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The Project Gutenberg eBook of Königliche Hoheit: Roman
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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have to check the laws of the country where you are located before using
this eBook.
Title: Königliche Hoheit: Roman
Author: Thomas Mann
Release date: February 19, 2011 [eBook #35328]
Most recently updated: January 25, 2021
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/35328
Credits: Produced by Jana Srna, Juliet Sutherland, Norbert H. Langkau
and the Online Distributed Proofreading Team at
http://www.pgdp.net
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KÖNIGLICHE
HOHEIT: ROMAN ***
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Title: Königliche Hoheit: Roman
Author: Thomas Mann
Release date: February 19, 2011 [eBook #35328]
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Language: German
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HOHEIT: ROMAN ***
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Anmerkungen zur Transkription:
Die auf der Titelseite angeführte Vorrede ist aus Copyright-
Gründen nicht in diesem e-Book enthalten.
Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden
korrigiert. Änderungen sind im Text gekennzeichnet, der
Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus. Eine Liste
der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des
Textes.
THOMAS MANN
Königliche Hoheit
Roman
MIT EINER VORREDE
VON
HANNS MARTIN ELSTER
Deutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
Berlin
Die auf der Titelseite angeführte Vorrede ist aus Copyright-
Gründen nicht in diesem e-Book enthalten.
Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden
korrigiert. Änderungen sind im Text gekennzeichnet, der
Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus. Eine Liste
der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des
Textes.
THOMAS MANN
Königliche Hoheit
Roman
MIT EINER VORREDE
VON
HANNS MARTIN ELSTER
Deutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
Berlin
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Mit Genehmigung von S. Fischer Verlag, Berlin
Copyright 1909 by S. Fischer Verlag, Berlin
Alle Rechte vorbehalten
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Alle Rechte vorbehalten
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Vorspiel
Es ist auf der Albrechtsstraße, jener Verkehrsader der Residenz, die den
Albrechtsplatz und das Alte Schloß mit der Kaserne der Gardefüsiliere
verbindet – um Mittag, wochentags, zu einer gleichgültigen Jahreszeit. Das
Wetter ist mäßig gut, indifferent. Es regnet nicht, aber der Himmel ist auch
nicht klar; er ist gleichmäßig weißgrau, gewöhnlich, unfestlich, und die
Straße liegt in einer stumpfen und nüchternen Beleuchtung, die alles
Geheimnisvolle, jede Absonderlichkeit der Stimmung ausschließt. Es
herrscht ein Verkehr von mittlerer Regsamkeit, ohne viel Lärm und
Gedränge, entsprechend dem nicht sehr geschäftigen Charakter der Stadt.
Trambahnwagen gleiten dahin, ein paar Droschken rollen vorbei, auf den
Bürgersteigen bewegt sich Einwohnerschaft, farbloses Volk, Passanten,
Publikum, Leute. – Zwei Offiziere, die Hände in den Schrägtaschen ihrer
grauen Paletots, kommen einander entgegen: ein General und ein Leutnant.
Der General nähert sich von der Schloß-, der Leutnant von der
Kasernenseite her. Der Leutnant ist blutjung, ein Milchbart, ein halbes
Kind. Er hat schmale Schultern, dunkles Haar und so breite
Wangenknochen, wie viele Leute hierzulande sie haben, blaue, ein wenig
müde blickende Augen und ein Knabengesicht von freundlich
verschlossenem Ausdruck. Der General ist schlohweiß, hoch und breit
gepolstert, eine überaus gebietende Erscheinung. Seine Augenbrauen sind
wie aus Watte, und sein Schnurrbart überbuscht sowohl Mund als Kinn. Er
geht mit langsamer Wucht, sein Säbel klirrt auf dem Asphalt, sein
Federbusch flattert im Winde, und langsam schwappt bei jedem Schritte der
große rote Brustaufschlag seines Mantels auf und nieder. So kommen sie
aufeinander zu. – Kann dies zu Verwickelungen führen? Unmöglich. Jedem
Beobachter steht der naturgemäße Verlauf dieses Zusammentreffens klar
vor Augen. Hier ist das Verhältnis von alt und jung, von Befehl und
Gehorsam, von betagtem Verdienst und zartem Anfängertum, hier ist ein
Es ist auf der Albrechtsstraße, jener Verkehrsader der Residenz, die den
Albrechtsplatz und das Alte Schloß mit der Kaserne der Gardefüsiliere
verbindet – um Mittag, wochentags, zu einer gleichgültigen Jahreszeit. Das
Wetter ist mäßig gut, indifferent. Es regnet nicht, aber der Himmel ist auch
nicht klar; er ist gleichmäßig weißgrau, gewöhnlich, unfestlich, und die
Straße liegt in einer stumpfen und nüchternen Beleuchtung, die alles
Geheimnisvolle, jede Absonderlichkeit der Stimmung ausschließt. Es
herrscht ein Verkehr von mittlerer Regsamkeit, ohne viel Lärm und
Gedränge, entsprechend dem nicht sehr geschäftigen Charakter der Stadt.
Trambahnwagen gleiten dahin, ein paar Droschken rollen vorbei, auf den
Bürgersteigen bewegt sich Einwohnerschaft, farbloses Volk, Passanten,
Publikum, Leute. – Zwei Offiziere, die Hände in den Schrägtaschen ihrer
grauen Paletots, kommen einander entgegen: ein General und ein Leutnant.
Der General nähert sich von der Schloß-, der Leutnant von der
Kasernenseite her. Der Leutnant ist blutjung, ein Milchbart, ein halbes
Kind. Er hat schmale Schultern, dunkles Haar und so breite
Wangenknochen, wie viele Leute hierzulande sie haben, blaue, ein wenig
müde blickende Augen und ein Knabengesicht von freundlich
verschlossenem Ausdruck. Der General ist schlohweiß, hoch und breit
gepolstert, eine überaus gebietende Erscheinung. Seine Augenbrauen sind
wie aus Watte, und sein Schnurrbart überbuscht sowohl Mund als Kinn. Er
geht mit langsamer Wucht, sein Säbel klirrt auf dem Asphalt, sein
Federbusch flattert im Winde, und langsam schwappt bei jedem Schritte der
große rote Brustaufschlag seines Mantels auf und nieder. So kommen sie
aufeinander zu. – Kann dies zu Verwickelungen führen? Unmöglich. Jedem
Beobachter steht der naturgemäße Verlauf dieses Zusammentreffens klar
vor Augen. Hier ist das Verhältnis von alt und jung, von Befehl und
Gehorsam, von betagtem Verdienst und zartem Anfängertum, hier ist ein
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gewaltiger hierarchischer Abstand, hier gibt es Vorschriften. Natürliche
Ordnung, nimm deinen Lauf! – Und was, statt dessen, geschieht? Statt
dessen vollzieht sich das folgende, überraschende, peinliche, entzückende
und verkehrte Schauspiel. Der General, des jungen Leutnants ansichtig
werdend, verändert auf seltsame Art seine Haltung. Er nimmt sich
zusammen und wird doch gleichsam kleiner. Er dämpft sozusagen mit
einem Ruck den Prunk seines Auftretens, er tut dem Lärm seines Säbels
Einhalt, und während sein Gesicht einen bärbeißigen und verlegenen
Ausdruck annimmt, ist er ersichtlich nicht einig mit sich, wohin er blicken
soll, was er so zu verbergen sucht, daß er unter seinen Wattebrauen hinweg
schräg vor sich hin auf den Asphalt starrt. Auch der junge Leutnant verrät,
genau beobachtet, eine leichte Befangenheit, die aber seltsamerweise bei
ihm in höherem Grade als bei dem greisen Befehlshaber von einer gewissen
Grazie und Disziplin bemeistert scheint. Die Spannung seines Mundes wird
zu einem Lächeln von zugleich bescheidener und gütiger Art, und seine
Augen blicken vorläufig mit einer stillen und beherrschten Ruhe, die den
Anschein der Mühelosigkeit hat, an dem General vorbei und ins Weite. Nun
sind sie auf drei Schritt aneinander. Und statt die vorschriftsmäßige
Ehrenbezeugung auszuführen, legt der blutjunge Leutnant ein wenig den
Kopf zurück, zieht gleichzeitig seine rechte Hand – nur die rechte, das ist
auffallend – aus der Manteltasche und beschreibt mit eben dieser
weißbehandschuhten Rechten eine kleine ermunternde und verbindliche
Bewegung, nicht stärker, als daß er, die Handfläche nach oben, die Finger
öffnet; aber der General, der dieses Zeichen mit hängenden Armen erwartet
hat, fährt an den Helm, biegt aus, gibt in halber Verbeugung sozusagen den
Bürgersteig frei und grüßt den Leutnant von unten herauf aus rotem Gesicht
mit frommen und wässerigen Augen. Da erwidert der Leutnant, die Hand an
der Mütze, das Honneur seines Vorgesetzten, erwidert es, indem eine
kindliche Freundlichkeit sein ganzes Gesicht bewegt, erwidert es – und geht
weiter.
Ein Wunder! Ein phantastischer Auftritt! Er geht weiter. Man sieht ihn
an, aber er sieht niemanden an, er sieht zwischen den Leuten hindurch
geradeaus, ein wenig mit dem Blick einer Dame, die sich beobachtet weiß.
Man grüßt ihn, dann grüßt er zurück, fast herzlich und dennoch aus einer
Ferne. Wie es scheint, so geht er nicht gut; es ist, als sei er des Gebrauches
seiner Beine nicht sehr gewohnt oder als behindere ihn die allgemeine
Ordnung, nimm deinen Lauf! – Und was, statt dessen, geschieht? Statt
dessen vollzieht sich das folgende, überraschende, peinliche, entzückende
und verkehrte Schauspiel. Der General, des jungen Leutnants ansichtig
werdend, verändert auf seltsame Art seine Haltung. Er nimmt sich
zusammen und wird doch gleichsam kleiner. Er dämpft sozusagen mit
einem Ruck den Prunk seines Auftretens, er tut dem Lärm seines Säbels
Einhalt, und während sein Gesicht einen bärbeißigen und verlegenen
Ausdruck annimmt, ist er ersichtlich nicht einig mit sich, wohin er blicken
soll, was er so zu verbergen sucht, daß er unter seinen Wattebrauen hinweg
schräg vor sich hin auf den Asphalt starrt. Auch der junge Leutnant verrät,
genau beobachtet, eine leichte Befangenheit, die aber seltsamerweise bei
ihm in höherem Grade als bei dem greisen Befehlshaber von einer gewissen
Grazie und Disziplin bemeistert scheint. Die Spannung seines Mundes wird
zu einem Lächeln von zugleich bescheidener und gütiger Art, und seine
Augen blicken vorläufig mit einer stillen und beherrschten Ruhe, die den
Anschein der Mühelosigkeit hat, an dem General vorbei und ins Weite. Nun
sind sie auf drei Schritt aneinander. Und statt die vorschriftsmäßige
Ehrenbezeugung auszuführen, legt der blutjunge Leutnant ein wenig den
Kopf zurück, zieht gleichzeitig seine rechte Hand – nur die rechte, das ist
auffallend – aus der Manteltasche und beschreibt mit eben dieser
weißbehandschuhten Rechten eine kleine ermunternde und verbindliche
Bewegung, nicht stärker, als daß er, die Handfläche nach oben, die Finger
öffnet; aber der General, der dieses Zeichen mit hängenden Armen erwartet
hat, fährt an den Helm, biegt aus, gibt in halber Verbeugung sozusagen den
Bürgersteig frei und grüßt den Leutnant von unten herauf aus rotem Gesicht
mit frommen und wässerigen Augen. Da erwidert der Leutnant, die Hand an
der Mütze, das Honneur seines Vorgesetzten, erwidert es, indem eine
kindliche Freundlichkeit sein ganzes Gesicht bewegt, erwidert es – und geht
weiter.
Ein Wunder! Ein phantastischer Auftritt! Er geht weiter. Man sieht ihn
an, aber er sieht niemanden an, er sieht zwischen den Leuten hindurch
geradeaus, ein wenig mit dem Blick einer Dame, die sich beobachtet weiß.
Man grüßt ihn, dann grüßt er zurück, fast herzlich und dennoch aus einer
Ferne. Wie es scheint, so geht er nicht gut; es ist, als sei er des Gebrauches
seiner Beine nicht sehr gewohnt oder als behindere ihn die allgemeine
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Aufmerksamkeit, so ungleichmäßig und zögernd ist sein Schritt, ja,
bisweilen scheint er zu hinken. Ein Schutzmann macht Front, eine elegante
Frau, aus einem Laden tretend, sinkt lächelnd ins Knie. Man blickt nach
ihm um, man weist mit dem Kopfe nach ihm, man zieht die Brauen empor
und nennt gedämpft seinen Namen …
Es ist Klaus Heinrich, der jüngere Bruder Albrechts II. und nächster
Agnat am Throne. Dort geht er, man kann ihn noch sehen. Gekannt und
doch fremd bewegt er sich unter den Leuten, geht im Gemenge und
gleichsam doch von einer Leere umgeben, geht einsam dahin und trägt auf
seinen schmalen Schultern die Last seiner Hoheit.
bisweilen scheint er zu hinken. Ein Schutzmann macht Front, eine elegante
Frau, aus einem Laden tretend, sinkt lächelnd ins Knie. Man blickt nach
ihm um, man weist mit dem Kopfe nach ihm, man zieht die Brauen empor
und nennt gedämpft seinen Namen …
Es ist Klaus Heinrich, der jüngere Bruder Albrechts II. und nächster
Agnat am Throne. Dort geht er, man kann ihn noch sehen. Gekannt und
doch fremd bewegt er sich unter den Leuten, geht im Gemenge und
gleichsam doch von einer Leere umgeben, geht einsam dahin und trägt auf
seinen schmalen Schultern die Last seiner Hoheit.
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Die Hemmung
Schüsse wurden gelöst, als auf den verschiedenen Verständigungswegen
der Neuzeit in die Residenz die Nachricht gelangte, daß auf Grimmburg die
Großherzogin Dorothea zum zweiten Male von einem Prinzen entbunden
sei. Es waren zweiundsiebzig Schüsse, die über Stadt und Land hinrollten,
abgefeuert von militärischer Seite auf dem Wall der »Zitadelle«. Gleich
darauf kanonierte auch die Feuerwehr mit den städtischen Salutgeschützen,
um nicht zurückzustehen; aber es entstanden lange Pausen dabei zwischen
einzelnen Detonationen, was viel Heiterkeit in der Bevölkerung erregte.
Die Grimmburg beherrschte von einem buschigen Hügel das malerische
Städtchen des gleichen Namens, das seine grauen Schrägdächer in dem
vorüberfließenden Stromarm spiegelte und von der Hauptstadt in
halbstündiger Fahrt mit einer unrentablen Lokalbahn zu erreichen war. Sie
stand dort oben, die Burg, in grauen Tagen vom Markgrafen Klaus
Grimmbart, dem Ahnherrn des Fürstengeschlechts, trotzig erbaut, mehrmals
seither verjüngt und instand gesetzt, mit den Bequemlichkeiten der
wechselnden Zeiten versehen, stets wohnlich gehalten und als Stammsitz
des Herrscherhauses, als Wiege der Dynastenfamilie auf eine besondere
Weise geehrt. Denn das Hausgesetz und Herkommen bestand, daß alle
direkten Nachkommen des Grimmbartes, alle Kinder des jeweils
regierenden Paares hier geboren werden mußten. Diese Überlieferung war
nicht wohl außer acht zu lassen. Das Land hatte geistesklare und
leugnerische Souveräne gesehen, die ihren Spott daran geübt hatten, und
dennoch hatten sie sich ihr achselzuckend gefügt. Nun war es längst zu spät
geworden, noch davon abzugehen. Vernünftig und zeitgemäß oder nicht –
warum denn ohne Not mit einer ehrwürdigen Gepflogenheit brechen, die
sich gewissermaßen bewährt hatte? Im Volke stand fest, daß etwas daran
sei. Zweimal im Wandel von fünfzehn Generationen hatten Kinder
Schüsse wurden gelöst, als auf den verschiedenen Verständigungswegen
der Neuzeit in die Residenz die Nachricht gelangte, daß auf Grimmburg die
Großherzogin Dorothea zum zweiten Male von einem Prinzen entbunden
sei. Es waren zweiundsiebzig Schüsse, die über Stadt und Land hinrollten,
abgefeuert von militärischer Seite auf dem Wall der »Zitadelle«. Gleich
darauf kanonierte auch die Feuerwehr mit den städtischen Salutgeschützen,
um nicht zurückzustehen; aber es entstanden lange Pausen dabei zwischen
einzelnen Detonationen, was viel Heiterkeit in der Bevölkerung erregte.
Die Grimmburg beherrschte von einem buschigen Hügel das malerische
Städtchen des gleichen Namens, das seine grauen Schrägdächer in dem
vorüberfließenden Stromarm spiegelte und von der Hauptstadt in
halbstündiger Fahrt mit einer unrentablen Lokalbahn zu erreichen war. Sie
stand dort oben, die Burg, in grauen Tagen vom Markgrafen Klaus
Grimmbart, dem Ahnherrn des Fürstengeschlechts, trotzig erbaut, mehrmals
seither verjüngt und instand gesetzt, mit den Bequemlichkeiten der
wechselnden Zeiten versehen, stets wohnlich gehalten und als Stammsitz
des Herrscherhauses, als Wiege der Dynastenfamilie auf eine besondere
Weise geehrt. Denn das Hausgesetz und Herkommen bestand, daß alle
direkten Nachkommen des Grimmbartes, alle Kinder des jeweils
regierenden Paares hier geboren werden mußten. Diese Überlieferung war
nicht wohl außer acht zu lassen. Das Land hatte geistesklare und
leugnerische Souveräne gesehen, die ihren Spott daran geübt hatten, und
dennoch hatten sie sich ihr achselzuckend gefügt. Nun war es längst zu spät
geworden, noch davon abzugehen. Vernünftig und zeitgemäß oder nicht –
warum denn ohne Not mit einer ehrwürdigen Gepflogenheit brechen, die
sich gewissermaßen bewährt hatte? Im Volke stand fest, daß etwas daran
sei. Zweimal im Wandel von fünfzehn Generationen hatten Kinder
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regierender Herren infolge irgendwelcher Zufälligkeiten auf andern
Schlössern das Licht erblickt: mit beiden hatte es ein unnatürliches und
nichtswürdiges Ende genommen. Aber von Heinrich dem Bußfertigen und
Johann dem Gewalttätigen nebst ihren lieblichen und stolzen Schwestern
bis auf Albrecht, den Vater des Großherzogs, und diesen selbst, Johann
Albrecht III., waren alle Souveräne des Landes und ihre Geschwister hier
zur Welt gebracht worden, und vor sechs Jahren war Dorothea mit ihrem
ersten Sohne, dem Erbgroßherzog, hier niedergekommen …
Übrigens war das Stammschloß ein Zufluchtsort, so würdig als
friedevoll. Als Sommersitz mochte man ihm, der Kühle seiner Gemächer,
des schattigen Reizes seiner Umgebung wegen, sogar vor dem steif-
lieblichen Hollerbrunn den Vorzug geben. Der Aufstieg vom Städtchen,
jene ein wenig grausam gepflasterte Gasse zwischen ärmlichen Heimstätten
und einer geborstenen Mauerbrüstung, durch massige Torwege bis zu der
uralten Schenke und Fremdenherberge am Eingang zum Burghof, in dessen
Mitte das Steinbild Klaus Grimmbarts, des Erbauers, stand, war pittoresk,
ohne bequem zu sein. Aber ein ansehnlicher Parkbesitz bedeckte den
Rücken des Schloßberges und leitete auf gemächlichen Wegen hinab in das
waldige und sanft gewellte Gelände, das voller Gelegenheit zu
Wagenfahrten und stillem Lustwandeln war.
Das Innere der Burg angehend, so war es zuletzt noch zu Beginn der
Regierung Johann Albrechts III. einer umfassenden Auffrischung und
Verschönerung unterzogen worden – mit einem Kostenaufwand, der viel
Gerede hervorgerufen hatte. Die Einrichtung der Wohngemächer war in
einem zugleich ritterlichen und behaglichen Stil ergänzt und erneuert, die
Wappenfliesen des »Gerichtssaales« waren genau nach dem Muster der
alten wiederhergestellt worden. Die Vergoldung der verschmitzten, in
vielfachen Spielarten wechselnden Kreuzbogengewölbe zeigte sich
glänzend aufgemuntert, alle Gemächer waren mit Parkett ausgestattet, und
der große sowohl wie der kleine Bankettsaal war durch die Künstlerhand
des Professors von Lindemann, eines hervorragenden Akademikers, mit
großen Wandmalereien geschmückt worden, Darstellungen aus der
Geschichte des landesherrlichen Hauses, angefertigt in einer leuchtenden
und glatten Manier, die fernab und ohne Ahnung von den unruhigen
Bedürfnissen jüngerer Schulen war. Es fehlte an nichts. Da die alten
Kamine und seltsam bunten, in runden Terrassen sich deckenhoch
Schlössern das Licht erblickt: mit beiden hatte es ein unnatürliches und
nichtswürdiges Ende genommen. Aber von Heinrich dem Bußfertigen und
Johann dem Gewalttätigen nebst ihren lieblichen und stolzen Schwestern
bis auf Albrecht, den Vater des Großherzogs, und diesen selbst, Johann
Albrecht III., waren alle Souveräne des Landes und ihre Geschwister hier
zur Welt gebracht worden, und vor sechs Jahren war Dorothea mit ihrem
ersten Sohne, dem Erbgroßherzog, hier niedergekommen …
Übrigens war das Stammschloß ein Zufluchtsort, so würdig als
friedevoll. Als Sommersitz mochte man ihm, der Kühle seiner Gemächer,
des schattigen Reizes seiner Umgebung wegen, sogar vor dem steif-
lieblichen Hollerbrunn den Vorzug geben. Der Aufstieg vom Städtchen,
jene ein wenig grausam gepflasterte Gasse zwischen ärmlichen Heimstätten
und einer geborstenen Mauerbrüstung, durch massige Torwege bis zu der
uralten Schenke und Fremdenherberge am Eingang zum Burghof, in dessen
Mitte das Steinbild Klaus Grimmbarts, des Erbauers, stand, war pittoresk,
ohne bequem zu sein. Aber ein ansehnlicher Parkbesitz bedeckte den
Rücken des Schloßberges und leitete auf gemächlichen Wegen hinab in das
waldige und sanft gewellte Gelände, das voller Gelegenheit zu
Wagenfahrten und stillem Lustwandeln war.
Das Innere der Burg angehend, so war es zuletzt noch zu Beginn der
Regierung Johann Albrechts III. einer umfassenden Auffrischung und
Verschönerung unterzogen worden – mit einem Kostenaufwand, der viel
Gerede hervorgerufen hatte. Die Einrichtung der Wohngemächer war in
einem zugleich ritterlichen und behaglichen Stil ergänzt und erneuert, die
Wappenfliesen des »Gerichtssaales« waren genau nach dem Muster der
alten wiederhergestellt worden. Die Vergoldung der verschmitzten, in
vielfachen Spielarten wechselnden Kreuzbogengewölbe zeigte sich
glänzend aufgemuntert, alle Gemächer waren mit Parkett ausgestattet, und
der große sowohl wie der kleine Bankettsaal war durch die Künstlerhand
des Professors von Lindemann, eines hervorragenden Akademikers, mit
großen Wandmalereien geschmückt worden, Darstellungen aus der
Geschichte des landesherrlichen Hauses, angefertigt in einer leuchtenden
und glatten Manier, die fernab und ohne Ahnung von den unruhigen
Bedürfnissen jüngerer Schulen war. Es fehlte an nichts. Da die alten
Kamine und seltsam bunten, in runden Terrassen sich deckenhoch
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aufbauenden Öfen der Burg nicht wohl verwendbar waren, so hatte man, im
Hinblick auf die Möglichkeit eines winterlichen Aufenthaltes, sogar
Anthrazitöfen gesetzt.
Aber am Tage der zweiundsiebzig Schüsse war beste Jahreszeit,
Spätfrühling, Frühsommer, Junianfang, ein Tag nach Pfingsten. Johann
Albrecht, in aller Frühe telegraphisch benachrichtigt, daß gegen Morgen die
Geburt begonnen habe, traf um acht mit der unrentablen Lokalbahn auf
Station Grimmburg ein, von drei oder vier offiziellen Persönlichkeiten, dem
Bürgermeister, dem Amtsrichter, dem Pastor, dem Arzt des Städtchens, mit
Segenswünschen empfangen, und begab sich sofort zu Wagen auf die Burg.
In der Begleitung des Großherzogs langten der Staatsminister Doktor Baron
Knobelsdorff und der Generaladjutant General der Infanterie Graf
Schmettern an. Ein wenig später fanden sich noch zwei oder drei Minister,
der Hofprediger Oberkirchenratspräsident D. Wislizenus, ein paar Herren
mit Hof- und Oberhofchargen und ein noch jugendlicher Adjutant,
Hauptmann von Lichterloh, auf dem Stammschloß ein. Obwohl der
großherzogliche Leibarzt, Generalarzt Doktor Eschrich, sich bei der
Wöchnerin befand, hatte Johann Albrecht die Laune, den jungen Ortsarzt,
einen Doktor Sammet, der obendrein jüdischer Abstammung war,
aufzufordern, ihn auf die Burg zu begleiten. Der schlichte, arbeitsame und
ernste Mann, der alle Hände voll zu tun hatte und sich solche Auszeichnung
nicht vermutend gewesen war, stammelte mehrmals: »Ganz gern … ganz
gern …«, was einiges Lächeln hervorrief.
Der Großherzogin diente als Schlafzimmer die »Brautkemenate«, ein
fünfeckiges, sehr bunt ausgemaltes Gemach, welches, im ersten Stockwerk
gelegen, durch sein feierliches Fenster eine prangende Fernsicht über
Wälder, Hügel und die Windungen des Stromes bot und rings mit einem
Fries von medaillonförmigen Porträts geziert war, Bildnissen fürstlicher
Bräute, die hier in alten Tagen des Gebieters geharrt hatten. Dort lag
Dorothea; ein breites und starkes Band war um das Fußende ihres Bettes
geschlungen, daran sie sich hielt wie ein Kind, das Kutschieren spielt, und
ihr schöner, üppiger Körper tat harte Arbeit. Doktorin Gnadebusch, die
Hebamme, eine sanfte und gelehrte Frau mit kleinen feinen Händen und
braunen Augen, die durch runde und dicke Brillengläser einen mysteriösen
Glanz erhielten, unterstützte die Fürstin, indem sie sagte:
Hinblick auf die Möglichkeit eines winterlichen Aufenthaltes, sogar
Anthrazitöfen gesetzt.
Aber am Tage der zweiundsiebzig Schüsse war beste Jahreszeit,
Spätfrühling, Frühsommer, Junianfang, ein Tag nach Pfingsten. Johann
Albrecht, in aller Frühe telegraphisch benachrichtigt, daß gegen Morgen die
Geburt begonnen habe, traf um acht mit der unrentablen Lokalbahn auf
Station Grimmburg ein, von drei oder vier offiziellen Persönlichkeiten, dem
Bürgermeister, dem Amtsrichter, dem Pastor, dem Arzt des Städtchens, mit
Segenswünschen empfangen, und begab sich sofort zu Wagen auf die Burg.
In der Begleitung des Großherzogs langten der Staatsminister Doktor Baron
Knobelsdorff und der Generaladjutant General der Infanterie Graf
Schmettern an. Ein wenig später fanden sich noch zwei oder drei Minister,
der Hofprediger Oberkirchenratspräsident D. Wislizenus, ein paar Herren
mit Hof- und Oberhofchargen und ein noch jugendlicher Adjutant,
Hauptmann von Lichterloh, auf dem Stammschloß ein. Obwohl der
großherzogliche Leibarzt, Generalarzt Doktor Eschrich, sich bei der
Wöchnerin befand, hatte Johann Albrecht die Laune, den jungen Ortsarzt,
einen Doktor Sammet, der obendrein jüdischer Abstammung war,
aufzufordern, ihn auf die Burg zu begleiten. Der schlichte, arbeitsame und
ernste Mann, der alle Hände voll zu tun hatte und sich solche Auszeichnung
nicht vermutend gewesen war, stammelte mehrmals: »Ganz gern … ganz
gern …«, was einiges Lächeln hervorrief.
Der Großherzogin diente als Schlafzimmer die »Brautkemenate«, ein
fünfeckiges, sehr bunt ausgemaltes Gemach, welches, im ersten Stockwerk
gelegen, durch sein feierliches Fenster eine prangende Fernsicht über
Wälder, Hügel und die Windungen des Stromes bot und rings mit einem
Fries von medaillonförmigen Porträts geziert war, Bildnissen fürstlicher
Bräute, die hier in alten Tagen des Gebieters geharrt hatten. Dort lag
Dorothea; ein breites und starkes Band war um das Fußende ihres Bettes
geschlungen, daran sie sich hielt wie ein Kind, das Kutschieren spielt, und
ihr schöner, üppiger Körper tat harte Arbeit. Doktorin Gnadebusch, die
Hebamme, eine sanfte und gelehrte Frau mit kleinen feinen Händen und
braunen Augen, die durch runde und dicke Brillengläser einen mysteriösen
Glanz erhielten, unterstützte die Fürstin, indem sie sagte:
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»Nur fest, nur fest, Königliche Hoheit … Es geht geschwinde … Es geht
ganz leicht … Das zweitemal … das ist nichts … Geruhen: die Knie
auseinander … Und stets das Kinn auf die Brust …«
Eine Wärterin, gleich ihr in ein weißes Leinen gekleidet, half ebenfalls
und ging in den Pausen auf leisen Sohlen mit Gefäßen und Binden umher.
Der Leibarzt, ein finsterer, schwarzgraubärtiger Mann, dessen linkes
Augenlid gelähmt schien, überwachte die Geburt. Er trug den
Operationsmantel über seiner Generalarzt-Uniform. Zuweilen erschien in
der Kemenate, um sich vom Fortschreiten der Entbindung zu überzeugen,
Dorotheas vertraute Oberhofmeisterin, Freifrau von Schulenburg-Tressen,
eine beleibte und asthmatische Dame von unterstrichen spießbürgerlichem
Äußern, die jedoch auf den Hofbällen eine Welt von Busen zu entblößen
pflegte. Sie küßte ihrer Herrin die Hand und kehrte zurück in ein entlegenes
Gemach, wo ein paar magere Schlüsseldamen mit dem diensttuenden
Kammerherrn der Großherzogin, einem Grafen Windisch, plauderten. –
Doktor Sammet, der das Linnengewand wie einen Domino über seinen
Frack gezogen hatte, verharrte in bescheidener und aufmerksamer Haltung
am Waschtisch.
Johann Albrecht hielt sich in einem zur Arbeit und Kontemplation
einladenden Gewölbe auf, das von der »Brautkemenate« nur durch das
sogenannte Frisierkabinett und einen Durchgangsraum getrennt war. Es
führte den Namen einer Bibliothek, im Hinblick auf mehrere
handschriftliche Folianten, die schräg auf dem wuchtigen Schranke lehnten
und die Geschichte der Burg enthielten. Das Gemach war als
Schreibzimmer eingerichtet. Globen schmückten die Wandborte. Durch das
Bogenfenster, das geöffnet stand, wehte der starke Wind der Höhe. Der
Großherzog hatte sich Tee servieren lassen, Kammerdiener Prahl hatte
selbst das Geschirr gebracht; aber es stand vergessen auf der Platte des
Sekretärs, und Johann Albrecht schritt in einem rastlosen, unangenehm
angespannten Zustande von einem Winkel in den anderen. Sein Gang war
vom unaufhörlichen Knarren seiner Lackstiefel begleitet. – Flügeladjutant
von Lichterloh horchte darauf, indem er sich in dem beinahe leeren
Durchgangszimmer langweilte.
Die Minister, der Generaladjutant, der Hofprediger und die Hofchargen,
neun oder zehn Herren, warteten in den Repräsentationsräumen des Hoch-
ganz leicht … Das zweitemal … das ist nichts … Geruhen: die Knie
auseinander … Und stets das Kinn auf die Brust …«
Eine Wärterin, gleich ihr in ein weißes Leinen gekleidet, half ebenfalls
und ging in den Pausen auf leisen Sohlen mit Gefäßen und Binden umher.
Der Leibarzt, ein finsterer, schwarzgraubärtiger Mann, dessen linkes
Augenlid gelähmt schien, überwachte die Geburt. Er trug den
Operationsmantel über seiner Generalarzt-Uniform. Zuweilen erschien in
der Kemenate, um sich vom Fortschreiten der Entbindung zu überzeugen,
Dorotheas vertraute Oberhofmeisterin, Freifrau von Schulenburg-Tressen,
eine beleibte und asthmatische Dame von unterstrichen spießbürgerlichem
Äußern, die jedoch auf den Hofbällen eine Welt von Busen zu entblößen
pflegte. Sie küßte ihrer Herrin die Hand und kehrte zurück in ein entlegenes
Gemach, wo ein paar magere Schlüsseldamen mit dem diensttuenden
Kammerherrn der Großherzogin, einem Grafen Windisch, plauderten. –
Doktor Sammet, der das Linnengewand wie einen Domino über seinen
Frack gezogen hatte, verharrte in bescheidener und aufmerksamer Haltung
am Waschtisch.
Johann Albrecht hielt sich in einem zur Arbeit und Kontemplation
einladenden Gewölbe auf, das von der »Brautkemenate« nur durch das
sogenannte Frisierkabinett und einen Durchgangsraum getrennt war. Es
führte den Namen einer Bibliothek, im Hinblick auf mehrere
handschriftliche Folianten, die schräg auf dem wuchtigen Schranke lehnten
und die Geschichte der Burg enthielten. Das Gemach war als
Schreibzimmer eingerichtet. Globen schmückten die Wandborte. Durch das
Bogenfenster, das geöffnet stand, wehte der starke Wind der Höhe. Der
Großherzog hatte sich Tee servieren lassen, Kammerdiener Prahl hatte
selbst das Geschirr gebracht; aber es stand vergessen auf der Platte des
Sekretärs, und Johann Albrecht schritt in einem rastlosen, unangenehm
angespannten Zustande von einem Winkel in den anderen. Sein Gang war
vom unaufhörlichen Knarren seiner Lackstiefel begleitet. – Flügeladjutant
von Lichterloh horchte darauf, indem er sich in dem beinahe leeren
Durchgangszimmer langweilte.
Die Minister, der Generaladjutant, der Hofprediger und die Hofchargen,
neun oder zehn Herren, warteten in den Repräsentationsräumen des Hoch-
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Erdgeschosses. Sie wanderten durch den großen und den kleinen
Bankettsaal, wo zwischen den Lindemannschen Gemälden Arrangements
von Fahnen und Waffen hingen; sie lehnten an den schaftartigen Pfeilern,
die sich über ihnen zu bunten Gewölben entfalteten; sie standen vor den
deckenhohen und schmalen Fenstern und blickten durch die in Blei
gefaßten Scheibchen hinab über Fluß und Städtchen; sie saßen auf den
Steinbänken, die um die Wände liefen, oder auf Sesseln vor den Kaminen,
deren gotische Dächer von lächerlich kleinen gebückt schwebenden und
fratzenhaften Kerlchen aus Stein getragen wurden. Der heitere Tag machte
den Tressenbesatz der Uniformen, die Ordenssterne auf den wattierten
Brustwölbungen, die breiten Goldstreifen an den Beinkleidern der
Würdenträger erglitzern.
Man unterhielt sich schlecht. Beständig hoben sich Dreimaster und
weißbekleidete Hände vor Münder, die sich krampfhaft öffneten. Fast alle
Herren hatten Tränen in den Augen. Mehrere hatten nicht Zeit gefunden zu
frühstücken. Einige suchten Zerstreuung, indem sie das Operationsbesteck
und das kugelförmige, in Leder gehüllte Chloroformgefäß, das Generalarzt
Eschrich hier für alle Fälle niedergelegt hatte, einem furchtsamen Studium
unterzogen. Nachdem Oberhofmarschall von Bühl zu Bühl, ein starker
Mann mit schwänzelnden Bewegungen, einem braunen Tupee, goldenem
Zwicker und langen gelben Fingernägeln, in seiner abgerissen plappernden
Art mehrere Geschichten erzählt hatte, machte er in einem Lehnstuhl von
seiner Gabe Gebrauch, mit offenen Augen zu schlafen – reglosen Blicks
und in bester Haltung das Bewußtsein von Zeit und Raum zu verlieren,
ohne die Würde des Ortes im mindesten zu verletzen.
Doktor von Schröder, Minister der Finanzen und der Landwirtschaft,
hatte an diesem Tage ein Gespräch mit dem Staatsminister Doktor Baron
Knobelsdorff, Minister des Inneren, des Äußeren und des großherzoglichen
Hauses. Es war eine sprunghafte Plauderei, die mit einer Kunstbetrachtung
anhob, zu finanziellen und ökonomischen Fragen überging, eines hohen
Hofbeamten in ziemlich abfälligem Sinne gedachte und sich auch mit den
Personen der allerhöchsten Herrschaften beschäftigte. Sie begann, als die
Herren, die Hände mit ihren Hüten auf dem Rücken, vor einem der
Gemälde im Großen Bankettsaal standen, und beide dachten mehr dabei, als
sie aussprachen. Der Finanzminister sagte: »Und dies? Was ist das? Was
passiert da? Exzellenz sind so orientiert …«
Bankettsaal, wo zwischen den Lindemannschen Gemälden Arrangements
von Fahnen und Waffen hingen; sie lehnten an den schaftartigen Pfeilern,
die sich über ihnen zu bunten Gewölben entfalteten; sie standen vor den
deckenhohen und schmalen Fenstern und blickten durch die in Blei
gefaßten Scheibchen hinab über Fluß und Städtchen; sie saßen auf den
Steinbänken, die um die Wände liefen, oder auf Sesseln vor den Kaminen,
deren gotische Dächer von lächerlich kleinen gebückt schwebenden und
fratzenhaften Kerlchen aus Stein getragen wurden. Der heitere Tag machte
den Tressenbesatz der Uniformen, die Ordenssterne auf den wattierten
Brustwölbungen, die breiten Goldstreifen an den Beinkleidern der
Würdenträger erglitzern.
Man unterhielt sich schlecht. Beständig hoben sich Dreimaster und
weißbekleidete Hände vor Münder, die sich krampfhaft öffneten. Fast alle
Herren hatten Tränen in den Augen. Mehrere hatten nicht Zeit gefunden zu
frühstücken. Einige suchten Zerstreuung, indem sie das Operationsbesteck
und das kugelförmige, in Leder gehüllte Chloroformgefäß, das Generalarzt
Eschrich hier für alle Fälle niedergelegt hatte, einem furchtsamen Studium
unterzogen. Nachdem Oberhofmarschall von Bühl zu Bühl, ein starker
Mann mit schwänzelnden Bewegungen, einem braunen Tupee, goldenem
Zwicker und langen gelben Fingernägeln, in seiner abgerissen plappernden
Art mehrere Geschichten erzählt hatte, machte er in einem Lehnstuhl von
seiner Gabe Gebrauch, mit offenen Augen zu schlafen – reglosen Blicks
und in bester Haltung das Bewußtsein von Zeit und Raum zu verlieren,
ohne die Würde des Ortes im mindesten zu verletzen.
