, als ob er (indem er a priori
die Bedingungen der Möglichkeit aller Dinge, die er erkennen kann,
anzugeben vermag) dadurch auch die Möglichkeit aller Dinge überhaupt in
diesen Gränzen beschlossen habe, zurück zu halten, theils um ihn selbst in
der Betrachtung der Natur nach einem Princip der Vollständigkeit, wiewohl
V er sie nie erreichen kann, zu leiten und dadurch die Endabsicht alles
Erkenntnisses zu befördern. 5
Page 18
Es war also eigentlich der Ve r s t a n d, der sein eigenes Gebiet und zwar im
Erkenntnißvermögen hat, sofern er constitutive
Erkenntnißprincipien a priori enthält, welcher durch die im Allgemeinen so
benannte Kritik der reinen Vernunft gegen alle übrige Competenten in
sicheren alleinigen Besitz gesetzt werden sollte. Eben so ist der
Ve r n u n f t, welche 10 nirgend als lediglich in Ansehung des
B e g e h r u n g s v e r m ö g e n s constitutive Principien a priori enthält, in
der Kritik der praktischen Vernunft ihr Besitz angewiesen worden.
Ob nun die U r t h e i l s k r a f t, die in der Ordnung unserer
Erkenntnißvermögen zwischen dem Verstande und der Vernunft ein
Mittelglied 15 ausmacht, auch für sich Principien a priori habe; ob diese
constitutiv oder bloß regulativ sind (und also kein eigenes Gebiet
beweisen), und ob sie dem Gefühle der Lust und Unlust, als dem
Mittelgliede zwischen dem Erkenntnißvermögen und
Begehrungsvermögen, (eben so wie der Verstand dem ersteren, die Vernunft
aber dem letzteren a priori Gesetze vorschreiben) 20 VI a priori die Regel
gebe: das ist es, womit sich gegenwärtige Kritik der Urtheilskraft
beschäftigt.
Eine Kritik der reinen Vernunft, d. i. unseres Vermögens nach Principien a
priori zu urtheilen, würde unvollständig sein, wenn die der Urtheilskraft,
welche für sich als Erkenntnißvermögen darauf auch Anspruch 25 macht,
nicht als ein besonderer Theil derselben abgehandelt würde; obgleich ihre
Principien in einem System der reinen Philosophie keinen besonderen Theil
zwischen der theoretischen und praktischen ausmachen dürfen, sondern im
Nothfalle jedem von beiden gelegentlich angeschlossen werden können.
Denn wenn ein solches System unter dem allgemeinen Namen 30 der
Metaphysik einmal zu Stande kommen soll (welches ganz vollständig zu
bewerkstelligen, möglich und für den Gebrauch der Vernunft in aller
Beziehung höchst wichtig ist): so muß die Kritik den Boden zu diesem
Gebäude vorher so tief, als die erste Grundlage des Vermögens von der
Erfahrung unabhängiger Principien liegt, erforscht haben, damit 35 es nicht
an irgend einem Theile sinke, welches den Einsturz des Ganzen
unvermeidlich nach sich ziehen würde.
Man kann aber aus der Natur der Urtheilskraft (deren richtiger Gebrauch VII
so nothwendig und allgemein erforderlich ist, daß daher unter dem Namen
Erkenntnißvermögen hat, sofern er constitutive
Erkenntnißprincipien a priori enthält, welcher durch die im Allgemeinen so
benannte Kritik der reinen Vernunft gegen alle übrige Competenten in
sicheren alleinigen Besitz gesetzt werden sollte. Eben so ist der
Ve r n u n f t, welche 10 nirgend als lediglich in Ansehung des
B e g e h r u n g s v e r m ö g e n s constitutive Principien a priori enthält, in
der Kritik der praktischen Vernunft ihr Besitz angewiesen worden.
Ob nun die U r t h e i l s k r a f t, die in der Ordnung unserer
Erkenntnißvermögen zwischen dem Verstande und der Vernunft ein
Mittelglied 15 ausmacht, auch für sich Principien a priori habe; ob diese
constitutiv oder bloß regulativ sind (und also kein eigenes Gebiet
beweisen), und ob sie dem Gefühle der Lust und Unlust, als dem
Mittelgliede zwischen dem Erkenntnißvermögen und
Begehrungsvermögen, (eben so wie der Verstand dem ersteren, die Vernunft
aber dem letzteren a priori Gesetze vorschreiben) 20 VI a priori die Regel
gebe: das ist es, womit sich gegenwärtige Kritik der Urtheilskraft
beschäftigt.
Eine Kritik der reinen Vernunft, d. i. unseres Vermögens nach Principien a
priori zu urtheilen, würde unvollständig sein, wenn die der Urtheilskraft,
welche für sich als Erkenntnißvermögen darauf auch Anspruch 25 macht,
nicht als ein besonderer Theil derselben abgehandelt würde; obgleich ihre
Principien in einem System der reinen Philosophie keinen besonderen Theil
zwischen der theoretischen und praktischen ausmachen dürfen, sondern im
Nothfalle jedem von beiden gelegentlich angeschlossen werden können.
Denn wenn ein solches System unter dem allgemeinen Namen 30 der
Metaphysik einmal zu Stande kommen soll (welches ganz vollständig zu
bewerkstelligen, möglich und für den Gebrauch der Vernunft in aller
Beziehung höchst wichtig ist): so muß die Kritik den Boden zu diesem
Gebäude vorher so tief, als die erste Grundlage des Vermögens von der
Erfahrung unabhängiger Principien liegt, erforscht haben, damit 35 es nicht
an irgend einem Theile sinke, welches den Einsturz des Ganzen
unvermeidlich nach sich ziehen würde.
Man kann aber aus der Natur der Urtheilskraft (deren richtiger Gebrauch VII
so nothwendig und allgemein erforderlich ist, daß daher unter dem Namen
Page 19
des gesunden Verstandes kein anderes, als eben dieses Vermögen gemeint
wird) leicht abnehmen, daß es mit großen Schwierigkeiten begleitet sein
müsse, ein eigentümliches Princip derselben auszufinden (denn 5 irgend
eins muß sie a priori in sich enthalten, weil sie sonst nicht, als ein
besonderes Erkenntnißvermögen, selbst der gemeinsten Kritik ausgesetzt
sein würde), welches gleichwohl nicht aus Begriffen a priori abgeleitet sein
muß; denn die gehören dem Verstande an, und die Urtheilskraft geht nur auf
die Anwendung derselben. Sie soll also selbst einen Begriff angeben, 10
durch den eigentlich kein Ding erkannt wird, sondern der nur ihr selbst zur
Regel dient, aber nicht zu einer objectiven, der sie ihr Urtheil anpassen
kann, weil dazu wiederum eine andere Urtheilskraft erforderlich sein
würde, um unterscheiden zu können, ob es der Fall der Regel sei oder nicht.
Diese Verlegenheit wegen eines Princips (es sei nun ein subjectives 15 oder
objectives) findet sich hauptsächlich in denjenigen Beurtheilungen, die man
ästhetisch nennt, die das Schöne und Erhabne der Natur oder der VIII Kunst
betreffen. Und gleichwohl ist die kritische Untersuchung eines Princips der
Urtheilskraft in denselben das wichtigste Stück einer Kritik dieses
Vermögens. Denn ob sie gleich für sich allein zum Erkenntniß der Dinge 20
gar nichts beitragen, so gehören sie doch dem Erkenntnißvermögen allein
an und beweisen eine unmittelbare Beziehung dieses Vermögens auf das
Gefühl der Lust oder Unlust nach irgend einem Princip a priori, ohne es mit
dem, was Bestimmungsgrund des Begehrungsvermögens sein kann, zu
vermengen, weil dieses seine Principien a priori in Begriffen der Vernunft
25 hat. — Was aber die logische Beurtheilung der Natur anbelangt, da, wo
die Erfahrung eine Gesetzmäßigkeit an Dingen aufstellt, welche zu
verstehen oder zu erklären der allgemeine Verstandesbegriff vom
Sinnlichen nicht mehr zulangt, und die Urtheilskraft aus sich selbst ein
Princip der Beziehung des Naturdinges auf das unerkennbare Übersinnliche
30 nehmen kann, es auch nur in Absicht auf sich selbst zum Erkenntniß der
Natur brauchen muß, da kann und muß ein solches Princip a priori zwar
zum E r k e n n t n i ß der Weltwesen angewandt werden und eröffnet
zugleich IX Aussichten, die für die praktische Vernunft vorteilhaft sind: aber
es hat keine unmittelbare Beziehung auf das Gefühl der Lust und Unlust,
die 35 gerade das Räthselhafte in dem Princip der Urtheilskraft ist, welches
eine besondere Abtheilung in der Kritik für dieses Vermögen nothwendig
macht, da die logische Beurtheilung nach Begriffen (aus welchen niemals
wird) leicht abnehmen, daß es mit großen Schwierigkeiten begleitet sein
müsse, ein eigentümliches Princip derselben auszufinden (denn 5 irgend
eins muß sie a priori in sich enthalten, weil sie sonst nicht, als ein
besonderes Erkenntnißvermögen, selbst der gemeinsten Kritik ausgesetzt
sein würde), welches gleichwohl nicht aus Begriffen a priori abgeleitet sein
muß; denn die gehören dem Verstande an, und die Urtheilskraft geht nur auf
die Anwendung derselben. Sie soll also selbst einen Begriff angeben, 10
durch den eigentlich kein Ding erkannt wird, sondern der nur ihr selbst zur
Regel dient, aber nicht zu einer objectiven, der sie ihr Urtheil anpassen
kann, weil dazu wiederum eine andere Urtheilskraft erforderlich sein
würde, um unterscheiden zu können, ob es der Fall der Regel sei oder nicht.
Diese Verlegenheit wegen eines Princips (es sei nun ein subjectives 15 oder
objectives) findet sich hauptsächlich in denjenigen Beurtheilungen, die man
ästhetisch nennt, die das Schöne und Erhabne der Natur oder der VIII Kunst
betreffen. Und gleichwohl ist die kritische Untersuchung eines Princips der
Urtheilskraft in denselben das wichtigste Stück einer Kritik dieses
Vermögens. Denn ob sie gleich für sich allein zum Erkenntniß der Dinge 20
gar nichts beitragen, so gehören sie doch dem Erkenntnißvermögen allein
an und beweisen eine unmittelbare Beziehung dieses Vermögens auf das
Gefühl der Lust oder Unlust nach irgend einem Princip a priori, ohne es mit
dem, was Bestimmungsgrund des Begehrungsvermögens sein kann, zu
vermengen, weil dieses seine Principien a priori in Begriffen der Vernunft
25 hat. — Was aber die logische Beurtheilung der Natur anbelangt, da, wo
die Erfahrung eine Gesetzmäßigkeit an Dingen aufstellt, welche zu
verstehen oder zu erklären der allgemeine Verstandesbegriff vom
Sinnlichen nicht mehr zulangt, und die Urtheilskraft aus sich selbst ein
Princip der Beziehung des Naturdinges auf das unerkennbare Übersinnliche
30 nehmen kann, es auch nur in Absicht auf sich selbst zum Erkenntniß der
Natur brauchen muß, da kann und muß ein solches Princip a priori zwar
zum E r k e n n t n i ß der Weltwesen angewandt werden und eröffnet
zugleich IX Aussichten, die für die praktische Vernunft vorteilhaft sind: aber
es hat keine unmittelbare Beziehung auf das Gefühl der Lust und Unlust,
die 35 gerade das Räthselhafte in dem Princip der Urtheilskraft ist, welches
eine besondere Abtheilung in der Kritik für dieses Vermögen nothwendig
macht, da die logische Beurtheilung nach Begriffen (aus welchen niemals
Page 20
eine unmittelbare Folgerung auf das Gefühl der Lust und Unlust gezogen
werden kann) allenfalls dem theoretischen Theile der Philosophie sammt
einer kritischen Einschränkung derselben hätte angehängt werden können.
Da die Untersuchung des Geschmacksvermögens, als ästhetischer
Urtheilskraft, 5 hier nicht zur Bildung und Cultur des Geschmacks (denn
diese wird auch ohne alle solche Nachforschungen, wie bisher, so fernerhin,
ihren Gang nehmen), sondern bloß in transscendentaler Absicht angestellt
wird: so wird sie, wie ich mir schmeichle, in Ansehung der
Mangelhaftigkeit jenes Zwecks auch mit Nachsicht beurtheilt werden. Was
aber die letztere Absicht 10 betrifft, so muß sie sich auf die strengste
Prüfung gefaßt machen. Aber auch da kann die große Schwierigkeit, ein
Problem, welches die Natur so verwickelt hat, aufzulösen, einiger nicht
ganz zu vermeidenden Dunkelheit X in der Auflösung desselben, wie ich
hoffe, zur Entschuldigung dienen, wenn nur, daß das Princip richtig
angegeben worden, klar genug dargethan 15 ist; gesetzt, die Art das
Phänomen der Urtheilskraft davon abzuleiten habe nicht alle Deutlichkeit,
die man anderwärts, nämlich von einem Erkenntniß nach Begriffen, mit
Recht fordern kann, die ich auch im zweiten Theile dieses Werks erreicht zu
haben glaube.
Hiemit endige ich also mein ganzes kritisches Geschäft. Ich werde 20
ungesäumt zum doctrinalen schreiten, um wo möglich meinem
zunehmenden Alter die dazu noch einigermaßen günstige Zeit noch
abzugewinnen. Es versteht sich von selbst, daß für die Urtheilskraft darin
kein besonderer Theil sei, weil in Ansehung derselben die Kritik statt der
Theorie dient; sondern daß nach der Eintheilung der Philosophie in die
theoretische und 25 praktische und der reinen in eben solche Theile die
Metaphysik der Natur und die der Sitten jenes Geschäft ausmachen werden.
werden kann) allenfalls dem theoretischen Theile der Philosophie sammt
einer kritischen Einschränkung derselben hätte angehängt werden können.
Da die Untersuchung des Geschmacksvermögens, als ästhetischer
Urtheilskraft, 5 hier nicht zur Bildung und Cultur des Geschmacks (denn
diese wird auch ohne alle solche Nachforschungen, wie bisher, so fernerhin,
ihren Gang nehmen), sondern bloß in transscendentaler Absicht angestellt
wird: so wird sie, wie ich mir schmeichle, in Ansehung der
Mangelhaftigkeit jenes Zwecks auch mit Nachsicht beurtheilt werden. Was
aber die letztere Absicht 10 betrifft, so muß sie sich auf die strengste
Prüfung gefaßt machen. Aber auch da kann die große Schwierigkeit, ein
Problem, welches die Natur so verwickelt hat, aufzulösen, einiger nicht
ganz zu vermeidenden Dunkelheit X in der Auflösung desselben, wie ich
hoffe, zur Entschuldigung dienen, wenn nur, daß das Princip richtig
angegeben worden, klar genug dargethan 15 ist; gesetzt, die Art das
Phänomen der Urtheilskraft davon abzuleiten habe nicht alle Deutlichkeit,
die man anderwärts, nämlich von einem Erkenntniß nach Begriffen, mit
Recht fordern kann, die ich auch im zweiten Theile dieses Werks erreicht zu
haben glaube.
Hiemit endige ich also mein ganzes kritisches Geschäft. Ich werde 20
ungesäumt zum doctrinalen schreiten, um wo möglich meinem
zunehmenden Alter die dazu noch einigermaßen günstige Zeit noch
abzugewinnen. Es versteht sich von selbst, daß für die Urtheilskraft darin
kein besonderer Theil sei, weil in Ansehung derselben die Kritik statt der
Theorie dient; sondern daß nach der Eintheilung der Philosophie in die
theoretische und 25 praktische und der reinen in eben solche Theile die
Metaphysik der Natur und die der Sitten jenes Geschäft ausmachen werden.
Page 21
Einleitung. XI
I.
Von der Eintheilung der Philosophie.
Wenn man die Philosophie, sofern sie Principien der Vernunfterkenntniß der
Dinge (nicht bloß wie die Logik Principien der Form des 5 Denkens
überhaupt ohne Unterschied der Objecte) durch Begriffe enthält, wie
gewöhnlich in die t h e o r e t i s c h e und p r a k t i s c h e eintheilt: so
verfährt man ganz recht. Aber alsdann müssen auch die Begriffe, welche
den Principien dieser Vernunfterkenntniß ihr Object anweisen, specifisch
verschieden sein, weil sie sonst zu keiner Eintheilung berechtigen würden,
welche 10 jederzeit eine Entgegensetzung der Principien der zu den
verschiedenen Theilen einer Wissenschaft gehörigen Vernunfterkenntniß
voraussetzt.
Es sind aber nur zweierlei Begriffe, welche eben so viel verschiedene
Principien der Möglichkeit ihrer Gegenstände zulassen: nämlich die
N a t u r b e g r i f f e und der F r e i h e i t s b e g r i f f. Da nun die ersteren ein
15 t h e o r e t i s c h e s Erkenntniß nach Principien a priori möglich
machen, der XII zweite aber in Ansehung derselben nur ein negatives
Princip (der bloßen Entgegensetzung) schon in seinem Begriffe bei sich
führt, dagegen für die Willensbestimmung erweiternde Grundsätze, welche
darum praktisch heißen, errichtet: so wird die Philosophie in zwei den
Principien nach 20 ganz verschiedene Theile, in die theoretische als
N a t u r p h i l o s o p h i e und die praktische als M o r a l p h i l o s o p h i e
(denn so wird die praktische Gesetzgebung der Vernunft nach dem
Freiheitsbegriffe genannt), mit Recht eingetheilt. Es hat aber bisher ein
großer Mißbrauch mit diesen Ausdrücken zur Eintheilung der
verschiedenen Principien und mit ihnen auch 25 der Philosophie
geherrscht: indem man das Praktische nach Naturbegriffen mit dem
Praktischen nach dem Freiheitsbegriffe für einerlei nahm und so unter
denselben Benennungen einer theoretischen und praktischen Philosophie
eine Eintheilung machte, durch welche (da beide Theile einerlei Principien
haben konnten) in der That nichts eingetheilt war.
I.
Von der Eintheilung der Philosophie.
Wenn man die Philosophie, sofern sie Principien der Vernunfterkenntniß der
Dinge (nicht bloß wie die Logik Principien der Form des 5 Denkens
überhaupt ohne Unterschied der Objecte) durch Begriffe enthält, wie
gewöhnlich in die t h e o r e t i s c h e und p r a k t i s c h e eintheilt: so
verfährt man ganz recht. Aber alsdann müssen auch die Begriffe, welche
den Principien dieser Vernunfterkenntniß ihr Object anweisen, specifisch
verschieden sein, weil sie sonst zu keiner Eintheilung berechtigen würden,
welche 10 jederzeit eine Entgegensetzung der Principien der zu den
verschiedenen Theilen einer Wissenschaft gehörigen Vernunfterkenntniß
voraussetzt.
Es sind aber nur zweierlei Begriffe, welche eben so viel verschiedene
Principien der Möglichkeit ihrer Gegenstände zulassen: nämlich die
N a t u r b e g r i f f e und der F r e i h e i t s b e g r i f f. Da nun die ersteren ein
15 t h e o r e t i s c h e s Erkenntniß nach Principien a priori möglich
machen, der XII zweite aber in Ansehung derselben nur ein negatives
Princip (der bloßen Entgegensetzung) schon in seinem Begriffe bei sich
führt, dagegen für die Willensbestimmung erweiternde Grundsätze, welche
darum praktisch heißen, errichtet: so wird die Philosophie in zwei den
Principien nach 20 ganz verschiedene Theile, in die theoretische als
N a t u r p h i l o s o p h i e und die praktische als M o r a l p h i l o s o p h i e
(denn so wird die praktische Gesetzgebung der Vernunft nach dem
Freiheitsbegriffe genannt), mit Recht eingetheilt. Es hat aber bisher ein
großer Mißbrauch mit diesen Ausdrücken zur Eintheilung der
verschiedenen Principien und mit ihnen auch 25 der Philosophie
geherrscht: indem man das Praktische nach Naturbegriffen mit dem
Praktischen nach dem Freiheitsbegriffe für einerlei nahm und so unter
denselben Benennungen einer theoretischen und praktischen Philosophie
eine Eintheilung machte, durch welche (da beide Theile einerlei Principien
haben konnten) in der That nichts eingetheilt war.
Page 22
Der Wille, als Begehrungsvermögen, ist nämlich eine von den mancherlei
Naturursachen in der Welt, nämlich diejenige, welche nach Begriffen 5
wirkt; und Alles, was als durch einen Willen möglich (oder nothwendig)
vorgestellt wird, heißt praktisch-möglich (oder nothwendig): zum
Unterschiede von der physischen Möglichkeit oder Nothwendigkeit einer
Wirkung, wozu die Ursache nicht durch Begriffe (sondern wie bei der
leblosen XIII Materie durch Mechanism und bei Thieren durch Instinct) zur
10 Causalität bestimmt wird. — Hier wird nun in Ansehung des
Praktischen unbestimmt gelassen: ob der Begriff, der der Causalität des
Willens die Regel giebt, ein Naturbegriff, oder ein Freiheitsbegriff sei.
Der letztere Unterschied aber ist wesentlich. Denn ist der die Causalität
bestimmende Begriff ein Naturbegriff, so sind die Principien
t e c h n i s c h - p r a k t i s c h; 15 ist er aber ein Freiheitsbegriff, so sind
diese m o r a l i s c h - p r a k t i s c h: und weil es in der Eintheilung einer
Vernunftwissenschaft gänzlich auf diejenige Verschiedenheit der
Gegenstände ankommt, deren Erkenntniß verschiedener Principien bedarf,
so werden die ersteren zur theoretischen Philosophie (als Naturlehre)
gehören, die andern aber ganz 20 allein den zweiten Theil, nämlich (als
Sittenlehre) die praktische Philosophie, ausmachen.
Alle technisch-praktische Regeln (d. i. die der Kunst und Geschicklichkeit
überhaupt, oder auch der Klugheit, als einer Geschicklichkeit auf Menschen
und ihren Willen Einfluß zu haben), so fern ihre Principien 25 auf
Begriffen beruhen, müssen nur als Corollarien zur theoretischen
Philosophie gezählt werden. Denn sie betreffen nur die Möglichkeit der
Dinge nach Naturbegriffen, wozu nicht allein die Mittel, die in der Natur
dazu anzutreffen sind, sondern selbst der Wille (als Begehrungs-, mithin als
Naturvermögen) gehört, sofern er durch Triebfedern der Natur jenen Regeln
30 XIV gemäß bestimmt werden kann. Doch heißen dergleichen praktische
Regeln nicht Gesetze (etwa so wie physische), sondern nur Vorschriften:
und zwar darum, weil der Wille nicht bloß unter dem Naturbegriffe,
sondern auch unter dem Freiheitsbegriffe steht, in Beziehung auf welchen
die Principien desselben Gesetze heißen und mit ihren Folgerungen den
zweiten 35 Theil der Philosophie, nämlich den praktischen, allein
ausmachen.
Naturursachen in der Welt, nämlich diejenige, welche nach Begriffen 5
wirkt; und Alles, was als durch einen Willen möglich (oder nothwendig)
vorgestellt wird, heißt praktisch-möglich (oder nothwendig): zum
Unterschiede von der physischen Möglichkeit oder Nothwendigkeit einer
Wirkung, wozu die Ursache nicht durch Begriffe (sondern wie bei der
leblosen XIII Materie durch Mechanism und bei Thieren durch Instinct) zur
10 Causalität bestimmt wird. — Hier wird nun in Ansehung des
Praktischen unbestimmt gelassen: ob der Begriff, der der Causalität des
Willens die Regel giebt, ein Naturbegriff, oder ein Freiheitsbegriff sei.
Der letztere Unterschied aber ist wesentlich. Denn ist der die Causalität
bestimmende Begriff ein Naturbegriff, so sind die Principien
t e c h n i s c h - p r a k t i s c h; 15 ist er aber ein Freiheitsbegriff, so sind
diese m o r a l i s c h - p r a k t i s c h: und weil es in der Eintheilung einer
Vernunftwissenschaft gänzlich auf diejenige Verschiedenheit der
Gegenstände ankommt, deren Erkenntniß verschiedener Principien bedarf,
so werden die ersteren zur theoretischen Philosophie (als Naturlehre)
gehören, die andern aber ganz 20 allein den zweiten Theil, nämlich (als
Sittenlehre) die praktische Philosophie, ausmachen.
Alle technisch-praktische Regeln (d. i. die der Kunst und Geschicklichkeit
überhaupt, oder auch der Klugheit, als einer Geschicklichkeit auf Menschen
und ihren Willen Einfluß zu haben), so fern ihre Principien 25 auf
Begriffen beruhen, müssen nur als Corollarien zur theoretischen
Philosophie gezählt werden. Denn sie betreffen nur die Möglichkeit der
Dinge nach Naturbegriffen, wozu nicht allein die Mittel, die in der Natur
dazu anzutreffen sind, sondern selbst der Wille (als Begehrungs-, mithin als
Naturvermögen) gehört, sofern er durch Triebfedern der Natur jenen Regeln
30 XIV gemäß bestimmt werden kann. Doch heißen dergleichen praktische
Regeln nicht Gesetze (etwa so wie physische), sondern nur Vorschriften:
und zwar darum, weil der Wille nicht bloß unter dem Naturbegriffe,
sondern auch unter dem Freiheitsbegriffe steht, in Beziehung auf welchen
die Principien desselben Gesetze heißen und mit ihren Folgerungen den
zweiten 35 Theil der Philosophie, nämlich den praktischen, allein
ausmachen.
Page 23
So wenig also die Auflösung der Probleme der reinen Geometrie zu einem
besonderen Theile derselben gehört, oder die Feldmeßkunst den Namen
einer praktischen Geometrie zum Unterschiede von der reinen als ein
zweiter Theil der Geometrie überhaupt verdient: so und noch weniger darf
die mechanische oder chemische Kunst der Experimente oder der
Beobachtungen für einen praktischen Theil der Naturlehre, endlich die
Haus-, 5 Land-, Staatswirthschaft, die Kunst des Umganges, die Vorschrift
der Diätetik, selbst nicht die allgemeine Glückseligkeitslehre, sogar nicht
einmal die Bezähmung der Neigungen und Bändigung der Affecten zum
Behuf der letzteren zur praktischen Philosophie gezählt werden, oder die
letzteren wohl gar den zweiten Theil der Philosophie überhaupt ausmachen;
10 weil sie insgesammt nur Regeln der Geschicklichkeit, die mithin nur
technisch-praktisch sind, enthalten, um eine Wirkung hervorzubringen, die
nach Naturbegriffen der Ursachen und Wirkungen möglich ist, welche, da
sie zur theoretischen Philosophie gehören, jenen Vorschriften als bloßen XV
Corollarien aus derselben (der Naturwissenschaft) unterworfen sind und 15
also keine Stelle in einer besonderen Philosophie, die praktische genannt,
verlangen können. Dagegen machen die moralisch-praktischen
Vorschriften, die sich gänzlich auf dem Freiheitsbegriffe mit völliger
Ausschließung der Bestimmungsgründe des Willens aus der Natur gründen,
eine ganz besondere Art von Vorschriften aus: welche auch gleich den
Regeln, welchen 20 die Natur gehorcht, schlechthin Gesetze heißen, aber
nicht wie diese auf sinnlichen Bedingungen, sondern auf einem
übersinnlichen Princip beruhen und neben dem theoretischen Theile der
Philosophie für sich ganz allein einen anderen Theil unter dem Namen der
praktischen Philosophie fordern. 25
Man sieht hieraus, daß ein Inbegriff praktischer Vorschriften, welche die
Philosophie giebt, nicht einen besonderen, dem theoretischen zur Seite
gesetzten Theil derselben darum ausmache, weil sie praktisch sind; denn
das könnten sie sein, wenn ihre Principien gleich gänzlich aus der
theoretischen Erkenntniß der Natur hergenommen wären (als technisch-
praktische 30 Regeln); sondern, weil und wenn ihr Princip gar nicht vom
Naturbegriffe, der jederzeit sinnlich bedingt ist, entlehnt ist, mithin auf dem
Übersinnlichen, welches der Freiheitsbegriff allein durch formale Gesetze
kennbar macht, beruht, und sie also moralisch-praktisch, d. i. nicht bloß XVI
besonderen Theile derselben gehört, oder die Feldmeßkunst den Namen
einer praktischen Geometrie zum Unterschiede von der reinen als ein
zweiter Theil der Geometrie überhaupt verdient: so und noch weniger darf
die mechanische oder chemische Kunst der Experimente oder der
Beobachtungen für einen praktischen Theil der Naturlehre, endlich die
Haus-, 5 Land-, Staatswirthschaft, die Kunst des Umganges, die Vorschrift
der Diätetik, selbst nicht die allgemeine Glückseligkeitslehre, sogar nicht
einmal die Bezähmung der Neigungen und Bändigung der Affecten zum
Behuf der letzteren zur praktischen Philosophie gezählt werden, oder die
letzteren wohl gar den zweiten Theil der Philosophie überhaupt ausmachen;
10 weil sie insgesammt nur Regeln der Geschicklichkeit, die mithin nur
technisch-praktisch sind, enthalten, um eine Wirkung hervorzubringen, die
nach Naturbegriffen der Ursachen und Wirkungen möglich ist, welche, da
sie zur theoretischen Philosophie gehören, jenen Vorschriften als bloßen XV
Corollarien aus derselben (der Naturwissenschaft) unterworfen sind und 15
also keine Stelle in einer besonderen Philosophie, die praktische genannt,
verlangen können. Dagegen machen die moralisch-praktischen
Vorschriften, die sich gänzlich auf dem Freiheitsbegriffe mit völliger
Ausschließung der Bestimmungsgründe des Willens aus der Natur gründen,
eine ganz besondere Art von Vorschriften aus: welche auch gleich den
Regeln, welchen 20 die Natur gehorcht, schlechthin Gesetze heißen, aber
nicht wie diese auf sinnlichen Bedingungen, sondern auf einem
übersinnlichen Princip beruhen und neben dem theoretischen Theile der
Philosophie für sich ganz allein einen anderen Theil unter dem Namen der
praktischen Philosophie fordern. 25
Man sieht hieraus, daß ein Inbegriff praktischer Vorschriften, welche die
Philosophie giebt, nicht einen besonderen, dem theoretischen zur Seite
gesetzten Theil derselben darum ausmache, weil sie praktisch sind; denn
das könnten sie sein, wenn ihre Principien gleich gänzlich aus der
theoretischen Erkenntniß der Natur hergenommen wären (als technisch-
praktische 30 Regeln); sondern, weil und wenn ihr Princip gar nicht vom
Naturbegriffe, der jederzeit sinnlich bedingt ist, entlehnt ist, mithin auf dem
Übersinnlichen, welches der Freiheitsbegriff allein durch formale Gesetze
kennbar macht, beruht, und sie also moralisch-praktisch, d. i. nicht bloß XVI
Page 24
Vorschriften und Regeln in dieser oder jener Absicht, sondern ohne
vorhergehende 35 Bezugnehmung auf Zwecke und Absichten Gesetze sind.
vorhergehende 35 Bezugnehmung auf Zwecke und Absichten Gesetze sind.
Page 25
II.
Vom Gebiete der Philosophie überhaupt.
So weit Begriffe a priori ihre Anwendung haben, so weit reicht der
Gebrauch unseres Erkenntnißvermögens nach Principien und mit ihm die
Philosophie. 5
Der Inbegriff aller Gegenstände aber, worauf jene Begriffe bezogen werden,
um wo möglich ein Erkenntniß derselben zu Stande zu bringen, kann nach
der verschiedenen Zulänglichkeit oder Unzulänglichkeit unserer Vermögen
zu dieser Absicht eingetheilt werden.
Begriffe, sofern sie auf Gegenstände bezogen werden, unangesehen 10 ob
ein Erkenntniß derselben möglich sei oder nicht, haben ihr Feld, welches
bloß nach dem Verhältnisse, das ihr Object zu unserem
Erkenntnißvermögen überhaupt hat, bestimmt wird. — Der Theil dieses
Feldes, worin für uns Erkenntniß möglich ist, ist ein Boden (territorium) für
diese Begriffe und das dazu erforderliche Erkenntnißvermögen. Der Theil
15 des Bodens, worauf diese gesetzgebend sind, ist das Gebiet (ditio) dieser
Begriffe und der ihnen zustehenden Erkenntnißvermögen.
Erfahrungsbegriffe haben also zwar ihren Boden in der Natur, als dem
Inbegriffe XVII aller Gegenstände der Sinne, aber kein Gebiet (sondern nur
ihren Aufenthalt, domicilium): weil sie zwar gesetzlich erzeugt werden, aber
nicht gesetzgebend 20 sind, sondern die auf sie gegründeten Regeln
empirisch, mithin zufällig sind.
Unser gesammtes Erkenntnißvermögen hat zwei Gebiete, das der
Naturbegriffe und das des Freiheitsbegriffs; denn durch beide ist es a priori
gesetzgebend. Die Philosophie theilt sich nun auch diesem gemäß in 25 die
theoretische und die praktische. Aber der Boden, auf welchem ihr Gebiet
errichtet und ihre Gesetzgebung a u s g e ü b t wird, ist immer doch nur der
Inbegriff der Gegenstände aller möglichen Erfahrung, sofern sie für nichts
mehr als bloße Erscheinungen genommen werden; denn ohnedas würde
keine Gesetzgebung des Verstandes in Ansehung derselben gedacht 30
werden können.
Vom Gebiete der Philosophie überhaupt.
So weit Begriffe a priori ihre Anwendung haben, so weit reicht der
Gebrauch unseres Erkenntnißvermögens nach Principien und mit ihm die
Philosophie. 5
Der Inbegriff aller Gegenstände aber, worauf jene Begriffe bezogen werden,
um wo möglich ein Erkenntniß derselben zu Stande zu bringen, kann nach
der verschiedenen Zulänglichkeit oder Unzulänglichkeit unserer Vermögen
zu dieser Absicht eingetheilt werden.
Begriffe, sofern sie auf Gegenstände bezogen werden, unangesehen 10 ob
ein Erkenntniß derselben möglich sei oder nicht, haben ihr Feld, welches
bloß nach dem Verhältnisse, das ihr Object zu unserem
Erkenntnißvermögen überhaupt hat, bestimmt wird. — Der Theil dieses
Feldes, worin für uns Erkenntniß möglich ist, ist ein Boden (territorium) für
diese Begriffe und das dazu erforderliche Erkenntnißvermögen. Der Theil
15 des Bodens, worauf diese gesetzgebend sind, ist das Gebiet (ditio) dieser
Begriffe und der ihnen zustehenden Erkenntnißvermögen.
Erfahrungsbegriffe haben also zwar ihren Boden in der Natur, als dem
Inbegriffe XVII aller Gegenstände der Sinne, aber kein Gebiet (sondern nur
ihren Aufenthalt, domicilium): weil sie zwar gesetzlich erzeugt werden, aber
nicht gesetzgebend 20 sind, sondern die auf sie gegründeten Regeln
empirisch, mithin zufällig sind.
Unser gesammtes Erkenntnißvermögen hat zwei Gebiete, das der
Naturbegriffe und das des Freiheitsbegriffs; denn durch beide ist es a priori
gesetzgebend. Die Philosophie theilt sich nun auch diesem gemäß in 25 die
theoretische und die praktische. Aber der Boden, auf welchem ihr Gebiet
errichtet und ihre Gesetzgebung a u s g e ü b t wird, ist immer doch nur der
Inbegriff der Gegenstände aller möglichen Erfahrung, sofern sie für nichts
mehr als bloße Erscheinungen genommen werden; denn ohnedas würde
keine Gesetzgebung des Verstandes in Ansehung derselben gedacht 30
werden können.
Page 26
Die Gesetzgebung durch Naturbegriffe geschieht durch den Verstand und ist
theoretisch. Die Gesetzgebung durch den Freiheitsbegriff geschieht von der
Vernunft und ist bloß praktisch. Nur allein im Praktischen kann die Vernunft
gesetzgebend sein; in Ansehung des theoretischen Erkenntnisses 35 (der
Natur) kann sie nur (als gesetzkundig vermittelst des Verstandes) aus
gegebenen Gesetzen durch Schlüsse Folgerungen ziehen, die doch immer
nur bei der Natur stehen bleiben. Umgekehrt aber, wo Regeln praktisch
sind, ist die Vernunft nicht darum sofort g e s e t z g e b e n d, weil sie XVIII
auch technisch-praktisch sein können.
Verstand und Vernunft haben also zwei verschiedene Gesetzgebungen 5 auf
einem und demselben Boden der Erfahrung, ohne daß eine der anderen
Eintrag thun darf. Denn so wenig der Naturbegriff auf die Gesetzgebung
durch den Freiheitsbegriff Einfluß hat, eben so wenig stört dieser die
Gesetzgebung der Natur. — Die Möglichkeit, das Zusammenbestehen
beider Gesetzgebungen und der dazu gehörigen Vermögen in demselben 10
Subject sich wenigstens ohne Widerspruch zu denken, bewies die Kritik der
reinen Vernunft, indem sie die Einwürfe dawider durch Aufdeckung des
dialektischen Scheins in denselben vernichtete.
Aber daß diese zwei verschiedenen Gebiete, die sich zwar nicht in ihrer
Gesetzgebung, aber doch in ihren Wirkungen in der Sinnenwelt
unaufhörlich 15 einschränken, nicht E i n e s ausmachen, kommt daher: daß
der Naturbegriff zwar seine Gegenstände in der Anschauung, aber nicht als
Dinge an sich selbst, sondern als bloße Erscheinungen, der Freiheitsbegriff
dagegen in seinem Objecte zwar ein Ding an sich selbst, aber nicht in der
Anschauung vorstellig machen, mithin keiner von beiden ein theoretisches
20 Erkenntniß von seinem Objecte (und selbst dem denkenden Subjecte)
als Dinge an sich verschaffen kann, welches das Übersinnliche sein würde,
wovon man die Idee zwar der Möglichkeit aller jener Gegenstände der
Erfahrung XIX unterlegen muß, sie selbst aber niemals zu einem
Erkenntnisse erheben und erweitern kann. 25
Es giebt also ein unbegränztes, aber auch unzugängliches Feld für unser
gesammtes Erkenntnißvermögen, nämlich das Feld des Übersinnlichen,
worin wir keinen Boden für uns finden, also auf demselben weder für die
Verstandes- noch Vernunftbegriffe ein Gebiet zum theoretischen Erkenntniß
haben können; ein Feld, welches wir zwar zum Behuf des 30 theoretischen
theoretisch. Die Gesetzgebung durch den Freiheitsbegriff geschieht von der
Vernunft und ist bloß praktisch. Nur allein im Praktischen kann die Vernunft
gesetzgebend sein; in Ansehung des theoretischen Erkenntnisses 35 (der
Natur) kann sie nur (als gesetzkundig vermittelst des Verstandes) aus
gegebenen Gesetzen durch Schlüsse Folgerungen ziehen, die doch immer
nur bei der Natur stehen bleiben. Umgekehrt aber, wo Regeln praktisch
sind, ist die Vernunft nicht darum sofort g e s e t z g e b e n d, weil sie XVIII
auch technisch-praktisch sein können.
Verstand und Vernunft haben also zwei verschiedene Gesetzgebungen 5 auf
einem und demselben Boden der Erfahrung, ohne daß eine der anderen
Eintrag thun darf. Denn so wenig der Naturbegriff auf die Gesetzgebung
durch den Freiheitsbegriff Einfluß hat, eben so wenig stört dieser die
Gesetzgebung der Natur. — Die Möglichkeit, das Zusammenbestehen
beider Gesetzgebungen und der dazu gehörigen Vermögen in demselben 10
Subject sich wenigstens ohne Widerspruch zu denken, bewies die Kritik der
reinen Vernunft, indem sie die Einwürfe dawider durch Aufdeckung des
dialektischen Scheins in denselben vernichtete.
Aber daß diese zwei verschiedenen Gebiete, die sich zwar nicht in ihrer
Gesetzgebung, aber doch in ihren Wirkungen in der Sinnenwelt
unaufhörlich 15 einschränken, nicht E i n e s ausmachen, kommt daher: daß
der Naturbegriff zwar seine Gegenstände in der Anschauung, aber nicht als
Dinge an sich selbst, sondern als bloße Erscheinungen, der Freiheitsbegriff
dagegen in seinem Objecte zwar ein Ding an sich selbst, aber nicht in der
Anschauung vorstellig machen, mithin keiner von beiden ein theoretisches
20 Erkenntniß von seinem Objecte (und selbst dem denkenden Subjecte)
als Dinge an sich verschaffen kann, welches das Übersinnliche sein würde,
wovon man die Idee zwar der Möglichkeit aller jener Gegenstände der
Erfahrung XIX unterlegen muß, sie selbst aber niemals zu einem
Erkenntnisse erheben und erweitern kann. 25
Es giebt also ein unbegränztes, aber auch unzugängliches Feld für unser
gesammtes Erkenntnißvermögen, nämlich das Feld des Übersinnlichen,
worin wir keinen Boden für uns finden, also auf demselben weder für die
Verstandes- noch Vernunftbegriffe ein Gebiet zum theoretischen Erkenntniß
haben können; ein Feld, welches wir zwar zum Behuf des 30 theoretischen
Page 27
sowohl als praktischen Gebrauchs der Vernunft mit Ideen besetzen müssen,
denen wir aber in Beziehung auf die Gesetze aus dem Freiheitsbegriffe
keine andere als praktische Realität verschaffen können, wodurch demnach
unser theoretisches Erkenntniß nicht im Mindesten zu dem Übersinnlichen
erweitert wird. 35
Ob nun zwar eine unübersehbare Kluft zwischen dem Gebiete des
Naturbegriffs, als dem Sinnlichen, und dem Gebiete des Freiheitsbegriffs,
als dem Übersinnlichen, befestigt ist, so daß von dem ersteren zum anderen
(also vermittelst des theoretischen Gebrauchs der Vernunft) kein Übergang
möglich ist, gleich als ob es so viel verschiedene Welten wären, deren erste
auf die zweite keinen Einfluß haben kann: so s o l l doch diese auf jene
einen Einfluß haben, nämlich der Freiheitsbegriff soll den 5 durch seine
Gesetze aufgegebenen Zweck in der Sinnenwelt wirklich machen; und die
Natur muß folglich auch so gedacht werden können, daß die
Gesetzmäßigkeit XX ihrer Form wenigstens zur Möglichkeit der in ihr zu
bewirkenden Zwecke nach Freiheitsgesetzen zusammenstimme. — Also
muß es doch einen Grund der E i n h e i t des Übersinnlichen, welches der
Natur zum 10 Grunde liegt, mit dem, was der Freiheitsbegriff praktisch
enthält, geben, wovon der Begriff, wenn er gleich weder theoretisch noch
praktisch zu einem Erkenntnisse desselben gelangt, mithin kein
eigenthümliches Gebiet hat, dennoch den Übergang von der Denkungsart
nach den Principien der einen zu der nach Principien der anderen möglich
macht. 15
denen wir aber in Beziehung auf die Gesetze aus dem Freiheitsbegriffe
keine andere als praktische Realität verschaffen können, wodurch demnach
unser theoretisches Erkenntniß nicht im Mindesten zu dem Übersinnlichen
erweitert wird. 35
Ob nun zwar eine unübersehbare Kluft zwischen dem Gebiete des
Naturbegriffs, als dem Sinnlichen, und dem Gebiete des Freiheitsbegriffs,
als dem Übersinnlichen, befestigt ist, so daß von dem ersteren zum anderen
(also vermittelst des theoretischen Gebrauchs der Vernunft) kein Übergang
möglich ist, gleich als ob es so viel verschiedene Welten wären, deren erste
auf die zweite keinen Einfluß haben kann: so s o l l doch diese auf jene
einen Einfluß haben, nämlich der Freiheitsbegriff soll den 5 durch seine
Gesetze aufgegebenen Zweck in der Sinnenwelt wirklich machen; und die
Natur muß folglich auch so gedacht werden können, daß die
Gesetzmäßigkeit XX ihrer Form wenigstens zur Möglichkeit der in ihr zu
bewirkenden Zwecke nach Freiheitsgesetzen zusammenstimme. — Also
muß es doch einen Grund der E i n h e i t des Übersinnlichen, welches der
Natur zum 10 Grunde liegt, mit dem, was der Freiheitsbegriff praktisch
enthält, geben, wovon der Begriff, wenn er gleich weder theoretisch noch
praktisch zu einem Erkenntnisse desselben gelangt, mithin kein
eigenthümliches Gebiet hat, dennoch den Übergang von der Denkungsart
nach den Principien der einen zu der nach Principien der anderen möglich
macht. 15
Page 28
III.
Von der Kritik der Urtheilskraft, als einem Verbindungsmittel der zwei
Theile der Philosophie zu einem Ganzen.
Die Kritik der Erkenntnißvermögen in Ansehung dessen, was sie a
p r i o r i leisten können, hat eigentlich kein Gebiet in Ansehung der Objecte:
20 weil sie keine Doctrin ist, sondern nur, ob und wie nach der
Bewandtniß, die es mit unseren Vermögen hat, eine Doctrin durch sie
möglich sei, zu untersuchen hat. Ihr Feld erstreckt sich auf alle
Anmaßungen derselben, um sie in die Gränzen ihrer Rechtmäßigkeit zu
setzen. Was aber nicht in die Eintheilung der Philosophie kommen kann,
das kann doch als ein 25 XXI Haupttheil in die Kritik des reinen
Erkenntnißvermögens überhaupt kommen, wenn es nämlich Principien
enthält, die für sich weder zum theoretischen noch praktischen Gebrauche
tauglich sind.
Die Naturbegriffe, welche den Grund zu allem theoretischen Erkenntniß a
priori enthalten, beruhten auf der Gesetzgebung des Verstandes. — 30 Der
Freiheitsbegriff, der den Grund zu allen sinnlich-unbedingten praktischen
Vorschriften a priori enthielt, beruhte auf der Gesetzgebung der Vernunft.
Beide Vermögen also haben außer dem, daß sie der logischen Form nach
auf Principien, welchen Ursprungs sie auch sein mögen, angewandt werden
können, überdem noch jedes seine eigene Gesetzgebung 35 dem Inhalte
nach, über die es keine andere (a priori) giebt, und die daher die
Eintheilung der Philosophie in die theoretische und praktische rechtfertigt.
Allein in der Familie der oberen Erkenntnißvermögen giebt es doch noch
ein Mittelglied zwischen dem Verstande und der Vernunft. Dieses 5 ist die
U r t h e i l s k r a f t, von welcher man Ursache hat nach der Analogie zu
vermuthen, daß sie eben sowohl, wenn gleich nicht eine eigene
Gesetzgebung, doch ein ihr eigenes Princip nach Gesetzen zu suchen,
allenfalls ein bloß subjectives, a priori in sich enthalten dürfte: welches,
wenn ihm gleich kein Feld der Gegenstände als sein Gebiet zustände, doch
irgend 10 einen Boden haben kann und eine gewisse Beschaffenheit
desselben, wofür XXII gerade nur dieses Princip geltend sein möchte.
Von der Kritik der Urtheilskraft, als einem Verbindungsmittel der zwei
Theile der Philosophie zu einem Ganzen.
Die Kritik der Erkenntnißvermögen in Ansehung dessen, was sie a
p r i o r i leisten können, hat eigentlich kein Gebiet in Ansehung der Objecte:
20 weil sie keine Doctrin ist, sondern nur, ob und wie nach der
Bewandtniß, die es mit unseren Vermögen hat, eine Doctrin durch sie
möglich sei, zu untersuchen hat. Ihr Feld erstreckt sich auf alle
Anmaßungen derselben, um sie in die Gränzen ihrer Rechtmäßigkeit zu
setzen. Was aber nicht in die Eintheilung der Philosophie kommen kann,
das kann doch als ein 25 XXI Haupttheil in die Kritik des reinen
Erkenntnißvermögens überhaupt kommen, wenn es nämlich Principien
enthält, die für sich weder zum theoretischen noch praktischen Gebrauche
tauglich sind.
Die Naturbegriffe, welche den Grund zu allem theoretischen Erkenntniß a
priori enthalten, beruhten auf der Gesetzgebung des Verstandes. — 30 Der
Freiheitsbegriff, der den Grund zu allen sinnlich-unbedingten praktischen
Vorschriften a priori enthielt, beruhte auf der Gesetzgebung der Vernunft.
Beide Vermögen also haben außer dem, daß sie der logischen Form nach
auf Principien, welchen Ursprungs sie auch sein mögen, angewandt werden
können, überdem noch jedes seine eigene Gesetzgebung 35 dem Inhalte
nach, über die es keine andere (a priori) giebt, und die daher die
Eintheilung der Philosophie in die theoretische und praktische rechtfertigt.
Allein in der Familie der oberen Erkenntnißvermögen giebt es doch noch
ein Mittelglied zwischen dem Verstande und der Vernunft. Dieses 5 ist die
U r t h e i l s k r a f t, von welcher man Ursache hat nach der Analogie zu
vermuthen, daß sie eben sowohl, wenn gleich nicht eine eigene
Gesetzgebung, doch ein ihr eigenes Princip nach Gesetzen zu suchen,
allenfalls ein bloß subjectives, a priori in sich enthalten dürfte: welches,
wenn ihm gleich kein Feld der Gegenstände als sein Gebiet zustände, doch
irgend 10 einen Boden haben kann und eine gewisse Beschaffenheit
desselben, wofür XXII gerade nur dieses Princip geltend sein möchte.
Page 29
Hierzu kommt aber noch (nach der Analogie zu urtheilen) ein neuer Grund,
die Urtheilskraft mit einer anderen Ordnung unserer Vorstellungskräfte in
Verknüpfung zu bringen, welche von noch größerer Wichtigkeit 15 zu sein
scheint, als die der Verwandtschaft mit der Familie der
Erkenntnißvermögen. Denn alle Seelenvermögen oder Fähigkeiten können
auf die drei zurück geführt werden, welche sich nicht ferner aus einem
gemeinschaftlichen Grunde ableiten lassen: das
E r k e n n t n i ß v e r m ö g e n, das G e f ü h l d e r L u s t u n d U n l u s t
und das B e g e h r u n g s v e r m ö g e n[1]. 20 Für das Erkenntnißvermögen
ist allein der Verstand gesetzgebend, wenn XXIII jenes (wie es auch
geschehen muß, wenn es für sich, ohne Vermischung XXIV mit dem
Begehrungsvermögen, betrachtet wird) als Vermögen eines
t h e o r e t i s c h e n E r k e n n t n i s s e s auf die Natur bezogen wird, in
Ansehung deren allein (als Erscheinung) es uns möglich ist, durch
Naturbegriffe 5 a priori, welche eigentlich reine Verstandesbegriffe sind,
Gesetze zu geben. — Für das Begehrungsvermögen, als ein oberes
Vermögen nach dem Freiheitsbegriffe, ist allein die Vernunft (in der allein
dieser Begriff Statt hat) a priori gesetzgebend. — Nun ist zwischen dem
Erkenntniß- und dem Begehrungsvermögen das Gefühl der Lust, so wie 10
zwischen dem Verstande und der Vernunft die Urtheilskraft enthalten. Es ist
also wenigstens vorläufig zu vermuthen, daß die Urtheilskraft eben so wohl
für sich ein Princip a priori enthalte und, da mit dem Begehrungsvermögen
nothwendig Lust oder Unlust verbunden ist (es sei, daß sie wie beim
unteren vor dem Princip desselben vorhergehe, oder wie beim 15 XXV
oberen nur aus der Bestimmung desselben durch das moralische Gesetz
folge), eben so wohl einen Übergang vom reinen Erkenntnißvermögen, d. i.
vom Gebiete der Naturbegriffe, zum Gebiete des Freiheitsbegriffs bewirken
werde, als sie im logischen Gebrauche den Übergang vom Verstande zur
Vernunft möglich macht. 5
Wenn also gleich die Philosophie nur in zwei Haupttheile, die theoretische
und praktische, eingetheilt werden kann; wenn gleich alles, was wir von den
eignen Principien der Urtheilskraft zu sagen haben möchten, in ihr zum
theoretischen Theile, d. i. dem Vernunfterkenntniß nach Naturbegriffen,
gezählt werden müßte: so besteht doch die Kritik der reinen Vernunft, 10
die alles dieses vor der Unternehmung jenes Systems zum Behuf der
Möglichkeit desselben ausmachen muß, aus drei Theilen: der Kritik des
die Urtheilskraft mit einer anderen Ordnung unserer Vorstellungskräfte in
Verknüpfung zu bringen, welche von noch größerer Wichtigkeit 15 zu sein
scheint, als die der Verwandtschaft mit der Familie der
Erkenntnißvermögen. Denn alle Seelenvermögen oder Fähigkeiten können
auf die drei zurück geführt werden, welche sich nicht ferner aus einem
gemeinschaftlichen Grunde ableiten lassen: das
E r k e n n t n i ß v e r m ö g e n, das G e f ü h l d e r L u s t u n d U n l u s t
und das B e g e h r u n g s v e r m ö g e n[1]. 20 Für das Erkenntnißvermögen
ist allein der Verstand gesetzgebend, wenn XXIII jenes (wie es auch
geschehen muß, wenn es für sich, ohne Vermischung XXIV mit dem
Begehrungsvermögen, betrachtet wird) als Vermögen eines
t h e o r e t i s c h e n E r k e n n t n i s s e s auf die Natur bezogen wird, in
Ansehung deren allein (als Erscheinung) es uns möglich ist, durch
Naturbegriffe 5 a priori, welche eigentlich reine Verstandesbegriffe sind,
Gesetze zu geben. — Für das Begehrungsvermögen, als ein oberes
Vermögen nach dem Freiheitsbegriffe, ist allein die Vernunft (in der allein
dieser Begriff Statt hat) a priori gesetzgebend. — Nun ist zwischen dem
Erkenntniß- und dem Begehrungsvermögen das Gefühl der Lust, so wie 10
zwischen dem Verstande und der Vernunft die Urtheilskraft enthalten. Es ist
also wenigstens vorläufig zu vermuthen, daß die Urtheilskraft eben so wohl
für sich ein Princip a priori enthalte und, da mit dem Begehrungsvermögen
nothwendig Lust oder Unlust verbunden ist (es sei, daß sie wie beim
unteren vor dem Princip desselben vorhergehe, oder wie beim 15 XXV
oberen nur aus der Bestimmung desselben durch das moralische Gesetz
folge), eben so wohl einen Übergang vom reinen Erkenntnißvermögen, d. i.
vom Gebiete der Naturbegriffe, zum Gebiete des Freiheitsbegriffs bewirken
werde, als sie im logischen Gebrauche den Übergang vom Verstande zur
Vernunft möglich macht. 5
Wenn also gleich die Philosophie nur in zwei Haupttheile, die theoretische
und praktische, eingetheilt werden kann; wenn gleich alles, was wir von den
eignen Principien der Urtheilskraft zu sagen haben möchten, in ihr zum
theoretischen Theile, d. i. dem Vernunfterkenntniß nach Naturbegriffen,
gezählt werden müßte: so besteht doch die Kritik der reinen Vernunft, 10
die alles dieses vor der Unternehmung jenes Systems zum Behuf der
Möglichkeit desselben ausmachen muß, aus drei Theilen: der Kritik des
Page 30
reinen Verstandes, der reinen Urtheilskraft und der reinen Vernunft, welche
Vermögen darum rein genannt werden, weil sie a priori gesetzgebend sind.
15
Vermögen darum rein genannt werden, weil sie a priori gesetzgebend sind.
15
Page 31
IV.
Von der Urtheilskraft, als einem a priori gesetzgebenden Vermögen.
Urtheilskraft überhaupt ist das Vermögen, das Besondere als enthalten unter
dem Allgemeinen zu denken. Ist das Allgemeine (die Regel, 20 XXVI das
Princip, das Gesetz) gegeben, so ist die Urtheilskraft, welche das Besondere
darunter subsumirt, (auch wenn sie als transscendentale Urtheilskraft a
priori die Bedingungen angiebt, welchen gemäß allein unter jenem
Allgemeinen subsumirt werden kann) b e s t i m m e n d. Ist aber nur das
Besondere gegeben, wozu sie das Allgemeine finden soll, so ist die
Urtheilskraft 25 bloß r e f l e c t i r e n d.
Die bestimmende Urtheilskraft unter allgemeinen transscendentalen
Gesetzen, die der Verstand giebt, ist nur subsumirend; das Gesetz ist ihr a
priori vorgezeichnet, und sie hat also nicht nöthig, für sich selbst auf ein
Gesetz zu denken, um das Besondere in der Natur dem Allgemeinen
unterordnen 30 zu können. — Allein es sind so mannigfaltige Formen der
Natur, gleichsam so viele Modificationen der allgemeinen
transscendentalen Naturbegriffe, die durch jene Gesetze, welche der reine
Verstand a priori giebt, weil dieselben nur auf die Möglichkeit einer Natur
(als Gegenstandes der Sinne) überhaupt gehen, unbestimmt gelassen
werden, daß dafür doch 35 auch Gesetze sein müssen, die zwar als
empirische nach u n s e r e r Verstandeseinsicht zufällig sein mögen, die aber
doch, wenn sie Gesetze heißen sollen (wie es auch der Begriff einer Natur
erfordert), aus einem, wenn gleich uns unbekannten, Princip der Einheit des
Mannigfaltigen als nothwendig angesehen werden müssen. — Die
reflectirende Urtheilskraft, 5 die von dem Besondern in der Natur zum
Allgemeinen aufzusteigen die XXVII Obliegenheit hat, bedarf also eines
Princips, welches sie nicht von der Erfahrung entlehnen kann, weil es eben
die Einheit aller empirischen Principien unter gleichfalls empirischen, aber
höheren Principien und also die Möglichkeit der systematischen
Unterordnung derselben unter einander 10 begründen soll. Ein solches
transscendentales Princip kann also die reflectirende Urtheilskraft sich nur
selbst als Gesetz geben, nicht anderwärts hernehmen (weil sie sonst
bestimmende Urtheilskraft sein würde), noch der Natur vorschreiben: weil
die Reflexion über die Gesetze der Natur sich nach der Natur und diese sich
Von der Urtheilskraft, als einem a priori gesetzgebenden Vermögen.
Urtheilskraft überhaupt ist das Vermögen, das Besondere als enthalten unter
dem Allgemeinen zu denken. Ist das Allgemeine (die Regel, 20 XXVI das
Princip, das Gesetz) gegeben, so ist die Urtheilskraft, welche das Besondere
darunter subsumirt, (auch wenn sie als transscendentale Urtheilskraft a
priori die Bedingungen angiebt, welchen gemäß allein unter jenem
Allgemeinen subsumirt werden kann) b e s t i m m e n d. Ist aber nur das
Besondere gegeben, wozu sie das Allgemeine finden soll, so ist die
Urtheilskraft 25 bloß r e f l e c t i r e n d.
Die bestimmende Urtheilskraft unter allgemeinen transscendentalen
Gesetzen, die der Verstand giebt, ist nur subsumirend; das Gesetz ist ihr a
priori vorgezeichnet, und sie hat also nicht nöthig, für sich selbst auf ein
Gesetz zu denken, um das Besondere in der Natur dem Allgemeinen
unterordnen 30 zu können. — Allein es sind so mannigfaltige Formen der
Natur, gleichsam so viele Modificationen der allgemeinen
transscendentalen Naturbegriffe, die durch jene Gesetze, welche der reine
Verstand a priori giebt, weil dieselben nur auf die Möglichkeit einer Natur
(als Gegenstandes der Sinne) überhaupt gehen, unbestimmt gelassen
werden, daß dafür doch 35 auch Gesetze sein müssen, die zwar als
empirische nach u n s e r e r Verstandeseinsicht zufällig sein mögen, die aber
doch, wenn sie Gesetze heißen sollen (wie es auch der Begriff einer Natur
erfordert), aus einem, wenn gleich uns unbekannten, Princip der Einheit des
Mannigfaltigen als nothwendig angesehen werden müssen. — Die
reflectirende Urtheilskraft, 5 die von dem Besondern in der Natur zum
Allgemeinen aufzusteigen die XXVII Obliegenheit hat, bedarf also eines
Princips, welches sie nicht von der Erfahrung entlehnen kann, weil es eben
die Einheit aller empirischen Principien unter gleichfalls empirischen, aber
höheren Principien und also die Möglichkeit der systematischen
Unterordnung derselben unter einander 10 begründen soll. Ein solches
transscendentales Princip kann also die reflectirende Urtheilskraft sich nur
selbst als Gesetz geben, nicht anderwärts hernehmen (weil sie sonst
bestimmende Urtheilskraft sein würde), noch der Natur vorschreiben: weil
die Reflexion über die Gesetze der Natur sich nach der Natur und diese sich
Page 32
nicht nach den Bedingungen richtet, 15 nach welchen wir einen in
Ansehung dieser ganz zufälligen Begriff von ihr zu erwerben trachten.
Nun kann dieses Princip kein anderes sein als: daß, da allgemeine
Naturgesetze ihren Grund in unserem Verstande haben, der sie der Natur
(obzwar nur nach dem allgemeinen Begriffe von ihr als Natur) vorschreibt,
20 die besondern empirischen Gesetze in Ansehung dessen, was in ihnen
durch jene unbestimmt gelassen ist, nach einer solchen Einheit betrachtet
werden müssen, als ob gleichfalls ein Verstand (wenn gleich nicht der
unsrige) sie zum Behuf unserer Erkenntnißvermögen, um ein System der
Erfahrung nach besonderen Naturgesetzen möglich zu machen, gegeben 25
hätte. Nicht als wenn auf diese Art wirklich ein solcher Verstand
angenommen werden müßte (denn es ist nur die reflectirende Urtheilskraft,
der diese Idee zum Princip dient, zum Reflectiren, nicht zum Bestimmen);
XXVIII sondern dieses Vermögen giebt sich dadurch nur selbst und nicht der
Natur ein Gesetz. 30
Weil nun der Begriff von einem Object, sofern er zugleich den Grund der
Wirklichkeit dieses Objects enthält, der Zweck und die Übereinstimmung
eines Dinges mit derjenigen Beschaffenheit der Dinge, die nur nach
Zwecken möglich ist, die Z w e c k m ä ß i g k e i t der Form desselben heißt:
so ist das Princip der Urtheilskraft in Ansehung der Form der Dinge der 35
Natur unter empirischen Gesetzen überhaupt die Z w e c k m ä ß i g k e i t
d e r N a t u r in ihrer Mannigfaltigkeit. D. i. die Natur wird durch diesen
Begriff so vorgestellt, als ob ein Verstand den Grund der Einheit des
Mannigfaltigen ihrer empirischen Gesetze enthalte.
Die Zweckmäßigkeit der Natur ist also ein besonderer Begriff a priori, der
lediglich in der reflectirenden Urtheilskraft seinen Ursprung hat. Denn den
Naturproducten kann man so etwas als Beziehung der 5 Natur an ihnen auf
Zwecke nicht beilegen, sondern diesen Begriff nur brauchen, um über sie in
Ansehung der Verknüpfung der Erscheinungen in ihr, die nach empirischen
Gesetzen gegeben ist, zu reflectiren. Auch ist dieser Begriff von der
praktischen Zweckmäßigkeit (der menschlichen Kunst oder auch der Sitten)
ganz unterschieden, ob er zwar nach einer Analogie 10 mit derselben
gedacht wird.
Ansehung dieser ganz zufälligen Begriff von ihr zu erwerben trachten.
Nun kann dieses Princip kein anderes sein als: daß, da allgemeine
Naturgesetze ihren Grund in unserem Verstande haben, der sie der Natur
(obzwar nur nach dem allgemeinen Begriffe von ihr als Natur) vorschreibt,
20 die besondern empirischen Gesetze in Ansehung dessen, was in ihnen
durch jene unbestimmt gelassen ist, nach einer solchen Einheit betrachtet
werden müssen, als ob gleichfalls ein Verstand (wenn gleich nicht der
unsrige) sie zum Behuf unserer Erkenntnißvermögen, um ein System der
Erfahrung nach besonderen Naturgesetzen möglich zu machen, gegeben 25
hätte. Nicht als wenn auf diese Art wirklich ein solcher Verstand
angenommen werden müßte (denn es ist nur die reflectirende Urtheilskraft,
der diese Idee zum Princip dient, zum Reflectiren, nicht zum Bestimmen);
XXVIII sondern dieses Vermögen giebt sich dadurch nur selbst und nicht der
Natur ein Gesetz. 30
Weil nun der Begriff von einem Object, sofern er zugleich den Grund der
Wirklichkeit dieses Objects enthält, der Zweck und die Übereinstimmung
eines Dinges mit derjenigen Beschaffenheit der Dinge, die nur nach
Zwecken möglich ist, die Z w e c k m ä ß i g k e i t der Form desselben heißt:
so ist das Princip der Urtheilskraft in Ansehung der Form der Dinge der 35
Natur unter empirischen Gesetzen überhaupt die Z w e c k m ä ß i g k e i t
d e r N a t u r in ihrer Mannigfaltigkeit. D. i. die Natur wird durch diesen
Begriff so vorgestellt, als ob ein Verstand den Grund der Einheit des
Mannigfaltigen ihrer empirischen Gesetze enthalte.
Die Zweckmäßigkeit der Natur ist also ein besonderer Begriff a priori, der
lediglich in der reflectirenden Urtheilskraft seinen Ursprung hat. Denn den
Naturproducten kann man so etwas als Beziehung der 5 Natur an ihnen auf
Zwecke nicht beilegen, sondern diesen Begriff nur brauchen, um über sie in
Ansehung der Verknüpfung der Erscheinungen in ihr, die nach empirischen
Gesetzen gegeben ist, zu reflectiren. Auch ist dieser Begriff von der
praktischen Zweckmäßigkeit (der menschlichen Kunst oder auch der Sitten)
ganz unterschieden, ob er zwar nach einer Analogie 10 mit derselben
gedacht wird.
Page 33
V. XXIX
Das Princip der formalen Zweckmäßigkeit der Natur ist ein
transscendentales Princip der Urtheilskraft.
Ein transscendentales Princip ist dasjenige, durch welches die allgemeine
15 Bedingung a priori vorgestellt wird, unter der allein Dinge Objecte
unserer Erkenntniß überhaupt werden können. Dagegen heißt ein Princip
metaphysisch, wenn es die Bedingung a priori vorstellt, unter der allein
Objecte, deren Begriff empirisch gegeben sein muß, a priori weiter
bestimmt werden können. So ist das Princip der Erkenntniß 20 der Körper
als Substanzen und als veränderlicher Substanzen transscendental, wenn
dadurch gesagt wird, daß ihre Veränderung eine Ursache haben müsse; es
ist aber metaphysisch, wenn dadurch gesagt wird, ihre Veränderung müsse
eine ä u ß e r e Ursache haben: weil im ersteren Falle der Körper nur durch
ontologische Prädicate (reine Verstandesbegriffe), 25 z. B. als Substanz,
gedacht werden darf, um den Satz a priori zu erkennen; im zweiten aber der
empirische Begriff eines Körpers (als eines beweglichen Dinges im Raum)
diesem Satze zum Grunde gelegt werden muß, alsdann aber, daß dem
Körper das letztere Prädicat (der Bewegung nur durch äußere Ursache)
zukomme, völlig a priori eingesehen 30 werden kann. — So ist, wie ich
sogleich zeigen werde, das Princip der Zweckmäßigkeit der Natur (in der
Mannigfaltigkeit ihrer empirischen XXX Gesetze) ein transscendentales
Princip. Denn der Begriff von den Objecten, sofern sie als unter diesem
Princip stehend gedacht werden, ist nur der reine Begriff von Gegenständen
des möglichen Erfahrungserkenntnisses 35 überhaupt und enthält nichts
Empirisches. Dagegen wäre das Princip der praktischen Zweckmäßigkeit,
die in der Idee der B e s t i m m u n g eines freien W i l l e n s gedacht werden
muß, ein metaphysisches Princip: weil der Begriff eines
Begehrungsvermögens als eines Willens doch empirisch gegeben werden
muß (nicht zu den transscendentalen Prädicaten 5 gehört). Beide Principien
aber sind dennoch nicht empirisch, sondern Principien a priori: weil es zur
Verbindung des Prädicats mit dem empirischen Begriffe des Subjects ihrer
Urtheile keiner weiteren Erfahrung bedarf, sondern jene völlig a priori
eingesehen werden kann.
Das Princip der formalen Zweckmäßigkeit der Natur ist ein
transscendentales Princip der Urtheilskraft.
Ein transscendentales Princip ist dasjenige, durch welches die allgemeine
15 Bedingung a priori vorgestellt wird, unter der allein Dinge Objecte
unserer Erkenntniß überhaupt werden können. Dagegen heißt ein Princip
metaphysisch, wenn es die Bedingung a priori vorstellt, unter der allein
Objecte, deren Begriff empirisch gegeben sein muß, a priori weiter
bestimmt werden können. So ist das Princip der Erkenntniß 20 der Körper
als Substanzen und als veränderlicher Substanzen transscendental, wenn
dadurch gesagt wird, daß ihre Veränderung eine Ursache haben müsse; es
ist aber metaphysisch, wenn dadurch gesagt wird, ihre Veränderung müsse
eine ä u ß e r e Ursache haben: weil im ersteren Falle der Körper nur durch
ontologische Prädicate (reine Verstandesbegriffe), 25 z. B. als Substanz,
gedacht werden darf, um den Satz a priori zu erkennen; im zweiten aber der
empirische Begriff eines Körpers (als eines beweglichen Dinges im Raum)
diesem Satze zum Grunde gelegt werden muß, alsdann aber, daß dem
Körper das letztere Prädicat (der Bewegung nur durch äußere Ursache)
zukomme, völlig a priori eingesehen 30 werden kann. — So ist, wie ich
sogleich zeigen werde, das Princip der Zweckmäßigkeit der Natur (in der
Mannigfaltigkeit ihrer empirischen XXX Gesetze) ein transscendentales
Princip. Denn der Begriff von den Objecten, sofern sie als unter diesem
Princip stehend gedacht werden, ist nur der reine Begriff von Gegenständen
des möglichen Erfahrungserkenntnisses 35 überhaupt und enthält nichts
Empirisches. Dagegen wäre das Princip der praktischen Zweckmäßigkeit,
die in der Idee der B e s t i m m u n g eines freien W i l l e n s gedacht werden
muß, ein metaphysisches Princip: weil der Begriff eines
Begehrungsvermögens als eines Willens doch empirisch gegeben werden
muß (nicht zu den transscendentalen Prädicaten 5 gehört). Beide Principien
aber sind dennoch nicht empirisch, sondern Principien a priori: weil es zur
Verbindung des Prädicats mit dem empirischen Begriffe des Subjects ihrer
Urtheile keiner weiteren Erfahrung bedarf, sondern jene völlig a priori
eingesehen werden kann.
Page 34
Daß der Begriff einer Zweckmäßigkeit der Natur zu den transscendentalen
10 Principien gehöre, kann man aus den Maximen der Urtheilskraft, die der
Nachforschung der Natur a priori zum Grunde gelegt werden, und die
dennoch auf nichts als die Möglichkeit der Erfahrung, mithin der
Erkenntniß der Natur, aber nicht bloß als Natur überhaupt, sondern als
durch eine Mannigfaltigkeit besonderer Gesetze bestimmten 15 Natur,
gehen, hinreichend ersehen. — Sie kommen, als Sentenzen der
metaphysischen Weisheit, bei Gelegenheit mancher Regeln, deren
Nothwendigkeit XXXI man nicht aus Begriffen darthun kann, im Laufe
dieser Wissenschaft oft genug, aber nur zerstreut vor. »Die Natur nimmt den
kürzesten Weg (lex parsimoniae); sie thut gleichwohl keinen Sprung, 20
weder in der Folge ihrer Veränderungen, noch der Zusammenstellung
specifisch verschiedener Formen (lex continui in natura); ihre große
Mannigfaltigkeit in empirischen Gesetzen ist gleichwohl Einheit unter
wenigen Principien (principia praeter necessitatem non sunt
multiplicanda)«; u. d. g. m. 25
Wenn man aber von diesen Grundsätzen den Ursprung anzugeben denkt
und es auf dem psychologischen Wege versucht, so ist dies dem Sinne
derselben gänzlich zuwider. Denn sie sagen nicht, was geschieht, d. i. nach
welcher Regel unsere Erkenntnißkräfte ihr Spiel wirklich treiben, und wie
geurtheilt wird, sondern wie geurtheilt werden soll; und da kommt 30 diese
logische objective Nothwendigkeit nicht heraus, wenn die Principien bloß
empirisch sind. Also ist die Zweckmäßigkeit der Natur für unsere
Erkenntnißvermögen und ihren Gebrauch, welche offenbar aus ihnen
hervorleuchtet, ein transscendentales Princip der Urtheile und bedarf also
auch einer transscendentalen Deduction, vermittelst deren der Grund 35 so
zu urtheilen in den Erkenntnißquellen a priori aufgesucht werden muß.
Wir finden nämlich in den Gründen der Möglichkeit einer Erfahrung zuerst
freilich etwas Nothwendiges, nämlich die allgemeinen XXXII Gesetze, ohne
welche Natur überhaupt (als Gegenstand der Sinne) nicht gedacht werden
kann; und diese beruhen auf den Kategorieen, angewandt auf die formalen
Bedingungen aller uns möglichen Anschauung, sofern sie gleichfalls a
priori gegeben ist. Unter diesen Gesetzen nun ist die 5 Urtheilskraft
bestimmend; denn sie hat nichts zu thun, als unter gegebnen Gesetzen zu
subsumiren. Z. B. der Verstand sagt: Alle Veränderung hat ihre Ursache
(allgemeines Naturgesetz); die transscendentale Urtheilskraft hat nun nichts
10 Principien gehöre, kann man aus den Maximen der Urtheilskraft, die der
Nachforschung der Natur a priori zum Grunde gelegt werden, und die
dennoch auf nichts als die Möglichkeit der Erfahrung, mithin der
Erkenntniß der Natur, aber nicht bloß als Natur überhaupt, sondern als
durch eine Mannigfaltigkeit besonderer Gesetze bestimmten 15 Natur,
gehen, hinreichend ersehen. — Sie kommen, als Sentenzen der
metaphysischen Weisheit, bei Gelegenheit mancher Regeln, deren
Nothwendigkeit XXXI man nicht aus Begriffen darthun kann, im Laufe
dieser Wissenschaft oft genug, aber nur zerstreut vor. »Die Natur nimmt den
kürzesten Weg (lex parsimoniae); sie thut gleichwohl keinen Sprung, 20
weder in der Folge ihrer Veränderungen, noch der Zusammenstellung
specifisch verschiedener Formen (lex continui in natura); ihre große
Mannigfaltigkeit in empirischen Gesetzen ist gleichwohl Einheit unter
wenigen Principien (principia praeter necessitatem non sunt
multiplicanda)«; u. d. g. m. 25
Wenn man aber von diesen Grundsätzen den Ursprung anzugeben denkt
und es auf dem psychologischen Wege versucht, so ist dies dem Sinne
derselben gänzlich zuwider. Denn sie sagen nicht, was geschieht, d. i. nach
welcher Regel unsere Erkenntnißkräfte ihr Spiel wirklich treiben, und wie
geurtheilt wird, sondern wie geurtheilt werden soll; und da kommt 30 diese
logische objective Nothwendigkeit nicht heraus, wenn die Principien bloß
empirisch sind. Also ist die Zweckmäßigkeit der Natur für unsere
Erkenntnißvermögen und ihren Gebrauch, welche offenbar aus ihnen
hervorleuchtet, ein transscendentales Princip der Urtheile und bedarf also
auch einer transscendentalen Deduction, vermittelst deren der Grund 35 so
zu urtheilen in den Erkenntnißquellen a priori aufgesucht werden muß.
Wir finden nämlich in den Gründen der Möglichkeit einer Erfahrung zuerst
freilich etwas Nothwendiges, nämlich die allgemeinen XXXII Gesetze, ohne
welche Natur überhaupt (als Gegenstand der Sinne) nicht gedacht werden
kann; und diese beruhen auf den Kategorieen, angewandt auf die formalen
Bedingungen aller uns möglichen Anschauung, sofern sie gleichfalls a
priori gegeben ist. Unter diesen Gesetzen nun ist die 5 Urtheilskraft
bestimmend; denn sie hat nichts zu thun, als unter gegebnen Gesetzen zu
subsumiren. Z. B. der Verstand sagt: Alle Veränderung hat ihre Ursache
(allgemeines Naturgesetz); die transscendentale Urtheilskraft hat nun nichts
Page 35
weiter zu thun, als die Bedingung der Subsumtion unter dem vorgelegten
Verstandesbegriff a priori anzugeben: 10 und das ist die Succession der
Bestimmungen eines und desselben Dinges. Für die Natur nun überhaupt
(als Gegenstand möglicher Erfahrung) wird jenes Gesetz als
schlechterdings nothwendig erkannt. — Nun sind aber die Gegenstände der
empirischen Erkenntniß außer jener formalen Zeitbedingung noch auf
mancherlei Art bestimmt, oder, so viel 15 man a priori urtheilen kann,
bestimmbar, so daß specifisch-verschiedene Naturen außer dem, was sie als
zur Natur überhaupt gehörig gemein haben, noch auf unendlich
mannigfaltige Weise Ursachen sein können; und eine jede dieser Arten muß
(nach dem Begriffe einer Ursache überhaupt) ihre Regel haben, die Gesetz
ist, mithin Nothwendigkeit bei sich 20 führt: ob wir gleich nach der
Beschaffenheit und den Schranken unserer Erkenntnißvermögen diese
Nothwendigkeit gar nicht einsehen. Also XXXIII müssen wir in der Natur in
Ansehung ihrer bloß empirischen Gesetze eine Möglichkeit unendlich
mannigfaltiger empirischer Gesetze denken, die für unsere Einsicht
dennoch zufällig sind (a priori nicht erkannt werden 25 können); und in
deren Ansehung beurtheilen wir die Natureinheit nach empirischen
Gesetzen und die Möglichkeit der Einheit der Erfahrung (als Systems nach
empirischen Gesetzen) als zufällig. Weil aber doch eine solche Einheit
nothwendig vorausgesetzt und angenommen werden muß, da sonst kein
durchgängiger Zusammenhang empirischer Erkenntnisse zu 30 einem
Ganzen der Erfahrung Statt finden würde, indem die allgemeinen
Naturgesetze zwar einen solchen Zusammenhang unter den Dingen ihrer
Gattung nach, als Naturdingen überhaupt, aber nicht specifisch, als solchen
besonderen Naturwesen, an die Hand geben: so muß die Urtheilskraft für
ihren eigenen Gebrauch es als Princip a priori annehmen, daß 35 das für
die menschliche Einsicht Zufällige in den besonderen (empirischen)
Naturgesetzen dennoch eine für uns zwar nicht zu ergründende, aber doch
denkbare gesetzliche Einheit in der Verbindung ihres Mannigfaltigen zu
einer an sich möglichen Erfahrung enthalte. Folglich, weil die gesetzliche
Einheit in einer Verbindung, die wir zwar einer nothwendigen Absicht
(einem Bedürfniß des Verstandes) gemäß, aber zugleich doch als an sich
zufällig erkennen, als Zweckmäßigkeit der Objecte (hier der Natur)
vorgestellt 5 XXXIV wird: so muß die Urtheilskraft, die in Ansehung der
Dinge unter möglichen (noch zu entdeckenden) empirischen Gesetzen bloß
reflectirend ist, die Natur in Ansehung der letzteren nach einem P r i n c i p
Verstandesbegriff a priori anzugeben: 10 und das ist die Succession der
Bestimmungen eines und desselben Dinges. Für die Natur nun überhaupt
(als Gegenstand möglicher Erfahrung) wird jenes Gesetz als
schlechterdings nothwendig erkannt. — Nun sind aber die Gegenstände der
empirischen Erkenntniß außer jener formalen Zeitbedingung noch auf
mancherlei Art bestimmt, oder, so viel 15 man a priori urtheilen kann,
bestimmbar, so daß specifisch-verschiedene Naturen außer dem, was sie als
zur Natur überhaupt gehörig gemein haben, noch auf unendlich
mannigfaltige Weise Ursachen sein können; und eine jede dieser Arten muß
(nach dem Begriffe einer Ursache überhaupt) ihre Regel haben, die Gesetz
ist, mithin Nothwendigkeit bei sich 20 führt: ob wir gleich nach der
Beschaffenheit und den Schranken unserer Erkenntnißvermögen diese
Nothwendigkeit gar nicht einsehen. Also XXXIII müssen wir in der Natur in
Ansehung ihrer bloß empirischen Gesetze eine Möglichkeit unendlich
mannigfaltiger empirischer Gesetze denken, die für unsere Einsicht
dennoch zufällig sind (a priori nicht erkannt werden 25 können); und in
deren Ansehung beurtheilen wir die Natureinheit nach empirischen
Gesetzen und die Möglichkeit der Einheit der Erfahrung (als Systems nach
empirischen Gesetzen) als zufällig. Weil aber doch eine solche Einheit
nothwendig vorausgesetzt und angenommen werden muß, da sonst kein
durchgängiger Zusammenhang empirischer Erkenntnisse zu 30 einem
Ganzen der Erfahrung Statt finden würde, indem die allgemeinen
Naturgesetze zwar einen solchen Zusammenhang unter den Dingen ihrer
Gattung nach, als Naturdingen überhaupt, aber nicht specifisch, als solchen
besonderen Naturwesen, an die Hand geben: so muß die Urtheilskraft für
ihren eigenen Gebrauch es als Princip a priori annehmen, daß 35 das für
die menschliche Einsicht Zufällige in den besonderen (empirischen)
Naturgesetzen dennoch eine für uns zwar nicht zu ergründende, aber doch
denkbare gesetzliche Einheit in der Verbindung ihres Mannigfaltigen zu
einer an sich möglichen Erfahrung enthalte. Folglich, weil die gesetzliche
Einheit in einer Verbindung, die wir zwar einer nothwendigen Absicht
(einem Bedürfniß des Verstandes) gemäß, aber zugleich doch als an sich
zufällig erkennen, als Zweckmäßigkeit der Objecte (hier der Natur)
vorgestellt 5 XXXIV wird: so muß die Urtheilskraft, die in Ansehung der
Dinge unter möglichen (noch zu entdeckenden) empirischen Gesetzen bloß
reflectirend ist, die Natur in Ansehung der letzteren nach einem P r i n c i p
Page 36
d e r Z w e c k m ä ß i g k e i t für unser Erkenntnißvermögen denken,
welches dann in obigen Maximen der Urtheilskraft ausgedrückt wird.
Dieser transscendentale 10 Begriff einer Zweckmäßigkeit der Natur ist nun
weder ein Naturbegriff, noch ein Freiheitsbegriff, weil er gar nichts dem
Objecte (der Natur) beilegt, sondern nur die einzige Art, wie wir in der
Reflexion über die Gegenstände der Natur in Absicht auf eine durchgängig
zusammenhängende Erfahrung verfahren müssen, vorstellt, folglich ein
subjectives 15 Princip (Maxime) der Urtheilskraft; daher wir auch, gleich
als ob es ein glücklicher unsre Absicht begünstigender Zufall wäre, erfreuet
(eigentlich eines Bedürfnisses entledigt) werden, wenn wir eine solche
systematische Einheit unter bloß empirischen Gesetzen antreffen: ob wir
gleich nothwendig annehmen mußten, es sei eine solche Einheit, ohne daß
20 wir sie doch einzusehen und zu beweisen vermochten.
Um sich von der Richtigkeit dieser Deduction des vorliegenden Begriffs
und der Nothwendigkeit ihn als transscendentales Erkenntnißprincip
anzunehmen zu überzeugen, bedenke man nur die Größe der Aufgabe: aus
gegebenen Wahrnehmungen einer allenfalls unendliche 25 Mannigfaltigkeit
empirischer Gesetze enthaltenden Natur eine zusammenhängende XXXV
Erfahrung zu machen, welche Aufgabe a priori in unserm Verstande liegt.
Der Verstand ist zwar a priori im Besitze allgemeiner Gesetze der Natur,
ohne welche sie gar kein Gegenstand einer Erfahrung sein könnte: aber er
bedarf doch auch überdem noch einer gewissen Ordnung 30 der Natur in
den besonderen Regeln derselben, die ihm nur empirisch bekannt werden
können, und die in Ansehung seiner zufällig sind. Diese Regeln, ohne
welche kein Fortgang von der allgemeinen Analogie einer möglichen
Erfahrung überhaupt zur besonderen Statt finden würde, muß er sich als
Gesetze (d. i. als nothwendig) denken: weil sie sonst keine 35
Naturordnung ausmachen würden, ob er gleich ihre Nothwendigkeit nicht
erkennt, oder jemals einsehen könnte. Ob er also gleich in Ansehung
derselben (Objecte) a priori nichts bestimmen kann, so muß er doch, um
diesen empirischen sogenannten Gesetzen nachzugehen, ein Princip a
priori, daß nämlich nach ihnen eine erkennbare Ordnung der Natur möglich
sei, aller Reflexion über dieselbe zum Grunde legen, dergleichen Princip
nachfolgende Sätze ausdrücken: daß es in ihr eine für uns faßliche 5
Unterordnung von Gattungen und Arten gebe; daß jene sich einander
wiederum nach einem gemeinschaftlichen Princip nähern, damit ein
welches dann in obigen Maximen der Urtheilskraft ausgedrückt wird.
Dieser transscendentale 10 Begriff einer Zweckmäßigkeit der Natur ist nun
weder ein Naturbegriff, noch ein Freiheitsbegriff, weil er gar nichts dem
Objecte (der Natur) beilegt, sondern nur die einzige Art, wie wir in der
Reflexion über die Gegenstände der Natur in Absicht auf eine durchgängig
zusammenhängende Erfahrung verfahren müssen, vorstellt, folglich ein
subjectives 15 Princip (Maxime) der Urtheilskraft; daher wir auch, gleich
als ob es ein glücklicher unsre Absicht begünstigender Zufall wäre, erfreuet
(eigentlich eines Bedürfnisses entledigt) werden, wenn wir eine solche
systematische Einheit unter bloß empirischen Gesetzen antreffen: ob wir
gleich nothwendig annehmen mußten, es sei eine solche Einheit, ohne daß
20 wir sie doch einzusehen und zu beweisen vermochten.
Um sich von der Richtigkeit dieser Deduction des vorliegenden Begriffs
und der Nothwendigkeit ihn als transscendentales Erkenntnißprincip
anzunehmen zu überzeugen, bedenke man nur die Größe der Aufgabe: aus
gegebenen Wahrnehmungen einer allenfalls unendliche 25 Mannigfaltigkeit
empirischer Gesetze enthaltenden Natur eine zusammenhängende XXXV
Erfahrung zu machen, welche Aufgabe a priori in unserm Verstande liegt.
Der Verstand ist zwar a priori im Besitze allgemeiner Gesetze der Natur,
ohne welche sie gar kein Gegenstand einer Erfahrung sein könnte: aber er
bedarf doch auch überdem noch einer gewissen Ordnung 30 der Natur in
den besonderen Regeln derselben, die ihm nur empirisch bekannt werden
können, und die in Ansehung seiner zufällig sind. Diese Regeln, ohne
welche kein Fortgang von der allgemeinen Analogie einer möglichen
Erfahrung überhaupt zur besonderen Statt finden würde, muß er sich als
Gesetze (d. i. als nothwendig) denken: weil sie sonst keine 35
Naturordnung ausmachen würden, ob er gleich ihre Nothwendigkeit nicht
erkennt, oder jemals einsehen könnte. Ob er also gleich in Ansehung
derselben (Objecte) a priori nichts bestimmen kann, so muß er doch, um
diesen empirischen sogenannten Gesetzen nachzugehen, ein Princip a
priori, daß nämlich nach ihnen eine erkennbare Ordnung der Natur möglich
sei, aller Reflexion über dieselbe zum Grunde legen, dergleichen Princip
nachfolgende Sätze ausdrücken: daß es in ihr eine für uns faßliche 5
Unterordnung von Gattungen und Arten gebe; daß jene sich einander
wiederum nach einem gemeinschaftlichen Princip nähern, damit ein
Page 37
Übergang von einer zu der anderen und dadurch zu einer höheren Gattung
möglich sei; daß, da für die specifische Verschiedenheit der
Naturwirkungen eben so viel verschiedene Arten der Causalität annehmen
zu 10 XXXVI müssen unserem Verstande anfänglich unvermeidlich scheint,
sie dennoch unter einer geringen Zahl von Principien stehen mögen, mit
deren Aufsuchung wir uns zu beschäftigen haben, u. s. w. Diese
Zusammenstimmung der Natur zu unserem Erkenntnißvermögen wird von
der Urtheilskraft zum Behuf ihrer Reflexion über dieselbe nach ihren
empirischen Gesetzen 15 a priori vorausgesetzt, indem sie der Verstand
zugleich objectiv als zufällig anerkennt, und bloß die Urtheilskraft sie der
Natur als transscendentale Zweckmäßigkeit (in Beziehung auf das
Erkenntnißvermögen des Subjects) beilegt: weil wir, ohne diese
vorauszusetzen, keine Ordnung der Natur nach empirischen Gesetzen,
mithin keinen Leitfaden für 20 eine mit diesen nach aller ihrer
Mannigfaltigkeit anzustellende Erfahrung und Nachforschung derselben
haben würden.
Denn es läßt sich wohl denken: daß ungeachtet aller der Gleichförmigkeit
der Naturdinge nach den allgemeinen Gesetzen, ohne welche die Form
eines Erfahrungserkenntnisses überhaupt gar nicht Statt finden 25 würde,
die specifische Verschiedenheit der empirischen Gesetze der Natur sammt
ihren Wirkungen dennoch so groß sein könnte, daß es für unseren Verstand
unmöglich wäre, in ihr eine faßliche Ordnung zu entdecken, ihre Producte
in Gattungen und Arten einzutheilen, um die Principien der Erklärung und
des Verständnisses des einen auch zur Erklärung und 30 Begreifung des
andern zu gebrauchen und aus einem für uns so verworrenen XXXVII
(eigentlich nur unendlich mannigfaltigen, unserer Fassungskraft nicht
angemessenen) Stoffe eine zusammenhängende Erfahrung zu machen.
Die Urtheilskraft hat also auch ein Princip a priori für die Möglichkeit 35
der Natur, aber nur in subjectiver Rücksicht in sich, wodurch sie, nicht der
Natur (als Autonomie), sondern ihr selbst (als Heautonomie) für die
Reflexion über jene, ein Gesetz vorschreibt, welches man das G e s e t z
d e r S p e c i f i c a t i o n d e r N a t u r in Ansehung ihrer empirischen
Gesetze nennen könnte, das sie a priori an ihr nicht erkennt, sondern zum
Behuf einer für unseren Verstand erkennbaren Ordnung derselben in der
Eintheilung, die sie von ihren allgemeinen Gesetzen macht, annimmt, 5
wenn sie diesen eine Mannigfaltigkeit der besondern unterordnen will.
möglich sei; daß, da für die specifische Verschiedenheit der
Naturwirkungen eben so viel verschiedene Arten der Causalität annehmen
zu 10 XXXVI müssen unserem Verstande anfänglich unvermeidlich scheint,
sie dennoch unter einer geringen Zahl von Principien stehen mögen, mit
deren Aufsuchung wir uns zu beschäftigen haben, u. s. w. Diese
Zusammenstimmung der Natur zu unserem Erkenntnißvermögen wird von
der Urtheilskraft zum Behuf ihrer Reflexion über dieselbe nach ihren
empirischen Gesetzen 15 a priori vorausgesetzt, indem sie der Verstand
zugleich objectiv als zufällig anerkennt, und bloß die Urtheilskraft sie der
Natur als transscendentale Zweckmäßigkeit (in Beziehung auf das
Erkenntnißvermögen des Subjects) beilegt: weil wir, ohne diese
vorauszusetzen, keine Ordnung der Natur nach empirischen Gesetzen,
mithin keinen Leitfaden für 20 eine mit diesen nach aller ihrer
Mannigfaltigkeit anzustellende Erfahrung und Nachforschung derselben
haben würden.
Denn es läßt sich wohl denken: daß ungeachtet aller der Gleichförmigkeit
der Naturdinge nach den allgemeinen Gesetzen, ohne welche die Form
eines Erfahrungserkenntnisses überhaupt gar nicht Statt finden 25 würde,
die specifische Verschiedenheit der empirischen Gesetze der Natur sammt
ihren Wirkungen dennoch so groß sein könnte, daß es für unseren Verstand
unmöglich wäre, in ihr eine faßliche Ordnung zu entdecken, ihre Producte
in Gattungen und Arten einzutheilen, um die Principien der Erklärung und
des Verständnisses des einen auch zur Erklärung und 30 Begreifung des
andern zu gebrauchen und aus einem für uns so verworrenen XXXVII
(eigentlich nur unendlich mannigfaltigen, unserer Fassungskraft nicht
angemessenen) Stoffe eine zusammenhängende Erfahrung zu machen.
Die Urtheilskraft hat also auch ein Princip a priori für die Möglichkeit 35
der Natur, aber nur in subjectiver Rücksicht in sich, wodurch sie, nicht der
Natur (als Autonomie), sondern ihr selbst (als Heautonomie) für die
Reflexion über jene, ein Gesetz vorschreibt, welches man das G e s e t z
d e r S p e c i f i c a t i o n d e r N a t u r in Ansehung ihrer empirischen
Gesetze nennen könnte, das sie a priori an ihr nicht erkennt, sondern zum
Behuf einer für unseren Verstand erkennbaren Ordnung derselben in der
Eintheilung, die sie von ihren allgemeinen Gesetzen macht, annimmt, 5
wenn sie diesen eine Mannigfaltigkeit der besondern unterordnen will.
Page 38
Wenn man also sagt: die Natur specificirt ihre allgemeinen Gesetze nach
dem Princip der Zweckmäßigkeit für unser Erkenntnißvermögen, d. i. zur
Angemessenheit mit dem menschlichen Verstande in seinem nothwendigen
Geschäfte, zum Besonderen, welches ihm die Wahrnehmung 10 darbietet,
das Allgemeine und zum Verschiedenen (für jede Species zwar
Allgemeinen) wiederum Verknüpfung in der Einheit des Princips zu finden:
so schreibt man dadurch weder der Natur ein Gesetz vor, noch lernt man
eines von ihr durch Beobachtung (obzwar jenes Princip durch diese
bestätigt werden kann). Denn es ist nicht ein Princip der bestimmenden, 15
XXXVIII sondern bloß der reflectirenden Urtheilskraft; man will nur, daß
man, die Natur mag ihren allgemeinen Gesetzen nach eingerichtet sein, wie
sie wolle, durchaus nach jenem Princip und den sich darauf gründenden
Maximen ihren empirischen Gesetzen nachspüren müsse, weil wir, nur so
weit als jenes Statt findet, mit dem Gebrauche unseres Verstandes 20 in der
Erfahrung fortkommen und Erkenntniß erwerben können.
dem Princip der Zweckmäßigkeit für unser Erkenntnißvermögen, d. i. zur
Angemessenheit mit dem menschlichen Verstande in seinem nothwendigen
Geschäfte, zum Besonderen, welches ihm die Wahrnehmung 10 darbietet,
das Allgemeine und zum Verschiedenen (für jede Species zwar
Allgemeinen) wiederum Verknüpfung in der Einheit des Princips zu finden:
so schreibt man dadurch weder der Natur ein Gesetz vor, noch lernt man
eines von ihr durch Beobachtung (obzwar jenes Princip durch diese
bestätigt werden kann). Denn es ist nicht ein Princip der bestimmenden, 15
XXXVIII sondern bloß der reflectirenden Urtheilskraft; man will nur, daß
man, die Natur mag ihren allgemeinen Gesetzen nach eingerichtet sein, wie
sie wolle, durchaus nach jenem Princip und den sich darauf gründenden
Maximen ihren empirischen Gesetzen nachspüren müsse, weil wir, nur so
weit als jenes Statt findet, mit dem Gebrauche unseres Verstandes 20 in der
Erfahrung fortkommen und Erkenntniß erwerben können.
Page 39
VI.
Von der Verbindung des Gefühls der Lust mit dem Begriffe der
Zweckmäßigkeit der Natur.
Die gedachte Übereinstimmung der Natur in der Mannigfaltigkeit 25 ihrer
besonderen Gesetze zu unserem Bedürfnisse, Allgemeinheit der Principien
für sie aufzufinden, muß nach aller unserer Einsicht als zufällig beurtheilt
werden, gleichwohl aber doch für unser Verstandesbedürfniß als
unentbehrlich, mithin als Zweckmäßigkeit, wodurch die Natur mit unserer,
aber nur auf Erkenntniß gerichteten Absicht übereinstimmt. — 30 Die
allgemeinen Gesetze des Verstandes, welche zugleich Gesetze der Natur
sind, sind derselben eben so nothwendig (obgleich aus Spontaneität
entsprungen), als die Bewegungsgesetze der Materie; und ihre Erzeugung
setzt keine Absicht mit unseren Erkenntnißvermögen voraus, weil wir nur
durch dieselben von dem, was Erkenntniß der Dinge (der Natur) sei, zuerst
35 XXXIX einen Begriff erhalten, und sie der Natur als Object unserer
Erkenntniß überhaupt nothwendig zukommen. Allein, daß die Ordnung der
Natur nach ihren besonderen Gesetzen bei aller unsere Fassungskraft
übersteigenden wenigstens möglichen Mannigfaltigkeit und
Ungleichartigkeit doch dieser wirklich angemessen sei, ist, so viel wir
einsehen können, 5 zufällig; und die Auffindung derselben ist ein Geschäft
des Verstandes, welches mit Absicht zu einem nothwendigen Zwecke
desselben, nämlich Einheit der Principien in sie hineinzubringen, geführt
wird: welchen Zweck dann die Urtheilskraft der Natur beilegen muß, weil
der Verstand ihr hierüber kein Gesetz vorschreiben kann. 10
Die Erreichung jeder Absicht ist mit dem Gefühle der Lust verbunden; und
ist die Bedingung der erstern eine Vorstellung a priori, wie hier ein Princip
für die reflectirende Urtheilskraft überhaupt, so ist das Gefühl der Lust auch
durch einen Grund a priori und für jedermann gültig bestimmt: und zwar
bloß durch die Beziehung des Objects auf 15 das Erkenntnißvermögen,
ohne daß der Begriff der Zweckmäßigkeit hier im Mindesten auf das
Begehrungsvermögen Rücksicht nimmt und sich also von aller praktischen
Zweckmäßigkeit der Natur gänzlich unterscheidet.
Von der Verbindung des Gefühls der Lust mit dem Begriffe der
Zweckmäßigkeit der Natur.
Die gedachte Übereinstimmung der Natur in der Mannigfaltigkeit 25 ihrer
besonderen Gesetze zu unserem Bedürfnisse, Allgemeinheit der Principien
für sie aufzufinden, muß nach aller unserer Einsicht als zufällig beurtheilt
werden, gleichwohl aber doch für unser Verstandesbedürfniß als
unentbehrlich, mithin als Zweckmäßigkeit, wodurch die Natur mit unserer,
aber nur auf Erkenntniß gerichteten Absicht übereinstimmt. — 30 Die
allgemeinen Gesetze des Verstandes, welche zugleich Gesetze der Natur
sind, sind derselben eben so nothwendig (obgleich aus Spontaneität
entsprungen), als die Bewegungsgesetze der Materie; und ihre Erzeugung
setzt keine Absicht mit unseren Erkenntnißvermögen voraus, weil wir nur
durch dieselben von dem, was Erkenntniß der Dinge (der Natur) sei, zuerst
35 XXXIX einen Begriff erhalten, und sie der Natur als Object unserer
Erkenntniß überhaupt nothwendig zukommen. Allein, daß die Ordnung der
Natur nach ihren besonderen Gesetzen bei aller unsere Fassungskraft
übersteigenden wenigstens möglichen Mannigfaltigkeit und
Ungleichartigkeit doch dieser wirklich angemessen sei, ist, so viel wir
einsehen können, 5 zufällig; und die Auffindung derselben ist ein Geschäft
des Verstandes, welches mit Absicht zu einem nothwendigen Zwecke
desselben, nämlich Einheit der Principien in sie hineinzubringen, geführt
wird: welchen Zweck dann die Urtheilskraft der Natur beilegen muß, weil
der Verstand ihr hierüber kein Gesetz vorschreiben kann. 10
Die Erreichung jeder Absicht ist mit dem Gefühle der Lust verbunden; und
ist die Bedingung der erstern eine Vorstellung a priori, wie hier ein Princip
für die reflectirende Urtheilskraft überhaupt, so ist das Gefühl der Lust auch
durch einen Grund a priori und für jedermann gültig bestimmt: und zwar
bloß durch die Beziehung des Objects auf 15 das Erkenntnißvermögen,
ohne daß der Begriff der Zweckmäßigkeit hier im Mindesten auf das
Begehrungsvermögen Rücksicht nimmt und sich also von aller praktischen
Zweckmäßigkeit der Natur gänzlich unterscheidet.
Page 40
In der That, da wir von dem Zusammentreffen der Wahrnehmungen mit den
Gesetzen nach allgemeinen Naturbegriffen (den Kategorieen) 20 nicht die
mindeste Wirkung auf das Gefühl der Lust in uns antreffen, XL auch nicht
antreffen können, weil der Verstand damit unabsichtlich nach seiner Natur
nothwendig verfährt: so ist andrerseits die entdeckte Vereinbarkeit zweier
oder mehrerer empirischen heterogenen Naturgesetze unter einem sie beide
befassenden Princip der Grund einer sehr merklichen Lust, 25 oft sogar
einer Bewunderung, selbst einer solchen, die nicht aufhört, ob man schon
mit dem Gegenstande derselben genug bekannt ist. Zwar spüren wir an der
Faßlichkeit der Natur und ihrer Einheit der Abtheilung in Gattungen und
Arten, wodurch allein empirische Begriffe möglich sind, durch welche wir
sie nach ihren besonderen Gesetzen erkennen, 30 keine merkliche Lust
mehr: aber sie ist gewiß zu ihrer Zeit gewesen, und nur weil die gemeinste
Erfahrung ohne sie nicht möglich sein würde, ist sie allmählig mit dem
bloßen Erkenntnisse vermischt und nicht mehr besonders bemerkt worden.
— Es gehört also etwas, das in der Beurtheilung der Natur auf die
Zweckmäßigkeit derselben für unsern Verstand 35 aufmerksam macht, ein
Studium ungleichartige Gesetze derselben wo möglich unter höhere,
obwohl immer noch empirische, zu bringen, dazu, um, wenn es gelingt, an
dieser Einstimmung derselben für unser Erkenntnißvermögen, die wir als
bloß zufällig ansehen, Lust zu empfinden. Dagegen würde uns eine
Vorstellung der Natur durchaus mißfallen, durch welche man uns voraus
sagte, daß bei der mindesten Nachforschung XLI über die gemeinste
Erfahrung hinaus wir auf eine Heterogeneität ihrer 5 Gesetze stoßen
würden, welche die Vereinigung ihrer besonderen Gesetze unter
allgemeinen empirischen für unseren Verstand unmöglich machte: weil dies
dem Princip der subjectiv-zweckmäßigen Specification der Natur in ihren
Gattungen und unserer reflectirenden Urtheilskraft in der Absicht der
letzteren widerstreitet. 10
Diese Voraussetzung der Urtheilskraft ist gleichwohl darüber so
unbestimmt, wie weit jene idealische Zweckmäßigkeit der Natur für unser
Erkenntnißvermögen ausgedehnt werden solle, daß, wenn man uns sagt,
eine tiefere oder ausgebreitetere Kenntniß der Natur durch Beobachtung
müsse zuletzt auf eine Mannigfaltigkeit von Gesetzen stoßen, die kein 15
menschlicher Verstand auf ein Princip zurückführen kann, wir es auch
zufrieden sind, ob wir es gleich lieber hören, wenn andere uns Hoffnung
Gesetzen nach allgemeinen Naturbegriffen (den Kategorieen) 20 nicht die
mindeste Wirkung auf das Gefühl der Lust in uns antreffen, XL auch nicht
antreffen können, weil der Verstand damit unabsichtlich nach seiner Natur
nothwendig verfährt: so ist andrerseits die entdeckte Vereinbarkeit zweier
oder mehrerer empirischen heterogenen Naturgesetze unter einem sie beide
befassenden Princip der Grund einer sehr merklichen Lust, 25 oft sogar
einer Bewunderung, selbst einer solchen, die nicht aufhört, ob man schon
mit dem Gegenstande derselben genug bekannt ist. Zwar spüren wir an der
Faßlichkeit der Natur und ihrer Einheit der Abtheilung in Gattungen und
Arten, wodurch allein empirische Begriffe möglich sind, durch welche wir
sie nach ihren besonderen Gesetzen erkennen, 30 keine merkliche Lust
mehr: aber sie ist gewiß zu ihrer Zeit gewesen, und nur weil die gemeinste
Erfahrung ohne sie nicht möglich sein würde, ist sie allmählig mit dem
bloßen Erkenntnisse vermischt und nicht mehr besonders bemerkt worden.
— Es gehört also etwas, das in der Beurtheilung der Natur auf die
Zweckmäßigkeit derselben für unsern Verstand 35 aufmerksam macht, ein
Studium ungleichartige Gesetze derselben wo möglich unter höhere,
obwohl immer noch empirische, zu bringen, dazu, um, wenn es gelingt, an
dieser Einstimmung derselben für unser Erkenntnißvermögen, die wir als
bloß zufällig ansehen, Lust zu empfinden. Dagegen würde uns eine
Vorstellung der Natur durchaus mißfallen, durch welche man uns voraus
sagte, daß bei der mindesten Nachforschung XLI über die gemeinste
Erfahrung hinaus wir auf eine Heterogeneität ihrer 5 Gesetze stoßen
würden, welche die Vereinigung ihrer besonderen Gesetze unter
allgemeinen empirischen für unseren Verstand unmöglich machte: weil dies
dem Princip der subjectiv-zweckmäßigen Specification der Natur in ihren
Gattungen und unserer reflectirenden Urtheilskraft in der Absicht der
letzteren widerstreitet. 10
Diese Voraussetzung der Urtheilskraft ist gleichwohl darüber so
unbestimmt, wie weit jene idealische Zweckmäßigkeit der Natur für unser
Erkenntnißvermögen ausgedehnt werden solle, daß, wenn man uns sagt,
eine tiefere oder ausgebreitetere Kenntniß der Natur durch Beobachtung
müsse zuletzt auf eine Mannigfaltigkeit von Gesetzen stoßen, die kein 15
menschlicher Verstand auf ein Princip zurückführen kann, wir es auch
zufrieden sind, ob wir es gleich lieber hören, wenn andere uns Hoffnung
Page 41
geben: daß, je mehr wir die Natur im Inneren kennen würden, oder mit
äußeren uns für jetzt unbekannten Gliedern vergleichen könnten, wir sie in
ihren Principien um desto einfacher und bei der scheinbaren Heterogeneität
20 ihrer empirischen Gesetze einhelliger finden würden, je weiter unsere
Erfahrung fortschritte. Denn es ist ein Geheiß unserer Urtheilskraft, nach
dem Princip der Angemessenheit der Natur zu unserem
Erkenntnißvermögen zu verfahren, so weit es reicht, ohne (weil es keine
bestimmende Urtheilskraft ist, die uns diese Regel giebt) auszumachen, 25
XLII ob es irgendwo seine Gränzen habe, oder nicht: weil wir zwar in
Ansehung des rationalen Gebrauchs unserer Erkenntnißvermögen Gränzen
bestimmen können, im empirischen Felde aber keine Gränzbestimmung
möglich ist.
äußeren uns für jetzt unbekannten Gliedern vergleichen könnten, wir sie in
ihren Principien um desto einfacher und bei der scheinbaren Heterogeneität
20 ihrer empirischen Gesetze einhelliger finden würden, je weiter unsere
Erfahrung fortschritte. Denn es ist ein Geheiß unserer Urtheilskraft, nach
dem Princip der Angemessenheit der Natur zu unserem
Erkenntnißvermögen zu verfahren, so weit es reicht, ohne (weil es keine
bestimmende Urtheilskraft ist, die uns diese Regel giebt) auszumachen, 25
XLII ob es irgendwo seine Gränzen habe, oder nicht: weil wir zwar in
Ansehung des rationalen Gebrauchs unserer Erkenntnißvermögen Gränzen
bestimmen können, im empirischen Felde aber keine Gränzbestimmung
möglich ist.
Page 42
VII. 30
Von der ästhetischen Vorstellung der Zweckmäßigkeit der Natur.
Was an der Vorstellung eines Objects bloß subjectiv ist, d. i. ihre Beziehung
auf das Subject, nicht auf den Gegenstand ausmacht, ist die ästhetische
Beschaffenheit derselben; was aber an ihr zur Bestimmung 35 des
Gegenstandes (zum Erkenntnisse) dient oder gebraucht werden kann, ist
ihre logische Gültigkeit. In dem Erkenntnisse eines Gegenstandes der Sinne
kommen beide Beziehungen zusammen vor. In der Sinnenvorstellung der
Dinge außer mir ist die Qualität des Raums, worin wir sie anschauen, das
bloß Subjective meiner Vorstellung derselben (wodurch, 5 was sie als
Objecte an sich sein mögen, unausgemacht bleibt), um welcher Beziehung
willen der Gegenstand auch dadurch bloß als Erscheinung gedacht wird; der
Raum ist aber seiner bloß subjectiven Qualität ungeachtet gleichwohl doch
ein Erkenntnißstück der Dinge als Erscheinungen. E m p f i n d u n g (hier
die äußere) drückt eben sowohl das bloß 10 Subjective unserer
Vorstellungen der Dinge außer uns aus, aber eigentlich XLIII das Materielle
(Reale) derselben (wodurch etwas Existirendes gegeben wird), so wie der
Raum die bloße Form a priori der Möglichkeit ihrer Anschauung; und
gleichwohl wird jene auch zum Erkenntniß der Objecte außer uns
gebraucht. 15
Dasjenige Subjective aber an einer Vorstellung, w a s g a r k e i n
E r k e n n t n i ß s t ü c k w e r d e n k a n n, ist die mit ihr verbundene
L u s t oder U n l u s t; denn durch sie erkenne ich nichts an dem
Gegenstande der Vorstellung, obgleich sie wohl die Wirkung irgend einer
Erkenntniß sein kann. Nun ist die Zweckmäßigkeit eines Dinges, sofern sie
in der Wahrnehmung 20 vorgestellt wird, auch keine Beschaffenheit des
Objects selbst (denn eine solche kann nicht wahrgenommen werden), ob sie
gleich aus einem Erkenntnisse der Dinge gefolgert werden kann. Die
Zweckmäßigkeit also, die vor dem Erkenntnisse eines Objects vorhergeht,
ja sogar, ohne die Vorstellung desselben zu einem Erkenntniß brauchen zu
wollen, gleichwohl mit ihr 25 unmittelbar verbunden wird, ist das
Subjective derselben, was gar kein Erkenntnißstück werden kann. Also wird
der Gegenstand alsdann nur darum zweckmäßig genannt, weil seine
Vorstellung unmittelbar mit dem Gefühle der Lust verbunden ist; und diese
Von der ästhetischen Vorstellung der Zweckmäßigkeit der Natur.
Was an der Vorstellung eines Objects bloß subjectiv ist, d. i. ihre Beziehung
auf das Subject, nicht auf den Gegenstand ausmacht, ist die ästhetische
Beschaffenheit derselben; was aber an ihr zur Bestimmung 35 des
Gegenstandes (zum Erkenntnisse) dient oder gebraucht werden kann, ist
ihre logische Gültigkeit. In dem Erkenntnisse eines Gegenstandes der Sinne
kommen beide Beziehungen zusammen vor. In der Sinnenvorstellung der
Dinge außer mir ist die Qualität des Raums, worin wir sie anschauen, das
bloß Subjective meiner Vorstellung derselben (wodurch, 5 was sie als
Objecte an sich sein mögen, unausgemacht bleibt), um welcher Beziehung
willen der Gegenstand auch dadurch bloß als Erscheinung gedacht wird; der
Raum ist aber seiner bloß subjectiven Qualität ungeachtet gleichwohl doch
ein Erkenntnißstück der Dinge als Erscheinungen. E m p f i n d u n g (hier
die äußere) drückt eben sowohl das bloß 10 Subjective unserer
Vorstellungen der Dinge außer uns aus, aber eigentlich XLIII das Materielle
(Reale) derselben (wodurch etwas Existirendes gegeben wird), so wie der
Raum die bloße Form a priori der Möglichkeit ihrer Anschauung; und
gleichwohl wird jene auch zum Erkenntniß der Objecte außer uns
gebraucht. 15
Dasjenige Subjective aber an einer Vorstellung, w a s g a r k e i n
E r k e n n t n i ß s t ü c k w e r d e n k a n n, ist die mit ihr verbundene
L u s t oder U n l u s t; denn durch sie erkenne ich nichts an dem
Gegenstande der Vorstellung, obgleich sie wohl die Wirkung irgend einer
Erkenntniß sein kann. Nun ist die Zweckmäßigkeit eines Dinges, sofern sie
in der Wahrnehmung 20 vorgestellt wird, auch keine Beschaffenheit des
Objects selbst (denn eine solche kann nicht wahrgenommen werden), ob sie
gleich aus einem Erkenntnisse der Dinge gefolgert werden kann. Die
Zweckmäßigkeit also, die vor dem Erkenntnisse eines Objects vorhergeht,
ja sogar, ohne die Vorstellung desselben zu einem Erkenntniß brauchen zu
wollen, gleichwohl mit ihr 25 unmittelbar verbunden wird, ist das
Subjective derselben, was gar kein Erkenntnißstück werden kann. Also wird
der Gegenstand alsdann nur darum zweckmäßig genannt, weil seine
Vorstellung unmittelbar mit dem Gefühle der Lust verbunden ist; und diese
Page 43
Vorstellung selbst ist eine ästhetische Vorstellung der Zweckmäßigkeit. —
Es fragt sich nur, ob es 30 XLIV überhaupt eine solche Vorstellung der
Zweckmäßigkeit gebe.
Wenn mit der bloßen Auffassung (apprehensio) der Form eines
Gegenstandes der Anschauung ohne Beziehung derselben auf einen Begriff
zu einem bestimmten Erkenntniß Lust verbunden ist: so wird die
Vorstellung dadurch nicht auf das Object, sondern lediglich auf das 35
Subject bezogen; und die Lust kann nichts anders als die Angemessenheit
desselben zu den Erkenntnißvermögen, die in der reflectirenden
Urtheilskraft im Spiel sind, und sofern sie darin sind, also bloß eine
subjective formale Zweckmäßigkeit des Objects ausdrücken. Denn jene
Auffassung der Formen in die Einbildungskraft kann niemals geschehen,
ohne daß die reflectirende Urtheilskraft, auch unabsichtlich, sie wenigstens
mit ihrem Vermögen, Anschauungen auf Begriffe zu beziehen, vergliche.
Wenn nun 5 in dieser Vergleichung die Einbildungskraft (als Vermögen der
Anschauungen a priori) zum Verstande (als Vermögen der Begriffe) durch
eine gegebene Vorstellung unabsichtlich in Einstimmung versetzt und
dadurch ein Gefühl der Lust erweckt wird, so muß der Gegenstand alsdann
als zweckmäßig für die reflectirende Urtheilskraft angesehen werden. Ein
10 solches Urtheil ist ein ästhetisches Urtheil über die Zweckmäßigkeit des
Objects, welches sich auf keinem vorhandenen Begriffe vom Gegenstande
gründet und keinen von ihm verschafft. Wessen Gegenstandes Form (nicht
das Materielle seiner Vorstellung, als Empfindung) in der bloßen XLV
Reflexion über dieselbe (ohne Absicht auf einen von ihm zu erwerbenden
15 Begriff) als der Grund einer Lust an der Vorstellung eines solchen
Objects beurtheilt wird: mit dessen Vorstellung wird diese Lust auch als
nothwendig verbunden geurtheilt, folglich als nicht bloß für das Subject,
welches diese Form auffaßt, sondern für jeden Urtheilenden überhaupt. Der
Gegenstand heißt alsdann schön; und das Vermögen, durch eine 20 solche
Lust (folglich auch allgemeingültig) zu urtheilen, der Geschmack. Denn da
der Grund der Lust bloß in der Form des Gegenstandes für die Reflexion
überhaupt, mithin in keiner Empfindung des Gegenstandes und auch ohne
Beziehung auf einen Begriff, der irgend eine Absicht enthielte, gesetzt wird:
so ist es allein die Gesetzmäßigkeit im empirischen 25 Gebrauche der
Urtheilskraft überhaupt (Einheit der Einbildungskraft mit dem Verstande) in
dem Subjecte, mit der die Vorstellung des Objects in der Reflexion, deren
Es fragt sich nur, ob es 30 XLIV überhaupt eine solche Vorstellung der
Zweckmäßigkeit gebe.
Wenn mit der bloßen Auffassung (apprehensio) der Form eines
Gegenstandes der Anschauung ohne Beziehung derselben auf einen Begriff
zu einem bestimmten Erkenntniß Lust verbunden ist: so wird die
Vorstellung dadurch nicht auf das Object, sondern lediglich auf das 35
Subject bezogen; und die Lust kann nichts anders als die Angemessenheit
desselben zu den Erkenntnißvermögen, die in der reflectirenden
Urtheilskraft im Spiel sind, und sofern sie darin sind, also bloß eine
subjective formale Zweckmäßigkeit des Objects ausdrücken. Denn jene
Auffassung der Formen in die Einbildungskraft kann niemals geschehen,
ohne daß die reflectirende Urtheilskraft, auch unabsichtlich, sie wenigstens
mit ihrem Vermögen, Anschauungen auf Begriffe zu beziehen, vergliche.
Wenn nun 5 in dieser Vergleichung die Einbildungskraft (als Vermögen der
Anschauungen a priori) zum Verstande (als Vermögen der Begriffe) durch
eine gegebene Vorstellung unabsichtlich in Einstimmung versetzt und
dadurch ein Gefühl der Lust erweckt wird, so muß der Gegenstand alsdann
als zweckmäßig für die reflectirende Urtheilskraft angesehen werden. Ein
10 solches Urtheil ist ein ästhetisches Urtheil über die Zweckmäßigkeit des
Objects, welches sich auf keinem vorhandenen Begriffe vom Gegenstande
gründet und keinen von ihm verschafft. Wessen Gegenstandes Form (nicht
das Materielle seiner Vorstellung, als Empfindung) in der bloßen XLV
Reflexion über dieselbe (ohne Absicht auf einen von ihm zu erwerbenden
15 Begriff) als der Grund einer Lust an der Vorstellung eines solchen
Objects beurtheilt wird: mit dessen Vorstellung wird diese Lust auch als
nothwendig verbunden geurtheilt, folglich als nicht bloß für das Subject,
welches diese Form auffaßt, sondern für jeden Urtheilenden überhaupt. Der
Gegenstand heißt alsdann schön; und das Vermögen, durch eine 20 solche
Lust (folglich auch allgemeingültig) zu urtheilen, der Geschmack. Denn da
der Grund der Lust bloß in der Form des Gegenstandes für die Reflexion
überhaupt, mithin in keiner Empfindung des Gegenstandes und auch ohne
Beziehung auf einen Begriff, der irgend eine Absicht enthielte, gesetzt wird:
so ist es allein die Gesetzmäßigkeit im empirischen 25 Gebrauche der
Urtheilskraft überhaupt (Einheit der Einbildungskraft mit dem Verstande) in
dem Subjecte, mit der die Vorstellung des Objects in der Reflexion, deren
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Bedingungen a priori allgemein gelten, zusammen stimmt; und da diese
Zusammenstimmung des Gegenstandes mit den Vermögen des Subjects
zufällig ist, so bewirkt sie die Vorstellung 30 einer Zweckmäßigkeit
desselben in Ansehung der Erkenntnißvermögen des Subjects.
Hier ist nun eine Lust, die wie alle Lust oder Unlust, welche nicht durch
den Freiheitsbegriff (d. i. durch die vorhergehende Bestimmung des oberen
Begehrungsvermögens durch reine Vernunft) gewirkt wird, niemals 35 XLVI
aus Begriffen als mit der Vorstellung eines Gegenstandes nothwendig
verbunden eingesehen werden kann, sondern jederzeit nur durch reflectirte
Wahrnehmung als mit dieser verknüpft erkannt werden muß, folglich wie
alle empirische Urtheile keine objective Nothwendigkeit ankündigen und
auf Gültigkeit a priori Anspruch machen kann. Aber das Geschmacksurtheil
macht auch nur Anspruch, wie jedes andere empirische Urtheil, für
jedermann zu gelten, welches ungeachtet der inneren Zufälligkeit 5
desselben immer möglich ist. Das Befremdende und Abweichende liegt nur
darin: daß es nicht ein empirischer Begriff, sondern ein Gefühl der Lust
(folglich gar kein Begriff) ist, welches doch durch das Geschmacksurtheil,
gleich als ob es ein mit dem Erkenntnisse des Objects verbundenes Prädicat
wäre, jedermann zugemuthet und mit der Vorstellung 10 desselben
verknüpft werden soll.
Ein einzelnes Erfahrungsurtheil, z. B. von dem, der in einem Bergkrystall
einen beweglichen Tropfen Wasser wahrnimmt, verlangt mit Recht, daß ein
jeder andere es eben so finden müsse, weil er dieses Urtheil nach den
allgemeinen Bedingungen der bestimmenden Urtheilskraft 15 unter den
Gesetzen einer möglichen Erfahrung überhaupt gefällt hat. Eben so macht
derjenige, welcher in der bloßen Reflexion über die Form eines
Gegenstandes ohne Rücksicht auf einen Begriff Lust empfindet, obzwar
dieses Urtheil empirisch und ein einzelnes Urtheil ist, mit Recht XLVII
Anspruch auf Jedermanns Beistimmung: weil der Grund zu dieser Lust 20
in der allgemeinen, obzwar subjectiven Bedingung der reflectirenden
Urtheile, nämlich der zweckmäßigen Übereinstimmung eines Gegenstandes
(er sei Product der Natur oder der Kunst) mit dem Verhältniß der
Erkenntnißvermögen unter sich, die zu jedem empirischen Erkenntniß
erfordert werden (der Einbildungskraft und des Verstandes), angetroffen 25
wird. Die Lust ist also im Geschmacksurtheile zwar von einer empirischen
Vorstellung abhängig und kann a priori mit keinem Begriffe verbunden
Zusammenstimmung des Gegenstandes mit den Vermögen des Subjects
zufällig ist, so bewirkt sie die Vorstellung 30 einer Zweckmäßigkeit
desselben in Ansehung der Erkenntnißvermögen des Subjects.
Hier ist nun eine Lust, die wie alle Lust oder Unlust, welche nicht durch
den Freiheitsbegriff (d. i. durch die vorhergehende Bestimmung des oberen
Begehrungsvermögens durch reine Vernunft) gewirkt wird, niemals 35 XLVI
aus Begriffen als mit der Vorstellung eines Gegenstandes nothwendig
verbunden eingesehen werden kann, sondern jederzeit nur durch reflectirte
Wahrnehmung als mit dieser verknüpft erkannt werden muß, folglich wie
alle empirische Urtheile keine objective Nothwendigkeit ankündigen und
auf Gültigkeit a priori Anspruch machen kann. Aber das Geschmacksurtheil
macht auch nur Anspruch, wie jedes andere empirische Urtheil, für
jedermann zu gelten, welches ungeachtet der inneren Zufälligkeit 5
desselben immer möglich ist. Das Befremdende und Abweichende liegt nur
darin: daß es nicht ein empirischer Begriff, sondern ein Gefühl der Lust
(folglich gar kein Begriff) ist, welches doch durch das Geschmacksurtheil,
gleich als ob es ein mit dem Erkenntnisse des Objects verbundenes Prädicat
wäre, jedermann zugemuthet und mit der Vorstellung 10 desselben
verknüpft werden soll.
Ein einzelnes Erfahrungsurtheil, z. B. von dem, der in einem Bergkrystall
einen beweglichen Tropfen Wasser wahrnimmt, verlangt mit Recht, daß ein
jeder andere es eben so finden müsse, weil er dieses Urtheil nach den
allgemeinen Bedingungen der bestimmenden Urtheilskraft 15 unter den
Gesetzen einer möglichen Erfahrung überhaupt gefällt hat. Eben so macht
derjenige, welcher in der bloßen Reflexion über die Form eines
Gegenstandes ohne Rücksicht auf einen Begriff Lust empfindet, obzwar
dieses Urtheil empirisch und ein einzelnes Urtheil ist, mit Recht XLVII
Anspruch auf Jedermanns Beistimmung: weil der Grund zu dieser Lust 20
in der allgemeinen, obzwar subjectiven Bedingung der reflectirenden
Urtheile, nämlich der zweckmäßigen Übereinstimmung eines Gegenstandes
(er sei Product der Natur oder der Kunst) mit dem Verhältniß der
Erkenntnißvermögen unter sich, die zu jedem empirischen Erkenntniß
erfordert werden (der Einbildungskraft und des Verstandes), angetroffen 25
wird. Die Lust ist also im Geschmacksurtheile zwar von einer empirischen
Vorstellung abhängig und kann a priori mit keinem Begriffe verbunden
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werden (man kann a priori nicht bestimmen, welcher Gegenstand dem
Geschmacke gemäß sein werde, oder nicht, man muß ihn versuchen); aber
sie ist doch der Bestimmungsgrund dieses Urtheils nur dadurch, daß man
30 sich bewußt ist, sie beruhe bloß auf der Reflexion und den allgemeinen,
obwohl nur subjectiven, Bedingungen der Übereinstimmung derselben zum
Erkenntniß der Objecte überhaupt, für welche die Form des Objects
zweckmäßig ist.
Das ist die Ursache, warum die Urtheile des Geschmacks ihrer Möglichkeit
35 nach, weil diese ein Princip a priori voraussetzt, auch einer Kritik
unterworfen sind, obgleich dieses Princip weder ein Erkenntnißprincip für
den Verstand, noch ein praktisches für den Willen und also a priori gar
nicht bestimmend ist.
Die Empfänglichkeit einer Lust aus der Reflexion über die Formen XLVIII
der Sachen (der Natur sowohl als der Kunst) bezeichnet aber nicht allein
eine Zweckmäßigkeit der Objecte in Verhältniß auf die reflectirende
Urtheilskraft, 5 gemäß dem Naturbegriffe, am Subject, sondern auch
umgekehrt des Subjects in Ansehung der Gegenstände, ihrer Form, ja selbst
ihrer Unform nach, zufolge dem Freiheitsbegriffe; und dadurch geschieht
es: daß das ästhetische Urtheil nicht bloß als Geschmacksurtheil auf das
Schöne, sondern auch, als aus einem Geistesgefühl entsprungenes, auf 10
das E r h a b e n e bezogen wird, und so jene Kritik der ästhetischen
Urtheilskraft in zwei diesen gemäße Haupttheile zerfallen muß.
Geschmacke gemäß sein werde, oder nicht, man muß ihn versuchen); aber
sie ist doch der Bestimmungsgrund dieses Urtheils nur dadurch, daß man
30 sich bewußt ist, sie beruhe bloß auf der Reflexion und den allgemeinen,
obwohl nur subjectiven, Bedingungen der Übereinstimmung derselben zum
Erkenntniß der Objecte überhaupt, für welche die Form des Objects
zweckmäßig ist.
Das ist die Ursache, warum die Urtheile des Geschmacks ihrer Möglichkeit
35 nach, weil diese ein Princip a priori voraussetzt, auch einer Kritik
unterworfen sind, obgleich dieses Princip weder ein Erkenntnißprincip für
den Verstand, noch ein praktisches für den Willen und also a priori gar
nicht bestimmend ist.
Die Empfänglichkeit einer Lust aus der Reflexion über die Formen XLVIII
der Sachen (der Natur sowohl als der Kunst) bezeichnet aber nicht allein
eine Zweckmäßigkeit der Objecte in Verhältniß auf die reflectirende
Urtheilskraft, 5 gemäß dem Naturbegriffe, am Subject, sondern auch
umgekehrt des Subjects in Ansehung der Gegenstände, ihrer Form, ja selbst
ihrer Unform nach, zufolge dem Freiheitsbegriffe; und dadurch geschieht
es: daß das ästhetische Urtheil nicht bloß als Geschmacksurtheil auf das
Schöne, sondern auch, als aus einem Geistesgefühl entsprungenes, auf 10
das E r h a b e n e bezogen wird, und so jene Kritik der ästhetischen
Urtheilskraft in zwei diesen gemäße Haupttheile zerfallen muß.
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VIII.
Von der logischen Vorstellung der Zweckmäßigkeit der Natur. 15
An einem in der Erfahrung gegebenen Gegenstande kann Zweckmäßigkeit
vorgestellt werden: entweder aus einem bloß subjectiven Grunde, als
Übereinstimmung seiner Form, in der A u f f a s s u n g (apprehensio)
desselben vor allem Begriffe, mit den Erkenntnißvermögen, um die
Anschauung mit Begriffen zu einem Erkenntniß überhaupt zu vereinigen;
oder 20 aus einem objectiven, als Übereinstimmung seiner Form mit der
Möglichkeit des Dinges selbst, nach einem Begriffe von ihm, der
vorhergeht XLIX und den Grund dieser Form enthält. Wir haben gesehen:
daß die Vorstellung der Zweckmäßigkeit der ersteren Art auf der
unmittelbaren Lust an der Form des Gegenstandes in der bloßen Reflexion
über sie beruhe; 25 die also von der Zweckmäßigkeit der zweiten Art, da
sie die Form des Objects nicht auf die Erkenntnißvermögen des Subjects in
der Auffassung derselben, sondern auf ein bestimmtes Erkenntniß des
Gegenstandes unter einem gegebenen Begriffe bezieht, hat nichts mit einem
Gefühle der Lust an den Dingen, sondern mit dem Verstande in
Beurtheilung 30 derselben zu thun. Wenn der Begriff von einem
Gegenstande gegeben ist, so besteht das Geschäft der Urtheilskraft im
Gebrauche desselben zum Erkenntniß in der D a r s t e l l u n g (exhibitio), d.
i. darin, dem Begriffe eine correspondirende Anschauung zur Seite zu
stellen: es sei, daß dieses durch unsere eigene Einbildungskraft geschehe,
wie in der Kunst, 35 wenn wir einen vorhergefaßten Begriff von einem
Gegenstande, der für uns Zweck ist, realisiren, oder durch die Natur in der
Technik derselben (wie bei organisirten Körpern), wenn wir ihr unseren
Begriff vom Zweck zur Beurtheilung ihres Products unterlegen; in welchem
Falle nicht bloß Z w e c k m ä ß i g k e i t der Natur in der Form des Dinges,
sondern dieses 5 ihr Product als N a t u r z w e c k vorgestellt wird. —
Obzwar unser Begriff von einer subjectiven Zweckmäßigkeit der Natur in
ihren Formen nach empirischen Gesetzen gar kein Begriff vom Object ist,
sondern nur ein L Princip der Urtheilskraft sich in dieser ihrer übergroßen
Mannigfaltigkeit Begriffe zu verschaffen (in ihr orientiren zu können): so
legen wir 10 ihr doch hiedurch gleichsam eine Rücksicht auf unser
Erkenntnißvermögen nach der Analogie eines Zwecks bei; und so können
Von der logischen Vorstellung der Zweckmäßigkeit der Natur. 15
An einem in der Erfahrung gegebenen Gegenstande kann Zweckmäßigkeit
vorgestellt werden: entweder aus einem bloß subjectiven Grunde, als
Übereinstimmung seiner Form, in der A u f f a s s u n g (apprehensio)
desselben vor allem Begriffe, mit den Erkenntnißvermögen, um die
Anschauung mit Begriffen zu einem Erkenntniß überhaupt zu vereinigen;
oder 20 aus einem objectiven, als Übereinstimmung seiner Form mit der
Möglichkeit des Dinges selbst, nach einem Begriffe von ihm, der
vorhergeht XLIX und den Grund dieser Form enthält. Wir haben gesehen:
daß die Vorstellung der Zweckmäßigkeit der ersteren Art auf der
unmittelbaren Lust an der Form des Gegenstandes in der bloßen Reflexion
über sie beruhe; 25 die also von der Zweckmäßigkeit der zweiten Art, da
sie die Form des Objects nicht auf die Erkenntnißvermögen des Subjects in
der Auffassung derselben, sondern auf ein bestimmtes Erkenntniß des
Gegenstandes unter einem gegebenen Begriffe bezieht, hat nichts mit einem
Gefühle der Lust an den Dingen, sondern mit dem Verstande in
Beurtheilung 30 derselben zu thun. Wenn der Begriff von einem
Gegenstande gegeben ist, so besteht das Geschäft der Urtheilskraft im
Gebrauche desselben zum Erkenntniß in der D a r s t e l l u n g (exhibitio), d.
i. darin, dem Begriffe eine correspondirende Anschauung zur Seite zu
stellen: es sei, daß dieses durch unsere eigene Einbildungskraft geschehe,
wie in der Kunst, 35 wenn wir einen vorhergefaßten Begriff von einem
Gegenstande, der für uns Zweck ist, realisiren, oder durch die Natur in der
Technik derselben (wie bei organisirten Körpern), wenn wir ihr unseren
Begriff vom Zweck zur Beurtheilung ihres Products unterlegen; in welchem
Falle nicht bloß Z w e c k m ä ß i g k e i t der Natur in der Form des Dinges,
sondern dieses 5 ihr Product als N a t u r z w e c k vorgestellt wird. —
Obzwar unser Begriff von einer subjectiven Zweckmäßigkeit der Natur in
ihren Formen nach empirischen Gesetzen gar kein Begriff vom Object ist,
sondern nur ein L Princip der Urtheilskraft sich in dieser ihrer übergroßen
Mannigfaltigkeit Begriffe zu verschaffen (in ihr orientiren zu können): so
legen wir 10 ihr doch hiedurch gleichsam eine Rücksicht auf unser
Erkenntnißvermögen nach der Analogie eines Zwecks bei; und so können
Page 47
wir die N a t u r s c h ö n h e i t als D a r s t e l l u n g des Begriffs der formalen
(bloß subjectiven) und die N a t u r z w e c k e als Darstellung des Begriffs
einer realen (objectiven) Zweckmäßigkeit ansehen, deren eine wir durch
Geschmack 15 (ästhetisch, vermittelst des Gefühls der Lust), die andere
durch Verstand und Vernunft (logisch, nach Begriffen) beurtheilen.
Hierauf gründet sich die Eintheilung der Kritik der Urtheilskraft in die der
ä s t h e t i s c h e n und t e l e o l o g i s c h e n: indem unter der ersteren das
Vermögen, die formale Zweckmäßigkeit (sonst auch subjective genannt) 20
durch das Gefühl der Lust oder Unlust, unter der zweiten das Vermögen, die
reale Zweckmäßigkeit (objective) der Natur durch Verstand und Vernunft zu
beurtheilen, verstanden wird.
In einer Kritik der Urtheilskraft ist der Theil, welcher die ästhetische
Urtheilskraft enthält, ihr wesentlich angehörig, weil diese allein ein Princip
25 enthält, welches die Urtheilskraft völlig a priori ihrer Reflexion über die
Natur zum Grunde legt, nämlich das einer formalen Zweckmäßigkeit der
Natur nach ihren besonderen (empirischen) Gesetzen für unser
Erkenntnißvermögen, ohne welche sich der Verstand in sie nicht finden
könnte: anstatt LI daß gar kein Grund a priori angegeben werden kann, ja
nicht einmal 30 die Möglichkeit davon aus dem Begriffe einer Natur, als
Gegenstande der Erfahrung im Allgemeinen sowohl als im Besonderen,
erhellt, daß es objective Zwecke der Natur, d. i. Dinge, die nur als
Naturzwecke möglich sind, geben müsse; sondern nur die Urtheilskraft,
ohne ein Princip dazu a priori in sich zu enthalten, in vorkommenden
Fällen (gewisser 35 Producte), um zum Behuf der Vernunft von dem
Begriffe der Zwecke Gebrauch zu machen, die Regel enthält, nachdem
jenes transscendentale Princip schon den Begriff eines Zwecks (wenigstens
der Form nach) auf die Natur anzuwenden den Verstand vorbereitet hat.
Der transscendentale Grundsatz aber, sich eine Zweckmäßigkeit der Natur
in subjectiver Beziehung auf unser Erkenntnißvermögen an der Form eines
Dinges als ein Princip der Beurtheilung derselben vorzustellen, 5 läßt es
gänzlich unbestimmt, wo und in welchen Fällen ich die Beurtheilung, als
die eines Products nach einem Princip der Zweckmäßigkeit und nicht
vielmehr bloß nach allgemeinen Naturgesetzen, anzustellen habe, und
überläßt es der ä s t h e t i s c h e n Urtheilskraft, im Geschmacke die
Angemessenheit desselben (seiner Form) zu unseren Erkenntnißvermögen
(bloß subjectiven) und die N a t u r z w e c k e als Darstellung des Begriffs
einer realen (objectiven) Zweckmäßigkeit ansehen, deren eine wir durch
Geschmack 15 (ästhetisch, vermittelst des Gefühls der Lust), die andere
durch Verstand und Vernunft (logisch, nach Begriffen) beurtheilen.
Hierauf gründet sich die Eintheilung der Kritik der Urtheilskraft in die der
ä s t h e t i s c h e n und t e l e o l o g i s c h e n: indem unter der ersteren das
Vermögen, die formale Zweckmäßigkeit (sonst auch subjective genannt) 20
durch das Gefühl der Lust oder Unlust, unter der zweiten das Vermögen, die
reale Zweckmäßigkeit (objective) der Natur durch Verstand und Vernunft zu
beurtheilen, verstanden wird.
In einer Kritik der Urtheilskraft ist der Theil, welcher die ästhetische
Urtheilskraft enthält, ihr wesentlich angehörig, weil diese allein ein Princip
25 enthält, welches die Urtheilskraft völlig a priori ihrer Reflexion über die
Natur zum Grunde legt, nämlich das einer formalen Zweckmäßigkeit der
Natur nach ihren besonderen (empirischen) Gesetzen für unser
Erkenntnißvermögen, ohne welche sich der Verstand in sie nicht finden
könnte: anstatt LI daß gar kein Grund a priori angegeben werden kann, ja
nicht einmal 30 die Möglichkeit davon aus dem Begriffe einer Natur, als
Gegenstande der Erfahrung im Allgemeinen sowohl als im Besonderen,
erhellt, daß es objective Zwecke der Natur, d. i. Dinge, die nur als
Naturzwecke möglich sind, geben müsse; sondern nur die Urtheilskraft,
ohne ein Princip dazu a priori in sich zu enthalten, in vorkommenden
Fällen (gewisser 35 Producte), um zum Behuf der Vernunft von dem
Begriffe der Zwecke Gebrauch zu machen, die Regel enthält, nachdem
jenes transscendentale Princip schon den Begriff eines Zwecks (wenigstens
der Form nach) auf die Natur anzuwenden den Verstand vorbereitet hat.
Der transscendentale Grundsatz aber, sich eine Zweckmäßigkeit der Natur
in subjectiver Beziehung auf unser Erkenntnißvermögen an der Form eines
Dinges als ein Princip der Beurtheilung derselben vorzustellen, 5 läßt es
gänzlich unbestimmt, wo und in welchen Fällen ich die Beurtheilung, als
die eines Products nach einem Princip der Zweckmäßigkeit und nicht
vielmehr bloß nach allgemeinen Naturgesetzen, anzustellen habe, und
überläßt es der ä s t h e t i s c h e n Urtheilskraft, im Geschmacke die
Angemessenheit desselben (seiner Form) zu unseren Erkenntnißvermögen
Page 48
10 (sofern diese nicht durch Übereinstimmung mit Begriffen, sondern
durch das Gefühl entscheidet) auszumachen. Dagegen giebt die
teleologisch-gebrauchte Urtheilskraft die Bedingungen bestimmt an, unter
LII denen etwas (z. B. ein organisirter Körper) nach der Idee eines Zwecks
der Natur zu beurtheilen sei; kann aber keinen Grundsatz aus dem Begriffe
15 der Natur als Gegenstandes der Erfahrung für die Befugniß anführen, ihr
eine Beziehung auf Zwecke a priori beizulegen und auch nur unbestimmt
dergleichen von der wirklichen Erfahrung an solchen Producten
anzunehmen: wovon der Grund ist, daß viele besondere Erfahrungen
angestellt und unter der Einheit ihres Princips betrachtet werden 20
müssen, um eine objective Zweckmäßigkeit an einem gewissen
Gegenstande nur empirisch erkennen zu können. — Die ästhetische
Urtheilskraft ist also ein besonderes Vermögen, Dinge nach einer Regel,
aber nicht nach Begriffen zu beurtheilen. Die teleologische ist kein
besonderes Vermögen, sondern nur die reflectirende Urtheilskraft
überhaupt, sofern sie wie überall 25 im theoretischen Erkenntnisse nach
Begriffen, aber in Ansehung gewisser Gegenstände der Natur nach
besonderen Principien, nämlich einer bloß reflectirenden, nicht Objecte
bestimmenden Urtheilskraft, verfährt, also ihrer Anwendung nach zum
theoretischen Theile der Philosophie gehört und der besonderen Principien
wegen, die nicht, wie es in einer 30 Doctrin sein muß, bestimmend sind,
auch einen besonderen Theil der Kritik ausmachen muß; anstatt daß die
ästhetische Urtheilskraft zum Erkenntniß ihrer Gegenstände nichts beiträgt
und also n u r zur Kritik des urtheilenden Subjects und der
Erkenntnißvermögen desselben, sofern sie LIII der Principien a priori fähig
sind, von welchem Gebrauche (dem theoretischen 35 oder praktischen)
diese übrigens auch sein mögen, gezählt werden muß, welche die
Propädeutik aller Philosophie ist.
durch das Gefühl entscheidet) auszumachen. Dagegen giebt die
teleologisch-gebrauchte Urtheilskraft die Bedingungen bestimmt an, unter
LII denen etwas (z. B. ein organisirter Körper) nach der Idee eines Zwecks
der Natur zu beurtheilen sei; kann aber keinen Grundsatz aus dem Begriffe
15 der Natur als Gegenstandes der Erfahrung für die Befugniß anführen, ihr
eine Beziehung auf Zwecke a priori beizulegen und auch nur unbestimmt
dergleichen von der wirklichen Erfahrung an solchen Producten
anzunehmen: wovon der Grund ist, daß viele besondere Erfahrungen
angestellt und unter der Einheit ihres Princips betrachtet werden 20
müssen, um eine objective Zweckmäßigkeit an einem gewissen
Gegenstande nur empirisch erkennen zu können. — Die ästhetische
Urtheilskraft ist also ein besonderes Vermögen, Dinge nach einer Regel,
aber nicht nach Begriffen zu beurtheilen. Die teleologische ist kein
besonderes Vermögen, sondern nur die reflectirende Urtheilskraft
überhaupt, sofern sie wie überall 25 im theoretischen Erkenntnisse nach
Begriffen, aber in Ansehung gewisser Gegenstände der Natur nach
besonderen Principien, nämlich einer bloß reflectirenden, nicht Objecte
bestimmenden Urtheilskraft, verfährt, also ihrer Anwendung nach zum
theoretischen Theile der Philosophie gehört und der besonderen Principien
wegen, die nicht, wie es in einer 30 Doctrin sein muß, bestimmend sind,
auch einen besonderen Theil der Kritik ausmachen muß; anstatt daß die
ästhetische Urtheilskraft zum Erkenntniß ihrer Gegenstände nichts beiträgt
und also n u r zur Kritik des urtheilenden Subjects und der
Erkenntnißvermögen desselben, sofern sie LIII der Principien a priori fähig
sind, von welchem Gebrauche (dem theoretischen 35 oder praktischen)
diese übrigens auch sein mögen, gezählt werden muß, welche die
Propädeutik aller Philosophie ist.
Page 49
IX.
Von der Verknüpfung der Gesetzgebungen des Verstandes und der Vernunft
durch die Urtheilskraft.
Der Verstand ist a priori gesetzgebend für die Natur, als Object der Sinne, zu einem
theoretischen Erkenntniß derselben in einer möglichen 5 Erfahrung. Die Vernunft ist
a priori gesetzgebend für die Freiheit und ihre eigene Causalität, als das
Übersinnliche in dem Subjecte, zu einem unbedingt-praktischen Erkenntniß. Das
Gebiet des Naturbegriffs unter der einen und das des Freiheitsbegriffs unter der
anderen Gesetzgebung sind gegen allen wechselseitigen Einfluß, den sie für sich (ein
jedes nach 10 seinen Grundgesetzen) auf einander haben könnten, durch die große
Kluft, welche das Übersinnliche von den Erscheinungen trennt, gänzlich abgesondert.
Der Freiheitsbegriff bestimmt nichts in Ansehung der theoretischen Erkenntniß der
Natur; der Naturbegriff eben sowohl nichts in Ansehung der praktischen Gesetze der
Freiheit: und es ist in sofern nicht möglich, 15 LIV eine Brücke von einem Gebiete zu
dem andern hinüberzuschlagen. — Allein wenn die Bestimmungsgründe der
Causalität nach dem Freiheitsbegriffe (und der praktischen Regel, die er enthält)
gleich nicht in der Natur belegen sind, und das Sinnliche das Übersinnliche im
Subjecte nicht bestimmen kann: so ist dieses doch umgekehrt (zwar nicht in
Ansehung des 20 Erkenntnisses der Natur, aber doch der Folgen aus dem ersteren auf
die letztere) möglich und schon in dem Begriffe einer Causalität durch Freiheit
enthalten, deren W i r k u n g diesen ihren formalen Gesetzen gemäß in der Welt
geschehen soll, obzwar das Wort U r s a c h e, von dem Übersinnlichen gebraucht, nur
den G r u n d bedeutet, die Causalität der Naturdinge 25 zu einer Wirkung gemäß
ihren eigenen Naturgesetzen, zugleich aber doch auch mit dem formalen Princip der
Vernunftgesetze einhellig zu bestimmen, wovon die Möglichkeit zwar nicht
eingesehen, aber der Einwurf von einem vorgeblichen Widerspruch, der sich darin
fände, hinreichend widerlegt werden kann[2]. — Die Wirkung nach dem
Freiheitsbegriffe ist der 30 LV Endzweck, der (oder dessen Erscheinung in der
Sinnenwelt) existiren soll, wozu die Bedingung der Möglichkeit desselben in der
Natur (des Subjects als Sinnenwesens, nämlich als Mensch) vorausgesetzt wird. Das,
was diese a priori und ohne Rücksicht auf das Praktische voraussetzt, die
Urtheilskraft, giebt den vermittelnden Begriff zwischen den Naturbegriffen 5 und
dem Freiheitsbegriffe, der den Übergang von der reinen theoretischen zur reinen
praktischen, von der Gesetzmäßigkeit nach der ersten zum Endzwecke nach dem
letzten möglich macht, in dem Begriffe einer Z w e c k m ä ß i g k e i t der Natur an die
Hand; denn dadurch wird die Möglichkeit des Endzwecks, der allein in der Natur und
mit Einstimmung ihrer Gesetze 10 wirklich werden kann, erkannt.
Von der Verknüpfung der Gesetzgebungen des Verstandes und der Vernunft
durch die Urtheilskraft.
Der Verstand ist a priori gesetzgebend für die Natur, als Object der Sinne, zu einem
theoretischen Erkenntniß derselben in einer möglichen 5 Erfahrung. Die Vernunft ist
a priori gesetzgebend für die Freiheit und ihre eigene Causalität, als das
Übersinnliche in dem Subjecte, zu einem unbedingt-praktischen Erkenntniß. Das
Gebiet des Naturbegriffs unter der einen und das des Freiheitsbegriffs unter der
anderen Gesetzgebung sind gegen allen wechselseitigen Einfluß, den sie für sich (ein
jedes nach 10 seinen Grundgesetzen) auf einander haben könnten, durch die große
Kluft, welche das Übersinnliche von den Erscheinungen trennt, gänzlich abgesondert.
Der Freiheitsbegriff bestimmt nichts in Ansehung der theoretischen Erkenntniß der
Natur; der Naturbegriff eben sowohl nichts in Ansehung der praktischen Gesetze der
Freiheit: und es ist in sofern nicht möglich, 15 LIV eine Brücke von einem Gebiete zu
dem andern hinüberzuschlagen. — Allein wenn die Bestimmungsgründe der
Causalität nach dem Freiheitsbegriffe (und der praktischen Regel, die er enthält)
gleich nicht in der Natur belegen sind, und das Sinnliche das Übersinnliche im
Subjecte nicht bestimmen kann: so ist dieses doch umgekehrt (zwar nicht in
Ansehung des 20 Erkenntnisses der Natur, aber doch der Folgen aus dem ersteren auf
die letztere) möglich und schon in dem Begriffe einer Causalität durch Freiheit
enthalten, deren W i r k u n g diesen ihren formalen Gesetzen gemäß in der Welt
geschehen soll, obzwar das Wort U r s a c h e, von dem Übersinnlichen gebraucht, nur
den G r u n d bedeutet, die Causalität der Naturdinge 25 zu einer Wirkung gemäß
ihren eigenen Naturgesetzen, zugleich aber doch auch mit dem formalen Princip der
Vernunftgesetze einhellig zu bestimmen, wovon die Möglichkeit zwar nicht
eingesehen, aber der Einwurf von einem vorgeblichen Widerspruch, der sich darin
fände, hinreichend widerlegt werden kann[2]. — Die Wirkung nach dem
Freiheitsbegriffe ist der 30 LV Endzweck, der (oder dessen Erscheinung in der
Sinnenwelt) existiren soll, wozu die Bedingung der Möglichkeit desselben in der
Natur (des Subjects als Sinnenwesens, nämlich als Mensch) vorausgesetzt wird. Das,
was diese a priori und ohne Rücksicht auf das Praktische voraussetzt, die
Urtheilskraft, giebt den vermittelnden Begriff zwischen den Naturbegriffen 5 und
dem Freiheitsbegriffe, der den Übergang von der reinen theoretischen zur reinen
praktischen, von der Gesetzmäßigkeit nach der ersten zum Endzwecke nach dem
letzten möglich macht, in dem Begriffe einer Z w e c k m ä ß i g k e i t der Natur an die
Hand; denn dadurch wird die Möglichkeit des Endzwecks, der allein in der Natur und
mit Einstimmung ihrer Gesetze 10 wirklich werden kann, erkannt.
Page 50
Der Verstand giebt durch die Möglichkeit seiner Gesetze a priori für die Natur einen
Beweis davon, daß diese von uns nur als Erscheinung LVI erkannt werde, mithin
zugleich Anzeige auf ein übersinnliches Substrat derselben, aber läßt dieses gänzlich
u n b e s t i m m t. Die Urtheilskraft verschafft 15 durch ihr Princip a priori der
Beurtheilung der Natur nach möglichen besonderen Gesetzen derselben ihrem
übersinnlichen Substrat (in uns sowohl als außer uns) B e s t i m m b a r k e i t d u r c h
d a s i n t e l l e c t u e l l e Ve r m ö g e n. Die Vernunft aber giebt eben demselben
durch ihr praktisches Gesetz a priori die B e s t i m m u n g; und so macht die
Urtheilskraft 20 den Übergang vom Gebiete des Naturbegriffs zu dem des
Freiheitsbegriffs möglich.
In Ansehung der Seelenvermögen überhaupt, sofern sie als obere, d. i. als solche, die
eine Autonomie enthalten, betrachtet werden, ist für das
E r k e n n t n i ß v e r m ö g e n (das theoretische der Natur) der Verstand 25 dasjenige,
welches die c o n s t i t u t i v e n Principien a priori enthält; für das G e f ü h l d e r
L u s t u n d U n l u s t ist es die Urtheilskraft unabhängig von Begriffen und
Empfindungen, die sich auf Bestimmung des Begehrungsvermögens beziehen und
dadurch unmittelbar praktisch sein könnten; für das B e g e h r u n g s v e r m ö g e n die
Vernunft, welche ohne Vermittelung irgend einer Lust, woher sie auch komme,
praktisch ist und demselben als oberes Vermögen den Endzweck bestimmt, der
zugleich das reine intellectuelle Wohlgefallen am Objecte mit sich führt. — Der
Begriff der 5 Urtheilskraft von einer Zweckmäßigkeit der Natur ist noch zu den
Naturbegriffen LVII gehörig, aber nur als regulatives Princip des
Erkenntnißvermögens, obzwar das ästhetische Urtheil über gewisse Gegenstände (der
Natur oder der Kunst), welches ihn veranlaßt, in Ansehung des Gefühls der Lust oder
Unlust ein constitutives Princip ist. Die Spontaneität im 10 Spiele der
Erkenntnißvermögen, deren Zusammenstimmung den Grund dieser Lust enthält,
macht den gedachten Begriff zur Vermittelung der Verknüpfung der Gebiete des
Naturbegriffs mit dem Freiheitsbegriffe in ihren Folgen tauglich, indem diese
zugleich die Empfänglichkeit des Gemüths für das moralische Gefühl befördert. —
Folgende Tafel kann die 15 Übersicht aller oberen Vermögen ihrer systematischen
Einheit nach erleichtern[3].
Gesammte
Erkenntnißvermöge Principien Anwendung
Ve r m ö g e n d e s
n a priori a u fLVIII
Gemüths
Erkenntnißvermögen Verstand Gesetzmäßigkeit Natur
Gefühl der Lust und
Urtheilskraft Zweckmäßigkeit Kunst
Unlust
Begehrungsvermögen Vernunft Endzweck Freiheit.
Beweis davon, daß diese von uns nur als Erscheinung LVI erkannt werde, mithin
zugleich Anzeige auf ein übersinnliches Substrat derselben, aber läßt dieses gänzlich
u n b e s t i m m t. Die Urtheilskraft verschafft 15 durch ihr Princip a priori der
Beurtheilung der Natur nach möglichen besonderen Gesetzen derselben ihrem
übersinnlichen Substrat (in uns sowohl als außer uns) B e s t i m m b a r k e i t d u r c h
d a s i n t e l l e c t u e l l e Ve r m ö g e n. Die Vernunft aber giebt eben demselben
durch ihr praktisches Gesetz a priori die B e s t i m m u n g; und so macht die
Urtheilskraft 20 den Übergang vom Gebiete des Naturbegriffs zu dem des
Freiheitsbegriffs möglich.
In Ansehung der Seelenvermögen überhaupt, sofern sie als obere, d. i. als solche, die
eine Autonomie enthalten, betrachtet werden, ist für das
E r k e n n t n i ß v e r m ö g e n (das theoretische der Natur) der Verstand 25 dasjenige,
welches die c o n s t i t u t i v e n Principien a priori enthält; für das G e f ü h l d e r
L u s t u n d U n l u s t ist es die Urtheilskraft unabhängig von Begriffen und
Empfindungen, die sich auf Bestimmung des Begehrungsvermögens beziehen und
dadurch unmittelbar praktisch sein könnten; für das B e g e h r u n g s v e r m ö g e n die
Vernunft, welche ohne Vermittelung irgend einer Lust, woher sie auch komme,
praktisch ist und demselben als oberes Vermögen den Endzweck bestimmt, der
zugleich das reine intellectuelle Wohlgefallen am Objecte mit sich führt. — Der
Begriff der 5 Urtheilskraft von einer Zweckmäßigkeit der Natur ist noch zu den
Naturbegriffen LVII gehörig, aber nur als regulatives Princip des
Erkenntnißvermögens, obzwar das ästhetische Urtheil über gewisse Gegenstände (der
Natur oder der Kunst), welches ihn veranlaßt, in Ansehung des Gefühls der Lust oder
Unlust ein constitutives Princip ist. Die Spontaneität im 10 Spiele der
Erkenntnißvermögen, deren Zusammenstimmung den Grund dieser Lust enthält,
macht den gedachten Begriff zur Vermittelung der Verknüpfung der Gebiete des
Naturbegriffs mit dem Freiheitsbegriffe in ihren Folgen tauglich, indem diese
zugleich die Empfänglichkeit des Gemüths für das moralische Gefühl befördert. —
Folgende Tafel kann die 15 Übersicht aller oberen Vermögen ihrer systematischen
Einheit nach erleichtern[3].
Gesammte
Erkenntnißvermöge Principien Anwendung
Ve r m ö g e n d e s
n a priori a u fLVIII
Gemüths
Erkenntnißvermögen Verstand Gesetzmäßigkeit Natur
Gefühl der Lust und
Urtheilskraft Zweckmäßigkeit Kunst
Unlust
Begehrungsvermögen Vernunft Endzweck Freiheit.
Page 51
Eintheilung LIX
des ganzen Werks.
Erster Theil.
Kritik der ästhetischen Urtheilskraft.
Erster Abschnitt.
Analytik der ästhetischen Urtheilskraft.
Erstes Buch.
Analytik des Schönen.
Zweites Buch.
Analytik des Erhabenen.
Zweiter Abschnitt.
Dialektik der ästhetischen Urtheilskraft.
Zweiter Theil. LX
Kritik der teleologischen Urtheilskraft.
Erste Abtheilung.
Analytik der teleologischen Urtheilskraft.
Zweite Abtheilung.
Dialektik der teleologischen Urtheilskraft.
Anhang.
Methodenlehre der teleologischen Urtheilskraft.
des ganzen Werks.
Erster Theil.
Kritik der ästhetischen Urtheilskraft.
Erster Abschnitt.
Analytik der ästhetischen Urtheilskraft.
Erstes Buch.
Analytik des Schönen.
Zweites Buch.
Analytik des Erhabenen.
Zweiter Abschnitt.
Dialektik der ästhetischen Urtheilskraft.
Zweiter Theil. LX
Kritik der teleologischen Urtheilskraft.
Erste Abtheilung.
Analytik der teleologischen Urtheilskraft.
Zweite Abtheilung.
Dialektik der teleologischen Urtheilskraft.
Anhang.
Methodenlehre der teleologischen Urtheilskraft.
Page 52
Der
Kritik der Urtheilskraft
Kritik der Urtheilskraft
Page 53
Erster Theil.
Kritik
der
ä s t h e t i s c h e n U r t h e i l s k r a f t.
Kritik
der
ä s t h e t i s c h e n U r t h e i l s k r a f t.
Page 54
Erster Abschnitt.
Analytik der ästhetischen Urtheilskraft.
Erstes Buch.
Analytik des Schönen.
Erstes Moment
des Geschmacksurtheils[4] der Qualität nach.
§ 1.
Das Geschmacksurtheil ist ästhetisch.
Um zu unterscheiden, ob etwas schön sei oder nicht, beziehen wir die
Vorstellung nicht durch den Verstand auf das Object zum Erkenntnisse, 10
sondern durch die Einbildungskraft (vielleicht mit dem Verstande
verbunden) 4 auf das Subject und das Gefühl der Lust oder Unlust
desselben. Das Geschmacksurtheil ist also kein Erkenntnißurtheil, mithin
nicht logisch, sondern ästhetisch, worunter man dasjenige versteht, dessen
Bestimmungsgrund n i c h t a n d e r s als s u b j e c t i v sein kann. Alle
Beziehung der Vorstellungen, 15 selbst die der Empfindungen aber kann
objectiv sein (und da bedeutet sie das Reale einer empirischen Vorstellung);
nur nicht die auf das Gefühl der Lust und Unlust, wodurch gar nichts im
Objecte bezeichnet wird, sondern in der das Subject, wie es durch die
Vorstellung afficirt wird, sich selbst fühlt.
Ein regelmäßiges, zweckmäßiges Gebäude mit seinem Erkenntnißvermögen
(es sei in deutlicher oder verworrener Vorstellungsart) zu befassen, 5 ist
ganz etwas anders, als sich dieser Vorstellung mit der Empfindung des
Wohlgefallens bewußt zu sein. Hier wird die Vorstellung gänzlich auf das
Subject und zwar auf das Lebensgefühl desselben unter dem Namen des
Gefühls der Lust oder Unlust bezogen: welches ein ganz besonderes
Unterscheidungs- und Beurtheilungsvermögen gründet, das zum Erkenntniß
10 nichts beiträgt, sondern nur die gegebene Vorstellung im Subjecte 5
gegen das ganze Vermögen der Vorstellungen hält, dessen sich das Gemüth
im Gefühl seines Zustandes bewußt wird. Gegebene Vorstellungen in einem
Analytik der ästhetischen Urtheilskraft.
Erstes Buch.
Analytik des Schönen.
Erstes Moment
des Geschmacksurtheils[4] der Qualität nach.
§ 1.
Das Geschmacksurtheil ist ästhetisch.
Um zu unterscheiden, ob etwas schön sei oder nicht, beziehen wir die
Vorstellung nicht durch den Verstand auf das Object zum Erkenntnisse, 10
sondern durch die Einbildungskraft (vielleicht mit dem Verstande
verbunden) 4 auf das Subject und das Gefühl der Lust oder Unlust
desselben. Das Geschmacksurtheil ist also kein Erkenntnißurtheil, mithin
nicht logisch, sondern ästhetisch, worunter man dasjenige versteht, dessen
Bestimmungsgrund n i c h t a n d e r s als s u b j e c t i v sein kann. Alle
Beziehung der Vorstellungen, 15 selbst die der Empfindungen aber kann
objectiv sein (und da bedeutet sie das Reale einer empirischen Vorstellung);
nur nicht die auf das Gefühl der Lust und Unlust, wodurch gar nichts im
Objecte bezeichnet wird, sondern in der das Subject, wie es durch die
Vorstellung afficirt wird, sich selbst fühlt.
Ein regelmäßiges, zweckmäßiges Gebäude mit seinem Erkenntnißvermögen
(es sei in deutlicher oder verworrener Vorstellungsart) zu befassen, 5 ist
ganz etwas anders, als sich dieser Vorstellung mit der Empfindung des
Wohlgefallens bewußt zu sein. Hier wird die Vorstellung gänzlich auf das
Subject und zwar auf das Lebensgefühl desselben unter dem Namen des
Gefühls der Lust oder Unlust bezogen: welches ein ganz besonderes
Unterscheidungs- und Beurtheilungsvermögen gründet, das zum Erkenntniß
10 nichts beiträgt, sondern nur die gegebene Vorstellung im Subjecte 5
gegen das ganze Vermögen der Vorstellungen hält, dessen sich das Gemüth
im Gefühl seines Zustandes bewußt wird. Gegebene Vorstellungen in einem
Page 55
Urtheile können empirisch (mithin ästhetisch) sein; das Urtheil aber, das
durch sie gefällt wird, ist logisch, wenn jene nur im Urtheile auf das 15
Object bezogen werden. Umgekehrt aber, wenn die gegebenen
Vorstellungen gar rational wären, würden aber in einem Urtheile lediglich
auf das Subject (sein Gefühl) bezogen, so sind sie sofern jederzeit
ästhetisch.
durch sie gefällt wird, ist logisch, wenn jene nur im Urtheile auf das 15
Object bezogen werden. Umgekehrt aber, wenn die gegebenen
Vorstellungen gar rational wären, würden aber in einem Urtheile lediglich
auf das Subject (sein Gefühl) bezogen, so sind sie sofern jederzeit
ästhetisch.
Page 56
§ 2.
Das Wohlgefallen, welches das Geschmacksurtheil bestimmt, 20 ist
ohne alles Interesse.
Interesse wird das Wohlgefallen genannt, was wir mit der Vorstellung der
Existenz eines Gegenstandes verbinden. Ein solches hat daher immer
zugleich Beziehung auf das Begehrungsvermögen, entweder als
Bestimmungsgrund desselben, oder doch als mit dem Bestimmungsgrunde
desselben 25 nothwendig zusammenhängend. Nun will man aber, wenn die
Frage ist, ob etwas schön sei, nicht wissen, ob uns oder irgend jemand an
der Existenz der Sache irgend etwas gelegen sei, oder auch nur gelegen sein
könne; sondern, wie wir sie in der bloßen Betrachtung (Anschauung oder
Reflexion) beurtheilen. Wenn mich jemand fragt, ob ich den Palast, den ich
vor mir 30 6 sehe, schön finde, so mag ich zwar sagen: ich liebe
dergleichen Dinge nicht, die blos für das Angaffen gemacht sind, oder, wie
jener Irokesische S a c h e m, ihm gefalle in Paris nichts besser als die
Garküchen; ich kann noch überdem auf die Eitelkeit der Großen auf gut
R o u s s e a u i s c h schmälen, welche den Schweiß des Volks auf so
entbehrliche Dinge verwenden; ich kann 35 mich endlich gar leicht
überzeugen, daß, wenn ich mich auf einem unbewohnten Eilande ohne
Hoffnung jemals wieder zu Menschen zu kommen befände, und ich durch
meinen bloßen Wunsch ein solches Prachtgebäude hinzaubern könnte, ich
mir auch nicht einmal diese Mühe darum geben würde, wenn ich schon eine
Hütte hätte, die mir bequem genug wäre. Man 5 kann mir alles dieses
einräumen und gutheißen; nur davon ist jetzt nicht die Rede. Man will nur
wissen, ob die bloße Vorstellung des Gegenstandes in mir mit Wohlgefallen
begleitet sei, so gleichgültig ich auch immer in Ansehung der Existenz des
Gegenstandes dieser Vorstellung sein mag. Man sieht leicht, daß es auf das,
was ich aus dieser Vorstellung in mir 10 selbst mache, nicht auf das, worin
ich von der Existenz des Gegenstandes abhänge, ankomme, um zu sagen, er
sei s c h ö n, und zu beweisen, ich habe Geschmack. Ein jeder muß
eingestehen, daß dasjenige Urtheil über Schönheit, worin sich das mindeste
Interesse mengt, sehr parteilich und kein reines Geschmacksurtheil sei. Man
muß nicht im mindesten für die Existenz 15 der Sache eingenommen,
Das Wohlgefallen, welches das Geschmacksurtheil bestimmt, 20 ist
ohne alles Interesse.
Interesse wird das Wohlgefallen genannt, was wir mit der Vorstellung der
Existenz eines Gegenstandes verbinden. Ein solches hat daher immer
zugleich Beziehung auf das Begehrungsvermögen, entweder als
Bestimmungsgrund desselben, oder doch als mit dem Bestimmungsgrunde
desselben 25 nothwendig zusammenhängend. Nun will man aber, wenn die
Frage ist, ob etwas schön sei, nicht wissen, ob uns oder irgend jemand an
der Existenz der Sache irgend etwas gelegen sei, oder auch nur gelegen sein
könne; sondern, wie wir sie in der bloßen Betrachtung (Anschauung oder
Reflexion) beurtheilen. Wenn mich jemand fragt, ob ich den Palast, den ich
vor mir 30 6 sehe, schön finde, so mag ich zwar sagen: ich liebe
dergleichen Dinge nicht, die blos für das Angaffen gemacht sind, oder, wie
jener Irokesische S a c h e m, ihm gefalle in Paris nichts besser als die
Garküchen; ich kann noch überdem auf die Eitelkeit der Großen auf gut
R o u s s e a u i s c h schmälen, welche den Schweiß des Volks auf so
entbehrliche Dinge verwenden; ich kann 35 mich endlich gar leicht
überzeugen, daß, wenn ich mich auf einem unbewohnten Eilande ohne
Hoffnung jemals wieder zu Menschen zu kommen befände, und ich durch
meinen bloßen Wunsch ein solches Prachtgebäude hinzaubern könnte, ich
mir auch nicht einmal diese Mühe darum geben würde, wenn ich schon eine
Hütte hätte, die mir bequem genug wäre. Man 5 kann mir alles dieses
einräumen und gutheißen; nur davon ist jetzt nicht die Rede. Man will nur
wissen, ob die bloße Vorstellung des Gegenstandes in mir mit Wohlgefallen
begleitet sei, so gleichgültig ich auch immer in Ansehung der Existenz des
Gegenstandes dieser Vorstellung sein mag. Man sieht leicht, daß es auf das,
was ich aus dieser Vorstellung in mir 10 selbst mache, nicht auf das, worin
ich von der Existenz des Gegenstandes abhänge, ankomme, um zu sagen, er
sei s c h ö n, und zu beweisen, ich habe Geschmack. Ein jeder muß
eingestehen, daß dasjenige Urtheil über Schönheit, worin sich das mindeste
Interesse mengt, sehr parteilich und kein reines Geschmacksurtheil sei. Man
muß nicht im mindesten für die Existenz 15 der Sache eingenommen,
Page 57
sondern in diesem Betracht ganz gleichgültig 7 sein, um in Sachen des
Geschmacks den Richter zu spielen.
Wir können aber diesen Satz, der von vorzüglicher Erheblichkeit ist, nicht
besser erläutern, als wenn wir dem reinen, uninteressirten[5] Wohlgefallen
im Geschmacksurtheile dasjenige, was mit Interesse verbunden 20 ist,
entgegensetzen: vornehmlich wenn wir zugleich gewiß sein können, daß es
nicht mehr Arten des Interesse gebe, als die eben jetzt namhaft gemacht
werden sollen.
Geschmacks den Richter zu spielen.
Wir können aber diesen Satz, der von vorzüglicher Erheblichkeit ist, nicht
besser erläutern, als wenn wir dem reinen, uninteressirten[5] Wohlgefallen
im Geschmacksurtheile dasjenige, was mit Interesse verbunden 20 ist,
entgegensetzen: vornehmlich wenn wir zugleich gewiß sein können, daß es
nicht mehr Arten des Interesse gebe, als die eben jetzt namhaft gemacht
werden sollen.
Page 58
§ 3.
Das Wohlgefallen am Angenehmen ist mit Interesse verbunden. 25
Angenehm ist das, was den Sinnen in der
E m p f i n d u n g g e f ä l l t . Hier zeigt sich nun sofort die Gelegenheit,
eine ganz gewöhnliche Verwechselung der doppelten Bedeutung, die das
Wort Empfindung haben kann, zu rügen und darauf aufmerksam zu
machen. Alles Wohlgefallen (sagt oder denkt man) ist selbst Empfindung
(einer Lust). Mithin 30 ist alles, was gefällt, eben hierin, daß es gefällt,
angenehm (und nach den 8 verschiedenen Graden oder auch Verhältnissen
zu andern angenehmen Empfindungen a n m u t h i g , l i e b l i c h ,
e r g ö t z e n d , e r f r e u l i c h u. s. w.). Wird aber das eingeräumt, so sind
Eindrücke der Sinne, welche die Neigung, oder Grundsätze der Vernunft,
welche den Willen, oder bloße reflectirte 5 Formen der Anschauung,
welche die Urtheilskraft bestimmen, was die Wirkung auf das Gefühl der
Lust betrifft, gänzlich einerlei. Denn diese wäre die Annehmlichkeit in der
Empfindung seines Zustandes, und da doch endlich alle Bearbeitung
unserer Vermögen aufs Praktische ausgehen und sich darin als in ihrem
Ziele vereinigen muß, so könnte man ihnen keine 10 andere Schätzung der
Dinge und ihres Werths zumuthen, als die in dem Vergnügen besteht,
welches sie versprechen. Auf die Art, wie sie dazu gelangen, kommt es am
Ende gar nicht an; und da die Wahl der Mittel hierin allein einen
Unterschied machen kann, so könnten Menschen einander wohl der
Thorheit und des Unverstandes, niemals aber der Niederträchtigkeit 15 und
Bosheit beschuldigen: weil sie doch alle, ein jeder nach seiner Art die
Sachen zu sehen, nach einem Ziele laufen, welches für jedermann das
Vergnügen ist.
Wenn eine Bestimmung des Gefühls der Lust oder Unlust Empfindung
genannt wird, so bedeutet dieser Ausdruck etwas ganz anderes, als 20 wenn
ich die Vorstellung einer Sache (durch Sinne, als eine zum
Erkenntnißvermögen gehörige Receptivität) Empfindung nenne. Denn im
letzern 9 Falle wird die Vorstellung auf das Object, im erstern aber lediglich
auf das Subject bezogen und dient zu gar keinem Erkenntnisse, auch nicht
zu demjenigen, wodurch sich das Subject selbst e r k e n n t. 25
Das Wohlgefallen am Angenehmen ist mit Interesse verbunden. 25
Angenehm ist das, was den Sinnen in der
E m p f i n d u n g g e f ä l l t . Hier zeigt sich nun sofort die Gelegenheit,
eine ganz gewöhnliche Verwechselung der doppelten Bedeutung, die das
Wort Empfindung haben kann, zu rügen und darauf aufmerksam zu
machen. Alles Wohlgefallen (sagt oder denkt man) ist selbst Empfindung
(einer Lust). Mithin 30 ist alles, was gefällt, eben hierin, daß es gefällt,
angenehm (und nach den 8 verschiedenen Graden oder auch Verhältnissen
zu andern angenehmen Empfindungen a n m u t h i g , l i e b l i c h ,
e r g ö t z e n d , e r f r e u l i c h u. s. w.). Wird aber das eingeräumt, so sind
Eindrücke der Sinne, welche die Neigung, oder Grundsätze der Vernunft,
welche den Willen, oder bloße reflectirte 5 Formen der Anschauung,
welche die Urtheilskraft bestimmen, was die Wirkung auf das Gefühl der
Lust betrifft, gänzlich einerlei. Denn diese wäre die Annehmlichkeit in der
Empfindung seines Zustandes, und da doch endlich alle Bearbeitung
unserer Vermögen aufs Praktische ausgehen und sich darin als in ihrem
Ziele vereinigen muß, so könnte man ihnen keine 10 andere Schätzung der
Dinge und ihres Werths zumuthen, als die in dem Vergnügen besteht,
welches sie versprechen. Auf die Art, wie sie dazu gelangen, kommt es am
Ende gar nicht an; und da die Wahl der Mittel hierin allein einen
Unterschied machen kann, so könnten Menschen einander wohl der
Thorheit und des Unverstandes, niemals aber der Niederträchtigkeit 15 und
Bosheit beschuldigen: weil sie doch alle, ein jeder nach seiner Art die
Sachen zu sehen, nach einem Ziele laufen, welches für jedermann das
Vergnügen ist.
Wenn eine Bestimmung des Gefühls der Lust oder Unlust Empfindung
genannt wird, so bedeutet dieser Ausdruck etwas ganz anderes, als 20 wenn
ich die Vorstellung einer Sache (durch Sinne, als eine zum
Erkenntnißvermögen gehörige Receptivität) Empfindung nenne. Denn im
letzern 9 Falle wird die Vorstellung auf das Object, im erstern aber lediglich
auf das Subject bezogen und dient zu gar keinem Erkenntnisse, auch nicht
zu demjenigen, wodurch sich das Subject selbst e r k e n n t. 25
Page 59
Wir verstehen aber in der obigen Erklärung unter dem Worte Empfindung
eine objective Vorstellung der Sinne; und um nicht immer Gefahr zu laufen,
mißgedeutet zu werden, wollen wir das, was jederzeit blos subjectiv bleiben
muß und schlechterdings keine Vorstellung eines Gegenstandes ausmachen
kann, mit dem sonst üblichen Namen des Gefühls 30 benennen. Die grüne
Farbe der Wiesen gehört zur o b j e c t i v e n Empfindung, als Wahrnehmung
eines Gegenstandes des Sinnes; die Annehmlichkeit derselben aber zur
s u b j e c t i v e n Empfindung, wodurch kein Gegenstand vorgestellt wird:
d. i. zum Gefühl, wodurch der Gegenstand als Object des Wohlgefallens
(welches kein Erkenntniß desselben ist) betrachtet 35 wird.
Daß nun mein Urtheil über einen Gegenstand, wodurch ich ihn für
angenehm erkläre, ein Interesse an demselben ausdrücke, ist daraus schon
klar, daß es durch Empfindung eine Begierde nach dergleichen
Gegenstande rege macht, mithin das Wohlgefallen nicht das bloße Urtheil
über ihn, sondern die Beziehung seiner Existenz auf meinen Zustand, sofern
er durch ein solches Object afficirt wird, voraussetzt. Daher man von dem
Angenehmen 5 nicht blos sagt: es g e f ä l l t, sondern: es v e r g n ü g t. Es
ist nicht 10 ein bloßer Beifall, den ich ihm widme, sondern Neigung wird
dadurch erzeugt; und zu dem, was auf die lebhafteste Art angenehm ist,
gehört so gar kein Urtheil über die Beschaffenheit des Objects, daß
diejenigen, welche immer nur auf das Genießen ausgehen (denn das ist das
Wort, womit 10 man das Innige des Vergnügens bezeichnet), sich gerne
alles Urtheilens überheben.
eine objective Vorstellung der Sinne; und um nicht immer Gefahr zu laufen,
mißgedeutet zu werden, wollen wir das, was jederzeit blos subjectiv bleiben
muß und schlechterdings keine Vorstellung eines Gegenstandes ausmachen
kann, mit dem sonst üblichen Namen des Gefühls 30 benennen. Die grüne
Farbe der Wiesen gehört zur o b j e c t i v e n Empfindung, als Wahrnehmung
eines Gegenstandes des Sinnes; die Annehmlichkeit derselben aber zur
s u b j e c t i v e n Empfindung, wodurch kein Gegenstand vorgestellt wird:
d. i. zum Gefühl, wodurch der Gegenstand als Object des Wohlgefallens
(welches kein Erkenntniß desselben ist) betrachtet 35 wird.
Daß nun mein Urtheil über einen Gegenstand, wodurch ich ihn für
angenehm erkläre, ein Interesse an demselben ausdrücke, ist daraus schon
klar, daß es durch Empfindung eine Begierde nach dergleichen
Gegenstande rege macht, mithin das Wohlgefallen nicht das bloße Urtheil
über ihn, sondern die Beziehung seiner Existenz auf meinen Zustand, sofern
er durch ein solches Object afficirt wird, voraussetzt. Daher man von dem
Angenehmen 5 nicht blos sagt: es g e f ä l l t, sondern: es v e r g n ü g t. Es
ist nicht 10 ein bloßer Beifall, den ich ihm widme, sondern Neigung wird
dadurch erzeugt; und zu dem, was auf die lebhafteste Art angenehm ist,
gehört so gar kein Urtheil über die Beschaffenheit des Objects, daß
diejenigen, welche immer nur auf das Genießen ausgehen (denn das ist das
Wort, womit 10 man das Innige des Vergnügens bezeichnet), sich gerne
alles Urtheilens überheben.
Page 60
§ 4.
Das Wohlgefallen am Guten ist mit Interesse verbunden.
G u t ist das, was vermittelst der Vernunft durch den bloßen Begriff 15
gefällt. Wir nennen einiges w o z u g u t (das Nützliche), was nur als Mittel
gefällt; ein anderes aber a n s i c h g u t, was für sich selbst gefällt. In
beiden ist immer der Begriff eines Zwecks, mithin das Verhältniß der
Vernunft zum (wenigstens möglichen) Wollen, folglich ein Wohlgefallen
am D a s e i n eines Objects oder einer Handlung, d. i. irgend ein Interesse,
20 enthalten.
Um etwas gut zu finden, muß ich jederzeit wissen, was der Gegenstand für
ein Ding sein solle, d. i. einen Begriff von demselben haben. Um Schönheit
woran zu finden, habe ich das nicht nöthig. Blumen, freie Zeichnungen,
ohne Absicht in einander geschlungene Züge, unter dem 25 11 Namen des
Laubwerks, bedeuten nichts, hängen von keinem bestimmten Begriffe ab
und gefallen doch. Das Wohlgefallen am Schönen muß von der Reflexion
über einen Gegenstand, die zu irgend einem Begriffe (unbestimmt
welchem) führt, abhängen und unterscheidet sich dadurch auch vom
Angenehmen, welches ganz auf der Empfindung beruht. 30
Zwar scheint das Angenehme mit dem Guten in vielen Fällen einerlei zu
sein. So wird man gemeiniglich sagen: alles (vornehmlich dauerhafte)
Vergnügen ist an sich selbst gut; welches ungefähr so viel heißt, als:
dauerhaft-angenehm oder gut sein, ist einerlei. Allein man kann bald
bemerken, daß dieses blos eine fehlerhafte Wortvertauschung sei, da die 35
Begriffe, welche diesen Ausdrücken eigenthümlich anhängen, keinesweges
gegen einander ausgetauscht werden können. Das Angenehme, das als ein
solches den Gegenstand lediglich in Beziehung auf den Sinn vorstellt, muß
allererst durch den Begriff eines Zwecks unter Principien der Vernunft
gebracht werden, um es als Gegenstand des Willens gut zu nennen. Daß
dieses aber alsdann eine ganz andere Beziehung auf das Wohlgefallen 5
sei, wenn ich das, was vergnügt, zugleich g u t nenne, ist daraus zu ersehen,
daß beim Guten immer die Frage ist, ob es blos mittelbar-gut oder
unmittelbar-gut (ob nützlich oder an sich gut) sei; da hingegen beim
Angenehmen hierüber gar nicht die Frage sein kann, indem das Wort
Das Wohlgefallen am Guten ist mit Interesse verbunden.
G u t ist das, was vermittelst der Vernunft durch den bloßen Begriff 15
gefällt. Wir nennen einiges w o z u g u t (das Nützliche), was nur als Mittel
gefällt; ein anderes aber a n s i c h g u t, was für sich selbst gefällt. In
beiden ist immer der Begriff eines Zwecks, mithin das Verhältniß der
Vernunft zum (wenigstens möglichen) Wollen, folglich ein Wohlgefallen
am D a s e i n eines Objects oder einer Handlung, d. i. irgend ein Interesse,
20 enthalten.
Um etwas gut zu finden, muß ich jederzeit wissen, was der Gegenstand für
ein Ding sein solle, d. i. einen Begriff von demselben haben. Um Schönheit
woran zu finden, habe ich das nicht nöthig. Blumen, freie Zeichnungen,
ohne Absicht in einander geschlungene Züge, unter dem 25 11 Namen des
Laubwerks, bedeuten nichts, hängen von keinem bestimmten Begriffe ab
und gefallen doch. Das Wohlgefallen am Schönen muß von der Reflexion
über einen Gegenstand, die zu irgend einem Begriffe (unbestimmt
welchem) führt, abhängen und unterscheidet sich dadurch auch vom
Angenehmen, welches ganz auf der Empfindung beruht. 30
Zwar scheint das Angenehme mit dem Guten in vielen Fällen einerlei zu
sein. So wird man gemeiniglich sagen: alles (vornehmlich dauerhafte)
Vergnügen ist an sich selbst gut; welches ungefähr so viel heißt, als:
dauerhaft-angenehm oder gut sein, ist einerlei. Allein man kann bald
bemerken, daß dieses blos eine fehlerhafte Wortvertauschung sei, da die 35
Begriffe, welche diesen Ausdrücken eigenthümlich anhängen, keinesweges
gegen einander ausgetauscht werden können. Das Angenehme, das als ein
solches den Gegenstand lediglich in Beziehung auf den Sinn vorstellt, muß
allererst durch den Begriff eines Zwecks unter Principien der Vernunft
gebracht werden, um es als Gegenstand des Willens gut zu nennen. Daß
dieses aber alsdann eine ganz andere Beziehung auf das Wohlgefallen 5
sei, wenn ich das, was vergnügt, zugleich g u t nenne, ist daraus zu ersehen,
daß beim Guten immer die Frage ist, ob es blos mittelbar-gut oder
unmittelbar-gut (ob nützlich oder an sich gut) sei; da hingegen beim
Angenehmen hierüber gar nicht die Frage sein kann, indem das Wort
Page 61
jederzeit etwas bedeutet, was unmittelbar gefällt. (Eben so ist es auch mit
dem, 10 12 was ich schön nenne, bewandt.)
Selbst in den gemeinsten Reden unterscheidet man das Angenehme vom
Guten. Von einem durch Gewürze und andre Zusätze den Geschmack
erhebenden Gerichte sagt man ohne Bedenken, es sei angenehm, und
gesteht zugleich, daß es nicht gut sei: weil es zwar unmittelbar den Sinnen
15 b e h a g t, mittelbar aber, d. i. durch die Vernunft, die auf die Folgen
hinaus sieht, betrachtet, mißfällt. Selbst in der Beurtheilung der Gesundheit
kann man noch diesen Unterschied bemerken. Sie ist jedem, der sie besitzt,
unmittelbar angenehm (wenigstens negativ, d. i. als Entfernung aller
körperlichen Schmerzen). Aber um zu sagen, daß sie gut sei, muß man sie
20 noch durch die Vernunft auf Zwecke richten, nämlich daß sie ein
Zustand ist, der uns zu allen unsern Geschäften aufgelegt macht. In Absicht
der Glückseligkeit glaubt endlich doch jedermann, die größte Summe (der
Menge sowohl als Dauer nach) der Annehmlichkeiten des Lebens ein
wahres, ja sogar das höchste Gut nennen zu können. Allein auch dawider
sträubt sich 25 die Vernunft. Annehmlichkeit ist Genuß. Ist es aber auf
diesen allein angelegt, so wäre es thöricht, scrupulös in Ansehung der Mittel
zu sein, die ihn uns verschaffen, ob er leidend, von der Freigebigkeit der
Natur, oder durch Selbstthätigkeit und unser eignes Wirken erlangt wäre.
Daß aber eines Menschen Existenz an sich einen Werth habe, welcher blos
lebt (und 30 13 in dieser Absicht noch so sehr geschäftig ist), um z u
g e n i e ß e n, sogar wenn er dabei Andern, die alle eben so wohl nur aufs
Genießen ausgehen, als Mittel dazu aufs beste beförderlich wäre und zwar
darum, weil er durch Sympathie alles Vergnügen mit genösse: das wird sich
die Vernunft nie überreden lassen. Nur durch das, was er thut ohne
Rücksicht auf Genuß, 35 in voller Freiheit und unabhängig von dem, was
ihm die Natur auch leidend verschaffen könnte, giebt er seinem Dasein als
der Existenz einer Person einen absoluten Werth; und die Glückseligkeit ist
mit der ganzen Fülle ihrer Annehmlichkeit bei weitem nicht ein unbedingtes
Gut[6].
Aber ungeachtet aller dieser Verschiedenheit zwischen dem Angenehmen
und Guten kommen beide doch darin überein: daß sie jederzeit mit einem
Interesse an ihrem Gegenstande verbunden sind, nicht allein das
Angenehme, 5 § 3, und das mittelbar Gute (das Nützliche), welches als
Mittel zu irgend einer Annehmlichkeit gefällt, sondern auch das
dem, 10 12 was ich schön nenne, bewandt.)
Selbst in den gemeinsten Reden unterscheidet man das Angenehme vom
Guten. Von einem durch Gewürze und andre Zusätze den Geschmack
erhebenden Gerichte sagt man ohne Bedenken, es sei angenehm, und
gesteht zugleich, daß es nicht gut sei: weil es zwar unmittelbar den Sinnen
15 b e h a g t, mittelbar aber, d. i. durch die Vernunft, die auf die Folgen
hinaus sieht, betrachtet, mißfällt. Selbst in der Beurtheilung der Gesundheit
kann man noch diesen Unterschied bemerken. Sie ist jedem, der sie besitzt,
unmittelbar angenehm (wenigstens negativ, d. i. als Entfernung aller
körperlichen Schmerzen). Aber um zu sagen, daß sie gut sei, muß man sie
20 noch durch die Vernunft auf Zwecke richten, nämlich daß sie ein
Zustand ist, der uns zu allen unsern Geschäften aufgelegt macht. In Absicht
der Glückseligkeit glaubt endlich doch jedermann, die größte Summe (der
Menge sowohl als Dauer nach) der Annehmlichkeiten des Lebens ein
wahres, ja sogar das höchste Gut nennen zu können. Allein auch dawider
sträubt sich 25 die Vernunft. Annehmlichkeit ist Genuß. Ist es aber auf
diesen allein angelegt, so wäre es thöricht, scrupulös in Ansehung der Mittel
zu sein, die ihn uns verschaffen, ob er leidend, von der Freigebigkeit der
Natur, oder durch Selbstthätigkeit und unser eignes Wirken erlangt wäre.
Daß aber eines Menschen Existenz an sich einen Werth habe, welcher blos
lebt (und 30 13 in dieser Absicht noch so sehr geschäftig ist), um z u
g e n i e ß e n, sogar wenn er dabei Andern, die alle eben so wohl nur aufs
Genießen ausgehen, als Mittel dazu aufs beste beförderlich wäre und zwar
darum, weil er durch Sympathie alles Vergnügen mit genösse: das wird sich
die Vernunft nie überreden lassen. Nur durch das, was er thut ohne
Rücksicht auf Genuß, 35 in voller Freiheit und unabhängig von dem, was
ihm die Natur auch leidend verschaffen könnte, giebt er seinem Dasein als
der Existenz einer Person einen absoluten Werth; und die Glückseligkeit ist
mit der ganzen Fülle ihrer Annehmlichkeit bei weitem nicht ein unbedingtes
Gut[6].
Aber ungeachtet aller dieser Verschiedenheit zwischen dem Angenehmen
und Guten kommen beide doch darin überein: daß sie jederzeit mit einem
Interesse an ihrem Gegenstande verbunden sind, nicht allein das
Angenehme, 5 § 3, und das mittelbar Gute (das Nützliche), welches als
Mittel zu irgend einer Annehmlichkeit gefällt, sondern auch das
Page 62
schlechterdings und in aller Absicht Gute, nämlich das moralische, welches
das höchste Interesse bei sich führt. Denn das Gute ist das Object des
Willens (d. i. 14 eines durch Vernunft bestimmten Begehrungsvermögens).
Etwas aber 10 wollen und an dem Dasein desselben ein Wohlgefallen
haben, d. i. daran ein Interesse nehmen, ist identisch.
das höchste Interesse bei sich führt. Denn das Gute ist das Object des
Willens (d. i. 14 eines durch Vernunft bestimmten Begehrungsvermögens).
Etwas aber 10 wollen und an dem Dasein desselben ein Wohlgefallen
haben, d. i. daran ein Interesse nehmen, ist identisch.
Page 63
§ 5.
Vergleichung der drei specifisch verschiedenen Arten des
Wohlgefallens. 15
Das Angenehme und Gute haben beide eine Beziehung auf das
Begehrungsvermögen und führen sofern, jenes ein pathologisch-bedingtes
(durch Anreize, stimulos), dieses ein reines praktisches Wohlgefallen bei
sich, welches nicht bloß durch die Vorstellung des Gegenstandes, sondern
zugleich durch die vorgestellte Verknüpfung des Subjects mit der Existenz
20 desselben bestimmt wird. Nicht bloß der Gegenstand, sondern auch die
Existenz desselben gefällt. Dagegen ist das Geschmacksurtheil bloß
c o n t e m p l a t i v, d. i. ein Urtheil, welches, indifferent in Ansehung des
Daseins eines Gegenstandes, nur seine Beschaffenheit mit dem Gefühl der
Lust und Unlust zusammenhält. Aber diese Contemplation selbst ist auch
25 nicht auf Begriffe gerichtet; denn das Geschmacksurtheil ist kein
Erkenntnißurtheil (weder ein theoretisches noch praktisches) und daher
auch nicht auf Begriffe g e g r ü n d e t, oder auch auf solche
a b g e z w e c k t.
Das Angenehme, das Schöne, das Gute bezeichnen also drei verschiedene
Verhältnisse der Vorstellungen zum Gefühl der Lust und Unlust, in 30 15
Beziehung auf welches wir Gegenstände oder Vorstellungsarten von
einander unterscheiden. Auch sind die jedem angemessenen Ausdrücke,
womit man die Complacenz in denselben bezeichnet, nicht einerlei.
A n g e n e h m heißt Jemandem das, was ihn vergnügt; s c h ö n, was ihm
blos gefällt; g u t, was geschätzt, g e b i l l i g t, d. i. worin von ihm ein
objectiver 5 Werth gesetzt wird. Annehmlichkeit gilt auch für vernunftlose
Thiere; Schönheit nur für Menschen, d. i. thierische, aber doch vernünftige
Wesen, aber auch nicht blos als solche (z. B. Geister), sondern zugleich als
thierische; das Gute aber für jedes vernünftige Wesen überhaupt; ein Satz,
der nur in der Folge seine vollständige Rechtfertigung und Erklärung
bekommen 10 kann. Man kann sagen: daß unter allen diesen drei Arten des
Wohlgefallens das des Geschmacks am Schönen einzig und allein ein
uninteressirtes und f r e i e s Wohlgefallen sei; denn kein Interesse, weder
das der Sinne, noch das der Vernunft, zwingt den Beifall ab. Daher könnte
man von dem Wohlgefallen sagen: es beziehe sich in den drei genannten 15
Vergleichung der drei specifisch verschiedenen Arten des
Wohlgefallens. 15
Das Angenehme und Gute haben beide eine Beziehung auf das
Begehrungsvermögen und führen sofern, jenes ein pathologisch-bedingtes
(durch Anreize, stimulos), dieses ein reines praktisches Wohlgefallen bei
sich, welches nicht bloß durch die Vorstellung des Gegenstandes, sondern
zugleich durch die vorgestellte Verknüpfung des Subjects mit der Existenz
20 desselben bestimmt wird. Nicht bloß der Gegenstand, sondern auch die
Existenz desselben gefällt. Dagegen ist das Geschmacksurtheil bloß
c o n t e m p l a t i v, d. i. ein Urtheil, welches, indifferent in Ansehung des
Daseins eines Gegenstandes, nur seine Beschaffenheit mit dem Gefühl der
Lust und Unlust zusammenhält. Aber diese Contemplation selbst ist auch
25 nicht auf Begriffe gerichtet; denn das Geschmacksurtheil ist kein
Erkenntnißurtheil (weder ein theoretisches noch praktisches) und daher
auch nicht auf Begriffe g e g r ü n d e t, oder auch auf solche
a b g e z w e c k t.
Das Angenehme, das Schöne, das Gute bezeichnen also drei verschiedene
Verhältnisse der Vorstellungen zum Gefühl der Lust und Unlust, in 30 15
Beziehung auf welches wir Gegenstände oder Vorstellungsarten von
einander unterscheiden. Auch sind die jedem angemessenen Ausdrücke,
womit man die Complacenz in denselben bezeichnet, nicht einerlei.
A n g e n e h m heißt Jemandem das, was ihn vergnügt; s c h ö n, was ihm
blos gefällt; g u t, was geschätzt, g e b i l l i g t, d. i. worin von ihm ein
objectiver 5 Werth gesetzt wird. Annehmlichkeit gilt auch für vernunftlose
Thiere; Schönheit nur für Menschen, d. i. thierische, aber doch vernünftige
Wesen, aber auch nicht blos als solche (z. B. Geister), sondern zugleich als
thierische; das Gute aber für jedes vernünftige Wesen überhaupt; ein Satz,
der nur in der Folge seine vollständige Rechtfertigung und Erklärung
bekommen 10 kann. Man kann sagen: daß unter allen diesen drei Arten des
Wohlgefallens das des Geschmacks am Schönen einzig und allein ein
uninteressirtes und f r e i e s Wohlgefallen sei; denn kein Interesse, weder
das der Sinne, noch das der Vernunft, zwingt den Beifall ab. Daher könnte
man von dem Wohlgefallen sagen: es beziehe sich in den drei genannten 15
Page 64
Fällen auf N e i g u n g, oder G u n s t, oder A c h t u n g. Denn Gunst ist das
einzige freie Wohlgefallen. Ein Gegenstand der Neigung und einer, welcher
durch ein Vernunftgesetz uns zum Begehren auferlegt wird, lassen uns
keine Freiheit, uns selbst irgend woraus einen Gegenstand der Lust zu
machen. Alles Interesse setzt Bedürfniß voraus, oder bringt eines 20 16
hervor; und als Bestimmungsgrund des Beifalls läßt es das Urtheil über den
Gegenstand nicht mehr frei sein.
Was das Interesse der Neigung beim Angenehmen betrifft, so sagt
jedermann: Hunger ist der beste Koch, und Leuten von gesundem Appetit
schmeckt alles, was nur eßbar ist; mithin beweiset ein solches Wohlgefallen
25 keine Wahl nach Geschmack. Nur wenn das Bedürfniß befriedigt ist,
kann man unterscheiden, wer unter Vielen Geschmack habe, oder nicht.
Eben so giebt es Sitten (Conduite) ohne Tugend, Höflichkeit ohne
Wohlwollen, Anständigkeit ohne Ehrbarkeit u. s. w. Denn wo das sittliche
Gesetz spricht, da giebt es objectiv weiter keine freie Wahl in Ansehung
dessen, was zu 30 thun sei; und Geschmack in seiner Aufführung (oder in
Beurtheilung anderer ihrer) zeigen, ist etwas ganz anderes, als seine
moralische Denkungsart äußern: denn diese enthält ein Gebot und bringt ein
Bedürfniß hervor, da hingegen der sittliche Geschmack mit den
Gegenständen des Wohlgefallens nur spielt, ohne sich an einen zu hängen.
35
Aus dem ersten Momente gefolgerte Erklärung des
Schönen.
G e s c h m a c k ist das Beurtheilungsvermögen eines Gegenstandes oder
einer Vorstellungsart durch ein Wohlgefallen oder Mißfallen o h n e a l l e s
I n t e r e s s e. Der Gegenstand eines solchen Wohlgefallens heißt s c h ö n.
einzige freie Wohlgefallen. Ein Gegenstand der Neigung und einer, welcher
durch ein Vernunftgesetz uns zum Begehren auferlegt wird, lassen uns
keine Freiheit, uns selbst irgend woraus einen Gegenstand der Lust zu
machen. Alles Interesse setzt Bedürfniß voraus, oder bringt eines 20 16
hervor; und als Bestimmungsgrund des Beifalls läßt es das Urtheil über den
Gegenstand nicht mehr frei sein.
Was das Interesse der Neigung beim Angenehmen betrifft, so sagt
jedermann: Hunger ist der beste Koch, und Leuten von gesundem Appetit
schmeckt alles, was nur eßbar ist; mithin beweiset ein solches Wohlgefallen
25 keine Wahl nach Geschmack. Nur wenn das Bedürfniß befriedigt ist,
kann man unterscheiden, wer unter Vielen Geschmack habe, oder nicht.
Eben so giebt es Sitten (Conduite) ohne Tugend, Höflichkeit ohne
Wohlwollen, Anständigkeit ohne Ehrbarkeit u. s. w. Denn wo das sittliche
Gesetz spricht, da giebt es objectiv weiter keine freie Wahl in Ansehung
dessen, was zu 30 thun sei; und Geschmack in seiner Aufführung (oder in
Beurtheilung anderer ihrer) zeigen, ist etwas ganz anderes, als seine
moralische Denkungsart äußern: denn diese enthält ein Gebot und bringt ein
Bedürfniß hervor, da hingegen der sittliche Geschmack mit den
Gegenständen des Wohlgefallens nur spielt, ohne sich an einen zu hängen.
35
Aus dem ersten Momente gefolgerte Erklärung des
Schönen.
G e s c h m a c k ist das Beurtheilungsvermögen eines Gegenstandes oder
einer Vorstellungsart durch ein Wohlgefallen oder Mißfallen o h n e a l l e s
I n t e r e s s e. Der Gegenstand eines solchen Wohlgefallens heißt s c h ö n.
Page 65
Z w e i t e s M o m e n t 5 17
des Geschmacksurtheils, nämlich seiner Quantität nach.
des Geschmacksurtheils, nämlich seiner Quantität nach.
Page 66
§ 6.
Das Schöne ist das, was ohne Begriffe als Object eines allgemeinen
Wohlgefallens vorgestellt wird.
Diese Erklärung des Schönen kann aus der vorigen Erklärung desselben, 10
als eines Gegenstandes des Wohlgefallens ohne alles Interesse, gefolgert
werden. Denn das, wovon jemand sich bewußt ist, daß das Wohlgefallen an
demselben bei ihm selbst ohne alles Interesse sei, das kann derselbe nicht
anders als so beurtheilen, daß es einen Grund des Wohlgefallens für
jedermann enthalten müsse. Denn da es sich nicht auf irgend 15 eine
Neigung des Subjects (noch auf irgend ein anderes überlegtes Interesse)
gründet, sondern da der Urtheilende sich in Ansehung des Wohlgefallens,
welches er dem Gegenstande widmet, völlig f r e i fühlt: so kann er keine
Privatbedingungen als Gründe des Wohlgefallens auffinden, an die sich sein
Subject allein hinge, und muß es daher als in demjenigen begründet 20
ansehen, was er auch bei jedem andern voraussetzen kann; folglich muß er
glauben Grund zu haben, jedermann ein ähnliches Wohlgefallen
zuzumuthen. Er wird daher vom Schönen so sprechen, als ob Schönheit 18
eine Beschaffenheit des Gegenstandes und das Urtheil logisch (durch
Begriffe vom Objecte eine Erkenntniß desselben ausmachend) wäre; ob es
25 gleich nur ästhetisch ist und bloß eine Beziehung der Vorstellung des
Gegenstandes auf das Subject enthält: darum weil es doch mit dem
logischen die Ähnlichkeit hat, daß man die Gültigkeit desselben für
jedermann daran voraussetzen kann. Aber aus Begriffen kann diese
Allgemeinheit auch nicht entspringen. Denn von Begriffen giebt es keinen
Übergang zum 30 Gefühle der Lust oder Unlust (ausgenommen in reinen
praktischen Gesetzen, die aber ein Interesse bei sich führen, dergleichen mit
dem reinen Geschmacksurtheile nicht verbunden ist). Folglich muß dem
Geschmacksurtheile mit dem Bewußtsein der Absonderung in demselben
von allem Interesse ein Anspruch auf Gültigkeit für jedermann ohne auf
Objecte gestellte Allgemeinheit anhängen, d. i. es muß damit ein Anspruch
auf subjective Allgemeinheit verbunden sein. 5
Das Schöne ist das, was ohne Begriffe als Object eines allgemeinen
Wohlgefallens vorgestellt wird.
Diese Erklärung des Schönen kann aus der vorigen Erklärung desselben, 10
als eines Gegenstandes des Wohlgefallens ohne alles Interesse, gefolgert
werden. Denn das, wovon jemand sich bewußt ist, daß das Wohlgefallen an
demselben bei ihm selbst ohne alles Interesse sei, das kann derselbe nicht
anders als so beurtheilen, daß es einen Grund des Wohlgefallens für
jedermann enthalten müsse. Denn da es sich nicht auf irgend 15 eine
Neigung des Subjects (noch auf irgend ein anderes überlegtes Interesse)
gründet, sondern da der Urtheilende sich in Ansehung des Wohlgefallens,
welches er dem Gegenstande widmet, völlig f r e i fühlt: so kann er keine
Privatbedingungen als Gründe des Wohlgefallens auffinden, an die sich sein
Subject allein hinge, und muß es daher als in demjenigen begründet 20
ansehen, was er auch bei jedem andern voraussetzen kann; folglich muß er
glauben Grund zu haben, jedermann ein ähnliches Wohlgefallen
zuzumuthen. Er wird daher vom Schönen so sprechen, als ob Schönheit 18
eine Beschaffenheit des Gegenstandes und das Urtheil logisch (durch
Begriffe vom Objecte eine Erkenntniß desselben ausmachend) wäre; ob es
25 gleich nur ästhetisch ist und bloß eine Beziehung der Vorstellung des
Gegenstandes auf das Subject enthält: darum weil es doch mit dem
logischen die Ähnlichkeit hat, daß man die Gültigkeit desselben für
jedermann daran voraussetzen kann. Aber aus Begriffen kann diese
Allgemeinheit auch nicht entspringen. Denn von Begriffen giebt es keinen
Übergang zum 30 Gefühle der Lust oder Unlust (ausgenommen in reinen
praktischen Gesetzen, die aber ein Interesse bei sich führen, dergleichen mit
dem reinen Geschmacksurtheile nicht verbunden ist). Folglich muß dem
Geschmacksurtheile mit dem Bewußtsein der Absonderung in demselben
von allem Interesse ein Anspruch auf Gültigkeit für jedermann ohne auf
Objecte gestellte Allgemeinheit anhängen, d. i. es muß damit ein Anspruch
auf subjective Allgemeinheit verbunden sein. 5
Page 67
§ 7.
Vergleichung des Schönen mit dem Angenehmen und Guten durch
obiges Merkmal.
In Ansehung des A n g e n e h m e n bescheidet sich ein jeder: daß sein
Urtheil, welches er auf ein Privatgefühl gründet, und wodurch er von 10
einem Gegenstande sagt, daß er ihm gefalle, sich auch bloß auf seine
Person einschränke. Daher ist er es gern zufrieden, daß, wenn er sagt: der
Canariensect 19 ist angenehm, ihm ein anderer den Ausdruck verbessere und
ihn erinnere, er solle sagen: er ist m i r angenehm; und so nicht allein im
Geschmack der Zunge, des Gaumens und des Schlundes, sondern auch in
dem, 15 was für Augen und Ohren jedem angenehm sein mag. Dem einen
ist die violette Farbe sanft und lieblich, dem andern todt und erstorben.
Einer liebt den Ton der Blasinstrumente, der andre den von den
Saiteninstrumenten. Darüber in der Absicht zu streiten, um das Urtheil
anderer, welches von dem unsrigen verschieden ist, gleich als ob es diesem
logisch 20 entgegen gesetzt wäre, für unrichtig zu schelten, wäre Thorheit;
in Ansehung des Angenehmen gilt also der Grundsatz: e i n j e d e r h a t
s e i n e n e i g e n e n G e s c h m a c k (der Sinne).
Mit dem Schönen ist es ganz anders bewandt. Es wäre (gerade umgekehrt)
lächerlich, wenn jemand, der sich auf seinen Geschmack etwas einbildete,
25 sich damit zu rechtfertigen gedächte: dieser Gegenstand (das Gebäude,
was wir sehen, das Kleid, was jener trägt, das Concert, was wir hören, das
Gedicht, welches zur Beurtheilung aufgestellt ist) ist f ü r m i c h schön.
Denn er muß es nicht s c h ö n nennen, wenn es bloß ihm gefällt. Reiz und
Annehmlichkeit mag für ihn vieles haben, darum bekümmert sich 30
niemand; wenn er aber etwas für schön ausgiebt, so muthet er andern eben
dasselbe Wohlgefallen zu: er urtheilt nicht bloß für sich, sondern für 20
jedermann und spricht alsdann von der Schönheit, als wäre sie eine
Eigenschaft der Dinge. Er sagt daher: die S a c h e ist schön, und rechnet
nicht etwa darum auf Anderer Einstimmung in sein Urtheil des
Wohlgefallens, 35 weil er sie mehrmals mit dem seinigen einstimmig
befunden hat, sondern f o r d e r t es von ihnen. Er tadelt sie, wenn sie anders
urtheilen, und spricht ihnen den Geschmack ab, von dem er doch verlangt,
daß sie ihn haben sollen; und sofern kann man nicht sagen: ein jeder hat
Vergleichung des Schönen mit dem Angenehmen und Guten durch
obiges Merkmal.
In Ansehung des A n g e n e h m e n bescheidet sich ein jeder: daß sein
Urtheil, welches er auf ein Privatgefühl gründet, und wodurch er von 10
einem Gegenstande sagt, daß er ihm gefalle, sich auch bloß auf seine
Person einschränke. Daher ist er es gern zufrieden, daß, wenn er sagt: der
Canariensect 19 ist angenehm, ihm ein anderer den Ausdruck verbessere und
ihn erinnere, er solle sagen: er ist m i r angenehm; und so nicht allein im
Geschmack der Zunge, des Gaumens und des Schlundes, sondern auch in
dem, 15 was für Augen und Ohren jedem angenehm sein mag. Dem einen
ist die violette Farbe sanft und lieblich, dem andern todt und erstorben.
Einer liebt den Ton der Blasinstrumente, der andre den von den
Saiteninstrumenten. Darüber in der Absicht zu streiten, um das Urtheil
anderer, welches von dem unsrigen verschieden ist, gleich als ob es diesem
logisch 20 entgegen gesetzt wäre, für unrichtig zu schelten, wäre Thorheit;
in Ansehung des Angenehmen gilt also der Grundsatz: e i n j e d e r h a t
s e i n e n e i g e n e n G e s c h m a c k (der Sinne).
Mit dem Schönen ist es ganz anders bewandt. Es wäre (gerade umgekehrt)
lächerlich, wenn jemand, der sich auf seinen Geschmack etwas einbildete,
25 sich damit zu rechtfertigen gedächte: dieser Gegenstand (das Gebäude,
was wir sehen, das Kleid, was jener trägt, das Concert, was wir hören, das
Gedicht, welches zur Beurtheilung aufgestellt ist) ist f ü r m i c h schön.
Denn er muß es nicht s c h ö n nennen, wenn es bloß ihm gefällt. Reiz und
Annehmlichkeit mag für ihn vieles haben, darum bekümmert sich 30
niemand; wenn er aber etwas für schön ausgiebt, so muthet er andern eben
dasselbe Wohlgefallen zu: er urtheilt nicht bloß für sich, sondern für 20
jedermann und spricht alsdann von der Schönheit, als wäre sie eine
Eigenschaft der Dinge. Er sagt daher: die S a c h e ist schön, und rechnet
nicht etwa darum auf Anderer Einstimmung in sein Urtheil des
Wohlgefallens, 35 weil er sie mehrmals mit dem seinigen einstimmig
befunden hat, sondern f o r d e r t es von ihnen. Er tadelt sie, wenn sie anders
urtheilen, und spricht ihnen den Geschmack ab, von dem er doch verlangt,
daß sie ihn haben sollen; und sofern kann man nicht sagen: ein jeder hat
Page 68
seinen besondern Geschmack. Dieses würde so viel heißen, als: es giebt gar
keinen Geschmack, 5 d. i. kein ästhetisches Urtheil, welches auf
jedermanns Beistimmung rechtmäßigen Anspruch machen könnte.
Gleichwohl findet man auch in Ansehung des Angenehmen, daß in der
Beurtheilung desselben sich Einhelligkeit unter Menschen antreffen lasse,
in Absicht auf welche man doch einigen den Geschmack abspricht, andern
10 ihn zugesteht und zwar nicht in der Bedeutung als Organsinn, sondern
als Beurtheilungsvermögen in Ansehung des Angenehmen überhaupt. So
sagt man von jemanden, der seine Gäste mit Annehmlichkeiten (des
Genusses durch alle Sinne) so zu unterhalten weiß, daß es ihnen
insgesammt gefällt: er habe Geschmack. Aber hier wird die Allgemeinheit
nur 15 comparativ genommen; und da giebt es nur g e n e r a l e (wie die
empirischen alle sind), nicht u n i v e r s a l e Regeln, welche letzteren das
Geschmacksurtheil über das Schöne sich unternimmt oder darauf Anspruch
macht. Es 21 ist ein Urtheil in Beziehung auf die Geselligkeit, sofern sie auf
empirischen Regeln beruht. In Ansehung des Guten machen die Urtheile
zwar auch 20 mit Recht auf Gültigkeit für jedermann Anspruch; allein das
Gute wird nur d u r c h e i n e n B e g r i f f als Object eines allgemeinen
Wohlgefallens vorgestellt, welches weder beim Angenehmen noch beim
Schönen der Fall ist.
keinen Geschmack, 5 d. i. kein ästhetisches Urtheil, welches auf
jedermanns Beistimmung rechtmäßigen Anspruch machen könnte.
Gleichwohl findet man auch in Ansehung des Angenehmen, daß in der
Beurtheilung desselben sich Einhelligkeit unter Menschen antreffen lasse,
in Absicht auf welche man doch einigen den Geschmack abspricht, andern
10 ihn zugesteht und zwar nicht in der Bedeutung als Organsinn, sondern
als Beurtheilungsvermögen in Ansehung des Angenehmen überhaupt. So
sagt man von jemanden, der seine Gäste mit Annehmlichkeiten (des
Genusses durch alle Sinne) so zu unterhalten weiß, daß es ihnen
insgesammt gefällt: er habe Geschmack. Aber hier wird die Allgemeinheit
nur 15 comparativ genommen; und da giebt es nur g e n e r a l e (wie die
empirischen alle sind), nicht u n i v e r s a l e Regeln, welche letzteren das
Geschmacksurtheil über das Schöne sich unternimmt oder darauf Anspruch
macht. Es 21 ist ein Urtheil in Beziehung auf die Geselligkeit, sofern sie auf
empirischen Regeln beruht. In Ansehung des Guten machen die Urtheile
zwar auch 20 mit Recht auf Gültigkeit für jedermann Anspruch; allein das
Gute wird nur d u r c h e i n e n B e g r i f f als Object eines allgemeinen
Wohlgefallens vorgestellt, welches weder beim Angenehmen noch beim
Schönen der Fall ist.
Page 69
§ 8. 25
Die Allgemeinheit des Wohlgefallens wird in einem Geschmacksurtheile
nur als subjectiv vorgestellt.
Diese besondere Bestimmung der Allgemeinheit eines ästhetischen
Urtheils, die sich in einem Geschmacksurtheile antreffen läßt, ist eine
Merkwürdigkeit, zwar nicht für den Logiker, aber wohl für den
Transscendental-Philosophen, 30 welche seine nicht geringe Bemühung
auffordert, um den Ursprung derselben zu entdecken, dafür aber auch eine
Eigenschaft unseres Erkenntnißvermögens aufdeckt, welche ohne diese
Zergliederung unbekannt geblieben wäre.
Zuerst muß man sich davon völlig überzeugen: daß man durch das 35
Geschmacksurtheil (über das Schöne) das Wohlgefallen an einem
Gegenstande j e d e r m a n n ansinne, ohne sich doch auf einem Begriffe zu
gründen (denn da wäre es das Gute); und daß dieser Anspruch auf
Allgemeingültigkeit 22 so wesentlich zu einem Urtheil gehöre, wodurch wir
etwas für s c h ö n erklären, daß, ohne dieselbe dabei zu denken, es niemand
in die Gedanken 5 kommen würde, diesen Ausdruck zu gebrauchen,
sondern alles, was ohne Begriff gefällt, zum Angenehmen gezählt werden
würde, in Ansehung dessen man jeglichem seinen Kopf für sich haben läßt,
und keiner dem andern Einstimmung zu seinem Geschmacksurtheile
zumuthet, welches doch im Geschmacksurtheile über Schönheit jederzeit
geschieht. Ich kann den ersten 10 den Sinnen-Geschmack, den zweiten den
Reflexions-Geschmack nennen: sofern der erstere bloß Privaturtheile, der
zweite aber vorgebliche gemeingültige (publike), beiderseits aber
ästhetische (nicht praktische) Urtheile über einen Gegenstand bloß in
Ansehung des Verhältnisses seiner Vorstellung zum Gefühl der Lust und
Unlust fällt. Nun ist es doch befremdlich, daß, 15 da von dem
Sinnengeschmack nicht allein die Erfahrung zeigt, daß sein Urtheil (der
Lust oder Unlust an irgend etwas) nicht allgemein gelte, sondern jedermann
auch von selbst so bescheiden ist, diese Einstimmung andern nicht eben
anzusinnen (ob sich gleich wirklich öfter eine sehr ausgebreitete
Einhelligkeit auch in diesen Urtheilen vorfindet), der Reflexions-
Geschmack, 20 der doch auch oft genug mit seinem Anspruche auf die
allgemeine Gültigkeit seines Urtheils (über das Schöne) für jedermann
Die Allgemeinheit des Wohlgefallens wird in einem Geschmacksurtheile
nur als subjectiv vorgestellt.
Diese besondere Bestimmung der Allgemeinheit eines ästhetischen
Urtheils, die sich in einem Geschmacksurtheile antreffen läßt, ist eine
Merkwürdigkeit, zwar nicht für den Logiker, aber wohl für den
Transscendental-Philosophen, 30 welche seine nicht geringe Bemühung
auffordert, um den Ursprung derselben zu entdecken, dafür aber auch eine
Eigenschaft unseres Erkenntnißvermögens aufdeckt, welche ohne diese
Zergliederung unbekannt geblieben wäre.
Zuerst muß man sich davon völlig überzeugen: daß man durch das 35
Geschmacksurtheil (über das Schöne) das Wohlgefallen an einem
Gegenstande j e d e r m a n n ansinne, ohne sich doch auf einem Begriffe zu
gründen (denn da wäre es das Gute); und daß dieser Anspruch auf
Allgemeingültigkeit 22 so wesentlich zu einem Urtheil gehöre, wodurch wir
etwas für s c h ö n erklären, daß, ohne dieselbe dabei zu denken, es niemand
in die Gedanken 5 kommen würde, diesen Ausdruck zu gebrauchen,
sondern alles, was ohne Begriff gefällt, zum Angenehmen gezählt werden
würde, in Ansehung dessen man jeglichem seinen Kopf für sich haben läßt,
und keiner dem andern Einstimmung zu seinem Geschmacksurtheile
zumuthet, welches doch im Geschmacksurtheile über Schönheit jederzeit
geschieht. Ich kann den ersten 10 den Sinnen-Geschmack, den zweiten den
Reflexions-Geschmack nennen: sofern der erstere bloß Privaturtheile, der
zweite aber vorgebliche gemeingültige (publike), beiderseits aber
ästhetische (nicht praktische) Urtheile über einen Gegenstand bloß in
Ansehung des Verhältnisses seiner Vorstellung zum Gefühl der Lust und
Unlust fällt. Nun ist es doch befremdlich, daß, 15 da von dem
Sinnengeschmack nicht allein die Erfahrung zeigt, daß sein Urtheil (der
Lust oder Unlust an irgend etwas) nicht allgemein gelte, sondern jedermann
auch von selbst so bescheiden ist, diese Einstimmung andern nicht eben
anzusinnen (ob sich gleich wirklich öfter eine sehr ausgebreitete
Einhelligkeit auch in diesen Urtheilen vorfindet), der Reflexions-
Geschmack, 20 der doch auch oft genug mit seinem Anspruche auf die
allgemeine Gültigkeit seines Urtheils (über das Schöne) für jedermann
Page 70
abgewiesen wird, wie die Erfahrung lehrt, gleichwohl es möglich finden
könne (welches er 23 auch wirklich thut) sich Urtheile vorzustellen, die
diese Einstimmung allgemein fordern könnten, und sie in der That für jedes
seiner Geschmacksurtheile 25 jedermann zumuthet, ohne daß die
Urtheilenden wegen der Möglichkeit eines solchen Anspruchs in Streite
sind, sondern sich nur in besondern Fällen wegen der richtigen Anwendung
dieses Vermögens nicht einigen können.
Hier ist nun allererst zu merken, daß eine Allgemeinheit, die nicht auf 30
Begriffen vom Objecte (wenn gleich nur empirischen) beruht, gar nicht
logisch, sondern ästhetisch sei, d. i. keine objective Quantität des Urtheils,
sondern nur eine subjective enthalte, für welche ich auch den Ausdruck
G e m e i n g ü l t i g k e i t, welcher die Gültigkeit nicht von der Beziehung
einer Vorstellung auf das Erkenntnißvermögen, sondern auf das Gefühl der
35 Lust und Unlust für jedes Subject bezeichnet, gebrauche. (Man kann
sich aber auch desselben Ausdrucks für die logische Quantität des Urtheils
bedienen, wenn man nur dazusetzt o b j e c t i v e Allgemeingültigkeit zum
Unterschiede von der bloß subjectiven, welche allemal ästhetisch ist.)
Nun ist ein o b j e c t i v a l l g e m e i n g ü l t i g e s Urtheil auch jederzeit
subjectiv, d. i. wenn das Urtheil für alles, was unter einem gegebenen
Begriffe enthalten ist, gilt, so gilt es auch für jedermann, der sich einen 5
Gegenstand durch diesen Begriff vorstellt. Aber von einer s u b j e c t i v e n
A l l g e m e i n g ü l t i g k e i t, d. i. der ästhetischen, die auf keinem Begriffe
24 beruht, läßt sich nicht auf die logische schließen: weil jene Art Urtheile
gar nicht auf das Object geht. Eben darum aber muß auch die ästhetische
Allgemeinheit, die einem Urtheile beigelegt wird, von besonderer Art sein,
10 weil sie das Prädicat der Schönheit nicht mit dem Begriffe des
O b j e c t s, in seiner ganzen logischen Sphäre betrachtet, verknüpft und
doch eben dasselbe über die ganze Sphäre d e r U r t h e i l e n d e n
ausdehnt.
In Ansehung der logischen Quantität sind alle Geschmacksurtheile
e i n z e l n e Urtheile. Denn weil ich den Gegenstand unmittelbar an mein
15 Gefühl der Lust und Unlust halten muß und doch nicht durch Begriffe,
so können jene nicht die Quantität objectiv-gemeingültiger Urtheile haben;
obgleich, wenn die einzelne Vorstellung des Objects des
Geschmacksurtheils nach den Bedingungen, die das letztere bestimmen,
könne (welches er 23 auch wirklich thut) sich Urtheile vorzustellen, die
diese Einstimmung allgemein fordern könnten, und sie in der That für jedes
seiner Geschmacksurtheile 25 jedermann zumuthet, ohne daß die
Urtheilenden wegen der Möglichkeit eines solchen Anspruchs in Streite
sind, sondern sich nur in besondern Fällen wegen der richtigen Anwendung
dieses Vermögens nicht einigen können.
Hier ist nun allererst zu merken, daß eine Allgemeinheit, die nicht auf 30
Begriffen vom Objecte (wenn gleich nur empirischen) beruht, gar nicht
logisch, sondern ästhetisch sei, d. i. keine objective Quantität des Urtheils,
sondern nur eine subjective enthalte, für welche ich auch den Ausdruck
G e m e i n g ü l t i g k e i t, welcher die Gültigkeit nicht von der Beziehung
einer Vorstellung auf das Erkenntnißvermögen, sondern auf das Gefühl der
35 Lust und Unlust für jedes Subject bezeichnet, gebrauche. (Man kann
sich aber auch desselben Ausdrucks für die logische Quantität des Urtheils
bedienen, wenn man nur dazusetzt o b j e c t i v e Allgemeingültigkeit zum
Unterschiede von der bloß subjectiven, welche allemal ästhetisch ist.)
Nun ist ein o b j e c t i v a l l g e m e i n g ü l t i g e s Urtheil auch jederzeit
subjectiv, d. i. wenn das Urtheil für alles, was unter einem gegebenen
Begriffe enthalten ist, gilt, so gilt es auch für jedermann, der sich einen 5
Gegenstand durch diesen Begriff vorstellt. Aber von einer s u b j e c t i v e n
A l l g e m e i n g ü l t i g k e i t, d. i. der ästhetischen, die auf keinem Begriffe
24 beruht, läßt sich nicht auf die logische schließen: weil jene Art Urtheile
gar nicht auf das Object geht. Eben darum aber muß auch die ästhetische
Allgemeinheit, die einem Urtheile beigelegt wird, von besonderer Art sein,
10 weil sie das Prädicat der Schönheit nicht mit dem Begriffe des
O b j e c t s, in seiner ganzen logischen Sphäre betrachtet, verknüpft und
doch eben dasselbe über die ganze Sphäre d e r U r t h e i l e n d e n
ausdehnt.
In Ansehung der logischen Quantität sind alle Geschmacksurtheile
e i n z e l n e Urtheile. Denn weil ich den Gegenstand unmittelbar an mein
15 Gefühl der Lust und Unlust halten muß und doch nicht durch Begriffe,
so können jene nicht die Quantität objectiv-gemeingültiger Urtheile haben;
obgleich, wenn die einzelne Vorstellung des Objects des
Geschmacksurtheils nach den Bedingungen, die das letztere bestimmen,
Page 71
durch Vergleichung in einen Begriff verwandelt wird, ein logisch
allgemeines Urtheil daraus 20 werden kann: z. B. die Rose, die ich
anblicke, erkläre ich durch ein Geschmacksurtheil für schön. Dagegen ist
das Urtheil, welches durch Vergleichung vieler einzelnen entspringt: die
Rosen überhaupt sind schön, nunmehr nicht bloß als ästhetisches, sondern
als ein auf einem ästhetischen gegründetes logisches Urtheil ausgesagt. Nun
ist das Urtheil: die Rose 25 ist (im Geruche) angenehm, zwar auch ein
ästhetisches und einzelnes, aber kein Geschmacks-, sondern ein
Sinnenurtheil. Es unterscheidet sich nämlich vom ersteren darin: daß das
Geschmacksurtheil eine ä s t h e t i s c h e 25 Q u a n t i t ä t der
Allgemeinheit, d. i. der Gültigkeit für jedermann, bei sich führt, welche im
Urtheile über das Angenehme nicht angetroffen werden 30 kann. Nur allein
die Urtheile über das Gute, ob sie gleich auch das Wohlgefallen an einem
Gegenstande bestimmen, haben logische, nicht bloß ästhetische
Allgemeinheit; denn sie gelten vom Object, als Erkenntnisse desselben, und
darum für jedermann.
Wenn man Objecte bloß nach Begriffen beurtheilt, so geht alle Vorstellung
35 der Schönheit verloren. Also kann es auch keine Regel geben, nach der
jemand genöthigt werden sollte, etwas für schön anzuerkennen. Ob ein
Kleid, ein Haus, eine Blume schön sei: dazu läßt man sich sein Urtheil
durch keine Gründe oder Grundsätze aufschwatzen. Man will das Object
seinen eignen Augen unterwerfen, gleich als ob sein Wohlgefallen von der
Empfindung abhinge; und dennoch, wenn man den Gegenstand alsdann
schön nennt, glaubt man eine allgemeine Stimme für sich zu haben und 5
macht Anspruch auf den Beitritt von jedermann, da hingegen jede
Privatempfindung nur für den Betrachtenden allein und sein Wohlgefallen
entscheiden würde.
Hier ist nun zu sehen, daß in dem Urtheile des Geschmacks nichts postulirt
wird, als eine solche a l l g e m e i n e S t i m m e in Ansehung des
Wohlgefallens 10 ohne Vermittlung der Begriffe; mithin die
M ö g l i c h k e i t eines 26 ästhetischen Urtheils, welches zugleich als für
jedermann gültig betrachtet werden könne. Das Geschmacksurtheil selber
p o s t u l i r t nicht jedermanns Einstimmung (denn das kann nur ein logisch
allgemeines, weil es Gründe anführen kann, thun); es s i n n t nur jedermann
diese Einstimmung an, 15 als einen Fall der Regel, in Ansehung dessen es
die Bestätigung nicht von Begriffen, sondern von anderer Beitritt erwartet.
allgemeines Urtheil daraus 20 werden kann: z. B. die Rose, die ich
anblicke, erkläre ich durch ein Geschmacksurtheil für schön. Dagegen ist
das Urtheil, welches durch Vergleichung vieler einzelnen entspringt: die
Rosen überhaupt sind schön, nunmehr nicht bloß als ästhetisches, sondern
als ein auf einem ästhetischen gegründetes logisches Urtheil ausgesagt. Nun
ist das Urtheil: die Rose 25 ist (im Geruche) angenehm, zwar auch ein
ästhetisches und einzelnes, aber kein Geschmacks-, sondern ein
Sinnenurtheil. Es unterscheidet sich nämlich vom ersteren darin: daß das
Geschmacksurtheil eine ä s t h e t i s c h e 25 Q u a n t i t ä t der
Allgemeinheit, d. i. der Gültigkeit für jedermann, bei sich führt, welche im
Urtheile über das Angenehme nicht angetroffen werden 30 kann. Nur allein
die Urtheile über das Gute, ob sie gleich auch das Wohlgefallen an einem
Gegenstande bestimmen, haben logische, nicht bloß ästhetische
Allgemeinheit; denn sie gelten vom Object, als Erkenntnisse desselben, und
darum für jedermann.
Wenn man Objecte bloß nach Begriffen beurtheilt, so geht alle Vorstellung
35 der Schönheit verloren. Also kann es auch keine Regel geben, nach der
jemand genöthigt werden sollte, etwas für schön anzuerkennen. Ob ein
Kleid, ein Haus, eine Blume schön sei: dazu läßt man sich sein Urtheil
durch keine Gründe oder Grundsätze aufschwatzen. Man will das Object
seinen eignen Augen unterwerfen, gleich als ob sein Wohlgefallen von der
Empfindung abhinge; und dennoch, wenn man den Gegenstand alsdann
schön nennt, glaubt man eine allgemeine Stimme für sich zu haben und 5
macht Anspruch auf den Beitritt von jedermann, da hingegen jede
Privatempfindung nur für den Betrachtenden allein und sein Wohlgefallen
entscheiden würde.
Hier ist nun zu sehen, daß in dem Urtheile des Geschmacks nichts postulirt
wird, als eine solche a l l g e m e i n e S t i m m e in Ansehung des
Wohlgefallens 10 ohne Vermittlung der Begriffe; mithin die
M ö g l i c h k e i t eines 26 ästhetischen Urtheils, welches zugleich als für
jedermann gültig betrachtet werden könne. Das Geschmacksurtheil selber
p o s t u l i r t nicht jedermanns Einstimmung (denn das kann nur ein logisch
allgemeines, weil es Gründe anführen kann, thun); es s i n n t nur jedermann
diese Einstimmung an, 15 als einen Fall der Regel, in Ansehung dessen es
die Bestätigung nicht von Begriffen, sondern von anderer Beitritt erwartet.
Page 72
Die allgemeine Stimme ist also nur eine Idee (worauf sie beruhe, wird hier
noch nicht untersucht). Daß der, welcher ein Geschmacksurtheil zu fällen
glaubt, in der That dieser Idee gemäß urtheile, kann ungewiß sein; aber daß
er es doch darauf 20 beziehe, mithin daß es ein Geschmacksurtheil sein
solle, kündigt er durch den Ausdruck der Schönheit an. Für sich selbst aber
kann er durch das bloße Bewußtsein der Absonderung alles dessen, was
zum Angenehmen und Guten gehört, von dem Wohlgefallen, was ihm noch
übrig bleibt, davon gewiß werden; und das ist alles, wozu er sich die
Beistimmung von jedermann 25 verspricht: ein Anspruch, wozu unter
diesen Bedingungen er auch berechtigt sein würde, wenn er nur wider sie
nicht öfter fehlte und darum ein irriges Geschmacksurtheil fällte.
noch nicht untersucht). Daß der, welcher ein Geschmacksurtheil zu fällen
glaubt, in der That dieser Idee gemäß urtheile, kann ungewiß sein; aber daß
er es doch darauf 20 beziehe, mithin daß es ein Geschmacksurtheil sein
solle, kündigt er durch den Ausdruck der Schönheit an. Für sich selbst aber
kann er durch das bloße Bewußtsein der Absonderung alles dessen, was
zum Angenehmen und Guten gehört, von dem Wohlgefallen, was ihm noch
übrig bleibt, davon gewiß werden; und das ist alles, wozu er sich die
Beistimmung von jedermann 25 verspricht: ein Anspruch, wozu unter
diesen Bedingungen er auch berechtigt sein würde, wenn er nur wider sie
nicht öfter fehlte und darum ein irriges Geschmacksurtheil fällte.
Page 73
§ 9. 27
Untersuchung der Frage: ob im Geschmacksurtheile das Gefühl 30 der
Lust vor der Beurtheilung des Gegenstandes, oder diese vor jener
vorhergehe.
Die Auflösung dieser Aufgabe ist der Schlüssel zur Kritik des Geschmacks
und daher aller Aufmerksamkeit würdig.
Ginge die Lust an dem gegebenen Gegenstande vorher, und nur die 35
allgemeine Mittheilbarkeit derselben sollte im Geschmacksurtheile der
Vorstellung des Gegenstandes zuerkannt werden, so würde ein solches
Verfahren mit sich selbst im Widerspruche stehen. Denn dergleichen Lust
würde keine andere, als die bloße Annehmlichkeit in der Sinnenempfindung
sein und daher ihrer Natur nach nur Privatgültigkeit haben können, weil sie
5 von der Vorstellung, wodurch der Gegenstand g e g e b e n w i r d,
unmittelbar abhinge.
Also ist es die allgemeine Mittheilungsfähigkeit des Gemüthszustandes in
der gegebenen Vorstellung, welche als subjective Bedingung des
Geschmacksurtheils demselben zum Grunde liegen und die Lust an dem 10
Gegenstande zur Folge haben muß. Es kann aber nichts allgemein
mitgetheilt werden als Erkenntniß und Vorstellung, sofern sie zum
Erkenntniß gehört. Denn sofern ist die letztere nur allein objectiv und hat
nur dadurch einen allgemeinen Beziehungspunkt, womit die
Vorstellungskraft Aller zusammenzustimmen 28 genöthigt wird. Soll nun der
Bestimmungsgrund des 15 Urtheils über diese allgemeine Mittheilbarkeit
der Vorstellung bloß subjectiv, nämlich ohne einen Begriff vom
Gegenstande, gedacht werden, so kann er kein anderer als der
Gemüthszustand sein, der im Verhältnisse der Vorstellungskräfte zu
einander angetroffen wird, sofern sie eine gegebene Vorstellung auf
E r k e n n t n i ß ü b e r h a u p t beziehen. 20
Die Erkenntnißkräfte, die durch diese Vorstellung ins Spiel gesetzt werden,
sind hiebei in einem freien Spiele, weil kein bestimmter Begriff sie auf eine
besondere Erkenntnißregel einschränkt. Also muß der Gemüthszustand in
dieser Vorstellung der eines Gefühls des freien Spiels der Vorstellungskräfte
Untersuchung der Frage: ob im Geschmacksurtheile das Gefühl 30 der
Lust vor der Beurtheilung des Gegenstandes, oder diese vor jener
vorhergehe.
Die Auflösung dieser Aufgabe ist der Schlüssel zur Kritik des Geschmacks
und daher aller Aufmerksamkeit würdig.
Ginge die Lust an dem gegebenen Gegenstande vorher, und nur die 35
allgemeine Mittheilbarkeit derselben sollte im Geschmacksurtheile der
Vorstellung des Gegenstandes zuerkannt werden, so würde ein solches
Verfahren mit sich selbst im Widerspruche stehen. Denn dergleichen Lust
würde keine andere, als die bloße Annehmlichkeit in der Sinnenempfindung
sein und daher ihrer Natur nach nur Privatgültigkeit haben können, weil sie
5 von der Vorstellung, wodurch der Gegenstand g e g e b e n w i r d,
unmittelbar abhinge.
Also ist es die allgemeine Mittheilungsfähigkeit des Gemüthszustandes in
der gegebenen Vorstellung, welche als subjective Bedingung des
Geschmacksurtheils demselben zum Grunde liegen und die Lust an dem 10
Gegenstande zur Folge haben muß. Es kann aber nichts allgemein
mitgetheilt werden als Erkenntniß und Vorstellung, sofern sie zum
Erkenntniß gehört. Denn sofern ist die letztere nur allein objectiv und hat
nur dadurch einen allgemeinen Beziehungspunkt, womit die
Vorstellungskraft Aller zusammenzustimmen 28 genöthigt wird. Soll nun der
Bestimmungsgrund des 15 Urtheils über diese allgemeine Mittheilbarkeit
der Vorstellung bloß subjectiv, nämlich ohne einen Begriff vom
Gegenstande, gedacht werden, so kann er kein anderer als der
Gemüthszustand sein, der im Verhältnisse der Vorstellungskräfte zu
einander angetroffen wird, sofern sie eine gegebene Vorstellung auf
E r k e n n t n i ß ü b e r h a u p t beziehen. 20
Die Erkenntnißkräfte, die durch diese Vorstellung ins Spiel gesetzt werden,
sind hiebei in einem freien Spiele, weil kein bestimmter Begriff sie auf eine
besondere Erkenntnißregel einschränkt. Also muß der Gemüthszustand in
dieser Vorstellung der eines Gefühls des freien Spiels der Vorstellungskräfte
Page 74
an einer gegebenen Vorstellung zu einem Erkenntnisse überhaupt 25 sein.
Nun gehören zu einer Vorstellung, wodurch ein Gegenstand gegeben wird,
damit überhaupt daraus Erkenntniß werde, E i n b i l d u n g s k r a f t für die
Zusammensetzung des Mannigfaltigen der Anschauung und Ve r s t a n d für
die Einheit des Begriffs, der die Vorstellungen vereinigt. Dieser Zustand
eines f r e i e n S p i e l s der Erkenntnißvermögen bei einer 30 Vorstellung,
wodurch ein Gegenstand gegeben wird, muß sich allgemein mittheilen
lassen: weil Erkenntniß als Bestimmung des Objects, womit gegebene
Vorstellungen (in welchem Subjecte es auch sei) zusammen stimmen 29
sollen, die einzige Vorstellungsart ist, die für jedermann gilt.
Die subjective allgemeine Mittheilbarkeit der Vorstellungsart in 35 einem
Geschmacksurtheile, da sie, ohne einen bestimmten Begriff vorauszusetzen,
Statt finden soll, kann nichts anders als der Gemüthszustand in dem freien
Spiele der Einbildungskraft und des Verstandes (sofern sie unter einander,
wie es zu einem E r k e n n t n i s s e ü b e r h a u p t erforderlich ist,
zusammen stimmen) sein, indem wir uns bewußt sind, daß dieses zum
Erkenntniß überhaupt schickliche subjective Verhältniß eben so wohl für
jedermann gelten und folglich allgemein mittheilbar sein müsse, als es eine
jede 5 bestimmte Erkenntniß ist, die doch immer auf jenem Verhältniß als
subjectiver Bedingung beruht.
Diese bloß subjective (ästhetische) Beurtheilung des Gegenstandes, oder
der Vorstellung, wodurch er gegeben wird, geht nun vor der Lust an
demselben vorher und ist der Grund dieser Lust an der Harmonie der
Erkenntnißvermögen; 10 auf jener Allgemeinheit aber der subjectiven
Bedingungen der Beurtheilung der Gegenstände gründet sich allein diese
allgemeine subjective Gültigkeit des Wohlgefallens, welches wir mit der
Vorstellung des Gegenstandes, den wir schön nennen, verbinden.
Daß, seinen Gemüthszustand, selbst auch nur in Ansehung der
Erkenntnißvermögen, 15 mittheilen zu können, eine Lust bei sich führe,
könnte man aus dem natürlichen Hange des Menschen zur Geselligkeit
(empirisch 30 und psychologisch) leichtlich darthun. Das ist aber zu unserer
Absicht nicht genug. Die Lust, die wir fühlen, muthen wir jedem andern im
Geschmacksurtheile als nothwendig zu, gleich als ob es für eine
Beschaffenheit des 20 Gegenstandes, die an ihm nach Begriffen bestimmt
ist, anzusehen wäre, wenn wir etwas schön nennen; da doch Schönheit ohne
Nun gehören zu einer Vorstellung, wodurch ein Gegenstand gegeben wird,
damit überhaupt daraus Erkenntniß werde, E i n b i l d u n g s k r a f t für die
Zusammensetzung des Mannigfaltigen der Anschauung und Ve r s t a n d für
die Einheit des Begriffs, der die Vorstellungen vereinigt. Dieser Zustand
eines f r e i e n S p i e l s der Erkenntnißvermögen bei einer 30 Vorstellung,
wodurch ein Gegenstand gegeben wird, muß sich allgemein mittheilen
lassen: weil Erkenntniß als Bestimmung des Objects, womit gegebene
Vorstellungen (in welchem Subjecte es auch sei) zusammen stimmen 29
sollen, die einzige Vorstellungsart ist, die für jedermann gilt.
Die subjective allgemeine Mittheilbarkeit der Vorstellungsart in 35 einem
Geschmacksurtheile, da sie, ohne einen bestimmten Begriff vorauszusetzen,
Statt finden soll, kann nichts anders als der Gemüthszustand in dem freien
Spiele der Einbildungskraft und des Verstandes (sofern sie unter einander,
wie es zu einem E r k e n n t n i s s e ü b e r h a u p t erforderlich ist,
zusammen stimmen) sein, indem wir uns bewußt sind, daß dieses zum
Erkenntniß überhaupt schickliche subjective Verhältniß eben so wohl für
jedermann gelten und folglich allgemein mittheilbar sein müsse, als es eine
jede 5 bestimmte Erkenntniß ist, die doch immer auf jenem Verhältniß als
subjectiver Bedingung beruht.
Diese bloß subjective (ästhetische) Beurtheilung des Gegenstandes, oder
der Vorstellung, wodurch er gegeben wird, geht nun vor der Lust an
demselben vorher und ist der Grund dieser Lust an der Harmonie der
Erkenntnißvermögen; 10 auf jener Allgemeinheit aber der subjectiven
Bedingungen der Beurtheilung der Gegenstände gründet sich allein diese
allgemeine subjective Gültigkeit des Wohlgefallens, welches wir mit der
Vorstellung des Gegenstandes, den wir schön nennen, verbinden.
Daß, seinen Gemüthszustand, selbst auch nur in Ansehung der
Erkenntnißvermögen, 15 mittheilen zu können, eine Lust bei sich führe,
könnte man aus dem natürlichen Hange des Menschen zur Geselligkeit
(empirisch 30 und psychologisch) leichtlich darthun. Das ist aber zu unserer
Absicht nicht genug. Die Lust, die wir fühlen, muthen wir jedem andern im
Geschmacksurtheile als nothwendig zu, gleich als ob es für eine
Beschaffenheit des 20 Gegenstandes, die an ihm nach Begriffen bestimmt
ist, anzusehen wäre, wenn wir etwas schön nennen; da doch Schönheit ohne
Page 75
Beziehung auf das Gefühl des Subjects für sich nichts ist. Die Erörterung
dieser Frage aber müssen wir uns bis zur Beantwortung derjenigen: ob und
wie ästhetische Urtheile a priori möglich sind, vorbehalten. 25
Jetzt beschäftigen wir uns noch mit der mindern Frage: auf welche Art wir
uns einer wechselseitigen subjectiven Übereinstimmung der
Erkenntnißkräfte unter einander im Geschmacksurtheile bewußt werden, ob
ästhetisch durch den bloßen innern Sinn und Empfindung, oder intellectuell
durch das Bewußtsein unserer absichtlichen Thätigkeit, womit wir jene 30
ins Spiel setzen.
Wäre die gegebene Vorstellung, welche das Geschmacksurtheil veranlaßt,
ein Begriff, welcher Verstand und Einbildungskraft in der Beurtheilung des
Gegenstandes zu einem Erkenntnisse des Objects vereinigte, so wäre das
Bewußtsein dieses Verhältnisses intellectuell (wie im objectiven 35
Schematism der Urtheilskraft, wovon die Kritik handelt). Aber das Urtheil
wäre auch alsdann nicht in Beziehung auf Lust und Unlust gefällt, mithin
kein Geschmacksurtheil. Nun bestimmt aber das Geschmacksurtheil 31
unabhängig von Begriffen das Object in Ansehung des Wohlgefallens und
des Prädicats der Schönheit. Also kann jene subjective Einheit des
Verhältnisses sich nur durch Empfindung kenntlich machen. Die Belebung
beider Vermögen (der Einbildungskraft und des Verstandes) zu
unbestimmter, 5 aber doch vermittelst des Anlasses der gegebenen
Vorstellung einhelliger Thätigkeit, derjenigen nämlich, die zu einem
Erkenntniß überhaupt gehört, ist die Empfindung, deren allgemeine
Mittheilbarkeit das Geschmacksurtheil postulirt. Ein objectives Verhältniß
kann zwar nur gedacht, aber, so fern es seinen Bedingungen nach subjectiv
ist, doch in der 10 Wirkung auf das Gemüth empfunden werden; und bei
einem Verhältnisse, welches keinen Begriff zum Grunde legt (wie das der
Vorstellungskräfte zu einem Erkenntnißvermögen überhaupt), ist auch kein
anderes Bewußtsein desselben, als durch Empfindung der Wirkung, die im
erleichterten Spiele beider durch wechselseitige Zusammenstimmung
belebten Gemüthskräfte 15 (der Einbildungskraft und des Verstandes)
besteht, möglich. Eine Vorstellung, die als einzeln und ohne Vergleichung
mit andern dennoch eine Zusammenstimmung zu den Bedingungen der
Allgemeinheit hat, welche das Geschäft des Verstandes überhaupt
ausmacht, bringt die Erkenntnißvermögen in die proportionirte Stimmung,
die wir zu allem Erkenntnisse 20 fordern und daher auch für jedermann, der
dieser Frage aber müssen wir uns bis zur Beantwortung derjenigen: ob und
wie ästhetische Urtheile a priori möglich sind, vorbehalten. 25
Jetzt beschäftigen wir uns noch mit der mindern Frage: auf welche Art wir
uns einer wechselseitigen subjectiven Übereinstimmung der
Erkenntnißkräfte unter einander im Geschmacksurtheile bewußt werden, ob
ästhetisch durch den bloßen innern Sinn und Empfindung, oder intellectuell
durch das Bewußtsein unserer absichtlichen Thätigkeit, womit wir jene 30
ins Spiel setzen.
Wäre die gegebene Vorstellung, welche das Geschmacksurtheil veranlaßt,
ein Begriff, welcher Verstand und Einbildungskraft in der Beurtheilung des
Gegenstandes zu einem Erkenntnisse des Objects vereinigte, so wäre das
Bewußtsein dieses Verhältnisses intellectuell (wie im objectiven 35
Schematism der Urtheilskraft, wovon die Kritik handelt). Aber das Urtheil
wäre auch alsdann nicht in Beziehung auf Lust und Unlust gefällt, mithin
kein Geschmacksurtheil. Nun bestimmt aber das Geschmacksurtheil 31
unabhängig von Begriffen das Object in Ansehung des Wohlgefallens und
des Prädicats der Schönheit. Also kann jene subjective Einheit des
Verhältnisses sich nur durch Empfindung kenntlich machen. Die Belebung
beider Vermögen (der Einbildungskraft und des Verstandes) zu
unbestimmter, 5 aber doch vermittelst des Anlasses der gegebenen
Vorstellung einhelliger Thätigkeit, derjenigen nämlich, die zu einem
Erkenntniß überhaupt gehört, ist die Empfindung, deren allgemeine
Mittheilbarkeit das Geschmacksurtheil postulirt. Ein objectives Verhältniß
kann zwar nur gedacht, aber, so fern es seinen Bedingungen nach subjectiv
ist, doch in der 10 Wirkung auf das Gemüth empfunden werden; und bei
einem Verhältnisse, welches keinen Begriff zum Grunde legt (wie das der
Vorstellungskräfte zu einem Erkenntnißvermögen überhaupt), ist auch kein
anderes Bewußtsein desselben, als durch Empfindung der Wirkung, die im
erleichterten Spiele beider durch wechselseitige Zusammenstimmung
belebten Gemüthskräfte 15 (der Einbildungskraft und des Verstandes)
besteht, möglich. Eine Vorstellung, die als einzeln und ohne Vergleichung
mit andern dennoch eine Zusammenstimmung zu den Bedingungen der
Allgemeinheit hat, welche das Geschäft des Verstandes überhaupt
ausmacht, bringt die Erkenntnißvermögen in die proportionirte Stimmung,
die wir zu allem Erkenntnisse 20 fordern und daher auch für jedermann, der
Page 76
durch Verstand und 32 Sinne in Verbindung zu urtheilen bestimmt ist (für
jeden Menschen), gültig halten.
Aus dem zweiten Moment gefolgerte Erklärung des Schönen.
S c h ö n ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt. 25
jeden Menschen), gültig halten.
Aus dem zweiten Moment gefolgerte Erklärung des Schönen.
S c h ö n ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt. 25
Page 77
Drittes Moment
der Geschmacksurtheile nach der R e l a t i o n der Zwecke, welche in
ihnen in Betrachtung gezogen wird.
§ 10.
Von der Zweckmäßigkeit überhaupt. 30
Wenn man, was ein Zweck sei, nach seinen transscendentalen
Bestimmungen (ohne etwas Empirisches, dergleichen das Gefühl der Lust
ist, vorauszusetzen) erklären will: so ist Zweck der Gegenstand eines
Begriffs, sofern dieser als die Ursache von jenem (der reale Grund seiner
Möglichkeit) angesehen wird; und die Causalität eines B e g r i f f s in
Ansehung seines O b j e c t s ist die Zweckmäßigkeit (forma finalis). Wo
also nicht etwa bloß die Erkenntniß von einem Gegenstande, sondern der
Gegenstand selbst 5 (die Form oder Existenz desselben) als Wirkung nur
als durch einen Begriff von der letztern möglich gedacht wird, da denkt
man sich einen Zweck. Die Vorstellung der Wirkung ist hier der
Bestimmungsgrund ihrer Ursache 33 und geht vor der letztern vorher. Das
Bewußtsein der Causalität einer Vorstellung in Absicht auf den Zustand des
Subjects, es in demselben 10 z u e r h a l t e n, kann hier im Allgemeinen
das bezeichnen, was man Lust nennt; wogegen Unlust diejenige Vorstellung
ist, die den Zustand der Vorstellungen zu ihrem eigenen Gegentheile zu
bestimmen (sie abzuhalten oder wegzuschaffen) den Grund enthält.
Das Begehrungsvermögen, sofern es nur durch Begriffe, d. i. der 15
Vorstellung eines Zwecks gemäß zu handeln, bestimmbar ist, würde der
Wille sein. Zweckmäßig aber heißt ein Object, oder Gemüthszustand, oder
eine Handlung auch, wenn gleich ihre Möglichkeit die Vorstellung eines
Zwecks nicht nothwendig voraussetzt, bloß darum, weil ihre Möglichkeit
von uns nur erklärt und begriffen werden kann, sofern wir eine Causalität
20 nach Zwecken, d. i. einen Willen, der sie nach der Vorstellung einer
gewissen Regel so angeordnet hätte, zum Grunde derselben annehmen. Die
Zweckmäßigkeit kann also ohne Zweck sein, sofern wir die Ursachen dieser
Form nicht in einem Willen setzen, aber doch die Erklärung ihrer
Möglichkeit nur, indem wir sie von einem Willen ableiten, uns begreiflich
der Geschmacksurtheile nach der R e l a t i o n der Zwecke, welche in
ihnen in Betrachtung gezogen wird.
§ 10.
Von der Zweckmäßigkeit überhaupt. 30
Wenn man, was ein Zweck sei, nach seinen transscendentalen
Bestimmungen (ohne etwas Empirisches, dergleichen das Gefühl der Lust
ist, vorauszusetzen) erklären will: so ist Zweck der Gegenstand eines
Begriffs, sofern dieser als die Ursache von jenem (der reale Grund seiner
Möglichkeit) angesehen wird; und die Causalität eines B e g r i f f s in
Ansehung seines O b j e c t s ist die Zweckmäßigkeit (forma finalis). Wo
also nicht etwa bloß die Erkenntniß von einem Gegenstande, sondern der
Gegenstand selbst 5 (die Form oder Existenz desselben) als Wirkung nur
als durch einen Begriff von der letztern möglich gedacht wird, da denkt
man sich einen Zweck. Die Vorstellung der Wirkung ist hier der
Bestimmungsgrund ihrer Ursache 33 und geht vor der letztern vorher. Das
Bewußtsein der Causalität einer Vorstellung in Absicht auf den Zustand des
Subjects, es in demselben 10 z u e r h a l t e n, kann hier im Allgemeinen
das bezeichnen, was man Lust nennt; wogegen Unlust diejenige Vorstellung
ist, die den Zustand der Vorstellungen zu ihrem eigenen Gegentheile zu
bestimmen (sie abzuhalten oder wegzuschaffen) den Grund enthält.
