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Title: Der Gehülfe

Author: Robert Walser

Release date: December 23, 2008 [eBook #27598]
Most recently updated: January 4, 2021

Language: German

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Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.

D er Geh ü l f e
Roman
von

Robert Walser

Verlag von Bruno Cassirer
Berlin

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Eines Morgens um acht Uhr stand ein junger Mann vor der Türe eines
alleinstehenden, anscheinend schmucken Hauses. Es regnete. »Es wundert
mich beinahe,« dachte der Dastehende, »daß ich einen Schirm bei mir
habe.« Er besaß nämlich in seinen früheren Jahren nie einen Regenschirm.
In der einen nach unten grad ausgestreckten Hand hielt er einen braunen
Koffer, einen von den ganz billigen. Vor den Augen des scheinbar von einer
Reise herkommenden Mannes war auf einem Emailleschild zu lesen:
C. Tobler, technisches Bureau. Er wartete noch einen Moment, wie um über
irgend etwas gewiß sehr Belangloses nachzudenken, dann drückte er auf
den Knopf der elektrischen Klingel, worauf eine Person kam, allem
Anschein nach eine Magd, um ihn eintreten zu lassen.
»Ich bin der neue Angestellte,« sagte Joseph, denn so hieß er. Er solle
nur eintreten und hier, die Magd zeigte ihm die Richtung, nach unten ins
Bureau gehen. Der Herr werde gleich erscheinen.
Joseph stieg eine Treppe, die eher für Hühner als für Menschen gemacht
schien, hinunter und trat rechter Hand ohne weiteres in das technische
Bureau ein. Nachdem er eine Weile gewartet hatte, ging die Türe auf. An
den festen Schritten über die hölzerne Treppe und am Türaufmachen hatte
der Wartende sogleich den Herrn erkannt. Die Erscheinung bestätigte nur
die vorausgegangene Gewißheit, es war in der Tat niemand anderes als
Tobler, der Chef des Hauses, der Herr Ingenieur Tobler. Er machte ziemlich
große Augen, er schien ärgerlich zu sein und war es auch.
»Warum,« sagte er, Joseph strafend anblickend, »kommen Sie denn
eigentlich heute schon? Ich habe Sie doch erst für Mittwoch bestellt. Ich bin
noch gar nicht soweit eingerichtet. Haben Sie's so eilig gehabt? Wa?«
Für Joseph hatte dieses Weglassen des Schluß-s am Was etwas
Verächtliches. So ein verstümmeltes Wort klingt ja auch nicht gerade wie
eine freundliche Liebkosung. Er erwiderte, daß man ihn im
Stellenvermittlungsbureau darauf aufmerksam gemacht habe, daß er heute,
Montag früh, anzutreten habe. Wenn das ein Irrtum sei, so bitte er um
Entschuldigung, er aber könne wahrhaftig nichts dafür.
»Sieh da, wie höflich ich bin!« dachte der junge Mann und mußte
innerlich unwillkürlich über sein Betragen lächeln.

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Tobler schien nicht geneigt, sofort entschuldigen zu wollen. Er redete
noch einige Male um dieselbe Sache herum, wobei sein ohnehin roter Kopf
empört zu erröten begann. Er »begriff« nicht, es nahm ihn dies und jenes
»Wunder«, schließlich, nachdem sich sein Erstaunen über den
vorgekommenen Fehler beruhigt hatte, meinte er zu Joseph schräg hinüber,
er könne dableiben.
»Fortschicken kann ich Sie ja jetzt doch nicht mehr.« – »Haben Sie
Hunger?« setzte er hinzu. Joseph bejahte ziemlich gleichmütig. Er wunderte
sich aber sogleich über die Ruhe seiner Antwort. »Vor einem halben Jahr
noch,« dachte er rasch, »würde mich die Hochbeschaffenheit einer
derartigen Frage eingeschüchtert haben, und wie!«
»Kommen Sie,« sagte der Ingenieur. Mit diesen Worten führte er seinen
neuangeworbenen Beamten ins Eßzimmer hinauf, das im Erdgeschoß
gelegen war. Das Bureau lag unter der Erdlinie im Keller. Im Wohn- und
Eßzimmer sprach der Herr folgendes:
»Setzen Sie sich. Irgendwo, das ist ganz egal. Und essen Sie, bis Sie satt
sind. Hier ist Brot. Schneiden Sie soviel davon ab wie Sie wollen. Genieren
Sie sich nur nicht. Schenken Sie nur mehrere Tassen ein. Kaffee ist genug
da. Und da ist Butter. Die Butter ist zum Zugreifen da, wie Sie sehen. Und
da haben Sie auch Konfitüre, falls Sie ein Liebhaber davon sind. Wollen Sie
Bratkartoffeln dazu essen?«
»O ja, warum nicht, ganz gern,« hatte Joseph den Mut zu sagen. Worauf
Herr Tobler nach Pauline, der Magd, rief und ihr auftrug, das Gewünschte
rasch zuzubereiten. Nachdem das Frühstück beendet war, gab es unten im
Kontor, inmitten der Zeichenbretter und Zirkel und umherliegenden
Bleistifte, zwischen beiden Männern ungefähr folgende
Auseinandersetzung:
Er müsse, sagte Tobler in rauhem Ton, einen Kopf als Angestellten
haben. Eine Maschine könne ihm nicht dienen. Wenn Joseph planlos und
geistlos in den Tag hineinarbeiten wolle, so solle er so gut sein und es
gleich auf der Stelle sagen, damit man von Anfang an wisse, woran man mit
ihm sei. Er, Tobler, benötige eine Intelligenz, eine selbständig arbeitende
Kraft. Wenn Joseph glaube, er sei keine solche, so möge er so freundlich
sein, usw. Hier drückte sich der technische Erfinder in Wiederholungen aus.

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»Ach,« sagte Joseph, »warum sollte ich denn keinen Kopf haben, Herr
Tobler? Was mich betrifft, ich glaube und hoffe des Bestimmtesten, daß ich
jederzeit dasjenige zu leisten imstande sein werde, was Sie glauben werden,
von mir verlangen zu dürfen: Übrigens, meine ich, bin ich hier oben (das
Haus Tobler stund auf einem Hügel) ja vorläufig nur probeweise. Die Art
unseres gegenseitigen Übereinkommens hindert Sie in keiner Weise, mit
mir, wenn Sie es für notwendig erachten, augenblicklich Schluß zu
machen.«
Er wolle, fand es Herr Tobler für passend zu sagen, nicht hoffen, daß es
soweit komme. Joseph möge nichts für ungut nehmen von dem, was er,
Tobler, da soeben gesagt habe. Er habe eben nur geglaubt, gleich von
Anfang an klaren Wein einschenken zu sollen, und er sei der Meinung, daß
das für beide Teile nur vom Guten könne gewesen sein. Alsdann wisse
jeder, woran er mit dem andern sei, und so sei es am besten.
»Gewiß,« bekräftigte Joseph.
Nach dieser Rücksprache wies der Vorgesetzte dem Untergebenen den
Platz an, woran er schreiben »könne«. Es war dies ein etwas zu enges,
schmales und zu niedrig gebautes Sitzpult mit einer Schieblade, worin sich
die Markenkasse und einige kleinere Bücher befanden. Der Tisch, denn nur
ein solcher war's und gar kein wahrhaftiges Pult, stand dicht an einem
Fenster und an der Gartenerde. Darüber hinaus erblickte man in der Tiefe
den ausgedehnten See, weiter das anderseitige Seeufer. Das alles sah heute
sehr trübe aus, denn es regnete noch immer.
»Kommen Sie,« sagte plötzlich Tobler, und er lächelte in etwas, wie es
Joseph schien, unziemlicher Art zu seinen Worten, »meine Frau muß Sie
doch nun auch bald endlich einmal zu Gesicht bekommen. Kommen Sie
mit, ich werde Sie ihr vorstellen. Und dann müssen Sie auch das Zimmer
sehen, wo Sie schlafen werden.«
Er führte ihn hinauf in die erste Etage, wo den beiden eine schlanke,
hohe Frauenfigur entgegentrat. Das war »sie«. »Eine gewöhnliche Frau,«
wollte rasch der junge Angestellte denken, aber er setzte sogleich in
Gedanken hinzu: »und doch nicht.« Die Dame betrachtete den »Neuen«
ironisch und gleichgültig, aber ohne Absicht. Beides, das Kalte und das
Ironische, schien ihr angeboren zu sein. Sie streckte ihm nachlässig, ja
sogar träge die Hand dar, er ergriff sie und verneigte sich vor der »Herrin

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des Hauses«. So nannte er sie im geheimen, nicht, um sie zu etwas
Schönerem zu erheben, im Gegenteil, um sie rasch im stillen zu kränken.
Diese Frau benahm sich in seinen Augen entschieden zu hochmütig.
»Ich hoffe, es wird Ihnen hier bei uns gefallen,« sagte sie mit einer
seltsam hochklingenden Stimme und verzog dazu ein wenig ihren Mund.
»Ja, sag du das nur. Sehr hübsch. Ei seht mal, wie freundlich. Wollen ja
sehen.« Auf diese Art hielt es Joseph für angezeigt, für sich über jene
wohlwollenden Worte nachzudenken. Alsdann wurde ihm sein Zimmer
gezeigt, es lag oben im kupfernen Turm, es war also ein Turmzimmer,
gewissermaßen ein romantisches und vornehmes. Übrigens erschien es hell,
luftig und freundlich. Das Bett war sauber, o ja, in solch einem Zimmer
würde sich's wohnen lassen. Nicht übel. Und Joseph Marti, so hieß er mit
seinem ganzen Namen, legte den Koffer, den er mit hinaufgenommen hatte,
auf dem Parkettboden ab.
Später wurde er in die Geheimnisse der Toblerschen geschäftlichen
Unternehmungen kurz eingeweiht und mit den Pflichten, die er zu erfüllen
hatte, im allgemeinen vertraut gemacht. Es ging ihm dabei eigentümlich, er
verstand nur die Hälfte. Was denn nur mit ihm sei, dachte er und machte
sich Vorwürfe: »Bin ich ein Betrüger, ein Schwätzer? Will ich Herrn Tobler
hintergehen? Er verlangt einen ›Kopf‹ und ich, ich bin heute absolut
kopflos. Vielleicht daß es morgen früh oder bereits heute abend besser
geht.«
Das Mittagessen schmeckte ihm ausgezeichnet.
Wiederum dachte er besorgt. »Wie? Hier sitze ich und esse, wie es mir
seit vielleicht Monaten nicht mehr gemundet hat, und kapiere nichts von
den Winkelzügen der Unternehmungen Toblers? Ist das nicht Diebstahl?
Das Essen ist wundervoll, es erinnert mich lebhaft an zu Hause. Solche
Suppe hat Mutter gemacht. Wie kräftig und saftig das Gemüse ist, und das
Fleisch. Wo kriegt man in der Großstadt dergleichen?«
»Essen Sie, essen Sie,« trieb Tobler an, »in meinem Haus wird tapfer
gegessen, haben Sie das verstanden? Nachher wird aber auch gearbeitet.«
Der Herr sehe, er esse ja, erwiderte Joseph mit einer Schüchternheit, die
ihn beinahe zornig machte. Er dachte: »Wird er mich nach acht Tagen auch
noch zum Essen antreiben? Wie schmachvoll, zu empfinden, wie sehr mir

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dieses fremde Essen schmeckt. Werde ich diesen unverschämten Appetit
durch entsprechende Leistungen rechtfertigen?«
Er nahm sich von jeder Speise noch einmal auf seinen Teller. Ja, er kam
aus den Tiefen der menschlichen Gesellschaft her, aus den schattigen,
schweigsamen, kargen Winkeln der Großstadt. Er hatte seit Monaten
schlecht gegessen.
Ob man ihm dies etwa anmerke, dachte er und errötete.
Ja, ein ganz klein wenig merkten das Toblers sicher. Die Frau
betrachtete ihn mehrfach fast mitleidig. Die vier Kinder, zwei Mädchen und
zwei Knaben, sahen ihn wie etwas Wildfremdes und Sonderbares von der
Seite her an. Diese ungeniert fragenden und forschenden Blicke
entmutigten ihn. Solche Blicke erinnern eben an die Angeflogenheit an
etwas Fremdes, an die Behäbigkeit dieses Fremden, das für sich eine
Heimat darstellt, und an die Heimatlosigkeit desjenigen, der nun so dasitzt
und die Pflicht hat, sich möglichst rasch und guten Willens in das
behagliche fremde Bild heimatlich einzufügen. Solche Blicke machen einen
frieren im heißesten Sonnenschein, sie dringen kalt in die Seele, bleiben da
einen Moment kalt liegen und verlassen sie wieder, wie sie gekommen sind.
»So. Jetzt an die Arbeit,« rief Tobler. Und beide verließen den Tisch und
begaben sich, der Herr voran, in das Bureau hinunter, um da, wie der Befehl
lautete, zu arbeiten.
»Rauchen Sie?«
Ja, Joseph rauche ganz gern.
»Nehmen Sie sich einen Zigarrenstumpen aus dem blauen Paket dort.
Sie dürfen während der Arbeit ruhig rauchen. Ich tu's ja auch. So. Und nun
sehen Sie einmal hierher, das da, aber sehen Sie sie ordentlich an, sind die
zur ›Reklame-Uhr‹ erforderlichen Papiere. Können Sie gut rechnen? –
Dann um so besser. Es handelt sich nun in erster Linie – was tun Sie da?
Mein junger Mann, die Asche gehört in den Aschenbecher. Ich habe gern
Ordnung zwischen meinen eigenen vier Wänden – also in erster Linie
handelt es sich, nehmen Sie einen Bleistift zur Hand, nun, sagen wir, um die
Zusammenstellung, um die genaue Gewinnberechnung dieses
Unternehmens. Nehmen Sie Platz hier, ich werde Ihnen sogleich die nötigen

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Angaben machen. Und daß Sie mir gefälligst aufpassen, denn ich sage
meine Sachen nicht gern zweimal.«
»Werde ich taugen?« dachte Joseph. Es war wenigstens gut, daß zu
einer so schwierigen Arbeit geraucht werden durfte. Ohne Zigarrenstumpen
würde er jetzt an der Rechtbeschaffenheit seines Kopfes ehrlich gezweifelt
haben.
Während der Angestellte nun schrieb, wobei ihm der Prinzipal von Zeit
zu Zeit über die Schulter in die entstehende Leistung hinabblickte, spazierte
dieser, eine krumme, langstielige Zigarre zwischen den schönen, blendend
weißen Zähnen tragend, im Bureau auf und ab, um allerhand Zahlen
anzugeben, die jeweils flink von einer heute noch ein wenig ungeübten
Angestelltenhand nachgezeichnet wurden. Der bläuliche Rauch hüllte beide
arbeitende Gestalten bald gänzlich ein, draußen vor den Fenstern schien
sich das Wetter aufhellen zu wollen, Joseph warf ab und zu einen Blick
durch die Scheibe und merkte die Veränderung, die sich leise am Himmel
vollzog. Einmal bellte der Hund vor der Türe. Tobler trat auf einen Moment
hinaus, um das Tier zu beruhigen. Nach Verlauf zweier Arbeitsstunden ließ
Frau Tobler durch eines der Kinder zum Nachmittagskaffee rufen. Es sei
draußen im Gartenhaus gedeckt, weil das Wetter sich gebessert habe. Der
Chef ergriff seinen Hut und sagte zu Joseph, er solle jetzt Kaffeetrinken
gehen und nachher das flüchtig Geschriebene ins reine setzen, bis er damit
fertig sei, werde es wohl Abend geworden sein.
Dann ging er. Joseph sah ihn den Hügel durch den abstürzenden Garten
hinuntergehen. Welch eine stattliche Figur er hat, dachte er, er blieb noch
eine ganze Weile so stehen und begab sich dann zum Kaffee in das hübsche,
grünangestrichene Gartenhaus.
Während des Imbisses fragte ihn die Frau: »Sind Sie stellenlos
gewesen?«
»Ja,« antwortete Joseph.
»Lange?«
Er gab ihr Auskunft, und sie seufzte jedesmal, wenn er von gewissen
kläglichen Menschen und Menschenverhältnissen sprach. Sie tat das ganz
leicht und obenhin, und sie behielt außerdem die jeweiligen Seufzer länger

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als gerade nötig war im Mund, als habe sie sich jedesmal an der
Annehmlichkeit dieses Tons und Empfindens weiden können.
»Gewissen Menschen,« dachte Joseph, »scheint es Vergnügen zu
machen, an bedauerliche Dinge zu denken. Wie diese Frau
Nachdenklichkeit mimt. Sie seufzt, wie andere lachen, genau so fröhlich. Ist
das jetzt meine Herrin?«
Später stürzte er sich in seine Reinschrift. Es wurde Abend. Morgen
früh würde es sich ja zeigen, ob er eine Kraft oder eine Null, eine
Intelligenz oder eine Maschine, ein Kopf oder ein Hohlkopf sei. Für heute
war es seines Erachtens nach genug. Er räumte seine Arbeit zusammen und
ging in sein Zimmer, froh darüber, für eine kleine Zeitlang allein sein zu
dürfen. Er fing nicht ohne Wehmut an, seinen Handkoffer, seine ganze
Besitzung, langsam, Stück für Stück, auszupacken, wobei er der
unzählbaren Umzüge gedachte, zu deren Erledigung er sich nun schon so
viele Male dieses Köfferchens bedient hatte. Schlichte Sachen werden
einem so lieb, das empfand der junge Angestellte. Wie es ihm hier bei
Tobler wohl gehen werde, fragte er sich, während er die paar Wäschestücke,
die er besaß, in absichtlich säuberlichster Manier in den Schrank legte:
»Gut oder schlecht, ich bin einmal da, gehe es wie es gehen kann.« Er
gelobte sich im stillen, sich Mühe zu geben, indem er ein Knäuel alter
Faden, Bindfadenteile, Halsbinden, Knöpfe, Nadeln und abgerissene
Leinenfetzen auf den Fußboden warf. »Wenn ich nun schon einmal hier
esse und schlafe, will ich mich geistig und körperlich dafür auch
anstrengen,« murmelte er weiter, »wie alt bin ich jetzt? Vierundzwanzig!
Das ist keine nennenswerte Jugend mehr. Ich bin zurückgeblieben im
Leben.« Er hatte den Koffer geleert und stellte ihn in eine Ecke. Sobald er
glaubte, daß es ungefähr Zeit sei, ging er zum Abendessen, später noch zur
Post ins Dorf hinein, später schlafen.

Im Laufe des nächsten Tages glaubte er sich mit dem Wesen der
»Reklame-Uhr« dadurch bekannt gemacht zu haben, daß er begreifen
lernte, daß dieses gewinnbringende Unternehmen eine dekorative Uhr sei,
die Herr Tobler im Begriff war an Bahnverwaltungen, Restaurateure,
Hoteliers &c. zu verpachten. Solch eine wirklich äußerst hübsch aussehende

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Uhr, kalkulierte Joseph, wird beispielsweise in einen oder in mehrere
Straßenbahnwagen gehängt, und zwar an eine möglichst in aller Menschen
Augen stechende Stelle, damit die fahrenden und reisenden Mitmenschen
ihre Taschenuhren danach richten können und jederzeit wissen, wie spät
oder wie früh es am Tage ist. Diese Uhr ist wahrhaftig nicht schlecht,
meinte er allen Ernstes, um so weniger, als sie den Vorzug hat, mit dem
Reklamewesen verbunden zu sein. Zu diesem Behufe hat man ihr ja ein
einfaches oder doppeltes Adlerflügelpaar aus scheinbarem Silber oder gar
Gold angehängt, zwecks zierlicher Bemalung. Und was wird man anderes
darauf malen wollen als die genauen Adressen von Firmen, die sich dieser
Flügel oder Felder, wie der technische Ausdruck lautet, zur nutzbringenden
Insertion bedienen. »Solch ein Feld kostet Geld; infolgedessen hat man
sich, wie mein Herr, der Herr Tobler, ganz richtig sagt, an nur erste
Handels- und Fabriksfirmen zu wenden. Die Beträge sind jeweilen zum
voraus, und zwar laut auszustellender Verträge, in monatlichen Raten, zu
bezahlen. Die Reklame-Uhr kann übrigens beinahe überall im In- und
Ausland Aufstellung finden. Auf sie setzt, wie es mir schien, Tobler die
wichtigsten Hoffnungen. Freilich kostet die Herstellung der Uhren und
deren kupfernen und zinnernen Zieraten viel Geld, auch der
Dekorationsmaler will ja sein Geld haben, dafür aber laufen eben die
Inseratengelder hoffentlich und sehr wahrscheinlich regelmäßig ein. Was
sagte doch heute früh Herr Tobler? Er hat ziemlich viel Geld geerbt, hat nun
aber bereits sein gesamtes Vermögen in die ›Reklame-Uhr geworfen‹. Ein
sonderbarer Spaß, zehn- bis zwanzigtausend Mark in Uhren zu werfen. Gut,
daß ich mir dieses Wort ›werfen‹ gemerkt habe, es scheint mir ein stark im
Gebrauch bestehendes, übrigens sehr klipp und klares Wort zu sein, das ich
vielleicht schon in nächster Zeit in meinen Korrespondenzen werde
anwenden müssen.«
Joseph steckte sich einen Stumpen in Brand.
»Eigentlich ein ganz netter Aufenthalt, dieses technische Bureau hier.
Das meiste an der hiesigen Geschäftsführung ist mir allerdings noch ganz
unverständlich. Ich habe immer das Neue und Fremde schwer begriffen. Ich
erinnere mich, o ja. Im allgemeinen werde ich von den Leuten für klüger
gehalten als ich bin, manchmal auch nicht. Das alles ist ja überhaupt so
merkwürdig.«

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Er nahm einen Streifen Papier zur Hand, strich den Firmenkopf mit ein
paar Federstrichen durch und schrieb rasch folgendes:

Liebe Frau Weiß!
Sie sind wahrhaftig der erste Mensch, an den ich von hier oben
aus schreibe. Der Gedanke an Sie ist der erste und leichteste und
natürlichste von allen den vielen Gedanken, die mir gegenwärtig im
Kopf surren. Sie werden sich oft über mein Betragen gewundert
haben in der Zeit, die ich bei Ihnen zubrachte. Wissen Sie noch, wie
Sie mich oft aus meinem dumpfen, einsiedlerischen Dasein, aus all
meinen üblen Gewohnheiten haben aufrütteln müssen? Sie sind eine
so liebe, gute, einfache Frau, und vielleicht erlauben Sie mir, Sie
lieb zu haben. Wie oft, ja beinahe alle vier Wochen, bin ich zu Ihnen
ins Zimmer getreten, um Sie kurz zu ersuchen, mit der monatlichen
Miete Geduld zu haben. Sie haben mich nie gedemütigt, doch ja
immer, aber mit Güte. Wie dankbar ich Ihnen bin und wie froh ich
bin, Ihnen dies sagen zu dürfen. Was machen und leben Ihre
Fräulein Töchter? Die Größere ist ja nun wohl bald verheiratet. Und
Fräulein Hedwig, ist sie immer noch in der
Lebensversicherungsgesellschaft tätig? Wie ich frage! Sind diese
Fragen nicht äußerst dumm, da ich Sie doch erst vor zwei Tagen
verlassen habe! Mich dünkt, liebe, verehrte Frau Weiß, ich sei jahre-
jahre- und jahrelang bei Ihnen gewesen, so schön, ruhig und lang
mutet mich der Gedanke an das Bei-Ihnen-gewesen-sein an. Kann
man Sie kennen gelernt haben, ohne daß man Sie hat lieben lernen
müssen? Sie haben immer zu mir gesagt, ich sollte mich schämen,
so jung zu sein und dazu so wenig unternehmenslustig, weil Sie
mich stets haben in meinem dunkeln Zimmer sitzen und liegen
sehen. Ihr Gesicht, Ihre Stimme, Ihr Lachen haben mich immer
getröstet. Sie sind zweimal so alt wie ich und haben zwölfmal so
viel Sorgen und erscheinen nur so jung, jetzt noch viel mehr als da
ich noch bei Ihnen war. Wie konnte ich immer so wortkarg zu Ihnen
sein. Übrigens bin ich Ihnen ja noch Geld schuldig, nicht wahr, und
ich bin beinahe froh darüber. Äußere Beziehungen können dann
innere lebendiger erhalten. Zweifeln Sie nie an meiner Achtung vor
Ihnen. Wie dumm ich spreche. Ich wohne hier in einer hübschen

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Villa und kann des Nachmittags jeweilen im Gartenhaus, wenn
schönes Wetter ist, Kaffee trinken. Mein Chef ist zurzeit
ausgegangen. Das Haus liegt auf einem, man darf sagen, grünen
Hügel, unten neben der Landstraße, hart am Seeufer, führt die
Eisenbahn vorbei. Ich wohne sehr nett in einem, es kommt mir ganz
herrschaftlich vor, hochgelegenen Turmzimmer. Mein Herr scheint
ein braver Mann zu sein, etwas hochtrabend. Möglich, daß es
zwischen uns eines Tages persönliche Keilereien gibt. Ich wünsche
es nicht. Wirklich nicht, denn ich möchte in Frieden leben. Leben
Sie wohl Frau Weiß. Ich habe mir ein schönes, wertvolles Bild von
Ihnen bewahrt, es läßt sich nicht einrahmen aber ebenso wenig
vergessen.

Joseph faltete den Streifen zusammen und steckte ihn in ein Kuvert. Er
lächelte. Für ihn hatte das Andenken dieser Frau Weiß etwas Freundliches,
warum, darüber wußte er selber kaum recht Bescheid. Da hatte er nun an
eine Frau geschrieben, die dem Eindruck zufolge, den er ihr von seiner
Person hinterlassen hatte, einen so raschen und beinahe gefühlvollen Brief
gar nicht erwarten durfte und sicher auch nicht gewärtigte. Hatte die
zufällige Menschenbekanntschaft einen so großen Einfluß auf ihn? Liebte
er es, zu überraschen und zu behexen? Aber der Brief schien ihm nach
kurzer Durchsicht und Prüfung passend und er machte sich, da es ohnehin
Zeit dazu war, auf den Weg zur Post.
Mitten im Dorf blieb plötzlich ein von oben bis unten rußiger junger
Mensch vor ihm stehen, schaute ihn lachend an und streckte ihm die Hand
entgegen. Joseph spielte den Erstaunten, da er sich wirklich nicht entsinnen
könnte, an welchem Ort und zu welcher Zeit im bisherigen Leben ihm diese
schwarze Erscheinung konnte begegnet sein. »Du auch hier, Marti?« rief
der Mensch, und nun erkannte ihn Joseph, es war ein Kamerad aus der
kürzlich erst überstandenen Militärdienstzeit, er begrüßte ihn, schützte aber
dringende Aufträge vor und verabschiedete sich wieder.
»Ja, das Militär,« dachte er, indem er seines Weges weiter ging, »wie
wirft es die Menschen aus allen nur denkbaren Lebensgebieten auf einen
einzigen Empfindungspunkt zusammen. Kein so feinerzogener, im übrigen
gesunder, junger Mensch lebt im Lande, der es sich nicht eines Tages müßte

Page 15

gefallen lassen, aus seiner bisherigen, sortierten Umgebung herauszutreten,
um mit dem erstbesten, ebenfalls jungen Bauern, Kaminfeger, Arbeiter,
Kommis oder gar Tunichtgut gemeinschaftliche Sache zu machen. Und
welche gemeinschaftliche Sache! Die Luft in der Kaserne ist für einen jeden
dieselbe, sie wird für den Baronensohn für gut genug, und für den
geringsten Landarbeiter für angemessen befunden. Die Rang- und
Bildungsunterschiede fallen unbarmherzig in einen großen, bis heute noch
immer unerforschten Abgrund, in die Kameradschaft. Diese herrscht, denn
sie faßt alles zusammen. Die Hand des Kameraden ist für keinen eine
unreine, sie darf es nicht sein. Der Tyrann Gleichheit ist oft ein
unerträglicher, oder scheint es zu sein, aber was für ein Erzieher ist er, was
für ein Lehrer. Die Brüderlichkeit kann mißtrauisch und kleinlich im
kleinen sein, sie kann aber auch groß sein, und sie ist groß, denn sie besitzt
die Meinungen, die Gefühle, die Kräfte und Triebe aller. Wenn ein Staat es
versteht, den Sinn der Jugend in diesen Abgrund zu lenken, der groß genug
wäre für die Erde wieviel mehr für ein einzelnes Land, so hat er sich damit
nach allen offenen Richtungen hin, an allen vier Grenzen, mit Festungen
umgeben, die unbezwinglich sind, weil es lebendige, mit Füßen,
Gedächtnissen, Augen, Händen, Köpfen und Herzen ausgestattete
Festungen sind. Den jungen Leuten tut wahrhaftig eine strenge Lehre not.«
Hier unterbrach der Angestellte seine Gedanken.
In der Tat, er rede und denke da wie ein Feldhauptmann, dachte er
lachend. Bald darauf befand er sich wieder zu Hause.

Joseph hatte in einer Elastique-Fabrik gearbeitet, ehe er zum Militär
kam. Er erinnerte sich jetzt jener vormilitärischen Zeit und sah vor sich ein
altes, längliches Gebäude, einen schwarzen Kiesweg, eine enge Stube und
ein bebrilltes, strenges Prinzipalengesicht. Er war dort, wie man sagt,
aushilfsweise engagiert gewesen, nur so vorübergehend. Er schien mit
seiner ganzen Persönlichkeit nur ein Zipfel, ein flüchtiges Anhängsel zu
sein, ein nur einstweilen geschlungener Knoten. Beim Antritt der Stellung
war ihm bereits lebhaft der Austritt aus derselben vor Augen getreten. Der
Lehrling im Elastique-Geschäft war ihm in allem »über«. Joseph mußte
diesen unausgewachsenen Menschen bei jeder Gelegenheit um Rat fragen.

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Aber eigentlich kränkte ihn das nicht einmal. O er war schon an so vieles
gewöhnt gewesen. Er arbeitete kopflos, das heißt, er mußte sich gestehen,
daß ihm mancherlei durchaus notwendige Kenntnisse abhanden gekommen
waren. Gewisse, für andere Menschen erstaunlich leicht zu erfassende
Dinge prägten sich ihm so merkwürdig schwer ein. Was war da zu machen
gewesen. Sein Trost und sein Gedanke war die »Vorübergänglichkeit« der
Stellung. Er wohnte bei einem alten, spitznasigen und -mundigen Fräulein,
die eine sehr sonderbare, hellgrün gestrichene Stube bewohnte. Auf einer
Etagere befanden sich einige alte und moderne Bücher. Das Fräulein war,
wie es schien, eine Idealistin, aber keine feurige, sondern eher eine durch
und durch erfrorene. Joseph bekam rasch heraus, daß sie einen eifrigen
Liebesbriefwechsel unterhielt, und zwar, wie er eines Tages aus einem
achtlos auf dem runden Tisch liegenden, langen Schreiben ersah, mit einem
nach Graubünden ausgewanderten Buchdrucker oder Architektenzeichner,
er konnte sich dessen jetzt nicht mehr so recht genau entsinnen. Er las rasch
den Brief, er hatte das Gefühl, daß er dadurch keine sehr bedeutende
Ungerechtigkeit begehe. Übrigens war der Brief kaum der verstohlenen
Lektüre wert, man hätte ihn ruhig dürfen an alle Säulen der Stadt
plakatieren, so wenig Geheimnisvolles und dem Fernstehenden
Unverständliches enthielt er. Er war den Büchern, die die Welt liest,
nachgeschrieben und enthielt vorzugsweise kühnlinierte und schraffierte
Reisebeschreibungen. Die Welt sei doch herrlich, hieß es da, wenn man sich
die Mühe nehme, sie zu Fuß zu durchwandern. Dann wurden der Himmel,
die Wolken, die Halden, die Geißen, Kühe, Kuhglocken und die Berge
beschrieben. Wie wichtig das alles war. Joseph hatte eine kleine Stube nach
hinten gehend inne, dort las er. Sowie er nur dieses Stübchen betrat, fing
ihm auch gleich die Bücherlektüre über den Kopf zu flattern an. Er las da so
einen von jenen großen Romanen, an denen man monatelang lesen kann.
Die Kost hatte er in einer Pension von Technikumsschülern und
Kaufmannslehrlingen. Er hatte große Mühe, sich mit dem jugendlichen
Volk einigermaßen zu unterhalten und schwieg daher meist bei Tisch. Wie
war das alles für ihn erniedrigend. Auch da war er ein Knopf, der nur lose
hing, den man gar nicht mehr festzunähen sich abmühte, da man zum
voraus wußte, daß der Rock doch nicht lange getragen werde. Ja, seine
Existenz war nur ein provisorischer Rock, ein nicht recht passender Anzug.
Nahe bei der Stadt lag ein runder, mäßig hoher Rebhügel, der oben mit
Wald gekrönt war. Nun, das war fürs Spazierengehen ganz artig. Die

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Sonntagvormittage verlebte Joseph regelmäßig dort oben, während welcher
Erholung er sich jedesmal in ferne, beinahe krankhaft schöne Träumereien
verwickelt sah. Unten in der Fabrik ging es weniger schön zu, trotz des
zunehmenden Frühlings, der seine kleinen duftenden Wunder an den
Bäumen und Sträuchern zu entfalten begann. Der Prinzipal machte Joseph
eines Tages ganz gehörig herunter, ja, er machte ihn schlecht, er nannte ihn
geradezu einen Betrüger, und weswegen? Das war auch wieder so eine
Kopfträgheit gewesen. Hohle Köpfe können ja nun allerdings einem
Handelsgeschäft erheblichen Schaden zufügen. Man kann schlecht rechnen,
oder aber, und das ist das Schlimme, man rechnet einfach gar nicht. Für
Joseph war es so schwer gewesen, eine in englischer Pfundwährung
aufgestellte Zinsenrechnung zu prüfen. Dazu fehlten ihm die paar
Kenntnisse, und statt das nun offen dem Geschäftsherrn einzugestehen,
wovor er sich schämte, setzte er unter die Rechnung, ohne sie wahrhaft
geprüft zu haben, die lügnerische Bestätigung. Er schrieb mit Bleistift ein
M zu der Schlußzahl, was so viel zu bedeuten hatte als die feste und ruhige
Tatsache des Richtigbefundes. An diesem einen Tage nun kam es plötzlich
durch eine mißtrauische Frage seitens des Prinzipals heraus, daß die
Prüfung nur geschwindelt, und daß ja Joseph gar nicht imstande war, eine
derartige Rechnung im Kopf zu lösen. Das waren eben englische Pfund,
und Joseph wußte mit solchen absolut nicht umzugehen. Er verdiene,
sprach der Vorgesetzte, mit Schimpf und Schande fortgejagt zu werden.
Wenn er etwas nicht verstehe, so sei das keine Unehrenhaftigkeit, wenn er
aber Verständnis lüge, so sei das Diebstahl. Man könne es nicht anders
nennen, und Joseph solle sich in Grund und Boden hinab schämen. O das
war ein tobendes Herzklopfen für ihn gewesen. Er spürte eine schwarze,
fressende Welle über seinem ganzen Dasein. Die eigene, sonst, wie ihm
immer schien, nicht schlechte Seele schnürte ihn von allen Seiten zu. Er
zitterte so heftig, daß die Zahlen, die er eben schrieb, nachher
ungeheuerlich fremd, verschoben und groß aussahen. Aber nach einer
Stunde war ihm so wohl. Er ging zur Post, es war eben schönes Wetter, er
ging so, und da meinte er, küsse ihn alles. Die kleinen süßen Blätter
schienen alle in einem liebkosenden, farbigen Schwarm auf ihn zuzufliegen.
Die vorübergehenden, im übrigen ganz alltäglichen Menschen sahen so
schön aus, zum rein An-den-Hals-werfen. Er schaute glücklich in alle
Gärten hinein, zum offenen Himmel hinauf. Wie rein und schön waren die
weißen, frischen Wolken. Und das satte, süße Blau. Joseph hatte das eben

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Vorgefallene, das Wüste, nicht vergessen, er trug es beschämt mit sich, aber
es hatte sich in etwas Unbekümmert-Leidvolles, in etwas Ebenmäßig-
Verhängnisvolles verwandelt. Er zitterte noch ein wenig und dachte: »Also
muß man mich mit Demütigungen zur reinen Freude an der Welt Gottes
aufpeitschen?« Nach Feierabend trat er gemütlich in einen ihm
wohlbekannten Zigarrenladen. Eine Frau hauste dort, eine womöglich, ja
wahrscheinlich und nur zu sehr wahrscheinlich käufliche Frau. Joseph
pflegte sich in ihrem Laden Abend für Abend auf einen Stuhl zu setzen,
eine Zigarre dazu zu rauchen und zu plaudern mit der Inhaberin. Er gefiel
ihr, das merkte er bald. »Wenn ich dieser Frau gefalle, so erweise ich ihr
einen kleinen Dienst, regelmäßig bei ihr zu sitzen,« dachte er und tat auch
so. Sie erzählte ihm ihre ganze Jugend und manches Schöne und Unschöne
aus ihrem Leben. Sie alterte schon und hatte ein ziemlich häßlich
geschminktes Gesicht, aber gute Augen leuchteten aus demselben hervor,
und ihr Mund: »wie oft wird er geweint haben,« dachte Joseph. Er blieb
immer artig und höflich bei ihr, als ob dieses Betragen selbstverständlich
gewesen wäre. Einmal streichelte er ihr die Wangen, und er bemerkte die
Freude, die sie über dieser Bewegung empfand, sie errötete und ihr Mund
zuckte, als ob sie hätte sagen wollen: »zu spät, mein Freund.« Sie war
früher eine Zeitlang Kellnerin gewesen, aber was hatte das alles zu
bedeuten, da doch der ganze Anhängezipfel nach ein paar Wochen
abgetrennt wurde. Der Chef schenkte Joseph zum Abschied eine
Gratifikation, trotz jenes Vorfalles mit der englischen Geldwährung, und
wünschte ihm Glück in die Kaserne. Jetzt kommt eine Eisenbahnfahrt durch
ein frühlingverzaubertes Land, und dann weiß man nichts mehr, denn von
da an ist man nur noch eine Nummer, man bekommt eine Uniform, eine
Patronentasche, ein Seitengewehr, eine regelrechte Flinte, ein Käppi und
schwere Marschschuhe. Man ist nichts mehr Eigenes, man ist ein Stück
Gehorsam und ein Stück Übung. Man schläft, ißt, turnt, schießt, marschiert
und gestattet sich Ruhepausen, aber in vorgeschriebener Weise. Selbst die
Empfindungen werden scharf überwacht. Die Knochen wollen anfänglich
brechen, aber nach und nach stählt sich der Körper, die biegsamen
Kniescheiben werden zu eisernen Scharnieren, der Kopf wird frei von
Gedanken, die Arme und Hände gewöhnen sich an das Gewehr, das den
Soldaten und Rekruten überall hin begleitet. Im Traum hört Joseph
Kommandoworte und das Knattern der Schüsse. Acht Wochen lang dauert
das so, es ist keine Ewigkeit, aber bisweilen scheint es ihm eine.

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Doch was soll das alles, da er doch jetzt in Herrn Toblers Hause lebt.

Zwei oder drei Tage sind noch keine gar so sehr lange Zeit. Dieser
Zeitraum genügt nicht einmal, um sich in einem Zimmer ganz
zurechtzufinden, wie viel weniger in einem immerhin stattlichen Haus.
Joseph war ja ohnehin schwer von Begriff, wenigstens bildete er sich das
ein, und Einbildungen sind nie gänzlich ohne grundlegende Berechtigung.
Das Toblersche Haus war überdies noch zweiteilig, es bestund aus einem
Wohnhaus sowohl wie aus einem Geschäftshaus, und Josephs Pflicht und
Schuldigkeit war, beide Sorten Häuser ergründen zu lernen. Wo Familie und
Geschäft so nah beieinander sind, daß sie sich, man möchte sagen,
körperlich berühren, kann man das eine nicht gründlich kennen lernen und
zugleich das andere übersehen. Die Obliegenheiten eines Angestellten
liegen in solch einem Haus weder ausdrücklich da noch ausdrücklich dort,
sondern überall. Auch die Stunden der Pflichterfüllung sind keine exakt
begrenzten, sondern erstrecken sich manchmal bis tief in die Nacht hinein,
um bisweilen plötzlich mitten am Tag für eine Zeitlang aufzuhören. Wer das
Vergnügen haben darf, nachmittags draußen im Gartenhaus in Gesellschaft
einer gewiß gar nicht üblen Frau Kaffee zu trinken, muß nicht böse werden,
wenn er abends nach acht Uhr rasch noch irgend eine dringende Arbeit
erledigen soll. Wer so schön zu Mittag ißt, wie Joseph, muß dies durch
verdoppelte Leistungen wieder gut zu machen suchen. Wer Stumpen
rauchen darf während der Geschäftsstunden, der darf nicht brummen, wenn
ihn die Herrin des Hauses um einen häuslichen oder familiären Dienst kurz
ersucht, auch wenn der Ton, womit dieses Gesuch ausgesprochen wird, eher
ein befehlshaberischer als ein schüchtern bittender sein sollte. Wer hat alles
Annehmliche und Schmeichelnde immer zusammen? Wer wird so
anmaßend der Welt gegenüber sein, von ihr nur Kissen zum Daraufruhen zu
verlangen, ohne zu bedenken, daß die samtenen und seidenen, mit feinem
Flaum gefüllten und gestopften Kissen Geld kosten? Aber Joseph denkt gar
nicht so. Man muß bedenken, daß Joseph nie viel Geld auf einmal besessen
hat.
Frau Tobler fand an ihm etwas Seltsames, sozusagen Unalltägliches,
ohne ihn aber auch nur im geringsten gut zu beurteilen. Sie fand ihn
ziemlich lächerlich in seinem dunkelgrün gefärbten, abgetragenen und

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erbleichten Anzug, aber auch in seinem Benehmen wollte sie etwas
Komisches entdeckt wissen, worin sie in gewisser Beziehung recht hatte.
Komisch war sein undezidiertes Auftreten, sein augenscheinlicher Mangel
an Selbstbewußtheit, und komisch waren auch seine Manieren.
Hinwiederum muß bemerkt werden, daß Frau Tobler, eine Bürgersfrau von
echtester Abstammung, sehr leicht geneigt war, vieles komisch zu finden,
was auch nur ein ganz klein wenig ihre Anschauungsweise fremd berühren
konnte. Wenn das aber so ist, so wollen wir uns weiter nicht darüber
aufregen, daß eine solche Frau einen solchen jungen Menschen komisch
fand, sondern berichten, was sie zusammen redeten. Versetzen wir uns
wieder in das Gartenhäuschen und in die Fünf-Uhr-Abend-Stunde.
»Es ist doch ein prächtiger Tag heute,« sagte Frau Tobler.
O ja, es sei wirklich herrlich, sagte seinerseits der Gehülfe. Er drehte
sich, am Tisch sitzend, halb um, und schaute in die bläuliche Ferne. Der See
war ganz blaßblau. Ein Dampfschiff mit klingender Musik fuhr gerade
vorüber. Man konnte die wehenden Tücher unterscheiden, die dort unten
von den Vergnügungsreisenden geschwenkt wurden. Der Rauch des
Dampfschiffes flog nach hinten und wurde von der Luft eingesogen. Die
Berge am andern Ufer waren in dem Dunst, den der vollendet schöne Tag
über den See verbreitete, kaum zu sehen. Sie schienen aus Seide gewoben
zu sein. Ja, die ganze runde Aussicht war blau, selbst das nahe Grün und das
Rot der Dächer sahen sich bläulich an. Man hörte ein einziges Gesumme,
wie wenn die ganze Luft, der ganze durchsichtige Raum leise gesungen
hätten. Auch das Summen und Surren hörte und sah sich blau an, beinahe!
Wie schmeckte wieder einmal der Kaffee. »Warum denke ich an zu Hause,
an die Kindheit, wenn ich diesen sonderbaren Kaffee trinke?« dachte
Joseph.
Die Frau fing an, von der letztjährigen Sommerfrische am
Vierwaldstädtersee zu reden. Dieses Jahr gebe es, sagte sie, leider nichts aus
so etwas. Keinen Gedanken! Und dann sei es ja hier wirklich auch ganz
schön. Man brauche eigentlich gar keine Sommerfrische mehr, wenn man
so wohnen könne, wie sie. Im Grunde genommen sei man fast immer sehr
unbescheiden, man habe stets Wünsche, und das sei ja auch ganz natürlich –
Joseph nickte – aber zuweilen ähnele es einer wirklichen Arroganz.

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Sie lachte. »Wie seltsam sie lacht,« dachte der Untergebene und fuhr
fort zu denken: »An diesem Lachen könnte einer, der sich darauf versteifen
wollte, Geographie studieren. Es bezeichnet genau die Gegend, wo diese
Frau her ist. Es ist ein behindertes Lachen, es kommt nicht ganz natürlich
zum Mund heraus, als wäre es früher durch eine allzupeinliche Erziehung
stets etwas im Zaum gehalten worden. Aber es ist schön und fraulich, ja, es
ist sogar ein bißchen frivol. Nur hochanständige Frauen dürfen so lachen.«
Inzwischen hatte die Frau längst weitergesprochen, und zwar von jener
geradezu ideal schönen und traulichen Sommerfrische. Ein junger
Amerikaner habe sie jeden Tag in der Gondel auf den See hinausgerudert.
Das sei noch ein Kavalier gewesen. Und dann war es doch für eine
verheiratete Frau, wie sie eine sei, reizvoll und neu, einmal ein paar Wochen
ganz allein sein zu können und dazu noch in solch einer schönen Gegend.
Ohne Mann und ohne die Kinder. Man brauche dabei noch lange nicht an
was Unfeines zu denken. Man tue den ganzen Tag nichts, esse köstlich und
liege da so im Schatten, unter solch einem herrlichen, breitästigen
Kastanienbaum, wie dort, wo sie das letzte Jahr gewesen sei, einer war.
Solch ein Baum. Immer wieder sähe sie ihn und sich selbst drunter. Sie
habe auch ein kleines, weißes Hündchen gehabt, sie habe es immer zu sich
ins Bett genommen. So ein feines, sauberes Geschöpfchen. Nun, dieses Tier
habe sie in dem reizenden Gefühl, das ihr vorgegaukelt habe, sie sei eine
Dame, eine wirkliche Dame, noch bestärkt. Später habe sie es weggeben
müssen.
»Ich muß an die Geschäfte gehen,« sprach Joseph und erhob sich.
Ob er so fleißig sei?
»Nun, man tut, was man für seine Pflicht hält.« Mit diesen Worten
entfernte er sich. Im Bureau trat ihm eine unsichtbar-sichtbare Erscheinung
entgegen: die Reklame-Uhr. Er setzte sich an den Schreibtisch und fing an
zu korrespondieren. Der Briefbote kam, um eine Nachnahme zu
präsentieren, es war ein geringer Betrag, Joseph bezahlte aus seiner
Privattasche. Dann schrieb er ein paar Briefe im Interesse der Reklame-Uhr.
Was man für so eine Uhr nicht alles aufwenden mußte!
»Sie ist wie ein kleines oder großes Kind, solch eine Uhr,« dachte der
Angestellte, »wie ein eigensinniges Kind, das der beständigen,
aufopfernden Pflege bedarf, und das nicht einmal dankt dafür. Gedeiht denn

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eigentlich dieses Unternehmen, wächst dieses Kind? Man merkt wenig
davon. Ein Erfinder liebt seine Erfindungen. Diese kostspielige Uhr ist
Tobler beinahe ans Herz gewachsen. Was aber denken andere Leute von
dieser Idee? Eine Idee muß hinreißen, muß überwältigen, sonst ist es eine
schwere Sache, sie zu praktizieren. Was mich selber betrifft, so glaube ich
fest an die Möglichkeit einer Realisierung derselben, und ich glaube
deshalb daran, weil es meine Pflicht ist, weil ich dafür bezahlt werde. Zwar,
wie steht es denn nun mit meinem Gehalt?«
Es war in diesem Punkt tatsächlich noch nichts abgemacht worden.
Bis zum Sonntag verlief alles ruhig. Was hätte passieren sollen? Joseph
war folgsam und bemühte sich, ein heiteres Gesicht an den Tag zu legen.
Aber warum hätte er besonders mißmutig sein sollen, wo ja doch vorläufig
nur Ursache zur Zufriedenheit für ihn vorhanden war. Im Militärdienst ist er
auch nicht verzärtelt worden. In das Wesen der Reklame-Uhr drang er
immer tiefer ein und glaubte bereits, sie vollständig erfaßt zu haben. Was
hatte es zu bedeuten, daß zwei Wechsel zu je vierhundert Mark nicht
bezahlt wurden. Man schob den Verfalltag dieser Billetts einfach auf einen
Monat hinaus, es war sogar riesig nett für Joseph, an den Aussteller der
Akzepte schreiben zu dürfen: »Bitte, haben Sie noch Geduld. Die
Finanzierung meiner Patente läßt nur noch kurze Zeit auf sich warten. Bis
dahin wird es mir möglich geworden sein, die fälligen Verpflichtungen
prompt einzulösen«.
Er hatte mehrere solcher Briefe zu schreiben, und er freute sich über die
Leichtigkeit, mit der er den gesamten kaufmännischen Stil beherrschte.
Das Dorf hatte er bereits halb durchstöbert. Zur Post zu gehen war ihm
jedesmal ein großes Vergnügen. Es gab zwei Wege, einen dem See entlang,
auf der breiten Landstraße, und einen über den Hügel, an Obstbäumen und
Bauernhäusern vorbei. Er wählte fast immer den letztern. Ihm schien das
alles sehr einfach.
Am Sonntag erhielt er von Tobler eine gute, deutsche Zigarre nebst fünf
Mark Taschengeld, damit er sich hie und da »etwas leisten könne«.
Das Haus lag so schön da in dem hellen Sonnenschein. Es schien Joseph
ein wahres Sonntagshaus zu sein. Er ging den Garten hinunter, die
Badehose in der Hand schwenkend, an den See, zog sich in einer

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verfallenen Badehütte, durch deren Bretterritzen die Sonne hineinleuchtete,
behaglich aus und warf sich nachher ins Wasser. Er schwamm weit hinaus,
es war ihm so wohl zumute. Welchem Badenden und Schwimmenden,
wenn er nicht gerade am Ertrinken ist, ist es nicht wohl zumut? Es kam ihm
vor, als wölbe und runde sich die heitere, warme, glatte Seeoberfläche. Das
Wasser war frisch und lau zugleich. Vielleicht strich ein leiser Windzug
darüber her, oder irgend ein Vogel flog über seinem Kopf, hoch in der Luft,
daher. Einmal kam er einem kleinen Boot nahe, ein einzelner Mann saß
drin, ein Fischer, der friedlich den Sonntag verangelte und verschaukelte.
Welche Weichheit, welche schimmernde Helle. Und mit den nackten
empfindungsvollen Armen macht man Schnitte in dieses nasse, saubere,
gütige Element. Jeder Stoß mit den Beinen bringt einen ein Stück vorwärts
in diesem schönen, tiefen Nassen. Von unten her wird man von warmen und
kühlen Strömen gehoben. Den Kopf taucht man, um den Übermut in der
Brust zu bewässern, auf kurze Zeit, den Atem und den Mund und die Augen
zudrückend, hinab, um am ganzen Leib dieses Entzückende zu spüren.
Schwimmend möchte man schreien, oder nur rufen, oder nur lachen, oder
nur etwas sagen, und man tut's auch. Und dann von den Ufern her, diese
Geräusche und hohen, fernen Formen. Diese wundervollen hellen Farben an
solch einem Sonntagsmorgen. Man plätschert mit den Händen und Füßen,
steht im Wasser schwebend und trapezturnend, möchte man sagen, aufrecht,
immer dazu die Arme bewegend. Und es gibt da kein Untersinken. Nun
preßt man noch einmal die Augen geschlossen in das flüssige, grüne, feste
Unergründliche hinab und schwimmt ans Land. –
Wie herrlich das war!
Zum Mittagessen hatten sich Gäste eingefunden.

Dieses mit den Gästen ist Folgendes: Josephs Vorgänger im Amt war ein
gewisser Wirsich gewesen. Diesen Wirsich hatten die Toblers sehr lieb
gewonnen. Sie erkannten in ihm einen anhänglichen Menschen und
schätzten seine Tüchtigkeit hoch. Er war ein exakter Mensch, aber er war es
nur in der Nüchternheit. Solange er nüchtern war, verfügte er über fast alle,
ja man darf sagen, alle Angestelltentugenden. Er war über die Maßen
ordnungsliebend, er besaß Kenntnisse sowohl auf kaufmännischem wie auf

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dem juristischen Gebiet, er war fleißig und energisch. Seinen Chef wußte er
zu jeder Zeit und in beinahe allen vorkommenden Fällen in
vertrauenerweckender und überzeugender Weise zu vertreten. Zudem hatte
er eine saubere Handschrift. Hell von Verstand und mit lebhaftem Interesse
begabt war es diesem Wirsich ein Leichtes gewesen, die Geschäfte seines
Brotherrn zu dessen vollkommener Zufriedenheit ganz selbständig zu
führen. In der Führung der Bücher war er sogar mustergültig. Alle diese
Eigenschaften nun konnten zuzeiten mit einem Mal gänzlich
verschwimmen, und zwar in der Trunkenheit. Wirsich war kein junger
Mann mehr, er zählte ungefähr fünfunddreißig Jahre, und das ist ein Alter,
wo gewisse Leidenschaften, wenn sie der Träger nicht vorher gelernt hat zu
bezwingen, ein schreckliches Aussehen und eine furchtbare Ausdehnung
anzunehmen pflegen. Der Alkoholgenuß machte jeweils, das heißt von Zeit
zu Zeit aus diesem Menschen ein wildes, unvernünftiges Tier, mit dem
begreiflicherweise nichts anzufangen war. Mehrfach wies ihm Herr Tobler
auch die Tür und befahl ihm, seine Sachen zu packen und sich nie wieder
blicken zu lassen. Wirsich ging dann auch, fluchend und Beleidigungen
ausstoßend, zum Haus hinaus, kehrte aber jeweils, sobald er wieder er
selber geworden war, mit einem zerknirschten Armesündergesicht zu der
Schwelle zurück, die nie wieder zu betreten er ein paar Tage vorher im
Unfug und Wahnsinn seiner Betrunkenheit heftig geschworen hatte. Und
Wunder: Tobler behielt ihn immer wieder. Er hielt ihm bei solcher
Gelegenheit je eine gesalzene Strafpredigt, wie man sie auch ungezogenen
Kindern gegenüber anwendet, sagte ihm aber dann, er könne dableiben,
man wolle über das Vergangene einen Schleier werfen und es nochmals mit
ihm probieren. Das geschah vier oder fünf Male. Wirsich hatte etwas
Unwiderstehliches an sich. Dies trat besonders hervor, wenn er den Mund
zu einer Bitte oder Abbitte auftat. Er erschien in diesem Fall so vollkommen
reuig und unglücklich, daß es den Toblers warm und heiß wurde und sie
ihm verziehen, ohne daß sie sich Rechenschaft gaben, warum eigentlich.
Dazu kam noch der sonderbare, wie es schien, tiefgehende Eindruck, den es
Wirsich verstand auf die Personen weiblichen Geschlechtes zu machen. Es
ist als ziemlich sicher anzunehmen, daß auch Frau Tobler diesem
fremdartigen Zauber, diesem Unerklärlichen, nicht widerstand. Sie
respektierte ihn, solange er ruhig und vernünftig blieb, und mit dem
Rohling und Wüstling hatte sie ein ihr selber ganz unerklärbares Mitleiden.
Schon sein Äußeres war ja wie für das Urteil der Frauen geschaffen. Seine

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scharfen, männlichen Gesichtszüge, in der Schärfe und Sicherheit durch
eine blasse Hautfarbe noch unterstützt, sein schwarzes Haar, seine
tiefliegenden, großen, dunklen Augen gefielen ebenso unwillkürlich wie
eine gewisse Trockenheit, die seinem ganzen sonstigen Auftreten und
Wesen anhaftete. Eine solche Hausbackenheit macht in der Regel den
Eindruck der Herzensgüte und der Charakterfestigkeit, zwei Erscheinungen,
denen keine fühlende Frau widersteht.
Und so kam es, daß Wirsich immer wieder von neuem angenommen
wurde. Was eine Frau beim Mittagstisch zu ihrem Mann in leichtem,
lachendem, reichem Ton sagt, bleibt nie gänzlich ohne Einfluß, hier um so
weniger als ja Tobler selber »diesen unglückseligen Menschen immer gern
hatte leiden mögen«. Die Mutter des Wirsich kam regelmäßig bei Anlaß
einer Wiederanstellung ihres Sohnes in die Villa hinauf, um für denselben
zu danken. Auch sie mochte man gern leiden. Übrigens sind einem ja die
Menschen, die man Macht und Einfluß hat fühlen lassen, immer lieb. Die
Wohlhabenheit und Gutbürgerlichkeit demütigt gern, nein, vielleicht das
nicht gerade, aber sie schaut doch ganz gern auf Gedemütigte hernieder,
was eine Empfindung ist, der man eine gewisse Gutmütigkeit, aber auch
eine gewisse Roheit nicht absprechen kann.
Eines Nachts nun trieb es Wirsich doch zu bunt. Er kam aus der an der
Landstraße gelegenen, stark von allerhand vagabundierendem Volk,
darunter unsaubern Weibern, frequentierten Wirtsstube zur »Rose«
vollständig berauscht, schreiend und tobend, nach Hause und begehrte
Einlaß. Da man ihm diesen verweigerte, zertrümmerte er mit Hilfe eines
Hackenstockes, den er bei sich trug, die Haustürscheibe und dann das Gitter
derselben, soweit ihm das gelang. Auch drohte er mit fürchterlicher und
unkenntlicher Stimme mit »Anzünden des ganzen Nestes«, wie er sich in
der Wildheit und Zerstörtheit seines Kopfes ausdrückte, brüllte, daß ihn
nicht nur die Nachbarschaft, sondern auch die weiter in der Umgegend
wohnenden Leute hören mußten, und gefiel sich in schmählichen
Verwünschungen gegen seine Wohltäter. Schon hatte er, von den
Körperkräften aller Besinnungslosen und Unempfindlichen unterstützt,
beinahe die Türe eingeworfen, das Schloß und der Riegel wackelten schon
bedenklich, als Herr Tobler, der, wie es schien, endlich die Geduld verloren
hatte, die Türe von innen her aufriß und über den Trunkenbold mit einem
Hagel von Stockschlägen herfiel, der denselben zu Boden auf den Kies

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warf. Auf den nicht zu mißverstehenden Befehl Toblers, sich sofort vom
Platz wegzubegeben, da sonst weitere und ähnliche Hiebe seiner harren
würden, erhob sich Wirsich auf allen Vieren, um aus dem Garten zu
rutschen. Einige Male fiel die Gestalt des Säufers, vom Mond beleuchtet, so
daß die Obenstehenden jede seiner ungeheuerlichen Bewegungen verfolgen
konnten, wieder an die Erde, stund wieder auf und warf sich endlich, einem
plumpen Bären ähnlich, vollends zum Garten an die Landstraße hinaus,
worauf sie sich gänzlich verlor.
Zwei Wochen nach diesem nächtlichen Vorfall hielt Tobler ein
umfangreiches Entschuldigungsschreiben Wirsichs in der Hand, worin der
Übeltäter in scheinbar geradezu klassischem Stil Besserung versprach und
bat, Herr Tobler möchte ihn doch noch ein einziges Mal anstellen, da sich
Wirsich sonst der bittersten Not preisgegeben sähe. Beide, er sowohl als
seine alte Mutter, bäten inständig um eine nochmalige, wenn auch letzte
Zuwendung der alten, wohltuenden Gunst, die er, er bekenne es
schmerzhaft und aufrichtig, nun schon so oft verscherzt habe. Wirsich, hieß
es in dem Schreiben zum Schluß, sehne sich so sehr nach dem Haus, nach
der ganzen ihm lieb und wert gewordenen Familie, nach der Stätte der
früheren Wirksamkeit zurück, daß er sich sagen müsse, entweder er dürfe
auf eine Neubelebung all dieser Dinge hoffen und darüber froh sein, oder
der Riegel sei ihm ein für allemal zugeschoben und für ihn bleibe nur noch
die Verzweiflung, die Reue, die Scham und die Bitternis übrig.
Es war indessen zu spät. Der Riegel war in der Tat schon vorgeschoben,
es war schon ein Ersatz im Haus. Gleich am nächsten Morgen nach jener
wüsten Nachtszene hatte sich Tobler nach der Hauptstadt in das Bureau für
Stellenvermittlung begeben und hatte dort Joseph verpflichtet. Das obige
Schreiben gelangte an demselben Tage wie Joseph ins Toblersche Haus.
Die sonntäglichen Gäste aber waren niemand anders als Wirsich und
seine Mutter.

Von der Bewegung des Badens erfrischt begrüßte Joseph seinen
Vorgänger herzlich. Vor der alten Frau machte er eine leichte Verbeugung.
Er sah wohl auf den ersten Blick, daß die Stimmung am Mittagstisch eine
ziemlich gedrückte war. Man sprach wenig, und das Wenige der

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Unterhaltung war allgemeiner Natur. Etwas Klägliches, Zimperliches hatte
sich rund um das weiße Tischtuch und um die dampfenden und duftenden
Speisen und um die Menschengesichter herum breit gemacht. Herr Tobler
machte »seine größten Augen«, im übrigen war er fröhlich und freundlich
und ermunterte seine Gäste in wohlwollend-herablassendem Ton,
zuzugreifen. Jedes Essen schmeckt nach jedem Baden, auch im Freien,
unter solch einem blauen Himmel, will fast jedes Essen schmecken, dieses
heutige Essen aber fand Joseph geradezu herrlich, so einfach es auch war.
Auch den andern schien es zu munden, nicht zum mindesten der alten Frau
Wirsich, die sich heute mit einem Schein von feinerem Weltgebaren
umgeben hatte. Wo mochte diese ärmliche Dame sonst wohnen, und wie? In
welchen Zimmern und in was für Umgebungen? Wie dürftig und mager sie
aussah! Gleichsam sparsam oder gespart oder spärlich sah sie aus,
besonders neben dieser üppigen, bürgerlichen, in Fülle und Wärme
geborenen und erzogenen Frau Tobler. Frau Wirsich und Frau Tobler. Ja,
das waren, wenn es in der Welt irgendwie Differenzen gab, Unterschiede
vom klarsten, reinsten Wasser.
Immer ein bißchen hochmütig sieht Frau Tobler aus, aber wie gut steht
zu den Linien ihres Gesichtes und Körpers diese beständige, zarte Spur von
Hochmut. So etwas will man von ihrer Figur gar nicht wegwünschen, denn
es gehört ganz einfach dazu, wie der tönende, unaussprechliche Zauber zu
einem Volkslied. Dieses Lied klingt fein und in den allerhöchsten Tönen,
Frau Wirsich verstand und empfand es gar wohl. Wie kläglich das eine Lied
ertönte und wie voll das andere. Herr Tobler schenkte Rotwein ein. Er
wollte auch Wirsich einschenken, aber die Mutter verdeckte rasch das Glas
ihres Sohnes mit der alten, verknöcherten Hand.
»Ah bah, warum denn jetzt nicht? Er muß doch auch etwas trinken,«
rief Tobler.
Da stürzten plötzlich Tränen in die Augen der alten Frau. Alle sahen es
und erbebten. Wirsich wollte seiner Mutter irgend etwas zuflüstern, aber
eine steife, steinerne Macht, deren er sich nicht zu erwehren vermochte,
lähmte ihm den Gebrauch der Zunge. Er saß da wie ein Stockfisch und
schaute auf sein eigenes, zaghaftes Essen hinab. Frau Wirsich hatte die
Hand zurückgenommen, gleichsam erklärend, es sei ihr nun
gezwungenermaßen ganz gleichgültig, ob jetzt ihr Sohn trinke oder nicht.
Ihre Bewegung sagte: Ja, schenkt ihm nur ein. Es ist ja doch alles verloren!

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Wirsich nippte ein wenig an dem Glas, er schien eine unwiderstehliche
Scheu zu haben vor dem Genuß des Dinges, das ihn von einer in der Tat für
ihn gemütlichen Weltposition herabgestürzt hatte.
O Frau Wirsich, deine verweinten Augen trüben ja ganz deine paar
angenommenen, glänzenden Weltmanieren. Wie hattest du dir
vorgenommen, dich fein zu bewegen, und wie hat dich nun dein Gram
überwältigt. Deine alten Hände, die wie Stirnen durchfurcht sind, zittern
recht sehr. Was spricht dein Mund? Nichts? Ei, Mutter Wirsich, man muß
sprechen in guter Gesellschaft. Sieh, sieh, wie dich eine gewisse andere
Dame anschaut.
Frau Tobler schaute Frau Wirsich mit besorgten, aber kalten Augen
leicht von der Seite her an, indem sie zugleich die Locken ihres jüngsten
Kindes, das neben ihr saß, streichelte. Eine wirklich wohlhabende Frau!
Von der einen Seite strahlte die kindliche Zärtlichkeit und Zutulichkeit zu
ihr hinauf, und die andere Seite erfüllte das Weh einer menschlichen
Schwester. Beides, sowohl das Liebliche wie das Traurige, schmeichelte der
Frau. Sie sagte leise etwas Tröstliches zu Frau Wirsich, worüber diese nur
abwehrend aber demutvoll den Kopf schüttelte. Man hatte jetzt gespeist.
Herr Tobler reichte sein Zigarrenetui herum, die Herren rauchten. Diese
Sonne, diese wundervolle Berg- und See- und Wiesenumgebung. Und dann
diese schmale, vorsichtübende Unterhaltung von diesem Häuflein
Menschen. Ja, man muß schonen, andere sind auch Menschen! Der
Gesichtsausdruck der Herrin des Hauses sagte das lebhaft. Aber gerade
dieses stumme Zuverstehengeben, daß man schonen wolle, war
schonungslos. Es war vernichtend.
Die beiden Frauen sprachen dann über die Kinder Tobler; sie schienen
beide erfreut zu sein, einen, jeglichen Ton der Verletzung entfernenden,
Gesprächsstoff gefunden zu haben. Auch fand sich das ganz von selber.
Man vergaß sich eben ein bißchen. Von Zeit zu Zeit ruhte das Auge der
alten Frau auf Josephs Gestalt, Gesicht und Benehmen, wie um die Vorzüge
und Schwächen desselben herauszustudieren und sie in Gedanken mit der
Sohnes-Erscheinung zu vergleichen. Die Knaben sprangen bald von ihren
Plätzen weg und spielten im Garten, die Mädchen folgten ihnen, so daß die
erwachsenen Herrschaften allein am Tisch sitzen blieben. Inzwischen kam
die Magd mit einem hölzernen Tablett in der Hand, um den Tisch
abzuräumen. Man erhob sich. Tobler trug Joseph auf, »die Glaskugel hinaus

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zu tragen«, letzterer schickte sich an, den Befehl auszuführen. Die
Glaskugel war der Stolz der ganzen Villa Tobler.
Sie hing an kleinen Ketten und Angeln in einem zierlichen, eisernen
Gestell, und war verschiedenfarbig, so daß sich die umliegenden Weltbilder
in runder, gleichsam aufeinandergetürmter Perspektive grün, blau, braun,
gelb und rot darin abspiegelten. Sie war ungefähr so groß wie ein
überlebensgroßer Menschenkopf, aber zusammen mit dem Fußgestell wog
sie sicherlich ihre achtzig oder neunzig Pfund und war schwer zu tragen.
Bei Regenwetter durfte sie nie draußen im Freien stehen bleiben. Man trug
sie immer hinaus und hinein, hinein und hinaus. Wurde sie einmal naß, so
schimpfte Herr Tobler sehr heftig. Die nasse Kugel tat ihm direkt weh, wie
es denn Menschen gibt, die mit gewissen, toten Besitztümern wie mit etwas
durchaus Lebendigem umgehen und umgegangen wissen wollen. Joseph
sprang daher sehr rasch nach der schönen, farbigen Glaskugel, weil er die
Vorliebe Toblers zu derselben bereits Gelegenheit gehabt hatte kennen zu
lernen.
Nachdem er den Wunsch und die Schönwetterlaune und -Freude seines
Meisters erfüllt hatte, entwischte er flink den Augen der Übrigen, trieb sich
die Treppen empor und verschwand in sein Turmgemach. Wie ruhig und
still es hier oben war. Hier fühlte er sich befreit, von was, das wußte er
eigentlich gar nicht einmal. Aber es genügte, dieses Gefühl zu haben; die
wahre Ursache sei, dachte er, ja sicherlich irgendwie und wo versteckt da,
aber was bekümmerten ihn jetzt Ursachen. Etwas Goldenes schien um ihn
herum zu schweben. Er besah sich einen Moment lang im Spiegel: O er sah
noch ganz jung aus, gar nicht so wie Wirsich. Er mußte unwillkürlich
lachen. Es trieb ihn, die Photographie seiner verstorbenen Mutter zur Hand
zu nehmen. Sie stand da so auf dem Tische. Warum sie also nicht nehmen
und betrachten? Er schaute sie ziemlich lange, wie ihn deuchte, an, und
legte sie dann wieder an ihren Platz zurück. Dann zog er ein anderes,
jüngeres Bild aus der Tasche seines Rockes, es war das Porträt einer
Tanzschülerin, eines Mädchens, das er »in der Großstadt« kennen gelernt
hatte. Diese ganze, ferne, menschenerfüllte Großstadt. Dieses belebte, hohe
Bild, wie entschwunden schien es ihm, wie lang schon entschwunden. Er
mußte in diesen Gedanken hinein wieder unwillkürlich lachen. Er machte
gewichtige Schritte im Zimmer auf und ab, rauchend natürlich. Ob es denn
eigentlich durchaus immer nötig sei, so einen Stengel im Mund zu tragen?