Doktor von Schröder, Minister der Finanzen und der Landwirtschaft,
hatte an diesem Tage ein Gespräch mit dem Staatsminister Doktor Baron
Knobelsdorff, Minister des Inneren, des Äußeren und des großherzoglichen
Hauses. Es war eine sprunghafte Plauderei, die mit einer Kunstbetrachtung
anhob, zu finanziellen und ökonomischen Fragen überging, eines hohen
Hofbeamten in ziemlich abfälligem Sinne gedachte und sich auch mit den
Personen der allerhöchsten Herrschaften beschäftigte. Sie begann, als die
Herren, die Hände mit ihren Hüten auf dem Rücken, vor einem der
Gemälde im Großen Bankettsaal standen, und beide dachten mehr dabei, als
sie aussprachen. Der Finanzminister sagte: »Und dies? Was ist das? Was
passiert da? Exzellenz sind so orientiert …«
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»Oberflächlich. Es ist die Belehnung zweier jugendlicher Prinzen des
Hauses durch ihren Oheim, den römischen Kaiser. Exzellenz sehen da die
beiden jungen Herren knien und in großer Zeremonie ihren Eid auf das
Schwert des Kaisers leisten …«
»Schön, ungewöhnlich schön! Welche Farben! Blendend. Was für
reizende goldene Locken die Prinzen haben! Und der Kaiser … es ist der
Kaiser, wie er im Buche steht! Ja, dieser Lindemann verdient die
Auszeichnungen, die ihm zuteil geworden sind.«
»Durchaus. Die ihm zuteil geworden sind, die verdient er.«
Doktor von Schröder, ein langer Mann mit weißem Bart, einer zart
gebauten goldenen Brille auf der weißen Nase, einem kleinen Bauch, der
sich unvermittelt unter dem Magen erhob, und einem Wulstnacken, der den
gestickten Stehkragen seines Fracks überquoll, blickte, ohne die Augen von
dem Bilde zu wenden, ein wenig zweifelhaft drein, von einem Mißtrauen
berührt, das ihn zuzeiten im Gespräch mit dem Baron überkam. Dieser
Knobelsdorff, dieser Günstling und höchste Beamte war so vieldeutig …
Zuweilen waren seine Äußerungen, seine Erwiderungen von einem
ungreifbaren Spott umspielt. Er war weit gereist, er kannte den Erdball, er
war so mannigfach unterrichtet, auf eine befremdende und freie Art
interessiert. Dennoch war er korrekt. Herr von Schröder verstand sich nicht
völlig auf ihn. Bei aller Übereinstimmung war es nicht möglich, sich ganz
im Einverständnis mit ihm zu fühlen. Seine Meinungen waren voll
heimlicher Reserve, seine Urteile von einer Duldsamkeit, die in Unruhe
ließ, ob sie Gerechtigkeit oder Geringschätzung bedeute. Aber das
Verdächtigste war sein Lächeln, ein Augenlächeln ohne Anteil des Mundes,
das vermöge strahlenförmig an den äußeren Augenwinkeln angeordneter
Fältchen zu entstehen schien oder umgekehrt mit der Zeit diese Fältchen
hervorgerufen hatte … Baron Knobelsdorff war jünger als der
Finanzminister, ein Mann in den besten Jahren damals, obwohl sein
gestutzter Schnurrbart und sein glatt in der Mitte gescheiteltes Haupthaar
schon leicht ergraut waren – untersetzt übrigens, kurzhalsig und von dem
Kragen seines bis zum Saume betreßten Hofkleides sichtlich beengt. Er
überließ Herrn von Schröder einen Augenblick seiner Ratlosigkeit und fuhr
dann fort: »Nur wäre vielleicht im Interesse einer löblichen
Hoffinanzdirektion zu wünschen, daß der berühmte Mann sich ein wenig
Hauses durch ihren Oheim, den römischen Kaiser. Exzellenz sehen da die
beiden jungen Herren knien und in großer Zeremonie ihren Eid auf das
Schwert des Kaisers leisten …«
»Schön, ungewöhnlich schön! Welche Farben! Blendend. Was für
reizende goldene Locken die Prinzen haben! Und der Kaiser … es ist der
Kaiser, wie er im Buche steht! Ja, dieser Lindemann verdient die
Auszeichnungen, die ihm zuteil geworden sind.«
»Durchaus. Die ihm zuteil geworden sind, die verdient er.«
Doktor von Schröder, ein langer Mann mit weißem Bart, einer zart
gebauten goldenen Brille auf der weißen Nase, einem kleinen Bauch, der
sich unvermittelt unter dem Magen erhob, und einem Wulstnacken, der den
gestickten Stehkragen seines Fracks überquoll, blickte, ohne die Augen von
dem Bilde zu wenden, ein wenig zweifelhaft drein, von einem Mißtrauen
berührt, das ihn zuzeiten im Gespräch mit dem Baron überkam. Dieser
Knobelsdorff, dieser Günstling und höchste Beamte war so vieldeutig …
Zuweilen waren seine Äußerungen, seine Erwiderungen von einem
ungreifbaren Spott umspielt. Er war weit gereist, er kannte den Erdball, er
war so mannigfach unterrichtet, auf eine befremdende und freie Art
interessiert. Dennoch war er korrekt. Herr von Schröder verstand sich nicht
völlig auf ihn. Bei aller Übereinstimmung war es nicht möglich, sich ganz
im Einverständnis mit ihm zu fühlen. Seine Meinungen waren voll
heimlicher Reserve, seine Urteile von einer Duldsamkeit, die in Unruhe
ließ, ob sie Gerechtigkeit oder Geringschätzung bedeute. Aber das
Verdächtigste war sein Lächeln, ein Augenlächeln ohne Anteil des Mundes,
das vermöge strahlenförmig an den äußeren Augenwinkeln angeordneter
Fältchen zu entstehen schien oder umgekehrt mit der Zeit diese Fältchen
hervorgerufen hatte … Baron Knobelsdorff war jünger als der
Finanzminister, ein Mann in den besten Jahren damals, obwohl sein
gestutzter Schnurrbart und sein glatt in der Mitte gescheiteltes Haupthaar
schon leicht ergraut waren – untersetzt übrigens, kurzhalsig und von dem
Kragen seines bis zum Saume betreßten Hofkleides sichtlich beengt. Er
überließ Herrn von Schröder einen Augenblick seiner Ratlosigkeit und fuhr
dann fort: »Nur wäre vielleicht im Interesse einer löblichen
Hoffinanzdirektion zu wünschen, daß der berühmte Mann sich ein wenig
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mehr mit Sternen und Titeln begnügte, und … roh gesprochen, was mag
dieses gefällige Bildwerk gekostet haben?«
Herr von Schröder gewann wieder Leben. Der Wunsch, die Hoffnung,
sich mit dem Baron zu verständigen, dennoch zur Intimität und
vertraulichen Einhelligkeit mit ihm zu gelangen, machte ihn eifrig.
»Genau mein Gedanke!« sagte er, indem er sich wandte, um den Gang
durch die Säle wieder aufzunehmen. »Exzellenz nehmen mir die Frage vom
Munde. Was mag für diese ›Belehnung‹ bezahlt worden sein? Was für die
übrige Farbenpracht hier an den Wänden? Denn in summa hat die
Restauration der Burg vor sechs Jahren eine Million gekostet.«
»Schlecht gerechnet.«
»Rund und nett! Und diese summa geprüft und genehmigt vom
Oberhofmarschall von Bühl zu Bühl, der sich dort hinten seiner
angenehmen Katalepsie überläßt, geprüft, genehmigt und ausgekehrt vom
Hoffinanzdirektor Grafen Trümmerhauff …«
»Ausgekehrt oder schuldig geblieben.«
»Eins von beiden!… Diese summa, sage ich, auferlegt und zugemutet
einer Kasse, einer Kasse …«
»Mit einem Worte: der Kasse der großherzoglichen
Vermögensverwaltung.«
»Exzellenz wissen so gut wie ich, was Sie damit sagen. Nein, mir wird
kalt … ich beschwöre, daß ich weder ein Knicker noch ein Hypochonder
bin, aber mir wird kalt in der Herzgrube bei der Vorstellung, daß man im
Angesicht der waltenden Verhältnisse gelassenen Sinnes eine Million
hinwirft – wofür? für ein Nichts, eine hübsche Grille, für die glänzende
Instandsetzung des Stammschlosses, auf dem geboren werden muß …«
Herr von Knobelsdorff lachte: »Ja, mein Gott, die Romantik ist ein
Luxus, ein kostspieliger! Exzellenz, ich bin Ihrer Meinung –
selbstverständlich. Aber bedenken Sie, daß zuletzt der ganze Mißstand
fürstlicher Wirtschaft in diesem romantischen Luxus seinen Grund hat. Das
Übel fängt an damit, daß die Fürsten Bauern sind; ihre Vermögen bestehen
dieses gefällige Bildwerk gekostet haben?«
Herr von Schröder gewann wieder Leben. Der Wunsch, die Hoffnung,
sich mit dem Baron zu verständigen, dennoch zur Intimität und
vertraulichen Einhelligkeit mit ihm zu gelangen, machte ihn eifrig.
»Genau mein Gedanke!« sagte er, indem er sich wandte, um den Gang
durch die Säle wieder aufzunehmen. »Exzellenz nehmen mir die Frage vom
Munde. Was mag für diese ›Belehnung‹ bezahlt worden sein? Was für die
übrige Farbenpracht hier an den Wänden? Denn in summa hat die
Restauration der Burg vor sechs Jahren eine Million gekostet.«
»Schlecht gerechnet.«
»Rund und nett! Und diese summa geprüft und genehmigt vom
Oberhofmarschall von Bühl zu Bühl, der sich dort hinten seiner
angenehmen Katalepsie überläßt, geprüft, genehmigt und ausgekehrt vom
Hoffinanzdirektor Grafen Trümmerhauff …«
»Ausgekehrt oder schuldig geblieben.«
»Eins von beiden!… Diese summa, sage ich, auferlegt und zugemutet
einer Kasse, einer Kasse …«
»Mit einem Worte: der Kasse der großherzoglichen
Vermögensverwaltung.«
»Exzellenz wissen so gut wie ich, was Sie damit sagen. Nein, mir wird
kalt … ich beschwöre, daß ich weder ein Knicker noch ein Hypochonder
bin, aber mir wird kalt in der Herzgrube bei der Vorstellung, daß man im
Angesicht der waltenden Verhältnisse gelassenen Sinnes eine Million
hinwirft – wofür? für ein Nichts, eine hübsche Grille, für die glänzende
Instandsetzung des Stammschlosses, auf dem geboren werden muß …«
Herr von Knobelsdorff lachte: »Ja, mein Gott, die Romantik ist ein
Luxus, ein kostspieliger! Exzellenz, ich bin Ihrer Meinung –
selbstverständlich. Aber bedenken Sie, daß zuletzt der ganze Mißstand
fürstlicher Wirtschaft in diesem romantischen Luxus seinen Grund hat. Das
Übel fängt an damit, daß die Fürsten Bauern sind; ihre Vermögen bestehen
Page 16
aus Grund und Boden, ihre Einkünfte aus landwirtschaftlichen Erträgnissen.
Heutzutage … Sie haben sich bis zum heutigen Tage noch nicht
entschließen können, Industrielle und Finanzleute zu werden. Sie lassen
sich mit bedauerlicher Hartnäckigkeit von gewissen obsoleten und
ideologischen Grundbegriffen leiten, wie zum Beispiel den Begriffen der
Treue und Würde. Der fürstliche Besitz ist durch Treue –
fideikommissarisch – gebunden. Vorteilhafte Veräußerungen sind
ausgeschlossen. Hypothekarische Verpfändung, Kreditbeschaffung zum
Zwecke wirtschaftlicher Verbesserungen scheint ihnen unzulässig. Die
Administration ist in der freien Ausnutzung geschäftlicher Konjunkturen
streng gehindert – durch Würde. Verzeihung, nicht wahr! Ich sage Ihnen
Fibelwahrheiten. Wer so sehr wie diese Menschenart auf gute Haltung sieht,
kann und will mit der Freizügigkeit und ungehemmten Initiative minder
eigensinniger und ideell verpflichteter Geschäftsleute natürlich nicht Schritt
halten. Nun denn, was will gegenüber diesem negativen Luxus die positive
Million bedeuten, die man einer hübschen Grille wegen, um Eurer
Exzellenz Ausdruck zu wiederholen, geopfert hat? Wenn es mit dieser einen
sein Bewenden hätte! Aber da haben wir die regelmäßige Kostenlast einer
leidlich würdigen Hofhaltung. Da sind die Schlösser und ihre Parks zu
unterhalten, Hollerbrunn, Monbrillant, Jägerpreis, nicht wahr … Eremitage,
Delphinenort, Fasanerie und die anderen … ich vergesse Schloß Segenhaus
und die Ruine Haderstein … vom Alten Schlosse zu schweigen … Sie
werden schlecht unterhalten, aber es ist ein Posten … Da ist das Hoftheater,
die Galerie, die Bibliothek zu unterstützen. Da sind hundert Ruhegehälter
zu zahlen – auch ohne Rechtspflicht, aus Treue und Würde. Und auf welch
fürstliche Art der Großherzog bei der letzten Überschwemmung
eingesprungen ist … Aber das ist eine Rede, die ich da halte!«
»Eine Rede,« sagte der Finanzminister, »mit der Eure Exzellenz mir zu
opponieren gedachten, während Sie mich damit unterstützen. – Teuerster
Baron« – und hierbei legte Herr von Schröder die Hand aufs Herz –, »ich
gebe mich der Sicherheit hin, daß über meine Gesinnung, meine loyale
Gesinnung zwischen Ihnen und mir jedes Mißverständnis ausgeschlossen
ist. Der König kann nicht unrecht tun … Die höchste Person ist über jeden
Vorwurf erhaben. Aber eine Schuld … ach, ein doppelsinniges Wort!… eine
Schuld ist vorhanden, und ich wälze sie ohne Zögern auf den Grafen
Trümmerhauff. Daß die früheren Inhaber seines Postens ihre Souveräne
Heutzutage … Sie haben sich bis zum heutigen Tage noch nicht
entschließen können, Industrielle und Finanzleute zu werden. Sie lassen
sich mit bedauerlicher Hartnäckigkeit von gewissen obsoleten und
ideologischen Grundbegriffen leiten, wie zum Beispiel den Begriffen der
Treue und Würde. Der fürstliche Besitz ist durch Treue –
fideikommissarisch – gebunden. Vorteilhafte Veräußerungen sind
ausgeschlossen. Hypothekarische Verpfändung, Kreditbeschaffung zum
Zwecke wirtschaftlicher Verbesserungen scheint ihnen unzulässig. Die
Administration ist in der freien Ausnutzung geschäftlicher Konjunkturen
streng gehindert – durch Würde. Verzeihung, nicht wahr! Ich sage Ihnen
Fibelwahrheiten. Wer so sehr wie diese Menschenart auf gute Haltung sieht,
kann und will mit der Freizügigkeit und ungehemmten Initiative minder
eigensinniger und ideell verpflichteter Geschäftsleute natürlich nicht Schritt
halten. Nun denn, was will gegenüber diesem negativen Luxus die positive
Million bedeuten, die man einer hübschen Grille wegen, um Eurer
Exzellenz Ausdruck zu wiederholen, geopfert hat? Wenn es mit dieser einen
sein Bewenden hätte! Aber da haben wir die regelmäßige Kostenlast einer
leidlich würdigen Hofhaltung. Da sind die Schlösser und ihre Parks zu
unterhalten, Hollerbrunn, Monbrillant, Jägerpreis, nicht wahr … Eremitage,
Delphinenort, Fasanerie und die anderen … ich vergesse Schloß Segenhaus
und die Ruine Haderstein … vom Alten Schlosse zu schweigen … Sie
werden schlecht unterhalten, aber es ist ein Posten … Da ist das Hoftheater,
die Galerie, die Bibliothek zu unterstützen. Da sind hundert Ruhegehälter
zu zahlen – auch ohne Rechtspflicht, aus Treue und Würde. Und auf welch
fürstliche Art der Großherzog bei der letzten Überschwemmung
eingesprungen ist … Aber das ist eine Rede, die ich da halte!«
»Eine Rede,« sagte der Finanzminister, »mit der Eure Exzellenz mir zu
opponieren gedachten, während Sie mich damit unterstützen. – Teuerster
Baron« – und hierbei legte Herr von Schröder die Hand aufs Herz –, »ich
gebe mich der Sicherheit hin, daß über meine Gesinnung, meine loyale
Gesinnung zwischen Ihnen und mir jedes Mißverständnis ausgeschlossen
ist. Der König kann nicht unrecht tun … Die höchste Person ist über jeden
Vorwurf erhaben. Aber eine Schuld … ach, ein doppelsinniges Wort!… eine
Schuld ist vorhanden, und ich wälze sie ohne Zögern auf den Grafen
Trümmerhauff. Daß die früheren Inhaber seines Postens ihre Souveräne
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über die materielle Lage des Hofes hinwegtäuschten, lag im Geiste der
Zeiten und war verzeihlich. Das Verhalten des Grafen Trümmerhauff ist es
nicht mehr. Ihm, in seiner Eigenschaft als Hoffinanzdirektor, hätte es
obgelegen, der herrschenden … Sorglosigkeit Einhalt zu tun, ihm würde es
heute noch obliegen, Seine Königliche Hoheit rückhaltlos zu belehren …«
Herr von Knobelsdorff lächelte mit emporgezogenen Brauen.
»Wirklich?« sagte er. »Es ist also Eurer Exzellenz Anschauung, daß die
Ernennung des Grafen zu diesem Ende erfolgt ist? Und ich, ich male mir
das berechtigte Erstaunen dieses Edelmannes aus, wenn Sie ihm Ihre
Auffassung der Dinge darlegten. Nein, nein … Exzellenz dürfen sich nicht
darüber täuschen, daß diese Ernennung eine ganz gemessene
Willensäußerung Seiner Königlichen Hoheit in sich schloß, die der
Ernannte als Erster zu achten hatte. Sie bedeutete nicht nur ein Ich-weiß-
nichts, sondern auch ein Ich-will-nichts-wissen. Man kann eine
ausschließlich dekorative Persönlichkeit und dennoch befähigt sein, dies zu
begreifen … Im übrigen … aufrichtig … wir alle haben es begriffen. Und
für uns alle gilt zuletzt nur ein mildernder Umstand: dieser, daß in der Welt
kein Fürst lebt, zu dem von seinen Schulden zu sprechen eine fatalere Sache
wäre als zu Seiner Königlichen Hoheit. Unser Herr hat in seinem Wesen ein
Etwas, das einem solche Mesquinerien auf der Lippe ersterben läßt …«
»Sehr wahr. Sehr wahr«, sagte Herr von Schröder. Er seufzte und
streichelte gedankenvoll den Schwanbesatz seines Hutes. Die beiden Herren
saßen, einander halb zugewandt, an erhöhtem Ort, einem Fensterplatz in
geräumiger Nische, an welcher draußen ein schmaler Steingang vorbeilief,
eine Art Galerie, die durch spitze Bogen den Blick auf das Städtchen
freigab. Herr von Schröder sagte wieder:
»Sie antworten mir, Baron, Sie scheinen mir zu widersprechen, und Ihre
Worte sind im Inneren ungläubiger und bitterer als die meinen.«
Herr von Knobelsdorff schwieg mit einer vagen und anheimgebenden
Geste.
»Es mag sein«, sagte der Finanzminister und nickte trübe auf seinen Hut
hinunter. »Exzellenz mögen recht haben. Vielleicht sind wir alle schuldig,
wir und unsere Vorgänger. Was hätte nicht alles verhindert werden müssen!
Zeiten und war verzeihlich. Das Verhalten des Grafen Trümmerhauff ist es
nicht mehr. Ihm, in seiner Eigenschaft als Hoffinanzdirektor, hätte es
obgelegen, der herrschenden … Sorglosigkeit Einhalt zu tun, ihm würde es
heute noch obliegen, Seine Königliche Hoheit rückhaltlos zu belehren …«
Herr von Knobelsdorff lächelte mit emporgezogenen Brauen.
»Wirklich?« sagte er. »Es ist also Eurer Exzellenz Anschauung, daß die
Ernennung des Grafen zu diesem Ende erfolgt ist? Und ich, ich male mir
das berechtigte Erstaunen dieses Edelmannes aus, wenn Sie ihm Ihre
Auffassung der Dinge darlegten. Nein, nein … Exzellenz dürfen sich nicht
darüber täuschen, daß diese Ernennung eine ganz gemessene
Willensäußerung Seiner Königlichen Hoheit in sich schloß, die der
Ernannte als Erster zu achten hatte. Sie bedeutete nicht nur ein Ich-weiß-
nichts, sondern auch ein Ich-will-nichts-wissen. Man kann eine
ausschließlich dekorative Persönlichkeit und dennoch befähigt sein, dies zu
begreifen … Im übrigen … aufrichtig … wir alle haben es begriffen. Und
für uns alle gilt zuletzt nur ein mildernder Umstand: dieser, daß in der Welt
kein Fürst lebt, zu dem von seinen Schulden zu sprechen eine fatalere Sache
wäre als zu Seiner Königlichen Hoheit. Unser Herr hat in seinem Wesen ein
Etwas, das einem solche Mesquinerien auf der Lippe ersterben läßt …«
»Sehr wahr. Sehr wahr«, sagte Herr von Schröder. Er seufzte und
streichelte gedankenvoll den Schwanbesatz seines Hutes. Die beiden Herren
saßen, einander halb zugewandt, an erhöhtem Ort, einem Fensterplatz in
geräumiger Nische, an welcher draußen ein schmaler Steingang vorbeilief,
eine Art Galerie, die durch spitze Bogen den Blick auf das Städtchen
freigab. Herr von Schröder sagte wieder:
»Sie antworten mir, Baron, Sie scheinen mir zu widersprechen, und Ihre
Worte sind im Inneren ungläubiger und bitterer als die meinen.«
Herr von Knobelsdorff schwieg mit einer vagen und anheimgebenden
Geste.
»Es mag sein«, sagte der Finanzminister und nickte trübe auf seinen Hut
hinunter. »Exzellenz mögen recht haben. Vielleicht sind wir alle schuldig,
wir und unsere Vorgänger. Was hätte nicht alles verhindert werden müssen!
Page 18
Sehen Sie, Baron, einmal, es ist zehn Jahre her, bot sich eine Gelegenheit,
die Finanzen des Hofes zu sanieren, zu bessern auch nur, wenn Sie wollen.
Sie ist versäumt worden. Wir verstehen einander. Der Großherzog hatte es
damals, bestrickender Mann, der er ist, in der Hand, die Verhältnisse durch
eine Heirat, die von einem gesunden Standpunkt hätte glänzend genannt
werden können, zu rangieren. Statt dessen … meine persönlichen
Empfindungen beiseite … aber ich vergesse niemals die Jammermiene, mit
der man im ganzen Lande die Ziffer der Mitgift nannte …«
»Die Großherzogin«, sagte Herr von Knobelsdorff, und die Fältchen an
seinen Augenwinkeln verschwanden fast ganz, »ist eine der schönsten
Frauen, die ich je gesehen habe.«
»Eine Erwiderung, die Eurer Exzellenz zu Gesichte steht. Eine
ästhetische Erwiderung. Eine Erwiderung, die Stich halten würde, auch
wenn die Wahl Seiner Königlichen Hoheit, wie die seines Bruders Lambert
auf ein Mitglied des Hofballetts gefallen wäre …«
»Oh, da bestand keine Gefahr. Der Geschmack des Herrn ist schwer zu
befriedigen, er hat es gezeigt. Seine Bedürfnisse haben immer das
Gegenstück zu jenem Mangel an Wahl gebildet, den Prinz Lambert zeit
seines Lebens an den Tag gelegt hat. Er hat sich spät zur Ehe entschlossen.
Man hatte die Hoffnung auf direkte Nachkommenschaft nachgerade
aufgegeben. Man bequemte sich wohl oder übel, in dem Prinzen Lambert,
über dessen … Indisponiertheit wir einig sein werden, den Thronerben zu
sehen. Da, wenige Wochen nach seiner Thronbesteigung lernt Johann
Albrecht die Prinzessin Dorothea kennen, er ruft aus: Diese oder keine! und
das Großherzogtum hat eine Landesmutter. Exzellenz erwähnten der
bedenklichen Mienen, die entstanden, als die Ziffer der Mitgift bekannt
wurde – Sie erwähnten nicht des Jubels, der gleichwohl herrschte. Eine
arme Prinzessin, allerdings. Aber ist die Schönheit, solche Schönheit, eine
beglückende Macht nicht? Unvergeßlich ihr Einzug! Sie war geliebt, als ihr
erstes Lächeln über das schauende Volk hinflog. Exzellenz müssen mir
gestatten, mich wieder einmal zu dem Glauben an den Idealismus des
Volkes zu bekennen. Das Volk will sein Bestes, sein Höheres, seinen Traum,
will irgend etwas wie seine Seele in seinen Fürsten dargestellt sehen – nicht
seinen Geldbeutel. Den zu repräsentieren sind andere Leute da …«
die Finanzen des Hofes zu sanieren, zu bessern auch nur, wenn Sie wollen.
Sie ist versäumt worden. Wir verstehen einander. Der Großherzog hatte es
damals, bestrickender Mann, der er ist, in der Hand, die Verhältnisse durch
eine Heirat, die von einem gesunden Standpunkt hätte glänzend genannt
werden können, zu rangieren. Statt dessen … meine persönlichen
Empfindungen beiseite … aber ich vergesse niemals die Jammermiene, mit
der man im ganzen Lande die Ziffer der Mitgift nannte …«
»Die Großherzogin«, sagte Herr von Knobelsdorff, und die Fältchen an
seinen Augenwinkeln verschwanden fast ganz, »ist eine der schönsten
Frauen, die ich je gesehen habe.«
»Eine Erwiderung, die Eurer Exzellenz zu Gesichte steht. Eine
ästhetische Erwiderung. Eine Erwiderung, die Stich halten würde, auch
wenn die Wahl Seiner Königlichen Hoheit, wie die seines Bruders Lambert
auf ein Mitglied des Hofballetts gefallen wäre …«
»Oh, da bestand keine Gefahr. Der Geschmack des Herrn ist schwer zu
befriedigen, er hat es gezeigt. Seine Bedürfnisse haben immer das
Gegenstück zu jenem Mangel an Wahl gebildet, den Prinz Lambert zeit
seines Lebens an den Tag gelegt hat. Er hat sich spät zur Ehe entschlossen.
Man hatte die Hoffnung auf direkte Nachkommenschaft nachgerade
aufgegeben. Man bequemte sich wohl oder übel, in dem Prinzen Lambert,
über dessen … Indisponiertheit wir einig sein werden, den Thronerben zu
sehen. Da, wenige Wochen nach seiner Thronbesteigung lernt Johann
Albrecht die Prinzessin Dorothea kennen, er ruft aus: Diese oder keine! und
das Großherzogtum hat eine Landesmutter. Exzellenz erwähnten der
bedenklichen Mienen, die entstanden, als die Ziffer der Mitgift bekannt
wurde – Sie erwähnten nicht des Jubels, der gleichwohl herrschte. Eine
arme Prinzessin, allerdings. Aber ist die Schönheit, solche Schönheit, eine
beglückende Macht nicht? Unvergeßlich ihr Einzug! Sie war geliebt, als ihr
erstes Lächeln über das schauende Volk hinflog. Exzellenz müssen mir
gestatten, mich wieder einmal zu dem Glauben an den Idealismus des
Volkes zu bekennen. Das Volk will sein Bestes, sein Höheres, seinen Traum,
will irgend etwas wie seine Seele in seinen Fürsten dargestellt sehen – nicht
seinen Geldbeutel. Den zu repräsentieren sind andere Leute da …«
Page 19
»Sie sind nicht da. Bei uns nicht da.«
»Ein bedauerliches Faktum für sich. Die Hauptsache: Dorothea hat uns
einen Thronfolger beschert …«
»In dem der Himmel einigen Zahlensinn entwickeln möge!«
»Einverstanden …«
Hier endete das Gespräch der beiden Minister. Es brach ab, es wurde
unterbrochen, und zwar dadurch, daß Flügeladjutant von Lichterloh die
glücklich vollzogene Entbindung meldete. Eine Bewegung entstand im
kleinen Bankettsaal, und alle Herren fanden sich plötzlich dort zusammen.
Die eine der großen geschnitzten Türen war lebhaft geöffnet worden, und
der Adjutant stand im Saale. Er hatte ein gerötetes Gesicht, blaue
Soldatenaugen, einen flächsernen gesträubten Schnurrbart und silberne
Gardetressen an seinem Kragen. Bewegt und ein wenig außer sich, wie ein
Mann, der von tödlicher Langeweile erlöst und einer freudigen Nachricht
voll ist, setzte er sich im Gefühl des außerordentlichen Augenblicks keck
über Form und Vorschrift hinweg. Er salutierte lustig, indem er mit
gespreiztem Ellenbogen den Griff seines Säbels beinahe zur Brusthöhe
hinaufzog, und rief mit übermütigem Schnarren: »Melde gehorsamst: Ein
Prinz!«
»A la bonne heure«, sagte Generaladjutant Graf Schmettern.
»Erfreulich, sehr erfreulich, das nenne ich höchst erfreulich!« sagte
Oberhofmarschall von Bühl zu Bühl in seiner plappernden Art; er war
sofort ins Bewußtsein zurückgekehrt.
Oberkirchenratspräsident D. Wislizenus, ein glattgesichtiger Herr von
schöner Turnüre, der als Sohn eines Generals und dank seiner persönlichen
Distinktion in verhältnismäßig jungen Jahren zu seiner hohen Würde
gelangt war, und auf dessen seidigem schwarzen Rock sich ein Ordensstern
wölbte, faltete seine weißen Hände unterhalb der Brust und sagte mit
wohllautender Stimme: »Gott segne Seine Großherzogliche Hoheit!«
»Sie vergessen, Herr Hauptmann,« sagte Herr von Knobelsdorff
lächelnd, »daß Sie mit Ihren Konstatierungen in meine Rechte und Pflichten
eingreifen. Bevor ich nicht über die Sachlage gründlichste Erhebungen
»Ein bedauerliches Faktum für sich. Die Hauptsache: Dorothea hat uns
einen Thronfolger beschert …«
»In dem der Himmel einigen Zahlensinn entwickeln möge!«
»Einverstanden …«
Hier endete das Gespräch der beiden Minister. Es brach ab, es wurde
unterbrochen, und zwar dadurch, daß Flügeladjutant von Lichterloh die
glücklich vollzogene Entbindung meldete. Eine Bewegung entstand im
kleinen Bankettsaal, und alle Herren fanden sich plötzlich dort zusammen.
Die eine der großen geschnitzten Türen war lebhaft geöffnet worden, und
der Adjutant stand im Saale. Er hatte ein gerötetes Gesicht, blaue
Soldatenaugen, einen flächsernen gesträubten Schnurrbart und silberne
Gardetressen an seinem Kragen. Bewegt und ein wenig außer sich, wie ein
Mann, der von tödlicher Langeweile erlöst und einer freudigen Nachricht
voll ist, setzte er sich im Gefühl des außerordentlichen Augenblicks keck
über Form und Vorschrift hinweg. Er salutierte lustig, indem er mit
gespreiztem Ellenbogen den Griff seines Säbels beinahe zur Brusthöhe
hinaufzog, und rief mit übermütigem Schnarren: »Melde gehorsamst: Ein
Prinz!«
»A la bonne heure«, sagte Generaladjutant Graf Schmettern.
»Erfreulich, sehr erfreulich, das nenne ich höchst erfreulich!« sagte
Oberhofmarschall von Bühl zu Bühl in seiner plappernden Art; er war
sofort ins Bewußtsein zurückgekehrt.
Oberkirchenratspräsident D. Wislizenus, ein glattgesichtiger Herr von
schöner Turnüre, der als Sohn eines Generals und dank seiner persönlichen
Distinktion in verhältnismäßig jungen Jahren zu seiner hohen Würde
gelangt war, und auf dessen seidigem schwarzen Rock sich ein Ordensstern
wölbte, faltete seine weißen Hände unterhalb der Brust und sagte mit
wohllautender Stimme: »Gott segne Seine Großherzogliche Hoheit!«
»Sie vergessen, Herr Hauptmann,« sagte Herr von Knobelsdorff
lächelnd, »daß Sie mit Ihren Konstatierungen in meine Rechte und Pflichten
eingreifen. Bevor ich nicht über die Sachlage gründlichste Erhebungen
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angestellt, bleibt die Frage, ob Prinz oder Prinzessin, durchaus
unentschieden …«
Man lachte hierüber, und Herr von Lichterloh antwortete: »Zu Befehl,
Exzellenz! Ich habe denn auch die Ehre, Euere Exzellenz in höchstem
Auftrage zu ersuchen …«
Diese Wechselrede bezog sich auf des Staatsministers Eigenschaft als
Standesbeamter des großherzoglichen Hauses, in welcher Eigenschaft er
berufen und gehalten war, das Geschlecht des fürstlichen Kindes nach
eigenem Augenschein festzustellen und amtlich aufzunehmen. Herr von
Knobelsdorff erledigte diese Formalität in dem sogenannten Frisierkabinett,
wo das Neugeborene gebadet worden war, verweilte sich aber länger dort,
als er selbst erwartet hatte, nachträglich stutzig gemacht und angehalten
durch eine peinliche Beobachtung, über die er zunächst gegen jedermann,
ausgenommen gegen die Hebamme, Stillschweigen bewahrte.
Die Doktorin Gnadebusch enthüllte ihm das Kind, und ihre hinter den
dicken Brillengläsern geheimnisvoll glänzenden Augen gingen zwischen
dem Staatsminister und dem kleinen kupferfarbenen und mit einem – nur
einem – Händchen blindlings greifenden Wesen hin und her, als wollte sie
fragen: »Stimmt es?« – Es stimmte, Herr von Knobelsdorff war befriedigt,
und die weise Frau hüllte das Kind wieder ein. Aber auch dann noch ließ sie
nicht ab, auf den Prinzen nieder und zu dem Baron emporzublicken, bis sie
seine Augen dorthin gelenkt hatte, wo sie sie haben wollte. Die Fältchen an
seinen Augenwinkeln verschwanden, er zog die Brauen zusammen, prüfte,
verglich, betastete, untersuchte den Fall zwei, drei Minuten lang und fragte
schließlich: »Hat der Großherzog das schon gesehen?«
»Nein, Exzellenz.«
»Wenn der Großherzog das sieht,« sprach Herr von Knobelsdorff, »so
sagen Sie ihm, daß es sich auswächst.«
Und den Herren im Hoch-Erdgeschoß berichtete er: »Ein kräftiger
Prinz!«
Aber zehn oder fünfzehn Minuten nach ihm machte auch der Großherzog
die mißliche Entdeckung – das war unvermeidlich und hatte für Generalarzt
Eschrich eine kurze, außerordentlich unangenehme Szene zur Folge, für den
unentschieden …«
Man lachte hierüber, und Herr von Lichterloh antwortete: »Zu Befehl,
Exzellenz! Ich habe denn auch die Ehre, Euere Exzellenz in höchstem
Auftrage zu ersuchen …«
Diese Wechselrede bezog sich auf des Staatsministers Eigenschaft als
Standesbeamter des großherzoglichen Hauses, in welcher Eigenschaft er
berufen und gehalten war, das Geschlecht des fürstlichen Kindes nach
eigenem Augenschein festzustellen und amtlich aufzunehmen. Herr von
Knobelsdorff erledigte diese Formalität in dem sogenannten Frisierkabinett,
wo das Neugeborene gebadet worden war, verweilte sich aber länger dort,
als er selbst erwartet hatte, nachträglich stutzig gemacht und angehalten
durch eine peinliche Beobachtung, über die er zunächst gegen jedermann,
ausgenommen gegen die Hebamme, Stillschweigen bewahrte.
Die Doktorin Gnadebusch enthüllte ihm das Kind, und ihre hinter den
dicken Brillengläsern geheimnisvoll glänzenden Augen gingen zwischen
dem Staatsminister und dem kleinen kupferfarbenen und mit einem – nur
einem – Händchen blindlings greifenden Wesen hin und her, als wollte sie
fragen: »Stimmt es?« – Es stimmte, Herr von Knobelsdorff war befriedigt,
und die weise Frau hüllte das Kind wieder ein. Aber auch dann noch ließ sie
nicht ab, auf den Prinzen nieder und zu dem Baron emporzublicken, bis sie
seine Augen dorthin gelenkt hatte, wo sie sie haben wollte. Die Fältchen an
seinen Augenwinkeln verschwanden, er zog die Brauen zusammen, prüfte,
verglich, betastete, untersuchte den Fall zwei, drei Minuten lang und fragte
schließlich: »Hat der Großherzog das schon gesehen?«
»Nein, Exzellenz.«
»Wenn der Großherzog das sieht,« sprach Herr von Knobelsdorff, »so
sagen Sie ihm, daß es sich auswächst.«
Und den Herren im Hoch-Erdgeschoß berichtete er: »Ein kräftiger
Prinz!«
Aber zehn oder fünfzehn Minuten nach ihm machte auch der Großherzog
die mißliche Entdeckung – das war unvermeidlich und hatte für Generalarzt
Eschrich eine kurze, außerordentlich unangenehme Szene zur Folge, für den
Page 21
Grimmburger Doktor Sammet aber eine Unterredung mit dem Großherzog,
die ihn sehr in dessen Achtung steigen ließ und ihm in seiner späteren
Laufbahn von Nutzen war. Kurz zusammengefaßt, ging dies alles vor sich
wie folgt.
Während der Nachgeburt hatte Johann Albrecht sich wieder in der
»Bibliothek« aufgehalten und sich dann einige Zeit, Hand in Hand mit
seiner Gemahlin, am Wochenbette verweilt. Hierauf begab er sich in das
»Frisierkabinett«, wo der Säugling nun in seinem hohen, zierlich
vergoldeten und halb von einer blauseidenen Gardine umhüllten Bettchen
lag, und ließ sich in einem rasch herzugezogenen Armstuhl zur Seite seines
kleinen Sohnes nieder. Aber während er saß und das schlummernde Kind
betrachtete, geschah es, daß er wahrnahm, was man ihm gern noch verhehlt
hätte. Er zog die Decke weiter zurück, verfinsterte sich und tat dann alles,
was vor ihm Herr von Knobelsdorff getan hatte, sah nacheinander die
Doktorin Gnadebusch und die Wärterin an, die verstummten, warf einen
Blick auf die angelehnte Tür zur Kemenate und kehrte erregten Schrittes in
die Bibliothek zurück.
Hier ließ er sofort die silberne, mit einem Adler geschmückte
Druckglocke ertönen, die auf dem Schreibtisch stand, und sagte zu Herrn
von Lichterloh, der klirrend eintrat, sehr kurz und kalt: »Ich ersuche Herrn
Eschrich.«
Wenn der Großherzog auf eine Person seiner Umgebung zornig war, so
pflegte er den Betreffenden für den Augenblick all seiner Titel und Würden
zu entkleiden und ihm nichts als seinen nackten Namen zu lassen.
Der Flügeladjutant klirrte aufs neue mit seinen Sporen und zog sich
zurück. Johann Albrecht schritt ein paarmal heftig knarrend durch das
Gemach und nahm dann, als er hörte, daß Herr von Lichterloh den
Befohlenen in das Vorzimmer einführte, am Schreibtisch Audienzhaltung
an.
Wie er dastand, den Kopf herrisch ins Halbprofil gewandt, die Linke, die
den mit Atlas ausgeschlagenen Gehrock von der weißen Weste
hinwegraffte, fest in die Hüfte gestemmt, glich er genau seinem Porträt von
der Hand des Professors von Lindemann, welches, als Gegenstück zu dem
Dorotheas, im Residenzschloß im »Saal der zwölf Monate« zur Seite des
die ihn sehr in dessen Achtung steigen ließ und ihm in seiner späteren
Laufbahn von Nutzen war. Kurz zusammengefaßt, ging dies alles vor sich
wie folgt.