Das Begehrungsvermögen, sofern es nur durch Begriffe, d. i. der 15
Vorstellung eines Zwecks gemäß zu handeln, bestimmbar ist, würde der
Wille sein. Zweckmäßig aber heißt ein Object, oder Gemüthszustand, oder
eine Handlung auch, wenn gleich ihre Möglichkeit die Vorstellung eines
Zwecks nicht nothwendig voraussetzt, bloß darum, weil ihre Möglichkeit
von uns nur erklärt und begriffen werden kann, sofern wir eine Causalität
20 nach Zwecken, d. i. einen Willen, der sie nach der Vorstellung einer
gewissen Regel so angeordnet hätte, zum Grunde derselben annehmen. Die
Zweckmäßigkeit kann also ohne Zweck sein, sofern wir die Ursachen dieser
Form nicht in einem Willen setzen, aber doch die Erklärung ihrer
Möglichkeit nur, indem wir sie von einem Willen ableiten, uns begreiflich
Page 78
machen 25 können. Nun haben wir das, was wir beobachten, nicht immer
nöthig durch Vernunft (seiner Möglichkeit nach) einzusehen. Also können
wir eine Zweckmäßigkeit der Form nach, auch ohne daß wir ihr einen
Zweck 34 (als die Materie des nexus finalis) zum Grunde legen, wenigstens
beobachten und an Gegenständen, wiewohl nicht anders als durch
Reflexion 30 bemerken.
nöthig durch Vernunft (seiner Möglichkeit nach) einzusehen. Also können
wir eine Zweckmäßigkeit der Form nach, auch ohne daß wir ihr einen
Zweck 34 (als die Materie des nexus finalis) zum Grunde legen, wenigstens
beobachten und an Gegenständen, wiewohl nicht anders als durch
Reflexion 30 bemerken.
Page 79
§ 11.
Das Geschmacksurtheil hat nichts als die Form der Zweckmäßigkeit
eines Gegenstandes (oder der Vorstellungsart desselben) zum Grunde.
Aller Zweck, wenn er als Grund des Wohlgefallens angesehen wird, 5 führt
immer ein Interesse, als Bestimmungsgrund des Urtheils über den
Gegenstand der Lust, bei sich. Also kann dem Geschmacksurtheil kein
subjectiver Zweck zum Grunde liegen. Aber auch keine Vorstellung eines
objectiven Zwecks, d. i. der Möglichkeit des Gegenstandes selbst nach
Principien der Zweckverbindung, mithin kein Begriff des Guten kann das
Geschmacksurtheil 10 bestimmen: weil es ein ästhetisches und kein
Erkenntnißurtheil ist, welches also keinen B e g r i f f von der
Beschaffenheit und innern oder äußern Möglichkeit des Gegenstandes
durch diese oder jene Ursache, sondern bloß das Verhältniß der
Vorstellungskräfte zu einander, sofern sie durch eine Vorstellung bestimmt
werden, betrifft. 15
Nun ist dieses Verhältniß in der Bestimmung eines Gegenstandes, 35 als
eines schönen, mit dem Gefühle einer Lust verbunden, die durch das
Geschmacksurtheil zugleich als für jedermann gültig erklärt wird; folglich
kann eben so wenig eine die Vorstellung begleitende Annehmlichkeit als die
Vorstellung von der Vollkommenheit des Gegenstandes und der Begriff 20
des Guten den Bestimmungsgrund enthalten. Also kann nichts anders als
die subjective Zweckmäßigkeit in der Vorstellung eines Gegenstandes ohne
allen (weder objectiven noch subjectiven) Zweck, folglich die bloße Form
der Zweckmäßigkeit in der Vorstellung, wodurch uns ein Gegenstand
g e g e b e n wird, sofern wir uns ihrer bewußt sind, das Wohlgefallen, 25
welches wir ohne Begriff als allgemein mittheilbar beurtheilen, mithin den
Bestimmungsgrund des Geschmacksurtheils ausmachen.
Das Geschmacksurtheil hat nichts als die Form der Zweckmäßigkeit
eines Gegenstandes (oder der Vorstellungsart desselben) zum Grunde.
Aller Zweck, wenn er als Grund des Wohlgefallens angesehen wird, 5 führt
immer ein Interesse, als Bestimmungsgrund des Urtheils über den
Gegenstand der Lust, bei sich. Also kann dem Geschmacksurtheil kein
subjectiver Zweck zum Grunde liegen. Aber auch keine Vorstellung eines
objectiven Zwecks, d. i. der Möglichkeit des Gegenstandes selbst nach
Principien der Zweckverbindung, mithin kein Begriff des Guten kann das
Geschmacksurtheil 10 bestimmen: weil es ein ästhetisches und kein
Erkenntnißurtheil ist, welches also keinen B e g r i f f von der
Beschaffenheit und innern oder äußern Möglichkeit des Gegenstandes
durch diese oder jene Ursache, sondern bloß das Verhältniß der
Vorstellungskräfte zu einander, sofern sie durch eine Vorstellung bestimmt
werden, betrifft. 15
Nun ist dieses Verhältniß in der Bestimmung eines Gegenstandes, 35 als
eines schönen, mit dem Gefühle einer Lust verbunden, die durch das
Geschmacksurtheil zugleich als für jedermann gültig erklärt wird; folglich
kann eben so wenig eine die Vorstellung begleitende Annehmlichkeit als die
Vorstellung von der Vollkommenheit des Gegenstandes und der Begriff 20
des Guten den Bestimmungsgrund enthalten. Also kann nichts anders als
die subjective Zweckmäßigkeit in der Vorstellung eines Gegenstandes ohne
allen (weder objectiven noch subjectiven) Zweck, folglich die bloße Form
der Zweckmäßigkeit in der Vorstellung, wodurch uns ein Gegenstand
g e g e b e n wird, sofern wir uns ihrer bewußt sind, das Wohlgefallen, 25
welches wir ohne Begriff als allgemein mittheilbar beurtheilen, mithin den
Bestimmungsgrund des Geschmacksurtheils ausmachen.
Page 80
§ 12.
Das Geschmacksurtheil beruht auf Gründen a priori.
Die Verknüpfung des Gefühls einer Lust oder Unlust als einer Wirkung 30
mit irgend einer Vorstellung (Empfindung oder Begriff) als ihrer Ursache a
priori auszumachen, ist schlechterdings unmöglich; denn das wäre ein
Causalverhältniß, welches (unter Gegenständen der Erfahrung) nur jederzeit
a posteriori und vermittelst der Erfahrung selbst erkannt werden 36 kann.
Zwar haben wir in der Kritik der praktischen Vernunft wirklich das Gefühl
der Achtung (als eine besondere und eigenthümliche Modification dieses
Gefühls, welches weder mit der Lust noch Unlust, die wir von empirischen
Gegenständen bekommen, recht übereintreffen will) von allgemeinen 5
sittlichen Begriffen a priori abgeleitet. Aber wir konnten dort auch die
Gränzen der Erfahrung überschreiten und eine Causalität, die auf einer
übersinnlichen Beschaffenheit des Subjects beruhte, nämlich die der
Freiheit, herbei rufen. Allein selbst da leiteten wir eigentlich nicht dieses
G e f ü h l von der Idee des Sittlichen als Ursache her, sondern bloß die
Willensbestimmung 10 wurde davon abgeleitet. Der Gemüthszustand aber
eines irgend wodurch bestimmten Willens ist an sich schon ein Gefühl der
Lust und mit ihm identisch, folgt also nicht als Wirkung daraus: welches
letztere nur angenommen werden müßte, wenn der Begriff des Sittlichen als
eines Guts vor der Willensbestimmung durch das Gesetz vorherginge; da
alsdann 15 die Lust, die mit dem Begriffe verbunden wäre, aus diesem als
einer bloßen Erkenntniß vergeblich würde abgeleitet werden.
Nun ist es auf ähnliche Weise mit der Lust im ästhetischen Urtheile
bewandt: nur daß sie hier bloß contemplativ, und ohne ein Interesse am
Object zu bewirken, im moralischen Urtheil hingegen praktisch ist. Das 20
Bewußtsein der bloß formalen Zweckmäßigkeit im Spiele der
Erkenntnißkräfte 37 des Subjects bei einer Vorstellung, wodurch ein
Gegenstand gegeben wird, ist die Lust selbst, weil es einen
Bestimmungsgrund der Thätigkeit des Subjects in Ansehung der Belebung
der Erkenntnißkräfte desselben, also eine innere Causalität (welche
zweckmäßig ist) in Ansehung der Erkenntniß 25 überhaupt, aber ohne auf
eine bestimmte Erkenntniß eingeschränkt zu sein, mithin eine bloße Form
der subjectiven Zweckmäßigkeit einer Vorstellung, in einem ästhetischen
Das Geschmacksurtheil beruht auf Gründen a priori.
Die Verknüpfung des Gefühls einer Lust oder Unlust als einer Wirkung 30
mit irgend einer Vorstellung (Empfindung oder Begriff) als ihrer Ursache a
priori auszumachen, ist schlechterdings unmöglich; denn das wäre ein
Causalverhältniß, welches (unter Gegenständen der Erfahrung) nur jederzeit
a posteriori und vermittelst der Erfahrung selbst erkannt werden 36 kann.
Zwar haben wir in der Kritik der praktischen Vernunft wirklich das Gefühl
der Achtung (als eine besondere und eigenthümliche Modification dieses
Gefühls, welches weder mit der Lust noch Unlust, die wir von empirischen
Gegenständen bekommen, recht übereintreffen will) von allgemeinen 5
sittlichen Begriffen a priori abgeleitet. Aber wir konnten dort auch die
Gränzen der Erfahrung überschreiten und eine Causalität, die auf einer
übersinnlichen Beschaffenheit des Subjects beruhte, nämlich die der
Freiheit, herbei rufen. Allein selbst da leiteten wir eigentlich nicht dieses
G e f ü h l von der Idee des Sittlichen als Ursache her, sondern bloß die
Willensbestimmung 10 wurde davon abgeleitet. Der Gemüthszustand aber
eines irgend wodurch bestimmten Willens ist an sich schon ein Gefühl der
Lust und mit ihm identisch, folgt also nicht als Wirkung daraus: welches
letztere nur angenommen werden müßte, wenn der Begriff des Sittlichen als
eines Guts vor der Willensbestimmung durch das Gesetz vorherginge; da
alsdann 15 die Lust, die mit dem Begriffe verbunden wäre, aus diesem als
einer bloßen Erkenntniß vergeblich würde abgeleitet werden.
Nun ist es auf ähnliche Weise mit der Lust im ästhetischen Urtheile
bewandt: nur daß sie hier bloß contemplativ, und ohne ein Interesse am
Object zu bewirken, im moralischen Urtheil hingegen praktisch ist. Das 20
Bewußtsein der bloß formalen Zweckmäßigkeit im Spiele der
Erkenntnißkräfte 37 des Subjects bei einer Vorstellung, wodurch ein
Gegenstand gegeben wird, ist die Lust selbst, weil es einen
Bestimmungsgrund der Thätigkeit des Subjects in Ansehung der Belebung
der Erkenntnißkräfte desselben, also eine innere Causalität (welche
zweckmäßig ist) in Ansehung der Erkenntniß 25 überhaupt, aber ohne auf
eine bestimmte Erkenntniß eingeschränkt zu sein, mithin eine bloße Form
der subjectiven Zweckmäßigkeit einer Vorstellung, in einem ästhetischen
Page 81
Urtheile enthält. Diese Lust ist auch auf keinerlei Weise praktisch, weder
wie die aus dem pathologischen Grunde der Annehmlichkeit, noch die aus
dem intellectuellen des vorgestellten 30 Guten. Sie hat aber doch Causalität
in sich, nämlich den Zustand der Vorstellung selbst und die Beschäftigung
der Erkenntnißkräfte ohne weitere Absicht zu e r h a l t e n. Wir w e i l e n bei
der Betrachtung des Schönen, weil diese Betrachtung sich selbst stärkt und
reproducirt: welches derjenigen Verweilung analogisch (aber doch mit ihr
nicht einerlei) ist, da ein Reiz 35 in der Vorstellung des Gegenstandes die
Aufmerksamkeit wiederholentlich erweckt, wobei das Gemüth passiv ist.
wie die aus dem pathologischen Grunde der Annehmlichkeit, noch die aus
dem intellectuellen des vorgestellten 30 Guten. Sie hat aber doch Causalität
in sich, nämlich den Zustand der Vorstellung selbst und die Beschäftigung
der Erkenntnißkräfte ohne weitere Absicht zu e r h a l t e n. Wir w e i l e n bei
der Betrachtung des Schönen, weil diese Betrachtung sich selbst stärkt und
reproducirt: welches derjenigen Verweilung analogisch (aber doch mit ihr
nicht einerlei) ist, da ein Reiz 35 in der Vorstellung des Gegenstandes die
Aufmerksamkeit wiederholentlich erweckt, wobei das Gemüth passiv ist.
Page 82
§ 13.
Das reine Geschmacksurtheil ist von Reiz und Rührung unabhängig.
Alles Interesse verdirbt das Geschmacksurtheil und nimmt ihm seine
Unpartheilichkeit, vornehmlich wenn es nicht so wie das Interesse der
Vernunft 5 38 die Zweckmäßigkeit vor dem Gefühle der Lust voranschickt,
sondern sie auf dieses gründet; welches letztere allemal im ästhetischen
Urtheile über etwas, sofern es vergnügt oder schmerzt, geschieht. Daher
Urtheile, die so afficirt sind, auf allgemeingültiges Wohlgefallen entweder
gar keinen, oder so viel weniger Anspruch machen können, als sich von der
gedachten Art 10 Empfindungen unter den Bestimmungsgründen des
Geschmacks befinden. Der Geschmack ist jederzeit noch barbarisch, wo er
die Beimischung der R e i z e und R ü h r u n g e n zum Wohlgefallen bedarf,
ja wohl gar diese zum Maßstabe seines Beifalls macht.
Indessen werden Reize doch öfter nicht allein zur Schönheit (die doch 15
eigentlich bloß die Form betreffen sollte) als Beitrag zum ästhetischen
allgemeinen Wohlgefallen gezählt, sondern sie werden wohl gar an sich
selbst für Schönheiten, mithin die Materie des Wohlgefallens für die Form
ausgegeben: ein Mißverstand, der sich so wie mancher andere, welcher
doch noch immer etwas Wahres zum Grunde hat, durch sorgfältige
Bestimmung 20 dieser Begriffe heben läßt.
Ein Geschmacksurtheil, auf welches Reiz und Rührung keinen Einfluß
haben (ob sie sich gleich mit dem Wohlgefallen am Schönen verbinden
lassen), welches also bloß die Zweckmäßigkeit der Form zum
Bestimmungsgrunde hat, ist ein r e i n e s G e s c h m a c k s u r t h e i l. 25
Das reine Geschmacksurtheil ist von Reiz und Rührung unabhängig.
Alles Interesse verdirbt das Geschmacksurtheil und nimmt ihm seine
Unpartheilichkeit, vornehmlich wenn es nicht so wie das Interesse der
Vernunft 5 38 die Zweckmäßigkeit vor dem Gefühle der Lust voranschickt,
sondern sie auf dieses gründet; welches letztere allemal im ästhetischen
Urtheile über etwas, sofern es vergnügt oder schmerzt, geschieht. Daher
Urtheile, die so afficirt sind, auf allgemeingültiges Wohlgefallen entweder
gar keinen, oder so viel weniger Anspruch machen können, als sich von der
gedachten Art 10 Empfindungen unter den Bestimmungsgründen des
Geschmacks befinden. Der Geschmack ist jederzeit noch barbarisch, wo er
die Beimischung der R e i z e und R ü h r u n g e n zum Wohlgefallen bedarf,
ja wohl gar diese zum Maßstabe seines Beifalls macht.
Indessen werden Reize doch öfter nicht allein zur Schönheit (die doch 15
eigentlich bloß die Form betreffen sollte) als Beitrag zum ästhetischen
allgemeinen Wohlgefallen gezählt, sondern sie werden wohl gar an sich
selbst für Schönheiten, mithin die Materie des Wohlgefallens für die Form
ausgegeben: ein Mißverstand, der sich so wie mancher andere, welcher
doch noch immer etwas Wahres zum Grunde hat, durch sorgfältige
Bestimmung 20 dieser Begriffe heben läßt.
Ein Geschmacksurtheil, auf welches Reiz und Rührung keinen Einfluß
haben (ob sie sich gleich mit dem Wohlgefallen am Schönen verbinden
lassen), welches also bloß die Zweckmäßigkeit der Form zum
Bestimmungsgrunde hat, ist ein r e i n e s G e s c h m a c k s u r t h e i l. 25
Page 83
§ 14. 39
Erläuterung durch Beispiele.
Ästhetische Urtheile können eben sowohl als theoretische (logische) in
empirische und reine eingetheilt werden. Die erstern sind die, welche
Annehmlichkeit oder Unannehmlichkeit, die zweiten die, welche Schönheit
von 30 einem Gegenstande, oder von der Vorstellungsart desselben
aussagen; jene sind Sinnenurtheile (materiale ästhetische Urtheile), diese
(als formale) allein eigentliche Geschmacksurtheile.
Ein Geschmacksurtheil ist also nur sofern rein, als kein bloß empirisches
Wohlgefallen dem Bestimmungsgrunde desselben beigemischt wird. Dieses
aber geschieht allemal, wenn Reiz oder Rührung einen Antheil an dem
Urtheile haben, wodurch etwas für schön erklärt werden soll.
Nun thun sich wieder manche Einwürfe hervor, die zuletzt den Reiz 5 nicht
bloß zum nothwendigen Ingrediens der Schönheit, sondern wohl gar als für
sich allein hinreichend, um schön genannt zu werden, vorspiegeln. Eine
bloße Farbe, z. B. die grüne eines Rasenplatzes, ein bloßer Ton (zum
Unterschiede vom Schalle und Geräusch), wie etwa der einer Violine, wird
von den Meisten an sich für schön erklärt; obzwar beide 10 bloß die
Materie der Vorstellungen, nämlich lediglich Empfindung, zum Grunde zu
haben scheinen und darum nur angenehm genannt zu werden 40 verdienten.
Allein man wird doch zugleich bemerken, daß die Empfindungen der Farbe
sowohl als des Tons sich nur sofern für schön zu gelten berechtigt halten,
als beide r e i n sind; welches eine Bestimmung ist, die 15 schon die Form
betrifft, und auch das einzige, was sich von diesen Vorstellungen mit
Gewißheit allgemein mittheilen läßt: weil die Qualität der Empfindungen
selbst nicht in allen Subjecten als einstimmig und die Annehmlichkeit einer
Farbe, vorzüglich vor der andern, oder des Tons eines musikalischen
Instruments vor dem eines andern sich schwerlich bei 20 jedermann als auf
gleiche Art beurtheilt annehmen läßt.
Nimmt man mit E u l e r n an, daß die Farben gleichzeitig auf einander
folgende Schläge (pulsus) des Äthers, so wie Töne der im Schalle
erschütterten Luft sind, und, was das Vornehmste ist, das Gemüth nicht bloß
Erläuterung durch Beispiele.
Ästhetische Urtheile können eben sowohl als theoretische (logische) in
empirische und reine eingetheilt werden. Die erstern sind die, welche
Annehmlichkeit oder Unannehmlichkeit, die zweiten die, welche Schönheit
von 30 einem Gegenstande, oder von der Vorstellungsart desselben
aussagen; jene sind Sinnenurtheile (materiale ästhetische Urtheile), diese
(als formale) allein eigentliche Geschmacksurtheile.
Ein Geschmacksurtheil ist also nur sofern rein, als kein bloß empirisches
Wohlgefallen dem Bestimmungsgrunde desselben beigemischt wird. Dieses
aber geschieht allemal, wenn Reiz oder Rührung einen Antheil an dem
Urtheile haben, wodurch etwas für schön erklärt werden soll.
Nun thun sich wieder manche Einwürfe hervor, die zuletzt den Reiz 5 nicht
bloß zum nothwendigen Ingrediens der Schönheit, sondern wohl gar als für
sich allein hinreichend, um schön genannt zu werden, vorspiegeln. Eine
bloße Farbe, z. B. die grüne eines Rasenplatzes, ein bloßer Ton (zum
Unterschiede vom Schalle und Geräusch), wie etwa der einer Violine, wird
von den Meisten an sich für schön erklärt; obzwar beide 10 bloß die
Materie der Vorstellungen, nämlich lediglich Empfindung, zum Grunde zu
haben scheinen und darum nur angenehm genannt zu werden 40 verdienten.
Allein man wird doch zugleich bemerken, daß die Empfindungen der Farbe
sowohl als des Tons sich nur sofern für schön zu gelten berechtigt halten,
als beide r e i n sind; welches eine Bestimmung ist, die 15 schon die Form
betrifft, und auch das einzige, was sich von diesen Vorstellungen mit
Gewißheit allgemein mittheilen läßt: weil die Qualität der Empfindungen
selbst nicht in allen Subjecten als einstimmig und die Annehmlichkeit einer
Farbe, vorzüglich vor der andern, oder des Tons eines musikalischen
Instruments vor dem eines andern sich schwerlich bei 20 jedermann als auf
gleiche Art beurtheilt annehmen läßt.
Nimmt man mit E u l e r n an, daß die Farben gleichzeitig auf einander
folgende Schläge (pulsus) des Äthers, so wie Töne der im Schalle
erschütterten Luft sind, und, was das Vornehmste ist, das Gemüth nicht bloß
Page 84
durch den Sinn die Wirkung davon auf die Belebung des Organs, 25
sondern auch durch die Reflexion das regelmäßige Spiel der Eindrücke
(mithin die Form in der Verbindung verschiedener Vorstellungen)
wahrnehme (woran ich doch gar nicht zweifle): so würde Farbe und Ton
nicht bloße Empfindungen, sondern schon formale Bestimmung der Einheit
eines Mannigfaltigen derselben sein und alsdann auch für sich zu
Schönheiten 30 gezählt werden können.
Das Reine aber einer einfachen Empfindungsart bedeutet, daß die
Gleichförmigkeit derselben durch keine fremdartige Empfindung gestört 41
und unterbrochen wird, und gehört bloß zur Form: weil man dabei von der
Qualität jener Empfindungsart (ob und welche Farbe, oder ob und 35
welchen Ton sie vorstelle) abstrahiren kann. Daher werden alle einfache
Farben, sofern sie rein sind, für schön gehalten; die gemischten haben
diesen Vorzug nicht: eben darum weil, da sie nicht einfach sind, man keinen
Maßstab der Beurtheilung hat, ob man sie rein oder unrein nennen solle.
Was aber die dem Gegenstande seiner Form wegen beigelegte Schönheit,
sofern sie, wie man meint, durch Reiz wohl gar könne erhöht werden,
anlangt, so ist dies ein gemeiner und dem ächten, unbestochenen,
gründlichen 5 Geschmacke sehr nachtheiliger Irrthum; ob sich zwar
allerdings neben der Schönheit auch noch Reize hinzufügen lassen, um das
Gemüth durch die Vorstellung des Gegenstandes außer dem trockenen
Wohlgefallen noch zu interessiren und so dem Geschmacke und dessen
Cultur zur Anpreisung zu dienen, vornehmlich wenn er noch roh und
ungeübt ist. Aber 10 sie thun wirklich dem Geschmacksurtheile Abbruch,
wenn sie die Aufmerksamkeit als Beurtheilungsgründe der Schönheit auf
sich ziehen. Denn es ist so weit gefehlt, daß sie dazu beitrügen, daß sie
vielmehr als Fremdlinge, nur sofern sie jene schöne Form nicht stören,
wenn der Geschmack noch schwach und ungeübt ist, mit Nachsicht müssen
aufgenommen werden. 15
In der Malerei, Bildhauerkunst, ja allen bildenden Künsten, in der 42
Baukunst, Gartenkunst, sofern sie schöne Künste sind, ist die
Z e i c h n u n g das Wesentliche, in welcher nicht, was in der Empfindung
vergnügt, sondern bloß was durch seine Form gefällt, den Grund aller
Anlage für den Geschmack ausmacht. Die Farben, welche den Abriß
illuminiren, gehören 20 zum Reiz; den Gegenstand an sich können sie zwar
sondern auch durch die Reflexion das regelmäßige Spiel der Eindrücke
(mithin die Form in der Verbindung verschiedener Vorstellungen)
wahrnehme (woran ich doch gar nicht zweifle): so würde Farbe und Ton
nicht bloße Empfindungen, sondern schon formale Bestimmung der Einheit
eines Mannigfaltigen derselben sein und alsdann auch für sich zu
Schönheiten 30 gezählt werden können.
Das Reine aber einer einfachen Empfindungsart bedeutet, daß die
Gleichförmigkeit derselben durch keine fremdartige Empfindung gestört 41
und unterbrochen wird, und gehört bloß zur Form: weil man dabei von der
Qualität jener Empfindungsart (ob und welche Farbe, oder ob und 35
welchen Ton sie vorstelle) abstrahiren kann. Daher werden alle einfache
Farben, sofern sie rein sind, für schön gehalten; die gemischten haben
diesen Vorzug nicht: eben darum weil, da sie nicht einfach sind, man keinen
Maßstab der Beurtheilung hat, ob man sie rein oder unrein nennen solle.
Was aber die dem Gegenstande seiner Form wegen beigelegte Schönheit,
sofern sie, wie man meint, durch Reiz wohl gar könne erhöht werden,
anlangt, so ist dies ein gemeiner und dem ächten, unbestochenen,
gründlichen 5 Geschmacke sehr nachtheiliger Irrthum; ob sich zwar
allerdings neben der Schönheit auch noch Reize hinzufügen lassen, um das
Gemüth durch die Vorstellung des Gegenstandes außer dem trockenen
Wohlgefallen noch zu interessiren und so dem Geschmacke und dessen
Cultur zur Anpreisung zu dienen, vornehmlich wenn er noch roh und
ungeübt ist. Aber 10 sie thun wirklich dem Geschmacksurtheile Abbruch,
wenn sie die Aufmerksamkeit als Beurtheilungsgründe der Schönheit auf
sich ziehen. Denn es ist so weit gefehlt, daß sie dazu beitrügen, daß sie
vielmehr als Fremdlinge, nur sofern sie jene schöne Form nicht stören,
wenn der Geschmack noch schwach und ungeübt ist, mit Nachsicht müssen
aufgenommen werden. 15
In der Malerei, Bildhauerkunst, ja allen bildenden Künsten, in der 42
Baukunst, Gartenkunst, sofern sie schöne Künste sind, ist die
Z e i c h n u n g das Wesentliche, in welcher nicht, was in der Empfindung
vergnügt, sondern bloß was durch seine Form gefällt, den Grund aller
Anlage für den Geschmack ausmacht. Die Farben, welche den Abriß
illuminiren, gehören 20 zum Reiz; den Gegenstand an sich können sie zwar
Page 85
für die Empfindung belebt, aber nicht anschauungswürdig und schön
machen: vielmehr werden sie durch das, was die schöne Form erfordert,
mehrentheils gar sehr eingeschränkt und selbst da, wo der Reiz zugelassen
wird, durch die erstere allein veredelt. 25
Alle Form der Gegenstände der Sinne (der äußern sowohl als mittelbar auch
des innern) ist entweder G e s t a l t, oder S p i e l; im letztern Falle entweder
Spiel der Gestalten (im Raume die Mimik und der Tanz); oder bloßes Spiel
der Empfindungen (in der Zeit). Der R e i z der Farben, oder angenehmer
Töne des Instruments kann hinzukommen, aber die 30 Z e i c h n u n g in
der ersten und die Composition in dem letzten machen den eigentlichen
Gegenstand des reinen Geschmacksurtheils aus; und daß die Reinigkeit der
Farben sowohl als der Töne, oder auch die Mannigfaltigkeit derselben und
ihre Abstechung zur Schönheit beizutragen scheint, will nicht so viel sagen,
daß sie darum, weil sie für sich angenehm sind, gleichsam 35 einen
gleichartigen Zusatz zu dem Wohlgefallen an der Form abgeben, 43 sondern
weil sie diese letztere nur genauer, bestimmter und vollständiger
anschaulich machen und überdem durch ihren Reiz die Vorstellung beleben,
indem sie die Aufmerksamkeit auf den Gegenstand selbst erwecken und
erhalten.
Selbst was man Z i e r a t h e n (Parerga) nennt, d. i. dasjenige, was nicht in
die ganze Vorstellung des Gegenstandes als Bestandstück innerlich, 5
sondern nur äußerlich als Zuthat gehört und das Wohlgefallen des
Geschmacks vergrößert, thut dieses doch auch nur durch seine Form: wie
Einfassungen der Gemälde, oder Gewänder an Statuen, oder Säulengänge
um Prachtgebäude. Besteht aber der Zierath nicht selbst in der schönen
Form, ist er wie der goldene Rahmen bloß, um durch seinen Reiz 10 das
Gemälde dem Beifall zu empfehlen, angebracht: so heißt er alsdann
S c h m u c k und thut der ächten Schönheit Abbruch.
R ü h r u n g, eine Empfindung, wo Annehmlichkeit nur vermittelst
augenblicklicher Hemmung und darauf erfolgender stärkerer Ergießung der
Lebenskraft gewirkt wird, gehört gar nicht zur Schönheit. Erhabenheit 15
(mit welcher das Gefühl der Rührung verbunden ist) aber erfordert einen
andern Maßstab der Beurtheilung, als der Geschmack sich zum Grunde
legt; und so hat ein reines Geschmacksurtheil weder Reiz noch Rührung,
machen: vielmehr werden sie durch das, was die schöne Form erfordert,
mehrentheils gar sehr eingeschränkt und selbst da, wo der Reiz zugelassen
wird, durch die erstere allein veredelt. 25
Alle Form der Gegenstände der Sinne (der äußern sowohl als mittelbar auch
des innern) ist entweder G e s t a l t, oder S p i e l; im letztern Falle entweder
Spiel der Gestalten (im Raume die Mimik und der Tanz); oder bloßes Spiel
der Empfindungen (in der Zeit). Der R e i z der Farben, oder angenehmer
Töne des Instruments kann hinzukommen, aber die 30 Z e i c h n u n g in
der ersten und die Composition in dem letzten machen den eigentlichen
Gegenstand des reinen Geschmacksurtheils aus; und daß die Reinigkeit der
Farben sowohl als der Töne, oder auch die Mannigfaltigkeit derselben und
ihre Abstechung zur Schönheit beizutragen scheint, will nicht so viel sagen,
daß sie darum, weil sie für sich angenehm sind, gleichsam 35 einen
gleichartigen Zusatz zu dem Wohlgefallen an der Form abgeben, 43 sondern
weil sie diese letztere nur genauer, bestimmter und vollständiger
anschaulich machen und überdem durch ihren Reiz die Vorstellung beleben,
indem sie die Aufmerksamkeit auf den Gegenstand selbst erwecken und
erhalten.
Selbst was man Z i e r a t h e n (Parerga) nennt, d. i. dasjenige, was nicht in
die ganze Vorstellung des Gegenstandes als Bestandstück innerlich, 5
sondern nur äußerlich als Zuthat gehört und das Wohlgefallen des
Geschmacks vergrößert, thut dieses doch auch nur durch seine Form: wie
Einfassungen der Gemälde, oder Gewänder an Statuen, oder Säulengänge
um Prachtgebäude. Besteht aber der Zierath nicht selbst in der schönen
Form, ist er wie der goldene Rahmen bloß, um durch seinen Reiz 10 das
Gemälde dem Beifall zu empfehlen, angebracht: so heißt er alsdann
S c h m u c k und thut der ächten Schönheit Abbruch.
R ü h r u n g, eine Empfindung, wo Annehmlichkeit nur vermittelst
augenblicklicher Hemmung und darauf erfolgender stärkerer Ergießung der
Lebenskraft gewirkt wird, gehört gar nicht zur Schönheit. Erhabenheit 15
(mit welcher das Gefühl der Rührung verbunden ist) aber erfordert einen
andern Maßstab der Beurtheilung, als der Geschmack sich zum Grunde
legt; und so hat ein reines Geschmacksurtheil weder Reiz noch Rührung,
Page 86
mit einem Worte keine Empfindung, als Materie des ästhetischen Urtheils,
zum Bestimmungsgrunde. 20
zum Bestimmungsgrunde. 20
Page 87
§ 15. 44
Das Geschmacksurtheil ist von dem Begriffe der Vollkommenheit
gänzlich unabhängig.
Die o b j e c t i v e Zweckmäßigkeit kann nur vermittelst der Beziehung des
Mannigfaltigen auf einen bestimmten Zweck, also nur durch einen 25
Begriff, erkannt werden. Hieraus allein schon erhellt: daß das Schöne,
dessen Beurtheilung eine bloß formale Zweckmäßigkeit, d. i. eine
Zweckmäßigkeit ohne Zweck, zum Grunde hat, von der Vorstellung des
Guten ganz unabhängig sei, weil das letztere eine objective
Zweckmäßigkeit, d. i. die Beziehung des Gegenstandes auf einen
bestimmten Zweck, voraussetzt. 30
Die objective Zweckmäßigkeit ist entweder die äußere, d. i. die
N ü t z l i c h k e i t, oder die innere, d. i. die Vo l l k o m m e n h e i t des
Gegenstandes. Daß das Wohlgefallen an einem Gegenstande, weshalb wir
ihn schön nennen, nicht auf der Vorstellung seiner Nützlichkeit beruhen
könne, ist aus beiden vorigen Hauptstücken hinreichend zu ersehen: weil es
alsdann nicht 35 ein unmittelbares Wohlgefallen an dem Gegenstande sein
würde, welches letztere die wesentliche Bedingung des Urtheils über
Schönheit ist. Aber eine objective innere Zweckmäßigkeit, d. i.
Vollkommenheit, kommt dem Prädicate der Schönheit schon näher und ist
daher auch von namhaften Philosophen, doch mit dem Beisatze, w e n n
s i e v e r w o r r e n g e d a c h t 5 45 w i r d, für einerlei mit der
Schönheit gehalten worden. Es ist von der größten Wichtigkeit, in einer
Kritik des Geschmacks zu entscheiden, ob sich auch die Schönheit wirklich
in den Begriff der Vollkommenheit auflösen lasse.
Die objective Zweckmäßigkeit zu beurtheilen, bedürfen wir jederzeit 10
den Begriff eines Zwecks und (wenn jene Zweckmäßigkeit nicht eine
äußere [Nützlichkeit], sondern eine innere sein soll) den Begriff eines
innern Zwecks, der den Grund der innern Möglichkeit des Gegenstandes
enthalte. So wie nun Zweck überhaupt dasjenige ist, dessen B e g r i f f als
der Grund der Möglichkeit des Gegenstandes selbst angesehen werden
kann: so wird, 15 um sich eine objective Zweckmäßigkeit an einem Dinge
vorzustellen, der Begriff von diesem, w a s e s f ü r e i n D i n g s e i n
Das Geschmacksurtheil ist von dem Begriffe der Vollkommenheit
gänzlich unabhängig.
Die o b j e c t i v e Zweckmäßigkeit kann nur vermittelst der Beziehung des
Mannigfaltigen auf einen bestimmten Zweck, also nur durch einen 25
Begriff, erkannt werden. Hieraus allein schon erhellt: daß das Schöne,
dessen Beurtheilung eine bloß formale Zweckmäßigkeit, d. i. eine
Zweckmäßigkeit ohne Zweck, zum Grunde hat, von der Vorstellung des
Guten ganz unabhängig sei, weil das letztere eine objective
Zweckmäßigkeit, d. i. die Beziehung des Gegenstandes auf einen
bestimmten Zweck, voraussetzt. 30
Die objective Zweckmäßigkeit ist entweder die äußere, d. i. die
N ü t z l i c h k e i t, oder die innere, d. i. die Vo l l k o m m e n h e i t des
Gegenstandes. Daß das Wohlgefallen an einem Gegenstande, weshalb wir
ihn schön nennen, nicht auf der Vorstellung seiner Nützlichkeit beruhen
könne, ist aus beiden vorigen Hauptstücken hinreichend zu ersehen: weil es
alsdann nicht 35 ein unmittelbares Wohlgefallen an dem Gegenstande sein
würde, welches letztere die wesentliche Bedingung des Urtheils über
Schönheit ist. Aber eine objective innere Zweckmäßigkeit, d. i.
Vollkommenheit, kommt dem Prädicate der Schönheit schon näher und ist
daher auch von namhaften Philosophen, doch mit dem Beisatze, w e n n
s i e v e r w o r r e n g e d a c h t 5 45 w i r d, für einerlei mit der
Schönheit gehalten worden. Es ist von der größten Wichtigkeit, in einer
Kritik des Geschmacks zu entscheiden, ob sich auch die Schönheit wirklich
in den Begriff der Vollkommenheit auflösen lasse.
Die objective Zweckmäßigkeit zu beurtheilen, bedürfen wir jederzeit 10
den Begriff eines Zwecks und (wenn jene Zweckmäßigkeit nicht eine
äußere [Nützlichkeit], sondern eine innere sein soll) den Begriff eines
innern Zwecks, der den Grund der innern Möglichkeit des Gegenstandes
enthalte. So wie nun Zweck überhaupt dasjenige ist, dessen B e g r i f f als
der Grund der Möglichkeit des Gegenstandes selbst angesehen werden
kann: so wird, 15 um sich eine objective Zweckmäßigkeit an einem Dinge
vorzustellen, der Begriff von diesem, w a s e s f ü r e i n D i n g s e i n
Page 88
s o l l e, voran gehen; und die Zusammenstimmung des Mannigfaltigen in
demselben zu diesem Begriffe (welcher die Regel der Verbindung desselben
an ihm giebt) ist die q u a l i t a t i v e Vo l l k o m m e n h e i t eines Dinges.
Hiervon ist die 20 q u a n t i t a t i v e, als die Vollständigkeit eines jeden
Dinges in seiner Art, gänzlich unterschieden und ein bloßer Größenbegriff
(der Allheit), bei welchem, w a s d a s D i n g s e i n s o l l e, schon zum
voraus als bestimmt gedacht und nur, ob a l l e s dazu Erforderliche an ihm
sei, gefragt wird. Das Formale in der Vorstellung eines Dinges, d. i. die
Zusammenstimmung 25 des Mannigfaltigen zu Einem (unbestimmt was es
sein solle), giebt 46 für sich ganz und gar keine objective Zweckmäßigkeit
zu erkennen: weil, da von diesem Einen a l s Z w e c k (was das Ding sein
solle) abstrahirt wird, nichts als die subjective Zweckmäßigkeit der
Vorstellungen im Gemüthe des Anschauenden übrig bleibt, welche wohl
eine gewisse Zweckmäßigkeit 30 des Vorstellungszustandes im Subject und
in diesem eine Behaglichkeit desselben eine gegebene Form in die
Einbildungskraft aufzufassen, aber keine Vollkommenheit irgend eines
Objects, das hier durch keinen Begriff eines Zwecks gedacht wird, angiebt.
Wie z. B., wenn ich im Walde einen Rasenplatz antreffe, um welchen die
Bäume im Cirkel 35 stehen, und ich mir dabei nicht einen Zweck, nämlich
daß er etwa zum ländlichen Tanze dienen solle, vorstelle, nicht der mindeste
Begriff von Vollkommenheit durch die bloße Form gegeben wird. Eine
formale o b j e c t i v e Zweckmäßigkeit aber ohne Zweck, d. i. die bloße
Form einer Vo l l k o m m e n h e i t (ohne alle Materie und B e g r i f f von
dem, wozu zusammengestimmt wird, wenn es auch bloß die Idee einer
Gesetzmäßigkeit überhaupt wäre), sich vorzustellen, ist ein wahrer
Widerspruch. 5
Nun ist das Geschmacksurtheil ein ästhetisches Urtheil, d. i. ein solches,
was auf subjectiven Gründen beruht, und dessen Bestimmungsgrund kein
Begriff, mithin auch nicht der eines bestimmten Zwecks sein kann. Also
wird durch die Schönheit, als eine formale subjective Zweckmäßigkeit,
keinesweges eine Vollkommenheit des Gegenstandes als vorgeblich 10 47
formale, gleichwohl aber doch objective Zweckmäßigkeit gedacht; und der
Unterschied zwischen den Begriffen des Schönen und Guten, als ob beide
nur der logischen Form nach unterschieden, der erste bloß ein verworrener,
der zweite ein deutlicher Begriff der Vollkommenheit, sonst aber dem
Inhalte und Ursprunge nach einerlei wären, ist nichtig: weil alsdann
demselben zu diesem Begriffe (welcher die Regel der Verbindung desselben
an ihm giebt) ist die q u a l i t a t i v e Vo l l k o m m e n h e i t eines Dinges.
Hiervon ist die 20 q u a n t i t a t i v e, als die Vollständigkeit eines jeden
Dinges in seiner Art, gänzlich unterschieden und ein bloßer Größenbegriff
(der Allheit), bei welchem, w a s d a s D i n g s e i n s o l l e, schon zum
voraus als bestimmt gedacht und nur, ob a l l e s dazu Erforderliche an ihm
sei, gefragt wird. Das Formale in der Vorstellung eines Dinges, d. i. die
Zusammenstimmung 25 des Mannigfaltigen zu Einem (unbestimmt was es
sein solle), giebt 46 für sich ganz und gar keine objective Zweckmäßigkeit
zu erkennen: weil, da von diesem Einen a l s Z w e c k (was das Ding sein
solle) abstrahirt wird, nichts als die subjective Zweckmäßigkeit der
Vorstellungen im Gemüthe des Anschauenden übrig bleibt, welche wohl
eine gewisse Zweckmäßigkeit 30 des Vorstellungszustandes im Subject und
in diesem eine Behaglichkeit desselben eine gegebene Form in die
Einbildungskraft aufzufassen, aber keine Vollkommenheit irgend eines
Objects, das hier durch keinen Begriff eines Zwecks gedacht wird, angiebt.
Wie z. B., wenn ich im Walde einen Rasenplatz antreffe, um welchen die
Bäume im Cirkel 35 stehen, und ich mir dabei nicht einen Zweck, nämlich
daß er etwa zum ländlichen Tanze dienen solle, vorstelle, nicht der mindeste
Begriff von Vollkommenheit durch die bloße Form gegeben wird. Eine
formale o b j e c t i v e Zweckmäßigkeit aber ohne Zweck, d. i. die bloße
Form einer Vo l l k o m m e n h e i t (ohne alle Materie und B e g r i f f von
dem, wozu zusammengestimmt wird, wenn es auch bloß die Idee einer
Gesetzmäßigkeit überhaupt wäre), sich vorzustellen, ist ein wahrer
Widerspruch. 5
Nun ist das Geschmacksurtheil ein ästhetisches Urtheil, d. i. ein solches,
was auf subjectiven Gründen beruht, und dessen Bestimmungsgrund kein
Begriff, mithin auch nicht der eines bestimmten Zwecks sein kann. Also
wird durch die Schönheit, als eine formale subjective Zweckmäßigkeit,
keinesweges eine Vollkommenheit des Gegenstandes als vorgeblich 10 47
formale, gleichwohl aber doch objective Zweckmäßigkeit gedacht; und der
Unterschied zwischen den Begriffen des Schönen und Guten, als ob beide
nur der logischen Form nach unterschieden, der erste bloß ein verworrener,
der zweite ein deutlicher Begriff der Vollkommenheit, sonst aber dem
Inhalte und Ursprunge nach einerlei wären, ist nichtig: weil alsdann
Page 89
zwischen 15 ihnen kein s p e c i f i s c h e r Unterschied, sondern ein
Geschmacksurtheil eben so wohl ein Erkenntnißurtheil wäre, als das
Urtheil, wodurch etwas für gut erklärt wird; so wie etwa der gemeine Mann,
wenn er sagt, daß der Betrug unrecht sei, sein Urtheil auf verworrene, der
Philosoph auf deutliche, im Grunde aber beide auf einerlei Vernunft-
Principien gründen. 20 Ich habe aber schon angeführt, daß ein ästhetisches
Urtheil einzig in seiner Art sei und schlechterdings kein Erkenntniß (auch
nicht ein verworrenes) vom Object gebe: welches letztere nur durch ein
logisches Urtheil geschieht; da jenes hingegen die Vorstellung, wodurch ein
Object gegeben wird, lediglich auf das Subject bezieht und keine
Beschaffenheit des Gegenstandes, 25 sondern nur die zweckmäßige Form
in der Bestimmung der Vorstellungskräfte, die sich mit jenem beschäftigen,
zu bemerken giebt. Das Urtheil heißt auch eben darum ästhetisch, weil der
Bestimmungsgrund desselben kein Begriff, sondern das Gefühl (des innern
Sinnes) jener Einhelligkeit im Spiele der Gemüthskräfte ist, sofern sie nur
empfunden 30 werden kann. Dagegen wenn man verworrene Begriffe und
das objective 48 Urtheil, das sie zum Grunde hat, wollte ästhetisch nennen,
man einen Verstand haben würde, der sinnlich urtheilt, oder einen Sinn, der
durch Begriffe seine Objecte vorstellte, welches beides sich widerspricht.
Das Vermögen der Begriffe, sie mögen verworren oder deutlich sein, ist der
35 Verstand; und obgleich zum Geschmacksurtheil, als ästhetischem
Urtheile, auch (wie zu allen Urtheilen) Verstand gehört, so gehört er zu
demselben doch nicht als Vermögen der Erkenntniß eines Gegenstandes,
sondern als Vermögen der Bestimmung des Urtheils und seiner Vorstellung
(ohne Begriff) nach dem Verhältniß derselben auf das Subject und dessen
inneres Gefühl, und zwar sofern dieses Urtheil nach einer allgemeinen
Regel möglich ist. 5
Geschmacksurtheil eben so wohl ein Erkenntnißurtheil wäre, als das
Urtheil, wodurch etwas für gut erklärt wird; so wie etwa der gemeine Mann,
wenn er sagt, daß der Betrug unrecht sei, sein Urtheil auf verworrene, der
Philosoph auf deutliche, im Grunde aber beide auf einerlei Vernunft-
Principien gründen. 20 Ich habe aber schon angeführt, daß ein ästhetisches
Urtheil einzig in seiner Art sei und schlechterdings kein Erkenntniß (auch
nicht ein verworrenes) vom Object gebe: welches letztere nur durch ein
logisches Urtheil geschieht; da jenes hingegen die Vorstellung, wodurch ein
Object gegeben wird, lediglich auf das Subject bezieht und keine
Beschaffenheit des Gegenstandes, 25 sondern nur die zweckmäßige Form
in der Bestimmung der Vorstellungskräfte, die sich mit jenem beschäftigen,
zu bemerken giebt. Das Urtheil heißt auch eben darum ästhetisch, weil der
Bestimmungsgrund desselben kein Begriff, sondern das Gefühl (des innern
Sinnes) jener Einhelligkeit im Spiele der Gemüthskräfte ist, sofern sie nur
empfunden 30 werden kann. Dagegen wenn man verworrene Begriffe und
das objective 48 Urtheil, das sie zum Grunde hat, wollte ästhetisch nennen,
man einen Verstand haben würde, der sinnlich urtheilt, oder einen Sinn, der
durch Begriffe seine Objecte vorstellte, welches beides sich widerspricht.
Das Vermögen der Begriffe, sie mögen verworren oder deutlich sein, ist der
35 Verstand; und obgleich zum Geschmacksurtheil, als ästhetischem
Urtheile, auch (wie zu allen Urtheilen) Verstand gehört, so gehört er zu
demselben doch nicht als Vermögen der Erkenntniß eines Gegenstandes,
sondern als Vermögen der Bestimmung des Urtheils und seiner Vorstellung
(ohne Begriff) nach dem Verhältniß derselben auf das Subject und dessen
inneres Gefühl, und zwar sofern dieses Urtheil nach einer allgemeinen
Regel möglich ist. 5
Page 90
§ 16.
Das Geschmacksurtheil, wodurch ein Gegenstand unter der Bedingung
eines bestimmten Begriffs für schön erklärt wird, ist nicht rein.
Es giebt zweierlei Arten von Schönheit: freie Schönheit (pulchritudo 10
vaga), oder die bloß anhängende Schönheit (pulchritudo adhaerens). Die
erstere setzt keinen Begriff von dem voraus, was der Gegenstand sein soll;
die zweite setzt einen solchen und die Vollkommenheit des Gegenstandes
nach demselben voraus. Die Arten der erstern heißen (für sich bestehende)
Schönheiten dieses oder jenes Dinges; die andere wird, als einem Begriffe
15 49 anhängend (bedingte Schönheit), Objecten, die unter dem Begriffe
eines besondern Zwecks stehen, beigelegt.
Blumen sind freie Naturschönheiten. Was eine Blume für ein Ding sein soll,
weiß außer dem Botaniker schwerlich sonst jemand; und selbst dieser, der
daran das Befruchtungsorgan der Pflanze erkennt, nimmt, wenn 20 er
darüber durch Geschmack urtheilt, auf diesen Naturzweck keine Rücksicht.
Es wird also keine Vollkommenheit von irgend einer Art, keine innere
Zweckmäßigkeit, auf welche sich die Zusammensetzung des
Mannigfaltigen beziehe, diesem Urtheile zum Grunde gelegt. Viele Vögel
(der Papagei, der Colibrit, der Paradiesvogel), eine Menge Schalthiere des
Meeres sind 25 für sich Schönheiten, die gar keinem nach Begriffen in
Ansehung seines Zwecks bestimmten Gegenstande zukommen, sondern frei
und für sich gefallen. So bedeuten die Zeichnungen à la grecque, das
Laubwerk zu Einfassungen oder auf Papiertapeten u. s. w. für sich nichts:
sie stellen nichts vor, kein Object unter einem bestimmten Begriffe, und
sind freie Schönheiten. 30 Man kann auch das, was man in der Musik
Phantasieen (ohne Thema) nennt, ja die ganze Musik ohne Text zu
derselben Art zählen.
In der Beurtheilung einer freien Schönheit (der bloßen Form nach) ist das
Geschmacksurtheil rein. Es ist kein Begriff von irgend einem Zwecke,
wozu das Mannigfaltige dem gegebenen Objecte dienen und was 35 dieses
also vorstellen solle, vorausgesetzt, wodurch die Freiheit der
Einbildungskraft, 50 die in Beobachtung der Gestalt gleichsam spielt, nur
eingeschränkt werden würde.
Das Geschmacksurtheil, wodurch ein Gegenstand unter der Bedingung
eines bestimmten Begriffs für schön erklärt wird, ist nicht rein.
Es giebt zweierlei Arten von Schönheit: freie Schönheit (pulchritudo 10
vaga), oder die bloß anhängende Schönheit (pulchritudo adhaerens). Die
erstere setzt keinen Begriff von dem voraus, was der Gegenstand sein soll;
die zweite setzt einen solchen und die Vollkommenheit des Gegenstandes
nach demselben voraus. Die Arten der erstern heißen (für sich bestehende)
Schönheiten dieses oder jenes Dinges; die andere wird, als einem Begriffe
15 49 anhängend (bedingte Schönheit), Objecten, die unter dem Begriffe
eines besondern Zwecks stehen, beigelegt.
Blumen sind freie Naturschönheiten. Was eine Blume für ein Ding sein soll,
weiß außer dem Botaniker schwerlich sonst jemand; und selbst dieser, der
daran das Befruchtungsorgan der Pflanze erkennt, nimmt, wenn 20 er
darüber durch Geschmack urtheilt, auf diesen Naturzweck keine Rücksicht.
Es wird also keine Vollkommenheit von irgend einer Art, keine innere
Zweckmäßigkeit, auf welche sich die Zusammensetzung des
Mannigfaltigen beziehe, diesem Urtheile zum Grunde gelegt. Viele Vögel
(der Papagei, der Colibrit, der Paradiesvogel), eine Menge Schalthiere des
Meeres sind 25 für sich Schönheiten, die gar keinem nach Begriffen in
Ansehung seines Zwecks bestimmten Gegenstande zukommen, sondern frei
und für sich gefallen. So bedeuten die Zeichnungen à la grecque, das
Laubwerk zu Einfassungen oder auf Papiertapeten u. s. w. für sich nichts:
sie stellen nichts vor, kein Object unter einem bestimmten Begriffe, und
sind freie Schönheiten. 30 Man kann auch das, was man in der Musik
Phantasieen (ohne Thema) nennt, ja die ganze Musik ohne Text zu
derselben Art zählen.
In der Beurtheilung einer freien Schönheit (der bloßen Form nach) ist das
Geschmacksurtheil rein. Es ist kein Begriff von irgend einem Zwecke,
wozu das Mannigfaltige dem gegebenen Objecte dienen und was 35 dieses
also vorstellen solle, vorausgesetzt, wodurch die Freiheit der
Einbildungskraft, 50 die in Beobachtung der Gestalt gleichsam spielt, nur
eingeschränkt werden würde.
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Allein die Schönheit eines Menschen (und unter dieser Art die eines
Mannes oder Weibes oder Kindes), die Schönheit eines Pferdes, eines 5
Gebäudes (als Kirche, Palast, Arsenal oder Gartenhaus) setzt einen Begriff
vom Zwecke voraus, welcher bestimmt, was das Ding sein soll, mithin
einen Begriff seiner Vollkommenheit, und ist also bloß adhärirende
Schönheit. So wie nun die Verbindung des Angenehmen (der Empfindung)
mit der Schönheit, die eigentlich nur die Form betrifft, die Reinigkeit 10
des Geschmacksurtheils verhinderte: so thut die Verbindung des Guten
(wozu nämlich das Mannigfaltige dem Dinge selbst nach seinem Zwecke
gut ist) mit der Schönheit der Reinigkeit desselben Abbruch.
Man würde vieles unmittelbar in der Anschauung Gefallende an einem
Gebäude anbringen können, wenn es nur nicht eine Kirche sein sollte; 15
eine Gestalt mit allerlei Schnörkeln und leichten, doch regelmäßigen Zügen,
wie die Neuseeländer mit ihrem Tettowiren thun, verschönern können,
wenn es nur nicht ein Mensch wäre; und dieser könnte viel feinere Züge
und einen gefälligeren, sanftern Umriß der Gesichtsbildung haben, wenn er
nur nicht einen Mann, oder gar einen kriegerischen vorstellen sollte. 20
Nun ist das Wohlgefallen an dem Mannigfaltigen in einem Dinge 51 in
Beziehung auf den innern Zweck, der seine Möglichkeit bestimmt, ein auf
einem Begriffe gegründetes Wohlgefallen; das an der Schönheit aber ist ein
solches, welches keinen Begriff voraussetzt, sondern mit der Vorstellung,
wodurch der Gegenstand gegeben (nicht wodurch er gedacht) wird, 25
unmittelbar verbunden ist. Wenn nun das Geschmacksurtheil in Ansehung
des letzteren vom Zwecke in dem ersteren, als Vernunfturtheile abhängig
gemacht und dadurch eingeschränkt wird, so ist jenes nicht mehr ein freies
und reines Geschmacksurtheil.
Zwar gewinnt der Geschmack durch diese Verbindung des ästhetischen 30
Wohlgefallens mit dem intellectuellen darin, daß er fixirt wird und zwar
nicht allgemein ist, ihm aber doch in Ansehung gewisser zweckmäßig
bestimmten Objecte Regeln vorgeschrieben werden können. Diese sind aber
alsdann auch keine Regeln des Geschmacks, sondern bloß der Vereinbarung
des Geschmacks mit der Vernunft, d. i. des Schönen mit dem Guten, durch
35 welche jenes zum Instrument der Absicht in Ansehung des letztern
brauchbar wird, um diejenige Gemüthsstimmung, die sich selbst erhält und
von subjectiver allgemeiner Gültigkeit ist, derjenigen Denkungsart
Mannes oder Weibes oder Kindes), die Schönheit eines Pferdes, eines 5
Gebäudes (als Kirche, Palast, Arsenal oder Gartenhaus) setzt einen Begriff
vom Zwecke voraus, welcher bestimmt, was das Ding sein soll, mithin
einen Begriff seiner Vollkommenheit, und ist also bloß adhärirende
Schönheit. So wie nun die Verbindung des Angenehmen (der Empfindung)
mit der Schönheit, die eigentlich nur die Form betrifft, die Reinigkeit 10
des Geschmacksurtheils verhinderte: so thut die Verbindung des Guten
(wozu nämlich das Mannigfaltige dem Dinge selbst nach seinem Zwecke
gut ist) mit der Schönheit der Reinigkeit desselben Abbruch.
Man würde vieles unmittelbar in der Anschauung Gefallende an einem
Gebäude anbringen können, wenn es nur nicht eine Kirche sein sollte; 15
eine Gestalt mit allerlei Schnörkeln und leichten, doch regelmäßigen Zügen,
wie die Neuseeländer mit ihrem Tettowiren thun, verschönern können,
wenn es nur nicht ein Mensch wäre; und dieser könnte viel feinere Züge
und einen gefälligeren, sanftern Umriß der Gesichtsbildung haben, wenn er
nur nicht einen Mann, oder gar einen kriegerischen vorstellen sollte. 20
Nun ist das Wohlgefallen an dem Mannigfaltigen in einem Dinge 51 in
Beziehung auf den innern Zweck, der seine Möglichkeit bestimmt, ein auf
einem Begriffe gegründetes Wohlgefallen; das an der Schönheit aber ist ein
solches, welches keinen Begriff voraussetzt, sondern mit der Vorstellung,
wodurch der Gegenstand gegeben (nicht wodurch er gedacht) wird, 25
unmittelbar verbunden ist. Wenn nun das Geschmacksurtheil in Ansehung
des letzteren vom Zwecke in dem ersteren, als Vernunfturtheile abhängig
gemacht und dadurch eingeschränkt wird, so ist jenes nicht mehr ein freies
und reines Geschmacksurtheil.
Zwar gewinnt der Geschmack durch diese Verbindung des ästhetischen 30
Wohlgefallens mit dem intellectuellen darin, daß er fixirt wird und zwar
nicht allgemein ist, ihm aber doch in Ansehung gewisser zweckmäßig
bestimmten Objecte Regeln vorgeschrieben werden können. Diese sind aber
alsdann auch keine Regeln des Geschmacks, sondern bloß der Vereinbarung
des Geschmacks mit der Vernunft, d. i. des Schönen mit dem Guten, durch
35 welche jenes zum Instrument der Absicht in Ansehung des letztern
brauchbar wird, um diejenige Gemüthsstimmung, die sich selbst erhält und
von subjectiver allgemeiner Gültigkeit ist, derjenigen Denkungsart
Page 92
unterzulegen, die nur durch mühsamen Vorsatz erhalten werden kann, aber
objectiv allgemein gültig ist. Eigentlich aber gewinnt weder die
Vollkommenheit durch die Schönheit, noch die Schönheit durch die
Vollkommenheit; 52 sondern weil es nicht vermieden werden kann, wenn
wir die Vorstellung, 5 wodurch uns ein Gegenstand gegeben wird, mit dem
Objecte (in Ansehung dessen, was es sein soll) durch einen Begriff
vergleichen, sie zugleich mit der Empfindung im Subjecte zusammen zu
halten, so gewinnt das g e s a m m t e Ve r m ö g e n der Vorstellungskraft,
wenn beide Gemüthszustände zusammen stimmen. 10
Ein Geschmacksurtheil würde in Ansehung eines Gegenstandes von
bestimmtem innern Zwecke nur alsdann rein sein, wenn der Urtheilende
entweder von diesem Zwecke keinen Begriff hätte, oder in seinem Urtheile
davon abstrahirte. Aber alsdann würde dieser, ob er gleich ein richtiges
Geschmacksurtheil fällte, indem er den Gegenstand als freie Schönheit
beurtheilte, 15 dennoch von dem andern, welcher die Schönheit an ihm nur
als anhängende Beschaffenheit betrachtet (auf den Zweck des Gegenstandes
sieht), getadelt und eines falschen Geschmacks beschuldigt werden,
obgleich beide in ihrer Art richtig urtheilen: der eine nach dem, was er vor
den Sinnen, der andere nach dem, was er in Gedanken hat. Durch diese
Unterscheidung 20 kann man manchen Zwist der Geschmacksrichter über
Schönheit beilegen, indem man ihnen zeigt, daß der eine sich an die freie,
der andere an die anhängende Schönheit halte, der erstere ein reines, der
zweite ein angewandtes Geschmacksurtheil fälle.
objectiv allgemein gültig ist. Eigentlich aber gewinnt weder die
Vollkommenheit durch die Schönheit, noch die Schönheit durch die
Vollkommenheit; 52 sondern weil es nicht vermieden werden kann, wenn
wir die Vorstellung, 5 wodurch uns ein Gegenstand gegeben wird, mit dem
Objecte (in Ansehung dessen, was es sein soll) durch einen Begriff
vergleichen, sie zugleich mit der Empfindung im Subjecte zusammen zu
halten, so gewinnt das g e s a m m t e Ve r m ö g e n der Vorstellungskraft,
wenn beide Gemüthszustände zusammen stimmen. 10
Ein Geschmacksurtheil würde in Ansehung eines Gegenstandes von
bestimmtem innern Zwecke nur alsdann rein sein, wenn der Urtheilende
entweder von diesem Zwecke keinen Begriff hätte, oder in seinem Urtheile
davon abstrahirte. Aber alsdann würde dieser, ob er gleich ein richtiges
Geschmacksurtheil fällte, indem er den Gegenstand als freie Schönheit
beurtheilte, 15 dennoch von dem andern, welcher die Schönheit an ihm nur
als anhängende Beschaffenheit betrachtet (auf den Zweck des Gegenstandes
sieht), getadelt und eines falschen Geschmacks beschuldigt werden,
obgleich beide in ihrer Art richtig urtheilen: der eine nach dem, was er vor
den Sinnen, der andere nach dem, was er in Gedanken hat. Durch diese
Unterscheidung 20 kann man manchen Zwist der Geschmacksrichter über
Schönheit beilegen, indem man ihnen zeigt, daß der eine sich an die freie,
der andere an die anhängende Schönheit halte, der erstere ein reines, der
zweite ein angewandtes Geschmacksurtheil fälle.
Page 93
§ 17. 25 53
Vom Ideale der Schönheit.
Es kann keine objective Geschmacksregel, welche durch Begriffe
bestimmte, was schön sei, geben. Denn alles Urtheil aus dieser Quelle ist
ästhetisch; d. i. das Gefühl des Subjects und kein Begriff eines Objects ist
sein Bestimmungsgrund. Ein Princip des Geschmacks, welches das
allgemeine 30 Kriterium des Schönen durch bestimmte Begriffe angäbe, zu
suchen, ist eine fruchtlose Bemühung, weil, was gesucht wird, unmöglich
und an sich selbst widersprechend ist. Die allgemeine Mittheilbarkeit der
Empfindung (des Wohlgefallens oder Mißfallens) und zwar eine solche, die
ohne Begriff Statt findet, die Einhelligkeit, so viel möglich, aller Zeiten und
35 Völker in Ansehung dieses Gefühls in der Vorstellung gewisser
Gegenstände: ist das empirische, wiewohl schwache und kaum zur
Vermuthung zureichende Kriterium der Abstammung eines so durch
Beispiele bewährten Geschmacks von dem tief verborgenen, allen
Menschen gemeinschaftlichen Grunde der Einhelligkeit in Beurtheilung der
Formen, unter denen ihnen 5 Gegenstände gegeben werden.
Daher sieht man einige Producte des Geschmacks als e x e m p l a r i s c h
an: nicht als ob Geschmack könne erworben werden, indem er anderen
nachahmt. Denn der Geschmack muß ein selbst eigenes Vermögen sein; wer
aber ein Muster nachahmt, zeigt, sofern als er es trifft, zwar
Geschicklichkeit, 10 54 aber nur Geschmack, sofern er dieses Muster selbst
beurtheilen kann.[7] Hieraus folgt aber, daß das höchste Muster, das Urbild
des Geschmacks, eine bloße Idee sei, die jeder in sich selbst hervorbringen
muß, und wonach er alles, was Object des Geschmacks, was Beispiel der
Beurtheilung durch Geschmack sei, und selbst den Geschmack von
jedermann beurtheilen 15 muß. I d e e bedeutet eigentlich einen
Vernunftbegriff und I d e a l die Vorstellung eines einzelnen als einer Idee
adäquaten Wesens. Daher kann jenes Urbild des Geschmacks, welches
freilich auf der unbestimmten Idee der Vernunft von einem Maximum
beruht, aber doch nicht durch Begriffe, sondern nur in einzelner Darstellung
kann vorgestellt werden, besser 20 das Ideal des Schönen genannt werden,
dergleichen wir, wenn wir gleich nicht im Besitze desselben sind, doch in
uns hervorzubringen streben. Es wird aber bloß ein Ideal der
Vom Ideale der Schönheit.
Es kann keine objective Geschmacksregel, welche durch Begriffe
bestimmte, was schön sei, geben. Denn alles Urtheil aus dieser Quelle ist
ästhetisch; d. i. das Gefühl des Subjects und kein Begriff eines Objects ist
sein Bestimmungsgrund. Ein Princip des Geschmacks, welches das
allgemeine 30 Kriterium des Schönen durch bestimmte Begriffe angäbe, zu
suchen, ist eine fruchtlose Bemühung, weil, was gesucht wird, unmöglich
und an sich selbst widersprechend ist. Die allgemeine Mittheilbarkeit der
Empfindung (des Wohlgefallens oder Mißfallens) und zwar eine solche, die
ohne Begriff Statt findet, die Einhelligkeit, so viel möglich, aller Zeiten und
35 Völker in Ansehung dieses Gefühls in der Vorstellung gewisser
Gegenstände: ist das empirische, wiewohl schwache und kaum zur
Vermuthung zureichende Kriterium der Abstammung eines so durch
Beispiele bewährten Geschmacks von dem tief verborgenen, allen
Menschen gemeinschaftlichen Grunde der Einhelligkeit in Beurtheilung der
Formen, unter denen ihnen 5 Gegenstände gegeben werden.
Daher sieht man einige Producte des Geschmacks als e x e m p l a r i s c h
an: nicht als ob Geschmack könne erworben werden, indem er anderen
nachahmt. Denn der Geschmack muß ein selbst eigenes Vermögen sein; wer
aber ein Muster nachahmt, zeigt, sofern als er es trifft, zwar
Geschicklichkeit, 10 54 aber nur Geschmack, sofern er dieses Muster selbst
beurtheilen kann.[7] Hieraus folgt aber, daß das höchste Muster, das Urbild
des Geschmacks, eine bloße Idee sei, die jeder in sich selbst hervorbringen
muß, und wonach er alles, was Object des Geschmacks, was Beispiel der
Beurtheilung durch Geschmack sei, und selbst den Geschmack von
jedermann beurtheilen 15 muß. I d e e bedeutet eigentlich einen
Vernunftbegriff und I d e a l die Vorstellung eines einzelnen als einer Idee
adäquaten Wesens. Daher kann jenes Urbild des Geschmacks, welches
freilich auf der unbestimmten Idee der Vernunft von einem Maximum
beruht, aber doch nicht durch Begriffe, sondern nur in einzelner Darstellung
kann vorgestellt werden, besser 20 das Ideal des Schönen genannt werden,
dergleichen wir, wenn wir gleich nicht im Besitze desselben sind, doch in
uns hervorzubringen streben. Es wird aber bloß ein Ideal der
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Einbildungskraft sein, eben darum weil es nicht auf Begriffen, sondern auf
der Darstellung beruht; das Vermögen 55 der Darstellung aber ist die
Einbildungskraft. — Wie gelangen wir nun 25 zu einem solchen Ideale der
Schönheit? A priori oder empirisch? Imgleichen: welche Gattung des
Schönen ist eines Ideals fähig?
Zuerst ist wohl zu bemerken, daß die Schönheit, zu welcher ein Ideal
gesucht werden soll, keine v a g e, sondern durch einen Begriff von
objectiver Zweckmäßigkeit f i x i r t e Schönheit sein, folglich keinem
Objecte eines ganz 30 reinen, sondern dem eines zum Theil intellectuirten
Geschmacksurtheils angehören müsse. D. i. in welcher Art von Gründen der
Beurtheilung ein Ideal Statt finden soll, da muß irgend eine Idee der
Vernunft nach bestimmten Begriffen zum Grunde liegen, die a priori den
Zweck bestimmt, worauf die innere Möglichkeit des Gegenstandes beruht.
Ein Ideal schöner Blumen, eines schönen Ameublements, einer schönen
Aussicht läßt sich nicht 5 denken. Aber auch von einer bestimmten
Zwecken anhängenden Schönheit, z. B. einem schönen Wohnhause, einem
schönen Baume, schönen Garten u. s. w., läßt sich kein Ideal vorstellen;
vermuthlich weil die Zwecke durch ihren Begriff nicht genug bestimmt und
fixirt sind, folglich die Zweckmäßigkeit beinahe so frei ist, als bei der
v a g e n Schönheit. Nur das, was 10 den Zweck seiner Existenz in sich
selbst hat, der M e n s c h, der sich durch Vernunft seine Zwecke selbst
bestimmen, oder, wo er sie von der äußern Wahrnehmung hernehmen muß,
doch mit wesentlichen und allgemeinen Zwecken zusammenhalten und die
Zusammenstimmung mit jenen alsdann 56 auch ästhetisch beurtheilen kann:
dieser M e n s c h ist also eines Ideals der 15 S c h ö n h e i t, so wie die
Menschheit in seiner Person, als Intelligenz, des Ideals der
Vo l l k o m m e n h e i t unter allen Gegenständen in der Welt allein fähig.
Hiezu gehören aber zwei Stücke: e r s t l i c h die ästhetische
N o r m a l i d e e, welche eine einzelne Anschauung (der Einbildungskraft)
ist, die das 20 Richtmaß seiner Beurtheilung, als eines zu einer besonderen
Thierspecies gehörigen Dinges, vorstellt; zweitens die
Ve r n u n f t i d e e, welche die Zwecke der Menschheit, sofern sie nicht
sinnlich vorgestellt werden können, zum Princip der Beurtheilung seiner
Gestalt macht, durch welche als ihre Wirkung in der Erscheinung sich jene
offenbaren. Die Normalidee muß 25 ihre Elemente zur Gestalt eines Thiers
von besonderer Gattung aus der Erfahrung nehmen; aber die größte
der Darstellung beruht; das Vermögen 55 der Darstellung aber ist die
Einbildungskraft. — Wie gelangen wir nun 25 zu einem solchen Ideale der
Schönheit? A priori oder empirisch? Imgleichen: welche Gattung des
Schönen ist eines Ideals fähig?
Zuerst ist wohl zu bemerken, daß die Schönheit, zu welcher ein Ideal
gesucht werden soll, keine v a g e, sondern durch einen Begriff von
objectiver Zweckmäßigkeit f i x i r t e Schönheit sein, folglich keinem
Objecte eines ganz 30 reinen, sondern dem eines zum Theil intellectuirten
Geschmacksurtheils angehören müsse. D. i. in welcher Art von Gründen der
Beurtheilung ein Ideal Statt finden soll, da muß irgend eine Idee der
Vernunft nach bestimmten Begriffen zum Grunde liegen, die a priori den
Zweck bestimmt, worauf die innere Möglichkeit des Gegenstandes beruht.
Ein Ideal schöner Blumen, eines schönen Ameublements, einer schönen
Aussicht läßt sich nicht 5 denken. Aber auch von einer bestimmten
Zwecken anhängenden Schönheit, z. B. einem schönen Wohnhause, einem
schönen Baume, schönen Garten u. s. w., läßt sich kein Ideal vorstellen;
vermuthlich weil die Zwecke durch ihren Begriff nicht genug bestimmt und
fixirt sind, folglich die Zweckmäßigkeit beinahe so frei ist, als bei der
v a g e n Schönheit. Nur das, was 10 den Zweck seiner Existenz in sich
selbst hat, der M e n s c h, der sich durch Vernunft seine Zwecke selbst
bestimmen, oder, wo er sie von der äußern Wahrnehmung hernehmen muß,
doch mit wesentlichen und allgemeinen Zwecken zusammenhalten und die
Zusammenstimmung mit jenen alsdann 56 auch ästhetisch beurtheilen kann:
dieser M e n s c h ist also eines Ideals der 15 S c h ö n h e i t, so wie die
Menschheit in seiner Person, als Intelligenz, des Ideals der
Vo l l k o m m e n h e i t unter allen Gegenständen in der Welt allein fähig.
Hiezu gehören aber zwei Stücke: e r s t l i c h die ästhetische
N o r m a l i d e e, welche eine einzelne Anschauung (der Einbildungskraft)
ist, die das 20 Richtmaß seiner Beurtheilung, als eines zu einer besonderen
Thierspecies gehörigen Dinges, vorstellt; zweitens die
Ve r n u n f t i d e e, welche die Zwecke der Menschheit, sofern sie nicht
sinnlich vorgestellt werden können, zum Princip der Beurtheilung seiner
Gestalt macht, durch welche als ihre Wirkung in der Erscheinung sich jene
offenbaren. Die Normalidee muß 25 ihre Elemente zur Gestalt eines Thiers
von besonderer Gattung aus der Erfahrung nehmen; aber die größte
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Zweckmäßigkeit in der Construction der Gestalt, die zum allgemeinen
Richtmaß der ästhetischen Beurtheilung jedes Einzelnen dieser Species
tauglich wäre, das Bild, was gleichsam absichtlich der Technik der Natur
zum Grunde gelegen hat, dem nur die 30 Gattung im Ganzen, aber kein
Einzelnes abgesondert adäquat ist, liegt doch bloß in der Idee des
Beurtheilenden, welche aber mit ihren Proportionen als ästhetische Idee in
einem Musterbilde völlig in concreto dargestellt werden kann. Um, wie
dieses zugehe, einigermaßen begreiflich zu 57 machen (denn wer kann der
Natur ihr Geheimniß gänzlich ablocken?), 35 wollen wir eine
psychologische Erklärung versuchen.
Es ist anzumerken: daß auf eine uns gänzlich unbegreifliche Art die
Einbildungskraft nicht allein die Zeichen für Begriffe gelegentlich, selbst
von langer Zeit her, zurückzurufen; sondern auch das Bild und die Gestalt
des Gegenstandes aus einer unaussprechlichen Zahl von Gegenständen
verschiedener Arten oder auch einer und derselben Art zu reproduciren; ja
auch, wenn das Gemüth es auf Vergleichungen anlegt, allem Vermuthen 5
nach wirklich, wenn gleich nicht hinreichend zum Bewußtsein, ein Bild
gleichsam auf das andere fallen zu lassen und durch die Congruenz der
mehrern von derselben Art ein Mittleres herauszubekommen wisse, welches
allen zum gemeinschaftlichen Maße dient. Jemand hat tausend erwachsene
Mannspersonen gesehen. Will er nun über die vergleichungsweise zu 10
schätzende Normalgröße urtheilen, so läßt (meiner Meinung nach) die
Einbildungskraft eine große Zahl der Bilder (vielleicht alle jene tausend)
auf einander fallen; und wenn es mir erlaubt ist, hiebei die Analogie der
optischen Darstellung anzuwenden, in dem Raum, wo die meisten sich
vereinigen, und innerhalb dem Umrisse, wo der Platz mit der am stärksten
15 aufgetragenen Farbe illuminirt ist, da wird die m i t t l e r e G r ö ß e
kenntlich, die sowohl der Höhe als Breite nach von den äußersten Gränzen
der größten und kleinsten Staturen gleich weit entfernt ist; und dies ist die
58 Statur für einen schönen Mann. (Man könnte ebendasselbe mechanisch
heraus bekommen, wenn man alle tausend mäße, ihre Höhen unter sich 20
und Breiten (und Dicken) für sich zusammen addirte und die Summe durch
tausend dividirte. Allein die Einbildungskraft thut eben dieses durch einen
dynamischen Effect, der aus der vielfältigen Auffassung solcher Gestalten
auf das Organ des innern Sinnes entspringt.) Wenn nun auf ähnliche Art für
diesen mittlern Mann der mittlere Kopf, für diesen die 25 mittlere Nase u.
Richtmaß der ästhetischen Beurtheilung jedes Einzelnen dieser Species
tauglich wäre, das Bild, was gleichsam absichtlich der Technik der Natur
zum Grunde gelegen hat, dem nur die 30 Gattung im Ganzen, aber kein
Einzelnes abgesondert adäquat ist, liegt doch bloß in der Idee des
Beurtheilenden, welche aber mit ihren Proportionen als ästhetische Idee in
einem Musterbilde völlig in concreto dargestellt werden kann. Um, wie
dieses zugehe, einigermaßen begreiflich zu 57 machen (denn wer kann der
Natur ihr Geheimniß gänzlich ablocken?), 35 wollen wir eine
psychologische Erklärung versuchen.
Es ist anzumerken: daß auf eine uns gänzlich unbegreifliche Art die
Einbildungskraft nicht allein die Zeichen für Begriffe gelegentlich, selbst
von langer Zeit her, zurückzurufen; sondern auch das Bild und die Gestalt
des Gegenstandes aus einer unaussprechlichen Zahl von Gegenständen
verschiedener Arten oder auch einer und derselben Art zu reproduciren; ja
auch, wenn das Gemüth es auf Vergleichungen anlegt, allem Vermuthen 5
nach wirklich, wenn gleich nicht hinreichend zum Bewußtsein, ein Bild
gleichsam auf das andere fallen zu lassen und durch die Congruenz der
mehrern von derselben Art ein Mittleres herauszubekommen wisse, welches
allen zum gemeinschaftlichen Maße dient. Jemand hat tausend erwachsene
Mannspersonen gesehen. Will er nun über die vergleichungsweise zu 10
schätzende Normalgröße urtheilen, so läßt (meiner Meinung nach) die
Einbildungskraft eine große Zahl der Bilder (vielleicht alle jene tausend)
auf einander fallen; und wenn es mir erlaubt ist, hiebei die Analogie der
optischen Darstellung anzuwenden, in dem Raum, wo die meisten sich
vereinigen, und innerhalb dem Umrisse, wo der Platz mit der am stärksten
15 aufgetragenen Farbe illuminirt ist, da wird die m i t t l e r e G r ö ß e
kenntlich, die sowohl der Höhe als Breite nach von den äußersten Gränzen
der größten und kleinsten Staturen gleich weit entfernt ist; und dies ist die
58 Statur für einen schönen Mann. (Man könnte ebendasselbe mechanisch
heraus bekommen, wenn man alle tausend mäße, ihre Höhen unter sich 20
und Breiten (und Dicken) für sich zusammen addirte und die Summe durch
tausend dividirte. Allein die Einbildungskraft thut eben dieses durch einen
dynamischen Effect, der aus der vielfältigen Auffassung solcher Gestalten
auf das Organ des innern Sinnes entspringt.) Wenn nun auf ähnliche Art für
diesen mittlern Mann der mittlere Kopf, für diesen die 25 mittlere Nase u.
Page 96
s. w. gesucht wird, so liegt diese Gestalt der Normalidee des schönen
Mannes in dem Lande, wo diese Vergleichung angestellt wird, zum Grunde;
daher ein Neger nothwendig unter diesen empirischen Bedingungen eine
andere Normalidee der Schönheit der Gestalt haben muß, als ein Weißer,
der Chinese eine andere, als der Europäer. Mit dem 30 M u s t e r eines
schönen Pferdes oder Hundes (von gewisser Race) würde es eben so gehen.
— Diese N o r m a l i d e e ist nicht aus von der Erfahrung hergenommenen
Proportionen, a l s b e s t i m m t e n R e g e l n , abgeleitet; sondern nach
ihr werden allererst Regeln der Beurtheilung möglich. Sie ist das zwischen
allen einzelnen, auf mancherlei Weise verschiedenen Anschauungen 35 der
Individuen schwebende Bild für die ganze Gattung, welches die Natur zum
Urbilde ihren Erzeugungen in derselben Species unterlegte, aber in keinem
Einzelnen völlig erreicht zu haben scheint. Sie ist keinesweges 59 das ganze
U r b i l d der S c h ö n h e i t in dieser Gattung, sondern nur die Form,
welche die unnachlaßliche Bedingung aller Schönheit ausmacht, mithin
bloß die R i c h t i g k e i t in Darstellung der Gattung. Sie ist, wie man
P o l y k l e t s berühmten D o r y p h o r u s nannte, die R e g e l (eben dazu 5
konnte auch M y r o n s Kuh in ihrer Gattung gebraucht werden). Sie kann
eben darum auch nichts Specifisch-Charakteristisches enthalten; denn sonst
wäre sie nicht N o r m a l i d e e für die Gattung. Ihre Darstellung gefällt
auch nicht durch Schönheit, sondern bloß weil sie keiner Bedingung, unter
welcher allein ein Ding dieser Gattung schön sein kann, widerspricht. Die
10 Darstellung ist bloß schulgerecht.[8]
Von der N o r m a l i d e e des Schönen ist doch noch das I d e a l desselben
unterschieden, welches man lediglich an der m e n s c h l i c h e n
G e s t a l t aus schon angeführten Gründen erwarten darf. An dieser nun
besteht das Ideal in dem Ausdrucke des S i t t l i c h e n, ohne welches der
Gegenstand 15 60 nicht allgemein und dazu positiv (nicht bloß negativ in
einer schulgerechten Darstellung) gefallen würde. Der sichtbare Ausdruck
sittlicher Ideen, die den Menschen innerlich beherrschen, kann zwar nur aus
der Erfahrung genommen werden; aber ihre Verbindung mit allem dem, was
unsere Vernunft mit dem Sittlich-Guten in der Idee der höchsten
Zweckmäßigkeit 20 verknüpft, die Seelengüte, oder Reinigkeit, oder Stärke
oder Ruhe u. s. w. in körperlicher Äußerung (als Wirkung des Innern)
gleichsam sichtbar zu machen: dazu gehören reine Ideen der Vernunft und
große Macht der Einbildungskraft in demjenigen vereinigt, welcher sie nur
Mannes in dem Lande, wo diese Vergleichung angestellt wird, zum Grunde;
daher ein Neger nothwendig unter diesen empirischen Bedingungen eine
andere Normalidee der Schönheit der Gestalt haben muß, als ein Weißer,
der Chinese eine andere, als der Europäer. Mit dem 30 M u s t e r eines
schönen Pferdes oder Hundes (von gewisser Race) würde es eben so gehen.
— Diese N o r m a l i d e e ist nicht aus von der Erfahrung hergenommenen
Proportionen, a l s b e s t i m m t e n R e g e l n , abgeleitet; sondern nach
ihr werden allererst Regeln der Beurtheilung möglich. Sie ist das zwischen
allen einzelnen, auf mancherlei Weise verschiedenen Anschauungen 35 der
Individuen schwebende Bild für die ganze Gattung, welches die Natur zum
Urbilde ihren Erzeugungen in derselben Species unterlegte, aber in keinem
Einzelnen völlig erreicht zu haben scheint. Sie ist keinesweges 59 das ganze
U r b i l d der S c h ö n h e i t in dieser Gattung, sondern nur die Form,
welche die unnachlaßliche Bedingung aller Schönheit ausmacht, mithin
bloß die R i c h t i g k e i t in Darstellung der Gattung. Sie ist, wie man
P o l y k l e t s berühmten D o r y p h o r u s nannte, die R e g e l (eben dazu 5
konnte auch M y r o n s Kuh in ihrer Gattung gebraucht werden). Sie kann
eben darum auch nichts Specifisch-Charakteristisches enthalten; denn sonst
wäre sie nicht N o r m a l i d e e für die Gattung. Ihre Darstellung gefällt
auch nicht durch Schönheit, sondern bloß weil sie keiner Bedingung, unter
welcher allein ein Ding dieser Gattung schön sein kann, widerspricht. Die
10 Darstellung ist bloß schulgerecht.[8]
Von der N o r m a l i d e e des Schönen ist doch noch das I d e a l desselben
unterschieden, welches man lediglich an der m e n s c h l i c h e n
G e s t a l t aus schon angeführten Gründen erwarten darf. An dieser nun
besteht das Ideal in dem Ausdrucke des S i t t l i c h e n, ohne welches der
Gegenstand 15 60 nicht allgemein und dazu positiv (nicht bloß negativ in
einer schulgerechten Darstellung) gefallen würde. Der sichtbare Ausdruck
sittlicher Ideen, die den Menschen innerlich beherrschen, kann zwar nur aus
der Erfahrung genommen werden; aber ihre Verbindung mit allem dem, was
unsere Vernunft mit dem Sittlich-Guten in der Idee der höchsten
Zweckmäßigkeit 20 verknüpft, die Seelengüte, oder Reinigkeit, oder Stärke
oder Ruhe u. s. w. in körperlicher Äußerung (als Wirkung des Innern)
gleichsam sichtbar zu machen: dazu gehören reine Ideen der Vernunft und
große Macht der Einbildungskraft in demjenigen vereinigt, welcher sie nur
Page 97
beurtheilen, vielmehr noch wer sie darstellen will. Die Richtigkeit eines
solchen Ideals 25 der Schönheit beweiset sich darin: daß es keinem
Sinnenreiz sich in das Wohlgefallen an seinem Objecte zu mischen erlaubt
und dennoch ein großes Interesse daran nehmen läßt; welches dann
beweiset, daß die Beurtheilung nach einem solchen Maßstabe niemals rein
ästhetisch sein könne, und die Beurtheilung nach einem Ideale der
Schönheit kein bloßes Urtheil des 5 61 Geschmacks sei.
Aus diesem dritten Momente geschlossene
Erklärung des Schönen.
S c h ö n h e i t ist Form der Z w e c k m ä ß i g k e i t eines Gegenstandes,
sofern sie o h n e Vo r s t e l l u n g e i n e s Z w e c k s an ihm
wahrgenommen 10 wird.[9]
solchen Ideals 25 der Schönheit beweiset sich darin: daß es keinem
Sinnenreiz sich in das Wohlgefallen an seinem Objecte zu mischen erlaubt
und dennoch ein großes Interesse daran nehmen läßt; welches dann
beweiset, daß die Beurtheilung nach einem solchen Maßstabe niemals rein
ästhetisch sein könne, und die Beurtheilung nach einem Ideale der
Schönheit kein bloßes Urtheil des 5 61 Geschmacks sei.
Aus diesem dritten Momente geschlossene
Erklärung des Schönen.
S c h ö n h e i t ist Form der Z w e c k m ä ß i g k e i t eines Gegenstandes,
sofern sie o h n e Vo r s t e l l u n g e i n e s Z w e c k s an ihm
wahrgenommen 10 wird.[9]
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V i e r t e s M o m e n t 62
des Geschmacksurtheils nach der Modalität des Wohlgefallens an dem
Gegenstande.
§ 18. 15
Was die Modalität eines Geschmacksurtheils sei.
Von einer jeden Vorstellung kann ich sagen: wenigstens es sei m ö g l i c h,
daß sie (als Erkenntniß) mit einer Lust verbunden sei. Von dem, was ich
a n g e n e h m nenne, sage ich, daß es in mir w i r k l i c h Lust bewirke. Vom
S c h ö n e n aber denkt man sich, daß es eine nothwendige Beziehung 20
auf das Wohlgefallen habe. Diese Nothwendigkeit nun ist von besonderer
Art: nicht eine theoretische objective Nothwendigkeit, wo a priori erkannt
werden kann, daß jedermann dieses Wohlgefallen an dem von mir schön
genannten Gegenstande f ü h l e n w e r d e; auch nicht eine praktische, wo
durch Begriffe eines reinen Vernunftwillens, welcher freihandelnden Wesen
zur Regel dient, dieses Wohlgefallen die nothwendige Folge eines
objectiven Gesetzes ist und nichts anders bedeutet, als daß man
schlechterdings 5 (ohne weitere Absicht) auf gewisse Art handeln solle.
Sondern sie kann als Nothwendigkeit, die in einem ästhetischen Urtheile
gedacht wird, nur e x e m p l a r i s c h genannt werden, d. i. eine
Nothwendigkeit der Beistimmung a l l e r zu einem Urtheil, was als Beispiel
einer allgemeinen 63 Regel, die man nicht angeben kann, angesehen wird.
Da ein ästhetisches 10 Urtheil kein objectives und Erkenntnißurtheil ist, so
kann diese Nothwendigkeit nicht aus bestimmten Begriffen abgeleitet
werden und ist also nicht apodiktisch. Viel weniger kann sie aus der
Allgemeinheit der Erfahrung (von einer durchgängigen Einhelligkeit der
Urtheile über die Schönheit eines gewissen Gegenstandes) geschlossen
werden. Denn nicht allein daß 15 die Erfahrung hiezu schwerlich
hinreichend viele Beläge schaffen würde, so läßt sich auf empirische
Urtheile kein Begriff der Nothwendigkeit dieser Urtheile gründen.
des Geschmacksurtheils nach der Modalität des Wohlgefallens an dem
Gegenstande.
§ 18. 15
Was die Modalität eines Geschmacksurtheils sei.
Von einer jeden Vorstellung kann ich sagen: wenigstens es sei m ö g l i c h,
daß sie (als Erkenntniß) mit einer Lust verbunden sei. Von dem, was ich
a n g e n e h m nenne, sage ich, daß es in mir w i r k l i c h Lust bewirke. Vom
S c h ö n e n aber denkt man sich, daß es eine nothwendige Beziehung 20
auf das Wohlgefallen habe. Diese Nothwendigkeit nun ist von besonderer
Art: nicht eine theoretische objective Nothwendigkeit, wo a priori erkannt
werden kann, daß jedermann dieses Wohlgefallen an dem von mir schön
genannten Gegenstande f ü h l e n w e r d e; auch nicht eine praktische, wo
durch Begriffe eines reinen Vernunftwillens, welcher freihandelnden Wesen
zur Regel dient, dieses Wohlgefallen die nothwendige Folge eines
objectiven Gesetzes ist und nichts anders bedeutet, als daß man
schlechterdings 5 (ohne weitere Absicht) auf gewisse Art handeln solle.
Sondern sie kann als Nothwendigkeit, die in einem ästhetischen Urtheile
gedacht wird, nur e x e m p l a r i s c h genannt werden, d. i. eine
Nothwendigkeit der Beistimmung a l l e r zu einem Urtheil, was als Beispiel
einer allgemeinen 63 Regel, die man nicht angeben kann, angesehen wird.
Da ein ästhetisches 10 Urtheil kein objectives und Erkenntnißurtheil ist, so
kann diese Nothwendigkeit nicht aus bestimmten Begriffen abgeleitet
werden und ist also nicht apodiktisch. Viel weniger kann sie aus der
Allgemeinheit der Erfahrung (von einer durchgängigen Einhelligkeit der
Urtheile über die Schönheit eines gewissen Gegenstandes) geschlossen
werden. Denn nicht allein daß 15 die Erfahrung hiezu schwerlich
hinreichend viele Beläge schaffen würde, so läßt sich auf empirische
Urtheile kein Begriff der Nothwendigkeit dieser Urtheile gründen.
Page 99
§ 19.
Die subjective Nothwendigkeit, die wir dem Geschmacksurtheile 20
beilegen, ist bedingt.
Das Geschmacksurtheil sinnt jedermann Beistimmung an; und wer etwas
für schön erklärt, will, daß jedermann dem vorliegenden Gegenstande
Beifall geben und ihn gleichfalls für schön erklären s o l l e. Das S o l l e n
im ästhetischen Urtheile wird also selbst nach allen Datis, die zur 25
Beurtheilung erfordert werden, doch nur bedingt ausgesprochen. Man wirbt
um jedes andern Beistimmung, weil man dazu einen Grund hat, der allen
gemein ist; auf welche Beistimmung man auch rechnen könnte, wenn man
nur immer sicher wäre, daß der Fall unter jenem Grunde als 64 Regel des
Beifalls richtig subsumirt wäre. 30
Die subjective Nothwendigkeit, die wir dem Geschmacksurtheile 20
beilegen, ist bedingt.
Das Geschmacksurtheil sinnt jedermann Beistimmung an; und wer etwas
für schön erklärt, will, daß jedermann dem vorliegenden Gegenstande
Beifall geben und ihn gleichfalls für schön erklären s o l l e. Das S o l l e n
im ästhetischen Urtheile wird also selbst nach allen Datis, die zur 25
Beurtheilung erfordert werden, doch nur bedingt ausgesprochen. Man wirbt
um jedes andern Beistimmung, weil man dazu einen Grund hat, der allen
gemein ist; auf welche Beistimmung man auch rechnen könnte, wenn man
nur immer sicher wäre, daß der Fall unter jenem Grunde als 64 Regel des
Beifalls richtig subsumirt wäre. 30
Page 100
§ 20.
Die Bedingung der Nothwendigkeit, die ein Geschmacksurtheil
vorgiebt, ist die Idee eines Gemeinsinnes.
Wenn Geschmacksurtheile (gleich den Erkenntnißurtheilen) ein bestimmtes
objectives Princip hätten, so würde der, welcher sie nach dem 35 letztern
fällt, auf unbedingte Nothwendigkeit seines Urtheils Anspruch machen.
Wären sie ohne alles Princip, wie die des bloßen Sinnengeschmacks, so
würde man sich gar keine Nothwendigkeit derselben in die Gedanken
kommen lassen. Also müssen sie ein subjectives Princip haben, welches nur
durch Gefühl und nicht durch Begriffe, doch aber allgemeingültig 5
bestimme, was gefalle oder mißfalle. Ein solches Princip aber könnte nur
als ein G e m e i n s i n n angesehen werden, welcher vom gemeinen
Verstande, den man bisweilen auch Gemeinsinn (sensus communis) nennt,
wesentlich unterschieden ist: indem letzterer nicht nach Gefühl, sondern
jederzeit nach Begriffen, wiewohl gemeiniglich nur als nach dunkel 10
vorgestellten Principien, urtheilt.
Also nur unter der Voraussetzung, daß es einen Gemeinsinn gebe (wodurch
wir aber keinen äußern Sinn, sondern die Wirkung aus dem freien Spiel
unserer Erkenntnißkräfte verstehen), nur unter Voraussetzung, 65 sage ich,
eines solchen Gemeinsinns kann das Geschmacksurtheil gefällt 15 werden.
Die Bedingung der Nothwendigkeit, die ein Geschmacksurtheil
vorgiebt, ist die Idee eines Gemeinsinnes.
Wenn Geschmacksurtheile (gleich den Erkenntnißurtheilen) ein bestimmtes
objectives Princip hätten, so würde der, welcher sie nach dem 35 letztern
fällt, auf unbedingte Nothwendigkeit seines Urtheils Anspruch machen.
Wären sie ohne alles Princip, wie die des bloßen Sinnengeschmacks, so
würde man sich gar keine Nothwendigkeit derselben in die Gedanken
kommen lassen. Also müssen sie ein subjectives Princip haben, welches nur
durch Gefühl und nicht durch Begriffe, doch aber allgemeingültig 5
bestimme, was gefalle oder mißfalle. Ein solches Princip aber könnte nur
als ein G e m e i n s i n n angesehen werden, welcher vom gemeinen
Verstande, den man bisweilen auch Gemeinsinn (sensus communis) nennt,
wesentlich unterschieden ist: indem letzterer nicht nach Gefühl, sondern
jederzeit nach Begriffen, wiewohl gemeiniglich nur als nach dunkel 10
vorgestellten Principien, urtheilt.
Also nur unter der Voraussetzung, daß es einen Gemeinsinn gebe (wodurch
wir aber keinen äußern Sinn, sondern die Wirkung aus dem freien Spiel
unserer Erkenntnißkräfte verstehen), nur unter Voraussetzung, 65 sage ich,
eines solchen Gemeinsinns kann das Geschmacksurtheil gefällt 15 werden.
Page 101
§ 21.
Ob man mit Grunde einen Gemeinsinn voraussetzen könne.
Erkenntnisse und Urtheile müssen sich sammt der Überzeugung, die sie
begleitet, allgemein mittheilen lassen; denn sonst käme ihnen keine
Übereinstimmung 20 mit dem Object zu: sie wären insgesammt ein bloß
subjectives Spiel der Vorstellungskräfte, gerade so wie es der Skepticism
verlangt. Sollen sich aber Erkenntnisse mittheilen lassen, so muß sich auch
der Gemüthszustand, d. i. die Stimmung der Erkenntnißkräfte zu einer
Erkenntniß überhaupt, und zwar diejenige Proportion, welche sich für 25
eine Vorstellung (wodurch uns ein Gegenstand gegeben wird) gebührt, um
daraus Erkenntniß zu machen, allgemein mittheilen lassen: weil ohne diese
als subjective Bedingung des Erkennens das Erkenntniß als Wirkung nicht
entspringen könnte. Dieses geschieht auch wirklich jederzeit, wenn ein
gegebener Gegenstand vermittelst der Sinne die Einbildungskraft zur 30
Zusammensetzung des Mannigfaltigen, diese aber den Verstand zur Einheit
desselben in Begriffen in Thätigkeit bringt. Aber diese Stimmung der
Erkenntnißkräfte hat nach Verschiedenheit der Objecte, die gegeben
werden, eine verschiedene Proportion. Gleichwohl aber muß es eine geben,
66 in welcher dieses innere Verhältniß zur Belebung (einer durch die andere)
35 die zuträglichste für beide Gemüthskräfte in Absicht auf Erkenntniß
(gegebener Gegenstände) überhaupt ist; und diese Stimmung kann nicht
anders als durch das Gefühl (nicht nach Begriffen) bestimmt werden. Da
sich nun diese Stimmung selbst muß allgemein mittheilen lassen, mithin
auch das Gefühl derselben (bei einer gegebenen Vorstellung); die
allgemeine Mittheilbarkeit eines Gefühls aber einen Gemeinsinn
voraussetzt: 5 so wird dieser mit Grunde angenommen werden können, und
zwar ohne sich desfalls auf psychologische Beobachtungen zu fußen,
sondern als die nothwendige Bedingung der allgemeinen Mittheilbarkeit
unserer Erkenntniß, welche in jeder Logik und jedem Princip der
Erkenntnisse, das nicht skeptisch ist, vorausgesetzt werden muß. 10
Ob man mit Grunde einen Gemeinsinn voraussetzen könne.
Erkenntnisse und Urtheile müssen sich sammt der Überzeugung, die sie
begleitet, allgemein mittheilen lassen; denn sonst käme ihnen keine
Übereinstimmung 20 mit dem Object zu: sie wären insgesammt ein bloß
subjectives Spiel der Vorstellungskräfte, gerade so wie es der Skepticism
verlangt. Sollen sich aber Erkenntnisse mittheilen lassen, so muß sich auch
der Gemüthszustand, d. i. die Stimmung der Erkenntnißkräfte zu einer
Erkenntniß überhaupt, und zwar diejenige Proportion, welche sich für 25
eine Vorstellung (wodurch uns ein Gegenstand gegeben wird) gebührt, um
daraus Erkenntniß zu machen, allgemein mittheilen lassen: weil ohne diese
als subjective Bedingung des Erkennens das Erkenntniß als Wirkung nicht
entspringen könnte. Dieses geschieht auch wirklich jederzeit, wenn ein
gegebener Gegenstand vermittelst der Sinne die Einbildungskraft zur 30
Zusammensetzung des Mannigfaltigen, diese aber den Verstand zur Einheit
desselben in Begriffen in Thätigkeit bringt. Aber diese Stimmung der
Erkenntnißkräfte hat nach Verschiedenheit der Objecte, die gegeben
werden, eine verschiedene Proportion. Gleichwohl aber muß es eine geben,
66 in welcher dieses innere Verhältniß zur Belebung (einer durch die andere)
35 die zuträglichste für beide Gemüthskräfte in Absicht auf Erkenntniß
(gegebener Gegenstände) überhaupt ist; und diese Stimmung kann nicht
anders als durch das Gefühl (nicht nach Begriffen) bestimmt werden. Da
sich nun diese Stimmung selbst muß allgemein mittheilen lassen, mithin
auch das Gefühl derselben (bei einer gegebenen Vorstellung); die
allgemeine Mittheilbarkeit eines Gefühls aber einen Gemeinsinn
voraussetzt: 5 so wird dieser mit Grunde angenommen werden können, und
zwar ohne sich desfalls auf psychologische Beobachtungen zu fußen,
sondern als die nothwendige Bedingung der allgemeinen Mittheilbarkeit
unserer Erkenntniß, welche in jeder Logik und jedem Princip der
Erkenntnisse, das nicht skeptisch ist, vorausgesetzt werden muß. 10
Page 102
§ 22.
Die Nothwendigkeit der allgemeinen Beistimmung, die in einem
Geschmacksurtheil gedacht wird, ist eine subjective Nothwendigkeit,
die unter der Voraussetzung eines Gemeinsinns als objectiv vorgestellt
wird. 15
In allen Urtheilen, wodurch wir etwas für schön erklären, verstatten wir
keinem anderer Meinung zu sein; ohne gleichwohl unser Urtheil auf 67
Begriffe, sondern nur auf unser Gefühl zu gründen: welches wir also nicht
als Privatgefühl, sondern als ein gemeinschaftliches zum Grunde legen.
Nun kann dieser Gemeinsinn zu diesem Behuf nicht auf der Erfahrung 20
gegründet werden; denn er will zu Urtheilen berechtigen, die ein Sollen
enthalten: er sagt nicht, daß jedermann mit unserm Urtheile übereinstimmen
w e r d e, sondern damit zusammenstimmen s o l l e. Also ist der
Gemeinsinn, von dessen Urtheil ich mein Geschmacksurtheil hier als ein
Beispiel angebe und weswegen ich ihm e x e m p l a r i s c h e Gültigkeit
beilege, 25 eine bloße idealische Norm, unter deren Voraussetzung man ein
Urtheil, welches mit ihr zusammenstimmte, und das in demselben
ausgedrückte Wohlgefallen an einem Object für jedermann mit Recht zur
Regel machen könnte: weil das Princip, zwar nur subjectiv, dennoch aber,
für subjectiv-allgemein (eine jedermann nothwendige Idee) angenommen,
was 30 die Einhelligkeit verschiedener Urtheilenden betrifft, gleich einem
objectiven allgemeine Beistimmung fordern könnte; wenn man nur sicher
wäre, darunter richtig subsumirt zu haben.
Diese unbestimmte Norm eines Gemeinsinns wird von uns wirklich
vorausgesetzt: das beweiset unsere Anmaßung Geschmacksurtheile zu
fällen. 35 Ob es in der That einen solchen Gemeinsinn als constitutives
Princip der Möglichkeit der Erfahrung gebe, oder ein noch höheres Princip
der Vernunft es uns nur zum regulativen Princip mache, allererst einen
Gemeinsinn 68 zu höhern Zwecken in uns hervorzubringen; ob also
Geschmack ein ursprüngliches und natürliches, oder nur die Idee von einem
noch zu erwerbenden 5 und künstlichen Vermögen sei, so daß ein
Geschmacksurtheil mit seiner Zumuthung einer allgemeinen Beistimmung
in der That nur eine Vernunftforderung sei, eine solche Einhelligkeit der
Sinnesart hervorzubringen, und das Sollen, d. i. die objective
Die Nothwendigkeit der allgemeinen Beistimmung, die in einem
Geschmacksurtheil gedacht wird, ist eine subjective Nothwendigkeit,
die unter der Voraussetzung eines Gemeinsinns als objectiv vorgestellt
wird. 15
In allen Urtheilen, wodurch wir etwas für schön erklären, verstatten wir
keinem anderer Meinung zu sein; ohne gleichwohl unser Urtheil auf 67
Begriffe, sondern nur auf unser Gefühl zu gründen: welches wir also nicht
als Privatgefühl, sondern als ein gemeinschaftliches zum Grunde legen.
Nun kann dieser Gemeinsinn zu diesem Behuf nicht auf der Erfahrung 20
gegründet werden; denn er will zu Urtheilen berechtigen, die ein Sollen
enthalten: er sagt nicht, daß jedermann mit unserm Urtheile übereinstimmen
w e r d e, sondern damit zusammenstimmen s o l l e. Also ist der
Gemeinsinn, von dessen Urtheil ich mein Geschmacksurtheil hier als ein
Beispiel angebe und weswegen ich ihm e x e m p l a r i s c h e Gültigkeit
beilege, 25 eine bloße idealische Norm, unter deren Voraussetzung man ein
Urtheil, welches mit ihr zusammenstimmte, und das in demselben
ausgedrückte Wohlgefallen an einem Object für jedermann mit Recht zur
Regel machen könnte: weil das Princip, zwar nur subjectiv, dennoch aber,
für subjectiv-allgemein (eine jedermann nothwendige Idee) angenommen,
was 30 die Einhelligkeit verschiedener Urtheilenden betrifft, gleich einem
objectiven allgemeine Beistimmung fordern könnte; wenn man nur sicher
wäre, darunter richtig subsumirt zu haben.
Diese unbestimmte Norm eines Gemeinsinns wird von uns wirklich
vorausgesetzt: das beweiset unsere Anmaßung Geschmacksurtheile zu
fällen. 35 Ob es in der That einen solchen Gemeinsinn als constitutives
Princip der Möglichkeit der Erfahrung gebe, oder ein noch höheres Princip
der Vernunft es uns nur zum regulativen Princip mache, allererst einen
Gemeinsinn 68 zu höhern Zwecken in uns hervorzubringen; ob also
Geschmack ein ursprüngliches und natürliches, oder nur die Idee von einem
noch zu erwerbenden 5 und künstlichen Vermögen sei, so daß ein
Geschmacksurtheil mit seiner Zumuthung einer allgemeinen Beistimmung
in der That nur eine Vernunftforderung sei, eine solche Einhelligkeit der
Sinnesart hervorzubringen, und das Sollen, d. i. die objective
Page 103
Nothwendigkeit des Zusammenfließens des Gefühls von jedermann mit
jedes seinem besondern, 10 nur die Möglichkeit hierin einträchtig zu
werden bedeute, und das Geschmacksurtheil nur von Anwendung dieses
Princips ein Beispiel aufstelle: das wollen und können wir hier noch nicht
untersuchen, sondern haben für jetzt nur das Geschmacksvermögen in seine
Elemente aufzulösen und sie zuletzt in der Idee eines Gemeinsinns zu
vereinigen. 15
Aus dem vierten Moment gefolgerte Erklärung vom
Schönen.
S c h ö n ist, was ohne Begriff als Gegenstand eines n o t h w e n d i g e n
Wohlgefallens erkannt wird.
jedes seinem besondern, 10 nur die Möglichkeit hierin einträchtig zu
werden bedeute, und das Geschmacksurtheil nur von Anwendung dieses
Princips ein Beispiel aufstelle: das wollen und können wir hier noch nicht
untersuchen, sondern haben für jetzt nur das Geschmacksvermögen in seine
Elemente aufzulösen und sie zuletzt in der Idee eines Gemeinsinns zu
vereinigen. 15
Aus dem vierten Moment gefolgerte Erklärung vom
Schönen.
S c h ö n ist, was ohne Begriff als Gegenstand eines n o t h w e n d i g e n
Wohlgefallens erkannt wird.
Page 104
Allgemeine Anmerkung zum ersten Abschnitte der Analytik. 20
Wenn man das Resultat aus den obigen Zergliederungen zieht, so findet
sich, daß alles auf den Begriff des Geschmacks herauslaufe: daß er ein
Beurtheilungsvermögen eines Gegenstandes in Beziehung auf die 69 f r e i e
G e s e t z m ä ß i g k e i t der Einbildungskraft sei. Wenn nun im
Geschmacksurtheile die Einbildungskraft in ihrer Freiheit betrachtet werden
25 muß, so wird sie erstlich nicht reproductiv, wie sie den
Associationsgesetzen unterworfen ist, sondern als productiv und
selbstthätig (als Urheberin willkürlicher Formen möglicher Anschauungen)
angenommen; und ob sie zwar bei der Auffassung eines gegebenen
Gegenstandes der Sinne an eine bestimmte Form dieses Objects gebunden
ist und sofern kein freies Spiel 30 (wie im Dichten) hat, so läßt sich doch
noch wohl begreifen: daß der Gegenstand ihr gerade eine solche Form an
die Hand geben könne, die eine Zusammensetzung des Mannigfaltigen
enthält, wie sie die Einbildungskraft, wenn sie sich selbst frei überlassen
wäre, in Einstimmung mit der Ve r s t a n d e s g e s e t z m ä ß i g k e i t
überhaupt entwerfen würde. Allein daß die E i n b i l d u n g s k r a f t f r e i
und doch v o n s e l b s t g e s e t z m ä ß i g sei, d. i. daß sie eine Autonomie
bei sich führe, ist ein Widerspruch. Der Verstand 5 allein giebt das Gesetz.
Wenn aber die Einbildungskraft nach einem bestimmten Gesetze zu
verfahren genöthigt wird, so wird ihr Product der Form nach durch Begriffe
bestimmt, wie es sein soll; aber alsdann ist das Wohlgefallen, wie oben
gezeigt, nicht das am Schönen, sondern am Guten (der Vollkommenheit,
allenfalls bloß der formalen), und das Urtheil ist 10 kein Urtheil durch
Geschmack. Es wird also eine Gesetzmäßigkeit ohne Gesetz und eine
subjective Übereinstimmung der Einbildungskraft zum Verstande ohne eine
objective, da die Vorstellung auf einen bestimmten Begriff von einem
Gegenstande bezogen wird, mit der freien Gesetzmäßigkeit des Verstandes
(welche auch Zweckmäßigkeit ohne Zweck genannt worden) 15 und mit
der Eigenthümlichkeit eines Geschmacksurtheils allein zusammen bestehen
können.
Nun werden geometrisch-regelmäßige Gestalten, eine Cirkelfigur, ein 70
Quadrat, ein Würfel u. s. w., von Kritikern des Geschmacks gemeiniglich
als die einfachsten und unzweifelhaftesten Beispiele der Schönheit
Wenn man das Resultat aus den obigen Zergliederungen zieht, so findet
sich, daß alles auf den Begriff des Geschmacks herauslaufe: daß er ein
Beurtheilungsvermögen eines Gegenstandes in Beziehung auf die 69 f r e i e
G e s e t z m ä ß i g k e i t der Einbildungskraft sei. Wenn nun im
Geschmacksurtheile die Einbildungskraft in ihrer Freiheit betrachtet werden
25 muß, so wird sie erstlich nicht reproductiv, wie sie den
Associationsgesetzen unterworfen ist, sondern als productiv und
selbstthätig (als Urheberin willkürlicher Formen möglicher Anschauungen)
angenommen; und ob sie zwar bei der Auffassung eines gegebenen
Gegenstandes der Sinne an eine bestimmte Form dieses Objects gebunden
ist und sofern kein freies Spiel 30 (wie im Dichten) hat, so läßt sich doch
noch wohl begreifen: daß der Gegenstand ihr gerade eine solche Form an
die Hand geben könne, die eine Zusammensetzung des Mannigfaltigen
enthält, wie sie die Einbildungskraft, wenn sie sich selbst frei überlassen
wäre, in Einstimmung mit der Ve r s t a n d e s g e s e t z m ä ß i g k e i t
überhaupt entwerfen würde. Allein daß die E i n b i l d u n g s k r a f t f r e i
und doch v o n s e l b s t g e s e t z m ä ß i g sei, d. i. daß sie eine Autonomie
bei sich führe, ist ein Widerspruch. Der Verstand 5 allein giebt das Gesetz.
Wenn aber die Einbildungskraft nach einem bestimmten Gesetze zu
verfahren genöthigt wird, so wird ihr Product der Form nach durch Begriffe
bestimmt, wie es sein soll; aber alsdann ist das Wohlgefallen, wie oben
gezeigt, nicht das am Schönen, sondern am Guten (der Vollkommenheit,
allenfalls bloß der formalen), und das Urtheil ist 10 kein Urtheil durch
Geschmack. Es wird also eine Gesetzmäßigkeit ohne Gesetz und eine
subjective Übereinstimmung der Einbildungskraft zum Verstande ohne eine
objective, da die Vorstellung auf einen bestimmten Begriff von einem
Gegenstande bezogen wird, mit der freien Gesetzmäßigkeit des Verstandes
(welche auch Zweckmäßigkeit ohne Zweck genannt worden) 15 und mit
der Eigenthümlichkeit eines Geschmacksurtheils allein zusammen bestehen
können.
Nun werden geometrisch-regelmäßige Gestalten, eine Cirkelfigur, ein 70
Quadrat, ein Würfel u. s. w., von Kritikern des Geschmacks gemeiniglich
als die einfachsten und unzweifelhaftesten Beispiele der Schönheit
Page 105
angeführt; 20 und dennoch werden sie eben darum regelmäßig genannt,
weil man sie nicht anders vorstellen kann als so, daß sie für bloße
Darstellungen eines bestimmten Begriffs, der jener Gestalt die Regel
vorschreibt (nach der sie allein möglich ist), angesehen werden. Eines von
beiden muß also irrig sein: entweder jenes Urtheil der Kritiker, gedachten
Gestalten Schönheit 25 beizulegen; oder das unsrige, welches
Zweckmäßigkeit ohne Begriff zur Schönheit nöthig findet.
Niemand wird leichtlich einen Menschen von Geschmack dazu nöthig
finden, um an einer Cirkelgestalt mehr Wohlgefallen, als an einem
kritzlichen Umrisse, an einem gleichseitigen und gleicheckigen Viereck
mehr, als 30 an einem schiefen, ungleichseitigen, gleichsam verkrüppelten
zu finden; denn dazu gehört nur gemeiner Verstand und gar kein
Geschmack. Wo eine Absicht, z. B. die Größe eines Platzes zu beurtheilen,
oder das Verhältniß der Theile zu einander und zum Ganzen in einer
Eintheilung faßlich zu machen, wahrgenommen wird: da sind regelmäßige
Gestalten und zwar 35 die von der einfachsten Art nöthig; und das
Wohlgefallen ruht nicht unmittelbar auf dem Anblicke der Gestalt, sondern
der Brauchbarkeit derselben zu allerlei möglicher Absicht. Ein Zimmer,
dessen Wände schiefe Winkel machen, ein Gartenplatz von solcher Art,
selbst alle Verletzung der Symmetrie sowohl in der Gestalt der Thiere (z. B.
einäugig zu sein), als der Gebäude oder der Blumenstücke mißfällt, weil es
zweckwidrig ist, nicht allein praktisch in Ansehung eines bestimmten
Gebrauchs dieser Dinge, 5 sondern auch für die Beurtheilung in allerlei
möglicher Absicht; welches der Fall im Geschmacksurtheile nicht ist,
welches, wenn es rein ist, Wohlgefallen 71 oder Mißfallen ohne Rücksicht
auf den Gebrauch oder einen Zweck mit der bloßen B e t r a c h t u n g des
Gegenstandes unmittelbar verbindet.
Die Regelmäßigkeit, die zum Begriffe von einem Gegenstande führt, 10 ist
zwar die unentbehrliche Bedingung (conditio sine qua non), den
Gegenstand in eine einzige Vorstellung zu fassen und das Mannigfaltige in
der Form desselben zu bestimmen. Diese Bestimmung ist ein Zweck in
Ansehung der Erkenntniß; und in Beziehung auf diese ist sie auch jederzeit
mit Wohlgefallen (welches die Bewirkung einer jeden auch bloß
problematischen 15 Absicht begleitet) verbunden. Es ist aber alsdann bloß
die Billigung der Auflösung, die einer Aufgabe Gnüge thut, und nicht eine
freie und unbestimmt-zweckmäßige Unterhaltung der Gemüthskräfte mit
weil man sie nicht anders vorstellen kann als so, daß sie für bloße
Darstellungen eines bestimmten Begriffs, der jener Gestalt die Regel
vorschreibt (nach der sie allein möglich ist), angesehen werden. Eines von
beiden muß also irrig sein: entweder jenes Urtheil der Kritiker, gedachten
Gestalten Schönheit 25 beizulegen; oder das unsrige, welches
Zweckmäßigkeit ohne Begriff zur Schönheit nöthig findet.
Niemand wird leichtlich einen Menschen von Geschmack dazu nöthig
finden, um an einer Cirkelgestalt mehr Wohlgefallen, als an einem
kritzlichen Umrisse, an einem gleichseitigen und gleicheckigen Viereck
mehr, als 30 an einem schiefen, ungleichseitigen, gleichsam verkrüppelten
zu finden; denn dazu gehört nur gemeiner Verstand und gar kein
Geschmack. Wo eine Absicht, z. B. die Größe eines Platzes zu beurtheilen,
oder das Verhältniß der Theile zu einander und zum Ganzen in einer
Eintheilung faßlich zu machen, wahrgenommen wird: da sind regelmäßige
Gestalten und zwar 35 die von der einfachsten Art nöthig; und das
Wohlgefallen ruht nicht unmittelbar auf dem Anblicke der Gestalt, sondern
der Brauchbarkeit derselben zu allerlei möglicher Absicht. Ein Zimmer,
dessen Wände schiefe Winkel machen, ein Gartenplatz von solcher Art,
selbst alle Verletzung der Symmetrie sowohl in der Gestalt der Thiere (z. B.
einäugig zu sein), als der Gebäude oder der Blumenstücke mißfällt, weil es
zweckwidrig ist, nicht allein praktisch in Ansehung eines bestimmten
Gebrauchs dieser Dinge, 5 sondern auch für die Beurtheilung in allerlei
möglicher Absicht; welches der Fall im Geschmacksurtheile nicht ist,
welches, wenn es rein ist, Wohlgefallen 71 oder Mißfallen ohne Rücksicht
auf den Gebrauch oder einen Zweck mit der bloßen B e t r a c h t u n g des
Gegenstandes unmittelbar verbindet.
Die Regelmäßigkeit, die zum Begriffe von einem Gegenstande führt, 10 ist
zwar die unentbehrliche Bedingung (conditio sine qua non), den
Gegenstand in eine einzige Vorstellung zu fassen und das Mannigfaltige in
der Form desselben zu bestimmen. Diese Bestimmung ist ein Zweck in
Ansehung der Erkenntniß; und in Beziehung auf diese ist sie auch jederzeit
mit Wohlgefallen (welches die Bewirkung einer jeden auch bloß
problematischen 15 Absicht begleitet) verbunden. Es ist aber alsdann bloß
die Billigung der Auflösung, die einer Aufgabe Gnüge thut, und nicht eine
freie und unbestimmt-zweckmäßige Unterhaltung der Gemüthskräfte mit
Page 106
dem, was wir schön nennen, und wobei der Verstand der Einbildungskraft
und nicht diese jenem zu Diensten ist. 20
An einem Dinge, das nur durch eine Absicht möglich ist, einem Gebäude,
selbst einem Thier muß die Regelmäßigkeit, die in der Symmetrie besteht,
die Einheit der Anschauung ausdrücken, welche den Begriff des Zwecks
begleitet, und gehört mit zum Erkenntnisse. Aber wo nur ein freies Spiel der
Vorstellungskräfte (doch unter der Bedingung, daß der 25 Verstand dabei
keinen Anstoß leide) unterhalten werden soll, in Lustgärten,
Stubenverzierung, allerlei geschmackvollem Geräthe u. d. gl., wird die
Regelmäßigkeit, die sich als Zwang ankündigt, so viel möglich vermieden;
daher der englische Geschmack in Gärten, der Barockgeschmack an
Möbeln die Freiheit der Einbildungskraft wohl eher bis zur Annäherung
zum Grotesken 30 treibt und in dieser Absonderung von allem Zwange der
Regel eben den Fall setzt, wo der Geschmack in Entwürfen der
Einbildungskraft seine 72 größte Vollkommenheit zeigen kann.
Alles Steif-Regelmäßige (was der mathematischen Regelmäßigkeit nahe
kommt) hat das Geschmackwidrige an sich: daß es keine lange
Unterhaltung 35 mit der Betrachtung desselben gewährt, sondern, sofern es
nicht ausdrücklich das Erkenntniß, oder einen bestimmten praktischen
Zweck zur Absicht hat, lange Weile macht. Dagegen ist das, womit
Einbildungskraft ungesucht und zweckmäßig spielen kann, uns jederzeit
neu, und man wird seines Anblicks nicht überdrüssig. M a r s d e n in seiner
Beschreibung von Sumatra macht die Anmerkung, daß die freien
Schönheiten der Natur 5 den Zuschauer daselbst überall umgeben und
daher wenig Anziehendes mehr für ihn haben: dagegen ein Pfeffergarten,
wo die Stangen, an denen sich dieses Gewächs rankt, in Parallellinien
Alleen zwischen sich bilden, wenn er ihn mitten in einem Walde antraf, für
ihn viel Reiz hatte; und schließt daraus, daß wilde, dem Anscheine nach
regellose Schönheit nur 10 dem zur Abwechselung gefalle, der sich an der
regelmäßigen satt gesehen hat. Allein er durfte nur den Versuch machen,
sich einen Tag bei seinem Pfeffergarten aufzuhalten, um inne zu werden,
daß, wenn der Verstand durch die Regelmäßigkeit sich in die Stimmung zur
Ordnung, die er allerwärts bedarf, versetzt hat, ihn der Gegenstand nicht
länger unterhalte, 15 vielmehr der Einbildungskraft einen lästigen Zwang
anthue: wogegen die dort an Mannigfaltigkeiten bis zur Üppigkeit
verschwenderische Natur, die keinem Zwange künstlicher Regeln
und nicht diese jenem zu Diensten ist. 20
An einem Dinge, das nur durch eine Absicht möglich ist, einem Gebäude,
selbst einem Thier muß die Regelmäßigkeit, die in der Symmetrie besteht,
die Einheit der Anschauung ausdrücken, welche den Begriff des Zwecks
begleitet, und gehört mit zum Erkenntnisse. Aber wo nur ein freies Spiel der
Vorstellungskräfte (doch unter der Bedingung, daß der 25 Verstand dabei
keinen Anstoß leide) unterhalten werden soll, in Lustgärten,
Stubenverzierung, allerlei geschmackvollem Geräthe u. d. gl., wird die
Regelmäßigkeit, die sich als Zwang ankündigt, so viel möglich vermieden;
daher der englische Geschmack in Gärten, der Barockgeschmack an
Möbeln die Freiheit der Einbildungskraft wohl eher bis zur Annäherung
zum Grotesken 30 treibt und in dieser Absonderung von allem Zwange der
Regel eben den Fall setzt, wo der Geschmack in Entwürfen der
Einbildungskraft seine 72 größte Vollkommenheit zeigen kann.
Alles Steif-Regelmäßige (was der mathematischen Regelmäßigkeit nahe
kommt) hat das Geschmackwidrige an sich: daß es keine lange
Unterhaltung 35 mit der Betrachtung desselben gewährt, sondern, sofern es
nicht ausdrücklich das Erkenntniß, oder einen bestimmten praktischen
Zweck zur Absicht hat, lange Weile macht. Dagegen ist das, womit
Einbildungskraft ungesucht und zweckmäßig spielen kann, uns jederzeit
neu, und man wird seines Anblicks nicht überdrüssig. M a r s d e n in seiner
Beschreibung von Sumatra macht die Anmerkung, daß die freien
Schönheiten der Natur 5 den Zuschauer daselbst überall umgeben und
daher wenig Anziehendes mehr für ihn haben: dagegen ein Pfeffergarten,
wo die Stangen, an denen sich dieses Gewächs rankt, in Parallellinien
Alleen zwischen sich bilden, wenn er ihn mitten in einem Walde antraf, für
ihn viel Reiz hatte; und schließt daraus, daß wilde, dem Anscheine nach
regellose Schönheit nur 10 dem zur Abwechselung gefalle, der sich an der
regelmäßigen satt gesehen hat. Allein er durfte nur den Versuch machen,
sich einen Tag bei seinem Pfeffergarten aufzuhalten, um inne zu werden,
daß, wenn der Verstand durch die Regelmäßigkeit sich in die Stimmung zur
Ordnung, die er allerwärts bedarf, versetzt hat, ihn der Gegenstand nicht
länger unterhalte, 15 vielmehr der Einbildungskraft einen lästigen Zwang
anthue: wogegen die dort an Mannigfaltigkeiten bis zur Üppigkeit
verschwenderische Natur, die keinem Zwange künstlicher Regeln
Page 107
unterworfen ist, seinem Geschmacke für beständig Nahrung geben könne.
— Selbst der Gesang der Vögel, den wir unter keine musikalische Regel
bringen können, scheint mehr Freiheit 20 und darum mehr für den
Geschmack zu enthalten, als selbst ein menschlicher Gesang, der nach allen
Regeln der Tonkunst geführt wird: weil man 73 des letztern, wenn er oft und
lange Zeit wiederholt wird, weit eher überdrüssig wird. Allein hier
vertauschen wir vermuthlich unsere Theilnehmung an der Lustigkeit eines
kleinen beliebten Thierchens mit der Schönheit 25 seines Gesanges, der,
wenn er vom Menschen (wie dies mit dem Schlagen der Nachtigall
bisweilen geschieht) ganz genau nachgeahmt wird, unserm Ohre ganz
geschmacklos zu sein dünkt.
Noch sind schöne Gegenstände von schönen Aussichten auf Gegenstände
(die öfter der Entfernung wegen nicht mehr deutlich erkannt werden 30
können) zu unterscheiden. In den letztern scheint der Geschmack nicht
sowohl an dem, was die Einbildungskraft in diesem Felde a u f f a ß t, als
vielmehr an dem, was sie hiebei zu d i c h t e n Anlaß bekommt, d. i. an den
eigentlichen Phantasieen, womit sich das Gemüth unterhält, indessen daß es
durch die Mannigfaltigkeit, auf die das Auge stößt, continuirlich erweckt 35
wird, zu haften; so wie etwa bei dem Anblick der veränderlichen Gestalten
eines Kaminfeuers oder eines rieselnden Baches, welche beide keine
Schönheiten sind, aber doch für die Einbildungskraft einen Reiz bei sich
führen, weil sie ihr freies Spiel unterhalten.
— Selbst der Gesang der Vögel, den wir unter keine musikalische Regel
bringen können, scheint mehr Freiheit 20 und darum mehr für den
Geschmack zu enthalten, als selbst ein menschlicher Gesang, der nach allen
Regeln der Tonkunst geführt wird: weil man 73 des letztern, wenn er oft und
lange Zeit wiederholt wird, weit eher überdrüssig wird. Allein hier
vertauschen wir vermuthlich unsere Theilnehmung an der Lustigkeit eines
kleinen beliebten Thierchens mit der Schönheit 25 seines Gesanges, der,
wenn er vom Menschen (wie dies mit dem Schlagen der Nachtigall
bisweilen geschieht) ganz genau nachgeahmt wird, unserm Ohre ganz
geschmacklos zu sein dünkt.
Noch sind schöne Gegenstände von schönen Aussichten auf Gegenstände
(die öfter der Entfernung wegen nicht mehr deutlich erkannt werden 30
können) zu unterscheiden. In den letztern scheint der Geschmack nicht
sowohl an dem, was die Einbildungskraft in diesem Felde a u f f a ß t, als
vielmehr an dem, was sie hiebei zu d i c h t e n Anlaß bekommt, d. i. an den
eigentlichen Phantasieen, womit sich das Gemüth unterhält, indessen daß es
durch die Mannigfaltigkeit, auf die das Auge stößt, continuirlich erweckt 35
wird, zu haften; so wie etwa bei dem Anblick der veränderlichen Gestalten
eines Kaminfeuers oder eines rieselnden Baches, welche beide keine
Schönheiten sind, aber doch für die Einbildungskraft einen Reiz bei sich
führen, weil sie ihr freies Spiel unterhalten.
Page 108
Zweites Buch 74
Analytik des Erhabenen.
§ 23. 5
Übergang von dem Beurtheilungsvermögen des Schönen zu dem des
Erhabenen.
Das Schöne kommt darin mit dem Erhabenen überein, daß beides für sich
selbst gefällt. Ferner darin, daß beides kein Sinnes- noch ein logisch-
bestimmendes, sondern ein Reflexionsurtheil voraussetzt: folglich 10 das
Wohlgefallen nicht an einer Empfindung wie die des Angenehmen, noch an
einem bestimmten Begriffe wie das Wohlgefallen am Guten hängt,
gleichwohl aber doch auf Begriffe, obzwar unbestimmt welche, bezogen
wird; mithin das Wohlgefallen an der bloßen Darstellung oder dem
Vermögen derselben geknüpft ist, wodurch das Vermögen der Darstellung
15 oder die Einbildungskraft bei einer gegebenen Anschauung mit dem
Ve r m ö g e n d e r B e g r i f f e des Verstandes oder der Vernunft, als
Beförderung der letztern, in Einstimmung betrachtet wird. Daher sind auch
beiderlei Urtheile e i n z e l n e und doch sich für allgemeingültig in
Ansehung jedes Subjects ankündigende Urtheile, ob sie zwar bloß auf das
Gefühl der Lust 20 und auf kein Erkenntniß des Gegenstandes Anspruch
machen.
Allein es sind auch namhafte Unterschiede zwischen beiden in die 75 Augen
fallend. Das Schöne der Natur betrifft die Form des Gegenstandes, die in
der Begränzung besteht; das Erhabene ist dagegen auch an einem formlosen
Gegenstande zu finden, sofern U n b e g r ä n z t h e i t an 25 ihm oder durch
dessen Veranlassung vorgestellt und doch Totalität derselben hinzugedacht
wird: so daß das Schöne für die Darstellung eines unbestimmten
Verstandesbegriffs, das Erhabene aber eines dergleichen Vernunftbegriffs
genommen zu werden scheint. Also ist das Wohlgefallen dort mit der
Vorstellung der Q u a l i t ä t, hier aber der Q u a n t i t ä t verbunden. 30
Auch ist das letztere der Art nach von dem ersteren Wohlgefallen gar sehr
unterschieden: indem dieses (das Schöne) directe ein Gefühl der
Beförderung des Lebens bei sich führt und daher mit Reizen und einer
Analytik des Erhabenen.
§ 23. 5
Übergang von dem Beurtheilungsvermögen des Schönen zu dem des
Erhabenen.
Das Schöne kommt darin mit dem Erhabenen überein, daß beides für sich
selbst gefällt. Ferner darin, daß beides kein Sinnes- noch ein logisch-
bestimmendes, sondern ein Reflexionsurtheil voraussetzt: folglich 10 das
Wohlgefallen nicht an einer Empfindung wie die des Angenehmen, noch an
einem bestimmten Begriffe wie das Wohlgefallen am Guten hängt,
gleichwohl aber doch auf Begriffe, obzwar unbestimmt welche, bezogen
wird; mithin das Wohlgefallen an der bloßen Darstellung oder dem
Vermögen derselben geknüpft ist, wodurch das Vermögen der Darstellung
15 oder die Einbildungskraft bei einer gegebenen Anschauung mit dem
Ve r m ö g e n d e r B e g r i f f e des Verstandes oder der Vernunft, als
Beförderung der letztern, in Einstimmung betrachtet wird. Daher sind auch
beiderlei Urtheile e i n z e l n e und doch sich für allgemeingültig in
Ansehung jedes Subjects ankündigende Urtheile, ob sie zwar bloß auf das
Gefühl der Lust 20 und auf kein Erkenntniß des Gegenstandes Anspruch
machen.
Allein es sind auch namhafte Unterschiede zwischen beiden in die 75 Augen
fallend. Das Schöne der Natur betrifft die Form des Gegenstandes, die in
der Begränzung besteht; das Erhabene ist dagegen auch an einem formlosen
Gegenstande zu finden, sofern U n b e g r ä n z t h e i t an 25 ihm oder durch
dessen Veranlassung vorgestellt und doch Totalität derselben hinzugedacht
wird: so daß das Schöne für die Darstellung eines unbestimmten
Verstandesbegriffs, das Erhabene aber eines dergleichen Vernunftbegriffs
genommen zu werden scheint. Also ist das Wohlgefallen dort mit der
Vorstellung der Q u a l i t ä t, hier aber der Q u a n t i t ä t verbunden. 30
Auch ist das letztere der Art nach von dem ersteren Wohlgefallen gar sehr
unterschieden: indem dieses (das Schöne) directe ein Gefühl der
Beförderung des Lebens bei sich führt und daher mit Reizen und einer
Page 109
spielenden Einbildungskraft vereinbar ist; jenes aber (das Gefühl des
Erhabenen) eine Lust ist, welche nur indirecte entspringt, nämlich so daß
sie durch das Gefühl einer augenblicklichen Hemmung der Lebenskräfte
und darauf sogleich folgenden desto stärkern Ergießung derselben erzeugt
wird, mithin als Rührung kein Spiel, sondern Ernst in der Beschäftigung 5
der Einbildungskraft zu sein scheint. Daher es auch mit Reizen unvereinbar
ist, und, indem das Gemüth von dem Gegenstande nicht bloß angezogen,
sondern wechselsweise auch immer wieder abgestoßen wird, das
Wohlgefallen am Erhabenen nicht sowohl positive Lust als vielmehr
Bewunderung 76 oder Achtung enthält, d. i. negative Lust genannt zu
werden 10 verdient.
Der wichtigste und innere Unterschied aber des Erhabenen vom Schönen ist
wohl dieser: daß, wenn wir wie billig hier zuvörderst nur das Erhabene an
Naturobjecten in Betrachtung ziehen (das der Kunst wird nämlich immer
auf die Bedingungen der Übereinstimmung mit der 15 Natur
eingeschränkt), die Naturschönheit (die selbstständige) eine
Zweckmäßigkeit in ihrer Form, wodurch der Gegenstand für unsere
Urtheilskraft gleichsam vorherbestimmt zu sein scheint, bei sich führt und
so an sich einen Gegenstand des Wohlgefallens ausmacht; hingegen das,
was in uns, ohne zu vernünfteln, bloß in der Auffassung das Gefühl des
Erhabenen 20 erregt, der Form nach zwar zweckwidrig für unsere
Urtheilskraft, unangemessen unserm Darstellungsvermögen und gleichsam
gewaltthätig für die Einbildungskraft erscheinen mag, aber dennoch nur um
desto erhabener zu sein geurtheilt wird.
Man sieht aber hieraus sofort, daß wir uns überhaupt unrichtig ausdrücken,
25 wenn wir irgend einen G e g e n s t a n d d e r N a t u r erhaben nennen,
ob wir zwar ganz richtig sehr viele derselben schön nennen können; denn
wie kann das mit einem Ausdrucke des Beifalls bezeichnet werden, was an
sich als zweckwidrig aufgefaßt wird? Wir können nicht mehr sagen, als daß
der Gegenstand zur Darstellung einer Erhabenheit tauglich sei, die 30 im
Gemüthe angetroffen werden kann; denn das eigentliche Erhabene 77 kann
in keiner sinnlichen Form enthalten sein, sondern trifft nur Ideen der
Vernunft: welche, obgleich keine ihnen angemessene Darstellung möglich
ist, eben durch diese Unangemessenheit, welche sich sinnlich darstellen
läßt, rege gemacht und ins Gemüth gerufen werden. So kann der weite, 35
durch Stürme empörte Ocean nicht erhaben genannt werden. Sein Anblick
Erhabenen) eine Lust ist, welche nur indirecte entspringt, nämlich so daß
sie durch das Gefühl einer augenblicklichen Hemmung der Lebenskräfte
und darauf sogleich folgenden desto stärkern Ergießung derselben erzeugt
wird, mithin als Rührung kein Spiel, sondern Ernst in der Beschäftigung 5
der Einbildungskraft zu sein scheint. Daher es auch mit Reizen unvereinbar
ist, und, indem das Gemüth von dem Gegenstande nicht bloß angezogen,
sondern wechselsweise auch immer wieder abgestoßen wird, das
Wohlgefallen am Erhabenen nicht sowohl positive Lust als vielmehr
Bewunderung 76 oder Achtung enthält, d. i. negative Lust genannt zu
werden 10 verdient.
Der wichtigste und innere Unterschied aber des Erhabenen vom Schönen ist
wohl dieser: daß, wenn wir wie billig hier zuvörderst nur das Erhabene an
Naturobjecten in Betrachtung ziehen (das der Kunst wird nämlich immer
auf die Bedingungen der Übereinstimmung mit der 15 Natur
eingeschränkt), die Naturschönheit (die selbstständige) eine
Zweckmäßigkeit in ihrer Form, wodurch der Gegenstand für unsere
Urtheilskraft gleichsam vorherbestimmt zu sein scheint, bei sich führt und
so an sich einen Gegenstand des Wohlgefallens ausmacht; hingegen das,
was in uns, ohne zu vernünfteln, bloß in der Auffassung das Gefühl des
Erhabenen 20 erregt, der Form nach zwar zweckwidrig für unsere
Urtheilskraft, unangemessen unserm Darstellungsvermögen und gleichsam
gewaltthätig für die Einbildungskraft erscheinen mag, aber dennoch nur um
desto erhabener zu sein geurtheilt wird.
Man sieht aber hieraus sofort, daß wir uns überhaupt unrichtig ausdrücken,
25 wenn wir irgend einen G e g e n s t a n d d e r N a t u r erhaben nennen,
ob wir zwar ganz richtig sehr viele derselben schön nennen können; denn
wie kann das mit einem Ausdrucke des Beifalls bezeichnet werden, was an
sich als zweckwidrig aufgefaßt wird? Wir können nicht mehr sagen, als daß
der Gegenstand zur Darstellung einer Erhabenheit tauglich sei, die 30 im
Gemüthe angetroffen werden kann; denn das eigentliche Erhabene 77 kann
in keiner sinnlichen Form enthalten sein, sondern trifft nur Ideen der
Vernunft: welche, obgleich keine ihnen angemessene Darstellung möglich
ist, eben durch diese Unangemessenheit, welche sich sinnlich darstellen
läßt, rege gemacht und ins Gemüth gerufen werden. So kann der weite, 35
durch Stürme empörte Ocean nicht erhaben genannt werden. Sein Anblick
Page 110
ist gräßlich; und man muß das Gemüth schon mit mancherlei Ideen
angefüllt haben, wenn es durch eine solche Anschauung zu einem Gefühl
gestimmt werden soll, welches selbst erhaben ist, indem das Gemüth die
Sinnlichkeit zu verlassen und sich mit Ideen, die höhere Zweckmäßigkeit
enthalten, zu beschäftigen angereizt wird.
Die selbstständige Naturschönheit entdeckt uns eine Technik der Natur, 5
welche sie als ein System nach Gesetzen, deren Princip wir in unserm
ganzen Verstandesvermögen nicht antreffen, vorstellig macht, nämlich dem
einer Zweckmäßigkeit respectiv auf den Gebrauch der Urtheilskraft in
Ansehung der Erscheinungen, so daß diese nicht bloß als zur Natur in ihrem
zwecklosen Mechanism, sondern auch als zur Analogie mit der Kunst
gehörig 10 beurtheilt werden müssen. Sie erweitert also wirklich zwar nicht
unsere Erkenntniß der Naturobjecte, aber doch unsern Begriff von der
Natur, nämlich als bloßem Mechanism, zu dem Begriff von eben derselben
als Kunst: welches zu tiefen Untersuchungen über die Möglichkeit einer
solchen Form einladet. Aber in dem, was wir an ihr erhaben zu nennen 15
78 pflegen, ist so gar nichts, was auf besondere objective Principien und
diesen gemäße Formen der Natur führte, daß diese vielmehr in ihrem Chaos
oder in ihrer wildesten, regellosesten Unordnung und Verwüstung, wenn
sich nur Größe und Macht blicken läßt, die Ideen des Erhabenen am
meisten erregt. Daraus sehen wir, daß der Begriff des Erhabenen der 20
Natur bei weitem nicht so wichtig und an Folgerungen reichhaltig sei, als
der des Schönen in derselben; und daß er überhaupt nichts Zweckmäßiges
in der Natur selbst, sondern nur in dem möglichen G e b r a u c h e ihrer
Anschauungen, um eine von der Natur ganz unabhängige Zweckmäßigkeit
in uns selbst fühlbar zu machen, anzeige. Zum Schönen der Natur müssen
25 wir einen Grund außer uns suchen, zum Erhabenen aber bloß in uns und
der Denkungsart, die in die Vorstellung der ersteren Erhabenheit
hineinbringt; eine sehr nöthige vorläufige Bemerkung, welche die Ideen des
Erhabenen von der einer Zweckmäßigkeit der N a t u r ganz abtrennt und
aus der Theorie desselben einen bloßen Anhang zur ästhetischen
Beurtheilung 30 der Zweckmäßigkeit der Natur macht, weil dadurch keine
besondere Form in dieser vorgestellt, sondern nur ein zweckmäßiger
Gebrauch, den die Einbildungskraft von ihrer Vorstellung macht, entwickelt
wird.
angefüllt haben, wenn es durch eine solche Anschauung zu einem Gefühl
gestimmt werden soll, welches selbst erhaben ist, indem das Gemüth die
Sinnlichkeit zu verlassen und sich mit Ideen, die höhere Zweckmäßigkeit
enthalten, zu beschäftigen angereizt wird.
Die selbstständige Naturschönheit entdeckt uns eine Technik der Natur, 5
welche sie als ein System nach Gesetzen, deren Princip wir in unserm
ganzen Verstandesvermögen nicht antreffen, vorstellig macht, nämlich dem
einer Zweckmäßigkeit respectiv auf den Gebrauch der Urtheilskraft in
Ansehung der Erscheinungen, so daß diese nicht bloß als zur Natur in ihrem
zwecklosen Mechanism, sondern auch als zur Analogie mit der Kunst
gehörig 10 beurtheilt werden müssen. Sie erweitert also wirklich zwar nicht
unsere Erkenntniß der Naturobjecte, aber doch unsern Begriff von der
Natur, nämlich als bloßem Mechanism, zu dem Begriff von eben derselben
als Kunst: welches zu tiefen Untersuchungen über die Möglichkeit einer
solchen Form einladet. Aber in dem, was wir an ihr erhaben zu nennen 15
78 pflegen, ist so gar nichts, was auf besondere objective Principien und
diesen gemäße Formen der Natur führte, daß diese vielmehr in ihrem Chaos
oder in ihrer wildesten, regellosesten Unordnung und Verwüstung, wenn
sich nur Größe und Macht blicken läßt, die Ideen des Erhabenen am
meisten erregt. Daraus sehen wir, daß der Begriff des Erhabenen der 20
Natur bei weitem nicht so wichtig und an Folgerungen reichhaltig sei, als
der des Schönen in derselben; und daß er überhaupt nichts Zweckmäßiges
in der Natur selbst, sondern nur in dem möglichen G e b r a u c h e ihrer
Anschauungen, um eine von der Natur ganz unabhängige Zweckmäßigkeit
in uns selbst fühlbar zu machen, anzeige. Zum Schönen der Natur müssen
25 wir einen Grund außer uns suchen, zum Erhabenen aber bloß in uns und
der Denkungsart, die in die Vorstellung der ersteren Erhabenheit
hineinbringt; eine sehr nöthige vorläufige Bemerkung, welche die Ideen des
Erhabenen von der einer Zweckmäßigkeit der N a t u r ganz abtrennt und
aus der Theorie desselben einen bloßen Anhang zur ästhetischen
Beurtheilung 30 der Zweckmäßigkeit der Natur macht, weil dadurch keine
besondere Form in dieser vorgestellt, sondern nur ein zweckmäßiger
Gebrauch, den die Einbildungskraft von ihrer Vorstellung macht, entwickelt
wird.
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§ 24. 79
Von der Eintheilung einer Untersuchung des Gefühls des Erhabenen.
Was die Eintheilung der Momente der ästhetischen Beurtheilung der
Gegenstände in Beziehung auf das Gefühl des Erhabenen betrifft, so wird 5
die Analytik nach demselben Princip fortlaufen können, wie in der
Zergliederung der Geschmacksurtheile geschehen ist. Denn als Urtheil der
ästhetischen reflectirenden Urtheilskraft muß das Wohlgefallen am
Erhabenen eben sowohl als am Schönen der Q u a n t i t ä t nach
allgemeingültig, der Q u a l i t ä t nach ohne Interesse, der R e l a t i o n nach
subjective 10 Zweckmäßigkeit und der M o d a l i t ä t nach die letztere als
nothwendig vorstellig machen. Hierin wird also die Methode von der im
vorigen Abschnitte nicht abweichen: man müßte denn das für etwas
rechnen, daß wir dort, wo das ästhetische Urtheil die Form des Objects
betraf, von der Untersuchung der Qualität anfingen; hier aber bei der
Formlosigkeit, welche 15 dem, was wir erhaben nennen, zukommen kann,
von der Quantität, als dem ersten Moment des ästhetischen Urtheils über
das Erhabene, anfangen werden: wozu aber der Grund aus dem
vorhergehenden § zu ersehen ist.
Aber eine Eintheilung hat die Analysis des Erhabenen nöthig, welche 20
die des Schönen nicht bedarf, nämlich die in das M a t h e m a t i s c h - und
in das D y n a m i s c h - E r h a b e n e.
Denn da das Gefühl des Erhabenen eine mit der Beurtheilung des 80
Gegenstandes verbundene B e w e g u n g des Gemüths als seinen Charakter
bei sich führt, anstatt daß der Geschmack am Schönen das Gemüth in 25
r u h i g e r Contemplation voraussetzt und erhält; diese Bewegung aber als
subjectiv zweckmäßig beurtheilt werden soll (weil das Erhabene gefällt): so
wird sie durch die Einbildungskraft entweder auf das E r k e n n t n i ß - oder
auf das B e g e h r u n g s v e r m ö g e n bezogen, in beiderlei Beziehung aber
die Zweckmäßigkeit der gegebenen Vorstellung nur in Ansehung dieser 30
Ve r m ö g e n (ohne Zweck oder Interesse) beurtheilt werden: da dann die
erste als eine m a t h e m a t i s c h e, die zweite als d y n a m i s c h e
Stimmung der Einbildungskraft dem Objecte beigelegt und daher dieses auf
gedachte zwiefache Art als erhaben vorgestellt wird.
Von der Eintheilung einer Untersuchung des Gefühls des Erhabenen.
Was die Eintheilung der Momente der ästhetischen Beurtheilung der
Gegenstände in Beziehung auf das Gefühl des Erhabenen betrifft, so wird 5
die Analytik nach demselben Princip fortlaufen können, wie in der
Zergliederung der Geschmacksurtheile geschehen ist. Denn als Urtheil der
ästhetischen reflectirenden Urtheilskraft muß das Wohlgefallen am
Erhabenen eben sowohl als am Schönen der Q u a n t i t ä t nach
allgemeingültig, der Q u a l i t ä t nach ohne Interesse, der R e l a t i o n nach
subjective 10 Zweckmäßigkeit und der M o d a l i t ä t nach die letztere als
nothwendig vorstellig machen. Hierin wird also die Methode von der im
vorigen Abschnitte nicht abweichen: man müßte denn das für etwas
rechnen, daß wir dort, wo das ästhetische Urtheil die Form des Objects
betraf, von der Untersuchung der Qualität anfingen; hier aber bei der
Formlosigkeit, welche 15 dem, was wir erhaben nennen, zukommen kann,
von der Quantität, als dem ersten Moment des ästhetischen Urtheils über
das Erhabene, anfangen werden: wozu aber der Grund aus dem
vorhergehenden § zu ersehen ist.
Aber eine Eintheilung hat die Analysis des Erhabenen nöthig, welche 20
die des Schönen nicht bedarf, nämlich die in das M a t h e m a t i s c h - und
in das D y n a m i s c h - E r h a b e n e.
Denn da das Gefühl des Erhabenen eine mit der Beurtheilung des 80
Gegenstandes verbundene B e w e g u n g des Gemüths als seinen Charakter
bei sich führt, anstatt daß der Geschmack am Schönen das Gemüth in 25
r u h i g e r Contemplation voraussetzt und erhält; diese Bewegung aber als
subjectiv zweckmäßig beurtheilt werden soll (weil das Erhabene gefällt): so
wird sie durch die Einbildungskraft entweder auf das E r k e n n t n i ß - oder
auf das B e g e h r u n g s v e r m ö g e n bezogen, in beiderlei Beziehung aber
die Zweckmäßigkeit der gegebenen Vorstellung nur in Ansehung dieser 30
Ve r m ö g e n (ohne Zweck oder Interesse) beurtheilt werden: da dann die
erste als eine m a t h e m a t i s c h e, die zweite als d y n a m i s c h e
Stimmung der Einbildungskraft dem Objecte beigelegt und daher dieses auf
gedachte zwiefache Art als erhaben vorgestellt wird.
Page 112
A.
Vom Mathematisch-Erhabenen.
§ 25.
Namenerklärung des Erhabenen.
E r h a b e n nennen wir das, was s c h l e c h t h i n g r o ß ist. Groß sein 5
aber und eine Größe sein, sind ganz verschiedene Begriffe (magnitudo und
quantitas). Imgleichen s c h l e c h t w e g (simpliciter) s a g e n, daß etwas
groß sei, ist auch ganz was anderes als sagen, daß es s c h l e c h t h i n
g r o ß 81 (absolute, non comparative magnum) sei. Das letztere ist das,
w a s ü b e r a l l e Ve r g l e i c h u n g g r o ß i s t. — Was will nun aber
der Ausdruck, daß 10 etwas groß, oder klein, oder mittelmäßig sei, sagen?
Ein reiner Verstandesbegriff ist es nicht, was dadurch bezeichnet wird; noch
weniger eine Sinnenanschauung; und eben so wenig ein Vernunftbegriff,
weil es gar kein Princip der Erkenntniß bei sich führt. Es muß also ein
Begriff der Urtheilskraft sein, oder von einem solchen abstammen und eine
subjective 15 Zweckmäßigkeit der Vorstellung in Beziehung auf die
Urtheilskraft zum Grunde legen. Daß etwas eine Größe (quantum) sei, läßt
sich aus dem Dinge selbst ohne alle Vergleichung mit andern erkennen:
wenn nämlich Vielheit des Gleichartigen zusammen Eines ausmacht. W i e
g r o ß es aber sei, erfordert jederzeit etwas anderes, welches auch Größe ist,
zu 20 seinem Maße. Weil es aber in der Beurtheilung der Größe nicht bloß
auf die Vielheit (Zahl), sondern auch auf die Größe der Einheit (des Maßes)
ankommt, und die Größe dieser letztern immer wiederum etwas Anderes als
Maß bedarf, womit sie verglichen werden könne: so sehen wir, daß alle
Größenbestimmung der Erscheinungen schlechterdings keinen 25 absoluten
Begriff von einer Größe, sondern allemal nur einen Vergleichungsbegriff
liefern könne.
Wenn ich nun schlechtweg sage, daß etwas groß sei, so scheint es, daß ich
gar keine Vergleichung im Sinne habe, wenigstens mit keinem 82 objectiven
Maße, weil dadurch gar nicht bestimmt wird, wie groß der Gegenstand 30
sei. Ob aber gleich der Maßstab der Vergleichung bloß subjectiv ist, so
macht das Urtheil nichts desto weniger auf allgemeine Beistimmung
Vom Mathematisch-Erhabenen.
§ 25.
Namenerklärung des Erhabenen.
E r h a b e n nennen wir das, was s c h l e c h t h i n g r o ß ist. Groß sein 5
aber und eine Größe sein, sind ganz verschiedene Begriffe (magnitudo und
quantitas). Imgleichen s c h l e c h t w e g (simpliciter) s a g e n, daß etwas
groß sei, ist auch ganz was anderes als sagen, daß es s c h l e c h t h i n
g r o ß 81 (absolute, non comparative magnum) sei. Das letztere ist das,
w a s ü b e r a l l e Ve r g l e i c h u n g g r o ß i s t. — Was will nun aber
der Ausdruck, daß 10 etwas groß, oder klein, oder mittelmäßig sei, sagen?
Ein reiner Verstandesbegriff ist es nicht, was dadurch bezeichnet wird; noch
weniger eine Sinnenanschauung; und eben so wenig ein Vernunftbegriff,
weil es gar kein Princip der Erkenntniß bei sich führt. Es muß also ein
Begriff der Urtheilskraft sein, oder von einem solchen abstammen und eine
subjective 15 Zweckmäßigkeit der Vorstellung in Beziehung auf die
Urtheilskraft zum Grunde legen. Daß etwas eine Größe (quantum) sei, läßt
sich aus dem Dinge selbst ohne alle Vergleichung mit andern erkennen:
wenn nämlich Vielheit des Gleichartigen zusammen Eines ausmacht. W i e
g r o ß es aber sei, erfordert jederzeit etwas anderes, welches auch Größe ist,
zu 20 seinem Maße. Weil es aber in der Beurtheilung der Größe nicht bloß
auf die Vielheit (Zahl), sondern auch auf die Größe der Einheit (des Maßes)
ankommt, und die Größe dieser letztern immer wiederum etwas Anderes als
Maß bedarf, womit sie verglichen werden könne: so sehen wir, daß alle
Größenbestimmung der Erscheinungen schlechterdings keinen 25 absoluten
Begriff von einer Größe, sondern allemal nur einen Vergleichungsbegriff
liefern könne.
Wenn ich nun schlechtweg sage, daß etwas groß sei, so scheint es, daß ich
gar keine Vergleichung im Sinne habe, wenigstens mit keinem 82 objectiven
Maße, weil dadurch gar nicht bestimmt wird, wie groß der Gegenstand 30
sei. Ob aber gleich der Maßstab der Vergleichung bloß subjectiv ist, so
macht das Urtheil nichts desto weniger auf allgemeine Beistimmung
Page 113
Anspruch; die Urtheile: der Mann ist schön, und: er ist groß, schränken sich
nicht bloß auf das urtheilende Subject ein, sondern verlangen gleich
theoretischen Urtheilen jedermanns Beistimmung. 35
Weil aber in einem Urtheile, wodurch etwas schlechtweg als groß
bezeichnet wird, nicht bloß gesagt werden will, daß der Gegenstand eine
Größe habe, sondern diese ihm zugleich vorzugsweise vor vielen andern
gleicher Art beigelegt wird, ohne doch diesen Vorzug bestimmt anzugeben:
so wird demselben allerdings ein Maßstab zum Grunde gelegt, den man 5
für jedermann als eben denselben annehmen zu können voraussetzt, der
aber zu keiner logischen (mathematisch-bestimmten), sondern nur
ästhetischen Beurtheilung der Größe brauchbar ist, weil er ein bloß
subjectiv dem über Größe reflectirenden Urtheile zum Grunde liegender
Maßstab ist. Er mag übrigens empirisch sein, wie etwa die mittlere Größe
der 10 uns bekannten Menschen, Thiere von gewisser Art, Bäume, Häuser,
Berge u. d. gl.; oder ein a priori gegebener Maßstab, der durch die Mängel
des beurtheilenden Subjects auf subjective Bedingungen der Darstellung in
concreto eingeschränkt ist: als im Praktischen die Größe einer gewissen
Tugend, oder der öffentlichen Freiheit und Gerechtigkeit in einem Lande;
15 83 oder im Theoretischen die Größe der Richtigkeit oder Unrichtigkeit
einer gemachten Observation oder Messung u. d. gl.
Hier ist nun merkwürdig: daß, wenn wir gleich am Objecte gar kein
Interesse haben, d. i. die Existenz desselben uns gleichgültig ist, doch die
bloße Größe desselben, selbst wenn es als formlos betrachtet wird, ein 20
Wohlgefallen bei sich führen könne, das allgemein mittheilbar ist, mithin
Bewußtsein einer subjectiven Zweckmäßigkeit im Gebrauche unsrer
Erkenntnißvermögen enthält; aber nicht etwa ein Wohlgefallen am Objecte,
wie beim Schönen (weil es formlos sein kann), wo die reflectirende
Urtheilskraft sich in Beziehung auf das Erkenntniß überhaupt zweckmäßig
gestimmt 25 findet, sondern an der Erweiterung der Einbildungskraft an
sich selbst.
Wenn wir (unter der obgenannten Einschränkung) von einem Gegenstande
schlechtweg sagen, er sei groß: so ist dies kein mathematisch-
bestimmendes, sondern ein bloßes Reflexionsurtheil über die Vorstellung
30 desselben, die für einen gewissen Gebrauch unserer Erkenntnißkräfte in
der Größenschätzung subjectiv zweckmäßig ist; und wir verbinden alsdann
nicht bloß auf das urtheilende Subject ein, sondern verlangen gleich
theoretischen Urtheilen jedermanns Beistimmung. 35
Weil aber in einem Urtheile, wodurch etwas schlechtweg als groß
bezeichnet wird, nicht bloß gesagt werden will, daß der Gegenstand eine
Größe habe, sondern diese ihm zugleich vorzugsweise vor vielen andern
gleicher Art beigelegt wird, ohne doch diesen Vorzug bestimmt anzugeben:
so wird demselben allerdings ein Maßstab zum Grunde gelegt, den man 5
für jedermann als eben denselben annehmen zu können voraussetzt, der
aber zu keiner logischen (mathematisch-bestimmten), sondern nur
ästhetischen Beurtheilung der Größe brauchbar ist, weil er ein bloß
subjectiv dem über Größe reflectirenden Urtheile zum Grunde liegender
Maßstab ist. Er mag übrigens empirisch sein, wie etwa die mittlere Größe
der 10 uns bekannten Menschen, Thiere von gewisser Art, Bäume, Häuser,
Berge u. d. gl.; oder ein a priori gegebener Maßstab, der durch die Mängel
des beurtheilenden Subjects auf subjective Bedingungen der Darstellung in
concreto eingeschränkt ist: als im Praktischen die Größe einer gewissen
Tugend, oder der öffentlichen Freiheit und Gerechtigkeit in einem Lande;
15 83 oder im Theoretischen die Größe der Richtigkeit oder Unrichtigkeit
einer gemachten Observation oder Messung u. d. gl.
Hier ist nun merkwürdig: daß, wenn wir gleich am Objecte gar kein
Interesse haben, d. i. die Existenz desselben uns gleichgültig ist, doch die
bloße Größe desselben, selbst wenn es als formlos betrachtet wird, ein 20
Wohlgefallen bei sich führen könne, das allgemein mittheilbar ist, mithin
Bewußtsein einer subjectiven Zweckmäßigkeit im Gebrauche unsrer
Erkenntnißvermögen enthält; aber nicht etwa ein Wohlgefallen am Objecte,
wie beim Schönen (weil es formlos sein kann), wo die reflectirende
Urtheilskraft sich in Beziehung auf das Erkenntniß überhaupt zweckmäßig
gestimmt 25 findet, sondern an der Erweiterung der Einbildungskraft an
sich selbst.
Wenn wir (unter der obgenannten Einschränkung) von einem Gegenstande
schlechtweg sagen, er sei groß: so ist dies kein mathematisch-
bestimmendes, sondern ein bloßes Reflexionsurtheil über die Vorstellung
30 desselben, die für einen gewissen Gebrauch unserer Erkenntnißkräfte in
der Größenschätzung subjectiv zweckmäßig ist; und wir verbinden alsdann
Page 114
mit der Vorstellung jederzeit eine Art von Achtung, so wie mit dem, was wir
schlechtweg klein nennen, eine Verachtung. Übrigens geht die Beurtheilung
der Dinge als groß oder klein auf alles, selbst auf alle Beschaffenheiten 35
derselben; daher wir selbst die Schönheit groß oder klein nennen: wovon
der Grund darin zu suchen ist, daß, was wir nach Vorschrift der
Urtheilskraft 84 in der Anschauung nur immer darstellen (mithin ästhetisch
vorstellen) mögen, insgesammt Erscheinung, mithin auch ein Quantum ist.
Wenn wir aber etwas nicht allein groß, sondern schlechthin, absolut, in aller
Absicht (über alle Vergleichung) groß, d. i. erhaben, nennen, 5 so sieht man
bald ein: daß wir für dasselbe keinen ihm angemessenen Maßstab außer
ihm, sondern bloß in ihm zu suchen verstatten. Es ist eine Größe, die bloß
sich selber gleich ist. Daß das Erhabene also nicht in den Dingen der Natur,
sondern allein in unsern Ideen zu suchen sei, folgt hieraus; in welchen es
aber liege, muß für die Deduction aufbehalten 10 werden.
Die obige Erklärung kann auch so ausgedrückt werden: E r h a b e n i s t
d a s , m i t w e l c h e m i n Ve r g l e i c h u n g a l l e s a n d e r e
k l e i n i s t . Hier sieht man leicht: daß nichts in der Natur gegeben werden
könne, so groß als es auch von uns beurtheilt werde, was nicht, in einem
andern Verhältnisse 15 betrachtet, bis zum Unendlich-Kleinen abgewürdigt
werden könnte; und umgekehrt nichts so klein, was sich nicht in
Vergleichung mit noch kleinern Maßstäben für unsere Einbildungskraft bis
zu einer Weltgröße erweitern ließe. Die Teleskope haben uns die erstere, die
Mikroskope die letztere Bemerkung zu machen reichlichen Stoff an die
Hand gegeben. 20 Nichts also, was Gegenstand der Sinnen sein kann, ist,
auf diesen 85 Fuß betrachtet, erhaben zu nennen. Aber eben darum, daß in
unserer Einbildungskraft ein Bestreben zum Fortschritte ins Unendliche, in
unserer Vernunft aber ein Anspruch auf absolute Totalität als auf eine reelle
Idee liegt: ist selbst jene Unangemessenheit unseres Vermögens der 25
Größenschätzung der Dinge der Sinnenwelt für diese Idee die Erweckung
des Gefühls eines übersinnlichen Vermögens in uns; und der Gebrauch, den
die Urtheilskraft von gewissen Gegenständen zum Behuf des letzteren
(Gefühls) natürlicher Weise macht, nicht aber der Gegenstand der Sinne ist
schlechthin groß, gegen ihn aber jeder andere Gebrauch klein. Mithin 30 ist
die Geistesstimmung durch eine gewisse die reflectirende Urtheilskraft
beschäftigende Vorstellung, nicht aber das Object erhaben zu nennen.
schlechtweg klein nennen, eine Verachtung. Übrigens geht die Beurtheilung
der Dinge als groß oder klein auf alles, selbst auf alle Beschaffenheiten 35
derselben; daher wir selbst die Schönheit groß oder klein nennen: wovon
der Grund darin zu suchen ist, daß, was wir nach Vorschrift der
Urtheilskraft 84 in der Anschauung nur immer darstellen (mithin ästhetisch
vorstellen) mögen, insgesammt Erscheinung, mithin auch ein Quantum ist.
Wenn wir aber etwas nicht allein groß, sondern schlechthin, absolut, in aller
Absicht (über alle Vergleichung) groß, d. i. erhaben, nennen, 5 so sieht man
bald ein: daß wir für dasselbe keinen ihm angemessenen Maßstab außer
ihm, sondern bloß in ihm zu suchen verstatten. Es ist eine Größe, die bloß
sich selber gleich ist. Daß das Erhabene also nicht in den Dingen der Natur,
sondern allein in unsern Ideen zu suchen sei, folgt hieraus; in welchen es
aber liege, muß für die Deduction aufbehalten 10 werden.
Die obige Erklärung kann auch so ausgedrückt werden: E r h a b e n i s t
d a s , m i t w e l c h e m i n Ve r g l e i c h u n g a l l e s a n d e r e
k l e i n i s t . Hier sieht man leicht: daß nichts in der Natur gegeben werden
könne, so groß als es auch von uns beurtheilt werde, was nicht, in einem
andern Verhältnisse 15 betrachtet, bis zum Unendlich-Kleinen abgewürdigt
werden könnte; und umgekehrt nichts so klein, was sich nicht in
Vergleichung mit noch kleinern Maßstäben für unsere Einbildungskraft bis
zu einer Weltgröße erweitern ließe. Die Teleskope haben uns die erstere, die
Mikroskope die letztere Bemerkung zu machen reichlichen Stoff an die
Hand gegeben. 20 Nichts also, was Gegenstand der Sinnen sein kann, ist,
auf diesen 85 Fuß betrachtet, erhaben zu nennen. Aber eben darum, daß in
unserer Einbildungskraft ein Bestreben zum Fortschritte ins Unendliche, in
unserer Vernunft aber ein Anspruch auf absolute Totalität als auf eine reelle
Idee liegt: ist selbst jene Unangemessenheit unseres Vermögens der 25
Größenschätzung der Dinge der Sinnenwelt für diese Idee die Erweckung
des Gefühls eines übersinnlichen Vermögens in uns; und der Gebrauch, den
die Urtheilskraft von gewissen Gegenständen zum Behuf des letzteren
(Gefühls) natürlicher Weise macht, nicht aber der Gegenstand der Sinne ist
schlechthin groß, gegen ihn aber jeder andere Gebrauch klein. Mithin 30 ist
die Geistesstimmung durch eine gewisse die reflectirende Urtheilskraft
beschäftigende Vorstellung, nicht aber das Object erhaben zu nennen.
Page 115
Wir können also zu den vorigen Formeln der Erklärung des Erhabenen noch
diese hinzuthun: E r h a b e n i s t , w a s a u c h n u r d e n k e n z u
k ö n n e n e i n Ve r m ö g e n d e s G e m ü t h s b e w e i s e t , d a s
j e d e n M a ß s t a b 35 d e r S i n n e ü b e r t r i f f t .
diese hinzuthun: E r h a b e n i s t , w a s a u c h n u r d e n k e n z u
k ö n n e n e i n Ve r m ö g e n d e s G e m ü t h s b e w e i s e t , d a s
j e d e n M a ß s t a b 35 d e r S i n n e ü b e r t r i f f t .
Page 116
§ 26.
Von der Größenschätzung der Naturdinge, die zur Idee des Erhabenen
erforderlich ist.
Die Größenschätzung durch Zahlbegriffe (oder deren Zeichen in der
Algebra) ist mathematisch, die aber in der bloßen Anschauung (nach dem 5
Augenmaße) ist ästhetisch. Nun können wir zwar bestimmte Begriffe
davon, 86 w i e g r o ß etwas sei, nur durch Zahlen (allenfalls Annäherungen
durch ins Unendliche fortgehende Zahlreihen) bekommen, deren Einheit
das Maß ist; und sofern ist alle logische Größenschätzung mathematisch.
Allein da die Größe des Maßes doch als bekannt angenommen werden 10
muß, so würden, wenn diese nun wiederum nur durch Zahlen, deren Einheit
ein anderes Maß sein müßte, mithin mathematisch geschätzt werden sollte,
wir niemals ein erstes oder Grundmaß, mithin auch keinen bestimmten
Begriff von einer gegebenen Größe haben können. Also muß die Schätzung
der Größe des Grundmaßes bloß darin bestehen, daß man 15 sie in einer
Anschauung unmittelbar fassen und durch Einbildungskraft zur Darstellung
der Zahlbegriffe brauchen kann: d. i. alle Größenschätzung der
Gegenstände der Natur ist zuletzt ästhetisch (d. i. subjectiv und nicht
objectiv bestimmt).
Nun giebt es zwar für die mathematische Größenschätzung kein Größtes 20
(denn die Macht der Zahlen geht ins Unendliche); aber für die ästhetische
Größenschätzung giebt es allerdings ein Größtes; und von diesem sage ich:
daß, wenn es als absolutes Maß, über das kein größeres subjectiv (dem
beurtheilenden Subject) möglich sei, beurtheilt wird, es die Idee des
Erhabenen bei sich führe und diejenige Rührung, welche keine 25
mathematische Schätzung der Größen durch Zahlen (es sei denn, so weit 87
jenes ästhetische Grundmaß dabei in der Einbildungskraft lebendig erhalten
wird) bewirken kann, hervorbringe: weil die letztere immer nur die relative
Größe durch Vergleichung mit andern gleicher Art, die erstere aber die
Größe schlechthin, so weit das Gemüth sie in einer Anschauung 30 fassen
kann, darstellt.
Anschaulich ein Quantum in die Einbildungskraft aufzunehmen, um es zum
Maße oder als Einheit zur Größenschätzung durch Zahlen brauchen zu
Von der Größenschätzung der Naturdinge, die zur Idee des Erhabenen
erforderlich ist.
Die Größenschätzung durch Zahlbegriffe (oder deren Zeichen in der
Algebra) ist mathematisch, die aber in der bloßen Anschauung (nach dem 5
Augenmaße) ist ästhetisch. Nun können wir zwar bestimmte Begriffe
davon, 86 w i e g r o ß etwas sei, nur durch Zahlen (allenfalls Annäherungen
durch ins Unendliche fortgehende Zahlreihen) bekommen, deren Einheit
das Maß ist; und sofern ist alle logische Größenschätzung mathematisch.
Allein da die Größe des Maßes doch als bekannt angenommen werden 10
muß, so würden, wenn diese nun wiederum nur durch Zahlen, deren Einheit
ein anderes Maß sein müßte, mithin mathematisch geschätzt werden sollte,
wir niemals ein erstes oder Grundmaß, mithin auch keinen bestimmten
Begriff von einer gegebenen Größe haben können. Also muß die Schätzung
der Größe des Grundmaßes bloß darin bestehen, daß man 15 sie in einer
Anschauung unmittelbar fassen und durch Einbildungskraft zur Darstellung
der Zahlbegriffe brauchen kann: d. i. alle Größenschätzung der
Gegenstände der Natur ist zuletzt ästhetisch (d. i. subjectiv und nicht
objectiv bestimmt).
Nun giebt es zwar für die mathematische Größenschätzung kein Größtes 20
(denn die Macht der Zahlen geht ins Unendliche); aber für die ästhetische
Größenschätzung giebt es allerdings ein Größtes; und von diesem sage ich:
daß, wenn es als absolutes Maß, über das kein größeres subjectiv (dem
beurtheilenden Subject) möglich sei, beurtheilt wird, es die Idee des
Erhabenen bei sich führe und diejenige Rührung, welche keine 25
mathematische Schätzung der Größen durch Zahlen (es sei denn, so weit 87
jenes ästhetische Grundmaß dabei in der Einbildungskraft lebendig erhalten
wird) bewirken kann, hervorbringe: weil die letztere immer nur die relative
Größe durch Vergleichung mit andern gleicher Art, die erstere aber die
Größe schlechthin, so weit das Gemüth sie in einer Anschauung 30 fassen
kann, darstellt.
Anschaulich ein Quantum in die Einbildungskraft aufzunehmen, um es zum
Maße oder als Einheit zur Größenschätzung durch Zahlen brauchen zu
Page 117
können, dazu gehören zwei Handlungen dieses Vermögens:
Auffassung (apprehensio) und Zusammenfassung
(comprehensio aesthetica). 35 Mit der Auffassung hat es keine Noth: denn
damit kann es ins Unendliche gehen; aber die Zusammenfassung wird
immer schwerer, je weiter die Auffassung fortrückt, und gelangt bald zu
ihrem Maximum, nämlich dem ästhetisch-größten Grundmaße der
Größenschätzung. Denn wenn die Auffassung so weit gelangt ist, daß die
zuerst aufgefaßten Theilvorstellungen der Sinnenanschauung in der
Einbildungskraft schon zu erlöschen 5 anheben, indeß daß diese zu
Auffassung mehrerer fortrückt: so verliert sie auf einer Seite eben so viel,
als sie auf der andern gewinnt, und in der Zusammenfassung ist ein
Größtes, über welches sie nicht hinauskommen kann.
Daraus läßt sich erklären, was S a v a r y in seinen Nachrichten von 10
Ägypten anmerkt: daß man den Pyramiden nicht sehr nahe kommen, eben
so wenig als zu weit davon entfernt sein müsse, um die ganze Rührung 88
von ihrer Größe zu bekommen. Denn ist das letztere, so sind die Theile, die
aufgefaßt werden, (die Steine derselben übereinander) nur dunkel
vorgestellt, und ihre Vorstellung thut keine Wirkung auf das ästhetische 15
Urtheil des Subjects. Ist aber das erstere, so bedarf das Auge einige Zeit, um
die Auffassung von der Grundfläche bis zur Spitze zu vollenden; in dieser
aber erlöschen immer zum Theil die ersteren, ehe die Einbildungskraft die
letzteren aufgenommen hat, und die Zusammenfassung ist nie vollständig.
— Eben dasselbe kann auch hinreichen, die Bestürzung oder 20 Art von
Verlegenheit, die, wie man erzählt, den Zuschauer in der St. Peterskirche in
Rom beim ersten Eintritt anwandelt, zu erklären. Denn es ist hier ein Gefühl
der Unangemessenheit seiner Einbildungskraft für die Idee eines Ganzen,
um sie darzustellen, worin die Einbildungskraft ihr Maximum erreicht und
bei der Bestrebung es zu erweitern in sich selbst 25 zurück sinkt, dadurch
aber in ein rührendes Wohlgefallen versetzt wird.
Ich will jetzt noch nichts von dem Grunde dieses Wohlgefallens anführen,
welches mit einer Vorstellung, wovon man es am wenigsten erwarten sollte,
die nämlich uns die Unangemessenheit, folglich auch subjective
Unzweckmäßigkeit der Vorstellung für die Urtheilskraft in der
Größenschätzung 30 merken läßt, verbunden ist; sondern bemerke nur, daß,
wenn das ästhetische Urtheil r e i n (m i t k e i n e m t e l e o l o g i s c h e n
als Vernunfturtheile 89 v e r m i s c h t) und daran ein der Kritik der
Auffassung (apprehensio) und Zusammenfassung
(comprehensio aesthetica). 35 Mit der Auffassung hat es keine Noth: denn
damit kann es ins Unendliche gehen; aber die Zusammenfassung wird
immer schwerer, je weiter die Auffassung fortrückt, und gelangt bald zu
ihrem Maximum, nämlich dem ästhetisch-größten Grundmaße der
Größenschätzung. Denn wenn die Auffassung so weit gelangt ist, daß die
zuerst aufgefaßten Theilvorstellungen der Sinnenanschauung in der
Einbildungskraft schon zu erlöschen 5 anheben, indeß daß diese zu
Auffassung mehrerer fortrückt: so verliert sie auf einer Seite eben so viel,
als sie auf der andern gewinnt, und in der Zusammenfassung ist ein
Größtes, über welches sie nicht hinauskommen kann.
Daraus läßt sich erklären, was S a v a r y in seinen Nachrichten von 10
Ägypten anmerkt: daß man den Pyramiden nicht sehr nahe kommen, eben
so wenig als zu weit davon entfernt sein müsse, um die ganze Rührung 88
von ihrer Größe zu bekommen. Denn ist das letztere, so sind die Theile, die
aufgefaßt werden, (die Steine derselben übereinander) nur dunkel
vorgestellt, und ihre Vorstellung thut keine Wirkung auf das ästhetische 15
Urtheil des Subjects. Ist aber das erstere, so bedarf das Auge einige Zeit, um
die Auffassung von der Grundfläche bis zur Spitze zu vollenden; in dieser
aber erlöschen immer zum Theil die ersteren, ehe die Einbildungskraft die
letzteren aufgenommen hat, und die Zusammenfassung ist nie vollständig.
— Eben dasselbe kann auch hinreichen, die Bestürzung oder 20 Art von
Verlegenheit, die, wie man erzählt, den Zuschauer in der St. Peterskirche in
Rom beim ersten Eintritt anwandelt, zu erklären. Denn es ist hier ein Gefühl
der Unangemessenheit seiner Einbildungskraft für die Idee eines Ganzen,
um sie darzustellen, worin die Einbildungskraft ihr Maximum erreicht und
bei der Bestrebung es zu erweitern in sich selbst 25 zurück sinkt, dadurch
aber in ein rührendes Wohlgefallen versetzt wird.
Ich will jetzt noch nichts von dem Grunde dieses Wohlgefallens anführen,
welches mit einer Vorstellung, wovon man es am wenigsten erwarten sollte,
die nämlich uns die Unangemessenheit, folglich auch subjective
Unzweckmäßigkeit der Vorstellung für die Urtheilskraft in der
Größenschätzung 30 merken läßt, verbunden ist; sondern bemerke nur, daß,
wenn das ästhetische Urtheil r e i n (m i t k e i n e m t e l e o l o g i s c h e n
als Vernunfturtheile 89 v e r m i s c h t) und daran ein der Kritik der
Page 118
ä s t h e t i s c h e n Urtheilskraft völlig anpassendes Beispiel gegeben werden
soll, man nicht das Erhabene an Kunstproducten (z. B. Gebäuden, Säulen u.
s. w.), wo ein 35 menschlicher Zweck die Form sowohl als die Größe
bestimmt, noch an Naturdingen, d e r e n B e g r i f f s c h o n e i n e n
b e s t i m m t e n Z w e c k b e i s i c h f ü h r t (z. B. Thieren von
bekannter Naturbestimmung), sondern an der rohen Natur (und an dieser
sogar nur, sofern sie für sich keinen Reiz, oder Rührung aus wirklicher
Gefahr bei sich führt), bloß sofern sie Größe enthält, aufzeigen müsse.
Denn in dieser Art der Vorstellung enthält die Natur nichts, was ungeheuer
(noch was prächtig oder gräßlich) wäre; die 5 Größe, die aufgefaßt wird,
mag so weit angewachsen sein, als man will, wenn sie nur durch
Einbildungskraft in ein Ganzes zusammengefaßt werden kann.
U n g e h e u e r ist ein Gegenstand, wenn er durch seine Größe den Zweck,
der den Begriff desselben ausmacht, vernichtet. K o l o s s a l i s c h aber
wird die bloße Darstellung eines Begriffs genannt, der für alle 10
Darstellung beinahe zu groß ist (an das relativ Ungeheure gränzt): weil der
Zweck der Darstellung eines Begriffs dadurch, daß die Anschauung des
Gegenstandes für unser Auffassungsvermögen beinahe zu groß ist,
erschwert wird. — Ein reines Urtheil über das Erhabene aber muß gar
keinen Zweck des Objects zum Bestimmungsgrunde haben, wenn es
ästhetisch 15 90 und nicht mit irgend einem Verstandes- oder
Vernunfturtheile vermengt sein soll.
Weil alles, was der bloß reflectirenden Urtheilskraft ohne Interesse gefallen
soll, in seiner Vorstellung subjective und als solche allgemein-gültige
Zweckmäßigkeit bei sich führen muß, gleichwohl aber hier keine
Zweckmäßigkeit 20 der F o r m des Gegenstandes (wie beim Schönen) der
Beurtheilung zum Grunde liegt, so fragt sich: welches ist diese subjective
Zweckmäßigkeit? und wodurch wird sie als Norm vorgeschrieben, um in
der bloßen Größenschätzung und zwar der, welche gar bis zur
Unangemessenheit unseres Vermögens der Einbildungskraft in Darstellung
des 25 Begriffs von einer Größe getrieben worden, einen Grund zum
allgemeingültigen Wohlgefallen abzugeben?
soll, man nicht das Erhabene an Kunstproducten (z. B. Gebäuden, Säulen u.
s. w.), wo ein 35 menschlicher Zweck die Form sowohl als die Größe
bestimmt, noch an Naturdingen, d e r e n B e g r i f f s c h o n e i n e n
b e s t i m m t e n Z w e c k b e i s i c h f ü h r t (z. B. Thieren von
bekannter Naturbestimmung), sondern an der rohen Natur (und an dieser
sogar nur, sofern sie für sich keinen Reiz, oder Rührung aus wirklicher
Gefahr bei sich führt), bloß sofern sie Größe enthält, aufzeigen müsse.
Denn in dieser Art der Vorstellung enthält die Natur nichts, was ungeheuer
(noch was prächtig oder gräßlich) wäre; die 5 Größe, die aufgefaßt wird,
mag so weit angewachsen sein, als man will, wenn sie nur durch
Einbildungskraft in ein Ganzes zusammengefaßt werden kann.
U n g e h e u e r ist ein Gegenstand, wenn er durch seine Größe den Zweck,
der den Begriff desselben ausmacht, vernichtet. K o l o s s a l i s c h aber
wird die bloße Darstellung eines Begriffs genannt, der für alle 10
Darstellung beinahe zu groß ist (an das relativ Ungeheure gränzt): weil der
Zweck der Darstellung eines Begriffs dadurch, daß die Anschauung des
Gegenstandes für unser Auffassungsvermögen beinahe zu groß ist,
erschwert wird. — Ein reines Urtheil über das Erhabene aber muß gar
keinen Zweck des Objects zum Bestimmungsgrunde haben, wenn es
ästhetisch 15 90 und nicht mit irgend einem Verstandes- oder
Vernunfturtheile vermengt sein soll.
Weil alles, was der bloß reflectirenden Urtheilskraft ohne Interesse gefallen
soll, in seiner Vorstellung subjective und als solche allgemein-gültige
Zweckmäßigkeit bei sich führen muß, gleichwohl aber hier keine
Zweckmäßigkeit 20 der F o r m des Gegenstandes (wie beim Schönen) der
Beurtheilung zum Grunde liegt, so fragt sich: welches ist diese subjective
Zweckmäßigkeit? und wodurch wird sie als Norm vorgeschrieben, um in
der bloßen Größenschätzung und zwar der, welche gar bis zur
Unangemessenheit unseres Vermögens der Einbildungskraft in Darstellung
des 25 Begriffs von einer Größe getrieben worden, einen Grund zum
allgemeingültigen Wohlgefallen abzugeben?
Page 119
Die Einbildungskraft schreitet in der Zusammensetzung, die zur
Größenvorstellung erforderlich ist, von selbst, ohne daß ihr etwas hinderlich
wäre, ins Unendliche fort; der Verstand aber leitet sie durch Zahlbegriffe,
30 wozu jene das Schema hergeben muß: und in diesem Verfahren, als zur
logischen Größenschätzung gehörig, ist zwar etwas objectiv Zweckmäßiges
nach dem Begriffe von einem Zwecke (dergleichen jede Ausmessung ist),
aber nichts für die ästhetische Urtheilskraft Zweckmäßiges und
Gefallendes. Es ist auch in dieser absichtlichen Zweckmäßigkeit nichts, was
35 91 die Größe des Maßes, mithin der Z u s a m m e n f a s s u n g des Vielen
in eine Anschauung bis zur Gränze des Vermögens der Einbildungskraft und
so weit, wie diese in Darstellungen nur immer reichen mag, zu treiben
nöthigte. Denn in der Verstandesschätzung der Größen (der Arithmetik)
kommt man eben so weit, ob man die Zusammenfassung der Einheiten 5
bis zur Zahl 10 (in der Dekadik), oder nur bis 4 (in der Tetraktik) treibt; die
weitere Größenerzeugung aber im Zusammensetzen, oder, wenn das
Quantum in der Anschauung gegeben ist, im Auffassen bloß progressiv
(nicht comprehensiv) nach einem angenommenen Progressionsprincip
verrichtet. Der Verstand wird in dieser mathematischen Größenschätzung
10 eben so gut bedient und befriedigt, ob die Einbildungskraft zur Einheit
eine Größe, die man in einem Blick fassen kann, z. B. einen Fuß oder
Ruthe, oder ob sie eine deutsche Meile, oder gar einen Erddurchmesser,
deren Auffassung zwar, aber nicht die Zusammenfassung in eine
Anschauung der Einbildungskraft (nicht durch die comprehensio aesthetica,
15 obzwar gar wohl durch comprehensio logica in einen Zahlbegriff)
möglich ist, wähle. In beiden Fällen geht die logische Größenschätzung
ungehindert ins Unendliche.
Nun aber hört das Gemüth in sich auf die Stimme der Vernunft, welche zu
allen gegebenen Größen, selbst denen, die zwar niemals ganz 20 aufgefaßt
werden können, gleichwohl aber (in der sinnlichen Vorstellung) 92 als ganz
gegeben beurtheilt werden, Totalität fordert, mithin Zusammenfassung in
e i n e Anschauung und für alle jene Glieder einer fortschreitend-
wachsenden Zahlreihe D a r s t e l l u n g verlangt und selbst das Unendliche
(Raum und verflossene Zeit) von dieser Forderung nicht ausnimmt,
vielmehr 25 es unvermeidlich macht, sich dasselbe (in dem Urtheile der
gemeinen Vernunft) als g a n z (seiner Totalität nach) g e g e b e n zu denken.
Größenvorstellung erforderlich ist, von selbst, ohne daß ihr etwas hinderlich
wäre, ins Unendliche fort; der Verstand aber leitet sie durch Zahlbegriffe,
30 wozu jene das Schema hergeben muß: und in diesem Verfahren, als zur
logischen Größenschätzung gehörig, ist zwar etwas objectiv Zweckmäßiges
nach dem Begriffe von einem Zwecke (dergleichen jede Ausmessung ist),
aber nichts für die ästhetische Urtheilskraft Zweckmäßiges und
Gefallendes. Es ist auch in dieser absichtlichen Zweckmäßigkeit nichts, was
35 91 die Größe des Maßes, mithin der Z u s a m m e n f a s s u n g des Vielen
in eine Anschauung bis zur Gränze des Vermögens der Einbildungskraft und
so weit, wie diese in Darstellungen nur immer reichen mag, zu treiben
nöthigte. Denn in der Verstandesschätzung der Größen (der Arithmetik)
kommt man eben so weit, ob man die Zusammenfassung der Einheiten 5
bis zur Zahl 10 (in der Dekadik), oder nur bis 4 (in der Tetraktik) treibt; die
weitere Größenerzeugung aber im Zusammensetzen, oder, wenn das
Quantum in der Anschauung gegeben ist, im Auffassen bloß progressiv
(nicht comprehensiv) nach einem angenommenen Progressionsprincip
verrichtet. Der Verstand wird in dieser mathematischen Größenschätzung
10 eben so gut bedient und befriedigt, ob die Einbildungskraft zur Einheit
eine Größe, die man in einem Blick fassen kann, z. B. einen Fuß oder
Ruthe, oder ob sie eine deutsche Meile, oder gar einen Erddurchmesser,
deren Auffassung zwar, aber nicht die Zusammenfassung in eine
Anschauung der Einbildungskraft (nicht durch die comprehensio aesthetica,
15 obzwar gar wohl durch comprehensio logica in einen Zahlbegriff)
möglich ist, wähle. In beiden Fällen geht die logische Größenschätzung
ungehindert ins Unendliche.
Nun aber hört das Gemüth in sich auf die Stimme der Vernunft, welche zu
allen gegebenen Größen, selbst denen, die zwar niemals ganz 20 aufgefaßt
werden können, gleichwohl aber (in der sinnlichen Vorstellung) 92 als ganz
gegeben beurtheilt werden, Totalität fordert, mithin Zusammenfassung in
e i n e Anschauung und für alle jene Glieder einer fortschreitend-
wachsenden Zahlreihe D a r s t e l l u n g verlangt und selbst das Unendliche
(Raum und verflossene Zeit) von dieser Forderung nicht ausnimmt,
vielmehr 25 es unvermeidlich macht, sich dasselbe (in dem Urtheile der
gemeinen Vernunft) als g a n z (seiner Totalität nach) g e g e b e n zu denken.
Page 120
Das Unendliche aber ist schlechthin (nicht bloß comparativ) groß. Mit
diesem verglichen, ist alles andere (von derselben Art Größen) klein. Aber,
was das Vornehmste ist, es als e i n G a n z e s auch nur denken zu 30
können, zeigt ein Vermögen des Gemüths an, welches allen Maßstab der
Sinne übertrifft. Denn dazu würde eine Zusammenfassung erfordert werden,
welche einen Maßstab als Einheit lieferte, der zum Unendlichen ein
bestimmtes, in Zahlen angebliches Verhältniß hätte: welches unmöglich ist.
Das gegebene Unendliche aber dennoch ohne Widerspruch a u c h 35 n u r
d e n k e n z u k ö n n e n, dazu wird ein Vermögen, das selbst übersinnlich
ist, im menschlichen Gemüthe erfordert. Denn nur durch dieses und dessen
Idee eines Noumenons, welches selbst keine Anschauung verstattet, aber
doch der Weltanschauung, als bloßer Erscheinung, zum Substrat untergelegt
wird, wird das Unendliche der Sinnenwelt in der reinen intellectuellen
Größenschätzung u n t e r einem Begriffe g a n z zusammengefaßt, 93
obzwar es in der mathematischen d u r c h Z a h l e n b e g r i f f e nie ganz
gedacht 5 werden kann. Selbst ein Vermögen, sich das Unendliche der
übersinnlichen Anschauung als (in seinem intelligibelen Substrat) gegeben
denken zu können, übertrifft allen Maßstab der Sinnlichkeit und ist über alle
Vergleichung selbst mit dem Vermögen der mathematischen Schätzung
groß; freilich wohl nicht in theoretischer Absicht zum Behuf des
Erkenntnißvermögens, 10 aber doch als Erweiterung des Gemüths, welches
die Schranken der Sinnlichkeit in anderer (der praktischen) Absicht zu
überschreiten sich vermögend fühlt.
Erhaben ist also die Natur in derjenigen ihrer Erscheinungen, deren
Anschauung die Idee ihrer Unendlichkeit bei sich führt. Dieses letztere 15
kann nun nicht anders geschehen, als durch die Unangemessenheit selbst
der größten Bestrebung unserer Einbildungskraft in der Größenschätzung
eines Gegenstandes. Nun ist aber für die mathematische Größenschätzung
die Einbildungskraft jedem Gegenstande gewachsen, um für dieselbe ein
hinlängliches Maß zu geben, weil die Zahlbegriffe des Verstandes durch 20
Progression jedes Maß einer jeden gegebenen Größe angemessen machen
können. Also muß es die ä s t h e t i s c h e Größenschätzung sein, in welcher
die Bestrebung zur Zusammenfassung, die das Vermögen der
Einbildungskraft überschreitet, die progressive Auffassung in ein Ganzes
der Anschauung zu begreifen, gefühlt und dabei zugleich die
Unangemessenheit dieses 25 94 im Fortschreiten unbegränzten Vermögens
diesem verglichen, ist alles andere (von derselben Art Größen) klein. Aber,
was das Vornehmste ist, es als e i n G a n z e s auch nur denken zu 30
können, zeigt ein Vermögen des Gemüths an, welches allen Maßstab der
Sinne übertrifft. Denn dazu würde eine Zusammenfassung erfordert werden,
welche einen Maßstab als Einheit lieferte, der zum Unendlichen ein
bestimmtes, in Zahlen angebliches Verhältniß hätte: welches unmöglich ist.
Das gegebene Unendliche aber dennoch ohne Widerspruch a u c h 35 n u r
d e n k e n z u k ö n n e n, dazu wird ein Vermögen, das selbst übersinnlich
ist, im menschlichen Gemüthe erfordert. Denn nur durch dieses und dessen
Idee eines Noumenons, welches selbst keine Anschauung verstattet, aber
doch der Weltanschauung, als bloßer Erscheinung, zum Substrat untergelegt
wird, wird das Unendliche der Sinnenwelt in der reinen intellectuellen
Größenschätzung u n t e r einem Begriffe g a n z zusammengefaßt, 93
obzwar es in der mathematischen d u r c h Z a h l e n b e g r i f f e nie ganz
gedacht 5 werden kann. Selbst ein Vermögen, sich das Unendliche der
übersinnlichen Anschauung als (in seinem intelligibelen Substrat) gegeben
denken zu können, übertrifft allen Maßstab der Sinnlichkeit und ist über alle
Vergleichung selbst mit dem Vermögen der mathematischen Schätzung
groß; freilich wohl nicht in theoretischer Absicht zum Behuf des
Erkenntnißvermögens, 10 aber doch als Erweiterung des Gemüths, welches
die Schranken der Sinnlichkeit in anderer (der praktischen) Absicht zu
überschreiten sich vermögend fühlt.
Erhaben ist also die Natur in derjenigen ihrer Erscheinungen, deren
Anschauung die Idee ihrer Unendlichkeit bei sich führt. Dieses letztere 15
kann nun nicht anders geschehen, als durch die Unangemessenheit selbst
der größten Bestrebung unserer Einbildungskraft in der Größenschätzung
eines Gegenstandes. Nun ist aber für die mathematische Größenschätzung
die Einbildungskraft jedem Gegenstande gewachsen, um für dieselbe ein
hinlängliches Maß zu geben, weil die Zahlbegriffe des Verstandes durch 20
Progression jedes Maß einer jeden gegebenen Größe angemessen machen
können. Also muß es die ä s t h e t i s c h e Größenschätzung sein, in welcher
die Bestrebung zur Zusammenfassung, die das Vermögen der
Einbildungskraft überschreitet, die progressive Auffassung in ein Ganzes
der Anschauung zu begreifen, gefühlt und dabei zugleich die
Unangemessenheit dieses 25 94 im Fortschreiten unbegränzten Vermögens
Page 121
wahrgenommen wird, ein mit dem mindesten Aufwande des Verstandes zur
Größenschätzung taugliches Grundmaß zu fassen und zur Größenschätzung
zu gebrauchen. Nun ist das eigentliche unveränderliche Grundmaß der
Natur das absolute Ganze derselben, welches bei ihr als Erscheinung
zusammengefaßte Unendlichkeit 30 ist. Da aber dieses Grundmaß ein sich
selbst widersprechender Begriff ist (wegen der Unmöglichkeit der absoluten
Totalität eines Progressus ohne Ende): so muß diejenige Größe eines
Naturobjects, an welcher die Einbildungskraft ihr ganzes Vermögen der
Zusammenfassung fruchtlos verwendet, den Begriff der Natur auf ein
übersinnliches Substrat (welches 35 ihr und zugleich unserm Vermögen zu
denken zum Grunde liegt) führen, welches über allen Maßstab der Sinne
groß ist und daher nicht sowohl den Gegenstand, als vielmehr die
Gemüthsstimmung in Schätzung desselben als e r h a b e n beurtheilen läßt.
Also, gleichwie die ästhetische Urtheilskraft in Beurtheilung des Schönen
die Einbildungskraft in ihrem freien Spiele auf den Ve r s t a n d bezieht, um
mit dessen B e g r i f f e n überhaupt (ohne Bestimmung derselben)
zusammenzustimmen: 5 so bezieht sie dasselbe Vermögen in Beurtheilung
eines Dinges als erhabenen auf die Ve r n u n f t, um zu deren I d e e n
(unbestimmt welchen) subjectiv übereinzustimmen, d. i. eine
Gemüthsstimmung hervorzubringen, welche derjenigen gemäß und mit ihr
verträglich ist, die 95 der Einfluß bestimmter Ideen (praktischer) auf das
Gefühl bewirken 10 würde.
Man sieht hieraus auch, daß die wahre Erhabenheit nur im Gemüthe des
Urtheilenden, nicht in dem Naturobjecte, dessen Beurtheilung diese
Stimmung desselben veranlaßt, müsse gesucht werden. Wer wollte auch
ungestalte Gebirgsmassen, in wilder Unordnung über einander gethürmt, 15
mit ihren Eispyramiden, oder die düstere tobende See u. s. w. erhaben
nennen? Aber das Gemüth fühlt sich in seiner eigenen Beurtheilung
gehoben, wenn es, indem es sich in der Betrachtung derselben ohne
Rücksicht auf ihre Form der Einbildungskraft und einer, obschon ganz ohne
bestimmten Zweck damit in Verbindung gesetzten, jene bloß 20
erweiternden Vernunft überläßt, die ganze Macht der Einbildungskraft
dennoch ihren Ideen unangemessen findet.
Beispiele vom Mathematisch-Erhabenen der Natur in der bloßen
Anschauung liefern uns alle die Fälle, wo uns nicht sowohl ein größerer
Größenschätzung taugliches Grundmaß zu fassen und zur Größenschätzung
zu gebrauchen. Nun ist das eigentliche unveränderliche Grundmaß der
Natur das absolute Ganze derselben, welches bei ihr als Erscheinung
zusammengefaßte Unendlichkeit 30 ist. Da aber dieses Grundmaß ein sich
selbst widersprechender Begriff ist (wegen der Unmöglichkeit der absoluten
Totalität eines Progressus ohne Ende): so muß diejenige Größe eines
Naturobjects, an welcher die Einbildungskraft ihr ganzes Vermögen der
Zusammenfassung fruchtlos verwendet, den Begriff der Natur auf ein
übersinnliches Substrat (welches 35 ihr und zugleich unserm Vermögen zu
denken zum Grunde liegt) führen, welches über allen Maßstab der Sinne
groß ist und daher nicht sowohl den Gegenstand, als vielmehr die
Gemüthsstimmung in Schätzung desselben als e r h a b e n beurtheilen läßt.
Also, gleichwie die ästhetische Urtheilskraft in Beurtheilung des Schönen
die Einbildungskraft in ihrem freien Spiele auf den Ve r s t a n d bezieht, um
mit dessen B e g r i f f e n überhaupt (ohne Bestimmung derselben)
zusammenzustimmen: 5 so bezieht sie dasselbe Vermögen in Beurtheilung
eines Dinges als erhabenen auf die Ve r n u n f t, um zu deren I d e e n
(unbestimmt welchen) subjectiv übereinzustimmen, d. i. eine
Gemüthsstimmung hervorzubringen, welche derjenigen gemäß und mit ihr
verträglich ist, die 95 der Einfluß bestimmter Ideen (praktischer) auf das
Gefühl bewirken 10 würde.
Man sieht hieraus auch, daß die wahre Erhabenheit nur im Gemüthe des
Urtheilenden, nicht in dem Naturobjecte, dessen Beurtheilung diese
Stimmung desselben veranlaßt, müsse gesucht werden. Wer wollte auch
ungestalte Gebirgsmassen, in wilder Unordnung über einander gethürmt, 15
mit ihren Eispyramiden, oder die düstere tobende See u. s. w. erhaben
nennen? Aber das Gemüth fühlt sich in seiner eigenen Beurtheilung
gehoben, wenn es, indem es sich in der Betrachtung derselben ohne
Rücksicht auf ihre Form der Einbildungskraft und einer, obschon ganz ohne
bestimmten Zweck damit in Verbindung gesetzten, jene bloß 20
erweiternden Vernunft überläßt, die ganze Macht der Einbildungskraft
dennoch ihren Ideen unangemessen findet.
Beispiele vom Mathematisch-Erhabenen der Natur in der bloßen
Anschauung liefern uns alle die Fälle, wo uns nicht sowohl ein größerer
Page 122
Zahlbegriff, als vielmehr große Einheit als Maß (zu Verkürzung der 25
Zahlreihen) für die Einbildungskraft gegeben wird. Ein Baum, den wir nach
Mannshöhe schätzen, giebt allenfalls einen Maßstab für einen Berg; und
wenn dieser etwa eine Meile hoch wäre, kann er zur Einheit für die Zahl,
welche den Erddurchmesser ausdrückt, dienen, um den letzteren
anschaulich zu machen, der Erddurchmesser für das uns bekannte
Planetensystem, 30 96 dieses für das der Milchstraße; und die unermeßliche
Menge solcher Milchstraßensysteme unter dem Namen der Nebelsterne,
welche vermuthlich wiederum ein dergleichen System unter sich
ausmachen, lassen uns hier keine Gränzen erwarten. Nun liegt das Erhabene
bei der ästhetischen Beurtheilung eines so unermeßlichen Ganzen nicht
sowohl in der 35 Größe der Zahl, als darin, daß wir im Fortschritte immer
auf desto größere Einheiten gelangen; wozu die systematische Abtheilung
des Weltgebäudes beiträgt, die uns alles Große in der Natur immer
wiederum als klein, eigentlich aber unsere Einbildungskraft in ihrer ganzen
Gränzlosigkeit und mit ihr die Natur als gegen die Ideen der Vernunft, wenn
sie eine ihnen angemessene Darstellung verschaffen soll, verschwindend
vorstellt. 5
Zahlreihen) für die Einbildungskraft gegeben wird. Ein Baum, den wir nach
Mannshöhe schätzen, giebt allenfalls einen Maßstab für einen Berg; und
wenn dieser etwa eine Meile hoch wäre, kann er zur Einheit für die Zahl,
welche den Erddurchmesser ausdrückt, dienen, um den letzteren
anschaulich zu machen, der Erddurchmesser für das uns bekannte
Planetensystem, 30 96 dieses für das der Milchstraße; und die unermeßliche
Menge solcher Milchstraßensysteme unter dem Namen der Nebelsterne,
welche vermuthlich wiederum ein dergleichen System unter sich
ausmachen, lassen uns hier keine Gränzen erwarten. Nun liegt das Erhabene
bei der ästhetischen Beurtheilung eines so unermeßlichen Ganzen nicht
sowohl in der 35 Größe der Zahl, als darin, daß wir im Fortschritte immer
auf desto größere Einheiten gelangen; wozu die systematische Abtheilung
des Weltgebäudes beiträgt, die uns alles Große in der Natur immer
wiederum als klein, eigentlich aber unsere Einbildungskraft in ihrer ganzen
Gränzlosigkeit und mit ihr die Natur als gegen die Ideen der Vernunft, wenn
sie eine ihnen angemessene Darstellung verschaffen soll, verschwindend
vorstellt. 5
Page 123
§ 27.
Von der Qualität des Wohlgefallens in der Beurtheilung des Erhabenen.
Das Gefühl der Unangemessenheit unseres Vermögens zur Erreichung einer
Idee, d i e f ü r u n s G e s e t z i s t, ist Achtung. Nun ist die 10 Idee der
Zusammenfassung einer jeden Erscheinung, die uns gegeben werden mag,
in die Anschauung eines Ganzen eine solche, welche uns durch ein Gesetz
der Vernunft auferlegt ist, die kein anderes bestimmtes, für jedermann
gültiges und unveränderliches Maß erkennt, als das Absolut-Ganze. 97
Unsere Einbildungskraft aber beweiset selbst in ihrer größten Anstrengung
15 in Ansehung der von ihr verlangten Zusammenfassung eines gegebenen
Gegenstandes in ein Ganzes der Anschauung (mithin zur Darstellung der
Idee der Vernunft) ihre Schranken und Unangemessenheit, doch aber
zugleich ihre Bestimmung zur Bewirkung der Angemessenheit mit
derselben als einem Gesetze. Also ist das Gefühl des Erhabenen in 20 der
Natur Achtung für unsere eigene Bestimmung, die wir einem Objecte der
Natur durch eine gewisse Subreption (Verwechselung einer Achtung für das
Object statt der für die Idee der Menschheit in unserm Subjecte) beweisen,
welches uns die Überlegenheit der Vernunftbestimmung unserer
Erkenntnißvermögen über das größte Vermögen der Sinnlichkeit gleichsam
25 anschaulich macht.
Das Gefühl des Erhabenen ist also ein Gefühl der Unlust aus der
Unangemessenheit der Einbildungskraft in der ästhetischen
Größenschätzung zu der Schätzung durch die Vernunft und eine dabei
zugleich erweckte Lust aus der Übereinstimmung eben dieses Urtheils der
Unangemessenheit des 30 größten sinnlichen Vermögens mit
Vernunftideen, sofern die Bestrebung zu denselben doch für uns Gesetz ist.
Es ist nämlich für uns Gesetz (der Vernunft) und gehört zu unserer
Bestimmung, alles, was die Natur als Gegenstand der Sinne für uns Großes
enthält, in Vergleichung mit Ideen der Vernunft für klein zu schätzen; und
was das Gefühl dieser übersinnlichen 35 98 Bestimmung in uns rege macht,
stimmt zu jenem Gesetze zusammen. Nun ist die größte Bestrebung der
Einbildungskraft in Darstellung der Einheit für die Größenschätzung eine
Beziehung auf etwas A b s o l u t - G r o ß e s, folglich auch eine Beziehung
auf das Gesetz der Vernunft, dieses allein zum obersten Maße der Größen
Von der Qualität des Wohlgefallens in der Beurtheilung des Erhabenen.
Das Gefühl der Unangemessenheit unseres Vermögens zur Erreichung einer
Idee, d i e f ü r u n s G e s e t z i s t, ist Achtung. Nun ist die 10 Idee der
Zusammenfassung einer jeden Erscheinung, die uns gegeben werden mag,
in die Anschauung eines Ganzen eine solche, welche uns durch ein Gesetz
der Vernunft auferlegt ist, die kein anderes bestimmtes, für jedermann
gültiges und unveränderliches Maß erkennt, als das Absolut-Ganze. 97
Unsere Einbildungskraft aber beweiset selbst in ihrer größten Anstrengung
15 in Ansehung der von ihr verlangten Zusammenfassung eines gegebenen
Gegenstandes in ein Ganzes der Anschauung (mithin zur Darstellung der
Idee der Vernunft) ihre Schranken und Unangemessenheit, doch aber
zugleich ihre Bestimmung zur Bewirkung der Angemessenheit mit
derselben als einem Gesetze. Also ist das Gefühl des Erhabenen in 20 der
Natur Achtung für unsere eigene Bestimmung, die wir einem Objecte der
Natur durch eine gewisse Subreption (Verwechselung einer Achtung für das
Object statt der für die Idee der Menschheit in unserm Subjecte) beweisen,
welches uns die Überlegenheit der Vernunftbestimmung unserer
Erkenntnißvermögen über das größte Vermögen der Sinnlichkeit gleichsam
25 anschaulich macht.
Das Gefühl des Erhabenen ist also ein Gefühl der Unlust aus der
Unangemessenheit der Einbildungskraft in der ästhetischen
Größenschätzung zu der Schätzung durch die Vernunft und eine dabei
zugleich erweckte Lust aus der Übereinstimmung eben dieses Urtheils der
Unangemessenheit des 30 größten sinnlichen Vermögens mit
Vernunftideen, sofern die Bestrebung zu denselben doch für uns Gesetz ist.
Es ist nämlich für uns Gesetz (der Vernunft) und gehört zu unserer
Bestimmung, alles, was die Natur als Gegenstand der Sinne für uns Großes
enthält, in Vergleichung mit Ideen der Vernunft für klein zu schätzen; und
was das Gefühl dieser übersinnlichen 35 98 Bestimmung in uns rege macht,
stimmt zu jenem Gesetze zusammen. Nun ist die größte Bestrebung der
Einbildungskraft in Darstellung der Einheit für die Größenschätzung eine
Beziehung auf etwas A b s o l u t - G r o ß e s, folglich auch eine Beziehung
auf das Gesetz der Vernunft, dieses allein zum obersten Maße der Größen
Page 124
anzunehmen. Also ist die innere Wahrnehmung der Unangemessenheit alles
sinnlichen Maßstabes zur Größenschätzung 5 der Vernunft eine
Übereinstimmung mit Gesetzen derselben und eine Unlust, welche das
Gefühl unserer übersinnlichen Bestimmung in uns rege macht, nach
welcher es zweckmäßig ist, mithin Lust ist, jeden Maßstab der Sinnlichkeit
den Ideen der Vernunft unangemessen zu finden.
Das Gemüth fühlt sich in der Vorstellung des Erhabenen in der 10 Natur
b e w e g t: da es in dem ästhetischen Urtheile über das Schöne derselben in
r u h i g e r Contemplation ist. Diese Bewegung kann (vornehmlich in ihrem
Anfange) mit einer Erschütterung verglichen werden, d. i. mit einem
schnellwechselnden Abstoßen und Anziehen eben desselben Objects. Das
Überschwengliche für die Einbildungskraft (bis zu welchem sie 15 in der
Auffassung der Anschauung getrieben wird) ist gleichsam ein Abgrund,
worin sie sich selbst zu verlieren fürchtet; aber doch auch für die Idee der
Vernunft vom Übersinnlichen nicht überschwenglich, sondern gesetzmäßig,
eine solche Bestrebung der Einbildungskraft hervorzubringen: 99 mithin in
eben dem Maße wiederum anziehend, als es für die bloße 20 Sinnlichkeit
abstoßend war. Das Urtheil selber bleibt aber hiebei immer nur ästhetisch,
weil es, ohne einen bestimmten Begriff vom Objecte zum Grunde zu haben,
bloß das subjective Spiel der Gemüthskräfte (Einbildungskraft und
Vernunft) selbst durch ihren Contrast als harmonisch vorstellt. Denn so wie
Einbildungskraft und Ve r s t a n d in der Beurtheilung 25 des Schönen
durch ihre Einhelligkeit, so bringen Einbildungskraft und Ve r n u n f t hier
durch ihren Widerstreit subjective Zweckmäßigkeit der Gemüthskräfte
hervor: nämlich ein Gefühl, daß wir reine, selbstständige Vernunft haben,
oder ein Vermögen der Größenschätzung, dessen Vorzüglichkeit durch
nichts anschaulich gemacht werden kann, als durch die Unzulänglichkeit 30
desjenigen Vermögens, welches in Darstellung der Größen (sinnlicher
Gegenstände) selbst unbegränzt ist.
Messung eines Raums (als Auffassung) ist zugleich Beschreibung
desselben, mithin objective Bewegung in der Einbildung und ein
Progressus; die Zusammenfassung der Vielheit in die Einheit, nicht des
Gedankens, 35 sondern der Anschauung, mithin des Successiv-Aufgefaßten
in einen Augenblick, ist dagegen ein Regressus, der die Zeitbedingung im
Progressus der Einbildungskraft wieder aufhebt und das Z u g l e i c h s e i n
anschaulich macht. Sie ist also (da die Zeitfolge eine Bedingung des innern
sinnlichen Maßstabes zur Größenschätzung 5 der Vernunft eine
Übereinstimmung mit Gesetzen derselben und eine Unlust, welche das
Gefühl unserer übersinnlichen Bestimmung in uns rege macht, nach
welcher es zweckmäßig ist, mithin Lust ist, jeden Maßstab der Sinnlichkeit
den Ideen der Vernunft unangemessen zu finden.
Das Gemüth fühlt sich in der Vorstellung des Erhabenen in der 10 Natur
b e w e g t: da es in dem ästhetischen Urtheile über das Schöne derselben in
r u h i g e r Contemplation ist. Diese Bewegung kann (vornehmlich in ihrem
Anfange) mit einer Erschütterung verglichen werden, d. i. mit einem
schnellwechselnden Abstoßen und Anziehen eben desselben Objects. Das
Überschwengliche für die Einbildungskraft (bis zu welchem sie 15 in der
Auffassung der Anschauung getrieben wird) ist gleichsam ein Abgrund,
worin sie sich selbst zu verlieren fürchtet; aber doch auch für die Idee der
Vernunft vom Übersinnlichen nicht überschwenglich, sondern gesetzmäßig,
eine solche Bestrebung der Einbildungskraft hervorzubringen: 99 mithin in
eben dem Maße wiederum anziehend, als es für die bloße 20 Sinnlichkeit
abstoßend war. Das Urtheil selber bleibt aber hiebei immer nur ästhetisch,
weil es, ohne einen bestimmten Begriff vom Objecte zum Grunde zu haben,
bloß das subjective Spiel der Gemüthskräfte (Einbildungskraft und
Vernunft) selbst durch ihren Contrast als harmonisch vorstellt. Denn so wie
Einbildungskraft und Ve r s t a n d in der Beurtheilung 25 des Schönen
durch ihre Einhelligkeit, so bringen Einbildungskraft und Ve r n u n f t hier
durch ihren Widerstreit subjective Zweckmäßigkeit der Gemüthskräfte
hervor: nämlich ein Gefühl, daß wir reine, selbstständige Vernunft haben,
oder ein Vermögen der Größenschätzung, dessen Vorzüglichkeit durch
nichts anschaulich gemacht werden kann, als durch die Unzulänglichkeit 30
desjenigen Vermögens, welches in Darstellung der Größen (sinnlicher
Gegenstände) selbst unbegränzt ist.
Messung eines Raums (als Auffassung) ist zugleich Beschreibung
desselben, mithin objective Bewegung in der Einbildung und ein
Progressus; die Zusammenfassung der Vielheit in die Einheit, nicht des
Gedankens, 35 sondern der Anschauung, mithin des Successiv-Aufgefaßten
in einen Augenblick, ist dagegen ein Regressus, der die Zeitbedingung im
Progressus der Einbildungskraft wieder aufhebt und das Z u g l e i c h s e i n
anschaulich macht. Sie ist also (da die Zeitfolge eine Bedingung des innern
Page 125
Sinnes und einer Anschauung ist) eine subjective Bewegung der 100
Einbildungskraft, wodurch sie dem innern Sinne Gewalt anthut, die desto
merklicher sein muß, je größer das Quantum ist, welches die
Einbildungskraft 5 in eine Anschauung zusammenfaßt. Die Bestrebung
also, ein Maß für Größen in eine einzelne Anschauung aufzunehmen,
welches aufzufassen merkliche Zeit erfordert, ist eine Vorstellungsart,
welche, subjectiv betrachtet, zweckwidrig, objectiv aber zur
Größenschätzung erforderlich, mithin zweckmäßig ist: wobei aber doch
eben dieselbe Gewalt, die dem Subjecte 10 durch die Einbildungskraft
widerfährt, f ü r d i e g a n z e B e s t i m m u n g des Gemüths als
zweckmäßig beurtheilt wird.
Die Q u a l i t ä t des Gefühls des Erhabenen ist: daß sie ein Gefühl der
Unlust über das ästhetische Beurtheilungsvermögen an einem Gegenstande
ist, die darin doch zugleich als zweckmäßig vorgestellt wird; welches 15
dadurch möglich ist, daß das eigne Unvermögen das Bewußtsein eines
unbeschränkten Vermögens desselben Subjects entdeckt, und das Gemüth
das letztere nur durch das erstere ästhetisch beurtheilen kann.
In der logischen Größenschätzung ward die Unmöglichkeit, durch den
Progressus der Messung der Dinge der Sinnenwelt in Zeit und Raum 20
jemals zur absoluten Totalität zu gelangen, für objectiv, d. i. eine
Unmöglichkeit, das Unendliche als gegeben zu d e n k e n, und nicht als
bloß 101 subjectiv, d. i. als Unvermögen es zu f a s s e n, erkannt: weil da auf
den Grad der Zusammenfassung in eine Anschauung als Maß gar nicht
gesehen wird, sondern alles auf einen Zahlbegriff ankommt. Allein in einer
25 ästhetischen Größenschätzung muß der Zahlbegriff wegfallen oder
verändert werden, und die Comprehension der Einbildungskraft zur Einheit
des Maßes (mithin mit Vermeidung der Begriffe von einem Gesetze der
successiven Erzeugung der Größenbegriffe) ist allein für sie zweckmäßig.
— Wenn nun eine Größe beinahe das Äußerste unseres Vermögens der 30
Zusammenfassung in eine Anschauung erreicht, und die Einbildungskraft
doch durch Zahlgrößen (für die wir uns unseres Vermögens als unbegränzt
bewußt sind) zur ästhetischen Zusammenfassung in eine größere Einheit
aufgefordert wird, so fühlen wir uns im Gemüth als ästhetisch in Gränzen
eingeschlossen; aber die Unlust wird doch in Hinsicht auf die 35
nothwendige Erweiterung der Einbildungskraft zur Angemessenheit mit
dem, was in unserm Vermögen der Vernunft unbegränzt ist, nämlich der
Einbildungskraft, wodurch sie dem innern Sinne Gewalt anthut, die desto
merklicher sein muß, je größer das Quantum ist, welches die
Einbildungskraft 5 in eine Anschauung zusammenfaßt. Die Bestrebung
also, ein Maß für Größen in eine einzelne Anschauung aufzunehmen,
welches aufzufassen merkliche Zeit erfordert, ist eine Vorstellungsart,
welche, subjectiv betrachtet, zweckwidrig, objectiv aber zur
Größenschätzung erforderlich, mithin zweckmäßig ist: wobei aber doch
eben dieselbe Gewalt, die dem Subjecte 10 durch die Einbildungskraft
widerfährt, f ü r d i e g a n z e B e s t i m m u n g des Gemüths als
zweckmäßig beurtheilt wird.
Die Q u a l i t ä t des Gefühls des Erhabenen ist: daß sie ein Gefühl der
Unlust über das ästhetische Beurtheilungsvermögen an einem Gegenstande
ist, die darin doch zugleich als zweckmäßig vorgestellt wird; welches 15
dadurch möglich ist, daß das eigne Unvermögen das Bewußtsein eines
unbeschränkten Vermögens desselben Subjects entdeckt, und das Gemüth
das letztere nur durch das erstere ästhetisch beurtheilen kann.
In der logischen Größenschätzung ward die Unmöglichkeit, durch den
Progressus der Messung der Dinge der Sinnenwelt in Zeit und Raum 20
jemals zur absoluten Totalität zu gelangen, für objectiv, d. i. eine
Unmöglichkeit, das Unendliche als gegeben zu d e n k e n, und nicht als
bloß 101 subjectiv, d. i. als Unvermögen es zu f a s s e n, erkannt: weil da auf
den Grad der Zusammenfassung in eine Anschauung als Maß gar nicht
gesehen wird, sondern alles auf einen Zahlbegriff ankommt. Allein in einer
25 ästhetischen Größenschätzung muß der Zahlbegriff wegfallen oder
verändert werden, und die Comprehension der Einbildungskraft zur Einheit
des Maßes (mithin mit Vermeidung der Begriffe von einem Gesetze der
successiven Erzeugung der Größenbegriffe) ist allein für sie zweckmäßig.
— Wenn nun eine Größe beinahe das Äußerste unseres Vermögens der 30
Zusammenfassung in eine Anschauung erreicht, und die Einbildungskraft
doch durch Zahlgrößen (für die wir uns unseres Vermögens als unbegränzt
bewußt sind) zur ästhetischen Zusammenfassung in eine größere Einheit
aufgefordert wird, so fühlen wir uns im Gemüth als ästhetisch in Gränzen
eingeschlossen; aber die Unlust wird doch in Hinsicht auf die 35
nothwendige Erweiterung der Einbildungskraft zur Angemessenheit mit
dem, was in unserm Vermögen der Vernunft unbegränzt ist, nämlich der
Page 126
Idee des absoluten Ganzen, mithin die Unzweckmäßigkeit des Vermögens
der Einbildungskraft doch für Vernunftideen und deren Erweckung als
zweckmäßig vorgestellt. Eben dadurch wird aber das ästhetische Urtheil
selbst subjectiv-zweckmäßig für die Vernunft, als Quell der Ideen, d. i. einer
solchen intellectuellen Zusammenfassung, für die alle ästhetische klein 5
ist; und der Gegenstand wird als erhaben mit einer Lust aufgenommen, 102
die nur vermittelst einer Unlust möglich ist.
der Einbildungskraft doch für Vernunftideen und deren Erweckung als
zweckmäßig vorgestellt. Eben dadurch wird aber das ästhetische Urtheil
selbst subjectiv-zweckmäßig für die Vernunft, als Quell der Ideen, d. i. einer
solchen intellectuellen Zusammenfassung, für die alle ästhetische klein 5
ist; und der Gegenstand wird als erhaben mit einer Lust aufgenommen, 102
die nur vermittelst einer Unlust möglich ist.
Page 127
B.
Vom Dynamisch-Erhabenen der Natur.
§ 28. 10
Von der Natur als einer Macht.
M a c h t ist ein Vermögen, welches großen Hindernissen überlegen ist.
Eben dieselbe heißt eine G e w a l t, wenn sie auch dem Widerstande dessen,
was selbst Macht besitzt, überlegen ist. Die Natur, im ästhetischen Urtheile
als Macht, die über uns keine Gewalt hat, betrachtet, ist d y n a m i s c h -
e r h a b e n. 15
Wenn von uns die Natur dynamisch als erhaben beurtheilt werden soll, so
muß sie als Furcht erregend vorgestellt werden (obgleich nicht umgekehrt
jeder Furcht erregende Gegenstand in unserm ästhetischen Urtheile erhaben
gefunden wird). Denn in der ästhetischen Beurtheilung (ohne 20 Begriff)
kann die Überlegenheit über Hindernisse nur nach der Größe des
Widerstandes beurtheilt werden. Nun ist aber das, dem wir zu widerstehen
bestrebt sind, ein Übel und, wenn wir unser Vermögen demselben nicht
gewachsen finden, ein Gegenstand der Furcht. Also kann für die ästhetische
Urtheilskraft die Natur nur sofern als Macht, mithin dynamisch-erhaben 25
gelten, sofern sie als Gegenstand der Furcht betrachtet wird. 103
Man kann aber einen Gegenstand als f u r c h t b a r betrachten, ohne sich
v o r ihm zu fürchten, wenn wir ihn nämlich so beurtheilen, daß wir uns
bloß den Fall d e n k e n, da wir ihm etwa Widerstand thun wollten, und daß
alsdann aller Widerstand bei weitem vergeblich sein würde. So 30 fürchtet
der Tugendhafte Gott, ohne sich vor ihm zu fürchten, weil er ihm und
seinen Geboten widerstehen zu wollen sich als keinen von i h m
besorglichen Fall denkt. Aber auf jeden solchen Fall, den er als an sich nicht
unmöglich denkt, erkennt er ihn als furchtbar.
Wer sich fürchtet, kann über das Erhabene der Natur gar nicht urtheilen, so
wenig als der, welcher durch Neigung und Appetit eingenommen ist, über
das Schöne. Jener flieht den Anblick eines Gegenstandes, 5 der ihm Scheu
einjagt; und es ist unmöglich, an einem Schrecken, der ernstlich gemeint
Vom Dynamisch-Erhabenen der Natur.
§ 28. 10
Von der Natur als einer Macht.
M a c h t ist ein Vermögen, welches großen Hindernissen überlegen ist.
Eben dieselbe heißt eine G e w a l t, wenn sie auch dem Widerstande dessen,
was selbst Macht besitzt, überlegen ist. Die Natur, im ästhetischen Urtheile
als Macht, die über uns keine Gewalt hat, betrachtet, ist d y n a m i s c h -
e r h a b e n. 15
Wenn von uns die Natur dynamisch als erhaben beurtheilt werden soll, so
muß sie als Furcht erregend vorgestellt werden (obgleich nicht umgekehrt
jeder Furcht erregende Gegenstand in unserm ästhetischen Urtheile erhaben
gefunden wird). Denn in der ästhetischen Beurtheilung (ohne 20 Begriff)
kann die Überlegenheit über Hindernisse nur nach der Größe des
Widerstandes beurtheilt werden. Nun ist aber das, dem wir zu widerstehen
bestrebt sind, ein Übel und, wenn wir unser Vermögen demselben nicht
gewachsen finden, ein Gegenstand der Furcht. Also kann für die ästhetische
Urtheilskraft die Natur nur sofern als Macht, mithin dynamisch-erhaben 25
gelten, sofern sie als Gegenstand der Furcht betrachtet wird. 103
Man kann aber einen Gegenstand als f u r c h t b a r betrachten, ohne sich
v o r ihm zu fürchten, wenn wir ihn nämlich so beurtheilen, daß wir uns
bloß den Fall d e n k e n, da wir ihm etwa Widerstand thun wollten, und daß
alsdann aller Widerstand bei weitem vergeblich sein würde. So 30 fürchtet
der Tugendhafte Gott, ohne sich vor ihm zu fürchten, weil er ihm und
seinen Geboten widerstehen zu wollen sich als keinen von i h m
besorglichen Fall denkt. Aber auf jeden solchen Fall, den er als an sich nicht
unmöglich denkt, erkennt er ihn als furchtbar.
Wer sich fürchtet, kann über das Erhabene der Natur gar nicht urtheilen, so
wenig als der, welcher durch Neigung und Appetit eingenommen ist, über
das Schöne. Jener flieht den Anblick eines Gegenstandes, 5 der ihm Scheu
einjagt; und es ist unmöglich, an einem Schrecken, der ernstlich gemeint
Page 128
wäre, Wohlgefallen zu finden. Daher ist die Annehmlichkeit aus dem
Aufhören einer Beschwerde das F r o h s e i n. Dieses aber, wegen der
Befreiung von einer Gefahr, ist ein Frohsein mit dem Vorsatze, sich
derselben nie mehr auszusetzen; ja man mag an jene Empfindung 10 nicht
einmal gerne zurückdenken, weit gefehlt, daß man die Gelegenheit dazu
selbst aufsuchen sollte.
Kühne, überhangende, gleichsam drohende Felsen, am Himmel sich 104
aufthürmende Donnerwolken, mit Blitzen und Krachen einherziehend,
Vulcane in ihrer ganzen zerstörenden Gewalt, Orkane mit ihrer
zurückgelassenen 15 Verwüstung, der gränzenlose Ocean, in Empörung
gesetzt, ein hoher Wasserfall eines mächtigen Flusses u. d. gl. machen unser
Vermögen zu widerstehen in Vergleichung mit ihrer Macht zur
unbedeutenden Kleinigkeit. Aber ihr Anblick wird nur um desto
anziehender, je furchtbarer er ist, wenn wir uns nur in Sicherheit befinden;
und wir nennen 20 diese Gegenstände gern erhaben, weil sie die
Seelenstärke über ihr gewöhnliches Mittelmaß erhöhen und ein Vermögen
zu widerstehen von ganz anderer Art in uns entdecken lassen, welches uns
Muth macht, uns mit der scheinbaren Allgewalt der Natur messen zu
können.
Denn so wie wir zwar an der Unermeßlichkeit der Natur und der 25
Unzulänglichkeit unseres Vermögens einen der ästhetischen
Größenschätzung ihres G e b i e t s proportionirten Maßstab zu nehmen
unsere eigene Einschränkung, gleichwohl aber doch auch an unserm
Vernunftvermögen zugleich einen andern, nicht-sinnlichen Maßstab,
welcher jene Unendlichkeit selbst als Einheit unter sich hat, gegen den alles
in der Natur klein ist, 30 mithin in unserm Gemüthe eine Überlegenheit
über die Natur selbst in ihrer Unermeßlichkeit fanden: so giebt auch die
Unwiderstehlichkeit ihrer Macht uns, als Naturwesen betrachtet, zwar
unsere physische Ohnmacht zu 105 erkennen, aber entdeckt zugleich ein
Vermögen, uns als von ihr unabhängig zu beurtheilen, und eine
Überlegenheit über die Natur, worauf sich 35 eine Selbsterhaltung von ganz
andrer Art gründet, als diejenige ist, die von der Natur außer uns
angefochten und in Gefahr gebracht werden kann, wobei die Menschheit in
unserer Person unerniedrigt bleibt, obgleich der Mensch jener Gewalt
unterliegen müßte. Auf solche Weise wird die Natur in unserm ästhetischen
Urtheile nicht, sofern sie furchterregend ist, als erhaben beurtheilt, sondern
Aufhören einer Beschwerde das F r o h s e i n. Dieses aber, wegen der
Befreiung von einer Gefahr, ist ein Frohsein mit dem Vorsatze, sich
derselben nie mehr auszusetzen; ja man mag an jene Empfindung 10 nicht
einmal gerne zurückdenken, weit gefehlt, daß man die Gelegenheit dazu
selbst aufsuchen sollte.
Kühne, überhangende, gleichsam drohende Felsen, am Himmel sich 104
aufthürmende Donnerwolken, mit Blitzen und Krachen einherziehend,
Vulcane in ihrer ganzen zerstörenden Gewalt, Orkane mit ihrer
zurückgelassenen 15 Verwüstung, der gränzenlose Ocean, in Empörung
gesetzt, ein hoher Wasserfall eines mächtigen Flusses u. d. gl. machen unser
Vermögen zu widerstehen in Vergleichung mit ihrer Macht zur
unbedeutenden Kleinigkeit. Aber ihr Anblick wird nur um desto
anziehender, je furchtbarer er ist, wenn wir uns nur in Sicherheit befinden;
und wir nennen 20 diese Gegenstände gern erhaben, weil sie die
Seelenstärke über ihr gewöhnliches Mittelmaß erhöhen und ein Vermögen
zu widerstehen von ganz anderer Art in uns entdecken lassen, welches uns
Muth macht, uns mit der scheinbaren Allgewalt der Natur messen zu
können.
Denn so wie wir zwar an der Unermeßlichkeit der Natur und der 25
Unzulänglichkeit unseres Vermögens einen der ästhetischen
Größenschätzung ihres G e b i e t s proportionirten Maßstab zu nehmen
unsere eigene Einschränkung, gleichwohl aber doch auch an unserm
Vernunftvermögen zugleich einen andern, nicht-sinnlichen Maßstab,
welcher jene Unendlichkeit selbst als Einheit unter sich hat, gegen den alles
in der Natur klein ist, 30 mithin in unserm Gemüthe eine Überlegenheit
über die Natur selbst in ihrer Unermeßlichkeit fanden: so giebt auch die
Unwiderstehlichkeit ihrer Macht uns, als Naturwesen betrachtet, zwar
unsere physische Ohnmacht zu 105 erkennen, aber entdeckt zugleich ein
Vermögen, uns als von ihr unabhängig zu beurtheilen, und eine
Überlegenheit über die Natur, worauf sich 35 eine Selbsterhaltung von ganz
andrer Art gründet, als diejenige ist, die von der Natur außer uns
angefochten und in Gefahr gebracht werden kann, wobei die Menschheit in
unserer Person unerniedrigt bleibt, obgleich der Mensch jener Gewalt
unterliegen müßte. Auf solche Weise wird die Natur in unserm ästhetischen
Urtheile nicht, sofern sie furchterregend ist, als erhaben beurtheilt, sondern
Page 129
weil sie unsere Kraft (die nicht Natur ist) in uns aufruft, um das, wofür wir
besorgt sind, (Güter, Gesundheit und 5 Leben) als klein und daher ihre
Macht (der wir in Ansehung dieser Stücke allerdings unterworfen sind) für
uns und unsere Persönlichkeit demungeachtet doch für keine solche Gewalt
anzusehen, unter die wir uns zu beugen hätten, wenn es auf unsre höchste
Grundsätze und deren Behauptung oder Verlassung ankäme. Also heißt die
Natur hier erhaben, bloß weil sie 10 die Einbildungskraft zu Darstellung
derjenigen Fälle erhebt, in welchen das Gemüth die eigene Erhabenheit
seiner Bestimmung selbst über die Natur sich fühlbar machen kann.
Diese Selbstschätzung verliert dadurch nichts, daß wir uns sicher sehen
müssen, um dieses begeisternde Wohlgefallen zu empfinden; mithin, weil
15 es mit der Gefahr nicht Ernst ist, es auch (wie es scheinen möchte) mit
der Erhabenheit unseres Geistesvermögens eben so wenig Ernst sein
möchte. 106 Denn das Wohlgefallen betrifft hier nur die sich in solchem
Falle entdeckende B e s t i m m u n g unseres Vermögens, so wie die Anlage
zu demselben in unserer Natur ist; indessen daß die Entwickelung und
Übung 20 desselben uns überlassen und obliegend bleibt. Und hierin ist
Wahrheit, so sehr sich auch der Mensch, wenn er seine Reflexion bis dahin
erstreckt, seiner gegenwärtigen wirklichen Ohnmacht bewußt sein mag.
Dieses Princip scheint zwar zu weit hergeholt und vernünftelt, mithin für
ein ästhetisches Urtheil überschwenglich zu sein: allein die Beobachtung
25 des Menschen beweiset das Gegentheil, und daß es den gemeinsten
Beurtheilungen zum Grunde liegen kann, ob man sich gleich desselben
nicht immer bewußt ist. Denn was ist das, was selbst dem Wilden ein
Gegenstand der größten Bewunderung ist? Ein Mensch, der nicht
erschrickt, der sich nicht fürchtet, also der Gefahr nicht weicht, zugleich
aber 30 mit völliger Überlegung rüstig zu Werke geht. Auch im
allergesittetsten Zustande bleibt diese vorzügliche Hochachtung für den
Krieger; nur daß man noch dazu verlangt, daß er zugleich alle Tugenden des
Friedens, Sanftmuth, Mitleid und selbst geziemende Sorgfalt für seine eigne
Person, beweise: eben darum weil daran die Unbezwinglichkeit seines
Gemüths 35 durch Gefahr erkannt wird. Daher mag man noch so viel in der
Vergleichung des Staatsmanns mit dem Feldherrn über die Vorzüglichkeit
der 107 Achtung, die einer vor dem andern verdient, streiten; das ästhetische
Urtheil entscheidet für den letztern. Selbst der Krieg, wenn er mit Ordnung
und Heiligachtung der bürgerlichen Rechte geführt wird, hat etwas
besorgt sind, (Güter, Gesundheit und 5 Leben) als klein und daher ihre
Macht (der wir in Ansehung dieser Stücke allerdings unterworfen sind) für
uns und unsere Persönlichkeit demungeachtet doch für keine solche Gewalt
anzusehen, unter die wir uns zu beugen hätten, wenn es auf unsre höchste
Grundsätze und deren Behauptung oder Verlassung ankäme. Also heißt die
Natur hier erhaben, bloß weil sie 10 die Einbildungskraft zu Darstellung
derjenigen Fälle erhebt, in welchen das Gemüth die eigene Erhabenheit
seiner Bestimmung selbst über die Natur sich fühlbar machen kann.
Diese Selbstschätzung verliert dadurch nichts, daß wir uns sicher sehen
müssen, um dieses begeisternde Wohlgefallen zu empfinden; mithin, weil
15 es mit der Gefahr nicht Ernst ist, es auch (wie es scheinen möchte) mit
der Erhabenheit unseres Geistesvermögens eben so wenig Ernst sein
möchte. 106 Denn das Wohlgefallen betrifft hier nur die sich in solchem
Falle entdeckende B e s t i m m u n g unseres Vermögens, so wie die Anlage
zu demselben in unserer Natur ist; indessen daß die Entwickelung und
Übung 20 desselben uns überlassen und obliegend bleibt. Und hierin ist
Wahrheit, so sehr sich auch der Mensch, wenn er seine Reflexion bis dahin
erstreckt, seiner gegenwärtigen wirklichen Ohnmacht bewußt sein mag.
Dieses Princip scheint zwar zu weit hergeholt und vernünftelt, mithin für
ein ästhetisches Urtheil überschwenglich zu sein: allein die Beobachtung
25 des Menschen beweiset das Gegentheil, und daß es den gemeinsten
Beurtheilungen zum Grunde liegen kann, ob man sich gleich desselben
nicht immer bewußt ist. Denn was ist das, was selbst dem Wilden ein
Gegenstand der größten Bewunderung ist? Ein Mensch, der nicht
erschrickt, der sich nicht fürchtet, also der Gefahr nicht weicht, zugleich
aber 30 mit völliger Überlegung rüstig zu Werke geht. Auch im
allergesittetsten Zustande bleibt diese vorzügliche Hochachtung für den
Krieger; nur daß man noch dazu verlangt, daß er zugleich alle Tugenden des
Friedens, Sanftmuth, Mitleid und selbst geziemende Sorgfalt für seine eigne
Person, beweise: eben darum weil daran die Unbezwinglichkeit seines
Gemüths 35 durch Gefahr erkannt wird. Daher mag man noch so viel in der
Vergleichung des Staatsmanns mit dem Feldherrn über die Vorzüglichkeit
der 107 Achtung, die einer vor dem andern verdient, streiten; das ästhetische
Urtheil entscheidet für den letztern. Selbst der Krieg, wenn er mit Ordnung
und Heiligachtung der bürgerlichen Rechte geführt wird, hat etwas
Page 130
Erhabenes an sich und macht zugleich die Denkungsart des Volks, welches
ihn auf diese Art führt, nur um desto erhabener, je mehreren Gefahren 5 es
ausgesetzt war und sich muthig darunter hat behaupten können: da
hingegen ein langer Frieden den bloßen Handelsgeist, mit ihm aber den
niedrigen Eigennutz, Feigheit und Weichlichkeit herrschend zu machen und
die Denkungsart des Volks zu erniedrigen pflegt.
Wider diese Auflösung des Begriffs des Erhabenen, sofern dieses der 10
Macht beigelegt wird, scheint zu streiten: daß wir Gott im Ungewitter, im
Sturm, im Erdbeben u. d. gl. als im Zorn, zugleich aber auch in seiner
Erhabenheit sich darstellend vorstellig zu machen pflegen, wobei doch die
Einbildung einer Überlegenheit unseres Gemüths über die Wirkungen und,
wie es scheint, gar über die Absichten einer solchen Macht Thorheit 15 und
Frevel zugleich sein würde. Hier scheint kein Gefühl der Erhabenheit
unserer eigenen Natur, sondern vielmehr Unterwerfung,
Niedergeschlagenheit und Gefühl der gänzlichen Ohnmacht die
Gemüthsstimmung zu sein, die sich für die Erscheinung eines solchen
Gegenstandes schickt und auch gewöhnlichermaßen mit der Idee desselben
bei dergleichen Naturbegebenheit 20 verbunden zu sein pflegt. In der
Religion überhaupt scheint Niederwerfen, 108 Anbetung mit
niederhängendem Haupte, mit zerknirschten, angstvollen Geberden und
Stimmen das einzig schickliche Benehmen in Gegenwart der Gottheit zu
sein, welches daher auch die meisten Völker angenommen haben und noch
beobachten. Allein diese Gemüthsstimmung ist auch bei 25 weitem nicht
mit der Idee der E r h a b e n h e i t einer Religion und ihres Gegenstandes an
sich und nothwendig verbunden. Der Mensch, der sich wirklich fürchtet,
weil er dazu in sich Ursache findet, indem er sich bewußt ist, mit seiner
verwerflichen Gesinnung wider eine Macht zu verstoßen, deren Wille
unwiderstehlich und zugleich gerecht ist, befindet sich gar nicht 30 in der
Gemüthsfassung, um die göttliche Größe zu bewundern, wozu eine
Stimmung zur ruhigen Contemplation und ganz freies Urtheil erforderlich
ist. Nur alsdann, wenn er sich seiner aufrichtigen gottgefälligen Gesinnung
bewußt ist, dienen jene Wirkungen der Macht, in ihm die Idee der
Erhabenheit dieses Wesens zu erwecken, sofern er eine dessen Willen 35
gemäße Erhabenheit der Gesinnung bei sich selbst erkennt und dadurch
über die Furcht vor solchen Wirkungen der Natur, die er nicht als
Ausbrüche seines Zorns ansieht, erhoben wird. Selbst die Demuth als
ihn auf diese Art führt, nur um desto erhabener, je mehreren Gefahren 5 es
ausgesetzt war und sich muthig darunter hat behaupten können: da
hingegen ein langer Frieden den bloßen Handelsgeist, mit ihm aber den
niedrigen Eigennutz, Feigheit und Weichlichkeit herrschend zu machen und
die Denkungsart des Volks zu erniedrigen pflegt.
Wider diese Auflösung des Begriffs des Erhabenen, sofern dieses der 10
Macht beigelegt wird, scheint zu streiten: daß wir Gott im Ungewitter, im
Sturm, im Erdbeben u. d. gl. als im Zorn, zugleich aber auch in seiner
Erhabenheit sich darstellend vorstellig zu machen pflegen, wobei doch die
Einbildung einer Überlegenheit unseres Gemüths über die Wirkungen und,
wie es scheint, gar über die Absichten einer solchen Macht Thorheit 15 und
Frevel zugleich sein würde. Hier scheint kein Gefühl der Erhabenheit
unserer eigenen Natur, sondern vielmehr Unterwerfung,
Niedergeschlagenheit und Gefühl der gänzlichen Ohnmacht die
Gemüthsstimmung zu sein, die sich für die Erscheinung eines solchen
Gegenstandes schickt und auch gewöhnlichermaßen mit der Idee desselben
bei dergleichen Naturbegebenheit 20 verbunden zu sein pflegt. In der
Religion überhaupt scheint Niederwerfen, 108 Anbetung mit
niederhängendem Haupte, mit zerknirschten, angstvollen Geberden und
Stimmen das einzig schickliche Benehmen in Gegenwart der Gottheit zu
sein, welches daher auch die meisten Völker angenommen haben und noch
beobachten. Allein diese Gemüthsstimmung ist auch bei 25 weitem nicht
mit der Idee der E r h a b e n h e i t einer Religion und ihres Gegenstandes an
sich und nothwendig verbunden. Der Mensch, der sich wirklich fürchtet,
weil er dazu in sich Ursache findet, indem er sich bewußt ist, mit seiner
verwerflichen Gesinnung wider eine Macht zu verstoßen, deren Wille
unwiderstehlich und zugleich gerecht ist, befindet sich gar nicht 30 in der
Gemüthsfassung, um die göttliche Größe zu bewundern, wozu eine
Stimmung zur ruhigen Contemplation und ganz freies Urtheil erforderlich
ist. Nur alsdann, wenn er sich seiner aufrichtigen gottgefälligen Gesinnung
bewußt ist, dienen jene Wirkungen der Macht, in ihm die Idee der
Erhabenheit dieses Wesens zu erwecken, sofern er eine dessen Willen 35
gemäße Erhabenheit der Gesinnung bei sich selbst erkennt und dadurch
über die Furcht vor solchen Wirkungen der Natur, die er nicht als
Ausbrüche seines Zorns ansieht, erhoben wird. Selbst die Demuth als
Page 131
unnachsichtliche Beurtheilung seiner Mängel, die sonst beim Bewußtsein
guter Gesinnungen leicht mit der Gebrechlichkeit der menschlichen Natur
bemäntelt werden könnten, ist eine erhabene Gemüthsstimmung, sich
willkürlich 109 dem Schmerze der Selbstverweise zu unterwerfen, um die
Ursache dazu 5 nach und nach zu vertilgen. Auf solche Weise allein
unterscheidet sich innerlich Religion von Superstition, welche letztere nicht
Ehrfurcht für das Erhabene, sondern Furcht und Angst vor dem
übermächtigen Wesen, dessen Willen der erschreckte Mensch sich
unterworfen sieht, ohne ihn doch hochzuschätzen, im Gemüthe gründet:
woraus denn freilich nichts als Gunstbewerbung 10 und Einschmeichelung
statt einer Religion des guten Lebenswandels entspringen kann.
Also ist die Erhabenheit in keinem Dinge der Natur, sondern nur in unserm
Gemüthe enthalten, sofern wir der Natur in uns und dadurch auch der Natur
(sofern sie auf uns einfließt) außer uns überlegen zu sein uns 15 bewußt
werden können. Alles, was dieses Gefühl in uns erregt, wozu die Macht der
Natur gehört, welche unsere Kräfte auffordert, heißt alsdann (obzwar
uneigentlich) erhaben; und nur unter der Voraussetzung dieser Idee in uns
und in Beziehung auf sie sind wir fähig, zur Idee der Erhabenheit
desjenigen Wesens zu gelangen, welches nicht bloß durch seine 20 Macht,
die es in der Natur beweiset, innige Achtung in uns wirkt, sondern noch
mehr durch das Vermögen, welches in uns gelegt ist, jene ohne Furcht zu
beurtheilen und unsere Bestimmung als über dieselbe erhaben zu denken.
guter Gesinnungen leicht mit der Gebrechlichkeit der menschlichen Natur
bemäntelt werden könnten, ist eine erhabene Gemüthsstimmung, sich
willkürlich 109 dem Schmerze der Selbstverweise zu unterwerfen, um die
Ursache dazu 5 nach und nach zu vertilgen. Auf solche Weise allein
unterscheidet sich innerlich Religion von Superstition, welche letztere nicht
Ehrfurcht für das Erhabene, sondern Furcht und Angst vor dem
übermächtigen Wesen, dessen Willen der erschreckte Mensch sich
unterworfen sieht, ohne ihn doch hochzuschätzen, im Gemüthe gründet:
woraus denn freilich nichts als Gunstbewerbung 10 und Einschmeichelung
statt einer Religion des guten Lebenswandels entspringen kann.
Also ist die Erhabenheit in keinem Dinge der Natur, sondern nur in unserm
Gemüthe enthalten, sofern wir der Natur in uns und dadurch auch der Natur
(sofern sie auf uns einfließt) außer uns überlegen zu sein uns 15 bewußt
werden können. Alles, was dieses Gefühl in uns erregt, wozu die Macht der
Natur gehört, welche unsere Kräfte auffordert, heißt alsdann (obzwar
uneigentlich) erhaben; und nur unter der Voraussetzung dieser Idee in uns
und in Beziehung auf sie sind wir fähig, zur Idee der Erhabenheit
desjenigen Wesens zu gelangen, welches nicht bloß durch seine 20 Macht,
die es in der Natur beweiset, innige Achtung in uns wirkt, sondern noch
mehr durch das Vermögen, welches in uns gelegt ist, jene ohne Furcht zu
beurtheilen und unsere Bestimmung als über dieselbe erhaben zu denken.
Page 132
§ 29. 25 110
Von der Modalität des Urtheils über das Erhabene der Natur.
Es giebt unzählige Dinge der schönen Natur, worüber wir Einstimmigkeit
des Urtheils mit dem unsrigen jedermann geradezu ansinnen und auch, ohne
sonderlich zu fehlen, erwarten können; aber mit unserm Urtheile 30 über
das Erhabene in der Natur können wir uns nicht so leicht Eingang bei
andern versprechen. Denn es scheint eine bei weitem größere Cultur nicht
bloß der ästhetischen Urtheilskraft, sondern auch der Erkenntnißvermögen,
die ihr zum Grunde liegen, erforderlich zu sein, um über diese
Vorzüglichkeit der Naturgegenstände ein Urtheil fällen zu können. 35
Die Stimmung des Gemüths zum Gefühl des Erhabenen erfordert eine
Empfänglichkeit desselben für Ideen; denn eben in der Unangemessenheit
der Natur zu den letztern, mithin nur unter der Voraussetzung derselben und
der Anspannung der Einbildungskraft, die Natur als ein Schema für die
letztern zu behandeln, besteht das Abschreckende für die 5 Sinnlichkeit,
welches doch zugleich anziehend ist: weil es eine Gewalt ist, welche die
Vernunft auf jene ausübt, nur um sie ihrem eigentlichen Gebiete (dem
praktischen) angemessen zu erweitern und sie auf das Unendliche
hinaussehen zu lassen, welches für jene ein Abgrund ist. In der That wird
ohne Entwickelung sittlicher Ideen das, was wir, durch Cultur 10 111
vorbereitet, erhaben nennen, dem rohen Menschen bloß abschreckend
vorkommen. Er wird an den Beweisthümern der Gewalt der Natur in ihrer
Zerstörung und dem großen Maßstabe ihrer Macht, wogegen die seinige in
Nichts verschwindet, lauter Mühseligkeit, Gefahr und Noth sehen, die den
Menschen umgeben würden, der dahin gebannt wäre. So nannte der 15
gute, übrigens verständige savoyische Bauer (wie Hr. v. Saussure erzählt)
alle Liebhaber der Eisgebirge ohne Bedenken Narren. Wer weiß auch, ob er
so ganz Unrecht gehabt hätte, wenn jener Beobachter die Gefahren, denen
er sich hier aussetzte, bloß, wie die meisten Reisende pflegen, aus
Liebhaberei, oder um dereinst pathetische Beschreibungen davon geben zu
20 können, übernommen hätte? So aber war seine Absicht Belehrung der
Menschen; und die seelenerhebende Empfindung hatte und gab der
vortreffliche Mann den Lesern seiner Reisen in ihrem Kauf oben ein.
Von der Modalität des Urtheils über das Erhabene der Natur.
Es giebt unzählige Dinge der schönen Natur, worüber wir Einstimmigkeit
des Urtheils mit dem unsrigen jedermann geradezu ansinnen und auch, ohne
sonderlich zu fehlen, erwarten können; aber mit unserm Urtheile 30 über
das Erhabene in der Natur können wir uns nicht so leicht Eingang bei
andern versprechen. Denn es scheint eine bei weitem größere Cultur nicht
bloß der ästhetischen Urtheilskraft, sondern auch der Erkenntnißvermögen,
die ihr zum Grunde liegen, erforderlich zu sein, um über diese
Vorzüglichkeit der Naturgegenstände ein Urtheil fällen zu können. 35
Die Stimmung des Gemüths zum Gefühl des Erhabenen erfordert eine
Empfänglichkeit desselben für Ideen; denn eben in der Unangemessenheit
der Natur zu den letztern, mithin nur unter der Voraussetzung derselben und
der Anspannung der Einbildungskraft, die Natur als ein Schema für die
letztern zu behandeln, besteht das Abschreckende für die 5 Sinnlichkeit,
welches doch zugleich anziehend ist: weil es eine Gewalt ist, welche die
Vernunft auf jene ausübt, nur um sie ihrem eigentlichen Gebiete (dem
praktischen) angemessen zu erweitern und sie auf das Unendliche
hinaussehen zu lassen, welches für jene ein Abgrund ist. In der That wird
ohne Entwickelung sittlicher Ideen das, was wir, durch Cultur 10 111
vorbereitet, erhaben nennen, dem rohen Menschen bloß abschreckend
vorkommen. Er wird an den Beweisthümern der Gewalt der Natur in ihrer
Zerstörung und dem großen Maßstabe ihrer Macht, wogegen die seinige in
Nichts verschwindet, lauter Mühseligkeit, Gefahr und Noth sehen, die den
Menschen umgeben würden, der dahin gebannt wäre. So nannte der 15
gute, übrigens verständige savoyische Bauer (wie Hr. v. Saussure erzählt)
alle Liebhaber der Eisgebirge ohne Bedenken Narren. Wer weiß auch, ob er
so ganz Unrecht gehabt hätte, wenn jener Beobachter die Gefahren, denen
er sich hier aussetzte, bloß, wie die meisten Reisende pflegen, aus
Liebhaberei, oder um dereinst pathetische Beschreibungen davon geben zu
20 können, übernommen hätte? So aber war seine Absicht Belehrung der
Menschen; und die seelenerhebende Empfindung hatte und gab der
vortreffliche Mann den Lesern seiner Reisen in ihrem Kauf oben ein.
Page 133
Darum aber, weil das Urtheil über das Erhabene der Natur Cultur bedarf
(mehr als das über das Schöne), ist es doch dadurch nicht eben von 25 der
Cultur zuerst erzeugt und etwa bloß conventionsmäßig in der Gesellschaft
eingeführt; sondern es hat seine Grundlage in der menschlichen Natur und
zwar demjenigen, was man mit dem gesunden Verstande zugleich
jedermann ansinnen und von ihm fordern kann, nämlich in der Anlage 112
zum Gefühl für (praktische) Ideen, d. i. zu dem moralischen. 30
Hierauf gründet sich nun die Nothwendigkeit der Beistimmung des Urtheils
anderer vom Erhabenen zu dem unsrigen, welche wir in diesem zugleich
mit einschließen. Denn so wie wir dem, der in der Beurtheilung eines
Gegenstandes der Natur, welchen wir schön finden, gleichgültig ist, Mangel
des G e s c h m a c k s vorwerfen: so sagen wir von dem, der bei dem, 35
was wir erhaben zu sein urtheilen, unbewegt bleibt, er habe kein G e f ü h l.
Beides aber fordern wir von jedem Menschen und setzen es auch, wenn er
einige Cultur hat, an ihm voraus: nur mit dem Unterschiede, daß wir das
erstere, weil die Urtheilskraft darin die Einbildung bloß auf den Verstand als
Vermögen der Begriffe bezieht, geradezu von jedermann, das zweite aber,
weil sie darin die Einbildungskraft auf Vernunft als Vermögen der Ideen
bezieht, nur unter einer subjectiven Voraussetzung (die 5 wir aber
jedermann ansinnen zu dürfen uns berechtigt glauben) fordern, nämlich der
des moralischen Gefühls im Menschen, und hiemit auch diesem
ästhetischen Urtheile Nothwendigkeit beilegen.
In dieser Modalität der ästhetischen Urtheile, nämlich der angemaßten
Nothwendigkeit derselben, liegt ein Hauptmoment für die Kritik der 10
Urtheilskraft. Denn die macht eben an ihnen ein Princip a priori kenntlich
und erhebt sie aus der empirischen Psychologie, in welcher sie sonst unter
113 den Gefühlen des Vergnügens und Schmerzens (nur mit dem
nichtssagenden Beiwort eines f e i n e r n Gefühls) begraben bleiben würden,
um sie und vermittelst ihrer die Urtheilskraft in die Classe derer zu stellen,
15 welche Principien a priori zum Grunde haben, als solche aber sie in die
Transscendentalphilosophie hinüberzuziehen.
(mehr als das über das Schöne), ist es doch dadurch nicht eben von 25 der
Cultur zuerst erzeugt und etwa bloß conventionsmäßig in der Gesellschaft
eingeführt; sondern es hat seine Grundlage in der menschlichen Natur und
zwar demjenigen, was man mit dem gesunden Verstande zugleich
jedermann ansinnen und von ihm fordern kann, nämlich in der Anlage 112
zum Gefühl für (praktische) Ideen, d. i. zu dem moralischen. 30
Hierauf gründet sich nun die Nothwendigkeit der Beistimmung des Urtheils
anderer vom Erhabenen zu dem unsrigen, welche wir in diesem zugleich
mit einschließen. Denn so wie wir dem, der in der Beurtheilung eines
Gegenstandes der Natur, welchen wir schön finden, gleichgültig ist, Mangel
des G e s c h m a c k s vorwerfen: so sagen wir von dem, der bei dem, 35
was wir erhaben zu sein urtheilen, unbewegt bleibt, er habe kein G e f ü h l.