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Wie herrlich die frische Berg- und Seeluft durch seine erhöhten vier Wände
strich. Und hier hatte Wirsich gehaust? Der Mann mit dem Leidensantlitz?
Joseph bog seinen atmenden Kopf zum Fenster hinaus, an die sonntägliche
und mittägliche Welt-Freiheit. Und ich habe fünf Mark Taschengeld, und
kann den Kopf zu solch einem fürstlich gebauten und gelegenen Fenster
hinausstrecken? –
Unten im Bureau ging es indessen mehr gedämpft als fürstlich zu. Der
Ton, in dem Herr Tobler und sein ehemaliger Angestellter, Herr Wirsich,
sich dort unterhielten, war ein sehr, sehr gedämpfter, ja, beinahe ein
dumpfer.
»Das müssen Sie selbst zugeben,« sagte Tobler, »daß von einer
Wiederaufnahme unserer früheren, gegenseitigen Beziehungen vorläufig die
Rede nicht mehr sein kann. Den Bruch haben Sie herbeigeführt, nicht ich,
ich würde Sie gerne behalten haben. Nichts veranlaßt mich, den Marti
wegzuschicken, er macht seine Sache auch ganz ordentlich. Es tut mir leid,
Wirsich, glauben Sie mir das nur, aber Sie sind selbst schuld. Es hat Ihnen
niemand befohlen, mich, Ihren Brotherrn, wie einen dummen Jungen zu
behandeln. Machen Sie nun alles Weitere mit sich selber ab. Was ich
anstandshalber tun kann, Ihnen zu einem anderweitigen Posten zu
verhelfen, will ich gern tun. Hier ist noch eine Zigarre. Da. Nehmen Sie.«
Ob sich denn wirklich jetzt nichts mehr ändern ließe?
»Nein, nein, jetzt nicht mehr. Entsinnen Sie sich übrigens nur, was Sie
mir in jener saubern Nacht zugebrüllt haben, und Sie werden begreifen, daß
es zwischen uns keine Anknüpfungen mehr geben kann.«
»Aber Herr Tobler, das war doch alles die Trunkenheit, nicht ich
selber.«
»Ach was Trunkenheit und nicht Sie selber! Das ist es ja gerade. Ich
habe zu fünf oder sechs oder mehr Malen gedacht: Das ist nicht er selber!
Freilich sind Sie das alles selber gewesen. Der Mensch besteht nicht aus
zweierlei Dingen, sonst wäre wahrhaftig das ganze Erdenleben eine zu
bequemliche Sache. Wenn da jeder kommen könnte mit: ›das bin nicht ich
selber gewesen‹, wenn er einen Bock geschossen hat, was würden dann
noch Ordnung und Unordnung zu bedeuten haben? Nein, nein, man sei in
Gottesnamen der, der man ist. Ich habe Sie auf zweierlei Art kennen gelernt.

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Glauben Sie, die Welt sei verpflichtet, Sie als ein Kind, als ein
Schoßhündchen zu betrachten? Sie sind ein erwachsener Mann, und man
verlangt von Ihnen, daß Sie wissen, was man zu tun hat. Mit verborgenen
Leidenschaften, oder wie die Dinger heißen mögen, von denen die
Philosophen reden, sehe ich mich nicht zu rechnen genötigt. Ich bin
Geschäftsmann und Familienvater und muß mich verpflichtet fühlen, der
Torheit und dem Unanstand den Eingang in mein Haus zu verbieten. Sie
waren so weit immer fleißig, warum sind Sie mir mit Unflätigkeiten
gekommen? Sie würden mich ja auslachen. Einfach auslachen würden Sie
mich, und hätten auch ein Recht dazu, wenn ich dumm genug wäre, Sie
wieder anzunehmen. Ich habe Ihnen meine Meinung jetzt gesagt, lassen Sie
uns Schluß machen.«
»Es ist also aus zwischen uns?«
»Vorläufig, ja!«
Mit diesem Wort trat Tobler zur Bureautüre hinaus, ging in den Garten,
wo er seiner Frau einen bedeutenden Blick zuwarf, und stellte sich dann
neben seiner geliebten Glaskugel auf. Die Zigarre zwischen den Zähnen
schaute er abwärts sein Besitztum behaglich an und ergab auf diese Weise
unbewußt das vollendete Bild herrschaftlicher Mittagsruhe.
Zu Wirsich, der noch immer im Bureau unbeweglich festwurzelte, da,
wo er zufällig stehen geblieben war, kam unversehens Joseph hinein. Beide
maßen sich einen Moment mit den offenen Augen. Danach aber hielten sie
es für am passendsten, sich über die Fortentwicklung der Toblerschen
technischen Unternehmungen zu unterhalten, welches Gespräch aber sehr
rasch in ein unausstehliches Stocken und Brechen geriet, bis es vollständig
abbrach. Wirsich bemühte sich, den oberhalb über den Tatsachen Stehenden
zu spielen und erteilte seinem Nachfolger allerhand Ratschläge und
praktische Winke, die jedoch nicht besonders lebhaft anschlugen.
Und nun nach dem Nachmittagskaffee. Es hieß jetzt für die beiden
Besucher, sich zu entschließen und Abschied zu nehmen. Da gab man sich
denn die Hände, und nachher sah man, insofern man oben auf dem Hügel
zurückblieb, zwei unsicher gehende und auftretende Personen längs des
brillanten, auf je einen Meter Abstand mit je einem vergoldeten Stern
gezierten Gartengitters der Landstraße zusteuern. Ein wehmütiger Anblick
war das. Frau Tobler seufzte wieder einmal. Gleich darauf aber brach sie

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über irgend etwas in ein Gelächter aus, und da war es deutlich zu hören, wie
der Seufzer und das Gelächter ein und dieselbe Klangfarbe, ein und
denselben Ton hatten.
Joseph stand etwas abseits und dachte: »Da gehen sie, der Mann und die
alte Frau. Man sieht sie schon nicht mehr, und hier oben sind sie bereits
halb vergessen. Wie rasch vergißt man das Benehmen und Gebärden und
Tun der Menschen. Da laufen sie nun, was sie können, die staubige
Landstraße entlang, um zur rechten Zeit auf dem Bahnhof zu sein oder an
der Schiffshaltestelle. Sie werden beide auf dem langen Weg, zehn Minuten
zu gehen ist lang für zwei Geschlagene und Sorgenvolle, kaum ein Wort
reden, und doch werden sie reden, eine sehr verständnisvolle Sprache, eine
stumme, eine nur zu wohlverständliche. Das Leid hat seine ganz eigene
Manier zu reden. Und nun lösen sie die Billetts, oder sie haben sie vielleicht
schon, es gibt ja bekanntlich Retourbilletts, und der Zug braust heran, und
die Armut und die Ungewißheit steigen zusammen in den Eisenbahnwagen.
Die Armut ist eine alte Frau mit verknöcherten, begehrlichen Händen. Sie
hat heute versucht, bei Tisch Unterhaltung zu machen, wie eine Dame, aber
es ist ihr nicht recht gelungen. Nun fährt sie dahin, an der Seite der
Ungewißheit, in welcher sie, wenn sie recht genau schaut, ihren eigenen
Sohn erkennen muß. Und der Wagen ist voller vergnüglicher Leute, voller
Sonntagsausflügler, die singen, johlen, plaudern und lachen. Ein junger
Bursch hält sein Mädchen im Arm, um sie ein ums andere Mal auf den
üppigen Mund zu küssen. Wie furchtbar weh kann die fremde Freude einer
unmutigen Seele tun! Aber die arme, alte Frau fühlt sich an Hals und Herz
geschnitten. Sie möchte vielleicht jetzt laut um Hülfe schreien. Weiter geht
es. O, dieses ewige Gerassel der Räder. Die Frau nimmt ihr rötliches
Taschentuch aus der Rocktasche, um die gar zu dummen und auffälligen
Tränen zu verbergen, die stürmisch aus ihren alten Augen fließen. Wer so
alt ist, wie diese Frau, nein, der sollte nicht mehr weinen müssen. Aber was
kümmern sich die Dinge dieser sonderbaren Erde um die Gebote der edlen
Schicklichkeit? Die Hämmer fallen ganz blind drauflos, manchmal auf ein
arm' Kind, manchmal, merke dir das, Frau, auf eine Greisin. Und jetzt sind
Mutter und Sohn an Ort und Stelle und werden aussteigen. Wie wird es jetzt
bei ihnen zu Hause aussehen?«
Er wurde aus seinen Gedanken durch Toblers wohltönende Stimme
aufgeweckt. Was er da so allein mache? Er solle kommen und ihm helfen,

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den Rest Rotwein noch auszutrinken. Ein wenig später sagte der Hausherr
zu ihm:
»Ja, ja. Der Wirsich ist nun endgültig verabschiedet. Ich hoffe, daß ein
gewisser Anderer besser zu schätzen weiß, was einer hat, wenn er hier oben
leben darf. Ich brauche wohl nicht zu sagen, wen ich unter diesem
›gewissen Andern‹ verstehe. Sie lachen. Ja, lachen Sie meinetwegen. Das
aber sage ich Ihnen im voraus, wenn Sie irgendwelche Gelüste haben, ich
meine, so Sonntags, was ja auch keinem jungen gesunden Menschen zu
verargen ist, so machen Sie, daß Sie in die Stadt kommen, dort ist gesorgt
für so was, mehr wie genug. In meinem Hause, haben Sie verstanden, dulde
ich nichts Derartiges. Der Wirsich hat sich gerade dadurch hier ein für
allemal unmöglich gemacht. Hier muß Anstand herrschen.«
Dann wurde über Geschäftliches gesprochen.
Vor allen Dingen, meinte Herr Tobler, müsse jetzt Geld flüssig gemacht
werden, das sei die Hauptsache. Es komme darauf an, einen Kapitalisten für
die technischen Erfindungen zu gewinnen, womöglich einen Fabrikherrn,
damit mit der Massenanfertigung der patentierten Artikel gleich begonnen
werden könne. Immerhin, wer nur Geld ins Haus bringe, der sei ihm
willkommen. Seinetwegen möge es ein Schneidermeister sein, zu verstehen
von der ganzen Sache brauche solch ein Geldgeber gar nichts, dazu sei er
da, er, Tobler.
»Setzen Sie folgendes Inserat auf.«
Joseph zog einen Bleistift und ein Notizbuch aus der Tasche. Es wurde
ihm folgendes diktiert:

Für Kapitalisten!
Ingenieur sucht Anschluß an Kapitalisten zwecks Finanzierung
seiner Patente. Gewinnbringendes, absolut risikofreies
Unternehmen. Offerten unter …

»Und dann können Sie morgen früh, wenn Sie ins Dorf gehen, ein neues
Paket Stumpen zu fünfhundert Stück nach Hause bringen. Man muß doch
etwas zu rauchen hier haben.«

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Es wurde allmählich Abend.
Im Gartenhaus tauchten zwei Frauen auf, eine Parketteriebesitzerin und
deren Tochter, ein langgewachsenes, sommersprossiges Mädchen, beide aus
der nächsten Nachbarschaft. Mit diesen Frauen und seiner eigenen fing
Tobler ein im ganzen Lande verbreitetes und beliebtes Kartenspiel an. Sonst
spielen dieses Spiel nur Männer, aber es wurde nach und nach auch bei den
Frauen Mode, und zwar bei den sogenannten besseren, nämlich bei solchen,
die nicht gar so streng zu arbeiten brauchten, den Tag über, und das gerade
sind ja die Besseren.
Diese drei Frauen, Frau Tobler, die Fabrikbesitzerin und die Tochter
derselben, spielten ausgezeichnet Karten, am besten und »schneidigsten«
das Fräulein, Frau Tobler noch am wenigsten gut. Wenn das Fräulein einen
Trumpf ausspielte, so kam sie jedesmal in gehörige Aufregung, ganz so, wie
es sich für Spielratzen ziemte, auch klatschte sie mit ihrer weiblichen Faust
wie der älteste und verbohrteste Spieler auf die Tischplatte und schrie
hinwiederum echt mädchenhaft auf, sobald die Sache zu ihren Gunsten sich
zeigte. Ihre Figur war eckig und ihr Gesicht recht unschön. Ihre Mutter
betrug sich klug und gesittet. Wie wäre es möglich, eine ältere gutsituierte
Frau zu sein und ein unleidliches Betragen zu offenbaren?
Joseph dachte bei sich, indem er dem Kartenspiel, das er noch nicht
einmal Gelegenheit gehabt hatte zu lernen, zusah: »es ist interessant, diese
drei Frauengesichter beim Spielen zu beobachten. Die eine tut es gelassen,
sie lächelt dabei, das ist die Älteste. Meine Frau Tobler da aber ist
vollständig weg. Ganz reißt der Zauber des Spiels sie hin. Ihr Gesicht
drückt die echte, leidenschaftliche Spielerlust aus. Dies verschönt ihr
Gesicht gewissermaßen. Übrigens ist sie die Herrin, und mir steht es in
keinerlei Weise zu, an ihr etwas auszusetzen. Sie ist wie ein aufpassendes
Kind dieser Unterhaltung gegenüber. Aber die dritte, dieses Männerfräulein
da, behüte, ist das eine! Die verdreht die Augen, während sie setzt und
spielt, denkt gewiß Wunder was für fremde Dinge und hält sich unbedingt
für die Schönste, Beste und Gescheiteste. Nicht auf zwei Meter Entfernung,
in Gedanken, möchte man der einen Kuß geben. Ein verdorbenes Mädchen.
Sieh da, was für eine spitzige Nase sie hat. Da erfröre einer bei der
kleinsten Berührung. Und in wie falschen Tonarten sie redet, lacht, sich
beklagt und aufschreit. Ich halte sie für eine schlechte, teuflische Person,
neben ihr aber meine Frau da für einen Engel.«

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Er würde weiter so räsoniert haben, wenn nicht Frau Tobler plötzlich
auf den Gedanken gekommen wäre, den sie auch sogleich aussprach,
»heute abend einmal auf dem See Gondel zu fahren.« Es sei so schön heute
abend, und das bißchen Geld, was es koste, das sei doch gar nicht groß der
Rede wert. Da das Kartenspiel eben beendet worden war, so hatte niemand
etwas wider den Plan einzuwenden, nicht einmal Tobler selber, der
brummend beistimmte. Joseph wurde, als ein richtiger Mann für alles, ins
Dorf geschickt, um mit einem dreisitzigen, breiten Boot längs des Ufers,
ohne sich irgendwie aufhalten zu lassen, denn es müsse jetzt, da es beginne,
Nacht zu werden, flink geschehen, in die Nähe der Villa zu fahren. Unten in
einer Art Hafen würde man dann einsteigen. Der Angestellte hatte sich
schon auf den Weg gemacht. Tobler seinerseits verschmähte es, die Partie
mitzumachen. Ebenso konnte man die alte Fabrikdame nicht mitnehmen,
dagegen beschloß Frau Tobler, die Kinder mitzunehmen. Das Fräulein
erklärte sich bereit, nicht nur mitfahren, sondern sogar tüchtig mitrudern zu
wollen, worauf die Hausfrau sich für die Lustfahrt in Bereitschaft setzen
ging.
Man wartete schon an der Landungsstelle unterhalb der Villa Tobler auf
den breiten Steinplatten eines alten, außer Gebrauch gestellten Dammes, als
endlich das Schiff, von Joseph gerudert, anlangte. Alle begannen
einzusteigen, Frau Tobler zuerst, damit man ihr die Kleinen, eins ums
andere, reichen konnte. Die beiden Knaben gebärdeten sich sehr
unmanierlich, man machte sie auf die Gefahr ihres wilden, unachtsamen
Wesens aufmerksam, worauf sie sich stiller verhielten. Die Mädchen waren
ganz ruhig, sie hielten sich mit ihren kleinen Händen fest an den Rändern
des Bootes. Zuletzt stieg Joseph ein, indem er bis zuletzt das Fahrzeug an
einer rasselnden Kette strammgehalten hatte. Und dann ging es auf einmal
los, Joseph ruderte, er verstand es ganz gut, aber es ging langsam vorwärts,
doch verlangte niemand, daß es schneller vorwärtsgehen sollte. Wie kühl
auf einmal die Welt wurde. Frau Tobler sah auf die Kinder, ermahnte sie,
artig zu sein, sich in keiner Weise heftig zu bewegen, da sonst ein großes
Unglück geschähe und sie alle zusammen ohne Erbarmen ertrinken müßten.
Alle vier Kinder horchten auf diese seltsamen Worte, hielten sich still, auch
die Knaben, denn es war ihnen jetzt, so mitten draußen in der Nacht und
mitten im murmelnden Wasser, in diesem leise dahingleitenden Boot doch
etwas ängstlich zumute. Frau Tobler sagte leise, wie schön es sei, hier, und
welch guten Gedanken sie, wie es ihr scheine, gehabt habe, solches

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vorzuschlagen. Da genieße man doch einmal wieder etwas, und ihr Mann
würde besser getan haben, mitzukommen. Aber, setzte sie hinzu, für so
etwas habe er keinen Sinn. – Wie kühl, wie schön!
Einen gewissen Abstand vom Nachen beschreibend schwamm im
dunkelglitzernden Wasser Leo, der große Hund, nach. Man rief ihn.
Namentlich riefen ihm die Kinder Koseworte zu. Neben Frau Tobler lag
deren seidenes Schirmchen. Ein befederter Hut schmückte ihren länglich
geschnittenen Kopf. Ihre Hände und Arme waren von langen, weißen
Handschuhen umschlossen. Das Fräulein schwatzte in einem fort. Aber
Frau Tobler, die sonst dergleichen auch nicht gerade verachtete, gab nur
zerstreute und einsilbige Antworten. Etwas wie eine schöne, glückliche
Naturträumerei schien ihr die gewöhnlichen Tagesdinge und deren
umfangreiches Gerede unwichtig und unwert gemacht zu haben. Ihre
großen Augen leuchteten ruhig und schön mit dem Gleiten des Schiffes
dahin. Ob Joseph nicht müde werde vom Rudern, fragte sie. O nein, was sie
denke, antwortete er. Das Fräulein wollte sich in die Ruderbank setzen,
Frau Tobler aber gab es nicht zu, da das Boot sonst in zu starke Bewegung
gerate. Es brauche ja gar nicht so rasch zu gehen, je langsamer gerudert
werde, um so länger dauere die ohnehin kurze Fahrt, und das sei ihr lieb,
denn das sei schön.
Diese Frau kommt aus echt bourgeoisen Kreisen her. Sie ist in der
Nützlichkeit und Reinlichkeit aufgewachsen, in Gegenden, wo die
Brauchbarkeit und die Besonnenheit als das Höchste gelten. Sie hat wenig
romantische Genüsse in ihrem Leben gehabt, aber eben deshalb liebt sie sie,
denn sie schätzt sie in der Tiefe ihrer Seele. Was man vor dem Mann und
der Welt sorgsam verbergen muß, weil man keine »überspannte Gans« sein
will, ist deswegen nicht tot, sondern lebt sein eigentümliches Leben in der
Enge und Stille weiter. Eines Tages kommt eine kleine mit großen Augen
grüßende und bittende Gelegenheit, und da darf dann das Halbvergessene
einmal erwärmen und lebendig werden, aber das wiederum nur für kurze
Zeit. Wer mit seiner Genußfreude und Gier vor die Öffentlichkeit treten
darf, wem solches die Lebensverhältnisse leicht und gefällig erlauben, der
stumpft in der Seele und im Herzen nur zu bald, alles, was darin gebrannt
hat, auslöschend, ab. Nein, diese Frau hat keinerlei Farbensinn oder
dergleichen, sie versteht nichts von den Gesetzen der Schönheit, aber
gerade deshalb fühlt sie, was schön ist. Sie hat nie Zeit gehabt, ein Buch

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voller hoher Gedanken zu lesen, ja, sie hat noch kein einziges Mal auch nur
daran gedacht, was hoch und was niedrig sei, aber der hohe Gedanke selber
besucht sie jetzt, und das tiefere Gefühl selber, angezogen von ihrer
Unwissenheit, netzt ihr mit dem nassen Flügel das Bewußtsein.
Ja kühl war's und dunkel um das langsam fahrende Schiff herum. Der
See war ganz ruhig. Das Stille und Ruhige verband sich mit dem
menschlichen Empfinden und mit der undurchdringlichen Schwärze der
Nacht. Vom Ufer her blitzten die zerstreuten Lichter und kamen ein paar
Geräusche her, darunter eine helltönende Männerstimme, und jetzt hörte
man vom jenseitigen Strand her eine warme Handharfe ertönen. Die Töne
dieser Musik schlangen sich wie etwas Blumenartiges oder Efeuartiges um
den dunklen, duftenden Leib der Seesommernachtstille. Alles schien eine
sonderbare Genugtuung, Befriedigung und Bedeutung bekommen zu haben.
Das Tiefe setzte sich an das unergründlich Nasse an. Die Frau hielt ihre
Hand leicht in das Wasser, sie sagte etwas, aber sie schien es in das Wasser
hinabgesprochen zu haben. Wie das trug, das schöne, tiefe Wasser. Einmal
fuhr ein anderes Boot, von einem einzelnen Mann besetzt, an dem
Toblerschen hart vorbei. Frau Tobler stieß einen leisen Überraschungs-, ja
beinahe Schreckensschrei aus. Niemand hatte das Schiff kommen sehen, es
schien sich plötzlich in ihre Nähe geworfen zu haben, aus weiter
unbekannter Ferne her, oder aus der Tiefe heraus. Der Himmel war über
und über mit Sternen bedeckt. Wie das hob und trug und umdrehte. Die
Frau sagte, sie fröstele jetzt beinahe ein wenig, und sie warf sich ein Tuch,
das sie mitgenommen hatte, über die Achsel. Joseph schien es, indem er sie
anschaute, als lächle sie da so im Dunkel, genau würde er es nicht haben
unterscheiden können. Wo ist unser Leo, fragte sie. Dort, dort. Er schwimmt
nach, rief Walter, der Knabe.
Steige, hebe dich, Tiefe! Ja, sie steigt aus der Wasserfläche singend
empor und macht einen neuen, großen See aus dem Raum zwischen
Himmel und See. Sie hat keine Gestalt, und dafür, was sie darstellt, gibt es
kein Auge. Auch singt sie, aber in Tönen, die kein Ohr zu hören vermag. Sie
streckt ihre feuchten, langen Hände aus, aber es gibt keine Hand, die ihr die
Hand zu reichen vermöchte. Zu beiden Seiten des nächtlichen Schiffes
sträubt sie sich hoch empor, aber kein irgendwie vorhandenes Wissen weiß
das. Kein Auge sieht in das Auge der Tiefe. Das Wasser verliert sich, der

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gläserne Abgrund tut sich auf, und das Schiff scheint jetzt unter dem Wasser
ruhig und musizierend und sicher fortzuschwimmen. –
Es muß zugegeben werden, daß Joseph sich ein wenig zu sehr seinen
Einbildungen überlassen hatte. Er merkte kaum, daß die Fahrt zu Ende war,
als man auch schon ans Land anstieß, das heißt an einen dicken Pfahl, der
in der Nähe des Aussteigedammes aus dem Wasser ragte. Tobler, der dicht
daneben stand, rief seinem Untergebenen zu, er könne auch besser
aufpassen. Es nehme ihn wirklich Wunder, in welchen Landesteilen Joseph
rudern und steuern gelernt habe. Aber es war durchaus kein Unheil
entstanden, alle stiegen wohlbehalten aus. Den Rest der Nacht verbrachte
man in einem hübschen, menschenbesetzten Biergarten, wo Tobler
Bekannte antraf, einen Eisenbahnwagenkontrolleur mit seiner Frau, mit
denen er sich in großzügigen Gesprächen zu schaffen machte. Die kleine,
lustige Beamtenfrau erzählte von ihren Hühnern und Eiern und von dem
schwungvollen Handel mit diesen beiden ergiebigen Artikeln. Man lachte
viel. Joseph wurde von Tobler in seiner Eigenschaft als »mein Angestellter«
den Leuten vorgestellt. Ein junges, französisches Mädchen, eine
Warenhausverkäuferin, trippelte an der Gesellschaft vorüber. »Une jolie
petite française,« sagte die Kontrolleursfrau, offenkundig voller Vergnügen,
ein paar französische Worte aus dem Gedächtnis frei hersagen zu dürfen.
Das ist immer so in deutschen Landen, daß die Leute sich freuen, zeigen zu
können, daß sie Französisch verstehen.
»Meine Herrin,« dachte Joseph, »versteht kein Wort Französisch. Die
Arme!«
Später ging man gemeinschaftlich nach Hause.

Als Joseph in seinem Zimmer angelangt war und eine Kerze angezündet
hatte, hielt er, anstatt sich sogleich ins Bett zu legen, halbausgezogen, und
am Fenster stehend, folgendes Selbstgespräch: »Was leiste ich eigentlich?
Ich kann mich da, wenn ich will, sogleich ungestört zu Bett legen, um in
einen sehr wahrscheinlich gesunden und tiefen Schlaf zu versinken. Ich
bekomme in Biergärten Bier zu trinken. Ich kann mit Frau und Kindern
Gondel fahren, ich habe zu essen. Die Luft hier oben ist eine
ausgezeichnete, und was die Behandlung betrifft, so wäre ich ein Lügner,

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wenn ich sie tadelte. Licht und Luft und Gesundheit. Aber was gebe nun ich
dafür? Ist das etwas Reelles und Gewichtiges, was ich zu bieten vermag?
Bin ich klug und gebe ich das Maß meiner Klugheit auch wirklich voll her?
Was sind das für Dienste, die ich bis zum heutigen Tage Herrn Tobler
bereits geleistet habe? Alles was recht und gut ist, aber ich bin felsenfest
davon überzeugt, daß mein Herr und Meister noch wenig Nutzen durch
mich davongetragen hat. Sollten mir der Schneid, die Initiative, die
Begeisterungsfähigkeit fehlen? Das ist möglich, denn in der Tat, ich bin mit
einer merkwürdig umfangreichen Portion Ruhe ausstaffiert zur Welt
gekommen. Aber schadet denn das etwas? Freilich schadet es, denn die
Unternehmungen Toblers verlangen leidenschaftliche Anteilnahme, und die
Ruhe der Seele ähnelt bisweilen der trockenen Gleichgültigkeit. Das
Schicksal der Reklame-Uhr zum Beispiel, hat es mich wirklich auch an
allen Fasern meines Ichs angepackt? Bin ich davon erfüllt? Ich muß
gestehen, ich denke nur allzu oft an ganz andere Dinge. Das aber, mein
bester Herr Gehülfe, ist Verrat. Tauche jetzt endlich mal stramm unter in die
Angelegenheiten Fremder, du ißt ja auch Fremder ihr Brot, gehst mit
Fremder ihren Frauen und Kindern auf dem See schiffahren, liegst in
Fremder Kissen und Betten und trinkst Fremder Rotwein aus. Kopf hoch
jetzt, und vor allen Dingen den Kopf sauber gehalten. Ich meine, wir sind
hier bei Toblers nicht deshalb, daß wir es nur schön haben. Es ist eine Ehre,
es sich auch ein bißchen sauer zu machen. Hopp!«
Joseph hatte sich inzwischen ausgezogen, er löschte die Kerze und warf
sich ins Bett. Aber noch eine ganze Weile plagten ihn die Vorwürfe »seiner
Kopflosigkeit«.
Im Traum sah er sich mit einem Mal in die Wohnstube der Frau Wirsich
versetzt. Er wußte, wo er war und wußte es doch nicht recht, es war
ziemlich hell in der Stube, aber sie erschien ihm ganz voll Seewasser.
Waren die Wirsichs Fische geworden? Verwunderlicherweise rauchte er
eine Pfeife, es war Toblers Pfeife, diejenige, aus der er mit Vorliebe zu
rauchen pflegte. Auch Tobler selber schien ganz in der Nähe zu sein, man
hörte seine metallene Männerstimme, die reine Vorgesetztenstimme. Diese
Stimme schien das Wohnzimmer umrahmt oder umarmt zu haben. Da ging
die Türe auf und Wirsich erschien, noch blasser im Gesicht als sonst, und
setzte sich in einen Winkel des Zimmers, das fortwährend zitterte unter der
starken Umschlossenheit jener Stimme. Jawohl, die Wohnstube zitterte, sie

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hatte Angst, auch die Fensterscheiben zitterten. Und wie hell es dazu immer
war. Es war aber kein Taglicht, auch kein Mondlicht, sondern ein
wässeriges, gläsernes Licht. Nun ja, man befand sich eben unter Wasser.
Frau Wirsich war mit einer weiblichen Handarbeit beschäftigt, aber
plötzlich zerfloß ihr die ganze Arbeit in etwas Glitzernd-Schneidendes, und
Joseph sagte dazu: »sieh da, Tränen!« Warum er das wohl gesagt hatte? In
diesem Augenblick donnerte und krachte Toblers Stimme wie ein
Ungewitter um die Wohnung der Armut herum. Aber die alte Frau lächelte
nur dazu, und wie man das Lächeln näher betrachtete, war es der Hund Leo,
noch ganz naß von der eben unternommenen Schwimmpartie. Die
furchtbare Stimme ging langsam in ein Säuseln über, wie Blätter im heißen,
leisen Sommermittagswinde etwa zu lispeln und zu säuseln pflegen. Da
erschien Frau Tobler in tiefschwarzem Seidenkleide, warum sie das trug,
konnte man nicht erraten. Sie trat auf Frau Wirsich mit vornehmer
Wohltäterinnengebärde langsam zu, aber plötzlich schienen ihre Gefühle
eine andere Richtung angenommen zu haben, denn sie fiel der Frau um den
Hals und küßte sie. Toblers Stimme brummte dazu etwas, was, das konnte
man nicht verstehen. Wahrscheinlich, dachte Joseph, findet er die
Herzensüberwallung seiner Frau ziemlich überflüssig. Da verwandelte sich
auf einmal die Wirsichsche Wohnung in den Laden jenes häßlich frisierten
und geschminkten Zigarrenweibes, bei dem Joseph früher täglich auf einem
Stuhl gesessen hatte, um Geschichten aus ihrem Mund anzuhören. Auch
jetzt erzählte sie eine Geschichte, eine lange und eintönige und traurige, und
merkwürdig, trotzdem sie lang war, dauerte ihre Erzählung kaum einen
Moment. Träume ich das nur, oder erlebe ich's wirklich, dachte Joseph, und
was hat ein Zigarrenweib mit einer Frau Wirsich zu schaffen? Da drang ein
köstlich gebautes und geschweiftes, goldenes Boot in den Laden hinein, das
Weib stieg ein, und fort ging es mit ihr, weit fort, bis sie sich in einem
schwarzen, grellen, scharfen Luftraum verlor, aber ein Pünktchen von ihr
blieb in der hohen Luft hängen. Wieder machte der Traum einen Sprung
und zwar ins Toblersche Kontor hinunter, dort sah sich Joseph im bloßen
Hemd schreibend an seinem Schreibtisch sitzen, und alles schaute ihn
fragend an, durchdringend und fragend. Was das alles war, was ihn
beobachtete, konnte er nicht genau sehen, aber es war eben alles, es war
scheinbar die ganze, lebendige Welt. Überall waren Augen, die sich boshaft
an seiner sonderbaren Blöße erfreuten. Das Bureau war ganz grün vor
Schadenfreude, stechend grün. Da suchte er sich zu erheben, um von

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diesem Punkte der Scham fortzukommen, aber er blieb fest daran kleben, es
war ihm entsetzlich zumut und er erwachte. –
Er empfand einen brennenden Durst, stand auf und trank ein Glas
Wasser. Darauf trat er ans Fenster, atmete und horchte hinaus, es war alles
ganz still, das weißliche Mondlicht umzauberte und umflüsterte die
Gegend. Und so warm war es. Die kleinen, alten Arbeiterhäuser dicht
unterhalb des Hügels schienen in ihrer Form zu schlafen. Kein einziges
kleines Menschen- und Lampenlicht mehr! Die Seefläche war von Dunst
umwoben, man sah sie nicht. Der zaghafte Schrei eines Vogels unterbrach
kurz die Stille der Nacht. Solch ein Mondlicht, wie das noch den Schlaf
versinnbildlichen konnte. Das war eine Stille, das. Joseph erinnerte sich
nicht, je so etwas gesehen zu haben. Er wäre beinahe am offenen Fenster
selber eingeschlafen.
Am Morgen verspätete er sich.
Das liebe er nicht, meinte Tobler grollend.
Joseph hatte die Unverschämtheit, zu sagen, es werde ja doch wohl auf
ein paar Minuten nicht ankommen. Da aber kam er schön an. Erstens
bekam er ein böses Gesicht anzuschauen, zweitens wurde ihm folgendes
gesagt:
»Sie haben pünktlich bei der Arbeit zu erscheinen. Mein Haus und mein
Geschäft sind kein Hühnerstall. Schaffen Sie sich einen Wecker an, wenn
Sie nicht erwachen können. Übrigens, wollen Sie oder wollen Sie nicht?
Wenn Sie den guten Willen nicht haben, so sagen Sie's, dann machen wir
kurzen Prozeß mit Ihnen. In der Stadt gibt es genug Leute, die froh über
eine solche Stelle sind. Man kann nur den Zug nehmen und hinfahren. Man
kann sie heutzutage ja auf der Straße auflesen. Von Ihnen aber erwarte ich
Pünktlichkeit, verstanden, sonst – ich will das jetzt nicht mehr
aussprechen.«
Joseph schwieg wohlüberdachtermaßen.
Eine halbe Stunde später war Herr Tobler der gütigste Herr und
freundlichste Mann seinem Gehülfen gegenüber. Er hätte ihn beinahe aus
überlaufender Gutherzigkeit geduzt, er sagte Marti zu ihm. Bis jetzt hatte er
immer Herr Marti gesagt.

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Der Grund dieser Freundlichkeit war eigentlich ein außenstehender, er
war in der Idee der Vaterlandsliebe zu suchen. Der folgende Tag war
nämlich der 1. August, und an diesem Tage feierte man allgemein im Land
das alljährlich wiederkehrende Jubelfest zur Erinnerung an eine
hochherzige und wackere Tat der Vorfahren.
Joseph mußte ins Dorf laufen, um für den morgigen Tag allerhand
Lampen, Lampions, kleine Fahnen und Flaggen, sowie Kerzen und
Brennmaterialien zu Feuerwerkzwecken einzukaufen. Außerdem hatte er so
rasch wie möglich, wunderbarerweise beim Dorfbuchbinder, der
dergleichen anzufertigen verstand, einen hölzernen, zwei Meter hohen und
breiten Rahmen zu bestellen, sowie zwei Fahnentücher, ein dunkelrotes und
ein weißes. Das Tuch würde dann über den Rahmen gespannt, und das
Ganze ergäbe das Wappen des Landes, nämlich ein großes rotes Feld mit
dem weißen Kreuz in der Mitte, alles zum Aufstellen in der kommenden
Nacht vor die Fassade der Villa Tobler. Hinter den Rahmen und das Bild
würde man brennende Lampen stellen, damit das Licht durch das Tuch
schimmere und jedermann aus der weiteren und weitesten Entfernung die
zwei Landesfarben leuchten sähe.
Nach Verlauf von anderthalb Stunden kamen alle die notwendigen
Gegenstände an. Leute stellten sich plötzlich ein, um an der Dekorierung
des Hauses zu helfen, Leute, die einfach mit einmal da waren, und so
begann man, überall an Gesimsen und Nischen, an Borden und Fenstern
und Gittern Fähnchen zu befestigen und Lampen anzubringen. Sogar in die
Büsche und festeren Gewächse des Gartens legte und hing und stellte und
klemmte man die Beleuchtungsapparate an, so daß in der ganzen
Toblerschen Besitzung keine heimlich nicht unterminierte und zum
bevorstehenden Feuerwerk vorbereitete Stelle mehr zu finden war. Wie
glücklich sah Tobler aus. Das war etwas für ihn. Für Feste und deren schöne
Inszenierung schien er wie kaum ein zweiter geschaffen zu sein. Beständig
trat er vors Haus hinaus, um da oder dort noch etwas anzuordnen oder
selber einen Draht mit der Zange zu krümmen, eine schief hängende,
elektrische Lampe gerade zu drehen oder um bloß dem Ding zuzuschauen.
Seine Reklame-Uhr schien er vergessen oder wenigstens verschoben zu
haben. Natürlich war diese ganze Veranstaltung etwas Freudiges,
Feierliches und Geheimnisvolles für die Kinder, die sich nicht genug
wundern konnten und fragen konnten und denken konnten, was das

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eigentlich nun zu bedeuten habe. Joseph hatte an diesem Tage genug für
den Festtag zu tun, so daß ihm gar keine Zeit blieb, darüber nachzusinnen,
ob die Dienste, die er Tobler leistete, wirklich auch wahre Dienste seien.
Frau Tobler schien den ganzen Tag zu lächeln, und das Wetter –.
Davon sagte Tobler, daß, wenn das so anhaltend prachtvoll schön sei,
man ruhig etwas Besonderes in Szene setzen könne. Auch brauche man bei
einer solchen Gelegenheit das bißchen Kosten nicht zu scheuen. Das sei
schließlich für das Vaterland, und traurig müsse es um den Mann und
Menschen stehen, der nicht auch ein bißchen Vaterlandsliebe im Leibe
habe. Man mache ja da absolut nicht mehr als wie anständig sei, zu
übertreiben brauche man die Sache auch nicht. Aber wer gar keinen Sinn
mehr für derartiges habe, wer nur noch die ganze Zeitlang auf seinem Beruf
und Geldschrank hocke, der sei wirklich nicht wert, ein schönes Heimatland
zu haben, der könne jeden Tag nach Amerika oder nach Australien
abdampfen, das komme solch einem doch ganz genau auf ein und dasselbe
heraus. Übrigens sei das zuletzt noch Geschmackssache. Er, Tobler, möge
es nun einmal eben gern so, und damit dürfe es gut sein.
Von Josephs Turm herab flatterte eine schöne, große Fahne. Je nachdem
der Wind wehte, machte sie mit ihrem leichten Leib einen kühnen, stolzen
Schwung, oder sie bog sich beschämt und müde zusammen, oder sie
kräuselte und schwang sich kokett um die Stange, wobei sie sich in ihren
eigenen, graziösen Bewegungen zu sonnen und zu spiegeln schien. Und
dann auf einmal wieder wehte sie hoch und breit und weit empor, einer
Siegerin und starken Beschützerin ähnlich, um allmählich von neuem
rührend und liebkosend in sich selber zusammenzusinken. Dieses
prachtvolle Blau am Himmel.
Geschäftlich vieles zu erledigen, das erschien beinahe unmöglich. Die
Post (es wunderte einen, daß sie heute überhaupt kam) brachte eine
ziemlich hohe Rechnung betreffend die kürzlich erst stattgefundene
Ausführung des kupfernen Turmdaches, desselben Daches, auf welches
man eine so schöne Fahne gesteckt hatte. Der hohe Betrag der Rechnung
prägte sich in einem Stirnrunzeln auf Toblers Gesicht aus, und zwar
deutlich, beinahe mathematisch genau, als hätte man der Stirn den genauen
Zahlenbetrag müssen ablesen können. Als Beigabe zur patriotischen Feier
war solches nicht gerade besonders erbaulich.

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»Der kann warten,« sagte der Chef, indem er die Faktura Joseph dicht
neben den aufs Pult herabgebeugten, denkenden und korrespondierenden
Kopf warf. Joseph sprach durch die Nase: natürlich! als sei er bereits
jahrelang im Geschäft tätig gewesen, als kenne er mehr als zur Genüge
schon die Verhältnisse, Gewohnheiten, Qualen, Freuden und Hoffnungen
seines Herrn. Überdies fand er es heute für passend, gutmütige Töne und
Gebärden an den Tag zu legen. Bei so schönem Wetter –
»Wie eilig es die Leute haben, wenn es gilt, Rechnungen zu
präsentieren,« bemerkte Tobler. Er war gerade mit Zeichnen beschäftigt,
und zwar mit der Skizzierung der »Tiefbohrmaschine«.
»Wenn die Reklame-Uhr nicht geht, dann geht wenigstens die
Bohrmaschine,« murmelte er zu Joseph hinüber, und von dem
Korrespondenztisch her klang zur Antwort wieder ein:
»Natürlich!«
»Im schlimmsten Fall habe ich ja noch den ›Schützenautomaten‹, der
reißt alles heraus,« redete der Skizziertisch, worauf die Abteilung für
kaufmännisches Wesen antwortete:
»Selbstverständlich!«
»Glaube ich eigentlich an das, was ich da sage?« dachte Joseph.
»Nicht zu vergessen der patentierte Krankenstuhl,« rief Tobler.
»Aha!« machte der Gehülfe.
Tobler frug Joseph, ob er nun auch wirklich schon einen einigermaßen
klaren Begriff von diesen Sachen habe.
»Ach ja,« glaubte der Schreiber erwidern zu dürfen.
Ob er den Brief an das staatliche Patentamt aufgesetzt habe?
»Nein, noch nicht.« Joseph habe heute noch keine Zeit dazu gefunden.
»So machen Sie doch, zum Kuckuck!«
Als Joseph den Brief zur Unterschrift vorlegte, ergab es sich, daß das
Schreiben falsch war, es wurde zerrissen und mußte noch einmal
geschrieben werden. Nichtsdestoweniger behagte ihm die
Nachmittagskaffeestunde ausgezeichnet. Außerdem erhielt er von seiner

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Frau Weiß aus der Stadt eine Antwort auf seine letzte Benachrichtigung. Sie
schrieb, er brauche mit Schuldenabzahlen gar nicht zu eilen, das habe gute
Zeit. Der Brief war im übrigen ziemlich hausbacken, ja sogar langweilig.
Aber hatte er denn etwas anderes erwartet? Nicht im geringsten. Er hielt
gottlob diese gute Frau nie für geistreich.
Er bemerkte heute zum ersten Mal eine vernarbte Wunde unter den
Ohren am Hals der Frau Tobler.
Woher sie das habe?
Sie erzählte ihm, es komme von einer Operation her, und sie werde sich
wahrscheinlich ein zweites Mal an derselben Stelle müssen operieren
lassen, da die Krankheit noch nicht geheilt sei. Sie klagte: da werfe man für
so eine Sache viel Geld aus, in den Rachen der allezeit kostspieligen
Arzneikunst, und von einer wirklichen Heilung sei dann doch nicht die
Rede. Ja, diese Menschen, die Ärzte und Professoren, sagte sie, nehmen für
den kleinsten, dem Auge des gewöhnlichen Sterblichen kaum bemerkbaren
Schnitt mit der Lanzette ein kleines, halbes Vermögen in Empfang, und
wofür? Dafür, daß sie irgend einen Fehler begehen, damit man nach kurzer
Zeit wieder zu ihnen laufen, und sich von neuem kurieren lassen könne.
Ob es denn schmerze?
»So! Bisweilen!« sagte die Frau.
Dann erzählte sie Joseph den Hergang der Operation. Wie man sie
aufgefordert habe, in einen großen, leeren Saal zu treten, in welchem nichts
anderes zu sehen gewesen sei als ein hohes Bett oder Gestell und vier
gleichmäßig angezogene Krankenschwestern. Diese Schwestern hätten eine
wie die andere ausgeschaut, so leer und fühllos. Ihre Gesichter seien
einander so ähnlich gewesen wie vier gleich große und gleichfarbige Steine.
Alsdann habe man ihr befohlen, und zwar in sonderbar barschem Ton, das
Gestell zu besteigen. Sie wolle nicht übertreiben, aber sie müsse schon
sagen, daß ihr entsetzlich zumute geworden sei. Nicht ein Zug, nicht ein
Fingernagel voll Freundlichkeit sei um sie herum gewesen, sondern es habe
ihr alles den Eindruck der Härte und der Herzensverlassenheit gemacht.
Nicht ein Schein einer milden Miene, nicht die Spur eines tröstenden oder
beruhigenden Wortes. Als ob ein bißchen gütiges Wesen sie hätte vergiften,
anstecken oder gar töten können. Sie meine, das heiße die Vorsicht und die

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Korrektheit denn doch gar zu weit treiben. Dann habe man sie
eingeschläfert, und von da an habe sie natürlich nichts mehr empfunden und
nichts mehr gewußt, bis es vorbei war. Und vielleicht, schloß sie ihren
Bericht, müsse ja das alles so sein. Man empfinde es nur als überflüssig
herzlos. Der wahre Arzt dürfe aber vielleicht gar kein Herz haben, wer
könne das beurteilen.
Sie seufzte und strich sich mit der Hand durch das Haar.
Der Gedanke, fuhr sie fort, sich ein zweites Mal dort – hinlegen zu
müssen, sei ihr abscheulich und peinlich. Und auch noch wegen etwas
anderem. Joseph könne das leicht erraten. Es sei ihr schwer, ihrem Mann
mit so etwas zu kommen, wo die ganze finanzielle Lage, Joseph müsse das
ja wissen, sich immer mehr zuspitze. Da sei eine Frau froh, wenn sie keine
Ursache zu außergewöhnlichen Ausgaben habe. Dieses dumme Geld; wie
schnöde doch eigentlich die beständige Sorge um so etwas sei. Nein, da
müsse sie, und sie lächelte, zuerst das neue Kleid haben, das sie sich schon
längst wünschte, ehe sie den Ärzten wieder etwas gebe. Das könne
ihretwegen noch eine Zeitlang warten.
Joseph dachte: »Der Herr will die Schlosserwerkstätten warten lassen
und die Frau die Ärzte.« –
Der 1. August!
Ein Abend, eine Nacht und ein Tag sind ohne besondere Dinge
vorübergegangen. Der Abend ist wieder da, es ist der Festabend. Schon
fängt man an, Kerzen in Brand zu stecken. Aus der Ferne dringen die
dumpfen Schläge der Böllerschüsse zu den Ohren der um das Haus
Versammelten. Tobler hat für einige Flaschen guten Weines gesorgt. Der
Mechaniker, der den »Schützenautomaten« in Arbeit hat, ist vom
Nachbardorf zu der festlichen Veranstaltung zu Toblers herübergekommen.
Auch die beiden Parketteriefrauen sind da. Man sitzt im Gartenhaus und hat
die Weine bereits angestochen. Tobler glänzt vor Festnachtfreude, schon
jetzt, und je dunkler es am Himmel und auf der Erde wird, um so feuriger
drückt sich dieser eigentümliche Glanz auf seinem rötlichen Gesicht ab.
Joseph zündet Kerzen und Lampen an, er muß sich unter jeden Busch
hinabducken, um Beleuchtungsstellen zu suchen. Vom Dorf her hört man
ein murmelndes Singen und Lärmen, als müsse dort, in der Entfernung
eines schwachen Kilometers, eine rauschende Freude herrschen. Neue

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Schüsse! Diesmal donnern sie vom andern Seeufer herüber. Tobler ruft:
»Ah, die da drüben machen auch schon Ernst!« Er ruft Joseph zu sich
heran, um ihm »etwas zu trinken«, und neue ergiebige Winke bezüglich der
elektrischen Beleuchtung des großen Wappenschildes zu geben. Der
Angestellte ist heute nacht ein Angestellter im Namen des großen, heiligen
Vaterlandes.
Wie tönte doch da die sonore Stimme des Herrn Tobler, an diesem
großen Abend. Bald flogen die knisternden und zischenden Raketen in die
Höhe, oder es platzte ein Feuerteufel. Auch ganze Glutschlangen sprangen,
von der Hand des eifrigen Gehülfen dirigiert, in die dunkle Luft hinauf,
wahrhaftig, es konnte bald einem Märchen aus Tausendundeine Nacht
gleichen. Wiederum, pum, ein Schuß aus der Ferne. Die im Dorf schossen
jetzt auch. Tobler rief: »Nun? Kommt ihr auch bald einmal? Ihr seid doch
immer die Spätesten. Das gleicht euch halt, ihr Wirtstischhocker!« – Er
lachte aus vollem Halse, ein gefülltes Glas schimmernden, hellgoldenen
Weines in der Hand schwenkend. Seine verhältnismäßig kleinen Augen
sprühten, als hätten sie Feuerwerk abgeben mögen.
Immer eine Rakete nach der andern, eine Glutgarbe und -schlange nach
der andern. Joseph glich einem heldenmütigen Kanonier in der heißen
Schlacht, so, wie er dastand. Er hatte die romantisch-edle Stellung und
Haltung eines Kämpfers angenommen, der scheinbar entschlossen war, sein
letztes bißchen Blut für die Ehre herzugeben. Das machte sich ohne eigenes
Wollen, nein, ganz von allein. In solchen Momenten glauben ja die
Menschen Wunder was zu sein, die Vorstellung von etwas Gutem und
Hohem und Eigenartigem ist von selbst da. Es bedarf nur des Weines und
des Gewehrdonners, und der Wahn des Außergewöhnlichen ist
zusammengewoben, fest genug, eine ganze, lange, ruhige, bescheidene
Nacht zu durchschwärmen. Auch Joseph war, wie sein Herr, vom
Herzensfeuer der Festnacht ergriffen worden.
»Schießt, ihr Fötzel!«
Solches rief Tobler aus, und zwar in die Dorfrichtung, und er meinte
damit jene paar Leute, die sich immer einen gewissen spöttischen Ton
herausnahmen, wenn er angefangen hatte, am Biertisch von seinen
technischen Erfindungen zu reden. Durch seinen Ausdruck und Ausruf

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zeigte er diesen »Schlappschwänzen«, wie seine abermalige, kurze
Ansprache lautete, deutlich seine Verachtung.
»Aber Karl!«
Frau Tobler mußte hell auflachen.
Berauschend schön war's, als jetzt von den fernen, unsichtbaren Bergen
herab, gleichsam im hohen Raum bodenlos schwebend, Freudenfeuer
zündeten und brannten. Auch Hornrufe, groß und wuchtig tönende, kamen
aus weiter Höhe und Ferne herabgeklungen, langsam den metallenen Atem
ausstoßend und ihn lange anhaltend. Das war schön, und alles, was Ohren
hatte, horchte. Ja, wenn die Berge selber zu tönen und zu reden anfangen,
muß wohl bald das kleine Gezische und Geknatter der hastigen Raketen
schweigen. Bergfeuer brennen still aber lang, während der Sprühregen der
Nähe emporprasselt, mit recht vielem augenblicklichen Erfolg und
Geräusch, aber auch gleich wieder ins Nichts zusammensinkt.
Mit dem Eindruck, den das große, erleuchtete Wappenschild mit der
roten und weißen Farbe machte, war Tobler ausnehmend zufrieden. Er ließ
daher noch ein paar Flaschen bringen und konnte sich mit Einschenken in
die verschiedenen Gläser gar nicht genug tun. Ei was, sprach er laut, heute
müsse eins über den Durst genommen werden.
Und so klangen denn die Gläser eifrig aneinander, der Gläserklang
vermischte sich mit dem Gelächter, das über allerhand rasch ersonnenen
und ausgeführten Torheiten erschallte. Die Wangen waren so heiß wie der
Ausdruck der Augen. Die Kinder hatte Frau Tobler natürlich schon längst in
die Betten schaffen lassen. Ein Flaschenpfropfen wurde heimlicherweise
mit roter Lackfarbe bestrichen und plötzlich der alten Dame aus der
Parkettfabrik auf die Nase gesetzt, daß er kleben blieb. Tobler lief auf
diesen Anblick hin Gefahr, sich halb krank zu lachen, er mußte sich die
Backen festhalten, da diese zu zerspritzen drohten.
Schließlich klingelte und lächelte das Fest mit dem letzten Glas Wein an
den Lippen der Teilnehmer aus. Die Lust am Späßetreiben erlahmte und
sank jeden Augenblick, hintenüber taumelnd, in Schlaf. Die Frauen standen
auf und gingen nach Hause, wogegen die Männer sich noch eine halbe
Stunde, allmählich wieder ernsthaft werdend, im Gartenhaus aufhielten.

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Das Dorf Bärensweil, die Gemeinde, in deren Bezirk sich die
Toblersche Ansiedelung befindet, liegt eine gute Dreiviertelstunde
Eisenbahnfahrt von der großen Kantonshauptstadt entfernt. Der Ort ist, wie
fast alle Dörfer in dieser Gegend, reizend gelegen und zeichnet sich durch
eine ganze Anzahl, teilweise aus der Rokokozeit herrührender, stattlicher,
herrschaftlicher oder öffentlicher Bauten aus. Auch sind viele angesehene
Fabriken hier, so Seidenfabriken, Bandwebereien, die ebenfalls schon ein
ziemliches Alter haben. Die Industrie und der Handel haben hier vor
ungefähr hundertfünfzig Jahren zum ersten Mal ihre mehr oder minder
primitiven Räder und Gurten geschwungen, und sie haben sich bis zum
heutigen Tag eines fortgesetzt guten Rufes nicht nur im Inland, sondern
auch in der übrigen, weiten Welt zu erfreuen gehabt. Die Kaufleute und
Fabrikanten sind aber nicht bloß im Gelderwerb hängen und stecken
geblieben, nein, sie haben im Laufe der Jahre und der
Geschmacksänderungen auch Geld ausgegeben, sie haben, wie man noch
heute sehen kann, mit einem Wort gesagt, zu leben gewußt. Sie ließen sich
in den verschiedenen Zeiten und Baustilen allerhand reizende, villenartige
Gebäude aufrichten, deren unaufdringliche aber graziöse Form der zufällige
Beschauer noch heute bewundern und im stillen beneiden kann. Jene
reichgewordenen Leute haben sicher ihre Schlößchen und Häuser mit
Geschmack und Gewicht zu bewohnen verstanden, derart, daß, wie man
ahnen kann, damals ein schönes, solides häusliches Leben regiert und
bestanden haben muß. Nun bauen aber die Nachkommen dieser alten
vornehmen Handelsfamilien auch heute noch in einem gemessenen Stil. Sie
verstecken ihre Häuser gern in ältere, bereits durch ein tüchtiges Wachstum
ausgezeichnete Gärten, denn ihnen ist der Sinn für die Besonderheit und
Schlichtheit durch die Übertragungen des gleichen Blutes geschenkt und
gegeben worden. Auf der andern Seite sehen wir in Bärenswil oder
Bärensweil viele armütige und elendigliche Bauwerke, und in diesen
wohnen die Arbeiter, und auch diese dem Reichtum und der zierlichen
Schönheit entgegengesetzte Seite hat schon ihre lange natürliche
Überlieferung. Das armselige Haus kann eben ganz genau so fest und so
lang und so gutbegründet weiterbestehen wie das wohlhabende und
ausgesuchte; das Elend stirbt nicht aus, so lange die Pracht und das feinere
Weltleben fortexistieren.
Ja, Bärensweil ist ein hübsches und nachdenkliches Dorf. Seine Gassen
und Straßen gleichen Gartenwegen. Sein Anblick vereinigt sowohl

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städtisches als dörfliches und ländliches Wesen und Treiben. Wenn man hier
eine stolze Frau nebst Gefolge zu Pferd daherreiten sieht, so muß man nicht
vor lauter dummer Verwunderung vor den Kopf geschlagen sein, sondern
man muß sich nur die Fabrikrohre anschauen und denken: hier wird eben
Geld verdient, und das Geld schafft bekanntlich alles. Auch Kaleschen mit
streng uniformierter Dienerschaft sind hier keine gar so sehr fabelhafte
Seltenheit. Sie brauchen nicht Gräfinnen oder Baroninnen zu gehören,
solches kann auch hie und da einer Fabrikbesitzersfrau gebühren, um so
mehr, als in diesen Gegenden der stolze Gewerbefleiß wirklich zum alten
Land- und Stadtadel zu zählen ist.
»Ein reizendes Nest,« würde ein gebildeter Fremder von Bärensweil
sagen. Herr Tobler aber sagt das seit einiger Zeit nicht mehr, ja, er schimpft
sogar auf »das Drecknest«, und zwar nur deshalb, weil einige Bärensweiler,
mit denen er am Stammtisch des »Segelschiffes« zu sitzen pflegt, an die
gesunde Basis seiner technischen Unternehmungen nicht so recht glauben
wollen.
Denen wolle er es schon zeigen. Die möchten ihre Augen eines Tages
schön aufreißen, sagt er in letzter Zeit öfters.
Aber warum ist Herr Tobler denn eigentlich hierher gezogen? Was hat
ihn veranlaßt, zum Aufenthaltsort diese Gegend zu wählen? Darüber
herrscht folgende, etwas unklare Geschichte. Tobler ist vor noch drei Jahren
ein einfacher Angestellter, Hilfsingenieur in einer großen Maschinenfabrik
gewesen. Da hat er eines Tages eine größere Summe Geldes geerbt und
dadurch den Plan genährt, sich selbständig zu machen. Ein noch
verhältnismäßig so junger und heißblütiger Mann ist in allen Dingen, so
auch in der Ausführung von heimlichen Plänen, stets etwas rasch, und das
ist ja ganz in der Ordnung. Tobler liest eines Abends, Nachts oder Tages
eine Zeitungsannonce, wonach die Villa zum Abendstern, denn so nennt sie
sich, zum Verkauf ausgeschrieben ist. Prachtvolle Seegegend, schöner,
hochherrschaftlicher Garten, gute Eisenbahnverbindungen mit der nicht
allzu weitentfernten Hauptstadt: Teufel, das sei, denkt er, etwas für ihn! Er
macht kurzen Prozeß und kauft sich das Grundstück. Er kann als freier
unabhängiger Erfinder und Geschäftsmann wohnen, wo es ihm beliebt, er
ist an keinerlei Scholle gebunden.

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Ein eigenes Heim! Dies ist der alleinige treibende Gedanke gewesen,
der Tobler nach Bärensweil geführt hat. Das Heim kann stehen, wo es will,
wenn es nur ein eigenes ist. Tobler will ein freiverfügender und -
bestimmender Herr sein, und er ist es.

Am frühen Morgen nach der Festnacht schaute sich Joseph unten im
Bureau ein wenig den »Schützenautomaten« an, der schließlich auch
studiert sein wollte. Zu diesem Zweck nahm er ein Blatt Papier zur Hand,
auf welchem die ausführliche Beschreibung dieser Maschine nebst
zeichnerischen Wegleitungen zu lesen und zu sehen war. Was war es nun
mit dieser Nummer zwei der Toblerschen Artikel? Die Nummer eins kannte
man ja bereits beinahe auswendig, da sei es, dachte Joseph bei sich, Zeit,
sich mit Neuem im Geist zu befassen. Und er wunderte sich, wie rasch es
ihm gelang, sich mit dem innern und äußern Wesen dieser Nummer zwei
vertraut zu machen.
Der Schützenautomat erwies sich als ein Ding, ähnlich den
Schokoladenautomaten, die die reisenden Menschen auf Bahnhöfen und in
allerlei öffentlichen Lokalen antreffen, nur entsprang dem
Schützenautomaten nicht eine Platte Süßigkeit, Pfefferminz oder
dergleichen, sondern ein Paket scharfer Patronen. Die Idee als solche war
also keine gerade neue, sondern nur eine verfeinerte und verschärfte, auf ein
anderes Lebensgebiet geschickt übertragene. Auch war der Toblersche
Automat bedeutend größer, er war ein dickes, hohes Gestell von einem
Meter und achtzig Höhe und dreiviertel Meter Breite. Der Leibesumfang
des Apparates war der eines vielleicht hundertjährigen Baumstammes. Am
Automaten war in ungefährer Manneshöhe ein Schlitz angebracht, zum
Hineinwerfen oder -fügen des Geldstückes oder der Münze, die für Geld
erhältlich war. Nach dem Einwurf hatte man einen Moment zu warten, dann
an einem bequem zu erfassenden Hebel zu ziehen und das nun in eine
offene Schale stürzende Paket Patronen ruhig in Empfang zu nehmen. Die
ganze Sache war praktisch und einfach. Die innere Konstruktion beruhte
auf drei sich gegenseitig bedienenden Hebeln, sowie auf einem abwärts
gleitenden Kanal zur Beförderung der Patronen, die sich in gleichmäßigen,
der staatlichen Verpackung entsprechenden Paketen in einer Art von Kamin
zu dreißigen von Stücken aufeinandergetürmt befanden; zog man nun an

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dem Hebel mit dem bequem zu erreichenden Griff, so fiel eben eines der im
Kamin befindlichen Stücke äußerst elegant heraus, und der Apparat
funktionierte weiter, das heißt er blieb still, bis ein zweiter oder ein dritter
Schütze des Weges daherkam und ihn von neuem zu der eben
beschriebenen Betätigung reizte. Aber noch mehr! Der Automat hatte den
Vorzug, mit dem Reklamewesen verbunden zu sein, indem eine kreisrunde
Öffnung am oberen Teil desselben jeweilen bei Einwurf der Münze und
Ziehen am Griff des Hebels eine schönbemalte Reklamescheibe zeigte.
Dieses Reklamewesen bestand sehr einfach aus einem Reifen
verschiedenartig gefärbten Papieres, der mit der ganzen Hebelvorrichtung
in engster und zweckentsprechendster Verbindung stand, derart, daß der
Sturz eines Patronenpäckchens jeweilen eine erneute Reklame unmittelbar
und exakt an die kreisrunde Öffnung schob, indem sich der Papierreifen
stückweis umdrehte. Der Streifen oder Reifen war in »Felder« abgeteilt, die
Besetzung und Benützung der einzelnen Felder kostete Geld, und dieses
Geld mußte die Kosten der Anfertigung des Automaten brillant
herausschlagen: »Aufzustellen ist der Schützenautomat auf Schützenwiesen
gelegentlich der zahlreich stattfindenden Schützenfeste. Was die Reklamen
betrifft, so hat man sich zur Erlangung von Bestellungen und Aufträgen
wiederum, wie bei der Reklame-Uhr, an nur erste Firmen zu wenden. Wenn
man annehmen darf, daß sämtliche Felder mit Reklamen besetzt werden,
und man darf das wohl annehmen, so verdient da Tobler (Joseph war mit
seinen Gedanken so sehr beschäftigt, daß er anfing, mit sich selbst zu
reden) wieder einen schönen Haufen Geld, denn was die Inserate
einbringen, das übersteigt bei weitem die Kosten der Fabrizierung. Bei der
Besetzung je eines Feldes in mehreren, sagen wir zehn Automaten, tritt
natürlich eine wesentliche Preisermäßigung ein.«
Der Kassenbote der Bärensweiler Sparbank trat ein.
»Natürlich ein Wechsel,« dachte Joseph. Er stand von seinem Platz auf,
nahm das Formular in die Hand, besah es von allen Seiten, schüttelte es hin
und her, prüfte es auf das Genaueste, machte ein zugleich nachdenkliches
und wichtiges Gesicht und sagte dann zu dem Boten, es sei gut, man werde
vorbeikommen.
Der Mann nahm den Wechsel wieder zu sich und ging. Joseph nahm
sogleich die Feder zur Hand, um brieflich den Aussteller des Wechsels zu
ersuchen, noch einen Monat Geduld zu haben.

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Wie leicht sich das schrieb. Auch der Bank mußte gleich telephoniert
werden. In diesen Dingen hatte man nun hoffentlich bald ein wenig
Routine. Da hatte er sich einfach hingestellt und seine Augen fest auf den
zu zahlenden Betrag gerichtet, und dann hatte er einfach den Boten ruhig, ja
sogar etwas streng angeschaut. Wie der Mann Respekt bekam! Leute, die
Geld von Tobler haben wollten, mußten in Zukunft noch ganz anders, noch
viel kräftiger, abgefertigt werden. Das war Pflicht, das gebot das Zartgefühl
Herrn Tobler gegenüber. Der Chef durfte jetzt unter keinen Umständen an
diese widerwärtigen Bagatellen erinnert werden. Der hatte gerade jetzt ganz
anderes zu tun, den konnten jetzt nur die großen Sorgen beschäftigen. Dafür
hatte ja Tobler einen Angestellten, damit dieser womöglich intelligente und
geistreiche Kerl ihm die kleinlichen Unannehmlichkeiten abnahm, sich
dicht an der Tür aufstellte, um ungerufene, steife Akzeptwechselmenschen
energisch weiterzubefördern. Nun, das tat Joseph ja auch. Aber dafür
rauchte er jetzt auch wieder einmal einen von den eben aus dem Dorf
herspedierten, neuen Zigarrenstumpen.
Er ging im Bureauraum auf und ab. Tobler war den Geschäften
nachgegangen und blieb wahrscheinlich heute den ganzen Tag von zu
Hause weg. Wenn da jetzt nur nicht etwa der Herr Johannes Fischer ankam,
das würde fatal sein.
Dieser Johannes Fischer hatte auf die Annonce »Für Kapitalisten« hin
sich schriftlich gemeldet und schrieb, er werde sehr wahrscheinlich schon in
allernächster Zeit einmal in Bärensweil zwecks Besichtigung der
betreffenden Erfindungen vorsprechen.
Welch zarte, beinahe weibliche Handschrift der Mann besaß. Dagegen
war die Schrift Toblers wie mit dem Spazierstock gesetzt. Solche schlank-
und feinschreibenden Menschen machten einen schon zum voraus große
Reichtümer ahnen. So wie dieser Mann schrieben beinahe alle Kapitalisten:
exakt und zugleich etwas nachlässig. Diese Handschrift entsprach ganz und
gar einer vornehmen und leichten Körperhaltung, einem unmerklichen
Kopfnicken, einer ruhigen, sprechenden Handbewegung. Sie war so
langstielig, diese Schrift, eine gewisse Kälte strömte sie aus, sicher war er
das Gegenteil eines heißblütigen Gesellen, der so schrieb. Diese paar Worte:
kurz und artig im Stil. Die Höflichkeit und Bündigkeit erstreckten sich
sogar auf das intime Format des blitzsauberen Briefpapieres. Auch noch
parfümiert trat dieser Herr Johannes Fischer unbekannterweise auf. Wenn er

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nur heute nicht kam. Tobler würde das lebhaft bedauern, ja, es konnte
geschehen, daß er, toll vor Ärger, ganz außer sich käme. Übrigens hatte er
den Befehl zurückgelassen, dem Herrn, wenn er anlangte, alles ordentlich
zu zeigen und auseinanderzusetzen, und ganz besonders eingeschärft hatte
er Joseph, diesen Herrn Fischer unter keinen Umständen wegziehen zu
lassen, sondern ihn so lange aufzuhalten zu suchen, bis Tobler wieder zu
Hause wäre. Womöglich ließ sich ja diesem anscheinend hocheleganten
Fremdling eine Tasse Kaffee anbieten, denn es war noch lange nicht gesagt,
daß der zu nobel für so etwas sei. Solch ein zierliches Gartenhaus, wie
Toblers eins hatten, durfte für jedermann, auch für die höchstgestellte und
erhobene Person, ein Gegenstand ruhigen Betrachtens und Genusses sein.
Dieser Herr Kapitalist mochte also immerhin nur daherzutraben kommen,
es war, glaubte Joseph, genügend gesorgt für ihn.
Aber Joseph war es doch ein wenig bange.
Wie nett es sich übrigens für ihn hier lebte, wenn der Herr Prinzipal sich
außerhalb befand. So ein Prinzipal, er mochte der netteste Mensch von der
Welt sein, blieb doch immer eine Ursache zum fortwährenden Aufpassen.
War er guter Laune, so hatte man beständig Angst, etwas könnte kommen
und die fröhliche Gebieterlaune ins gerade Gegenteil umschlagen. War er
gehässig und bissig, so hatte man die mehr wie saure Pflicht, sich selber für
einen struben Gauner zu halten, weil man sich unwillkürlich als der elende
Veranlasser der schlechten Stimmung ansah. War er gleichmütig und
gesetzt, so blieb die Aufgabe vor, diesem gleichmäßigen Wesen keinen auch
nur fadenscheinig dünnen Schaden anzutun, damit es sich ja nicht etwa mit
einem Ritzchen und Spältchen verletzt fühle. War der Herr spaßig
aufgelegt, so verwandelte man sich augenblicklich in einen Pudel, da es
doch galt, dieses lustige Tier nachzuahmen und die Witze und Zoten behend
aufzuschnappen. War er gütig, so kam man sich wie ein Elender vor, war er
grob, so fühlte man sich verpflichtet zu lächeln.
Das ganze Haus war ein anderes, wenn der Hausherr nicht da war. Die
Frau schien auch eine ganz andere zu sein, und die Kinder, namentlich die
beiden Knaben, denen sah man das Vergnügen über des strengen Vaters
Abwesenheit von weitem an. Es war etwas Ängstliches fort, wenn Tobler
weg war. Auch etwas allzu Gespanntes und Gewichtiges.

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»Bin ich eine solche duckmäuserische Angestelltenseele?« dachte
Joseph. Da kam Silvi, das ältere der kleinen Mädchen, und rief zum
Mittagessen.
Nachmittags, Joseph saß gerade beim Kaffee und plauderte mit Frau
Tobler, schritt ein Herr den Garten zum Haus hinauf.
»Gehen Sie ins Bureau, es kommt jemand,« sagte die Frau zum
Gehülfen.
Dieser lief eilig weg und konnte nur bis zur Bureau-Eingangstüre
gelangen, als ihm auch schon der Fremde entgegentrat. Ob er die Ehre habe,
Herrn Tobler selber vor sich zu haben, frug mit angenehmer Stimme der
Ankömmling. Nein, sagte Joseph etwas betreten, Herr Tobler sei leider
gerade verreist, er selber sei nur der Angestellte, aber er bitte, eintreten zu
wollen.
Der Herr sagte seinen Namen. »Ah Herr Fischer!« rief Joseph aus. Er
verneigte sich etwas zu fröhlich, etwas zu freudig vor Herrn Johannes
Fischer, und er bemerkte auch sogleich den Fehler, den er gemacht hatte.
Sie traten beide, der Kapitalist voran, in das Zeichenbureau ein, wo
derselbe sogleich nach den technischen Dingen sich zu erkundigen begann,
während er sich mit einer gewissen Überlegenheit nach allen Seiten
umschaute.
Joseph erklärte ihm die Reklame-Uhr. Er holte ein Exemplar derselben
in Natura herbei, legte sie vor die Augen des Gastes auf den Tisch zur
Besichtigung, und schickte sich zu gleicher Zeit an, dem aufmerksam alles,
was ihn umgab, beobachtenden Mann die Gewinnchancen des Werkes
auseinanderzusetzen.
Der Fremde, der mit Interesse zuzuhören schien, fragte, indem er die
Adlerflügel der Uhr betrachtete, ob man sich in der Höhe der
angenommenen Reklamegelder nicht vielleicht, wie das ja in einem solchen
Falle leicht möglich sei, ein wenig verrechne? Und ob bereits Reklame-
Aufträge eingelaufen seien?
Er nahm es ruhig mit seinen Fragen. Und ein bißchen nachdenklich
schien er geworden zu sein, was sich Joseph, vielleicht etwas früh, zu
seinen Gunsten auslegte.