Während der Nachgeburt hatte Johann Albrecht sich wieder in der
»Bibliothek« aufgehalten und sich dann einige Zeit, Hand in Hand mit
seiner Gemahlin, am Wochenbette verweilt. Hierauf begab er sich in das
»Frisierkabinett«, wo der Säugling nun in seinem hohen, zierlich
vergoldeten und halb von einer blauseidenen Gardine umhüllten Bettchen
lag, und ließ sich in einem rasch herzugezogenen Armstuhl zur Seite seines
kleinen Sohnes nieder. Aber während er saß und das schlummernde Kind
betrachtete, geschah es, daß er wahrnahm, was man ihm gern noch verhehlt
hätte. Er zog die Decke weiter zurück, verfinsterte sich und tat dann alles,
was vor ihm Herr von Knobelsdorff getan hatte, sah nacheinander die
Doktorin Gnadebusch und die Wärterin an, die verstummten, warf einen
Blick auf die angelehnte Tür zur Kemenate und kehrte erregten Schrittes in
die Bibliothek zurück.
Hier ließ er sofort die silberne, mit einem Adler geschmückte
Druckglocke ertönen, die auf dem Schreibtisch stand, und sagte zu Herrn
von Lichterloh, der klirrend eintrat, sehr kurz und kalt: »Ich ersuche Herrn
Eschrich.«
Wenn der Großherzog auf eine Person seiner Umgebung zornig war, so
pflegte er den Betreffenden für den Augenblick all seiner Titel und Würden
zu entkleiden und ihm nichts als seinen nackten Namen zu lassen.
Der Flügeladjutant klirrte aufs neue mit seinen Sporen und zog sich
zurück. Johann Albrecht schritt ein paarmal heftig knarrend durch das
Gemach und nahm dann, als er hörte, daß Herr von Lichterloh den
Befohlenen in das Vorzimmer einführte, am Schreibtisch Audienzhaltung
an.
Wie er dastand, den Kopf herrisch ins Halbprofil gewandt, die Linke, die
den mit Atlas ausgeschlagenen Gehrock von der weißen Weste
hinwegraffte, fest in die Hüfte gestemmt, glich er genau seinem Porträt von
der Hand des Professors von Lindemann, welches, als Gegenstück zu dem
Dorotheas, im Residenzschloß im »Saal der zwölf Monate« zur Seite des
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großen Spiegels über dem Kamine hing und von dem zahllose
Nachbildungen, Photographien und illustrierte Postkarten im Publikum
verbreitet waren. Der Unterschied war nur der, daß Johann Albrecht auf
jenem Bildnis von heldischer Figur erschien, während er in Wirklichkeit
kaum mittelgroß war. Seine Stirne war hoch vor Kahlheit, und unter
ergrauten Brauen blickten seine blauen Augen, matt umschattet, mit einem
müden Hochmut ins Weite. Er hatte die breiten, ein wenig zu hoch
sitzenden Wangenknochen, die ein Merkmal seines Volkes waren. Sein
Backenbart und das Bärtchen an der Unterlippe waren grau, der gedrehte
Schnurrbart beinahe schon weiß. Von den geblähten Flügeln seiner
gedrungenen, aber vornehm gebogenen Nase liefen zwei ungewöhnlich tief
schürfende Furchen schräg in den Bart hinab. In dem Ausschnitt seiner
Pikeeweste leuchtete das zitronengelbe Band des Hausordens zur
Beständigkeit. Im Knopfloch trug der Großherzog ein Nelkensträußchen.
Generalarzt Eschrich war mit tiefer Verbeugung eingetreten. Er hatte sein
Operationsgewand abgelegt. Sein gelähmtes Augenlid hing schwerer als
sonst über den Augapfel hinab. Er machte einen finsteren und unseligen
Eindruck.
Der Großherzog, die Linke in der Hüfte, warf den Kopf zurück, streckte
die Rechte aus und bewegte sie, die Handfläche nach oben, mehrmals kurz
und ungeduldig in der Luft hin und her.
»Ich erwarte eine Erklärung, eine Rechtfertigung, Herr Generalarzt«,
sagte er mit vor Gereiztheit schwankender Stimme. »Sie werden die Güte
haben, mir Rede zu stehen. Was ist das mit dem Arm des Kindes?«
Der Leibarzt hob ein wenig die Arme – eine schwache Geste der
Ohnmacht und der Schuldlosigkeit. Er sagte:
»Geruhen Königliche Hoheit … Ein unglücklicher Zufall. Ungünstige
Umstände während der Schwangerschaft Ihrer Königlichen Hoheit …«
»Das sind Phrasen!« Der Großherzog war so erregt, daß er eine
Rechtfertigung nicht einmal wünschte, sie geradezu verhinderte. »Ich
bemerke Ihnen, mein Herr, daß ich außer mir bin. Unglücklicher Zufall! Sie
hatten unglückliche Zufälle hintanzuhalten …«
Nachbildungen, Photographien und illustrierte Postkarten im Publikum
verbreitet waren. Der Unterschied war nur der, daß Johann Albrecht auf
jenem Bildnis von heldischer Figur erschien, während er in Wirklichkeit
kaum mittelgroß war. Seine Stirne war hoch vor Kahlheit, und unter
ergrauten Brauen blickten seine blauen Augen, matt umschattet, mit einem
müden Hochmut ins Weite. Er hatte die breiten, ein wenig zu hoch
sitzenden Wangenknochen, die ein Merkmal seines Volkes waren. Sein
Backenbart und das Bärtchen an der Unterlippe waren grau, der gedrehte
Schnurrbart beinahe schon weiß. Von den geblähten Flügeln seiner
gedrungenen, aber vornehm gebogenen Nase liefen zwei ungewöhnlich tief
schürfende Furchen schräg in den Bart hinab. In dem Ausschnitt seiner
Pikeeweste leuchtete das zitronengelbe Band des Hausordens zur
Beständigkeit. Im Knopfloch trug der Großherzog ein Nelkensträußchen.
Generalarzt Eschrich war mit tiefer Verbeugung eingetreten. Er hatte sein
Operationsgewand abgelegt. Sein gelähmtes Augenlid hing schwerer als
sonst über den Augapfel hinab. Er machte einen finsteren und unseligen
Eindruck.
Der Großherzog, die Linke in der Hüfte, warf den Kopf zurück, streckte
die Rechte aus und bewegte sie, die Handfläche nach oben, mehrmals kurz
und ungeduldig in der Luft hin und her.
»Ich erwarte eine Erklärung, eine Rechtfertigung, Herr Generalarzt«,
sagte er mit vor Gereiztheit schwankender Stimme. »Sie werden die Güte
haben, mir Rede zu stehen. Was ist das mit dem Arm des Kindes?«
Der Leibarzt hob ein wenig die Arme – eine schwache Geste der
Ohnmacht und der Schuldlosigkeit. Er sagte:
»Geruhen Königliche Hoheit … Ein unglücklicher Zufall. Ungünstige
Umstände während der Schwangerschaft Ihrer Königlichen Hoheit …«
»Das sind Phrasen!« Der Großherzog war so erregt, daß er eine
Rechtfertigung nicht einmal wünschte, sie geradezu verhinderte. »Ich
bemerke Ihnen, mein Herr, daß ich außer mir bin. Unglücklicher Zufall! Sie
hatten unglückliche Zufälle hintanzuhalten …«
Page 23
Der Generalarzt stand in halber Verneigung da und sprach mit
unterwürfig gesenkter Stimme auf den Fußboden hinab.
»Ich bitte gehorsamst, erinnern zu dürfen, daß ich zum wenigsten nicht
allein die Verantwortung trage. Geheimrat Grasanger hat Ihre Königliche
Hoheit untersucht – eine gynäkologische Autorität … Aber niemanden kann
in diesem Falle Verantwortung treffen …«
»Niemanden … Ah! Ich erlaube mir, Sie verantwortlich zu machen …
Sie stehen mir ein … Sie haben die Schwangerschaft überwacht, die
Entbindung geleitet. Ich habe auf die Kenntnisse gebaut, die Ihrem Range
entsprechen, Herr Generalarzt, ich habe in Ihre Erfahrung Vertrauen gesetzt.
Ich bin schwer getäuscht, schwer enttäuscht. Der Erfolg Ihrer
Gewissenhaftigkeit besteht darin, daß ein … krüppelhaftes Kind ins Leben
tritt …«
»Wollen Königliche Hoheit allergnädigst erwägen …«
»Ich habe erwogen. Ich habe gewogen und zu leicht befunden. Ich
danke!«
Generalarzt Eschrich entfernte sich rückwärts, in gebeugter Haltung. Im
Vorzimmer zuckte er die Achseln, sehr rot im Gesicht. Der Großherzog
schritt wieder in der »Bibliothek« auf und ab, knarrend in seinem
fürstlichen Zorn, unbillig, unbelehrt und töricht in seiner Einsamkeit. Sei es
aber, daß er den Leibarzt noch weiter zu kränken wünschte oder daß er es
bereute, sich selbst um jede Aufklärung gebracht zu haben – nach zehn
Minuten trat das Unerwartete ein, daß der Großherzog durch Herrn von
Lichterloh den jungen Doktor Sammet zu sich in die »Bibliothek« befehlen
ließ.
Der Doktor, als er die Nachricht empfing, sagte wieder: »Ganz gern …
ganz gern …« und verfärbte sich sogar ein wenig, benahm sich dann aber
ausgezeichnet. Zwar beherrschte er die Form nicht völlig und verbeugte
sich zu früh, schon in der Tür, so daß der Adjutant diese nicht hinter ihm
schließen konnte und ihm die Bitte zuraunen mußte, weiter vorzutreten;
dann aber stand er frei und angenehm da und antwortete befriedigend,
obgleich er die Gewohnheit zeigte, beim Sprechen ein wenig schwer, mit
zögernden Vorlauten anzusetzen und häufig, wie zu schlichter Bekräftigung,
unterwürfig gesenkter Stimme auf den Fußboden hinab.
»Ich bitte gehorsamst, erinnern zu dürfen, daß ich zum wenigsten nicht
allein die Verantwortung trage. Geheimrat Grasanger hat Ihre Königliche
Hoheit untersucht – eine gynäkologische Autorität … Aber niemanden kann
in diesem Falle Verantwortung treffen …«
»Niemanden … Ah! Ich erlaube mir, Sie verantwortlich zu machen …
Sie stehen mir ein … Sie haben die Schwangerschaft überwacht, die
Entbindung geleitet. Ich habe auf die Kenntnisse gebaut, die Ihrem Range
entsprechen, Herr Generalarzt, ich habe in Ihre Erfahrung Vertrauen gesetzt.
Ich bin schwer getäuscht, schwer enttäuscht. Der Erfolg Ihrer
Gewissenhaftigkeit besteht darin, daß ein … krüppelhaftes Kind ins Leben
tritt …«
»Wollen Königliche Hoheit allergnädigst erwägen …«
»Ich habe erwogen. Ich habe gewogen und zu leicht befunden. Ich
danke!«
Generalarzt Eschrich entfernte sich rückwärts, in gebeugter Haltung. Im
Vorzimmer zuckte er die Achseln, sehr rot im Gesicht. Der Großherzog
schritt wieder in der »Bibliothek« auf und ab, knarrend in seinem
fürstlichen Zorn, unbillig, unbelehrt und töricht in seiner Einsamkeit. Sei es
aber, daß er den Leibarzt noch weiter zu kränken wünschte oder daß er es
bereute, sich selbst um jede Aufklärung gebracht zu haben – nach zehn
Minuten trat das Unerwartete ein, daß der Großherzog durch Herrn von
Lichterloh den jungen Doktor Sammet zu sich in die »Bibliothek« befehlen
ließ.
Der Doktor, als er die Nachricht empfing, sagte wieder: »Ganz gern …
ganz gern …« und verfärbte sich sogar ein wenig, benahm sich dann aber
ausgezeichnet. Zwar beherrschte er die Form nicht völlig und verbeugte
sich zu früh, schon in der Tür, so daß der Adjutant diese nicht hinter ihm
schließen konnte und ihm die Bitte zuraunen mußte, weiter vorzutreten;
dann aber stand er frei und angenehm da und antwortete befriedigend,
obgleich er die Gewohnheit zeigte, beim Sprechen ein wenig schwer, mit
zögernden Vorlauten anzusetzen und häufig, wie zu schlichter Bekräftigung,
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ein »Ja« zwischen seinen Sätzen einzuschalten. Er trug sein dunkelblondes
Haar bürstenartig beschnitten und den Schnurrbart sorglos hängend. Kinn
und Wangen waren sauber rasiert und ein wenig wund davon. Er hielt den
Kopf leicht seitwärts geneigt, und der Blick seiner grauen Augen sprach
von Klugheit und tätiger Sanftmut. Seine Nase, zu flach auf den
Schnurrbart abfallend, deutete auf seine Herkunft hin. Er hatte zum Frack
eine schwarze Halsbinde angelegt, und seine gewichsten Stiefel waren von
ländlichem Zuschnitt. Eine Hand an seiner silbernen Uhrkette, hielt er den
Ellenbogen dicht am Oberkörper. Redlichkeit und Sachlichkeit waren in
seiner Erscheinung ausgedrückt; sie erweckte Vertrauen.
Der Großherzog redete ihn ungewöhnlich gnädig an, ein wenig in der Art
eines Lehrers, der einen schlechten Schüler gescholten hat und sich in
plötzlicher Milde zu einem anderen wendet.
»Herr Doktor, ich habe Sie bitten lassen … Ich wünsche Auskunft von
Ihnen in betreff dieser Erscheinung an dem Körper des neugeborenen
Prinzen … Ich nehme an, daß sie Ihnen nicht entgangen ist … Ich stehe vor
einem Rätsel … einem äußerst schmerzlichen Rätsel … Mit einem Wort,
ich bitte um Ihre Ansicht.« Und der Großherzog, die Stellung wechselnd,
endete mit einer vollkommen schönen Handbewegung, die dem Doktor das
Wort ließ.
Doktor Sammet sah ihm still und aufmerksam zu, wartete gleichsam ab,
bis der Großherzog mit seinem ganzen fürstlichen Benehmen fertig war.
Dann sagte er: »Ja. – Es handelt sich also um einen Fall, der zwar nicht
allzuhäufig eintritt, der uns aber doch wohlbekannt und vertraut ist. Ja. Es
ist im wesentlichen ein Fall von Atrophie.«
»Ich muß bitten … ›Atrophie‹ …«
»Verzeihung, Königliche Hoheit. Ich meine von Verkümmerung. Ja.«
»Sehr richtig. Verkümmerung. Das trifft zu. Die linke Hand ist
verkümmert. Aber das ist unerhört! Ich begreife das nicht! Niemals ist
dergleichen in meiner Familie vorgekommen. Man spricht neuerdings von
Vererbung …«
Wieder betrachtete der Doktor still und aufmerksam diesen entrückten
und gebietenden Herrn, zu dem ganz kürzlich die Kunde gedrungen war,
Haar bürstenartig beschnitten und den Schnurrbart sorglos hängend. Kinn
und Wangen waren sauber rasiert und ein wenig wund davon. Er hielt den
Kopf leicht seitwärts geneigt, und der Blick seiner grauen Augen sprach
von Klugheit und tätiger Sanftmut. Seine Nase, zu flach auf den
Schnurrbart abfallend, deutete auf seine Herkunft hin. Er hatte zum Frack
eine schwarze Halsbinde angelegt, und seine gewichsten Stiefel waren von
ländlichem Zuschnitt. Eine Hand an seiner silbernen Uhrkette, hielt er den
Ellenbogen dicht am Oberkörper. Redlichkeit und Sachlichkeit waren in
seiner Erscheinung ausgedrückt; sie erweckte Vertrauen.
Der Großherzog redete ihn ungewöhnlich gnädig an, ein wenig in der Art
eines Lehrers, der einen schlechten Schüler gescholten hat und sich in
plötzlicher Milde zu einem anderen wendet.
»Herr Doktor, ich habe Sie bitten lassen … Ich wünsche Auskunft von
Ihnen in betreff dieser Erscheinung an dem Körper des neugeborenen
Prinzen … Ich nehme an, daß sie Ihnen nicht entgangen ist … Ich stehe vor
einem Rätsel … einem äußerst schmerzlichen Rätsel … Mit einem Wort,
ich bitte um Ihre Ansicht.« Und der Großherzog, die Stellung wechselnd,
endete mit einer vollkommen schönen Handbewegung, die dem Doktor das
Wort ließ.
Doktor Sammet sah ihm still und aufmerksam zu, wartete gleichsam ab,
bis der Großherzog mit seinem ganzen fürstlichen Benehmen fertig war.
Dann sagte er: »Ja. – Es handelt sich also um einen Fall, der zwar nicht
allzuhäufig eintritt, der uns aber doch wohlbekannt und vertraut ist. Ja. Es
ist im wesentlichen ein Fall von Atrophie.«
»Ich muß bitten … ›Atrophie‹ …«
»Verzeihung, Königliche Hoheit. Ich meine von Verkümmerung. Ja.«
»Sehr richtig. Verkümmerung. Das trifft zu. Die linke Hand ist
verkümmert. Aber das ist unerhört! Ich begreife das nicht! Niemals ist
dergleichen in meiner Familie vorgekommen. Man spricht neuerdings von
Vererbung …«
Wieder betrachtete der Doktor still und aufmerksam diesen entrückten
und gebietenden Herrn, zu dem ganz kürzlich die Kunde gedrungen war,
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daß man neuerdings von Vererbung spreche. Er antwortete einfach:
»Verzeihung, Königliche Hoheit; aber von Vererbung kann in dem
vorliegenden Fall auch gar nicht die Rede sein.«
»Ach! Wirklich nicht!« sagte der Großherzog ein wenig spöttisch. »Ich
empfinde das als Genugtuung. Aber wollen Sie mir freundlichst sagen,
wovon denn eigentlich die Rede sein kann.«
»Ganz gern, Königliche Hoheit. Die Mißbildung hat eine rein
mechanische Ursache, ja. Sie ist bewirkt worden durch eine mechanische
Hemmung während der Entwicklung des Fruchtkeimes. Solche
Mißbildungen nennen wir Hemmungsbildungen, ja.«
Der Großherzog horchte mit einem ängstlichen Ekel; er fürchtete
sichtlich die Wirkung jedes neuen Wortes auf seine Empfindlichkeit. Er
hielt die Brauen zusammengezogen und den Mund geöffnet; seine beiden in
den Bart verlaufenden Furchen schienen noch tiefer dadurch. Er sagte:
»Hemmungsbildungen … Aber wie in aller Welt … ich kann nicht zweifeln,
daß jede Sorgfalt angewandt worden ist …«
»Hemmungsbildungen,« antwortete Doktor Sammet, »können auf
verschiedene Weise entstehen. Aber man kann mit ziemlicher Gewißheit
sagen, daß in unserem Falle … in diesem Falle das Amnion die Schuld
trägt.«
»Ich muß bitten … ›Das Amnion‹ …«
»Das ist eine der Eihäute, Königliche Hoheit. Ja. Und unter gewissen
Umständen kann sich die Abhebung dieser Eihaut vom Embryo verzögern
und so schwerfällig vor sich gehen, daß sich Fäden und Stränge zwischen
beiden ausziehen … amniotische Fäden, wie wir sie nennen, ja. Diese
Fäden können gefährlich werden, denn sie können ganze Gliedmaßen des
Kindes umschlingen und umschnüren, können zum Beispiel einer Hand
völlig die Lebenswege unterbinden und sie allenfalls amputieren, ja.«
»Mein Gott … amputieren. Man muß also noch dankbar sein, daß es
nicht zu einer Amputation der Hand gekommen ist?«
»Das hätte geschehen können. Ja. Aber es hat mit einer Abschnürung und
infolge davon mit einer Atrophie sein Bewenden gehabt.«
»Verzeihung, Königliche Hoheit; aber von Vererbung kann in dem
vorliegenden Fall auch gar nicht die Rede sein.«
»Ach! Wirklich nicht!« sagte der Großherzog ein wenig spöttisch. »Ich
empfinde das als Genugtuung. Aber wollen Sie mir freundlichst sagen,
wovon denn eigentlich die Rede sein kann.«
»Ganz gern, Königliche Hoheit. Die Mißbildung hat eine rein
mechanische Ursache, ja. Sie ist bewirkt worden durch eine mechanische
Hemmung während der Entwicklung des Fruchtkeimes. Solche
Mißbildungen nennen wir Hemmungsbildungen, ja.«
Der Großherzog horchte mit einem ängstlichen Ekel; er fürchtete
sichtlich die Wirkung jedes neuen Wortes auf seine Empfindlichkeit. Er
hielt die Brauen zusammengezogen und den Mund geöffnet; seine beiden in
den Bart verlaufenden Furchen schienen noch tiefer dadurch. Er sagte:
»Hemmungsbildungen … Aber wie in aller Welt … ich kann nicht zweifeln,
daß jede Sorgfalt angewandt worden ist …«
»Hemmungsbildungen,« antwortete Doktor Sammet, »können auf
verschiedene Weise entstehen. Aber man kann mit ziemlicher Gewißheit
sagen, daß in unserem Falle … in diesem Falle das Amnion die Schuld
trägt.«
»Ich muß bitten … ›Das Amnion‹ …«
»Das ist eine der Eihäute, Königliche Hoheit. Ja. Und unter gewissen
Umständen kann sich die Abhebung dieser Eihaut vom Embryo verzögern
und so schwerfällig vor sich gehen, daß sich Fäden und Stränge zwischen
beiden ausziehen … amniotische Fäden, wie wir sie nennen, ja. Diese
Fäden können gefährlich werden, denn sie können ganze Gliedmaßen des
Kindes umschlingen und umschnüren, können zum Beispiel einer Hand
völlig die Lebenswege unterbinden und sie allenfalls amputieren, ja.«
»Mein Gott … amputieren. Man muß also noch dankbar sein, daß es
nicht zu einer Amputation der Hand gekommen ist?«
»Das hätte geschehen können. Ja. Aber es hat mit einer Abschnürung und
infolge davon mit einer Atrophie sein Bewenden gehabt.«
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»Und das war nicht zu erkennen, nicht vorauszusehen, nicht zu
verhindern?«
»Nein, Königliche Hoheit. Durchaus nicht. Es steht ganz fest, daß
niemanden irgendwelches Verschulden trifft. Solche Hemmungen tun im
Verborgenen ihr Werk. Wir sind ohnmächtig ihnen gegenüber. Ja.«
»Und die Mißbildung ist unheilbar? Die Hand wird verkümmert
bleiben?«
Doktor Sammet zögerte, er sah den Großherzog gütig an.
»Ein völliger Ausgleich wird sich nicht herstellen, das nicht«, sagte er
behutsam. »Aber auch die verkümmerte Hand wird sich doch
verhältnismäßig ein wenig entwickeln, o ja, das immerhin …«
»Wird sie brauchbar sein? Gebrauchsfähig? Beispielsweise … zum
Halten des Zügels oder zu Handbewegungen, wie man sie macht …«
»Brauchbar … ein wenig … Vielleicht nicht sehr. Auch ist ja die rechte
Hand da, die ganz gesund ist.«
»Wird es sehr sichtbar sein?« fragte der Großherzog und forschte
sorgenvoll in Doktor Sammets Gesicht … »Sehr auffällig? Wird es die
Gesamterscheinung sehr beeinträchtigen, meinen Sie?«
»Viele Leute«, antwortete Doktor Sammet ausweichend, »leben und
wirken unter schwereren Beeinträchtigungen. Ja.«
Der Großherzog wandte sich ab und tat einen Gang durch das Gemach.
Doktor Sammet machte ihm ehrerbietig Platz dazu, indem er sich bis zur
Tür zurückzog. Schließlich nahm der Großherzog wieder am Schreibtisch
Stellung und sagte:
»Ich bin nun unterrichtet, Herr Doktor; ich danke für Ihren Vortrag. Sie
verstehen Ihre Sache, das ist keine Frage. Warum leben Sie in Grimmburg?
Warum praktizieren Sie nicht in der Residenz?«
»Ich bin noch jung, Königliche Hoheit, und bevor ich mich in der
Hauptstadt einer Spezialpraxis widme, möchte ich mich einige Jahre lang
verhindern?«
»Nein, Königliche Hoheit. Durchaus nicht. Es steht ganz fest, daß
niemanden irgendwelches Verschulden trifft. Solche Hemmungen tun im
Verborgenen ihr Werk. Wir sind ohnmächtig ihnen gegenüber. Ja.«
»Und die Mißbildung ist unheilbar? Die Hand wird verkümmert
bleiben?«
Doktor Sammet zögerte, er sah den Großherzog gütig an.
»Ein völliger Ausgleich wird sich nicht herstellen, das nicht«, sagte er
behutsam. »Aber auch die verkümmerte Hand wird sich doch
verhältnismäßig ein wenig entwickeln, o ja, das immerhin …«
»Wird sie brauchbar sein? Gebrauchsfähig? Beispielsweise … zum
Halten des Zügels oder zu Handbewegungen, wie man sie macht …«
»Brauchbar … ein wenig … Vielleicht nicht sehr. Auch ist ja die rechte
Hand da, die ganz gesund ist.«
»Wird es sehr sichtbar sein?« fragte der Großherzog und forschte
sorgenvoll in Doktor Sammets Gesicht … »Sehr auffällig? Wird es die
Gesamterscheinung sehr beeinträchtigen, meinen Sie?«
»Viele Leute«, antwortete Doktor Sammet ausweichend, »leben und
wirken unter schwereren Beeinträchtigungen. Ja.«
Der Großherzog wandte sich ab und tat einen Gang durch das Gemach.
Doktor Sammet machte ihm ehrerbietig Platz dazu, indem er sich bis zur
Tür zurückzog. Schließlich nahm der Großherzog wieder am Schreibtisch
Stellung und sagte:
»Ich bin nun unterrichtet, Herr Doktor; ich danke für Ihren Vortrag. Sie
verstehen Ihre Sache, das ist keine Frage. Warum leben Sie in Grimmburg?
Warum praktizieren Sie nicht in der Residenz?«
»Ich bin noch jung, Königliche Hoheit, und bevor ich mich in der
Hauptstadt einer Spezialpraxis widme, möchte ich mich einige Jahre lang
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recht vielseitig beschäftigen, auf alle Weise üben und umtun. Dazu bietet
ein Landstädtchen wie Grimmburg die beste Gelegenheit. Ja.«
»Sehr ernst, sehr respektabel. Welchem Spezialgebiet denken Sie sich
später zuzuwenden?«
»Den Kinderkrankheiten, Königliche Hoheit. Ich beabsichtige,
Kinderarzt zu werden. Ja.«
»Sie sind Jude?« fragte der Großherzog, indem er den Kopf zurückwarf
und die Augen zusammenkniff …
»Ja, Königliche Hoheit.«
»Ah. – Wollen Sie mir noch die Frage beantworten … Haben Sie Ihre
Herkunft je als ein Hindernis auf Ihrem Wege, als Nachteil im beruflichen
Wettstreit empfunden? Ich frage als Landesherr, dem die bedingungslose
und private, nicht nur amtliche Geltung des paritätischen Prinzips besonders
am Herzen liegt.«
»Jedermann im Großherzogtum«, antwortete Doktor Sammet, »hat das
Recht zu arbeiten.« Aber dann sagte er noch mehr, setzte beschwerlich an,
ließ ein paar zögernde Vorlaute vernehmen, indem er auf eine linkisch-
leidenschaftliche Art seinen Ellenbogen wie einen kurzen Flügel bewegte,
und fügte mit gedämpfter, aber innerlich eifriger und bedrängter Stimme
hinzu: »Kein gleichstellendes Prinzip, wenn ich mir diese Bemerkung
erlauben darf, wird je verhindern können, daß sich inmitten des
gemeinsamen Lebens Ausnahmen und Sonderformen erhalten, die in einem
erhabenen oder anrüchigen Sinne vor der bürgerlichen Norm ausgezeichnet
sind. Der einzelne wird gut tun, nicht nach der Art seiner Sonderstellung zu
fragen, sondern in der Auszeichnung das Wesentliche zu sehen und
jedenfalls eine außerordentliche Verpflichtung daraus abzuleiten. Man ist
gegen die regelrechte und darum bequeme Mehrzahl nicht im Nachteil,
sondern im Vorteil, wenn man eine Veranlassung mehr als sie zu
ungewöhnlichen Leistungen hat. Ja. Ja«, wiederholte Doktor Sammet. Es
war die Antwort, die er mit zweimaligem Ja bekräftigte.
»Gut … nicht übel, sehr bemerkenswert wenigstens«, sagte der
Großherzog abwägend. Etwas Vertrautes, aber auch etwas wie eine
Ausschreitung schien ihm in Doktor Sammets Worten zu liegen. Er
ein Landstädtchen wie Grimmburg die beste Gelegenheit. Ja.«
»Sehr ernst, sehr respektabel. Welchem Spezialgebiet denken Sie sich
später zuzuwenden?«
»Den Kinderkrankheiten, Königliche Hoheit. Ich beabsichtige,
Kinderarzt zu werden. Ja.«
»Sie sind Jude?« fragte der Großherzog, indem er den Kopf zurückwarf
und die Augen zusammenkniff …
»Ja, Königliche Hoheit.«
»Ah. – Wollen Sie mir noch die Frage beantworten … Haben Sie Ihre
Herkunft je als ein Hindernis auf Ihrem Wege, als Nachteil im beruflichen
Wettstreit empfunden? Ich frage als Landesherr, dem die bedingungslose
und private, nicht nur amtliche Geltung des paritätischen Prinzips besonders
am Herzen liegt.«
»Jedermann im Großherzogtum«, antwortete Doktor Sammet, »hat das
Recht zu arbeiten.« Aber dann sagte er noch mehr, setzte beschwerlich an,
ließ ein paar zögernde Vorlaute vernehmen, indem er auf eine linkisch-
leidenschaftliche Art seinen Ellenbogen wie einen kurzen Flügel bewegte,
und fügte mit gedämpfter, aber innerlich eifriger und bedrängter Stimme
hinzu: »Kein gleichstellendes Prinzip, wenn ich mir diese Bemerkung
erlauben darf, wird je verhindern können, daß sich inmitten des
gemeinsamen Lebens Ausnahmen und Sonderformen erhalten, die in einem
erhabenen oder anrüchigen Sinne vor der bürgerlichen Norm ausgezeichnet
sind. Der einzelne wird gut tun, nicht nach der Art seiner Sonderstellung zu
fragen, sondern in der Auszeichnung das Wesentliche zu sehen und
jedenfalls eine außerordentliche Verpflichtung daraus abzuleiten. Man ist
gegen die regelrechte und darum bequeme Mehrzahl nicht im Nachteil,
sondern im Vorteil, wenn man eine Veranlassung mehr als sie zu
ungewöhnlichen Leistungen hat. Ja. Ja«, wiederholte Doktor Sammet. Es
war die Antwort, die er mit zweimaligem Ja bekräftigte.
»Gut … nicht übel, sehr bemerkenswert wenigstens«, sagte der
Großherzog abwägend. Etwas Vertrautes, aber auch etwas wie eine
Ausschreitung schien ihm in Doktor Sammets Worten zu liegen. Er
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verabschiedete den jungen Mann mit den Worten: »Lieber Doktor, meine
Zeit ist gemessen. Ich danke Ihnen. Diese Unterredung – von ihrer
peinlichen Veranlassung abgesehen – hat mich sehr befriedigt. Ich mache
mir das Vergnügen, Ihnen das Albrechtskreuz dritter Klasse mit der Krone
zu verleihen. Ich werde mich Ihrer erinnern. Ich danke.«
Dies war das Gespräch des Grimmburger Arztes mit dem Großherzog.
Ganz kurz darauf verließ Johann Albrecht die Burg und kehrte mit Extrazug
in die Residenz zurück, hauptsächlich um sich der festlich bewegten
Bevölkerung zu zeigen, dann aber auch, um im Stadtschloß mehrere
Audienzen zu erteilen. Es stand fest, daß er abends auf die Stammburg
zurückkehren und für die nächsten Wochen dort Wohnung nehmen würde.
Alle Herren, welche sich zu der Entbindung auf Grimmburg eingefunden
hatten und nicht zum Hofstaat der Großherzogin gehörten, wurden ebenfalls
von dem Extrazuge der unrentablen Lokalbahn aufgenommen und fuhren
zum Teil in unmittelbarer Gesellschaft des Monarchen. Aber den Weg von
der Burg zur Station legte der Großherzog allein mit dem Staatsminister
von Knobelsdorff im offenen Landauer zurück, einem der braun lackierten
Hofwagen mit der kleinen goldenen Krone am Schlage. Die weißen Federn
auf dem Hute des Leibjägers vorn flatterten im Sommerwinde. Johann
Albrecht war ernst und stumm auf dieser Fahrt, zeigte sich bedrückt und
grämlich; und obgleich Herr von Knobelsdorff wußte, daß der Großherzog
es auch im intimen Verkehr schlecht ertrug, daß man ungefragt und ohne
Aufforderung das Wort an ihn richte, so unternahm er es endlich doch, das
Schweigen zu brechen.
»Königliche Hoheit«, sagte er bittend, »scheinen sich die kleine
Anomalie, die man am Körper des Prinzen ausfindig gemacht hat, so sehr
zu Herzen zu nehmen … Dennoch sollte man glauben, daß an diesem Tage
die Beweggründe zur Freude und stolzen Dankbarkeit so sehr
überwiegen …«
»Ach, lieber Knobelsdorff,« antwortete Johann Albrecht gereizt und
beinahe weinerlich, »Sie werden mir meine Verstimmung nachsehen, Sie
werden nicht geradezu verlangen, daß ich trällere. Ich sehe keinerlei
Veranlassung dazu. Die Großherzogin befindet sich wohl – nun gewiß. Und
das Kind ist ein Knabe – nochmals gut. Aber da kommt es nun mit einer
Zeit ist gemessen. Ich danke Ihnen. Diese Unterredung – von ihrer
peinlichen Veranlassung abgesehen – hat mich sehr befriedigt. Ich mache
mir das Vergnügen, Ihnen das Albrechtskreuz dritter Klasse mit der Krone
zu verleihen. Ich werde mich Ihrer erinnern. Ich danke.«
Dies war das Gespräch des Grimmburger Arztes mit dem Großherzog.
Ganz kurz darauf verließ Johann Albrecht die Burg und kehrte mit Extrazug
in die Residenz zurück, hauptsächlich um sich der festlich bewegten
Bevölkerung zu zeigen, dann aber auch, um im Stadtschloß mehrere
Audienzen zu erteilen. Es stand fest, daß er abends auf die Stammburg
zurückkehren und für die nächsten Wochen dort Wohnung nehmen würde.
Alle Herren, welche sich zu der Entbindung auf Grimmburg eingefunden
hatten und nicht zum Hofstaat der Großherzogin gehörten, wurden ebenfalls
von dem Extrazuge der unrentablen Lokalbahn aufgenommen und fuhren
zum Teil in unmittelbarer Gesellschaft des Monarchen. Aber den Weg von
der Burg zur Station legte der Großherzog allein mit dem Staatsminister
von Knobelsdorff im offenen Landauer zurück, einem der braun lackierten
Hofwagen mit der kleinen goldenen Krone am Schlage. Die weißen Federn
auf dem Hute des Leibjägers vorn flatterten im Sommerwinde. Johann
Albrecht war ernst und stumm auf dieser Fahrt, zeigte sich bedrückt und
grämlich; und obgleich Herr von Knobelsdorff wußte, daß der Großherzog
es auch im intimen Verkehr schlecht ertrug, daß man ungefragt und ohne
Aufforderung das Wort an ihn richte, so unternahm er es endlich doch, das
Schweigen zu brechen.
»Königliche Hoheit«, sagte er bittend, »scheinen sich die kleine
Anomalie, die man am Körper des Prinzen ausfindig gemacht hat, so sehr
zu Herzen zu nehmen … Dennoch sollte man glauben, daß an diesem Tage
die Beweggründe zur Freude und stolzen Dankbarkeit so sehr
überwiegen …«
»Ach, lieber Knobelsdorff,« antwortete Johann Albrecht gereizt und
beinahe weinerlich, »Sie werden mir meine Verstimmung nachsehen, Sie
werden nicht geradezu verlangen, daß ich trällere. Ich sehe keinerlei
Veranlassung dazu. Die Großherzogin befindet sich wohl – nun gewiß. Und
das Kind ist ein Knabe – nochmals gut. Aber da kommt es nun mit einer
Page 29
Atrophie zur Welt, einer Hemmungsbildung, veranlaßt durch amniotische
Fäden. Niemand hat schuld daran, es ist ein Unglück. Aber die
Unglücksfälle, an denen niemand schuld ist, das sind die eigentlich
schrecklichen Unglücksfälle, und der Anblick des Fürsten soll seinem Volke
andere Empfindungen erwecken als Mitleid. Der Erbgroßherzog ist zart,
man muß beständig für ihn fürchten. Es war ein Wunder, daß er vor zwei
Jahren die Rippenfellentzündung überstand, und es wird nicht viel weniger
als ein Wunder sein, wenn er zu Jahren gelangt. Nun schenkt mir der
Himmel einen zweiten Sohn – er scheint kräftig, aber er kommt mit einer
Hand zur Welt. Die andere ist verkümmert, unbrauchbar, eine Mißbildung,
er muß sie verstecken. Welche Erschwerung! Welch Hindernis! Er muß es
beständig vor der Welt bravieren. Man wird es allmählich bekanntmachen
müssen, damit es bei seinem ersten öffentlichen Hervortreten nicht allzu
anstößig wirkt. Nein, ich komme noch nicht hinweg darüber. Ein Prinz mit
einer Hand …«
»Mit einer Hand«, sagte Herr von Knobelsdorff. »Sollten Königliche
Hoheit diese Wendung mit Absicht wiederholen?«
»Mit Absicht?«
»Also nicht?… Denn der Prinz hat ja zwei Hände, nur daß die eine
verkümmert ist und daß man, wenn man will, also sagen kann, es sei ein
Prinz mit einer Hand.«
»Nun also?«
»Und daß man also fast wünschen müßte, nicht Eurer Königlichen
Hoheit zweiter Sohn, sondern der unter der Krone geborene möchte der
Träger dieser kleinen Mißgestaltung sein.«
»Was sagen Sie da?«
»Nun, Königliche Hoheit werden mich auslachen; aber ich denke an die
Zigeunerin.«
»Die Zigeunerin? Ich bin geduldig, lieber Baron!«
»An die Zigeunerin – Verzeihung! – die das Erscheinen eines Fürsten aus
Eurer Königlichen Hoheit Haus – eines Fürsten ›mit einer Hand‹ – das ist
Fäden. Niemand hat schuld daran, es ist ein Unglück. Aber die
Unglücksfälle, an denen niemand schuld ist, das sind die eigentlich
schrecklichen Unglücksfälle, und der Anblick des Fürsten soll seinem Volke
andere Empfindungen erwecken als Mitleid. Der Erbgroßherzog ist zart,
man muß beständig für ihn fürchten. Es war ein Wunder, daß er vor zwei
Jahren die Rippenfellentzündung überstand, und es wird nicht viel weniger
als ein Wunder sein, wenn er zu Jahren gelangt. Nun schenkt mir der
Himmel einen zweiten Sohn – er scheint kräftig, aber er kommt mit einer
Hand zur Welt. Die andere ist verkümmert, unbrauchbar, eine Mißbildung,
er muß sie verstecken. Welche Erschwerung! Welch Hindernis! Er muß es
beständig vor der Welt bravieren. Man wird es allmählich bekanntmachen
müssen, damit es bei seinem ersten öffentlichen Hervortreten nicht allzu
anstößig wirkt. Nein, ich komme noch nicht hinweg darüber. Ein Prinz mit
einer Hand …«
»Mit einer Hand«, sagte Herr von Knobelsdorff. »Sollten Königliche
Hoheit diese Wendung mit Absicht wiederholen?«
»Mit Absicht?«
»Also nicht?… Denn der Prinz hat ja zwei Hände, nur daß die eine
verkümmert ist und daß man, wenn man will, also sagen kann, es sei ein
Prinz mit einer Hand.«
»Nun also?«
»Und daß man also fast wünschen müßte, nicht Eurer Königlichen
Hoheit zweiter Sohn, sondern der unter der Krone geborene möchte der
Träger dieser kleinen Mißgestaltung sein.«
»Was sagen Sie da?«
»Nun, Königliche Hoheit werden mich auslachen; aber ich denke an die
Zigeunerin.«
»Die Zigeunerin? Ich bin geduldig, lieber Baron!«
»An die Zigeunerin – Verzeihung! – die das Erscheinen eines Fürsten aus
Eurer Königlichen Hoheit Haus – eines Fürsten ›mit einer Hand‹ – das ist
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die überlieferte Wendung – vor hundert Jahren geweissagt und an das
Erscheinen dieses Fürsten eine gewisse, sonderbar formulierte Verheißung
geknüpft hat.«
Der Großherzog wandte sich im Fond und blickte stumm in Herrn von
Knobelsdorffs Augen, an deren äußeren Winkeln die strahlenförmigen
Fältchen spielten.