Beides aber fordern wir von jedem Menschen und setzen es auch, wenn er
einige Cultur hat, an ihm voraus: nur mit dem Unterschiede, daß wir das
erstere, weil die Urtheilskraft darin die Einbildung bloß auf den Verstand als
Vermögen der Begriffe bezieht, geradezu von jedermann, das zweite aber,
weil sie darin die Einbildungskraft auf Vernunft als Vermögen der Ideen
bezieht, nur unter einer subjectiven Voraussetzung (die 5 wir aber
jedermann ansinnen zu dürfen uns berechtigt glauben) fordern, nämlich der
des moralischen Gefühls im Menschen, und hiemit auch diesem
ästhetischen Urtheile Nothwendigkeit beilegen.
In dieser Modalität der ästhetischen Urtheile, nämlich der angemaßten
Nothwendigkeit derselben, liegt ein Hauptmoment für die Kritik der 10
Urtheilskraft. Denn die macht eben an ihnen ein Princip a priori kenntlich
und erhebt sie aus der empirischen Psychologie, in welcher sie sonst unter
113 den Gefühlen des Vergnügens und Schmerzens (nur mit dem
nichtssagenden Beiwort eines f e i n e r n Gefühls) begraben bleiben würden,
um sie und vermittelst ihrer die Urtheilskraft in die Classe derer zu stellen,
15 welche Principien a priori zum Grunde haben, als solche aber sie in die
Transscendentalphilosophie hinüberzuziehen.
Page 134
Allgemeine Anmerkung zur Exposition der ästhetischen reflectirenden
Urtheile.
In Beziehung auf das Gefühl der Lust ist ein Gegenstand entweder 20 zum
A n g e n e h m e n, oder S c h ö n e n, oder E r h a b e n e n, oder G u t e n
(schlechthin) zu zählen (iucundum, pulchrum, sublime, honestum).
Das A n g e n e h m e ist als Triebfeder der Begierden durchgängig von
einerlei Art, woher es auch kommen und wie specifisch-verschieden auch
die Vorstellung (des Sinnes und der Empfindung, objectiv betrachtet) sein
25 mag. Daher kommt es bei der Beurtheilung des Einflusses desselben auf
das Gemüth nur auf die Menge der Reize (zugleich und nach einander) und
gleichsam nur auf die Masse der angenehmen Empfindung an; und diese
läßt sich also durch nichts als die Q u a n t i t ä t verständlich machen. Es
cultivirt auch nicht, sondern gehört zum bloßen Genusse. — Das 30
S c h ö n e erfordert dagegen die Vorstellung einer gewissen Q u a l i t ä t des
Objects, die sich auch verständlich machen und auf Begriffe bringen läßt
(wiewohl es im ästhetischen Urtheile darauf nicht gebracht wird); und
cultivirt, indem es zugleich auf Zweckmäßigkeit im Gefühle der Lust Acht
zu haben lehrt. — Das E r h a b e n e besteht bloß in der R e l a t i o n, worin
35 114 das Sinnliche in der Vorstellung der Natur für einen möglichen
übersinnlichen Gebrauch desselben als tauglich beurtheilt wird. — Das
S c h l e c h t h i n - G u t e, subjectiv nach dem Gefühle, welches es einflößt,
beurtheilt, (das Object des moralischen Gefühls) als die Bestimmbarkeit der
Kräfte des Subjects durch die Vorstellung eines s c h l e c h t h i n -
n ö t h i g e n d e n 5 Gesetzes, unterscheidet sich vornehmlich durch die
M o d a l i t ä t einer auf Begriffen a priori beruhenden Nothwendigkeit, die
nicht bloß A n s p r u c h, sondern auch G e b o t des Beifalls für jedermann
in sich enthält, und gehört an sich zwar nicht für die ästhetische, sondern
die reine intellectuelle Urtheilskraft; wird auch nicht in einem bloß
reflectirenden, sondern bestimmenden 10 Urtheile, nicht der Natur, sondern
der Freiheit beigelegt. Aber die B e s t i m m b a r k e i t d e s S u b j e c t s
durch diese Idee und zwar eines Subjects, welches in sich an der
Sinnlichkeit H i n d e r n i s s e, zugleich aber Überlegenheit über dieselbe
durch die Überwindung derselben als M o d i f i c a t i o n s e i n e s
Z u s t a n d e s empfinden kann, d. i. das moralische 15 Gefühl, ist doch mit
Urtheile.
In Beziehung auf das Gefühl der Lust ist ein Gegenstand entweder 20 zum
A n g e n e h m e n, oder S c h ö n e n, oder E r h a b e n e n, oder G u t e n
(schlechthin) zu zählen (iucundum, pulchrum, sublime, honestum).
Das A n g e n e h m e ist als Triebfeder der Begierden durchgängig von
einerlei Art, woher es auch kommen und wie specifisch-verschieden auch
die Vorstellung (des Sinnes und der Empfindung, objectiv betrachtet) sein
25 mag. Daher kommt es bei der Beurtheilung des Einflusses desselben auf
das Gemüth nur auf die Menge der Reize (zugleich und nach einander) und
gleichsam nur auf die Masse der angenehmen Empfindung an; und diese
läßt sich also durch nichts als die Q u a n t i t ä t verständlich machen. Es
cultivirt auch nicht, sondern gehört zum bloßen Genusse. — Das 30
S c h ö n e erfordert dagegen die Vorstellung einer gewissen Q u a l i t ä t des
Objects, die sich auch verständlich machen und auf Begriffe bringen läßt
(wiewohl es im ästhetischen Urtheile darauf nicht gebracht wird); und
cultivirt, indem es zugleich auf Zweckmäßigkeit im Gefühle der Lust Acht
zu haben lehrt. — Das E r h a b e n e besteht bloß in der R e l a t i o n, worin
35 114 das Sinnliche in der Vorstellung der Natur für einen möglichen
übersinnlichen Gebrauch desselben als tauglich beurtheilt wird. — Das
S c h l e c h t h i n - G u t e, subjectiv nach dem Gefühle, welches es einflößt,
beurtheilt, (das Object des moralischen Gefühls) als die Bestimmbarkeit der
Kräfte des Subjects durch die Vorstellung eines s c h l e c h t h i n -
n ö t h i g e n d e n 5 Gesetzes, unterscheidet sich vornehmlich durch die
M o d a l i t ä t einer auf Begriffen a priori beruhenden Nothwendigkeit, die
nicht bloß A n s p r u c h, sondern auch G e b o t des Beifalls für jedermann
in sich enthält, und gehört an sich zwar nicht für die ästhetische, sondern
die reine intellectuelle Urtheilskraft; wird auch nicht in einem bloß
reflectirenden, sondern bestimmenden 10 Urtheile, nicht der Natur, sondern
der Freiheit beigelegt. Aber die B e s t i m m b a r k e i t d e s S u b j e c t s
durch diese Idee und zwar eines Subjects, welches in sich an der
Sinnlichkeit H i n d e r n i s s e, zugleich aber Überlegenheit über dieselbe
durch die Überwindung derselben als M o d i f i c a t i o n s e i n e s
Z u s t a n d e s empfinden kann, d. i. das moralische 15 Gefühl, ist doch mit
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der ästhetischen Urtheilskraft und deren f o r m a l e n B e d i n g u n g e n
sofern verwandt, daß es dazu dienen kann, die Gesetzmäßigkeit der
Handlung aus Pflicht zugleich als ästhetisch, d. i. als erhaben, oder auch als
schön vorstellig zu machen, ohne an seiner Reinigkeit einzubüßen: welches
nicht Statt findet, wenn man es mit dem Gefühl des 20 Angenehmen in
natürliche Verbindung setzen wollte.
Wenn man das Resultat aus der bisherigen Exposition beiderlei Arten
ästhetischer Urtheile zieht, so würden sich daraus folgende kurze
Erklärungen ergeben:
S c h ö n ist das, was in der bloßen Beurtheilung (also nicht vermittelst 25
der Empfindung des Sinnes nach einem Begriffe des Verstandes) gefällt. 115
Hieraus folgt von selbst, daß es ohne alles Interesse gefallen müsse.
E r h a b e n ist das, was durch seinen Widerstand gegen das Interesse der
Sinne unmittelbar gefällt.
Beide als Erklärungen ästhetischer allgemeingültiger Beurtheilung 30
beziehen sich auf subjective Gründe, nämlich einerseits der Sinnlichkeit, so
wie sie zu Gunsten des contemplativen Verstandes, andererseits wie sie
wider dieselbe, dagegen für die Zwecke der praktischen Vernunft und doch
beide in demselben Subjecte vereinigt, in Beziehung auf das moralische
Gefühl zweckmäßig sind. Das Schöne bereitet uns vor, etwas, selbst die 35
Natur ohne Interesse zu lieben; das Erhabene, es selbst wider unser
(sinnliches) Interesse hochzuschätzen.
Man kann das Erhabene so beschreiben: es ist ein Gegenstand (der Natur),
d e s s e n Vo r s t e l l u n g d a s G e m ü t h b e s t i m m t , s i c h d i e
Unerreichbarkeit der Natur als Darstellung von
I d e e n z u d e n k e n.
Buchstäblich genommen und logisch betrachtet, können Ideen nicht
dargestellt werden. Aber wenn wir unser empirisches Vorstellungsvermögen
5 (mathematisch, oder dynamisch) für die Anschauung der Natur
erweitern: so tritt unausbleiblich die Vernunft hinzu, als Vermögen der
Independenz der absoluten Totalität, und bringt die, obzwar vergebliche,
Bestrebung des Gemüths hervor, die Vorstellung der Sinne dieser
angemessen zu machen. Diese Bestrebung und das Gefühl der
sofern verwandt, daß es dazu dienen kann, die Gesetzmäßigkeit der
Handlung aus Pflicht zugleich als ästhetisch, d. i. als erhaben, oder auch als
schön vorstellig zu machen, ohne an seiner Reinigkeit einzubüßen: welches
nicht Statt findet, wenn man es mit dem Gefühl des 20 Angenehmen in
natürliche Verbindung setzen wollte.
Wenn man das Resultat aus der bisherigen Exposition beiderlei Arten
ästhetischer Urtheile zieht, so würden sich daraus folgende kurze
Erklärungen ergeben:
S c h ö n ist das, was in der bloßen Beurtheilung (also nicht vermittelst 25
der Empfindung des Sinnes nach einem Begriffe des Verstandes) gefällt. 115
Hieraus folgt von selbst, daß es ohne alles Interesse gefallen müsse.
E r h a b e n ist das, was durch seinen Widerstand gegen das Interesse der
Sinne unmittelbar gefällt.
Beide als Erklärungen ästhetischer allgemeingültiger Beurtheilung 30
beziehen sich auf subjective Gründe, nämlich einerseits der Sinnlichkeit, so
wie sie zu Gunsten des contemplativen Verstandes, andererseits wie sie
wider dieselbe, dagegen für die Zwecke der praktischen Vernunft und doch
beide in demselben Subjecte vereinigt, in Beziehung auf das moralische
Gefühl zweckmäßig sind. Das Schöne bereitet uns vor, etwas, selbst die 35
Natur ohne Interesse zu lieben; das Erhabene, es selbst wider unser
(sinnliches) Interesse hochzuschätzen.
Man kann das Erhabene so beschreiben: es ist ein Gegenstand (der Natur),
d e s s e n Vo r s t e l l u n g d a s G e m ü t h b e s t i m m t , s i c h d i e
Unerreichbarkeit der Natur als Darstellung von
I d e e n z u d e n k e n.
Buchstäblich genommen und logisch betrachtet, können Ideen nicht
dargestellt werden. Aber wenn wir unser empirisches Vorstellungsvermögen
5 (mathematisch, oder dynamisch) für die Anschauung der Natur
erweitern: so tritt unausbleiblich die Vernunft hinzu, als Vermögen der
Independenz der absoluten Totalität, und bringt die, obzwar vergebliche,
Bestrebung des Gemüths hervor, die Vorstellung der Sinne dieser
angemessen zu machen. Diese Bestrebung und das Gefühl der
Page 136
Unerreichbarkeit 10 der Idee durch die Einbildungskraft ist selbst eine
Darstellung der subjectiven Zweckmäßigkeit unseres Gemüths im
Gebrauche der Einbildungskraft für dessen übersinnliche Bestimmung und
nöthigt uns, subjectiv die Natur selbst in ihrer Totalität, als Darstellung von
etwas Übersinnlichem, 116 zu d e n k e n, ohne diese Darstellung
o b j e c t i v zu Stande bringen zu können. 15
Denn das werden wir bald inne, daß der Natur im Raume und der Zeit das
Unbedingte, mithin auch die absolute Größe ganz abgehe, die doch von der
gemeinsten Vernunft verlangt wird. Eben dadurch werden wir auch erinnert,
daß wir es nur mit einer Natur als Erscheinung zu thun haben, und diese
selbst noch als bloße Darstellung einer Natur an 20 sich (welche die
Vernunft in der Idee hat) müsse angesehen werden. Diese Idee des
Übersinnlichen aber, die wir zwar nicht weiter bestimmen, mithin die Natur
als Darstellung derselben nicht e r k e n n e n, sondern nur d e n k e n können,
wird in uns durch einen Gegenstand erweckt, dessen ästhetische
Beurtheilung die Einbildungskraft bis zu ihrer Gränze, es sei der
Erweiterung 25 (mathematisch), oder ihrer Macht über das Gemüth
(dynamisch), anspannt, indem sie sich auf dem Gefühle einer Bestimmung
desselben gründet, welche das Gebiet der ersteren gänzlich überschreitet
(dem moralischen Gefühl), in Ansehung dessen die Vorstellung des
Gegenstandes als subjectiv-zweckmäßig beurtheilt wird. 30
In der That läßt sich ein Gefühl für das Erhabene der Natur nicht wohl
denken, ohne eine Stimmung des Gemüths, die der zum moralischen
ähnlich ist, damit zu verbinden; und obgleich die unmittelbare Lust am
Schönen der Natur gleichfalls eine gewisse L i b e r a l i t ä t der
Denkungsart, d. i. Unabhängigkeit des Wohlgefallens vom bloßen
Sinnengenusse, 35 voraussetzt und cultivirt, so wird dadurch noch mehr die
Freiheit im S p i e l e, als unter einem gesetzlichen G e s c h ä f t e
vorgestellt: welches die ächte Beschaffenheit der Sittlichkeit des Menschen
ist, wo die Vernunft der Sinnlichkeit Gewalt anthun muß, nur daß im
ästhetischen Urtheile über 117 das Erhabene diese Gewalt durch die
Einbildungskraft selbst, als durch ein Werkzeug der Vernunft, ausgeübt
vorgestellt wird.
Das Wohlgefallen am Erhabenen der Natur ist daher auch nur n e g a t i v 5
(statt dessen das am Schönen p o s i t i v ist), nämlich ein Gefühl der
Darstellung der subjectiven Zweckmäßigkeit unseres Gemüths im
Gebrauche der Einbildungskraft für dessen übersinnliche Bestimmung und
nöthigt uns, subjectiv die Natur selbst in ihrer Totalität, als Darstellung von
etwas Übersinnlichem, 116 zu d e n k e n, ohne diese Darstellung
o b j e c t i v zu Stande bringen zu können. 15
Denn das werden wir bald inne, daß der Natur im Raume und der Zeit das
Unbedingte, mithin auch die absolute Größe ganz abgehe, die doch von der
gemeinsten Vernunft verlangt wird. Eben dadurch werden wir auch erinnert,
daß wir es nur mit einer Natur als Erscheinung zu thun haben, und diese
selbst noch als bloße Darstellung einer Natur an 20 sich (welche die
Vernunft in der Idee hat) müsse angesehen werden. Diese Idee des
Übersinnlichen aber, die wir zwar nicht weiter bestimmen, mithin die Natur
als Darstellung derselben nicht e r k e n n e n, sondern nur d e n k e n können,
wird in uns durch einen Gegenstand erweckt, dessen ästhetische
Beurtheilung die Einbildungskraft bis zu ihrer Gränze, es sei der
Erweiterung 25 (mathematisch), oder ihrer Macht über das Gemüth
(dynamisch), anspannt, indem sie sich auf dem Gefühle einer Bestimmung
desselben gründet, welche das Gebiet der ersteren gänzlich überschreitet
(dem moralischen Gefühl), in Ansehung dessen die Vorstellung des
Gegenstandes als subjectiv-zweckmäßig beurtheilt wird. 30
In der That läßt sich ein Gefühl für das Erhabene der Natur nicht wohl
denken, ohne eine Stimmung des Gemüths, die der zum moralischen
ähnlich ist, damit zu verbinden; und obgleich die unmittelbare Lust am
Schönen der Natur gleichfalls eine gewisse L i b e r a l i t ä t der
Denkungsart, d. i. Unabhängigkeit des Wohlgefallens vom bloßen
Sinnengenusse, 35 voraussetzt und cultivirt, so wird dadurch noch mehr die
Freiheit im S p i e l e, als unter einem gesetzlichen G e s c h ä f t e
vorgestellt: welches die ächte Beschaffenheit der Sittlichkeit des Menschen
ist, wo die Vernunft der Sinnlichkeit Gewalt anthun muß, nur daß im
ästhetischen Urtheile über 117 das Erhabene diese Gewalt durch die
Einbildungskraft selbst, als durch ein Werkzeug der Vernunft, ausgeübt
vorgestellt wird.
Das Wohlgefallen am Erhabenen der Natur ist daher auch nur n e g a t i v 5
(statt dessen das am Schönen p o s i t i v ist), nämlich ein Gefühl der
Page 137
Beraubung der Freiheit der Einbildungskraft durch sie selbst, indem sie
nach einem andern Gesetze, als dem des empirischen Gebrauchs
zweckmäßig bestimmt wird. Dadurch bekommt sie eine Erweiterung und
Macht, welche größer ist als die, welche sie aufopfert, deren Grund aber ihr
selbst 10 verborgen ist, statt dessen sie die Aufopferung oder die
Beraubung und zugleich die Ursache f ü h l t, der sie unterworfen wird. Die
Ve r w u n d e r u n g, die an Schreck gränzt, das Grausen und der heilige
Schauer, welcher den Zuschauer bei dem Anblicke himmelansteigender
Gebirgsmassen, tiefer Schlünde und darin tobender Gewässer,
tiefbeschatteter, zum schwermüthigen 15 Nachdenken einladender Einöden
u. s. w. ergreift, ist bei der Sicherheit, worin er sich weiß, nicht wirkliche
Furcht, sondern nur ein Versuch, uns mit der Einbildungskraft darauf
einzulassen, um die Macht ebendesselben Vermögens zu fühlen, die
dadurch erregte Bewegung des Gemüths mit dem Ruhestande desselben zu
verbinden und so der Natur 20 in uns selbst, mithin auch der außer uns,
sofern sie auf das Gefühl unseres Wohlbefindens Einfluß haben kann,
überlegen zu sein. Denn die Einbildungskraft nach dem Associationsgesetze
macht unseren Zustand der Zufriedenheit physisch abhängig; aber eben
dieselbe nach Principien des Schematisms der Urtheilskraft (folglich sofern
der Freiheit untergeordnet) 25 ist Werkzeug der Vernunft und ihrer Ideen,
als solches aber eine Macht, unsere Unabhängigkeit gegen die
Natureinflüsse zu behaupten, das, was nach der ersteren groß ist, als klein
abzuwürdigen und so das 118 Schlechthin-Große nur in seiner (des Subjects)
eigenen Bestimmung zu setzen. Diese Reflexion der ästhetischen
Urtheilskraft, sich zur Angemessenheit 30 mit der Vernunft (doch ohne
einen bestimmten Begriff derselben) zu erheben, stellt den Gegenstand
selbst durch die objective Unangemessenheit der Einbildungskraft in ihrer
größten Erweiterung für die Vernunft (als Vermögen der Ideen) doch als
subjectiv-zweckmäßig vor.
Man muß hier überhaupt darauf Acht haben, was oben schon erinnert 35
worden ist, daß in der transscendentalen Ästhetik der Urtheilskraft lediglich
von reinen ästhetischen Urtheilen die Rede sein müsse, folglich die
Beispiele nicht von solchen schönen oder erhabenen Gegenständen der
Natur hergenommen werden dürfen, die den Begriff von einem Zwecke
voraussetzen; denn alsdann würde es entweder teleologische, oder sich auf
bloßen Empfindungen eines Gegenstandes (Vergnügen oder Schmerz) 5
nach einem andern Gesetze, als dem des empirischen Gebrauchs
zweckmäßig bestimmt wird. Dadurch bekommt sie eine Erweiterung und
Macht, welche größer ist als die, welche sie aufopfert, deren Grund aber ihr
selbst 10 verborgen ist, statt dessen sie die Aufopferung oder die
Beraubung und zugleich die Ursache f ü h l t, der sie unterworfen wird. Die
Ve r w u n d e r u n g, die an Schreck gränzt, das Grausen und der heilige
Schauer, welcher den Zuschauer bei dem Anblicke himmelansteigender
Gebirgsmassen, tiefer Schlünde und darin tobender Gewässer,
tiefbeschatteter, zum schwermüthigen 15 Nachdenken einladender Einöden
u. s. w. ergreift, ist bei der Sicherheit, worin er sich weiß, nicht wirkliche
Furcht, sondern nur ein Versuch, uns mit der Einbildungskraft darauf
einzulassen, um die Macht ebendesselben Vermögens zu fühlen, die
dadurch erregte Bewegung des Gemüths mit dem Ruhestande desselben zu
verbinden und so der Natur 20 in uns selbst, mithin auch der außer uns,
sofern sie auf das Gefühl unseres Wohlbefindens Einfluß haben kann,
überlegen zu sein. Denn die Einbildungskraft nach dem Associationsgesetze
macht unseren Zustand der Zufriedenheit physisch abhängig; aber eben
dieselbe nach Principien des Schematisms der Urtheilskraft (folglich sofern
der Freiheit untergeordnet) 25 ist Werkzeug der Vernunft und ihrer Ideen,
als solches aber eine Macht, unsere Unabhängigkeit gegen die
Natureinflüsse zu behaupten, das, was nach der ersteren groß ist, als klein
abzuwürdigen und so das 118 Schlechthin-Große nur in seiner (des Subjects)
eigenen Bestimmung zu setzen. Diese Reflexion der ästhetischen
Urtheilskraft, sich zur Angemessenheit 30 mit der Vernunft (doch ohne
einen bestimmten Begriff derselben) zu erheben, stellt den Gegenstand
selbst durch die objective Unangemessenheit der Einbildungskraft in ihrer
größten Erweiterung für die Vernunft (als Vermögen der Ideen) doch als
subjectiv-zweckmäßig vor.
Man muß hier überhaupt darauf Acht haben, was oben schon erinnert 35
worden ist, daß in der transscendentalen Ästhetik der Urtheilskraft lediglich
von reinen ästhetischen Urtheilen die Rede sein müsse, folglich die
Beispiele nicht von solchen schönen oder erhabenen Gegenständen der
Natur hergenommen werden dürfen, die den Begriff von einem Zwecke
voraussetzen; denn alsdann würde es entweder teleologische, oder sich auf
bloßen Empfindungen eines Gegenstandes (Vergnügen oder Schmerz) 5
Page 138
gründende, mithin im ersteren Falle nicht ästhetische, im zweiten nicht
bloße formale Zweckmäßigkeit sein. Wenn man also den Anblick des
bestirnten Himmels e r h a b e n nennt, so muß man der Beurtheilung
desselben nicht Begriffe von Welten, von vernünftigen Wesen bewohnt, und
nun die hellen Punkte, womit wir den Raum über uns erfüllt sehen, als 10
ihre Sonnen in sehr zweckmäßig für sie gestellten Kreisen bewegt, zum
Grunde legen, sondern bloß, wie man ihn sieht, als ein weites Gewölbe, was
alles befaßt; und bloß unter dieser Vorstellung müssen wir die Erhabenheit
setzen, die ein reines ästhetisches Urtheil diesem Gegenstande beilegt. Eben
so den Anblick des Oceans nicht so, wie wir, mit allerlei 15 Kenntnissen
(die aber nicht in der unmittelbaren Anschauung enthalten sind) bereichert,
ihn d e n k e n; etwa als ein weites Reich von Wassergeschöpfen, als den
großen Wasserschatz für die Ausdünstungen, welche die 119 Luft mit
Wolken zum Behuf der Länder beschwängern, oder auch als ein Element,
das zwar Welttheile von einander trennt, gleichwohl aber die 20 größte
Gemeinschaft unter ihnen möglich macht: denn das giebt lauter
teleologische Urtheile; sondern man muß den Ocean bloß, wie die Dichter
es thun, nach dem, was der Augenschein zeigt, etwa, wenn er in Ruhe
betrachtet wird, als einen klaren Wasserspiegel, der bloß vom Himmel
begränzt ist, aber, ist er unruhig, wie einen alles zu verschlingen drohenden
25 Abgrund, dennoch erhaben finden können. Eben das ist von dem
Erhabenen und Schönen in der Menschengestalt zu sagen, wo wir nicht auf
Begriffe der Zwecke, w o z u alle seine Gliedmaßen da sind, als
Bestimmungsgründe des Urtheils zurücksehen und die Zusammenstimmung
mit ihnen auf unser (alsdann nicht mehr reines) ästhetisches Urtheil nicht
30 e i n f l i e ß e n lassen müssen, obgleich, daß sie jenen nicht
widerstreiten, freilich eine nothwendige Bedingung auch des ästhetischen
Wohlgefallens ist. Die ästhetische Zweckmäßigkeit ist die Gesetzmäßigkeit
der Urtheilskraft in ihrer F r e i h e i t. Das Wohlgefallen an dem
Gegenstande hängt von der Beziehung ab, in welcher wir die
Einbildungskraft setzen wollen: nur daß 35 sie für sich selbst das Gemüth
in freier Beschäftigung unterhalte. Wenn dagegen etwas anderes, es sei
Sinnenempfindung oder Verstandesbegriff, das Urtheil bestimmt: so ist es
zwar gesetzmäßig, aber nicht das Urtheil einer f r e i e n Urtheilskraft.
Wenn man also von intellectueller Schönheit oder Erhabenheit spricht, so
sind e r s t l i c h diese Ausdrücke nicht ganz richtig, weil es ästhetische
bloße formale Zweckmäßigkeit sein. Wenn man also den Anblick des
bestirnten Himmels e r h a b e n nennt, so muß man der Beurtheilung
desselben nicht Begriffe von Welten, von vernünftigen Wesen bewohnt, und
nun die hellen Punkte, womit wir den Raum über uns erfüllt sehen, als 10
ihre Sonnen in sehr zweckmäßig für sie gestellten Kreisen bewegt, zum
Grunde legen, sondern bloß, wie man ihn sieht, als ein weites Gewölbe, was
alles befaßt; und bloß unter dieser Vorstellung müssen wir die Erhabenheit
setzen, die ein reines ästhetisches Urtheil diesem Gegenstande beilegt. Eben
so den Anblick des Oceans nicht so, wie wir, mit allerlei 15 Kenntnissen
(die aber nicht in der unmittelbaren Anschauung enthalten sind) bereichert,
ihn d e n k e n; etwa als ein weites Reich von Wassergeschöpfen, als den
großen Wasserschatz für die Ausdünstungen, welche die 119 Luft mit
Wolken zum Behuf der Länder beschwängern, oder auch als ein Element,
das zwar Welttheile von einander trennt, gleichwohl aber die 20 größte
Gemeinschaft unter ihnen möglich macht: denn das giebt lauter
teleologische Urtheile; sondern man muß den Ocean bloß, wie die Dichter
es thun, nach dem, was der Augenschein zeigt, etwa, wenn er in Ruhe
betrachtet wird, als einen klaren Wasserspiegel, der bloß vom Himmel
begränzt ist, aber, ist er unruhig, wie einen alles zu verschlingen drohenden
25 Abgrund, dennoch erhaben finden können. Eben das ist von dem
Erhabenen und Schönen in der Menschengestalt zu sagen, wo wir nicht auf
Begriffe der Zwecke, w o z u alle seine Gliedmaßen da sind, als
Bestimmungsgründe des Urtheils zurücksehen und die Zusammenstimmung
mit ihnen auf unser (alsdann nicht mehr reines) ästhetisches Urtheil nicht
30 e i n f l i e ß e n lassen müssen, obgleich, daß sie jenen nicht
widerstreiten, freilich eine nothwendige Bedingung auch des ästhetischen
Wohlgefallens ist. Die ästhetische Zweckmäßigkeit ist die Gesetzmäßigkeit
der Urtheilskraft in ihrer F r e i h e i t. Das Wohlgefallen an dem
Gegenstande hängt von der Beziehung ab, in welcher wir die
Einbildungskraft setzen wollen: nur daß 35 sie für sich selbst das Gemüth
in freier Beschäftigung unterhalte. Wenn dagegen etwas anderes, es sei
Sinnenempfindung oder Verstandesbegriff, das Urtheil bestimmt: so ist es
zwar gesetzmäßig, aber nicht das Urtheil einer f r e i e n Urtheilskraft.
Wenn man also von intellectueller Schönheit oder Erhabenheit spricht, so
sind e r s t l i c h diese Ausdrücke nicht ganz richtig, weil es ästhetische
Page 139
Vorstellungsarten sind, die, wenn wir bloße reine Intelligenzen wären (oder
5 uns auch in Gedanken in diese Qualität versetzen), in uns gar nicht
anzutreffen sein würden; z w e i t e n s, obgleich beide als Gegenstände eines
120 intellectuellen (moralischen) Wohlgefallens zwar sofern mit dem
ästhetischen vereinbar sind, als sie auf keinem Interesse b e r u h e n: so sind
sie doch darin wiederum mit diesem schwer zu vereinigen, weil sie ein
Interesse 10 b e w i r k e n sollen, welches, wenn die Darstellung zum
Wohlgefallen in der ästhetischen Beurtheilung zusammenstimmen soll, in
dieser niemals anders als durch ein Sinneninteresse, welches man damit in
der Darstellung verbindet, geschehen würde, wodurch aber der
intellectuellen Zweckmäßigkeit Abbruch geschieht, und sie verunreinigt
wird. 15
Der Gegenstand eines reinen und unbedingten intellectuellen Wohlgefallens
ist das moralische Gesetz in seiner Macht, die es in uns über alle und jede
v o r i h m v o r h e r g e h e n d e Triebfedern des Gemüths ausübt; und da
diese Macht sich eigentlich nur durch Aufopferungen ästhetisch-kenntlich
macht (welches eine Beraubung, obgleich zum Behuf der innern 20
Freiheit, ist, dagegen eine unergründliche Tiefe dieses übersinnlichen
Vermögens mit ihren ins Unabsehliche sich erstreckenden Folgen in uns
aufdeckt): so ist das Wohlgefallen von der ästhetischen Seite (in Beziehung
auf Sinnlichkeit) negativ, d. i. wider dieses Interesse, von der intellectuellen
aber betrachtet, positiv und mit einem Interesse verbunden. Hieraus 25
folgt: daß das intellectuelle, an sich selbst zweckmäßige (das
Moralisch-)Gute, ästhetisch beurtheilt, nicht sowohl schön, als vielmehr
erhaben vorgestellt werden müsse, so daß es mehr das Gefühl der Achtung
(welches den Reiz verschmäht), als der Liebe und vertraulichen Zuneigung
erwecke; weil die menschliche Natur nicht so von selbst, sondern nur durch
Gewalt, 30 welche die Vernunft der Sinnlichkeit anthut, zu jenem Guten
zusammenstimmt. Umgekehrt wird auch das, was wir in der Natur außer
uns, oder auch in uns (z. B. gewisse Affecten) erhaben nennen, nur als eine
121 Macht des Gemüths, sich über g e w i s s e Hindernisse der Sinnlichkeit
durch moralische Grundsätze zu schwingen, vorgestellt und dadurch
interessant 35 werden.
Ich will bei dem letztern etwas verweilen. Die Idee des Guten mit Affect
heißt der E n t h u s i a s m. Dieser Gemüthszustand scheint erhaben zu sein,
dermaßen daß man gemeiniglich vorgiebt: ohne ihn könne nichts Großes
5 uns auch in Gedanken in diese Qualität versetzen), in uns gar nicht
anzutreffen sein würden; z w e i t e n s, obgleich beide als Gegenstände eines
120 intellectuellen (moralischen) Wohlgefallens zwar sofern mit dem
ästhetischen vereinbar sind, als sie auf keinem Interesse b e r u h e n: so sind
sie doch darin wiederum mit diesem schwer zu vereinigen, weil sie ein
Interesse 10 b e w i r k e n sollen, welches, wenn die Darstellung zum
Wohlgefallen in der ästhetischen Beurtheilung zusammenstimmen soll, in
dieser niemals anders als durch ein Sinneninteresse, welches man damit in
der Darstellung verbindet, geschehen würde, wodurch aber der
intellectuellen Zweckmäßigkeit Abbruch geschieht, und sie verunreinigt
wird. 15
Der Gegenstand eines reinen und unbedingten intellectuellen Wohlgefallens
ist das moralische Gesetz in seiner Macht, die es in uns über alle und jede
v o r i h m v o r h e r g e h e n d e Triebfedern des Gemüths ausübt; und da
diese Macht sich eigentlich nur durch Aufopferungen ästhetisch-kenntlich
macht (welches eine Beraubung, obgleich zum Behuf der innern 20
Freiheit, ist, dagegen eine unergründliche Tiefe dieses übersinnlichen
Vermögens mit ihren ins Unabsehliche sich erstreckenden Folgen in uns
aufdeckt): so ist das Wohlgefallen von der ästhetischen Seite (in Beziehung
auf Sinnlichkeit) negativ, d. i. wider dieses Interesse, von der intellectuellen
aber betrachtet, positiv und mit einem Interesse verbunden. Hieraus 25
folgt: daß das intellectuelle, an sich selbst zweckmäßige (das
Moralisch-)Gute, ästhetisch beurtheilt, nicht sowohl schön, als vielmehr
erhaben vorgestellt werden müsse, so daß es mehr das Gefühl der Achtung
(welches den Reiz verschmäht), als der Liebe und vertraulichen Zuneigung
erwecke; weil die menschliche Natur nicht so von selbst, sondern nur durch
Gewalt, 30 welche die Vernunft der Sinnlichkeit anthut, zu jenem Guten
zusammenstimmt. Umgekehrt wird auch das, was wir in der Natur außer
uns, oder auch in uns (z. B. gewisse Affecten) erhaben nennen, nur als eine
121 Macht des Gemüths, sich über g e w i s s e Hindernisse der Sinnlichkeit
durch moralische Grundsätze zu schwingen, vorgestellt und dadurch
interessant 35 werden.
Ich will bei dem letztern etwas verweilen. Die Idee des Guten mit Affect
heißt der E n t h u s i a s m. Dieser Gemüthszustand scheint erhaben zu sein,
dermaßen daß man gemeiniglich vorgiebt: ohne ihn könne nichts Großes
Page 140
ausgerichtet werden. Nun ist aber jeder Affect[10] blind, entweder in der
Wahl seines Zwecks, oder wenn dieser auch durch Vernunft gegeben
worden, in der Ausführung desselben; denn er ist diejenige Bewegung des
5 Gemüths, welche es unvermögend macht, freie Überlegung der
Grundsätze anzustellen, um sich darnach zu bestimmen. Also kann er auf
keinerlei Weise ein Wohlgefallen der Vernunft verdienen. Ästhetisch
gleichwohl ist der Enthusiasm erhaben, weil er eine Anspannung der Kräfte
durch Ideen ist, welche dem Gemüthe einen Schwung geben, der weit
mächtiger und 10 dauerhafter wirkt, als der Antrieb durch
Sinnenvorstellungen. Aber (welches befremdlich scheint) selbst
A f f e c t l o s i g k e i t (Apatheia, Phlegma in significatu bono) eines seinen
unwandelbaren Grundsätzen nachdrücklich 122 nachgehenden Gemüths ist
und zwar auf weit vorzüglichere Art erhaben, weil sie zugleich das
Wohlgefallen der reinen Vernunft auf ihrer Seite 15 hat. Eine dergleichen
Gemüthsart heißt allein edel: welcher Ausdruck nachher auch auf Sachen, z.
B. Gebäude, ein Kleid, Schreibart, körperlichen Anstand u. d. gl.,
angewandt wird, wenn diese nicht sowohl Ve r w u n d e r u n g (Affect in
der Vorstellung der Neuigkeit, welche die Erwartung übersteigt), als
B e w u n d e r u n g (eine Verwunderung, die beim 20 Verlust der Neuigkeit
nicht aufhört) erregt, welches geschieht, wenn Ideen in ihrer Darstellung
unabsichtlich und ohne Kunst zum ästhetischen Wohlgefallen
zusammenstimmen.
Ein jeder Affect von der wackern Art (der nämlich das Bewußtsein unserer
Kräfte jeden Widerstand zu überwinden (animi strenui) rege 25 macht) ist
ä s t h e t i s c h e r h a b e n, z. B. der Zorn, sogar die Verzweiflung (nämlich
die e n t r ü s t e t e, nicht aber die v e r z a g t e). Der Affect von der
schmelzenden Art aber (welcher die Bestrebung zu widerstehen selbst zum
Gegenstande der Unlust (animum languidum) macht) hat nichts E d e l e s an
sich, kann aber zum Schönen der Sinnesart gezählt werden. Daher sind die
R ü h r u n g e n, welche bis zum Affect stark werden können, auch sehr
verschieden. Man hat m u t h i g e, man hat z ä r t l i c h e Rührungen. Die
letztern, wenn sie bis zum Affect steigen, taugen gar nichts; der Hang dazu
heißt die E m p f i n d e l e i. Ein theilnehmender Schmerz, der sich nicht 5
will trösten lassen, oder auf den wir uns, wenn er erdichtete Übel betrifft,
bis zur Täuschung durch die Phantasie, als ob es wirkliche wären,
vorsätzlich einlassen, beweiset und macht eine weiche, aber zugleich
Wahl seines Zwecks, oder wenn dieser auch durch Vernunft gegeben
worden, in der Ausführung desselben; denn er ist diejenige Bewegung des
5 Gemüths, welche es unvermögend macht, freie Überlegung der
Grundsätze anzustellen, um sich darnach zu bestimmen. Also kann er auf
keinerlei Weise ein Wohlgefallen der Vernunft verdienen. Ästhetisch
gleichwohl ist der Enthusiasm erhaben, weil er eine Anspannung der Kräfte
durch Ideen ist, welche dem Gemüthe einen Schwung geben, der weit
mächtiger und 10 dauerhafter wirkt, als der Antrieb durch
Sinnenvorstellungen. Aber (welches befremdlich scheint) selbst
A f f e c t l o s i g k e i t (Apatheia, Phlegma in significatu bono) eines seinen
unwandelbaren Grundsätzen nachdrücklich 122 nachgehenden Gemüths ist
und zwar auf weit vorzüglichere Art erhaben, weil sie zugleich das
Wohlgefallen der reinen Vernunft auf ihrer Seite 15 hat. Eine dergleichen
Gemüthsart heißt allein edel: welcher Ausdruck nachher auch auf Sachen, z.
B. Gebäude, ein Kleid, Schreibart, körperlichen Anstand u. d. gl.,
angewandt wird, wenn diese nicht sowohl Ve r w u n d e r u n g (Affect in
der Vorstellung der Neuigkeit, welche die Erwartung übersteigt), als
B e w u n d e r u n g (eine Verwunderung, die beim 20 Verlust der Neuigkeit
nicht aufhört) erregt, welches geschieht, wenn Ideen in ihrer Darstellung
unabsichtlich und ohne Kunst zum ästhetischen Wohlgefallen
zusammenstimmen.
Ein jeder Affect von der wackern Art (der nämlich das Bewußtsein unserer
Kräfte jeden Widerstand zu überwinden (animi strenui) rege 25 macht) ist
ä s t h e t i s c h e r h a b e n, z. B. der Zorn, sogar die Verzweiflung (nämlich
die e n t r ü s t e t e, nicht aber die v e r z a g t e). Der Affect von der
schmelzenden Art aber (welcher die Bestrebung zu widerstehen selbst zum
Gegenstande der Unlust (animum languidum) macht) hat nichts E d e l e s an
sich, kann aber zum Schönen der Sinnesart gezählt werden. Daher sind die
R ü h r u n g e n, welche bis zum Affect stark werden können, auch sehr
verschieden. Man hat m u t h i g e, man hat z ä r t l i c h e Rührungen. Die
letztern, wenn sie bis zum Affect steigen, taugen gar nichts; der Hang dazu
heißt die E m p f i n d e l e i. Ein theilnehmender Schmerz, der sich nicht 5
will trösten lassen, oder auf den wir uns, wenn er erdichtete Übel betrifft,
bis zur Täuschung durch die Phantasie, als ob es wirkliche wären,
vorsätzlich einlassen, beweiset und macht eine weiche, aber zugleich
Page 141
schwache Seele, die eine schöne Seite zeigt und zwar phantastisch, aber
nicht einmal enthusiastisch genannt werden kann. Romane, weinerliche
Schauspiele, 10 123 schale Sittenvorschriften, die mit (obzwar fälschlich)
sogenannten edlen Gesinnungen tändeln, in der That aber das Herz welk
und für die strenge Vorschrift der Pflicht unempfindlich, aller Achtung für
die Würde der Menschheit in unserer Person und das Recht der Menschen
(welches ganz etwas anderes als ihre Glückseligkeit ist) und überhaupt aller
festen 15 Grundsätze unfähig machen; selbst ein Religionsvortrag, welcher
kriechende, niedrige Gunstbewerbung und Einschmeichelung empfiehlt, die
alles Vertrauen auf eigenes Vermögen zum Widerstande gegen das Böse in
uns aufgiebt, statt der rüstigen Entschlossenheit, die Kräfte, die uns bei aller
unserer Gebrechlichkeit doch noch übrig bleiben, zu Überwindung der
Neigungen 20 zu versuchen; die falsche Demuth, welche in der
Selbstverachtung, in der winselnden erheuchelten Reue und einer bloß
leidenden Gemüthsfassung die Art setzt, wie man allein dem höchsten
Wesen gefällig werden könne: vertragen sich nicht einmal mit dem, was zur
Schönheit, weit weniger aber noch mit dem, was zur Erhabenheit der
Gemüthsart gezählt 25 werden könnte.
Aber auch stürmische Gemüthsbewegungen, sie mögen nun unter dem
Namen der Erbauung mit Ideen der Religion, oder als bloß zur Cultur
gehörig mit Ideen, die ein gesellschaftliches Interesse enthalten, verbunden
werden, können, so sehr sie auch die Einbildungskraft spannen,
keinesweges 30 auf die Ehre einer e r h a b e n e n Darstellung Anspruch
machen, wenn sie nicht eine Gemüthsstimmung zurücklassen, die, wenn
gleich nur indirect, auf das Bewußtsein seiner Stärke und Entschlossenheit
zu dem, was reine intellectuelle Zweckmäßigkeit bei sich führt (dem
Übersinnlichen), Einfluß hat. Denn sonst gehören alle diese Rührungen nur
zur M o t i o n, welche 35 man der Gesundheit wegen gerne hat. Die
angenehme Mattigkeit, welche 124 auf eine solche Rüttelung durch das Spiel
der Affecten folgt, ist ein Genuß des Wohlbefindens aus dem hergestellten
Gleichgewichte der mancherlei Lebenskräfte in uns: welcher am Ende auf
dasselbe hinausläuft, als derjenige, den die Wollüstlinge des Orients so
behaglich finden, wenn sie ihren Körper gleichsam durchkneten und alle
ihre Muskeln und Gelenke sanft drücken und biegen lassen; nur daß dort
das bewegende Princip größtentheils 5 in uns, hier hingegen gänzlich außer
uns ist. Da glaubt sich nun mancher durch eine Predigt erbaut, in dem doch
nicht einmal enthusiastisch genannt werden kann. Romane, weinerliche
Schauspiele, 10 123 schale Sittenvorschriften, die mit (obzwar fälschlich)
sogenannten edlen Gesinnungen tändeln, in der That aber das Herz welk
und für die strenge Vorschrift der Pflicht unempfindlich, aller Achtung für
die Würde der Menschheit in unserer Person und das Recht der Menschen
(welches ganz etwas anderes als ihre Glückseligkeit ist) und überhaupt aller
festen 15 Grundsätze unfähig machen; selbst ein Religionsvortrag, welcher
kriechende, niedrige Gunstbewerbung und Einschmeichelung empfiehlt, die
alles Vertrauen auf eigenes Vermögen zum Widerstande gegen das Böse in
uns aufgiebt, statt der rüstigen Entschlossenheit, die Kräfte, die uns bei aller
unserer Gebrechlichkeit doch noch übrig bleiben, zu Überwindung der
Neigungen 20 zu versuchen; die falsche Demuth, welche in der
Selbstverachtung, in der winselnden erheuchelten Reue und einer bloß
leidenden Gemüthsfassung die Art setzt, wie man allein dem höchsten
Wesen gefällig werden könne: vertragen sich nicht einmal mit dem, was zur
Schönheit, weit weniger aber noch mit dem, was zur Erhabenheit der
Gemüthsart gezählt 25 werden könnte.
Aber auch stürmische Gemüthsbewegungen, sie mögen nun unter dem
Namen der Erbauung mit Ideen der Religion, oder als bloß zur Cultur
gehörig mit Ideen, die ein gesellschaftliches Interesse enthalten, verbunden
werden, können, so sehr sie auch die Einbildungskraft spannen,
keinesweges 30 auf die Ehre einer e r h a b e n e n Darstellung Anspruch
machen, wenn sie nicht eine Gemüthsstimmung zurücklassen, die, wenn
gleich nur indirect, auf das Bewußtsein seiner Stärke und Entschlossenheit
zu dem, was reine intellectuelle Zweckmäßigkeit bei sich führt (dem
Übersinnlichen), Einfluß hat. Denn sonst gehören alle diese Rührungen nur
zur M o t i o n, welche 35 man der Gesundheit wegen gerne hat. Die
angenehme Mattigkeit, welche 124 auf eine solche Rüttelung durch das Spiel
der Affecten folgt, ist ein Genuß des Wohlbefindens aus dem hergestellten
Gleichgewichte der mancherlei Lebenskräfte in uns: welcher am Ende auf
dasselbe hinausläuft, als derjenige, den die Wollüstlinge des Orients so
behaglich finden, wenn sie ihren Körper gleichsam durchkneten und alle
ihre Muskeln und Gelenke sanft drücken und biegen lassen; nur daß dort
das bewegende Princip größtentheils 5 in uns, hier hingegen gänzlich außer
uns ist. Da glaubt sich nun mancher durch eine Predigt erbaut, in dem doch
Page 142
nichts aufgebauet (kein System guter Maximen) ist; oder durch ein
Trauerspiel gebessert, der bloß über glücklich vertriebne Langeweile froh
ist. Also muß das Erhabene jederzeit Beziehung auf die D e n k u n g s a r t
haben, d. i. auf Maximen, 10 dem Intellectuellen und den Vernunftideen
über die Sinnlichkeit Obermacht zu verschaffen.
Man darf nicht besorgen, daß das Gefühl des Erhabenen durch eine
dergleichen abgezogene Darstellungsart, die in Ansehung des Sinnlichen
gänzlich negativ wird, verlieren werde; denn die Einbildungskraft, ob sie
15 zwar über das Sinnliche hinaus nichts findet, woran sie sich halten kann,
fühlt sich doch auch eben durch diese Wegschaffung der Schranken
derselben unbegränzt: und jene Absonderung ist also eine Darstellung des
Unendlichen, welche zwar eben darum niemals anders als bloß negative
Darstellung sein kann, die aber doch die Seele erweitert. Vielleicht giebt es
20 keine erhabenere Stelle im Gesetzbuche der Juden, als das Gebot: Du
sollst dir kein Bildniß machen, noch irgend ein Gleichniß, weder dessen,
was im Himmel, noch auf der Erden, noch unter der Erden ist u. s. w.
Dieses Gebot allein kann den Enthusiasm erklären, den das jüdische Volk in
seiner gesitteten Epoche für seine Religion fühlte, wenn es sich mit andern
25 Völkern verglich, oder denjenigen Stolz, den der Mohammedanism 125
einflößt. Eben dasselbe gilt auch von der Vorstellung des moralischen
Gesetzes und der Anlage zur Moralität in uns. Es ist eine ganz irrige
Besorgniß, daß, wenn man sie alles dessen beraubt, was sie den Sinnen
empfehlen kann, sie alsdann keine andere als kalte, leblose Billigung und
30 keine bewegende Kraft oder Rührung bei sich führen würde. Es ist
gerade umgekehrt; denn da, wo nun die Sinne nichts mehr vor sich sehen,
und die unverkennliche und unauslöschliche Idee der Sittlichkeit dennoch
übrig bleibt, würde es eher nöthig sein, den Schwung einer unbegränzten
Einbildungskraft zu mäßigen, um ihn nicht bis zum Enthusiasm steigen 35
zu lassen, als aus Furcht vor Kraftlosigkeit dieser Ideen für sie in Bildern
und kindischem Apparat Hülfe zu suchen. Daher haben auch die
Regierungen gerne erlaubt, die Religion mit dem letztern Zubehör reichlich
versorgen zu lassen, und so dem Unterthan die Mühe, zugleich aber auch
das Vermögen zu benehmen gesucht, seine Seelenkräfte über die Schranken
auszudehnen, die man ihm willkürlich setzen und wodurch man ihn, als
bloß passiv, leichter behandeln kann. 5
Trauerspiel gebessert, der bloß über glücklich vertriebne Langeweile froh
ist. Also muß das Erhabene jederzeit Beziehung auf die D e n k u n g s a r t
haben, d. i. auf Maximen, 10 dem Intellectuellen und den Vernunftideen
über die Sinnlichkeit Obermacht zu verschaffen.
Man darf nicht besorgen, daß das Gefühl des Erhabenen durch eine
dergleichen abgezogene Darstellungsart, die in Ansehung des Sinnlichen
gänzlich negativ wird, verlieren werde; denn die Einbildungskraft, ob sie
15 zwar über das Sinnliche hinaus nichts findet, woran sie sich halten kann,
fühlt sich doch auch eben durch diese Wegschaffung der Schranken
derselben unbegränzt: und jene Absonderung ist also eine Darstellung des
Unendlichen, welche zwar eben darum niemals anders als bloß negative
Darstellung sein kann, die aber doch die Seele erweitert. Vielleicht giebt es
20 keine erhabenere Stelle im Gesetzbuche der Juden, als das Gebot: Du
sollst dir kein Bildniß machen, noch irgend ein Gleichniß, weder dessen,
was im Himmel, noch auf der Erden, noch unter der Erden ist u. s. w.
Dieses Gebot allein kann den Enthusiasm erklären, den das jüdische Volk in
seiner gesitteten Epoche für seine Religion fühlte, wenn es sich mit andern
25 Völkern verglich, oder denjenigen Stolz, den der Mohammedanism 125
einflößt. Eben dasselbe gilt auch von der Vorstellung des moralischen
Gesetzes und der Anlage zur Moralität in uns. Es ist eine ganz irrige
Besorgniß, daß, wenn man sie alles dessen beraubt, was sie den Sinnen
empfehlen kann, sie alsdann keine andere als kalte, leblose Billigung und
30 keine bewegende Kraft oder Rührung bei sich führen würde. Es ist
gerade umgekehrt; denn da, wo nun die Sinne nichts mehr vor sich sehen,
und die unverkennliche und unauslöschliche Idee der Sittlichkeit dennoch
übrig bleibt, würde es eher nöthig sein, den Schwung einer unbegränzten
Einbildungskraft zu mäßigen, um ihn nicht bis zum Enthusiasm steigen 35
zu lassen, als aus Furcht vor Kraftlosigkeit dieser Ideen für sie in Bildern
und kindischem Apparat Hülfe zu suchen. Daher haben auch die
Regierungen gerne erlaubt, die Religion mit dem letztern Zubehör reichlich
versorgen zu lassen, und so dem Unterthan die Mühe, zugleich aber auch
das Vermögen zu benehmen gesucht, seine Seelenkräfte über die Schranken
auszudehnen, die man ihm willkürlich setzen und wodurch man ihn, als
bloß passiv, leichter behandeln kann. 5
Page 143
Diese reine, seelenerhebende, bloß negative Darstellung der Sittlichkeit
bringt dagegen keine Gefahr der S c h w ä r m e r e i, welche e i n W a h n
ist, über alle Gränze der Sinnlichkeit hinaus etwas
sehen, d. i. nach Grundsätzen träumen (mit Vernunft rasen), zu w o l l e n;
eben darum weil die Darstellung bei jener bloß negativ ist. Denn d i e
U n e r f o r s c h l i c h k e i t 10 d e r I d e e d e r F r e i h e i t schneidet
aller positiven Darstellung gänzlich den Weg ab: das moralische Gesetz
aber ist an sich selbst in uns hinreichend und ursprünglich bestimmend, so
daß es nicht einmal erlaubt, uns nach einem Bestimmungsgrunde außer
demselben umzusehen. Wenn 126 der Enthusiasm mit dem W a h n s i n n, so
ist die Schwärmerei mit dem 15 W a h n w i t z zu vergleichen, wovon der
letztere sich unter allen am wenigsten mit dem Erhabenen verträgt, weil er
grüblerisch lächerlich ist. Im Enthusiasm als Affect ist die Einbildungskraft
zügellos; in der Schwärmerei als eingewurzelter brütender Leidenschaft
regellos. Der erstere ist vorübergehender Zufall, der den gesundesten
Verstand bisweilen wohl betrifft; 20 der zweite eine Krankheit, die ihn
zerrüttet.
E i n f a l t (kunstlose Zweckmäßigkeit) ist gleichsam der Stil der Natur im
Erhabenen und so auch der Sittlichkeit, welche eine zweite (übersinnliche)
Natur ist, wovon wir nur die Gesetze kennen, ohne das übersinnliche
Vermögen in uns selbst, was den Grund dieser Gesetzgebung enthält, 25
durch Anschauen erreichen zu können.
Noch ist anzumerken, daß, obgleich das Wohlgefallen am Schönen eben
sowohl, als das am Erhabenen nicht allein durch allgemeine
M i t t h e i l b a r k e i t unter den andern ästhetischen Beurtheilungen
kenntlich unterschieden ist, sondern auch durch diese Eigenschaft in
Beziehung auf Gesellschaft 30 (in der es sich mittheilen läßt) ein Interesse
bekommt, gleichwohl doch auch die A b s o n d e r u n g v o n a l l e r
G e s e l l s c h a f t als etwas Erhabenes angesehen werde, wenn sie auf
Ideen beruht, welche über alles sinnliche Interesse hinweg sehen. Sich
selbst genug sein, mithin Gesellschaft nicht bedürfen, ohne doch ungesellig
zu sein, d. i. sie zu fliehen, ist etwas 35 dem Erhabenen sich Näherndes, so
wie jede Überhebung von Bedürfnissen. Dagegen ist Menschen zu fliehen,
aus M i s a n t h r o p i e, weil man sie anfeindet, oder aus
A n t h r o p o p h o b i e (Menschenscheu), weil man sie als seine Feinde
fürchtet, theils häßlich, theils verächtlich. Gleichwohl giebt es eine (sehr
bringt dagegen keine Gefahr der S c h w ä r m e r e i, welche e i n W a h n
ist, über alle Gränze der Sinnlichkeit hinaus etwas
sehen, d. i. nach Grundsätzen träumen (mit Vernunft rasen), zu w o l l e n;
eben darum weil die Darstellung bei jener bloß negativ ist. Denn d i e
U n e r f o r s c h l i c h k e i t 10 d e r I d e e d e r F r e i h e i t schneidet
aller positiven Darstellung gänzlich den Weg ab: das moralische Gesetz
aber ist an sich selbst in uns hinreichend und ursprünglich bestimmend, so
daß es nicht einmal erlaubt, uns nach einem Bestimmungsgrunde außer
demselben umzusehen. Wenn 126 der Enthusiasm mit dem W a h n s i n n, so
ist die Schwärmerei mit dem 15 W a h n w i t z zu vergleichen, wovon der
letztere sich unter allen am wenigsten mit dem Erhabenen verträgt, weil er
grüblerisch lächerlich ist. Im Enthusiasm als Affect ist die Einbildungskraft
zügellos; in der Schwärmerei als eingewurzelter brütender Leidenschaft
regellos. Der erstere ist vorübergehender Zufall, der den gesundesten
Verstand bisweilen wohl betrifft; 20 der zweite eine Krankheit, die ihn
zerrüttet.
E i n f a l t (kunstlose Zweckmäßigkeit) ist gleichsam der Stil der Natur im
Erhabenen und so auch der Sittlichkeit, welche eine zweite (übersinnliche)
Natur ist, wovon wir nur die Gesetze kennen, ohne das übersinnliche
Vermögen in uns selbst, was den Grund dieser Gesetzgebung enthält, 25
durch Anschauen erreichen zu können.
Noch ist anzumerken, daß, obgleich das Wohlgefallen am Schönen eben
sowohl, als das am Erhabenen nicht allein durch allgemeine
M i t t h e i l b a r k e i t unter den andern ästhetischen Beurtheilungen
kenntlich unterschieden ist, sondern auch durch diese Eigenschaft in
Beziehung auf Gesellschaft 30 (in der es sich mittheilen läßt) ein Interesse
bekommt, gleichwohl doch auch die A b s o n d e r u n g v o n a l l e r
G e s e l l s c h a f t als etwas Erhabenes angesehen werde, wenn sie auf
Ideen beruht, welche über alles sinnliche Interesse hinweg sehen. Sich
selbst genug sein, mithin Gesellschaft nicht bedürfen, ohne doch ungesellig
zu sein, d. i. sie zu fliehen, ist etwas 35 dem Erhabenen sich Näherndes, so
wie jede Überhebung von Bedürfnissen. Dagegen ist Menschen zu fliehen,
aus M i s a n t h r o p i e, weil man sie anfeindet, oder aus
A n t h r o p o p h o b i e (Menschenscheu), weil man sie als seine Feinde
fürchtet, theils häßlich, theils verächtlich. Gleichwohl giebt es eine (sehr
Page 144
uneigentlich sogenannte) Misanthrophie, wozu die Anlage sich 127 mit dem
Alter in vieler wohldenkenden Menschen Gemüth einzufinden pflegt,
welche zwar, was das W o h l w o l l e n betrifft, philanthropisch genug 5 ist,
aber vom W o h l g e f a l l e n an Menschen durch eine lange traurige
Erfahrung weit abgebracht ist: wovon der Hang zur Eingezogenheit, der
phantastische Wunsch auf einem entlegenen Landsitze, oder auch (bei
jungen Personen) die erträumte Glückseligkeit auf einem der übrigen Welt
unbekannten Eilande mit einer kleinen Familie seine Lebenszeit zubringen
10 zu können, welche die Romanschreiber oder Dichter der Robinsonaden
so gut zu nutzen wissen, Zeugniß giebt. Falschheit, Undankbarkeit,
Ungerechtigkeit, das Kindische in den von uns selbst für wichtig und groß
gehaltenen Zwecken, in deren Verfolgung sich Menschen selbst unter
einander alle erdenkliche Übel anthun, stehen mit der Idee dessen, was sie
sein könnten, 15 wenn sie wollten, so im Widerspruch und sind dem
lebhaften Wunsche, sie besser zu sehen, so sehr entgegen: daß, um sie nicht
zu hassen, da man sie nicht lieben kann, die Verzichtthuung auf alle
gesellschaftliche Freuden nur ein kleines Opfer zu sein scheint. Diese
Traurigkeit, nicht über die Übel, welche das Schicksal über andere
Menschen verhängt (wovon die 20 Sympathie Ursache ist), sondern die sie
sich selbst anthun (welche auf der Antipathie in Grundsätzen beruht), ist,
weil sie auf Ideen beruht, erhaben, indessen daß die erstere ebenfalls nur für
schön gelten kann. — Der eben so geistreiche als gründliche S a u s s u r e
sagt in der Beschreibung seiner Alpenreisen von B o n h o m m e, einem der
savoyischen Gebirge: »Es herrscht 25 daselbst eine gewisse
a b g e s c h m a c k t e T r a u r i g k e i t.« Er kannte daher doch auch eine
i n t e r e s s a n t e Traurigkeit, welche der Anblick einer Einöde einflößt, in
die sich Menschen wohl versetzen möchten, um von der Welt nichts 128
weiter zu hören, noch zu erfahren, die denn doch nicht so ganz unwirthbar
sein muß, daß sie nur einen höchst mühseligen Aufenthalt für Menschen 30
darböte. — Ich mache diese Anmerkung nur in der Absicht, um zu erinnern,
daß auch Betrübniß (nicht niedergeschlagene Traurigkeit) zu den
r ü s t i g e n Affecten gezählt werden könne, wenn sie in moralischen Ideen
ihren Grund hat; wenn sie aber auf Sympathie gegründet und als solche
auch liebenswürdig ist, sie bloß zu den s c h m e l z e n d e n Affecten
gehöre: 35 um dadurch auf die Gemüthsstimmung, die nur im ersteren Falle
e r h a b e n ist, aufmerksam zu machen.
Alter in vieler wohldenkenden Menschen Gemüth einzufinden pflegt,
welche zwar, was das W o h l w o l l e n betrifft, philanthropisch genug 5 ist,
aber vom W o h l g e f a l l e n an Menschen durch eine lange traurige
Erfahrung weit abgebracht ist: wovon der Hang zur Eingezogenheit, der
phantastische Wunsch auf einem entlegenen Landsitze, oder auch (bei
jungen Personen) die erträumte Glückseligkeit auf einem der übrigen Welt
unbekannten Eilande mit einer kleinen Familie seine Lebenszeit zubringen
10 zu können, welche die Romanschreiber oder Dichter der Robinsonaden
so gut zu nutzen wissen, Zeugniß giebt. Falschheit, Undankbarkeit,
Ungerechtigkeit, das Kindische in den von uns selbst für wichtig und groß
gehaltenen Zwecken, in deren Verfolgung sich Menschen selbst unter
einander alle erdenkliche Übel anthun, stehen mit der Idee dessen, was sie
sein könnten, 15 wenn sie wollten, so im Widerspruch und sind dem
lebhaften Wunsche, sie besser zu sehen, so sehr entgegen: daß, um sie nicht
zu hassen, da man sie nicht lieben kann, die Verzichtthuung auf alle
gesellschaftliche Freuden nur ein kleines Opfer zu sein scheint. Diese
Traurigkeit, nicht über die Übel, welche das Schicksal über andere
Menschen verhängt (wovon die 20 Sympathie Ursache ist), sondern die sie
sich selbst anthun (welche auf der Antipathie in Grundsätzen beruht), ist,
weil sie auf Ideen beruht, erhaben, indessen daß die erstere ebenfalls nur für
schön gelten kann. — Der eben so geistreiche als gründliche S a u s s u r e
sagt in der Beschreibung seiner Alpenreisen von B o n h o m m e, einem der
savoyischen Gebirge: »Es herrscht 25 daselbst eine gewisse
a b g e s c h m a c k t e T r a u r i g k e i t.« Er kannte daher doch auch eine
i n t e r e s s a n t e Traurigkeit, welche der Anblick einer Einöde einflößt, in
die sich Menschen wohl versetzen möchten, um von der Welt nichts 128
weiter zu hören, noch zu erfahren, die denn doch nicht so ganz unwirthbar
sein muß, daß sie nur einen höchst mühseligen Aufenthalt für Menschen 30
darböte. — Ich mache diese Anmerkung nur in der Absicht, um zu erinnern,
daß auch Betrübniß (nicht niedergeschlagene Traurigkeit) zu den
r ü s t i g e n Affecten gezählt werden könne, wenn sie in moralischen Ideen
ihren Grund hat; wenn sie aber auf Sympathie gegründet und als solche
auch liebenswürdig ist, sie bloß zu den s c h m e l z e n d e n Affecten
gehöre: 35 um dadurch auf die Gemüthsstimmung, die nur im ersteren Falle
e r h a b e n ist, aufmerksam zu machen.
Page 145
Man kann mit der jetzt durchgeführten transscendentalen Exposition der
ästhetischen Urtheile nun auch die physiologische, wie sie ein B u r k e und
viele scharfsinnige Männer unter uns bearbeitet haben, vergleichen, um zu
sehen, wohin eine bloß empirische Exposition des Erhabenen und Schönen
führe. B u r k e[11], der in dieser Art der Behandlung als der vornehmste 5
Verfasser genannt zu werden verdient, bringt auf diesem Wege (S. 223
seines Werks) heraus: »daß das Gefühl des Erhabenen sich auf dem Triebe
zur Selbsterhaltung und auf F u r c h t, d. i. einem Schmerze, gründe, der,
weil er nicht bis zur wirklichen Zerrüttung der körperlichen Theile geht,
Bewegungen hervorbringt, die, da sie die feineren oder gröberen 10 Gefäße
von gefährlichen und beschwerlichen Verstopfungen reinigen, im Stande
sind, angenehme Empfindungen zu erregen, zwar nicht Lust, sondern eine
Art von wohlgefälligem Schauer, eine gewisse Ruhe, die mit 129 Schrecken
vermischt ist.« Das Schöne, welches er auf Liebe gründet (wovon er doch
die Begierde abgesondert wissen will), führt er (S. 251–252) 15 »auf die
Nachlassung, Losspannung und Erschlaffung der Fibern des Körpers,
mithin eine Erweichung, Auflösung, Ermattung, ein Hinsinken, Hinsterben,
Wegschmelzen vor Vergnügen hinaus«. Und nun bestätigt er diese
Erklärungsart nicht allein durch Fälle, in denen die Einbildungskraft in
Verbindung mit dem Verstande, sondern sogar mit Sinnesempfindung 20 in
uns das Gefühl des Schönen sowohl als des Erhabenen erregen könne. —
Als psychologische Bemerkungen sind diese Zergliederungen der
Phänomene unseres Gemüths überaus schön und geben reichen Stoff zu den
beliebtesten Nachforschungen der empirischen Anthropologie. Es ist auch
nicht zu läugnen, daß alle Vorstellungen in uns, sie mögen objectiv 25 bloß
sinnlich, oder ganz intellectuell sein, doch subjectiv mit Vergnügen oder
Schmerz, so unmerklich beides auch sein mag, verbunden werden können
(weil sie insgesammt das Gefühl des Lebens afficiren, und keine derselben,
sofern als sie Modification des Subjects ist, indifferent sein kann); sogar
daß, wie Epikur behauptete, immer Ve r g n ü g e n und 30 S c h m e r z
zuletzt doch körperlich sei, es mag nun von der Einbildung, oder gar von
Verstandesvorstellungen anfangen: weil das Leben ohne das Gefühl des
körperlichen Organs bloß Bewußtsein seiner Existenz, aber kein Gefühl des
Wohl- oder Übelbefindens, d. i. der Beförderung oder Hemmung der
Lebenskräfte, sei; weil das Gemüth für sich allein ganz Leben (das
ästhetischen Urtheile nun auch die physiologische, wie sie ein B u r k e und
viele scharfsinnige Männer unter uns bearbeitet haben, vergleichen, um zu
sehen, wohin eine bloß empirische Exposition des Erhabenen und Schönen
führe. B u r k e[11], der in dieser Art der Behandlung als der vornehmste 5
Verfasser genannt zu werden verdient, bringt auf diesem Wege (S. 223
seines Werks) heraus: »daß das Gefühl des Erhabenen sich auf dem Triebe
zur Selbsterhaltung und auf F u r c h t, d. i. einem Schmerze, gründe, der,
weil er nicht bis zur wirklichen Zerrüttung der körperlichen Theile geht,
Bewegungen hervorbringt, die, da sie die feineren oder gröberen 10 Gefäße
von gefährlichen und beschwerlichen Verstopfungen reinigen, im Stande
sind, angenehme Empfindungen zu erregen, zwar nicht Lust, sondern eine
Art von wohlgefälligem Schauer, eine gewisse Ruhe, die mit 129 Schrecken
vermischt ist.« Das Schöne, welches er auf Liebe gründet (wovon er doch
die Begierde abgesondert wissen will), führt er (S. 251–252) 15 »auf die
Nachlassung, Losspannung und Erschlaffung der Fibern des Körpers,
mithin eine Erweichung, Auflösung, Ermattung, ein Hinsinken, Hinsterben,
Wegschmelzen vor Vergnügen hinaus«. Und nun bestätigt er diese
Erklärungsart nicht allein durch Fälle, in denen die Einbildungskraft in
Verbindung mit dem Verstande, sondern sogar mit Sinnesempfindung 20 in
uns das Gefühl des Schönen sowohl als des Erhabenen erregen könne. —
Als psychologische Bemerkungen sind diese Zergliederungen der
Phänomene unseres Gemüths überaus schön und geben reichen Stoff zu den
beliebtesten Nachforschungen der empirischen Anthropologie. Es ist auch
nicht zu läugnen, daß alle Vorstellungen in uns, sie mögen objectiv 25 bloß
sinnlich, oder ganz intellectuell sein, doch subjectiv mit Vergnügen oder
Schmerz, so unmerklich beides auch sein mag, verbunden werden können
(weil sie insgesammt das Gefühl des Lebens afficiren, und keine derselben,
sofern als sie Modification des Subjects ist, indifferent sein kann); sogar
daß, wie Epikur behauptete, immer Ve r g n ü g e n und 30 S c h m e r z
zuletzt doch körperlich sei, es mag nun von der Einbildung, oder gar von
Verstandesvorstellungen anfangen: weil das Leben ohne das Gefühl des
körperlichen Organs bloß Bewußtsein seiner Existenz, aber kein Gefühl des
Wohl- oder Übelbefindens, d. i. der Beförderung oder Hemmung der
Lebenskräfte, sei; weil das Gemüth für sich allein ganz Leben (das
Page 146
Lebensprincip selbst) ist, und Hindernisse oder Beförderungen außer
demselben und doch im Menschen selbst, mithin in der Verbindung 5 mit
seinem Körper gesucht werden müssen.
Setzt man aber das Wohlgefallen am Gegenstande ganz und gar 130 darin,
daß dieser durch Reiz oder durch Rührung vergnügt: so muß man auch
keinem a n d e r n zumuthen, zu dem ästhetischen Urtheile, was w i r fällen,
beizustimmen; denn darüber befragt ein jeder mit Recht nur seinen 10
Privatsinn. Alsdann aber hört auch alle Censur des Geschmacks gänzlich
auf; man müßte denn das Beispiel, welches andere durch die zufällige
Übereinstimmung ihrer Urtheile geben, zum G e b o t des Beifalls für uns
machen, wider welches Princip wir uns doch vermuthlich sträuben und auf
das natürliche Recht berufen würden, das Urtheil, welches auf dem
unmittelbaren 15 Gefühle des eigenen Wohlbefindens beruht, seinem
eigenen Sinne und nicht anderer ihrem zu unterwerfen.
Wenn also das Geschmacksurtheil nicht für e g o i s t i s c h, sondern seiner
innern Natur nach, d. i. um sein selbst, nicht um der Beispiele willen, die
andere von ihrem Geschmack geben, nothwendig als p l u r a l i s t i s c h
gelten 20 muß, wenn man es als ein solches würdigt, welches zugleich
verlangen darf, daß jedermann ihm beipflichten soll: so muß ihm irgend ein
(es sei objectives oder subjectives) Princip a priori zum Grunde liegen, zu
welchem man durch Aufspähung empirischer Gesetze der
Gemüthsveränderungen niemals gelangen kann: weil diese nur zu erkennen
geben, wie geurtheilt 25 wird, nicht aber gebieten, wie geurtheilt werden
soll, und zwar gar so, daß das Gebot u n b e d i n g t ist; dergleichen die
Geschmacksurtheile voraussetzen, indem sie das Wohlgefallen mit einer
Vorstellung u n m i t t e l b a r verknüpft wissen wollen. Also mag die
empirische Exposition der ästhetischen Urtheile immer den Anfang machen,
um den Stoff zu einer höhern 30 Untersuchung herbeizuschaffen; eine
transscendentale Erörterung dieses Vermögens ist doch möglich und zur
Kritik des Geschmacks wesentlich gehörig. 131 Denn ohne daß derselbe
Principien a priori habe, könnte er unmöglich die Urtheile anderer richten
und über sie auch nur mit einigem Scheine des Rechts Billigungs- oder
Verwerfungsaussprüche fällen. 35
Das übrige zur Analytik der ästhetischen Urtheilskraft Gehörige enthält
zuvörderst die
demselben und doch im Menschen selbst, mithin in der Verbindung 5 mit
seinem Körper gesucht werden müssen.
Setzt man aber das Wohlgefallen am Gegenstande ganz und gar 130 darin,
daß dieser durch Reiz oder durch Rührung vergnügt: so muß man auch
keinem a n d e r n zumuthen, zu dem ästhetischen Urtheile, was w i r fällen,
beizustimmen; denn darüber befragt ein jeder mit Recht nur seinen 10
Privatsinn. Alsdann aber hört auch alle Censur des Geschmacks gänzlich
auf; man müßte denn das Beispiel, welches andere durch die zufällige
Übereinstimmung ihrer Urtheile geben, zum G e b o t des Beifalls für uns
machen, wider welches Princip wir uns doch vermuthlich sträuben und auf
das natürliche Recht berufen würden, das Urtheil, welches auf dem
unmittelbaren 15 Gefühle des eigenen Wohlbefindens beruht, seinem
eigenen Sinne und nicht anderer ihrem zu unterwerfen.
Wenn also das Geschmacksurtheil nicht für e g o i s t i s c h, sondern seiner
innern Natur nach, d. i. um sein selbst, nicht um der Beispiele willen, die
andere von ihrem Geschmack geben, nothwendig als p l u r a l i s t i s c h
gelten 20 muß, wenn man es als ein solches würdigt, welches zugleich
verlangen darf, daß jedermann ihm beipflichten soll: so muß ihm irgend ein
(es sei objectives oder subjectives) Princip a priori zum Grunde liegen, zu
welchem man durch Aufspähung empirischer Gesetze der
Gemüthsveränderungen niemals gelangen kann: weil diese nur zu erkennen
geben, wie geurtheilt 25 wird, nicht aber gebieten, wie geurtheilt werden
soll, und zwar gar so, daß das Gebot u n b e d i n g t ist; dergleichen die
Geschmacksurtheile voraussetzen, indem sie das Wohlgefallen mit einer
Vorstellung u n m i t t e l b a r verknüpft wissen wollen. Also mag die
empirische Exposition der ästhetischen Urtheile immer den Anfang machen,
um den Stoff zu einer höhern 30 Untersuchung herbeizuschaffen; eine
transscendentale Erörterung dieses Vermögens ist doch möglich und zur
Kritik des Geschmacks wesentlich gehörig. 131 Denn ohne daß derselbe
Principien a priori habe, könnte er unmöglich die Urtheile anderer richten
und über sie auch nur mit einigem Scheine des Rechts Billigungs- oder
Verwerfungsaussprüche fällen. 35
Das übrige zur Analytik der ästhetischen Urtheilskraft Gehörige enthält
zuvörderst die
Page 147
Deduction der reinen ästhetischen Urtheile.
§ 30.
Die Deduction der ästhetischen Urtheile über die Gegenstände der
Natur darf nicht auf das, was wir in dieser erhaben nennen, sondern
nur auf das Schöne gerichtet 5 werden.
Der Anspruch eines ästhetischen Urtheils auf allgemeine Gültigkeit für
jedes Subject bedarf als ein Urtheil, welches sich auf irgend ein Princip a
priori fußen muß, einer Deduction (d. i. Legitimation seiner Anmaßung),
welche über die Exposition desselben noch hinzukommen muß, wenn es 10
nämlich ein Wohlgefallen oder Mißfallen an der F o r m d e s O b j e c t s
betrifft. Dergleichen sind die Geschmacksurtheile über das Schöne der
Natur. Denn die Zweckmäßigkeit hat alsdann doch im Objecte und seiner
Gestalt ihren Grund, wenn sie gleich nicht die Beziehung desselben auf
andere Gegenstände nach Begriffen (zum Erkenntnißurtheile) anzeigt; 15
sondern bloß die Auffassung dieser Form, sofern sie dem Ve r m ö g e n
sowohl 132 der Begriffe, als dem der Darstellung derselben (welches mit
dem der Auffassung eines und dasselbe ist) im Gemüth sich gemäß zeigt,
überhaupt betrifft. Man kann daher auch in Ansehung des Schönen der
Natur mancherlei Fragen aufwerfen, welche die Ursache dieser
Zweckmäßigkeit 20 ihrer Formen betreffen: z. B. wie man erklären wolle,
warum die Natur so verschwenderisch allerwärts Schönheit verbreitet habe,
selbst im Grunde des Oceans, wo nur selten das menschliche Auge (für
welches jene doch allein zweckmäßig ist) hingelangt, u. d. gl. m.
Allein das Erhabene der Natur — wenn wir darüber ein reines 25
ästhetisches Urtheil fällen, welches nicht mit Begriffen von
Vollkommenheit als objectiver Zweckmäßigkeit vermengt ist; in welchem
Falle es ein teleologisches Urtheil sein würde — kann ganz als formlos oder
ungestalt, dennoch aber als Gegenstand eines reinen Wohlgefallens
betrachtet werden und subjective Zweckmäßigkeit der gegebenen
Vorstellung zeigen; und da 30 fragt es sich nun: ob zu dem ästhetischen
Urtheile dieser Art auch außer der Exposition dessen, was in ihm gedacht
§ 30.
Die Deduction der ästhetischen Urtheile über die Gegenstände der
Natur darf nicht auf das, was wir in dieser erhaben nennen, sondern
nur auf das Schöne gerichtet 5 werden.
Der Anspruch eines ästhetischen Urtheils auf allgemeine Gültigkeit für
jedes Subject bedarf als ein Urtheil, welches sich auf irgend ein Princip a
priori fußen muß, einer Deduction (d. i. Legitimation seiner Anmaßung),
welche über die Exposition desselben noch hinzukommen muß, wenn es 10
nämlich ein Wohlgefallen oder Mißfallen an der F o r m d e s O b j e c t s
betrifft. Dergleichen sind die Geschmacksurtheile über das Schöne der
Natur. Denn die Zweckmäßigkeit hat alsdann doch im Objecte und seiner
Gestalt ihren Grund, wenn sie gleich nicht die Beziehung desselben auf
andere Gegenstände nach Begriffen (zum Erkenntnißurtheile) anzeigt; 15
sondern bloß die Auffassung dieser Form, sofern sie dem Ve r m ö g e n
sowohl 132 der Begriffe, als dem der Darstellung derselben (welches mit
dem der Auffassung eines und dasselbe ist) im Gemüth sich gemäß zeigt,
überhaupt betrifft. Man kann daher auch in Ansehung des Schönen der
Natur mancherlei Fragen aufwerfen, welche die Ursache dieser
Zweckmäßigkeit 20 ihrer Formen betreffen: z. B. wie man erklären wolle,
warum die Natur so verschwenderisch allerwärts Schönheit verbreitet habe,
selbst im Grunde des Oceans, wo nur selten das menschliche Auge (für
welches jene doch allein zweckmäßig ist) hingelangt, u. d. gl. m.
Allein das Erhabene der Natur — wenn wir darüber ein reines 25
ästhetisches Urtheil fällen, welches nicht mit Begriffen von
Vollkommenheit als objectiver Zweckmäßigkeit vermengt ist; in welchem
Falle es ein teleologisches Urtheil sein würde — kann ganz als formlos oder
ungestalt, dennoch aber als Gegenstand eines reinen Wohlgefallens
betrachtet werden und subjective Zweckmäßigkeit der gegebenen
Vorstellung zeigen; und da 30 fragt es sich nun: ob zu dem ästhetischen
Urtheile dieser Art auch außer der Exposition dessen, was in ihm gedacht
Page 148
wird, noch eine Deduction seines Anspruchs auf irgend ein (subjectives)
Princip a priori verlangt werden könne.
Hierauf dient zur Antwort: daß das Erhabene der Natur nur uneigentlich so
genannt werde und eigentlich bloß der Denkungsart, oder vielmehr der
Grundlage zu derselben in der menschlichen Natur beigelegt werden müsse.
Dieser sich bewußt zu werden, giebt die Auffassung eines 133 sonst
formlosen und unzweckmäßigen Gegenstandes bloß die Veranlassung, 5
welcher auf solche Weise subjectiv-zweckmäßig g e b r a u c h t, aber nicht
als ein solcher f ü r s i c h und seiner Form wegen beurtheilt wird
(gleichsam species finalis accepta, non data). Daher war unsere Exposition
der Urtheile über das Erhabene der Natur zugleich ihre Deduction. Denn
wenn wir die Reflexion der Urtheilskraft in denselben zerlegten, so fanden
10 wir in ihnen ein zweckmäßiges Verhältniß der Erkenntnißvermögen,
welches dem Vermögen der Zwecke (dem Willen) a priori zum Grunde
gelegt werden muß und daher selbst a priori zweckmäßig ist: welches denn
sofort die Deduction, d. i. die Rechtfertigung des Anspruchs eines
dergleichen Urtheils auf allgemein-nothwendige Gültigkeit, enthält. 15
Wir werden also nur die Deduction der Geschmacksurtheile, d. i. der
Urtheile über die Schönheit der Naturdinge, zu suchen haben und so der
Aufgabe für die gesammte ästhetische Urtheilskraft im Ganzen ein Genüge
thun.
Princip a priori verlangt werden könne.
Hierauf dient zur Antwort: daß das Erhabene der Natur nur uneigentlich so
genannt werde und eigentlich bloß der Denkungsart, oder vielmehr der
Grundlage zu derselben in der menschlichen Natur beigelegt werden müsse.
Dieser sich bewußt zu werden, giebt die Auffassung eines 133 sonst
formlosen und unzweckmäßigen Gegenstandes bloß die Veranlassung, 5
welcher auf solche Weise subjectiv-zweckmäßig g e b r a u c h t, aber nicht
als ein solcher f ü r s i c h und seiner Form wegen beurtheilt wird
(gleichsam species finalis accepta, non data). Daher war unsere Exposition
der Urtheile über das Erhabene der Natur zugleich ihre Deduction. Denn
wenn wir die Reflexion der Urtheilskraft in denselben zerlegten, so fanden
10 wir in ihnen ein zweckmäßiges Verhältniß der Erkenntnißvermögen,
welches dem Vermögen der Zwecke (dem Willen) a priori zum Grunde
gelegt werden muß und daher selbst a priori zweckmäßig ist: welches denn
sofort die Deduction, d. i. die Rechtfertigung des Anspruchs eines
dergleichen Urtheils auf allgemein-nothwendige Gültigkeit, enthält. 15
Wir werden also nur die Deduction der Geschmacksurtheile, d. i. der
Urtheile über die Schönheit der Naturdinge, zu suchen haben und so der
Aufgabe für die gesammte ästhetische Urtheilskraft im Ganzen ein Genüge
thun.
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§ 31. 20
Von der Methode der Deduction der Geschmacksurtheile.
Die Obliegenheit einer Deduction, d. i. der Gewährleistung der
Rechtmäßigkeit, einer Art Urtheile tritt nur ein, wenn das Urtheil Anspruch
auf 134 Nothwendigkeit macht; welches der Fall auch alsdann ist, wenn es
subjective Allgemeinheit, d. i. jedermanns Beistimmung, fordert: indeß es
25 doch kein Erkenntnißurtheil, sondern nur der Lust oder Unlust an einem
gegebenen Gegenstande, d. i. Anmaßung einer durchgängig für jedermann
geltenden subjectiven Zweckmäßigkeit, ist, die sich auf keine Begriffe von
der Sache gründen soll, weil es Geschmacksurtheil ist.
Da wir im letztern Falle kein Erkenntnißurtheil, weder ein theoretisches, 30
welches den Begriff einer N a t u r überhaupt durch den Verstand, noch ein
(reines) praktisches, welches die Idee der F r e i h e i t als a priori durch die
Vernunft gegeben zum Grunde legt, vor uns haben; und also weder ein
Urtheil, welches vorstellt, was eine Sache ist, noch daß ich, um sie
hervorzubringen, etwas verrichten soll, nach seiner Gültigkeit a priori 35
zu rechtfertigen haben: so wird bloß die a l l g e m e i n e G ü l t i g k e i t
eines e i n z e l n e n Urtheils, welches die subjective Zweckmäßigkeit einer
empirischen Vorstellung der Form eines Gegenstandes ausdrückt, für die
Urtheilskraft überhaupt darzuthun sein, um zu erklären, wie es möglich sei,
daß etwas bloß in der Beurtheilung (ohne Sinnenempfindung oder Begriff)
gefallen könne, und, so wie die Beurtheilung eines Gegenstandes zum 5
Behuf einer E r k e n n t n i ß überhaupt allgemeine Regeln hat, auch das 135
Wohlgefallen eines Jeden für jeden andern als Regel dürfe angekündigt
werden.
Wenn nun diese Allgemeingültigkeit sich nicht auf Stimmensammlung und
Herumfragen bei andern wegen ihrer Art zu empfinden gründen, 10
sondern gleichsam auf einer Autonomie des über das Gefühl der Lust (an
der gegebenen Vorstellung) urtheilenden Subjects, d. i. auf seinem eigenen
Geschmacke, beruhen, gleichwohl aber doch auch nicht von Begriffen
abgeleitet werden soll: so hat ein solches Urtheil — wie das
Geschmacksurtheil in der That ist — eine zwiefache und zwar logische 15
Eigenthümlichkeit: nämlich e r s t l i c h die Allgemeingültigkeit a priori und
Von der Methode der Deduction der Geschmacksurtheile.
Die Obliegenheit einer Deduction, d. i. der Gewährleistung der
Rechtmäßigkeit, einer Art Urtheile tritt nur ein, wenn das Urtheil Anspruch
auf 134 Nothwendigkeit macht; welches der Fall auch alsdann ist, wenn es
subjective Allgemeinheit, d. i. jedermanns Beistimmung, fordert: indeß es
25 doch kein Erkenntnißurtheil, sondern nur der Lust oder Unlust an einem
gegebenen Gegenstande, d. i. Anmaßung einer durchgängig für jedermann
geltenden subjectiven Zweckmäßigkeit, ist, die sich auf keine Begriffe von
der Sache gründen soll, weil es Geschmacksurtheil ist.
Da wir im letztern Falle kein Erkenntnißurtheil, weder ein theoretisches, 30
welches den Begriff einer N a t u r überhaupt durch den Verstand, noch ein
(reines) praktisches, welches die Idee der F r e i h e i t als a priori durch die
Vernunft gegeben zum Grunde legt, vor uns haben; und also weder ein
Urtheil, welches vorstellt, was eine Sache ist, noch daß ich, um sie
hervorzubringen, etwas verrichten soll, nach seiner Gültigkeit a priori 35
zu rechtfertigen haben: so wird bloß die a l l g e m e i n e G ü l t i g k e i t
eines e i n z e l n e n Urtheils, welches die subjective Zweckmäßigkeit einer
empirischen Vorstellung der Form eines Gegenstandes ausdrückt, für die
Urtheilskraft überhaupt darzuthun sein, um zu erklären, wie es möglich sei,
daß etwas bloß in der Beurtheilung (ohne Sinnenempfindung oder Begriff)
gefallen könne, und, so wie die Beurtheilung eines Gegenstandes zum 5
Behuf einer E r k e n n t n i ß überhaupt allgemeine Regeln hat, auch das 135
Wohlgefallen eines Jeden für jeden andern als Regel dürfe angekündigt
werden.
Wenn nun diese Allgemeingültigkeit sich nicht auf Stimmensammlung und
Herumfragen bei andern wegen ihrer Art zu empfinden gründen, 10
sondern gleichsam auf einer Autonomie des über das Gefühl der Lust (an
der gegebenen Vorstellung) urtheilenden Subjects, d. i. auf seinem eigenen
Geschmacke, beruhen, gleichwohl aber doch auch nicht von Begriffen
abgeleitet werden soll: so hat ein solches Urtheil — wie das
Geschmacksurtheil in der That ist — eine zwiefache und zwar logische 15
Eigenthümlichkeit: nämlich e r s t l i c h die Allgemeingültigkeit a priori und
Page 150
doch nicht eine logische Allgemeinheit nach Begriffen, sondern die
Allgemeinheit eines einzelnen Urtheils; z w e i t e n s eine Nothwendigkeit
(die jederzeit auf Gründen a priori beruhen muß), die aber doch von keinen
Beweisgründen a priori abhängt, durch deren Vorstellung der Beifall, 20
den das Geschmacksurtheil jedermann ansinnt, erzwungen werden könnte.
Die Auflösung dieser logischen Eigenthümlichkeiten, worin sich ein
Geschmacksurtheil von allen Erkenntnißurtheilen unterscheidet, wenn wir
hier anfänglich von allem Inhalte desselben, nämlich dem Gefühle der Lust,
abstrahiren und bloß die ästhetische Form mit der Form der objectiven 25
Urtheile, wie sie die Logik vorschreibt, vergleichen, wird allein zur
Deduction dieses sonderbaren Vermögens hinreichend sein. Wir wollen also
diese charakteristischen Eigenschaften des Geschmacks zuvor, durch
Beispiele 136 erläutert, vorstellig machen.
Allgemeinheit eines einzelnen Urtheils; z w e i t e n s eine Nothwendigkeit
(die jederzeit auf Gründen a priori beruhen muß), die aber doch von keinen
Beweisgründen a priori abhängt, durch deren Vorstellung der Beifall, 20
den das Geschmacksurtheil jedermann ansinnt, erzwungen werden könnte.
Die Auflösung dieser logischen Eigenthümlichkeiten, worin sich ein
Geschmacksurtheil von allen Erkenntnißurtheilen unterscheidet, wenn wir
hier anfänglich von allem Inhalte desselben, nämlich dem Gefühle der Lust,
abstrahiren und bloß die ästhetische Form mit der Form der objectiven 25
Urtheile, wie sie die Logik vorschreibt, vergleichen, wird allein zur
Deduction dieses sonderbaren Vermögens hinreichend sein. Wir wollen also
diese charakteristischen Eigenschaften des Geschmacks zuvor, durch
Beispiele 136 erläutert, vorstellig machen.
Page 151
§ 32. 30
Erste Eigenthümlichkeit des Geschmacksurtheils.
Das Geschmacksurtheil bestimmt seinen Gegenstand in Ansehung des
Wohlgefallens (als Schönheit) mit einem Anspruche auf j e d e r m a n n s
Beistimmung, als ob es objectiv wäre.
Sagen: diese Blume ist schön, heißt eben so viel, als ihren eigenen 35
Anspruch auf jedermanns Wohlgefallen ihr nur nachsagen. Durch die
Annehmlichkeit ihres Geruchs hat sie gar keine Ansprüche. Den einen
ergötzt dieser Geruch, dem andern benimmt er den Kopf. Was sollte man
nun anders daraus vermuthen, als daß die Schönheit für eine Eigenschaft
der Blume selbst gehalten werden müsse, die sich nicht nach der
Verschiedenheit 5 der Köpfe und so vieler Sinne richtet, sondern wornach
sich diese richten müssen, wenn sie darüber urtheilen wollen? Und doch
verhält es sich nicht so. Denn darin besteht eben das Geschmacksurtheil,
daß es eine Sache nur nach derjenigen Beschaffenheit schön nennt, in
welcher sie sich nach unserer Art sie aufzunehmen richtet. 10
Überdies wird von jedem Urtheil, welches den Geschmack des Subjects
beweisen soll, verlangt: daß das Subject für sich, ohne nöthig zu 137 haben,
durch Erfahrung unter den Urtheilen anderer herumzutappen und sich von
ihrem Wohlgefallen oder Mißfallen an demselben Gegenstande vorher zu
belehren, urtheilen, mithin sein Urtheil nicht als Nachahmung, 15 weil ein
Ding etwa wirklich allgemein gefällt, sondern a priori aussprechen solle.
Man sollte aber denken, daß ein Urtheil a priori einen Begriff vom Object
enthalten müsse, zu dessen Erkenntniß es das Princip enthält; das
Geschmacksurtheil aber gründet sich gar nicht auf Begriffe und ist überall
nicht Erkenntniß, sondern nur ein ästhetisches Urtheil. 20
Daher läßt sich ein junger Dichter von der Überredung, daß sein Gedicht
schön sei, nicht durch das Urtheil des Publicums, noch seiner Freunde
abbringen; und wenn er ihnen Gehör giebt, so geschieht es nicht darum,
weil er es nun anders beurtheilt, sondern weil er, wenn gleich (wenigstens
in Absicht seiner) das ganze Publicum einen falschen Geschmack 25 hätte,
sich doch (selbst wider sein Urtheil) dem gemeinen Wahne zu bequemen, in
Erste Eigenthümlichkeit des Geschmacksurtheils.
Das Geschmacksurtheil bestimmt seinen Gegenstand in Ansehung des
Wohlgefallens (als Schönheit) mit einem Anspruche auf j e d e r m a n n s
Beistimmung, als ob es objectiv wäre.
Sagen: diese Blume ist schön, heißt eben so viel, als ihren eigenen 35
Anspruch auf jedermanns Wohlgefallen ihr nur nachsagen. Durch die
Annehmlichkeit ihres Geruchs hat sie gar keine Ansprüche. Den einen
ergötzt dieser Geruch, dem andern benimmt er den Kopf. Was sollte man
nun anders daraus vermuthen, als daß die Schönheit für eine Eigenschaft
der Blume selbst gehalten werden müsse, die sich nicht nach der
Verschiedenheit 5 der Köpfe und so vieler Sinne richtet, sondern wornach
sich diese richten müssen, wenn sie darüber urtheilen wollen? Und doch
verhält es sich nicht so. Denn darin besteht eben das Geschmacksurtheil,
daß es eine Sache nur nach derjenigen Beschaffenheit schön nennt, in
welcher sie sich nach unserer Art sie aufzunehmen richtet. 10
Überdies wird von jedem Urtheil, welches den Geschmack des Subjects
beweisen soll, verlangt: daß das Subject für sich, ohne nöthig zu 137 haben,
durch Erfahrung unter den Urtheilen anderer herumzutappen und sich von
ihrem Wohlgefallen oder Mißfallen an demselben Gegenstande vorher zu
belehren, urtheilen, mithin sein Urtheil nicht als Nachahmung, 15 weil ein
Ding etwa wirklich allgemein gefällt, sondern a priori aussprechen solle.
Man sollte aber denken, daß ein Urtheil a priori einen Begriff vom Object
enthalten müsse, zu dessen Erkenntniß es das Princip enthält; das
Geschmacksurtheil aber gründet sich gar nicht auf Begriffe und ist überall
nicht Erkenntniß, sondern nur ein ästhetisches Urtheil. 20
Daher läßt sich ein junger Dichter von der Überredung, daß sein Gedicht
schön sei, nicht durch das Urtheil des Publicums, noch seiner Freunde
abbringen; und wenn er ihnen Gehör giebt, so geschieht es nicht darum,
weil er es nun anders beurtheilt, sondern weil er, wenn gleich (wenigstens
in Absicht seiner) das ganze Publicum einen falschen Geschmack 25 hätte,
sich doch (selbst wider sein Urtheil) dem gemeinen Wahne zu bequemen, in
Page 152
seiner Begierde nach Beifall Ursache findet. Nur späterhin, wenn seine
Urtheilskraft durch Ausübung mehr geschärft worden, geht er freiwillig von
seinem vorigen Urtheile ab; so wie er es auch mit seinen Urtheilen hält, die
ganz auf der Vernunft beruhen. Der Geschmack macht 30 bloß auf
Autonomie Anspruch. Fremde Urtheile sich zum Bestimmungsgrunde des
seinigen zu machen, wäre Heteronomie.
Daß man die Werke der Alten mit Recht zu Mustern anpreiset und 138 die
Verfasser derselben classisch nennt gleich einem gewissen Adel unter den
Schriftstellern, der dem Volke durch seinen Vorgang Gesetze giebt: scheint
35 Quellen des Geschmacks a posteriori anzuzeigen und die Autonomie
desselben in jedem Subjecte zu widerlegen. Allein man könnte eben so gut
sagen, daß die alten Mathematiker, die bis jetzt für nicht wohl zu
entbehrende Muster der höchsten Gründlichkeit und Eleganz der
synthetischen Methode gehalten werden, auch eine nachahmende Vernunft
auf unserer Seite bewiesen und ein Unvermögen derselben, aus sich selbst
strenge Beweise mit der größten Intuition durch Construction der Begriffe
hervorzubringen. 5 Es giebt gar keinen Gebrauch unserer Kräfte, so frei er
auch sein mag, und selbst der Vernunft (die alle ihre Urtheile aus der
gemeinschaftlichen Quelle a priori schöpfen muß), welcher, wenn jedes
Subject immer gänzlich von der rohen Anlage seines Naturells anfangen
sollte, nicht in fehlerhafte Versuche gerathen würde, wenn nicht andere mit
den 10 ihrigen ihm vorgegangen wären, nicht um die Nachfolgenden zu
bloßen Nachahmern zu machen, sondern durch ihr Verfahren andere auf die
Spur zu bringen, um die Principien in sich selbst zu suchen und so ihren
eigenen, oft besseren Gang zu nehmen. Selbst in der Religion, wo gewiß ein
jeder die Regel seines Verhaltens aus sich selbst hernehmen muß, weil er
dafür 15 auch selbst verantwortlich bleibt und die Schuld seiner
Vergehungen nicht 139 auf andre als Lehrer oder Vorgänger schieben kann,
wird doch nie durch allgemeine Vorschriften, die man entweder von
Priestern oder Philosophen bekommen, oder auch aus sich selbst
genommen haben mag, so viel ausgerichtet werden, als durch ein Beispiel
der Tugend oder Heiligkeit, welches, 20 in der Geschichte aufgestellt, die
Autonomie der Tugend aus der eigenen und ursprünglichen Idee der
Sittlichkeit (a priori) nicht entbehrlich macht, oder diese in einen
Mechanism der Nachahmung verwandelt. N a c h f o l g e, die sich auf einen
Vorgang bezieht, nicht Nachahmung ist der rechte Ausdruck für allen
Urtheilskraft durch Ausübung mehr geschärft worden, geht er freiwillig von
seinem vorigen Urtheile ab; so wie er es auch mit seinen Urtheilen hält, die
ganz auf der Vernunft beruhen. Der Geschmack macht 30 bloß auf
Autonomie Anspruch. Fremde Urtheile sich zum Bestimmungsgrunde des
seinigen zu machen, wäre Heteronomie.
Daß man die Werke der Alten mit Recht zu Mustern anpreiset und 138 die
Verfasser derselben classisch nennt gleich einem gewissen Adel unter den
Schriftstellern, der dem Volke durch seinen Vorgang Gesetze giebt: scheint
35 Quellen des Geschmacks a posteriori anzuzeigen und die Autonomie
desselben in jedem Subjecte zu widerlegen. Allein man könnte eben so gut
sagen, daß die alten Mathematiker, die bis jetzt für nicht wohl zu
entbehrende Muster der höchsten Gründlichkeit und Eleganz der
synthetischen Methode gehalten werden, auch eine nachahmende Vernunft
auf unserer Seite bewiesen und ein Unvermögen derselben, aus sich selbst
strenge Beweise mit der größten Intuition durch Construction der Begriffe
hervorzubringen. 5 Es giebt gar keinen Gebrauch unserer Kräfte, so frei er
auch sein mag, und selbst der Vernunft (die alle ihre Urtheile aus der
gemeinschaftlichen Quelle a priori schöpfen muß), welcher, wenn jedes
Subject immer gänzlich von der rohen Anlage seines Naturells anfangen
sollte, nicht in fehlerhafte Versuche gerathen würde, wenn nicht andere mit
den 10 ihrigen ihm vorgegangen wären, nicht um die Nachfolgenden zu
bloßen Nachahmern zu machen, sondern durch ihr Verfahren andere auf die
Spur zu bringen, um die Principien in sich selbst zu suchen und so ihren
eigenen, oft besseren Gang zu nehmen. Selbst in der Religion, wo gewiß ein
jeder die Regel seines Verhaltens aus sich selbst hernehmen muß, weil er
dafür 15 auch selbst verantwortlich bleibt und die Schuld seiner
Vergehungen nicht 139 auf andre als Lehrer oder Vorgänger schieben kann,
wird doch nie durch allgemeine Vorschriften, die man entweder von
Priestern oder Philosophen bekommen, oder auch aus sich selbst
genommen haben mag, so viel ausgerichtet werden, als durch ein Beispiel
der Tugend oder Heiligkeit, welches, 20 in der Geschichte aufgestellt, die
Autonomie der Tugend aus der eigenen und ursprünglichen Idee der
Sittlichkeit (a priori) nicht entbehrlich macht, oder diese in einen
Mechanism der Nachahmung verwandelt. N a c h f o l g e, die sich auf einen
Vorgang bezieht, nicht Nachahmung ist der rechte Ausdruck für allen
Page 153
Einfluß, welchen Producte eines exemplarischen Urhebers 25 auf Andere
haben können; welches nur so viel bedeutet als: aus denselben Quellen
schöpfen, woraus jener selbst schöpfte, und seinem Vorgänger nur die Art,
sich dabei zu benehmen, ablernen. Aber unter allen Vermögen und Talenten
ist der Geschmack gerade dasjenige, welches, weil sein Urtheil nicht durch
Begriffe und Vorschriften bestimmbar ist, am meisten 30 der Beispiele
dessen, was sich im Fortgange der Cultur am längsten in Beifall erhalten
hat, bedürftig ist, um nicht bald wieder ungeschlacht zu werden und in die
Rohigkeit der ersten Versuche zurückzufallen.
haben können; welches nur so viel bedeutet als: aus denselben Quellen
schöpfen, woraus jener selbst schöpfte, und seinem Vorgänger nur die Art,
sich dabei zu benehmen, ablernen. Aber unter allen Vermögen und Talenten
ist der Geschmack gerade dasjenige, welches, weil sein Urtheil nicht durch
Begriffe und Vorschriften bestimmbar ist, am meisten 30 der Beispiele
dessen, was sich im Fortgange der Cultur am längsten in Beifall erhalten
hat, bedürftig ist, um nicht bald wieder ungeschlacht zu werden und in die
Rohigkeit der ersten Versuche zurückzufallen.
Page 154
§ 33. 140
Zweite Eigenthümlichkeit des Geschmacksurtheils.
Das Geschmacksurtheil ist gar nicht durch Beweisgründe bestimmbar,
gleich als ob es bloß s u b j e c t i v wäre.
Wenn jemand ein Gebäude, eine Aussicht, ein Gedicht nicht schön 5 findet,
so läßt er sich e r s t l i c h den Beifall nicht durch hundert Stimmen, die es
alle hoch preisen, innerlich aufdringen. Er mag sich zwar stellen, als ob es
ihm auch gefalle, um nicht für geschmacklos angesehen zu werden; er kann
sogar zu zweifeln anfangen, ob er seinen Geschmack durch Kenntniß einer
genugsamen Menge von Gegenständen einer gewissen Art 10 auch genug
gebildet habe (wie einer, der in der Entfernung etwas für einen Wald zu
erkennen glaubt, was alle andere für eine Stadt ansehen, an dem Urtheile
seines eigenen Gesichts zweifelt). Das sieht er aber doch klar ein: daß der
Beifall anderer gar keinen für die Beurtheilung der Schönheit gültigen
Beweis abgebe; daß andere allenfalls für ihn sehen 15 und beobachten
mögen, und was viele auf einerlei Art gesehen haben, als ein hinreichender
Beweisgrund für ihn, der es anders gesehen zu haben glaubt, zum
theoretischen, mithin logischen, niemals aber das, was andern gefallen hat,
zum Grunde eines ästhetischen Urtheils dienen könne. Das uns ungünstige
Urtheil anderer kann uns zwar mit Recht in Ansehung 20 141 des unsrigen
bedenklich machen, niemals aber von der Unrichtigkeit desselben
überzeugen. Also giebt es keinen empirischen B e w e i s g r u n d, das
Geschmacksurtheil jemanden abzunöthigen.
Z w e i t e n s kann noch weniger ein Beweis a priori nach bestimmten
Regeln das Urtheil über Schönheit bestimmen. Wenn mir jemand sein 25
Gedicht vorliest, oder mich in ein Schauspiel führt, welches am Ende
meinem Geschmacke nicht behagen will, so mag er den B a t t e u x oder
L e s s i n g, oder noch ältere und berühmtere Kritiker des Geschmacks und
alle von ihnen aufgestellte Regeln zum Beweise anführen, daß sein Gedicht
schön sei; auch mögen gewisse Stellen, die mir eben mißfallen, mit 30
Regeln der Schönheit (so wie sie dort gegeben und allgemein anerkannt
sind) gar wohl zusammenstimmen: ich stopfe mir die Ohren zu, mag keine
Gründe und kein Vernünfteln hören und werde eher annehmen, daß jene
Zweite Eigenthümlichkeit des Geschmacksurtheils.
Das Geschmacksurtheil ist gar nicht durch Beweisgründe bestimmbar,
gleich als ob es bloß s u b j e c t i v wäre.
Wenn jemand ein Gebäude, eine Aussicht, ein Gedicht nicht schön 5 findet,
so läßt er sich e r s t l i c h den Beifall nicht durch hundert Stimmen, die es
alle hoch preisen, innerlich aufdringen. Er mag sich zwar stellen, als ob es
ihm auch gefalle, um nicht für geschmacklos angesehen zu werden; er kann
sogar zu zweifeln anfangen, ob er seinen Geschmack durch Kenntniß einer
genugsamen Menge von Gegenständen einer gewissen Art 10 auch genug
gebildet habe (wie einer, der in der Entfernung etwas für einen Wald zu
erkennen glaubt, was alle andere für eine Stadt ansehen, an dem Urtheile
seines eigenen Gesichts zweifelt). Das sieht er aber doch klar ein: daß der
Beifall anderer gar keinen für die Beurtheilung der Schönheit gültigen
Beweis abgebe; daß andere allenfalls für ihn sehen 15 und beobachten
mögen, und was viele auf einerlei Art gesehen haben, als ein hinreichender
Beweisgrund für ihn, der es anders gesehen zu haben glaubt, zum
theoretischen, mithin logischen, niemals aber das, was andern gefallen hat,
zum Grunde eines ästhetischen Urtheils dienen könne. Das uns ungünstige
Urtheil anderer kann uns zwar mit Recht in Ansehung 20 141 des unsrigen
bedenklich machen, niemals aber von der Unrichtigkeit desselben
überzeugen. Also giebt es keinen empirischen B e w e i s g r u n d, das
Geschmacksurtheil jemanden abzunöthigen.
Z w e i t e n s kann noch weniger ein Beweis a priori nach bestimmten
Regeln das Urtheil über Schönheit bestimmen. Wenn mir jemand sein 25
Gedicht vorliest, oder mich in ein Schauspiel führt, welches am Ende
meinem Geschmacke nicht behagen will, so mag er den B a t t e u x oder
L e s s i n g, oder noch ältere und berühmtere Kritiker des Geschmacks und
alle von ihnen aufgestellte Regeln zum Beweise anführen, daß sein Gedicht
schön sei; auch mögen gewisse Stellen, die mir eben mißfallen, mit 30
Regeln der Schönheit (so wie sie dort gegeben und allgemein anerkannt
sind) gar wohl zusammenstimmen: ich stopfe mir die Ohren zu, mag keine
Gründe und kein Vernünfteln hören und werde eher annehmen, daß jene
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Regeln der Kritiker falsch seien, oder wenigstens hier nicht der Fall ihrer
Anwendung sei, als daß ich mein Urtheil durch Beweisgründe a priori 35
sollte bestimmen lassen, da es ein Urtheil des Geschmacks und nicht des
Verstandes oder der Vernunft sein soll.
Es scheint, daß dieses eine der Hauptursachen sei, weswegen man dieses
ästhetische Beurtheilungsvermögen gerade mit dem Namen des
Geschmacks belegt hat. Denn es mag mir jemand alle Ingredienzien 5 142
eines Gerichts herzählen und von jedem bemerken, daß jedes derselben mir
sonst angenehm sei, auch obenein die Gesundheit dieses Essens mit Recht
rühmen; so bin ich gegen alle diese Gründe taub, versuche das Gericht an
m e i n e r Zunge und meinem Gaumen: und darnach (nicht nach
allgemeinen Principien) fälle ich mein Urtheil. 10
In der That wird das Geschmacksurtheil durchaus immer als ein einzelnes
Urtheil vom Object gefällt. Der Verstand kann durch die Vergleichung des
Objects im Punkte des Wohlgefälligen mit dem Urtheile anderer ein
allgemeines Urtheil machen: z. B. alle Tulpen sind schön; aber das ist
alsdann kein Geschmacks-, sondern ein logisches Urtheil, welches 15 die
Beziehung eines Objects auf den Geschmack zum Prädicate der Dinge von
einer gewissen Art überhaupt macht; dasjenige aber, wodurch ich eine
einzelne gegebene Tulpe schön, d. i. mein Wohlgefallen an derselben
allgemeingültig, finde, ist allein das Geschmacksurtheil. Dessen
Eigenthümlichkeit besteht aber darin: daß, ob es gleich bloß subjective 20
Gültigkeit hat, es dennoch a l l e Subjecte so in Anspruch nimmt, als es nur
immer geschehen könnte, wenn es ein objectives Urtheil wäre, das auf
Erkenntnißgründen beruht und durch einen Beweis könnte erzwungen
werden.
Anwendung sei, als daß ich mein Urtheil durch Beweisgründe a priori 35
sollte bestimmen lassen, da es ein Urtheil des Geschmacks und nicht des
Verstandes oder der Vernunft sein soll.
Es scheint, daß dieses eine der Hauptursachen sei, weswegen man dieses
ästhetische Beurtheilungsvermögen gerade mit dem Namen des
Geschmacks belegt hat. Denn es mag mir jemand alle Ingredienzien 5 142
eines Gerichts herzählen und von jedem bemerken, daß jedes derselben mir
sonst angenehm sei, auch obenein die Gesundheit dieses Essens mit Recht
rühmen; so bin ich gegen alle diese Gründe taub, versuche das Gericht an
m e i n e r Zunge und meinem Gaumen: und darnach (nicht nach
allgemeinen Principien) fälle ich mein Urtheil. 10
In der That wird das Geschmacksurtheil durchaus immer als ein einzelnes
Urtheil vom Object gefällt. Der Verstand kann durch die Vergleichung des
Objects im Punkte des Wohlgefälligen mit dem Urtheile anderer ein
allgemeines Urtheil machen: z. B. alle Tulpen sind schön; aber das ist
alsdann kein Geschmacks-, sondern ein logisches Urtheil, welches 15 die
Beziehung eines Objects auf den Geschmack zum Prädicate der Dinge von
einer gewissen Art überhaupt macht; dasjenige aber, wodurch ich eine
einzelne gegebene Tulpe schön, d. i. mein Wohlgefallen an derselben
allgemeingültig, finde, ist allein das Geschmacksurtheil. Dessen
Eigenthümlichkeit besteht aber darin: daß, ob es gleich bloß subjective 20
Gültigkeit hat, es dennoch a l l e Subjecte so in Anspruch nimmt, als es nur
immer geschehen könnte, wenn es ein objectives Urtheil wäre, das auf
Erkenntnißgründen beruht und durch einen Beweis könnte erzwungen
werden.
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§ 34. 25 143
Es ist kein objectives Princip des Geschmacks möglich.
Unter einem Princip des Geschmacks würde man einen Grundsatz
verstehen, unter dessen Bedingung man den Begriff eines Gegenstandes
subsumiren und alsdann durch einen Schluß herausbringen könnte, daß er
schön sei. Das ist aber schlechterdings unmöglich. Denn ich muß
unmittelbar 30 an der Vorstellung desselben die Lust empfinden, und sie
kann mir durch keine Beweisgründe angeschwatzt werden. Obgleich also
Kritiker, wie H u m e sagt, scheinbarer vernünfteln können als Köche, so
haben sie doch mit diesen einerlei Schicksal. Den Bestimmungsgrund ihres
Urtheils können sie nicht von der Kraft der Beweisgründe, sondern nur von
der 35 Reflexion des Subjects über seinen eigenen Zustand (der Lust oder
Unlust) mit Abweisung aller Vorschriften und Regeln erwarten.
Worüber aber Kritiker dennoch vernünfteln können und sollen, so daß es
zur Berichtigung und Erweiterung unserer Geschmacksurtheile gereiche:
das ist nicht, den Bestimmungsgrund dieser Art ästhetischer Urtheile in 5
einer allgemeinen brauchbaren Formel darzulegen, welches unmöglich ist;
sondern über die Erkenntnißvermögen und deren Geschäfte in diesen
Urtheilen Nachforschung zu thun und die wechselseitige subjective
Zweckmäßigkeit, 144 von welcher oben gezeigt ist, daß ihre Form in einer
gegebenen Vorstellung die Schönheit des Gegenstandes derselben sei, in
Beispielen aus 10 einander zu setzen. Also ist die Kritik des Geschmacks
selbst nur subjectiv in Ansehung der Vorstellung, wodurch uns ein Object
gegeben wird: nämlich sie ist die Kunst oder Wissenschaft, das
wechselseitige Verhältniß des Verstandes und der Einbildungskraft zu
einander in der gegebenen Vorstellung (ohne Beziehung auf vorhergehende
Empfindung oder Begriff), 15 mithin die Einhelligkeit oder Mißhelligkeit
derselben unter Regeln zu bringen und sie in Ansehung ihrer Bedingungen
zu bestimmen. Sie ist K u n s t, wenn sie dieses nur an Beispielen zeigt; sie
ist W i s s e n s c h a f t, wenn sie die Möglichkeit einer solchen Beurtheilung
von der Natur dieser Vermögen, als Erkenntnißvermögen überhaupt,
ableitet. Mit der letzteren 20 als transscendentalen Kritik haben wir es hier
überall allein zu thun. Sie soll das subjective Princip des Geschmacks, als
ein Princip a priori der Urtheilskraft, entwickeln und rechtfertigen. Die
Es ist kein objectives Princip des Geschmacks möglich.
Unter einem Princip des Geschmacks würde man einen Grundsatz
verstehen, unter dessen Bedingung man den Begriff eines Gegenstandes
subsumiren und alsdann durch einen Schluß herausbringen könnte, daß er
schön sei. Das ist aber schlechterdings unmöglich. Denn ich muß
unmittelbar 30 an der Vorstellung desselben die Lust empfinden, und sie
kann mir durch keine Beweisgründe angeschwatzt werden. Obgleich also
Kritiker, wie H u m e sagt, scheinbarer vernünfteln können als Köche, so
haben sie doch mit diesen einerlei Schicksal. Den Bestimmungsgrund ihres
Urtheils können sie nicht von der Kraft der Beweisgründe, sondern nur von
der 35 Reflexion des Subjects über seinen eigenen Zustand (der Lust oder
Unlust) mit Abweisung aller Vorschriften und Regeln erwarten.
Worüber aber Kritiker dennoch vernünfteln können und sollen, so daß es
zur Berichtigung und Erweiterung unserer Geschmacksurtheile gereiche:
das ist nicht, den Bestimmungsgrund dieser Art ästhetischer Urtheile in 5
einer allgemeinen brauchbaren Formel darzulegen, welches unmöglich ist;
sondern über die Erkenntnißvermögen und deren Geschäfte in diesen
Urtheilen Nachforschung zu thun und die wechselseitige subjective
Zweckmäßigkeit, 144 von welcher oben gezeigt ist, daß ihre Form in einer
gegebenen Vorstellung die Schönheit des Gegenstandes derselben sei, in
Beispielen aus 10 einander zu setzen. Also ist die Kritik des Geschmacks
selbst nur subjectiv in Ansehung der Vorstellung, wodurch uns ein Object
gegeben wird: nämlich sie ist die Kunst oder Wissenschaft, das
wechselseitige Verhältniß des Verstandes und der Einbildungskraft zu
einander in der gegebenen Vorstellung (ohne Beziehung auf vorhergehende
Empfindung oder Begriff), 15 mithin die Einhelligkeit oder Mißhelligkeit
derselben unter Regeln zu bringen und sie in Ansehung ihrer Bedingungen
zu bestimmen. Sie ist K u n s t, wenn sie dieses nur an Beispielen zeigt; sie
ist W i s s e n s c h a f t, wenn sie die Möglichkeit einer solchen Beurtheilung
von der Natur dieser Vermögen, als Erkenntnißvermögen überhaupt,
ableitet. Mit der letzteren 20 als transscendentalen Kritik haben wir es hier
überall allein zu thun. Sie soll das subjective Princip des Geschmacks, als
ein Princip a priori der Urtheilskraft, entwickeln und rechtfertigen. Die
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Kritik als Kunst sucht bloß die physiologischen (hier psychologischen),
mithin empirischen Regeln, nach denen der Geschmack wirklich verfährt,
(ohne über ihre Möglichkeit 25 nachzudenken) auf die Beurtheilung seiner
Gegenstände anzuwenden und kritisirt die Producte der schönen Kunst; so
wie j e n e das Vermögen selbst, sie zu beurtheilen.
mithin empirischen Regeln, nach denen der Geschmack wirklich verfährt,
(ohne über ihre Möglichkeit 25 nachzudenken) auf die Beurtheilung seiner
Gegenstände anzuwenden und kritisirt die Producte der schönen Kunst; so
wie j e n e das Vermögen selbst, sie zu beurtheilen.
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§ 35. 145
Das Princip des Geschmacks ist das subjective Princip der 30
Urtheilskraft überhaupt.
Das Geschmacksurtheil unterscheidet sich darin von dem logischen: daß
das letztere eine Vorstellung unter Begriffe vom Object, das erstere aber gar
nicht unter einen Begriff subsumirt, weil sonst der nothwendige allgemeine
Beifall durch Beweise würde erzwungen werden können. Gleichwohl 35
aber ist es darin dem letztern ähnlich, daß es eine Allgemeinheit und
Nothwendigkeit, aber nicht nach Begriffen vom Object, folglich eine bloß
subjective vorgiebt. Weil nun die Begriffe in einem Urtheile den Inhalt
desselben (das zum Erkenntniß des Objects Gehörige) ausmachen, das
Geschmacksurtheil aber nicht durch Begriffe bestimmbar ist, so gründet es
sich nur auf der subjectiven formalen Bedingung eines Urtheils überhaupt.
5 Die subjective Bedingung aller Urtheile ist das Vermögen zu urtheilen
selbst, oder die Urtheilskraft. Diese, in Ansehung einer Vorstellung,
wodurch ein Gegenstand gegeben wird, gebraucht, erfordert zweier
Vorstellungskräfte Zusammenstimmung: nämlich der Einbildungskraft (für
die Anschauung und die Zusammensetzung des Mannigfaltigen derselben)
und 10 des Verstandes (für den Begriff der Vorstellung der Einheit dieser
Zusammensetzung). Weil nun dem Urtheile hier kein Begriff vom Objecte
zum Grunde liegt, so kann es nur in der Subsumtion der Einbildungskraft
146 selbst (bei einer Vorstellung, wodurch ein Gegenstand gegeben wird)
unter die Bedingung, daß der Verstand überhaupt von der Anschauung 15
zu Begriffen gelangt, bestehen. D. i. weil eben darin, daß die
Einbildungskraft ohne Begriff schematisirt, die Freiheit derselben besteht:
so muß das Geschmacksurtheil auf einer bloßen Empfindung der sich
wechselseitig belebenden Einbildungskraft in ihrer F r e i h e i t und des
Verstandes mit seiner G e s e t z m ä ß i g k e i t, also auf einem Gefühle
beruhen, das den Gegenstand 20 nach der Zweckmäßigkeit der Vorstellung
(wodurch ein Gegenstand gegeben wird) auf die Beförderung der
Erkenntnißvermögen in ihrem freien Spiele beurtheilen läßt; und der
Geschmack als subjective Urtheilskraft enthält ein Princip der Subsumtion,
aber nicht der Anschauungen unter B e g r i f f e, sondern des
Ve r m ö g e n s der Anschauungen oder 25 Darstellungen (d. i. der
Das Princip des Geschmacks ist das subjective Princip der 30
Urtheilskraft überhaupt.
Das Geschmacksurtheil unterscheidet sich darin von dem logischen: daß
das letztere eine Vorstellung unter Begriffe vom Object, das erstere aber gar
nicht unter einen Begriff subsumirt, weil sonst der nothwendige allgemeine
Beifall durch Beweise würde erzwungen werden können. Gleichwohl 35
aber ist es darin dem letztern ähnlich, daß es eine Allgemeinheit und
Nothwendigkeit, aber nicht nach Begriffen vom Object, folglich eine bloß
subjective vorgiebt. Weil nun die Begriffe in einem Urtheile den Inhalt
desselben (das zum Erkenntniß des Objects Gehörige) ausmachen, das
Geschmacksurtheil aber nicht durch Begriffe bestimmbar ist, so gründet es
sich nur auf der subjectiven formalen Bedingung eines Urtheils überhaupt.
5 Die subjective Bedingung aller Urtheile ist das Vermögen zu urtheilen
selbst, oder die Urtheilskraft. Diese, in Ansehung einer Vorstellung,
wodurch ein Gegenstand gegeben wird, gebraucht, erfordert zweier
Vorstellungskräfte Zusammenstimmung: nämlich der Einbildungskraft (für
die Anschauung und die Zusammensetzung des Mannigfaltigen derselben)
und 10 des Verstandes (für den Begriff der Vorstellung der Einheit dieser
Zusammensetzung). Weil nun dem Urtheile hier kein Begriff vom Objecte
zum Grunde liegt, so kann es nur in der Subsumtion der Einbildungskraft
146 selbst (bei einer Vorstellung, wodurch ein Gegenstand gegeben wird)
unter die Bedingung, daß der Verstand überhaupt von der Anschauung 15
zu Begriffen gelangt, bestehen. D. i. weil eben darin, daß die
Einbildungskraft ohne Begriff schematisirt, die Freiheit derselben besteht:
so muß das Geschmacksurtheil auf einer bloßen Empfindung der sich
wechselseitig belebenden Einbildungskraft in ihrer F r e i h e i t und des
Verstandes mit seiner G e s e t z m ä ß i g k e i t, also auf einem Gefühle
beruhen, das den Gegenstand 20 nach der Zweckmäßigkeit der Vorstellung
(wodurch ein Gegenstand gegeben wird) auf die Beförderung der
Erkenntnißvermögen in ihrem freien Spiele beurtheilen läßt; und der
Geschmack als subjective Urtheilskraft enthält ein Princip der Subsumtion,
aber nicht der Anschauungen unter B e g r i f f e, sondern des
Ve r m ö g e n s der Anschauungen oder 25 Darstellungen (d. i. der
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Einbildungskraft) unter das Vermögen der Begriffe (d. i. den Verstand),
sofern das erstere i n s e i n e r F r e i h e i t zum letzteren i n s e i n e r
G e s e t z m ä ß i g k e i t zusammenstimmt.
Um diesen Rechtsgrund nun durch eine Deduction der Geschmacksurtheile
ausfindig zu machen, können nur die formalen Eigenthümlichkeiten 30
dieser Art Urtheile, mithin sofern an ihnen bloß die logische Form
betrachtet wird, uns zum Leitfaden dienen.
sofern das erstere i n s e i n e r F r e i h e i t zum letzteren i n s e i n e r
G e s e t z m ä ß i g k e i t zusammenstimmt.
Um diesen Rechtsgrund nun durch eine Deduction der Geschmacksurtheile
ausfindig zu machen, können nur die formalen Eigenthümlichkeiten 30
dieser Art Urtheile, mithin sofern an ihnen bloß die logische Form
betrachtet wird, uns zum Leitfaden dienen.
Page 160
§ 36. 147
Von der Aufgabe einer Deduction der Geschmacksurtheile.
Mit der Wahrnehmung eines Gegenstandes kann unmittelbar der 35 Begriff
von einem Objecte überhaupt, von welchem jene die empirischen Prädicate
enthält, zu einem Erkenntnißurtheile verbunden und dadurch ein
Erfahrungsurtheil erzeugt werden. Diesem liegen nun Begriffe a priori von
der synthetischen Einheit des Mannigfaltigen der Anschauung, um es als
Bestimmung eines Objects zu denken, zum Grunde; und diese Begriffe (die
Kategorieen) erfordern eine Deduction, die auch in der Kritik 5 der r. V.
gegeben worden, wodurch denn auch die Auflösung der Aufgabe zu Stande
kommen konnte: Wie sind synthetische Erkenntnißurtheile a priori
möglich? Diese Aufgabe betraf also die Principien a priori des reinen
Verstandes und seiner theoretischen Urtheile.
Mit einer Wahrnehmung kann aber auch unmittelbar ein Gefühl 10 der Lust
(oder Unlust) und ein Wohlgefallen verbunden werden, welches die
Vorstellung des Objects begleitet und derselben statt Prädicats dient, und so
ein ästhetisches Urtheil, welches kein Erkenntnißurtheil ist, entspringen.
Einem solchen, wenn es nicht bloßes Empfindungs-, sondern ein formales
Reflexions-Urtheil ist, welches dieses Wohlgefallen jedermann 15 als
nothwendig ansinnt, muß etwas als Princip a priori zum Grunde 148 liegen,
welches allenfalls ein bloß subjectives sein mag (wenn ein objectives zu
solcher Art Urtheile unmöglich sein sollte), aber auch als ein solches einer
Deduction bedarf, damit begriffen werde, wie ein ästhetisches Urtheil auf
Nothwendigkeit Anspruch machen könne. Hierauf gründet sich nun die 20
Aufgabe, mit der wir uns jetzt beschäftigen: Wie sind Geschmacksurtheile
möglich? Welche Aufgabe also die Principien a priori der reinen
Urtheilskraft in ä s t h e t i s c h e n Urtheilen betrifft, d. i. in solchen, wo sie
nicht (wie in den theoretischen) unter objectiven Verstandesbegriffen bloß
zu subsumiren hat und unter einem Gesetze steht, sondern wo sie sich selbst
subjectiv 25 Gegenstand sowohl als Gesetz ist.
Diese Aufgabe kann auch so vorgestellt werden: Wie ist ein Urtheil
möglich, das bloß aus dem e i g e n e n Gefühl der Lust an einem
Gegenstande unabhängig von dessen Begriffe diese Lust, als der
Von der Aufgabe einer Deduction der Geschmacksurtheile.
Mit der Wahrnehmung eines Gegenstandes kann unmittelbar der 35 Begriff
von einem Objecte überhaupt, von welchem jene die empirischen Prädicate
enthält, zu einem Erkenntnißurtheile verbunden und dadurch ein
Erfahrungsurtheil erzeugt werden. Diesem liegen nun Begriffe a priori von
der synthetischen Einheit des Mannigfaltigen der Anschauung, um es als
Bestimmung eines Objects zu denken, zum Grunde; und diese Begriffe (die
Kategorieen) erfordern eine Deduction, die auch in der Kritik 5 der r. V.
gegeben worden, wodurch denn auch die Auflösung der Aufgabe zu Stande
kommen konnte: Wie sind synthetische Erkenntnißurtheile a priori
möglich? Diese Aufgabe betraf also die Principien a priori des reinen
Verstandes und seiner theoretischen Urtheile.
Mit einer Wahrnehmung kann aber auch unmittelbar ein Gefühl 10 der Lust
(oder Unlust) und ein Wohlgefallen verbunden werden, welches die
Vorstellung des Objects begleitet und derselben statt Prädicats dient, und so
ein ästhetisches Urtheil, welches kein Erkenntnißurtheil ist, entspringen.
Einem solchen, wenn es nicht bloßes Empfindungs-, sondern ein formales
Reflexions-Urtheil ist, welches dieses Wohlgefallen jedermann 15 als
nothwendig ansinnt, muß etwas als Princip a priori zum Grunde 148 liegen,
welches allenfalls ein bloß subjectives sein mag (wenn ein objectives zu
solcher Art Urtheile unmöglich sein sollte), aber auch als ein solches einer
Deduction bedarf, damit begriffen werde, wie ein ästhetisches Urtheil auf
Nothwendigkeit Anspruch machen könne. Hierauf gründet sich nun die 20
Aufgabe, mit der wir uns jetzt beschäftigen: Wie sind Geschmacksurtheile
möglich? Welche Aufgabe also die Principien a priori der reinen
Urtheilskraft in ä s t h e t i s c h e n Urtheilen betrifft, d. i. in solchen, wo sie
nicht (wie in den theoretischen) unter objectiven Verstandesbegriffen bloß
zu subsumiren hat und unter einem Gesetze steht, sondern wo sie sich selbst
subjectiv 25 Gegenstand sowohl als Gesetz ist.
Diese Aufgabe kann auch so vorgestellt werden: Wie ist ein Urtheil
möglich, das bloß aus dem e i g e n e n Gefühl der Lust an einem
Gegenstande unabhängig von dessen Begriffe diese Lust, als der
Page 161
Vorstellung desselben Objects i n j e d e m a n d e r n S u b j e c t e
anhängig, a priori, d. i. 30 ohne fremde Beistimmung abwarten zu dürfen,
beurtheilte?
Daß Geschmacksurtheile synthetische sind, ist leicht einzusehen, weil sie
über den Begriff und selbst die Anschauung des Objects hinausgehen und
etwas, das gar nicht einmal Erkenntniß ist, nämlich Gefühl der Lust (oder
Unlust), zu jener als Prädicat hinzuthun. Daß sie aber, obgleich 35 das
Prädicat (der mit der Vorstellung verbundenen e i g e n e n Lust) empirisch
149 ist, gleichwohl, was die geforderte Beistimmung v o n j e d e r m a n n
betrifft, Urtheile a priori sind, oder dafür gehalten werden wollen, ist
gleichfalls schon in den Ausdrücken ihres Anspruchs enthalten; und so
gehört diese Aufgabe der Kritik der Urtheilskraft unter das allgemeine
Problem der Transscendentalphilosophie: Wie sind synthetische Urtheile a
priori möglich? 5
anhängig, a priori, d. i. 30 ohne fremde Beistimmung abwarten zu dürfen,
beurtheilte?
Daß Geschmacksurtheile synthetische sind, ist leicht einzusehen, weil sie
über den Begriff und selbst die Anschauung des Objects hinausgehen und
etwas, das gar nicht einmal Erkenntniß ist, nämlich Gefühl der Lust (oder
Unlust), zu jener als Prädicat hinzuthun. Daß sie aber, obgleich 35 das
Prädicat (der mit der Vorstellung verbundenen e i g e n e n Lust) empirisch
149 ist, gleichwohl, was die geforderte Beistimmung v o n j e d e r m a n n
betrifft, Urtheile a priori sind, oder dafür gehalten werden wollen, ist
gleichfalls schon in den Ausdrücken ihres Anspruchs enthalten; und so
gehört diese Aufgabe der Kritik der Urtheilskraft unter das allgemeine
Problem der Transscendentalphilosophie: Wie sind synthetische Urtheile a
priori möglich? 5
Page 162
§ 37.
Was wird eigentlich in einem Geschmacksurtheile von einem
Gegenstande a priori behauptet?
Daß die Vorstellung von einem Gegenstande unmittelbar mit einer Lust
verbunden sei, kann nur innerlich wahrgenommen werden und würde, 10
wenn man nichts weiter als dieses anzeigen wollte, ein bloß empirisches
Urtheil geben. Denn a priori kann ich mit keiner Vorstellung ein
bestimmtes Gefühl (der Lust oder Unlust) verbinden, außer wo ein den
Willen bestimmendes Princip a priori in der Vernunft zum Grunde liegt; da
denn die Lust (im moralischen Gefühl) die Folge davon ist, eben darum 15
aber mit der Lust im Geschmacke gar nicht verglichen werden kann, weil
sie einen bestimmten Begriff von einem Gesetze erfordert: da hingegen jene
unmittelbar mit der bloßen Beurtheilung vor allem Begriffe verbunden sein
soll. Daher sind auch alle Geschmacksurtheile einzelne Urtheile, 150 weil
sie ihr Prädicat des Wohlgefallens nicht mit einem Begriffe, 20 sondern mit
einer gegebenen einzelnen empirischen Vorstellung verbinden.
Also ist es nicht die Lust, sondern die A l l g e m e i n g ü l t i g k e i t
d i e s e r L u s t, die mit der bloßen Beurtheilung eines Gegenstandes im
Gemüthe als verbunden wahrgenommen wird, welche a priori als
allgemeine Regel für die Urtheilskraft, für jedermann gültig, in einem
Geschmacksurtheile 25 vorgestellt wird. Es ist ein empirisches Urtheil: daß
ich einen Gegenstand mit Lust wahrnehme und beurtheile. Es ist aber ein
Urtheil a priori: daß ich ihn schön finde, d. i. jenes Wohlgefallen jedermann
als nothwendig ansinnen darf.
Was wird eigentlich in einem Geschmacksurtheile von einem
Gegenstande a priori behauptet?
Daß die Vorstellung von einem Gegenstande unmittelbar mit einer Lust
verbunden sei, kann nur innerlich wahrgenommen werden und würde, 10
wenn man nichts weiter als dieses anzeigen wollte, ein bloß empirisches
Urtheil geben. Denn a priori kann ich mit keiner Vorstellung ein
bestimmtes Gefühl (der Lust oder Unlust) verbinden, außer wo ein den
Willen bestimmendes Princip a priori in der Vernunft zum Grunde liegt; da
denn die Lust (im moralischen Gefühl) die Folge davon ist, eben darum 15
aber mit der Lust im Geschmacke gar nicht verglichen werden kann, weil
sie einen bestimmten Begriff von einem Gesetze erfordert: da hingegen jene
unmittelbar mit der bloßen Beurtheilung vor allem Begriffe verbunden sein
soll. Daher sind auch alle Geschmacksurtheile einzelne Urtheile, 150 weil
sie ihr Prädicat des Wohlgefallens nicht mit einem Begriffe, 20 sondern mit
einer gegebenen einzelnen empirischen Vorstellung verbinden.
Also ist es nicht die Lust, sondern die A l l g e m e i n g ü l t i g k e i t
d i e s e r L u s t, die mit der bloßen Beurtheilung eines Gegenstandes im
Gemüthe als verbunden wahrgenommen wird, welche a priori als
allgemeine Regel für die Urtheilskraft, für jedermann gültig, in einem
Geschmacksurtheile 25 vorgestellt wird. Es ist ein empirisches Urtheil: daß
ich einen Gegenstand mit Lust wahrnehme und beurtheile. Es ist aber ein
Urtheil a priori: daß ich ihn schön finde, d. i. jenes Wohlgefallen jedermann
als nothwendig ansinnen darf.
Page 163
§ 38. 30
Deduction der Geschmacksurtheile.
Wenn eingeräumt wird, daß in einem reinen Geschmacksurtheile das
Wohlgefallen an dem Gegenstande mit der bloßen Beurtheilung seiner
Form verbunden sei: so ist es nichts anders, als die subjective
Zweckmäßigkeit derselben für die Urtheilskraft, welche wir mit der
Vorstellung des Gegenstandes im Gemüthe verbunden empfinden. Da nun
die Urtheilskraft in Ansehung der formalen Regeln der Beurtheilung, ohne
alle Materie (weder Sinnenempfindung noch Begriff), nur auf die
subjectiven 151 Bedingungen des Gebrauchs der Urtheilskraft überhaupt
(die weder auf 5 die besondere Sinnesart, noch einen besondern
Verstandesbegriff eingeschränkt ist) gerichtet sein kann; folglich auf
dasjenige Subjective, welches man in allen Menschen (als zum möglichen
Erkenntnisse überhaupt erforderlich) voraussetzen kann: so muß die
Übereinstimmung einer Vorstellung mit diesen Bedingungen der
Urtheilskraft als für jedermann 10 gültig a priori angenommen werden
können. D. i. die Lust oder subjective Zweckmäßigkeit der Vorstellung für
das Verhältniß der Erkenntnißvermögen in der Beurtheilung eines
sinnlichen Gegenstandes überhaupt wird jedermann mit Recht angesonnen
werden können[12].
Anmerkung. 15 152
Diese Deduction ist darum so leicht, weil sie keine objective Realität eines
Begriffs zu rechtfertigen nöthig hat; denn Schönheit ist kein Begriff vom
Object, und das Geschmacksurtheil ist kein Erkenntnißurtheil. Es behauptet
nur: daß wir berechtigt sind, dieselben subjectiven Bedingungen der
Urtheilskraft allgemein bei jedem Menschen vorauszusetzen, die wir 20 in
uns antreffen; und nur noch, daß wir unter diese Bedingungen das gegebene
Object richtig subsumirt haben. Obgleich nun dies letztere unvermeidliche,
der logischen Urtheilskraft nicht anhängende Schwierigkeiten hat (weil man
in dieser unter Begriffe, in der ästhetischen aber unter ein bloß
empfindbares Verhältniß der an der vorgestellten Form des Objects
wechselseitig unter einander stimmenden Einbildungskraft und des
Deduction der Geschmacksurtheile.
Wenn eingeräumt wird, daß in einem reinen Geschmacksurtheile das
Wohlgefallen an dem Gegenstande mit der bloßen Beurtheilung seiner
Form verbunden sei: so ist es nichts anders, als die subjective
Zweckmäßigkeit derselben für die Urtheilskraft, welche wir mit der
Vorstellung des Gegenstandes im Gemüthe verbunden empfinden. Da nun
die Urtheilskraft in Ansehung der formalen Regeln der Beurtheilung, ohne
alle Materie (weder Sinnenempfindung noch Begriff), nur auf die
subjectiven 151 Bedingungen des Gebrauchs der Urtheilskraft überhaupt
(die weder auf 5 die besondere Sinnesart, noch einen besondern
Verstandesbegriff eingeschränkt ist) gerichtet sein kann; folglich auf
dasjenige Subjective, welches man in allen Menschen (als zum möglichen
Erkenntnisse überhaupt erforderlich) voraussetzen kann: so muß die
Übereinstimmung einer Vorstellung mit diesen Bedingungen der
Urtheilskraft als für jedermann 10 gültig a priori angenommen werden
können. D. i. die Lust oder subjective Zweckmäßigkeit der Vorstellung für
das Verhältniß der Erkenntnißvermögen in der Beurtheilung eines
sinnlichen Gegenstandes überhaupt wird jedermann mit Recht angesonnen
werden können[12].
Anmerkung. 15 152
Diese Deduction ist darum so leicht, weil sie keine objective Realität eines
Begriffs zu rechtfertigen nöthig hat; denn Schönheit ist kein Begriff vom
Object, und das Geschmacksurtheil ist kein Erkenntnißurtheil. Es behauptet
nur: daß wir berechtigt sind, dieselben subjectiven Bedingungen der
Urtheilskraft allgemein bei jedem Menschen vorauszusetzen, die wir 20 in
uns antreffen; und nur noch, daß wir unter diese Bedingungen das gegebene
Object richtig subsumirt haben. Obgleich nun dies letztere unvermeidliche,
der logischen Urtheilskraft nicht anhängende Schwierigkeiten hat (weil man
in dieser unter Begriffe, in der ästhetischen aber unter ein bloß
empfindbares Verhältniß der an der vorgestellten Form des Objects
wechselseitig unter einander stimmenden Einbildungskraft und des
Page 164
Verstandes subsumirt, wo die Subsumtion leicht trügen kann): so wird
dadurch doch der Rechtmäßigkeit des Anspruchs der Urtheilskraft, auf
allgemeine Beistimmung zu rechnen, nichts benommen, welcher nur darauf
5 hinausläuft, die Richtigkeit des Princips aus subjectiven Gründen für
jedermann gültig zu urtheilen. Denn was die Schwierigkeit und den Zweifel
wegen der Richtigkeit der Subsumtion unter jenes Princip betrifft, so macht
sie die Rechtmäßigkeit des Anspruchs auf diese Gültigkeit eines
ästhetischen Urtheils überhaupt, mithin das Princip selber so wenig 10
zweifelhaft, als die eben sowohl (obgleich nicht so oft und leicht)
fehlerhafte Subsumtion der logischen Urtheilskraft unter ihr Princip das
letztere, welches objectiv ist, zweifelhaft machen kann. Würde aber die
Frage sein: Wie ist es möglich, die Natur als einen Inbegriff von
Gegenständen des Geschmacks a priori anzunehmen? so hat diese Aufgabe
Beziehung auf die 15 Teleologie, weil es als ein Zweck der Natur
angesehen werden müßte, der 153 ihrem Begriffe wesentlich anhinge, für
unsere Urtheilskraft zweckmäßige Formen aufzustellen. Aber die
Richtigkeit dieser Annahme ist noch sehr zu bezweifeln, indeß die
Wirklichkeit der Naturschönheiten der Erfahrung offen liegt. 20
dadurch doch der Rechtmäßigkeit des Anspruchs der Urtheilskraft, auf
allgemeine Beistimmung zu rechnen, nichts benommen, welcher nur darauf
5 hinausläuft, die Richtigkeit des Princips aus subjectiven Gründen für
jedermann gültig zu urtheilen. Denn was die Schwierigkeit und den Zweifel
wegen der Richtigkeit der Subsumtion unter jenes Princip betrifft, so macht
sie die Rechtmäßigkeit des Anspruchs auf diese Gültigkeit eines
ästhetischen Urtheils überhaupt, mithin das Princip selber so wenig 10
zweifelhaft, als die eben sowohl (obgleich nicht so oft und leicht)
fehlerhafte Subsumtion der logischen Urtheilskraft unter ihr Princip das
letztere, welches objectiv ist, zweifelhaft machen kann. Würde aber die
Frage sein: Wie ist es möglich, die Natur als einen Inbegriff von
Gegenständen des Geschmacks a priori anzunehmen? so hat diese Aufgabe
Beziehung auf die 15 Teleologie, weil es als ein Zweck der Natur
angesehen werden müßte, der 153 ihrem Begriffe wesentlich anhinge, für
unsere Urtheilskraft zweckmäßige Formen aufzustellen. Aber die
Richtigkeit dieser Annahme ist noch sehr zu bezweifeln, indeß die
Wirklichkeit der Naturschönheiten der Erfahrung offen liegt. 20
Page 165
§ 39.
Von der Mittheilbarkeit einer Empfindung.
Wenn Empfindung als das Reale der Wahrnehmung auf Erkenntniß bezogen
wird, so heißt sie Sinnesempfindung; und das Specifische ihrer Qualität läßt
sich nur als durchgängig auf gleiche Art mittheilbar 25 vorstellen, wenn
man annimmt, daß jedermann einen gleichen Sinn mit dem unsrigen habe:
dieses läßt sich aber von einer Sinnesempfindung schlechterdings nicht
voraussetzen. So kann dem, welchem der Sinn des Geruchs fehlt, diese Art
der Empfindung nicht mitgetheilt werden; und selbst wenn er ihm nicht
mangelt, kann man doch nicht sicher sein, ob er 30 gerade die nämliche
Empfindung von einer Blume habe, die wir davon haben. Noch mehr
unterschieden müssen wir uns aber die Menschen in Ansehung der
A n n e h m l i c h k e i t oder U n a n n e h m l i c h k e i t bei der Empfindung
eben desselben Gegenstandes der Sinne vorstellen; und es ist
schlechterdings nicht zu verlangen, daß die Lust an dergleichen
Gegenständen 35 von jedermann zugestanden werde. Man kann die Lust
von dieser Art, weil sie durch den Sinn in das Gemüth kommt und wir dabei
also passiv sind, die Lust des G e n u s s e s nennen.
Das Wohlgefallen an einer Handlung um ihrer moralischen Beschaffenheit
154 willen ist dagegen keine Lust des Genusses, sondern der Selbstthätigkeit
und deren Gemäßheit mit der Idee seiner Bestimmung. Dieses 5 Gefühl,
welches das sittliche heißt, erfordert aber Begriffe und stellt keine freie,
sondern gesetzliche Zweckmäßigkeit dar, läßt sich also auch nicht anders
als vermittelst der Vernunft und, soll die Lust bei jedermann gleichartig
sein, durch sehr bestimmte praktische Vernunftbegriffe allgemein
mittheilen.
Die Lust am Erhabenen der Natur, als Lust der vernünftelnden 10
Contemplation, macht zwar auch auf allgemeine Theilnehmung Anspruch,
setzt aber doch schon ein anderes Gefühl, nämlich das seiner übersinnlichen
Bestimmung, voraus: welches, so dunkel es auch sein mag, eine moralische
Grundlage hat. Daß aber andere Menschen darauf Rücksicht nehmen und in
der Betrachtung der rauhen Größe der Natur ein Wohlgefallen finden 15
werden (welches wahrhaftig dem Anblicke derselben, der eher
Von der Mittheilbarkeit einer Empfindung.
Wenn Empfindung als das Reale der Wahrnehmung auf Erkenntniß bezogen
wird, so heißt sie Sinnesempfindung; und das Specifische ihrer Qualität läßt
sich nur als durchgängig auf gleiche Art mittheilbar 25 vorstellen, wenn
man annimmt, daß jedermann einen gleichen Sinn mit dem unsrigen habe:
dieses läßt sich aber von einer Sinnesempfindung schlechterdings nicht
voraussetzen. So kann dem, welchem der Sinn des Geruchs fehlt, diese Art
der Empfindung nicht mitgetheilt werden; und selbst wenn er ihm nicht
mangelt, kann man doch nicht sicher sein, ob er 30 gerade die nämliche
Empfindung von einer Blume habe, die wir davon haben. Noch mehr
unterschieden müssen wir uns aber die Menschen in Ansehung der
A n n e h m l i c h k e i t oder U n a n n e h m l i c h k e i t bei der Empfindung
eben desselben Gegenstandes der Sinne vorstellen; und es ist
schlechterdings nicht zu verlangen, daß die Lust an dergleichen
Gegenständen 35 von jedermann zugestanden werde. Man kann die Lust
von dieser Art, weil sie durch den Sinn in das Gemüth kommt und wir dabei
also passiv sind, die Lust des G e n u s s e s nennen.
Das Wohlgefallen an einer Handlung um ihrer moralischen Beschaffenheit
154 willen ist dagegen keine Lust des Genusses, sondern der Selbstthätigkeit
und deren Gemäßheit mit der Idee seiner Bestimmung. Dieses 5 Gefühl,
welches das sittliche heißt, erfordert aber Begriffe und stellt keine freie,
sondern gesetzliche Zweckmäßigkeit dar, läßt sich also auch nicht anders
als vermittelst der Vernunft und, soll die Lust bei jedermann gleichartig
sein, durch sehr bestimmte praktische Vernunftbegriffe allgemein
mittheilen.
Die Lust am Erhabenen der Natur, als Lust der vernünftelnden 10
Contemplation, macht zwar auch auf allgemeine Theilnehmung Anspruch,
setzt aber doch schon ein anderes Gefühl, nämlich das seiner übersinnlichen
Bestimmung, voraus: welches, so dunkel es auch sein mag, eine moralische
Grundlage hat. Daß aber andere Menschen darauf Rücksicht nehmen und in
der Betrachtung der rauhen Größe der Natur ein Wohlgefallen finden 15
werden (welches wahrhaftig dem Anblicke derselben, der eher
Page 166
abschreckend ist, nicht zugeschrieben werden kann), bin ich nicht
schlechthin vorauszusetzen berechtigt. Dem ungeachtet kann ich doch in
Betracht dessen, daß auf jene moralischen Anlagen bei jeder schicklichen
Veranlassung Rücksicht genommen werden sollte, auch jenes Wohlgefallen
jedermann ansinnen, 20 aber nur vermittelst des moralischen Gesetzes,
welches seinerseits wiederum auf Begriffen der Vernunft gegründet ist.
Dagegen ist die Lust am Schönen weder eine Lust des Genusses, noch 155
einer gesetzlichen Thätigkeit, auch nicht der vernünftelnden Contemplation
nach Ideen, sondern der bloßen Reflexion. Ohne irgend einen Zweck oder
25 Grundsatz zur Richtschnur zu haben, begleitet diese Lust die gemeine
Auffassung eines Gegenstandes durch die Einbildungskraft, als Vermögen
der Anschauung, in Beziehung auf den Verstand, als Vermögen der Begriffe,
vermittelst eines Verfahrens der Urtheilskraft, welches sie auch zum Behuf
der gemeinsten Erfahrung ausüben muß: nur daß sie es hier, um einen 30
empirischen objectiven Begriff, dort aber (in der ästhetischen Beurtheilung)
bloß, um die Angemessenheit der Vorstellung zur harmonischen (subjectiv-
zweckmäßigen) Beschäftigung beider Erkenntnißvermögen in ihrer Freiheit
wahrzunehmen, d. i. den Vorstellungszustand mit Lust zu empfinden, zu
thun genöthigt ist. Diese Lust muß nothwendig bei jedermann auf den 35
nämlichen Bedingungen beruhen, weil sie subjective Bedingungen der
Möglichkeit einer Erkenntniß überhaupt sind, und die Proportion dieser
Erkenntnißvermögen, welche zum Geschmack erfordert wird, auch zum
gemeinen und gesunden Verstande erforderlich ist, den man bei jedermann
voraussetzen darf. Eben darum darf auch der mit Geschmack Urtheilende
(wenn er nur in diesem Bewußtsein nicht irrt und nicht die Materie für die
Form, Reiz für Schönheit nimmt) die subjective Zweckmäßigkeit, d. i. 5 156
sein Wohlgefallen am Objecte, jedem andern ansinnen und sein Gefühl als
allgemein mittheilbar und zwar ohne Vermittlung der Begriffe annehmen.
schlechthin vorauszusetzen berechtigt. Dem ungeachtet kann ich doch in
Betracht dessen, daß auf jene moralischen Anlagen bei jeder schicklichen
Veranlassung Rücksicht genommen werden sollte, auch jenes Wohlgefallen
jedermann ansinnen, 20 aber nur vermittelst des moralischen Gesetzes,
welches seinerseits wiederum auf Begriffen der Vernunft gegründet ist.
Dagegen ist die Lust am Schönen weder eine Lust des Genusses, noch 155
einer gesetzlichen Thätigkeit, auch nicht der vernünftelnden Contemplation
nach Ideen, sondern der bloßen Reflexion. Ohne irgend einen Zweck oder
25 Grundsatz zur Richtschnur zu haben, begleitet diese Lust die gemeine
Auffassung eines Gegenstandes durch die Einbildungskraft, als Vermögen
der Anschauung, in Beziehung auf den Verstand, als Vermögen der Begriffe,
vermittelst eines Verfahrens der Urtheilskraft, welches sie auch zum Behuf
der gemeinsten Erfahrung ausüben muß: nur daß sie es hier, um einen 30
empirischen objectiven Begriff, dort aber (in der ästhetischen Beurtheilung)
bloß, um die Angemessenheit der Vorstellung zur harmonischen (subjectiv-
zweckmäßigen) Beschäftigung beider Erkenntnißvermögen in ihrer Freiheit
wahrzunehmen, d. i. den Vorstellungszustand mit Lust zu empfinden, zu
thun genöthigt ist. Diese Lust muß nothwendig bei jedermann auf den 35
nämlichen Bedingungen beruhen, weil sie subjective Bedingungen der
Möglichkeit einer Erkenntniß überhaupt sind, und die Proportion dieser
Erkenntnißvermögen, welche zum Geschmack erfordert wird, auch zum
gemeinen und gesunden Verstande erforderlich ist, den man bei jedermann
voraussetzen darf. Eben darum darf auch der mit Geschmack Urtheilende
(wenn er nur in diesem Bewußtsein nicht irrt und nicht die Materie für die
Form, Reiz für Schönheit nimmt) die subjective Zweckmäßigkeit, d. i. 5 156
sein Wohlgefallen am Objecte, jedem andern ansinnen und sein Gefühl als
allgemein mittheilbar und zwar ohne Vermittlung der Begriffe annehmen.
Page 167
§ 40.
Vom Geschmacke als einer Art von sensus communis. 10
Man giebt oft der Urtheilskraft, wenn nicht sowohl ihre Reflexion als
vielmehr bloß das Resultat derselben bemerklich ist, den Namen eines
Sinnes und redet von einem Wahrheitssinne, von einem Sinne für
Anständigkeit, Gerechtigkeit u. s. w.; ob man zwar weiß, wenigstens billig
wissen sollte, daß es nicht ein Sinn ist, in welchem diese Begriffe ihren 15
Sitz haben können, noch weniger, daß dieser zu einem Ausspruche
allgemeiner Regeln die mindeste Fähigkeit habe: sondern daß uns von
Wahrheit, Schicklichkeit, Schönheit oder Gerechtigkeit nie eine Vorstellung
dieser Art in Gedanken kommen könnte, wenn wir uns nicht über die Sinne
zu höhern Erkenntnißvermögen erheben könnten. D e r g e m e i n e
M e n s c h e n v e r s t a n d, 20 den man als bloß gesunden (noch nicht
cultivirten) Verstand für das Geringste ansieht, dessen man nur immer sich
von dem, welcher auf den Namen eines Menschen Anspruch macht,
gewärtigen kann, hat daher auch die kränkende Ehre, mit dem Namen des
Gemeinsinnes (sensus communis) belegt zu werden; und zwar so, daß man
unter dem Worte 25 g e m e i n (nicht bloß in unserer Sprache, die hierin
wirklich eine Zweideutigkeit 157 enthält, sondern auch in mancher andern)
so viel als das vulgare, was man allenthalben antrifft, versteht, welches zu
besitzen schlechterdings kein Verdienst oder Vorzug ist.
Unter dem sensus communis aber muß man die Idee eines
g e m e i n s c h a f t l i c h e n 30 Sinnes, d. i. eines Beurtheilungsvermögens
verstehen, welches in seiner Reflexion auf die Vorstellungsart jedes andern
in Gedanken (a priori) Rücksicht nimmt, um g l e i c h s a m an die
gesammte Menschenvernunft sein Urtheil zu halten und dadurch der
Illusion zu entgehen, die aus subjectiven Privatbedingungen, welche leicht
für objectiv gehalten 35 werden könnten, auf das Urtheil nachtheiligen
Einfluß haben würde. Dieses geschieht nun dadurch, daß man sein Urtheil
an anderer nicht sowohl wirkliche als vielmehr bloß mögliche Urtheile hält
und sich in die Stelle jedes andern versetzt, indem man bloß von den
Beschränkungen, die unserer eigenen Beurtheilung zufälliger Weise
anhängen, abstrahirt: welches wiederum dadurch bewirkt wird, daß man
das, was in dem Vorstellungszustande 5 Materie, d. i. Empfindung ist, so
Vom Geschmacke als einer Art von sensus communis. 10
Man giebt oft der Urtheilskraft, wenn nicht sowohl ihre Reflexion als
vielmehr bloß das Resultat derselben bemerklich ist, den Namen eines
Sinnes und redet von einem Wahrheitssinne, von einem Sinne für
Anständigkeit, Gerechtigkeit u. s. w.; ob man zwar weiß, wenigstens billig
wissen sollte, daß es nicht ein Sinn ist, in welchem diese Begriffe ihren 15
Sitz haben können, noch weniger, daß dieser zu einem Ausspruche
allgemeiner Regeln die mindeste Fähigkeit habe: sondern daß uns von
Wahrheit, Schicklichkeit, Schönheit oder Gerechtigkeit nie eine Vorstellung
dieser Art in Gedanken kommen könnte, wenn wir uns nicht über die Sinne
zu höhern Erkenntnißvermögen erheben könnten. D e r g e m e i n e
M e n s c h e n v e r s t a n d, 20 den man als bloß gesunden (noch nicht
cultivirten) Verstand für das Geringste ansieht, dessen man nur immer sich
von dem, welcher auf den Namen eines Menschen Anspruch macht,
gewärtigen kann, hat daher auch die kränkende Ehre, mit dem Namen des
Gemeinsinnes (sensus communis) belegt zu werden; und zwar so, daß man
unter dem Worte 25 g e m e i n (nicht bloß in unserer Sprache, die hierin
wirklich eine Zweideutigkeit 157 enthält, sondern auch in mancher andern)
so viel als das vulgare, was man allenthalben antrifft, versteht, welches zu
besitzen schlechterdings kein Verdienst oder Vorzug ist.
Unter dem sensus communis aber muß man die Idee eines
g e m e i n s c h a f t l i c h e n 30 Sinnes, d. i. eines Beurtheilungsvermögens
verstehen, welches in seiner Reflexion auf die Vorstellungsart jedes andern
in Gedanken (a priori) Rücksicht nimmt, um g l e i c h s a m an die
gesammte Menschenvernunft sein Urtheil zu halten und dadurch der
Illusion zu entgehen, die aus subjectiven Privatbedingungen, welche leicht
für objectiv gehalten 35 werden könnten, auf das Urtheil nachtheiligen
Einfluß haben würde. Dieses geschieht nun dadurch, daß man sein Urtheil
an anderer nicht sowohl wirkliche als vielmehr bloß mögliche Urtheile hält
und sich in die Stelle jedes andern versetzt, indem man bloß von den
Beschränkungen, die unserer eigenen Beurtheilung zufälliger Weise
anhängen, abstrahirt: welches wiederum dadurch bewirkt wird, daß man
das, was in dem Vorstellungszustande 5 Materie, d. i. Empfindung ist, so
Page 168
viel möglich wegläßt und lediglich auf die formalen Eigenthümlichkeiten
seiner Vorstellung oder seines Vorstellungszustandes Acht hat. Nun scheint
diese Operation der Reflexion vielleicht allzu künstlich zu sein, um sie dem
Vermögen, welches wir den g e m e i n e n Sinn nennen, beizulegen; allein
sie sieht auch nur so 10 158 aus, wenn man sie in abstracten Formeln
ausdrückt; an sich ist nichts natürlicher, als von Reiz und Rührung zu
abstrahiren, wenn man ein Urtheil sucht, welches zur allgemeinen Regel
dienen soll.
Folgende Maximen des gemeinen Menschenverstandes gehören zwar nicht
hieher, als Theile der Geschmackskritik, können aber doch zur Erläuterung
15 ihrer Grundsätze dienen. Es sind folgende: 1. Selbstdenken; 2. An der
Stelle jedes andern denken; 3. Jederzeit mit sich selbst einstimmig denken.
Die erste ist die Maxime der v o r u r t h e i l f r e i e n, die zweite der
e r w e i t e r t e n, die dritte der c o n s e q u e n t e n Denkungsart. Die erste
ist die Maxime einer niemals p a s s i v e n Vernunft. Der Hang 20 zur
letztern, mithin zur Heteronomie der Vernunft heißt das Vo r u r t h e i l; und
das größte unter allen ist, sich die Natur Regeln, welche der Verstand ihr
durch sein eigenes wesentliches Gesetz zum Grunde legt, als nicht
unterworfen vorzustellen: d. i. der A b e r g l a u b e. Befreiung vom
Aberglauben heißt A u f k l ä r u n g[13]: weil, obschon diese Benennung
auch der Befreiung 25 von Vorurtheilen überhaupt zukommt, jener doch
vorzugsweise (in sensu 159 eminenti) ein Vorurtheil genannt zu werden
verdient, indem die Blindheit, worin der Aberglaube versetzt, ja sie wohl
gar als Obliegenheit fordert, das Bedürfniß von andern geleitet zu werden,
mithin den Zustand einer passiven Vernunft vorzüglich kenntlich macht.
Was die zweite Maxime der Denkungsart betrifft, so sind wir sonst wohl
gewohnt, denjenigen eingeschränkt (b o r n i r t, das Gegentheil von
e r w e i t e r t) zu nennen, dessen Talente zu keinem großen Gebrauche
(vornehmlich dem intensiven) zulangen. 5 Allein hier ist nicht die Rede
vom Vermögen des Erkenntnisses, sondern von der D e n k u n g s a r t, einen
zweckmäßigen Gebrauch davon zu machen: welche, so klein auch der
Umfang und der Grad sei, wohin die Naturgabe des Menschen reicht,
dennoch einen Mann von e r w e i t e r t e r D e n k u n g s a r t anzeigt, wenn
er sich über die subjectiven Privatbedingungen des Urtheils, 10
wozwischen so viele andere wie eingeklammert sind, wegsetzt und aus
einem a l l g e m e i n e n S t a n d p u n k t e (den er dadurch nur bestimmen
seiner Vorstellung oder seines Vorstellungszustandes Acht hat. Nun scheint
diese Operation der Reflexion vielleicht allzu künstlich zu sein, um sie dem
Vermögen, welches wir den g e m e i n e n Sinn nennen, beizulegen; allein
sie sieht auch nur so 10 158 aus, wenn man sie in abstracten Formeln
ausdrückt; an sich ist nichts natürlicher, als von Reiz und Rührung zu
abstrahiren, wenn man ein Urtheil sucht, welches zur allgemeinen Regel
dienen soll.
Folgende Maximen des gemeinen Menschenverstandes gehören zwar nicht
hieher, als Theile der Geschmackskritik, können aber doch zur Erläuterung
15 ihrer Grundsätze dienen. Es sind folgende: 1. Selbstdenken; 2. An der
Stelle jedes andern denken; 3. Jederzeit mit sich selbst einstimmig denken.
Die erste ist die Maxime der v o r u r t h e i l f r e i e n, die zweite der
e r w e i t e r t e n, die dritte der c o n s e q u e n t e n Denkungsart. Die erste
ist die Maxime einer niemals p a s s i v e n Vernunft. Der Hang 20 zur
letztern, mithin zur Heteronomie der Vernunft heißt das Vo r u r t h e i l; und
das größte unter allen ist, sich die Natur Regeln, welche der Verstand ihr
durch sein eigenes wesentliches Gesetz zum Grunde legt, als nicht
unterworfen vorzustellen: d. i. der A b e r g l a u b e. Befreiung vom
Aberglauben heißt A u f k l ä r u n g[13]: weil, obschon diese Benennung
auch der Befreiung 25 von Vorurtheilen überhaupt zukommt, jener doch
vorzugsweise (in sensu 159 eminenti) ein Vorurtheil genannt zu werden
verdient, indem die Blindheit, worin der Aberglaube versetzt, ja sie wohl
gar als Obliegenheit fordert, das Bedürfniß von andern geleitet zu werden,
mithin den Zustand einer passiven Vernunft vorzüglich kenntlich macht.
Was die zweite Maxime der Denkungsart betrifft, so sind wir sonst wohl
gewohnt, denjenigen eingeschränkt (b o r n i r t, das Gegentheil von
e r w e i t e r t) zu nennen, dessen Talente zu keinem großen Gebrauche
(vornehmlich dem intensiven) zulangen. 5 Allein hier ist nicht die Rede
vom Vermögen des Erkenntnisses, sondern von der D e n k u n g s a r t, einen
zweckmäßigen Gebrauch davon zu machen: welche, so klein auch der
Umfang und der Grad sei, wohin die Naturgabe des Menschen reicht,
dennoch einen Mann von e r w e i t e r t e r D e n k u n g s a r t anzeigt, wenn
er sich über die subjectiven Privatbedingungen des Urtheils, 10
wozwischen so viele andere wie eingeklammert sind, wegsetzt und aus
einem a l l g e m e i n e n S t a n d p u n k t e (den er dadurch nur bestimmen
Page 169
kann, daß er sich in den Standpunkt anderer versetzt) über sein eigenes
Urtheil reflectirt. Die dritte Maxime, nämlich die der c o n s e q u e n t e n 160
Denkungsart, ist am schwersten zu erreichen und kann auch nur durch die
15 Verbindung beider ersten und nach einer zur Fertigkeit gewordenen
öfteren Befolgung derselben erreicht werden. Man kann sagen: die erste
dieser Maximen ist die Maxime des Verstandes, die zweite der
Urtheilskraft, die dritte der Vernunft. —
Ich nehme den durch diese Episode verlassenen Faden wieder auf und 20
sage: daß der Geschmack mit mehrerem Rechte sensus communis genannt
werden könne, als der gesunde Verstand; und daß die ästhetische
Urtheilskraft eher als die intellectuelle den Namen eines gemeinschaftlichen
Sinnes[14] führen könne, wenn man ja das Wort Sinn von einer Wirkung der
bloßen Reflexion auf das Gemüth brauchen will: denn da versteht 25 man
unter Sinn das Gefühl der Lust. Man könnte sogar den Geschmack durch
das Beurtheilungsvermögen desjenigen, was unser Gefühl an einer
gegebenen Vorstellung ohne Vermittelung eines Begriffs a l l g e m e i n
m i t t h e i l b a r macht, definiren.
Die Geschicklichkeit der Menschen sich ihre Gedanken mitzutheilen
erfordert 30 auch ein Verhältniß der Einbildungskraft und des Verstandes,
um den Begriffen Anschauungen und diesen wiederum Begriffe
zuzugesellen, 161 die in ein Erkenntniß zusammenfließen; aber alsdann ist
die Zusammenstimmung beider Gemüthskräfte g e s e t z l i c h unter dem
Zwange bestimmter Begriffe. Nur da, wo Einbildungskraft in ihrer Freiheit
den Verstand erweckt, und dieser ohne Begriffe die Einbildungskraft in ein
regelmäßiges Spiel versetzt: da theilt sich die Vorstellung, nicht als
Gedanke, sondern als inneres Gefühl eines zweckmäßigen Zustandes des
Gemüths, mit.
Der Geschmack ist also das Vermögen, die Mittheilbarkeit der Gefühle, 5
welche mit gegebener Vorstellung (ohne Vermittelung eines Begriffs)
verbunden sind, a priori zu beurtheilen.
Wenn man annehmen dürfte, daß die bloße allgemeine Mittheilbarkeit
seines Gefühls an sich schon ein Interesse für uns bei sich führen müsse
(welches man aber aus der Beschaffenheit einer bloß reflectirenden 10
Urtheilskraft zu schließen nicht berechtigt ist): so würde man sich erklären
Urtheil reflectirt. Die dritte Maxime, nämlich die der c o n s e q u e n t e n 160
Denkungsart, ist am schwersten zu erreichen und kann auch nur durch die
15 Verbindung beider ersten und nach einer zur Fertigkeit gewordenen
öfteren Befolgung derselben erreicht werden. Man kann sagen: die erste
dieser Maximen ist die Maxime des Verstandes, die zweite der
Urtheilskraft, die dritte der Vernunft. —
Ich nehme den durch diese Episode verlassenen Faden wieder auf und 20
sage: daß der Geschmack mit mehrerem Rechte sensus communis genannt
werden könne, als der gesunde Verstand; und daß die ästhetische
Urtheilskraft eher als die intellectuelle den Namen eines gemeinschaftlichen
Sinnes[14] führen könne, wenn man ja das Wort Sinn von einer Wirkung der
bloßen Reflexion auf das Gemüth brauchen will: denn da versteht 25 man
unter Sinn das Gefühl der Lust. Man könnte sogar den Geschmack durch
das Beurtheilungsvermögen desjenigen, was unser Gefühl an einer
gegebenen Vorstellung ohne Vermittelung eines Begriffs a l l g e m e i n
m i t t h e i l b a r macht, definiren.
Die Geschicklichkeit der Menschen sich ihre Gedanken mitzutheilen
erfordert 30 auch ein Verhältniß der Einbildungskraft und des Verstandes,
um den Begriffen Anschauungen und diesen wiederum Begriffe
zuzugesellen, 161 die in ein Erkenntniß zusammenfließen; aber alsdann ist
die Zusammenstimmung beider Gemüthskräfte g e s e t z l i c h unter dem
Zwange bestimmter Begriffe. Nur da, wo Einbildungskraft in ihrer Freiheit
den Verstand erweckt, und dieser ohne Begriffe die Einbildungskraft in ein
regelmäßiges Spiel versetzt: da theilt sich die Vorstellung, nicht als
Gedanke, sondern als inneres Gefühl eines zweckmäßigen Zustandes des
Gemüths, mit.
Der Geschmack ist also das Vermögen, die Mittheilbarkeit der Gefühle, 5
welche mit gegebener Vorstellung (ohne Vermittelung eines Begriffs)
verbunden sind, a priori zu beurtheilen.
Wenn man annehmen dürfte, daß die bloße allgemeine Mittheilbarkeit
seines Gefühls an sich schon ein Interesse für uns bei sich führen müsse
(welches man aber aus der Beschaffenheit einer bloß reflectirenden 10
Urtheilskraft zu schließen nicht berechtigt ist): so würde man sich erklären
Page 170
können, woher das Gefühl im Geschmacksurtheile gleichsam als Pflicht
jedermann zugemuthet werde.
jedermann zugemuthet werde.
Page 171
§ 41.
Vom empirischen Interesse am Schönen. 15
Daß das Geschmacksurtheil, wodurch etwas für schön erklärt wird, kein
Interesse z u m B e s t i m m u n g s g r u n d e haben müsse, ist oben
hinreichend dargethan worden. Aber daraus folgt nicht, daß, nachdem es als
162 reines ästhetisches Urtheil gegeben worden, kein Interesse damit
verbunden werden könne. Diese Verbindung wird aber immer nur indirect
sein 20 können, d. i. der Geschmack muß allererst mit etwas anderem
verbunden vorgestellt werden, um mit dem Wohlgefallen der bloßen
Reflexion über einen Gegenstand noch eine L u s t a n d e r E x i s t e n z
desselben (als worin alles Interesse besteht) verknüpfen zu können. Denn es
gilt hier im ästhetischen Urtheile, was im Erkenntnißurtheile (von Dingen
überhaupt) 25 gesagt wird: a posse ad esse non valet consequentia. Dieses
Andere kann nun etwas Empirisches sein, nämlich eine Neigung, die der
menschlichen Natur eigen ist; oder etwas Intellectuelles als Eigenschaft des
Willens, a priori durch Vernunft bestimmt werden zu können: welche beide
ein Wohlgefallen am Dasein eines Objects enthalten und so den 30 Grund
zu einem Interesse an demjenigen legen können, was schon für sich und
ohne Rücksicht auf irgend ein Interesse gefallen hat.
Empirisch interessirt das Schöne nur in der G e s e l l s c h a f t; und wenn
man den Trieb zur Gesellschaft als dem Menschen natürlich, die
Tauglichkeit aber und den Hang dazu, d. i. die G e s e l l i g k e i t, zur
Erforderniß 35 des Menschen als für die Gesellschaft bestimmten
Geschöpfs, also als zur H u m a n i t ä t gehörige Eigenschaft, einräumt: so
kann es nicht fehlen, daß man nicht auch den Geschmack als ein
Beurtheilungsvermögen 163 alles dessen, wodurch man sogar sein G e f ü h l
jedem andern mittheilen kann, mithin als Beförderungsmittel dessen, was
eines jeden natürliche 5 Neigung verlangt, ansehen sollte.
Für sich allein würde ein verlassener Mensch auf einer wüsten Insel weder
seine Hütte, noch sich selbst ausputzen, oder Blumen aufsuchen, noch
weniger sie pflanzen, um sich damit auszuschmücken; sondern nur in
Gesellschaft kommt es ihm ein, nicht bloß Mensch, sondern auch nach
seiner 10 Art ein feiner Mensch zu sein (der Anfang der Civilisirung): denn
Vom empirischen Interesse am Schönen. 15
Daß das Geschmacksurtheil, wodurch etwas für schön erklärt wird, kein
Interesse z u m B e s t i m m u n g s g r u n d e haben müsse, ist oben
hinreichend dargethan worden. Aber daraus folgt nicht, daß, nachdem es als
162 reines ästhetisches Urtheil gegeben worden, kein Interesse damit
verbunden werden könne. Diese Verbindung wird aber immer nur indirect
sein 20 können, d. i. der Geschmack muß allererst mit etwas anderem
verbunden vorgestellt werden, um mit dem Wohlgefallen der bloßen
Reflexion über einen Gegenstand noch eine L u s t a n d e r E x i s t e n z
desselben (als worin alles Interesse besteht) verknüpfen zu können. Denn es
gilt hier im ästhetischen Urtheile, was im Erkenntnißurtheile (von Dingen
überhaupt) 25 gesagt wird: a posse ad esse non valet consequentia. Dieses
Andere kann nun etwas Empirisches sein, nämlich eine Neigung, die der
menschlichen Natur eigen ist; oder etwas Intellectuelles als Eigenschaft des
Willens, a priori durch Vernunft bestimmt werden zu können: welche beide
ein Wohlgefallen am Dasein eines Objects enthalten und so den 30 Grund
zu einem Interesse an demjenigen legen können, was schon für sich und
ohne Rücksicht auf irgend ein Interesse gefallen hat.
Empirisch interessirt das Schöne nur in der G e s e l l s c h a f t; und wenn
man den Trieb zur Gesellschaft als dem Menschen natürlich, die
Tauglichkeit aber und den Hang dazu, d. i. die G e s e l l i g k e i t, zur
Erforderniß 35 des Menschen als für die Gesellschaft bestimmten
Geschöpfs, also als zur H u m a n i t ä t gehörige Eigenschaft, einräumt: so
kann es nicht fehlen, daß man nicht auch den Geschmack als ein
Beurtheilungsvermögen 163 alles dessen, wodurch man sogar sein G e f ü h l
jedem andern mittheilen kann, mithin als Beförderungsmittel dessen, was
eines jeden natürliche 5 Neigung verlangt, ansehen sollte.
Für sich allein würde ein verlassener Mensch auf einer wüsten Insel weder
seine Hütte, noch sich selbst ausputzen, oder Blumen aufsuchen, noch
weniger sie pflanzen, um sich damit auszuschmücken; sondern nur in
Gesellschaft kommt es ihm ein, nicht bloß Mensch, sondern auch nach
seiner 10 Art ein feiner Mensch zu sein (der Anfang der Civilisirung): denn
Page 172
als einen solchen beurtheilt man denjenigen, welcher seine Lust andern
mitzutheilen geneigt und geschickt ist, und den ein Object nicht befriedigt,
wenn er das Wohlgefallen an demselben nicht in Gemeinschaft mit andern
fühlen kann. Auch erwartet und fordert ein jeder die Rücksicht auf
allgemeine 15 Mittheilung von jedermann, gleichsam als aus einem
ursprünglichen Vertrage, der durch die Menschheit selbst dictirt ist; und so
werden freilich anfangs nur Reize, z. B. Farben, um sich zu bemalen
(Rocou bei den Caraiben und Zinnober bei den Irokesen), oder Blumen,
Muschelschalen, schönfarbige Vogelfedern, mit der Zeit aber auch schöne
Formen 20 (als an Canots, Kleidern u. s. w.), die gar kein Vergnügen, d. i.
Wohlgefallen des Genusses, bei sich führen, in der Gesellschaft wichtig und
mit großem Interesse verbunden: bis endlich die auf den höchsten Punkt
gekommene 164 Civilisirung daraus beinahe das Hauptwerk der verfeinerten
Neigung macht, und Empfindungen nur so viel werth gehalten werden, 25
als sie sich allgemein mittheilen lassen; wo denn, wenn gleich die Lust, die
jeder an einem solchen Gegenstande hat, nur unbeträchtlich und für sich
ohne merkliches Interesse ist, doch die Idee von ihrer allgemeinen
Mittheilbarkeit ihren Werth beinahe unendlich vergrößert.
Dieses indirect dem Schönen durch Neigung zur Gesellschaft angehängte,
30 mithin empirische Interesse ist aber für uns hier von keiner Wichtigkeit,
die wir nur darauf zu sehen haben, was auf das Geschmacksurtheil a priori,
wenn gleich nur indirect, Beziehung haben mag. Denn wenn auch in dieser
Form sich ein damit verbundenes Interesse entdecken sollte, so würde
Geschmack einen Übergang unseres Beurtheilungsvermögens 35 von dem
Sinnengenuß zum Sittengefühl entdecken; und nicht allein, daß man
dadurch den Geschmack zweckmäßig zu beschäftigen besser geleitet
werden würde, es würde auch ein Mittelglied der Kette der menschlichen
Vermögen a priori, von denen alle Gesetzgebung abhängen muß, als ein
solches dargestellt werden. So viel kann man von dem empirischen
Interesse an Gegenständen des Geschmacks und am Geschmack selbst wohl
sagen, daß es, da dieser der Neigung fröhnt, obgleich sie noch so verfeinert
sein 5 mag, sich doch auch mit allen Neigungen und Leidenschaften, die in
der Gesellschaft ihre größte Mannigfaltigkeit und höchste Stufe erreichen,
gern 165 zusammenschmelzen läßt, und das Interesse am Schönen, wenn es
darauf gegründet ist, einen nur sehr zweideutigen Übergang vom
Angenehmen zum Guten abgeben könne. Ob aber dieser nicht etwa doch
mitzutheilen geneigt und geschickt ist, und den ein Object nicht befriedigt,
wenn er das Wohlgefallen an demselben nicht in Gemeinschaft mit andern
fühlen kann. Auch erwartet und fordert ein jeder die Rücksicht auf
allgemeine 15 Mittheilung von jedermann, gleichsam als aus einem
ursprünglichen Vertrage, der durch die Menschheit selbst dictirt ist; und so
werden freilich anfangs nur Reize, z. B. Farben, um sich zu bemalen
(Rocou bei den Caraiben und Zinnober bei den Irokesen), oder Blumen,
Muschelschalen, schönfarbige Vogelfedern, mit der Zeit aber auch schöne
Formen 20 (als an Canots, Kleidern u. s. w.), die gar kein Vergnügen, d. i.
Wohlgefallen des Genusses, bei sich führen, in der Gesellschaft wichtig und
mit großem Interesse verbunden: bis endlich die auf den höchsten Punkt
gekommene 164 Civilisirung daraus beinahe das Hauptwerk der verfeinerten
Neigung macht, und Empfindungen nur so viel werth gehalten werden, 25
als sie sich allgemein mittheilen lassen; wo denn, wenn gleich die Lust, die
jeder an einem solchen Gegenstande hat, nur unbeträchtlich und für sich
ohne merkliches Interesse ist, doch die Idee von ihrer allgemeinen
Mittheilbarkeit ihren Werth beinahe unendlich vergrößert.
Dieses indirect dem Schönen durch Neigung zur Gesellschaft angehängte,
30 mithin empirische Interesse ist aber für uns hier von keiner Wichtigkeit,
die wir nur darauf zu sehen haben, was auf das Geschmacksurtheil a priori,
wenn gleich nur indirect, Beziehung haben mag. Denn wenn auch in dieser
Form sich ein damit verbundenes Interesse entdecken sollte, so würde
Geschmack einen Übergang unseres Beurtheilungsvermögens 35 von dem
Sinnengenuß zum Sittengefühl entdecken; und nicht allein, daß man
dadurch den Geschmack zweckmäßig zu beschäftigen besser geleitet
werden würde, es würde auch ein Mittelglied der Kette der menschlichen
Vermögen a priori, von denen alle Gesetzgebung abhängen muß, als ein
solches dargestellt werden. So viel kann man von dem empirischen
Interesse an Gegenständen des Geschmacks und am Geschmack selbst wohl
sagen, daß es, da dieser der Neigung fröhnt, obgleich sie noch so verfeinert
sein 5 mag, sich doch auch mit allen Neigungen und Leidenschaften, die in
der Gesellschaft ihre größte Mannigfaltigkeit und höchste Stufe erreichen,
gern 165 zusammenschmelzen läßt, und das Interesse am Schönen, wenn es
darauf gegründet ist, einen nur sehr zweideutigen Übergang vom
Angenehmen zum Guten abgeben könne. Ob aber dieser nicht etwa doch
Page 173
durch den Geschmack, 10 wenn er in seiner Reinigkeit genommen wird,
befördert werden könne, haben wir zu untersuchen Ursache.
befördert werden könne, haben wir zu untersuchen Ursache.
Page 174
§ 42.
Vom intellectuellen Interesse am Schönen.
Es geschah in gutmüthiger Absicht, daß diejenigen, welche alle
Beschäftigungen 15 der Menschen, wozu diese die innere Naturanlage
antreibt, gerne auf den letzten Zweck der Menschheit, nämlich das
Moralisch-Gute, richten wollten, es für ein Zeichen eines guten moralischen
Charakters hielten, am Schönen überhaupt ein Interesse zu nehmen. Ihnen
ist aber nicht ohne Grund von andern widersprochen worden, die sich auf
die Erfahrung 20 berufen, daß Virtuosen des Geschmacks, nicht allein öfter,
sondern wohl gar gewöhnlich eitel, eigensinnig und verderblichen
Leidenschaften ergeben, vielleicht noch weniger wie andere auf den Vorzug
der Anhänglichkeit an sittliche Grundsätze Anspruch machen könnten; und
so scheint es, daß das Gefühl für das Schöne nicht allein (wie es auch
wirklich 25 ist) vom moralischen Gefühl specifisch unterschieden, sondern
auch das Interesse, welches man damit verbinden kann, mit dem
moralischen 166 schwer, keinesweges aber durch innere Affinität vereinbar
sei.
Ich räume nun zwar gerne ein, daß das Interesse am S c h ö n e n d e r
K u n s t (wozu ich auch den künstlichen Gebrauch der Naturschönheiten
zum 30 Putze, mithin zur Eitelkeit rechne) gar keinen Beweis einer dem
Moralisch-Guten anhänglichen, oder auch nur dazu geneigten Denkungsart
abgebe. Dagegen aber behaupte ich, daß ein u n m i t t e l b a r e s
I n t e r e s s e an der Schönheit der N a t u r zu nehmen (nicht bloß
Geschmack haben, um sie zu beurtheilen) jederzeit ein Kennzeichen einer
guten Seele sei; und daß, 35 wenn dieses Interesse habituell ist, es
wenigstens eine dem moralischen Gefühl günstige Gemüthsstimmung
anzeige, wenn es sich mit der B e s c h a u u n g d e r N a t u r gerne
verbindet. Man muß sich aber wohl erinnern, daß ich hier eigentlich die
schönen F o r m e n der Natur meine, die R e i z e dagegen, welche sie so
reichlich auch mit jenen zu verbinden pflegt, 5 noch zur Seite setze, weil
das Interesse daran zwar auch unmittelbar, aber doch empirisch ist.
Der, welcher einsam (und ohne Absicht, seine Bemerkungen andern
mittheilen zu wollen) die schöne Gestalt einer wilden Blume, eines Vogels,
Vom intellectuellen Interesse am Schönen.
Es geschah in gutmüthiger Absicht, daß diejenigen, welche alle
Beschäftigungen 15 der Menschen, wozu diese die innere Naturanlage
antreibt, gerne auf den letzten Zweck der Menschheit, nämlich das
Moralisch-Gute, richten wollten, es für ein Zeichen eines guten moralischen
Charakters hielten, am Schönen überhaupt ein Interesse zu nehmen. Ihnen
ist aber nicht ohne Grund von andern widersprochen worden, die sich auf
die Erfahrung 20 berufen, daß Virtuosen des Geschmacks, nicht allein öfter,
sondern wohl gar gewöhnlich eitel, eigensinnig und verderblichen
Leidenschaften ergeben, vielleicht noch weniger wie andere auf den Vorzug
der Anhänglichkeit an sittliche Grundsätze Anspruch machen könnten; und
so scheint es, daß das Gefühl für das Schöne nicht allein (wie es auch
wirklich 25 ist) vom moralischen Gefühl specifisch unterschieden, sondern
auch das Interesse, welches man damit verbinden kann, mit dem
moralischen 166 schwer, keinesweges aber durch innere Affinität vereinbar
sei.
Ich räume nun zwar gerne ein, daß das Interesse am S c h ö n e n d e r
K u n s t (wozu ich auch den künstlichen Gebrauch der Naturschönheiten
zum 30 Putze, mithin zur Eitelkeit rechne) gar keinen Beweis einer dem
Moralisch-Guten anhänglichen, oder auch nur dazu geneigten Denkungsart
abgebe. Dagegen aber behaupte ich, daß ein u n m i t t e l b a r e s
I n t e r e s s e an der Schönheit der N a t u r zu nehmen (nicht bloß
Geschmack haben, um sie zu beurtheilen) jederzeit ein Kennzeichen einer
guten Seele sei; und daß, 35 wenn dieses Interesse habituell ist, es
wenigstens eine dem moralischen Gefühl günstige Gemüthsstimmung
anzeige, wenn es sich mit der B e s c h a u u n g d e r N a t u r gerne
verbindet. Man muß sich aber wohl erinnern, daß ich hier eigentlich die
schönen F o r m e n der Natur meine, die R e i z e dagegen, welche sie so
reichlich auch mit jenen zu verbinden pflegt, 5 noch zur Seite setze, weil
das Interesse daran zwar auch unmittelbar, aber doch empirisch ist.
Der, welcher einsam (und ohne Absicht, seine Bemerkungen andern
mittheilen zu wollen) die schöne Gestalt einer wilden Blume, eines Vogels,
Page 175
eines Insects u. s. w. betrachtet, um sie zu bewundern, zu lieben und sie 10
nicht gerne in der Natur überhaupt vermissen zu wollen, ob ihm gleich
dadurch einiger Schaden geschähe, viel weniger ein Nutzen daraus für ihn
hervorleuchtete, nimmt ein unmittelbares und zwar intellectuelles Interesse
167 an der Schönheit der Natur. D. i. nicht allein ihr Product der Form nach,
sondern auch das Dasein desselben gefällt ihm, ohne daß ein 15 Sinnenreiz
daran Antheil hätte, oder er auch irgend einen Zweck damit verbände.
Es ist aber hiebei merkwürdig, daß, wenn man diesen Liebhaber des
Schönen insgeheim hintergangen und künstliche Blumen (die man den
natürlichen ganz ähnlich verfertigen kann) in die Erde gesteckt, oder 20
künstlich geschnitzte Vögel auf Zweige von Bäumen gesetzt hätte, und er
darauf den Betrug entdeckte, das unmittelbare Interesse, was er vorher
daran nahm, alsbald verschwinden, vielleicht aber ein anderes, nämlich das
Interesse der Eitelkeit, sein Zimmer für fremde Augen damit
auszuschmücken, an dessen Stelle sich einfinden würde. Daß die Natur jene
25 Schönheit hervorgebracht hat: dieser Gedanke muß die Anschauung und
Reflexion begleiten; und auf diesem gründet sich allein das unmittelbare
Interesse, was man daran nimmt. Sonst bleibt entweder ein bloßes
Geschmacksurtheil ohne alles Interesse, oder nur ein mit einem mittelbaren,
nämlich auf die Gesellschaft bezogenen, verbundenes übrig: welches
letztere 30 keine sichere Anzeige auf moralisch-gute Denkungsart abgiebt.
Dieser Vorzug der Naturschönheit vor der Kunstschönheit, wenn jene gleich
durch diese der Form nach sogar übertroffen würde, dennoch allein 168 ein
unmittelbares Interesse zu erwecken, stimmt mit der geläuterten und
gründlichen Denkungsart aller Menschen überein, die ihr sittliches Gefühl
35 cultivirt haben. Wenn ein Mann, der Geschmack genug hat, um über
Producte der schönen Kunst mit der größten Richtigkeit und Feinheit zu
urtheilen, das Zimmer gern verläßt, in welchem jene die Eitelkeit und
allenfalls gesellschaftliche Freuden unterhaltenden Schönheiten anzutreffen
sind, und sich zum Schönen der Natur wendet, um hier gleichsam Wollust
für seinen Geist in einem Gedankengange zu finden, den er sich nie völlig
entwickeln kann: so werden wir diese seine Wahl selber mit Hochachtung 5
betrachten und in ihm eine schöne Seele voraussetzen, auf die kein
Kunstkenner und Liebhaber um des Interesse willen, das er an seinen
Gegenständen nimmt, Anspruch machen kann. — Was ist nun der
Unterschied der so verschiedenen Schätzung zweierlei Objecte, die im
nicht gerne in der Natur überhaupt vermissen zu wollen, ob ihm gleich
dadurch einiger Schaden geschähe, viel weniger ein Nutzen daraus für ihn
hervorleuchtete, nimmt ein unmittelbares und zwar intellectuelles Interesse
167 an der Schönheit der Natur. D. i. nicht allein ihr Product der Form nach,
sondern auch das Dasein desselben gefällt ihm, ohne daß ein 15 Sinnenreiz
daran Antheil hätte, oder er auch irgend einen Zweck damit verbände.
Es ist aber hiebei merkwürdig, daß, wenn man diesen Liebhaber des
Schönen insgeheim hintergangen und künstliche Blumen (die man den
natürlichen ganz ähnlich verfertigen kann) in die Erde gesteckt, oder 20
künstlich geschnitzte Vögel auf Zweige von Bäumen gesetzt hätte, und er
darauf den Betrug entdeckte, das unmittelbare Interesse, was er vorher
daran nahm, alsbald verschwinden, vielleicht aber ein anderes, nämlich das
Interesse der Eitelkeit, sein Zimmer für fremde Augen damit
auszuschmücken, an dessen Stelle sich einfinden würde. Daß die Natur jene
25 Schönheit hervorgebracht hat: dieser Gedanke muß die Anschauung und
Reflexion begleiten; und auf diesem gründet sich allein das unmittelbare
Interesse, was man daran nimmt. Sonst bleibt entweder ein bloßes
Geschmacksurtheil ohne alles Interesse, oder nur ein mit einem mittelbaren,
nämlich auf die Gesellschaft bezogenen, verbundenes übrig: welches
letztere 30 keine sichere Anzeige auf moralisch-gute Denkungsart abgiebt.
Dieser Vorzug der Naturschönheit vor der Kunstschönheit, wenn jene gleich
durch diese der Form nach sogar übertroffen würde, dennoch allein 168 ein
unmittelbares Interesse zu erwecken, stimmt mit der geläuterten und
gründlichen Denkungsart aller Menschen überein, die ihr sittliches Gefühl
35 cultivirt haben. Wenn ein Mann, der Geschmack genug hat, um über
Producte der schönen Kunst mit der größten Richtigkeit und Feinheit zu
urtheilen, das Zimmer gern verläßt, in welchem jene die Eitelkeit und
allenfalls gesellschaftliche Freuden unterhaltenden Schönheiten anzutreffen
sind, und sich zum Schönen der Natur wendet, um hier gleichsam Wollust
für seinen Geist in einem Gedankengange zu finden, den er sich nie völlig
entwickeln kann: so werden wir diese seine Wahl selber mit Hochachtung 5
betrachten und in ihm eine schöne Seele voraussetzen, auf die kein
Kunstkenner und Liebhaber um des Interesse willen, das er an seinen
Gegenständen nimmt, Anspruch machen kann. — Was ist nun der
Unterschied der so verschiedenen Schätzung zweierlei Objecte, die im
Page 176
Urtheile des bloßen Geschmacks einander kaum den Vorzug streitig machen
würden? 10
Wir haben ein Vermögen der bloß ästhetischen Urtheilskraft, ohne Begriffe
über Formen zu urtheilen und an der bloßen Beurtheilung derselben ein
Wohlgefallen zu finden, welches wir zugleich jedermann zur Regel machen,
ohne daß dieses Urtheil sich auf einem Interesse gründet, noch ein solches
hervorbringt. — Andererseits haben wir auch ein Vermögen 15 einer
intellectuellen Urtheilskraft, für bloße Formen praktischer Maximen (sofern
sie sich zur allgemeinen Gesetzgebung von selbst qualificiren) 169 ein
Wohlgefallen a priori zu bestimmen, welches wir jedermann zum Gesetze
machen, ohne daß unser Urtheil sich auf irgend einem Interesse gründet,
a b e r d o c h e i n s o l c h e s h e r v o r b r i n g t. Die Lust oder Unlust
20 im ersteren Urtheile heißt die des Geschmacks, die zweite des
moralischen Gefühls.
Da es aber die Vernunft auch interessirt, daß die Ideen (für die sie im
moralischen Gefühle ein unmittelbares Interesse bewirkt) auch objective
Realität haben, d. i. daß die Natur wenigstens eine Spur zeige, oder 25
einen Wink gebe, sie enthalte in sich irgend einen Grund, eine gesetzmäßige
Übereinstimmung ihrer Producte zu unserm von allem Interesse
unabhängigen Wohlgefallen (welches wir a priori für jedermann als Gesetz
erkennen, ohne dieses auf Beweisen gründen zu können) anzunehmen: so
muß die Vernunft an jeder Äußerung der Natur von einer dieser ähnlichen
30 Übereinstimmung ein Interesse nehmen; folglich kann das Gemüth über
die Schönheit der N a t u r nicht nachdenken, ohne sich dabei zugleich
interessirt zu finden. Dieses Interesse aber ist der Verwandtschaft nach
moralisch; und der, welcher es am Schönen der Natur nimmt, kann es nur
sofern an demselben nehmen, als er vorher schon sein Interesse am 35
Sittlich-Guten wohlgegründet hat. Wen also die Schönheit der Natur
unmittelbar interessirt, bei dem hat man Ursache, wenigstens eine Anlage
170 zu guter moralischen Gesinnung zu vermuthen.
Man wird sagen: diese Deutung ästhetischer Urtheile auf Verwandtschaft
mit dem moralischen Gefühl sehe gar zu studirt aus, um sie für die wahre
Auslegung der Chiffreschrift zu halten, wodurch die Natur in ihren 5
schönen Formen figürlich zu uns spricht. Allein erstlich ist dieses
unmittelbare Interesse am Schönen der Natur wirklich nicht gemein,
würden? 10
Wir haben ein Vermögen der bloß ästhetischen Urtheilskraft, ohne Begriffe
über Formen zu urtheilen und an der bloßen Beurtheilung derselben ein
Wohlgefallen zu finden, welches wir zugleich jedermann zur Regel machen,
ohne daß dieses Urtheil sich auf einem Interesse gründet, noch ein solches
hervorbringt. — Andererseits haben wir auch ein Vermögen 15 einer
intellectuellen Urtheilskraft, für bloße Formen praktischer Maximen (sofern
sie sich zur allgemeinen Gesetzgebung von selbst qualificiren) 169 ein
Wohlgefallen a priori zu bestimmen, welches wir jedermann zum Gesetze
machen, ohne daß unser Urtheil sich auf irgend einem Interesse gründet,
a b e r d o c h e i n s o l c h e s h e r v o r b r i n g t. Die Lust oder Unlust
20 im ersteren Urtheile heißt die des Geschmacks, die zweite des
moralischen Gefühls.
Da es aber die Vernunft auch interessirt, daß die Ideen (für die sie im
moralischen Gefühle ein unmittelbares Interesse bewirkt) auch objective
Realität haben, d. i. daß die Natur wenigstens eine Spur zeige, oder 25
einen Wink gebe, sie enthalte in sich irgend einen Grund, eine gesetzmäßige
Übereinstimmung ihrer Producte zu unserm von allem Interesse
unabhängigen Wohlgefallen (welches wir a priori für jedermann als Gesetz
erkennen, ohne dieses auf Beweisen gründen zu können) anzunehmen: so
muß die Vernunft an jeder Äußerung der Natur von einer dieser ähnlichen
30 Übereinstimmung ein Interesse nehmen; folglich kann das Gemüth über
die Schönheit der N a t u r nicht nachdenken, ohne sich dabei zugleich
interessirt zu finden. Dieses Interesse aber ist der Verwandtschaft nach
moralisch; und der, welcher es am Schönen der Natur nimmt, kann es nur
sofern an demselben nehmen, als er vorher schon sein Interesse am 35
Sittlich-Guten wohlgegründet hat. Wen also die Schönheit der Natur
unmittelbar interessirt, bei dem hat man Ursache, wenigstens eine Anlage
170 zu guter moralischen Gesinnung zu vermuthen.
Man wird sagen: diese Deutung ästhetischer Urtheile auf Verwandtschaft
mit dem moralischen Gefühl sehe gar zu studirt aus, um sie für die wahre
Auslegung der Chiffreschrift zu halten, wodurch die Natur in ihren 5
schönen Formen figürlich zu uns spricht. Allein erstlich ist dieses
unmittelbare Interesse am Schönen der Natur wirklich nicht gemein,
Page 177
sondern nur denen eigen, deren Denkungsart entweder zum Guten schon
ausgebildet, oder dieser Ausbildung vorzüglich empfänglich ist; und dann
führt die Analogie zwischen dem reinen Geschmacksurtheile, welches, ohne
von 10 irgend einem Interesse abzuhängen, ein Wohlgefallen fühlen läßt
und es zugleich a priori als der Menschheit überhaupt anständig vorstellt,
und dem moralischen Urtheile, welches eben dasselbe aus Begriffen thut,
auch ohne deutliches, subtiles und vorsätzliches Nachdenken auf ein
gleichmäßiges unmittelbares Interesse an dem Gegenstande des ersteren, so
wie an 15 dem des letzteren: nur daß jenes ein freies, dieses ein auf
objective Gesetze gegründetes Interesse ist. Dazu kommt noch die
Bewunderung der Natur, die sich an ihren schönen Producten als Kunst,
nicht bloß durch Zufall, sondern gleichsam absichtlich, nach gesetzmäßiger
Anordnung und als Zweckmäßigkeit ohne Zweck, zeigt: welchen letzteren,
da wir ihn äußerlich 20 nirgend antreffen, wir natürlicher Weise in uns
selbst und zwar in demjenigen, 171 was den letzten Zweck unseres Daseins
ausmacht, nämlich der moralischen Bestimmung, suchen (von welcher
Nachfrage nach dem Grunde der Möglichkeit einer solchen
Naturzweckmäßigkeit aber allererst in der Teleologie die Rede sein wird).
25
Daß das Wohlgefallen an der schönen Kunst im reinen Geschmacksurtheile
nicht eben so mit einem unmittelbaren Interesse verbunden ist, als das an
der schönen Natur, ist auch leicht zu erklären. Denn jene ist entweder eine
solche Nachahmung von dieser, die bis zur Täuschung geht: und alsdann
thut sie die Wirkung als (dafür gehaltene) Naturschönheit; 30 oder sie ist
eine absichtlich auf unser Wohlgefallen sichtbarlich gerichtete Kunst:
alsdann aber würde das Wohlgefallen an diesem Producte zwar unmittelbar
durch Geschmack Statt finden, aber kein anderes als mittelbares Interesse
an der zum Grunde liegenden Ursache erwecken, nämlich einer Kunst,
welche nur durch ihren Zweck, niemals an sich selbst interessiren 35 kann.
Man wird vielleicht sagen, daß dieses auch der Fall sei, wenn ein Object der
Natur durch seine Schönheit nur in sofern interessirt, als ihr eine moralische
Idee beigesellt wird; aber nicht dieses, sondern die Beschaffenheit derselben
an sich selbst, daß sie sich zu einer solchen Beigesellung qualificirt, die ihr
also innerlich zukommt, interessirt unmittelbar.
Die Reize in der schönen Natur, welche so häufig mit der schönen 5 Form
gleichsam zusammenschmelzend angetroffen werden, sind entweder 172 zu
ausgebildet, oder dieser Ausbildung vorzüglich empfänglich ist; und dann
führt die Analogie zwischen dem reinen Geschmacksurtheile, welches, ohne
von 10 irgend einem Interesse abzuhängen, ein Wohlgefallen fühlen läßt
und es zugleich a priori als der Menschheit überhaupt anständig vorstellt,
und dem moralischen Urtheile, welches eben dasselbe aus Begriffen thut,
auch ohne deutliches, subtiles und vorsätzliches Nachdenken auf ein
gleichmäßiges unmittelbares Interesse an dem Gegenstande des ersteren, so
wie an 15 dem des letzteren: nur daß jenes ein freies, dieses ein auf
objective Gesetze gegründetes Interesse ist. Dazu kommt noch die
Bewunderung der Natur, die sich an ihren schönen Producten als Kunst,
nicht bloß durch Zufall, sondern gleichsam absichtlich, nach gesetzmäßiger
Anordnung und als Zweckmäßigkeit ohne Zweck, zeigt: welchen letzteren,
da wir ihn äußerlich 20 nirgend antreffen, wir natürlicher Weise in uns
selbst und zwar in demjenigen, 171 was den letzten Zweck unseres Daseins
ausmacht, nämlich der moralischen Bestimmung, suchen (von welcher
Nachfrage nach dem Grunde der Möglichkeit einer solchen
Naturzweckmäßigkeit aber allererst in der Teleologie die Rede sein wird).
25
Daß das Wohlgefallen an der schönen Kunst im reinen Geschmacksurtheile
nicht eben so mit einem unmittelbaren Interesse verbunden ist, als das an
der schönen Natur, ist auch leicht zu erklären. Denn jene ist entweder eine
solche Nachahmung von dieser, die bis zur Täuschung geht: und alsdann
thut sie die Wirkung als (dafür gehaltene) Naturschönheit; 30 oder sie ist
eine absichtlich auf unser Wohlgefallen sichtbarlich gerichtete Kunst:
alsdann aber würde das Wohlgefallen an diesem Producte zwar unmittelbar
durch Geschmack Statt finden, aber kein anderes als mittelbares Interesse
an der zum Grunde liegenden Ursache erwecken, nämlich einer Kunst,
welche nur durch ihren Zweck, niemals an sich selbst interessiren 35 kann.
Man wird vielleicht sagen, daß dieses auch der Fall sei, wenn ein Object der
Natur durch seine Schönheit nur in sofern interessirt, als ihr eine moralische
Idee beigesellt wird; aber nicht dieses, sondern die Beschaffenheit derselben
an sich selbst, daß sie sich zu einer solchen Beigesellung qualificirt, die ihr
also innerlich zukommt, interessirt unmittelbar.
Die Reize in der schönen Natur, welche so häufig mit der schönen 5 Form
gleichsam zusammenschmelzend angetroffen werden, sind entweder 172 zu
Page 178
den Modificationen des Lichts (in der Farbengebung) oder des Schalles (in
Tönen) gehörig. Denn diese sind die einzigen Empfindungen, welche nicht
bloß Sinnengefühl, sondern auch Reflexion über die Form dieser
Modificationen der Sinne verstatten und so gleichsam eine Sprache, die 10
die Natur zu uns führt, und die einen höhern Sinn zu haben scheint, in sich
enthalten. So scheint die weiße Farbe der Lilie das Gemüth zu Ideen der
Unschuld und nach der Ordnung der sieben Farben von der rothen an bis
zur violetten 1) zur Idee der Erhabenheit, 2) der Kühnheit, 3) der
Freimüthigkeit, 4) der Freundlichkeit, 5) der Bescheidenheit, 6) der
Standhaftigkeit 15 und 7) der Zärtlichkeit zu stimmen. Der Gesang der
Vögel verkündigt Fröhlichkeit und Zufriedenheit mit seiner Existenz.
Wenigstens so deuten wir die Natur aus, es mag dergleichen ihre Absicht
sein oder nicht. Aber dieses Interesse, welches wir hier an Schönheit
nehmen, bedarf durchaus, daß es Schönheit der Natur sei; und es
verschwindet 20 ganz, sobald man bemerkt, man sei getäuscht, und es sei
nur Kunst: so gar, daß auch der Geschmack alsdann nichts Schönes, oder
das Gesicht etwas Reizendes mehr daran finden kann. Was wird von
Dichtern höher gepriesen, als der bezaubernd schöne Schlag der Nachtigall
in einsamen Gebüschen an einem stillen Sommerabende bei dem sanften
Lichte des 25 Mondes? Indessen hat man Beispiele, daß, wo kein solcher
Sänger angetroffen 173 wird, irgend ein lustiger Wirth seine zum Genuß der
Landluft bei ihm eingekehrten Gäste dadurch zu ihrer größten Zufriedenheit
hintergangen hatte, daß er einen muthwilligen Burschen, welcher diesen
Schlag (mit Schilf oder Rohr im Munde) ganz der Natur ähnlich
nachzumachen 30 wußte, in einem Gebüsche verbarg. Sobald man aber
inne wird, daß es Betrug sei, so wird niemand es lange aushalten, diesem
vorher für so reizend gehaltenen Gesange zuzuhören; und so ist es mit
jedem anderen Singvogel beschaffen. Es muß Natur sein, oder von uns
dafür gehalten werden, damit wir an dem Schönen als einem solchen ein
unmittelbares 35 I n t e r e s s e nehmen können; noch mehr aber, wenn wir
gar andern zumuthen dürfen, daß sie es daran nehmen sollen: welches in der
That geschieht, indem wir die Denkungsart derer für grob und unedel
halten, die kein G e f ü h l für die schöne Natur haben (denn so nennen wir
die Empfänglichkeit eines Interesse an ihrer Betrachtung) und sich bei der
Mahlzeit oder der Bouteille am Genusse bloßer Sinnesempfindungen
halten.
Tönen) gehörig. Denn diese sind die einzigen Empfindungen, welche nicht
bloß Sinnengefühl, sondern auch Reflexion über die Form dieser
Modificationen der Sinne verstatten und so gleichsam eine Sprache, die 10
die Natur zu uns führt, und die einen höhern Sinn zu haben scheint, in sich
enthalten. So scheint die weiße Farbe der Lilie das Gemüth zu Ideen der
Unschuld und nach der Ordnung der sieben Farben von der rothen an bis
zur violetten 1) zur Idee der Erhabenheit, 2) der Kühnheit, 3) der
Freimüthigkeit, 4) der Freundlichkeit, 5) der Bescheidenheit, 6) der
Standhaftigkeit 15 und 7) der Zärtlichkeit zu stimmen. Der Gesang der
Vögel verkündigt Fröhlichkeit und Zufriedenheit mit seiner Existenz.
Wenigstens so deuten wir die Natur aus, es mag dergleichen ihre Absicht
sein oder nicht. Aber dieses Interesse, welches wir hier an Schönheit
nehmen, bedarf durchaus, daß es Schönheit der Natur sei; und es
verschwindet 20 ganz, sobald man bemerkt, man sei getäuscht, und es sei
nur Kunst: so gar, daß auch der Geschmack alsdann nichts Schönes, oder
das Gesicht etwas Reizendes mehr daran finden kann. Was wird von
Dichtern höher gepriesen, als der bezaubernd schöne Schlag der Nachtigall
in einsamen Gebüschen an einem stillen Sommerabende bei dem sanften
Lichte des 25 Mondes? Indessen hat man Beispiele, daß, wo kein solcher
Sänger angetroffen 173 wird, irgend ein lustiger Wirth seine zum Genuß der
Landluft bei ihm eingekehrten Gäste dadurch zu ihrer größten Zufriedenheit
hintergangen hatte, daß er einen muthwilligen Burschen, welcher diesen
Schlag (mit Schilf oder Rohr im Munde) ganz der Natur ähnlich
nachzumachen 30 wußte, in einem Gebüsche verbarg. Sobald man aber
inne wird, daß es Betrug sei, so wird niemand es lange aushalten, diesem
vorher für so reizend gehaltenen Gesange zuzuhören; und so ist es mit
jedem anderen Singvogel beschaffen. Es muß Natur sein, oder von uns
dafür gehalten werden, damit wir an dem Schönen als einem solchen ein
unmittelbares 35 I n t e r e s s e nehmen können; noch mehr aber, wenn wir
gar andern zumuthen dürfen, daß sie es daran nehmen sollen: welches in der
That geschieht, indem wir die Denkungsart derer für grob und unedel
halten, die kein G e f ü h l für die schöne Natur haben (denn so nennen wir
die Empfänglichkeit eines Interesse an ihrer Betrachtung) und sich bei der
Mahlzeit oder der Bouteille am Genusse bloßer Sinnesempfindungen
halten.
Page 179
§ 43. 5
Von der Kunst überhaupt.
1) K u n s t wird von der N a t u r, wie Thun (facere) vom Handeln oder
Wirken überhaupt (agere) und das Product, oder die Folge der erstern, als
W e r k (opus) von der letztern als Wirkung (effectus) 174 unterschieden. 10
Von Rechtswegen sollte man nur die Hervorbringung durch Freiheit, d. i.
durch eine Willkür, die ihren Handlungen Vernunft zum Grunde legt, Kunst
nennen. Denn ob man gleich das Product der Bienen (die regelmäßig
gebaueten Wachsscheiben) ein Kunstwerk zu nennen beliebt, so geschieht
dieses doch nur wegen der Analogie mit der letzteren; sobald man 15 sich
nämlich besinnt, daß sie ihre Arbeit auf keine eigene Vernunftüberlegung
gründen, so sagt man alsbald, es ist ein Product ihrer Natur (des Instincts),
und als Kunst wird es nur ihrem Schöpfer zugeschrieben.
Wenn man bei Durchsuchung eines Moorbruches, wie es bisweilen
geschehen ist, ein Stück behauenes Holz antrifft, so sagt man nicht, es ist
20 ein Product der Natur, sondern der Kunst; die hervorbringende Ursache
desselben hat sich einen Zweck gedacht, dem dieses seine Form zu danken
hat. Sonst sieht man wohl auch an allem eine Kunst, was so beschaffen ist,
daß eine Vorstellung desselben in seiner Ursache vor seiner Wirklichkeit
vorhergegangen sein muß (wie selbst bei Bienen), ohne daß doch die
Wirkung 25 von ihr eben g e d a c h t sein dürfe; wenn man aber etwas
schlechthin ein Kunstwerk nennt, um es von einer Naturwirkung zu
unterscheiden, so versteht man allemal darunter ein Werk der Menschen.
2) K u n s t als Geschicklichkeit des Menschen wird auch von der 175
W i s s e n s c h a f t unterschieden (K ö n n e n vom W i s s e n), als
praktisches 30 vom theoretischen Vermögen, als Technik von der Theorie
(wie die Feldmeßkunst von der Geometrie). Und da wird auch das, was man
k a n n, sobald man nur w e i ß, was gethan werden soll, und also nur die
begehrte Wirkung genugsam kennt, nicht eben Kunst genannt. Nur das, was
man, wenn man es auch auf das vollständigste kennt, dennoch darum zu
machen 35 noch nicht sofort die Geschicklichkeit hat, gehört in so weit zur
Von der Kunst überhaupt.
1) K u n s t wird von der N a t u r, wie Thun (facere) vom Handeln oder
Wirken überhaupt (agere) und das Product, oder die Folge der erstern, als
W e r k (opus) von der letztern als Wirkung (effectus) 174 unterschieden. 10
Von Rechtswegen sollte man nur die Hervorbringung durch Freiheit, d. i.
durch eine Willkür, die ihren Handlungen Vernunft zum Grunde legt, Kunst
nennen. Denn ob man gleich das Product der Bienen (die regelmäßig
gebaueten Wachsscheiben) ein Kunstwerk zu nennen beliebt, so geschieht
dieses doch nur wegen der Analogie mit der letzteren; sobald man 15 sich
nämlich besinnt, daß sie ihre Arbeit auf keine eigene Vernunftüberlegung
gründen, so sagt man alsbald, es ist ein Product ihrer Natur (des Instincts),
und als Kunst wird es nur ihrem Schöpfer zugeschrieben.
Wenn man bei Durchsuchung eines Moorbruches, wie es bisweilen
geschehen ist, ein Stück behauenes Holz antrifft, so sagt man nicht, es ist
20 ein Product der Natur, sondern der Kunst; die hervorbringende Ursache
desselben hat sich einen Zweck gedacht, dem dieses seine Form zu danken
hat. Sonst sieht man wohl auch an allem eine Kunst, was so beschaffen ist,
daß eine Vorstellung desselben in seiner Ursache vor seiner Wirklichkeit
vorhergegangen sein muß (wie selbst bei Bienen), ohne daß doch die
Wirkung 25 von ihr eben g e d a c h t sein dürfe; wenn man aber etwas
schlechthin ein Kunstwerk nennt, um es von einer Naturwirkung zu
unterscheiden, so versteht man allemal darunter ein Werk der Menschen.
2) K u n s t als Geschicklichkeit des Menschen wird auch von der 175
W i s s e n s c h a f t unterschieden (K ö n n e n vom W i s s e n), als
praktisches 30 vom theoretischen Vermögen, als Technik von der Theorie
(wie die Feldmeßkunst von der Geometrie). Und da wird auch das, was man
k a n n, sobald man nur w e i ß, was gethan werden soll, und also nur die
begehrte Wirkung genugsam kennt, nicht eben Kunst genannt. Nur das, was
man, wenn man es auch auf das vollständigste kennt, dennoch darum zu
machen 35 noch nicht sofort die Geschicklichkeit hat, gehört in so weit zur
Page 180
Kunst. C a m p e r beschreibt sehr genau, wie der beste Schuh beschaffen
sein müßte, aber er konnte gewiß keinen machen[15].
3) Wird auch K u n s t vom H a n d w e r k e unterschieden; die erste heißt
f r e i e, die andere kann auch L o h n k u n s t heißen. Man sieht die erste so
5 an, als ob sie nur als Spiel, d. i. Beschäftigung, die für sich selbst
angenehm ist, zweckmäßig ausfallen (gelingen) könne; die zweite so, daß
sie als Arbeit, d. i. Beschäftigung, die für sich selbst unangenehm
(beschwerlich) und nur durch ihre Wirkung (z. B. den Lohn) anlockend ist,
mithin zwangsmäßig 176 auferlegt werden kann. Ob in der Rangliste der
Zünfte Uhrmacher 10 für Künstler, dagegen Schmiede für Handwerker
gelten sollen: das bedarf eines andern Gesichtspunkts der Beurtheilung, als
derjenige ist, den wir hier nehmen; nämlich die Proportion der Talente, die
dem einen oder anderen dieser Geschäfte zum Grunde liegen müssen. Ob
auch unter den sogenannten sieben freien Künsten nicht einige, die den
Wissenschaften beizuzählen, 15 manche auch, die mit Handwerken zu
vergleichen sind, aufgeführt worden sein möchten: davon will ich hier nicht
reden. Daß aber in allen freien Künsten dennoch etwas Zwangsmäßiges,
oder, wie man es nennt, ein M e c h a n i s m u s erforderlich sei, ohne
welchen der G e i s t, der in der Kunst f r e i sein muß und allein das Werk
belebt, gar keinen Körper haben 20 und gänzlich verdunsten würde: ist
nicht unrathsam zu erinnern (z. B. in der Dichtkunst die Sprachrichtigkeit
und der Sprachreichthum, imgleichen die Prosodie und das Sylbenmaß), da
manche neuere Erzieher eine freie Kunst am besten zu befördern glauben,
wenn sie allen Zwang von ihr wegnehmen und sie aus Arbeit in bloßes
Spiel verwandeln. 25
sein müßte, aber er konnte gewiß keinen machen[15].
3) Wird auch K u n s t vom H a n d w e r k e unterschieden; die erste heißt
f r e i e, die andere kann auch L o h n k u n s t heißen. Man sieht die erste so
5 an, als ob sie nur als Spiel, d. i. Beschäftigung, die für sich selbst
angenehm ist, zweckmäßig ausfallen (gelingen) könne; die zweite so, daß
sie als Arbeit, d. i. Beschäftigung, die für sich selbst unangenehm
(beschwerlich) und nur durch ihre Wirkung (z. B. den Lohn) anlockend ist,
mithin zwangsmäßig 176 auferlegt werden kann. Ob in der Rangliste der
Zünfte Uhrmacher 10 für Künstler, dagegen Schmiede für Handwerker
gelten sollen: das bedarf eines andern Gesichtspunkts der Beurtheilung, als
derjenige ist, den wir hier nehmen; nämlich die Proportion der Talente, die
dem einen oder anderen dieser Geschäfte zum Grunde liegen müssen. Ob
auch unter den sogenannten sieben freien Künsten nicht einige, die den
Wissenschaften beizuzählen, 15 manche auch, die mit Handwerken zu
vergleichen sind, aufgeführt worden sein möchten: davon will ich hier nicht
reden. Daß aber in allen freien Künsten dennoch etwas Zwangsmäßiges,
oder, wie man es nennt, ein M e c h a n i s m u s erforderlich sei, ohne
welchen der G e i s t, der in der Kunst f r e i sein muß und allein das Werk
belebt, gar keinen Körper haben 20 und gänzlich verdunsten würde: ist
nicht unrathsam zu erinnern (z. B. in der Dichtkunst die Sprachrichtigkeit
und der Sprachreichthum, imgleichen die Prosodie und das Sylbenmaß), da
manche neuere Erzieher eine freie Kunst am besten zu befördern glauben,
wenn sie allen Zwang von ihr wegnehmen und sie aus Arbeit in bloßes
Spiel verwandeln. 25
Page 181
§ 44.
Von der schönen Kunst.
Es giebt weder eine Wissenschaft des Schönen, sondern nur Kritik, noch
schöne Wissenschaft, sondern nur schöne Kunst. Denn was die erstere 177
betrifft, so würde in ihr wissenschaftlich, d. i. durch Beweisgründe,
ausgemacht 30 werden sollen, ob etwas für schön zu halten sei oder nicht;
das Urtheil über Schönheit würde also, wenn es zur Wissenschaft gehörte,
kein Geschmacksurtheil sein. Was das zweite anlangt, so ist eine
Wissenschaft, die als solche schön sein soll, ein Unding. Denn wenn man in
ihr als Wissenschaft nach Gründen und Beweisen fragte, so würde man
durch geschmackvolle 5 Aussprüche (Bonmots) abgefertigt. — Was den
gewöhnlichen Ausdruck s c h ö n e W i s s e n s c h a f t e n veranlaßt hat, ist
ohne Zweifel nichts anders, als daß man ganz richtig bemerkt hat, es werde
zur schönen Kunst in ihrer ganzen Vollkommenheit viel Wissenschaft, als z.
B. Kenntniß alter Sprachen, Belesenheit der Autoren, die für Classiker
gelten, Geschichte, 10 Kenntniß der Alterthümer u. s. w., erfordert, und
deshalb diese historischen Wissenschaften, weil sie zur schönen Kunst die
nothwendige Vorbereitung und Grundlage ausmachen, zum Theil auch weil
darunter selbst die Kenntniß der Producte der schönen Kunst (Beredsamkeit
und Dichtkunst) begriffen worden, durch eine Wortverwechselung selbst
schöne Wissenschaften 15 genannt hat.
Wenn die Kunst, dem E r k e n n t n i s s e eines möglichen Gegenstandes
angemessen, bloß ihn wirklich zu machen die dazu erforderlichen
Handlungen verrichtet, so ist sie m e c h a n i s c h e; hat sie aber das Gefühl
der Lust zur unmittelbaren Absicht, so heißt sie ä s t h e t i s c h e Kunst.
Diese ist entweder 20 178 a n g e n e h m e oder s c h ö n e Kunst. Das erste
ist sie, wenn der Zweck derselben ist, daß die Lust die Vorstellungen als
bloße E m p f i n d u n g e n, das zweite, daß sie dieselben als
E r k e n n t n i ß a r t e n begleite.
Angenehme Künste sind die, welche bloß zum Genusse abgezweckt
werden; dergleichen alle die Reize sind, welche die Gesellschaft an einer
25 Tafel vergnügen können: als unterhaltend zu erzählen, die Gesellschaft
in freimüthige und lebhafte Gesprächigkeit zu versetzen, durch Scherz und
Von der schönen Kunst.
Es giebt weder eine Wissenschaft des Schönen, sondern nur Kritik, noch
schöne Wissenschaft, sondern nur schöne Kunst. Denn was die erstere 177
betrifft, so würde in ihr wissenschaftlich, d. i. durch Beweisgründe,
ausgemacht 30 werden sollen, ob etwas für schön zu halten sei oder nicht;
das Urtheil über Schönheit würde also, wenn es zur Wissenschaft gehörte,
kein Geschmacksurtheil sein. Was das zweite anlangt, so ist eine
Wissenschaft, die als solche schön sein soll, ein Unding. Denn wenn man in
ihr als Wissenschaft nach Gründen und Beweisen fragte, so würde man
durch geschmackvolle 5 Aussprüche (Bonmots) abgefertigt. — Was den
gewöhnlichen Ausdruck s c h ö n e W i s s e n s c h a f t e n veranlaßt hat, ist
ohne Zweifel nichts anders, als daß man ganz richtig bemerkt hat, es werde
zur schönen Kunst in ihrer ganzen Vollkommenheit viel Wissenschaft, als z.
B. Kenntniß alter Sprachen, Belesenheit der Autoren, die für Classiker
gelten, Geschichte, 10 Kenntniß der Alterthümer u. s. w., erfordert, und
deshalb diese historischen Wissenschaften, weil sie zur schönen Kunst die
nothwendige Vorbereitung und Grundlage ausmachen, zum Theil auch weil
darunter selbst die Kenntniß der Producte der schönen Kunst (Beredsamkeit
und Dichtkunst) begriffen worden, durch eine Wortverwechselung selbst
schöne Wissenschaften 15 genannt hat.
Wenn die Kunst, dem E r k e n n t n i s s e eines möglichen Gegenstandes
angemessen, bloß ihn wirklich zu machen die dazu erforderlichen
Handlungen verrichtet, so ist sie m e c h a n i s c h e; hat sie aber das Gefühl
der Lust zur unmittelbaren Absicht, so heißt sie ä s t h e t i s c h e Kunst.
Diese ist entweder 20 178 a n g e n e h m e oder s c h ö n e Kunst. Das erste
ist sie, wenn der Zweck derselben ist, daß die Lust die Vorstellungen als
bloße E m p f i n d u n g e n, das zweite, daß sie dieselben als
E r k e n n t n i ß a r t e n begleite.
Angenehme Künste sind die, welche bloß zum Genusse abgezweckt
werden; dergleichen alle die Reize sind, welche die Gesellschaft an einer
25 Tafel vergnügen können: als unterhaltend zu erzählen, die Gesellschaft
in freimüthige und lebhafte Gesprächigkeit zu versetzen, durch Scherz und
Page 182
Lachen sie zu einem gewissen Tone der Lustigkeit zu stimmen, wo, wie
man sagt, manches ins Gelag hinein geschwatzt werden kann, und niemand
über das, was er spricht, verantwortlich sein will, weil es nur auf die
augenblickliche 30 Unterhaltung, nicht auf einen bleibenden Stoff zum
Nachdenken oder Nachsagen angelegt ist. (Hiezu gehört denn auch die Art,
wie der Tisch zum Genusse ausgerüstet ist, oder wohl gar bei großen
Gelagen die Tafelmusik: ein wunderliches Ding, welches nur als ein
angenehmes Geräusch die Stimmung der Gemüther zur Fröhlichkeit
unterhalten soll und, 35 ohne daß jemand auf die Composition derselben
die mindeste Aufmerksamkeit verwendet, die freie Gesprächigkeit eines
Nachbars mit dem andern begünstigt.) Dazu gehören ferner alle Spiele, die
weiter kein Interesse bei sich führen, als die Zeit unvermerkt verlaufen zu
machen.
Schöne Kunst dagegen ist eine Vorstellungsart, die für sich selbst 179
zweckmäßig ist und, obgleich ohne Zweck, dennoch die Cultur der
Gemüthskräfte zur geselligen Mittheilung befördert. 5
Die allgemeine Mittheilbarkeit einer Lust führt es schon in ihrem Begriffe
mit sich, daß diese nicht eine Lust des Genusses aus bloßer Empfindung,
sondern der Reflexion sein müsse; und so ist ästhetische Kunst als schöne
Kunst eine solche, die die reflectirende Urtheilskraft und nicht die
Sinnenempfindung zum Richtmaße hat. 10
man sagt, manches ins Gelag hinein geschwatzt werden kann, und niemand
über das, was er spricht, verantwortlich sein will, weil es nur auf die
augenblickliche 30 Unterhaltung, nicht auf einen bleibenden Stoff zum
Nachdenken oder Nachsagen angelegt ist. (Hiezu gehört denn auch die Art,
wie der Tisch zum Genusse ausgerüstet ist, oder wohl gar bei großen
Gelagen die Tafelmusik: ein wunderliches Ding, welches nur als ein
angenehmes Geräusch die Stimmung der Gemüther zur Fröhlichkeit
unterhalten soll und, 35 ohne daß jemand auf die Composition derselben
die mindeste Aufmerksamkeit verwendet, die freie Gesprächigkeit eines
Nachbars mit dem andern begünstigt.) Dazu gehören ferner alle Spiele, die
weiter kein Interesse bei sich führen, als die Zeit unvermerkt verlaufen zu
machen.
Schöne Kunst dagegen ist eine Vorstellungsart, die für sich selbst 179
zweckmäßig ist und, obgleich ohne Zweck, dennoch die Cultur der
Gemüthskräfte zur geselligen Mittheilung befördert. 5
Die allgemeine Mittheilbarkeit einer Lust führt es schon in ihrem Begriffe
mit sich, daß diese nicht eine Lust des Genusses aus bloßer Empfindung,
sondern der Reflexion sein müsse; und so ist ästhetische Kunst als schöne
Kunst eine solche, die die reflectirende Urtheilskraft und nicht die
Sinnenempfindung zum Richtmaße hat. 10
Page 183
§ 45.
Schöne Kunst ist eine Kunst, sofern sie zugleich Natur zu sein scheint.
An einem Producte der schönen Kunst muß man sich bewußt werden, daß
es Kunst sei und nicht Natur; aber doch muß die Zweckmäßigkeit in 15 der
Form desselben von allem Zwange willkürlicher Regeln so frei scheinen,
als ob es ein Product der bloßen Natur sei. Auf diesem Gefühle der Freiheit
im Spiele unserer Erkenntnißvermögen, welches doch zugleich
zweckmäßig sein muß, beruht diejenige Lust, welche allein allgemein
mittheilbar ist, ohne sich doch auf Begriffe zu gründen. Die Natur war
schön, wenn 20 sie zugleich als Kunst aussah; und die Kunst kann nur
schön genannt werden, wenn wir uns bewußt sind, sie sei Kunst, und sie
uns doch als Natur aussieht.
Denn wir können allgemein sagen, es mag die Natur- oder die
Kunstschönheit 180 betreffen: s c h ö n i s t d a s , w a s i n d e r
b l o ß e n B e u r t h e i l u n g 25 (nicht in der Sinnenempfindung, noch
durch einen Begriff) g e f ä l l t. Nun hat Kunst jederzeit eine bestimmte
Absicht etwas hervorzubringen. Wenn dieses aber bloße Empfindung (etwas
bloß Subjectives) wäre, die mit Lust begleitet sein sollte, so würde dies
Product in der Beurtheilung nur vermittelst des Sinnengefühls gefallen.
Wäre die Absicht auf die 30 Hervorbringung eines bestimmten Objects
gerichtet, so würde, wenn sie durch die Kunst erreicht wird, das Object nur
durch Begriffe gefallen. In beiden Fällen aber würde die Kunst nicht i n
d e r b l o ß e n B e u r t h e i l u n g, d. i. nicht als schöne, sondern
mechanische Kunst, gefallen.
Also muß die Zweckmäßigkeit im Producte der schönen Kunst, ob sie 35
zwar absichtlich ist, doch nicht absichtlich scheinen; d. i. schöne Kunst muß
als Natur a n z u s e h e n sein, ob man sich ihrer zwar als Kunst bewußt ist.
Als Natur aber erscheint ein Product der Kunst dadurch, daß zwar alle
P ü n k t l i c h k e i t in der Übereinkunft mit Regeln, nach denen allein das
Product das werden kann, was es sein soll, angetroffen wird; aber ohne 5
P e i n l i c h k e i t, ohne daß die Schulform durchblickt, d. i. ohne eine Spur
zu zeigen, daß die Regel dem Künstler vor Augen geschwebt und seinen
Gemüthskräften Fesseln angelegt habe.
Schöne Kunst ist eine Kunst, sofern sie zugleich Natur zu sein scheint.
An einem Producte der schönen Kunst muß man sich bewußt werden, daß
es Kunst sei und nicht Natur; aber doch muß die Zweckmäßigkeit in 15 der
Form desselben von allem Zwange willkürlicher Regeln so frei scheinen,
als ob es ein Product der bloßen Natur sei. Auf diesem Gefühle der Freiheit
im Spiele unserer Erkenntnißvermögen, welches doch zugleich
zweckmäßig sein muß, beruht diejenige Lust, welche allein allgemein
mittheilbar ist, ohne sich doch auf Begriffe zu gründen. Die Natur war
schön, wenn 20 sie zugleich als Kunst aussah; und die Kunst kann nur
schön genannt werden, wenn wir uns bewußt sind, sie sei Kunst, und sie
uns doch als Natur aussieht.
Denn wir können allgemein sagen, es mag die Natur- oder die
Kunstschönheit 180 betreffen: s c h ö n i s t d a s , w a s i n d e r
b l o ß e n B e u r t h e i l u n g 25 (nicht in der Sinnenempfindung, noch
durch einen Begriff) g e f ä l l t. Nun hat Kunst jederzeit eine bestimmte
Absicht etwas hervorzubringen. Wenn dieses aber bloße Empfindung (etwas
bloß Subjectives) wäre, die mit Lust begleitet sein sollte, so würde dies
Product in der Beurtheilung nur vermittelst des Sinnengefühls gefallen.
Wäre die Absicht auf die 30 Hervorbringung eines bestimmten Objects
gerichtet, so würde, wenn sie durch die Kunst erreicht wird, das Object nur
durch Begriffe gefallen. In beiden Fällen aber würde die Kunst nicht i n
d e r b l o ß e n B e u r t h e i l u n g, d. i. nicht als schöne, sondern
mechanische Kunst, gefallen.
Also muß die Zweckmäßigkeit im Producte der schönen Kunst, ob sie 35
zwar absichtlich ist, doch nicht absichtlich scheinen; d. i. schöne Kunst muß
als Natur a n z u s e h e n sein, ob man sich ihrer zwar als Kunst bewußt ist.
Als Natur aber erscheint ein Product der Kunst dadurch, daß zwar alle
P ü n k t l i c h k e i t in der Übereinkunft mit Regeln, nach denen allein das
Product das werden kann, was es sein soll, angetroffen wird; aber ohne 5
P e i n l i c h k e i t, ohne daß die Schulform durchblickt, d. i. ohne eine Spur
zu zeigen, daß die Regel dem Künstler vor Augen geschwebt und seinen
Gemüthskräften Fesseln angelegt habe.
Page 184
§ 46. 181
Schöne Kunst ist Kunst des Genies. 10
G e n i e ist das Talent (Naturgabe), welches der Kunst die Regel giebt. Da
das Talent als angebornes productives Vermögen des Künstlers selbst zur
Natur gehört, so könnte man sich auch so ausdrücken: G e n i e ist die
angeborne Gemüthsanlage (ingenium), d u r c h w e l c h e die Natur der
Kunst die Regel giebt. 15
Was es auch mit dieser Definition für eine Bewandtniß habe, und ob sie
bloß willkürlich, oder dem Begriffe, welchen man mit dem Worte G e n i e
zu verbinden gewohnt ist, angemessen sei, oder nicht (welches in dem
folgenden § erörtert werden soll): so kann man doch schon zum Voraus
beweisen, daß nach der hier angenommenen Bedeutung des Worts schöne
20 Künste nothwendig als Künste des G e n i e s betrachtet werden müssen.
Denn eine jede Kunst setzt Regeln voraus, durch deren Grundlegung
allererst ein Product, wenn es künstlich heißen soll, als möglich vorgestellt
wird. Der Begriff der schönen Kunst aber verstattet nicht, daß das Urtheil
über die Schönheit ihres Products von irgend einer Regel abgeleitet 25
werde, die einen B e g r i f f zum Bestimmungsgrunde habe, mithin einen
Begriff von der Art, wie es möglich sei, zum Grunde lege. Also kann die
schöne Kunst sich selbst nicht die Regel ausdenken, nach der sie ihr
Product 182 zu Stande bringen soll. Da nun gleichwohl ohne vorhergehende
Regel ein Product niemals Kunst heißen kann, so muß die Natur im
Subjecte 30 (und durch die Stimmung der Vermögen desselben) der Kunst
die Regel geben, d. i. die schöne Kunst ist nur als Product des Genies
möglich.
Man sieht hieraus, daß Genie 1) ein T a l e n t sei, dasjenige, wozu sich
keine bestimmte Regel geben läßt, hervorzubringen: nicht
Geschicklichkeitsanlage zu dem, was nach irgend einer Regel gelernt
werden kann; 35 folglich daß O r i g i n a l i t ä t seine erste Eigenschaft sein
müsse. 2) Daß, da es auch originalen Unsinn geben kann, seine Producte
zugleich Muster, d. i. e x e m p l a r i s c h, sein müssen; mithin, selbst nicht
durch Nachahmung entsprungen, anderen doch dazu, d. i. zum Richtmaße
Schöne Kunst ist Kunst des Genies. 10
G e n i e ist das Talent (Naturgabe), welches der Kunst die Regel giebt. Da
das Talent als angebornes productives Vermögen des Künstlers selbst zur
Natur gehört, so könnte man sich auch so ausdrücken: G e n i e ist die
angeborne Gemüthsanlage (ingenium), d u r c h w e l c h e die Natur der
Kunst die Regel giebt. 15
Was es auch mit dieser Definition für eine Bewandtniß habe, und ob sie
bloß willkürlich, oder dem Begriffe, welchen man mit dem Worte G e n i e
zu verbinden gewohnt ist, angemessen sei, oder nicht (welches in dem
folgenden § erörtert werden soll): so kann man doch schon zum Voraus
beweisen, daß nach der hier angenommenen Bedeutung des Worts schöne
20 Künste nothwendig als Künste des G e n i e s betrachtet werden müssen.
Denn eine jede Kunst setzt Regeln voraus, durch deren Grundlegung
allererst ein Product, wenn es künstlich heißen soll, als möglich vorgestellt
wird. Der Begriff der schönen Kunst aber verstattet nicht, daß das Urtheil
über die Schönheit ihres Products von irgend einer Regel abgeleitet 25
werde, die einen B e g r i f f zum Bestimmungsgrunde habe, mithin einen
Begriff von der Art, wie es möglich sei, zum Grunde lege. Also kann die
schöne Kunst sich selbst nicht die Regel ausdenken, nach der sie ihr
Product 182 zu Stande bringen soll. Da nun gleichwohl ohne vorhergehende
Regel ein Product niemals Kunst heißen kann, so muß die Natur im
Subjecte 30 (und durch die Stimmung der Vermögen desselben) der Kunst
die Regel geben, d. i. die schöne Kunst ist nur als Product des Genies
möglich.
Man sieht hieraus, daß Genie 1) ein T a l e n t sei, dasjenige, wozu sich
keine bestimmte Regel geben läßt, hervorzubringen: nicht
Geschicklichkeitsanlage zu dem, was nach irgend einer Regel gelernt
werden kann; 35 folglich daß O r i g i n a l i t ä t seine erste Eigenschaft sein
müsse. 2) Daß, da es auch originalen Unsinn geben kann, seine Producte
zugleich Muster, d. i. e x e m p l a r i s c h, sein müssen; mithin, selbst nicht
durch Nachahmung entsprungen, anderen doch dazu, d. i. zum Richtmaße
Page 185
oder Regel der Beurtheilung, dienen müssen. 3) Daß es, wie es sein Product
zu Stande 5 bringe, selbst nicht beschreiben, oder wissenschaftlich
anzeigen könne, sondern daß es als N a t u r die Regel gebe; und daher der
Urheber eines Products, welches er seinem Genie verdankt, selbst nicht
weiß, wie sich in ihm die Ideen dazu herbei finden, auch es nicht in seiner
Gewalt hat, dergleichen nach Belieben oder planmäßig auszudenken und
anderen in solchen Vorschriften 10 mitzutheilen, die sie in Stand setzen,
gleichmäßige Producte hervorzubringen. (Daher denn auch vermuthlich das
Wort Genie von genius, dem eigenthümlichen, einem Menschen bei der
Geburt mitgegebenen, 183 schützenden und leitenden Geist, von dessen
Eingebung jene originale Ideen herrührten, abgeleitet ist.) 4) Daß die Natur
durch das Genie nicht der 15 Wissenschaft, sondern der Kunst die Regel
vorschreibe und auch dieses nur, in sofern diese letztere schöne Kunst sein
soll.
zu Stande 5 bringe, selbst nicht beschreiben, oder wissenschaftlich
anzeigen könne, sondern daß es als N a t u r die Regel gebe; und daher der
Urheber eines Products, welches er seinem Genie verdankt, selbst nicht
weiß, wie sich in ihm die Ideen dazu herbei finden, auch es nicht in seiner
Gewalt hat, dergleichen nach Belieben oder planmäßig auszudenken und
anderen in solchen Vorschriften 10 mitzutheilen, die sie in Stand setzen,
gleichmäßige Producte hervorzubringen. (Daher denn auch vermuthlich das
Wort Genie von genius, dem eigenthümlichen, einem Menschen bei der
Geburt mitgegebenen, 183 schützenden und leitenden Geist, von dessen
Eingebung jene originale Ideen herrührten, abgeleitet ist.) 4) Daß die Natur
durch das Genie nicht der 15 Wissenschaft, sondern der Kunst die Regel
vorschreibe und auch dieses nur, in sofern diese letztere schöne Kunst sein
soll.
Page 186
§ 47.
Erläuterung und Bestätigung obiger Erklärung vom Genie.
Darin ist jedermann einig, daß Genie dem N a c h a h m u n g s g e i s t e 20
gänzlich entgegen zu setzen sei. Da nun Lernen nichts als Nachahmen ist,
so kann die größte Fähigkeit, Gelehrigkeit (Capacität) als Gelehrigkeit,
doch nicht für Genie gelten. Wenn man aber auch selbst denkt oder dichtet
und nicht bloß, was andere gedacht haben, auffaßt, ja sogar für Kunst und
Wissenschaft manches erfindet: so ist doch dieses auch noch nicht der 25
rechte Grund, um einen solchen (oftmals großen) K o p f (im Gegensatze
mit dem, welcher, weil er niemals etwas mehr als bloß lernen und
nachahmen kann, ein P i n s e l heißt) ein G e n i e zu nennen: weil eben das
auch hätte k ö n n e n gelernt werden, also doch auf dem natürlichen Wege
des Forschens und Nachdenkens nach Regeln liegt und von dem, was durch
30 Fleiß vermittelst der Nachahmung erworben werden kann, nicht
specifisch unterschieden ist. So kann man alles, was N e w t o n in seinem
unsterblichen Werke der Principien der Naturphilosophie, so ein großer
Kopf auch 184 erforderlich war, dergleichen zu erfinden, vorgetragen hat,
gar wohl lernen; aber man kann nicht geistreich dichten lernen, so
ausführlich auch 35 alle Vorschriften für die Dichtkunst und so vortrefflich
auch die Muster derselben sein mögen. Die Ursache ist, daß Newton alle
seine Schritte, die er von den ersten Elementen der Geometrie an bis zu
seinen großen und tiefen Erfindungen zu thun hatte, nicht allein sich selbst,
sondern jedem andern ganz anschaulich und zur Nachfolge bestimmt
vormachen 5 könnte; kein H o m e r aber oder W i e l a n d anzeigen kann,
wie sich seine phantasiereichen und doch zugleich gedankenvollen Ideen in
seinem Kopfe hervor und zusammen finden, darum weil er es selbst nicht
weiß und es also auch keinen andern lehren kann. Im Wissenschaftlichen
also ist der größte Erfinder vom mühseligsten Nachahmer und Lehrlinge
nur dem 10 Grade nach, dagegen von dem, welchen die Natur für die
schöne Kunst begabt hat, specifisch unterschieden. Indeß liegt hierin keine
Herabsetzung jener großen Männer, denen das menschliche Geschlecht so
viel zu verdanken hat, gegen die Günstlinge der Natur in Ansehung ihres
Talents für die schöne Kunst. Eben darin, daß jener Talent zur immer
fortschreitenden 15 größeren Vollkommenheit der Erkenntnisse und alles
Erläuterung und Bestätigung obiger Erklärung vom Genie.
Darin ist jedermann einig, daß Genie dem N a c h a h m u n g s g e i s t e 20
gänzlich entgegen zu setzen sei. Da nun Lernen nichts als Nachahmen ist,
so kann die größte Fähigkeit, Gelehrigkeit (Capacität) als Gelehrigkeit,
doch nicht für Genie gelten. Wenn man aber auch selbst denkt oder dichtet
und nicht bloß, was andere gedacht haben, auffaßt, ja sogar für Kunst und
Wissenschaft manches erfindet: so ist doch dieses auch noch nicht der 25
rechte Grund, um einen solchen (oftmals großen) K o p f (im Gegensatze
mit dem, welcher, weil er niemals etwas mehr als bloß lernen und
nachahmen kann, ein P i n s e l heißt) ein G e n i e zu nennen: weil eben das
auch hätte k ö n n e n gelernt werden, also doch auf dem natürlichen Wege
des Forschens und Nachdenkens nach Regeln liegt und von dem, was durch
30 Fleiß vermittelst der Nachahmung erworben werden kann, nicht
specifisch unterschieden ist. So kann man alles, was N e w t o n in seinem
unsterblichen Werke der Principien der Naturphilosophie, so ein großer
Kopf auch 184 erforderlich war, dergleichen zu erfinden, vorgetragen hat,
gar wohl lernen; aber man kann nicht geistreich dichten lernen, so
ausführlich auch 35 alle Vorschriften für die Dichtkunst und so vortrefflich
auch die Muster derselben sein mögen. Die Ursache ist, daß Newton alle
seine Schritte, die er von den ersten Elementen der Geometrie an bis zu
seinen großen und tiefen Erfindungen zu thun hatte, nicht allein sich selbst,
sondern jedem andern ganz anschaulich und zur Nachfolge bestimmt
vormachen 5 könnte; kein H o m e r aber oder W i e l a n d anzeigen kann,
wie sich seine phantasiereichen und doch zugleich gedankenvollen Ideen in
seinem Kopfe hervor und zusammen finden, darum weil er es selbst nicht
weiß und es also auch keinen andern lehren kann. Im Wissenschaftlichen
also ist der größte Erfinder vom mühseligsten Nachahmer und Lehrlinge
nur dem 10 Grade nach, dagegen von dem, welchen die Natur für die
schöne Kunst begabt hat, specifisch unterschieden. Indeß liegt hierin keine
Herabsetzung jener großen Männer, denen das menschliche Geschlecht so
viel zu verdanken hat, gegen die Günstlinge der Natur in Ansehung ihres
Talents für die schöne Kunst. Eben darin, daß jener Talent zur immer
fortschreitenden 15 größeren Vollkommenheit der Erkenntnisse und alles
Page 187
Nutzens, der davon abhängig ist, imgleichen zur Belehrung anderer in eben
denselben Kenntnissen gemacht ist, besteht ein großer Vorzug derselben vor
denen, welche die Ehre verdienen, Genies zu heißen: weil für diese die
Kunst irgendwo 185 still steht, indem ihr eine Gränze gesetzt ist, über die sie
nicht weiter 20 gehen kann, die vermuthlich auch schon seit lange her
erreicht ist und nicht mehr erweitert werden kann; und überdem eine solche
Geschicklichkeit sich auch nicht mittheilen läßt, sondern jedem unmittelbar
von der Hand der Natur ertheilt sein will, mit ihm also stirbt, bis die Natur
einmal einen andern wiederum eben so begabt, der nichts weiter als eines
Beispiels 25 bedarf, um das Talent, dessen er sich bewußt ist, auf ähnliche
Art wirken zu lassen.
Da die Naturgabe der Kunst (als schönen Kunst) die Regel geben muß,
welcherlei Art ist denn diese Regel? Sie kann in keiner Formel abgefaßt zur
Vorschrift dienen; denn sonst würde das Urtheil über das 30 Schöne nach
Begriffen bestimmbar sein: sondern die Regel muß von der That, d. i. vom
Product, abstrahirt werden, an welchem andere ihr eigenes Talent prüfen
mögen, um sich jenes zum Muster nicht der N a c h m a c h u n g, sondern
der N a c h a h m u n g dienen zu lassen. Wie dieses möglich sei, ist schwer
zu erklären. Die Ideen des Künstlers erregen ähnliche Ideen seines 35
Lehrlings, wenn ihn die Natur mit einer ähnlichen Proportion der
Gemüthskräfte versehen hat. Die Muster der schönen Kunst sind daher die
einzigen Leitungsmittel, diese auf die Nachkommenschaft zu bringen:
welches durch bloße Beschreibungen nicht geschehen könnte (vornehmlich
nicht im Fache der redenden Künste); und auch in diesen können nur die 186
in alten, todten und jetzt nur als gelehrte aufbehaltenen Sprachen classisch
werden. 5
Obzwar mechanische und schöne Kunst, die erste als bloße Kunst des
Fleißes und der Erlernung, die zweite als die des Genies, sehr von einander
unterschieden sind: so giebt es doch keine schöne Kunst, in welcher nicht
etwas Mechanisches, welches nach Regeln gefaßt und befolgt werden kann,
und also etwas S c h u l g e r e c h t e s die wesentliche Bedingung der 10
Kunst ausmachte. Denn etwas muß dabei als Zweck gedacht werden, sonst
kann man ihr Product gar keiner Kunst zuschreiben; es wäre ein bloßes
Product des Zufalls. Um aber einen Zweck ins Werk zu richten, dazu
werden bestimmte Regeln erfordert, von denen man sich nicht frei sprechen
darf. Da nun die Originalität des Talents ein (aber nicht das 15 einzige)
denselben Kenntnissen gemacht ist, besteht ein großer Vorzug derselben vor
denen, welche die Ehre verdienen, Genies zu heißen: weil für diese die
Kunst irgendwo 185 still steht, indem ihr eine Gränze gesetzt ist, über die sie
nicht weiter 20 gehen kann, die vermuthlich auch schon seit lange her
erreicht ist und nicht mehr erweitert werden kann; und überdem eine solche
Geschicklichkeit sich auch nicht mittheilen läßt, sondern jedem unmittelbar
von der Hand der Natur ertheilt sein will, mit ihm also stirbt, bis die Natur
einmal einen andern wiederum eben so begabt, der nichts weiter als eines
Beispiels 25 bedarf, um das Talent, dessen er sich bewußt ist, auf ähnliche
Art wirken zu lassen.
Da die Naturgabe der Kunst (als schönen Kunst) die Regel geben muß,
welcherlei Art ist denn diese Regel? Sie kann in keiner Formel abgefaßt zur
Vorschrift dienen; denn sonst würde das Urtheil über das 30 Schöne nach
Begriffen bestimmbar sein: sondern die Regel muß von der That, d. i. vom
Product, abstrahirt werden, an welchem andere ihr eigenes Talent prüfen
mögen, um sich jenes zum Muster nicht der N a c h m a c h u n g, sondern
der N a c h a h m u n g dienen zu lassen. Wie dieses möglich sei, ist schwer
zu erklären. Die Ideen des Künstlers erregen ähnliche Ideen seines 35
Lehrlings, wenn ihn die Natur mit einer ähnlichen Proportion der
Gemüthskräfte versehen hat. Die Muster der schönen Kunst sind daher die
einzigen Leitungsmittel, diese auf die Nachkommenschaft zu bringen:
welches durch bloße Beschreibungen nicht geschehen könnte (vornehmlich
nicht im Fache der redenden Künste); und auch in diesen können nur die 186
in alten, todten und jetzt nur als gelehrte aufbehaltenen Sprachen classisch
werden. 5
Obzwar mechanische und schöne Kunst, die erste als bloße Kunst des
Fleißes und der Erlernung, die zweite als die des Genies, sehr von einander
unterschieden sind: so giebt es doch keine schöne Kunst, in welcher nicht
etwas Mechanisches, welches nach Regeln gefaßt und befolgt werden kann,
und also etwas S c h u l g e r e c h t e s die wesentliche Bedingung der 10
Kunst ausmachte. Denn etwas muß dabei als Zweck gedacht werden, sonst
kann man ihr Product gar keiner Kunst zuschreiben; es wäre ein bloßes
Product des Zufalls. Um aber einen Zweck ins Werk zu richten, dazu
werden bestimmte Regeln erfordert, von denen man sich nicht frei sprechen
darf. Da nun die Originalität des Talents ein (aber nicht das 15 einzige)
Page 188
wesentliches Stück vom Charakter des Genies ausmacht: so glauben seichte
Köpfe, daß sie nicht besser zeigen können, sie wären aufblühende Genies,
als wenn sie sich vom Schulzwange aller Regeln lossagen, und glauben,
man paradire besser auf einem kollerichten Pferde, als auf einem
Schulpferde. Das Genie kann nur reichen S t o f f zu Producten der schönen
20 Kunst hergeben; die Verarbeitung desselben und die F o r m erfordert ein
durch die Schule gebildetes Talent, um einen Gebrauch davon zu machen,
der vor der Urtheilskraft bestehen kann. Wenn aber jemand sogar in Sachen
der sorgfältigsten Vernunftuntersuchung wie ein Genie spricht 187 und
entscheidet, so ist es vollends lächerlich; man weiß nicht recht, ob man 25
mehr über den Gaukler, der um sich so viel Dunst verbreitet, wobei man
nichts deutlich beurtheilen, aber desto mehr sich einbilden kann, oder mehr
über das Publicum lachen soll, welches sich treuherzig einbildet, daß sein
Unvermögen, das Meisterstück der Einsicht deutlich erkennen und fassen
zu können, daher komme, weil ihm neue Wahrheiten in ganzen Massen 30
zugeworfen werden, wogegen ihm das Detail (durch abgemessene
Erklärungen und schulgerechte Prüfung der Grundsätze) nur Stümperwerk
zu sein scheint.
Köpfe, daß sie nicht besser zeigen können, sie wären aufblühende Genies,
als wenn sie sich vom Schulzwange aller Regeln lossagen, und glauben,
man paradire besser auf einem kollerichten Pferde, als auf einem
Schulpferde. Das Genie kann nur reichen S t o f f zu Producten der schönen
20 Kunst hergeben; die Verarbeitung desselben und die F o r m erfordert ein
durch die Schule gebildetes Talent, um einen Gebrauch davon zu machen,
der vor der Urtheilskraft bestehen kann. Wenn aber jemand sogar in Sachen
der sorgfältigsten Vernunftuntersuchung wie ein Genie spricht 187 und
entscheidet, so ist es vollends lächerlich; man weiß nicht recht, ob man 25
mehr über den Gaukler, der um sich so viel Dunst verbreitet, wobei man
nichts deutlich beurtheilen, aber desto mehr sich einbilden kann, oder mehr
über das Publicum lachen soll, welches sich treuherzig einbildet, daß sein
Unvermögen, das Meisterstück der Einsicht deutlich erkennen und fassen
zu können, daher komme, weil ihm neue Wahrheiten in ganzen Massen 30
zugeworfen werden, wogegen ihm das Detail (durch abgemessene
Erklärungen und schulgerechte Prüfung der Grundsätze) nur Stümperwerk
zu sein scheint.
Page 189
§ 48.
Vom Verhältnisse des Genies zum Geschmack.
Zur B e u r t h e i l u n g schöner Gegenstände als solcher wird
G e s c h m a c k, zur schönen Kunst selbst aber, d. i. der
H e r v o r b r i n g u n g solcher Gegenstände, wird G e n i e erfordert. 5
Wenn man das Genie als Talent zur schönen Kunst betrachtet (welches die
eigenthümliche Bedeutung des Worts mit sich bringt) und es in dieser
Absicht in die Vermögen zergliedern will, die ein solches Talent
auszumachen zusammen kommen müssen: so ist nöthig, zuvor den
Unterschied zwischen der Naturschönheit, deren Beurtheilung nur
Geschmack, 10 und der Kunstschönheit, deren Möglichkeit (worauf in der
Beurtheilung 188 eines dergleichen Gegenstandes auch Rücksicht
genommen werden muß) Genie erfordert, genau zu bestimmen.