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Dieser erwiderte, die Summe dürfte wohl kaum als zu hoch gegriffen
betrachtet werden, im Gegenteil, und Aufträge seien bereits in ganz
erfreulicher Anzahl da.
»Und die Uhr kostet?«
Joseph versuchte auch das dem Herrn Fischer klar zu machen, wobei er
ein ganz klein wenig, er wußte selbst nicht warum, stotterte. In der
Ungewißheit, wie er sich zu benehmen habe, wollte er sich einen
gemütlichen Stumpen anzünden, verwarf aber dieses plötzliche Gelüste als
nicht ganz schicklich. Er errötete.
»Wie ich sehe,« sprach Herr Fischer, »handelt es sich hier um ein
scheinbar ganz vortrefflich geplantes und auch, wie mir scheint, bereits
ganz gut vorbereitetes Unternehmen. Dürfte ich mir erlauben, einige kleine
Notizen zu machen?«
»Aber bitte!«
Joseph hatte eigentlich sagen wollen: bitte recht sehr. Aber Stimme und
Lippe wollten ihm den erforderlichen Dienst nicht leisten. Warum? War er
aufgeregt? Jedenfalls, das spürte er deutlich, war er schon darauf
vorbereitet, zu sagen, dem Herrn dürfte es vielleicht angenehm sein, im
Garten eine Tasse Kaffee zu trinken.
»Meine Frau wartet unten,« bemerkte leicht der andere. Er schrieb
einiges mit Bleistift in ein elegantes Notizbuch. Plötzlich war er fertig.
Joseph hatte den unfeinen Eindruck, als habe es der Kapitalist mit seinen
verständnis-erleichternden Notizen nicht ernst genommen. Er wollte den
Mund auftun, um zu sagen, er könne ja rasch hinunterspringen und die
Dame, die unten wartete, heraufholen.
Herr Fischer sagte, er bedaure, Herrn Tobler persönlich nicht
angetroffen zu haben. Dies sei schade, aber er hoffe, dieses Vergnügen
werde ihm nicht verloren gehen. Jedenfalls danke er verbindlichst für die
erhaltene, liebenswürdige Auskunft. Joseph versuchte zu reden.
»Schade,« nahm wieder der andere das Wort, »ich würde mich äußerst
wahrscheinlich gleich zu etwas Definitivem haben entschließen können.
Die Reklame-Uhr hat mir sehr gut gefallen, und ich bin der Ansicht, daß sie
sich rentieren wird. Wollen Sie die Güte haben, und Ihrem Herrn Chef eine
höfliche Empfehlung von mir ausrichten? Ich danke Ihnen.«

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»Man kann ja« – War das Joseph, der nicht besser sprechen konnte?
Herr Johannes Fischer hatte sich kurz verbeugt und war gegangen.
Sollte man ihm nachspringen? Was ist man in diesem Augenblick? Muß
Joseph sich nun vor die Stirn schlagen? Nein, es scheint, er muß nun ins
Gartenhaus gehen, zu einer gespannt und besorgt wartenden Frau, um
derselben zu sagen, wie »unverantwortlich kopflos« er sich benommen hat.
»Das ist dumm, sehr dumm,« dachte er.
Als er im Garten- oder Kaffeehaus anlangte, war Frau Tobler eben
damit beschäftigt, dem Knaben Walter eine Tracht Prügel zu verabreichen.
Sie weinte und sagte, es sei nicht schön, was sie für Unholde von Kindern
habe. Dadurch wurde es dem Angestellten recht eigentlich trübe ums Herz:
Auf der einen Seite eine weinende und erzürnte Frau, auf der andern Seite
ein ironisch winkender und grüßender Kapitalist, und im Hintergrund die
Ahnung von der Mißbilligung Toblers.
Er setzte sich an den vor zehn Minuten eilig verlassenen Platz und goß
sich noch eine Tasse Kaffee ein. Er dachte: »Warum nicht nehmen, wenn es
doch da ist? Alle Abstinenz der Welt ist jetzt doch nicht imstande, das
herankommende Ungewitter von meinem Kopf abzulenken.« –
»War das dieser Herr Fischer?« fragte die Frau. Sie hatte die Augen
getrocknet und schaute nach der Landstraße hinunter. Dort unten stand in
der Tat noch Herr Fischer. Er und die Dame schienen sich am Anblick des
Toblerschen Besitztums zu ergötzen.
»Ja,« antwortete Joseph, »ich habe versucht, ihn aufzuhalten, aber es
war unmöglich, er sagte, er müsse absolut gehen. Übrigens hat man ja für
alle Fälle seine Adresse.«
Er log! Wie einem die Schwindeleien ruhig zum Mund herauskamen.
Nein, er hatte nicht sein Möglichstes getan, zu versuchen, Herrn Fischer
aufzuhalten. Wenn er solches jetzt behauptete, so war es einfach eine
freche, frivole Lüge.
Frau Tobler sagte bekümmert, das werde ihnen beiden ihr Mann sehr
übel nehmen, sie kenne ihn genau in diesen Stücken.
Sie schwiegen beide eine Weile. Silvi, das Mädchen, saß auf einem
Gartenstein und sang in leisen, dummen Tönen. Frau Tobler befahl ihr zu

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schweigen. Wie das heiß war, sonnig, gelblich und bläulich. Der Geldmann
war jetzt nicht mehr zu sehen.
»Sie haben wohl ein wenig Angst?« sagte die Frau und lächelte.
»O wegen der Angst,« entgegnete Joseph trotzig, »das ist das wenigste.
Übrigens kann Herr Tobler mich fortjagen, wenn er will.«
Er solle nicht so sprechen, sagte sie, das sei weder klug noch recht und
müsse eigentlich ein recht schlimmes Licht auf seinen Charakter werfen.
Natürlich habe er jetzt ein wenig Angst, man könne ihm das ja ganz schön
ansehen. Aber er solle sich nur beruhigen, auffressen werde ihn »Karl«
nicht können. Es werde heute abend eben ein gelindes Donnerwetter
absetzen, auf das dürfe Joseph immerhin sich gefaßt machen.
Sie lachte hell und schön auf und fuhr fort zu sprechen.
Sie habe, sagte sie, immer recht gut den Respekt begriffen, den ihr
Mann andern Menschen einzuflößen verstehe. Für Fernerstehende habe er
beinahe etwas Furchtgebietendes, das sei so, und sie spreche jetzt ernsthaft,
und sie verstehe das ausgezeichnet. Nur sie selber habe nicht die geringste
Angst vor Tobler.
»Wirklich?« machte Joseph. Er war ruhiger geworden.
Wirklich nicht, plauderte sie weiter. Sie müsse nicht hell von Verstand
sein, wenn sie sich in dieser Beziehung einer Täuschung hingeben könne.
Sie empfinde die schrecklichsten Wutausbrüche ihres Mannes eher als ein
Lustspiel, als wie eine Tragödie, sie müsse jedesmal, sie wisse selbst nicht
ganz recht warum, laut lachen, wenn er ihr grob begegne. Ihr sei das nie
merkwürdig, sondern immer natürlich an ihr erschienen, aber sie wisse
wohl, daß es Leute gebe, die, wenn sie so etwas sehen, die Augen und den
Mund vor Verwunderung aufreißen, darüber, daß es eine anscheinend so
unselbständige Frau, wie sie eine sei, wage, das Betragen des Mannes
komisch zu finden. Komisch finden? O sie finde es manchmal gar nicht so
komisch, wenn Tobler heimkomme und an ihr alle aufgesammelten
schlechten Eindrücke, die ihm die Welt hinterlassen habe, auslasse, in
solchen Fällen habe sie nötig, Gott zu bitten, ihr die Kraft zu einem
Gelächter zu geben. Man gewöhne sich übrigens nach und nach ans
Gehudelt- und Gescholtenwerden, auch wenn man nur »eine unselbständige
Frau« sei. Auch eine solche Frau denke hin und wieder ernsthaft über die

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Dinge der Erde nach, so zum Beispiel denke sie jetzt, der Tumult, der ihnen
beiden heute abend bevorstehe, werde kein andauernder, sondern, wie es
stets mit derartigen Gewittern bestellt sei, nur ein vorübergehender sein
können.
Sie erhob sich. Sie hatte in diesem Augenblick etwas Gelassen-
Ironisches an sich.
Joseph rannte rasch in sein Turmzimmer hinauf. Er hatte das Bedürfnis,
einen Augenblick allein mit sich zu sein. Er wollte sich in aller Eile ein
wenig »zurechtdenken«, aber er fand die passenden und beruhigenden
Gedanken nicht. So trieb es ihn wieder in das Kontor hinunter, aber auch
dort wurde er dieses beschämende Gefühl des Unheimlichen nicht los. Um
es endgültig zu bewältigen, lief er schnurstracks zur Post, obgleich es noch
nicht Zeit dazu war. Das Marschieren mit den Beinen beruhigte und tröstete
ihn, und der Anblick der freundlichen, landschaftlichen Welt erinnerte ihn
an die Nichtigkeit und Bedeutungslosigkeit der Unruhe. Im Dorf trank er
ein Glas Bier, um Humor in den Ton seiner Stimme zu bekommen, er würde
eine gewisse Unempfindlichkeit heute nacht gut brauchen können, dachte
er. Wieder zu Hause angekommen, machte er sich sogleich dahinter,
vermittels eines langen Gummischlauches den Garten zu spritzen. Das
dünne Wasser beschrieb in der Abendluft einen schönen, hohen Bogen und
fiel klatschend auf die Blumen und Gräser und Bäume herab. Wenn etwas
beruhigen konnte, so war es das Spritzen, denn man empfand während
dieser Arbeit eine eigentümlich gemütliche und fest geschlossene
Zugehörigkeit zum Toblerschen Haus. Wer noch kurz vorher so viel Eifer
bewies, den Garten zu pflegen, den konnte man sicherlich nicht allzuwüst
anschimpfen.
Zum Abendessen gab es gebackene Fische. Es war doch einfach
unmöglich, kurz vorher noch gebackene Fische zu essen und dann gleich
nachher der Elendeste der Menschen zu sein. Das vertrug sich nicht recht
zusammen.
Wie schön wieder der Abend war. Konnte man an solch einem
herrlichen Abend den Unternehmungen Toblers Verluste beigebracht haben?
Die Magd setzte eine brennende Lampe ins Gartenhaus. Nein, im Licht
einer so hübschen, traulichen Lampe durfte man von Tobler erwarten, daß

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er sich den verfehlten Besuch des Herrn Fischer nicht allzu heftig zu
Herzen nähme.
Endlich begehrte Frau Tobler noch, von Joseph in der Schaukelbahn
geschaukelt zu werden. Sie setzte sich auf das Brett und er zog die Seile an,
und die Reitschule setzte sich in schwingende Bewegung. Das war so schön
anzusehen, daß der Gedanke, jetzt werde Tobler kommen und alle diese
Bilder stören, leichtsinnig abgewiesen wurde.
Gegen zehn Uhr hörten Frau Tobler und Joseph Schritte im Kies den
Garten heraufkommen, es waren »die seinen«.
Sonderbar, sowie man Schritte eines Bekannten hört, ist dieser
Näherkommende auch bereits leibhaftig da, sein wirkliches Erscheinen ist
dann nie eine Überraschung mehr, mag er dann ausschauen wie er will.
Tobler war müde und gereizt, aber das war nichts Überraschendes, denn
so pflegte er immer nach Hause zu kommen. Er setzte sich, atmete hörbar
auf, als einem wohlbeleibten Mann hatte ihm das Erklimmen des Hügels
Mühe verursacht, und verlangte seine Pfeifen. Joseph sprang wie besessen
ins Haus hinein, um sogleich das Gewünschte herbeizuholen, glücklich
darüber, seinem Vorgesetzten für eine halbe Minute wenigstens aus dem
Wege zu gehen.
Als er mit den Rauchutensilien zurückkam, hatte sich die Lage der
Dinge bereits verändert. Tobler sah schrecklich aus. Die Frau hatte ihm
rasch alles gesagt. Sie stand jetzt da, unerhört kühn, wie es Joseph erschien,
den Mann ruhig anschauend. Dieser sah aus, wie einer, der nicht fluchen
kann, weil er fühlt, daß er es zu unmäßig täte.
»Also Herr Fischer war da, wie ich höre,« sagte er, »wie haben ihm die
Dinger gefallen?«
»Sehr gut!«
»Die Reklame-Uhr?«
»Ja, die hat ihm besonders gut gefallen. Er sagte, sie scheine ihm ein
ganz ausgezeichnetes Unternehmen zu sein.«
»Haben Sie ihn auch auf den Schützenautomaten aufmerksam
gemacht?«

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»Nein.«
»Warum nicht?«
»Herr Fischer hatte so große Eile, seiner Frau wegen, die unten am
Gartentor wartete.«
»Und Sie haben sie warten lassen?«
Joseph schwieg.
»Und ich muß einen solchen Tropf von Angestellten haben,« schrie
Tobler, außerstande, die Wut und den geschäftlichen Jammer, die ihn
verzehrten, länger zurückzuhalten, »ich muß das Unglück haben, von der
eigenen Frau und einem nichtsnutzigen Gehülfen betrogen zu werden. Da
soll der Teufel Geschäfte machen.«
Er würde die Petroleumlampe mit der Faust zerschlagen haben, wenn
Frau Tobler sie nicht glücklicherweise in diesem Moment, bevor die Hand
niedersauste, etwas weiter gerückt hätte.
»Du brauchst dich gar nicht so furchtbar aufzuregen,« rief die Frau,
»und zu sagen, ich betrüge dich, das verbiete ich dir. Sonst weiß ich dann
auch noch, wo Vater und Mutter wohnen. Auch der Joseph verdient nicht,
daß er mit Ausdrücken solcher Art beschimpft werde. Schick ihn ganz fort,
wenn du dich durch ihn geschädigt glaubst, aber mach keine solche
Szenen.«
Sie hatte das als »unselbständige Frau« natürlich weinend gesprochen,
aber was sie sprach, das hatte seinen Eindruck durchaus nicht verfehlt,
Tobler war sofort ruhig geworden, das »Gewitter« war am Vorübergehen. Er
fing an, mit Joseph zu ratschlagen, was man tun könne, um sich die
Kapitalien des Herrn Johannes Fischer nicht entgehen zu lassen. Morgen
früh müsse sogleich telefoniert werden.
Im Leben gewisser Handelsleute spielt das Telephon eine große Rolle.
Die kaufmännischen Gewaltstreiche wollen in der Regel telephonisch
begonnen werden.
Schon der bloße Gedanke, daß man ja diesem Herrn Fischer morgen
früh telephonieren könne, machte beider, Toblers und Josephs, Hoffnungen
wieder aufleben. Wie war es denn möglich, daß, wenn man derartige
Hilfsmittel zur Verfügung hatte, das Geschäft zu Schanden gehen konnte?

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Und Tobler würde sich unmittelbar nach der drahtlichen Ankündigung
in den Zug setzen und nach der Residenz fahren, um diesem »entflohenen
Vogel« einen persönlichen Besuch abzustatten.
Die Stimme Toblers zitterte noch dunkel, als er schon längst wieder
heiter und vergnügt geworden war, als habe die Aufregung innerlich
weitergebrannt. Alle drei spielten noch bis in die späte Nacht hinein Karten.
Joseph müsse das Kartenspiel auch lernen, hieß es, es sei einer kein rechter
Mann, wenn er dieses Spiel nicht verstehe.
Am nächsten Morgen wurde, wie verabredet, telephoniert. Tobler warf
sich in den Eisenbahnwagen, mit welch zuversichtlicher Miene! Abends
war die Miene eine gedrückte, zornige und traurige. Das Geschäft war nicht
zustande gekommen. Statt der flüssigen Gelder gab es eine neue, bittere
Szene im nächtlichen Gartenhaus. Tobler saß da wie das verhaltene
Ungewitter selber und gefiel sich in unschönen, gotteslästerlichen
Verwünschungen. So sagte er unter anderem, seinetwegen möchte die ganze
Erde in Morast versinken, das käme jetzt alles auf ein und dasselbe heraus.
Er selber wate so wie so in nichts anderem mehr als in einer Unmasse von
Schlamm.
Als er sich sogar dazu verstieg, sich und alles, was ihn umgebe, zum
Teufel in die Hölle zu wünschen, gebot ihm Frau Tobler Mäßigung. Er aber
fuhr sie so grausam hart an, daß es sie, den Kopf voran, auf die Tischplatte
niederstreckte, worauf sie sich hoch aufrichtete und mit sanft gesetzten
Schritten davonging.
»Sie haben Ihrer Frau wehgetan,« wagte Joseph in einem Anflug von
weltmännischer Ritterlichkeit zu sagen.
»Ach was wehgetan! Da ist eine kleine Welt verletzt,« erwiderte Tobler.
Dann skizzierten sie beide zusammen eine neue Annonce für die täglich
erscheinenden Weltblätter. In dem Inserat kamen Worte vor wie:
»Glänzendes Unternehmen«, »Höchster Gewinn bei absoluter
Risikolosigkeit«. Das würde man gleich andern Tages in die
Annoncenexpedition schicken.

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Es wurde wieder Sonntag und Joseph bekam wieder fünf Mark in die
Tasche. Er genoß wieder den Vorzug, nach Belieben im Zeichenzimmer
antreten zu dürfen. Gerade das hatte entschieden etwas Poetisches. Heute
würde es wieder ein feines Essen geben, vielleicht einen Kalbsbraten, schön
gelblich und bräunlich, mit Blumenkohl aus dem Garten, und dann
vielleicht Apfelmus, das hier oben so wundervoll schmeckte. Auch die
bessere Zigarre wurde ihm verabreicht. Was doch Tobler für eine Manier
besaß, zu lachen und einen spöttisch von oben herab anzusehen, sobald es
sich darum handelte, Zigarren zu verabreichen. Gerade, als ob Joseph ein
Schlossermeister gewesen wäre, zu dem man sagt: »Da. Nehmen Sie. Sie
rauchen gewiß auch ganz gern einmal eine bessere Zigarre.« Als ob Joseph
soeben mit Gitteranstreichen oder Türschloßausbessern fertig geworden
wäre, oder als ob er soeben einen Baum gestutzt hätte. Das war die Art, wie
man einem tüchtigen Gärtner eine Zigarre gibt. War denn etwa Joseph nicht
Toblers »rechte Hand«, und durfte man glauben, man zeichnete eine solche
rechte Hand gebührend aus, indem man ihr Sonntags etwas Besseres zu
rauchen darbot?
Er blieb etwas länger im Bett heute, er öffnete die Fenster und ließ sich
im Bett von der weißlichen Morgensonne anscheinen und anblenden, was
eben auch genossen sein wollte, so gut wie verschiedenes anderes auch, wie
zum Beispiel der Gedanke an das Frühstück. Wie war heute alles sonnig
und sonntäglich. Das Sonnige und das Sonntägliche schienen von weit her
schon Brüderschaft miteinander geschlossen zu haben, und der innige
Gedanke ans ruhige Frühstück, ja, der war auch aus so etwas Sonnigem und
Sonntäglichem gewoben, das spürte man jetzt deutlich. Wie wäre es
möglich gewesen, heute etwa verdrießlich zu sein, oder gar mißgestimmt,
oder gar melancholisch. Es war etwas Geheimnisvolles in allem, in jedem
Gedanken, an den eigenen Beinen, an den Kleidern auf dem Stuhl, am
Schrank, zwischen den blendend sauber gewaschenen Gardinen, an der
Waschkommode, aber dieses Geheimnisvolle war nicht beunruhigend, im
Gegenteil, es ruhete und lächelte und friedelte einen förmlich an. Eigentlich
war man gedankenlos, und man wußte gar nicht warum, aber man schien
zwingende Ursache dazu zu haben. In und an der Gedankenlosigkeit lag so
viel Sonne, und wo Sonne war, da dachte Joseph unwillkürlich an köstlich
gedeckte Frühstückstische. Ja, mit dem einfachen Gedanken fing dieses
dumme aber beinahe süße Sonntägliche schon an.

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Er stund vom Bett auf, kleidete sich besser als sonst an und trat auf die
viereckige Plattform, die ihm zur Verfügung stand, hinaus. Von hier sah
man auf die Kronen der im Nachbarobstgarten gelegenen Bäume hinüber.
Wie ruhig und blendend sonnig hier alles aussah. Pauline, die Magd, deckte
den Morgentisch draußen an der freien Luft. Diesem Anblick konnte der
Gehülfe nicht länger widerstehen, es riß ihn hinunter zu Kaffee, Brot, Butter
und Eingemachtem.
Später ging er ins Bureau hinunter. Es war ja nicht viel zu machen da
unten, aber er setzte sich trotzdem, angezogen von einem beinahe lieblichen
Gewohnheitsgefühl, an den Schreibtisch, der wie ein Küchentisch aussah,
und korrespondierte. Ach, es war heute das reine Tändeln mit der sonst so
ernsthaften Feder. Das Wort »telephonische Unterredung« erschien ihm
ebenso sonntäglich geputzt wie das Wetter und die Welt draußen. Die
Redewendung »und gestatte ich mir« war blau wie der See zu Füßen der
Villa Tobler, und das »hochachtungsvoll« am Schluß des Schreibens schien
nach Kaffee, Sonne und Kirschenmarmelade zu duften.
Er trat zur Bureautür in den Garten hinaus. Das war ja auch sonntäglich,
daß man sich gestatten durfte, mir nichts dir nichts die Arbeit zu
unterbrechen, um rasch den Garten ein bißchen inspizieren zu gehen. Wie
das duftete, wie heiß es schon war, trotz der noch frühen Morgenstunde. Da
würde man vielleicht in einer halben Stunde baden gehen, so »genau kam es
sicher nicht darauf an«. Ja heute durfte man diese Worte Tobler ruhig ins
Gesicht hineinsagen, er würde ganz derselben Meinung wie Joseph sein.
Das »Nichtdaraufankommen«, das war schließlich der ganze Unterschied
zwischen einem Sonntag und einem Werktag. Wie der ganze Garten
verzaubert dalag, verzaubert von Hitze, Bienensummen und Blumenduften.
Heute abend würde man den Garten auch wieder einmal recht tüchtig
spritzen müssen.
Joseph kam sich wie das Ideal eines Angestellten vor, indem er das
dachte. Er trug jetzt die Glaskugel ans Freie hinaus.
Da kam ihm Tobler, mit einem wahrhaft noblen neuen Anzug bekleidet,
entgegen und erklärte ihm, daß er heute mit Frau und Kindern ausreisen
wolle. Man könne nicht immer zu Hause sitzen, und der Frau müsse man
auch einmal eine Freude gönnen. Was Joseph beträfe, so werde der

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wahrscheinlich, wie Tobler denke, nach der Stadt fahren, um seine dortigen
Freunde aufzusuchen.
»Das laß du nur einstweilen meine Sache sein, das mit den Freunden,«
gab Joseph dem Herrn im stillen als stumme Antwort zurück. Laut sagte er,
nein, er wolle heute da bleiben, es passe ihm besser so.
»Das können Sie meinetwegen halten, wie Sie wollen,« sprach Herr
Tobler. Ungefähr nach einer halben Stunde stand die kleine
Ausflugsgesellschaft, bestehend aus den beiden Ehehälften Tobler, den
beiden Knaben, dem Fräulein aus der Nachbarschaft und der kleinen Dora,
reisefertig vor dem Haus, um dem an einem ziemlich weit entfernten Ort
stattfindenden kantonalen Sängerfest einen halbtägigen Besuch abzustatten.
Frau Tobler hatte ein schwarzseidenes Kleid an und sah beinahe
imponierend darin aus. Sie empfahl Pauline Obacht über das Haus an, und
zu Joseph sagte sie in gemütlichem Ton, er möge ebenfalls ein bißchen
aufpassen auf alles, was um das Haus herum vorgehe, da er doch, wie sie
gehört habe, zu Hause bleiben wolle.
Endlich begab man sich fort unter dem Geheul des an der Kette
festgebundenen Hundes, den es bitter zu verdrießen schien, allein
zurückbleiben zu müssen. Neben Joseph kauerte die Silvi, das
Schwesterchen der Dora, am Boden. Dieses Mädchen schien sich nicht im
geringsten über die Ungerechtigkeit, die ihr widerfuhr, zu grämen. Darin,
daß allein sie von den vier Kindern dagelassen wurde, erblickte sie etwas
Alltägliches. In der Tat war sie längst an allerlei Zurücksetzungen gewöhnt,
derart, daß ihr beinahe schon alles Empfinden dafür abhanden gekommen
war.
»Viel Vergnügen zu Hause, Marti,« hatte Tobler zu Joseph noch gesagt.
»Ja viel Vergnügen! Sorgen Sie gefälligst für Ihr Vergnügen, Herr
Ingenieur Tobler,« dachte Joseph ein wenig bitter, als er es sich, mit einem
Buch in der Hand, auf dem Bett, das er halb abdeckte, oben in seinem
Lustgemach, bequem gemacht hatte:
»Da gehen sie, diese merkwürdigen Herrschaften Tobler, mitsamt dem
sauren Engel aus der Parkettfabrik, auf vergnügliche Sängerfahrten, und die
kleine Silvi lassen sie zu Hause wie ein widerwärtiges Häuflein Unrat.
Diese Silvi ist nur so ein kleines Hudelchen, für das das schöne

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Sonntagswetter zu schade ist. Die schöne Frau Tobler mag das Mädchen
nicht ausstehen, es ist ihr zu wenig schön, da muß es eben zu Hause sitzen.
Und dieser Herr Unternehmer! Vor drei Tagen noch haben ihn die Wut und
das Gefühl der Enttäuschung von links nach rechts und im Kreis herum
geschüttelt, daß es ein Jammer gewesen ist, und heute sagt er zu mir, er
wünsche mir viel Vergnügen, und ich solle in die Stadt zu Bekannten und
Freunden fahren. Er fürchtet, ich würde mit Pauline, seiner Dienstmagd,
anbandeln, das ist alles.«
Er gestand sich, daß er zu bitter sei und zwang sich zur Lektüre des
Buches. Da ihm aber dies nicht gelingen wollte, legte er das Buch beiseite,
trat an den Tisch heran, nahm seine private Feder zur Hand und einen
Streifen Papier und schrieb folgendes darauf:

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Memoiren.
Ich habe soeben gehässige Gedanken hegen wollen, aber ich
verbiete mir das. Dann habe ich lesen wollen, aber ich bin dazu
nicht imstande gewesen, der Inhalt des Buches hat mich nicht
ergriffen, da habe ich das Buch weggelegt, denn es ist mir
unmöglich zu lesen, ohne begeistert von der Lektüre zu sein. So
sitze ich nun an diesem Tisch und beschäftige mich mit der eigenen
Person, da ich niemanden auf der Welt besitze, der begehrt, von mir
irgendwelche Nachrichten zu erhalten. Wie lange habe ich nun
schon keinen warmen Brief geschrieben? Jener Brief an die Frau
Weiß gibt mir deutlich zu verstehen, wie es mich aus dem Kreis
nahestehender und teilnehmender Menschen herausgeschüttelt und -
gerüttelt hat, wie sehr mir Menschen fehlen, die aus natürlichen
Gründen ein billiges Recht haben, von mir Auskunft über mein
Wesen und Treiben zu fordern. Jener Brief ist mit einem ersonnenen
und erdichteten Gefühl geschrieben worden, er ist wahr, aber er ist
zugleich eine Erfindung gewesen, herauserfunden aus einem Geist,
der erschreckt ist, darüber, daß ihm einfachere und näherliegende
Beziehungen vollständig mangeln. Bin ich ruhig jetzt? Ja. Und ich
sage zu der mittäglichen Stille, was ich jetzt sage. Rund um mich
herrscht sonntägliche Ruhe, schade, daß ich das nicht irgend einem
Menschen von Gewicht mitteilen kann, denn das wäre ein ganz
hübscher Briefanfang. Doch jetzt will ich mein Wesen ein bißchen
beschreiben.

Joseph hielt einen Augenblick inne und fuhr dann fort zu schreiben:

Ich komme aus gutem Hause, aber ich glaube, ich habe eine
etwas zu flüchtige Erziehung genossen. Ich will mit diesen Worten
keineswegs meinen Vater oder meine Mutter anklagen, behüte Gott
im Himmel, sondern ich will nur versuchen, ob ich mir klar darüber
werden kann, was mit meiner Person eigentlich los ist und mit dem
Umkreis von Welt, der die Mühe gehabt hat, mich zu ertragen. Die

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Verhältnisse, in denen ein Kind aufwächst, erziehen dasselbe
großenteils. Die ganze Gegend und Gemeinde helfen mit, es zu
erziehen. Das elterliche Wort und die Schule sind freilich die
Hauptsache, aber was ist das für eine Art und Weise, mich hier mit
meiner eigenen, werten Person zu befassen, ich gehe lieber baden.

Der zum Tagebuchschreiben so wenig taugliche Gehülfe legte die Feder
beiseite, zerriß das Geschriebene und verließ das Zimmer.
Nach dem Bad gab es ein Mittagessen mit Pauline und Silvi. Die
ziemlich roh fühlende Magd suchte unter beständigem Gelächter, das bei
Joseph bezüglich ihres Betragens Zustimmung voraussetzte, dem Kind
Manieren beizubringen, während sie doch selber kaum solche besaß. Das
eitle und herzlose Bemühen gipfelte in dem mehrere Male wiederholten
Vormachen und Einexerzieren der Führung von Messer und Gabel, wobei
irgendwelcher Erfolg des Unterrichtes gar nicht erwartet, ja nicht einmal
gewünscht wurde, da ja sonst das Vergnügen des barschen und
belustigenden Einstudierens vorbei gewesen wäre. Das Kind saß da und
schaute mit großen, tatsächlich dummen Augen bald seine Lehrmeisterin,
bald den gleichmütig zuschauenden Joseph an und verschüttete in ziemlich
garstiger Weise ihr Essen, worüber sich Pauline in einem erneuten und
übertriebenen Entrüstungswortesturm berauschte, der für Silvi ernst, aber
für Joseph komisch wirken sollte, gleichsam, um zwei entgegengesetzte
Welt- und Lebensanschauungen mit einem Streich zu befriedigen. Silvi
benahm sich so läppisch, daß es die Dienstmagd, der seitens der Mutter des
Kindes beinahe unbeschränkte Herrschaft über das kleine Wesen zuerteilt
worden war, für passend fand oder für nötig erachtete, den Tunichtgut ohne
Umstände zu ohrfeigen und an den Haaren zu schütteln, so daß Silvi laut
aufschrie, nicht vielleicht so sehr des körperlichen Schmerzes wegen, der
übrigens gar so geringfügig auch nicht war, als wegen eines letzten
Stümpchen Stolzes, verletzten, erniedrigten Kinderstolzes, sich derart von
einer fremden Person, wie die Pauline eine war, malträtieren lassen zu
müssen. Joseph schwieg dazu. Angesichts des kindlichen Zornes und
Schmerzes spielte die Magd handkehrum die ernstlich Gekränkte und
Beleidigte; das kam daher, weil Joseph gar nicht lachen wollte, was sie ganz
unbegreiflich fand, und auch daher, weil Silvi nicht ruhig sich hatte
schlagen lassen, was sie in ihrer Gedankenlosigkeit und Roheit als

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selbstverständlich vorausgesetzt hatte. »Ich will dich schreien lehren, du
Unflat,« rief sie, oder krächzte sie vielmehr, und nahm das Kind, das von
seinem Platz weggelaufen war, und stellte es wieder auf seinen Stuhl, wobei
das Geschöpfchen hart an die Rücklehne desselben anprallte. Silvi mußte
Gabel und Messer von neuem, und zwar ordentlich, wie ihr die Lehrerin
und Erzieherin durch einen strengen und spitzen Zuruf befahl, in das
Händchen nehmen, um die wehmütige und appetitlose Mahlzeit
gezwungenermaßen zu beenden. Sie sah infolge der verweinten Augen für
Pauline noch viel dümmer und ungerader als vorher aus, und da lachte denn
das Muster aller Erziehungsmethoden der Welt laut auf. Der Anblick der
traurig essenden Silvi mußte auf ihre Lachmuskeln geradezu erschütternd
wirken. Der Humor war also wieder da. Ein schamloses Mundwerk ist nie
zu verachten, und so frug denn mit breiter Stirn, auf der sich bäuerlich-
beschränktes Erstaunen deutlich abmalte, Pauline den still dasitzenden
Joseph, ob er etwa böse sei, oder was er sonst habe, daß er gar kein Wort
rede? Die Dreistigkeit und Stiernackigkeit dieser mutwilligen Frage
machten, zu einem unerträglichen Eindruck vereint, denselben heftig
erröten. Er hätte seine Tischnachbarin tätlich angreifen müssen, wenn er es
hätte unternehmen wollen, sie von dem Gefühl, das ihn beherrschte, zu
überzeugen. So murmelte er nur etwas und stand vom Tisch auf, welches
Benehmen die Magd in dem Instinkt bestärkte, der ihr weis machte, Joseph
sei in allem ein sehr wenig verträglicher und vertraulicher Mensch, der es
sicherlich darauf müsse abgesehen haben, sie zu kränken und unwirsch zu
machen. Diese neue boshafte Empfindung bekam Silvi sogleich zu kosten,
indem ihr befohlen wurde, den Tisch abzuräumen, eine Arbeit, der sich
Pauline eigentlich selber zu unterziehen gehabt hätte. Das Kind, eifrig
bemüht, dem Befehl der Tyrannin und Unterdrückerin nachzukommen,
stellte sich jeweilen, wenn es etwas vom Tisch herunter zu nehmen hatte,
auf die Zehen der kleinen Füße, erfaßte mit beiden Händen je eine Schüssel,
einen Teller oder ein paar Bestecke und trug so Stück für Stück demütig
und sorgsam, und den Küchenwüterich stets anschauend, an den Platz
hinaus, wo die Sachen gereinigt werden mußten. Es tat dies so, als trüge es
in den Ärmchen und Händchen jedesmal eine kleine, dornige, feuchte
Krone, die von den eigenen Augen schimmernd naß geweinte Krone des
frühen und unabänderlichen Kinderleides.
Joseph ging in den Wald hinauf. Der Weg dahin war sehr hübsch und
sehr still. Natürlich war er, während er so ging, von Gedanken an die kleine,

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verhutzelte und verschuggte Silvi in Anspruch genommen. Pauline kam ihm
wie ein gefräßiger Raubvogel vor und Silvi wie die Maus, die sich unter
den Krallen des grausamen Tieres befand. Wie konnte Frau Tobler ihr zartes
Töchterchen diesem Drachen von Dienstmagd ausliefern? Aber war denn
Silvi so zart und die Magd so sehr ein Drache? Vielleicht war alles das gar
nicht so schlimm. Man würde da leicht zu Übertreibungen neigen, wollte
man von der einen Seite sofort das Teuflischste, was es in der Welt gab,
annehmen, und vom andern Teil das Lieblichste und Beste. Der »Unflat«
Silvi war ja schon ein wenig ein solcher, aber Pauline war Pauline. Joseph
erschien es undenkbar, im stillen etwas Günstiges von Pauline aussagen zu
dürfen, als höchstens etwa, daß ihr Vater ein ehrlicher Bahnwärter und
Landmann sei. Aber was hatte das Bahnwärterhaus mit dem brutalen
Vergnügen an der Kindermißhandlung zu tun? Möglich war es ja, daß der
Vater der Pauline ein halber, wütender Stier sein konnte, was wußte man
denn Genaues! Aber diese feine, beinahe aristokratische Toblerdame, diese
Mutter, diese aus echt bürgerlichen Kreisen herstammende Frau, die das
zarte Empfinden mit der Muttermilch einsog, diese Kluge, in mancher
Hinsicht sogar Schöne, was war es mit der? Was hatte die für Ursache, das
Kind zu verstoßen und zu verschuggen? Joseph freute sich an diesem
kuriosen Wort: »verschuggen«, er fand es für die Eigentümlichkeit, die es
benannte, so kennzeichnend. »Verstoßen«, das erinnerte ein wenig an die
Märchenbücher, aber »verschuggen« konnte man heute noch so gut arme,
kleine, wehrlose Kinder wie vor aberhunderten von Jahren. Solches gelang
ja sogar in einer Villa Tobler, dem Ort, wo zwei Feen sich so gern
aufhielten, nach Toblers eigener Redensart, der Anstand (es muß anständig
zugehen bei mir) und die Säuberlichkeit (potz tausend, mehr Ordnung,
haben Sie gehört). Konnten zwei so reizende Feen etwas so Unsauberes und
in der Tat Unanständiges, wie es die fortwährende Demütigung eines
kindlichen Gemütes war, in ihrem Beisein dulden, war das möglich? Wie es
schien, ja! Es war eben allerlei möglich, in dieser Welt, wenn man sich die
Mühe und Liebe nahm, auf einem Wiesenspaziergang ein bißchen darüber
nachzudenken.
Joseph begegnete fast gar keinen Leuten. Ein paar Bauern standen am
Weg. Zu beiden Seiten desselben streckten sich üppige Wiesen aus, von
hunderten von Fruchtbäumen besetzt. Es war alles so eng und zugleich so
weit und so grün. Bald langte er im Wald an, er entdeckte nach kurzer Zeit
des Umherlaufens eine kleine, enge, von einem Wasser durchzogene

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Waldschlucht und machte es sich im Moos bequem, indem er sich einfach
auf den weichen Boden hinfallen ließ. Der Bach murmelte so artig, durch
die Blätter der hohen Buchen blitzte die Sonne, so bekannt, so wohlig, und
das saftige Grün umwob die Schlucht wie mit feinen, süßen Schleiern. Hier
wäre für eine romantische Geschichte ein schöner, passender Schauplatz
gewesen. Von irgend woher aus den umliegenden Hochebenen ertönten
Schüsse, da war wohl in ziemlicher Nähe ein Schießstand. Wie still sonst!
Kein Lüftchen konnte in diese grüne, verborgene Welt hineindringen. Die
Bäume hätten vorher umfallen müssen, aber es waren hohe und alte, die
hielten einem Unwetter, ja zehn Unwettern stand, und heute sah es da
oberhalb der Schlucht nicht nach Winden und Wettern aus. Irgend ein
Ritterfräulein in Samtrock und ledernen Handschuhen, das weiße Roß an
der Leine führend, das reiche, goldene Haar ungebunden tragend, hätte jetzt
daherkommen können, Joseph würde sich nicht allzusehr über den Auftritt
gewundert haben. So sah es hier aus, ganz nach ritterlichen und
frauenhaften Begebenheiten. Aber was konnte viel Schönes und Ritterliches
in der Nähe der Villa Tobler vorkommen? Etwa gar die Pauline, oder Tobler
selber als abenteuerlustiger und ebenso gekleideter Unternehmer?
Unternehmungen, ja, die gab es in Hülle und Fülle, kein Zweifel, aber was
für welche? Was hatten technische Unternehmungen mit grünen
Waldschluchten, weißen Rössern, edlen, lieben Frauengestalten und mit
mutigen Taten zu tun? Ritten in früheren Jahrhunderten die Ritter und
Unternehmer auch auf der »Reklame-Uhr« und auf dem
»Schützenautomaten«, oder auf ähnlichen Gäulen herum? Gab es damals
auch schon »verschuggte« Kinder, Ecepecen Silvi? O ja, aber eben, man
nannte sie »Verstoßene«, und heute nannte sie da so einer, der zwischen
dem herrlichsten Grün im Moose lag, »Verschuggte«.
Er lachte. O es war so schön hier. Im Wald ist die Stille eine doppelte.
Ein weiter Ring von Bäumen und Gesträuchen bildet die erste Stille, und
die zweite, noch schönere, ist der eigene erwählte Platz. So wie der Bach
murmelte, glaubte man sich schon in lange, kühle Träumereien verstrickt,
und so wie man ins Grün hinaufschaute, befand man sich mitten in
silbernen und goldenen und guten Weltanschauungen. Die selber erdachten,
einem fernen und nahen Bekanntenkreis entnommenen Personen flüsterten
leise, sie sagten etwas, oder sie machten bloß Mienen, während die Augen
eine tief innerliche Sprache für sich redeten. Die Gefühle traten nackt und
mutig auf, und das Feinstempfundene traf ein verborgenes, sehnsuchtsvolles

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Verständnis an. Die Lippen und Gedanken, ohne der Zeiträume und
Lebensstraßen zu bedürfen, küßten sich, wenn sie sich erkannt hatten; auf
den Lippen sah man die Freude hochaufbrennen, und aus den Gedanken
heraus sang eine zu Bach, Busch und Waldstille passende, freundliche
Wehmut. Man brauchte nur zu denken, es werde bald Abend werden, und so
schienen auch schon alle bekannten und unbekannten Landschaften im
Abendlicht zu schwimmen. Der Wald über dem Kopf des Träumers hob und
senkte und wiegte sich leise und tanzte in dem hinaufgerichteten Auge, und
für das Auge war das Mittanzen keine Frage. Wie schön ist es hier, sagte
Joseph mehrmals still für sich. Plötzlich hatte er eine lebhafte Erinnerung
aus dem Kindheitleben.
Damals, in der Jugendzeit, gab es auch so eine Art Schlucht, aber
eigentlich war es mehr eine Sandsteingrube, aber eine so seltsame und
zierliche, wie er später nie wieder eine gesehen hatte. Diese rundliche
Grube befand sich am Rand eines ausgedehnten Buchen- und Tannen- und
Eichenwaldes, er und seine Geschwister entdeckten sie eines Tages auf
einem hin und herstreifenden Nachmittagsspaziergang. Es war auch an
einem Sommersonntag, vielleicht war es auch schon ein wenig gegen den
Herbst zu. Die Kinder waren vorausgesprungen, Spiele erfindend und
betreibend, hinterher kamen die Eltern. Die neuaufgefundene Grube erwies
sich als der herrlichste Spielplatz, man beschloß, dazubleiben und die Eltern
hier zu erwarten. Diese kamen an, und auch sie fanden den Ort reizend, es
gibt Naturpunkte, die einfach berücken, so dieser. Die Ränder der Grube
waren von einem wahren, kaum durchdringbaren Baumdickicht bewachsen,
so daß es eigentlich nur neugierigen Kindern aufbewahrt bleiben konnte,
den Ort ausfindig zu machen. Freilich befand sich an einer Stelle eine
breitere Öffnung zum bequemen Durchschreiten. Mutter setzte sich auf ein
Rasenbord und lehnte sich mit dem Rücken an eine Tanne an. Es gab da
mitten in der Grube eine kleine Erhöhung natürlichen Ursprunges, die, da
sie so hübsch mit jungen Bäumen besetzt war, von selbst zum Sitzen und
Liegen einlud. Wem hätte das nicht gefallen müssen? Der Ort, wie er dalag,
schien von einer sinnigen Naturschwärmerhand geschaffen worden zu sein,
aber nein, die Natur selber, so unbekümmert sie sonst ist, war hier
gleichsam so zartfühlend gewesen, indem sie die Traulichkeit und
Geschlossenheit selber erschuf. Rund um die kleine Erhöhung streckte und
rundete sich eine Spielbahn, eine Waldwiese, bewachsen von den
wunderlichsten Gräsern, Kräutern und wilden Blumen, die einen

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berauschenden, romantischen Duft verbreiteten. Von der übrigen Welt sah
man nichts als ein Stück Himmel, das die hohen Bäume am Rand der Grube
gesetzmäßig den Blicken abschnitten. Das Ganze glich einem Plätzchen in
einem weitläufigen, herrschaftlichen Garten, nicht einer zufälligen
Waldstelle. Die Eltern schauten schweigsam dem Treiben der Kinder zu, die
sich, eines das andere, die steilansteigende Sandwelle der Grube hinauf und
hinabjagten, wobei gelacht und geschrieen wurde. Diese frühen Stimmen.
Wie man nur so wild sein konnte. Die Kinder waren alle darüber erfreut,
daß es der Mutter hier gefiel, daß sie ruhig sitzen bleiben durfte, umweht
von den Annehmlichkeiten eines so hübschen Ruheplatzes. Sie kannten die
Wünsche und Bedürfnisse des Muttergemütes. Bald schien denn auch der
ganze Ort erfüllt zu sein von diesem freundlichen, gedankenvollen Gefallen
und von dem kindlichen Meinen, Glauben und Hoffen, das Richtige
getroffen zu haben. Ein sonderbarer Gemütszauber machte die lebhaften
Spiele noch um ein Bedeutendes beliebter und stürmischer. Man durfte sich
jetzt, da die Mutter zufrieden zu sein schien, schon ein wenig
Ausgelassenheit über das gewöhnliche Maß erlauben. Wie es in fast jedem
bürgerlichen Familienhaus irgend eine bedrückende Misere gibt: hier war
sie vollständig neben die Seite gestellt worden, ja, die Welt schien man
vergessen zu haben. Die Kinder schauten von Zeit zu Zeit auf die Mutter,
ob sie böse war oder nicht, nein, sie schaute gütig und im übrigen gemessen
gradaus. Das war ein gutes Zeichen, und der kleine Grashügel selbst schien
von da an Empfindung bekommen zu haben. »Sie ist gut aufgelegt,«
flüsterten den Kindern die Blätter der rauschenden Bäume zu. Wenn die
Mutter lächeln konnte, was eine so große Seltenheit war, dann lächelte
ihnen die ganze umliegende Welt zu. Mutter war schon damals krank, sie
litt an übergroßer Empfindlichkeit. Wie süß kam nun den Kindern das
ruhige Daliegen der Frau vor, an der das Unglück herumnagte. Das Unglück
schien von diesem traulichen Winkel verbannt zu sein, und so lispelte und
flüsterte denn eine Freude in jedem Grashalm der kleinen, weltentrückten
Waldwiese und ein freundlicher Glauben in jeder Tannennadel. Im Schoß
der Mutter lagen ein paar Feldblumen, und der Sonnenschirm lag neben ihr,
den Händen war irgend ein Buch entglitten. Das Gesicht, das die Kinder
fürchteten, sah so friedlich aus. Da durfte man schon toben und schreien
und Übermütigkeiten einfädeln. Jeder Zug des Gesichtes sagte: »Ja tobt nur,
es geht jetzt. Tobt euch nur aus, es macht nichts.« Und der ganze liebliche
Ort schien sich gesellig und stürmisch mit im Kreise des Spieles zu drehen.

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– »Das war eine Grube gewesen, und hier ist nur eine Waldschlucht, und
das Haus Tobler ist in der Nähe, und es ist eine unverzeihliche Sünde, zu
träumen, wenn der Mensch das dreiundzwanzigste Jahr überschritten hat.«
Joseph machte sich auf den Heimweg.

Das Haus Tobler, wie steht es da, fest und zugleich zierlich, als werde es
von lauter Anmut und Lebensgenügsamkeit bewohnt! Solch ein Haus ist
nicht leicht umzuwerfen; fleißige, geschickte Hände haben es dauerhaft
zusammengefügt, mit Mörtel, Balken und Ziegelsteinen. Ein Seewind weht
es nicht um, selbst ein Orkan nicht einmal. Was können ein paar
geschäftliche Verfehlungen solch einem Haus schaden?
Nun besteht ja allerdings ein Haus aus zwei Seiten, aus einer sichtbaren
und einer unsichtbaren, aus einem äußeren Gefüge und aus einem inneren
Halt, und der innere Bau ist vielleicht ebenso wichtig, ja, manchmal
vielleicht noch wichtiger zum Tragen und Stützen des Ganzen, wie der
äußere. Was nützt es, wenn ein Haus schmuck und gefällig steht, wenn die
Menschen, die es bewohnen, es nicht zu stützen und zu ertragen vermögen?
Da sind allerdings die geschäftlichen und ökonomischen Fehler von großer
Bedeutung.
Item, das Haus Tobler besteht noch, trotzdem Herr Johannes Fischer
seine geldspendende Hand jählings zurückgezogen hat. Gibt es nur einen
einzigen darlehnfähigen Menschen auf der Welt? Wenn so, dann mußte ja
Tobler den Mut wirklich verlieren. Wie kommt er aber dann gerade jetzt
dazu, sich im Garten eine Grotte bauen zu lassen? Es scheint halt doch, der
Mann hat noch nicht das mindeste verloren, sonst dächte er wohl kaum an
solche Bauereien.
Unten auf der Landstraße stehen öfters Menschen still, biegen den Kopf
zur Höhe und schauen sich die Villa gemächlich an, und man gewinnt,
wenn man von oben herabschaut, den Eindruck, daß diese zufälligen
Beobachter über den Anblick erfreut sind. Wer sollte auch nicht erfreut sein
beim Anschauen eines so reizend gelegenen Hauses? Schon allein der
kupferne Turm ist ja allen Interesses wert. Der Turm hat ja auch genug Geld
gekostet. Auf die Idee, daß die diesbezügliche Rechnung oben im Bureau
im Fach der unbezahlten Rechnungen liegt, wird nicht so leicht jemand, der

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in den Anblick des Hauses versunken ist, verfallen, dazu machen Haus und
Garten einen viel zu wohlhabenden Eindruck.
Der Verwalter der Bank von Bärenswil ist ja gewiß schon ein wenig
nachdenklich geworden, darüber, daß es im Hause Tobler Sitte sei, die zur
Zahlung präsentierten Wechsel unter dem Gesuch, dieselben prolongieren
zu lassen, zurückzuweisen. Aber er hütet sich, die Gedanken des
Mißtrauens und der Besorgnis, die er leise zu hegen angefangen hat, laut zu
äußern. Es kann alles nur eine vorübergehende Krisis sein, und ein
Bankverwalter ist in der Regel kein Waschweib, sondern ein mit sich selbst
strenger Mann, der weiß, was vorlaute Bemerkungen einem strebenden und
mit der Existenz ringenden Geschäftsmann für Unheil anrichten können.
Man ist ein wenig stutzig geworden, runzelt in seinem Direktionszimmer
leicht die Stirn, macht mit der Hand eine kleine Geste, aber man schweigt,
denn man dient dem Handel und dem industriellen Verkehr der
aufblühenden Ortschaft, und Herr Tobler rechnet auch dazu, obschon es,
wie es scheint, in letzter Zeit da oben auf dem Hügel zum Abendstern ein
bißchen bergab geht. Die Banken und Sparkassen haben gewöhnlich einen
feinen, zugekniffenen Mund, und solche Lippen reden erst dann, wenn die
Gewißheit der endgültigen Zahlungsunfähigkeit buchstäblich vorhanden ist.
Da kann Tobler also noch ins Fäustchen lachen und froh sein. Das
Geheimnis seiner schwierigen Lage ruht in der Sparbank von Bärenswil wie
in einem wohlverschlossenen Grabe.
Wer noch Lust hat, mit Frau und Kindern rauschende Sänger- oder
Turnerfestlichkeiten mitzumachen, der wird wohl noch im geheimen irgend
eine Kreditquelle liegen und fließen haben, die er eben nur deshalb noch
nicht auftut, weil er diese letzte aller Hülfsbewegungen bis jetzt noch nicht
nötig gehabt hat. Wer eine solche stattliche Frau hat, die, wenn sie durchs
Dorf geht, von allen Seiten fröhlich gegrüßt wird, mit dem wird es sicher
noch nicht so schlimm stehen.
Und es stand ja auch gar nicht so schlimm. Geld konnte über Nacht in
das technische Bureau hinabregnen, inseriert war worden, man brauchte
vorläufig nur Geduld zu haben, die Erfolge mußten sich ja einstellen.
Welcher reiche und unternehmende Mann konnte einer Annonce
widerstehen, die mit den Worten begann: »Glänzendes Unternehmen«? Und
wenn einer einmal so weit gekommen war und angebissen hatte, würde man
ihn schon zu halten verstehen. Man würde es nicht so machen wie mit dem

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Herrn Fischer, der ja übrigens, wenn man sich die Sache recht überlegte,
vielleicht gar nicht gesonnen gewesen war, Ernst zu machen, und der daher
eigentlich auch gar nicht verdient habe, daß man ihn so ernst nahm.
War die Reklame-Uhr etwa plötzlich ins Wasser gefallen? I woher. Im
Gegenteil, heller und schimmernder als je prangten die eleganten Flügel
ihrer Reklamefelder, und der Schützenautomat? War man nicht mit der
Herstellung eines ersten Exemplares desselben schon seit Wochen
beschäftigt? Kam nicht der tüchtigste und dienstfertigste aller Mechaniker
fast täglich in die Villa, um mit Tobler Karten zu spielen? Andere Leute
spielten auch Karten und tranken ihr Glas Wein, und prosperierten
trotzdem, warum Tobler nicht? Das war nicht einzusehen.
Dazu, um voreilig kleinmütig zu werden, war Herr Tobler nicht nach
»diesem Lumpen-Bärenswil« gekommen, das konnte er sich anderswo,
wenn es durchaus sein mußte, auch noch leisten, und zur Genüge. Nein, es
galt gerade jetzt, diesen Hechten und Heringen ein Beispiel zu geben, rund
um die neugierigen, spöttischen Nasen herum, was ein lebendiger und
arbeitsfroher Mensch und Mann zu leisten imstande war, selbst noch in dem
Augenblick, wo ihm die Bretter des eigenen Wohn- und Geschäftshauses
auseinanderzugehen drohten. Und deshalb ließ Tobler, unbekümmert um
das, was man sich im Dorf in den Wirtshäusern in die Ohren flüstern würde,
den Garten umbauen, um eine Grotte zu errichten, mochte es einen ganzen
Heuwagen voll Geld kosten.
Diese Bärenswiler mußten nicht triumphieren dürfen, das wäre noch
besser gewesen! Denen mußte man mit aller verfügbaren Gewalt die Freude
versalzen, die diese Menschen empfinden würden, wenn es so weit käme,
daß Tobler wie ein Hampelmann im Kasperletheater »abzotteln« müßte.
Nein, so weit war man noch nicht. Und zum Trotz würde Tobler
gelegentlich der Einweihung seiner Grotte, sobald sie nur einigermaßen
fertig hergestellt wäre, an die angesehensten Bürger des Dorfes, an solche,
die es mit ihm etwa noch ein bißchen aufrichtig meinten, Einladungskarten
schicken, damit sie sähen, wie fest und wie überlegen er das Leben
betrachtete und anpackte.
Wer sich für seine Familie, wie Tobler, verantwortlich fühlte, wer Frau
und vier Kinder sein eigen nannte, den stieß man noch nicht so rasch von
einem einmal erworbenen und bewohnten Platz und Punkt herunter. Da

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sollten nur ihrer ein paar herankommen, er würde sie davonjagen mit
Hieben, geblitzt und gestrahlt aus den bloßen, zornigen Augen. Und wenn
sie dann noch nicht genug hätten, die Speck- und Wurstesser, nun, so würde
es ihm eben einfallen können, den einen oder den andern von ihnen
handlich anzupacken und über den Gartenzaun hinüberzuwerfen, Umstände
würde er in einem solchen Fall nicht machen.
Aber so weit war es noch lange nicht. Noch hatte die Firma C. Tobler,
technisches Bureau, überall uneingeschränkten Kredit bei den Handwerks-
und Geschäftsleuten von Bärenswil. Tapezierer und Schreiner, Schlosser
und Zimmermann, Fleischer und Weinhändler, Buchbinder und
Buchdrucker, Gärtner und Kürschner lieferten ihre Arbeiten und Waren,
ohne sofortige Zahlung zu fordern, in vollem Vertrauen auf eine spätere,
gelegentliche Regulierung, in die Villa zum Abendstern. Von einem
Getuschel und Gezischel in den öffentlichen Lokalen des Dorfes war keine
Rede, Tobler schien sich, indem er auf seine Miteinwohner loszog, bloß auf
diesen Fall und für diese Lage zum voraus einzuüben, und das auch nur
dann, wenn ihn ein Mensch oder eine geschäftliche Sache geärgert hatten.
Noch duftet das Haus Tobler von Sauberkeit und Wohlanständigkeit
rings in die schöne Umgebung hinein, und wie! Umblitzt von der
strahlenden Sonne, erhoben von einem grünen, wundervoll zum See und
zur Ebene herablachenden Hügel, umgeben und umarmt von einem
wahrhaft herrschaftlichen Garten, steht es da, die reine bescheidene und
besonnene Freude. Nicht vergebens wird es von zufällig vorübergehenden
Spaziergängern lange angeschaut, denn es ist eine wahrhaftige Zier zum
Anschauen. Hell glänzen seine Fensterscheiben und seine weißen Gesimse,
bräunlich winkt der schöne Turm, und die Fahne, die man vom Nachtfest
her da oben hat stehen lassen, windet sich in heiter-majestätischen
Bewegungen, in Zuckungen, Windungen und flammenartigem Geröll um
die schlanke, feste Stange. Dieses Haus drückt in seiner Bauart und an
seinem Bauplatz zweierlei Gefühle aus, das der Lebendigkeit, und das der
Ruhe. Ein ganz klein wenig protzt es allerdings, es ist anders als die tief in
den lieben, alten Gärten versteckten Herrenhäuser älteren Ursprungs, aber
es ist lieblich, und wer darin wohnt und dabei denken muß, es könne sein,
daß er es unehrenhafterweise verlassen müsse, dem darf übel zumut sein, er
hat Ursache.
Aber solches zu denken, das verbietet sich Herr Tobler.

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Si-vi, Si-vi!
Wie schneidend das klingt. Und doch schneidet es nicht einmal recht.
Ein grobes, seit Jahren nicht mehr geschliffenes Küchenmesser kann ebenso
gut Sivi rufen, wie Pauline, die infolge eines Zungenfehlers das l nicht zu
artikulieren vermag. Aber zu befehlen weiß diese Magd ausgezeichnet,
wenn es die Silvi betrifft. Betrifft es Dora, dann sinkt die
Befehlshaberstimme zu einem Säuseln und Lispeln herab. Zu der Dora sagt
die Pauline immer: Do-li, denn jetzt erstreckt sich ihre schwache Zunge auf
das r im Namen Dorli, das l spricht sie aus, was verwunderlich genug ist, da
sie es bei Si-vi doch stets wegläßt. Aber Si-vi klingt eben spitz, und die
Silvi will man verwunden, man will ihr schon mit dem bloßen Zuruf
wehtun, zu diesem kleinen Mädchen spricht niemand liebevoll.
Die eigene Mutter mag das Kind nicht ausstehen, da geht es wohl mit
ganz natürlichen Dingen zu, daß alle ein wenig es verabscheuen. Dora
dagegen besteht aus Zucker, wenigstens meint man das eine Zeitlang, denn
aus allen Ecken tönt und flötet und bittet es: Dorli, liebes Dorli! heraus, daß
man glaubt, es müsse eine schneeweiße Konditorei in unmittelbarer Nähe
sein. Dora ist beinahe nicht Fleisch und Bein, sondern es sind Mandeln,
Torten und Sahne an ihr, so scheint es wenigstens, so voll ist die Luft um
das Mädchen herum von Artigkeiten, Süßigkeiten, Knixen und
Liebkosungen.
Wenn Dora krank ist, ist sie die Lieblichkeit selber. Sie liegt dann, in
Kissen gebettet, auf dem Ruhbett im Wohnzimmer, ein Spielzeug in der
Hand und ein Engelslächeln auf den Lippen. Jedermann geht hin und
schmeichelt ihr, auch Joseph tut das, er muß es beinahe tun, es zwingt ihn,
denn die Kleine ist wirklich schön. Sie ist ganz der Vater, dieselben dunklen
Augen, dieselbe Fülle des Gesichts, ein und dieselbe Nase, überhaupt ganz
Herr Tobler.
Silvi dagegen ist ein nicht recht gelungenes Abbild der Mutter, eine
zugleich verkleinerte, aber auch ziemlich mißratene Photographie
derselben. Armes Kind! Was kann sie dafür, daß man sie schlecht
photographiert hat? Sie ist dünn und doch plump. Sie scheint von
Charakter, wenn man bei einem Kind von einem solchen sprechen darf,
mißtrauisch, und in der Seele scheint sie falsch und verlogen zu sein.

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Wie ist dagegen Dorli entzückend aufrichtig im ganzen Wesen. Deshalb
hat man sie ja auch im ganzen Haus und in der Nachbarschaft so gern. Man
macht ihr Geschenke und man gehorcht ihr. Joseph trägt die Dora im Garten
herum, auf den Achseln, sie braucht nur zu sagen: tu's, und so tut er's. Sie
bittet so schön. Der Himmel selber scheint ihr auf den Lippen zu liegen,
wenn sie bittet. Weiße, kleine Wolken scheinen diesem Kinderhimmel
alsdann zu entschweben, und irgendwo, meint man, müsse jemand plötzlich
angefangen haben Harfe zu spielen. Sie bittet und befiehlt zugleich. Eine
Art unwiderstehlicher Befehl ist immer mit einer tatsächlich schönen Bitte
verbunden.
Silvi kann nicht bitten, sie ist zu schüchtern, zu verschlagen dazu, sie
getraut sich nicht recht, es zu tun, aber um bitten zu können, muß man ein
unbändiges, kräftiges Vertrauen zu sich und zu andern haben. Wenn man
den schönen Mut zu einer flehentlichen Bitte finden soll, muß eines zum
voraus von der Erfüllung derselben fest, ja felsenfest überzeugt sein, aber
Silvi ist von niemands Güte überzeugt, da man sie nur zu rasch und zu
unvorsichtig an ganz anderes gewöhnt hat. Ein verprügeltes
Hudelgeschöpfchen wie Silvi wird leicht von Tag zu Tag unliebenswürdiger
und häßlicher zum Anschauen und Ertragen, weil sich ein solch kleiner
Mensch nicht nur nicht mehr in Acht und Zucht nimmt, sondern sogar, aus
einem geheimen, schmerzlichen Trotz, den nur niemand einem
unentwickelten Kind zutraut, bemüht, durch ein immer schlechteres
Betragen den Abscheu und den Ekel der Nebenmenschen stets höher zu
reizen. Es ist überhaupt mit der Silvi ganz eigentümlich, es ist einem fast
unmöglich, sie lieb zu haben, wenn man sie sieht. Die Augen beurteilen sie
sogleich schlecht, nur das Herz, wenn man eines hat, sagt hinterher: Arme,
kleine Silvi!
Von den Knaben ist Walter der Bevorzugte, Edi, der Jüngere, der
Vernachlässigte. Aber in gewissen Familien sind Knaben höher im
allgemeinen geschätzt als Mädchen, so daß es nicht möglich ist, daß einem
weniger geliebten Knaben in einem solchen Maß alle gütige, warme
Zuneigung verloren geht, wie es beim »verschuggten« Mädchen der Fall
sein kann. Auch in der Familie Tobler ist das so: Walter und Edi sind,
zusammengerechnet, ein höherer Wert als das weibliche Doppelgebild Dora
und Silvi. Walter und Edi sind ganz verschiedene Naturen, der erste ist ein
wilder, zu Streichen aufgelegter, aber offenherziger Bursche, während Edi

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gern in den Winkeln der Wohnung kauern bleibt, ganz wie Silvi, sein
Schwesterchen, und sehr wenig spricht, ebenso wie diese. Edi macht sich
auch nie über Silvis Benehmen lustig, es herrscht zwischen den beiden ein
unausgesprochenes, aber vielleicht um so natürlicher empfundenes
Einverständnis. Ja, sie spielen sogar zusammen. Walter würde nie mit Silvi
Ernsthaftes zu tun haben. Er macht sich über sie lustig und mißhandelt sie
oft, weil man den Knaben daran gewöhnt hat, nichts dabei zu empfinden.
Von Silvi muß noch erwähnt werden, daß sie fast jede Nacht ihr
Bettchen vernäßt, trotzdem sie von Pauline regelmäßig aus dem Schlaf
geweckt wird, um auf das Nachttöpfchen gesetzt zu werden. Diesem
körperlichen Makel hat die Kleine hauptsächlich die strenge Behandlung,
welcher man sie aussetzt, zu verdanken, denn man ist allgemein des festen
Glaubens, sie sei zu faul zu erwachen und vom Bett aufzustehen. Pauline
hat Auftrag von Frau Tobler, das Kind zu hauen, wenn das Bettlaken
unsauber sei, und zwar jedesmal, und wenn Ohrfeigen nichts nützen, so
solle die Magd nur den Möbelausklopfer nehmen, dann fruchte es vielleicht
eher etwas, und Pauline gehorcht der Herrin. So hört man denn oft mitten in
der Nacht ein jämmerliches Geschrei aus dem Kinderschlafzimmer dringen,
vermischt mit den Scheltworten und laut ausgerufenen Schimpfnamen, die
Pauline der Sünderin glaubt anhängen zu müssen. Morgens muß Silvi das
Häfchen, das sie während der Nacht benutzt hat, selber nach unten tragen.
Es ist dies auch eine Verordnung der Mama, die der Ansicht ist, daß es sich
für eine Bettverunreinigerin zieme, dies mit eigenen Händen zu besorgen,
die Pauline habe auch sonst noch genug zu tun. Da sitzt dann das Hutzel-
und Hudelkind mit dem bewußten Gegenstand, den sie in kurioser Weise
neben sich hinstellt, auf einem der Treppenabsätze und scheint, wenn man
sie so betrachtet, von allen guten Schutzengeln, die sonst den Ruf haben,
sich um arme, schutzlose Kinder zu bekümmern, verlassen zu sein. Wenn
sie sich »zum Überfluß« noch widerspenstig zeigt, sperrt man sie in den
Keller, und dann ist des Geschreies und Polterns gegen die zugeschlossene
Kellertüre kein Ende, so daß sogar Nachbarn, schlichte Arbeiterleute, auf
den Jammer, der aus der Villa tönt, aufmerksam werden.
Tobler weiß von alledem wenig, er ist ja so selten zu Hause, jetzt geht er
überhaupt immer mehr auf Reisen. Er ist von Geschäftssorgen erfüllt und
kann sich der Erziehung und Überwachung seiner Kinder in nur ganz
geringem Grade widmen. So ein Mann, wie Tobler einer ist, überläßt gern

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die häuslichen Dinge seiner Frau, denn er selber reist und kämpft in Dingen
der Reklame-Uhr und des Schützenautomaten. Der Mann trägt die
Verantwortung, da müßte man hoffen dürfen, die Frau trage die Liebe und
die Mühe. Der Mann kämpft mit der Existenz, und die Frau sorgt für die
Haltung und für das friedliche Benehmen zu Hause. Inwiefern das Frau
Tobler tut, wird es sich zeigen? Vielleicht.
Wo Kinder sind, da wird es ja immer Ungerechtigkeiten geben. Die
Kinder Tobler bilden ein sehr ungleichmäßiges Viereck. An den vier Spitzen
des Quadrates stehen Walter, Dora, Silvi und Edi. Walter spreizt seine Beine
und zerreißt seinen frechen Mund zu einem gesunden Lachen. Dora saugt
am Finger und lächelt und schaut auf die sie bedienende Silvi herab, die der
Prinzessin die Schuhe binden muß. Edi schnitzt an einem Holzstück herum,
das er irgendwo im Garten aufgelesen hat, ganz in die Arbeit, die das
Taschenmesser, dessen er sich bedient, leistet, versunken. Wo ist da
Regelmäßigkeit? Wie kann man jedem kleinen Sinn und Herzen gerecht
sein? Pauline schaut zum Küchenfenster heraus. Diese Person aus den
weiteren Volksschichten hat verwunderlicherweise keinen Sinn für
Gerechtigkeit, oder sie versteht sie eben falsch. Nun verschiebt sich das
unregelmäßige Viereck, die Kinder zerstreuen sich, jedes in seine Art und
Weise hinein, in die Stunden und Tage und in die geheimen
Kinderempfindungen, und in den Weltraum rund um das Haus Tobler
herum, in die Schmerzen und Freuden hinein, in die Demütigungen und in
die kosenden Worte, in die Stube und in den täglichen Kreis, in die
Schlafnächte und in den Fortgang der kindlichen Erfahrungen. Vielleicht
üben sie sogar einen gewissen richtungbeeinflussenden Druck auf das
Steuerruder des Toblerschen Unternehmungenschiffes aus. Wer kann's
wissen. –

Im Laufe der Woche, die im übrigen ruhig verlief, waren eines Abends
zwei Leute, Herr und Frau Doktor Specker, in die Villa zum Abendstern zu
Besuch gekommen. Es war recht gemütlich gewesen, wie man sich
auszudrücken pflegt. Man holte wieder einmal ein Spiel Karten und
»jaßte«. Der »Jaß«, so hieß in der weiten und breiten Landesgegend ein
beliebtes, ja sogar national gefärbtes und angehauchtes Kartenspiel. Frau
Tobler, die es in diesem Spiel, wie bereits angedeutet worden ist, bis zu

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einer gewissen Meisterschaft gebracht hatte, unterrichtete Frau Doktor
Specker in den zahlreichen Kniffen, die dasselbe enthielt, letztere Dame
war darin noch nicht so sehr beschlagen. Es war an diesem Abend viel
gelacht und gescherzt worden. Joseph wurde das Amt eines Kellermeisters
übertragen, er hatte Wein aus dem Keller zu holen und den Inhalt der
Flaschen dann in die Gläser zu gießen, und es zeigte sich bei dieser
Gelegenheit, daß er einen gewissen Stolz besaß, der Tobler dumm vorkam,
aber als Gegengewicht einigen gesellschaftlichen Takt, so daß sich sein
Chef nicht zu genieren brauchte, ihn mit den herrschaftlichen Gästen näher
bekannt zu machen. Dies ist mein Angestellter, hatte Tobler laut gesagt, auf
welche Worte sich Joseph vor der Dame und dem Herrn aus dem Dorf
verneigte.
Was waren es denn eigentlich für Leute gewesen? Er war Arzt und dazu
ein noch blutjunger Mann, und was sie betraf, so stellte sie gar nichts
weiteres vor, als die Bestätigung in Weibesgestalt, die Frau des Arztes zu
sein, weiter gar nichts. Sie war die Frau ihres Mannes und führte sich als
solche den ganzen Abend still und schüchtern auf. So war Frau Tobler nicht
ganz, der sah man denn doch, namentlich wenn man beide Frauen
miteinander verglich, etwas Geheimes an, obschon wenig, aber an der Frau
Doktor Specker war gar nichts Geheimes. Man aß süßes Gebäck zum Wein,
und die Herren rauchten.
»Welch ein junger, glücklich aussehender Mensch, dieser Herr Arzt,«
dachte Joseph, indem er sich bemühte, so klug und so knifflig wie möglich
zu spielen. Man hatte ihn aufgefordert, mitzuhelfen. Der Arzt richtete an
den Gehülfen mehrfach Fragen, woher er sei, seit wie lange er in Bärenswil
und bei Toblers wohne, und ob es ihm hier oben gefalle usw., und Joseph
erstattete Antwort, so ausführlich, als ihm die Zurückhaltung, die Menschen
von unstetem Lebenswandel in solchen Fällen immer eigen ist, erlaubte.
Inzwischen hatte er ziemlich unklug gespielt, und es wurden ihm nun in der
Spielregel von allen vier Seiten des Tisches die glänzendsten Reden
gehalten, als würde es gegolten haben, einen verbohrten, schwerfälligen
Ketzer zu bekehren.
Gesprochen war im übrigen das Alltägliche worden, und das war ja
schließlich das »Gemütliche« gewesen.