»Sehr unterhaltend!« sagte er dann und setzte sich wieder zurecht.
»Prophezeiungen«, fuhr Herr von Knobelsdorff fort, »pflegen sich in der
Weise zu erfüllen, daß Umstände eintreten, die man, einigen guten Willen
vorausgesetzt, in ihrem Sinne deuten kann. Und gerade durch die
großzügige Fassung jeder rechten Weissagung wird das sehr erleichtert.
›Mit einer Hand‹ – das ist guter Orakelstil. Die Wirklichkeit bringt einen
mäßigen Fall von Atrophie. Aber damit, daß sie das tut, ist viel geschehen,
denn wer hindert mich, wer hindert das Volk, die Andeutung für das Ganze
zu nehmen und den bedingenden Teil der Weissagung für erfüllt zu
erklären? Das Volk wird es tun, und zwar spätestens dann, wenn auch das
Weitere, die eigentliche Verheißung, sich irgend bewahrheiten sollte, es
wird reimen und deuten, wie es das immer getan hat, um erfüllt zu sehen,
was geschrieben steht. Ich sehe nicht klar – der Prinz ist zweitgeboren, er
wird nicht regieren, die Meinung des Schicksals ist dunkel. Aber der
einhändige Prinz ist da – und so möge er uns denn geben, soviel er
vermag.«
Der Großherzog schwieg, im Innern durchschauert von dynastischen
Träumereien.
»Nun, Knobelsdorff, ich will Ihnen nicht böse sein. Sie wollen mich
trösten, und Sie machen Ihre Sache nicht übel. Aber man nimmt uns in
Anspruch …«
Die Luft schwang von entferntem, vielstimmigem Hochgeschrei.
Grimmburger Publikum staute sich schwärzlich an der Station hinter dem
Kordon. Amtliche Personen standen in Erwartung der Equipagen einzeln
davor. Man bemerkte den Bürgermeister, wie er den Zylinder lüftete, sich
mit dem bedruckten Schnupftuch die Stirn trocknete und einen Zettel vor
die Augen führte, dessen Inhalt er memorierte. Johann Albrecht nahm die
Erscheinen dieses Fürsten eine gewisse, sonderbar formulierte Verheißung
geknüpft hat.«
Der Großherzog wandte sich im Fond und blickte stumm in Herrn von
Knobelsdorffs Augen, an deren äußeren Winkeln die strahlenförmigen
Fältchen spielten.
»Sehr unterhaltend!« sagte er dann und setzte sich wieder zurecht.
»Prophezeiungen«, fuhr Herr von Knobelsdorff fort, »pflegen sich in der
Weise zu erfüllen, daß Umstände eintreten, die man, einigen guten Willen
vorausgesetzt, in ihrem Sinne deuten kann. Und gerade durch die
großzügige Fassung jeder rechten Weissagung wird das sehr erleichtert.
›Mit einer Hand‹ – das ist guter Orakelstil. Die Wirklichkeit bringt einen
mäßigen Fall von Atrophie. Aber damit, daß sie das tut, ist viel geschehen,
denn wer hindert mich, wer hindert das Volk, die Andeutung für das Ganze
zu nehmen und den bedingenden Teil der Weissagung für erfüllt zu
erklären? Das Volk wird es tun, und zwar spätestens dann, wenn auch das
Weitere, die eigentliche Verheißung, sich irgend bewahrheiten sollte, es
wird reimen und deuten, wie es das immer getan hat, um erfüllt zu sehen,
was geschrieben steht. Ich sehe nicht klar – der Prinz ist zweitgeboren, er
wird nicht regieren, die Meinung des Schicksals ist dunkel. Aber der
einhändige Prinz ist da – und so möge er uns denn geben, soviel er
vermag.«
Der Großherzog schwieg, im Innern durchschauert von dynastischen
Träumereien.
»Nun, Knobelsdorff, ich will Ihnen nicht böse sein. Sie wollen mich
trösten, und Sie machen Ihre Sache nicht übel. Aber man nimmt uns in
Anspruch …«
Die Luft schwang von entferntem, vielstimmigem Hochgeschrei.
Grimmburger Publikum staute sich schwärzlich an der Station hinter dem
Kordon. Amtliche Personen standen in Erwartung der Equipagen einzeln
davor. Man bemerkte den Bürgermeister, wie er den Zylinder lüftete, sich
mit dem bedruckten Schnupftuch die Stirn trocknete und einen Zettel vor
die Augen führte, dessen Inhalt er memorierte. Johann Albrecht nahm die
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Miene an, mit der er die schlichte Ansprache entgegennehmen und kurz und
gnädig beantworten würde: »Mein lieber Herr Bürgermeister …« Das
Städtchen war beflaggt; seine Glocken läuteten.
Alle Glocken der Hauptstadt läuteten. Und abends war
Freudenbeleuchtung dort, ohne besondere Aufforderung von seiten des
Magistrats, aus freien Stücken – große Illumination in allen Bezirken der
Stadt.
gnädig beantworten würde: »Mein lieber Herr Bürgermeister …« Das
Städtchen war beflaggt; seine Glocken läuteten.
Alle Glocken der Hauptstadt läuteten. Und abends war
Freudenbeleuchtung dort, ohne besondere Aufforderung von seiten des
Magistrats, aus freien Stücken – große Illumination in allen Bezirken der
Stadt.
Page 32
Das Land
Das Land maß achttausend Quadratkilometer und zählte eine Million
Einwohner.
Ein schönes, stilles, unhastiges Land. Die Wipfel seiner Wälder rauschten
verträumt; seine Äcker dehnten und breiteten sich, treu bestellt; sein
Gewerbewesen war unentwickelt bis zur Dürftigkeit.
Es besaß Ziegeleien, es besaß ein wenig Salz- und Silberbergbau – das
war fast alles. Man konnte allenfalls noch von einer Fremdenindustrie
reden, aber sie schwunghaft zu nennen, wäre kühn gewesen. Die
alkalischen Heilquellen, die in unmittelbarer Nähe der Hauptstadt dem
Boden entsprangen und den Mittelpunkt freundlicher Badeanlagen bildeten,
machten die Residenz zum Kurort. Aber während das Bad um den Ausgang
des Mittelalters von weither besucht gewesen war, hatte sich später sein Ruf
verloren, war von den Namen anderer übertönt und in Vergessenheit
gebracht worden. Die gehaltvollste seiner Quellen, Ditlindenquelle genannt,
ungewöhnlich reich an Lithiumsalzen, hatte man erst kürzlich, unter der
Regierung Johann Albrechts III., erschürft. Und da es an einem
nachdrücklichen und hinlänglich marktschreierischen Betriebe fehlte, war
es noch nicht gelungen, ihr Wasser in der Welt zu Ehren zu bringen. Man
versandte hunderttausend Flaschen davon im Jahr – eher weniger als mehr.
Und nicht viele Fremde reisten herbei, um es an Ort und Stelle zu
trinken …
Alljährlich war im Landtage von »wenig« günstigen finanziellen
Ergebnissen der Verkehrsanstalten die Rede, womit ein durchaus und
vollständig ungünstiges Ergebnis bezeichnet und festgestellt werden sollte,
daß die Lokalbahnen sich nicht rentierten und die Eisenbahnen nichts
abwarfen – betrübende, aber unabänderliche und eingewurzelte Tatsachen,
Das Land maß achttausend Quadratkilometer und zählte eine Million
Einwohner.
Ein schönes, stilles, unhastiges Land. Die Wipfel seiner Wälder rauschten
verträumt; seine Äcker dehnten und breiteten sich, treu bestellt; sein
Gewerbewesen war unentwickelt bis zur Dürftigkeit.
Es besaß Ziegeleien, es besaß ein wenig Salz- und Silberbergbau – das
war fast alles. Man konnte allenfalls noch von einer Fremdenindustrie
reden, aber sie schwunghaft zu nennen, wäre kühn gewesen. Die
alkalischen Heilquellen, die in unmittelbarer Nähe der Hauptstadt dem
Boden entsprangen und den Mittelpunkt freundlicher Badeanlagen bildeten,
machten die Residenz zum Kurort. Aber während das Bad um den Ausgang
des Mittelalters von weither besucht gewesen war, hatte sich später sein Ruf
verloren, war von den Namen anderer übertönt und in Vergessenheit
gebracht worden. Die gehaltvollste seiner Quellen, Ditlindenquelle genannt,
ungewöhnlich reich an Lithiumsalzen, hatte man erst kürzlich, unter der
Regierung Johann Albrechts III., erschürft. Und da es an einem
nachdrücklichen und hinlänglich marktschreierischen Betriebe fehlte, war
es noch nicht gelungen, ihr Wasser in der Welt zu Ehren zu bringen. Man
versandte hunderttausend Flaschen davon im Jahr – eher weniger als mehr.
Und nicht viele Fremde reisten herbei, um es an Ort und Stelle zu
trinken …
Alljährlich war im Landtage von »wenig« günstigen finanziellen
Ergebnissen der Verkehrsanstalten die Rede, womit ein durchaus und
vollständig ungünstiges Ergebnis bezeichnet und festgestellt werden sollte,
daß die Lokalbahnen sich nicht rentierten und die Eisenbahnen nichts
abwarfen – betrübende, aber unabänderliche und eingewurzelte Tatsachen,
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die der Verkehrsminister in lichtvollen, aber immer wiederkehrenden
Ausführungen mit den friedlichen kommerziellen und gewerblichen
Verhältnissen des Landes sowie mit der Unzulänglichkeit der heimischen
Kohlenlager erklärte. Krittler fügten dem etwas von mangelhaft
organisierter Verwaltung der staatlichen Verkehrsanstalten hinzu. Aber
Widerspruchsgeist und Verneinung waren nicht stark im Landtage; eine
schwerfällige und treuherzige Loyalität war unter den Volksvertretern die
vorherrschende Stimmung.
Die Eisenbahnrente stand also unter den Staatseinkünften
privatwirtschaftlicher Natur keineswegs an erster Stelle; an erster Stelle
stand in diesem Wald- und Ackerlande seit alters die Forstrente. Daß auch
sie gesunken, in einem erschreckenden Maße zurückgegangen war, das zu
rechtfertigen hatte größere Schwierigkeiten, wiewohl nur zu ausreichende
Gründe dafür vorhanden waren.
Das Volk liebte seinen Wald. Es war ein blonder und gedrungener Typ
mit blauen, grübelnden Augen und breiten, ein wenig zu hoch sitzenden
Backenknochen, ein Menschenschlag, sinnig und bieder, gesund und
rückständig. Es hing an dem Wald seines Landes mit den Kräften seines
Gemütes, er lebte in seinen Liedern, er war den Künstlern, die es
hervorbrachte, Ursprung und Heimat ihrer Eingebungen, und nicht nur im
Hinblick auf Gaben des Geistes und der Seele, die er spendete, war er
füglich der Gegenstand volkstümlicher Dankbarkeit. Die Armen lasen ihr
Brennholz im Walde, er schenkte es ihnen, sie hatten es frei. Sie gingen
gebückt, sie sammelten allerlei Beeren und Pilze zwischen seinen Stämmen
und hatten ein wenig Verdienst davon. Das war nicht alles. Das Volk sah
ein, daß sein Wald auf die Witterungsbeschaffenheit und gesundheitlichen
Verhältnisse des Landes vom entscheidendsten günstigen Einfluß war; es
wußte wohl, daß ohne den prächtigen Wald in der Umgebung der Residenz
der Quellengarten dort draußen sich nie mit zahlenden Fremden füllen
würde; und kurz, dies nicht sehr betriebsame und fortgeschrittene Volk hätte
begreifen müssen, daß der Wald den wichtigsten Vorzug, den auf jede Art
ergiebigsten Stammbesitz des Landes bedeutete.
Dennoch hatte man sich am Walde versündigt, gefrevelt daran seit Jahren
und Menschenaltern. Der großherzoglichen Staatsforstverwaltung waren die
schwersten Vorwürfe nicht zu ersparen. Dieser Behörde gebrach es an der
Ausführungen mit den friedlichen kommerziellen und gewerblichen
Verhältnissen des Landes sowie mit der Unzulänglichkeit der heimischen
Kohlenlager erklärte. Krittler fügten dem etwas von mangelhaft
organisierter Verwaltung der staatlichen Verkehrsanstalten hinzu. Aber
Widerspruchsgeist und Verneinung waren nicht stark im Landtage; eine
schwerfällige und treuherzige Loyalität war unter den Volksvertretern die
vorherrschende Stimmung.
Die Eisenbahnrente stand also unter den Staatseinkünften
privatwirtschaftlicher Natur keineswegs an erster Stelle; an erster Stelle
stand in diesem Wald- und Ackerlande seit alters die Forstrente. Daß auch
sie gesunken, in einem erschreckenden Maße zurückgegangen war, das zu
rechtfertigen hatte größere Schwierigkeiten, wiewohl nur zu ausreichende
Gründe dafür vorhanden waren.
Das Volk liebte seinen Wald. Es war ein blonder und gedrungener Typ
mit blauen, grübelnden Augen und breiten, ein wenig zu hoch sitzenden
Backenknochen, ein Menschenschlag, sinnig und bieder, gesund und
rückständig. Es hing an dem Wald seines Landes mit den Kräften seines
Gemütes, er lebte in seinen Liedern, er war den Künstlern, die es
hervorbrachte, Ursprung und Heimat ihrer Eingebungen, und nicht nur im
Hinblick auf Gaben des Geistes und der Seele, die er spendete, war er
füglich der Gegenstand volkstümlicher Dankbarkeit. Die Armen lasen ihr
Brennholz im Walde, er schenkte es ihnen, sie hatten es frei. Sie gingen
gebückt, sie sammelten allerlei Beeren und Pilze zwischen seinen Stämmen
und hatten ein wenig Verdienst davon. Das war nicht alles. Das Volk sah
ein, daß sein Wald auf die Witterungsbeschaffenheit und gesundheitlichen
Verhältnisse des Landes vom entscheidendsten günstigen Einfluß war; es
wußte wohl, daß ohne den prächtigen Wald in der Umgebung der Residenz
der Quellengarten dort draußen sich nie mit zahlenden Fremden füllen
würde; und kurz, dies nicht sehr betriebsame und fortgeschrittene Volk hätte
begreifen müssen, daß der Wald den wichtigsten Vorzug, den auf jede Art
ergiebigsten Stammbesitz des Landes bedeutete.
Dennoch hatte man sich am Walde versündigt, gefrevelt daran seit Jahren
und Menschenaltern. Der großherzoglichen Staatsforstverwaltung waren die
schwersten Vorwürfe nicht zu ersparen. Dieser Behörde gebrach es an der
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politischen Einsicht, daß der Wald als ein unveräußerliches Gemeingut
erhalten und bewahrt werden mußte, wenn er nicht nur den gegenwärtigen,
sondern auch den kommenden Geschlechtern Nutzen gewähren sollte, und
daß es sich rächen mußte, wenn man ihn, uneingedenk der Zukunft,
zugunsten der Gegenwart maßlos und kurzsichtig ausbeutete.
Das war geschehen und geschah noch immer. Erstens hatte man große
Flächen des Waldbodens in ihrer Fruchtbarkeit erschöpft, indem man sie
beständig in übertriebener und planloser Weise ihres Streudüngers beraubt
hatte. Man war darin wiederholt so weit gegangen, daß man da und dort
nicht nur die jüngst gefallene Nadel- und Laubdecke, sondern den größten
Teil des Abfalls von Jahren teils als Streu, teils als Humus entfernt und der
Landwirtschaft überliefert hatte. Es gab viele Forsten, die von aller
Fruchterde entblößt waren; es gab solche, die infolge Streurechens zu
Krüppelbeständen entartet waren; und das war bei Gemeindewaldungen
sowohl wie bei Staatswaldungen zu beobachten.
Wenn man diese Nutzungen vorgenommen hatte, um einem
augenblicklichen Notstand der Landwirtschaft abzuhelfen, so waren sie
schlecht und recht zu entschuldigen gewesen. Aber obgleich es nicht an
Stimmen fehlte, die einen auf die Verwendung von Waldstreu gegründeten
Ackerbau für unratsam, ja gefährlich erklärten, so trieb man den
Streuhandel auch ohne besonderen Anlaß aus rein fiskalischen Gründen,
wie man sagte, aus Gründen also, die bei Lichte betrachtet nur ein Grund
und Zweck waren, der nämlich, Geld zu machen. Denn das Geld war's,
woran es fehlte. Aber um welches zu schaffen, vergriff man sich unablässig
am Kapital, bis der Tag kam, da man mit Schrecken ersah, daß eine
ungeahnte Entwertung dieses Kapitals eingetreten sei.
Man war ein Bauernvolk, und in einem verkehrten, künstlichen und
unangemessenen Eifer glaubte man zeitgemäß zu sein und rücksichtslosen
Geschäftsgeist an den Tag legen zu müssen. Ein Merkmal war die
Milchwirtschaft … es ist hier ein Wort darüber zu sagen. Klage ward laut,
zumal in den amtsärztlichen Jahresberichten, daß ein Rückgang in der
Ernährungsweise und also in der Entwicklung der ländlichen Bevölkerung
zu beobachten sei. Wie das? Die Viehbesitzer waren versessen darauf, alle
verfügbare Vollmilch zu Gelde zu machen. Die gewerbliche Ausbildung der
Milchverwertung, die Entwicklung und Ergiebigkeit des Molkereiwesens
erhalten und bewahrt werden mußte, wenn er nicht nur den gegenwärtigen,
sondern auch den kommenden Geschlechtern Nutzen gewähren sollte, und
daß es sich rächen mußte, wenn man ihn, uneingedenk der Zukunft,
zugunsten der Gegenwart maßlos und kurzsichtig ausbeutete.
Das war geschehen und geschah noch immer. Erstens hatte man große
Flächen des Waldbodens in ihrer Fruchtbarkeit erschöpft, indem man sie
beständig in übertriebener und planloser Weise ihres Streudüngers beraubt
hatte. Man war darin wiederholt so weit gegangen, daß man da und dort
nicht nur die jüngst gefallene Nadel- und Laubdecke, sondern den größten
Teil des Abfalls von Jahren teils als Streu, teils als Humus entfernt und der
Landwirtschaft überliefert hatte. Es gab viele Forsten, die von aller
Fruchterde entblößt waren; es gab solche, die infolge Streurechens zu
Krüppelbeständen entartet waren; und das war bei Gemeindewaldungen
sowohl wie bei Staatswaldungen zu beobachten.
Wenn man diese Nutzungen vorgenommen hatte, um einem
augenblicklichen Notstand der Landwirtschaft abzuhelfen, so waren sie
schlecht und recht zu entschuldigen gewesen. Aber obgleich es nicht an
Stimmen fehlte, die einen auf die Verwendung von Waldstreu gegründeten
Ackerbau für unratsam, ja gefährlich erklärten, so trieb man den
Streuhandel auch ohne besonderen Anlaß aus rein fiskalischen Gründen,
wie man sagte, aus Gründen also, die bei Lichte betrachtet nur ein Grund
und Zweck waren, der nämlich, Geld zu machen. Denn das Geld war's,
woran es fehlte. Aber um welches zu schaffen, vergriff man sich unablässig
am Kapital, bis der Tag kam, da man mit Schrecken ersah, daß eine
ungeahnte Entwertung dieses Kapitals eingetreten sei.
Man war ein Bauernvolk, und in einem verkehrten, künstlichen und
unangemessenen Eifer glaubte man zeitgemäß zu sein und rücksichtslosen
Geschäftsgeist an den Tag legen zu müssen. Ein Merkmal war die
Milchwirtschaft … es ist hier ein Wort darüber zu sagen. Klage ward laut,
zumal in den amtsärztlichen Jahresberichten, daß ein Rückgang in der
Ernährungsweise und also in der Entwicklung der ländlichen Bevölkerung
zu beobachten sei. Wie das? Die Viehbesitzer waren versessen darauf, alle
verfügbare Vollmilch zu Gelde zu machen. Die gewerbliche Ausbildung der
Milchverwertung, die Entwicklung und Ergiebigkeit des Molkereiwesens
Page 35
verlockte sie, das Bedürfnis des eigenen Haushaltes hintanzustellen. Die
kräftige Milchnahrung ward selten auf dem Lande, und an ihre Stelle trat
mehr und mehr der Genuß von gehaltarmer Magermilch, von
minderwertigen Ersatzmitteln, Pflanzenfetten und leider auch von
weingeisthaltigen Getränken. Die Krittler sprachen von einer
Unterernährung, ja geradezu von einer körperlichen und sittlichen
Entkräftung der Landbevölkerung, sie brachten die Tatsachen vor die
Kammer, und die Regierung versprach, der Sache ernste Aufmerksamkeit
zuzuwenden.
Aber es war allzu klar, daß die Regierung im Grund von demselben
Geiste beseelt war wie die irregeführten Viehbesitzer. Im Staatswalde
nahmen die Überhauungen kein Ende, sie waren nicht wieder einzubringen
und bedeuteten eine fortschreitende Minderung des öffentlichen
Besitzstandes. Sie mochten zuweilen nötig gewesen sein, wenn Schädlinge
den Wald heimgesucht hatten, aber oft genug waren sie einzig und allein
aus den angeführten fiskalischen Gründen verfügt worden, und statt die aus
den Fällungen erzielten Einnahmen zum Ankaufe neuer Forstgrundstücke
zu benutzen, statt auch nur die abgehauenen Flächen so rasch als möglich
wieder aufzuforsten, statt, mit einem Worte, den Schaden, der dem
Staatswalde an seinem Kapitalwert erwachsen war, auch an seinem
Kapitalwerte wieder gutzumachen, hatte man die flüssig gemachten Gelder
zur Deckung laufender Ausgaben und zur Einlösung von
Schuldverschreibungen verbraucht. Nun schien gewiß, daß eine
Verringerung der Staatsschuld nur zu wünschenswert sei; aber die Krittler
meinten, die Zeiten seien nicht danach angetan, daß man außerordentliche
Einkünfte zur Speisung der Tilgungskasse verwenden dürfe.
Wer kein Interesse daran hatte, die Dinge zu beschönigen, mußte die
Staatsfinanzen zerrüttet nennen. Das Land trug sechshundert Millionen
Schulden – es schleppte daran mit Geduld, mit Opfermut, aber mit
innerlichem Seufzen. Denn die Bürde, an sich viel zu schwer, wurde
verdreifacht durch eine Höhe des Zinsfußes und durch
Rückzahlungsbedingungen, wie sie einem Lande mit erschüttertem Kredit
vorgeschrieben werden, dessen Obligationen tief, tief im Kurse stehen und
das in der Welt der Geldgeber beinahe schon unter die »interessanten«
Länder gerechnet wird.
kräftige Milchnahrung ward selten auf dem Lande, und an ihre Stelle trat
mehr und mehr der Genuß von gehaltarmer Magermilch, von
minderwertigen Ersatzmitteln, Pflanzenfetten und leider auch von
weingeisthaltigen Getränken. Die Krittler sprachen von einer
Unterernährung, ja geradezu von einer körperlichen und sittlichen
Entkräftung der Landbevölkerung, sie brachten die Tatsachen vor die
Kammer, und die Regierung versprach, der Sache ernste Aufmerksamkeit
zuzuwenden.
Aber es war allzu klar, daß die Regierung im Grund von demselben
Geiste beseelt war wie die irregeführten Viehbesitzer. Im Staatswalde
nahmen die Überhauungen kein Ende, sie waren nicht wieder einzubringen
und bedeuteten eine fortschreitende Minderung des öffentlichen
Besitzstandes. Sie mochten zuweilen nötig gewesen sein, wenn Schädlinge
den Wald heimgesucht hatten, aber oft genug waren sie einzig und allein
aus den angeführten fiskalischen Gründen verfügt worden, und statt die aus
den Fällungen erzielten Einnahmen zum Ankaufe neuer Forstgrundstücke
zu benutzen, statt auch nur die abgehauenen Flächen so rasch als möglich
wieder aufzuforsten, statt, mit einem Worte, den Schaden, der dem
Staatswalde an seinem Kapitalwert erwachsen war, auch an seinem
Kapitalwerte wieder gutzumachen, hatte man die flüssig gemachten Gelder
zur Deckung laufender Ausgaben und zur Einlösung von
Schuldverschreibungen verbraucht. Nun schien gewiß, daß eine
Verringerung der Staatsschuld nur zu wünschenswert sei; aber die Krittler
meinten, die Zeiten seien nicht danach angetan, daß man außerordentliche
Einkünfte zur Speisung der Tilgungskasse verwenden dürfe.
Wer kein Interesse daran hatte, die Dinge zu beschönigen, mußte die
Staatsfinanzen zerrüttet nennen. Das Land trug sechshundert Millionen
Schulden – es schleppte daran mit Geduld, mit Opfermut, aber mit
innerlichem Seufzen. Denn die Bürde, an sich viel zu schwer, wurde
verdreifacht durch eine Höhe des Zinsfußes und durch
Rückzahlungsbedingungen, wie sie einem Lande mit erschüttertem Kredit
vorgeschrieben werden, dessen Obligationen tief, tief im Kurse stehen und
das in der Welt der Geldgeber beinahe schon unter die »interessanten«
Länder gerechnet wird.
Page 36
Die Reihe der schlechten Finanzperioden war unabsehbar. Die Ära der
Fehlbeträge schien ohne Anfang und Ende. Und eine Mißwirtschaft, an der
durch häufigen Personenwechsel nichts gebessert wurde, sah im Borgen die
alleinige Heilmethode gegen das schleichende Leiden. Noch Finanzminister
von Schröder, dessen reiner Charakter und edle Absichten nicht in Zweifel
gezogen werden sollen, erhielt vom Großherzog dafür den persönlichen
Adel, daß er unter den schwierigsten Umständen eine neue
hochverzinsliche Anleihe zu placieren gewußt hatte. Er war von Herzen auf
eine Hebung des Staatskredits bedacht; aber da er sich nicht anders zu
helfen wußte, als indem er neue Schulden machte, während er alte tilgte, so
erwies sich sein Verfahren als ein wohlgemeintes, aber kostspieliges
Blendwerk. Denn beim gleichzeitigen Aufkauf und Verkauf von
Schuldscheinen zahlte man einen höheren Preis als man erhielt, und dabei
gingen Millionen verloren.
Es war, als ob dies Volk nicht imstande sei, einen Finanzmann von irgend
zulänglicher Begabung aus seiner Mitte emporzuheben. Anstößige
Praktiken und Vertuschungsmittelchen waren zuzeiten im Schwange. In der
Aufstellung des Budgets war der ordentliche vom außerordentlichen
Staatsbedarf nicht mehr klar zu unterscheiden. Man spielte ordentliche
Posten unter die außerordentlichen und täuschte sich selbst und die Welt
über den wahren Stand der Dinge, indem man Anleihen, die vorgeblich für
außerordentliche Zwecke gemacht waren, zur Deckung des Defizits im
ordentlichen Etat verwandte … Eine Zeitlang war tatsächlich der Inhaber
des Finanzportefeuilles ein ehemaliger Hofmarschall.
Doktor Krippenreuther, der gegen Ende der Regierung Johann
Albrechts III. ans Ruder kam, war derjenige Minister, welcher, gleich Herrn
von Schröder, von der Notwendigkeit eifriger Schuldentilgung überzeugt,
im Parlament eine letzte und äußerste Anspannung des Steuerdruckes
durchsetzte. Aber das Land, steueruntüchtig von Natur, stand an der Grenze
seiner Leistungsfähigkeit, und Krippenreuther erntete lediglich Haß. Was er
vornahm, war nichts als eine Vermögensübertragung von einer Hand in die
andere, die sich obendrein mit Verlust vollzog; denn mit der
Steuererhöhung lud man der heimischen Volkswirtschaft eine Last auf, die
schwerer und unmittelbarer drückte als jene, die man ihr durch die
Schuldentilgung abnahm …
Fehlbeträge schien ohne Anfang und Ende. Und eine Mißwirtschaft, an der
durch häufigen Personenwechsel nichts gebessert wurde, sah im Borgen die
alleinige Heilmethode gegen das schleichende Leiden. Noch Finanzminister
von Schröder, dessen reiner Charakter und edle Absichten nicht in Zweifel
gezogen werden sollen, erhielt vom Großherzog dafür den persönlichen
Adel, daß er unter den schwierigsten Umständen eine neue
hochverzinsliche Anleihe zu placieren gewußt hatte. Er war von Herzen auf
eine Hebung des Staatskredits bedacht; aber da er sich nicht anders zu
helfen wußte, als indem er neue Schulden machte, während er alte tilgte, so
erwies sich sein Verfahren als ein wohlgemeintes, aber kostspieliges
Blendwerk. Denn beim gleichzeitigen Aufkauf und Verkauf von
Schuldscheinen zahlte man einen höheren Preis als man erhielt, und dabei
gingen Millionen verloren.
Es war, als ob dies Volk nicht imstande sei, einen Finanzmann von irgend
zulänglicher Begabung aus seiner Mitte emporzuheben. Anstößige
Praktiken und Vertuschungsmittelchen waren zuzeiten im Schwange. In der
Aufstellung des Budgets war der ordentliche vom außerordentlichen
Staatsbedarf nicht mehr klar zu unterscheiden. Man spielte ordentliche
Posten unter die außerordentlichen und täuschte sich selbst und die Welt
über den wahren Stand der Dinge, indem man Anleihen, die vorgeblich für
außerordentliche Zwecke gemacht waren, zur Deckung des Defizits im
ordentlichen Etat verwandte … Eine Zeitlang war tatsächlich der Inhaber
des Finanzportefeuilles ein ehemaliger Hofmarschall.
Doktor Krippenreuther, der gegen Ende der Regierung Johann
Albrechts III. ans Ruder kam, war derjenige Minister, welcher, gleich Herrn
von Schröder, von der Notwendigkeit eifriger Schuldentilgung überzeugt,
im Parlament eine letzte und äußerste Anspannung des Steuerdruckes
durchsetzte. Aber das Land, steueruntüchtig von Natur, stand an der Grenze
seiner Leistungsfähigkeit, und Krippenreuther erntete lediglich Haß. Was er
vornahm, war nichts als eine Vermögensübertragung von einer Hand in die
andere, die sich obendrein mit Verlust vollzog; denn mit der
Steuererhöhung lud man der heimischen Volkswirtschaft eine Last auf, die
schwerer und unmittelbarer drückte als jene, die man ihr durch die
Schuldentilgung abnahm …
Page 37
Wo also war Abhilfe und Heilung? Ein Wunder, schien es, sei nötig –
und, bis es geschähe, die unerbittlichste Sparsamkeit. Das Volk war fromm
und treu, es liebte seine Fürsten wie sich selbst, es war von der Erhabenheit
der monarchischen Idee durchdrungen, es sah einen Gottesgedanken darin.
Aber die wirtschaftliche Beklemmung war zu peinlich, zu allgemein
fühlbar. Zum Unbelehrtesten redeten die abgeholzten und verkrüppelten
Waldbestände eine klägliche Sprache. Und so hatte es geschehen können,
daß im Landtage wiederholt auf Abstriche an der Zivilliste, auf Verkürzung
der Apanagen und der Krondotation gedrungen worden war.
Die Zivilliste betrug eine halbe Million, die Einkünfte aus dem der Krone
zu eigen gebliebenen Dominialbesitz beliefen sich auf
siebenhundertundfünfzigtausend Mark. Das war alles. Und der Hof war
verschuldet – in welchem Maße, das wußte v i e l l e i c h t Graf
Trümmerhauff, der großherzogliche Finanzdirektor, ein formvoller, aber für
geschäftliche Dinge ganz und gar unbegabter Herr. Johann Albrecht wußte
es nicht, gab sich wenigstens den Anschein, es nicht zu wissen, und befolgte
darin genau das Beispiel seiner Vorfahren, die ihre Schulden selten einer
mehr als flüchtigen Aufmerksamkeit gewürdigt hatten.
Der ehrfürchtigen Gesinnung des Volkes entsprach ein außerordentliches
Hoheitsgefühl seiner Fürsten, das zuweilen schwärmerische, ja überreizte
Formen angenommen und sich am sichtbarsten und – bedenklichsten zu
allen Zeiten als ein Hang zum Aufwand und zur rücksichtslosen, die Hoheit
sinnfällig darstellenden Prunkentfaltung geäußert hatte. Ein Grimmburger
hatte ausdrücklich den Beinamen des »Üppigen« geführt – verdient hätten
ihn fast alle. Und so war die Verschuldung des Hauses eine geschichtliche
und altüberlieferte Verschuldung, die in jene Zeiten zurückwies, wo noch
alle Anleihen Privatangelegenheiten der Souveräne gewesen waren, und wo
Johann der Gewalttätige, um ein Darlehen zu erhalten, die Freiheit
angesehener Untertanen verpfändet hatte.
Das war vorbei; und Johann Albrecht III., seinen Trieben nach ein
echtgeborener Grimmburger, war schlechterdings nicht mehr in der Lage,
diesen Trieben freien Lauf zu lassen. Seine Väter hatten mit dem
Familienvermögen gründlich aufgeräumt, es war gleich Null oder glich
nicht viel mehr, es war für den Bau von Lustschlössern, mit französischen
Namen und Marmorkolonnaden, für Parks mit Wasserkünsten, für
und, bis es geschähe, die unerbittlichste Sparsamkeit. Das Volk war fromm
und treu, es liebte seine Fürsten wie sich selbst, es war von der Erhabenheit
der monarchischen Idee durchdrungen, es sah einen Gottesgedanken darin.
Aber die wirtschaftliche Beklemmung war zu peinlich, zu allgemein
fühlbar. Zum Unbelehrtesten redeten die abgeholzten und verkrüppelten
Waldbestände eine klägliche Sprache. Und so hatte es geschehen können,
daß im Landtage wiederholt auf Abstriche an der Zivilliste, auf Verkürzung
der Apanagen und der Krondotation gedrungen worden war.
Die Zivilliste betrug eine halbe Million, die Einkünfte aus dem der Krone
zu eigen gebliebenen Dominialbesitz beliefen sich auf
siebenhundertundfünfzigtausend Mark. Das war alles. Und der Hof war
verschuldet – in welchem Maße, das wußte v i e l l e i c h t Graf
Trümmerhauff, der großherzogliche Finanzdirektor, ein formvoller, aber für
geschäftliche Dinge ganz und gar unbegabter Herr. Johann Albrecht wußte
es nicht, gab sich wenigstens den Anschein, es nicht zu wissen, und befolgte
darin genau das Beispiel seiner Vorfahren, die ihre Schulden selten einer
mehr als flüchtigen Aufmerksamkeit gewürdigt hatten.
Der ehrfürchtigen Gesinnung des Volkes entsprach ein außerordentliches
Hoheitsgefühl seiner Fürsten, das zuweilen schwärmerische, ja überreizte
Formen angenommen und sich am sichtbarsten und – bedenklichsten zu
allen Zeiten als ein Hang zum Aufwand und zur rücksichtslosen, die Hoheit
sinnfällig darstellenden Prunkentfaltung geäußert hatte. Ein Grimmburger
hatte ausdrücklich den Beinamen des »Üppigen« geführt – verdient hätten
ihn fast alle. Und so war die Verschuldung des Hauses eine geschichtliche
und altüberlieferte Verschuldung, die in jene Zeiten zurückwies, wo noch
alle Anleihen Privatangelegenheiten der Souveräne gewesen waren, und wo
Johann der Gewalttätige, um ein Darlehen zu erhalten, die Freiheit
angesehener Untertanen verpfändet hatte.
Das war vorbei; und Johann Albrecht III., seinen Trieben nach ein
echtgeborener Grimmburger, war schlechterdings nicht mehr in der Lage,
diesen Trieben freien Lauf zu lassen. Seine Väter hatten mit dem
Familienvermögen gründlich aufgeräumt, es war gleich Null oder glich
nicht viel mehr, es war für den Bau von Lustschlössern, mit französischen
Namen und Marmorkolonnaden, für Parks mit Wasserkünsten, für
Page 38
pomphafte Oper und jederlei goldene Schaustellung aufgegangen. Man
mußte rechnen, und sehr gegen die Neigung des Großherzogs, ja ohne sein
Zutun, war die Hofhaltung allmählich auf kleineren Fuß gesetzt worden.
Über die Lebensführung der Prinzessin Katharina, der Schwester des
Großherzogs, sprach man in der Residenz in gerührtem Tone. Sie war mit
einem Kognaten des im Nachbarlande regierenden Hauses vermählt
gewesen, war, verwitwet, in die Hauptstadt ihres Bruders zurückgekehrt
und bewohnte mit ihren rotköpfigen Kindern das ehemalige
erbgroßherzogliche Palais an der Albrechtsstraße, vor dessen Portal den
ganzen Tag mit Kugelstab und Bandelier ein riesiger Türhüter in
prahlerischer Haltung stand und in dessen Innerem es so außerordentlich
gemäßigt zuging …
Prinz Lambert, des Großherzogs Bruder, kam wenig in Betracht. Er lag
mit seinen Geschwistern, die ihm seine Mißheirat nicht verziehen, in
Unfrieden und ging kaum zu Hofe. Mit seiner Gemahlin, die ehemals ihre
Pas auf der Bühne des Hoftheaters vollführt hatte und, nach dem Namen
eines Gutes, das der Prinz besaß, den Titel einer Freifrau von Rohrdorf
führte, lebte er in seiner Villa am Stadtgarten, und dem hageren Sportsmann
und Theaterhabitué standen seine Schulden zu Gesichte. Er hatte sich seines
Hoheitsscheines begeben, trat ganz als Privatmann auf, und wenn sein
Hauswesen im Rufe einer liederlichen Dürftigkeit stand, so erregte das
nicht viel Teilnahme.
Aber im Alten Schlosse selbst hatten Veränderungen stattgefunden,
Einschränkungen, die in Stadt und Land besprochen wurden, und zwar
zumeist in einem ergriffenen und schmerzlichen Sinne, denn im Grunde
wünschte das Volk, sich stolz und herrlich dargestellt zu sehen. Man hatte
um der Ersparnis willen verschiedene Oberhofämter in eines
zusammengezogen, und seit mehreren Jahren war Herr von Bühl zu Bühl
Oberhofmarschall, Oberzeremonienmeister und Hausmarschall in einer
Person. Man hatte weitgehende Entlassungen im Offizendienst und der
Hoflivree, unter den Furieren, Büchsenspannern und Bereitern, den
Hofköchen und Konfektmeistern, den Kammer- und Hoflakaien
vorgenommen. Man hatte den Bestand des Marstalles auf das Notwendigste
herabgesetzt … Was verschlug das? Des Großherzogs Geldverachtung
empörte sich gegen den Zwang in plötzlichen Ausbrüchen, und während die
mußte rechnen, und sehr gegen die Neigung des Großherzogs, ja ohne sein
Zutun, war die Hofhaltung allmählich auf kleineren Fuß gesetzt worden.