Eine Naturschönheit ist ein s c h ö n e s D i n g; die Kunstschönheit ist eine
s c h ö n e Vo r s t e l l u n g von einem Dinge. 15
Um eine Naturschönheit als eine solche zu beurtheilen, brauche ich nicht
vorher einen Begriff davon zu haben, was der Gegenstand für ein Ding sein
solle; d. i. ich habe nicht nöthig, die materiale Zweckmäßigkeit (den
Zweck) zu kennen, sondern die bloße Form ohne Kenntniß des Zwecks
gefällt in der Beurtheilung für sich selbst. Wenn aber der Gegenstand 20 für
ein Product der Kunst gegeben ist und als solches für schön erklärt werden
soll: so muß, weil Kunst immer einen Zweck in der Ursache (und deren
Causalität) voraussetzt, zuerst ein Begriff von dem zum Grunde gelegt
werden, was das Ding sein soll; und da die Zusammenstimmung des
Mannigfaltigen in einem Dinge zu einer innern Bestimmung desselben 25
als Zweck die Vollkommenheit des Dinges ist, so wird in der Beurtheilung
der Kunstschönheit zugleich die Vollkommenheit des Dinges in Anschlag
gebracht werden müssen, wornach in der Beurtheilung einer Naturschönheit
(als einer solchen) gar nicht die Frage ist. — Zwar wird in der Beurtheilung
vornehmlich der belebten Gegenstände der Natur, z. B. 30 des Menschen
oder eines Pferdes, auch die objective Zweckmäßigkeit gemeiniglich mit in
Betracht gezogen, um über die Schönheit derselben zu 189 urtheilen; alsdann
Vom Verhältnisse des Genies zum Geschmack.
Zur B e u r t h e i l u n g schöner Gegenstände als solcher wird
G e s c h m a c k, zur schönen Kunst selbst aber, d. i. der
H e r v o r b r i n g u n g solcher Gegenstände, wird G e n i e erfordert. 5
Wenn man das Genie als Talent zur schönen Kunst betrachtet (welches die
eigenthümliche Bedeutung des Worts mit sich bringt) und es in dieser
Absicht in die Vermögen zergliedern will, die ein solches Talent
auszumachen zusammen kommen müssen: so ist nöthig, zuvor den
Unterschied zwischen der Naturschönheit, deren Beurtheilung nur
Geschmack, 10 und der Kunstschönheit, deren Möglichkeit (worauf in der
Beurtheilung 188 eines dergleichen Gegenstandes auch Rücksicht
genommen werden muß) Genie erfordert, genau zu bestimmen.
Eine Naturschönheit ist ein s c h ö n e s D i n g; die Kunstschönheit ist eine
s c h ö n e Vo r s t e l l u n g von einem Dinge. 15
Um eine Naturschönheit als eine solche zu beurtheilen, brauche ich nicht
vorher einen Begriff davon zu haben, was der Gegenstand für ein Ding sein
solle; d. i. ich habe nicht nöthig, die materiale Zweckmäßigkeit (den
Zweck) zu kennen, sondern die bloße Form ohne Kenntniß des Zwecks
gefällt in der Beurtheilung für sich selbst. Wenn aber der Gegenstand 20 für
ein Product der Kunst gegeben ist und als solches für schön erklärt werden
soll: so muß, weil Kunst immer einen Zweck in der Ursache (und deren
Causalität) voraussetzt, zuerst ein Begriff von dem zum Grunde gelegt
werden, was das Ding sein soll; und da die Zusammenstimmung des
Mannigfaltigen in einem Dinge zu einer innern Bestimmung desselben 25
als Zweck die Vollkommenheit des Dinges ist, so wird in der Beurtheilung
der Kunstschönheit zugleich die Vollkommenheit des Dinges in Anschlag
gebracht werden müssen, wornach in der Beurtheilung einer Naturschönheit
(als einer solchen) gar nicht die Frage ist. — Zwar wird in der Beurtheilung
vornehmlich der belebten Gegenstände der Natur, z. B. 30 des Menschen
oder eines Pferdes, auch die objective Zweckmäßigkeit gemeiniglich mit in
Betracht gezogen, um über die Schönheit derselben zu 189 urtheilen; alsdann
Page 190
ist aber auch das Urtheil nicht mehr rein-ästhetisch, d. i. bloßes
Geschmacksurtheil. Die Natur wird nicht mehr beurtheilt, wie sie als Kunst
erscheint, sondern sofern sie wirklich (obzwar übermenschliche) 35 Kunst
i s t; und das teleologische Urtheil dient dem ästhetischen zur Grundlage
und Bedingung, worauf dieses Rücksicht nehmen muß. In einem solchen
Falle denkt man auch, wenn z. B. gesagt wird: das ist ein schönes Weib, in
der That nichts anders als: die Natur stellt in ihrer Gestalt die Zwecke im
weiblichen Baue schön vor; denn man muß noch über die bloße Form auf
einen Begriff hinaussehen, damit der Gegenstand 5 auf solche Art durch
ein logisch-bedingtes ästhetisches Urtheil gedacht werde.
Die schöne Kunst zeigt darin eben ihre Vorzüglichkeit, daß sie Dinge, die in
der Natur häßlich oder mißfällig sein würden, schön beschreibt. Die Furien,
Krankheiten, Verwüstungen des Krieges u. d. gl. können als 10
Schädlichkeiten sehr schön beschrieben, ja sogar im Gemälde vorgestellt
werden; nur eine Art Häßlichkeit kann nicht der Natur gemäß vorgestellt
werden, ohne alles ästhetische Wohlgefallen, mithin die Kunstschönheit zu
Grunde zu richten: nämlich diejenige, welche E k e l erweckt. Denn weil in
dieser sonderbaren, auf lauter Einbildung beruhenden Empfindung der 15
Gegenstand gleichsam, als ob er sich zum Genusse aufdränge, wider den 190
wir doch mit Gewalt streben, vorgestellt wird: so wird die künstliche
Vorstellung des Gegenstandes von der Natur dieses Gegenstandes selbst in
unserer Empfindung nicht mehr unterschieden, und jene kann alsdann
unmöglich für schön gehalten werden. Auch hat die Bildhauerkunst, weil
20 an ihren Producten die Kunst mit der Natur beinahe verwechselt wird,
die unmittelbare Vorstellung häßlicher Gegenstände von ihren Bildungen
ausgeschlossen und dafür z. B. den Tod (in einem schönen Genius), den
Kriegsmuth (am Mars) durch eine Allegorie oder Attribute, die sich gefällig
ausnehmen, mithin nur indirect vermittelst einer Auslegung 25 der Vernunft
und nicht für bloß ästhetische Urtheilskraft vorzustellen erlaubt.
So viel von der schönen Vorstellung eines Gegenstandes, die eigentlich nur
die Form der Darstellung eines Begriffs ist, durch welche dieser allgemein
mitgetheilt wird. — Diese Form aber dem Producte der schönen 30 Kunst
zu geben, dazu wird bloß Geschmack erfordert, an welchem der Künstler,
nachdem er ihn durch mancherlei Beispiele der Kunst oder der Natur geübt
und berichtigt hat, sein Werk hält und nach manchen oft mühsamen
Versuchen denselben zu befriedigen diejenige Form findet, die ihm Genüge
Geschmacksurtheil. Die Natur wird nicht mehr beurtheilt, wie sie als Kunst
erscheint, sondern sofern sie wirklich (obzwar übermenschliche) 35 Kunst
i s t; und das teleologische Urtheil dient dem ästhetischen zur Grundlage
und Bedingung, worauf dieses Rücksicht nehmen muß. In einem solchen
Falle denkt man auch, wenn z. B. gesagt wird: das ist ein schönes Weib, in
der That nichts anders als: die Natur stellt in ihrer Gestalt die Zwecke im
weiblichen Baue schön vor; denn man muß noch über die bloße Form auf
einen Begriff hinaussehen, damit der Gegenstand 5 auf solche Art durch
ein logisch-bedingtes ästhetisches Urtheil gedacht werde.
Die schöne Kunst zeigt darin eben ihre Vorzüglichkeit, daß sie Dinge, die in
der Natur häßlich oder mißfällig sein würden, schön beschreibt. Die Furien,
Krankheiten, Verwüstungen des Krieges u. d. gl. können als 10
Schädlichkeiten sehr schön beschrieben, ja sogar im Gemälde vorgestellt
werden; nur eine Art Häßlichkeit kann nicht der Natur gemäß vorgestellt
werden, ohne alles ästhetische Wohlgefallen, mithin die Kunstschönheit zu
Grunde zu richten: nämlich diejenige, welche E k e l erweckt. Denn weil in
dieser sonderbaren, auf lauter Einbildung beruhenden Empfindung der 15
Gegenstand gleichsam, als ob er sich zum Genusse aufdränge, wider den 190
wir doch mit Gewalt streben, vorgestellt wird: so wird die künstliche
Vorstellung des Gegenstandes von der Natur dieses Gegenstandes selbst in
unserer Empfindung nicht mehr unterschieden, und jene kann alsdann
unmöglich für schön gehalten werden. Auch hat die Bildhauerkunst, weil
20 an ihren Producten die Kunst mit der Natur beinahe verwechselt wird,
die unmittelbare Vorstellung häßlicher Gegenstände von ihren Bildungen
ausgeschlossen und dafür z. B. den Tod (in einem schönen Genius), den
Kriegsmuth (am Mars) durch eine Allegorie oder Attribute, die sich gefällig
ausnehmen, mithin nur indirect vermittelst einer Auslegung 25 der Vernunft
und nicht für bloß ästhetische Urtheilskraft vorzustellen erlaubt.
So viel von der schönen Vorstellung eines Gegenstandes, die eigentlich nur
die Form der Darstellung eines Begriffs ist, durch welche dieser allgemein
mitgetheilt wird. — Diese Form aber dem Producte der schönen 30 Kunst
zu geben, dazu wird bloß Geschmack erfordert, an welchem der Künstler,
nachdem er ihn durch mancherlei Beispiele der Kunst oder der Natur geübt
und berichtigt hat, sein Werk hält und nach manchen oft mühsamen
Versuchen denselben zu befriedigen diejenige Form findet, die ihm Genüge
Page 191
thut: daher diese nicht gleichsam eine Sache der Eingebung, 35 oder eines
freien Schwunges der Gemüthskräfte, sondern einer langsamen und gar
peinlichen Nachbesserung ist, um sie dem Gedanken angemessen 191 und
doch der Freiheit im Spiele derselben nicht nachtheilig werden zu lassen.
Geschmack ist aber bloß ein Beurtheilungs-, nicht ein productives
Vermögen; und was ihm gemäß ist, ist darum eben nicht ein Werk der
schönen Kunst: es kann ein zur nützlichen und mechanischen Kunst, oder 5
gar zur Wissenschaft gehöriges Product nach bestimmten Regeln sein, die
gelernt werden können und genau befolgt werden müssen. Die gefällige
Form aber, die man ihm giebt, ist nur das Vehikel der Mittheilung und eine
Manier gleichsam des Vortrages, in Ansehung dessen man noch in
gewissem Maße frei bleibt, wenn er doch übrigens an einen bestimmten 10
Zweck gebunden ist. So verlangt man, daß das Tischgeräth, oder auch eine
moralische Abhandlung, sogar eine Predigt diese Form der schönen Kunst,
ohne doch g e s u c h t zu scheinen, an sich haben müsse; man wird sie aber
darum nicht Werke der schönen Kunst nennen. Zu der letzteren aber wird
ein Gedicht, eine Musik, eine Bildergallerie u. d. gl. gezählt; und da 15
kann man an einem seinsollenden Werke der schönen Kunst oftmals Genie
ohne Geschmack, an einem andern Geschmack ohne Genie wahrnehmen.
freien Schwunges der Gemüthskräfte, sondern einer langsamen und gar
peinlichen Nachbesserung ist, um sie dem Gedanken angemessen 191 und
doch der Freiheit im Spiele derselben nicht nachtheilig werden zu lassen.
Geschmack ist aber bloß ein Beurtheilungs-, nicht ein productives
Vermögen; und was ihm gemäß ist, ist darum eben nicht ein Werk der
schönen Kunst: es kann ein zur nützlichen und mechanischen Kunst, oder 5
gar zur Wissenschaft gehöriges Product nach bestimmten Regeln sein, die
gelernt werden können und genau befolgt werden müssen. Die gefällige
Form aber, die man ihm giebt, ist nur das Vehikel der Mittheilung und eine
Manier gleichsam des Vortrages, in Ansehung dessen man noch in
gewissem Maße frei bleibt, wenn er doch übrigens an einen bestimmten 10
Zweck gebunden ist. So verlangt man, daß das Tischgeräth, oder auch eine
moralische Abhandlung, sogar eine Predigt diese Form der schönen Kunst,
ohne doch g e s u c h t zu scheinen, an sich haben müsse; man wird sie aber
darum nicht Werke der schönen Kunst nennen. Zu der letzteren aber wird
ein Gedicht, eine Musik, eine Bildergallerie u. d. gl. gezählt; und da 15
kann man an einem seinsollenden Werke der schönen Kunst oftmals Genie
ohne Geschmack, an einem andern Geschmack ohne Genie wahrnehmen.
Page 192
§ 49. 192
Von den Vermögen des Gemüths, welche das Genie ausmachen. 20
Man sagt von gewissen Producten, von welchen man erwartet, daß sie sich,
zum Theil wenigstens, als schöne Kunst zeigen sollten: sie sind ohne
G e i s t; ob man gleich an ihnen, was den Geschmack betrifft, nichts zu
tadeln findet. Ein Gedicht kann recht nett und elegant sein, aber es ist ohne
Geist. Eine Geschichte ist genau und ordentlich, aber ohne Geist. Eine 25
feierliche Rede ist gründlich und zugleich zierlich, aber ohne Geist. Manche
Conversation ist nicht ohne Unterhaltung, aber doch ohne Geist; selbst von
einem Frauenzimmer sagt man wohl: sie ist hübsch, gesprächig und artig,
aber ohne Geist. Was ist denn das, was man hier unter Geist versteht?
G e i s t in ästhetischer Bedeutung heißt das belebende Princip im Gemüthe.
30 Dasjenige aber, wodurch dieses Princip die Seele belebt, der Stoff, den
es dazu anwendet, ist das, was die Gemüthskräfte zweckmäßig in Schwung
versetzt, d. i. in ein solches Spiel, welches sich von selbst erhält und selbst
die Kräfte dazu stärkt.
Nun behaupte ich, dieses Princip sei nichts anders, als das Vermögen 35 der
Darstellung ä s t h e t i s c h e r I d e e n; unter einer ästhetischen Idee aber
verstehe ich diejenige Vorstellung der Einbildungskraft, die viel zu denken
veranlaßt, ohne daß ihr doch irgend ein bestimmter Gedanke, 193 d. i.
B e g r i f f, adäquat sein kann, die folglich keine Sprache völlig erreicht und
verständlich machen kann. — Man sieht leicht, daß sie das 5 Gegenstück
(Pendant) von einer Ve r n u n f t i d e e sei, welche umgekehrt ein Begriff
ist, dem keine A n s c h a u u n g (Vorstellung der Einbildungskraft) adäquat
sein kann.
Die Einbildungskraft (als productives Erkenntnißvermögen) ist nämlich
sehr mächtig in Schaffung gleichsam einer andern Natur aus dem 10 Stoffe,
den ihr die wirkliche giebt. Wir unterhalten uns mit ihr, wo uns die
Erfahrung zu alltäglich vorkommt; bilden diese auch wohl um: zwar noch
immer nach analogischen Gesetzen, aber doch auch nach Principien, die
höher hinauf in der Vernunft liegen (und die uns eben sowohl natürlich sind
als die, nach welchen der Verstand die empirische Natur auffaßt); 15 wobei
Von den Vermögen des Gemüths, welche das Genie ausmachen. 20
Man sagt von gewissen Producten, von welchen man erwartet, daß sie sich,
zum Theil wenigstens, als schöne Kunst zeigen sollten: sie sind ohne
G e i s t; ob man gleich an ihnen, was den Geschmack betrifft, nichts zu
tadeln findet. Ein Gedicht kann recht nett und elegant sein, aber es ist ohne
Geist. Eine Geschichte ist genau und ordentlich, aber ohne Geist. Eine 25
feierliche Rede ist gründlich und zugleich zierlich, aber ohne Geist. Manche
Conversation ist nicht ohne Unterhaltung, aber doch ohne Geist; selbst von
einem Frauenzimmer sagt man wohl: sie ist hübsch, gesprächig und artig,
aber ohne Geist. Was ist denn das, was man hier unter Geist versteht?
G e i s t in ästhetischer Bedeutung heißt das belebende Princip im Gemüthe.
30 Dasjenige aber, wodurch dieses Princip die Seele belebt, der Stoff, den
es dazu anwendet, ist das, was die Gemüthskräfte zweckmäßig in Schwung
versetzt, d. i. in ein solches Spiel, welches sich von selbst erhält und selbst
die Kräfte dazu stärkt.
Nun behaupte ich, dieses Princip sei nichts anders, als das Vermögen 35 der
Darstellung ä s t h e t i s c h e r I d e e n; unter einer ästhetischen Idee aber
verstehe ich diejenige Vorstellung der Einbildungskraft, die viel zu denken
veranlaßt, ohne daß ihr doch irgend ein bestimmter Gedanke, 193 d. i.
B e g r i f f, adäquat sein kann, die folglich keine Sprache völlig erreicht und
verständlich machen kann. — Man sieht leicht, daß sie das 5 Gegenstück
(Pendant) von einer Ve r n u n f t i d e e sei, welche umgekehrt ein Begriff
ist, dem keine A n s c h a u u n g (Vorstellung der Einbildungskraft) adäquat
sein kann.
Die Einbildungskraft (als productives Erkenntnißvermögen) ist nämlich
sehr mächtig in Schaffung gleichsam einer andern Natur aus dem 10 Stoffe,
den ihr die wirkliche giebt. Wir unterhalten uns mit ihr, wo uns die
Erfahrung zu alltäglich vorkommt; bilden diese auch wohl um: zwar noch
immer nach analogischen Gesetzen, aber doch auch nach Principien, die
höher hinauf in der Vernunft liegen (und die uns eben sowohl natürlich sind
als die, nach welchen der Verstand die empirische Natur auffaßt); 15 wobei
Page 193
wir unsere Freiheit vom Gesetze der Association (welches dem empirischen
Gebrauche jenes Vermögens anhängt) fühlen, nach welchem uns von der
Natur zwar Stoff geliehen, dieser aber von uns zu etwas ganz anderem,
nämlich dem, was die Natur übertrifft, verarbeitet werden kann.
Man kann dergleichen Vorstellungen der Einbildungskraft I d e e n 20
nennen: eines Theils darum, weil sie zu etwas über die Erfahrungsgränze
hinaus Liegendem wenigstens streben und so einer Darstellung der
Vernunftbegriffe (der intellectuellen Ideen) nahe zu kommen suchen,
welches 194 ihnen den Anschein einer objectiven Realität giebt; andrerseits
und zwar hauptsächlich, weil ihnen als innern Anschauungen kein Begriff
völlig 25 adäquat sein kann. Der Dichter wagt es, Vernunftideen von
unsichtbaren Wesen, das Reich der Seligen, das Höllenreich, die Ewigkeit,
die Schöpfung u. d. gl., zu versinnlichen; oder auch das, was zwar Beispiele
in der Erfahrung findet, z. B. den Tod, den Neid und alle Laster, imgleichen
die Liebe, den Ruhm u. d. gl., über die Schranken der Erfahrung hinaus 30
vermittelst einer Einbildungskraft, die dem Vernunft-Vorspiele in
Erreichung eines Größten nacheifert, in einer Vollständigkeit sinnlich zu
machen, für die sich in der Natur kein Beispiel findet; und es ist eigentlich
die Dichtkunst, in welcher sich das Vermögen ästhetischer Ideen in seinem
ganzen Maße zeigen kann. Dieses Vermögen aber, für sich allein 35
betrachtet, ist eigentlich nur ein Talent (der Einbildungskraft).
Wenn nun einem Begriffe eine Vorstellung der Einbildungskraft untergelegt
wird, die zu seiner Darstellung gehört, aber für sich allein so viel zu denken
veranlaßt, als sich niemals in einem bestimmten Begriff zusammenfassen
läßt, mithin den Begriff selbst auf unbegränzte Art ästhetisch erweitert: so
ist die Einbildungskraft hiebei schöpferisch und bringt das Vermögen
intellectueller Ideen (die Vernunft) in Bewegung, 5 mehr nämlich bei
Veranlassung einer Vorstellung zu denken (was zwar zu dem Begriffe des
Gegenstandes gehört), als in ihr aufgefaßt und deutlich 195 gemacht werden
kann.
Man nennt diejenigen Formen, welche nicht die Darstellung eines
gegebenen Begriffs selber ausmachen, sondern nur als Nebenvorstellungen
10 der Einbildungskraft die damit verknüpften Folgen und die
Verwandtschaft desselben mit andern ausdrücken, A t t r i b u t e
(ästhetische) eines Gegenstandes, dessen Begriff als Vernunftidee nicht
Gebrauche jenes Vermögens anhängt) fühlen, nach welchem uns von der
Natur zwar Stoff geliehen, dieser aber von uns zu etwas ganz anderem,
nämlich dem, was die Natur übertrifft, verarbeitet werden kann.
Man kann dergleichen Vorstellungen der Einbildungskraft I d e e n 20
nennen: eines Theils darum, weil sie zu etwas über die Erfahrungsgränze
hinaus Liegendem wenigstens streben und so einer Darstellung der
Vernunftbegriffe (der intellectuellen Ideen) nahe zu kommen suchen,
welches 194 ihnen den Anschein einer objectiven Realität giebt; andrerseits
und zwar hauptsächlich, weil ihnen als innern Anschauungen kein Begriff
völlig 25 adäquat sein kann. Der Dichter wagt es, Vernunftideen von
unsichtbaren Wesen, das Reich der Seligen, das Höllenreich, die Ewigkeit,
die Schöpfung u. d. gl., zu versinnlichen; oder auch das, was zwar Beispiele
in der Erfahrung findet, z. B. den Tod, den Neid und alle Laster, imgleichen
die Liebe, den Ruhm u. d. gl., über die Schranken der Erfahrung hinaus 30
vermittelst einer Einbildungskraft, die dem Vernunft-Vorspiele in
Erreichung eines Größten nacheifert, in einer Vollständigkeit sinnlich zu
machen, für die sich in der Natur kein Beispiel findet; und es ist eigentlich
die Dichtkunst, in welcher sich das Vermögen ästhetischer Ideen in seinem
ganzen Maße zeigen kann. Dieses Vermögen aber, für sich allein 35
betrachtet, ist eigentlich nur ein Talent (der Einbildungskraft).
Wenn nun einem Begriffe eine Vorstellung der Einbildungskraft untergelegt
wird, die zu seiner Darstellung gehört, aber für sich allein so viel zu denken
veranlaßt, als sich niemals in einem bestimmten Begriff zusammenfassen
läßt, mithin den Begriff selbst auf unbegränzte Art ästhetisch erweitert: so
ist die Einbildungskraft hiebei schöpferisch und bringt das Vermögen
intellectueller Ideen (die Vernunft) in Bewegung, 5 mehr nämlich bei
Veranlassung einer Vorstellung zu denken (was zwar zu dem Begriffe des
Gegenstandes gehört), als in ihr aufgefaßt und deutlich 195 gemacht werden
kann.
Man nennt diejenigen Formen, welche nicht die Darstellung eines
gegebenen Begriffs selber ausmachen, sondern nur als Nebenvorstellungen
10 der Einbildungskraft die damit verknüpften Folgen und die
Verwandtschaft desselben mit andern ausdrücken, A t t r i b u t e
(ästhetische) eines Gegenstandes, dessen Begriff als Vernunftidee nicht
Page 194
adäquat dargestellt werden kann. So ist der Adler Jupiters mit dem Blitze in
den Klauen ein Attribut des mächtigen Himmelskönigs und der Pfau der
prächtigen 15 Himmelskönigin. Sie stellen nicht wie die l o g i s c h e n
A t t r i b u t e das, was in unsern Begriffen von der Erhabenheit und
Majestät der Schöpfung liegt, sondern etwas anderes vor, was der
Einbildungskraft Anlaß giebt, sich über eine Menge von verwandten
Vorstellungen zu verbreiten, die mehr denken lassen, als man in einem
durch Worte bestimmten Begriff 20 ausdrücken kann; und geben eine
ä s t h e t i s c h e I d e e, die jener Vernunftidee statt logischer Darstellung
dient, eigentlich aber um das Gemüth zu beleben, indem sie ihm die
Aussicht in ein unabsehliches Feld verwandter Vorstellungen eröffnet. Die
schöne Kunst aber thut dieses nicht allein in der Malerei oder
Bildhauerkunst (wo der Namen der Attribute gewöhnlich 25 gebraucht
wird); sondern die Dichtkunst und Beredsamkeit nehmen den Geist, der ihre
Werke belebt, auch lediglich von den ästhetischen Attributen der
Gegenstände her, welche den logischen zu Seite gehen und der
Einbildungskraft 196 einen Schwung geben, mehr dabei, obzwar auf
unentwickelte Art, zu denken, als sich in einem Begriffe, mithin in einem
bestimmten 30 Sprachausdrucke zusammenfassen läßt. — Ich muß mich
der Kürze wegen nur auf wenige Beispiele einschränken.
Wenn der große König sich in einem seiner Gedichte so ausdrückt: »Laßt
uns aus dem Leben ohne Murren weichen und ohne etwas zu bedauern,
indem wir die Welt noch alsdann mit Wohlthaten überhäuft zurücklassen.
35 So verbreitet die Sonne, nachdem sie ihren Tageslauf vollendet hat, noch
ein mildes Licht am Himmel; und die letzten Strahlen, die sie in die Lüfte
schickt, sind ihre letzten Seufzer für das Wohl der Welt«: so belebt er seine
Vernunftidee von weltbürgerlicher Gesinnung noch am Ende des Lebens
durch ein Attribut, welches die Einbildungskraft (in der Erinnerung an alle
Annehmlichkeiten eines vollbrachten schönen Sommertages, die uns ein
heiterer Abend ins Gemüth ruft) 5 jener Vorstellung beigesellt, und welches
eine Menge von Empfindungen und Nebenvorstellungen rege macht, für die
sich kein Ausdruck findet. Andererseits kann sogar ein intellectueller
Begriff umgekehrt zum Attribut einer Vorstellung der Sinne dienen und so
diese letztere durch die Idee des Übersinnlichen beleben; aber nur indem
das Ästhetische, was dem Bewußtsein 10 des letztern subjectiv anhänglich
ist, hiezu gebraucht wird. So 197 sagt z. B. ein gewisser Dichter in der
den Klauen ein Attribut des mächtigen Himmelskönigs und der Pfau der
prächtigen 15 Himmelskönigin. Sie stellen nicht wie die l o g i s c h e n
A t t r i b u t e das, was in unsern Begriffen von der Erhabenheit und
Majestät der Schöpfung liegt, sondern etwas anderes vor, was der
Einbildungskraft Anlaß giebt, sich über eine Menge von verwandten
Vorstellungen zu verbreiten, die mehr denken lassen, als man in einem
durch Worte bestimmten Begriff 20 ausdrücken kann; und geben eine
ä s t h e t i s c h e I d e e, die jener Vernunftidee statt logischer Darstellung
dient, eigentlich aber um das Gemüth zu beleben, indem sie ihm die
Aussicht in ein unabsehliches Feld verwandter Vorstellungen eröffnet. Die
schöne Kunst aber thut dieses nicht allein in der Malerei oder
Bildhauerkunst (wo der Namen der Attribute gewöhnlich 25 gebraucht
wird); sondern die Dichtkunst und Beredsamkeit nehmen den Geist, der ihre
Werke belebt, auch lediglich von den ästhetischen Attributen der
Gegenstände her, welche den logischen zu Seite gehen und der
Einbildungskraft 196 einen Schwung geben, mehr dabei, obzwar auf
unentwickelte Art, zu denken, als sich in einem Begriffe, mithin in einem
bestimmten 30 Sprachausdrucke zusammenfassen läßt. — Ich muß mich
der Kürze wegen nur auf wenige Beispiele einschränken.
Wenn der große König sich in einem seiner Gedichte so ausdrückt: »Laßt
uns aus dem Leben ohne Murren weichen und ohne etwas zu bedauern,
indem wir die Welt noch alsdann mit Wohlthaten überhäuft zurücklassen.
35 So verbreitet die Sonne, nachdem sie ihren Tageslauf vollendet hat, noch
ein mildes Licht am Himmel; und die letzten Strahlen, die sie in die Lüfte
schickt, sind ihre letzten Seufzer für das Wohl der Welt«: so belebt er seine
Vernunftidee von weltbürgerlicher Gesinnung noch am Ende des Lebens
durch ein Attribut, welches die Einbildungskraft (in der Erinnerung an alle
Annehmlichkeiten eines vollbrachten schönen Sommertages, die uns ein
heiterer Abend ins Gemüth ruft) 5 jener Vorstellung beigesellt, und welches
eine Menge von Empfindungen und Nebenvorstellungen rege macht, für die
sich kein Ausdruck findet. Andererseits kann sogar ein intellectueller
Begriff umgekehrt zum Attribut einer Vorstellung der Sinne dienen und so
diese letztere durch die Idee des Übersinnlichen beleben; aber nur indem
das Ästhetische, was dem Bewußtsein 10 des letztern subjectiv anhänglich
ist, hiezu gebraucht wird. So 197 sagt z. B. ein gewisser Dichter in der
Page 195
Beschreibung eines schönen Morgens: »Die Sonne quoll hervor, wie Ruh
aus Tugend quillt.« Das Bewußtsein der Tugend, wenn man sich auch nur in
Gedanken in die Stelle eines Tugendhaften versetzt, verbreitet im Gemüthe
eine Menge erhabener 15 und beruhigender Gefühle und eine gränzenlose
Aussicht in eine frohe Zukunft, die kein Ausdruck, welcher einem
bestimmten Begriffe angemessen ist, völlig erreicht.[16]
Mit einem Worte, die ästhetische Idee ist eine einem gegebenen Begriffe
beigesellte Vorstellung der Einbildungskraft, welche mit einer solchen 20
Mannigfaltigkeit der Theilvorstellungen in dem freien Gebrauche derselben
verbunden ist, daß für sie kein Ausdruck, der einen bestimmten Begriff
bezeichnet, gefunden werden kann, die also zu einem Begriffe viel
Unnennbares hinzu denken läßt, dessen Gefühl die Erkenntnißvermögen
belebt und mit der Sprache, als bloßem Buchstaben, Geist verbindet. 25
Die Gemüthskräfte also, deren Vereinigung (in gewissem Verhältnisse) 198
das G e n i e ausmacht, sind Einbildungskraft und Verstand. Nur, da im
Gebrauch der Einbildungskraft zum Erkenntnisse die Einbildungskraft unter
dem Zwange des Verstandes und der Beschränkung unterworfen ist, dem
Begriffe desselben angemessen zu sein; in ästhetischer Absicht 30 aber die
Einbildungskraft frei ist, um noch über jene Einstimmung zum Begriffe,
doch ungesucht reichhaltigen unentwickelten Stoff für den Verstand, worauf
dieser in seinem Begriffe nicht Rücksicht nahm, zu liefern, welchen dieser
aber nicht sowohl objectiv zum Erkenntnisse, als subjectiv zur Belebung
der Erkenntnißkräfte, indirect also doch auch zu Erkenntnissen 5
anwendet: so besteht das Genie eigentlich in dem glücklichen Verhältnisse,
welches keine Wissenschaft lehren und kein Fleiß erlernen kann, zu einem
gegebenen Begriffe Ideen aufzufinden und andrerseits zu diesen den
A u s d r u c k zu treffen, durch den die dadurch bewirkte subjective
Gemüthsstimmung, als Begleitung eines Begriffs, anderen mitgetheilt 10
werden kann. Das letztere Talent ist eigentlich dasjenige, was man Geist
nennt; denn das Unnennbare in dem Gemüthszustande bei einer gewissen
Vorstellung auszudrücken und allgemein mittheilbar zu machen, der
Ausdruck mag nun in Sprache, oder Malerei, oder Plastik bestehen: das
erfordert ein Vermögen, das schnell vorübergehende Spiel der
Einbildungskraft 15 aufzufassen und in einen Begriff (der eben darum
original ist und 199 zugleich eine neue Regel eröffnet, die aus keinen
aus Tugend quillt.« Das Bewußtsein der Tugend, wenn man sich auch nur in
Gedanken in die Stelle eines Tugendhaften versetzt, verbreitet im Gemüthe
eine Menge erhabener 15 und beruhigender Gefühle und eine gränzenlose
Aussicht in eine frohe Zukunft, die kein Ausdruck, welcher einem
bestimmten Begriffe angemessen ist, völlig erreicht.[16]
Mit einem Worte, die ästhetische Idee ist eine einem gegebenen Begriffe
beigesellte Vorstellung der Einbildungskraft, welche mit einer solchen 20
Mannigfaltigkeit der Theilvorstellungen in dem freien Gebrauche derselben
verbunden ist, daß für sie kein Ausdruck, der einen bestimmten Begriff
bezeichnet, gefunden werden kann, die also zu einem Begriffe viel
Unnennbares hinzu denken läßt, dessen Gefühl die Erkenntnißvermögen
belebt und mit der Sprache, als bloßem Buchstaben, Geist verbindet. 25
Die Gemüthskräfte also, deren Vereinigung (in gewissem Verhältnisse) 198
das G e n i e ausmacht, sind Einbildungskraft und Verstand. Nur, da im
Gebrauch der Einbildungskraft zum Erkenntnisse die Einbildungskraft unter
dem Zwange des Verstandes und der Beschränkung unterworfen ist, dem
Begriffe desselben angemessen zu sein; in ästhetischer Absicht 30 aber die
Einbildungskraft frei ist, um noch über jene Einstimmung zum Begriffe,
doch ungesucht reichhaltigen unentwickelten Stoff für den Verstand, worauf
dieser in seinem Begriffe nicht Rücksicht nahm, zu liefern, welchen dieser
aber nicht sowohl objectiv zum Erkenntnisse, als subjectiv zur Belebung
der Erkenntnißkräfte, indirect also doch auch zu Erkenntnissen 5
anwendet: so besteht das Genie eigentlich in dem glücklichen Verhältnisse,
welches keine Wissenschaft lehren und kein Fleiß erlernen kann, zu einem
gegebenen Begriffe Ideen aufzufinden und andrerseits zu diesen den
A u s d r u c k zu treffen, durch den die dadurch bewirkte subjective
Gemüthsstimmung, als Begleitung eines Begriffs, anderen mitgetheilt 10
werden kann. Das letztere Talent ist eigentlich dasjenige, was man Geist
nennt; denn das Unnennbare in dem Gemüthszustande bei einer gewissen
Vorstellung auszudrücken und allgemein mittheilbar zu machen, der
Ausdruck mag nun in Sprache, oder Malerei, oder Plastik bestehen: das
erfordert ein Vermögen, das schnell vorübergehende Spiel der
Einbildungskraft 15 aufzufassen und in einen Begriff (der eben darum
original ist und 199 zugleich eine neue Regel eröffnet, die aus keinen
Page 196
vorhergehenden Principien oder Beispielen hat gefolgert werden können) zu
vereinigen, der sich ohne Zwang der Regeln mittheilen läßt.
Wenn wir nach diesen Zergliederungen auf die oben gegebene Erklärung
20 dessen, was man G e n i e nennt, zurücksehen, so finden wir: e r s t l i c h,
daß es ein Talent zur Kunst sei, nicht zur Wissenschaft, in welcher deutlich
gekannte Regeln vorangehen und das Verfahren in derselben bestimmen
müssen; z w e i t e n s, daß es als Kunsttalent einen bestimmten Begriff von
dem Producte als Zweck, mithin Verstand, aber auch eine 25 (wenn gleich
unbestimmte) Vorstellung von dem Stoff, d. i. der Anschauung, zur
Darstellung dieses Begriffs, mithin ein Verhältniß der Einbildungskraft zum
Verstande voraussetze; daß es sich d r i t t e n s nicht sowohl in der
Ausführung des vorgesetzten Zwecks in Darstellung eines bestimmten
B e g r i f f s, als vielmehr im Vortrage, oder dem Ausdrucke
ä s t h e t i s c h e r 30 I d e e n, welche zu jener Absicht reichen Stoff
enthalten, zeige, mithin die Einbildungskraft in ihrer Freiheit von aller
Anleitung der Regeln dennoch als zweckmäßig zur Darstellung des
gegebenen Begriffs vorstellig mache; daß endlich v i e r t e n s die
ungesuchte, unabsichtliche subjective Zweckmäßigkeit in der freien
Übereinstimmung der Einbildungskraft zur Gesetzlichkeit 200 des
Verstandes eine solche Proportion und Stimmung dieser Vermögen
voraussetze, als keine Befolgung von Regeln, es sei der Wissenschaft oder
mechanischen Nachahmung, bewirken, sondern bloß die Natur des Subjects
hervorbringen kann. 5
Nach diesen Voraussetzungen ist Genie: die musterhafte Originalität der
Naturgabe eines Subjects im freien Gebrauche seiner
Erkenntnißvermögen. Auf solche Weise ist das Product eines Genies (nach
demjenigen, was in demselben dem Genie, nicht der möglichen Erlernung
oder der Schule zuzuschreiben ist) ein Beispiel nicht der Nachahmung
(denn da 10 würde das, was daran Genie ist und den Geist des Werks
ausmacht, verloren gehen), sondern der Nachfolge für ein anderes Genie,
welches dadurch zum Gefühl seiner eigenen Originalität aufgeweckt wird,
Zwangsfreiheit von Regeln so in der Kunst auszuüben, daß diese dadurch
selbst eine neue Regel bekommt, wodurch das Talent sich als musterhaft
vereinigen, der sich ohne Zwang der Regeln mittheilen läßt.
Wenn wir nach diesen Zergliederungen auf die oben gegebene Erklärung
20 dessen, was man G e n i e nennt, zurücksehen, so finden wir: e r s t l i c h,
daß es ein Talent zur Kunst sei, nicht zur Wissenschaft, in welcher deutlich
gekannte Regeln vorangehen und das Verfahren in derselben bestimmen
müssen; z w e i t e n s, daß es als Kunsttalent einen bestimmten Begriff von
dem Producte als Zweck, mithin Verstand, aber auch eine 25 (wenn gleich
unbestimmte) Vorstellung von dem Stoff, d. i. der Anschauung, zur
Darstellung dieses Begriffs, mithin ein Verhältniß der Einbildungskraft zum
Verstande voraussetze; daß es sich d r i t t e n s nicht sowohl in der
Ausführung des vorgesetzten Zwecks in Darstellung eines bestimmten
B e g r i f f s, als vielmehr im Vortrage, oder dem Ausdrucke
ä s t h e t i s c h e r 30 I d e e n, welche zu jener Absicht reichen Stoff
enthalten, zeige, mithin die Einbildungskraft in ihrer Freiheit von aller
Anleitung der Regeln dennoch als zweckmäßig zur Darstellung des
gegebenen Begriffs vorstellig mache; daß endlich v i e r t e n s die
ungesuchte, unabsichtliche subjective Zweckmäßigkeit in der freien
Übereinstimmung der Einbildungskraft zur Gesetzlichkeit 200 des
Verstandes eine solche Proportion und Stimmung dieser Vermögen
voraussetze, als keine Befolgung von Regeln, es sei der Wissenschaft oder
mechanischen Nachahmung, bewirken, sondern bloß die Natur des Subjects
hervorbringen kann. 5
Nach diesen Voraussetzungen ist Genie: die musterhafte Originalität der
Naturgabe eines Subjects im freien Gebrauche seiner
Erkenntnißvermögen. Auf solche Weise ist das Product eines Genies (nach
demjenigen, was in demselben dem Genie, nicht der möglichen Erlernung
oder der Schule zuzuschreiben ist) ein Beispiel nicht der Nachahmung
(denn da 10 würde das, was daran Genie ist und den Geist des Werks
ausmacht, verloren gehen), sondern der Nachfolge für ein anderes Genie,
welches dadurch zum Gefühl seiner eigenen Originalität aufgeweckt wird,
Zwangsfreiheit von Regeln so in der Kunst auszuüben, daß diese dadurch
selbst eine neue Regel bekommt, wodurch das Talent sich als musterhaft
Page 197
zeigt. 15 Weil aber das Genie ein Günstling der Natur ist, dergleichen man
nur als seltene Erscheinung anzusehen hat: so bringt sein Beispiel für
andere gute Köpfe eine Schule hervor, d. i. eine methodische Unterweisung
nach Regeln, soweit man sie aus jenen Geistesproducten und ihrer
Eigenthümlichkeit hat ziehen können; und für diese ist die schöne Kunst
sofern Nachahmung, 20 der die Natur durch ein Genie die Regel gab.
Aber diese Nachahmung wird N a c h ä f f u n g, wenn der Schüler alles 201
n a c h m a c h t bis auf das, was das Genie als Mißgestalt nur hat zulassen
müssen, weil es sich, ohne die Idee zu schwächen, nicht wohl wegschaffen
ließ. Dieser Muth ist an einem Genie allein Verdienst; und eine gewisse 25
K ü h n h e i t im Ausdrucke und überhaupt manche Abweichung von der
gemeinen Regel steht demselben wohl an, ist aber keinesweges
nachahmungswürdig, sondern bleibt immer an sich ein Fehler, den man
wegzuschaffen suchen muß, für welchen aber das Genie gleichsam
privilegirt ist, da das Unnachahmliche seines Geistesschwunges durch
ängstliche Behutsamkeit 30 leiden würde. Das M a n i e r i r e n ist eine
andere Art von Nachäffung, nämlich der bloßen E i g e n t h ü m l i c h k e i t
(Originalität) überhaupt, um sich ja von Nachahmern so weit als möglich zu
entfernen, ohne doch das Talent zu besitzen, dabei zugleich m u s t e r h a f t
zu sein. — Zwar giebt es zweierlei Art (modus) überhaupt der
Zusammenstellung seiner Gedanken 35 des Vortrages, deren die eine
M a n i e r (modus aestheticus), die andere M e t h o d e (modus logicus)
heißt, die sich darin von einander unterscheiden: daß die erstere kein
anderes Richtmaß hat, als das G e f ü h l der Einheit in der Darstellung, die
andere aber hierin bestimmte P r i n c i p i e n befolgt; für die schöne Kunst
gilt also nur die erstere. Allein m a n i e r i r t heißt ein Kunstproduct nur
alsdann, wenn der Vortrag seiner Idee in demselben auf die Sonderbarkeit
a n g e l e g t und nicht der Idee angemessen 5 202 gemacht wird. Das
Prangende (Preciöse), das Geschrobene und Affectirte, um sich nur vom
Gemeinen (aber ohne Geist) zu unterscheiden, sind dem Benehmen
desjenigen ähnlich, von dem man sagt, daß er sich sprechen höre, oder
welcher steht und geht, als ob er auf einer Bühne wäre, um angegafft zu
werden, welches jederzeit einen Stümper verräth. 10
nur als seltene Erscheinung anzusehen hat: so bringt sein Beispiel für
andere gute Köpfe eine Schule hervor, d. i. eine methodische Unterweisung
nach Regeln, soweit man sie aus jenen Geistesproducten und ihrer
Eigenthümlichkeit hat ziehen können; und für diese ist die schöne Kunst
sofern Nachahmung, 20 der die Natur durch ein Genie die Regel gab.
Aber diese Nachahmung wird N a c h ä f f u n g, wenn der Schüler alles 201
n a c h m a c h t bis auf das, was das Genie als Mißgestalt nur hat zulassen
müssen, weil es sich, ohne die Idee zu schwächen, nicht wohl wegschaffen
ließ. Dieser Muth ist an einem Genie allein Verdienst; und eine gewisse 25
K ü h n h e i t im Ausdrucke und überhaupt manche Abweichung von der
gemeinen Regel steht demselben wohl an, ist aber keinesweges
nachahmungswürdig, sondern bleibt immer an sich ein Fehler, den man
wegzuschaffen suchen muß, für welchen aber das Genie gleichsam
privilegirt ist, da das Unnachahmliche seines Geistesschwunges durch
ängstliche Behutsamkeit 30 leiden würde. Das M a n i e r i r e n ist eine
andere Art von Nachäffung, nämlich der bloßen E i g e n t h ü m l i c h k e i t
(Originalität) überhaupt, um sich ja von Nachahmern so weit als möglich zu
entfernen, ohne doch das Talent zu besitzen, dabei zugleich m u s t e r h a f t
zu sein. — Zwar giebt es zweierlei Art (modus) überhaupt der
Zusammenstellung seiner Gedanken 35 des Vortrages, deren die eine
M a n i e r (modus aestheticus), die andere M e t h o d e (modus logicus)
heißt, die sich darin von einander unterscheiden: daß die erstere kein
anderes Richtmaß hat, als das G e f ü h l der Einheit in der Darstellung, die
andere aber hierin bestimmte P r i n c i p i e n befolgt; für die schöne Kunst
gilt also nur die erstere. Allein m a n i e r i r t heißt ein Kunstproduct nur
alsdann, wenn der Vortrag seiner Idee in demselben auf die Sonderbarkeit
a n g e l e g t und nicht der Idee angemessen 5 202 gemacht wird. Das
Prangende (Preciöse), das Geschrobene und Affectirte, um sich nur vom
Gemeinen (aber ohne Geist) zu unterscheiden, sind dem Benehmen
desjenigen ähnlich, von dem man sagt, daß er sich sprechen höre, oder
welcher steht und geht, als ob er auf einer Bühne wäre, um angegafft zu
werden, welches jederzeit einen Stümper verräth. 10
Page 198
§ 50.
Von der Verbindung des Geschmacks mit Genie in Producten der
schönen Kunst.
Wenn die Frage ist, woran in Sachen der schönen Kunst mehr gelegen sei,
ob daran, daß sich an ihnen Genie, oder ob daß sich Geschmack 15 zeige,
so ist das eben so viel, als wenn gefragt würde, ob es darin mehr auf
Einbildung, als auf Urtheilskraft ankomme. Da nun eine Kunst in Ansehung
des ersteren eher eine g e i s t r e i c h e, in Ansehung des zweiten aber allein
eine s c h ö n e Kunst genannt zu werden verdient: so ist das letztere
wenigstens als unumgängliche Bedingung (conditio sine qua non) 20 das
Vornehmste, worauf man in Beurtheilung der Kunst als schöne Kunst zu
sehen hat. Reich und original an Ideen zu sein, bedarf es nicht so
nothwendig zum Behuf der Schönheit, aber wohl der Angemessenheit jener
Einbildungskraft in ihrer Freiheit zu der Gesetzmäßigkeit des Verstandes.
Denn aller Reichthum der ersteren bringt in ihrer gesetzlosen Freiheit 25
203 nichts als Unsinn hervor; die Urtheilskraft ist hingegen das Vermögen,
sie dem Verstande anzupassen.
Der Geschmack ist s o wie die Urtheilskraft überhaupt die Disciplin (oder
Zucht) des Genies, beschneidet diesem sehr die Flügel und macht es gesittet
oder geschliffen; zugleich aber giebt er diesem eine Leitung, worüber 30
und bis wie weit es sich verbreiten soll, um zweckmäßig zu bleiben; und
indem er Klarheit und Ordnung in die Gedankenfülle hineinbringt, macht er
die Ideen haltbar, eines daurenden, zugleich auch allgemeinen Beifalls, der
Nachfolge anderer und einer immer fortschreitenden Cultur fähig. Wenn
also im Widerstreite beiderlei Eigenschaften an einem Producte 35 etwas
aufgeopfert werden soll, so müßte es eher auf der Seite des Genies
geschehen: und die Urtheilskraft, welche in Sachen der schönen Kunst aus
eigenen Principien den Ausspruch thut, wird eher der Freiheit und dem
Reichthum der Einbildungskraft, als dem Verstande Abbruch zu thun
erlauben. 5
Zur schönen Kunst würden also E i n b i l d u n g s k r a f t, Ve r s t a n d,
G e i s t und G e s c h m a c k erforderlich sein[17].
Von der Verbindung des Geschmacks mit Genie in Producten der
schönen Kunst.
Wenn die Frage ist, woran in Sachen der schönen Kunst mehr gelegen sei,
ob daran, daß sich an ihnen Genie, oder ob daß sich Geschmack 15 zeige,
so ist das eben so viel, als wenn gefragt würde, ob es darin mehr auf
Einbildung, als auf Urtheilskraft ankomme. Da nun eine Kunst in Ansehung
des ersteren eher eine g e i s t r e i c h e, in Ansehung des zweiten aber allein
eine s c h ö n e Kunst genannt zu werden verdient: so ist das letztere
wenigstens als unumgängliche Bedingung (conditio sine qua non) 20 das
Vornehmste, worauf man in Beurtheilung der Kunst als schöne Kunst zu
sehen hat. Reich und original an Ideen zu sein, bedarf es nicht so
nothwendig zum Behuf der Schönheit, aber wohl der Angemessenheit jener
Einbildungskraft in ihrer Freiheit zu der Gesetzmäßigkeit des Verstandes.
Denn aller Reichthum der ersteren bringt in ihrer gesetzlosen Freiheit 25
203 nichts als Unsinn hervor; die Urtheilskraft ist hingegen das Vermögen,
sie dem Verstande anzupassen.
Der Geschmack ist s o wie die Urtheilskraft überhaupt die Disciplin (oder
Zucht) des Genies, beschneidet diesem sehr die Flügel und macht es gesittet
oder geschliffen; zugleich aber giebt er diesem eine Leitung, worüber 30
und bis wie weit es sich verbreiten soll, um zweckmäßig zu bleiben; und
indem er Klarheit und Ordnung in die Gedankenfülle hineinbringt, macht er
die Ideen haltbar, eines daurenden, zugleich auch allgemeinen Beifalls, der
Nachfolge anderer und einer immer fortschreitenden Cultur fähig. Wenn
also im Widerstreite beiderlei Eigenschaften an einem Producte 35 etwas
aufgeopfert werden soll, so müßte es eher auf der Seite des Genies
geschehen: und die Urtheilskraft, welche in Sachen der schönen Kunst aus
eigenen Principien den Ausspruch thut, wird eher der Freiheit und dem
Reichthum der Einbildungskraft, als dem Verstande Abbruch zu thun
erlauben. 5
Zur schönen Kunst würden also E i n b i l d u n g s k r a f t, Ve r s t a n d,
G e i s t und G e s c h m a c k erforderlich sein[17].
Page 199
§ 51. 204
Von der Eintheilung der schönen Künste.
Man kann überhaupt Schönheit (sie mag Natur- oder Kunstschönheit 10
sein) den A u s d r u c k ästhetischer Ideen nennen: nur daß in der schönen
Kunst diese Idee durch einen Begriff vom Object veranlaßt werden muß, in
der schönen Natur aber die bloße Reflexion über eine gegebene
Anschauung ohne Begriff von dem, was der Gegenstand sein soll, zur
Erweckung und Mittheilung der Idee, von welcher jenes Object als der 15
A u s d r u c k betrachtet wird, hinreichend ist.
Wenn wir also die schönen Künste eintheilen wollen, so können wir,
wenigstens zum Versuche, kein bequemeres Princip dazu wählen, als die
Analogie der Kunst mit der Art des Ausdrucks, dessen sich Menschen im
Sprechen bedienen, um sich so vollkommen, als möglich ist, einander, d. i.
20 nicht bloß ihren Begriffen, sondern auch Empfindungen nach,
mitzutheilen[18]. — Dieser besteht in dem W o r t e, der G e b e r d u n g und
dem T o n e (Articulation, Gesticulation und Modulation). Nur die
Verbindung dieser 205 drei Arten des Ausdrucks macht die vollständige
Mittheilung des Sprechenden aus. Denn Gedanke, Anschauung und
Empfindung werden dadurch 25 zugleich und vereinigt auf den andern
übergetragen.
Es giebt also nur dreierlei Arten schöner Künste: die r e d e n d e, die
b i l d e n d e und die Kunst d e s S p i e l s d e r E m p f i n d u n g e n (als
äußerer Sinneneindrücke). Man könnte diese Eintheilung auch
dichotomisch einrichten, so daß die schöne Kunst in die des Ausdrucks der
Gedanken, oder der Anschauungen und diese wiederum bloß nach ihrer
Form, oder ihrer Materie (der Empfindung) eingetheilt würde. Allein sie
würde alsdann 5 zu abstract und nicht so angemessen den gemeinen
Begriffen aussehen.
1) Die redenden Künste sind B e r e d s a m k e i t und D i c h t k u n s t.
B e r e d s a m k e i t ist die Kunst, ein Geschäft des Verstandes als ein freies
Spiel der Einbildungskraft zu betreiben; D i c h t k u n s t, ein freies Spiel der
Einbildungskraft als ein Geschäft des Verstandes auszuführen. 10
Von der Eintheilung der schönen Künste.
Man kann überhaupt Schönheit (sie mag Natur- oder Kunstschönheit 10
sein) den A u s d r u c k ästhetischer Ideen nennen: nur daß in der schönen
Kunst diese Idee durch einen Begriff vom Object veranlaßt werden muß, in
der schönen Natur aber die bloße Reflexion über eine gegebene
Anschauung ohne Begriff von dem, was der Gegenstand sein soll, zur
Erweckung und Mittheilung der Idee, von welcher jenes Object als der 15
A u s d r u c k betrachtet wird, hinreichend ist.
Wenn wir also die schönen Künste eintheilen wollen, so können wir,
wenigstens zum Versuche, kein bequemeres Princip dazu wählen, als die
Analogie der Kunst mit der Art des Ausdrucks, dessen sich Menschen im
Sprechen bedienen, um sich so vollkommen, als möglich ist, einander, d. i.
20 nicht bloß ihren Begriffen, sondern auch Empfindungen nach,
mitzutheilen[18]. — Dieser besteht in dem W o r t e, der G e b e r d u n g und
dem T o n e (Articulation, Gesticulation und Modulation). Nur die
Verbindung dieser 205 drei Arten des Ausdrucks macht die vollständige
Mittheilung des Sprechenden aus. Denn Gedanke, Anschauung und
Empfindung werden dadurch 25 zugleich und vereinigt auf den andern
übergetragen.
Es giebt also nur dreierlei Arten schöner Künste: die r e d e n d e, die
b i l d e n d e und die Kunst d e s S p i e l s d e r E m p f i n d u n g e n (als
äußerer Sinneneindrücke). Man könnte diese Eintheilung auch
dichotomisch einrichten, so daß die schöne Kunst in die des Ausdrucks der
Gedanken, oder der Anschauungen und diese wiederum bloß nach ihrer
Form, oder ihrer Materie (der Empfindung) eingetheilt würde. Allein sie
würde alsdann 5 zu abstract und nicht so angemessen den gemeinen
Begriffen aussehen.
1) Die redenden Künste sind B e r e d s a m k e i t und D i c h t k u n s t.
B e r e d s a m k e i t ist die Kunst, ein Geschäft des Verstandes als ein freies
Spiel der Einbildungskraft zu betreiben; D i c h t k u n s t, ein freies Spiel der
Einbildungskraft als ein Geschäft des Verstandes auszuführen. 10
Page 200
Der R e d n e r also kündigt ein Geschäft an und führt es so aus, als ob es
bloß ein S p i e l mit Ideen sei, um die Zuhörer zu unterhalten. Der
D i c h t e r kündigt bloß ein unterhaltendes S p i e l mit Ideen an, und es
kommt doch so viel für den Verstand heraus, als ob er bloß dessen Geschäft
zu treiben die Absicht gehabt hätte. Die Verbindung und Harmonie beider
15 206 Erkenntnißvermögen, der Sinnlichkeit und des Verstandes, die
einander zwar nicht entbehren können, aber doch auch ohne Zwang und
wechselseitigen Abbruch sich nicht wohl vereinigen lassen, muß
unabsichtlich zu sein und sich von selbst so zu fügen scheinen; sonst ist es
nicht s c h ö n e Kunst. Daher alles Gesuchte und Peinliche darin vermieden
werden muß; 20 denn schöne Kunst muß in doppelter Bedeutung freie
Kunst sein: sowohl daß sie nicht als Lohngeschäft eine Arbeit sei, deren
Größe sich nach einem bestimmten Maßstabe beurtheilen, erzwingen oder
bezahlen läßt; als auch, daß das Gemüth sich zwar beschäftigt, aber dabei
doch, ohne auf einen andern Zweck hinauszusehen, (unabhängig vom
Lohne) befriedigt und erweckt 25 fühlt.
Der Redner giebt also zwar etwas, was er nicht verspricht, nämlich ein
unterhaltendes Spiel der Einbildungskraft; aber er bricht auch dem etwas
ab, was er verspricht, und was doch sein angekündigtes Geschäft ist,
nämlich den Verstand zweckmäßig zu beschäftigen. Der Dichter dagegen
30 verspricht wenig und kündigt ein bloßes Spiel mit Ideen an, leistet aber
etwas, was eines Geschäftes würdig ist, nämlich dem Verstande spielend
Nahrung zu verschaffen und seinen Begriffen durch Einbildungskraft Leben
zu geben: mithin jener im Grunde weniger, dieser mehr, als er verspricht.
35
2) Die bildenden Künste oder die des Ausdrucks für Ideen in 207 der
S i n n e n a n s c h a u u n g (nicht durch Vorstellungen der bloßen
Einbildungskraft, die durch Worte aufgeregt werden) sind entweder die der
S i n n e n w a h r h e i t oder des S i n n e n s c h e i n s. Die erste heißt die
P l a s t i k, die zweite die M a l e r e i. Beide machen Gestalten im Raume
zum Ausdrucke für Ideen: jene macht Gestalten für zwei Sinne kennbar,
dem Gesichte und Gefühl (obzwar dem letzteren nicht in Absicht auf
Schönheit), 5 diese nur für den erstern. Die ästhetische Idee (Archetypon,
Urbild) liegt zu beiden in der Einbildungskraft zum Grunde: die Gestalt
aber, welche den Ausdruck derselben ausmacht (Ektypon, Nachbild), wird
entweder in ihrer körperlichen Ausdehnung (wie der Gegenstand selbst
bloß ein S p i e l mit Ideen sei, um die Zuhörer zu unterhalten. Der
D i c h t e r kündigt bloß ein unterhaltendes S p i e l mit Ideen an, und es
kommt doch so viel für den Verstand heraus, als ob er bloß dessen Geschäft
zu treiben die Absicht gehabt hätte. Die Verbindung und Harmonie beider
15 206 Erkenntnißvermögen, der Sinnlichkeit und des Verstandes, die
einander zwar nicht entbehren können, aber doch auch ohne Zwang und
wechselseitigen Abbruch sich nicht wohl vereinigen lassen, muß
unabsichtlich zu sein und sich von selbst so zu fügen scheinen; sonst ist es
nicht s c h ö n e Kunst. Daher alles Gesuchte und Peinliche darin vermieden
werden muß; 20 denn schöne Kunst muß in doppelter Bedeutung freie
Kunst sein: sowohl daß sie nicht als Lohngeschäft eine Arbeit sei, deren
Größe sich nach einem bestimmten Maßstabe beurtheilen, erzwingen oder
bezahlen läßt; als auch, daß das Gemüth sich zwar beschäftigt, aber dabei
doch, ohne auf einen andern Zweck hinauszusehen, (unabhängig vom
Lohne) befriedigt und erweckt 25 fühlt.
Der Redner giebt also zwar etwas, was er nicht verspricht, nämlich ein
unterhaltendes Spiel der Einbildungskraft; aber er bricht auch dem etwas
ab, was er verspricht, und was doch sein angekündigtes Geschäft ist,
nämlich den Verstand zweckmäßig zu beschäftigen. Der Dichter dagegen
30 verspricht wenig und kündigt ein bloßes Spiel mit Ideen an, leistet aber
etwas, was eines Geschäftes würdig ist, nämlich dem Verstande spielend
Nahrung zu verschaffen und seinen Begriffen durch Einbildungskraft Leben
zu geben: mithin jener im Grunde weniger, dieser mehr, als er verspricht.
35
2) Die bildenden Künste oder die des Ausdrucks für Ideen in 207 der
S i n n e n a n s c h a u u n g (nicht durch Vorstellungen der bloßen
Einbildungskraft, die durch Worte aufgeregt werden) sind entweder die der
S i n n e n w a h r h e i t oder des S i n n e n s c h e i n s. Die erste heißt die
P l a s t i k, die zweite die M a l e r e i. Beide machen Gestalten im Raume
zum Ausdrucke für Ideen: jene macht Gestalten für zwei Sinne kennbar,
dem Gesichte und Gefühl (obzwar dem letzteren nicht in Absicht auf
Schönheit), 5 diese nur für den erstern. Die ästhetische Idee (Archetypon,
Urbild) liegt zu beiden in der Einbildungskraft zum Grunde: die Gestalt
aber, welche den Ausdruck derselben ausmacht (Ektypon, Nachbild), wird
entweder in ihrer körperlichen Ausdehnung (wie der Gegenstand selbst
Page 201
existirt) oder nach der Art, wie diese sich im Auge malt (nach ihrer
Apparenz 10 in einer Fläche), gegeben; oder, was auch das erstere ist,
entweder die Beziehung auf einen wirklichen Zweck, oder nur der Anschein
desselben der Reflexion zur Bedingung gemacht.
Zur P l a s t i k, als der ersten Art schöner bildender Künste, gehört die
B i l d h a u e r k u n s t und B a u k u n s t. Die e r s t e ist diejenige, welche
Begriffe 15 von Dingen, so wie sie i n d e r N a t u r e x i s t i r e n
k ö n n t e n, körperlich darstellt (doch als schöne Kunst mit Rücksicht auf
ästhetische Zweckmäßigkeit); die z w e i t e ist die Kunst, Begriffe von
Dingen, die n u r d u r c h K u n s t möglich sind, und deren Form nicht die
Natur, sondern 208 einen willkürlichen Zweck zum Bestimmungsgrunde hat,
zu dieser Absicht, 20 doch auch zugleich ästhetisch zweckmäßig
darzustellen. Bei der letzteren ist ein gewisser G e b r a u c h des künstlichen
Gegenstandes die Hauptsache, worauf als Bedingung die ästhetischen Ideen
eingeschränkt werden. Bei der ersteren ist der bloße A u s d r u c k
ästhetischer Ideen die Hauptabsicht. So sind Bildsäulen von Menschen,
Göttern, Thieren u. d. gl. von der erstern 25 Art; aber Tempel, oder
Prachtgebäude zum Behuf öffentlicher Versammlungen, oder auch
Wohnungen, Ehrenbogen, Säulen, Cenotaphien u. d. gl., zum
Ehrengedächtniß errichtet, zur Baukunst gehörig. Ja alle Hausgeräthe (die
Arbeit des Tischlers u. d. gl. Dinge zum Gebrauche) können dazu gezählt
werden: weil die Angemessenheit des Products zu einem gewissen 30
Gebrauche das Wesentliche eines B a u w e r k s ausmacht; dagegen ein
bloßes B i l d w e r k, das lediglich zum Anschauen gemacht ist und für sich
selbst gefallen soll, als körperliche Darstellung bloße Nachahmung der
Natur ist, doch mit Rücksicht auf ästhetische Ideen: wobei denn die
S i n n e n w a h r h e i t nicht so weit gehen darf, daß es aufhöre als Kunst
und 35 Product der Willkür zu erscheinen.
Die M a l e r k u n s t, als die zweite Art bildender Künste, welche den
S i n n e n s c h e i n künstlich mit Ideen verbunden darstellt, würde ich in die
der schönen S c h i l d e r u n g der N a t u r und in die der schönen
Z u s a m m e n s t e l l u n g ihrer P r o d u c t e eintheilen. Die erste wäre die
e i g e n t l i c h e 209 M a l e r e i, die zweite die L u s t g ä r t n e r e i. Denn
die erste giebt nur den Schein der körperlichen Ausdehnung; die zweite
zwar diese nach 5 der Wahrheit, aber nur den Schein von Benutzung und
Gebrauch zu anderen Zwecken, als bloß für das Spiel der Einbildung in
Apparenz 10 in einer Fläche), gegeben; oder, was auch das erstere ist,
entweder die Beziehung auf einen wirklichen Zweck, oder nur der Anschein
desselben der Reflexion zur Bedingung gemacht.
Zur P l a s t i k, als der ersten Art schöner bildender Künste, gehört die
B i l d h a u e r k u n s t und B a u k u n s t. Die e r s t e ist diejenige, welche
Begriffe 15 von Dingen, so wie sie i n d e r N a t u r e x i s t i r e n
k ö n n t e n, körperlich darstellt (doch als schöne Kunst mit Rücksicht auf
ästhetische Zweckmäßigkeit); die z w e i t e ist die Kunst, Begriffe von
Dingen, die n u r d u r c h K u n s t möglich sind, und deren Form nicht die
Natur, sondern 208 einen willkürlichen Zweck zum Bestimmungsgrunde hat,
zu dieser Absicht, 20 doch auch zugleich ästhetisch zweckmäßig
darzustellen. Bei der letzteren ist ein gewisser G e b r a u c h des künstlichen
Gegenstandes die Hauptsache, worauf als Bedingung die ästhetischen Ideen
eingeschränkt werden. Bei der ersteren ist der bloße A u s d r u c k
ästhetischer Ideen die Hauptabsicht. So sind Bildsäulen von Menschen,
Göttern, Thieren u. d. gl. von der erstern 25 Art; aber Tempel, oder
Prachtgebäude zum Behuf öffentlicher Versammlungen, oder auch
Wohnungen, Ehrenbogen, Säulen, Cenotaphien u. d. gl., zum
Ehrengedächtniß errichtet, zur Baukunst gehörig. Ja alle Hausgeräthe (die
Arbeit des Tischlers u. d. gl. Dinge zum Gebrauche) können dazu gezählt
werden: weil die Angemessenheit des Products zu einem gewissen 30
Gebrauche das Wesentliche eines B a u w e r k s ausmacht; dagegen ein
bloßes B i l d w e r k, das lediglich zum Anschauen gemacht ist und für sich
selbst gefallen soll, als körperliche Darstellung bloße Nachahmung der
Natur ist, doch mit Rücksicht auf ästhetische Ideen: wobei denn die
S i n n e n w a h r h e i t nicht so weit gehen darf, daß es aufhöre als Kunst
und 35 Product der Willkür zu erscheinen.
Die M a l e r k u n s t, als die zweite Art bildender Künste, welche den
S i n n e n s c h e i n künstlich mit Ideen verbunden darstellt, würde ich in die
der schönen S c h i l d e r u n g der N a t u r und in die der schönen
Z u s a m m e n s t e l l u n g ihrer P r o d u c t e eintheilen. Die erste wäre die
e i g e n t l i c h e 209 M a l e r e i, die zweite die L u s t g ä r t n e r e i. Denn
die erste giebt nur den Schein der körperlichen Ausdehnung; die zweite
zwar diese nach 5 der Wahrheit, aber nur den Schein von Benutzung und
Gebrauch zu anderen Zwecken, als bloß für das Spiel der Einbildung in
Page 202
Beschauung ihrer Formen[19]. Die letztere ist nichts anders, als die
Schmückung des Bodens mit derselben Mannigfaltigkeit (Gräsern, Blumen,
Sträuchen und Bäumen, selbst Gewässern, Hügeln und Thälern), womit ihn
die Natur 10 dem Anschauen darstellt, nur anders und angemessen
gewissen Ideen zusammengestellt. Die schöne Zusammenstellung aber
körperlicher Dinge ist 210 auch nur für das Auge gegeben, wie die Malerei;
der Sinn des Gefühls kann keine anschauliche Vorstellung von einer solchen
Form verschaffen. Zu der Malerei im weiten Sinne würde ich noch die
Verzierung der Zimmer 15 durch Tapeten, Aufsätze und alles schöne
Amöblement, welches bloß zur A n s i c h t dient, zählen; imgleichen die
Kunst der Kleidung nach Geschmack (Ringe, Dosen u. s. w.). Denn ein
Parterre von allerlei Blumen, ein Zimmer mit allerlei Zierathen (selbst den
Putz der Damen darunter begriffen) machen an einem Prachtfeste eine Art
von Gemälde aus, welches, 20 so wie die eigentlich sogenannten (die nicht
etwa Geschichte, oder Naturkenntniß zu l e h r e n die Absicht haben) bloß
zum Ansehen da ist, um die Einbildungskraft im freien Spiele mit Ideen zu
unterhalten und ohne bestimmten Zweck die ästhetische Urtheilskraft zu
beschäftigen. Das Machwerk an allem diesem Schmucke mag immer
mechanisch sehr unterschieden 25 sein und ganz verschiedene Künstler
erfordern; das Geschmacksurtheil ist doch über das, was in dieser Kunst
schön ist, sofern auf einerlei Art bestimmt: nämlich nur die Formen (ohne
Rücksicht auf einen Zweck) so, wie sie sich dem Auge darbieten, einzeln
oder in ihrer Zusammensetzung nach der Wirkung, die sie auf die
Einbildungskraft thun, zu 5 beurtheilen. — Wie aber bildende Kunst zur
Geberdung in einer Sprache (der Analogie nach) gezählt werden könne,
wird dadurch gerechtfertigt, 211 daß der Geist des Künstlers durch diese
Gestalten von dem, was und wie er gedacht hat, einen körperlichen
Ausdruck giebt und die Sache selbst gleichsam mimisch sprechen macht:
ein sehr gewöhnliches Spiel unserer 10 Phantasie, welche leblosen Dingen
ihrer Form gemäß einen Geist unterlegt, der aus ihnen spricht.
3) Die Kunst des schönen Spiels der Empfindungen (die von außen
erzeugt werden und das sich gleichwohl doch muß allgemein mittheilen
lassen) kann nichts anders als die Proportion der verschiedenen 15 Grade
der Stimmung (Spannung) des Sinns, dem die Empfindung angehört, d. i.
den Ton desselben, betreffen; und in dieser weitläuftigen Bedeutung des
Worts kann sie in das künstliche Spiel der Empfindungen des Gehörs und
Schmückung des Bodens mit derselben Mannigfaltigkeit (Gräsern, Blumen,
Sträuchen und Bäumen, selbst Gewässern, Hügeln und Thälern), womit ihn
die Natur 10 dem Anschauen darstellt, nur anders und angemessen
gewissen Ideen zusammengestellt. Die schöne Zusammenstellung aber
körperlicher Dinge ist 210 auch nur für das Auge gegeben, wie die Malerei;
der Sinn des Gefühls kann keine anschauliche Vorstellung von einer solchen
Form verschaffen. Zu der Malerei im weiten Sinne würde ich noch die
Verzierung der Zimmer 15 durch Tapeten, Aufsätze und alles schöne
Amöblement, welches bloß zur A n s i c h t dient, zählen; imgleichen die
Kunst der Kleidung nach Geschmack (Ringe, Dosen u. s. w.). Denn ein
Parterre von allerlei Blumen, ein Zimmer mit allerlei Zierathen (selbst den
Putz der Damen darunter begriffen) machen an einem Prachtfeste eine Art
von Gemälde aus, welches, 20 so wie die eigentlich sogenannten (die nicht
etwa Geschichte, oder Naturkenntniß zu l e h r e n die Absicht haben) bloß
zum Ansehen da ist, um die Einbildungskraft im freien Spiele mit Ideen zu
unterhalten und ohne bestimmten Zweck die ästhetische Urtheilskraft zu
beschäftigen. Das Machwerk an allem diesem Schmucke mag immer
mechanisch sehr unterschieden 25 sein und ganz verschiedene Künstler
erfordern; das Geschmacksurtheil ist doch über das, was in dieser Kunst
schön ist, sofern auf einerlei Art bestimmt: nämlich nur die Formen (ohne
Rücksicht auf einen Zweck) so, wie sie sich dem Auge darbieten, einzeln
oder in ihrer Zusammensetzung nach der Wirkung, die sie auf die
Einbildungskraft thun, zu 5 beurtheilen. — Wie aber bildende Kunst zur
Geberdung in einer Sprache (der Analogie nach) gezählt werden könne,
wird dadurch gerechtfertigt, 211 daß der Geist des Künstlers durch diese
Gestalten von dem, was und wie er gedacht hat, einen körperlichen
Ausdruck giebt und die Sache selbst gleichsam mimisch sprechen macht:
ein sehr gewöhnliches Spiel unserer 10 Phantasie, welche leblosen Dingen
ihrer Form gemäß einen Geist unterlegt, der aus ihnen spricht.
3) Die Kunst des schönen Spiels der Empfindungen (die von außen
erzeugt werden und das sich gleichwohl doch muß allgemein mittheilen
lassen) kann nichts anders als die Proportion der verschiedenen 15 Grade
der Stimmung (Spannung) des Sinns, dem die Empfindung angehört, d. i.
den Ton desselben, betreffen; und in dieser weitläuftigen Bedeutung des
Worts kann sie in das künstliche Spiel der Empfindungen des Gehörs und
Page 203
der des Gesichts, mithin in M u s i k und F a r b e n k u n s t eingetheilt
werden. — Es ist merkwürdig: daß diese zwei Sinne außer 20 der
Empfänglichkeit für Eindrücke, so viel davon erforderlich ist, um von
äußern Gegenständen vermittelst ihrer Begriffe zu bekommen, noch einer
besondern damit verbundenen Empfindung fähig sind, von welcher man
nicht recht ausmachen kann, ob sie den Sinn, oder die Reflexion zum
Grunde habe; und daß diese Affectibilität doch bisweilen mangeln kann, 25
obgleich der Sinn übrigens, was seinen Gebrauch zum Erkenntniß der
Objecte betrifft, gar nicht mangelhaft, sondern wohl gar vorzüglich fein 212
ist. Das heißt, man kann nicht mit Gewißheit sagen: ob eine Farbe oder ein
Ton (Klang) bloß angenehme Empfindungen, oder an sich schon ein
schönes Spiel von Empfindungen sei und als ein solches ein Wohlgefallen
30 an der Form in der ästhetischen Beurtheilung bei sich führe. Wenn man
die Schnelligkeit der Licht- oder, in der zweiten Art, der Luftbebungen, die
alles unser Vermögen, die Proportion der Zeiteintheilung durch dieselben
unmittelbar bei der Wahrnehmung zu beurtheilen, wahrscheinlicherweise
bei weitem übertrifft, bedenkt: so sollte man glauben, nur die W i r k u n g
35 dieser Zitterungen auf die elastischen Theile unsers Körpers werde
empfunden, die Z e i t e i n t h e i l u n g durch dieselben aber nicht bemerkt
und in Beurtheilung gezogen, mithin mit Farben und Tönen nur
Annehmlichkeit, nicht Schönheit ihrer Composition verbunden. Bedenkt
man aber dagegen e r s t l i c h das Mathematische, welches sich über die
Proportion dieser Schwingungen in der Musik und ihre Beurtheilung sagen
läßt, und beurtheilt die Farbenabstechung, wie billig, nach der Analogie mit
der 5 letztern; zieht man z w e i t e n s die, obzwar seltenen Beispiele von
Menschen, die mit dem besten Gesichte von der Welt nicht haben Farben
und mit dem schärfsten Gehöre nicht Töne unterscheiden können, zu Rath,
imgleichen für die, welche dieses können, die Wahrnehmung einer
veränderten Qualität (nicht bloß des Grades der Empfindung) bei den
verschiedenen Anspannungen 10 auf der Farben- oder Tonleiter, imgleichen
daß die Zahl derselben 213 für b e g r e i f l i c h e Unterschiede bestimmt ist:
so möchte man sich genöthigt sehen, die Empfindungen von beiden nicht
als bloßen Sinneneindruck, sondern als die Wirkung einer Beurtheilung der
Form im Spiele vieler Empfindungen anzusehen. Der Unterschied, den die
eine oder die 15 andere Meinung in der Beurtheilung des Grundes der
Musik giebt, würde aber nur die Definition dahin verändern, daß man sie
entweder, wie wir gethan haben, für das s c h ö n e Spiel der Empfindungen
werden. — Es ist merkwürdig: daß diese zwei Sinne außer 20 der
Empfänglichkeit für Eindrücke, so viel davon erforderlich ist, um von
äußern Gegenständen vermittelst ihrer Begriffe zu bekommen, noch einer
besondern damit verbundenen Empfindung fähig sind, von welcher man
nicht recht ausmachen kann, ob sie den Sinn, oder die Reflexion zum
Grunde habe; und daß diese Affectibilität doch bisweilen mangeln kann, 25
obgleich der Sinn übrigens, was seinen Gebrauch zum Erkenntniß der
Objecte betrifft, gar nicht mangelhaft, sondern wohl gar vorzüglich fein 212
ist. Das heißt, man kann nicht mit Gewißheit sagen: ob eine Farbe oder ein
Ton (Klang) bloß angenehme Empfindungen, oder an sich schon ein
schönes Spiel von Empfindungen sei und als ein solches ein Wohlgefallen
30 an der Form in der ästhetischen Beurtheilung bei sich führe. Wenn man
die Schnelligkeit der Licht- oder, in der zweiten Art, der Luftbebungen, die
alles unser Vermögen, die Proportion der Zeiteintheilung durch dieselben
unmittelbar bei der Wahrnehmung zu beurtheilen, wahrscheinlicherweise
bei weitem übertrifft, bedenkt: so sollte man glauben, nur die W i r k u n g
35 dieser Zitterungen auf die elastischen Theile unsers Körpers werde
empfunden, die Z e i t e i n t h e i l u n g durch dieselben aber nicht bemerkt
und in Beurtheilung gezogen, mithin mit Farben und Tönen nur
Annehmlichkeit, nicht Schönheit ihrer Composition verbunden. Bedenkt
man aber dagegen e r s t l i c h das Mathematische, welches sich über die
Proportion dieser Schwingungen in der Musik und ihre Beurtheilung sagen
läßt, und beurtheilt die Farbenabstechung, wie billig, nach der Analogie mit
der 5 letztern; zieht man z w e i t e n s die, obzwar seltenen Beispiele von
Menschen, die mit dem besten Gesichte von der Welt nicht haben Farben
und mit dem schärfsten Gehöre nicht Töne unterscheiden können, zu Rath,
imgleichen für die, welche dieses können, die Wahrnehmung einer
veränderten Qualität (nicht bloß des Grades der Empfindung) bei den
verschiedenen Anspannungen 10 auf der Farben- oder Tonleiter, imgleichen
daß die Zahl derselben 213 für b e g r e i f l i c h e Unterschiede bestimmt ist:
so möchte man sich genöthigt sehen, die Empfindungen von beiden nicht
als bloßen Sinneneindruck, sondern als die Wirkung einer Beurtheilung der
Form im Spiele vieler Empfindungen anzusehen. Der Unterschied, den die
eine oder die 15 andere Meinung in der Beurtheilung des Grundes der
Musik giebt, würde aber nur die Definition dahin verändern, daß man sie
entweder, wie wir gethan haben, für das s c h ö n e Spiel der Empfindungen
Page 204
(durch das Gehör), oder a n g e n e h m e r Empfindungen erklärte. Nur nach
der erstern Erklärungsart wird Musik gänzlich als s c h ö n e, nach der
zweiten aber als 20 a n g e n e h m e Kunst (wenigstens zum Theil)
vorgestellt werden.
der erstern Erklärungsart wird Musik gänzlich als s c h ö n e, nach der
zweiten aber als 20 a n g e n e h m e Kunst (wenigstens zum Theil)
vorgestellt werden.
Page 205
§ 52.
Von der Verbindung der schönen Künste in einem und demselben
Producte.
Die Beredsamkeit kann mit einer malerischen Darstellung ihrer Subjecte 25
sowohl als Gegenstände in einem S c h a u s p i e l e, die Poesie mit Musik
im G e s a n g e, dieser aber zugleich mit malerischer (theatralischer)
Darstellung in einer O p e r, das Spiel der Empfindungen in einer Musik mit
dem Spiele der Gestalten im T a n z u. s. w. verbunden werden. Auch kann
die Darstellung des Erhabenen, sofern sie zur schönen Kunst gehört, 30 in
einem g e r e i m t e n T r a u e r s p i e l e, einem L e h r g e d i c h t e, einem
O r a t o r i u m 214 sich mit der Schönheit vereinigen; und in diesen
Verbindungen ist die schöne Kunst noch künstlicher: ob aber auch schöner
(da sich so mannigfaltige verschiedene Arten des Wohlgefallens einander
durchkreuzen), kann in einigen dieser Fälle bezweifelt werden. Doch in
aller schönen 35 Kunst besteht das Wesentliche in der Form, welche für die
Beobachtung und Beurtheilung zweckmäßig ist, wo die Lust zugleich
Cultur ist und den Geist zu Ideen stimmt, mithin ihn mehrerer solcher Lust
und Unterhaltung empfänglich macht; nicht in der Materie der Empfindung
(dem Reize oder der Rührung), wo es bloß auf Genuß angelegt ist, welcher
5 nichts in der Idee zurückläßt, den Geist stumpf, den Gegenstand nach
und nach anekelnd und das Gemüth durch das Bewußtsein seiner im
Urtheile der Vernunft zweckwidrigen Stimmung mit sich selbst unzufrieden
und launisch macht.
Wenn die schönen Künste nicht nahe oder fern mit moralischen Ideen 10 in
Verbindung gebracht werden, die allein ein selbstständiges Wohlgefallen bei
sich führen, so ist das letzere ihr endliches Schicksal. Sie dienen alsdann
nur zur Zerstreuung, deren man immer desto mehr bedürftig wird, als man
sich ihrer bedient, um die Unzufriedenheit des Gemüths mit sich selbst
dadurch zu vertreiben, daß man sich immer noch unnützlicher und 15 mit
sich selbst unzufriedener macht. Überhaupt sind die Schönheiten der Natur
zu der ersteren Absicht am zuträglichsten, wenn man früh dazu 215 gewöhnt
wird, sie zu beobachten, zu beurtheilen und zu bewundern.
Von der Verbindung der schönen Künste in einem und demselben
Producte.
Die Beredsamkeit kann mit einer malerischen Darstellung ihrer Subjecte 25
sowohl als Gegenstände in einem S c h a u s p i e l e, die Poesie mit Musik
im G e s a n g e, dieser aber zugleich mit malerischer (theatralischer)
Darstellung in einer O p e r, das Spiel der Empfindungen in einer Musik mit
dem Spiele der Gestalten im T a n z u. s. w. verbunden werden. Auch kann
die Darstellung des Erhabenen, sofern sie zur schönen Kunst gehört, 30 in
einem g e r e i m t e n T r a u e r s p i e l e, einem L e h r g e d i c h t e, einem
O r a t o r i u m 214 sich mit der Schönheit vereinigen; und in diesen
Verbindungen ist die schöne Kunst noch künstlicher: ob aber auch schöner
(da sich so mannigfaltige verschiedene Arten des Wohlgefallens einander
durchkreuzen), kann in einigen dieser Fälle bezweifelt werden. Doch in
aller schönen 35 Kunst besteht das Wesentliche in der Form, welche für die
Beobachtung und Beurtheilung zweckmäßig ist, wo die Lust zugleich
Cultur ist und den Geist zu Ideen stimmt, mithin ihn mehrerer solcher Lust
und Unterhaltung empfänglich macht; nicht in der Materie der Empfindung
(dem Reize oder der Rührung), wo es bloß auf Genuß angelegt ist, welcher
5 nichts in der Idee zurückläßt, den Geist stumpf, den Gegenstand nach
und nach anekelnd und das Gemüth durch das Bewußtsein seiner im
Urtheile der Vernunft zweckwidrigen Stimmung mit sich selbst unzufrieden
und launisch macht.
Wenn die schönen Künste nicht nahe oder fern mit moralischen Ideen 10 in
Verbindung gebracht werden, die allein ein selbstständiges Wohlgefallen bei
sich führen, so ist das letzere ihr endliches Schicksal. Sie dienen alsdann
nur zur Zerstreuung, deren man immer desto mehr bedürftig wird, als man
sich ihrer bedient, um die Unzufriedenheit des Gemüths mit sich selbst
dadurch zu vertreiben, daß man sich immer noch unnützlicher und 15 mit
sich selbst unzufriedener macht. Überhaupt sind die Schönheiten der Natur
zu der ersteren Absicht am zuträglichsten, wenn man früh dazu 215 gewöhnt
wird, sie zu beobachten, zu beurtheilen und zu bewundern.
Page 206
§ 53.
Vergleichung des ästhetischen Werths der schönen Künste 20
untereinander.
Unter allen behauptet die D i c h t k u n s t (die fast gänzlich dem Genie
ihren Ursprung verdankt und am wenigsten durch Vorschrift, oder durch
Beispiele geleitet sein will) den obersten Rang. Sie erweitert das Gemüth
dadurch, daß sie die Einbildungskraft in Freiheit setzt und innerhalb 25 den
Schranken eines gegebenen Begriffs unter der unbegränzten
Mannigfaltigkeit möglicher damit zusammenstimmender Formen diejenige
darbietet, welche die Darstellung desselben mit einer Gedankenfülle
verknüpft, der kein Sprachausdruck völlig adäquat ist, und sich also
ästhetisch zu Ideen erhebt. Sie stärkt das Gemüth, indem sie es sein 30
freies, selbstthätiges und von der Naturbestimmung unabhängiges
Vermögen fühlen läßt, die Natur als Erscheinung nach Ansichten zu
betrachten und zu beurtheilen, die sie nicht von selbst weder für den Sinn
noch den Verstand in der Erfahrung darbietet, und sie also zum Behuf und
gleichsam zum Schema des Übersinnlichen zu gebrauchen. Sie spielt mit
35 dem Schein, den sie nach Belieben bewirkt, ohne doch dadurch zu
betrügen; denn sie erklärt ihre Beschäftigung selbst für bloßes Spiel,
welches gleichwohl 216 vom Verstande und zu dessen Geschäfte
zweckmäßig gebraucht werden kann. — Die Beredsamkeit, sofern darunter
die Kunst zu überreden, d. i. durch den schönen Schein zu hintergehen (als
ars oratoria), und nicht 5 bloße Wohlredenheit (Eloquenz und Stil)
verstanden wird, ist eine Dialektik, die von der Dichtkunst nur so viel
entlehnt, als nöthig ist, die Gemüther vor der Beurtheilung für den Redner
zu dessen Vortheil zu gewinnen und dieser die Freiheit zu benehmen; kann
also weder für die Gerichtsschranken, noch für die Kanzeln angerathen
werden. Denn wenn 10 es um bürgerliche Gesetze, um das Recht einzelner
Personen, oder um dauerhafte Belehrung und Bestimmung der Gemüther
zur richtigen Kenntniß und gewissenhaften Beobachtung ihrer Pflicht zu
thun ist: so ist es unter der Würde eines so wichtigen Geschäftes, auch nur
eine Spur von Üppigkeit des Witzes und der Einbildungskraft, noch mehr
aber von 15 der Kunst zu überreden und zu irgend jemandes Vortheil
einzunehmen blicken zu lassen. Denn wenn sie gleich bisweilen zu an sich
Vergleichung des ästhetischen Werths der schönen Künste 20
untereinander.
Unter allen behauptet die D i c h t k u n s t (die fast gänzlich dem Genie
ihren Ursprung verdankt und am wenigsten durch Vorschrift, oder durch
Beispiele geleitet sein will) den obersten Rang. Sie erweitert das Gemüth
dadurch, daß sie die Einbildungskraft in Freiheit setzt und innerhalb 25 den
Schranken eines gegebenen Begriffs unter der unbegränzten
Mannigfaltigkeit möglicher damit zusammenstimmender Formen diejenige
darbietet, welche die Darstellung desselben mit einer Gedankenfülle
verknüpft, der kein Sprachausdruck völlig adäquat ist, und sich also
ästhetisch zu Ideen erhebt. Sie stärkt das Gemüth, indem sie es sein 30
freies, selbstthätiges und von der Naturbestimmung unabhängiges
Vermögen fühlen läßt, die Natur als Erscheinung nach Ansichten zu
betrachten und zu beurtheilen, die sie nicht von selbst weder für den Sinn
noch den Verstand in der Erfahrung darbietet, und sie also zum Behuf und
gleichsam zum Schema des Übersinnlichen zu gebrauchen. Sie spielt mit
35 dem Schein, den sie nach Belieben bewirkt, ohne doch dadurch zu
betrügen; denn sie erklärt ihre Beschäftigung selbst für bloßes Spiel,
welches gleichwohl 216 vom Verstande und zu dessen Geschäfte
zweckmäßig gebraucht werden kann. — Die Beredsamkeit, sofern darunter
die Kunst zu überreden, d. i. durch den schönen Schein zu hintergehen (als
ars oratoria), und nicht 5 bloße Wohlredenheit (Eloquenz und Stil)
verstanden wird, ist eine Dialektik, die von der Dichtkunst nur so viel
entlehnt, als nöthig ist, die Gemüther vor der Beurtheilung für den Redner
zu dessen Vortheil zu gewinnen und dieser die Freiheit zu benehmen; kann
also weder für die Gerichtsschranken, noch für die Kanzeln angerathen
werden. Denn wenn 10 es um bürgerliche Gesetze, um das Recht einzelner
Personen, oder um dauerhafte Belehrung und Bestimmung der Gemüther
zur richtigen Kenntniß und gewissenhaften Beobachtung ihrer Pflicht zu
thun ist: so ist es unter der Würde eines so wichtigen Geschäftes, auch nur
eine Spur von Üppigkeit des Witzes und der Einbildungskraft, noch mehr
aber von 15 der Kunst zu überreden und zu irgend jemandes Vortheil
einzunehmen blicken zu lassen. Denn wenn sie gleich bisweilen zu an sich
Page 207
rechtmäßigen und lobenswürdigen Absichten angewandt werden kann, so
wird sie doch dadurch verwerflich, daß auf diese Art die Maximen und
Gesinnungen subjectiv verderbt werden, wenn gleich die That objectiv
gesetzmäßig ist: 20 indem es nicht genug ist, das, was Recht ist, zu thun,
sondern es auch aus dem Grunde allein, weil es Recht ist, auszuüben. Auch
hat der bloße deutliche Begriff dieser Arten von menschlicher
Angelegenheit, mit einer 217 lebhaften Darstellung in Beispielen verbunden
und ohne Verstoß wider die Regeln des Wohllauts der Sprache, oder der
Wohlanständigkeit des 25 Ausdrucks für Ideen der Vernunft (die zusammen
die Wohlredenheit ausmachen), schon an sich hinreichenden Einfluß auf
menschliche Gemüther, als daß es nöthig wäre noch die Maschinen der
Überredung hiebei anzulegen; welche, da sie eben sowohl auch zur
Beschönigung oder Verdeckung des Lasters und Irrthums gebraucht werden
können, den geheimen Verdacht wegen 30 einer künstlichen Überlistung
nicht ganz vertilgen können. In der Dichtkunst geht alles ehrlich und
aufrichtig zu. Sie erklärt sich, ein bloßes unterhaltendes Spiel mit der
Einbildungskraft und zwar der Form nach einstimmig mit
Verstandesgesetzen treiben zu wollen; und verlangt nicht den Verstand
durch sinnliche Darstellung zu überschleichen und zu verstricken.[20] 35
Nach der Dichtkunst würde ich, w e n n e s u m R e i z u n d
B e w e g u n g 218 d e s G e m ü t h s z u t h u n i s t, diejenige, welche
ihr unter den redenden am nächsten kommt und sich damit auch sehr
natürlich vereinigen läßt, nämlich die T o n k u n s t, setzen. Denn ob sie
zwar durch lauter Empfindungen ohne Begriffe spricht, mithin nicht wie die
Poesie etwas zum Nachdenken 5 übrig bleiben läßt, so bewegt sie doch das
Gemüth mannigfaltiger und, obgleich bloß vorübergehend, doch
inniglicher; ist aber freilich mehr Genuß als Cultur (das Gedankenspiel, was
nebenbei dadurch erregt wird, ist bloß die Wirkung einer gleichsam
mechanischen Association); und hat, durch Vernunft beurtheilt, weniger
Werth, als jede andere der schönen 10 Künste. Daher verlangt sie wie jeder
Genuß öftern Wechsel und hält die mehrmalige Wiederholung nicht aus,
ohne Überdruß zu erzeugen. Der Reiz derselben, der sich so allgemein
mittheilen läßt, scheint darauf 219 zu beruhen: daß jeder Ausdruck der
Sprache im Zusammenhange einen Ton hat, der dem Sinne desselben
angemessen ist; daß dieser Ton mehr 15 oder weniger einen Affect des
Sprechenden bezeichnet und gegenseitig auch im Hörenden hervorbringt,
wird sie doch dadurch verwerflich, daß auf diese Art die Maximen und
Gesinnungen subjectiv verderbt werden, wenn gleich die That objectiv
gesetzmäßig ist: 20 indem es nicht genug ist, das, was Recht ist, zu thun,
sondern es auch aus dem Grunde allein, weil es Recht ist, auszuüben. Auch
hat der bloße deutliche Begriff dieser Arten von menschlicher
Angelegenheit, mit einer 217 lebhaften Darstellung in Beispielen verbunden
und ohne Verstoß wider die Regeln des Wohllauts der Sprache, oder der
Wohlanständigkeit des 25 Ausdrucks für Ideen der Vernunft (die zusammen
die Wohlredenheit ausmachen), schon an sich hinreichenden Einfluß auf
menschliche Gemüther, als daß es nöthig wäre noch die Maschinen der
Überredung hiebei anzulegen; welche, da sie eben sowohl auch zur
Beschönigung oder Verdeckung des Lasters und Irrthums gebraucht werden
können, den geheimen Verdacht wegen 30 einer künstlichen Überlistung
nicht ganz vertilgen können. In der Dichtkunst geht alles ehrlich und
aufrichtig zu. Sie erklärt sich, ein bloßes unterhaltendes Spiel mit der
Einbildungskraft und zwar der Form nach einstimmig mit
Verstandesgesetzen treiben zu wollen; und verlangt nicht den Verstand
durch sinnliche Darstellung zu überschleichen und zu verstricken.[20] 35
Nach der Dichtkunst würde ich, w e n n e s u m R e i z u n d
B e w e g u n g 218 d e s G e m ü t h s z u t h u n i s t, diejenige, welche
ihr unter den redenden am nächsten kommt und sich damit auch sehr
natürlich vereinigen läßt, nämlich die T o n k u n s t, setzen. Denn ob sie
zwar durch lauter Empfindungen ohne Begriffe spricht, mithin nicht wie die
Poesie etwas zum Nachdenken 5 übrig bleiben läßt, so bewegt sie doch das
Gemüth mannigfaltiger und, obgleich bloß vorübergehend, doch
inniglicher; ist aber freilich mehr Genuß als Cultur (das Gedankenspiel, was
nebenbei dadurch erregt wird, ist bloß die Wirkung einer gleichsam
mechanischen Association); und hat, durch Vernunft beurtheilt, weniger
Werth, als jede andere der schönen 10 Künste. Daher verlangt sie wie jeder
Genuß öftern Wechsel und hält die mehrmalige Wiederholung nicht aus,
ohne Überdruß zu erzeugen. Der Reiz derselben, der sich so allgemein
mittheilen läßt, scheint darauf 219 zu beruhen: daß jeder Ausdruck der
Sprache im Zusammenhange einen Ton hat, der dem Sinne desselben
angemessen ist; daß dieser Ton mehr 15 oder weniger einen Affect des
Sprechenden bezeichnet und gegenseitig auch im Hörenden hervorbringt,
Page 208
der denn in diesem umgekehrt auch die Idee erregt, die in der Sprache mit
solchem Tone ausgedrückt wird; und daß, so wie die Modulation gleichsam
eine allgemeine jedem Menschen verständliche Sprache der Empfindungen
ist, die Tonkunst diese für sich 20 allein in ihrem ganzen Nachdrucke,
nämlich als Sprache der Affecten, ausübt und so nach dem Gesetze der
Association die damit natürlicher Weise verbundenen ästhetischen Ideen
allgemein mittheilt; daß aber, weil jene ästhetischen Ideen keine Begriffe
und bestimmte Gedanken sind, die Form der Zusammensetzung dieser
Empfindungen (Harmonie und Melodie) nur statt der Form einer Sprache
dazu dient, vermittelst einer proportionirten Stimmung derselben (welche,
weil sie bei Tönen auf dem Verhältniß der Zahl der Luftbebungen in
derselben Zeit, sofern die Töne zugleich oder 5 auch nach einander
verbunden werden, beruht, mathematisch unter gewisse Regeln gebracht
werden kann) die ästhetische Idee eines zusammenhängenden Ganzen einer
unnennbaren Gedankenfülle einem gewissen Thema gemäß, welches den in
dem Stücke herrschenden Affect ausmacht, auszudrücken. An dieser
mathematischen Form, obgleich nicht durch bestimmte 10 220 Begriffe
vorgestellt, hängt allein das Wohlgefallen, welches die bloße Reflexion über
eine solche Menge einander begleitender oder folgender Empfindungen mit
diesem Spiele derselben als für jedermann gültige Bedingung seiner
Schönheit verknüpft; und sie ist es allein, nach welcher der Geschmack sich
ein Recht über das Urtheil von jedermann zum voraus 15 auszusprechen
anmaßen darf.
Aber an dem Reize und der Gemüthsbewegung, welche die Musik
hervorbringt, hat die Mathematik sicherlich nicht den mindesten Antheil;
sondern sie ist nur die unumgängliche Bedingung (conditio sine qua non)
derjenigen Proportion der Eindrücke in ihrer Verbindung sowohl als 20
ihrem Wechsel, wodurch es möglich wird sie zusammen zu fassen und zu
verhindern, daß diese einander nicht zerstören, sondern zu einer
continuirlichen Bewegung und Belebung des Gemüths durch damit
consonirende Affecten und hiemit zu einem behaglichen Selbstgenusse
zusammenstimmen.
Wenn man dagegen den Werth der schönen Künste nach der Cultur 25
schätzt, die sie dem Gemüth verschaffen, und die Erweiterung der
Vermögen, welche in der Urtheilskraft zum Erkenntnisse zusammen
kommen müssen, zum Maßstabe nimmt: so hat Musik unter den schönen
solchem Tone ausgedrückt wird; und daß, so wie die Modulation gleichsam
eine allgemeine jedem Menschen verständliche Sprache der Empfindungen
ist, die Tonkunst diese für sich 20 allein in ihrem ganzen Nachdrucke,
nämlich als Sprache der Affecten, ausübt und so nach dem Gesetze der
Association die damit natürlicher Weise verbundenen ästhetischen Ideen
allgemein mittheilt; daß aber, weil jene ästhetischen Ideen keine Begriffe
und bestimmte Gedanken sind, die Form der Zusammensetzung dieser
Empfindungen (Harmonie und Melodie) nur statt der Form einer Sprache
dazu dient, vermittelst einer proportionirten Stimmung derselben (welche,
weil sie bei Tönen auf dem Verhältniß der Zahl der Luftbebungen in
derselben Zeit, sofern die Töne zugleich oder 5 auch nach einander
verbunden werden, beruht, mathematisch unter gewisse Regeln gebracht
werden kann) die ästhetische Idee eines zusammenhängenden Ganzen einer
unnennbaren Gedankenfülle einem gewissen Thema gemäß, welches den in
dem Stücke herrschenden Affect ausmacht, auszudrücken. An dieser
mathematischen Form, obgleich nicht durch bestimmte 10 220 Begriffe
vorgestellt, hängt allein das Wohlgefallen, welches die bloße Reflexion über
eine solche Menge einander begleitender oder folgender Empfindungen mit
diesem Spiele derselben als für jedermann gültige Bedingung seiner
Schönheit verknüpft; und sie ist es allein, nach welcher der Geschmack sich
ein Recht über das Urtheil von jedermann zum voraus 15 auszusprechen
anmaßen darf.
Aber an dem Reize und der Gemüthsbewegung, welche die Musik
hervorbringt, hat die Mathematik sicherlich nicht den mindesten Antheil;
sondern sie ist nur die unumgängliche Bedingung (conditio sine qua non)
derjenigen Proportion der Eindrücke in ihrer Verbindung sowohl als 20
ihrem Wechsel, wodurch es möglich wird sie zusammen zu fassen und zu
verhindern, daß diese einander nicht zerstören, sondern zu einer
continuirlichen Bewegung und Belebung des Gemüths durch damit
consonirende Affecten und hiemit zu einem behaglichen Selbstgenusse
zusammenstimmen.
Wenn man dagegen den Werth der schönen Künste nach der Cultur 25
schätzt, die sie dem Gemüth verschaffen, und die Erweiterung der
Vermögen, welche in der Urtheilskraft zum Erkenntnisse zusammen
kommen müssen, zum Maßstabe nimmt: so hat Musik unter den schönen
Page 209
Künsten sofern den untersten (so wie unter denen, die zugleich nach ihrer
Annehmlichkeit geschätzt werden, vielleicht den obersten) Platz, weil sie
bloß mit 30 Empfindungen spielt. Die bildenden Künste gehen ihr also in
diesem 221 Betracht weit vor; denn indem sie die Einbildungskraft in ein
freies und doch zugleich dem Verstande angemessenes Spiel versetzen, so
treiben sie zugleich ein Geschäft, indem sie ein Product zu Stande bringen,
welches den Verstandesbegriffen zu einem dauerhaften und für sie selbst
sich empfehlenden 35 Vehikel dient, die Vereinigung derselben mit der
Sinnlichkeit und so gleichsam die Urbanität der obern Erkenntnißkräfte zu
befördern. Beiderlei Art Künste nehmen einen ganz verschiedenen Gang:
die erstere von Empfindungen zu unbestimmten Ideen; die zweite Art aber
von bestimmten Ideen zu Empfindungen. Die letztern sind von
b l e i b e n d e m, die erstern nur von t r a n s i t o r i s c h e m Eindrucke. Die
Einbildungskraft kann jene zurückrufen und sich damit angenehm
unterhalten; diese aber 5 erlöschen entweder gänzlich, oder wenn sie
unwillkürlich von der Einbildungskraft wiederholt werden, sind sie uns eher
lästig als angenehm. Außerdem hängt der Musik ein gewisser Mangel der
Urbanität an, daß sie vornehmlich nach Beschaffenheit ihrer Instrumente
ihren Einfluß weiter, als man ihn verlangt, (auf die Nachbarschaft)
ausbreitet und so 10 sich gleichsam aufdringt, mithin der Freiheit andrer
außer der musikalischen Gesellschaft Abbruch thut; welches die Künste, die
zu den Augen reden, nicht thun, indem man seine Augen nur wegwenden
darf, wenn man ihren Eindruck nicht einlassen will. Es ist hiemit fast so,
wie mit 222 der Ergötzung durch einen sich weit ausbreitenden Geruch
bewandt. Der, 15 welcher sein parfümirtes Schnupftuch aus der Tasche
zieht, tractirt alle um und neben sich wider ihren Willen und nöthigt sie,
wenn sie athmen wollen, zugleich zu genießen; daher es auch aus der Mode
gekommen ist.[21] — Unter den bildenden Künsten würde ich der
M a l e r e i den Vorzug geben: theils weil sie als Zeichnungskunst allen
übrigen bildenden zum 20 Grunde liegt; theils weil sie weit mehr in die
Region der Ideen eindringen und auch das Feld der Anschauung diesen
gemäß mehr erweitern kann, als es den übrigen verstattet ist.
Annehmlichkeit geschätzt werden, vielleicht den obersten) Platz, weil sie
bloß mit 30 Empfindungen spielt. Die bildenden Künste gehen ihr also in
diesem 221 Betracht weit vor; denn indem sie die Einbildungskraft in ein
freies und doch zugleich dem Verstande angemessenes Spiel versetzen, so
treiben sie zugleich ein Geschäft, indem sie ein Product zu Stande bringen,
welches den Verstandesbegriffen zu einem dauerhaften und für sie selbst
sich empfehlenden 35 Vehikel dient, die Vereinigung derselben mit der
Sinnlichkeit und so gleichsam die Urbanität der obern Erkenntnißkräfte zu
befördern. Beiderlei Art Künste nehmen einen ganz verschiedenen Gang:
die erstere von Empfindungen zu unbestimmten Ideen; die zweite Art aber
von bestimmten Ideen zu Empfindungen. Die letztern sind von
b l e i b e n d e m, die erstern nur von t r a n s i t o r i s c h e m Eindrucke. Die
Einbildungskraft kann jene zurückrufen und sich damit angenehm
unterhalten; diese aber 5 erlöschen entweder gänzlich, oder wenn sie
unwillkürlich von der Einbildungskraft wiederholt werden, sind sie uns eher
lästig als angenehm. Außerdem hängt der Musik ein gewisser Mangel der
Urbanität an, daß sie vornehmlich nach Beschaffenheit ihrer Instrumente
ihren Einfluß weiter, als man ihn verlangt, (auf die Nachbarschaft)
ausbreitet und so 10 sich gleichsam aufdringt, mithin der Freiheit andrer
außer der musikalischen Gesellschaft Abbruch thut; welches die Künste, die
zu den Augen reden, nicht thun, indem man seine Augen nur wegwenden
darf, wenn man ihren Eindruck nicht einlassen will. Es ist hiemit fast so,
wie mit 222 der Ergötzung durch einen sich weit ausbreitenden Geruch
bewandt. Der, 15 welcher sein parfümirtes Schnupftuch aus der Tasche
zieht, tractirt alle um und neben sich wider ihren Willen und nöthigt sie,
wenn sie athmen wollen, zugleich zu genießen; daher es auch aus der Mode
gekommen ist.[21] — Unter den bildenden Künsten würde ich der
M a l e r e i den Vorzug geben: theils weil sie als Zeichnungskunst allen
übrigen bildenden zum 20 Grunde liegt; theils weil sie weit mehr in die
Region der Ideen eindringen und auch das Feld der Anschauung diesen
gemäß mehr erweitern kann, als es den übrigen verstattet ist.
Page 210
§ 54.
Anmerkung. 25
Zwischen dem, w a s b l o ß i n d e r B e u r t h e i l u n g g e f ä l l t, und
dem, was v e r g n ü g t (in der Empfindung gefällt), ist, wie wir oft gezeigt
haben, ein wesentlicher Unterschied. Das letztere ist etwas, welches man
nicht so, wie das erstere jedermann ansinnen kann. Vergnügen (die Ursache
desselben mag immerhin auch in Ideen liegen) scheint jederzeit in 30
einem Gefühl der Beförderung des gesammten Lebens des Menschen,
mithin auch des körperlichen Wohlbefindens, d. i. der Gesundheit, zu
bestehen; 223 so daß E p i k u r, der alles Vergnügen im Grunde für
körperliche Empfindung ausgab, sofern vielleicht nicht Unrecht haben mag
und sich nur selbst mißverstand, wenn er das intellectuelle und selbst
praktische Wohlgefallen 5 zu den Vergnügen zählte. Wenn man den letztern
Unterschied vor Augen hat, so kann man sich erklären, wie ein Vergnügen
dem, der es empfindet, selbst mißfallen könne (wie die Freude eines
dürftigen, aber wohldenkenden Menschen über die Erbschaft von seinem
ihn liebenden, aber kargen Vater), oder wie ein tiefer Schmerz dem, der ihn
leidet, doch gefallen 10 könne (die Traurigkeit einer Wittwe über ihres
verdienstvollen Mannes Tod), oder wie ein Vergnügen obenein noch
gefallen könne (wie das an Wissenschaften, die wir treiben), oder ein
Schmerz (z. B. Haß, Neid und Rachgierde) uns noch dazu mißfallen könne.
Das Wohlgefallen oder Mißfallen beruht hier auf der Vernunft und ist mit
der B i l l i g u n g oder 15 M i ß b i l l i g u n g einerlei; Vergnügen und
Schmerz aber können nur auf dem Gefühl oder der Aussicht auf ein (aus
welchem Grunde es auch sei) mögliches W o h l - oder Ü b e l b e f i n d e n
beruhen.
Alles wechselnde freie Spiel der Empfindungen (die keine Absicht zum
Grunde haben) vergnügt, weil es das Gefühl der Gesundheit befördert: 20
wir mögen nun in der Vernunftbeurtheilung an seinem Gegenstande und
selbst an diesem Vergnügen ein Wohlgefallen haben oder nicht; und dieses
Vergnügen kann bis zum Affect steigen, obgleich wir an dem Gegenstande
selbst kein Interesse, wenigstens kein solches nehmen, was dem Grad des
letztern proportionirt wäre. Wir können sie ins G l ü c k s s p i e l,
T o n s p i e l 25 und G e d a n k e n s p i e l eintheilen. Das e r s t e fordert ein
Anmerkung. 25
Zwischen dem, w a s b l o ß i n d e r B e u r t h e i l u n g g e f ä l l t, und
dem, was v e r g n ü g t (in der Empfindung gefällt), ist, wie wir oft gezeigt
haben, ein wesentlicher Unterschied. Das letztere ist etwas, welches man
nicht so, wie das erstere jedermann ansinnen kann. Vergnügen (die Ursache
desselben mag immerhin auch in Ideen liegen) scheint jederzeit in 30
einem Gefühl der Beförderung des gesammten Lebens des Menschen,
mithin auch des körperlichen Wohlbefindens, d. i. der Gesundheit, zu
bestehen; 223 so daß E p i k u r, der alles Vergnügen im Grunde für
körperliche Empfindung ausgab, sofern vielleicht nicht Unrecht haben mag
und sich nur selbst mißverstand, wenn er das intellectuelle und selbst
praktische Wohlgefallen 5 zu den Vergnügen zählte. Wenn man den letztern
Unterschied vor Augen hat, so kann man sich erklären, wie ein Vergnügen
dem, der es empfindet, selbst mißfallen könne (wie die Freude eines
dürftigen, aber wohldenkenden Menschen über die Erbschaft von seinem
ihn liebenden, aber kargen Vater), oder wie ein tiefer Schmerz dem, der ihn
leidet, doch gefallen 10 könne (die Traurigkeit einer Wittwe über ihres
verdienstvollen Mannes Tod), oder wie ein Vergnügen obenein noch
gefallen könne (wie das an Wissenschaften, die wir treiben), oder ein
Schmerz (z. B. Haß, Neid und Rachgierde) uns noch dazu mißfallen könne.
Das Wohlgefallen oder Mißfallen beruht hier auf der Vernunft und ist mit
der B i l l i g u n g oder 15 M i ß b i l l i g u n g einerlei; Vergnügen und
Schmerz aber können nur auf dem Gefühl oder der Aussicht auf ein (aus
welchem Grunde es auch sei) mögliches W o h l - oder Ü b e l b e f i n d e n
beruhen.
Alles wechselnde freie Spiel der Empfindungen (die keine Absicht zum
Grunde haben) vergnügt, weil es das Gefühl der Gesundheit befördert: 20
wir mögen nun in der Vernunftbeurtheilung an seinem Gegenstande und
selbst an diesem Vergnügen ein Wohlgefallen haben oder nicht; und dieses
Vergnügen kann bis zum Affect steigen, obgleich wir an dem Gegenstande
selbst kein Interesse, wenigstens kein solches nehmen, was dem Grad des
letztern proportionirt wäre. Wir können sie ins G l ü c k s s p i e l,
T o n s p i e l 25 und G e d a n k e n s p i e l eintheilen. Das e r s t e fordert ein
Page 211
I n t e r e s s e, es sei der Eitelkeit oder des Eigennutzes, welches aber bei
weitem nicht so groß ist, als das Interesse an der Art, wie wir es uns zu
verschaffen suchen; 224 das z w e i t e bloß den Wechsel der
E m p f i n d u n g e n, deren jede ihre Beziehung auf Affect, aber ohne den
Grad eines Affects hat und ästhetische 30 Ideen rege macht; das d r i t t e
entspringt bloß aus dem Wechsel der Vorstellungen in der Urtheilskraft,
wodurch zwar kein Gedanke, der irgend ein Interesse bei sich führte,
erzeugt, das Gemüth aber doch belebt wird.
Wie vergnügend die Spiele sein müssen, ohne daß man nöthig hätte
interessirte Absicht dabei zum Grunde zu legen, zeigen alle unsere
Abendgesellschaften; 35 denn ohne Spiel kann sich beinahe keine
unterhalten. Aber die Affecten der Hoffnung, der Furcht, der Freude, des
Zorns, des Hohns spielen dabei, indem sie jeden Augenblick ihre Rolle
wechseln, und sind so lebhaft, daß dadurch als eine innere Motion das
ganze Lebensgeschäft im Körper befördert zu sein scheint, wie eine
dadurch erzeugte Munterkeit des Gemüths es beweist, obgleich weder
etwas gewonnen noch gelernt worden. Aber da das Glücksspiel kein
schönes Spiel ist, so wollen wir es hier bei 5 Seite setzen. Hingegen Musik
und Stoff zum Lachen sind zweierlei Arten des Spiels mit ästhetischen
Ideen, oder auch Verstandesvorstellungen, wodurch am Ende nichts gedacht
wird, und die bloß durch ihren Wechsel und dennoch lebhaft vergnügen
können; wodurch sie ziemlich klar zu erkennen geben, daß die Belebung in
beiden bloß körperlich sei, ob sie gleich von 10 Ideen des Gemüths erregt
wird, und daß das Gefühl der Gesundheit durch eine jenem Spiele
correspondirende Bewegung der Eingeweide das ganze, für so fein und
geistvoll gepriesene Vergnügen einer aufgeweckten Gesellschaft ausmacht.
Nicht die Beurtheilung der Harmonie in Tönen oder Witzeinfällen, die mit
ihrer Schönheit nur zum nothwendigen Vehikel 15 dient, sondern das
beförderte Lebensgeschäft im Körper, der Affect, der die 225 Eingeweide
und das Zwerchfell bewegt, mit einem Worte das Gefühl der Gesundheit
(welche sich ohne solche Veranlassung sonst nicht fühlen läßt), machen das
Vergnügen aus, welches man daran findet, daß man dem Körper auch durch
die Seele beikommen und diese zum Arzt von jenem 20 brauchen kann.
In der Musik geht dieses Spiel von der Empfindung des Körpers zu
ästhetischen Ideen (der Objecte für Affecten), von diesen alsdann wieder
zurück, aber mit vereinigter Kraft auf den Körper. Im Scherze (der eben
weitem nicht so groß ist, als das Interesse an der Art, wie wir es uns zu
verschaffen suchen; 224 das z w e i t e bloß den Wechsel der
E m p f i n d u n g e n, deren jede ihre Beziehung auf Affect, aber ohne den
Grad eines Affects hat und ästhetische 30 Ideen rege macht; das d r i t t e
entspringt bloß aus dem Wechsel der Vorstellungen in der Urtheilskraft,
wodurch zwar kein Gedanke, der irgend ein Interesse bei sich führte,
erzeugt, das Gemüth aber doch belebt wird.
Wie vergnügend die Spiele sein müssen, ohne daß man nöthig hätte
interessirte Absicht dabei zum Grunde zu legen, zeigen alle unsere
Abendgesellschaften; 35 denn ohne Spiel kann sich beinahe keine
unterhalten. Aber die Affecten der Hoffnung, der Furcht, der Freude, des
Zorns, des Hohns spielen dabei, indem sie jeden Augenblick ihre Rolle
wechseln, und sind so lebhaft, daß dadurch als eine innere Motion das
ganze Lebensgeschäft im Körper befördert zu sein scheint, wie eine
dadurch erzeugte Munterkeit des Gemüths es beweist, obgleich weder
etwas gewonnen noch gelernt worden. Aber da das Glücksspiel kein
schönes Spiel ist, so wollen wir es hier bei 5 Seite setzen. Hingegen Musik
und Stoff zum Lachen sind zweierlei Arten des Spiels mit ästhetischen
Ideen, oder auch Verstandesvorstellungen, wodurch am Ende nichts gedacht
wird, und die bloß durch ihren Wechsel und dennoch lebhaft vergnügen
können; wodurch sie ziemlich klar zu erkennen geben, daß die Belebung in
beiden bloß körperlich sei, ob sie gleich von 10 Ideen des Gemüths erregt
wird, und daß das Gefühl der Gesundheit durch eine jenem Spiele
correspondirende Bewegung der Eingeweide das ganze, für so fein und
geistvoll gepriesene Vergnügen einer aufgeweckten Gesellschaft ausmacht.
Nicht die Beurtheilung der Harmonie in Tönen oder Witzeinfällen, die mit
ihrer Schönheit nur zum nothwendigen Vehikel 15 dient, sondern das
beförderte Lebensgeschäft im Körper, der Affect, der die 225 Eingeweide
und das Zwerchfell bewegt, mit einem Worte das Gefühl der Gesundheit
(welche sich ohne solche Veranlassung sonst nicht fühlen läßt), machen das
Vergnügen aus, welches man daran findet, daß man dem Körper auch durch
die Seele beikommen und diese zum Arzt von jenem 20 brauchen kann.
In der Musik geht dieses Spiel von der Empfindung des Körpers zu
ästhetischen Ideen (der Objecte für Affecten), von diesen alsdann wieder
zurück, aber mit vereinigter Kraft auf den Körper. Im Scherze (der eben
Page 212
sowohl wie jene eher zur angenehmen, als schönen Kunst gezählt zu
werden 25 verdient) hebt das Spiel von Gedanken an, die insgesammt,
sofern sie sich sinnlich ausdrücken wollen, auch den Körper beschäftigen;
und indem der Verstand in dieser Darstellung, worin er das Erwartete nicht
findet, plötzlich nachläßt, so fühlt man die Wirkung dieser Nachlassung im
Körper durch die Schwingung der Organen, welche die Herstellung ihres
Gleichgewichts 30 befördert und auf die Gesundheit einen wohlthätigen
Einfluß hat.
Es muß in allem, was ein lebhaftes, erschütterndes Lachen erregen soll,
etwas Widersinniges sein (woran also der Verstand an sich kein
Wohlgefallen finden kann). D a s L a c h e n i s t e i n A f f e c t a u s
d e r p l ö t z l i c h e n Ve r w a n d l u n g e i n e r g e s p a n n t e n
E r w a r t u n g i n n i c h t s . 35 Eben diese Verwandlung, die für den
Verstand gewiß nicht erfreulich ist, erfreuet doch indirekt auf einen
Augenblick sehr lebhaft. Also muß die Ursache in dem Einflusse der
Vorstellung auf den Körper und dessen Wechselwirkung auf das Gemüth
bestehen; und zwar nicht, sofern die Vorstellung objectiv ein Gegenstand
des Vergnügens ist (denn wie kann eine getäuschte Erwartung vergnügen?),
sondern lediglich dadurch, daß sie als 226 bloßes Spiel der Vorstellungen ein
Gleichgewicht der Lebenskräfte im 5 Körper hervorbringt.
Wenn jemand erzählt: daß ein Indianer, der an der Tafel eines Engländers in
Surate eine Bouteille mit Ale öffnen und alles dies Bier, in Schaum
verwandelt, herausdringen sah, mit vielen Ausrufungen seine große
Verwunderung anzeigte und auf die Frage des Engländers: Was 10 ist denn
hier sich so sehr zu verwundern? antwortete: Ich wundere mich auch nicht
darüber, daß es herausgeht, sondern wie ihrs habt herein kriegen können, so
lachen wir, und es macht uns eine herzliche Lust: nicht weil wir uns etwa
klüger finden als diesen Unwissenden, oder sonst über etwas, was uns der
Verstand hierin Wohlgefälliges bemerken ließe; sondern unsre 15
Erwartung war gespannt und verschwindet plötzlich in Nichts. Oder wenn
der Erbe eines reichen Verwandten diesem sein Leichenbegängniß recht
feierlich veranstalten will, aber klagt, daß es ihm hiemit nicht recht gelingen
wolle; denn (sagt er): je mehr ich meinen Trauerleuten Geld gebe, betrübt
auszusehen, desto lustiger sehen sie aus, so lachen wir laut, und der Grund
20 liegt darin, daß eine Erwartung sich plötzlich in Nichts verwandelt. Man
muß wohl bemerken: daß sie sich nicht in das positive Gegentheil eines
werden 25 verdient) hebt das Spiel von Gedanken an, die insgesammt,
sofern sie sich sinnlich ausdrücken wollen, auch den Körper beschäftigen;
und indem der Verstand in dieser Darstellung, worin er das Erwartete nicht
findet, plötzlich nachläßt, so fühlt man die Wirkung dieser Nachlassung im
Körper durch die Schwingung der Organen, welche die Herstellung ihres
Gleichgewichts 30 befördert und auf die Gesundheit einen wohlthätigen
Einfluß hat.
Es muß in allem, was ein lebhaftes, erschütterndes Lachen erregen soll,
etwas Widersinniges sein (woran also der Verstand an sich kein
Wohlgefallen finden kann). D a s L a c h e n i s t e i n A f f e c t a u s
d e r p l ö t z l i c h e n Ve r w a n d l u n g e i n e r g e s p a n n t e n
E r w a r t u n g i n n i c h t s . 35 Eben diese Verwandlung, die für den
Verstand gewiß nicht erfreulich ist, erfreuet doch indirekt auf einen
Augenblick sehr lebhaft. Also muß die Ursache in dem Einflusse der
Vorstellung auf den Körper und dessen Wechselwirkung auf das Gemüth
bestehen; und zwar nicht, sofern die Vorstellung objectiv ein Gegenstand
des Vergnügens ist (denn wie kann eine getäuschte Erwartung vergnügen?),
sondern lediglich dadurch, daß sie als 226 bloßes Spiel der Vorstellungen ein
Gleichgewicht der Lebenskräfte im 5 Körper hervorbringt.
Wenn jemand erzählt: daß ein Indianer, der an der Tafel eines Engländers in
Surate eine Bouteille mit Ale öffnen und alles dies Bier, in Schaum
verwandelt, herausdringen sah, mit vielen Ausrufungen seine große
Verwunderung anzeigte und auf die Frage des Engländers: Was 10 ist denn
hier sich so sehr zu verwundern? antwortete: Ich wundere mich auch nicht
darüber, daß es herausgeht, sondern wie ihrs habt herein kriegen können, so
lachen wir, und es macht uns eine herzliche Lust: nicht weil wir uns etwa
klüger finden als diesen Unwissenden, oder sonst über etwas, was uns der
Verstand hierin Wohlgefälliges bemerken ließe; sondern unsre 15
Erwartung war gespannt und verschwindet plötzlich in Nichts. Oder wenn
der Erbe eines reichen Verwandten diesem sein Leichenbegängniß recht
feierlich veranstalten will, aber klagt, daß es ihm hiemit nicht recht gelingen
wolle; denn (sagt er): je mehr ich meinen Trauerleuten Geld gebe, betrübt
auszusehen, desto lustiger sehen sie aus, so lachen wir laut, und der Grund
20 liegt darin, daß eine Erwartung sich plötzlich in Nichts verwandelt. Man
muß wohl bemerken: daß sie sich nicht in das positive Gegentheil eines
Page 213
erwarteten Gegenstandes — denn das ist immer Etwas und kann oft
betrüben, — sondern in Nichts verwandeln müsse. Denn wenn jemand uns
mit der Erzählung einer Geschichte große Erwartung erregt, und wir beim
25 Schlusse die Unwahrheit derselben sofort einsehen, so macht es uns
Mißfallen; wie z. B. die von Leuten, welche vor großem Gram in einer
Nacht graue Haare bekommen haben sollen. Dagegen wenn auf eine
dergleichen Erzählung zur Erwiderung ein anderer Schalk sehr umständlich
den Gram eines Kaufmanns erzählt, der, aus Indien mit allem seinem
Vermögen 30 227 in Waaren nach Europa zurückkehrend, in einem
schweren Sturm alles über Bord zu werfen genöthigt wurde und sich
dermaßen grämte, daß ihm darüber in derselben Nacht die P e r r ü k e grau
ward: so lachen wir, und es macht uns Vergnügen, weil wir unsern eignen
Mißgriff nach einem für uns übrigens gleichgültigen Gegenstande, oder
vielmehr unsere 35 verfolgte Idee wie einen Ball noch eine Zeit lang hin-
und herschlagen, indem wir bloß gemeint sind ihn zu greifen und fest zu
halten. Es ist hier nicht die Abfertigung eines Lügners oder Dummkopfs,
welche das Vergnügen erweckt: denn auch für sich würde die letztere mit
angenommenem Ernst erzählte Geschichte eine Gesellschaft in ein helles
Lachen versetzen; und jenes wäre gewöhnlichermaßen auch der
Aufmerksamkeit nicht werth. 5 .
Merkwürdig ist: daß in allen solchen Fällen der Spaß immer etwas in sich
enthalten muß, welches auf einen Augenblick täuschen kann; daher wenn
der Schein in Nichts verschwindet, das Gemüth wieder zurücksieht, um es
mit ihm noch einmal zu versuchen, und so durch schnell hinter einander
folgende Anspannung und Abspannung hin- und zurückgeschnellt 10 und
in Schwankung gesetzt wird: die, weil der Absprung von dem, was
gleichsam die Saite anzog, plötzlich (nicht durch ein allmähliges
Nachlassen) geschah, eine Gemüthsbewegung und mit ihr harmonirende
inwendige körperliche Bewegung verursachen muß, die unwillkürlich
fortdauert und Ermüdung, dabei aber auch Aufheiterung (die Wirkungen
einer zur Gesundheit 15 gereichenden Motion) hervorbringt.
Denn wenn man annimmt, daß mit allen unsern Gedanken zugleich irgend
eine Bewegung in den Organen des Körpers harmonisch verbunden sei: so
wird man so ziemlich begreifen, wie jener plötzlichen Versetzung des
Gemüths bald in einen, bald in den andern Standpunkt, um seinen
Gegenstand 20 228 zu betrachten, eine wechselseitige Anspannung und
betrüben, — sondern in Nichts verwandeln müsse. Denn wenn jemand uns
mit der Erzählung einer Geschichte große Erwartung erregt, und wir beim
25 Schlusse die Unwahrheit derselben sofort einsehen, so macht es uns
Mißfallen; wie z. B. die von Leuten, welche vor großem Gram in einer
Nacht graue Haare bekommen haben sollen. Dagegen wenn auf eine
dergleichen Erzählung zur Erwiderung ein anderer Schalk sehr umständlich
den Gram eines Kaufmanns erzählt, der, aus Indien mit allem seinem
Vermögen 30 227 in Waaren nach Europa zurückkehrend, in einem
schweren Sturm alles über Bord zu werfen genöthigt wurde und sich
dermaßen grämte, daß ihm darüber in derselben Nacht die P e r r ü k e grau
ward: so lachen wir, und es macht uns Vergnügen, weil wir unsern eignen
Mißgriff nach einem für uns übrigens gleichgültigen Gegenstande, oder
vielmehr unsere 35 verfolgte Idee wie einen Ball noch eine Zeit lang hin-
und herschlagen, indem wir bloß gemeint sind ihn zu greifen und fest zu
halten. Es ist hier nicht die Abfertigung eines Lügners oder Dummkopfs,
welche das Vergnügen erweckt: denn auch für sich würde die letztere mit
angenommenem Ernst erzählte Geschichte eine Gesellschaft in ein helles
Lachen versetzen; und jenes wäre gewöhnlichermaßen auch der
Aufmerksamkeit nicht werth. 5 .
Merkwürdig ist: daß in allen solchen Fällen der Spaß immer etwas in sich
enthalten muß, welches auf einen Augenblick täuschen kann; daher wenn
der Schein in Nichts verschwindet, das Gemüth wieder zurücksieht, um es
mit ihm noch einmal zu versuchen, und so durch schnell hinter einander
folgende Anspannung und Abspannung hin- und zurückgeschnellt 10 und
in Schwankung gesetzt wird: die, weil der Absprung von dem, was
gleichsam die Saite anzog, plötzlich (nicht durch ein allmähliges
Nachlassen) geschah, eine Gemüthsbewegung und mit ihr harmonirende
inwendige körperliche Bewegung verursachen muß, die unwillkürlich
fortdauert und Ermüdung, dabei aber auch Aufheiterung (die Wirkungen
einer zur Gesundheit 15 gereichenden Motion) hervorbringt.
Denn wenn man annimmt, daß mit allen unsern Gedanken zugleich irgend
eine Bewegung in den Organen des Körpers harmonisch verbunden sei: so
wird man so ziemlich begreifen, wie jener plötzlichen Versetzung des
Gemüths bald in einen, bald in den andern Standpunkt, um seinen
Gegenstand 20 228 zu betrachten, eine wechselseitige Anspannung und
Page 214
Loslassung der elastischen Theile unserer Eingeweide, die sich dem
Zwerchfell mittheilt, correspondiren könne (gleich derjenigen, welche
kitzliche Leute fühlen): wobei die Lunge die Luft mit schnell einander
folgenden Absätzen ausstößt und so eine der Gesundheit zuträgliche
Bewegung bewirkt, welche allein 25 und nicht das, was im Gemüthe
vorgeht, die eigentliche Ursache des Vergnügens an einem Gedanken ist,
der im Grunde nichts vorstellt. — Voltaire sagte, der Himmel habe uns zum
Gegengewicht gegen die vielen Mühseligkeiten des Lebens zwei Dinge
gegeben: die H o f f n u n g und den S c h l a f. Er hätte noch das L a c h e n
dazu rechnen können; wenn die Mittel 30 es bei Vernünftigen zu erregen
nur so leicht bei der Hand wären, und der Witz oder die Originalität der
Laune, die dazu erforderlich sind, nicht ebenso selten wären, als häufig das
Talent ist, k o p f b r e c h e n d wie mystische Grübler, h a l s b r e c h e n d
wie Genies, oder h e r z b r e c h e n d wie empfindsame Romanschreiber
(auch wohl dergleichen Moralisten) zu dichten. 35
Man kann also, wie mich dünkt, dem Epikur wohl einräumen: daß alles
Vergnügen, wenn es gleich durch Begriffe veranlaßt wird, welche
ästhetische Ideen erwecken, a n i m a l i s c h e, d. i. körperliche,
Empfindung sei; ohne dadurch dem g e i s t i g e n Gefühl der Achtung für
moralische Ideen, welches kein Vergnügen ist, sondern eine
Selbstschätzung (der Menschheit in uns), die uns über das Bedürfniß
desselben erhebt, ja selbst nicht einmal dem minder edlen des
G e s c h m a c k s im mindesten Abbruch zu thun. 5
Etwas aus beiden Zusammengesetztes findet sich in der N a i v i t ä t, die der
Ausbruch der der Menschheit ursprünglich natürlichen Aufrichtigkeit wider
die zur andern Natur gewordene Verstellungskunst ist. Man 229 lacht über
die Einfalt, die es noch nicht versteht sich zu verstellen; und erfreut sich
doch auch über die Einfalt der Natur, die jener Kunst hier einen 10
Querstrich spielt. Man erwartete die alltägliche Sitte der gekünstelten und
auf den schönen Schein vorsichtig angelegten Äußerung; und siehe! es ist
die unverdorbne, schuldlose Natur, die man anzutreffen gar nicht gewärtig
und die der, welcher sie blicken ließ, zu entblößen auch nicht gemeint war.
Daß der schöne, aber falsche Schein, der gewöhnlich in unserm Urtheile 15
sehr viel bedeutet, hier plötzlich in Nichts verwandelt, daß gleichsam der
Schalk in uns selbst bloßgestellt wird, bringt die Bewegung des Gemüths
nach zwei entgegengesetzten Richtungen nach einander hervor, die zugleich
Zwerchfell mittheilt, correspondiren könne (gleich derjenigen, welche
kitzliche Leute fühlen): wobei die Lunge die Luft mit schnell einander
folgenden Absätzen ausstößt und so eine der Gesundheit zuträgliche
Bewegung bewirkt, welche allein 25 und nicht das, was im Gemüthe
vorgeht, die eigentliche Ursache des Vergnügens an einem Gedanken ist,
der im Grunde nichts vorstellt. — Voltaire sagte, der Himmel habe uns zum
Gegengewicht gegen die vielen Mühseligkeiten des Lebens zwei Dinge
gegeben: die H o f f n u n g und den S c h l a f. Er hätte noch das L a c h e n
dazu rechnen können; wenn die Mittel 30 es bei Vernünftigen zu erregen
nur so leicht bei der Hand wären, und der Witz oder die Originalität der
Laune, die dazu erforderlich sind, nicht ebenso selten wären, als häufig das
Talent ist, k o p f b r e c h e n d wie mystische Grübler, h a l s b r e c h e n d
wie Genies, oder h e r z b r e c h e n d wie empfindsame Romanschreiber
(auch wohl dergleichen Moralisten) zu dichten. 35
Man kann also, wie mich dünkt, dem Epikur wohl einräumen: daß alles
Vergnügen, wenn es gleich durch Begriffe veranlaßt wird, welche
ästhetische Ideen erwecken, a n i m a l i s c h e, d. i. körperliche,
Empfindung sei; ohne dadurch dem g e i s t i g e n Gefühl der Achtung für
moralische Ideen, welches kein Vergnügen ist, sondern eine
Selbstschätzung (der Menschheit in uns), die uns über das Bedürfniß
desselben erhebt, ja selbst nicht einmal dem minder edlen des
G e s c h m a c k s im mindesten Abbruch zu thun. 5
Etwas aus beiden Zusammengesetztes findet sich in der N a i v i t ä t, die der
Ausbruch der der Menschheit ursprünglich natürlichen Aufrichtigkeit wider
die zur andern Natur gewordene Verstellungskunst ist. Man 229 lacht über
die Einfalt, die es noch nicht versteht sich zu verstellen; und erfreut sich
doch auch über die Einfalt der Natur, die jener Kunst hier einen 10
Querstrich spielt. Man erwartete die alltägliche Sitte der gekünstelten und
auf den schönen Schein vorsichtig angelegten Äußerung; und siehe! es ist
die unverdorbne, schuldlose Natur, die man anzutreffen gar nicht gewärtig
und die der, welcher sie blicken ließ, zu entblößen auch nicht gemeint war.
Daß der schöne, aber falsche Schein, der gewöhnlich in unserm Urtheile 15
sehr viel bedeutet, hier plötzlich in Nichts verwandelt, daß gleichsam der
Schalk in uns selbst bloßgestellt wird, bringt die Bewegung des Gemüths
nach zwei entgegengesetzten Richtungen nach einander hervor, die zugleich
Page 215
den Körper heilsam schüttelt. Daß aber etwas, was unendlich besser als alle
angenommene Sitte ist, die Lauterkeit der Denkungsart (wenigstens 20 die
Anlage dazu), doch nicht ganz in der menschlichen Natur erloschen ist,
mischt Ernst und Hochschätzung in dieses Spiel der Urtheilskraft. Weil es
aber nur eine auf kurze Zeit sich hervorthuende Erscheinung ist, und die
Decke der Verstellungskunst bald wieder vorgezogen wird: so mengt sich
zugleich ein Bedauren darunter, welches eine Rührung der Zärtlichkeit 25
ist, die sich als Spiel mit einem solchen gutherzigen Lachen sehr wohl
verbinden läßt und auch wirklich damit gewöhnlich verbindet, zugleich
auch demjenigen, der den Stoff dazu hergiebt, die Verlegenheit darüber, daß
er noch nicht nach Menschenweise gewitzigt ist, zu vergüten pflegt. — Eine
Kunst, n a i v zu sein, ist daher ein Widerspruch; allein die Naivität in 30
einer erdichteten Person vorzustellen, ist wohl möglich und schöne, obzwar
auch seltene Kunst. Mit der Naivität muß offenherzige Einfalt, welche die
Natur nur darum nicht verkünstelt, weil sie sich darauf nicht versteht, 230
was Kunst des Umganges sei, nicht verwechselt werden.
Zu dem, was aufmunternd, mit dem Vergnügen aus dem Lachen 35 nahe
verwandt und zur Originalität des Geistes, aber eben nicht zum Talent der
schönen Kunst gehörig ist, kann auch die l a u n i c h t e Manier gezählt
werden. L a u n e im guten Verstande bedeutet nämlich das Talent, sich
willkürlich in eine gewisse Gemüthsdisposition versetzen zu können, in der
alle Dinge ganz anders als gewöhnlich (sogar umgekehrt) und doch
gewissen Vernunftprincipien in einer solchen Gemüthsstimmung gemäß
beurtheilt werden. Wer solchen Veränderungen unwillkürlich unterworfen
5 ist, ist l a u n i s c h; wer sie aber willkürlich und zweckmäßig (zum Behuf
einer lebhaften Darstellung vermittelst eines Lachen erregenden Contrastes)
anzunehmen vermag, der und sein Vortrag heißt l a u n i c h t. Diese Manier
gehört indeß mehr zur angenehmen als schönen Kunst, weil der Gegenstand
der letztern immer einige Würde an sich zeigen muß und daher einen 10
gewissen Ernst in der Darstellung, so wie der Geschmack in der
Beurtheilung erfordert.
angenommene Sitte ist, die Lauterkeit der Denkungsart (wenigstens 20 die
Anlage dazu), doch nicht ganz in der menschlichen Natur erloschen ist,
mischt Ernst und Hochschätzung in dieses Spiel der Urtheilskraft. Weil es
aber nur eine auf kurze Zeit sich hervorthuende Erscheinung ist, und die
Decke der Verstellungskunst bald wieder vorgezogen wird: so mengt sich
zugleich ein Bedauren darunter, welches eine Rührung der Zärtlichkeit 25
ist, die sich als Spiel mit einem solchen gutherzigen Lachen sehr wohl
verbinden läßt und auch wirklich damit gewöhnlich verbindet, zugleich
auch demjenigen, der den Stoff dazu hergiebt, die Verlegenheit darüber, daß
er noch nicht nach Menschenweise gewitzigt ist, zu vergüten pflegt. — Eine
Kunst, n a i v zu sein, ist daher ein Widerspruch; allein die Naivität in 30
einer erdichteten Person vorzustellen, ist wohl möglich und schöne, obzwar
auch seltene Kunst. Mit der Naivität muß offenherzige Einfalt, welche die
Natur nur darum nicht verkünstelt, weil sie sich darauf nicht versteht, 230
was Kunst des Umganges sei, nicht verwechselt werden.
Zu dem, was aufmunternd, mit dem Vergnügen aus dem Lachen 35 nahe
verwandt und zur Originalität des Geistes, aber eben nicht zum Talent der
schönen Kunst gehörig ist, kann auch die l a u n i c h t e Manier gezählt
werden. L a u n e im guten Verstande bedeutet nämlich das Talent, sich
willkürlich in eine gewisse Gemüthsdisposition versetzen zu können, in der
alle Dinge ganz anders als gewöhnlich (sogar umgekehrt) und doch
gewissen Vernunftprincipien in einer solchen Gemüthsstimmung gemäß
beurtheilt werden. Wer solchen Veränderungen unwillkürlich unterworfen
5 ist, ist l a u n i s c h; wer sie aber willkürlich und zweckmäßig (zum Behuf
einer lebhaften Darstellung vermittelst eines Lachen erregenden Contrastes)
anzunehmen vermag, der und sein Vortrag heißt l a u n i c h t. Diese Manier
gehört indeß mehr zur angenehmen als schönen Kunst, weil der Gegenstand
der letztern immer einige Würde an sich zeigen muß und daher einen 10
gewissen Ernst in der Darstellung, so wie der Geschmack in der
Beurtheilung erfordert.
Page 216
Der Kritik der ästhetischen Urtheilskraft 231
Zweiter Abschnitt.
Die Dialektik der ästhetischen Urtheilskraft.
§ 55.
Eine Urtheilskraft, die dialektisch sein soll, muß zuvörderst vernünftelnd 5
sein; d. i. die Urtheile derselben müssen auf Allgemeinheit und zwar a
priori Anspruch machen[22]: denn in solcher Urtheile Entgegensetzung
besteht die Dialektik. Daher ist die Unvereinbarkeit ästhetischer
Sinnesurtheile (über das Angenehme und Unangenehme) nicht dialektisch.
Auch der Widerstreit der Geschmacksurtheile, sofern sich ein jeder bloß auf
seinen 10 eignen Geschmack beruft, macht keine Dialektik des
Geschmacks aus: weil 232 niemand sein Urtheil zur allgemeinen Regel zu
machen gedenkt. Es bleibt also kein Begriff von einer Dialektik übrig,
welche den Geschmack angehen könnte, als der einer Dialektik der
K r i t i k des Geschmacks (nicht des Geschmacks selbst) in Ansehung ihrer
P r i n c i p i e n: da nämlich über den 15 Grund der Möglichkeit der
Geschmacksurtheile überhaupt einander widerstreitende Begriffe
natürlicher und unvermeidlicher Weise auftreten. Transscendentale Kritik
des Geschmacks wird also nur sofern einen Theil enthalten, der den Namen
einer Dialektik der ästhetischen Urtheilskraft führen kann, wenn sich eine
Antinomie der Principien dieses Vermögens findet, 20 welche die
Gesetzmäßigkeit desselben, mithin auch seine innere Möglichkeit
zweifelhaft macht.
Zweiter Abschnitt.
Die Dialektik der ästhetischen Urtheilskraft.
§ 55.
Eine Urtheilskraft, die dialektisch sein soll, muß zuvörderst vernünftelnd 5
sein; d. i. die Urtheile derselben müssen auf Allgemeinheit und zwar a
priori Anspruch machen[22]: denn in solcher Urtheile Entgegensetzung
besteht die Dialektik. Daher ist die Unvereinbarkeit ästhetischer
Sinnesurtheile (über das Angenehme und Unangenehme) nicht dialektisch.
Auch der Widerstreit der Geschmacksurtheile, sofern sich ein jeder bloß auf
seinen 10 eignen Geschmack beruft, macht keine Dialektik des
Geschmacks aus: weil 232 niemand sein Urtheil zur allgemeinen Regel zu
machen gedenkt. Es bleibt also kein Begriff von einer Dialektik übrig,
welche den Geschmack angehen könnte, als der einer Dialektik der
K r i t i k des Geschmacks (nicht des Geschmacks selbst) in Ansehung ihrer
P r i n c i p i e n: da nämlich über den 15 Grund der Möglichkeit der
Geschmacksurtheile überhaupt einander widerstreitende Begriffe
natürlicher und unvermeidlicher Weise auftreten. Transscendentale Kritik
des Geschmacks wird also nur sofern einen Theil enthalten, der den Namen
einer Dialektik der ästhetischen Urtheilskraft führen kann, wenn sich eine
Antinomie der Principien dieses Vermögens findet, 20 welche die
Gesetzmäßigkeit desselben, mithin auch seine innere Möglichkeit
zweifelhaft macht.
Page 217
§ 56.
Vorstellung der Antinomie des Geschmacks.
Der erste Gemeinort des Geschmacks ist in dem Satze, womit sich jeder
Geschmacklose gegen Tadel zu verwahren denkt, enthalten: e i n j e d e r
h a t s e i n e n e i g n e n G e s c h m a c k. Das heißt so viel als: der
Bestimmungsgrund 5 dieses Urtheils ist bloß subjectiv (Vergnügen oder
Schmerz); und das Urtheil hat kein Recht auf die nothwendige
Beistimmung anderer.
Der zweite Gemeinort desselben, der auch von denen sogar gebraucht wird,
die dem Geschmacksurtheile das Recht einräumen, für jedermann 233 gültig
auszusprechen, ist: ü b e r d e n G e s c h m a c k l ä ß t s i c h n i c h t
d i s p u t i r e n. 10 Das heißt so viel als: der Bestimmungsgrund eines
Geschmacksurtheils mag zwar auch objectiv sein, aber er läßt sich nicht auf
bestimmte Begriffe bringen; mithin kann über das Urtheil selbst durch
Beweise nichts e n t s c h i e d e n werden, obgleich darüber gar wohl und
mit Recht g e s t r i t t e n werden kann. Denn S t r e i t e n und
D i s p u t i r e n sind zwar 15 darin einerlei, daß sie durch wechselseitigen
Widerstand der Urtheile Einhelligkeit derselben hervorzubringen suchen,
darin aber verschieden, daß das letztere dieses nach bestimmten Begriffen
als Beweisgründen zu bewirken hofft, mithin o b j e c t i v e B e g r i f f e als
Gründe des Urtheils annimmt. Wo dieses aber als unthunlich betrachtet
wird, da wird das Disputiren 20 eben sowohl als unthunlich beurtheilt.
Man sieht leicht, daß zwischen diesen zwei Gemeinörtern ein Satz fehlt, der
zwar nicht sprichwörtlich im Umlaufe, aber doch in jedermanns Sinne
enthalten ist, nämlich: ü b e r d e n G e s c h m a c k l ä ß t s i c h
s t r e i t e n (obgleich nicht disputiren). Dieser Satz aber enthält das
Gegentheil des 25 obersten Satzes. Denn worüber es erlaubt sein soll zu
streiten, da muß Hoffnung sein unter einander überein zu kommen; mithin
muß man auf Gründe des Urtheils, die nicht bloß Privatgültigkeit haben und
also nicht bloß subjectiv sind, rechnen können; welchem gleichwohl jener
Grundsatz: e i n j e d e r h a t s e i n e n e i g n e n G e s c h m a c k,
gerade entgegen ist. 30
Vorstellung der Antinomie des Geschmacks.
Der erste Gemeinort des Geschmacks ist in dem Satze, womit sich jeder
Geschmacklose gegen Tadel zu verwahren denkt, enthalten: e i n j e d e r
h a t s e i n e n e i g n e n G e s c h m a c k. Das heißt so viel als: der
Bestimmungsgrund 5 dieses Urtheils ist bloß subjectiv (Vergnügen oder
Schmerz); und das Urtheil hat kein Recht auf die nothwendige
Beistimmung anderer.
Der zweite Gemeinort desselben, der auch von denen sogar gebraucht wird,
die dem Geschmacksurtheile das Recht einräumen, für jedermann 233 gültig
auszusprechen, ist: ü b e r d e n G e s c h m a c k l ä ß t s i c h n i c h t
d i s p u t i r e n. 10 Das heißt so viel als: der Bestimmungsgrund eines
Geschmacksurtheils mag zwar auch objectiv sein, aber er läßt sich nicht auf
bestimmte Begriffe bringen; mithin kann über das Urtheil selbst durch
Beweise nichts e n t s c h i e d e n werden, obgleich darüber gar wohl und
mit Recht g e s t r i t t e n werden kann. Denn S t r e i t e n und
D i s p u t i r e n sind zwar 15 darin einerlei, daß sie durch wechselseitigen
Widerstand der Urtheile Einhelligkeit derselben hervorzubringen suchen,
darin aber verschieden, daß das letztere dieses nach bestimmten Begriffen
als Beweisgründen zu bewirken hofft, mithin o b j e c t i v e B e g r i f f e als
Gründe des Urtheils annimmt. Wo dieses aber als unthunlich betrachtet
wird, da wird das Disputiren 20 eben sowohl als unthunlich beurtheilt.
Man sieht leicht, daß zwischen diesen zwei Gemeinörtern ein Satz fehlt, der
zwar nicht sprichwörtlich im Umlaufe, aber doch in jedermanns Sinne
enthalten ist, nämlich: ü b e r d e n G e s c h m a c k l ä ß t s i c h
s t r e i t e n (obgleich nicht disputiren). Dieser Satz aber enthält das
Gegentheil des 25 obersten Satzes. Denn worüber es erlaubt sein soll zu
streiten, da muß Hoffnung sein unter einander überein zu kommen; mithin
muß man auf Gründe des Urtheils, die nicht bloß Privatgültigkeit haben und
also nicht bloß subjectiv sind, rechnen können; welchem gleichwohl jener
Grundsatz: e i n j e d e r h a t s e i n e n e i g n e n G e s c h m a c k,
gerade entgegen ist. 30
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Es zeigt sich also in Ansehung des Princips des Geschmacks folgende 234
Antinomie:
1) T h e s i s . Das Geschmacksurtheil gründet sich nicht auf Begriffen; denn
sonst ließe sich darüber disputiren (durch Beweise entscheiden).
2) A n t i t h e s i s . Das Geschmacksurtheil gründet sich auf Begriffen; 35
denn sonst ließe sich ungeachtet der Verschiedenheit desselben darüber
auch nicht einmal streiten (auf die nothwendige Einstimmung anderer mit
diesem Urtheile Anspruch machen).
Antinomie:
1) T h e s i s . Das Geschmacksurtheil gründet sich nicht auf Begriffen; denn
sonst ließe sich darüber disputiren (durch Beweise entscheiden).
2) A n t i t h e s i s . Das Geschmacksurtheil gründet sich auf Begriffen; 35
denn sonst ließe sich ungeachtet der Verschiedenheit desselben darüber
auch nicht einmal streiten (auf die nothwendige Einstimmung anderer mit
diesem Urtheile Anspruch machen).
Page 219
§ 57.
Auflösung der Antinomie des Geschmacks.
Es ist keine Möglichkeit, den Widerstreit jener jedem Geschmacksurtheile
5 untergelegten Principien (welche nichts anders sind, als die oben in der
Analytik vorgestellten zwei Eigenthümlichkeiten des Geschmacksurtheils)
zu heben, als daß man zeigt: der Begriff, worauf man das Object in dieser
Art Urtheile bezieht, werde in beiden Maximen der ästhetischen
Urtheilskraft nicht in einerlei Sinn genommen; dieser zwiefache Sinn oder
10 Gesichtspunkt der Beurtheilung sei unserer transscendentalen
Urtheilskraft nothwendig; aber auch der Schein in der Vermengung des
einen mit dem andern, als natürliche Illusion, unvermeidlich.
Auf irgend einen Begriff muß sich das Geschmacksurtheil beziehen; denn
sonst könnte es schlechterdings nicht auf nothwendige Gültigkeit für 15 235
jedermann Anspruch machen. Aber a u s einem Begriffe darf es darum eben
nicht erweislich sein, weil ein Begriff entweder bestimmbar, oder auch an
sich unbestimmt und zugleich unbestimmbar sein kann. Von der erstern Art
ist der Verstandesbegriff, der durch Prädicate der sinnlichen Anschauung,
die ihm correspondiren kann, bestimmbar ist; von der zweiten 20 aber der
transscendentale Vernunftbegriff von dem Übersinnlichen, was aller jener
Anschauung zum Grunde liegt, der also weiter nicht theoretisch bestimmt
werden kann.
Nun geht das Geschmacksurtheil auf Gegenstände der Sinne, aber nicht um
einen B e g r i f f derselben für den Verstand zu bestimmen; denn 25 es ist
kein Erkenntnißurtheil. Es ist daher, als auf das Gefühl der Lust bezogene
anschauliche einzelne Vorstellung, nur ein Privaturtheil: und sofern würde
es seiner Gültigkeit nach auf das urtheilende Individuum allein beschränkt
sein: der Gegenstand ist f ü r m i c h ein Gegenstand des Wohlgefallens, für
andre mag es sich anders verhalten; — ein jeder hat 30 seinen Geschmack.
Gleichwohl ist ohne Zweifel im Geschmacksurtheile eine erweiterte
Beziehung der Vorstellung des Objects (zugleich auch des Subjects)
enthalten, worauf wir eine Ausdehnung dieser Art Urtheile als nothwendig
für jedermann gründen: welcher daher nothwendig irgend ein Begriff zum
Auflösung der Antinomie des Geschmacks.
Es ist keine Möglichkeit, den Widerstreit jener jedem Geschmacksurtheile
5 untergelegten Principien (welche nichts anders sind, als die oben in der
Analytik vorgestellten zwei Eigenthümlichkeiten des Geschmacksurtheils)
zu heben, als daß man zeigt: der Begriff, worauf man das Object in dieser
Art Urtheile bezieht, werde in beiden Maximen der ästhetischen
Urtheilskraft nicht in einerlei Sinn genommen; dieser zwiefache Sinn oder
10 Gesichtspunkt der Beurtheilung sei unserer transscendentalen
Urtheilskraft nothwendig; aber auch der Schein in der Vermengung des
einen mit dem andern, als natürliche Illusion, unvermeidlich.
Auf irgend einen Begriff muß sich das Geschmacksurtheil beziehen; denn
sonst könnte es schlechterdings nicht auf nothwendige Gültigkeit für 15 235
jedermann Anspruch machen. Aber a u s einem Begriffe darf es darum eben
nicht erweislich sein, weil ein Begriff entweder bestimmbar, oder auch an
sich unbestimmt und zugleich unbestimmbar sein kann. Von der erstern Art
ist der Verstandesbegriff, der durch Prädicate der sinnlichen Anschauung,
die ihm correspondiren kann, bestimmbar ist; von der zweiten 20 aber der
transscendentale Vernunftbegriff von dem Übersinnlichen, was aller jener
Anschauung zum Grunde liegt, der also weiter nicht theoretisch bestimmt
werden kann.
Nun geht das Geschmacksurtheil auf Gegenstände der Sinne, aber nicht um
einen B e g r i f f derselben für den Verstand zu bestimmen; denn 25 es ist
kein Erkenntnißurtheil. Es ist daher, als auf das Gefühl der Lust bezogene
anschauliche einzelne Vorstellung, nur ein Privaturtheil: und sofern würde
es seiner Gültigkeit nach auf das urtheilende Individuum allein beschränkt
sein: der Gegenstand ist f ü r m i c h ein Gegenstand des Wohlgefallens, für
andre mag es sich anders verhalten; — ein jeder hat 30 seinen Geschmack.
Gleichwohl ist ohne Zweifel im Geschmacksurtheile eine erweiterte
Beziehung der Vorstellung des Objects (zugleich auch des Subjects)
enthalten, worauf wir eine Ausdehnung dieser Art Urtheile als nothwendig
für jedermann gründen: welcher daher nothwendig irgend ein Begriff zum
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35 Grunde liegen muß; aber ein Begriff, der sich gar nicht durch
Anschauung 236 bestimmen, durch den sich nichts erkennen, mithin auch
k e i n B e w e i s für das Geschmacksurtheil f ü h r e n l ä ß t. Ein
dergleichen Begriff aber ist der bloße reine Vernunftbegriff von dem
Übersinnlichen, was dem Gegenstande (und auch dem urtheilenden
Subjecte) als Sinnenobjecte, mithin 5 als Erscheinung zum Grunde liegt.
Denn nähme man eine solche Rücksicht nicht an, so wäre der Anspruch des
Geschmacksurtheils auf allgemeine Gültigkeit nicht zu retten; wäre der
Begriff, worauf es sich gründet, ein nur bloß verworrener Verstandesbegriff
etwa von Vollkommenheit, dem man correspondirend die sinnliche
Anschauung des Schönen beigeben 10 könnte: so würde es wenigstens an
sich möglich sein, das Geschmacksurtheil auf Beweise zu gründen, welches
der Thesis widerspricht.
Nun fällt aber aller Widerspruch weg, wenn ich sage: das
Geschmacksurtheil gründet sich auf einem Begriffe (eines Grundes
überhaupt von der subjectiven Zweckmäßigkeit der Natur für die
Urtheilskraft), aus dem 15 aber nichts in Ansehung des Objects erkannt und
bewiesen werden kann, weil er an sich unbestimmbar und zum Erkenntniß
untauglich ist; es bekommt aber durch eben denselben doch zugleich
Gültigkeit für jedermann (bei jedem zwar als einzelnes, die Anschauung
unmittelbar begleitendes Urtheil): weil der Bestimmungsgrund desselben
vielleicht im Begriffe von 20 demjenigen liegt, was als das übersinnliche
Substrat der Menschheit angesehen 237 werden kann.
Es kommt bei der Auflösung einer Antinomie nur auf die Möglichkeit an,
daß zwei einander dem Scheine nach widerstreitende Sätze einander in der
That nicht widersprechen, sondern neben einander bestehen 25 können,
wenn gleich die Erklärung der Möglichkeit ihres Begriffs unser
Erkenntnißvermögen übersteigt. Daß dieser Schein auch natürlich und der
menschlichen Vernunft unvermeidlich sei, imgleichen warum er es sei und
bleibe, ob er gleich nach der Auflösung des Scheinwiderspruchs nicht
betrügt, kann hieraus auch begreiflich gemacht werden. 30
Wir nehmen nämlich den Begriff, worauf die Allgemeingültigkeit eines
Urtheils sich gründen muß, in beiden widerstreitenden Urtheilen in einerlei
Bedeutung und sagen doch von ihm zwei entgegengesetzte Prädicate aus. In
der Thesis sollte es daher heißen: Das Geschmacksurtheil gründet sich nicht
Anschauung 236 bestimmen, durch den sich nichts erkennen, mithin auch
k e i n B e w e i s für das Geschmacksurtheil f ü h r e n l ä ß t. Ein
dergleichen Begriff aber ist der bloße reine Vernunftbegriff von dem
Übersinnlichen, was dem Gegenstande (und auch dem urtheilenden
Subjecte) als Sinnenobjecte, mithin 5 als Erscheinung zum Grunde liegt.
Denn nähme man eine solche Rücksicht nicht an, so wäre der Anspruch des
Geschmacksurtheils auf allgemeine Gültigkeit nicht zu retten; wäre der
Begriff, worauf es sich gründet, ein nur bloß verworrener Verstandesbegriff
etwa von Vollkommenheit, dem man correspondirend die sinnliche
Anschauung des Schönen beigeben 10 könnte: so würde es wenigstens an
sich möglich sein, das Geschmacksurtheil auf Beweise zu gründen, welches
der Thesis widerspricht.
Nun fällt aber aller Widerspruch weg, wenn ich sage: das
Geschmacksurtheil gründet sich auf einem Begriffe (eines Grundes
überhaupt von der subjectiven Zweckmäßigkeit der Natur für die
Urtheilskraft), aus dem 15 aber nichts in Ansehung des Objects erkannt und
bewiesen werden kann, weil er an sich unbestimmbar und zum Erkenntniß
untauglich ist; es bekommt aber durch eben denselben doch zugleich
Gültigkeit für jedermann (bei jedem zwar als einzelnes, die Anschauung
unmittelbar begleitendes Urtheil): weil der Bestimmungsgrund desselben
vielleicht im Begriffe von 20 demjenigen liegt, was als das übersinnliche
Substrat der Menschheit angesehen 237 werden kann.
Es kommt bei der Auflösung einer Antinomie nur auf die Möglichkeit an,
daß zwei einander dem Scheine nach widerstreitende Sätze einander in der
That nicht widersprechen, sondern neben einander bestehen 25 können,
wenn gleich die Erklärung der Möglichkeit ihres Begriffs unser
Erkenntnißvermögen übersteigt. Daß dieser Schein auch natürlich und der
menschlichen Vernunft unvermeidlich sei, imgleichen warum er es sei und
bleibe, ob er gleich nach der Auflösung des Scheinwiderspruchs nicht
betrügt, kann hieraus auch begreiflich gemacht werden. 30
Wir nehmen nämlich den Begriff, worauf die Allgemeingültigkeit eines
Urtheils sich gründen muß, in beiden widerstreitenden Urtheilen in einerlei
Bedeutung und sagen doch von ihm zwei entgegengesetzte Prädicate aus. In
der Thesis sollte es daher heißen: Das Geschmacksurtheil gründet sich nicht
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auf b e s t i m m t e n Begriffen; in der Antithesis aber: 35 Das
Geschmacksurtheil gründet sich doch auf einem, obzwar
u n b e s t i m m t e n, Begriffe (nämlich vom übersinnlichen Substrat der
Erscheinungen); und alsdann wäre zwischen ihnen kein Widerstreit.
Mehr, als diesen Widerstreit in den Ansprüchen und Gegenansprüchen des
Geschmacks zu heben, können wir nicht leisten. Ein bestimmtes objectives
Princip des Geschmacks, wornach die Urtheile desselben geleitet, 5 238
geprüft und bewiesen werden könnten, zu geben, ist schlechterdings
unmöglich; denn es wäre alsdann kein Geschmacksurtheil. Das subjective
Princip, nämlich die unbestimmte Idee des Übersinnlichen in uns, kann nur
als der einzige Schlüssel der Enträthselung dieses uns selbst seinen Quellen
nach verborgenen Vermögens angezeigt, aber durch nichts weiter
begreiflich 10 gemacht werden.
Der hier aufgestellten und ausgeglichenen Antinomie liegt der richtige
Begriff des Geschmacks, nämlich als einer bloß reflectirenden ästhetischen
Urtheilskraft, zum Grunde; und da wurden beide dem Scheine nach
widerstreitende Grundsätze mit einander vereinigt, indem b e i d e w a h r
15 s e i n k ö n n e n, welches auch genug ist. Würde dagegen zum
Bestimmungsgrunde des Geschmacks (wegen der Einzelnheit der
Vorstellung, die dem Geschmacksurtheil zum Grunde liegt), wie von
Einigen geschieht, die A n n e h m l i c h k e i t, oder, wie Andere (wegen der
Allgemeingültigkeit desselben) wollen, das Princip der
Vo l l k o m m e n h e i t angenommen und die Definition 20 des
Geschmacks darnach eingerichtet: so entspringt daraus eine Antinomie, die
schlechterdings nicht auszugleichen ist, als so, daß man zeigt, daß b e i d e
einander (aber nicht bloß contradictorisch) entgegenstehende S ä t z e
f a l s c h s i n d: welches dann beweiset, daß der Begriff, worauf ein jeder
gegründet ist, sich selbst widerspreche. Man sieht also, daß 25 239 die
Hebung der Antinomie der ästhetischen Urtheilskraft einen ähnlichen Gang
nehme mit dem, welchen die Kritik in Auflösung der Antinomieen der
reinen theoretischen Vernunft befolgte; und daß eben so hier und auch in
der Kritik der praktischen Vernunft die Antinomieen wider Willen nöthigen,
über das Sinnliche hinaus zu sehen und im Übersinnlichen den 30
Vereinigungspunkt aller unserer Vermögen a priori zu suchen: weil kein
anderer Ausweg übrig bleibt, die Vernunft mit sich selbst einstimmig zu
machen.
Geschmacksurtheil gründet sich doch auf einem, obzwar
u n b e s t i m m t e n, Begriffe (nämlich vom übersinnlichen Substrat der
Erscheinungen); und alsdann wäre zwischen ihnen kein Widerstreit.
Mehr, als diesen Widerstreit in den Ansprüchen und Gegenansprüchen des
Geschmacks zu heben, können wir nicht leisten. Ein bestimmtes objectives
Princip des Geschmacks, wornach die Urtheile desselben geleitet, 5 238
geprüft und bewiesen werden könnten, zu geben, ist schlechterdings
unmöglich; denn es wäre alsdann kein Geschmacksurtheil. Das subjective
Princip, nämlich die unbestimmte Idee des Übersinnlichen in uns, kann nur
als der einzige Schlüssel der Enträthselung dieses uns selbst seinen Quellen
nach verborgenen Vermögens angezeigt, aber durch nichts weiter
begreiflich 10 gemacht werden.
Der hier aufgestellten und ausgeglichenen Antinomie liegt der richtige
Begriff des Geschmacks, nämlich als einer bloß reflectirenden ästhetischen
Urtheilskraft, zum Grunde; und da wurden beide dem Scheine nach
widerstreitende Grundsätze mit einander vereinigt, indem b e i d e w a h r
15 s e i n k ö n n e n, welches auch genug ist. Würde dagegen zum
Bestimmungsgrunde des Geschmacks (wegen der Einzelnheit der
Vorstellung, die dem Geschmacksurtheil zum Grunde liegt), wie von
Einigen geschieht, die A n n e h m l i c h k e i t, oder, wie Andere (wegen der
Allgemeingültigkeit desselben) wollen, das Princip der
Vo l l k o m m e n h e i t angenommen und die Definition 20 des
Geschmacks darnach eingerichtet: so entspringt daraus eine Antinomie, die
schlechterdings nicht auszugleichen ist, als so, daß man zeigt, daß b e i d e
einander (aber nicht bloß contradictorisch) entgegenstehende S ä t z e
f a l s c h s i n d: welches dann beweiset, daß der Begriff, worauf ein jeder
gegründet ist, sich selbst widerspreche. Man sieht also, daß 25 239 die
Hebung der Antinomie der ästhetischen Urtheilskraft einen ähnlichen Gang
nehme mit dem, welchen die Kritik in Auflösung der Antinomieen der
reinen theoretischen Vernunft befolgte; und daß eben so hier und auch in
der Kritik der praktischen Vernunft die Antinomieen wider Willen nöthigen,
über das Sinnliche hinaus zu sehen und im Übersinnlichen den 30
Vereinigungspunkt aller unserer Vermögen a priori zu suchen: weil kein
anderer Ausweg übrig bleibt, die Vernunft mit sich selbst einstimmig zu
machen.
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Anmerkung I.
Da wir in der Transscendental-Philosophie so oft Veranlassung finden, 35
Ideen von Verstandesbegriffen zu unterscheiden, so kann es von Nutzen
sein, ihrem Unterschiede angemessene Kunstausdrücke einzuführen. Ich
glaube, man werde nichts dawider haben, wenn ich einige in Vorschlag
bringe. — Ideen in der allgemeinsten Bedeutung sind nach einem gewissen
(subjectiven oder objectiven) Princip auf einen Gegenstand bezogene
Vorstellungen, sofern sie doch nie eine Erkenntniß desselben werden 5
können. Sie sind entweder nach einem bloß subjectiven Princip der
Übereinstimmung der Erkenntnißvermögen unter einander (der
Einbildungskraft und des Verstandes) auf eine Anschauung bezogen: und
heißen alsdann ä s t h e t i s c h e; oder nach einem objectiven Princip auf
einen Begriff bezogen, können aber doch nie eine Erkenntniß des
Gegenstandes abgeben: 10 und heißen Vernunftideen; in welchem Falle der
Begriff ein t r a n s s c e n d e n t e r Begriff ist, welcher vom
Verstandesbegriffe, dem jederzeit eine 240 adäquat correspondirende
Erfahrung untergelegt werden kann, und der darum i m m a n e n t heißt,
unterschieden ist.
Eine ä s t h e t i s c h e I d e e kann keine Erkenntniß werden, weil sie eine
15 A n s c h a u u n g (der Einbildungskraft) ist, der niemals ein Begriff
adäquat gefunden werden kann. Eine Ve r n u n f t i d e e kann nie
Erkenntniß werden, weil sie einen B e g r i f f (vom Übersinnlichen) enthält,
dem niemals eine Anschauung angemessen gegeben werden kann.
Nun glaube ich, man könne die ästhetische Idee eine i n e x p o n i b l e 20
Vorstellung der Einbildungskraft, die Vernunftidee aber einen
i n d e m o n s t r a b e l n Begriff der Vernunft nennen. Von beiden wird
vorausgesetzt, daß sie nicht etwa gar grundlos, sondern (nach der obigen
Erklärung einer Idee überhaupt) gewissen Principien der
Erkenntnißvermögen, wozu sie gehören (jene den subjectiven, diese
objectiven Principien), gemäß erzeugt 25 seien.
Ve r s t a n d e s b e g r i f f e müssen als solche jederzeit demonstrabel sein
(wenn unter demonstriren wie in der Anatomie bloß das D a r s t e l l e n
verstanden wird); d. i. der ihnen correspondirende Gegenstand muß
jederzeit in der Anschauung (reinen oder empirischen) gegeben werden
Da wir in der Transscendental-Philosophie so oft Veranlassung finden, 35
Ideen von Verstandesbegriffen zu unterscheiden, so kann es von Nutzen
sein, ihrem Unterschiede angemessene Kunstausdrücke einzuführen. Ich
glaube, man werde nichts dawider haben, wenn ich einige in Vorschlag
bringe. — Ideen in der allgemeinsten Bedeutung sind nach einem gewissen
(subjectiven oder objectiven) Princip auf einen Gegenstand bezogene
Vorstellungen, sofern sie doch nie eine Erkenntniß desselben werden 5
können. Sie sind entweder nach einem bloß subjectiven Princip der
Übereinstimmung der Erkenntnißvermögen unter einander (der
Einbildungskraft und des Verstandes) auf eine Anschauung bezogen: und
heißen alsdann ä s t h e t i s c h e; oder nach einem objectiven Princip auf
einen Begriff bezogen, können aber doch nie eine Erkenntniß des
Gegenstandes abgeben: 10 und heißen Vernunftideen; in welchem Falle der
Begriff ein t r a n s s c e n d e n t e r Begriff ist, welcher vom
Verstandesbegriffe, dem jederzeit eine 240 adäquat correspondirende
Erfahrung untergelegt werden kann, und der darum i m m a n e n t heißt,
unterschieden ist.
Eine ä s t h e t i s c h e I d e e kann keine Erkenntniß werden, weil sie eine
15 A n s c h a u u n g (der Einbildungskraft) ist, der niemals ein Begriff
adäquat gefunden werden kann. Eine Ve r n u n f t i d e e kann nie
Erkenntniß werden, weil sie einen B e g r i f f (vom Übersinnlichen) enthält,
dem niemals eine Anschauung angemessen gegeben werden kann.
Nun glaube ich, man könne die ästhetische Idee eine i n e x p o n i b l e 20
Vorstellung der Einbildungskraft, die Vernunftidee aber einen
i n d e m o n s t r a b e l n Begriff der Vernunft nennen. Von beiden wird
vorausgesetzt, daß sie nicht etwa gar grundlos, sondern (nach der obigen
Erklärung einer Idee überhaupt) gewissen Principien der
Erkenntnißvermögen, wozu sie gehören (jene den subjectiven, diese
objectiven Principien), gemäß erzeugt 25 seien.
Ve r s t a n d e s b e g r i f f e müssen als solche jederzeit demonstrabel sein
(wenn unter demonstriren wie in der Anatomie bloß das D a r s t e l l e n
verstanden wird); d. i. der ihnen correspondirende Gegenstand muß
jederzeit in der Anschauung (reinen oder empirischen) gegeben werden
Page 223
können: 30 denn dadurch allein können sie Erkenntnisse werden. Der
Begriff der G r ö ß e kann in der Raumesanschauung a priori, z. B. einer
geraden Linie u. s. w., gegeben werden; der Begriff der U r s a c h e an der
Undurchdringlichkeit, dem Stoße der Körper u. s. w. Mithin können beide
durch eine empirische Anschauung belegt, d. i. der Gedanke davon an
einem Beispiele 35 gewiesen (demonstrirt, aufgezeigt) werden; und dieses
muß geschehen können: widrigenfalls man nicht gewiß ist, ob der Gedanke
nicht leer, d. i. ohne alles Object sei.
Man bedient sich in der Logik der Ausdrücke des Demonstrabeln oder 241
Indemonstrabeln gemeiniglich nur in Ansehung der S ä t z e: da die ersteren
besser durch die Benennung der nur mittelbar, die zweiten der
u n m i t t e l b a r - g e w i s s e n 5 Sätze könnten bezeichnet werden; denn
die reine Philosophie hat auch Sätze von beiden Arten, wenn darunter
beweisfähige und beweisunfähige wahre Sätze verstanden werden. Allein
aus Gründen a priori kann sie als Philosophie zwar beweisen, aber nicht
demonstriren; wenn man nicht ganz und gar von der Wortbedeutung
abgehen will, nach 10 welcher demonstriren (ostendere, exhibere) so viel
heißt, als (es sei im Beweisen oder auch bloß im Definiren) seinen Begriff
zugleich in der Anschauung darstellen: welche, wenn sie Anschauung a
p r i o r i ist, das Construiren desselben heißt, wenn sie aber auch empirisch
ist, gleichwohl die Vorzeigung des Objects bleibt, durch welche dem
Begriffe die objective 15 Realität gesichert wird. So sagt man von einem
Anatomiker: er demonstrire das menschliche Auge, wenn er den Begriff,
den er vorher discursiv vorgetragen hat, vermittelst der Zergliederung
dieses Organs anschaulich macht.
Diesem zufolge ist der Vernunftbegriff vom übersinnlichen Substrat 20
aller Erscheinungen überhaupt, oder auch von dem, was unserer Willkür in
Beziehung auf moralische Gesetze zum Grunde gelegt werden muß,
nämlich von der transscendentalen Freiheit, schon der Species nach ein
indemonstrabler Begriff und Vernunftidee, Tugend aber ist dies dem Grade
nach: weil dem ersteren an sich gar nichts der Qualität nach in der 25
Erfahrung Correspondirendes gegeben werden kann, in der zweiten aber
kein Erfahrungsproduct jener Causalität den Grad erreicht, den die
Vernunftidee zur Regel vorschreibt.
Begriff der G r ö ß e kann in der Raumesanschauung a priori, z. B. einer
geraden Linie u. s. w., gegeben werden; der Begriff der U r s a c h e an der
Undurchdringlichkeit, dem Stoße der Körper u. s. w. Mithin können beide
durch eine empirische Anschauung belegt, d. i. der Gedanke davon an
einem Beispiele 35 gewiesen (demonstrirt, aufgezeigt) werden; und dieses
muß geschehen können: widrigenfalls man nicht gewiß ist, ob der Gedanke
nicht leer, d. i. ohne alles Object sei.
Man bedient sich in der Logik der Ausdrücke des Demonstrabeln oder 241
Indemonstrabeln gemeiniglich nur in Ansehung der S ä t z e: da die ersteren
besser durch die Benennung der nur mittelbar, die zweiten der
u n m i t t e l b a r - g e w i s s e n 5 Sätze könnten bezeichnet werden; denn
die reine Philosophie hat auch Sätze von beiden Arten, wenn darunter
beweisfähige und beweisunfähige wahre Sätze verstanden werden. Allein
aus Gründen a priori kann sie als Philosophie zwar beweisen, aber nicht
demonstriren; wenn man nicht ganz und gar von der Wortbedeutung
abgehen will, nach 10 welcher demonstriren (ostendere, exhibere) so viel
heißt, als (es sei im Beweisen oder auch bloß im Definiren) seinen Begriff
zugleich in der Anschauung darstellen: welche, wenn sie Anschauung a
p r i o r i ist, das Construiren desselben heißt, wenn sie aber auch empirisch
ist, gleichwohl die Vorzeigung des Objects bleibt, durch welche dem
Begriffe die objective 15 Realität gesichert wird. So sagt man von einem
Anatomiker: er demonstrire das menschliche Auge, wenn er den Begriff,
den er vorher discursiv vorgetragen hat, vermittelst der Zergliederung
dieses Organs anschaulich macht.
Diesem zufolge ist der Vernunftbegriff vom übersinnlichen Substrat 20
aller Erscheinungen überhaupt, oder auch von dem, was unserer Willkür in
Beziehung auf moralische Gesetze zum Grunde gelegt werden muß,
nämlich von der transscendentalen Freiheit, schon der Species nach ein
indemonstrabler Begriff und Vernunftidee, Tugend aber ist dies dem Grade
nach: weil dem ersteren an sich gar nichts der Qualität nach in der 25
Erfahrung Correspondirendes gegeben werden kann, in der zweiten aber
kein Erfahrungsproduct jener Causalität den Grad erreicht, den die
Vernunftidee zur Regel vorschreibt.
Page 224
So wie an einer Vernunftidee die E i n b i l d u n g s k r a f t mit ihren 242
Anschauungen den gegebenen Begriff nicht erreicht: so erreicht bei einer
30 ästhetischen Idee der Ve r s t a n d durch seine Begriffe nie die ganze
innere Anschauung der Einbildungskraft, welche sie mit einer gegebenen
Vorstellung verbindet. Da nun eine Vorstellung der Einbildungskraft auf
Begriffe bringen so viel heißt, als sie e x p o n i r e n: so kann die ästhetische
Idee eine i n e x p o n i b l e Vorstellung derselben (in ihrem freien Spiele) 35
genannt werden. Ich werde von dieser Art Ideen in der Folge noch einiges
auszuführen Gelegenheit haben; jetzt bemerke ich nur: daß beide Arten von
Ideen, die Vernunftideen sowohl als die ästhetischen, ihre Principien haben
müssen; und zwar beide in der Vernunft, jene in den objectiven, diese in den
subjectiven Principien ihres Gebrauchs.
Man kann diesem zufolge Genie auch durch das Vermögen
ä s t h e t i s c h e r I d e e n erklären: wodurch zugleich der Grund angezeigt
wird, warum 5 in Producten des Genies die Natur (des Subjects), nicht ein
überlegter Zweck der Kunst (der Hervorbringung des Schönen) die Regel
giebt. Denn da das Schöne nicht nach Begriffen beurtheilt werden muß,
sondern nach der zweckmäßigen Stimmung der Einbildungskraft zur
Übereinstimmung mit dem Vermögen der Begriffe überhaupt: so kann nicht
Regel und 10 Vorschrift, sondern nur das, was bloß Natur im Subjecte ist,
aber nicht unter Regeln oder Begriffe gefaßt werden kann, d. i. das
übersinnliche Substrat aller seiner Vermögen (welches kein
Verstandesbegriff erreicht), folglich das, auf welches in Beziehung alle
unsere Erkenntnißvermögen zusammenstimmend zu machen, der letzte
durch das Intelligible unserer 15 Natur gegebene Zweck ist, jener
ästhetischen, aber unbedingten Zweckmäßigkeit in der schönen Kunst, die
jedermann gefallen zu müssen rechtmäßigen 243 Anspruch machen soll,
zum subjectiven Richtmaße dienen. So ist es auch allein möglich, daß
dieser, der man kein objectives Princip vorschreiben kann, ein subjectives
und doch allgemeingültiges Princip 20 a priori zum Grunde liege.
Anmerkung II.
Folgende wichtige Bemerkung bietet sich hier von selbst dar: daß es
nämlich d r e i e r l e i A r t e n d e r A n t i n o m i e der reinen Vernunft
gebe, die aber alle darin übereinkommen, daß sie dieselbe zwingen, von der
sonst 25 sehr natürlichen Voraussetzung, die Gegenstände der Sinne für die
Anschauungen den gegebenen Begriff nicht erreicht: so erreicht bei einer
30 ästhetischen Idee der Ve r s t a n d durch seine Begriffe nie die ganze
innere Anschauung der Einbildungskraft, welche sie mit einer gegebenen
Vorstellung verbindet. Da nun eine Vorstellung der Einbildungskraft auf
Begriffe bringen so viel heißt, als sie e x p o n i r e n: so kann die ästhetische
Idee eine i n e x p o n i b l e Vorstellung derselben (in ihrem freien Spiele) 35
genannt werden. Ich werde von dieser Art Ideen in der Folge noch einiges
auszuführen Gelegenheit haben; jetzt bemerke ich nur: daß beide Arten von
Ideen, die Vernunftideen sowohl als die ästhetischen, ihre Principien haben
müssen; und zwar beide in der Vernunft, jene in den objectiven, diese in den
subjectiven Principien ihres Gebrauchs.
Man kann diesem zufolge Genie auch durch das Vermögen
ä s t h e t i s c h e r I d e e n erklären: wodurch zugleich der Grund angezeigt
wird, warum 5 in Producten des Genies die Natur (des Subjects), nicht ein
überlegter Zweck der Kunst (der Hervorbringung des Schönen) die Regel
giebt. Denn da das Schöne nicht nach Begriffen beurtheilt werden muß,
sondern nach der zweckmäßigen Stimmung der Einbildungskraft zur
Übereinstimmung mit dem Vermögen der Begriffe überhaupt: so kann nicht
Regel und 10 Vorschrift, sondern nur das, was bloß Natur im Subjecte ist,
aber nicht unter Regeln oder Begriffe gefaßt werden kann, d. i. das
übersinnliche Substrat aller seiner Vermögen (welches kein
Verstandesbegriff erreicht), folglich das, auf welches in Beziehung alle
unsere Erkenntnißvermögen zusammenstimmend zu machen, der letzte
durch das Intelligible unserer 15 Natur gegebene Zweck ist, jener
ästhetischen, aber unbedingten Zweckmäßigkeit in der schönen Kunst, die
jedermann gefallen zu müssen rechtmäßigen 243 Anspruch machen soll,
zum subjectiven Richtmaße dienen. So ist es auch allein möglich, daß
dieser, der man kein objectives Princip vorschreiben kann, ein subjectives
und doch allgemeingültiges Princip 20 a priori zum Grunde liege.
Anmerkung II.
Folgende wichtige Bemerkung bietet sich hier von selbst dar: daß es
nämlich d r e i e r l e i A r t e n d e r A n t i n o m i e der reinen Vernunft
gebe, die aber alle darin übereinkommen, daß sie dieselbe zwingen, von der
sonst 25 sehr natürlichen Voraussetzung, die Gegenstände der Sinne für die
Page 225
Dinge an sich selbst zu halten, abzugehen, sie vielmehr bloß für
Erscheinungen gelten zu lassen und ihnen ein intelligibles Substrat (etwas
Übersinnliches, wovon der Begriff nur Idee ist und keine eigentliche
Erkenntniß zuläßt) unterzulegen. Ohne eine solche Antinomie würde die
Vernunft 30 sich niemals zu Annehmung eines solchen das Feld ihrer
Speculation so sehr verengenden Princips und zu Aufopferungen, wobei so
viele sonst sehr schimmernde Hoffnungen gänzlich verschwinden müssen,
entschließen können; denn selbst jetzt, da sich ihr zur Vergütung dieser
Einbuße ein um desto größerer Gebrauch in praktischer Rücksicht eröffnet,
scheint sie sich 35 nicht ohne Schmerz von jenen Hoffnungen trennen und
von der alten Anhänglichkeit losmachen können.
Daß es drei Arten der Antinomie giebt, hat seinen Grund darin, daß es drei
Erkenntnißvermögen: Verstand, Urtheilskraft und Vernunft, giebt, deren
jedes (als oberes Erkenntnißvermögen) seine Principien a priori 5 haben
muß; da denn die Vernunft, sofern sie über diese Principien selbst und ihren
Gebrauch urtheilt, in Ansehung ihrer aller zu dem gegebenen 244 Bedingten
unnachlaßlich das Unbedingte fordert, welches sich doch nie finden läßt,
wenn man das Sinnliche als zu den Dingen an sich selbst gehörig betrachtet
und ihm nicht vielmehr, als bloßer Erscheinung, etwas 10 Übersinnliches
(das intelligible Substrat der Natur außer uns und in uns) als Sache an sich
selbst unterlegt. Da giebt es dann 1) eine Antinomie der Vernunft in
Ansehung des theoretischen Gebrauchs des Verstandes bis zum
Unbedingten hinauf f ü r d a s E r k e n n t n i ß v e r m ö g e n; 2) eine
Antinomie der Vernunft in Ansehung des ästhetischen Gebrauchs der
Urtheilskraft 15 f ü r d a s G e f ü h l d e r L u s t u n d U n l u s t; 3)
eine Antinomie in Ansehung des praktischen Gebrauchs der an sich selbst
gesetzgebenden Vernunft f ü r d a s B e g e h r u n g s v e r m ö g e n: sofern
alle diese Vermögen ihre obere Principien a priori haben und gemäß einer
unumgänglichen Forderung der Vernunft nach diesen Principien auch
u n b e d i n g t müssen 20 urtheilen und ihr Object bestimmen können.
In Ansehung zweier Antinomieen, der des theoretischen und der des
praktischen Gebrauchs, jener obern Erkenntnißvermögen haben wir die
U n v e r m e i d l i c h k e i t derselben, wenn dergleichen Urtheile nicht auf
ein übersinnliches Substrat der gegebenen Objecte als Erscheinungen
zurücksehen, 25 dagegen aber auch die A u f l ö s l i c h k e i t derselben,
sobald das letztere geschieht, schon anderwärts gezeigt. Was nun die
Erscheinungen gelten zu lassen und ihnen ein intelligibles Substrat (etwas
Übersinnliches, wovon der Begriff nur Idee ist und keine eigentliche
Erkenntniß zuläßt) unterzulegen. Ohne eine solche Antinomie würde die
Vernunft 30 sich niemals zu Annehmung eines solchen das Feld ihrer
Speculation so sehr verengenden Princips und zu Aufopferungen, wobei so
viele sonst sehr schimmernde Hoffnungen gänzlich verschwinden müssen,
entschließen können; denn selbst jetzt, da sich ihr zur Vergütung dieser
Einbuße ein um desto größerer Gebrauch in praktischer Rücksicht eröffnet,
scheint sie sich 35 nicht ohne Schmerz von jenen Hoffnungen trennen und
von der alten Anhänglichkeit losmachen können.
Daß es drei Arten der Antinomie giebt, hat seinen Grund darin, daß es drei
Erkenntnißvermögen: Verstand, Urtheilskraft und Vernunft, giebt, deren
jedes (als oberes Erkenntnißvermögen) seine Principien a priori 5 haben
muß; da denn die Vernunft, sofern sie über diese Principien selbst und ihren
Gebrauch urtheilt, in Ansehung ihrer aller zu dem gegebenen 244 Bedingten
unnachlaßlich das Unbedingte fordert, welches sich doch nie finden läßt,
wenn man das Sinnliche als zu den Dingen an sich selbst gehörig betrachtet
und ihm nicht vielmehr, als bloßer Erscheinung, etwas 10 Übersinnliches
(das intelligible Substrat der Natur außer uns und in uns) als Sache an sich
selbst unterlegt. Da giebt es dann 1) eine Antinomie der Vernunft in
Ansehung des theoretischen Gebrauchs des Verstandes bis zum
Unbedingten hinauf f ü r d a s E r k e n n t n i ß v e r m ö g e n; 2) eine
Antinomie der Vernunft in Ansehung des ästhetischen Gebrauchs der
Urtheilskraft 15 f ü r d a s G e f ü h l d e r L u s t u n d U n l u s t; 3)
eine Antinomie in Ansehung des praktischen Gebrauchs der an sich selbst
gesetzgebenden Vernunft f ü r d a s B e g e h r u n g s v e r m ö g e n: sofern
alle diese Vermögen ihre obere Principien a priori haben und gemäß einer
unumgänglichen Forderung der Vernunft nach diesen Principien auch
u n b e d i n g t müssen 20 urtheilen und ihr Object bestimmen können.
In Ansehung zweier Antinomieen, der des theoretischen und der des
praktischen Gebrauchs, jener obern Erkenntnißvermögen haben wir die
U n v e r m e i d l i c h k e i t derselben, wenn dergleichen Urtheile nicht auf
ein übersinnliches Substrat der gegebenen Objecte als Erscheinungen
zurücksehen, 25 dagegen aber auch die A u f l ö s l i c h k e i t derselben,
sobald das letztere geschieht, schon anderwärts gezeigt. Was nun die
Page 226
Antinomie im Gebrauch der Urtheilskraft gemäß der Forderung der
Vernunft und deren hier gegebene Auflösung betrifft: so giebt es kein
anderes Mittel, derselben auszuweichen, als e n t w e d e r zu läugnen, daß
dem ästhetischen Geschmacksurtheile 30 irgend ein Princip a priori zum
Grunde liege, so daß aller Anspruch auf Nothwendigkeit allgemeiner
Beistimmung grundloser, leerer Wahn sei, und ein Geschmacksurtheil nur
sofern für richtig gehalten zu 245 werden verdiene, weil e s s i c h t r i f f t,
daß viele in Ansehung desselben übereinkommen, und auch dieses
eigentlich nicht um deswillen, weil man 35 hinter dieser Einstimmung ein
Princip a priori v e r m u t h e t, sondern (wie im Gaumengeschmack) weil
die Subjecte zufälliger Weise gleichförmig organisirt seien; o d e r man
müßte annehmen, daß das Geschmacksurtheil eigentlich ein verstecktes
Vernunfturtheil über die an einem Dinge und die Beziehung des
Mannigfaltigen in ihm zu einem Zwecke entdeckte Vollkommenheit sei,
mithin nur um der Verworrenheit willen, die dieser unserer Reflexion
anhängt, ästhetisch genannt werde, ob es gleich im 5 Grunde teleologisch
sei: in welchem Falle man die Auflösung der Antinomie durch
transscendentale Ideen für unnöthig und nichtig erklären und so mit den
Objecten der Sinne nicht als bloßen Erscheinungen, sondern auch als
Dingen an sich selbst jene Geschmacksgesetze vereinigen könnte. Wie
wenig aber die eine sowohl als die andere Ausflucht verschlage, ist 10 an
mehrern Orten in der Exposition der Geschmacksurtheile gezeigt worden.
Räumt man aber unserer Deduction wenigstens so viel ein, daß sie auf dem
rechten Wege geschehe, wenn gleich noch nicht in allen Stücken hell genug
gemacht sei, so zeigen sich drei Ideen: e r s t l i c h des Übersinnlichen 15
überhaupt ohne weitere Bestimmung als Substrats der Natur; z w e i t e n s
eben desselben, als Princips der subjectiven Zweckmäßigkeit der Natur für
unser Erkenntnißvermögen; d r i t t e n s eben desselben, als Princips der
Zwecke der Freiheit und Princips der Übereinstimmung derselben mit jener
im Sittlichen. 20
Vernunft und deren hier gegebene Auflösung betrifft: so giebt es kein
anderes Mittel, derselben auszuweichen, als e n t w e d e r zu läugnen, daß
dem ästhetischen Geschmacksurtheile 30 irgend ein Princip a priori zum
Grunde liege, so daß aller Anspruch auf Nothwendigkeit allgemeiner
Beistimmung grundloser, leerer Wahn sei, und ein Geschmacksurtheil nur
sofern für richtig gehalten zu 245 werden verdiene, weil e s s i c h t r i f f t,
daß viele in Ansehung desselben übereinkommen, und auch dieses
eigentlich nicht um deswillen, weil man 35 hinter dieser Einstimmung ein
Princip a priori v e r m u t h e t, sondern (wie im Gaumengeschmack) weil
die Subjecte zufälliger Weise gleichförmig organisirt seien; o d e r man
müßte annehmen, daß das Geschmacksurtheil eigentlich ein verstecktes
Vernunfturtheil über die an einem Dinge und die Beziehung des
Mannigfaltigen in ihm zu einem Zwecke entdeckte Vollkommenheit sei,
mithin nur um der Verworrenheit willen, die dieser unserer Reflexion
anhängt, ästhetisch genannt werde, ob es gleich im 5 Grunde teleologisch
sei: in welchem Falle man die Auflösung der Antinomie durch
transscendentale Ideen für unnöthig und nichtig erklären und so mit den
Objecten der Sinne nicht als bloßen Erscheinungen, sondern auch als
Dingen an sich selbst jene Geschmacksgesetze vereinigen könnte. Wie
wenig aber die eine sowohl als die andere Ausflucht verschlage, ist 10 an
mehrern Orten in der Exposition der Geschmacksurtheile gezeigt worden.
Räumt man aber unserer Deduction wenigstens so viel ein, daß sie auf dem
rechten Wege geschehe, wenn gleich noch nicht in allen Stücken hell genug
gemacht sei, so zeigen sich drei Ideen: e r s t l i c h des Übersinnlichen 15
überhaupt ohne weitere Bestimmung als Substrats der Natur; z w e i t e n s
eben desselben, als Princips der subjectiven Zweckmäßigkeit der Natur für
unser Erkenntnißvermögen; d r i t t e n s eben desselben, als Princips der
Zwecke der Freiheit und Princips der Übereinstimmung derselben mit jener
im Sittlichen. 20
Page 227
§ 58. 246
Vom Idealismus der Zweckmäßigkeit der Natur sowohl als Kunst, als
dem alleinigen Princip der ästhetischen Urtheilskraft.
Man kann zuvörderst das Princip des Geschmacks entweder darin 25
setzen, daß dieser jederzeit nach empirischen Bestimmungsgründen und
also nach solchen, die nur a posteriori durch Sinne gegeben werden, oder
man kann einräumen, daß er aus einem Grunde a priori urtheile. Das erstere
wäre der E m p i r i s m der Kritik des Geschmacks, das zweite der
R a t i o n a l i s m derselben. Nach dem e r s t e n wäre das Object unseres
Wohlgefallens 30 nicht vom A n g e n e h m e n, nach dem zweiten, wenn
das Urtheil auf bestimmten Begriffen beruhte, nicht vom G u t e n
unterschieden; und so würde alle S c h ö n h e i t aus der Welt weggeläugnet
und nur ein besonderer Namen, vielleicht für eine gewisse Mischung von
beiden vorgenannten Arten des Wohlgefallens, an dessen Statt übrig
bleiben. Allein 35 wir haben gezeigt, daß es auch Gründe des
Wohlgefallens a priori gebe, die also mit dem Princip des Rationalisms
zusammen bestehen können, ungeachtet sie nicht in b e s t i m m t e
B e g r i f f e gefaßt werden können.
Der Rationalism des Princips des Geschmacks ist dagegen entweder der des
R e a l i s m s der Zweckmäßigkeit, oder des I d e a l i s m s derselben. 5
Weil nun ein Geschmacksurtheil kein Erkenntnißurtheil und Schönheit 247
keine Beschaffenheit des Objects, für sich betrachtet, ist: so kann der
Rationalism des Princips des Geschmacks niemals darin gesetzt werden,
daß die Zweckmäßigkeit in diesem Urtheile als objectiv gedacht werde, d. i.
daß das Urtheil theoretisch, mithin auch logisch (wenn gleich nur in einer
10 verworrenen Beurtheilung) auf die Vollkommenheit des Objects,
sondern nur ä s t h e t i s c h, auf die Übereinstimmung seiner Vorstellung in
der Einbildungskraft mit den wesentlichen Principien der Urtheilskraft
überhaupt, im Subjecte gehe. Folglich kann selbst nach dem Princip des
Rationalisms das Geschmacksurtheil und der Unterschied des Realisms und
15 Idealisms desselben nur darin gesetzt werden, daß entweder jene
subjective Zweckmäßigkeit im erstern Falle als wirklicher (absichtlicher)
Z w e c k der Natur (oder der Kunst) mit unserer Urtheilskraft
übereinzustimmen oder im zweiten Falle nur als eine ohne Zweck von
Vom Idealismus der Zweckmäßigkeit der Natur sowohl als Kunst, als
dem alleinigen Princip der ästhetischen Urtheilskraft.
Man kann zuvörderst das Princip des Geschmacks entweder darin 25
setzen, daß dieser jederzeit nach empirischen Bestimmungsgründen und
also nach solchen, die nur a posteriori durch Sinne gegeben werden, oder
man kann einräumen, daß er aus einem Grunde a priori urtheile. Das erstere
wäre der E m p i r i s m der Kritik des Geschmacks, das zweite der
R a t i o n a l i s m derselben. Nach dem e r s t e n wäre das Object unseres
Wohlgefallens 30 nicht vom A n g e n e h m e n, nach dem zweiten, wenn
das Urtheil auf bestimmten Begriffen beruhte, nicht vom G u t e n
unterschieden; und so würde alle S c h ö n h e i t aus der Welt weggeläugnet
und nur ein besonderer Namen, vielleicht für eine gewisse Mischung von
beiden vorgenannten Arten des Wohlgefallens, an dessen Statt übrig
bleiben. Allein 35 wir haben gezeigt, daß es auch Gründe des
Wohlgefallens a priori gebe, die also mit dem Princip des Rationalisms
zusammen bestehen können, ungeachtet sie nicht in b e s t i m m t e
B e g r i f f e gefaßt werden können.
Der Rationalism des Princips des Geschmacks ist dagegen entweder der des
R e a l i s m s der Zweckmäßigkeit, oder des I d e a l i s m s derselben. 5
Weil nun ein Geschmacksurtheil kein Erkenntnißurtheil und Schönheit 247
keine Beschaffenheit des Objects, für sich betrachtet, ist: so kann der
Rationalism des Princips des Geschmacks niemals darin gesetzt werden,
daß die Zweckmäßigkeit in diesem Urtheile als objectiv gedacht werde, d. i.
daß das Urtheil theoretisch, mithin auch logisch (wenn gleich nur in einer
10 verworrenen Beurtheilung) auf die Vollkommenheit des Objects,
sondern nur ä s t h e t i s c h, auf die Übereinstimmung seiner Vorstellung in
der Einbildungskraft mit den wesentlichen Principien der Urtheilskraft
überhaupt, im Subjecte gehe. Folglich kann selbst nach dem Princip des
Rationalisms das Geschmacksurtheil und der Unterschied des Realisms und
15 Idealisms desselben nur darin gesetzt werden, daß entweder jene
subjective Zweckmäßigkeit im erstern Falle als wirklicher (absichtlicher)
Z w e c k der Natur (oder der Kunst) mit unserer Urtheilskraft
übereinzustimmen oder im zweiten Falle nur als eine ohne Zweck von
Page 228
selbst und zufälliger Weise sich hervorthuende zweckmäßige
Übereinstimmung zu dem Bedürfniß der 20 Urtheilskraft in Ansehung der
Natur und ihrer nach besondern Gesetzen erzeugten Formen angenommen
werde.
Dem Realism der ästhetischen Zweckmäßigkeit der Natur, da man nämlich
annehmen möchte, daß der Hervorbringung des Schönen eine Idee
desselben in der hervorbringenden Ursache, nämlich ein Z w e c k zu 25
Gunsten unserer Einbildungskraft, zum Grunde gelegen habe, reden die 248
schönen Bildungen im Reiche der organisirten Natur gar sehr das Wort. Die
Blumen, Blüthen, ja die Gestalten ganzer Gewächse, die für ihren eigenen
Gebrauch unnöthige, aber für unsern Geschmack gleichsam ausgewählte
Zierlichkeit der thierischen Bildungen von allerlei Gattungen; vornehmlich
30 die unsern Augen so wohlgefällige und reizende Mannigfaltigkeit und
harmonische Zusammensetzung der Farben (am Fasan, an Schalthieren,
Insecten, bis zu den gemeinsten Blumen), die, indem sie bloß die
Oberfläche und auch an dieser nicht einmal die Figur der Geschöpfe,
welche doch noch zu den innern Zwecken derselben erforderlich sein
könnte, betreffen, 35 gänzlich auf äußere Beschauung abgezweckt zu sein
scheinen: geben der Erklärungsart durch Annehmung wirklicher Zwecke
der Natur für unsere ästhetische Urtheilskraft ein großes Gewicht.
Dagegen widersetzt sich dieser Annahme nicht allein die Vernunft durch
ihre Maximen, allerwärts die unnöthige Vervielfältigung der Principien
nach aller Möglichkeit zu verhüten; sondern die Natur zeigt in ihren 5
freien Bildungen überall so viel mechanischen Hang zu Erzeugung von
Formen, die für den ästhetischen Gebrauch unserer Urtheilskraft gleichsam
gemacht zu sein scheinen, ohne den geringsten Grund zur Vermuthung an
die Hand zu geben, daß es dazu noch etwas mehr als ihres Mechanisms,
bloß als Natur, bedürfe, wornach sie auch ohne alle ihnen zum Grunde 10
liegende Idee für unsere Beurtheilung zweckmäßig sein können. Ich
verstehe 249 aber unter einer f r e i e n B i l d u n g der Natur d i e j e n i g e,
wodurch aus einem F l ü s s i g e n i n R u h e durch Verflüchtigung oder
Absonderung eines Theils desselben (bisweilen bloß der Wärmmaterie) das
Übrige bei dem Festwerden eine bestimmte Gestalt oder Gewebe (Figur
oder Textur) 15 annimmt, die nach der specifischen Verschiedenheit der
Materien verschieden, in eben derselben aber genau dieselbe ist. Hiezu aber
wird, was man unter einer wahren Flüssigkeit jederzeit versteht, nämlich
Übereinstimmung zu dem Bedürfniß der 20 Urtheilskraft in Ansehung der
Natur und ihrer nach besondern Gesetzen erzeugten Formen angenommen
werde.
Dem Realism der ästhetischen Zweckmäßigkeit der Natur, da man nämlich
annehmen möchte, daß der Hervorbringung des Schönen eine Idee
desselben in der hervorbringenden Ursache, nämlich ein Z w e c k zu 25
Gunsten unserer Einbildungskraft, zum Grunde gelegen habe, reden die 248
schönen Bildungen im Reiche der organisirten Natur gar sehr das Wort. Die
Blumen, Blüthen, ja die Gestalten ganzer Gewächse, die für ihren eigenen
Gebrauch unnöthige, aber für unsern Geschmack gleichsam ausgewählte
Zierlichkeit der thierischen Bildungen von allerlei Gattungen; vornehmlich
30 die unsern Augen so wohlgefällige und reizende Mannigfaltigkeit und
harmonische Zusammensetzung der Farben (am Fasan, an Schalthieren,
Insecten, bis zu den gemeinsten Blumen), die, indem sie bloß die
Oberfläche und auch an dieser nicht einmal die Figur der Geschöpfe,
welche doch noch zu den innern Zwecken derselben erforderlich sein
könnte, betreffen, 35 gänzlich auf äußere Beschauung abgezweckt zu sein
scheinen: geben der Erklärungsart durch Annehmung wirklicher Zwecke
der Natur für unsere ästhetische Urtheilskraft ein großes Gewicht.
Dagegen widersetzt sich dieser Annahme nicht allein die Vernunft durch
ihre Maximen, allerwärts die unnöthige Vervielfältigung der Principien
nach aller Möglichkeit zu verhüten; sondern die Natur zeigt in ihren 5
freien Bildungen überall so viel mechanischen Hang zu Erzeugung von
Formen, die für den ästhetischen Gebrauch unserer Urtheilskraft gleichsam
gemacht zu sein scheinen, ohne den geringsten Grund zur Vermuthung an
die Hand zu geben, daß es dazu noch etwas mehr als ihres Mechanisms,
bloß als Natur, bedürfe, wornach sie auch ohne alle ihnen zum Grunde 10
liegende Idee für unsere Beurtheilung zweckmäßig sein können. Ich
verstehe 249 aber unter einer f r e i e n B i l d u n g der Natur d i e j e n i g e,
wodurch aus einem F l ü s s i g e n i n R u h e durch Verflüchtigung oder
Absonderung eines Theils desselben (bisweilen bloß der Wärmmaterie) das
Übrige bei dem Festwerden eine bestimmte Gestalt oder Gewebe (Figur
oder Textur) 15 annimmt, die nach der specifischen Verschiedenheit der
Materien verschieden, in eben derselben aber genau dieselbe ist. Hiezu aber
wird, was man unter einer wahren Flüssigkeit jederzeit versteht, nämlich
Page 229
daß die Materie in ihr völlig aufgelöset, d. i. nicht als ein bloßes Gemenge
fester und darin bloß schwebender Theile anzusehen sei, vorausgesetzt. 20
Die Bildung geschieht alsdann durch A n s c h i e ß e n, d. i. durch ein
plötzliches Festwerden, nicht durch einen allmähligen Übergang aus dem
flüssigen in den festen Zustand, sondern gleichsam durch einen Sprung,
welcher Übergang auch das K r y s t a l l i s i r e n genannt wird. Das
gemeinste Beispiel von dieser Art Bildung ist das gefrierende Wasser, in
welchem 25 sich zuerst gerade Eisstrählchen erzeugen, die in Winkeln von
60 Grad sich zusammenfügen, indeß sich andere an jedem Punkt derselben
eben so ansetzen, bis alles zu Eis geworden ist: so daß während dieser Zeit
das Wasser zwischen den Eisstrählchen nicht allmählig zäher wird, sondern
so vollkommen flüssig ist, als es bei weit größerer Wärme sein würde, und
doch 30 die völlige Eiskälte hat. Die sich absondernde Materie, die im
Augenblicke 250 des Festwerdens plötzlich entwischt, ist ein ansehnliches
Quantum von Wärmestoff, dessen Abgang, da es bloß zum Flüssigsein
erfordert ward, dieses nunmehrige Eis nicht im mindesten kälter, als das
kurz vorher in ihm flüssige Wasser zurückläßt. 35
Viele Salze, imgleichen Steine, die eine krystallinische Figur haben, werden
eben so von einer im Wasser, wer weiß durch was für Vermittelung
aufgelösten Erdart erzeugt. Eben so bilden sich die drusichten
Configurationen vieler Minern, des würflichten Bleiglanzes, des
Rothgüldenerzes u. d. gl., allem Vermuthen nach auch im Wasser und durch
Anschießen der Theile: indem sie durch irgend eine Ursache genöthigt
werden, dieses Vehikel zu verlassen und sich unter einander in bestimmte
äußere Gestalten 5 zu vereinigen.
Aber auch innerlich zeigen alle Materien, welche bloß durch Hitze flüssig
waren und durch Erkalten Festigkeit angenommen haben, im Bruche eine
bestimmte Textur und lassen daraus urtheilen, daß, wenn nicht ihr eigenes
Gewicht oder die Luftberührung es gehindert hätte, sie auch äußerlich 10
ihre specifisch eigenthümliche Gestalt würden gewiesen haben: dergleichen
man an einigen Metallen, die nach der Schmelzung äußerlich erhärtet,
inwendig aber noch flüssig waren, durch Abzapfen des innern, noch
flüssigen Theils und nunmehriges ruhiges Anschießen des übrigen inwendig
zurückgebliebenen beobachtet hat. Viele von jenen mineralischen 15 251
Krystallisationen, als die Spatdrusen, der Glaskopf, die Eisenblüthe, geben
fester und darin bloß schwebender Theile anzusehen sei, vorausgesetzt. 20
Die Bildung geschieht alsdann durch A n s c h i e ß e n, d. i. durch ein
plötzliches Festwerden, nicht durch einen allmähligen Übergang aus dem
flüssigen in den festen Zustand, sondern gleichsam durch einen Sprung,
welcher Übergang auch das K r y s t a l l i s i r e n genannt wird. Das
gemeinste Beispiel von dieser Art Bildung ist das gefrierende Wasser, in
welchem 25 sich zuerst gerade Eisstrählchen erzeugen, die in Winkeln von
60 Grad sich zusammenfügen, indeß sich andere an jedem Punkt derselben
eben so ansetzen, bis alles zu Eis geworden ist: so daß während dieser Zeit
das Wasser zwischen den Eisstrählchen nicht allmählig zäher wird, sondern
so vollkommen flüssig ist, als es bei weit größerer Wärme sein würde, und
doch 30 die völlige Eiskälte hat. Die sich absondernde Materie, die im
Augenblicke 250 des Festwerdens plötzlich entwischt, ist ein ansehnliches
Quantum von Wärmestoff, dessen Abgang, da es bloß zum Flüssigsein
erfordert ward, dieses nunmehrige Eis nicht im mindesten kälter, als das
kurz vorher in ihm flüssige Wasser zurückläßt. 35
Viele Salze, imgleichen Steine, die eine krystallinische Figur haben, werden
eben so von einer im Wasser, wer weiß durch was für Vermittelung
aufgelösten Erdart erzeugt. Eben so bilden sich die drusichten
Configurationen vieler Minern, des würflichten Bleiglanzes, des
Rothgüldenerzes u. d. gl., allem Vermuthen nach auch im Wasser und durch
Anschießen der Theile: indem sie durch irgend eine Ursache genöthigt
werden, dieses Vehikel zu verlassen und sich unter einander in bestimmte
äußere Gestalten 5 zu vereinigen.
Aber auch innerlich zeigen alle Materien, welche bloß durch Hitze flüssig
waren und durch Erkalten Festigkeit angenommen haben, im Bruche eine
bestimmte Textur und lassen daraus urtheilen, daß, wenn nicht ihr eigenes
Gewicht oder die Luftberührung es gehindert hätte, sie auch äußerlich 10
ihre specifisch eigenthümliche Gestalt würden gewiesen haben: dergleichen
man an einigen Metallen, die nach der Schmelzung äußerlich erhärtet,
inwendig aber noch flüssig waren, durch Abzapfen des innern, noch
flüssigen Theils und nunmehriges ruhiges Anschießen des übrigen inwendig
zurückgebliebenen beobachtet hat. Viele von jenen mineralischen 15 251
Krystallisationen, als die Spatdrusen, der Glaskopf, die Eisenblüthe, geben
Page 230
oft überaus schöne Gestalten, wie sie die Kunst nur immer ausdenken
möchte; und die Glorie in der Höhle von Antiparos ist bloß das Product
eines sich durch Gipslager durchsickernden Wassers.
Das Flüssige ist allem Ansehen nach überhaupt älter als das Feste, 20 und
sowohl die Pflanzen als thierische Körper werden aus flüssiger
Nahrungsmaterie gebildet, sofern sie sich in Ruhe formt: freilich zwar in
der letztern zuvörderst nach einer gewissen ursprünglichen auf Zwecke
gerichteten Anlage (die, wie im zweiten Theile gewiesen werden wird, nicht
ästhetisch, sondern teleologisch nach dem Princip des Realisms beurtheilt
25 werden muß); aber nebenbei doch auch vielleicht als dem allgemeinen
Gesetze der Verwandtschaft der Materien gemäß anschießend und sich in
Freiheit bildend. So wie nun die in einer Atmosphäre, welche ein Gemisch
verschiedener Luftarten ist, aufgelösten wäßrigen Flüssigkeiten, wenn sich
die letzeren durch Abgang der Wärme von jener scheiden, Schneefiguren
30 erzeugen, die nach Verschiedenheit der dermaligen Luftmischung von
oft sehr künstlich scheinender und überaus schöner Figur sind: so läßt sich,
ohne dem teleologischen Princip der Beurtheilung der Organisation etwas
zu entziehen, wohl denken: daß, was die Schönheit der Blumen, der
Vogelfedern, der Muscheln ihrer Gestalt sowohl als Farbe nach betrifft,
diese 35 252 der Natur und ihrem Vermögen, sich in ihrer Freiheit ohne
besondere darauf gerichtete Zwecke nach chemischen Gesetzen durch
Absetzung der zur Organisation erforderlichen Materie auch ästhetisch-
zweckmäßig zu bilden, zugeschrieben werden könne.
Was aber das Princip der I d e a l i t ä t der Zweckmäßigkeit im Schönen der
Natur, als dasjenige, welches wir im ästhetischen Urtheile selbst jederzeit
zum Grunde legen, und welches uns keinen Realism eines 5 Zwecks
derselben für unsere Vorstellungskraft zum Erklärungsgrunde zu brauchen
erlaubt, geradezu beweiset: ist, daß wir in der Beurtheilung der Schönheit
überhaupt das Richtmaß derselben a priori in uns selbst suchen, und die
ästhetische Urtheilskraft in Ansehung des Urtheils, ob etwas schön sei oder
nicht, selbst gesetzgebend ist, welches bei Annehmung des Realisms 10 der
Zweckmäßigkeit der Natur nicht Statt finden kann, weil wir da von der
Natur lernen müßten, was wir schön zu finden hätten, und das
Geschmacksurtheil empirischen Principien unterworfen sein würde. Denn
in einer solchen Beurtheilung kommt es nicht darauf an, was die Natur ist,
oder auch für uns als Zweck ist, sondern wie wir sie aufnehmen. Es 15
möchte; und die Glorie in der Höhle von Antiparos ist bloß das Product
eines sich durch Gipslager durchsickernden Wassers.
Das Flüssige ist allem Ansehen nach überhaupt älter als das Feste, 20 und
sowohl die Pflanzen als thierische Körper werden aus flüssiger
Nahrungsmaterie gebildet, sofern sie sich in Ruhe formt: freilich zwar in
der letztern zuvörderst nach einer gewissen ursprünglichen auf Zwecke
gerichteten Anlage (die, wie im zweiten Theile gewiesen werden wird, nicht
ästhetisch, sondern teleologisch nach dem Princip des Realisms beurtheilt
25 werden muß); aber nebenbei doch auch vielleicht als dem allgemeinen
Gesetze der Verwandtschaft der Materien gemäß anschießend und sich in
Freiheit bildend. So wie nun die in einer Atmosphäre, welche ein Gemisch
verschiedener Luftarten ist, aufgelösten wäßrigen Flüssigkeiten, wenn sich
die letzeren durch Abgang der Wärme von jener scheiden, Schneefiguren
30 erzeugen, die nach Verschiedenheit der dermaligen Luftmischung von
oft sehr künstlich scheinender und überaus schöner Figur sind: so läßt sich,
ohne dem teleologischen Princip der Beurtheilung der Organisation etwas
zu entziehen, wohl denken: daß, was die Schönheit der Blumen, der
Vogelfedern, der Muscheln ihrer Gestalt sowohl als Farbe nach betrifft,
diese 35 252 der Natur und ihrem Vermögen, sich in ihrer Freiheit ohne
besondere darauf gerichtete Zwecke nach chemischen Gesetzen durch
Absetzung der zur Organisation erforderlichen Materie auch ästhetisch-
zweckmäßig zu bilden, zugeschrieben werden könne.
Was aber das Princip der I d e a l i t ä t der Zweckmäßigkeit im Schönen der
Natur, als dasjenige, welches wir im ästhetischen Urtheile selbst jederzeit
zum Grunde legen, und welches uns keinen Realism eines 5 Zwecks
derselben für unsere Vorstellungskraft zum Erklärungsgrunde zu brauchen
erlaubt, geradezu beweiset: ist, daß wir in der Beurtheilung der Schönheit
überhaupt das Richtmaß derselben a priori in uns selbst suchen, und die
ästhetische Urtheilskraft in Ansehung des Urtheils, ob etwas schön sei oder
nicht, selbst gesetzgebend ist, welches bei Annehmung des Realisms 10 der
Zweckmäßigkeit der Natur nicht Statt finden kann, weil wir da von der
Natur lernen müßten, was wir schön zu finden hätten, und das
Geschmacksurtheil empirischen Principien unterworfen sein würde. Denn
in einer solchen Beurtheilung kommt es nicht darauf an, was die Natur ist,
oder auch für uns als Zweck ist, sondern wie wir sie aufnehmen. Es 15
Page 231
würde immer eine objective Zweckmäßigkeit der Natur sein, wenn sie für
unser Wohlgefallen ihre Formen gebildet hätte; und nicht eine subjective
Zweckmäßigkeit, welche auf dem Spiele der Einbildungskraft in ihrer
Freiheit 253 beruhte, wo es Gunst ist, womit wir die Natur aufnehmen, nicht
Gunst, die sie uns erzeigt. Die Eigenschaft der Natur, daß sie für uns 20
Gelegenheit enthält, die innere Zweckmäßigkeit in dem Verhältnisse
unserer Gemüthskräfte in Beurtheilung gewisser Producte derselben
wahrzunehmen, und zwar als eine solche, die aus einem übersinnlichen
Grunde für nothwendig und allgemeingültig erklärt werden soll, kann nicht
Naturzweck sein, oder vielmehr von uns als ein solcher beurtheilt werden:
weil sonst 25 das Urtheil, das dadurch bestimmt würde, Heteronomie, aber
nicht, wie es einem Geschmacksurtheile geziemt, frei sein und Autonomie
zum Grunde haben würde.
In der schönen Kunst ist das Princip des Idealisms der Zweckmäßigkeit
noch deutlicher zu erkennen. Denn daß hier nicht ein ästhetischer 30
Realism derselben durch Empfindungen (wobei sie statt schöner bloß
angenehme Kunst sein würde) angenommen werden könne: das hat sie mit
der schönen Natur gemein. Allein daß das Wohlgefallen durch ästhetische
Ideen nicht von der Erreichung bestimmter Zwecke (als mechanisch
absichtliche Kunst) abhängen müsse, folglich selbst im Rationalism des 35
Princips Idealität der Zwecke, nicht Realität derselben zum Grunde liege:
leuchtet auch schon dadurch ein, daß schöne Kunst als solche nicht als ein
Product des Verstandes und der Wissenschaft, sondern des Genies betrachtet
werden muß und also durch ä s t h e t i s c h e Ideen, welche von
Vernunftideen bestimmter Zwecke wesentlich unterschieden sind, ihre
Regel bekomme. 254
So wie die I d e a l i t ä t der Gegenstände der Sinne als Erscheinungen 5 die
einzige Art ist, die Möglichkeit zu erklären, daß ihre Formen a priori
bestimmt werden können: so ist auch der I d e a l i s m der Zweckmäßigkeit
in Beurtheilung des Schönen der Natur und der Kunst die einzige
Voraussetzung, unter der allein die Kritik die Möglichkeit eines
Geschmacksurtheils, welches a priori Gültigkeit für jedermann fordert
(ohne doch die 10 Zweckmäßigkeit, die am Objecte vorgestellt wird, auf
Begriffe zu gründen), erklären kann.
unser Wohlgefallen ihre Formen gebildet hätte; und nicht eine subjective
Zweckmäßigkeit, welche auf dem Spiele der Einbildungskraft in ihrer
Freiheit 253 beruhte, wo es Gunst ist, womit wir die Natur aufnehmen, nicht
Gunst, die sie uns erzeigt. Die Eigenschaft der Natur, daß sie für uns 20
Gelegenheit enthält, die innere Zweckmäßigkeit in dem Verhältnisse
unserer Gemüthskräfte in Beurtheilung gewisser Producte derselben
wahrzunehmen, und zwar als eine solche, die aus einem übersinnlichen
Grunde für nothwendig und allgemeingültig erklärt werden soll, kann nicht
Naturzweck sein, oder vielmehr von uns als ein solcher beurtheilt werden:
weil sonst 25 das Urtheil, das dadurch bestimmt würde, Heteronomie, aber
nicht, wie es einem Geschmacksurtheile geziemt, frei sein und Autonomie
zum Grunde haben würde.
In der schönen Kunst ist das Princip des Idealisms der Zweckmäßigkeit
noch deutlicher zu erkennen. Denn daß hier nicht ein ästhetischer 30
Realism derselben durch Empfindungen (wobei sie statt schöner bloß
angenehme Kunst sein würde) angenommen werden könne: das hat sie mit
der schönen Natur gemein. Allein daß das Wohlgefallen durch ästhetische
Ideen nicht von der Erreichung bestimmter Zwecke (als mechanisch
absichtliche Kunst) abhängen müsse, folglich selbst im Rationalism des 35
Princips Idealität der Zwecke, nicht Realität derselben zum Grunde liege:
leuchtet auch schon dadurch ein, daß schöne Kunst als solche nicht als ein
Product des Verstandes und der Wissenschaft, sondern des Genies betrachtet
werden muß und also durch ä s t h e t i s c h e Ideen, welche von
Vernunftideen bestimmter Zwecke wesentlich unterschieden sind, ihre
Regel bekomme. 254
So wie die I d e a l i t ä t der Gegenstände der Sinne als Erscheinungen 5 die
einzige Art ist, die Möglichkeit zu erklären, daß ihre Formen a priori
bestimmt werden können: so ist auch der I d e a l i s m der Zweckmäßigkeit
in Beurtheilung des Schönen der Natur und der Kunst die einzige
Voraussetzung, unter der allein die Kritik die Möglichkeit eines
Geschmacksurtheils, welches a priori Gültigkeit für jedermann fordert
(ohne doch die 10 Zweckmäßigkeit, die am Objecte vorgestellt wird, auf
Begriffe zu gründen), erklären kann.
Page 232
§ 59.
Von der Schönheit als Symbol der Sittlichkeit.
Die Realität unserer Begriffe darzuthun, werden immer Anschauungen 15
erfordert. Sind es empirische Begriffe, so heißen die letzteren B e i s p i e l e.
Sind jene reine Verstandesbegriffe, so werden die letzteren S c h e m a t e
genannt. Verlangt man gar, daß die objective Realität der Vernunftbegriffe,
d. i. der Ideen, und zwar zum Behuf des theoretischen Erkenntnisses
derselben dargethan werde, so begehrt man etwas Unmögliches, 20 weil
ihnen schlechterdings keine Anschauung angemessen gegeben werden
kann.
Alle H y p o t y p o s e (Darstellung, subiectio sub adspectum) als
Versinnlichung 255 ist zwiefach: entweder s c h e m a t i s c h, da einem
Begriffe, den der Verstand faßt, die correspondirende Anschauung a priori
gegeben wird; 25 oder s y m b o l i s c h, da einem Begriffe, den nur die
Vernunft denken und dem keine sinnliche Anschauung angemessen sein
kann, eine solche untergelegt wird, mit welcher das Verfahren der
Urtheilskraft demjenigen, was sie im Schematisiren beobachtet, bloß
analogisch ist, d. i. mit ihm bloß der Regel dieses Verfahrens, nicht der
Anschauung selbst, mithin bloß der 30 Form der Reflexion, nicht dem
Inhalte nach übereinkommt.
Es ist ein von den neuern Logikern zwar angenommener, aber
sinnverkehrender, unrechter Gebrauch des Worts s y m b o l i s c h, wenn
man es der i n t u i t i v e n Vorstellungsart entgegensetzt; denn die
symbolische ist nur eine Art der intuitiven. Die letztere (die intuitive) kann
nämlich in die 35 s c h e m a t i s c h e und in die s y m b o l i s c h e
Vorstellungsart eingetheilt werden. Beide sind Hypotyposen, d. i.
Darstellungen (exhibitiones): nicht bloße C h a r a k t e r i s m e n, d. i.
Bezeichnungen der Begriffe durch begleitende sinnliche Zeichen, die gar
nichts zu der Anschauung des Objects Gehöriges enthalten, sondern nur
jenen nach dem Gesetze der Association der Einbildungskraft, mithin in
subjectiver Absicht zum Mittel der Reproduction 5 dienen; dergleichen
sind entweder Worte, oder sichtbare (algebraische, 256 selbst mimische)
Zeichen, als bloße A u s d r ü c k e für Begriffe[23].
Von der Schönheit als Symbol der Sittlichkeit.
Die Realität unserer Begriffe darzuthun, werden immer Anschauungen 15
erfordert. Sind es empirische Begriffe, so heißen die letzteren B e i s p i e l e.
Sind jene reine Verstandesbegriffe, so werden die letzteren S c h e m a t e
genannt. Verlangt man gar, daß die objective Realität der Vernunftbegriffe,
d. i. der Ideen, und zwar zum Behuf des theoretischen Erkenntnisses
derselben dargethan werde, so begehrt man etwas Unmögliches, 20 weil
ihnen schlechterdings keine Anschauung angemessen gegeben werden
kann.
Alle H y p o t y p o s e (Darstellung, subiectio sub adspectum) als
Versinnlichung 255 ist zwiefach: entweder s c h e m a t i s c h, da einem
Begriffe, den der Verstand faßt, die correspondirende Anschauung a priori
gegeben wird; 25 oder s y m b o l i s c h, da einem Begriffe, den nur die
Vernunft denken und dem keine sinnliche Anschauung angemessen sein
kann, eine solche untergelegt wird, mit welcher das Verfahren der
Urtheilskraft demjenigen, was sie im Schematisiren beobachtet, bloß
analogisch ist, d. i. mit ihm bloß der Regel dieses Verfahrens, nicht der
Anschauung selbst, mithin bloß der 30 Form der Reflexion, nicht dem
Inhalte nach übereinkommt.
Es ist ein von den neuern Logikern zwar angenommener, aber
sinnverkehrender, unrechter Gebrauch des Worts s y m b o l i s c h, wenn
man es der i n t u i t i v e n Vorstellungsart entgegensetzt; denn die
symbolische ist nur eine Art der intuitiven. Die letztere (die intuitive) kann
nämlich in die 35 s c h e m a t i s c h e und in die s y m b o l i s c h e
Vorstellungsart eingetheilt werden. Beide sind Hypotyposen, d. i.
Darstellungen (exhibitiones): nicht bloße C h a r a k t e r i s m e n, d. i.
Bezeichnungen der Begriffe durch begleitende sinnliche Zeichen, die gar
nichts zu der Anschauung des Objects Gehöriges enthalten, sondern nur
jenen nach dem Gesetze der Association der Einbildungskraft, mithin in
subjectiver Absicht zum Mittel der Reproduction 5 dienen; dergleichen
sind entweder Worte, oder sichtbare (algebraische, 256 selbst mimische)
Zeichen, als bloße A u s d r ü c k e für Begriffe[23].
Page 233
Alle Anschauungen, die man Begriffen a priori unterlegt, sind also
entweder S c h e m a t e oder S y m b o l e, wovon die erstern directe, die
zweiten indirecte Darstellungen des Begriffs enthalten. Die erstern thun
dieses 10 demonstrativ, die zweiten vermittelst einer Analogie (zu welcher
man sich auch empirischer Anschauungen bedient), in welcher die
Urtheilskraft ein doppeltes Geschäft verrichtet, erstlich den Begriff auf den
Gegenstand einer sinnlichen Anschauung und dann zweitens die bloße
Regel der Reflexion über jene Anschauung auf einen ganz andern
Gegenstand, von 15 dem der erstere nur das Symbol ist, anzuwenden. So
wird ein monarchischer Staat durch einen beseelten Körper, wenn er nach
inneren Volksgesetzen, durch eine bloße Maschine aber (wie etwa eine
Handmühle), wenn er durch einen einzelnen absoluten Willen beherrscht
wird, in beiden Fällen aber nur s y m b o l i s c h vorgestellt. Denn zwischen
einem despotischen 20 Staate und einer Handmühle ist zwar keine
Ähnlichkeit, wohl aber zwischen den Regeln, über beide und ihre Causalität
zu reflectiren. Dies Geschäft ist bis jetzt noch wenig auseinander gesetzt
worden, so sehr es 257 auch eine tiefere Untersuchung verdient; allein hier
ist nicht der Ort, sich dabei aufzuhalten. Unsere Sprache ist voll von
dergleichen indirecten 25 Darstellungen nach einer Analogie, wodurch der
Ausdruck nicht das eigentliche Schema für den Begriff, sondern bloß ein
Symbol für die Reflexion enthält. So sind die Wörter G r u n d (Stütze,
Basis), A b h ä n g e n (von oben Gehalten werden), woraus F l i e ß e n (statt
Folgen), S u b s t a n z (wie Locke sich ausdrückt: der Träger der
Accidenzen) und unzählige andere 30 nicht schematische, sondern
symbolische Hypotyposen und Ausdrücke für Begriffe nicht vermittelst
einer directen Anschauung, sondern nur nach einer Analogie mit derselben,
d. i. der Übertragung der Reflexion über einen Gegenstand der Anschauung
auf einen ganz andern Begriff, dem vielleicht nie eine Anschauung direct
correspondiren kann. Wenn man eine bloße Vorstellungsart schon
Erkenntniß nennen darf (welches, wenn sie ein Princip nicht der
theoretischen Bestimmung des Gegenstandes ist, was er an sich sei, sondern
der praktischen, was die Idee von ihm für uns 5 und den zweckmäßigen
Gebrauch derselben werden soll, wohl erlaubt ist): so ist alle unsere
Erkenntniß von Gott bloß symbolisch; und der, welcher sie mit den
Eigenschaften Verstand, Wille u. s. w., die allein an Weltwesen ihre
objective Realität beweisen, für schematisch nimmt, geräth in den
Anthropomorphism, so wie, wenn er alles Intuitive wegläßt, in den 10 258
entweder S c h e m a t e oder S y m b o l e, wovon die erstern directe, die
zweiten indirecte Darstellungen des Begriffs enthalten. Die erstern thun
dieses 10 demonstrativ, die zweiten vermittelst einer Analogie (zu welcher
man sich auch empirischer Anschauungen bedient), in welcher die
Urtheilskraft ein doppeltes Geschäft verrichtet, erstlich den Begriff auf den
Gegenstand einer sinnlichen Anschauung und dann zweitens die bloße
Regel der Reflexion über jene Anschauung auf einen ganz andern
Gegenstand, von 15 dem der erstere nur das Symbol ist, anzuwenden. So
wird ein monarchischer Staat durch einen beseelten Körper, wenn er nach
inneren Volksgesetzen, durch eine bloße Maschine aber (wie etwa eine
Handmühle), wenn er durch einen einzelnen absoluten Willen beherrscht
wird, in beiden Fällen aber nur s y m b o l i s c h vorgestellt. Denn zwischen
einem despotischen 20 Staate und einer Handmühle ist zwar keine
Ähnlichkeit, wohl aber zwischen den Regeln, über beide und ihre Causalität
zu reflectiren. Dies Geschäft ist bis jetzt noch wenig auseinander gesetzt
worden, so sehr es 257 auch eine tiefere Untersuchung verdient; allein hier
ist nicht der Ort, sich dabei aufzuhalten. Unsere Sprache ist voll von
dergleichen indirecten 25 Darstellungen nach einer Analogie, wodurch der
Ausdruck nicht das eigentliche Schema für den Begriff, sondern bloß ein
Symbol für die Reflexion enthält. So sind die Wörter G r u n d (Stütze,
Basis), A b h ä n g e n (von oben Gehalten werden), woraus F l i e ß e n (statt
Folgen), S u b s t a n z (wie Locke sich ausdrückt: der Träger der
Accidenzen) und unzählige andere 30 nicht schematische, sondern
symbolische Hypotyposen und Ausdrücke für Begriffe nicht vermittelst
einer directen Anschauung, sondern nur nach einer Analogie mit derselben,
d. i. der Übertragung der Reflexion über einen Gegenstand der Anschauung
auf einen ganz andern Begriff, dem vielleicht nie eine Anschauung direct
correspondiren kann. Wenn man eine bloße Vorstellungsart schon
Erkenntniß nennen darf (welches, wenn sie ein Princip nicht der
theoretischen Bestimmung des Gegenstandes ist, was er an sich sei, sondern
der praktischen, was die Idee von ihm für uns 5 und den zweckmäßigen
Gebrauch derselben werden soll, wohl erlaubt ist): so ist alle unsere
Erkenntniß von Gott bloß symbolisch; und der, welcher sie mit den
Eigenschaften Verstand, Wille u. s. w., die allein an Weltwesen ihre
objective Realität beweisen, für schematisch nimmt, geräth in den
Anthropomorphism, so wie, wenn er alles Intuitive wegläßt, in den 10 258
Page 234
Deism, wodurch überall nichts, auch nicht in praktischer Absicht, erkannt
wird.
Nun sage ich: das Schöne ist das Symbol des Sittlich-Guten; und auch nur
in dieser Rücksicht (einer Beziehung, die jedermann natürlich ist, und die
auch jedermann andern als Pflicht zumuthet) gefällt es mit einem 15
Anspruche auf jedes andern Beistimmung, wobei sich das Gemüth zugleich
einer gewissen Veredlung und Erhebung über die bloße Empfänglichkeit
einer Lust durch Sinneneindrücke bewußt ist und anderer Werth auch nach
einer ähnlichen Maxime ihrer Urtheilskraft schätzt. Das ist das
I n t e l l i g i b e l e, worauf, wie der vorige Paragraph Anzeige that, der
Geschmack 20 hinaussieht, wozu nämlich selbst unsere oberen
Erkenntnißvermögen zusammenstimmen, und ohne welches zwischen ihrer
Natur, verglichen mit den Ansprüchen, die der Geschmack macht, lauter
Widersprüche erwachsen würden. In diesem Vermögen sieht sich die
Urtheilskraft nicht, wie sonst in empirischer Beurtheilung einer
Heteronomie der Erfahrungsgesetze unterworfen: 25 sie giebt in Ansehung
der Gegenstände eines so reinen Wohlgefallens ihr selbst das Gesetz, so wie
die Vernunft es in Ansehung des Begehrungsvermögens thut; und sieht sich
sowohl wegen dieser innern Möglichkeit im Subjecte, als wegen der äußern
Möglichkeit einer damit übereinstimmenden Natur auf etwas im Subjecte
selbst und außer ihm, 30 259 was nicht Natur, auch nicht Freiheit, doch aber
mit dem Grunde der letzteren, nämlich dem Übersinnlichen, verknüpft ist,
bezogen, in welchem das theoretische Vermögen mit dem praktischen auf
gemeinschaftliche und unbekannte Art zur Einheit verbunden wird. Wir
wollen einige Stücke dieser Analogie anführen, indem wir zugleich die
Verschiedenheit derselben 35 nicht unbemerkt lassen.
1) Das Schöne gefällt u n m i t t e l b a r (aber nur in der reflectirenden
Anschauung, nicht wie Sittlichkeit im Begriffe). 2) Es gefällt o h n e
a l l e s I n t e r e s s e (das Sittlich-Gute zwar nothwendig mit einem
Interesse, aber nicht einem solchen, was vor dem Urtheile über das
Wohlgefallen vorhergeht, verbunden, sondern was dadurch allererst bewirkt
wird). 3) Die F r e i h e i t der Einbildungskraft (also der Sinnlichkeit unseres
5 Vermögens) wird in der Beurtheilung des Schönen mit der
Gesetzmäßigkeit des Verstandes als einstimmig vorgestellt (im moralischen
Urtheile wird die Freiheit des Willens als Zusammenstimmung des letzteren
mit sich selbst nach allgemeinen Vernunftgesetzen gedacht). 4) Das
wird.
Nun sage ich: das Schöne ist das Symbol des Sittlich-Guten; und auch nur
in dieser Rücksicht (einer Beziehung, die jedermann natürlich ist, und die
auch jedermann andern als Pflicht zumuthet) gefällt es mit einem 15
Anspruche auf jedes andern Beistimmung, wobei sich das Gemüth zugleich
einer gewissen Veredlung und Erhebung über die bloße Empfänglichkeit
einer Lust durch Sinneneindrücke bewußt ist und anderer Werth auch nach
einer ähnlichen Maxime ihrer Urtheilskraft schätzt. Das ist das
I n t e l l i g i b e l e, worauf, wie der vorige Paragraph Anzeige that, der
Geschmack 20 hinaussieht, wozu nämlich selbst unsere oberen
Erkenntnißvermögen zusammenstimmen, und ohne welches zwischen ihrer
Natur, verglichen mit den Ansprüchen, die der Geschmack macht, lauter
Widersprüche erwachsen würden. In diesem Vermögen sieht sich die
Urtheilskraft nicht, wie sonst in empirischer Beurtheilung einer
Heteronomie der Erfahrungsgesetze unterworfen: 25 sie giebt in Ansehung
der Gegenstände eines so reinen Wohlgefallens ihr selbst das Gesetz, so wie
die Vernunft es in Ansehung des Begehrungsvermögens thut; und sieht sich
sowohl wegen dieser innern Möglichkeit im Subjecte, als wegen der äußern
Möglichkeit einer damit übereinstimmenden Natur auf etwas im Subjecte
selbst und außer ihm, 30 259 was nicht Natur, auch nicht Freiheit, doch aber
mit dem Grunde der letzteren, nämlich dem Übersinnlichen, verknüpft ist,
bezogen, in welchem das theoretische Vermögen mit dem praktischen auf
gemeinschaftliche und unbekannte Art zur Einheit verbunden wird. Wir
wollen einige Stücke dieser Analogie anführen, indem wir zugleich die
Verschiedenheit derselben 35 nicht unbemerkt lassen.
1) Das Schöne gefällt u n m i t t e l b a r (aber nur in der reflectirenden
Anschauung, nicht wie Sittlichkeit im Begriffe). 2) Es gefällt o h n e
a l l e s I n t e r e s s e (das Sittlich-Gute zwar nothwendig mit einem
Interesse, aber nicht einem solchen, was vor dem Urtheile über das
Wohlgefallen vorhergeht, verbunden, sondern was dadurch allererst bewirkt
wird). 3) Die F r e i h e i t der Einbildungskraft (also der Sinnlichkeit unseres
5 Vermögens) wird in der Beurtheilung des Schönen mit der
Gesetzmäßigkeit des Verstandes als einstimmig vorgestellt (im moralischen
Urtheile wird die Freiheit des Willens als Zusammenstimmung des letzteren
mit sich selbst nach allgemeinen Vernunftgesetzen gedacht). 4) Das
Page 235
subjective Princip der Beurtheilung des Schönen wird als a l l g e m e i n, d.
i. für 10 jedermann gültig, aber durch keinen allgemeinen Begriff kenntlich
vorgestellt (das objective Princip der Moralität wird auch für allgemein, d. i.
für alle Subjecte, zugleich auch für alle Handlungen desselben Subjects,
und dabei durch einen allgemeinen Begriff kenntlich erklärt). Daher ist 260
das moralische Urtheil nicht allein bestimmter constitutiver Principien 15
fähig, sondern ist n u r durch Gründung der Maximen auf dieselben und ihre
Allgemeinheit möglich.
Die Rücksicht auf diese Analogie ist auch dem gemeinen Verstande
gewöhnlich; und wir benennen schöne Gegenstände der Natur oder der
Kunst oft mit Namen, die eine sittliche Beurtheilung zum Grunde zu legen
20 scheinen. Wir nennen Gebäude oder Bäume majestätisch und prächtig,
oder Gefilde lachend und fröhlich; selbst Farben werden unschuldig,
bescheiden, zärtlich genannt, weil sie Empfindungen erregen, die etwas mit
dem Bewußtsein eines durch moralische Urtheile bewirkten
Gemüthszustandes Analogisches enthalten. Der Geschmack macht
gleichsam den Übergang 25 vom Sinnenreiz zum habituellen moralischen
Interesse ohne einen zu gewaltsamen Sprung möglich, indem er die
Einbildungskraft auch in ihrer Freiheit als zweckmäßig für den Verstand
bestimmbar vorstellt und sogar an Gegenständen der Sinne auch ohne
Sinnenreiz ein freies Wohlgefallen finden lehrt. 30
i. für 10 jedermann gültig, aber durch keinen allgemeinen Begriff kenntlich
vorgestellt (das objective Princip der Moralität wird auch für allgemein, d. i.
für alle Subjecte, zugleich auch für alle Handlungen desselben Subjects,
und dabei durch einen allgemeinen Begriff kenntlich erklärt). Daher ist 260
das moralische Urtheil nicht allein bestimmter constitutiver Principien 15
fähig, sondern ist n u r durch Gründung der Maximen auf dieselben und ihre
Allgemeinheit möglich.
Die Rücksicht auf diese Analogie ist auch dem gemeinen Verstande
gewöhnlich; und wir benennen schöne Gegenstände der Natur oder der
Kunst oft mit Namen, die eine sittliche Beurtheilung zum Grunde zu legen
20 scheinen. Wir nennen Gebäude oder Bäume majestätisch und prächtig,
oder Gefilde lachend und fröhlich; selbst Farben werden unschuldig,
bescheiden, zärtlich genannt, weil sie Empfindungen erregen, die etwas mit
dem Bewußtsein eines durch moralische Urtheile bewirkten
Gemüthszustandes Analogisches enthalten. Der Geschmack macht
gleichsam den Übergang 25 vom Sinnenreiz zum habituellen moralischen
Interesse ohne einen zu gewaltsamen Sprung möglich, indem er die
Einbildungskraft auch in ihrer Freiheit als zweckmäßig für den Verstand
bestimmbar vorstellt und sogar an Gegenständen der Sinne auch ohne
Sinnenreiz ein freies Wohlgefallen finden lehrt. 30
Page 236
§ 60. 261
Anhang.
Von der Methodenlehre des Geschmacks.
Die Eintheilung einer Kritik in Elementarlehre und Methodenlehre, welche
vor der Wissenschaft vorhergeht, läßt sich auf die Geschmackskritik 35
nicht anwenden: weil es keine Wissenschaft des Schönen giebt noch geben
kann, und das Urtheil des Geschmacks nicht durch Principien bestimmbar
ist. Denn was das Wissenschaftliche in jeder Kunst anlangt, welches auf
W a h r h e i t in der Darstellung ihres Objects geht, so ist dieses zwar die
unumgängliche Bedingung (conditio sine qua non) der schönen Kunst, 5
aber diese nicht selber. Es giebt also für die schöne Kunst nur eine
M a n i e r (modus), nicht L e h r a r t (methodus). Der Meister muß es
vormachen, was und wie es der Schüler zu Stande bringen soll; und die
allgemeinen Regeln, worunter er zuletzt sein Verfahren bringt, können eher
dienen, die Hauptmomente desselben gelegentlich in Erinnerung zu 10
bringen, als sie ihm vorzuschreiben. Hiebei muß dennoch auf ein gewisses
Ideal Rücksicht genommen werden, welches die Kunst vor Augen haben
muß, ob sie es gleich in ihrer Ausübung nie völlig erreicht. Nur durch die
Aufweckung der Einbildungskraft des Schülers zur Angemessenheit mit
einem gegebenen Begriffe, durch die angemerkte Unzulänglichkeit des 15
262 Ausdrucks für die Idee, welche der Begriff selbst nicht erreicht, weil sie
ästhetisch ist, und durch scharfe Kritik kann verhütet werden, daß die
Beispiele, die ihm vorgelegt werden, von ihm nicht sofort für Urbilder und
etwa keiner noch höhern Norm und eigener Beurtheilung unterworfene
Muster der Nachahmung gehalten und so das Genie, mit ihm aber auch 20
die Freiheit der Einbildungskraft selbst in ihrer Gesetzmäßigkeit erstickt
werde, ohne welche keine schöne Kunst, selbst nicht einmal ein richtiger sie
beurtheilender eigener Geschmack möglich ist.
Die Propädeutik zu aller schönen Kunst, sofern es auf den höchsten Grad
ihrer Vollkommenheit angelegt ist, scheint nicht in Vorschriften, sondern 25
in der Cultur der Gemüthskräfte durch diejenigen Vorkenntnisse zu liegen,
welche man humaniora nennt: vermuthlich weil H u m a n i t ä t einerseits
das allgemeine T h e i l n e h m u n g s g e f ü h l, andererseits das Vermögen
sich innigst und allgemein m i t t h e i l e n zu können bedeutet; welche
Anhang.
Von der Methodenlehre des Geschmacks.
Die Eintheilung einer Kritik in Elementarlehre und Methodenlehre, welche
vor der Wissenschaft vorhergeht, läßt sich auf die Geschmackskritik 35
nicht anwenden: weil es keine Wissenschaft des Schönen giebt noch geben
kann, und das Urtheil des Geschmacks nicht durch Principien bestimmbar
ist. Denn was das Wissenschaftliche in jeder Kunst anlangt, welches auf
W a h r h e i t in der Darstellung ihres Objects geht, so ist dieses zwar die
unumgängliche Bedingung (conditio sine qua non) der schönen Kunst, 5
aber diese nicht selber. Es giebt also für die schöne Kunst nur eine
M a n i e r (modus), nicht L e h r a r t (methodus). Der Meister muß es
vormachen, was und wie es der Schüler zu Stande bringen soll; und die
allgemeinen Regeln, worunter er zuletzt sein Verfahren bringt, können eher
dienen, die Hauptmomente desselben gelegentlich in Erinnerung zu 10
bringen, als sie ihm vorzuschreiben. Hiebei muß dennoch auf ein gewisses
Ideal Rücksicht genommen werden, welches die Kunst vor Augen haben
muß, ob sie es gleich in ihrer Ausübung nie völlig erreicht. Nur durch die
Aufweckung der Einbildungskraft des Schülers zur Angemessenheit mit
einem gegebenen Begriffe, durch die angemerkte Unzulänglichkeit des 15
262 Ausdrucks für die Idee, welche der Begriff selbst nicht erreicht, weil sie
ästhetisch ist, und durch scharfe Kritik kann verhütet werden, daß die
Beispiele, die ihm vorgelegt werden, von ihm nicht sofort für Urbilder und
etwa keiner noch höhern Norm und eigener Beurtheilung unterworfene
Muster der Nachahmung gehalten und so das Genie, mit ihm aber auch 20
die Freiheit der Einbildungskraft selbst in ihrer Gesetzmäßigkeit erstickt
werde, ohne welche keine schöne Kunst, selbst nicht einmal ein richtiger sie
beurtheilender eigener Geschmack möglich ist.
Die Propädeutik zu aller schönen Kunst, sofern es auf den höchsten Grad
ihrer Vollkommenheit angelegt ist, scheint nicht in Vorschriften, sondern 25
in der Cultur der Gemüthskräfte durch diejenigen Vorkenntnisse zu liegen,
welche man humaniora nennt: vermuthlich weil H u m a n i t ä t einerseits
das allgemeine T h e i l n e h m u n g s g e f ü h l, andererseits das Vermögen
sich innigst und allgemein m i t t h e i l e n zu können bedeutet; welche
Page 237
Eigenschaften, zusammen verbunden, die der Menschheit angemessene 30
Geselligkeit ausmachen, wodurch sie sich von der thierischen
Eingeschränktheit unterscheidet. Das Zeitalter sowohl als die Völker, in
welchen der rege Trieb zur g e s e t z l i c h e n Geselligkeit, wodurch ein
Volk ein dauerndes gemeines Wesen ausmacht, mit den großen
Schwierigkeiten rang, welche die schwere Aufgabe, Freiheit (und also auch
Gleichheit) mit 35 263 einem Zwange (mehr der Achtung und Unterwerfung
aus Pflicht als Furcht) zu vereinigen, umgeben; ein solches Zeitalter und ein
solches Volk mußte die Kunst der wechselseitigen Mittheilung der Ideen
des ausgebildetesten Theils mit dem roheren, die Abstimmung der
Erweiterung und Verfeinerung der ersteren zur natürlichen Einfalt und
Originalität des letzteren und auf diese Art dasjenige Mittel zwischen der
höheren Cultur und der genügsamen Natur zuerst erfinden, welches den
richtigen, nach keinen allgemeinen 5 Regeln anzugebenden Maßstab auch
für den Geschmack, als allgemeinen Menschensinn, ausmacht.
Schwerlich wird ein späteres Zeitalter jene Muster entbehrlich machen: weil
es der Natur immer weniger nahe sein wird und sich zuletzt, ohne bleibende
Beispiele von ihr zu haben, kaum einen Begriff von der glücklichen 10
Vereinigung des gesetzlichen Zwanges der höchsten Cultur mit der Kraft
und Richtigkeit der ihren eigenen Werth fühlenden freien Natur in einem
und demselben Volke zu machen im Stande sein möchte.
Da aber der Geschmack im Grunde ein Beurtheilungsvermögen der
Versinnlichung sittlicher Ideen (vermittelst einer gewissen Analogie der 15
Reflexion über beide) ist, wovon auch und von der darauf zu gründenden
größeren Empfänglichkeit für das Gefühl aus den letzteren (welches das
moralische heißt) diejenige Lust sich ableitet, welche der Geschmack als für
die Menschheit überhaupt, nicht bloß für eines Jeden Privatgefühl gültig 264
erklärt: so leuchtet ein, daß die wahre Propädeutik zur Gründung des 20
Geschmacks die Entwickelung sittlicher Ideen und die Cultur des
moralischen Gefühls sei; da, nur wenn mit diesem die Sinnlichkeit in
Einstimmung gebracht wird, der ächte Geschmack eine bestimmte,
unveränderliche Form annehmen kann.
Geselligkeit ausmachen, wodurch sie sich von der thierischen
Eingeschränktheit unterscheidet. Das Zeitalter sowohl als die Völker, in
welchen der rege Trieb zur g e s e t z l i c h e n Geselligkeit, wodurch ein
Volk ein dauerndes gemeines Wesen ausmacht, mit den großen
Schwierigkeiten rang, welche die schwere Aufgabe, Freiheit (und also auch
Gleichheit) mit 35 263 einem Zwange (mehr der Achtung und Unterwerfung
aus Pflicht als Furcht) zu vereinigen, umgeben; ein solches Zeitalter und ein
solches Volk mußte die Kunst der wechselseitigen Mittheilung der Ideen
des ausgebildetesten Theils mit dem roheren, die Abstimmung der
Erweiterung und Verfeinerung der ersteren zur natürlichen Einfalt und
Originalität des letzteren und auf diese Art dasjenige Mittel zwischen der
höheren Cultur und der genügsamen Natur zuerst erfinden, welches den
richtigen, nach keinen allgemeinen 5 Regeln anzugebenden Maßstab auch
für den Geschmack, als allgemeinen Menschensinn, ausmacht.
Schwerlich wird ein späteres Zeitalter jene Muster entbehrlich machen: weil
es der Natur immer weniger nahe sein wird und sich zuletzt, ohne bleibende
Beispiele von ihr zu haben, kaum einen Begriff von der glücklichen 10
Vereinigung des gesetzlichen Zwanges der höchsten Cultur mit der Kraft
und Richtigkeit der ihren eigenen Werth fühlenden freien Natur in einem
und demselben Volke zu machen im Stande sein möchte.
Da aber der Geschmack im Grunde ein Beurtheilungsvermögen der
Versinnlichung sittlicher Ideen (vermittelst einer gewissen Analogie der 15
Reflexion über beide) ist, wovon auch und von der darauf zu gründenden
größeren Empfänglichkeit für das Gefühl aus den letzteren (welches das
moralische heißt) diejenige Lust sich ableitet, welche der Geschmack als für
die Menschheit überhaupt, nicht bloß für eines Jeden Privatgefühl gültig 264
erklärt: so leuchtet ein, daß die wahre Propädeutik zur Gründung des 20
Geschmacks die Entwickelung sittlicher Ideen und die Cultur des
moralischen Gefühls sei; da, nur wenn mit diesem die Sinnlichkeit in
Einstimmung gebracht wird, der ächte Geschmack eine bestimmte,
unveränderliche Form annehmen kann.
Page 238
Der 265
Kritik der Urtheilskraft
Kritik der Urtheilskraft
Page 239
Zweiter Theil.
Kritik
der
teleologischen Urtheilskraft.
§ 61. 267
Von der objectiven Zweckmäßigkeit der Natur.
Man hat nach transscendentalen Principien guten Grund, eine subjective
Zweckmäßigkeit der Natur in ihren besondern Gesetzen zu der Faßlichkeit
für die menschliche Urtheilskraft und der Möglichkeit der Verknüpfung 5
der besondern Erfahrungen in ein System derselben anzunehmen; wo dann
unter den vielen Producten derselben auch solche als möglich erwartet
werden können, die, als ob sie ganz eigentlich für unsere Urtheilskraft
angelegt wären, solche specifische ihr angemessene Formen enthalten,
welche durch ihre Mannigfaltigkeit und Einheit die Gemüthskräfte (die im
Gebrauche 10 dieses Vermögens im Spiele sind) gleichsam zu stärken und
zu unterhalten dienen, und denen man daher den Namen s c h ö n e r Formen
beilegt.
Daß aber Dinge der Natur einander als Mittel zu Zwecken dienen, und ihre
Möglichkeit selbst nur durch diese Art von Causalität hinreichend 15
verständlich sei, dazu haben wir gar keinen Grund in der allgemeinen Idee
der Natur, als Inbegriffs der Gegenstände der Sinne. Denn im obigen 268
Falle konnte die Vorstellung der Dinge, weil sie etwas in uns ist, als zu der
innerlich zweckmäßigen Stimmung unserer Erkenntnißvermögen geschickt
und tauglich, ganz wohl auch a priori gedacht werden; wie aber 20
Zwecke, die nicht die unsrigen sind, und die auch der Natur (welche wir
nicht als intelligentes Wesen annehmen) nicht zukommen, doch eine
besondere Art der Causalität, wenigstens eine ganz eigne Gesetzmäßigkeit
derselben ausmachen können oder sollen, läßt sich a priori gar nicht mit
einigem Grunde präsumiren. Was aber noch mehr ist, so kann uns selbst 25
die Erfahrung die Wirklichkeit derselben nicht beweisen; es müßte denn
Kritik
der
teleologischen Urtheilskraft.
§ 61. 267
Von der objectiven Zweckmäßigkeit der Natur.
Man hat nach transscendentalen Principien guten Grund, eine subjective
Zweckmäßigkeit der Natur in ihren besondern Gesetzen zu der Faßlichkeit
für die menschliche Urtheilskraft und der Möglichkeit der Verknüpfung 5
der besondern Erfahrungen in ein System derselben anzunehmen; wo dann
unter den vielen Producten derselben auch solche als möglich erwartet
werden können, die, als ob sie ganz eigentlich für unsere Urtheilskraft
angelegt wären, solche specifische ihr angemessene Formen enthalten,
welche durch ihre Mannigfaltigkeit und Einheit die Gemüthskräfte (die im
Gebrauche 10 dieses Vermögens im Spiele sind) gleichsam zu stärken und
zu unterhalten dienen, und denen man daher den Namen s c h ö n e r Formen
beilegt.