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Noch in derselben Woche kam auch ein kleiner Zwischenfall sittlichen
und kulturellen Charakters vor, in welchem die Gestalt des Vorgängers
Wirsich eine Rolle spielte, dermaßen, daß von diesem aus dem Hause
Tobler beförderten Menschen einige Tage lang wieder die ziemlich
beständige Rede war. Die Sache war folgende:
Gleichzeitig mit Wirsich war vor einigen Wochen auch die Dienstmagd
aus der Villa Tobler hinausgejagt worden, die Vorläuferin von Pauline, ein
nach den Darstellungen der Frau Tobler robustes und schelmisch, d. h.
diebisch veranlagtes junges Weibsbild, das der Herrin, nach deren
Behauptungen, denen man wohl glauben durfte, ganze Wäschestücke und
anderes gestohlen hatte. Entlassen war sie worden wegen ihres
gierigsinnlichen Wesens und Treibens, demzufolge sie mit Wirsich in
ziemlich kecke und schamlose, geschlechtliche Beziehungen getreten war,
die der Herrschaft nicht verborgen bleiben konnten, da sie zu augenfällig
und in der Tat unanständig unterhalten wurden. Außerdem war die
betreffende Magdsperson hysterisch veranlagt, und das erschien als eine
Gefahr für die Kinder. Sie hatte sich öfters plötzlich im bloßen Hemd auf
der Treppe und in der Küche gezeigt, indem sie dann steif und fest und hoch
und teuer, und unter Tränen und Krämpfen ihres fetten Leibes, auf die
Vorwürfe, die man ihr machte, behauptete, sie habe es nicht mehr
ausgehalten in den Kleidern, und müsse sterben, und was des zynischen und
läppischen Geschwätzes mehr sein mochte. Da die Herrschaften Tobler
genau um die nächtlichen Besuche wußten, die die lüsterne Person dem
Wirsich im Turmzimmer abstattete, so fanden sie es kluger- und
billigerweise geraten, das Dienstverhältnis zu dem ungesunden und
verderblichen Mädchen aufzulösen und ihr den Abschied zu geben.
Nun kam dieser Tage ein Brief eben dieser Person, adressiert an Frau
Tobler, im Abendstern an, in welchem die ehemalige Magd in einem
unangenehm vertraulichen Ton schrieb, es seien über Frau Tobler in der
Gegend, wo sie wohne, Gerüchte verstreut worden, dahin deutend, ihre
frühere Herrin habe mit dem Untergebenen Herrn Toblers, dem Wirsich, ein
Liebesverhältnis unterhalten, woran sie, die Magd, in keinerlei Weise
glaube, da sie zum voraus überzeugt sei, daß nur lästerliche und lügenhafte
Zungen es seien, die so etwas hätten sagen können. Aber verpflichtet habe
sie sich gefühlt, der Frau, bei der sie so lange Zeit gedient hätte, von den
abscheulichen Lästerreden Mitteilung zu machen, um sie zu warnen usw.

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Dieser Brief, der natürlich weder orthographisch richtig noch auch nur
vernünftig geschrieben war, versetzte die Empfängerin in die hellste
Entrüstung, denn die darin enthaltene Anhänglichkeit eines Dienstboten an
die frühere Herrschaft war ebenso sehr erlogen, wie das Vorhandensein
eines schlimmen Gerüchtes betreffs das Betragen der Frau Tobler. Diese
zeigte den Brief Joseph, es war um die Mittagsstunde, man saß draußen im
Gartenhaus, und Herr Tobler war abwesend, und ersuchte ihn, nachdem sie
ihn das Schreiben hatte durchlesen lassen, ihr beim Aufsetzen einer
energischen Antwort, die sie der frechen Lügnerin schulde, behülflich zu
sein.
»Warum nicht? gern!« gab Joseph der erregten und ungehaltenen Frau
zur Antwort. Da er dies in ziemlich trockenem Ton gesagt hatte, weil ihn
der Eifer, mit dem sie sich in diese Wirsichsche Affäre hineinwickelte,
beinahe kränkte, so glaubte Frau Tobler, er tue ihr nicht gern den erbetenen
Gefallen und sagte, wenn er es nicht gern tue, so könne sie es ja wohl auch
noch allein zustande bringen. Zwingen wolle sie ihn durchaus nicht. Es
scheine ihm eben kein Vergnügen zu bereiten, ihr zu dienen, und höflich sei
sein Benehmen ihr gegenüber heute auch nicht gerade.
»Wieso kein Vergnügen?« entgegnete Joseph beinahe zornig, »erteilen
Sie mir einen strikten Befehl. Sagen Sie mir, wie Sie den Brief abgefaßt
haben wollen, und ich gehe ins Bureau, und in ein paar Minuten ist die
Sache erledigt. Es braucht gar kein besonderes Vergnügen dabei zu sein.«
Das war ungezogen. Frau Tobler fühlte das und wandte ihm, indem sie
ihn mit einem erstaunten Blick maß, den Rücken. Joseph kehrte
stillschweigend zu seiner Arbeit zurück.
Nach ein paar Minuten erschien auch Frau Tobler, noch ganz ereifert,
im Bureau, bat sich von dem Gehülfen eine Feder, sowie einen Briefbogen
aus, setzte sich an das Pult ihres Mannes, dachte einen Augenblick nach und
fing an zu schreiben. Da dies etwas Ungewohntes für sie war, hielt sie
mehrmals während der Übung inne, wobei sie hochaufseufzte und laut über
die Schlechtigkeit des niederen Volkes klagte. Endlich war sie fertig
geworden, und da konnte sie sich des Bedürfnisses doch nicht erwehren, die
vollendete Arbeit dem Korrespondenten zu zeigen, um dessen Meinung zu
hören. Der Brief war an die Mutter der heimtückischen Magd gerichtet und
lautete:

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Geachtete Frau!
Es ist mir ein Schreiben zugegangen von Eurer Tochter, meiner
ehemaligen Dienstmagd, und daß ich es nur gleich sage, ein
unverschämtes und nichtswürdiges Schreiben. Es werden darin,
unter dem Schein der Treue und Anhänglichkeit an die Herrschaft,
Beleidigungen der gröbsten Art gegen eine Frau ausgestoßen, die,
weil sie gütig und nachsichtig gewesen ist, nun dafür bestraft wird,
daß sie nicht hart und mitleidlos hat sein können. Wißt, geachtete
Frau, daß Eure Schande von Tochter mich, währenddem sie hier im
Dienst war, bestohlen hat, und daß ich sie dem Gericht überliefern
könnte, wenn ich wollte, aber so etwas sucht eine Frau wie ich zu
vermeiden. Ich will mich kurz fassen: Sorget, geachtete Frau, dafür,
daß dieser Nichtsnutz seinen Schnabel halte. Ich weiß, wer es ist,
und wer die Gerüchte sind, die über mich Schlechtigkeiten und
Schamlosigkeiten verbreiten. Es ist niemand anderes als dieselbe
freche Person, die sich selber bei mir im Haus der Verletzungen
guter Sitte und züchtigen Lebenswandels schuldig gemacht hat, und
zwar, wie ich beweisen kann, mit demselben Menschen, mit dem die
lügnerische Schwätzerin nun mich, ihre Herrin von ehemals, in eine
schmutzige Verbindung setzen will. Der empfangene Brief hat mich
in die höchste Aufregung versetzt, daß Ihr es wisset, Frau! Und nun
habt acht auf die Böswillige, ich rate es Euch im freundlichen und
schwesterlichen Sinne hiermit an, weil Ihr, wie ich gern annehme,
achtenswert seid und nichts dafür könnt, daß Euer ausgeschämtes
Mädchen ein »Räf« ist. Andernfalls würde ich mich zu keinen so
langen und gutmütigen Worten mehr, wohl aber, wie Ihr Euch
vorstellen könnt, zu strafrechtlichen Maßregeln veranlaßt sehen. Die
Hochachtung, die die Welt einer Dame bezeigt, kann dieselbe, wenn
es nötig ist, nicht hindern, vor die Schranken der öffentlichen
Gerechtigkeit zu treten, um eine Verleumderin ihrer Ehre bestraft zu
sehen.
Somit achtungsvoll, Eure Euch grüßende
Frau Carl Tobler.

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Joseph sagte, nachdem er diesen Brief durchgeflogen hatte, er finde
denselben gut, nur scheine er ihm etwas zu hochtrabend. Solch ein Stil, wie
Frau Tobler ihn da angewendet habe, passe eher ins Mittelalter als in die
gegenwärtige Welt, die daran sei, die bestehenden gesellschaftlichen Rang-
und Geburtsunterschiede allmählich, wenn auch nur nach außen, zu
verwischen und aufzulösen. So schroff dürfe schließlich eine bürgerlich
geborene Frau einer andern bürgerlich Geborenen nicht schreiben, das
könne nur böses Blut erregen und den Wunsch und Zweck des ganzen
Schreibens verfehlen. Die Wohlhabenheit tue im übrigen gut, sich
gegenüber der Armut nicht allzuhoch aufzurichten, sondern es dünke ihn
nichts wie recht und billig, zu der Mutter der Magd ganz einfach »Sie«, und
»Sehr geehrte Frau« zu sagen, damit ein etwas herzlicherer und zugleich
höflicherer Ton da sei, was sicher nicht schaden könne, wie er glaube. Frau
Tobler sei eben nicht ans Briefeschreiben gewöhnt, wie er sehe. Dies erhelle
sich schon aus dem Vorhandensein der zahlreichen Schreibfehler, die er
während des Lesens bemerkt habe, und wenn sie gestatte, so wolle er sich
gern dahintersetzen und den niedlichen Aufsatz korrigieren.
Er lachte und bemerkte des weitern, er würde auch die Behauptung, daß
das Mädchen eine Diebin sei, aus dem Schreiben entfernen, obschon er
seinerseits keinen Moment an der Wahrhaftigkeit dessen, was Frau Tobler
sage, zweifle, aber es könnten, sagte er, dumme Geschichten daraus
entstehen, die mehr Verdruß als Genugtuung einbrächten. Ob sie Beweise
habe?
Frau Tobler wurde ein wenig nachdenklich, dann sagte sie, sie wolle
einen zweiten Brief schreiben. Ihre Erregung habe jetzt ein wenig
nachgelassen, und so hoffe sie, werde sie ruhiger und milder schreiben
können. Aber der ganze Brief müsse doch in einem energischen Ton
abgefaßt sein, sonst habe er ja gar keinen Sinn. Sonst schreibe sie lieber
schon gar nicht.
Während sie schrieb, wurde sie, ohne daß sie es merkte, von Joseph
beobachtet, der ihren Rücken und Hals betrachtete. Das schöne, frauliche
Haar betupfte und berührte in kleinen, geringelten Löckchen den schlanken
Hals. Wie schlank überhaupt diese ganze Frauenerscheinung war. Da saß
sie nun und bemühte sich, dem Sinn und Verstand gemäß, und der
Schreiblehre und richtigen Methode entsprechend, an eine Frau zu
schreiben, die vielleicht kaum lesen konnte. Joseph bedauerte jetzt

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unwillkürlich, indem er sie so anschaute, ihr bezüglich ihres
gutbürgerlichen Hochmutes, den er im Grunde genommen reizend fand,
Vorhaltungen gemacht zu haben. Ihn rührte etwas am Aussehen dieses
Frauenrückens, dessen Bekleidung sich in kleine, liebliche Falten verzog,
wenn der darunter befindliche Leib sich ein bißchen bewegte. War diese
Frau schön? Im landläufigen Begriff sicher nicht, im Gegenteil. Aber auch
das Gegenteil entsprach nicht den landläufigen Begriffen. Joseph würde
noch ruhig weitere Betrachtungen angestellt haben, wenn sich die
schreibende Frau nicht umgedreht hätte. Beider Augen begegneten sich.
Diejenigen des Gehülfen wichen denjenigen der Frau aus, das schickte sich
beinahe so. Joseph empfand und mußte empfinden, daß es fast frech
gewesen wäre, den Blicken der Frau stand zu halten, die wieder einmal voll
jenes Erstaunens waren, das so vortrefflich den Hochmut widerspiegelte,
der der Frau, man konnte es nicht leugnen, sehr gut zu Gesicht stand. Wozu
waren denn überhaupt Gehülfenaugen gut, als zum Ausweichen und
Niederschlagen, und welcher andere Ausdruck war diesem andern
Augenpaar natürlicher als der Ausdruck des Erstaunt- und Verwundertseins?
Er bückte sich demzufolge wieder auf seine Arbeit herab, obschon es ihm
um das Arbeiten jetzt gar nicht so besonders zu tun war.
Eine halbe Stunde später gab es im Gartenhaus beim Kaffeetrinken
einen etwas unfeinen Auftritt.
Frau Tobler, die nun wieder gänzlich beruhigt schien, fing plötzlich an,
lebhaft den Wirsich zu rühmen, wie dieser leider lasterhafte Mensch in
allem Sonstigen so brauchbar, geschickt und anstellig gewesen, wie er sich
in jeden kleinen Dienst und in jede Aufgabe sogleich, ohne viel Wesens zu
machen, hineingefunden habe und dergleichen mehr, wobei sie Joseph
mehrmals spöttisch, wie er es empfinden mußte, anschaute, was ihn
beleidigte. Er rief deshalb aus:
»Dieser ewige Wirsich. Man möchte bald meinen, er sei ein einzig
dastehendes Genie gewesen. Warum befindet er sich denn eigentlich nicht
mehr hier, da man doch beständig von seinen geradezu himmlischen
Eigenschaften redet? Weil er betrunken gewesen ist? Und glaubt man denn,
man habe ein Recht, alles und jedes Gute von der Person eines Angestellten
zu verlangen, und einen Menschen wegzujagen, in die offene, schwierige
Welt hinaus, nur weil eine seiner Eigenschaften, eine einzige, die übrigen
ausgezeichneten verdunkelt hat? Das ist wahrhaftig ein bißchen zu viel

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verlangt. Da haben wir Treue und Klugheit, Wissen und Dienstfertigkeit,
Unterhaltungsgabe und Gehorsamkeit, und alle diese Eigenschaften, und
noch einige feine andere dazu, stecken wir in unsere Dienste, nehmen wir
gleichmütig und fröhlich hin, weil sich das so schickt, und weil wir ja dem
Inhaber eines solchen Sackes voll Auszeichnungen für die Hingabe
derselben Gehalt, Kost und Logis geben. Und nun bemerken wir eines
Tages den dunklen Fleck am schönen Körper, und weg ist die ganze,
bequemliche Zufriedenheit, und wir lassen den Mann sein Bündelchen
schnüren und fortziehen, wohin er will, aber wir reden nachher noch einen
halben oder ganzen Meter und ein ganzes Jahr lang und breit von ihm und
seinen ›guten Eigenschaften‹. Man muß zugeben, daß das kein so gar
besonders korrektes Verhalten ist, insbesondere dann nicht, wenn man alle
diese köstlichen und königlichen Dinge dem Nachfolger, wahrscheinlich,
um ihn zu treffen, auf die Nase bindet, wie Sie, gnädige Frau Tobler, mir,
dem Nachfolger Ihres Wirsich.« –
Er lachte laut auf, und zwar absichtlich, um den aufrührerischen
Eindruck seiner etwas langen Rede zu besänftigen und zu zerstreuen. Er
hatte ein bißchen Angst, jetzt, da er wieder zu sich gekommen war, und um
dem empfindlichen Ton seiner Sprache einen lustigen Anstrich zu geben,
lachte er, aber es war ein gezwungenes Entschuldigungslachen.
Joseph habe nicht nötig, sagte Frau Tobler nach einigem Stillschweigen,
so zu ihr zu reden, einen solchen Ton verbitte sie sich, und sie sei erstaunt,
ihn ein solches Betragen annehmen zu sehen. Wenn er so stolz und
empfindlich sei, daß er seinen Vorgänger nicht rühmen hören könne, so sei
es für ihn besser, sich eine Einsiedlerhütte oben im Wald zu bauen und da
zu hausen, wo nur Wildkatzen und Füchse leben, unter die Menschen müsse
er dann lieber nicht gehen wollen. In der Welt dürfe einer nicht alles auf
eine so scharfe Wage nehmen. Sie werde im übrigen nicht umhin können,
ihrem Mann von dem Inhalt seiner sehr sonderbaren Rede Kenntnis zu
geben, damit Tobler wisse, woran er mit seinem Angestellten sei.
Sie wollte aufstehen und weggehen. In diesem Augenblick rief Joseph
aus:
»Sagen Sie nichts. Ich bitte alles ab. Ich bitte um Verzeihung!«
Frau Tobler streifte den jungen Mann mit einem Blick der Verachtung,
sie sagte: »Das ist schon gescheiter« und ging weg.

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»Ich habe die höchste Zeit gehabt. Dort unten kommt Tobler!« dachte
Joseph, und in der Tat kam eben der Chef, heute unerwarteterweise früher
als sonst, nach Hause.
Nach einer Viertelstunde schon, von allem, was geschehen war, peinlich
genau unterrichtet, sagte Herr Tobler zu Joseph:
»Sie fangen wohl an, meine Frau schlecht zu behandeln? Was?«
Weiter sagte er nichts. Seiner Frau hatte er, als deren Klagen nicht
aufhören wollten, zugerufen, sie solle ihm »weggehn mit so dummen
Sachen.«
Tatsächlich hatte der Ingenieur jetzt wichtigere Dinge zu bedenken.

Am Abend dieses Tages war das Turmzimmer wieder einmal der stille,
von einer Lampe erleuchtete Schauplatz eines laut vor sich
hergesprochenen Selbstgespräches. Joseph, indem er sich Rock und Weste
auszog, sagte folgendes zu sich:
»Ich muß mich besser zusammennehmen, das geht nicht mehr so. Was
hat mich nur antreiben können, dieser Frau Tobler Grobheiten zu sagen?
Achte und nehme ich so sehr wichtig, was aus dem Mund einer solchen
Dame herauskommt? Und inzwischen muß sich der arme Herr Tobler auf
Geschäftsreisen abplagen, und sein Herr Angestellter treibt in
Gartenhäusern, neben einer Tasse Kaffee, solchen Gefühlsunsinn. Solche
Frauengeschichten! Was geht es mich denn an, wenn Frau Tobler an diesem
Wirsich manches Gute zu rühmen weiß? Das ist doch so einfach. Dieser
bleiche Ritter mit der Armesündermiene hat ihrem Weibergemüt Eindruck
gemacht. Muß mich das aufregen? Wieso denn? Statt stündlich und
halbstündlich an die technischen Unternehmungen zu denken, lasse ich es
mir angelegen sein, eine Frau von meinem Charakter zu überzeugen. Von
was? Aha, Charakter! Als ob es nötig wäre, daß ein Ingenieur-Angestellter
Charakter hat. Ich habe eben immer nur die dümmsten Dinge in einem
Kopf, der sich zu einem wirklich nutzbringenden und geschäftefördernden
Nachdenken verpflichtet finden sollte. Habe ich so wenig Pflichtgefühl? Ich
esse hier Brot und trinke Kaffee und verbinde mit diesen hübschen
Vorteilen und Nutznießungen eine in der Tat unpassende Sehnsucht nach

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schädlicher Gedankenlosigkeit. Und dann halte ich halbstündige Reden vor
einer erschrockenen und verwunderten Frau, um ihr zu zeigen, daß sie mich
erbost hat. Was nützt das Herrn Tobler? Wird dadurch seine finanziell
schwierige Lage leichter? Haben sich dadurch die an den Mann zu
bringenden Geschäfte von der Lähmung, die gegenwärtig an ihnen haftet,
erholt? Ich bewohne hier eines der aussichtsfreisten und schönstgelegenen
Zimmer der Welt. See und Gebirge und Wiesenlandschaft sind mir als
Gratiszulage vor die Blicke und Füße gelegt worden, und womit
rechtfertige ich ein solches verschwenderisches Entgegenkommen? Durch
»Kopflosigkeit«! Was geht mich der Wirsich an samt seinen nächtlichen
Weiberbesuchen? Etwas viel Wichtigeres geht mich viel näher an, und das
ist die Firma, deren Schild ich auf meiner Stirne trage, deren Interessen ich
im Kopf und im Herzen tragen sollte. Im Herzen? Warum nicht? Das Herz
muß bei einer Sache sein, wenn die Finger und die Gedanken richtig sollen
arbeiten können. Am Herzen liegen! Nicht umsonst sagen die Leute so.«
Er zergrübelte sich lange darüber den Kopf, was man wohl jetzt noch
tun könnte, um der Reklame-Uhr stramm auf die Beine zu helfen, über
welchem »geschäftlichen Nachdenken« er endlich einschlief.
Mitten in der Nacht erwachte er plötzlich. Er richtete sich in den Kissen
auf: Ah, das war Silvis Geschrei! Er stund auf, ging zur Türe, öffnete sie
und horchte, und da hörte er die Töne einer widerwärtigen Szene. Es war
Paulines Stimme, die jetzt rief:
»Bist wieder zu faul gewesen, aufzustehen und dich aufs Töpfchen zu
setzen, du wüstes Geschöpf?« Silvi wimmerte und suchte sich mit
abgebrochenen Worten zu rechtfertigen, was ihr aber nicht gelingen mochte,
denn zur Antwort auf ihre jämmerlichen Entgegnungen gab ihr die Magd
Hiebe, daß es klatschte wie nasse Wäsche.
Joseph kleidete sich an, ging die Treppe hinunter, in das Schlafzimmer
der Kleinen, und machte Pauline milde Vorwürfe. Diese aber rief, er habe
sich gar nicht einzumischen, sie wisse, was sie zu tun habe, und er solle nur
machen, daß er fortkomme, worauf sie die Silvi, wie um zu zeigen, welche
Autorität sie im Kinderzimmer habe, an den Haaren riß und ihr befahl, sich
wieder ins Bett zu legen, und zwar, zur Strafe, in das durchnäßte.
Der Gehülfe entfernte sich wieder, scheinbar demütig das Regiment der
Zuchtmeisterin anerkennend. »Morgen oder übermorgen oder wann es sei,«

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dachte er, indem er sich von neuem schlafen legte, »muß ich der Frau
Tobler eine zweite Rede halten. Mag es lächerlich sein. Es nimmt mich
doch wunder, ob sie ein Herz hat. Als Angestellter des Hauses Tobler bin
ich verpflichtet, ein Wort für die Silvi einzulegen, denn Silvi ist auch ein
Glied dieses Hauses, dessen Interessen ich zu vertreten habe.«
Am nächsten Sonntag eilte er per Bahn nach der Hauptstadt, nachdem
er ein Fünfmarkstück wie gewohnt in Empfang genommen hatte. Es war
schönes, heißes Wetter, und die Eisenbahnfahrt ging den blauleuchtenden
See entlang. Schon beim Aussteigen aus dem Wagen kam ihm die früher so
wohlbekannte Stadt ganz fremdartig vor. Wie doch eine verhältnismäßig
nur kurze Abwesenheit einen Ort umgestalten und ganz anders färben
konnte; er hätte das nie für möglich gehalten. Es kam ihm alles so klein vor.
Am Quai, längs des Seeufers spazierten im grellen Mittagssonnenschein
eine Menge Menschen. Was für ganz fremde Gesichter! Und so arm
erschienen Joseph alle diese Menschen. Freilich waren es ja Leute aus dem
dürftigen, arbeitenden Volk, keine Herren und Damen, aber etwas
Kümmerliches, das nichts mit der Dürftigkeit der wirtschaftlichen Armut zu
tun hatte, wob sich um dieses ganze, helle Spaziergängerbild. Es war nichts
anderes als die Fremdheit, die Ungewohntheit, die ihm entgegenblendete,
und er fühlte es auch und sagte sich, daß, wenn einer bereits seit Wochen in
der Toblerschen Villa lebe, er nicht nötig habe, sich über den Anblick eines
Städtebildes und dessen Entfremdung zu verwundern. Bei Toblers gäbe es
eben dickere, rötere Gesichter und festere Hände und ein gewichtigeres
Auftreten, als wie man es hier in der leichten Stadt sähe, wo die Menschen
nur zu bald mager und unscheinbar von Aussehen werden. Das Kleine und
Enge sei immer eine ziemlich große und bedeutende Welt für sich, sobald
man eine Zeitlang in nichts anderes mehr hineingeschaut habe, während
gerade umgekehrt das Weite und wirklich Bedeutende anfangs klein und
unansehnlich erscheine, weil es gar zu verbreitet, ausgedehnt und luftig sei.
Im Toblerschen Haus herrsche eben von Anfang an eine gewisse kleine
Dicke und Fülle, und die habe stets viel auf sich und bestricke sogleich,
wogegen die Freiheit und die Weitschweifigkeit mit ihren breiten und
auseinandergezogenen Rundsichten scheinbar erkälten, weil sie nach nichts
Festem ausschauen. Das wirklich Wohltuende sei immer so bescheiden von
Ansehen, während wiederum das Toblersche oder Tyrannische manches
Gemütliche und Herzliche an sich habe, das einem aus Turmzimmern und
dergleichen verlockend und vielversprechend entgegenkomme. Das

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irgendwo Gefesselt- und Gebundensein sei zuweilen wärmer und reicher
voll zärtlicher Heimlichkeiten als die offene, Tür und Fenster der ganzen
Welt offenstehen-lassende Freiheit, in deren hellen Räumen den Menschen
oft nur zu bald grimmige Kälte oder drückende Hitze anfahre, aber die
Freiheit, die er, Joseph, meine, du liebe Zeit, das sei doch am Ende das
Schicklichste und Schönste und enthalte unsterblichen Zauber. –
Bald kam ihm denn auch das Bild städtischen Sonntaglebens nicht mehr
so fremdartig und flüchtig und rauhbeinig vor, und je weiter er ging, um so
vertrauter den Augen und dem Herzen wurde ihm alles. Er ließ seine Augen
mitten unter die vielen Spaziergänger spazieren gehen, mit seiner an die
Toblersche Küche gewöhnten Nase zog er wieder die Düfte der Stadt und
des Stadttreibens ein, seine Beine marschierten wieder ganz munter auf
städtischem Boden, als ob sie nie auf Landerde getreten wären.
Wie hell doch die Sonne schien, und wie bescheiden die Menschen sich
hin- und herbewegten. Wie hübsch das war, daß man sich unter das Treiben,
Stehen, Gehen und Hin- und Herpendeln verlieren konnte. Wie hoch der
Himmel war, und wie das Sonnenlicht es sich auf allen Gegenständen,
Körpern und Bewegungen bequem machte, und wie leicht und fröhlich der
Schatten dazwischenhuschte. Die Wellen des Sees schlugen gar nicht
stürmisch an die steinernen Dämme an. Es war alles so mild, so bedeckt, so
leicht und hübsch, es war ebenso groß wie klein geworden, ebenso nah wie
fern, ebenso weit wie fein und ebenso zart wie bedeutend. Es schien bald
alles, was Joseph sah, ein natürlicher, stiller, gütiger Traum geworden zu
sein, nicht ein gar so sehr schöner, nein, ein bescheidener, und doch ein so
schöner. –
Unter den Bäumen eines kleinen Parkes oder Anlage ruhten Menschen
auf Bänken. Wie oft hatte Joseph die eine oder die andere von diesen
Bänken in Anspruch genommen, damals, als er in der Stadt gewohnt hatte.
Er setzte sich auch jetzt, und zwar neben ein hübsch aussehendes Mädchen.
Es ergab sich in einem durch den Gehülfen eingeleiteten Gespräch, daß sie
Münchnerin sei, die hier in der ihr gänzlich fremden Stadt auf Arbeit lauere.
Sie erschien arm und unglücklich, aber schon so manches Mal hatte er arme
und wehmütige Menschen auf diesen Bänken angetroffen und angeredet.
Die beiden sprachen einiges, dann erhob sich die Münchnerin plötzlich, um
davonzugehen. Ob Joseph ihr mit einer Kleinigkeit an Geld helfen könne?

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Nein, nein, sagte sie, nahm dann aber doch etwas an und verabschiedete
sich.
Was saßen auf solchen öffentlichen Ruhebänken nicht für
verschiedenartige Menschen. Joseph fing an, sie der Reihe nach im Kreis
herum zu betrachten. Jener junge, einzelne Mensch dort, der mit seinem
Spazierstock Figuren in den Sand der Erde zeichnete, was konnte er sein,
was in aller Welt, wenn nicht ein Buchhandlungsgehilfe? Vielleicht täuschte
man sich, nun ja, so war er eben einer jener zahlreichen Warenhauskommis,
die Sonntags jeweilen irgend etwas »vor« haben. Und dieses Mädchen da
vis-à-vis, war sie eine Kokotte oder eine Anstandsdame oder ein artiges,
zimperliches, den Erfahrungen, die die Welt mit beiden, reichen, warmen
Armen den Menschen, einem wundervollen Blumenstrauß ähnlich,
darbietet, abholdes Zierpflänzchen und -Püppchen? Oder konnte sie
zweierlei oder gar dreierlei Gattung auf einmal sein? Möglich, denn das war
ja auch schon vorgekommen. Das Leben ließ sich nicht so leicht in Kasten
und Ordnungen abteilen. Und dort der alte, zerfallene Mann mit dem
zerzausten Bart, was war er, woher kam er gerade, welchen Berufes und
Zeichens durfte man annehmen, daß er etwa sei? War er ein Bettler?
Gehörte er zu den undefinierbaren Gesellen, die während der Woche in der
famosen Schreibstube für Stellenlose sitzen, wo sie ein paar Mark im
Tagelohn oder Wochenlohn verdienen? Was war er früher gewesen? Trug er
einen eleganten Anzug einst nebst dito Stock und Handschuhen? Ah, das
Leben machte bitter, aber es konnte auch froh und innig demütig machen,
und dankbar fürs Wenige, für das bißchen süße, freie Luft zum Einatmen. –
Und was war das dort links für ein feines, ja sogar, wie es schien,
vornehmes Liebes- oder Brautpaar? Waren es reisende und alle vorhandene
Welt im Flug genießende Engländer oder Amerikaner? Die Dame trug eine
zierliche Feder auf dem kleinen, ihr wie von irgendher angeflogenen Hut,
und der Herr lachte, er schien sehr glücklich, nein, beide! Daß sie doch nur
immer lachten, es war ja so schön, zu lachen und sich zu freuen.
Dieser schöne, liebe, lange Sommer! Joseph erhob sich und ging
langsam weiter, durch eine reiche, elegante, aber stille Straße. An
Sonntagen, ja, da saßen eben die reichen Leute zu Hause, die ließen sich
heute recht spärlich sehen; auf die Straße zu gehen, das mochte an diesem
Tage nicht fein genug sein. Alle Magazine waren geschlossen. Einzelnes,
verstreutes Volk pendelte und wackelte daher, oft recht unschön

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anzuschauende Männer und Frauen. Welche Demut in solch einem
verzettelten Spaziergängerbildnis war. Wie bitterlich arm ein
Menschensonntag auftreten konnte. »Demütig werden,« dachte der
Gehülfe, »wie ist das für so Manchen der letzte Lebenszufluchtsort.« –
Und er kam allmählich durch neue und andere Straßen.
Wie viele Straßen! Das dehnte sich in die Ebene hinaus, Haus an Haus,
und die Hügel hinauf, und den Kanälen entlang, lauter größere und kleinere
Steinblöcke, ausgehauen mit Wohnungen für reichere und ärmere
Menschen. Hin und wieder kam eine Kirche, eine steife, glatte, neue, oder
eine eindrucksvolle, ruhig dastehende alte mit Efeu am zerbröckelnden
Gemäuer. Joseph ging an einem Polizeigebäude vorüber, aus dessen
Lokalen einem ihm eines Tages vor Jahren der Schrei eines gemißhandelten
Menschen entgegentönte, den man geknebelt hielt und mit Stockschlägen
zu bändigen versucht hatte.
Es ging jetzt über eine Brücke, die Straßen erschienen nach und nach
unregelmäßiger und loser, die Gegend, durch die er ging, bekam etwas
Dörfliches. Katzen lagen vor den Haustüren, und die Häuser waren von
kleinen Gärten umsäumt. Die Abendsonne legte sich gelblich-rot auf die
hohen Hauswände und auf die Bäume in den Gärten und auf die Gesichter
und Hände der Menschen. Man war in der Vorstadt.
Joseph trat in eines der neuen Häuser, die dieser noch beinahe
ländlichen Gegend ein so merkwürdiges Aussehen gaben, stieg die Treppen
empor, in die dritte Etage, blieb dort stehen, atmete sich anstandshalber aus,
putzte sich ein wenig den Staub ab und klingelte dann. Die Türe wurde
aufgetan, und die Frau, die in der Öffnung erschien, stieß, wie sie den
Gehülfen erblickte, einen leisen Überraschungsschrei aus:
»Sie sind es, Joseph? Sie sind es? – Kommen Sie.«
Die Frau, indem sie ihm die Hand reichte, zog Joseph in ihr Zimmer
hinein. Dort schaute sie ihm ziemlich lange in die Augen, nahm dem etwas
steif Dastehenden den Hut vom Kopf, lächelte und sagte:
»Wie lange haben wir uns nicht gesehen. Setzen Sie sich.«
Einen Augenblick später sagte sie:

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»Komm, Joseph, komm. Setz dich hierher, ans Fenster. Und dann
erzähle mir. Du mußt mir sagen, wie du so lange hast leben können, ohne
mir ein einziges Sterbenswörtchen zu schreiben, und ohne mich ein einziges
Mal aufzusuchen. Trinkst du? Sage es nur ruhig. Ich habe noch einen Rest
Wein in der Flasche.«
Sie zog ihn zu sich ans Fenster, und er fing an, ihr von der
Elastiquefabrik, von den englischen Pfund, von der Militärdienstzeit und
von der Firma Tobler zu erzählen. Unten auf der vorstädtischen Wiese
spielten und lärmten eine Anzahl Kinder im Abendsonnenschein. Ein oder
das andere Mal pfiff eine nahe Lokomotive, oder man konnte einen
Betrunkenen singen und johlen hören, einer von jenen Gesellen, die den
Sonntagabend mit wüsten, sozusagen brandroten Tönen zu heulen und zu
charakterisieren pflegen.
Name und Geschichte der Frau, die jetzt ihrem jungen Bekannten
zuhörte, sind sehr einfach.
Sie hieß Klara und war die Tochter eines Zimmermanns.
Zufälligerweise stammte sie aus derselben Gegend wie Tobler und kannte
daher dessen Jugend so ziemlich. Sie war streng katholisch erzogen
worden, aber von der Zeit an, da sie in's Leben trat, veränderten sich ihre
Weltanschauungen völlig, sie ergab sich der Lektüre freisinniger
Schriftsteller, wie Heine und Börne. Sie arbeitete in einem
Photographengeschäft, zuerst als Retoucheuse, dann als Empfangsdame und
Buchführerin; der Chef des Geschäftes verliebte sich in sie, und sie gab sich
ihm, nicht ohne an die Folgen einer solchen zwanglosen Hingebung zu
denken, ja dieselben mit fester und freier Stirn gewärtigend, hin und war
sehr glücklich. Sie bewohnte noch immer das väterliche Haus, eine jüngere
Schwester von ihr war inzwischen an der Auszehrung gestorben. Nach dem
Geschäft fuhr sie täglich hin, und zurück in ihr Haus, mit der Eisenbahn, ein
und eine Viertelstunde lang. Zu jener Zeit empfing sie zum ersten Mal
Josephs Besuche. Sie fand einiges Gefallen an dem jungen, damals kaum
zwanzig Jahre alten Menschen und liebte es, seine Ergüsse, die von
jugendlich-unreifer Art waren, anzuhören.
Es war damals eine sonderbare Welt und Zeit gewesen. Unter dem
Namen »Sozialismus« hatte sich, einer üppigen Schlingpflanze ähnlich,
eine zugleich befremdende und anheimelnde Idee in die Köpfe und um die

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Körper der Menschen, alte und erfahrene nicht ausgenommen, geworfen,
dermaßen, daß, was nur Dichter und Schriftsteller hieß, und was nur jung
und rasch bei der Hand und beim Entschluß war, sich mit dieser Idee
beschäftigte. Zeitungen solchen Schwunges und Charakters schossen wie
brennendfarbige, mit Düften hinreißende Blumen aus dem Dunkel der
Unternehmungsgeister heraus an die erstaunte und erfreute Öffentlichkeit.
Die Arbeiter und ihre Interessen nahm man damals allgemein mehr
geräuschvoll als ernst. Es wurden häufig Umzüge veranstaltet, an deren
Spitze auch Frauen schritten, blutigrote oder schwarze Fahnen hoch in der
Luft daherschwenkend. Was nur immer mit den Verhältnissen und
Ordnungen der Welt unzufrieden war, schloß sich dieser leidenschaftlichen
Gedanken- und Gefühlsbewegung hoffnungsvoll und zufrieden an, und was
die Abenteuerlust einer gewissen Sorte von Schreiern, Krakehlmachern und
Schwätzern vermochte, die Bewegung einesteils prahlerisch hochzuheben
und anderteils in die Gemeinheit des Tages herabzuziehen, das bemerkten
die Feinde dieses »Gedankens« mit einer Art vergnüglichem Hohnlächeln.
Die ganze Welt, Europa und die übrigen Erdteile, so hieß es damals unter
den jungen und halbreifen Geistern, verbände und vereinige diese Idee zu
einer fröhlichen Menschenversammlung, aber nur wer arbeite, sei
berechtigt, usw.
Joseph und Klara waren damals ganz und gar von diesem vielleicht
edlen und schönen Feuer ergriffen worden, das nach ihrer beiderseitigen
Meinung kein Wasserstrahl und keine üble Nachrede auszulöschen
vermochte, und das sich, einem rötlichen Himmel ähnlich, über die ganze
runde rollende Erde erstreckte. Sie liebten beide, wie es damals Mode war,
die »Menschheit«.
Sie saßen oft stundenlang, bis in die späteste Nacht hinein, in der Stube,
die Klara in dem kleinen Hause ihres Vaters bewohnte, und unterhielten
sich über die Wissenschaften und über herzliche Dinge, wobei Joseph, so
schüchtern er sonst auch im Umgang mit Menschen war, immer das meiste
redete, wie es sich auch ziemte, da ihm die Freundin wie eine erhabene
Lehrerin vorkam, der gegenüber er seine Gedanken wie mehr oder weniger
gut einstudierte Schulaufgaben zu äußern und aufzuzählen hatte. Wie schön
waren diese Abende. Jedesmal, wenn er dann nach Hause ging, leuchtete
ihm die Frau, die damals noch Mädchen war, mit einem Licht die Treppe
hinunter und sagte ihm mit ihrer sanften Stimme adieu und auf

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Wiedersehen. Wie ihre Augen leuchteten, wenn er sich zurückbog, um sie
zu guter Letzt noch einmal anzuschauen.
Dann bekam Klara ein Kind und wurde eine »freie Frau«, das heißt, sie
fühlte sich sehr bald in der härtesten Weise durch ihren Freund, den
Photographen, verraten und infolgedessen aufs tiefste degoutiert, so daß sie
ihm eines Abends, sie selber lebte in den ärmlichsten Umständen, einfach
die Türe zeigte und zu ihm nur das eine, kurze, befehlende Wort sagte:
»Geh!« – Er war ihrer unwürdig! Sie mußte sich das tapfer sagen, oder sie
mußte verzweifeln. Aber von da an liebte sie nicht mehr die »Menschheit«,
sondern sie betete ihr Kind an.
Sie schlug sich durch, sie war mutig und war von jeher ans Zugreifen in
die Arbeit gewöhnt gewesen. Bald hatte sie sich einen eigenen
Photographenapparaten angeschafft und eine Dunkelkammer eingerichtet,
und während sie die Herrlichkeiten der Erziehung und Pflege eines kleinen
Kindes, die Mühen derselben, die Freuden, die Sorgen um dies alles
empfand, photographierte sie auf Postkarten und verkehrte mit Händlern
und Grossisten wie der geriebenste Geschäftemacher. Sie schloß sich einer
Freundin aus der Jugendzeit, die ein ähnliches Geschick wie sie selber zu
kosten bekommen hatte, häuslich an und lebte mit ihr in ein und derselben
Wohnung. Es war eine Frau Wenger, eine intelligente aber ungebildete Frau,
ein »guter Kerl«, wie Klara von ihr sagte. Der Mann dieser Frau war
Mitglied oder Soldat der Heilsarmee, obgleich er ein durchaus an Verstand
und Gemüt geradegebauter Mensch, und durchaus kein religiöser
Schwärmer war. Zu den Schwärmern war er einfach aus praktischen
Gründen übergetreten. »Tritt du nur dort ruhig ein, Hans, du verlernst dort
am besten das Trinken,« hatte die eigene Frau zu ihm gesagt. Ihr Hans
»trank« nämlich.
In dieser Zwei-Frauen-Wohnung fand sich Joseph als ein gerngelittener
Gast häufig ein. Etwas zu essen und zu trinken mochte es da immer geben,
eine Tasse Milch oder ein Glas Tee, und fidel, wenn auch in den Schranken
der Zartheit, die immer um Frauen von Lebenserfahrung gezogen sind, ging
es zu. Man lachte und meinte, jetzt dürfe man lachen, da man ein Stück
Welt hinter sich habe. Klaras Knabe und dessen Eigenschaften wurden
besprochen. O man hatte nun schon vielerlei erfahren. Auch Joseph sprach
kein Wort mehr von der »Menschheit«. Das war längst vorüber. Je schwerer
es einem wurde, ein »rechter Mensch« zu werden, desto weniger mochte

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man große Worte in den Mund nehmen, und schwer war es, »recht« zu
bleiben, das empfand man jeden Tag deutlicher.
Nach und nach kam Joseph spärlicher, und dann geschah es, daß er sich
ein ganzes Jahr nicht mehr blicken ließ. Ein Tages erhielt Klara dann
plötzlich einen wunderlich kurzen Brief, ob er sie wieder besuchen dürfe?
Sie hieß ihn willkommen, und so ein paar Male, nach wiederholten, langen
Absenzen, immer wieder.
Und nun saß er da am Fenster, und sie lauschte dem, was er erzählte.
Auch Klara erzählte, unter anderem, daß sie sich bald ehelich
verheiraten werde. Das Kind müsse einen Vater haben, und sie selber
bedürfe einer Mannesstütze, sie sei jetzt öfters unwohl und unfähig, das
Erwerbsleben, das sie so lange geführt habe, zu ertragen. Sie sei zu schwach
geworden, so allein und ungeliebt zu leben, sie sehne sich darnach, die
Müdigkeit, die ihre ganze Seele beherrsche, von einer Hand und von einem
guten, offenen Willen gestreichelt und geliebkost zu sehen. Sie sei nur eine
Frau, und nur eine hoffende Frau. Der Mann, den sie erwählt habe, habe
sich einfach von ihr bereden, rühren und erwählen lassen, das Ganze sei
eine zu einfache Geschichte, als daß sie lange erzählt zu werden brauche.
»Er« liebe sie und begehre, begehre und begehre nur, sie glücklich zu
machen. Ob das nicht das Einfachste von der Welt sei? Und was Joseph,
den sie nun schon so lange kenne, zu dem allem sage? Er solle schweigen,
denn sie wisse, daß er jetzt nur eine Artigkeit habe auf die Lippen legen
wollen, sie kenne ihn, das genüge.
Sie gab ihm lächelnd die Hand.
All das Vergangene, sprach sie weiter, all das schöne Vergangene! Wie
gut es gewesen sei, all das Vorübergegangene, und wie »recht«. Und die
mannigfaltigen Irrtümer: wie recht. Und das Gedankenlose, wie notwendig!
Jung sein, das irre, das müsse ohne Gedankentiefe reden und handeln, damit
es ein Vorwärts gebe. Nach den Erfahrungen kämen immer noch Gedanken
und Empfindungen genug, und ein langes Leben erdrücke nachher das
Jugendleben.
Und sie sprachen beide von der Vergangenheit, indem sie einander die
Worte und Ausrufe aus dem Mund wegnahmen, um sie gutzuheißen und
nachzusagen.

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Es gibt bei einem solchen Wiederfinden keine Widersprüche, es will
keine geben. Eines sagt dem andern die Erinnerungen nachdenklich und
freundlich nach, die Lippen sprechen ineinander, die gesprochenen Worte
finden nur Beifall und Widerhall, keine Einwendungen; und
Auseinandersetzungen finden, man möchte sagen, nur im musikalischen
Sinne statt.
Ja, das Vergangene kam über sie, und rauschte um sie herum, und
machte sie die Welt rückwärts, gleichsam treppab, überschauen. Sie
brauchten ihre Gedächtnisse gar nicht zu zwingen, dieselben bogen von
selber ihre feinen Arme und Schlingen nach den Gegenden des
Erinnernswerten, um es spürbar näher zu bringen und zu tragen.
»Wie oft bin ich launisch und ungroßherzig gewesen,« sagte Joseph
bedauernd. Und Klara erwiderte, er sei doch der einzige, der immer wieder
zu ihr komme:
»Du machst lange Pausen, aber du kommst immer wieder. Du liebst es,
dich selten zu machen, aber man hat während der Pause das Gefühl, du
denkest an einen. Und eines Tages bist du dann da, und man wundert sich
darüber, wie wenig du dich verändert, wie vortrefflich du es verstanden
hast, der Alte zu bleiben. Und man spricht mit dir, als seiest du bloß in den
nächstbesten Bäckerladen getreten, habest kein jahrelanges Loch in die
Freundschaft gemacht, wie es doch jedesmal mit dir Flüchtling der Fall ist,
seiest immer um einen herum gewesen. Andere Männer, Joseph, wissen für
immer wegzubleiben, das Leben wirft sie in neue Richtungen, und sie
kehren nie wieder an den alten Freundschaftsplatz zurück. Dich
vernachlässigt ein bißchen das Leben, hörst du, und deshalb kannst du so
schön deinen eigenen Neigungen treu bleiben. Ich will dich weder verletzen
noch preisen, beides wäre unwahr, und wir beide, nicht wahr, sind bis jetzt
immer noch ganz gut mit der Eindeutigkeit gefahren. Was du mir bist und
was ich dir bin, bleiben wir uns!«
Es war Nacht geworden über den Gesprächen. Sie verabschiedeten sich.
»Kommst du bald wieder?«
Joseph sagte, indem er den Hut aufsetzte, es sei ja, da er doch, wie sie
sage, immer der Alte bleibe, gleichgültig, ob er in Jahrzehnten oder in vier
Tagen wiederkomme.

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Sie schieden infolge dieses Wortes kalt voneinander.

Du bist jetzt, Herr Angestellter, oder wie du sonst gern genannt sein
willst, wieder in der Villa Tobler, merke dir das, und die Reklame-Uhr
schießt dir als ein flügelschlagender Vogel über den etwas poetisch, wie es
scheint, veranlagten Kopf. Der weichliche Sonntag ist vorüber, und der
harte, robuste Werktag hat dich soeben wieder angepackt, und da wirst du
dich in die Brust werfen müssen, wenn du seinem kraftvollen Willen
einigermaßen Stand halten willst. Bleibe nur ruhig der »Alte«, wie deine
Freundin Klara sich ausdrückte, das wird weniger schaden, als wenn du dir
plötzlich einreden wolltest, ein vollkommen »Neuer« zu werden. So von
einem Tag auf den andern wird man kein Neuer, auch das schreibe dir,
wenn es dir beliebt, nur gleich hinter die Ohren. Wenn aber einen »das
Leben vernachlässigt«, auch so ein Frauensprüchlein, und wie es scheint,
ein zutreffendes, so muß man gegen diese in der Tat unwürdige
Vernachlässigung ankämpfen, hörst du, und nicht am heiterhellen Tag und
an Abenden voll wehmütigen Sonnenuntergangscheines mit alten
Freundinnen über das »Vergangene« reden. Man wird so etwas jetzt
gefälligst bleiben lassen müssen. Dagegen wird man sich seiner Pflichten zu
erinnern haben, da Sonntage und Sonntagsausflüge zufälligerweise nicht
ewig andauern, und wird müssen zugeben, daß diese Pflichten bislang von
einem gewissen Gehülfen auch so ein wenig »vernachlässigt« worden sind,
gerade wie das Leben es mit diesem Herrn selber bis jetzt getan hat. Und
die »Kopflosigkeit«? Ist sie nun endgültig beseitigt worden? So schnell
füllen sich Köpfe nicht an, das muß erarbeitet werden. Dulde du nur keine
Trägheit in dir, und so wird, meint man, nach und nach schon etwas in
deinen Kopf kommen. Die Reklame-Uhr liegt am Boden und jammert nach
flüssigen Kapitalien. Nun also, gehe auf sie zu, stütze sie, damit sie sich
wieder langsam, Glied für Glied, erheben und sich in der Meinung und im
Urteil der Menschen ein für allemal befestigen kann. Eine deines Geistes,
wenn du willst, würdige und nutzbringende Aufgabe. Sorge du nur auch
dafür, daß aus dem Schützenautomaten bald Patronen herausfallen, zaudere
nicht so lange, zieh energisch am Hebel, die Maschine, die von Herrn
Tobler, deinem Herrn und Meister, so ingeniös erdacht und ausgeführt
worden ist, wird sich dann schon in Bewegung setzen. Keine Gefühle jetzt.

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Man spaziert nicht immer, man leistet auch einmal etwas, und man wird
sich auch gelegentlich, aber nicht erst in Wochen, sondern so rasch wie
möglich, die Bohrmaschine näher ansehen müssen, damit man mit allem,
was das Geschäft Tobler betrifft, Bescheid weiß. Eine nur zu bescheidene
Pflicht für denselben jungen Mann, der der Frau Tobler, was er so sehr
schätzt, helfen darf, im Garten Wäsche aufzuhängen. Man muß auch die
verborgenen Dinge bedenken, auf die kommt es an in einem
Ingenieurbureau. Zum Waschseilspannen, mein Herr Gartenbespritzer und -
Bewässerer, hat man Sie nicht hier hinauf auf den grünen Hügel berufen.
Sie spritzen mit Vorliebe den Garten, nicht wahr? Schämen Sie sich! Und
haben Sie auch schon nur ein einziges Mal an den patentierten
Krankenstuhl gedacht? Nicht? Gott im Himmel, ein solcher Angestellter.
Sie verdienen, vom »Leben vernachlässigt« zu werden. –
Das ungefähr waren Josephs eigene Gedanken, als er am Montag
Morgen früh im Bett erwachte. Er stund auf, schickte sich an, das
Nachthemd mit dem Taghemd zu wechseln, wobei er aber eine gute Minute
im Anblick seiner Beine versunken blieb. Nachdem die Beine studiert
waren, wurden die nackten Arme einer Prüfung unterworfen. Joseph stellte
sich vor den Spiegel und fand es sehr interessant, sich hin und her zu drehen
und seinen Körper zu betrachten. Ein guter, ordentlicher Körper, und
gesund, fähig, Anstrengungen und Entbehrungen zu ertragen. Mit einem
solchen Leib ausgestattet mußte es eine wahre Sünde sein, länger als für das
Ruhen notwendig im Bett liegen zu bleiben. Ein Karrenschieber konnte
keine gesunderen, fester gebauten Glieder haben. Er zog sich an.
Und zwar sehr langsam. Es war ja noch Zeit, und auf ein paar Minuten
konnte es nicht ankommen. Zwar war Tobler in diesem Punkt anderer
Meinung, wie Joseph bereits tüchtig erfahren hatte, aber Tobler selber, der
montagete heute. Unter montagen verstund man das länger als sonst
ausgestreckt im Bett Liegen-Bleiben, das sich ein bißchen mehr als alle
andern Wochentage Wohlseinlassen und Gehenlassen, und gerade Tobler,
der war ja der Richtige in diesen Montagdingen, der würde heute sowieso
erst um halb elf Uhr unten im Bereiche der technischen Lösungen und
Probleme erscheinen.
Die Haare schienen heute früh außerordentlich schwer zu bürsten und
zu kämmen zu sein. Die Zahnbürste erinnerte an vergangene Zeiten. Die
Seife, womit man die Hände waschen sollte, glitt aus, fuhr unters Bett, und

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man mußte sich bücken und sie aus dem hintersten Winkel hervorziehen.
Der Kragen war zu hoch und zu eng, obgleich er doch gestern prächtig
gepaßt hatte. Welche wunderbaren Dinge. Und wie langweilig das alles war.
An einem andern Ort und zu einer andern Stunde wäre das alles
vielleicht niedlich, belehrend, nett, fein, amüsant, ja entzückend gewesen.
Joseph erinnerte sich gewisser Zeiten in seinem Leben, wo ihn der Ankauf
einer neuen Krawatte oder eines steifen, englischen Hutes in seelische
Aufregung versetzen konnte. Vor einem halben Jahr hatte er eine solche
Hutgeschichte erlebt. Es war ein halbhoher, ganz guter, normaler Hut, wie
ihn die »bessern« Herren zu tragen pflegten. Er aber traute dem Hut nichts
Gutes zu. Er setzte sich ihn tausendmal auf den Kopf, vor dem Spiegel, um
ihn dann endlich auf den Tisch zu legen. Dann ging er drei Schritte weg von
dem niedlichen Ungetüm und beobachtete ihn, wie ein Vorposten den Feind
beobachtet. Es war nichts an ihm auszusetzen. Hierauf hängte er ihn an den
Nagel, auch da erschien er ganz harmlos. Er versuchte es wieder mit dem
Kopf, entsetzlich! Es schien ihn von unten bis oben zerspalten zu wollen. Er
hatte das Gefühl, als ob seine Persönlichkeit eine benebelte, gesalzene,
halbierte geworden sei. Er trat auf die Straße: er schwankte wie ein
schnöder Betrunkener, er fühlte sich wie verloren. Er trat in eine
Erfrischungshalle, legte den Hut ab: gerettet! – Ja, das war eine
Hutgeschichte gewesen. Auch Kragengeschichten, Mäntelgeschichten und
Schuhgeschichten kamen in seinem Leben vor.
Er verfügte sich ins Wohnzimmer hinunter, um zu frühstücken. Er aß
unbändig, geradezu unanständig. Es befand sich übrigens niemand am
Tisch, aber trotzdem! Gerade dann! Den Anstand beim Essen brauchte man
ja auch so nicht außer acht zu lassen. Woher er nur einen solchen Hunger
hatte? Weil es Montag war? Nein, ihm mangelte eben der Charakter, das
war es. Er hatte eine solche kindische Freude beim Brotabschneiden, und
doch war es Toblers Brot, nicht seines, und dann empfand er ein solches
Vergnügen beim Herauslöffeln der Bratkartoffeln, und wessen
Bratkartoffeln waren es wenn nicht Toblers? Es kam ihm wunder wie schön
vor, noch etwas über den Appetit hinaus zu essen, und wem schadete er
dadurch? Nachdem er so weit fertig war, hätte er eigentlich aufstehen
können, um hinter seine Arbeit zu gehen, aber was machen, wenn es einem
festhielt am Platz, wenn man sich nicht zu trennen vermochte vom Eßtisch?
Da kam Pauline und verjagte ihn mit ihrer ihm unangenehmen Erscheinung.

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Im Bureau! Erst ein bißchen auf und ab gehen, das gehörte doch
schließlich zur Sache, so fing einer immer an, wenn er zu arbeiten sich
vornahm. Gehörte Joseph zu den Menschen, die mit Ausschnaufen ein
Geschäft beginnen und erst nach Beendigung desselben, das heißt, nach
halber Beendigung energisch werden, das heißt wiederum, nur dazu
energisch, um sich über irgend einen billigen Genuß herzumachen? Er
zündete langsam einen der wohlbekannten Stumpen an, die ihm jeweilen
den Gedanken an die beginnende Arbeit so sehr versüßten, und rauchte
drauf los wie das Mitglied eines Rauchklubs.
Und dann setzte er sich wieder einmal an seinen Schreibtisch, und fing
an, sich nützlich zu erweisen.
Gegen zehn Uhr erschien Tobler, sehr aufgeräumt, wie Joseph sogleich
bemerkte. Man durfte daher etwas Leichtigkeit in das »Guten Morgen, Herr
Tobler« legen und den Stumpen von neuem anzünden. In der Tat ging von
der Figur des Vorgesetzten und Chefs der Firma eine außerordentliche
Fröhlichkeit aus. Er schien den Abend vorher tapfer gezecht zu haben. Jede
seiner gegenwärtigen Gesten sagte: »Nun, jetzt weiß ich, wo der Haken
liegt. Von jetzt an wird im Gang meiner Geschäfte eine neue Wendung
eintreten.«
Er erkundigte sich in der freundlichsten Weise nach der Richtung, die
Josephs sonntägliche Vergnügungen eingeschlagen hätten und rief, als
derselbe ihm sagte, wo er gewesen sei, aus:
»Ja so? In der Stadt sind Sie gewesen? Und wie hat es Ihnen denn dort
nach der längern Abwesenheit wieder gefallen? Nicht schlecht, was?
Jawohl, die Städte vermögen manches zu bieten, aber man kommt
schließlich doch auch gern wieder zurück. Habe ich recht oder nicht? Aber
was ich sagen wollte, Sie haben, wie ich bemerkt habe, entschuldigen Sie,
ha, ha, keine gar sehr guten Kleider mehr am Leib. Da gehen Sie heute nur
zu meiner Frau, die soll Ihnen einen noch ganz wie neu aussehenden Anzug
von mir geben. Sagen Sie nur, den grauen Anzug, dann wird sie schon
verstehen, welchen. Sie brauchen sich nicht im mindesten zu genieren, ich
trage doch so wie so diesen Anzug nicht mehr. Und ein paar farbige
Hemden mit dazugehörigen Brüsten und Manschetten, für Sie sicher ganz
ausgezeichnet passend, wird es wohl noch in der Villa Tobler geben.
Meinen Sie etwa nicht?«

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»Ich habe alle diese Sachen gar nicht nötig,« sagte Joseph.
»Warum nicht nötig? Sie sehen ja selber, wie bitter nötig Sie's haben.
Machen Sie keine Umstände, wenn ich Ihnen etwas gebe. Nehmen Sie's,
fertig.«
Tobler war ungehalten. Plötzlich dachte er an etwas. Er setzte sich unter
die Mechanik des Probe-Schützenautomaten auf einen dort stehenden Stuhl
und sagte nach einer halben Minute: »Ich weiß wohl, was Sie denken,
Marti. Es ist wahr, Sie haben noch keinen Gehalt bekommen, und Sie
werden denken, es werde auch keinen geben. Gedulden Sie sich. Andere
müssen jetzt eben auch Geduld haben. Im übrigen will ich nicht hoffen, daß
Sie's für nötig finden, mir deswegen eine bittere Miene zu machen. So
etwas würde ich keineswegs in meiner Umgebung dulden. Wer so ißt, wie
Sie essen und eine solche Luft genießt, wie diejenige ist, die Sie hier oben
bei mir einatmen, der hat noch eine lange Strecke zu laufen bis zur Klage.
Sie leben! Denken Sie nur immer ein bißchen daran, in welcher Verfassung
Sie dagestanden sind, als ich Sie dort in der Stadt engagiert habe. Sie sehen
wie ein Fürst aus. Dafür werden Sie mir denn auch ein wenig Dank wissen
müssen.«
Joseph sagte, und es war ihm später unbegreiflich, wo er die Frechheit
dazu hernahm:
»Schon gut, Herr Tobler! Aber erlauben Sie Ihrem Untergebenen, Ihnen
zu sagen, daß es mir recht peinlich ist, beständig an das gute Essen, an die
prachtvolle Luft und an die Betten und Kissen, in denen ich schlafe,
erinnert zu werden. So etwas kann einem die Luft, den Schlaf und das
Essen beinahe vollständig verderben. Was muten Sie mir zu, wenn Sie
glauben, Ursache zu haben, mir den natürlichen Aufenthalt und Genuß, den
ich hier oben bei Ihnen habe, in einem fort vorwerfen zu müssen? Bin ich
ein Bettler oder ein Arbeiter? Ruhig, Herr Tobler. Bitte, ich mache hier
keine Szene, ich setze ganz einfach etwas für unser gegenseitig
notwendiges Verständnis auseinander. Ich möchte festgestellt haben
dreierlei. Erstens weiß ich Ihnen für alles, was Sie mir ›bieten‹, Dank,
zweitens wissen Sie das, denn Sie konnten das meinem bisherigen Betragen
ruhig entnehmen, und drittens leiste ich etwas, ein Beweis für dieses
Letztere ist die Tatsache, daß mein Gewissen und Ihre Klugheit mich immer
noch hier beschäftigt sehen. Was die Kleidergeschenke, die Sie mir gütigst

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machen wollen, betrifft, so habe ich mich in diesem Moment eines Bessern
besonnen: ich nehme sie mit geziemendem Dank an, ich kann Wäsche und
Kleider brauchen, wenn ich mich aufrichtig frage. Den Ton dieser Sprache
werden Sie mir verzeihen müssen, oder – Sie werden gezwungen sein, mich
aus dem Hause zu werfen. Es bedurfte dieser Sprache und dieses Tones,
denn ich habe das aufrichtige Bedürfnis gefühlt, Ihnen zu zeigen, daß ich
mich unter Umständen gegen – wie soll ich sagen – Grobheiten wehren
kann.«
»Donnerwetter noch einmal! Wo haben Sie dieses Mundwerk her? Es ist
ja zum Lachen, das. Sind Sie eigentlich närrisch geworden, Joseph Marti?«
Tobler fand es für das Vernünftigste, laut zu lachen. Aber schon im
nächsten Augenblick zog sich seine Stirne in grimmige Falten:
»So zeigen Sie auch, Teufel noch einmal, daß Sie imstande sind, etwas
zu leisten. Bis jetzt habe ich noch wenig davon bemerkt. Ein großes Maul
macht noch keine nennenswerte Leistung, haben Sie das verstanden? Wo
sind die Briefe, die noch beantwortet werden sollen?«
Joseph sagte kleinmütig: »Hier!« Er war wieder völlig befangen. Die
Briefe lagen am falschen Ort. Tobler packte den ganzen Briefkorb und
schleuderte ihn mit einer wilden Zornesbewegung zu Boden. Er schrie:
»Und das will noch immer aufbegehren. Passen Sie lieber besser auf
und seien Sie weniger empfindlich. – Schreiben Sie!«
Und er diktierte folgendes:

An Herrn Martin Grünen in Frauenberg.
Ihren Brief, worin Sie mir das mir seinerzeit zwecks
Realisierung meiner Reklame-Uhr bewilligte Darlehn von
fünftausend Mark auf den Ersten des kommenden Monates
aufkündigen, habe ich erhalten und gestatte mir – haben Sie das? –
Ihnen folgendes zu erwidern: 1. ist meine derzeitige finanzielle
Lage derart, daß es mir eine reine Unmöglichkeit ist, Ihnen auf den
angegebenen Termin den fraglichen Darlehnsbetrag
zurückzuerstatten; 2. befinden Sie sich in einem groben Irrtum,
wenn Sie ein gesetzliches Recht zu haben glauben, auf so

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unerwartet rasche Zurückzahlung zu dringen, indem 3. zwischen
uns bei Abschluß des Darlehens, so viel ich mich erinnere, und wie
ich, wenn nötig, schwarz auf weiß beweisen kann, die Vereinbarung
getroffen worden ist, – sind Sie so weit? – daß eine
Zurückerstattung der Schuldsumme erst dann zu erfolgen hat,
sobald die Geschäfte der Reklame-Uhr ein gewisses,
gewinnbringendes Ziel gefunden haben. 4. Dies ist noch nicht der
Fall. 5. Das gemachte Darlehen ist nicht außer Verbindung speziell
dieses Reklame-Uhr-Unternehmens zu setzen, sowie die Abzahlung
des ersteren nicht zu trennen ist vom Gelingen des letzteren. 6.
Würde es sich fragen, ob eine so kurzfristige Zahlungsforderung in
einem Falle, wie dem unsrigen, überhaupt gestattet wäre.
Hauptsache: das geliehene Geld liegt im obengenannten
Unternehmen und verfällt dem Risiko desselben. – Sehr geehrter
Herr, Sie werden sich nun hoffentlich, nachdem ich Ihnen meinen
Standpunkt erklärt habe, die Sache noch einmal ernstlich überlegen.
Bedenken Sie, bitte, in welcher Lage ich mich befinde, und Sie
werden kaum den Mut finden, einen Geschäftsmann ruinieren zu
wollen, der sich mit aller ihm zu Gebote stehenden Kraft dagegen
stemmt und wehrt, in die ihm drohende Tiefe zu sinken. Wenn Sie
Ihr Geld wieder haben wollen, so drängen Sie mich nicht. Die
Reklame-Uhr wird sich bewähren! Ich hoffe Sie genügend
überzeugt zu haben und zeichne hochachtungsvoll – –

»Geben Sie her!« Und Tobler unterzeichnete, indem er eine volle
Minute lang, scheinbar gedankenabwesend, in den Anblick des Schreibens
versunken blieb.
Inzwischen gab sich auch der Angestellte seinen privaten Gedanken hin.
Er dachte: »So ist er, dieser Herr Tobler. Zuerst nimmt er eine hochmütige
und drohende Stellung ein, dann duckt er plötzlich klein zusammen und
bittet, zu bedenken usw. Der Herr Grünen werde nicht den Mut finden,
meint mein Herr Tobler. Wie aber, wenn er ihn findet? So wie dieser Brief
abgefaßt ist, so pflegen Verzweifelte zu reden. Zuerst klingt es hochtrabend,
dann bedeutend, dann wichtig, dann prahlerisch, dann beißend spöttisch,
dann auf einmal kleinmütig, dann zornig, dann flehentlich, dann plötzlich
grob, dann Brust hoch und noch ein letztes Mal in hochmütigem Ton: die

Page 107

Uhr w i r d sich bewähren! Wer beweist das? O ein solcher pfiffiger
Darlehngeber, wie dieser Grünen aus Frauenberg einer ist, der wird
hohnlächeln, wenn er diesen gefühlvollen Brief liest.« –
Ihm scheine der Ton des Briefes kein ganz richtiger, wagte er halblaut
zu seinem Chef zu sagen. Das war ein Funke ins Pulverfaß.
Tobler sprang jählings auf: Was Joseph da Dummheiten zu schwatzen
habe. Wenn er Bemerkungen machen müsse, so solle er sie nicht erst eine
halbe Stunde nach Erledigung der Sache vom Mund ablaufen lassen, und
dann solle er sehen, daß es keine so läppischen seien, wie die, die er sich
soeben erlaubt habe.
»Unsinn!« schrie er, ergriff seinen Hut und ging davon.
Joseph kopierte das Schreiben mit der Kopierpresse, faltete es
zusammen, steckte es in einen vorher schon adressierten Briefumschlag,
klebte zu und frankierte.
Es waren ein paar hundert Zirkulare aus der Buchdruckerei
angekommen. Joseph fing an, diese Zirkulare exakt zusammenzufalten, und
zwar zu jeweiliger Briefkuvertgröße, damit sie in alle Welt hinaus
verschickt werden konnten. Das Rundschreiben enthielt in hübscher
Druckschrift, und mit Klischee-Abbildungen versehen, die genaue
Beschreibung nebst Preistabelle eines kleinen Dampfapparaten, auch einer
Toblerschen Erfindung. Vor allen Dingen galt es, diesen Dampfbehälter den
zahlreichen, in der Umgebung von Bärenswil und weiter im Land herum
verstreuten Fabriken und mechanischen Werkstätten anzupreisen, womit
man einen ganz hübschen Gewinn zu erzielen hoffte.
Der Gehülfe faltete bis zur Mittagsessenszeit diese Papiere zusammen,
welche Arbeit für ihn etwas geradezu Fröhliches und Gedankenförderndes
enthielt, und ging dann zu Tisch. Man schwieg während des Essens,
abgesehen von Dora, die ihren reizenden Mund nicht zu halten vermochte.
Die Knaben erwiesen sich unartig. Frau Tobler klagte die langen Schul-
Ferien als die Ursache der allgemeinen Jugendverwilderung an, indem sie
sagte, sie sei wahrhaftig froh über den baldigen Wiederbeginn der
Schulzeit, es werde nun gottlob bald wieder eine andere Zeit für die
Schlingel herantreten. Die Autorität und das Meerrohr des Lehrers würden
dann vielleicht erreichen, was der Mutter nicht möglich sei: artiges und

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aufmerksames Benehmen ihren Buben anzugewöhnen. Es sei ganz gut,
wenn es allmählich Herbst werde. Während dieser langen, schönen
Sommertage wisse das kleine Volk vor lauter Langeweile gar nicht mehr,
wo noch irgend eine Gelegenheit sei, Übles und Dummes anzustellen.
Bei dem Wort »Herbst« fühlte sich Joseph in der Seele betroffen. Der
schöne Herbst! dachte er. Einen Augenblick später war er mit Essen fertig
geworden, er stand auf und sagte zu Frau Tobler, es fehle ihm Geld, um
Briefmarken kaufen zu können. Die dadurch unangenehm berührte Frau
sagte, so solle sie auch noch für solche Dinge sorgen, seufzte und händigte
dem Angestellten das Gewünschte schmollend, aber zugleich ein wenig
geschmeichelt, ein. Man mußte also zu ihr, der Frau, kommen, um
Markengeld zu erwischen und zu ergattern. Joseph spielte wiederum ein
wenig den Beleidigten.
Schließlich war er ein Mannesuntergebener, nicht ein Frauengehülfe.
Wie lästig das war, jedes Zweimarkstück einem Frauenrock abbetteln zu
müssen. Frau Tobler sah seinen unpassenden Zorn und begnügte sich, ihn
von oben herab halb anzuschauen.
Er begab sich zur Post. Im Garten waren mehrere Arbeiter und
Handlanger damit beschäftigt, Gartenerde hoch aufzuschaufeln und zu
einem mächtigen Haufen zu türmen. Die Erde war naß, es hatte kurz vorher
geregnet.
»Auch noch eine unterirdische Feengrotte zu allem. Was denkt Tobler?«
brummte Joseph und erreichte die Landstraße. Aus dem Wirtshaus zur
»Rose«, das nicht gar weit entfernt lag, drang zur offenen Tür ein
schneidender Schnapsgeruch heraus. Hier war es, wo der Wirsich seine
ersparten Gehälter und Löhne vertrank. Von hier aus pflegte er in eine
»andere Welt« hinüber zu taumeln, indem er seinen bessern Teil in der
»Rose« unter dem Tisch liegen ließ. Im Dorf angekommen, trat der
Gehülfe, einer seit kurzem erst angenommenen Gewohnheit gemäß, in das
Restaurant zum Segelschiff ein, und wer saß dort am runden Stammtisch?
Tobler!
Da hatte man sie also beide, den Herrn und den Knecht, und wo? In der
Kneipe.