Über die Lebensführung der Prinzessin Katharina, der Schwester des
Großherzogs, sprach man in der Residenz in gerührtem Tone. Sie war mit
einem Kognaten des im Nachbarlande regierenden Hauses vermählt
gewesen, war, verwitwet, in die Hauptstadt ihres Bruders zurückgekehrt
und bewohnte mit ihren rotköpfigen Kindern das ehemalige
erbgroßherzogliche Palais an der Albrechtsstraße, vor dessen Portal den
ganzen Tag mit Kugelstab und Bandelier ein riesiger Türhüter in
prahlerischer Haltung stand und in dessen Innerem es so außerordentlich
gemäßigt zuging …
Prinz Lambert, des Großherzogs Bruder, kam wenig in Betracht. Er lag
mit seinen Geschwistern, die ihm seine Mißheirat nicht verziehen, in
Unfrieden und ging kaum zu Hofe. Mit seiner Gemahlin, die ehemals ihre
Pas auf der Bühne des Hoftheaters vollführt hatte und, nach dem Namen
eines Gutes, das der Prinz besaß, den Titel einer Freifrau von Rohrdorf
führte, lebte er in seiner Villa am Stadtgarten, und dem hageren Sportsmann
und Theaterhabitué standen seine Schulden zu Gesichte. Er hatte sich seines
Hoheitsscheines begeben, trat ganz als Privatmann auf, und wenn sein
Hauswesen im Rufe einer liederlichen Dürftigkeit stand, so erregte das
nicht viel Teilnahme.
Aber im Alten Schlosse selbst hatten Veränderungen stattgefunden,
Einschränkungen, die in Stadt und Land besprochen wurden, und zwar
zumeist in einem ergriffenen und schmerzlichen Sinne, denn im Grunde
wünschte das Volk, sich stolz und herrlich dargestellt zu sehen. Man hatte
um der Ersparnis willen verschiedene Oberhofämter in eines
zusammengezogen, und seit mehreren Jahren war Herr von Bühl zu Bühl
Oberhofmarschall, Oberzeremonienmeister und Hausmarschall in einer
Person. Man hatte weitgehende Entlassungen im Offizendienst und der
Hoflivree, unter den Furieren, Büchsenspannern und Bereitern, den
Hofköchen und Konfektmeistern, den Kammer- und Hoflakaien
vorgenommen. Man hatte den Bestand des Marstalles auf das Notwendigste
herabgesetzt … Was verschlug das? Des Großherzogs Geldverachtung
empörte sich gegen den Zwang in plötzlichen Ausbrüchen, und während die
Page 39
Bewirtung bei den Hoffestlichkeiten die äußerste Grenze erlaubter
Einfachheit erreichte, während zum Souper am Schlusse der
Donnerstagkonzerte im Marmorsaal ohne Abwechslung nichts als
Roastbeef in Remouladensoße und Gefrorenes auf den roten Sammetdecken
der goldbeinigen Tischchen serviert wurde, während an des Großherzogs
eigener von Wachskerzen strotzender Tafel alltäglich gespeist wurde wie in
einer mittleren Beamtenfamilie, warf er trotzig die Einkunft eines Jahres für
die Wiederherstellung der Grimmburg hin.
Aber unterdessen verfielen seine übrigen Schlösser. Herrn von Bühl
standen einfach nicht die Mittel zur Verfügung, ihre Verwahrlosung zu
verhindern. Und doch war es schade um manche davon. Die, welche in der
weiteren Umgebung der Residenz und draußen im Lande gelegen waren,
diese zierlich üppigen, in Naturschönheit eingebetteten Refugien, deren
kokette Namen auf Ruhe, Einsamkeit, Vergnügen, Zeitvertreib und
Sorglosigkeit hindeuteten oder eine Blume, ein Kleinod bezeichneten,
bildeten Ausflugsorte für die Residenzler und die Fremden und warfen an
Eintrittsgeldern dies und jenes ab, was zuweilen – nicht immer – für ihre
Instandhaltung benutzt wurde. Bei denen jedoch, die in unmittelbarer Nähe
der Hauptstadt lagen, war das kaum der Fall. Da war das Empire-
Schlößchen Eremitage, das am Rande der nördlichen Vorstadt so
verschwiegen und anmutig-streng, aber längst unbewohnt und
vernachlässigt inmitten seines wuchernden Parkes, der in den Stadtgarten
überging, zu seinem kleinen, von Schlamm starrenden Teich hinüberblickte.
Da war Schloß Delphinenort, welches nur eine Viertelstunde Weges von
dort, im nördlichen Teile des Stadtgartens selbst, der ehemals ganz der
Krone gehört hatte, seine Ungepflegtheit in einem ungeheuren, viereckigen
Springbrunnenbecken spiegelte: mit beiden stand es bejammernswert. Daß
namentlich Delphinenort, dieses erlauchte Bauwerk, Frühbarock im
Geschmack, mit dem vornehmen Säulenaufbau seines Portals, seinen
hohen, in kleine, weiß gerahmte Scheiben geteilten Fenstern, seinen
gemetzten Laubgewinden, seinen römischen Büsten in den Nischen, seinem
splendiden Treppenaufgang, seiner ganzen gehaltenen Pracht auf immer,
wie es schien, dem Verfall überlassen bleiben sollte, war der Schmerz aller
Liebhaber baukünstlerischer Schönheit, und als es eines Tages infolge
unvorhergesehener, ja abenteuerlicher Umstände wieder zu Ehren und
Jugend gelangte, erweckte das in diesen Kreisen jedenfalls allgemeine
Einfachheit erreichte, während zum Souper am Schlusse der
Donnerstagkonzerte im Marmorsaal ohne Abwechslung nichts als
Roastbeef in Remouladensoße und Gefrorenes auf den roten Sammetdecken
der goldbeinigen Tischchen serviert wurde, während an des Großherzogs
eigener von Wachskerzen strotzender Tafel alltäglich gespeist wurde wie in
einer mittleren Beamtenfamilie, warf er trotzig die Einkunft eines Jahres für
die Wiederherstellung der Grimmburg hin.
Aber unterdessen verfielen seine übrigen Schlösser. Herrn von Bühl
standen einfach nicht die Mittel zur Verfügung, ihre Verwahrlosung zu
verhindern. Und doch war es schade um manche davon. Die, welche in der
weiteren Umgebung der Residenz und draußen im Lande gelegen waren,
diese zierlich üppigen, in Naturschönheit eingebetteten Refugien, deren
kokette Namen auf Ruhe, Einsamkeit, Vergnügen, Zeitvertreib und
Sorglosigkeit hindeuteten oder eine Blume, ein Kleinod bezeichneten,
bildeten Ausflugsorte für die Residenzler und die Fremden und warfen an
Eintrittsgeldern dies und jenes ab, was zuweilen – nicht immer – für ihre
Instandhaltung benutzt wurde. Bei denen jedoch, die in unmittelbarer Nähe
der Hauptstadt lagen, war das kaum der Fall. Da war das Empire-
Schlößchen Eremitage, das am Rande der nördlichen Vorstadt so
verschwiegen und anmutig-streng, aber längst unbewohnt und
vernachlässigt inmitten seines wuchernden Parkes, der in den Stadtgarten
überging, zu seinem kleinen, von Schlamm starrenden Teich hinüberblickte.
Da war Schloß Delphinenort, welches nur eine Viertelstunde Weges von
dort, im nördlichen Teile des Stadtgartens selbst, der ehemals ganz der
Krone gehört hatte, seine Ungepflegtheit in einem ungeheuren, viereckigen
Springbrunnenbecken spiegelte: mit beiden stand es bejammernswert. Daß
namentlich Delphinenort, dieses erlauchte Bauwerk, Frühbarock im
Geschmack, mit dem vornehmen Säulenaufbau seines Portals, seinen
hohen, in kleine, weiß gerahmte Scheiben geteilten Fenstern, seinen
gemetzten Laubgewinden, seinen römischen Büsten in den Nischen, seinem
splendiden Treppenaufgang, seiner ganzen gehaltenen Pracht auf immer,
wie es schien, dem Verfall überlassen bleiben sollte, war der Schmerz aller
Liebhaber baukünstlerischer Schönheit, und als es eines Tages infolge
unvorhergesehener, ja abenteuerlicher Umstände wieder zu Ehren und
Jugend gelangte, erweckte das in diesen Kreisen jedenfalls allgemeine
Page 40
Genugtuung … Übrigens war von Delphinenort in fünfzehn oder zwanzig
Minuten der Quellengarten zu erreichen, der ein wenig nordwestlich zur
Stadt gelegen und mit ihrem Zentrum durch eine direkte Trambahnlinie
verbunden war.
In der Benutzung der großherzoglichen Familie standen allein Schloß
Hollerbrunn, die Sommerresidenz, ein Trakt von weißen Gebäuden mit
chinesischen Dächern, jenseits der Hügelkette, welche die Hauptstadt
umringte, kühl und angenehm am Flusse gelegen und berühmt durch die
Fliederhecken seines Parks; ferner Schloß Jägerpreis, das völlig in Efeu
gehüllte Jagdhaus inmitten der westlichen Waldungen; und endlich das
Stadtschloß selbst, das »Alte« genannt, obgleich es durchaus kein neues
gab.
Es hieß so, ohne Vergleich, nur eben um seines Alters willen, und die
Krittler fanden, daß seine Auffrischung dringlicher gewesen wäre als die
der Grimmburg. Verblichenheit und Zerschlissenheit herrschte bis in die
Räume hinein, die unmittelbar der Repräsentation und der hohen Familie
zum Aufenthalt dienten, zu schweigen von den vielen unbewohnten und
unbenutzten, die in den ältesten Gegenden des vielfältigen Gebäudes lagen,
und in denen es nichts als Erblindung und Fliegenschmutz gab. Seit einiger
Zeit war dem Publikum der Zutritt versagt – eine Maßnahme, die offenbar
in Hinsicht auf den anstößigen Zustand des Schlosses getroffen war. Aber
Leute, die Einblick hatten, Lieferanten und Personal, gaben an, daß aus
mehr als einem stolzen und steifen Möbelstück das Seegras hervorgucke.
Das Schloß bildete zusammen mit der Hofkirche einen grauen,
unregelmäßigen und unübersichtlichen Komplex mit Türmen, Galerien und
Torwegen, halb Festung, halb Prunkgebäude. Verschiedene Zeitalter hatten
an seiner Ausgestaltung gearbeitet, und große Partien waren baufällig,
verwittert, schadhaft, zum Bröckeln geneigt. Es fiel steil ab zum westlichen,
tiefer gelegenen Stadtteil, zugänglich von dort auf brüchigen, von rostigen
Eisenstangen zusammengehaltenen Stufen. Aber dem Albrechtsplatz war
das gewaltige, von kauernden Löwen bewachte Hauptportal zugewandt, zu
dessen Häupten ein frommes, trotziges Wort: »Turris fortissima nomen
Domini«, halb nur noch leserlich, eingemeißelt stand. Hier war Wache und
Schilderhaus, Ablösung, Trommeln, Parade und Auflauf von
Gassenbuben …
Minuten der Quellengarten zu erreichen, der ein wenig nordwestlich zur
Stadt gelegen und mit ihrem Zentrum durch eine direkte Trambahnlinie
verbunden war.
In der Benutzung der großherzoglichen Familie standen allein Schloß
Hollerbrunn, die Sommerresidenz, ein Trakt von weißen Gebäuden mit
chinesischen Dächern, jenseits der Hügelkette, welche die Hauptstadt
umringte, kühl und angenehm am Flusse gelegen und berühmt durch die
Fliederhecken seines Parks; ferner Schloß Jägerpreis, das völlig in Efeu
gehüllte Jagdhaus inmitten der westlichen Waldungen; und endlich das
Stadtschloß selbst, das »Alte« genannt, obgleich es durchaus kein neues
gab.
Es hieß so, ohne Vergleich, nur eben um seines Alters willen, und die
Krittler fanden, daß seine Auffrischung dringlicher gewesen wäre als die
der Grimmburg. Verblichenheit und Zerschlissenheit herrschte bis in die
Räume hinein, die unmittelbar der Repräsentation und der hohen Familie
zum Aufenthalt dienten, zu schweigen von den vielen unbewohnten und
unbenutzten, die in den ältesten Gegenden des vielfältigen Gebäudes lagen,
und in denen es nichts als Erblindung und Fliegenschmutz gab. Seit einiger
Zeit war dem Publikum der Zutritt versagt – eine Maßnahme, die offenbar
in Hinsicht auf den anstößigen Zustand des Schlosses getroffen war. Aber
Leute, die Einblick hatten, Lieferanten und Personal, gaben an, daß aus
mehr als einem stolzen und steifen Möbelstück das Seegras hervorgucke.
Das Schloß bildete zusammen mit der Hofkirche einen grauen,
unregelmäßigen und unübersichtlichen Komplex mit Türmen, Galerien und
Torwegen, halb Festung, halb Prunkgebäude. Verschiedene Zeitalter hatten
an seiner Ausgestaltung gearbeitet, und große Partien waren baufällig,
verwittert, schadhaft, zum Bröckeln geneigt. Es fiel steil ab zum westlichen,
tiefer gelegenen Stadtteil, zugänglich von dort auf brüchigen, von rostigen
Eisenstangen zusammengehaltenen Stufen. Aber dem Albrechtsplatz war
das gewaltige, von kauernden Löwen bewachte Hauptportal zugewandt, zu
dessen Häupten ein frommes, trotziges Wort: »Turris fortissima nomen
Domini«, halb nur noch leserlich, eingemeißelt stand. Hier war Wache und
Schilderhaus, Ablösung, Trommeln, Parade und Auflauf von
Gassenbuben …
Page 41
Das Alte Schloß besaß drei Höfe, in deren Ecken sich schöne
Treppentürme erhoben und zwischen deren Basaltfliesen übrigens meistens
allzuviel Unkraut sproß. Aber inmitten des einen Hofes stand der
Rosenstock – stand dort von jeher in einem Beet, obgleich sonst keine
gärtnerischen Anlagen vorhanden waren. Es war ein Rosenstock wie andere
mehr, ein Kastellan wartete ihn, er ruhte im Schnee, er empfing Regen und
Sonnenschein, und kam die Zeit, so trieb er Rosen. Es waren
außerordentlich herrliche Rosen, edelgeformt, mit dunkelrotsamtenen
Blättern, eine Lust zu sehen und wahre Kunstwerke der Natur. Aber diese
Rosen besaßen eine seltsame und schauerliche Eigentümlichkeit: sie
dufteten nicht! Sie dufteten dennoch, aber aus unbekannten Gründen war es
nicht Rosenduft, was sie ausströmten, sondern Moderduft – ein leiser, aber
vollkommen deutlicher Duft nach Moder. Jedermann wußte das, es stand im
Reiseführer, und die Fremden kamen in den Schloßhof, um sich mit eigener
Nase davon zu überzeugen. Auch ging ein populäres Gerede, da oder dort
stehe geschrieben, daß irgendwann einmal, an einem Tage der Freude und
der öffentlichen Glückseligkeit, die Blüten des Rosenstockes auf die
natürlichste und lieblichste Art zu duften beginnen würden.
Übrigens war es begreiflich und unvermeidlich, daß die Einbildungskraft
des Volkes durch den sonderbaren Rosenstock gereizt wurde. Sie wurde es
auf ähnliche Art durch die »Eulenkammer« im Alten Schlosse, die eine
Polterkammer sein sollte. Sie lag an gänzlich unverfänglicher Stelle, nicht
weit von den »Schönen Zimmern« und dem »Rittersaal«, wo die Herren des
Hofes sich zur großen Cour zu versammeln pflegten, und also in einem
vergleichsweise neuen Teil des Gebäudes. Aber es sollte nicht geheuer dort
sein, und zwar insofern, als zuweilen ein Rumoren und Lärmen darin
entstand, das außerhalb des Gemaches nicht zu vernehmen und dessen
Ursprung unerfindlich war. Man schwor, daß es spukhafter Herkunft sei,
und viele behaupteten, daß es sich vornehmlich vor wichtigen und
entscheidenden Ereignissen in der großherzoglichen Familie bemerkbar
mache – ein ziemlich unbewiesenes Gemunkel, das selbstverständlich nicht
ernster zu nehmen war als andere volkstümliche Erzeugnisse einer
historischen und dynastischen Stimmung, wie zum Beispiel eine gewisse
dunkle Prophezeiung, die über hundert Jahre hinweg überliefert worden
war, und die in diesem Zusammenhange Erwähnung finden mag. Sie war
von einer alten Zigeunerin ausgegangen und lautete dahin, daß durch einen
Treppentürme erhoben und zwischen deren Basaltfliesen übrigens meistens
allzuviel Unkraut sproß. Aber inmitten des einen Hofes stand der
Rosenstock – stand dort von jeher in einem Beet, obgleich sonst keine
gärtnerischen Anlagen vorhanden waren. Es war ein Rosenstock wie andere
mehr, ein Kastellan wartete ihn, er ruhte im Schnee, er empfing Regen und
Sonnenschein, und kam die Zeit, so trieb er Rosen. Es waren
außerordentlich herrliche Rosen, edelgeformt, mit dunkelrotsamtenen
Blättern, eine Lust zu sehen und wahre Kunstwerke der Natur. Aber diese
Rosen besaßen eine seltsame und schauerliche Eigentümlichkeit: sie
dufteten nicht! Sie dufteten dennoch, aber aus unbekannten Gründen war es
nicht Rosenduft, was sie ausströmten, sondern Moderduft – ein leiser, aber
vollkommen deutlicher Duft nach Moder. Jedermann wußte das, es stand im
Reiseführer, und die Fremden kamen in den Schloßhof, um sich mit eigener
Nase davon zu überzeugen. Auch ging ein populäres Gerede, da oder dort
stehe geschrieben, daß irgendwann einmal, an einem Tage der Freude und
der öffentlichen Glückseligkeit, die Blüten des Rosenstockes auf die
natürlichste und lieblichste Art zu duften beginnen würden.
Übrigens war es begreiflich und unvermeidlich, daß die Einbildungskraft
des Volkes durch den sonderbaren Rosenstock gereizt wurde. Sie wurde es
auf ähnliche Art durch die »Eulenkammer« im Alten Schlosse, die eine
Polterkammer sein sollte. Sie lag an gänzlich unverfänglicher Stelle, nicht
weit von den »Schönen Zimmern« und dem »Rittersaal«, wo die Herren des
Hofes sich zur großen Cour zu versammeln pflegten, und also in einem
vergleichsweise neuen Teil des Gebäudes. Aber es sollte nicht geheuer dort
sein, und zwar insofern, als zuweilen ein Rumoren und Lärmen darin
entstand, das außerhalb des Gemaches nicht zu vernehmen und dessen
Ursprung unerfindlich war. Man schwor, daß es spukhafter Herkunft sei,
und viele behaupteten, daß es sich vornehmlich vor wichtigen und
entscheidenden Ereignissen in der großherzoglichen Familie bemerkbar
mache – ein ziemlich unbewiesenes Gemunkel, das selbstverständlich nicht
ernster zu nehmen war als andere volkstümliche Erzeugnisse einer
historischen und dynastischen Stimmung, wie zum Beispiel eine gewisse
dunkle Prophezeiung, die über hundert Jahre hinweg überliefert worden
war, und die in diesem Zusammenhange Erwähnung finden mag. Sie war
von einer alten Zigeunerin ausgegangen und lautete dahin, daß durch einen
Page 42
Fürsten »mit einer Hand« dem Lande das größte Glück zuteil werden
werde. »Er wird«, hatte dies zottige Weib gesagt, »dem Land mit einer
Hand mehr geben, als andere mit zweien nicht vermöchten.« – So stand der
Ausspruch aufgezeichnet, und so wurde er gelegentlich angeführt.
Aber um das Alte Schloß lag die Residenz, bestehend aus Altstadt und
Neustadt, mit ihren öffentlichen Gebäuden, Monumenten, Brunnen und
Anlagen, ihren Straßen und Plätzen, welche die Namen von Fürsten,
Künstlern, verdienten Staatsmännern und ausgezeichneten Bürgern trugen,
in zwei sehr ungleiche Hälften geteilt durch den mehrfach überbrückten
Fluß, der in großer Schleife das südliche Ende des Stadtgartens umging und
sich zwischen den umringenden Hügeln verlor … Die Stadt war
Universität, sie besaß eine Hochschule, die nicht sehr besucht war, und an
der ein beschauliches und ein wenig altmodisches Gelehrtentum herrschte;
einzig der Professor für Mathematik, Geheimrat Klinghammer, genoß in der
Welt der Wissenschaft bedeutenden Ruf … Das Hoftheater, wiewohl
kärglich dotiert, hielt sich auf anständiger Höhe der Leistung … Es gab ein
wenig musikalisches, literarisches und künstlerisches Leben … Einiger
Zuzug von Fremden fand statt, die an der gemessenen Lebensführung, den
geistigen Darbietungen der Residenz teilzunehmen wünschten, begüterte
Kranke darunter, die dauernd die Villen in der Umgebung des
Quellengartens bewohnten und als fähige Steuerzahler von Staat und
Gemeinde in Ehre gehalten wurden …
Das war die Stadt; das war das Land. Das war die Lage.
werde. »Er wird«, hatte dies zottige Weib gesagt, »dem Land mit einer
Hand mehr geben, als andere mit zweien nicht vermöchten.« – So stand der
Ausspruch aufgezeichnet, und so wurde er gelegentlich angeführt.
Aber um das Alte Schloß lag die Residenz, bestehend aus Altstadt und
Neustadt, mit ihren öffentlichen Gebäuden, Monumenten, Brunnen und
Anlagen, ihren Straßen und Plätzen, welche die Namen von Fürsten,
Künstlern, verdienten Staatsmännern und ausgezeichneten Bürgern trugen,
in zwei sehr ungleiche Hälften geteilt durch den mehrfach überbrückten
Fluß, der in großer Schleife das südliche Ende des Stadtgartens umging und
sich zwischen den umringenden Hügeln verlor … Die Stadt war
Universität, sie besaß eine Hochschule, die nicht sehr besucht war, und an
der ein beschauliches und ein wenig altmodisches Gelehrtentum herrschte;
einzig der Professor für Mathematik, Geheimrat Klinghammer, genoß in der
Welt der Wissenschaft bedeutenden Ruf … Das Hoftheater, wiewohl
kärglich dotiert, hielt sich auf anständiger Höhe der Leistung … Es gab ein
wenig musikalisches, literarisches und künstlerisches Leben … Einiger
Zuzug von Fremden fand statt, die an der gemessenen Lebensführung, den
geistigen Darbietungen der Residenz teilzunehmen wünschten, begüterte
Kranke darunter, die dauernd die Villen in der Umgebung des
Quellengartens bewohnten und als fähige Steuerzahler von Staat und
Gemeinde in Ehre gehalten wurden …
Das war die Stadt; das war das Land. Das war die Lage.
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Der Schuster Hinnerke
Des Großherzogs zweiter Sohn trat öffentlich zum ersten Male hervor, als
er getauft wurde. Diese Feierlichkeit erregte im Lande die ganze Teilnahme,
die man allen Geschehnissen innerhalb der hohen Familie
entgegenzubringen pflegte. Sie fand statt, nachdem man mehrere Wochen
lang über die Art ihrer Anordnung hin und her gesprochen und gelesen
hatte, ward abgehalten in der Hofkirche durch den
Oberkirchenratspräsidenten D. Wislizenus, mit aller Umständlichkeit und
öffentlich insofern, als das Oberhofmarschallamt Einladungen dazu auf
höchsten Befehl in alle Gesellschaftsklassen hatte ergehen lassen.
Herr von Bühl zu Bühl, ein höfischer Ritualist von höchster Umsicht und
Akribie, überwachte in großer Uniform und mit Hilfe von zwei
Zeremonienmeistern den ganzen verwickelten Vorgang: die Versammlung
der fürstlichen Gäste in den Schönen Zimmern, den feierlichen Zug, in
welchem sie sich, geführt von Pagen und Kammerherren, über die Treppe
Heinrichs des Üppigen und durch einen gedeckten Gang in die Kirche
begaben, den Zutritt des Publikums bis zu demjenigen der höchsten
Herrschaften, die Verteilung der Plätze, die Wahrung aller äußeren
Gebräuche während der religiösen Handlung selbst, die Reihenfolge und
Rangordnung bei der Gratulation, die sich unmittelbar an den vollendeten
Gottesdienst schloß … Er atmete abgerissen, schwänzelte, hob seinen Stab,
lächelte leidenschaftlich und verbeugte sich, indem er rückwärts ging.
Die Hofkirche war mit Pflanzen und Draperien ausgestattet. Neben den
Vertretern des Hof- und Landadels und des hohen und niederen
Beamtentums füllten Handeltreibende, Landleute und schlichte Handwerker
erhobenen Herzens das Gestühl. Aber vorn am Altar saßen im Halbkreise
auf rotsamtenen Armstühlen die Anverwandten des Täuflings, fremde
Des Großherzogs zweiter Sohn trat öffentlich zum ersten Male hervor, als
er getauft wurde. Diese Feierlichkeit erregte im Lande die ganze Teilnahme,
die man allen Geschehnissen innerhalb der hohen Familie
entgegenzubringen pflegte. Sie fand statt, nachdem man mehrere Wochen
lang über die Art ihrer Anordnung hin und her gesprochen und gelesen
hatte, ward abgehalten in der Hofkirche durch den
Oberkirchenratspräsidenten D. Wislizenus, mit aller Umständlichkeit und
öffentlich insofern, als das Oberhofmarschallamt Einladungen dazu auf
höchsten Befehl in alle Gesellschaftsklassen hatte ergehen lassen.
Herr von Bühl zu Bühl, ein höfischer Ritualist von höchster Umsicht und
Akribie, überwachte in großer Uniform und mit Hilfe von zwei
Zeremonienmeistern den ganzen verwickelten Vorgang: die Versammlung
der fürstlichen Gäste in den Schönen Zimmern, den feierlichen Zug, in
welchem sie sich, geführt von Pagen und Kammerherren, über die Treppe
Heinrichs des Üppigen und durch einen gedeckten Gang in die Kirche
begaben, den Zutritt des Publikums bis zu demjenigen der höchsten
Herrschaften, die Verteilung der Plätze, die Wahrung aller äußeren
Gebräuche während der religiösen Handlung selbst, die Reihenfolge und
Rangordnung bei der Gratulation, die sich unmittelbar an den vollendeten
Gottesdienst schloß … Er atmete abgerissen, schwänzelte, hob seinen Stab,
lächelte leidenschaftlich und verbeugte sich, indem er rückwärts ging.
Die Hofkirche war mit Pflanzen und Draperien ausgestattet. Neben den
Vertretern des Hof- und Landadels und des hohen und niederen
Beamtentums füllten Handeltreibende, Landleute und schlichte Handwerker
erhobenen Herzens das Gestühl. Aber vorn am Altar saßen im Halbkreise
auf rotsamtenen Armstühlen die Anverwandten des Täuflings, fremde
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Hoheiten als Paten und betraute Vertreter solcher, die selbst nicht
gekommen waren. Vor sechs Jahren, bei des Erbgroßherzogs Taufe, war die
Versammlung nicht glänzender gewesen. Denn bei Albrechts Zartheit, bei
des Großherzogs vorgerückten Jahren, bei dem Mangel an Grimmburger
Agnaten galt die Person des zweitgeborenen Prinzen sogleich als wichtige
Gewähr für die Zukunft der Dynastie … Der kleine Albrecht nahm an der
Feier nicht teil; mit einer Unpäßlichkeit lag er im Bette, die nach
Generalarzt Eschrichs Erklärung nervöser Natur war.
D. Wislizenus predigte über ein Schriftwort, das der Großherzog selbst
bestimmt hatte. Der »Eilbote«, ein schwatzhaft abgefaßtes hauptstädtisches
Journal, hatte genau zu berichten gewußt, wie der Großherzog sich eines
Tages ganz persönlich aus dem selten betretenen Büchersaal die enorme,
mit Metallspangen verschlossene Hausbibel geholt, sich damit in seinem
Kabinett eingeschlossen, wohl eine Stunde darin gesucht, schließlich das
erwählte Wort mit seinem Taschenbleistift auf ein Blatt Papier exzerpiert, es
»Johann Albrecht« unterzeichnet und dem Hofprediger übersandt habe. D.
Wislizenus behandelte es motivisch und sozusagen auf musikalische Art. Er
wandte es hin und her, wies es in verschiedener Beleuchtung auf und
erschöpfte es in allen Beziehungen; er ließ es mit säuselnder Stimme und
mit der ganzen Kraft seiner Brust ertönen, und während es zu Beginn seiner
Kunstleistung, leise und sinnend ausgesprochen, nur ein dünnes, fast
körperloses Thema gewesen war, erschien es am Schluß, als er es der
Menge zum letztenmal vorführte, reich instrumentiert, voll ausgedeutet und
tief belebt. Dann ging er zum eigentlichen Taufakt über, und er nahm ihn
ausführlich vor, sichtbar für alle und unter Betonung jeder Einzelheit.
An diesem Tage also repräsentierte der Prinz zum erstenmal, und daß er
im Vordergrunde der Handlung stand, fand Ausdruck schon darin, daß er
zuletzt und in Abstand von aller Welt auf dem Schauplatze eintraf. Langsam
erschien er, unter Vorantritt des Herrn von Bühl, auf den Armen der
Oberhofmeisterin Freifrau von Schulenburg-Tressen, und aller Augen
waren auf ihn gerichtet. Er schlief, in seinen Spitzen, seinen Schleifen und
seiner weißen Seide. Das eine seiner Händchen war zufällig verdeckt. Er
erfreute, rührte und gefiel ungemein. Mittelpunkt des Ganzen und
Gegenstand jeder Aufmerksamkeit, verhielt er sich ruhig, persönlich
anspruchslos und naturgemäß noch völlig duldend. Sein Verdienst war, daß
er nicht störte, nicht eingriff, nicht widerstand, sondern, zweifellos aus
gekommen waren. Vor sechs Jahren, bei des Erbgroßherzogs Taufe, war die
Versammlung nicht glänzender gewesen. Denn bei Albrechts Zartheit, bei
des Großherzogs vorgerückten Jahren, bei dem Mangel an Grimmburger
Agnaten galt die Person des zweitgeborenen Prinzen sogleich als wichtige
Gewähr für die Zukunft der Dynastie … Der kleine Albrecht nahm an der
Feier nicht teil; mit einer Unpäßlichkeit lag er im Bette, die nach
Generalarzt Eschrichs Erklärung nervöser Natur war.
D. Wislizenus predigte über ein Schriftwort, das der Großherzog selbst
bestimmt hatte. Der »Eilbote«, ein schwatzhaft abgefaßtes hauptstädtisches
Journal, hatte genau zu berichten gewußt, wie der Großherzog sich eines
Tages ganz persönlich aus dem selten betretenen Büchersaal die enorme,
mit Metallspangen verschlossene Hausbibel geholt, sich damit in seinem
Kabinett eingeschlossen, wohl eine Stunde darin gesucht, schließlich das
erwählte Wort mit seinem Taschenbleistift auf ein Blatt Papier exzerpiert, es
»Johann Albrecht« unterzeichnet und dem Hofprediger übersandt habe. D.
Wislizenus behandelte es motivisch und sozusagen auf musikalische Art. Er
wandte es hin und her, wies es in verschiedener Beleuchtung auf und
erschöpfte es in allen Beziehungen; er ließ es mit säuselnder Stimme und
mit der ganzen Kraft seiner Brust ertönen, und während es zu Beginn seiner
Kunstleistung, leise und sinnend ausgesprochen, nur ein dünnes, fast
körperloses Thema gewesen war, erschien es am Schluß, als er es der
Menge zum letztenmal vorführte, reich instrumentiert, voll ausgedeutet und
tief belebt. Dann ging er zum eigentlichen Taufakt über, und er nahm ihn
ausführlich vor, sichtbar für alle und unter Betonung jeder Einzelheit.
An diesem Tage also repräsentierte der Prinz zum erstenmal, und daß er
im Vordergrunde der Handlung stand, fand Ausdruck schon darin, daß er
zuletzt und in Abstand von aller Welt auf dem Schauplatze eintraf. Langsam
erschien er, unter Vorantritt des Herrn von Bühl, auf den Armen der
Oberhofmeisterin Freifrau von Schulenburg-Tressen, und aller Augen
waren auf ihn gerichtet. Er schlief, in seinen Spitzen, seinen Schleifen und
seiner weißen Seide. Das eine seiner Händchen war zufällig verdeckt. Er
erfreute, rührte und gefiel ungemein. Mittelpunkt des Ganzen und
Gegenstand jeder Aufmerksamkeit, verhielt er sich ruhig, persönlich
anspruchslos und naturgemäß noch völlig duldend. Sein Verdienst war, daß
er nicht störte, nicht eingriff, nicht widerstand, sondern, zweifellos aus
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eingeborener Vertrautheit, sich still der Form überließ, die um ihn waltete,
ihn trug, ihn heute noch jeder eigenen Anspannung überhob …
Häufig, an bestimmten Punkten der Zeremonie, wechselten die Arme, in
denen er ruhte. Freifrau von Schulenburg überreichte ihn mit Verneigung
seiner Tante Katharina, die mit strengem Gesichtsausdruck ein neuerlich
umgearbeitetes lila gefärbtes Seidenkleid trug und mit Kronjuwelen frisiert
war. Sie legte ihn, als der Augenblick kam, feierlich in die Arme Dorotheas,
seiner Mutter, die ihn, hoch und schön, mit einem Lächeln ihres stolzen und
lieblichen Mundes, eine gemessene Weile den Segnungen darbot und ihn
dann weitergab. Ein paar Minuten lang hielt ihn eine Cousine, ein elf- oder
zwölfjähriges Kind mit blonder Lockenfrisur, stockdünnen Beinchen,
bloßen, fröstelnden Ärmchen und einer breiten rotseidenen Schärpe, die
hinten in kolossaler Schleife von ihrem weißen Kleidchen abstand. Ihr
spitzes Gesichtchen war ängstlich dem Zeremonienmeister zugewandt …
Vorübergehend erwachte der Prinz; aber die flimmernden Flämmchen der
Altarkerzen und eine farbige Säule durchsonnten Staubes blendeten ihn, so
daß er die Augen wieder schloß. Und da keine Gedanken, sondern nur
sanfte, gegenstandslose Träume in seinem Kopfe waren, da er auch im
Augenblick keinerlei Schmerz empfand, so schlief er sofort wieder ein.
Er erhielt eine Menge Namen, während er schlief; aber die Hauptnamen
waren: Klaus Heinrich.
Und er schlief in seinem Bettchen mit Goldleisten und blauseidener
Gardine noch fort, während ihm zu Ehren im Marmorsaale Familientafel
und im Rittersaale Tafel für die übrigen Taufgäste stattfand.
Die Zeitungen besprachen sein erstes Auftreten; sie schilderten sein
Äußeres und seine Toilette, sie stellten fest, daß er sich wahrhaft prinzlich
benommen habe, und kleideten die rührende und erhebende Wirkung in
Worte, die seine Erscheinung ausgeübt hatte. Dann hörte die Öffentlichkeit
längere Zeit wenig von ihm und er nichts von ihr.
Er wußte noch nichts, begriff noch nichts, nichts ahnte ihm von der
Schwierigkeit, Gefährlichkeit und Strenge des Lebens, das ihm
vorgeschrieben war; seine Lebensäußerungen ließen nicht die Vermutung
zu, daß er sich in irgendeinem Gegensatz zur großen Menge fühle. Sein
ihn trug, ihn heute noch jeder eigenen Anspannung überhob …
Häufig, an bestimmten Punkten der Zeremonie, wechselten die Arme, in
denen er ruhte. Freifrau von Schulenburg überreichte ihn mit Verneigung
seiner Tante Katharina, die mit strengem Gesichtsausdruck ein neuerlich
umgearbeitetes lila gefärbtes Seidenkleid trug und mit Kronjuwelen frisiert
war. Sie legte ihn, als der Augenblick kam, feierlich in die Arme Dorotheas,
seiner Mutter, die ihn, hoch und schön, mit einem Lächeln ihres stolzen und
lieblichen Mundes, eine gemessene Weile den Segnungen darbot und ihn
dann weitergab. Ein paar Minuten lang hielt ihn eine Cousine, ein elf- oder
zwölfjähriges Kind mit blonder Lockenfrisur, stockdünnen Beinchen,
bloßen, fröstelnden Ärmchen und einer breiten rotseidenen Schärpe, die
hinten in kolossaler Schleife von ihrem weißen Kleidchen abstand. Ihr
spitzes Gesichtchen war ängstlich dem Zeremonienmeister zugewandt …
Vorübergehend erwachte der Prinz; aber die flimmernden Flämmchen der
Altarkerzen und eine farbige Säule durchsonnten Staubes blendeten ihn, so
daß er die Augen wieder schloß. Und da keine Gedanken, sondern nur
sanfte, gegenstandslose Träume in seinem Kopfe waren, da er auch im
Augenblick keinerlei Schmerz empfand, so schlief er sofort wieder ein.
Er erhielt eine Menge Namen, während er schlief; aber die Hauptnamen
waren: Klaus Heinrich.
Und er schlief in seinem Bettchen mit Goldleisten und blauseidener
Gardine noch fort, während ihm zu Ehren im Marmorsaale Familientafel
und im Rittersaale Tafel für die übrigen Taufgäste stattfand.
Die Zeitungen besprachen sein erstes Auftreten; sie schilderten sein
Äußeres und seine Toilette, sie stellten fest, daß er sich wahrhaft prinzlich
benommen habe, und kleideten die rührende und erhebende Wirkung in
Worte, die seine Erscheinung ausgeübt hatte. Dann hörte die Öffentlichkeit
längere Zeit wenig von ihm und er nichts von ihr.
Er wußte noch nichts, begriff noch nichts, nichts ahnte ihm von der
Schwierigkeit, Gefährlichkeit und Strenge des Lebens, das ihm
vorgeschrieben war; seine Lebensäußerungen ließen nicht die Vermutung
zu, daß er sich in irgendeinem Gegensatz zur großen Menge fühle. Sein
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kleines Dasein war ein verantwortungsloser, von außen sorgfältig geleiteter
Traum, der sich auf einem schwer übersichtlichen Schauplatze abspielte;
und dieser Schauplatz war von überaus zahlreichen und farbigen
Erscheinungen, statierenden und agierenden, bevölkert, flüchtig
auftauchenden und solchen, die beharrten.
Unter den beharrenden waren die Eltern fern, recht fern und nicht
vollkommen deutlich. Sie waren seine Eltern, das war gewiß, und sie waren
erhaben und freundlich. Nahten sie sich, so war der Eindruck dieser, als ob
alles übrige nach beiden Seiten zurückwiche und eine Gasse der Ehrfurcht
bildete, durch die sie zu ihm schritten, um ihm einen Augenblick
Zärtlichkeit zu erweisen … Am nächsten und deutlichsten waren zwei
Frauen mit weißen Hauben und Schürzen, zwei vollkommen gute, reine und
liebevolle Wesen augenscheinlich, die seinen kleinen Leib auf jede Art
pflegten und sich sehr um sein Weinen kümmerten … Ein naher Teilnehmer
am Leben war auch Albrecht, sein Bruder; aber er war ernst, ablehnend und
weit vorgeschritten.