Daß aber Dinge der Natur einander als Mittel zu Zwecken dienen, und ihre
Möglichkeit selbst nur durch diese Art von Causalität hinreichend 15
verständlich sei, dazu haben wir gar keinen Grund in der allgemeinen Idee
der Natur, als Inbegriffs der Gegenstände der Sinne. Denn im obigen 268
Falle konnte die Vorstellung der Dinge, weil sie etwas in uns ist, als zu der
innerlich zweckmäßigen Stimmung unserer Erkenntnißvermögen geschickt
und tauglich, ganz wohl auch a priori gedacht werden; wie aber 20
Zwecke, die nicht die unsrigen sind, und die auch der Natur (welche wir
nicht als intelligentes Wesen annehmen) nicht zukommen, doch eine
besondere Art der Causalität, wenigstens eine ganz eigne Gesetzmäßigkeit
derselben ausmachen können oder sollen, läßt sich a priori gar nicht mit
einigem Grunde präsumiren. Was aber noch mehr ist, so kann uns selbst 25
die Erfahrung die Wirklichkeit derselben nicht beweisen; es müßte denn
Page 240
eine Vernünftelei vorhergegangen sein, die nur den Begriff des Zwecks in
die Natur der Dinge hineinspielt, aber ihn nicht von den Objecten und ihrer
Erfahrungserkenntniß hernimmt, denselben also mehr braucht, die Natur
nach der Analogie mit einem subjectiven Grunde der Verknüpfung der
Vorstellungen in uns begreiflich zu machen, als sie aus objectiven Gründen
zu erkennen. 5
Überdem ist die objective Zweckmäßigkeit, als Princip der Möglichkeit der
Dinge der Natur, so weit davon entfernt, mit dem Begriffe derselben
n o t h w e n d i g zusammenzuhängen: daß sie vielmehr gerade das ist,
worauf man sich vorzüglich beruft, um die Zufälligkeit derselben (der
Natur) und ihrer Form daraus zu beweisen. Denn wenn man z. B. den 10
Bau eines Vogels, die Höhlung in seinen Knochen, die Lage seiner Flügel
269 zur Bewegung und des Schwanzes zum Steuern u. s. w. anführt: so sagt
man, daß dieses alles nach dem bloßen nexus effectivus in der Natur, ohne
noch eine besondere Art der Causalität, nämlich die der Zwecke (nexus
finalis), zu Hülfe zu nehmen, im höchsten Grade zufällig sei; d. i. daß sich
15 die Natur, als bloßer Mechanism betrachtet, auf tausendfache Art habe
anders bilden können, ohne gerade auf die Einheit nach einem solchen
Princip zu stoßen, und man also außer dem Begriffe der Natur, nicht in
demselben den mindesten Grund dazu a priori allein anzutreffen hoffen
dürfe. 20
Gleichwohl wird die teleologische Beurtheilung, wenigstens problematisch,
mit Recht zur Naturforschung gezogen; aber nur um sie nach der
A n a l o g i e mit der Causalität nach Zwecken unter Principien der
Beobachtung und Nachforschung zu bringen, ohne sich anzumaßen sie
darnach zu e r k l ä r e n. Sie gehört also zur reflectirenden, nicht der
bestimmenden 25 Urtheilskraft. Der Begriff von Verbindungen und Formen
der Natur nach Zwecken ist doch wenigstens e i n P r i n c i p m e h r, die
Erscheinungen derselben unter Regeln zu bringen, wo die Gesetze der
Causalität nach dem bloßen Mechanism derselben nicht zulangen. Denn wir
führen einen teleologischen Grund an, wo wir einem Begriffe vom Objecte,
als ob er 30 in der Natur (nicht in uns) befindlich wäre, Causalität in
Ansehung eines Objects zueignen, oder vielmehr nach der Analogie einer
solchen Causalität 270 (dergleichen wir in uns antreffen) uns die
Möglichkeit des Gegenstandes vorstellen, mithin die Natur als durch eignes
Vermögen t e c h n i s c h denken; wogegen, wenn wir ihr nicht eine solche
die Natur der Dinge hineinspielt, aber ihn nicht von den Objecten und ihrer
Erfahrungserkenntniß hernimmt, denselben also mehr braucht, die Natur
nach der Analogie mit einem subjectiven Grunde der Verknüpfung der
Vorstellungen in uns begreiflich zu machen, als sie aus objectiven Gründen
zu erkennen. 5
Überdem ist die objective Zweckmäßigkeit, als Princip der Möglichkeit der
Dinge der Natur, so weit davon entfernt, mit dem Begriffe derselben
n o t h w e n d i g zusammenzuhängen: daß sie vielmehr gerade das ist,
worauf man sich vorzüglich beruft, um die Zufälligkeit derselben (der
Natur) und ihrer Form daraus zu beweisen. Denn wenn man z. B. den 10
Bau eines Vogels, die Höhlung in seinen Knochen, die Lage seiner Flügel
269 zur Bewegung und des Schwanzes zum Steuern u. s. w. anführt: so sagt
man, daß dieses alles nach dem bloßen nexus effectivus in der Natur, ohne
noch eine besondere Art der Causalität, nämlich die der Zwecke (nexus
finalis), zu Hülfe zu nehmen, im höchsten Grade zufällig sei; d. i. daß sich
15 die Natur, als bloßer Mechanism betrachtet, auf tausendfache Art habe
anders bilden können, ohne gerade auf die Einheit nach einem solchen
Princip zu stoßen, und man also außer dem Begriffe der Natur, nicht in
demselben den mindesten Grund dazu a priori allein anzutreffen hoffen
dürfe. 20
Gleichwohl wird die teleologische Beurtheilung, wenigstens problematisch,
mit Recht zur Naturforschung gezogen; aber nur um sie nach der
A n a l o g i e mit der Causalität nach Zwecken unter Principien der
Beobachtung und Nachforschung zu bringen, ohne sich anzumaßen sie
darnach zu e r k l ä r e n. Sie gehört also zur reflectirenden, nicht der
bestimmenden 25 Urtheilskraft. Der Begriff von Verbindungen und Formen
der Natur nach Zwecken ist doch wenigstens e i n P r i n c i p m e h r, die
Erscheinungen derselben unter Regeln zu bringen, wo die Gesetze der
Causalität nach dem bloßen Mechanism derselben nicht zulangen. Denn wir
führen einen teleologischen Grund an, wo wir einem Begriffe vom Objecte,
als ob er 30 in der Natur (nicht in uns) befindlich wäre, Causalität in
Ansehung eines Objects zueignen, oder vielmehr nach der Analogie einer
solchen Causalität 270 (dergleichen wir in uns antreffen) uns die
Möglichkeit des Gegenstandes vorstellen, mithin die Natur als durch eignes
Vermögen t e c h n i s c h denken; wogegen, wenn wir ihr nicht eine solche
Page 241
Wirkungsart beilegen, ihre Causalität 35 als blinder Mechanism vorgestellt
werden müßte. Würden wir dagegen der Natur a b s i c h t l i c h-wirkende
Ursachen unterlegen, mithin der Teleologie nicht bloß ein r e g u l a t i v e s
Princip für die bloße B e u r t h e i l u n g der Erscheinungen, denen die Natur
nach ihren besondern Gesetzen als unterworfen gedacht werden könne,
sondern dadurch auch ein c o n s t i t u t i v e s Princip der A b l e i t u n g
ihrer Producte von ihren Ursachen zum Grunde legen: so würde der Begriff
eines Naturzwecks nicht mehr für die 5 reflectirende, sondern die
bestimmende Urtheilskraft gehören; alsdann aber in der That gar nicht der
Urtheilskraft eigenthümlich angehören (wie der Begriff der Schönheit als
formaler subjectiver Zweckmäßigkeit), sondern als Vernunftbegriff eine
neue Causalität in der Naturwissenschaft einführen, die wir doch nur von
uns selbst entlehnen und andern Wesen beilegen, 10 ohne sie gleichwohl
mit uns als gleichartig annehmen zu wollen.
werden müßte. Würden wir dagegen der Natur a b s i c h t l i c h-wirkende
Ursachen unterlegen, mithin der Teleologie nicht bloß ein r e g u l a t i v e s
Princip für die bloße B e u r t h e i l u n g der Erscheinungen, denen die Natur
nach ihren besondern Gesetzen als unterworfen gedacht werden könne,
sondern dadurch auch ein c o n s t i t u t i v e s Princip der A b l e i t u n g
ihrer Producte von ihren Ursachen zum Grunde legen: so würde der Begriff
eines Naturzwecks nicht mehr für die 5 reflectirende, sondern die
bestimmende Urtheilskraft gehören; alsdann aber in der That gar nicht der
Urtheilskraft eigenthümlich angehören (wie der Begriff der Schönheit als
formaler subjectiver Zweckmäßigkeit), sondern als Vernunftbegriff eine
neue Causalität in der Naturwissenschaft einführen, die wir doch nur von
uns selbst entlehnen und andern Wesen beilegen, 10 ohne sie gleichwohl
mit uns als gleichartig annehmen zu wollen.
Page 242
Erste Abtheilung. 271
Analytik der teleologischen Urtheilskraft.
§ 62.
Von der objectiven Zweckmäßigkeit, die bloß formal ist, zum
Unterschiede von der materialen. 5
Alle geometrische Figuren, die nach einem Princip gezeichnet werden,
zeigen eine mannigfaltige, oft bewunderte objective Zweckmäßigkeit,
nämlich der Tauglichkeit zur Auflösung vieler Probleme nach einem
einzigen Princip und auch wohl eines jeden derselben auf unendlich
verschiedene Art, an sich. Die Zweckmäßigkeit ist hier offenbar objectiv
und intellectuell, 10 nicht aber bloß subjectiv und ästhetisch. Denn sie
drückt die Angemessenheit der Figur zur Erzeugung vieler abgezweckten
Gestalten aus und wird durch Vernunft erkannt. Allein die Zweckmäßigkeit
macht doch den Begriff von dem Gegenstande selbst nicht möglich, d. i. er
wird nicht bloß in Rücksicht auf diesen Gebrauch als möglich angesehen.
15
In einer so einfachen Figur, als der Cirkel ist, liegt der Grund zu 272 einer
Auflösung einer Menge von Problemen, deren jedes für sich mancherlei
Zurüstung erfordern würde, und die als eine von den unendlich vielen
vortrefflichen Eigenschaften dieser Figur sich gleichsam von selbst ergiebt.
Ist es z. B. darum zu thun, aus der gegebenen Grundlinie und 20 dem ihr
gegenüberstehenden Winkel einen Triangel zu construiren, so ist die
Aufgabe unbestimmt, d. i. sie läßt sich auf unendlich mannigfaltige Art
auflösen. Allein der Cirkel befaßt sie doch alle insgesammt, als der
geometrische Ort für alle Dreiecke, die dieser Bedingung gemäß sind. Oder
zwei Linien sollen sich einander so schneiden, daß das Rechteck aus 25 den
zwei Theilen der einen dem Rechteck aus den zwei Theilen der andern
gleich sei: so hat die Auflösung der Aufgabe dem Ansehen nach viele
Schwierigkeit. Aber alle Linien, die sich innerhalb dem Cirkel, dessen
Umkreis jede derselben begränzt, schneiden, theilen sich von selbst in
dieser Proportion. Die andern krummen Linien geben wiederum andere
zweckmäßige Auflösungen an die Hand, an die in der Regel, die ihre
Analytik der teleologischen Urtheilskraft.
§ 62.
Von der objectiven Zweckmäßigkeit, die bloß formal ist, zum
Unterschiede von der materialen. 5
Alle geometrische Figuren, die nach einem Princip gezeichnet werden,
zeigen eine mannigfaltige, oft bewunderte objective Zweckmäßigkeit,
nämlich der Tauglichkeit zur Auflösung vieler Probleme nach einem
einzigen Princip und auch wohl eines jeden derselben auf unendlich
verschiedene Art, an sich. Die Zweckmäßigkeit ist hier offenbar objectiv
und intellectuell, 10 nicht aber bloß subjectiv und ästhetisch. Denn sie
drückt die Angemessenheit der Figur zur Erzeugung vieler abgezweckten
Gestalten aus und wird durch Vernunft erkannt. Allein die Zweckmäßigkeit
macht doch den Begriff von dem Gegenstande selbst nicht möglich, d. i. er
wird nicht bloß in Rücksicht auf diesen Gebrauch als möglich angesehen.
15
In einer so einfachen Figur, als der Cirkel ist, liegt der Grund zu 272 einer
Auflösung einer Menge von Problemen, deren jedes für sich mancherlei
Zurüstung erfordern würde, und die als eine von den unendlich vielen
vortrefflichen Eigenschaften dieser Figur sich gleichsam von selbst ergiebt.
Ist es z. B. darum zu thun, aus der gegebenen Grundlinie und 20 dem ihr
gegenüberstehenden Winkel einen Triangel zu construiren, so ist die
Aufgabe unbestimmt, d. i. sie läßt sich auf unendlich mannigfaltige Art
auflösen. Allein der Cirkel befaßt sie doch alle insgesammt, als der
geometrische Ort für alle Dreiecke, die dieser Bedingung gemäß sind. Oder
zwei Linien sollen sich einander so schneiden, daß das Rechteck aus 25 den
zwei Theilen der einen dem Rechteck aus den zwei Theilen der andern
gleich sei: so hat die Auflösung der Aufgabe dem Ansehen nach viele
Schwierigkeit. Aber alle Linien, die sich innerhalb dem Cirkel, dessen
Umkreis jede derselben begränzt, schneiden, theilen sich von selbst in
dieser Proportion. Die andern krummen Linien geben wiederum andere
zweckmäßige Auflösungen an die Hand, an die in der Regel, die ihre
Page 243
Construction ausmacht, gar nicht gedacht war. Alle Kegelschnitte für sich
und in Vergleichung mit einander sind fruchtbar an Principien zur
Auflösung einer 5 Menge möglicher Probleme, so einfach auch ihre
Erklärung ist, welche ihren Begriff bestimmt. — Es ist eine wahre Freude,
den Eifer der alten Geometer anzusehen, mit dem sie diesen Eigenschaften
der Linien dieser 273 Art nachforschten, ohne sich durch die Frage
eingeschränkter Köpfe irre machen zu lassen, wozu denn diese Kenntniß
nützen sollte; z. B. die der Parabel, 10 ohne das Gesetz der Schwere auf der
Erde zu kennen, welches ihnen die Anwendung derselben auf die Wurfslinie
schwerer Körper (deren Richtung der Schwere in ihrer Bewegung als
parallel angesehen werden kann) würde an die Hand gegeben haben; oder
der Ellipse, ohne zu ahnen, daß auch eine Schwere an Himmelskörpern zu
finden sei, und ohne ihr 15 Gesetz in verschiedenen Entfernungen vom
Anziehungspunkte zu kennen, welches macht, daß sie diese Linie in freier
Bewegung beschreiben. Während dessen, daß sie hierin, ihnen selbst
unbewußt, für die Nachkommenschaft arbeiteten, ergötzten sie sich an einer
Zweckmäßigkeit in dem Wesen der Dinge, die sie doch völlig a priori in
ihrer Nothwendigkeit darstellen 20 konnten. Plato, selbst Meister in dieser
Wissenschaft, gerieth über eine solche ursprüngliche Beschaffenheit der
Dinge, welche zu entdecken wir aller Erfahrung entbehren können, und
über das Vermögen des Gemüths, die Harmonie der Wesen aus ihrem
übersinnlichen Princip schöpfen zu können (wozu noch die Eigenschaften
der Zahlen kommen, mit denen das Gemüth 25 in der Musik spielt), in die
Begeisterung, welche ihn über die Erfahrungsbegriffe zu Ideen erhob, die
ihm nur durch eine intellectuelle Gemeinschaft mit dem Ursprunge aller
Wesen erklärlich zu sein schienen. Kein Wunder, daß er den der Meßkunst
Unkundigen aus seiner Schule verwies, indem 274 er das, was Anaxagoras
aus Erfahrungsgegenständen und ihrer Zweckverbindung 30 schloß, aus der
reinen, dem menschlichen Geiste innerlich beiwohnenden Anschauung
abzuleiten dachte. Denn in der Nothwendigkeit dessen, was zweckmäßig ist
und so beschaffen ist, als ob es für unsern Gebrauch absichtlich so
eingerichtet wäre, gleichwohl aber dem Wesen der Dinge ursprünglich
zuzukommen scheint, ohne auf unsern Gebrauch Rücksicht 35 zu nehmen,
liegt eben der Grund der großen Bewunderung der Natur, nicht sowohl
außer uns, als in unserer eigenen Vernunft; wobei es wohl verzeihlich ist,
daß diese Bewunderung durch Mißverstand nach und nach bis zur
Schwärmerei steigen mochte.
und in Vergleichung mit einander sind fruchtbar an Principien zur
Auflösung einer 5 Menge möglicher Probleme, so einfach auch ihre
Erklärung ist, welche ihren Begriff bestimmt. — Es ist eine wahre Freude,
den Eifer der alten Geometer anzusehen, mit dem sie diesen Eigenschaften
der Linien dieser 273 Art nachforschten, ohne sich durch die Frage
eingeschränkter Köpfe irre machen zu lassen, wozu denn diese Kenntniß
nützen sollte; z. B. die der Parabel, 10 ohne das Gesetz der Schwere auf der
Erde zu kennen, welches ihnen die Anwendung derselben auf die Wurfslinie
schwerer Körper (deren Richtung der Schwere in ihrer Bewegung als
parallel angesehen werden kann) würde an die Hand gegeben haben; oder
der Ellipse, ohne zu ahnen, daß auch eine Schwere an Himmelskörpern zu
finden sei, und ohne ihr 15 Gesetz in verschiedenen Entfernungen vom
Anziehungspunkte zu kennen, welches macht, daß sie diese Linie in freier
Bewegung beschreiben. Während dessen, daß sie hierin, ihnen selbst
unbewußt, für die Nachkommenschaft arbeiteten, ergötzten sie sich an einer
Zweckmäßigkeit in dem Wesen der Dinge, die sie doch völlig a priori in
ihrer Nothwendigkeit darstellen 20 konnten. Plato, selbst Meister in dieser
Wissenschaft, gerieth über eine solche ursprüngliche Beschaffenheit der
Dinge, welche zu entdecken wir aller Erfahrung entbehren können, und
über das Vermögen des Gemüths, die Harmonie der Wesen aus ihrem
übersinnlichen Princip schöpfen zu können (wozu noch die Eigenschaften
der Zahlen kommen, mit denen das Gemüth 25 in der Musik spielt), in die
Begeisterung, welche ihn über die Erfahrungsbegriffe zu Ideen erhob, die
ihm nur durch eine intellectuelle Gemeinschaft mit dem Ursprunge aller
Wesen erklärlich zu sein schienen. Kein Wunder, daß er den der Meßkunst
Unkundigen aus seiner Schule verwies, indem 274 er das, was Anaxagoras
aus Erfahrungsgegenständen und ihrer Zweckverbindung 30 schloß, aus der
reinen, dem menschlichen Geiste innerlich beiwohnenden Anschauung
abzuleiten dachte. Denn in der Nothwendigkeit dessen, was zweckmäßig ist
und so beschaffen ist, als ob es für unsern Gebrauch absichtlich so
eingerichtet wäre, gleichwohl aber dem Wesen der Dinge ursprünglich
zuzukommen scheint, ohne auf unsern Gebrauch Rücksicht 35 zu nehmen,
liegt eben der Grund der großen Bewunderung der Natur, nicht sowohl
außer uns, als in unserer eigenen Vernunft; wobei es wohl verzeihlich ist,
daß diese Bewunderung durch Mißverstand nach und nach bis zur
Schwärmerei steigen mochte.
Page 244
Diese intellectuelle Zweckmäßigkeit aber, ob sie gleich objectiv ist (nicht
wie die ästhetische subjectiv), läßt sich gleichwohl ihrer Möglichkeit nach
als bloß formale (nicht reale), d. i. als Zweckmäßigkeit, ohne daß 5 doch
ein Zweck ihr zum Grunde zu legen, mithin Teleologie dazu nöthig wäre,
gar wohl, aber nur im Allgemeinen begreifen. Die Cirkelfigur ist eine
Anschauung, die durch den Verstand nach einem Princip bestimmt worden:
die Einheit dieses Princips, welches ich willkürlich annehme und als Begriff
zum Grunde lege, angewandt auf eine Form der Anschauung 10 (den
Raum), die gleichfalls bloß als Vorstellung und zwar a priori in mir
angetroffen wird, macht die Einheit vieler sich aus der Construction jenes
Begriffs ergebender Regeln, die in mancherlei möglicher 275 Absicht
zweckmäßig sind, begreiflich, ohne dieser Zweckmäßigkeit einen Z w e c k,
oder irgend einen andern Grund derselben unterlegen zu 15 dürfen. Es ist
hiemit nicht so bewandt, als wenn ich in einem in gewisse Gränzen
eingeschlossenen Inbegriffe von D i n g e n außer mir, z. B. einem Garten,
Ordnung und Regelmäßigkeit der Bäume, Blumenbeete, Gänge u. s. w.
anträfe, welche ich a priori aus meiner nach einer beliebigen Regel
gemachten Umgränzung eines Raums zu folgern nicht 20 hoffen kann: weil
es existirende Dinge sind, die empirisch gegeben sein müssen, um erkannt
werden zu können, und nicht eine bloße nach einem Princip a priori
bestimmte Vorstellung in mir. Daher die letztere (empirische)
Zweckmäßigkeit, als r e a l, von dem Begriffe eines Zwecks abhängig ist.
25
Aber auch der Grund der Bewunderung einer, obzwar in dem Wesen der
Dinge (sofern ihre Begriffe construirt werden können) wahrgenommenen
Zweckmäßigkeit läßt sich sehr wohl und zwar als rechtmäßig einsehen. Die
mannigfaltigen Regeln, deren Einheit (aus einem Princip) diese
Bewunderung erregt, sind insgesammt synthetisch und folgen nicht 30 aus
einem B e g r i f f e des Objects, z. B. des Cirkels, sondern bedürfen es, daß
dieses Object in der Anschauung gegeben sei. Dadurch aber bekommt diese
Einheit das Ansehen, als ob sie empirisch einen von unserer
Vorstellungskraft unterschiedenen äußern Grund der Regeln habe, und 276
also die Übereinstimmung des Objects zu dem Bedürfniß der Regeln, 35
welches dem Verstande eigen ist, an sich zufällig, mithin nur durch einen
ausdrücklich darauf gerichteten Zweck möglich sei. Nun sollte uns zwar
eben diese Harmonie, weil sie aller dieser Zweckmäßigkeit ungeachtet
wie die ästhetische subjectiv), läßt sich gleichwohl ihrer Möglichkeit nach
als bloß formale (nicht reale), d. i. als Zweckmäßigkeit, ohne daß 5 doch
ein Zweck ihr zum Grunde zu legen, mithin Teleologie dazu nöthig wäre,
gar wohl, aber nur im Allgemeinen begreifen. Die Cirkelfigur ist eine
Anschauung, die durch den Verstand nach einem Princip bestimmt worden:
die Einheit dieses Princips, welches ich willkürlich annehme und als Begriff
zum Grunde lege, angewandt auf eine Form der Anschauung 10 (den
Raum), die gleichfalls bloß als Vorstellung und zwar a priori in mir
angetroffen wird, macht die Einheit vieler sich aus der Construction jenes
Begriffs ergebender Regeln, die in mancherlei möglicher 275 Absicht
zweckmäßig sind, begreiflich, ohne dieser Zweckmäßigkeit einen Z w e c k,
oder irgend einen andern Grund derselben unterlegen zu 15 dürfen. Es ist
hiemit nicht so bewandt, als wenn ich in einem in gewisse Gränzen
eingeschlossenen Inbegriffe von D i n g e n außer mir, z. B. einem Garten,
Ordnung und Regelmäßigkeit der Bäume, Blumenbeete, Gänge u. s. w.
anträfe, welche ich a priori aus meiner nach einer beliebigen Regel
gemachten Umgränzung eines Raums zu folgern nicht 20 hoffen kann: weil
es existirende Dinge sind, die empirisch gegeben sein müssen, um erkannt
werden zu können, und nicht eine bloße nach einem Princip a priori
bestimmte Vorstellung in mir. Daher die letztere (empirische)
Zweckmäßigkeit, als r e a l, von dem Begriffe eines Zwecks abhängig ist.
25
Aber auch der Grund der Bewunderung einer, obzwar in dem Wesen der
Dinge (sofern ihre Begriffe construirt werden können) wahrgenommenen
Zweckmäßigkeit läßt sich sehr wohl und zwar als rechtmäßig einsehen. Die
mannigfaltigen Regeln, deren Einheit (aus einem Princip) diese
Bewunderung erregt, sind insgesammt synthetisch und folgen nicht 30 aus
einem B e g r i f f e des Objects, z. B. des Cirkels, sondern bedürfen es, daß
dieses Object in der Anschauung gegeben sei. Dadurch aber bekommt diese
Einheit das Ansehen, als ob sie empirisch einen von unserer
Vorstellungskraft unterschiedenen äußern Grund der Regeln habe, und 276
also die Übereinstimmung des Objects zu dem Bedürfniß der Regeln, 35
welches dem Verstande eigen ist, an sich zufällig, mithin nur durch einen
ausdrücklich darauf gerichteten Zweck möglich sei. Nun sollte uns zwar
eben diese Harmonie, weil sie aller dieser Zweckmäßigkeit ungeachtet
Page 245
dennoch nicht empirisch, sondern a priori erkannt wird, von selbst darauf
bringen, daß der Raum, durch dessen Bestimmung (vermittelst der
Einbildungskraft gemäß einem Begriffe) das Object allein möglich war,
nicht eine Beschaffenheit der Dinge außer mir, sondern eine bloße
Vorstellungsart 5 in mir sei, und ich also in die Figur, die ich e i n e m
B e g r i f f e a n g e m e s s e n zeichne, d. i. in meine eigene Vorstellungsart
von dem, was mir äußerlich, es sei an sich, was es wolle, gegeben wird, die
Z w e c k m ä ß i g k e i t h i n e i n b r i n g e, nicht von diesem über dieselbe
empirisch belehrt werde, folglich zu jener keinen besondern Zweck außer
mir am Objecte 10 bedürfe. Weil aber diese Überlegung schon einen
kritischen Gebrauch der Vernunft erfordert, mithin in der Beurtheilung des
Gegenstandes nach seinen Eigenschaften nicht sofort mit enthalten sein
kann: so giebt mir die letztere unmittelbar nichts als Vereinigung
heterogener Regeln (sogar nach dem, was sie Ungleichartiges an sich
haben) in einem Princip an 15 die Hand, welches, ohne einen außer
meinem Begriffe und überhaupt meiner Vorstellung a priori liegenden
besondern Grund dazu zu fordern, 277 dennoch von mir a priori als
wahrhaft erkannt wird. Nun ist die Ve r w u n d e r u n g ein Anstoß des
Gemüths an der Unvereinbarkeit einer Vorstellung und der durch sie
gegebenen Regel mit den schon in ihm zum 20 Grunde liegenden
Principien, welcher also einen Zweifel, ob man auch recht gesehen oder
geurtheilt habe, hervorbringt; B e w u n d e r u n g aber eine immer
wiederkommende Verwunderung ungeachtet der Verschwindung dieses
Zweifels. Folglich ist die letzte eine ganz natürliche Wirkung jener
beobachteten Zweckmäßigkeit in dem Wesen der Dinge (als
Erscheinungen), 25 die auch sofern nicht getadelt werden kann, indem die
Vereinbarung jener Form der sinnlichen Anschauung (welche der Raum
heißt) mit dem Vermögen der Begriffe (dem Verstande) nicht allein
deswegen, daß sie gerade diese und keine andere ist, uns unerklärlich,
sondern überdem noch für das Gemüth erweiternd ist, noch etwas über jene
sinnliche Vorstellungen 30 Hinausliegendes gleichsam zu ahnen, worin,
obzwar uns unbekannt, der letzte Grund jener Einstimmung angetroffen
werden mag. Diesen zu kennen, haben wir zwar auch nicht nöthig, wenn es
bloß um formale Zweckmäßigkeit unserer Vorstellungen a priori zu thun
ist; aber auch nur da hinaussehen zu müssen, flößt für den Gegenstand, der
uns 35 dazu nöthigt, zugleich Bewunderung ein.
bringen, daß der Raum, durch dessen Bestimmung (vermittelst der
Einbildungskraft gemäß einem Begriffe) das Object allein möglich war,
nicht eine Beschaffenheit der Dinge außer mir, sondern eine bloße
Vorstellungsart 5 in mir sei, und ich also in die Figur, die ich e i n e m
B e g r i f f e a n g e m e s s e n zeichne, d. i. in meine eigene Vorstellungsart
von dem, was mir äußerlich, es sei an sich, was es wolle, gegeben wird, die
Z w e c k m ä ß i g k e i t h i n e i n b r i n g e, nicht von diesem über dieselbe
empirisch belehrt werde, folglich zu jener keinen besondern Zweck außer
mir am Objecte 10 bedürfe. Weil aber diese Überlegung schon einen
kritischen Gebrauch der Vernunft erfordert, mithin in der Beurtheilung des
Gegenstandes nach seinen Eigenschaften nicht sofort mit enthalten sein
kann: so giebt mir die letztere unmittelbar nichts als Vereinigung
heterogener Regeln (sogar nach dem, was sie Ungleichartiges an sich
haben) in einem Princip an 15 die Hand, welches, ohne einen außer
meinem Begriffe und überhaupt meiner Vorstellung a priori liegenden
besondern Grund dazu zu fordern, 277 dennoch von mir a priori als
wahrhaft erkannt wird. Nun ist die Ve r w u n d e r u n g ein Anstoß des
Gemüths an der Unvereinbarkeit einer Vorstellung und der durch sie
gegebenen Regel mit den schon in ihm zum 20 Grunde liegenden
Principien, welcher also einen Zweifel, ob man auch recht gesehen oder
geurtheilt habe, hervorbringt; B e w u n d e r u n g aber eine immer
wiederkommende Verwunderung ungeachtet der Verschwindung dieses
Zweifels. Folglich ist die letzte eine ganz natürliche Wirkung jener
beobachteten Zweckmäßigkeit in dem Wesen der Dinge (als
Erscheinungen), 25 die auch sofern nicht getadelt werden kann, indem die
Vereinbarung jener Form der sinnlichen Anschauung (welche der Raum
heißt) mit dem Vermögen der Begriffe (dem Verstande) nicht allein
deswegen, daß sie gerade diese und keine andere ist, uns unerklärlich,
sondern überdem noch für das Gemüth erweiternd ist, noch etwas über jene
sinnliche Vorstellungen 30 Hinausliegendes gleichsam zu ahnen, worin,
obzwar uns unbekannt, der letzte Grund jener Einstimmung angetroffen
werden mag. Diesen zu kennen, haben wir zwar auch nicht nöthig, wenn es
bloß um formale Zweckmäßigkeit unserer Vorstellungen a priori zu thun
ist; aber auch nur da hinaussehen zu müssen, flößt für den Gegenstand, der
uns 35 dazu nöthigt, zugleich Bewunderung ein.
Page 246
Man ist gewohnt, die erwähnten Eigenschaften sowohl der geometrischen
Gestalten, als auch wohl der Zahlen wegen einer gewissen aus der 278
Einfachheit ihrer Construction nicht erwarteten Zweckmäßigkeit derselben
a priori zu allerlei Erkenntnißgebrauch S c h ö n h e i t zu nennen; und
spricht z. B. von dieser oder jener s c h ö n e n Eigenschaft des Cirkels,
welche auf diese oder jene Art entdeckt wäre. Allein es ist keine ästhetische
Beurtheilung, 5 durch die wir sie zweckmäßig finden; keine Beurtheilung
ohne Begriff, die eine bloße s u b j e c t i v e Zweckmäßigkeit im freien
Spiele unserer Erkenntnißvermögen bemerklich machte: sondern eine
intellectuelle nach Begriffen, welche eine objective Zweckmäßigkeit, d. i.
Tauglichkeit zu allerlei (ins Unendliche mannigfaltigen) Zwecken, deutlich
zu erkennen 10 giebt. Man müßte sie eher eine r e l a t i v e
Vo l l k o m m e n h e i t, als eine Schönheit der mathematischen Figur
nennen. Die Benennung einer i n t e l l e c t u e l l e n S c h ö n h e i t kann
auch überhaupt nicht füglich erlaubt werden: weil sonst das Wort Schönheit
alle bestimmte Bedeutung, oder das intellectuelle Wohlgefallen allen
Vorzug vor dem sinnlichen verlieren 15 müßte. Eher würde man eine
D e m o n s t r a t i o n solcher Eigenschaften, weil durch diese der Verstand
als Vermögen der Begriffe und die Einbildungskraft als Vermögen der
Darstellung derselben a priori sich gestärkt fühlen (welches mit der
Präcision, die die Vernunft hineinbringt, zusammen die Eleganz derselben
genannt wird), schön nennen können: indem 20 hier doch wenigstens das
Wohlgefallen, obgleich der Grund desselben in Begriffen liegt, subjectiv ist,
da die Vollkommenheit ein objectives 279 Wohlgefallen bei sich führt.
Gestalten, als auch wohl der Zahlen wegen einer gewissen aus der 278
Einfachheit ihrer Construction nicht erwarteten Zweckmäßigkeit derselben
a priori zu allerlei Erkenntnißgebrauch S c h ö n h e i t zu nennen; und
spricht z. B. von dieser oder jener s c h ö n e n Eigenschaft des Cirkels,
welche auf diese oder jene Art entdeckt wäre. Allein es ist keine ästhetische
Beurtheilung, 5 durch die wir sie zweckmäßig finden; keine Beurtheilung
ohne Begriff, die eine bloße s u b j e c t i v e Zweckmäßigkeit im freien
Spiele unserer Erkenntnißvermögen bemerklich machte: sondern eine
intellectuelle nach Begriffen, welche eine objective Zweckmäßigkeit, d. i.
Tauglichkeit zu allerlei (ins Unendliche mannigfaltigen) Zwecken, deutlich
zu erkennen 10 giebt. Man müßte sie eher eine r e l a t i v e
Vo l l k o m m e n h e i t, als eine Schönheit der mathematischen Figur
nennen. Die Benennung einer i n t e l l e c t u e l l e n S c h ö n h e i t kann
auch überhaupt nicht füglich erlaubt werden: weil sonst das Wort Schönheit
alle bestimmte Bedeutung, oder das intellectuelle Wohlgefallen allen
Vorzug vor dem sinnlichen verlieren 15 müßte. Eher würde man eine
D e m o n s t r a t i o n solcher Eigenschaften, weil durch diese der Verstand
als Vermögen der Begriffe und die Einbildungskraft als Vermögen der
Darstellung derselben a priori sich gestärkt fühlen (welches mit der
Präcision, die die Vernunft hineinbringt, zusammen die Eleganz derselben
genannt wird), schön nennen können: indem 20 hier doch wenigstens das
Wohlgefallen, obgleich der Grund desselben in Begriffen liegt, subjectiv ist,
da die Vollkommenheit ein objectives 279 Wohlgefallen bei sich führt.
Page 247
§ 63.
Von der relativen Zweckmäßigkeit der Natur zum Unterschiede 25 von
der innern.
Die Erfahrung leitet unsere Urtheilskraft auf den Begriff einer objectiven
und materialen Zweckmäßigkeit, d. i. auf den Begriff eines Zwecks der
Natur nur alsdann, wenn ein Verhältniß der Ursache zur Wirkung zu
beurtheilen ist[24], welches wir als gesetzlich einzusehen uns nur dadurch
30 vermögend finden, daß wir die Idee der Wirkung der Causalität ihrer
Ursache, als die dieser selbst zum Grunde liegende Bedingung der
Möglichkeit der ersteren, unterlegen. Dieses kann aber auf zwiefache Weise
geschehen: entweder indem wir die Wirkung unmittelbar als Kunstproduct,
oder nur als Material für die Kunst anderer möglicher Naturwesen, 5 also
entweder als Zweck, oder als Mittel zum zweckmäßigen Gebrauche anderer
Ursachen, ansehen. Die letztere Zweckmäßigkeit heißt die Nutzbarkeit (für
Menschen), oder auch Zuträglichkeit (für jedes andere 280 Geschöpf) und ist
bloß relativ, indeß die erstere eine innere Zweckmäßigkeit des Naturwesens
ist. 10
Die Flüsse führen z. B. allerlei zum Wachsthum der Pflanzen dienliche Erde
mit sich fort, die sie bisweilen mitten im Lande, oft auch an ihren
Mündungen absetzen. Die Fluth führt diesen Schlich an manchen Küsten
über das Land, oder setzt ihn an dessen Ufer ab; und wenn vornehmlich
Menschen dazu helfen, damit die Ebbe ihn nicht wieder wegführe, so 15
nimmt das fruchtbare Land zu, und das Gewächsreich gewinnt da Platz, wo
vorher Fische und Schalthiere ihren Aufenthalt gehabt hatten. Die meisten
Landeserweiterungen auf diese Art hat wohl die Natur selbst verrichtet und
fährt damit auch noch, obzwar langsam, fort. — Nun fragt sich, ob dies als
ein Zweck der Natur zu beurtheilen sei, weil es eine Nutzbarkeit 20 für
Menschen enthält; denn die für das Gewächsreich selber kann man nicht in
Anschlag bringen, weil dagegen eben so viel den Meergeschöpfen entzogen
wird, als dem Lande Vortheil zuwächst.
Oder, um ein Beispiel von der Zuträglichkeit gewisser Naturdinge als Mittel
für andere Geschöpfe (wenn man sie als Zwecke voraussetzt) 25 zu geben:
so ist kein Boden den Fichten gedeihlicher, als ein Sandboden. Nun hat das
Von der relativen Zweckmäßigkeit der Natur zum Unterschiede 25 von
der innern.
Die Erfahrung leitet unsere Urtheilskraft auf den Begriff einer objectiven
und materialen Zweckmäßigkeit, d. i. auf den Begriff eines Zwecks der
Natur nur alsdann, wenn ein Verhältniß der Ursache zur Wirkung zu
beurtheilen ist[24], welches wir als gesetzlich einzusehen uns nur dadurch
30 vermögend finden, daß wir die Idee der Wirkung der Causalität ihrer
Ursache, als die dieser selbst zum Grunde liegende Bedingung der
Möglichkeit der ersteren, unterlegen. Dieses kann aber auf zwiefache Weise
geschehen: entweder indem wir die Wirkung unmittelbar als Kunstproduct,
oder nur als Material für die Kunst anderer möglicher Naturwesen, 5 also
entweder als Zweck, oder als Mittel zum zweckmäßigen Gebrauche anderer
Ursachen, ansehen. Die letztere Zweckmäßigkeit heißt die Nutzbarkeit (für
Menschen), oder auch Zuträglichkeit (für jedes andere 280 Geschöpf) und ist
bloß relativ, indeß die erstere eine innere Zweckmäßigkeit des Naturwesens
ist. 10
Die Flüsse führen z. B. allerlei zum Wachsthum der Pflanzen dienliche Erde
mit sich fort, die sie bisweilen mitten im Lande, oft auch an ihren
Mündungen absetzen. Die Fluth führt diesen Schlich an manchen Küsten
über das Land, oder setzt ihn an dessen Ufer ab; und wenn vornehmlich
Menschen dazu helfen, damit die Ebbe ihn nicht wieder wegführe, so 15
nimmt das fruchtbare Land zu, und das Gewächsreich gewinnt da Platz, wo
vorher Fische und Schalthiere ihren Aufenthalt gehabt hatten. Die meisten
Landeserweiterungen auf diese Art hat wohl die Natur selbst verrichtet und
fährt damit auch noch, obzwar langsam, fort. — Nun fragt sich, ob dies als
ein Zweck der Natur zu beurtheilen sei, weil es eine Nutzbarkeit 20 für
Menschen enthält; denn die für das Gewächsreich selber kann man nicht in
Anschlag bringen, weil dagegen eben so viel den Meergeschöpfen entzogen
wird, als dem Lande Vortheil zuwächst.
Oder, um ein Beispiel von der Zuträglichkeit gewisser Naturdinge als Mittel
für andere Geschöpfe (wenn man sie als Zwecke voraussetzt) 25 zu geben:
so ist kein Boden den Fichten gedeihlicher, als ein Sandboden. Nun hat das
Page 248
alte Meer, ehe es sich vom Lande zurückzog, so viele Sandstriche in unsern
nordlichen Gegenden zurückgelassen, daß auf diesem für alle Cultur sonst
so unbrauchbaren Boden weitläuftige Fichtenwälder haben 281 aufschlagen
können, wegen deren unvernünftiger Ausrottung wir häufig 30 unsere
Vorfahren anklagen; und da kann man fragen, ob diese uralte Absetzung der
Sandschichten ein Zweck der Natur war zum Behuf der darauf möglichen
Fichtenwälder. So viel ist klar: daß, wenn man diese als Zweck der Natur
annimmt, man jenen Sand auch, aber nur als relativen Zweck einräumen
müsse, wozu wiederum der alte Meeresstrand und 35 dessen Zurückziehen
das Mittel war; denn in der Reihe der einander subordinirten Glieder einer
Zweckverbindung muß ein jedes Mittelglied als Zweck (obgleich eben nicht
als Endzweck) betrachtet werden, wozu seine nächste Ursache das Mittel
ist. Eben so, wenn einmal Rindvieh, Schafe, Pferde u. s. w. in der Welt sein
sollten, so mußte Gras auf Erden, aber es mußten auch Salzkräuter in
Sandwüsten wachsen, wenn Kameele gedeihen sollten, oder auch diese und
andere grasfressende Thierarten in Menge 5 anzutreffen sein, wenn es
Wölfe, Tiger und Löwen geben sollte. Mithin ist die objective
Zweckmäßigkeit, die sich auf Zuträglichkeit gründet, nicht eine objective
Zweckmäßigkeit der Dinge an sich selbst, als ob der Sand für sich als
Wirkung aus seiner Ursache, dem Meere, nicht könnte begriffen werden,
ohne dem letztern einen Zweck unterzulegen und ohne die Wirkung, 10
nämlich den Sand, als Kunstwerk zu betrachten. Sie ist eine bloß relative,
dem Dinge selbst, dem sie beigelegt wird, bloß zufällige Zweckmäßigkeit;
282 und obgleich unter den angeführten Beispielen die Grasarten für sich als
organisirte Producte der Natur, mithin als kunstreich zu beurtheilen sind, so
werden sie doch in Beziehung auf Thiere, die sich davon 15 nähren, als
bloße rohe Materie angesehen.
Wenn aber vollends der Mensch durch Freiheit seiner Causalität die
Naturdinge seinen oft thörichten Absichten (die bunten Vogelfedern zum
Putzwerk seiner Bekleidung, farbige Erden oder Pflanzensäfte zur
Schminke), manchmal auch aus vernünftiger Absicht das Pferd zum 20
Reiten, den Stier und in Minorca sogar den Esel und das Schwein zum
Pflügen zuträglich findet: so kann man hier auch nicht einmal einen
relativen Naturzweck (auf diesen Gebrauch) annehmen. Denn seine
Vernunft weiß den Dingen eine Übereinstimmung mit seinen willkürlichen
Einfällen, wozu er selbst nicht einmal von der Natur prädestinirt 25 war, zu
nordlichen Gegenden zurückgelassen, daß auf diesem für alle Cultur sonst
so unbrauchbaren Boden weitläuftige Fichtenwälder haben 281 aufschlagen
können, wegen deren unvernünftiger Ausrottung wir häufig 30 unsere
Vorfahren anklagen; und da kann man fragen, ob diese uralte Absetzung der
Sandschichten ein Zweck der Natur war zum Behuf der darauf möglichen
Fichtenwälder. So viel ist klar: daß, wenn man diese als Zweck der Natur
annimmt, man jenen Sand auch, aber nur als relativen Zweck einräumen
müsse, wozu wiederum der alte Meeresstrand und 35 dessen Zurückziehen
das Mittel war; denn in der Reihe der einander subordinirten Glieder einer
Zweckverbindung muß ein jedes Mittelglied als Zweck (obgleich eben nicht
als Endzweck) betrachtet werden, wozu seine nächste Ursache das Mittel
ist. Eben so, wenn einmal Rindvieh, Schafe, Pferde u. s. w. in der Welt sein
sollten, so mußte Gras auf Erden, aber es mußten auch Salzkräuter in
Sandwüsten wachsen, wenn Kameele gedeihen sollten, oder auch diese und
andere grasfressende Thierarten in Menge 5 anzutreffen sein, wenn es
Wölfe, Tiger und Löwen geben sollte. Mithin ist die objective
Zweckmäßigkeit, die sich auf Zuträglichkeit gründet, nicht eine objective
Zweckmäßigkeit der Dinge an sich selbst, als ob der Sand für sich als
Wirkung aus seiner Ursache, dem Meere, nicht könnte begriffen werden,
ohne dem letztern einen Zweck unterzulegen und ohne die Wirkung, 10
nämlich den Sand, als Kunstwerk zu betrachten. Sie ist eine bloß relative,
dem Dinge selbst, dem sie beigelegt wird, bloß zufällige Zweckmäßigkeit;
282 und obgleich unter den angeführten Beispielen die Grasarten für sich als
organisirte Producte der Natur, mithin als kunstreich zu beurtheilen sind, so
werden sie doch in Beziehung auf Thiere, die sich davon 15 nähren, als
bloße rohe Materie angesehen.
Wenn aber vollends der Mensch durch Freiheit seiner Causalität die
Naturdinge seinen oft thörichten Absichten (die bunten Vogelfedern zum
Putzwerk seiner Bekleidung, farbige Erden oder Pflanzensäfte zur
Schminke), manchmal auch aus vernünftiger Absicht das Pferd zum 20
Reiten, den Stier und in Minorca sogar den Esel und das Schwein zum
Pflügen zuträglich findet: so kann man hier auch nicht einmal einen
relativen Naturzweck (auf diesen Gebrauch) annehmen. Denn seine
Vernunft weiß den Dingen eine Übereinstimmung mit seinen willkürlichen
Einfällen, wozu er selbst nicht einmal von der Natur prädestinirt 25 war, zu
Page 249
geben. Nur w e n n man annimmt, Menschen haben auf Erden leben sollen,
so müssen doch wenigstens die Mittel, ohne die sie als Thiere und selbst als
vernünftige Thiere (in wie niedrigem Grade es auch sei) nicht bestehen
konnten, auch nicht fehlen; alsdann aber würden diejenigen Naturdinge, die
zu diesem Behuf unentbehrlich sind, auch als Naturzwecke 30 angesehen
werden müssen.
Man sieht hieraus leicht ein, daß die äußere Zweckmäßigkeit
(Zuträglichkeit eines Dinges für andere) nur unter der Bedingung, daß die
283 Existenz desjenigen, dem es zunächst oder auf entfernte Weise
zuträglich ist, für sich selbst Zweck der Natur sei, für einen äußern
Naturzweck angesehen 35 werden könne. Da jenes aber durch bloße
Naturbetrachtung nimmermehr auszumachen ist: so folgt, daß die relative
Zweckmäßigkeit, ob sie gleich hypothetisch auf Naturzwecke Anzeige
giebt, dennoch zu keinem absoluten teleologischen Urtheile berechtige.
Der Schnee sichert die Saaten in kalten Ländern wider den Frost; er
erleichtert die Gemeinschaft der Menschen (durch Schlitten); der
Lappländer findet dort Thiere, die diese Gemeinschaft bewirken
(Rennthiere), 5 die an einem dürren Moose, welches sie sich selbst unter
dem Schnee hervorscharren müssen, hinreichende Nahrung finden und
gleichwohl sich leicht zähmen und der Freiheit, in der sie sich gar wohl
erhalten könnten, willig berauben lassen. Für andere Völker in derselben
Eiszone enthält das Meer reichen Vorrath an Thieren, die außer der Nahrung
und 10 Kleidung, die sie liefern, und dem Holze, welches ihnen das Meer
zu Wohnungen gleichsam hinflößt, ihnen noch Brennmaterien zur
Erwärmung ihrer Hütten liefern. Hier ist nun eine bewundernswürdige
Zusammenkunft von so viel Beziehungen der Natur auf einen Zweck; und
dieser ist der Grönländer, der Lappe, der Samojede, der Jakute u. s. w. 15
Aber man sieht nicht, warum überhaupt Menschen dort leben müssen. Also
sagen: daß d a r u m Dünste aus der Luft in der Form des Schnees 284
herunterfallen, das Meer seine Ströme habe, welche das in wärmern
Ländern gewachsene Holz dahin schwemmen, und große mit Öl angefüllte
Seethiere da sind, w e i l der Ursache, die alle die Naturproducte
herbeischafft, 20 die Idee eines Vortheils für gewisse armselige Geschöpfe
zum Grunde liege: wäre ein sehr gewagtes und willkürliches Urtheil. Denn
wenn alle diese Naturnützlichkeit auch nicht wäre, so würden wir nichts an
der Zulänglichkeit der Naturursachen zu dieser Beschaffenheit vermissen;
so müssen doch wenigstens die Mittel, ohne die sie als Thiere und selbst als
vernünftige Thiere (in wie niedrigem Grade es auch sei) nicht bestehen
konnten, auch nicht fehlen; alsdann aber würden diejenigen Naturdinge, die
zu diesem Behuf unentbehrlich sind, auch als Naturzwecke 30 angesehen
werden müssen.
Man sieht hieraus leicht ein, daß die äußere Zweckmäßigkeit
(Zuträglichkeit eines Dinges für andere) nur unter der Bedingung, daß die
283 Existenz desjenigen, dem es zunächst oder auf entfernte Weise
zuträglich ist, für sich selbst Zweck der Natur sei, für einen äußern
Naturzweck angesehen 35 werden könne. Da jenes aber durch bloße
Naturbetrachtung nimmermehr auszumachen ist: so folgt, daß die relative
Zweckmäßigkeit, ob sie gleich hypothetisch auf Naturzwecke Anzeige
giebt, dennoch zu keinem absoluten teleologischen Urtheile berechtige.
Der Schnee sichert die Saaten in kalten Ländern wider den Frost; er
erleichtert die Gemeinschaft der Menschen (durch Schlitten); der
Lappländer findet dort Thiere, die diese Gemeinschaft bewirken
(Rennthiere), 5 die an einem dürren Moose, welches sie sich selbst unter
dem Schnee hervorscharren müssen, hinreichende Nahrung finden und
gleichwohl sich leicht zähmen und der Freiheit, in der sie sich gar wohl
erhalten könnten, willig berauben lassen. Für andere Völker in derselben
Eiszone enthält das Meer reichen Vorrath an Thieren, die außer der Nahrung
und 10 Kleidung, die sie liefern, und dem Holze, welches ihnen das Meer
zu Wohnungen gleichsam hinflößt, ihnen noch Brennmaterien zur
Erwärmung ihrer Hütten liefern. Hier ist nun eine bewundernswürdige
Zusammenkunft von so viel Beziehungen der Natur auf einen Zweck; und
dieser ist der Grönländer, der Lappe, der Samojede, der Jakute u. s. w. 15
Aber man sieht nicht, warum überhaupt Menschen dort leben müssen. Also
sagen: daß d a r u m Dünste aus der Luft in der Form des Schnees 284
herunterfallen, das Meer seine Ströme habe, welche das in wärmern
Ländern gewachsene Holz dahin schwemmen, und große mit Öl angefüllte
Seethiere da sind, w e i l der Ursache, die alle die Naturproducte
herbeischafft, 20 die Idee eines Vortheils für gewisse armselige Geschöpfe
zum Grunde liege: wäre ein sehr gewagtes und willkürliches Urtheil. Denn
wenn alle diese Naturnützlichkeit auch nicht wäre, so würden wir nichts an
der Zulänglichkeit der Naturursachen zu dieser Beschaffenheit vermissen;
Page 250
vielmehr eine solche Anlage auch nur zu verlangen und der Natur 25 einen
solchen Zweck zuzumuthen (da ohnedas nur die größte Unverträglichkeit
der Menschen unter einander sie bis in so unwirthbare Gegenden hat
versprengen können), würde uns selbst vermessen und unüberlegt zu sein
dünken.
solchen Zweck zuzumuthen (da ohnedas nur die größte Unverträglichkeit
der Menschen unter einander sie bis in so unwirthbare Gegenden hat
versprengen können), würde uns selbst vermessen und unüberlegt zu sein
dünken.
Page 251
§ 64. 30
Von dem eigenthümlichen Charakter der Dinge als Naturzwecke.
Um einzusehen, daß ein Ding nur als Zweck möglich sei, d. h. die
Causalität seines Ursprungs nicht im Mechanism der Natur, sondern in
einer Ursache, deren Vermögen zu wirken durch Begriffe bestimmt wird,
35 suchen zu müssen, dazu wird erfordert: daß seine Form nicht nach
bloßen Naturgesetzen möglich sei, d. i. solchen, welche von uns durch den
Verstand allein, auf Gegenstände der Sinne angewandt, erkannt werden
können; sondern daß selbst ihr empirisches Erkenntniß ihrer Ursache und
Wirkung 285 nach Begriffe der Vernunft voraussetze. Diese
Z u f ä l l i g k e i t seiner 5 Form bei allen empirischen Naturgesetzen in
Beziehung auf die Vernunft, da die Vernunft, welcher an einer jeden Form
eines Naturproducts auch die Nothwendigkeit derselben erkennen muß,
wenn sie auch nur die mit seiner Erzeugung verknüpften Bedingungen
einsehen will, gleichwohl an jener gegebenen Form diese Nothwendigkeit
nicht annehmen kann, ist selbst 10 ein Grund, die Causalität desselben so
anzunehmen, als ob sie eben darum nur durch Vernunft möglich sei; diese
aber ist alsdann das Vermögen, nach Zwecken zu handeln (ein Wille); und
das Object, welches nur als aus diesem möglich vorgestellt wird, würde nur
als Zweck für möglich vorgestellt werden. 15
Wenn jemand in einem ihm unbewohnt scheinenden Lande eine
geometrische Figur, allenfalls ein reguläres Sechseck, im Sande gezeichnet
wahrnähme: so würde seine Reflexion, indem sie an einem Begriffe
derselben arbeitet, der Einheit des Princips der Erzeugung desselben, wenn
gleich dunkel, vermittelst der Vernunft inne werden und so dieser gemäß 20
den Sand, das benachbarte Meer, die Winde, oder auch Thiere mit ihren
Fußtritten, die er kennt, oder jede andere vernunftlose Ursache nicht als
einen Grund der Möglichkeit einer solchen Gestalt beurtheilen: weil ihm
die Zufälligkeit, mit einem solchen Begriffe, der nur in der Vernunft 286
möglich ist, zusammen zu treffen, so unendlich groß scheinen würde, daß
25 es eben so gut wäre, als ob es dazu gar kein Naturgesetz gebe, daß
folglich auch keine Ursache in der bloß mechanisch wirkenden Natur,
sondern nur der Begriff von einem solchen Object als Begriff, den nur
Vernunft geben und mit demselben den Gegenstand vergleichen kann, auch
Von dem eigenthümlichen Charakter der Dinge als Naturzwecke.
Um einzusehen, daß ein Ding nur als Zweck möglich sei, d. h. die
Causalität seines Ursprungs nicht im Mechanism der Natur, sondern in
einer Ursache, deren Vermögen zu wirken durch Begriffe bestimmt wird,
35 suchen zu müssen, dazu wird erfordert: daß seine Form nicht nach
bloßen Naturgesetzen möglich sei, d. i. solchen, welche von uns durch den
Verstand allein, auf Gegenstände der Sinne angewandt, erkannt werden
können; sondern daß selbst ihr empirisches Erkenntniß ihrer Ursache und
Wirkung 285 nach Begriffe der Vernunft voraussetze. Diese
Z u f ä l l i g k e i t seiner 5 Form bei allen empirischen Naturgesetzen in
Beziehung auf die Vernunft, da die Vernunft, welcher an einer jeden Form
eines Naturproducts auch die Nothwendigkeit derselben erkennen muß,
wenn sie auch nur die mit seiner Erzeugung verknüpften Bedingungen
einsehen will, gleichwohl an jener gegebenen Form diese Nothwendigkeit
nicht annehmen kann, ist selbst 10 ein Grund, die Causalität desselben so
anzunehmen, als ob sie eben darum nur durch Vernunft möglich sei; diese
aber ist alsdann das Vermögen, nach Zwecken zu handeln (ein Wille); und
das Object, welches nur als aus diesem möglich vorgestellt wird, würde nur
als Zweck für möglich vorgestellt werden. 15
Wenn jemand in einem ihm unbewohnt scheinenden Lande eine
geometrische Figur, allenfalls ein reguläres Sechseck, im Sande gezeichnet
wahrnähme: so würde seine Reflexion, indem sie an einem Begriffe
derselben arbeitet, der Einheit des Princips der Erzeugung desselben, wenn
gleich dunkel, vermittelst der Vernunft inne werden und so dieser gemäß 20
den Sand, das benachbarte Meer, die Winde, oder auch Thiere mit ihren
Fußtritten, die er kennt, oder jede andere vernunftlose Ursache nicht als
einen Grund der Möglichkeit einer solchen Gestalt beurtheilen: weil ihm
die Zufälligkeit, mit einem solchen Begriffe, der nur in der Vernunft 286
möglich ist, zusammen zu treffen, so unendlich groß scheinen würde, daß
25 es eben so gut wäre, als ob es dazu gar kein Naturgesetz gebe, daß
folglich auch keine Ursache in der bloß mechanisch wirkenden Natur,
sondern nur der Begriff von einem solchen Object als Begriff, den nur
Vernunft geben und mit demselben den Gegenstand vergleichen kann, auch
Page 252
die Causalität zu einer solchen Wirkung enthalten, folglich diese durchaus
als Zweck, 30 aber nicht Naturzweck, d. i. als Product der K u n s t,
angesehen werden könne (vestigium hominis video).
Um aber etwas, das man als Naturproduct erkennt, gleichwohl doch auch
als Zweck, mithin als N a t u r z w e c k zu beurtheilen: dazu, wenn nicht
etwa hierin gar ein Widerspruch liegt, wird schon mehr erfordert. Ich 35
würde vorläufig sagen: ein Ding existirt als Naturzweck, w e n n e s v o n
s i c h s e l b s t (obgleich in zwiefachem Sinne) U r s a c h e u n d
W i r k u n g i s t; denn hierin liegt eine Causalität, dergleichen mit dem
bloßen Begriffe einer Natur, ohne ihr einen Zweck unterzulegen, nicht
verbunden, aber auch alsdann zwar ohne Widerspruch gedacht, aber nicht
begriffen werden kann. Wir wollen die Bestimmung dieser Idee von einem
Naturzwecke zuvörderst durch ein Beispiel erläutern, ehe wir sie völlig
auseinander 5 setzen.
Ein Baum zeugt erstlich einen andern Baum nach einem bekannten
Naturgesetze. Der Baum aber, den er erzeugt, ist von derselben Gattung; 287
und so erzeugt er sich selbst der G a t t u n g nach, in der er einerseits als
Wirkung, andrerseits als Ursache, von sich selbst unaufhörlich
hervorgebracht 10 und eben so sich selbst oft hervorbringend, sich als
Gattung beständig erhält.
Zweitens erzeugt ein Baum sich auch selbst als I n d i v i d u u m. Diese Art
von Wirkung nennen wir zwar nur das Wachsthum; aber dieses ist in
solchem Sinne zu nehmen, daß es von jeder andern Größenzunahme 15
nach mechanischen Gesetzen gänzlich unterschieden und einer Zeugung,
wiewohl unter einem andern Namen, gleich zu achten ist. Die Materie, die
er zu sich hinzusetzt, verarbeitet dieses Gewächs vorher zu specifisch-
eigenthümlicher Qualität, welche der Naturmechanism außer ihm nicht
liefern kann, und bildet sich selbst weiter aus vermittelst eines 20 Stoffes,
der seiner Mischung nach sein eignes Product ist. Denn ob er zwar, was die
Bestandtheile betrifft, die er von der Natur außer ihm erhält, nur als Educt
angesehen werden muß: so ist doch in der Scheidung und neuen
Zusammensetzung dieses rohen Stoffs eine solche Originalität des
Scheidungs- und Bildungsvermögens dieser Art Naturwesen anzutreffen,
25 daß alle Kunst davon unendlich weit entfernt bleibt, wenn sie es
versucht, aus den Elementen, die sie durch Zergliederung derselben erhält,
als Zweck, 30 aber nicht Naturzweck, d. i. als Product der K u n s t,
angesehen werden könne (vestigium hominis video).
Um aber etwas, das man als Naturproduct erkennt, gleichwohl doch auch
als Zweck, mithin als N a t u r z w e c k zu beurtheilen: dazu, wenn nicht
etwa hierin gar ein Widerspruch liegt, wird schon mehr erfordert. Ich 35
würde vorläufig sagen: ein Ding existirt als Naturzweck, w e n n e s v o n
s i c h s e l b s t (obgleich in zwiefachem Sinne) U r s a c h e u n d
W i r k u n g i s t; denn hierin liegt eine Causalität, dergleichen mit dem
bloßen Begriffe einer Natur, ohne ihr einen Zweck unterzulegen, nicht
verbunden, aber auch alsdann zwar ohne Widerspruch gedacht, aber nicht
begriffen werden kann. Wir wollen die Bestimmung dieser Idee von einem
Naturzwecke zuvörderst durch ein Beispiel erläutern, ehe wir sie völlig
auseinander 5 setzen.
Ein Baum zeugt erstlich einen andern Baum nach einem bekannten
Naturgesetze. Der Baum aber, den er erzeugt, ist von derselben Gattung; 287
und so erzeugt er sich selbst der G a t t u n g nach, in der er einerseits als
Wirkung, andrerseits als Ursache, von sich selbst unaufhörlich
hervorgebracht 10 und eben so sich selbst oft hervorbringend, sich als
Gattung beständig erhält.
Zweitens erzeugt ein Baum sich auch selbst als I n d i v i d u u m. Diese Art
von Wirkung nennen wir zwar nur das Wachsthum; aber dieses ist in
solchem Sinne zu nehmen, daß es von jeder andern Größenzunahme 15
nach mechanischen Gesetzen gänzlich unterschieden und einer Zeugung,
wiewohl unter einem andern Namen, gleich zu achten ist. Die Materie, die
er zu sich hinzusetzt, verarbeitet dieses Gewächs vorher zu specifisch-
eigenthümlicher Qualität, welche der Naturmechanism außer ihm nicht
liefern kann, und bildet sich selbst weiter aus vermittelst eines 20 Stoffes,
der seiner Mischung nach sein eignes Product ist. Denn ob er zwar, was die
Bestandtheile betrifft, die er von der Natur außer ihm erhält, nur als Educt
angesehen werden muß: so ist doch in der Scheidung und neuen
Zusammensetzung dieses rohen Stoffs eine solche Originalität des
Scheidungs- und Bildungsvermögens dieser Art Naturwesen anzutreffen,
25 daß alle Kunst davon unendlich weit entfernt bleibt, wenn sie es
versucht, aus den Elementen, die sie durch Zergliederung derselben erhält,
Page 253
oder auch dem Stoff, den die Natur zur Nahrung derselben liefert, jene
Producte des Gewächsreichs wieder herzustellen.
D r i t t e n s erzeugt ein Theil dieses Geschöpfs auch sich selbst so: daß 30
288 die Erhaltung des einen von der Erhaltung der andern wechselsweise
abhängt. Das Auge an einem Baumblatt, dem Zweige eines andern
eingeimpft, bringt an einem fremdartigen Stocke ein Gewächs von seiner
eignen Art hervor und eben so das Pfropfreis auf einem andern Stamme.
Daher kann man auch an demselben Baume jeden Zweig oder Blatt als 35
bloß auf diesem gepfropft oder oculirt, mithin als einen für sich selbst
bestehenden Baum, der sich nur an einen andern anhängt und parasitisch
nährt, ansehen. Zugleich sind die Blätter zwar Producte des Baums, erhalten
aber diesen doch auch gegenseitig; denn die wiederholte Entblätterung
würde ihn tödten, und sein Wachsthum hängt von ihrer Wirkung auf den
Stamm ab. Der Selbsthülfe der Natur in diesen Geschöpfen bei ihrer
Verletzung, wo der Mangel eines Theils, der zur Erhaltung 5 der
benachbarten gehörte, von den übrigen ergänzt wird; der Mißgeburten oder
Mißgestalten im Wachsthum, da gewisse Theile wegen vorkommender
Mängel oder Hindernisse sich auf ganz neue Art formen, um das, was da ist,
zu erhalten und ein anomalisches Geschöpf hervorzubringen: will ich hier
nur im Vorbeigehen erwähnen, ungeachtet sie 10 unter die wundersamsten
Eigenschaften organisirter Geschöpfe gehören.
Producte des Gewächsreichs wieder herzustellen.
D r i t t e n s erzeugt ein Theil dieses Geschöpfs auch sich selbst so: daß 30
288 die Erhaltung des einen von der Erhaltung der andern wechselsweise
abhängt. Das Auge an einem Baumblatt, dem Zweige eines andern
eingeimpft, bringt an einem fremdartigen Stocke ein Gewächs von seiner
eignen Art hervor und eben so das Pfropfreis auf einem andern Stamme.
Daher kann man auch an demselben Baume jeden Zweig oder Blatt als 35
bloß auf diesem gepfropft oder oculirt, mithin als einen für sich selbst
bestehenden Baum, der sich nur an einen andern anhängt und parasitisch
nährt, ansehen. Zugleich sind die Blätter zwar Producte des Baums, erhalten
aber diesen doch auch gegenseitig; denn die wiederholte Entblätterung
würde ihn tödten, und sein Wachsthum hängt von ihrer Wirkung auf den
Stamm ab. Der Selbsthülfe der Natur in diesen Geschöpfen bei ihrer
Verletzung, wo der Mangel eines Theils, der zur Erhaltung 5 der
benachbarten gehörte, von den übrigen ergänzt wird; der Mißgeburten oder
Mißgestalten im Wachsthum, da gewisse Theile wegen vorkommender
Mängel oder Hindernisse sich auf ganz neue Art formen, um das, was da ist,
zu erhalten und ein anomalisches Geschöpf hervorzubringen: will ich hier
nur im Vorbeigehen erwähnen, ungeachtet sie 10 unter die wundersamsten
Eigenschaften organisirter Geschöpfe gehören.
Page 254
§ 65. 289
Dinge als Naturzwecke sind organisirte Wesen.
Nach dem im vorigen § angeführten Charakter muß ein Ding, welches als
Naturproduct doch zugleich nur als Naturzweck möglich erkannt werden
15 soll, sich zu sich selbst wechselseitig als Ursache und Wirkung
verhalten, welches ein etwas uneigentlicher und unbestimmter Ausdruck ist,
der einer Ableitung von einem bestimmten Begriffe bedarf.
Die Causalverbindung, sofern sie bloß durch den Verstand gedacht wird, ist
eine Verknüpfung, die eine Reihe (von Ursachen und Wirkungen) 20
ausmacht, welche immer abwärts geht; und die Dinge selbst, welche als
Wirkungen andere als Ursache voraussetzen, können von diesen nicht
gegenseitig zugleich Ursache sein. Diese Causalverbindung nennt man die
der wirkenden Ursachen (nexus effectivus). Dagegen aber kann doch auch
eine Causalverbindung nach einem Vernunftbegriffe (von Zwecken)
gedacht 25 werden, welche, wenn man sie als Reihe betrachtete, sowohl
abwärts als aufwärts Abhängigkeit bei sich führen würde, in der das Ding,
welches einmal als Wirkung bezeichnet ist, dennoch aufwärts den Namen
einer Ursache desjenigen Dinges verdient, wovon es die Wirkung ist. Im
Praktischen (nämlich der Kunst) findet man leicht dergleichen
Verknüpfung, 30 wie z. B. das Haus zwar die Ursache der Gelder ist, die
für Miethe eingenommen 290 werden, aber doch auch umgekehrt die
Vorstellung von diesem möglichen Einkommen die Ursache der Erbauung
des Hauses war. Eine solche Causalverknüpfung wird die der Endursachen
(nexus finalis) genannt. Man könnte die erstere vielleicht schicklicher die
Verknüpfung der 35 realen, die zweite der idealen Ursachen nennen, weil
bei dieser Benennung zugleich begriffen wird, daß es nicht mehr als diese
zwei Arten der Causalität geben könne.
Zu einem Dinge als Naturzwecke wird nun e r s t l i c h erfordert, daß die
Theile (ihrem Dasein und der Form nach) nur durch ihre Beziehung 5 auf
das Ganze möglich sind. Denn das Ding selbst ist ein Zweck, folglich unter
einem Begriffe oder einer Idee befaßt, die alles, was in ihm enthalten sein
soll, a priori bestimmen muß. Sofern aber ein Ding nur auf diese Art als
möglich gedacht wird, ist es bloß ein Kunstwerk, d. i. das Product einer von
Dinge als Naturzwecke sind organisirte Wesen.
Nach dem im vorigen § angeführten Charakter muß ein Ding, welches als
Naturproduct doch zugleich nur als Naturzweck möglich erkannt werden
15 soll, sich zu sich selbst wechselseitig als Ursache und Wirkung
verhalten, welches ein etwas uneigentlicher und unbestimmter Ausdruck ist,
der einer Ableitung von einem bestimmten Begriffe bedarf.
Die Causalverbindung, sofern sie bloß durch den Verstand gedacht wird, ist
eine Verknüpfung, die eine Reihe (von Ursachen und Wirkungen) 20
ausmacht, welche immer abwärts geht; und die Dinge selbst, welche als
Wirkungen andere als Ursache voraussetzen, können von diesen nicht
gegenseitig zugleich Ursache sein. Diese Causalverbindung nennt man die
der wirkenden Ursachen (nexus effectivus). Dagegen aber kann doch auch
eine Causalverbindung nach einem Vernunftbegriffe (von Zwecken)
gedacht 25 werden, welche, wenn man sie als Reihe betrachtete, sowohl
abwärts als aufwärts Abhängigkeit bei sich führen würde, in der das Ding,
welches einmal als Wirkung bezeichnet ist, dennoch aufwärts den Namen
einer Ursache desjenigen Dinges verdient, wovon es die Wirkung ist. Im
Praktischen (nämlich der Kunst) findet man leicht dergleichen
Verknüpfung, 30 wie z. B. das Haus zwar die Ursache der Gelder ist, die
für Miethe eingenommen 290 werden, aber doch auch umgekehrt die
Vorstellung von diesem möglichen Einkommen die Ursache der Erbauung
des Hauses war. Eine solche Causalverknüpfung wird die der Endursachen
(nexus finalis) genannt. Man könnte die erstere vielleicht schicklicher die
Verknüpfung der 35 realen, die zweite der idealen Ursachen nennen, weil
bei dieser Benennung zugleich begriffen wird, daß es nicht mehr als diese
zwei Arten der Causalität geben könne.
Zu einem Dinge als Naturzwecke wird nun e r s t l i c h erfordert, daß die
Theile (ihrem Dasein und der Form nach) nur durch ihre Beziehung 5 auf
das Ganze möglich sind. Denn das Ding selbst ist ein Zweck, folglich unter
einem Begriffe oder einer Idee befaßt, die alles, was in ihm enthalten sein
soll, a priori bestimmen muß. Sofern aber ein Ding nur auf diese Art als
möglich gedacht wird, ist es bloß ein Kunstwerk, d. i. das Product einer von
Page 255
der Materie (den Theilen) desselben unterschiedenen vernünftigen 10
Ursache, deren Causalität (in Herbeischaffung und Verbindung der Theile)
durch ihre Idee von einem dadurch möglichen Ganzen (mithin nicht durch
die Natur außer ihm) bestimmt wird.
Soll aber ein Ding als Naturproduct in sich selbst und seiner innern
Möglichkeit doch eine Beziehung auf Zwecke enthalten, d. i. nur als
Naturzweck 15 und ohne die Causalität der Begriffe von vernünftigen
Wesen außer ihm möglich sein: so wird z w e i t e n s dazu erfordert: daß die
Theile desselben 291 sich dadurch zur Einheit eines Ganzen verbinden, daß
sie von einander wechselseitig Ursache und Wirkung ihrer Form sind. Denn
auf solche Weise ist es allein möglich, daß umgekehrt (wechselseitig) die
Idee 20 des Ganzen wiederum die Form und Verbindung aller Theile
bestimme: nicht als Ursache — denn da wäre es ein Kunstproduct —,
sondern als Erkenntnißgrund der systematischen Einheit der Form und
Verbindung alles Mannigfaltigen, was in der gegebenen Materie enthalten
ist, für den, der es beurtheilt. 25
Zu einem Körper also, der an sich und seiner innern Möglichkeit nach als
Naturzweck beurtheilt werden soll, wird erfordert, daß die Theile desselben
einander insgesammt ihrer Form sowohl als Verbindung nach wechselseitig
und so ein Ganzes aus eigener Causalität hervorbringen, dessen Begriff
wiederum umgekehrt (in einem Wesen, welches die einem 30 solchen
Product angemessene Causalität nach Begriffen besäße) Ursache von
demselben nach einem Princip sein, folglich die Verknüpfung der
wirkenden U r s a c h e n zugleich als W i r k u n g durch
E n d u r s a c h e n beurtheilt werden könnte.
In einem solchen Producte der Natur wird ein jeder Theil so, wie 35 er nur
d u r c h alle übrige da ist, auch als u m d e r a n d e r n und des Ganzen
w i l l e n existirend, d. i. als Werkzeug (Organ) gedacht: welches aber nicht
genug ist (denn er könnte auch Werkzeug der Kunst sein und 292 so nur als
Zweck überhaupt möglich vorgestellt werden); sondern als ein die andern
Theile (folglich jeder den andern wechselseitig) h e r v o r b r i n g e n d e s
Organ, dergleichen kein Werkzeug der Kunst, sondern nur der allen Stoff zu
Werkzeugen (selbst denen der Kunst) liefernden Natur sein 5 kann: und nur
dann und darum wird ein solches Product, als organisirtes und s i c h
Ursache, deren Causalität (in Herbeischaffung und Verbindung der Theile)
durch ihre Idee von einem dadurch möglichen Ganzen (mithin nicht durch
die Natur außer ihm) bestimmt wird.
Soll aber ein Ding als Naturproduct in sich selbst und seiner innern
Möglichkeit doch eine Beziehung auf Zwecke enthalten, d. i. nur als
Naturzweck 15 und ohne die Causalität der Begriffe von vernünftigen
Wesen außer ihm möglich sein: so wird z w e i t e n s dazu erfordert: daß die
Theile desselben 291 sich dadurch zur Einheit eines Ganzen verbinden, daß
sie von einander wechselseitig Ursache und Wirkung ihrer Form sind. Denn
auf solche Weise ist es allein möglich, daß umgekehrt (wechselseitig) die
Idee 20 des Ganzen wiederum die Form und Verbindung aller Theile
bestimme: nicht als Ursache — denn da wäre es ein Kunstproduct —,
sondern als Erkenntnißgrund der systematischen Einheit der Form und
Verbindung alles Mannigfaltigen, was in der gegebenen Materie enthalten
ist, für den, der es beurtheilt. 25
Zu einem Körper also, der an sich und seiner innern Möglichkeit nach als
Naturzweck beurtheilt werden soll, wird erfordert, daß die Theile desselben
einander insgesammt ihrer Form sowohl als Verbindung nach wechselseitig
und so ein Ganzes aus eigener Causalität hervorbringen, dessen Begriff
wiederum umgekehrt (in einem Wesen, welches die einem 30 solchen
Product angemessene Causalität nach Begriffen besäße) Ursache von
demselben nach einem Princip sein, folglich die Verknüpfung der
wirkenden U r s a c h e n zugleich als W i r k u n g durch
E n d u r s a c h e n beurtheilt werden könnte.
In einem solchen Producte der Natur wird ein jeder Theil so, wie 35 er nur
d u r c h alle übrige da ist, auch als u m d e r a n d e r n und des Ganzen
w i l l e n existirend, d. i. als Werkzeug (Organ) gedacht: welches aber nicht
genug ist (denn er könnte auch Werkzeug der Kunst sein und 292 so nur als
Zweck überhaupt möglich vorgestellt werden); sondern als ein die andern
Theile (folglich jeder den andern wechselseitig) h e r v o r b r i n g e n d e s
Organ, dergleichen kein Werkzeug der Kunst, sondern nur der allen Stoff zu
Werkzeugen (selbst denen der Kunst) liefernden Natur sein 5 kann: und nur
dann und darum wird ein solches Product, als organisirtes und s i c h
Page 256
s e l b s t o r g a n i s i r e n d e s Wesen, ein N a t u r z w e c k genannt werden
können.
In einer Uhr ist ein Theil das Werkzeug der Bewegung der andern, aber
nicht ein Rad die wirkende Ursache der Hervorbringung des andern; 10 ein
Theil ist zwar um des andern willen, aber nicht durch denselben da. Daher
ist auch die hervorbringende Ursache derselben und ihrer Form nicht in der
Natur (dieser Materie), sondern außer ihr in einem Wesen, welches nach
Ideen eines durch seine Causalität möglichen Ganzen wirken kann,
enthalten. Daher bringt auch nicht ein Rad in der Uhr das andere, 15 noch
weniger eine Uhr andere Uhren hervor, so daß sie andere Materie dazu
benutzte (sie organisirte); daher ersetzt sie auch nicht von selbst die ihr
entwandten Theile, oder vergütet ihren Mangel in der ersten Bildung durch
den Beitritt der übrigen, oder bessert sich etwa selbst aus, wenn sie in
Unordnung gerathen ist: welches alles wir dagegen von der organisirten 20
Natur erwarten können. — Ein organisirtes Wesen ist also nicht bloß
Maschine: denn die hat lediglich b e w e g e n d e Kraft; sondern es besitzt
293 in sich b i l d e n d e Kraft und zwar eine solche, die es den Materien
mittheilt, welche sie nicht haben (sie organisirt): also eine sich
fortpflanzende bildende Kraft, welche durch das Bewegungsvermögen
allein (den 25 Mechanism) nicht erklärt werden kann.
Man sagt von der Natur und ihrem Vermögen in organisirten Producten bei
weitem zu wenig, wenn man dieses ein A n a l o g o n der K u n s t nennt;
denn da denkt man sich den Künstler (ein vernünftiges Wesen) außer ihr.
Sie organisirt sich vielmehr selbst und in jeder Species 30 ihrer organisirten
Producte, zwar nach einerlei Exemplar im Ganzen, aber doch auch mit
schicklichen Abweichungen, die die Selbsterhaltung nach den Umständen
erfordert. Näher tritt man vielleicht dieser unerforschlichen Eigenschaft,
wenn man sie ein A n a l o g o n d e s L e b e n s nennt: aber da muß man
entweder die Materie als bloße Materie mit einer Eigenschaft 35
(Hylozoism) begaben, die ihrem Wesen widerstreitet; oder ihr ein
fremdartiges mit ihr i n G e m e i n s c h a f t s t e h e n d e s Princip (eine
Seele) beigesellen: wozu man aber, wenn ein solches Product ein
Naturproduct sein soll, organisirte Materie als Werkzeug jener Seele
entweder schon voraussetzt und jene also nicht im mindesten begreiflicher
macht, oder die Seele zur Künstlerin dieses Bauwerks machen und so das
Product der Natur (der körperlichen) entziehen muß. Genau zu reden, hat
können.
In einer Uhr ist ein Theil das Werkzeug der Bewegung der andern, aber
nicht ein Rad die wirkende Ursache der Hervorbringung des andern; 10 ein
Theil ist zwar um des andern willen, aber nicht durch denselben da. Daher
ist auch die hervorbringende Ursache derselben und ihrer Form nicht in der
Natur (dieser Materie), sondern außer ihr in einem Wesen, welches nach
Ideen eines durch seine Causalität möglichen Ganzen wirken kann,
enthalten. Daher bringt auch nicht ein Rad in der Uhr das andere, 15 noch
weniger eine Uhr andere Uhren hervor, so daß sie andere Materie dazu
benutzte (sie organisirte); daher ersetzt sie auch nicht von selbst die ihr
entwandten Theile, oder vergütet ihren Mangel in der ersten Bildung durch
den Beitritt der übrigen, oder bessert sich etwa selbst aus, wenn sie in
Unordnung gerathen ist: welches alles wir dagegen von der organisirten 20
Natur erwarten können. — Ein organisirtes Wesen ist also nicht bloß
Maschine: denn die hat lediglich b e w e g e n d e Kraft; sondern es besitzt
293 in sich b i l d e n d e Kraft und zwar eine solche, die es den Materien
mittheilt, welche sie nicht haben (sie organisirt): also eine sich
fortpflanzende bildende Kraft, welche durch das Bewegungsvermögen
allein (den 25 Mechanism) nicht erklärt werden kann.
Man sagt von der Natur und ihrem Vermögen in organisirten Producten bei
weitem zu wenig, wenn man dieses ein A n a l o g o n der K u n s t nennt;
denn da denkt man sich den Künstler (ein vernünftiges Wesen) außer ihr.
Sie organisirt sich vielmehr selbst und in jeder Species 30 ihrer organisirten
Producte, zwar nach einerlei Exemplar im Ganzen, aber doch auch mit
schicklichen Abweichungen, die die Selbsterhaltung nach den Umständen
erfordert. Näher tritt man vielleicht dieser unerforschlichen Eigenschaft,
wenn man sie ein A n a l o g o n d e s L e b e n s nennt: aber da muß man
entweder die Materie als bloße Materie mit einer Eigenschaft 35
(Hylozoism) begaben, die ihrem Wesen widerstreitet; oder ihr ein
fremdartiges mit ihr i n G e m e i n s c h a f t s t e h e n d e s Princip (eine
Seele) beigesellen: wozu man aber, wenn ein solches Product ein
Naturproduct sein soll, organisirte Materie als Werkzeug jener Seele
entweder schon voraussetzt und jene also nicht im mindesten begreiflicher
macht, oder die Seele zur Künstlerin dieses Bauwerks machen und so das
Product der Natur (der körperlichen) entziehen muß. Genau zu reden, hat
Page 257
also die 5 294 Organisation der Natur nichts Analogisches mit irgend einer
Causalität, die wir kennen[25]. Schönheit der Natur, weil sie den
Gegenständen nur in Beziehung auf die Reflexion über die ä u ß e r e
Anschauung derselben, mithin nur der Form der Oberfläche wegen
beigelegt wird, kann mit Recht ein Analogon der Kunst genannt werden.
Aber i n n e r e N a t u r v o l l k o m m e n h e i t, 10 wie sie diejenigen
Dinge besitzen, welche nur als N a t u r z w e c k e möglich sind und darum
organisirte Wesen heißen, ist nach keiner Analogie irgend eines uns
bekannten physischen, d. i. Naturvermögens, ja, da wir selbst zur Natur im
weitesten Verstande gehören, selbst nicht einmal durch eine genau
angemessene Analogie mit menschlicher 15 Kunst denkbar und erklärlich.
Der Begriff eines Dinges, als an sich Naturzwecks, ist also kein
constitutiver Begriff des Verstandes oder der Vernunft, kann aber doch ein
regulativer Begriff für die reflectirende Urtheilskraft sein, nach einer 295
entfernten Analogie mit unserer Causalität nach Zwecken überhaupt die 20
Nachforschung über Gegenstände dieser Art zu leiten und über ihren
obersten Grund nachzudenken; das letztere zwar nicht zum Behuf der
Kenntniß der Natur, oder jenes Urgrundes derselben, sondern vielmehr eben
desselben praktischen Vernunftvermögens in uns, mit welchem wir die
Ursache jener Zweckmäßigkeit in Analogie betrachteten. 25
Organisirte Wesen sind also die einzigen in der Natur, welche, wenn man
sie auch für sich und ohne ein Verhältniß auf andere Dinge betrachtet, doch
nur als Zwecke derselben möglich gedacht werden müssen, und die also
zuerst dem Begriffe eines Z w e c k s, der nicht ein praktischer, sondern
Zweck d e r N a t u r ist, objective Realität und dadurch für die
Naturwissenschaft den Grund zu einer Teleologie, d. i. einer
Beurtheilungsart ihrer Objecte nach einem besondern Princip, verschaffen,
dergleichen man in sie einzuführen (weil man die Möglichkeit einer solchen
Art 5 Causalität gar nicht a priori einsehen kann) sonst schlechterdings
nicht berechtigt sein würde.
Causalität, die wir kennen[25]. Schönheit der Natur, weil sie den
Gegenständen nur in Beziehung auf die Reflexion über die ä u ß e r e
Anschauung derselben, mithin nur der Form der Oberfläche wegen
beigelegt wird, kann mit Recht ein Analogon der Kunst genannt werden.
Aber i n n e r e N a t u r v o l l k o m m e n h e i t, 10 wie sie diejenigen
Dinge besitzen, welche nur als N a t u r z w e c k e möglich sind und darum
organisirte Wesen heißen, ist nach keiner Analogie irgend eines uns
bekannten physischen, d. i. Naturvermögens, ja, da wir selbst zur Natur im
weitesten Verstande gehören, selbst nicht einmal durch eine genau
angemessene Analogie mit menschlicher 15 Kunst denkbar und erklärlich.
Der Begriff eines Dinges, als an sich Naturzwecks, ist also kein
constitutiver Begriff des Verstandes oder der Vernunft, kann aber doch ein
regulativer Begriff für die reflectirende Urtheilskraft sein, nach einer 295
entfernten Analogie mit unserer Causalität nach Zwecken überhaupt die 20
Nachforschung über Gegenstände dieser Art zu leiten und über ihren
obersten Grund nachzudenken; das letztere zwar nicht zum Behuf der
Kenntniß der Natur, oder jenes Urgrundes derselben, sondern vielmehr eben
desselben praktischen Vernunftvermögens in uns, mit welchem wir die
Ursache jener Zweckmäßigkeit in Analogie betrachteten. 25
Organisirte Wesen sind also die einzigen in der Natur, welche, wenn man
sie auch für sich und ohne ein Verhältniß auf andere Dinge betrachtet, doch
nur als Zwecke derselben möglich gedacht werden müssen, und die also
zuerst dem Begriffe eines Z w e c k s, der nicht ein praktischer, sondern
Zweck d e r N a t u r ist, objective Realität und dadurch für die
Naturwissenschaft den Grund zu einer Teleologie, d. i. einer
Beurtheilungsart ihrer Objecte nach einem besondern Princip, verschaffen,
dergleichen man in sie einzuführen (weil man die Möglichkeit einer solchen
Art 5 Causalität gar nicht a priori einsehen kann) sonst schlechterdings
nicht berechtigt sein würde.
Page 258
§ 66.
Vom Princip der Beurtheilung der innern Zweckmäßigkeit in
organisirten Wesen. 10
Dieses Princip, zugleich die Definition derselben, heißt: E i n
organisirtes Product der Natur ist das, in welchem
a l l e s 296 Z w e c k u n d w e c h s e l s e i t i g a u c h M i t t e l i s t .
Nichts in ihm ist umsonst, zwecklos, oder einem blinden Naturmechanism
zuzuschreiben.
Dieses Princip ist zwar seiner Veranlassung nach von Erfahrung 15
abzuleiten, nämlich derjenigen, welche methodisch angestellt wird und
Beobachtung heißt; der Allgemeinheit und Nothwendigkeit wegen aber, die
es von einer solchen Zweckmäßigkeit aussagt, kann es nicht bloß auf
Erfahrungsgründen beruhen, sondern muß irgend ein Princip a priori, wenn
es gleich bloß regulativ wäre, und jene Zwecke allein in der Idee des
Beurtheilenden 20 und nirgend in einer wirkenden Ursache lägen, zum
Grunde haben. Man kann daher obgenanntes Princip eine M a x i m e der
Beurtheilung der innern Zweckmäßigkeit organisirter Wesen nennen.
Daß die Zergliederer der Gewächse und Thiere, um ihre Structur zu
erforschen und die Gründe einsehen zu können, warum und zu welchem 25
Ende solche Theile, warum eine solche Lage und Verbindung der Theile
und gerade diese innere Form ihnen gegeben worden, jene Maxime: daß
nichts in einem solchen Geschöpf u m s o n s t sei, als unumgänglich
nothwendig annehmen und sie eben so, als den Grundsatz der allgemeinen
Naturlehre: daß n i c h t s v o n u n g e f ä h r geschehe, geltend machen, ist
30 bekannt. In der That können sie sich auch von diesem teleologischen
Grundsatze eben so wenig lossagen, als von dem allgemeinen physischen,
weil, so wie bei Verlassung des letzteren gar keine Erfahrung überhaupt, 297
so bei der des ersteren Grundsatzes kein Leitfaden für die Beobachtung
einer Art von Naturdingen, die wir einmal teleologisch unter dem Begriffe
35 der Naturzwecke gedacht haben, übrig bleiben würde.
Denn dieser Begriff führt die Vernunft in eine ganz andere Ordnung der
Dinge, als die eines bloßen Mechanisms der Natur, der uns hier nicht mehr
Vom Princip der Beurtheilung der innern Zweckmäßigkeit in
organisirten Wesen. 10
Dieses Princip, zugleich die Definition derselben, heißt: E i n
organisirtes Product der Natur ist das, in welchem
a l l e s 296 Z w e c k u n d w e c h s e l s e i t i g a u c h M i t t e l i s t .
Nichts in ihm ist umsonst, zwecklos, oder einem blinden Naturmechanism
zuzuschreiben.
Dieses Princip ist zwar seiner Veranlassung nach von Erfahrung 15
abzuleiten, nämlich derjenigen, welche methodisch angestellt wird und
Beobachtung heißt; der Allgemeinheit und Nothwendigkeit wegen aber, die
es von einer solchen Zweckmäßigkeit aussagt, kann es nicht bloß auf
Erfahrungsgründen beruhen, sondern muß irgend ein Princip a priori, wenn
es gleich bloß regulativ wäre, und jene Zwecke allein in der Idee des
Beurtheilenden 20 und nirgend in einer wirkenden Ursache lägen, zum
Grunde haben. Man kann daher obgenanntes Princip eine M a x i m e der
Beurtheilung der innern Zweckmäßigkeit organisirter Wesen nennen.
Daß die Zergliederer der Gewächse und Thiere, um ihre Structur zu
erforschen und die Gründe einsehen zu können, warum und zu welchem 25
Ende solche Theile, warum eine solche Lage und Verbindung der Theile
und gerade diese innere Form ihnen gegeben worden, jene Maxime: daß
nichts in einem solchen Geschöpf u m s o n s t sei, als unumgänglich
nothwendig annehmen und sie eben so, als den Grundsatz der allgemeinen
Naturlehre: daß n i c h t s v o n u n g e f ä h r geschehe, geltend machen, ist
30 bekannt. In der That können sie sich auch von diesem teleologischen
Grundsatze eben so wenig lossagen, als von dem allgemeinen physischen,
weil, so wie bei Verlassung des letzteren gar keine Erfahrung überhaupt, 297
so bei der des ersteren Grundsatzes kein Leitfaden für die Beobachtung
einer Art von Naturdingen, die wir einmal teleologisch unter dem Begriffe
35 der Naturzwecke gedacht haben, übrig bleiben würde.
Denn dieser Begriff führt die Vernunft in eine ganz andere Ordnung der
Dinge, als die eines bloßen Mechanisms der Natur, der uns hier nicht mehr
Page 259
genug thun will. Eine Idee soll der Möglichkeit des Naturproducts zum
Grunde liegen. Weil diese aber eine absolute Einheit der Vorstellung ist,
statt daß die Materie eine Vielheit der Dinge ist, die für sich 5 keine
bestimmte Einheit der Zusammensetzung an die Hand geben kann: so muß,
wenn jene Einheit der Idee sogar als Bestimmungsgrund a priori eines
Naturgesetzes der Causalität einer solchen Form des Zusammengesetzten
dienen soll, der Zweck der Natur auf A l l e s, was in ihrem Producte liegt,
erstreckt werden. Denn wenn wir einmal dergleichen Wirkung 10 i m
G a n z e n auf einen übersinnlichen Bestimmungsgrund über den blinden
Mechanism der Natur hinaus beziehen, müssen wir sie auch ganz nach
diesem Princip beurtheilen; und es ist kein Grund da, die Form eines
solchen Dinges noch zum Theil vom letzteren als abhängig anzunehmen, da
alsdann bei der Vermischung ungleichartiger Principien gar 15 keine
sichere Regel der Beurtheilung übrig bleiben würde.
Es mag immer sein, daß z. B. in einem thierischen Körper manche 298
Theile als Concretionen nach bloß mechanischen Gesetzen begriffen
werden könnten (als Häute, Knochen, Haare). Doch muß die Ursache,
welche die dazu schickliche Materie herbeischafft, diese so modificirt,
formt und an 20 ihren gehörigen Stellen absetzt, immer teleologisch
beurtheilt werden, so daß alles in ihm als organisirt betrachtet werden muß,
und alles auch in gewisser Beziehung auf das Ding selbst wiederum Organ
ist.
Grunde liegen. Weil diese aber eine absolute Einheit der Vorstellung ist,
statt daß die Materie eine Vielheit der Dinge ist, die für sich 5 keine
bestimmte Einheit der Zusammensetzung an die Hand geben kann: so muß,
wenn jene Einheit der Idee sogar als Bestimmungsgrund a priori eines
Naturgesetzes der Causalität einer solchen Form des Zusammengesetzten
dienen soll, der Zweck der Natur auf A l l e s, was in ihrem Producte liegt,
erstreckt werden. Denn wenn wir einmal dergleichen Wirkung 10 i m
G a n z e n auf einen übersinnlichen Bestimmungsgrund über den blinden
Mechanism der Natur hinaus beziehen, müssen wir sie auch ganz nach
diesem Princip beurtheilen; und es ist kein Grund da, die Form eines
solchen Dinges noch zum Theil vom letzteren als abhängig anzunehmen, da
alsdann bei der Vermischung ungleichartiger Principien gar 15 keine
sichere Regel der Beurtheilung übrig bleiben würde.
Es mag immer sein, daß z. B. in einem thierischen Körper manche 298
Theile als Concretionen nach bloß mechanischen Gesetzen begriffen
werden könnten (als Häute, Knochen, Haare). Doch muß die Ursache,
welche die dazu schickliche Materie herbeischafft, diese so modificirt,
formt und an 20 ihren gehörigen Stellen absetzt, immer teleologisch
beurtheilt werden, so daß alles in ihm als organisirt betrachtet werden muß,
und alles auch in gewisser Beziehung auf das Ding selbst wiederum Organ
ist.
Page 260
§ 67.
Vom Princip der teleologischen Beurtheilung der Natur 25 überhaupt
als System der Zwecke.
Wir haben oben von der ä u ß e r e n Zweckmäßigkeit der Naturdinge
gesagt: daß sie keine hinreichende Berechtigung gebe, sie zugleich als
Zwecke der Natur zu Erklärungsgründen ihres Daseins und die zufällig-
zweckmäßigen Wirkungen derselben in der Idee zu Gründen ihres Daseins
30 nach dem Princip der Endursachen zu brauchen. So kann man die
F l ü s s e, weil sie die Gemeinschaft im Innern der Länder unter Völkern
befördern, die G e b i r g e, weil sie zu diesen die Quellen und zur Erhaltung
derselben den Schneevorrath für regenlose Zeiten enthalten, imgleichen den
A b h a n g der Länder, der diese Gewässer abführt und das Land 35 trocken
werden läßt, darum nicht sofort für Naturzwecke halten: weil, obzwar 299
diese Gestalt der Oberfläche der Erde zur Entstehung und Erhaltung des
Gewächs- und Thierreichs sehr nöthig war, sie doch nichts an sich hat, zu
dessen Möglichkeit man sich genöthigt sähe eine Causalität nach Zwecken
anzunehmen. Eben das gilt von Gewächsen, die der Mensch zu seiner 5
Nothdurft oder Ergötzlichkeit nutzt: von Thieren, dem Kameele, dem
Rinde, dem Pferde, Hunde u. s. w., die er theils zu seiner Nahrung, theils
seinem Dienste so vielfältig gebrauchen und großentheils gar nicht
entbehren kann. Von Dingen, deren keines für sich als Zweck anzusehen
man Ursache hat, kann das äußere Verhältniß nur hypothetisch für
zweckmäßig beurtheilt 10 werden.
Ein Ding seiner innern Form halber als Naturzweck beurtheilen, ist ganz
etwas anderes, als die Existenz dieses Dinges für Zweck der Natur halten.
Zu der letztern Behauptung bedürfen wir nicht bloß den Begriff von einem
möglichen Zweck, sondern die Erkenntniß des Endzwecks (scopus) 15 der
Natur, welches eine Beziehung derselben auf etwas Übersinnliches bedarf,
die alle unsere teleologische Naturerkenntniß weit übersteigt; denn der
Zweck der Existenz der Natur selbst muß über die Natur hinaus gesucht
werden. Die innere Form eines bloßen Grashalms kann seinen bloß nach
der Regel der Zwecke möglichen Ursprung für unser menschliches 20
Beurtheilungsvermögen hinreichend beweisen. Geht man aber davon ab
und sieht nur auf den Gebrauch, den andere Naturwesen davon machen, 300
Vom Princip der teleologischen Beurtheilung der Natur 25 überhaupt
als System der Zwecke.
Wir haben oben von der ä u ß e r e n Zweckmäßigkeit der Naturdinge
gesagt: daß sie keine hinreichende Berechtigung gebe, sie zugleich als
Zwecke der Natur zu Erklärungsgründen ihres Daseins und die zufällig-
zweckmäßigen Wirkungen derselben in der Idee zu Gründen ihres Daseins
30 nach dem Princip der Endursachen zu brauchen. So kann man die
F l ü s s e, weil sie die Gemeinschaft im Innern der Länder unter Völkern
befördern, die G e b i r g e, weil sie zu diesen die Quellen und zur Erhaltung
derselben den Schneevorrath für regenlose Zeiten enthalten, imgleichen den
A b h a n g der Länder, der diese Gewässer abführt und das Land 35 trocken
werden läßt, darum nicht sofort für Naturzwecke halten: weil, obzwar 299
diese Gestalt der Oberfläche der Erde zur Entstehung und Erhaltung des
Gewächs- und Thierreichs sehr nöthig war, sie doch nichts an sich hat, zu
dessen Möglichkeit man sich genöthigt sähe eine Causalität nach Zwecken
anzunehmen. Eben das gilt von Gewächsen, die der Mensch zu seiner 5
Nothdurft oder Ergötzlichkeit nutzt: von Thieren, dem Kameele, dem
Rinde, dem Pferde, Hunde u. s. w., die er theils zu seiner Nahrung, theils
seinem Dienste so vielfältig gebrauchen und großentheils gar nicht
entbehren kann. Von Dingen, deren keines für sich als Zweck anzusehen
man Ursache hat, kann das äußere Verhältniß nur hypothetisch für
zweckmäßig beurtheilt 10 werden.
Ein Ding seiner innern Form halber als Naturzweck beurtheilen, ist ganz
etwas anderes, als die Existenz dieses Dinges für Zweck der Natur halten.
Zu der letztern Behauptung bedürfen wir nicht bloß den Begriff von einem
möglichen Zweck, sondern die Erkenntniß des Endzwecks (scopus) 15 der
Natur, welches eine Beziehung derselben auf etwas Übersinnliches bedarf,
die alle unsere teleologische Naturerkenntniß weit übersteigt; denn der
Zweck der Existenz der Natur selbst muß über die Natur hinaus gesucht
werden. Die innere Form eines bloßen Grashalms kann seinen bloß nach
der Regel der Zwecke möglichen Ursprung für unser menschliches 20
Beurtheilungsvermögen hinreichend beweisen. Geht man aber davon ab
und sieht nur auf den Gebrauch, den andere Naturwesen davon machen, 300
Page 261
verläßt also die Betrachtung der innern Organisation und sieht nur auf
äußere zweckmäßige Beziehungen, wie das Gras dem Vieh, wie dieses dem
Menschen als Mittel zu seiner Existenz nöthig sei; und man sieht 25 nicht,
warum es denn nöthig sei, daß Menschen existiren (welches, wenn man
etwa die Neuholländer oder Feuerländer in Gedanken hat, so leicht nicht zu
beantworten sein möchte): so gelangt man zu keinem kategorischen
Zwecke, sondern alle diese zweckmäßige Beziehung beruht auf einer
immer weiter hinauszusetzenden Bedingung, die als unbedingt (das Dasein
eines 30 Dinges als Endzweck) ganz außerhalb der physisch-teleologischen
Weltbetrachtung liegt. Alsdann aber ist ein solches Ding auch nicht
Naturzweck; denn es ist (oder seine ganze Gattung) nicht als Naturproduct
anzusehen.
Es ist also nur die Materie, sofern sie organisirt ist, welche den Begriff 35
von ihr als einem Naturzwecke nothwendig bei sich führt, weil diese ihre
specifische Form zugleich Product der Natur ist. Aber dieser Begriff führt
nun nothwendig auf die Idee der gesammten Natur als eines Systems nach
der Regel der Zwecke, welcher Idee nun aller Mechanism der Natur nach
Principien der Vernunft (wenigstens um daran die Naturerscheinung zu
versuchen) untergeordnet werden muß. Das Princip der Vernunft ist ihr als
nur subjectiv, d. i. als Maxime, zuständig: Alles 5 in der Welt ist irgend
wozu gut; nichts ist in ihr umsonst; und man ist 301 durch das Beispiel, das
die Natur an ihren organischen Producten giebt, berechtigt, ja berufen, von
ihr und ihren Gesetzen nichts, als was im Ganzen zweckmäßig ist, zu
erwarten.
Es versteht sich, daß dieses nicht ein Princip für die bestimmende, 10
sondern nur für die reflectirende Urtheilskraft sei, daß es regulativ und nicht
constitutiv sei, und wir dadurch nur einen Leitfaden bekommen, die
Naturdinge in Beziehung auf einen Bestimmungsgrund, der schon gegeben
ist, nach einer neuen gesetzlichen Ordnung zu betrachten und die
Naturkunde nach einem andern Princip, nämlich dem der Endursachen, 15
doch unbeschadet dem des Mechanisms ihrer Causalität zu erweitern.
Übrigens wird dadurch keinesweges ausgemacht, ob irgend etwas, das wir
nach diesem Princip beurtheilen, a b s i c h t l i c h Zweck der Natur sei: ob
die Gräser für das Rind oder Schaf und ob dieses und die übrigen
Naturdinge für den Menschen da sind. Es ist gut, selbst die uns
unangenehmen 20 und in besondern Beziehungen zweckwidrigen Dinge
äußere zweckmäßige Beziehungen, wie das Gras dem Vieh, wie dieses dem
Menschen als Mittel zu seiner Existenz nöthig sei; und man sieht 25 nicht,
warum es denn nöthig sei, daß Menschen existiren (welches, wenn man
etwa die Neuholländer oder Feuerländer in Gedanken hat, so leicht nicht zu
beantworten sein möchte): so gelangt man zu keinem kategorischen
Zwecke, sondern alle diese zweckmäßige Beziehung beruht auf einer
immer weiter hinauszusetzenden Bedingung, die als unbedingt (das Dasein
eines 30 Dinges als Endzweck) ganz außerhalb der physisch-teleologischen
Weltbetrachtung liegt. Alsdann aber ist ein solches Ding auch nicht
Naturzweck; denn es ist (oder seine ganze Gattung) nicht als Naturproduct
anzusehen.
Es ist also nur die Materie, sofern sie organisirt ist, welche den Begriff 35
von ihr als einem Naturzwecke nothwendig bei sich führt, weil diese ihre
specifische Form zugleich Product der Natur ist. Aber dieser Begriff führt
nun nothwendig auf die Idee der gesammten Natur als eines Systems nach
der Regel der Zwecke, welcher Idee nun aller Mechanism der Natur nach
Principien der Vernunft (wenigstens um daran die Naturerscheinung zu
versuchen) untergeordnet werden muß. Das Princip der Vernunft ist ihr als
nur subjectiv, d. i. als Maxime, zuständig: Alles 5 in der Welt ist irgend
wozu gut; nichts ist in ihr umsonst; und man ist 301 durch das Beispiel, das
die Natur an ihren organischen Producten giebt, berechtigt, ja berufen, von
ihr und ihren Gesetzen nichts, als was im Ganzen zweckmäßig ist, zu
erwarten.
Es versteht sich, daß dieses nicht ein Princip für die bestimmende, 10
sondern nur für die reflectirende Urtheilskraft sei, daß es regulativ und nicht
constitutiv sei, und wir dadurch nur einen Leitfaden bekommen, die
Naturdinge in Beziehung auf einen Bestimmungsgrund, der schon gegeben
ist, nach einer neuen gesetzlichen Ordnung zu betrachten und die
Naturkunde nach einem andern Princip, nämlich dem der Endursachen, 15
doch unbeschadet dem des Mechanisms ihrer Causalität zu erweitern.
Übrigens wird dadurch keinesweges ausgemacht, ob irgend etwas, das wir
nach diesem Princip beurtheilen, a b s i c h t l i c h Zweck der Natur sei: ob
die Gräser für das Rind oder Schaf und ob dieses und die übrigen
Naturdinge für den Menschen da sind. Es ist gut, selbst die uns
unangenehmen 20 und in besondern Beziehungen zweckwidrigen Dinge
Page 262
auch von dieser Seite zu betrachten. So könnte man z. B. sagen: das
Ungeziefer, welches die Menschen in ihren Kleidern, Haaren oder
Bettstellen plagt, sei nach einer weisen Naturanstalt ein Antrieb zur
Reinlichkeit, die für sich schon ein wichtiges Mittel der Erhaltung der
Gesundheit ist. Oder die Mosquitomücken 25 und andere stechende
Insecten, welche die Wüsten von Amerika 302 den Wilden so beschwerlich
machen, seien so viel Stacheln der Thätigkeit für diese angehende
Menschen, um die Moräste abzuleiten und die dichten den Luftzug
abhaltenden Wälder licht zu machen und dadurch, imgleichen durch den
Anbau des Bodens ihren Aufenthalt zugleich gesünder zu 30 machen.
Selbst was dem Menschen in seiner innern Organisation widernatürlich zu
sein scheint, wenn es auf diese Weise behandelt wird, giebt eine
unterhaltende, bisweilen auch belehrende Aussicht in eine teleologische
Ordnung der Dinge, auf die uns ohne ein solches Princip die bloß physische
Betrachtung allein nicht führen würde. So wie einige den 35 Bandwurm
dem Menschen oder Thiere, dem er beiwohnt, gleichsam zum Ersatz eines
gewissen Mangels seiner Lebensorganen beigegeben zu sein urtheilen: so
würde ich fragen, ob nicht die Träume (ohne die niemals der Schlaf ist, ob
man sich gleich nur selten derselben erinnert) eine zweckmäßige
Anordnung der Natur sein mögen, indem sie nämlich bei dem Abspannen
aller körperlichen bewegenden Kräfte dazu dienen, vermittelst der
Einbildungskraft und der großen Geschäftigkeit derselben (die in 5 diesem
Zustande mehrentheils bis zum Affecte steigt) die Lebensorganen innigst zu
bewegen; so wie sie auch bei überfülltem Magen, wo diese Bewegung um
desto nöthiger ist, im Nachtschlafe gemeiniglich mit desto mehr
Lebhaftigkeit spielt; daß folglich ohne diese innerlich bewegende Kraft und
ermüdende Unruhe, worüber wir die Träume anklagen (die 10 303 doch in
der That vielleicht Heilmittel sind), der Schlaf selbst im gesunden Zustande
wohl gar ein völliges Erlöschen des Lebens sein würde.
Auch Schönheit der Natur, d. i. ihre Zusammenstimmung mit dem freien
Spiele unserer Erkenntnißvermögen in der Auffassung und Beurtheilung
ihrer Erscheinung, kann auf die Art als objective Zweckmäßigkeit 15 der
Natur in ihrem Ganzen, als System, worin der Mensch ein Glied ist,
betrachtet werden: wenn einmal die teleologische Beurtheilung derselben
durch die Naturzwecke, welche uns die organisirten Wesen an die Hand
geben, zu der Idee eines großen Systems der Zwecke der Natur uns
Ungeziefer, welches die Menschen in ihren Kleidern, Haaren oder
Bettstellen plagt, sei nach einer weisen Naturanstalt ein Antrieb zur
Reinlichkeit, die für sich schon ein wichtiges Mittel der Erhaltung der
Gesundheit ist. Oder die Mosquitomücken 25 und andere stechende
Insecten, welche die Wüsten von Amerika 302 den Wilden so beschwerlich
machen, seien so viel Stacheln der Thätigkeit für diese angehende
Menschen, um die Moräste abzuleiten und die dichten den Luftzug
abhaltenden Wälder licht zu machen und dadurch, imgleichen durch den
Anbau des Bodens ihren Aufenthalt zugleich gesünder zu 30 machen.
Selbst was dem Menschen in seiner innern Organisation widernatürlich zu
sein scheint, wenn es auf diese Weise behandelt wird, giebt eine
unterhaltende, bisweilen auch belehrende Aussicht in eine teleologische
Ordnung der Dinge, auf die uns ohne ein solches Princip die bloß physische
Betrachtung allein nicht führen würde. So wie einige den 35 Bandwurm
dem Menschen oder Thiere, dem er beiwohnt, gleichsam zum Ersatz eines
gewissen Mangels seiner Lebensorganen beigegeben zu sein urtheilen: so
würde ich fragen, ob nicht die Träume (ohne die niemals der Schlaf ist, ob
man sich gleich nur selten derselben erinnert) eine zweckmäßige
Anordnung der Natur sein mögen, indem sie nämlich bei dem Abspannen
aller körperlichen bewegenden Kräfte dazu dienen, vermittelst der
Einbildungskraft und der großen Geschäftigkeit derselben (die in 5 diesem
Zustande mehrentheils bis zum Affecte steigt) die Lebensorganen innigst zu
bewegen; so wie sie auch bei überfülltem Magen, wo diese Bewegung um
desto nöthiger ist, im Nachtschlafe gemeiniglich mit desto mehr
Lebhaftigkeit spielt; daß folglich ohne diese innerlich bewegende Kraft und
ermüdende Unruhe, worüber wir die Träume anklagen (die 10 303 doch in
der That vielleicht Heilmittel sind), der Schlaf selbst im gesunden Zustande
wohl gar ein völliges Erlöschen des Lebens sein würde.
Auch Schönheit der Natur, d. i. ihre Zusammenstimmung mit dem freien
Spiele unserer Erkenntnißvermögen in der Auffassung und Beurtheilung
ihrer Erscheinung, kann auf die Art als objective Zweckmäßigkeit 15 der
Natur in ihrem Ganzen, als System, worin der Mensch ein Glied ist,
betrachtet werden: wenn einmal die teleologische Beurtheilung derselben
durch die Naturzwecke, welche uns die organisirten Wesen an die Hand
geben, zu der Idee eines großen Systems der Zwecke der Natur uns
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berechtigt hat. Wir können es als eine Gunst[26], die die Natur für 20 uns
gehabt hat, betrachten, daß sie über das Nützliche noch Schönheit und
Reize so reichlich austheilte, und sie deshalb lieben, so wie ihrer
Unermeßlichkeit wegen mit Achtung betrachten und uns selbst in dieser
Betrachtung 304 veredelt fühlen: gerade als ob die Natur ganz eigentlich in
dieser Absicht ihre herrliche Bühne aufgeschlagen und ausgeschmückt
habe. 25
Wir wollen in diesem § nichts anders sagen, als daß, wenn wir einmal an
der Natur ein Vermögen entdeckt haben, Producte hervorzubringen, die nur
nach dem Begriffe der Endursachen von uns gedacht werden können, wir
weiter gehen und auch die, welche (oder ihr, obgleich zweckmäßiges,
Verhältniß) es eben nicht nothwendig machen, über den Mechanism der
blind wirkenden Ursachen hinaus ein ander Princip für ihre Möglichkeit
aufzusuchen, dennoch als zu einem System der Zwecke gehörig beurtheilen
dürfen: weil uns die erstere Idee schon, was ihren Grund betrifft, über die
Sinnenwelt hinausführt; da denn die Einheit des übersinnlichen 5 Princips
nicht bloß für gewisse Species der Naturwesen, sondern für das Naturganze
als System auf dieselbe Art als gültig betrachtet werden muß.
gehabt hat, betrachten, daß sie über das Nützliche noch Schönheit und
Reize so reichlich austheilte, und sie deshalb lieben, so wie ihrer
Unermeßlichkeit wegen mit Achtung betrachten und uns selbst in dieser
Betrachtung 304 veredelt fühlen: gerade als ob die Natur ganz eigentlich in
dieser Absicht ihre herrliche Bühne aufgeschlagen und ausgeschmückt
habe. 25
Wir wollen in diesem § nichts anders sagen, als daß, wenn wir einmal an
der Natur ein Vermögen entdeckt haben, Producte hervorzubringen, die nur
nach dem Begriffe der Endursachen von uns gedacht werden können, wir
weiter gehen und auch die, welche (oder ihr, obgleich zweckmäßiges,
Verhältniß) es eben nicht nothwendig machen, über den Mechanism der
blind wirkenden Ursachen hinaus ein ander Princip für ihre Möglichkeit
aufzusuchen, dennoch als zu einem System der Zwecke gehörig beurtheilen
dürfen: weil uns die erstere Idee schon, was ihren Grund betrifft, über die
Sinnenwelt hinausführt; da denn die Einheit des übersinnlichen 5 Princips
nicht bloß für gewisse Species der Naturwesen, sondern für das Naturganze
als System auf dieselbe Art als gültig betrachtet werden muß.
Page 264
§ 68.
Von dem Princip der Teleologie als innerem Princip der
Naturwissenschaft. 10
Die Principien einer Wissenschaft sind derselben entweder innerlich und
werden einheimisch genannt (principia domestica); oder sie sind auf
Begriffe, die nur außer ihr Platz finden können, gegründet und sind
a u s w ä r t i g e Principien (peregrina). Wissenschaften, welche die letzteren
enthalten, 305 legen ihren Lehren Lehnsätze (Lemmata) zum Grunde; d. i.
sie 15 borgen irgend einen Begriff und mit ihm einen Grund der Anordnung
von einer anderen Wissenschaft.
Eine jede Wissenschaft ist für sich ein System; und es ist nicht genug, in ihr
nach Principien zu bauen und also technisch zu verfahren, sondern man
muß mit ihr, als einem für sich bestehenden Gebäude, auch architektonisch
20 zu Werke gehen und sie nicht wie einen Anbau und als einen Theil eines
andern Gebäudes, sondern als ein Ganzes für sich behandeln, ob man gleich
nachher einen Übergang aus diesem in jenes oder wechselseitig errichten
kann.
Wenn man also für die Naturwissenschaft und in ihren Context den 25
Begriff von Gott hereinbringt, um sich die Zweckmäßigkeit in der Natur
erklärlich zu machen, und hernach diese Zweckmäßigkeit wiederum
braucht, um zu beweisen, daß ein Gott sei: so ist in keiner von beiden
Wissenschaften innerer Bestand; und ein täuschendes Diallele bringt jede in
Unsicherheit, dadurch daß sie ihre Gränzen in einander laufen lassen. 30
Der Ausdruck eines Zwecks der Natur beugt dieser Verwirrung schon
genugsam vor, um Naturwissenschaft und die Veranlassung, die sie zur
t e l e o l o g i s c h e n Beurtheilung ihrer Gegenstände giebt, nicht mit der
Gottesbetrachtung und also einer t h e o l o g i s c h e n Ableitung zu
vermengen; und man muß es nicht als unbedeutend ansehen, ob man jenen
Ausdruck 35 306 mit dem eines göttlichen Zwecks in der Anordnung der
Natur verwechsele, oder wohl gar den letztern für schicklicher und einer
frommen Seele angemessener ausgebe, weil es doch am Ende dahin
kommen müsse, jene zweckmäßige Formen in der Natur von einem weisen
Von dem Princip der Teleologie als innerem Princip der
Naturwissenschaft. 10
Die Principien einer Wissenschaft sind derselben entweder innerlich und
werden einheimisch genannt (principia domestica); oder sie sind auf
Begriffe, die nur außer ihr Platz finden können, gegründet und sind
a u s w ä r t i g e Principien (peregrina). Wissenschaften, welche die letzteren
enthalten, 305 legen ihren Lehren Lehnsätze (Lemmata) zum Grunde; d. i.
sie 15 borgen irgend einen Begriff und mit ihm einen Grund der Anordnung
von einer anderen Wissenschaft.
Eine jede Wissenschaft ist für sich ein System; und es ist nicht genug, in ihr
nach Principien zu bauen und also technisch zu verfahren, sondern man
muß mit ihr, als einem für sich bestehenden Gebäude, auch architektonisch
20 zu Werke gehen und sie nicht wie einen Anbau und als einen Theil eines
andern Gebäudes, sondern als ein Ganzes für sich behandeln, ob man gleich
nachher einen Übergang aus diesem in jenes oder wechselseitig errichten
kann.
Wenn man also für die Naturwissenschaft und in ihren Context den 25
Begriff von Gott hereinbringt, um sich die Zweckmäßigkeit in der Natur
erklärlich zu machen, und hernach diese Zweckmäßigkeit wiederum
braucht, um zu beweisen, daß ein Gott sei: so ist in keiner von beiden
Wissenschaften innerer Bestand; und ein täuschendes Diallele bringt jede in
Unsicherheit, dadurch daß sie ihre Gränzen in einander laufen lassen. 30
Der Ausdruck eines Zwecks der Natur beugt dieser Verwirrung schon
genugsam vor, um Naturwissenschaft und die Veranlassung, die sie zur
t e l e o l o g i s c h e n Beurtheilung ihrer Gegenstände giebt, nicht mit der
Gottesbetrachtung und also einer t h e o l o g i s c h e n Ableitung zu
vermengen; und man muß es nicht als unbedeutend ansehen, ob man jenen
Ausdruck 35 306 mit dem eines göttlichen Zwecks in der Anordnung der
Natur verwechsele, oder wohl gar den letztern für schicklicher und einer
frommen Seele angemessener ausgebe, weil es doch am Ende dahin
kommen müsse, jene zweckmäßige Formen in der Natur von einem weisen
Page 265
Welturheber abzuleiten; sondern sich sorgfältig und bescheiden auf den
Ausdruck, der 5 gerade nur so viel sagt, als wir wissen, nämlich eines
Zwecks der Natur, einschränken. Denn ehe wir noch nach der Ursache der
Natur selbst fragen, finden wir in der Natur und dem Laufe ihrer Erzeugung
dergleichen Producte, die nach bekannten Erfahrungsgesetzen in ihr erzeugt
werden, nach welchen die Naturwissenschaft ihre Gegenstände beurtheilen,
mithin auch 10 deren Causalität nach der Regel der Zwecke in ihr selbst
suchen muß. Daher muß sie ihre Gränze nicht überspringen, um das, dessen
Begriffe gar keine Erfahrung angemessen sein kann, und woran man sich
allererst nach Vollendung der Naturwissenschaft zu wagen befugt ist, in sie
selbst als einheimisches Princip hinein zu ziehen. 15
Naturbeschaffenheiten, die sich a priori demonstriren und also ihrer
Möglichkeit nach aus allgemeinen Principien ohne allen Beitritt der
Erfahrung einsehen lassen, können, ob sie gleich eine technische
Zweckmäßigkeit bei sich führen, dennoch, weil sie schlechterdings
nothwendig sind, gar nicht zur Teleologie der Natur, als einer in die Physik
gehörigen 20 Methode die Fragen derselben aufzulösen, gezählt werden.
Arithmetische, 307 geometrische Analogieen, imgleichen allgemeine
mechanische Gesetze, so sehr uns auch die Vereinigung verschiedener dem
Anschein nach von einander ganz unabhängiger Regeln in einem Princip an
ihnen befremdend und bewundernswürdig vorkommen mag, enthalten
deswegen keinen Anspruch 25 darauf, teleologische Erklärungsgründe in
der Physik zu sein; und wenn sie gleich in der allgemeinen Theorie der
Zweckmäßigkeit der Dinge der Natur überhaupt mit in Betrachtung
gezogen zu werden verdienen, so würde diese doch anderwärts hin, nämlich
in die Metaphysik, gehören und kein inneres Princip der Naturwissenschaft
ausmachen: wie es wohl 30 mit den empirischen Gesetzen der Naturzwecke
an organisirten Wesen nicht allein erlaubt, sondern auch unvermeidlich ist,
die teleologische B e u r t h e i l u n g s a r t zum Princip der Naturlehre in
Ansehung einer eigenen Classe ihrer Gegenstände zu gebrauchen.
Damit nun Physik sich genau in ihren Gränzen halte, so abstrahirt 35 sie
von der Frage, ob die Naturzwecke es a b s i c h t l i c h oder
u n a b s i c h t l i c h sind, gänzlich; denn das würde Einmengung in ein
fremdes Geschäft (nämlich das der Metaphysik) sein. Genug, es sind nach
Naturgesetzen, die wir uns nur unter der Idee der Zwecke als Princip
denken können, einzig und allein e r k l ä r b a r e und bloß auf diese Weise
Ausdruck, der 5 gerade nur so viel sagt, als wir wissen, nämlich eines
Zwecks der Natur, einschränken. Denn ehe wir noch nach der Ursache der
Natur selbst fragen, finden wir in der Natur und dem Laufe ihrer Erzeugung
dergleichen Producte, die nach bekannten Erfahrungsgesetzen in ihr erzeugt
werden, nach welchen die Naturwissenschaft ihre Gegenstände beurtheilen,
mithin auch 10 deren Causalität nach der Regel der Zwecke in ihr selbst
suchen muß. Daher muß sie ihre Gränze nicht überspringen, um das, dessen
Begriffe gar keine Erfahrung angemessen sein kann, und woran man sich
allererst nach Vollendung der Naturwissenschaft zu wagen befugt ist, in sie
selbst als einheimisches Princip hinein zu ziehen. 15
Naturbeschaffenheiten, die sich a priori demonstriren und also ihrer
Möglichkeit nach aus allgemeinen Principien ohne allen Beitritt der
Erfahrung einsehen lassen, können, ob sie gleich eine technische
Zweckmäßigkeit bei sich führen, dennoch, weil sie schlechterdings
nothwendig sind, gar nicht zur Teleologie der Natur, als einer in die Physik
gehörigen 20 Methode die Fragen derselben aufzulösen, gezählt werden.
Arithmetische, 307 geometrische Analogieen, imgleichen allgemeine
mechanische Gesetze, so sehr uns auch die Vereinigung verschiedener dem
Anschein nach von einander ganz unabhängiger Regeln in einem Princip an
ihnen befremdend und bewundernswürdig vorkommen mag, enthalten
deswegen keinen Anspruch 25 darauf, teleologische Erklärungsgründe in
der Physik zu sein; und wenn sie gleich in der allgemeinen Theorie der
Zweckmäßigkeit der Dinge der Natur überhaupt mit in Betrachtung
gezogen zu werden verdienen, so würde diese doch anderwärts hin, nämlich
in die Metaphysik, gehören und kein inneres Princip der Naturwissenschaft
ausmachen: wie es wohl 30 mit den empirischen Gesetzen der Naturzwecke
an organisirten Wesen nicht allein erlaubt, sondern auch unvermeidlich ist,
die teleologische B e u r t h e i l u n g s a r t zum Princip der Naturlehre in
Ansehung einer eigenen Classe ihrer Gegenstände zu gebrauchen.
Damit nun Physik sich genau in ihren Gränzen halte, so abstrahirt 35 sie
von der Frage, ob die Naturzwecke es a b s i c h t l i c h oder
u n a b s i c h t l i c h sind, gänzlich; denn das würde Einmengung in ein
fremdes Geschäft (nämlich das der Metaphysik) sein. Genug, es sind nach
Naturgesetzen, die wir uns nur unter der Idee der Zwecke als Princip
denken können, einzig und allein e r k l ä r b a r e und bloß auf diese Weise
Page 266
ihrer innern Form nach, 308 sogar auch nur innerlich e r k e n n b a r e
Gegenstände. Um sich also auch nicht der mindesten Anmaßung, als wollte
man etwas, was gar nicht in 5 die Physik gehört, nämlich eine
übernatürliche Ursache, unter unsere Erkenntnißgründe mischen, verdächtig
zu machen: spricht man in der Teleologie zwar von der Natur, als ob die
Zweckmäßigkeit in ihr absichtlich sei, aber doch zugleich so, daß man der
Natur, d. i. der Materie, diese Absicht beilegt; wodurch man (weil hierüber
kein Mißverstand Statt 10 finden kann, indem von selbst schon keiner
einem leblosen Stoffe Absicht in eigentlicher Bedeutung des Worts beilegen
wird) anzeigen will, daß dieses Wort hier nur ein Princip der reflectirenden,
nicht der bestimmenden Urtheilskraft bedeute und also keinen besondern
Grund der Causalität einführen solle, sondern auch nur zum Gebrauche der
Vernunft eine andere 15 Art der Nachforschung, als die nach mechanischen
Gesetzen ist, hinzufüge, um die Unzulänglichkeit der letzteren selbst zur
empirischen Aufsuchung aller besondern Gesetze der Natur zu ergänzen.
Daher spricht man in der Teleologie, so fern sie zur Physik gezogen wird,
ganz recht von der Weisheit, der Sparsamkeit, der Vorsorge, der
Wohlthätigkeit der Natur, ohne 20 dadurch aus ihr ein verständiges Wesen
zu machen (weil das ungereimt wäre); aber auch ohne sich zu erkühnen, ein
anderes, verständiges Wesen über sie als Werkmeister setzen zu wollen,
weil dieses vermessen[27] sein 309 würde: sondern es soll dadurch nur eine
Art der Causalität der Natur nach einer Analogie mit der unsrigen im
technischen Gebrauche der Vernunft 25 bezeichnet werden, um die Regel,
wornach gewissen Producten der Natur nachgeforscht werden muß, vor
Augen zu haben.
Warum aber macht doch die Teleologie gewöhnlich keinen eigenen Theil
der theoretischen Naturwissenschaft aus, sondern wird zur Theologie als
Propädeutik oder Übergang gezogen? Dieses geschieht, um das 30
Studium der Natur nach ihrem Mechanism an demjenigen fest zu halten,
was wir unserer Beobachtung oder den Experimenten so unterwerfen
können, daß wir es gleich der Natur wenigstens der Ähnlichkeit der Gesetze
nach selbst hervorbringen könnten; denn nur soviel sieht man vollständig
ein, als man nach Begriffen selbst machen und zu Stande bringen kann. 5
Organisation aber als innerer Zweck der Natur übersteigt unendlich alles
Vermögen einer ähnlichen Darstellung durch Kunst: und was äußere für 310
zweckmäßig gehaltene Natureinrichtungen betrifft (z. B. Winde, Regen u. d.
Gegenstände. Um sich also auch nicht der mindesten Anmaßung, als wollte
man etwas, was gar nicht in 5 die Physik gehört, nämlich eine
übernatürliche Ursache, unter unsere Erkenntnißgründe mischen, verdächtig
zu machen: spricht man in der Teleologie zwar von der Natur, als ob die
Zweckmäßigkeit in ihr absichtlich sei, aber doch zugleich so, daß man der
Natur, d. i. der Materie, diese Absicht beilegt; wodurch man (weil hierüber
kein Mißverstand Statt 10 finden kann, indem von selbst schon keiner
einem leblosen Stoffe Absicht in eigentlicher Bedeutung des Worts beilegen
wird) anzeigen will, daß dieses Wort hier nur ein Princip der reflectirenden,
nicht der bestimmenden Urtheilskraft bedeute und also keinen besondern
Grund der Causalität einführen solle, sondern auch nur zum Gebrauche der
Vernunft eine andere 15 Art der Nachforschung, als die nach mechanischen
Gesetzen ist, hinzufüge, um die Unzulänglichkeit der letzteren selbst zur
empirischen Aufsuchung aller besondern Gesetze der Natur zu ergänzen.
Daher spricht man in der Teleologie, so fern sie zur Physik gezogen wird,
ganz recht von der Weisheit, der Sparsamkeit, der Vorsorge, der
Wohlthätigkeit der Natur, ohne 20 dadurch aus ihr ein verständiges Wesen
zu machen (weil das ungereimt wäre); aber auch ohne sich zu erkühnen, ein
anderes, verständiges Wesen über sie als Werkmeister setzen zu wollen,
weil dieses vermessen[27] sein 309 würde: sondern es soll dadurch nur eine
Art der Causalität der Natur nach einer Analogie mit der unsrigen im
technischen Gebrauche der Vernunft 25 bezeichnet werden, um die Regel,
wornach gewissen Producten der Natur nachgeforscht werden muß, vor
Augen zu haben.
Warum aber macht doch die Teleologie gewöhnlich keinen eigenen Theil
der theoretischen Naturwissenschaft aus, sondern wird zur Theologie als
Propädeutik oder Übergang gezogen? Dieses geschieht, um das 30
Studium der Natur nach ihrem Mechanism an demjenigen fest zu halten,
was wir unserer Beobachtung oder den Experimenten so unterwerfen
können, daß wir es gleich der Natur wenigstens der Ähnlichkeit der Gesetze
nach selbst hervorbringen könnten; denn nur soviel sieht man vollständig
ein, als man nach Begriffen selbst machen und zu Stande bringen kann. 5
Organisation aber als innerer Zweck der Natur übersteigt unendlich alles
Vermögen einer ähnlichen Darstellung durch Kunst: und was äußere für 310
zweckmäßig gehaltene Natureinrichtungen betrifft (z. B. Winde, Regen u. d.
Page 267
gl.), so betrachtet die Physik wohl den Mechanism derselben; aber ihre
Beziehung auf Zwecke, so fern diese eine zur Ursache nothwendig gehörige
10 Bedingung sein soll, kann sie gar nicht darstellen, weil diese
Nothwendigkeit der Verknüpfung gänzlich die Verbindung unserer Begriffe
und nicht die Beschaffenheit der Dinge angeht.
Beziehung auf Zwecke, so fern diese eine zur Ursache nothwendig gehörige
10 Bedingung sein soll, kann sie gar nicht darstellen, weil diese
Nothwendigkeit der Verknüpfung gänzlich die Verbindung unserer Begriffe
und nicht die Beschaffenheit der Dinge angeht.
Page 268
Zweite Abtheilung. 311
Dialektik der teleologischen Urtheilskraft.
§ 69.
Was eine Antinomie der Urtheilskraft sei.
Die b e s t i m m e n d e Urtheilskraft hat für sich keine Principien, welche 5
B e g r i f f e v o n O b j e c t e n gründen. Sie ist keine Autonomie; denn sie
s u b s u m i r t nur unter gegebenen Gesetzen, oder Begriffen, als Principien.
Eben darum ist sie auch keiner Gefahr ihrer eigenen Antinomie und keinem
Widerstreit ihrer Principien ausgesetzt. So war die transscendentale
Urtheilskraft, welche die Bedingungen unter Kategorieen zu subsumiren
enthielt, 10 für sich nicht n o m o t h e t i s c h; sondern nannte nur die
Bedingungen der sinnlichen Anschauung, unter welchen einem gegebenen
Begriffe, als Gesetze des Verstandes, Realität (Anwendung) gegeben
werden kann: worüber sie niemals mit sich selbst in Uneinigkeit
(wenigstens den Principien nach) gerathen konnte. 15
Allein die r e f l e c t i r e n d e Urtheilskraft soll unter einem Gesetze
subsumiren, 312 welches noch nicht gegeben und also in der That nur ein
Princip der Reflexion über Gegenstände ist, für die es uns objectiv gänzlich
an einem Gesetze mangelt, oder an einem Begriffe vom Object, der zum
Princip für vorkommende Fälle hinreichend wäre. Da nun kein Gebrauch
20 der Erkenntnißvermögen ohne Principien verstattet werden darf, so wird
die reflectirende Urtheilskraft in solchen Fällen ihr selbst zum Princip
dienen müssen: welches, weil es nicht objectiv ist und keinen für die
Absicht hinreichenden Erkenntnißgrund des Objects unterlegen kann, als
bloß subjectives Princip zum zweckmäßigen Gebrauche der
Erkenntnißvermögen, 25 nämlich über eine Art Gegenstände zu reflectiren,
dienen soll. Also hat in Beziehung auf solche Fälle die reflectirende
Urtheilskraft ihre Maximen und zwar nothwendige zum Behuf der
Erkenntniß der Naturgesetze in der Erfahrung, um vermittelst derselben zu
Begriffen zu gelangen, sollten diese auch Vernunftbegriffe sein; wenn sie
solcher durchaus bedarf, um die Natur nach ihren empirischen Gesetzen
bloß kennen zu lernen. — Zwischen diesen nothwendigen Maximen der
Dialektik der teleologischen Urtheilskraft.
§ 69.
Was eine Antinomie der Urtheilskraft sei.
Die b e s t i m m e n d e Urtheilskraft hat für sich keine Principien, welche 5
B e g r i f f e v o n O b j e c t e n gründen. Sie ist keine Autonomie; denn sie
s u b s u m i r t nur unter gegebenen Gesetzen, oder Begriffen, als Principien.
Eben darum ist sie auch keiner Gefahr ihrer eigenen Antinomie und keinem
Widerstreit ihrer Principien ausgesetzt. So war die transscendentale
Urtheilskraft, welche die Bedingungen unter Kategorieen zu subsumiren
enthielt, 10 für sich nicht n o m o t h e t i s c h; sondern nannte nur die
Bedingungen der sinnlichen Anschauung, unter welchen einem gegebenen
Begriffe, als Gesetze des Verstandes, Realität (Anwendung) gegeben
werden kann: worüber sie niemals mit sich selbst in Uneinigkeit
(wenigstens den Principien nach) gerathen konnte. 15
Allein die r e f l e c t i r e n d e Urtheilskraft soll unter einem Gesetze
subsumiren, 312 welches noch nicht gegeben und also in der That nur ein
Princip der Reflexion über Gegenstände ist, für die es uns objectiv gänzlich
an einem Gesetze mangelt, oder an einem Begriffe vom Object, der zum
Princip für vorkommende Fälle hinreichend wäre. Da nun kein Gebrauch
20 der Erkenntnißvermögen ohne Principien verstattet werden darf, so wird
die reflectirende Urtheilskraft in solchen Fällen ihr selbst zum Princip
dienen müssen: welches, weil es nicht objectiv ist und keinen für die
Absicht hinreichenden Erkenntnißgrund des Objects unterlegen kann, als
bloß subjectives Princip zum zweckmäßigen Gebrauche der
Erkenntnißvermögen, 25 nämlich über eine Art Gegenstände zu reflectiren,
dienen soll. Also hat in Beziehung auf solche Fälle die reflectirende
Urtheilskraft ihre Maximen und zwar nothwendige zum Behuf der
Erkenntniß der Naturgesetze in der Erfahrung, um vermittelst derselben zu
Begriffen zu gelangen, sollten diese auch Vernunftbegriffe sein; wenn sie
solcher durchaus bedarf, um die Natur nach ihren empirischen Gesetzen
bloß kennen zu lernen. — Zwischen diesen nothwendigen Maximen der
Page 269
reflectirenden Urtheilskraft kann nun ein Widerstreit, mithin eine Antinomie
Statt 5 finden, worauf sich eine Dialektik gründet, die, wenn jede von zwei
einander widerstreitenden Maximen in der Natur der Erkenntnißvermögen
ihren Grund hat, eine natürliche Dialektik genannt werden kann und ein 313
unvermeidlicher Schein, den man in der Kritik entblößen und auflösen muß,
damit er nicht betrüge. 10
Statt 5 finden, worauf sich eine Dialektik gründet, die, wenn jede von zwei
einander widerstreitenden Maximen in der Natur der Erkenntnißvermögen
ihren Grund hat, eine natürliche Dialektik genannt werden kann und ein 313
unvermeidlicher Schein, den man in der Kritik entblößen und auflösen muß,
damit er nicht betrüge. 10
Page 270
§ 70.
Vorstellung dieser Antinomie.
So fern die Vernunft es mit der Natur als Inbegriff der Gegenstände äußerer
Sinne zu thun hat, kann sie sich auf Gesetze gründen, die der Verstand theils
selbst a priori der Natur vorschreibt, theils durch die 15 in der Erfahrung
vorkommenden empirischen Bestimmungen ins Unabsehliche erweitern
kann. Zur Anwendung der erstern Art von Gesetzen, nämlich der
a l l g e m e i n e n der materiellen Natur überhaupt, braucht die Urtheilskraft
kein besonderes Princip der Reflexion; denn da ist sie bestimmend, weil ihr
ein objectives Princip durch den Verstand gegeben 20 ist. Aber was die
besondern Gesetze betrifft, die uns nur durch Erfahrung kund werden
können, so kann unter ihnen eine so große Mannigfaltigkeit und
Ungleichartigkeit sein, daß die Urtheilskraft sich selbst zum Princip dienen
muß, um auch nur in den Erscheinungen der Natur nach einem Gesetze zu
forschen und es auszuspähen, indem sie ein solches zum Leitfaden 25
bedarf, wenn sie ein zusammenhängendes Erfahrungserkenntniß nach einer
durchgängigen Gesetzmäßigkeit der Natur, die Einheit derselben nach
empirischen Gesetzen, auch nur hoffen soll. Bei dieser zufälligen Einheit
der besonderen Gesetze kann es sich nun zutragen: daß 314 die Urtheilskraft
in ihrer Reflexion von zwei Maximen ausgeht, deren 30 eine ihr der bloße
Verstand a priori an die Hand giebt; die andere aber durch besondere
Erfahrungen veranlaßt wird, welche die Vernunft ins Spiel bringen, um nach
einem besondern Princip die Beurtheilung der körperlichen Natur und ihrer
Gesetze anzustellen. Da trifft es sich dann, daß diese zweierlei Maximen
nicht wohl neben einander bestehen zu 35 können den Anschein haben,
mithin sich eine Dialektik hervorthut, welche die Urtheilskraft in dem
Princip ihrer Reflexion irre macht.
D i e e r s t e M a x i m e derselben ist der S a t z: Alle Erzeugung
materieller Dinge und ihrer Formen muß als nach bloß mechanischen
Gesetzen möglich beurtheilt werden. 5
D i e z w e i t e M a x i m e ist der G e g e n s a t z: Einige Producte der
materiellen Natur können nicht als nach bloß mechanischen Gesetzen
Vorstellung dieser Antinomie.
So fern die Vernunft es mit der Natur als Inbegriff der Gegenstände äußerer
Sinne zu thun hat, kann sie sich auf Gesetze gründen, die der Verstand theils
selbst a priori der Natur vorschreibt, theils durch die 15 in der Erfahrung
vorkommenden empirischen Bestimmungen ins Unabsehliche erweitern
kann. Zur Anwendung der erstern Art von Gesetzen, nämlich der
a l l g e m e i n e n der materiellen Natur überhaupt, braucht die Urtheilskraft
kein besonderes Princip der Reflexion; denn da ist sie bestimmend, weil ihr
ein objectives Princip durch den Verstand gegeben 20 ist. Aber was die
besondern Gesetze betrifft, die uns nur durch Erfahrung kund werden
können, so kann unter ihnen eine so große Mannigfaltigkeit und
Ungleichartigkeit sein, daß die Urtheilskraft sich selbst zum Princip dienen
muß, um auch nur in den Erscheinungen der Natur nach einem Gesetze zu
forschen und es auszuspähen, indem sie ein solches zum Leitfaden 25
bedarf, wenn sie ein zusammenhängendes Erfahrungserkenntniß nach einer
durchgängigen Gesetzmäßigkeit der Natur, die Einheit derselben nach
empirischen Gesetzen, auch nur hoffen soll. Bei dieser zufälligen Einheit
der besonderen Gesetze kann es sich nun zutragen: daß 314 die Urtheilskraft
in ihrer Reflexion von zwei Maximen ausgeht, deren 30 eine ihr der bloße
Verstand a priori an die Hand giebt; die andere aber durch besondere
Erfahrungen veranlaßt wird, welche die Vernunft ins Spiel bringen, um nach
einem besondern Princip die Beurtheilung der körperlichen Natur und ihrer
Gesetze anzustellen. Da trifft es sich dann, daß diese zweierlei Maximen
nicht wohl neben einander bestehen zu 35 können den Anschein haben,
mithin sich eine Dialektik hervorthut, welche die Urtheilskraft in dem
Princip ihrer Reflexion irre macht.
D i e e r s t e M a x i m e derselben ist der S a t z: Alle Erzeugung
materieller Dinge und ihrer Formen muß als nach bloß mechanischen
Gesetzen möglich beurtheilt werden. 5
D i e z w e i t e M a x i m e ist der G e g e n s a t z: Einige Producte der
materiellen Natur können nicht als nach bloß mechanischen Gesetzen
Page 271
möglich beurtheilt werden (ihre Beurtheilung erfordert ein ganz anderes
Gesetz der Causalität, nämlich das der Endursachen).
Wenn man diese regulativen Grundsätze für die Nachforschung nun 10 in
constitutive der Möglichkeit der Objecte selbst verwandelte, so würden sie
so lauten:
S a t z: Alle Erzeugung materieller Dinge ist nach bloß mechanischen
Gesetzen möglich.
G e g e n s a t z: Einige Erzeugung derselben ist nach bloß mechanischen 15
315 Gesetzen nicht möglich.
In dieser letzteren Qualität, als objective Principien für die bestimmende
Urtheilskraft, würden sie einander widersprechen, mithin einer von beiden
Sätzen nothwendig falsch sein; aber das wäre alsdann zwar eine Antinomie,
doch nicht der Urtheilskraft, sondern ein Widerstreit in 20 der
Gesetzgebung der Vernunft. Die Vernunft kann aber weder den einen noch
den andern dieser Grundsätze beweisen: weil wir von Möglichkeit der
Dinge nach bloß empirischen Gesetzen der Natur kein bestimmendes
Princip a priori haben können.
Was dagegen die zuerst vorgetragene Maxime einer reflectirenden 25
Urtheilskraft betrifft, so enthält sie in der That gar keinen Widerspruch.
Denn wenn ich sage: ich muß alle Ereignisse in der materiellen Natur,
mithin auch alle Formen als Producte derselben ihrer Möglichkeit nach
nach bloß mechanischen Gesetzen b e u r t h e i l e n, so sage ich damit nicht:
sie s i n d d a r n a c h a l l e i n (ausschließungsweise von jeder andern Art
30 Causalität) m ö g l i c h; sondern das will nur anzeigen: ich s o l l
jederzeit über dieselben n a c h d e m P r i n c i p des bloßen Mechanisms
der Natur r e f l e c t i r e n und mithin diesem, soweit ich kann,
nachforschen, weil, ohne ihn zum Grunde der Nachforschung zu legen, es
gar keine eigentliche Naturerkenntniß geben kann. Dieses hindert nun die
zweite Maxime bei 35 gelegentlicher Veranlassung nicht, nämlich bei
einigen Naturformen (und 316 auf deren Veranlassung sogar der ganzen
Natur), nach einem Princip zu spüren und über sie zu reflectiren, welches
von der Erklärung nach dem Mechanism der Natur ganz verschieden ist,
nämlich dem Princip der Endursachen. Denn die Reflexion nach der ersten
Maxime wird dadurch nicht aufgehoben, vielmehr wird es geboten, sie, so
Gesetz der Causalität, nämlich das der Endursachen).
Wenn man diese regulativen Grundsätze für die Nachforschung nun 10 in
constitutive der Möglichkeit der Objecte selbst verwandelte, so würden sie
so lauten:
S a t z: Alle Erzeugung materieller Dinge ist nach bloß mechanischen
Gesetzen möglich.
G e g e n s a t z: Einige Erzeugung derselben ist nach bloß mechanischen 15
315 Gesetzen nicht möglich.
In dieser letzteren Qualität, als objective Principien für die bestimmende
Urtheilskraft, würden sie einander widersprechen, mithin einer von beiden
Sätzen nothwendig falsch sein; aber das wäre alsdann zwar eine Antinomie,
doch nicht der Urtheilskraft, sondern ein Widerstreit in 20 der
Gesetzgebung der Vernunft. Die Vernunft kann aber weder den einen noch
den andern dieser Grundsätze beweisen: weil wir von Möglichkeit der
Dinge nach bloß empirischen Gesetzen der Natur kein bestimmendes
Princip a priori haben können.
Was dagegen die zuerst vorgetragene Maxime einer reflectirenden 25
Urtheilskraft betrifft, so enthält sie in der That gar keinen Widerspruch.
Denn wenn ich sage: ich muß alle Ereignisse in der materiellen Natur,
mithin auch alle Formen als Producte derselben ihrer Möglichkeit nach
nach bloß mechanischen Gesetzen b e u r t h e i l e n, so sage ich damit nicht:
sie s i n d d a r n a c h a l l e i n (ausschließungsweise von jeder andern Art
30 Causalität) m ö g l i c h; sondern das will nur anzeigen: ich s o l l
jederzeit über dieselben n a c h d e m P r i n c i p des bloßen Mechanisms
der Natur r e f l e c t i r e n und mithin diesem, soweit ich kann,
nachforschen, weil, ohne ihn zum Grunde der Nachforschung zu legen, es
gar keine eigentliche Naturerkenntniß geben kann. Dieses hindert nun die
zweite Maxime bei 35 gelegentlicher Veranlassung nicht, nämlich bei
einigen Naturformen (und 316 auf deren Veranlassung sogar der ganzen
Natur), nach einem Princip zu spüren und über sie zu reflectiren, welches
von der Erklärung nach dem Mechanism der Natur ganz verschieden ist,
nämlich dem Princip der Endursachen. Denn die Reflexion nach der ersten
Maxime wird dadurch nicht aufgehoben, vielmehr wird es geboten, sie, so
Page 272
weit man kann, zu verfolgen; auch wird dadurch nicht gesagt, daß nach dem
Mechanism der 5 Natur jene Formen nicht möglich wären. Nur wird
behauptet, daß d i e m e n s c h l i c h e Ve r n u n f t in Befolgung derselben
und auf diese Art niemals von dem, was das Specifische eines Naturzwecks
ausmacht, den mindesten Grund, wohl aber andere Erkenntnisse von
Naturgesetzen wird auffinden können; wobei es als unausgemacht dahin
gestellt wird, ob 10 nicht in dem uns unbekannten inneren Grunde der
Natur selbst die physisch-mechanische und die Zweckverbindung an
denselben Dingen in einem Princip zusammen hängen mögen: nur daß
unsere Vernunft sie in einem solchen nicht zu vereinigen im Stande ist, und
die Urtheilskraft also als (aus einem subjectiven Grunde)
r e f l e c t i r e n d e, nicht als (einem 15 objectiven Princip der Möglichkeit
der Dinge an sich zufolge) bestimmende Urtheilskraft genöthigt ist, für
gewisse Formen in der Natur ein anderes Princip, als das des
Naturmechanisms zum Grunde ihrer Möglichkeit zu denken.
Mechanism der 5 Natur jene Formen nicht möglich wären. Nur wird
behauptet, daß d i e m e n s c h l i c h e Ve r n u n f t in Befolgung derselben
und auf diese Art niemals von dem, was das Specifische eines Naturzwecks
ausmacht, den mindesten Grund, wohl aber andere Erkenntnisse von
Naturgesetzen wird auffinden können; wobei es als unausgemacht dahin
gestellt wird, ob 10 nicht in dem uns unbekannten inneren Grunde der
Natur selbst die physisch-mechanische und die Zweckverbindung an
denselben Dingen in einem Princip zusammen hängen mögen: nur daß
unsere Vernunft sie in einem solchen nicht zu vereinigen im Stande ist, und
die Urtheilskraft also als (aus einem subjectiven Grunde)
r e f l e c t i r e n d e, nicht als (einem 15 objectiven Princip der Möglichkeit
der Dinge an sich zufolge) bestimmende Urtheilskraft genöthigt ist, für
gewisse Formen in der Natur ein anderes Princip, als das des
Naturmechanisms zum Grunde ihrer Möglichkeit zu denken.
Page 273
§ 71. 20 317
Vorbereitung zur Auflösung obiger Antinomie.
Wir können die Unmöglichkeit der Erzeugung der organisirten
Naturproducte durch den bloßen Mechanism der Natur keineswegs
beweisen, weil wir die unendliche Mannigfaltigkeit der besondern
Naturgesetze, die für uns zufällig sind, da sie nur empirisch erkannt werden,
ihrem ersten 25 innern Grunde nach nicht einsehen und so das innere,
durchgängig zureichende Princip der Möglichkeit einer Natur (welches im
Übersinnlichen liegt) schlechterdings nicht erreichen können. Ob also das
productive Vermögen der Natur auch für dasjenige, was wir als nach der
Idee von Zwecken geformt oder verbunden beurtheilen, nicht eben so gut
als für das, 30 wozu wir bloß ein Maschinenwesen der Natur zu bedürfen
glauben, zulange; und ob in der That für Dinge als eigentliche Naturzwecke
(wie wir sie nothwendig beurtheilen müssen) eine ganz andere Art von
ursprünglicher Causalität, die gar nicht in der materiellen Natur oder ihrem
intelligibelen Substrat enthalten sein kann, nämlich ein architektonischer
Verstand, zum 35 Grunde liege: darüber kann unsere in Ansehung des
Begriffs der Causalität, wenn er a priori specificirt werden soll, sehr enge
eingeschränkte Vernunft schlechterdings keine Auskunft geben. — Aber
daß respectiv auf unser Erkenntnißvermögen der bloße Mechanism der
Natur für die Erzeugung 318 organisirter Wesen auch keinen
Erklärungsgrund abgeben könne, 5 ist eben so ungezweifelt gewiß. F ü r
d i e r e f l e c t i r e n d e U r t h e i l s k r a f t ist also das ein ganz richtiger
Grundsatz: daß für die so offenbare Verknüpfung der Dinge nach
Endursachen eine vom Mechanism unterschiedene Causalität, nämlich einer
nach Zwecken handelnden (verständigen) Weltursache, gedacht werden
müsse; so übereilt und unerweislich er auch 10 f ü r d i e
b e s t i m m e n d e s e i n würde. In dem ersteren Falle ist er bloße Maxime
der Urtheilskraft, wobei der Begriff jener Causalität eine bloße Idee ist, der
man keinesweges Realität zuzugestehen unternimmt, sondern sie nur zum
Leitfaden der Reflexion braucht, die dabei für alle mechanische
Erklärungsgründe immer offen bleibt und sich nicht aus der Sinnenwelt 15
verliert; im zweiten Falle würde der Grundsatz ein objectives Princip sein,
das die Vernunft vorschriebe und dem die Urtheilskraft sich bestimmend
Vorbereitung zur Auflösung obiger Antinomie.
Wir können die Unmöglichkeit der Erzeugung der organisirten
Naturproducte durch den bloßen Mechanism der Natur keineswegs
beweisen, weil wir die unendliche Mannigfaltigkeit der besondern
Naturgesetze, die für uns zufällig sind, da sie nur empirisch erkannt werden,
ihrem ersten 25 innern Grunde nach nicht einsehen und so das innere,
durchgängig zureichende Princip der Möglichkeit einer Natur (welches im
Übersinnlichen liegt) schlechterdings nicht erreichen können. Ob also das
productive Vermögen der Natur auch für dasjenige, was wir als nach der
Idee von Zwecken geformt oder verbunden beurtheilen, nicht eben so gut
als für das, 30 wozu wir bloß ein Maschinenwesen der Natur zu bedürfen
glauben, zulange; und ob in der That für Dinge als eigentliche Naturzwecke
(wie wir sie nothwendig beurtheilen müssen) eine ganz andere Art von
ursprünglicher Causalität, die gar nicht in der materiellen Natur oder ihrem
intelligibelen Substrat enthalten sein kann, nämlich ein architektonischer
Verstand, zum 35 Grunde liege: darüber kann unsere in Ansehung des
Begriffs der Causalität, wenn er a priori specificirt werden soll, sehr enge
eingeschränkte Vernunft schlechterdings keine Auskunft geben. — Aber
daß respectiv auf unser Erkenntnißvermögen der bloße Mechanism der
Natur für die Erzeugung 318 organisirter Wesen auch keinen
Erklärungsgrund abgeben könne, 5 ist eben so ungezweifelt gewiß. F ü r
d i e r e f l e c t i r e n d e U r t h e i l s k r a f t ist also das ein ganz richtiger
Grundsatz: daß für die so offenbare Verknüpfung der Dinge nach
Endursachen eine vom Mechanism unterschiedene Causalität, nämlich einer
nach Zwecken handelnden (verständigen) Weltursache, gedacht werden
müsse; so übereilt und unerweislich er auch 10 f ü r d i e
b e s t i m m e n d e s e i n würde. In dem ersteren Falle ist er bloße Maxime
der Urtheilskraft, wobei der Begriff jener Causalität eine bloße Idee ist, der
man keinesweges Realität zuzugestehen unternimmt, sondern sie nur zum
Leitfaden der Reflexion braucht, die dabei für alle mechanische
Erklärungsgründe immer offen bleibt und sich nicht aus der Sinnenwelt 15
verliert; im zweiten Falle würde der Grundsatz ein objectives Princip sein,
das die Vernunft vorschriebe und dem die Urtheilskraft sich bestimmend
Page 274
unterwerfen müßte, wobei sie aber über die Sinnenwelt hinaus sich ins
Überschwengliche verliert und vielleicht irre geführt wird.
Aller Anschein einer Antinomie zwischen den Maximen der eigentlich 20
physischen (mechanischen) und der teleologischen (technischen)
Erklärungsart beruht also darauf: daß man einen Grundsatz der
reflectirenden Urtheilskraft mit dem der bestimmenden und die
A u t o n o m i e der ersteren (die bloß subjectiv für unsern Vernunftgebrauch
in Ansehung der besonderen 319 Erfahrungsgesetze gilt) mit der
H e t e r o n o m i e der anderen, welche 25 sich nach den von dem Verstande
gegebenen (allgemeinen oder besondern) Gesetzen richten muß,
verwechselt.
Überschwengliche verliert und vielleicht irre geführt wird.
Aller Anschein einer Antinomie zwischen den Maximen der eigentlich 20
physischen (mechanischen) und der teleologischen (technischen)
Erklärungsart beruht also darauf: daß man einen Grundsatz der
reflectirenden Urtheilskraft mit dem der bestimmenden und die
A u t o n o m i e der ersteren (die bloß subjectiv für unsern Vernunftgebrauch
in Ansehung der besonderen 319 Erfahrungsgesetze gilt) mit der
H e t e r o n o m i e der anderen, welche 25 sich nach den von dem Verstande
gegebenen (allgemeinen oder besondern) Gesetzen richten muß,
verwechselt.
Page 275
§ 72.
Von den mancherlei Systemen über die Zweckmäßigkeit der Natur. 30
Die Richtigkeit des Grundsatzes, daß über gewisse Dinge der Natur
(organisirte Wesen) und ihre Möglichkeit nach dem Begriffe von
Endursachen geurtheilt werden müsse, selbst auch nur wenn man, um ihre
Beschaffenheit durch Beobachtung kennen zu lernen, einen L e i t f a d e n
verlangt, ohne sich bis zur Untersuchung über ihren ersten Ursprung zu 35
versteigen, hat noch niemand bezweifelt. Die Frage kann also nur sein: ob
dieser Grundsatz bloß subjectiv gültig, d. i. bloß Maxime unserer
Urtheilskraft, oder ein objectives Princip der Natur sei, nach welchem ihr
außer ihrem Mechanism (nach bloßen Bewegungsgesetzen) noch eine
andere Art von Causalität zukomme, nämlich die der Endursachen, 5 unter
denen jene (die bewegenden Kräfte) nur als Mittelursachen ständen.
Nun könnte man diese Frage oder Aufgabe für die Speculation gänzlich
unausgemacht und unaufgelöset lassen: weil, wenn wir uns mit der letzteren
innerhalb den Gränzen der bloßen Naturerkenntniß begnügen, wir an jenen
Maximen genug haben, um die Natur, so weit als menschliche 10 320 Kräfte
reichen, zu studiren und ihren verborgensten Geheimnissen nachzuspüren.
Es ist also wohl eine gewisse Ahnung unserer Vernunft, oder ein von der
Natur uns gleichsam gegebener Wink, daß wir vermittelst jenes Begriffs
von Endursachen wohl gar über die Natur hinauslangen und sie selbst an
den höchsten Punkt in der Reihe der Ursachen 15 knüpfen könnten, wenn
wir die Nachforschung der Natur (ob wir gleich darin noch nicht weit
gekommen sind) verließen, oder wenigstens einige Zeit aussetzten und
vorher, worauf jener Fremdling in der Naturwissenschaft, nämlich der
Begriff der Naturzwecke, führe, zu erkunden versuchten. 20
Hier müßte nun freilich jene unbestrittene Maxime in die ein weites Feld zu
Streitigkeiten eröffnende Aufgabe übergehen: ob die Zweckverknüpfnug in
der Natur eine besondere Art der Causalität für dieselbe b e w e i s e; oder ob
sie, an sich und nach objectiven Principien betrachtet, nicht vielmehr mit
dem Mechanism der Natur einerlei sei, oder auf einem 25 und demselben
Grunde beruhe: nur daß wir, da dieser für unsere Nachforschung in
manchen Naturproducten oft zu tief versteckt ist, es mit einem subjectiven
Von den mancherlei Systemen über die Zweckmäßigkeit der Natur. 30
Die Richtigkeit des Grundsatzes, daß über gewisse Dinge der Natur
(organisirte Wesen) und ihre Möglichkeit nach dem Begriffe von
Endursachen geurtheilt werden müsse, selbst auch nur wenn man, um ihre
Beschaffenheit durch Beobachtung kennen zu lernen, einen L e i t f a d e n
verlangt, ohne sich bis zur Untersuchung über ihren ersten Ursprung zu 35
versteigen, hat noch niemand bezweifelt. Die Frage kann also nur sein: ob
dieser Grundsatz bloß subjectiv gültig, d. i. bloß Maxime unserer
Urtheilskraft, oder ein objectives Princip der Natur sei, nach welchem ihr
außer ihrem Mechanism (nach bloßen Bewegungsgesetzen) noch eine
andere Art von Causalität zukomme, nämlich die der Endursachen, 5 unter
denen jene (die bewegenden Kräfte) nur als Mittelursachen ständen.
Nun könnte man diese Frage oder Aufgabe für die Speculation gänzlich
unausgemacht und unaufgelöset lassen: weil, wenn wir uns mit der letzteren
innerhalb den Gränzen der bloßen Naturerkenntniß begnügen, wir an jenen
Maximen genug haben, um die Natur, so weit als menschliche 10 320 Kräfte
reichen, zu studiren und ihren verborgensten Geheimnissen nachzuspüren.
Es ist also wohl eine gewisse Ahnung unserer Vernunft, oder ein von der
Natur uns gleichsam gegebener Wink, daß wir vermittelst jenes Begriffs
von Endursachen wohl gar über die Natur hinauslangen und sie selbst an
den höchsten Punkt in der Reihe der Ursachen 15 knüpfen könnten, wenn
wir die Nachforschung der Natur (ob wir gleich darin noch nicht weit
gekommen sind) verließen, oder wenigstens einige Zeit aussetzten und
vorher, worauf jener Fremdling in der Naturwissenschaft, nämlich der
Begriff der Naturzwecke, führe, zu erkunden versuchten. 20
Hier müßte nun freilich jene unbestrittene Maxime in die ein weites Feld zu
Streitigkeiten eröffnende Aufgabe übergehen: ob die Zweckverknüpfnug in
der Natur eine besondere Art der Causalität für dieselbe b e w e i s e; oder ob
sie, an sich und nach objectiven Principien betrachtet, nicht vielmehr mit
dem Mechanism der Natur einerlei sei, oder auf einem 25 und demselben
Grunde beruhe: nur daß wir, da dieser für unsere Nachforschung in
manchen Naturproducten oft zu tief versteckt ist, es mit einem subjectiven
Page 276
Princip, nämlich dem der Kunst, d. i. der Causalität nach Ideen, versuchen,
um sie der Natur der Analogie nach unterzulegen; welche Nothülfe uns
auch in vielen Fällen gelingt, in einigen zwar zu 30 mißlingen scheint, auf
alle Fälle aber nicht berechtigt, eine besondere, von 321 der Causalität nach
bloß mechanischen Gesetzen der Natur selbst unterschiedene Wirkungsart
in die Naturwissenschaft einzuführen. Wir wollen, indem wir das Verfahren
(die Causalität) der Natur wegen des Zweckähnlichen, welches wir in ihren
Producten finden, Technik nennen, diese 35 in die a b s i c h t l i c h e
(technica intentionalis) und in die u n a b s i c h t l i c h e (technica naturalis)
eintheilen. Die erste soll bedeuten: daß das productive Vermögen der Natur
nach Endursachen für eine besondere Art von Causalität gehalten werden
müsse; die zweite: daß sie mit dem Mechanism der Natur im Grunde ganz
einerlei sei, und das zufällige Zusammentreffen mit unseren Kunstbegriffen
und ihren Regeln, als bloß subjective Bedingung sie zu beurtheilen,
fälschlich für eine besondere Art der Naturerzeugung 5 ausgedeutet werde.
Wenn wir jetzt von den Systemen der Naturerklärung in Ansehung der
Endursachen reden, so muß man wohl bemerken: daß sie insgesammt
dogmatisch, d. i. über objective Principien der Möglichkeit der Dinge, es sei
durch absichtlich oder lauter unabsichtlich wirkende Ursachen, unter
einander 10 streitig sind, nicht aber etwa über die subjective Maxime, über
die Ursache solcher zweckmäßigen Producte bloß zu urtheilen: in welchem
letztern Falle d i s p a r a t e Principien noch wohl vereinigt werden könnten,
anstatt daß im ersteren c o n t r a d i c t o r i s c h - e n t g e g e n g e s e t z t e
einander 322 aufheben und neben sich nicht bestehen können. 15
Die Systeme in Ansehung der Technik der Natur, d. i. ihrer productiven
Kraft nach der Regel der Zwecke, sind zwiefach: des I d e a l i s m u s, oder
des R e a l i s m u s der Naturzwecke. Der erstere ist die Behauptung: daß
alle Zweckmäßigkeit der Natur u n a b s i c h t l i c h; der zweite: daß einige
derselben (in organisirten Wesen) a b s i c h t l i c h sei; woraus denn auch
die 20 als Hypothese gegründete Folge gezogen werden könnte, daß die
Technik der Natur, auch was alle andere Producte derselben in Beziehung
auf das Naturganze betrifft, absichtlich, d. i. Zweck, sei.
1) Der I d e a l i s m der Zweckmäßigkeit (ich verstehe hier immer die
objective) ist nun entweder der der C a s u a l i t ä t, oder der F a t a l i t ä t 25
der Naturbestimmung in der zweckmäßigen Form ihrer Producte. Das
um sie der Natur der Analogie nach unterzulegen; welche Nothülfe uns
auch in vielen Fällen gelingt, in einigen zwar zu 30 mißlingen scheint, auf
alle Fälle aber nicht berechtigt, eine besondere, von 321 der Causalität nach
bloß mechanischen Gesetzen der Natur selbst unterschiedene Wirkungsart
in die Naturwissenschaft einzuführen. Wir wollen, indem wir das Verfahren
(die Causalität) der Natur wegen des Zweckähnlichen, welches wir in ihren
Producten finden, Technik nennen, diese 35 in die a b s i c h t l i c h e
(technica intentionalis) und in die u n a b s i c h t l i c h e (technica naturalis)
eintheilen. Die erste soll bedeuten: daß das productive Vermögen der Natur
nach Endursachen für eine besondere Art von Causalität gehalten werden
müsse; die zweite: daß sie mit dem Mechanism der Natur im Grunde ganz
einerlei sei, und das zufällige Zusammentreffen mit unseren Kunstbegriffen
und ihren Regeln, als bloß subjective Bedingung sie zu beurtheilen,
fälschlich für eine besondere Art der Naturerzeugung 5 ausgedeutet werde.
Wenn wir jetzt von den Systemen der Naturerklärung in Ansehung der
Endursachen reden, so muß man wohl bemerken: daß sie insgesammt
dogmatisch, d. i. über objective Principien der Möglichkeit der Dinge, es sei
durch absichtlich oder lauter unabsichtlich wirkende Ursachen, unter
einander 10 streitig sind, nicht aber etwa über die subjective Maxime, über
die Ursache solcher zweckmäßigen Producte bloß zu urtheilen: in welchem
letztern Falle d i s p a r a t e Principien noch wohl vereinigt werden könnten,
anstatt daß im ersteren c o n t r a d i c t o r i s c h - e n t g e g e n g e s e t z t e
einander 322 aufheben und neben sich nicht bestehen können. 15
Die Systeme in Ansehung der Technik der Natur, d. i. ihrer productiven
Kraft nach der Regel der Zwecke, sind zwiefach: des I d e a l i s m u s, oder
des R e a l i s m u s der Naturzwecke. Der erstere ist die Behauptung: daß
alle Zweckmäßigkeit der Natur u n a b s i c h t l i c h; der zweite: daß einige
derselben (in organisirten Wesen) a b s i c h t l i c h sei; woraus denn auch
die 20 als Hypothese gegründete Folge gezogen werden könnte, daß die
Technik der Natur, auch was alle andere Producte derselben in Beziehung
auf das Naturganze betrifft, absichtlich, d. i. Zweck, sei.
1) Der I d e a l i s m der Zweckmäßigkeit (ich verstehe hier immer die
objective) ist nun entweder der der C a s u a l i t ä t, oder der F a t a l i t ä t 25
der Naturbestimmung in der zweckmäßigen Form ihrer Producte. Das
Page 277
erstere Princip betrifft die Beziehung der Materie auf den physischen Grund
ihrer Form, nämlich die Bewegungsgesetze; das zweite auf ihren und der
ganzen Natur h y p e r p h y s i s c h e n Grund. Das System der
C a s u a l i t ä t, welches dem Epikur oder Demokritus beigelegt wird, ist,
30 nach dem Buchstaben genommen, so offenbar ungereimt, daß es uns
nicht aufhalten darf; dagegen ist das System der Fatalität (wovon man den
Spinoza zum Urheber macht, ob es gleich allem Ansehen nach viel älter
ist), welches sich auf etwas Übersinnliches beruft, wohin also unsere
Einsicht 323 nicht reicht, so leicht nicht zu widerlegen: darum weil sein
Begriff 35 von dem Urwesen gar nicht zu verstehen ist. So viel ist aber
klar: daß die Zweckverbindung in der Welt in demselben als unabsichtlich
angenommen werden muß (weil sie von einem Urwesen, aber nicht von
seinem Verstande, mithin keiner Absicht desselben, sondern aus der
Nothwendigkeit seiner Natur und der davon abstammenden Welteinheit
abgeleitet wird), mithin der Fatalismus der Zweckmäßigkeit zugleich ein
Idealism derselben ist. 5
2) Der R e a l i s m der Zweckmäßigkeit der Natur ist auch entweder
physisch oder hyperphysisch. Der e r s t e gründet die Zwecke in der Natur
auf dem Analogon eines nach Absicht handelnden Vermögens, dem
L e b e n d e r M a t e r i e (in ihr, oder auch durch ein belebendes inneres
Princip, eine Weltseele) und heißt der H y l o z o i s m. Der z w e i t e leitet
sie von dem 10 Urgrunde des Weltalls, als einem mit Absicht
hervorbringenden (ursprünglich lebenden) verständigen Wesen ab und ist
der T h e i s m.[28]
ihrer Form, nämlich die Bewegungsgesetze; das zweite auf ihren und der
ganzen Natur h y p e r p h y s i s c h e n Grund. Das System der
C a s u a l i t ä t, welches dem Epikur oder Demokritus beigelegt wird, ist,
30 nach dem Buchstaben genommen, so offenbar ungereimt, daß es uns
nicht aufhalten darf; dagegen ist das System der Fatalität (wovon man den
Spinoza zum Urheber macht, ob es gleich allem Ansehen nach viel älter
ist), welches sich auf etwas Übersinnliches beruft, wohin also unsere
Einsicht 323 nicht reicht, so leicht nicht zu widerlegen: darum weil sein
Begriff 35 von dem Urwesen gar nicht zu verstehen ist. So viel ist aber
klar: daß die Zweckverbindung in der Welt in demselben als unabsichtlich
angenommen werden muß (weil sie von einem Urwesen, aber nicht von
seinem Verstande, mithin keiner Absicht desselben, sondern aus der
Nothwendigkeit seiner Natur und der davon abstammenden Welteinheit
abgeleitet wird), mithin der Fatalismus der Zweckmäßigkeit zugleich ein
Idealism derselben ist. 5
2) Der R e a l i s m der Zweckmäßigkeit der Natur ist auch entweder
physisch oder hyperphysisch. Der e r s t e gründet die Zwecke in der Natur
auf dem Analogon eines nach Absicht handelnden Vermögens, dem
L e b e n d e r M a t e r i e (in ihr, oder auch durch ein belebendes inneres
Princip, eine Weltseele) und heißt der H y l o z o i s m. Der z w e i t e leitet
sie von dem 10 Urgrunde des Weltalls, als einem mit Absicht
hervorbringenden (ursprünglich lebenden) verständigen Wesen ab und ist
der T h e i s m.[28]
Page 278
§ 73. 324
Keines der obigen Systeme leistet das, was es vorgiebt.
Was wollen alle jene Systeme? Sie wollen unsere teleologischen 15
Urtheile über die Natur erklären und gehen damit so zu Werke, daß ein
Theil die Wahrheit derselben läugnet, mithin sie für einen Idealism der
Natur (als Kunst vorgestellt) erklärt; der andere Theil sie als wahr anerkennt
und die Möglichkeit einer Natur nach der Idee der Endursachen darzuthun
verspricht. 20
1) Die für den Idealism der Endursachen in der Natur streitenden Systeme
lassen nun einerseits zwar an dem Princip derselben eine Causalität nach
Bewegungsgesetzen zu (durch welche die Naturdinge zweckmäßig
existiren); aber sie läugnen an ihr die I n t e n t i o n a l i t ä t, d. i. daß sie
absichtlich zu dieser ihrer zweckmäßigen Hervorbringung bestimmt, oder
mit anderen Worten ein Zweck die Ursache sei. Dieses ist die Erklärungsart
Epikurs, nach welcher der Unterschied einer Technik der Natur von der
bloßen Mechanik gänzlich abgeläugnet wird, und nicht allein für die
Übereinstimmung der erzeugten Producte mit unsern Begriffen vom 5 325
Zwecke, mithin für die Technik, sondern selbst für die Bestimmung der
Ursachen dieser Erzeugung nach Bewegungsgesetzen, mithin ihre
Mechanik der blinde Zufall zum Erklärungsgrunde angenommen, also
nichts, auch nicht einmal der Schein in unserm teleologischen Urtheile
erklärt, mithin der vorgebliche Idealism in demselben keineswegs dargethan
wird. 10
Andererseits will S p i n o z a uns aller Nachfrage nach dem Grunde der
Möglichkeit der Zwecke der Natur dadurch überheben und dieser Idee alle
Realität nehmen, daß er sie überhaupt nicht für Producte, sondern für einem
Urwesen inhärirende Accidenzen gelten läßt und diesem Wesen, als
Substrat jener Naturdinge, in Ansehung derselben nicht Causalität, 15
sondern bloß Subsistenz beilegt und (wegen der unbedingten
Nothwendigkeit desselben sammt allen Naturdingen, als ihm inhärirenden
Accidenzen) den Naturformen zwar die Einheit des Grundes, die zu aller
Zweckmäßigkeit erforderlich ist, sichert, aber zugleich die Zufälligkeit
derselben, ohne die keine Z w e c k e i n h e i t gedacht werden kann, entreißt
Keines der obigen Systeme leistet das, was es vorgiebt.
Was wollen alle jene Systeme? Sie wollen unsere teleologischen 15
Urtheile über die Natur erklären und gehen damit so zu Werke, daß ein
Theil die Wahrheit derselben läugnet, mithin sie für einen Idealism der
Natur (als Kunst vorgestellt) erklärt; der andere Theil sie als wahr anerkennt
und die Möglichkeit einer Natur nach der Idee der Endursachen darzuthun
verspricht. 20
1) Die für den Idealism der Endursachen in der Natur streitenden Systeme
lassen nun einerseits zwar an dem Princip derselben eine Causalität nach
Bewegungsgesetzen zu (durch welche die Naturdinge zweckmäßig
existiren); aber sie läugnen an ihr die I n t e n t i o n a l i t ä t, d. i. daß sie
absichtlich zu dieser ihrer zweckmäßigen Hervorbringung bestimmt, oder
mit anderen Worten ein Zweck die Ursache sei. Dieses ist die Erklärungsart
Epikurs, nach welcher der Unterschied einer Technik der Natur von der
bloßen Mechanik gänzlich abgeläugnet wird, und nicht allein für die
Übereinstimmung der erzeugten Producte mit unsern Begriffen vom 5 325
Zwecke, mithin für die Technik, sondern selbst für die Bestimmung der
Ursachen dieser Erzeugung nach Bewegungsgesetzen, mithin ihre
Mechanik der blinde Zufall zum Erklärungsgrunde angenommen, also
nichts, auch nicht einmal der Schein in unserm teleologischen Urtheile
erklärt, mithin der vorgebliche Idealism in demselben keineswegs dargethan
wird. 10
Andererseits will S p i n o z a uns aller Nachfrage nach dem Grunde der
Möglichkeit der Zwecke der Natur dadurch überheben und dieser Idee alle
Realität nehmen, daß er sie überhaupt nicht für Producte, sondern für einem
Urwesen inhärirende Accidenzen gelten läßt und diesem Wesen, als
Substrat jener Naturdinge, in Ansehung derselben nicht Causalität, 15
sondern bloß Subsistenz beilegt und (wegen der unbedingten
Nothwendigkeit desselben sammt allen Naturdingen, als ihm inhärirenden
Accidenzen) den Naturformen zwar die Einheit des Grundes, die zu aller
Zweckmäßigkeit erforderlich ist, sichert, aber zugleich die Zufälligkeit
derselben, ohne die keine Z w e c k e i n h e i t gedacht werden kann, entreißt
Page 279
und 20 mit ihr alles A b s i c h t l i c h e, so wie dem Urgrunde der
Naturdinge allen Verstand wegnimmt.
Der Spinozism leistet aber das nicht, was er will. Er will einen
Erklärungsgrund der Zweckverknüpfung (die er nicht läugnet) der Dinge
der Natur angeben und nennt bloß die Einheit des Subjects, dem sie alle 25
inhäriren. Aber wenn man ihm auch diese Art zu existiren für die
Weltwesen 326 einräumt, so ist doch jene ontologische Einheit darum noch
nicht sofort Z w e c k e i n h e i t und macht diese keinesweges begreiflich.
Die letztere ist nämlich eine ganz besondere Art derselben, die aus der
Verknüpfung der Dinge (Weltwesen) in einem Subjecte (dem Urwesen) gar
nicht folgt, 30 sondern durchaus die Beziehung auf eine U r s a c h e, die
Verstand hat, bei sich führt und selbst, wenn man alle diese Dinge in einem
einfachen Subjecte vereinigte, doch niemals eine Zweckbeziehung darstellt:
wofern man unter ihnen nicht erstlich innere W i r k u n g e n der Substanz
als einer U r s a c h e, zweitens eben derselben als Ursache d u r c h i h r e n
Ve r s t a n d 35 denkt. Ohne diese formalen Bedingungen ist alle Einheit
bloße Naturnothwendigkeit und, wird sie gleichwohl Dingen beigelegt, die
wir als außer einander vorstellen, blinde Nothwendigkeit. Will man aber
das, was die Schule die transscendentale Vollkommenheit der Dinge (in
Beziehung auf ihr eigenes Wesen) nennt, nach welcher alle Dinge alles an
sich haben, was erfordert wird, um so ein Ding und kein anderes zu sein,
Zweckmäßigkeit der Natur nennen: so ist das ein kindisches Spielwerk 5
mit Worten statt Begriffen. Denn wenn alle Dinge als Zwecke gedacht
werden müssen, also ein Ding sein und Zweck sein einerlei ist, so giebt es
im Grunde nichts, was besonders als Zweck vorgestellt zu werden
verdiente.
Man sieht hieraus wohl: daß Spinoza dadurch, daß er unsere Begriffe 10 327
von dem Zweckmäßigen in der Natur auf das Bewußtsein unserer selbst in
einem allbefassenden (doch zugleich einfachen) Wesen zurückführte und
jene Form bloß in der Einheit des letzern suchte, nicht den Realism,
sondern bloß den Idealism der Zweckmäßigkeit derselben zu behaupten die
Absicht haben mußte, diese aber selbst doch nicht bewerkstelligen konnte,
15 weil die bloße Vorstellung der Einheit des Substrats auch nicht einmal
die Idee von einer auch nur unabsichtlichen Zweckmäßigkeit bewirken
kann.
Naturdinge allen Verstand wegnimmt.
Der Spinozism leistet aber das nicht, was er will. Er will einen
Erklärungsgrund der Zweckverknüpfung (die er nicht läugnet) der Dinge
der Natur angeben und nennt bloß die Einheit des Subjects, dem sie alle 25
inhäriren. Aber wenn man ihm auch diese Art zu existiren für die
Weltwesen 326 einräumt, so ist doch jene ontologische Einheit darum noch
nicht sofort Z w e c k e i n h e i t und macht diese keinesweges begreiflich.
Die letztere ist nämlich eine ganz besondere Art derselben, die aus der
Verknüpfung der Dinge (Weltwesen) in einem Subjecte (dem Urwesen) gar
nicht folgt, 30 sondern durchaus die Beziehung auf eine U r s a c h e, die
Verstand hat, bei sich führt und selbst, wenn man alle diese Dinge in einem
einfachen Subjecte vereinigte, doch niemals eine Zweckbeziehung darstellt:
wofern man unter ihnen nicht erstlich innere W i r k u n g e n der Substanz
als einer U r s a c h e, zweitens eben derselben als Ursache d u r c h i h r e n
Ve r s t a n d 35 denkt. Ohne diese formalen Bedingungen ist alle Einheit
bloße Naturnothwendigkeit und, wird sie gleichwohl Dingen beigelegt, die
wir als außer einander vorstellen, blinde Nothwendigkeit. Will man aber
das, was die Schule die transscendentale Vollkommenheit der Dinge (in
Beziehung auf ihr eigenes Wesen) nennt, nach welcher alle Dinge alles an
sich haben, was erfordert wird, um so ein Ding und kein anderes zu sein,
Zweckmäßigkeit der Natur nennen: so ist das ein kindisches Spielwerk 5
mit Worten statt Begriffen. Denn wenn alle Dinge als Zwecke gedacht
werden müssen, also ein Ding sein und Zweck sein einerlei ist, so giebt es
im Grunde nichts, was besonders als Zweck vorgestellt zu werden
verdiente.
Man sieht hieraus wohl: daß Spinoza dadurch, daß er unsere Begriffe 10 327
von dem Zweckmäßigen in der Natur auf das Bewußtsein unserer selbst in
einem allbefassenden (doch zugleich einfachen) Wesen zurückführte und
jene Form bloß in der Einheit des letzern suchte, nicht den Realism,
sondern bloß den Idealism der Zweckmäßigkeit derselben zu behaupten die
Absicht haben mußte, diese aber selbst doch nicht bewerkstelligen konnte,
15 weil die bloße Vorstellung der Einheit des Substrats auch nicht einmal
die Idee von einer auch nur unabsichtlichen Zweckmäßigkeit bewirken
kann.
Page 280
2) Die, welche den R e a l i s m der Naturzwecke nicht bloß behaupten,
sondern ihn auch zu erklären vermeinen, glauben eine besondere Art der
Causalität, nämlich absichtlich wirkender Ursachen, wenigstens ihrer
Möglichkeit 20 nach einsehen zu können; sonst könnten sie es nicht
unternehmen jene erklären zu wollen. Denn zur Befugniß selbst der
gewagtesten Hypothese muß wenigstens die M ö g l i c h k e i t dessen, was
man als Grund annimmt, g e w i ß sein, und man muß dem Begriffe
desselben seine objective Realität sichern können. 25
Aber die Möglichkeit einer lebenden Materie (deren Begriff einen
Widerspruch enthält, weil Leblosigkeit, inertia, den wesentlichen Charakter
derselben ausmacht) läßt sich nicht einmal denken; die einer belebten
Materie und der gesammten Natur, als eines Thiers, kann nur sofern (zum
Behuf einer Hypothese der Zweckmäßigkeit im Großen der Natur) dürftiger
30 328 Weise gebraucht werden, als sie uns an der Organisation derselben
im Kleinen in der Erfahrung offenbart wird, keinesweges aber a priori ihrer
Möglichkeit nach eingesehen werden. Es muß also ein Cirkel im Erklären
begangen werden, wenn man die Zweckmäßigkeit der Natur an organisirten
Wesen aus dem Leben der Materie ableiten will und dieses 35 Leben
wiederum nicht anders als in organisirten Wesen kennt, also ohne
dergleichen Erfahrung sich keinen Begriff von der Möglichkeit derselben
machen kann. Der Hylozoism leistet also das nicht, was er verspricht.
Der T h e i s m kann endlich die Möglichkeit der Naturzwecke als einen
Schlüssel zur Teleologie eben so wenig dogmatisch begründen; ob er zwar
vor allen Erklärungsgründen derselben darin den Vorzug hat, daß er durch
5 einen Verstand, den er dem Urwesen beilegt, die Zweckmäßigkeit der
Natur dem Idealism am besten entreißt und eine absichtliche Causalität für
die Erzeugung derselben einführt.
Denn da müßte allererst, für die bestimmende Urtheilskraft hinreichend, die
Unmöglichkeit der Zweckeinheit in der Materie durch den 10 bloßen
Mechanism derselben bewiesen werden, um berechtigt zu sein den Grund
derselben über die Natur hinaus auf bestimmte Weise zu setzen. Wir können
aber nichts weiter herausbringen, als daß nach der Beschaffenheit und den
Schranken unserer Erkenntnißvermögen (indem wir den ersten, inneren
Grund selbst dieses Mechanisms nicht einsehen) wir 15 329 auf keinerlei
Weise in der Materie ein Princip bestimmter Zweckbeziehungen suchen
sondern ihn auch zu erklären vermeinen, glauben eine besondere Art der
Causalität, nämlich absichtlich wirkender Ursachen, wenigstens ihrer
Möglichkeit 20 nach einsehen zu können; sonst könnten sie es nicht
unternehmen jene erklären zu wollen. Denn zur Befugniß selbst der
gewagtesten Hypothese muß wenigstens die M ö g l i c h k e i t dessen, was
man als Grund annimmt, g e w i ß sein, und man muß dem Begriffe
desselben seine objective Realität sichern können. 25
Aber die Möglichkeit einer lebenden Materie (deren Begriff einen
Widerspruch enthält, weil Leblosigkeit, inertia, den wesentlichen Charakter
derselben ausmacht) läßt sich nicht einmal denken; die einer belebten
Materie und der gesammten Natur, als eines Thiers, kann nur sofern (zum
Behuf einer Hypothese der Zweckmäßigkeit im Großen der Natur) dürftiger
30 328 Weise gebraucht werden, als sie uns an der Organisation derselben
im Kleinen in der Erfahrung offenbart wird, keinesweges aber a priori ihrer
Möglichkeit nach eingesehen werden. Es muß also ein Cirkel im Erklären
begangen werden, wenn man die Zweckmäßigkeit der Natur an organisirten
Wesen aus dem Leben der Materie ableiten will und dieses 35 Leben
wiederum nicht anders als in organisirten Wesen kennt, also ohne
dergleichen Erfahrung sich keinen Begriff von der Möglichkeit derselben
machen kann. Der Hylozoism leistet also das nicht, was er verspricht.
Der T h e i s m kann endlich die Möglichkeit der Naturzwecke als einen
Schlüssel zur Teleologie eben so wenig dogmatisch begründen; ob er zwar
vor allen Erklärungsgründen derselben darin den Vorzug hat, daß er durch
5 einen Verstand, den er dem Urwesen beilegt, die Zweckmäßigkeit der
Natur dem Idealism am besten entreißt und eine absichtliche Causalität für
die Erzeugung derselben einführt.
Denn da müßte allererst, für die bestimmende Urtheilskraft hinreichend, die
Unmöglichkeit der Zweckeinheit in der Materie durch den 10 bloßen
Mechanism derselben bewiesen werden, um berechtigt zu sein den Grund
derselben über die Natur hinaus auf bestimmte Weise zu setzen. Wir können
aber nichts weiter herausbringen, als daß nach der Beschaffenheit und den
Schranken unserer Erkenntnißvermögen (indem wir den ersten, inneren
Grund selbst dieses Mechanisms nicht einsehen) wir 15 329 auf keinerlei
Weise in der Materie ein Princip bestimmter Zweckbeziehungen suchen
Page 281
müssen, sondern für uns keine andere Beurtheilungsart der Erzeugung ihrer
Producte als Naturzwecke übrig bleibe, als die durch einen obersten
Verstand als Weltursache. Das ist aber nur ein Grund für die reflectirende,
nicht für die bestimmende Urtheilskraft und kann 20 schlechterdings zu
keiner objectiven Behauptung berechtigen.
Producte als Naturzwecke übrig bleibe, als die durch einen obersten
Verstand als Weltursache. Das ist aber nur ein Grund für die reflectirende,
nicht für die bestimmende Urtheilskraft und kann 20 schlechterdings zu
keiner objectiven Behauptung berechtigen.
Page 282
§ 74.
Die Ursache der Unmöglichkeit, den Begriff einer Technik der Natur
dogmatisch zu behandeln, ist die Unerklärlichkeit eines Naturzwecks.
25
Wir verfahren mit einem Begriffe (wenn er gleich empirisch bedingt sein
sollte) dogmatisch, wenn wir ihn als unter einem anderen Begriffe des
Objects, der ein Princip der Vernunft ausmacht, enthalten betrachten und
ihn diesem gemäß bestimmen. Wir verfahren aber mit ihm bloß kritisch,
wenn wir ihn nur in Beziehung auf unser Erkenntnißvermögen, 30 mithin
auf die subjectiven Bedingungen ihn zu denken betrachten, ohne es zu
unternehmen über sein Object etwas zu entscheiden. Das dogmatische
Verfahren mit einem Begriffe ist also dasjenige, welches für die
bestimmende, das kritische das, welches bloß für die reflectirende
Urtheilskraft gesetzmäßig ist. 35
Nun ist der Begriff von einem Dinge als Naturzwecke ein Begriff, 330 der
die Natur unter eine Causalität, die nur durch Vernunft denkbar ist,
subsumirt, um nach diesem Princip über das, was vom Objecte in der
Erfahrung gegeben ist, zu urtheilen. Um ihn aber dogmatisch für die
bestimmende Urtheilskraft zu gebrauchen, müßten wir der objectiven
Realität 5 dieses Begriffs zuvor versichert sein, weil wir sonst kein
Naturding unter ihm subsumiren könnten. Der Begriff eines Dinges als
Naturzwecks ist aber zwar ein empirisch bedingter, d. i. nur unter gewissen
in der Erfahrung gegebenen Bedingungen möglicher, aber doch von
derselben nicht zu abstrahirender, sondern nur nach einem Vernunftprincip
10 in der Beurtheilung des Gegenstandes möglicher Begriff. Er kann also
als ein solches Princip seiner objectiven Realität nach (d. i. daß ihm gemäß
ein Object möglich sei) gar nicht eingesehen und dogmatisch begründet
werden; und wir wissen nicht, ob er bloß ein vernünftelnder und objectiv
leerer (conceptus ratiocinans), oder ein Vernunftbegriff, ein Erkenntniß 15
gründender, von der Vernunft bestätigter (conceptus ratiocinatus), sei. Also
kann er nicht dogmatisch für die bestimmende Urtheilskraft behandelt
werden: d. i. es kann nicht allein nicht ausgemacht werden, ob Dinge der
Natur, als Naturzwecke betrachtet, für ihre Erzeugung eine Causalität von
ganz besonderer Art (die nach Absichten) erfordern, oder nicht; sondern 20
Die Ursache der Unmöglichkeit, den Begriff einer Technik der Natur
dogmatisch zu behandeln, ist die Unerklärlichkeit eines Naturzwecks.
25
Wir verfahren mit einem Begriffe (wenn er gleich empirisch bedingt sein
sollte) dogmatisch, wenn wir ihn als unter einem anderen Begriffe des
Objects, der ein Princip der Vernunft ausmacht, enthalten betrachten und
ihn diesem gemäß bestimmen. Wir verfahren aber mit ihm bloß kritisch,
wenn wir ihn nur in Beziehung auf unser Erkenntnißvermögen, 30 mithin
auf die subjectiven Bedingungen ihn zu denken betrachten, ohne es zu
unternehmen über sein Object etwas zu entscheiden. Das dogmatische
Verfahren mit einem Begriffe ist also dasjenige, welches für die
bestimmende, das kritische das, welches bloß für die reflectirende
Urtheilskraft gesetzmäßig ist. 35
Nun ist der Begriff von einem Dinge als Naturzwecke ein Begriff, 330 der
die Natur unter eine Causalität, die nur durch Vernunft denkbar ist,
subsumirt, um nach diesem Princip über das, was vom Objecte in der
Erfahrung gegeben ist, zu urtheilen. Um ihn aber dogmatisch für die
bestimmende Urtheilskraft zu gebrauchen, müßten wir der objectiven
Realität 5 dieses Begriffs zuvor versichert sein, weil wir sonst kein
Naturding unter ihm subsumiren könnten. Der Begriff eines Dinges als
Naturzwecks ist aber zwar ein empirisch bedingter, d. i. nur unter gewissen
in der Erfahrung gegebenen Bedingungen möglicher, aber doch von
derselben nicht zu abstrahirender, sondern nur nach einem Vernunftprincip
10 in der Beurtheilung des Gegenstandes möglicher Begriff. Er kann also
als ein solches Princip seiner objectiven Realität nach (d. i. daß ihm gemäß
ein Object möglich sei) gar nicht eingesehen und dogmatisch begründet
werden; und wir wissen nicht, ob er bloß ein vernünftelnder und objectiv
leerer (conceptus ratiocinans), oder ein Vernunftbegriff, ein Erkenntniß 15
gründender, von der Vernunft bestätigter (conceptus ratiocinatus), sei. Also
kann er nicht dogmatisch für die bestimmende Urtheilskraft behandelt
werden: d. i. es kann nicht allein nicht ausgemacht werden, ob Dinge der
Natur, als Naturzwecke betrachtet, für ihre Erzeugung eine Causalität von
ganz besonderer Art (die nach Absichten) erfordern, oder nicht; sondern 20
Page 283
es kann auch nicht einmal darnach gefragt werden, weil der Begriff eines
331 Naturzwecks seiner objectiven Realität nach durch die Vernunft gar
nicht erweislich ist (d. i. er ist nicht für die bestimmende Urtheilskraft
constitutiv, sondern für die reflectirende bloß regulativ).
Daß er es aber nicht sei, ist daraus klar, weil er als Begriff von 25 einem
N a t u r p r o d u c t Naturnothwendigkeit und doch zugleich eine
Zufälligkeit der Form des Objects (in Beziehung auf bloße Gesetze der
Natur) an eben demselben Dinge als Zweck in sich faßt; folglich, wenn
hierin kein Widerspruch sein soll, einen Grund für die Möglichkeit des
Dinges in der Natur und doch auch einen Grund der Möglichkeit dieser
Natur 30 selbst und ihrer Beziehung auf etwas, das nicht empirisch
erkennbare Natur (übersinnlich), mithin für uns gar nicht erkennbar ist,
enthalten muß, um nach einer andern Art Causalität als der des
Naturmechanisms beurtheilt zu werden, wenn man seine Möglichkeit
ausmachen will. Da also der Begriff eines Dinges als Naturzwecks f ü r
d i e b e s t i m m e n d e 35 U r t h e i l s k r a f t überschwenglich ist, wenn
man das Object durch die Vernunft betrachtet (ob er zwar für die
reflectirende Urtheilskraft in Ansehung der Gegenstände der Erfahrung
immanent sein mag), mithin ihm für bestimmende Urtheile die objective
Realität nicht verschafft werden kann: so ist hieraus begreiflich, wie alle
Systeme, die man für die dogmatische Behandlung des Begriffs der
Naturzwecke und der Natur, als 332 eines durch Endursachen
zusammenhängenden Ganzen, nur immer entwerfen 5 mag, weder objectiv
bejahend, noch objectiv verneinend irgend etwas entscheiden können; weil,
wenn Dinge unter einem Begriffe, der bloß problematisch ist, subsumirt
werden, die synthetischen Prädicate desselben (z. B. hier: ob der Zweck der
Natur, den wir uns zu der Erzeugung der Dinge denken, absichtlich oder
unabsichtlich sei) eben solche 10 (problematische) Urtheile, sie mögen nun
bejahend oder verneinend sein, vom Object abgeben müssen, indem man
nicht weiß, ob man über Etwas oder Nichts urtheilt. Der Begriff einer
Causalität durch Zwecke (der Kunst) hat allerdings objective Realität, der
einer Causalität nach dem Mechanism der Natur eben sowohl. Aber der
Begriff einer Causalität 15 der Natur nach der Regel der Zwecke, noch
mehr aber eines Wesens, dergleichen uns gar nicht in der Erfahrung
gegeben werden kann, nämlich eines solchen als Urgrundes der Natur, kann
zwar ohne Widerspruch gedacht werden, aber zu dogmatischen
331 Naturzwecks seiner objectiven Realität nach durch die Vernunft gar
nicht erweislich ist (d. i. er ist nicht für die bestimmende Urtheilskraft
constitutiv, sondern für die reflectirende bloß regulativ).
Daß er es aber nicht sei, ist daraus klar, weil er als Begriff von 25 einem
N a t u r p r o d u c t Naturnothwendigkeit und doch zugleich eine
Zufälligkeit der Form des Objects (in Beziehung auf bloße Gesetze der
Natur) an eben demselben Dinge als Zweck in sich faßt; folglich, wenn
hierin kein Widerspruch sein soll, einen Grund für die Möglichkeit des
Dinges in der Natur und doch auch einen Grund der Möglichkeit dieser
Natur 30 selbst und ihrer Beziehung auf etwas, das nicht empirisch
erkennbare Natur (übersinnlich), mithin für uns gar nicht erkennbar ist,
enthalten muß, um nach einer andern Art Causalität als der des
Naturmechanisms beurtheilt zu werden, wenn man seine Möglichkeit
ausmachen will. Da also der Begriff eines Dinges als Naturzwecks f ü r
d i e b e s t i m m e n d e 35 U r t h e i l s k r a f t überschwenglich ist, wenn
man das Object durch die Vernunft betrachtet (ob er zwar für die
reflectirende Urtheilskraft in Ansehung der Gegenstände der Erfahrung
immanent sein mag), mithin ihm für bestimmende Urtheile die objective
Realität nicht verschafft werden kann: so ist hieraus begreiflich, wie alle
Systeme, die man für die dogmatische Behandlung des Begriffs der
Naturzwecke und der Natur, als 332 eines durch Endursachen
zusammenhängenden Ganzen, nur immer entwerfen 5 mag, weder objectiv
bejahend, noch objectiv verneinend irgend etwas entscheiden können; weil,
wenn Dinge unter einem Begriffe, der bloß problematisch ist, subsumirt
werden, die synthetischen Prädicate desselben (z. B. hier: ob der Zweck der
Natur, den wir uns zu der Erzeugung der Dinge denken, absichtlich oder
unabsichtlich sei) eben solche 10 (problematische) Urtheile, sie mögen nun
bejahend oder verneinend sein, vom Object abgeben müssen, indem man
nicht weiß, ob man über Etwas oder Nichts urtheilt. Der Begriff einer
Causalität durch Zwecke (der Kunst) hat allerdings objective Realität, der
einer Causalität nach dem Mechanism der Natur eben sowohl. Aber der
Begriff einer Causalität 15 der Natur nach der Regel der Zwecke, noch
mehr aber eines Wesens, dergleichen uns gar nicht in der Erfahrung
gegeben werden kann, nämlich eines solchen als Urgrundes der Natur, kann
zwar ohne Widerspruch gedacht werden, aber zu dogmatischen
Page 284
Bestimmungen doch nicht taugen: weil ihm, da er nicht aus der Erfahrung
gezogen werden kann, auch zur 20 Möglichkeit derselben nicht erforderlich
ist, seine objective Realität durch nichts gesichert werden kann. Geschähe
dieses aber auch, wie kann ich Dinge, die für Producte göttlicher Kunst
bestimmt angegeben werden, noch unter Producte der Natur zählen, deren
Unfähigkeit, dergleichen nach ihren 333 Gesetzen hervorzubringen, eben die
Berufung auf eine von ihr unterschiedene 25 Ursache nothwendig machte?
gezogen werden kann, auch zur 20 Möglichkeit derselben nicht erforderlich
ist, seine objective Realität durch nichts gesichert werden kann. Geschähe
dieses aber auch, wie kann ich Dinge, die für Producte göttlicher Kunst
bestimmt angegeben werden, noch unter Producte der Natur zählen, deren
Unfähigkeit, dergleichen nach ihren 333 Gesetzen hervorzubringen, eben die
Berufung auf eine von ihr unterschiedene 25 Ursache nothwendig machte?
Page 285
§ 75.
Der Begriff einer objectiven Zweckmäßigkeit der Natur ist ein
kritisches Princip der Vernunft für die reflectirende Urtheilskraft. 30
Es ist doch etwas ganz Anderes, ob ich sage: die Erzeugung gewisser Dinge
der Natur, oder auch der gesammten Natur ist nur durch eine Ursache, die
sich nach Absichten zum Handeln bestimmt, möglich; oder ich kann n a c h
der eigenthümlichen Beschaffenheit meiner
E r k e n n t n i ß v e r m ö g e n über die Möglichkeit jener Dinge und ihre 35
Erzeugung nicht anders urtheilen, als wenn ich mir zu dieser eine Ursache,
die nach Absichten wirkt, mithin ein Wesen denke, welches nach der
Analogie mit der Causalität eines Verstandes productiv ist. Im ersteren Falle
will ich etwas über das Object ausmachen und bin verbunden, die objective
Realität eines angenommenen Begriffs darzuthun; im zweiten 5 bestimmt
die Vernunft nur den Gebrauch meiner Erkenntnißvermögen angemessen
ihrer Eigenthümlichkeit und den wesentlichen Bedingungen ihres
Umfanges sowohl, als ihrer Schranken. Also ist das erste Princip ein
o b j e c t i v e r Grundsatz für die bestimmende, das zweite ein subjectiver
Grundsatz bloß für die reflectirende Urtheilskraft, mithin eine Maxime 10
334 derselben, die ihr die Vernunft auferlegt.
Wir haben nämlich unentbehrlich nöthig, der Natur den Begriff einer
Absicht unterzulegen, wenn wir ihr auch nur in ihren organisirten Producten
durch fortgesetzte Beobachtung nachforschen wollen; und dieser Begriff ist
also schon für den Erfahrungsgebrauch unserer Vernunft eine 15
schlechterdings nothwendige Maxime. Es ist offenbar: daß, da einmal ein
solcher Leitfaden die Natur zu studiren aufgenommen und bewährt
gefunden ist, wir die gedachte Maxime der Urtheilskraft auch am Ganzen
der Natur wenigstens versuchen müssen, weil sich nach derselben noch
manche Gesetze derselben dürften auffinden lassen, die uns nach der
Beschränkung 20 unserer Einsichten in das Innere des Mechanisms
derselben sonst verborgen bleiben würden. Aber in Ansehung des letztern
Gebrauchs ist jene Maxime der Urtheilskraft zwar nützlich, aber nicht
unentbehrlich, weil uns die Natur im Ganzen als organisirt (in der oben
angeführten engsten Bedeutung des Worts) nicht gegeben ist. Hingegen in
Ansehung 25 der Producte derselben, welche nur als absichtlich so und
Der Begriff einer objectiven Zweckmäßigkeit der Natur ist ein
kritisches Princip der Vernunft für die reflectirende Urtheilskraft. 30
Es ist doch etwas ganz Anderes, ob ich sage: die Erzeugung gewisser Dinge
der Natur, oder auch der gesammten Natur ist nur durch eine Ursache, die
sich nach Absichten zum Handeln bestimmt, möglich; oder ich kann n a c h
der eigenthümlichen Beschaffenheit meiner
E r k e n n t n i ß v e r m ö g e n über die Möglichkeit jener Dinge und ihre 35
Erzeugung nicht anders urtheilen, als wenn ich mir zu dieser eine Ursache,
die nach Absichten wirkt, mithin ein Wesen denke, welches nach der
Analogie mit der Causalität eines Verstandes productiv ist. Im ersteren Falle
will ich etwas über das Object ausmachen und bin verbunden, die objective
Realität eines angenommenen Begriffs darzuthun; im zweiten 5 bestimmt
die Vernunft nur den Gebrauch meiner Erkenntnißvermögen angemessen
ihrer Eigenthümlichkeit und den wesentlichen Bedingungen ihres
Umfanges sowohl, als ihrer Schranken. Also ist das erste Princip ein
o b j e c t i v e r Grundsatz für die bestimmende, das zweite ein subjectiver
Grundsatz bloß für die reflectirende Urtheilskraft, mithin eine Maxime 10
334 derselben, die ihr die Vernunft auferlegt.
Wir haben nämlich unentbehrlich nöthig, der Natur den Begriff einer
Absicht unterzulegen, wenn wir ihr auch nur in ihren organisirten Producten
durch fortgesetzte Beobachtung nachforschen wollen; und dieser Begriff ist
also schon für den Erfahrungsgebrauch unserer Vernunft eine 15
schlechterdings nothwendige Maxime. Es ist offenbar: daß, da einmal ein
solcher Leitfaden die Natur zu studiren aufgenommen und bewährt
gefunden ist, wir die gedachte Maxime der Urtheilskraft auch am Ganzen
der Natur wenigstens versuchen müssen, weil sich nach derselben noch
manche Gesetze derselben dürften auffinden lassen, die uns nach der
Beschränkung 20 unserer Einsichten in das Innere des Mechanisms
derselben sonst verborgen bleiben würden. Aber in Ansehung des letztern
Gebrauchs ist jene Maxime der Urtheilskraft zwar nützlich, aber nicht
unentbehrlich, weil uns die Natur im Ganzen als organisirt (in der oben
angeführten engsten Bedeutung des Worts) nicht gegeben ist. Hingegen in
Ansehung 25 der Producte derselben, welche nur als absichtlich so und
Page 286
nicht anders geformt müssen beurtheilt werden, um auch nur eine
Erfahrungserkenntniß ihrer innern Beschaffenheit zu bekommen, ist jene
Maxime der reflectirenden Urtheilskraft wesentlich nothwendig: weil selbst
der Gedanke von ihnen als organisirten Dingen, ohne den Gedanken einer
Erzeugung mit 30 335 Absicht damit zu verbinden, unmöglich ist.
Nun ist der Begriff eines Dinges, dessen Existenz oder Form wir uns unter
der Bedingung eines Zwecks als möglich vorstellen, mit dem Begriffe einer
Zufälligkeit desselben (nach Naturgesetzen) unzertrennlich verbunden.
Daher machen auch die Naturdinge, welche wir nur als 35 Zwecke möglich
finden, den vornehmsten Beweis für die Zufälligkeit des Weltganzen aus
und sind der einzige für den gemeinen Verstand eben sowohl als den
Philosophen geltende Beweisgrund der Abhängigkeit und des Ursprungs
desselben von einem außer der Welt existirenden und zwar (um jener
zweckmäßigen Form willen) verständigen Wesen: daß also die Teleologie
keine Vollendung des Aufschlusses für ihre Nachforschungen, als in einer
Theologie findet. 5
Was beweiset nun aber am Ende auch die allervollständigste Teleologie?
Beweiset sie etwa, daß ein solches verständiges Wesen da sei? Nein; nichts
weiter, als daß wir nach Beschaffenheit unserer Erkenntnißvermögen, also
in Verbindung der Erfahrung mit den obersten Principien der Vernunft, uns
schlechterdings keinen Begriff von der Möglichkeit einer 10 solchen Welt
machen können, als so, daß wir uns eine a b s i c h t l i c h - w i r k e n d e
oberste Ursache derselben denken. Objectiv können wir also nicht den Satz
darthun: es ist ein verständiges Urwesen; sondern nur subjectiv für den
Gebrauch unserer Urtheilskraft in ihrer Reflexion über die Zwecke 336 in
der Natur, die nach keinem anderen Princip als dem einer absichtlichen 15
Causalität einer höchsten Ursache gedacht werden können.
Wollten wir den obersten Satz dogmatisch, aus teleologischen Gründen,
darthun: so würden wir von Schwierigkeiten befangen werden, aus denen
wir uns nicht herauswickeln könnten. Denn da würde diesen Schlüssen der
Satz zum Grunde gelegt werden müssen: die organisirten 20 Wesen in der
Welt sind nicht anders, als durch eine absichtlich-wirkende Ursache
möglich. Daß aber, weil wir diese Dinge nur unter der Idee der Zwecke in
ihrer Causalverbindung verfolgen und diese nach ihrer Gesetzmäßigkeit
erkennen können, wir auch berechtigt wären, eben dieses auch für jedes
Erfahrungserkenntniß ihrer innern Beschaffenheit zu bekommen, ist jene
Maxime der reflectirenden Urtheilskraft wesentlich nothwendig: weil selbst
der Gedanke von ihnen als organisirten Dingen, ohne den Gedanken einer
Erzeugung mit 30 335 Absicht damit zu verbinden, unmöglich ist.
Nun ist der Begriff eines Dinges, dessen Existenz oder Form wir uns unter
der Bedingung eines Zwecks als möglich vorstellen, mit dem Begriffe einer
Zufälligkeit desselben (nach Naturgesetzen) unzertrennlich verbunden.
Daher machen auch die Naturdinge, welche wir nur als 35 Zwecke möglich
finden, den vornehmsten Beweis für die Zufälligkeit des Weltganzen aus
und sind der einzige für den gemeinen Verstand eben sowohl als den
Philosophen geltende Beweisgrund der Abhängigkeit und des Ursprungs
desselben von einem außer der Welt existirenden und zwar (um jener
zweckmäßigen Form willen) verständigen Wesen: daß also die Teleologie
keine Vollendung des Aufschlusses für ihre Nachforschungen, als in einer
Theologie findet. 5
Was beweiset nun aber am Ende auch die allervollständigste Teleologie?
Beweiset sie etwa, daß ein solches verständiges Wesen da sei? Nein; nichts
weiter, als daß wir nach Beschaffenheit unserer Erkenntnißvermögen, also
in Verbindung der Erfahrung mit den obersten Principien der Vernunft, uns
schlechterdings keinen Begriff von der Möglichkeit einer 10 solchen Welt
machen können, als so, daß wir uns eine a b s i c h t l i c h - w i r k e n d e
oberste Ursache derselben denken. Objectiv können wir also nicht den Satz
darthun: es ist ein verständiges Urwesen; sondern nur subjectiv für den
Gebrauch unserer Urtheilskraft in ihrer Reflexion über die Zwecke 336 in
der Natur, die nach keinem anderen Princip als dem einer absichtlichen 15
Causalität einer höchsten Ursache gedacht werden können.
Wollten wir den obersten Satz dogmatisch, aus teleologischen Gründen,
darthun: so würden wir von Schwierigkeiten befangen werden, aus denen
wir uns nicht herauswickeln könnten. Denn da würde diesen Schlüssen der
Satz zum Grunde gelegt werden müssen: die organisirten 20 Wesen in der
Welt sind nicht anders, als durch eine absichtlich-wirkende Ursache
möglich. Daß aber, weil wir diese Dinge nur unter der Idee der Zwecke in
ihrer Causalverbindung verfolgen und diese nach ihrer Gesetzmäßigkeit
erkennen können, wir auch berechtigt wären, eben dieses auch für jedes
Page 287
denkende und erkennende Wesen als nothwendige, mithin dem 25 Objecte
und nicht bloß unserm Subjecte anhängende Bedingung vorauszusetzen:
das müßten wir hiebei unvermeidlich behaupten wollen. Aber mit einer
solchen Behauptung kommen wir nicht durch. Denn da wir die Zwecke in
der Natur als absichtliche eigentlich nicht b e o b a c h t e n, sondern nur in
der Reflexion über ihre Producte diesen Begriff als einen 30 Leitfaden der
Urtheilskraft hinzu d e n k e n: so sind sie uns nicht durch das Object
gegeben. A priori ist es sogar für uns unmöglich, einen solchen Begriff
seiner objectiven Realität nach als annehmungsfähig zu rechtfertigen. Es
bleibt also schlechterdings ein nur auf subjectiven Bedingungen, 337
nämlich der unseren Erkenntnißvermögen angemessen reflectirenden 35
Urtheilskraft, beruhender Satz, der, wenn man ihn als objectiv-dogmatisch
geltend ausdrückte, heißen würde: Es ist ein Gott; nun aber für uns
Menschen nur die eingeschränkte Formel erlaubt: Wir können uns die
Zweckmäßigkeit, die selbst unserer Erkenntniß der inneren Möglichkeit
vieler Naturdinge zum Grunde gelegt werden muß, gar nicht anders denken
und begreiflich machen, als indem wir sie und überhaupt die Welt uns als
ein Product einer verständigen Ursache (eines Gottes) vorstellen. 5
Wenn nun dieser auf einer unumgänglich nothwendigen Maxime unserer
Urtheilskraft gegründete Satz allem sowohl speculativen als praktischen
Gebrauche unserer Vernunft in jeder m e n s c h l i c h e n Absicht
vollkommen genugthuend ist: so möchte ich wohl wissen, was uns dann
darunter 10 abgehe, daß wir ihn nicht auch für höhere Wesen gültig,
nämlich aus reinen objectiven Gründen (die leider unser Vermögen
übersteigen), beweisen können. Es ist nämlich ganz gewiß, daß wir die
organisirten Wesen und deren innere Möglichkeit nach bloß mechanischen
Principien der Natur nicht einmal zureichend kennen lernen, viel weniger
uns erklären 15 können; und zwar so gewiß, daß man dreist sagen kann: es
ist für Menschen ungereimt, auch nur einen solchen Anschlag zu fassen,
oder zu 338 hoffen, daß noch etwa dereinst ein Newton aufstehen könne, der
auch nur die Erzeugung eines Grashalms nach Naturgesetzen, die keine
Absicht geordnet hat, begreiflich machen werde; sondern man muß diese
Einsicht 20 den Menschen schlechterdings absprechen. Daß dann aber auch
in der Natur, wenn wir bis zum Princip derselben in der Specification ihrer
allgemeinen uns bekannten Gesetze durchdringen könnten, ein
hinreichender Grund der Möglichkeit organisirten Wesen, ohne ihrer
und nicht bloß unserm Subjecte anhängende Bedingung vorauszusetzen:
das müßten wir hiebei unvermeidlich behaupten wollen. Aber mit einer
solchen Behauptung kommen wir nicht durch. Denn da wir die Zwecke in
der Natur als absichtliche eigentlich nicht b e o b a c h t e n, sondern nur in
der Reflexion über ihre Producte diesen Begriff als einen 30 Leitfaden der
Urtheilskraft hinzu d e n k e n: so sind sie uns nicht durch das Object
gegeben. A priori ist es sogar für uns unmöglich, einen solchen Begriff
seiner objectiven Realität nach als annehmungsfähig zu rechtfertigen. Es
bleibt also schlechterdings ein nur auf subjectiven Bedingungen, 337
nämlich der unseren Erkenntnißvermögen angemessen reflectirenden 35
Urtheilskraft, beruhender Satz, der, wenn man ihn als objectiv-dogmatisch
geltend ausdrückte, heißen würde: Es ist ein Gott; nun aber für uns
Menschen nur die eingeschränkte Formel erlaubt: Wir können uns die
Zweckmäßigkeit, die selbst unserer Erkenntniß der inneren Möglichkeit
vieler Naturdinge zum Grunde gelegt werden muß, gar nicht anders denken
und begreiflich machen, als indem wir sie und überhaupt die Welt uns als
ein Product einer verständigen Ursache (eines Gottes) vorstellen. 5
Wenn nun dieser auf einer unumgänglich nothwendigen Maxime unserer
Urtheilskraft gegründete Satz allem sowohl speculativen als praktischen
Gebrauche unserer Vernunft in jeder m e n s c h l i c h e n Absicht
vollkommen genugthuend ist: so möchte ich wohl wissen, was uns dann
darunter 10 abgehe, daß wir ihn nicht auch für höhere Wesen gültig,
nämlich aus reinen objectiven Gründen (die leider unser Vermögen
übersteigen), beweisen können. Es ist nämlich ganz gewiß, daß wir die
organisirten Wesen und deren innere Möglichkeit nach bloß mechanischen
Principien der Natur nicht einmal zureichend kennen lernen, viel weniger
uns erklären 15 können; und zwar so gewiß, daß man dreist sagen kann: es
ist für Menschen ungereimt, auch nur einen solchen Anschlag zu fassen,
oder zu 338 hoffen, daß noch etwa dereinst ein Newton aufstehen könne, der
auch nur die Erzeugung eines Grashalms nach Naturgesetzen, die keine
Absicht geordnet hat, begreiflich machen werde; sondern man muß diese
Einsicht 20 den Menschen schlechterdings absprechen. Daß dann aber auch
in der Natur, wenn wir bis zum Princip derselben in der Specification ihrer
allgemeinen uns bekannten Gesetze durchdringen könnten, ein
hinreichender Grund der Möglichkeit organisirten Wesen, ohne ihrer
Page 288
Erzeugung eine Absicht unterzulegen (also im bloßen Mechanism
derselben), gar nicht 25 verborgen liegen k ö n n e, das wäre wiederum von
uns zu vermessen geurtheilt; denn woher wollen wir das wissen?
Wahrscheinlichkeiten fallen hier gar weg, wo es auf Urtheile der reinen
Vernunft ankommt. — Also können wir über den Satz: ob ein nach
Absichten handelndes Wesen als Weltursache (mithin als Urheber) dem,
was wir mit Recht Naturzwecke 30 nennen, zum Grunde liege, objectiv gar
nicht, weder bejahend noch verneinend, urtheilen; nur so viel ist sicher, daß,
wenn wir doch wenigstens nach dem, was uns einzusehen durch unsere
eigene Natur vergönnt ist (nach den Bedingungen und Schranken unserer
Vernunft), urtheilen sollen, wir schlechterdings nichts anders als ein
verständiges Wesen der 35 Möglichkeit jener Naturzwecke zum Grunde
legen können: welches der Maxime unserer reflectirenden Urtheilskraft,
folglich einem subjectiven, 339 aber dem menschlichen Geschlecht
unnachlaßlich anhängenden Grunde allein gemäß ist.
derselben), gar nicht 25 verborgen liegen k ö n n e, das wäre wiederum von
uns zu vermessen geurtheilt; denn woher wollen wir das wissen?
Wahrscheinlichkeiten fallen hier gar weg, wo es auf Urtheile der reinen
Vernunft ankommt. — Also können wir über den Satz: ob ein nach
Absichten handelndes Wesen als Weltursache (mithin als Urheber) dem,
was wir mit Recht Naturzwecke 30 nennen, zum Grunde liege, objectiv gar
nicht, weder bejahend noch verneinend, urtheilen; nur so viel ist sicher, daß,
wenn wir doch wenigstens nach dem, was uns einzusehen durch unsere
eigene Natur vergönnt ist (nach den Bedingungen und Schranken unserer
Vernunft), urtheilen sollen, wir schlechterdings nichts anders als ein
verständiges Wesen der 35 Möglichkeit jener Naturzwecke zum Grunde
legen können: welches der Maxime unserer reflectirenden Urtheilskraft,
folglich einem subjectiven, 339 aber dem menschlichen Geschlecht
unnachlaßlich anhängenden Grunde allein gemäß ist.
Page 289
§ 76.
Anmerkung.
Diese Betrachtung, welche es gar sehr verdient in der
Transscendentalphilosophie 5 umständlich ausgeführt zu werden, mag hier
nur episodisch zur Erläuterung (nicht zum Beweise des hier Vorgetragenen)
eintreten.
Die Vernunft ist ein Vermögen der Principien und geht in ihrer äußersten
Forderung auf das Unbedingte; da hingegen der Verstand ihr immer nur
unter einer gewissen Bedingung, die gegeben werden muß, zu 10 Diensten
steht. Ohne Begriffe des Verstandes aber, welchen objective Realität
gegeben werden muß, kann die Vernunft gar nicht objectiv (synthetisch)
urtheilen und enthält als theoretische Vernunft für sich schlechterdings
keine constitutive, sondern bloß regulative Principien. Man wird bald inne:
daß, wo der Verstand nicht folgen kann, die Vernunft überschwenglich 15
wird und in zwar gegründeten Ideen (als regulativen Principien), aber nicht
objectiv gültigen Begriffen sich hervorthut; der Verstand aber, der mit ihr
nicht Schritt halten kann, aber doch zur Gültigkeit für Objecte nöthig sein
würde, die Gültigkeit jener Ideen der Vernunft nur auf das Subject, aber
doch allgemein für alle von dieser Gattung, 20 d. i. auf die Bedingung
einschränke, daß nach der Natur unseres (menschlichen)
Erkenntnißvermögens oder gar überhaupt nach dem Begriffe, d e n w i r
u n s von dem Vermögen eines endlichen vernünftigen Wesens überhaupt
m a c h e n können, nicht anders als so könne und müsse gedacht werden:
ohne doch zu behaupten, daß der Grund eines solchen Urtheils 25 340 im
Objecte liege. Wir wollen Beispiele anführen, die zwar zu viel Wichtigkeit
und auch Schwierigkeit haben, um sie hier sofort als erwiesene Sätze dem
Leser aufzudringen, die ihm aber Stoff zum Nachdenken geben und dem,
was hier unser eigenthümliches Geschäft ist, zur Erläuterung dienen
können. 30
Es ist dem menschlichen Verstande unumgänglich nothwendig, Möglichkeit
und Wirklichkeit der Dinge zu unterscheiden. Der Grund davon liegt im
Subjecte und der Natur seiner Erkenntnißvermögen. Denn wären zu dieser
ihrer Ausübung nicht zwei ganz heterogene Stücke, Verstand für Begriffe
Anmerkung.
Diese Betrachtung, welche es gar sehr verdient in der
Transscendentalphilosophie 5 umständlich ausgeführt zu werden, mag hier
nur episodisch zur Erläuterung (nicht zum Beweise des hier Vorgetragenen)
eintreten.
Die Vernunft ist ein Vermögen der Principien und geht in ihrer äußersten
Forderung auf das Unbedingte; da hingegen der Verstand ihr immer nur
unter einer gewissen Bedingung, die gegeben werden muß, zu 10 Diensten
steht. Ohne Begriffe des Verstandes aber, welchen objective Realität
gegeben werden muß, kann die Vernunft gar nicht objectiv (synthetisch)
urtheilen und enthält als theoretische Vernunft für sich schlechterdings
keine constitutive, sondern bloß regulative Principien. Man wird bald inne:
daß, wo der Verstand nicht folgen kann, die Vernunft überschwenglich 15
wird und in zwar gegründeten Ideen (als regulativen Principien), aber nicht
objectiv gültigen Begriffen sich hervorthut; der Verstand aber, der mit ihr
nicht Schritt halten kann, aber doch zur Gültigkeit für Objecte nöthig sein
würde, die Gültigkeit jener Ideen der Vernunft nur auf das Subject, aber
doch allgemein für alle von dieser Gattung, 20 d. i. auf die Bedingung
einschränke, daß nach der Natur unseres (menschlichen)
Erkenntnißvermögens oder gar überhaupt nach dem Begriffe, d e n w i r
u n s von dem Vermögen eines endlichen vernünftigen Wesens überhaupt
m a c h e n können, nicht anders als so könne und müsse gedacht werden:
ohne doch zu behaupten, daß der Grund eines solchen Urtheils 25 340 im
Objecte liege. Wir wollen Beispiele anführen, die zwar zu viel Wichtigkeit
und auch Schwierigkeit haben, um sie hier sofort als erwiesene Sätze dem
Leser aufzudringen, die ihm aber Stoff zum Nachdenken geben und dem,
was hier unser eigenthümliches Geschäft ist, zur Erläuterung dienen
können. 30
Es ist dem menschlichen Verstande unumgänglich nothwendig, Möglichkeit
und Wirklichkeit der Dinge zu unterscheiden. Der Grund davon liegt im
Subjecte und der Natur seiner Erkenntnißvermögen. Denn wären zu dieser
ihrer Ausübung nicht zwei ganz heterogene Stücke, Verstand für Begriffe
Page 290
und sinnliche Anschauung für Objecte, die ihnen 35 correspondiren,
erforderlich: so würde es keine solche Unterscheidung (zwischen dem
Möglichen und Wirklichen) geben. Wäre nämlich unser Verstand
anschauend, so hätte er keine Gegenstände als das Wirkliche. Begriffe (die
bloß auf die Möglichkeit eines Gegenstandes gehen) und sinnliche
Anschauungen (welche uns etwas geben, ohne es dadurch doch als
Gegenstand erkennen zu lassen) würden beide wegfallen. Nun beruht 5
aber alle unsere Unterscheidung des bloß Möglichen vom Wirklichen
darauf, daß das erstere nur die Position der Vorstellung eines Dinges
respectiv auf unsern Begriff und überhaupt das Vermögen zu denken, das
letztere aber die Setzung des Dinges an sich selbst (außer diesem Begriffe)
bedeutet. Also ist die Unterscheidung möglicher Dinge von wirklichen 10
eine solche, die bloß subjectiv für den menschlichen Verstand gilt, da wir
nämlich etwas immer noch in Gedanken haben können, ob es gleich nicht
ist, oder etwas als gegeben uns vorstellen, ob wir gleich noch keinen Begriff
davon haben. Die Sätze also: daß Dinge möglich sein können, ohne
wirklich zu sein, daß also aus der bloßen Möglichkeit auf die Wirklichkeit
15 gar nicht geschlossen werden könne, gelten ganz richtig für die
menschliche 341 Vernunft, ohne darum zu beweisen, daß dieser Unterschied
in den Dingen selbst liege. Denn daß dieses nicht daraus gefolgert werden
könne, mithin jene Sätze zwar allerdings auch von Objecten gelten, so fern
unser Erkenntnißvermögen als sinnlich-bedingt sich auch mit Objecten der
Sinne 20 beschäftigt, aber nicht von Dingen überhaupt: leuchtet aus der
unablaßlichen Forderung der Vernunft ein, irgend ein Etwas (den Urgrund)
als unbedingt nothwendig existirend anzunehmen, an welchem Möglichkeit
und Wirklichkeit gar nicht mehr unterschieden werden sollen, und für
welche Idee unser Verstand schlechterdings keinen Begriff hat, d. i. keine
Art ausfinden 25 kann, wie er ein solches Ding und seine Art zu existiren
sich vorstellen solle. Denn wenn er es d e n k t (er mag es denken, wie er
will), so ist es bloß als möglich vorgestellt. Ist er sich dessen als in der
Anschauung gegeben bewußt, so ist es wirklich, ohne sich hiebei irgend
etwas von Möglichkeit zu denken. Daher ist der Begriff eines absolut-
nothwendigen 30 Wesens zwar eine unentbehrliche Vernunftidee, aber ein
für den menschlichen Verstand unerreichbarer problematischer Begriff. Er
gilt aber doch für den Gebrauch unserer Erkenntnißvermögen nach der
eigenthümlichen Beschaffenheit derselben, mithin nicht vom Objecte und
hiemit für jedes erkennende Wesen: weil ich nicht bei jedem das Denken
erforderlich: so würde es keine solche Unterscheidung (zwischen dem
Möglichen und Wirklichen) geben. Wäre nämlich unser Verstand
anschauend, so hätte er keine Gegenstände als das Wirkliche. Begriffe (die
bloß auf die Möglichkeit eines Gegenstandes gehen) und sinnliche
Anschauungen (welche uns etwas geben, ohne es dadurch doch als
Gegenstand erkennen zu lassen) würden beide wegfallen. Nun beruht 5
aber alle unsere Unterscheidung des bloß Möglichen vom Wirklichen
darauf, daß das erstere nur die Position der Vorstellung eines Dinges
respectiv auf unsern Begriff und überhaupt das Vermögen zu denken, das
letztere aber die Setzung des Dinges an sich selbst (außer diesem Begriffe)
bedeutet. Also ist die Unterscheidung möglicher Dinge von wirklichen 10
eine solche, die bloß subjectiv für den menschlichen Verstand gilt, da wir
nämlich etwas immer noch in Gedanken haben können, ob es gleich nicht
ist, oder etwas als gegeben uns vorstellen, ob wir gleich noch keinen Begriff
davon haben. Die Sätze also: daß Dinge möglich sein können, ohne
wirklich zu sein, daß also aus der bloßen Möglichkeit auf die Wirklichkeit
15 gar nicht geschlossen werden könne, gelten ganz richtig für die
menschliche 341 Vernunft, ohne darum zu beweisen, daß dieser Unterschied
in den Dingen selbst liege. Denn daß dieses nicht daraus gefolgert werden
könne, mithin jene Sätze zwar allerdings auch von Objecten gelten, so fern
unser Erkenntnißvermögen als sinnlich-bedingt sich auch mit Objecten der
Sinne 20 beschäftigt, aber nicht von Dingen überhaupt: leuchtet aus der
unablaßlichen Forderung der Vernunft ein, irgend ein Etwas (den Urgrund)
als unbedingt nothwendig existirend anzunehmen, an welchem Möglichkeit
und Wirklichkeit gar nicht mehr unterschieden werden sollen, und für
welche Idee unser Verstand schlechterdings keinen Begriff hat, d. i. keine
Art ausfinden 25 kann, wie er ein solches Ding und seine Art zu existiren
sich vorstellen solle. Denn wenn er es d e n k t (er mag es denken, wie er
will), so ist es bloß als möglich vorgestellt. Ist er sich dessen als in der
Anschauung gegeben bewußt, so ist es wirklich, ohne sich hiebei irgend
etwas von Möglichkeit zu denken. Daher ist der Begriff eines absolut-
nothwendigen 30 Wesens zwar eine unentbehrliche Vernunftidee, aber ein
für den menschlichen Verstand unerreichbarer problematischer Begriff. Er
gilt aber doch für den Gebrauch unserer Erkenntnißvermögen nach der
eigenthümlichen Beschaffenheit derselben, mithin nicht vom Objecte und
hiemit für jedes erkennende Wesen: weil ich nicht bei jedem das Denken
Page 291
und die Anschauung, 35 als zwei verschiedene Bedingungen der Ausübung
seiner Erkenntnißvermögen, mithin der Möglichkeit und Wirklichkeit der
Dinge, voraussetzen kann. Für einen Verstand, bei dem dieser Unterschied
nicht einträte, würde es heißen: alle Objecte, die ich erkenne, s i n d
(existiren); und die Möglichkeit einiger, die doch nicht existirten, d. i.
Zufälligkeit derselben, wenn sie existiren, also auch die davon zu
unterscheidende Nothwendigkeit würde in die Vorstellung eines solchen
Wesens gar nicht 5 342 kommen können. Was unserm Verstande aber so
beschwerlich fällt, der Vernunft hier mit seinen Begriffen es gleich zu thun,
ist bloß: daß für ihn als menschlichen Verstand dasjenige überschwenglich
(d. i. den subjectiven Bedingungen seines Erkenntnisses unmöglich) ist,
was doch die Vernunft als zum Object gehörig zum Princip macht. —
Hierbei gilt nun immer 10 die Maxime, daß wir alle Objecte da, wo ihr
Erkenntniß das Vermögen des Verstandes übersteigt, nach den subjectiven,
unserer (d. i. der menschlichen) Natur nothwendig anhängenden
Bedingungen der Ausübung ihrer Vermögen denken; und wenn die auf diese
Art gefällten Urtheile (wie es auch in Ansehung der überschwenglichen
Begriffe nicht anders sein kann) 15 nicht constitutive Principien, die das
Object, wie es beschaffen ist, bestimmen, sein können, so werden es doch
regulative, in der Ausübung immanente und sichere, der menschlichen
Absicht angemessene Principien bleiben.
So wie die Vernunft in theoretischer Betrachtung der Natur die Idee 20
einer unbedingten Nothwendigkeit ihres Urgrundes annehmen muß: so setzt
sie auch in praktischer ihre eigene (in Ansehung der Natur) unbedingte
Causalität, d. i. Freiheit, voraus, indem sie sich ihres moralischen Gebots
bewußt ist. Weil nun aber hier die objective Nothwendigkeit der Handlung
als Pflicht derjenigen, die sie als Begebenheit haben würde, wenn ihr 25
Grund in der Natur und nicht in der Freiheit (d. i. der Vernunftcausalität)
läge, entgegengesetzt und die moralisch-schlechthin-nothwendige
Handlung physisch als ganz zufällig angesehen wird (d. i. daß das, was
nothwendig geschehen s o l l t e, doch öfter nicht geschieht): so ist klar, daß
es nur von der subjectiven Beschaffenheit unsers praktischen Vermögens
herrührt, daß 30 die moralischen Gesetze als Gebote (und die ihnen gemäße
Handlungen 343 als Pflichten) vorgestellt werden müssen, und die Vernunft
diese Nothwendigkeit nicht durch ein S e i n (Geschehen), sondern Sein-
Sollen ausdrückt: welches nicht Statt finden würde, wenn die Vernunft ohne
seiner Erkenntnißvermögen, mithin der Möglichkeit und Wirklichkeit der
Dinge, voraussetzen kann. Für einen Verstand, bei dem dieser Unterschied
nicht einträte, würde es heißen: alle Objecte, die ich erkenne, s i n d
(existiren); und die Möglichkeit einiger, die doch nicht existirten, d. i.
Zufälligkeit derselben, wenn sie existiren, also auch die davon zu
unterscheidende Nothwendigkeit würde in die Vorstellung eines solchen
Wesens gar nicht 5 342 kommen können. Was unserm Verstande aber so
beschwerlich fällt, der Vernunft hier mit seinen Begriffen es gleich zu thun,
ist bloß: daß für ihn als menschlichen Verstand dasjenige überschwenglich
(d. i. den subjectiven Bedingungen seines Erkenntnisses unmöglich) ist,
was doch die Vernunft als zum Object gehörig zum Princip macht. —
Hierbei gilt nun immer 10 die Maxime, daß wir alle Objecte da, wo ihr
Erkenntniß das Vermögen des Verstandes übersteigt, nach den subjectiven,
unserer (d. i. der menschlichen) Natur nothwendig anhängenden
Bedingungen der Ausübung ihrer Vermögen denken; und wenn die auf diese
Art gefällten Urtheile (wie es auch in Ansehung der überschwenglichen
Begriffe nicht anders sein kann) 15 nicht constitutive Principien, die das
Object, wie es beschaffen ist, bestimmen, sein können, so werden es doch
regulative, in der Ausübung immanente und sichere, der menschlichen
Absicht angemessene Principien bleiben.
So wie die Vernunft in theoretischer Betrachtung der Natur die Idee 20
einer unbedingten Nothwendigkeit ihres Urgrundes annehmen muß: so setzt
sie auch in praktischer ihre eigene (in Ansehung der Natur) unbedingte
Causalität, d. i. Freiheit, voraus, indem sie sich ihres moralischen Gebots
bewußt ist. Weil nun aber hier die objective Nothwendigkeit der Handlung
als Pflicht derjenigen, die sie als Begebenheit haben würde, wenn ihr 25
Grund in der Natur und nicht in der Freiheit (d. i. der Vernunftcausalität)
läge, entgegengesetzt und die moralisch-schlechthin-nothwendige
Handlung physisch als ganz zufällig angesehen wird (d. i. daß das, was
nothwendig geschehen s o l l t e, doch öfter nicht geschieht): so ist klar, daß
es nur von der subjectiven Beschaffenheit unsers praktischen Vermögens
herrührt, daß 30 die moralischen Gesetze als Gebote (und die ihnen gemäße
Handlungen 343 als Pflichten) vorgestellt werden müssen, und die Vernunft
diese Nothwendigkeit nicht durch ein S e i n (Geschehen), sondern Sein-
Sollen ausdrückt: welches nicht Statt finden würde, wenn die Vernunft ohne
Page 292
Sinnlichkeit (als subjective Bedingung ihrer Anwendung auf Gegenstände
35 der Natur) ihrer Causalität nach, mithin als Ursache in einer
intelligibelen, mit dem moralischen Gesetze durchgängig
übereinstimmenden Welt betrachtet würde, wo zwischen Sollen und Thun,
zwischen einem praktischen Gesetze von dem, was durch uns möglich ist,
und dem theoretischen von dem, was durch uns wirklich ist, kein
Unterschied sein würde. Ob nun aber gleich eine intelligibele Welt, in
welcher alles darum wirklich sein würde, bloß nur weil es (als etwas Gutes)
möglich ist, und selbst die 5 Freiheit als formale Bedingung derselben für
uns ein überschwenglicher Begriff ist, der zu keinem constitutiven Prinzip,
ein Object und dessen objective Realität zu bestimmen, tauglich ist: so dient
die letztere doch nach der Beschaffenheit unserer (zum Theil sinnlichen)
Natur und Vermögens für uns und alle vernünftige mit der Sinnenwelt in
Verbindung stehende 10 Wesen, so weit wir sie uns nach der Beschaffenheit
unserer Vernunft vorstellen können, zu einem allgemeinen r e g u l a t i v e n
Princip, welches die Beschaffenheit der Freiheit als Form der Causalität
nicht objectiv bestimmt, sondern und zwar mit nicht minderer Gültigkeit,
als ob dieses geschähe, die Regel der Handlungen nach jener Idee für
jedermann zu 15 Geboten macht.
Eben so kann man auch, was unsern vorhabenden Fall betrifft, einräumen:
wir würden zwischen Naturmechanism und Technik der Natur, d. i.
Zweckverknüpfung in derselben, keinen Unterschied finden, wäre unser
Verstand nicht von der Art, daß er vom Allgemeinen zum Besondern 20
gehen muß, und die Urtheilskraft also in Ansehung des Besondern keine 344
Zweckmäßigkeit erkennen, mithin keine bestimmende Urtheile fällen kann,
ohne ein allgemeines Gesetz zu haben, worunter sie jenes subsumiren
könne. Da nun aber das Besondere als ein solches in Ansehung des
Allgemeinen etwas Zufälliges enthält, gleichwohl aber die Vernunft in der
25 Verbindung besonderer Gesetze der Natur doch auch Einheit, mithin
Gesetzlichkeit erfordert (welche Gesetzlichkeit des Zufälligen
Zweckmäßigkeit heißt), und die Ableitung der besonderen Gesetze aus den
allgemeinen in Ansehung dessen, was jene Zufälliges in sich enthalten, a
priori durch Bestimmung des Begriffs vom Objecte unmöglich ist: so wird
der Begriff 30 der Zweckmäßigkeit der Natur in ihren Producten ein für die
menschliche Urtheilskraft in Ansehung der Natur nothwendiger, aber nicht
die Bestimmung der Objecte selbst angehender Begriff sein, also ein
35 der Natur) ihrer Causalität nach, mithin als Ursache in einer
intelligibelen, mit dem moralischen Gesetze durchgängig
übereinstimmenden Welt betrachtet würde, wo zwischen Sollen und Thun,
zwischen einem praktischen Gesetze von dem, was durch uns möglich ist,
und dem theoretischen von dem, was durch uns wirklich ist, kein
Unterschied sein würde. Ob nun aber gleich eine intelligibele Welt, in
welcher alles darum wirklich sein würde, bloß nur weil es (als etwas Gutes)
möglich ist, und selbst die 5 Freiheit als formale Bedingung derselben für
uns ein überschwenglicher Begriff ist, der zu keinem constitutiven Prinzip,
ein Object und dessen objective Realität zu bestimmen, tauglich ist: so dient
die letztere doch nach der Beschaffenheit unserer (zum Theil sinnlichen)
Natur und Vermögens für uns und alle vernünftige mit der Sinnenwelt in
Verbindung stehende 10 Wesen, so weit wir sie uns nach der Beschaffenheit
unserer Vernunft vorstellen können, zu einem allgemeinen r e g u l a t i v e n
Princip, welches die Beschaffenheit der Freiheit als Form der Causalität
nicht objectiv bestimmt, sondern und zwar mit nicht minderer Gültigkeit,
als ob dieses geschähe, die Regel der Handlungen nach jener Idee für
jedermann zu 15 Geboten macht.
Eben so kann man auch, was unsern vorhabenden Fall betrifft, einräumen:
wir würden zwischen Naturmechanism und Technik der Natur, d. i.
Zweckverknüpfung in derselben, keinen Unterschied finden, wäre unser
Verstand nicht von der Art, daß er vom Allgemeinen zum Besondern 20
gehen muß, und die Urtheilskraft also in Ansehung des Besondern keine 344
Zweckmäßigkeit erkennen, mithin keine bestimmende Urtheile fällen kann,
ohne ein allgemeines Gesetz zu haben, worunter sie jenes subsumiren
könne. Da nun aber das Besondere als ein solches in Ansehung des
Allgemeinen etwas Zufälliges enthält, gleichwohl aber die Vernunft in der
25 Verbindung besonderer Gesetze der Natur doch auch Einheit, mithin
Gesetzlichkeit erfordert (welche Gesetzlichkeit des Zufälligen
Zweckmäßigkeit heißt), und die Ableitung der besonderen Gesetze aus den
allgemeinen in Ansehung dessen, was jene Zufälliges in sich enthalten, a
priori durch Bestimmung des Begriffs vom Objecte unmöglich ist: so wird
der Begriff 30 der Zweckmäßigkeit der Natur in ihren Producten ein für die
menschliche Urtheilskraft in Ansehung der Natur nothwendiger, aber nicht
die Bestimmung der Objecte selbst angehender Begriff sein, also ein
Page 293
subjectives Princip der Vernunft für die Urtheilskraft, welches als regulativ
(nicht constitutiv) für unsere m e n s c h l i c h e U r t h e i l s k r a f t eben so
nothwendig 35 gilt, als ob es ein objectives Princip wäre.
(nicht constitutiv) für unsere m e n s c h l i c h e U r t h e i l s k r a f t eben so
nothwendig 35 gilt, als ob es ein objectives Princip wäre.
Page 294
§ 77.
Von der Eigenthümlichkeit des menschlichen Verstandes, wodurch uns
der Begriff eines Naturzwecks möglich wird.
Wir haben in der Anmerkung Eigenthümlichkeiten unseres (selbst des
oberen) Erkenntnißvermögens, welche wir leichtlich als objective 5
Prädicate auf die Sachen selbst überzutragen verleitet werden, angeführt;
aber sie betreffen Ideen, denen angemessen kein Gegenstand in der
Erfahrung 345 gegeben werden kann, und die alsdann nur zu regulativen
Principien in Verfolgung der letzeren dienen konnten. Mit dem Begriffe
eines Naturzwecks verhält es sich zwar eben so, was die Ursache der 10
Möglichkeit eines solchen Prädicats betrifft, die nur in der Idee liegen kann;
aber die ihr gemäße Folge (das Product selbst) ist doch in der Natur
gegeben, und der Begriff einer Causalität der letzteren, als eines nach
Zwecken handelnden Wesens, scheint die Idee eines Naturzwecks zu einem
constitutiven Princip desselben zu machen: und darin hat sie etwas 15 von
allen andern Ideen Unterscheidendes.
Dieses Unterscheidende besteht aber darin: daß gedachte Idee nicht ein
Vernunftprincip für den Verstand, sondern für die Urtheilskraft, mithin
lediglich die Anwendung eines Verstandes überhaupt auf mögliche
Gegenstände der Erfahrung ist; und zwar da, wo das Urtheil nicht
bestimmend, 20 sondern bloß reflectirend sein kann, mithin der Gegenstand
zwar in der Erfahrung gegeben, aber darüber der Idee gemäß gar nicht
einmal b e s t i m m t (geschweige völlig angemessen) g e u r t h e i l t ,
sondern nur über ihn reflectirt werden kann.
Es betrifft also eine Eigenthümlichkeit u n s e r e s (menschlichen)
Verstandes 25 in Ansehung der Urtheilskraft in der Reflexion derselben
über Dinge der Natur. Wenn das aber ist, so muß hier die Idee von einem
andern möglichen Verstande, als dem menschlichen zum Grunde liegen 346
(so wie wir in der Kritik der r. V. eine andere mögliche Anschauung in
Gedanken haben mußten, wenn die unsrige als eine besondere Art, nämlich
30 die, für welche Gegenstände nur als Erscheinungen gelten, gehalten
werden sollte), damit man sagen könne: gewisse Naturproducte m ü s s e n
nach der besonderen Beschaffenheit unseres Verstandes v o n u n s ihrer
Von der Eigenthümlichkeit des menschlichen Verstandes, wodurch uns
der Begriff eines Naturzwecks möglich wird.
Wir haben in der Anmerkung Eigenthümlichkeiten unseres (selbst des
oberen) Erkenntnißvermögens, welche wir leichtlich als objective 5
Prädicate auf die Sachen selbst überzutragen verleitet werden, angeführt;
aber sie betreffen Ideen, denen angemessen kein Gegenstand in der
Erfahrung 345 gegeben werden kann, und die alsdann nur zu regulativen
Principien in Verfolgung der letzeren dienen konnten. Mit dem Begriffe
eines Naturzwecks verhält es sich zwar eben so, was die Ursache der 10
Möglichkeit eines solchen Prädicats betrifft, die nur in der Idee liegen kann;
aber die ihr gemäße Folge (das Product selbst) ist doch in der Natur
gegeben, und der Begriff einer Causalität der letzteren, als eines nach
Zwecken handelnden Wesens, scheint die Idee eines Naturzwecks zu einem
constitutiven Princip desselben zu machen: und darin hat sie etwas 15 von
allen andern Ideen Unterscheidendes.
Dieses Unterscheidende besteht aber darin: daß gedachte Idee nicht ein
Vernunftprincip für den Verstand, sondern für die Urtheilskraft, mithin
lediglich die Anwendung eines Verstandes überhaupt auf mögliche
Gegenstände der Erfahrung ist; und zwar da, wo das Urtheil nicht
bestimmend, 20 sondern bloß reflectirend sein kann, mithin der Gegenstand
zwar in der Erfahrung gegeben, aber darüber der Idee gemäß gar nicht
einmal b e s t i m m t (geschweige völlig angemessen) g e u r t h e i l t ,
sondern nur über ihn reflectirt werden kann.
Es betrifft also eine Eigenthümlichkeit u n s e r e s (menschlichen)
Verstandes 25 in Ansehung der Urtheilskraft in der Reflexion derselben
über Dinge der Natur. Wenn das aber ist, so muß hier die Idee von einem
andern möglichen Verstande, als dem menschlichen zum Grunde liegen 346
(so wie wir in der Kritik der r. V. eine andere mögliche Anschauung in
Gedanken haben mußten, wenn die unsrige als eine besondere Art, nämlich
30 die, für welche Gegenstände nur als Erscheinungen gelten, gehalten
werden sollte), damit man sagen könne: gewisse Naturproducte m ü s s e n
nach der besonderen Beschaffenheit unseres Verstandes v o n u n s ihrer
Page 295
Möglichkeit nach als absichtlich und als Zwecke erzeugt b e t r a c h t e t
w e r d e n , ohne doch darum zu verlangen, daß es wirklich eine besondere
35 Ursache, welche die Vorstellung eines Zwecks zu ihrem
Bestimmungsgrunde hat, gebe, mithin ohne in Abrede zu ziehen, daß nicht
ein anderer (höherer) Verstand, als der menschliche auch im Mechanism der
Natur, d. i. einer Causalverbindung, zu der nicht ausschließungsweise ein
Verstand als Ursache angenommen wird, den Grund der Möglichkeit
solcher Producte der 5 Natur antreffen könne.
Es kommt hier also auf das Verhalten u n s e r e s Verstandes zur
Urtheilskraft an, daß wir nämlich darin eine gewisse Zufälligkeit der
Beschaffenheit des unsrigen aufsuchen, um diese Eigenthümlichkeit unseres
Verstandes zum Unterschiede von anderen möglichen anzumerken. 10
Diese Zufälligkeit findet sich ganz natürlich in dem B e s o n d e r n, welches
die Urtheilskraft unter das A l l g e m e i n e der Verstandesbegriffe bringen
soll; denn durch das Allgemeine u n s e r e s (menschlichen) Verstandes ist
das Besondere nicht bestimmt; und es ist zufällig, auf wie vielerlei 347 Art
unterschiedene Dinge, die doch in einem gemeinsamen Merkmale 15
übereinkommen, unserer Wahrnehmung vorkommen können. Unser
Verstand ist ein Vermögen der Begriffe, d. i. ein discursiver Verstand, für
den es freilich zufällig sein muß, welcherlei und wie sehr verschieden das
Besondere sein mag, das ihm in der Natur gegeben werden und das unter
seine Begriffe gebracht werden kann. Weil aber zum Erkenntniß doch auch
20 Anschauung gehört, und ein Vermögen einer v ö l l i g e n
S p o n t a n e i t ä t d e r A n s c h a u u n g ein von der Sinnlichkeit
unterschiedenes und davon ganz unabhängiges Erkenntnißvermögen, mithin
Verstand in der allgemeinsten Bedeutung sein würde: so kann man sich
auch einen i n t u i t i v e n Verstand (negativ, nämlich bloß als nicht
discursiven) denken, welcher 25 nicht vom Allgemeinen zum Besonderen
und so zum Einzelnen (durch Begriffe) geht, und für welchen jene
Zufälligkeit der Zusammenstimmung der Natur in ihren Producten nach
b e s o n d e r n Gesetzen zum Verstande nicht angetroffen wird, welche dem
unsrigen es so schwer macht, das Mannigfaltige derselben zur Einheit des
Erkenntnisses zu bringen; ein Geschäft, 30 das der unsrige nur durch
Übereinstimmung der Naturmerkmale zu unserm Vermögen der Begriffe,
welche sehr zufällig ist, zu Stande bringen kann, dessen ein anschauender
Verstand aber nicht bedarf.
w e r d e n , ohne doch darum zu verlangen, daß es wirklich eine besondere
35 Ursache, welche die Vorstellung eines Zwecks zu ihrem
Bestimmungsgrunde hat, gebe, mithin ohne in Abrede zu ziehen, daß nicht
ein anderer (höherer) Verstand, als der menschliche auch im Mechanism der
Natur, d. i. einer Causalverbindung, zu der nicht ausschließungsweise ein
Verstand als Ursache angenommen wird, den Grund der Möglichkeit
solcher Producte der 5 Natur antreffen könne.
Es kommt hier also auf das Verhalten u n s e r e s Verstandes zur
Urtheilskraft an, daß wir nämlich darin eine gewisse Zufälligkeit der
Beschaffenheit des unsrigen aufsuchen, um diese Eigenthümlichkeit unseres
Verstandes zum Unterschiede von anderen möglichen anzumerken. 10
Diese Zufälligkeit findet sich ganz natürlich in dem B e s o n d e r n, welches
die Urtheilskraft unter das A l l g e m e i n e der Verstandesbegriffe bringen
soll; denn durch das Allgemeine u n s e r e s (menschlichen) Verstandes ist
das Besondere nicht bestimmt; und es ist zufällig, auf wie vielerlei 347 Art
unterschiedene Dinge, die doch in einem gemeinsamen Merkmale 15
übereinkommen, unserer Wahrnehmung vorkommen können. Unser
Verstand ist ein Vermögen der Begriffe, d. i. ein discursiver Verstand, für
den es freilich zufällig sein muß, welcherlei und wie sehr verschieden das
Besondere sein mag, das ihm in der Natur gegeben werden und das unter
seine Begriffe gebracht werden kann. Weil aber zum Erkenntniß doch auch
20 Anschauung gehört, und ein Vermögen einer v ö l l i g e n
S p o n t a n e i t ä t d e r A n s c h a u u n g ein von der Sinnlichkeit
unterschiedenes und davon ganz unabhängiges Erkenntnißvermögen, mithin
Verstand in der allgemeinsten Bedeutung sein würde: so kann man sich
auch einen i n t u i t i v e n Verstand (negativ, nämlich bloß als nicht
discursiven) denken, welcher 25 nicht vom Allgemeinen zum Besonderen
und so zum Einzelnen (durch Begriffe) geht, und für welchen jene
Zufälligkeit der Zusammenstimmung der Natur in ihren Producten nach
b e s o n d e r n Gesetzen zum Verstande nicht angetroffen wird, welche dem
unsrigen es so schwer macht, das Mannigfaltige derselben zur Einheit des
Erkenntnisses zu bringen; ein Geschäft, 30 das der unsrige nur durch
Übereinstimmung der Naturmerkmale zu unserm Vermögen der Begriffe,
welche sehr zufällig ist, zu Stande bringen kann, dessen ein anschauender
Verstand aber nicht bedarf.
Page 296
Unser Verstand hat also das Eigene für die Urtheilskraft, daß im 348
Erkenntniß durch denselben durch das Allgemeine das Besondere nicht
bestimmt 35 wird, und dieses also von jenem allein nicht abgeleitet werden
kann; gleichwohl aber dieses Besondere in der Mannigfaltigkeit der Natur
zum Allgemeinen (durch Begriffe und Gesetze) zusammenstimmen soll, um
darunter subsumirt werden zu können, welche Zusammenstimmung unter
solchen Umständen sehr zufällig und für die Urtheilskraft ohne bestimmtes
Princip sein muß.
Um nun gleichwohl die Möglichkeit einer solchen Zusammenstimmung 5
der Dinge der Natur zur Urtheilskraft (welche wir als zufällig, mithin nur
durch einen darauf gerichteten Zweck als möglich vorstellen) wenigstens
denken zu können, müssen wir uns zugleich einen andern Verstand denken,
in Beziehung auf welchen und zwar vor allem ihm beigelegten Zweck wir
jene Zusammenstimmung der Naturgesetze mit unserer Urtheilskraft, 10
die für unsern Verstand nur durch das Verbindungsmittel der Zwecke
denkbar ist, als n o t h w e n d i g vorstellen können.
Unser Verstand nämlich hat die Eigenschaft, daß er in seinem Erkenntnisse,
z. B. der Ursache eines Products, vom A n a l y t i s c h - A l l g e m e i n e n
(von Begriffen) zum Besondern (der gegebenen empirischen Anschauung)
15 gehen muß; wobei er also in Ansehung der Mannigfaltigkeit des letztern
nichts bestimmt, sondern diese Bestimmung für die Urtheilskraft 349 von
der Subsumtion der empirischen Anschauung (wenn der Gegenstand ein
Naturproduct ist) unter dem Begriff erwarten muß. Nun können wir uns
aber auch einen Verstand denken, der, weil er nicht wie der unsrige 20
discursiv, sondern intuitiv ist, vom S y n t h e t i s c h - A l l g e m e i n e n (der
Anschauung eines Ganzen als eines solchen) zum Besondern geht, d. i. vom
Ganzen zu den Theilen; der also und dessen Vorstellung des Ganzen die
Z u f ä l l i g k e i t der Verbindung der Theile nicht in sich enthält, um eine
bestimmte Form des Ganzen möglich zu machen, die unser Verstand 25
bedarf, welcher von den Theilen als allgemeingedachten Gründen zu
verschiedenen darunter zu subsumirenden möglichen Formen als Folgen
fortgehen muß. Nach der Beschaffenheit unseres Verstandes ist hingegen
ein reales Ganze der Natur nur als Wirkung der concurrirenden bewegenden
Kräfte der Theile anzusehen. Wollen wir uns also nicht die Möglichkeit 30
des Ganzen als von den Theilen, wie es unserm discursiven Verstande
gemäß ist, sondern nach Maßgabe des intuitiven (urbildlichen) die
Erkenntniß durch denselben durch das Allgemeine das Besondere nicht
bestimmt 35 wird, und dieses also von jenem allein nicht abgeleitet werden
kann; gleichwohl aber dieses Besondere in der Mannigfaltigkeit der Natur
zum Allgemeinen (durch Begriffe und Gesetze) zusammenstimmen soll, um
darunter subsumirt werden zu können, welche Zusammenstimmung unter
solchen Umständen sehr zufällig und für die Urtheilskraft ohne bestimmtes
Princip sein muß.
Um nun gleichwohl die Möglichkeit einer solchen Zusammenstimmung 5
der Dinge der Natur zur Urtheilskraft (welche wir als zufällig, mithin nur
durch einen darauf gerichteten Zweck als möglich vorstellen) wenigstens
denken zu können, müssen wir uns zugleich einen andern Verstand denken,
in Beziehung auf welchen und zwar vor allem ihm beigelegten Zweck wir
jene Zusammenstimmung der Naturgesetze mit unserer Urtheilskraft, 10
die für unsern Verstand nur durch das Verbindungsmittel der Zwecke
denkbar ist, als n o t h w e n d i g vorstellen können.