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Gewiß muß man in den Zorn gewöhnlich rasch eins hinabtrinken, um
das Hitzige, was man in der Brust fühlt, abzukühlen und zu verlöschen, und
ebenso natürlich ist der Durst eines Untergebenen, der soeben erst
Markengeld hat »betteln« müssen und infolgedessen ziemlich unwirsch
aufgelegt ist. Der Unmut kann, indem man »eins« zu sich nimmt, zerstreut
werden. Gewiß muß und kann man auch das, aber – es war doch für einen
Moment den beiden etwas kurios zumut, sich im »Segelschiff« plötzlich bei
Trinkgedanken zu ertappen, und beide schauten sich kurz aber bedeutend
an.
»So? – Sie scheinen ja auch Durst zu haben,« sagte Herr Tobler
gewichtig aber freundschaftlich zu dem Eingetretenen. Dieser sagte:
»Ja! Muß auch sein.«
Herr Tobler erwartete im »Segelschiff« immer die anfahrenden und
abfahrenden Züge, auch jetzt »paßte er nur auf seinen Zug auf«. Das
Restaurant lag in unmittelbarer Nähe des Bahnhofes. Aber wie oft verpaßte
trotzdem Tobler seine Züge; man konnte, wenn man Wirt hieß, manchmal
beinahe meinen, er verpasse sie absichtlich. In solchen Fällen pflegte er
jedesmal zu brummen: »Jetzt ist mir das cheibe Züglein schon wieder an
der Nase vorbeigefahren.«
Joseph trank aus und ging. Sein Chef rief ihm nach, so daß die andern
Wirtsgäste es hören konnten: »Schreiben Sie dem Uhrmacher, wie heißt er
schnell, er solle mit der Montierung der Uhren für die Utzwil-Stäfener-
Bahn unverzüglich beginnen. Der Brief muß noch heute abgehen. Das
Übrige werden Sie wohl wissen.«
Joseph schämte sich ein wenig seines »redeseligen« Prinzipals, wie er
ihn im stillen nannte, er nickte und drückte sich zur Türe hinaus.
Er ging zum Buchbinder und Papierwarenhändler und ließ sich eine
ganze Reihe Gebrauchsgegenstände für Bureau und Zeichentisch geben,
indem er's »ins Buch aufschreiben ließ«.
Solch ein niedliches Rechnungsbüchlein, was ging da nicht alles
Mögliche hinein. Man nahm einfach die Waren und ließ munter
aufschreiben.
Der Inhaber des Papierladens erlaubte sich die Frage, wann und ob er
einen gewissen Betrag einkassieren lassen dürfe.

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»O gelegentlich etwa,« entgegnete obenhin Joseph. »Ich handle sehr
richtig,« dachte er, »man muß zu den Leuten in oberflächlichem Ton
sprechen, dann haben sie absolut festes Vertrauen. Wo man keinen Ernst
zeigt, da scheint auch noch keiner erforderlich zu sein. Hätte ich die Frage
dieses Mannes wichtig genommen, so würde er jetzt Verdacht haben und
schon morgen früh mit der quittierten Note im Bureau erscheinen. Ich diene
meinem Herrn, wenn ich fortfahre, leise sich rührende Verdächtigungen von
ihm abzulenken.«
Während dieses Gedankenganges hatte er sich scheinbar aufs
Gemütlichste eine Sammlung Ansichtspostkarten angeschaut. Indem er jetzt
den Laden verließ, lächelte er freundlich, und er wurde ebenso freundlich
vom Besitzer desselben angelächelt.
Zu Hause angelangt machte er sich wieder mit dem Falzen der Zirkulare
zu schaffen. Für je ein Zirkular verwendete er vier Händebewegungen. Er
träumte dabei. Diese Arbeit forderte das gemütvolle Herumsinnen um
irgend etwas geradezu heraus. Von Zeit zu Zeit wurde ein berauschender
Zug aus dem Stumpenstengel getan. Dicht vor dem Schreibtisch und
Bureaufenster saß auf einer dort plazierten Gartenbank Frau Tobler, sie
nähte und unterhielt sich in singender Sprechweise mit ihrem Dorchen.
»Was dieses Kind es gut hat!« dachte Joseph.
»Wollen Sie diese ganze Masse Zirkulare fortschicken?« fragte Frau
Tobler. Sie setzte hinzu: Ȇbrigens ist es Kaffeetrinkenszeit. Kommen Sie.
Der Kaffee steht schon.«
Im Gartenhaus, während des Imbisses, fühlte sich der Angestellte durch
die Freundlichkeit, mit der ihn die Frau behandelte, gezwungen, zu sagen,
er bereue, sich so keck gegen Frau Tobler benommen zu haben.
Was er damit meine? Sie verstehe nicht.
»Nun, wegen dem Wirsich!«
Sie sagte, das habe sie längst vergessen. Für solche Sachen habe sie kein
haarscharfes Gedächtnis. Gottlob. Was denn das auch weiter gewesen sei?
Gar nichts von Bedeutung. Aber es freue sie, Joseph bekennen zu hören,
daß es ihm leid sei, sie gekränkt zu haben. Er dürfe ruhig sein, und er solle
sich in allem, was das Geschäft ihres Mannes anbelange, nur immer Mühe
geben, das sei die Hauptsache. Ach sie wünsche manchmal, und besonders

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in letzter Zeit, ein geschäftstüchtiger Mensch zu sein, um Tobler helfen zu
können. Wenn sie daran denke, von hier fortziehen, das Haus, das sie so lieb
gewonnen habe, verlassen – zu – mü–ssen – –
Tränen standen ihr in den Augen.
»Ich will mir Mühe geben!« Er schrie es beinahe.
Dann sei es recht, sagte sie und versuchte zu lächeln.
»Sie dürfen nicht gleich verzagen.«
Das tue sie auch nicht. Sie sei gleichmütig genug all diesen
sorgenvollen Dingen gegenüber. Gestern habe ihr Tobler bittere, und wie ihr
scheine, ungerechte Vorwürfe gemacht, deswegen, daß sie seine ganze
schwere Lage zu leichtsinnig nehme; sie habe es für nötig befunden, zu
schweigen dazu. Was denn in einem solchen Fall eine schwache und
ungeübte Frau machen könne? Ob sie gar etwa den ganzen, guten Tag lang
jammern, und eine wehklagende Miene zur Schau tragen solle? Und was
das nütze? Das würde doch einer einigermaßen vernünftigen Frau weder
einfallen, noch auch nur anstehen können, so etwas würde sie eher für
gefährlich als ziemlich halten. Sie sei im Gegenteil immer ganz guten
Mutes, und sie wage es, sich im stillen für diese Haltung zu loben. Ja, das
tue sie, und wenn es auch sonst auf der ganzen Welt ihr kein einziges Wesen
anerkennen wolle. – Sie wisse im übrigen, wer sie sei, und sie fühle sich
schon aus diesem Grunde verpflichtet, den fröhlichen und gemessenen
Lebensmut nicht so bald sinken zu lassen. Daneben fühle sie wohl, wie
schwer es ihr Mann zurzeit habe.
Sie war wieder heiter geworden.
»Und was Sie betrifft, Joseph,« fuhr sie fort, indem sie den Gehülfen
mit ihren großen Augen anschaute, »so weiß ich ja, daß Sie ernst bei Ihren
Aufgaben sind. Und von einem einzelnen Mann wird man nicht alle
Lösungen und trefflichen Leistungen aufs Mal verlangen wollen. Sie fahren
einen nur manchmal ein bißchen grob an. Ja, ja!«
»Sie demütigen mich, aber ich verdiene es,« sagte Joseph.
Beide lachten.
»Sie sind ein kurioser Mensch,« bemerkte Frau Tobler, das Gespräch
beendend. Sie stund auf. Joseph sprang ihr nach, um sie zu fragen, ob sie

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die Güte haben wolle, die Kleider, die ihm Herr Tobler soeben geschenkt
habe, herauszusuchen und auf sein Zimmer legen zu lassen, er wünsche
dieselben heute noch anzuprobieren. Sie sagte, ja, sie wolle die betreffenden
Sachen sogleich aus dem Schrank herausnehmen.
Nach ungefähr einer Stunde spritzte er den Garten. Er fand das zu nett,
so den dünnen, silbernen Wasserstrahl durch die Luft schneiden zu sehen
und das Aufklatschen des Wassers auf den Blättern der Bäume anzuhören.
Die Erdarbeiter warfen bald ihre Schaufeln und Bickel weg und machten
Feierabend. »Ein kurioser Mensch,« dachte der mit den Schläuchen
Beschäftigte, und es wollte ihm beinahe trübe zumut werden: »Wieso ein
kurioser Mensch?« –
Doktor Speckers kamen an diesem Abend, auch Tobler kam an,
ungehalten, unfreiwillig. Er hatte es sich eben im »Segelschiff« gemütlich
machen wollen, als er telephonisch angerufen, und davon in Kenntnis
gesetzt worden war, wer in der Villa zu Besuch gekommen sei. »Müssen die
schon wieder kommen?« hatte er durchs Telephon zu seiner Frau gesagt,
konnte aber nicht gut absagen, und so verzichtete er eben auf den
Wirtshausjaß, um dafür zu Hause zu jassen, was nach seinem Geschmack
ein wenig »kindelig« war. In der Tat ging es beim Jaß unter Berufsjassern
eben viel ernsthafter und männlicher zu, vor allem viel schweigsamer, und
Tobler hatte nachgerade diese häusliche, plaudernde, unschuldige Jasserei
ziemlich verachten gelernt.
Joseph entschuldigte sich, er habe Kopfweh, er möchte noch ein wenig
in der frischen Luft spazieren gehen. »So, der entzieht sich der Pflicht, und
ich, ich muß dahocken,« schien Toblers Gesicht zu sagen, als er Joseph sich
ausreden hörte.
Dieser flüchtete »an die Natur« hinaus. Der Mond beleuchtete zart und
groß die ganze Umgegend. Irgendwo plätscherte ein Wasser. Er ging den
Berg hinauf, zwischen den bekannten Wiesen hindurch. Die großen
Wegsteine waren weiß vom Mondschein. In dem Baumdickicht tuschelte
und zischelte und flüsterte es. Es war alles in einen duftenden,
träumerischen Dunst getaucht. Vom nahen Wald her hörte er
Käuzchengeschrei. Einige zerstreute Häuser, ein paar zaghafte Geräusche,
und plötzlich da oder dort ein Licht, ein wandelndes, das irgend ein später
Wanderer in der Hand trug, oder ein ruhendes, ein Licht hinter einem

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halbverdeckten Fenster. Welche Stille im Dunkel, und welche Weite im
Unsichtbaren, welche Ferne! Joseph überließ sich vollständig seinen
Empfindungen.
Plötzlich dachte er wieder an den »kuriosen Menschen«, der er sei. Was
er denn eigentlich so Kurioses an sich hatte? Einsam in der Nacht
umherzuspazieren, das war allerdings seltsam genug, dieses Vergnügen
durfte man schon als kurios bezeichnen. Aber was weiter? War das alles?
Nein, die Hauptsache war die: sein Leben, sein ganzes Leben, das bisher
geführte und das vorauszuahnende zukünftige, das, das war kurios, und
Frau Tobler hatte ganz recht, wenn sie bemerkte – – Diese Frauen, wie sie
es verstunden, in den Herzen und Charakteren zu lesen. Wie talentiert sie
waren, einem mit so einem einzigen Wort das Richtige und Treffende in die
erstaunte Seele hinein zu sagen. Ein kurioser Kerl. Spaßhaft war das, nicht
wahr? –
Trauernd um Vieles, Vieles ging er nach Hause.

Die Bärenswiler oder Bärensweiler sind ein gutmütiger, aber zugleich
etwas heimtückischer, oder, wie vielleicht der richtige Ausdruck lautet,
heimlichfeißer Menschenschlag. Sie haben es alle mehr oder weniger dick
hinter den Ohren, sie besitzen alle, der eine mehr, der andere weniger,
irgend etwas Geheimes oder Heimliches, und sie sehen daher alle ein
bißchen pfiffig und verschlagen in die Welt hinaus. Sie sind ehrlich und
moralisch und nicht ohne Stolz, sie sind von Jahrhunderten her an eine
gesunde bürgerliche und politische Freiheit gewöhnt gewesen. Aber sie
verbinden mit der Ehrlichkeit gern einen gewissen Schein von Schlauheit
und Weltbenehmen und sehen gern nach was ganz Klugem und noch
Klügerem aus. Sie schämen sich alle ein wenig ihrer kernigen, natürlichen
Gradheit, und jeder von ihnen allen will lieber ein »schlechter Hund« sein
als ein Tropf von Esel, den man leicht übers Ohr hauen kann. Die
Bärenswiler sind nicht leicht übers Ohr zu hauen, davor kann sich jeder, der
das probieren will, tüchtig gewarnt sein lassen. Sie sind herzensgut, wenn
man sie achtet, sie haben eine gute Portion Ehre im Leib, denn sie sind seit
Jahrhunderten usw. Aber sie schämen sich auch ihrer Güte, wie fast
jeglicher Gefühlsäußerung. Sie lachen mit den Stockzähnen, wo andere

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Menschen und Nationen mit den Lippen lachen, sie plaudern mehr mit den
gespitzten Ohren als mit dem ungenierten Mund, sie schweigen gerne, aber
manchmal fangen sie an zu prahlen wie die leibhaftigen Matrosen, als ob
sie alle mit einem Wirtshaustischmaul zur Welt gekommen wären. Später
schweigen sie wieder volle vier Wochen lang. Im allgemeinen kennen sie
sich ausgezeichnet, sie rechnen nach, wo sie Vorzüge, wo Fehler besitzen,
und sie sind immer eher geneigt, ihre Mängel als ihre guten Eigenschaften
öffentlich strahlen zu lassen, damit ja niemand Bescheid wisse, wie tüchtig
sie sind. Um so bessere Handelsgeschäfte machen sie dann. Sie seien grob
wie die Teufel, sagt man in der rundum liegenden Welt, und nicht ganz ohne
Ursache, aber es sind ihrer immer nur ein paar unter ihnen, die grobe Laster
sind, und um dieser paar Ausnahmen willen müssen die Bärenswiler
manches kecke und ungerechte Wörtlein hören. Sie haben viel
Einbildungskraft, und Lust, diese Kräfte zu üben; die Geschmacklosen
unter ihnen prahlen deshalb öfters mehr als gut und recht ist und sind
verschrieen im übrigen Land. Aber vor allen Dingen, Herr Tobler, sind sie
trocken und nüchtern, ein Schlag Menschen, wie geschaffen dazu,
bescheidene aber sichere Geschäfte zu machen und dito Erfolge zu erzielen.
Die Häuser, die sie bewohnen, sind sauber wie sie selber, die Straßen, die
sie bauen, sind ein bißchen holperig, genau wie sie selber, und das
elektrische Licht, das ihre Dorfstraßen Abends beleuchtet, ist praktisch,
wiederum exakt wie sie selber. Und unter solch ein Volk mußte Herr Tobler
geraten.
Herr Ingenieur Tobler!

Die Zeit machte einen unsichtbaren Schritt vorwärts. Auch in der
Gegend von Bärenswil blieben die Jahreszeiten nicht stehen, sondern sie
hatten natürlicherweise zu tun, was sie anderorts auch tun müssen, sie
veränderten sich, trotz des Herrn Tobler, der vielleicht wünschen mochte,
die Zeit stillstehen zu sehen. Ein Mann wie er, dessen Geschäfte nicht
gingen, war der unbewußte Feind alles dessen, was ruhig und gleichmäßig
vorwärtsschritt. Der Tag oder die Woche ist solch einem Menschen stets
entweder zu kurz oder zu lang, zu kurz, weil man die Krisis herankommen
sieht, zu lang, weil man sich langweilt am Anblick des lahmen
Geschäftsganges. Ging die Zeit scheinbar schnell dahin, so murmelte

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Tobler, man komme zu gar nichts Gescheitem mehr seit einigen Tagen, und
machte sie scheinbar langsame und bequemliche Schritte, so wünschte er
sich über die Berge in ein späteres Jahrzehnt versetzt, um alle diese ihn
umgebenden Dinge nicht mehr anschauen zu müssen.
Es fing an zu herbsteln, sich zu setzen, es stund irgendwo etwas still, die
Natur schien sich manchmal die Augen reiben zu müssen. Die Winde
wehten anders als bisher, wenigstens schien das oft so, Schatten huschten
an den Fenstern vorbei, und die Sonne war eine andere Sonne geworden.
Wenn es warm war draußen, so sagten ein paar Menschen, echte
Bärenswiler, sieh da, wie warm es immer noch ist. Man dankte für die
Milde, weil man einen Tag vorher, unter der Haustüre stehend, gesagt hatte:
Potz blitz, es fängt zu rumoren an!
Hin und wieder runzelte der Himmel seine schöne, reine Stirne, oder er
zog sie sogar in Gramesfalten und -schleiern zusammen. Alsdann war die
ganze Hügel- und Seegegend von grauen, nassen Tüchern umhüllt. Der
Regen fiel schwer auf die Bäume, was nicht hinderte, daß man zur Post lief,
wenn man zufällig ein Angestellter des Hauses Tobler war. Herr Martin
Grünen schien sich um die schönen, sanften Wechsel der Jahreszeiten auch
nicht viel zu kümmern, sonst würde er kaum haben schreiben können, alles,
was Tobler an Zahlungsverweigerungsgründen ihm angebe, das berühre ihn
gar nicht, und er beharre auf seiner Kündigung.
Und wenn dann das schöne Wetter wieder kam, wie glücklich konnte
das einen berühren. Es waren vornehmlich drei Farben in der Natur zu
sehen, ein Weiß, ein Blau und ein Gold, Nebel, Sonne und Himmelsbläue,
drei sehr, sehr feine, ja sogar vornehme Farben. Man konnte dann
fortfahren, draußen im Garten zu essen, man stund dann da so, lehnte sich
gegen das Gitter und dachte darüber nach, ob man das schon einmal,
irgendwo in der Jugend vielleicht, könne gesehen haben. Die Wärme und
Farbe waren eines geworden. Ja, sagte man, solche Farben ergeben eine
solche Wärme! Die Gegend schien zu lächeln, der Himmel schien selber
glücklich über sein Aussehen geworden zu sein, er schien der Duft und der
Inhalt und die liebe Bedeutung dieses Land- und Seelächelns zu sein. Wie
das alles nur so liegen, stillsein und strahlen konnte. Wenn man über die
Seefläche hinaus schaute, fühlte man sich, man brauchte nicht einmal
Gehülfe zu sein, von freundlichen, wohltuenden Worten angesprochen.
Schaute man in die gelbliche Baumwelt hinein, so regte sich eine zarte

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Melancholie in einem. Sah man das Haus an, so mußte man lachen,
obschon die herrische Pauline gerade am Küchenfenster Teppiche bürstete.
Die Welt schien voller Musik zu sein. Über den Kronen der Bäume
erschienen wie ferne, verhallende Töne die blendend-leichten-weißen
Umrisse der Alpen. Man sah hin und empfand mit einem Mal das alles als
unwirklich. Dann war's wieder anders. Andere Aussichten, andere
Empfindungen! Auch die Gegend schien zu empfinden und ihre
Empfindungen zu ändern. Das Empfundene verlor sich jedesmal in das
allesbeherrschende Blau. Ja, alles war blau angefärbt und angehaucht. Und
dazu diese Frische, dieses Rauschen von den Bäumen her, in denen immer
eine leise, kühle Bewegung war. Konnte man da arbeiten, sich nützlich
erweisen? Ja, man spannte das Waschseil auf und half der Waschfrau einen
Korb nasser Wäsche aus dem Keller hinauf an das golden-blaue Licht der
Erde tragen. So etwas zu tun ziemte sich an einem so schönen, bis in die
letzten Winkel von Farben und Tönen durchzuckten, gleichsam
hellgeschliffenen Tage. Und es gab eine ganze Reihe solcher Tage, wo man
nur vom Bett aufstehen, sich zum Fenster hinauslehnen und mehrere Male
hintereinander sagen mußte: wie wundervoll!
Ja, aus dem Sommerland war ein Herbstland geworden.
Aber im Marschtempo der Toblerschen Geschäfte war keine neue
Wendung, keinerlei Umschwung, nicht einmal ein Seitensprung eingetreten.
Die Sorge und die Enttäuschungen gingen wie ermüdete, aber an Zucht
gewöhnte Soldaten im Schritt vorwärts, sie erlaubten sich keine
Abweichungen. Sie bildeten, Mißerfolge und Aussichtslosigkeiten
mithinzugerechnet, einen wohlgeordneten Marschzug, der sich langsam
aber stetig vorwärtsbewegte, gradaus in das Kommende schauend.
Tobler ging jetzt immer mehr auf Geschäftsreisen, als würde ihn der
Anblick seines reizenden Hauses schmerzlich und vorwurfsvoll berührt
haben. Er besaß ein Generalabonnement für sämtliche Bahnen auf ein
volles Vierteljahr gültig, das er schließlich, da er es sich einmal angeschafft
hatte, auch ausnützen mußte. Wo wäre denn da die gesunde Vernunft
gewesen? Das Reisen als solches schien ihm überhaupt Vergnügen zu
bereiten. Dazu war er der Mann. Im »Segelschiff« auf den Zug zu passen,
denselben womöglich fürs erste einmal zu verpassen, dann in den nächsten
einzusteigen, eine gewichtige Geschäftsmappe unter dem Arm, dann so zu
fahren, in alle Welt hinaus, mit den Fahrgästen ein Gespräch zu beginnen,

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dem einen oder dem andern derselben eine Zigarre oder einen guten
Stumpen zu offerieren, in einer fremden Gegend schließlich auszusteigen,
mit flotten, lebenslustigen Leuten zu verkehren, bis in alle Nächte hinein in
feineren Restaurants Unterhandlungen zu pflegen usw.: das war etwas für
ihn, das glich ihm und seinem Wesen, das lenkte ihn ab von unwürdigen
Gedanken, das half ihm, sich wieder ein bißchen er selber zu fühlen, das
war wie sein Anzug, der ihm so prachtvoll saß.
Was hatte er nötig, zu Hause zu sitzen, wo er doch einen Angestellten
hatte, den er »füttern« mußte? Käme ihm gerade noch recht! Da versauerte
er noch gänzlich das bißchen Unternehmungsgeist, das er noch hatte.
Würde dann nicht mehr viel fehlen und er konnte endgültig »die Bude
zuschließen«. Das fehlte noch: zu Hause sitzen und sich von den
Bärenswilergesichtern höhnisch anglotzen lassen. Nein, lieber dann gleich
eine Kugel vor den Kopf. Das war dann noch vorzuziehen.
Und so reiste er eben.
Zu Hause hatte inzwischen die Sorge um die täglichen
Lebensbedürfnisse angefangen, leise an die Fensterscheiben zu klopfen,
eine Gardine hochzuheben, um gemütlich in das Interieur der Toblerschen
Familie blicken zu können, an der Tür zu stehen, um jemand, der
vorüberging, an das Gefühl der Unsicherheit zu erinnern. Die Sorge
interessierte sich jetzt schon ein bißchen mehr als im Sommer. Sie stund
einstweilen da und prüfte das Terrain, im übrigen verhielt sie sich still. Es
genügte ihr, daß man manchmal ihre Anwesenheit empfand, sie war höflich
und vorsichtig. Eine Türschwelle, ein Fenstergesims, ein Plätzchen auf dem
Dach oder unter dem Eßtisch, diese Orte schienen ihr vollkommen zu
passen. Sie machte sich in keiner Weise wichtig, sie streifte mit ihrem
kalten Hauch von Zeit zu Zeit allerdings das Herz der Frau Tobler, so daß
diese sich manchmal am heiter hellen Tag umdrehte, als ob jemand hinter
ihr sei, als ob sie hätte fragen sollen: »wer hält sich denn da hinter mir
auf?« –
Die paar Gelder, die dem technischen Geschäft zuflossen, wurden
sogleich, auf Anraten ihres Mannes, von der Hausfrau in Empfang
genommen. Brot, Milch und Fleisch wollten doch täglich bezahlt sein. Man
lebte und aß wie immer, man sparte in keiner Weise an diesen Dingen.
Lieber gar nicht leben, als schlecht leben. Pauline erhielt ihren Lohn

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regelmäßig ausbezahlt, dagegen setzte man beim Gehülfen Verständnis und
Takt genug voraus, die Lage zu begreifen, wortlos, und sich in dieselbe zu
schicken. Joseph war ein Mann, Pauline ein unberechenbares Kind aus dem
Volk. Einem Mann durfte man Entsagungen zutrauen, einem Kind aus den
niederen Schichten des Volkes niemals, und der Angestellte begriff das.
Die Knaben gingen wieder zur Schule, was für die Mutter eine große
Erleichterung war, die sich nun öfters an die milde, herbstliche Sonne auf
die kleine Veranda begeben, und dort in einem sanft schaukelnden Stuhl
liegen konnte. Der Traum besuchte sie da zuweilen und spiegelte ihr in
angenehmen Farben vor, sie sei eine Herrin und eine von den freiesten und
besten, welcher schönen Gaukelei sie jeweilen ein kurzes Viertelstündchen,
nicht ohne tiefe Wehmut dabei zu empfinden, den Aufenthalt gestatten
mußte.
Eines Tages rief sie den Gehülfen zu sich in die Veranda hinaus, sie
möchte ihn gern etwas fragen. Es war kurz nach dem Mittagessen, Tobler
befand sich auf Reisen, die beiden kleinen Mädchen spielten im
Wohnzimmer.
Was das heute wieder für schönes Wetter sei, bemerkte Joseph beim
Betreten des Balkons. Die Frau nickte, sagte jedoch, sie denke an ganz
anderes.
»An was denn?«
So. An mancherlei. Vor allen Dingen denke sie seit ein paar Tagen
beständig daran, ob es nicht viel gescheiter wäre, das Haus, wie es da sei,
jetzt schon zu verkaufen, und freiwillig fortzuziehen, denn die Schande des
Zwanges, es zu verlassen, das fühle sie, komme ja doch langsam heran. Mit
den Unternehmungen ihres Mannes sei es doch nichts, sie glaube das jetzt
bestimmt zu wissen.
»Wieso jetzt gerade?«
Sie wehrte mit ihrer Hand ab und ersuchte Joseph, ihr frank und frei
seine Meinung bezüglich der Reklame-Uhr herauszusagen.
»Ich bin fest davon überzeugt,« sagte er, »daß sie sich auf guten Wegen
befindet. Man muß nur jetzt noch ein wenig Geduld haben. Anknüpfungen
mit weiteren Kapitalisten« – –

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Ach, sagte sie eifrig, er solle doch schweigen. Sie sehe es ihm ja
deutlich an, daß er sich verstelle und ihr da Dinge sage, an die er selber
nicht glaube. Das sei wenig schön von ihm. Was ihn denn veranlasse, zu
glauben, sie könne den harten Ausdruck der Wahrheit nicht aushalten?
Wenn er lügen wolle, so sei er ein ungetreuer und unanhänglicher
Angestellter, dann glaube sie wirklich, es habe keinen weiteren Zweck, ihn
noch länger dazubehalten. Sie habe zu wissen verlangt, wie und was er
denke, und sie befehle ihm jetzt, offen seine Meinung herauszusagen. Vor
allem wünsche sie zu erfahren, ob der kaufmännische Gehülfe ihres Mannes
überhaupt fähig eines eigenen Gedankens sei. Er solle nur ruhig sitzen
bleiben und ihr Red' und Antwort stehen, wenn ihm die Mannesehre kein
ganz unbekanntes Ding sei.
Joseph schwieg.
Was das für ein Betragen sei? Sie glaube auch noch das Recht zu haben,
ihm einen Befehl erteilen zu dürfen. Ob ihm der Mund in die Schuhsohlen
hinuntergefallen sei? Platz würde dort schon sein, Löcher seien genug darin.
Was für ein Stolz das sei bei so wenig äußerer Ehre? Toblers Kleider
stünden ihm ausgezeichnet. Ja, ja. Und er solle verschwinden, wohin er
wolle, daß sie ihn ja nur nicht mehr zu sehen brauche.
Joseph war bereits weggegangen. Er ging um das Haus herum, sagte ein
paar Worte zu Leo, dem Hund, trat ins Bureau hinein und setzte sich an den
Schreibtisch. Den Stumpen anzuzünden vergaß er beinahe, er erinnerte sich
jedoch sehr bald dessen Annehmlichkeiten und steckte sich einen von
diesen immer vorrätigen Rauchstengeln an. Das behagete ihn seltsam an
und er konnte arbeiten.
Kurz darauf erschien Frau Tobler in der Bureautüre und sagte ruhig:
»Ihr Betragen hat mich gereizt, Marti, aber es war gut. Vergessen Sie
was eben geschehen ist. Kommen Sie bald zum Kaffee.«
Sie schloß die Tür leise und ging wieder. Der Angestellte zitterte heftig.
Es war ihm eine Unmöglichkeit, die Feder in der Hand zu halten. Das
Leben selber tanzte ihm vor den Augen. Fenster, Tische und Stühle
schienen lebendige Wesen geworden zu sein. Er setzte den Hut auf und ging
baden. »Rasch noch vor dem Kaffeetrinken,« dachte er. Und dieser Frau
hatte er eine Strafrede Silvis wegen halten wollen. Welche Torheit!

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Das Glück und die Gesundheit selber baden nicht mit mehr Genuß in
den Wellen des Lebens, wie jetzt er im See badete. Das Wasser dampfte auf
seiner stillen, aber schon kalten Oberfläche, die wie Öl dalag, so ruhig, so
fest. Die Frische des Elementes ließ den nackten Körper sich kräftiger und
lebhafter bewegen. Vom Badehaus schrie ihm der Wärter laut zu: »Nicht so
weit hinausschwimmen, Sie da draußen. He! Hören Sie nicht?« Joseph aber
schwamm ruhig weiter, er fürchtete nicht im geringsten, den Gliederkrampf
zu bekommen. Er zerteilte und zerschnitt mit weiten Armbewegungen die
nasse, schöne Bahn. Aus der Tiefe des Sees hauchten ihn eiskalte Ströme
an: um so schöner, und er legte sich auf den Rücken, die Augen zum
wunderbar blauen Himmel erhoben. Als er zurückschwamm, hatte er vor
den Augen das von den Herbstfarben trunkene Land, das Ufer, die Häuser.
Alles lag da, eingehüllt in einen seligen Farben- und Düfterausch. Er stieg
aus dem Wasser und kleidete sich an. Beim Weggehen aus der Anstalt sagte
ihm der ängstlich gewordene Wärter, er hätte ihm wohl gehorchen, und auf
seinen Mahnruf zurückschwimmen können; wenn ein Unglück passiere, sei
er es, den man verantwortlich mache. Joseph lachte.
Frau Tobler spielte die Entsetzte, als er ihr sagte, es hätte ihn zu sehr
gelockt, er habe halt dieses Jahr noch ein letztes Mal baden müssen.
Sie saßen im Gartenhaus. Unvergleichlich schmeckte Joseph das braune
Getränk nach dem Bad. Man müsse wirklich jetzt die paar warmen Tage
noch profitieren, sagte Frau Tobler. Sie fing an zu plaudern von ihrer
Verheiratung, von ihrer früheren Wohnung.
So ein eigenes Haus, wo man ein- und ausgehen könne, wie es einem
beliebe, das sei doch etwas Reizendes und Ruhiges. Das fände man
vielleicht nicht so bald wieder – –
Joseph unterbrach sie. Er sagte höflich:
»Frau Tobler, Sie werden sich wieder ereifern. Warum denken Sie
immer an das? Ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, daß ich Ihr
gehorsamer Diener bin. Doch wozu diese Reibereien? Hier stehe ich vom
Tisch auf und gewärtige die Erlaubnis, mich wieder setzen zu dürfen.«
Er war aufgestanden. Sie sagte, er solle sich setzen. Er tat es.
Sie schwiegen eine Weile, dann kam ihr plötzlich die Laune, sich in die
Reitschule zu setzen, und sie bat den Gehülfen, sie zu stoßen und die Seile

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anzuziehen. Indem sie mit ihrem Brett hoch in die Luft flog und wieder
hinuntersauste, rief sie, das gefalle ihr, und »man müsse jetzt noch ein
wenig vom Garten profitieren«. Bald käme der Winter und dann heiße es
nur zu herrisch: Zu Hause sitzen!
Er mußte sie jedoch bald aufhalten, da es ihr schwindlig zu werden
drohte. Indem er das tat, atmete er gezwungenermaßen den Duft ihres
Körpers, den er einen Augenblick mit dem Arm umfassen mußte, ein. Ihre
Haare berührten sein Gesicht. Diese vollen, langen Arme! Er nötigte sich,
wegzusehen. Der Gedanke, ihren Hals zu küssen, durchzuckte ihn
augenblicklich, aber er tat es nicht. Eine Minute später dachte er mit
Schaudern an diese einfache Möglichkeit, und er war sehr froh, dieselbe
vernachlässigt zu haben.
Sie saßen wieder einander gegenüber. Sie plauderte ausgelassen:
Wie da in dem Haus, welches ihr Mann und sie früher bewohnt hätten,
ein junger Mensch ihr den Hof gemacht habe, ein so närrisch verliebter Kerl
– nein, sie müsse schon laut lachen, daran nur zu denken, geschweige denn,
davon zu sprechen. Eines Nachts sei dieser junge, übrigens besseren
Kreisen angehörige Mann in ihr Schlafzimmer eingedrungen und habe sich,
sie sei schon im Bett gelegen, davor niedergestürzt und ihr seine heiße
Sehnsucht gestanden. Sie habe ihm vergeblich entrüstet zugerufen und ihm
befohlen, sich sogleich zu entfernen. Der Mensch sei aufgestanden, aber
nicht, um sich fortzumachen, sondern um sie zu umarmen. Noch jetzt, wenn
sie sich in jenen fürchterlichen Moment versetze, spüre sie den Druck der
Hände, die sich um sie spannten. Sie habe natürlich um Hilfe gerufen, und
da sei zufälligerweise – und jetzt komme der lustige Teil der Geschichte –
ihr Mann gerade die Treppe hinaufgekommen. Er hört nur die Schreie,
stürzt sich ins Zimmer, und da habe er den jungen Mann wirklich wüst
hergenommen. Den Stock, und der sei dick gewesen, habe er ihm auf Kopf
und Schultern entzweigeschlagen, so daß sie, die Ursache der Prügel,
Tobler habe anflehen müssen, den Gegner, der ja auch gar kein solcher war,
doch zu schonen. Ihr Mann habe denselben dann die Treppe
hinuntergeworfen.
»Ich muß mich also in acht nehmen,« sagte Joseph.
»Sie?« Es hat nie ein verständnisloseres Gesicht in der Welt gegeben,
wie das, das Frau Tobler dem Gehülfen zeigte, als sie das sagte.

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Sie fing an, sich mit Dora zu beschäftigen. Ob Joseph ihr einen Gefallen
tun möge, wandte sie sich plötzlich an diesen. Auf der Post liege das etwas
große Paket, das ihr neues Kleid enthalte. Sie möchte es gar zu gern heute
noch anprobieren. Ob es von dem Angestellten nicht zu viel verlangt sei, zu
wünschen, er möchte das Paket herbeiholen? Es sei vielleicht zu mühsam,
und Joseph habe womöglich Wichtigeres zu tun.
Nein, nein, er werde sofort gehen und es holen, sagte er, ganz glücklich
darüber, eine Ursache gefunden zu haben, wieder einmal zur Post laufen zu
können.
Er lief sogleich weg und brachte nach einer halben Stunde den Karton
ins Wohnzimmer der Villa Tobler. Die Frau war das völlige Selbstvergessen
im Öffnen der langersehnten Postsendung. Sie ging in ihr Schlafzimmer
hinauf, um das Kleid anzuziehen, Pauline mußte ihr behilflich sein. Gut,
daß der Herr nicht da war. Wie würde der über ihre freudige, frauliche
Erregung gehöhnt und geschimpft haben.
Nach ein paar Minuten trat sie wieder in das Wohnzimmer, angetan mit
dem hochmodern zugeschnittenen Kostüm. Es stand ihr prachtvoll. Sie
wünschte von Joseph zu wissen, wie sie aussehe. Silvi, die kleine
Botenläuferin, mußte den Gehülfen aus dem Bureau heraufholen. Dieser
war erstaunt, Frau Tobler so schön zu finden. Akkurat wie eine Baronin,
sagte er lachend. Nein, sagte sie, im Ernst, wie sehe ich aus? Vorzüglich
sehe sie aus, gestand er, und er erlaubte sich hinzuzufügen: »Ihre Figur tritt
sehr gut zum Vorschein. Sie sehen jetzt eigentlich gar nicht mehr wie Frau
Tobler aus, sondern wie eine seeentstiegene Nixe. Für Bärenswiler-Augen
dürfte das Kleid beinahe zu schön sein. Aber schließlich verdienen diese
Leute auch, daß sie erfahren und sehen können, was hauptstädtische
Schneiderinnen zu leisten vermögen. Stoff und Form dieses Kostüms sind
derart, daß man meinen möchte, der Stoff selber habe zu der Form den
Gedanken gegeben, und umgekehrt scheint die Form selber diesen schönen
Stoff erwählt zu haben.«
Über diese Rede war Frau Tobler ganz glücklich. Sie mochte in
Geschmackssachen ein wenig unsicher sein. Sie sagte lächelnd, sie getraue
sich nicht, in diesem Aufzug über die Gassen von Bärenswil zu gehen, sie
wolle daher das Kleid nur tragen, wenn sie gelegentlich in die Stadt fahre.

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Unbezahlte Wechsel und Rechnungen. Die Bank stutzte immer mehr.
Der Ton, in welchem die Kassenbeamten der Bärenswiler Bank mit Joseph
etwas besprachen, wenn er dort zu tun hatte, drückte nicht mehr nur
Erstaunen, sondern auch herablassendes Mitleid aus. »Schlimm steht es bei
euch da oben auf eurem Hügel,« sagte dieser Ton. Erinnerungen und
Ermahnungen, nun doch endlich zu zahlen, liefen täglich per Post im
Abendstern ein. Nichts war bezahlt, nicht einmal die Zigarren, die
fortlaufend geraucht wurden.
Die Gartengrotte war nun auch fertig geworden, bis auf einige
Kleinigkeiten, die Tobler später machen lassen wollte, sobald es mit ihm
wieder einigermaßen besser stünde. Die Bauunternehmer reichten ihre
Rechnung ein, sie belief sich auf ungefähr tausendfünfhundert Mark, eine
Summe, wie man sie in der Villa Tobler schon seit langer Zeit nicht mehr
beisammen gesehen hatte. Wo hernehmen? Aus der Erde graben? Den Leo
nächtlich auf einen lustwandelnden Rentier hetzen, denselben zu Boden
schlagen und berauben? Raubrittergeschichten gab es im zwanzigsten
Jahrhundert leider nicht mehr.
Jetzt war die Zeit da, wo man wenigstens wieder ein kleines Fest feiern
konnte. Es wurden Karten versandt an sieben angesehene Männer des
Dorfes, drei nahmen die Einladung zum nächtlichen Grottenfest an, die
übrigen vier waren, wie man sich zu entschuldigen pflegt, verhindert. Das
tat übrigens nichts zur Sache. Je weniger Teilnehmer erschienen, desto mehr
bekam jeder dieser Wenigen zu trinken. Es befanden sich noch einige
Flaschen ausgezeichneten Neuenburgerweines im Keller. Der sollte jetzt
verknallt werden. Eine würdigere Gelegenheit würde sich nicht so rasch
wieder bieten.
Die drei Männer, ein Spezereihändler, der Segelschiffwirt und ein
Versicherungsagent, kamen eines Abends bei stürmischem Wetter, zu der
festgesetzten Zeit, an. Alsogleich begab man sich in die Feengrotte, ein
höhlenartiges, mit Zement ausgeschlagenes und tapeziertes Ding, länglich
wie ein größeres Ofenloch, etwas zu niedrig, so daß die Besucher mehr als
einmal die Köpfe anstießen. Ein Tisch wurde in diese Grotte gestellt nebst
ein paar Stühlen, die der Gehülfe und Pauline herbeischleppten. Eine
Lampe war die Beleuchtung.

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Bald kam auch der Wein, der sich als ein edles, feuriges Getränk in die
Gläser ergoß, worauf er über die kostenden und schmeckenden und
schnalzenden Lippen sprang, die Kehlen hinunter. So lange noch ein
solches Weinlein im Hause sei, so – – Tobler hielt in seiner Ansprache inne,
zur Vorsicht und Besonnenheit gemahnt durch einen blitzenden Blick aus
seiner Frau Augen. Ja, da hatte er vor drei heimlichfeißen Bärenswilern eine
Dummheit sagen wollen. Er, er war ein offenes Gemüt von einem Mann.
Die Unterhaltung wurde immer fröhlicher und ungezwungener. Recht
unfeine Witze, die in Gegenwart dreier Damen (die Parketteriedamen waren
auch da) eigentlich unschicklich klangen, flogen von Mund zu Mund,
aufgefangen von laut lachendem Verständnis. Nur Joseph lachte nicht viel.
Ob er nicht zufrieden sei, wandte sich Tobler an ihn. Er solle nur trinken,
dann werde er schon munter werden. Die Sorgen lägen auf dem Grund der
Gläser, und man müsse kurzen Prozeß machen und sie austrinken. Wo
Pauline sei? Die solle den Neuenburger auch zu versuchen bekommen. Frau
Tobler sagte, das sei nicht nötig, aber der Ingenieur bestand darauf.
Geschichten von der anzüglichsten Sorte wurden zum besten gegeben.
Die drei Bärenswiler erwiesen sich als Meister in der komischen
Wiedergabe derselben. Würde Tobler für jedes Lachen, das an diesem
Abend erschallte, einen Hundertmarkschein bekommen haben, so wäre er
über Nacht ein wahrhaft fürstlich reicher Mann geworden, hundertmal
wohlhabend genug, alle seine Schulden auf einen Schlag zu tilgen. Aber das
Gelächter trug nichts ein, es verhallte an den Wänden der kleinen Grotte, es
belustigte bloß, aber bereicherte nicht.
»Auf das Gelingen deiner Unternehmungen, Tobler!« sprach der
Segelschiffwirt, indem er ein volles Glas hochhob. Hierdurch gerührt und
verletzt schwang sich Herr Tobler zu folgender Rede auf:

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Das will ich auch hoffen!
Wenn ein gesunder Mann sein Letztes an seine Ideen setzt, so
gibt es immer im weiten Umkreis der Menschen Geschwätze, die
dieses Mannes Werke verleumden und herabsetzen. Dieser Mann
aber steht hoch über diesen Verdächtigungen. Er ist ein
Unternehmer und als solcher verpflichtet, nicht nur etwas, sondern
alles zu wagen. Das Wagnis, meine Herren, sieht kühn, aber es sieht
auch oft prahlerisch und lächerlich aus, weil es die einzig
dastehende und beständige Aufgabe hat, niemandes Urteil zu
scheuen. Was will das Wagnis in der Dachstube, im Laboratorium,
im Heft, auf dem Zeichentisch tun? Es entsteht an diesen Orten,
aber wollte es da bleiben, wo es entstanden ist, so wäre es eine
bloße, genußsüchtige Träumerei. Hinaus an das Licht der Welt muß
es. Es muß sich zeigen, es muß die Gefahr, lächerlich und
unbrauchbar befunden zu werden, besiegen, oder es muß von dieser
Gefahr erdrückt werden. Was nützen der Welt die klugen Köpfe,
wenn sie im Verborgenen dahinleben, was nützen die bloßen
Erfindungen? Eine Erfindung ist eine Arbeit aber kein Wagnis, ein
bloßer hoher Gedanke rüttelt nicht das Kleinste am bestehenden Bau
der Welt. Die Ideen müssen sich verwirklichen, die Gedanken
streben nach der Verkörperung. Hierzu braucht es des kühnen und
unerschrockenen Mannes, des gesunden und starken Armes, der
festen und treuen Hand. Eines Fußes, der, wenn es ihm endlich,
nach vielen Widerwärtigkeiten, gelingt, Boden zu fassen, diesen
Boden nicht bald wieder verlassen wird. Eines Herzens, das Stürme
erträgt, einer, mit einem Wort, männlichen Seele. Es ist nicht gesagt,
daß dieser Mann glücklich ist, sobald er seine Unternehmungen
vom duftenden und rauschenden Erfolg gekrönt sieht, er erstrebt
keine persönliche Macht, er hat nur erreicht, was ihn, wenn er es
nicht erreicht hätte, würde erstickt haben. Seine Idee will etwas
erreichen, nicht er, seine Idee will aber dafür auch alles erreichen.
Eine Idee stirbt oder sie siegt. Mehr habe ich nicht zu sagen.

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Auf diese ziemlich romantisch gefärbte Rede lächelten die stillen,
schlauen Bärenswilerherren mit erzwungen zugepreßten Lippen. Frau
Tobler war im höchsten Grad ängstlich geworden. Das Fräulein aus der
Nachbarschaft schien die gesamte ohrenspitzende, lauschende Umgegend
zu verkörpern, so sehr mit offenem Mund saß sie da. Die alte Dame
verstund kein Wort. Joseph teilte die Empfindungen seiner Herrin, und er
war zugleich mit ihr froh, als sich Tobler wieder setzte, um ein neues volles
Glas Neuenburger herunterzustürzen. Seine Rede hatte ihn beinahe stärker
mithergenommen als der genossene Wein. Bald aber lachten wieder alle.
Der flüchtig sich in die Grotte verlorne Ernst verflog wieder. Es wurde ein
»Jaß« beschlossen. Toblers Augen glänzten wieder ganz genau so fiebrig
wie in jener vergangenen Sommernacht, in der die Raketen zu Dutzenden
aufgeflogen waren. »Ja, für Feste jeglicher Sorte paßt er prachtvoll,« dachte
Joseph.
Am nächsten Morgen schwammen etliche Pfropfen im Teich herum,
nebst ein paar gelber, vom gestrigen Sturm hier herüber gewehter Blätter.
Es regnete. Die ganze Besitzung sah traurig und verlassen aus. Joseph stand
im Garten: welch ein Anblick! Aber er verbot sich die Stimmung, die ihn
ergreifen wollte und zwang seinen Gedanken eine alltäglich-praktische
Richtungnahme auf.
Geschäfte im bejahenden und erwerbenden Sinne gab es immer weniger
zu erledigen. Das Hauptgeschäft bestund nur noch im Abwehren der
Gläubiger, die anfingen, von allen Seiten her, und in immer schrofferer
Weise, zu drängen, und im Verzögern und Verschieben der Notwendigkeit,
mit Geld herausrücken zu müssen. Geld, Geld, das mußte herbeigeschafft
werden mit allen noch zur Verfügung stehenden Mitteln, aber der Mittel und
Wege, dieses zu bewerkstelligen, gab es verschwindend wenige, und die
paar wenigen Wege waren durchaus zweifelhafte und unsichere. Eines
dieser noch möglichen Gelderwerbsmittel bestund in einem gemeinen und
schamhaften und heimlich betriebenen Anpumpen privaten Charakters. Auf
seinen Reisen traf Tobler etwa einen Verwandten oder einen Bekannten an,
dem gestand er entweder die nackte, unfreundliche Wahrheit, oder er
schwindelte ihm irgend eine momentane Verlegenheit vor und verstund es
auf diese Weise, hie und da Geld, Summen geringen Umfanges,
herauszuerwischen. Dieses Geld kam dann in der Regel auf Privat- oder auf
Haushaltungskonto zu buchen.

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Grundsätzlich hatte Joseph seine Bureaustunden inne zu halten, aber in
Wahrheit gab es im Bureau kaum noch etwas Reelles und
Vorwärtsführendes zu tun, sondern es galt im Grunde nur noch überhaupt da
zu sein. Eines Morgens ließ der Gehülfe aus Vergeßlichkeit die Bureautüre
offen stehen beim Weggehen nach der Post. Als er zurückkam, gab es eine
Szene: Tobler sagte heftig, Unordnung brauche deswegen, daß kein Geld da
sei, noch lange nicht einzureißen. Das verbitte er sich. Wenn auch keine
Barschaften zu entwenden seien, so könne doch jemand, sei es der
Briefbote, sei es ein anderer, durch die offene Türe, unangemeldet, ohne
daß ein Mensch im Hause es merke, eintreten und in den Büchern und
Papieren herumstöbern.
Joseph gab zur Antwort, es werde wohl Pauline gewesen sein, die die
Türe habe offen stehen lassen. So etwas tue er nicht, er halte stets streng auf
Ordnung.
Gerade Pauline, brauste der Chef auf, sei ja diejenige, die ihn wegen
dessen verklagt habe, was er, erstaunlich unverschämterweise, nun auf sie
schieben wolle. Er schiebe überhaupt immer alles auf Pauline.
Was sie ihn zu verklagen habe, dieses Plappermaul, sagte der in der
Schlinge Gefangene. Tobler gebot ihm zu schweigen.
Das waren Tage, das, nasse und stürmische, und doch war ein eigener
Zauber dabei. Das Wohnzimmer wurde auf einmal so wehmütig-gemütlich.
Die Nässe und Kälte draußen machten die Zimmer freundlicher. Man heizte
jetzt schon. Durch das neblige Grau der Landschaft brannten und leuchteten
fiebrig die gelben und roten Blätter. Das Rot der Kirschbaumblätter hatte
etwas Glühendes und Wundes und Wehes, aber es war schön, das versöhnte
und erheiterte wiederum. Oft erschien das ganze Wiesen- und Baumland in
Schleier und nasse Tücher eingehüllt, oben und unten und in der Ferne und
Nähe alles grau und naß. Wie durch einen trüben Traum schritt man durch
das alles hindurch. Und doch drückte auch dieses Wetter und diese Art Welt
eine geheime Heiterkeit aus. Man roch die Bäume, unter denen man ging,
man hörte reifes Obst in die Wiese und auf den Weg fallen. Es schien alles
doppelt und dreifach still geworden zu sein. Die Geräusche schienen zu
schlafen oder sich zu fürchten, zu tönen. An den frühen Morgen und späten
Abenden drang über den See der langdahingeatmete Ton der Nebelhörner,
die einander da draußen, Schiffe ankündigend, das warnende Signal gaben.

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Sie erklangen wie Klagelaute von hülflosen Tieren. Ja, Nebel gab es genug.
Dazwischen gab es einmal wieder einen schönen Tag. Und Tage gab es,
echt herbstliche, weder schöne noch wüste, weder besonders freundliche,
noch besonders trübe, weder sonnige, noch dunkle Tage, sondern solche,
die ganz gleichmäßig licht und dunkel blieben von Morgens bis Abends, wo
vier Uhr nachmittags dasselbe Weltbild bot wie elf Uhr vormittags, wo alles
ruhig und mattgolden und ein bißchen betrübt da lag, wo die Farben still in
sich selber zurücktraten, gleichsam für sich sorgenvoll träumend. Solche
Tage, wie liebte sie Joseph. Alles kam ihm dann schön, leicht und vertraut
vor. Diese leichte Traurigkeit in der Natur machte ihn sorglos, beinahe
gedankenlos. Es war dann vieles nicht schlimm, vieles nicht mehr schwer,
was ihm vorher schlimm und schwerfällig erschienen war. Eine angenehme
Vergeßlichkeit trieb ihn an solchen Tagen die hübschen Dorfstraßen
entlang. Die Welt war ruhig, gelassen und gut und gedankenvoll anzusehen.
Man konnte überall hingehen, es blieb immer dasselbe blasse und volle
Bild, dasselbe Gesicht, und das Gesicht blickte einen ernst und zart an.
Zu dieser Zeit wurde, unter dem verschwiegenen Aufruf: Geld her! ein
neues Inserat »Fabrikbeteiligung gesucht« in die Zeitungen gedruckt. Die
kleinen Geschäftsleute des Dorfes hatten Geld haben wollen, waren aber
abgewiesen, und auf spätere Zeiten vertröstet worden. Im Dorf wurde
infolgedessen laut gesprochen: Tobler zahlt nicht! Die Frau wagte sich
kaum noch recht in die innere Ortschaft, sie fürchtete, beleidigt zu werden.
Die hauptstädtische Schneiderin ersuchte brieflich um Einsendung des
Preises für das angefertigte Kleid. Der Betrag belief sich auf rund hundert
Mark, eine dem Frauengedächtnis nur zu gut sich einprägende Summe.
»Schreiben Sie ihr,« sagte Frau Tobler zum Gehülfen. Es war eben ein
Faß jungen Weines oder sogenannten Sausers angekommen. Schmal wurde
auch jetzt noch nicht im Hause gelebt, das verbot der natürliche Frohsinn,
der sich gerade jetzt wieder einzustellen begann. Mochten die Leute im
Dorf sagen und denken, was sie wollten, auch Doktor Speckers, die seit drei
Wochen ihre Besuche aufgegeben hatten.
Joseph schrieb der Schneiderin, einer Frau Berta Gindroz, einer
Französin: sie solle gefälligst noch ein wenig Geduld haben. Momentan sei
eine Berichtigung nicht gut möglich. Frau Tobler sei übrigens mit der Arbeit
nicht ganz so zufrieden wie frühere Male, indem das Jüpon zu eng geraten
sei, dasselbe drücke sie unter den Armen. Auf alle Fälle möchte Frau

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Gindroz betreffs der Zahlung nur ruhig sein. Man könne zurzeit nur nicht
gut den Herrn wegen dieser Sache angehen, Herr Tobler sei mit Geschäften
und Sorgen zu sehr überladen. Ob das Kleid nicht wohl erst noch müsse
geändert werden? Man erwarte hierüber Bescheid und man bitte, davon
überzeugt zu sein, usw.
Frau Tobler unterschrieb den Brief wie ein Geschäftsherr seine
zahlreichen Korrespondenzen zu unterschreiben pflegt.
Der ganze Garten lag voller abgefallener und zugewehter Blätter, da
machte sich der Angestellte eines Nachmittags dahinter und fing an
aufzulesen, zusammenzurechen und zu Haufen zusammenzutragen, was er
vermochte. Der Tag war kalt und finster. Große, unbestimmbare Wolken
lagerten düster am Himmel. Das Haus Tobler schien zu frieren und sich
nach dem edlen, heiteren Sommer zurückzusehnen. Die Bäume in der
Umgebung waren jetzt ganz kahl geworden, ihre Äste waren schwarz und
naß. Der Bahnwärter kam herzu. Derselbe wohnte ganz in der Nähe, er war
ein freundlicher, bescheidener, zur Dankbarkeit geneigter Mann, und er kam
nun heran und half Joseph Blätter auflesen, indem er sagte, was in guten
und bessern Tagen recht gewesen sei, das sei nun wohl in schlimmen Zeiten
nichts als nur billig. Er habe manches Gute von Herrn Tobler genossen.
Derselbe habe ihm etwa manche Zigarre gegeben und manches hübsche
Trinkgeld, so sähe er nicht ein, weshalb das immer so andauern müßte, und
er sei jedenfalls einer von denjenigen Bärenswilern, die es gut mit dem
allezeit freigebig gewesenen Ingenieur meinen.
Bald war der ganze Garten gesäubert. »Auch schon wieder eine Arbeit
erledigt,« sagte lachend der Bahnwärter. »Ja junger Herr, es gibt mancherlei
Sorten Beschäftigungen, und in allem, was man mit aufrichtigem Bemühen
tut, kann ein Stück Ehre liegen. Wenn Sie mir jetzt ein paar von Herrn
Toblers Stumpen zum Rauchen geben wollen, so ist mir das nicht
unwillkommen. Bei dieser Witterung kann man einen glühenden Stengel
schon vertragen.«
Frau Tobler ließ dem Mann einen halben Liter »Sauser« geben.

Der Aktienbierbrauerei Bärenswil wurde betreffs Besetzung einer
Anzahl Felder oder Flügel der Reklame-Uhr Offerte gemacht. Die Firma

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schlug ab, später vielleicht! Das war ein neuer, peinlicher Mißerfolg, der
Tobler veranlaßte, den Briefbeschwerlöwen zu Boden zu schmettern, wo er
in Stücke flog, die der Gehülfe aufhob. Gleichzeitig wurde auf das
technische Bureau ein neues Zahlungsforderungsgeschütz gerichtet. Die
Kanonenkugel verletzte zwar niemanden, aber sie reizte, ärgerte und
vermehrte die Unruhe.
Das war niemand anderes als der frühere Agent und Reisende Toblers,
ein gewisser Herr Sutter, der jetzt per eingeschriebenen Briefen
daherzutraben kam, um die rückständigen Gehälter und Provisionen, die
sich auf die Konzessionserwerbungen für die Reklame-Uhr bezogen,
einzufordern. Tobler würde diesem Menschen am liebsten
zurückgeantwortet haben: »Du kannst mir in der Gegend von Genua in die
Schuhe hineinblasen, du Narr, was du bist,« aber er mußte
vernünftigerweise auch diese neue, unangenehme Schuldforderung
anerkennen und schrieb dem Mann: »ich kann nicht bezahlen!«
Geduld! Herr Tobler sah sich genötigt, von allen seinen Mitarbeitern,
Lieferanten und Mitmenschen Geduld zu verlangen, gleichsam so: Habt
Geduld, ich, Tobler, meine es ehrlich und aufrichtig. Ich bin so unvorsichtig
gewesen und habe mein gesamtes Barvermögen in meine Unternehmungen
geworfen. Treibt mich nicht bis zum Äußersten. Ich ordne meine
Verpflichtungen, ich kann noch erben, ich besitze noch Ansprüche auf ein
mütterliches Erbteil. Auch habe ich ein neues Inserat, Kapitalien gesucht, in
die Zeitungen, die die Welt bedeuten, rücken lassen. Der Kopf schwindelt
mir zwar ein wenig, aber usw. –
Wegen des zu erwartenden Erbteiles unterhandelte jetzt Tobler mit
seinem Advokaten, an welchen man jeden Tag Briefe und Postkarten
schrieb.
Das erste Schützenautomaten-Exemplar war inzwischen fertig
geworden, es funktionierte in der Tat glänzend und erweckte fröhliche
Hoffnungen. Diesem Automaten, meinte sein Erfinder, bleibe es womöglich
noch vorbehalten, die Reklame-Uhr und das darin geworfene Vermögen zu
retten. Der Hilfsmechaniker lud Joseph eines Tages ein, das fertige Werk zu
besichtigen, und dieser folgte der Aufforderung gerne, umsomehr als der
Herbsttag schön und mild war. Er machte sich zu Fuß auf und spazierte
gemächlich gegen das eine gute Stunde weit entlegene Nachbardorf zu,

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rechts zur Begleitung der in die Höhe schießende Wald, links der ruhige
See, so ließ es sich ganz gut »in Geschäften« die Landstraße entlang gehen.
In der Ortschaft angekommen, erkundigte er sich nach der mechanischen
Werkstätte, fand sie nach vielem Suchen in den durcheinander gekneteten
und gebauten Dorfgassen und stand nun vor dem elegant mit
Dekorationsfarben angemalten Schützenautomaten. Der Hersteller
desselben, indem er Joseph dartat, wie glatt und geräuschlos das Ding lief,
brummte, nun erwarte man aber auch von Herrn Tobler eine angemessene
Entlöhnung, oder man dürfe, meine man, eine solche gewärtigen, nachdem
man doch, was aber Tobler nur nicht anerkennen wolle, die Hauptsache am
Werk getan habe. Mit Springen, Befehle erteilen und Umherreisen sei eine
Sache eben noch lange nicht in Wirklichkeit im Gang. Dazu bedürfe es der
Hände, die auch tatsächlich arbeiten. Ja, Joseph solle nur seinen Chef davon
unterrichten, wie man hierorts die Sachlage auffasse, es könne nicht
schaden, wenn Tobler es wisse.
Joseph schwieg zu allen diesen unzufriedenen Auslassungen und trat
bald den Heimweg wieder an.
Zu Hause rief man ihm schon von Weitem entgegen, es warte ein Herr
unten im Bureau auf Herrn Joseph Marti.
Es war der Verwalter des hauptstädtischen Stellenvermittlungsbureaus,
der Mann, dem der Gehülfe seine Stelle zu verdanken hatte, ein sonderbar
verwilderter Herr, der aber, wie es schien, die demütigsten und sanftesten
Manieren hatte. Die Herren begrüßten sich gegenseitig freundschaftlich,
beinahe brüderlich, obschon ein bedeutender Altersunterschied sie trennte.
Das gleichsam zerzauste und zerfetzte Gesicht des Verwalters ließ Joseph
an längst überstandene Dinge denken. Eine armselige Schreibstube tauchte
vor seinen inneren Augen auf, sich selber sah er dort an einem Pult sitzen,
dann sah er den Herrn Tobler zur Tür eintreten, den Verwalter vom Platz
aufstehen, wie er sich umguckte nach dem passenden Menschen, der
diesem Herrn Tobler dienen konnte. Wie weit das alles schon zurücklag.
Was denn den Herrn Verwalter nach Bärenswil hinaufgeführt habe?
Der ältliche Mann, indem er sich im Bureau nach allen Seiten
umschaute, sagte, er komme vor allen Dingen lediglich aus bloßem
Interesse, damit er sich einmal den Ort ansehe, an welchem es, wie es
scheine, Joseph gefalle. Es sei heute in der Schreibstube gerade ein

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schläfriger Tag gewesen, keinerlei Aufträge, da habe er sich eben in den
Zug gesetzt und sich den kleinen Ausflug gestattet. Aber ganz nur
neugierdehalber komme er auch nicht, er verbinde gerne mit dem
Genußvollen das Nützliche und Notwendige, und so möchte er sich denn
die Frage erlauben, warum ihm bis heute noch nicht einmal, trotzdem er
wiederholt Mahnbriefe geschrieben habe, der Betrag, den die übliche
Vermittlungsgebühr ausmache, eingesandt worden sei. Ob seine Briefe und
Mahnungen nicht eingetroffen seien?
»Ja, die sind angekommen, aber es ist kein Geld da, Herr Verwalter,«
antwortete Joseph.
»Wie? Und nicht einmal für einen so geringen Betrag?«
»Nein!«
Der Verwalter machte ziemlich nachdenkliche Augen und frug, ob Herr
Tobler zu sprechen sei. Joseph sagte:
»Herr Tobler ist während all dieser Tage für Menschen, die Geld von
ihm haben wollen, unter keinen Umständen zu sprechen. Hiefür bin ich da,
sein Angestellter. Wollen Sie sich nicht einen Moment, bitte, setzen, Herr
Verwalter. Sie werden sich zehn Minuten ausruhen und alsdann wieder
gehen. Bei aller Hochschätzung vor Ihnen bin ich gezwungen, Ihnen zu
sagen, daß man hier im Hause Tobler die Leute, die bei uns etwas zu
fordern haben, sehr ungern sieht. Sowohl Frau wie Herr Tobler haben mir
den bestimmten Befehl erteilt, mit Erscheinungen solcher Gattung kurzen
Handel zu machen, mich mit ihnen in keine Gespräche einzulassen, sondern
sie kühl abzuweisen. Sie selber, Herr Verwalter, haben mir damals, als ich
Ihnen vor dreieinhalb Monaten in der Schreibstube adieu sagte, um mich
nach Bärenswil zu begeben, anempfohlen, mich als treuen, gehorsamen und
fleißigen Mann zu erweisen, damit man mich brauchen könne und mich
nicht nach einem halben Tag schlechtbestandener Probezeit wieder
fortjagen müsse. Sie sehen, ich bin heute noch da, ich scheine mich also zu
bewähren. Ich habe mich in die hiesigen, eigenartigen Verhältnisse
hineingefunden, und ich glaube, ich passe in diese Verhältnisse.«
»Wird Ihnen denn auch Ihr Gehalt ausgezahlt?« fragte der Verwalter.
Der Gehülfe sagte:

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»Nein, und das gehört allerdings zu den Punkten, die mir nicht recht
gefallen. Ich habe hierüber schon mehrmals mit Herrn Tobler sprechen
wollen, aber jedesmal, wenn ich den Mund habe auftun wollen, um meinen
Vorgesetzten an diese, wie ich wohl habe empfinden müssen, für ihn nicht
gerade angenehme Sache zu erinnern, ist mir der Mut, zu reden, vergangen,
und ich habe dann jedesmal zu mir gesagt: Du verschiebst es! Und ich lebe
ja, auch ohne Gehalt, heute noch.«
»Wie lebt sich's denn hier. Bekommen Sie gut zu essen?«
»Ausgezeichnet!«
Es bleibe ihm also, meinte sorgenvoll der Verwalter, nach allem was
gesprochen worden sei, nichts anderes übrig, als Herrn Tobler auf
gerichtlichem Wege zu betreiben.
»Tun Sie das,« sagte Joseph. Der Verwalter griff nach dem
abgeschabten Hut, schaute den Gehülfen väterlich an, gab ihm die Hand
und ging.
Joseph nahm ein Stück Papier zur Hand und schrieb, da er sich weiter
mit nichts Wichtigerem beschäftigt sah, folgendes darauf:

Schlechte Gewohnheit.
Eine solche ist das Bedürfnis, gleich alles zu bedenken, was mir
Lebendiges vorgekommen ist. Das kleinste Begegnis erregt in mir
eine sonderbare Denklust. Eben ist ein Mann von mir weggegangen,
der mir um der Erinnerungen willen, die mit seiner alten, armen
Gestalt verbunden sind, lieb und bedeutend ist. Ich glaubte etwas
vergessen, verloren, oder nur liegen gelassen zu haben, als ich in
sein Gesicht schaute. Ein Verlust prägte sich sogleich meinem
Herzen ein und ein altes Bild meinen Augen. Ich bin vielleicht ein
etwas überspannter, aber ich bin auch ein genauer Mensch. Ich
empfinde die kleinsten Verluste, ich bin in gewissen Dingen peinlich
gewissenhaft, und nur ab und zu muß ich mir wohl oder übel
gebieten: Vergiß das! Ein einziges Wort kann mich in die
ungeheuerste und stürmischste Verlegenheit setzen, ich bin dann
von dem Gedanken an dieses scheinbar Winzige und Nichtige
erfüllt, durch und durch, während die Gegenwart, wie sie treibt und

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lebt, für mich unerklärlich geworden ist. Diese Momente sind eine
schlechte Gewohnheit. Auch dies ist eine schlechte Gewohnheit, das
was ich da mache, Gedankenaufnotieren. Ich gehe jetzt zu Frau
Tobler. Vielleicht hat sie eine Arbeit häuslichen Charakters für
mich. –