Als Klaus Heinrich zwei Jahre alt war, fand nochmals Geburt auf
Grimmburg statt, und eine Prinzessin kam zur Welt. Sechsunddreißig
Schüsse wurden ihr zugemessen, weil sie weiblichen Geschlechts war, und
in der Taufe ward sie Ditlinde genannt. Das war Klaus Heinrichs Schwester,
und daß sie erschien, war ein Glück für ihn. Sie war anfangs befremdend
klein und verletzlich, aber bald ward sie ihm gleich, holte ihn ein und war
bei ihm den ganzen Tag. Mit ihr lebte er, mit ihr schaute, erfuhr, begriff er,
im Zwiegefühl mit ihr empfing er die gemeinsame Welt.
Es war eine Welt, es waren Erfahrungen, danach angetan, nachdenklich
zu stimmen. Wo sie im Winter wohnten, war das Alte Schloß. Wo sie im
Sommer wohnten, am Fluß, in der Kühle, im Duft der violetten Hecken,
zwischen denen weiße Statuen standen, war Hollerbrunn, die
Sommerresidenz. Auf dem Wege dorthin, oder wenn sonst Papa oder Mama
sie mit sich in einen der braun lackierten Wagen mit der kleinen goldenen
Krone am Schlage nahmen, standen die übrigen Menschen, riefen und
grüßten; denn Papa war Fürst und Herr über das Land, und folglich waren
sie selbst ein Prinz und eine Prinzessin – bestätigtermaßen durchaus in
demselben Sinne, in welchem die Prinzen und Prinzessinnen in den
französischen Märchen es waren, die Madame aus der Schweiz ihnen
Traum, der sich auf einem schwer übersichtlichen Schauplatze abspielte;
und dieser Schauplatz war von überaus zahlreichen und farbigen
Erscheinungen, statierenden und agierenden, bevölkert, flüchtig
auftauchenden und solchen, die beharrten.
Unter den beharrenden waren die Eltern fern, recht fern und nicht
vollkommen deutlich. Sie waren seine Eltern, das war gewiß, und sie waren
erhaben und freundlich. Nahten sie sich, so war der Eindruck dieser, als ob
alles übrige nach beiden Seiten zurückwiche und eine Gasse der Ehrfurcht
bildete, durch die sie zu ihm schritten, um ihm einen Augenblick
Zärtlichkeit zu erweisen … Am nächsten und deutlichsten waren zwei
Frauen mit weißen Hauben und Schürzen, zwei vollkommen gute, reine und
liebevolle Wesen augenscheinlich, die seinen kleinen Leib auf jede Art
pflegten und sich sehr um sein Weinen kümmerten … Ein naher Teilnehmer
am Leben war auch Albrecht, sein Bruder; aber er war ernst, ablehnend und
weit vorgeschritten.
Als Klaus Heinrich zwei Jahre alt war, fand nochmals Geburt auf
Grimmburg statt, und eine Prinzessin kam zur Welt. Sechsunddreißig
Schüsse wurden ihr zugemessen, weil sie weiblichen Geschlechts war, und
in der Taufe ward sie Ditlinde genannt. Das war Klaus Heinrichs Schwester,
und daß sie erschien, war ein Glück für ihn. Sie war anfangs befremdend
klein und verletzlich, aber bald ward sie ihm gleich, holte ihn ein und war
bei ihm den ganzen Tag. Mit ihr lebte er, mit ihr schaute, erfuhr, begriff er,
im Zwiegefühl mit ihr empfing er die gemeinsame Welt.
Es war eine Welt, es waren Erfahrungen, danach angetan, nachdenklich
zu stimmen. Wo sie im Winter wohnten, war das Alte Schloß. Wo sie im
Sommer wohnten, am Fluß, in der Kühle, im Duft der violetten Hecken,
zwischen denen weiße Statuen standen, war Hollerbrunn, die
Sommerresidenz. Auf dem Wege dorthin, oder wenn sonst Papa oder Mama
sie mit sich in einen der braun lackierten Wagen mit der kleinen goldenen
Krone am Schlage nahmen, standen die übrigen Menschen, riefen und
grüßten; denn Papa war Fürst und Herr über das Land, und folglich waren
sie selbst ein Prinz und eine Prinzessin – bestätigtermaßen durchaus in
demselben Sinne, in welchem die Prinzen und Prinzessinnen in den
französischen Märchen es waren, die Madame aus der Schweiz ihnen
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vorlas. Dies war des Verweilens wert und ohne Frage ein Sonderfall. Wenn
andere Kinder die Märchen hörten, so blickten sie auf die Prinzen, von
denen sie handelten, notwendig aus großem Abstand und wie auf festliche
Wesen, deren Rang eine Verherrlichung der Wirklichkeit war, und mit
denen sich zu beschäftigen ihnen zweifellos eine Verschönerung der
Gedanken und Erhebung über den Wochentag bedeutete. Aber Klaus
Heinrich und Ditlind blickten auf jene Gestalten als auf ihresgleichen und in
gelassener Ebenbürtigkeit, sie atmeten dieselbe Luft wie sie, sie wohnten in
einem Schlosse gleich ihnen, sie standen mit ihnen auf brüderlichem Fuße
und erhoben sich nicht über das Wirkliche, wenn sie lauschend eins mit
ihnen wurden. Lebten sie also beständig und immerdar auf jener Höhe, zu
welcher andere nur aufstiegen, wenn sie Märchen hörten? Madame aus der
Schweiz hätte es ihrem ganzen Verhalten gemäß nicht leugnen können,
wenn die Frage in Worte zu bringen gewesen wäre.
Madame aus der Schweiz war eine calvinistische Pfarrerswitwe, die für
sie beide da war, während jedes von ihnen zwei besondere Kammerfrauen
hatte. Madame war ganz schwarz und weiß: ihr Häubchen war weiß und
schwarz ihr Kleid, weiß war ihr Antlitz mit der ebenfalls weißen Warze auf
einer Wange und schwarzweiß gemischt ihr metallisch glattes Haar. Sie war
sehr genau und leicht zu entsetzen. Sie blickte zu Gott empor und schlug
ihre weißen Hände zusammen bei Dingen, die ohne Gefahr und dennoch
unzulässig waren. Aber ihr stillstes und schwerstes Zuchtmittel für ernste
Fälle war dies, daß sie die Kinder »traurig ansah« … man hatte sich
vergessen. Von einem bestimmten Tage an begann sie, auf eine Weisung
hin, Klaus Heinrich und Ditlind »Großherzogliche Hoheit« zu nennen und
war nun noch leichter entsetzt …
Jedoch Albrecht hieß »Königliche Hoheit«. – Tante Katharinens Kinder
gehörten nicht zum Mannesstamm der Familie, wie sich erwies, und waren
also von minderer Bedeutung. Aber Albrecht war Erbgroßherzog und
Thronfolger, womit nicht schlecht übereinstimmte, daß er so blaß und
abweisend schien und viel im Bette lag. Er trug österreichische Joppen mit
Klappentaschen und Rückenzug. Er hatte einen nach hinten ausladenden
Schädel mit schmalen Schläfen und ein längliches kluges Gesicht. Sehr
klein noch hatte er eine schwere Krankheit zu bestehen gehabt, gelegentlich
welcher, nach Generalarzt Eschrichs Behauptung, sein Herz vorübergehend
»auf die rechte Seite gewandert« war. Auf jeden Fall hatte er den Tod von
andere Kinder die Märchen hörten, so blickten sie auf die Prinzen, von
denen sie handelten, notwendig aus großem Abstand und wie auf festliche
Wesen, deren Rang eine Verherrlichung der Wirklichkeit war, und mit
denen sich zu beschäftigen ihnen zweifellos eine Verschönerung der
Gedanken und Erhebung über den Wochentag bedeutete. Aber Klaus
Heinrich und Ditlind blickten auf jene Gestalten als auf ihresgleichen und in
gelassener Ebenbürtigkeit, sie atmeten dieselbe Luft wie sie, sie wohnten in
einem Schlosse gleich ihnen, sie standen mit ihnen auf brüderlichem Fuße
und erhoben sich nicht über das Wirkliche, wenn sie lauschend eins mit
ihnen wurden. Lebten sie also beständig und immerdar auf jener Höhe, zu
welcher andere nur aufstiegen, wenn sie Märchen hörten? Madame aus der
Schweiz hätte es ihrem ganzen Verhalten gemäß nicht leugnen können,
wenn die Frage in Worte zu bringen gewesen wäre.
Madame aus der Schweiz war eine calvinistische Pfarrerswitwe, die für
sie beide da war, während jedes von ihnen zwei besondere Kammerfrauen
hatte. Madame war ganz schwarz und weiß: ihr Häubchen war weiß und
schwarz ihr Kleid, weiß war ihr Antlitz mit der ebenfalls weißen Warze auf
einer Wange und schwarzweiß gemischt ihr metallisch glattes Haar. Sie war
sehr genau und leicht zu entsetzen. Sie blickte zu Gott empor und schlug
ihre weißen Hände zusammen bei Dingen, die ohne Gefahr und dennoch
unzulässig waren. Aber ihr stillstes und schwerstes Zuchtmittel für ernste
Fälle war dies, daß sie die Kinder »traurig ansah« … man hatte sich
vergessen. Von einem bestimmten Tage an begann sie, auf eine Weisung
hin, Klaus Heinrich und Ditlind »Großherzogliche Hoheit« zu nennen und
war nun noch leichter entsetzt …
Jedoch Albrecht hieß »Königliche Hoheit«. – Tante Katharinens Kinder
gehörten nicht zum Mannesstamm der Familie, wie sich erwies, und waren
also von minderer Bedeutung. Aber Albrecht war Erbgroßherzog und
Thronfolger, womit nicht schlecht übereinstimmte, daß er so blaß und
abweisend schien und viel im Bette lag. Er trug österreichische Joppen mit
Klappentaschen und Rückenzug. Er hatte einen nach hinten ausladenden
Schädel mit schmalen Schläfen und ein längliches kluges Gesicht. Sehr
klein noch hatte er eine schwere Krankheit zu bestehen gehabt, gelegentlich
welcher, nach Generalarzt Eschrichs Behauptung, sein Herz vorübergehend
»auf die rechte Seite gewandert« war. Auf jeden Fall hatte er den Tod von
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Angesicht zu Angesicht gesehen, und das mochte die scheue Würde, die
ihm eigen war, wohl sehr verstärkt haben. Er schien von äußerster
Zurückhaltung, kalt aus Befangenheit und stolz aus Mangel an Anmut. Er
lispelte ein wenig und errötete dann darüber, da er sich scharf in Obacht
hielt. Seine Schulterblätter waren ein wenig ungleichmäßig gestellt. Sein
eines Auge war mit einer Schwäche behaftet, und so bediente er sich beim
Anfertigen seiner Aufgaben einer Brille, die dazu beitrug, ihn alt und klug
zu machen … Unverbrüchlich hielt sich an Albrechts linker Seite sein
Erzieher, der Doktor Veit, ein Mann mit hängendem, lehmfarbenem
Schnurrbart, hohlen Wangen und blassen, unnatürlich erweiterten Augen.
Zu jeder Stunde war Doktor Veit in Schwarz gekleidet, indem er ein Buch,
zwischen dessen Blättern sein Zeigefinger steckte, an seinem Oberschenkel
herniederhängen ließ.
Klaus Heinrich fühlte sich von Albrecht gering geschätzt, und er sah ein,
daß es nicht nur wegen seiner Rückständigkeit an Jahren so war. Er selbst
war weichmütig und zu Tränen geneigt, das war seine Natur. Er weinte,
wenn man ihn »traurig ansah«, und als er sich an einer Ecke des großen
Spieltisches die Stirn stieß, daß es blutete, klagte er laut aus Mitleid mit
seiner Stirn. Aber Albrecht hatte den Tod gesehen und weinte doch unter
keiner Bedingung. Er schob ein wenig seine kurze, gerundete Unterlippe
empor, indem er leicht damit an der oberen sog – das war alles. Er war
vornehm. Madame aus der Schweiz wies in Fragen des comme il faut
ausdrücklich auf ihn als Muster hin. Nie hätte er sich mit den prächtigen
aufgeschirrten Zierleuten, die zum Schlosse gehörten und nicht eigentlich
Männer und Menschen, sondern Lakaien waren, in ein Gespräch
eingelassen, wie Klaus Heinrich es damals in unbewachten Augenblicken
zuweilen tat. Denn Albrecht war nicht neugierig. Seine Augen blickten
einsam und ohne Verlangen, die Welt zu sich einzulassen. Klaus Heinrich
dagegen plauderte mit den Lakaien aus diesem Verlangen und aus einem
drängenden, wenn auch vielleicht gefährlichen und ungehörigen Wunsche,
sein Herz berühren zu lassen von dem, was etwa jenseits der Grenzen war.
Aber die Lakaien, die alten und jungen, an den Türen, auf den Korridoren
und in den Durchgangszimmern, mit ihren sandfarbenen Gamaschen und
braunen Fräcken, auf deren rötlich-goldenen Tressen sich viele Male die
kleine Krone vom Wagenschlag wiederholte – sie machten die Knie fest,
wenn Klaus Heinrich mit ihnen plauderte, legten die großen Hände an die
ihm eigen war, wohl sehr verstärkt haben. Er schien von äußerster
Zurückhaltung, kalt aus Befangenheit und stolz aus Mangel an Anmut. Er
lispelte ein wenig und errötete dann darüber, da er sich scharf in Obacht
hielt. Seine Schulterblätter waren ein wenig ungleichmäßig gestellt. Sein
eines Auge war mit einer Schwäche behaftet, und so bediente er sich beim
Anfertigen seiner Aufgaben einer Brille, die dazu beitrug, ihn alt und klug
zu machen … Unverbrüchlich hielt sich an Albrechts linker Seite sein
Erzieher, der Doktor Veit, ein Mann mit hängendem, lehmfarbenem
Schnurrbart, hohlen Wangen und blassen, unnatürlich erweiterten Augen.
Zu jeder Stunde war Doktor Veit in Schwarz gekleidet, indem er ein Buch,
zwischen dessen Blättern sein Zeigefinger steckte, an seinem Oberschenkel
herniederhängen ließ.
Klaus Heinrich fühlte sich von Albrecht gering geschätzt, und er sah ein,
daß es nicht nur wegen seiner Rückständigkeit an Jahren so war. Er selbst
war weichmütig und zu Tränen geneigt, das war seine Natur. Er weinte,
wenn man ihn »traurig ansah«, und als er sich an einer Ecke des großen
Spieltisches die Stirn stieß, daß es blutete, klagte er laut aus Mitleid mit
seiner Stirn. Aber Albrecht hatte den Tod gesehen und weinte doch unter
keiner Bedingung. Er schob ein wenig seine kurze, gerundete Unterlippe
empor, indem er leicht damit an der oberen sog – das war alles. Er war
vornehm. Madame aus der Schweiz wies in Fragen des comme il faut
ausdrücklich auf ihn als Muster hin. Nie hätte er sich mit den prächtigen
aufgeschirrten Zierleuten, die zum Schlosse gehörten und nicht eigentlich
Männer und Menschen, sondern Lakaien waren, in ein Gespräch
eingelassen, wie Klaus Heinrich es damals in unbewachten Augenblicken
zuweilen tat. Denn Albrecht war nicht neugierig. Seine Augen blickten
einsam und ohne Verlangen, die Welt zu sich einzulassen. Klaus Heinrich
dagegen plauderte mit den Lakaien aus diesem Verlangen und aus einem
drängenden, wenn auch vielleicht gefährlichen und ungehörigen Wunsche,
sein Herz berühren zu lassen von dem, was etwa jenseits der Grenzen war.
Aber die Lakaien, die alten und jungen, an den Türen, auf den Korridoren
und in den Durchgangszimmern, mit ihren sandfarbenen Gamaschen und
braunen Fräcken, auf deren rötlich-goldenen Tressen sich viele Male die
kleine Krone vom Wagenschlag wiederholte – sie machten die Knie fest,
wenn Klaus Heinrich mit ihnen plauderte, legten die großen Hände an die
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Nähte ihrer dicken Sammethosen, ließen sich dabei ein wenig zu ihm herab,
daß die Fangschnüre ihnen von den Schultern baumelten, und gaben leere,
geziemende Antworten, an denen die Anrede »Großherzogliche Hoheit« das
Gewichtigste war, und zu denen sie lächelten, mit einem mitleidig
behutsamen Ausdruck, als wollten sie sagen: »Du Reiner, du Feiner!« …
Zuweilen, wenn es sich möglich machte, unternahm Klaus Heinrich
Forschungszüge in unbewohnte Gegenden des Schlosses, mit Ditlind, seiner
Schwester, als sie groß genug war.
Damals hatte er Unterricht bei Schulrat Dröge, Rektor der städtischen
Schulen, der zu seinem ersten Lehrer bestellt war. Schulrat Dröge war
sachlich von Natur. Sein Zeigefinger, faltig von trockener Haut und
geschmückt mit einem goldenen Siegelring ohne Stein, verfolgte die
gedruckten Zeilen, wenn Klaus Heinrich las, und rückte nicht eher von der
Stelle, als bis das Wort gelesen war. Er kam in Gehrock und weißer Weste,
das Band eines untergeordneten Ordens im Knopfloch, und in breiten,
blankgewichsten Stiefeln, deren Schäfte naturfarben waren. Er trug einen
ergrauten, kegelförmigen Bart, und aus seinen großen und flachen Ohren
wuchs graues Gestrüpp. Sein braunes Haar war in Form von
aufwärtsstrebenden Spitzen in die Schläfen gebürstet und scharf gescheitelt,
so daß man deutlich die gelbliche, trockene Kopfhaut sah, die porös war
wie Stramin. Aber hinten und an den Seiten kam unter dem festen braunen
Haar dünnes, graues hervor. Er neigte den Kopf ein wenig gegen den
Lakaien, der ihm die Tür zu dem großen, getäfelten Schulzimmer öffnete,
wo Klaus Heinrich ihn erwartete. Jedoch gegen Klaus Heinrich verbeugte er
sich, nicht im Hereinkommen und obenhin, sondern ausdrücklich und mit
Überlegung, indem er vor ihn hintrat und wartete, daß sein erlauchter
Schüler ihm die Hand reichte. Das tat Klaus Heinrich, und daß er es beide
Male, bei der Begrüßung sowohl wie beim Abschied, in hübscher,
gewinnender und gerundeter Weise tat, so, wie er gesehen hatte, daß sein
Vater den Herren die Hand reichte, die darauf warteten, das schien ihm
wichtiger und wesentlicher als aller Unterricht, der dazwischen lag.
Als Schulrat Dröge unzähligemal gekommen und gegangen war, hatte
Klaus Heinrich unvermerkt allerlei Anwendbares gelernt, fand sich wider
Erwarten und Absicht zu Hause in den Fächern des Lesens, Schreibens und
Rechnens und wußte auf Verlangen die Ortschaften des Großherzogtums
ziemlich lückenlos aufzuzählen. Aber es war wie erwähnt nicht eigentlich
daß die Fangschnüre ihnen von den Schultern baumelten, und gaben leere,
geziemende Antworten, an denen die Anrede »Großherzogliche Hoheit« das
Gewichtigste war, und zu denen sie lächelten, mit einem mitleidig
behutsamen Ausdruck, als wollten sie sagen: »Du Reiner, du Feiner!« …
Zuweilen, wenn es sich möglich machte, unternahm Klaus Heinrich
Forschungszüge in unbewohnte Gegenden des Schlosses, mit Ditlind, seiner
Schwester, als sie groß genug war.
Damals hatte er Unterricht bei Schulrat Dröge, Rektor der städtischen
Schulen, der zu seinem ersten Lehrer bestellt war. Schulrat Dröge war
sachlich von Natur. Sein Zeigefinger, faltig von trockener Haut und
geschmückt mit einem goldenen Siegelring ohne Stein, verfolgte die
gedruckten Zeilen, wenn Klaus Heinrich las, und rückte nicht eher von der
Stelle, als bis das Wort gelesen war. Er kam in Gehrock und weißer Weste,
das Band eines untergeordneten Ordens im Knopfloch, und in breiten,
blankgewichsten Stiefeln, deren Schäfte naturfarben waren. Er trug einen
ergrauten, kegelförmigen Bart, und aus seinen großen und flachen Ohren
wuchs graues Gestrüpp. Sein braunes Haar war in Form von
aufwärtsstrebenden Spitzen in die Schläfen gebürstet und scharf gescheitelt,
so daß man deutlich die gelbliche, trockene Kopfhaut sah, die porös war
wie Stramin. Aber hinten und an den Seiten kam unter dem festen braunen
Haar dünnes, graues hervor. Er neigte den Kopf ein wenig gegen den
Lakaien, der ihm die Tür zu dem großen, getäfelten Schulzimmer öffnete,
wo Klaus Heinrich ihn erwartete. Jedoch gegen Klaus Heinrich verbeugte er
sich, nicht im Hereinkommen und obenhin, sondern ausdrücklich und mit
Überlegung, indem er vor ihn hintrat und wartete, daß sein erlauchter
Schüler ihm die Hand reichte. Das tat Klaus Heinrich, und daß er es beide
Male, bei der Begrüßung sowohl wie beim Abschied, in hübscher,
gewinnender und gerundeter Weise tat, so, wie er gesehen hatte, daß sein
Vater den Herren die Hand reichte, die darauf warteten, das schien ihm
wichtiger und wesentlicher als aller Unterricht, der dazwischen lag.
Als Schulrat Dröge unzähligemal gekommen und gegangen war, hatte
Klaus Heinrich unvermerkt allerlei Anwendbares gelernt, fand sich wider
Erwarten und Absicht zu Hause in den Fächern des Lesens, Schreibens und
Rechnens und wußte auf Verlangen die Ortschaften des Großherzogtums
ziemlich lückenlos aufzuzählen. Aber es war wie erwähnt nicht eigentlich
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dies, was ihm nötig und wesentlich schien. Zuweilen, wenn er beim
Unterricht unachtsam war, ermahnte der Schulrat ihn mit dem Hinweis auf
seinen hohen Beruf. »Ihr hoher Beruf verpflichtet Sie …« sagte er, oder:
»Sie schulden es Ihrem hohen Beruf …« Was war sein Beruf, und worin
bestand die Höhe desselben? Warum lächelten die Lakaien »Du Reiner, du
Feiner«, und warum war Madame so heftig entsetzt, wenn er sich in Rede
und Tun nur ein wenig fahren ließ? Er blickte um sich in seinem
Gesichtskreis, und zuweilen, wenn er fest und lange hinsah und seinen
Blick in das innere Wesen der Erscheinungen einzudringen zwang, fühlte er
eine Ahnung von dem »Eigentlichen« in sich aufsteigen, um das es sich für
ihn handelte.
Er stand in einem Saal, der zu den Schönen Zimmern gehörte, dem
Silbersaal, worin, wie er wußte, sein Vater, der Großherzog, feierliche
Gruppenempfänge vornahm – er war gelegentlich allein in den leeren Raum
getreten und sah ihn sich an.
Es war Winter und kalt, seine kleinen Schuhe spiegelten sich in dem
glasig hellen, durch gelbliche Einlagen in große Vierecke geteilten Parkett,
das sich wie eine Eisfläche vor ihm ausbreitete. Die Decke, mit
versilbertem Arabeskenwerk überzogen, war so hoch, daß eine lange, lange
Metallstange nötig war, um den vielarmigen, dicht mit hohen weißen
Kerzen besteckten silbernen Kronleuchter in der Mitte der ganzen Weite
schweben zu lassen. Silbern gerahmte Felder mit blassen Malereien zogen
sich unterhalb der Decke hin. Die Wände, von silbernen Leisten eingefaßt,
waren mit weißer, hier und da gelbfleckiger und eingerissener Seide
bekleidet. Eine Art monumentalen Baldachins, auf zwei starken silbernen
Säulen ruhend und vorn mit einer zweimal gerafften Silbergirlande
geschmückt, von dessen Höhe das Bildnis einer toten, gepuderten Vorfahrin
inmitten einer nachgeahmten Hermelindraperie herniederblickte, gliederte
den Kaminraum vom Ganzen ab. Breite versilberte, mit weißer,
verschlissener Seide bespannte Armstühle umgaben dort hinten die kalte
Feuerstelle. An den Seitenwänden, einander gegenüber, ragten enorme,
silbern gerahmte Spiegel empor, deren Glas blinde Flecken zeigte, und auf
deren breiten weißen Marmorkonsolen Armleuchter standen, je rechts zwei
und links zwei, die niedrigen vor den höhern, mit langen weißen Kerzen
besteckt wie die Wandleuchter ringsumher, wie die vier silbernen
Schaftkandelaber in den Ecken. Vor den hohen Fenstern zur Rechten, die
Unterricht unachtsam war, ermahnte der Schulrat ihn mit dem Hinweis auf
seinen hohen Beruf. »Ihr hoher Beruf verpflichtet Sie …« sagte er, oder:
»Sie schulden es Ihrem hohen Beruf …« Was war sein Beruf, und worin
bestand die Höhe desselben? Warum lächelten die Lakaien »Du Reiner, du
Feiner«, und warum war Madame so heftig entsetzt, wenn er sich in Rede
und Tun nur ein wenig fahren ließ? Er blickte um sich in seinem
Gesichtskreis, und zuweilen, wenn er fest und lange hinsah und seinen
Blick in das innere Wesen der Erscheinungen einzudringen zwang, fühlte er
eine Ahnung von dem »Eigentlichen« in sich aufsteigen, um das es sich für
ihn handelte.
Er stand in einem Saal, der zu den Schönen Zimmern gehörte, dem
Silbersaal, worin, wie er wußte, sein Vater, der Großherzog, feierliche
Gruppenempfänge vornahm – er war gelegentlich allein in den leeren Raum
getreten und sah ihn sich an.
Es war Winter und kalt, seine kleinen Schuhe spiegelten sich in dem
glasig hellen, durch gelbliche Einlagen in große Vierecke geteilten Parkett,
das sich wie eine Eisfläche vor ihm ausbreitete. Die Decke, mit
versilbertem Arabeskenwerk überzogen, war so hoch, daß eine lange, lange
Metallstange nötig war, um den vielarmigen, dicht mit hohen weißen
Kerzen besteckten silbernen Kronleuchter in der Mitte der ganzen Weite
schweben zu lassen. Silbern gerahmte Felder mit blassen Malereien zogen
sich unterhalb der Decke hin. Die Wände, von silbernen Leisten eingefaßt,
waren mit weißer, hier und da gelbfleckiger und eingerissener Seide
bekleidet. Eine Art monumentalen Baldachins, auf zwei starken silbernen
Säulen ruhend und vorn mit einer zweimal gerafften Silbergirlande
geschmückt, von dessen Höhe das Bildnis einer toten, gepuderten Vorfahrin
inmitten einer nachgeahmten Hermelindraperie herniederblickte, gliederte
den Kaminraum vom Ganzen ab. Breite versilberte, mit weißer,
verschlissener Seide bespannte Armstühle umgaben dort hinten die kalte
Feuerstelle. An den Seitenwänden, einander gegenüber, ragten enorme,
silbern gerahmte Spiegel empor, deren Glas blinde Flecken zeigte, und auf
deren breiten weißen Marmorkonsolen Armleuchter standen, je rechts zwei
und links zwei, die niedrigen vor den höhern, mit langen weißen Kerzen
besteckt wie die Wandleuchter ringsumher, wie die vier silbernen
Schaftkandelaber in den Ecken. Vor den hohen Fenstern zur Rechten, die
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auf den Albrechtsplatz blickten, und auf deren äußeren Bänken Kissen von
Schnee lagen, fielen weißseidene Vorhänge, gelbfleckig, mit silbernen
Schnüren gerafft und mit Spitzen unterlegt, schwer und reichlich auf das
Parkett hinab. In der Mitte des Raums, unter dem Kronleuchter, stand ein
Tisch von mäßiger Größe, dessen Untersatz wie ein knorriger silberner
Baumstumpf war, und dessen achteckige Platte aus milchiger Perlmutter
bestand – stand unnütz und ohne Stühle dort, bestimmt und geeignet
höchstens dazu, dir als Halt und Stützpunkt zu dienen, wenn die Lakaien
die Flügeltür öffneten und diejenigen einließen, die in Gala auf eine festlich
gemessene Weise vor dich traten …
Klaus Heinrich sah in den Saal, und deutlich sah er, daß nichts hier von
der Sachlichkeit wußte, die Schulrat Dröge trotz seiner Verbeugungen ihm
auferlegte. Hier herrschte Sonntag und Feierernst, ganz ähnlich wie in der
Kirche, wo des Schulrats Forderungen gleichfalls verfehlt gewesen wären.
Strenger und leerer Prunk herrschte hier und ein förmliches Gleichmaß der
Anordnung, das rein von Zweck und Bequemlichkeit sich selbstgenügsam
darstellte … ein hoher und angespannter Dienst, ohne Zweifel, der weit
entfernt schien, leicht und behaglich zu sein, der dich auf Haltung und
Zucht und beherrschte Entsagung verpflichtete, doch dessen Gegenstand
ohne Namen war. Und es war kalt in dem silbernen Kerzensaal wie in dem
der Schneekönigin, wo die Herzen der Kinder erstarren.
Klaus Heinrich ging über die spiegelnde Fläche und stellte sich an den
Tisch in der Mitte. Er stützte die rechte Hand leicht auf die Perlmutterplatte
und stemmte die linke so in die Hüfte, daß sie weit hinten, fast schon im
Rücken saß und von vorn nicht sichtbar war; denn sie war unschön:
bräunlich und runzlig und hatte mit der rechten im Wachstum nicht Schritt
gehalten. Er ließ sich auf einem Beine ruhen, stellte das andere ein wenig
vor und hielt den Blick auf die silbernen Ornamente der Tür gerichtet. Es
war kein Standort zum Träumen und nicht die Haltung dazu; und dennoch
träumte er.
Er sah seinen Vater und sah ihn an wie den Saal, um zu begreifen. Er sah
den matten Hochmut seiner blauen Augen, die Furchen, die stolz und
grämlich von den Flügeln seiner Nase in den Bart verliefen, und die
manchmal von einem Überdruß, einer Langeweile vertieft und nachgezogen
wurden … Man durfte ihn nicht anreden, nicht freierdings sich ihm nähern
Schnee lagen, fielen weißseidene Vorhänge, gelbfleckig, mit silbernen
Schnüren gerafft und mit Spitzen unterlegt, schwer und reichlich auf das
Parkett hinab. In der Mitte des Raums, unter dem Kronleuchter, stand ein
Tisch von mäßiger Größe, dessen Untersatz wie ein knorriger silberner
Baumstumpf war, und dessen achteckige Platte aus milchiger Perlmutter
bestand – stand unnütz und ohne Stühle dort, bestimmt und geeignet
höchstens dazu, dir als Halt und Stützpunkt zu dienen, wenn die Lakaien
die Flügeltür öffneten und diejenigen einließen, die in Gala auf eine festlich
gemessene Weise vor dich traten …
Klaus Heinrich sah in den Saal, und deutlich sah er, daß nichts hier von
der Sachlichkeit wußte, die Schulrat Dröge trotz seiner Verbeugungen ihm
auferlegte. Hier herrschte Sonntag und Feierernst, ganz ähnlich wie in der
Kirche, wo des Schulrats Forderungen gleichfalls verfehlt gewesen wären.
Strenger und leerer Prunk herrschte hier und ein förmliches Gleichmaß der
Anordnung, das rein von Zweck und Bequemlichkeit sich selbstgenügsam
darstellte … ein hoher und angespannter Dienst, ohne Zweifel, der weit
entfernt schien, leicht und behaglich zu sein, der dich auf Haltung und
Zucht und beherrschte Entsagung verpflichtete, doch dessen Gegenstand
ohne Namen war. Und es war kalt in dem silbernen Kerzensaal wie in dem
der Schneekönigin, wo die Herzen der Kinder erstarren.
Klaus Heinrich ging über die spiegelnde Fläche und stellte sich an den
Tisch in der Mitte. Er stützte die rechte Hand leicht auf die Perlmutterplatte
und stemmte die linke so in die Hüfte, daß sie weit hinten, fast schon im
Rücken saß und von vorn nicht sichtbar war; denn sie war unschön:
bräunlich und runzlig und hatte mit der rechten im Wachstum nicht Schritt
gehalten. Er ließ sich auf einem Beine ruhen, stellte das andere ein wenig
vor und hielt den Blick auf die silbernen Ornamente der Tür gerichtet. Es
war kein Standort zum Träumen und nicht die Haltung dazu; und dennoch
träumte er.
Er sah seinen Vater und sah ihn an wie den Saal, um zu begreifen. Er sah
den matten Hochmut seiner blauen Augen, die Furchen, die stolz und
grämlich von den Flügeln seiner Nase in den Bart verliefen, und die
manchmal von einem Überdruß, einer Langeweile vertieft und nachgezogen
wurden … Man durfte ihn nicht anreden, nicht freierdings sich ihm nähern
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und ungefragt das Wort an ihn richten – auch die Kinder nicht, es verbot
sich, es war gefährlich. Er antwortete wohl, doch fremd und kalt, und eine
Ratlosigkeit entstand auf seinem Gesicht, eine kurze Verstörung, für die
Klaus Heinrich ein tiefes Verständnis empfand.
Papa redete an und entließ; so war er's gewohnt. Er hielt Sprechcour zu
Beginn des Hofballs und zum Schluß des Diners, mit dem der Winter
begann. Er ging mit Mama durch die Zimmer und Säle, in denen die
Hofrangklassen versammelt waren, ging durch den Marmorsaal und die
Schönen Zimmer, durch die Bildergalerie, den Rittersaal, den Saal der
zwölf Monate, den Audienzsaal und Tanzsaal, ging nicht nur in einer
bestimmten Richtung, sondern auch auf einer bestimmten Bahn, die der
eilfertige Herr von Bühl ihm freihielt, und richtete Worte an Herren und
Damen. An wen er sich wandte, der bog in Verbeugung aus, ließ einen
Abstand von blankem Parkett zwischen sich und Papa und antwortete
maßvoll und glücklich bewegt. Dann grüßte Papa über den Abstand hinweg,
aus der Sicherheit sorgfältiger Vorschriften, die die Bewegungen der
anderen beschränkten und seine Haltung begünstigten, grüßte lächelnd und
leicht und wandte sich weiter. Lächelnd und leicht … Gewiß, gewiß, Klaus
Heinrich verstand sie wohl, die Ratlosigkeit, die einen Augenblick Papas
Miene verstörte, wenn man ungestüm genug war, ihn geradeswegs
anzureden – verstand sie und fühlte sie ängstlich mit! Irgend etwas, ein
Zartes, Gefährdetes, war dann verletzt, worin so sehr unser Wesen beruhte,
daß wir hilflos standen, wenn man es roh durchbrach. Und es war dennoch
dies selbe Etwas, was unsere Augen matt machte und uns so tiefe Furchen
der Langeweile grub …
Klaus Heinrich stand und sah – er sah seine Mutter und ihre Schönheit,
die weit und breit berühmt und gepriesen war. Er sah sie aufrecht en robe
de cérémonie, vor ihrem großen, von Kerzen erhellten Spiegel; denn
zuweilen, bei Festlichkeiten, durfte er anwesend sein, wenn der Hoffriseur
und die Kammerfrauen die letzte Hand an ihre Toilette legten. Auch Herr
von Knobelsdorff war anwesend, wenn Mama mit Juwelen aus dem
Kronschatz geschmückt wurde, hielt Aufsicht und notierte die Steine, die
zur Verwendung gelangten. Die Fältchen an seinen Augen spielten, und er
brachte Mama mit drolligen Redewendungen zum Lachen, so daß sich die
wundervollen kleinen Gruben in ihren weichen Wangen bildeten. Aber es
sich, es war gefährlich. Er antwortete wohl, doch fremd und kalt, und eine
Ratlosigkeit entstand auf seinem Gesicht, eine kurze Verstörung, für die
Klaus Heinrich ein tiefes Verständnis empfand.
Papa redete an und entließ; so war er's gewohnt. Er hielt Sprechcour zu
Beginn des Hofballs und zum Schluß des Diners, mit dem der Winter
begann. Er ging mit Mama durch die Zimmer und Säle, in denen die
Hofrangklassen versammelt waren, ging durch den Marmorsaal und die
Schönen Zimmer, durch die Bildergalerie, den Rittersaal, den Saal der
zwölf Monate, den Audienzsaal und Tanzsaal, ging nicht nur in einer
bestimmten Richtung, sondern auch auf einer bestimmten Bahn, die der
eilfertige Herr von Bühl ihm freihielt, und richtete Worte an Herren und
Damen. An wen er sich wandte, der bog in Verbeugung aus, ließ einen
Abstand von blankem Parkett zwischen sich und Papa und antwortete
maßvoll und glücklich bewegt. Dann grüßte Papa über den Abstand hinweg,
aus der Sicherheit sorgfältiger Vorschriften, die die Bewegungen der
anderen beschränkten und seine Haltung begünstigten, grüßte lächelnd und
leicht und wandte sich weiter. Lächelnd und leicht … Gewiß, gewiß, Klaus
Heinrich verstand sie wohl, die Ratlosigkeit, die einen Augenblick Papas
Miene verstörte, wenn man ungestüm genug war, ihn geradeswegs
anzureden – verstand sie und fühlte sie ängstlich mit! Irgend etwas, ein
Zartes, Gefährdetes, war dann verletzt, worin so sehr unser Wesen beruhte,
daß wir hilflos standen, wenn man es roh durchbrach. Und es war dennoch
dies selbe Etwas, was unsere Augen matt machte und uns so tiefe Furchen
der Langeweile grub …
Klaus Heinrich stand und sah – er sah seine Mutter und ihre Schönheit,
die weit und breit berühmt und gepriesen war. Er sah sie aufrecht en robe
de cérémonie, vor ihrem großen, von Kerzen erhellten Spiegel; denn
zuweilen, bei Festlichkeiten, durfte er anwesend sein, wenn der Hoffriseur
und die Kammerfrauen die letzte Hand an ihre Toilette legten. Auch Herr
von Knobelsdorff war anwesend, wenn Mama mit Juwelen aus dem
Kronschatz geschmückt wurde, hielt Aufsicht und notierte die Steine, die
zur Verwendung gelangten. Die Fältchen an seinen Augen spielten, und er
brachte Mama mit drolligen Redewendungen zum Lachen, so daß sich die
wundervollen kleinen Gruben in ihren weichen Wangen bildeten. Aber es
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war ein Lachen voll Kunst und Gnade, und sie sah in den Spiegel dabei, als
übte sie sich.
Einiges slawisches Blut floß in ihren Adern, wie man sagte, und daher
hatten ihre tiefblauen Augen einen so süßen Glanz, wie die Nacht ihres
duftenden Haares so schwarz. Klaus Heinrich war ihr ähnlich, hörte er
sagen, insofern auch er stahlblaue Augen zu dunkeln Haaren hatte, während
Albrecht und Ditlind blond waren, wie Papa gewesen war, bevor er
ergraute. Aber er war weit entfernt, schön zu sein, seiner breiten
Wangenknochen und vor allem seiner linken Hand wegen, die Mama ihn
anhielt, auf geschickte Art zu verbergen, in der Seitentasche seiner Jacke,
auf dem Rücken oder vorn in der Brust – ihn anhielt, gerade dann, wenn er
aus zärtlichem Antriebe sie mit beiden Armen umschlingen wollte. Ihr Blick
war kalt, wenn sie ihn aufforderte, auf seine Hand zu achten.