Unser Verstand nämlich hat die Eigenschaft, daß er in seinem Erkenntnisse,
z. B. der Ursache eines Products, vom A n a l y t i s c h - A l l g e m e i n e n
(von Begriffen) zum Besondern (der gegebenen empirischen Anschauung)
15 gehen muß; wobei er also in Ansehung der Mannigfaltigkeit des letztern
nichts bestimmt, sondern diese Bestimmung für die Urtheilskraft 349 von
der Subsumtion der empirischen Anschauung (wenn der Gegenstand ein
Naturproduct ist) unter dem Begriff erwarten muß. Nun können wir uns
aber auch einen Verstand denken, der, weil er nicht wie der unsrige 20
discursiv, sondern intuitiv ist, vom S y n t h e t i s c h - A l l g e m e i n e n (der
Anschauung eines Ganzen als eines solchen) zum Besondern geht, d. i. vom
Ganzen zu den Theilen; der also und dessen Vorstellung des Ganzen die
Z u f ä l l i g k e i t der Verbindung der Theile nicht in sich enthält, um eine
bestimmte Form des Ganzen möglich zu machen, die unser Verstand 25
bedarf, welcher von den Theilen als allgemeingedachten Gründen zu
verschiedenen darunter zu subsumirenden möglichen Formen als Folgen
fortgehen muß. Nach der Beschaffenheit unseres Verstandes ist hingegen
ein reales Ganze der Natur nur als Wirkung der concurrirenden bewegenden
Kräfte der Theile anzusehen. Wollen wir uns also nicht die Möglichkeit 30
des Ganzen als von den Theilen, wie es unserm discursiven Verstande
gemäß ist, sondern nach Maßgabe des intuitiven (urbildlichen) die
Page 297
Möglichkeit der Theile (ihrer Beschaffenheit und Verbindung nach) als vom
Ganzen abhängend vorstellen: so kann dieses nach eben derselben
Eigenthümlichkeit unseres Verstandes nicht so geschehen, daß das Ganze
den 35 Grund der Möglichkeit der Verknüpfung der Theile (welches in der
discursiven Erkenntnißart Widerspruch sein würde), sondern nur daß die
Vo r s t e l l u n g eines Ganzen den Grund der Möglichkeit der Form
desselben 350 und der dazu gehörigen Verknüpfung der Theile enthalte. Da
das Ganze nun aber alsdann eine Wirkung, P r o d u c t, sein würde, dessen
Vo r s t e l l u n g als die U r s a c h e seiner Möglichkeit angesehen wird, das
Product aber einer Ursache, deren Bestimmungsgrund bloß die Vorstellung
5 ihrer Wirkung ist, ein Zweck heißt: so folgt daraus, daß es bloß eine
Folge aus der besondern Beschaffenheit unseres Verstandes sei, wenn wir
Produkte der Natur nach einer andern Art der Causalität, als der der
Naturgesetze der Materie, nämlich nur nach der der Zwecke und
Endursachen, uns als möglich vorstellen, und daß dieses Princip nicht die
Möglichkeit 10 solcher Dinge selbst (selbst als Phänomene betrachtet) nach
dieser Erzeugungsart, sondern nur die unserem Verstande mögliche
Beurtheilung derselben angehe. Wobei wir zugleich einsehen, warum wir in
der Naturkunde mit einer Erklärung der Producte der Natur durch Causalität
nach Zwecken lange nicht zufrieden sind, weil wir nämlich in derselben die
Naturerzeugung 15 bloß unserm Vermögen sie zu beurtheilen, d. i. der
reflectirenden Urtheilskraft und nicht den Dingen selbst zum Behuf der
bestimmenden Urtheilskraft angemessen zu beurtheilen verlangen. Es ist
hiebei auch gar nicht nöthig zu beweisen, daß ein solcher intellectus
archetypus möglich sei, sondern nur daß wir in der Dagegenhaltung unseres
discursiven, 20 der Bilder bedürftigen Verstandes (intellectus ectypus) und
der 351 Zufälligkeit einer solchen Beschaffenheit auf jene Idee (eines
intellectus archetypus) geführt werden, diese auch keinen Widerspruch
enthalte.
Wenn wir nun ein Ganzes der Materie seiner Form nach als ein Product der
Theile und ihrer Kräfte und Vermögen sich von selbst zu verbinden 25
(andere Materien, die diese einander zuführen, hinzugedacht) betrachten: so
stellen wir uns eine mechanische Erzeugungsart desselben vor. Aber es
kommt auf solche Art kein Begriff von einem Ganzen als Zweck heraus,
dessen innere Möglichkeit durchaus die Idee von einem Ganzen
voraussetzt, von der selbst die Beschaffenheit und Wirkungsart der Theile
Ganzen abhängend vorstellen: so kann dieses nach eben derselben
Eigenthümlichkeit unseres Verstandes nicht so geschehen, daß das Ganze
den 35 Grund der Möglichkeit der Verknüpfung der Theile (welches in der
discursiven Erkenntnißart Widerspruch sein würde), sondern nur daß die
Vo r s t e l l u n g eines Ganzen den Grund der Möglichkeit der Form
desselben 350 und der dazu gehörigen Verknüpfung der Theile enthalte. Da
das Ganze nun aber alsdann eine Wirkung, P r o d u c t, sein würde, dessen
Vo r s t e l l u n g als die U r s a c h e seiner Möglichkeit angesehen wird, das
Product aber einer Ursache, deren Bestimmungsgrund bloß die Vorstellung
5 ihrer Wirkung ist, ein Zweck heißt: so folgt daraus, daß es bloß eine
Folge aus der besondern Beschaffenheit unseres Verstandes sei, wenn wir
Produkte der Natur nach einer andern Art der Causalität, als der der
Naturgesetze der Materie, nämlich nur nach der der Zwecke und
Endursachen, uns als möglich vorstellen, und daß dieses Princip nicht die
Möglichkeit 10 solcher Dinge selbst (selbst als Phänomene betrachtet) nach
dieser Erzeugungsart, sondern nur die unserem Verstande mögliche
Beurtheilung derselben angehe. Wobei wir zugleich einsehen, warum wir in
der Naturkunde mit einer Erklärung der Producte der Natur durch Causalität
nach Zwecken lange nicht zufrieden sind, weil wir nämlich in derselben die
Naturerzeugung 15 bloß unserm Vermögen sie zu beurtheilen, d. i. der
reflectirenden Urtheilskraft und nicht den Dingen selbst zum Behuf der
bestimmenden Urtheilskraft angemessen zu beurtheilen verlangen. Es ist
hiebei auch gar nicht nöthig zu beweisen, daß ein solcher intellectus
archetypus möglich sei, sondern nur daß wir in der Dagegenhaltung unseres
discursiven, 20 der Bilder bedürftigen Verstandes (intellectus ectypus) und
der 351 Zufälligkeit einer solchen Beschaffenheit auf jene Idee (eines
intellectus archetypus) geführt werden, diese auch keinen Widerspruch
enthalte.
Wenn wir nun ein Ganzes der Materie seiner Form nach als ein Product der
Theile und ihrer Kräfte und Vermögen sich von selbst zu verbinden 25
(andere Materien, die diese einander zuführen, hinzugedacht) betrachten: so
stellen wir uns eine mechanische Erzeugungsart desselben vor. Aber es
kommt auf solche Art kein Begriff von einem Ganzen als Zweck heraus,
dessen innere Möglichkeit durchaus die Idee von einem Ganzen
voraussetzt, von der selbst die Beschaffenheit und Wirkungsart der Theile
Page 298
30 abhängt, wie wir uns doch einen organisirten Körper vorstellen müssen.
Hieraus folgt aber, wie eben gewiesen worden, nicht, daß die mechanische
Erzeugung eines solchen Körpers unmöglich sei; denn das würde soviel
sagen, als, es sei eine solche Einheit in der Verknüpfung des Mannigfaltigen
f ü r j e d e n Ve r s t a n d unmöglich (d. i. widersprechend) sich
vorzustellen, 35 ohne daß die Idee derselben zugleich die erzeugende
Ursache derselben sei, d. i. ohne absichtliche Hervorbringung. Gleichwohl
würde dieses in der That folgen, wenn wir materielle Wesen als Dinge an
sich selbst anzusehen berechtigt wären. Denn alsdann würde die Einheit,
welche den Grund der Möglichkeit der Naturbildungen ausmacht, lediglich
die Einheit des Raums sein, welcher aber kein Realgrund der Erzeugungen,
sondern 352 nur die formale Bedingung derselben ist; obwohl er mit dem
Realgrunde, 5 welchen wir suchen, darin einige Ähnlichkeit hat, daß in
ihm kein Theil ohne in Verhältniß auf das Ganze (dessen Vorstellung also
der Möglichkeit der Theile zum Grunde liegt) bestimmt werden kann. Da es
aber doch wenigstens möglich ist, die materielle Welt als bloße Erscheinung
zu betrachten und etwas als Ding an sich selbst (welches nicht Erscheinung
10 ist), als Substrat, zu denken, diesem aber eine correspondirende
intellectuelle Anschauung (wenn sie gleich nicht die unsrige ist)
unterzulegen: so würde ein, obzwar für uns unerkennbarer, übersinnlicher
Realgrund für die Natur Statt finden, zu der wir selbst mitgehören, in
welcher wir also das, was in ihr als Gegenstand der Sinne nothwendig ist,
15 nach mechanischen Gesetzen, die Zusammenstimmung und Einheit aber
der besonderen Gesetze und der Formen nach denselben, die wir in
Ansehung jener als zufällig beurtheilen müssen, in ihr als Gegenstande der
Vernunft (ja das Naturganze als System) zugleich nach teleologischen
Gesetzen betrachten und sie nach zweierlei Principien beurtheilen würden,
20 ohne daß die mechanische Erklärungsart durch die teleologische, als ob
sie einander widersprächen, ausgeschlossen wird.
Hieraus läßt sich auch das, was man sonst zwar leicht vermuthen, aber
schwerlich mit Gewißheit behaupten und beweisen konnte, einsehen, 353
daß zwar das Princip einer mechanischen Ableitung zweckmäßiger
Naturproducte 25 neben dem teleologischen bestehen, dieses letztere aber
keinesweges entbehrlich machen könnte: d. i. man kann an einem Dinge,
welches wir als Naturzweck beurtheilen müssen (einem organisirten
Wesen), zwar alle bekannte und noch zu entdeckende Gesetze der
Hieraus folgt aber, wie eben gewiesen worden, nicht, daß die mechanische
Erzeugung eines solchen Körpers unmöglich sei; denn das würde soviel
sagen, als, es sei eine solche Einheit in der Verknüpfung des Mannigfaltigen
f ü r j e d e n Ve r s t a n d unmöglich (d. i. widersprechend) sich
vorzustellen, 35 ohne daß die Idee derselben zugleich die erzeugende
Ursache derselben sei, d. i. ohne absichtliche Hervorbringung. Gleichwohl
würde dieses in der That folgen, wenn wir materielle Wesen als Dinge an
sich selbst anzusehen berechtigt wären. Denn alsdann würde die Einheit,
welche den Grund der Möglichkeit der Naturbildungen ausmacht, lediglich
die Einheit des Raums sein, welcher aber kein Realgrund der Erzeugungen,
sondern 352 nur die formale Bedingung derselben ist; obwohl er mit dem
Realgrunde, 5 welchen wir suchen, darin einige Ähnlichkeit hat, daß in
ihm kein Theil ohne in Verhältniß auf das Ganze (dessen Vorstellung also
der Möglichkeit der Theile zum Grunde liegt) bestimmt werden kann. Da es
aber doch wenigstens möglich ist, die materielle Welt als bloße Erscheinung
zu betrachten und etwas als Ding an sich selbst (welches nicht Erscheinung
10 ist), als Substrat, zu denken, diesem aber eine correspondirende
intellectuelle Anschauung (wenn sie gleich nicht die unsrige ist)
unterzulegen: so würde ein, obzwar für uns unerkennbarer, übersinnlicher
Realgrund für die Natur Statt finden, zu der wir selbst mitgehören, in
welcher wir also das, was in ihr als Gegenstand der Sinne nothwendig ist,
15 nach mechanischen Gesetzen, die Zusammenstimmung und Einheit aber
der besonderen Gesetze und der Formen nach denselben, die wir in
Ansehung jener als zufällig beurtheilen müssen, in ihr als Gegenstande der
Vernunft (ja das Naturganze als System) zugleich nach teleologischen
Gesetzen betrachten und sie nach zweierlei Principien beurtheilen würden,
20 ohne daß die mechanische Erklärungsart durch die teleologische, als ob
sie einander widersprächen, ausgeschlossen wird.
Hieraus läßt sich auch das, was man sonst zwar leicht vermuthen, aber
schwerlich mit Gewißheit behaupten und beweisen konnte, einsehen, 353
daß zwar das Princip einer mechanischen Ableitung zweckmäßiger
Naturproducte 25 neben dem teleologischen bestehen, dieses letztere aber
keinesweges entbehrlich machen könnte: d. i. man kann an einem Dinge,
welches wir als Naturzweck beurtheilen müssen (einem organisirten
Wesen), zwar alle bekannte und noch zu entdeckende Gesetze der
Page 299
mechanischen Erzeugung versuchen und auch hoffen dürfen damit guten
Fortgang zu haben, niemals 30 aber der Berufung auf einen davon ganz
unterschiedenen Erzeugungsgrund, nämlich der Causalität durch Zwecke,
für die Möglichkeit eines solchen Products überhoben sein; und
schlechterdings kann keine menschliche Vernunft (auch keine endliche, die
der Qualität nach der unsrigen ähnlich wäre, sie aber dem Grade nach noch
so sehr überstiege) die Erzeugung 35 auch nur eines Gräschens aus bloß
mechanischen Ursachen zu verstehen hoffen. Denn wenn die teleologische
Verknüpfung der Ursachen und Wirkungen zur Möglichkeit eines solchen
Gegenstandes für die Urtheilskraft ganz unentbehrlich ist, selbst um diese
nur am Leitfaden der Erfahrung zu studieren; wenn für äußere Gegenstände
als Erscheinungen ein sich auf Zwecke beziehender hinreichender Grund
gar nicht angetroffen werden kann, sondern dieser, der auch in der Natur
liegt, doch nur im 5 übersinnlichen Substrat derselben gesucht werden
muß, von welchem uns aber alle mögliche Einsicht abgeschnitten ist: so ist
es uns schlechterdings unmöglich, aus der Natur selbst hergenommene
Erklärungsgründe für 354 Zweckverbindungen zu schöpfen, und es ist nach
der Beschaffenheit des menschlichen Erkenntnißvermögens nothwendig,
den obersten Grund dazu 10 in einem ursprünglichen Verstande als
Weltursache zu suchen.
Fortgang zu haben, niemals 30 aber der Berufung auf einen davon ganz
unterschiedenen Erzeugungsgrund, nämlich der Causalität durch Zwecke,
für die Möglichkeit eines solchen Products überhoben sein; und
schlechterdings kann keine menschliche Vernunft (auch keine endliche, die
der Qualität nach der unsrigen ähnlich wäre, sie aber dem Grade nach noch
so sehr überstiege) die Erzeugung 35 auch nur eines Gräschens aus bloß
mechanischen Ursachen zu verstehen hoffen. Denn wenn die teleologische
Verknüpfung der Ursachen und Wirkungen zur Möglichkeit eines solchen
Gegenstandes für die Urtheilskraft ganz unentbehrlich ist, selbst um diese
nur am Leitfaden der Erfahrung zu studieren; wenn für äußere Gegenstände
als Erscheinungen ein sich auf Zwecke beziehender hinreichender Grund
gar nicht angetroffen werden kann, sondern dieser, der auch in der Natur
liegt, doch nur im 5 übersinnlichen Substrat derselben gesucht werden
muß, von welchem uns aber alle mögliche Einsicht abgeschnitten ist: so ist
es uns schlechterdings unmöglich, aus der Natur selbst hergenommene
Erklärungsgründe für 354 Zweckverbindungen zu schöpfen, und es ist nach
der Beschaffenheit des menschlichen Erkenntnißvermögens nothwendig,
den obersten Grund dazu 10 in einem ursprünglichen Verstande als
Weltursache zu suchen.
Page 300
§ 78.
Von der Vereinigung des Princips des allgemeinen Mechanismus der
Materie mit dem teleologischen in der Technik der Natur. 15
Es liegt der Vernunft unendlich viel daran, den Mechanism der Natur in
ihren Erzeugungen nicht fallen zu lassen und in der Erklärung derselben
nicht vorbei zu gehen: weil ohne diesen keine Einsicht in die Natur der
Dinge erlangt werden kann. Wenn man uns gleich einräumt: daß ein
höchster Architekt die Formen der Natur, so wie sie von je her da sind, 20
unmittelbar geschaffen, oder die, welche sich in ihrem Laufe continuirlich
nach eben demselben Muster bilden, prädeterminirt habe: so ist doch
dadurch unsere Erkenntniß der Natur nicht im mindesten gefördert: weil wir
jenes Wesens Handlungsart und die Ideen desselben, welche die Principien
der Möglichkeit der Naturwesen enthalten sollen, gar nicht kennen 25 und
von demselben als von oben herab (a priori) die Natur nicht erklären
können. Wollen wir aber von den Formen der Gegenstände der Erfahrung,
also von unten hinauf (a posteriori), weil wir in diesen Zweckmäßigkeit
anzutreffen glauben, um diese zu erklären, uns auf eine nach Zwecken 355
wirkende Ursache berufen: so würden wir ganz tautologisch erklären und
30 die Vernunft mit Worten täuschen, ohne noch zu erwähnen: daß da, wo
wir uns mit dieser Erklärungsart ins Überschwengliche verlieren, wohin uns
die Naturerkenntniß nicht folgen kann, die Vernunft dichterisch zu
schwärmen verleitet wird, welches zu verhüten eben ihre vorzüglichste
Bestimmung ist. 35
Von der andern Seite ist es eine eben sowohl nothwendige Maxime der
Vernunft, das Princip der Zwecke an den Producten der Natur nicht vorbei
zu gehen: weil es, wenn es gleich die Entstehungsart derselben uns eben
nicht begreiflicher macht, doch ein heuristisches Princip ist, den besondern
Gesetzen der Natur nachzuforschen; gesetzt auch, daß man davon 5 keinen
Gebrauch machen wollte, um die Natur selbst darnach zu erklären, indem
man sie so lange, ob sie gleich absichtliche Zweckeinheit augenscheinlich
darlegen, noch immer nur Naturzwecke nennt, d. i. ohne über die Natur
hinaus den Grund der Möglichkeit derselben zu suchen. Weil es aber doch
am Ende zur Frage wegen der letzteren kommen muß: so ist es eben 10 so
nothwendig für sie, eine besondere Art der Causalität, die sich nicht in der
Von der Vereinigung des Princips des allgemeinen Mechanismus der
Materie mit dem teleologischen in der Technik der Natur. 15
Es liegt der Vernunft unendlich viel daran, den Mechanism der Natur in
ihren Erzeugungen nicht fallen zu lassen und in der Erklärung derselben
nicht vorbei zu gehen: weil ohne diesen keine Einsicht in die Natur der
Dinge erlangt werden kann. Wenn man uns gleich einräumt: daß ein
höchster Architekt die Formen der Natur, so wie sie von je her da sind, 20
unmittelbar geschaffen, oder die, welche sich in ihrem Laufe continuirlich
nach eben demselben Muster bilden, prädeterminirt habe: so ist doch
dadurch unsere Erkenntniß der Natur nicht im mindesten gefördert: weil wir
jenes Wesens Handlungsart und die Ideen desselben, welche die Principien
der Möglichkeit der Naturwesen enthalten sollen, gar nicht kennen 25 und
von demselben als von oben herab (a priori) die Natur nicht erklären
können. Wollen wir aber von den Formen der Gegenstände der Erfahrung,
also von unten hinauf (a posteriori), weil wir in diesen Zweckmäßigkeit
anzutreffen glauben, um diese zu erklären, uns auf eine nach Zwecken 355
wirkende Ursache berufen: so würden wir ganz tautologisch erklären und
30 die Vernunft mit Worten täuschen, ohne noch zu erwähnen: daß da, wo
wir uns mit dieser Erklärungsart ins Überschwengliche verlieren, wohin uns
die Naturerkenntniß nicht folgen kann, die Vernunft dichterisch zu
schwärmen verleitet wird, welches zu verhüten eben ihre vorzüglichste
Bestimmung ist. 35
Von der andern Seite ist es eine eben sowohl nothwendige Maxime der
Vernunft, das Princip der Zwecke an den Producten der Natur nicht vorbei
zu gehen: weil es, wenn es gleich die Entstehungsart derselben uns eben
nicht begreiflicher macht, doch ein heuristisches Princip ist, den besondern
Gesetzen der Natur nachzuforschen; gesetzt auch, daß man davon 5 keinen
Gebrauch machen wollte, um die Natur selbst darnach zu erklären, indem
man sie so lange, ob sie gleich absichtliche Zweckeinheit augenscheinlich
darlegen, noch immer nur Naturzwecke nennt, d. i. ohne über die Natur
hinaus den Grund der Möglichkeit derselben zu suchen. Weil es aber doch
am Ende zur Frage wegen der letzteren kommen muß: so ist es eben 10 so
nothwendig für sie, eine besondere Art der Causalität, die sich nicht in der
Page 301
Natur vorfindet, zu denken, als die Mechanik der Naturursachen die ihrige
hat, indem zu der Receptivität mehrerer und anderer Formen, als deren die
Materie nach der letzteren fähig ist, noch eine Spontaneität einer 356
Ursache (die also nicht Materie sein kann) hinzukommen muß, ohne welche
15 von jenen Formen kein Grund angegeben werden kann. Zwar muß die
Vernunft, ehe sie diesen Schritt thut, behutsam verfahren und nicht jede
Technik der Natur, d. i. ein productives Vermögen derselben, welches
Zweckmäßigkeit der Gestalt für unsere bloße Apprehension an sich zeigt
(wie bei regulären Körpern), für teleologisch zu erklären suchen, sondern
immer 20 so lange für bloß mechanisch-möglich ansehen; allein darüber
das teleologische Princip gar ausschließen und, wo die Zweckmäßigkeit für
die Vernunftuntersuchung der Möglichkeit der Naturformen durch ihre
Ursachen sich ganz unläugbar als Beziehung auf eine andere Art der
Causalität zeigt, doch immer den bloßen Mechanism befolgen wollen, muß
die Vernunft 25 eben so phantastisch und unter Hirngespinsten von
Naturvermögen, die sich gar nicht denken lassen, herumschweifend
machen, als eine bloß teleologische Erklärungsart, die gar keine Rücksicht
auf den Naturmechanism nimmt, sie schwärmerisch machte.
An einem und eben demselben Dinge der Natur lassen sich nicht beide 30
Principien, als Grundsätze der Erklärung (Deduction) eines von dem
andern, verknüpfen, d. i. als dogmatische und constitutive Principien der
Natureinsicht für die bestimmende Urtheilskraft vereinigen. Wenn ich z. B.
von einer Made annehme, sie sei als Product des bloßen Mechanismus der
Materie (der neuen Bildung, die sie für sich selbst bewerkstelligt, 35 357
wenn ihre Elemente durch Fäulniß in Freiheit gesetzt werden) anzusehen:
so kann ich nun nicht von eben derselben Materie, als einer Causalität nach
Zwecken zu handeln, eben dasselbe Product ableiten. Umgekehrt, wenn ich
dasselbe Product als Naturzweck annehme, kann ich nicht auf eine
mechanische Erzeugungsart desselben rechnen und solche als constitutives
Princip zur Beurtheilung desselben seiner Möglichkeit nach annehmen und
so beide Principien vereinigen. Denn eine Erklärungsart schließt 5 die
andere aus; gesetzt auch, daß objectiv beide Gründe der Möglichkeit eines
solchen Products auf einem einzigen beruhten, wir aber auf diesen nicht
Rücksicht nähmen. Das Princip, welches die Vereinbarkeit beider in
Beurtheilung der Natur nach denselben möglich machen soll, muß in dem,
was außerhalb beiden (mithin auch außer der möglichen empirischen
hat, indem zu der Receptivität mehrerer und anderer Formen, als deren die
Materie nach der letzteren fähig ist, noch eine Spontaneität einer 356
Ursache (die also nicht Materie sein kann) hinzukommen muß, ohne welche
15 von jenen Formen kein Grund angegeben werden kann. Zwar muß die
Vernunft, ehe sie diesen Schritt thut, behutsam verfahren und nicht jede
Technik der Natur, d. i. ein productives Vermögen derselben, welches
Zweckmäßigkeit der Gestalt für unsere bloße Apprehension an sich zeigt
(wie bei regulären Körpern), für teleologisch zu erklären suchen, sondern
immer 20 so lange für bloß mechanisch-möglich ansehen; allein darüber
das teleologische Princip gar ausschließen und, wo die Zweckmäßigkeit für
die Vernunftuntersuchung der Möglichkeit der Naturformen durch ihre
Ursachen sich ganz unläugbar als Beziehung auf eine andere Art der
Causalität zeigt, doch immer den bloßen Mechanism befolgen wollen, muß
die Vernunft 25 eben so phantastisch und unter Hirngespinsten von
Naturvermögen, die sich gar nicht denken lassen, herumschweifend
machen, als eine bloß teleologische Erklärungsart, die gar keine Rücksicht
auf den Naturmechanism nimmt, sie schwärmerisch machte.
An einem und eben demselben Dinge der Natur lassen sich nicht beide 30
Principien, als Grundsätze der Erklärung (Deduction) eines von dem
andern, verknüpfen, d. i. als dogmatische und constitutive Principien der
Natureinsicht für die bestimmende Urtheilskraft vereinigen. Wenn ich z. B.
von einer Made annehme, sie sei als Product des bloßen Mechanismus der
Materie (der neuen Bildung, die sie für sich selbst bewerkstelligt, 35 357
wenn ihre Elemente durch Fäulniß in Freiheit gesetzt werden) anzusehen:
so kann ich nun nicht von eben derselben Materie, als einer Causalität nach
Zwecken zu handeln, eben dasselbe Product ableiten. Umgekehrt, wenn ich
dasselbe Product als Naturzweck annehme, kann ich nicht auf eine
mechanische Erzeugungsart desselben rechnen und solche als constitutives
Princip zur Beurtheilung desselben seiner Möglichkeit nach annehmen und
so beide Principien vereinigen. Denn eine Erklärungsart schließt 5 die
andere aus; gesetzt auch, daß objectiv beide Gründe der Möglichkeit eines
solchen Products auf einem einzigen beruhten, wir aber auf diesen nicht
Rücksicht nähmen. Das Princip, welches die Vereinbarkeit beider in
Beurtheilung der Natur nach denselben möglich machen soll, muß in dem,
was außerhalb beiden (mithin auch außer der möglichen empirischen
Page 302
Naturvorstellung) 10 liegt, von dieser aber doch den Grund enthält, d. i. im
Übersinnlichen, gesetzt und eine jede beider Erklärungsarten darauf
bezogen werden. Da wir nun von diesem nichts als den unbestimmten
Begriff eines Grundes haben können, der die Beurtheilung der Natur nach
empirischen Gesetzen möglich macht, übrigens aber ihn durch kein Prädicat
15 näher bestimmen können: so folgt, daß die Vereinigung beider
Principien nicht auf einem Grunde der E r k l ä r u n g (Explication) der
Möglichkeit eines Products nach gegebenen Gesetzen für die
b e s t i m m e n d e, 358 sondern nur auf einem Grunde der E r ö r t e r u n g
(Exposition) derselben für die reflectirende Urtheilskraft beruhen könne. —
Denn Erklären heißt 20 von einem Princip ableiten, welches man also
deutlich muß erkennen und angeben können. Nun müssen zwar das Princip
des Mechanisms der Natur und das der Causalität derselben nach Zwecken
an einem und eben demselben Naturproducte in einem einzigen oberen
Princip zusammenhängen und daraus gemeinschaftlich abfließen, weil sie
sonst in der Naturbetrachtung 25 nicht neben einander bestehen könnten.
Wenn aber dieses objectiv-gemeinschaftliche und also auch die
Gemeinschaft der davon abhängenden Maxime der Naturforschung
berechtigende Princip von der Art ist, daß es zwar angezeigt, nie aber
bestimmt erkannt und für den Gebrauch in vorkommenden Fällen deutlich
angegeben werden kann: so läßt sich aus 30 einem solchen Princip keine
Erklärung, d. i. deutliche und bestimmte Ableitung, der Möglichkeit eines
nach jenen zwei heterogenen Principien möglichen Naturproducts ziehen.
Nun ist aber das gemeinschaftliche Princip der mechanischen einerseits und
der teleologischen Ableitung andrerseits das Ü b e r s i n n l i c h e, welches
wir der Natur als Phänomen unterlegen 35 müssen. Von diesem aber
können wir uns in theoretischer Absicht nicht den mindesten bejahend
bestimmten Begriff machen. Wie also nach demselben, als Princip, die
Natur (nach ihren besondern Gesetzen) für uns ein System ausmache,
welches sowohl nach dem Princip der Erzeugung 359 von physischen als
dem der Endursachen als möglich erkannt werden könne: läßt sich
keinesweges erklären; sondern nur, wenn es sich zuträgt, daß Gegenstände
der Natur vorkommen, die nach dem Princip des Mechanisms 5 (welches
jederzeit an einem Naturwesen Anspruch hat) ihrer Möglichkeit nach, ohne
uns auf teleologische Grundsätze zu stützen, von uns nicht können gedacht
werden, voraussetzen, daß man nur getrost beiden gemäß den
Naturgesetzen nachforschen dürfe (nachdem die Möglichkeit ihres Products
Übersinnlichen, gesetzt und eine jede beider Erklärungsarten darauf
bezogen werden. Da wir nun von diesem nichts als den unbestimmten
Begriff eines Grundes haben können, der die Beurtheilung der Natur nach
empirischen Gesetzen möglich macht, übrigens aber ihn durch kein Prädicat
15 näher bestimmen können: so folgt, daß die Vereinigung beider
Principien nicht auf einem Grunde der E r k l ä r u n g (Explication) der
Möglichkeit eines Products nach gegebenen Gesetzen für die
b e s t i m m e n d e, 358 sondern nur auf einem Grunde der E r ö r t e r u n g
(Exposition) derselben für die reflectirende Urtheilskraft beruhen könne. —
Denn Erklären heißt 20 von einem Princip ableiten, welches man also
deutlich muß erkennen und angeben können. Nun müssen zwar das Princip
des Mechanisms der Natur und das der Causalität derselben nach Zwecken
an einem und eben demselben Naturproducte in einem einzigen oberen
Princip zusammenhängen und daraus gemeinschaftlich abfließen, weil sie
sonst in der Naturbetrachtung 25 nicht neben einander bestehen könnten.
Wenn aber dieses objectiv-gemeinschaftliche und also auch die
Gemeinschaft der davon abhängenden Maxime der Naturforschung
berechtigende Princip von der Art ist, daß es zwar angezeigt, nie aber
bestimmt erkannt und für den Gebrauch in vorkommenden Fällen deutlich
angegeben werden kann: so läßt sich aus 30 einem solchen Princip keine
Erklärung, d. i. deutliche und bestimmte Ableitung, der Möglichkeit eines
nach jenen zwei heterogenen Principien möglichen Naturproducts ziehen.
Nun ist aber das gemeinschaftliche Princip der mechanischen einerseits und
der teleologischen Ableitung andrerseits das Ü b e r s i n n l i c h e, welches
wir der Natur als Phänomen unterlegen 35 müssen. Von diesem aber
können wir uns in theoretischer Absicht nicht den mindesten bejahend
bestimmten Begriff machen. Wie also nach demselben, als Princip, die
Natur (nach ihren besondern Gesetzen) für uns ein System ausmache,
welches sowohl nach dem Princip der Erzeugung 359 von physischen als
dem der Endursachen als möglich erkannt werden könne: läßt sich
keinesweges erklären; sondern nur, wenn es sich zuträgt, daß Gegenstände
der Natur vorkommen, die nach dem Princip des Mechanisms 5 (welches
jederzeit an einem Naturwesen Anspruch hat) ihrer Möglichkeit nach, ohne
uns auf teleologische Grundsätze zu stützen, von uns nicht können gedacht
werden, voraussetzen, daß man nur getrost beiden gemäß den
Naturgesetzen nachforschen dürfe (nachdem die Möglichkeit ihres Products
Page 303
aus einem oder dem andern Princip unserm Verstande 10 erkennbar ist),
ohne sich an den scheinbaren Widerstreit zu stoßen, der sich zwischen den
Principien der Beurtheilung desselben hervorthut: weil wenigstens die
Möglichkeit, daß beide auch objectiv in einem Princip vereinbar sein
möchten (da sie Erscheinungen betreffen, die einen übersinnlichen Grund
voraussetzen), gesichert ist. 15
Ob also gleich sowohl der Mechanism als der teleologische (absichtliche)
Technicism der Natur in Ansehung ebendesselben Products und seiner
Möglichkeit unter einem gemeinschaftlichen obern Princip der Natur nach
besondern Gesetzen stehen mögen: so können wir doch, da dieses Princip
t r a n s s c e n d e n t ist, nach der Eingeschränktheit unseres Verstandes 20
beide Principien i n d e r E r k l ä r u n g eben derselben Naturerzeugung
alsdann nicht vereinigen, wenn selbst die innere Möglichkeit dieses
Products nur durch eine Causalität nach Zwecken v e r s t ä n d l i c h ist (wie
organisirte 360 Materien von der Art sind). Es bleibt also bei dem obigen
Grundsatze der Teleologie: daß nach der Beschaffenheit des menschlichen
25 Verstandes für die Möglichkeit organischer Wesen in der Natur keine
andere als absichtlich wirkende Ursache könne angenommen werden, und
der bloße Mechanism der Natur zur Erklärung dieser ihrer Producte gar
nicht hinlänglich sein könne; ohne doch dadurch in Ansehung der
Möglichkeit solcher Dinge selbst durch diesen Grundsatz entscheiden zu
wollen. 30
Da nämlich dieser nur eine Maxime der reflectirenden, nicht der
bestimmenden Urtheilskraft ist, daher nur subjectiv für uns, nicht objectiv
für die Möglichkeit dieser Art Dinge selbst gilt (wo beiderlei
Erzeugungsarten wohl in einem und demselben Grunde zusammenhängen
könnten); da ferner ohne allen zu der teleologisch-gedachten Erzeugungsart
hinzukommenden 35 Begriff von einem dabei zugleich anzutreffenden
Mechanism der Natur dergleichen Erzeugung gar nicht als Naturproduct
beurtheilt werden könnte: so führt obige Maxime zugleich die
Nothwendigkeit einer Vereinigung beider Principien in der Beurtheilung der
Dinge als Naturzwecke bei sich, aber nicht um eine ganz, oder in gewissen
Stücken an die Stelle der andern zu setzen. Denn an die Stelle dessen, was
(von uns wenigstens) nur als nach Absicht möglich gedacht wird, läßt sich
kein Mechanism; 5 und an die Stelle dessen, was nach diesem als
nothwendig erkannt wird, läßt sich keine Zufälligkeit, die eines Zwecks
ohne sich an den scheinbaren Widerstreit zu stoßen, der sich zwischen den
Principien der Beurtheilung desselben hervorthut: weil wenigstens die
Möglichkeit, daß beide auch objectiv in einem Princip vereinbar sein
möchten (da sie Erscheinungen betreffen, die einen übersinnlichen Grund
voraussetzen), gesichert ist. 15
Ob also gleich sowohl der Mechanism als der teleologische (absichtliche)
Technicism der Natur in Ansehung ebendesselben Products und seiner
Möglichkeit unter einem gemeinschaftlichen obern Princip der Natur nach
besondern Gesetzen stehen mögen: so können wir doch, da dieses Princip
t r a n s s c e n d e n t ist, nach der Eingeschränktheit unseres Verstandes 20
beide Principien i n d e r E r k l ä r u n g eben derselben Naturerzeugung
alsdann nicht vereinigen, wenn selbst die innere Möglichkeit dieses
Products nur durch eine Causalität nach Zwecken v e r s t ä n d l i c h ist (wie
organisirte 360 Materien von der Art sind). Es bleibt also bei dem obigen
Grundsatze der Teleologie: daß nach der Beschaffenheit des menschlichen
25 Verstandes für die Möglichkeit organischer Wesen in der Natur keine
andere als absichtlich wirkende Ursache könne angenommen werden, und
der bloße Mechanism der Natur zur Erklärung dieser ihrer Producte gar
nicht hinlänglich sein könne; ohne doch dadurch in Ansehung der
Möglichkeit solcher Dinge selbst durch diesen Grundsatz entscheiden zu
wollen. 30
Da nämlich dieser nur eine Maxime der reflectirenden, nicht der
bestimmenden Urtheilskraft ist, daher nur subjectiv für uns, nicht objectiv
für die Möglichkeit dieser Art Dinge selbst gilt (wo beiderlei
Erzeugungsarten wohl in einem und demselben Grunde zusammenhängen
könnten); da ferner ohne allen zu der teleologisch-gedachten Erzeugungsart
hinzukommenden 35 Begriff von einem dabei zugleich anzutreffenden
Mechanism der Natur dergleichen Erzeugung gar nicht als Naturproduct
beurtheilt werden könnte: so führt obige Maxime zugleich die
Nothwendigkeit einer Vereinigung beider Principien in der Beurtheilung der
Dinge als Naturzwecke bei sich, aber nicht um eine ganz, oder in gewissen
Stücken an die Stelle der andern zu setzen. Denn an die Stelle dessen, was
(von uns wenigstens) nur als nach Absicht möglich gedacht wird, läßt sich
kein Mechanism; 5 und an die Stelle dessen, was nach diesem als
nothwendig erkannt wird, läßt sich keine Zufälligkeit, die eines Zwecks
Page 304
zum Bestimmungsgrunde 361 bedürfe, annehmen: sondern nur die eine (der
Mechanism) der andern (dem absichtlichen Technicism) unterordnen,
welches nach dem transscendentalen Princip der Zweckmäßigkeit der Natur
ganz wohl geschehen 10 darf.
Denn wo Zwecke als Gründe der Möglichkeit gewisser Dinge gedacht
werden, da muß man auch Mittel annehmen, deren Wirkungsgesetz f ü r
s i c h nichts einen Zweck Voraussetzendes bedarf, mithin mechanisch und
doch eine untergeordnete Ursache absichtlicher Wirkungen sein kann.
Daher 15 läßt sich selbst in organischen Producten der Natur, noch mehr
aber, wenn wir, durch die unendliche Menge derselben veranlaßt, das
Absichtliche in der Verbindung der Naturursachen nach besondern Gesetzen
nun auch (wenigstens durch erlaubte Hypothese) zum a l l g e m e i n e n
P r i n c i p der reflectirenden Urtheilskraft für das Naturganze (die Welt)
annehmen, 20 eine große und sogar allgemeine Verbindung der
mechanischen Gesetze mit den teleologischen in den Erzeugungen der
Natur denken, ohne die Principien der Beurtheilung derselben zu
verwechseln und eines an die Stelle des andern zu setzen: weil in einer
teleologischen Beurtheilung die Materie, selbst wenn die Form, welche sie
annimmt, nur als nach Absicht 25 möglich beurtheilt wird, doch ihrer Natur
nach mechanischen Gesetzen gemäß jenem vorgestellten Zwecke auch zum
Mittel untergeordnet sein kann; wiewohl, 362 da der Grund dieser
Vereinbarkeit in demjenigen liegt, was weder das eine noch das andere
(weder Mechanism, noch Zweckverbindung), sondern das übersinnliche
Substrat der Natur ist, von dem wir nichts erkennen, 30 für unsere (die
menschliche) Vernunft beide Vorstellungsarten der Möglichkeit solcher
Objecte nicht zusammenzuschmelzen sind, sondern wir sie nicht anders als
nach der Verknüpfung der Endursachen auf einem obersten Verstande
gegründet beurtheilen können, wodurch also der teleologischen
Erklärungsart nichts benommen wird. 35
Weil nun aber ganz unbestimmt und für unsere Vernunft auch auf immer
unbestimmbar ist, wieviel der Mechanism der Natur als Mittel zu jeder
Endabsicht in derselben thue; und wegen des oberwähnten intelligibelen
Princips der Möglichkeit einer Natur überhaupt gar angenommen werden
kann, daß sie durchgängig nach beiderlei allgemein zusammenstimmenden
Gesetzen (den physischen und den der Endursachen) möglich sei, wiewohl
wir die Art, wie dieses zugehe, gar nicht einsehen können: so 5 wissen wir
Mechanism) der andern (dem absichtlichen Technicism) unterordnen,
welches nach dem transscendentalen Princip der Zweckmäßigkeit der Natur
ganz wohl geschehen 10 darf.
Denn wo Zwecke als Gründe der Möglichkeit gewisser Dinge gedacht
werden, da muß man auch Mittel annehmen, deren Wirkungsgesetz f ü r
s i c h nichts einen Zweck Voraussetzendes bedarf, mithin mechanisch und
doch eine untergeordnete Ursache absichtlicher Wirkungen sein kann.
Daher 15 läßt sich selbst in organischen Producten der Natur, noch mehr
aber, wenn wir, durch die unendliche Menge derselben veranlaßt, das
Absichtliche in der Verbindung der Naturursachen nach besondern Gesetzen
nun auch (wenigstens durch erlaubte Hypothese) zum a l l g e m e i n e n
P r i n c i p der reflectirenden Urtheilskraft für das Naturganze (die Welt)
annehmen, 20 eine große und sogar allgemeine Verbindung der
mechanischen Gesetze mit den teleologischen in den Erzeugungen der
Natur denken, ohne die Principien der Beurtheilung derselben zu
verwechseln und eines an die Stelle des andern zu setzen: weil in einer
teleologischen Beurtheilung die Materie, selbst wenn die Form, welche sie
annimmt, nur als nach Absicht 25 möglich beurtheilt wird, doch ihrer Natur
nach mechanischen Gesetzen gemäß jenem vorgestellten Zwecke auch zum
Mittel untergeordnet sein kann; wiewohl, 362 da der Grund dieser
Vereinbarkeit in demjenigen liegt, was weder das eine noch das andere
(weder Mechanism, noch Zweckverbindung), sondern das übersinnliche
Substrat der Natur ist, von dem wir nichts erkennen, 30 für unsere (die
menschliche) Vernunft beide Vorstellungsarten der Möglichkeit solcher
Objecte nicht zusammenzuschmelzen sind, sondern wir sie nicht anders als
nach der Verknüpfung der Endursachen auf einem obersten Verstande
gegründet beurtheilen können, wodurch also der teleologischen
Erklärungsart nichts benommen wird. 35
Weil nun aber ganz unbestimmt und für unsere Vernunft auch auf immer
unbestimmbar ist, wieviel der Mechanism der Natur als Mittel zu jeder
Endabsicht in derselben thue; und wegen des oberwähnten intelligibelen
Princips der Möglichkeit einer Natur überhaupt gar angenommen werden
kann, daß sie durchgängig nach beiderlei allgemein zusammenstimmenden
Gesetzen (den physischen und den der Endursachen) möglich sei, wiewohl
wir die Art, wie dieses zugehe, gar nicht einsehen können: so 5 wissen wir
Page 305
auch nicht, wie weit die für uns mögliche mechanische Erklärungsart gehe,
sondern nur so viel gewiß: daß, so weit wir nur immer darin kommen
mögen, sie doch allemal für Dinge, die wir einmal als Naturzwecke
anerkennen, unzureichend sein und wir also nach der Beschaffenheit
unseres Verstandes jene Gründe insgesammt einem teleologischen 10 363
Princip unterordnen müssen.
Hierauf gründet sich nun die Befugniß und wegen der Wichtigkeit, welche
das Naturstudium nach dem Princip des Mechanisms für unsern
theoretischen Vernunftgebrauch hat, auch der Beruf: alle Producte und
Ereignisse der Natur, selbst die zweckmäßigsten so weit mechanisch zu
erklären, 15 als es immer in unserm Vermögen (dessen Schranken wir
innerhalb dieser Untersuchungsart nicht angeben können) steht, dabei aber
niemals aus den Augen zu verlieren, daß wir die, welche wir allein unter
dem Begriffe vom Zwecke der Vernunft zur Untersuchung selbst auch nur
aufstellen können, der wesentlichen Beschaffenheit unserer Vernunft
gemäß, 20 jene mechanischen Ursachen ungeachtet, doch zuletzt der
Causalität nach Zwecken unterordnen müssen.
sondern nur so viel gewiß: daß, so weit wir nur immer darin kommen
mögen, sie doch allemal für Dinge, die wir einmal als Naturzwecke
anerkennen, unzureichend sein und wir also nach der Beschaffenheit
unseres Verstandes jene Gründe insgesammt einem teleologischen 10 363
Princip unterordnen müssen.
Hierauf gründet sich nun die Befugniß und wegen der Wichtigkeit, welche
das Naturstudium nach dem Princip des Mechanisms für unsern
theoretischen Vernunftgebrauch hat, auch der Beruf: alle Producte und
Ereignisse der Natur, selbst die zweckmäßigsten so weit mechanisch zu
erklären, 15 als es immer in unserm Vermögen (dessen Schranken wir
innerhalb dieser Untersuchungsart nicht angeben können) steht, dabei aber
niemals aus den Augen zu verlieren, daß wir die, welche wir allein unter
dem Begriffe vom Zwecke der Vernunft zur Untersuchung selbst auch nur
aufstellen können, der wesentlichen Beschaffenheit unserer Vernunft
gemäß, 20 jene mechanischen Ursachen ungeachtet, doch zuletzt der
Causalität nach Zwecken unterordnen müssen.
Page 306
Anhang. 364
Methodenlehre der teleologischen Urtheilskraft.
§ 79.
Ob die Teleologie als zur Naturlehre gehörend abgehandelt werden
müsse. 5
Eine jede Wissenschaft muß in der Encyklopädie aller Wissenschaften ihre
bestimmte Stelle haben. Ist es eine philosophische Wissenschaft, so muß ihr
ihre Stelle in dem theoretischen oder praktischen Theil derselben und, hat
sie ihren Platz im ersteren, entweder in der Naturlehre, so fern sie das, was
Gegenstand der Erfahrung sein kann, erwägt (folglich der 10 Körperlehre,
der Seelenlehre und allgemeinen Weltwissenschaft), oder in der Gotteslehre
(von dem Urgrunde der Welt als Inbegriff aller Gegenstände der Erfahrung)
angewiesen werden.
Nun fragt sich: Welche Stelle gebührt der Teleologie? Gehört sie zur
(eigentlich sogenannten) Naturwissenschaft, oder zur Theologie? Eins 15
von beiden muß sein; denn zum Übergange aus einer in die andere kann gar
keine Wissenschaft gehören, weil dieser nur die Articulation oder
Organisation des Systems und keinen Platz in demselben bedeutet.
Daß sie in die Theologie als ein Theil derselben nicht gehöre, obgleich 365
in derselben von ihr der wichtigste Gebrauch gemacht werden kann, ist für
20 sich selbst klar. Denn sie hat Naturerzeugungen und die Ursache
derselben zu ihrem Gegenstande; und ob sie gleich auf die letztere, als
einen außer und über die Natur belegenen Grund (göttlichen Urheber)
hinausweiset, so thut sie dieses doch nicht für die bestimmende, sondern
nur (um die Beurtheilung der Dinge in der Welt durch eine solche Idee dem
25 menschlichen Verstande angemessen als regulatives Princip zu leiten)
bloß für die reflectirende Urtheilskraft in der Naturbetrachtung.
Eben so wenig scheint sie aber auch in die Naturwissenschaft zu gehören,
welche bestimmender und nicht bloß reflectirender Principien bedarf, um
von Naturwirkungen objective Gründe anzugeben. In der That ist auch für
die Theorie der Natur, oder die mechanische Erklärung der Phänomene
Methodenlehre der teleologischen Urtheilskraft.
§ 79.
Ob die Teleologie als zur Naturlehre gehörend abgehandelt werden
müsse. 5
Eine jede Wissenschaft muß in der Encyklopädie aller Wissenschaften ihre
bestimmte Stelle haben. Ist es eine philosophische Wissenschaft, so muß ihr
ihre Stelle in dem theoretischen oder praktischen Theil derselben und, hat
sie ihren Platz im ersteren, entweder in der Naturlehre, so fern sie das, was
Gegenstand der Erfahrung sein kann, erwägt (folglich der 10 Körperlehre,
der Seelenlehre und allgemeinen Weltwissenschaft), oder in der Gotteslehre
(von dem Urgrunde der Welt als Inbegriff aller Gegenstände der Erfahrung)
angewiesen werden.
Nun fragt sich: Welche Stelle gebührt der Teleologie? Gehört sie zur
(eigentlich sogenannten) Naturwissenschaft, oder zur Theologie? Eins 15
von beiden muß sein; denn zum Übergange aus einer in die andere kann gar
keine Wissenschaft gehören, weil dieser nur die Articulation oder
Organisation des Systems und keinen Platz in demselben bedeutet.
Daß sie in die Theologie als ein Theil derselben nicht gehöre, obgleich 365
in derselben von ihr der wichtigste Gebrauch gemacht werden kann, ist für
20 sich selbst klar. Denn sie hat Naturerzeugungen und die Ursache
derselben zu ihrem Gegenstande; und ob sie gleich auf die letztere, als
einen außer und über die Natur belegenen Grund (göttlichen Urheber)
hinausweiset, so thut sie dieses doch nicht für die bestimmende, sondern
nur (um die Beurtheilung der Dinge in der Welt durch eine solche Idee dem
25 menschlichen Verstande angemessen als regulatives Princip zu leiten)
bloß für die reflectirende Urtheilskraft in der Naturbetrachtung.
Eben so wenig scheint sie aber auch in die Naturwissenschaft zu gehören,
welche bestimmender und nicht bloß reflectirender Principien bedarf, um
von Naturwirkungen objective Gründe anzugeben. In der That ist auch für
die Theorie der Natur, oder die mechanische Erklärung der Phänomene
Page 307
derselben durch ihre wirkenden Ursachen dadurch nichts gewonnen, 5 daß
man sie nach dem Verhältnisse der Zwecke zu einander betrachtet. Die
Aufstellung der Zwecke der Natur an ihren Producten, so fern sie ein
System nach teleologischen Begriffen ausmachen, ist eigentlich nur zur
Naturbeschreibung gehörig, welche nach einem besondern Leitfaden
abgefaßt ist: wo die Vernunft zwar ein herrliches unterrichtendes 10 und
praktisch in mancherlei Absicht zweckmäßiges Geschäft verrichtet, aber
über das Entstehen und die innere Möglichkeit dieser Formen gar keinen 366
Aufschluß giebt, worum es doch der theoretischen Naturwissenschaft
eigentlich zu thun ist.
Die Teleologie als Wissenschaft gehört also zu gar keiner Doctrin, 15
sondern nur zur Kritik und zwar eines besondern Erkenntnißvermögens,
nämlich der Urtheilskraft. Aber so fern sie Principien a priori enthält, kann
und muß sie die Methode, wie über die Natur nach dem Princip der
Endursachen geurtheilt werden müsse, angeben; und so hat ihre
Methodenlehre wenigstens negativen Einfluß auf das Verfahren in der
theoretischen 20 Naturwissenschaft und auch auf das Verhältniß, welches
diese in der Metaphysik zur Theologie als Propädeutik derselben haben
kann.
man sie nach dem Verhältnisse der Zwecke zu einander betrachtet. Die
Aufstellung der Zwecke der Natur an ihren Producten, so fern sie ein
System nach teleologischen Begriffen ausmachen, ist eigentlich nur zur
Naturbeschreibung gehörig, welche nach einem besondern Leitfaden
abgefaßt ist: wo die Vernunft zwar ein herrliches unterrichtendes 10 und
praktisch in mancherlei Absicht zweckmäßiges Geschäft verrichtet, aber
über das Entstehen und die innere Möglichkeit dieser Formen gar keinen 366
Aufschluß giebt, worum es doch der theoretischen Naturwissenschaft
eigentlich zu thun ist.
Die Teleologie als Wissenschaft gehört also zu gar keiner Doctrin, 15
sondern nur zur Kritik und zwar eines besondern Erkenntnißvermögens,
nämlich der Urtheilskraft. Aber so fern sie Principien a priori enthält, kann
und muß sie die Methode, wie über die Natur nach dem Princip der
Endursachen geurtheilt werden müsse, angeben; und so hat ihre
Methodenlehre wenigstens negativen Einfluß auf das Verfahren in der
theoretischen 20 Naturwissenschaft und auch auf das Verhältniß, welches
diese in der Metaphysik zur Theologie als Propädeutik derselben haben
kann.
Page 308
§ 80.
Von der nothwendigen Unterordnung des Princips des Mechanisms
unter dem teleologischen in Erklärung eines 25 Dinges als
Naturzwecks.
Die B e f u g n i ß auf eine bloß mechanische Erklärungsart aller
Naturproducte a u s z u g e h e n ist an sich ganz unbeschränkt; aber das
Ve r m ö g e n damit allein a u s z u l a n g e n ist nach der Beschaffenheit
unseres Verstandes, sofern er es mit Dingen als Naturzwecken zu thun hat,
nicht 30 allein sehr beschränkt, sondern auch deutlich begränzt: nämlich so,
daß 367 nach einem Princip der Urtheilskraft durch das erstere Verfahren
allein zur Erklärung der letzeren gar nichts ausgerichtet werden könne,
mithin die Beurtheilung solcher Producte jederzeit von uns zugleich einem
teleologischen Princip untergeordnet werden müsse. 35
Es ist daher vernünftig, ja verdienstlich, dem Naturmechanism zum Behuf
einer Erklärung der Naturproducte soweit nachzugehen, als es mit
Wahrscheinlichkeit geschehen kann, ja diesen Versuch nicht darum
aufzugeben, weil es a n s i c h unmöglich sei auf seinem Wege mit der
Zweckmäßigkeit der Natur zusammenzutreffen, sondern nur darum, weil es
f ü r 5 u n s als Menschen unmöglich ist; indem dazu eine andere als
sinnliche Anschauung und ein bestimmtes Erkenntniß des intelligibelen
Substrats der Natur, woraus selbst von dem Mechanism der Erscheinungen
nach besondern Gesetzen Grund angegeben werden könne, erforderlich sein
würde, welches alles unser Vermögen gänzlich übersteigt. 10
Damit also der Naturforscher nicht auf reinen Verlust arbeite, so muß er in
Beurtheilung der Dinge, deren Begriff als Naturzwecke unbezweifelt
gegründet ist (organisirter Wesen), immer irgend eine ursprüngliche
Organisation zum Grunde legen, welche jenen Mechanism selbst benutzt,
um andere organisirte Formen hervorzubringen, oder die seinige 15 zu
neuen Gestalten (die doch aber immer aus jenem Zwecke und ihm gemäß
368 erfolgen) zu entwickeln.
Es ist rühmlich, vermittelst einer comparativen Anatomie die große
Schöpfung organisirter Naturen durchzugehen, um zu sehen: ob sich daran
Von der nothwendigen Unterordnung des Princips des Mechanisms
unter dem teleologischen in Erklärung eines 25 Dinges als
Naturzwecks.
Die B e f u g n i ß auf eine bloß mechanische Erklärungsart aller
Naturproducte a u s z u g e h e n ist an sich ganz unbeschränkt; aber das
Ve r m ö g e n damit allein a u s z u l a n g e n ist nach der Beschaffenheit
unseres Verstandes, sofern er es mit Dingen als Naturzwecken zu thun hat,
nicht 30 allein sehr beschränkt, sondern auch deutlich begränzt: nämlich so,
daß 367 nach einem Princip der Urtheilskraft durch das erstere Verfahren
allein zur Erklärung der letzeren gar nichts ausgerichtet werden könne,
mithin die Beurtheilung solcher Producte jederzeit von uns zugleich einem
teleologischen Princip untergeordnet werden müsse. 35
Es ist daher vernünftig, ja verdienstlich, dem Naturmechanism zum Behuf
einer Erklärung der Naturproducte soweit nachzugehen, als es mit
Wahrscheinlichkeit geschehen kann, ja diesen Versuch nicht darum
aufzugeben, weil es a n s i c h unmöglich sei auf seinem Wege mit der
Zweckmäßigkeit der Natur zusammenzutreffen, sondern nur darum, weil es
f ü r 5 u n s als Menschen unmöglich ist; indem dazu eine andere als
sinnliche Anschauung und ein bestimmtes Erkenntniß des intelligibelen
Substrats der Natur, woraus selbst von dem Mechanism der Erscheinungen
nach besondern Gesetzen Grund angegeben werden könne, erforderlich sein
würde, welches alles unser Vermögen gänzlich übersteigt. 10
Damit also der Naturforscher nicht auf reinen Verlust arbeite, so muß er in
Beurtheilung der Dinge, deren Begriff als Naturzwecke unbezweifelt
gegründet ist (organisirter Wesen), immer irgend eine ursprüngliche
Organisation zum Grunde legen, welche jenen Mechanism selbst benutzt,
um andere organisirte Formen hervorzubringen, oder die seinige 15 zu
neuen Gestalten (die doch aber immer aus jenem Zwecke und ihm gemäß
368 erfolgen) zu entwickeln.
Es ist rühmlich, vermittelst einer comparativen Anatomie die große
Schöpfung organisirter Naturen durchzugehen, um zu sehen: ob sich daran
Page 309
nicht etwas einem System Ähnliches und zwar dem Erzeugungsprincip 20
nach vorfinde; ohne daß wir nöthig haben, beim bloßen
Beurtheilungsprincip (welches für die Einsicht ihrer Erzeugung keinen
Aufschluß giebt) stehen zu bleiben und muthlos allen Anspruch auf
N a t u r e i n s i c h t in diesem Felde aufzugeben. Die Übereinkunft so vieler
Thiergattungen in einem gewissen gemeinsamen Schema, das nicht allein in
ihrem Knochenbau, 25 sondern auch in der Anordnung der übrigen Theile
zum Grunde zu liegen scheint, wo bewundrungswürdige Einfalt des
Grundrisses durch Verkürzung einer und Verlängerung anderer, durch
Einwickelung dieser und Auswickelung jener Theile eine so große
Mannigfaltigkeit von Species hat hervorbringen können, läßt einen obgleich
schwachen Strahl 30 von Hoffnung in das Gemüth fallen, daß hier wohl
etwas mit dem Princip des Mechanismus der Natur, ohne welches es
überhaupt keine Naturwissenschaft geben kann, auszurichten sein möchte.
Diese Analogie der Formen, sofern sie bei aller Verschiedenheit einem
gemeinschaftlichen Urbilde gemäß erzeugt zu sein scheinen, verstärkt die
Vermuthung einer 35 wirklichen Verwandtschaft derselben in der
Erzeugung von einer gemeinschaftlichen Urmutter durch die stufenartige
Annäherung einer Thiergattung 369 zur andern, von derjenigen an, in
welcher das Princip der Zwecke am meisten bewährt zu sein scheint,
nämlich dem Menschen, bis zum Polyp, von diesem sogar bis zu Moosen
und Flechten und endlich zu der niedrigsten uns merklichen Stufe der
Natur, zur rohen Materie: aus welcher und ihren Kräften nach
mechanischen Gesetzen (gleich denen, wornach 5 sie in
Krystallerzeugungen wirkt) die ganze Technik der Natur, die uns in
organisirten Wesen so unbegreiflich ist, daß wir uns dazu ein anderes
Princip zu denken genöthigt glauben, abzustammen scheint.
Hier steht es nun dem A r c h ä o l o g e n der Natur frei, aus den
übriggebliebenen Spuren ihrer ältesten Revolutionen nach allem ihm
bekannten 10 oder gemuthmaßten Mechanism derselben jene große Familie
von Geschöpfen (denn so müßte man sie sich vorstellen, wenn die genannte
durchgängig zusammenhängende Verwandtschaft einen Grund haben soll)
entspringen zu lassen. Er kann den Mutterschooß der Erde, die eben aus
ihrem chaotischen Zustande herausging (gleichsam als ein großes Thier),
15 anfänglich Geschöpfe von minder-zweckmäßiger Form, diese wiederum
andere, welche angemessener ihrem Zeugungsplatze und ihrem Verhältnisse
nach vorfinde; ohne daß wir nöthig haben, beim bloßen
Beurtheilungsprincip (welches für die Einsicht ihrer Erzeugung keinen
Aufschluß giebt) stehen zu bleiben und muthlos allen Anspruch auf
N a t u r e i n s i c h t in diesem Felde aufzugeben. Die Übereinkunft so vieler
Thiergattungen in einem gewissen gemeinsamen Schema, das nicht allein in
ihrem Knochenbau, 25 sondern auch in der Anordnung der übrigen Theile
zum Grunde zu liegen scheint, wo bewundrungswürdige Einfalt des
Grundrisses durch Verkürzung einer und Verlängerung anderer, durch
Einwickelung dieser und Auswickelung jener Theile eine so große
Mannigfaltigkeit von Species hat hervorbringen können, läßt einen obgleich
schwachen Strahl 30 von Hoffnung in das Gemüth fallen, daß hier wohl
etwas mit dem Princip des Mechanismus der Natur, ohne welches es
überhaupt keine Naturwissenschaft geben kann, auszurichten sein möchte.
Diese Analogie der Formen, sofern sie bei aller Verschiedenheit einem
gemeinschaftlichen Urbilde gemäß erzeugt zu sein scheinen, verstärkt die
Vermuthung einer 35 wirklichen Verwandtschaft derselben in der
Erzeugung von einer gemeinschaftlichen Urmutter durch die stufenartige
Annäherung einer Thiergattung 369 zur andern, von derjenigen an, in
welcher das Princip der Zwecke am meisten bewährt zu sein scheint,
nämlich dem Menschen, bis zum Polyp, von diesem sogar bis zu Moosen
und Flechten und endlich zu der niedrigsten uns merklichen Stufe der
Natur, zur rohen Materie: aus welcher und ihren Kräften nach
mechanischen Gesetzen (gleich denen, wornach 5 sie in
Krystallerzeugungen wirkt) die ganze Technik der Natur, die uns in
organisirten Wesen so unbegreiflich ist, daß wir uns dazu ein anderes
Princip zu denken genöthigt glauben, abzustammen scheint.
Hier steht es nun dem A r c h ä o l o g e n der Natur frei, aus den
übriggebliebenen Spuren ihrer ältesten Revolutionen nach allem ihm
bekannten 10 oder gemuthmaßten Mechanism derselben jene große Familie
von Geschöpfen (denn so müßte man sie sich vorstellen, wenn die genannte
durchgängig zusammenhängende Verwandtschaft einen Grund haben soll)
entspringen zu lassen. Er kann den Mutterschooß der Erde, die eben aus
ihrem chaotischen Zustande herausging (gleichsam als ein großes Thier),
15 anfänglich Geschöpfe von minder-zweckmäßiger Form, diese wiederum
andere, welche angemessener ihrem Zeugungsplatze und ihrem Verhältnisse
Page 310
unter einander sich ausbildeten, gebären lassen; bis diese Gebärmutter
selbst, erstarrt, sich verknöchert, ihre Geburten auf bestimmte, fernerhin
nicht ausartende Species eingeschränkt hätte, und die Mannigfaltigkeit so
20 370 bliebe, wie sie am Ende der Operation jener fruchtbaren
Bildungskraft ausgefallen war. — Allein er muß gleichwohl zu dem Ende
dieser allgemeinen Mutter eine auf alle diese Geschöpfe zweckmäßig
gestellte Organisation beilegen, widrigenfalls die Zweckform der Producte
des Thier- und Pflanzenreichs ihrer Möglichkeit nach gar nicht zu denken
ist.[29] Alsdann 25 aber hat er den Erklärungsgrund nur weiter
aufgeschoben und kann sich nicht anmaßen, die Erzeugung jener zwei
Reiche von der Bedingung der 371 Endursachen unabhängig gemacht zu
haben.
Selbst, was die Veränderung betrifft, welcher gewisse Individuen der
organisirten Gattungen zufälligerweise unterworfen werden, wenn man 5
findet, daß ihr so abgeänderter Charakter erblich und in die Zeugungskraft
aufgenommen wird, so kann sie nicht füglich anders denn als gelegentliche
Entwickelung einer in der Species ursprünglich vorhandenen
zweckmäßigen Anlage zur Selbsterhaltung der Art beurtheilt werden: weil
das Zeugen seines gleichen bei der durchgängigen innern Zweckmäßigkeit
10 eines organisirten Wesens mit der Bedingung nichts in die
Zeugungskraft aufzunehmen, was nicht auch in einem solchen System von
Zwecken zu einer der unentwickelten ursprünglichen Anlagen gehört, so
nahe verbunden ist. Denn wenn man von diesem Princip abgeht, so kann
man mit Sicherheit nicht wissen, ob nicht mehrere Stücke der jetzt 15 an
einer Species anzutreffenden Form eben so zufälligen zwecklosen
Ursprungs sein mögen; und das Princip der Teleologie: in einem
organisirten Wesen nichts von dem, was sich in der Fortpflanzung desselben
erhält, als unzweckmäßig zu beurtheilen, müßte dadurch in der Anwendung
sehr unzuverlässig werden und lediglich für den Urstamm (den wir aber 20
nicht mehr kennen) gültig sein.
H u m e macht wider diejenigen, welche für alle solche Naturzwecke 372 ein
teleologisches Princip der Beurtheilung, d. i. einen architektonischen
Verstand, anzunehmen nöthig finden, die Einwendung: daß man mit eben
dem Rechte fragen könnte, wie denn ein solcher Verstand möglich sei, 25
d. i. wie die mancherlei Vermögen und Eigenschaften, welche die
Möglichkeit eines Verstandes, der zugleich ausführende Macht hat,
selbst, erstarrt, sich verknöchert, ihre Geburten auf bestimmte, fernerhin
nicht ausartende Species eingeschränkt hätte, und die Mannigfaltigkeit so
20 370 bliebe, wie sie am Ende der Operation jener fruchtbaren
Bildungskraft ausgefallen war. — Allein er muß gleichwohl zu dem Ende
dieser allgemeinen Mutter eine auf alle diese Geschöpfe zweckmäßig
gestellte Organisation beilegen, widrigenfalls die Zweckform der Producte
des Thier- und Pflanzenreichs ihrer Möglichkeit nach gar nicht zu denken
ist.[29] Alsdann 25 aber hat er den Erklärungsgrund nur weiter
aufgeschoben und kann sich nicht anmaßen, die Erzeugung jener zwei
Reiche von der Bedingung der 371 Endursachen unabhängig gemacht zu
haben.
Selbst, was die Veränderung betrifft, welcher gewisse Individuen der
organisirten Gattungen zufälligerweise unterworfen werden, wenn man 5
findet, daß ihr so abgeänderter Charakter erblich und in die Zeugungskraft
aufgenommen wird, so kann sie nicht füglich anders denn als gelegentliche
Entwickelung einer in der Species ursprünglich vorhandenen
zweckmäßigen Anlage zur Selbsterhaltung der Art beurtheilt werden: weil
das Zeugen seines gleichen bei der durchgängigen innern Zweckmäßigkeit
10 eines organisirten Wesens mit der Bedingung nichts in die
Zeugungskraft aufzunehmen, was nicht auch in einem solchen System von
Zwecken zu einer der unentwickelten ursprünglichen Anlagen gehört, so
nahe verbunden ist. Denn wenn man von diesem Princip abgeht, so kann
man mit Sicherheit nicht wissen, ob nicht mehrere Stücke der jetzt 15 an
einer Species anzutreffenden Form eben so zufälligen zwecklosen
Ursprungs sein mögen; und das Princip der Teleologie: in einem
organisirten Wesen nichts von dem, was sich in der Fortpflanzung desselben
erhält, als unzweckmäßig zu beurtheilen, müßte dadurch in der Anwendung
sehr unzuverlässig werden und lediglich für den Urstamm (den wir aber 20
nicht mehr kennen) gültig sein.
H u m e macht wider diejenigen, welche für alle solche Naturzwecke 372 ein
teleologisches Princip der Beurtheilung, d. i. einen architektonischen
Verstand, anzunehmen nöthig finden, die Einwendung: daß man mit eben
dem Rechte fragen könnte, wie denn ein solcher Verstand möglich sei, 25
d. i. wie die mancherlei Vermögen und Eigenschaften, welche die
Möglichkeit eines Verstandes, der zugleich ausführende Macht hat,
Page 311
ausmachen, sich so zweckmäßig in einem Wesen haben zusammen finden
können. Allein dieser Einwurf ist nichtig. Denn die ganze Schwierigkeit,
welche die Frage wegen der ersten Erzeugung eines in sich selbst Zwecke
enthaltenden 30 und durch sie allein begreiflichen Dinges umgiebt, beruht
auf der Nachfrage nach Einheit des Grundes der Verbindung des
Mannigfaltigen a u ß e r e i n a n d e r in diesem Producte; da denn, wenn
dieser Grund in dem Verstande einer hervorbringenden Ursache als
einfacher Substanz gesetzt wird, jene Frage, sofern sie teleologisch ist,
hinreichend beantwortet wird, wenn aber die Ursache bloß in der Materie,
als einem Aggregat vieler Substanzen außer einander, gesucht wird, die
Einheit des Princips für die innerlich zweckmäßige Form ihrer Bildung
gänzlich ermangelt; 5 und die A u t o k r a t i e der Materie in Erzeugungen,
welche von unserm Verstande nur als Zwecke begriffen werden können, ist
ein Wort ohne Bedeutung.
Daher kommt es, daß diejenigen, welche für die objectiv-zweckmäßigen
Formen der Materie einen obersten Grund der Möglichkeit derselben 10 373
suchen, ohne ihm eben einen Verstand zuzugestehen, das Weltganze doch
gern zu einer einigen, allbefassenden Substanz (Pantheism), oder (welches
nur eine bestimmtere Erklärung des vorigen ist) zu einem Inbegriffe vieler
einer einigen e i n f a c h e n S u b s t a n z inhärirenden Bestimmungen
(Spinozism) machen, bloß um jene Bedingung aller Zweckmäßigkeit, die
15 E i n h e i t des Grundes, heraus zu bekommen; wobei sie zwar e i n e r
Bedingung der Aufgabe, nämlich der Einheit in der Zweckbeziehung,
vermittelst des bloß ontologischen Begriffs einer einfachen Substanz ein
Genüge thun, aber für die a n d e r e Bedingung, nämlich das Verhältniß
derselben zu ihrer Folge als Z w e c k, wodurch jener ontologische Grund
20 für die Frage näher bestimmt werden soll, nichts anführen, mithin d i e
g a n z e Frage keinesweges beantworten. Auch bleibt sie schlechterdings
unbeantwortlich (für unsere Vernunft), wenn wir jenen Urgrund der Dinge
nicht als einfache S u b s t a n z und dieser ihre Eigenschaft zu der
specifischen Beschaffenheit der auf sie sich gründenden Naturformen, 25
nämlich der Zweckeinheit, nicht als die einer intelligenten Substanz, das
Verhältniß aber derselben zu den letzteren (wegen der Zufälligkeit, die wir
an allem finden, was wir uns nur als Zweck möglich denken) nicht als das
Verhältniß einer C a u s a l i t ä t uns vorstellen.
können. Allein dieser Einwurf ist nichtig. Denn die ganze Schwierigkeit,
welche die Frage wegen der ersten Erzeugung eines in sich selbst Zwecke
enthaltenden 30 und durch sie allein begreiflichen Dinges umgiebt, beruht
auf der Nachfrage nach Einheit des Grundes der Verbindung des
Mannigfaltigen a u ß e r e i n a n d e r in diesem Producte; da denn, wenn
dieser Grund in dem Verstande einer hervorbringenden Ursache als
einfacher Substanz gesetzt wird, jene Frage, sofern sie teleologisch ist,
hinreichend beantwortet wird, wenn aber die Ursache bloß in der Materie,
als einem Aggregat vieler Substanzen außer einander, gesucht wird, die
Einheit des Princips für die innerlich zweckmäßige Form ihrer Bildung
gänzlich ermangelt; 5 und die A u t o k r a t i e der Materie in Erzeugungen,
welche von unserm Verstande nur als Zwecke begriffen werden können, ist
ein Wort ohne Bedeutung.
Daher kommt es, daß diejenigen, welche für die objectiv-zweckmäßigen
Formen der Materie einen obersten Grund der Möglichkeit derselben 10 373
suchen, ohne ihm eben einen Verstand zuzugestehen, das Weltganze doch
gern zu einer einigen, allbefassenden Substanz (Pantheism), oder (welches
nur eine bestimmtere Erklärung des vorigen ist) zu einem Inbegriffe vieler
einer einigen e i n f a c h e n S u b s t a n z inhärirenden Bestimmungen
(Spinozism) machen, bloß um jene Bedingung aller Zweckmäßigkeit, die
15 E i n h e i t des Grundes, heraus zu bekommen; wobei sie zwar e i n e r
Bedingung der Aufgabe, nämlich der Einheit in der Zweckbeziehung,
vermittelst des bloß ontologischen Begriffs einer einfachen Substanz ein
Genüge thun, aber für die a n d e r e Bedingung, nämlich das Verhältniß
derselben zu ihrer Folge als Z w e c k, wodurch jener ontologische Grund
20 für die Frage näher bestimmt werden soll, nichts anführen, mithin d i e
g a n z e Frage keinesweges beantworten. Auch bleibt sie schlechterdings
unbeantwortlich (für unsere Vernunft), wenn wir jenen Urgrund der Dinge
nicht als einfache S u b s t a n z und dieser ihre Eigenschaft zu der
specifischen Beschaffenheit der auf sie sich gründenden Naturformen, 25
nämlich der Zweckeinheit, nicht als die einer intelligenten Substanz, das
Verhältniß aber derselben zu den letzteren (wegen der Zufälligkeit, die wir
an allem finden, was wir uns nur als Zweck möglich denken) nicht als das
Verhältniß einer C a u s a l i t ä t uns vorstellen.
Page 312
§ 81. 30 374
Von der Beigesellung des Mechanismus zum teleologischen Princip in
der Erklärung eines Naturzwecks als Naturproducts.
Gleich wie der Mechanism der Natur nach dem vorhergehenden § allein
nicht zulangen kann, um sich die Möglichkeit eines organisirten 35 Wesens
darnach zu denken, sondern (wenigstens nach der Beschaffenheit unsers
Erkenntnißvermögens) einer absichtlich wirkenden Ursache ursprünglich
untergeordnet werden muß: so langt eben so wenig der bloße teleologische
Grund eines solchen Wesens hin, es zugleich als ein Product der Natur zu
betrachten und zu beurtheilen, wenn nicht der Mechanism 5 der letzteren
dem ersteren beigesellt wird, gleichsam als das Werkzeug einer absichtlich
wirkenden Ursache, deren Zwecke die Natur in ihren mechanischen
Gesetzen gleichwohl untergeordnet ist. Die Möglichkeit einer solchen
Vereinigung zweier ganz verschiedener Arten von Causalität, der Natur in
ihrer allgemeinen Gesetzmäßigkeit mit einer Idee, welche jene auf eine 10
besondere Form einschränkt, wozu sie für sich gar keinen Grund enthält,
begreift unsere Vernunft nicht; sie liegt im übersinnlichen Substrat der
Natur, wovon wir nichts bejahend bestimmen können, als daß es das Wesen
an sich sei, von welchem wir bloß die Erscheinung kennen. Aber das
Princip: alles, was wir als zu dieser Natur (Phaenomenon) gehörig 15 375
und als Product derselben annehmen, auch nach mechanischen Gesetzen
mit ihr verknüpft denken zu müssen, bleibt nichts desto weniger in seiner
Kraft: weil ohne diese Art von Causalität organisirte Wesen, als Zwecke der
Natur, doch keine Naturproducte sein würden.
Wenn nun das teleologische Princip der Erzeugung dieser Wesen
angenommen 20 wird (wie es denn nicht anders sein kann): so kann man
entweder den O c c a s i o n a l i s m, oder den P r ä s t a b i l i s m der Ursache
ihrer innerlich zweckmäßigen Form zum Grunde legen. Nach dem ersteren
würde die oberste Weltursache ihrer Idee gemäß bei Gelegenheit einer jeden
Begattung der in derselben sich mischenden Materie unmittelbar die 25
organische Bildung geben; nach dem zweiten würde sie in die anfänglichen
Producte dieser ihrer Weisheit nur die Anlage gebracht haben, vermittelst
deren ein organisches Wesen seines Gleichen hervorbringt und die Species
sich selbst beständig erhält, imgleichen der Abgang der Individuen durch
Von der Beigesellung des Mechanismus zum teleologischen Princip in
der Erklärung eines Naturzwecks als Naturproducts.
Gleich wie der Mechanism der Natur nach dem vorhergehenden § allein
nicht zulangen kann, um sich die Möglichkeit eines organisirten 35 Wesens
darnach zu denken, sondern (wenigstens nach der Beschaffenheit unsers
Erkenntnißvermögens) einer absichtlich wirkenden Ursache ursprünglich
untergeordnet werden muß: so langt eben so wenig der bloße teleologische
Grund eines solchen Wesens hin, es zugleich als ein Product der Natur zu
betrachten und zu beurtheilen, wenn nicht der Mechanism 5 der letzteren
dem ersteren beigesellt wird, gleichsam als das Werkzeug einer absichtlich
wirkenden Ursache, deren Zwecke die Natur in ihren mechanischen
Gesetzen gleichwohl untergeordnet ist. Die Möglichkeit einer solchen
Vereinigung zweier ganz verschiedener Arten von Causalität, der Natur in
ihrer allgemeinen Gesetzmäßigkeit mit einer Idee, welche jene auf eine 10
besondere Form einschränkt, wozu sie für sich gar keinen Grund enthält,
begreift unsere Vernunft nicht; sie liegt im übersinnlichen Substrat der
Natur, wovon wir nichts bejahend bestimmen können, als daß es das Wesen
an sich sei, von welchem wir bloß die Erscheinung kennen. Aber das
Princip: alles, was wir als zu dieser Natur (Phaenomenon) gehörig 15 375
und als Product derselben annehmen, auch nach mechanischen Gesetzen
mit ihr verknüpft denken zu müssen, bleibt nichts desto weniger in seiner
Kraft: weil ohne diese Art von Causalität organisirte Wesen, als Zwecke der
Natur, doch keine Naturproducte sein würden.
Wenn nun das teleologische Princip der Erzeugung dieser Wesen
angenommen 20 wird (wie es denn nicht anders sein kann): so kann man
entweder den O c c a s i o n a l i s m, oder den P r ä s t a b i l i s m der Ursache
ihrer innerlich zweckmäßigen Form zum Grunde legen. Nach dem ersteren
würde die oberste Weltursache ihrer Idee gemäß bei Gelegenheit einer jeden
Begattung der in derselben sich mischenden Materie unmittelbar die 25
organische Bildung geben; nach dem zweiten würde sie in die anfänglichen
Producte dieser ihrer Weisheit nur die Anlage gebracht haben, vermittelst
deren ein organisches Wesen seines Gleichen hervorbringt und die Species
sich selbst beständig erhält, imgleichen der Abgang der Individuen durch
Page 313
ihre zugleich an ihrer Zerstörung arbeitende Natur continuirlich ersetzt 30
wird. Wenn man den Occasionalism der Hervorbringung organisirter Wesen
annimmt, so geht alle Natur hiebei gänzlich verloren, mit ihr auch aller
Vernunftgebrauch, über die Möglichkeit einer solchen Art Producte zu
urtheilen; daher man voraussetzen kann, daß niemand dieses System
annehmen wird, dem es irgend um Philosophie zu thun ist. 35
Der P r ä s t a b i l i s m kann nun wiederum auf zwiefache Art verfahren. 376
Er betrachtet nämlich ein jedes von seines Gleichen gezeugte organische
Wesen entweder als das E d u c t, oder als das P r o d u c t des ersteren. Das
System der Zeugungen als bloßer Educte heißt das der i n d i v i d u e l l e n
P r ä f o r m a t i o n, oder auch die E v o l u t i o n s t h e o r i e; das der
Zeugungen als Producte wird das System der E p i g e n e s i s genannt.
Dieses letztere kann auch System der generischen
P r ä f o r m a t i o n genannt 5 werden: weil das productive Vermögen der
Zeugenden doch nach den inneren zweckmäßigen Anlagen, die ihrem
Stamme zu Theil wurden, also die specifische Form virtualiter präformirt
war. Diesem gemäß würde man die entgegenstehende Theorie der
individuellen Präformation auch besser I n v o l u t i o n s t h e o r i e (oder die
der Einschachtelung) nennen 10 können.
Die Verfechter der E v o l u t i o n s t h e o r i e, welche jedes Individuum von
der bildenden Kraft der Natur ausnehmen, um es unmittelbar aus der Hand
des Schöpfers kommen zu lassen, wollten es also doch nicht wagen, dieses
nach der Hypothese des Occasionalisms geschehen zu lassen, 15 so daß die
Begattung eine bloße Formalität wäre, unter der eine oberste verständige
Weltursache beschlossen hätte, jedesmal eine Frucht mit unmittelbarer
Hand zu bilden und der Mutter nur die Auswickelung und Ernährung
derselben zu überlassen. Sie erklärten sich für die Präformation; 377 gleich
als wenn es nicht einerlei wäre, übernatürlicher Weise im 20 Anfange oder
im Fortlaufe der Welt dergleichen Formen entstehen zu lassen, und nicht
vielmehr eine große Menge übernatürlicher Anstalten durch gelegentliche
Schöpfung erspart würde, welche erforderlich wären, damit der im Anfange
der Welt gebildete Embryo die lange Zeit hindurch bis zu seiner
Entwickelung nicht von den zerstörenden Kräften der Natur 25 litte und
sich unverletzt erhielte, imgleichen eine unermeßlich größere Zahl solcher
vorgebildeten Wesen, als jemals entwickelt werden sollten, und mit ihnen
eben so viel Schöpfungen dadurch unnöthig und zwecklos gemacht würden.
wird. Wenn man den Occasionalism der Hervorbringung organisirter Wesen
annimmt, so geht alle Natur hiebei gänzlich verloren, mit ihr auch aller
Vernunftgebrauch, über die Möglichkeit einer solchen Art Producte zu
urtheilen; daher man voraussetzen kann, daß niemand dieses System
annehmen wird, dem es irgend um Philosophie zu thun ist. 35
Der P r ä s t a b i l i s m kann nun wiederum auf zwiefache Art verfahren. 376
Er betrachtet nämlich ein jedes von seines Gleichen gezeugte organische
Wesen entweder als das E d u c t, oder als das P r o d u c t des ersteren. Das
System der Zeugungen als bloßer Educte heißt das der i n d i v i d u e l l e n
P r ä f o r m a t i o n, oder auch die E v o l u t i o n s t h e o r i e; das der
Zeugungen als Producte wird das System der E p i g e n e s i s genannt.
Dieses letztere kann auch System der generischen
P r ä f o r m a t i o n genannt 5 werden: weil das productive Vermögen der
Zeugenden doch nach den inneren zweckmäßigen Anlagen, die ihrem
Stamme zu Theil wurden, also die specifische Form virtualiter präformirt
war. Diesem gemäß würde man die entgegenstehende Theorie der
individuellen Präformation auch besser I n v o l u t i o n s t h e o r i e (oder die
der Einschachtelung) nennen 10 können.
Die Verfechter der E v o l u t i o n s t h e o r i e, welche jedes Individuum von
der bildenden Kraft der Natur ausnehmen, um es unmittelbar aus der Hand
des Schöpfers kommen zu lassen, wollten es also doch nicht wagen, dieses
nach der Hypothese des Occasionalisms geschehen zu lassen, 15 so daß die
Begattung eine bloße Formalität wäre, unter der eine oberste verständige
Weltursache beschlossen hätte, jedesmal eine Frucht mit unmittelbarer
Hand zu bilden und der Mutter nur die Auswickelung und Ernährung
derselben zu überlassen. Sie erklärten sich für die Präformation; 377 gleich
als wenn es nicht einerlei wäre, übernatürlicher Weise im 20 Anfange oder
im Fortlaufe der Welt dergleichen Formen entstehen zu lassen, und nicht
vielmehr eine große Menge übernatürlicher Anstalten durch gelegentliche
Schöpfung erspart würde, welche erforderlich wären, damit der im Anfange
der Welt gebildete Embryo die lange Zeit hindurch bis zu seiner
Entwickelung nicht von den zerstörenden Kräften der Natur 25 litte und
sich unverletzt erhielte, imgleichen eine unermeßlich größere Zahl solcher
vorgebildeten Wesen, als jemals entwickelt werden sollten, und mit ihnen
eben so viel Schöpfungen dadurch unnöthig und zwecklos gemacht würden.
Page 314
Allein sie wollten doch wenigstens etwas hierin der Natur überlassen, um
nicht gar in völlige Hyperphysik zu gerathen, die aller Naturerklärung 30
entbehren kann. Sie hielten zwar noch fest an ihrer Hyperphysik, selbst da
sie an Mißgeburten (die man doch unmöglich für Zwecke der Natur halten
kann) eine bewunderungswürdige Zweckmäßigkeit fanden, sollte sie auch
nur darauf abgezielt sein, daß ein Anatomiker einmal daran, als einer
zwecklosen Zweckmäßigkeit, Anstoß nehmen und niederschlagende 35
Bewunderung fühlen sollte. Aber die Erzeugung der Bastarte konnten sie
schlechterdings nicht in das System der Präformation hineinpassen, sondern
mußten dem Samen der männlichen Geschöpfe, dem sie übrigens nichts als
die mechanische Eigenschaft, zum ersten Nahrungsmittel des Embryo zu
dienen, zugestanden hatten, doch noch obenein eine 378 zweckmäßig
bildende Kraft zugestehen: welche sie doch in Ansehung des ganzen
Products einer Erzeugung von zwei Geschöpfen derselben Gattung 5
keinem von beiden einräumen wollten.
Wenn man dagegen an dem Vertheidiger der E p i g e n e s i s den großen
Vorzug, den er in Ansehung der Erfahrungsgründe zum Beweise seiner
Theorie vor dem ersteren hat, gleich nicht kennte: so würde die Vernunft
doch schon zum Voraus für seine Erklärungsart mit vorzüglicher 10 Gunst
eingenommen sein, weil sie die Natur in Ansehung der Dinge, welche man
ursprünglich nur nach der Causalität der Zwecke sich als möglich vorstellen
kann, doch wenigstens, was die Fortpflanzung betrifft, als selbst
hervorbringend, nicht bloß als entwickelnd betrachtet und so doch mit dem
kleinst-möglichen Aufwande des Übernatürlichen alles Folgende 15 vom
ersten Anfange an der Natur überläßt (ohne aber über diesen ersten Anfang,
an dem die Physik überhaupt scheitert, sie mag es mit einer Kette der
Ursachen versuchen, mit welcher sie wolle, etwas zu bestimmen).
In Ansehung dieser Theorie der Epigenesis hat niemand mehr sowohl zum
Beweise derselben, als auch zur Gründung der ächten Principien 20 ihrer
Anwendung zum Theil durch die Beschränkung eines zu vermessenen
Gebrauchs derselben geleistet, als Herr Hofr. B l u m e n b a c h. Von
organisirter Materie hebt er alle physische Erklärungsart dieser Bildungen
379 an. Denn daß rohe Materie sich nach mechanischen Gesetzen
ursprünglich selbst gebildet habe, daß aus der Natur des Leblosen Leben 25
habe entspringen und Materie in die Form einer sich selbst erhaltenden
Zweckmäßigkeit sich von selbst habe fügen können, erklärt er mit Recht für
nicht gar in völlige Hyperphysik zu gerathen, die aller Naturerklärung 30
entbehren kann. Sie hielten zwar noch fest an ihrer Hyperphysik, selbst da
sie an Mißgeburten (die man doch unmöglich für Zwecke der Natur halten
kann) eine bewunderungswürdige Zweckmäßigkeit fanden, sollte sie auch
nur darauf abgezielt sein, daß ein Anatomiker einmal daran, als einer
zwecklosen Zweckmäßigkeit, Anstoß nehmen und niederschlagende 35
Bewunderung fühlen sollte. Aber die Erzeugung der Bastarte konnten sie
schlechterdings nicht in das System der Präformation hineinpassen, sondern
mußten dem Samen der männlichen Geschöpfe, dem sie übrigens nichts als
die mechanische Eigenschaft, zum ersten Nahrungsmittel des Embryo zu
dienen, zugestanden hatten, doch noch obenein eine 378 zweckmäßig
bildende Kraft zugestehen: welche sie doch in Ansehung des ganzen
Products einer Erzeugung von zwei Geschöpfen derselben Gattung 5
keinem von beiden einräumen wollten.
Wenn man dagegen an dem Vertheidiger der E p i g e n e s i s den großen
Vorzug, den er in Ansehung der Erfahrungsgründe zum Beweise seiner
Theorie vor dem ersteren hat, gleich nicht kennte: so würde die Vernunft
doch schon zum Voraus für seine Erklärungsart mit vorzüglicher 10 Gunst
eingenommen sein, weil sie die Natur in Ansehung der Dinge, welche man
ursprünglich nur nach der Causalität der Zwecke sich als möglich vorstellen
kann, doch wenigstens, was die Fortpflanzung betrifft, als selbst
hervorbringend, nicht bloß als entwickelnd betrachtet und so doch mit dem
kleinst-möglichen Aufwande des Übernatürlichen alles Folgende 15 vom
ersten Anfange an der Natur überläßt (ohne aber über diesen ersten Anfang,
an dem die Physik überhaupt scheitert, sie mag es mit einer Kette der
Ursachen versuchen, mit welcher sie wolle, etwas zu bestimmen).
In Ansehung dieser Theorie der Epigenesis hat niemand mehr sowohl zum
Beweise derselben, als auch zur Gründung der ächten Principien 20 ihrer
Anwendung zum Theil durch die Beschränkung eines zu vermessenen
Gebrauchs derselben geleistet, als Herr Hofr. B l u m e n b a c h. Von
organisirter Materie hebt er alle physische Erklärungsart dieser Bildungen
379 an. Denn daß rohe Materie sich nach mechanischen Gesetzen
ursprünglich selbst gebildet habe, daß aus der Natur des Leblosen Leben 25
habe entspringen und Materie in die Form einer sich selbst erhaltenden
Zweckmäßigkeit sich von selbst habe fügen können, erklärt er mit Recht für
Page 315
vernunftwidrig; läßt aber zugleich dem Naturmechanism unter diesem uns
unerforschlichen P r i n c i p einer ursprünglichen O r g a n i s a t i o n einen
unbestimmbaren, zugleich doch auch unverkennbaren Antheil, wozu das 30
Vermögen der Materie (zum Unterschiede von der ihr allgemein
beiwohnenden bloß mechanischen B i l d u n g s k r a f t) von ihm in einem
organisirten Körper ein (gleichsam unter der höheren Leitung und
Anweisung der ersteren stehender) B i l d u n g s t r i e b genannt wird.
unerforschlichen P r i n c i p einer ursprünglichen O r g a n i s a t i o n einen
unbestimmbaren, zugleich doch auch unverkennbaren Antheil, wozu das 30
Vermögen der Materie (zum Unterschiede von der ihr allgemein
beiwohnenden bloß mechanischen B i l d u n g s k r a f t) von ihm in einem
organisirten Körper ein (gleichsam unter der höheren Leitung und
Anweisung der ersteren stehender) B i l d u n g s t r i e b genannt wird.
Page 316
§ 82.
Von dem teleologischen System in den äußern Verhältnissen
organisirter Wesen.
Unter der äußern Zweckmäßigkeit verstehe ich diejenige, da ein Ding der
Natur einem andern als Mittel zum Zwecke dient. Nun können Dinge, 5 die
keine innere Zweckmäßigkeit haben, oder zu ihrer Möglichkeit
voraussetzen, z. B. Erden, Luft, Wasser u. s. w., gleichwohl äußerlich, d. i.
im Verhältniß auf andere Wesen, sehr zweckmäßig sein; aber diese müssen
380 jederzeit organisirte Wesen, d. i. Naturzwecke, sein, denn sonst könnten
jene auch nicht als Mittel beurtheilt werden. So können Wasser, Luft 10
und Erden nicht als Mittel zu Anhäufung von Gebirgen angesehen werden,
weil diese an sich gar nichts enthalten, was einen Grund ihrer Möglichkeit
nach Zwecken erforderte, worauf in Beziehung also ihre Ursache niemals
unter dem Prädicate eines Mittels (das dazu nützte) vorgestellt werden
kann. 15
Die äußere Zweckmäßigkeit ist ein ganz anderer Begriff, als der Begriff der
inneren, welche mit der Möglichkeit eines Gegenstandes, unangesehen ob
seine Wirklichkeit selbst Zweck sei oder nicht, verbunden ist. Man kann
von einem organisirten Wesen noch fragen: Wozu ist es da? aber nicht leicht
von Dingen, an denen man bloß die Wirkung vom Mechanism 20 der Natur
erkennt. Denn in jenen stellen wir uns schon eine Causalität nach Zwecken
zu ihrer inneren Möglichkeit, einen schaffenden Verstand, vor und beziehen
dieses thätige Vermögen auf den Bestimmungsgrund desselben, die Absicht.
Es giebt nur eine einzige äußere Zweckmäßigkeit, die mit der innern der
Organisation zusammenhängt 25 und, ohne daß die Frage sein darf, zu
welchem Ende dieses so organisirte Wesen eben habe existiren müssen,
dennoch im äußeren Verhältniß eines Mittels zum Zwecke dient. Dieses ist
die Organisation beiderlei Geschlechts 381 in Beziehung auf einander zur
Fortpflanzung ihrer Art; denn hier kann man immer noch eben so wie bei
einem Individuum fragen: 30 Warum mußte ein solches Paar existiren? Die
Antwort ist: Dieses hier macht allererst ein o r g a n i s i r e n d e s Ganze aus,
obzwar nicht ein organisirtes in einem einzigen Körper.
Von dem teleologischen System in den äußern Verhältnissen
organisirter Wesen.
Unter der äußern Zweckmäßigkeit verstehe ich diejenige, da ein Ding der
Natur einem andern als Mittel zum Zwecke dient. Nun können Dinge, 5 die
keine innere Zweckmäßigkeit haben, oder zu ihrer Möglichkeit
voraussetzen, z. B. Erden, Luft, Wasser u. s. w., gleichwohl äußerlich, d. i.
im Verhältniß auf andere Wesen, sehr zweckmäßig sein; aber diese müssen
380 jederzeit organisirte Wesen, d. i. Naturzwecke, sein, denn sonst könnten
jene auch nicht als Mittel beurtheilt werden. So können Wasser, Luft 10
und Erden nicht als Mittel zu Anhäufung von Gebirgen angesehen werden,
weil diese an sich gar nichts enthalten, was einen Grund ihrer Möglichkeit
nach Zwecken erforderte, worauf in Beziehung also ihre Ursache niemals
unter dem Prädicate eines Mittels (das dazu nützte) vorgestellt werden
kann. 15
Die äußere Zweckmäßigkeit ist ein ganz anderer Begriff, als der Begriff der
inneren, welche mit der Möglichkeit eines Gegenstandes, unangesehen ob
seine Wirklichkeit selbst Zweck sei oder nicht, verbunden ist. Man kann
von einem organisirten Wesen noch fragen: Wozu ist es da? aber nicht leicht
von Dingen, an denen man bloß die Wirkung vom Mechanism 20 der Natur
erkennt. Denn in jenen stellen wir uns schon eine Causalität nach Zwecken
zu ihrer inneren Möglichkeit, einen schaffenden Verstand, vor und beziehen
dieses thätige Vermögen auf den Bestimmungsgrund desselben, die Absicht.
Es giebt nur eine einzige äußere Zweckmäßigkeit, die mit der innern der
Organisation zusammenhängt 25 und, ohne daß die Frage sein darf, zu
welchem Ende dieses so organisirte Wesen eben habe existiren müssen,
dennoch im äußeren Verhältniß eines Mittels zum Zwecke dient. Dieses ist
die Organisation beiderlei Geschlechts 381 in Beziehung auf einander zur
Fortpflanzung ihrer Art; denn hier kann man immer noch eben so wie bei
einem Individuum fragen: 30 Warum mußte ein solches Paar existiren? Die
Antwort ist: Dieses hier macht allererst ein o r g a n i s i r e n d e s Ganze aus,
obzwar nicht ein organisirtes in einem einzigen Körper.
Page 317
Wenn man nun fragt, wozu ein Ding da ist, so ist die Antwort entweder:
Sein Dasein und seine Erzeugung hat gar keine Beziehung auf 35 eine nach
Absichten wirkende Ursache, und alsdann versteht man immer einen
Ursprung derselben aus dem Mechanism der Natur; oder: Es ist irgend ein
absichtlicher Grund seines Daseins (als eines zufälligen Naturwesens), und
diesen Gedanken kann man schwerlich von dem Begriffe eines organisirten
Dinges trennen: weil, da wir einmal seiner innern Möglichkeit eine
Causalität der Endursachen und eine Idee, die dieser 5 zum Grunde liegt,
unterlegen müssen, wir auch die Existenz dieses Productes nicht anders
denn als Zweck denken können. Denn die vorgestellte Wirkung, deren
Vorstellung zugleich der Bestimmungsgrund der verständigen wirkenden
Ursache zu ihrer Hervorbringung ist, heißt Z w e c k. In diesem Falle also
kann man entweder sagen: Der Zweck der Existenz eines 10 solchen
Naturwesens ist in ihm selbst, d. i. es ist nicht bloß Zweck, sondern auch
E n d z w e c k; oder: Dieser ist außer ihm in anderen Naturwesen, d. i. es
existirt zweckmäßig nicht als Endzweck, sondern nothwendig zugleich 382
als Mittel.
Wenn wir aber die ganze Natur durchgehen, so finden wir in ihr als 15
Natur kein Wesen, welches auf den Vorzug, Endzweck der Schöpfung zu
sein, Anspruch machen könnte; und man kann sogar a priori beweisen: daß
dasjenige, was etwa noch für die Natur ein l e t z t e r Z w e c k sein könnte,
nach allen erdenklichen Bestimmungen und Eigenschaften, womit man es
ausrüsten möchte, doch als Naturding niemals ein E n d z w e c k 20 sein
könne.
Wenn man das Gewächsreich ansieht, so könnte man anfänglich durch die
unermeßliche Fruchtbarkeit, durch welche es sich beinahe über jeden
Boden verbreitet, auf den Gedanken gebracht werden, es für ein bloßes
Product des Mechanisms der Natur, welchen sie in den Bildungen 25 des
Mineralreichs zeigt, zu halten. Eine nähere Kenntniß aber der
unbeschreiblich weisen Organisation in demselben läßt uns an diesem
Gedanken nicht haften, sondern veranlaßt die Frage: Wozu sind diese
Geschöpfe da? Wenn man sich antwortet: Für das Thierreich, welches
dadurch genährt wird, damit es sich in so mannigfaltigen Gattungen über
30 die Erde habe verbreiten können, so kommt die Frage wieder: Wozu
sind denn diese pflanzen-verzehrenden Thiere da? Die Antwort würde etwa
sein: Für die Raubthiere, die sich nur von dem nähren können, was Leben
Sein Dasein und seine Erzeugung hat gar keine Beziehung auf 35 eine nach
Absichten wirkende Ursache, und alsdann versteht man immer einen
Ursprung derselben aus dem Mechanism der Natur; oder: Es ist irgend ein
absichtlicher Grund seines Daseins (als eines zufälligen Naturwesens), und
diesen Gedanken kann man schwerlich von dem Begriffe eines organisirten
Dinges trennen: weil, da wir einmal seiner innern Möglichkeit eine
Causalität der Endursachen und eine Idee, die dieser 5 zum Grunde liegt,
unterlegen müssen, wir auch die Existenz dieses Productes nicht anders
denn als Zweck denken können. Denn die vorgestellte Wirkung, deren
Vorstellung zugleich der Bestimmungsgrund der verständigen wirkenden
Ursache zu ihrer Hervorbringung ist, heißt Z w e c k. In diesem Falle also
kann man entweder sagen: Der Zweck der Existenz eines 10 solchen
Naturwesens ist in ihm selbst, d. i. es ist nicht bloß Zweck, sondern auch
E n d z w e c k; oder: Dieser ist außer ihm in anderen Naturwesen, d. i. es
existirt zweckmäßig nicht als Endzweck, sondern nothwendig zugleich 382
als Mittel.
Wenn wir aber die ganze Natur durchgehen, so finden wir in ihr als 15
Natur kein Wesen, welches auf den Vorzug, Endzweck der Schöpfung zu
sein, Anspruch machen könnte; und man kann sogar a priori beweisen: daß
dasjenige, was etwa noch für die Natur ein l e t z t e r Z w e c k sein könnte,
nach allen erdenklichen Bestimmungen und Eigenschaften, womit man es
ausrüsten möchte, doch als Naturding niemals ein E n d z w e c k 20 sein
könne.
Wenn man das Gewächsreich ansieht, so könnte man anfänglich durch die
unermeßliche Fruchtbarkeit, durch welche es sich beinahe über jeden
Boden verbreitet, auf den Gedanken gebracht werden, es für ein bloßes
Product des Mechanisms der Natur, welchen sie in den Bildungen 25 des
Mineralreichs zeigt, zu halten. Eine nähere Kenntniß aber der
unbeschreiblich weisen Organisation in demselben läßt uns an diesem
Gedanken nicht haften, sondern veranlaßt die Frage: Wozu sind diese
Geschöpfe da? Wenn man sich antwortet: Für das Thierreich, welches
dadurch genährt wird, damit es sich in so mannigfaltigen Gattungen über
30 die Erde habe verbreiten können, so kommt die Frage wieder: Wozu
sind denn diese pflanzen-verzehrenden Thiere da? Die Antwort würde etwa
sein: Für die Raubthiere, die sich nur von dem nähren können, was Leben
Page 318
383 hat. Endlich ist die Frage: Wozu sind diese sammt den vorigen
Naturreichen gut? Für den Menschen zu dem mannigfaltigen Gebrauche,
den 35 ihn sein Verstand von allen jenen Geschöpfen machen lehrt; und er
ist der letzte Zweck der Schöpfung hier auf Erden, weil er das einzige
Wesen auf derselben ist, welches sich einen Begriff von Zwecken machen
und aus einem Aggregat von zweckmäßig gebildeten Dingen durch seine
Vernunft ein System der Zwecke machen kann.
Man könnte auch mit dem Ritter Linné den dem Scheine nach umgekehrten
Weg gehen und sagen: Die gewächsfressenden Thiere sind da, 5 um den
üppigen Wuchs des Pflanzenreichs, wodurch viele Species derselben
erstickt werden würden, zu mäßigen; die Raubthiere, um der Gefräßigkeit
jener Gränzen zu setzen; endlich der Mensch, damit, indem er diese verfolgt
und vermindert, ein gewisses Gleichgewicht unter den hervorbringenden
und den zerstörenden Kräften der Natur gestiftet werde. 10 Und so würde
der Mensch, so sehr er auch in gewisser Beziehung als Zweck gewürdigt
sein möchte, doch in anderer wiederum nur den Rang eines Mittels haben.
Wenn man sich eine objective Zweckmäßigkeit in der Mannigfaltigkeit der
Gattungen der Erdgeschöpfe und ihrem äußern Verhältnisse zu 15 einander;
als zweckmäßig construirter Wesen, zum Princip macht: so ist es der
Vernunft gemäß, sich in diesem Verhältnisse wiederum eine gewisse 384
Organisation und ein System aller Naturreiche nach Endursachen zu
denken. Allein hier scheint die Erfahrung der Vernunftmaxime laut zu
widersprechen, vornehmlich was einen letzten Zweck der Natur betrifft, der
doch 20 zu der Möglichkeit eines solchen Systems erforderlich ist, und den
wir nirgend anders als im Menschen setzen können: da vielmehr in
Ansehung dieses, als einer der vielen Thiergattungen, die Natur so wenig
von den zerstörenden als erzeugenden Kräften die mindeste Ausnahme
gemacht hat, alles einem Mechanism derselben ohne einen Zweck zu
unterwerfen. 25
Das erste, was in einer Anordnung zu einem zweckmäßigen Ganzen der
Naturwesen auf der Erde absichtlich eingerichtet sein müßte, würde wohl
ihr Wohnplatz, der Boden und das Element sein, auf und in welchem sie ihr
Fortkommen haben sollten. Allein eine genauere Kenntniß der
Beschaffenheit dieser Grundlage aller organischen Erzeugung giebt 30 auf
keine anderen als ganz unabsichtlich wirkende, ja eher noch verwüstende,
Naturreichen gut? Für den Menschen zu dem mannigfaltigen Gebrauche,
den 35 ihn sein Verstand von allen jenen Geschöpfen machen lehrt; und er
ist der letzte Zweck der Schöpfung hier auf Erden, weil er das einzige
Wesen auf derselben ist, welches sich einen Begriff von Zwecken machen
und aus einem Aggregat von zweckmäßig gebildeten Dingen durch seine
Vernunft ein System der Zwecke machen kann.
Man könnte auch mit dem Ritter Linné den dem Scheine nach umgekehrten
Weg gehen und sagen: Die gewächsfressenden Thiere sind da, 5 um den
üppigen Wuchs des Pflanzenreichs, wodurch viele Species derselben
erstickt werden würden, zu mäßigen; die Raubthiere, um der Gefräßigkeit
jener Gränzen zu setzen; endlich der Mensch, damit, indem er diese verfolgt
und vermindert, ein gewisses Gleichgewicht unter den hervorbringenden
und den zerstörenden Kräften der Natur gestiftet werde. 10 Und so würde
der Mensch, so sehr er auch in gewisser Beziehung als Zweck gewürdigt
sein möchte, doch in anderer wiederum nur den Rang eines Mittels haben.
Wenn man sich eine objective Zweckmäßigkeit in der Mannigfaltigkeit der
Gattungen der Erdgeschöpfe und ihrem äußern Verhältnisse zu 15 einander;
als zweckmäßig construirter Wesen, zum Princip macht: so ist es der
Vernunft gemäß, sich in diesem Verhältnisse wiederum eine gewisse 384
Organisation und ein System aller Naturreiche nach Endursachen zu
denken. Allein hier scheint die Erfahrung der Vernunftmaxime laut zu
widersprechen, vornehmlich was einen letzten Zweck der Natur betrifft, der
doch 20 zu der Möglichkeit eines solchen Systems erforderlich ist, und den
wir nirgend anders als im Menschen setzen können: da vielmehr in
Ansehung dieses, als einer der vielen Thiergattungen, die Natur so wenig
von den zerstörenden als erzeugenden Kräften die mindeste Ausnahme
gemacht hat, alles einem Mechanism derselben ohne einen Zweck zu
unterwerfen. 25
Das erste, was in einer Anordnung zu einem zweckmäßigen Ganzen der
Naturwesen auf der Erde absichtlich eingerichtet sein müßte, würde wohl
ihr Wohnplatz, der Boden und das Element sein, auf und in welchem sie ihr
Fortkommen haben sollten. Allein eine genauere Kenntniß der
Beschaffenheit dieser Grundlage aller organischen Erzeugung giebt 30 auf
keine anderen als ganz unabsichtlich wirkende, ja eher noch verwüstende,
Page 319
als Erzeugung, Ordnung und Zwecke begünstigende Ursachen Anzeige.
Land und Meer enthalten nicht allein Denkmäler von alten mächtigen
Verwüstungen, die sie und alle Geschöpfe auf und in demselben betroffen
haben, in sich; sondern ihr ganzes Bauwerk, die Erdlager des einen und 35
die Gränzen des andern haben gänzlich das Ansehen des Products wilder,
allgewaltiger Kräfte einer im chaotischen Zustande arbeitenden Natur. So
zweckmäßig auch jetzt die Gestalt, das Bauwerk und der Abhang der 385
Länder für die Aufnahme der Gewässer aus der Luft, für die Quelladern
zwischen Erdschichten von mannigfaltiger Art (für mancherlei Producte)
und den Lauf der Ströme angeordnet zu sein scheinen mögen: so beweiset
doch eine nähere Untersuchung derselben, daß sie bloß als die Wirkung 5
theils feuriger, theils wässeriger Eruptionen, oder auch Empörungen des
Oceans zu Stande gekommen sind; sowohl was die erste Erzeugung dieser
Gestalt, als vornehmlich die nachmalige Umbildung derselben zugleich mit
dem Untergange ihrer ersten organischen Erzeugungen betrifft.[30] Wenn
nun der Wohnplatz, der Mutterboden (des Landes) und der Mutterschooß
10 (des Meeres), für alle diese Geschöpfe auf keinen andern als einen
gänzlich unabsichtlichen Mechanism seiner Erzeugung Anzeige giebt: wie
und 386 mit welchem Recht können wir für diese letztern Producte einen
andern Ursprung verlangen und behaupten? Wenn gleich der Mensch, wie
die genaueste Prüfung der Überreste jener Naturverwüstungen (nach
Camper's 15 Urtheile) zu beweisen scheint, in diesen Revolutionen nicht
mit begriffen war: so ist er doch von den übrigen Erdgeschöpfen so
abhängig, daß, wenn ein über die anderen allgemeinwaltender Mechanism
der Natur eingeräumt wird, er als darunter mit begriffen angesehen werden
muß; wenn ihn gleich sein Verstand (großentheils wenigstens) unter ihren
Verwüstungen 20 hat retten können.
Dieses Argument scheint aber mehr zu beweisen, als die Absicht enthielt,
wozu es aufgestellt war: nämlich nicht bloß, daß der Mensch kein letzter
Zweck der Natur und aus dem nämlichen Grunde das Aggregat der
organisirten Naturdinge auf der Erde nicht ein System von Zwecken sein
25 könne; sondern daß gar die vorher für Naturzwecke gehaltenen
Naturproducte keinen andern Ursprung haben, als den Mechanism der
Natur.
Allein in der obigen Auflösung der Antinomie der Principien der
mechanischen und der teleologischen Erzeugungsart der organischen
Land und Meer enthalten nicht allein Denkmäler von alten mächtigen
Verwüstungen, die sie und alle Geschöpfe auf und in demselben betroffen
haben, in sich; sondern ihr ganzes Bauwerk, die Erdlager des einen und 35
die Gränzen des andern haben gänzlich das Ansehen des Products wilder,
allgewaltiger Kräfte einer im chaotischen Zustande arbeitenden Natur. So
zweckmäßig auch jetzt die Gestalt, das Bauwerk und der Abhang der 385
Länder für die Aufnahme der Gewässer aus der Luft, für die Quelladern
zwischen Erdschichten von mannigfaltiger Art (für mancherlei Producte)
und den Lauf der Ströme angeordnet zu sein scheinen mögen: so beweiset
doch eine nähere Untersuchung derselben, daß sie bloß als die Wirkung 5
theils feuriger, theils wässeriger Eruptionen, oder auch Empörungen des
Oceans zu Stande gekommen sind; sowohl was die erste Erzeugung dieser
Gestalt, als vornehmlich die nachmalige Umbildung derselben zugleich mit
dem Untergange ihrer ersten organischen Erzeugungen betrifft.[30] Wenn
nun der Wohnplatz, der Mutterboden (des Landes) und der Mutterschooß
10 (des Meeres), für alle diese Geschöpfe auf keinen andern als einen
gänzlich unabsichtlichen Mechanism seiner Erzeugung Anzeige giebt: wie
und 386 mit welchem Recht können wir für diese letztern Producte einen
andern Ursprung verlangen und behaupten? Wenn gleich der Mensch, wie
die genaueste Prüfung der Überreste jener Naturverwüstungen (nach
Camper's 15 Urtheile) zu beweisen scheint, in diesen Revolutionen nicht
mit begriffen war: so ist er doch von den übrigen Erdgeschöpfen so
abhängig, daß, wenn ein über die anderen allgemeinwaltender Mechanism
der Natur eingeräumt wird, er als darunter mit begriffen angesehen werden
muß; wenn ihn gleich sein Verstand (großentheils wenigstens) unter ihren
Verwüstungen 20 hat retten können.
Dieses Argument scheint aber mehr zu beweisen, als die Absicht enthielt,
wozu es aufgestellt war: nämlich nicht bloß, daß der Mensch kein letzter
Zweck der Natur und aus dem nämlichen Grunde das Aggregat der
organisirten Naturdinge auf der Erde nicht ein System von Zwecken sein
25 könne; sondern daß gar die vorher für Naturzwecke gehaltenen
Naturproducte keinen andern Ursprung haben, als den Mechanism der
Natur.
Allein in der obigen Auflösung der Antinomie der Principien der
mechanischen und der teleologischen Erzeugungsart der organischen
Page 320
Naturwesen haben wir gesehen: daß, da sie in Ansehung der nach ihren
besondern Gesetzen (zu deren systematischem Zusammenhange uns aber
der Schlüssel fehlt) bildenden Natur bloß Principien der reflectirenden
Urtheilskraft 5 387 sind, die nämlich ihren Ursprung nicht an sich
bestimmen, sondern nur sagen, daß wir nach der Beschaffenheit unseres
Verstandes und unsrer Vernunft ihn in dieser Art Wesen nicht anders als
nach Endursachen denken können, die größtmögliche Bestrebung, ja
Kühnheit in Versuchen sie mechanisch zu erklären nicht allein erlaubt ist,
sondern wir auch 10 durch Vernunft dazu aufgerufen sind, ungeachtet wir
wissen, daß wir damit aus subjectiven Gründen der besondern Art und
Beschränkung unseres Verstandes (und nicht etwa, weil der Mechanism der
Erzeugung einem Ursprunge nach Zwecken an sich widerspräche) niemals
auslangen können; und daß endlich in dem übersinnlichen Princip der Natur
(sowohl außer 15 uns als in uns) gar wohl die Vereinbarkeit beider Arten
sich die Möglichkeit der Natur vorzustellen liegen könne, indem die
Vorstellungsart nach Endursachen nur eine subjective Bedingung unseres
Vernunftgebrauchs sei, wenn sie die Beurtheilung der Gegenstände nicht
bloß als Erscheinungen angestellt wissen will, sondern diese Erscheinungen
selbst sammt ihren 20 Principien auf das übersinnliche Substrat zu beziehen
verlangt, um gewisse Gesetze der Einheit derselben möglich zu finden, die
sie sich nicht anders als durch Zwecke (wovon die Vernunft auch solche
hat, die übersinnlich sind) vorstellig machen kann.
besondern Gesetzen (zu deren systematischem Zusammenhange uns aber
der Schlüssel fehlt) bildenden Natur bloß Principien der reflectirenden
Urtheilskraft 5 387 sind, die nämlich ihren Ursprung nicht an sich
bestimmen, sondern nur sagen, daß wir nach der Beschaffenheit unseres
Verstandes und unsrer Vernunft ihn in dieser Art Wesen nicht anders als
nach Endursachen denken können, die größtmögliche Bestrebung, ja
Kühnheit in Versuchen sie mechanisch zu erklären nicht allein erlaubt ist,
sondern wir auch 10 durch Vernunft dazu aufgerufen sind, ungeachtet wir
wissen, daß wir damit aus subjectiven Gründen der besondern Art und
Beschränkung unseres Verstandes (und nicht etwa, weil der Mechanism der
Erzeugung einem Ursprunge nach Zwecken an sich widerspräche) niemals
auslangen können; und daß endlich in dem übersinnlichen Princip der Natur
(sowohl außer 15 uns als in uns) gar wohl die Vereinbarkeit beider Arten
sich die Möglichkeit der Natur vorzustellen liegen könne, indem die
Vorstellungsart nach Endursachen nur eine subjective Bedingung unseres
Vernunftgebrauchs sei, wenn sie die Beurtheilung der Gegenstände nicht
bloß als Erscheinungen angestellt wissen will, sondern diese Erscheinungen
selbst sammt ihren 20 Principien auf das übersinnliche Substrat zu beziehen
verlangt, um gewisse Gesetze der Einheit derselben möglich zu finden, die
sie sich nicht anders als durch Zwecke (wovon die Vernunft auch solche
hat, die übersinnlich sind) vorstellig machen kann.
Page 321
§. 83 25 388
Von dem letzten Zwecke der Natur als eines teleologischen Systems.
Wir haben im vorigen gezeigt, daß wir den Menschen nicht bloß wie alle
organisirte Wesen als Naturzweck, sondern auch hier auf Erden als den
l e t z t e n Zweck der Natur, in Beziehung auf welchen alle übrige
Naturdinge 30 ein System von Zwecken ausmachen, nach Grundsätzen der
Vernunft zwar nicht für die bestimmende, doch für die reflectirende
Urtheilskraft zu beurtheilen hinreichende Ursache haben. Wenn nun
dasjenige im Menschen selbst angetroffen werden muß, was als Zweck
durch seine Verknüpfung mit der Natur befördert werden soll: so muß
entweder der Zweck 35 von der Art sein, daß er selbst durch die Natur in
ihrer Wohlthätigkeit befriedigt werden kann; oder es ist die Tauglichkeit
und Geschicklichkeit zu allerlei Zwecken, wozu die Natur (äußerlich und
innerlich) von ihm gebraucht werden könne. Der erste Zweck der Natur
würde die G l ü c k s e l i g k e i t, der zweite die C u l t u r des Menschen
sein. 5
Der Begriff der Glückseligkeit ist nicht ein solcher, den der Mensch etwa
von seinen Instincten abstrahirt und so aus der Thierheit in ihm selbst
hernimmt; sondern ist eine bloße I d e e eines Zustandes, welcher er den
letzteren unter bloß empirischen Bedingungen (welches unmöglich ist) 389
adäquat machen will. Er entwirft sie sich selbst und zwar auf so
verschiedene 10 Art durch seinen mit der Einbildungskraft und den Sinnen
verwickelten Verstand; er ändert sogar diesen so oft, daß die Natur, wenn
sie auch seiner Willkür gänzlich unterworfen wäre, doch schlechterdings
kein bestimmtes allgemeines und festes Gesetz annehmen könnte, um mit
diesem schwankenden Begriff und so mit dem Zweck, den jeder sich
willkürlicher 15 Weise vorsetzt, übereinzustimmen. Aber selbst wenn wir
entweder diesen auf das wahrhafte Naturbedürfniß, worin unsere Gattung
durchgängig mit sich übereinstimmt, herabsetzen, oder andererseits die
Geschicklichkeit sich eingebildete Zwecke zu verschaffen noch so hoch
steigern wollten: so würde doch, was der Mensch unter Glückseligkeit
versteht, und was in der 20 That sein eigener letzter Naturzweck (nicht
Zweck der Freiheit) ist, von ihm nie erreicht werden; denn seine Natur ist
nicht von der Art, irgendwo im Besitze und Genusse aufzuhören und
Von dem letzten Zwecke der Natur als eines teleologischen Systems.
Wir haben im vorigen gezeigt, daß wir den Menschen nicht bloß wie alle
organisirte Wesen als Naturzweck, sondern auch hier auf Erden als den
l e t z t e n Zweck der Natur, in Beziehung auf welchen alle übrige
Naturdinge 30 ein System von Zwecken ausmachen, nach Grundsätzen der
Vernunft zwar nicht für die bestimmende, doch für die reflectirende
Urtheilskraft zu beurtheilen hinreichende Ursache haben. Wenn nun
dasjenige im Menschen selbst angetroffen werden muß, was als Zweck
durch seine Verknüpfung mit der Natur befördert werden soll: so muß
entweder der Zweck 35 von der Art sein, daß er selbst durch die Natur in
ihrer Wohlthätigkeit befriedigt werden kann; oder es ist die Tauglichkeit
und Geschicklichkeit zu allerlei Zwecken, wozu die Natur (äußerlich und
innerlich) von ihm gebraucht werden könne. Der erste Zweck der Natur
würde die G l ü c k s e l i g k e i t, der zweite die C u l t u r des Menschen
sein. 5
Der Begriff der Glückseligkeit ist nicht ein solcher, den der Mensch etwa
von seinen Instincten abstrahirt und so aus der Thierheit in ihm selbst
hernimmt; sondern ist eine bloße I d e e eines Zustandes, welcher er den
letzteren unter bloß empirischen Bedingungen (welches unmöglich ist) 389
adäquat machen will. Er entwirft sie sich selbst und zwar auf so
verschiedene 10 Art durch seinen mit der Einbildungskraft und den Sinnen
verwickelten Verstand; er ändert sogar diesen so oft, daß die Natur, wenn
sie auch seiner Willkür gänzlich unterworfen wäre, doch schlechterdings
kein bestimmtes allgemeines und festes Gesetz annehmen könnte, um mit
diesem schwankenden Begriff und so mit dem Zweck, den jeder sich
willkürlicher 15 Weise vorsetzt, übereinzustimmen. Aber selbst wenn wir
entweder diesen auf das wahrhafte Naturbedürfniß, worin unsere Gattung
durchgängig mit sich übereinstimmt, herabsetzen, oder andererseits die
Geschicklichkeit sich eingebildete Zwecke zu verschaffen noch so hoch
steigern wollten: so würde doch, was der Mensch unter Glückseligkeit
versteht, und was in der 20 That sein eigener letzter Naturzweck (nicht
Zweck der Freiheit) ist, von ihm nie erreicht werden; denn seine Natur ist
nicht von der Art, irgendwo im Besitze und Genusse aufzuhören und
Page 322
befriedigt zu werden. Andrerseits ist so weit gefehlt, daß die Natur ihn zu
ihrem besondern Liebling aufgenommen und vor allen Thieren mit Wohltun
begünstigt habe, daß sie 25 ihn vielmehr in ihren verderblichen Wirkungen,
in Pest, Hunger, Wassergefahr, Frost, Anfall von andern großen und kleinen
Thieren u. d. gl., eben so wenig verschont, wie jedes andere Thier; noch
mehr aber, daß das Widersinnische der N a t u r a n l a g e n in ihm ihn noch
in selbstersonnene Plagen und noch andere von seiner eigenen Gattung
durch den Druck der 30 390 Herrschaft, die Barbarei der Kriege u. s. w. in
solche Noth versetzt und er selbst, so viel an ihm ist, an der Zerstörung
seiner eigenen Gattung arbeitet, daß selbst bei der wohlthätigsten Natur
außer uns der Zweck derselben, wenn er auf die Glückseligkeit unserer
Species gestellt wäre, in einem System derselben auf Erden nicht erreicht
werden würde, weil die 35 Natur in uns derselben nicht empfänglich ist. Er
ist also immer nur Glied in der Kette der Naturzwecke: zwar Princip in
Ansehung manches Zwecks, wozu die Natur ihn in ihrer Anlage bestimmt
zu haben scheint, indem er sich selbst dazu macht; aber doch auch Mittel
zur Erhaltung der Zweckmäßigkeit im Mechanism der übrigen Glieder. Als
das einzige Wesen auf Erden, welches Verstand, mithin ein Vermögen hat,
sich selbst willkürlich Zwecke zu setzen, ist er zwar betitelter Herr der
Natur und, 5 wenn man diese als ein teleologisches System ansieht, seiner
Bestimmung nach der letzte Zweck der Natur; aber immer nur bedingt,
nämlich daß er es verstehe und den Willen habe, dieser und ihm selbst eine
solche Zweckbeziehung zu geben, die unabhängig von der Natur sich selbst
genug, mithin Endzweck sein könne, der aber in der Natur gar nicht gesucht
10 werden muß.
Um aber auszufinden, worein wir am Menschen wenigstens jenen
l e t z t e n Zweck der Natur zu setzen haben, müssen wir dasjenige, was die
391 Natur zu leisten vermag, um ihn zu dem vorzubereiten, was er selbst
thun muß, um Endzweck zu sein, heraussuchen und es von allen den
Zwecken 15 absondern, deren Möglichkeit auf Bedingungen beruht, die
man allein von der Natur erwarten darf. Von der letztern Art ist die
Glückseligkeit auf Erden, worunter der Inbegriff aller durch die Natur außer
und in dem Menschen möglichen Zwecke desselben verstanden wird; das
ist die Materie aller seiner Zwecke auf Erden, die, wenn er sie zu seinem
ganzen 20 Zwecke macht, ihn unfähig macht, seiner eigenen Existenz einen
Endzweck zu setzen und dazu zusammen zu stimmen. Es bleibt also von
ihrem besondern Liebling aufgenommen und vor allen Thieren mit Wohltun
begünstigt habe, daß sie 25 ihn vielmehr in ihren verderblichen Wirkungen,
in Pest, Hunger, Wassergefahr, Frost, Anfall von andern großen und kleinen
Thieren u. d. gl., eben so wenig verschont, wie jedes andere Thier; noch
mehr aber, daß das Widersinnische der N a t u r a n l a g e n in ihm ihn noch
in selbstersonnene Plagen und noch andere von seiner eigenen Gattung
durch den Druck der 30 390 Herrschaft, die Barbarei der Kriege u. s. w. in
solche Noth versetzt und er selbst, so viel an ihm ist, an der Zerstörung
seiner eigenen Gattung arbeitet, daß selbst bei der wohlthätigsten Natur
außer uns der Zweck derselben, wenn er auf die Glückseligkeit unserer
Species gestellt wäre, in einem System derselben auf Erden nicht erreicht
werden würde, weil die 35 Natur in uns derselben nicht empfänglich ist. Er
ist also immer nur Glied in der Kette der Naturzwecke: zwar Princip in
Ansehung manches Zwecks, wozu die Natur ihn in ihrer Anlage bestimmt
zu haben scheint, indem er sich selbst dazu macht; aber doch auch Mittel
zur Erhaltung der Zweckmäßigkeit im Mechanism der übrigen Glieder. Als
das einzige Wesen auf Erden, welches Verstand, mithin ein Vermögen hat,
sich selbst willkürlich Zwecke zu setzen, ist er zwar betitelter Herr der
Natur und, 5 wenn man diese als ein teleologisches System ansieht, seiner
Bestimmung nach der letzte Zweck der Natur; aber immer nur bedingt,
nämlich daß er es verstehe und den Willen habe, dieser und ihm selbst eine
solche Zweckbeziehung zu geben, die unabhängig von der Natur sich selbst
genug, mithin Endzweck sein könne, der aber in der Natur gar nicht gesucht
10 werden muß.
Um aber auszufinden, worein wir am Menschen wenigstens jenen
l e t z t e n Zweck der Natur zu setzen haben, müssen wir dasjenige, was die
391 Natur zu leisten vermag, um ihn zu dem vorzubereiten, was er selbst
thun muß, um Endzweck zu sein, heraussuchen und es von allen den
Zwecken 15 absondern, deren Möglichkeit auf Bedingungen beruht, die
man allein von der Natur erwarten darf. Von der letztern Art ist die
Glückseligkeit auf Erden, worunter der Inbegriff aller durch die Natur außer
und in dem Menschen möglichen Zwecke desselben verstanden wird; das
ist die Materie aller seiner Zwecke auf Erden, die, wenn er sie zu seinem
ganzen 20 Zwecke macht, ihn unfähig macht, seiner eigenen Existenz einen
Endzweck zu setzen und dazu zusammen zu stimmen. Es bleibt also von
Page 323
allen seinen Zwecken in der Natur nur die formale, subjective Bedingung,
nämlich der Tauglichkeit: sich selbst überhaupt Zwecke zu setzen und
(unabhängig von der Natur in seiner Zweckbestimmung) die Natur den
Maximen seiner 25 freien Zwecke überhaupt angemessen als Mittel zu
gebrauchen, übrig, was die Natur in Absicht auf den Endzweck, der außer
ihr liegt, ausrichten und welches also als ihr letzter Zweck angesehen
werden kann. Die Hervorbringung der Tauglichkeit eines vernünftigen
Wesens zu beliebigen Zwecken überhaupt (folglich in seiner Freiheit) ist die
C u l t u r. Also kann 30 nur die Cultur der letzte Zweck sein, den man der
Natur in Ansehung der Menschengattung beizulegen Ursache hat (nicht
seine eigene Glückseligkeit auf Erden, oder wohl gar bloß das vornehmste
Werkzeug zu sein, Ordnung 392 und Einhelligkeit in der vernunftlosen Natur
außer ihm zu stiften).
Aber nicht jede Cultur ist zu diesem letzten Zwecke der Natur hinlänglich.
35 Die der G e s c h i c k l i c h k e i t ist freilich die vornehmste subjective
Bedingung der Tauglichkeit zur Beförderung der Zwecke überhaupt; aber
doch nicht hinreichend den W i l l e n in der Bestimmung und Wahl seiner
Zwecke zu befördern, welche doch zum ganzen Umfange eine Tauglichkeit
zu Zwecken wesentlich gehört. Die letztere Bedingung der Tauglichkeit,
welche man die Cultur der Zucht (Disciplin) nennen könnte, ist negativ und
besteht in der Befreiung des Willens von dem Despotism der Begierden, 5
wodurch wir, an gewisse Naturdinge geheftet, unfähig gemacht werden,
selbst zu wählen, indem wir uns die Triebe zu Fesseln dienen lassen, die uns
die Natur nur statt Leitfäden beigegeben hat, um die Bestimmung der
Thierheit in uns nicht zu vernachlässigen, oder gar zu verletzen, indeß wir
doch frei genug sind, sie anzuziehen oder nachzulassen, 10 zu verlängern
oder zu verkürzen, nachdem es die Zwecke der Vernunft erfordern.
Die Geschicklichkeit kann in der Menschengattung nicht wohl entwickelt
werden, als vermittelst der Ungleichheit unter Menschen: da die größte Zahl
die Nothwendigkeit des Lebens gleichsam mechanisch, ohne 15 dazu
besonders Kunst zu bedürfen, zur Gemächlichkeit und Muße anderer
besorgt, welche die minder nothwendigen Stücke der Cultur, Wissenschaft
393 und Kunst, bearbeiten, und von diesen in einem Stande des Drucks,
saurer Arbeit und wenig Genusses gehalten wird, auf welche Classe sich
denn doch manches von der Cultur der höhern nach und nach auch
verbreitet. 20 Die Plagen aber wachsen im Fortschritte derselben (dessen
nämlich der Tauglichkeit: sich selbst überhaupt Zwecke zu setzen und
(unabhängig von der Natur in seiner Zweckbestimmung) die Natur den
Maximen seiner 25 freien Zwecke überhaupt angemessen als Mittel zu
gebrauchen, übrig, was die Natur in Absicht auf den Endzweck, der außer
ihr liegt, ausrichten und welches also als ihr letzter Zweck angesehen
werden kann. Die Hervorbringung der Tauglichkeit eines vernünftigen
Wesens zu beliebigen Zwecken überhaupt (folglich in seiner Freiheit) ist die
C u l t u r. Also kann 30 nur die Cultur der letzte Zweck sein, den man der
Natur in Ansehung der Menschengattung beizulegen Ursache hat (nicht
seine eigene Glückseligkeit auf Erden, oder wohl gar bloß das vornehmste
Werkzeug zu sein, Ordnung 392 und Einhelligkeit in der vernunftlosen Natur
außer ihm zu stiften).
Aber nicht jede Cultur ist zu diesem letzten Zwecke der Natur hinlänglich.
35 Die der G e s c h i c k l i c h k e i t ist freilich die vornehmste subjective
Bedingung der Tauglichkeit zur Beförderung der Zwecke überhaupt; aber
doch nicht hinreichend den W i l l e n in der Bestimmung und Wahl seiner
Zwecke zu befördern, welche doch zum ganzen Umfange eine Tauglichkeit
zu Zwecken wesentlich gehört. Die letztere Bedingung der Tauglichkeit,
welche man die Cultur der Zucht (Disciplin) nennen könnte, ist negativ und
besteht in der Befreiung des Willens von dem Despotism der Begierden, 5
wodurch wir, an gewisse Naturdinge geheftet, unfähig gemacht werden,
selbst zu wählen, indem wir uns die Triebe zu Fesseln dienen lassen, die uns
die Natur nur statt Leitfäden beigegeben hat, um die Bestimmung der
Thierheit in uns nicht zu vernachlässigen, oder gar zu verletzen, indeß wir
doch frei genug sind, sie anzuziehen oder nachzulassen, 10 zu verlängern
oder zu verkürzen, nachdem es die Zwecke der Vernunft erfordern.
Die Geschicklichkeit kann in der Menschengattung nicht wohl entwickelt
werden, als vermittelst der Ungleichheit unter Menschen: da die größte Zahl
die Nothwendigkeit des Lebens gleichsam mechanisch, ohne 15 dazu
besonders Kunst zu bedürfen, zur Gemächlichkeit und Muße anderer
besorgt, welche die minder nothwendigen Stücke der Cultur, Wissenschaft
393 und Kunst, bearbeiten, und von diesen in einem Stande des Drucks,
saurer Arbeit und wenig Genusses gehalten wird, auf welche Classe sich
denn doch manches von der Cultur der höhern nach und nach auch
verbreitet. 20 Die Plagen aber wachsen im Fortschritte derselben (dessen
Page 324
Höhe, wenn der Hang zum Entbehrlichen schon dem Unentbehrlichen
Abbruch zu thun anfängt, Luxus heißt) auf beiden Seiten gleich mächtig,
auf der einen durch fremde Gewaltthätigkeit, auf der andern durch innere
Ungenügsamkeit; aber das glänzende Elend ist doch mit der Entwickelung
der 25 Naturanlagen in der Menschengattung verbunden, und der Zweck
der Natur selbst, wenn es gleich nicht unser Zweck ist, wird doch hiebei
erreicht. Die formale Bedingung, unter welcher die Natur diese ihre
Endabsicht allein erreichen kann, ist diejenige Verfassung im Verhältnisse
der Menschen untereinander, wo dem Abbruche der einander wechselseitig
widerstreitenden 30 Freiheit gesetzmäßige Gewalt in einem Ganzen,
welches b ü r g e r l i c h e G e s e l l s c h a f t heißt, entgegengesetzt wird;
denn nur in ihr kann die größte Entwickelung der Naturanlagen geschehen.
Zu derselben wäre aber doch, wenn gleich Menschen sie auszufinden klug
und sich ihrem Zwange willig zu unterwerfen weise genug wären, noch ein
w e l t b ü r g e r l i c h e s Ganze, 35 d. i. ein System aller Staaten, die auf
einander nachtheilig zu wirken in Gefahr sind, erforderlich. In dessen
Ermangelung und bei dem Hinderniß, welches Ehrsucht, Herrschsucht und
Habsucht vornehmlich bei denen, 394 die Gewalt in Händen haben, selbst
der Möglichkeit eines solchen Entwurfs entgegen setzen, ist der K r i e g
(theils in welchem sich Staaten zerspalten und in kleinere auflösen, theils
ein Staat andere, kleinere mit sich vereinigt und ein größeres Ganze zu
bilden strebt) unvermeidlich: der, 5 so wie er ein unabsichtlicher (durch
zügellose Leidenschaften angeregter) Versuch der Menschen, doch tief
verborgener, vielleicht absichtlicher der obersten Weisheit ist,
Gesetzmäßigkeit mit der Freiheit der Staaten und dadurch Einheit eines
moralisch begründeten Systems derselben, wo nicht zu stiften, dennoch
vorzubereiten und ungeachtet der schrecklichsten Drangsale, 10 womit er
das menschliche Geschlecht belegt, und der vielleicht noch größern, womit
die beständige Bereitschaft dazu im Frieden drückt, dennoch eine
Triebfeder mehr ist (indessen die Hoffnung zu dem Ruhestande einer
Volksglückseligkeit sich immer weiter entfernt) alle Talente, die zur Cultur
dienen, bis zum höchsten Grade zu entwickeln. 15
Was die Disciplin der Neigungen betrifft, zu denen die Naturanlage in
Absicht auf unsere Bestimmung als einer Thiergattung ganz zweckmäßig
ist, die aber die Entwickelung der Menschheit sehr erschweren: so zeigt
sich doch auch in Ansehung dieses zweiten Erfordernisses zur Cultur ein
Abbruch zu thun anfängt, Luxus heißt) auf beiden Seiten gleich mächtig,
auf der einen durch fremde Gewaltthätigkeit, auf der andern durch innere
Ungenügsamkeit; aber das glänzende Elend ist doch mit der Entwickelung
der 25 Naturanlagen in der Menschengattung verbunden, und der Zweck
der Natur selbst, wenn es gleich nicht unser Zweck ist, wird doch hiebei
erreicht. Die formale Bedingung, unter welcher die Natur diese ihre
Endabsicht allein erreichen kann, ist diejenige Verfassung im Verhältnisse
der Menschen untereinander, wo dem Abbruche der einander wechselseitig
widerstreitenden 30 Freiheit gesetzmäßige Gewalt in einem Ganzen,
welches b ü r g e r l i c h e G e s e l l s c h a f t heißt, entgegengesetzt wird;
denn nur in ihr kann die größte Entwickelung der Naturanlagen geschehen.
Zu derselben wäre aber doch, wenn gleich Menschen sie auszufinden klug
und sich ihrem Zwange willig zu unterwerfen weise genug wären, noch ein
w e l t b ü r g e r l i c h e s Ganze, 35 d. i. ein System aller Staaten, die auf
einander nachtheilig zu wirken in Gefahr sind, erforderlich. In dessen
Ermangelung und bei dem Hinderniß, welches Ehrsucht, Herrschsucht und
Habsucht vornehmlich bei denen, 394 die Gewalt in Händen haben, selbst
der Möglichkeit eines solchen Entwurfs entgegen setzen, ist der K r i e g
(theils in welchem sich Staaten zerspalten und in kleinere auflösen, theils
ein Staat andere, kleinere mit sich vereinigt und ein größeres Ganze zu
bilden strebt) unvermeidlich: der, 5 so wie er ein unabsichtlicher (durch
zügellose Leidenschaften angeregter) Versuch der Menschen, doch tief
verborgener, vielleicht absichtlicher der obersten Weisheit ist,
Gesetzmäßigkeit mit der Freiheit der Staaten und dadurch Einheit eines
moralisch begründeten Systems derselben, wo nicht zu stiften, dennoch
vorzubereiten und ungeachtet der schrecklichsten Drangsale, 10 womit er
das menschliche Geschlecht belegt, und der vielleicht noch größern, womit
die beständige Bereitschaft dazu im Frieden drückt, dennoch eine
Triebfeder mehr ist (indessen die Hoffnung zu dem Ruhestande einer
Volksglückseligkeit sich immer weiter entfernt) alle Talente, die zur Cultur
dienen, bis zum höchsten Grade zu entwickeln. 15
Was die Disciplin der Neigungen betrifft, zu denen die Naturanlage in
Absicht auf unsere Bestimmung als einer Thiergattung ganz zweckmäßig
ist, die aber die Entwickelung der Menschheit sehr erschweren: so zeigt
sich doch auch in Ansehung dieses zweiten Erfordernisses zur Cultur ein
Page 325
zweckmäßiges Streben der Natur zu einer Ausbildung, welche uns 20
höherer Zwecke, als die Natur selbst liefern kann, empfänglich macht. Das
Übergewicht der Übel, welche die Verfeinerung des Geschmacks bis zur 395
Idealisirung desselben und selbst der Luxus in Wissenschaften, als einer
Nahrung für die Eitelkeit, durch die unzubefriedigende Menge der dadurch
erzeugten Neigungen über uns ausschüttet, ist nicht zu bestreiten: dagegen
25 aber der Zweck der Natur auch nicht zu verkennen, der Rohigkeit und
dem Ungestüm derjenigen Neigungen, welche mehr der Thierheit in uns
angehören und der Ausbildung zu unserer höheren Bestimmung am meisten
entgegen sind (der Neigungen des Genusses), immer mehr abzugewinnen
und der Entwickelung der Menschheit Platz zu machen. Schöne Kunst 30
und Wissenschaften, die durch eine Lust, die sich allgemein mittheilen läßt,
und durch Geschliffenheit und Verfeinerung für die Gesellschaft, wenn
gleich den Menschen nicht sittlich besser, doch gesittet machen, gewinnen
der Tyrannei des Sinnenhanges sehr viel ab und bereiten dadurch den
Menschen zu einer Herrschaft vor, in welcher die Vernunft allein Gewalt 35
haben soll: indeß die Übel, womit uns theils die Natur, theils die
unvertragsame Selbstsucht der Menschen heimsucht, zugleich die Kräfte
der Seele aufbieten, steigern und stählen, um jenen nicht zu unterliegen,
und uns so eine Tauglichkeit zu höheren Zwecken, die in uns verborgen
liegt, fühlen lassen.[31]
höherer Zwecke, als die Natur selbst liefern kann, empfänglich macht. Das
Übergewicht der Übel, welche die Verfeinerung des Geschmacks bis zur 395
Idealisirung desselben und selbst der Luxus in Wissenschaften, als einer
Nahrung für die Eitelkeit, durch die unzubefriedigende Menge der dadurch
erzeugten Neigungen über uns ausschüttet, ist nicht zu bestreiten: dagegen
25 aber der Zweck der Natur auch nicht zu verkennen, der Rohigkeit und
dem Ungestüm derjenigen Neigungen, welche mehr der Thierheit in uns
angehören und der Ausbildung zu unserer höheren Bestimmung am meisten
entgegen sind (der Neigungen des Genusses), immer mehr abzugewinnen
und der Entwickelung der Menschheit Platz zu machen. Schöne Kunst 30
und Wissenschaften, die durch eine Lust, die sich allgemein mittheilen läßt,
und durch Geschliffenheit und Verfeinerung für die Gesellschaft, wenn
gleich den Menschen nicht sittlich besser, doch gesittet machen, gewinnen
der Tyrannei des Sinnenhanges sehr viel ab und bereiten dadurch den
Menschen zu einer Herrschaft vor, in welcher die Vernunft allein Gewalt 35
haben soll: indeß die Übel, womit uns theils die Natur, theils die
unvertragsame Selbstsucht der Menschen heimsucht, zugleich die Kräfte
der Seele aufbieten, steigern und stählen, um jenen nicht zu unterliegen,
und uns so eine Tauglichkeit zu höheren Zwecken, die in uns verborgen
liegt, fühlen lassen.[31]
Page 326
§ 84. 396
Von dem Endzwecke des Daseins einer Welt, d. i. der 5 Schöpfung
selbst.
E n d z w e c k ist derjenige Zweck, der keines andern als Bedingung seiner
Möglichkeit bedarf.
Wenn für die Zweckmäßigkeit der Natur der bloße Mechanism derselben
zum Erklärungsgrunde angenommen wird, so kann man nicht 10 fragen:
wozu die Dinge in der Welt da sind; denn es ist alsdann nach einem solchen
idealistischen System nur von der physischen Möglichkeit der Dinge
(welche uns als Zwecke zu denken bloße Vernünftelei ohne Object sein
würde) die Rede: man mag nun diese Form der Dinge auf den Zufall, oder
blinde Nothwendigkeit deuten, in beiden Fällen wäre 15 397 jene Frage leer.
Nehmen wir aber die Zweckverbindung in der Welt für real und für sie eine
besondere Art der Causalität, nämlich einer a b s i c h t l i c h
w i r k e n d e n Ursache, an, so können wir bei der Frage nicht stehen
bleiben: wozu Dinge der Welt (organisirte Wesen) diese oder jene Form
haben, in diese oder jene Verhältnisse gegen andere von der Natur gesetzt
20 sind; sondern da einmal ein Verstand gedacht wird, der als die Ursache
der Möglichkeit solcher Formen angesehen werden muß, wie sie wirklich
an Dingen gefunden werden, so muß auch in eben demselben nach dem
objectiven Grunde gefragt werden, der diesen productiven Verstand zu einer
Wirkung dieser Art bestimmt haben könne, welcher dann der Endzweck ist,
wozu dergleichen Dinge da sind.
Ich habe oben gesagt: daß der Endzweck kein Zweck sei, welchen zu
bewirken und der Idee desselben gemäß hervorzubringen, die Natur
hinreichend 5 wäre, weil er unbedingt ist. Denn es ist nichts in der Natur
(als einem Sinnenwesen), wozu der in ihr selbst befindliche
Bestimmungsgrund nicht immer wiederum bedingt wäre; und dieses gilt
nicht bloß von der Natur außer uns (der materiellen), sondern auch in uns
(der denkenden): wohl zu verstehen, daß ich in mir nur das betrachte, was
Natur ist. Ein 10 Ding aber, was nothwendig seiner objectiven
Beschaffenheit wegen als Endzweck einer verständigen Ursache existiren
Von dem Endzwecke des Daseins einer Welt, d. i. der 5 Schöpfung
selbst.
E n d z w e c k ist derjenige Zweck, der keines andern als Bedingung seiner
Möglichkeit bedarf.
Wenn für die Zweckmäßigkeit der Natur der bloße Mechanism derselben
zum Erklärungsgrunde angenommen wird, so kann man nicht 10 fragen:
wozu die Dinge in der Welt da sind; denn es ist alsdann nach einem solchen
idealistischen System nur von der physischen Möglichkeit der Dinge
(welche uns als Zwecke zu denken bloße Vernünftelei ohne Object sein
würde) die Rede: man mag nun diese Form der Dinge auf den Zufall, oder
blinde Nothwendigkeit deuten, in beiden Fällen wäre 15 397 jene Frage leer.
Nehmen wir aber die Zweckverbindung in der Welt für real und für sie eine
besondere Art der Causalität, nämlich einer a b s i c h t l i c h
w i r k e n d e n Ursache, an, so können wir bei der Frage nicht stehen
bleiben: wozu Dinge der Welt (organisirte Wesen) diese oder jene Form
haben, in diese oder jene Verhältnisse gegen andere von der Natur gesetzt
20 sind; sondern da einmal ein Verstand gedacht wird, der als die Ursache
der Möglichkeit solcher Formen angesehen werden muß, wie sie wirklich
an Dingen gefunden werden, so muß auch in eben demselben nach dem
objectiven Grunde gefragt werden, der diesen productiven Verstand zu einer
Wirkung dieser Art bestimmt haben könne, welcher dann der Endzweck ist,
wozu dergleichen Dinge da sind.
Ich habe oben gesagt: daß der Endzweck kein Zweck sei, welchen zu
bewirken und der Idee desselben gemäß hervorzubringen, die Natur
hinreichend 5 wäre, weil er unbedingt ist. Denn es ist nichts in der Natur
(als einem Sinnenwesen), wozu der in ihr selbst befindliche
Bestimmungsgrund nicht immer wiederum bedingt wäre; und dieses gilt
nicht bloß von der Natur außer uns (der materiellen), sondern auch in uns
(der denkenden): wohl zu verstehen, daß ich in mir nur das betrachte, was
Natur ist. Ein 10 Ding aber, was nothwendig seiner objectiven
Beschaffenheit wegen als Endzweck einer verständigen Ursache existiren
Page 327
soll, muß von der Art sein, daß es in der Ordnung der Zwecke von keiner
anderweitigen Bedingung, 398 als bloß seiner Idee abhängig ist.
Nun haben wir nur eine einzige Art Wesen in der Welt, deren Causalität 15
teleologisch, d. i. auf Zwecke gerichtet, und doch zugleich so beschaffen ist,
daß das Gesetz, nach welchem sie sich Zwecke zu bestimmen haben, von
ihnen selbst als unbedingt und von Naturbedingungen unabhängig, an sich
aber als nothwendig vorgestellt wird. Das Wesen dieser Art ist der Mensch,
aber als Noumenon betrachtet; das einzige Naturwesen, an welchem 20 wir
doch ein übersinnliches Vermögen (die F r e i h e i t) und sogar das Gesetz
der Causalität sammt dem Objecte derselben, welches es sich als höchsten
Zweck vorsetzen kann (das höchste Gut in der Welt), von Seiten seiner
eigenen Beschaffenheit erkennen können.
Von dem Menschen nun (und so jedem vernünftigen Wesen in der 25 Welt),
als einem moralischen Wesen, kann nicht weiter gefragt werden: wozu
(quem in finem) er existire. Sein Dasein hat den höchsten Zweck selbst in
sich, dem, so viel er vermag, er die ganze Natur unterwerfen kann,
wenigstens welchem zuwider er sich keinem Einflusse der Natur
unterworfen halten darf. — Wenn nun Dinge der Welt, als ihrer Existenz
nach 30 abhängige Wesen, einer nach Zwecken handelnden obersten
Ursache bedürfen, so ist der Mensch der Schöpfung Endzweck; denn ohne
diesen wäre die Kette der einander untergeordneten Zwecke nicht
vollständig gegründet; und nur im Menschen, aber auch in diesem nur als
Subjecte der Moralität 399 ist die unbedingte Gesetzgebung in Ansehung der
Zwecke anzutreffen, welche 35 ihn also allein fähig macht ein Endzweck
zu sein, dem die ganze Natur teleologisch untergeordnet ist[32].
anderweitigen Bedingung, 398 als bloß seiner Idee abhängig ist.
Nun haben wir nur eine einzige Art Wesen in der Welt, deren Causalität 15
teleologisch, d. i. auf Zwecke gerichtet, und doch zugleich so beschaffen ist,
daß das Gesetz, nach welchem sie sich Zwecke zu bestimmen haben, von
ihnen selbst als unbedingt und von Naturbedingungen unabhängig, an sich
aber als nothwendig vorgestellt wird. Das Wesen dieser Art ist der Mensch,
aber als Noumenon betrachtet; das einzige Naturwesen, an welchem 20 wir
doch ein übersinnliches Vermögen (die F r e i h e i t) und sogar das Gesetz
der Causalität sammt dem Objecte derselben, welches es sich als höchsten
Zweck vorsetzen kann (das höchste Gut in der Welt), von Seiten seiner
eigenen Beschaffenheit erkennen können.
Von dem Menschen nun (und so jedem vernünftigen Wesen in der 25 Welt),
als einem moralischen Wesen, kann nicht weiter gefragt werden: wozu
(quem in finem) er existire. Sein Dasein hat den höchsten Zweck selbst in
sich, dem, so viel er vermag, er die ganze Natur unterwerfen kann,
wenigstens welchem zuwider er sich keinem Einflusse der Natur
unterworfen halten darf. — Wenn nun Dinge der Welt, als ihrer Existenz
nach 30 abhängige Wesen, einer nach Zwecken handelnden obersten
Ursache bedürfen, so ist der Mensch der Schöpfung Endzweck; denn ohne
diesen wäre die Kette der einander untergeordneten Zwecke nicht
vollständig gegründet; und nur im Menschen, aber auch in diesem nur als
Subjecte der Moralität 399 ist die unbedingte Gesetzgebung in Ansehung der
Zwecke anzutreffen, welche 35 ihn also allein fähig macht ein Endzweck
zu sein, dem die ganze Natur teleologisch untergeordnet ist[32].
Page 328
§ 85. 400
Von der Physikotheologie.
Die Physikotheologie ist der Versuch der Vernunft, aus den 5 Z w e c k e n
der Natur (die nur empirisch erkannt werden können) auf die oberste
Ursache der Natur und ihre Eigenschaften zu schließen. Eine
Moraltheologie (Ethikotheologie) wäre der Versuch, aus dem moralischen
Zwecke vernünftiger Wesen in der Natur (der a priori erkannt werden kann)
auf jene Ursache und ihre Eigenschaften zu schließen. 10
Die erstere geht natürlicher Weise vor der zweiten vorher. Denn wenn wir
von den Dingen in der Welt auf eine Weltursache t e l e o l o g i s c h
schließen wollen: so müssen Zwecke der Natur zuerst gegeben sein, für die
wir nachher einen Endzweck und für diesen dann das Princip der Causalität
dieser obersten Ursache zu suchen haben.
Nach dem teleologischen Princip können und müssen viele
Nachforschungen der Natur geschehen, ohne daß man nach dem Grunde der
Möglichkeit, zweckmäßig zu wirken, welche wir an verschiedenen der
Producte 5 401 der Natur antreffen, zu fragen Ursache hat. Will man nun
aber auch hievon einen Begriff haben, so haben wir dazu schlechterdings
keine weitergehende Einsicht, als bloß die Maxime der reflectirenden
Urtheilskraft: daß nämlich, wenn uns auch nur ein einziges organisches
Product der Natur gegeben wäre, wir nach der Beschaffenheit unseres
Erkenntnißvermögens 10 dafür keinen andern Grund denken können, als
den einer Ursache der Natur selbst (es sei der ganzen Natur oder auch nur
dieses Stücks derselben), die durch Verstand die Causalität zu demselben
enthält; ein Beurtheilungsprincip, wodurch wir in der Erklärung der
Naturdinge und ihres Ursprungs zwar um nichts weiter gebracht werden,
das uns aber 15 doch über die Natur hinaus einige Aussicht eröffnet, um
den sonst so unfruchtbaren Begriff eines Urwesens vielleicht näher
bestimmen zu können.
Nun sage ich: die Physikotheologie, so weit sie auch getrieben werden mag,
kann uns doch nichts von einem E n d z w e c k e der Schöpfung eröffnen;
denn sie reicht nicht einmal bis zur Frage nach demselben. Sie kann 20 also
Von der Physikotheologie.
Die Physikotheologie ist der Versuch der Vernunft, aus den 5 Z w e c k e n
der Natur (die nur empirisch erkannt werden können) auf die oberste
Ursache der Natur und ihre Eigenschaften zu schließen. Eine
Moraltheologie (Ethikotheologie) wäre der Versuch, aus dem moralischen
Zwecke vernünftiger Wesen in der Natur (der a priori erkannt werden kann)
auf jene Ursache und ihre Eigenschaften zu schließen. 10
Die erstere geht natürlicher Weise vor der zweiten vorher. Denn wenn wir
von den Dingen in der Welt auf eine Weltursache t e l e o l o g i s c h
schließen wollen: so müssen Zwecke der Natur zuerst gegeben sein, für die
wir nachher einen Endzweck und für diesen dann das Princip der Causalität
dieser obersten Ursache zu suchen haben.
Nach dem teleologischen Princip können und müssen viele
Nachforschungen der Natur geschehen, ohne daß man nach dem Grunde der
Möglichkeit, zweckmäßig zu wirken, welche wir an verschiedenen der
Producte 5 401 der Natur antreffen, zu fragen Ursache hat. Will man nun
aber auch hievon einen Begriff haben, so haben wir dazu schlechterdings
keine weitergehende Einsicht, als bloß die Maxime der reflectirenden
Urtheilskraft: daß nämlich, wenn uns auch nur ein einziges organisches
Product der Natur gegeben wäre, wir nach der Beschaffenheit unseres
Erkenntnißvermögens 10 dafür keinen andern Grund denken können, als
den einer Ursache der Natur selbst (es sei der ganzen Natur oder auch nur
dieses Stücks derselben), die durch Verstand die Causalität zu demselben
enthält; ein Beurtheilungsprincip, wodurch wir in der Erklärung der
Naturdinge und ihres Ursprungs zwar um nichts weiter gebracht werden,
das uns aber 15 doch über die Natur hinaus einige Aussicht eröffnet, um
den sonst so unfruchtbaren Begriff eines Urwesens vielleicht näher
bestimmen zu können.
Nun sage ich: die Physikotheologie, so weit sie auch getrieben werden mag,
kann uns doch nichts von einem E n d z w e c k e der Schöpfung eröffnen;
denn sie reicht nicht einmal bis zur Frage nach demselben. Sie kann 20 also
Page 329
zwar den Begriff einer verständigen Weltursache als einen subjectiv für die
Beschaffenheit unseres Erkenntnißvermögens allein tauglichen Begriff von
der Möglichkeit der Dinge, die wir uns nach Zwecken verständlich machen
können, rechtfertigen, aber diesen Begriff weder in theoretischer noch
praktischer Absicht weiter bestimmen; und ihr Versuch erreicht seine 25 402
Absicht nicht, eine Theologie zu gründen, sondern sie bleibt immer nur eine
physische Teleologie: weil die Zweckbeziehung in ihr immer nur als in der
Natur bedingt betrachtet wird und werden muß; mithin den Zweck, wozu
die Natur selbst existirt (wozu der Grund außer der Natur gesucht werden
muß) gar nicht einmal in Anfrage bringen kann, auf dessen bestimmte 30
Idee gleichwohl der bestimmte Begriff jener oberen verständigen
Weltursache, mithin die Möglichkeit einer Theologie ankommt.
Wozu die Dinge in der Welt einander nützen; wozu das Mannigfaltige in
einem Dinge für dieses Ding selbst gut ist; wie man sogar Grund habe
anzunehmen, daß nichts in der Welt umsonst, sondern alles irgend 35 wozu
i n d e r N a t u r, unter der Bedingung daß gewisse Dinge (als Zwecke)
existiren sollten, gut sei, wobei mithin unsere Vernunft für die Urtheilskraft
kein anderes Princip der Möglichkeit des Objects ihrer unvermeidlichen
teleologischen Beurtheilung in ihrem Vermögen hat, als das, den
Mechanism der Natur der Architektonik eines verständigen Welturhebers
unterzuordnen: das alles leistet die teleologische Weltbetrachtung sehr
herrlich und zur äußersten Bewunderung. Weil aber die Data, mithin 5 die
Principien, jenen Begriff einer intelligenten Weltursache (als höchsten
Künstlers) zu b e s t i m m e n, bloß empirisch sind: so lassen sie auf keine
Eigenschaften weiter schließen, als uns die Erfahrung an den Wirkungen
derselben offenbart, welche, da sie nie die gesammte Natur als System
befassen 403 kann, oft auf (dem Anscheine nach) jenem Begriffe und unter
einander 10 widerstreitende Beweisgründe stoßen muß, niemals aber, wenn
wir gleich vermögend wären auch das ganze System, sofern es bloße Natur
betrifft, empirisch zu überschauen, uns über die Natur zu dem Zwecke ihrer
Existenz selber und dadurch zum bestimmten Begriffe jener obern
Intelligenz erheben kann. 15
Wenn man sich die Aufgabe, um deren Auflösung es einer Physikotheologie
zu thun ist, klein macht, so scheint ihre Auflösung leicht. Verschwendet
man nämlich den Begriff von einer G o t t h e i t an jedes von uns gedachte
verständige Wesen, deren es eines oder mehrere geben mag, welches viel
Beschaffenheit unseres Erkenntnißvermögens allein tauglichen Begriff von
der Möglichkeit der Dinge, die wir uns nach Zwecken verständlich machen
können, rechtfertigen, aber diesen Begriff weder in theoretischer noch
praktischer Absicht weiter bestimmen; und ihr Versuch erreicht seine 25 402
Absicht nicht, eine Theologie zu gründen, sondern sie bleibt immer nur eine
physische Teleologie: weil die Zweckbeziehung in ihr immer nur als in der
Natur bedingt betrachtet wird und werden muß; mithin den Zweck, wozu
die Natur selbst existirt (wozu der Grund außer der Natur gesucht werden
muß) gar nicht einmal in Anfrage bringen kann, auf dessen bestimmte 30
Idee gleichwohl der bestimmte Begriff jener oberen verständigen
Weltursache, mithin die Möglichkeit einer Theologie ankommt.
Wozu die Dinge in der Welt einander nützen; wozu das Mannigfaltige in
einem Dinge für dieses Ding selbst gut ist; wie man sogar Grund habe
anzunehmen, daß nichts in der Welt umsonst, sondern alles irgend 35 wozu
i n d e r N a t u r, unter der Bedingung daß gewisse Dinge (als Zwecke)
existiren sollten, gut sei, wobei mithin unsere Vernunft für die Urtheilskraft
kein anderes Princip der Möglichkeit des Objects ihrer unvermeidlichen
teleologischen Beurtheilung in ihrem Vermögen hat, als das, den
Mechanism der Natur der Architektonik eines verständigen Welturhebers
unterzuordnen: das alles leistet die teleologische Weltbetrachtung sehr
herrlich und zur äußersten Bewunderung. Weil aber die Data, mithin 5 die
Principien, jenen Begriff einer intelligenten Weltursache (als höchsten
Künstlers) zu b e s t i m m e n, bloß empirisch sind: so lassen sie auf keine
Eigenschaften weiter schließen, als uns die Erfahrung an den Wirkungen
derselben offenbart, welche, da sie nie die gesammte Natur als System
befassen 403 kann, oft auf (dem Anscheine nach) jenem Begriffe und unter
einander 10 widerstreitende Beweisgründe stoßen muß, niemals aber, wenn
wir gleich vermögend wären auch das ganze System, sofern es bloße Natur
betrifft, empirisch zu überschauen, uns über die Natur zu dem Zwecke ihrer
Existenz selber und dadurch zum bestimmten Begriffe jener obern
Intelligenz erheben kann. 15
Wenn man sich die Aufgabe, um deren Auflösung es einer Physikotheologie
zu thun ist, klein macht, so scheint ihre Auflösung leicht. Verschwendet
man nämlich den Begriff von einer G o t t h e i t an jedes von uns gedachte
verständige Wesen, deren es eines oder mehrere geben mag, welches viel
Page 330
und sehr große, aber eben nicht alle Eigenschaften habe, die zu 20
Gründung einer mit dem größtmöglichen Zwecke übereinstimmenden Natur
überhaupt erforderlich sind; oder hält man es für nichts, in einer Theorie
den Mangel dessen, was die Beweisgründe leisten, durch willkürliche
Zusätze zu ergänzen, und, wo man nur Grund hat v i e l Vollkommenheit
anzunehmen (und was ist viel für uns?), sich da befugt hält a l l e 25
m ö g l i c h e vorauszusetzen: so macht die physische Teleologie wichtige
Ansprüche auf den Ruhm, eine Theologie zu begründen. Wenn aber
verlangt wird anzuzeigen, was uns denn antreibe und überdem berechtige,
jene Ergänzungen zu machen: so werden wir in den Principien des
theoretischen Gebrauchs der Vernunft, welcher durchaus verlangt, zu
Erklärung eines 30 404 Objects der Erfahrung diesem nicht mehr
Eigenschaften beizulegen, als empirische Data zu ihrer Möglichkeit
anzutreffen sind, vergeblich Grund zu unserer Rechtfertigung suchen. Bei
näherer Prüfung würden wir sehen, daß eigentlich eine Idee von einem
höchsten Wesen, die auf ganz verschiedenem Vernunftgebrauch (dem
praktischen) beruht, in uns a priori zum 35 Grunde liege, welche uns
antreibt, die mangelhafte Vorstellung einer physischen Teleologie von dem
Urgrunde der Zwecke in der Natur bis zum Begriffe einer Gottheit zu
ergänzen; und wir würden uns nicht fälschlich einbilden, diese Idee, mit ihr
aber eine Theologie durch den theoretischen Vernunftgebrauch der
physischen Weltkenntniß zu Stande gebracht, viel weniger, ihre Realität
bewiesen zu haben.
Man kann es den Alten nicht so hoch zum Tadel anrechnen, wenn 5 sie sich
ihre Götter als theils ihrem Vermögen, theils den Absichten und
Willensmeinungen nach sehr mannigfaltig verschieden, alle aber, selbst ihr
Oberhaupt nicht ausgenommen, noch immer auf menschliche Weise
eingeschränkt dachten. Denn wenn sie die Einrichtung und den Gang der
Dinge in der Natur betrachteten, so fanden sie zwar Grund genug etwas 10
mehr als Mechanisches zur Ursache derselben anzunehmen und Absichten
gewisser oberer Ursachen, die sie nicht anders als übermenschlich denken
konnten, hinter dem Maschinenwerk dieser Welt zu vermuthen. Weil sie 405
aber das Gute und Böse, das Zweckmäßige und Zweckwidrige in ihr
wenigstens für unsere Einsicht sehr gemischt antrafen und sich nicht
erlauben 15 konnten, insgeheim dennoch zum Grunde liegende weise und
wohlthätige Zwecke, von denen sie doch den Beweis nicht sahen, zum
Gründung einer mit dem größtmöglichen Zwecke übereinstimmenden Natur
überhaupt erforderlich sind; oder hält man es für nichts, in einer Theorie
den Mangel dessen, was die Beweisgründe leisten, durch willkürliche
Zusätze zu ergänzen, und, wo man nur Grund hat v i e l Vollkommenheit
anzunehmen (und was ist viel für uns?), sich da befugt hält a l l e 25
m ö g l i c h e vorauszusetzen: so macht die physische Teleologie wichtige
Ansprüche auf den Ruhm, eine Theologie zu begründen. Wenn aber
verlangt wird anzuzeigen, was uns denn antreibe und überdem berechtige,
jene Ergänzungen zu machen: so werden wir in den Principien des
theoretischen Gebrauchs der Vernunft, welcher durchaus verlangt, zu
Erklärung eines 30 404 Objects der Erfahrung diesem nicht mehr
Eigenschaften beizulegen, als empirische Data zu ihrer Möglichkeit
anzutreffen sind, vergeblich Grund zu unserer Rechtfertigung suchen. Bei
näherer Prüfung würden wir sehen, daß eigentlich eine Idee von einem
höchsten Wesen, die auf ganz verschiedenem Vernunftgebrauch (dem
praktischen) beruht, in uns a priori zum 35 Grunde liege, welche uns
antreibt, die mangelhafte Vorstellung einer physischen Teleologie von dem
Urgrunde der Zwecke in der Natur bis zum Begriffe einer Gottheit zu
ergänzen; und wir würden uns nicht fälschlich einbilden, diese Idee, mit ihr
aber eine Theologie durch den theoretischen Vernunftgebrauch der
physischen Weltkenntniß zu Stande gebracht, viel weniger, ihre Realität
bewiesen zu haben.
Man kann es den Alten nicht so hoch zum Tadel anrechnen, wenn 5 sie sich
ihre Götter als theils ihrem Vermögen, theils den Absichten und
Willensmeinungen nach sehr mannigfaltig verschieden, alle aber, selbst ihr
Oberhaupt nicht ausgenommen, noch immer auf menschliche Weise
eingeschränkt dachten. Denn wenn sie die Einrichtung und den Gang der
Dinge in der Natur betrachteten, so fanden sie zwar Grund genug etwas 10
mehr als Mechanisches zur Ursache derselben anzunehmen und Absichten
gewisser oberer Ursachen, die sie nicht anders als übermenschlich denken
konnten, hinter dem Maschinenwerk dieser Welt zu vermuthen. Weil sie 405
aber das Gute und Böse, das Zweckmäßige und Zweckwidrige in ihr
wenigstens für unsere Einsicht sehr gemischt antrafen und sich nicht
erlauben 15 konnten, insgeheim dennoch zum Grunde liegende weise und
wohlthätige Zwecke, von denen sie doch den Beweis nicht sahen, zum
Page 331
Behuf der willkürlichen Idee eines höchstvollkommenen Urhebers
anzunehmen: so konnte ihr Urtheil von der obersten Weltursache schwerlich
anders ausfallen, so fern sie nämlich nach Maximen des bloß theoretischen
Gebrauchs der Vernunft 20 ganz consequent verfuhren. Andere, die als
Physiker zugleich Theologen sein wollten, dachten Befriedigung für die
Vernunft darin zu finden, daß sie für die absolute Einheit des Princips der
Naturdinge, welche die Vernunft fordert, vermittelst der Idee von einem
Wesen sorgten, in welchem als alleiniger Substanz jene insgesammt nur
inhärirende Bestimmungen 25 wären: welche Substanz zwar nicht durch
Verstand Ursache der Welt, in welcher aber doch als Subject aller Verstand
der Weltwesen anzutreffen wäre; ein Wesen folglich, das zwar nicht nach
Zwecken etwas hervorbrächte, in welchem aber doch alle Dinge wegen der
Einheit des Subjects, von dem sie bloß Bestimmungen sind, auch ohne
Zweck und Absicht 30 nothwendig sich auf einander zweckmäßig beziehen
mußten. So führten sie den Idealism der Endursachen ein: indem sie die so
schwer herauszubringende Einheit einer Menge zweckmäßig verbundener
Substanzen statt der Causalabhängigkeit v o n e i n e r in die der Inhärenz
i n e i n e r 406 verwandelten; welches System in der Folge, von Seiten der
inhärirenden 35 Weltwesen betrachtet, als P a n t h e i s m, von Seiten des
allein subsistirenden Subjects als Urwesens (späterhin) als S p i n o z i s m,
nicht sowohl die Frage vom ersten Grunde der Zweckmäßigkeit der Natur
auflösete, als sie vielmehr für nichtig erklärte, indem der letztere Begriff,
aller seiner Realität beraubt, zur bloßen Mißdeutung eines allgemeinen
ontologischen Begriffs von einem Dinge überhaupt gemacht wurde.
Nach bloß theoretischen Principien des Vernunftgebrauchs (worauf 5 die
Physikotheologie sich allein gründet) kann also niemals der Begriff einer
Gottheit, der für unsere teleologische Beurtheilung der Natur zureichte,
herausgebracht werden. Denn wir erklären entweder alle Teleologie für
bloße Täuschung der Urtheilskraft in der Beurtheilung der
Causalverbindung der Dinge und flüchten uns zu dem alleinigen Princip 10
eines bloßen Mechanisms der Natur, welche wegen der Einheit der
Substanz, von der sie nichts als das Mannigfaltige der Bestimmungen
derselben sei, uns eine allgemeine Beziehung auf Zwecke zu enthalten bloß
scheine; oder wenn wir statt dieses Idealisms der Endursachen dem
Grundsatze des Realisms dieser besondern Art der Causalität anhänglich
bleiben 15 wollen, so mögen wir viele verständige Urwesen, oder nur ein
anzunehmen: so konnte ihr Urtheil von der obersten Weltursache schwerlich
anders ausfallen, so fern sie nämlich nach Maximen des bloß theoretischen
Gebrauchs der Vernunft 20 ganz consequent verfuhren. Andere, die als
Physiker zugleich Theologen sein wollten, dachten Befriedigung für die
Vernunft darin zu finden, daß sie für die absolute Einheit des Princips der
Naturdinge, welche die Vernunft fordert, vermittelst der Idee von einem
Wesen sorgten, in welchem als alleiniger Substanz jene insgesammt nur
inhärirende Bestimmungen 25 wären: welche Substanz zwar nicht durch
Verstand Ursache der Welt, in welcher aber doch als Subject aller Verstand
der Weltwesen anzutreffen wäre; ein Wesen folglich, das zwar nicht nach
Zwecken etwas hervorbrächte, in welchem aber doch alle Dinge wegen der
Einheit des Subjects, von dem sie bloß Bestimmungen sind, auch ohne
Zweck und Absicht 30 nothwendig sich auf einander zweckmäßig beziehen
mußten. So führten sie den Idealism der Endursachen ein: indem sie die so
schwer herauszubringende Einheit einer Menge zweckmäßig verbundener
Substanzen statt der Causalabhängigkeit v o n e i n e r in die der Inhärenz
i n e i n e r 406 verwandelten; welches System in der Folge, von Seiten der
inhärirenden 35 Weltwesen betrachtet, als P a n t h e i s m, von Seiten des
allein subsistirenden Subjects als Urwesens (späterhin) als S p i n o z i s m,
nicht sowohl die Frage vom ersten Grunde der Zweckmäßigkeit der Natur
auflösete, als sie vielmehr für nichtig erklärte, indem der letztere Begriff,
aller seiner Realität beraubt, zur bloßen Mißdeutung eines allgemeinen
ontologischen Begriffs von einem Dinge überhaupt gemacht wurde.
Nach bloß theoretischen Principien des Vernunftgebrauchs (worauf 5 die
Physikotheologie sich allein gründet) kann also niemals der Begriff einer
Gottheit, der für unsere teleologische Beurtheilung der Natur zureichte,
herausgebracht werden. Denn wir erklären entweder alle Teleologie für
bloße Täuschung der Urtheilskraft in der Beurtheilung der
Causalverbindung der Dinge und flüchten uns zu dem alleinigen Princip 10
eines bloßen Mechanisms der Natur, welche wegen der Einheit der
Substanz, von der sie nichts als das Mannigfaltige der Bestimmungen
derselben sei, uns eine allgemeine Beziehung auf Zwecke zu enthalten bloß
scheine; oder wenn wir statt dieses Idealisms der Endursachen dem
Grundsatze des Realisms dieser besondern Art der Causalität anhänglich
bleiben 15 wollen, so mögen wir viele verständige Urwesen, oder nur ein
Page 332
einiges den Naturzwecken unterlegen: sobald wir zu Begründung des
Begriffs von demselben nichts als Erfahrungsprincipien, von der wirklichen
Zweckverbindung 407 in der Welt hergenommen, zur Hand haben, so
können wir einerseits wider die Mißhelligkeit, die die Natur in Ansehung
der Zweckeinheit 20 in vielen Beispielen aufstellt, keinen Rath finden,
andrerseits den Begriff einer einigen intelligenten Ursache, so wie wir ihn,
durch bloße Erfahrung berechtigt, herausbringen, niemals für irgend eine,
auf welche Art es auch sei, (theoretisch oder praktisch) brauchbare
Theologie bestimmt genug daraus ziehen. 25
Die physische Teleologie treibt uns zwar an, eine Theologie zu suchen, aber
kann keine hervorbringen, so weit wir auch der Natur durch Erfahrung
nachspüren und der in ihr entdeckten Zweckverbindung durch
Vernunftideen (die zu physischen Aufgaben theoretisch sein müssen) zu
Hülfe kommen mögen. Was hilfts, wird man mit Recht klagen, daß wir
allen 30 diesen Einrichtungen einen großen, einen für uns unermeßlichen
Verstand zum Grunde legen und ihn diese Welt nach Absichten anordnen
lassen? wenn uns die Natur von der Endabsicht nichts sagt, noch jemals
sagen kann, ohne welche wir uns doch keinen gemeinschaftlichen
Beziehungspunkt aller dieser Naturzwecke, kein hinreichendes
teleologisches Princip machen 35 können, theils die Zwecke insgesammt in
einem System zu erkennen, theils uns von dem obersten Verstande, als
Ursache einer solchen Natur, einen Begriff zu machen, der unserer über sie
teleologisch reflectirenden Urtheilskraft 408 zum Richtmaße dienen könnte.
Ich hätte alsdann zwar einen K u n s t v e r s t a n d für zerstreute Zwecke;
aber keine W e i s h e i t für einen Endzweck, der doch eigentlich den
Bestimmungsgrund von jenem enthalten muß. In Ermangelung aber eines
Endzwecks, den nur die reine Vernunft 5 a priori an die Hand geben kann
(weil alle Zwecke in der Welt empirisch bedingt sind und nichts, als was
hiezu oder dazu als zufälliger Absicht, nicht was schlechthin gut ist,
enthalten können), und der mich allein lehren würde: welche Eigenschaften,
welchen Grad und welches Verhältniß der obersten Ursache der Natur ich
mir zu denken habe, um diese als teleologisches 10 System zu beurtheilen;
wie und mit welchem Rechte darf ich da meinen sehr eingeschränkten
Begriff von jenem ursprünglichen Verstande, den ich auf meine geringe
Weltkenntniß gründen kann, von der Macht dieses Urwesens seine Ideen
zur Wirklichkeit zu bringen, von seinem Willen es zu thun u. s. w., nach
Begriffs von demselben nichts als Erfahrungsprincipien, von der wirklichen
Zweckverbindung 407 in der Welt hergenommen, zur Hand haben, so
können wir einerseits wider die Mißhelligkeit, die die Natur in Ansehung
der Zweckeinheit 20 in vielen Beispielen aufstellt, keinen Rath finden,
andrerseits den Begriff einer einigen intelligenten Ursache, so wie wir ihn,
durch bloße Erfahrung berechtigt, herausbringen, niemals für irgend eine,
auf welche Art es auch sei, (theoretisch oder praktisch) brauchbare
Theologie bestimmt genug daraus ziehen. 25
Die physische Teleologie treibt uns zwar an, eine Theologie zu suchen, aber
kann keine hervorbringen, so weit wir auch der Natur durch Erfahrung
nachspüren und der in ihr entdeckten Zweckverbindung durch
Vernunftideen (die zu physischen Aufgaben theoretisch sein müssen) zu
Hülfe kommen mögen. Was hilfts, wird man mit Recht klagen, daß wir
allen 30 diesen Einrichtungen einen großen, einen für uns unermeßlichen
Verstand zum Grunde legen und ihn diese Welt nach Absichten anordnen
lassen? wenn uns die Natur von der Endabsicht nichts sagt, noch jemals
sagen kann, ohne welche wir uns doch keinen gemeinschaftlichen
Beziehungspunkt aller dieser Naturzwecke, kein hinreichendes
teleologisches Princip machen 35 können, theils die Zwecke insgesammt in
einem System zu erkennen, theils uns von dem obersten Verstande, als
Ursache einer solchen Natur, einen Begriff zu machen, der unserer über sie
teleologisch reflectirenden Urtheilskraft 408 zum Richtmaße dienen könnte.
Ich hätte alsdann zwar einen K u n s t v e r s t a n d für zerstreute Zwecke;
aber keine W e i s h e i t für einen Endzweck, der doch eigentlich den
Bestimmungsgrund von jenem enthalten muß. In Ermangelung aber eines
Endzwecks, den nur die reine Vernunft 5 a priori an die Hand geben kann
(weil alle Zwecke in der Welt empirisch bedingt sind und nichts, als was
hiezu oder dazu als zufälliger Absicht, nicht was schlechthin gut ist,
enthalten können), und der mich allein lehren würde: welche Eigenschaften,
welchen Grad und welches Verhältniß der obersten Ursache der Natur ich
mir zu denken habe, um diese als teleologisches 10 System zu beurtheilen;
wie und mit welchem Rechte darf ich da meinen sehr eingeschränkten
Begriff von jenem ursprünglichen Verstande, den ich auf meine geringe
Weltkenntniß gründen kann, von der Macht dieses Urwesens seine Ideen
zur Wirklichkeit zu bringen, von seinem Willen es zu thun u. s. w., nach
Page 333
Belieben erweitern und bis zur Idee eines allweisen 15 unendlichen Wesens
ergänzen? Dies würde, wenn es theoretisch geschehen sollte, in mir selbst
Allwissenheit voraussetzen, um die Zwecke der Natur in ihrem ganzen
Zusammenhange einzusehen und noch obenein alle andere mögliche Plane
denken zu können, mit denen in Vergleichung der gegenwärtige als der
beste mit Grunde beurtheilt werden müßte. Denn 20 ohne diese vollendete
Kenntniß der Wirkung kann ich auf keinen bestimmten Begriff von der
obersten Ursache, der nur in dem von einer in allem 409 Betracht
unendlichen Intelligenz, d. i. dem Begriffe einer Gottheit, angetroffen
werden kann, schließen und eine Grundlage zur Theologie zu Stande
bringen. 25
Wir können also bei aller möglichen Erweiterung der physischen Teleologie
nach dem oben angeführten Grundsatze wohl sagen: daß wir nach der
Beschaffenheit und den Principien unseres Erkenntnißvermögens die Natur
in ihren uns bekannt gewordenen zweckmäßigen Anordnungen nicht anders
denn als das Product eines Verstandes, dem diese unterworfen ist, 30
denken können. Ob aber dieser Verstand mit dem Ganzen derselben und
dessen Hervorbringung noch eine Endabsicht gehabt haben möge (die
alsdann nicht in der Natur der Sinnenwelt liegen würde): das kann uns die
theoretische Naturforschung nie eröffnen; sondern es bleibt bei aller
Kenntniß derselben unausgemacht, ob jene oberste Ursache überall nach
einem 35 Endzwecke und nicht vielmehr durch einen von der bloßen
Nothwendigkeit seiner Natur zu Hervorbringung gewisser Formen
bestimmten Verstand (nach der Analogie mit dem, was wir bei den Thieren
den Kunstinstinct nennen) Urgrund derselben sei: ohne daß es nöthig sei,
ihr darum auch nur Weisheit, viel weniger höchste und mit allen andern zur
Vollkommenheit ihres Products erforderlichen Eigenschaften verbundene
Weisheit beizulegen. 5
Also ist Physikotheologie eine mißverstandene physische Teleologie, 410
nur als Vorbereitung (Propädeutik) zur Theologie brauchbar und nur durch
Hinzukunft eines anderweitigen Princips, auf das sie sich stützen kann,
nicht aber an sich selbst, wie ihr Name es anzeigen will, zu dieser Absicht
zureichend. 10
ergänzen? Dies würde, wenn es theoretisch geschehen sollte, in mir selbst
Allwissenheit voraussetzen, um die Zwecke der Natur in ihrem ganzen
Zusammenhange einzusehen und noch obenein alle andere mögliche Plane
denken zu können, mit denen in Vergleichung der gegenwärtige als der
beste mit Grunde beurtheilt werden müßte. Denn 20 ohne diese vollendete
Kenntniß der Wirkung kann ich auf keinen bestimmten Begriff von der
obersten Ursache, der nur in dem von einer in allem 409 Betracht
unendlichen Intelligenz, d. i. dem Begriffe einer Gottheit, angetroffen
werden kann, schließen und eine Grundlage zur Theologie zu Stande
bringen. 25
Wir können also bei aller möglichen Erweiterung der physischen Teleologie
nach dem oben angeführten Grundsatze wohl sagen: daß wir nach der
Beschaffenheit und den Principien unseres Erkenntnißvermögens die Natur
in ihren uns bekannt gewordenen zweckmäßigen Anordnungen nicht anders
denn als das Product eines Verstandes, dem diese unterworfen ist, 30
denken können. Ob aber dieser Verstand mit dem Ganzen derselben und
dessen Hervorbringung noch eine Endabsicht gehabt haben möge (die
alsdann nicht in der Natur der Sinnenwelt liegen würde): das kann uns die
theoretische Naturforschung nie eröffnen; sondern es bleibt bei aller
Kenntniß derselben unausgemacht, ob jene oberste Ursache überall nach
einem 35 Endzwecke und nicht vielmehr durch einen von der bloßen
Nothwendigkeit seiner Natur zu Hervorbringung gewisser Formen
bestimmten Verstand (nach der Analogie mit dem, was wir bei den Thieren
den Kunstinstinct nennen) Urgrund derselben sei: ohne daß es nöthig sei,
ihr darum auch nur Weisheit, viel weniger höchste und mit allen andern zur
Vollkommenheit ihres Products erforderlichen Eigenschaften verbundene
Weisheit beizulegen. 5
Also ist Physikotheologie eine mißverstandene physische Teleologie, 410
nur als Vorbereitung (Propädeutik) zur Theologie brauchbar und nur durch
Hinzukunft eines anderweitigen Princips, auf das sie sich stützen kann,
nicht aber an sich selbst, wie ihr Name es anzeigen will, zu dieser Absicht
zureichend. 10
Page 334
§ 86.
Von der Ethikotheologie.
Es ist ein Urtheil, dessen sich selbst der gemeinste Verstand nicht
entschlagen kann, wenn er über das Dasein der Dinge in der Welt und die
Existenz der Welt selbst nachdenkt: daß nämlich alle die mannigfaltigen 15
Geschöpfe, von wie großer Kunsteinrichtung und wie mannigfaltigem
zweckmäßig auf einander bezogenen Zusammenhange sie auch sein mögen,
ja selbst das Ganze so vieler Systeme derselben, die wir unrichtiger Weise
Welten nennen, zu nichts da sein würden, wenn es in ihnen nicht Menschen
(vernünftige Wesen überhaupt) gäbe; d. i. daß ohne den Menschen 20 die
ganze Schöpfung eine bloße Wüste, umsonst und ohne Endzweck sein
würde. Es ist aber auch nicht das Erkenntnißvermögen desselben
(theoretische Vernunft), in Beziehung auf welches das Dasein alles Übrigen
in der Welt allererst seinen Werth bekommt, etwa damit irgend Jemand da
sei, welcher die Welt b e t r a c h t e n könne. Denn wenn diese Betrachtung
25 der Welt ihm doch nichts als Dinge ohne Endzweck vorstellig machte,
so 411 kann daraus, daß sie erkannt wird, dem Dasein derselben kein Werth
erwachsen; und man muß schon einen Endzweck derselben voraussetzen, in
Beziehung auf welchen die Weltbetrachtung selbst einen Werth habe. Auch
ist es nicht das Gefühl der Lust und der Summe derselben, in Beziehung 30
auf welches wir einen Endzweck der Schöpfung als gegeben denken, d. i.
nicht das Wohlsein, der Genuß (er sei körperlich oder geistig), mit einem
Worte die Glückseligkeit, wornach wir jenen absoluten Werth schätzen.
Denn: daß, wenn der Mensch da ist, er diese ihm selbst zur Endabsicht
macht, giebt keinen Begriff, wozu er dann überhaupt da sei, und welchen
35 Werth er dann selbst habe, um ihm seine Existenz angenehm zu machen.
Er muß also schon als Endzweck der Schöpfung vorausgesetzt werden, um
einen Vernunftgrund zu haben, warum die Natur zu seiner Glückseligkeit
zusammen stimmen müsse, wenn sie als ein absolutes Ganze nach
Principien der Zwecke betrachtet wird. — Also ist es nur das
Begehrungsvermögen: aber nicht dasjenige, was ihn von der Natur (durch
sinnliche Antriebe) 5 abhängig macht, nicht das, in Ansehung dessen der
Werth seines Daseins auf dem, was er empfängt und genießt, beruht:
sondern der Werth, welchen er allein sich selbst geben kann, und welcher in
Von der Ethikotheologie.
Es ist ein Urtheil, dessen sich selbst der gemeinste Verstand nicht
entschlagen kann, wenn er über das Dasein der Dinge in der Welt und die
Existenz der Welt selbst nachdenkt: daß nämlich alle die mannigfaltigen 15
Geschöpfe, von wie großer Kunsteinrichtung und wie mannigfaltigem
zweckmäßig auf einander bezogenen Zusammenhange sie auch sein mögen,
ja selbst das Ganze so vieler Systeme derselben, die wir unrichtiger Weise
Welten nennen, zu nichts da sein würden, wenn es in ihnen nicht Menschen
(vernünftige Wesen überhaupt) gäbe; d. i. daß ohne den Menschen 20 die
ganze Schöpfung eine bloße Wüste, umsonst und ohne Endzweck sein
würde. Es ist aber auch nicht das Erkenntnißvermögen desselben
(theoretische Vernunft), in Beziehung auf welches das Dasein alles Übrigen
in der Welt allererst seinen Werth bekommt, etwa damit irgend Jemand da
sei, welcher die Welt b e t r a c h t e n könne. Denn wenn diese Betrachtung
25 der Welt ihm doch nichts als Dinge ohne Endzweck vorstellig machte,
so 411 kann daraus, daß sie erkannt wird, dem Dasein derselben kein Werth
erwachsen; und man muß schon einen Endzweck derselben voraussetzen, in
Beziehung auf welchen die Weltbetrachtung selbst einen Werth habe. Auch
ist es nicht das Gefühl der Lust und der Summe derselben, in Beziehung 30
auf welches wir einen Endzweck der Schöpfung als gegeben denken, d. i.
nicht das Wohlsein, der Genuß (er sei körperlich oder geistig), mit einem
Worte die Glückseligkeit, wornach wir jenen absoluten Werth schätzen.
Denn: daß, wenn der Mensch da ist, er diese ihm selbst zur Endabsicht
macht, giebt keinen Begriff, wozu er dann überhaupt da sei, und welchen
35 Werth er dann selbst habe, um ihm seine Existenz angenehm zu machen.
Er muß also schon als Endzweck der Schöpfung vorausgesetzt werden, um
einen Vernunftgrund zu haben, warum die Natur zu seiner Glückseligkeit
zusammen stimmen müsse, wenn sie als ein absolutes Ganze nach
Principien der Zwecke betrachtet wird. — Also ist es nur das
Begehrungsvermögen: aber nicht dasjenige, was ihn von der Natur (durch
sinnliche Antriebe) 5 abhängig macht, nicht das, in Ansehung dessen der
Werth seines Daseins auf dem, was er empfängt und genießt, beruht:
sondern der Werth, welchen er allein sich selbst geben kann, und welcher in
Page 335
dem besteht, was er thut, wie und nach welchen Principien er nicht als
Naturglied, sondern in der F r e i h e i t seines Begehrungsvermögens
handelt; d. h. ein 10 412 guter Wille ist dasjenige, wodurch sein Dasein
allein einen absoluten Werth und in Beziehung auf welches das Dasein der
Welt einen E n d z w e c k haben kann.
Auch stimmt damit das gemeinste Urtheil der gesunden Menschenvernunft
vollkommen zusammen: nämlich daß der Mensch nur als moralisches 15
Wesen ein Endzweck der Schöpfung sein könne, wenn man die
Beurtheilung nur auf diese Frage leitet und veranlaßt sie zu versuchen. Was
hilfts, wird man sagen, daß dieser Mensch so viel Talent hat, daß er damit
sogar sehr thätig ist und dadurch einen nützlichen Einfluß auf das gemeine
Wesen ausübt und also in Verhältniß sowohl auf seine Glücksumstände, 20
als auch auf Anderer Nutzen einen großen Werth hat, wenn er keinen guten
Willen besitzt? Er ist ein verachtungswürdiges Object, wenn man ihn nach
seinem Innern betrachtet; und wenn die Schöpfung nicht überall ohne
Endzweck sein soll, so muß er, der als Mensch auch dazu gehört, doch als
böser Mensch in einer Welt unter moralischen Gesetzen diesen 25 gemäß
seines subjectiven Zwecks (der Glückseligkeit) verlustig gehen, als der
einzigen Bedingung, unter der seine Existenz mit dem Endzwecke
zusammen bestehen kann.
Wenn wir nun in der Welt Zweckanordnungen antreffen und, wie es die
Vernunft unvermeidlich fordert, die Zwecke, die es nur bedingt sind, 30
einem unbedingten obersten, d. i. einem Endzwecke, unterordnen: so sieht
man erstlich leicht, daß alsdann nicht von einem Zwecke der Natur
(innerhalb 413 derselben), sofern sie existirt, sondern dem Zwecke ihrer
Existenz mit allen ihren Einrichtungen, mithin von dem letzten Z w e c k e
d e r S c h ö p f u n g die Rede ist und in diesem auch eigentlich von der
obersten Bedingung, 35 unter der allein ein Endzweck (d. i. der
Bestimmungsgrund eines höchsten Verstandes zu Hervorbringung der
Weltwesen) Statt finden kann.
Da wir nun den Menschen nur als moralisches Wesen für den Zweck der
Schöpfung anerkennen: so haben wir erstlich einen Grund, wenigstens die
Hauptbedingung, die Welt als ein nach Zwecken zusammenhängendes
Ganze und als System von Endursachen anzusehen; vornehmlich aber für
die nach Beschaffenheit unserer Vernunft uns nothwendige Beziehung 5
Naturglied, sondern in der F r e i h e i t seines Begehrungsvermögens
handelt; d. h. ein 10 412 guter Wille ist dasjenige, wodurch sein Dasein
allein einen absoluten Werth und in Beziehung auf welches das Dasein der
Welt einen E n d z w e c k haben kann.
Auch stimmt damit das gemeinste Urtheil der gesunden Menschenvernunft
vollkommen zusammen: nämlich daß der Mensch nur als moralisches 15
Wesen ein Endzweck der Schöpfung sein könne, wenn man die
Beurtheilung nur auf diese Frage leitet und veranlaßt sie zu versuchen. Was
hilfts, wird man sagen, daß dieser Mensch so viel Talent hat, daß er damit
sogar sehr thätig ist und dadurch einen nützlichen Einfluß auf das gemeine
Wesen ausübt und also in Verhältniß sowohl auf seine Glücksumstände, 20
als auch auf Anderer Nutzen einen großen Werth hat, wenn er keinen guten
Willen besitzt? Er ist ein verachtungswürdiges Object, wenn man ihn nach
seinem Innern betrachtet; und wenn die Schöpfung nicht überall ohne
Endzweck sein soll, so muß er, der als Mensch auch dazu gehört, doch als
böser Mensch in einer Welt unter moralischen Gesetzen diesen 25 gemäß
seines subjectiven Zwecks (der Glückseligkeit) verlustig gehen, als der
einzigen Bedingung, unter der seine Existenz mit dem Endzwecke
zusammen bestehen kann.
Wenn wir nun in der Welt Zweckanordnungen antreffen und, wie es die
Vernunft unvermeidlich fordert, die Zwecke, die es nur bedingt sind, 30
einem unbedingten obersten, d. i. einem Endzwecke, unterordnen: so sieht
man erstlich leicht, daß alsdann nicht von einem Zwecke der Natur
(innerhalb 413 derselben), sofern sie existirt, sondern dem Zwecke ihrer
Existenz mit allen ihren Einrichtungen, mithin von dem letzten Z w e c k e
d e r S c h ö p f u n g die Rede ist und in diesem auch eigentlich von der
obersten Bedingung, 35 unter der allein ein Endzweck (d. i. der
Bestimmungsgrund eines höchsten Verstandes zu Hervorbringung der
Weltwesen) Statt finden kann.
Da wir nun den Menschen nur als moralisches Wesen für den Zweck der
Schöpfung anerkennen: so haben wir erstlich einen Grund, wenigstens die
Hauptbedingung, die Welt als ein nach Zwecken zusammenhängendes
Ganze und als System von Endursachen anzusehen; vornehmlich aber für
die nach Beschaffenheit unserer Vernunft uns nothwendige Beziehung 5
Page 336
der Naturzwecke auf eine verständige Weltursache e i n P r i n c i p, die
Natur und Eigenschaften dieser ersten Ursache als obersten Grundes im
Reiche der Zwecke zu denken und so den Begriff derselben zu bestimmen:
welches die physische Teleologie nicht vermochte, die nur unbestimmte und
eben darum zum theoretischen sowohl als praktischen Gebrauche
untaugliche 10 Begriffe von demselben veranlassen konnte.
Aus diesem so bestimmten Princip der Causalität des Urwesens werden wir
es nicht bloß als Intelligenz und gesetzgebend für die Natur, sondern auch
als gesetzgebendes Oberhaupt in einem moralischen Reiche der Zwecke
denken müssen. In Beziehung auf das h ö c h s t e unter seiner Herrschaft 15
414 allein mögliche G u t, nämlich die Existenz vernünftiger Wesen unter
moralischen Gesetzen, werden wir uns dieses Urwesen als a l l w i s s e n d
denken: damit selbst das Innerste der Gesinnungen (welches den
eigentlichen moralischen Werth der Handlungen vernünftiger Weltwesen
ausmacht) ihm nicht verborgen sei; als a l l m ä c h t i g: damit es die ganze
Natur 20 diesem höchsten Zwecke angemessen machen könne; als
a l l g ü t i g und zugleich g e r e c h t: weil diese beiden Eigenschaften
(vereinigt die W e i s h e i t) die Bedingungen der Causalität einer obersten
Ursache der Welt als höchsten Guts unter moralischen Gesetzen ausmachen;
und so auch alle noch übrigen transscendentalen Eigenschaften, als
E w i g k e i t, A l l g e g e n w a r t 25 u. s. w. (denn Güte und Gerechtigkeit
sind moralische Eigenschaften), die in Beziehung auf einen solchen
Endzweck vorausgesetzt werden, an demselben denken müssen. — Auf
solche Weise ergänzt die m o r a l i s c h e Teleologie den Mangel der
p h y s i s c h e n und gründet allererst eine T h e o l o g i e: da die letztere,
wenn sie nicht unbemerkt aus der ersteren borgte, 30 sondern consequent
verfahren sollte, für sich allein nichts als eine D ä m o n o l o g i e, welche
keines bestimmten Begriffs fähig ist, begründen könnte.
Aber das Princip der Beziehung der Welt wegen der moralischen
Zweckbestimmung gewisser Wesen in derselben auf eine oberste Ursache,
415 als Gottheit, thut dieses nicht bloß dadurch, daß es den physisch-
teleologischen 35 Beweisgrund ergänzt und also diesen nothwendig zum
Grunde legt; sondern es ist dazu auch f ü r s i c h hinreichend und treibt die
Aufmerksam keit auf die Zwecke der Natur und die Nachforschung der
hinter ihren Formen verborgen liegenden unbegreiflich großen Kunst, um
den Ideen, die die reine praktische Vernunft herbeischafft, an den
Natur und Eigenschaften dieser ersten Ursache als obersten Grundes im
Reiche der Zwecke zu denken und so den Begriff derselben zu bestimmen:
welches die physische Teleologie nicht vermochte, die nur unbestimmte und
eben darum zum theoretischen sowohl als praktischen Gebrauche
untaugliche 10 Begriffe von demselben veranlassen konnte.
Aus diesem so bestimmten Princip der Causalität des Urwesens werden wir
es nicht bloß als Intelligenz und gesetzgebend für die Natur, sondern auch
als gesetzgebendes Oberhaupt in einem moralischen Reiche der Zwecke
denken müssen. In Beziehung auf das h ö c h s t e unter seiner Herrschaft 15
414 allein mögliche G u t, nämlich die Existenz vernünftiger Wesen unter
moralischen Gesetzen, werden wir uns dieses Urwesen als a l l w i s s e n d
denken: damit selbst das Innerste der Gesinnungen (welches den
eigentlichen moralischen Werth der Handlungen vernünftiger Weltwesen
ausmacht) ihm nicht verborgen sei; als a l l m ä c h t i g: damit es die ganze
Natur 20 diesem höchsten Zwecke angemessen machen könne; als
a l l g ü t i g und zugleich g e r e c h t: weil diese beiden Eigenschaften
(vereinigt die W e i s h e i t) die Bedingungen der Causalität einer obersten
Ursache der Welt als höchsten Guts unter moralischen Gesetzen ausmachen;
und so auch alle noch übrigen transscendentalen Eigenschaften, als
E w i g k e i t, A l l g e g e n w a r t 25 u. s. w. (denn Güte und Gerechtigkeit
sind moralische Eigenschaften), die in Beziehung auf einen solchen
Endzweck vorausgesetzt werden, an demselben denken müssen. — Auf
solche Weise ergänzt die m o r a l i s c h e Teleologie den Mangel der
p h y s i s c h e n und gründet allererst eine T h e o l o g i e: da die letztere,
wenn sie nicht unbemerkt aus der ersteren borgte, 30 sondern consequent
verfahren sollte, für sich allein nichts als eine D ä m o n o l o g i e, welche
keines bestimmten Begriffs fähig ist, begründen könnte.
Aber das Princip der Beziehung der Welt wegen der moralischen
Zweckbestimmung gewisser Wesen in derselben auf eine oberste Ursache,
415 als Gottheit, thut dieses nicht bloß dadurch, daß es den physisch-
teleologischen 35 Beweisgrund ergänzt und also diesen nothwendig zum
Grunde legt; sondern es ist dazu auch f ü r s i c h hinreichend und treibt die
Aufmerksam keit auf die Zwecke der Natur und die Nachforschung der
hinter ihren Formen verborgen liegenden unbegreiflich großen Kunst, um
den Ideen, die die reine praktische Vernunft herbeischafft, an den
Page 337
Naturzwecken beiläufige Bestätigung zu geben. Denn der Begriff von
Weltwesen unter moralischen Gesetzen ist ein Prinzip a priori, wornach
sich der Mensch nothwendig 5 beurtheilen muß. Daß ferner, wenn es
überall eine absichtlich wirkende und auf einen Zweck gerichtete
Weltursache giebt, jenes moralische Verhältniß eben so nothwendig die
Bedingung der Möglichkeit einer Schöpfung sein müsse, als das nach
physischen Gesetzen (wenn nämlich jene verständige Ursache auch einen
Endzweck hat): sieht die Vernunft auch a priori 10 als einen für sie zur
teleologischen Beurtheilung der Existenz der Dinge nothwendigen
Grundsatz an. Nun kommt es nur darauf an: ob wir irgend einen für die
Vernunft (es sei die speculative oder praktische) hinreichenden Grund
haben, der nach Zwecken handelnden obersten Ursache einen
E n d z w e c k beizulegen. Denn daß alsdann dieser nach der subjectiven 15
Beschaffenheit unserer Vernunft, und selbst wie wir uns auch die Vernunft
anderer Wesen nur immer denken mögen, kein anderer als d e r 416
M e n s c h u n t e r m o r a l i s c h e n G e s e t z e n sein könne: kann a
priori für uns als gewiß gelten; da hingegen die Zwecke der Natur in der
physischen Ordnung a priori gar nicht können erkannt, vornehmlich, daß
eine 20 Natur ohne solche nicht existiren könne, auf keine Weise kann
eingesehen werden.
Anmerkung.
Setzet einen Menschen in den Augenblicken der Stimmung seines Gemüths
zur moralischen Empfindung! Wenn er sich, umgeben von einer 25 schönen
Natur, in einem ruhigen, heitern Genusse seines Daseins befindet, so fühlt
er in sich ein Bedürfniß, irgend jemand dafür dankbar zu sein. Oder er sehe
sich ein andermal in derselben Gemüthsverfassung im Gedränge von
Pflichten, denen er nur durch freiwillige Aufopferung Genüge leisten kann
und will; so fühlt er in sich ein Bedürfniß, hiemit zugleich 30 etwas
Befohlnes ausgerichtet und einem Oberherren gehorcht zu haben. Oder er
habe sich etwa unbedachtsamer Weise wider seine Pflicht vergangen,
wodurch er doch eben nicht Menschen verantwortlich geworden ist; so
werden die strengen Selbstverweise dennoch eine Sprache in ihm führen,
als ob sie die Stimme eines Richters wären, dem er darüber 35
Rechenschaft abzulegen hätte. Mit einem Worte: er bedarf einer
moralischen Intelligenz, um für den Zweck, wozu er existirt, ein Wesen zu
Weltwesen unter moralischen Gesetzen ist ein Prinzip a priori, wornach
sich der Mensch nothwendig 5 beurtheilen muß. Daß ferner, wenn es
überall eine absichtlich wirkende und auf einen Zweck gerichtete
Weltursache giebt, jenes moralische Verhältniß eben so nothwendig die
Bedingung der Möglichkeit einer Schöpfung sein müsse, als das nach
physischen Gesetzen (wenn nämlich jene verständige Ursache auch einen
Endzweck hat): sieht die Vernunft auch a priori 10 als einen für sie zur
teleologischen Beurtheilung der Existenz der Dinge nothwendigen
Grundsatz an. Nun kommt es nur darauf an: ob wir irgend einen für die
Vernunft (es sei die speculative oder praktische) hinreichenden Grund
haben, der nach Zwecken handelnden obersten Ursache einen
E n d z w e c k beizulegen. Denn daß alsdann dieser nach der subjectiven 15
Beschaffenheit unserer Vernunft, und selbst wie wir uns auch die Vernunft
anderer Wesen nur immer denken mögen, kein anderer als d e r 416
M e n s c h u n t e r m o r a l i s c h e n G e s e t z e n sein könne: kann a
priori für uns als gewiß gelten; da hingegen die Zwecke der Natur in der
physischen Ordnung a priori gar nicht können erkannt, vornehmlich, daß
eine 20 Natur ohne solche nicht existiren könne, auf keine Weise kann
eingesehen werden.
Anmerkung.
Setzet einen Menschen in den Augenblicken der Stimmung seines Gemüths
zur moralischen Empfindung! Wenn er sich, umgeben von einer 25 schönen
Natur, in einem ruhigen, heitern Genusse seines Daseins befindet, so fühlt
er in sich ein Bedürfniß, irgend jemand dafür dankbar zu sein. Oder er sehe
sich ein andermal in derselben Gemüthsverfassung im Gedränge von
Pflichten, denen er nur durch freiwillige Aufopferung Genüge leisten kann
und will; so fühlt er in sich ein Bedürfniß, hiemit zugleich 30 etwas
Befohlnes ausgerichtet und einem Oberherren gehorcht zu haben. Oder er
habe sich etwa unbedachtsamer Weise wider seine Pflicht vergangen,
wodurch er doch eben nicht Menschen verantwortlich geworden ist; so
werden die strengen Selbstverweise dennoch eine Sprache in ihm führen,
als ob sie die Stimme eines Richters wären, dem er darüber 35
Rechenschaft abzulegen hätte. Mit einem Worte: er bedarf einer
moralischen Intelligenz, um für den Zweck, wozu er existirt, ein Wesen zu
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haben, welches diesem gemäß von ihm und der Welt die Ursache sei.
Triebfedern hinter diesen Gefühlen herauszukünsteln, ist vergeblich; denn
sie hängen unmittelbar mit der reinsten moralischen Gesinnung zusammen,
weil 5 D a n k b a r k e i t, G e h o r s a m und D e m ü t h i g u n g
(Unterwerfung unter 417 verdiente Züchtigung) besondere
Gemüthsstimmungen zur Pflicht sind, und das zu Erweiterung seiner
moralischen Gesinnung geneigte Gemüth hier sich nur einen Gegenstand
freiwillig denkt, der nicht in der Welt ist, um wo möglich auch gegen einen
solchen seine Pflicht zu beweisen. Es ist also 10 wenigstens möglich und
auch der Grund dazu in moralischer Denkungsart gelegen, ein reines
moralisches Bedürfniß der Existenz eines Wesens sich vorzustellen, unter
welchem entweder unsere Sittlichkeit mehr Stärke oder auch (wenigstens
unserer Vorstellung nach) mehr Umfang, nämlich einen neuen Gegenstand
für ihre Ausübung, gewinnt; d. i. ein moralisch-gesetzgebendes 15 Wesen
außer der Welt ohne alle Rücksicht auf theoretischen Beweis, noch weniger
auf selbstsüchtiges Interesse aus reinem moralischen, von allem fremden
Einflusse freien (dabei freilich nur subjectiven) Grunde anzunehmen, auf
bloße Anpreisung einer für sich allein gesetzgebenden reinen praktischen
Vernunft. Und ob gleich eine solche Stimmung des 20 Gemüths selten
vorkäme, oder auch nicht lange haftete, sondern flüchtig und ohne dauernde
Wirkung, oder auch ohne einiges Nachdenken über den in einem solchen
Schattenbilde vorgestellten Gegenstand und ohne Bemühung ihn unter
deutliche Begriffe zu bringen vorüberginge: so ist doch der Grund dazu, die
moralische Anlage in uns, als subjectives Princip, 25 sich in der
Weltbetrachtung mit ihrer Zweckmäßigkeit durch Naturursachen nicht zu
begnügen, sondern ihr eine oberste nach moralischen Principien die Natur
beherrschende Ursache unterzulegen, unverkennbar. — Wozu noch kommt,
daß wir, nach einem allgemeinen höchsten Zwecke zu streben, uns durch
das moralische Gesetz gedrungen, uns aber doch und die gesammte 30
Natur ihn zu erreichen unvermögend fühlen; daß wir, nur so fern wir
darnach streben, dem Endzwecke einer verständigen Weltursache (wenn 418
es eine solche gäbe) gemäß zu sein urtheilen dürfen; und so ist ein reiner
moralischer Grund der praktischen Vernunft vorhanden, diese Ursache (da
es ohne Widerspruch geschehen kann) anzunehmen, wo nicht mehr, doch
35 damit wir jene Bestrebung in ihren Wirkungen nicht für ganz eitel
anzusehen und dadurch sie ermatten zu lassen Gefahr laufen.
Triebfedern hinter diesen Gefühlen herauszukünsteln, ist vergeblich; denn
sie hängen unmittelbar mit der reinsten moralischen Gesinnung zusammen,
weil 5 D a n k b a r k e i t, G e h o r s a m und D e m ü t h i g u n g
(Unterwerfung unter 417 verdiente Züchtigung) besondere
Gemüthsstimmungen zur Pflicht sind, und das zu Erweiterung seiner
moralischen Gesinnung geneigte Gemüth hier sich nur einen Gegenstand
freiwillig denkt, der nicht in der Welt ist, um wo möglich auch gegen einen
solchen seine Pflicht zu beweisen. Es ist also 10 wenigstens möglich und
auch der Grund dazu in moralischer Denkungsart gelegen, ein reines
moralisches Bedürfniß der Existenz eines Wesens sich vorzustellen, unter
welchem entweder unsere Sittlichkeit mehr Stärke oder auch (wenigstens
unserer Vorstellung nach) mehr Umfang, nämlich einen neuen Gegenstand
für ihre Ausübung, gewinnt; d. i. ein moralisch-gesetzgebendes 15 Wesen
außer der Welt ohne alle Rücksicht auf theoretischen Beweis, noch weniger
auf selbstsüchtiges Interesse aus reinem moralischen, von allem fremden
Einflusse freien (dabei freilich nur subjectiven) Grunde anzunehmen, auf
bloße Anpreisung einer für sich allein gesetzgebenden reinen praktischen
Vernunft. Und ob gleich eine solche Stimmung des 20 Gemüths selten
vorkäme, oder auch nicht lange haftete, sondern flüchtig und ohne dauernde
Wirkung, oder auch ohne einiges Nachdenken über den in einem solchen
Schattenbilde vorgestellten Gegenstand und ohne Bemühung ihn unter
deutliche Begriffe zu bringen vorüberginge: so ist doch der Grund dazu, die
moralische Anlage in uns, als subjectives Princip, 25 sich in der
Weltbetrachtung mit ihrer Zweckmäßigkeit durch Naturursachen nicht zu
begnügen, sondern ihr eine oberste nach moralischen Principien die Natur
beherrschende Ursache unterzulegen, unverkennbar. — Wozu noch kommt,
daß wir, nach einem allgemeinen höchsten Zwecke zu streben, uns durch
das moralische Gesetz gedrungen, uns aber doch und die gesammte 30
Natur ihn zu erreichen unvermögend fühlen; daß wir, nur so fern wir
darnach streben, dem Endzwecke einer verständigen Weltursache (wenn 418
es eine solche gäbe) gemäß zu sein urtheilen dürfen; und so ist ein reiner
moralischer Grund der praktischen Vernunft vorhanden, diese Ursache (da
es ohne Widerspruch geschehen kann) anzunehmen, wo nicht mehr, doch
35 damit wir jene Bestrebung in ihren Wirkungen nicht für ganz eitel
anzusehen und dadurch sie ermatten zu lassen Gefahr laufen.
Page 339
Mit diesem allem soll hier nur so viel gesagt werden: daß die F u r c h t zwar
zuerst G ö t t e r (Dämonen), aber die Ve r n u n f t vermittelst ihrer
moralischen Principien zuerst den Begriff von G o t t habe hervorbringen
können (auch selbst wenn man in der Teleologie der Natur, wie
gemeiniglich, sehr unwissend, oder auch wegen der Schwierigkeit, die
einander hierin 5 widersprechenden Erscheinungen durch ein genugsam
bewährtes Princip auszugleichen, sehr zweifelhaft war); und daß die innere
m o r a l i s c h e Zweckbestimmung seines Daseins das ergänzte, was der
Naturkenntniß abging, indem sie nämlich anwies, zu dem Endzwecke vom
Dasein aller Dinge, wozu das Princip nicht anders als e t h i s c h der
Vernunft genugthuend 10 ist, die oberste Ursache mit Eigenschaften, womit
sie die ganze Natur jener einzigen Absicht (zu der diese bloß Werkzeug ist)
zu unterwerfen vermögend ist, (d. i. als eine G o t t h e i t) zu denken.
zuerst G ö t t e r (Dämonen), aber die Ve r n u n f t vermittelst ihrer
moralischen Principien zuerst den Begriff von G o t t habe hervorbringen
können (auch selbst wenn man in der Teleologie der Natur, wie
gemeiniglich, sehr unwissend, oder auch wegen der Schwierigkeit, die
einander hierin 5 widersprechenden Erscheinungen durch ein genugsam
bewährtes Princip auszugleichen, sehr zweifelhaft war); und daß die innere
m o r a l i s c h e Zweckbestimmung seines Daseins das ergänzte, was der
Naturkenntniß abging, indem sie nämlich anwies, zu dem Endzwecke vom
Dasein aller Dinge, wozu das Princip nicht anders als e t h i s c h der
Vernunft genugthuend 10 ist, die oberste Ursache mit Eigenschaften, womit
sie die ganze Natur jener einzigen Absicht (zu der diese bloß Werkzeug ist)
zu unterwerfen vermögend ist, (d. i. als eine G o t t h e i t) zu denken.
Page 340
§ 87.
Von dem moralischen Beweise des Daseins Gottes. 15
Es giebt eine p h y s i s c h e T e l e o l o g i e, welche einen für unsere
theoretisch reflectirende Urtheilskraft hinreichenden Beweisgrund an die
Hand giebt, das Dasein einer verständigen Weltursache anzunehmen. Wir
419 finden aber in uns selbst und noch mehr in dem Begriffe eines
vernünftigen mit Freiheit (seiner Causalität) begabten Wesens überhaupt
auch eine 20 m o r a l i s c h e T e l e o l o g i e, die aber, weil die
Zweckbeziehung in uns selbst a priori sammt dem Gesetze derselben
bestimmt, mithin als nothwendig erkannt werden kann, zu diesem Behuf
keiner verständigen Ursache außer uns für diese innere Gesetzmäßigkeit
bedarf: so wenig als wir bei dem, was wir in den geometrischen
Eigenschaften der Figuren (für allerlei 25 mögliche Kunstausübung)
Zweckmäßiges finden, auf einen ihnen dieses ertheilenden höchsten
Verstand hinaus sehen dürfen. Aber diese moralische Teleologie betrifft
doch uns als Weltwesen und also mit andern Dingen in der Welt verbundene
Wesen: auf welche letzteren entweder als Zwecke, oder als Gegenstände, in
Ansehung deren wir selbst Endzweck sind, unsere 30 Beurtheilung zu
richten, eben dieselben moralischen Gesetze uns zur Vorschrift machen.
Von dieser moralischen Teleologie nun, welche die Beziehung unserer
eigenen Causalität auf Zwecke und sogar auf einen Endzweck, der von uns
in der Welt beabsichtigt werden muß, imgleichen die wechselseitige
Beziehung der Welt auf jenen sittlichen Zweck und die 35 äußere
Möglichkeit seiner Ausführung (wozu keine physische Teleologie uns
Anleitung geben kann) betrifft, geht nun die nothwendige Frage aus: ob sie
unsere vernünftige Beurtheilung nöthige, über die Welt hinaus zu 420 gehen
und zu jener Beziehung der Natur auf das Sittliche in uns ein verständiges
oberstes Princip zu suchen, um die Natur auch in Beziehung 5 auf die
moralische innere Gesetzgebung und deren mögliche Ausführung uns als
zweckmäßig vorzustellen. Folglich giebt es allerdings eine moralische
Teleologie; und diese hängt mit der N o m o t h e t i k der Freiheit einerseits
und der der Natur andererseits eben so nothwendig zusammen als
bürgerliche Gesetzgebung mit der Frage, wo man die executive Gewalt 10
suchen soll, und überhaupt in allem, worin die Vernunft ein Princip der
Von dem moralischen Beweise des Daseins Gottes. 15
Es giebt eine p h y s i s c h e T e l e o l o g i e, welche einen für unsere
theoretisch reflectirende Urtheilskraft hinreichenden Beweisgrund an die
Hand giebt, das Dasein einer verständigen Weltursache anzunehmen. Wir
419 finden aber in uns selbst und noch mehr in dem Begriffe eines
vernünftigen mit Freiheit (seiner Causalität) begabten Wesens überhaupt
auch eine 20 m o r a l i s c h e T e l e o l o g i e, die aber, weil die
Zweckbeziehung in uns selbst a priori sammt dem Gesetze derselben
bestimmt, mithin als nothwendig erkannt werden kann, zu diesem Behuf
keiner verständigen Ursache außer uns für diese innere Gesetzmäßigkeit
bedarf: so wenig als wir bei dem, was wir in den geometrischen
Eigenschaften der Figuren (für allerlei 25 mögliche Kunstausübung)
Zweckmäßiges finden, auf einen ihnen dieses ertheilenden höchsten
Verstand hinaus sehen dürfen. Aber diese moralische Teleologie betrifft
doch uns als Weltwesen und also mit andern Dingen in der Welt verbundene
Wesen: auf welche letzteren entweder als Zwecke, oder als Gegenstände, in
Ansehung deren wir selbst Endzweck sind, unsere 30 Beurtheilung zu
richten, eben dieselben moralischen Gesetze uns zur Vorschrift machen.
Von dieser moralischen Teleologie nun, welche die Beziehung unserer
eigenen Causalität auf Zwecke und sogar auf einen Endzweck, der von uns
in der Welt beabsichtigt werden muß, imgleichen die wechselseitige
Beziehung der Welt auf jenen sittlichen Zweck und die 35 äußere
Möglichkeit seiner Ausführung (wozu keine physische Teleologie uns
Anleitung geben kann) betrifft, geht nun die nothwendige Frage aus: ob sie
unsere vernünftige Beurtheilung nöthige, über die Welt hinaus zu 420 gehen
und zu jener Beziehung der Natur auf das Sittliche in uns ein verständiges
oberstes Princip zu suchen, um die Natur auch in Beziehung 5 auf die
moralische innere Gesetzgebung und deren mögliche Ausführung uns als
zweckmäßig vorzustellen. Folglich giebt es allerdings eine moralische
Teleologie; und diese hängt mit der N o m o t h e t i k der Freiheit einerseits
und der der Natur andererseits eben so nothwendig zusammen als
bürgerliche Gesetzgebung mit der Frage, wo man die executive Gewalt 10
suchen soll, und überhaupt in allem, worin die Vernunft ein Princip der
Page 341
Wirklichkeit einer gewissen gesetzmäßigen, nur nach Ideen möglichen
Ordnung der Dinge angeben soll, Zusammenhang ist. — Wir wollen den
Fortschritt der Vernunft von jener moralischen Teleologie und ihrer
Beziehung auf die physische zur T h e o l o g i e allererst vortragen und
nachher über die 15 Möglichkeit und Bündigkeit dieser Schlußart
Betrachtungen anstellen.
Wenn man das Dasein gewisser Dinge (oder auch nur gewisser Formen der
Dinge) als zufällig, mithin nur durch etwas Anderes als Ursache möglich
annimmt: so kann man zu dieser Causalität den obersten und also zu dem
Bedingten den unbedingten Grund entweder in der 20 physischen, oder
teleologischen Ordnung suchen (nach dem nexu effectivo, oder finali). D. i.
man kann fragen: welches ist die oberste hervorbringende Ursache? oder
was ist der oberste (schlechthin unbedingte) Zweck 421 derselben, d. i. der
Endzweck ihrer Hervorbringung dieser oder aller ihrer Producte überhaupt?
wobei dann freilich vorausgesetzt wird, daß diese 25 Ursache einer
Vorstellung der Zwecke fähig, mithin ein verständiges Wesen sei, oder
wenigstens von uns als nach den Gesetzen eines solchen Wesens handelnd
gedacht werden müsse.
Nun ist, wenn man der letztern Ordnung nachgeht, es ein G r u n d s a t z,
dem selbst die gemeinste Menschenvernunft unmittelbar Beifall zu 30
geben genöthigt ist: daß, wenn überall ein E n d z w e c k, den die Vernunft a
priori angeben muß, Statt finden soll, dieser kein anderer, als d e r
M e n s c h (ein jedes vernünftige Weltwesen) u n t e r m o r a l i s c h e n
G e s e t z e n sein könne.[33] Denn (so urtheilt ein jeder): bestände die Welt
aus 422 lauter leblosen, oder zwar zum Theil aus lebenden, aber
vernunftlosen Wesen, so würde das Dasein einer solchen Welt gar keinen
Werth haben, weil in ihr kein Wesen existirte, das von einem Werthe den
mindesten Begriff hat. Wären dagegen auch vernünftige Wesen, deren
Vernunft aber den Werth des Daseins der Dinge nur im Verhältnisse der
Natur 5 zu ihnen (ihrem Wohlbefinden) zu setzen, nicht aber sich einen
solchen ursprünglich 423 (in der Freiheit) selbst zu verschaffen im Stande
wäre: so wären zwar (relative) Zwecke in der Welt, aber kein (absoluter)
Endzweck, weil das Dasein solcher vernünftigen Wesen doch immer
zwecklos sein würde. Die moralischen Gesetze aber sind von der
eigenthümlichen Beschaffenheit, 10 daß sie etwas als Zweck ohne
Bedingung, mithin gerade so, wie der Begriff eines Endzwecks es bedarf,
Ordnung der Dinge angeben soll, Zusammenhang ist. — Wir wollen den
Fortschritt der Vernunft von jener moralischen Teleologie und ihrer
Beziehung auf die physische zur T h e o l o g i e allererst vortragen und
nachher über die 15 Möglichkeit und Bündigkeit dieser Schlußart
Betrachtungen anstellen.
Wenn man das Dasein gewisser Dinge (oder auch nur gewisser Formen der
Dinge) als zufällig, mithin nur durch etwas Anderes als Ursache möglich
annimmt: so kann man zu dieser Causalität den obersten und also zu dem
Bedingten den unbedingten Grund entweder in der 20 physischen, oder
teleologischen Ordnung suchen (nach dem nexu effectivo, oder finali). D. i.
man kann fragen: welches ist die oberste hervorbringende Ursache? oder
was ist der oberste (schlechthin unbedingte) Zweck 421 derselben, d. i. der
Endzweck ihrer Hervorbringung dieser oder aller ihrer Producte überhaupt?
wobei dann freilich vorausgesetzt wird, daß diese 25 Ursache einer
Vorstellung der Zwecke fähig, mithin ein verständiges Wesen sei, oder
wenigstens von uns als nach den Gesetzen eines solchen Wesens handelnd
gedacht werden müsse.
Nun ist, wenn man der letztern Ordnung nachgeht, es ein G r u n d s a t z,
dem selbst die gemeinste Menschenvernunft unmittelbar Beifall zu 30
geben genöthigt ist: daß, wenn überall ein E n d z w e c k, den die Vernunft a
priori angeben muß, Statt finden soll, dieser kein anderer, als d e r
M e n s c h (ein jedes vernünftige Weltwesen) u n t e r m o r a l i s c h e n
G e s e t z e n sein könne.[33] Denn (so urtheilt ein jeder): bestände die Welt
aus 422 lauter leblosen, oder zwar zum Theil aus lebenden, aber
vernunftlosen Wesen, so würde das Dasein einer solchen Welt gar keinen
Werth haben, weil in ihr kein Wesen existirte, das von einem Werthe den
mindesten Begriff hat. Wären dagegen auch vernünftige Wesen, deren
Vernunft aber den Werth des Daseins der Dinge nur im Verhältnisse der
Natur 5 zu ihnen (ihrem Wohlbefinden) zu setzen, nicht aber sich einen
solchen ursprünglich 423 (in der Freiheit) selbst zu verschaffen im Stande
wäre: so wären zwar (relative) Zwecke in der Welt, aber kein (absoluter)
Endzweck, weil das Dasein solcher vernünftigen Wesen doch immer
zwecklos sein würde. Die moralischen Gesetze aber sind von der
eigenthümlichen Beschaffenheit, 10 daß sie etwas als Zweck ohne
Bedingung, mithin gerade so, wie der Begriff eines Endzwecks es bedarf,
Page 342
für die Vernunft vorschreiben: und die Existenz einer solchen Vernunft, die
in der Zweckbeziehung ihr selbst das oberste Gesetz sein kann, mit andern
Worten die Existenz vernünftiger Wesen unter moralischen Gesetzen, kann
also allein als Endzweck 15 vom Dasein einer Welt gedacht werden. Ist
dagegen dieses nicht so bewandt, so liegt dem Dasein derselben entweder
gar kein Zweck in der Ursache, oder es liegen ihm Zwecke ohne Endzweck
zum Grunde.
Das moralische Gesetz als formale Vernunftbedingung des Gebrauchs
unserer Freiheit verbindet uns für sich allein, ohne von irgend einem 5
Zwecke als materialer Bedingung abzuhängen; aber es bestimmt uns doch
auch und zwar a priori einen Endzweck, welchem nachzustreben es uns
verbindlich macht: und dieser ist das h ö c h s t e durch Freiheit mögliche
G u t i n d e r W e l t.
Die subjective Bedingung, unter welcher der Mensch (und nach allen 10
unsern Begriffen auch jedes vernünftige endliche Wesen) sich unter dem
obigen Gesetze einen Endzweck setzen kann, ist die Glückseligkeit.
Folglich, 424 das höchste in der Welt mögliche und, so viel an uns ist, als
Endzweck zu befördernde physische Gut ist G l ü c k s e l i g k e i t: unter der
objectiven Bedingung der Einstimmung des Menschen mit dem Gesetze der
S i t t l i c h k e i t, 15 als der Würdigkeit glücklich zu sein.
Diese zwei Erfordernisse des uns durch das moralische Gesetz
aufgegebenen Endzwecks können wir aber nach allen unsern
Vernunftvermögen als durch bloße Naturursachen v e r k n ü p f t und der
Idee des gedachten Endzwecks angemessen unmöglich uns vorstellen. Also
stimmt der Begriff 20 von der p r a k t i s c h e n N o t h w e n d i g k e i t
eines solchen Zwecks durch die Anwendung unserer Kräfte nicht mit dem
theoretischen Begriffe von der p h y s i s c h e n M ö g l i c h k e i t der
Bewirkung desselben zusammen, wenn wir mit unserer Freiheit keine
andere Causalität (eines Mittels), als die der Natur verknüpfen. 25
Folglich müssen wir eine moralische Weltursache (einen Welturheber)
annehmen, um uns gemäß dem moralischen Gesetze einen Endzweck
vorzusetzen; und so weit als das letztere nothwendig ist, so weit (d. i. in
demselben Grade und aus demselben Grunde) ist auch das erstere
nothwendig anzunehmen: nämlich es sei ein Gott.[34] 30
in der Zweckbeziehung ihr selbst das oberste Gesetz sein kann, mit andern
Worten die Existenz vernünftiger Wesen unter moralischen Gesetzen, kann
also allein als Endzweck 15 vom Dasein einer Welt gedacht werden. Ist
dagegen dieses nicht so bewandt, so liegt dem Dasein derselben entweder
gar kein Zweck in der Ursache, oder es liegen ihm Zwecke ohne Endzweck
zum Grunde.
Das moralische Gesetz als formale Vernunftbedingung des Gebrauchs
unserer Freiheit verbindet uns für sich allein, ohne von irgend einem 5
Zwecke als materialer Bedingung abzuhängen; aber es bestimmt uns doch
auch und zwar a priori einen Endzweck, welchem nachzustreben es uns
verbindlich macht: und dieser ist das h ö c h s t e durch Freiheit mögliche
G u t i n d e r W e l t.
Die subjective Bedingung, unter welcher der Mensch (und nach allen 10
unsern Begriffen auch jedes vernünftige endliche Wesen) sich unter dem
obigen Gesetze einen Endzweck setzen kann, ist die Glückseligkeit.
Folglich, 424 das höchste in der Welt mögliche und, so viel an uns ist, als
Endzweck zu befördernde physische Gut ist G l ü c k s e l i g k e i t: unter der
objectiven Bedingung der Einstimmung des Menschen mit dem Gesetze der
S i t t l i c h k e i t, 15 als der Würdigkeit glücklich zu sein.
Diese zwei Erfordernisse des uns durch das moralische Gesetz
aufgegebenen Endzwecks können wir aber nach allen unsern
Vernunftvermögen als durch bloße Naturursachen v e r k n ü p f t und der
Idee des gedachten Endzwecks angemessen unmöglich uns vorstellen. Also
stimmt der Begriff 20 von der p r a k t i s c h e n N o t h w e n d i g k e i t
eines solchen Zwecks durch die Anwendung unserer Kräfte nicht mit dem
theoretischen Begriffe von der p h y s i s c h e n M ö g l i c h k e i t der
Bewirkung desselben zusammen, wenn wir mit unserer Freiheit keine
andere Causalität (eines Mittels), als die der Natur verknüpfen. 25
Folglich müssen wir eine moralische Weltursache (einen Welturheber)
annehmen, um uns gemäß dem moralischen Gesetze einen Endzweck
vorzusetzen; und so weit als das letztere nothwendig ist, so weit (d. i. in
demselben Grade und aus demselben Grunde) ist auch das erstere
nothwendig anzunehmen: nämlich es sei ein Gott.[34] 30
Page 343
Dieser Beweis, dem man leicht die Form der logischen Präcision anpassen
425 kann, will nicht sagen: es ist eben so nothwendig das Dasein Gottes
anzunehmen, als die Gültigkeit des moralischen Gesetzes anzuerkennen;
mithin, wer sich vom erstern nicht überzeugen kann, könne sich von den
Verbindlichkeiten nach dem letztern los zu sein urtheilen. Nein! nur die
B e a b s i c h t i g u n g des durch die Befolgung des letztern zu bewirkenden
Endzwecks in der Welt (einer mit der Befolgung moralischer Gesetze 5
harmonisch zusammentreffenden Glückseligkeit vernünftiger Wesen, als
des höchsten Weltbesten) müßte alsdann aufgegeben werden. Ein jeder
Vernünftige würde sich an der Vorschrift der Sitten immer noch als strenge
gebunden erkennen müssen; denn die Gesetze derselben sind formal und
gebieten unbedingt, ohne Rücksicht auf Zwecke (als die Materie des 10
Wollens). Aber das eine Erforderniß des Endzwecks, wie ihn die praktische
Vernunft den Weltwesen vorschreibt, ist ein in sie durch ihre Natur (als 426
endlicher Wesen) gelegter unwiderstehlicher Zweck, den die Vernunft nur
dem moralischen Gesetze a l s unverletzlicher B e d i n g u n g unterworfen,
oder auch nach demselben allgemein gemacht wissen will und so die
Beförderung 15 der Glückseligkeit in Einstimmung mit der Sittlichkeit zum
Endzwecke macht. Diesen nun, so viel (was die ersteren betrifft) in unserem
Vermögen ist, zu befördern, wird uns durch das moralische Gesetz geboten;
der Ausschlag, den diese Bemühung hat, mag sein, welcher er wolle. Die
Erfüllung der Pflicht besteht in der Form des ernstlichen Willens, 20 nicht
in den Mittelursachen des Gelingens.
Gesetzt also: ein Mensch überredete sich, theils durch die Schwäche aller so
sehr gepriesenen speculativen Argumente, theils durch manche in der Natur
und Sittenwelt ihm vorkommende Unregelmäßigkeiten bewogen, von dem
Satze: es sei kein Gott; so würde er doch in seinen eigenen Augen 25 ein
Nichtswürdiger sein, wenn er darum die Gesetze der Pflicht für bloß
eingebildet, ungültig, unverbindlich halten und ungescheut zu übertreten
beschließen wollte. Ein solcher würde auch alsdann noch, wenn er sich in
der Folge von dem, was er anfangs bezweifelt hatte, überzeugen könnte, mit
jener Denkungsart doch immer ein Nichtswürdiger bleiben: ob er 30 gleich
seine Pflicht, aber aus Furcht, oder aus lohnsüchtiger Absicht, ohne
pflichtverehrende Gesinnung, der Wirkung nach so pünktlich, wie es immer
427 verlangt werden mag, erfüllte. Umgekehrt, wenn er sie als Gläubiger
425 kann, will nicht sagen: es ist eben so nothwendig das Dasein Gottes
anzunehmen, als die Gültigkeit des moralischen Gesetzes anzuerkennen;
mithin, wer sich vom erstern nicht überzeugen kann, könne sich von den
Verbindlichkeiten nach dem letztern los zu sein urtheilen. Nein! nur die
B e a b s i c h t i g u n g des durch die Befolgung des letztern zu bewirkenden
Endzwecks in der Welt (einer mit der Befolgung moralischer Gesetze 5
harmonisch zusammentreffenden Glückseligkeit vernünftiger Wesen, als
des höchsten Weltbesten) müßte alsdann aufgegeben werden. Ein jeder
Vernünftige würde sich an der Vorschrift der Sitten immer noch als strenge
gebunden erkennen müssen; denn die Gesetze derselben sind formal und
gebieten unbedingt, ohne Rücksicht auf Zwecke (als die Materie des 10
Wollens). Aber das eine Erforderniß des Endzwecks, wie ihn die praktische
Vernunft den Weltwesen vorschreibt, ist ein in sie durch ihre Natur (als 426
endlicher Wesen) gelegter unwiderstehlicher Zweck, den die Vernunft nur
dem moralischen Gesetze a l s unverletzlicher B e d i n g u n g unterworfen,
oder auch nach demselben allgemein gemacht wissen will und so die
Beförderung 15 der Glückseligkeit in Einstimmung mit der Sittlichkeit zum
Endzwecke macht. Diesen nun, so viel (was die ersteren betrifft) in unserem
Vermögen ist, zu befördern, wird uns durch das moralische Gesetz geboten;
der Ausschlag, den diese Bemühung hat, mag sein, welcher er wolle. Die
Erfüllung der Pflicht besteht in der Form des ernstlichen Willens, 20 nicht
in den Mittelursachen des Gelingens.
Gesetzt also: ein Mensch überredete sich, theils durch die Schwäche aller so
sehr gepriesenen speculativen Argumente, theils durch manche in der Natur
und Sittenwelt ihm vorkommende Unregelmäßigkeiten bewogen, von dem
Satze: es sei kein Gott; so würde er doch in seinen eigenen Augen 25 ein
Nichtswürdiger sein, wenn er darum die Gesetze der Pflicht für bloß
eingebildet, ungültig, unverbindlich halten und ungescheut zu übertreten
beschließen wollte. Ein solcher würde auch alsdann noch, wenn er sich in
der Folge von dem, was er anfangs bezweifelt hatte, überzeugen könnte, mit
jener Denkungsart doch immer ein Nichtswürdiger bleiben: ob er 30 gleich
seine Pflicht, aber aus Furcht, oder aus lohnsüchtiger Absicht, ohne
pflichtverehrende Gesinnung, der Wirkung nach so pünktlich, wie es immer
427 verlangt werden mag, erfüllte. Umgekehrt, wenn er sie als Gläubiger
Page 344
seinem Bewußtsein nach aufrichtig und uneigennützig befolgt und
gleichwohl, so oft er zum Versuche den Fall setzt, er könnte einmal
überzeugt werden, es sei kein Gott, sich sogleich von aller sittlichen
Verbindlichkeit frei 5 glaubte: müßte es doch mit der innern moralischen
Gesinnung in ihm nur schlecht bestellt sein.
Wir können also einen rechtschaffenen Mann (wie etwa den Spinoza)
annehmen, der sich fest überredet hält: es sei kein Gott und (weil es in
Ansehung des Objects der Moralität auf einerlei Folge hinausläuft) auch 10
kein künftiges Leben; wie wird er seine eigene innere Zweckbestimmung
durch das moralische Gesetz, welches er thätig verehrt, beurtheilen? Er
verlangt von Befolgung desselben für sich keinen Vortheil, weder in dieser
noch in einer andern Welt; uneigennützig will er vielmehr nur das Gute
stiften, wozu jenes heilige Gesetz allen seinen Kräften die Richtung giebt.
15 Aber sein Bestreben ist begränzt; und von der Natur kann er zwar hin
und wieder einen zufälligen Beitritt, niemals aber eine gesetzmäßige und
nach beständigen Regeln (so wie innerlich seine Maximen sind und sein
müssen) eintreffende Zusammenstimmung zu dem Zwecke erwarten,
welchen zu bewirken er sich doch verbunden und angetrieben fühlt. Betrug,
Gewaltthätigkeit 20 und Neid werden immer um ihn im Schwange gehen,
ob 428 er gleich selbst redlich, friedfertig und wohlwollend ist; und die
Rechtschaffenen, die er außer sich noch antrifft, werden unangesehen aller
ihrer Würdigkeit glücklich zu sein dennoch durch die Natur, die darauf
nicht achtet, allen Übeln des Mangels, der Krankheiten und des unzeitigen
Todes gleich 25 den übrigen Thieren der Erde unterworfen sein und es auch
immer bleiben, bis ein weites Grab sie insgesammt (redlich oder unredlich,
das gilt hier gleichviel) verschlingt und sie, die da glauben konnten,
Endzweck der Schöpfung zu sein, in den Schlund des zwecklosen Chaos
der Materie zurück wirft, aus dem sie gezogen waren. — Den Zweck also,
den dieser 30 Wohlgesinnte in Befolgung der moralischen Gesetze vor
Augen hatte und haben sollte, müßte er allerdings als unmöglich aufgeben;
oder will er auch hierin dem Rufe seiner sittlichen inneren Bestimmung
anhänglich bleiben und die Achtung, welche das sittliche Gesetz ihm
unmittelbar zum Gehorchen einflößt, nicht durch die Nichtigkeit des
einzigen ihrer hohen Forderung 35 angemessenen idealischen Endzwecks
schwächen (welches ohne einen der moralischen Gesinnung
widerfahrenden Abbruch nicht geschehen kann): so muß er, welches er auch
gleichwohl, so oft er zum Versuche den Fall setzt, er könnte einmal
überzeugt werden, es sei kein Gott, sich sogleich von aller sittlichen
Verbindlichkeit frei 5 glaubte: müßte es doch mit der innern moralischen
Gesinnung in ihm nur schlecht bestellt sein.
Wir können also einen rechtschaffenen Mann (wie etwa den Spinoza)
annehmen, der sich fest überredet hält: es sei kein Gott und (weil es in
Ansehung des Objects der Moralität auf einerlei Folge hinausläuft) auch 10
kein künftiges Leben; wie wird er seine eigene innere Zweckbestimmung
durch das moralische Gesetz, welches er thätig verehrt, beurtheilen? Er
verlangt von Befolgung desselben für sich keinen Vortheil, weder in dieser
noch in einer andern Welt; uneigennützig will er vielmehr nur das Gute
stiften, wozu jenes heilige Gesetz allen seinen Kräften die Richtung giebt.
15 Aber sein Bestreben ist begränzt; und von der Natur kann er zwar hin
und wieder einen zufälligen Beitritt, niemals aber eine gesetzmäßige und
nach beständigen Regeln (so wie innerlich seine Maximen sind und sein
müssen) eintreffende Zusammenstimmung zu dem Zwecke erwarten,
welchen zu bewirken er sich doch verbunden und angetrieben fühlt. Betrug,
Gewaltthätigkeit 20 und Neid werden immer um ihn im Schwange gehen,
ob 428 er gleich selbst redlich, friedfertig und wohlwollend ist; und die
Rechtschaffenen, die er außer sich noch antrifft, werden unangesehen aller
ihrer Würdigkeit glücklich zu sein dennoch durch die Natur, die darauf
nicht achtet, allen Übeln des Mangels, der Krankheiten und des unzeitigen
Todes gleich 25 den übrigen Thieren der Erde unterworfen sein und es auch
immer bleiben, bis ein weites Grab sie insgesammt (redlich oder unredlich,
das gilt hier gleichviel) verschlingt und sie, die da glauben konnten,
Endzweck der Schöpfung zu sein, in den Schlund des zwecklosen Chaos
der Materie zurück wirft, aus dem sie gezogen waren. — Den Zweck also,
den dieser 30 Wohlgesinnte in Befolgung der moralischen Gesetze vor
Augen hatte und haben sollte, müßte er allerdings als unmöglich aufgeben;
oder will er auch hierin dem Rufe seiner sittlichen inneren Bestimmung
anhänglich bleiben und die Achtung, welche das sittliche Gesetz ihm
unmittelbar zum Gehorchen einflößt, nicht durch die Nichtigkeit des
einzigen ihrer hohen Forderung 35 angemessenen idealischen Endzwecks
schwächen (welches ohne einen der moralischen Gesinnung
widerfahrenden Abbruch nicht geschehen kann): so muß er, welches er auch
Page 345
gar wohl thun kann, indem es an sich wenigstens nicht widersprechend ist,
in praktischer Absicht, d. i. um sich wenigstens von der Möglichkeit des
ihm moralisch vorgeschriebenen Endzwecks einen Begriff zu machen, das
Dasein eines m o r a l i s c h e n Welturhebers, d. i. 429 Gottes, annehmen. 5
in praktischer Absicht, d. i. um sich wenigstens von der Möglichkeit des
ihm moralisch vorgeschriebenen Endzwecks einen Begriff zu machen, das
Dasein eines m o r a l i s c h e n Welturhebers, d. i. 429 Gottes, annehmen. 5
Page 346
§ 88.
Beschränkung der Gültigkeit des moralischen Beweises.
Die reine Vernunft als praktisches Vermögen, d. i. als Vermögen den freien
Gebrauch unserer Causalität durch Ideen (reine Vernunftbegriffe) zu
bestimmen, enthält nicht allein im moralischen Gesetze ein regulatives 10
Princip unserer Handlungen, sondern giebt auch dadurch zugleich ein
subjectiv-constitutives in dem Begriffe eines Objects an die Hand, welches
nur Vernunft denken kann, und welches durch unsere Handlungen in der
Welt nach jenem Gesetze wirklich gemacht werden soll. Die Idee eines
Endzwecks im Gebrauche der Freiheit nach moralischen Gesetzen 15 hat
also subjectiv-p r a k t i s c h e Realität. Wir sind a priori durch die Vernunft
bestimmt, das Weltbeste, welches in der Verbindung des größten Wohls der
vernünftigen Weltwesen mit der höchsten Bedingung des Guten an
denselben, d. i. der allgemeinen Glückseligkeit mit der gesetzmäßigsten
Sittlichkeit, besteht, nach allen Kräften zu befördern. In diesem 20
Endzwecke ist die Möglichkeit des einen Theils, nämlich der
Glückseligkeit, empirisch bedingt, d. i. von der Beschaffenheit der Natur
(ob sie zu diesem Zwecke übereinstimme oder nicht) abhängig und in
theoretischer Rücksicht 430 problematisch; indeß der andere Theil, nämlich
die Sittlichkeit, in Ansehung deren wir von der Naturmitwirkung frei sind,
seiner Möglichkeit 25 nach a priori fest steht und dogmatisch gewiß ist.
Zur objectiven theoretischen Realität also des Begriffs von dem Endzwecke
vernünftiger Weltwesen wird erfordert, daß nicht allein wir einen uns a
priori vorgesetzten Endzweck haben, sondern daß auch die Schöpfung, d. i.
die Welt selbst, ihrer Existenz nach einen Endzweck habe: welches, wenn es
a priori bewiesen 30 werden könnte, zur subjectiven Realität des
Endzwecks die objective hinzuthun würde. Denn hat die Schöpfung überall
einen Endzweck, so können wir ihn nicht anders denken, als so, daß er mit
dem moralischen (der allein den Begriff von einem Zwecke möglich macht)
übereinstimmen müsse. Nun finden wir aber in der Welt zwar Zwecke: und
die physische Teleologie stellt sie in solchem Maße dar, daß, wenn wir der
Vernunft gemäß urtheilen, wir zum Princip der Nachforschung der Natur
zuletzt anzunehmen Grund haben, daß in der Natur gar nichts ohne Zweck
sei; allein den Endzweck der Natur suchen wir in ihr selbst vergeblich. 5
Beschränkung der Gültigkeit des moralischen Beweises.
Die reine Vernunft als praktisches Vermögen, d. i. als Vermögen den freien
Gebrauch unserer Causalität durch Ideen (reine Vernunftbegriffe) zu
bestimmen, enthält nicht allein im moralischen Gesetze ein regulatives 10
Princip unserer Handlungen, sondern giebt auch dadurch zugleich ein
subjectiv-constitutives in dem Begriffe eines Objects an die Hand, welches
nur Vernunft denken kann, und welches durch unsere Handlungen in der
Welt nach jenem Gesetze wirklich gemacht werden soll. Die Idee eines
Endzwecks im Gebrauche der Freiheit nach moralischen Gesetzen 15 hat
also subjectiv-p r a k t i s c h e Realität. Wir sind a priori durch die Vernunft
bestimmt, das Weltbeste, welches in der Verbindung des größten Wohls der
vernünftigen Weltwesen mit der höchsten Bedingung des Guten an
denselben, d. i. der allgemeinen Glückseligkeit mit der gesetzmäßigsten
Sittlichkeit, besteht, nach allen Kräften zu befördern. In diesem 20
Endzwecke ist die Möglichkeit des einen Theils, nämlich der
Glückseligkeit, empirisch bedingt, d. i. von der Beschaffenheit der Natur
(ob sie zu diesem Zwecke übereinstimme oder nicht) abhängig und in
theoretischer Rücksicht 430 problematisch; indeß der andere Theil, nämlich
die Sittlichkeit, in Ansehung deren wir von der Naturmitwirkung frei sind,
seiner Möglichkeit 25 nach a priori fest steht und dogmatisch gewiß ist.
Zur objectiven theoretischen Realität also des Begriffs von dem Endzwecke
vernünftiger Weltwesen wird erfordert, daß nicht allein wir einen uns a
priori vorgesetzten Endzweck haben, sondern daß auch die Schöpfung, d. i.
die Welt selbst, ihrer Existenz nach einen Endzweck habe: welches, wenn es
a priori bewiesen 30 werden könnte, zur subjectiven Realität des
Endzwecks die objective hinzuthun würde. Denn hat die Schöpfung überall
einen Endzweck, so können wir ihn nicht anders denken, als so, daß er mit
dem moralischen (der allein den Begriff von einem Zwecke möglich macht)
übereinstimmen müsse. Nun finden wir aber in der Welt zwar Zwecke: und
die physische Teleologie stellt sie in solchem Maße dar, daß, wenn wir der
Vernunft gemäß urtheilen, wir zum Princip der Nachforschung der Natur
zuletzt anzunehmen Grund haben, daß in der Natur gar nichts ohne Zweck
sei; allein den Endzweck der Natur suchen wir in ihr selbst vergeblich. 5
Page 347
Dieser kann und muß daher, so wie die Idee davon nur in der Vernunft liegt,
selbst seiner objectiven Möglichkeit nach nur in vernünftigen Wesen
gesucht werden. Die praktische Vernunft der letzeren aber giebt diesen
Endzweck nicht allein an, sondern bestimmt auch diesen Begriff in
Ansehung der Bedingungen, unter welchen ein Endzweck der Schöpfung
allein von 10 431 uns gedacht werden kann.
Es ist nun die Frage: ob die objective Realität des Begriffs von einem
Endzweck der Schöpfung nicht auch für die theoretischen Forderungen der
reinen Vernunft hinreichend, wenn gleich nicht apodiktisch für die
bestimmende, doch hinreichend für die Maximen der theoretisch-
reflectirenden 15 Urtheilskraft könne dargethan werden. Dieses ist das
mindeste, was man der speculativen Philosophie ansinnen kann, die den
sittlichen Zweck mit den Naturzwecken vermittelst der Idee eines einzigen
Zwecks zu verbinden sich anheischig macht; aber auch dieses Wenige ist
doch weit mehr, als sie je zu leisten vermag. 20
Nach dem Princip der theoretisch-reflectirenden Urtheilskraft würden wir
sagen: Wenn wir Grund haben, zu den zweckmäßigen Producten der Natur
eine oberste Ursache der Natur anzunehmen, deren Causalität in Ansehung
der Wirklichkeit der letzteren (die Schöpfung) von anderer Art, als zum
Mechanism der Natur erforderlich ist, nämlich als die eines Verstandes, 25
gedacht werden muß: so werden wir auch an diesem Urwesen nicht bloß
allenthalben in der Natur Zwecke, sondern auch einen Endzweck zu denken
hinreichenden Grund haben, wenn gleich nicht um das Dasein eines solchen
Wesens darzuthun, doch wenigstens (so wie es in der physischen Teleologie
geschah) uns zu überzeugen, daß wir die Möglichkeit 30 432 einer solchen
Welt nicht bloß nach Zwecken, sondern auch nur dadurch, daß wir ihrer
Existenz einen Endzweck unterlegen, uns begreiflich machen können.
Allein Endzweck ist bloß ein Begriff unserer praktischen Vernunft und kann
aus keinen Datis der Erfahrung zu theoretischer Beurtheilung 35 der Natur
gefolgert, noch auf Erkenntniß derselben bezogen werden. Es ist kein
Gebrauch von diesem Begriffe möglich, als lediglich für die praktische
Vernunft nach moralischen Gesetzen; und der Endzweck der Schöpfung ist
diejenige Beschaffenheit der Welt, die zu dem, was wir allein nach
Gesetzen bestimmt angeben können, nämlich dem Endzwecke unserer
reinen praktischen Vernunft, und zwar so fern sie praktisch sein soll,
selbst seiner objectiven Möglichkeit nach nur in vernünftigen Wesen
gesucht werden. Die praktische Vernunft der letzeren aber giebt diesen
Endzweck nicht allein an, sondern bestimmt auch diesen Begriff in
Ansehung der Bedingungen, unter welchen ein Endzweck der Schöpfung
allein von 10 431 uns gedacht werden kann.
Es ist nun die Frage: ob die objective Realität des Begriffs von einem
Endzweck der Schöpfung nicht auch für die theoretischen Forderungen der
reinen Vernunft hinreichend, wenn gleich nicht apodiktisch für die
bestimmende, doch hinreichend für die Maximen der theoretisch-
reflectirenden 15 Urtheilskraft könne dargethan werden. Dieses ist das
mindeste, was man der speculativen Philosophie ansinnen kann, die den
sittlichen Zweck mit den Naturzwecken vermittelst der Idee eines einzigen
Zwecks zu verbinden sich anheischig macht; aber auch dieses Wenige ist
doch weit mehr, als sie je zu leisten vermag. 20
Nach dem Princip der theoretisch-reflectirenden Urtheilskraft würden wir
sagen: Wenn wir Grund haben, zu den zweckmäßigen Producten der Natur
eine oberste Ursache der Natur anzunehmen, deren Causalität in Ansehung
der Wirklichkeit der letzteren (die Schöpfung) von anderer Art, als zum
Mechanism der Natur erforderlich ist, nämlich als die eines Verstandes, 25
gedacht werden muß: so werden wir auch an diesem Urwesen nicht bloß
allenthalben in der Natur Zwecke, sondern auch einen Endzweck zu denken
hinreichenden Grund haben, wenn gleich nicht um das Dasein eines solchen
Wesens darzuthun, doch wenigstens (so wie es in der physischen Teleologie
geschah) uns zu überzeugen, daß wir die Möglichkeit 30 432 einer solchen
Welt nicht bloß nach Zwecken, sondern auch nur dadurch, daß wir ihrer
Existenz einen Endzweck unterlegen, uns begreiflich machen können.
Allein Endzweck ist bloß ein Begriff unserer praktischen Vernunft und kann
aus keinen Datis der Erfahrung zu theoretischer Beurtheilung 35 der Natur
gefolgert, noch auf Erkenntniß derselben bezogen werden. Es ist kein
Gebrauch von diesem Begriffe möglich, als lediglich für die praktische
Vernunft nach moralischen Gesetzen; und der Endzweck der Schöpfung ist
diejenige Beschaffenheit der Welt, die zu dem, was wir allein nach
Gesetzen bestimmt angeben können, nämlich dem Endzwecke unserer
reinen praktischen Vernunft, und zwar so fern sie praktisch sein soll,
Page 348
übereinstimmt. — Nun haben wir durch das moralische Gesetz, welches
uns diesen 5 letztern auferlegt, in praktischer Absicht, nämlich um unsere
Kräfte zur Bewirkung desselben anzuwenden, einen Grund, die
Möglichkeit, Ausführbarkeit desselben, mithin auch (weil ohne Beitritt der
Natur zu einer in unserer Gewalt nicht stehenden Bedingung derselben die
Bewirkung desselben unmöglich sein würde) eine Natur der Dinge, die
dazu übereinstimmt, 10 anzunehmen. Also haben wir einen moralischen
Grund, uns an einer Welt auch einen Endzweck der Schöpfung zu denken.