Er warf das Geschriebene in den Papierkorb und verließ das Bureau. In
der Tat harrte seiner eine häusliche Arbeit, die darin bestand, die für den
Winter bestimmten Vorfenster aus der Bodenkammer hinunter in den Keller
zu tragen, wo sie geputzt und gewaschen werden mußten. So zog er denn
gleich seinen Rock aus und schleppte Fenster hinunter. Frau Tobler war
erstaunt über seinen feurigen Diensteifer, und die Waschfrau, die
inzwischen putzte, sagte zu ihm, er sei etwa noch einer, den man ein
bißchen zu allem brauchen könne. Sie hängte dem Lob eine Lehre an und
bemerkte mit ihrer rauhen Stimme, das sei heutzutage, wo die Welt immer
unsicherer und veränderlicher werde, beinahe notwendig, daß junge Leute
lernten, sich in alles zu schicken. Ein Schaden sei es für einen jungen Mann
jedenfalls nicht, wenn er auch mit den verachteten und geringen Dingen
umzugehen wisse.
Nachdem die Fenster gewaschen waren, mußten sie in die Zimmer
getragen, und in die richtigen Fensteröffnungen ordentlich hineingehängt
werden. Frau Tobler ermahnte den Gehülfen zur Vorsicht, stund dabei und
sah ein wenig ängstlich seinen Aushänge-Bewegungen zu, die ihr
manchmal zu kühn vorkamen. »Wie gut dieser Frau der Ausdruck des
Bangens steht,« dachte der Fensterarbeiter und war sehr zufrieden mit sich.
Das war vielleicht auch so eine schlechte Gewohnheit von ihm, daß er
zufrieden, ja glücklich war, sobald es ihm vergönnt wurde, körperlich zu
arbeiten. Strengte er denn wirklich seinen Geist, die bessere
Menschenhälfte, so ungern an? War er zum Holzhauer oder zum Kutscher
geboren? Hätte er in Urwäldern oder auf Meerschiffen als Matrose leben
sollen? Schade, daß es in der Nähe von Bärenswil keine Blockhäuser zu
bauen gab.
Nein, geistlos war er vielleicht keineswegs, das ist übrigens nicht so
rasch irgend ein gesundgeborener Mensch. Aber er hatte so etwas
Körperbevorzugendes an sich. In der Schule, er erinnerte sich öfters lebhaft

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daran, war er ein guter Turner. Er liebte das Gehen über Land, das Steigen
auf Berge, das Abwaschen von Küchengeschirr. Er hatte letzteres zu Hause
als Knabe getan und dabei seiner Mutter Geschichten erzählt. Arme- und
Beinbewegungen empfand er als etwas Köstliches. Das Baden in kaltem
Wasser war ihm lieber als das Nachdenken über hohe Dinge. Er schwitzte
gern, das ließ unter Umständen tief blicken. War er der geborne
Ziegelsteinträger? Hätte man ihn an einen Karren spannen sollen? Herkules
war er jedenfalls nicht.
Ja, er hatte schon Geist, wenn er nur wollte, aber er machte zu gern
Pausen im Denken. Als er eines Tages mitten im Dorf Bärenswil einen
Mann sah, der Säcke schleppte, dachte er sogleich, das tue er auch, sobald
Tobler ihn fortjage. Das war im Hochsommer gewesen. Und jetzt ist es
Herbstende und man hängt Vorfenster an.
Nach Beendigung dieser Arbeit gab es jungen Wein zu trinken. Auch
war es schon Nacht und Abendessenszeit. Die Unterhaltung am Tisch war
sehr lebhaft, man blieb sitzen, nachdem alle schon längst mit Essen fertig
geworden waren. Der Mann der Waschfrau, ein einfacher Fabrikarbeiter,
fand sich ein. Frau Tobler lud ihn zu einem Glas Sauser ein, er setzte sich
mit an den Tisch, und bald gab er ein fröhliches Lied zum besten. Es wurde
ihm immer von neuem eingeschenkt, auch die andern tranken viel. Zu Bett
mit euch, Kinder! rief nach einer Stunde Frau Tobler. Pauline trug Dora auf
dem Arm von einem zum andern, um gute Nacht zu sagen. Die Waschfrau
bewies, daß sie ein drolliges, schnellläufiges Mundwerk hatte, sie erzählte
in einem fort Dorfgeschichten, Liebes- und Schauergeschichten. Der Mann
fing wieder an zu singen. Seine Frau wollte es ihm verbieten, denn was er
sang, war sehr frei, aber Frau Tobler sagte, er solle nur singen, was ihm
einfalle, die Kinder seien ja jetzt fort, und ihnen andern allen könne ein
ausgelassenes Wort nicht viel schaden, sie selber höre so etwas auch gern
einmal an. Der Zauber des Weines legte dem schwärzlich anzuschauenden,
einäugigen Gesellen tolle Reimereien auf die Lippen. Es wurde unbändig
gelacht, am meisten von Frau Tobler, die »profitieren« zu wollen schien, da
sie in den letzten Wochen zu ihrem Kummer fast gar keine Geselligkeiten
genossen hatte. Wenn es keine feinen Leute waren, die ihr heute abend
Gesellschaft leisteten, so waren es doch fidele. Arme Leute, aber aufrichtig
fühlende. Außerdem empfand sie, sie konnte selber kaum sagen, aus
welchem Grunde, das Bedürfnis, einmal recht ausgelassen zu sein, derart,

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daß sie Vergnügen fand, die Gläser immer wieder neu zu füllen, bis es
Mitternacht wurde. Joseph war betrunken, er lallte und war nahe daran,
unter den Tisch zu sinken. Die andern hielten sich besser. Frau Tobler hatte
sich überhaupt mehr dem Genuß des Gespräches und des Lachens
hingegeben als dem des Trinkens. Der Arbeiter aber schien ungeheuer viel
vertragen zu können. Joseph stolperte eben die Treppe hinauf, um in sein
Zimmer zu gelangen, als Tobler erschien mit der ärgerlichen Frage, warum
wieder einmal die Verandalampe nicht gebrannt habe. Im Garten draußen
sei es stockdunkel, da könne einer ja Arm und Beine brechen. Er sah, was
im Wohnzimmer vorging. Frau und Mann aus der Nachbarschaft waren
aufgestanden. Ein wenig später sagten die Leute schüchtern gute Nacht und
gingen. Was das für eine Wirtschaft hier sei? fragte Tobler seine Frau. Diese
konnte nur noch lachen und deutete mit dem Finger auf den Angestellten,
der mit der einfachen Schwierigkeit kämpfte, die Treppe emporzugelangen.
Der Herr war müde, so sagte er nicht viel. »Gesausert« war worden, es war
ein wenig unschicklich, aber es war kein Verbrechen.
Am andern Morgen stand Joseph etwas früher auf und arbeitete extra
fleißig, er empfand Gewissensbisse und fürchtete sich vor der Begegnung
seines Meisters. Aber es wurde ihm weder ein Ohr abgerissen noch flog
etwas um seinen Kopf herum. Tobler war freundlicher und vertraulicher als
je, ja, er machte sogar Witze.
Im Laufe des Tages gestand der Gehülfe Frau Tobler, daß er sich
gefürchtet habe. Sie schaute ihn groß an, als begreife sie irgend etwas an
ihm nicht und sagte:
»Sie sind ein sonderbares Gemisch von Feigheit und Kühnheit, Joseph.
Auf die schmalen Gesimse zu treten und mitten im Spätherbst in den See
hinauszuschwimmen, das tun Sie ohne die mindesten Furchtgedanken.
Auch eine Frau können Sie beleidigen, ohne stutzig zu werden. Wenn es
aber gilt, vor dem Herrn und Vorgesetzten einen ganz unschuldigen Fehler
zu vertreten, so fürchten Sie sich. Da ist man ja wahrhaftig gezwungen,
anzunehmen, entweder Sie sind Ihrem Herrn sehr zugetan, oder aber, Sie
hassen ihn heimlich. Was soll man glauben? Was soll ein so
scharfausgeprägter Respekt eines Mannes vor einem andern Mann
bedeuten? Gerade jetzt, wo es um die äußere Weltlage Toblers schlecht
steht, muß es einen wundern, Sie diesen Mann in so zarter Weise
hochachten zu sehen. Ich bin noch nicht klug aus Ihnen geworden. Sind Sie

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großherzig? Sind Sie ein Niedriger? Gehen Sie arbeiten. Ich soll nicht
heftig werden und bin es doch Ihnen gegenüber. Und fürchten Sie sich in
Zukunft nicht mehr vor meinem Mann, er hat noch keinem Menschen den
Kopf abgebissen.«
Das war im Wohnzimmer gesprochen worden. Etwas später überraschte
Joseph die Frau oben an der Türe ihres Schlafzimmers, sie hatte dieselbe
zufällig offen stehen lassen, im Negligé. Sie stand, ohne an etwas zu
denken, mit entblößten Armen neben dem Waschtisch und war mit dem
Ordnen der Haare beschäftigt. Als sie Joseph hörte und sah, stieß sie einen
Schrei aus und warf die Türe zu. Welche herrlichen Arme! dachte der
Gehülfe und ging die Treppe weiter hinauf. Er hatte oben auf dem Boden
etwas aus altem Gerümpel hervorzusuchen. Statt das was er suchte, fand er
ein Paar alte Schaftstiefel von Tobler, die augenscheinlich nicht mehr
benutzt wurden. Er schaute diese hohen Stiefel unverhältnismäßig lange an,
bis er in Lachen ausbrach ob seiner Gedankenabwesenheit.
Da erschien Silvi auf dem Estrich, sie trug Wäsche in der Hand, die sie
hier oben abzulegen hatte. Sie blieb vor Joseph stehen und betrachtete ihn,
als ob sie ihn überhaupt noch nie gesehen hätte. Was für ein Kind! Dann
legte sie ihre Sachen ab, aber statt hinunterzugehen, stöberte sie, und zwar
scheinbar ohne viel Vernunft, in einer offenen Kiste herum und richtete an
den ihr zuschauenden jungen Mann allerhand unverständliche Fragen.
Silvis Anblick wurde demselben rasch unerträglich und er ging hinunter.
Im Bureau: »Frau Tobler wundert sich über mein Betragen. Dagegen
möchte ich mich fast über das ihrige verwundern. Wie kommt sie dazu,
solche Worte zu mir zu sagen, sie, die unselbständige Frau, die Mutter
Silvis? Gleich werde ich gehen und es ihr ins Gesicht hineinsagen, was für
eine Rabenmutter sie ist. Ich bin zwar nur der Angestellte des Hauses
Tobler. Dieses Haus aber wankt, mag denn auch meine Lebensstellung
wanken.«
Neben der Wohnzimmertüre stand Frau Tobler und sprach mit großer
Erregung ins Telephon hinein. Offenbar handelte es sich wieder einmal um
eine unangenehme Sache. Ihr Rücken zitterte und die Schultern hoben und
senkten sich stürmisch. Sie sprach streng und gebieterisch. Sollte der andere
Sprecher ein unverschämter Gläubiger sein? Ihre Stimme klang so hoch,
daß sie in den eigenen Tönen und Bändern zu zerreißen drohte. Endlich war

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sie fertig. Sie zeigte Joseph ein ebenso stolzes wie schmerzvolles Gesicht.
Sie hatte während des Sprechens geweint.
»Wer war das?« fragte er.
»O,« sagte sie, »der Bauunternehmer, der, der die Grotte gemacht hat.
Er will Geld. Ich habe ihn aber, wie Sie soeben werden gehört haben, in die
Schranken zurückgewiesen.«
Sie sagte nicht, in was für Schranken. Aber ob sie es nun gesagt oder
nicht gesagt hatte, jedenfalls hatte der Gehülfe nicht mehr den Mut, sie eine
Rabenmutter zu schelten.
Er hätte auch ebenso gut ans Telephon gehen können. Ob er es denn
nicht klingeln gehört habe? Nein? Dann solle er doch immer die Bureautüre
ein wenig offen stehen lassen, dann werde er es schon hören.
Joseph hatte es ganz gut klingeln gehört, aber er war zu träge gewesen
und er hatte gedacht: »Die kann jetzt auch einmal telephonieren. Das
schadet dem Hochmutston nichts.«
Walter kam und erzählte, wie Edi, sein Bruder, einem Bärenswiler
Herrn die Zunge ausgestreckt, und die lange Nase gemacht habe. Edi sei in
des Mannes Garten gedrungen, um Birnen zu nehmen, er sei aber
überrascht worden und habe eine Ohrfeige gekriegt. Aus der Ferne habe
dann Edi dem Mann allerhand Schimpfwörter nachgerufen.
Das müsse sie ihrem Mann sagen, meinte Frau Tobler.
»An Ihrer Stelle, Frau Tobler«, warf Joseph ein, »würde ich selber den
Knaben bestrafen, meinetwegen hart, aber ich würde es niemals ›meinem
Mann‹ sagen. Erstens ist Herr Tobler jetzt, wie ja Sie am besten wissen, mit
anderweitigen Dingen genug beschäftigt, und zweitens sind Sie doch Edis
Mutter und können gewiß ebenso gut wie Ihr Mann die Strenge, womit der
Schlingel bestraft werden soll, messen. Hört Herr Tobler heute abend
wieder, wie nun schon so oft, solcherlei Klagen aus Ihrem Munde, so dürfte
er leicht außer sich geraten, und die Strafe wird nur zu leicht eine grausame,
aber keine gerechte sein. Denken Sie doch, gnädige Frau, in welche
Wutstimmung Sie Ihren Mann versetzen, wenn Sie ihn mit derartigen, in
der Tat nicht sehr gewichtigen Dingen, in dem Moment belästigen, den er
dazu benutzen will, wieder ein wenig im Kreise seiner Familie von seinen
Geschäften und Gelderwerbsplänen auszuruhen, und Sie werden mir, so

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sehr Sie auch geneigt sind, mich für Ihren Kränker zu halten, recht geben.
Verzeihen Sie mir. Ich habe im Interesse des Hauses Tobler gesprochen, ich
liebe dieses Haus, ich habe den Wunsch, hier nur nützlich zu sein. Sind Sie
mir böse, Frau Tobler?«
Sie lächelte und schwieg, indem sie es scheinbar für überflüssig fand,
ein Wort zu erwidern. Sie ging in die Küche hinaus, er ins Bureau hinunter.
Herr Tobler kam zum Abendessen nach Hause, was selten geschah. Wie
es gehe zu Hause, fragte er mit dunkler, gepreßter Stimme, er befand sich in
übler Laune. Joseph fühlte sich sogleich unbehaglich beim Klang dieser
Stimme. Diese Stimme, welchen Eindruck sie auf ihn machte! Mußte denn
Tobler gerade zum Essen heimkommen, um zu konstatieren, wie sein
Gehülfe es sich wohl schmecken ließ? Der Appetit verging ihm beinahe,
und er nahm sich vor, gleich nach dem Essen noch rasch zur Post ins Dorf
zu springen. Tobler hatte seinen Überzieher mühsam abgelegt. Joseph
dachte bei sich, vielleicht wäre es gut getan gewesen, wenn er vom Platz
aufgesprungen wäre und dem Herrn geholfen hätte, aus dem Mantel
herauszukommen. Das würde womöglich Toblers schlechte Laune, die man
ihm anmerkte, bedeutend gebessert haben. Warum nur so wenig
zuvorkommend? Ob ihm das an der Mannesehre geschadet hätte? Schöne
Ehre, dazusitzen und ängstlich zu hoffen, es werde keine Szene geben.
Toblers Auftreten ließ Joseph immer Szenen befürchten. Ja, dieser Mann
hatte etwas so Zurückgebändigtes an sich, etwas dick und rot Aufgehäuftes,
etwas innerlich Knatterndes und leise Krachendes. Das sah aus, als ob es
jeden Moment losbrechen möchte. Und da war es denn wirklich nicht
angebracht, an Ehrverletzung zu denken, da tat man einfach das Gute, das
Notwendige und das Zornesausbruch-Verhütende. Man zog einen
Überzieher aus, und der ganze Familienabend konnte gerettet sein. Tobler
konnte ja so entzückend kameradschaftlich werden, wenn er bei Laune war.
Geradezu freigebig. Aber Joseph hatte sich geschämt, artig zu sein, und
noch etwas, die Frau tat jetzt, als ob er an einem Schnürchen mechanisch
wäre aufgezogen worden, den Mund auf und erzählte in aufreizendem Tone
die Geschichte und Sünde Edis.
Der Vater trat zu dem Sohn hin und versetzte demselben einen Schlag
an den kleinen Kopf, der einen starken Mann hätte umwerfen können, wie
mehr ein derartiges Bürschchen, wie der Edi eins war. Alle im Zimmer
zitterten. Frau Tobler senkte ihre Augen schamhaft. Es tat ihr jetzt leid,

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gesprochen zu haben. Tobler jagte Edi mit Hieben und Stößen in die dunkle
Nebenkammer hinein. Walter, der kleine Angeber, war totenbleich
geworden. Dora umklammerte den Arm der Mutter. Diese wagte zu sagen,
es sei genug, Tobler solle sich beruhigen. Dieser stöhnte.
»Eine unbegreifliche Frau,« murmelte Joseph für sich.
Das müsse noch sein, zu der Zeit, da sowieso im ganzen Dorf alles, was
eine Stimme und ein Maul habe, wider ihn rede, sagte Tobler, indem er sich
an den Tisch setzte. Solche Rangen! Damit jeder Beliebige bald mit Fingern
auf ihn, den Erzieher und Vater, deuten dürfe und sagen dürfe, die Jungen
machen's halt wie der Alte. So wie man nur einen Fuß ins Haus setze,
springe einem eine Widerwärtigkeit entgegen. Da solle einer noch den Mut
haben, zu hoffen, es sei irgend eine Wendung zu Besserem möglich. Mit
den eigenen Kindern sei man gestraft. Das komme, weil man sich
verpflichtet glaube, sie ordentlich zu halten, zu kleiden und zu ernähren.
Der Teufel auch. Barfuß mußten sie ihm nächstens zur Schule gehen, die
Spitzbuben, und trockenes Brot zu essen haben statt Fleisch. Er werde einen
andern Takt einführen. Aber das sei gar nicht nötig, es mache sich bald von
selber. Wenn bald nichts mehr werde zu essen da sein, wolle er sehen, daß
diese seine Brut ganz anders sich aufführe.
Er versündige sich, und es genüge jetzt, sagte Frau Tobler.

Tobler führte kein anderes Regiment in seinem Hause ein, Taktstock
und Tonart blieben dieselben im Abendstern. Der Dirigent hatte zu viel
anderes im Kopf, und der Hülfsdirigent war eine zu bescheidene, zu
zufriedene Natur. Dem brauchte man ja nicht einmal die längst verfallenen
Gehälter auszubezahlen. Der nahm mit der Idylle vorlieb, mit dem, was da
war. Wolken und Winde flogen auch um das Haus Tobler noch herum, und
so lange diese Gebilde Lust hatten, dazubleiben, mochte es den Gehülfen
auch nicht ans Fortgehen mahnen.
Eines Tages schneite es. Erster Schnee im Jahr, wie bist du nur so
erinnerungsreich anzuschauen. Altes Erlebtes fliegt mit dir stürmisch dem
Erdboden zu. Die Gesichter von Vater und Mutter und Geschwistern lösen
sich deutlich und vielsagend von deinen nassen, weißen Schleiern ab. Es
wird einem so ernst und so lustig zumut, wenn du daherkommst, mit deinen

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unzähligen Flocken. Man glaubt, du seiest ein Kind, ein Bruder oder eine
liebe, zaghafte Schwester. Man hält die Hand hin, um dich aufzufangen,
nicht dich ganz, sondern nur kleine Stücke von dir. Der Kübel, der dich
auffangen wollte, müßte breit und groß sein, wie die Erde. Lieber, erster
Schnee, schneie! Es macht sich ganz prachtvoll, das weiche Ding, das du da
über Toblers Haus und Garten in aller Stille breitest. Frau Tobler ruft
erstaunt aus: »Es schneit!« Die Kinder kommen mit Geschrei und mit
Flocken in den geröteten Gesichtern und mit Schneestücken in den Haaren
in die warme Stube hinein. Da wird Pauline im Garten bald Wege in den
Schnee hineinscharren und fegen müssen, damit Herrn Toblers Füße und
Schuhe nicht allzu naß werden.
Tobler schickte auch seine Buben noch nicht barfuß zur Schule. Solch
eine Verordnung hatte ihre guten Wege. Auch zu essen gab es noch immer
in der netten Villa trotz des wilden Schneegestöbers und trotz Kälte und
Nässe. Joseph zog seinen Überzieher an, wenn er zur Post lief, es war ein
geschenkt bekommener, aber er gab trotzdem warm und kleidete hübsch.
Frau Tobler bat den Gehülfen, ihr aus dem Dorf etwas zum Lesen
mitzubringen, das Lesen fange an in die langen Nächte ganz gut zu passen.
Jassen könne man auch nicht jedesmal nach dem Abendessen. Joseph ging
in die Gemeindebibliothek und holte und brachte Lesestoffe. Die Mädchen
gingen in kleinen, roten, dicken Überkleidern in den Schnee hinaus, mit
Schlitten, um den Hügel hinunterzufahren, aber es ging noch nicht recht,
der junge Schnee war zu naß und saß nicht fest genug auf der steinigen
Erde. Leo, der Hund, half mit sich umherzutummeln.
Wie doch alle vier Jahreszeiten ihren besonderen Geruch und Ton
haben. Den Frühling meint man, wenn man ihn sieht, nie so gesehen zu
haben, nie so besonders. Im Sommer ist einem die Sommerüppigkeit jedes
neue Jahr neu und zauberhaft. Den Herbst hat man sich früher nie recht
angeschaut, erst dieses Jahr, und im Winter ist wieder der Winter ganz neu,
ganz, ganz anders wie vor einem oder vor drei Jahren. Ja, auch die Jahre
haben ihre eigene Note und ihren eigenen Duft. Das Jahr da und da
zugebracht zu haben, heißt es erlebt und gesehen haben. Orte und Jahre sind
eng miteinander verbunden, und erst Ereignisse und Jahre? Die Erlebnisse
können ein Jahrzehnt ganz neu färben, wie mehr und wie rascher ein kurzes
Jahr. Ein kurzes Jahr? Joseph ist mit diesem Ausspruch keineswegs

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zufrieden. Soeben ist er vor der Villa gestanden und hat, in Gedanken
verloren, gesagt: »Solch ein Jahr, wie lang und wie voll ist es doch.« –
Und das Lange war ihm nicht rasch vorübergegangen, erst als er an
dasselbe dachte, schien es ihm Flügel, Federn und Flaumesleichtigkeit
gehabt zu haben. Es war nun Mitte November, aber wenn er es sich recht
überlegte, so hatte er schon im Mai der Welt diese Miene und diese
Manieren und diese Gedanken gezeigt. Er hatte sich, wie seine Freundin
Klara sagte, wenig verändert.
Und die Welt, verändert sie sich? Nein. Das Winterbild kann sich über
die Sommerwelt werfen, aus dem Winter kann Frühling werden, aber das
Gesicht der Erde ist dasselbe geblieben. Es legt Masken an und ab, es
runzelt und lichtet die große, schöne Stirne, es lächelt oder es zürnt, aber
bleibt immer dasselbe. Es liebt die Schminke, es färbt sich bald bunter, bald
matt, bald ist es glühend und bald blaß, es ist nie ganz dasselbe, es
verändert sich immer ein wenig und bleibt doch immer lebendig und
ruhelos gleich. Es blitzt mit den Augen Blitze und donnert mit seiner
gewaltigen Stimme den Donner, es weint den Regen in Strömen herab und
läßt den saubern, glitzernden Schnee zu seinem Mund herauslächeln, aber
an den Zügen und Linien des Gesichtes verändert sich spurwenig.
Manchmal nur fährt ihm ein schauderndes Erdbeben, ein Hagelsturz, eine
Fluten-Überschwemmung oder ein Vulkanfeuer über die ruhige Oberfläche
dahin, oder es erbebt und erschaudert innerlich von Welt- und
Erdempfindungen und -Zuckungen, aber es bleibt dasselbe. Die Gegenden
bleiben dieselben, Städteansichten allerdings weiten und runden sich aus,
aber wegfliegen und sich einen andern Ort aussuchen, von einer Stunde auf
die andere, das können Städte auch nicht. Die Ströme und Flüsse fließen
dieselbe Bahn wie seit Jahrtausenden, sie können versanden, aber sie
stürzen nicht plötzlich über ihre Strombetten an die offene leichte Luft
hinaus. Das Wasser muß sich durch Kanäle und Höhlen hindurcharbeiten.
Das Strömen und Wühlen ist sein uraltes Gesetz. Und die Seen liegen, wo
sie seit langer, langer Zeit liegen. Sie springen nicht zur Sonne hinauf und
spielen nicht Ball wie Kinder. Sie sind manchmal empört und schlagen ihre
Wasser und Wellen zornig zischend zusammen, aber sie verwandeln sich
weder eines Tages in Wolken noch eines Nachts in wilde Pferde. Alles in
und auf der Erde gehorcht schönen, strengen Gesetzen, wie die Menschen.
Es war also jetzt Winter geworden um Toblers Haus herum.

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Einen Sonntag gab es zu dieser Zeit, an dem Joseph geglaubt hatte, in
die Hauptstadt fahren, und sich wieder einmal amüsieren zu sollen. In der
Stadt hatte er Nebel in den Straßen gefunden, nasse Blätter am Boden,
Bänke in den Anlagen, auf die man sich jetzt nicht mehr setzen konnte noch
mochte, in den innern Gassen Lärm und am Abend vor den zahlreichen
Kneipen gröhlende Betrunkene. Eine halbe Stunde lang war er bei seiner
Frau Weiß gewesen, um ihr zu erklären, wer Tobler und Frau Tobler seien,
aber eine innere Scham und Ungeduld hatte ihn bei der ruhigen und
gelassenen Frau nicht lange gelitten, er war wieder in die Gassen der
Sonntagnacht hinuntergegangen und hatte ein paar Lokale zweifelhaften
Genres aufgesucht, um sich zu »amüsieren«. War er der Mensch dazu
gewesen? Jedenfalls hatte er viel Bier getrunken, und im »Wintergarten«
hatte er mit jungen, gigerlhaften Italienern am Büffet Händel angefangen.
Ebendaselbst stieg er auf die kleine Variétébühne, vor aller Anwesenden
Augen, und zum größten Gaudium derselben, und fing an, den Gaukler, der
sich dort produzierte, in den Gesetzen des Geschmackes und der
körperlichen Geschicklichkeit zu unterrichten, bis er schließlich von einer
Handvoll Kellner zum Lokal hinausgewiesen wurde.
In der Kälte der Nacht setzte er sich in den Anlagen auf eine Bank, um
sich den Rausch von der herrschenden, rauhen Witterung aus Kopf und
Gliedern hinausblasen zu lassen. Ein wahrer Sturmwind sauste und rüttelte
in den Ästen der Parkanlagebäume. Das aber schien einem zweiten,
nächtlich hier, wie es schien, ebenfalls ausruhenden Menschen, der sich auf
die Bank vis-à-vis von Joseph gelagert hatte, gänzlich gleichgültig zu sein.
Was konnte das für ein Mensch sein, und was hatte ihn veranlaßt, sich hier,
gleich Joseph, in die offene, rücksichtslose Sturmnacht zu setzen? Tat man
solches? Der Gehülfe, irgend ein Unglück oder einen Schmerz ahnend, trat
auf die ruhende, dunkle Gestalt zu und erkannte – Wirsich.
»Sie hier? Wie geht's Ihnen denn, Wirsich?« frug er erstaunt. Sein
Rausch war mit einmal verflogen. Wirsich gab lange keine Antwort. Dann
sagte er:
»Wie es mir geht? Schlecht. Wer läge sonst hier im Regen und in der
Kälte? Ich bin ohne Stellung und ohne jeden Halt. Ich werde stehlen, ich
werde ins Gefängnis kommen.«

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Er brach in lautes, elendes Weinen aus.
Joseph bot seinem Vorgänger in Toblers Amt ein Goldstück an. Dieser
nahm es, ließ es aber zu Boden fallen. Der Gehülfe schrie ihn an:
»Seien Sie doch nicht so borniert, Mensch. Nehmen Sie das Geld.
Tobler selber hat es mir heute zaudernd genug gegeben. Wir dort oben im
Abendstern haben jetzt auch sozusagen kein Geld mehr, aber wir lassen den
Mut keineswegs sinken. Sie, Wirsich, brauchen durchaus nicht zu sagen,
Sie müssen stehlen gehen. Da schlägt man sich lieber mit der Hand eins auf
den Mund, bevor man so etwas sagt. Warum stehlen gehen? Gibt es nicht
eine Schreibstube für Arbeitslose? Aber Sie schämen sich wohl, dorthin zu
gehen, zu dem Herrn Verwalter, der ein sehr, sehr lieber, mildedenkender,
erfahrener Mensch ist. Wir im Abendstern, wir sind eines Tages freidenkend
genug gewesen und haben uns aus dieser Schreibstube einen jungen und in
der Tat vielleicht nicht ganz tüchtigen, wohl aber brauchbaren und
schmiegsamen Menschen, namens Joseph Marti, geholt, weil Herr Wirsich
nicht mehr hat gut tun wollen. Gehen Sie und arbeiten Sie, fragen Sie
morgen früh überall, wo Sie auch mit dem Fuß hintreten, nach Arbeit, und
sein Sie überzeugt, man gibt Ihnen irgendwie und wo welche. Was für
Manieren! Sie werden an manchen Orten sicherlich schnöde und kalt
abgefertigt werden, aber dann gehen Sie eben weiters, bis Sie gefunden
haben, was Sie in die Lebenslage versetzt, aus welcher heraus man langsam
wieder ein Mitmensch wird. Man soll sich verbieten, ans Stehlen zu
denken. Der gesunde Kopf soll der Gebieter sein und bleiben, man soll ihn
nicht reizen und reizen, bis er zum Narren und Schurken wird. Doch jetzt
würde ich an Ihrer Stelle mit dem Gelde da, das nicht ich, sondern Tobler
Ihnen jetzt gegeben hat, irgend ein vernünftiges Nachtlager für den
vorbereitenden Schlaf aufsuchen gehen. Sagen Sie, was macht Ihre
Mutter?«
»Krank!« machte Wirsich mehr mit der Hand als mit dem Mund. Joseph
rief aus:
»Und wegen Ihnen, nicht wahr? Entgegnen Sie mir nichts, ich weiß es,
als ob ich der ständige Zeuge dieser Krankheit und dieses Verfalles gewesen
wäre. Welche Mutter verzweifelt nicht, wo der Sohn aus jeder Art schlägt,
derart, daß er dem fleißigen Zigarrenstummelaufleser nicht mehr gerade in
die Augen zu blicken wagt? Da ist sie jahrelang stolz auf den Herrn Sohn

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gewesen, hat stets zu ihm hinauf mit den Augen der Liebe und
Bewunderung geschaut, hat ihn gesorgt und gepflegt, lebt noch, ist krank,
aber könnte gesund sein in den alten und ausglimmenden Tagen, wenn der
Gegenstand der Pflege und Liebe recht und tüchtig und nur ein
strohhalmdünn wacker tun wollte. Es brauchte ganz wenig, und die alte
Frau wäre zufrieden, und sie würde versuchen, ihrem alten, zerbrochenen
Stolz neue Flammen anzuhauchen. Ihr Kind würde sie schon um der
Versuche willen, honett und stark zu bleiben, beinahe anbeten. Und der
Vergeßliche und Entartete ist dazu noch der einzige Sohn, die erste und
letzte Möglichkeit des mütterlichen Gefühlsfeuers, und er ist plump und
grausam genug, auf die Liebe und tage- und jahrelange Freude täppisch zu
treten. Hören Sie, Wirsich, ich möchte Sie am liebsten durchprügeln.«
Sie gingen zusammen, um eine Schlafstätte ausfindig zu machen. Im
Gasthaus zum »Roten Haus« war noch Licht, sie traten in die Gaststube.
Allerhand Handwerks- und Wandersmenschen saßen um einen Tisch herum,
einer gab Schelmenstreiche, die er scheinbar vielfach verübt hatte, zum
besten, die Übrigen horchten zu. Joseph bestellte ein Nachtessen und etwas
zu trinken. Er würde, dachte er, morgen früh mit dem allerersten Zug
zurück nach Bärenswil fahren.
Es war nur noch ein einziges Zimmer im ganzen Gasthof frei. Wirsich
und Marti schliefen daher beide in ein und demselben Bett. Bevor sie
einschliefen, plauderten sie noch eine ganze halbe Stunde lang zusammen.
Wirsich war nach und nach munter geworden. Joseph sagte ihm, er solle nur
von morgen ab ruhig in diesem Gasthauszimmer wohnen bleiben und hier
fleißig Offertbriefe schreiben, die er, in Kuverts säuberlich gesteckt, selber
an Ort und Stelle hintragen könne. Man müsse sich unter keinen Umständen
schämen, Armut und Not an den heiteren Tag zu legen, dürfe aber dabei
keine gar zu wehleidige Jammermiene machen, sonst widere das die Leute,
auf deren Wohlwollen es ankomme, nur zu bald an. Eine Trauermiene sei
überdies geschmacklos. Das Persönlich-Hingehen zu den Geschäftsleuten
habe das Gute, daß diese meist gebildeten und vernunftvollen Menschen
einem etwa ein Fünfmarkstück in die Hand drückten, da sie den Beweis vor
Augen hätten, daß der Stellensuchende sich ehrlich Mühe gäbe. So hätten es
etliche und andere, die er, Joseph, sehr gut kenne, gemacht, und sie hätten
dabei immer gewisse bescheidene Erfolge zu erzielen gewußt. Namen und
Schicksal von Hülfeflehenden seien den Reichen meist ganz schnuppe, aber

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diese Herren gäben eben etwas, das sei in guten, alten Firmen und Familien
von alters her gutmütiger und vornehmer Brauch gewesen. Wirklich armes
müsse zu wirklich vornehmem Wesen hingehen, in aller Ruhe, dort sei es
immer noch am wenigsten am Halse geschnürt und könne atmen und könne
sich zeigen, wie es beschaffen sei und so, wie es eben einmal leide. Man
müsse, wenn man schon nun einmal am Boden liege und Not erdulde,
lernen, mit Anstand und Freiheit zu zeigen, daß man bitte, das entschuldige
und verstehe man, das erweiche ein wenig die Herzen und könne niemals
die gute und geschmeidige Sitte verletzen. Voll Haltung müsse aber einer
dabei sein, dürfe nicht zu greinen anfangen wie ein halbjähriges
Wickelkind, sondern solle zeigen durch sein Benehmen, daß er von etwas
Großem und Mächtigem, vom Unglück, darniedergeworfen worden sei. Das
ehre wiederum ein wenig und veranlasse den Härtesten zur flüchtigen,
süßen, edlen, anstandsvollen Milde. So, jetzt habe er ihm da eine lange
Rede gehalten, und gehörig schwungvoll obendrein, jetzt aber, wie er zu tun
gedenke, wolle er schlafen, denn er müsse früh wieder aufstehen.
»Sie sind, glaube ich, ein guter Kerl, Marti,« sagte der andere. Dann
schliefen sie ein. Es war schon halb vier Uhr morgens. Um acht Uhr, nach
drei Stunden Schlaf und einer dämmernden Eisenbahnfahrt, stand der
Gehülfe wieder im technischen Bureau, zwischen Zeichen- und
Schreibtisch. Jetzt ging er ins Wohnzimmer frühstücken.

Acht Tage darauf hatte er sich wieder, und zwar als Arrestant, nach der
Stadt zu begeben. Einen zweitägigen Arrest hatte er dafür abzusitzen, daß er
die herbstliche Wiederholungsübung versäumte. Er meldete sich zur
bestimmten Stunde in der Kaserne an, man nahm ihm die Militärpapiere ab
und führte ihn in den Karzer. Dort lagerten auf Pritschen und untergelegten
Mänteln an die fünfzehn jüngere und ältere Männer, die alle den
Neuankömmling musterten. Es roch nach allem möglichen Schlechten in
dem Raum, dessen vergittertes Fenster direkt an den Straßenboden anstieß.
»Ich habe wenigstens zu rauchen,« dachte Joseph und begann, es sich auf
einer der Pritschen nach Möglichkeit bequem zu machen. Bald hatten ihn
alle Insassen der bunten Reihe nach angesprochen. Es waren aller Art
Menschen, die ähnliche Strafen wie der Gehülfe zu verbüßen hatten. Einer
wie der andere schimpfte. Entweder war es ein höherer Offizier, der irgend

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etwas Ungeheuerliches begangen haben sollte, oder es wurde irgend einem
Staats- oder Zivilbeamten heimgezündet. Die Gesichter aller dieser
fünfzehn oder sechzehn Menschen drückten Langeweile, Appetit nach
Bewegungsfreiheit und Unzufriedenheit mit der Stumpfheit, die im Raume
herrschte, aus. Es lagen welche Burschen da, die schon wochenlang saßen,
einer sogar, ein Melker, monatelang.
Neben dem Hoteliersohn und Amerikareisenden lag hier der Tapezierer,
neben dem Maurer und Handlanger der Kommis, neben dem Kuhmelker
und Schweizer der reiche, jüdische Handelsmann, neben dem
Schlossergesellen der Bäckermeister. Keiner von den fünfzehn Leuten glich
dem andern, aber alle glichen sich in der Art, wie sie schimpften und
Kurzweil trieben. Daß auch wohlhabende und gebildete Leute da waren,
hatte seinen Grund in der gesetzlichen Unmöglichkeit, Arreststrafen in
Geldstrafen umzugestalten, so daß hier eine Gleichheit der Behandlung
herrschte, wie man sie im ungebändigten, offenen Leben lange suchen
konnte.
Plötzlich wurde ein, wie es Joseph schien, regelmäßig an der
Tagesordnung stehendes Spiel arrangiert. Es hieß das »Schinkenklopfen«
und bestand in einem ziemlich brutalen Draufloshauen mit der gestreckt
flachen Hand auf den Podex desjenigen, der verdammt war, denselben den
unbarmherzigen Hieben darzuhalten. Einer der Nichtmitspieler mußte dem
Dulder die Augen zudecken, damit er sich nicht die Herkunft der Hiebe und
Schläge merken konnte. Erriet er nun aber trotzdem die Person dessen, der
ihn gehauen hatte, so war er frei, und der Ertappte hatte sich, willig oder
nicht, an die unangenehme Stelle des Erlösten herabzubücken, bis auch ihm
das rasch- oder langsam-erkämpfte Glück des richtigen Erratens zufiel.
Dieses Spiel wurde eine gute Stunde aufs eifrigste betrieben, bis die
Hände vom Schlagen ermüdet waren. Nach einiger Zeit kam das Essen, du
liebe Zeit, es war eben eine Karzerkost, keine Bohnen, Rüben oder
Blumenkohl, nicht einmal ein kleines Schweinefilet, sondern Suppe und ein
Stück Brot, langweiliges, trockenes Brot, nebst einem Schluck Wasser. Die
Suppe war auch eine Art Wasser, und die Löffel waren außerdem noch in
ziemlich degoutierender Art und Weise an die Suppentöpfe angekettet, wie
wenn einer das Blei hätte stehlen wollen, wozu doch sicherlich kein Grund
da war. Aber es war praktisch, dieses Anketten, und militärisch und
beleidigend, und Karzerinsassen waren begreiflicherweise nicht dazu da,

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um geschmeichelt, liebkost und flattiert zu werden. »Der verächtlichen
Handlungsweise die verächtliche Strafe«: das stund scheinbar auf dem
Eßgeschirr deutlich und ankältend geschrieben.
Langweilige, öde zwei Tage!
Der Schweizer oder Melker war von allen noch der Lustigste. Diesen
wahrhaft schön anzuschauenden Burschen hatten »sie« gefesselt
dahergebracht, weil er sich herausgenommen hatte, den Polizeiunteroffizier,
der ihn arretierte, um den Kopf zu schlagen, daß demselben das Blut zu
Mund und Nase hervorspritzte. Für diese Tat wurde natürlich dem Melker
dann ein ganzer Monat oder mehr zu der anfänglichen Strafe hinzudiktiert,
was aber diesen scheinbar unerschrockenen und in Dingen der schönen
Ehre vollständig gleichgültigen Menschen gar nicht weiter beunruhigte. Im
Gegenteil, er schuf sich aus dem stumpfsinnigen, gezwungenen Daliegen
einen possierlichen und fidelen, monatelang anhaltenden Witz, er verstund
es vortrefflich, sich und alle andern zu unterhalten, und nie wollte in diesem
Kellerraum das Lachen ganz verhallen und erlahmen. Dieser Melker sprach
von Staats- oder Militärpersonen nie anders als im Tone kindlich-kräftiger
Überlegenheit und Übermutes. Nie kam etwas Giftiges und Wütend-
Zurückgehaltenes über seine Lippen. Tausend Anekdoten, die er, erfunden
oder wahrhaft erlebt, erzählte, hatten alle mehr oder weniger zum Inhalt die
Betölpelung und Naseführung irgend welcher Standesmenschen, mit denen
dieser schöne, verdorbene Mensch wie mit lächerlichen und hölzernen
Puppen umzugehen gewohnt schien. Kraftvoll und geschmeidig wie er war,
durfte man der Hälfte seiner Erzählungen ruhig, und ohne die gesunde
Vernunft zu verletzen, Glauben schenken, denn das schien in der Tat solch
ein Mensch zu sein, herkommend direkt noch von den stolzen und
unbändigen Ahnen des Landes, ausgestattet mit längst aus den
Generationen entschwundenen Spiel- und Raufkräften, und mit dem Mute
begabt, der eben die Gesetze und Gebote der weiten Öffentlichkeit fast
notwendigerweise verachtete. Sonderbarerweise trug er, um den Unfug, den
er mit Vorgesetzten aller Art trieb, noch zu schärfen, auf dem Lockenkopf
eine Militärmütze, die er Gott weiß wo noch von einem Dienst her
aufbewahrt hatte. Neben all seinen Vagabondiergewohnheiten schien er
indessen durchaus den einfachen, weicheren Empfindungen nicht abhold zu
sein, wenigstens hörte man ihn von Zeit zu Zeit jodeln und singen, was er
sehr schön und voll Taktgefühl tat. Auch erzählte er nicht ohne Sehnsucht

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von seinen vielen und weitläufigen Wanderschaften, die ihn durch das
ganze, große Deutschland, von Landgut zu Landgut, getrieben hatten. Wie
er da mit den Herren und Rittergutsbesitzern umgegangen war, das war, ob
es nun teilweise aus Schwindel oder aus fortreißender Erzählerphantasie
bestehen mochte, höchst possierlich und angenehm, ja sogar romantisch
anzuhören. Dieser Bursche hatte einen wahrhaft schön geschwungenen und
geformten Mund, eine edle und freie und ruhige Gesichtsbildung, und er
würde vielleicht, mußte man, wenn man ihn betrachtete, denken, unter
kriegerischen und kühnangelegten Lebensverhältnissen dem Land
außerordentliche Dienste haben erweisen können. Alles an ihm sprach von
untergegangenen Lebens- und Weltformen; namentlich wenn er sang, was
er zu der Zeit, die Joseph im »Loch« zubrachte, einmal plötzlich mitten in
der Nacht tat, glaubte man, die Töne und den Zauber der alten, starken Zeit
vernehmen zu sollen. Eine wundervolle, abendliche Landschaft stieg mit
dem Lied wehmütig empor, und man bedauerte den Sänger und das
Zeitalter, das sich gezwungen sah, mit Menschen von des Melkers
Veranlagung derart kleinlich und mißverständlich zu verfahren, wie es
tatsächlich der Fall war.
Während diesen zwei Karzertagen hätte der Gehülfe die schönste
Gelegenheit gehabt, über Verschiedenes nachzudenken, über sein bisheriges
Leben zum Beispiel, oder über Toblers schwierige Weltlage, oder über die
Zukunft, oder über das »Allgemeine Obligationenrecht«, aber er tat es
wiederum nicht, er versäumte auch diese kostbare Gelegenheit und
begnügte sich, den Späßen und Liedern und Zoten des Schweizers
zuzuhorchen, die ihm interessanter erschienen als sämtliche
Nachdenklichkeit der neuen und alten Welt. Überdies wurde beinahe alle
zwei Stunden das »Schinkenklopfen« wiederholt, auch eine Ablenkung vom
Drang, zu philosophieren, oder der Gefangenenwärter trat zur rasselnden
Türe herein, um einen der Arrestanten, der »fertig« war, abzuberufen, was
auch wiederum die geistige Aufmerksamkeit von höheren Dingen den
niedrigen und gemeinen Interessen zuzog. Wozu aber auch denken?
War denn nicht das Erleben und Mitleben der Gedanke, auf dessen
Pflege es am allermeisten ankam? Und wenn auch die achtundvierzig
Stunden des Absitzens achtundvierzig Gedanken ergaben, genügte denn
nicht ein einziger, allgemeiner Gedanke, um im Leben auf guter, glatter
Bahn zu bleiben? Diese reizenden, achtunggebietenden, mühsam

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zusammenerdachten achtundvierzig Gedanken, was konnten sie dem jungen
Menschen nutzen, da es doch vorauszusehen war, daß er sie morgen
vergaß? Ein einzelner richtungangebender Gedanke war da gewiß viel
besser, aber dieser Gedanke war nicht zu denken, dieser Gedanke zerfloß in
die Empfindungen.
Einmal hörte Joseph den Melker sagen, das Vaterländli könne ihm in
seiner ganzen Größe, wenn es wolle, den Buckel hinaufsteigen.
Wie war das natürlich und unrecht gesprochen. Freilich, das Vaterland,
oder der gesetzliche Begriff desselben, schikanierte den Melker, hemmte
ihn, fesselte ihn, diktierte ihm öde und gliederzerbrechende Freiheitsstrafen,
langweilte ihn, bereitete ihm Verdrießlichkeiten, Kosten und Schädigungen
an der körperlichen Gesundheit. Und so wie der Melker sprach, dachten
Tausende. Tausende vom Leben nicht ganz so gleichmäßig behandelte und
vorwärtsgeschobene Menschen, wie es das militärische Gebot blind und
trocken voraussetzte. Die Diensterfüllungen kamen nicht einem jeden so
glatt gelegen, wie vielen andern, die aus den Diensterfüllungen sogar ein
Lebens- und Weltgeschäftchen zu machen wußten, indem sie sich auf
Staatskosten unterhalten und beköstigen ließen. Manchem riß der Dienst ein
unangenehmes Loch in die Laufbahn, ja manchen konnte er sogar in die
bitterste und brutalste Verlegenheit setzen, indem die paar mühsam
ersparten Rappen, Centimes oder Pfennige in das anspruchsvolle
Militärtreiben flossen, wovon am Ende der Dienstpflicht kein Hauch mehr
übrig blieb. Nicht ein jeder konnte dann zu Vater und Mutter gehen und um
Unterstützung bitten, nicht einen jeden nahmen dann Kontor, Fabrik oder
Werkstätte sogleich wieder auf, sondern er mußte oft lange warten, bis er
wieder zu dem Kreis arbeitender, lernender, erwerbender und zielbewußter
Menschen gehörte. Konnte man da groß zählen auf dieses Einzelnen
Vaterlandsliebe? Welch eine Idee!
»Und trotzdem!« Mit dem erwärmenden Gefühl, das in diesem
gedachten »trotzdem« lag, sprang der Gehülfe von seiner Pritsche auf, um
sich am »Schinkenklopfen« zu beteiligen. Er hatte Glück, er mußte nie
lange »darhalten«. Er erriet die Hand, die ihn schlug, jeweilen sofort. Den
Schlossergesellen erkannte er jedesmal an der Wucht des
Drauflosschlagens, den Tapezierer an der Ungeschicktheit des Schlages,
den Juden an den Fehlschlägen, den Amerikaner an der Zimperlichkeit und
Geniertheit, womit derselbe sich am Spiel beteiligte und den Melker an der

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absichtlich gemilderten und gedämpften Schwungkraft. Der Melker hatte
für Joseph von Anfang an eine gewisse Zärtlichkeit empfunden. Er wandte
sich jedesmal, wenn er zu erzählen begann, an diesen, weil er sah, daß der
Gehülfe sein aufmerksamster Zuhörer war.
Zu rauchen war den »Gefangenen« verboten, aber Schulkinder kamen
an das Gitterfenster heran und vermittelten den zierlichsten und schönsten
Tabakschmuggel. Einer der Insassen kletterte auf die Achseln eines zweiten
hinauf und pickte vermittels eines an einen geheimnisvollen Stock
befestigten Nagels die Tabak- und Zigarrenpakete behend und geschickt auf
und warf dafür die Groschen oder Rappen den kleinen Verkäuferinnen und
Schmugglerinnen durchs Fenster zu, derart, daß das »Loch« immer voller
Rauch war. Der Gefangenenwärter, ein anscheinend gutmütiger Mann,
schwieg dazu.
Die zwei Karzernächte waren für Joseph kalt, fröstelnd und schlaflos. In
der zweiten Nacht konnte er ein wenig schlafen, aber ein unruhiger Schlaf
war es. Er träumte fieberhaft.
Das »Vaterländli« des Melkers lag ihm großausgestreckt mit allen
seinen Bezirken und Kantonen vor den leidenschaftlich schauenden Augen.
Aus einer Schicht Nebel hervor tauchten die geisterhaften, blendenden
Alpen. Zu ihren Füßen erstreckten sich himmlisch grüne und schöne
Matten, umhallt von Kuhglockentönen. Ein blauer Fluß beschrieb ein
leuchtendes und friedlich gezeichnetes Band durch die Gegenden, Dörfer
und Städte und Ritterburgen zart berührend. Das ganze Land glich einem
Gemälde, aber dieses Gemälde lebte; Menschen, Geschehnisse und Gefühle
bewegten sich darin auf und ab wie hübsche und bedeutende Muster auf
einem großen Teppich. Handel und Industrie schienen wunderbar zu
gedeihen, und die ernsten, schönen Künste lagen in brunnenrauschenden
Winkeln und träumten. Man sah die Dichtkunst am einsamen Schreibtisch
sitzen und sinnen und die Malerei an der Staffelei siegreich arbeiten. Die
zahlreichen Fabrikarbeiter kehrten still und schön und ermüdet von ihren
Schaffenswerkstätten heim. Man sah den Wegen am Abendlicht an, daß es
Heimwege waren. Weite und schallende und ergreifende Glocken tönten.
Dieses hohe Tönen schien alles, was da war, zu umschallen, zu umdonnern
und zu umarmen. Daraufhin hörte man das feine, silberne Klingen eines
Geißenglöckchens, und es war einem, als stünde man auf einer
hochgelegenen Bergweide, umschlossen von Nachbarbergen. Von weit

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unten her, aus den Ebenen, drangen die Pfiffe der Eisenbahnen herauf und
das Lärmen der menschlichen Arbeit. Mit einem Male aber zerschnitten
sich diese Bilder von selber, als wären sie auseinandergeblasen worden, und
eine Kaserne hob sich in ihren Fronten deutlich und stolz empor. Vor der
Kaserne stand eine Kompagnie Soldaten in geradeausgerichteter und
unbeweglicher Achtungstellung. Der Oberst oder Hauptmann saß zu Pferd
und ordnete die Bildung eines Quadrates an, worauf die Soldaten, geleitet
von den Offizieren, diese Bewegung ausführten. Wunderbarerweise war
aber dieser Oberst kein anderer als der Melker. Joseph erkannte ihn deutlich
am Mund und an der weithinschallenden Stimme. Der Melker hielt nun eine
kurze, aber feurige Rede, worin er der militärischen Jugend das Vaterland
ans Herz legte. »Trotz allem!« dachte Joseph und lächelte. Sie waren ja in
der Ruhestellung, und da durfte sich einer schon zu lächeln erlauben. Der
Tag war ein Sonntag. Ein junger, hübscher Leutnant trat auf den Soldaten
Joseph zu und sagte freundlich: »Nicht rasiert, Marti. He?« Worauf er
säbelklirrend die Front weiterschritt. Joseph griff sich verlegen unter das
Kinn: »Noch nicht einmal rasiert bin ich heute!« – Wie die Sonne strahlte.
Wie heiß es war! Plötzlich gab es im Traum einen Stoß, und ein freies Feld
tat sich auf mit einer liegenden, auseinandergezogenen, halbrunden
Schützenlinie. Die Gewehrschüsse widerhallten in den nahen Waldbergen,
die Signale ertönten. »Sie sind tot, stürzen Sie um, Marti!« rief der auf
seinem Pferd das Bild des Gefechtes überschauende Melker-Oberst. »Aha,«
dachte Joseph, »er ist nett zu mir. Er läßt mich hier auf dem reizenden
Grasboden ausruhen.« Er blieb am Boden liegen, bis das Gefecht aus war,
indem er sich die Zeit damit vertrieb, Grashalme durch den durstigen Mund
zu ziehen. Welch eine Welt, welche Sonne! Welch eine Sorglosigkeit, so
dazuliegen! Aber er sollte jetzt wieder aufspringen und in Reih und Glied
treten. Er konnte nicht, es hielt ihn fest am Boden. Der Grashalm wollte
nicht aus dem Mund herausgehen, er arbeitete daran, Schweiß trat ihm auf
die Stirn, Angst in die Seele, und er erwachte und befand sich wieder auf
der Pritsche, dicht neben dem schnarchenden Schlossergesellen.
Nach drei Stunden rief ihn der Wärter. Er war »fertig«. Er nahm
Abschied von allen. Dem armen Melker, der noch sechs Wochen zu sitzen
hatte, drückte er herzlich die Hand. Er bekam seine Papiere wieder zurück
und konnte die Straße betreten. Die Glieder waren kalt und steif, im Kopf
summte und läutete und schoß noch der Traum. Eine Stunde später stand er
wieder inmitten der realen, Toblerschen Geschäfte. Reklame-Uhr und

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Schützenautomat winkten ihm ärgerlich und zugleich hilfeflehend entgegen,
und Joseph schrieb wieder an seinem Schreibtisch.

»Sie haben jetzt da eine tüchtige Erholungspause gemacht,« sprach der
Ingenieur, »zwei volle Tage spürt man in einem Geschäft wie dem
meinigen. Es heißt jetzt doppelt hinter der Arbeit her sein. Hoffentlich
merken Sie sich das, was ich sage. Dazu habe ich natürlich einen Gehülfen
nicht nötig, um ihn alle Wochen etwa Arreste absitzen zu lassen. Es wird
niemand von mir verlangen dürfen, daß ich Gehälter aus« – –
Er hatte sagen wollen: »auszahle«, schnitt aber plötzlich seiner Rede,
nachdenklich werdend, den Atem ab. Joseph glaubte nicht nötig zu haben,
auch nur ein Wort zu erwidern.
Der Krankenstuhl war fertig geworden. Ein bildhübsches, kleines
Modell stand auf Toblers Zeichentisch und wurde alle Augenblicke von
einer neuen Seite betrachtet, indem es der Ingenieur, scheinbar voller
Entzücken, hin und her drehte, um den Genuß des Anschauens von überall
her zu haben. Sogleich mußte sich der Gehülfe dahinter setzen und
Offertbriefe schreiben an verschiedene in- und ausländische, größere
Krankenmöbelgeschäfte.
Tobler legte das feine Gerät durch einfache Schraubendrehung und
Hebelverschiebung glatt zusammen, ließ sich das Ding in gutes Papier
einpacken, nahm seinen Hut und ging ins Dorf, um diesen Ungläubigen,
den sarkastischen Bärenswilern, zu zeigen, welch eine Erfindung da wieder
komplett und gangbar gemacht worden sei.
Joseph hatte inzwischen dem Friedensrichter des Ortes zu schreiben,
Tobler könne der morgen früh um neun Uhr stattfindenden Besprechung
bezüglich der Streitsache Martin Grünen persönlich nicht beiwohnen, da
ihn dringende Geschäfte abhielten. Er erlaube sich daher, dem Herrn
Friedensrichter die nötigen Aufklärungen und Zahlenaufstellungen
schriftlich zu geben, woraus er ersehen könne, daß usw.
»Daß mein Herr Tobler ein Engel ist,« lächelte innerlich, nicht ohne
flüchtige Bosheit, der Gehülfe. Nachdem dieses Schreiben erledigt war, galt
es ein ähnliches, in beinahe noch brüskerem Ton gehaltenes

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Erklärungsschreiben an das löbliche Bezirksgericht abzufassen. Joseph
wunderte sich wieder einmal über die Prägnanz seines Briefstiles, sowie
über die Höflichkeitswendungen, die er plötzlich dem energischen Ton hie
und da einzuflechten wußte. »Man darf nie zu grob sein,« dachte er bei
solchen Seitensprüngen in die Gegenden der Artigkeit und des
bescheidenen Wesens. Er erledigte auch diesen Brief ziemlich rasch, denn
er hatte die Sache jetzt ja »schon so sehr los«, über welchem zufriedenen
Bewußtsein er wieder einmal einen der wohlbekannten, unfehlbaren
Stumpen anzündete. Mochten sie kommen, die Friedensrichterämter und
Bezirksgerichte, und die ebenso zahlreichen wie tückischen amtlichen
Zahlungsaufforderungen, er und Tobler, sie würden deswegen noch lange
fortfahren, und zwar ganz ruhig und seelengemütlich, ihre duftenden
Stengel und Rauchzinken herunterzudampfen.
Im Dorf war man allmählich, zuerst einander es zuflüsternd, jetzt aber
es laut auf der Straße erzählend, einer immer höher steigenden Welle, aus
Einsicht bestehend, ähnlich, zu der Überzeugung gekommen, daß da oben
im Abendstern nichts mehr zu »retten« sei, wenn man nicht die nötigen
Schritte, wenigstens etwas noch herauszufischen, an Hand der
Betreibungsgesetze einleite. Und so war es denn dahin gekommen, daß
Herr Tobler, sowohl was die Firma als was die Haushaltung betreffen
mochte, von allen Himmelsrichtungen her wechselrechtlich bestrahlt,
beschattet und betrieben wurde. Es glich einem festtäglichen Speerewerfen,
wie es da von links und rechts, von daher und dorther auf das Haus Tobler,
Löcher und Verstimmungen einschlagend, niederprasselte. Der Gerichts-
oder Betreibungsbote schlich den ganzen Tag hämisch und zugleich
gemütlich ums Haus und rund um den ganzen Garten herum, als hätte er
hier besonders guter Weile gehabt, als würde es ihm gerade hier oben ganz
besonders wohl gefallen haben. Es sah aus, als ob der Mann ein stiller
Gartenkunst- und Naturbewunderer gewesen wäre.
Oder war die hagere, spitze Gestalt von einem Baukonsortium oder gar
von einer geographischen Gesellschaft beauftragt, mit den Augen und mit
dem Gedächtnis die Gegend abzumessen? Kaum! Aber so sah der Kerl aus.
Frau Tobler haßte und fürchtete ihn und floh, sobald sie ihn sah, eilig von
den Fenstern weg, als wäre dieser Mann die personifizierte trübe Ahnung
und Stimmung gewesen. Die Frau hatte recht, denn wenn man sich
erkühnte, dieses Menschen zugeklemmtes und zugenageltes Antlitz zu

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betrachten, so fror einen, und man fühlte sich unwillkürlich von der
eiskalten Hand des Unheiles berührt und gestrichen.
Mit Joseph verkehrte dieser Mann in der ausgesucht eigentümlichsten
Art und Weise. Er verstand es, plötzlich, als hätte ihn die dunkle Erde selber
ausgespien, vor dem Bureau, Licht und Luft gleichsam weghauchend, zu
erscheinen. Dann blieb er eine gute, volle Minute stehen, nicht, um etwas
zu tun oder vorzubereiten, sondern zu seiner, wie es schien, persönlichen
Lust und Freude. Dann öffnete er die Türe, trat aber noch nicht ein, würde
ihm noch lange nicht eingefallen sein, sondern blieb stehen, anscheinend,
um zu prüfen, welchen Eindruck sein unheimliches Benehmen machte.
Seine kalten Augen fest auf den unangenehm berührten Gehülfen gerichtet,
kam er jetzt in das Bureau hinein, um vorläufig abermals eine Pause zu
machen. Nie sagte er guten Tag oder guten Abend. Für ihn schien die
Tagesstunde gar nicht zu existieren, ja nicht einmal die Gottesluft, denn
dieser Mann schaute in die Welt hinaus, als ob er nicht nötig hätte, zu
atmen. Sein knochiges Gesicht fest ineinanderklemmend nahm er jetzt ein
oder zwei Formulare aus einer schwarzledernen Tragtasche, hob sie absurd
hoch in die Luft und ließ sie auf den Schreibtisch des Gehülfen fallen,
schweigend, spitz und hackig, wie Krallen eines Raubvogels hacken. Dies
abgetan schien er sich an dem Bewußtsein zu weiden, das ihm sagen
mochte, seine Erscheinung sei eine trostlose und herzbeklemmende
gewesen, denn er dachte in keinerlei Weise daran, sich zu entfernen,
sondern probierte minutenlang, ob es ihm gelinge, die Brieftasche wieder in
seine Rocktasche zu befördern. Dann sagte er – beinahe – adieu und ging.
Dieses Adieu des Mannes war viel frostiger, als wenn er gar nichts gesagt
hätte, es klang geistesabwesend und zugleich bewußt kurz und hart. Der
Mann schien dann gehen zu wollen, nein, jetzt tat er jedesmal erst das
Schreckliche, er maß mit seinen Augen die Umgebung, das Haus und den
Garten. Dann ging die andere Türe auf, Frau Tobler erschien aufgeregt im
Bureau, mit großen Augen und mit den angstvollen Worten: »Jetzt steht er
wieder im Garten! Sehen Sie, sehen Sie!« –
An den Tagen, wo dieser Mann erschien, war das Wetter meist ein
graues, kaltes, schweigendes Mittelding zwischen Schnee und Regen. Die
Mauern des Hauses waren an den Sockeln naß, ein scharfer Seewind blies,
neue Schneegestöber oder Regenstürze versprechend, und der See lag da so
bleiern und farblos und traurig. Wo waren jetzt seine schönen Abend- und

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Morgenfarben? Versunken in der Tiefe des Wassers? An solchen Tagen gab
es weder einen Morgen noch einen Abend mehr, die Stunden zeigten alle
dasselbe trübe Aussehen, die Zeiten schienen ihrer Bezeichnungen und der
lieben, wohlbekannten Lichtunterschiede überdrüssig geworden zu sein.
Zeigte sich in solch einer Naturtrübheit und -Entstelltheit noch der Mann
mit der schwarzledernen Mappe, so meinten Frau Tobler und der
Angestellte, das Erdbild sei plötzlich umgedreht worden, und man erblicke
die Schattenseite alles Tatsächlichen und Gewohnten, nicht mehr das
Natürliche. Etwas Gespenstisches schien sich um das schöne Haus Tobler
aufzuhalten, und das Glück und die Zierlichkeit dieses Hauses, ja selbst
seine Berechtigung, schienen sich in einen fahlen, müden, glanzlosen und
bodenlosen Traum verloren zu haben. Wenn dann Frau Tobler durchs
Fenster schaute und ihren Sommersee ansah, der jetzt ein Winter- und
Nebelsee geworden war, die Melancholie erblickte und empfand, die sich
auf allem Sichtbaren breit machte, mußte sie ihr Tuch an die Augen halten
und hineinweinen.
Als einer der wildesten Gläubiger und Schuldenforderer erwies sich der
Gärtner, der bis dahin stets die Gartenarbeiten besorgt, und die Gewächse
geliefert und gepflegt hatte. Dieser Mann schimpfte wie ein ganzes
Bataillon von Schimpfern auf Tobler und dessen ganze Familie und sagte,
er wolle sich keine einzige ruhige Stunde mehr gönnen, bis der Tag da sei
und er die Genugtuung habe, diese »hochmütige Gesellschaft« gepfändet
und aus dem Abendstern hinausgeworfen zu sehen. Man hinterbrachte
Herrn Tobler, halb, um ihm zu schmeicheln, halb, um ihn im geheimen zu
kränken, diese rohen Worte, und sofort befahl dieser, die Pflanzen, die ihm
gehörten, und die sich in den Gewächshäusern der Gärtnerei befanden, von
dort ohne weiteres abholen, und sie nach dem Keller des befreundeten
Versicherungsagenten, des Mannes, der die Grottennacht mitgemacht hatte,
führen zu lassen. Joseph war mit der schleunigen Erledigung dieses
Befehles betraut, und er hatte keine Ursache, zu zögern. So wurde mit
einem einpferdigen Wagen nach der Gärtnerei gefahren, und dort wurden
dann auch die Pflanzen, darunter ein bereits ziemlich hochgewachsenes
Edeltännchen, aufgeladen. Der zum Garten verwandelte Wagen fuhr ab,
durch die Straßen, neben den augenaufreißenden Leuten vorbei, und hielt
vor der Wohnung des dem Fuhrmann bezeichneten Hauses und Mannes.
Der Versicherungsagent selber half mit abladen und in den Keller tragen,
was immer hineingehen mochte. Das junge edle Tännchen mußte an

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Schnüren befestigt werden, damit es in den für sein schlankes und stolzes
Wachstum zu niedern Gewölben wenigstens schräg stehen konnte. Es tat
dem Gehülfen weh, den Baum derart untergebracht zu schauen, aber, was
war da zu machen? Tobler wollte es so, und der Wille Toblers blieb
alleinige und unbedingte Richtschnur für das Tun des ersteren.
Dieser Versicherungsagent war in der Tat Tobler treu geblieben. Es war
dies ein einfacher aber aufgeklärter Mensch, dem es nicht einfiel, wegen
Schwierigkeiten rein äußeren Gepräges einem Manne Freundschaft und
Vertrautheit aufzukünden, den er einmal schätzen gelernt hatte. Er war nun
noch beinahe der einzige, der etwa Sonntags herüber in die Villa kam, um
einen Jaß inszenieren zu helfen. Etwas zu trinken gab es bei Toblers immer
noch, behüte! Da war ja erst noch in den letzten Tagen ein kleines Faß voll
prächtigen Rheinweines aus Mainz angekommen, eine verspätete, aber
deshalb nur um so mehr willkommene Lieferung, die einer Bestellung aus
früheren, besseren Tagen entsprechen mochte. Tobler schaute groß auf
dieses Faß herab, er wußte sich gar nicht mehr an den einmal der Firma
gegebenen Auftrag, ihm solchen teuren Wein zu senden, zu erinnern. Joseph
hatte nun wieder eine Nebenaufgabe, die darin bestand, den Wein in
Flaschen abzuziehen und dann dieselben gehörig mit Korken zu
verschließen, zu welcher Arbeit er eine ganz erstaunliche Geschicklichkeit
an den Tag legte, so daß Frau Tobler, die dem behenden Ding zusah,
scherzweise fragte, ob er denn früher schon einmal in Kellereien gearbeitet
habe. Auf solche Art gab es im Haus manche muntere und selbstvergessene
Stunde, die vortrefflich dazu beitrug, über die zahlreich vorkommenden,
schweren Stunden hinüberzuhelfen, was für alle nötig genug und eine nicht
zu unterschätzende Wohltat war. Da aber wurde eines Tages Frau Tobler
plötzlich krank.
Sie mußte sich, so ungern sie das gerade jetzt tat, zu Bett legen, und
man war gezwungen, den Arzt zu holen, denselben Doktor Specker, der es
seit vielen Wochen zu vermeiden gewußt hatte, den Fuß weiter über die
Schwelle eines Hauses zu setzen, um dessen innere Grundpfeiler es so
schlimm stund. Er leistete dem Ruf Folge, trotzdem er fürchten mußte, daß
er für die ärztliche Arbeit und für die Mühe des mitternächtlichen Ganges
durch eine stockdunkle Gegend nicht honoriert werden würde. Er trat an
das Bett der Frau still heran und tat in Manier und Sprache so, als wenn er
seine freundschaftlichen Besuche nie eingestellt hätte, sondern fortwährend

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in bester Verbindung mit der Familie geblieben wäre. Er fragte
teilnahmevoll nach den Schmerzen, und danach, seit wann Frau Tobler sie
habe usw. und übte die ernsten Pflichten seines Berufes so angenehm, als er
es vermochte, aus. Tobler zeigte dem Doktor später, trotzdem es schon bald
ein Uhr war, noch den Krankenstuhl, dessen erstes naturgroßes Modell am
selben Tag angekommen war. Jetzt könne er ja das Möbel gleich an seiner
Frau praktisch erproben, sagte der Erfinder und versuchte einen lustigen
Ton anzuschlagen, was aber nicht recht gelingen wollte. »Nicht noch rasch
ein Glas Wein trinken, Herr Doktor?« – Nein. Der Arzt ging.
So müsse sie nun auch noch zu allem unschönen Übrigen im Bett
liegen, klagte die Frau zu jedem, der zu ihr an das Bett trat. Nicht genug,
wehklagte sie weiter, daß im Haus und im Geschäft bald alles
zusammenstürze, möge nun nicht einmal die nackte Gesundheit mehr
bleiben. Krank müsse man sein, wo eine Hand zum Arbeiten und ein Auge
zum Überwachen mehr als nötig geworden sei. Und Geld werde das wieder
kosten, und wo es hernehmen? Sie sei so matt, und sie möchte so gern
munter sein, möchte gern das Schlimmste ertragen. Wo Dora sei? Dora solle
zu ihr kommen. --
Joseph hatte keinen Zutritt in das Krankenzimmer. Da es aber tagelang
so dauerte und er ihr einmal etwas, das unbedingt sein mußte, zu sagen
hatte, so wagte er es, das Zimmer zu betreten. Er tat es mit der
Zaghaftigkeit des Menschen von sonst rauhen Gewohnheiten. Sie schaute
ihn lächelnd an und gab ihm die Hand, und er brachte es zustande, ihr gute
Besserung zu wünschen. Wie groß ihre Augen waren. Und diese Hand. Was
für eine Blässe. War das eine Rabenmutter? Sie fragte, wie es unten im
Wohnzimmer aussehe, und wie sich die Kinder benähmen und sagte
schwach, nun müsse einstweilen er ein bißchen den Erzieher spielen, bis sie
wieder aufstehen könne. Sie sehne sich darnach. Ob auch Pauline noch
recht koche. Und was die Geschäfte machten?
Er gab ihr Auskunft und war sehr glücklich über diesen Moment. Und
dieser Frau, die sogar im Bett eine vollendete Dame zu bleiben verstand,
der die Krankheit eher Schönheit zutrug als wegnahm, hatte er eine
Moralrede halten wollen? Wie unrecht und unreif. Und doch, wie
wahrscheinlich! Denn Silvi wurde auch zu dieser Stunde noch um kein
Haar besser als wie immer behandelt.