Er sah sie wie auf dem Bild im Marmorsaal: in schillernder Seidenrobe
mit Spitzenbehang und hohen Handschuhen, die unter den gepufften
Ärmeln nur einen Streifen ihres elfenbeinfarbenen Oberarmes sehen ließen,
ein Diadem in der Nacht ihres Haares, hoch aufgerichtet die herrliche
Gestalt, ein Lächeln kühler Vollkommenheit um die wunderbar herben
Lippen – und hinter ihr schlug ein Pfau mit metallisch blinkendem Hals
sein hoffärtiges Rad. So weich war ihr Gesicht, aber die Schönheit machte
es streng, und man konnte wohl sehen, daß auch ihr Herz streng war und
auf nichts als ihre Schönheit bedacht. Sie schlief viel am Tage, wenn Ball
oder Cercle bevorstand, und aß nur Eidotter, um sich nicht zu beschweren.
Dann strahlte sie abends an Papas Arm auf der vorgeschriebenen Bahn
durch die Säle – graue Würdenträger erröteten, wenn sie ihrer Ansprache
teilhaftig wurden, und der »Eilbote« schrieb, daß Ihre Königliche Hoheit
nicht nur nach ihrem erhabenen Rang die Königin des Festes gewesen sei.
Ja, sie wirkte Glück, indem sie sich zeigte, bei Hofe sowohl wie draußen in
den Straßen oder nachmittags im Stadtgarten, zu Pferd oder zu Wagen – und
die Wangen der Leute färbten sich höher. Blumen und Lebehochs und alle
Herzen flogen ihr zu, und die »Hoch« riefen, meinten sich selbst damit, wie
man deutlich sah, und riefen freudig aus, daß sie selbst hochlebten und an
hohe Dinge glaubten in diesem Augenblick. Aber Klaus Heinrich wußte
wohl, daß Mama lange, sorgfältige Stunden an ihrer Schönheit gearbeitet
hatte, daß ihr Lächeln und Grüßen voller Übung und Absicht war und daß
übte sie sich.
Einiges slawisches Blut floß in ihren Adern, wie man sagte, und daher
hatten ihre tiefblauen Augen einen so süßen Glanz, wie die Nacht ihres
duftenden Haares so schwarz. Klaus Heinrich war ihr ähnlich, hörte er
sagen, insofern auch er stahlblaue Augen zu dunkeln Haaren hatte, während
Albrecht und Ditlind blond waren, wie Papa gewesen war, bevor er
ergraute. Aber er war weit entfernt, schön zu sein, seiner breiten
Wangenknochen und vor allem seiner linken Hand wegen, die Mama ihn
anhielt, auf geschickte Art zu verbergen, in der Seitentasche seiner Jacke,
auf dem Rücken oder vorn in der Brust – ihn anhielt, gerade dann, wenn er
aus zärtlichem Antriebe sie mit beiden Armen umschlingen wollte. Ihr Blick
war kalt, wenn sie ihn aufforderte, auf seine Hand zu achten.
Er sah sie wie auf dem Bild im Marmorsaal: in schillernder Seidenrobe
mit Spitzenbehang und hohen Handschuhen, die unter den gepufften
Ärmeln nur einen Streifen ihres elfenbeinfarbenen Oberarmes sehen ließen,
ein Diadem in der Nacht ihres Haares, hoch aufgerichtet die herrliche
Gestalt, ein Lächeln kühler Vollkommenheit um die wunderbar herben
Lippen – und hinter ihr schlug ein Pfau mit metallisch blinkendem Hals
sein hoffärtiges Rad. So weich war ihr Gesicht, aber die Schönheit machte
es streng, und man konnte wohl sehen, daß auch ihr Herz streng war und
auf nichts als ihre Schönheit bedacht. Sie schlief viel am Tage, wenn Ball
oder Cercle bevorstand, und aß nur Eidotter, um sich nicht zu beschweren.
Dann strahlte sie abends an Papas Arm auf der vorgeschriebenen Bahn
durch die Säle – graue Würdenträger erröteten, wenn sie ihrer Ansprache
teilhaftig wurden, und der »Eilbote« schrieb, daß Ihre Königliche Hoheit
nicht nur nach ihrem erhabenen Rang die Königin des Festes gewesen sei.
Ja, sie wirkte Glück, indem sie sich zeigte, bei Hofe sowohl wie draußen in
den Straßen oder nachmittags im Stadtgarten, zu Pferd oder zu Wagen – und
die Wangen der Leute färbten sich höher. Blumen und Lebehochs und alle
Herzen flogen ihr zu, und die »Hoch« riefen, meinten sich selbst damit, wie
man deutlich sah, und riefen freudig aus, daß sie selbst hochlebten und an
hohe Dinge glaubten in diesem Augenblick. Aber Klaus Heinrich wußte
wohl, daß Mama lange, sorgfältige Stunden an ihrer Schönheit gearbeitet
hatte, daß ihr Lächeln und Grüßen voller Übung und Absicht war und daß
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ihr eigenes Herz nicht hochschlug, keineswegs, für nichts und für
niemanden.
Liebte sie irgendwen, zum Beispiel ihn selbst, Klaus Heinrich, der ihr
doch ähnlich war? Ach, doch, das tat sie wohl dennoch, soweit sie Zeit dazu
hatte, und dann selbst, wenn sie ihn mit kühlen Worten an seine Hand
erinnerte. Aber es schien, daß sie Ausdruck und Zeichen ihrer Zärtlichkeit
für solche Gelegenheiten sparte, wo Zuschauer zugegen waren, die sich
daran erbauen konnten. Klaus Heinrich und Ditlind kamen nicht oft mit
ihrer Mutter in Berührung, zumal sie nicht, wie seit einiger Zeit Albrecht,
der Thronfolger, an der elterlichen Tafel teilnahmen, sondern mit Madame
aus der Schweiz gesondert speisten; und wenn sie, was einmal die Woche
geschah, in Mamas Wohnräume zu Besuch berufen wurden, so verlief solch
Beisammensein ohne Gefühlswallungen unter gelassenen Fragen und
artigen Antworten, während es sich im ganzen darum handelte, wie man auf
ansprechende Art mit einer Teetasse voll Milch in einem Fauteuil säße.
Aber bei den Konzerten, die jeden zweiten Donnerstag unter dem Namen
»Donnerstage der Großherzogin« im Marmorsaal stattfanden und so
angeordnet waren, daß die Hofgesellschaft an kleinen Tischen mit goldenen
Beinen und roten Sammetdecken saß, während der Kammersänger
Schramm vom Hoftheater mit Musikbegleitung so mächtig sang, daß die
Adern auf seiner kahlen Stirne schwollen – bei den Konzerten durften
Klaus Heinrich und Ditlind zuweilen festlich gekleidet eine Nummer und
Pause lang im Saale sein, und dann zeigte Mama, daß sie sie lieb habe,
zeigte es ihnen und allen so innig und ausdrucksvoll, daß kein Zweifel
blieb. Sie nahm sie zu sich an den Tisch, dem sie vorsaß, und hieß sie mit
glücklichem Lächeln, sich zu ihren Seiten zu stellen, lehnte sich ihre
Wangen an Schulter und Brust, sah ihnen mit weichem, beseeltem Blick in
die Augen und küßte sie beide auf Stirn und Mund. Aber die Damen neigten
die Köpfe zur Seite und blinzelten rasch mit verklärter Miene, indes die
Herren langsam nickten und sich in die Schnurrbärte bissen, um auf
männliche Art ihre Ergriffenheit zu bemeistern … Ja, das war schön, und
die Kinder fühlten sich beteiligt an dieser Wirkung, die alles übertraf, was
Kammersänger Schramm mit seinen seligsten Tönen erzielte, und
schmiegten sich stolz an Mama. Denn Klaus Heinrich wenigstens sah ein,
daß es uns dem Wesen der Dinge gemäß nicht anstand, einfach zu fühlen
und damit glücklich zu sein, sondern daß es uns zukam, unsere Zärtlichkeit
niemanden.
Liebte sie irgendwen, zum Beispiel ihn selbst, Klaus Heinrich, der ihr
doch ähnlich war? Ach, doch, das tat sie wohl dennoch, soweit sie Zeit dazu
hatte, und dann selbst, wenn sie ihn mit kühlen Worten an seine Hand
erinnerte. Aber es schien, daß sie Ausdruck und Zeichen ihrer Zärtlichkeit
für solche Gelegenheiten sparte, wo Zuschauer zugegen waren, die sich
daran erbauen konnten. Klaus Heinrich und Ditlind kamen nicht oft mit
ihrer Mutter in Berührung, zumal sie nicht, wie seit einiger Zeit Albrecht,
der Thronfolger, an der elterlichen Tafel teilnahmen, sondern mit Madame
aus der Schweiz gesondert speisten; und wenn sie, was einmal die Woche
geschah, in Mamas Wohnräume zu Besuch berufen wurden, so verlief solch
Beisammensein ohne Gefühlswallungen unter gelassenen Fragen und
artigen Antworten, während es sich im ganzen darum handelte, wie man auf
ansprechende Art mit einer Teetasse voll Milch in einem Fauteuil säße.
Aber bei den Konzerten, die jeden zweiten Donnerstag unter dem Namen
»Donnerstage der Großherzogin« im Marmorsaal stattfanden und so
angeordnet waren, daß die Hofgesellschaft an kleinen Tischen mit goldenen
Beinen und roten Sammetdecken saß, während der Kammersänger
Schramm vom Hoftheater mit Musikbegleitung so mächtig sang, daß die
Adern auf seiner kahlen Stirne schwollen – bei den Konzerten durften
Klaus Heinrich und Ditlind zuweilen festlich gekleidet eine Nummer und
Pause lang im Saale sein, und dann zeigte Mama, daß sie sie lieb habe,
zeigte es ihnen und allen so innig und ausdrucksvoll, daß kein Zweifel
blieb. Sie nahm sie zu sich an den Tisch, dem sie vorsaß, und hieß sie mit
glücklichem Lächeln, sich zu ihren Seiten zu stellen, lehnte sich ihre
Wangen an Schulter und Brust, sah ihnen mit weichem, beseeltem Blick in
die Augen und küßte sie beide auf Stirn und Mund. Aber die Damen neigten
die Köpfe zur Seite und blinzelten rasch mit verklärter Miene, indes die
Herren langsam nickten und sich in die Schnurrbärte bissen, um auf
männliche Art ihre Ergriffenheit zu bemeistern … Ja, das war schön, und
die Kinder fühlten sich beteiligt an dieser Wirkung, die alles übertraf, was
Kammersänger Schramm mit seinen seligsten Tönen erzielte, und
schmiegten sich stolz an Mama. Denn Klaus Heinrich wenigstens sah ein,
daß es uns dem Wesen der Dinge gemäß nicht anstand, einfach zu fühlen
und damit glücklich zu sein, sondern daß es uns zukam, unsere Zärtlichkeit
Page 55
im Saale anschaulich zu machen und auszustellen, damit die Herzen der
Gäste schwöllen.
Zuweilen bekamen auch die Leute draußen in Stadt und Park zu sehen,
daß Mama uns lieb hatte. Denn während Albrecht am frühen Morgen mit
dem Großherzog ausfuhr oder ritt – obgleich er so schlecht zu Pferde saß –,
so hatten Klaus Heinrich und Ditlind von Zeit zu Zeit und abwechselnd
Mama auf ihren Spazierfahrten zu begleiten, die im Frühjahr und Herbst
nachmittags um die Promenadezeit stattfanden, in Gegenwart der Freifrau
von Schulenburg-Tressen. Klaus Heinrich war ein wenig erregt und
fieberhaft vor diesen Spazierfahrten, mit denen schlechterdings kein
Vergnügen, sondern im Gegenteil viel Mühe und Anstrengung verbunden
war. Denn gleich, wenn zwischen den präsentierenden Grenadieren der
offene Wagen das Löwenportal am Albrechtsplatze verließ, so stand viel
Volks dort versammelt, das die Ausfahrt erwartet hatte, Männer, Frauen und
Kinder, die riefen und gierig schauten; und es galt, sich
zusammenzunehmen und anmutig standzuhalten, zu lächeln, die linke Hand
zu verbergen und so mit dem Hute zu grüßen, daß es Freude im Volke
hervorrief. Das ging so fort auf der Fahrt durch die Stadt und im Grünen.
Die anderen Fuhrwerke mußten wohl Abstand wahren von unserem, die
Schutzmänner hielten darauf. Jedoch die Fußgänger standen am
Wegessaum, die Damen ließen sich knicksend nieder, die Herren hielten
den Hut am Schenkel und blickten von unten mit Augen voll Andacht und
dringlicher Neugier – und dies war Klaus Heinrichs Einsicht: daß alle da
waren, um eben da zu sein und zu schauen, indes er da war, um sich zu
zeigen und geschaut zu werden; und das war das weitaus Schwerere. Er
hielt seine linke Hand in der Paletottasche und lächelte, wie Mama es
wünschte, während er fühlte, daß seine Wangen in Hitze standen. Aber der
»Eilbote« schrieb, daß die Wangen unseres kleinen Herzogs wie Rosen
gewesen seien vor Wohlbefinden.
Klaus Heinrich war dreizehn Jahre alt, als er an dem einsamen
Perlmuttertischchen inmitten des kalten Silbersaales stand und das
Eigentliche zu ergründen suchte, um das es sich für ihn handelte. Und wie
er die Erscheinungen innig durchdrang: den leeren, zerschlissenen Stolz der
Gemächer, der über Zweck und Behagen war, die Symmetrie der weißen
Kerzen, in welcher ein hoher und angespannter Dienst, eine beherrschte
Entsagung ausgedrückt schien, die kurze Verstörung auf seines Vaters
Gäste schwöllen.
Zuweilen bekamen auch die Leute draußen in Stadt und Park zu sehen,
daß Mama uns lieb hatte. Denn während Albrecht am frühen Morgen mit
dem Großherzog ausfuhr oder ritt – obgleich er so schlecht zu Pferde saß –,
so hatten Klaus Heinrich und Ditlind von Zeit zu Zeit und abwechselnd
Mama auf ihren Spazierfahrten zu begleiten, die im Frühjahr und Herbst
nachmittags um die Promenadezeit stattfanden, in Gegenwart der Freifrau
von Schulenburg-Tressen. Klaus Heinrich war ein wenig erregt und
fieberhaft vor diesen Spazierfahrten, mit denen schlechterdings kein
Vergnügen, sondern im Gegenteil viel Mühe und Anstrengung verbunden
war. Denn gleich, wenn zwischen den präsentierenden Grenadieren der
offene Wagen das Löwenportal am Albrechtsplatze verließ, so stand viel
Volks dort versammelt, das die Ausfahrt erwartet hatte, Männer, Frauen und
Kinder, die riefen und gierig schauten; und es galt, sich
zusammenzunehmen und anmutig standzuhalten, zu lächeln, die linke Hand
zu verbergen und so mit dem Hute zu grüßen, daß es Freude im Volke
hervorrief. Das ging so fort auf der Fahrt durch die Stadt und im Grünen.
Die anderen Fuhrwerke mußten wohl Abstand wahren von unserem, die
Schutzmänner hielten darauf. Jedoch die Fußgänger standen am
Wegessaum, die Damen ließen sich knicksend nieder, die Herren hielten
den Hut am Schenkel und blickten von unten mit Augen voll Andacht und
dringlicher Neugier – und dies war Klaus Heinrichs Einsicht: daß alle da
waren, um eben da zu sein und zu schauen, indes er da war, um sich zu
zeigen und geschaut zu werden; und das war das weitaus Schwerere. Er
hielt seine linke Hand in der Paletottasche und lächelte, wie Mama es
wünschte, während er fühlte, daß seine Wangen in Hitze standen. Aber der
»Eilbote« schrieb, daß die Wangen unseres kleinen Herzogs wie Rosen
gewesen seien vor Wohlbefinden.
Klaus Heinrich war dreizehn Jahre alt, als er an dem einsamen
Perlmuttertischchen inmitten des kalten Silbersaales stand und das
Eigentliche zu ergründen suchte, um das es sich für ihn handelte. Und wie
er die Erscheinungen innig durchdrang: den leeren, zerschlissenen Stolz der
Gemächer, der über Zweck und Behagen war, die Symmetrie der weißen
Kerzen, in welcher ein hoher und angespannter Dienst, eine beherrschte
Entsagung ausgedrückt schien, die kurze Verstörung auf seines Vaters
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Gesicht, wenn man ihn freihin ansprach, die kühl und streng gepflegte
Schönheit seiner Mutter, die sich lächelnd der Begeisterung darstellte, die
andachtsvollen und dringlich neugierigen Blicke der Leute draußen – da
ergriff ihn eine Ahnung, eine ungefähre und wortlose Erkenntnis dessen,
was seine Angelegenheit war. Aber zur selben Zeit kam ihn ein Grauen an,
ein Schauder vor dieser Art von Bestimmung, eine Angst vor seinem
»hohen Beruf«, so stark, daß er sich wandte und beide Hände vor seine
Augen warf, beide, die kleine runzlige linke auch, und an dem einsamen
Tischchen niedersank und weinte, weinte vor Mitleid mit sich und seinem
Herzen, bis man kam und zu Gott emporblickte und die Hände
zusammenschlug und fragte und ihn wegführte … Er gab an, daß er Furcht
gehabt, und das war die Wahrheit.
Er hatte nichts gewußt, nichts begriffen, nichts geahnt von der
Schwierigkeit und Strenge des Lebens, das ihm vorgeschrieben war; er war
lustig gewesen, hatte sich sorglos fahren lassen und viel Anlaß zum
Entsetzen gegeben. Aber früh mehrten sich die Eindrücke, die es ihm
unmöglich machten, sich der wahren Sachlage zu verschließen. In der
nördlichen Vorstadt, unweit des Quellengartens, war eine neue Straße
entstanden; man eröffnete ihm, daß sie auf Magistratsbeschluß den Namen
»Klaus-Heinrich-Straße« erhalten habe. Gelegentlich einer Ausfahrt sprach
seine Mutter mit ihm beim Kunsthändler vor; es galt einen Einkauf. Der
Lakai wartete am Schlage, Publikum sammelte sich an, der Kunsthändler
eiferte beglückt – das war nichts Neues. Aber Klaus Heinrich bemerkte zum
erstenmal seine Photographie im Schaufenster. Sie hing neben denen von
Künstlern und großen Männern, hochgestirnten Männern, deren Augen aus
einer berühmten Einsamkeit blickten.
Man war im ganzen zufrieden mit ihm. Er nahm zu an Haltung, und ein
gefaßter Anstand kam in sein Wesen, unter dem Druck seiner Berufenheit.
Aber das Seltsame war, daß zu gleicher Zeit sein Verlangen wuchs: diese
schweifende Wißbegier, die zu befriedigen Schulrat Dröge der Mann nicht
war, und die ihn getrieben hatte, mit den Lakaien zu plaudern. Er tat das
nicht mehr; es führte zu nichts. Sie lächelten »Du Reiner, du Feiner«, sie
bestärkten ihn durch eben dieses Lächeln in der dunklen Vermutung, daß
seine Welt der symmetrisch aufgesteckten Kerzen in einem unwissenden
Gegensatz zur übrigen Welt dort draußen stehe, aber sie halfen ihm gar
nicht. Er sah sich um auf den Spazierfahrten, auf den Gängen, die er mit
Schönheit seiner Mutter, die sich lächelnd der Begeisterung darstellte, die
andachtsvollen und dringlich neugierigen Blicke der Leute draußen – da
ergriff ihn eine Ahnung, eine ungefähre und wortlose Erkenntnis dessen,
was seine Angelegenheit war. Aber zur selben Zeit kam ihn ein Grauen an,
ein Schauder vor dieser Art von Bestimmung, eine Angst vor seinem
»hohen Beruf«, so stark, daß er sich wandte und beide Hände vor seine
Augen warf, beide, die kleine runzlige linke auch, und an dem einsamen
Tischchen niedersank und weinte, weinte vor Mitleid mit sich und seinem
Herzen, bis man kam und zu Gott emporblickte und die Hände
zusammenschlug und fragte und ihn wegführte … Er gab an, daß er Furcht
gehabt, und das war die Wahrheit.
Er hatte nichts gewußt, nichts begriffen, nichts geahnt von der
Schwierigkeit und Strenge des Lebens, das ihm vorgeschrieben war; er war
lustig gewesen, hatte sich sorglos fahren lassen und viel Anlaß zum
Entsetzen gegeben. Aber früh mehrten sich die Eindrücke, die es ihm
unmöglich machten, sich der wahren Sachlage zu verschließen. In der
nördlichen Vorstadt, unweit des Quellengartens, war eine neue Straße
entstanden; man eröffnete ihm, daß sie auf Magistratsbeschluß den Namen
»Klaus-Heinrich-Straße« erhalten habe. Gelegentlich einer Ausfahrt sprach
seine Mutter mit ihm beim Kunsthändler vor; es galt einen Einkauf. Der
Lakai wartete am Schlage, Publikum sammelte sich an, der Kunsthändler
eiferte beglückt – das war nichts Neues. Aber Klaus Heinrich bemerkte zum
erstenmal seine Photographie im Schaufenster. Sie hing neben denen von
Künstlern und großen Männern, hochgestirnten Männern, deren Augen aus
einer berühmten Einsamkeit blickten.
Man war im ganzen zufrieden mit ihm. Er nahm zu an Haltung, und ein
gefaßter Anstand kam in sein Wesen, unter dem Druck seiner Berufenheit.
Aber das Seltsame war, daß zu gleicher Zeit sein Verlangen wuchs: diese
schweifende Wißbegier, die zu befriedigen Schulrat Dröge der Mann nicht
war, und die ihn getrieben hatte, mit den Lakaien zu plaudern. Er tat das
nicht mehr; es führte zu nichts. Sie lächelten »Du Reiner, du Feiner«, sie
bestärkten ihn durch eben dieses Lächeln in der dunklen Vermutung, daß
seine Welt der symmetrisch aufgesteckten Kerzen in einem unwissenden
Gegensatz zur übrigen Welt dort draußen stehe, aber sie halfen ihm gar
nicht. Er sah sich um auf den Spazierfahrten, auf den Gängen, die er mit
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Ditlind und Madame aus der Schweiz, gefolgt von einem Lakaien, durch
den Stadtgarten unternahm. Er fühlte: wenn alle einig gegen ihn waren, um
zu schauen, indes er einzeln und herausgehoben war, um geschaut zu
werden, so war er also ohne Teil an ihrem Treiben und Sein. Er begriff
ahnungsweise, daß sie mutmaßlich nicht immer so waren, wie er sie sah,
wenn sie standen und grüßten mit frommen Augen, daß wohl seine Reinheit
und Feinheit es sein mußte, die ihre Augen fromm machte, und daß es ihnen
ging wie den Kindern, wenn sie von Märchenprinzen hörten und so eine
Verschönerung der Gedanken und Erhebung über den Wochentag erfuhren.
Aber er wußte nicht, wie sie unverschönt und unerhoben am Wochentage
blickten und waren – sein »hoher Beruf« enthielt es ihm vor, und es war
wohl also ein gefährlicher und ungehöriger Wunsch, sein Herz berühren zu
lassen von Dingen, die seine Hoheit ihm vorenthielt. Er wünschte es
dennoch, wünschte es aus einer Eifersucht und jener schweifenden
Wißbegier, die ihn zuweilen trieb, Forschungszüge in unbewohnte
Gegenden des Alten Schlosses zu unternehmen, mit Ditlind, seiner
Schwester, wenn es sich machen ließ.
Sie nannten es »Stöbern«, und der Reiz des »Stöberns« war groß; denn es
war schwer, mit dem Grundriß und Aufbau des alten Schlosses vertraut zu
werden, und jedesmal, wenn sie weit genug ins Entlegene vordrangen,
fanden sie Stuben, Gelasse und öde Säle auf, die sie noch nie betreten
hatten, oder doch seltsame Umwege zu bekannten Räumen. Aber einmal bei
solchem Streifen hatten sie eine Begegnung, stieß ihnen ein Abenteuer zu,
das, äußerlich unscheinbar, Klaus Heinrichs Seele doch mächtig ergriff und
belehrte.
Gelegenheit bot sich. Während Madame aus der Schweiz sich in Urlaub
zum Nachmittagsgottesdienst befand, hatten sie bei der Großherzogin in
Gesellschaft zweier Ehrendamen ihre Milch aus Teetassen getrunken, waren
entlassen und angewiesen worden, Hand in Hand in die unfernen
Kinderzimmer zu ihren Beschäftigungen zurückzukehren. Er bedürfe keines
Geleites; Klaus Heinrich sei groß genug, Ditlinden zu führen. Das war er;
und auf dem Korridor sagte er: »Ja, Ditlind, wir wollen nun allerdings in die
Kinderzimmer zurückkehren, aber es ist nicht nötig, weißt du, daß wir es
auf dem kürzesten, langweiligsten Wege tun. Wir wollen zuerst ein bißchen
stöbern. Wenn man eine Treppe höher steigt und den Gang verfolgt, bis die
Gewölbe anfangen, so ist da hinten ein Saal mit Pfeilern. Und wenn man
den Stadtgarten unternahm. Er fühlte: wenn alle einig gegen ihn waren, um
zu schauen, indes er einzeln und herausgehoben war, um geschaut zu
werden, so war er also ohne Teil an ihrem Treiben und Sein. Er begriff
ahnungsweise, daß sie mutmaßlich nicht immer so waren, wie er sie sah,
wenn sie standen und grüßten mit frommen Augen, daß wohl seine Reinheit
und Feinheit es sein mußte, die ihre Augen fromm machte, und daß es ihnen
ging wie den Kindern, wenn sie von Märchenprinzen hörten und so eine
Verschönerung der Gedanken und Erhebung über den Wochentag erfuhren.
Aber er wußte nicht, wie sie unverschönt und unerhoben am Wochentage
blickten und waren – sein »hoher Beruf« enthielt es ihm vor, und es war
wohl also ein gefährlicher und ungehöriger Wunsch, sein Herz berühren zu
lassen von Dingen, die seine Hoheit ihm vorenthielt. Er wünschte es
dennoch, wünschte es aus einer Eifersucht und jener schweifenden
Wißbegier, die ihn zuweilen trieb, Forschungszüge in unbewohnte
Gegenden des Alten Schlosses zu unternehmen, mit Ditlind, seiner
Schwester, wenn es sich machen ließ.
Sie nannten es »Stöbern«, und der Reiz des »Stöberns« war groß; denn es
war schwer, mit dem Grundriß und Aufbau des alten Schlosses vertraut zu
werden, und jedesmal, wenn sie weit genug ins Entlegene vordrangen,
fanden sie Stuben, Gelasse und öde Säle auf, die sie noch nie betreten
hatten, oder doch seltsame Umwege zu bekannten Räumen. Aber einmal bei
solchem Streifen hatten sie eine Begegnung, stieß ihnen ein Abenteuer zu,
das, äußerlich unscheinbar, Klaus Heinrichs Seele doch mächtig ergriff und
belehrte.
Gelegenheit bot sich. Während Madame aus der Schweiz sich in Urlaub
zum Nachmittagsgottesdienst befand, hatten sie bei der Großherzogin in
Gesellschaft zweier Ehrendamen ihre Milch aus Teetassen getrunken, waren
entlassen und angewiesen worden, Hand in Hand in die unfernen
Kinderzimmer zu ihren Beschäftigungen zurückzukehren. Er bedürfe keines
Geleites; Klaus Heinrich sei groß genug, Ditlinden zu führen. Das war er;
und auf dem Korridor sagte er: »Ja, Ditlind, wir wollen nun allerdings in die
Kinderzimmer zurückkehren, aber es ist nicht nötig, weißt du, daß wir es
auf dem kürzesten, langweiligsten Wege tun. Wir wollen zuerst ein bißchen
stöbern. Wenn man eine Treppe höher steigt und den Gang verfolgt, bis die
Gewölbe anfangen, so ist da hinten ein Saal mit Pfeilern. Und wenn man
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von dem Saal mit den Pfeilern die Wendeltreppe hinaufklettert, die hinter
der einen Tür ist, dann kommt man in ein Zimmer mit hölzerner Decke, wo
eine Menge sonderbare Sachen herumliegen. Aber was hinter diesem
Zimmer kommt, das weiß ich noch nicht, und das wollen wir
auskundschaften. Nun gehen wir also.«
»Ja, gehen wir,« sagte Ditlinde, »aber nicht zu weit, Klaus Heinrich, und
nicht, wo es zu staubig ist, denn auf meinem Kleide sieht man alles.«
Sie trug ein Kleidchen aus dunkelrotem Sammet, mit Atlas von derselben
Farbe besetzt. Sie hatte damals Grübchen in den Ellenbogen und
goldblankes Haar, das sich in Locken gleich Widderhörnern um ihre Ohren
legte. Später wurde sie aschblond und mager. Auch sie hatte die breiten, ein
wenig zu hoch sitzenden Wangenknochen ihres Vaters und Volkes, aber sie
waren zart gebildet, so daß sie der Feinheit ihres herzförmigen
Gesichtchens keinen Abbruch taten. Aber bei ihm waren sie kräftig und
ausgeprägt, so daß sie seine stahlfarbenen Augen ein wenig zu bedrängen,
zu verengern und ihren Schnitt in die Länge zu ziehen schienen. Sein
dunkles Haar war seitwärts glatt gescheitelt, an den Schläfen mit
Genauigkeit rechtwinklig beschnitten und schräg aus der Stirn
hinweggebürstet. Er trug eine offene Jacke mit hochgeschlossener Weste
und weißem Fallkragen. In seiner Rechten hielt er Ditlindens Händchen,
aber sein linker Arm hing dünn und zu kurz mit seiner bräunlichen,
runzligen und unentwickelten Hand von der Schulter hinab. Er war froh, sie
sorglos hängen lassen zu dürfen und nicht geschickt verbergen zu müssen;
denn niemand war da, der schaute und verschönt und erhoben sein wollte,
und er selbst durfte schauen und forschen für sein eigenes Herz.
So gingen sie und stöberten, wie sie Lust hatten. Ruhe herrschte in den
Korridoren, und sie sahen kaum von fern einen Lakaien. Sie stiegen eine
Treppe höher und verfolgten den Gang, bis die Gewölbe begannen und sie
also in dem Teil des Schlosses waren, der aus den Zeiten Johanns des
Gewalttätigen und Heinrichs des Bußfertigen stammte, wie Klaus Heinrich
wußte und erklärte. Sie kamen in den Saal mit den Pfeilern, und Klaus
Heinrich pfiff dort mehrere Töne schnell nacheinander, weil die ersten noch
hallten, wenn der letzte kam, und so ein heller Akkord unter dem
Kreuzbogen schwebte. Sie kletterten tastend und manchmal auf Händen
und Füßen die steinerne Wendeltreppe hinan, die hinter einer der schweren
der einen Tür ist, dann kommt man in ein Zimmer mit hölzerner Decke, wo
eine Menge sonderbare Sachen herumliegen. Aber was hinter diesem
Zimmer kommt, das weiß ich noch nicht, und das wollen wir
auskundschaften. Nun gehen wir also.«
»Ja, gehen wir,« sagte Ditlinde, »aber nicht zu weit, Klaus Heinrich, und
nicht, wo es zu staubig ist, denn auf meinem Kleide sieht man alles.«
Sie trug ein Kleidchen aus dunkelrotem Sammet, mit Atlas von derselben
Farbe besetzt. Sie hatte damals Grübchen in den Ellenbogen und
goldblankes Haar, das sich in Locken gleich Widderhörnern um ihre Ohren
legte. Später wurde sie aschblond und mager. Auch sie hatte die breiten, ein
wenig zu hoch sitzenden Wangenknochen ihres Vaters und Volkes, aber sie
waren zart gebildet, so daß sie der Feinheit ihres herzförmigen
Gesichtchens keinen Abbruch taten. Aber bei ihm waren sie kräftig und
ausgeprägt, so daß sie seine stahlfarbenen Augen ein wenig zu bedrängen,
zu verengern und ihren Schnitt in die Länge zu ziehen schienen. Sein
dunkles Haar war seitwärts glatt gescheitelt, an den Schläfen mit
Genauigkeit rechtwinklig beschnitten und schräg aus der Stirn
hinweggebürstet. Er trug eine offene Jacke mit hochgeschlossener Weste
und weißem Fallkragen. In seiner Rechten hielt er Ditlindens Händchen,
aber sein linker Arm hing dünn und zu kurz mit seiner bräunlichen,
runzligen und unentwickelten Hand von der Schulter hinab. Er war froh, sie
sorglos hängen lassen zu dürfen und nicht geschickt verbergen zu müssen;
denn niemand war da, der schaute und verschönt und erhoben sein wollte,
und er selbst durfte schauen und forschen für sein eigenes Herz.
So gingen sie und stöberten, wie sie Lust hatten. Ruhe herrschte in den
Korridoren, und sie sahen kaum von fern einen Lakaien. Sie stiegen eine
Treppe höher und verfolgten den Gang, bis die Gewölbe begannen und sie
also in dem Teil des Schlosses waren, der aus den Zeiten Johanns des
Gewalttätigen und Heinrichs des Bußfertigen stammte, wie Klaus Heinrich
wußte und erklärte. Sie kamen in den Saal mit den Pfeilern, und Klaus
Heinrich pfiff dort mehrere Töne schnell nacheinander, weil die ersten noch
hallten, wenn der letzte kam, und so ein heller Akkord unter dem
Kreuzbogen schwebte. Sie kletterten tastend und manchmal auf Händen
und Füßen die steinerne Wendeltreppe hinan, die hinter einer der schweren
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Türen mündete, und kamen in das Zimmer mit der hölzernen Decke, wo
sich mehrere seltsame Gegenstände befanden. Es gab dort einige täppisch
große, zerbrochene Flinten mit dick verrosteten Schlössern, die wohl zu
schlecht fürs Museum gewesen waren, und einen Thronsessel außer Dienst
mit zerrissenem roten Sammetpolster, kurzen, weit geschwungenen
Löwenbeinen und schwebenden Kinderchen oberhalb der Rückenlehne, die
eine Krone trugen. Dann aber war da ein arg verbogenes und verstaubtes,
käfigartiges und gräßlich anmutendes Ding, das sie lange und sehr
beschäftigte. Trog sie nicht alles, so war es eine Rattenfalle, denn man
erkannte die eiserne Spitze, woran der Speck zu befestigen war, und
furchtbar zu denken, wie hinter dem großen und widrig bissigen Tier die
Klapptür niedergefallen war … Ja, das nahm Zeit in Anspruch, und als sie
sich von der Falle aufrichteten, waren ihre Gesichter erhitzt, und ihre
Kleider starrten von Rost und Staub. Klaus Heinrich klopfte sie beide ab,
aber das machte nicht vieles gut, denn seine Hände waren ebenfalls grau.
Und plötzlich sahen sie, daß die Dämmerung vorgeschritten war. Sie
mußten rasch umkehren, Ditlinde bestand ängstlich darauf; es war zu spät
geworden, noch weiter vorzudringen.
»Das ist unendlich schade«, sagte Klaus Heinrich. »Wer weiß, was wir
noch entdeckt hätten und wann wir wieder Gelegenheit zum Stöbern
bekommen, Ditlinde!« Aber er folgte der Schwester doch, und sie sputeten
sich, die Wendeltreppe wieder zurückzulegen, durchquerten den Pfeilersaal
und traten hinaus in den Bogengang, um eilig und Hand in Hand den
Heimweg aufzunehmen.
So wanderten sie eine Strecke; aber Klaus Heinrich schüttelte den Kopf,
denn ihm schien, als sei dies der Weg nicht, den sie gekommen waren. Sie
wanderten weiter; aber mehrere Anzeichen bewiesen, daß sie die Richtung
verfehlt hatten. Diese steinerne Bank mit den Greifenköpfen war hier
vorhin nicht gestanden. Dies spitze Fenster ging auf den westlichen, tiefer
gelegenen Stadtteil statt auf den inneren Hof mit dem Rosenstock. Sie
gingen irr, es half nichts, das fortzuleugnen; sie hatten vielleicht den Saal
mit den Pfeilern durch einen falschen Ausgang verlassen und hatten sich
jedenfalls gründlich verlaufen.
Sie gingen ein Stückchen zurück, aber ihre Unruhe litt den Rückschritt
nicht lange, und so machten sie wiederum kehrt und zogen es vor, bei dem
sich mehrere seltsame Gegenstände befanden. Es gab dort einige täppisch
große, zerbrochene Flinten mit dick verrosteten Schlössern, die wohl zu
schlecht fürs Museum gewesen waren, und einen Thronsessel außer Dienst
mit zerrissenem roten Sammetpolster, kurzen, weit geschwungenen
Löwenbeinen und schwebenden Kinderchen oberhalb der Rückenlehne, die
eine Krone trugen. Dann aber war da ein arg verbogenes und verstaubtes,
käfigartiges und gräßlich anmutendes Ding, das sie lange und sehr
beschäftigte. Trog sie nicht alles, so war es eine Rattenfalle, denn man
erkannte die eiserne Spitze, woran der Speck zu befestigen war, und
furchtbar zu denken, wie hinter dem großen und widrig bissigen Tier die
Klapptür niedergefallen war … Ja, das nahm Zeit in Anspruch, und als sie
sich von der Falle aufrichteten, waren ihre Gesichter erhitzt, und ihre
Kleider starrten von Rost und Staub. Klaus Heinrich klopfte sie beide ab,
aber das machte nicht vieles gut, denn seine Hände waren ebenfalls grau.
Und plötzlich sahen sie, daß die Dämmerung vorgeschritten war. Sie
mußten rasch umkehren, Ditlinde bestand ängstlich darauf; es war zu spät
geworden, noch weiter vorzudringen.
»Das ist unendlich schade«, sagte Klaus Heinrich. »Wer weiß, was wir
noch entdeckt hätten und wann wir wieder Gelegenheit zum Stöbern
bekommen, Ditlinde!« Aber er folgte der Schwester doch, und sie sputeten
sich, die Wendeltreppe wieder zurückzulegen, durchquerten den Pfeilersaal
und traten hinaus in den Bogengang, um eilig und Hand in Hand den
Heimweg aufzunehmen.
So wanderten sie eine Strecke; aber Klaus Heinrich schüttelte den Kopf,
denn ihm schien, als sei dies der Weg nicht, den sie gekommen waren. Sie
wanderten weiter; aber mehrere Anzeichen bewiesen, daß sie die Richtung
verfehlt hatten. Diese steinerne Bank mit den Greifenköpfen war hier
vorhin nicht gestanden. Dies spitze Fenster ging auf den westlichen, tiefer
gelegenen Stadtteil statt auf den inneren Hof mit dem Rosenstock. Sie
gingen irr, es half nichts, das fortzuleugnen; sie hatten vielleicht den Saal
mit den Pfeilern durch einen falschen Ausgang verlassen und hatten sich
jedenfalls gründlich verlaufen.
Sie gingen ein Stückchen zurück, aber ihre Unruhe litt den Rückschritt
nicht lange, und so machten sie wiederum kehrt und zogen es vor, bei dem
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einmal eingeschlagenen Weg aufs Geratewohl zu beharren. Sie gingen in
dumpfer, eingeschlossener Luft, und große, ungestört ausgearbeitete
Spinngewebe breiteten sich in den Winkeln aus; sie gingen in Sorge, und
Ditlinde zumal war reuevoll und dem Weinen nah. Man werde ihr
Ausbleiben bemerken, sie traurig ansehen, vielleicht gar dem Großherzog
Meldung machen; sie würden niemals den Weg finden, vergessen werden
und Hungers sterben. Und wo eine Rattenfalle sei, Klaus Heinrich, da seien
auch Ratten … Klaus Heinrich tröstete sie. Es gelte einzig, die Stelle zu
finden, wo an der Wand die Harnische und gekreuzten Fahnen hingen; von
diesem Punkte an sei er der Richtung sicher. Und plötzlich – sie hatten eben
ein Knie des Wandelganges zurückgelassen – plötzlich geschah etwas. Sie
schraken zusammen.