Dieses ist nun noch nicht der Schluß von der moralischen Teleologie 433 auf
eine Theologie, d. i. auf das Dasein eines moralischen Welturhebers,
sondern nur auf einen Endzweck der Schöpfung, der auf diese Art bestimmt
15 wird. Daß nun zu dieser Schöpfung, d. i. der Existenz der Dinge gemäß
einem E n d z w e c k e, erstlich ein verständiges, aber zweitens nicht bloß
(wie zu der Möglichkeit der Dinge der Natur, die wir als Z w e c k e zu
beurtheilen genöthigt waren) ein verständiges, sondern ein zugleich
m o r a l i s c h e s Wesen als Welturheber, mithin ein G o t t angenommen 20
werden müsse: ist ein zweiter Schluß, welcher so beschaffen ist, daß man
sieht, er sei bloß für die Urtheilskraft nach Begriffen der praktischen
Vernunft und als ein solcher für die reflectirende, nicht die bestimmende
Urtheilskraft gefällt. Denn wir können uns nicht anmaßen einzusehen: daß,
obzwar in uns die moralisch-praktische Vernunft von der technisch-
praktischen 25 ihren Principien nach wesentlich unterschieden ist, in der
obersten Weltursache, wenn sie als Intelligenz angenommen wird, es auch
so sein müsse, und eine besondere und verschiedene Art der Causalität
derselben zum Endzwecke, als bloß zu Zwecken der Natur erforderlich sei;
daß wir mithin an unserm Endzweck nicht bloß einen m o r a l i s c h e n
G r u n d haben, 30 einen Endzweck der Schöpfung (als Wirkung), sondern
auch ein m o r a l i s c h e s W e s e n als Urgrund der Schöpfung
anzunehmen. Wohl aber können wir sagen: daß n a c h d e r
B e s c h a f f e n h e i t u n s e r e s Ve r n u n f t v e r m ö g e n s 434 wir uns
die Möglichkeit einer solchen a u f d a s m o r a l i s c h e G e s e t z und
dessen Object bezogenen Zweckmäßigkeit, als in diesem 35 Endzwecke ist,
ohne einen Welturheber und Regierer, der zugleich moralischer Gesetzgeber
ist, gar nicht begreiflich machen können.
Die Wirklichkeit eines höchsten moralisch-gesetzgebenden Urhebers ist
also bloß f ü r d e n p r a k t i s c h e n G e b r a u c h unserer Vernunft
uns diesen 5 letztern auferlegt, in praktischer Absicht, nämlich um unsere
Kräfte zur Bewirkung desselben anzuwenden, einen Grund, die
Möglichkeit, Ausführbarkeit desselben, mithin auch (weil ohne Beitritt der
Natur zu einer in unserer Gewalt nicht stehenden Bedingung derselben die
Bewirkung desselben unmöglich sein würde) eine Natur der Dinge, die
dazu übereinstimmt, 10 anzunehmen. Also haben wir einen moralischen
Grund, uns an einer Welt auch einen Endzweck der Schöpfung zu denken.
Dieses ist nun noch nicht der Schluß von der moralischen Teleologie 433 auf
eine Theologie, d. i. auf das Dasein eines moralischen Welturhebers,
sondern nur auf einen Endzweck der Schöpfung, der auf diese Art bestimmt
15 wird. Daß nun zu dieser Schöpfung, d. i. der Existenz der Dinge gemäß
einem E n d z w e c k e, erstlich ein verständiges, aber zweitens nicht bloß
(wie zu der Möglichkeit der Dinge der Natur, die wir als Z w e c k e zu
beurtheilen genöthigt waren) ein verständiges, sondern ein zugleich
m o r a l i s c h e s Wesen als Welturheber, mithin ein G o t t angenommen 20
werden müsse: ist ein zweiter Schluß, welcher so beschaffen ist, daß man
sieht, er sei bloß für die Urtheilskraft nach Begriffen der praktischen
Vernunft und als ein solcher für die reflectirende, nicht die bestimmende
Urtheilskraft gefällt. Denn wir können uns nicht anmaßen einzusehen: daß,
obzwar in uns die moralisch-praktische Vernunft von der technisch-
praktischen 25 ihren Principien nach wesentlich unterschieden ist, in der
obersten Weltursache, wenn sie als Intelligenz angenommen wird, es auch
so sein müsse, und eine besondere und verschiedene Art der Causalität
derselben zum Endzwecke, als bloß zu Zwecken der Natur erforderlich sei;
daß wir mithin an unserm Endzweck nicht bloß einen m o r a l i s c h e n
G r u n d haben, 30 einen Endzweck der Schöpfung (als Wirkung), sondern
auch ein m o r a l i s c h e s W e s e n als Urgrund der Schöpfung
anzunehmen. Wohl aber können wir sagen: daß n a c h d e r
B e s c h a f f e n h e i t u n s e r e s Ve r n u n f t v e r m ö g e n s 434 wir uns
die Möglichkeit einer solchen a u f d a s m o r a l i s c h e G e s e t z und
dessen Object bezogenen Zweckmäßigkeit, als in diesem 35 Endzwecke ist,
ohne einen Welturheber und Regierer, der zugleich moralischer Gesetzgeber
ist, gar nicht begreiflich machen können.
Die Wirklichkeit eines höchsten moralisch-gesetzgebenden Urhebers ist
also bloß f ü r d e n p r a k t i s c h e n G e b r a u c h unserer Vernunft
Page 349
hinreichend dargethan, ohne in Ansehung des Daseins desselben etwas
theoretisch zu bestimmen. Denn diese bedarf zur Möglichkeit ihres Zwecks,
der uns auch ohnedas durch ihre eigene Gesetzgebung aufgegeben ist, einer
Idee, 5 wodurch das Hinderniß aus dem Unvermögen ihrer Befolgung nach
dem bloßen Naturbegriffe von der Welt (für die reflectirende Urtheilskraft
hinreichend) weggeräumt wird; und diese Idee bekommt dadurch praktische
Realität, wenn ihr gleich alle Mittel, ihr eine solche in theoretischer Absicht
zur Erklärung der Natur und Bestimmung der obersten Ursache zu 10
verschaffen, für das speculative Erkenntniß gänzlich abgehen. Für die
theoretisch reflectirende Urtheilskraft bewies die physische Teleologie aus
den Zwecken der Natur hinreichend eine verständige Weltursache; für die
praktische bewirkt dieses die moralische durch den Begriff eines
Endzwecks, den sie in praktischer Absicht der Schöpfung beizulegen
genöthigt ist. Die 15 435 objective Realität der Idee von Gott, als
moralischen Welturhebers, kann nun zwar nicht durch physische Zwecke
a l l e i n dargethan werden; gleichwohl aber, wenn ihr Erkenntniß mit dem
des moralischen verbunden wird, sind jene vermöge der Maxime der reinen
Vernunft, Einheit der Principien, so viel sich thun läßt, zu befolgen, von
großer Bedeutung, um der 20 praktischen Realität jener Idee durch die,
welche sie in theoretischer Absicht für die Urtheilskraft bereits hat, zu
Hülfe zu kommen.
Hiebei ist nun zu Verhütung eines leicht eintretenden Mißverständnisses
höchst nöthig anzumerken, daß wir erstlich diese Eigenschaften des
höchsten Wesens nur nach der Analogie d e n k e n können. Denn wie
wollten 25 wir seine Natur, wovon uns die Erfahrung nichts Ähnliches
zeigen kann, erforschen? Zweitens, daß wir es durch dieselbe auch nur
denken, nicht darnach e r k e n n e n und sie ihm etwa theoretisch beilegen
können; denn das wäre für die bestimmende Urtheilskraft in speculativer
Absicht unserer Vernunft, um, was die oberste Weltursache a n s i c h sei,
einzusehen. 30 Hier aber ist es nur darum zu thun, welchen Begriff wir uns
nach der Beschaffenheit unserer Erkenntnißvermögen von demselben zu
machen und ob wir seine Existenz anzunehmen haben, um einem Zwecke,
den uns reine praktische Vernunft ohne alle solche Voraussetzung a priori
nach allen Kräften zu bewirken auferlegt, gleichfalls nur praktische Realität
zu verschaffen, 35 436 d. i. nur eine beabsichtete Wirkung als möglich
denken zu können. Immerhin mag jener Begriff für die speculative Vernunft
theoretisch zu bestimmen. Denn diese bedarf zur Möglichkeit ihres Zwecks,
der uns auch ohnedas durch ihre eigene Gesetzgebung aufgegeben ist, einer
Idee, 5 wodurch das Hinderniß aus dem Unvermögen ihrer Befolgung nach
dem bloßen Naturbegriffe von der Welt (für die reflectirende Urtheilskraft
hinreichend) weggeräumt wird; und diese Idee bekommt dadurch praktische
Realität, wenn ihr gleich alle Mittel, ihr eine solche in theoretischer Absicht
zur Erklärung der Natur und Bestimmung der obersten Ursache zu 10
verschaffen, für das speculative Erkenntniß gänzlich abgehen. Für die
theoretisch reflectirende Urtheilskraft bewies die physische Teleologie aus
den Zwecken der Natur hinreichend eine verständige Weltursache; für die
praktische bewirkt dieses die moralische durch den Begriff eines
Endzwecks, den sie in praktischer Absicht der Schöpfung beizulegen
genöthigt ist. Die 15 435 objective Realität der Idee von Gott, als
moralischen Welturhebers, kann nun zwar nicht durch physische Zwecke
a l l e i n dargethan werden; gleichwohl aber, wenn ihr Erkenntniß mit dem
des moralischen verbunden wird, sind jene vermöge der Maxime der reinen
Vernunft, Einheit der Principien, so viel sich thun läßt, zu befolgen, von
großer Bedeutung, um der 20 praktischen Realität jener Idee durch die,
welche sie in theoretischer Absicht für die Urtheilskraft bereits hat, zu
Hülfe zu kommen.
Hiebei ist nun zu Verhütung eines leicht eintretenden Mißverständnisses
höchst nöthig anzumerken, daß wir erstlich diese Eigenschaften des
höchsten Wesens nur nach der Analogie d e n k e n können. Denn wie
wollten 25 wir seine Natur, wovon uns die Erfahrung nichts Ähnliches
zeigen kann, erforschen? Zweitens, daß wir es durch dieselbe auch nur
denken, nicht darnach e r k e n n e n und sie ihm etwa theoretisch beilegen
können; denn das wäre für die bestimmende Urtheilskraft in speculativer
Absicht unserer Vernunft, um, was die oberste Weltursache a n s i c h sei,
einzusehen. 30 Hier aber ist es nur darum zu thun, welchen Begriff wir uns
nach der Beschaffenheit unserer Erkenntnißvermögen von demselben zu
machen und ob wir seine Existenz anzunehmen haben, um einem Zwecke,
den uns reine praktische Vernunft ohne alle solche Voraussetzung a priori
nach allen Kräften zu bewirken auferlegt, gleichfalls nur praktische Realität
zu verschaffen, 35 436 d. i. nur eine beabsichtete Wirkung als möglich
denken zu können. Immerhin mag jener Begriff für die speculative Vernunft
Page 350
überschwenglich sein; auch mögen die Eigenschaften, die wir dem dadurch
gedachten Wesen beilegen, objectiv gebraucht, einen Anthropomorphism in
sich verbergen: die Absicht ihres Gebrauchs ist auch nicht, seine für uns
unerreichbare Natur, sondern uns selbst und unseren Willen darnach
bestimmen zu wollen. So wie wir eine Ursache nach dem Begriffe, den wir
von der Wirkung 5 haben, (aber nur in Ansehung ihrer Relation zu dieser)
benennen, ohne darum die innere Beschaffenheit derselben durch die
Eigenschaften, die uns von dergleichen Ursachen einzig und allein bekannt
und durch Erfahrung gegeben werden müssen, innerlich bestimmen zu
wollen; so wie wir z. B. der Seele unter andern auch eine vim locomotivam
beilegen, 10 weil wirklich Bewegungen des Körpers entspringen, deren
Ursache in ihren Vorstellungen liegt, ohne ihr darum die einzige Art, wie
wir bewegende Kräfte kennen, (nämlich durch Anziehung, Druck, Stoß,
mithin Bewegung, welche jederzeit ein ausgedehntes Wesen voraussetzen)
beilegen zu wollen: — eben so werden wir E t w a s, das den Grund der
Möglichkeit 15 und der praktischen Realität, d. i. der Ausführbarkeit, eines
nothwendigen moralischen Endzwecks enthält, annehmen müssen; dieses
aber nach Beschaffenheit der von ihm erwarteten Wirkung uns als ein
weises, nach moralischen 437 Gesetzen die Welt beherrschendes Wesen
denken können und der Beschaffenheit unserer Erkenntnißvermögen gemäß
als von der Natur unterschiedene 20 Ursache der Dinge denken müssen, um
nur das Ve r h ä l t n i ß dieses alle unsere Erkenntnißvermögen
übersteigenden Wesens zum Objecte u n s e r e r praktischen Vernunft
auszudrücken: ohne doch dadurch die einzige uns bekannte Causalität
dieser Art, nämlich einen Verstand und Willen, ihm darum theoretisch
beilegen, ja selbst auch nur die an ihm gedachte 25 Causalität in Ansehung
dessen, was f ü r u n s Endzweck ist, als in diesem Wesen selbst von der
Causalität in Ansehung der Natur (und deren Zweckbestimmungen
überhaupt) objectiv unterscheiden zu wollen, sondern diesen Unterschied
nur als subjectiv nothwendig für die Beschaffenheit unseres
Erkenntnißvermögens und gültig für die reflectirende, nicht für die 30
objectiv bestimmende Urtheilskraft annehmen können. Wenn es aber auf
das Praktische ankommt, so ist ein solches r e g u l a t i v e s Princip (für die
Klugheit oder Weisheit): dem, was nach Beschaffenheit unserer
Erkenntnißvermögen von uns auf gewisse Weise allein als möglich gedacht
werden kann, als Zwecke gemäß zu handeln, zugleich c o n s t i t u t i v, d. i.
praktisch 35 bestimmend; indeß eben dasselbe als Princip die objective
gedachten Wesen beilegen, objectiv gebraucht, einen Anthropomorphism in
sich verbergen: die Absicht ihres Gebrauchs ist auch nicht, seine für uns
unerreichbare Natur, sondern uns selbst und unseren Willen darnach
bestimmen zu wollen. So wie wir eine Ursache nach dem Begriffe, den wir
von der Wirkung 5 haben, (aber nur in Ansehung ihrer Relation zu dieser)
benennen, ohne darum die innere Beschaffenheit derselben durch die
Eigenschaften, die uns von dergleichen Ursachen einzig und allein bekannt
und durch Erfahrung gegeben werden müssen, innerlich bestimmen zu
wollen; so wie wir z. B. der Seele unter andern auch eine vim locomotivam
beilegen, 10 weil wirklich Bewegungen des Körpers entspringen, deren
Ursache in ihren Vorstellungen liegt, ohne ihr darum die einzige Art, wie
wir bewegende Kräfte kennen, (nämlich durch Anziehung, Druck, Stoß,
mithin Bewegung, welche jederzeit ein ausgedehntes Wesen voraussetzen)
beilegen zu wollen: — eben so werden wir E t w a s, das den Grund der
Möglichkeit 15 und der praktischen Realität, d. i. der Ausführbarkeit, eines
nothwendigen moralischen Endzwecks enthält, annehmen müssen; dieses
aber nach Beschaffenheit der von ihm erwarteten Wirkung uns als ein
weises, nach moralischen 437 Gesetzen die Welt beherrschendes Wesen
denken können und der Beschaffenheit unserer Erkenntnißvermögen gemäß
als von der Natur unterschiedene 20 Ursache der Dinge denken müssen, um
nur das Ve r h ä l t n i ß dieses alle unsere Erkenntnißvermögen
übersteigenden Wesens zum Objecte u n s e r e r praktischen Vernunft
auszudrücken: ohne doch dadurch die einzige uns bekannte Causalität
dieser Art, nämlich einen Verstand und Willen, ihm darum theoretisch
beilegen, ja selbst auch nur die an ihm gedachte 25 Causalität in Ansehung
dessen, was f ü r u n s Endzweck ist, als in diesem Wesen selbst von der
Causalität in Ansehung der Natur (und deren Zweckbestimmungen
überhaupt) objectiv unterscheiden zu wollen, sondern diesen Unterschied
nur als subjectiv nothwendig für die Beschaffenheit unseres
Erkenntnißvermögens und gültig für die reflectirende, nicht für die 30
objectiv bestimmende Urtheilskraft annehmen können. Wenn es aber auf
das Praktische ankommt, so ist ein solches r e g u l a t i v e s Princip (für die
Klugheit oder Weisheit): dem, was nach Beschaffenheit unserer
Erkenntnißvermögen von uns auf gewisse Weise allein als möglich gedacht
werden kann, als Zwecke gemäß zu handeln, zugleich c o n s t i t u t i v, d. i.
praktisch 35 bestimmend; indeß eben dasselbe als Princip die objective
Page 351
Möglichkeit der Dinge zu beurtheilen keinesweges theoretisch-bestimmend
(daß nämlich auch dem Objecte die einzige Art der Möglichkeit zukomme,
die unserm 438 Vermögen zu denken zukommt), sondern ein bloß
r e g u l a t i v e s Princip für die reflectirende Urtheilskraft ist.
Anmerkung.
Dieser moralische Beweis ist nicht etwa ein neu erfundener, sondern 5
allenfalls nur ein neu erörterter Beweisgrund; denn er hat vor der frühesten
Aufkeimung des menschlichen Vernunftvermögens schon in demselben
gelegen und wird mit der fortgehenden Cultur desselben nur immer mehr
entwickelt. Sobald die Menschen über Recht und Unrecht zu reflectiren
anfingen, in einer Zeit, wo sie über die Zweckmäßigkeit der Natur noch 10
gleichgültig wegsahen, sie nützten, ohne sich dabei etwas Anderes als den
gewohnten Lauf der Natur zu denken, mußte sich das Urtheil unvermeidlich
einfinden: daß es im Ausgange nimmermehr einerlei sein könne, ob ein
Mensch sich redlich oder falsch, billig oder gewaltthätig verhalten habe,
wenn er gleich bis an sein Lebensende, wenigstens sichtbarlich, für seine
15 Tugenden kein Glück, oder für seine Verbrechen keine Strafe
angetroffen habe. Es ist: als ob sie in sich eine Stimme wahrnähmen, es
müsse anders zugehen; mithin mußte auch die, obgleich dunkle, Vorstellung
von Etwas, dem sie nachzustreben sich verbunden fühlten, verborgen
liegen, womit ein solcher Ausschlag sich gar nicht zusammenreimen lasse,
oder womit, 20 wenn sie den Weltlauf einmal als die einzige Ordnung der
Dinge ansahen, sie wiederum jene innere Zweckbestimmung ihres Gemüths
nicht zu vereinigen wußten. Nun mochten sie die Art, wie eine solche
Unregelmäßigkeit (welche dem menschlichen Gemüthe weit empörender
sein muß, als der blinde Zufall, den man etwa der Naturbeurtheilung zum
Princip 25 unterlegen wollte) ausgeglichen werden könne, sich auf
mancherlei noch so 439 grobe Weise vorstellen; so konnten sie sich doch
niemals ein anderes Princip der Möglichkeit der Vereinigung der Natur mit
ihrem inneren Sittengesetze erdenken, als eine nach moralischen Gesetzen
die Welt beherrschende oberste Ursache: weil ein als Pflicht aufgegebener
Endzweck in ihnen und 30 eine Natur ohne allen Endzweck außer ihnen, in
welcher gleichwohl jener Zweck wirklich werden soll, im Widerspruche
stehen. Über die innere Beschaffenheit jener Weltursache konnten sie nun
manchen Unsinn ausbrüten; jenes moralische Verhältniß in der
(daß nämlich auch dem Objecte die einzige Art der Möglichkeit zukomme,
die unserm 438 Vermögen zu denken zukommt), sondern ein bloß
r e g u l a t i v e s Princip für die reflectirende Urtheilskraft ist.
Anmerkung.
Dieser moralische Beweis ist nicht etwa ein neu erfundener, sondern 5
allenfalls nur ein neu erörterter Beweisgrund; denn er hat vor der frühesten
Aufkeimung des menschlichen Vernunftvermögens schon in demselben
gelegen und wird mit der fortgehenden Cultur desselben nur immer mehr
entwickelt. Sobald die Menschen über Recht und Unrecht zu reflectiren
anfingen, in einer Zeit, wo sie über die Zweckmäßigkeit der Natur noch 10
gleichgültig wegsahen, sie nützten, ohne sich dabei etwas Anderes als den
gewohnten Lauf der Natur zu denken, mußte sich das Urtheil unvermeidlich
einfinden: daß es im Ausgange nimmermehr einerlei sein könne, ob ein
Mensch sich redlich oder falsch, billig oder gewaltthätig verhalten habe,
wenn er gleich bis an sein Lebensende, wenigstens sichtbarlich, für seine
15 Tugenden kein Glück, oder für seine Verbrechen keine Strafe
angetroffen habe. Es ist: als ob sie in sich eine Stimme wahrnähmen, es
müsse anders zugehen; mithin mußte auch die, obgleich dunkle, Vorstellung
von Etwas, dem sie nachzustreben sich verbunden fühlten, verborgen
liegen, womit ein solcher Ausschlag sich gar nicht zusammenreimen lasse,
oder womit, 20 wenn sie den Weltlauf einmal als die einzige Ordnung der
Dinge ansahen, sie wiederum jene innere Zweckbestimmung ihres Gemüths
nicht zu vereinigen wußten. Nun mochten sie die Art, wie eine solche
Unregelmäßigkeit (welche dem menschlichen Gemüthe weit empörender
sein muß, als der blinde Zufall, den man etwa der Naturbeurtheilung zum
Princip 25 unterlegen wollte) ausgeglichen werden könne, sich auf
mancherlei noch so 439 grobe Weise vorstellen; so konnten sie sich doch
niemals ein anderes Princip der Möglichkeit der Vereinigung der Natur mit
ihrem inneren Sittengesetze erdenken, als eine nach moralischen Gesetzen
die Welt beherrschende oberste Ursache: weil ein als Pflicht aufgegebener
Endzweck in ihnen und 30 eine Natur ohne allen Endzweck außer ihnen, in
welcher gleichwohl jener Zweck wirklich werden soll, im Widerspruche
stehen. Über die innere Beschaffenheit jener Weltursache konnten sie nun
manchen Unsinn ausbrüten; jenes moralische Verhältniß in der
Page 352
Weltregierung blieb immer dasselbe, welches für die unangebauteste
Vernunft, sofern sie sich als praktisch betrachtet, 35 allgemein faßlich ist,
mit welcher hingegen die speculative bei weitem nicht gleichen Schritt
halten kann. — Auch wurde aller Wahrscheinlichkeit nach durch dieses
moralische Interesse allererst die Aufmerksamkeit auf die Schönheit und
Zwecke der Natur rege gemacht, die alsdann jene Idee zu bestärken
vortrefflich diente, sie aber doch nicht begründen, noch weniger jenes
entbehren konnte, weil selbst die Nachforschung 5 der Zwecke der Natur
nur in Beziehung auf den Endzweck dasjenige unmittelbare Interesse
bekommt, welches sich in der Bewunderung derselben ohne Rücksicht auf
irgend daraus zu ziehenden Vortheil in so großem Maße zeigt.
Vernunft, sofern sie sich als praktisch betrachtet, 35 allgemein faßlich ist,
mit welcher hingegen die speculative bei weitem nicht gleichen Schritt
halten kann. — Auch wurde aller Wahrscheinlichkeit nach durch dieses
moralische Interesse allererst die Aufmerksamkeit auf die Schönheit und
Zwecke der Natur rege gemacht, die alsdann jene Idee zu bestärken
vortrefflich diente, sie aber doch nicht begründen, noch weniger jenes
entbehren konnte, weil selbst die Nachforschung 5 der Zwecke der Natur
nur in Beziehung auf den Endzweck dasjenige unmittelbare Interesse
bekommt, welches sich in der Bewunderung derselben ohne Rücksicht auf
irgend daraus zu ziehenden Vortheil in so großem Maße zeigt.
Page 353
§ 89. 10
Von dem Nutzen des moralischen Arguments.
Die Einschränkung der Vernunft in Ansehung aller unserer Ideen vom
Übersinnlichen auf die Bedingungen ihres praktischen Gebrauchs hat, was
440 die Idee von Gott betrifft, den unverkennbaren Nutzen: daß sie verhütet,
daß T h e o l o g i e sich nicht in Theosophie (in vernunftverwirrende
überschwengliche 15 Begriffe) versteige, oder zur Dämonologie (einer
anthropomorphistischen Vorstellungsart des höchsten Wesens) herabsinke;
daß R e l i g i o n nicht in T h e u r g i e (ein schwärmerischer Wahn, von
anderen übersinnlichen Wesen Gefühl und auf sie wiederum Einfluß haben
zu können), oder in I d o l o l a t r i e (ein abergläubischer Wahn, dem
höchsten Wesen 20 sich durch andere Mittel, als durch eine moralische
Gesinnung wohlgefällig machen zu können) gerathe[35].
Denn wenn man der Eitelkeit oder Vermessenheit des Vernünftelns in
Ansehung dessen, was über die Sinnenwelt hinausliegt, auch nur das
mindeste theoretisch (und erkenntniß-erweiternd) zu bestimmen einräumt;
25 wenn man mit Einsichten vom Dasein und von der Beschaffenheit der
441 göttlichen Natur, von seinem Verstande und Willen, den Gesetzen beider
und den daraus auf die Welt abfließenden Eigenschaften groß zu thun
verstattet: so möchte ich wohl wissen, wo und an welcher Stelle man die
Anmaßungen der Vernunft begränzen wolle; denn wo jene Einsichten
hergenommen sind, eben daher können ja noch mehrere (wenn man nur,
wie man meint, sein Nachdenken anstrengte) erwartet werden. Die
Begränzung solcher Ansprüche müßte doch nach einem gewissen Princip
geschehen, nicht etwa bloß aus dem Grunde, weil wir finden, daß alle
Versuche mit 5 denselben bisher fehlgeschlagen sind; denn das beweiset
nichts wider die Möglichkeit eines besseren Ausschlags. Hier aber ist kein
Princip möglich, als entweder anzunehmen: daß in Ansehung des
Übersinnlichen schlechterdings gar nichts theoretisch (als lediglich nur
negativ) bestimmt werden könne, oder daß unsere Vernunft eine noch
unbenutzte Fundgrube 10 zu wer weiß wie großen, für uns und unsere
Nachkommen aufbewahrten erweiternden Kenntnissen in sich enthalte. —
Was aber Religion betrifft, d. i. die Moral in Beziehung auf Gott als
Gesetzgeber: so muß, wenn die theoretische Erkenntniß desselben
Von dem Nutzen des moralischen Arguments.
Die Einschränkung der Vernunft in Ansehung aller unserer Ideen vom
Übersinnlichen auf die Bedingungen ihres praktischen Gebrauchs hat, was
440 die Idee von Gott betrifft, den unverkennbaren Nutzen: daß sie verhütet,
daß T h e o l o g i e sich nicht in Theosophie (in vernunftverwirrende
überschwengliche 15 Begriffe) versteige, oder zur Dämonologie (einer
anthropomorphistischen Vorstellungsart des höchsten Wesens) herabsinke;
daß R e l i g i o n nicht in T h e u r g i e (ein schwärmerischer Wahn, von
anderen übersinnlichen Wesen Gefühl und auf sie wiederum Einfluß haben
zu können), oder in I d o l o l a t r i e (ein abergläubischer Wahn, dem
höchsten Wesen 20 sich durch andere Mittel, als durch eine moralische
Gesinnung wohlgefällig machen zu können) gerathe[35].
Denn wenn man der Eitelkeit oder Vermessenheit des Vernünftelns in
Ansehung dessen, was über die Sinnenwelt hinausliegt, auch nur das
mindeste theoretisch (und erkenntniß-erweiternd) zu bestimmen einräumt;
25 wenn man mit Einsichten vom Dasein und von der Beschaffenheit der
441 göttlichen Natur, von seinem Verstande und Willen, den Gesetzen beider
und den daraus auf die Welt abfließenden Eigenschaften groß zu thun
verstattet: so möchte ich wohl wissen, wo und an welcher Stelle man die
Anmaßungen der Vernunft begränzen wolle; denn wo jene Einsichten
hergenommen sind, eben daher können ja noch mehrere (wenn man nur,
wie man meint, sein Nachdenken anstrengte) erwartet werden. Die
Begränzung solcher Ansprüche müßte doch nach einem gewissen Princip
geschehen, nicht etwa bloß aus dem Grunde, weil wir finden, daß alle
Versuche mit 5 denselben bisher fehlgeschlagen sind; denn das beweiset
nichts wider die Möglichkeit eines besseren Ausschlags. Hier aber ist kein
Princip möglich, als entweder anzunehmen: daß in Ansehung des
Übersinnlichen schlechterdings gar nichts theoretisch (als lediglich nur
negativ) bestimmt werden könne, oder daß unsere Vernunft eine noch
unbenutzte Fundgrube 10 zu wer weiß wie großen, für uns und unsere
Nachkommen aufbewahrten erweiternden Kenntnissen in sich enthalte. —
Was aber Religion betrifft, d. i. die Moral in Beziehung auf Gott als
Gesetzgeber: so muß, wenn die theoretische Erkenntniß desselben
Page 354
vorhergehen müßte, die Moral sich nach der Theologie richten und nicht
allein statt einer inneren nothwendigen 15 Gesetzgebung der Vernunft eine
äußere willkürliche eines obersten Wesens eingeführt werden, sondern auch
in dieser alles, was unsere Einsicht in 442 die Natur desselben Mangelhaftes
hat, sich auf die sittliche Vorschrift erstrecken und so die Religion
unmoralisch machen und verkehren.
In Ansehung der Hoffnung eines künftigen Lebens, wenn wir statt 20 des
Endzwecks, den wir der Vorschrift des moralischen Gesetzes gemäß selbst
zu vollführen haben, zum Leitfaden des Vernunfturtheils über unsere
Bestimmung (welches also nur in praktischer Beziehung als nothwendig,
oder annehmungswürdig betrachtet wird) unser theoretisches
Erkenntnißvermögen befragen, giebt die Seelenlehre in dieser Absicht, so
wie oben 25 die Theologie nichts mehr als einen negativen Begriff von
unserm denkenden Wesen: daß nämlich keine seiner Handlungen und
Erscheinungen des innern Sinnes materialistisch erklärt werden könne; daß
also von ihrer abgesonderten Natur und der Dauer oder Nichtdauer ihrer
Persönlichkeit nach dem Tode uns schlechterdings kein erweiterndes,
bestimmendes Urtheil 30 aus speculativen Gründen durch unser gesammtes
theoretisches Erkenntnißvermögen möglich sei. Da also alles hier der
teleologischen Beurtheilung unseres Daseins in praktischer nothwendiger
Rücksicht und der Annehmung unserer Fortdauer, als der zu dem uns von
der Vernunft schlechterdings aufgegebenen Endzweck erforderlichen
Bedingung, überlassen bleibt, 35 so zeigt sich hier zugleich der Nutzen (der
zwar beim ersten Anblick Verlust zu sein scheint): daß, so wie die
Theologie für uns nie Theosophie werden 443 kann, die rationale
Psychologie niemals Pneumatologie als erweiternde
Wissenschaft werden könne, so wie sie andrerseits auch gesichert ist, in
keinen M a t e r i a l i s m zu verfallen; sondern daß sie vielmehr bloß
Anthropologie des innern Sinnes, d. i. Kenntniß unseres denkenden Selbst
im L e b e n, sei und als theoretisches Erkenntniß auch bloß empirisch 5
bleibe; dagegen die rationale Psychologie, was die Frage über unsere ewige
Existenz betrifft, gar keine theoretische Wissenschaft ist, sondern auf einem
einzigen Schlusse der moralischen Teleologie beruht, wie denn auch ihr
ganzer Gebrauch bloß der letztern als unserer praktischen Bestimmung
wegen nothwendig ist. 10
allein statt einer inneren nothwendigen 15 Gesetzgebung der Vernunft eine
äußere willkürliche eines obersten Wesens eingeführt werden, sondern auch
in dieser alles, was unsere Einsicht in 442 die Natur desselben Mangelhaftes
hat, sich auf die sittliche Vorschrift erstrecken und so die Religion
unmoralisch machen und verkehren.
In Ansehung der Hoffnung eines künftigen Lebens, wenn wir statt 20 des
Endzwecks, den wir der Vorschrift des moralischen Gesetzes gemäß selbst
zu vollführen haben, zum Leitfaden des Vernunfturtheils über unsere
Bestimmung (welches also nur in praktischer Beziehung als nothwendig,
oder annehmungswürdig betrachtet wird) unser theoretisches
Erkenntnißvermögen befragen, giebt die Seelenlehre in dieser Absicht, so
wie oben 25 die Theologie nichts mehr als einen negativen Begriff von
unserm denkenden Wesen: daß nämlich keine seiner Handlungen und
Erscheinungen des innern Sinnes materialistisch erklärt werden könne; daß
also von ihrer abgesonderten Natur und der Dauer oder Nichtdauer ihrer
Persönlichkeit nach dem Tode uns schlechterdings kein erweiterndes,
bestimmendes Urtheil 30 aus speculativen Gründen durch unser gesammtes
theoretisches Erkenntnißvermögen möglich sei. Da also alles hier der
teleologischen Beurtheilung unseres Daseins in praktischer nothwendiger
Rücksicht und der Annehmung unserer Fortdauer, als der zu dem uns von
der Vernunft schlechterdings aufgegebenen Endzweck erforderlichen
Bedingung, überlassen bleibt, 35 so zeigt sich hier zugleich der Nutzen (der
zwar beim ersten Anblick Verlust zu sein scheint): daß, so wie die
Theologie für uns nie Theosophie werden 443 kann, die rationale
Psychologie niemals Pneumatologie als erweiternde
Wissenschaft werden könne, so wie sie andrerseits auch gesichert ist, in
keinen M a t e r i a l i s m zu verfallen; sondern daß sie vielmehr bloß
Anthropologie des innern Sinnes, d. i. Kenntniß unseres denkenden Selbst
im L e b e n, sei und als theoretisches Erkenntniß auch bloß empirisch 5
bleibe; dagegen die rationale Psychologie, was die Frage über unsere ewige
Existenz betrifft, gar keine theoretische Wissenschaft ist, sondern auf einem
einzigen Schlusse der moralischen Teleologie beruht, wie denn auch ihr
ganzer Gebrauch bloß der letztern als unserer praktischen Bestimmung
wegen nothwendig ist. 10
Page 355
§ 90.
Von der Art des Fürwahrhaltens in einem teleologischen Beweise des
Daseins Gottes.
Zuerst wird zu jedem Beweise, er mag (wie bei dem Beweise durch
Beobachtung des Gegenstandes oder Experiment) durch unmittelbare
empirische 15 Darstellung dessen, was bewiesen werden soll, oder durch
Vernunft a priori aus Principien geführt werden, erfordert: daß er nicht
ü b e r r e d e, sondern ü b e r z e u g e, oder wenigstens auf Überzeugung
wirke; d. i. daß der Beweisgrund, oder der Schluß nicht bloß ein subjectiver
444 (ästhetischer) Bestimmungsgrund des Beifalls (bloßer Schein), sondern
20 objectiv-gültig und ein logischer Grund der Erkenntniß sei: denn sonst
wird der Verstand berückt, aber nicht überführt. Von jener Art eines
Scheinbeweises ist derjenige, welcher vielleicht in guter Absicht, aber doch
mit vorsetzlicher Verhehlung seiner Schwäche in der natürlichen Theologie
geführt wird: wenn man die große Menge der Beweisthümer eines
Ursprungs 25 der Naturdinge nach dem Princip der Zwecke herbeizieht und
sich den bloß subjectiven Grund der menschlichen Vernunft zu Nutze
macht, nämlich den ihr eigenen Hang, wo es nur ohne Widerspruch
geschehen kann, statt vieler Principien ein einziges und, wo in diesem
Princip nur einige oder auch viele Erfordernisse zur Bestimmung eines
Begriffs angetroffen 30 werden, die übrigen hinzuzudenken, um den
Begriff des Dinges durch willkürliche Ergänzung zu vollenden. Denn
freilich, wenn wir so viele Producte in der Natur antreffen, die für uns
Anzeigen einer verständigen Ursache sind: warum sollen wir statt vieler
solcher Ursachen nicht lieber eine einzige und zwar an dieser nicht etwa
bloß großen Verstand 35 Macht u. s. w., sondern nicht vielmehr
Allweisheit, Allmacht, mit einem Worte sie als eine solche, die den für alle
mögliche Dinge zureichenden Grund solcher Eigenschaften enthalte,
denken? und über das diesem einigen alles vermögenden Urwesen nicht
bloß für die Naturgesetze und -Producte 445 Verstand, sondern auch als einer
moralischen Weltursache höchste sittliche 5 praktische Vernunft beilegen;
da durch diese Vollendung des Begriffs ein für Natureinsicht sowohl als
moralische Weisheit zusammen hinreichendes Princip angegeben wird, und
kein nur einigermaßen gegründeter Einwurf wider die Möglichkeit einer
Von der Art des Fürwahrhaltens in einem teleologischen Beweise des
Daseins Gottes.
Zuerst wird zu jedem Beweise, er mag (wie bei dem Beweise durch
Beobachtung des Gegenstandes oder Experiment) durch unmittelbare
empirische 15 Darstellung dessen, was bewiesen werden soll, oder durch
Vernunft a priori aus Principien geführt werden, erfordert: daß er nicht
ü b e r r e d e, sondern ü b e r z e u g e, oder wenigstens auf Überzeugung
wirke; d. i. daß der Beweisgrund, oder der Schluß nicht bloß ein subjectiver
444 (ästhetischer) Bestimmungsgrund des Beifalls (bloßer Schein), sondern
20 objectiv-gültig und ein logischer Grund der Erkenntniß sei: denn sonst
wird der Verstand berückt, aber nicht überführt. Von jener Art eines
Scheinbeweises ist derjenige, welcher vielleicht in guter Absicht, aber doch
mit vorsetzlicher Verhehlung seiner Schwäche in der natürlichen Theologie
geführt wird: wenn man die große Menge der Beweisthümer eines
Ursprungs 25 der Naturdinge nach dem Princip der Zwecke herbeizieht und
sich den bloß subjectiven Grund der menschlichen Vernunft zu Nutze
macht, nämlich den ihr eigenen Hang, wo es nur ohne Widerspruch
geschehen kann, statt vieler Principien ein einziges und, wo in diesem
Princip nur einige oder auch viele Erfordernisse zur Bestimmung eines
Begriffs angetroffen 30 werden, die übrigen hinzuzudenken, um den
Begriff des Dinges durch willkürliche Ergänzung zu vollenden. Denn
freilich, wenn wir so viele Producte in der Natur antreffen, die für uns
Anzeigen einer verständigen Ursache sind: warum sollen wir statt vieler
solcher Ursachen nicht lieber eine einzige und zwar an dieser nicht etwa
bloß großen Verstand 35 Macht u. s. w., sondern nicht vielmehr
Allweisheit, Allmacht, mit einem Worte sie als eine solche, die den für alle
mögliche Dinge zureichenden Grund solcher Eigenschaften enthalte,
denken? und über das diesem einigen alles vermögenden Urwesen nicht
bloß für die Naturgesetze und -Producte 445 Verstand, sondern auch als einer
moralischen Weltursache höchste sittliche 5 praktische Vernunft beilegen;
da durch diese Vollendung des Begriffs ein für Natureinsicht sowohl als
moralische Weisheit zusammen hinreichendes Princip angegeben wird, und
kein nur einigermaßen gegründeter Einwurf wider die Möglichkeit einer
Page 356
solchen Idee gemacht werden kann? Werden hiebei nun zugleich die
moralischen Triebfedern des Gemüths in Bewegung 10 gesetzt und ein
lebhaftes Interesse der letzteren mit rednerischer Stärke (deren sie auch
wohl würdig sind) hinzugefügt: so entspringt daraus eine Überredung von
der objectiven Zulänglichkeit des Beweises und ein (in den meisten Fällen
seines Gebrauchs) auch heilsamer Schein, der aller Prüfung der logischen
Schärfe desselben sich ganz überhebt und sogar dawider, 15 als ob ihr ein
frevelhafter Zweifel zum Grunde läge, Abscheu und Widerwillen trägt. —
Nun ist hierwider wohl nichts zu sagen, so fern man auf populäre
Brauchbarkeit eigentlich Rücksicht nimmt. Allein da doch die Zerfällung
desselben in die zwei ungleichartigen Stücke, die dieses Argument enthält,
nämlich in das, was zur physischen, und das, was zur 20 moralischen
Teleologie gehört, nicht abgehalten werden kann und darf, indem die
Zusammenschmelzung beider es unkenntlich macht, wo der eigentliche
Nerve des Beweises liege, und an welchem Theile und wie er müßte
bearbeitet werden, um für die Gültigkeit desselben vor der schärfsten
Prüfung 446 Stand halten zu können (selbst wenn man an einem Theile die
25 Schwäche unserer Vernunfteinsicht einzugestehen genöthigt sein sollte):
so ist es für den Philosophen Pflicht (gesetzt daß er auch die Anforderung
der Aufrichtigkeit an ihn für nichts rechnete), den obgleich noch so
heilsamen Schein, welchen eine solche Vermengung hervorbringen kann,
aufzudecken und, was bloß zur Überredung gehört, von dem, was auf
Überzeugung 30 führt, (die beide nicht bloß dem Grade, sondern selbst der
Art nach unterschiedene Bestimmungen des Beifalls sind) abzusondern, um
die Gemüthsfassung in diesem Beweise in ihrer ganzen Lauterkeit offen
darzustellen und diesen der strengsten Prüfung freimüthig unterwerfen zu
können.
Ein Beweis aber, der auf Überzeugung angelegt ist, kann wiederum 35
zwiefacher Art sein, entweder ein solcher, der, was der Gegenstand a n
s i c h sei, oder was er f ü r u n s (Menschen überhaupt) nach den uns
nothwendigen Vernunftprincipien seiner Beurtheilung sei (ein Beweis κατ'
αληθειαν oder κατ' ανθρωπον, das letztere Wort in allgemeiner Bedeutung
für Menschen überhaupt genommen), ausmachen soll. Im ersteren Falle ist
er auf hinreichende Principien für die bestimmende, im zweiten bloß für die
reflectirende Urtheilskraft gegründet. Im letztern Falle kann er, auf bloß 5
theoretischen Principien beruhend, niemals auf Überzeugung wirken; legt
moralischen Triebfedern des Gemüths in Bewegung 10 gesetzt und ein
lebhaftes Interesse der letzteren mit rednerischer Stärke (deren sie auch
wohl würdig sind) hinzugefügt: so entspringt daraus eine Überredung von
der objectiven Zulänglichkeit des Beweises und ein (in den meisten Fällen
seines Gebrauchs) auch heilsamer Schein, der aller Prüfung der logischen
Schärfe desselben sich ganz überhebt und sogar dawider, 15 als ob ihr ein
frevelhafter Zweifel zum Grunde läge, Abscheu und Widerwillen trägt. —
Nun ist hierwider wohl nichts zu sagen, so fern man auf populäre
Brauchbarkeit eigentlich Rücksicht nimmt. Allein da doch die Zerfällung
desselben in die zwei ungleichartigen Stücke, die dieses Argument enthält,
nämlich in das, was zur physischen, und das, was zur 20 moralischen
Teleologie gehört, nicht abgehalten werden kann und darf, indem die
Zusammenschmelzung beider es unkenntlich macht, wo der eigentliche
Nerve des Beweises liege, und an welchem Theile und wie er müßte
bearbeitet werden, um für die Gültigkeit desselben vor der schärfsten
Prüfung 446 Stand halten zu können (selbst wenn man an einem Theile die
25 Schwäche unserer Vernunfteinsicht einzugestehen genöthigt sein sollte):
so ist es für den Philosophen Pflicht (gesetzt daß er auch die Anforderung
der Aufrichtigkeit an ihn für nichts rechnete), den obgleich noch so
heilsamen Schein, welchen eine solche Vermengung hervorbringen kann,
aufzudecken und, was bloß zur Überredung gehört, von dem, was auf
Überzeugung 30 führt, (die beide nicht bloß dem Grade, sondern selbst der
Art nach unterschiedene Bestimmungen des Beifalls sind) abzusondern, um
die Gemüthsfassung in diesem Beweise in ihrer ganzen Lauterkeit offen
darzustellen und diesen der strengsten Prüfung freimüthig unterwerfen zu
können.
Ein Beweis aber, der auf Überzeugung angelegt ist, kann wiederum 35
zwiefacher Art sein, entweder ein solcher, der, was der Gegenstand a n
s i c h sei, oder was er f ü r u n s (Menschen überhaupt) nach den uns
nothwendigen Vernunftprincipien seiner Beurtheilung sei (ein Beweis κατ'
αληθειαν oder κατ' ανθρωπον, das letztere Wort in allgemeiner Bedeutung
für Menschen überhaupt genommen), ausmachen soll. Im ersteren Falle ist
er auf hinreichende Principien für die bestimmende, im zweiten bloß für die
reflectirende Urtheilskraft gegründet. Im letztern Falle kann er, auf bloß 5
theoretischen Principien beruhend, niemals auf Überzeugung wirken; legt
Page 357
447 er aber ein praktisches Vernunftprincip zum Grunde (welches mithin
allgemein und nothwendig gilt), so darf er wohl auf eine in reiner
praktischer Absicht hinreichende, d. i. moralische, Überzeugung Anspruch
machen. Ein Beweis aber w i r k t a u f Ü b e r z e u g u n g, ohne noch zu
überzeugen, wenn 10 er bloß auf dem Wege dahin geführt wird, d. i. nur
objective Gründe dazu in sich enthält, die, ob sie gleich noch nicht zur
Gewißheit hinreichend, dennoch von der Art sind, daß sie nicht bloß als
subjective Gründe des Urtheils zur Überredung dienen.
Alle theoretische Beweisgründe reichen nun entweder zu: 1) zum Beweise
15 durch logisch-strenge Ve r n u n f t s c h l ü s s e; oder, wo dieses nicht ist,
2) zum S c h l u s s e nach der A n a l o g i e; oder, findet auch dieses etwa
nicht Statt, doch noch 3) zur w a h r s c h e i n l i c h e n M e i n u n g; oder
endlich, was das Mindeste ist, 4) zur Annehmung eines bloß möglichen
Erklärungsgrundes, als H y p o t h e s e. — Nun sage ich: daß alle
Beweisgründe 20 überhaupt, die auf theoretische Überzeugung wirken,
kein Fürwahrhalten dieser Art von dem höchsten bis zum niedrigsten Grade
desselben bewirken können, wenn der Satz von der Existenz eines
Urwesens, als eines Gottes in der dem ganzen Inhalte dieses Begriffs
angemessenen Bedeutung, nämlich als eines m o r a l i s c h e n
Welturhebers, mithin so, daß durch ihn 25 zugleich der Endzweck der
Schöpfung angegeben wird, bewiesen werden 448 soll.
1) Was den l o g i s c h - g e r e c h t e n, vom Allgemeinen zum Besonderen
fortgehenden Beweis betrifft, so ist in der Kritik hinreichend dargethan
worden: daß, da dem Begriffe von einem Wesen, welches über die Natur 30
hinaus zu suchen ist, keine uns mögliche Anschauung correspondirt, dessen
Begriff also selbst, sofern er durch synthetische Prädicate theoretisch
bestimmt werden soll, für uns jederzeit problematisch bleibt,
schlechterdings kein Erkenntniß desselben (wodurch der Umfang unseres
theoretischen Wissens im mindesten erweitert würde) Statt finde, und unter
die allgemeinen 35 Principien der Natur der Dinge der besondere Begriff
eines übersinnlichen Wesens gar nicht subsumirt werden könne, um von
jenen auf dieses zu schließen; weil jene Principien lediglich für die Natur
als Gegenstand der Sinne gelten.
2) Man kann sich zwar von zwei ungleichartigen Dingen eben in dem
Punkte ihrer Ungleichartigkeit eines derselben doch nach einer
allgemein und nothwendig gilt), so darf er wohl auf eine in reiner
praktischer Absicht hinreichende, d. i. moralische, Überzeugung Anspruch
machen. Ein Beweis aber w i r k t a u f Ü b e r z e u g u n g, ohne noch zu
überzeugen, wenn 10 er bloß auf dem Wege dahin geführt wird, d. i. nur
objective Gründe dazu in sich enthält, die, ob sie gleich noch nicht zur
Gewißheit hinreichend, dennoch von der Art sind, daß sie nicht bloß als
subjective Gründe des Urtheils zur Überredung dienen.
Alle theoretische Beweisgründe reichen nun entweder zu: 1) zum Beweise
15 durch logisch-strenge Ve r n u n f t s c h l ü s s e; oder, wo dieses nicht ist,
2) zum S c h l u s s e nach der A n a l o g i e; oder, findet auch dieses etwa
nicht Statt, doch noch 3) zur w a h r s c h e i n l i c h e n M e i n u n g; oder
endlich, was das Mindeste ist, 4) zur Annehmung eines bloß möglichen
Erklärungsgrundes, als H y p o t h e s e. — Nun sage ich: daß alle
Beweisgründe 20 überhaupt, die auf theoretische Überzeugung wirken,
kein Fürwahrhalten dieser Art von dem höchsten bis zum niedrigsten Grade
desselben bewirken können, wenn der Satz von der Existenz eines
Urwesens, als eines Gottes in der dem ganzen Inhalte dieses Begriffs
angemessenen Bedeutung, nämlich als eines m o r a l i s c h e n
Welturhebers, mithin so, daß durch ihn 25 zugleich der Endzweck der
Schöpfung angegeben wird, bewiesen werden 448 soll.
1) Was den l o g i s c h - g e r e c h t e n, vom Allgemeinen zum Besonderen
fortgehenden Beweis betrifft, so ist in der Kritik hinreichend dargethan
worden: daß, da dem Begriffe von einem Wesen, welches über die Natur 30
hinaus zu suchen ist, keine uns mögliche Anschauung correspondirt, dessen
Begriff also selbst, sofern er durch synthetische Prädicate theoretisch
bestimmt werden soll, für uns jederzeit problematisch bleibt,
schlechterdings kein Erkenntniß desselben (wodurch der Umfang unseres
theoretischen Wissens im mindesten erweitert würde) Statt finde, und unter
die allgemeinen 35 Principien der Natur der Dinge der besondere Begriff
eines übersinnlichen Wesens gar nicht subsumirt werden könne, um von
jenen auf dieses zu schließen; weil jene Principien lediglich für die Natur
als Gegenstand der Sinne gelten.
2) Man kann sich zwar von zwei ungleichartigen Dingen eben in dem
Punkte ihrer Ungleichartigkeit eines derselben doch nach einer
Page 358
A n a l o g i e[36] mit dem andern d e n k e n; aber aus dem, worin sie
ungleichartig sind, nicht 5 449 von einem nach der Analogie auf das andere
s c h l i e ß e n, d. i. dieses Merkmal 450 des specifischen Unterschiedes auf
das andere übertragen. So kann ich mir nach der Analogie mit dem Gesetze
der Gleichheit der Wirkung und Gegenwirkung in der wechselseitigen
Anziehung und Abstoßung der Körper unter einander auch die
Gemeinschaft der Glieder eines gemeinen Wesens nach Regeln des Rechts
denken; aber jene specifischen Bestimmungen (die materielle Anziehung
oder Abstoßung) nicht auf diese übertragen und sie den Bürgern beilegen,
um ein System, welches Staat heißt, auszumachen. — Eben so dürfen wir
wohl die Causalität des Urwesens in 5 Ansehung der Dinge der Welt, als
Naturzwecke, nach der Analogie eines Verstandes, als Grundes der Formen
gewisser Producte, die wir Kunstwerke nennen, denken (denn dieses
geschieht nur zum Behuf des theoretischen oder praktischen Gebrauchs
unseres Erkenntnißvermögens, den wir von diesem Begriffe in Ansehung
der Naturdinge in der Welt nach einem 10 gewissen Princip zu machen
haben): aber wir können daraus, daß unter 451 Weltwesen der Ursache einer
Wirkung, die als künstlich beurtheilt wird, Verstand beigelegt werden muß,
keinesweges nach einer Analogie schließen, daß auch dem Wesen, welches
von der Natur gänzlich unterschieden ist, in Ansehung der Natur selbst eben
dieselbe Causalität, die wir am Menschen 15 wahrnehmen, zukomme: weil
dieses eben den Punkt der Ungleichartigkeit betrifft, der zwischen einer in
Ansehung ihrer Wirkungen sinnlich-bedingten Ursache und dem
übersinnlichen Urwesen selbst im Begriffe desselben gedacht wird und also
auf diesen nicht übergetragen werden kann. — Eben darin, daß ich mir die
göttliche Causalität nur nach der Analogie mit 20 einem Verstande (welches
Vermögen wir an keinem anderen Wesen als dem sinnlich-bedingten
Menschen kennen) denken soll, liegt das Verbot, ihm diesen nicht in der
eigentlichen Bedeutung beizulegen[37].
3) M e i n e n findet in Urtheilen a priori gar nicht Statt; sondern man
erkennt durch sie entweder etwas als ganz gewiß, oder gar nichts. Wenn 25
aber auch die gegebenen Beweisgründe, von denen wir ausgehen (wie hier
von den Zwecken in der Welt), empirisch sind, so kann man mit diesen
doch 452 über die Sinnenwelt hinaus nichts meinen und solchen gewagten
Urtheilen den mindesten Anspruch auf Wahrscheinlichkeit zugestehen.
Denn Wahrscheinlichkeit ist ein Theil einer in einer gewissen Reihe der
ungleichartig sind, nicht 5 449 von einem nach der Analogie auf das andere
s c h l i e ß e n, d. i. dieses Merkmal 450 des specifischen Unterschiedes auf
das andere übertragen. So kann ich mir nach der Analogie mit dem Gesetze
der Gleichheit der Wirkung und Gegenwirkung in der wechselseitigen
Anziehung und Abstoßung der Körper unter einander auch die
Gemeinschaft der Glieder eines gemeinen Wesens nach Regeln des Rechts
denken; aber jene specifischen Bestimmungen (die materielle Anziehung
oder Abstoßung) nicht auf diese übertragen und sie den Bürgern beilegen,
um ein System, welches Staat heißt, auszumachen. — Eben so dürfen wir
wohl die Causalität des Urwesens in 5 Ansehung der Dinge der Welt, als
Naturzwecke, nach der Analogie eines Verstandes, als Grundes der Formen
gewisser Producte, die wir Kunstwerke nennen, denken (denn dieses
geschieht nur zum Behuf des theoretischen oder praktischen Gebrauchs
unseres Erkenntnißvermögens, den wir von diesem Begriffe in Ansehung
der Naturdinge in der Welt nach einem 10 gewissen Princip zu machen
haben): aber wir können daraus, daß unter 451 Weltwesen der Ursache einer
Wirkung, die als künstlich beurtheilt wird, Verstand beigelegt werden muß,
keinesweges nach einer Analogie schließen, daß auch dem Wesen, welches
von der Natur gänzlich unterschieden ist, in Ansehung der Natur selbst eben
dieselbe Causalität, die wir am Menschen 15 wahrnehmen, zukomme: weil
dieses eben den Punkt der Ungleichartigkeit betrifft, der zwischen einer in
Ansehung ihrer Wirkungen sinnlich-bedingten Ursache und dem
übersinnlichen Urwesen selbst im Begriffe desselben gedacht wird und also
auf diesen nicht übergetragen werden kann. — Eben darin, daß ich mir die
göttliche Causalität nur nach der Analogie mit 20 einem Verstande (welches
Vermögen wir an keinem anderen Wesen als dem sinnlich-bedingten
Menschen kennen) denken soll, liegt das Verbot, ihm diesen nicht in der
eigentlichen Bedeutung beizulegen[37].
3) M e i n e n findet in Urtheilen a priori gar nicht Statt; sondern man
erkennt durch sie entweder etwas als ganz gewiß, oder gar nichts. Wenn 25
aber auch die gegebenen Beweisgründe, von denen wir ausgehen (wie hier
von den Zwecken in der Welt), empirisch sind, so kann man mit diesen
doch 452 über die Sinnenwelt hinaus nichts meinen und solchen gewagten
Urtheilen den mindesten Anspruch auf Wahrscheinlichkeit zugestehen.
Denn Wahrscheinlichkeit ist ein Theil einer in einer gewissen Reihe der
Page 359
Gründe möglichen 30 Gewißheit (die Gründe derselben werden darin mit
dem Zureichenden als Theile mit einem Ganzen verglichen), zu welchen
jener unzureichende Grund muß ergänzt werden können. Weil sie aber als
Bestimmungsgründe der Gewißheit eines und desselben Urtheils gleichartig
sein müssen, indem sie sonst nicht zusammen eine Größe (dergleichen die
Gewißheit ist) ausmachen würden: so kann nicht ein Theil derselben
innerhalb den Gränzen möglicher Erfahrung, ein anderer außerhalb aller
möglichen Erfahrung 5 liegen. Mithin, da bloß-empirische Beweisgründe
auf nichts Übersinnliches führen, der Mangel in der Reihe derselben auch
durch nichts ergänzt werden kann: so findet in dem Versuche, durch sie zum
Übersinnlichen und einer Erkenntniß desselben zu gelangen, nicht die
mindeste Annäherung, folglich in einem Urtheile über das letztere durch
von der Erfahrung 10 hergenommene Argumente auch keine
Wahrscheinlichkeit Statt.
4) Was als H y p o t h e s e zu Erklärung der Möglichkeit einer gegebenen
Erscheinung dienen soll, davon muß wenigstens die Möglichkeit völlig
gewiß sein. Es ist genug, daß ich bei einer Hypothese auf die Erkenntniß
der Wirklichkeit (die in einer für wahrscheinlich ausgegebenen Meinung 15
453 noch behauptet wird) Verzicht thue: mehr kann ich nicht Preis geben;
die Möglichkeit dessen, was ich einer Erklärung zum Grunde lege, muß
wenigstens keinem Zweifel ausgesetzt sein, weil sonst der leeren
Hirngespinste kein Ende sein würde. Die Möglichkeit aber eines nach
gewissen Begriffen bestimmten übersinnlichen Wesens anzunehmen, da
hiezu keine von den 20 erforderlichen Bedingungen einer Erkenntniß nach
dem, was in ihr auf Anschauung beruht, gegeben ist, und also der bloße
Satz des Widerspruchs (der nichts als die Möglichkeit des Denkens und
nicht des gedachten Gegenstandes selbst beweisen kann) als Kriterium
dieser Möglichkeit übrig bleibt, würde eine völlig grundlose Voraussetzung
sein. 25
Das Resultat hievon ist: daß für das Dasein des Urwesens als einer Gottheit,
oder der Seele als eines unsterblichen Geistes schlechterdings kein Beweis
in theoretischer Absicht, um auch nur den mindesten Grad des
Fürwahrhaltens zu wirken, für die menschliche Vernunft möglich sei; und
dieses aus dem ganz begreiflichen Grunde: weil zur Bestimmung der 30
Ideen des Übersinnlichen für uns gar kein Stoff da ist, indem wir diesen
letzteren von Dingen in der Sinnenwelt hernehmen müßten, ein solcher aber
dem Zureichenden als Theile mit einem Ganzen verglichen), zu welchen
jener unzureichende Grund muß ergänzt werden können. Weil sie aber als
Bestimmungsgründe der Gewißheit eines und desselben Urtheils gleichartig
sein müssen, indem sie sonst nicht zusammen eine Größe (dergleichen die
Gewißheit ist) ausmachen würden: so kann nicht ein Theil derselben
innerhalb den Gränzen möglicher Erfahrung, ein anderer außerhalb aller
möglichen Erfahrung 5 liegen. Mithin, da bloß-empirische Beweisgründe
auf nichts Übersinnliches führen, der Mangel in der Reihe derselben auch
durch nichts ergänzt werden kann: so findet in dem Versuche, durch sie zum
Übersinnlichen und einer Erkenntniß desselben zu gelangen, nicht die
mindeste Annäherung, folglich in einem Urtheile über das letztere durch
von der Erfahrung 10 hergenommene Argumente auch keine
Wahrscheinlichkeit Statt.
4) Was als H y p o t h e s e zu Erklärung der Möglichkeit einer gegebenen
Erscheinung dienen soll, davon muß wenigstens die Möglichkeit völlig
gewiß sein. Es ist genug, daß ich bei einer Hypothese auf die Erkenntniß
der Wirklichkeit (die in einer für wahrscheinlich ausgegebenen Meinung 15
453 noch behauptet wird) Verzicht thue: mehr kann ich nicht Preis geben;
die Möglichkeit dessen, was ich einer Erklärung zum Grunde lege, muß
wenigstens keinem Zweifel ausgesetzt sein, weil sonst der leeren
Hirngespinste kein Ende sein würde. Die Möglichkeit aber eines nach
gewissen Begriffen bestimmten übersinnlichen Wesens anzunehmen, da
hiezu keine von den 20 erforderlichen Bedingungen einer Erkenntniß nach
dem, was in ihr auf Anschauung beruht, gegeben ist, und also der bloße
Satz des Widerspruchs (der nichts als die Möglichkeit des Denkens und
nicht des gedachten Gegenstandes selbst beweisen kann) als Kriterium
dieser Möglichkeit übrig bleibt, würde eine völlig grundlose Voraussetzung
sein. 25
Das Resultat hievon ist: daß für das Dasein des Urwesens als einer Gottheit,
oder der Seele als eines unsterblichen Geistes schlechterdings kein Beweis
in theoretischer Absicht, um auch nur den mindesten Grad des
Fürwahrhaltens zu wirken, für die menschliche Vernunft möglich sei; und
dieses aus dem ganz begreiflichen Grunde: weil zur Bestimmung der 30
Ideen des Übersinnlichen für uns gar kein Stoff da ist, indem wir diesen
letzteren von Dingen in der Sinnenwelt hernehmen müßten, ein solcher aber
Page 360
jenem Objecte schlechterdings nicht angemessen ist, also ohne alle
Bestimmung derselben nichts mehr, als der Begriff von einem
nichtsinnlichen Etwas übrig bleibt, welches den letzten Grund der
Sinnenwelt enthalte, 35 454 der noch kein Erkenntniß (als Erweiterung des
Begriffs) von seiner inneren Beschaffenheit ausmacht.
Bestimmung derselben nichts mehr, als der Begriff von einem
nichtsinnlichen Etwas übrig bleibt, welches den letzten Grund der
Sinnenwelt enthalte, 35 454 der noch kein Erkenntniß (als Erweiterung des
Begriffs) von seiner inneren Beschaffenheit ausmacht.
Page 361
§ 91.
Von der Art des Fürwahrhaltens durch einen praktischen Glauben.
Wenn wir bloß auf die Art sehen, wie etwas f ü r u n s (nach der subjectiven
Beschaffenheit unserer Vorstellungskräfte) Object der Erkenntniß 5 (res
cognoscibilis) sein kann: so werden alsdann die Begriffe nicht mit den
Objecten, sondern bloß mit unsern Erkenntnißvermögen und dem
Gebrauche, den diese von der gegebenen Vorstellung (in theoretischer oder
praktischer Absicht) machen können, zusammengehalten; und die Frage, ob
etwas ein erkennbares Wesen sei oder nicht, ist keine Frage, die die 10
Möglichkeit der Dinge selbst, sondern unserer Erkenntniß derselben angeht.
E r k e n n b a r e Dinge sind nun von dreifacher Art: S a c h e n der
Meinung (opinabile), Thatsachen (scibile) und
G l a u b e n s s a c h e n (mere credibile).
1) Gegenstände der bloßen Vernunftideen, die für das theoretische 15
Erkenntniß gar nicht in irgend einer möglichen Erfahrung dargestellt
werden können, sind sofern auch gar nicht e r k e n n b a r e Dinge, mithin
kann man in Ansehung ihrer nicht einmal m e i n e n; wie denn a priori zu
455 meinen schon an sich ungereimt und der gerade Weg zu lauter
Hirngespinsten ist. Entweder unser Satz a priori ist also gewiß, oder er
enthält 20 gar nichts zum Fürwahrhalten. Also sind M e i n u n g s s a c h e n
jederzeit Objecte einer wenigstens an sich möglichen Erfahrungserkenntniß
(Gegenstände der Sinnenwelt), die aber nach dem bloßen Grade dieses
Vermögens, den wir besitzen, f ü r u n s unmöglich ist. So ist der Äther der
neuern Physiker, eine elastische, alle andere Materien durchdringende (mit
25 ihnen innigst vermischte) Flüssigkeit, eine bloße Meinungssache, immer
doch noch von der Art, daß, wenn die äußern Sinne im höchsten Grade
geschärft wären, er wahrgenommen werden könnte; der aber nie in irgend
einer Beobachtung, oder Experimente dargestellt werden kann. Vernünftige
Bewohner anderer Planeten anzunehmen, ist eine Sache der Meinung; denn
30 wenn wir diesen näher kommen könnten, welches an sich möglich ist,
würden wir, ob sie sind, oder nicht sind, durch Erfahrung ausmachen; aber
wir werden ihnen niemals so nahe kommen, und so bleibt es beim Meinen.
Allein Meinen: daß es reine, ohne Körper denkende Geister im materiellen
Von der Art des Fürwahrhaltens durch einen praktischen Glauben.
Wenn wir bloß auf die Art sehen, wie etwas f ü r u n s (nach der subjectiven
Beschaffenheit unserer Vorstellungskräfte) Object der Erkenntniß 5 (res
cognoscibilis) sein kann: so werden alsdann die Begriffe nicht mit den
Objecten, sondern bloß mit unsern Erkenntnißvermögen und dem
Gebrauche, den diese von der gegebenen Vorstellung (in theoretischer oder
praktischer Absicht) machen können, zusammengehalten; und die Frage, ob
etwas ein erkennbares Wesen sei oder nicht, ist keine Frage, die die 10
Möglichkeit der Dinge selbst, sondern unserer Erkenntniß derselben angeht.
E r k e n n b a r e Dinge sind nun von dreifacher Art: S a c h e n der
Meinung (opinabile), Thatsachen (scibile) und
G l a u b e n s s a c h e n (mere credibile).
1) Gegenstände der bloßen Vernunftideen, die für das theoretische 15
Erkenntniß gar nicht in irgend einer möglichen Erfahrung dargestellt
werden können, sind sofern auch gar nicht e r k e n n b a r e Dinge, mithin
kann man in Ansehung ihrer nicht einmal m e i n e n; wie denn a priori zu
455 meinen schon an sich ungereimt und der gerade Weg zu lauter
Hirngespinsten ist. Entweder unser Satz a priori ist also gewiß, oder er
enthält 20 gar nichts zum Fürwahrhalten. Also sind M e i n u n g s s a c h e n
jederzeit Objecte einer wenigstens an sich möglichen Erfahrungserkenntniß
(Gegenstände der Sinnenwelt), die aber nach dem bloßen Grade dieses
Vermögens, den wir besitzen, f ü r u n s unmöglich ist. So ist der Äther der
neuern Physiker, eine elastische, alle andere Materien durchdringende (mit
25 ihnen innigst vermischte) Flüssigkeit, eine bloße Meinungssache, immer
doch noch von der Art, daß, wenn die äußern Sinne im höchsten Grade
geschärft wären, er wahrgenommen werden könnte; der aber nie in irgend
einer Beobachtung, oder Experimente dargestellt werden kann. Vernünftige
Bewohner anderer Planeten anzunehmen, ist eine Sache der Meinung; denn
30 wenn wir diesen näher kommen könnten, welches an sich möglich ist,
würden wir, ob sie sind, oder nicht sind, durch Erfahrung ausmachen; aber
wir werden ihnen niemals so nahe kommen, und so bleibt es beim Meinen.
Allein Meinen: daß es reine, ohne Körper denkende Geister im materiellen
Page 362
Univers gebe (wenn man nämlich gewisse dafür ausgegebene wirkliche
Erscheinungen, 35 wie billig, von der Hand weiset), heißt dichten und ist
gar keine Sache der Meinung, sondern eine bloße Idee, welche übrig bleibt,
wenn man von einem denkenden Wesen alles Materielle wegnimmt und
ihm doch das Denken übrig läßt. Ob aber alsdann das Letztere (welches 456
wir nur am Menschen, d. i. in Verbindung mit einem Körper, kennen) übrig
bleibe, können wir nicht ausmachen. Ein solches Ding ist ein
vernünfteltes 5 W e s e n (ens rationis ratiocinantis), kein
Ve r n u n f t w e s e n (ens rationis ratiocinatae); von welchem letzteren es
doch möglich ist, die objective Realität seines Begriffs wenigstens für den
praktischen Gebrauch der Vernunft hinreichend darzuthun, weil dieser, der
seine eigenthümlichen und apodiktisch gewissen Principien a priori hat, ihn
sogar erheischt 10 (postulirt).
2) Gegenstände für Begriffe, deren objective Realität (es sei durch reine
Vernunft, oder durch Erfahrung und im ersteren Falle aus theoretischen oder
praktischen Datis derselben, in allen Fällen aber vermittelst einer ihnen
correspondirenden Anschauung) bewiesen werden kann, sind 15 (res facti)
T h a t s a c h e n[38]. Dergleichen sind die mathematischen Eigenschaften
der Größen (in der Geometrie), weil sie einer D a r s t e l l u n g a priori für
den theoretischen Vernunftgebrauch fähig sind. Ferner sind 457 Dinge, oder
Beschaffenheiten derselben, die durch Erfahrung (eigene oder fremde
Erfahrung vermittelst der Zeugnisse) dargethan werden können, 20
gleichfalls Thatsachen. — Was aber sehr merkwürdig ist, so findet sich
sogar eine Vernunftidee (die an sich keiner Darstellung in der Anschauung,
mithin auch keines theoretischen Beweises ihrer Möglichkeit fähig ist)
unter den Thatsachen; und das ist die Idee der F r e i h e i t, deren Realität als
einer besondern Art von Causalität (von welcher der Begriff in
theoretischem 25 Betracht überschwenglich sein würde) sich durch
praktische Gesetze der reinen Vernunft und diesen gemäß in wirklichen
Handlungen, mithin in der Erfahrung darthun läßt. — Die einzige unter
allen Ideen der reinen Vernunft, deren Gegenstand Thatsache ist und unter
die scibilia mit gerechnet werden muß. 30
3) Gegenstände, die in Beziehung auf den pflichtmäßigen Gebrauch der
reinen praktischen Vernunft (es sei als Folgen, oder als Gründe) a priori
gedacht werden müssen, aber für den theoretischen Gebrauch derselben
überschwenglich sind, sind bloße G l a u b e n s s a c h e n. Dergleichen ist
Erscheinungen, 35 wie billig, von der Hand weiset), heißt dichten und ist
gar keine Sache der Meinung, sondern eine bloße Idee, welche übrig bleibt,
wenn man von einem denkenden Wesen alles Materielle wegnimmt und
ihm doch das Denken übrig läßt. Ob aber alsdann das Letztere (welches 456
wir nur am Menschen, d. i. in Verbindung mit einem Körper, kennen) übrig
bleibe, können wir nicht ausmachen. Ein solches Ding ist ein
vernünfteltes 5 W e s e n (ens rationis ratiocinantis), kein
Ve r n u n f t w e s e n (ens rationis ratiocinatae); von welchem letzteren es
doch möglich ist, die objective Realität seines Begriffs wenigstens für den
praktischen Gebrauch der Vernunft hinreichend darzuthun, weil dieser, der
seine eigenthümlichen und apodiktisch gewissen Principien a priori hat, ihn
sogar erheischt 10 (postulirt).
2) Gegenstände für Begriffe, deren objective Realität (es sei durch reine
Vernunft, oder durch Erfahrung und im ersteren Falle aus theoretischen oder
praktischen Datis derselben, in allen Fällen aber vermittelst einer ihnen
correspondirenden Anschauung) bewiesen werden kann, sind 15 (res facti)
T h a t s a c h e n[38]. Dergleichen sind die mathematischen Eigenschaften
der Größen (in der Geometrie), weil sie einer D a r s t e l l u n g a priori für
den theoretischen Vernunftgebrauch fähig sind. Ferner sind 457 Dinge, oder
Beschaffenheiten derselben, die durch Erfahrung (eigene oder fremde
Erfahrung vermittelst der Zeugnisse) dargethan werden können, 20
gleichfalls Thatsachen. — Was aber sehr merkwürdig ist, so findet sich
sogar eine Vernunftidee (die an sich keiner Darstellung in der Anschauung,
mithin auch keines theoretischen Beweises ihrer Möglichkeit fähig ist)
unter den Thatsachen; und das ist die Idee der F r e i h e i t, deren Realität als
einer besondern Art von Causalität (von welcher der Begriff in
theoretischem 25 Betracht überschwenglich sein würde) sich durch
praktische Gesetze der reinen Vernunft und diesen gemäß in wirklichen
Handlungen, mithin in der Erfahrung darthun läßt. — Die einzige unter
allen Ideen der reinen Vernunft, deren Gegenstand Thatsache ist und unter
die scibilia mit gerechnet werden muß. 30
3) Gegenstände, die in Beziehung auf den pflichtmäßigen Gebrauch der
reinen praktischen Vernunft (es sei als Folgen, oder als Gründe) a priori
gedacht werden müssen, aber für den theoretischen Gebrauch derselben
überschwenglich sind, sind bloße G l a u b e n s s a c h e n. Dergleichen ist
Page 363
das h ö c h s t e durch Freiheit zu bewirkende G u t in der Welt, dessen
Begriff 5 in keiner für uns möglichen Erfahrung, mithin für den
theoretischen Vernunftgebrauch hinreichend seiner objectiven Realität nach
bewiesen werden kann, dessen Gebrauch aber zur bestmöglichen
Bewirkung jenes Zwecks doch durch praktische reine Vernunft geboten ist
und mithin als 458 möglich angenommen werden muß. Diese gebotene
Wirkung z u s a m m t 10 d e n e i n z i g e n f ü r u n s d e n k b a r e n
B e d i n g u n g e n i h r e r M ö g l i c h k e i t, nämlich dem Dasein Gottes
und der Seelen-Unsterblichkeit, sind G l a u b e n s s a c h e n (res fidei) und
zwar die einzigen unter allen Gegenständen, die so genannt werden
können[39]. Denn ob von uns gleich, was wir nur von der Erfahrung anderer
durch Z e u g n i ß lernen können, geglaubt 15 werden muß, so ist es darum
doch noch nicht an sich Glaubenssache; denn bei jener Zeugen E i n e m
war es doch eigene Erfahrung und Thatsache, oder wird als solche
vorausgesetzt. Zudem muß es möglich sein, durch diesen Weg (des
historischen Glaubens) zum Wissen zu gelangen; und die Objecte der
Geschichte und Geographie, wie alles überhaupt, was 20 zu wissen nach
der Beschaffenheit unserer Erkenntnißvermögen wenigstens möglich ist,
gehören nicht zu Glaubenssachen, sondern zu Thatsachen. Nur Gegenstände
der reinen Vernunft können allenfalls Glaubenssachen 459 sein, aber nicht
als Gegenstände der bloßen reinen speculativen Vernunft; denn da können
sie gar nicht einmal mit Sicherheit zu den Sachen, d. i. 25 Objecten jenes
für uns möglichen Erkenntnisses, gezählt werden. Es sind Ideen, d. i.
Begriffe, denen man die objective Realität theoretisch nicht sichern kann.
Dagegen ist der von uns zu bewirkende höchste Endzweck, das, wodurch
wir allein würdig werden können selbst Endzweck einer Schöpfung zu sein,
eine Idee, die für uns in praktischer Beziehung objective 30 Realität hat,
und Sache; aber darum, weil wir diesem Begriffe in theoretischer Absicht
dieser Realität nicht verschaffen können, bloße Glaubenssache der reinen
Vernunft, mit ihm aber zugleich Gott und Unsterblichkeit, als die
Bedingungen, unter denen allein wir nach der Beschaffenheit unserer (der
menschlichen) Vernunft uns die Möglichkeit jenes Effects des
gesetzmäßigen Gebrauchs unserer Freiheit denken können. Das
Fürwahrhalten 5 aber in Glaubenssachen ist ein Fürwahrhalten in reiner
praktischer Absicht, d. i. ein moralischer Glaube, der nichts für das
theoretische, sondern bloß für das praktische, auf Befolgung seiner
Pflichten gerichtete, reine Vernunfterkenntniß beweiset und die Speculation,
Begriff 5 in keiner für uns möglichen Erfahrung, mithin für den
theoretischen Vernunftgebrauch hinreichend seiner objectiven Realität nach
bewiesen werden kann, dessen Gebrauch aber zur bestmöglichen
Bewirkung jenes Zwecks doch durch praktische reine Vernunft geboten ist
und mithin als 458 möglich angenommen werden muß. Diese gebotene
Wirkung z u s a m m t 10 d e n e i n z i g e n f ü r u n s d e n k b a r e n
B e d i n g u n g e n i h r e r M ö g l i c h k e i t, nämlich dem Dasein Gottes
und der Seelen-Unsterblichkeit, sind G l a u b e n s s a c h e n (res fidei) und
zwar die einzigen unter allen Gegenständen, die so genannt werden
können[39]. Denn ob von uns gleich, was wir nur von der Erfahrung anderer
durch Z e u g n i ß lernen können, geglaubt 15 werden muß, so ist es darum
doch noch nicht an sich Glaubenssache; denn bei jener Zeugen E i n e m
war es doch eigene Erfahrung und Thatsache, oder wird als solche
vorausgesetzt. Zudem muß es möglich sein, durch diesen Weg (des
historischen Glaubens) zum Wissen zu gelangen; und die Objecte der
Geschichte und Geographie, wie alles überhaupt, was 20 zu wissen nach
der Beschaffenheit unserer Erkenntnißvermögen wenigstens möglich ist,
gehören nicht zu Glaubenssachen, sondern zu Thatsachen. Nur Gegenstände
der reinen Vernunft können allenfalls Glaubenssachen 459 sein, aber nicht
als Gegenstände der bloßen reinen speculativen Vernunft; denn da können
sie gar nicht einmal mit Sicherheit zu den Sachen, d. i. 25 Objecten jenes
für uns möglichen Erkenntnisses, gezählt werden. Es sind Ideen, d. i.
Begriffe, denen man die objective Realität theoretisch nicht sichern kann.
Dagegen ist der von uns zu bewirkende höchste Endzweck, das, wodurch
wir allein würdig werden können selbst Endzweck einer Schöpfung zu sein,
eine Idee, die für uns in praktischer Beziehung objective 30 Realität hat,
und Sache; aber darum, weil wir diesem Begriffe in theoretischer Absicht
dieser Realität nicht verschaffen können, bloße Glaubenssache der reinen
Vernunft, mit ihm aber zugleich Gott und Unsterblichkeit, als die
Bedingungen, unter denen allein wir nach der Beschaffenheit unserer (der
menschlichen) Vernunft uns die Möglichkeit jenes Effects des
gesetzmäßigen Gebrauchs unserer Freiheit denken können. Das
Fürwahrhalten 5 aber in Glaubenssachen ist ein Fürwahrhalten in reiner
praktischer Absicht, d. i. ein moralischer Glaube, der nichts für das
theoretische, sondern bloß für das praktische, auf Befolgung seiner
Pflichten gerichtete, reine Vernunfterkenntniß beweiset und die Speculation,
Page 364
oder die praktischen Klugheitsregeln nach dem Princip der Selbstliebe gar
nicht erweitert. 10 Wenn das oberste Princip aller Sittengesetze ein Postulat
ist, so wird zugleich die Möglichkeit ihres höchsten Objects, mithin auch
die Bedingung, 460 unter der wir diese Möglichkeit denken können, dadurch
zugleich mit postulirt. Dadurch wird nun das Erkenntniß der letzteren weder
Wissen noch Meinung von dem Dasein und der Beschaffenheit dieser
Bedingungen, 15 als theoretische Erkenntnißart, sondern bloß Annahme in
praktischer und dazu gebotener Beziehung für den moralischen Gebrauch
unserer Vernunft.
Würden wir auch auf die Zwecke der Natur, die uns die physische
Teleologie in so reichem Maße vorlegt, einen b e s t i m m t e n Begriff von
20 einer verständigen Weltursache scheinbar gründen können, so wäre das
Dasein dieses Wesens doch nicht Glaubenssache. Denn da dieses nicht zum
Behuf der Erfüllung meiner Pflicht, sondern nur zur Erklärung der Natur
angenommen wird, so würde es bloß die unserer Vernunft angemessenste
Meinung und Hypothese sein. Nun führt jene Teleologie keinesweges 25
auf einen bestimmten Begriff von Gott, der hingegen allein in dem von
einem moralischen Welturheber angetroffen wird, weil dieser allein den
Endzweck angiebt, zu welchem wir uns nur sofern zählen können, als wir
dem, was uns das moralische Gesetz als Endzweck auferlegt, mithin uns
verpflichtet, uns gemäß verhalten. Folglich bekommt der Begriff von 30
Gott nur durch die Beziehung auf das Object unserer Pflicht, als Bedingung
der Möglichkeit den Endzweck derselben zu erreichen, den Vorzug in
unserm Fürwahrhalten als Glaubenssache zu gelten; dagegen eben derselbe
461 Begriff doch sein Object nicht als Thatsache geltend machen kann: weil,
obzwar die Nothwendigkeit der Pflicht für die praktische Vernunft 35 wohl
klar ist, doch die Erreichung des Endzwecks derselben, sofern er nicht ganz
in unserer Gewalt ist, nur zum Behuf des praktischen Gebrauchs der
Vernunft angenommen, also nicht so wie die Pflicht selbst praktisch
nothwendig ist[40].
G l a u b e (als habitus, nicht als actus) ist die moralische Denkungsart 462
der Vernunft im Fürwahrhalten desjenigen, was für das theoretische
Erkenntniß unzugänglich ist. Er ist also der beharrliche Grundsatz des 5
Gemüths, das, was zur Möglichkeit des höchsten moralischen Endzwecks
als Bedingung vorauszusetzen nothwendig ist, wegen der Verbindlichkeit zu
demselben als wahr anzunehmen[41]; obzwar die Möglichkeit desselben,
nicht erweitert. 10 Wenn das oberste Princip aller Sittengesetze ein Postulat
ist, so wird zugleich die Möglichkeit ihres höchsten Objects, mithin auch
die Bedingung, 460 unter der wir diese Möglichkeit denken können, dadurch
zugleich mit postulirt. Dadurch wird nun das Erkenntniß der letzteren weder
Wissen noch Meinung von dem Dasein und der Beschaffenheit dieser
Bedingungen, 15 als theoretische Erkenntnißart, sondern bloß Annahme in
praktischer und dazu gebotener Beziehung für den moralischen Gebrauch
unserer Vernunft.
Würden wir auch auf die Zwecke der Natur, die uns die physische
Teleologie in so reichem Maße vorlegt, einen b e s t i m m t e n Begriff von
20 einer verständigen Weltursache scheinbar gründen können, so wäre das
Dasein dieses Wesens doch nicht Glaubenssache. Denn da dieses nicht zum
Behuf der Erfüllung meiner Pflicht, sondern nur zur Erklärung der Natur
angenommen wird, so würde es bloß die unserer Vernunft angemessenste
Meinung und Hypothese sein. Nun führt jene Teleologie keinesweges 25
auf einen bestimmten Begriff von Gott, der hingegen allein in dem von
einem moralischen Welturheber angetroffen wird, weil dieser allein den
Endzweck angiebt, zu welchem wir uns nur sofern zählen können, als wir
dem, was uns das moralische Gesetz als Endzweck auferlegt, mithin uns
verpflichtet, uns gemäß verhalten. Folglich bekommt der Begriff von 30
Gott nur durch die Beziehung auf das Object unserer Pflicht, als Bedingung
der Möglichkeit den Endzweck derselben zu erreichen, den Vorzug in
unserm Fürwahrhalten als Glaubenssache zu gelten; dagegen eben derselbe
461 Begriff doch sein Object nicht als Thatsache geltend machen kann: weil,
obzwar die Nothwendigkeit der Pflicht für die praktische Vernunft 35 wohl
klar ist, doch die Erreichung des Endzwecks derselben, sofern er nicht ganz
in unserer Gewalt ist, nur zum Behuf des praktischen Gebrauchs der
Vernunft angenommen, also nicht so wie die Pflicht selbst praktisch
nothwendig ist[40].
G l a u b e (als habitus, nicht als actus) ist die moralische Denkungsart 462
der Vernunft im Fürwahrhalten desjenigen, was für das theoretische
Erkenntniß unzugänglich ist. Er ist also der beharrliche Grundsatz des 5
Gemüths, das, was zur Möglichkeit des höchsten moralischen Endzwecks
als Bedingung vorauszusetzen nothwendig ist, wegen der Verbindlichkeit zu
demselben als wahr anzunehmen[41]; obzwar die Möglichkeit desselben,
Page 365
aber eben so wohl auch die Unmöglichkeit von uns nicht eingesehen 463
werden kann. Der Glaube (schlechthin so genannt) ist ein Vertrauen zu der
Erreichung einer Absicht, deren Beförderung Pflicht, die Möglichkeit der
Ausführung derselben aber für uns nicht e i n z u s e h e n ist (folglich auch
nicht die der einzigen für uns denkbaren Bedingungen). Der Glaube also, 5
der sich auf besondere Gegenstände, die nicht Gegenstände des möglichen
Wissens oder Meinens sind, bezieht (in welchem letztern Falle er,
vornehmlich im historischen, Leichtgläubigkeit und nicht Glaube heißen
müßte), ist ganz moralisch. Er ist ein freies Fürwahrhalten nicht dessen,
wozu dogmatische Beweise für die theoretisch bestimmende Urtheilskraft
10 anzutreffen sind, noch wozu wir uns verbunden halten, sondern dessen,
was wir zum Behuf einer Absicht nach Gesetzen der Freiheit annehmen;
aber doch nicht wie etwa eine Meinung ohne hinreichenden Grund, sondern
als in der Vernunft (obwohl nur in Ansehung ihres praktischen Gebrauchs),
464 f ü r d i e A b s i c h t d e r s e l b e n h i n r e i c h e n d, gegründet:
denn ohne ihn 15 hat die moralische Denkungsart bei dem Verstoß gegen
die Aufforderung der theoretischen Vernunft zum Beweise (der Möglichkeit
des Objects der Moralität) keine feste Beharrlichkeit, sondern schwankt
zwischen praktischen Geboten und theoretischen Zweifeln.
U n g l ä u b i s c h sein, heißt der Maxime nachhängen, Zeugnissen
überhaupt nicht zu glauben; u n g l ä u b i g 20 aber ist der, welcher jenen
Vernunftideen, weil es ihnen an t h e o r e t i s c h e r Begründung ihrer
Realität fehlt, darum alle Gültigkeit abspricht. Er urtheilt also dogmatisch.
Ein dogmatischer U n g l a u b e kann aber mit einer in der Denkungsart
herrschenden sittlichen Maxime nicht zusammen bestehen (denn einem
Zwecke, der für nichts als Hirngespinst erkannt wird, 25 nachzugehen,
kann die Vernunft nicht gebieten); wohl aber ein Z w e i f e l g l a u b e, dem
der Mangel der Überzeugung durch Gründe der speculativen Vernunft nur
Hinderniß ist, welchem eine kritische Einsicht in die Schranken der letztern
den Einfluß auf das Verhalten benehmen und ihm ein überwiegendes
praktisches Fürwahrhalten zum Ersatz hinstellen kann.
Wenn man an die Stelle gewisser verfehlten Versuche in der Philosophie ein
anderes Princip aufführen und ihm Einfluß verschaffen will, so gereicht es
werden kann. Der Glaube (schlechthin so genannt) ist ein Vertrauen zu der
Erreichung einer Absicht, deren Beförderung Pflicht, die Möglichkeit der
Ausführung derselben aber für uns nicht e i n z u s e h e n ist (folglich auch
nicht die der einzigen für uns denkbaren Bedingungen). Der Glaube also, 5
der sich auf besondere Gegenstände, die nicht Gegenstände des möglichen
Wissens oder Meinens sind, bezieht (in welchem letztern Falle er,
vornehmlich im historischen, Leichtgläubigkeit und nicht Glaube heißen
müßte), ist ganz moralisch. Er ist ein freies Fürwahrhalten nicht dessen,
wozu dogmatische Beweise für die theoretisch bestimmende Urtheilskraft
10 anzutreffen sind, noch wozu wir uns verbunden halten, sondern dessen,
was wir zum Behuf einer Absicht nach Gesetzen der Freiheit annehmen;
aber doch nicht wie etwa eine Meinung ohne hinreichenden Grund, sondern
als in der Vernunft (obwohl nur in Ansehung ihres praktischen Gebrauchs),
464 f ü r d i e A b s i c h t d e r s e l b e n h i n r e i c h e n d, gegründet:
denn ohne ihn 15 hat die moralische Denkungsart bei dem Verstoß gegen
die Aufforderung der theoretischen Vernunft zum Beweise (der Möglichkeit
des Objects der Moralität) keine feste Beharrlichkeit, sondern schwankt
zwischen praktischen Geboten und theoretischen Zweifeln.
U n g l ä u b i s c h sein, heißt der Maxime nachhängen, Zeugnissen
überhaupt nicht zu glauben; u n g l ä u b i g 20 aber ist der, welcher jenen
Vernunftideen, weil es ihnen an t h e o r e t i s c h e r Begründung ihrer
Realität fehlt, darum alle Gültigkeit abspricht. Er urtheilt also dogmatisch.
Ein dogmatischer U n g l a u b e kann aber mit einer in der Denkungsart
herrschenden sittlichen Maxime nicht zusammen bestehen (denn einem
Zwecke, der für nichts als Hirngespinst erkannt wird, 25 nachzugehen,
kann die Vernunft nicht gebieten); wohl aber ein Z w e i f e l g l a u b e, dem
der Mangel der Überzeugung durch Gründe der speculativen Vernunft nur
Hinderniß ist, welchem eine kritische Einsicht in die Schranken der letztern
den Einfluß auf das Verhalten benehmen und ihm ein überwiegendes
praktisches Fürwahrhalten zum Ersatz hinstellen kann.
Wenn man an die Stelle gewisser verfehlten Versuche in der Philosophie ein
anderes Princip aufführen und ihm Einfluß verschaffen will, so gereicht es
Page 366
zu großer Befriedigung, einzusehen, wie jene und warum 5 465 sie fehl
schlagen mußten.
G o t t, F r e i h e i t und S e e l e n u n s t e r b l i c h k e i t sind diejenigen
Aufgaben, zu deren Auflösung alle Zurüstungen der Metaphysik, als ihrem
letzten und alleinigen Zwecke, abzielen. Nun glaubte man, daß die Lehre
von der Freiheit nur als negative Bedingung für die praktische Philosophie
10 nöthig sei, die Lehre von Gott und der Seelenbeschaffenheit hingegen,
zur theoretischen gehörig, für sich und abgesondert dargethan werden
müsse, um beide nachher mit dem, was das moralische Gesetz (das nur
unter der Bedingung der Freiheit möglich ist) gebietet, zu verknüpfen und
so eine Religion zu Stande zu bringen. Man kann aber bald einsehen, 15
daß diese Versuche fehl schlagen mußten. Denn aus bloßen ontologischen
Begriffen von Dingen überhaupt, oder der Existenz eines nothwendigen
Wesens läßt sich schlechterdings kein durch Prädicate, die sich in der
Erfahrung geben lassen und also zum Erkenntnisse dienen könnten,
bestimmter Begriff von einem Urwesen machen; der aber, welcher auf
Erfahrung 20 von der physischen Zweckmäßigkeit der Natur gegründet
wurde, konnte wiederum keinen für die Moral, mithin zur Erkenntniß eines
Gottes hinreichenden Beweis abgeben. Eben so wenig konnte auch die
Seelenkenntniß durch Erfahrung (die wir nur in diesem Leben anstellen)
einen Begriff von der geistigen, unsterblichen Natur derselben, mithin für
die 25 Moral zureichend verschaffen. Theologie und
P n e u m a t o l o g i e, als 466 Aufgaben zum Behuf der Wissenschaften einer
speculativen Vernunft, weil deren Begriff für alle unsere
Erkenntnißvermögen überschwenglich ist, können durch keine empirische
Data und Prädicate zu Stande kommen. — Die Bestimmung beider
Begriffe, Gottes sowohl als der Seele (in Ansehung 30 ihrer
Unsterblichkeit), kann nur durch Prädicate geschehen, die, ob sie gleich
selbst nur aus einem übersinnlichen Grunde möglich sind, dennoch in der
Erfahrung ihre Realität beweisen müssen: denn so allein können sie von
ganz übersinnlichen Wesen ein Erkenntniß möglich machen. —
Dergleichen ist nun der einzige in der menschlichen Vernunft anzutreffende
35 Begriff der Freiheit des Menschen unter moralischen Gesetzen zusammt
dem Endzwecke, den jene durch diese vorschreibt, wovon die erstern dem
Urheber der Natur, der zweite dem Menschen diejenigen Eigenschaften
beizulegen tauglich sind, welche zu der Möglichkeit beider die
schlagen mußten.
G o t t, F r e i h e i t und S e e l e n u n s t e r b l i c h k e i t sind diejenigen
Aufgaben, zu deren Auflösung alle Zurüstungen der Metaphysik, als ihrem
letzten und alleinigen Zwecke, abzielen. Nun glaubte man, daß die Lehre
von der Freiheit nur als negative Bedingung für die praktische Philosophie
10 nöthig sei, die Lehre von Gott und der Seelenbeschaffenheit hingegen,
zur theoretischen gehörig, für sich und abgesondert dargethan werden
müsse, um beide nachher mit dem, was das moralische Gesetz (das nur
unter der Bedingung der Freiheit möglich ist) gebietet, zu verknüpfen und
so eine Religion zu Stande zu bringen. Man kann aber bald einsehen, 15
daß diese Versuche fehl schlagen mußten. Denn aus bloßen ontologischen
Begriffen von Dingen überhaupt, oder der Existenz eines nothwendigen
Wesens läßt sich schlechterdings kein durch Prädicate, die sich in der
Erfahrung geben lassen und also zum Erkenntnisse dienen könnten,
bestimmter Begriff von einem Urwesen machen; der aber, welcher auf
Erfahrung 20 von der physischen Zweckmäßigkeit der Natur gegründet
wurde, konnte wiederum keinen für die Moral, mithin zur Erkenntniß eines
Gottes hinreichenden Beweis abgeben. Eben so wenig konnte auch die
Seelenkenntniß durch Erfahrung (die wir nur in diesem Leben anstellen)
einen Begriff von der geistigen, unsterblichen Natur derselben, mithin für
die 25 Moral zureichend verschaffen. Theologie und
P n e u m a t o l o g i e, als 466 Aufgaben zum Behuf der Wissenschaften einer
speculativen Vernunft, weil deren Begriff für alle unsere
Erkenntnißvermögen überschwenglich ist, können durch keine empirische
Data und Prädicate zu Stande kommen. — Die Bestimmung beider
Begriffe, Gottes sowohl als der Seele (in Ansehung 30 ihrer
Unsterblichkeit), kann nur durch Prädicate geschehen, die, ob sie gleich
selbst nur aus einem übersinnlichen Grunde möglich sind, dennoch in der
Erfahrung ihre Realität beweisen müssen: denn so allein können sie von
ganz übersinnlichen Wesen ein Erkenntniß möglich machen. —
Dergleichen ist nun der einzige in der menschlichen Vernunft anzutreffende
35 Begriff der Freiheit des Menschen unter moralischen Gesetzen zusammt
dem Endzwecke, den jene durch diese vorschreibt, wovon die erstern dem
Urheber der Natur, der zweite dem Menschen diejenigen Eigenschaften
beizulegen tauglich sind, welche zu der Möglichkeit beider die
Page 367
nothwendige Bedingung enthalten: so daß eben aus dieser Idee auf die
Existenz und 5 die Beschaffenheit jener sonst gänzlich für uns verborgenen
Wesen geschlossen werden kann.
Also liegt der Grund der auf dem bloß theoretischen Wege verfehlten
Absicht, Gott und Unsterblichkeit zu beweisen, darin: daß von dem
Übersinnlichen auf diesem Wege (der Naturbegriffe) gar kein Erkenntniß
möglich 10 ist. Daß es dagegen auf dem moralischen (des Freiheitsbegriffs)
gelingt, 467 hat diesen Grund: daß hier das Übersinnliche, welches dabei
zum Grunde liegt (die Freiheit), durch ein bestimmtes Gesetz der
Causalität, welches aus ihm entspringt, nicht allein Stoff zum Erkenntniß
des andern Übersinnlichen (des moralischen Endzwecks und der
Bedingungen seiner 15 Ausführbarkeit) verschafft, sondern auch als
Thatsache seine Realität in Handlungen darthut, aber eben darum auch
keinen andern, als nur in praktischer Absicht (welche auch die einzige ist,
deren die Religion bedarf) gültigen Beweisgrund abgeben kann.
Es bleibt hiebei immer sehr merkwürdig: daß unter den drei reinen 20
Vernunftideen, G o t t, F r e i h e i t und U n s t e r b l i c h k e i t, die der
Freiheit der einzige Begriff des Übersinnlichen ist, welcher seine objective
Realität (vermittelst der Causalität, die in ihm gedacht wird) an der Natur
durch ihre in derselben mögliche Wirkung beweiset und eben dadurch die
Verknüpfung der beiden andern mit der Natur, aller drei aber unter einander
25 zu einer Religion möglich macht; und daß wir also in uns ein Princip
haben, welches die Idee des Übersinnlichen in uns, dadurch aber auch die
desselben außer uns zu einer, obgleich nur in praktischer Absicht
möglichen, Erkenntniß zu bestimmen vermögend ist, woran die bloß
speculative Philosophie (die auch von der Freiheit einen bloß negativen
Begriff geben 30 konnte) verzweifeln mußte: mithin der Freiheitsbegriff
(als Grundbegriff 468 aller unbedingt-praktischen Gesetze) die Vernunft über
diejenigen Gränzen erweitern kann, innerhalb deren jeder Naturbegriff
(theoretischer) ohne Hoffnung eingeschränkt bleiben müßte.
Existenz und 5 die Beschaffenheit jener sonst gänzlich für uns verborgenen
Wesen geschlossen werden kann.
Also liegt der Grund der auf dem bloß theoretischen Wege verfehlten
Absicht, Gott und Unsterblichkeit zu beweisen, darin: daß von dem
Übersinnlichen auf diesem Wege (der Naturbegriffe) gar kein Erkenntniß
möglich 10 ist. Daß es dagegen auf dem moralischen (des Freiheitsbegriffs)
gelingt, 467 hat diesen Grund: daß hier das Übersinnliche, welches dabei
zum Grunde liegt (die Freiheit), durch ein bestimmtes Gesetz der
Causalität, welches aus ihm entspringt, nicht allein Stoff zum Erkenntniß
des andern Übersinnlichen (des moralischen Endzwecks und der
Bedingungen seiner 15 Ausführbarkeit) verschafft, sondern auch als
Thatsache seine Realität in Handlungen darthut, aber eben darum auch
keinen andern, als nur in praktischer Absicht (welche auch die einzige ist,
deren die Religion bedarf) gültigen Beweisgrund abgeben kann.
Es bleibt hiebei immer sehr merkwürdig: daß unter den drei reinen 20
Vernunftideen, G o t t, F r e i h e i t und U n s t e r b l i c h k e i t, die der
Freiheit der einzige Begriff des Übersinnlichen ist, welcher seine objective
Realität (vermittelst der Causalität, die in ihm gedacht wird) an der Natur
durch ihre in derselben mögliche Wirkung beweiset und eben dadurch die
Verknüpfung der beiden andern mit der Natur, aller drei aber unter einander
25 zu einer Religion möglich macht; und daß wir also in uns ein Princip
haben, welches die Idee des Übersinnlichen in uns, dadurch aber auch die
desselben außer uns zu einer, obgleich nur in praktischer Absicht
möglichen, Erkenntniß zu bestimmen vermögend ist, woran die bloß
speculative Philosophie (die auch von der Freiheit einen bloß negativen
Begriff geben 30 konnte) verzweifeln mußte: mithin der Freiheitsbegriff
(als Grundbegriff 468 aller unbedingt-praktischen Gesetze) die Vernunft über
diejenigen Gränzen erweitern kann, innerhalb deren jeder Naturbegriff
(theoretischer) ohne Hoffnung eingeschränkt bleiben müßte.
Page 368
Allgemeine Anmerkung zur Teleologie.
Wenn die Frage ist: welchen Rang das moralische Argument, welches das
Dasein Gottes nur als Glaubenssache für die praktische reine Vernunft
beweiset, unter den übrigen in der Philosophie behaupte: so läßt sich der
ganze Besitz dieser letzteren leicht überschlagen, wo es sich dann 5
ausweiset, daß hier nicht zu wählen sei, sondern ihr theoretisches Vermögen
vor einer unparteiischen Kritik alle seine Ansprüche von selbst aufgeben
müsse.
Auf Thatsache muß sie alles Fürwahrhalten zuvörderst gründen, wenn es
nicht völlig grundlos sein soll; und es kann also nur der einzige Unterschied
10 im Beweisen Statt finden, ob auf diese Thatsache ein Fürwahrhalten der
daraus gezogenen Folgerung als W i s s e n für das theoretische, oder bloß
als G l a u b e n für das praktische Erkenntniß könne gegründet werden. Alle
Thatsachen gehören entweder zum N a t u r b e g r i f f, der seine Realität an
den vor allen Naturbegriffen gegebenen (oder zu geben möglichen) 15
Gegenständen der Sinne beweiset; oder zum F r e i h e i t s b e g r i f f e, der
seine Realität durch die Causalität der Vernunft in Ansehung gewisser durch
sie möglichen Wirkungen in der Sinnenwelt, die sie im moralischen Gesetze
unwiderleglich postulirt, hinreichend darthut. Der Naturbegriff (bloß zur
theoretischen Erkenntniß gehörige) ist nun entweder metaphysisch 20 und
völlig a priori; oder physisch, d. i. a posteriori und nothwendig 469 nur
durch bestimmte Erfahrung denkbar. Der metaphysische Naturbegriff (der
keine bestimmte Erfahrung voraussetzt) ist also ontologisch.
D e r o n t o l o g i s c h e B e w e i s vom Dasein Gottes aus dem Begriffe
eines Urwesens ist nun entweder der, welcher aus ontologischen Prädicaten,
25 wodurch es allein durchgängig bestimmt gedacht werden kann, auf das
absolut-nothwendige Dasein, oder aus der absoluten Nothwendigkeit des
Daseins irgend eines Dinges, welches es auch sei, auf die Prädicate des
Urwesens schließt: denn zum Begriffe eines Urwesens gehört, damit es
nicht abgeleitet sei, die unbedingte Nothwendigkeit seines Daseins und 30
(um diese sich vorzustellen) die durchgängige Bestimmung durch den
Begriff desselben. Beide Erfordernisse glaubte man nun im Begriffe der
Wenn die Frage ist: welchen Rang das moralische Argument, welches das
Dasein Gottes nur als Glaubenssache für die praktische reine Vernunft
beweiset, unter den übrigen in der Philosophie behaupte: so läßt sich der
ganze Besitz dieser letzteren leicht überschlagen, wo es sich dann 5
ausweiset, daß hier nicht zu wählen sei, sondern ihr theoretisches Vermögen
vor einer unparteiischen Kritik alle seine Ansprüche von selbst aufgeben
müsse.
Auf Thatsache muß sie alles Fürwahrhalten zuvörderst gründen, wenn es
nicht völlig grundlos sein soll; und es kann also nur der einzige Unterschied
10 im Beweisen Statt finden, ob auf diese Thatsache ein Fürwahrhalten der
daraus gezogenen Folgerung als W i s s e n für das theoretische, oder bloß
als G l a u b e n für das praktische Erkenntniß könne gegründet werden. Alle
Thatsachen gehören entweder zum N a t u r b e g r i f f, der seine Realität an
den vor allen Naturbegriffen gegebenen (oder zu geben möglichen) 15
Gegenständen der Sinne beweiset; oder zum F r e i h e i t s b e g r i f f e, der
seine Realität durch die Causalität der Vernunft in Ansehung gewisser durch
sie möglichen Wirkungen in der Sinnenwelt, die sie im moralischen Gesetze
unwiderleglich postulirt, hinreichend darthut. Der Naturbegriff (bloß zur
theoretischen Erkenntniß gehörige) ist nun entweder metaphysisch 20 und
völlig a priori; oder physisch, d. i. a posteriori und nothwendig 469 nur
durch bestimmte Erfahrung denkbar. Der metaphysische Naturbegriff (der
keine bestimmte Erfahrung voraussetzt) ist also ontologisch.
D e r o n t o l o g i s c h e B e w e i s vom Dasein Gottes aus dem Begriffe
eines Urwesens ist nun entweder der, welcher aus ontologischen Prädicaten,
25 wodurch es allein durchgängig bestimmt gedacht werden kann, auf das
absolut-nothwendige Dasein, oder aus der absoluten Nothwendigkeit des
Daseins irgend eines Dinges, welches es auch sei, auf die Prädicate des
Urwesens schließt: denn zum Begriffe eines Urwesens gehört, damit es
nicht abgeleitet sei, die unbedingte Nothwendigkeit seines Daseins und 30
(um diese sich vorzustellen) die durchgängige Bestimmung durch den
Begriff desselben. Beide Erfordernisse glaubte man nun im Begriffe der
Page 369
ontologischen Idee eines a l l e r r e a l s t e n W e s e n s zu finden: und so
entsprangen zwei metaphysische Beweise.
Der einen bloß metaphysischen Naturbegriff zum Grunde legende 35
(eigentlich-ontologisch genannte) Beweis schloß aus dem Begriffe des
allerrealsten Wesens auf seine schlechthin nothwendige Existenz; denn
(heißt es) wenn es nicht existirte, so würde ihm eine Realität, nämlich die
Existenz, mangeln. — Der andere (den man auch den metaphysisch-
k o s m o l o g i s c h e n Beweis nennt) schloß aus der Nothwendigkeit der
Existenz irgend eines Dinges (dergleichen, da mir im Selbstbewußtsein ein
Dasein 5 gegeben ist, durchaus eingeräumt werden muß) auf die
durchgängige Bestimmung desselben als allerrealsten Wesens: weil alles
Existirende durchgängig bestimmt, das schlechterdings Nothwendige aber
(nämlich was wir als ein solches, mithin a priori erkennen sollen) d u r c h
s e i n e n B e g r i f f durchgängig bestimmt sein müsse; welches sich aber
nur im Begriffe eines 10 allerrealsten Dinges antreffen lasse. Es ist hier
nicht nöthig, die Sophisterei in beiden Schlüssen aufzudecken, welches
schon anderwärts geschehen 470 ist; sondern nur zu bemerken, daß solche
Beweise, wenn sie sich auch durch allerlei dialektische Subtilität verfechten
ließen, doch niemals über die Schule hinaus in das gemeine Wesen
hinüberkommen und auf den bloßen 15 gesunden Verstand den mindesten
Einfluß haben könnten.
Der Beweis, welcher einen Naturbegriff, der nur empirisch sein kann,
dennoch aber über die Gränzen der Natur als Inbegriffs der Gegenstände
der Sinne hinausführen soll, zum Grunde legt, kann kein anderer, als der
von den Z w e c k e n der Natur sein: deren Begriff sich zwar nicht a priori,
20 sondern nur durch die Erfahrung geben läßt, aber doch einen solchen
Begriff von dem Urgrunde der Natur verheißt, welcher unter allen, die wir
denken können, allein sich zum Übersinnlichen schickt, nämlich den von
einem höchsten Verstande als Weltursache; welches er auch in der That
nach Principien der reflectirenden Urtheilskraft, d. i. nach der
Beschaffenheit 25 unseres (menschlichen) Erkenntnißvermögens,
vollkommen ausrichtet. — Ob er nun aber aus denselben Datis diesen
Begriff eines o b e r s t e n, d. i. unabhängigen, verständigen Wesens auch als
eines Gottes, d. i. Urhebers einer Welt unter moralischen Gesetzen, mithin
hinreichend bestimmt für die Idee von einem Endzwecke des Daseins der
Welt zu liefern im Stande 30 sei, das ist eine Frage, worauf alles ankommt;
entsprangen zwei metaphysische Beweise.
Der einen bloß metaphysischen Naturbegriff zum Grunde legende 35
(eigentlich-ontologisch genannte) Beweis schloß aus dem Begriffe des
allerrealsten Wesens auf seine schlechthin nothwendige Existenz; denn
(heißt es) wenn es nicht existirte, so würde ihm eine Realität, nämlich die
Existenz, mangeln. — Der andere (den man auch den metaphysisch-
k o s m o l o g i s c h e n Beweis nennt) schloß aus der Nothwendigkeit der
Existenz irgend eines Dinges (dergleichen, da mir im Selbstbewußtsein ein
Dasein 5 gegeben ist, durchaus eingeräumt werden muß) auf die
durchgängige Bestimmung desselben als allerrealsten Wesens: weil alles
Existirende durchgängig bestimmt, das schlechterdings Nothwendige aber
(nämlich was wir als ein solches, mithin a priori erkennen sollen) d u r c h
s e i n e n B e g r i f f durchgängig bestimmt sein müsse; welches sich aber
nur im Begriffe eines 10 allerrealsten Dinges antreffen lasse. Es ist hier
nicht nöthig, die Sophisterei in beiden Schlüssen aufzudecken, welches
schon anderwärts geschehen 470 ist; sondern nur zu bemerken, daß solche
Beweise, wenn sie sich auch durch allerlei dialektische Subtilität verfechten
ließen, doch niemals über die Schule hinaus in das gemeine Wesen
hinüberkommen und auf den bloßen 15 gesunden Verstand den mindesten
Einfluß haben könnten.
Der Beweis, welcher einen Naturbegriff, der nur empirisch sein kann,
dennoch aber über die Gränzen der Natur als Inbegriffs der Gegenstände
der Sinne hinausführen soll, zum Grunde legt, kann kein anderer, als der
von den Z w e c k e n der Natur sein: deren Begriff sich zwar nicht a priori,
20 sondern nur durch die Erfahrung geben läßt, aber doch einen solchen
Begriff von dem Urgrunde der Natur verheißt, welcher unter allen, die wir
denken können, allein sich zum Übersinnlichen schickt, nämlich den von
einem höchsten Verstande als Weltursache; welches er auch in der That
nach Principien der reflectirenden Urtheilskraft, d. i. nach der
Beschaffenheit 25 unseres (menschlichen) Erkenntnißvermögens,
vollkommen ausrichtet. — Ob er nun aber aus denselben Datis diesen
Begriff eines o b e r s t e n, d. i. unabhängigen, verständigen Wesens auch als
eines Gottes, d. i. Urhebers einer Welt unter moralischen Gesetzen, mithin
hinreichend bestimmt für die Idee von einem Endzwecke des Daseins der
Welt zu liefern im Stande 30 sei, das ist eine Frage, worauf alles ankommt;
Page 370
wir mögen nun einen theoretisch hinlänglichen Begriff von dem Urwesen
zum Behuf der gesammten Naturkenntniß, oder einen praktischen für die
Religion verlangen.
Dieses aus der physischen Teleologie genommene Argument ist
verehrungswerth. Es thut gleiche Wirkung zur Überzeugung auf den
gemeinen 35 Verstand, als auf den subtilsten Denker; und ein R e i m a r u s
in seinem 471 noch nicht übertroffenen Werke, worin er diesen Beweisgrund
mit der ihm eigenen Gründlichkeit und Klarheit weitläuftig ausführt, hat
sich dadurch ein unsterbliches Verdienst erworben. — Allein wodurch
gewinnt dieser Beweis so gewaltigen Einfluß auf das Gemüth, vornehmlich
in der Beurtheilung durch kalte Vernunft (denn die Rührung und Erhebung
desselben durch die Wunder der Natur könnte man zur Überredung
rechnen), 5 auf eine ruhige, sich gänzlich dahin gebende Beistimmung? Es
sind nicht die physischen Zwecke, die alle auf einen unergründlichen
Verstand in der Weltursache hindeuten; denn diese sind dazu unzureichend,
weil sie das Bedürfniß der fragenden Vernunft nicht befriedigen. Denn
wozu sind (fragt diese) alle jene künstliche Naturdinge; wozu der Mensch
selbst, bei 10 dem wir als dem letzten für uns denkbaren Zwecke der Natur
stehen bleiben müssen; wozu ist diese gesammte Natur da, und was ist der
Endzweck so großer und mannigfaltiger Kunst? Zum Genießen, oder zum
Anschauen, Betrachten und Bewundern (welches, wenn es dabei bleibt,
auch nichts weiter als Genuß von besonderer Art ist), als dem letzten
Endzweck, 15 warum die Welt und der Mensch selbst da ist, geschaffen zu
sein, kann die Vernunft nicht befriedigen: denn diese setzt einen
persönlichen Werth, den der Mensch sich allein geben kann, als Bedingung,
unter welcher allein er und sein Dasein Endzweck sein kann, voraus. In
Ermangelung desselben (der allein eines bestimmten Begriffs fähig ist) thun
die Zwecke der Natur 20 seiner Nachfrage nicht Genüge, vornehmlich weil
sie keinen b e s t i m m t e n B e g r i f f von dem höchsten Wesen als einem
allgenugsamen (und eben darum einigen, eigentlich so zu nennenden
h ö c h s t e n) Wesen und den Gesetzen, nach denen sein Verstand Ursache
der Welt ist, an die Hand geben können. 25
Daß also der physisch-teleologische Beweis, gleich als ob er zugleich 472
ein theologischer wäre, überzeugt, rührt nicht von der Benützung der Ideen
von Zwecken der Natur als so viel empirischen Beweisgründen eines
h ö c h s t e n Verstandes her; sondern es mischt sich unvermerkt der jedem
zum Behuf der gesammten Naturkenntniß, oder einen praktischen für die
Religion verlangen.
Dieses aus der physischen Teleologie genommene Argument ist
verehrungswerth. Es thut gleiche Wirkung zur Überzeugung auf den
gemeinen 35 Verstand, als auf den subtilsten Denker; und ein R e i m a r u s
in seinem 471 noch nicht übertroffenen Werke, worin er diesen Beweisgrund
mit der ihm eigenen Gründlichkeit und Klarheit weitläuftig ausführt, hat
sich dadurch ein unsterbliches Verdienst erworben. — Allein wodurch
gewinnt dieser Beweis so gewaltigen Einfluß auf das Gemüth, vornehmlich
in der Beurtheilung durch kalte Vernunft (denn die Rührung und Erhebung
desselben durch die Wunder der Natur könnte man zur Überredung
rechnen), 5 auf eine ruhige, sich gänzlich dahin gebende Beistimmung? Es
sind nicht die physischen Zwecke, die alle auf einen unergründlichen
Verstand in der Weltursache hindeuten; denn diese sind dazu unzureichend,
weil sie das Bedürfniß der fragenden Vernunft nicht befriedigen. Denn
wozu sind (fragt diese) alle jene künstliche Naturdinge; wozu der Mensch
selbst, bei 10 dem wir als dem letzten für uns denkbaren Zwecke der Natur
stehen bleiben müssen; wozu ist diese gesammte Natur da, und was ist der
Endzweck so großer und mannigfaltiger Kunst? Zum Genießen, oder zum
Anschauen, Betrachten und Bewundern (welches, wenn es dabei bleibt,
auch nichts weiter als Genuß von besonderer Art ist), als dem letzten
Endzweck, 15 warum die Welt und der Mensch selbst da ist, geschaffen zu
sein, kann die Vernunft nicht befriedigen: denn diese setzt einen
persönlichen Werth, den der Mensch sich allein geben kann, als Bedingung,
unter welcher allein er und sein Dasein Endzweck sein kann, voraus. In
Ermangelung desselben (der allein eines bestimmten Begriffs fähig ist) thun
die Zwecke der Natur 20 seiner Nachfrage nicht Genüge, vornehmlich weil
sie keinen b e s t i m m t e n B e g r i f f von dem höchsten Wesen als einem
allgenugsamen (und eben darum einigen, eigentlich so zu nennenden
h ö c h s t e n) Wesen und den Gesetzen, nach denen sein Verstand Ursache
der Welt ist, an die Hand geben können. 25
Daß also der physisch-teleologische Beweis, gleich als ob er zugleich 472
ein theologischer wäre, überzeugt, rührt nicht von der Benützung der Ideen
von Zwecken der Natur als so viel empirischen Beweisgründen eines
h ö c h s t e n Verstandes her; sondern es mischt sich unvermerkt der jedem
Page 371
Menschen beiwohnende und ihn so innigst bewegende moralische
Beweisgrund 30 in den Schluß mit ein, nach welchem man dem Wesen,
welches sich so unbegreiflich künstlich in den Zwecken der Natur
offenbart, auch einen Endzweck, mithin Weisheit (obzwar ohne dazu durch
die Wahrnehmung der ersteren berechtigt zu sein) beilegt und also jenes
Argument in Ansehung des Mangelhaften, welches ihm noch anhängt,
willkürlich ergänzt. In der 35 That bringt also nur der moralische
Beweisgrund die Überzeugung und auch diese nur in moralischer
Rücksicht, wozu jedermann seine Beistimmung innigst fühlt, hervor; der
physisch-teleologische aber hat nur das Verdienst, das Gemüth in der
Weltbetrachtung auf den Weg der Zwecke, dadurch aber auf einen
v e r s t ä n d i g e n Welturheber zu leiten: da denn die moralische Beziehung
auf Zwecke und die Idee eines eben solchen Gesetzgebers und
Welturhebers, als theologischer Begriff, ob er zwar reine 5 Zugabe ist, sich
dennoch aus jenem Beweisgrunde von selbst zu entwickeln scheint.
Hiebei kann man es in dem gewöhnlichen Vo r t r a g e fernerhin auch
bewenden lassen. Denn dem gemeinen und gesunden Verstande wird es
gemeiniglich schwer, die verschiedenen Principien, die er vermischt, und
10 aus deren einem er wirklich allein und richtig folgert, wenn die
Absonderung viel Nachdenken bedarf, als ungleichartig von einander zu
scheiden. Der moralische Beweisgrund vom Dasein Gottes e r g ä n z t aber
eigentlich auch nicht etwa bloß den physisch-teleologischen zu einem
vollständigen Beweise; sondern er ist ein besonderer Beweis, der den
Mangel der Überzeugung 15 473 aus dem letzteren e r s e t z t: indem dieser
in der That nichts leisten kann, als die Vernunft in der Beurtheilung des
Grundes der Natur und der zufälligen, aber bewunderungswürdigen
Ordnung derselben, welche uns nur durch Erfahrung bekannt wird, auf die
Causalität einer Ursache, die nach Zwecken den Grund derselben enthält,
(die wir nach der Beschaffenheit 20 unserer Erkenntnißvermögen als
verständige Ursache denken müssen) zu lenken und aufmerksam, so aber
des moralischen Beweises empfänglicher zu machen. Denn das, was zu
dem letztern Begriffe erforderlich ist, ist von allem, was Naturbegriffe
enthalten und lehren können, so wesentlich unterschieden, daß es eines
besondern, von den vorigen ganz unabhängigen 25 Beweisgrundes und
Beweises bedarf, um den Begriff vom Urwesen für eine Theologie
hinreichend anzugeben und auf seine Existenz zu schließen. — Der
Beweisgrund 30 in den Schluß mit ein, nach welchem man dem Wesen,
welches sich so unbegreiflich künstlich in den Zwecken der Natur
offenbart, auch einen Endzweck, mithin Weisheit (obzwar ohne dazu durch
die Wahrnehmung der ersteren berechtigt zu sein) beilegt und also jenes
Argument in Ansehung des Mangelhaften, welches ihm noch anhängt,
willkürlich ergänzt. In der 35 That bringt also nur der moralische
Beweisgrund die Überzeugung und auch diese nur in moralischer
Rücksicht, wozu jedermann seine Beistimmung innigst fühlt, hervor; der
physisch-teleologische aber hat nur das Verdienst, das Gemüth in der
Weltbetrachtung auf den Weg der Zwecke, dadurch aber auf einen
v e r s t ä n d i g e n Welturheber zu leiten: da denn die moralische Beziehung
auf Zwecke und die Idee eines eben solchen Gesetzgebers und
Welturhebers, als theologischer Begriff, ob er zwar reine 5 Zugabe ist, sich
dennoch aus jenem Beweisgrunde von selbst zu entwickeln scheint.
Hiebei kann man es in dem gewöhnlichen Vo r t r a g e fernerhin auch
bewenden lassen. Denn dem gemeinen und gesunden Verstande wird es
gemeiniglich schwer, die verschiedenen Principien, die er vermischt, und
10 aus deren einem er wirklich allein und richtig folgert, wenn die
Absonderung viel Nachdenken bedarf, als ungleichartig von einander zu
scheiden. Der moralische Beweisgrund vom Dasein Gottes e r g ä n z t aber
eigentlich auch nicht etwa bloß den physisch-teleologischen zu einem
vollständigen Beweise; sondern er ist ein besonderer Beweis, der den
Mangel der Überzeugung 15 473 aus dem letzteren e r s e t z t: indem dieser
in der That nichts leisten kann, als die Vernunft in der Beurtheilung des
Grundes der Natur und der zufälligen, aber bewunderungswürdigen
Ordnung derselben, welche uns nur durch Erfahrung bekannt wird, auf die
Causalität einer Ursache, die nach Zwecken den Grund derselben enthält,
(die wir nach der Beschaffenheit 20 unserer Erkenntnißvermögen als
verständige Ursache denken müssen) zu lenken und aufmerksam, so aber
des moralischen Beweises empfänglicher zu machen. Denn das, was zu
dem letztern Begriffe erforderlich ist, ist von allem, was Naturbegriffe
enthalten und lehren können, so wesentlich unterschieden, daß es eines
besondern, von den vorigen ganz unabhängigen 25 Beweisgrundes und
Beweises bedarf, um den Begriff vom Urwesen für eine Theologie
hinreichend anzugeben und auf seine Existenz zu schließen. — Der
Page 372
moralische Beweis (der aber freilich nur das Dasein Gottes in praktischer,
doch auch unnachlaßlicher Rücksicht der Vernunft beweiset) würde daher
noch immer in seiner Kraft bleiben, wenn wir in 30 der Welt gar keinen,
oder nur zweideutigen Stoff zur physischen Teleologie anträfen. Es läßt sich
denken, daß sich vernünftige Wesen von einer solchen Natur, welche keine
deutliche Spur von Organisation, sondern nur Wirkungen von einem bloßen
Mechanism der rohen Materie zeigte, umgeben sähen, um derentwillen und
bei der Veränderlichkeit einiger bloß 35 zufällig zweckmäßigen Formen
und Verhältnisse kein Grund zu sein schiene, auf einen verständigen
Urheber zu schließen; wo alsdann auch zu einer physischen Teleologie
keine Veranlassung sein würde: und dennoch würde die Vernunft, die durch
Naturbegriffe hier keine Anleitung bekommt, im Freiheitsbegriffe und in
den sich darauf gründenden sittlichen Ideen einen praktisch-hinreichenden
Grund finden, den Begriff des Urwesens diesen 474 angemessen, d. i. als
einer Gottheit, und die Natur (selbst unser eigenes 5 Dasein) als einen jener
und ihren Gesetzen gemäßen Endzweck zu postuliren und zwar in
Rücksicht auf das unnachlaßliche Gebot der praktischen Vernunft. — Daß
nun aber in der wirklichen Welt für die vernünftigen Wesen in ihr
reichlicher Stoff zur physischen Teleologie ist (welches eben nicht
nothwendig wäre), dient dem moralischen Argument zu erwünschter 10
Bestätigung, soweit Natur etwas den Vernunftideen (den moralischen)
Analoges aufzustellen vermag. Denn der Begriff einer obersten Ursache,
die Verstand hat (welches aber für eine Theologie lange nicht hinreichend
ist), bekommt dadurch die für die reflectirende Urtheilskraft hinreichende
Realität; aber er ist nicht erforderlich, um den moralischen Beweis darauf
15 zu gründen: noch dient dieser, um jenen, der für sich allein gar nicht auf
Moralität hinweiset, durch fortgesetzten Schluß nach einem einzigen
Princip zu e i n e m Beweise zu ergänzen. Zwei so ungleichartige Principien,
als Natur und Freiheit können nur zwei verschiedene Beweisarten abgeben,
da denn der Versuch, denselben aus der ersteren zu führen, für das, was 20
bewiesen werden soll, unzulänglich befunden wird.
Wenn der physisch-teleologische Beweisgrund zu dem gesuchten Beweise
zureichte, so wäre es für die speculative Vernunft sehr befriedigend; denn er
würde Hoffnung geben, eine Theosophie hervorzubringen (so würde man
nämlich die theoretische Erkenntniß der göttlichen Natur und seiner 25
Existenz, welche zur Erklärung der Weltbeschaffenheit und zugleich der
doch auch unnachlaßlicher Rücksicht der Vernunft beweiset) würde daher
noch immer in seiner Kraft bleiben, wenn wir in 30 der Welt gar keinen,
oder nur zweideutigen Stoff zur physischen Teleologie anträfen. Es läßt sich
denken, daß sich vernünftige Wesen von einer solchen Natur, welche keine
deutliche Spur von Organisation, sondern nur Wirkungen von einem bloßen
Mechanism der rohen Materie zeigte, umgeben sähen, um derentwillen und
bei der Veränderlichkeit einiger bloß 35 zufällig zweckmäßigen Formen
und Verhältnisse kein Grund zu sein schiene, auf einen verständigen
Urheber zu schließen; wo alsdann auch zu einer physischen Teleologie
keine Veranlassung sein würde: und dennoch würde die Vernunft, die durch
Naturbegriffe hier keine Anleitung bekommt, im Freiheitsbegriffe und in
den sich darauf gründenden sittlichen Ideen einen praktisch-hinreichenden
Grund finden, den Begriff des Urwesens diesen 474 angemessen, d. i. als
einer Gottheit, und die Natur (selbst unser eigenes 5 Dasein) als einen jener
und ihren Gesetzen gemäßen Endzweck zu postuliren und zwar in
Rücksicht auf das unnachlaßliche Gebot der praktischen Vernunft. — Daß
nun aber in der wirklichen Welt für die vernünftigen Wesen in ihr
reichlicher Stoff zur physischen Teleologie ist (welches eben nicht
nothwendig wäre), dient dem moralischen Argument zu erwünschter 10
Bestätigung, soweit Natur etwas den Vernunftideen (den moralischen)
Analoges aufzustellen vermag. Denn der Begriff einer obersten Ursache,
die Verstand hat (welches aber für eine Theologie lange nicht hinreichend
ist), bekommt dadurch die für die reflectirende Urtheilskraft hinreichende
Realität; aber er ist nicht erforderlich, um den moralischen Beweis darauf
15 zu gründen: noch dient dieser, um jenen, der für sich allein gar nicht auf
Moralität hinweiset, durch fortgesetzten Schluß nach einem einzigen
Princip zu e i n e m Beweise zu ergänzen. Zwei so ungleichartige Principien,
als Natur und Freiheit können nur zwei verschiedene Beweisarten abgeben,
da denn der Versuch, denselben aus der ersteren zu führen, für das, was 20
bewiesen werden soll, unzulänglich befunden wird.
Wenn der physisch-teleologische Beweisgrund zu dem gesuchten Beweise
zureichte, so wäre es für die speculative Vernunft sehr befriedigend; denn er
würde Hoffnung geben, eine Theosophie hervorzubringen (so würde man
nämlich die theoretische Erkenntniß der göttlichen Natur und seiner 25
Existenz, welche zur Erklärung der Weltbeschaffenheit und zugleich der
Page 373
Bestimmung der sittlichen Gesetze zureichte, nennen müssen). Eben so
wenn Psychologie zureichte, um dadurch zur Erkenntniß der
Unsterblichkeit der Seele zu gelangen, so würde sie eine Pneumatologie,
welche der speculativen 475 Vernunft eben so willkommen wäre, möglich
machen. Beide aber, so 30 lieb es auch dem Dünkel der Wißbegierde sein
mag, erfüllen nicht den Wunsch der Vernunft in Absicht auf die Theorie, die
auf Kenntniß der Natur der Dinge gegründet sein müßte. Ob aber nicht die
erstere als Theologie, die zweite als Anthropologie, beide auf das sittliche,
d. i. das Freiheitsprincip gegründet, mithin dem praktischen Gebrauche der
Vernunft 35 angemessen, ihre objective Endabsicht besser erfüllen, ist eine
andere Frage, die wir hier nicht nöthig haben weiter zu verfolgen.
Der physisch-teleologische Beweisgrund reicht aber darum nicht zur
Theologie zu, weil er keinen für diese Absicht hinreichend bestimmten
Begriff von dem Urwesen giebt, noch geben kann, sondern man diesen
gänzlich anderwärts hernehmen, oder seinen Mangel dadurch als durch
einen willkürlichen Zusatz ersetzen muß. Ihr schließt aus der großen 5
Zweckmäßigkeit der Naturformen und ihrer Verhältnisse auf eine
verständige Weltursache; aber auf welchen Grad dieses Verstandes? Ohne
Zweifel könnt Ihr Euch nicht anmaßen: auf den höchst-möglichen Verstand;
denn dazu würde erfordert werden, daß Ihr einsähet, ein größerer Verstand,
als wovon Ihr Beweisthümer in der Welt wahrnehmet, sei nicht denkbar: 10
welches Euch selber Allwissenheit beilegen hieße. Eben so schließt Ihr aus
der Größe der Welt auf eine sehr große Macht des Urhebers; aber Ihr werdet
Euch bescheiden, daß dieses nur comparativ für Eure Fassungskraft
Bedeutung hat, und, da Ihr nicht alles Mögliche erkennt, um es mit der
Weltgröße, so weit Ihr sie kennt, zu vergleichen, Ihr nach einem so kleinen
15 Maßstabe keine Allmacht des Urhebers folgern könnet, u. s. w. Nun
gelangt Ihr dadurch zu keinem bestimmten, für eine Theologie tauglichen
Begriffe eines Urwesens; denn dieser kann nur in dem der Allheit der mit
476 einem Verstande vereinbarten Vollkommenheiten gefunden werden,
wozu Euch bloß e m p i r i s c h e Data gar nicht verhelfen können: ohne
einen solchen 20 bestimmten Begriff aber könnt Ihr auch nicht auf ein
e i n i g e s verständiges Urwesen schließen, sondern (es sei zu welchem
Behuf) ein solches nur annehmen. — Nun kann man es zwar ganz wohl
einräumen, daß Ihr (da die Vernunft nichts Gegründetes dawider zu sagen
hat) willkürlich hinzusetzt: wo so viel Vollkommenheit angetroffen wird,
wenn Psychologie zureichte, um dadurch zur Erkenntniß der
Unsterblichkeit der Seele zu gelangen, so würde sie eine Pneumatologie,
welche der speculativen 475 Vernunft eben so willkommen wäre, möglich
machen. Beide aber, so 30 lieb es auch dem Dünkel der Wißbegierde sein
mag, erfüllen nicht den Wunsch der Vernunft in Absicht auf die Theorie, die
auf Kenntniß der Natur der Dinge gegründet sein müßte. Ob aber nicht die
erstere als Theologie, die zweite als Anthropologie, beide auf das sittliche,
d. i. das Freiheitsprincip gegründet, mithin dem praktischen Gebrauche der
Vernunft 35 angemessen, ihre objective Endabsicht besser erfüllen, ist eine
andere Frage, die wir hier nicht nöthig haben weiter zu verfolgen.
Der physisch-teleologische Beweisgrund reicht aber darum nicht zur
Theologie zu, weil er keinen für diese Absicht hinreichend bestimmten
Begriff von dem Urwesen giebt, noch geben kann, sondern man diesen
gänzlich anderwärts hernehmen, oder seinen Mangel dadurch als durch
einen willkürlichen Zusatz ersetzen muß. Ihr schließt aus der großen 5
Zweckmäßigkeit der Naturformen und ihrer Verhältnisse auf eine
verständige Weltursache; aber auf welchen Grad dieses Verstandes? Ohne
Zweifel könnt Ihr Euch nicht anmaßen: auf den höchst-möglichen Verstand;
denn dazu würde erfordert werden, daß Ihr einsähet, ein größerer Verstand,
als wovon Ihr Beweisthümer in der Welt wahrnehmet, sei nicht denkbar: 10
welches Euch selber Allwissenheit beilegen hieße. Eben so schließt Ihr aus
der Größe der Welt auf eine sehr große Macht des Urhebers; aber Ihr werdet
Euch bescheiden, daß dieses nur comparativ für Eure Fassungskraft
Bedeutung hat, und, da Ihr nicht alles Mögliche erkennt, um es mit der
Weltgröße, so weit Ihr sie kennt, zu vergleichen, Ihr nach einem so kleinen
15 Maßstabe keine Allmacht des Urhebers folgern könnet, u. s. w. Nun
gelangt Ihr dadurch zu keinem bestimmten, für eine Theologie tauglichen
Begriffe eines Urwesens; denn dieser kann nur in dem der Allheit der mit
476 einem Verstande vereinbarten Vollkommenheiten gefunden werden,
wozu Euch bloß e m p i r i s c h e Data gar nicht verhelfen können: ohne
einen solchen 20 bestimmten Begriff aber könnt Ihr auch nicht auf ein
e i n i g e s verständiges Urwesen schließen, sondern (es sei zu welchem
Behuf) ein solches nur annehmen. — Nun kann man es zwar ganz wohl
einräumen, daß Ihr (da die Vernunft nichts Gegründetes dawider zu sagen
hat) willkürlich hinzusetzt: wo so viel Vollkommenheit angetroffen wird,
Page 374
möge 25 man wohl alle Vollkommenheit in einer einzigen Weltursache
vereinigt annehmen; weil die Vernunft mit einem so bestimmten Princip
theoretisch und praktisch besser zurecht kommt. Aber Ihr könnt denn doch
diesen Begriff des Urwesens nicht als von Euch bewiesen anpreisen, da Ihr
ihn nur zum Behuf eines bessern Vernunftgebrauchs angenommen habt.
Alles 30 Jammern also oder ohnmächtiges Zürnen über den vorgeblichen
Frevel, die Bündigkeit Eurer Schlußkette in Zweifel zu ziehen, ist eitle
Großthuerei, die gern haben möchte, daß man den Zweifel, welchen man
gegen Euer Argument frei heraussagt, für Bezweifelung heiliger Wahrheit
halten möchte, um nur hinter dieser Decke die Seichtigkeit desselben
durchschlüpfen 35 zu lassen.
Die moralische Teleologie hingegen, welche nicht minder fest gegründet ist
wie die physische, vielmehr dadurch, daß sie a priori auf von unserer
Vernunft untrennbaren Principien beruht, Vorzug verdient, führt auf das,
was zur Möglichkeit einer Theologie erfordert wird, nämlich auf einen
bestimmten B e g r i f f der obersten Ursache als Weltursache nach
moralischen Gesetzen, mithin einer solchen, die unserm moralischen
Endzwecke 5 Genüge thut: wozu nichts weniger als Allwissenheit,
Allmacht, Allgegenwart u. s. w. als dazu gehörige Natureigenschaften
erforderlich sind, die 477 mit dem moralischen Endzwecke, der unendlich
ist, als verbunden, mithin ihm adäquat gedacht werden müssen, und kann so
den Begriff eines e i n z i g e n Welturhebers, der zu einer Theologie tauglich
ist, ganz allein 10 verschaffen.
Auf solche Weise führt eine Theologie auch unmittelbar zur R e l i g i o n, d.
i. der E r k e n n t n i ß u n s e r e r P f l i c h t e n a l s g ö t t l i c h e r
G e b o t e: weil die Erkenntniß unserer Pflicht und des darin uns durch
Vernunft auferlegten Endzwecks den Begriff von Gott zuerst bestimmt
hervorbringen 15 konnte, der also schon in seinem Ursprunge von der
Verbindlichkeit gegen dieses Wesen unzertrennlich ist; anstatt daß, wenn
der Begriff vom Urwesen auf dem bloß theoretischen Wege (nämlich
desselben als bloßer Ursache der Natur) auch bestimmt gefunden werden
könnte, es nachher noch mit großer Schwierigkeit, vielleicht gar
Unmöglichkeit es ohne 20 willkürliche Einschiebung zu leisten verbunden
sein würde, diesem Wesen eine Causalität nach moralischen Gesetzen durch
gründliche Beweise beizulegen, ohne die doch jener angeblich theologische
Begriff keine Grundlage zur Religion ausmachen kann. Selbst wenn eine
vereinigt annehmen; weil die Vernunft mit einem so bestimmten Princip
theoretisch und praktisch besser zurecht kommt. Aber Ihr könnt denn doch
diesen Begriff des Urwesens nicht als von Euch bewiesen anpreisen, da Ihr
ihn nur zum Behuf eines bessern Vernunftgebrauchs angenommen habt.
Alles 30 Jammern also oder ohnmächtiges Zürnen über den vorgeblichen
Frevel, die Bündigkeit Eurer Schlußkette in Zweifel zu ziehen, ist eitle
Großthuerei, die gern haben möchte, daß man den Zweifel, welchen man
gegen Euer Argument frei heraussagt, für Bezweifelung heiliger Wahrheit
halten möchte, um nur hinter dieser Decke die Seichtigkeit desselben
durchschlüpfen 35 zu lassen.
Die moralische Teleologie hingegen, welche nicht minder fest gegründet ist
wie die physische, vielmehr dadurch, daß sie a priori auf von unserer
Vernunft untrennbaren Principien beruht, Vorzug verdient, führt auf das,
was zur Möglichkeit einer Theologie erfordert wird, nämlich auf einen
bestimmten B e g r i f f der obersten Ursache als Weltursache nach
moralischen Gesetzen, mithin einer solchen, die unserm moralischen
Endzwecke 5 Genüge thut: wozu nichts weniger als Allwissenheit,
Allmacht, Allgegenwart u. s. w. als dazu gehörige Natureigenschaften
erforderlich sind, die 477 mit dem moralischen Endzwecke, der unendlich
ist, als verbunden, mithin ihm adäquat gedacht werden müssen, und kann so
den Begriff eines e i n z i g e n Welturhebers, der zu einer Theologie tauglich
ist, ganz allein 10 verschaffen.
Auf solche Weise führt eine Theologie auch unmittelbar zur R e l i g i o n, d.
i. der E r k e n n t n i ß u n s e r e r P f l i c h t e n a l s g ö t t l i c h e r
G e b o t e: weil die Erkenntniß unserer Pflicht und des darin uns durch
Vernunft auferlegten Endzwecks den Begriff von Gott zuerst bestimmt
hervorbringen 15 konnte, der also schon in seinem Ursprunge von der
Verbindlichkeit gegen dieses Wesen unzertrennlich ist; anstatt daß, wenn
der Begriff vom Urwesen auf dem bloß theoretischen Wege (nämlich
desselben als bloßer Ursache der Natur) auch bestimmt gefunden werden
könnte, es nachher noch mit großer Schwierigkeit, vielleicht gar
Unmöglichkeit es ohne 20 willkürliche Einschiebung zu leisten verbunden
sein würde, diesem Wesen eine Causalität nach moralischen Gesetzen durch
gründliche Beweise beizulegen, ohne die doch jener angeblich theologische
Begriff keine Grundlage zur Religion ausmachen kann. Selbst wenn eine
Page 375
Religion auf diesem theoretischen Wege gegründet werden könnte, würde
sie in Ansehung der 25 Gesinnung (worin doch ihr Wesentliches besteht)
wirklich von derjenigen unterschieden sein, in welcher der Begriff von Gott
und die (praktische) Überzeugung von seinem Dasein aus Grundideen der
Sittlichkeit entspringt. Denn wenn wir Allgewalt, Allwissenheit u. s. w.
eines Welturhebers als anderwärts her uns gegebene Begriffe voraussetzen
müßten, 30 um nachher unsere Begriffe von Pflichten auf unser Verhältniß
zu ihm nur anzuwenden, so müßten diese sehr stark den Anstrich von
Zwang und abgenöthigter Unterwerfung bei sich führen; statt dessen, wenn
die Hochachtung für das sittliche Gesetz uns ganz frei laut Vorschrift
unserer eigenen 478 Vernunft den Endzweck unserer Bestimmung vorstellt,
wir eine damit 35 und zu dessen Ausführung zusammenstimmende Ursache
mit der wahrhaftesten Ehrfurcht, die gänzlich von pathologischer Furcht
unterschieden ist, in unsere moralischen Aussichten mit aufnehmen und uns
derselben willig unterwerfen[42].
Wenn man fragt, warum uns denn etwas daran gelegen sei, überhaupt eine
Theologie zu haben: so leuchtet klar ein, daß sie nicht zur Erweiterung oder
Berichtigung unserer Naturkenntniß und überhaupt irgend 5 einer Theorie,
sondern lediglich zur Religion, d. i. dem praktischen, namentlich dem
moralischen Gebrauche der Vernunft, in subjectiver Absicht nöthig sei.
Findet sich nun, daß das einzige Argument, welches zu einem bestimmten
Begriffe des Gegenstandes der Theologie führt, selbst moralisch ist: so wird
es nicht allein nicht befremden, sondern man wird auch 10 in Ansehung der
Zugänglichkeit des Fürwahrhaltens aus diesem Beweisgrunde zur
Endabsicht desselben nichts vermissen, wenn gestanden wird, daß ein
solches Argument das Dasein Gottes nur für unsere moralische
Bestimmung, d. i. in praktischer Absicht, hinreichend darthue, und die
Speculation in demselben ihre Stärke keinesweges beweise, oder den
Umfang 15 479 ihres Gebiets dadurch erweitere. Auch wird die
Befremdung, oder der vorgebliche Widerspruch einer hier behaupteten
Möglichkeit einer Theologie mit dem, was die Kritik der speculativen
Vernunft von den Kategorieen sagte: daß diese nämlich nur in Anwendung
auf Gegenstände der Sinne, keinesweges aber auf das Übersinnliche
angewandt, Erkenntniß 20 hervorbringen können, verschwinden, wenn man
sie hier zu einem Erkenntniß Gottes, aber nicht in theoretischer (nach dem,
was seine uns unerforschliche Natur an sich sei), sondern lediglich in
sie in Ansehung der 25 Gesinnung (worin doch ihr Wesentliches besteht)
wirklich von derjenigen unterschieden sein, in welcher der Begriff von Gott
und die (praktische) Überzeugung von seinem Dasein aus Grundideen der
Sittlichkeit entspringt. Denn wenn wir Allgewalt, Allwissenheit u. s. w.
eines Welturhebers als anderwärts her uns gegebene Begriffe voraussetzen
müßten, 30 um nachher unsere Begriffe von Pflichten auf unser Verhältniß
zu ihm nur anzuwenden, so müßten diese sehr stark den Anstrich von
Zwang und abgenöthigter Unterwerfung bei sich führen; statt dessen, wenn
die Hochachtung für das sittliche Gesetz uns ganz frei laut Vorschrift
unserer eigenen 478 Vernunft den Endzweck unserer Bestimmung vorstellt,
wir eine damit 35 und zu dessen Ausführung zusammenstimmende Ursache
mit der wahrhaftesten Ehrfurcht, die gänzlich von pathologischer Furcht
unterschieden ist, in unsere moralischen Aussichten mit aufnehmen und uns
derselben willig unterwerfen[42].
Wenn man fragt, warum uns denn etwas daran gelegen sei, überhaupt eine
Theologie zu haben: so leuchtet klar ein, daß sie nicht zur Erweiterung oder
Berichtigung unserer Naturkenntniß und überhaupt irgend 5 einer Theorie,
sondern lediglich zur Religion, d. i. dem praktischen, namentlich dem
moralischen Gebrauche der Vernunft, in subjectiver Absicht nöthig sei.
Findet sich nun, daß das einzige Argument, welches zu einem bestimmten
Begriffe des Gegenstandes der Theologie führt, selbst moralisch ist: so wird
es nicht allein nicht befremden, sondern man wird auch 10 in Ansehung der
Zugänglichkeit des Fürwahrhaltens aus diesem Beweisgrunde zur
Endabsicht desselben nichts vermissen, wenn gestanden wird, daß ein
solches Argument das Dasein Gottes nur für unsere moralische
Bestimmung, d. i. in praktischer Absicht, hinreichend darthue, und die
Speculation in demselben ihre Stärke keinesweges beweise, oder den
Umfang 15 479 ihres Gebiets dadurch erweitere. Auch wird die
Befremdung, oder der vorgebliche Widerspruch einer hier behaupteten
Möglichkeit einer Theologie mit dem, was die Kritik der speculativen
Vernunft von den Kategorieen sagte: daß diese nämlich nur in Anwendung
auf Gegenstände der Sinne, keinesweges aber auf das Übersinnliche
angewandt, Erkenntniß 20 hervorbringen können, verschwinden, wenn man
sie hier zu einem Erkenntniß Gottes, aber nicht in theoretischer (nach dem,
was seine uns unerforschliche Natur an sich sei), sondern lediglich in
Page 376
praktischer Absicht gebraucht sieht. — Um bei dieser Gelegenheit der
Mißdeutung jener sehr nothwendigen, aber auch zum Verdruß des blinden
Dogmatikers die Vernunft in 25 ihre Gränzen zurückweisenden Lehre der
Kritik ein Ende zu machen, füge ich hier nachstehende Erläuterung
derselben bei.
Wenn ich einem Körper b e w e g e n d e K r a f t beilege, mithin ihn durch
die Kategorie der C a u s a l i t ä t denke: so e r k e n n e ich ihn dadurch
zugleich, d. i. ich bestimme den Begriff desselben als Objects überhaupt
durch das, was ihm als Gegenstande der Sinne für sich (als Bedingung der
Möglichkeit jener Relation) zukommt. Denn ist die bewegende Kraft, die
ich ihm beilege, eine abstoßende: so kommt ihm (wenn ich gleich noch 5
nicht einen andern, gegen den er sie ausübt, neben ihm setze) ein Ort im
Raume, ferner eine Ausdehnung, d. i. Raum in ihm selbst, überdem
Erfüllung desselben durch die abstoßenden Kräfte seiner Theile zu, endlich
auch das Gesetz dieser Erfüllung (daß der Grund der Abstoßung der
letzteren in derselben Proportion abnehmen müsse, als die Ausdehnung des
10 Körpers wächst, und der Raum, den er mit denselben Theilen durch
diese Kraft erfüllt, zunimmt). — Dagegen wenn ich mir ein übersinnliches
Wesen als den e r s t e n B e w e g e r, mithin durch die Kategorie der
Causalität in Ansehung derselben Weltbestimmung (der Bewegung der
Materie) denke: 480 so muß ich es nicht in irgend einem Orte im Raume,
eben so wenig als 15 ausgedehnt, ja ich darf es nicht einmal als in der Zeit
und mit andern zugleich existirend denken. Also habe ich gar keine
Bestimmungen, welche mir die Bedingung der Möglichkeit der Bewegung
durch dieses Wesen als Grund verständlich machen könnten. Folglich
erkenne ich dasselbe durch das Prädicat der Ursache (als ersten Beweger)
für sich nicht im mindesten: 20 sondern ich habe nur die Vorstellung von
einem Etwas, welches den Grund der Bewegungen in der Welt enthält; und
die Relation desselben zu diesen, als deren Ursache, da sie mir sonst nichts
zur Beschaffenheit des Dinges, welches Ursache ist, Gehöriges an die Hand
giebt, läßt den Begriff von dieser ganz leer. Der Grund davon ist: weil ich
mit Prädicaten, die nur 25 in der Sinnenwelt ihr Object finden, zwar zu dem
Dasein von Etwas, was den Grund der letzteren enthalten muß, aber nicht
zu der Bestimmung seines Begriffs als übersinnlichen Wesens, welcher alle
jene Prädicate ausstößt, fortschreiten kann. Durch die Kategorie der
Causalität also, wenn ich sie durch den Begriff eines e r s t e n
Mißdeutung jener sehr nothwendigen, aber auch zum Verdruß des blinden
Dogmatikers die Vernunft in 25 ihre Gränzen zurückweisenden Lehre der
Kritik ein Ende zu machen, füge ich hier nachstehende Erläuterung
derselben bei.
Wenn ich einem Körper b e w e g e n d e K r a f t beilege, mithin ihn durch
die Kategorie der C a u s a l i t ä t denke: so e r k e n n e ich ihn dadurch
zugleich, d. i. ich bestimme den Begriff desselben als Objects überhaupt
durch das, was ihm als Gegenstande der Sinne für sich (als Bedingung der
Möglichkeit jener Relation) zukommt. Denn ist die bewegende Kraft, die
ich ihm beilege, eine abstoßende: so kommt ihm (wenn ich gleich noch 5
nicht einen andern, gegen den er sie ausübt, neben ihm setze) ein Ort im
Raume, ferner eine Ausdehnung, d. i. Raum in ihm selbst, überdem
Erfüllung desselben durch die abstoßenden Kräfte seiner Theile zu, endlich
auch das Gesetz dieser Erfüllung (daß der Grund der Abstoßung der
letzteren in derselben Proportion abnehmen müsse, als die Ausdehnung des
10 Körpers wächst, und der Raum, den er mit denselben Theilen durch
diese Kraft erfüllt, zunimmt). — Dagegen wenn ich mir ein übersinnliches
Wesen als den e r s t e n B e w e g e r, mithin durch die Kategorie der
Causalität in Ansehung derselben Weltbestimmung (der Bewegung der
Materie) denke: 480 so muß ich es nicht in irgend einem Orte im Raume,
eben so wenig als 15 ausgedehnt, ja ich darf es nicht einmal als in der Zeit
und mit andern zugleich existirend denken. Also habe ich gar keine
Bestimmungen, welche mir die Bedingung der Möglichkeit der Bewegung
durch dieses Wesen als Grund verständlich machen könnten. Folglich
erkenne ich dasselbe durch das Prädicat der Ursache (als ersten Beweger)
für sich nicht im mindesten: 20 sondern ich habe nur die Vorstellung von
einem Etwas, welches den Grund der Bewegungen in der Welt enthält; und
die Relation desselben zu diesen, als deren Ursache, da sie mir sonst nichts
zur Beschaffenheit des Dinges, welches Ursache ist, Gehöriges an die Hand
giebt, läßt den Begriff von dieser ganz leer. Der Grund davon ist: weil ich
mit Prädicaten, die nur 25 in der Sinnenwelt ihr Object finden, zwar zu dem
Dasein von Etwas, was den Grund der letzteren enthalten muß, aber nicht
zu der Bestimmung seines Begriffs als übersinnlichen Wesens, welcher alle
jene Prädicate ausstößt, fortschreiten kann. Durch die Kategorie der
Causalität also, wenn ich sie durch den Begriff eines e r s t e n
Page 377
B e w e g e r s bestimme, erkenne ich, 30 was Gott sei, nicht im mindesten;
vielleicht aber wird es besser gelingen, wenn ich aus der Weltordnung
Anlaß nehme, seine Causalität, als die eines obersten Ve r s t a n d e s nicht
bloß zu d e n k e n, sondern ihn auch durch diese Bestimmung des
genannten Begriffs zu e r k e n n e n: weil da die lästige Bedingung des
Raumes und der Ausdehnung wegfällt. — Allerdings 35 nöthigt uns die
große Zweckmäßigkeit in der Welt, eine oberste Ursache zu derselben und
deren Causalität als durch einen Verstand zu d e n k e n; aber dadurch sind
wir gar nicht befugt, ihr diesen b e i z u l e g e n (wie z. B. die Ewigkeit
Gottes als Dasein zu aller Zeit zu denken, weil wir uns sonst gar keinen
Begriff vom bloßen Dasein als einer Größe, d. i. als Dauer, machen können;
oder die göttliche Allgegenwart als Dasein 481 in allen Orten zu denken, um
die unmittelbare Gegenwart für Dinge 5 außer einander uns faßlich zu
machen, ohne gleichwohl eine dieser Bestimmungen Gott als etwas an ihm
Erkanntes beilegen zu dürfen). Wenn ich die Causalität des Menschen in
Ansehung gewisser Producte, welche nur durch absichtliche
Zweckmäßigkeit erklärlich sind, dadurch bestimme, daß ich sie als einen
Verstand desselben denke: so brauche ich nicht dabei 10 stehen zu bleiben,
sondern kann ihm dieses Prädicat als wohlbekannte Eigenschaft desselben
beilegen und ihn dadurch erkennen. Denn ich weiß, daß Anschauungen den
Sinnen des Menschen gegeben und durch den Verstand unter einen Begriff
und hiemit unter eine Regel gebracht werden; daß dieser Begriff nur das
gemeinsame Merkmal (mit Weglassung des 15 Besondern) enthalte und
also discursiv sei; daß die Regeln, um gegebene Vorstellungen unter ein
Bewußtsein überhaupt zu bringen, von ihm noch vor jenen Anschauungen
gegeben werden, u. s. w.: ich lege also diese Eigenschaft dem Menschen bei
als eine solche, wodurch ich ihn e r k e n n e. Will ich nun aber ein
übersinnliches Wesen (Gott) als Intelligenz d e n k e n, 20 so ist dieses in
gewisser Rücksicht meines Vernunftgebrauchs nicht allein erlaubt, sondern
auch unvermeidlich; aber ihm Verstand beizulegen und es dadurch als durch
eine Eigenschaft desselben e r k e n n e n zu können, sich schmeicheln, ist
keineswegs erlaubt: weil ich alsdann alle jene Bedingungen, unter denen ich
allein einen Verstand kenne, weglassen muß, mithin 25 das Prädicat, das
nur zur Bestimmung des Menschen dient, auf ein übersinnliches Object gar
nicht bezogen werden kann, und also durch eine so bestimmte Causalität,
was Gott sei, gar nicht erkannt werden kann. Und so geht es mit allen
Kategorien, die gar keine Bedeutung zum Erkenntniß in theoretischer
vielleicht aber wird es besser gelingen, wenn ich aus der Weltordnung
Anlaß nehme, seine Causalität, als die eines obersten Ve r s t a n d e s nicht
bloß zu d e n k e n, sondern ihn auch durch diese Bestimmung des
genannten Begriffs zu e r k e n n e n: weil da die lästige Bedingung des
Raumes und der Ausdehnung wegfällt. — Allerdings 35 nöthigt uns die
große Zweckmäßigkeit in der Welt, eine oberste Ursache zu derselben und
deren Causalität als durch einen Verstand zu d e n k e n; aber dadurch sind
wir gar nicht befugt, ihr diesen b e i z u l e g e n (wie z. B. die Ewigkeit
Gottes als Dasein zu aller Zeit zu denken, weil wir uns sonst gar keinen
Begriff vom bloßen Dasein als einer Größe, d. i. als Dauer, machen können;
oder die göttliche Allgegenwart als Dasein 481 in allen Orten zu denken, um
die unmittelbare Gegenwart für Dinge 5 außer einander uns faßlich zu
machen, ohne gleichwohl eine dieser Bestimmungen Gott als etwas an ihm
Erkanntes beilegen zu dürfen). Wenn ich die Causalität des Menschen in
Ansehung gewisser Producte, welche nur durch absichtliche
Zweckmäßigkeit erklärlich sind, dadurch bestimme, daß ich sie als einen
Verstand desselben denke: so brauche ich nicht dabei 10 stehen zu bleiben,
sondern kann ihm dieses Prädicat als wohlbekannte Eigenschaft desselben
beilegen und ihn dadurch erkennen. Denn ich weiß, daß Anschauungen den
Sinnen des Menschen gegeben und durch den Verstand unter einen Begriff
und hiemit unter eine Regel gebracht werden; daß dieser Begriff nur das
gemeinsame Merkmal (mit Weglassung des 15 Besondern) enthalte und
also discursiv sei; daß die Regeln, um gegebene Vorstellungen unter ein
Bewußtsein überhaupt zu bringen, von ihm noch vor jenen Anschauungen
gegeben werden, u. s. w.: ich lege also diese Eigenschaft dem Menschen bei
als eine solche, wodurch ich ihn e r k e n n e. Will ich nun aber ein
übersinnliches Wesen (Gott) als Intelligenz d e n k e n, 20 so ist dieses in
gewisser Rücksicht meines Vernunftgebrauchs nicht allein erlaubt, sondern
auch unvermeidlich; aber ihm Verstand beizulegen und es dadurch als durch
eine Eigenschaft desselben e r k e n n e n zu können, sich schmeicheln, ist
keineswegs erlaubt: weil ich alsdann alle jene Bedingungen, unter denen ich
allein einen Verstand kenne, weglassen muß, mithin 25 das Prädicat, das
nur zur Bestimmung des Menschen dient, auf ein übersinnliches Object gar
nicht bezogen werden kann, und also durch eine so bestimmte Causalität,
was Gott sei, gar nicht erkannt werden kann. Und so geht es mit allen
Kategorien, die gar keine Bedeutung zum Erkenntniß in theoretischer
Page 378
Rücksicht haben können, wenn sie nicht auf Gegenstände 30 482 möglicher
Erfahrung angewandt werden. — Aber nach der Analogie mit einem
Verstande kann ich, ja muß ich mir wohl in gewisser anderer Rücksicht
selbst ein übersinnliches Wesen denken, ohne es gleichwohl dadurch
theoretisch erkennen zu wollen; wenn nämlich diese Bestimmung seiner
Causalität eine Wirkung in der Welt betrifft, die eine moralisch-
nothwendige, 35 aber für Sinnenwesen unausführbare Absicht enthält: da
alsdann ein Erkenntniß Gottes und seines Daseins (Theologie) durch bloß
nach der Analogie an ihm gedachte Eigenschaften und Bestimmungen
seiner Causalität möglich ist, welches in praktischer Beziehung, aber auch
n u r i n R ü c k s i c h t a u f d i e s e (als moralische) alle erforderliche
Realität hat. — Es ist also wohl eine Ethikotheologie möglich; denn die
Moral kann zwar mit ihrer Regel, aber nicht mit der Endabsicht, welche
eben dieselbe auferlegt, 5 ohne Theologie bestehen, ohne die Vernunft in
Ansehung der letzteren im bloßen zu lassen. Aber eine theologische Ethik
(der reinen Vernunft) ist unmöglich: weil Gesetze, die nicht die Vernunft
ursprünglich selbst giebt, und deren Befolgung sie als reines praktisches
Vermögen auch bewirkt, nicht moralisch sein können. Eben so würde eine
theologische Physik 10 ein Unding sein, weil sie keine Naturgesetze,
sondern Anordnungen eines höchsten Willens vortragen würde; wogegen
eine physische (eigentlich physisch-teleologische) Theologie doch
wenigstens als Propädeutik zur eigentlichen Theologie dienen kann: indem
sie durch die Betrachtung der Naturzwecke, von denen sie reichen Stoff
darbietet, zur Idee eines Endzweckes, 15 den die Natur nicht aufstellen
kann, Anlaß giebt; mithin das Bedürfniß einer Theologie, die den Begriff
von Gott für den höchsten praktischen Gebrauch der Vernunft zureichend
bestimmte, zwar fühlbar machen, aber sie nicht hervorbringen und auf ihre
Beweisthümer zulänglich gründen kann.
Erfahrung angewandt werden. — Aber nach der Analogie mit einem
Verstande kann ich, ja muß ich mir wohl in gewisser anderer Rücksicht
selbst ein übersinnliches Wesen denken, ohne es gleichwohl dadurch
theoretisch erkennen zu wollen; wenn nämlich diese Bestimmung seiner
Causalität eine Wirkung in der Welt betrifft, die eine moralisch-
nothwendige, 35 aber für Sinnenwesen unausführbare Absicht enthält: da
alsdann ein Erkenntniß Gottes und seines Daseins (Theologie) durch bloß
nach der Analogie an ihm gedachte Eigenschaften und Bestimmungen
seiner Causalität möglich ist, welches in praktischer Beziehung, aber auch
n u r i n R ü c k s i c h t a u f d i e s e (als moralische) alle erforderliche
Realität hat. — Es ist also wohl eine Ethikotheologie möglich; denn die
Moral kann zwar mit ihrer Regel, aber nicht mit der Endabsicht, welche
eben dieselbe auferlegt, 5 ohne Theologie bestehen, ohne die Vernunft in
Ansehung der letzteren im bloßen zu lassen. Aber eine theologische Ethik
(der reinen Vernunft) ist unmöglich: weil Gesetze, die nicht die Vernunft
ursprünglich selbst giebt, und deren Befolgung sie als reines praktisches
Vermögen auch bewirkt, nicht moralisch sein können. Eben so würde eine
theologische Physik 10 ein Unding sein, weil sie keine Naturgesetze,
sondern Anordnungen eines höchsten Willens vortragen würde; wogegen
eine physische (eigentlich physisch-teleologische) Theologie doch
wenigstens als Propädeutik zur eigentlichen Theologie dienen kann: indem
sie durch die Betrachtung der Naturzwecke, von denen sie reichen Stoff
darbietet, zur Idee eines Endzweckes, 15 den die Natur nicht aufstellen
kann, Anlaß giebt; mithin das Bedürfniß einer Theologie, die den Begriff
von Gott für den höchsten praktischen Gebrauch der Vernunft zureichend
bestimmte, zwar fühlbar machen, aber sie nicht hervorbringen und auf ihre
Beweisthümer zulänglich gründen kann.
Page 379
Anmerkungen.
Die Zahlen an den Seiten geben die Originalpaginirung der dem Text zu
Grunde gelegten Ausgaben (1788 und 1793) wieder.
Kritik der Urtheilskraft.
Herausgeber: Wilhelm Windelband.
Einleitung.
Der Springpunkt für die Entstehungsgeschichte der Kritik der Urtheilskraft
liegt genau an derselben Stelle, von der auch die grossen historischen
Wirkungen des Buches ausgegangen sind: es ist die Behandlung der
Probleme von Schönheit und Kunst mit denjenigen des organischen Lebens
unter einem gemeinsamen Gesichtspunkt. Die beiden sachlichen Gebiete,
welche in den beiden Theilen des Werks als Kritik der ästhetischen und der
teleologischen Urtheilskraft neben einander stehen, haben Kant je für sich
lange und viel beschäftigt und zu mannigfachen Untersuchungen und
Äusserungen angeregt; aber die Convergenz beider Problemreihen,
vermöge deren sie zugleich ihren Abschluss unter einem gemeinsamen
Princip fanden, hat sich nicht etwa stetig und allmählich durch ein
Anspinnen sachlicher Beziehungen zwischen beiden Gegenständen
vollzogen, sondern sie ist verhältnissmässig schnell und dem Philosophen
selbst gewissermassen überraschend durch die Einordnung beider Fragen
unter ein formales Grundproblem der kritischen Philosophie herbeigeführt
worden.
Die teleologische Betrachtung der Natur ist für Kant, wie für das ganze 18.
Jahrhundert, umsomehr zu einem Hauptproblem geworden, als die ganze
Entwickelung seiner Erkenntnisslehre darauf hinauslief, die
philosophischen Grundlagen für die reine Naturwissenschaft, d. h. für
Newtons mathematisch-physikalische Theorie, zu finden. Je schärfer diese
Die Zahlen an den Seiten geben die Originalpaginirung der dem Text zu
Grunde gelegten Ausgaben (1788 und 1793) wieder.
Kritik der Urtheilskraft.
Herausgeber: Wilhelm Windelband.
Einleitung.
Der Springpunkt für die Entstehungsgeschichte der Kritik der Urtheilskraft
liegt genau an derselben Stelle, von der auch die grossen historischen
Wirkungen des Buches ausgegangen sind: es ist die Behandlung der
Probleme von Schönheit und Kunst mit denjenigen des organischen Lebens
unter einem gemeinsamen Gesichtspunkt. Die beiden sachlichen Gebiete,
welche in den beiden Theilen des Werks als Kritik der ästhetischen und der
teleologischen Urtheilskraft neben einander stehen, haben Kant je für sich
lange und viel beschäftigt und zu mannigfachen Untersuchungen und
Äusserungen angeregt; aber die Convergenz beider Problemreihen,
vermöge deren sie zugleich ihren Abschluss unter einem gemeinsamen
Princip fanden, hat sich nicht etwa stetig und allmählich durch ein
Anspinnen sachlicher Beziehungen zwischen beiden Gegenständen
vollzogen, sondern sie ist verhältnissmässig schnell und dem Philosophen
selbst gewissermassen überraschend durch die Einordnung beider Fragen
unter ein formales Grundproblem der kritischen Philosophie herbeigeführt
worden.
Die teleologische Betrachtung der Natur ist für Kant, wie für das ganze 18.
Jahrhundert, umsomehr zu einem Hauptproblem geworden, als die ganze
Entwickelung seiner Erkenntnisslehre darauf hinauslief, die
philosophischen Grundlagen für die reine Naturwissenschaft, d. h. für
Newtons mathematisch-physikalische Theorie, zu finden. Je schärfer diese
Page 380
um den Begriff der mechanischen Causalität concentrirt war, umsomehr
erwies sich das organische Leben als ein Grenzbegriff für die theoretische
Naturerklärung. So hatte Kant bereits in der Allgemeinen Naturgeschichte
und Theorie des Himmels erklärt: daß eher die Bildung aller
Himmelskörper, die Ursache ihrer Bewegungen, kurz, der Ursprung der
ganzen gegenwärtigen Verfassung des Weltbaues werde können eingesehen
werden, ehe die Erzeugung eines einzigen Krauts oder einer Raupe aus
mechanischen Gründen deutlich und vollständig kund werden wird[43].
Nachdem aber in der Kritik der reinen Vernunft die Lehre von den
Kategorien und den Grundsätzen des reinen Verstandes mit principiellem
Ausschluss des Zweckbegriffes festgelegt worden war, hatte der Philosoph
von seiner Ideenlehre aus in dem Anhang der transscendentalen Dialektik,
wo er von der Endabsicht der natürlichen Dialektik der menschlichen
Vernunft handelte, der teleologischen Betrachtung der Natur die regulative
Bedeutung zuerkannt, die Dinge der Welt, sofern ihre erschöpfende
Erklärung nach den Grundsätzen der mechanischen Erklärung sich als
unmöglich erweist, so anzusehen, a l s o b sie von einer höchsten
Intelligenz ihr Dasein hätten. Besondere Veranlassung aber, der Frage der
organischen Teleologie näher zu treten, bot sich Kant in der mit seinen
geschichtsphilosophischen Überlegungen zusammenhängenden
Bestimmung des Begriffes einer Menschenrace. Die Stellung, die er mit
dieser im Novemberheft 1785 der »Berliner Monatsschrift« erschienenen
Abhandlung eingenommen hatte, vertheidigte er gegen einen Angriff Georg
Forsters in der Schrift Über den Gebrauch teleologischer Principien in der
Philosophie, die im Januar-Heft 1788 des »Deutschen Merkur« gedruckt
wurde. Die hier vorgetragenen Principien sind durchweg dieselben, wie
dereinst in der Kritik der reinen Vernunft und wie nachher in der Kritik der
Urtheilskraft, wo sie mit dem ganzen Reichthum mannigfacher Anwendung
ihre nähere Ausführung gefunden haben. Aber nichts in dieser Schrift, die
zur Zeit des Abschlusses der Kritik der praktischen Vernunft geschrieben
worden ist, lässt auf die Absicht des Verfassers, den Gegenstand in
grösseren Dimensionen zu behandeln, und nichts darin lässt auf einen
Zusammenhang schliessen, in den diese Fragen mit den ästhetischen
Problemen gebracht werden sollten.
Mit nicht minder lebhaftem persönlichen Interesse hat Kant von früh an die
ästhetischen Fragen verfolgt. Schon die Beobachtungen über das Gefühl
erwies sich das organische Leben als ein Grenzbegriff für die theoretische
Naturerklärung. So hatte Kant bereits in der Allgemeinen Naturgeschichte
und Theorie des Himmels erklärt: daß eher die Bildung aller
Himmelskörper, die Ursache ihrer Bewegungen, kurz, der Ursprung der
ganzen gegenwärtigen Verfassung des Weltbaues werde können eingesehen
werden, ehe die Erzeugung eines einzigen Krauts oder einer Raupe aus
mechanischen Gründen deutlich und vollständig kund werden wird[43].
Nachdem aber in der Kritik der reinen Vernunft die Lehre von den
Kategorien und den Grundsätzen des reinen Verstandes mit principiellem
Ausschluss des Zweckbegriffes festgelegt worden war, hatte der Philosoph
von seiner Ideenlehre aus in dem Anhang der transscendentalen Dialektik,
wo er von der Endabsicht der natürlichen Dialektik der menschlichen
Vernunft handelte, der teleologischen Betrachtung der Natur die regulative
Bedeutung zuerkannt, die Dinge der Welt, sofern ihre erschöpfende
Erklärung nach den Grundsätzen der mechanischen Erklärung sich als
unmöglich erweist, so anzusehen, a l s o b sie von einer höchsten
Intelligenz ihr Dasein hätten. Besondere Veranlassung aber, der Frage der
organischen Teleologie näher zu treten, bot sich Kant in der mit seinen
geschichtsphilosophischen Überlegungen zusammenhängenden
Bestimmung des Begriffes einer Menschenrace. Die Stellung, die er mit
dieser im Novemberheft 1785 der »Berliner Monatsschrift« erschienenen
Abhandlung eingenommen hatte, vertheidigte er gegen einen Angriff Georg
Forsters in der Schrift Über den Gebrauch teleologischer Principien in der
Philosophie, die im Januar-Heft 1788 des »Deutschen Merkur« gedruckt
wurde. Die hier vorgetragenen Principien sind durchweg dieselben, wie
dereinst in der Kritik der reinen Vernunft und wie nachher in der Kritik der
Urtheilskraft, wo sie mit dem ganzen Reichthum mannigfacher Anwendung
ihre nähere Ausführung gefunden haben. Aber nichts in dieser Schrift, die
zur Zeit des Abschlusses der Kritik der praktischen Vernunft geschrieben
worden ist, lässt auf die Absicht des Verfassers, den Gegenstand in
grösseren Dimensionen zu behandeln, und nichts darin lässt auf einen
Zusammenhang schliessen, in den diese Fragen mit den ästhetischen
Problemen gebracht werden sollten.
Mit nicht minder lebhaftem persönlichen Interesse hat Kant von früh an die
ästhetischen Fragen verfolgt. Schon die Beobachtungen über das Gefühl
Page 381
des Schönen und Erhabenen zeigen eine ausserordentliche Fülle
feinsinniger Bemerkungen aus einem weiten Umkreise der Kenntniss, und
aus seinen Vorlesungen, wie aus seinen Reflexionen geht hervor, dass er mit
den Erscheinungen der schönen Literatur und mit den kunstkritischen
Theorien seiner Zeit in einem ausserordentlich ausgedehnten Maasse
vertraut gewesen ist[44]. Aber sein Interesse daran war zunächst ein
lediglich anthropologisches. Er betrachtete diese Gegenstände nur vom
Standpunkt der Psychologie aus und hielt ihnen gegenüber die Möglichkeit
einer anderen Doctrin damals für ausgeschlossen. Damit war es durchaus
vereinbar, dass Kant in dieser seiner »empiristischen« Periode auf dem
Katheder die Ästhetik ganz im Baumgartenschen Sinne als Ergänzung und
in Parallele zur Logik behandelte. So heisst es in der Nachricht von der
Einrichtung seiner Vorlesungen in dem Winterhalbjahre von 1765–1766 (II,
311) am Schlusse der Ankündigung der Logik: Wobei zugleich die sehr
nahe Verwandtschaft der Materien Anlaß giebt, bei der K r i t i k d e r
Ve r n u n f t einige Blicke auf die K r i t i k d e s G e s c h m a c k s , d. i.
die Ä s t h e t i k , zu werfen, davon die Regeln der einen jederzeit dazu
dienen, die der andern zu erläutern, und ihre Abstechung ein Mittel ist,
beide besser zu begreifen. Auch weiterhin schrieb Kant sachlich den Fragen
des Geschmacks so viel Bedeutung zu, dass, als er im Jahre 1771 nach der
Inauguraldissertation ein Werk unter dem Titel Die Grentzen der
Sinnlichkeit und der Vernunft plante, er auch sie darin behandeln wollte[45].
Es kam ihm damals wesentlich darauf an, welchen großen Einflus die
gewisse und deutliche Einsicht in den Unterschied dessen, was auf
subjectivischen principien der menschlichen Seelenkräfte nicht allein der
Sinnlichkeit, sondern auch des Verstandes beruht, von dem was gerade auf
die Gegenstände geht in der gantzen Weltweisheit, ja so gar auf die
wichtigsten Zwecke der Menschen überhaupt habe. Wenn in diesem Sinne
auch der Entwurf dessen, was die Natur der Geschmackslehre, Metaphysick
u. Moral ausmacht, in dem geplanten Werke enthalten sein sollte, so hatte
das offenbar den Sinn, dass die Geschmackslehre als eine rein empirische
und durch apriorische Principien nicht bestimmte Lehre dargestellt worden
wäre. Denn diesen Standpunkt nimmt Kant noch in der Kritik der reinen
Vernunft ein, wo es in der Einleitung zur transscendentalen Ästhetik
folgendermaassen lautet[46]: Die Deutschen sind die einzige, welche sich
jetzt des Worts Ästhetik bedienen, um dadurch das zu bezeichnen, was andre
Kritik des Geschmacks heißen. Es liegt hier eine verfehlte Hoffnung zum
feinsinniger Bemerkungen aus einem weiten Umkreise der Kenntniss, und
aus seinen Vorlesungen, wie aus seinen Reflexionen geht hervor, dass er mit
den Erscheinungen der schönen Literatur und mit den kunstkritischen
Theorien seiner Zeit in einem ausserordentlich ausgedehnten Maasse
vertraut gewesen ist[44]. Aber sein Interesse daran war zunächst ein
lediglich anthropologisches. Er betrachtete diese Gegenstände nur vom
Standpunkt der Psychologie aus und hielt ihnen gegenüber die Möglichkeit
einer anderen Doctrin damals für ausgeschlossen. Damit war es durchaus
vereinbar, dass Kant in dieser seiner »empiristischen« Periode auf dem
Katheder die Ästhetik ganz im Baumgartenschen Sinne als Ergänzung und
in Parallele zur Logik behandelte. So heisst es in der Nachricht von der
Einrichtung seiner Vorlesungen in dem Winterhalbjahre von 1765–1766 (II,
311) am Schlusse der Ankündigung der Logik: Wobei zugleich die sehr
nahe Verwandtschaft der Materien Anlaß giebt, bei der K r i t i k d e r
Ve r n u n f t einige Blicke auf die K r i t i k d e s G e s c h m a c k s , d. i.
die Ä s t h e t i k , zu werfen, davon die Regeln der einen jederzeit dazu
dienen, die der andern zu erläutern, und ihre Abstechung ein Mittel ist,
beide besser zu begreifen. Auch weiterhin schrieb Kant sachlich den Fragen
des Geschmacks so viel Bedeutung zu, dass, als er im Jahre 1771 nach der
Inauguraldissertation ein Werk unter dem Titel Die Grentzen der
Sinnlichkeit und der Vernunft plante, er auch sie darin behandeln wollte[45].
Es kam ihm damals wesentlich darauf an, welchen großen Einflus die
gewisse und deutliche Einsicht in den Unterschied dessen, was auf
subjectivischen principien der menschlichen Seelenkräfte nicht allein der
Sinnlichkeit, sondern auch des Verstandes beruht, von dem was gerade auf
die Gegenstände geht in der gantzen Weltweisheit, ja so gar auf die
wichtigsten Zwecke der Menschen überhaupt habe. Wenn in diesem Sinne
auch der Entwurf dessen, was die Natur der Geschmackslehre, Metaphysick
u. Moral ausmacht, in dem geplanten Werke enthalten sein sollte, so hatte
das offenbar den Sinn, dass die Geschmackslehre als eine rein empirische
und durch apriorische Principien nicht bestimmte Lehre dargestellt worden
wäre. Denn diesen Standpunkt nimmt Kant noch in der Kritik der reinen
Vernunft ein, wo es in der Einleitung zur transscendentalen Ästhetik
folgendermaassen lautet[46]: Die Deutschen sind die einzige, welche sich
jetzt des Worts Ästhetik bedienen, um dadurch das zu bezeichnen, was andre
Kritik des Geschmacks heißen. Es liegt hier eine verfehlte Hoffnung zum
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Grunde, die der vortreffliche Analyst B a u m g a r t e n faßte, die kritische
Beurtheilung des Schönen unter Vernunftprincipien zu bringen und die
Regeln derselben zur Wissenschaft zu erheben. Allein diese Bemühung ist
vergeblich. Denn gedachte Regeln oder Kriterien sind ihren Quellen nach
blos empirisch und können also niemals zu Gesetzen a priori dienen,
wornach sich unser Geschmacksurtheil richten müßte; vielmehr macht das
letztere den eigentlichen Probirstein der Richtigkeit der ersteren aus. Um
deswillen ist es rathsam diese Benennung wiederum eingehen zu lassen und
sie derjenigen Lehre aufzubehalten, die wahre Wissenschaft ist, wodurch
man auch der Sprache und dem Sinne der Alten näher treten würde. Ebenso
heisst es in einer Anmerkung zum Kanon der reinen Vernunft in der
Transscendentalen Methodenlehre[47]: »so gehören die Elemente unserer
Urtheile, so fern sie sich auf Lust oder Unlust beziehen, mithin der
praktischen, nicht in den Inbegriff der Transscendentalphilosophie«.
In der fortschreitenden Beschäftigung mit diesen Gegenständen hat sich
aber Kants Auffassung allmählich verändert. Schon die II. Auflage der
Kritik der reinen Vernunft, deren Manuscript dem Jahre 1786 entstammt,
giebt jener Stelle eine bemerkenswerthe Veränderung. Statt ihren Quellen
heisst es hier[48] ihren vornehmsten Quellen und statt zu Gesetzen nur noch
zu bestimmten Gesetzen. Es muss also ein, wenn auch nur äusserst geringes
Maass von Apriorität in dem ästhetischen Verhalten zu dieser Zeit von Kant
wenigstens nicht mehr ganz für unmöglich gehalten worden sein. Dazu
kommt noch, dass er an der gleichen Stelle neben dem Vorschlage, die
Baumgartensche Terminologie wieder aufzugeben, jetzt auch noch die
andre Möglichkeit ins Auge fasst, sich in die Benennung mit der
speculativen Philosophie zu theilen und die Ästhetik theils im
transscendentalen Sinne, theils in psychologischer Bedeutung zu nehmen.
Aber gerade diese terminologische Concession, die sich in der Folge dazu
erweitert hat, dass Kant selbst für die Verwendung der Ausdrücke Ästhetik
und ästhetisch in dem heutigen Sinne die entscheidende Bestimmung
ausgeübt hat, zeigt doch an dieser Stelle, dass er auch damals noch die
Ästhetik, welche die Kritik des Geschmacks bedeuten sollte, wesentlich in
psychologischer Bedeutung nehmen und von ihrer Parallelstellung zu den
transscendentalen Disciplinen nichts wissen wollte.
Offenbar aber ist seine Beschäftigung mit diesen Problemen immer mehr zu
so geschlossenen Ergebnissen gelangt, dass er schon während der Zeit, als
Beurtheilung des Schönen unter Vernunftprincipien zu bringen und die
Regeln derselben zur Wissenschaft zu erheben. Allein diese Bemühung ist
vergeblich. Denn gedachte Regeln oder Kriterien sind ihren Quellen nach
blos empirisch und können also niemals zu Gesetzen a priori dienen,
wornach sich unser Geschmacksurtheil richten müßte; vielmehr macht das
letztere den eigentlichen Probirstein der Richtigkeit der ersteren aus. Um
deswillen ist es rathsam diese Benennung wiederum eingehen zu lassen und
sie derjenigen Lehre aufzubehalten, die wahre Wissenschaft ist, wodurch
man auch der Sprache und dem Sinne der Alten näher treten würde. Ebenso
heisst es in einer Anmerkung zum Kanon der reinen Vernunft in der
Transscendentalen Methodenlehre[47]: »so gehören die Elemente unserer
Urtheile, so fern sie sich auf Lust oder Unlust beziehen, mithin der
praktischen, nicht in den Inbegriff der Transscendentalphilosophie«.
In der fortschreitenden Beschäftigung mit diesen Gegenständen hat sich
aber Kants Auffassung allmählich verändert. Schon die II. Auflage der
Kritik der reinen Vernunft, deren Manuscript dem Jahre 1786 entstammt,
giebt jener Stelle eine bemerkenswerthe Veränderung. Statt ihren Quellen
heisst es hier[48] ihren vornehmsten Quellen und statt zu Gesetzen nur noch
zu bestimmten Gesetzen. Es muss also ein, wenn auch nur äusserst geringes
Maass von Apriorität in dem ästhetischen Verhalten zu dieser Zeit von Kant
wenigstens nicht mehr ganz für unmöglich gehalten worden sein. Dazu
kommt noch, dass er an der gleichen Stelle neben dem Vorschlage, die
Baumgartensche Terminologie wieder aufzugeben, jetzt auch noch die
andre Möglichkeit ins Auge fasst, sich in die Benennung mit der
speculativen Philosophie zu theilen und die Ästhetik theils im
transscendentalen Sinne, theils in psychologischer Bedeutung zu nehmen.
Aber gerade diese terminologische Concession, die sich in der Folge dazu
erweitert hat, dass Kant selbst für die Verwendung der Ausdrücke Ästhetik
und ästhetisch in dem heutigen Sinne die entscheidende Bestimmung
ausgeübt hat, zeigt doch an dieser Stelle, dass er auch damals noch die
Ästhetik, welche die Kritik des Geschmacks bedeuten sollte, wesentlich in
psychologischer Bedeutung nehmen und von ihrer Parallelstellung zu den
transscendentalen Disciplinen nichts wissen wollte.
Offenbar aber ist seine Beschäftigung mit diesen Problemen immer mehr zu
so geschlossenen Ergebnissen gelangt, dass er schon während der Zeit, als
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er seine ethischen Grundwerke ausführte, mit der kritischen Darstellung der
Geschmackslehre beschäftigt war. Wir sehen aus einem Briefe von
Bering[49] an ihn (28. Mai 1787), dass der Leipziger Messkatalog bereits für
das Jahr 1787 eine Grundlegung zur Critik des Geschmacks von Kant
angekündigt hatte; und er selber berichtet in einem Briefe an Schütz vom
25. Juni desselben Jahres[50], worin er auch mittheilt, dass er in der
künftigen Woche das Manuscript der Kritik der praktischen Vernunft nach
Halle zum Druck zu schicken denke, am Schluss, dass er nun alsbald zur
Grundlage der Kritik des Geschmacks gehen müsse. Nach diesen
Ausdrücken scheint die Annahme (Benno Erdmanns) nicht ausgeschlossen,
dass Kant eine zeitlang daran gedacht hat, ebenso wie er der Kritik der
praktischen Vernunft die Grundlegung zur Metaphysik der Sitten
vorangeschickt hatte, auch der Kritik des Geschmacks eine ähnliche
Grundlegung vorangehen zu lassen, die dann wohl ebenso die Aufgabe
gehabt hätte, die Überführung von der populären Auffassung des Schönen
zu der philosophischen, d. h. kritischen Behandlung darzulegen. Sie würde
in diesem Falle den Entwickelungsgang von Kants eigener Betrachtung des
Gegenstandes, ihre Umlegung aus dem psychologischen auf den
transscendentalen Standpunkt darzustellen berufen gewesen sein. Ob aber
Kant ernstlich daran gegangen ist, eine solche Theilung auch auf diesem
Gebiete vorzunehmen, wird sich nicht mehr entscheiden lassen.
Jedenfalls hat das Jahr 1787 den Umschwung in der Theorie des
Geschmacks für Kant mit sich gebracht. Sein Brief an Reinhold vom 28.
December 1787[51], worin er diesem für die »Briefe über die Kantische
Philosophie« dankt und ihm zugleich das Manuscript der Abhandlung Über
die teleologischen Principien für den »Deutschen Mercur« einsendet, lässt
nicht den geringsten Zweifel darüber, dass die neue Erkenntniss, die Kant
bei seiner Beschäftigung mit der Kritik des Geschmacks gewonnen hat,
wesentlich zurückging auf das Systematische, das die Zergliederung der
vorher betrachteten Vermögen mich im menschlichen Gemüte hatte
entdecken lassen, und welches zu bewundern und womöglich zu ergründen,
mir noch Stoff genug für den Überrest meines Lebens an die Hand geben
wird. Dies Selbstbekenntniss Kants ist umso wichtiger, als es nicht nur im
Allgemeinen die Bedeutsamkeit des systematischen Moments in seiner Art
des Philosophirens erkennen lässt, sondern es auch deutlich ausspricht, dass
das gewaltigste seiner Werke auf der Wirksamkeit dieses systematischen
Geschmackslehre beschäftigt war. Wir sehen aus einem Briefe von
Bering[49] an ihn (28. Mai 1787), dass der Leipziger Messkatalog bereits für
das Jahr 1787 eine Grundlegung zur Critik des Geschmacks von Kant
angekündigt hatte; und er selber berichtet in einem Briefe an Schütz vom
25. Juni desselben Jahres[50], worin er auch mittheilt, dass er in der
künftigen Woche das Manuscript der Kritik der praktischen Vernunft nach
Halle zum Druck zu schicken denke, am Schluss, dass er nun alsbald zur
Grundlage der Kritik des Geschmacks gehen müsse. Nach diesen
Ausdrücken scheint die Annahme (Benno Erdmanns) nicht ausgeschlossen,
dass Kant eine zeitlang daran gedacht hat, ebenso wie er der Kritik der
praktischen Vernunft die Grundlegung zur Metaphysik der Sitten
vorangeschickt hatte, auch der Kritik des Geschmacks eine ähnliche
Grundlegung vorangehen zu lassen, die dann wohl ebenso die Aufgabe
gehabt hätte, die Überführung von der populären Auffassung des Schönen
zu der philosophischen, d. h. kritischen Behandlung darzulegen. Sie würde
in diesem Falle den Entwickelungsgang von Kants eigener Betrachtung des
Gegenstandes, ihre Umlegung aus dem psychologischen auf den
transscendentalen Standpunkt darzustellen berufen gewesen sein. Ob aber
Kant ernstlich daran gegangen ist, eine solche Theilung auch auf diesem
Gebiete vorzunehmen, wird sich nicht mehr entscheiden lassen.
Jedenfalls hat das Jahr 1787 den Umschwung in der Theorie des
Geschmacks für Kant mit sich gebracht. Sein Brief an Reinhold vom 28.
December 1787[51], worin er diesem für die »Briefe über die Kantische
Philosophie« dankt und ihm zugleich das Manuscript der Abhandlung Über
die teleologischen Principien für den »Deutschen Mercur« einsendet, lässt
nicht den geringsten Zweifel darüber, dass die neue Erkenntniss, die Kant
bei seiner Beschäftigung mit der Kritik des Geschmacks gewonnen hat,
wesentlich zurückging auf das Systematische, das die Zergliederung der
vorher betrachteten Vermögen mich im menschlichen Gemüte hatte
entdecken lassen, und welches zu bewundern und womöglich zu ergründen,
mir noch Stoff genug für den Überrest meines Lebens an die Hand geben
wird. Dies Selbstbekenntniss Kants ist umso wichtiger, als es nicht nur im
Allgemeinen die Bedeutsamkeit des systematischen Moments in seiner Art
des Philosophirens erkennen lässt, sondern es auch deutlich ausspricht, dass
das gewaltigste seiner Werke auf der Wirksamkeit dieses systematischen
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Momentes in dem Sinne beruht hat, dass er dadurch zu einer tiefgehenden,
ihm selbst unerwarteten Änderung seiner Auffassung sich genöthigt
gesehen hat. Er sagt in diesem Briefe ausdrücklich, er sei auf diesem
systematischen Wege dazu gelangt, Principien a priori auf einem Gebiete zu
finden, wo er dies vorher für unmöglich gehalten habe, und er zeichnet hier
in kurzen Strichen den Grundriss für die Eintheilung der kritischen
Philosophie überhaupt, den er nachher in der Einleitung zur Kritik der
Urtheilskraft — und zwar in deren beiden Formen gleichmässig —
durchgeführt hat: Der Vermögen des Gemüths sind drei:
Erkenntnißvermögen, Gefühl der Lust und Unlust, und
Begehrungsvermögen. Für das erste habe ich in der Critik der reinen
(theoretischen), für das dritte in der Critik der practischen Vernunft
Principien a priori gefunden. Die Aufgabe der Kritik des Geschmacks ist
also zu dieser Zeit dahin bestimmt, Principien a priori für das Gefühl der
Lust und Unlust zu finden, und Kant bezeichnet diesen Theil der
Philosophie, indem er ihn neben die theoretische und die praktische
Philosophie stellt, als Teleologie.
Diese Gleichsetzung der Kritik des Geschmacks mit der Teleologie würde
unmöglich gewesen sein, wenn Kant nicht schon damals die Erkenntniss
gewonnen hätte, dass die Apriorität des ästhetischen Urtheils auf der
subjectiven Zweckmässigkeit im Zusammenspiel der Erkenntnissvermögen
und damit auf der allgemeinen Mittheilbarkeit des darauf beruhenden
Gefühls, in letzter Instanz somit auf dem Bewußtsein überhaupt oder dem
übersinnlichen Substrat der Menschheit beruht. In der That findet sich in
der Methodenlehre der Kritik der praktischen Vernunft, deren Manuskript
im Sommer 1787 abgeschlossen wurde, bereits folgende Bemerkung: wie
alles, dessen Betrachtung subjektiv ein Bewußtsein der Harmonie unserer
Vorstellungskräfte bewirkt, und wobei wir unser ganzes
Erkenntnißvermögen (Verstand und Einbildungskraft) gestärkt fühlen, ein
Wohlgefallen hervorbringt, das sich auch andern mittheilen läßt, wobei
gleichwohl die Existenz des Objekts uns gleichgültig bleibt, indem es nur
als die Veranlassung angesehen wird, der über die Thierheit erhabenen
Anlage der Talente in uns inne zu werden[52]. Ja, diese gedrängte
Vorwegnahme wesentlicher Punkte der Analytik des Schönen steht dort in
einem Zusammenhange, wo auch von der Zweckmässigkeit der
Organisation und sogar von der Beschäftigung der U r t h e i l s k r a f t,
ihm selbst unerwarteten Änderung seiner Auffassung sich genöthigt
gesehen hat. Er sagt in diesem Briefe ausdrücklich, er sei auf diesem
systematischen Wege dazu gelangt, Principien a priori auf einem Gebiete zu
finden, wo er dies vorher für unmöglich gehalten habe, und er zeichnet hier
in kurzen Strichen den Grundriss für die Eintheilung der kritischen
Philosophie überhaupt, den er nachher in der Einleitung zur Kritik der
Urtheilskraft — und zwar in deren beiden Formen gleichmässig —
durchgeführt hat: Der Vermögen des Gemüths sind drei:
Erkenntnißvermögen, Gefühl der Lust und Unlust, und
Begehrungsvermögen. Für das erste habe ich in der Critik der reinen
(theoretischen), für das dritte in der Critik der practischen Vernunft
Principien a priori gefunden. Die Aufgabe der Kritik des Geschmacks ist
also zu dieser Zeit dahin bestimmt, Principien a priori für das Gefühl der
Lust und Unlust zu finden, und Kant bezeichnet diesen Theil der
Philosophie, indem er ihn neben die theoretische und die praktische
Philosophie stellt, als Teleologie.
Diese Gleichsetzung der Kritik des Geschmacks mit der Teleologie würde
unmöglich gewesen sein, wenn Kant nicht schon damals die Erkenntniss
gewonnen hätte, dass die Apriorität des ästhetischen Urtheils auf der
subjectiven Zweckmässigkeit im Zusammenspiel der Erkenntnissvermögen
und damit auf der allgemeinen Mittheilbarkeit des darauf beruhenden
Gefühls, in letzter Instanz somit auf dem Bewußtsein überhaupt oder dem
übersinnlichen Substrat der Menschheit beruht. In der That findet sich in
der Methodenlehre der Kritik der praktischen Vernunft, deren Manuskript
im Sommer 1787 abgeschlossen wurde, bereits folgende Bemerkung: wie
alles, dessen Betrachtung subjektiv ein Bewußtsein der Harmonie unserer
Vorstellungskräfte bewirkt, und wobei wir unser ganzes
Erkenntnißvermögen (Verstand und Einbildungskraft) gestärkt fühlen, ein
Wohlgefallen hervorbringt, das sich auch andern mittheilen läßt, wobei
gleichwohl die Existenz des Objekts uns gleichgültig bleibt, indem es nur
als die Veranlassung angesehen wird, der über die Thierheit erhabenen
Anlage der Talente in uns inne zu werden[52]. Ja, diese gedrängte
Vorwegnahme wesentlicher Punkte der Analytik des Schönen steht dort in
einem Zusammenhange, wo auch von der Zweckmässigkeit der
Organisation und sogar von der Beschäftigung der U r t h e i l s k r a f t,
Page 385
welche uns unsre eigene Erkenntnißkräfte fühlen läßt, aber freilich nur in
einer Weise die Rede ist, worin der spätere systematische Zusammenhang
höchstens im Keime erkennbar ist. Für das Verständniss der
Gedankenentwickelung, die Kant zu diesem, ihn selbst überraschenden
Ergebniss hat kommen lassen, besitzen wir keine authentischen Angaben,
und wir sind deshalb auf die Begründungen des Ergebnisses angewiesen,
die in der Kritik der Urtheilskraft selbst enthalten sind. Danach aber ist es
klar, dass die neue Erkenntniss für Kant aus seinen Untersuchungen über
die logische Structur des ästhetischen Urtheils erwachsen ist. Deshalb ist es
für ihn und seine ästhetische Philosophie durchaus wesentlich, dass die
Analytik des Schönen nach dem Schema seiner Kategorienlehre gegliedert
ist, und es ist nicht zu verkennen, dass das entscheidende Problem, das
gerade aus dieser Behandlungsweise herausspringt, in der Frage besteht,
wie mit dem singularen Charakter des ästhetischen Urtheiles seine
Allgemeingiltigkeit vereinbar sei. Diese Fassung des ästhetischen Problems
schliesst sich mit einer zwingenden Analogie an diejenige
erkenntnisstheoretische Unterscheidung, welche Kant zur Erläuterung
seiner Kategorienlehre in den Prolegomena neu eingeführt hatte: die
Unterscheidung des Wahrnehmungsurtheiles und des Erfahrungsurtheiles.
Die Analogie dieses Verhältnisses zu demjenigen zwischen den Urtheilen
über das Angenehme und das Schöne nach der Kantischen Auffassung liegt
unmittelbar auf der Hand[53]. Dort nun hatte Kant gefunden, dass das
singulare Wahrnehmungsurtheil zum Erfahrungsurtheil mit dem Anspruche
auf Allgemeingiltigkeit nur dadurch werden könne, dass als Princip der
Begründung eine Kategorie, d. h. ein Begriff, hinzutritt. Bei dem
Schönheitsurtheil dagegen war diese Begründung durch einen Begriff
ausdrücklich auszuschliessen, und dadurch wurde es für den Philosophen zu
einem logischen Problem. In dem Augenblick, wo Kant in jener subjectiven
Zweckmässigkeit das apriorische Moment entdeckte, welches die
Allgemeingiltigkeit des ästhetischen Urtheiles trotz seiner formalen
Singularität und trotz seiner Unabhängigkeit von Begriffen verstehen liess,
musste ihm die Ästhetik aus dem Bereiche der Psychologie in dasjenige der
Transscendentalphilosophie hinüberrücken. Damit war auch das dritte
Gebiet des Seelenlebens, wie es Kant mit den gleichzeitigen Eintheilungen
von Sulzer, Mendelssohn und Tetens annahm, das Gefühl, zum
Gegenstande der kritischen Methode geworden.
einer Weise die Rede ist, worin der spätere systematische Zusammenhang
höchstens im Keime erkennbar ist. Für das Verständniss der
Gedankenentwickelung, die Kant zu diesem, ihn selbst überraschenden
Ergebniss hat kommen lassen, besitzen wir keine authentischen Angaben,
und wir sind deshalb auf die Begründungen des Ergebnisses angewiesen,
die in der Kritik der Urtheilskraft selbst enthalten sind. Danach aber ist es
klar, dass die neue Erkenntniss für Kant aus seinen Untersuchungen über
die logische Structur des ästhetischen Urtheils erwachsen ist. Deshalb ist es
für ihn und seine ästhetische Philosophie durchaus wesentlich, dass die
Analytik des Schönen nach dem Schema seiner Kategorienlehre gegliedert
ist, und es ist nicht zu verkennen, dass das entscheidende Problem, das
gerade aus dieser Behandlungsweise herausspringt, in der Frage besteht,
wie mit dem singularen Charakter des ästhetischen Urtheiles seine
Allgemeingiltigkeit vereinbar sei. Diese Fassung des ästhetischen Problems
schliesst sich mit einer zwingenden Analogie an diejenige
erkenntnisstheoretische Unterscheidung, welche Kant zur Erläuterung
seiner Kategorienlehre in den Prolegomena neu eingeführt hatte: die
Unterscheidung des Wahrnehmungsurtheiles und des Erfahrungsurtheiles.
Die Analogie dieses Verhältnisses zu demjenigen zwischen den Urtheilen
über das Angenehme und das Schöne nach der Kantischen Auffassung liegt
unmittelbar auf der Hand[53]. Dort nun hatte Kant gefunden, dass das
singulare Wahrnehmungsurtheil zum Erfahrungsurtheil mit dem Anspruche
auf Allgemeingiltigkeit nur dadurch werden könne, dass als Princip der
Begründung eine Kategorie, d. h. ein Begriff, hinzutritt. Bei dem
Schönheitsurtheil dagegen war diese Begründung durch einen Begriff
ausdrücklich auszuschliessen, und dadurch wurde es für den Philosophen zu
einem logischen Problem. In dem Augenblick, wo Kant in jener subjectiven
Zweckmässigkeit das apriorische Moment entdeckte, welches die
Allgemeingiltigkeit des ästhetischen Urtheiles trotz seiner formalen
Singularität und trotz seiner Unabhängigkeit von Begriffen verstehen liess,
musste ihm die Ästhetik aus dem Bereiche der Psychologie in dasjenige der
Transscendentalphilosophie hinüberrücken. Damit war auch das dritte
Gebiet des Seelenlebens, wie es Kant mit den gleichzeitigen Eintheilungen
von Sulzer, Mendelssohn und Tetens annahm, das Gefühl, zum
Gegenstande der kritischen Methode geworden.
Page 386
Wenn nun auch der Brief an Reinhold vom 28. December 1787 die
Gleichsetzung dieser philosophischen Kritik des Gefühlsvermögens mit der
Teleologie ausspricht, so enthält er andererseits nicht die geringste
Andeutung darüber, dass etwa dieser neuentdeckte Theil der Philosophie
noch andere Probleme enthalten sollte, und er bietet ganz besonders nicht
den geringsten Anhalt dafür, dass irgend ein Zusammenhang dieser
transscendentalen Ästhetik des Schönen mit solchen Fragen in Aussicht
genommen wäre, wie sie sonst und auch von Kant gleichzeitig als
teleologische bezeichnet zu werden pflegten. Die für die systematische
Gesamtgestaltung der Kritik der Urtheilskraft entscheidende Bestimmung
und die Beziehung der beiderseitigen Probleme auf das Grundprincip der
reflectirenden Urtheilskraft war somit um diese Zeit noch nicht gefunden
oder wenigstens nicht zu deutlicher Erkenntniss und Formulirung gelangt.
Daher gingen auch die Hoffnungen, welche Kant am 24. December 1787
brieflich an Marcus Herz über den baldigen Abschluss seines gesammten
philosophischen Hauptwerkes geäussert hatte[54], nicht in Erfüllung, und es
kamen nicht nur die Rectoratsgeschäfte, von denen er in dem Briefe an
Reinhold vom 7. März 1788 spricht[55], und dann die Abfassung der
Streitschrift gegen Eberhard verzögernd dazwischen, sondern hauptsächlich
die Neugestaltung der Probleme, die zuerst darin zum Ausdruck kommt,
dass das Werk in dem Briefe an Reinhold vom 12. Mai 1789 zum ersten
Mal unter dem Titel meine Critik der Urtheilskraft (von der die Critik des
Geschmacks ein Theil ist) für die nächste Michaelismesse in Aussicht
gestellt wird[56]. Jetzt also erst war die Vereinigung der ästhetischen und der
im engeren Sinne teleologischen Probleme unter dem Princip der
Urtheilskraft gelungen: und es fragt sich, wie diese abschliessende
Wendung der Kantischen Philosophie gefunden worden ist. Die
Urtheilskraft, von der nun die Rede ist, hat bekanntlich als die reflectirende
Urtheilskraft einen ganz anderen Sinn, als jene Urtheilskraft, von der Kant
in der Kritik der reinen Vernunft gehandelt hatte, die dort in der Analytik der
Grundsätze als die transscendentale Urtheilskraft eingeführt und von der
eben die Analytik der Grundsätze die transscendentale Doctrin gebildet
hatte. Dieser bestimmenden Urtheilskraft wird nun die reflectirende als
dasjenige Princip gegenübergestellt, welches die transscendentalen
Bedingungen für die apriorischen Functionen des Gefühlsvermögens
enthalten soll.
Gleichsetzung dieser philosophischen Kritik des Gefühlsvermögens mit der
Teleologie ausspricht, so enthält er andererseits nicht die geringste
Andeutung darüber, dass etwa dieser neuentdeckte Theil der Philosophie
noch andere Probleme enthalten sollte, und er bietet ganz besonders nicht
den geringsten Anhalt dafür, dass irgend ein Zusammenhang dieser
transscendentalen Ästhetik des Schönen mit solchen Fragen in Aussicht
genommen wäre, wie sie sonst und auch von Kant gleichzeitig als
teleologische bezeichnet zu werden pflegten. Die für die systematische
Gesamtgestaltung der Kritik der Urtheilskraft entscheidende Bestimmung
und die Beziehung der beiderseitigen Probleme auf das Grundprincip der
reflectirenden Urtheilskraft war somit um diese Zeit noch nicht gefunden
oder wenigstens nicht zu deutlicher Erkenntniss und Formulirung gelangt.
Daher gingen auch die Hoffnungen, welche Kant am 24. December 1787
brieflich an Marcus Herz über den baldigen Abschluss seines gesammten
philosophischen Hauptwerkes geäussert hatte[54], nicht in Erfüllung, und es
kamen nicht nur die Rectoratsgeschäfte, von denen er in dem Briefe an
Reinhold vom 7. März 1788 spricht[55], und dann die Abfassung der
Streitschrift gegen Eberhard verzögernd dazwischen, sondern hauptsächlich
die Neugestaltung der Probleme, die zuerst darin zum Ausdruck kommt,
dass das Werk in dem Briefe an Reinhold vom 12. Mai 1789 zum ersten
Mal unter dem Titel meine Critik der Urtheilskraft (von der die Critik des
Geschmacks ein Theil ist) für die nächste Michaelismesse in Aussicht
gestellt wird[56]. Jetzt also erst war die Vereinigung der ästhetischen und der
im engeren Sinne teleologischen Probleme unter dem Princip der
Urtheilskraft gelungen: und es fragt sich, wie diese abschliessende
Wendung der Kantischen Philosophie gefunden worden ist. Die
Urtheilskraft, von der nun die Rede ist, hat bekanntlich als die reflectirende
Urtheilskraft einen ganz anderen Sinn, als jene Urtheilskraft, von der Kant
in der Kritik der reinen Vernunft gehandelt hatte, die dort in der Analytik der
Grundsätze als die transscendentale Urtheilskraft eingeführt und von der
eben die Analytik der Grundsätze die transscendentale Doctrin gebildet
hatte. Dieser bestimmenden Urtheilskraft wird nun die reflectirende als
dasjenige Princip gegenübergestellt, welches die transscendentalen
Bedingungen für die apriorischen Functionen des Gefühlsvermögens
enthalten soll.
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Auch hierbei sind für Kant wesentlich systematische Erwägungen
maassgebend gewesen. Für die drei Gebiete des Seelenlebens, die er als
Vorstellungsvermögen, Gefühlsvermögen und Begehrungsvermögen
unterschied, konnten apriorische Principien, wenn es solche gab, wiederum
nur in den drei Arten des sogenannten oberen Erkenntnissvermögens
gesucht werden. Diese aber waren Verstand, Urtheilskraft und Vernunft. Die
Principien apriorischer Erkenntniss hatte er im Verstand, d. h. in den
Kategorien und den Grundsätzen, diejenigen des Begehrungsvermögens
oder des reinen Willens nach den Untersuchungen der Kritik der
praktischen Vernunft in der »Vernunft« im engeren Sinne des Wortes
gefunden. So blieb für ein Apriori des Gefühls, wenn es ein solches geben
sollte, nur die Urtheilskraft als Quelle übrig. Diese Function aber konnte die
Urtheilskraft nicht in Gestalt der Bedeutung übernehmen, welche sie in der
transscendentalen Deduction der reinen Verstandesbegriffe als die
Unterordnung der Daten der Sinnlichkeit unter die Kategorien besass.
Vielmehr musste in diesem Falle eine ganz andersartige Function der
Urtheilskraft angenommen werden. Im Allgemeinen sah Kant das Wesen
der Urtheilskraft darin, die Unterordnung des Besonderen unter ein
Allgemeines zu vollziehen[57]. Wo diese Unterordnung so erfolgt, dass die
Specification des Allgemeinen zum Besonderen als eine begriffliche
Nothwendigkeit eingesehen werden kann, da haben wir es mit der
bestimmenden Urtheilskraft als einem transscendentalen oder empirischen
Vermögen zu thun: die transscendentale Urtheilskraft hatte Kant in diesem
Sinne in der transscendentalen Analytik als die Subsumption der
Sinnlichkeit unter die Kategorien vermöge des Schematismus der reinen
Verstandesbegriffe dargelegt. Nun hatte Kant gefunden, dass die
Nothwendigkeit und Allgemeingiltigkeit, welche das ästhetische Urtheil für
sich in Anspruch nimmt, auf der subjectiven Zweckmässigkeit der Form des
Gegenstandes für das Zusammenspiel der Erkenntnisskräfte, Sinnlichkeit
und Verstand, niemals aber auf Begriffen beruht. Hier zeigte sich also eine
Art der Urtheilskraft, worin der vorgestellte Gegenstand nicht mehr für die
Erkenntniss auf allgemeine Begriffe, sondern vielmehr für das Gefühl auf
ein Princip der Zweckmässigkeit in allgemeingültiger Weise bezogen
wurde. So entdeckte Kant das Princip einer Urtheilskraft ohne allgemeine
Begriffe, und diese nannte er die reflectirende Urtheilskraft, in welcher das
Allgemeine, worunter das Besondere subsumirt werden soll, nicht in
Begriffen gegeben ist, sondern erst gesucht werden muß[58]. Damit war
maassgebend gewesen. Für die drei Gebiete des Seelenlebens, die er als
Vorstellungsvermögen, Gefühlsvermögen und Begehrungsvermögen
unterschied, konnten apriorische Principien, wenn es solche gab, wiederum
nur in den drei Arten des sogenannten oberen Erkenntnissvermögens
gesucht werden. Diese aber waren Verstand, Urtheilskraft und Vernunft. Die
Principien apriorischer Erkenntniss hatte er im Verstand, d. h. in den
Kategorien und den Grundsätzen, diejenigen des Begehrungsvermögens
oder des reinen Willens nach den Untersuchungen der Kritik der
praktischen Vernunft in der »Vernunft« im engeren Sinne des Wortes
gefunden. So blieb für ein Apriori des Gefühls, wenn es ein solches geben
sollte, nur die Urtheilskraft als Quelle übrig. Diese Function aber konnte die
Urtheilskraft nicht in Gestalt der Bedeutung übernehmen, welche sie in der
transscendentalen Deduction der reinen Verstandesbegriffe als die
Unterordnung der Daten der Sinnlichkeit unter die Kategorien besass.
Vielmehr musste in diesem Falle eine ganz andersartige Function der
Urtheilskraft angenommen werden. Im Allgemeinen sah Kant das Wesen
der Urtheilskraft darin, die Unterordnung des Besonderen unter ein
Allgemeines zu vollziehen[57]. Wo diese Unterordnung so erfolgt, dass die
Specification des Allgemeinen zum Besonderen als eine begriffliche
Nothwendigkeit eingesehen werden kann, da haben wir es mit der
bestimmenden Urtheilskraft als einem transscendentalen oder empirischen
Vermögen zu thun: die transscendentale Urtheilskraft hatte Kant in diesem
Sinne in der transscendentalen Analytik als die Subsumption der
Sinnlichkeit unter die Kategorien vermöge des Schematismus der reinen
Verstandesbegriffe dargelegt. Nun hatte Kant gefunden, dass die
Nothwendigkeit und Allgemeingiltigkeit, welche das ästhetische Urtheil für
sich in Anspruch nimmt, auf der subjectiven Zweckmässigkeit der Form des
Gegenstandes für das Zusammenspiel der Erkenntnisskräfte, Sinnlichkeit
und Verstand, niemals aber auf Begriffen beruht. Hier zeigte sich also eine
Art der Urtheilskraft, worin der vorgestellte Gegenstand nicht mehr für die
Erkenntniss auf allgemeine Begriffe, sondern vielmehr für das Gefühl auf
ein Princip der Zweckmässigkeit in allgemeingültiger Weise bezogen
wurde. So entdeckte Kant das Princip einer Urtheilskraft ohne allgemeine
Begriffe, und diese nannte er die reflectirende Urtheilskraft, in welcher das
Allgemeine, worunter das Besondere subsumirt werden soll, nicht in
Begriffen gegeben ist, sondern erst gesucht werden muß[58]. Damit war
Page 388
einerseits der Weg gefunden, Gefühle, wie die der Lust und Unlust, die im
Allgemeinen durchaus empirischen Characters sind, auf die reflectirende
Urtheilskraft zu beziehen und ihnen damit den apriorischen Character zu
gewinnen, andererseits aber auch die Möglichkeit gegeben, im Bereiche der
Erkenntnissthätigkeit überall da, wo die Unterordnung des Besonderen
unter das Allgemeine in der Form der bestimmenden Urtheilskraft
unmöglich war, die Betrachtung der reflectirenden Urtheilskraft für sie
eintreten zu lassen. Wenn die synthetische Einheit des Mannigfaltigen durch
die begriffliche Function der bestimmenden Urtheilskraft nicht einzusehen
ist, so kann an ihre Stelle die reflectirende mit dem Princip der
Unterordnung des Mannigfaltigen unter einen einheitlichen Zweck treten.
Unter diesem Gesichtspunkte konnte die Zweckmässigkeit der organischen
Naturproducte, deren Nothwendigkeit aus den begrifflichen
Voraussetzungen des causalen Mechanismus nicht zu verstehen war, von
der reflectirenden Urtheilskraft angesehen werden. Insbesondere aber
eignete sich dieses Princip zur Ergänzung von Kants Bemühungen um die
Metaphysik der Natur. Denn wenn in dieser die Ableitung des Besonderen
aus dem Allgemeinen, die Specification des Allgemeinen zum Besonderen
auf dem begrifflichen Wege der bestimmenden Urtheilskraft unmöglich
war, wenn deshalb die besonderen Erscheinungen und Gesetzmässigkeiten
der Natur im Sinne einer begrifflich erkennbaren Nothwendigkeit zufällig
blieben, so konnte die synthetische Einheit der Erscheinungen, die wir als
Natur denken, nach dem Princip der reflectirenden Urtheilskraft als ein
zweckmäßiges Ganzes betrachtet werden.
Den springenden Punkt für die Beziehung des Gefühlsvermögens auf die im
engeren Sinne sogenannten teleologischen Probleme müssen wir deshalb
wiederum in logisch-erkenntnisstheoretischen Problemen allgemeinster Art
suchen. Denn von der Auffassung der nachher sogenannten objectiven
Zweckmässigkeit der organischen Wesen führt zu der sogenannten
subjectiven Zweckmässigkeit in dem Zustande des Gemüthes, der das
ästhetische Urtheil begründet, kein directer Weg. Das Zwischenglied, das
die letzte Vereinheitlichung in den Gedanken der kritischen Philosophie
vermittelt hat, liegt vielmehr bei denjenigen Überlegungen, welche Kant als
das Problem der Specification der Natur bezeichnet hat. Es ist die Frage,
wie weit aus den Grundsätzen des reinen Verstandes, die zugleich die
allgemeinen Gesetze sind, welche nach der transscendentalen Deduction
Allgemeinen durchaus empirischen Characters sind, auf die reflectirende
Urtheilskraft zu beziehen und ihnen damit den apriorischen Character zu
gewinnen, andererseits aber auch die Möglichkeit gegeben, im Bereiche der
Erkenntnissthätigkeit überall da, wo die Unterordnung des Besonderen
unter das Allgemeine in der Form der bestimmenden Urtheilskraft
unmöglich war, die Betrachtung der reflectirenden Urtheilskraft für sie
eintreten zu lassen. Wenn die synthetische Einheit des Mannigfaltigen durch
die begriffliche Function der bestimmenden Urtheilskraft nicht einzusehen
ist, so kann an ihre Stelle die reflectirende mit dem Princip der
Unterordnung des Mannigfaltigen unter einen einheitlichen Zweck treten.
Unter diesem Gesichtspunkte konnte die Zweckmässigkeit der organischen
Naturproducte, deren Nothwendigkeit aus den begrifflichen
Voraussetzungen des causalen Mechanismus nicht zu verstehen war, von
der reflectirenden Urtheilskraft angesehen werden. Insbesondere aber
eignete sich dieses Princip zur Ergänzung von Kants Bemühungen um die
Metaphysik der Natur. Denn wenn in dieser die Ableitung des Besonderen
aus dem Allgemeinen, die Specification des Allgemeinen zum Besonderen
auf dem begrifflichen Wege der bestimmenden Urtheilskraft unmöglich
war, wenn deshalb die besonderen Erscheinungen und Gesetzmässigkeiten
der Natur im Sinne einer begrifflich erkennbaren Nothwendigkeit zufällig
blieben, so konnte die synthetische Einheit der Erscheinungen, die wir als
Natur denken, nach dem Princip der reflectirenden Urtheilskraft als ein
zweckmäßiges Ganzes betrachtet werden.
Den springenden Punkt für die Beziehung des Gefühlsvermögens auf die im
engeren Sinne sogenannten teleologischen Probleme müssen wir deshalb
wiederum in logisch-erkenntnisstheoretischen Problemen allgemeinster Art
suchen. Denn von der Auffassung der nachher sogenannten objectiven
Zweckmässigkeit der organischen Wesen führt zu der sogenannten
subjectiven Zweckmässigkeit in dem Zustande des Gemüthes, der das
ästhetische Urtheil begründet, kein directer Weg. Das Zwischenglied, das
die letzte Vereinheitlichung in den Gedanken der kritischen Philosophie
vermittelt hat, liegt vielmehr bei denjenigen Überlegungen, welche Kant als
das Problem der Specification der Natur bezeichnet hat. Es ist die Frage,
wie weit aus den Grundsätzen des reinen Verstandes, die zugleich die
allgemeinen Gesetze sind, welche nach der transscendentalen Deduction
Page 389
der reinen Verstandesbegriffe der Verstand der Natur vorschreibt, sich die
besonderen Naturgesetze deduciren lassen. Diese Frage blieb für Kant,
nachdem er in den metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft
durch die Combination der kategorialen Grundsätze mit mathematischen
Principien bereits weiter in die Besonderheit des Systems der Naturgesetze
eingedrungen war, ein systematisches Hauptinteresse, und er hat an ihrer
Beantwortung bekanntlich in seinem Alter mit unermüdlich erneuten
Versuchen gearbeitet, die in dem hinterlassenen Manuscript über den
Übergang aus der Metapyhsik in die Physik niedergelegt sind. Dass ihn dies
in der Zeit der Entstehung der Kritik der Urtheilskraft beschäftigte, sehen
wir aus dem Briefe an Marcus Herz, wo er am 26. Mai 1789 schreibt: mir,
der ich in meinem 66sten Jahre noch mit einer weitläuftigen Arbeit meinen
Plan zu vollenden (theils in Lieferung des letzten Theils der Critik, nämlich
dem der U r t h e i l s k r a f t, welcher bald herauskommen soll, theils in
Ausarbeitung eines S y s t e m s der Metaphysik, der Natur sowohl als der
Sitten, jenen critischen Forderungen gemäß,) beladen bin[59]. Er erkennt
also die metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft noch nicht
als Metaphysik der Natur an, ebenso wenig wie die Kritik der praktischen
Vernunft als Metapyhsik der Sitten. Die Herleitung der besonderen
Naturgesetze aus den transscendentalen Principien erkannte er aber damals
noch mit vollkommen kritischer Schärfe als eine Unmöglichkeit, und er
fand hier nur den Ausweg der teleologischen Betrachtung, wonach die
Zusammenstimmung aller einzelnen, der empirischen Erkenntniss
zugänglichen Gesetzmässigkeiten zu einem einheitlichen System der
Erfahrung als die Zweckmässigkeit der Natur für die Erkenntnissthätigkeit
angesehen werden sollte. Das ist der Grundgesichtspunkt der teleologischen
reflectirenden Urtheilskraft, welcher diese mit der ästhetischen
reflectirenden Urtheilskraft in unmittelbare Analogie treten liess. Daher
handelt es sich auch in den beiden Einleitungen in die Kritik der
Urtheilskraft — sowohl in derjenigen, welche Kant schliesslich an die
Spitze des Werkes gestellt hat, als auch in derjenigen, von der wir nur die
Auszüge von Sigismund Beck kennen —, wo von den teleologischen
Problemen die Rede ist, nicht in erster Linie um die Frage nach der
Zweckmässigkeit der Lebewesen, sondern vielmehr principiell zunächst um
das Problem der Einheit der Natur als eines Systems der Erfahrung. In
demselben Sinne gliedert sich auch für die Einleitung der Kritik der
Urtheilskraft das Princip der formalen Zweckmäßigkeit der Natur mit den
besonderen Naturgesetze deduciren lassen. Diese Frage blieb für Kant,
nachdem er in den metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft
durch die Combination der kategorialen Grundsätze mit mathematischen
Principien bereits weiter in die Besonderheit des Systems der Naturgesetze
eingedrungen war, ein systematisches Hauptinteresse, und er hat an ihrer
Beantwortung bekanntlich in seinem Alter mit unermüdlich erneuten
Versuchen gearbeitet, die in dem hinterlassenen Manuscript über den
Übergang aus der Metapyhsik in die Physik niedergelegt sind. Dass ihn dies
in der Zeit der Entstehung der Kritik der Urtheilskraft beschäftigte, sehen
wir aus dem Briefe an Marcus Herz, wo er am 26. Mai 1789 schreibt: mir,
der ich in meinem 66sten Jahre noch mit einer weitläuftigen Arbeit meinen
Plan zu vollenden (theils in Lieferung des letzten Theils der Critik, nämlich
dem der U r t h e i l s k r a f t, welcher bald herauskommen soll, theils in
Ausarbeitung eines S y s t e m s der Metaphysik, der Natur sowohl als der
Sitten, jenen critischen Forderungen gemäß,) beladen bin[59]. Er erkennt
also die metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft noch nicht
als Metaphysik der Natur an, ebenso wenig wie die Kritik der praktischen
Vernunft als Metapyhsik der Sitten. Die Herleitung der besonderen
Naturgesetze aus den transscendentalen Principien erkannte er aber damals
noch mit vollkommen kritischer Schärfe als eine Unmöglichkeit, und er
fand hier nur den Ausweg der teleologischen Betrachtung, wonach die
Zusammenstimmung aller einzelnen, der empirischen Erkenntniss
zugänglichen Gesetzmässigkeiten zu einem einheitlichen System der
Erfahrung als die Zweckmässigkeit der Natur für die Erkenntnissthätigkeit
angesehen werden sollte. Das ist der Grundgesichtspunkt der teleologischen
reflectirenden Urtheilskraft, welcher diese mit der ästhetischen
reflectirenden Urtheilskraft in unmittelbare Analogie treten liess. Daher
handelt es sich auch in den beiden Einleitungen in die Kritik der
Urtheilskraft — sowohl in derjenigen, welche Kant schliesslich an die
Spitze des Werkes gestellt hat, als auch in derjenigen, von der wir nur die
Auszüge von Sigismund Beck kennen —, wo von den teleologischen
Problemen die Rede ist, nicht in erster Linie um die Frage nach der
Zweckmässigkeit der Lebewesen, sondern vielmehr principiell zunächst um
das Problem der Einheit der Natur als eines Systems der Erfahrung. In
demselben Sinne gliedert sich auch für die Einleitung der Kritik der
Urtheilskraft das Princip der formalen Zweckmäßigkeit der Natur mit den
Page 390
Abschnitten VII und VIII in die ästhetische Vorstellung von der
Zweckmäßigkeit der Natur und die l o g i s c h e Vorstellung von der
Zweckmäßigkeit der Natur. Offenbar liegt dabei das aus der Kritik der
reinen Vernunft bekannte Eintheilungsschema von Ästhetik und Logik zu
Grunde und wird, wie dort auf die Erkenntniss a priori, so hier auf die
apriorische Betrachtung der reflectirenden Urtheilskraft bezogen. Aber das
Gemeinsame für beide Theile bleibt die Vernunftnothwendigkeit einer
formalen Zweckmässigkeit der Natur. Dies war der neue Grenzbegriff, den
Kant in der Durchführung der kritischen Metaphysik auf dem Boden der
Kritik der reinen Vernunft entdeckte, und so mussten die ästhetische und die
teleologische Problemreihe miteinander auf das Princip der reflectirenden
Urtheilskraft convergiren.
Nachdem auf diese Weise unter einem völlig neuen Gesichtspunkte der
systematische Rahmen für das neue Werk gefunden war, konnte die
Ausarbeitung verhältnissmässig schnell alle die besonderen
Untersuchungen zusammenfassen, welche Kant zum grossen Theil im
Anschluss an seine Vorlesungen über die ästhetischen und über die
teleologischen Probleme im Einzelnen schon fortwährend angestellt hatte.
Das Wesentliche der principiellen Entwickelung bildete die Einsicht in den
Zusammenhang zwischen dem Gefühlsvermögen und der reflectirenden
Urtheilskraft: nachdem Kant gefunden hatte, dass es die letztere ist, welche
für das erstere die Begründung der Apriorität ihrer ästhetischen Functionen
im Schönen wie im Erhabenen abgiebt, musste der Theorie des ästhetischen
Urtheils diejenige des im engeren Sinne teleologischen Urtheils an die Seite
gestellt werden, weil auch diese darauf hinauslaufen muss, seine
Begründung in der von der reflectirenden Urtheilskraft bestimmten
Betrachtung der Natur als eines zweckmässigen Systems der Erfahrung
darzulegen. Die so überaus wirkungsvolle Zusammenfassung der Probleme
des organischen Lebens und der Kunst hat sich also unter dem den letzten
Abschluss der Kantischen Weltanschauung bestimmenden Gedanken von
der Einheit des Systems der Erfahrung als eines zweckmässigen Ganzen
vollzogen. In den ursprünglichen Voraussetzungen der Kantischen
Erkenntnisslehre mit ihrer scharfen Sonderung von Form und Stoff lag es
begründet, dass der gegebene Inhalt der Erfahrung den synthetischen
Formen des Erkenntnissvermögens gegenüber in letzter Instanz etwas
Zufälliges bleiben musste und dass seine Formbarkeit durch Kategorien,
Zweckmäßigkeit der Natur und die l o g i s c h e Vorstellung von der
Zweckmäßigkeit der Natur. Offenbar liegt dabei das aus der Kritik der
reinen Vernunft bekannte Eintheilungsschema von Ästhetik und Logik zu
Grunde und wird, wie dort auf die Erkenntniss a priori, so hier auf die
apriorische Betrachtung der reflectirenden Urtheilskraft bezogen. Aber das
Gemeinsame für beide Theile bleibt die Vernunftnothwendigkeit einer
formalen Zweckmässigkeit der Natur. Dies war der neue Grenzbegriff, den
Kant in der Durchführung der kritischen Metaphysik auf dem Boden der
Kritik der reinen Vernunft entdeckte, und so mussten die ästhetische und die
teleologische Problemreihe miteinander auf das Princip der reflectirenden
Urtheilskraft convergiren.
Nachdem auf diese Weise unter einem völlig neuen Gesichtspunkte der
systematische Rahmen für das neue Werk gefunden war, konnte die
Ausarbeitung verhältnissmässig schnell alle die besonderen
Untersuchungen zusammenfassen, welche Kant zum grossen Theil im
Anschluss an seine Vorlesungen über die ästhetischen und über die
teleologischen Probleme im Einzelnen schon fortwährend angestellt hatte.
Das Wesentliche der principiellen Entwickelung bildete die Einsicht in den
Zusammenhang zwischen dem Gefühlsvermögen und der reflectirenden
Urtheilskraft: nachdem Kant gefunden hatte, dass es die letztere ist, welche
für das erstere die Begründung der Apriorität ihrer ästhetischen Functionen
im Schönen wie im Erhabenen abgiebt, musste der Theorie des ästhetischen
Urtheils diejenige des im engeren Sinne teleologischen Urtheils an die Seite
gestellt werden, weil auch diese darauf hinauslaufen muss, seine
Begründung in der von der reflectirenden Urtheilskraft bestimmten
Betrachtung der Natur als eines zweckmässigen Systems der Erfahrung
darzulegen. Die so überaus wirkungsvolle Zusammenfassung der Probleme
des organischen Lebens und der Kunst hat sich also unter dem den letzten
Abschluss der Kantischen Weltanschauung bestimmenden Gedanken von
der Einheit des Systems der Erfahrung als eines zweckmässigen Ganzen
vollzogen. In den ursprünglichen Voraussetzungen der Kantischen
Erkenntnisslehre mit ihrer scharfen Sonderung von Form und Stoff lag es
begründet, dass der gegebene Inhalt der Erfahrung den synthetischen
Formen des Erkenntnissvermögens gegenüber in letzter Instanz etwas
Zufälliges bleiben musste und dass seine Formbarkeit durch Kategorien,
Page 391
seine Subsumirbarkeit unter die Grundsätze eine unbegreifliche,
»glückliche« Thatsache bildete, die einen Charakter der Nothwendigkeit
nicht mehr für die begriffliche Einsicht, sondern nur noch für die
teleologische Betrachtung erhalten konnte: von diesem Verhältniss aus
gesehen, bildet die Kritik der Urtheilskraft eine ebenso unerlässliche
Ergänzung für die Kritik der reinen Vernunft, wie sie nach einer andern
Richtung durch die Kritik der praktischen Vernunft von Kant gegeben ist.
So hat die Gedankenarbeit des 9. Jahrzehnts vollendet, was in der des 8.
Jahrzehnts begonnen worden war.
Nachdem Kant diese Gedankenzusammenhänge zu ihrem systematischen
Abschluß gebracht hatte, ist die Abfassung der Kritik der Urtheilskraft, wie
es scheint, verhältnissmässig schnell von statten gegangen. Wegen des
Verlages hatte Kant mit dem Berliner Buchhändler de la Garde
abgeschlossen. Der Sohn seines alten Verlegers, Johann Friedrich
Hartknoch in Riga, dem Kant auf seine Bitte um den Verlag der Kritik des
schönen Geschmacks, (vgl. dessen Brief vom 15./26. August 1789)[60] eine
unbestimmte Zusage ertheilt hatte, war davon, wie sein Brief vom 9./20.
October 1790 zeigt[61], schmerzlich überrascht. Die Wahl Kants scheint
durch Rücksichten auf die Leistungsfähigkeit des Verlags hinsichtlich der
Schnelligkeit der Herstellung und der Sicherheit des Betriebes veranlasst
gewesen zu sein: denn er schreibt an seinen Schüler Kiesewetter, den er de
la Garde als Corrector empfohlen hatte (Brief an de la Garde vom 15.
October 1789 und von Kiesewetter vom 19. November 1789)[62] bei
Gelegenheit der Absendung des ersten Theils des Manuscriptes am 21.
Januar 1790, es solle, falls de la Garde das Werk nicht bis zur Ostermesse
fertig zu bringen vermöchte, Kiesewetter Verhandlungen mit einem andern
Buchhändler, Himburg, einleiten[63]. An de la Garde schreibt er an
demselben Tage, mit der Zusendung des Manuscripttheils: Die erste und
vornehmste Bedingung, unter der ich Ew: Hochedelgeb. dieses Mcrpt. zu
Ihrem Verlage übergebe, ist: daß es zur rechten Zeit auf der nächsten Leipz.
Ostermesse fertig geliefert werde. Sollten Sie dieses zu leisten sich nicht
getrauen, so bitte es an Hrn. Kiesewetter zu melden, der hierüber von mir
einen Auftrag bekommt. Allein ich hoffe: daß es doch irgend eine Presse in
Berlin oder dem benachbarten Sachsen geben wird, welche in 14 Tagen 5
Bogen drucken wird, dadurch denn der Druck ganz zeitig vollendet seyn
kann. Da ich aber nicht zweifle: daß Sie einen solchen Buchdruker in Berlin
»glückliche« Thatsache bildete, die einen Charakter der Nothwendigkeit
nicht mehr für die begriffliche Einsicht, sondern nur noch für die
teleologische Betrachtung erhalten konnte: von diesem Verhältniss aus
gesehen, bildet die Kritik der Urtheilskraft eine ebenso unerlässliche
Ergänzung für die Kritik der reinen Vernunft, wie sie nach einer andern
Richtung durch die Kritik der praktischen Vernunft von Kant gegeben ist.
So hat die Gedankenarbeit des 9. Jahrzehnts vollendet, was in der des 8.
Jahrzehnts begonnen worden war.
Nachdem Kant diese Gedankenzusammenhänge zu ihrem systematischen
Abschluß gebracht hatte, ist die Abfassung der Kritik der Urtheilskraft, wie
es scheint, verhältnissmässig schnell von statten gegangen. Wegen des
Verlages hatte Kant mit dem Berliner Buchhändler de la Garde
abgeschlossen. Der Sohn seines alten Verlegers, Johann Friedrich
Hartknoch in Riga, dem Kant auf seine Bitte um den Verlag der Kritik des
schönen Geschmacks, (vgl. dessen Brief vom 15./26. August 1789)[60] eine
unbestimmte Zusage ertheilt hatte, war davon, wie sein Brief vom 9./20.
October 1790 zeigt[61], schmerzlich überrascht. Die Wahl Kants scheint
durch Rücksichten auf die Leistungsfähigkeit des Verlags hinsichtlich der
Schnelligkeit der Herstellung und der Sicherheit des Betriebes veranlasst
gewesen zu sein: denn er schreibt an seinen Schüler Kiesewetter, den er de
la Garde als Corrector empfohlen hatte (Brief an de la Garde vom 15.
October 1789 und von Kiesewetter vom 19. November 1789)[62] bei
Gelegenheit der Absendung des ersten Theils des Manuscriptes am 21.
Januar 1790, es solle, falls de la Garde das Werk nicht bis zur Ostermesse
fertig zu bringen vermöchte, Kiesewetter Verhandlungen mit einem andern
Buchhändler, Himburg, einleiten[63]. An de la Garde schreibt er an
demselben Tage, mit der Zusendung des Manuscripttheils: Die erste und
vornehmste Bedingung, unter der ich Ew: Hochedelgeb. dieses Mcrpt. zu
Ihrem Verlage übergebe, ist: daß es zur rechten Zeit auf der nächsten Leipz.
Ostermesse fertig geliefert werde. Sollten Sie dieses zu leisten sich nicht
getrauen, so bitte es an Hrn. Kiesewetter zu melden, der hierüber von mir
einen Auftrag bekommt. Allein ich hoffe: daß es doch irgend eine Presse in
Berlin oder dem benachbarten Sachsen geben wird, welche in 14 Tagen 5
Bogen drucken wird, dadurch denn der Druck ganz zeitig vollendet seyn
kann. Da ich aber nicht zweifle: daß Sie einen solchen Buchdruker in Berlin
Page 392
antreffen werden, so wiederhole meine Empfehlung, den Hrn. Kiesewetter
zum Corrector zu brauchen, den Sie dann auch dafür so reichlich als für
dergleichen Arbeit nur zu geschehen pflegt, zu bezahlen belieben
werden[64]. Die Briefe Kiesewetters und de la Gardes vom 29. Januar
1790[65] zeigen, dass Verleger und Corrector die Wünsche Kants auf das
eifrigste zu befolgen begannen. Kant liess dann am 9. Februar eine zweite
Manuscriptsendung an de la Garde abgehen, wonach vom Text nur noch ein
kleiner Rest ausstand[66]. Er zeigte in dem weiteren Briefwechsel mit dem
Verleger und dem Corrector[67] eine rührende Bescheidenheit in der
Bekundung seiner Zufriedenheit über die Ausstattung und die Drucklegung
des Buches. Der Corrector hatte dabei, wie sein Brief vom 3. März 1790
beweist, mancherlei Verlegenheiten zu überwinden: »es sind nämlich
Stellen im Manuscript, die offenbar den Sinn entstellende Schreibfehler
enthalten, und wo ich mich genöthigt gesehen habe zu ändern.« Wir
erfahren dabei auch, dass er »bei der Correctur vom 2ten bis 6ten Bogen
krank war, und also ein anderer[68], der dem Manuscripte treulich folgte, die
Correctur übernahm«. Dabei sei es zu seinem grössten Ärger gekommen,
dass zwei den Sinn entstellende Fehler stehen blieben, die unter den Errata
aufgeführt werden sollten[69]. Am 9. März 1790 hat dann Kant (vgl. Brief
an de la Garde)[70] den Rest des Textes im Manuscript an den Verleger
abgeschickt und Vorrede und Einleitung für das Ende der Passionswoche in
Aussicht gestellt. Die letztere Zusicherung wurde sodann am 22. März
erfüllt (vgl. den Brief an de la Garde vom 25. März 1790)[71]. Zugleich
giebt Kant die Adressen für seine Dedikations-Exemplare an, deren
Zusammenstellung nicht uninteressant ist: Graf von Windisch-Grätz in
Böhmen, Geheimerath Jacobi in Düsseldorf, Professor Reinhold in Jena,
Professor Jacob in Halle, Professor Blumenbach in Göttingen, ferner
Geheimer Finanzrath Wloemer in Berlin, D. Biester, Kiesewetter, D. u.
Prof. Hertz[72]. Inzwischen hatte Kant, wie aus dem Brief an Kiesewetter
vom 20. April 1790[73] zu ersehen, einen Theil der Probebogen
durchgesehen, aber er schreibt darüber: Ich fing an sie durchzugehen,
(wegen der Druckfehler) aber es war mir nachgerade verdrieslich und
schob es also auf, bis ich mehr derselben bekommen haben würde, um es
auf einmal abzumachen. Er legt dann einen Aufsatz von den gefundenen
Druckfehlern, auch einen Auslassungsfehler, bey, welche vielleicht noch
dem Werke angehängt werden können, und spricht dann des Näheren über
einen Schreibfehler, der bei einer Überschrift untergelaufen war. Jenes
zum Corrector zu brauchen, den Sie dann auch dafür so reichlich als für
dergleichen Arbeit nur zu geschehen pflegt, zu bezahlen belieben
werden[64]. Die Briefe Kiesewetters und de la Gardes vom 29. Januar
1790[65] zeigen, dass Verleger und Corrector die Wünsche Kants auf das
eifrigste zu befolgen begannen. Kant liess dann am 9. Februar eine zweite
Manuscriptsendung an de la Garde abgehen, wonach vom Text nur noch ein
kleiner Rest ausstand[66]. Er zeigte in dem weiteren Briefwechsel mit dem
Verleger und dem Corrector[67] eine rührende Bescheidenheit in der
Bekundung seiner Zufriedenheit über die Ausstattung und die Drucklegung
des Buches. Der Corrector hatte dabei, wie sein Brief vom 3. März 1790
beweist, mancherlei Verlegenheiten zu überwinden: »es sind nämlich
Stellen im Manuscript, die offenbar den Sinn entstellende Schreibfehler
enthalten, und wo ich mich genöthigt gesehen habe zu ändern.« Wir
erfahren dabei auch, dass er »bei der Correctur vom 2ten bis 6ten Bogen
krank war, und also ein anderer[68], der dem Manuscripte treulich folgte, die
Correctur übernahm«. Dabei sei es zu seinem grössten Ärger gekommen,
dass zwei den Sinn entstellende Fehler stehen blieben, die unter den Errata
aufgeführt werden sollten[69]. Am 9. März 1790 hat dann Kant (vgl. Brief
an de la Garde)[70] den Rest des Textes im Manuscript an den Verleger
abgeschickt und Vorrede und Einleitung für das Ende der Passionswoche in
Aussicht gestellt. Die letztere Zusicherung wurde sodann am 22. März
erfüllt (vgl. den Brief an de la Garde vom 25. März 1790)[71]. Zugleich
giebt Kant die Adressen für seine Dedikations-Exemplare an, deren
Zusammenstellung nicht uninteressant ist: Graf von Windisch-Grätz in
Böhmen, Geheimerath Jacobi in Düsseldorf, Professor Reinhold in Jena,
Professor Jacob in Halle, Professor Blumenbach in Göttingen, ferner
Geheimer Finanzrath Wloemer in Berlin, D. Biester, Kiesewetter, D. u.
Prof. Hertz[72]. Inzwischen hatte Kant, wie aus dem Brief an Kiesewetter
vom 20. April 1790[73] zu ersehen, einen Theil der Probebogen
durchgesehen, aber er schreibt darüber: Ich fing an sie durchzugehen,
(wegen der Druckfehler) aber es war mir nachgerade verdrieslich und
schob es also auf, bis ich mehr derselben bekommen haben würde, um es
auf einmal abzumachen. Er legt dann einen Aufsatz von den gefundenen
Druckfehlern, auch einen Auslassungsfehler, bey, welche vielleicht noch
dem Werke angehängt werden können, und spricht dann des Näheren über
einen Schreibfehler, der bei einer Überschrift untergelaufen war. Jenes
Page 393
freilich sehr wenig sorgfältige Druckfehlerverzeichniss ist dann der ersten
Auflage des Werkes beigefügt worden, die rechtzeitig nach Kants Wunsch
zur Ostermesse 1790 erschien.
Mit dem Absatz des Buches war, wie Kiesewetter schon im Mai 1790 an
Kant berichtete[74], der Verleger so zufrieden, dass er für das folgende Jahr
schon eine neue Auflage in Aussicht nahm. Auch de la Garde bestätigt dies
in dem Briefe vom 22. Mai 1790[75]. Indessen kam es nicht so bald zur
zweiten Auflage. Kant fragte am 2. September und nochmals am 19.
October 1790[76] bei dem Verleger an, bis wann er spätestens seine
Verbesserungen für die neue Auflage einzusenden habe. Die Antwort darauf
(Briefsammlung 427a) ist nicht erhalten, sie muss, wie wir aus dem Briefe
von de la Garde vom 5. Juli 1791 ersehen[77], dahin gelautet haben, dass die
neue Auflage bis zum Sommer 1791 Zeit habe; nunmehr schreibt de la
Garde, dass er nach der Michaelmesse den Druck beginnen möchte und
schickt ein durchschossenes Exemplar, dessen Empfang Kant unter dem 15.
August 1791 quittirt. Die Bitte der Verlegers, die Verbesserungen bis zu
Ende October zu erhalten, hat Kant nach seinem Briefe vom 28. October
1791 nicht erfüllen können: da ich nothwendig meine ganze Zeit
ununterbrochen dem Durchdenken der hier abgehandelten Sachen widmen
muß, welche ich aber im vergangenen Sommer bis in den October hinein,
durch ungewohnte Amtsgeschäfte und auch manche litterärische
unvermeidliche Zerstreuungen abgehalten, nicht habe gewinnen können[78].
Er bat damals um Aufschub nur bis Ende November, theilte dann aber —
wie sich de la Garde dazu stellte, wissen wir nicht, da seine Antwort
(Briefsammlung Nr. 463a) nicht erhalten ist — erst am 30. März 1792 dem
Verleger mit, dass er das corrigirte Exemplar bald nach Ostern zu
überschicken bedacht seyn werde[79]. In der That ist dies, wie der Brief vom
12. Juni besagt,[80] am 10. Juni geschehen. Die Correctur zur Einleitung
freilich kam erst am 2. October 1792, und Kant bemerkte dabei: Auf den
Titel den Ausdruck: zweyte Ve r b e s s e r t e Ausgabe zu setzen, halte ich
nicht für schicklich, weil es nicht ganz ehrlich ist; denn die Verbesserungen
sind doch nicht wichtig genug, um sie zum besonderen Bewegungsgrunde
des Ankaufs zu machen: deshalb ich jenen Ausdruck auch verbitte[81]. Was
die letztere Frage angeht, so war Kant, nachdem ihm de la Garde unter dem
2. November 1792 bedauernd mitgetheilt hatte, dass im Messkatalog schon
»zweite verbesserte Auflage« stehe[82], auch damit einverstanden, weil es
Auflage des Werkes beigefügt worden, die rechtzeitig nach Kants Wunsch
zur Ostermesse 1790 erschien.
Mit dem Absatz des Buches war, wie Kiesewetter schon im Mai 1790 an
Kant berichtete[74], der Verleger so zufrieden, dass er für das folgende Jahr
schon eine neue Auflage in Aussicht nahm. Auch de la Garde bestätigt dies
in dem Briefe vom 22. Mai 1790[75]. Indessen kam es nicht so bald zur
zweiten Auflage. Kant fragte am 2. September und nochmals am 19.
October 1790[76] bei dem Verleger an, bis wann er spätestens seine
Verbesserungen für die neue Auflage einzusenden habe. Die Antwort darauf
(Briefsammlung 427a) ist nicht erhalten, sie muss, wie wir aus dem Briefe
von de la Garde vom 5. Juli 1791 ersehen[77], dahin gelautet haben, dass die
neue Auflage bis zum Sommer 1791 Zeit habe; nunmehr schreibt de la
Garde, dass er nach der Michaelmesse den Druck beginnen möchte und
schickt ein durchschossenes Exemplar, dessen Empfang Kant unter dem 15.
August 1791 quittirt. Die Bitte der Verlegers, die Verbesserungen bis zu
Ende October zu erhalten, hat Kant nach seinem Briefe vom 28. October
1791 nicht erfüllen können: da ich nothwendig meine ganze Zeit
ununterbrochen dem Durchdenken der hier abgehandelten Sachen widmen
muß, welche ich aber im vergangenen Sommer bis in den October hinein,
durch ungewohnte Amtsgeschäfte und auch manche litterärische
unvermeidliche Zerstreuungen abgehalten, nicht habe gewinnen können[78].
Er bat damals um Aufschub nur bis Ende November, theilte dann aber —
wie sich de la Garde dazu stellte, wissen wir nicht, da seine Antwort
(Briefsammlung Nr. 463a) nicht erhalten ist — erst am 30. März 1792 dem
Verleger mit, dass er das corrigirte Exemplar bald nach Ostern zu
überschicken bedacht seyn werde[79]. In der That ist dies, wie der Brief vom
12. Juni besagt,[80] am 10. Juni geschehen. Die Correctur zur Einleitung
freilich kam erst am 2. October 1792, und Kant bemerkte dabei: Auf den
Titel den Ausdruck: zweyte Ve r b e s s e r t e Ausgabe zu setzen, halte ich
nicht für schicklich, weil es nicht ganz ehrlich ist; denn die Verbesserungen
sind doch nicht wichtig genug, um sie zum besonderen Bewegungsgrunde
des Ankaufs zu machen: deshalb ich jenen Ausdruck auch verbitte[81]. Was
die letztere Frage angeht, so war Kant, nachdem ihm de la Garde unter dem
2. November 1792 bedauernd mitgetheilt hatte, dass im Messkatalog schon
»zweite verbesserte Auflage« stehe[82], auch damit einverstanden, weil es
Page 394
im Grunde wenig zu bedeuten habe. Er schrieb darüber am 21. December
1792: Unwahr ist es wenigstens nicht, wenn es mir gleich ein wenig
prahlend zu seyn schien[83]. Auf dem Titel des Buchs ist aber dann der
Zusatz »verbesserte« doch fortgefallen. Jedenfalls aber konnte Kant schon
am 4. Januar 1793 dem Verleger für das herrlich gebundene Exemplar der
neuen Auflage seinen Dank abstatten[84]. Die Änderungen, die Kant für die
zweite Auflage selbst gemacht hat, lassen sich schwer und auf jeden Fall
nur hypothetisch von denjenigen unterscheiden, zu welchen offenbar, wie
Kiesewetter bei der ersten Auflage, der Berliner Corrector auch jetzt freie
Hand hatte. Wer aber in diesem Falle der Corrector gewesen ist, lässt sich
nicht mit voller Sicherheit feststellen. Dass es wieder Kiesewetter gewesen
sein sollte, ist nicht anzunehmen, einerseits weil sich in der fortlaufenden
Correspondenz mit diesem nichts darüber findet, andrerseits weil zwischen
ihm und Kant wegen der Logik Kiesewetters eine vorübergehende
Verstimmung eingetreten war (vgl. Brief von Kiesewetter 3. Juli 1791, von
de la Garde 5. Juli 1791, von Kant 2. Aug. 1791); der Briefwechsel mit
Kiesewetter wird dann erst am 15. Juni 1793 von diesem wieder
aufgenommen, nachdem ihm Kant durch die Zusendung einer Schrift — der
Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft — entgegengekommen
war. Dagegen ist es im höchsten Maasse wahrscheinlich, dass der Corrector
der zweiten (und ebenso der dritten) Auflage Fr. Gentz gewesen ist. Dessen
bisher veröffentlichter Briefwechsel giebt zwar direct nur über seine
Mitwirkung bei der Correctur der ersten Auflage Aufschluss. Aber wie er
schon diese wesentlich auch aus Liebe zu seiner »alten Pflegemutter, der
Kantischen Philosophie« (er war Kant's Zuhörer gewesen[85]) übernommen
hatte[86], so las er auch das Werk zum zweiten Male aus sachlichem
Interesse und dabei auch zugleich mit Rücksicht auf die Druckfehler, deren
noch immer viele übrig geblieben seien. Er erwähnt dabei die
Erforderlichkeit der neuen Auflage, zu der aber — 5. Dec. 1790 — noch
keine Anstalten gemacht seien. Da nun ferner der Buchhändler de la Garde
sein »sehr vertrauter Freund und Verwandter« war[87], da auch seine
finanziellen Verhältnisse dauernd derart waren, dass ihm eine solche
Nebenarbeit willkommen sein musste, so spricht alles dafür, in ihm den
bisher vergebens gesuchten Corrector der zweiten (und dritten) Auflage zu
sehen: und wenn die Herausgeber immer die Hand dieses Correctors gerade
in der Vermeidung sprachlicher Härten und der Abrundung des Ausdrucks
1792: Unwahr ist es wenigstens nicht, wenn es mir gleich ein wenig
prahlend zu seyn schien[83]. Auf dem Titel des Buchs ist aber dann der
Zusatz »verbesserte« doch fortgefallen. Jedenfalls aber konnte Kant schon
am 4. Januar 1793 dem Verleger für das herrlich gebundene Exemplar der
neuen Auflage seinen Dank abstatten[84]. Die Änderungen, die Kant für die
zweite Auflage selbst gemacht hat, lassen sich schwer und auf jeden Fall
nur hypothetisch von denjenigen unterscheiden, zu welchen offenbar, wie
Kiesewetter bei der ersten Auflage, der Berliner Corrector auch jetzt freie
Hand hatte. Wer aber in diesem Falle der Corrector gewesen ist, lässt sich
nicht mit voller Sicherheit feststellen. Dass es wieder Kiesewetter gewesen
sein sollte, ist nicht anzunehmen, einerseits weil sich in der fortlaufenden
Correspondenz mit diesem nichts darüber findet, andrerseits weil zwischen
ihm und Kant wegen der Logik Kiesewetters eine vorübergehende
Verstimmung eingetreten war (vgl. Brief von Kiesewetter 3. Juli 1791, von
de la Garde 5. Juli 1791, von Kant 2. Aug. 1791); der Briefwechsel mit
Kiesewetter wird dann erst am 15. Juni 1793 von diesem wieder
aufgenommen, nachdem ihm Kant durch die Zusendung einer Schrift — der
Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft — entgegengekommen
war. Dagegen ist es im höchsten Maasse wahrscheinlich, dass der Corrector
der zweiten (und ebenso der dritten) Auflage Fr. Gentz gewesen ist. Dessen
bisher veröffentlichter Briefwechsel giebt zwar direct nur über seine
Mitwirkung bei der Correctur der ersten Auflage Aufschluss. Aber wie er
schon diese wesentlich auch aus Liebe zu seiner »alten Pflegemutter, der
Kantischen Philosophie« (er war Kant's Zuhörer gewesen[85]) übernommen
hatte[86], so las er auch das Werk zum zweiten Male aus sachlichem
Interesse und dabei auch zugleich mit Rücksicht auf die Druckfehler, deren
noch immer viele übrig geblieben seien. Er erwähnt dabei die
Erforderlichkeit der neuen Auflage, zu der aber — 5. Dec. 1790 — noch
keine Anstalten gemacht seien. Da nun ferner der Buchhändler de la Garde
sein »sehr vertrauter Freund und Verwandter« war[87], da auch seine
finanziellen Verhältnisse dauernd derart waren, dass ihm eine solche
Nebenarbeit willkommen sein musste, so spricht alles dafür, in ihm den
bisher vergebens gesuchten Corrector der zweiten (und dritten) Auflage zu
sehen: und wenn die Herausgeber immer die Hand dieses Correctors gerade
in der Vermeidung sprachlicher Härten und der Abrundung des Ausdrucks
Page 395
glücklich gefunden haben, so stimmt es dazu, dass es die eines Stilisten
ersten Ranges wie Friedr. Gentz gewesen ist.
Noch eine dritte Auflage des Werks ist bei Kants Lebzeiten im Jahre 1799
bei de la Garde erschienen. Allein über diese schweigen die brieflichen
Nachrichten vollständig. Aus der Correspondenz mit de la Garde und mit
Kiesewetter ist nichts erhalten, was mit dieser neuen Auflage in
Zusammenhang stünde. Selbst der Versuch, darüber in dem ungedruckten
Briefwechsel zwischen de la Garde und dem Kriegsrath Scheffner Auskunft
zu finden, hat nur ergeben, dass de la Garde am 4. August 1798
(Briefwechsel Nr. 773a) an Kant eine Anweisung für das Honorar der
dritten Auflage der Kritik schickte und dabei meinte, Kant solle wohl sich
seines Versprechens erinnern und ihm von seinen Werken wenigstens eines
noch zukommen lassen; und weiterhin findet sich in dem Briefe vom 30.
September 1798 eine Bemerkung über die, wie es scheint, nicht eben
freundliche Art, in der Kant, vielleicht unter dem Druck seines körperlichen
Zustandes, die Verbindung mit dem Verleger abgebrochen hatte: »Was Sie
mir von Kant sagen, erklärt freilich in etwas sein sonderbares Benehmen
gegen mich. Gleich nach meiner Rückkunft aus Paris überschickte ich ihm
das Honorarium der dritten Auflage seiner Kritik und dankte bei der
Gelegenheit für die freundschaftliche Äußerungen gegen Vg. (Vieweg)
ferner noch Geschäfte mit mir machen zu wollen. Als ich nach zwei Monat
keine Antwort von ihm erhielt, bat ich ihn, mir wenigstens der Ordnung
wegen den Empfang des Geldes anzuzeigen, allein hierauf hat er bis jetzt
mit keiner Sylbe geantwortet. Er scheint zu glauben, dass mein Dank eine
Aufforderung enthält, von seinem jetzigen Verleger abzugehen. Dadurch
würde er nun wohl freylich sein Versprechen erfüllen, allein mich nicht so
sehr beglücken, da ich mehr Verlagsprojecte habe als meine Kräfte es
erlauben in 3 Jahren zu bestreiten.«
Die dritte Auflage stimmt zwar in der Seitenzahl und in der Abtheilung der
Seiten mit der zweiten durchgängig überein, ist aber doch nicht, wie man
wohl gemeint hat, ein unveränderter Abdruck davon, sondern zeigt
wiederum eine Anzahl sprachlicher Veränderungen und gelegentlich auch
eine sachliche Abweichung, — Änderungen, die sich stilistisch in der
Richtung derjenigen der zweiten Auflage bewegen. Es ist deshalb nicht
unwahrscheinlich, obwohl in keiner Weise bezeugt, dass hier derselbe
ersten Ranges wie Friedr. Gentz gewesen ist.