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Wenn Silvi während dieser Tage ein Geschrei ausstoßen wollte, zischte
ihr Pauline in die Ohren: »Bist still!« Die Kranke mußte geschont werden.
Bei der nächsten passenden Gelegenheit geschah es sodann, daß Tobler
dazu kam, den patentierten Krankenstuhl an der Frau zu probieren. Sie war
wenig zufrieden mit den Eigenschaften dieser Erfindung und wagte es, die
Fehler, die diesem Möbel anhafteten, zu rügen. Vor allen Dingen, sagte sie,
sei der Stuhl zu schwer, er drücke, und dann müsse er breiter gebaut sein, er
enge zu sehr ein.
Das war unangenehmer Bescheid von der eigenen Frau. Tobler, der
einsah, daß er gewisse Dinge außer acht gelassen hatte, ging sofort daran,
die nötigen Änderungen zu treffen, indem er am Zeichentisch ein paar neue
Bestandteile rasch entwarf, um die Muster alsobald an die Schreinerei
senden zu lassen. Es bedurfte nur ganz weniger Umänderungen, und der
Stuhl konnte dann um so energischer in Fabrikation genommen werden.
Bereits schrieben ja eine Anzahl Verkaufs- und Vertriebsgeschäfte, sie seien
gespannt auf die Zusendung eines ersten, kompletten Exemplares.
Und die Reklame-Uhr, wie ging sie? Man stund mit einer ganz
neubegründeten Unternehmungsgesellschaft in Verbindung, man hatte
ausführlich Offerte eingereicht, sogar nebst kurzer Lebensbeschreibung des
Geschäftsherrn, da dies gewünscht worden war. Man hoffte!
Inzwischen war das elektrische Licht im ganzen Hause vom Werk aus
abgestellt worden, aus Gründen, die auch allen andern Lieferanten
verboten, weiterhin auf gutes Vertrauen Waren und Werte in den Abendstern
fließen zu lassen. Die Nachricht von der plötzlichen Ausschaltung des
elektrischen Stromes machte Tobler beinahe krank vor Wut und veranlaßte
ihn, den Herren vom Elektrizitätswerk einen ebenso ohnmächtig zornigen
wie überflüssig groben Brief zu schreiben, bei dessen Empfang und Lektüre
diese Leute, allen voran der Direktor der Anstalt, in gutmütig-verächtliches
Lachen ausbrachen. Zwangshalber mußte man sich nun im Hause Tobler
wieder einmal der bescheidenen Petroleumlampen bedienen, an welches
Licht sich alle, außer Tobler, auch rasch gewöhnen konnten. Dieser aber
vermißte zu sehr, wenn er nachts spät nach Hause kam, den Anblick seiner
geliebten elektrischen Verandalampe, die ihm jeweilen als das
schönleuchtende Wahrzeichen und als der hellschimmernde Beweis der
sicheren Fortexistenz seines Hauses vorgekommen war. Der Schmerz um

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das hellere Licht verband sich in seiner Brust mit der großen übrigen
Wunde und trug dazu bei, seine Gemütsstimmung noch mehr zu
verdunkeln, derart, daß der jähe Wechsel seiner Laune für alle Mitwohner
das täglich zu kostende Brot wurde.
Jetzt aber mußte in allererster Linie eine Summe Geldes beschafft
werden, koste es was es wolle. Die dringendsten Verpflichtungen
wenigstens mußten beseitigt werden, so galt es eines Morgens, der Mutter
Toblers, einer vermögenden, aber hartnäckigen und in ihren Grundsätzen
als unerschütterlich bekannten Frau, einen Brief zu schreiben, und zwar
folgenden:

Liebe Mutter!
Durch meinen Anwalt Bintsch wird es Dir zu Ohren gekommen
sein, in welch elender Lage ich mich zurzeit befinde. Ich sitze in
meinem Haus wie der gefangene Vogel unter den stechenden und
zum voraus schon tötenden Blicken der Schlange. Ich bin von
Gläubigern derart umgeben, daß, wenn das Freunde und Gönner
wären, ich zu den reichen und allbeliebten Menschen zählen müßte;
aber leider sind es die unbarmherzigsten Leute und ich der
Bedrängteste der Menschen. Du hast mir, liebe Mutter, früher auch
schon mehr als einmal aus der Klemme geholfen, ich weiß es, und
ich bin Dir allezeit im stillen dankbar dafür gewesen, so bitte ich
Dich denn, und zwar dringendst, und so, wie Menschen bitten,
denen das Messer der öffentlichen Schande am Halse sitzt, hilf mir
auch dieses Mal noch aus der Verlegenheit und sende mir
umgehend, wenn es Dir irgendwie möglich ist, wenigstens einen
vorläufigen Teil der Gelder, die ich nach allem, was Recht heißt,
heute noch zu beanspruchen habe. Mutter, versteh mich, ich drohe
nicht, ich sehe ein, daß ich vollkommen von Deinem guten Willen
abhängig bin, ich sehe auch ein, daß Du mich ins Verderben stürzen
kannst, wenn Du willst, aber warum solltest Du das wollen können?
Gegenwärtig ist auch noch meine Frau krank, Deine Tochter. Sie
liegt im Bett und wird es so rasch nicht wieder verlassen dürfen, ja,
ich darf noch froh sein, wenn sie es überhaupt eines Tages wird
verlassen können. Du siehst, auch das noch! Was soll ein

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Geschäftsmann, der dermaßen von Schlägen und Stößen getroffen
worden ist, beginnen? Bis jetzt habe ich noch immer einigermaßen
gewußt mich über dem Wasser zu halten, jetzt aber bin ich in der Tat
am Rande der absoluten Unmöglichkeit, mich ferner zu halten,
angekommen. Was sagst Du dazu, wenn es bald einmal, eines
schönen Morgens oder Abends, in der Zeitung steht, Dein Sohn
habe sich das Le – – – doch nein, ich bin nicht imstande, das ganz
auszusprechen, denn ich spreche zu meiner Mutter. Schicke mir
unverzüglich das Geld. Auch das ist keine Drohung, nur eine
Mahnung, aber eine sehr ernste. Auch in der Haushaltung ist fast
kein Geld mehr, und an den Gedanken, daß die Kinder über kurz
oder lang nichts mehr werden zu essen haben, bin sowohl ich wie
meine Frau längst gewöhnt. Ich schildere Dir meine Zustände nicht
wie sie sind, sondern so, wie ich sie sehen will, um den Anstand der
Sprache zu bewahren. Meine Frau grüßt Dich herzlich und umarmt
Dich, ebenso Dein Sohn
Karl Tobler.
Nachbemerkung: Ich bin auch heute noch vom endlichen
Gelingen meiner Unternehmungen felsenfest überzeugt. Die
Reklame-Uhr bewährt sich, verlaß Dich darauf. Und noch etwas:
Mein Gehülfe verläßt mich, wenn er seinen rückständigen Gehalt
jetzt nicht ausbezahlt erhält.
Der Obige.

Während Tobler diesen Brief an seinem Pult aufsetzte, richtete der
Angestellte an seinem Schreibtisch die Mündung des
Korrespondenzgeschützes auf einen Bruder von Tobler, einen in
angesehener Weltstellung in einem entfernteren Landesteil lebenden
Regierungsbaumeister, indem er demselben, gemäß den von seinem Chef
soeben erhaltenen Instruktionen, ans Herz legte, wie miserabel es im
Abendstern hergehe und daß es allerhöchste Zeit sei usw.
»Haben Sie geschrieben? Zeigen Sie her. Ich werde unterzeichnen, oder
nein, halt, der Brief muß so abgefaßt sein, als würden Sie ihn aus eigenem
Antrieb und Interesse für Ihren Prinzipal geschrieben haben. Schreiben Sie
ihn anders und unterschreiben Sie selbst. Tun Sie so, als schrieben Sie ohne

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mein Wissen, haben Sie gehört? Ich stehe mit meinem Bruder nicht gut, Sie
aber sind ihm ein vollständig Fremder. Machen Sie rasch. Ich muß
überlesen, was Sie da aufsetzen. Und dann muß ich zum Bahnhof.« –
Tobler lachte und sagte:
»Das sind Kunststücke, mein lieber Marti, aber man muß sich in
Gottesnamen zu helfen wissen. Schreiben Sie das nur auch gleich meinem
noblen Herrn Bruder, das von Ihrem rückständigen Gehalt. Und dann
wollen wir beide jetzt sehen, ob die Dinger einschlagen, oder nicht. Meine
Mutter wird schon müssen. Andernfalls – – und vergessen Sie nicht, die
ganze Reklame-Uhr-Geschichte noch einmal mit sauberer Schrift
übersichtlich zusammenzustellen. Rauchen Sie! Stumpen sind wenigstens
noch da. Nun holt uns entweder der Teufel oder wir brechen durch.«
»Wie diesen Mann die Hoffnungen und ›Kunststücke‹ hinreißen,«
dachte Joseph.

Nach ein paar Tagen konnte dann Frau Tobler wieder aufstehen. Es war
auch gut, denn die Pauline bedurfte einer regierenden Hand in der Tat. Sie
hatte angefangen, nachlässig zu werden. Die Frau erschien wieder, mit
einem dunkelblauen Hauskleid lose bedeckt, im Wohnzimmer und fing leise
an, sich den häuslichen Geschäften und Sorgen wieder zu widmen. Sie trat
leise und schön auf, und sie schien mit ihrer ganzen Gestalt still zu lächeln.
Ihre Stimme war dünner geworden, ihre Bewegungen kürzer und
furchtsamer, und ihre Augen schauten nach allen Seiten umher wie
neugierige Kinderaugen. Die Krankheit hatte eine schöne Sanftheit über ihr
ganzes Betragen geworfen, sie sah aus, als hätte sie sich von nun an nie
mehr ereifern, als hätte sie niemals mehr für irgend etwas Partei ergreifen
können. Mit ihrer Dora verfuhr sie natürlicher, nicht mehr gar so zuckerig,
die Konditorei hörte ein bißchen auf zu blühen, und die Silvi konnte sie
anschauen, ohne daß ihr der offenbare Zorn ins Gesicht schoß, was vorher
beinahe jedesmal der Fall gewesen war. Sie schien im allgemeinen eine
gewisse Kompliziertheit des Herzens abgeworfen zu haben, sie sah nach
etwas Edlerem und Schlichterem als sonst aus, man schaute sie an und
empfand so, und sie selber glaubte auch so empfinden zu müssen. Das
Gesicht drückte Kummer aus, aber auch Freundlichkeit und Gelassenheit

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und etwas beinahe hoheitsvoll Mütterliches. »Ich bin wieder einigermaßen
gesund, Gott sei Dank!« schienen alle ihre kleinen Gebärden zu sagen, und
diese Sprache mußte eine tiefe und wahrhaftige sein, denn Bewegungen und
Manieren können nicht gut lügen. Der Mund fieberte noch ein wenig, als
läge auf ihm noch das erregte Zucken früherer unschöner Aufregungen,
aber im großen ruhigen Auge lag es und leuchtete es klar geschrieben: »Ich
bin ein wenig besser, feiner und überlegener geworden. Seht mich an. Nicht
wahr, ihr merkt es?« – Ihre Hände griffen behutsam nach den Handarbeiten
oder Geschirren oder nach einem Buch, es war, als ob diese Hände die Gabe
des Nachdenkens bekommen hätten. Sie schienen auch Lippen zu haben
und zu sagen: »Wir denken jetzt über manches, manches viel ruhiger und
offener nach. Wir sind zarter geworden.« – Ja, die ganze Frau Tobler war
ein wenig zarter, aber auch ein wenig blasser geworden.
Wie gut es ihr gefiel im Wohnzimmer. Das war tüchtig geheizt worden.
Sie schaute durch die Fensterscheiben hinaus. Draußen lag alles im
undurchsichtbaren Nebel. Wie schön das war, daß man gar nichts sehen
konnte. Wie gemütlich es hier drinnen war. Einen Augenblick lang flatterte
ihr das Bild des Sommers vor den zufriedenen Augen, sie sah es in
Gedanken ganz ruhig an mit einem: Nun ja! und es verschwand wieder.
Dann dachte sie an ihr neues Kleid und an die hauptstädtische Schneiderin,
Frau Bertha Gindroz, und sie mußte leise lachen. Sie wischte ein bißchen
den Staub von den Möbeln, aber sie rührte die Möbel eigentlich mehr nur
so an, als würde sie dieselben haben liebkosen und grüßen wollen. Wie ihr
alles lieb und neu war. Diese paar Tage! Und diese paar Tage, diese eine
kurze Woche, hatte ihr alles in eine fremdartige, wohltuende Neuheit
geworfen. Es lag alles in einem eigentümlichen, verkleinernden,
verzierlichenden Schimmer, es schwindelte ihr ein wenig, sie setzte sich.
Der Hund war jetzt die meiste Zeit im Zimmer. Es war längst zu kalt im
Hundehaus geworden. Nur während der Nacht mußte er draußen liegen.
Auch oben im Turmzimmer, welches man nicht heizen konnte, fing es
an unleidlich kalt zu werden, so verbrachte Joseph die Abende und
manchmal halben Nächte unten in der Wohnstube, meistens allein mit der
Frau, die jetzt kaum noch jemanden zu Besuch empfing. Die
Parketteriefrauen, die alte Dame und das Fräulein, waren mit Toblers
infolge eines Meinungs- und Rechtsstreites böse geworden. Es handelte
sich um einen kleinen, an beide Nachbargüter anstoßenden

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Grundstücksecken, den jeder von beiden Parteien beanspruchte. Die Sache
war zu geringfügig, um vor Gericht getragen zu werden, aber sie machte
böses Blut, es entstanden Schimpfworte, Beleidigungen, und der bisherige
freundnachbarliche Verkehr hörte eben auf. Die alte Gluckhenne solle ihm
nur nie wieder über den Gartenhag ins Haus kommen, hatte Tobler gesagt.
Die Freundschaft war damit bündig gebrochen. Überhaupt, von welchen
Personen hatte nicht Tobler ähnliches gesagt? Fast die meisten »sollten es
nur noch einmal wagen, den Fuß auf Toblersches Terrain zu setzen, dann
würden sie schön ankommen!« –
So saß man an den langen Abenden allein. Die Lampe beleuchtete
meistens zwei Köpfe, den der Frau und den des Gehülfen, der ihr
Gesellschaft leistete, und ein Spiel Karten, oder ein Buch, das
aufgeschlagen auf dem Eßtisch lag.
Es vergingen einige Tage. Sie wurden in allen ihren Stunden
empfunden, diese Tage. Man zählte sie, man rechnete mit ihnen, denn es
war nicht gleichgültig, ob sie rasch oder langsam dahingingen, hing doch
das Bestehen des Hauses Tobler nur noch von Tagen ab. Man verlernte es,
an Monate oder Jahre zu denken, oder man verkürzte die Gedanken-Monate
und -Jahre und veranlaßte die Erinnerungen zu einem rascheren Erfassen,
und man lebte so und wartete auf die Zeichen, die die Tage gaben. Ein
Geräusch war wichtig, denn es konnte der Briefbote sein, der eine neue,
sorgenvolle Unannehmlichkeit brieflich oder in Form eines
Postzahlungsbegehrens daherbrachte. Irgend Töne waren wichtig, denn es
konnten die Töne der Haustürklingel sein, und es konnte jemand kommen,
der Betrübliches im Sinn hatte. Ein Ruf war wichtig, denn er konnte
bedeutend sein: »Heda, Herr Tobler und Frau,« konnte diese Stimme rufen,
»rasch mit euch jetzt hinaus aus dieser lieblichsten und gewohntesten aller
Menschenstätten. Sputet euch, denn es ist Zeit. Ihr habt's lange genug schön
gehabt.« – Solchen schrecklichen Inhaltes konnte irgend ein Ruf sein. Aber
auch die Farben waren wichtig, das Gesicht des Tages, die Züge und
Gebärden dieser, wie es schien, letzten Tage, denn sie sprachen von den
letzten Hoffnungen und letzten Anstrengungen und von der Art, wie man es
machen mußte, um auch jetzt noch guter Hoffnung voll zu sein. Sie redeten
so leise, diese Tage. Sie waren keineswegs zornig auf das Haus Tobler, im
Gegenteil, sie schienen es von hoch und von fern, in Gestalt von Wolken
und Genien, beschirmen, ihm zulächeln und es trösten zu wollen. Diese

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Tage glichen der Frau Tobler beinahe ein wenig. Auch die Tage schienen
krank gewesen zu sein, und jetzt hatten sie ein ebenso blasses und weiches
Aussehen wie die Frau, um die herum sie sich in der unabänderlichen
Reihenfolge ablösten.
Aber Frau Tobler war nach und nach wieder die frühere Frau Tobler
geworden. Je mehr sie gesundete, desto mehr glich sie wieder sich selbst.
Es wäre ja auch gar zu sonderbar zugegangen, wenn sie plötzlich eine
andere hätte werden können. Nein, so rasch sprang eine lebendige
Menschennatur nicht aus ihrem eigenen Wesen heraus. Dafür war gesorgt,
daß das nicht geschehen konnte, und wie! Daß die Frau milder ausschaute,
das war nur, weil sie sich noch schwach fühlte.

Eines Abends während dieser Zeit saßen die Beiden, die Frau und der
Gehülfe, bei der Lampe, im Wohnzimmer. Der Herr war auf der Reise.
Wann war er denn überhaupt nicht auf der Reise? Auf dem Tisch, neben
jeder der zwei Personen stand ein halb gefülltes Glas Rotwein. Sie spielten
Karten. Frau Tobler war am Gewinnen, der Ausdruck ihres Gesichtes war
infolgedessen heiter. Sie pflegte immer zu lachen, wenn sie beim
Kartenspielen gewann, und so tat sie auch jetzt. Sie ließ ein naiv-
schadenfrohes Lachen aus ihrem Mund springen, das vielleicht zu einer
andern Zeit den Partner geärgert hätte. Aber Joseph trank einen Schluck
Wein auf den Verlust hinab, und beide setzten das Spiel fort, indem Frau
Tobler die Karten von neuem zu mischen begann. Nach ungefähr einer
Stunde sagte sie, sie wolle gern noch etwas lesen, in dem Buch, das ihr der
Gehülfe heute aus dem Dorf gebracht habe. Das Spiel wurde unterbrochen,
die Frau begann gleich zu lesen, während Joseph sich, unlustig, eine
Zeitung oder ein Buch zur Hand zu nehmen, auf das Ruhebett setzte und
anfing, die lesende Frau zu betrachten. Diese schien sich ganz und gar in
die Geschichte, die das Buch enthielt, versenkt zu haben. Mit der einen
Hand strich sie sich von Zeit zu Zeit sorgfältig über die scheinbar tief
nachdenkende Stirne, während ihr Mund sich still aber unruhig zu bewegen
begann, als habe er etwas zu den Geschehnissen der Lektüre mitzusagen
gehabt. Einmal stieß sie sogar einen leisen aber kummervollen Seufzer aus
und atmete hörbar mit der Brust auf und ab. Wie das still und sonderbar
anzuschauen war! Joseph versank immer mehr in die Betrachtung der

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Leserin, und es war ihm, als lese auch er in einem großen, geheimnisvoll-
spannenden Buch, ja es war ihm, als lese er geradezu im selben Buch wie
Frau Tobler, deren Stirne, die er aufmerksam ansah, ihm den Inhalt
desselben auf merkwürdige Weise zu vermitteln und zu erklären schien.
»Wie still sie liest,« dachte er, sie noch immer betrachtend. Plötzlich
schaute sie vom Buch auf, großen Auges zu dem Gehülfen
hinüberschauend, als sei sie mit ihren Gedanken-Augen in einer
weitentfernten Welt gewesen, und als habe das Auge Mühe gehabt, sich zu
entsinnen, was das sei, was es jetzt sah. Sie sagte:
»Sie schauen mich scheinbar die ganze Zeit über, während ich gelesen
habe, an, und ich merke nicht einmal etwas davon. Behagt Ihnen denn das?
Ist es Ihnen nicht zu langweilig?«
»Nein gar nicht,« erwiderte er.
»Wie doch so ein Buch fesselt,« bemerkte sie und las weiter.
Nach einer Weile schien sie müde geworden zu sein. Die Augen
mochten ihr ein bißchen weh tun. Jedenfalls hielt sie inne mit Lesen, sie
schloß aber das Buch noch nicht, als überlege sie, ob sie noch fortfahren
solle oder nicht.
»Frau Tobler!« sagte Joseph ruhig.
»Was?« fragte sie.
Sie schloß ihr Buch und schaute nach dem Angestellten hinüber, der ihr,
wie es schien, etwas Besonderes zu sagen hatte. Aber es verging eine halbe
Minute des Schweigens. Endlich sagte Joseph zögernd, er sei unvorsichtig.
Da habe er ihr etwas ganz Bestimmtes sagen wollen. Er habe bemerkt, daß
sie eben mit Lesen scheinbar fertig geworden sei, und daß sie, wie er noch
jetzt sehe, einen gutmütigen Gesichtsausdruck zur Schau trage. Plötzlich sei
ihm der Gedanke gekommen, die Gelegenheit, die er schon lang gesucht
habe, zu ergreifen, und sie anzusprechen, und nun fehle ihm wieder einmal
der Mut, das zu sagen, was er habe in den Mund nehmen wollen. Nun sehe
er selber ein, was Frau Tobler schon vor Wochen einmal zu ihm gesagt
habe, nämlich, daß er ein komischer Mensch sei. Das was er habe sagen
wollen, sei dumm und gar nicht des Anhörens wert. Sie solle ihm erlauben,
schweigen zu dürfen.

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Die Frau runzelte die Stirn und ersuchte den Gehülfen, sich näher zu ihr
zu setzen und zu reden. Sie begehre zu wissen, was er habe sagen wollen.
Man rede nicht mir nichts dir nichts die Menschen an, um sie auf Dinge
neugierig zu machen, die dann nicht kämen. So etwas sei feig oder
gedankenlos. Sie höre.
Joseph hatte sich auf ihr Geheiß an den Tisch gesetzt und sagte, das,
was er zu berichten habe, handle von der Silvi.
Frau Tobler schwieg und senkte die Augen. Er fuhr fort:
»Erlauben Sie mir, gnädige Frau, Ihnen rund herauszusagen, wie
abscheulich mir die Behandlungsweise vorkommt, die man für dieses Kind
übrig hat. Sie schweigen. Gut, ich nehme das als einen Wink, den mir Ihre
Güte erteilt, fortzufahren. Sie begehen ein großes Unrecht an dem kleinen
Wesen. Was soll aus diesem Geschöpfchen später werden? Wird es je den
Mut und die gehörige Lust haben, den Mitmenschen ein menschliches
Betragen zu zeigen, da es sich erinnern wird und erinnern muß, daß man es
in seiner Jugend unmenschlich erzogen hat? Was ist das für eine Erziehung,
ein Kind einer rohen und dummen Magd, einer Person, einer Pauline
auszuliefern? So etwas müßte die Klugheit verbieten, auch dann noch,
wenn es die Lieblosigkeit zugibt. Ich rede so, weil ich darüber nachgedacht
habe, weil ich so manchen Tag gesehen habe, was mir aufrichtig weh getan
hat, und weil ich in mir den Drang, Ihnen, Frau Tobler, zu dienen, so viel
ich vermag, verspüre. Ich bin grob, nicht wahr? So sind eben zuweilen
komische Menschen. Doch nein. Ich möchte ganz anders zu Ihnen reden. Es
paßt sich nicht so. Ich habe schon zu viel gesagt, und es kommt heute kein
Wort mehr über meine Lippen.«
Es herrschte eine minutenlange Stille im Zimmer, endlich sagte Frau
Tobler, ihr sei schon lange auch der Gedanke gekommen, man habe
Ursache, sich wegen Silvi Vorwürfe zu machen. Das alles komme ihr
übrigens jetzt so sonderbar vor. Der Gehülfe aber brauche keine Angst zu
haben, sie verzeihe ihm die soeben gesprochenen Worte, sie sehe ja, er
meine es gut.
Sie schwieg wiederum. Später bemerkte sie, sie liebe eben das Kind
nicht.
»Warum nicht?« fragte Joseph.

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Warum nicht? Das komme ihr wie eine dumme, unüberlegte Frage vor.
Sie liebe eben Silvi nun einmal nicht und möge sie nicht ausstehen. Ob man
sich denn zur Liebe und zum Wohlwollen zwingen könne, und was das für
ein Gefühl sei, solch ein erzwängtes und hervorgewürgtes? Was sie dafür
könne, wenn es sie mit eisernen Schlägen und Hämmern von der Silvi
fortjage, sobald sie sie nur von weitem erblicke? Warum gerade Dora ihr so
süß sei? Das wisse sie nicht und begehre sie auch gar nicht zu erfahren, und
wenn auch; würden ihr die treffenden Antworten auf solche, wie ihr
scheine, überflüssigen und aussichtslosen Fragen je zufallen können? Das
sei schwer. Ja, sie wisse wohl, daß sie Unrecht begehe. Schon als ganz
kleines Kind habe sie Silvi, sonderbar genug, zu hassen angefangen. Ja,
hassen, das sei das richtige Wort, es bezeichne das Gefühl, das sie mit dem
Kind verbinde, ausgezeichnet. Sie wolle probieren, in den nächsten Tagen,
ob sie sich ihm wieder ein wenig mit dem Herzen anschließen könne, aber
sie hoffe wenig von solchen Versuchen, Liebe lasse sich nicht erlernen, die
habe man und empfinde man, oder man habe und empfinde sie nicht. Sie
nicht haben, das heiße, glaube sie, ebenso viel wie: sie nie haben. Aber sie
wolle versuchen, und nun wünsche sie, zu Bett zu gehen, sie fühle sich
recht müde.
Sie stund auf und ging zur Türe. An der Schwelle drehte sie sich um und
sagte:
»Ich hätte es bald vergessen – gute Nacht, Joseph. Wie zerstreut ich bin.
Löschen Sie die Lampe, bevor Sie hinauf in Ihr Zimmer gehen. Tobler wird
wohl noch lange nicht kommen. Sie haben mir heute abend das Herz ein
wenig erschwert, aber ich bin Ihnen nicht böse.«
»Ich wollte, ich hätte geschwiegen,« sagte Joseph.
»Machen Sie sich keine Gedanken.«
Mit diesen Worten ging sie die Treppe hinauf.
Der Gehülfe blieb mitten im Zimmer stehen. Nach kurzer Zeit erschien
Tobler. Der andere sagte:
»Guten Abend, Herr Tobler, hm, was ich da mir zu sagen erlauben
wollte: ich habe vor einer halben Stunde die Unvorsichtigkeit begangen,
Ihrer Frau wieder einmal Grobheiten zu sagen. Ich will Ihnen das zum
voraus bekennen. Ihre Frau Gemahlin wird sich veranlaßt fühlen, sich über

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mich zu beklagen. Ich beteure, es sind nur Dummheiten, Dinge letzten und
allerletzten Gewichtes. Ich bitte Sie höflichst, keine so großen Augen
machen zu wollen, ich glaube, weder Ihre Augen sind ein Mund noch ich
etwas Verzehrbares, es gibt nichts zu essen an meiner Person. Was den Ton
dieser Sprache betrifft, so erklärt sich dieser daraus, daß er von einem
wütenden Gemüt diktiert wird. Wäre es nicht besser, Sie jagten Ihren
kuriosen Herrn Angestellten jetzt endlich einmal zum Haus hinaus? Ihre
Frau mißhandelt das ganze Jahr lang ungestört die Silvi. Wo haben Sie Ihre
Augen? Sind Sie ein Vater oder nur ein Unternehmer? Gute Nacht, gute
Nacht, ich glaube, ich habe es nicht mehr nötig, zu warten und zu hören,
was Sie auf eine so sonderbare Aufführung erwidern. Ich darf annehmen,
ich bin entlassen.«
»Sind Sie betrunken? He!«
Tobler rief umsonst. Der Gehülfe war bereits die Treppen
hinaufgestiegen. Vor der Türe des Turmzimmers blieb er plötzlich stehen:
»Bin ich ganz toll?« Und er lief so schnell er vermochte wieder die Stufen
hinunter. Herr Tobler saß noch im Wohnzimmer. Joseph blieb, wie vorhin
die Frau, auf der Schwelle stehen und sagte, es täte ihm leid, sich in
unziemlicher und unsinniger Art und Weise benommen zu haben, er bereue,
aber er bemerke, daß er – noch nicht entlassen sei. Wenn Herr Tobler noch
Geschäftliches zu besprechen habe: Joseph stehe zur Verfügung.
Tobler schrie so laut er konnte:
»Meine Frau ist eine Gans, und Sie sind ein verrückter Kerl. Diese
verdammten Bücher!«
Er nahm das Leihbibliothekbuch und schmiß es zu Boden. Er suchte
nach beleidigenden Worten in seinem Gedächtnis, fand sie aber nicht. Teils
sagten die, die er gefunden hatte, zu wenig, teils wieder zu viel. »Räuber«
schwebte ihm auf der Zunge, aber dieses Wort konnte ja gar nicht
beleidigen. Seine Wut kannte infolge seiner Verwirrung keine Grenzen. Er
hätte sagen mögen »Hund«, aber dieses Wort machte dann wieder alle
Vernunft zu schanden. Er schwieg, da er sich außerstande sah, seinen
Gegner in anständiger Weise niederzuwerfen. Schließlich lachte er. Nein, er
brüllte.
»Machen Sie, daß Sie sofort hinauf in Ihr Nest kommen.«

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Joseph hielt es für das Geratenste, sich zu entfernen. Oben angelangt,
blieb er im Zimmer stehen, lange, ohne das Kleinste denken zu können. Nur
der eine Gedanke flackerte ihm wie ein Irrlicht vor dem Bewußtsein: Er
hatte seinen Gehalt noch nicht und gestattete sich – solche Torheiten. – Wie
würde das morgen werden? Er nahm sich vor, sich der Frau zu Füßen zu
werfen. Wie unsinnig! Von der Unmöglichkeit, denken zu können,
gepeinigt, trat er auf die Plattform hinaus. Es war eine trockene, kalte
Nacht. Der Himmel strahlte und glitzerte und fror voller Sterne. Es war, als
ob die Sterne alle Kälte, die herrschte, auf die Erde hinunterstrahlten. Auf
der dunklen Landstraße ging noch ein Mensch. Die Schuhe klapperten
metallen auf den Steinen. Alles da draußen schien von Stahl oder Stein zu
sein. Die Stille der Nacht selber schien zu tönen, zu klirren. Joseph dachte
an Schlittschuhe, dann an Erz, dann plötzlich an Wirsich. Wie mochte es
jetzt dem ergehen? Er hatte das Gefühl von einem leisen
Freundschaftsempfinden für diesen Menschen. Dem begegnete er sicher
noch wieder irgend einmal. Aber wo? Er trat in sein Zimmer zurück und
zog sich aus.
In diesem Augenblick ertönte ein Schrei Silvis.
»Da wird die Kleine wieder aus dem Bett gezogen. Hu, wie kalt,«
dachte er. Er horchte noch eine Weile, im Bett aufgerichtet, aber er hörte
nichts mehr und schlief ein.

Am Morgen schlich er zitternd und mutlos ins Bureau hinunter. Er
dachte: »Wird man mich fortjagen? Wie? Ich dieses Haus verlassen?«
Ja, er fühlte, wie lieb es ihm geworden war, und er dachte weiter:
»Wie ist es mir möglich, zu leben, ohne Dummheiten zu begehen? Und
in diesem Haus konnte ich so hübsch Dummheiten begehen. Wie wird es
anderwärts hiermit bestellt sein? Und wie kann ich daran denken, zu
existieren, ohne von Toblers Kaffee zu trinken? Wer wird mir anderswo satt
zu essen geben? Und so bequem, und so mannigfaltig? An andern Orten ist
das Essen so langweilig, so ganz und gar das Gegenteil von üppig! Und in
wessen sauber zu- und aufgedeckten Betten will ich mich nachher schlafen
legen? Unter einen behaglichen Brückenbogen wohl! Gemach! Ach Gott,
sollte es schon so weit sein? Und wie kann ich fortfahren zu atmen ohne die

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Gegenwart dieser auch im Winter reizenden, landschaftlichen Gegend? Und
wie will ich mich dann abends unterhalten, wie jetzt mit der lieben,
prächtigen Frau Tobler? Wem Grobheiten sagen? Nicht alle Menschen
nehmen sie so besonders, so eigen, so schön in Empfang. Wie traurig. Wie
liebe ich dieses Haus! Und wo wird eine Lampe brennen, so zärtlich, und
wo ein Wohnzimmer sein, so heimelig, so herz-voll, wie Toblers Lampen
und Wohnzimmer sind? Wie macht mich das mutlos. Und wie können
meine Gedanken, ohne alltägliche Gegenstände wie Reklame-Uhr,
Schützenautomat, Krankenstuhl und Tiefbohrmaschine zu haben, ferner
auskommen? Ja, das wird mich unglücklich machen, ich weiß es. Ich bin
hier gebunden, ich lebe hier. Wie sonderbar anhänglich ich bin! Und
Toblers tiefe, grollende Stimme, wie bitter werde ich ihren Klang
entbehren. Warum kommt er noch nicht? Ich möchte wissen, woran ich bin.
Ja, alles das. Was? Wo wird wieder solch ein Sommer mich in die üppigen,
grünen Arme und an die blühende und duftende Brust drücken, wie der war,
den ich hier oben habe erleben und genießen dürfen? Wo, in welcher
Gegend der Welt, gibt es solche Turmzimmer? Und eine solche Pauline?
Obschon ich mich mit ihr des öftern gezankt habe, gehört auch sie
schließlich mit zu dem Schönen. Wie es mir elend zumut ist. Hier durfte ich
›kopflos‹ sein, wenigstens bis zu einem gewissen Grade. Ich möchte
wissen, an welchen Orten der zivilisierten Welt das sonst noch gestattet
wäre? Und der Garten, den ich so oft gespritzt habe, und die Grotte? Wo
gibt man mir das? Menschen wie ich genießen sonst nirgends die
Annehmlichkeit und den Zauber von Gärten. Bin ich verloren? Mir ist elend
zumut, ich glaube, ich werde jetzt einen Stumpen rauchen müssen. Auch
das wird mir fehlen. Sei es.« –
Als er auch noch an die Fahne im Sommer dachte, sah er sich genötigt,
zu grinsen, um nicht plötzlich wie ein Schwächling weinen zu müssen.
Dann trat Herr Tobler ins Bureau, wie jedesmal, ordentlich guten Morgen
sagend. Nichts von Zum-Haus-hinaus-jagen.
Nichts dergleichen!
Joseph setzte seine demütigste und dienstfertigste Miene auf, er war
unbeschreiblich froh, daß es noch nicht »so weit« war. Er setzte sich
geradezu leidenschaftlich hinter die Erledigung der heute bestehenden
geschäftlichen Aufgaben, und er drehte sich alle Augenblicke auf seinem

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Stuhl um, damit er sehe, was Tobler an seinem Pult machte. Tobler tat das
Gewöhnliche.
Was er da gestern für einen Anfall gehabt habe? frug der Chef in
unglaublich freundlichem Tone.
»Ja, das war dumm,« sagte der Gehülfe, bescheiden und beschämt
lächelnd.
Er brauche nicht zu ängsten. Seinen Gehalt kriege er schon, brummte
Tobler.
»O, ich will gar keinen Gehalt. Ich verdiene ihn nicht.«
»Dummheiten,« sagte Tobler, »ich bin, einige Kopflosigkeiten, die Sie
sich haben zuschulden kommen lassen, ausgenommen, zufrieden mit Ihnen.
Und wenn ich die Fabrik bekomme, um deren Beteiligung ich mich
beworben habe, so bleiben wir hoffentlich auch dann noch zusammen. Man
wird in diesem Fall auch einen Buchhalter brauchen können.«
Später ging der Chef.
Dora war an diesem Tage krank geworden, nicht ernstlich. Es war nur
eine kleine Erkältung, aber diese genügte, um das Mädchen zu pflegen, als
wäre ihr letzter Tag herangekommen. Dora lag auf dem Sofa im
Wohnzimmer, und als Joseph zufällig sagte, er wolle zur Post gehen, es war
gegen Abend, mußte er Dora versprechen, ihr ein paar Orangen oder
Apfelsinen aus einer Spezereihandlung mitzubringen, was er denn auch tat.
Während des Nachtessens redete Frau Tobler beständig zu der kleinen,
reizenden Unpäßlichen hinüber, in der Richtung nach dem Ruhbett. Silvi
machte große Augen und hielt den Mund sperrangelweit offen, als dächte
sie darüber nach, wie es zugehe, daß man so reizend krank sein könne.
Warum war denn eigentlich Silvi nie krank? War das nichts für sie? Mußte
die Natur ihr diesen hübschen Zustand vorenthalten? War sie zu gering, eine
kleine Erkältung bekommen zu dürfen? Sie wäre so gern einmal zärtlicher
als sonst, ja nur einmal ein bißchen wärmer und milder als sonst behandelt
worden. Die Dora! Nein! Silvi schaute ihr Schwesterchen betrübt und
erstaunt an, als wäre sie nicht imstande gewesen, es sich zu erklären, wie
die da so schön krank daliegen konnte.

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»Tu den Löffel aus dem Mund, Silvi. Ich kann das nicht ausstehen!«
sagte Frau Tobler. Ihr Gesicht schien in diesem Augenblick zwei Mienen
bekommen zu haben, eine liebliche und glatte für Dora, und eine darunter
liegende gerunzelte und strenge für Silvi. Gleichzeitig schaute die Frau kurz
den Angestellten an, als forsche sie auf dessen Gesicht nach dem, was er
dazu etwa denken oder sagen mochte. Aber Josephs Gesicht lächelte zu
Dora hinüber.
Es war dies durchaus kein Wunder: die Menschen richten eben ihre
Augen mit Vorliebe dorthin, wo das Schöne und Wohlgestaltete zu sehen
ist, nicht dahin, wo in unappetitlicher Weise mit einem Kaffeelöffel in
einem ausdruckslosen Mund herumgerührt wird.
Doras volles Gesicht guckte anmutig zu den schneeweißen Bettkissen
heraus, auf denen verstreut, und Höhlen in den Flaum eindrückend, die
mitgebrachten Apfelsinen herumlagen. Dieser reizende, üppige
Kindermund. Diese kleinen, aber beinahe schon bewußt schönen und
graziösen Bewegungen. Diese bittende, liebe, leichte Stimme, dieses
Vertrauen! Ja, Dora, du durftest vertrauen, du sahest jeden Moment aus
deiner Frau Mama Gesicht Güte dir entgegenstrahlen.
Wie arm war da Silvi. Würde dieses Mädchen je auf den Gedanken
gekommen sein, zu wünschen, man solle ihr Orangen aus den
Delikateßwarengeschäften mit nach Hause bringen? Unter keinen
Umständen. Dazu wußte sie viel zu gut, wie sehr jedermann geneigt war,
ihre Bitten abzuschlagen. Ihre Bitten waren auch gar keine Bitten, sondern
nur gestammelter Neid. Sie bat erst, wenn Dora längst ihr gewünschtes
hatte. Nie kam sie auf einen ersten Wunsch. Die Wünsche Silvis waren alle
Wunschkopien, ihre Einfälle waren keine Einfälle, sondern nur
Nachahmungen von solchen, die Dora zuerst gehabt hatte. Ein echtes
Kinderherz nur kommt auf frische Einfälle, ein verprügeltes und verachtetes
niemals. Die wahre Bitte ist immer ersten, nie zweiten Ranges, gerade wie
das wahre Kunstwerk. Silvi war eben nun einmal zweiten, dritten, vielleicht
sogar siebenten Ranges. Alles was sie sagte, war aus falschem Tone
geschmiedet und gebacken, und alles was sie tat, war altbacken. Wie alt
Silvi bei ihren blütenjungen Jahren schon war. Welches Unrecht! –
Joseph hatte das einen Moment überdacht, während er Dora anschaute.
Wenn man die anschaute, konnte man sich ein klares Bild von ihrem

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Gegenstück machen, und man hatte dann gar nicht nötig, die prüfenden und
vergleichenden Augen erst noch lange auf Silvi zu werfen.
Wie das traurig war. Diese zwei ungleichen Kinder! Joseph hätte aus
dem Grund seines Denkens heraus hörbar seufzen mögen. Als Dora jetzt in
ihr richtiges Schlafbett hinaufgetragen werden sollte, trat er zu ihr hin und
war so betroffen von dem Anblick ihres keck-unschuldigen Wesens, daß er
nicht anders konnte, als ihr die kleine Hand zu küssen. Mit diesem
Huldigungskuß wollte er gleichsam die zwei Arten liebkosen, die Dora-Art
und auch die Silvi-Art. Aber wie hätte er der zweiten Art tatsächlich
huldigen können? Unmöglich! So versuchte er, wenigstens in Gedanken der
jungen Bitterkeit und Bei-Seite-Geschobenheit etwas Tröstendes und
Achtungsvolles zu sagen, indem er das Unausgesprochene mit seinem
Mund auf die Hand der schwesterlichen Liebe und Naturgnade drückte.
Frau Tobler sah es. Sein Betragen fand ihren Beifall. »Ein kurioser
Mensch, dieser Marti!« dachte sie, »da hat er mich gestern der Silvi wegen
ausgescholten, und nun ist er mir selber hier halb verliebt in die Dora.« –
Sie lächelte gnädig und sagte zu Dora, da müsse sie aber in Zukunft ihre
Hände säuberlicher halten, wenn sie ferner solche Küsse darauf bekommen
wolle und lachte.
Zur Silvi sagte sie, indem sie ihr mit verzogenem Gesicht gute Nacht
sagte, sie solle sich besser zusammennehmen und ihr keine Ursache mehr
geben, streng mit ihr zu sein, dann sei man auch gut zu ihr. Es sei ein
Jammer, wie man sie behandeln und immer wieder strafen müsse. Sie
erwarte jetzt einmal gehörig Besserung. Silvi werde auch älter. Marsch. Sie
solle gehen.
Zuerst hatte der Ton dieser kurzen Ansprache liebreich klingen wollen,
dann aber, als sei ihm die Milde unpassend und unmöglich vorgekommen,
war er in die Härte hinübergesprungen, in Abstufungen, bis er zuletzt selber
in einem gebieterischen »Marsch« sich abbrach.
Als die vier Kinder fort waren, wurde ein »Jaß« angefangen. Der
Gehülfe hatte jetzt schon eine ziemlich bedeutende Geschicklichkeit in der
Übung dieses Spiels erlangt, er bewies dieselbe und gewann fast
fortwährend, was ihn veranlaßte, ganz besonders vorsichtig seine Worte zu
wählen, da er die Gereiztheit, die in der Frau bei Spielverlusten
hervorzubrechen pflegte, genau kannte. Sie spielten eine Stunde lang, von

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Zeit zu Zeit wieder an den Rotweingläsern nippend, wie am Vorabend.
Plötzlich sagte Frau Tobler, indem sie das Spiel unterbrach:
»Wissen Sie es schon, Marti, daß mein Mann mich zu meiner
Schwiegermutter schickt? Ja, es ist so, und ich werde mich morgen früh auf
die Bahn begeben, um ihr einen Besuch zu machen. Wir müssen ja jetzt das
Geld haben, sonst sind wir verloren, und sie schickt nichts. Sie ist sehr
geizig, wenigstens hält sie ihre Gelder scharf beisammen. Sie werden sich
denken können, wie unangenehm mir eine solche Fahrt jetzt ist, aber es
muß sein. Diese Frau, die ich schon so lange nicht mehr gesehen habe, die
ich kaum recht kenne, werde ich bitten müssen, ja Marti! Und sie wird kalt
zu mir sein, von oben herab, das fühle ich nur zu deutlich. Es wird so leicht
für sie sein, mich zu kränken, mir weh zu tun, denn schließlich behandelt
man ja eine Bettlerin nicht, wie man mit Glacéhandschuhen jemanden
anrührt. Sie hat mich übrigens von jeher ein wenig ›auf dem Zug‹ gehabt,
ich habe das immer empfunden. Als ob ich von jeher ihrem Sohn, meinem
Mann, nur Unheil gebracht hätte. Und so wird sie mir jetzt natürlich
entgegentreten: wie einer Sünderin. Sie wird mir die Kleider, die ich am
Leib trage, vorwerfen, die unnötige Eleganz derselben, den unglaublich
überflüssigen guten Schnitt. Nein, das neue Kleid werde ich schon nicht
anziehen dürfen. Das hat auch keinen Zweck. Eine, die daherkommt, um zu
heischen, soll schwarz gehen, ich werde das alte, schwarze Seidenkleid
anziehen, das macht einen sehr unterwürfigen Eindruck. Ja ja, Joseph, Sie
sehen, andere müssen sich auch zwingen und dulden und herabwinden zur
Bescheidenheit. Es geht eben so, man weiß gar nicht, woher und wie und
wieso so rasch. Diese Welt!« –
»Wir wollen hoffen, daß Sie Erfolg haben,« bemerkte der Gehülfe. Sie
fuhr fort:
»Dafür schickt mich ja auch Tobler, weil er der Ansicht ist, daß seiner
Mutter meine Erscheinung zu einem solchen schwierigen und heiklen
Zeitpunkt angenehmer sein werde als die seinige. Sonst sehe ich allerdings
nicht ein, warum er selber nicht hinfahren könnte. Ein Stück
Bequemlichkeit seinerseits mag ja dabei sein. Die Männer nehmen gern die
gemütlosen und trockenen Geschäfte auf sich. Wo es sich aber um ein
persönlich-innerliches Opfer handelt, um eine Pflicht und Arbeit herzlichen
Charakters, um rein seelische Überwindungen, da schieben sie lieber ihre
Frauen vor die Front und sagen gewöhnlich: ›Geh du! Du machst das besser

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als ich!‹ was man dann noch als eine Art Gnade und Liebkosung
aufzufassen beinahe gezwungen ist.«
Beide lachten. Frau Tobler nahm wieder das Wort:
»Ja, Sie lachen! Übrigens verbiete ich Ihnen das nicht. Lachen Sie nur.
Ich habe ja auch gelacht, obschon es uns beiden eigentlich ernster zu Mut
sein sollte. Ja, hoffen wir, daß ich Erfolg haben werde. Im übrigen, was rede
ich da! Ich meinerseits habe diese Hoffnungen, die in bezug auf Toblers
Geschäfte noch immer wieder Erfolge vorspiegeln, längst aufgegeben. Es
ist jetzt einmal so: das Vertrauen in meines Mannes Geschäftstüchtigkeit ist
in mir gründlich ins Schwanken geraten. Ich glaube jetzt überzeugt zu sein,
daß er nicht genügend Raffiniertheit, nicht genügend Herzlosigkeit besitzt,
um rentable Geschäfte machen zu können. Er hat in all dieser Zeit meines
Erachtens nach nur den Ton dieser pfiffigen und schlauen Leute
angenommen, das äußere Betragen, die Manieren, nicht aber zugleich die
Fähigkeiten. Gewiß, es muß einer, der gute Geschäfte macht, deswegen
kein Blutsauger und schlechter Kerl sein. Das ist noch lange nicht gesagt.
Aber mein Mann ist zu temperamentvoll, zu rasch, zu gut und zu natürlich
empfindend. Auch zu leichtgläubig ist er. Nicht wahr, Sie wundern sich,
mich dermaßen reden zu hören, aber glauben Sie mir, wir Frauen, beständig
an die Enge und an die Beschränktheit des Hauses gebunden, wir denken
über mancherlei nach, und wir sehen auch manches und fühlen manches. Es
ist uns gegeben, die Dinge ein bißchen zu erraten, da einmal die korrekten
Wissenschaften unsere geschwornen Feindinnen sind. Wir verstehen es, in
den Blicken und im Betragen zu lesen. Wir sagen seltsamerweise nie etwas,
wir schweigen, denn wir drücken uns ja in der Regel so schlecht und immer
so unpassend aus. Unsere Worte regen meistens die geschäftsüberladenen
Männer nur auf, aber überzeugen nie. So leben wir Frauen dahin, erklären
uns mit dem allermeisten, was um uns her und mit uns selber geschieht,
einverstanden, reden nebensächliche Dinge, die uns immer stärker der
Vermutung, daß wir kleine und untergeordnete Geister sind, aussetzen und
sind immer zufrieden, ich glaube es wenigstens. Nein, mein Mann wird mit
seinen Patenten auf keinen trockenen Zweig mehr kommen, der kleine
Finger, der Schuh am Fuß, meine eigene Nase sagen es mir. Er lebt zu gern
gut, und das dürfen eine Zeitlang Unternehmer nicht. Er ist zu wild, das
schadet. Er liebt zu sehr seine eigenen Pläne, das untergräbt dieselben. Er
ist ein viel zu heiterer Mensch, und er nimmt alles zu gerade, zu plötzlich,

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deshalb viel zu einfach. Er ist eine schöne, volle Natur, und solche Naturen
reüssieren mit solchen Unternehmungen nie, oder fast nie. Nicht wahr,
Marti, wie ich heute rede.«
Er schwieg und erlaubte sich ein unmerkliches Lächeln. Sie hatte schon
wieder mit Reden angefangen:
»Meinen Karl fürchten die Menschen und hintergehen ihn zugleich und
lachen ihn hinter seinem Rücken aus, denn sie gönnen gerade ihm
merkwürdigerweise allen nur erdenklichen Schaden, und ich glaube
deshalb, weil er seinen Wohlstand und sein Besitztum zu offen und zu
ungeniert gezeigt hat, dermaßen, daß es ihnen in die Augen hat stechen
müssen. Er ist immer naiv genug gewesen, vorauszusetzen, andere Leute
hätten Freude an seiner Lebensfreude und Lust an der seinigen, was
offenbar ein geradezu der richtigen Auffassung entgegengesetzter
Standpunkt war. Er hat immer mit vollen Händen gegeben, das ist eine
Schwäche gewesen, verzeihlich zum Beispiel in meinen Augen, aber
unverzeihlich im Urteil derjenigen Menschen, die von ihm eben diese
verschwenderischen Wohltaten genossen, mit einem Wort, die von ihm
profitiert haben. Er hat seine besondere Art, ein bißchen barsch und laut zu
sein, das nennt man jetzt, jetzt im Unglück, Prahlerei. Wäre er erfolgreich,
so würde man zu derselben Gewohnheit sagen: Schneid! Ja. Nein, mein
Mann würde viel besser getan haben, wenn er sich nie selbständig gemacht,
sich nie auf eigene Füße gestellt, sondern sich in seiner bescheidenen
Stellung als technischer Angestellter still gehalten hätte. Wir waren alle so
wohl damals. Freilich hatten wir kein eigenes Haus, aber was bedarf es
dessen, da doch nur Sorgen in solch ein eigenes Haus kommen? Nach
Feierabend machten wir unsern stillen, hübschen Spaziergang rund um den
Hügel. Es war zu schön, um es derart eigensinnig von sich wegzuwerfen,
aber eines Tages wurde es eben weggeworfen.«
»Es kann noch alles gut kommen, Frau Tobler,« sagte Joseph. Diese
Worte schlugen wie mit Flammen in ihr Gesicht. Sie rief:
»Sie sollen das nicht sagen. Das ist abscheulich. So redet man nicht zu
der Frau des Geschäftsmannes, in dessen Bücher man tagtäglich
hineinblicken kann. Auf diese Art soll man nicht schonen wollen und einer
schwachen Frau das Herz mit Gewichten beladen. Wieso kann noch alles
gut kommen? Gehen Sie zu den Bedrängern meines Mannes mit dieser

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fluchwürdigen Redensart. Sie haben mich wieder einmal unglücklich
gemacht. Ich will gehen und versuchen, dies zu vergessen.«
Sie lief aus dem Zimmer.
Der Gehülfe dachte: »Was ist nun da wieder? Muß es bald jeden Abend
eine heftige Szene geben? Bald bin ich unmutig, bald sie, bald wir beide,
und bald kracht es wieder aus Toblers Gemüt heraus. Bald schreit die Silvi,
bald bellt der Leo, bald ist wieder die Dora krank. Fehlte noch, daß wir alle
zusammen eines Tages, Mittags oder Abends vollständig hinten hinüber
schnappten. Dann gute Nacht schönes Haus Tobler! Aber soweit sind wir
noch nicht. Wollen jetzt erst einmal die mütterlichen Gelder abwarten, und
dann teilweise unsere Schulden bezahlen. So viel wie in diesem Hause ist
mir in meinem ganzen sonstigen Leben der Kopf nicht gewaschen worden.
Aber auch das mag gut sein. Übrigens! Habe ich etwa wieder einmal Angst?
Bin ich unruhig? Nein, Gott sei Dank nicht. Tobler hat wohl heute wieder
im Sinn, im ›Segelschiff‹ zu übernachten. Das gehört scheinbar auch zu
meinen Berufspflichten, daß ich inzwischen hier seiner Frau Gesellschaft
leiste. Die Arme! Warum hat sie keinen bessern Gesellschafter?«
Er löschte die Lampe und ging zu Bett.

Andern Tages, es war wieder mehr nasses als kaltes Wetter, und die Luft
hing schwer herunter, sah man Frau Tobler, schwarzseiden gekleidet, den
Gartenhügel hinabgehen, um sich zur Bahn zu begeben. Tobler begleitete
sie ein Stück hinunter, sprach ihr zu, guten Mutes zu bleiben und sich nicht
etwa wieder zu erkälten in der Eisenbahnwagenzugluft und dergleichen.
Man sah von oben herab ein Lächeln im Gesicht der Frau, und ein Winken
mit dem Taschentuch, das galt der Dora, die der Mutter ebenfalls
nachwinkte. Wie naß alles war. Zu dieser Winterzeit hätte es eigentlich
trockener und kälter sein können, dachte man, und dann verschwand Frau
Tobler den Augen, die ihre Bewegungen bis zuletzt verfolgten. Es waren
dies Josephs, Paulinens, Silvis, Doras, der Knaben und Leos Augen
gewesen. Der Hund bellte traurig, wie er die Herrin fortgehen gesehen
hatte.
Das Ganze glich, wenn einer sich auf seine romantische
Einbildungskraft hätte versteifen wollen, dem Weggang einer Königin.

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Joseph, der Vasalle, hätte jetzt, wenn er einer jener aus alten Geschichten zu
uns modernen Menschen hinübergrüßenden getreuen Untertanen gewesen
wäre, bitterlich weinen müssen, während die Kammerfrau Pauline ein
Wehgeschrei ausgestoßen haben würde, wenn sie eine von denjenigen
gewesen wäre, die in alten Zeiten schöne und hohe Königinnen, wie die
Geschichten lehren, bedient haben. Und der Hund wäre vielleicht ein
Drache gewesen, und die Kinder Königskinder und Herr Tobler der
wuchtigen Rittergestalten eine, die früher immer dabei waren, wenn es
solche traurige Abschiede für immer gab, als es noch Schlösser, Burgen,
Stadtmauern und Tränen der Treue gab. Doch nein. Hier war es ja ganz
anders.
Hier handelte es sich nicht um eine immerwährende Verbannung auf
eine öde Felseninsel, sondern nur um eine Tagesreise per Eisenbahn und um
einen praktischen und ein wenig unangenehmen Besuch. Auch eine Königin
kam hier nicht vor, es sei denn, man hätte Frau Tobler als die sorgenvolle
Königin des Hauses zum Abendstern empfunden, was so ganz apart und
wunderlich nicht hätte sein können. Auch keine düstere Heldengestalt,
sondern nur ein modern gekleideter und beschaffener Herr Ingenieur Tobler
gab der Dame ein Stück weit das Geleite, um ihr, auch nicht gerade Trost,
sondern nur einige vernünftige Worte zuzusprechen. Und von einem
besonders betrübten Knecht und Vasallen war hier ebensowenig die Frage
und Rede als von einer noch fassungsloseren Kammerfrau. Joseph und
Pauline, diese beiden Personen standen da, weiter niemand, außer den
Kindern, und das waren weder Königs- noch Fürstenkinder, sondern
schlichte, bürgerliche, wie sie jedes bessere Haus haben kann. Leo war kein
Drache. Er würde eine solche mittelalterliche Zumutung vielleicht sogar
bissig übel genommen haben. Alles in allem war es ein Bild des
zwanzigsten Jahrhunderts.
Es werde sich nun bald zeigen, wessen man sich zu gewärtigen habe,
meinte Herr Tobler, als er wieder ins Bureau zurückkehrte. Was ihn betreffe,
er werde und müsse durchdringen. Jeder andere Gedanke sei lächerlich.
Was er immer behauptet habe, das behaupte er auch heute, und heute erst
recht.
Und er beschäftigte sich mit der Tiefbohrmaschine. Die
Handelsabteilung schrieb einen Brief an den Tiefbauingenieur Joël, der
sich, wie es schien, »gewaltig« für dieses Werk interessierte. Die Kinder

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spielten und rauften sich im Bureau. Tobler jagte sie hinaus. Später verließ
er das technische Bureau selber und ging ins Dorf, des Automaten wegen.
Ein wenig später ging auch der Gehülfe weg und zwar zur Post. Auf
dem Wege dahin wurden ihm von zwei Landarbeitern schimpfliche Worte
nachgeschrien. Diese Bauernknechte schickten dem Angestellten nach, was
sie dem Chef würden nachgebrüllt haben, wenn sie den Mut dazu gehabt
hätten. Joseph kam ohne weitern Zwischenfall ins Dorf, auf die breitere
Straße, und hier begegnete ihm der, den er eher im Gasthaus zum »Roten
Haus« vermutet hätte, Wirsich.
»Sie sind wieder hier?«
Sie schüttelten sich die Hände. Wirsich schaute ganz vergnügt drein, er
sah aus, als wenn ihm eben etwas sehr Entgegenkömmliches passiert wäre.
Er sagte zu Joseph, eben sei er neuangestellt worden und zwar in der
Kolonialwarenhandlung Bachmann & Co. Er sei, wie der Gehülfe ihm
angeraten habe, mit fertig geschriebenen und kuvertierten Offertbriefen in
der Tasche, auf die Wanderung, von Geschäftshaus zu Geschäftshaus
gezogen, und in der Tat habe man ihn fast überall menschenfreundlich
behandelt, aber man habe nirgends eine Stellung für ihn frei gehabt, bis er
schließlich zu den Herren Bachmann & Co. hineingegangen sei, und dort
sei dann die Sache zu seinem Glück komplett geworden. Und nun glaube er
sich nach langer Zeit endlich wieder als ein gehobener Mensch fühlen zu
dürfen. Jedenfalls könne er sagen: »Guten Tag, Freund, du siehst, mir geht
es gut.« Ob es nun nicht ganz nett sei, zusammen in die nächstbeste
Wirtschaft zu treten und eins auf den Durst hinauf zu nehmen?
»Aber gewiß. Sehr gern. Aber hören Sie, Wirsich, sagen Sie, können
Sie's vertragen?« sagte Joseph.
Der andere beteuerte: »Natürlich!« – So gingen sie in das zunächst
liegende Restaurant Central, wo sie sich jeder einen Schoppen Bier geben
ließen.
»Denn sonst lieber nicht. Es wäre schade um die neue Position,« glaubte
Joseph gut zu tun, nachzufügen.
Wirsich winkte belustigt mit der Hand ab. Es fiele ihm nicht ein, sagte
er, etwa gar wieder so unvernünftig zu trinken, wie früher. Er habe sich das

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jetzt, glaube er, ein für allemal abgewöhnt, so verkommen sei er denn doch
noch lange nicht. Wie es bei Toblers stehe?
»Nicht gut,« sagte der Gehülfe, und er erzählte in kurzen Umrissen den
Verfall des Hauses. Wirsich solle sich aber hüten, zu plaudern, das seien
Geschäftsgeheimnisse und die gingen niemand etwas an.
Wirsich sagte:
»So habe ich es dem Großhans, diesem Tobler, doch noch prophezeien
können, daß er noch einmal zu seinem prahlerischen Haus und Garten
hinausfliegt. In jener Nacht hat er's von mir gehört, und jetzt gehen die
Worte in Erfüllung. Was er andern getan hat, das geschieht ihm nun selber,
und recht geschieht ihm. Ist unsereins kein Mensch? Sind wir Angestellten
ohne die Spur von Empfindung auf diese Welt gekommen? Wir werden
eines Abends einfach zum Haus und zur Lebensexistenz herausgeworfen,
und man glaubt noch, recht und milde getan zu haben. Pardon, Marti, Sie
sind mein Nachfolger und genießen infolge meines Sturzes einen, wie Sie
selber sagen, angenehmen Lebensaufenthalt. Sie können natürlich nichts
dafür, daß Sie mich vom Posten verdrängt haben. Was rede ich: durch Sie
habe ich ja die neue Stellung gefunden. Also Entschuldigung. Ich meine
nur, der Zorn kann einen fortreißen, sich eine so lange Zeit in der elendesten
Verlegenheit und Erniedrigung geschaut zu haben. Wegen was? Wegen
eines Fehlers? Donnerwetter, jetzt trinke ich grade extra noch eins. Heda,
Herr Wirt, oder Sie lieber, Frau Gastwirtin, bringen Sie mir noch solch
einen Schoppen. Sie Marti werden doch wohl auch noch einen trinken.«
»Nur bitte ich,« sagte Joseph, »meinen Chef nicht angreifen zu wollen.
Und dann auch nicht gar so laut, wenn ich bitten darf. Mein gegenwärtiger
Prinzipal ist kein Großhans. Sie werden diesen unvorsichtigen, und ich gebe
gern zu, im Zorn gesprochenen Ausdruck zurücknehmen. Tun Sie's
alsogleich, sonst sind wir geschieden. Ich habe Ihnen nicht vertrauliche
Aufklärungen über Toblers Lage gegeben, um diesen Mann hinterher
beleidigen zu hören. Im übrigen: Prost! Es freut mich, daß es Ihnen gut
geht.«
»Ich sag' ja: im Zorn!« entschuldigte sich Wirsich.
Der Streit sei erledigt, bemerkte Joseph. Beide tranken je noch ein Glas,
auf welche »Lage« eine vierte folgte. Sie würden so fortgefahren haben,

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wenn nicht jetzt die Türe aufgegangen, und Herr Tobler selber ins
Restaurant getreten wäre. Er überflog beide Zecher und Angestellten mit
einem zündenden Blick, der den Männern genug sagte.
Joseph hatte beim Eintritt des Herrn sofort den Hut abgezogen, den er
vorher ziemlich burschikos auf dem Kopf behalten hatte. Das gebot die
Höflichkeit, und der Toblersche Blick gebot es nicht minder. Er stand
übrigens bald auf, da das Gespräch mit Wirsich ohnehin verstummte, rief,
er möchte bezahlen und bewegte sich gegen den Ausgang zu. Ein Wink des
Ingenieurs veranlaßte ihn jedoch, in dessen Nähe zu treten. Dieser fragte:
»Was will dieser Ungut hier, der Wirsich?«
Joseph antwortete: »O, er hat eine Stelle gefunden. Hier dicht nebenan,
bei Bachmann & Co. Seit heute. Er freut sich sehr darüber.«
»So? Und er trinkt wohl noch immer gern, was? Der wird sicherlich
lange in der neuen Stellung verbleiben, der! Es ist gut. Waren Sie auf der
Post?«
»Nein, ich gehe jetzt. Sie werden entschuldigen. Mein Vorgänger hat
mich aufgehalten. Ich werde gleich gehen, und wenn Sie wünschen, daß ich
Ihnen die Briefe hieherbringe« – –
Tobler verneinte, und der Gehülfe entfernte sich.
Auch Wirsich war jetzt aufgestanden, er bezahlte, marschierte unsicher
vorwärts, wußte nicht, ob er seinen ehemaligen Vorgesetzten grüßen sollte
oder nicht, tat es, und sogar tief und demütig, und stieß zum Überfluß noch
an einen Tisch an, bei welcher Gelegenheit er beinahe umgestürzt wäre.
Sein Achtungsgruß wurde mit keinem Zug einer Miene erwidert. Tobler
»wollte nichts mehr mit diesem Menschen zu tun haben«. An der Tür
stolperte Wirsich zum zweiten Mal. War das eine schlimme Vorbedeutung?

Frau Tobler kam mit dem Nachtschnellzug nach Hause gefahren. Herr
Tobler, Pauline und Joseph erwarteten sie am Bahnhof. Der Zug kam
schnaubend und rasselnd an. Allerlei Menschen drängten sich in die Nähe
des langen, schwarzen, prachtvoll-dastehenden Ungetümes heran. Die Frau
stieg aus, Joseph und Pauline sprangen hinzu, um Körbe und Pakete in

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Empfang zu nehmen. Mutter Tobler hatte der Sohnesfrau Verschiedenes
mitgegeben, das konnte man ungefähr zum Voraus wissen, deshalb war man
zu dritt am Bahnhof erschienen. In zwei Körben befanden sich teils Äpfel,
teils Nüsse. Die Pakete enthielten Sachen für die Frau selber und für die
Kinder.
Dem Gesicht der Ausgestiegenen war abzulesen, daß die ganze Sache
weder ganz gut noch auch ganz schlecht abgelaufen war. Es drückte
Müdigkeit und Gelassenheit aus. Es schien, als ob eine Hälfte des Gesichtes
ein bißchen gelächelt hätte. Im ganzen schien sie ihrem Mann, der sie
neugierig darum befragte, eine genügende und zufriedenstellende Auskunft
gegeben zu haben, denn Tobler schien nicht übel Lust zu haben, rasch jetzt
noch für eine Weile ins »Segelschiff« zu gehen. Seine Frau sagte, sie merke
ihm wohl an, wohin er zu gehen wünsche, mit welchen paar Worten denn
auch die bezügliche Erlaubnis erteilt war. Er rief den Davongehenden noch
nach, er sei in mindestens einer Stunde wieder im Abendstern und
verschwand in seiner Stammkneipe.
Die Übrigen gingen nach Hause. Dem Gehülfen war es eine angenehme
Pflicht, die Körbe, so schwer sie waren, zu tragen. Das war doch
wenigstens wieder einmal etwas »Körperliches«. Er schritt hinter den
beiden Frauen, hinter der Magd und der Frau, leicht daher, gänzlich
gedankenlos. Ja, das kam von den Körben her. »Ich bin zum Laufburschen
geboren,« dachte er.
Zu Hause angelangt, gab es einen Schwarm von Fragen, aus der
kindlichen Wißbegierde heraus ertönend. Und eine Belagerung der Pakete
und Obstkörbe. Was Großmutter sagen ließe, wollten die drei Kinder
wissen. Nur das Vierte nicht. Silvi blieb schläfrig und gleichgültig. Auch die
Geschenke ließen dieses Mädchen gleichgültig. »Mich betrifft das nicht,«
sagte ihre Miene. Um so mehr mußten die Sachen die übrigen drei
betreffen. Sie wurden jedoch bald alle samt ihren Forderungen, Fragen und
Neugierden in die Betten geschickt.
»Wie bin ich müde,« sagte Frau Tobler.
Pauline kniete vor ihr am Boden und zog ihr die Schuhe aus. Sie saß auf
dem Sofa. Joseph, der daneben stand, dachte: »Ich muß gestehen, daß es
mir nicht unangenehm gewesen wäre, wenn sie zu mir gesagt hätte: zieh
mir die Schuhe aus! Ich glaube, ich hätte mich mit Vergnügen gebückt.« –

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Ein Handschuh entglitt ihr, sofort sprang er hinzu und hob ihn ihr auf.
Sie lächelte matt und dankte und sagte:
»Wie sind Sie dienstfertig! So sind Sie nicht immer gewesen. Kommt
wohl mein Mann bald nach Hause? Wie geht es Ihnen, Joseph?«
»Sehr, sehr gut,« gab er zur Antwort. Pauline hatte das Zimmer
verlassen.
Er sei eben noch jung, da spreche er so und müsse wohl auch so
sprechen, sagte die Frau. Ihr sei es so schwer zumut.
»Haben Sie Verdruß gehabt?«
Auch! Aber dieser kleine Verdruß berühre sie wenig. Sie fühle sich
heute zu allerhand Gedanken hingezogen. Ob Joseph noch jassen möge? Ja?
Das sei nett. Sie habe gerade jetzt eine unglaubliche Lust, Karten zu
spielen. Sie glaube, das helfe ihr.
Sie setzten sich an den Tisch und spielten Karten. Pauline trug etwas zu
essen auf für Frau Tobler und ging dann wieder. »Vielleicht ist diese Frau
zugleich leichtsinnig und schwermütig veranlagt. So kann es sein. Übrigens
bin ich ein Dummkopf!« dachte der Gehülfe.
»Sie will mir nicht gern geben, die alte Frau,« sagte mitten im Spiel
Frau Tobler.
»Wer? Ach so! Die Mutter Tobler! Das kann man sich denken. Aber sie
wird müssen!«
»Ja eben!« machte sie. Sie lachten beide. »Wie das wieder leichtsinnig
ist,« dachte der Buchhalter und Korrespondent des technischen Bureau
C. Tobler. Die Firma! Schließlich war man denn doch ein gesetzter Mann.
Da saßen sie beide wieder zusammen, sie, die »unbegreifliche Frau« und er,
der »kuriose Mensch«. Joseph mußte laut auflachen. Was er habe? –
»O nichts. Dummheiten.«
Sie sagte, ernster werdend, er werde sich etwa ihr gegenüber keine
Scherze erlauben. Er erwiderte auf diese Bemerkung, er sei der
kaufmännische Angestellte des Hauses Tobler, worauf sie sagte, sie hoffe,
daß er das bestimmte Gefühl habe, er sei das. Er warf die Karten, die er in
der Hand hielt, auf den Tisch, erbebte und erklärte, ein ernsthafter und

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solider Angestellter sei's nicht gewohnt, bis in alle Nächte hinein Karten zu
spielen. Er war aufgestanden und ging, indem er erwartete, sie werde ihn
zurückrufen, nach der Türe hin. Sie ließ ihn gehen.
Statt nach oben in sein Zimmer zu gehen, stieg er ins Bureau hinunter,
zündete die dort befindliche Lampe an, setzte sich an seinen Tisch und
schrieb an den Verwalter des Tit. Stellenvermittlungsbureau folgendes:

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Sehr geehrter Herr!
Ich bitte Sie höflichst, mich als Bewerber um eine gelegentlich
frei werdende, passende Stelle gütigst vormerken zu wollen. Ich
finde mich nicht veranlaßt, es darauf ankommen zu lassen, eventuell
wieder auf dem Pflaster zu sitzen. Die Dinge hier oben, Herr
Verwalter, spitzen sich immer schärfer zu. Ich sage: für alle Fälle!
und empfehle mich Ihnen
Hochachtungsvoll
Ihr aufrichtig ergebener Joseph Marti.

Er war noch nicht so bald mit Kuvertieren und Adressieren dieses
Schreibens fertig geworden, als er vom Garten her Schritte hörte. Eine
halbe Minute später traten Herr Tobler und zwei andere Herren, offenbar
Stammgäste aus dem »Segelschiff«, ins Bureau ein, laut redend und
lachend, und wie es schien, voll trunkenen Übermutes.
Was Joseph noch so spät in der Nacht zu arbeiten habe? fragte mit
unsicherer Stimme Tobler. Er habe wenigstens noch einen wahrhaft
fleißigen und aufopfernden Gehülfen, wie es scheine, bemerkte er weiter,
indem er sich lachend seinen Jaßkollegen zuwandte. Jetzt aber solle er nur
ruhig Feierabend machen, denn morgen früh sei es auch wieder Tag. Dann
ging er zur Türe, die ins Innere des Hauses führte und rief, so laut er
konnte: Pauline!
»Herr Tobler?« kam die Antwort von oben herab.
»Bringen Sie uns ins Bureau ein paar Flaschen von dem Rheinwein.
Aber es muß rasch geschehen.«
Joseph hatte kaum nötig, sich von den Herren zu verabschieden, er sagte
kurz gute Nacht und ging weg. Die andern hörten und bemerkten ihn gar
nicht mehr, denn die hatten jetzt ganz anderes zu tun. Die lagen halb am
Boden, halb auf dem Zeichentisch, ohne sonderlich zu achten, auf was sie
saßen. Die Stühle wurden als Fußschemel benutzt, und mit den
zeichnerischen Entwürfen Toblers kamen die schläfrigen und lustigen
Köpfe in engste Berührung. Tobler stopfte, hin und her taumelnd, seine

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Tabakpfeife, und als endlich der Wein kam, machte er sich mit vieler Mühe
und Ungeschicktheit an das Geschäft des Gläserfüllens, worauf dann ein
Trinken begann, das halb mit Schnarchen und Hochaufgähnen verbunden
und vermischt war. Das bißchen gute Vernunft, das der Ingenieur noch zur
Verfügung hatte, glaubte er jetzt mit einem Mal dazu verwenden zu sollen,
den Herren und Kameraden die Toblerschen Erfindungen zu erklären, er
stieß aber nur auf ein Gelächter und sonst auf keinerlei Verständnis. Der
Ernst der männlichen Weltanschauung lag in einem fallen gelassenen und
zerbrochenen und seinen Inhalt ausgeschütteten Glas Wein am Boden. Der
männliche und menschliche Verstand gröhlte und johlte und lallte, daß die
Wände des Hauses beinahe erzitterten. Tobler hatte zu allem, was er eben
inszeniert hatte, jetzt noch die wenig rücksichtsvolle Idee, seine Frau mit
lauter Stimme in das Bureau hinunterzurufen, um ihr, wie er sagte, seine
guten Freunde aus dem Dorf vorzustellen. Sie kam, steckte aber nur den
Kopf durch die Türe, die sie schüchtern geöffnet hatte, und verschwand
wieder, zurückgeworfen von dem, wie sie selber andern Tags zu ihrem
Mann sagte, widerlichen und unflätigen Bilde, das sich ihren Augen darbot,
und welches ein holländischer Trunkenboldszenenmaler nicht
überzeugender und abschreckender hätte malen können, als wie es hier in
Wahrheit und Wirklichkeit lebte und sich regte. Die Trinkerei hatte mit dem
Verschwinden der Frau noch lange nicht ihr Ende erreicht, im Gegenteil, sie
flammte und kochte und brannte bis zum frühen Morgen und bis zu der
Ermattung, jener vollständigen, die den stärksten Zechern schließlich über
die Nacken herfällt, um sie zu beugen und der Länge und Breite nach unter
Tische und Stühle zu strecken. So geschah's auch, und die ausgelassene
Gesellschaft übernachtete unter gräßlichem Schnarchen im technischen
Bureau, bis Pauline kam, um den Ofen zu heizen. Es war Tag. Die Gesellen
erwachten. Die zwei Bärenswiler zottelten in ihre Dorfschaft und engere
Heimat zurück, während Herr Tobler nach oben ging, in sein und seiner
Frau Zimmer, um den Rausch und Sturm auszuschlafen.
Pauline hatte eine wahre Heidenarbeit zu verrichten, das verwüstete und
entstellte Bureau wieder einigermaßen in Ordnung zu bringen. Als Joseph
um acht Uhr unten ankam, sah es noch bitterlich schlimm darin aus, so daß
er sich entschloß, sogleich auf die Post zu gehen. Alles lag durcheinander,
Stühle, Zeichnungen, Schreib- und Zeichengegenstände, Gläser und
Pfropfen. Tinte war verschüttet, rote und schwarze. Wein schwamm am
Boden. Einer Flasche war der Hals abgeschlagen worden. Es schienen

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Bären, nicht nur Bärenswiler in dem Raum gewirtschaftet zu haben, den ein
Geruch erfüllte, daß es schien, als müßte man zehn Tage hintereinander die
Fenster offen stehen behalten, um es hier wieder sauber, gemütlich und
wohnlich zu bekommen.
Auf der Post warf Joseph den Brief an den Verwalter in den Kasten.
»Für alle Fälle,« dachte er.

Am folgenden Tag flossen dem Hause Tobler aus dem elterlichen
Vermögen viertausend Mark zu. Das war wenig, aber es war wenigstens
etwas, es genügte gerade, um die allerungeduldigsten und am schärfsten
vorgehenden Dränger zufriedenzustellen. Joseph hatte längst eine
Gläubigerliste zusammengestellt, und so wurden nun aus dieser bunten
Wiese die am heftigsten duftenden Blumen ausgesucht, um wenigstens
vorläufig diese zu betäuben. Unter diesen wütenden und augenblendenden
Gewächsen befanden sich unter andern der Gärtner, der gesagt hatte, er
wolle nicht eher ruhen, bis er Tobler gepfändet und vom Ort verjagt sähe,
das Elektrizitätswerk, das so höhnisch mit den Schultern gezuckt, und die
schöne Beleuchtung abgestellt hatte, der Schlosser aus der Nachbarschaft,
dieser »undankbare Hund«, wie Tobler ihn nannte, dem man, wie man sich
vorgenommen hatte, das »Geld vor die Füße schmeißen würde«, der
Fleischer, und aber von jetzt an »keinen Bissen Fleisch mehr aus dieser
Metzgerei«! Der Buchbinder, das »alte Kamel«, der froh sein dürfte usw.,
die Uhrenfabrikanten, denen »man allerdings ihr Drängen nicht sehr
verübeln konnte«, der Metallwarenfabrikant, der den kupfernen Turm
gebaut und verrechnet hatte, und einige, die ihr Geld »wohl verdienten«.
Ein halber Tag genügte, um diesen lautesten und unverschämtesten
Forderungen den Mund zu verstopfen, aber auch das Geld war damit
verschwunden. Was bedeuteten viertausend Mark für ein über und über
verschuldetes Haus? Ein kleiner Rest dieser Summe wurde der Haushaltung
gegeben, und einen noch winzigeren erhielt Joseph als Gehalt-Anzahlung.
Es war ein sonniger Schneevormittag gewesen, mit blauem Himmel und
Winden und mit Schneenässe an der Erde, als der Gehülfe von Haus zu
Haus gegangen war, um Beträge auszubezahlen. Auch beim

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Betreibungsbeamten war er vorbeigegangen. Und wie rasch das Geld
schwand, das merkte er an der leichter werdenden Rocktasche.
Gegen den Nachmittag langte ein Schreiben des Advokaten Bintsch an,
worin derselbe erklärte, es sei von der Mutter nichts mehr zu gewärtigen. Er
habe sein Möglichstes versucht, die Frau zu überzeugen; seine
Bemühungen seien aber zu seinem Leidwesen ohne Erfolg geblieben. Er
rate daher Tobler an, mit Ruhe die Folgen dieser Resultatlosigkeit zu
ertragen.
Tobler verzog, während er diesen Brief las, sein Gesicht zu einer
schmerzhaft anzusehenden Grimasse. Er schien einen namenlosen Zorn zu
bemeistern. Dann brach es aus ihm los und warf ihn auf einen Stuhl nieder,
als ob Zentnerlasten ihn niedergeschmettert hätten. Er keuchte mit seiner
starken Brust, die zu zersprengen drohte, ähnlich einem zu straff
angespannten Bogen. Sein Gesicht schaute von unten herauf, als sei es von
oben herab von Fäusten niedergepreßt worden. Auf seinem Nacken
schienen jähzornig wiegende und sausende und stemmende Gewichte zu
liegen, lebendige Gewichte. Die Farbe seines Gesichtes war dunkelrot.
Rund um ihn schien die Luft dick und steinern geworden zu sein, und eine
unsichtbar-sichtbare Gestalt schien sich jetzt dicht neben Tobler zu erheben,
um ihm gemütlich aber kalt auf die zusammenzuckende Achsel zu klopfen.
Die eiserne Notwendigkeit selber schien ihm zugeflüstert zu haben. »Mann!
Versuche dein Letztes!«
Tobler öffnete schwerfällig sein amerikanisches Rollschreibpult, nahm
unter Ächzen und Rückenbiegungen, als ob er Schmerzen gehabt hätte, eine
Feder zur Hand, ein Blatt Papier, um seiner Mutter einen Brief zu schreiben.
Aber die Buchstaben, die er aufsetzte, tanzten ihm vor den Augen. Das Pult
flog an seiner wild gewordenen Empfindung hoch auf, das Bureau drehte
sich, er mußte aufhören. Er sagte mit röchelnder Stimme zu Joseph:
»Telefonieren Sie Bintsch und ersuchen Sie ihn, Ihnen zu sagen, wann
er zu einer Besprechung mit mir bereit sein kann. Sagen Sie ihm, es hätte
die größte Eile.«
Joseph schickte sich sogleich an, dem Befehl Folge zu leisten. Er war
aufgeregt, sprach vielleicht etwas undeutlich, es war möglich, daß man ihn
nicht recht verstanden hatte, kurz und gut, es dauerte ziemlich lange, ehe er
mit Doktor Bintsch reden konnte. Hinter ihm her war Tobler die Treppe

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hinaufgekommen und stund nun hinter dem Gehülfen, den die Gegenwart
eines so krankhaft erregten Herrn und Meisters noch mehr verwirrte, derart,
daß, als nunmehr die gewünschte Verbindung hergestellt war, er sich mit
dem Rechtsanwalt in stammelnden Gesprächen herumschlug, ohne sich
verständlich machen zu können.
Das war zu viel für Tobler. Mit einem häßlich tönenden Wutschrei warf
er den ungeschickten Sprecher zur Seite, daß derselbe an den Türrahmen
des Wohnzimmers anflog, und ergriff selber den telephonischen Hörer, um
das verunglückte Gespräch zu Ende zu führen und sich den erforderlichen
Bescheid selbst sagen zu lassen.
Seine Wut war verflogen, aber er zitterte am ganzen Leib heftig. Er
bekam Fieber und mußte sich auf das Ruhbett legen, auf dasselbe, das vor
kurzer Zeit Dora eingenommen hatte. »Ist Vater krank?« frug diese jetzt.
Frau Tobler, die besorgt neben dem liegenden und stöhnenden Manne stand,
sagte zu dem Mädchen: »Ja Kind, Vater ist krank. Joseph hat ihn geärgert,«
wobei sie den Gehülfen mit einem erstaunten und verächtlichen Blick
streifte, der denselben ins Bureau hinunter jagte. An seinem Schreibtisch
angelangt, versuchte er, als ob nichts geschehen wäre, zu arbeiten, aber es
war keine Arbeit, was er tat, sondern ein Tappen und Tasten mit zitternden,
zerstreuten Fingern, ein Bemühen, gleichmütig zu sein, ein Nichtkönnen,
ein Anderes, ein Nichts, etwas Schwarzes. Sein Herz klopfte zum
Zerspringen.
Später wurde er zum Kaffee gerufen. Tobler war inzwischen in sein
Schlafzimmer hinaufgegangen. Die Besprechung mit dem Advokaten
konnte erst andern Tags stattfinden, und bis dahin gab es für den Ingenieur
ja in der weiten Welt, scheinbar und offenbar, vorläufig nichts mehr zu tun.
Welches Bemühen konnte noch einen reellen Zweck haben? Welche Pläne
waren nicht lächerlich? Und krank! Es tat dem gehetzten Mann so wohl, zu
denken, er liege im Bett und könne bis am andern Tag ungestört liegen
bleiben. Er ließ sagen, wenn Joseph zur Post gehe, so möchte er ihm ein
paar gute Zigarren mit nach Hause bringen. »Und für Dora ein paar
Orangen, Joseph,« fügte Frau Tobler hinzu. Dieser führte die Aufträge aus.
Nach dem Abendessen, die Kinder waren bereits zu Bett gebracht
worden, sagte der Gehülfe zu Frau Tobler, es sei ihm schwer, länger in
einem Hause zu bleiben, dessen Chef sich nicht scheue, ihn, nachdem er ihn

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oft genug schon mit Worten beleidigt habe, nun auch tätlich und körperlich
zu beschimpfen. Das sei zu viel, und er glaube, er täte am besten, gleich
jetzt zu Tobler hinaufzugehen, und es diesem Mann zu sagen, wie roh und
dumm seine Handlungen seien. Er könne nicht mehr arbeiten, das fühle er
deutlich. Einer, den man herumstoße und gegen Türen heranwerfe, der sei
wohl auch nicht imstande, Nutzen zu bringen. Solch einer müsse ein Esel
und Taugenichts sein, sonst sei es ja gar nicht möglich, ihn derart, wie es
geschehen sei, zu behandeln. Dies drücke ihm den Atem ab. Er meine, auch
wenn er nichts wie Schindluder all die Zeit her, die er nun hier oben
zugebracht habe, getrieben hätte, so könne das körperliche Schmach und
Schande noch nicht einmal rechtfertigen, und er? Ob er nicht sich immer
ein wenig Mühe gegeben habe? Er wenigstens wisse es, daß er hin und
wieder mit Liebe und Lust und mit allen seinen Kräften gearbeitet habe,
wenn auch die Kräfte nicht immer den, er gestehe es, gerechten
Anforderungen hätten entsprechen können. Ob man so, wie es geschehen
sei, die Versuche, tüchtig und aufrichtig zu sein und zu bleiben, behandle?
Er weinte.
Frau Tobler sagte kalt: »Mein Mann ist krank, wie Sie wissen, und eine
Störung wird ihm nicht gerade willkommen sein. Aber wenn Sie Lust
haben, und wenn Sie glauben, es hier oben bei uns nun so plötzlich nicht
mehr aushalten zu können, so gehen Sie nur zu ihm hinauf und sagen Sie
ihm, was Sie auf Ihrem Herzen haben. Ich denke, Sie werden den Ihnen und
Ihrem Betragen geziemenden, kurz und bündigen Bescheid erhalten.«
Der Gehülfe blieb sitzen. Dann erhob er sich und sagte: »Ich gehe noch
rasch auf die Post.«
»Sie wollen also nicht zu meinem Manne hinaufgehen?«
Nein, Herr Tobler sei krank, sagte Joseph, man dürfe ihn nicht stören. Er
dagegen habe jetzt noch Lust, einen kleinen Spaziergang zu machen.
Draußen empfing ihn eine klare, kalte Welt. Etwas Hohes und
Gewölbtes von einer Welt. Es war kalt geworden. Die Füße schlugen gegen
Steine und Eisstücke. Ein eiskalter Wind wehte durch die Bäume. Durch die
Äste derselben schimmerten die Sterne. Sein Herz war voll, er lief wie
besessen. Nein, er mochte nicht fortgehen. Er hatte Angst, Frau Tobler
würde inzwischen ihrem Mann alles ausplaudern gehen. Infolge dieses

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Gedankens beschleunigte und jagte er seine Schritte. Seinen Gehalt hatte er
überdies auch noch nicht endgültig ausbezahlt erhalten. Item. Die
Hauptsache war: im Haus bleiben. »Wie unanständig, mich derart beklagt
zu haben,« rief er in die Winternacht hinaus. Er nahm sich vor, Frau Tobler
kniefällig die Hände zu küssen.
Sie saß noch im Wohnzimmer, als er es wieder betrat. Er fing schon in
der Türe, welche er aber vorsichtig zuschloß, zu reden an:
»Ich habe Ihnen zu sagen, Frau Tobler, wie gut, daß Sie noch hier
sitzen, daß ich mich vollständig im Unrecht fühle, darum, daß ich gegen
meinen Chef Klagen vorgebracht habe. Ich bin zu voreilig gewesen, und ich
bitte, verzeihen Sie mir. Ich habe mich läppisch benommen, und Herr
Tobler, in welche Aufregung hat ihn der unselige Advokatenbrief geworfen.
Waren Sie schon bei Ihrem Mann? Haben Sie es ihm schon sagen müssen?«
»Nein, ich habe ihm noch nichts gesagt,« antwortete die Frau.
»Ich bin froh!« sagte der Gehülfe, und er setzte sich. Er fuhr fort: »Und
ich bin hieher zu springen gekommen, in der hellen Angst, daß Sie es ihm
schon hätten können gesagt haben. Es tut mir alles leid, was ich gesagt
habe. Man sagt im Sturm der Gefühle, gnädige Frau, gar so manches, was
man nicht aussprechen sollte. Ich bin so froh, daß Sie noch nichts gesagt
haben.«
Das sei vernünftig gesprochen, sagte Frau Tobler.
»Ich habe mir vorgenommen, Ihnen zu Füßen zu stürzen und kniend
Abbitte zu tun,« stammelte der Gehülfe.
So etwas sei gar nicht nötig, pfui, entgegnete sie.
Sie schwiegen eine Weile. Es kam dem Angestellten so schön im
Zimmer vor. Das war etwas, das glich einem Heim. Und wie oft war er in
früheren Zeiten durch die bewegten und menschenleeren Gassen gegangen
mit dem kalten und bösen und niederwerfenden Verlassenheitsgefühl im
Herzen. Er war so alt gewesen in seiner Jugend. Wie hatte ihn das
Bewußtsein, nirgends zu Hause zu sein, lähmen und innerlich würgen
können. Wie schön war es, jemandem anzugehören, in Haß oder in
Ungeduld, in Mißmut oder in Ergebenheit, in Liebe oder in Wehmut. Dieser
Menschenzauber in solchen Heimstätten, wie war Joseph immer davon
traurig entzückt gewesen, wenn er ihn aus irgend einem offen stehen

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gelassenen Fenster zu sich, dem Einsamen und Umhergeworfenen und
Heimatlosen, herabwiderspiegeln sah, zu dem auf der kalten Straße
Stehenden hernieder. Wie dufteten Ostern, Weihnachten oder Pfingsten oder
das Neujahr zu solchen Fenstern heraus, und wie arm mutete der Gedanke
an, von diesem Goldenen und Uraltschönen nur den kargen, kaum
empfindbaren Widerschein mitgenießen zu dürfen. Dieses schöne Vorrecht
der Bürgerlichen. Diese Güte in den Gesichtern. Dieses friedliche Weben
und Lassen und Leben! Er sagte:
»Es ist so dumm, sich gleich so beleidigt zu glauben.«
Er habe recht, wenn er das sage, meinte die Frau, indem sie ruhig
fortfuhr, an einem Unterjäckchen für Dora zu stricken oder zu häkeln. Sie
setzte hinzu:
»Und muß ich, seine Frau, nicht auch allerhand von ihm dulden und
ertragen? Er ist nun eben einmal der Herr im Hause, und das ist eine
verantwortliche Position, die von den übrigen Bewohnern und Gliedern
Duldung und Achtung herausfordert. Freilich soll er nicht beleidigen, aber
kann er sich immer im Zaum behalten? Kann er seinem Zorn sagen: sei
vernünftig? Der Zorn und die Gereiztheit sind halt nicht vernünftig. Und
wir andern, die den unübersehbaren Vorteil haben, seinen Anordnungen,
deren Entwurf und Plan ihn anstrengen, gehorchen zu dürfen, seine Winke,
deren Weisheit wir fast immer einsehen, zu befolgen, wir sollen ihm in
Zeiten der Unruhe und der Empörtheit eben ein wenig aus dem Wege zu
gehen verstehen. Wir sollen es gelernt haben, ihn zu behandeln, denn ein
Herr und Gebieter will auch auf eine ganz bestimmte Art und Weise
behandelt werden. Wir sollen geschickt und geschmeidig sein in Momenten,
wo er seiner Gelassenheit und sicheren Kräfte nicht mehr, wie sonst immer,
bewußt ist, in denen wir ihn unfähig, sich noch, wie bisher, zu beherrschen,
erblicken. Und wenn wir plump, und, nach unsern Verhältnissen gerechnet,
voll Fehler gewesen sind, so müssen wir nicht allzusehr gekränkt sein,
wenn seine Stimme und das Unmaß seiner Sorgen und Qualen uns
andonnern. Marti! Glauben Sie mir, auch ich bin oft voll Wut über
denselben Mann gewesen, der Ihnen heute Unrecht getan hat, der Sie soll
beleidigt und in der unwürdigsten Weise soll gekränkt haben. Nun, so setzt
man selber eben diese seine Würde ein bißchen herab und verzeiht, denn –
man muß seinem Herrn und Vorgesetzten verzeihen. Was sollte aus
Unternehmungen, aus Haushalten, aus Geschäften aller Art, aus Häusern,

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ja, was sollte aus der Welt selber werden, wenn die Gesetze mit einem Mal
nicht auch fernerhin einen ein wenig zwicken und stoßen und verletzen
dürften? Hat man das ganze Jahr lang deshalb die Wohltat des Gehorchens
und Nachahmens genossen, daß man dann eines Tages oder Abends
auftreten durfte und sich in die stolze Brust werfen durfte und sagen durfte:
beleidige mich nicht!? Nein, zum Beleidigtwerden ist man ja allerdings
nicht da, aber auch nicht zum Zorn-Anlaß-Geben. Wenn die Verwirrtheit
nichts dafür kann, daß sie sich dumm benimmt, so ist auch die Wut nicht so
rasch für ihr Schnauben und Toben verantwortlich zu machen. Und es ist
immer die Frage, wo ist man, und wer ist man. Ich bin jetzt ja zufrieden mit
Ihnen, Joseph. Geben Sie mir die Hand. Man kann reden mit Ihnen, und
gehen wir jetzt zu Bett.«

Weihnachten näherten sich. Auch ins Haus Tobler mußte die festliche
Zeit ja kommen, die Festzeit, das war etwas Unentrinnbares, das war etwas
Flugartiges, das war ein Gedanke, der sich allen Menschen mitteilte, der
alle Empfindungen durchdrang, warum hätte er, dieser Gedanke, um die
Villa zum Abendstern herum einen Umweg machen sollen? Wie wäre das
möglich gewesen? Wenn ein Haus schon einmal, und dazu noch so hübsch,
so auffällig, wie das Toblersche, in der Welt stund, so gab es ja auch keine
vernünftige oder natürliche Ursache, warum es von irgend etwas, das in
dieser Welt voll Ansehen und Duft bestund, hätte sollen verschont bleiben.
Und dann war auch noch die Frage: hätten Toblers gern mögen verschont
bleiben?
Nein, sie freuten sich darauf. Tobler sagte, wenn es schon schlimm mit
ihm stehe, so meine er doch, Weihnachten brauchten deshalb nicht etwa gar
ungefeiert an und in seinem Haus vorüberzuziehen. So etwas möchte ihm
noch gefehlt haben.
Die umliegende Gegend selber schien sich ja sogar in ihrer Art auf das
schöne Fest zu freuen. Sie ließ sich ruhig und wohlig mit dicht
herabfallendem Schnee bedecken und hielt so still gleichsam die große,
breite, alte und weite Hand dar, um aufzunehmen, was da fleißig
herunterstürzte, daß alle Menschen beinahe sagten: »Seht! Es wird weiß, es
weißelt in der Welt. Das ist recht, denn das schickt sich für Weihnachten.«

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Bald lag auch das ganze See- und Bergland in einem dicken, festen
Schneeschleier. Die rasch sich etwas einbildenden Köpfe hörten schon das
Klingeln von schnell dahinfahrenden Schlitten, obschon noch gar keine
herumfuhren. Die Weihnachtstische waren auch schon gedeckt, denn das
ganze Land glich einem säuberlich weiß überzogenen Weihnachtstisch. Und
die Stille und Gedämpftheit und Wärme solch einer Landschaft! Man hörte
alle Geräusche nur halb, als ob die Schlosser ihre Hämmer, und die
Zimmerleute ihre Balken, und die Fabrikräder ihre Schaufeln, und die
Lokomotiven ihre schrillen Pfiffe mit Watte oder mit wollenen Tüchern
eingewickelt hätten. Man sah nur das Nächste, das, was man mit zehn
Schritten abmessen konnte, die Ferne war ein undurchdringliches
Geschneie und ein fleißiges Übermalen mit grauer und weißer Farbe. Auch
die Menschen kamen weiß dahergestampft, und man konnte unter fünf
Menschen immer einen sehen, der sich den Schnee von den Kleidern
abschüttelte. Es war ein Friede da draußen, daß man unwillkürlich alle
Weltdinge als befriedigt und erledigt und beruhigt annehmen mußte.
Und da mußte nun Tobler hinfahren, durch solchen Schneezauber
hindurch, per Eisenbahn nach der Stadt, um eine Zwiesprache mit dem
Herrn Rechtsanwalt Bintsch abzuhalten. Aber an seiner Seite saß
wenigstens seine Frau, die mitfuhr, um einige Geschenksachen im
hauptstädtischen Warenhaus für das nahe bevorstehende Fest einzukaufen.
Am Abend gab es wieder eine Bahnhofsszene, aber diesmal eine
verschneite und deshalb ein wenig fröhlichere. Paulinens Gelächter und
Leos freudiges Gebell warfen in den Schnee dunklere Ton-Flecken,
obschon sonst ein Gelächter und ein Gebell hell zu färben pflegten, aber
was kam gegen die glitzernde Schneeweiße an Helligkeit und Schimmer
auf? Man nahm wieder Pakete in Empfang, und eine Dame in Pelzen war
ausgestiegen und sah aus wie die wahrhaftige, reiche und gütige
Weihnachtsfrau selber, und doch war es nur Frau Tobler, die Frau eines
Geschäftsmannes, und noch dazu eines ruinierten. Aber sie lächelte, und
solch ein Lächeln kann aus der ärmsten und bedrängtesten Frau eine halbe
Fürstin machen, denn ein Lächeln erinnert immer an etwas Hochachtbares
und Wohlanständiges.
Der Schnee blieb liegen bis zum eigentlichen Tage, sauber und fest,
denn es gab kalte Nächte, die die weiße Decke knirschend zufrieren
machten. Am Weihnachtstag ging Joseph gegen Abend den bekannten Berg

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hinauf. Die kleinen Wege schlängelten sich hellgelb durch die schimmernd
weißen Wiesen, die Äste der tausend Bäume waren mit Reif überglitzert:
ein zu süßes Schauspiel! Die Bauernhäuser stunden in dieser feinen,
weißen, verzweigten Pracht da, wie Schmuck- oder Zierhäuser, für den
Anblick und für das unschuldige Verständnis eines Kindes geschaffen. Die
ganze Gegend schien eine hohe Prinzessin zu erwarten: so zierlich und
sauber angezogen sah sie aus. Sie schien ein Mädchen zu sein, ein
schüchternes und ein bißchen kränkliches, ein unendlich zart veranlagtes.
Joseph schritt höher hinauf, und da hoben sich mit einem Mal die grauen
Schleier, die die untere Erde belegten, zerfasernd auf, durchstochen von
dem feurigsten Himmelblau, und eine Sonne, so warm wie im Sommer,
machte den Spaziergänger an ein eitles Märchen glauben. Hohe Tannen
standen da, in stolzer, kraftvoller Haltung, mit Schnee beladen, der in der
Sonne zerfloß und von den großen Ästen herabfiel.
Als Joseph mit der bereits begonnenen Nacht nach Hause kam, brannte
schon im Gastzimmer, einem Eckzimmer, das man fast nie betrat, der
Weihnachtsbaum. Frau Tobler führte die Kinder zu demselben hinein und
zeigte ihnen die Geschenke. Auch Pauline wurde beschenkt, und Joseph
erhielt eine Kiste Zigarren unter der Bemerkung, daß das zwar wenig aber
dafür von Herzen sei. Tobler war bemüht, dem Fest einen gemütlichen,
wirtshäuselnden Anstrich zu geben, er rauchte die gewohnte Pfeife und
blinzelte mit seinen Augen den Tannenbaum an, der lieblich umherstrahlte.
Frau Tobler lächelte und sagte ein paar schickliche Worte, zum Beispiel,
wie schön doch so ein Bäumchen sei. Aber es mochte ihr nicht so recht zum
Mund herauskommen. Überhaupt stockte alles ein bißchen, und es
verbreitete sich keine sonderliche Freudenandacht um die paar dastehenden
Menschen, sondern es legte sich Wehmut um alles. Auch war es kalt im
Gastzimmer, und wo Weihnachtsfreude hätte herrschen sollen, da durfte es
nicht kalt sein. Man ging daher immer ins Wohnzimmer hinüber, um sich
dort ein wenig Wärme zu holen, und kam dann wieder zum Baum. Jeder
Weihnachtsbaum ist schön und jeder hat noch Rührung erzwungen. Auch
der Toblersche war schön, nur die Menschen, die um ihn herumstanden,
konnten sich zu keiner längeren und tieferen Rührung und Freude
aufschwingen.
»Da hätten Sie letztes Jahr sollen dabei gewesen sein, das waren noch
Weihnachten! Kommen Sie. Trinken Sie ein Glas Wein,« sagte Tobler zum

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Gehülfen und veranlaßte ihn, ins Wohnzimmer an die Wärme zu treten.
Letzterer machte ein unzufriedenes Gesicht, als wäre er der Zigarren wegen
verstimmt gewesen, was er selber nicht genau wußte. Man sei halt dieses
Jahr, sagte und seufzte die Frau, nicht in der richtigen Stimmung für so
etwas. Sie schlug zaghaft vor, noch einen »Jaß« zu machen. Habe man es
das ganze Jahr lang getan, so könne man auch einmal am Weihnachtsabend
zu den Karten greifen, vielleicht werde es dann ein bißchen lustiger im
Zimmer. So nahm man zu den Spielkarten Zuflucht.
Der Baum war inzwischen strahlen- und lichterlos geworden. Die
Kinder ließ man noch eine halbe Stunde sich mit den Geschenken
beschäftigen, worauf sie in die Betten geschickt wurden. Nach und nach
verwirtshäuselte die Luft im weihnachtlichen Wohnzimmer gänzlich. Das
Lachen und Benehmen der drei einsamen Menschen, die da Wein tranken,
teils Zigarren rauchten, teils Bonbons aßen und miteinander Karten spielten,
verlor alle besondere Scheu und Eigenheit, die etwa noch hätten an einen
Festhauch erinnern können. Es war das gewöhnliche Benehmen und das
allerunfeierlichste Lachen. Die Stimmung, die nun diese Spieler
beherrschte, war aber nicht einmal die gewohnt-gemütliche, denn – es war
halt doch Weihnachten, und der feinere und schönere Gedanke, der hie und
da aufblitzen mochte, mahnte vorüberhuschend an die Sünde, das Fest und
den Inhalt desselben derart, wie es geschah, verdorben und entwertet zu
haben.
Ja, einsam waren diese drei Menschen, am einsamsten der Gehülfe, weil
er fühlte, daß er als ein hinzugeflogenes Glied einem Haus angehörte, das
langsam aufhörte, ein solches zu sein; weil er sich nicht, wie Herr Tobler,
sagen durfte, er habe das Recht, in diesem Hause zu tun und zu verhindern
oder zu umgehen, was ihm beliebe, da es nicht sein eigenes war; weil er
hätte Weihnachten haben und begehen wollen, da er sich doch einmal in
solch einem Hause und in solch einer bürgerlichen Familie befand; weil er
des Glaubens gewesen war in den letzten Jahren, er entbehre viel, solches
vermissen zu müssen, und weil er am mißgestimmtesten von allen dreien
Kartenspielern war und dies als ein großes Unrecht empfinden mußte.
»Ist dieses nun heiliger Abend?« dachte er.
Die Frau sagte unter anderem auf einmal, es sei doch nicht ganz recht,
an Weihnachten Karten zu spielen. Bei ihnen im Elternhaus würde es so

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etwas nie gegeben haben. Es habe doch eigentlich gar keine Art, wie man
da heute Nacht wieder wirtshäusele.
Dadurch in Unlaune versetzt, erwiderte Tobler: »So hören wir eben
auf!«
Er warf die Karten auf den Tisch und rief aus:
»Jawohl ist es nicht recht, so etwas am Weihnachtsabend zu tun. Aber
was ist das für ein Kreis, wir hier? Was sind wir? Uns kann der Wind
morgen zum Haus hinausfegen. Ja, da wo Geld ist, da ist noch Lust, Feste,
und noch dazu heilige, zu feiern. Wo Wohlstand ist, wo Glück, Erfolg und
allgemeine, häusliche Freude ist. Wer hat sich drei oder mehr Monate
hindurch unnatürlich um das Gelingen der Lebensgeschäfte abplagen
müssen, erfolglos, und will dann mit einem Mal fröhliche Feste feiern? Ist
so etwas überhaupt denkbar? Habe ich recht oder nicht, Marti? He?«
»Nicht ganz, Herr Tobler,« sagte der Gehülfe.
Es gab ein langanhaltendes Schweigen, das, je länger es dauerte,
niemand zu unterbrechen wagte. Tobler wollte etwas von der Reklame-Uhr,
die Frau etwas von Dora, und Joseph etwas von Weihnachten sagen, aber
alle unterdrückten ihre Gedanken. Es war, als ob allen der Mund zugenäht
gewesen wäre. Plötzlich schrie Tobler:
»So tut doch bald eure Schnäbel auf und saget etwas. Das ist zu
langweilig, da geht man ja gescheiter ins Wirtshaus.«
»Ich gehe ins Bett,« sagte Joseph und verabschiedete sich. Auch die
andern gingen bald nach oben, und das war Weihnacht gewesen.

Die Neujahrswoche verlief still und eigentümlich gemütvoll, die
Geschäfte lagen am Boden, es gab wenig zu tun, außer, um einen seltsamen
Menschen, den Erfinder einer Kraftmaschine, im Kontor von Zeit zu Zeit zu
empfangen. Dieser halb bäuerlich, halb weltstädtisch angehauchte Kauz
besuchte in dieser Woche das Haus Tobler fast täglich, indem er den Chef
desselben antrieb, er möchte für das Geniewerk, dessen Entwürfe er im
Bureau liegen ließ, tätig sein. Man lachte über den Mann, dessen Sache man

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nicht ernst nehmen konnte, aber Tobler sagte einmal beim Mittagessen zu
den übrigen: »Lacht doch nicht so. Der Mann ist gar nicht dumm.«
Die Begeisterung, mit welcher der Kraftanlagenschöpfer das Kind
seines Geistes verfocht und in fast himmelhohe Bedeutung hochhob, gab
viel zu reden und sorgte in gar nicht übler Weise für die Unterhaltung in der
still und träge dahingehenden Woche. Der seltsame Mensch besaß keinerlei
exakte und elegante Bildung, er sprach einesteils wie ein junger Träumer
und Bauer, und andersteils hätte man ihn für einen Schwindler oder
Jahrmarktbudenbesitzer halten können, denn eines Tages schlug er Herrn
Tobler die öffentliche und unter Bezahlung von Eintrittsgeld zu
besichtigende Schaustellung der Selbstkrafterzeugmaschine in Städten und
Großstädten vor, an Orten, wo recht viel Volk sich zu tummeln pflege, über
welche Idee man gar nicht genug glaubte lachen zu sollen.
Da sollte nun Tobler schon wieder einmal einem anscheinend ganz
begabten Menschen auf die Beine helfen, damit derselbe nicht in einer
Schlosserwerkstätte als Arbeiter geistig zu verträgen und zu erlahmen
brauchte, aber er, Tobler, selber, wie erging es denn ihm, und wo waren die
hülfsbereiten Menschen, die dann auch ihm halfen?
»Alle kommen zu ihm,« sagte Frau Tobler, »alle denken sie an ihn,
wenn sie auf der Suche nach einem Bereitwilligen sind, alle haben sie Lust,
ihn und seine gesellige Natur auszubeuten, und er hilft jedem. So ist er.«
Der Gehülfe machte in dieser Woche kürzere und weitere Spaziergänge
in die kalten aber schönen Winterlandschaftsgegenden und -Bilder hinein.
Da gab es Wagenfurchen auf der Landstraße, an die die Füße anschlugen.
Da gab es steifgefrorene Wiesen, die den Berg anliefen, und kalte, rote
Hände, die man vor den Mund hielt, um hineinzublasen. Dickbemäntelte
Menschen begegneten ihm, und Nächte überraschten ihn in unbekannten
Gegenden. Oder es gab da eine Eisbahn auf einem ehemalig herrschaftlich
gewesenen Parkweiher, fahrende und umfallende Menschen jeden Alters
und beiderlei Geschlechtes darauf, mit den Geräuschen, die solche
Schlittschuhbahnen auszuzeichnen und abzumalen pflegen. Und dann stand
er plötzlich wieder vor dem Toblerschen Haus, schaute von unten zu ihm
hinauf und sah, wie der kalte Mond es verzauberte, während die
halbdunklen Nachtwolken um dasselbe herumflogen, großen, trauernden,

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aber lieblichen Frauen ähnlich, um es scheinbar in die Höhe zu ziehen,
damit es sich auflöse in schöner Weise.
Zu Hause war dann alles so sonderbar still, nicht einmal die Silvi mehr
konnte man hören. Die Tugenden und Untugenden des Hauses Tobler
schienen sich beiderseits zufrieden gegeben und sich stumm verbrüdert zu
haben. In der Wohnstube saß etwa die Frau in dem Schaukelstuhl, arbeitete
etwas oder las etwas, oder sie hielt Dora auf ihrem Schoß und tat gar nichts.
»Wie Sie mich im Sommer draußen im Garten gereitschaukelt haben,
Marti!« sagte sie einmal. Sie sehne sich nach dem Garten, sie wisse nicht
wie. Wie das schon so lange her scheine. Joseph sei jetzt ein halbes Jahr
hier, und ihr sei es, als sei er schon so viel länger um sie herum. Wie doch
so etwas derart ins Gefühl komme.
Sie schaute die Lampe an. Der Blick, womit sie das tat, schien zu
seufzen. Sie sagte:
»Sie, Marti, haben es eigentlich recht gut, viel besser als mein Mann
und als ich, aber von mir will ich gar nicht reden. Sie können von hier
weggehen, Sie packen einfach Ihre paar Sachen, setzen sich in die
Eisenbahn und fahren nach wohin Sie wollen. Sie finden überall Stellung,
denn Sie sind jung, und man glaubt, wenn man Sie vor sich sieht, Sie seien
tüchtig, und Sie sind es ja auch. Sie haben mit niemandem auf der Welt, mit
niemandes Eigenheit und Bedürfnis, zu rechnen, es zieht niemand Sie ab, in
die Weite und in die Ungewißheit hinauszuschweifen. Das ist vielleicht oft
bitter, aber wie schön und wie frei kann es sein. Wenn es Ihnen paßt, und
wenn es Ihnen die paar kleinen, nicht gar sehr genierenden Verhältnisse
erlauben, so marschieren Sie, und wenn Sie zu dürfen glauben, ruhen Sie an
irgend einem festen Punkt und Ort wieder aus, und wer wollte, und was
wollte und könnte Sie daran verhindern? Sie sind vielleicht manchmal
unglücklich, aber wer ist es nicht, manchmal verzweifelt, aber wessen Seele
schonen die Schwierigkeiten? An nichts Dauerndes sind Sie gebunden, an
nichts Hemmendes gefangen und an nichts Allzuliebevolles gefesselt und
angekettet. Es muß Ihnen manchmal unerhört läuferisch und
luftspringerisch zumute sein, daß Sie sich dermaßen voller Bewegungs-
Erlaubnis erblicken dürfen. Und gesund sind Sie auch, und Ihr Herz mag
schon am rechten Fleck sitzen, ich kann es mir denken, trotzdem Sie sich
öfters so zaghaft benommen haben. Vielleicht bin ich undankbar. Ich habe

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mich nun all die Zeit her mit Ihnen nett und lang und ruhig unterhalten
können, und es hat sich vielleicht gut getroffen, daß Sie ins Haus zu fliegen
gekommen sind, und ich habe Sie oft schlecht behandelt –«
»Frau Tobler!« bat Joseph. Sie schnitt ihm das Wort ab und fuhr fort:
»Unterbrechen Sie mich nicht. Lassen Sie mich die Gelegenheit
ergreifen, Ihnen zu raten, wenn Sie einmal von uns fort sind – –«
»Aber ich gehe ja gar nicht fort!« –
Sie fuhr weiter:
»– – fort sind, und gedenken, sich selbständig zu machen, es anders
anzustellen als mein Mann, ganz anders. Pfiffiger vor allen Dingen.«
»Ich bin nicht pfiffig,« sagte der Gehülfe.
»Wollen Sie denn Ihr Lebtag lang Angestellter bleiben?«
Er sagte, das wisse er nicht. Er bekümmere sich um Zukunftsfragen
nicht viel. Sie nahm wieder das Wort auf und sagte:
»Jedenfalls haben Sie hier oben etwas sehen und sich etwas einprägen
können, auch gelernt haben Sie mancherlei, wenn Sie es der Mühe wert
gehalten haben, die Augen zu öffnen, und das werden Sie, so wie ich Sie
einigermaßen schon kenne, getan haben. Sie sind ein bißchen an Erfahrung,
an Wissen und an Gesetzen reicher geworden, und Sie werden das alles
womöglich eines Tages brauchen können. Nicht wahr, manches Mal ist man
Ihnen über den Mund gefahren, und getragen und ertragen haben Sie
manches. Sie mußten! Wenn ich so denke – ach was, ich habe, mit einem
Wort, das Gefühl, Joseph, daß Sie uns jetzt bald, bald verlassen. Nein, sagen
Sie nichts. Sagen Sie lieber nichts. Einige Tage werden wir ja doch wohl
schon noch zusammen bleiben, oder nicht? Was meinen Sie?«
»Ja,« sagte er. Es war ihm unmöglich, mehr zu sagen.
Am nächsten Tag schickte er die zu Weihnachten geschenkt bekommene
Kiste Zigarren per Post seinem Vater, folgendes Schreiben der Sendung
beifügend:

Lieber Vater, hier mache ich Dir ein kleines Neujahrsgeschenk.
Die Zigarren sind mir von meinem gegenwärtigen Herrn zu

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Weihnachten gegeben worden. Du wirst sie gewiß gern rauchen, es
sind gute, zwei davon habe ich probiert, wie Du siehst, denn zwei
fehlen. Wenn ich mit meinen heutigen sprunghaften Gedanken diese
zwei fehlenden Stücke mit zwei Fehlern vergleiche, die meinen
Eigenschaften anhaften, so kommt mir so recht zum Bewußtsein,
erstens, daß ich Dir niemals schreibe, zweitens, daß ich arm bin,
derart, daß ich Dir nie Geld schicken kann, zwei Mängel, die ich
beweinen würde, wenn ich mir das erlauben dürfte. Wie geht es Dir?
Ich bin überzeugt, daß ich ein schlechter Sohn bin, aber ich bin
ebenso vollkommen von der Gewißheit durchdrungen, daß ich ein
guter Kerl von Sohn wäre, wenn es einen Sinn hätte, Briefe zu
schreiben ohne erfreulichen Inhalt. Das Leben, mit dem man ehrlich
glaubt kämpfen zu sollen, gestattete mir bis jetzt nicht, Dir zu
gefallen. Adieu lieber Papa. Bleibe gesund und lasse Dir das Essen
immer wohlschmecken und fange das neue Jahr gut an. Ich will's
auch versuchen.
Dein Sohn Joseph.

»Er ist ein Greis und geht immer noch den Geschäften nach,« dachte er.

Die mündlichen Verhandlungen Toblers mit seinem Rechtsbeistand
bewirkten, daß derselbe der Mutter Tobler einen in energischen Tönen
gehaltenen Brief schrieb, den aber die festbewußte alte Dame dahin
beantwortete, daß der Rest der Sohnesansprüche bei weitem erschöpft sei,
ja, daß sie selber, eine nunmehr hochbejahrte Frau, sehen müsse, wie sie
sich in ihren alten Tagen durchschlage, und daß von weiteren Auszahlungen
an Karl Tobler die Rede überhaupt nicht mehr sein könne. Derselbe Mann,
fast möchte sie sagen, leider ihr Sohn, habe nichts anderes zu tun, als die
notwendigen Folgen seiner Unvorsichtigkeiten und Unüberlegtheiten zu
tragen. In der Art der Geschäfte, in die er sein Vermögen geworfen habe,
könne sie nichts Gewinn- und Existenzversprechendes begründet erblicken.
Das Haus zum Abendstern solle nur aufgegeben werden, es sei allerhöchste
Zeit, daß Tobler sich wieder in bescheidenere Lebensverhältnisse fügen
lerne, die ihn zwängen, ehrlich, wie es andere Menschen ebenfalls tun

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müssen, zu arbeiten. Für ihn sei es das Beste, wenn man ihn in der
selbsteingebrockten Suppe belasse, damit er aus den Verlegenheiten, in die
er sich gestürzt sehe, eine Lehre ziehe. Von ihr, der Mutter, sei nichts mehr
zu erwarten.
Tobler, dem der Advokat eine Abschrift des mütterlichen Bescheides
übermittelte, wurde rasend, als er dieselbe durchgelesen hatte. Er gebärdete
sich wie ein wildes Tier, stieß unnatürliche Schimpfworte gegen seine
Mutter aus, in der direkten Anrede, als wenn sie zugegen gewesen wäre,
und brach dann, wie schon einmal, erschöpft zusammen.
Dies geschah am letzten Tage des Jahres, im technischen Bureau, das
nun so oft schon der Schauplatz ungehöriger und unbeherrschter Szenen
hatte sein müssen. Auch Joseph hatte alles Würdelose und Fassungslose
wieder mit angesehen und angehört. In diesem Moment wäre er am liebsten
gleich auf und davon gegangen, aber »wozu es herbeiziehen,« dachte er, »es
kommt schon von selber.« Er bemitleidete Tobler, er verachtete ihn, und er
fürchtete sich zugleich vor ihm. Das waren drei sehr häßliche
Empfindungen, eine wie die andere natürlich, aber auch ungerecht. Was
veranlaßte ihn, nun noch länger der Angestellte dieses Mannes zu bleiben?
Der Gehalt-Rückstand? Ja, das auch. Aber es war noch etwas ganz anderes,
etwas Wichtigeres: er liebte aus dem Grund seines Herzens diesen
Menschen. Die reine Farbe dieser einen Empfindung machte die Flecken
der drei andern vergessen. Und wegen dieser einen Empfindung waren auch
die drei andern immer, beinahe von Anfang an, dagewesen, und um so
lebhafter. Denn was einer gern hatte, an was einer sich gebunden und
geschlossen fühlte, das machte ihm eben zu schaffen, mit dem stritt er sich,
an dem paßte ihm vieles nicht, das haßte er gelegentlich, weil er sich
mächtig von ihm immer angezogen gefühlt hatte.
Das Wetter war an diesem letzten Jahres-Tag mit einmal wunderbar
mild geworden. Die winterliche Natur schien gleichsam zu schmelzen und
stille Freudentränen zu weinen, denn was Eis und Schnee sein mochte, das
lief als munteres, warmes Wasser die Hänge und Hügel hinunter, dem
Seewasser zu. Es rauschte und dampfte, als wenn sich ein Frühlingstag
mitten in den Winter hinein verloren hätte. Eine solche Sonne! Der reine
Maitag. Die beiderlei Sorten Gefühle, die schönen und die schmerzlichen,
die sich heute besonders lebhaft in der Brust des Gehülfen bewegten, reizte
das herrliche Wetter noch mehr hervor, beruhigte und beunruhigte sie

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zugleich, so daß es ihm, als er zur Post lief, war, als laufe er nun da zum
letzten Mal den schönen Weg entlang, unter diesen bekannten, guten
Bäumen, an all den Dingen und Gesichtern vorbei, die Winters und
Sommers immer gleich angenehm anzuschauen gewesen waren.
Er trat bei Bachmann & Co. ein und fragte nach Wirsich, den er schon
an die zehn Tage nicht mehr gesehen hatte, und mit dem er sich für den
Silvesterabend zu einer gemütlichen Zusammenkunft zu verabreden
gedachte.
Der Wirsich? Der sei längst abgegangen. Das sei ja eine pure
Unmöglichkeit gewesen, den zu behalten. Der sei ja den halben und ganzen
Tag betrunken gewesen.
Joseph entschuldigte sich und verließ den Laden. »Ist das möglich,«
dachte er und ging langsamen Schrittes nach dem Postgebäude. Im Postfach
lag eine Neujahrswunschkarte seiner Frau Weiß, auf welcher diese gute
Frau ihm Glück und Gedeihen wünschte. Er lächelte, schloß das Fach zu
und machte sich auf den Heimweg, indem er die Richtung der Landstraße
einschlug. Das Wirtshaus zur »Rose« streifend, das an der Straße lag,
erblickte er in demselben Wirsich, der an einem Tisch saß und den Kopf
schrecklich verzweifelt in die hohle Hand stützte. Das Gesicht des
unglücklichen Menschen war blaß wie der Tod, seine Kleider waren
schmutzig, und sein Blick hatte alles Leben verloren.
Joseph trat näher und setzte sich zu seinem Vorgänger. Viel wurde
zwischen den beiden nicht gesprochen. Das Bewußtsein des Unheils findet
in der Regel keine Worte. Der Gehülfe trank ziemlich stark, gleichsam, um
dem Kameraden um eine Seelenstufe und um ein Stück Verständnis näher
zu rücken, indem er fühlte, daß hier der nüchterne Sinn und Verstand
beinahe unpassend gewesen wäre. Die Zeit verging, indem er sich erzählen
ließ, wie es gekommen war, daß der andere aus dem guten Lebensposten
wieder verjagt werden mußte.
»Kommen Sie, Wirsich, wir wollen ein wenig spazieren gehen,« sagte
dann Joseph. Sie bezahlten, der Festere nahm den Schwankenden und
Trostlosen unter den Arm, es war schon Nachmittag geworden, und so
gingen sie zusammen, erst ein Stück gradaus, dann bergauf, über die
freundlichen Wiesen. Wie milde alles war. Wie man da hätte plaudern und
scherzen können, wenn man in Begleitung eines Kindes, eines Mädchens

Page 205

oder einer schönen Dame gegangen wäre. Wie man sich, wenn es halb
erlaubt gewesen wäre, hätte küssen können. Auf einer Bank in Bergeshöhe
vielleicht. Oder wie man gesprochen hätte, etwa mit einem Bruder, oder wie
es da hätte sein können, wenn Wirsich ein gesetzter, welterfahrener und
gutmütiger älterer Herr gewesen wäre. Gelacht würde man haben, und ein
ernstes, aber ruhiges Wort würde man schön vor sich hingesprochen haben.
Wenn man aber Wirsich betrachtete, mußte man mit den Verhältnissen und
Geschicken der Welt heimlich zürnen und grollen, denn Wirsich bot keinen
schönen Anblick dar.
Joseph dachte an Toblers und das Herz schlug ihm leise. Wie kam er
dazu, den ganzen halben Tag von Geschäft und Haus fern zu bleiben, ohne
um Erlaubnis gebeten zu haben? Er machte sich unbehagliche Vorwürfe.
Und dazwischen war es ihm beinahe heilig zumut. Die ganze
Landschaft schien ihm zu beten, so freundlich, mit all den leisen,
gedämpften Erdfarben. Das Grün der Matten lächelte aus dem Schnee,
dieser war von der Sonne zu weißen Flecken und Inseln zerteilt worden.
Jetzt fing es an, Abend zu werden, und nun hätte er doch nicht wünschen
mögen, er wäre besser nicht mit Wirsich spazieren gegangen.
Doch! Er hatte ganz gut daran getan, das fühlte er lebhaft. Dieser
verunglückte Mensch durfte nicht gänzlich allein gelassen werden. Und
jetzt paßte die Gestalt des Trinkers auf einmal wundervoll in die Gegend
und in die Dämmerungen des Abends. Schon zündeten Menschen in
Häusern Lichter an, schon sah man die Farben nicht mehr, nur noch die
weicheren und breiteren Umrisse, und sie gingen heim, und sonderbar, sie
schlugen beide den Weg nach Toblers Haus ein, ohne irgend welche
Verabredung getroffen zu haben.
Tobler war nicht zu Hause. Die Frau saß im Wohnzimmer, in der
Dunkelheit, ganz allein, die Lampe hatte sie noch nicht angezündet, und
Pauline und die Kinder waren noch irgendwo draußen in der Umgebung.
Sie erschrak über die unvermutete Ankunft zweier solcher abendlichen
Gesellen, aber sie faßte sich rasch, machte Licht und frug Joseph, warum er
denn heute nicht zum Essen erschienen sei, Tobler habe sich darüber
aufgeregt, er sei böse, und sie fürchte, es werde nun wieder etwas
Unangenehmes geben.

Page 206

»Guten Abend, Wirsich,« sagte sie zu dem andern und reichte die Hand,
»wie geht es Ihnen?«
»So! Es geht so,« machte der. Joseph ergriff das Wort:
»Frau Tobler, würden Sie mir erlauben, für heute nacht meinen
Kameraden bei mir oben im Turmzimmer zu behalten? Wie ich denke,
befindet er sich in Verlegenheit, wo er übernachten soll, es sei denn in der
›Rose‹ da unten, aber ich will mein Möglichstes getan haben, zu versuchen,
daß man ihn verhindert, dort zu nächtigen. Wirsich hat soeben seine neue
Lebensstellung verloren, durch eigene Schuld, das weiß er selber. Sein Geld
hat er vertrunken. Wenn er sich nun in den See stürzt, so begeht er ein Ding,
worüber wohlsituierte Leute leicht die Achseln zucken können, das aber
schrecklich und nie wieder zu verbessern ist. Er ist ein Säufer und ein kaum
noch zu rettender Mensch, ich spreche das hier, auch vor Ihnen selber,
Wirsich, laut aus, denn es gibt vor Naturen, wie er eine ist, keinerlei Takt zu
bewahren, weil überhaupt keine Haltung mehr da ist. Aber er muß nicht
heute zugrunde gehen, und was mich betrifft, so nehme ich ihn als meinen
besten Freund und Kameraden ungeniert in ein Haus mit, in dem ich als
Arbeiter tätig, und als Bewohner vertraut bin. Ich werde jetzt noch ein
wenig mit ihm ausgehen, denn es hat heute am Silvesterabend keinen Sinn,
sich in ein Zimmer einzusperren, trocken und lustlos; ich gedenke im
Gegenteil die Nacht mit meinem Vorgänger, daß ich es nur sage, ruhig und
anständig zu durchzechen, denn so machen es heute ja alle Menschen, die
glauben, es sich erlauben zu dürfen. Ich werde dann mit Wirsich hieher
zurückkehren, um ihn bei mir oben übernachten zu lassen, mag Herr Tobler
das nun übel nehmen oder nicht. Ich wollte Ihnen das, gnädige Frau, im
voraus sagen. Vieles, was mich diese ganze Zeit über in Erregung hat
versetzen können, begegnet in meinem Herzen hier jetzt, nachdem ich das
Unglück meines Kameraden angeschaut habe, der gleichmütigsten und
allerschönsten Ruhe. Ich wage es, dem kommenden Leben tief und sorglos
und warm ins Auge zu blicken. Ich vertraue meinem bißchen Kraft
aufrichtig, und das ist mehr, als wenn einer Wagenladungen voller Kräfte
und Heuschober voll Fähigkeiten hätte, aber denselben nicht traute oder sie
gar nicht kennte. Gute Nacht, Frau Tobler, Ihnen danke ich, daß Sie die
Güte hatten, mich anzuhören.«
Frau Tobler sagte den beiden gute Nacht. Die Kinder kamen gerade in
diesem Augenblick zurück. »Der Wirsich ist da,« riefen sie in heller,

Page 207

lustiger Freude aus. Er mußte allen die Hand geben, und alle, die
dabeistanden, hatten das seltsame Gefühl, als habe jetzt Wirsich
angefangen, wieder ein Glied des Hauses Tobler zu werden, oder als sei er
während all dieser Zeit seiner Abwesenheit eins geblieben, als wäre er nur
in ein anderes Zimmer gegangen und hätte dort ein etwas ausschweifendes,
überspanntes Buch gelesen, als hätte seine Abschweifung nur eine Stunde
oder zwei gedauert, so sehr sprach jetzt die Wiedersehensfröhlichkeit der
Kinder für ihn.
Da wurde auch die Frau, die ein strenges und kaltes Gesicht hatte
aufsetzen wollen, wieder leutselig und gewohnt-heiter, und sie sagte den
beiden, die schon in den Garten hinaus getreten waren, sie sollten aber etwa
auch ein bißchen aufs Maß schauen und mit Trinken und Feten nicht allzu
hoch über die Schnur hauen. Daß Wirsich hier bei Toblers, wo er doch
früher wie zur Familie gehört habe, übernachten könne, das verstehe sich
von selber. Und sie werde mit ihrem Mann schon ein Wort reden, damit es
keine Szene gebe.
»Gut' Nacht, Frau Tobler, adieu Dora, adieu Walter!« scholl es aus
Josephs Mund nach dem Haus zurück.
Unten in seinem kleinen Haus sang der Bahnwärter ein Lied. Die
warme Männerstimme wollte, wie es schien, ausgezeichnet in die milde
Nacht hineinpassen. Das Lied klang so gleichmäßig und gleichtönend, daß
man ihm, als man es hörte, zutraute, es werde noch über das alte Jahr hinaus
ins neue hinein und hinüber tönen wollen.
Joseph Marti und Wirsich bewegten sich auf der Landstraße langsam
gegen das Dorf zu.

Was diese zwei Neujahrskameraden in der Ortschaft und während der
Nacht betrieben und taten, welche Wirtschaften sie aufsuchten, wie viele
Gläser sie tranken, welche Art von Gesprächen sie zusammen führten, das
zu beschreiben würde das Wichtige und Wesentliche in das Unwichtige und
Unbedeutende hinüberschieben. Sie sprachen, was Kollegen zu sprechen
pflegen, und sie handelten, wie man in der Silvesternacht etwa zu handeln
pflegt, das heißt, sie gaben sich einem langsamen, aber desto
vergnüglicheren und desto zielbewußteren Rausch hin. In einem der

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zahlreichen Bärenswiler Restaurants streiften sie Tobler, der am Tisch mit
Freunden saß und merkwürdigerweise über Religion sprach. Joseph hörte,
so gut er noch hören konnte, wie sein Chef ausrief, er erziehe seine Kinder
gemäß den Prinzipien der Religion, er selber aber glaube an nichts, so etwas
höre auf, wenn einer Mann werde. Den beiden Angestellten, dem
gegenwärtigen und dem früheren, schenkte der Ingenieur infolge seiner
heftigen Gesprächsanteilnahme keine Beachtung.
Um zwölf Uhr fingen die Glocken an zu tönen und zu erschallen, um
den Beginn des neuen Jahres läutend und donnernd anzuzeigen. Am
Hafenplatz spielte die Dorfmusik, begleitet und abgelöst von den Chören
des Männergesangvereines. Viele Leute umstanden, die Gesichter von
Fackeln beleuchtet, das nächtliche Konzert. Joseph bemerkte den
Versicherungsagenten, der mit Tobler gut stand, aber auch den wütenden
Handelsgärtner, den ärgsten Feind der technischen Unternehmungen, unter
den Zuschauern und Zuhörern.
Die Wirte machten in dieser Nacht gute Geschäfte, bessere, als sonst in
Wochen. Manch einer trank heute eine Flasche vom ganz Guten, der das
ganze Jahr nur Bier getrunken hatte. Mancher gönnte sich etwas, das er sich
sonst nicht wohl hätte erlauben dürfen; das ergab schöne, fette Rechnungen,
und diese wurden gleich bar bezahlt.
Frau Tobler war in Begleitung Paulinens zu der Mitternachtsmusik
gekommen, still und verschämt, im Gegensatz zu den unverschämten
Augen, die sie unter ihren Mitbürgerinnen antraf, die es sich zur Wonne
machten, die Frau in Verlegenheit zu bringen. Sie war heute eine einsame,
wenig geachtete, wenig beliebte Frau, aber sie ertrug es.
Am späten Morgen erwachten im Turmzimmer zwei noch nicht
ausgeschlafene Köpfe. Es war heller Tag und bereits elf, halb zwölf Uhr,
also schon beinahe Mittag. Schnell kleideten sich Marti und Wirsich an, um
hinunter zu gehen. Im Bureau stund schon Herr Tobler. Sein Zorn, als er
den Spätling und den unberufenen Eindringling erblickte, kannte keine
Grenzen. Er war nahe daran, Joseph zu schlagen.
»Nicht nur,« rief er aus, »daß Sie den ganzen vorigen Tag, ohne auch
nur ein Wort der Entschuldigung oder der Benachrichtigung zu sagen,
weggeblieben sind und die Nacht durchgelungert haben, besitzen Sie auch
noch die Frechheit, einen neuen halben Tag zu versäumen und zu

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verschlafen. Unerhört ist das. Es gibt ja vielleicht hier unten heute gar
nichts Wesentliches zu tun, zugegeben, aber es kann jemand Geschäfte
halber daherkommen, und welchen Eindruck macht dann das, wenn die
Magd dem Ankömmling sagen muß, der Lump von Angestellter liege noch
oben in seinem Nest. Schweigen Sie. Seien Sie froh, wenn ich Sie nicht
links und rechts, wie Sie's verdienen, ohrfeige. Und hat auch noch die
Stirne, in Gesellschaft eines Menschen anzulangen, der, wenn er sich nicht
augenblicklich jetzt aus dem Staube macht, auf Niewiedersehen, wie ich
ihm befehle, anderes und deutlicheres zu gewärtigen hat. Und kommt an,
mit einer Gelassenheit, die dem erstbesten Galgenvogel, aber nicht dem
schuldbewußt sein sollenden Angestellten des Hauses Tobler ziemt. Dieses
Haus ist noch immer ein Haus und mein Haus, und wegen der Unsicherheit,
in der es sich befindet, darf niemand mich zum Narren und Buben machen,
am allerletzten mein Angestellter, dem ich Lohn ausbezahle, damit er zu
leben hat. Setzen Sie sich ans Pult und arbeiten Sie. Schreiben Sie. Es gilt
einen letzten Versuch mit der Reklame-Uhr zu machen. Nehmen Sie die
Feder zur Hand.«
Der Gehülfe sagte mit einer endgültig verletzenden Ruhe:
»Zahlen Sie mir den Rest des versprochenen Lohnes aus.«
Er wußte kaum, was er sagte, er hatte nur das bestimmte Schluß-
Bewußtsein. Es wäre ihm unmöglich gewesen, die Feder in die Hand zu
nehmen, so stark erzitterte er, deshalb sagte er unwillkürlich dasjenige, was
die stärkste Möglichkeit darbot, zu Ende mit all diesen Dingen zu gelangen.
Tobler war denn auch außer aller Fassung.
»Machen Sie, daß Sie sofort zum Haus hinauskommen. Fort! Zu meinen
Feinden! Ich brauche Sie nicht mehr.«
Er überhäufte Joseph mit Beleidigungen, zuerst heftigen, dann immer
schwächeren, bis der Ton der Wut gänzlich in Klage und Schmerz
übergegangen war. Joseph stand immer noch da. Es dünkte ihn, mit der
ganzen Welt Mitleiden haben zu sollen, ein wenig auch mit sich, aber stark
und nachdenklich mit allem ihn Umgebenden. Wirsich war längst vorläufig
in den Garten hinausgetreten. Der Hund wedelte seinen alten Bekannten an.
Frau Tobler aber stand unterdessen am Fenster des Wohnzimmers und hörte
mit gespanntem Ohr durch die Wände und Mauern, was von unten her zu

Page 210

ihr durchdringen mochte. Gleichzeitig beobachtete sie die Bewegungen des
im Garten stehenden, früheren Gehülfen.
»Ich erledige noch diese paar Briefe, Herr Tobler, dann gehe ich,«
sprach's vom Schreibtisch aus.
Ob er ohne Lohn fortgehen wolle? fragte Tobler.
Der andere erwiderte, es sei ihm nicht mehr möglich, zu bleiben, worauf
Tobler sagte, das sei doch wohl nicht so bluternst aufzufassen. Der Chef
nahm seinen Hut und entfernte sich. Nach einer Stunde begab sich der
Gehülfe, so unauffällig er konnte, in sein Turmzimmer hinauf und begann
dort, seine paar Sachen einzupacken. Da nahm er der Reihe nach wieder
diese kleinen, nichts- und für ihn vielbedeutenden Gegenstände in die
Hand, um sie säuberlich aber rasch in den bereitgehaltenen Koffer zu
stecken. Als er mit Packen fertig war, stellte er sich für zwei Minuten an das
offene Fenster und schaute noch einmal so recht mit dem dankbaren Herzen
die Gegend an. Dem großen See da unten warf er sogar eine Kußhand zu,
ohne zu überlegen, was er tat, sondern einfach in dem Gefühl des plötzlich
notwendig gewordenen Abschiednehmens.
Von der Plattform aus, auf die er jetzt trat, rief er Wirsich zu: »Warten
Sie. Ich komme im Moment.« – Dann ging er die Treppe hinunter, das
Köfferchen in der Hand tragend. Wie ihm das Herz klopfte!
»Ich muß nun Adieu sagen, ich muß nun gehen,« sagte er zu Frau
Tobler. Diese fragte:
»Was hat's denn gegeben? Müssen Sie gehen?«
»Ja,« antwortete der Gehülfe.
»Denken Sie ein bißchen an mich, wenn Sie fort sind?«
Er bückte sich und küßte ihr beide Hände. Sie sagte:
»Ja, Joseph, denken Sie ein wenig an Frau Tobler, es wird Ihnen nicht
schaden. Das ist eine Frau, wie viele, keine bedeutende Frau. Lassen Sie!
Küssen Sie mir jetzt nicht mehr die Hand. Sagen Sie meinen Kindern adieu.
Walter! Komm doch. Joseph will uns verlassen. Komm Dora, gib Joseph
die Hand. Kommt. Ja.« –
Sie schwieg einen Moment und fuhr dann fort:

Page 211

»Es wird Ihnen sicherlich gut gehen, ich hoffe es und wünsche es, und
ich weiß es beinahe. Seien Sie immer ein bißchen demütig, nicht zu viel,
Ihren Mann werden Sie immer stellen müssen. Aber brausen Sie nie auf,
lassen Sie die ersten Worte des Übelwollens immer unbeantwortet; auf ein
heftiges erstes Wort folgt ja so schnell ein züchtiges, sanftes. Gewöhnen Sie
sich daran, Empfindlichkeiten in der Stille zu besiegen. Was Frauen jeden
Tag tun müssen das soll auch der Mann nicht wollen ganz außer acht lassen.
Das Weltleben unterliegt ja denselben Gesetzen wie das häusliche Leben,
nur größeren und breiteren. Nur nie stürmisch! Haben Sie auch alles, was
Ihnen gehört, eingepackt? Gehen Sie jetzt mit Wirsich? Hören Sie, Marti,
nur nie zwangsweise, immer ein bißchen artig. Dann werden Sie schon
vorwärtskommen. Ich, ich werde auch bald fortgehen. Dieses Haus ist
verloren. Wir werden, ich und mein Mann und meine Kinder, irgendwo
dann in der Stadt wohnen, wahrscheinlich in einem billigen Quartier. Man
gewöhnt sich an alles, und nicht wahr, ein ganz klein wenig gern sind Sie
doch hier bei uns gewesen. Nicht wahr? Es war doch vieles hübsch. Wollen
Sie Tobler nicht auch adieu sagen lassen?«
»Von Herzen!« sagte der Gehülfe. Sie ergriff zum letzten Mal das Wort:
»Ich werde es ihm ausrichten, es wird ihn freuen. Er hat es um Sie
verdient, daß Sie ihm nicht grollen, er hat Sie gern gehabt, wie wir alle. Sie
sind unser Angestellter gewesen – nein, gehen Sie jetzt. Viel Glück,
Joseph.«
Sie bot ihm die Hand und wandte sich dann zu ihren Kindern, als sei gar
nichts weiter geschehen. Er nahm seinen Handkoffer vom Boden auf und
ging. Und dann verließen die beiden, Marti und Wirsich, den Abendstern.
Unten auf der Landstraße angekommen, machte Joseph halt, zog einen
Toblerschen Stumpen aus der Tasche, zündete sich denselben an und drehte
sich noch einmal nach dem Haus um. Er grüßte es in Gedanken, dann
gingen sie weiter.

Page 212

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GEHÜLFE
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