Noch eine dritte Auflage des Werks ist bei Kants Lebzeiten im Jahre 1799
bei de la Garde erschienen. Allein über diese schweigen die brieflichen
Nachrichten vollständig. Aus der Correspondenz mit de la Garde und mit
Kiesewetter ist nichts erhalten, was mit dieser neuen Auflage in
Zusammenhang stünde. Selbst der Versuch, darüber in dem ungedruckten
Briefwechsel zwischen de la Garde und dem Kriegsrath Scheffner Auskunft
zu finden, hat nur ergeben, dass de la Garde am 4. August 1798
(Briefwechsel Nr. 773a) an Kant eine Anweisung für das Honorar der
dritten Auflage der Kritik schickte und dabei meinte, Kant solle wohl sich
seines Versprechens erinnern und ihm von seinen Werken wenigstens eines
noch zukommen lassen; und weiterhin findet sich in dem Briefe vom 30.
September 1798 eine Bemerkung über die, wie es scheint, nicht eben
freundliche Art, in der Kant, vielleicht unter dem Druck seines körperlichen
Zustandes, die Verbindung mit dem Verleger abgebrochen hatte: »Was Sie
mir von Kant sagen, erklärt freilich in etwas sein sonderbares Benehmen
gegen mich. Gleich nach meiner Rückkunft aus Paris überschickte ich ihm
das Honorarium der dritten Auflage seiner Kritik und dankte bei der
Gelegenheit für die freundschaftliche Äußerungen gegen Vg. (Vieweg)
ferner noch Geschäfte mit mir machen zu wollen. Als ich nach zwei Monat
keine Antwort von ihm erhielt, bat ich ihn, mir wenigstens der Ordnung
wegen den Empfang des Geldes anzuzeigen, allein hierauf hat er bis jetzt
mit keiner Sylbe geantwortet. Er scheint zu glauben, dass mein Dank eine
Aufforderung enthält, von seinem jetzigen Verleger abzugehen. Dadurch
würde er nun wohl freylich sein Versprechen erfüllen, allein mich nicht so
sehr beglücken, da ich mehr Verlagsprojecte habe als meine Kräfte es
erlauben in 3 Jahren zu bestreiten.«
Die dritte Auflage stimmt zwar in der Seitenzahl und in der Abtheilung der
Seiten mit der zweiten durchgängig überein, ist aber doch nicht, wie man
wohl gemeint hat, ein unveränderter Abdruck davon, sondern zeigt
wiederum eine Anzahl sprachlicher Veränderungen und gelegentlich auch
eine sachliche Abweichung, — Änderungen, die sich stilistisch in der
Richtung derjenigen der zweiten Auflage bewegen. Es ist deshalb nicht
unwahrscheinlich, obwohl in keiner Weise bezeugt, dass hier derselbe
Page 396
Corrector, also vermuthlich Gentz, mitgewirkt hat, wie bei der zweiten
Auflage, und dass er wiederum dazu freie Hand hatte.
Was wir somit von der Geschichte des Drucks der drei Auflagen wissen,
lässt es als ausgeschlossen erscheinen, mit Sicherheit eine Form des Werkes
herzustellen, die in jeder Hinsicht auf Kants eigene Textprüfung
zurückginge. Schon bei der ersten Auflage haben Kiesewetter und
gelegentlich der andere Corrector ihre Hand im Spiele gehabt; bei der
zweiten gehen zweifellos die bedeutsamsten Textänderungen auf Kants
durchschossenes Exemplar zurück, aber es sind auch die stilistischen
Ausfeilungen durch Gentz als den wahrscheinlichen Corrector
hinzugekommen; bei der dritten endlich haben wir keinen Grund zu der
Annahme, dass Kant bei den Änderungen direct mitgewirkt hätte, wohl aber
zu der Voraussetzung, dass der Philosoph wiederum seine allgemeine
Einwilligung zu den Änderungen gegeben hat, welche der Corrector
vornahm. Über das Verhältniss der drei Texte zu einander hat Benno
Erdmann in seiner Sonderausgabe der Kritik der Urtheilskraft (1880) eine
vergleichende Untersuchung von so umfassender Sorgfalt gemacht, dass
darauf hier verwiesen werden muss. Für die vorliegende Ausgabe ist im
allgemeinen auf Grund der dargelegten Verhältnisse der Text der zweiten
Auflage (A2) zu Grunde gelegt worden als derjenigen, bei der Kant selbst
noch in nachweisbarer Weise, wenn auch nicht allein mitgewirkt hat. Doch
erwies es sich als zweckmässig und unter Umständen als erforderlich,
gewisse Änderungen der dritten Auflage für welche ja die Legitimation von
Seiten Kants schliesslich auch soweit reicht, wie für viele der Änderungen
der zweiten Auflage, an denjenigen Stellen einzusetzen, wo sie offenbare
Verbesserungen des Ausdrucks oder Erleichterung des Verständnisses
bedeuteten.
Drucke: 1. Critik der Urtheilskraft von Immanuel Kant. Berlin und Libau,
bey Lagarde und Friederich, 1790.
2. — — Zweyte Auflage. Berlin, bey F. T. Lagarde. 1793.
3. — — Dritte Auflage. Berlin, bey F. T. Lagarde. 1799. (2 Drucke.)
Es erschienen ausserdem noch drei Nachdrucke:
1. — — Frankfurt und Leipzig 1792.
Auflage, und dass er wiederum dazu freie Hand hatte.
Was wir somit von der Geschichte des Drucks der drei Auflagen wissen,
lässt es als ausgeschlossen erscheinen, mit Sicherheit eine Form des Werkes
herzustellen, die in jeder Hinsicht auf Kants eigene Textprüfung
zurückginge. Schon bei der ersten Auflage haben Kiesewetter und
gelegentlich der andere Corrector ihre Hand im Spiele gehabt; bei der
zweiten gehen zweifellos die bedeutsamsten Textänderungen auf Kants
durchschossenes Exemplar zurück, aber es sind auch die stilistischen
Ausfeilungen durch Gentz als den wahrscheinlichen Corrector
hinzugekommen; bei der dritten endlich haben wir keinen Grund zu der
Annahme, dass Kant bei den Änderungen direct mitgewirkt hätte, wohl aber
zu der Voraussetzung, dass der Philosoph wiederum seine allgemeine
Einwilligung zu den Änderungen gegeben hat, welche der Corrector
vornahm. Über das Verhältniss der drei Texte zu einander hat Benno
Erdmann in seiner Sonderausgabe der Kritik der Urtheilskraft (1880) eine
vergleichende Untersuchung von so umfassender Sorgfalt gemacht, dass
darauf hier verwiesen werden muss. Für die vorliegende Ausgabe ist im
allgemeinen auf Grund der dargelegten Verhältnisse der Text der zweiten
Auflage (A2) zu Grunde gelegt worden als derjenigen, bei der Kant selbst
noch in nachweisbarer Weise, wenn auch nicht allein mitgewirkt hat. Doch
erwies es sich als zweckmässig und unter Umständen als erforderlich,
gewisse Änderungen der dritten Auflage für welche ja die Legitimation von
Seiten Kants schliesslich auch soweit reicht, wie für viele der Änderungen
der zweiten Auflage, an denjenigen Stellen einzusetzen, wo sie offenbare
Verbesserungen des Ausdrucks oder Erleichterung des Verständnisses
bedeuteten.
Drucke: 1. Critik der Urtheilskraft von Immanuel Kant. Berlin und Libau,
bey Lagarde und Friederich, 1790.
2. — — Zweyte Auflage. Berlin, bey F. T. Lagarde. 1793.
3. — — Dritte Auflage. Berlin, bey F. T. Lagarde. 1799. (2 Drucke.)
Es erschienen ausserdem noch drei Nachdrucke:
1. — — Frankfurt und Leipzig 1792.
Page 397
2. — — Neueste Auflage. Frankfurt und Leipzig 1794.
3. — — Neueste, mit einem Register vermehrte Auflage. 2 Bde. Grätz 1797.
3. — — Neueste, mit einem Register vermehrte Auflage. 2 Bde. Grätz 1797.
Page 398
Sachliche Erläuterungen.
1689.10 sicheren alleinigen Besitz] Der überlieferte Text sicheren, aber
einigen Besitz ist verständlich, wenn man einigen im Sinne von einzigen
nimmt, macht jedoch mit dem aber eine Schwierigkeit, die Erdmann zu
heben suchte, indem er statt aber: oder conjicirte. Auch dies jedoch ist
sachlich nicht ohne Bedenken, und deshalb wurde die Schwierigkeit durch
alleinigen zu umgehen gesucht.
17818 (O mihi praeteritos, etc.)] Vergil Aen. VIII 560, der Vers lautet
vollständig: O mihi praeteritos referat si Juppiter annos.
20432 Irokesische S a c h e m]. Sachem bedeutet eine Art von Häuptling
oder Friedenshäuptling: vgl. »Kantstudien« Bd. I, S. 155 f. Die von Kant
mitgetheilte Anecdote beruht, wie P. Menzer gefunden hat, auf einer Stelle
bei Charlevoix, histoire et description générale de la Nouvelle-France. III S.
322. Paris 1744. »Des Iroquois, qui en 1666 allèrent à Paris, et à qui on fit
voir toutes les maisons royales et toutes les beautés de cette grande ville, n'y
admirèrent rien, et auraient préféré les villages à la capitale du plus
florissant royaume de l'Europe, s'ils n'avaient pas vu la rue de la Huchette,
où les boutiques des rotisseurs, qu'ils trouvaient toujours garnies de viandes
de toutes les sortes, les charmèrent beaucoup.«
22428 (woran ich doch gar nicht zweifle)] Da die beiden ersten Auflagen in
dieser Klammer schreiben: woran ich doch gar sehr zweifle, so lag hier ein
Punkt totaler sachlicher Verschiedenheit vor. Denn dass in der dritten
Auflage das nicht an die Stelle des sehr getreten ist, kann unmöglich nur die
Sache eines Druckfehlers sein. Diese Änderung der dritten Auflage, die
vermuthlich auf deren Corrector zurückgeht und die in den Text dieser
Ausgabe aufgenommen ist, entspricht nämlich durchaus der Stellung,
welche Kant zu den dort berührten Fragen eingenommen hat. An der
Eulerschen Theorie, der Undulationstheorie des Lichts, hat Kant, wie
namentlich schon eine Stelle in seiner Promotionsschrift De igne zeigt, in
der That nicht gezweifelt. Er nennt diese Theorie dort (Sectio II, Prop.
VIII; I, 378): hypothesin naturae legibus maxime congruam et nuper a
clarissimo Eulero novo praesidio munitam. In den Metaphysischen
1689.10 sicheren alleinigen Besitz] Der überlieferte Text sicheren, aber
einigen Besitz ist verständlich, wenn man einigen im Sinne von einzigen
nimmt, macht jedoch mit dem aber eine Schwierigkeit, die Erdmann zu
heben suchte, indem er statt aber: oder conjicirte. Auch dies jedoch ist
sachlich nicht ohne Bedenken, und deshalb wurde die Schwierigkeit durch
alleinigen zu umgehen gesucht.
17818 (O mihi praeteritos, etc.)] Vergil Aen. VIII 560, der Vers lautet
vollständig: O mihi praeteritos referat si Juppiter annos.
20432 Irokesische S a c h e m]. Sachem bedeutet eine Art von Häuptling
oder Friedenshäuptling: vgl. »Kantstudien« Bd. I, S. 155 f. Die von Kant
mitgetheilte Anecdote beruht, wie P. Menzer gefunden hat, auf einer Stelle
bei Charlevoix, histoire et description générale de la Nouvelle-France. III S.
322. Paris 1744. »Des Iroquois, qui en 1666 allèrent à Paris, et à qui on fit
voir toutes les maisons royales et toutes les beautés de cette grande ville, n'y
admirèrent rien, et auraient préféré les villages à la capitale du plus
florissant royaume de l'Europe, s'ils n'avaient pas vu la rue de la Huchette,
où les boutiques des rotisseurs, qu'ils trouvaient toujours garnies de viandes
de toutes les sortes, les charmèrent beaucoup.«
22428 (woran ich doch gar nicht zweifle)] Da die beiden ersten Auflagen in
dieser Klammer schreiben: woran ich doch gar sehr zweifle, so lag hier ein
Punkt totaler sachlicher Verschiedenheit vor. Denn dass in der dritten
Auflage das nicht an die Stelle des sehr getreten ist, kann unmöglich nur die
Sache eines Druckfehlers sein. Diese Änderung der dritten Auflage, die
vermuthlich auf deren Corrector zurückgeht und die in den Text dieser
Ausgabe aufgenommen ist, entspricht nämlich durchaus der Stellung,
welche Kant zu den dort berührten Fragen eingenommen hat. An der
Eulerschen Theorie, der Undulationstheorie des Lichts, hat Kant, wie
namentlich schon eine Stelle in seiner Promotionsschrift De igne zeigt, in
der That nicht gezweifelt. Er nennt diese Theorie dort (Sectio II, Prop.
VIII; I, 378): hypothesin naturae legibus maxime congruam et nuper a
clarissimo Eulero novo praesidio munitam. In den Metaphysischen
Page 399
Anfangsgründen der Naturwissenschaft behandelt er (2. Hauptst. Lehrs. 8
Anm. 1 Note IV, 520) Eulers Hypothese mit entschiedener Zustimmung und
sucht die ihr aus der nur geradlinigen Fortpflanzung des Lichts
erwachsende Schwierigkeit auf eine gar wohl vermeidliche mathematische
Vorstellung der Lichtmaterie zurückzuführen: vgl. daselbst 520, 21ff. Auch
die Wendung in der Anthropologie § 19 (VII, 1564) kann nicht als eine
Concession an die Emissionstheorie des Lichtes angesehen werden.
Jedenfalls hat Kant in der Kritik der Urtheilskraft überall Licht und Schall
in Bezug auf die beiden »höheren« Sinne nach dieser Richtung durchaus
parallel behandelt. Vgl. z. B. § 42 S. 3027 oder § 51 S. 32417 und 32431.
Aber auch, was das Wichtigere und wesentlich Bedeutsame ist, die
ästhetische Verwendung dieser physicalisch-physiologischen Theorie,
wonach die reinen Farben wie die reinen Töne nicht bloss eine Wirkung auf
den Sinn, sondern eine Reflexion auf das regelmässige Spiel der Eindrücke
enthalten, ist von Kant überall ausdrücklich bejaht worden. Zwar führt er
die eingehendere Erwägung dieser Frage im § 51, 3 (S. 32420f.) mit der
Bemerkung ein, man könne nicht recht ausmachen, ob die Besonderheit der
Ton- und Farbenempfindung den Sinn oder die Reflexion zum Grunde
habe, — man könne nicht mit Gewissheit sagen, ob eine Farbe oder ein Ton
bloß angenehme Empfindungen, oder an sich schon ein schönes Spiel von
Empfindungen sei und als ein solches ein Wohlgefallen an der Form in der
ästhetischen Beurtheilung bei sich führe. Aber seine weiteren Ausführungen
lauten dann ausdrücklich: So möchte man sich genöthigt sehen, die
Empfindungen von beiden nicht als bloßen Sinneneindruck, sondern als die
Wirkung einer Beurtheilung der Form im Spiele vieler Empfindungen
anzusehen. Daraus folgt ihm dann, dass die Musik als schöne Kunst und
zwar als ein schönes Spiel der Empfindungen durch das Gehör erklärt
werden soll: und dasselbe gilt nach dem Eingange des Abschnitts für die
Farbenkunst. Damit wird ausdrücklich bejaht, woran Kant nach der Lesart
der ersten und zweiten Auflage an dieser Stelle gar sehr gezweifelt haben
soll. Ebenso aber heisst es § 42 S. 3028f. von Licht und Schall: diese sind
die einzigen Empfindungen, welche nicht bloß Sinnengefühl, sondern auch
Reflexion über die Form der Modificationen der Sinne verstatten. Und
weiterhin (3294f.) sagt Kant bei Behandlung der Tonkunst hinsichtlich der
proportionirten Stimmung, welche, weil sie bei Tönen auf dem Verhältniß
der Zahl der Luftbebungen in derselben Zeit, sofern die Töne zugleich oder
Anm. 1 Note IV, 520) Eulers Hypothese mit entschiedener Zustimmung und
sucht die ihr aus der nur geradlinigen Fortpflanzung des Lichts
erwachsende Schwierigkeit auf eine gar wohl vermeidliche mathematische
Vorstellung der Lichtmaterie zurückzuführen: vgl. daselbst 520, 21ff. Auch
die Wendung in der Anthropologie § 19 (VII, 1564) kann nicht als eine
Concession an die Emissionstheorie des Lichtes angesehen werden.
Jedenfalls hat Kant in der Kritik der Urtheilskraft überall Licht und Schall
in Bezug auf die beiden »höheren« Sinne nach dieser Richtung durchaus
parallel behandelt. Vgl. z. B. § 42 S. 3027 oder § 51 S. 32417 und 32431.
Aber auch, was das Wichtigere und wesentlich Bedeutsame ist, die
ästhetische Verwendung dieser physicalisch-physiologischen Theorie,
wonach die reinen Farben wie die reinen Töne nicht bloss eine Wirkung auf
den Sinn, sondern eine Reflexion auf das regelmässige Spiel der Eindrücke
enthalten, ist von Kant überall ausdrücklich bejaht worden. Zwar führt er
die eingehendere Erwägung dieser Frage im § 51, 3 (S. 32420f.) mit der
Bemerkung ein, man könne nicht recht ausmachen, ob die Besonderheit der
Ton- und Farbenempfindung den Sinn oder die Reflexion zum Grunde
habe, — man könne nicht mit Gewissheit sagen, ob eine Farbe oder ein Ton
bloß angenehme Empfindungen, oder an sich schon ein schönes Spiel von
Empfindungen sei und als ein solches ein Wohlgefallen an der Form in der
ästhetischen Beurtheilung bei sich führe. Aber seine weiteren Ausführungen
lauten dann ausdrücklich: So möchte man sich genöthigt sehen, die
Empfindungen von beiden nicht als bloßen Sinneneindruck, sondern als die
Wirkung einer Beurtheilung der Form im Spiele vieler Empfindungen
anzusehen. Daraus folgt ihm dann, dass die Musik als schöne Kunst und
zwar als ein schönes Spiel der Empfindungen durch das Gehör erklärt
werden soll: und dasselbe gilt nach dem Eingange des Abschnitts für die
Farbenkunst. Damit wird ausdrücklich bejaht, woran Kant nach der Lesart
der ersten und zweiten Auflage an dieser Stelle gar sehr gezweifelt haben
soll. Ebenso aber heisst es § 42 S. 3028f. von Licht und Schall: diese sind
die einzigen Empfindungen, welche nicht bloß Sinnengefühl, sondern auch
Reflexion über die Form der Modificationen der Sinne verstatten. Und
weiterhin (3294f.) sagt Kant bei Behandlung der Tonkunst hinsichtlich der
proportionirten Stimmung, welche, weil sie bei Tönen auf dem Verhältniß
der Zahl der Luftbebungen in derselben Zeit, sofern die Töne zugleich oder
Page 400
auch nacheinander verbunden werden, beruht, mathematisch unter gewisse
Regeln gebracht werden kann: An dieser mathematischen Form, obgleich
nicht durch bestimmte Begriffe vorgestellt, hängt allein das Wohlgefallen,
welches die bloße Reflexion über eine solche Menge einander begleitender
oder folgender Empfindungen mit diesem Spiele derselben als für
jedermann gültige Bedingung seiner Schönheit verknüpft; und sie ist es
allein, nach welcher der Geschmack sich ein Recht über das Urtheil von
jedermann zum Voraus auszusprechen anmaßen darf. Selbst wenn es also,
wie vermuthlich, der Corrector der dritten Auflage sein sollte, auf den die
Ersetzung des gar sehr durch das gar nicht zurückgeht, und selbst wenn die
von ihm mit Anschluss an den früheren Text eingesetzte Form einen etwas
zu starken Ausdruck hergestellt hätte, so entspricht doch die Änderung der
von Kant in dem Werke durchgängig vertretenen Ansicht derart, dass ihre
Aufnahme in den Text nicht nur berechtigt, sondern auch erforderlich
schien.
31533f. Die Verse lauten im Original:
»Oui, finissons sans trouble, et mourons sans regrets,
En laissant l'Univers comblé de nos bienfaits.
Ainsi l'Astre du jour, au bout de sa carrière,
Répand sur l'horizon une douce lumière,
Et les derniers rayons qu'il darde dans les airs
Sont ses derniers soupirs qu'il donne à l'Univers.«
Sie finden sich am Schlusse der Epitre XVIII, Au Maréchal Keith, Imitation
du troisième livre de Lucrèce: »Sur les vaines terreurs de la mort et les
frayeurs d'une autre vie«, in den Poésies diverses, Berlin 1762, Bd. 2, S.
447; vgl. Oeuvres de Frédéric le Grand, 1846 ff. tome X, p. 203.
31613 Der Vers steht in den »Academischen Gedichten« von Withof im 3.
Gesang der »Sinnlichen Ergötzungen«, Leipzig 1782, I, S. 70, und lautet
genau:
Regeln gebracht werden kann: An dieser mathematischen Form, obgleich
nicht durch bestimmte Begriffe vorgestellt, hängt allein das Wohlgefallen,
welches die bloße Reflexion über eine solche Menge einander begleitender
oder folgender Empfindungen mit diesem Spiele derselben als für
jedermann gültige Bedingung seiner Schönheit verknüpft; und sie ist es
allein, nach welcher der Geschmack sich ein Recht über das Urtheil von
jedermann zum Voraus auszusprechen anmaßen darf. Selbst wenn es also,
wie vermuthlich, der Corrector der dritten Auflage sein sollte, auf den die
Ersetzung des gar sehr durch das gar nicht zurückgeht, und selbst wenn die
von ihm mit Anschluss an den früheren Text eingesetzte Form einen etwas
zu starken Ausdruck hergestellt hätte, so entspricht doch die Änderung der
von Kant in dem Werke durchgängig vertretenen Ansicht derart, dass ihre
Aufnahme in den Text nicht nur berechtigt, sondern auch erforderlich
schien.
31533f. Die Verse lauten im Original:
»Oui, finissons sans trouble, et mourons sans regrets,
En laissant l'Univers comblé de nos bienfaits.
Ainsi l'Astre du jour, au bout de sa carrière,
Répand sur l'horizon une douce lumière,
Et les derniers rayons qu'il darde dans les airs
Sont ses derniers soupirs qu'il donne à l'Univers.«
Sie finden sich am Schlusse der Epitre XVIII, Au Maréchal Keith, Imitation
du troisième livre de Lucrèce: »Sur les vaines terreurs de la mort et les
frayeurs d'une autre vie«, in den Poésies diverses, Berlin 1762, Bd. 2, S.
447; vgl. Oeuvres de Frédéric le Grand, 1846 ff. tome X, p. 203.
31613 Der Vers steht in den »Academischen Gedichten« von Withof im 3.
Gesang der »Sinnlichen Ergötzungen«, Leipzig 1782, I, S. 70, und lautet
genau:
Page 401
»Die Sonne quoll hervor, wie Ruh' aus Güte quillt.«
(Nachgewiesen von E. Schmidt und R. M. Meyer.)
32836 Der Ausspruch stammt nicht von Cicero, sondern von Cato; vgl.
Catonis fragmenta ed. H. Jordan Lpz. 1860 S. 80; vgl. Quintilianus Institut.
orat. XII cap. 1, 1: Sit ergo nobis orator, quem constituimus, is, qui a M.
Catone finitur, vir bonus dicendi peritus. Nachgewiesen von Schöndörffer.
34313 welche] Richtiger wäre welches bezogen auf darstellen. Denn das,
was, wenn sie (nämlich die Anschauung) a priori ist, das Construiren heisst,
ist eben das in der Anschauung darstellen.
35320 vorige Paragraph] Dies Selbstcitat könnte sich im § 58 nur auf den
Nebensatz Seite 35023f. die aus einem übersinnlichen Grunde für
nothwendig und allgemeingültig erklärt werden soll beziehen. Viel
wahrscheinlicher ist es, dass Kant an dieser Stelle das im Auge hatte, was er
im § 57 von dem übersinnlichen Substrat der Menschheit als dem einzigen
Schlüssel der Enträthselung des Geschmacksurtheils (vgl. S. 34021 und
3417ff.) dargelegt und in der Anmerkung I näher ausgeführt hatte. Darnach
hiesse es genauer: der vorvorige Paragraph.
42422 Blumenbach] Vgl. Erl. zu VII 89 5 und B's. Schrift Ȇber den
Bildungstrieb und das Zeugungsgeschäfte«. Göttingen 1781 und mit dem
abgekürzten Titel: »Über den Bildungstrieb« ebenda 1789.
4274 Linné] Vgl. C a r o l i a L i n n é, Systema naturae ed. XII Holmiae
1766 I p. 17: »Politia naturae manifestatur ex tribus naturae regnis simul:
quemadmodum enim imperantium causa populi non sunt nati, sed
subditorum ordinis servando imperantes constituti, ita vegetabilium causa
animalia phytiphaga, phytigorum carnivora, et ex his maiora ob parva,
homo (qua animal) ob maxima et singula, sese vero praecipue, saeva
mercede conducta tyrannidem exercent, ut proportio cum nitore reipublicae
naturae perennet.«
42815.16 Camper] Vgl. VII 895 und die Erläuterung dazu.
(Nachgewiesen von E. Schmidt und R. M. Meyer.)
32836 Der Ausspruch stammt nicht von Cicero, sondern von Cato; vgl.
Catonis fragmenta ed. H. Jordan Lpz. 1860 S. 80; vgl. Quintilianus Institut.
orat. XII cap. 1, 1: Sit ergo nobis orator, quem constituimus, is, qui a M.
Catone finitur, vir bonus dicendi peritus. Nachgewiesen von Schöndörffer.
34313 welche] Richtiger wäre welches bezogen auf darstellen. Denn das,
was, wenn sie (nämlich die Anschauung) a priori ist, das Construiren heisst,
ist eben das in der Anschauung darstellen.
35320 vorige Paragraph] Dies Selbstcitat könnte sich im § 58 nur auf den
Nebensatz Seite 35023f. die aus einem übersinnlichen Grunde für
nothwendig und allgemeingültig erklärt werden soll beziehen. Viel
wahrscheinlicher ist es, dass Kant an dieser Stelle das im Auge hatte, was er
im § 57 von dem übersinnlichen Substrat der Menschheit als dem einzigen
Schlüssel der Enträthselung des Geschmacksurtheils (vgl. S. 34021 und
3417ff.) dargelegt und in der Anmerkung I näher ausgeführt hatte. Darnach
hiesse es genauer: der vorvorige Paragraph.
42422 Blumenbach] Vgl. Erl. zu VII 89 5 und B's. Schrift Ȇber den
Bildungstrieb und das Zeugungsgeschäfte«. Göttingen 1781 und mit dem
abgekürzten Titel: »Über den Bildungstrieb« ebenda 1789.
4274 Linné] Vgl. C a r o l i a L i n n é, Systema naturae ed. XII Holmiae
1766 I p. 17: »Politia naturae manifestatur ex tribus naturae regnis simul:
quemadmodum enim imperantium causa populi non sunt nati, sed
subditorum ordinis servando imperantes constituti, ita vegetabilium causa
animalia phytiphaga, phytigorum carnivora, et ex his maiora ob parva,
homo (qua animal) ob maxima et singula, sese vero praecipue, saeva
mercede conducta tyrannidem exercent, ut proportio cum nitore reipublicae
naturae perennet.«
42815.16 Camper] Vgl. VII 895 und die Erläuterung dazu.
Page 402
46719.20 Hirngespinste — Hirngespenster] beide Formen finden sich auch
sonst in dem überlieferten Text Kantischer Werke, Hirngespinste z. B. in der
Kritik der reinen Vernunft III 14515, Hirngespenster in den Krankheiten des
Kopfes II 26315 und 26437. Dass Kant in einem und demselben Werk beide
Formen angewendet haben sollte, ist kaum anzunehmen; die
Verschiedenheit scheint auf Rechnung der Setzer bzw. der Correctoren zu
fallen, zumal da an dieser Stelle die auf alle Fälle fehlerhafte Form von A
Hirngespinster auf Hirngespenster geführt haben dürfte. Der
Gleichmässigkeit halber war deshalb auch hier Hirngespinste zu setzen,
was an drei andern Stellen, 41126, 46618, 47225 sicher überliefert ist.
47636.37 Reimarus in seinem noch nicht übertroffenen Werke] Gemeint ist
R's. Schrift: »Die vornehmsten Wahrheiten der natürlichen Religion in zehn
Abhandlungen auf eine begreifliche Art erklärt und gerettet« Hamburg 1754
u. ö. Vgl. II 16122.
sonst in dem überlieferten Text Kantischer Werke, Hirngespinste z. B. in der
Kritik der reinen Vernunft III 14515, Hirngespenster in den Krankheiten des
Kopfes II 26315 und 26437. Dass Kant in einem und demselben Werk beide
Formen angewendet haben sollte, ist kaum anzunehmen; die
Verschiedenheit scheint auf Rechnung der Setzer bzw. der Correctoren zu
fallen, zumal da an dieser Stelle die auf alle Fälle fehlerhafte Form von A
Hirngespinster auf Hirngespenster geführt haben dürfte. Der
Gleichmässigkeit halber war deshalb auch hier Hirngespinste zu setzen,
was an drei andern Stellen, 41126, 46618, 47225 sicher überliefert ist.
47636.37 Reimarus in seinem noch nicht übertroffenen Werke] Gemeint ist
R's. Schrift: »Die vornehmsten Wahrheiten der natürlichen Religion in zehn
Abhandlungen auf eine begreifliche Art erklärt und gerettet« Hamburg 1754
u. ö. Vgl. II 16122.
Page 403
Lesarten.
16711 dem] den? Vorländer || 16718 kann. — also] kann: so, daß die Critik
A1 und dementsprechend Z. 20 nichts übrig läßt A1 || 16725 dienen] fehlt A1
|| 1683 das erste der] fehlt? Hartenstein || 16810 alleinigen] Windelband aber
einigen A oder einzigen Erdmann || welche] A2.3 die A1 || 1696 sie — sie]
Vorländer es — es A || 16926 logische] teleologische? Rosenkranz || 1715
Logik Principien] A2.3 Logik thut, die der Form A1 || 1735 Naturlehre
gehalten, endlich? Erdmann || 1736 Vorschriften]? Kehrbach || 17315.16
unterworfen — also] fehlt A1 || 17335.36 vorhergehende] vorgehende A ||
17427 und ihre] A2.3 und auf welchem ihre A1 || 1753 sie] A1.2 jene A3 || 175
1 2.3
32 aber] fehlt A || 17537 als] A also A1 || 1764 deren] A2.3 davon die A1 ||
1765 soll] fehlt A1 || 17610 welches] A2.3 was A1 || 17635 überdem] überdies?
Rosenkranz, fehlt Erdmann || 17721ff. Die Anmerkung ist Zusatz von A2 ||
1791 durch das] A2.3 durchs A1 || 1792 vom] Erdmann von A || 17932
allgemeinen] A1.2 allgemein A3 || 18015 diese sich nicht] Erdmann diese
nicht A || 18034 desselben] Windelband derselben A || 1835 ist. — ist] A2.3
ist, und unter diesen Gesetzen ist A1 || 18326 können); — Ansehung] A2.3
könnten); und in Ansehung deren A1 || 18333.34 Naturdingen — besonderen]
Erdmann Naturdinge — solche besondere A || 18417.18 erfreuet — werden]
A2.3 steht A1 erst nach dem Conditionalsatze wenn — antreffen || 18430
überdem — überdies? Rosenkranz || 1857 nach] Zus. Hartenstein || 18711
jeder] Hartenstein || 18728.29 Abtheilung] A1.2 Abtheilungen A3 || 18734 das]
A2.3 was A1 || 1884 voraus sagte] A1.2 vorhersagte A3 || 1885 eine] A2.3 eine
solche A1 || 1896 sein mögen] A2.3 seyn A1 || 18924 ja — ohne] A2.3 ja ohne
sogar A1 || 19013 Wessen Gegenstandes] A2.3 Ein Gegenstand, dessen A1 ||
19019 überhaupt] überhaupt giltig? Erdmann || 19030 den] dem?
Rosenkranz || 19119 ein] A1 fehlt A2.3 || 19125 werden] Erdmann wird A ||
16711 dem] den? Vorländer || 16718 kann. — also] kann: so, daß die Critik
A1 und dementsprechend Z. 20 nichts übrig läßt A1 || 16725 dienen] fehlt A1
|| 1683 das erste der] fehlt? Hartenstein || 16810 alleinigen] Windelband aber
einigen A oder einzigen Erdmann || welche] A2.3 die A1 || 1696 sie — sie]
Vorländer es — es A || 16926 logische] teleologische? Rosenkranz || 1715
Logik Principien] A2.3 Logik thut, die der Form A1 || 1735 Naturlehre
gehalten, endlich? Erdmann || 1736 Vorschriften]? Kehrbach || 17315.16
unterworfen — also] fehlt A1 || 17335.36 vorhergehende] vorgehende A ||
17427 und ihre] A2.3 und auf welchem ihre A1 || 1753 sie] A1.2 jene A3 || 175
1 2.3
32 aber] fehlt A || 17537 als] A also A1 || 1764 deren] A2.3 davon die A1 ||
1765 soll] fehlt A1 || 17610 welches] A2.3 was A1 || 17635 überdem] überdies?
Rosenkranz, fehlt Erdmann || 17721ff. Die Anmerkung ist Zusatz von A2 ||
1791 durch das] A2.3 durchs A1 || 1792 vom] Erdmann von A || 17932
allgemeinen] A1.2 allgemein A3 || 18015 diese sich nicht] Erdmann diese
nicht A || 18034 desselben] Windelband derselben A || 1835 ist. — ist] A2.3
ist, und unter diesen Gesetzen ist A1 || 18326 können); — Ansehung] A2.3
könnten); und in Ansehung deren A1 || 18333.34 Naturdingen — besonderen]
Erdmann Naturdinge — solche besondere A || 18417.18 erfreuet — werden]
A2.3 steht A1 erst nach dem Conditionalsatze wenn — antreffen || 18430
überdem — überdies? Rosenkranz || 1857 nach] Zus. Hartenstein || 18711
jeder] Hartenstein || 18728.29 Abtheilung] A1.2 Abtheilungen A3 || 18734 das]
A2.3 was A1 || 1884 voraus sagte] A1.2 vorhersagte A3 || 1885 eine] A2.3 eine
solche A1 || 1896 sein mögen] A2.3 seyn A1 || 18924 ja — ohne] A2.3 ja ohne
sogar A1 || 19013 Wessen Gegenstandes] A2.3 Ein Gegenstand, dessen A1 ||
19019 überhaupt] überhaupt giltig? Erdmann || 19030 den] dem?
Rosenkranz || 19119 ein] A1 fehlt A2.3 || 19125 werden] Erdmann wird A ||
Page 404
1926 am] vom? Erdmann || 19210 entsprungenes] entsprungen? Erdmann ||
19211 wird] Windelband fehlt A werden Erdmann || 19319 und] A1.2 und der
A3 || 19337 enthält] Windelband enthalte A || 19511 könnten] A1.2 können A3
|| 19526 gemäß ihren] A2.3 gemäß dieser ihren A1 || 19632.33 reinen und
praktischen] A2.3 reinen praktischen A1.
204 22 was] A1.2 das A3 || 20433.34 überdem] überdies? Rosenkranz || 20434
auf — R o u s s e a u i s c h] A1.2 auf gut R o u s s e a u i s c h auf die Eitelkeit
der Großen A3 || 20522 eben] A2.3 so eben A1 || 2065 bloße] bloß? Erdmann
|| 20613 da die] A2.3 da nur die A1 || 20617 welches] A2.3 das A1 || 20621.22
Erkenntnißvermögen] A2.3 Erkenntniß A1 || 20637 mein] ein? Hartenstein ||
2072 Gegenstande] Erdmann Gegenstände A1 Gegenständen A2.3 || 2078.9
so gar] A2.3 sogar A1 || 20711 Urtheilens] Urtheils? Hartenstein || 20730
welches] A2.3 das A1 || 20813 andre Zusätze] A2.3 andern Zusätzen A1 ||
20822 aufgelegt — der] A2.3 auferlegt macht. Aber von der A1 || 20830 an
sich] fehlt A1 || bloß] A2.3 nur blos A1 || 2091 absoluten fehlt A1 || 2093
ungeachtet] A2.3 unerachtet A1 || 20921.22 Nicht — gefällt] Zusatz A2 || 20922
Dagegen] Rosenkranz Daher A || 20927 (weder — praktisches)] A2.3 (ein
theoretisches) A1 || 2105 g e b i l l i g t] fehlt A1 || 2108.9 aber — thierische]
Zusatz A2 || 21013.14 denn — ab] A2.3 denn ein Interesse, sowohl das der
Sinne, als das der Vernunft, zwingt den Beifall ab A1 || 21017 einzige] A1.2
einzig A3 || 21017.18 einer, welcher] A2.3 der, so A1 || 21030 objectiv] A2.3
auch A1 || 21035 einen] Erdmann eines A || 21120 hinge] A1.2 hängte A3 ||
21125 ausmachend] Windelband ausmachen A1 st. ausmachen l. ausmachen
Druckfehlerverz. A1 ausmache A2.3 auszumachen Rosenkranz; Erdmann
stellt, um ausmache beizubehalten, wäre vor die Klammer || 21215 in] fehlt
A1 || 21221 in] A2.3 und in A1 || 21222 also] fehlt A1 || 21223 eigenen] A2.3
besondern A1 || 21230 Reiz] A2.3 Einen Reiz A1 || 21235 Anderer] A2.3 andere
A1 || 2134 besondern] eignen Erdmann vgl. zu 21222 || 21316.17 Das
Eingeklammerte Zusatz von A2 || 21317 letzteren] A2.3 letztere A1 || 21323
19211 wird] Windelband fehlt A werden Erdmann || 19319 und] A1.2 und der
A3 || 19337 enthält] Windelband enthalte A || 19511 könnten] A1.2 können A3
|| 19526 gemäß ihren] A2.3 gemäß dieser ihren A1 || 19632.33 reinen und
praktischen] A2.3 reinen praktischen A1.
204 22 was] A1.2 das A3 || 20433.34 überdem] überdies? Rosenkranz || 20434
auf — R o u s s e a u i s c h] A1.2 auf gut R o u s s e a u i s c h auf die Eitelkeit
der Großen A3 || 20522 eben] A2.3 so eben A1 || 2065 bloße] bloß? Erdmann
|| 20613 da die] A2.3 da nur die A1 || 20617 welches] A2.3 das A1 || 20621.22
Erkenntnißvermögen] A2.3 Erkenntniß A1 || 20637 mein] ein? Hartenstein ||
2072 Gegenstande] Erdmann Gegenstände A1 Gegenständen A2.3 || 2078.9
so gar] A2.3 sogar A1 || 20711 Urtheilens] Urtheils? Hartenstein || 20730
welches] A2.3 das A1 || 20813 andre Zusätze] A2.3 andern Zusätzen A1 ||
20822 aufgelegt — der] A2.3 auferlegt macht. Aber von der A1 || 20830 an
sich] fehlt A1 || bloß] A2.3 nur blos A1 || 2091 absoluten fehlt A1 || 2093
ungeachtet] A2.3 unerachtet A1 || 20921.22 Nicht — gefällt] Zusatz A2 || 20922
Dagegen] Rosenkranz Daher A || 20927 (weder — praktisches)] A2.3 (ein
theoretisches) A1 || 2105 g e b i l l i g t] fehlt A1 || 2108.9 aber — thierische]
Zusatz A2 || 21013.14 denn — ab] A2.3 denn ein Interesse, sowohl das der
Sinne, als das der Vernunft, zwingt den Beifall ab A1 || 21017 einzige] A1.2
einzig A3 || 21017.18 einer, welcher] A2.3 der, so A1 || 21030 objectiv] A2.3
auch A1 || 21035 einen] Erdmann eines A || 21120 hinge] A1.2 hängte A3 ||
21125 ausmachend] Windelband ausmachen A1 st. ausmachen l. ausmachen
Druckfehlerverz. A1 ausmache A2.3 auszumachen Rosenkranz; Erdmann
stellt, um ausmache beizubehalten, wäre vor die Klammer || 21215 in] fehlt
A1 || 21221 in] A2.3 und in A1 || 21222 also] fehlt A1 || 21223 eigenen] A2.3
besondern A1 || 21230 Reiz] A2.3 Einen Reiz A1 || 21235 Anderer] A2.3 andere
A1 || 2134 besondern] eignen Erdmann vgl. zu 21222 || 21316.17 Das
Eingeklammerte Zusatz von A2 || 21317 letzteren] A2.3 letztere A1 || 21323
Page 405
das zweite beim fehlt A1 || 21331 seine] A2.3 ihre A1 || 21334 geblieben]
fehlt? Erdmann || 2146 gebrauchen] A2.3 brauchen A1 || 2148 jeglichem]
A1.2 jeglichen A3 || 21436 bezeichnet] fehlt A1 || 21511 sie] A1 sich A2.3 ||
21512 logischen] fehlt A1 || 21517 können — Urtheile] A3 kann es nicht die
Quantität eines objectiv-gemeingültigen Urtheils A1.2 || 21524 ästhetischen]
A2.3 ästhetisches A1 ein ästhetisches Rosenkranz || 21526 Geruche]
Erdmann Gebrauche A || 21527 ein] fehlt A1 || 2162 aufschwatzen] A3
abschwatzen A1 beschwatzen A2 || 2165 glaubt] A2.3 so glaubt A1 || 2167 den
Betrachtenden] A3 ihn A1.2 || 21612 betrachtet] A1.2 angesehen A3 || 216 16
es] A3 er A1.2 || 21627.28 wenn — fällte] A2 A3 wider die er aber öfters fehlt
und — fället A1 || 21723 besondere] bestimmte? Hartenstein || 21725 an] A1.2
in A3 | 21730 Dieser] A2.3 und dieser A1 || 2195.6 unbestimmter] A1.2 sc.
begrifflich unbestimmter bestimmter A3 || 21910 sofern] A2.3 wenn A1 ||
21917 einzeln] A2.3 einzelne A1 || 21921 für] A2.3 als für A1, Erdmann || 2201
Zweck] der Zweck? Hartenstein || 22013.14 Das Eingeklammerte Zusatz von
A2 || 22023 Ursachen] A2.3 Ursache A1 || 22024 einem] A1.2 einen A3 || 2213
der] fehlt A1 || 22120 Vorstellung von] Zusatz von A2 || 22133 ein
Causalverhältniß] A2.3 ein besonderes Causalverhältniß A1 || 22133/2221
nur jederzeit] jederzeit nur? Vorländer || 222 4 Unlust] der Unlust? Erdmann
|| 22214 nur] A2.3 nur alsdenn A1 || 22220 Urtheil hingegen] A2.3 aber A1 ||
22223 einen] Erdmann ein A || 22235 analogisch] analog? Erdmann || 2237
dieses] Windelband diese A || 22315 Indessen] A1.2 Indeß A3 || 22317 an] A2.3
für A1 || 22331 von der] fehlt A1 || 22332 (als formale) Zusatz von A2 || 22413
verdienten] A1.2 verdienen A3 || 22414 zu gelten] A2.3 gehalten zu werden A1
|| 22421 gleiche] A1.2 solche A3 || 22428 nicht] A3 sehr A1.2 vgl.
Erläuterungen || würde] A1.2 würden A3 || 22436 welchen] Erdmann welcher
A || 22519 was] fehlt A1 || 22522 belebt] A2.3 beliebt A1 || 22524 erstere] A2.3
schöne Form A1 || 22529 bloßes] fehlt A1 || 2261.2 die — sie] Zusatz von A2 ||
2262.3 erhalten] A2.3 erheben A1 ||. 2264 Parerga)] fehlt A1 || 2268
fehlt? Erdmann || 2146 gebrauchen] A2.3 brauchen A1 || 2148 jeglichem]
A1.2 jeglichen A3 || 21436 bezeichnet] fehlt A1 || 21511 sie] A1 sich A2.3 ||
21512 logischen] fehlt A1 || 21517 können — Urtheile] A3 kann es nicht die
Quantität eines objectiv-gemeingültigen Urtheils A1.2 || 21524 ästhetischen]
A2.3 ästhetisches A1 ein ästhetisches Rosenkranz || 21526 Geruche]
Erdmann Gebrauche A || 21527 ein] fehlt A1 || 2162 aufschwatzen] A3
abschwatzen A1 beschwatzen A2 || 2165 glaubt] A2.3 so glaubt A1 || 2167 den
Betrachtenden] A3 ihn A1.2 || 21612 betrachtet] A1.2 angesehen A3 || 216 16
es] A3 er A1.2 || 21627.28 wenn — fällte] A2 A3 wider die er aber öfters fehlt
und — fället A1 || 21723 besondere] bestimmte? Hartenstein || 21725 an] A1.2
in A3 | 21730 Dieser] A2.3 und dieser A1 || 2195.6 unbestimmter] A1.2 sc.
begrifflich unbestimmter bestimmter A3 || 21910 sofern] A2.3 wenn A1 ||
21917 einzeln] A2.3 einzelne A1 || 21921 für] A2.3 als für A1, Erdmann || 2201
Zweck] der Zweck? Hartenstein || 22013.14 Das Eingeklammerte Zusatz von
A2 || 22023 Ursachen] A2.3 Ursache A1 || 22024 einem] A1.2 einen A3 || 2213
der] fehlt A1 || 22120 Vorstellung von] Zusatz von A2 || 22133 ein
Causalverhältniß] A2.3 ein besonderes Causalverhältniß A1 || 22133/2221
nur jederzeit] jederzeit nur? Vorländer || 222 4 Unlust] der Unlust? Erdmann
|| 22214 nur] A2.3 nur alsdenn A1 || 22220 Urtheil hingegen] A2.3 aber A1 ||
22223 einen] Erdmann ein A || 22235 analogisch] analog? Erdmann || 2237
dieses] Windelband diese A || 22315 Indessen] A1.2 Indeß A3 || 22317 an] A2.3
für A1 || 22331 von der] fehlt A1 || 22332 (als formale) Zusatz von A2 || 22413
verdienten] A1.2 verdienen A3 || 22414 zu gelten] A2.3 gehalten zu werden A1
|| 22421 gleiche] A1.2 solche A3 || 22428 nicht] A3 sehr A1.2 vgl.
Erläuterungen || würde] A1.2 würden A3 || 22436 welchen] Erdmann welcher
A || 22519 was] fehlt A1 || 22522 belebt] A2.3 beliebt A1 || 22524 erstere] A2.3
schöne Form A1 || 22529 bloßes] fehlt A1 || 2261.2 die — sie] Zusatz von A2 ||
2262.3 erhalten] A2.3 erheben A1 ||. 2264 Parerga)] fehlt A1 || 2268
Page 406
Einfassungen — oder] fehlt A1 || 22616 Das Eingeklammerte Zusatz von A2
|| 22720 Hiervon ist], welche von der q u a n t i t a t i v e n etc. A1 || 22722.23
bei welchem] der A1 || 2283 wozu] womit? Erdmann || 2284.5 wenn es —
wäre] Zusatz von A2 || 2289 eine — subjective] A2.3 formalen subjectiven A1
|| 22812 Unterschied] A2.3 Unterschied der A1 || 22813.14 der — der]
Vorländer die — die A || 22820 gründen] A2.3 gründet A1 || 22821 einzig] A3
einig A1.2 || 22826 in der Bestimmung] fehlt A1 || 22830 sofern sie] A2.3 die
A1 || 22832 wollte — nennen] A1.2 ästhetisch nennen wollte A3 || 22834
vorstellte] A1.2 vorstellt A3 || welches — widerspricht] Zusatz von A2 ||
2291.2 als — Urtheils] A3 der Bestimmung desselben A1.2 || 22914 Arten der]
Zusatz von A3 || 22919 jemand] A1.2 niemand A3 || 22920 daran] A darin
Erdmann || 22925 der Paradiesvogel] A2.3 die Paradiesvögel] A1 || 22931
Phantasieen] A1.2 Phantasiren A3 || 2301 wodurch] A2.3 daß dadurch A1 ||
2305 Schönheit] fehlt A1 || 2307 voraus] erst nach Vollkommenheit A3 ||
23014 Gefallende] A2.3 gefallendes A1 || 23017 ihrem] A2.3 ihren A1 ||
23022.23 ein Wohlgefallen, das auf einem Begriffe gegründet ist A1, auf
einem Begriffe gegründetes Wohlgefallen A2.3, ein Zusatz Vorländer || 23025
das erste wodurch] A2.3 dadurch A1 || 23031–33 zwar — können] A2.3 ist
zwar nicht allgemein, doch können ihm in — werden A1 || 23036 jenes] A2.3
jener A1 || 2316 wodurch] A2.3 dadurch A1 || 23117 auf] A2.3 der auf A1 ||
23123 halte] A2.3 wende A1 || 2323 nach zureichende noch einmal
empirische A1.2 || 2328 anderen] A2.3 andere A1 || 23210 wer aber] A2.3 der
aber, so A1 || 23214 wonach] A2.3 darnach A1 || 23231 dem eines] Zusatz
Windelband || 23233 Veränderung] A3 Veränderungen A1.2 || 23234
lebenden] A1.2 lebenden Sprachen A3 || 23237 hat] A1.2 behält A3 || 2338 die]
A diese? Erdmann || 23321 eines fehlt A1 || 23324 seiner] Erdmann einer A ||
23332 des] A1.3 der A2 || 2346.7 Bewußtsein, ein] A2.3 Bewußtsein, zu
reproduciren, ein Bild A1 || 23414 in dem] A2.3 der A1 || 23421 das erste und]
A1.2 nebst A3 || 23426–28 liegt — wo — Grunde] A2.3 ist diese Gestalt das
|| 22720 Hiervon ist], welche von der q u a n t i t a t i v e n etc. A1 || 22722.23
bei welchem] der A1 || 2283 wozu] womit? Erdmann || 2284.5 wenn es —
wäre] Zusatz von A2 || 2289 eine — subjective] A2.3 formalen subjectiven A1
|| 22812 Unterschied] A2.3 Unterschied der A1 || 22813.14 der — der]
Vorländer die — die A || 22820 gründen] A2.3 gründet A1 || 22821 einzig] A3
einig A1.2 || 22826 in der Bestimmung] fehlt A1 || 22830 sofern sie] A2.3 die
A1 || 22832 wollte — nennen] A1.2 ästhetisch nennen wollte A3 || 22834
vorstellte] A1.2 vorstellt A3 || welches — widerspricht] Zusatz von A2 ||
2291.2 als — Urtheils] A3 der Bestimmung desselben A1.2 || 22914 Arten der]
Zusatz von A3 || 22919 jemand] A1.2 niemand A3 || 22920 daran] A darin
Erdmann || 22925 der Paradiesvogel] A2.3 die Paradiesvögel] A1 || 22931
Phantasieen] A1.2 Phantasiren A3 || 2301 wodurch] A2.3 daß dadurch A1 ||
2305 Schönheit] fehlt A1 || 2307 voraus] erst nach Vollkommenheit A3 ||
23014 Gefallende] A2.3 gefallendes A1 || 23017 ihrem] A2.3 ihren A1 ||
23022.23 ein Wohlgefallen, das auf einem Begriffe gegründet ist A1, auf
einem Begriffe gegründetes Wohlgefallen A2.3, ein Zusatz Vorländer || 23025
das erste wodurch] A2.3 dadurch A1 || 23031–33 zwar — können] A2.3 ist
zwar nicht allgemein, doch können ihm in — werden A1 || 23036 jenes] A2.3
jener A1 || 2316 wodurch] A2.3 dadurch A1 || 23117 auf] A2.3 der auf A1 ||
23123 halte] A2.3 wende A1 || 2323 nach zureichende noch einmal
empirische A1.2 || 2328 anderen] A2.3 andere A1 || 23210 wer aber] A2.3 der
aber, so A1 || 23214 wonach] A2.3 darnach A1 || 23231 dem eines] Zusatz
Windelband || 23233 Veränderung] A3 Veränderungen A1.2 || 23234
lebenden] A1.2 lebenden Sprachen A3 || 23237 hat] A1.2 behält A3 || 2338 die]
A diese? Erdmann || 23321 eines fehlt A1 || 23324 seiner] Erdmann einer A ||
23332 des] A1.3 der A2 || 2346.7 Bewußtsein, ein] A2.3 Bewußtsein, zu
reproduciren, ein Bild A1 || 23414 in dem] A2.3 der A1 || 23421 das erste und]
A1.2 nebst A3 || 23426–28 liegt — wo — Grunde] A2.3 ist diese Gestalt das
Page 407
Ideal des — da — angestellt wird A1 || 23428.29 unter — Bedingungen fehlt
A1 || 23429 eine — Normalidee] A2.3 ein anderes Ideal A1 || 23437 ihren]
A1.2 ihrer A3 || 2352 ganze fehlt A1 || 23524 welcher] A2.3 der A1 || 23525
wer] A2.3 der A1 || 2361 darin] A2.3 daran A1 || 23614 dem Gegenstande]
A1.2 den Gegenständen A3 || 23621 nun] A2.3 aber A1 || 23622 wo] A2.3 da A1
|| 23626.27 eine — deutlich] A1.2 deutlich eine Zweckmäßigkeit A3 || 2373 wo]
A2.3 da A1 || welcher] A2.3 der A1 || 2379 als] Windelband wie A wie ein
Erdmann || 23728 Beistimmung fehlt A1 || 23810.11 nach — dunkel] A2.3
nach, ihnen als nur dunkel A1 || 23826 wodurch] A2.3 dadurch A1 || 23832
desselben] Vorländer derselben A || 23910 muß] A1 fehlt A2.3 || 23929 das —
subjectiv] Windelband zwar das Princip nur subjectiv A zwar — subjectiv
ist Erdmann || 24014 und] A1.2 um A3 || 24017 vom] A1.2 des A3 || 24132–35
Wo — wahrgenommen wird] A2.3 Wo eine Absicht — in einer Eintheilung A1
|| 24216 alsdann] A2.3 fehlt A1 || 24219 wobei] A2.3 wo A1 || 24229 Möbeln]
A2.3 Mobilien A1 || 24231 dieser] A diese Erdmann || 24316.17 wogegen die
dort] A2.3 dagegen daß die dorten A1 || 24334 indessen daß] A1.2 während
A3 ||
24432 (das Schöne) fehlt A1 || 2451.2 (das Gefühl des Erhabenen) fehlt A1 ||
24510 enthält] A2.3 fehlt A1 || 24518 führt] Windelband führe A || 24519
hingegen] A3 statt dessen A1.2 || 24521 zwar] A2.3 gar A1 || 24523 aber] A2.3
fehlt A1 || 24529 aufgefaßt] A2.3 abgefaßt A1 || 24610 zur — der] A2.3 fehlt A1
|| 24613 Begriff] A2.3 fehlt A1 || 24616 so gar] Hartenstein sogar A || 24619
sich] A2.3 sie A1 || 24710 Interesse, der] A Interesse sein, der Erdmann ||
2488 was] A1.2 etwas A3 || als sagen] A3 als zu sagen A1.2 || 24812 ist —
wird] A2.3 ist er nicht A1 || 24813 es] Erdmann er A || 24814 Es] A2.3 Er A1 ||
24823 die — letztern] A2.3 dieser ihre Größe A1 || 24824 sie] A2.3 es A1 ||
24832.33 Beistimmung] Hartenstein Bestimmung A || 24910 übrigens] A2.3
nun A1 || 24913 beurtheilenden] fehlt A1 || 24923 enthält] Windelband
enthalte A || 25015 werde] A2.3 würde A1 || 25019.20 Teleskope Mikroskope]
A1 || 23429 eine — Normalidee] A2.3 ein anderes Ideal A1 || 23437 ihren]
A1.2 ihrer A3 || 2352 ganze fehlt A1 || 23524 welcher] A2.3 der A1 || 23525
wer] A2.3 der A1 || 2361 darin] A2.3 daran A1 || 23614 dem Gegenstande]
A1.2 den Gegenständen A3 || 23621 nun] A2.3 aber A1 || 23622 wo] A2.3 da A1
|| 23626.27 eine — deutlich] A1.2 deutlich eine Zweckmäßigkeit A3 || 2373 wo]
A2.3 da A1 || welcher] A2.3 der A1 || 2379 als] Windelband wie A wie ein
Erdmann || 23728 Beistimmung fehlt A1 || 23810.11 nach — dunkel] A2.3
nach, ihnen als nur dunkel A1 || 23826 wodurch] A2.3 dadurch A1 || 23832
desselben] Vorländer derselben A || 23910 muß] A1 fehlt A2.3 || 23929 das —
subjectiv] Windelband zwar das Princip nur subjectiv A zwar — subjectiv
ist Erdmann || 24014 und] A1.2 um A3 || 24017 vom] A1.2 des A3 || 24132–35
Wo — wahrgenommen wird] A2.3 Wo eine Absicht — in einer Eintheilung A1
|| 24216 alsdann] A2.3 fehlt A1 || 24219 wobei] A2.3 wo A1 || 24229 Möbeln]
A2.3 Mobilien A1 || 24231 dieser] A diese Erdmann || 24316.17 wogegen die
dort] A2.3 dagegen daß die dorten A1 || 24334 indessen daß] A1.2 während
A3 ||
24432 (das Schöne) fehlt A1 || 2451.2 (das Gefühl des Erhabenen) fehlt A1 ||
24510 enthält] A2.3 fehlt A1 || 24518 führt] Windelband führe A || 24519
hingegen] A3 statt dessen A1.2 || 24521 zwar] A2.3 gar A1 || 24523 aber] A2.3
fehlt A1 || 24529 aufgefaßt] A2.3 abgefaßt A1 || 24610 zur — der] A2.3 fehlt A1
|| 24613 Begriff] A2.3 fehlt A1 || 24616 so gar] Hartenstein sogar A || 24619
sich] A2.3 sie A1 || 24710 Interesse, der] A Interesse sein, der Erdmann ||
2488 was] A1.2 etwas A3 || als sagen] A3 als zu sagen A1.2 || 24812 ist —
wird] A2.3 ist er nicht A1 || 24813 es] Erdmann er A || 24814 Es] A2.3 Er A1 ||
24823 die — letztern] A2.3 dieser ihre Größe A1 || 24824 sie] A2.3 es A1 ||
24832.33 Beistimmung] Hartenstein Bestimmung A || 24910 übrigens] A2.3
nun A1 || 24913 beurtheilenden] fehlt A1 || 24923 enthält] Windelband
enthalte A || 25015 werde] A2.3 würde A1 || 25019.20 Teleskope Mikroskope]
Page 408
A2.3 Telescopien Microscopien A1 || 25024.25 auf eine reelle] A2.3 als einer
reellen A1 || 25030–32 klein. Mithin ist — erhaben] A2.3 klein, mithin
Geistesstimmung — ist erhaben A1 || 2516.7 zwar — nur durch] A2.3 zwar
nur bestimmte — sei, durch A1 || 25224 Idee] Windelband Ideen A || 25233
vermischt) und] A vermischt) ist und Erdmann? || 25310 der] A1
Druckfehlerverz. die A || 25322 diese] A die Erdmann? || 25332.33 ist —
Zweck-]mäßiges A2.3 ist etwas, was zwar — zweckmäßig ist, A1 || 25328
Zusammensetzung] A Zusammenfassung Erdmann? || 2547
Zusammensetzen] A Zusammenfassen Erdmann || 25426 sich dasselbe] A2.3
es sich A1 || 25435 Das — Unendliche] A2.3 Das Unendliche A1|| 2551
Noumenons] A2.3 Noumens A1 || 25521 gegebenen fehlt A1 || 25523 die]
Zusatz Windelband || 25525 dieses — Vermögens] A2.3 dieses Vermögens,
welches im Fortschreiten unbegrenzt ist A1 || 25535.36 welches] A2.3 das A1 ||
2566 sie] A1 sich A2.3 || 2567 erhabenen] Vorländer Erhabenen A || 25618
wenn — sich] wenn es sich A1 wenn, indem es sich A2.3 || 25622 ihren] A2.3
ihrer A1 || findet] A2.3 befindet A1 || 25631 die unermeßliche] A3 der
unermeßlichen A1.2 || 25633 lassen] läßt Hartenstein || 2574 eine ihnen]
ihnen eine Erdmann || 25714 unveränderliches] A2.3 veränderliches A1 ||
25717 in — Ganzes] A2.3 in einem Ganzen A1 Hartenstein || 25729 zu —
durch] A2.3 für die durch A1 || 25731 mit] A2.3 zu A1 || 2589 der Vernunft]
Erdmann des Verstandes A || unangemessen] A2.3 angemessen A3 || 25820
die fehlt A1 || 25827 hier] fehlt A1 || 25829 oder] fehlt A1 || 2593 einer] einer
jeden Erdmann || 2594 wodurch] A2.3 dadurch A1 || 2599 aber zur] Erdmann
aber, als zur A || 25913 sie] A es Vorländer || 25919 ward] A2.3 wurde A1
Druckfehlerverz. || 25922 als gegeben] Windelband als bloß gegeben A2.3
als ganz gegeben A1 Erdmann || 25923.24 weil — gar] A2.3 weil auf — Maaß,
da gar A1 || 25930 Äußerste] A1.2 äußere A3 || 2602 Einbildungskraft — als]
A1.2 Einbildungskraft für — Erweckung doch als A3 || 2603 wird aber] A2.3
aber wird A1 || 26022 dem] A1.2 welchem A3 || 2612 ihn] A1.2 Ihn A3 || 2613
reellen A1 || 25030–32 klein. Mithin ist — erhaben] A2.3 klein, mithin
Geistesstimmung — ist erhaben A1 || 2516.7 zwar — nur durch] A2.3 zwar
nur bestimmte — sei, durch A1 || 25224 Idee] Windelband Ideen A || 25233
vermischt) und] A vermischt) ist und Erdmann? || 25310 der] A1
Druckfehlerverz. die A || 25322 diese] A die Erdmann? || 25332.33 ist —
Zweck-]mäßiges A2.3 ist etwas, was zwar — zweckmäßig ist, A1 || 25328
Zusammensetzung] A Zusammenfassung Erdmann? || 2547
Zusammensetzen] A Zusammenfassen Erdmann || 25426 sich dasselbe] A2.3
es sich A1 || 25435 Das — Unendliche] A2.3 Das Unendliche A1|| 2551
Noumenons] A2.3 Noumens A1 || 25521 gegebenen fehlt A1 || 25523 die]
Zusatz Windelband || 25525 dieses — Vermögens] A2.3 dieses Vermögens,
welches im Fortschreiten unbegrenzt ist A1 || 25535.36 welches] A2.3 das A1 ||
2566 sie] A1 sich A2.3 || 2567 erhabenen] Vorländer Erhabenen A || 25618
wenn — sich] wenn es sich A1 wenn, indem es sich A2.3 || 25622 ihren] A2.3
ihrer A1 || findet] A2.3 befindet A1 || 25631 die unermeßliche] A3 der
unermeßlichen A1.2 || 25633 lassen] läßt Hartenstein || 2574 eine ihnen]
ihnen eine Erdmann || 25714 unveränderliches] A2.3 veränderliches A1 ||
25717 in — Ganzes] A2.3 in einem Ganzen A1 Hartenstein || 25729 zu —
durch] A2.3 für die durch A1 || 25731 mit] A2.3 zu A1 || 2589 der Vernunft]
Erdmann des Verstandes A || unangemessen] A2.3 angemessen A3 || 25820
die fehlt A1 || 25827 hier] fehlt A1 || 25829 oder] fehlt A1 || 2593 einer] einer
jeden Erdmann || 2594 wodurch] A2.3 dadurch A1 || 2599 aber zur] Erdmann
aber, als zur A || 25913 sie] A es Vorländer || 25919 ward] A2.3 wurde A1
Druckfehlerverz. || 25922 als gegeben] Windelband als bloß gegeben A2.3
als ganz gegeben A1 Erdmann || 25923.24 weil — gar] A2.3 weil auf — Maaß,
da gar A1 || 25930 Äußerste] A1.2 äußere A3 || 2602 Einbildungskraft — als]
A1.2 Einbildungskraft für — Erweckung doch als A3 || 2603 wird aber] A2.3
aber wird A1 || 26022 dem] A1.2 welchem A3 || 2612 ihn] A1.2 Ihn A3 || 2613
Page 409
Wer A2.3] Der A1 || 2615 Jener] A2.3 Er A1 || 2616 Scheu] A2.3 diesen Scheu
A1 || 26133 physische fehlt A1 || 2621 wobei] A2.3 dabei A1 || 2628 solche
fehlt A1 || anzusehen] Erdmann ansehen A || 26221 bleibt] A2.3 ist A1 || 2637
Handelsgeist] A3 Handlungsgeist A1.2 || 26315 über fehlt A1 || 26330.31
befindet — in der] A2.3 ist in gar keiner A1 || 26332 ganz freies] A2.3
zwangfreies A1 || 26334 der] A2.3 seiner A1 || 26335.36 eine erkennt] A2.3
einer seinem Willen gemäßen Erhabenheit der Gesinnung an ihm selbst
bewußt ist A1 || 2648 dem übermächtigen] A2.3 das übermächtige A1 || 26423
dieselbe] A2.3 sie A1 || 2653 den] A2.3 dem A1 || 2653.4 unter — derselben]
A2.3 unter dieser ihrer Voraussetzung A1 || 2655 letztern] A2.3 letztere A1 ||
26530 zu dem] A2.3 den A1 || 2667 im Menschen fehlt A1 || 2667.8 auch
diesem] A2.3 dem A1 || 26611 die] dieselbe Erdmann || 26614 würden] A2.3
würde A1 || 26617 hinüberzuziehen] A2.3 herüberzuziehen A1 || 26635 worin]
A2.3 darin A1 || 2679 die fehlt A1 || 26733 dieselbe — Zwecke] A2.3 die
Zwecke A1 || 2689 dieser] Windelband diesen A || 2693.4 durch ein
Werkzeug] A3 einem Werkzeuge A1.2 || 26910 welche] A2.3 so sie A1 || 26930
sich] Zus. Windelband die Natur Erdmann || 26931 doch] A1.2 nur A3 ||
26934 doch] A1.2 dennoch A3 || 27018 als] A3 fehlt A1.2 || 27021 macht: denn]
A2.3 macht, vorstellen, denn A1 || 2716 versetzen] versetzten Vorländer ||
27134 g e w i s s e] A2.3 die A1 || 27135 moralische] Hartenstein menschliche
A || 2726.7 macht — bestimmen] A2.3 macht sich nach freier Überlegung
durch Grundsätze zu bestimmen A1 || 2747 in dem] Erdmann indem A ||
27425 Epoche] A1.2 Periode A3 || 2758 Sinnlichkeit] A2.3 Sittlichkeit A1 ||
27524 wovon] A2.3 davon A1 || 27525 uns selbst, was] Erdmann uns, selbst
was A || 27530 sondern auch] A3 und A1.2 || 27534 genug sein] A3 genug zu
sein A1.2 || 27614 selbst unter] selbst und unter Erdmann? || 27624
S a u s s u r e] A2.3 v. S a u s s u r e A1 || 2772 physiologische] A2.3
psychologische A1 || 27730 sogar] A2.3 so gar A1 || immer] A2.3 alles A1 ||
27831–33 herbeizuschaffen — Denn] A2.3 herbeizuschaffen, so ist doch eine
A1 || 26133 physische fehlt A1 || 2621 wobei] A2.3 dabei A1 || 2628 solche
fehlt A1 || anzusehen] Erdmann ansehen A || 26221 bleibt] A2.3 ist A1 || 2637
Handelsgeist] A3 Handlungsgeist A1.2 || 26315 über fehlt A1 || 26330.31
befindet — in der] A2.3 ist in gar keiner A1 || 26332 ganz freies] A2.3
zwangfreies A1 || 26334 der] A2.3 seiner A1 || 26335.36 eine erkennt] A2.3
einer seinem Willen gemäßen Erhabenheit der Gesinnung an ihm selbst
bewußt ist A1 || 2648 dem übermächtigen] A2.3 das übermächtige A1 || 26423
dieselbe] A2.3 sie A1 || 2653 den] A2.3 dem A1 || 2653.4 unter — derselben]
A2.3 unter dieser ihrer Voraussetzung A1 || 2655 letztern] A2.3 letztere A1 ||
26530 zu dem] A2.3 den A1 || 2667 im Menschen fehlt A1 || 2667.8 auch
diesem] A2.3 dem A1 || 26611 die] dieselbe Erdmann || 26614 würden] A2.3
würde A1 || 26617 hinüberzuziehen] A2.3 herüberzuziehen A1 || 26635 worin]
A2.3 darin A1 || 2679 die fehlt A1 || 26733 dieselbe — Zwecke] A2.3 die
Zwecke A1 || 2689 dieser] Windelband diesen A || 2693.4 durch ein
Werkzeug] A3 einem Werkzeuge A1.2 || 26910 welche] A2.3 so sie A1 || 26930
sich] Zus. Windelband die Natur Erdmann || 26931 doch] A1.2 nur A3 ||
26934 doch] A1.2 dennoch A3 || 27018 als] A3 fehlt A1.2 || 27021 macht: denn]
A2.3 macht, vorstellen, denn A1 || 2716 versetzen] versetzten Vorländer ||
27134 g e w i s s e] A2.3 die A1 || 27135 moralische] Hartenstein menschliche
A || 2726.7 macht — bestimmen] A2.3 macht sich nach freier Überlegung
durch Grundsätze zu bestimmen A1 || 2747 in dem] Erdmann indem A ||
27425 Epoche] A1.2 Periode A3 || 2758 Sinnlichkeit] A2.3 Sittlichkeit A1 ||
27524 wovon] A2.3 davon A1 || 27525 uns selbst, was] Erdmann uns, selbst
was A || 27530 sondern auch] A3 und A1.2 || 27534 genug sein] A3 genug zu
sein A1.2 || 27614 selbst unter] selbst und unter Erdmann? || 27624
S a u s s u r e] A2.3 v. S a u s s u r e A1 || 2772 physiologische] A2.3
psychologische A1 || 27730 sogar] A2.3 so gar A1 || immer] A2.3 alles A1 ||
27831–33 herbeizuschaffen — Denn] A2.3 herbeizuschaffen, so ist doch eine
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transscendentale Erörterung dieses Vermögens zur Kritik des Geschmacks
wesentlich gehörig; denn A1 || 27833 derselbe] A2.3 dieser A1 || 27835
Verwerfungsaussprüche] A2.3 Verwerfungsurtheile A1 ||
27836—2791 Das Übrige — Urtheile] A2.3 Drittes Buch. Deduction der
ästhetischen Urtheile A1, cf. Kant's Briefwechsel II 136, 152 und A1
Druckfehlerverz. || 27910 muß] A2.3 mußte A1 || 27918 Gemüth — zeigt] A2.3
Gemüth gemäß ist A1 || 27924 hingelangt] A2.3 hinlangt A1 || 2804.5 das erste
werden — Veranlassung] A2.3 werde, welcher sich bewußt zu werden, die
Auffassung — Gegenstandes, die bloße Veranlassung giebt A1 || 28015
enthält] A2.3 ist A1 || 28016.17 der Urtheile über] derer über A1 || 28025
indeß] A2.3 indessen daß A1 || 28036 haben] A2.3 ist A1 || 2815 könne fehlt A1
|| 2816 hat] A1 habe A2.3 || 2817.8 auch — für A2.3 auch ein Wohlgefallen für
A1 || 2817 dürfe] A1.2 dürfte A3 || 28116.17 e r s t l i c h — die] A2.3
e r s t l i c h der — einer logischen — sondern der A1 || 28122 worin] A2.3
darin A1 || 28213 unter — anderer] A2.3 unter anderer ihren Urtheilen A1 ||
28215–17 belehren — aussprechen] A2.3 belehren, mithin nicht — gefällt,
folglich a priori ausgesprochen werden A1 || 28216.17 aussprechen] nach A1
absprechen A2.3 || 28220 Erkenntniß] Erkenntniß- (sc. Urtheile) Erdmann ||
28222 Publicums, noch] A2.3 Publicums, nicht durch das A1 || 28231 bloß]
fehlt A1 || 2835.6 hervorzubringen] A2.3 hervorzubringen, darthue A1 || 28311
vorgegangen] vorangegangen v. Kirchmann || 28319 haben mag] fehlt A1 ||
28323 einen] A2.3 einem A1 || 28328 ablernen] A2.3 abzulernen A1 || 2847
stellen] A2.3 anstellen A1 || 28415 die — Schönheit] A2.3 die der Schönheits-
Beurtheilung A1 || abgebe; daß] A2.3 abgebe und daß A1 || 28416 mögen
fehlt A1 || 28416.17 haben — hinreichender] A2.3 haben einen hinreichenden
A1 || 28418 mithin logischen fehlt A1 || 28430 auch] A2.3 wenigstens A1 ||
28432 ich stopfe] A2.3 so stopfe ich A1 || 28432.33 keine — Vernünfteln] A2.3
nach keinen Gründen und Vernünfteln A1 || 28434 seien] Hartenstein seyn A
|| 2857 auch] A2.3 und A1 || 2859 meinem] fehlt A1 || 28517 macht] A2.3
wesentlich gehörig; denn A1 || 27833 derselbe] A2.3 dieser A1 || 27835
Verwerfungsaussprüche] A2.3 Verwerfungsurtheile A1 ||
27836—2791 Das Übrige — Urtheile] A2.3 Drittes Buch. Deduction der
ästhetischen Urtheile A1, cf. Kant's Briefwechsel II 136, 152 und A1
Druckfehlerverz. || 27910 muß] A2.3 mußte A1 || 27918 Gemüth — zeigt] A2.3
Gemüth gemäß ist A1 || 27924 hingelangt] A2.3 hinlangt A1 || 2804.5 das erste
werden — Veranlassung] A2.3 werde, welcher sich bewußt zu werden, die
Auffassung — Gegenstandes, die bloße Veranlassung giebt A1 || 28015
enthält] A2.3 ist A1 || 28016.17 der Urtheile über] derer über A1 || 28025
indeß] A2.3 indessen daß A1 || 28036 haben] A2.3 ist A1 || 2815 könne fehlt A1
|| 2816 hat] A1 habe A2.3 || 2817.8 auch — für A2.3 auch ein Wohlgefallen für
A1 || 2817 dürfe] A1.2 dürfte A3 || 28116.17 e r s t l i c h — die] A2.3
e r s t l i c h der — einer logischen — sondern der A1 || 28122 worin] A2.3
darin A1 || 28213 unter — anderer] A2.3 unter anderer ihren Urtheilen A1 ||
28215–17 belehren — aussprechen] A2.3 belehren, mithin nicht — gefällt,
folglich a priori ausgesprochen werden A1 || 28216.17 aussprechen] nach A1
absprechen A2.3 || 28220 Erkenntniß] Erkenntniß- (sc. Urtheile) Erdmann ||
28222 Publicums, noch] A2.3 Publicums, nicht durch das A1 || 28231 bloß]
fehlt A1 || 2835.6 hervorzubringen] A2.3 hervorzubringen, darthue A1 || 28311
vorgegangen] vorangegangen v. Kirchmann || 28319 haben mag] fehlt A1 ||
28323 einen] A2.3 einem A1 || 28328 ablernen] A2.3 abzulernen A1 || 2847
stellen] A2.3 anstellen A1 || 28415 die — Schönheit] A2.3 die der Schönheits-
Beurtheilung A1 || abgebe; daß] A2.3 abgebe und daß A1 || 28416 mögen
fehlt A1 || 28416.17 haben — hinreichender] A2.3 haben einen hinreichenden
A1 || 28418 mithin logischen fehlt A1 || 28430 auch] A2.3 wenigstens A1 ||
28432 ich stopfe] A2.3 so stopfe ich A1 || 28432.33 keine — Vernünfteln] A2.3
nach keinen Gründen und Vernünfteln A1 || 28434 seien] Hartenstein seyn A
|| 2857 auch] A2.3 und A1 || 2859 meinem] fehlt A1 || 28517 macht] A2.3
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machte A1 || 2865 den] A2.3 um den A1 || 2867 sondern] A2.3 sondern um A1
|| 2873 desselben (das] A2.3 derselben (zum A1 || 2877.8 wodurch] A2.3
dadurch A1 || 28710 u. 11.12 Zusammensetzung] Zusammenfassung Erdmann ||
28711 des Verstandes] A2.3 den Verstand A1 || 28714 () fehlt A1 || 28715
Bedingung, daß] Windelband Bedingungen daß A Bedingungen, wodurch
Erdmann || 28722 der Erkenntnißvermögen], Erdmann des
Erkenntnißvermögens A || 28819 damit — werde] A2.3 um zu begreifen A1 ||
28825 wo — sich] A2.3 ihr A1 || 2906.7 eingeschränkt] A1 eingerichtet A2.3 ||
2907 auf] A1.3 fehlt A2 || 29022.23 haben. — unvermeidliche] A2.3 haben,
welches letztere zwar unvermeidliche A1 || 2913–5 kann — benommen] A2.3
kann, dadurch aber doch — benommen wird A1 || 29114 als] A2.3 auch als
A1 || 29116 ein fehlt A1 || 29116.17 Natur — für] A1.2 Natur, der ihrem —
anhinge, angesehen werden mußte, für] A3 || 29119 Wirklichkeit]
Wirksamkeit Hartenstein? || 29120 offen] A2.3 blos A1 || 29124
Sinnesempfindung] Windelband cf. 29127 Sinnenempfindung A umgekehrt
Erdmann || 29133 bei der] A2.3 durch die A1 || 29214–18 hat. — berechtigt]
A2.3 hat, worauf aber, daß andere — ich nicht — berechtigt bin A1 || 29229
vermittelst — Verfahrens] A2.3 durch ein Verfahren A1 || 29234 den] A2.3
seinen A1 || 29235 genöthigt fehlt A1 || 2934 das zweite nicht fehlt A1 || 29325
zwar fehlt A1 || 29326 hierin] A2.3 in diesem A1 || 2941 anderer] A2.3 anderer
ihre A1 || 2945 dem] A2.3 unserm A1 || 29417 u. 18 denken] A2.3 zu denken A1 ||
29422 und — ist] A2.3 unter welchen das größte ist A1 || sich — Regeln] A3
sich die Naturregeln A2 die Natur sich Regeln A1 sich die Natur den Regeln
Erdmann || 29423 sein] A1 ihr A2.3 || 29511 wegsetzt] Windelband wegsetzen
A wegsetzen kann Erdmann || 29518 die — Verstandes] A2.3 die des
Verstandes A1 || 29522 daß fehlt A1 || 29532 wiederum fehlt A1 || 2963
versetzt] A2.3 setzt A1 || 29618.19 daß — verbunden] A2.3 daß ein solches,
nachdem — worden, damit nicht verbunden A1 || 29628 als] als die Erdmann
|| 29634 dem] A2.3 den A1 || 2981 es] A2.3 so A1 || 29810–12 könne — Ursache]
|| 2873 desselben (das] A2.3 derselben (zum A1 || 2877.8 wodurch] A2.3
dadurch A1 || 28710 u. 11.12 Zusammensetzung] Zusammenfassung Erdmann ||
28711 des Verstandes] A2.3 den Verstand A1 || 28714 () fehlt A1 || 28715
Bedingung, daß] Windelband Bedingungen daß A Bedingungen, wodurch
Erdmann || 28722 der Erkenntnißvermögen], Erdmann des
Erkenntnißvermögens A || 28819 damit — werde] A2.3 um zu begreifen A1 ||
28825 wo — sich] A2.3 ihr A1 || 2906.7 eingeschränkt] A1 eingerichtet A2.3 ||
2907 auf] A1.3 fehlt A2 || 29022.23 haben. — unvermeidliche] A2.3 haben,
welches letztere zwar unvermeidliche A1 || 2913–5 kann — benommen] A2.3
kann, dadurch aber doch — benommen wird A1 || 29114 als] A2.3 auch als
A1 || 29116 ein fehlt A1 || 29116.17 Natur — für] A1.2 Natur, der ihrem —
anhinge, angesehen werden mußte, für] A3 || 29119 Wirklichkeit]
Wirksamkeit Hartenstein? || 29120 offen] A2.3 blos A1 || 29124
Sinnesempfindung] Windelband cf. 29127 Sinnenempfindung A umgekehrt
Erdmann || 29133 bei der] A2.3 durch die A1 || 29214–18 hat. — berechtigt]
A2.3 hat, worauf aber, daß andere — ich nicht — berechtigt bin A1 || 29229
vermittelst — Verfahrens] A2.3 durch ein Verfahren A1 || 29234 den] A2.3
seinen A1 || 29235 genöthigt fehlt A1 || 2934 das zweite nicht fehlt A1 || 29325
zwar fehlt A1 || 29326 hierin] A2.3 in diesem A1 || 2941 anderer] A2.3 anderer
ihre A1 || 2945 dem] A2.3 unserm A1 || 29417 u. 18 denken] A2.3 zu denken A1 ||
29422 und — ist] A2.3 unter welchen das größte ist A1 || sich — Regeln] A3
sich die Naturregeln A2 die Natur sich Regeln A1 sich die Natur den Regeln
Erdmann || 29423 sein] A1 ihr A2.3 || 29511 wegsetzt] Windelband wegsetzen
A wegsetzen kann Erdmann || 29518 die — Verstandes] A2.3 die des
Verstandes A1 || 29522 daß fehlt A1 || 29532 wiederum fehlt A1 || 2963
versetzt] A2.3 setzt A1 || 29618.19 daß — verbunden] A2.3 daß ein solches,
nachdem — worden, damit nicht verbunden A1 || 29628 als] als die Erdmann
|| 29634 dem] A2.3 den A1 || 2981 es] A2.3 so A1 || 29810–12 könne — Ursache]
Page 412
A2.3 könne, welcher, ob er nicht — könne, wir — Ursache haben A1 || 29814
Vom] A1.2 Von dem A3 || 29816 diese] A2.3 sie A1 || 29821 öfter] A2 öfters A1
oft A3 || 29833 aber fehlt A1 || 29834 haben] zu haben Erdmann || 29835 und
daß fehlt A1 || 2996 zur] A1.2 zu A3 Vorländer || 29915 ihm fehlt A1 || 29922
was] A1.2 welches A3 || 29928 was] A1.2 das A3 || 29929.30 nur —
verbundenes] A2.3 nur mit — verbunden A1 || 29933.34 allein — erwecken]
A2.3 an jener allein — Interesse zu nehmen A1 || 29936 um fehlt A1 || 30034
welcher A2.3 so A1 || 30112 und] Erdmann mit A || 30134 erwecken] Zus.
Erdmann || 30217 seiner] ihrer Erdmann, nicht nöthig || 30229 hatte] A2.3 hat
A1 || 30237 sollen] A2.3 sollten A1 || 30322 desselben] Vorländer derselben A
|| 30324 seiner Ursache vor seiner Wirklichkeit] Windelband ihrer — ihrer A
|| 3046 Beschäftigung] A2.3 als Beschäftigung A1 || 30416 Handwerken] A1.2
Handwerkern A3 || 3055.6 man — abgefertigt] A2.3 man uns — abfertigen A1
|| 30510 der] in den Erdmann || 30511 deshalb] A2.3 um daher A1 || 30534
wunderliches] A2.3 wunderlich A1 || 30621 als] wie Erdmann || 30622 als]
wie Erdmann || 3076 ohne — durchblickt] fehlt A1 || 30726.27 mithin — lege]
A2.3 mithin ohne einen — Grunde zu legen A1 || 3084 doch] noch
Rosenkranz? || 3086 beschreiben oder] fehlt A1 || 30810 solchen fehlt A1 ||
30816.17 und — schöne] A2.3 und dieses auch nur, sofern sie schöne A1 ||
30827 welcher — etwas] A2.3 der, weil er niemals was A1 || 30834
vorgetragen hat fehlt A1 || 30915 jener] A2.3 jener ihr A1 || 30916 der
Erkenntnisse] A2.3 in Erkenntnissen A1 || 30929 Formel] Form Erdmann ||
31026 wobei] A2.3 bei dem A1 || 3114 der] A1.2 zur A3 || 31121 für] als
Erdmann || 31210.11 als Schädlichkeiten fehlt A1 || 31213 die] A2.3 der A1 |
31216 aufdränge] A1.2 aufdrängte A3 || 31231 welchem] welchen Erdmann ||
3131 derselben] jener Erdmann || 31310 bleibt] A2.3 ist A1 || 31329 denn das]
A2.3 das denn A1 || 3144 die] A2.3 den A1 || 31417 nach — uns] A1.2 so daß
uns nach demselben A3 || 31418.19 dieser — dem] A2.3 der von uns aber —
anderem und A1 || 3156 nämlich fehlt A1 ||3158 gemacht] A2.3 gedacht A1 ||
Vom] A1.2 Von dem A3 || 29816 diese] A2.3 sie A1 || 29821 öfter] A2 öfters A1
oft A3 || 29833 aber fehlt A1 || 29834 haben] zu haben Erdmann || 29835 und
daß fehlt A1 || 2996 zur] A1.2 zu A3 Vorländer || 29915 ihm fehlt A1 || 29922
was] A1.2 welches A3 || 29928 was] A1.2 das A3 || 29929.30 nur —
verbundenes] A2.3 nur mit — verbunden A1 || 29933.34 allein — erwecken]
A2.3 an jener allein — Interesse zu nehmen A1 || 29936 um fehlt A1 || 30034
welcher A2.3 so A1 || 30112 und] Erdmann mit A || 30134 erwecken] Zus.
Erdmann || 30217 seiner] ihrer Erdmann, nicht nöthig || 30229 hatte] A2.3 hat
A1 || 30237 sollen] A2.3 sollten A1 || 30322 desselben] Vorländer derselben A
|| 30324 seiner Ursache vor seiner Wirklichkeit] Windelband ihrer — ihrer A
|| 3046 Beschäftigung] A2.3 als Beschäftigung A1 || 30416 Handwerken] A1.2
Handwerkern A3 || 3055.6 man — abgefertigt] A2.3 man uns — abfertigen A1
|| 30510 der] in den Erdmann || 30511 deshalb] A2.3 um daher A1 || 30534
wunderliches] A2.3 wunderlich A1 || 30621 als] wie Erdmann || 30622 als]
wie Erdmann || 3076 ohne — durchblickt] fehlt A1 || 30726.27 mithin — lege]
A2.3 mithin ohne einen — Grunde zu legen A1 || 3084 doch] noch
Rosenkranz? || 3086 beschreiben oder] fehlt A1 || 30810 solchen fehlt A1 ||
30816.17 und — schöne] A2.3 und dieses auch nur, sofern sie schöne A1 ||
30827 welcher — etwas] A2.3 der, weil er niemals was A1 || 30834
vorgetragen hat fehlt A1 || 30915 jener] A2.3 jener ihr A1 || 30916 der
Erkenntnisse] A2.3 in Erkenntnissen A1 || 30929 Formel] Form Erdmann ||
31026 wobei] A2.3 bei dem A1 || 3114 der] A1.2 zur A3 || 31121 für] als
Erdmann || 31210.11 als Schädlichkeiten fehlt A1 || 31213 die] A2.3 der A1 |
31216 aufdränge] A1.2 aufdrängte A3 || 31231 welchem] welchen Erdmann ||
3131 derselben] jener Erdmann || 31310 bleibt] A2.3 ist A1 || 31329 denn das]
A2.3 das denn A1 || 3144 die] A2.3 den A1 || 31417 nach — uns] A1.2 so daß
uns nach demselben A3 || 31418.19 dieser — dem] A2.3 der von uns aber —
anderem und A1 || 3156 nämlich fehlt A1 ||3158 gemacht] A2.3 gedacht A1 ||
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31514 Jupiters] A2.3 des Jupiters A1 || 3169 letztere] A3 letztern A1.2 || 31611
anhänglich] anhängig v. Kirchmann || 31621 der] A1.2 von A3 || 31623 die]
A3 der A1.2 || 31624 dessen] A2.3 davon das A1 || 31627 ausmacht]
Windelband ausmachen A || 31628.29 Einbildungskraft] A1.2 erstere A3 ||
31629 Verstandes || A1.2 Verstandes steht A3 || 31630—3171 Absicht — über]
A1.2 Absicht sie hingegen frei ist, um noch über A3|| 3172 doch] A2.3 noch
A1 || 31711 Das letztere] A2.3 Des letztern A1 || 31714 das] A1.2 dies A3 ||
31719 der Regeln fehlt A1 || 31811.12 verloren gehen] A2.3 wegfallen A1 ||
31820 diese] A2.3 die A1 || 31829 welchen] A2.3 dergleichen A1 || 3199
welcher fehlt A1 || 31921 schöne] schöner Erdmann || 31922.23 Reich —
Angemessenheit] A1.2 Zum Behuf der Schönheit bedarf es nicht so
nothwendig, reich — zu sein, als vielmehr der Angemessenheit A3 || 31926
hingegen] A3 aber A1.2 || 31931 es] A2.3 er A1 || 32026 übergetragen] A2.3
übertragen A1 || 3214 und fehlt A1.2 || 3216 nicht — Begriffen] A1.2 den
gemeinen Begriffen nicht so angemessen A3 || 3217 redenden] redenden A ||
32112 Zuhörer] A1 Zuschauer A2.3 || 32117 können fehlt A1.2 || 32123 als]
Erdmann sondern A || 32134.35 mithin — verspricht. fehlt A1 || 3224.5 dem —
letzteren] für das Gesicht — für das letztere Erdmann || 32211 was]
Windelband wenn A1 das erstere scil. Urbild || 32225 das zweite von] A1.2
zu A3 || 32228 alle] Erdmann alles A || 32230 gezählt] A1.3 gewählt A2 ||
32231 dagegen] A1.2 wogegen A3 || 3236 von — Gebrauch] A2.3 einer
Benutzung und Gebrauchs A1 || 32313.14 der — kann] A3 und der Sinn des
Gefühls kann A1 der Sinn des Gefühls aber kann A2 || 32322 ist, um] A2.3 ist,
und um A1 || 32335 von der] A3 die A1.2 || 32337 Analogie] A1 Anlage A2.3 ||
3241.2 erfordern — über] A2.3 erfordern, so ist doch das Geschmacksurtheil
über A1 || 32415 lassen)] Frey, dies Klammerzeichen in A nach werden Z.
14. || 32418 der — Empfindungen] A2.3 mit dem Tone der Empfindung A1 ||
32429 Empfindungen] Empfindung Erdmann || 32430 sei] A2 seyn A1 seien
A3 || 32431 führe] A2 führen A1.3 || 32433.34 u. 32437 dieselben] Erdmann,
anhänglich] anhängig v. Kirchmann || 31621 der] A1.2 von A3 || 31623 die]
A3 der A1.2 || 31624 dessen] A2.3 davon das A1 || 31627 ausmacht]
Windelband ausmachen A || 31628.29 Einbildungskraft] A1.2 erstere A3 ||
31629 Verstandes || A1.2 Verstandes steht A3 || 31630—3171 Absicht — über]
A1.2 Absicht sie hingegen frei ist, um noch über A3|| 3172 doch] A2.3 noch
A1 || 31711 Das letztere] A2.3 Des letztern A1 || 31714 das] A1.2 dies A3 ||
31719 der Regeln fehlt A1 || 31811.12 verloren gehen] A2.3 wegfallen A1 ||
31820 diese] A2.3 die A1 || 31829 welchen] A2.3 dergleichen A1 || 3199
welcher fehlt A1 || 31921 schöne] schöner Erdmann || 31922.23 Reich —
Angemessenheit] A1.2 Zum Behuf der Schönheit bedarf es nicht so
nothwendig, reich — zu sein, als vielmehr der Angemessenheit A3 || 31926
hingegen] A3 aber A1.2 || 31931 es] A2.3 er A1 || 32026 übergetragen] A2.3
übertragen A1 || 3214 und fehlt A1.2 || 3216 nicht — Begriffen] A1.2 den
gemeinen Begriffen nicht so angemessen A3 || 3217 redenden] redenden A ||
32112 Zuhörer] A1 Zuschauer A2.3 || 32117 können fehlt A1.2 || 32123 als]
Erdmann sondern A || 32134.35 mithin — verspricht. fehlt A1 || 3224.5 dem —
letzteren] für das Gesicht — für das letztere Erdmann || 32211 was]
Windelband wenn A1 das erstere scil. Urbild || 32225 das zweite von] A1.2
zu A3 || 32228 alle] Erdmann alles A || 32230 gezählt] A1.3 gewählt A2 ||
32231 dagegen] A1.2 wogegen A3 || 3236 von — Gebrauch] A2.3 einer
Benutzung und Gebrauchs A1 || 32313.14 der — kann] A3 und der Sinn des
Gefühls kann A1 der Sinn des Gefühls aber kann A2 || 32322 ist, um] A2.3 ist,
und um A1 || 32335 von der] A3 die A1.2 || 32337 Analogie] A1 Anlage A2.3 ||
3241.2 erfordern — über] A2.3 erfordern, so ist doch das Geschmacksurtheil
über A1 || 32415 lassen)] Frey, dies Klammerzeichen in A nach werden Z.
14. || 32418 der — Empfindungen] A2.3 mit dem Tone der Empfindung A1 ||
32429 Empfindungen] Empfindung Erdmann || 32430 sei] A2 seyn A1 seien
A3 || 32431 führe] A2 führen A1.3 || 32433.34 u. 32437 dieselben] Erdmann,
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dieselbe A || 3256 zieht — z w e i t e n s] A2.3 z w e i t e n s, zieht man] A1 ||
3258 zu Rath fehlt A1 || 32511 imgleichen] A1.2 ferner A3 || 32517–19 man —
erklärte] A2.3 sie — erklärten A1 || 32518 s c h ö n e] schöne A || 32528
O p e r] A2.3 O p e r a A1 || 3266.7 nach und nach fehlt A1 || 3278 dessen] A2.3
seinem A1 || 32711 oder] A2.3 und A1 || 32716 irgend jemandes] A2.3 seinem
A1 || 32717–19 lassen. — verwerflich] A2.3 lassen, welche, wenn — doch
dadurch verwerflich wird A1 || 32721.22 das zweite es — ist] A2.3 dieses auch
aus dem Grunde, weil es allein Recht ist A1 || 32726.27 die — ausmachen]
A1.2 welches — ausmacht A3 || 32727 an] A2.3 für A1 || 3281 u m] A2.3 u m
d e n A1 || 32817 denn] dann Rosenkranz || 32821.22 ausübt] A3 ausübe A1.2 ||
32823 mittheilt] A3 mittheile A1.2 || 32834 deren] A2.3 ihrem A1 || 3292
Zusammensetzung] Zusammenfassung Erdmann || 3293 dient] A3 diene A1.2
|| 32935 sie] Windelband sich A || 3308–18 Außerdem — gekommen ist fehlt
wie die Anmerkung 33031–35 A1 || 33024 § 54 fehlt A || 33034 auflegen] A2
auflegten A3 || 33035 nöthigen] A2 nöthigten A3 || 33117.18 Aussicht —
mögliches] A2.3 Aussicht eines, aus — sei, auf ein mögliches A1 || 33125 ins]
A1.2 in A3 || 33128 das — an] A2.3 das an A1 || 3321 ihre Rolle fehlt A1 ||
3326 Hingegen] A2.3 Aber A1 || 3328.9 und dennoch fehlt A1 || 33212 jenem]
A2.3 jener ihrem A1 || 33219 machen] macht Erdmann || 33230 Schwingung]
A2.3 Schwingungen A1 || 3333 ist (denn)] A2.3 ist, wie etwa bei einem, der
von einem großen Handlungsgewinn Nachricht bekommt (denn] A1 || 3335
Gleichgewicht] A2.3 Spiel A1 || 3337 ein] A2.3 als ein A1 || 3339 sah, mit] A2.3
sah und mit A1 || 33310 anzeigte und auf] A2.3 anzeigte, auf A1 || 33318 will,
aber] A2.3 will und A1 || 33322 positive fehlt A1 || 33323 oft] A2.3 öfters A ||
33336 lang] A2.3 durch A1 || 3344 Aufmerksamkeit] A2.3 Mühe A1 || 33414
Bewegung fehlt A1 || 33423.24 könne — die Luft] A2.3 könne, welche (gleich
— fühlen) die Luft A1 || 33428 sagte] sagt Erdmann || 33432 sind] A2.3 ist A1
|| 33433 ist fehlt A1 || 3353 welches] A2.3 welche A1 || 33512 vorsichtig]
sorgfältig Erdmann? 33514 die] fehlt A1 || welcher] A2.3 so sie A1 || 33523
3258 zu Rath fehlt A1 || 32511 imgleichen] A1.2 ferner A3 || 32517–19 man —
erklärte] A2.3 sie — erklärten A1 || 32518 s c h ö n e] schöne A || 32528
O p e r] A2.3 O p e r a A1 || 3266.7 nach und nach fehlt A1 || 3278 dessen] A2.3
seinem A1 || 32711 oder] A2.3 und A1 || 32716 irgend jemandes] A2.3 seinem
A1 || 32717–19 lassen. — verwerflich] A2.3 lassen, welche, wenn — doch
dadurch verwerflich wird A1 || 32721.22 das zweite es — ist] A2.3 dieses auch
aus dem Grunde, weil es allein Recht ist A1 || 32726.27 die — ausmachen]
A1.2 welches — ausmacht A3 || 32727 an] A2.3 für A1 || 3281 u m] A2.3 u m
d e n A1 || 32817 denn] dann Rosenkranz || 32821.22 ausübt] A3 ausübe A1.2 ||
32823 mittheilt] A3 mittheile A1.2 || 32834 deren] A2.3 ihrem A1 || 3292
Zusammensetzung] Zusammenfassung Erdmann || 3293 dient] A3 diene A1.2
|| 32935 sie] Windelband sich A || 3308–18 Außerdem — gekommen ist fehlt
wie die Anmerkung 33031–35 A1 || 33024 § 54 fehlt A || 33034 auflegen] A2
auflegten A3 || 33035 nöthigen] A2 nöthigten A3 || 33117.18 Aussicht —
mögliches] A2.3 Aussicht eines, aus — sei, auf ein mögliches A1 || 33125 ins]
A1.2 in A3 || 33128 das — an] A2.3 das an A1 || 3321 ihre Rolle fehlt A1 ||
3326 Hingegen] A2.3 Aber A1 || 3328.9 und dennoch fehlt A1 || 33212 jenem]
A2.3 jener ihrem A1 || 33219 machen] macht Erdmann || 33230 Schwingung]
A2.3 Schwingungen A1 || 3333 ist (denn)] A2.3 ist, wie etwa bei einem, der
von einem großen Handlungsgewinn Nachricht bekommt (denn] A1 || 3335
Gleichgewicht] A2.3 Spiel A1 || 3337 ein] A2.3 als ein A1 || 3339 sah, mit] A2.3
sah und mit A1 || 33310 anzeigte und auf] A2.3 anzeigte, auf A1 || 33318 will,
aber] A2.3 will und A1 || 33322 positive fehlt A1 || 33323 oft] A2.3 öfters A ||
33336 lang] A2.3 durch A1 || 3344 Aufmerksamkeit] A2.3 Mühe A1 || 33414
Bewegung fehlt A1 || 33423.24 könne — die Luft] A2.3 könne, welche (gleich
— fühlen) die Luft A1 || 33428 sagte] sagt Erdmann || 33432 sind] A2.3 ist A1
|| 33433 ist fehlt A1 || 3353 welches] A2.3 welche A1 || 33512 vorsichtig]
sorgfältig Erdmann? 33514 die] fehlt A1 || welcher] A2.3 so sie A1 || 33523
Page 415
eine — Erscheinung] A2.3 nur eine kurze Zeit Erscheinung A1 || 33527.28
zugleich — darüber] A2.3 zugleich auch die Verlegenheit dessen, der —
hergiebt, darüber A1 || 33529 gewitzigt] A1.2 gewitzt A3 ||
33720 findet] A2.3 vorfindet A1 || 33836 ungeachtet] A2.3 unerachtet A1 ||
33921 was] A1.2 welches A3 || 33922 theoretisch] fehlt A1 || 33935 daher]
fehlt A1 || 3404 was] A1.2 das A3 || 3406 als] fehlt A1 || 34010 beigeben] A2.3
geben A1 || 34110 aber] oder Hartenstein? || 34127 mit — welchen] A2.3 als
den A1 || 3422 einige] A2.3 welche A1 || 34210 können] A2.3 und können A1 ||
34224 wozu] A2.3 dazu A1 || 34228.29 (wenn — wird) fehlt A1 || 3438 werden.
Allein] A2.3 werden; aber A1 || 34311 im] A1 in A2.3 || 34313 welche]
welches? Windelband || 34314 wenn — ist] A2.3 ist diese aber auch
empirisch A1 || 34323 von der] A2.3 der A1 || 34324 ist dies fehlt A1 || 34414
das — Beziehung] A2 das, worauf in Beziehung A1 das, in Beziehung auf
welches A3 || 34521 bestimmen] A2.3 sollen bestimmen A1 || 34531 so daß]
Windelband daß A und zu behaupten, daß Hartenstein d. i. zu behaupten,
daß Erdmann || 3461 seien] sind Rosenkranz || 3473 ungeachtet] A2.3
unerachtet A1 || 34719 im zweiten Falle fehlt A1 || 34732.33 der —
Schalthieren] A2.3 von Farben (am Fasan, Schalthieren A1 || 34810 ihnen]
A2.3 ihr A1 || 34815 dem] A2.3 im A1 || 34833 Wärmestoff] A2.3 Wärmstoff A1
|| 34910 eigenes — Luftberührung] A2.3 eigen Gewicht oder Luftberührung
A1 || 34914 nunmehriges ruhiges] Erdmann nunmehrigen ruhigen A || 34930
scheiden] Hartenstein scheidet A || 35019.20 Gunst — erzeigt] A2.3 eine
solche, die — erzeugt A1 || 35026 würde] Erdmann wurde A || 35126 und]
A2.3 aber A1 || 35129 ist] Erdmann fehlt A || 3521 exhibitiones] A2.3 exhibitio
A1 || 35222 den Regeln] Erdmann der Regel A || 3535 an sich sei]
Windelband an sich A an sich ist Erdmann 3535 der] fehlt A1 || 35316
Beistimmung] A2.3 Bestimmung A1 || 3543 was] A1.2 welches A3 || 3544 was]
A2.3 welches A3 || 35430 finden] A2.3 zu finden A1 || 3559 worunter] A2.3
darunter A1 || 35531 Geselligkeit] A1 Glückseligkeit A2.3 || 35536 einem] A1.2
zugleich — darüber] A2.3 zugleich auch die Verlegenheit dessen, der —
hergiebt, darüber A1 || 33529 gewitzigt] A1.2 gewitzt A3 ||
33720 findet] A2.3 vorfindet A1 || 33836 ungeachtet] A2.3 unerachtet A1 ||
33921 was] A1.2 welches A3 || 33922 theoretisch] fehlt A1 || 33935 daher]
fehlt A1 || 3404 was] A1.2 das A3 || 3406 als] fehlt A1 || 34010 beigeben] A2.3
geben A1 || 34110 aber] oder Hartenstein? || 34127 mit — welchen] A2.3 als
den A1 || 3422 einige] A2.3 welche A1 || 34210 können] A2.3 und können A1 ||
34224 wozu] A2.3 dazu A1 || 34228.29 (wenn — wird) fehlt A1 || 3438 werden.
Allein] A2.3 werden; aber A1 || 34311 im] A1 in A2.3 || 34313 welche]
welches? Windelband || 34314 wenn — ist] A2.3 ist diese aber auch
empirisch A1 || 34323 von der] A2.3 der A1 || 34324 ist dies fehlt A1 || 34414
das — Beziehung] A2 das, worauf in Beziehung A1 das, in Beziehung auf
welches A3 || 34521 bestimmen] A2.3 sollen bestimmen A1 || 34531 so daß]
Windelband daß A und zu behaupten, daß Hartenstein d. i. zu behaupten,
daß Erdmann || 3461 seien] sind Rosenkranz || 3473 ungeachtet] A2.3
unerachtet A1 || 34719 im zweiten Falle fehlt A1 || 34732.33 der —
Schalthieren] A2.3 von Farben (am Fasan, Schalthieren A1 || 34810 ihnen]
A2.3 ihr A1 || 34815 dem] A2.3 im A1 || 34833 Wärmestoff] A2.3 Wärmstoff A1
|| 34910 eigenes — Luftberührung] A2.3 eigen Gewicht oder Luftberührung
A1 || 34914 nunmehriges ruhiges] Erdmann nunmehrigen ruhigen A || 34930
scheiden] Hartenstein scheidet A || 35019.20 Gunst — erzeigt] A2.3 eine
solche, die — erzeugt A1 || 35026 würde] Erdmann wurde A || 35126 und]
A2.3 aber A1 || 35129 ist] Erdmann fehlt A || 3521 exhibitiones] A2.3 exhibitio
A1 || 35222 den Regeln] Erdmann der Regel A || 3535 an sich sei]
Windelband an sich A an sich ist Erdmann 3535 der] fehlt A1 || 35316
Beistimmung] A2.3 Bestimmung A1 || 3543 was] A1.2 welches A3 || 3544 was]
A2.3 welches A3 || 35430 finden] A2.3 zu finden A1 || 3559 worunter] A2.3
darunter A1 || 35531 Geselligkeit] A1 Glückseligkeit A2.3 || 35536 einem] A1.2
Page 416
dem A3 || 3563 des] Windelband der A || 35616 wovon — der] A2.3 davon
auch und der A1 || 35619 eines Jeden] A2.3 jedes sein A1 || 35622.23 sei —
eine] A2.3 sei; mit welchem in Einstimmung die Sinnlichkeit gebracht, der
ächte Geschmack allein eine A1 ||
3596 ein] A2.3 einem A1 || 3599 solche — Formen] Erdmann eine solche —
Form A || 36025 der] A1.2 zu der A3 || 36031 befindlich] A2.3 belegen A1 ||
36035 wogegen] A2.3 dagegen A1 || 3613 ein fehlt A1 || 3618 Begriff] A2.3 der
A1 || 36314 ahnen] A2.3 ahnden A1 || 36333 so] A2.3 was so A1 || 36334
gleichwohl aber] A2.3 was gleichwohl A1 || 36419.20 meiner — Umgränzung]
A2.3 meiner beliebigen Umgränzung A1 || 3659 empirisch] fehlt A1 || 36521
welcher] A2.3 welche A1 || 36525 dem] Erdmann den A || 36531 ahnen] A2.3
ahnden] A1 || 36532–36 mag. — ein] A2.3 mag, welchen zu kennen — nöthig
haben, wenn — thun ist, wohin aber auch nur — müssen für — einflößt. A1
|| 3661.2 wegen — Erkenntnißgebrauch] A2.3 um — Erkenntnißgebrauch
willen A1 || 3668 machte] A1 macht A2.3 || 36612 Die] A1.2 Diese A3 || 36621
desselben] A2.3 derselben A1 || 36631–35 Weil — werden] A2.3 Daher, weil —
kann, alle daselbst — werden muß A1 || 3679 indeß] A2.3 indessen daß A1 ||
36716 gewinnt] A2.3 nimmt A1 || 36725 Zwecke] A1 Mittel A2.3 || 3689 seiner]
einer Hartenstein || 36821 den Esel und] fehlt A1 || 36822 zuträglich] A1
zuträglicher A2.3 || 3699 Völker] fehlt A1 || 36915 der Jakute] A2.3 oder J. A1
|| 36920 alle die] alle diese Erdmann || 36926 ohne das] A2.3 ohnedem A1 ||
36933 d. h.] A2.3 d. i. A1 d. i. um Erdmann || 3709 gleichwohl] Erdmann
gleichwohl aber A || 37017 ein — Sechseck] A2.3 vom regulären Sechsecke
A1 || 37037 (obgleich — Sinne)] fehlt A1 || 37115 dieses] A2.3 dieser A1 || es]
A2.3 er A1 || 37118 er] A es Erdmann || 37119 ihm] Erdmann ihr A || 37126
daß — unendlich] A2.3 von der alle Kunst unendlich A1 || 37127 erhält] fehlt
A1 || 37134 das] A2.3 der A1 || 3723 ihrer] A2.3 dieser ihrer A1 || 37210
ungeachtet] A2.3 unerachtet A1 || 3731 Ursachen] Ursache Rosenkranz ||
37332 Princip sein] Windelband Princip A Princip ist Erdmann || 37410 ein
auch und der A1 || 35619 eines Jeden] A2.3 jedes sein A1 || 35622.23 sei —
eine] A2.3 sei; mit welchem in Einstimmung die Sinnlichkeit gebracht, der
ächte Geschmack allein eine A1 ||
3596 ein] A2.3 einem A1 || 3599 solche — Formen] Erdmann eine solche —
Form A || 36025 der] A1.2 zu der A3 || 36031 befindlich] A2.3 belegen A1 ||
36035 wogegen] A2.3 dagegen A1 || 3613 ein fehlt A1 || 3618 Begriff] A2.3 der
A1 || 36314 ahnen] A2.3 ahnden A1 || 36333 so] A2.3 was so A1 || 36334
gleichwohl aber] A2.3 was gleichwohl A1 || 36419.20 meiner — Umgränzung]
A2.3 meiner beliebigen Umgränzung A1 || 3659 empirisch] fehlt A1 || 36521
welcher] A2.3 welche A1 || 36525 dem] Erdmann den A || 36531 ahnen] A2.3
ahnden] A1 || 36532–36 mag. — ein] A2.3 mag, welchen zu kennen — nöthig
haben, wenn — thun ist, wohin aber auch nur — müssen für — einflößt. A1
|| 3661.2 wegen — Erkenntnißgebrauch] A2.3 um — Erkenntnißgebrauch
willen A1 || 3668 machte] A1 macht A2.3 || 36612 Die] A1.2 Diese A3 || 36621
desselben] A2.3 derselben A1 || 36631–35 Weil — werden] A2.3 Daher, weil —
kann, alle daselbst — werden muß A1 || 3679 indeß] A2.3 indessen daß A1 ||
36716 gewinnt] A2.3 nimmt A1 || 36725 Zwecke] A1 Mittel A2.3 || 3689 seiner]
einer Hartenstein || 36821 den Esel und] fehlt A1 || 36822 zuträglich] A1
zuträglicher A2.3 || 3699 Völker] fehlt A1 || 36915 der Jakute] A2.3 oder J. A1
|| 36920 alle die] alle diese Erdmann || 36926 ohne das] A2.3 ohnedem A1 ||
36933 d. h.] A2.3 d. i. A1 d. i. um Erdmann || 3709 gleichwohl] Erdmann
gleichwohl aber A || 37017 ein — Sechseck] A2.3 vom regulären Sechsecke
A1 || 37037 (obgleich — Sinne)] fehlt A1 || 37115 dieses] A2.3 dieser A1 || es]
A2.3 er A1 || 37118 er] A es Erdmann || 37119 ihm] Erdmann ihr A || 37126
daß — unendlich] A2.3 von der alle Kunst unendlich A1 || 37127 erhält] fehlt
A1 || 37134 das] A2.3 der A1 || 3723 ihrer] A2.3 dieser ihrer A1 || 37210
ungeachtet] A2.3 unerachtet A1 || 3731 Ursachen] Ursache Rosenkranz ||
37332 Princip sein] Windelband Princip A Princip ist Erdmann || 37410 ein
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Rad] fehlt A1 || des] A2.3 der A1 || 37415 auch nicht ein] A1 auch so wenig
wie ein A2.3 || 37422 es] A3 sie A2 sie fehlt A1 || 37423 es] A3 sie A1.2 || 37511
wie sie diejenigen] A2.3 dergleichen A1 || 37523 derselben] A2.3 desselben A1
|| sondern] A2.3 als A1 || 37632 von] fehlt A1 || 37633 Verlassung] A2.3
Veranlassung A1 || 3775 daß] A2.3 dessen A1 || 37710–13 Denn, wenn — da]
A2.3 weil wenn — beziehen, wir sie auch — beurtheilen müssen und kein —
da ist A1 || 37719 Doch muß] A2.3 so muß doch A1 || 37720 formt] fehlt A1 ||
37725 das zweite der] Erdmann über A || 37732 Völkern] A3 Völker A1.2 ||
3797 das] Hartenstein daß A || 37927 seien] A2.3 sind A1 || 3809 daß — ohne]
A2.3 und daß, ohne A1 || 38010 ermüdende] A2.3 die ermüdende A1 || 38020
hat] A2.3 haben A1 || es] Vorländer sie A || 38031 ihrer] A2.3 dieser ihrer A1 ||
38113 Platz] A2.3 ihren Platz A1 || 38126 hereinbringt] A1.2 hineinbringt A3 ||
3826 nur] fehlt A1 || 38215 einheimisches] einheitliches Erdmann? || 3842
den Experimenten] A2.3 Experimenten A1 ||
3858 keinem] Erdmann einem A || 3866.7 jede — widerstreitenden] A2.3 jede
zweier einander widerstreitender A1 || 38618 der a l l g e m e i n e n A3 den
a l l g e m e i n e n A1.2 || 38631 eine] A2.3 die eine A1 || 3871 hervorthut] A2.3
hervorfindet A1 || 38720 doch] A2.3 aber A1 || 38722 von] von der Vorländer ||
38736 bei einigen] A2.3 einigen A1 || 3881 spüren] A2.3 nachzuspüren A1 ||
38814 nicht — vereinigen] A2.3 zu vereinigen nicht A1 || 38910 auch] fehlt A1
|| 3906 die] Erdmann der A || 39018.19 Fremdling — der] A2.3 Fremdling vom
Begriffe in — nämlich der der A1 || 39111 sind — etwa] A2.3 sind und nicht
etwa A1 || 39132 aufhalten] A2.3 verweilen A1 || 39413 des] Erdmann der A ||
39433 ihrer] A2.3 seiner A1 || 3965 müßten] Kirchmann mußten A || 39614
bloß] A2.3 nicht bloß A1 || 39621 darnach] fehlt A1 || 3975 eines — Ganzen]
A2.3 ein — hängendes Ganzes A1 || 39715 eben sowohl] A2.3 eben so wohl
A1 ebensowohl Hartenstein ebenso wohl Erdmann || 39830 den —
Erzeugung] A2.3 die einer Erzeugung A1 || 3992 des] fehlt A1 || 3993 Wesen]
wie ein A2.3 || 37422 es] A3 sie A2 sie fehlt A1 || 37423 es] A3 sie A1.2 || 37511
wie sie diejenigen] A2.3 dergleichen A1 || 37523 derselben] A2.3 desselben A1
|| sondern] A2.3 als A1 || 37632 von] fehlt A1 || 37633 Verlassung] A2.3
Veranlassung A1 || 3775 daß] A2.3 dessen A1 || 37710–13 Denn, wenn — da]
A2.3 weil wenn — beziehen, wir sie auch — beurtheilen müssen und kein —
da ist A1 || 37719 Doch muß] A2.3 so muß doch A1 || 37720 formt] fehlt A1 ||
37725 das zweite der] Erdmann über A || 37732 Völkern] A3 Völker A1.2 ||
3797 das] Hartenstein daß A || 37927 seien] A2.3 sind A1 || 3809 daß — ohne]
A2.3 und daß, ohne A1 || 38010 ermüdende] A2.3 die ermüdende A1 || 38020
hat] A2.3 haben A1 || es] Vorländer sie A || 38031 ihrer] A2.3 dieser ihrer A1 ||
38113 Platz] A2.3 ihren Platz A1 || 38126 hereinbringt] A1.2 hineinbringt A3 ||
3826 nur] fehlt A1 || 38215 einheimisches] einheitliches Erdmann? || 3842
den Experimenten] A2.3 Experimenten A1 ||
3858 keinem] Erdmann einem A || 3866.7 jede — widerstreitenden] A2.3 jede
zweier einander widerstreitender A1 || 38618 der a l l g e m e i n e n A3 den
a l l g e m e i n e n A1.2 || 38631 eine] A2.3 die eine A1 || 3871 hervorthut] A2.3
hervorfindet A1 || 38720 doch] A2.3 aber A1 || 38722 von] von der Vorländer ||
38736 bei einigen] A2.3 einigen A1 || 3881 spüren] A2.3 nachzuspüren A1 ||
38814 nicht — vereinigen] A2.3 zu vereinigen nicht A1 || 38910 auch] fehlt A1
|| 3906 die] Erdmann der A || 39018.19 Fremdling — der] A2.3 Fremdling vom
Begriffe in — nämlich der der A1 || 39111 sind — etwa] A2.3 sind und nicht
etwa A1 || 39132 aufhalten] A2.3 verweilen A1 || 39413 des] Erdmann der A ||
39433 ihrer] A2.3 seiner A1 || 3965 müßten] Kirchmann mußten A || 39614
bloß] A2.3 nicht bloß A1 || 39621 darnach] fehlt A1 || 3975 eines — Ganzen]
A2.3 ein — hängendes Ganzes A1 || 39715 eben sowohl] A2.3 eben so wohl
A1 ebensowohl Hartenstein ebenso wohl Erdmann || 39830 den —
Erzeugung] A2.3 die einer Erzeugung A1 || 3992 des] fehlt A1 || 3993 Wesen]
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A1 Wesens A2.3 || 3993–5 daß — findet] A2.3 und die Teleologie findet —
Theologie A1 || 3998 nach] A2.3 nach der A1 || 39918 von] A2.3 unter A1 ||
4001 Menschen] A2.3 als Menschen A1 || 4005 (eines Gottes) fehlt A1 || 40028
gar] A ganz Hartenstein || 40116 zwar] Rosenkranz zuvor A || 40126 liege]
A1.2 liegt A3 || 40127 und auch Schwierigkeit fehlt A1 || 4023 gehen] fehlt A1
|| 4029 (außer — Begriffe)] fehlt A1 || 40221.22 unablaßlichen] A2.3
unnachlaßlichen A1 || 40236 seiner] Windelband ihrer A || 4039
Erkenntnisses] Erkenntnisses nach Erdmann || 40314 diese] A2.3 die A1 ||
40326 der] A1.2 in der A3 || 40414 mit nicht] A1.2 nicht mit A3 || 40415 Regel]
Regeln Erdmann || 40417 vorhabenden] A1.2 vorliegenden A3 || 40531 die]
Hartenstein der A || 40533.34 Verstandes — absichtlich] Verstandes ihrer
Möglichkeit nach v o n u n s als absichtlich A1 Verstandes, v o n u n s
ihrer Möglichkeit nach absichtlich A2.3 || 4069 diese] A1 die A2.3 || 40625
(negativ — discursiven) fehlt A1 || 40633 dessen] fehlt A1 || 4086 ihrer]
Erdmann seiner A || 40812 die — mögliche] Hartenstein der — möglichen A
|| 4109 es ist fehlt A1 || 41018 die] Erdmann der A || 41033 Naturerkenntniß]
A3 Naturkenntniß A1.2 || 4118 darlegen] Erdmann darlegt A || 41122 gar] A
ganz Erdmann || 4124 zur] der Hartenstein || 4129 dem] A1.2 das A3 ||
41211.12 im Übersinnlichen] A1.2 ins Übersinnliche A3 || 41223 nach
Zwecken] Zusatz Erdmann durch Technik Schopenhauer-Rosenkranz || 4132
ausmache] A1 ausmacht A2.3 || 41327 absichtlich] eine absichtlich
Erdmann? || 41332 ist] Zusatz Erdmann. || 41428 liegt] fehlt A1 || 4159 sein]
sc. müsse; seyn A seien Rosenkranz sei Erdmann ||
4161 Anhang fehlt A1 || 41832 welches — keine] A2.3 das es ohne dem keine
A1 || 41933 würde] A2.3 wurde A1 || 41938 univoca] univoca ist Erdmann ||
4204 welcher] A2.3 der A1 || 4207 so — füglich] A2.3 kann nicht füglich A1 ||
denn] Zusatz Vorländer || 42034 ein] A2.3 nie A1 || 4214 außer] Hartenstein
aus A || 42117 Zweckbeziehung] A1.2 Zweckverbindung A3 || 42126 die]
Zusatz Erdmann || intelligenten] A2.3 intelligibelen A1 || 42128 finden]
Theologie A1 || 3998 nach] A2.3 nach der A1 || 39918 von] A2.3 unter A1 ||
4001 Menschen] A2.3 als Menschen A1 || 4005 (eines Gottes) fehlt A1 || 40028
gar] A ganz Hartenstein || 40116 zwar] Rosenkranz zuvor A || 40126 liege]
A1.2 liegt A3 || 40127 und auch Schwierigkeit fehlt A1 || 4023 gehen] fehlt A1
|| 4029 (außer — Begriffe)] fehlt A1 || 40221.22 unablaßlichen] A2.3
unnachlaßlichen A1 || 40236 seiner] Windelband ihrer A || 4039
Erkenntnisses] Erkenntnisses nach Erdmann || 40314 diese] A2.3 die A1 ||
40326 der] A1.2 in der A3 || 40414 mit nicht] A1.2 nicht mit A3 || 40415 Regel]
Regeln Erdmann || 40417 vorhabenden] A1.2 vorliegenden A3 || 40531 die]
Hartenstein der A || 40533.34 Verstandes — absichtlich] Verstandes ihrer
Möglichkeit nach v o n u n s als absichtlich A1 Verstandes, v o n u n s
ihrer Möglichkeit nach absichtlich A2.3 || 4069 diese] A1 die A2.3 || 40625
(negativ — discursiven) fehlt A1 || 40633 dessen] fehlt A1 || 4086 ihrer]
Erdmann seiner A || 40812 die — mögliche] Hartenstein der — möglichen A
|| 4109 es ist fehlt A1 || 41018 die] Erdmann der A || 41033 Naturerkenntniß]
A3 Naturkenntniß A1.2 || 4118 darlegen] Erdmann darlegt A || 41122 gar] A
ganz Erdmann || 4124 zur] der Hartenstein || 4129 dem] A1.2 das A3 ||
41211.12 im Übersinnlichen] A1.2 ins Übersinnliche A3 || 41223 nach
Zwecken] Zusatz Erdmann durch Technik Schopenhauer-Rosenkranz || 4132
ausmache] A1 ausmacht A2.3 || 41327 absichtlich] eine absichtlich
Erdmann? || 41332 ist] Zusatz Erdmann. || 41428 liegt] fehlt A1 || 4159 sein]
sc. müsse; seyn A seien Rosenkranz sei Erdmann ||
4161 Anhang fehlt A1 || 41832 welches — keine] A2.3 das es ohne dem keine
A1 || 41933 würde] A2.3 wurde A1 || 41938 univoca] univoca ist Erdmann ||
4204 welcher] A2.3 der A1 || 4207 so — füglich] A2.3 kann nicht füglich A1 ||
denn] Zusatz Vorländer || 42034 ein] A2.3 nie A1 || 4214 außer] Hartenstein
aus A || 42117 Zweckbeziehung] A1.2 Zweckverbindung A3 || 42126 die]
Zusatz Erdmann || intelligenten] A2.3 intelligibelen A1 || 42128 finden]
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Zusatz Windelband || 42132 Princip] fehlt A1 || 4224 hin] fehlt A1 zu
Rosenkranz || 4226 der] A1 des A2.3 || 4235 E p i g e n e s i s] A2.3 Epigenesis
A1 || Dieses — System] A2.3 dieses kann auch das System A1 || 42314
wollten] A2.3 wollen A1 || 42320 im] A2.3 ob im A1 || 42323 wären] A2.3 sein
würden A1 || 42329 würden] A2.3 wurden A1 || 42333.34 fanden] Erdmann
finden A || 42516.17 Begriff] fehlt A1 || 42528 dient. Dieses] A2.3 dient und
diese A1 || 4267 denn] Zusatz Vorländer || 4268 deren — zugleich] A2.3 die
zugleich A1 || 42625 welchen] A3 welches A1.2 || 42630 mannigfaltigen]
Windelband mannigfaltige A || 4276.7 derselben] desselben Erdmann ||
4277.8 um — jener] A2.3 jener ihrer Gefräßigkeit A1 || 42735 Erdlager]
Erdlagen Erdmann || 4281 auch] A2.3 wie auch A1 || 42811 einen] Zusatz
Vorländer || 42813 diese] die Erdmann || 42911 ungeachtet] A2.3 unerachtet
A1 || 42913.14 Verstandes — können] A2.3 Verstandes niemals auslangen
können (und nicht — widerspräche) A1 || 42916 sich] A2.3 und A1 || 42928
vorigen] vorigen Paragraphen Erdmann || 43029 in — noch] A2.3 ihn selbst
A1 || 4319 genug] A2.3 gnugsam A1 || 4321 den W i l l e n A2.3 die
F r e i h e i t A1 || 43210 indeß] A2.3 indessen daß A1 || 43211 Vernunft] Natur
Erdmann? || 43230 wechselseitig] A2.3 wechselseitigen A1 || 43233
geschehen. Zu derselben] A2.3 geschehen, zu welcher A1 || 43237
erforderlich — Ermangelung] A2.3 wäre, in Ermangelung dessen A1 || 4333
ist] fehlt A1 || 4335 unvermeidlich: der] A2.3 unvermeidlich ist, der A1 || 4337
vielleicht] fehlt A1 || 43310 vorzubereiten — ungeachtet] A2.3 vorzubereiten,
unerachtet A1 || 43323 und fehlt A1 || 43327.28 angehören] A1.2 gehören A3 ||
43329 (der — Genusses] A2 (denen des Genusses) A1 (den Neigungen des
Genusses A3 || 43332 durch] A2.3 die A1 || 43336 indeß] A2.3 indessen daß A1
|| 4341 zu unterliegen] A3 unterzuliegen A1.2 || 43427 oder] A2.3 aber A1 ||
43427.28 selbstentworfenen] Windelband selbst entworfenen A || 43429.30
Leben — nach A2.3 Leben habe, nach dem, was es nach A1 || 43431 welches
fehlt A1 || 4361 ein] fehlt A1 || 43624.25 der Menschen] A2.3 des Menschen A1
Rosenkranz || 4226 der] A1 des A2.3 || 4235 E p i g e n e s i s] A2.3 Epigenesis
A1 || Dieses — System] A2.3 dieses kann auch das System A1 || 42314
wollten] A2.3 wollen A1 || 42320 im] A2.3 ob im A1 || 42323 wären] A2.3 sein
würden A1 || 42329 würden] A2.3 wurden A1 || 42333.34 fanden] Erdmann
finden A || 42516.17 Begriff] fehlt A1 || 42528 dient. Dieses] A2.3 dient und
diese A1 || 4267 denn] Zusatz Vorländer || 4268 deren — zugleich] A2.3 die
zugleich A1 || 42625 welchen] A3 welches A1.2 || 42630 mannigfaltigen]
Windelband mannigfaltige A || 4276.7 derselben] desselben Erdmann ||
4277.8 um — jener] A2.3 jener ihrer Gefräßigkeit A1 || 42735 Erdlager]
Erdlagen Erdmann || 4281 auch] A2.3 wie auch A1 || 42811 einen] Zusatz
Vorländer || 42813 diese] die Erdmann || 42911 ungeachtet] A2.3 unerachtet
A1 || 42913.14 Verstandes — können] A2.3 Verstandes niemals auslangen
können (und nicht — widerspräche) A1 || 42916 sich] A2.3 und A1 || 42928
vorigen] vorigen Paragraphen Erdmann || 43029 in — noch] A2.3 ihn selbst
A1 || 4319 genug] A2.3 gnugsam A1 || 4321 den W i l l e n A2.3 die
F r e i h e i t A1 || 43210 indeß] A2.3 indessen daß A1 || 43211 Vernunft] Natur
Erdmann? || 43230 wechselseitig] A2.3 wechselseitigen A1 || 43233
geschehen. Zu derselben] A2.3 geschehen, zu welcher A1 || 43237
erforderlich — Ermangelung] A2.3 wäre, in Ermangelung dessen A1 || 4333
ist] fehlt A1 || 4335 unvermeidlich: der] A2.3 unvermeidlich ist, der A1 || 4337
vielleicht] fehlt A1 || 43310 vorzubereiten — ungeachtet] A2.3 vorzubereiten,
unerachtet A1 || 43323 und fehlt A1 || 43327.28 angehören] A1.2 gehören A3 ||
43329 (der — Genusses] A2 (denen des Genusses) A1 (den Neigungen des
Genusses A3 || 43332 durch] A2.3 die A1 || 43336 indeß] A2.3 indessen daß A1
|| 4341 zu unterliegen] A3 unterzuliegen A1.2 || 43427 oder] A2.3 aber A1 ||
43427.28 selbstentworfenen] Windelband selbst entworfenen A || 43429.30
Leben — nach A2.3 Leben habe, nach dem, was es nach A1 || 43431 welches
fehlt A1 || 4361 ein] fehlt A1 || 43624.25 der Menschen] A2.3 des Menschen A1
Page 420
|| 43632 die] Erdmann der A || 43715 das] A2.3 die A1 || 43815 kann]
Hartenstein können A || 43816 es fehlt A1 || 43819.20 welches viel] A2 das viel
A1 welches viele A3 || 43833 suchen. — sehen] A2.3 suchen und bei näherer
Prüfung sehen A1 || 4395.6 wenn — Götter] A2.3 sie entweder ihre Götter
sich als A1 | 43918 eines] A2.3 eines einigen A1 || 43926 wären — Substanz]
A2.3 wären, die zwar A1 || 43928 wäre; — zwar] A2.3 wäre, welches zwar A1
|| 43931.32 mußten. — ein] A2.3 mußten, und so den Idealism — einführeten
A1 || 44012 der] A2.3 seiner A1 || 44116.17 ergänzen? — voraussetzen] A2.3
ergänzen, welches wenn — voraussetzen würde A1 || 44130 denn] Zusatz
Vorländer || 4426 Physikotheologie] A1.2 die Physicotheologie A3 || 44216
wie — wie] A2.3 so — so A1 || 44221 eine bloße Wüste fehlt A1 || 44224 etwa
— Jemand] A2.3 nicht etwa damit irgend wer A1 || 44225.26 Betrachtung —
Welt] A2.3 Weltbetrachtung A1 || 44236 er dann] A2.3 er, der Mensch, dann
A1 || 4438 welcher fehlt A1 || 44311 Wille, ist dasjenige] A2.3 Wille, dasjenige
A1 || 44333 dem] A2.3 von dem A1 || 44334 von dem] A2.3 dem A1 || 44335 ist]
A2.3 sey A1 || 4445 nach] A2.3 nach der A1 || 44420 es] Erdmann er A ||
44424.25 alle — übrigen] A2.3 alle übrige A1 || 44426 (denn —
Eigenschaften] fehlt A1 || 4456 Daß] Da Rosenkranz || 44521.22 kann —
werden] A2.3 eingesehen werden kann A1 || 4461 hätte] Erdmann hatte A ||
4463 diesem gemäß] A2.3 darnach A1 || 4467 Gemüthsstimmungen] A2.3
Gemüthsbestimmungen A1 || 44612.13 sich vorzustellen] fehlt A1 || 44615
gewinnt] A2.3 gewinne A1 || 44634 Ursache] A1.3 Ursachen A2 || 44636 in
ihren Wirkungen fehlt A1 || 4471 diesem] fehlt A1 || 44716 T e l e o l o g i e]
A2.3 T h e o l o g i e A1 || 44730 oder — unsere] A2.3 oder uns selbst in
Ansehung ihrer als Endzweck, unsere A1 || 44734 die] A2.3 der A1 || 4482
betrifft fehlt A1 || 44813 Zusammenhang ist] A2.3 zusammenhängt A1 || 44819
den] Erdmann der A || 44828 gedacht] A2.3 vorgestellt A1 || 4491 zwar —
Theil] A2.3 zum Theil zwar A1 || 44918 verhalte] A3 verhält A1 verhalten A2 ||
45033—45137] Die Anmerkung fehlt A1 || 4512 erstern] A3 letztern A1.2 ||
Hartenstein können A || 43816 es fehlt A1 || 43819.20 welches viel] A2 das viel
A1 welches viele A3 || 43833 suchen. — sehen] A2.3 suchen und bei näherer
Prüfung sehen A1 || 4395.6 wenn — Götter] A2.3 sie entweder ihre Götter
sich als A1 | 43918 eines] A2.3 eines einigen A1 || 43926 wären — Substanz]
A2.3 wären, die zwar A1 || 43928 wäre; — zwar] A2.3 wäre, welches zwar A1
|| 43931.32 mußten. — ein] A2.3 mußten, und so den Idealism — einführeten
A1 || 44012 der] A2.3 seiner A1 || 44116.17 ergänzen? — voraussetzen] A2.3
ergänzen, welches wenn — voraussetzen würde A1 || 44130 denn] Zusatz
Vorländer || 4426 Physikotheologie] A1.2 die Physicotheologie A3 || 44216
wie — wie] A2.3 so — so A1 || 44221 eine bloße Wüste fehlt A1 || 44224 etwa
— Jemand] A2.3 nicht etwa damit irgend wer A1 || 44225.26 Betrachtung —
Welt] A2.3 Weltbetrachtung A1 || 44236 er dann] A2.3 er, der Mensch, dann
A1 || 4438 welcher fehlt A1 || 44311 Wille, ist dasjenige] A2.3 Wille, dasjenige
A1 || 44333 dem] A2.3 von dem A1 || 44334 von dem] A2.3 dem A1 || 44335 ist]
A2.3 sey A1 || 4445 nach] A2.3 nach der A1 || 44420 es] Erdmann er A ||
44424.25 alle — übrigen] A2.3 alle übrige A1 || 44426 (denn —
Eigenschaften] fehlt A1 || 4456 Daß] Da Rosenkranz || 44521.22 kann —
werden] A2.3 eingesehen werden kann A1 || 4461 hätte] Erdmann hatte A ||
4463 diesem gemäß] A2.3 darnach A1 || 4467 Gemüthsstimmungen] A2.3
Gemüthsbestimmungen A1 || 44612.13 sich vorzustellen] fehlt A1 || 44615
gewinnt] A2.3 gewinne A1 || 44634 Ursache] A1.3 Ursachen A2 || 44636 in
ihren Wirkungen fehlt A1 || 4471 diesem] fehlt A1 || 44716 T e l e o l o g i e]
A2.3 T h e o l o g i e A1 || 44730 oder — unsere] A2.3 oder uns selbst in
Ansehung ihrer als Endzweck, unsere A1 || 44734 die] A2.3 der A1 || 4482
betrifft fehlt A1 || 44813 Zusammenhang ist] A2.3 zusammenhängt A1 || 44819
den] Erdmann der A || 44828 gedacht] A2.3 vorgestellt A1 || 4491 zwar —
Theil] A2.3 zum Theil zwar A1 || 44918 verhalte] A3 verhält A1 verhalten A2 ||
45033—45137] Die Anmerkung fehlt A1 || 4512 erstern] A3 letztern A1.2 ||
Page 421
4513 letztern] A3 ersteren A1.2 || 4514 letztern] A3 ersteren A1.2 || 4517 des
höchsten Weltbesten] Erdmann das höchste Weltbeste A || 45110 ohne — die]
A2.3 unangesehen aller Zwecke (als der A1 || 4522 erfüllte. Umgekehrt] A2.3
erfüllte; und umgekehrt A1 || 4528 wie — Spinoza] fehlt A1 || 4529 fest] A2.3
festiglich A1 || 45219 Zusammenstimmung] A2.3 Zusammenstimmung der
Natur A1 || 45312.13 Objects — und welches] A2.3 Objects, welches — kann,
an die Hand, das durch A1 || 45319 denselben] A3 demselben A1.2 || 45324
indeß] A2.3 indessen daß A1 || 45426 muß] A3 mußte A1.2 || 4557.8
Ausführbarkeit] (Ausführbarkeit) Erdmann || 45521 müsse] A3 mußte A1.2 ||
45528 müsse] A3 mußte A1.2 || 45529.30 sei — mithin] A2.3 sei, mithin wir A1
|| 45618 moralischen] moralischen Endzwecks Erdmann || 45622 bereits]
Hartenstein bereit A || 45627 dieselbe] Erdmann dasselbe A || 45629
bestimmende] A2.3 bestimmte A1 || 45636 beabsichtete] beabsichtigte
Erdmann || 4576 zu dieser] Erdmann dieser A || 45713 Anziehung] fehlt A1 ||
45736 indeß] A2.3 indessen daß A1 || 45827 Weise] A2.3 Art A1 || 45832 innere
fehlt A1 || 45935 I d o l] A2.3 I d e a l A1 || 46017 werden] Zusatz Windelband
|| 46018 auf] A2.3 auch auf A1 || Vorschrift] A1.3 Vorsicht A2 || 46022 über] A1
für A2.3 || 46027 keine] Hartenstein keines A || 46033 praktischer
nothwendiger] praktisch-nothwendiger Vorländer || 46035 erforderlichen]
A2.3 erforderlicher A1 || 46112 teleologischen] Rosenkranz moralischen A ||
46119 nicht — ein] A2.3 nicht ein bloß A1 || 4625 einer fehlt A1 || 46223
müßte] A2.3 mußte A1 || 46311 er — dahin] A2.3 er auf dem Wege dazu A1 ||
46313.14 Urtheils] A2.3 Urtheilens A1 || 46323 Satz — der] A2.3 Satz, die
Existenz A1 || 46411 ungeachtet] A2.3 unerachtet A1 || 46412–14 sich — Statt]
A2.3 sich (d. i. — betrachtet), welche den Grund — enthalten, statt A1 ||
46417 Analogon] A1.3 Anlagen A2 || 46430 mit dem] mit Erdmann || 46439
(dergleichen — Verstand) ist, kann] A2.3 (dergleichen ist die durch
Verstand) kann A1 || 46523 nicht] fehlt A3 || 46633 also] A3 aber A1.2 || 4677
unsern] A2.3 unserm A1 || 46719.20 Hirngespinsten] Erdmann
höchsten Weltbesten] Erdmann das höchste Weltbeste A || 45110 ohne — die]
A2.3 unangesehen aller Zwecke (als der A1 || 4522 erfüllte. Umgekehrt] A2.3
erfüllte; und umgekehrt A1 || 4528 wie — Spinoza] fehlt A1 || 4529 fest] A2.3
festiglich A1 || 45219 Zusammenstimmung] A2.3 Zusammenstimmung der
Natur A1 || 45312.13 Objects — und welches] A2.3 Objects, welches — kann,
an die Hand, das durch A1 || 45319 denselben] A3 demselben A1.2 || 45324
indeß] A2.3 indessen daß A1 || 45426 muß] A3 mußte A1.2 || 4557.8
Ausführbarkeit] (Ausführbarkeit) Erdmann || 45521 müsse] A3 mußte A1.2 ||
45528 müsse] A3 mußte A1.2 || 45529.30 sei — mithin] A2.3 sei, mithin wir A1
|| 45618 moralischen] moralischen Endzwecks Erdmann || 45622 bereits]
Hartenstein bereit A || 45627 dieselbe] Erdmann dasselbe A || 45629
bestimmende] A2.3 bestimmte A1 || 45636 beabsichtete] beabsichtigte
Erdmann || 4576 zu dieser] Erdmann dieser A || 45713 Anziehung] fehlt A1 ||
45736 indeß] A2.3 indessen daß A1 || 45827 Weise] A2.3 Art A1 || 45832 innere
fehlt A1 || 45935 I d o l] A2.3 I d e a l A1 || 46017 werden] Zusatz Windelband
|| 46018 auf] A2.3 auch auf A1 || Vorschrift] A1.3 Vorsicht A2 || 46022 über] A1
für A2.3 || 46027 keine] Hartenstein keines A || 46033 praktischer
nothwendiger] praktisch-nothwendiger Vorländer || 46035 erforderlichen]
A2.3 erforderlicher A1 || 46112 teleologischen] Rosenkranz moralischen A ||
46119 nicht — ein] A2.3 nicht ein bloß A1 || 4625 einer fehlt A1 || 46223
müßte] A2.3 mußte A1 || 46311 er — dahin] A2.3 er auf dem Wege dazu A1 ||
46313.14 Urtheils] A2.3 Urtheilens A1 || 46323 Satz — der] A2.3 Satz, die
Existenz A1 || 46411 ungeachtet] A2.3 unerachtet A1 || 46412–14 sich — Statt]
A2.3 sich (d. i. — betrachtet), welche den Grund — enthalten, statt A1 ||
46417 Analogon] A1.3 Anlagen A2 || 46430 mit dem] mit Erdmann || 46439
(dergleichen — Verstand) ist, kann] A2.3 (dergleichen ist die durch
Verstand) kann A1 || 46523 nicht] fehlt A3 || 46633 also] A3 aber A1.2 || 4677
unsern] A2.3 unserm A1 || 46719.20 Hirngespinsten] Erdmann
Page 422
Hirngespinstern A2 Hirngespenstern A2.3 cf. 41126, 47225 || 46735 wirkliche
fehlt A1 || 46816 (—) Thatsachen] A2.3 Thatsachen (—) A1 || 46822 an sich]
A1.2 sich an A2 || 4698.9 kann — durch] A2.3 kann, aber doch durch A1 ||
46910–13 Wirkung — G l a u b e n s s a c h e n] A2.3 Wirkung ist, zusammt —
Unsterblichkeit, G l a u b e n s s a c h e n A1 || 46920 und Geographie fehlt A1
|| 46935–36 sich nicht (gleich — gründen) Windelband Glaubenssachen
fürwahrhalten (gleich — nicht gründen) A1 sich (gleich — nicht gründen)
A2.3 || 4709.10 oder die — Selbstliebe fehlt A1 || 47013 zugleich fehlt A3 ||
4717.8 wegen — demselben] A2.3 um der — demselben willen A1 || 47116
obliegen] obliegt Erdmann || 47117 von] Zusatz Erdmann || 47120 Pflicht]
A1.3 Absicht A2 || 47126 das erste und] fehlt A1 || 47134–36 aber — Grunde]
fehlt A1 || 4721 aber] A1.2 jedoch A3 || 4729 dessen fehlt A1 || 47231 seiner]
A3 ihrer A1.2 || 47322 konnte] A2.3 könnte A1 || 47331 ihrer] A2.3 dieser ihrer
A1 || 47411 ist. Daß] A2.3 ist und daß A1 || 47415 der] A2.3 || den A1 || 47418
deren] A2.3 die A1 || 47428 desselben] A2.3 desjenigen A1 || 4753 praktische]
A1 praktisch A2.3 || 4755 der — letzteren] A2.3 dieser ihr ganzer Besitz A1 ||
4759 sie] A1.3 sich A3 || 47531 den] A2.3 den bloßen A1 || 4765 mir] A1 wir A2
uns A3 || 47610 müsse] A2.3 muß A1 || 47611 lasse] A2.3 läßt A1 || 47623 den]
A3 der A1.2 || 47631 nun] A2.3 uns A1 || 47719–21 voraus. In — Genüge] A2.3
voraus; in — dessen (—) die Zwecke — Genüge thun A1 || 47724 sein] A1
ein A2.3 || 47727 Benützung] Hartenstein Bemühung A || 47730 ihn fehlt A1 ||
47732 in den] A2.3 im A1 || 47735—4782 ergänzt. In — das] ergänzt, so daß
in der That nur — fühlt, hervorbringt, der — aber nur das Verdienst hat,
das A1 || 4785 theologischer] A1.3 theoretischer A2 || 47814 etwa fehlt A1 ||
47815 er fehlt A1 || 47823 Begriffe] Beweise Erdmann || 47832 sich — Wesen]
A1.2 vernünftige Wesen sich A3 || 4796 jener] A2.3 jenen A1 || 47913 welches]
A2.3 welcher A1 || 47933 müßte] A2.3 mußte A1 || 48020 Euch] A1.3 auch A2 ||
48029 anpreisen] A2.3 auspreisen A1 || 48031 vorgeblichen] A2.3
vergeblichen A1 || 48032 Eurer] A2.3 einer Schlußkette A1 || 48033.34 welchen
fehlt A1 || 46816 (—) Thatsachen] A2.3 Thatsachen (—) A1 || 46822 an sich]
A1.2 sich an A2 || 4698.9 kann — durch] A2.3 kann, aber doch durch A1 ||
46910–13 Wirkung — G l a u b e n s s a c h e n] A2.3 Wirkung ist, zusammt —
Unsterblichkeit, G l a u b e n s s a c h e n A1 || 46920 und Geographie fehlt A1
|| 46935–36 sich nicht (gleich — gründen) Windelband Glaubenssachen
fürwahrhalten (gleich — nicht gründen) A1 sich (gleich — nicht gründen)
A2.3 || 4709.10 oder die — Selbstliebe fehlt A1 || 47013 zugleich fehlt A3 ||
4717.8 wegen — demselben] A2.3 um der — demselben willen A1 || 47116
obliegen] obliegt Erdmann || 47117 von] Zusatz Erdmann || 47120 Pflicht]
A1.3 Absicht A2 || 47126 das erste und] fehlt A1 || 47134–36 aber — Grunde]
fehlt A1 || 4721 aber] A1.2 jedoch A3 || 4729 dessen fehlt A1 || 47231 seiner]
A3 ihrer A1.2 || 47322 konnte] A2.3 könnte A1 || 47331 ihrer] A2.3 dieser ihrer
A1 || 47411 ist. Daß] A2.3 ist und daß A1 || 47415 der] A2.3 || den A1 || 47418
deren] A2.3 die A1 || 47428 desselben] A2.3 desjenigen A1 || 4753 praktische]
A1 praktisch A2.3 || 4755 der — letzteren] A2.3 dieser ihr ganzer Besitz A1 ||
4759 sie] A1.3 sich A3 || 47531 den] A2.3 den bloßen A1 || 4765 mir] A1 wir A2
uns A3 || 47610 müsse] A2.3 muß A1 || 47611 lasse] A2.3 läßt A1 || 47623 den]
A3 der A1.2 || 47631 nun] A2.3 uns A1 || 47719–21 voraus. In — Genüge] A2.3
voraus; in — dessen (—) die Zwecke — Genüge thun A1 || 47724 sein] A1
ein A2.3 || 47727 Benützung] Hartenstein Bemühung A || 47730 ihn fehlt A1 ||
47732 in den] A2.3 im A1 || 47735—4782 ergänzt. In — das] ergänzt, so daß
in der That nur — fühlt, hervorbringt, der — aber nur das Verdienst hat,
das A1 || 4785 theologischer] A1.3 theoretischer A2 || 47814 etwa fehlt A1 ||
47815 er fehlt A1 || 47823 Begriffe] Beweise Erdmann || 47832 sich — Wesen]
A1.2 vernünftige Wesen sich A3 || 4796 jener] A2.3 jenen A1 || 47913 welches]
A2.3 welcher A1 || 47933 müßte] A2.3 mußte A1 || 48020 Euch] A1.3 auch A2 ||
48029 anpreisen] A2.3 auspreisen A1 || 48031 vorgeblichen] A2.3
vergeblichen A1 || 48032 Eurer] A2.3 einer Schlußkette A1 || 48033.34 welchen
Page 423
— heraussagt] A2 den — A1 welcher gegen — herausgesagt wird A3 || 4825
Naturkenntniß] A2.3 Naturerkenntniß A1 || 48210 allein nicht] A2.3 allein A1
|| 48212 desselben] Windelband derselben A || 48225 aber — in] A2.3 aber
zum Verdruß — Vernunft auch in A1 || 48227 nachstehende] A2.3 beigehende
A1 || 48229 Schönheit] A2.3 Schönheiten A1 || 4835 ihm] A2.3 ihnen A1 ||
48320 ersten] A1 ersteren A2.3 || 48322 desselben] Erdmann derselben A ||
48336 Zweckmäßigkeit] A2.3 Zweckverbindung A1 || 4843 uns] Zusatz v.
Kirchmann || 48418 ich] A2.3 und A1 || 48423 durch eine] A2.3 einer A1.
Wilhelm Windelband.
Naturkenntniß] A2.3 Naturerkenntniß A1 || 48210 allein nicht] A2.3 allein A1
|| 48212 desselben] Windelband derselben A || 48225 aber — in] A2.3 aber
zum Verdruß — Vernunft auch in A1 || 48227 nachstehende] A2.3 beigehende
A1 || 48229 Schönheit] A2.3 Schönheiten A1 || 4835 ihm] A2.3 ihnen A1 ||
48320 ersten] A1 ersteren A2.3 || 48322 desselben] Erdmann derselben A ||
48336 Zweckmäßigkeit] A2.3 Zweckverbindung A1 || 4843 uns] Zusatz v.
Kirchmann || 48418 ich] A2.3 und A1 || 48423 durch eine] A2.3 einer A1.
Wilhelm Windelband.
Page 424
Orthographie, Interpunction und Sprache.
Trotz ihres bedeutenden Umfanges enthält die Kritik d. Urth. wenig
störende Schreibungen und Sprachformen, von denen allerdings manche
durch häufiges Vorkommen das Bild des Druckes bestimmen. Andrerseits
treten orthographische und sprachliche Besonderheiten auf, die unserm
Brauch entsprechen, dagegen in den Kantdrucken sonst fast gar nicht belegt
sind. Die Sprache des Druckes und der gleichzeitigen Kant-Manuscripte
stehen sich zwar nahe, decken sich aber nicht.
Orthographie. Vo c a l e. Charakteristisch ist nur das aa in Maaß (selten
anmaßen), das ey in Freyheit, Befreyung, zwey, zweyte, zweyerlei, gemeynt,
sey, seyn (esse), Malerey (doch fällt mehrfach ei auf: Freiheit öfter, zwei,
sein = esse, beilegen!). — C o n s o n a n t e n. Widerspruchsvoll ist wie so
oft die Behandlung der k-Laute. c steht häufig in Wörtern griechischer
Abkunft: Critik, Microscop, Telescop, Character, dialectisch, apodictisch,
collossalisch, categorisch, practisch (doch auch oft praktisch); vgl. dazu
Cameel, Orcan, Punct. Hingegen haben aus dem Lateinischen stammende
k: Prädikat, Produkt, Objekt, Instinkt, Publikum, traktirt, reflektirend
(indessen überwiegt hier c: Product, Object, reflectirend). Auffällig ist
ferner f vor Consonant und im Auslaut: Begrif, Begrifs, Stof. (selten Begriff,
Stoff), Hofnung, eröfnet, herbeygeschaft, betrift, vortreflich. — Dehnungs-h
war verhältnissmässig selten zu beseitigen: Gebehrde, Spuhr, willkührlich,
stöhrt (häufiger: willkürlich, zerstörend). — Auch die s = Laute boten
wenig Anlass zu Eingriffen: ss in Ausschliessung, heissen, ausser
(vorwiegend ß: einschließen, bloße, außer u. s. w.), Caussalität (selten
Causalität). — Sonst findet sich noch v statt u: Propädevtik,
Pnevmatologie. — A n f a n g s b u c h s t a b e n. Abweichungen von der
Regel sind selten: Doctrinalen (Geschäft), Savoyische Bauer;
ungleichartiges, etwas bloß subjectives. — Z u s a m m e n s e t z u n g . —
Es finden sich: ob zwar (auch obzwar), ob gleich, oben ein, so fort. —
E i g e n n a m e n: Epicur, Schakespeare.
Interpunction. Der Gebrauch von Komma und Semikolon stört recht oft.
K o m m a schliesst häufig adverbiale Bestimmungen ein, steht vor
Satztheilen, die durch und angefügt sind, aber auch hinter anderen, welche
Trotz ihres bedeutenden Umfanges enthält die Kritik d. Urth. wenig
störende Schreibungen und Sprachformen, von denen allerdings manche
durch häufiges Vorkommen das Bild des Druckes bestimmen. Andrerseits
treten orthographische und sprachliche Besonderheiten auf, die unserm
Brauch entsprechen, dagegen in den Kantdrucken sonst fast gar nicht belegt
sind. Die Sprache des Druckes und der gleichzeitigen Kant-Manuscripte
stehen sich zwar nahe, decken sich aber nicht.
Orthographie. Vo c a l e. Charakteristisch ist nur das aa in Maaß (selten
anmaßen), das ey in Freyheit, Befreyung, zwey, zweyte, zweyerlei, gemeynt,
sey, seyn (esse), Malerey (doch fällt mehrfach ei auf: Freiheit öfter, zwei,
sein = esse, beilegen!). — C o n s o n a n t e n. Widerspruchsvoll ist wie so
oft die Behandlung der k-Laute. c steht häufig in Wörtern griechischer
Abkunft: Critik, Microscop, Telescop, Character, dialectisch, apodictisch,
collossalisch, categorisch, practisch (doch auch oft praktisch); vgl. dazu
Cameel, Orcan, Punct. Hingegen haben aus dem Lateinischen stammende
k: Prädikat, Produkt, Objekt, Instinkt, Publikum, traktirt, reflektirend
(indessen überwiegt hier c: Product, Object, reflectirend). Auffällig ist
ferner f vor Consonant und im Auslaut: Begrif, Begrifs, Stof. (selten Begriff,
Stoff), Hofnung, eröfnet, herbeygeschaft, betrift, vortreflich. — Dehnungs-h
war verhältnissmässig selten zu beseitigen: Gebehrde, Spuhr, willkührlich,
stöhrt (häufiger: willkürlich, zerstörend). — Auch die s = Laute boten
wenig Anlass zu Eingriffen: ss in Ausschliessung, heissen, ausser
(vorwiegend ß: einschließen, bloße, außer u. s. w.), Caussalität (selten
Causalität). — Sonst findet sich noch v statt u: Propädevtik,
Pnevmatologie. — A n f a n g s b u c h s t a b e n. Abweichungen von der
Regel sind selten: Doctrinalen (Geschäft), Savoyische Bauer;
ungleichartiges, etwas bloß subjectives. — Z u s a m m e n s e t z u n g . —
Es finden sich: ob zwar (auch obzwar), ob gleich, oben ein, so fort. —
E i g e n n a m e n: Epicur, Schakespeare.
Interpunction. Der Gebrauch von Komma und Semikolon stört recht oft.
K o m m a schliesst häufig adverbiale Bestimmungen ein, steht vor
Satztheilen, die durch und angefügt sind, aber auch hinter anderen, welche
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durch mithin, aber, zugleich, sondern, wie eingeleitet werden. Es erscheint
vielfach überflüssig vor und hinter Appositionen mit als, in Verbindungen
wie und, da; und, wenn; denn, wenn; denn, weil; denn, daß; daher, wenn;
dagegen, wenn; allein, wenn. Doch fehlt es in allen diesen Fällen auch oft.
— Wiederum vermissen wir es an Satzgrenzen, vor obzwar, aber, ohne zu,
zwischen unverbundenen gleichartigen Satztheilen, vor und hinter
Appositionen, praedicativen Attributen 25015.16; doch steht es in der Regel.
— Recht beliebt ist im Drucke S e m i k o l o n, das vielfach im Verhältniss
der Subordination durch Kolon 19017 19120 u. a., oder, besonders zwischen
nebengeordneten Satztheilen, auch durch Komma 19321 30929 3114 ersetzt
werden musste.
Sprache. L a u t e . Vo c a l e . Den Umlaut vermissen wir bei abzuhangen,
überhangende, zusammenhangenden u. ä. (nicht immer; im Ganzen 8
Beispiele). — alsdenn steht 9 mal, sonst stets alsdann. Die Formen
wechseln. Ein Unterschied nach Bogen wie in manchen älteren Drucken ist
weder hier noch bei anderen Schwankungen zu beobachten. — Ableitungs-
und Flexionssilben sind wie immer beim Verbum am wenigsten fest. Wir
finden die Ind. Imp. beruheten, austheilete (aber z. B. zählte); die Conj.
Imp. fällete, beurtheilete, kennete, beruhete (aber z. B. fehlte, erfüllte,
vorstellte, führte, bestimmte, glaubte); die unflectirten Part. Perf. gestellet,
beygesellet, geführet, bestimmet, nachgeahmet, abgefasset, überzeuget (16
Belege; Synkope herrscht, z. B. vorgestellt, erschwert, bestimmt, entfernt,
aufgefaßt, geschätzt, erzeugt u. s. w.) und 1 mal die flectirte Form
überfülletem. — Dem entspricht die 3. Pers. Sing. Präs. erhellet, gehöret,
bestimmet, siehet, veranlasset, hinflößet, schätzet, besorget u. a. (17 mal;
sonst Synkope: gefällt, spielt, führt, bestimmt, scheint, geht, läßt, schätzt,
gelangt u. s. w.). — Von Substantiven sind zu nennen Ursach 18122.23
(sonst Ursache, z. B. 18124 Tischgeräthe 31311 (Sing.), je 1 mal. —
Consonanten. Einzelfälle sind Zierrathen 2264, geschicht 40329. —
F l e x i o n . Auch hier stören nur vereinzelte Formen: der Gedanken 34235
3431 (Sing., 2 mal), der Blumenbeeten (1 mal, seyn = seien 28434 (nur 1
mal!, sonst ist stets sind, 4 mal auch seyen gesetzt!). — W o r t b i l d u n g.
Es finden sich mehrmalen (1 Beleg) und mehrfach vornämlich (vielleicht
orthographisch aufzufassen). — S y n t a x . Änderungen wurden gleichfalls
nur vereinzelt nöthig aus einem gemeinschaftlichem Grunde; zu deren
vielfach überflüssig vor und hinter Appositionen mit als, in Verbindungen
wie und, da; und, wenn; denn, wenn; denn, weil; denn, daß; daher, wenn;
dagegen, wenn; allein, wenn. Doch fehlt es in allen diesen Fällen auch oft.
— Wiederum vermissen wir es an Satzgrenzen, vor obzwar, aber, ohne zu,
zwischen unverbundenen gleichartigen Satztheilen, vor und hinter
Appositionen, praedicativen Attributen 25015.16; doch steht es in der Regel.
— Recht beliebt ist im Drucke S e m i k o l o n, das vielfach im Verhältniss
der Subordination durch Kolon 19017 19120 u. a., oder, besonders zwischen
nebengeordneten Satztheilen, auch durch Komma 19321 30929 3114 ersetzt
werden musste.
Sprache. L a u t e . Vo c a l e . Den Umlaut vermissen wir bei abzuhangen,
überhangende, zusammenhangenden u. ä. (nicht immer; im Ganzen 8
Beispiele). — alsdenn steht 9 mal, sonst stets alsdann. Die Formen
wechseln. Ein Unterschied nach Bogen wie in manchen älteren Drucken ist
weder hier noch bei anderen Schwankungen zu beobachten. — Ableitungs-
und Flexionssilben sind wie immer beim Verbum am wenigsten fest. Wir
finden die Ind. Imp. beruheten, austheilete (aber z. B. zählte); die Conj.
Imp. fällete, beurtheilete, kennete, beruhete (aber z. B. fehlte, erfüllte,
vorstellte, führte, bestimmte, glaubte); die unflectirten Part. Perf. gestellet,
beygesellet, geführet, bestimmet, nachgeahmet, abgefasset, überzeuget (16
Belege; Synkope herrscht, z. B. vorgestellt, erschwert, bestimmt, entfernt,
aufgefaßt, geschätzt, erzeugt u. s. w.) und 1 mal die flectirte Form
überfülletem. — Dem entspricht die 3. Pers. Sing. Präs. erhellet, gehöret,
bestimmet, siehet, veranlasset, hinflößet, schätzet, besorget u. a. (17 mal;
sonst Synkope: gefällt, spielt, führt, bestimmt, scheint, geht, läßt, schätzt,
gelangt u. s. w.). — Von Substantiven sind zu nennen Ursach 18122.23
(sonst Ursache, z. B. 18124 Tischgeräthe 31311 (Sing.), je 1 mal. —
Consonanten. Einzelfälle sind Zierrathen 2264, geschicht 40329. —
F l e x i o n . Auch hier stören nur vereinzelte Formen: der Gedanken 34235
3431 (Sing., 2 mal), der Blumenbeeten (1 mal, seyn = seien 28434 (nur 1
mal!, sonst ist stets sind, 4 mal auch seyen gesetzt!). — W o r t b i l d u n g.
Es finden sich mehrmalen (1 Beleg) und mehrfach vornämlich (vielleicht
orthographisch aufzufassen). — S y n t a x . Änderungen wurden gleichfalls
nur vereinzelt nöthig aus einem gemeinschaftlichem Grunde; zu deren
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Bekenntniß (innerem oder äußeren); denen=den (17320); an allem diesen
Schmucke, mit allem seinen Vermögen, mit diesem allen; zwischen diesen
zweyen Gemeinörtern, jenen zweyen Principien, jener zweyen Reiche, von
zweyen Geschöpfen; ankommen auf m. Dativ 20510–12; vor jetzt 24013.14
(statt für jetzt). Die angeführten Fälle sind je nur 1 mal belegt, die beiden
ersten vielleicht aus Druckfehlern zu erklären.
E w a l d F r e y.
Schmucke, mit allem seinen Vermögen, mit diesem allen; zwischen diesen
zweyen Gemeinörtern, jenen zweyen Principien, jener zweyen Reiche, von
zweyen Geschöpfen; ankommen auf m. Dativ 20510–12; vor jetzt 24013.14
(statt für jetzt). Die angeführten Fälle sind je nur 1 mal belegt, die beiden
ersten vielleicht aus Druckfehlern zu erklären.
E w a l d F r e y.
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FUSSNOTEN:
[1] Es ist von Nutzen: zu Begriffen, welche man als empirische Principien braucht,
wenn man Ursache hat zu vermuthen, daß sie mit dem reinen
Erkenntnißvermögen a priori in Verwandtschaft stehen, dieser Beziehung wegen
eine transscendentale Definition zu versuchen: nämlich durch reine Kategorieen,
sofern diese allein schon den Unterschied des vorliegenden Begriffs von anderen
hinreichend angeben. 25 Man folgt hierin dem Beispiel des Mathematikers, der
die empirischen Data seiner Aufgabe unbestimmt läßt und nur ihr Verhältniß in
der reinen Synthesis derselben unter die Begriffe der reinen Arithmetik bringt
und sich dadurch die Auflösung derselben verallgemeinert. — Man hat mir aus
einem ähnlichen Verfahren (Krit. der prakt. V., S. 16 [9] der Vorrede) einen
Vorwurf gemacht und die Definition 30 des Begehrungsvermögens, als
Ve r m ö g e n s d u r c h s e i n e Vo r s t e l l u n g e n U r s a c h e v o n d e r
W i r k l i c h k e i t d e r G e g e n s t ä n d e d i e s e r Vo r s t e l l u n g e n z u
s e i n, getadelt: weil bloße Wünsche doch auch Begehrungen wären, von denen
sich doch jeder bescheidet, daß er durch dieselben allein ihr Object nicht
hervorbringen könne. — Dieses aber beweiset nichts weiter, als daß es auch
Begehrungen im 35 Menschen gebe, wodurch derselbe mit sich selbst im
Widerspruche steht: indem er durch seine Vorstellung allein zur Hervorbringung
des Objects hinwirkt, von der er doch keinen Erfolg erwarten kann, weil er sich
bewußt ist, daß seine mechanischen Kräfte (wenn ich die nicht psychologischen
so nennen soll), die durch jene Vorstellung bestimmt werden müßten, um das
Object (mithin mittelbar) zu bewirken, entweder nicht zulänglich sind, oder gar
auf etwas Unmögliches gehen, z. B. das Geschehene ungeschehen zu machen (O
mihi praeteritos, etc.) oder im ungeduldigen Harren die Zwischenzeit bis zum
herbeigewünschten Augenblick vernichten zu können. — Ob wir uns gleich in
solchen phantastischen Begehrungen der Unzulänglichkeit unserer 20
Vorstellungen (oder gar ihrer Untauglichkeit), U r s a c h e ihrer Gegenstände zu
sein, bewußt sind: so ist doch die Beziehung derselben als Ursache, mithin die
Vorstellung ihrer C a u s a l i t ä t in jedem W u n s c h e enthalten und
vornehmlich alsdann sichtbar, wenn dieser ein Affect, nämlich S e h n s u c h t,
ist. Denn diese beweisen dadurch, daß sie das Herz ausdehnen und welk machen
und so die Kräfte erschöpfen, daß die 25 Kräfte durch Vorstellungen
wiederholentlich angespannt werden, aber das Gemüth bei der Rücksicht auf die
Unmöglichkeit unaufhörlich wiederum in Ermattung zurück sinken lassen.
Selbst die Gebete um Abwendung großer und, so viel man einsieht,
unvermeidlicher Übel und manche abergläubische Mittel zu Erreichung
natürlicherweise unmöglicher Zwecke beweisen die Causalbeziehung der
Vorstellungen auf ihre 30 Objecte, die sogar durch das Bewußtsein ihrer
Unzulänglichkeit zum Effect von der Bestrebung dazu nicht abgehalten werden
kann. — Warum aber in unsere Natur der Hang zu mit Bewußtsein leeren
Begehrungen gelegt worden, das ist eine anthropologisch-teleologische Frage. Es
scheint: daß, sollten wir nicht eher, als bis wir uns von der Zulänglichkeit
unseres Vermögens zu Hervorbringung eines Objects 35 versichert hätten, zur
Kraftanwendung bestimmt werden, diese großentheils unbenutzt bleiben würde.
Denn gemeiniglich lernen wir unsere Kräfte nur dadurch allererst kennen, daß
wir sie versuchen. Diese Täuschung in leeren Wünschen ist also nur die Folge
von einer wohlthätigen Anordnung in unserer Natur.
[1] Es ist von Nutzen: zu Begriffen, welche man als empirische Principien braucht,
wenn man Ursache hat zu vermuthen, daß sie mit dem reinen
Erkenntnißvermögen a priori in Verwandtschaft stehen, dieser Beziehung wegen
eine transscendentale Definition zu versuchen: nämlich durch reine Kategorieen,
sofern diese allein schon den Unterschied des vorliegenden Begriffs von anderen
hinreichend angeben. 25 Man folgt hierin dem Beispiel des Mathematikers, der
die empirischen Data seiner Aufgabe unbestimmt läßt und nur ihr Verhältniß in
der reinen Synthesis derselben unter die Begriffe der reinen Arithmetik bringt
und sich dadurch die Auflösung derselben verallgemeinert. — Man hat mir aus
einem ähnlichen Verfahren (Krit. der prakt. V., S. 16 [9] der Vorrede) einen
Vorwurf gemacht und die Definition 30 des Begehrungsvermögens, als
Ve r m ö g e n s d u r c h s e i n e Vo r s t e l l u n g e n U r s a c h e v o n d e r
W i r k l i c h k e i t d e r G e g e n s t ä n d e d i e s e r Vo r s t e l l u n g e n z u
s e i n, getadelt: weil bloße Wünsche doch auch Begehrungen wären, von denen
sich doch jeder bescheidet, daß er durch dieselben allein ihr Object nicht
hervorbringen könne. — Dieses aber beweiset nichts weiter, als daß es auch
Begehrungen im 35 Menschen gebe, wodurch derselbe mit sich selbst im
Widerspruche steht: indem er durch seine Vorstellung allein zur Hervorbringung
des Objects hinwirkt, von der er doch keinen Erfolg erwarten kann, weil er sich
bewußt ist, daß seine mechanischen Kräfte (wenn ich die nicht psychologischen
so nennen soll), die durch jene Vorstellung bestimmt werden müßten, um das
Object (mithin mittelbar) zu bewirken, entweder nicht zulänglich sind, oder gar
auf etwas Unmögliches gehen, z. B. das Geschehene ungeschehen zu machen (O
mihi praeteritos, etc.) oder im ungeduldigen Harren die Zwischenzeit bis zum
herbeigewünschten Augenblick vernichten zu können. — Ob wir uns gleich in
solchen phantastischen Begehrungen der Unzulänglichkeit unserer 20
Vorstellungen (oder gar ihrer Untauglichkeit), U r s a c h e ihrer Gegenstände zu
sein, bewußt sind: so ist doch die Beziehung derselben als Ursache, mithin die
Vorstellung ihrer C a u s a l i t ä t in jedem W u n s c h e enthalten und
vornehmlich alsdann sichtbar, wenn dieser ein Affect, nämlich S e h n s u c h t,
ist. Denn diese beweisen dadurch, daß sie das Herz ausdehnen und welk machen
und so die Kräfte erschöpfen, daß die 25 Kräfte durch Vorstellungen
wiederholentlich angespannt werden, aber das Gemüth bei der Rücksicht auf die
Unmöglichkeit unaufhörlich wiederum in Ermattung zurück sinken lassen.
Selbst die Gebete um Abwendung großer und, so viel man einsieht,
unvermeidlicher Übel und manche abergläubische Mittel zu Erreichung
natürlicherweise unmöglicher Zwecke beweisen die Causalbeziehung der
Vorstellungen auf ihre 30 Objecte, die sogar durch das Bewußtsein ihrer
Unzulänglichkeit zum Effect von der Bestrebung dazu nicht abgehalten werden
kann. — Warum aber in unsere Natur der Hang zu mit Bewußtsein leeren
Begehrungen gelegt worden, das ist eine anthropologisch-teleologische Frage. Es
scheint: daß, sollten wir nicht eher, als bis wir uns von der Zulänglichkeit
unseres Vermögens zu Hervorbringung eines Objects 35 versichert hätten, zur
Kraftanwendung bestimmt werden, diese großentheils unbenutzt bleiben würde.
Denn gemeiniglich lernen wir unsere Kräfte nur dadurch allererst kennen, daß
wir sie versuchen. Diese Täuschung in leeren Wünschen ist also nur die Folge
von einer wohlthätigen Anordnung in unserer Natur.
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[2] Einer von den verschiedenen vermeinten Widersprüchen in dieser gänzlichen
Unterscheidung der Naturcausalität von der durch Freiheit ist der, da man ihr den
Vorwurf macht: daß, wenn ich von H i n d e r n i s s e n, die die Natur der
Causalität nach Freiheitsgesetzen (den moralischen) legt, oder ihre
B e f ö r d e r u n g durch dieselbe rede, ich doch der ersteren auf die letztere einen
E i n f l u ß einräume. Aber wenn 35 man das Gesagte nur verstehen will, so ist
die Mißdeutung sehr leicht zu verhüten. Der Widerstand, oder die Beförderung
ist nicht zwischen der Natur und der Freiheit, 30 sondern der ersteren als
Erscheinung und den W i r k u n g e n der letztern als Erscheinungen in der
Sinnenwelt; und selbst die C a u s a l i t ä t der Freiheit (der reinen und
praktischen Vernunft) ist die C a u s a l i t ä t einer jener untergeordneten
Naturursache (des Subjects, als Mensch, folglich als Erscheinung betrachtet),
von deren B e s t i m m u n g das Intelligible, welches unter der Freiheit gedacht
wird, auf eine übrigens 35 (eben so wie eben dasselbe, was das übersinnliche
Substrat der Natur ausmacht) unerklärliche Art den Grund enthält.
[3] Man hat es bedenklich gefunden, daß meine Eintheilungen in der reinen
Philosophie fast immer dreitheilig ausfallen. Das liegt aber in der Natur der
Sache. Soll eine Eintheilung a priori geschehen, so wird sie entweder
a n a l y t i s c h 20 sein nach dem Satze des Widerspruchs; und da ist sie
jederzeit zweitheilig (quodlibet ens est aut A aut non A). Oder sie ist
s y n t h e t i s c h; und wenn sie in diesem Falle aus B e g r i f f e n a priori (nicht
wie in der Mathematik aus der a priori dem Begriffe correspondirenden
Anschauung) soll geführt werden, so muß nach demjenigen, was zu der
synthetischen Einheit überhaupt erforderlich ist, nämlich 1) Bedingung, 25 2)
ein Bedingtes, 3) der Begriff, der aus der Vereinigung des Bedingten mit seiner
Bedingung entspringt, die Eintheilung nothwendig Trichotomie sein.
[4] Die Definition des Geschmacks, welche hier zum Grunde gelegt wird, ist: daß er
das Vermögen der Beurtheilung des Schönen sei. Was aber dazu erfordert wird,
um einen Gegenstand schön zu nennen, das muß die Analyse der Urtheile des
20 Geschmacks entdecken. Die Momente, worauf diese Urtheilskraft in ihrer
Reflexion Acht hat, habe ich nach Anleitung der logischen Functionen zu
urtheilen aufgesucht (denn im Geschmacksurtheile ist immer noch eine
Beziehung auf den Verstand enthalten). Die der Qualität habe ich zuerst in
Betrachtung gezogen, weil das ästhetische Urtheil über das Schöne auf diese
zuerst Rücksicht nimmt. 25
[5] Ein Urtheil über einen Gegenstand des Wohlgefallens kann ganz
u n i n t e r e s s i r t, aber doch sehr i n t e r e s s a n t sein, d. i. es gründet sich auf
keinem Interesse, aber es bringt ein Interesse hervor; dergleichen sind alle reine
moralische Urtheile. Aber die Geschmacksurtheile begründen an sich auch gar
kein Interesse. Nur in der Gesellschaft wird es i n t e r e s s a n t, Geschmack zu
haben, wovon der Grund in der 35 Folge angezeigt werden wird.
[6] Eine Verbindlichkeit zum Genießen ist eine offenbare Ungereimtheit. Eben das
muß also auch eine vorgegebene Verbindlichkeit zu allen Handlungen sein, die
zu ihrem Ziele blos das Genießen haben: dieses mag nun so geistig ausgedacht
(oder verbrämt) sein, wie es wolle, und wenn es auch ein mystischer,
sogenannter himmlischer Genuß wäre. 35
Unterscheidung der Naturcausalität von der durch Freiheit ist der, da man ihr den
Vorwurf macht: daß, wenn ich von H i n d e r n i s s e n, die die Natur der
Causalität nach Freiheitsgesetzen (den moralischen) legt, oder ihre
B e f ö r d e r u n g durch dieselbe rede, ich doch der ersteren auf die letztere einen
E i n f l u ß einräume. Aber wenn 35 man das Gesagte nur verstehen will, so ist
die Mißdeutung sehr leicht zu verhüten. Der Widerstand, oder die Beförderung
ist nicht zwischen der Natur und der Freiheit, 30 sondern der ersteren als
Erscheinung und den W i r k u n g e n der letztern als Erscheinungen in der
Sinnenwelt; und selbst die C a u s a l i t ä t der Freiheit (der reinen und
praktischen Vernunft) ist die C a u s a l i t ä t einer jener untergeordneten
Naturursache (des Subjects, als Mensch, folglich als Erscheinung betrachtet),
von deren B e s t i m m u n g das Intelligible, welches unter der Freiheit gedacht
wird, auf eine übrigens 35 (eben so wie eben dasselbe, was das übersinnliche
Substrat der Natur ausmacht) unerklärliche Art den Grund enthält.
[3] Man hat es bedenklich gefunden, daß meine Eintheilungen in der reinen
Philosophie fast immer dreitheilig ausfallen. Das liegt aber in der Natur der
Sache. Soll eine Eintheilung a priori geschehen, so wird sie entweder
a n a l y t i s c h 20 sein nach dem Satze des Widerspruchs; und da ist sie
jederzeit zweitheilig (quodlibet ens est aut A aut non A). Oder sie ist
s y n t h e t i s c h; und wenn sie in diesem Falle aus B e g r i f f e n a priori (nicht
wie in der Mathematik aus der a priori dem Begriffe correspondirenden
Anschauung) soll geführt werden, so muß nach demjenigen, was zu der
synthetischen Einheit überhaupt erforderlich ist, nämlich 1) Bedingung, 25 2)
ein Bedingtes, 3) der Begriff, der aus der Vereinigung des Bedingten mit seiner
Bedingung entspringt, die Eintheilung nothwendig Trichotomie sein.
[4] Die Definition des Geschmacks, welche hier zum Grunde gelegt wird, ist: daß er
das Vermögen der Beurtheilung des Schönen sei. Was aber dazu erfordert wird,
um einen Gegenstand schön zu nennen, das muß die Analyse der Urtheile des
20 Geschmacks entdecken. Die Momente, worauf diese Urtheilskraft in ihrer
Reflexion Acht hat, habe ich nach Anleitung der logischen Functionen zu
urtheilen aufgesucht (denn im Geschmacksurtheile ist immer noch eine
Beziehung auf den Verstand enthalten). Die der Qualität habe ich zuerst in
Betrachtung gezogen, weil das ästhetische Urtheil über das Schöne auf diese
zuerst Rücksicht nimmt. 25
[5] Ein Urtheil über einen Gegenstand des Wohlgefallens kann ganz
u n i n t e r e s s i r t, aber doch sehr i n t e r e s s a n t sein, d. i. es gründet sich auf
keinem Interesse, aber es bringt ein Interesse hervor; dergleichen sind alle reine
moralische Urtheile. Aber die Geschmacksurtheile begründen an sich auch gar
kein Interesse. Nur in der Gesellschaft wird es i n t e r e s s a n t, Geschmack zu
haben, wovon der Grund in der 35 Folge angezeigt werden wird.
[6] Eine Verbindlichkeit zum Genießen ist eine offenbare Ungereimtheit. Eben das
muß also auch eine vorgegebene Verbindlichkeit zu allen Handlungen sein, die
zu ihrem Ziele blos das Genießen haben: dieses mag nun so geistig ausgedacht
(oder verbrämt) sein, wie es wolle, und wenn es auch ein mystischer,
sogenannter himmlischer Genuß wäre. 35
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[7] Muster des Geschmacks in Ansehung der redenden Künste müssen in einer
todten und gelehrten Sprache abgefaßt sein: das erste, um nicht die Veränderung
erdulden zu müssen, welche die lebenden unvermeidlicher Weise trifft, daß edle
Ausdrücke platt, gewöhnliche veraltet und neugeschaffene in einen nur kurz
daurenden Umlauf 35 gebracht werden; das zweite, damit sie eine Grammatik
habe, welche keinem muthwilligen Wechsel der Mode unterworfen sei, sondern
ihre unveränderliche Regel hat.
[8] Man wird finden, daß ein vollkommen regelmäßiges Gesicht, welches der Maler
ihm zum Modell zu sitzen bitten möchte, gemeiniglich nichts sagt: weil es nichts
Charakteristisches enthält, also mehr die Idee der Gattung, als das Specifische
einer Person ausdrückt. Das Charakteristische von dieser Art, was übertrieben
ist, d. i. welches der Normalidee (der Zweckmäßigkeit der Gattung) selbst
Abbruch thut, 30 heißt C a r i c a t u r. Auch zeigt die Erfahrung, daß jene ganz
regelmäßigen Gesichter im Innern gemeiniglich auch nur einen mittelmäßigen
Menschen verrathen; vermuthlich (wenn angenommen werden darf, daß die
Natur im Äußeren die Proportionen des Inneren ausdrücke) deswegen: weil,
wenn keine von den Gemüthsanlagen über diejenige Proportion hervorstechend
ist, die erfordert wird, bloß einen fehlerfreien Menschen 35 auszumachen,
nichts von dem, was man G e n i e nennt, erwartet werden darf, in welchem die
Natur von ihren gewöhnlichen Verhältnissen der Gemüthskräfte zum Vortheil
einer einzigen abzugehen scheint.
[9] Man könnte wider diese Erklärung als Instanz anführen: daß es Dinge giebt, an
denen man eine zweckmäßige Form sieht, ohne an ihnen einen Zweck zu
erkennen; z. B. die öfter aus alten Grabhügeln gezogenen, mit einem Loche als
zu einem Hefte 25 versehenen steinernen Geräthe, die, ob sie zwar in ihrer
Gestalt eine Zweckmäßigkeit deutlich verrathen, für die man den Zweck nicht
kennt, darum gleichwohl nicht für schön erklärt werden. Allein, daß man sie für
ein Kunstwerk ansieht, ist schon genug, um gestehen zu müssen, daß man ihre
Figur auf irgend eine Absicht und einen bestimmten Zweck bezieht. Daher auch
gar kein unmittelbares Wohlgefallen an ihrer Anschauung. 30 Eine Blume
hingegen, z. B. eine Tulpe, wird für schön gehalten, weil eine gewisse
Zweckmäßigkeit, die so, wie wir sie beurtheilen, auf gar keinen Zweck bezogen
wird, in ihrer Wahrnehmung angetroffen wird.
[10] A f f e c t e n sind von L e i d e n s c h a f t e n specifisch unterschieden. Jene
beziehen 30 sich bloß auf das Gefühl; diese gehören dem Begehrungsvermögen
an und sind Neigungen, welche alle Bestimmbarkeit der Willkür durch
Grundsätze erschweren oder unmöglich machen. Jene sind stürmisch und
unvorsätzlich, diese anhaltend und überlegt: so ist der Unwille als Zorn ein
Affect; aber als Haß (Rachgier) eine Leidenschaft. Die letztere kann niemals und
in keinem Verhältniß erhaben 35 genannt werden: weil im Affect die Freiheit
des Gemüths zwar g e h e m m t, in der Leidenschaft aber aufgehoben wird.
[11] Nach der deutschen Übersetzung seiner Schrift: Philosophische Untersuchungen
über den Ursprung unserer Begriffe vom Schönen und Erhabenen. Riga, bei
Hartknoch 1773. 35
[12] Um berechtigt zu sein, auf allgemeine Beistimmung zu einem bloß auf
subjectiven 25 Gründen beruhenden Urtheile der ästhetischen Urtheilskraft
Anspruch zu machen, ist genug, daß man einräume: 1) Bei allen Menschen seien
todten und gelehrten Sprache abgefaßt sein: das erste, um nicht die Veränderung
erdulden zu müssen, welche die lebenden unvermeidlicher Weise trifft, daß edle
Ausdrücke platt, gewöhnliche veraltet und neugeschaffene in einen nur kurz
daurenden Umlauf 35 gebracht werden; das zweite, damit sie eine Grammatik
habe, welche keinem muthwilligen Wechsel der Mode unterworfen sei, sondern
ihre unveränderliche Regel hat.
[8] Man wird finden, daß ein vollkommen regelmäßiges Gesicht, welches der Maler
ihm zum Modell zu sitzen bitten möchte, gemeiniglich nichts sagt: weil es nichts
Charakteristisches enthält, also mehr die Idee der Gattung, als das Specifische
einer Person ausdrückt. Das Charakteristische von dieser Art, was übertrieben
ist, d. i. welches der Normalidee (der Zweckmäßigkeit der Gattung) selbst
Abbruch thut, 30 heißt C a r i c a t u r. Auch zeigt die Erfahrung, daß jene ganz
regelmäßigen Gesichter im Innern gemeiniglich auch nur einen mittelmäßigen
Menschen verrathen; vermuthlich (wenn angenommen werden darf, daß die
Natur im Äußeren die Proportionen des Inneren ausdrücke) deswegen: weil,
wenn keine von den Gemüthsanlagen über diejenige Proportion hervorstechend
ist, die erfordert wird, bloß einen fehlerfreien Menschen 35 auszumachen,
nichts von dem, was man G e n i e nennt, erwartet werden darf, in welchem die
Natur von ihren gewöhnlichen Verhältnissen der Gemüthskräfte zum Vortheil
einer einzigen abzugehen scheint.
[9] Man könnte wider diese Erklärung als Instanz anführen: daß es Dinge giebt, an
denen man eine zweckmäßige Form sieht, ohne an ihnen einen Zweck zu
erkennen; z. B. die öfter aus alten Grabhügeln gezogenen, mit einem Loche als
zu einem Hefte 25 versehenen steinernen Geräthe, die, ob sie zwar in ihrer
Gestalt eine Zweckmäßigkeit deutlich verrathen, für die man den Zweck nicht
kennt, darum gleichwohl nicht für schön erklärt werden. Allein, daß man sie für
ein Kunstwerk ansieht, ist schon genug, um gestehen zu müssen, daß man ihre
Figur auf irgend eine Absicht und einen bestimmten Zweck bezieht. Daher auch
gar kein unmittelbares Wohlgefallen an ihrer Anschauung. 30 Eine Blume
hingegen, z. B. eine Tulpe, wird für schön gehalten, weil eine gewisse
Zweckmäßigkeit, die so, wie wir sie beurtheilen, auf gar keinen Zweck bezogen
wird, in ihrer Wahrnehmung angetroffen wird.
[10] A f f e c t e n sind von L e i d e n s c h a f t e n specifisch unterschieden. Jene
beziehen 30 sich bloß auf das Gefühl; diese gehören dem Begehrungsvermögen
an und sind Neigungen, welche alle Bestimmbarkeit der Willkür durch
Grundsätze erschweren oder unmöglich machen. Jene sind stürmisch und
unvorsätzlich, diese anhaltend und überlegt: so ist der Unwille als Zorn ein
Affect; aber als Haß (Rachgier) eine Leidenschaft. Die letztere kann niemals und
in keinem Verhältniß erhaben 35 genannt werden: weil im Affect die Freiheit
des Gemüths zwar g e h e m m t, in der Leidenschaft aber aufgehoben wird.
[11] Nach der deutschen Übersetzung seiner Schrift: Philosophische Untersuchungen
über den Ursprung unserer Begriffe vom Schönen und Erhabenen. Riga, bei
Hartknoch 1773. 35
[12] Um berechtigt zu sein, auf allgemeine Beistimmung zu einem bloß auf
subjectiven 25 Gründen beruhenden Urtheile der ästhetischen Urtheilskraft
Anspruch zu machen, ist genug, daß man einräume: 1) Bei allen Menschen seien
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die subjectiven Bedingungen dieses Vermögens, was das Verhältniß der darin in
Thätigkeit gesetzten Erkenntnißkräfte zu einem Erkenntniß überhaupt betrifft,
einerlei; welches wahr sein muß, weil sich sonst Menschen ihre Vorstellungen
und selbst das Erkenntniß nicht mittheilen 30 könnten. 2) Das Urtheil habe bloß
auf dieses Verhältniß (mithin die f o r m a l e B e d i n g u n g der Urtheilskraft)
Rücksicht genommen und sei rein, d. i. weder mit Begriffen vom Object noch
Empfindungen als Bestimmungsgründen, vermengt. Wenn in Ansehung dieses
letztern auch gefehlt worden, so betrifft das nur die unrichtige Anwendung der
Befugniß, die ein Gesetz uns giebt, auf einen besondern Fall, wodurch die
Befugniß überhaupt nicht aufgehoben wird. 35
[13] Man sieht bald, daß Aufklärung zwar in Thesi leicht, in Hypothesi aber eine
schwere und langsam auszuführende Sache sei: weil mit seiner Vernunft nicht
30 passiv, sondern jederzeit sich selbst gesetzgebend zu sein zwar etwas ganz
Leichtes für den Menschen ist, der nur seinem wesentlichen Zwecke angemessen
sein will und das, was über seinen Verstand ist, nicht zu wissen verlangt; aber da
die Bestrebung zum letzteren kaum zu verhüten ist, und es an andern, welche
diese Wißbegierde befriedigen zu können mit vieler Zuversicht versprechen, nie
fehlen wird: so muß das bloß Negative 35 (welches die eigentliche Aufklärung
ausmacht) in der Denkungsart (zumal der öffentlichen) zu erhalten oder
herzustellen sehr schwer sein.
[14] Man könnte den Geschmack durch sensus communis aestheticus, den gemeinen
35 Menschenverstand durch sensus communis logicus bezeichnen.
[15] In meinen Gegenden sagt der gemeine Mann, wenn man ihm etwa eine solche
Aufgabe vorlegt, wie Columbus mit seinem Ei: d a s i s t k e i n e K u n s t ,
e s i s t n u r e i n e W i s s e n s c h a f t. D. i. wenn man es weiß, so k a n n man
es; und eben dieses sagt er von allen vorgeblichen Künsten des Taschenspielers.
Die des Seiltänzers dagegen wird er gar nicht in Abrede sein, Kunst zu nennen.
35
[16] Vielleicht ist nie etwas Erhabneres gesagt, oder ein Gedanke erhabener
ausgedrückt worden, als in jener Aufschrift über dem Tempel der I s i s (der
Mutter N a t u r): »Ich bin alles, was da ist, was da war, und was da sein wird,
und meinen Schleier hat kein Sterblicher aufgedeckt.« S e g n e r benutzte diese
Idee durch eine sinnreiche seiner Naturlehre vorgesetzte Vignette, um seinen
Lehrling, den er in 35 diesen Tempel zu führen bereit war, vorher mit dem
heiligen Schauer zu erfüllen, der das Gemüth zu feierlicher Aufmerksamkeit
stimmen soll.
[17] Die drei ersteren Vermögen bekommen durch das vierte allererst ihre
Ve r e i n i g u n g. H u m e giebt in seiner Geschichte den Engländern zu
verstehen, daß, obzwar sie in ihren Werken keinem Volke in der Welt in
Ansehung der Beweisthümer 30 der drei ersteren Eigenschaften,
a b g e s o n d e r t betrachtet, etwas nachgäben, sie doch in der, welche sie
vereinigt, ihren Nachbaren, den Franzosen, nachstehen müßten.
[18] Der Leser wird diesen Entwurf zu einer möglichen Eintheilung der schönen
Künste nicht als beabsichtigte Theorie beurtheilen. Es ist nur einer von den
mancherlei Versuchen, die man noch anstellen kann und soll. 35
Thätigkeit gesetzten Erkenntnißkräfte zu einem Erkenntniß überhaupt betrifft,
einerlei; welches wahr sein muß, weil sich sonst Menschen ihre Vorstellungen
und selbst das Erkenntniß nicht mittheilen 30 könnten. 2) Das Urtheil habe bloß
auf dieses Verhältniß (mithin die f o r m a l e B e d i n g u n g der Urtheilskraft)
Rücksicht genommen und sei rein, d. i. weder mit Begriffen vom Object noch
Empfindungen als Bestimmungsgründen, vermengt. Wenn in Ansehung dieses
letztern auch gefehlt worden, so betrifft das nur die unrichtige Anwendung der
Befugniß, die ein Gesetz uns giebt, auf einen besondern Fall, wodurch die
Befugniß überhaupt nicht aufgehoben wird. 35
[13] Man sieht bald, daß Aufklärung zwar in Thesi leicht, in Hypothesi aber eine
schwere und langsam auszuführende Sache sei: weil mit seiner Vernunft nicht
30 passiv, sondern jederzeit sich selbst gesetzgebend zu sein zwar etwas ganz
Leichtes für den Menschen ist, der nur seinem wesentlichen Zwecke angemessen
sein will und das, was über seinen Verstand ist, nicht zu wissen verlangt; aber da
die Bestrebung zum letzteren kaum zu verhüten ist, und es an andern, welche
diese Wißbegierde befriedigen zu können mit vieler Zuversicht versprechen, nie
fehlen wird: so muß das bloß Negative 35 (welches die eigentliche Aufklärung
ausmacht) in der Denkungsart (zumal der öffentlichen) zu erhalten oder
herzustellen sehr schwer sein.
[14] Man könnte den Geschmack durch sensus communis aestheticus, den gemeinen
35 Menschenverstand durch sensus communis logicus bezeichnen.
[15] In meinen Gegenden sagt der gemeine Mann, wenn man ihm etwa eine solche
Aufgabe vorlegt, wie Columbus mit seinem Ei: d a s i s t k e i n e K u n s t ,
e s i s t n u r e i n e W i s s e n s c h a f t. D. i. wenn man es weiß, so k a n n man
es; und eben dieses sagt er von allen vorgeblichen Künsten des Taschenspielers.
Die des Seiltänzers dagegen wird er gar nicht in Abrede sein, Kunst zu nennen.
35
[16] Vielleicht ist nie etwas Erhabneres gesagt, oder ein Gedanke erhabener
ausgedrückt worden, als in jener Aufschrift über dem Tempel der I s i s (der
Mutter N a t u r): »Ich bin alles, was da ist, was da war, und was da sein wird,
und meinen Schleier hat kein Sterblicher aufgedeckt.« S e g n e r benutzte diese
Idee durch eine sinnreiche seiner Naturlehre vorgesetzte Vignette, um seinen
Lehrling, den er in 35 diesen Tempel zu führen bereit war, vorher mit dem
heiligen Schauer zu erfüllen, der das Gemüth zu feierlicher Aufmerksamkeit
stimmen soll.
[17] Die drei ersteren Vermögen bekommen durch das vierte allererst ihre
Ve r e i n i g u n g. H u m e giebt in seiner Geschichte den Engländern zu
verstehen, daß, obzwar sie in ihren Werken keinem Volke in der Welt in
Ansehung der Beweisthümer 30 der drei ersteren Eigenschaften,
a b g e s o n d e r t betrachtet, etwas nachgäben, sie doch in der, welche sie
vereinigt, ihren Nachbaren, den Franzosen, nachstehen müßten.
[18] Der Leser wird diesen Entwurf zu einer möglichen Eintheilung der schönen
Künste nicht als beabsichtigte Theorie beurtheilen. Es ist nur einer von den
mancherlei Versuchen, die man noch anstellen kann und soll. 35
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[19] Daß die Lustgärtnerei als eine Art von Malerkunst betrachtet werden könne, ob
sie zwar ihre Formen körperlich darstellt, scheint befremdlich; da sie aber ihre
Formen wirklich aus der Natur nimmt (die Bäume, Gesträuche, Gräser und
Blumen aus Wald und Feld, wenigstens uranfänglich) und sofern nicht etwa wie
die Plastik Kunst ist, auch keinen Begriff von dem Gegenstande und seinem
Zwecke 30 (wie etwa die Baukunst) zur Bedingung ihrer Zusammenstellung
hat, sondern bloß das freie Spiel der Einbildungskraft in der Beschauung: so
kommt sie mit der bloß ästhetischen Malerei, die kein bestimmtes Thema hat
(Luft, Land und Wasser durch Licht und Schatten unterhaltend zusammen stellt),
sofern überein. — Überhaupt wird der Leser dieses nur als einen Versuch von
der Verbindung der schönen 35 Künste unter einem Princip, welches diesmal
das des Ausdrucks ästhetischer Ideen (nach der Analogie einer Sprache) sein soll,
beurtheilen und nicht als für entschieden gehaltene Ableitung derselben ansehen.
[20] Ich muß gestehen: daß ein schönes Gedicht mir immer ein reines Vergnügen
gemacht hat, anstatt daß die Lesung der besten Rede eines römischen Volks- oder
jetzigen Parlaments- oder Kanzelredners jederzeit mit dem unangenehmen
Gefühl der Mißbilligung einer hinterlistigen Kunst vermengt war, welche die
Menschen als 25 Maschinen in wichtigen Dingen zu einem Urtheile zu
bewegen versteht, das im ruhigen Nachdenken alles Gewicht bei ihnen verlieren
muß. Beredtheit und Wohlredenheit (zusammen Rhetorik) gehören zur schönen
Kunst; aber Rednerkunst (ars oratoria) ist, als Kunst sich der Schwächen der
Menschen zu seinen Absichten zu bedienen (diese mögen immer so gut gemeint,
oder auch wirklich gut sein, als sie 30 wollen), gar keiner A c h t u n g würdig.
Auch erhob sie sich nur sowohl in Athen als in Rom zur höchsten Stufe zu einer
Zeit, da der Staat seinem Verderben zueilte und wahre patriotische Denkungsart
erloschen war. Wer bei klarer Einsicht in Sachen die Sprache nach deren
Reichthum und Reinigkeit in seiner Gewalt hat und bei einer fruchtbaren, zur
Darstellung seiner Ideen tüchtigen Einbildungskraft 35 lebhaften
Herzensantheil am wahren Guten nimmt, ist der vir bonus dicendi peritus, der
Redner ohne Kunst, aber voll Nachdruck, wie ihn C i c e r o haben will, ohne
doch diesem Ideal selbst immer treu geblieben zu sein.
[21] Diejenigen, welche zu den häuslichen Andachtsübungen auch das Singen
geistlicher Lieder empfohlen haben, bedachten nicht, daß sie dem Publicum
durch eine solche l ä r m e n d e (eben dadurch gemeiniglich pharisäische)
Andacht eine große Beschwerde auflegen, indem sie die Nachbarschaft entweder
mit zu singen oder ihr Gedankengeschäft niederzulegen nöthigen. 35
[22] Ein vernünftelndes Urtheil (iudicium ratiocinans) kann ein jedes heißen, das
sich als allgemein ankündigt; denn sofern kann es zum Obersatze in einem
Vernunftschlusse dienen. Ein Vernunfturtheil (iudicium ratiocinatum) kann
dagegen nur ein 25 solches genannt werden, welches als der Schlußsatz von
einem Vernunftschlusse, folglich als a priori gegründet gedacht wird.
[23] Das Intuitive der Erkenntniß muß dem Discursiven (nicht dem Symbolischen)
entgegen gesetzt werden. Das erstere ist nun entweder s c h e m a t i s c h durch
35 D e m o n s t r a t i o n; oder s y m b o l i s c h als Vorstellung nach einer
bloßen A n a l o g i e.
[24] Weil in der reinen Mathematik nicht von der Existenz, sondern nur der
Möglichkeit der Dinge, nämlich einer ihrem Begriffe correspondirenden
sie zwar ihre Formen körperlich darstellt, scheint befremdlich; da sie aber ihre
Formen wirklich aus der Natur nimmt (die Bäume, Gesträuche, Gräser und
Blumen aus Wald und Feld, wenigstens uranfänglich) und sofern nicht etwa wie
die Plastik Kunst ist, auch keinen Begriff von dem Gegenstande und seinem
Zwecke 30 (wie etwa die Baukunst) zur Bedingung ihrer Zusammenstellung
hat, sondern bloß das freie Spiel der Einbildungskraft in der Beschauung: so
kommt sie mit der bloß ästhetischen Malerei, die kein bestimmtes Thema hat
(Luft, Land und Wasser durch Licht und Schatten unterhaltend zusammen stellt),
sofern überein. — Überhaupt wird der Leser dieses nur als einen Versuch von
der Verbindung der schönen 35 Künste unter einem Princip, welches diesmal
das des Ausdrucks ästhetischer Ideen (nach der Analogie einer Sprache) sein soll,
beurtheilen und nicht als für entschieden gehaltene Ableitung derselben ansehen.
[20] Ich muß gestehen: daß ein schönes Gedicht mir immer ein reines Vergnügen
gemacht hat, anstatt daß die Lesung der besten Rede eines römischen Volks- oder
jetzigen Parlaments- oder Kanzelredners jederzeit mit dem unangenehmen
Gefühl der Mißbilligung einer hinterlistigen Kunst vermengt war, welche die
Menschen als 25 Maschinen in wichtigen Dingen zu einem Urtheile zu
bewegen versteht, das im ruhigen Nachdenken alles Gewicht bei ihnen verlieren
muß. Beredtheit und Wohlredenheit (zusammen Rhetorik) gehören zur schönen
Kunst; aber Rednerkunst (ars oratoria) ist, als Kunst sich der Schwächen der
Menschen zu seinen Absichten zu bedienen (diese mögen immer so gut gemeint,
oder auch wirklich gut sein, als sie 30 wollen), gar keiner A c h t u n g würdig.
Auch erhob sie sich nur sowohl in Athen als in Rom zur höchsten Stufe zu einer
Zeit, da der Staat seinem Verderben zueilte und wahre patriotische Denkungsart
erloschen war. Wer bei klarer Einsicht in Sachen die Sprache nach deren
Reichthum und Reinigkeit in seiner Gewalt hat und bei einer fruchtbaren, zur
Darstellung seiner Ideen tüchtigen Einbildungskraft 35 lebhaften
Herzensantheil am wahren Guten nimmt, ist der vir bonus dicendi peritus, der
Redner ohne Kunst, aber voll Nachdruck, wie ihn C i c e r o haben will, ohne
doch diesem Ideal selbst immer treu geblieben zu sein.
[21] Diejenigen, welche zu den häuslichen Andachtsübungen auch das Singen
geistlicher Lieder empfohlen haben, bedachten nicht, daß sie dem Publicum
durch eine solche l ä r m e n d e (eben dadurch gemeiniglich pharisäische)
Andacht eine große Beschwerde auflegen, indem sie die Nachbarschaft entweder
mit zu singen oder ihr Gedankengeschäft niederzulegen nöthigen. 35
[22] Ein vernünftelndes Urtheil (iudicium ratiocinans) kann ein jedes heißen, das
sich als allgemein ankündigt; denn sofern kann es zum Obersatze in einem
Vernunftschlusse dienen. Ein Vernunfturtheil (iudicium ratiocinatum) kann
dagegen nur ein 25 solches genannt werden, welches als der Schlußsatz von
einem Vernunftschlusse, folglich als a priori gegründet gedacht wird.
[23] Das Intuitive der Erkenntniß muß dem Discursiven (nicht dem Symbolischen)
entgegen gesetzt werden. Das erstere ist nun entweder s c h e m a t i s c h durch
35 D e m o n s t r a t i o n; oder s y m b o l i s c h als Vorstellung nach einer
bloßen A n a l o g i e.
[24] Weil in der reinen Mathematik nicht von der Existenz, sondern nur der
Möglichkeit der Dinge, nämlich einer ihrem Begriffe correspondirenden
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Anschauung, mithin gar nicht von Ursache und Wirkung die Rede sein kann: so
muß folglich alle daselbst angemerkte Zweckmäßigkeit bloß als formal, niemals
als Naturzweck betrachtet werden. 35
[25] Man kann umgekehrt einer gewissen Verbindung, die aber auch mehr in der Idee
als in der Wirklichkeit angetroffen wird, durch eine Analogie mit den genannten
30 unmittelbaren Naturzwecken Licht geben. So hat man sich bei einer
neuerlich unternommenen gänzlichen Umbildung eines großen Volks zu einem
Staat des Worts O r g a n i s a t i o n häufig für Einrichtung der Magistraturen usw.
und selbst des ganzen Staatskörpers sehr schicklich bedient. Denn jedes Glied
soll freilich in einem solchen Ganzen nicht bloß Mittel, sondern zugleich auch
Zweck und, indem es zu 35 der Möglichkeit des Ganzen mitwirkt, durch die
Idee des Ganzen wiederum seiner Stelle und Function nach bestimmt sein.
[26] In dem ästhetischen Theile wurde gesagt: w i r s ä h e n d i e s c h ö n e
N a t u r 30 m i t G u n s t a n, indem wir an ihrer Form ein ganz freies
(uninteressirtes) Wohlgefallen haben. Denn in diesem bloßen
Geschmacksurtheile wird gar nicht darauf Rücksicht genommen, zu welchem
Zwecke diese Naturschönheiten existiren: ob um uns eine Lust zu erwecken,
oder ohne alle Beziehung auf uns als Zwecke. In einem teleologischen Urtheile
aber geben wir auch auf diese Beziehung Acht; und da können 35 wir es a l s
G u n s t d e r N a t u r a n s e h e n, daß sie uns durch Aufstellung so vieler
schönen Gestalten zur Kultur hat beförderlich sein wollen.
[27] Das deutsche Wort v e r m e s s e n ist ein gutes, bedeutungsvolles Wort. Ein
Urtheil, bei welchem man das Längenmaß seiner Kräfte (des Verstandes) zu
überschlagen vergißt, kann bisweilen sehr demüthig klingen und macht doch
große Ansprüche und ist doch sehr vermessen. Von der Art sind die meisten,
wodurch man die göttliche Weisheit zu erheben vorgiebt, indem man ihr in den
Werken der 35 Schöpfung und der Erhaltung Absichten unterlegt, die eigentlich
der eigenen Weisheit des Vernünftlers Ehre machen sollen.
[28] Man sieht hieraus: daß in den meisten speculativen Dingen der reinen Vernunft,
25 was die dogmatischen Behauptungen betrifft, die philosophischen Schulen
gemeiniglich alle Auflösungen, die über eine gewisse Frage möglich sind,
versucht haben. So hat man über die Zweckmäßigkeit der Natur bald entweder
die l e b l o s e M a t e r i e, oder einen l e b l o s e n G o t t, bald eine l e b e n d e
M a t e r i e, oder auch einen l e b e n d i g e n G o t t zu diesem Behufe versucht.
Für uns bleibt nichts 30 übrig, als, wenn es Noth thun sollte, von allen diesen
o b j e c t i v e n B e h a u p t u n g e n abzugehen und unser Urtheil bloß in
Beziehung auf unsere Erkenntnißvermögen k r i t i s c h zu erwägen, um ihrem
Princip eine, wo nicht dogmatische, doch zum sichern Vernunftgebrauch
hinreichende Gültigkeit einer Maxime zu verschaffen. 35
[29] Eine Hypothese von solcher Art kann man ein gewagtes Abenteuer der Vernunft
nennen; und es mögen wenige selbst von den scharfsinnigsten Naturforschern
sein, denen es nicht bisweilen durch den Kopf gegangen wäre. Denn ungereimt
ist es eben nicht, wie die generatio aequivoca, worunter man die Erzeugung
eines organisirten Wesens durch die Mechanik der rohen unorganisirten Materie
versteht. Sie 30 wäre immer noch generatio univoca in der allgemeinsten
Bedeutung des Worts, sofern nur etwas Organisches aus einem andern
Organischen, obzwar unter dieser Art Wesen specifisch von ihm
muß folglich alle daselbst angemerkte Zweckmäßigkeit bloß als formal, niemals
als Naturzweck betrachtet werden. 35
[25] Man kann umgekehrt einer gewissen Verbindung, die aber auch mehr in der Idee
als in der Wirklichkeit angetroffen wird, durch eine Analogie mit den genannten
30 unmittelbaren Naturzwecken Licht geben. So hat man sich bei einer
neuerlich unternommenen gänzlichen Umbildung eines großen Volks zu einem
Staat des Worts O r g a n i s a t i o n häufig für Einrichtung der Magistraturen usw.
und selbst des ganzen Staatskörpers sehr schicklich bedient. Denn jedes Glied
soll freilich in einem solchen Ganzen nicht bloß Mittel, sondern zugleich auch
Zweck und, indem es zu 35 der Möglichkeit des Ganzen mitwirkt, durch die
Idee des Ganzen wiederum seiner Stelle und Function nach bestimmt sein.
[26] In dem ästhetischen Theile wurde gesagt: w i r s ä h e n d i e s c h ö n e
N a t u r 30 m i t G u n s t a n, indem wir an ihrer Form ein ganz freies
(uninteressirtes) Wohlgefallen haben. Denn in diesem bloßen
Geschmacksurtheile wird gar nicht darauf Rücksicht genommen, zu welchem
Zwecke diese Naturschönheiten existiren: ob um uns eine Lust zu erwecken,
oder ohne alle Beziehung auf uns als Zwecke. In einem teleologischen Urtheile
aber geben wir auch auf diese Beziehung Acht; und da können 35 wir es a l s
G u n s t d e r N a t u r a n s e h e n, daß sie uns durch Aufstellung so vieler
schönen Gestalten zur Kultur hat beförderlich sein wollen.
[27] Das deutsche Wort v e r m e s s e n ist ein gutes, bedeutungsvolles Wort. Ein
Urtheil, bei welchem man das Längenmaß seiner Kräfte (des Verstandes) zu
überschlagen vergißt, kann bisweilen sehr demüthig klingen und macht doch
große Ansprüche und ist doch sehr vermessen. Von der Art sind die meisten,
wodurch man die göttliche Weisheit zu erheben vorgiebt, indem man ihr in den
Werken der 35 Schöpfung und der Erhaltung Absichten unterlegt, die eigentlich
der eigenen Weisheit des Vernünftlers Ehre machen sollen.
[28] Man sieht hieraus: daß in den meisten speculativen Dingen der reinen Vernunft,
25 was die dogmatischen Behauptungen betrifft, die philosophischen Schulen
gemeiniglich alle Auflösungen, die über eine gewisse Frage möglich sind,
versucht haben. So hat man über die Zweckmäßigkeit der Natur bald entweder
die l e b l o s e M a t e r i e, oder einen l e b l o s e n G o t t, bald eine l e b e n d e
M a t e r i e, oder auch einen l e b e n d i g e n G o t t zu diesem Behufe versucht.
Für uns bleibt nichts 30 übrig, als, wenn es Noth thun sollte, von allen diesen
o b j e c t i v e n B e h a u p t u n g e n abzugehen und unser Urtheil bloß in
Beziehung auf unsere Erkenntnißvermögen k r i t i s c h zu erwägen, um ihrem
Princip eine, wo nicht dogmatische, doch zum sichern Vernunftgebrauch
hinreichende Gültigkeit einer Maxime zu verschaffen. 35
[29] Eine Hypothese von solcher Art kann man ein gewagtes Abenteuer der Vernunft
nennen; und es mögen wenige selbst von den scharfsinnigsten Naturforschern
sein, denen es nicht bisweilen durch den Kopf gegangen wäre. Denn ungereimt
ist es eben nicht, wie die generatio aequivoca, worunter man die Erzeugung
eines organisirten Wesens durch die Mechanik der rohen unorganisirten Materie
versteht. Sie 30 wäre immer noch generatio univoca in der allgemeinsten
Bedeutung des Worts, sofern nur etwas Organisches aus einem andern
Organischen, obzwar unter dieser Art Wesen specifisch von ihm
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Unterschiedenen, erzeugt würde; z. B. wenn gewisse Wasserthiere sich nach und
nach zu Sumpfthieren und aus diesen nach einigen Zeugungen zu Landthieren
ausbildeten. A priori, im Urtheile der bloßen Vernunft, 35 widerstreitet sich das
nicht. Allein die Erfahrung zeigt davon kein Beispiel, nach der vielmehr alle
Zeugung, die wir kennen, generatio homonyma ist, nicht bloß univoca im
Gegensatz mit der Zeugung aus unorganisirtem Stoffe, sondern auch ein in der
Organisation selbst mit dem Erzeugenden gleichartiges Product hervorbringt,
und die generatio heteronyma, so weit unsere Erfahrungskenntniß der Natur 35
reicht, nirgend angetroffen wird.
[30] Wenn der einmal angenommene Name N a t u r g e s c h i c h t e für
Naturbeschreibung bleiben soll, so kann man das, was die erstere buchstäblich
anzeigt, nämlich eine Vorstellung des ehemaligen, a l t e n Zustandes der Erde,
worüber man, 30 wenn man gleich keine Gewißheit hoffen darf, doch mit
gutem Grunde Vermuthungen wagt, die A r c h ä o l o g i e der N a t u r im
Gegensatz mit der Kunst nennen. Zu jener würden die Petrefacten, so wie zu
dieser die geschnittenen Steine u. s. w. gehören. Denn da man doch wirklich an
einer solchen (unter dem Namen einer Theorie der Erde) beständig, wenn gleich
wie billig langsam arbeitet, so wäre dieser 35 Namen eben nicht einer bloß
eingebildeten Naturforschung gegeben, sondern einer solchen, zu der die Natur
selbst uns einladet und auffordert.
[31] Was das Leben für uns für einen Werth habe, wenn dieser bloß nach dem
geschätzt wird, w a s m a n g e n i e ß t (dem natürlichen Zweck der Summe
aller Neigungen, 25 der Glückseligkeit), ist leicht zu entscheiden. Er sinkt unter
Null; denn wer wollte wohl das Leben unter denselben Bedingungen, oder auch
nach einem neuen, selbstentworfenen (doch dem Naturlaufe gemäßen) Plane, der
aber auch bloß auf Genuß gestellt wäre, aufs neue antreten? Welchen Werth das
Leben dem zufolge habe, was es, nach dem Zwecke, den die Natur mit uns hat,
geführt, in sich enthält und 30 welches in dem besteht, w a s m a n t h u t
(nicht bloß genießt), wo wir aber immer doch nur Mittel zu unbestimmtem
Endzwecke sind, ist oben gezeigt worden. Es bleibt also wohl nichts übrig, als
der Werth, den wir unserem Leben selbst geben durch das, was wir nicht allein
thun, sondern auch so unabhängig von der Natur zweckmäßig thun, daß selbst
die Existenz der Natur nur unter dieser Bedingung 35 Zweck sein kann.
[32] Es wäre möglich, daß Glückseligkeit der vernünftigen Wesen in der Welt ein
Zweck der Natur wäre, und alsdann wäre sie auch ihr l e t z t e r Zweck.
Wenigstens 15 kann man a priori nicht einsehen, warum die Natur nicht so
eingerichtet sein sollte, weil durch ihren Mechanism diese Wirkung, wenigstens
so viel wir einsehen, wohl möglich wäre. Aber Moralität und eine ihr
untergeordnete Causalität nach Zwecken ist schlechterdings durch Naturursachen
unmöglich; denn das Princip ihrer Bestimmung zum Handeln ist übersinnlich, ist
also das einzige Mögliche in der Ordnung der Zwecke, 20 was in Ansehung der
Natur schlechthin unbedingt ist und ihr Subject dadurch zum E n d z w e c k e der
Schöpfung, dem die ganze Natur untergeordnet ist, allein qualificirt. —
G l ü c k s e l i g k e i t dagegen ist, wie im vorigen § nach dem Zeugniß der
Erfahrung gezeigt worden, nicht einmal ein Z w e c k d e r N a t u r in Ansehung
der Menschen mit einem Vorzuge vor anderen Geschöpfen: weit gefehlt, daß sie
ein E n d z w e c k 25 d e r S c h ö p f u n g sein sollte. Menschen mögen sie
sich immer zu ihrem letzten subjectiven Zwecke machen. Wenn ich aber nach
nach zu Sumpfthieren und aus diesen nach einigen Zeugungen zu Landthieren
ausbildeten. A priori, im Urtheile der bloßen Vernunft, 35 widerstreitet sich das
nicht. Allein die Erfahrung zeigt davon kein Beispiel, nach der vielmehr alle
Zeugung, die wir kennen, generatio homonyma ist, nicht bloß univoca im
Gegensatz mit der Zeugung aus unorganisirtem Stoffe, sondern auch ein in der
Organisation selbst mit dem Erzeugenden gleichartiges Product hervorbringt,
und die generatio heteronyma, so weit unsere Erfahrungskenntniß der Natur 35
reicht, nirgend angetroffen wird.
[30] Wenn der einmal angenommene Name N a t u r g e s c h i c h t e für
Naturbeschreibung bleiben soll, so kann man das, was die erstere buchstäblich
anzeigt, nämlich eine Vorstellung des ehemaligen, a l t e n Zustandes der Erde,
worüber man, 30 wenn man gleich keine Gewißheit hoffen darf, doch mit
gutem Grunde Vermuthungen wagt, die A r c h ä o l o g i e der N a t u r im
Gegensatz mit der Kunst nennen. Zu jener würden die Petrefacten, so wie zu
dieser die geschnittenen Steine u. s. w. gehören. Denn da man doch wirklich an
einer solchen (unter dem Namen einer Theorie der Erde) beständig, wenn gleich
wie billig langsam arbeitet, so wäre dieser 35 Namen eben nicht einer bloß
eingebildeten Naturforschung gegeben, sondern einer solchen, zu der die Natur
selbst uns einladet und auffordert.
[31] Was das Leben für uns für einen Werth habe, wenn dieser bloß nach dem
geschätzt wird, w a s m a n g e n i e ß t (dem natürlichen Zweck der Summe
aller Neigungen, 25 der Glückseligkeit), ist leicht zu entscheiden. Er sinkt unter
Null; denn wer wollte wohl das Leben unter denselben Bedingungen, oder auch
nach einem neuen, selbstentworfenen (doch dem Naturlaufe gemäßen) Plane, der
aber auch bloß auf Genuß gestellt wäre, aufs neue antreten? Welchen Werth das
Leben dem zufolge habe, was es, nach dem Zwecke, den die Natur mit uns hat,
geführt, in sich enthält und 30 welches in dem besteht, w a s m a n t h u t
(nicht bloß genießt), wo wir aber immer doch nur Mittel zu unbestimmtem
Endzwecke sind, ist oben gezeigt worden. Es bleibt also wohl nichts übrig, als
der Werth, den wir unserem Leben selbst geben durch das, was wir nicht allein
thun, sondern auch so unabhängig von der Natur zweckmäßig thun, daß selbst
die Existenz der Natur nur unter dieser Bedingung 35 Zweck sein kann.
[32] Es wäre möglich, daß Glückseligkeit der vernünftigen Wesen in der Welt ein
Zweck der Natur wäre, und alsdann wäre sie auch ihr l e t z t e r Zweck.
Wenigstens 15 kann man a priori nicht einsehen, warum die Natur nicht so
eingerichtet sein sollte, weil durch ihren Mechanism diese Wirkung, wenigstens
so viel wir einsehen, wohl möglich wäre. Aber Moralität und eine ihr
untergeordnete Causalität nach Zwecken ist schlechterdings durch Naturursachen
unmöglich; denn das Princip ihrer Bestimmung zum Handeln ist übersinnlich, ist
also das einzige Mögliche in der Ordnung der Zwecke, 20 was in Ansehung der
Natur schlechthin unbedingt ist und ihr Subject dadurch zum E n d z w e c k e der
Schöpfung, dem die ganze Natur untergeordnet ist, allein qualificirt. —
G l ü c k s e l i g k e i t dagegen ist, wie im vorigen § nach dem Zeugniß der
Erfahrung gezeigt worden, nicht einmal ein Z w e c k d e r N a t u r in Ansehung
der Menschen mit einem Vorzuge vor anderen Geschöpfen: weit gefehlt, daß sie
ein E n d z w e c k 25 d e r S c h ö p f u n g sein sollte. Menschen mögen sie
sich immer zu ihrem letzten subjectiven Zwecke machen. Wenn ich aber nach
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dem Endzwecke der Schöpfung frage: Wozu haben Menschen existiren müssen?
so ist von einem objectiven obersten Zwecke die Rede, wie ihn die höchste
Vernunft zu ihrer Schöpfung erfordern würde. Antwortet man nun darauf: Damit
Wesen existiren, denen jene oberste Ursache wohlthun 30 könne, so
widerspricht man der Bedingung, welcher die Vernunft des Menschen selbst
seinen innigsten Wunsch der Glückseligkeit unterwirft (nämlich die
Übereinstimmung mit seiner eigenen inneren moralischen Gesetzgebung). Dies
beweiset: daß die Glückseligkeit nur bedingter Zweck, der Mensch also nur als
moralisches Wesen Endzweck der Schöpfung sein könne; was aber seinen
Zustand betrifft, Glückseligkeit nur 35 als Folge nach Maßgabe der
Übereinstimmung mit jenem Zwecke, als dem Zwecke seines Daseins, in
Verbindung stehe.
[33] Ich sage mit Fleiß: u n t e r moralischen Gesetzen. Nicht der Mensch n a c h 35
moralischen Gesetzen, d. i. ein solcher, der sich ihnen gemäß verhält, ist der
Endzweck der Schöpfung. Denn mit dem letztern Ausdrucke würden wir mehr
sagen, als wir wissen: nämlich daß es in der Gewalt eines Welturhebers stehe, zu
machen, daß der Mensch den moralischen Gesetzen jederzeit sich angemessen
verhalte; welches einen Begriff von Freiheit und der Natur (von welcher letztern
man allein einen äußern Urheber denken kann) voraussetzt, der eine Einsicht in
das übersinnliche Substrat der 20 Natur und dessen Einerleiheit mit dem, was
die Causalität durch Freiheit in der Welt möglich macht, enthalten müßte, die
weit über unsere Vernunfteinsicht hinausgeht. Nur vom M e n s c h e n u n t e r
m o r a l i s c h e n G e s e t z e n können wir, ohne die Schranken unserer Einsicht
zu überschreiten, sagen: sein Dasein mache der Welt Endzweck aus. Dieses
stimmt auch vollkommen mit dem Urtheile der moralisch über den Weltlauf 25
reflectirenden Menschenvernunft. Wir glauben die Spuren einer weisen
Zweckbeziehung auch am Bösen wahrzunehmen, wenn wir nur sehen, daß der
frevelhafte Bösewicht nicht eher stirbt, als bis er die wohlverschuldete Strafe
seiner Unthaten erlitten hat. Nach unseren Begriffen von freier Causalität beruht
das Wohl- oder Übelverhalten auf uns; die höchste Weisheit aber der
Weltregierung setzen wir darin, 30 daß zu dem ersteren die Veranlassung, für
beides aber der Erfolg nach moralischen Gesetzen verhängt sei. In dem letzteren
besteht eigentlich die Ehre Gottes, welche daher von Theologen nicht
unschicklich der letzte Zweck der Schöpfung genannt wird. — Noch ist
anzumerken, daß wir unter dem Wort Schöpfung, wenn wir uns dessen bedienen,
nichts anders, als was hier gesagt worden ist, nämlich die Ursache 35 vom
D a s e i n einer W e l t, oder der Dinge in ihr (der Substanzen), verstehen; wie das
auch der eigentliche Begriff dieses Worts mit sich bringt (actuatio substantiae est
creatio): welches mithin nicht schon die Voraussetzung einer freiwirkenden,
folglich verständigen Ursache (deren Dasein wir allererst beweisen wollen) bei
sich führt.
[34] Dieses moralische Argument soll keinen o b j e c t i v-gültigen Beweis vom
Dasein Gottes an die Hand geben, nicht dem Zweifelgläubigen beweisen, daß ein
Gott sei; sondern daß, wenn er moralisch consequent denken will, er die
Annehmung dieses Satzes unter die Maximen seiner praktischen Vernunft
a u f n e h m e n m ü s s e. — Es soll damit auch nicht gesagt werden: es ist z u r
S i t t l i c h k e i t nothwendig, die Glückseligkeit aller vernünftigen Weltwesen
gemäß ihrer Moralität 35 anzunehmen; sondern: es ist d u r c h s i e
so ist von einem objectiven obersten Zwecke die Rede, wie ihn die höchste
Vernunft zu ihrer Schöpfung erfordern würde. Antwortet man nun darauf: Damit
Wesen existiren, denen jene oberste Ursache wohlthun 30 könne, so
widerspricht man der Bedingung, welcher die Vernunft des Menschen selbst
seinen innigsten Wunsch der Glückseligkeit unterwirft (nämlich die
Übereinstimmung mit seiner eigenen inneren moralischen Gesetzgebung). Dies
beweiset: daß die Glückseligkeit nur bedingter Zweck, der Mensch also nur als
moralisches Wesen Endzweck der Schöpfung sein könne; was aber seinen
Zustand betrifft, Glückseligkeit nur 35 als Folge nach Maßgabe der
Übereinstimmung mit jenem Zwecke, als dem Zwecke seines Daseins, in
Verbindung stehe.
[33] Ich sage mit Fleiß: u n t e r moralischen Gesetzen. Nicht der Mensch n a c h 35
moralischen Gesetzen, d. i. ein solcher, der sich ihnen gemäß verhält, ist der
Endzweck der Schöpfung. Denn mit dem letztern Ausdrucke würden wir mehr
sagen, als wir wissen: nämlich daß es in der Gewalt eines Welturhebers stehe, zu
machen, daß der Mensch den moralischen Gesetzen jederzeit sich angemessen
verhalte; welches einen Begriff von Freiheit und der Natur (von welcher letztern
man allein einen äußern Urheber denken kann) voraussetzt, der eine Einsicht in
das übersinnliche Substrat der 20 Natur und dessen Einerleiheit mit dem, was
die Causalität durch Freiheit in der Welt möglich macht, enthalten müßte, die
weit über unsere Vernunfteinsicht hinausgeht. Nur vom M e n s c h e n u n t e r
m o r a l i s c h e n G e s e t z e n können wir, ohne die Schranken unserer Einsicht
zu überschreiten, sagen: sein Dasein mache der Welt Endzweck aus. Dieses
stimmt auch vollkommen mit dem Urtheile der moralisch über den Weltlauf 25
reflectirenden Menschenvernunft. Wir glauben die Spuren einer weisen
Zweckbeziehung auch am Bösen wahrzunehmen, wenn wir nur sehen, daß der
frevelhafte Bösewicht nicht eher stirbt, als bis er die wohlverschuldete Strafe
seiner Unthaten erlitten hat. Nach unseren Begriffen von freier Causalität beruht
das Wohl- oder Übelverhalten auf uns; die höchste Weisheit aber der
Weltregierung setzen wir darin, 30 daß zu dem ersteren die Veranlassung, für
beides aber der Erfolg nach moralischen Gesetzen verhängt sei. In dem letzteren
besteht eigentlich die Ehre Gottes, welche daher von Theologen nicht
unschicklich der letzte Zweck der Schöpfung genannt wird. — Noch ist
anzumerken, daß wir unter dem Wort Schöpfung, wenn wir uns dessen bedienen,
nichts anders, als was hier gesagt worden ist, nämlich die Ursache 35 vom
D a s e i n einer W e l t, oder der Dinge in ihr (der Substanzen), verstehen; wie das
auch der eigentliche Begriff dieses Worts mit sich bringt (actuatio substantiae est
creatio): welches mithin nicht schon die Voraussetzung einer freiwirkenden,
folglich verständigen Ursache (deren Dasein wir allererst beweisen wollen) bei
sich führt.
[34] Dieses moralische Argument soll keinen o b j e c t i v-gültigen Beweis vom
Dasein Gottes an die Hand geben, nicht dem Zweifelgläubigen beweisen, daß ein
Gott sei; sondern daß, wenn er moralisch consequent denken will, er die
Annehmung dieses Satzes unter die Maximen seiner praktischen Vernunft
a u f n e h m e n m ü s s e. — Es soll damit auch nicht gesagt werden: es ist z u r
S i t t l i c h k e i t nothwendig, die Glückseligkeit aller vernünftigen Weltwesen
gemäß ihrer Moralität 35 anzunehmen; sondern: es ist d u r c h s i e
Page 435
nothwendig. Mithin ist es ein s u b j e c t i v, für moralische Wesen, hinreichendes
Argument.
[35] Abgötterei in praktischem Verstande ist noch immer diejenige Religion, 30
welche sich das höchste Wesen mit Eigenschaften denkt, nach denen noch etwas
anders, als Moralität die für sich taugliche Bedingung sein könne, seinem Willen
in dem, was der Mensch zu thun vermag, gemäß zu sein. Denn so rein und frei
von sinnlichen Bildern man auch in theoretischer Rücksicht jenen Begriff gefaßt
haben mag, so ist er im Praktischen alsdann dennoch als ein I d o l, d. i. der
Beschaffenheit 35 seines Willens nach anthropomorphistisch, vorgestellt.
[36] A n a l o g i e (in qualitativer Bedeutung) ist die Identität des Verhältnisses 10
zwischen Gründen und Folgen (Ursachen und Wirkungen), sofern sie ungeachtet
der specifischen Verschiedenheit der Dinge, oder derjenigen Eigenschaften an
sich, welche den Grund von ähnlichen Folgen enthalten (d. i. außer diesem
Verhältnisse betrachtet), Statt findet. So denken wir uns zu den Kunsthandlungen
der Thiere in Vergleichung mit denen des Menschen den Grund dieser
Wirkungen in den ersteren, den wir 15 nicht kennen, mit dem Grunde ähnlicher
Wirkungen des Menschen (der Vernunft), den wir kennen, als Analogon der
Vernunft; und wollen damit zugleich anzeigen: daß der Grund des thierischen
Kunstvermögens unter der Benennung eines Instincts von der Vernunft in der
That specifisch unterschieden, doch auf die Wirkung (der Bau der Biber mit dem
der Menschen verglichen) ein ähnliches Verhältniß habe. — Deswegen 20 aber
kann ich daraus, weil der Mensch zu seinem Bauen Ve r n u n f t braucht, nicht
schließen, daß der Biber auch dergleichen haben müsse, und es einen S c h l u ß
nach der Analogie nennen. Aber aus der ähnlichen Wirkungsart der Thiere
(wovon wir den Grund nicht unmittelbar wahrnehmen können), mit der des
Menschen (dessen wir uns unmittelbar bewußt sind) verglichen, können wir ganz
richtig n a c h d e r 25 A n a l o g i e schließen, daß die Thiere auch nach
Vo r s t e l l u n g e n handeln (nicht, wie Cartesius will, Maschinen sind) und
ungeachtet ihrer specifischen Verschiedenheit doch der Gattung nach (als
lebende Wesen) mit dem Menschen einerlei sind. Das Princip der Befugniß, so
zu schließen, liegt in der Einerleiheit eines Grundes, die Thiere in Ansehung
gedachter Bestimmung mit dem Menschen, als Menschen, so weit 30 wir sie
äußerlich nach ihren Handlungen mit einander vergleichen, zu einerlei Gattung
zu zählen. Es ist par ratio. Eben so kann ich die Causalität der obersten
Weltursache in der Vergleichung der zweckmäßigen Producte derselben in der
Welt mit den Kunstwerken des Menschen nach der Analogie eines Verstandes
denken, aber nicht auf diese Eigenschaften in demselben nach der Analogie
schließen: weil hier das Princip 35 der Möglichkeit einer solchen Schlußart
gerade mangelt, nämlich die paritas rationis, das höchste Wesen mit dem
Menschen (in Ansehung ihrer beiderseitigen Causalität) zu einer und derselben
Gattung zu zählen. Die Causalität der Weltwesen, die immer sinnlich-bedingt
(dergleichen die durch Verstand) ist, kann nicht auf ein Wesen übertragen
werden, welches mit jenen keinen Gattungsbegriff, als den eines Dinges 40
überhaupt gemein hat.
[37] Man vermißt dadurch nicht das Mindeste in der Vorstellung der Verhältnisse
dieses Wesens zur Welt, sowohl was die theoretischen als praktischen
Folgerungen aus diesem Begriffe betrifft. Was es an sich selbst sei, erforschen zu
wollen, 35 ist ein eben so zweckloser als vergeblicher Vorwitz.
Argument.
[35] Abgötterei in praktischem Verstande ist noch immer diejenige Religion, 30
welche sich das höchste Wesen mit Eigenschaften denkt, nach denen noch etwas
anders, als Moralität die für sich taugliche Bedingung sein könne, seinem Willen
in dem, was der Mensch zu thun vermag, gemäß zu sein. Denn so rein und frei
von sinnlichen Bildern man auch in theoretischer Rücksicht jenen Begriff gefaßt
haben mag, so ist er im Praktischen alsdann dennoch als ein I d o l, d. i. der
Beschaffenheit 35 seines Willens nach anthropomorphistisch, vorgestellt.
[36] A n a l o g i e (in qualitativer Bedeutung) ist die Identität des Verhältnisses 10
zwischen Gründen und Folgen (Ursachen und Wirkungen), sofern sie ungeachtet
der specifischen Verschiedenheit der Dinge, oder derjenigen Eigenschaften an
sich, welche den Grund von ähnlichen Folgen enthalten (d. i. außer diesem
Verhältnisse betrachtet), Statt findet. So denken wir uns zu den Kunsthandlungen
der Thiere in Vergleichung mit denen des Menschen den Grund dieser
Wirkungen in den ersteren, den wir 15 nicht kennen, mit dem Grunde ähnlicher
Wirkungen des Menschen (der Vernunft), den wir kennen, als Analogon der
Vernunft; und wollen damit zugleich anzeigen: daß der Grund des thierischen
Kunstvermögens unter der Benennung eines Instincts von der Vernunft in der
That specifisch unterschieden, doch auf die Wirkung (der Bau der Biber mit dem
der Menschen verglichen) ein ähnliches Verhältniß habe. — Deswegen 20 aber
kann ich daraus, weil der Mensch zu seinem Bauen Ve r n u n f t braucht, nicht
schließen, daß der Biber auch dergleichen haben müsse, und es einen S c h l u ß
nach der Analogie nennen. Aber aus der ähnlichen Wirkungsart der Thiere
(wovon wir den Grund nicht unmittelbar wahrnehmen können), mit der des
Menschen (dessen wir uns unmittelbar bewußt sind) verglichen, können wir ganz
richtig n a c h d e r 25 A n a l o g i e schließen, daß die Thiere auch nach
Vo r s t e l l u n g e n handeln (nicht, wie Cartesius will, Maschinen sind) und
ungeachtet ihrer specifischen Verschiedenheit doch der Gattung nach (als
lebende Wesen) mit dem Menschen einerlei sind. Das Princip der Befugniß, so
zu schließen, liegt in der Einerleiheit eines Grundes, die Thiere in Ansehung
gedachter Bestimmung mit dem Menschen, als Menschen, so weit 30 wir sie
äußerlich nach ihren Handlungen mit einander vergleichen, zu einerlei Gattung
zu zählen. Es ist par ratio. Eben so kann ich die Causalität der obersten
Weltursache in der Vergleichung der zweckmäßigen Producte derselben in der
Welt mit den Kunstwerken des Menschen nach der Analogie eines Verstandes
denken, aber nicht auf diese Eigenschaften in demselben nach der Analogie
schließen: weil hier das Princip 35 der Möglichkeit einer solchen Schlußart
gerade mangelt, nämlich die paritas rationis, das höchste Wesen mit dem
Menschen (in Ansehung ihrer beiderseitigen Causalität) zu einer und derselben
Gattung zu zählen. Die Causalität der Weltwesen, die immer sinnlich-bedingt
(dergleichen die durch Verstand) ist, kann nicht auf ein Wesen übertragen
werden, welches mit jenen keinen Gattungsbegriff, als den eines Dinges 40
überhaupt gemein hat.
[37] Man vermißt dadurch nicht das Mindeste in der Vorstellung der Verhältnisse
dieses Wesens zur Welt, sowohl was die theoretischen als praktischen
Folgerungen aus diesem Begriffe betrifft. Was es an sich selbst sei, erforschen zu
wollen, 35 ist ein eben so zweckloser als vergeblicher Vorwitz.
Page 436
[38] Ich erweitere hier, wie mich dünkt, mit Recht, den Begriff einer Thatsache über
die gewöhnliche Bedeutung dieses Worts. Denn es ist nicht nöthig, ja nicht
einmal thunlich, diesen Ausdruck bloß auf die wirkliche Erfahrung
einzuschränken, wenn von dem Verhältnisse der Dinge zu unseren
Erkenntnißvermögen die Rede ist, da eine bloß mögliche Erfahrung schon
hinreichend ist, um von ihnen bloß als Gegenständen 35 einer bestimmten
Erkenntnißart zu reden.
[39] Glaubenssachen sind aber darum nicht G l a u b e n s a r t i k e l, wenn man unter
den letzteren solche Glaubenssachen versteht, zu deren B e k e n n t n i ß (innerem
oder äußerem) man verpflichtet werden kann: dergleichen also die natürliche
Theologie nicht enthält. Denn da sie als Glaubenssachen sich nicht (gleich den
Thatsachen) auf 35 theoretische Beweise gründen können: so ist es ein freies
Fürwahrhalten und auch nur als ein solches mit der Moralität des Subjects
vereinbar.
[40] Der Endzweck, den das moralische Gesetz zu befördern auferlegt, ist nicht der
Grund der Pflicht; denn dieser liegt im moralischen Gesetze, welches als
formales 10 praktisches Princip kategorisch leitet, unangesehen der Objecte des
Begehrungsvermögens (der Materie des Wollens), mithin irgend eines Zwecks.
Diese formale Beschaffenheit meiner Handlungen (Unterordnung derselben
unter das Princip der Allgemeingültigkeit), worin allein ihr innerer moralischer
Werth besteht, ist gänzlich in unserer Gewalt; und ich kann von der Möglichkeit,
oder Unausführbarkeit der 15 Zwecke, die mir jenem Gesetze gemäß zu
befördern obliegen, gar wohl abstrahiren (weil in ihnen nur der äußere Werth
meiner Handlungen besteht), als von etwas, welches nie völlig in meiner Gewalt
ist, um nur auf das zu sehen, was meines Thuns ist. Allein die Absicht, den
Endzweck aller vernünftigen Wesen (Glückseligkeit, so weit sie einstimmig mit
der Pflicht möglich ist) zu befördern, ist doch eben durch das Gesetz 20 der
Pflicht auferlegt. Aber die speculative Vernunft sieht die Ausführbarkeit
derselben (weder von Seiten unseres eigenen physischen Vermögens, noch der
Mitwirkung der Natur) gar nicht ein; vielmehr muß sie aus solchen Ursachen, so
viel wir vernünftiger Weise urtheilen können, einen solchen Erfolg unseres
Wohlverhaltens von der bloßen Natur (in uns und außer uns), ohne Gott und
Unsterblichkeit anzunehmen, für eine 25 ungegründete und nichtige, wenn
gleich wohlgemeinte Erwartung halten und, wenn sie von diesem Urtheile
völlige Gewißheit haben könnte, das moralische Gesetz selbst als bloße
Täuschung unserer Vernunft in praktischer Rücksicht ansehen. Da aber die
speculative Vernunft sich völlig überzeugt, daß das letztere nie geschehen kann,
dagegen aber jene Ideen, deren Gegenstand über die Natur hinaus liegt, ohne
Widerspruch 30 gedacht werden können: so wird sie für ihr eigenes praktisches
Gesetz und die dadurch auferlegte Aufgabe, also in moralischer Rücksicht, jene
Ideen als real anerkennen müssen, um nicht mit sich selbst in Widerspruch zu
kommen.
[41] Er ist ein Vertrauen auf die Verheißung des moralischen Gesetzes; aber nicht als
eine solche, die in demselben enthalten ist, sondern die ich hineinlege und 35
zwar aus moralisch hinreichendem Grunde. Denn ein Endzweck kann durch kein
Gesetz der Vernunft geboten sein, ohne daß diese zugleich die Erreichbarkeit
desselben, wenn gleich ungewiß, verspreche und hiemit auch das Fürwahrhalten
der einzigen Bedingungen berechtige, unter denen unsere Vernunft sich diese
die gewöhnliche Bedeutung dieses Worts. Denn es ist nicht nöthig, ja nicht
einmal thunlich, diesen Ausdruck bloß auf die wirkliche Erfahrung
einzuschränken, wenn von dem Verhältnisse der Dinge zu unseren
Erkenntnißvermögen die Rede ist, da eine bloß mögliche Erfahrung schon
hinreichend ist, um von ihnen bloß als Gegenständen 35 einer bestimmten
Erkenntnißart zu reden.
[39] Glaubenssachen sind aber darum nicht G l a u b e n s a r t i k e l, wenn man unter
den letzteren solche Glaubenssachen versteht, zu deren B e k e n n t n i ß (innerem
oder äußerem) man verpflichtet werden kann: dergleichen also die natürliche
Theologie nicht enthält. Denn da sie als Glaubenssachen sich nicht (gleich den
Thatsachen) auf 35 theoretische Beweise gründen können: so ist es ein freies
Fürwahrhalten und auch nur als ein solches mit der Moralität des Subjects
vereinbar.
[40] Der Endzweck, den das moralische Gesetz zu befördern auferlegt, ist nicht der
Grund der Pflicht; denn dieser liegt im moralischen Gesetze, welches als
formales 10 praktisches Princip kategorisch leitet, unangesehen der Objecte des
Begehrungsvermögens (der Materie des Wollens), mithin irgend eines Zwecks.
Diese formale Beschaffenheit meiner Handlungen (Unterordnung derselben
unter das Princip der Allgemeingültigkeit), worin allein ihr innerer moralischer
Werth besteht, ist gänzlich in unserer Gewalt; und ich kann von der Möglichkeit,
oder Unausführbarkeit der 15 Zwecke, die mir jenem Gesetze gemäß zu
befördern obliegen, gar wohl abstrahiren (weil in ihnen nur der äußere Werth
meiner Handlungen besteht), als von etwas, welches nie völlig in meiner Gewalt
ist, um nur auf das zu sehen, was meines Thuns ist. Allein die Absicht, den
Endzweck aller vernünftigen Wesen (Glückseligkeit, so weit sie einstimmig mit
der Pflicht möglich ist) zu befördern, ist doch eben durch das Gesetz 20 der
Pflicht auferlegt. Aber die speculative Vernunft sieht die Ausführbarkeit
derselben (weder von Seiten unseres eigenen physischen Vermögens, noch der
Mitwirkung der Natur) gar nicht ein; vielmehr muß sie aus solchen Ursachen, so
viel wir vernünftiger Weise urtheilen können, einen solchen Erfolg unseres
Wohlverhaltens von der bloßen Natur (in uns und außer uns), ohne Gott und
Unsterblichkeit anzunehmen, für eine 25 ungegründete und nichtige, wenn
gleich wohlgemeinte Erwartung halten und, wenn sie von diesem Urtheile
völlige Gewißheit haben könnte, das moralische Gesetz selbst als bloße
Täuschung unserer Vernunft in praktischer Rücksicht ansehen. Da aber die
speculative Vernunft sich völlig überzeugt, daß das letztere nie geschehen kann,
dagegen aber jene Ideen, deren Gegenstand über die Natur hinaus liegt, ohne
Widerspruch 30 gedacht werden können: so wird sie für ihr eigenes praktisches
Gesetz und die dadurch auferlegte Aufgabe, also in moralischer Rücksicht, jene
Ideen als real anerkennen müssen, um nicht mit sich selbst in Widerspruch zu
kommen.
[41] Er ist ein Vertrauen auf die Verheißung des moralischen Gesetzes; aber nicht als
eine solche, die in demselben enthalten ist, sondern die ich hineinlege und 35
zwar aus moralisch hinreichendem Grunde. Denn ein Endzweck kann durch kein
Gesetz der Vernunft geboten sein, ohne daß diese zugleich die Erreichbarkeit
desselben, wenn gleich ungewiß, verspreche und hiemit auch das Fürwahrhalten
der einzigen Bedingungen berechtige, unter denen unsere Vernunft sich diese
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allein denken kann. Das Wort Fides drückt dieses auch schon aus; und es kann
nur bedenklich scheinen, 40 wie dieser Ausdruck und diese besondere Idee in
die moralische Philosophie hineinkomme, da sie allererst mit dem Christenthum
eingeführt worden, und die Annahme 30 derselben vielleicht nur eine
schmeichlerische Nachahmung seiner Sprache zu sein scheinen dürfte. Aber das
ist nicht der einzige Fall, da diese wundersame Religion in der größten Einfalt
ihres Vortrages die Philosophie mit weit bestimmteren und reineren Begriffen der
Sittlichkeit bereichert hat, als diese bis dahin hatte liefern können, die aber, wenn
sie einmal da sind, von der Vernunft f r e i gebilligt und als solche 35
angenommen werden, auf die sie wohl von selbst hätte kommen und sie
einführen können und sollen.
[42] Die Bewunderung der Schönheit sowohl, als die Rührung durch die so
mannigfaltigen Zwecke der Natur, welche ein nachdenkendes Gemüth noch vor
einer 30 klaren Vorstellung eines vernünftigen Urhebers der Welt zu fühlen im
Stande ist, haben etwas einem r e l i g i ö s e n Gefühl Ähnliches an sich. Sie
scheinen daher zuerst durch eine der moralischen analoge Beurtheilungsart
derselben auf das moralische Gefühl (der Dankbarkeit und der Verehrung gegen
die uns unbekannte Ursache) und also durch Erregung moralischer Ideen auf das
Gemüth zu wirken, wenn sie 35 diejenige Bewunderung einflößen, die mit weit
mehrerem Interesse verbunden ist, als bloße theoretische Betrachtung wirken
kann.
[43] Vorrede, vgl. I 230.
[44] Das sehr umfangreiche Material dazu findet sich bisher am ausführlichsten
gesammelt bei Otto Schlapp, Kants Lehre vom Genie und die Kritik der
Urtheilskraft. Göttingen, 1901.
[45] Siehe Kants Brief an Marcus Herz, vom 7. Juni 1771, X 117.
[46] Kritik der reinen Vernunft, 1. Aufl., S. 21, Anmerkung. IV 30.
[47] III 520 Anm.
[48] III 50 Anmerkung.
[49] X 465.
[50] X 467.
[51] a. a. O. S. 487f.
[52] V 160.
[53] Diese Analogie ist ausgeführt bei Fr. Blencke, Die Trennung des Schönen vom
Angenehmen in Kants Kritik der aesthetischen Urteilskraft. Leipzig 1889.
[54] X 486.
[55] X 505.
[56] XI 39.
[57] Vgl. Kritik der reinen Vernunft III 131: so ist Urtheilskraft das Vermögen unter
Regeln zu subsumiren.
nur bedenklich scheinen, 40 wie dieser Ausdruck und diese besondere Idee in
die moralische Philosophie hineinkomme, da sie allererst mit dem Christenthum
eingeführt worden, und die Annahme 30 derselben vielleicht nur eine
schmeichlerische Nachahmung seiner Sprache zu sein scheinen dürfte. Aber das
ist nicht der einzige Fall, da diese wundersame Religion in der größten Einfalt
ihres Vortrages die Philosophie mit weit bestimmteren und reineren Begriffen der
Sittlichkeit bereichert hat, als diese bis dahin hatte liefern können, die aber, wenn
sie einmal da sind, von der Vernunft f r e i gebilligt und als solche 35
angenommen werden, auf die sie wohl von selbst hätte kommen und sie
einführen können und sollen.
[42] Die Bewunderung der Schönheit sowohl, als die Rührung durch die so
mannigfaltigen Zwecke der Natur, welche ein nachdenkendes Gemüth noch vor
einer 30 klaren Vorstellung eines vernünftigen Urhebers der Welt zu fühlen im
Stande ist, haben etwas einem r e l i g i ö s e n Gefühl Ähnliches an sich. Sie
scheinen daher zuerst durch eine der moralischen analoge Beurtheilungsart
derselben auf das moralische Gefühl (der Dankbarkeit und der Verehrung gegen
die uns unbekannte Ursache) und also durch Erregung moralischer Ideen auf das
Gemüth zu wirken, wenn sie 35 diejenige Bewunderung einflößen, die mit weit
mehrerem Interesse verbunden ist, als bloße theoretische Betrachtung wirken
kann.
[43] Vorrede, vgl. I 230.
[44] Das sehr umfangreiche Material dazu findet sich bisher am ausführlichsten
gesammelt bei Otto Schlapp, Kants Lehre vom Genie und die Kritik der
Urtheilskraft. Göttingen, 1901.
[45] Siehe Kants Brief an Marcus Herz, vom 7. Juni 1771, X 117.
[46] Kritik der reinen Vernunft, 1. Aufl., S. 21, Anmerkung. IV 30.
[47] III 520 Anm.
[48] III 50 Anmerkung.
[49] X 465.
[50] X 467.
[51] a. a. O. S. 487f.
[52] V 160.
[53] Diese Analogie ist ausgeführt bei Fr. Blencke, Die Trennung des Schönen vom
Angenehmen in Kants Kritik der aesthetischen Urteilskraft. Leipzig 1889.
[54] X 486.
[55] X 505.
[56] XI 39.
[57] Vgl. Kritik der reinen Vernunft III 131: so ist Urtheilskraft das Vermögen unter
Regeln zu subsumiren.
Page 438
[58] Vgl. Kritik der reinen Vernunft III 429, wo der apodiktische und constitutive
Gebrauch der Vernunft in diesem Sinne von dem problematischen und
regulativen unterschieden wird.
[59] XI 49.
[60] XI 71.
[61] XI 217.
[62] XI 95 u. 106.
[63] XI 121.
[64] XI 122f.
[65] XI 124 u. 126.
[66] XI 129f.
[67] Vgl. XI 141, 193, 383.
[68] Dieser »andere« war vermuthlich Friedr. Gentz, der wie aus seinem jetzt
veröffentlichten Briefwechsel (Briefe von und an F. v. Gentz, herausgegeben von
Fr. Karl Wittichen, I, München und Berlin 1909) hervorgeht, bei der ersten
Auflage der Kritik der Urtheilskraft die zweite Correctur gelesen hat und sich in
einem Briefe an Garve (5. Dec. 1790, vgl. das. I 182) rühmt, dabei einige
tausend Druckfehler weggeschafft zu haben.
[69] XI 136.
[70] XI 140f.
[71] XI 142f.
[72] Dazu sind nach dem Verzeichniss in de la Gardes Brief vom 22. Mai 1790 (XI
172) noch Salomon Maimon und Prof. Michelsen gekommen.
[73] XI 151f.
[74] XI 161.
[75] XI 172. Vgl. Gentz an Garve am 5. Dec. 1790 (Briefe von und an Gentz I 182).
[76] XI 193f. u. 216f.
[77] XI 257f.
[78] XI 288.
[79] XI 317.
[80] XI 327.
[81] XI 359.
[82] XI 369.
[83] XI 383.
Gebrauch der Vernunft in diesem Sinne von dem problematischen und
regulativen unterschieden wird.
[59] XI 49.
[60] XI 71.
[61] XI 217.
[62] XI 95 u. 106.
[63] XI 121.
[64] XI 122f.
[65] XI 124 u. 126.
[66] XI 129f.
[67] Vgl. XI 141, 193, 383.
[68] Dieser »andere« war vermuthlich Friedr. Gentz, der wie aus seinem jetzt
veröffentlichten Briefwechsel (Briefe von und an F. v. Gentz, herausgegeben von
Fr. Karl Wittichen, I, München und Berlin 1909) hervorgeht, bei der ersten
Auflage der Kritik der Urtheilskraft die zweite Correctur gelesen hat und sich in
einem Briefe an Garve (5. Dec. 1790, vgl. das. I 182) rühmt, dabei einige
tausend Druckfehler weggeschafft zu haben.
[69] XI 136.
[70] XI 140f.
[71] XI 142f.
[72] Dazu sind nach dem Verzeichniss in de la Gardes Brief vom 22. Mai 1790 (XI
172) noch Salomon Maimon und Prof. Michelsen gekommen.
[73] XI 151f.
[74] XI 161.
[75] XI 172. Vgl. Gentz an Garve am 5. Dec. 1790 (Briefe von und an Gentz I 182).
[76] XI 193f. u. 216f.
[77] XI 257f.
[78] XI 288.
[79] XI 317.
[80] XI 327.
[81] XI 359.
[82] XI 369.
[83] XI 383.
Page 439
[84] XI 389.
[85] Vgl. den Brief seines Vaters an Kant (X, 294) und dessen Aeusserung an
Mendelssohn (X, 322), sowie den Brief von Fr. Gentz an Kant (X, 346).
[86] Briefe von und an Gentz I, 156.
[87] Ibid. 159.
[85] Vgl. den Brief seines Vaters an Kant (X, 294) und dessen Aeusserung an
Mendelssohn (X, 322), sowie den Brief von Fr. Gentz an Kant (X, 346).
[86] Briefe von und an Gentz I, 156.
[87] Ibid. 159.
Page 440
ÄNDERUNGEN IM TEXT:
Seite Original Änderung
210 Gesetzt Gesetz
252 Agypten Ägypten
280 rechfertigen rechtfertigen
292 Erkennntnißvermögen Erkenntnißvermögen
295 ereichen erreichen
302 mir wir
333 im ihm
339 Subjets Subjects
388 wi wir
n. 28 gegemeiniglich gemeiniglich
394 keines eges keinesweges
449 End- Endzweck
476 gemeinnen gemeinen
Seite Original Änderung
210 Gesetzt Gesetz
252 Agypten Ägypten
280 rechfertigen rechtfertigen
292 Erkennntnißvermögen Erkenntnißvermögen
295 ereichen erreichen
302 mir wir
333 im ihm
339 Subjets Subjects
388 wi wir
n. 28 gegemeiniglich gemeiniglich
394 keines eges keinesweges
449 End- Endzweck
476 gemeinnen gemeinen
Page 441
*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KANT'S
GESAMMELTE SCHRIFTEN. BAND V. KRITIK DER
URTHEILSKRAFT. ***
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Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S.
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