Was sie hörten, war mehr, als der Widerhall ihrer eigenen Schritte; es
waren andere, fremde, schwerer als ihre, sie kamen ihnen bald rasch, bald
zögernd entgegen und waren von einem Schnaufen und Brummen begleitet,
das ihnen das Blut erstarren ließ. Ditlind machte Miene, davonzulaufen vor
Schrecken; aber Klaus Heinrich gab ihre Hand nicht frei, und sie standen
mit weiten Augen und ließen kommen, was kam.
Es war ein Mann, der im Halbdunkel sichtbar wurde, und ruhig
betrachtet, war seine Erscheinung nicht grauenerregend. Er war gedrungen
von Körperbau und gekleidet wie ein Veteran im Festzuge. Er trug einen
Gehrock von altfränkischem Schnitt, einen wollenen Schal um den Hals
und eine Medaille auf der Brust. Er hielt in der einen Hand einen
geschweiften Zylinderhut und in der anderen die beinerne Krücke seines
knotig gerollten Regenschirms, den er im Gehen taktmäßig auf die Fliesen
stieß. Sein spärlich graues Haar war von dem einen Ohr aufwärts in
verklebten Strähnen über seinen Schädel gestrichen. Er hatte bogenförmige,
schwarze Augenbrauen und einen gelblich-weißen Bart, der ihm wuchs wie
dem Großherzog, schwere Oberlider und blaue, wässrige Augen mit Säcken
aus welker Haut darunter; er hatte die landesüblichen Wangenknochen, und
die Falten seines geröteten Gesichtes waren wie Risse. Ganz nahe
herangekommen, schien er die Geschwister zu erkennen, denn er stellte sich
gegen die Außenwand des Ganges, machte gleichsam Front und fing an,
eine Anzahl Verbeugungen auszuführen, dergestalt, daß er seinen ganzen
Körper von den Fußballen an mehrmals kurz und ruckhaft nach vorn fallen
ließ, wobei er seinem Mund einen biederen Ausdruck gab und seinen
dumpfer, eingeschlossener Luft, und große, ungestört ausgearbeitete
Spinngewebe breiteten sich in den Winkeln aus; sie gingen in Sorge, und
Ditlinde zumal war reuevoll und dem Weinen nah. Man werde ihr
Ausbleiben bemerken, sie traurig ansehen, vielleicht gar dem Großherzog
Meldung machen; sie würden niemals den Weg finden, vergessen werden
und Hungers sterben. Und wo eine Rattenfalle sei, Klaus Heinrich, da seien
auch Ratten … Klaus Heinrich tröstete sie. Es gelte einzig, die Stelle zu
finden, wo an der Wand die Harnische und gekreuzten Fahnen hingen; von
diesem Punkte an sei er der Richtung sicher. Und plötzlich – sie hatten eben
ein Knie des Wandelganges zurückgelassen – plötzlich geschah etwas. Sie
schraken zusammen.
Was sie hörten, war mehr, als der Widerhall ihrer eigenen Schritte; es
waren andere, fremde, schwerer als ihre, sie kamen ihnen bald rasch, bald
zögernd entgegen und waren von einem Schnaufen und Brummen begleitet,
das ihnen das Blut erstarren ließ. Ditlind machte Miene, davonzulaufen vor
Schrecken; aber Klaus Heinrich gab ihre Hand nicht frei, und sie standen
mit weiten Augen und ließen kommen, was kam.
Es war ein Mann, der im Halbdunkel sichtbar wurde, und ruhig
betrachtet, war seine Erscheinung nicht grauenerregend. Er war gedrungen
von Körperbau und gekleidet wie ein Veteran im Festzuge. Er trug einen
Gehrock von altfränkischem Schnitt, einen wollenen Schal um den Hals
und eine Medaille auf der Brust. Er hielt in der einen Hand einen
geschweiften Zylinderhut und in der anderen die beinerne Krücke seines
knotig gerollten Regenschirms, den er im Gehen taktmäßig auf die Fliesen
stieß. Sein spärlich graues Haar war von dem einen Ohr aufwärts in
verklebten Strähnen über seinen Schädel gestrichen. Er hatte bogenförmige,
schwarze Augenbrauen und einen gelblich-weißen Bart, der ihm wuchs wie
dem Großherzog, schwere Oberlider und blaue, wässrige Augen mit Säcken
aus welker Haut darunter; er hatte die landesüblichen Wangenknochen, und
die Falten seines geröteten Gesichtes waren wie Risse. Ganz nahe
herangekommen, schien er die Geschwister zu erkennen, denn er stellte sich
gegen die Außenwand des Ganges, machte gleichsam Front und fing an,
eine Anzahl Verbeugungen auszuführen, dergestalt, daß er seinen ganzen
Körper von den Fußballen an mehrmals kurz und ruckhaft nach vorn fallen
ließ, wobei er seinem Mund einen biederen Ausdruck gab und seinen
Page 61
Zylinderhut, die Öffnung nach oben, vor sich hielt. Klaus Heinrich gedachte
mit einer Kopfneigung an ihm vorüberzugehen, aber betroffen blieb er
dennoch stehen, denn der Veteran begann zu sprechen.
»Um Vergebung!« stieß er tief und plötzlich hervor und fuhr dann
gemächlicher fort: »Suche ausdrücklich um Vergebung nach bei den jungen
Herrschaften! Aber würden die jungen Herrschaften es wohl für ungut
nehmen, wenn ich ihnen die Bitte unterbreitete, mir gefälligst den nächsten
Weg nach dem nächsten Ausgang bekanntzugeben? Es braucht nicht gerade
das Albrechtstor zu sein – gar nicht mal nötig, daß es das Albrechtstor ist.
Aber irgendein Ausgang aus dem Schloß, wenn ich so frei sein darf, das
Ersuchen an die jungen Herrschaften zu richten …«
Klaus Heinrich hatte seine linke Hand in die Hüfte gestemmt, weit
hinten, so daß sie fast schon im Rücken saß, und sah zu Boden. Man hatte
einfach das Wort an ihn gerichtet, hatte ihn geradeswegs und in
unbehilflicher Form zur Rede gestellt; er dachte an seinen Vater und zog die
Brauen zusammen. Er arbeitete hastig an der Frage, wie er sich in dieser
fehlerhaften und unordentlichen Lage zu verhalten habe. Albrecht hätte
seinen kleinen Mund gemacht, hätte mit seiner kurzen, gerundeten
Unterlippe ein wenig an der oberen gesogen und wäre schweigend
weitergegangen – soviel war sicher. Aber warum stöberte man, wenn man
an dem ersten ernsthaften Abenteuer steif und gekränkt vorübergehen
wollte? Und der Mann war rechtschaffen und führte sicher nichts Böses im
Schilde, das sah Klaus Heinrich, als er sich zwang, die Augen
aufzuschlagen. Er sagte einfach: »Gehen Sie mit uns, das ist das beste. Ich
will Ihnen gerne zeigen, wo Sie abbiegen müssen, damit Sie zu einem
Ausgang kommen.« Und sie gingen.
»Danke!« sagte der Mann. »Danke aufrichtig für alle Freundlichkeit!
Hätte wahrhaftigen Gott nicht gedacht, daß ich eines Tages noch mal mit
den jungen Herrschaften im Alten Schloß herumspazieren würde. Aber so
geht es, und nach all meinem Ärger … denn ich hab' mich geärgert, mächtig
geärgert, das bleibt wahr und bestehen … nach all meinem Ärger hab' ich
nun doch noch diese Ehre und dieses Vergnügen.«
Klaus Heinrich wünschte sehr, zu fragen, was der Grund von soviel
Ärger gewesen sei; aber der Veteran fuhr schon fort (und stampfte
mit einer Kopfneigung an ihm vorüberzugehen, aber betroffen blieb er
dennoch stehen, denn der Veteran begann zu sprechen.
»Um Vergebung!« stieß er tief und plötzlich hervor und fuhr dann
gemächlicher fort: »Suche ausdrücklich um Vergebung nach bei den jungen
Herrschaften! Aber würden die jungen Herrschaften es wohl für ungut
nehmen, wenn ich ihnen die Bitte unterbreitete, mir gefälligst den nächsten
Weg nach dem nächsten Ausgang bekanntzugeben? Es braucht nicht gerade
das Albrechtstor zu sein – gar nicht mal nötig, daß es das Albrechtstor ist.
Aber irgendein Ausgang aus dem Schloß, wenn ich so frei sein darf, das
Ersuchen an die jungen Herrschaften zu richten …«
Klaus Heinrich hatte seine linke Hand in die Hüfte gestemmt, weit
hinten, so daß sie fast schon im Rücken saß, und sah zu Boden. Man hatte
einfach das Wort an ihn gerichtet, hatte ihn geradeswegs und in
unbehilflicher Form zur Rede gestellt; er dachte an seinen Vater und zog die
Brauen zusammen. Er arbeitete hastig an der Frage, wie er sich in dieser
fehlerhaften und unordentlichen Lage zu verhalten habe. Albrecht hätte
seinen kleinen Mund gemacht, hätte mit seiner kurzen, gerundeten
Unterlippe ein wenig an der oberen gesogen und wäre schweigend
weitergegangen – soviel war sicher. Aber warum stöberte man, wenn man
an dem ersten ernsthaften Abenteuer steif und gekränkt vorübergehen
wollte? Und der Mann war rechtschaffen und führte sicher nichts Böses im
Schilde, das sah Klaus Heinrich, als er sich zwang, die Augen
aufzuschlagen. Er sagte einfach: »Gehen Sie mit uns, das ist das beste. Ich
will Ihnen gerne zeigen, wo Sie abbiegen müssen, damit Sie zu einem
Ausgang kommen.« Und sie gingen.
»Danke!« sagte der Mann. »Danke aufrichtig für alle Freundlichkeit!
Hätte wahrhaftigen Gott nicht gedacht, daß ich eines Tages noch mal mit
den jungen Herrschaften im Alten Schloß herumspazieren würde. Aber so
geht es, und nach all meinem Ärger … denn ich hab' mich geärgert, mächtig
geärgert, das bleibt wahr und bestehen … nach all meinem Ärger hab' ich
nun doch noch diese Ehre und dieses Vergnügen.«
Klaus Heinrich wünschte sehr, zu fragen, was der Grund von soviel
Ärger gewesen sei; aber der Veteran fuhr schon fort (und stampfte
Page 62
taktmäßig dabei seinen Regenschirm auf die Fliesen): »Und ich hab' die
jungen Herrschaften auch gleich erkannt, trotzdem es ein bißchen dunkel ist
hier in den Gängen, denn ich hab' sie doch manches liebe Mal in der
Kalesche gesehn und mich immer gefreut, denn ich hab' selbst so'n Paar
Würmer zu Haus, will sagen, meine sind Würmer, meine … und der Junge
heißt auch Klaus Heinrich.«
»Gerade wie ich?« sagte Klaus Heinrich aus unmittelbarem Vergnügen
… »Das ist ein hübscher Zufall!«
»Nö, Zufall? Nach I h n e n!« sagte der Mann. »Das ist denn doch wohl
kein Zufall nicht, wo er doch ausgesprochen nach Ihnen so heißt, denn er ist
ein paar Monat jünger als Sie, und da gibt es viele in Stadt und Land, die
auch so heißen, alle nach Ihnen. Nö, Zufall kann man doch das wohl nicht
nennen …«
Klaus Heinrich verbarg seine Hand und schwieg.
»Ja, gleich erkannt«, sagte der Mann. »Und hab' mir gedacht: Gottlob,
dacht' ich, und das nenn' ich Glück im Unglück, und die werden dir aus der
Falle helfen, worein du alter Tölpel getappt bist, und kannst wohl lachen,
dacht' ich, denn hier ist schon mancher herumgestolpert, den die Kujone auf
den Leim geführt haben und der's so gut nicht getroffen hat …«
Kujone? dachte Klaus Heinrich … Und auf den Leim? Er blickte starr
geradeaus, er wagte nicht zu fragen. Eine Furcht, eine Hoffnung kam ihn an
… Er sagte ganz leise: »Man hat Sie … auf den Leim geführt?«
»An der Nase!« sagte der Veteran. »An der Nase haben sie mich geführt,
die Halunken, und das mit Glanz! Aber das kann ich den jungen
Herrschaften sagen, so jung Sie sind, aber das wird Ihnen gut tun, zu
wissen, daß es eine große Verderbnis ist hier mit den Leuten. Da kommt
man und liefert mit allem Respekt seine Arbeit ein … Ja, Gott soll mich
bewahren!« rief er plötzlich und schlug sich mit seinem Hut vor die Stirn.
»Ich hab' mich den Herrschaften wohl noch nicht mal präsentiert und
bekanntgegeben? – Hinnerke!« sagte er. »Schuhmachermeister Hinnerke,
Hoflieferant, gedient und ausgezeichnet!« Und er wies mit dem Zeigefinger
seiner großen, rauhen und gelblich gefleckten Hand auf die Medaille an
seiner Brust. »Die Sache ist so, daß Königliche Hoheit, der Herr Papa, die
jungen Herrschaften auch gleich erkannt, trotzdem es ein bißchen dunkel ist
hier in den Gängen, denn ich hab' sie doch manches liebe Mal in der
Kalesche gesehn und mich immer gefreut, denn ich hab' selbst so'n Paar
Würmer zu Haus, will sagen, meine sind Würmer, meine … und der Junge
heißt auch Klaus Heinrich.«
»Gerade wie ich?« sagte Klaus Heinrich aus unmittelbarem Vergnügen
… »Das ist ein hübscher Zufall!«
»Nö, Zufall? Nach I h n e n!« sagte der Mann. »Das ist denn doch wohl
kein Zufall nicht, wo er doch ausgesprochen nach Ihnen so heißt, denn er ist
ein paar Monat jünger als Sie, und da gibt es viele in Stadt und Land, die
auch so heißen, alle nach Ihnen. Nö, Zufall kann man doch das wohl nicht
nennen …«
Klaus Heinrich verbarg seine Hand und schwieg.
»Ja, gleich erkannt«, sagte der Mann. »Und hab' mir gedacht: Gottlob,
dacht' ich, und das nenn' ich Glück im Unglück, und die werden dir aus der
Falle helfen, worein du alter Tölpel getappt bist, und kannst wohl lachen,
dacht' ich, denn hier ist schon mancher herumgestolpert, den die Kujone auf
den Leim geführt haben und der's so gut nicht getroffen hat …«
Kujone? dachte Klaus Heinrich … Und auf den Leim? Er blickte starr
geradeaus, er wagte nicht zu fragen. Eine Furcht, eine Hoffnung kam ihn an
… Er sagte ganz leise: »Man hat Sie … auf den Leim geführt?«
»An der Nase!« sagte der Veteran. »An der Nase haben sie mich geführt,
die Halunken, und das mit Glanz! Aber das kann ich den jungen
Herrschaften sagen, so jung Sie sind, aber das wird Ihnen gut tun, zu
wissen, daß es eine große Verderbnis ist hier mit den Leuten. Da kommt
man und liefert mit allem Respekt seine Arbeit ein … Ja, Gott soll mich
bewahren!« rief er plötzlich und schlug sich mit seinem Hut vor die Stirn.
»Ich hab' mich den Herrschaften wohl noch nicht mal präsentiert und
bekanntgegeben? – Hinnerke!« sagte er. »Schuhmachermeister Hinnerke,
Hoflieferant, gedient und ausgezeichnet!« Und er wies mit dem Zeigefinger
seiner großen, rauhen und gelblich gefleckten Hand auf die Medaille an
seiner Brust. »Die Sache ist so, daß Königliche Hoheit, der Herr Papa, die
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Gnade gehabt hat, ein Paar Stiefel bei mir zu bestellen, Schaftstiefel,
Reitstiefel, mit Sporenkäppchen und in Lackleder von prima Qualität. Die
mach' ich denn, ich hab' sie ganz allein gemacht mit aller Akkuratesse, und
heut sind sie fertig und blitzten nur so. Sollst selbst gehen, sag' ich zu mir
… ich hab' einen Jungen, der austrägt, aber ich sage zu mir: Sollst selbst
gehen, es ist für den Herrn Großherzog. Und zieh' mich denn an und nehm'
meine Stiefel und gehe aufs Schloß. ›Schön!‹ sagen gleich unten die
Lakaien und wollen sie mir abnehmen. ›Nein!‹ sag' ich, denn ich trau' ihnen
nicht. Ich hab' meine Aufträge und meinen Hoftitel für mein Renommee,
will ich den Herrschaften sagen, und nicht, weil ich die Kammerlakaien
bezahle. Aber die Bursche sind verwöhnt mit Trinkgeldern von den
Lieferanten und wollen bloß was von mir für die Besorgung. ›Nein,‹ sag'
ich, denn ich bin nicht für Durchstecherei und schleichendes Wesen, ›ich
will sie persönlich einliefern, und wenn ich sie nicht dem Herrn Großherzog
selber geben kann, so will ich sie Herrn Kammerdiener Prahl geben.‹ Sie
giften sich, aber sie sagen: ›Dann müssen Sie da hinaufgehen!‹ Und ich
gehe da hinauf. Da oben sind wieder welche und sagen ›Schön!‹ und wollen
die Stiefel besorgen, aber ich verlange nach Prahl und bleibe dabei. Sie
sagen: ›Er trinkt Kaffee‹, aber ich bin fest und sage, dann will ich warten,
bis er ausgetrunken hat. Und indem ich das sage, wer kommt vorbei in
seinen Schnallenschuhen? Kammerdiener Prahl. Und sieht mich denn, und
ich gebe ihm die Stiefel mit ein paar angemessenen Worten, und er sagt
›Schön!‹ und sagt noch eigens: ›Hübsch sind sie!‹ und nickt mir zu und
trägt sie weg. Nu bin ich ruhig, denn Prahl, auf den is Verlaß, und nu will
ich gehen. ›Hö!‹ ruft einer. ›Herr Hinnerke! Sie gehen ja falsch!‹
›Verdammt!‹ sag' ich und kehre um und gehe nach der andern Seite. Aber
das war das Dümmste, was ich tun konnte, denn sie hatten mich in den
April geschickt, und ich gehe, wohin ich nicht will. Ich gehe ein Stück und
treffe wieder so einen und frage ihn nach dem Albrechtstor. Aber er merkt
gleich, was los ist und sagt: ›Dann gehen Sie man erst die Treppe hinauf
und dann immer nach links und dann wieder hinunter, dann schneiden Sie
ein großes Stück ab!‹ Und ich habe Vertrauen zu seiner Freundschaft und
tue, wie er sagt und verbiestere mich mehr und mehr und komme aus aller
Kontenanz. Da merke ich, daß es nicht meine Schuld ist, sondern die von
den Spitzbuben, und mir fällt ein, daß ich gehört habe, daß sie das oft so
machen mit Lieferanten, die ihnen kein Trinkgeld geben, und lassen sie
herumirren, daß sie schwitzen. Und der Ärger macht mich blind und dumm,
Reitstiefel, mit Sporenkäppchen und in Lackleder von prima Qualität. Die
mach' ich denn, ich hab' sie ganz allein gemacht mit aller Akkuratesse, und
heut sind sie fertig und blitzten nur so. Sollst selbst gehen, sag' ich zu mir
… ich hab' einen Jungen, der austrägt, aber ich sage zu mir: Sollst selbst
gehen, es ist für den Herrn Großherzog. Und zieh' mich denn an und nehm'
meine Stiefel und gehe aufs Schloß. ›Schön!‹ sagen gleich unten die
Lakaien und wollen sie mir abnehmen. ›Nein!‹ sag' ich, denn ich trau' ihnen
nicht. Ich hab' meine Aufträge und meinen Hoftitel für mein Renommee,
will ich den Herrschaften sagen, und nicht, weil ich die Kammerlakaien
bezahle. Aber die Bursche sind verwöhnt mit Trinkgeldern von den
Lieferanten und wollen bloß was von mir für die Besorgung. ›Nein,‹ sag'
ich, denn ich bin nicht für Durchstecherei und schleichendes Wesen, ›ich
will sie persönlich einliefern, und wenn ich sie nicht dem Herrn Großherzog
selber geben kann, so will ich sie Herrn Kammerdiener Prahl geben.‹ Sie
giften sich, aber sie sagen: ›Dann müssen Sie da hinaufgehen!‹ Und ich
gehe da hinauf. Da oben sind wieder welche und sagen ›Schön!‹ und wollen
die Stiefel besorgen, aber ich verlange nach Prahl und bleibe dabei. Sie
sagen: ›Er trinkt Kaffee‹, aber ich bin fest und sage, dann will ich warten,
bis er ausgetrunken hat. Und indem ich das sage, wer kommt vorbei in
seinen Schnallenschuhen? Kammerdiener Prahl. Und sieht mich denn, und
ich gebe ihm die Stiefel mit ein paar angemessenen Worten, und er sagt
›Schön!‹ und sagt noch eigens: ›Hübsch sind sie!‹ und nickt mir zu und
trägt sie weg. Nu bin ich ruhig, denn Prahl, auf den is Verlaß, und nu will
ich gehen. ›Hö!‹ ruft einer. ›Herr Hinnerke! Sie gehen ja falsch!‹
›Verdammt!‹ sag' ich und kehre um und gehe nach der andern Seite. Aber
das war das Dümmste, was ich tun konnte, denn sie hatten mich in den
April geschickt, und ich gehe, wohin ich nicht will. Ich gehe ein Stück und
treffe wieder so einen und frage ihn nach dem Albrechtstor. Aber er merkt
gleich, was los ist und sagt: ›Dann gehen Sie man erst die Treppe hinauf
und dann immer nach links und dann wieder hinunter, dann schneiden Sie
ein großes Stück ab!‹ Und ich habe Vertrauen zu seiner Freundschaft und
tue, wie er sagt und verbiestere mich mehr und mehr und komme aus aller
Kontenanz. Da merke ich, daß es nicht meine Schuld ist, sondern die von
den Spitzbuben, und mir fällt ein, daß ich gehört habe, daß sie das oft so
machen mit Lieferanten, die ihnen kein Trinkgeld geben, und lassen sie
herumirren, daß sie schwitzen. Und der Ärger macht mich blind und dumm,
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und komme in Gegenden, wo keine Seele mehr atmet und weiß nicht ein
und nicht aus und graule mich ordentlich. Und schließlich treff' ich die
jungen Herrschaften. Ja, so ist es mir gegangen mit meinen Stiefeln!«
schloß Schuster Hinnerke und wischte sich die Stirn mit dem Handrücken.
Klaus Heinrich preßte Ditlindens Hand. Sein Herz pochte so stark, daß er
ganz und gar vergaß, seine Linke zu verbergen. Das war es. Das war etwas
davon, ein wenig, ein Zug! Sicher, das war von den Dingen, die sein »hoher
Beruf« ihm vorenthielt, war von dem Treiben der Leute, wie sie
unverschönt und am Alltag waren! Die Lakaien … Er schwieg, er fand kein
einziges Wort.
»Da schweigen sie nun,« sagte der Schuster, »die jungen Herrschaften!«
Und seine biedere Stimme war ganz bewegt. »Ich hätte es ihnen wohl gar
nicht erzählen sollen, weil es nicht ihre Sache ist, so was Schlechtes zu
erfahren. Aber dann denk' ich doch wieder,« sagte er, legte den Kopf auf die
Seite und schnippte mit den Fingern in der Luft, »daß es nicht schaden
kann, daß es ihnen gar nicht schaden kann für künftig und späterhin …«
»Die Lakaien …« sagte Klaus Heinrich und nahm einen Anlauf … »Die
sind wohl schlimm? Ich kann es mir lebhaft vorstellen …«
»Schlimm?« sagte der Schuster. »Nichtswürdig sind sie. Das ist das Wort
für sie. Wissen Sie, wozu sie fähig sind? Sie halten die Waren zurück, wenn
sie nicht genug Trinkgeld bekommen, halten sie zurück, wenn der Lieferant
sie in aller Pünktlichkeit zur bestimmten Zeit übersendet, und geben sie mit
großer Verspätung ab, damit den Lieferanten die Schuld trifft und er dasteht
als pflichtvergessen in den Augen der höchsten Herrschaften, und ihm die
Aufträge entzogen werden. Das tun sie ohne Skrupeln, und es ist ganz
bekannt in der Stadt …«
»Ja, das ist arg!« sagte Klaus Heinrich. Er lauschte, lauschte. Er wußte
noch kaum, wie sehr erschüttert er war. »Sie tun wohl noch mehr?« sagte er
… »Ich glaube bestimmt, daß sie noch mehr tun in dieser Art.«
»Und ob!« sagte der Mann und lachte. »Nein, die lassen es nicht fehlen,
will ich den jungen Herrschaften sagen, die betätigen sich in mancher
Hinsicht. Da ist zum Beispiel der Spaß mit dem Türenöffnen … Das
machen sie so. Jemand wird zur Audienz zugelassen bei Herrn Papa,
und nicht aus und graule mich ordentlich. Und schließlich treff' ich die
jungen Herrschaften. Ja, so ist es mir gegangen mit meinen Stiefeln!«
schloß Schuster Hinnerke und wischte sich die Stirn mit dem Handrücken.
Klaus Heinrich preßte Ditlindens Hand. Sein Herz pochte so stark, daß er
ganz und gar vergaß, seine Linke zu verbergen. Das war es. Das war etwas
davon, ein wenig, ein Zug! Sicher, das war von den Dingen, die sein »hoher
Beruf« ihm vorenthielt, war von dem Treiben der Leute, wie sie
unverschönt und am Alltag waren! Die Lakaien … Er schwieg, er fand kein
einziges Wort.
»Da schweigen sie nun,« sagte der Schuster, »die jungen Herrschaften!«
Und seine biedere Stimme war ganz bewegt. »Ich hätte es ihnen wohl gar
nicht erzählen sollen, weil es nicht ihre Sache ist, so was Schlechtes zu
erfahren. Aber dann denk' ich doch wieder,« sagte er, legte den Kopf auf die
Seite und schnippte mit den Fingern in der Luft, »daß es nicht schaden
kann, daß es ihnen gar nicht schaden kann für künftig und späterhin …«
»Die Lakaien …« sagte Klaus Heinrich und nahm einen Anlauf … »Die
sind wohl schlimm? Ich kann es mir lebhaft vorstellen …«
»Schlimm?« sagte der Schuster. »Nichtswürdig sind sie. Das ist das Wort
für sie. Wissen Sie, wozu sie fähig sind? Sie halten die Waren zurück, wenn
sie nicht genug Trinkgeld bekommen, halten sie zurück, wenn der Lieferant
sie in aller Pünktlichkeit zur bestimmten Zeit übersendet, und geben sie mit
großer Verspätung ab, damit den Lieferanten die Schuld trifft und er dasteht
als pflichtvergessen in den Augen der höchsten Herrschaften, und ihm die
Aufträge entzogen werden. Das tun sie ohne Skrupeln, und es ist ganz
bekannt in der Stadt …«
»Ja, das ist arg!« sagte Klaus Heinrich. Er lauschte, lauschte. Er wußte
noch kaum, wie sehr erschüttert er war. »Sie tun wohl noch mehr?« sagte er
… »Ich glaube bestimmt, daß sie noch mehr tun in dieser Art.«
»Und ob!« sagte der Mann und lachte. »Nein, die lassen es nicht fehlen,
will ich den jungen Herrschaften sagen, die betätigen sich in mancher
Hinsicht. Da ist zum Beispiel der Spaß mit dem Türenöffnen … Das
machen sie so. Jemand wird zur Audienz zugelassen bei Herrn Papa,
Page 65
unserm gnädigsten Großherzog, und nehmen Sie an, daß er ein Neuling ist
und noch nie bei Hofe war. Und kommt denn im Frack und hat Frost und
Hitze, denn es ist ja natürlich keine Kleinigkeit, zum erstenmal vor der
Königlichen Hoheit zu stehen. Und die Lakaien lächeln über ihn, weil sie
hier zu Hause sind, und bugsieren ihn ins Vorzimmer, und er weiß nicht,
wie ihm geschieht, und vergißt denn auch richtig, den Lakaien Trinkgeld zu
geben. Aber dann kommt sein Augenblick, und der Herr Adjutant sagt
seinen Namen, und die Lakaien machen die Flügeltür auf und lassen ihn in
das Zimmer hinein, wo der Herr Großherzog warten. Da steht denn der
Neuling und macht Reverenz und sagt seine Antworten, und der Herr
Großherzog in seiner Güte gibt ihm die Hand, und nu is er entlassen und
geht nach rückwärts und denkt, die Flügeltür soll hinter ihm aufgehen, wie
man es ihm bestimmt versprochen hat. Aber sie geht nicht auf, sag' ich den
jungen Herrschaften, denn die Lakaien sind giftig auf ihn, weil sie kein
Trinkgeld bekommen haben, und rühren keinen Finger da draußen. Aber er
darf sich nicht umdrehen, das darf er beileibe nicht, weil er dem Herrn
Großherzog seinen Rücken nicht zeigen darf, das wäre ein großer Verstoß
und eine Beleidigung für den hohen Herrn. Und sucht denn hinter sich mit
der Hand nach dem Türgriff und findet ihn nicht und kriegt das Zappeln und
springt an der Tür herum, und hat er schließlich durch Gottes Erbarmen den
Griff, so is es 'ne altmod'sche Klinke, und er versteht sich nich drauf und
fingert und renkt sich den Arm aus und rackert sich ab und verneigt sich
zwischendurch aus Verzweiflung, bis der gnädigste Herr ihn womöglich
zuletzt mit eigener Hand hinauslassen muß. Ja, das ist das mit dem
Türöffnen! Aber das ist noch gar nichts, und nun will ich den jungen
Herrschaften …«
Sie hatten im Sprechen und Lauschen des Weges kaum acht gehabt,
hatten Treppen zurückgelegt und befanden sich im Erdgeschoß, unweit des
Albrechtstores. Eiermann, ein Kammerlakai der Großherzogin, kam ihnen
entgegen. Er trug einen violetten Frack und Backenbartstreifen. Er war
ausgesandt, Ihre Großherzoglichen Hoheiten zu suchen. Er schüttelte schon
von weitem in lebhaftem Bedauern den Kopf und machte einen
trichterförmigen Mund dazu. Aber als er den Schuster Hinnerke gewahrte,
der mit den Kindern ging und seinen Regenschirm vor sich herstieß,
versagten alle Muskeln seines Gesichtes, und es ward schlaff und dumm.
und noch nie bei Hofe war. Und kommt denn im Frack und hat Frost und
Hitze, denn es ist ja natürlich keine Kleinigkeit, zum erstenmal vor der
Königlichen Hoheit zu stehen. Und die Lakaien lächeln über ihn, weil sie
hier zu Hause sind, und bugsieren ihn ins Vorzimmer, und er weiß nicht,
wie ihm geschieht, und vergißt denn auch richtig, den Lakaien Trinkgeld zu
geben. Aber dann kommt sein Augenblick, und der Herr Adjutant sagt
seinen Namen, und die Lakaien machen die Flügeltür auf und lassen ihn in
das Zimmer hinein, wo der Herr Großherzog warten. Da steht denn der
Neuling und macht Reverenz und sagt seine Antworten, und der Herr
Großherzog in seiner Güte gibt ihm die Hand, und nu is er entlassen und
geht nach rückwärts und denkt, die Flügeltür soll hinter ihm aufgehen, wie
man es ihm bestimmt versprochen hat. Aber sie geht nicht auf, sag' ich den
jungen Herrschaften, denn die Lakaien sind giftig auf ihn, weil sie kein
Trinkgeld bekommen haben, und rühren keinen Finger da draußen. Aber er
darf sich nicht umdrehen, das darf er beileibe nicht, weil er dem Herrn
Großherzog seinen Rücken nicht zeigen darf, das wäre ein großer Verstoß
und eine Beleidigung für den hohen Herrn. Und sucht denn hinter sich mit
der Hand nach dem Türgriff und findet ihn nicht und kriegt das Zappeln und
springt an der Tür herum, und hat er schließlich durch Gottes Erbarmen den
Griff, so is es 'ne altmod'sche Klinke, und er versteht sich nich drauf und
fingert und renkt sich den Arm aus und rackert sich ab und verneigt sich
zwischendurch aus Verzweiflung, bis der gnädigste Herr ihn womöglich
zuletzt mit eigener Hand hinauslassen muß. Ja, das ist das mit dem
Türöffnen! Aber das ist noch gar nichts, und nun will ich den jungen
Herrschaften …«
Sie hatten im Sprechen und Lauschen des Weges kaum acht gehabt,
hatten Treppen zurückgelegt und befanden sich im Erdgeschoß, unweit des
Albrechtstores. Eiermann, ein Kammerlakai der Großherzogin, kam ihnen
entgegen. Er trug einen violetten Frack und Backenbartstreifen. Er war
ausgesandt, Ihre Großherzoglichen Hoheiten zu suchen. Er schüttelte schon
von weitem in lebhaftem Bedauern den Kopf und machte einen
trichterförmigen Mund dazu. Aber als er den Schuster Hinnerke gewahrte,
der mit den Kindern ging und seinen Regenschirm vor sich herstieß,
versagten alle Muskeln seines Gesichtes, und es ward schlaff und dumm.
Page 66
Es blieb kaum Zeit zu Dank und Abschied, so rasch wußte Eiermann den
Meister von den Kindern zu trennen und zu entfernen. Und unter
schlimmen Ankündigungen geleitete er Ihre Großherzoglichen Hoheiten in
deren Zimmer hinauf, zu Madame aus der Schweiz.
Man blickte zu Gott empor und schlug die Hände zusammen bezüglich
ihres Ausbleibens und des Zustandes ihrer Kleider. Das Schlimmste
geschah: Man »sah sie traurig an«. Aber Klaus Heinrich brachte nur das
Notdürftigste an Zerknirschung zustande. Er dachte: Die Lakaien … »Du
Reiner, du Feiner«, lächelten sie, denn sie nahmen Geld und ließen die
Lieferanten auf den Korridoren irren, wenn sie keins bekamen, hielten die
Waren zurück, damit den Lieferanten die Schuld träfe, und öffneten nicht
die Flügeltür, so daß der Audienzhabende zappeln mußte. Das war im
Schloß, und wie mochte es draußen sein? Draußen unter den Leuten, die so
fromm und fremd auf ihn schauten, wenn er grüßend vorüberfuhr?… Aber
wie unterfing sich der Mann, es ihm zu sagen? Nicht ein einziges Mal hatte
er ihn Großherzogliche Hoheit genannt, hatte ihm Gewalt angetan und seine
Reinheit und Feinheit gröblich verletzt. Und warum war es gleichwohl so
seltsam süß, das von den Lakaien zu hören? Warum schlug sein Herz mit
solcher entsetzten Freude, da etwas von den wilden und frechen Dingen es
berührte, deren seine Hoheit nicht teilhaft war?
Meister von den Kindern zu trennen und zu entfernen. Und unter
schlimmen Ankündigungen geleitete er Ihre Großherzoglichen Hoheiten in
deren Zimmer hinauf, zu Madame aus der Schweiz.
Man blickte zu Gott empor und schlug die Hände zusammen bezüglich
ihres Ausbleibens und des Zustandes ihrer Kleider. Das Schlimmste
geschah: Man »sah sie traurig an«. Aber Klaus Heinrich brachte nur das
Notdürftigste an Zerknirschung zustande. Er dachte: Die Lakaien … »Du
Reiner, du Feiner«, lächelten sie, denn sie nahmen Geld und ließen die
Lieferanten auf den Korridoren irren, wenn sie keins bekamen, hielten die
Waren zurück, damit den Lieferanten die Schuld träfe, und öffneten nicht
die Flügeltür, so daß der Audienzhabende zappeln mußte. Das war im
Schloß, und wie mochte es draußen sein? Draußen unter den Leuten, die so
fromm und fremd auf ihn schauten, wenn er grüßend vorüberfuhr?… Aber
wie unterfing sich der Mann, es ihm zu sagen? Nicht ein einziges Mal hatte
er ihn Großherzogliche Hoheit genannt, hatte ihm Gewalt angetan und seine
Reinheit und Feinheit gröblich verletzt. Und warum war es gleichwohl so
seltsam süß, das von den Lakaien zu hören? Warum schlug sein Herz mit
solcher entsetzten Freude, da etwas von den wilden und frechen Dingen es
berührte, deren seine Hoheit nicht teilhaft war?
Page 67
Doktor Überbein
Klaus Heinrich verlebte drei Knabenjahre gemeinsam mit Altersgenossen
aus dem Hof- und Landadel der Monarchie in einem Internat, einer Art
erlauchten Konvikts, das Hausminister von Knobelsdorff seinethalben auf
Jagdschloß »Fasanerie« begründet und eingerichtet hatte.
Seit hundert Jahren im Kronbesitz, gab Schloß »Fasanerie« dem ersten
Aufenthaltspunkt einer von der Residenz gen Nordwesten führenden
Staatsbahnlinie seinen Namen und hatte ihn seinerseits von einem unweit in
Wiese und Busch gelegenen »zahmen« Fasanengehege, das die Liebhaberei
eines früheren Landesherrn gewesen war. Das Schloß, ein einstöckiges,
kastenartiges Landhaus mit einem von Blitzableitern überragten
Schindeldach, stand mit Remise und Stallgebäude hart am Saume
ausgebreiteter Nadelwaldungen. Eine Reihe bejahrter Linden in Front,
blickte es über ein weites, in fernem, blauendem Bogen vom Walde
umgrenztes und von Pfaden durchkreuztes Wiesengelände hin, auf dem sich
gewalzte Spielplätze und Hürden zum Hindernisreiten abzeichneten. Dem
Schlosse schräg gegenüber war ein Wirtshaus, ein Bier- und Kaffeegarten
mit hohen Bäumen gelegen, den ein bedächtiger Mann namens Stavenüter
in Pacht hatte, und der an Sommersonntagen von Ausflüglern, besonders
Radfahrern, aus der Hauptstadt bevölkert war. Den Zöglingen der
»Fasanerie« war der Besuch des Wirtsgartens nur unter Aufsicht eines
Lehrers erlaubt.
Es waren ihrer fünf außer Klaus Heinrich: ein Trümmerhauff, ein
Gumplach, ein Platow, ein Prenzlau und ein Wehrzahn. Sie wurden in der
Gegend »die Fasanen« genannt. Ein ziemlich ausgedienter Landauer aus
dem Hofbestande, ein Gig, ein Schlitten und einige Reitpferde standen
ihnen zur Verfügung, und wenn zur Winterszeit ein Teil der Wiesen
Klaus Heinrich verlebte drei Knabenjahre gemeinsam mit Altersgenossen
aus dem Hof- und Landadel der Monarchie in einem Internat, einer Art
erlauchten Konvikts, das Hausminister von Knobelsdorff seinethalben auf
Jagdschloß »Fasanerie« begründet und eingerichtet hatte.
Seit hundert Jahren im Kronbesitz, gab Schloß »Fasanerie« dem ersten
Aufenthaltspunkt einer von der Residenz gen Nordwesten führenden
Staatsbahnlinie seinen Namen und hatte ihn seinerseits von einem unweit in
Wiese und Busch gelegenen »zahmen« Fasanengehege, das die Liebhaberei
eines früheren Landesherrn gewesen war. Das Schloß, ein einstöckiges,
kastenartiges Landhaus mit einem von Blitzableitern überragten
Schindeldach, stand mit Remise und Stallgebäude hart am Saume
ausgebreiteter Nadelwaldungen. Eine Reihe bejahrter Linden in Front,
blickte es über ein weites, in fernem, blauendem Bogen vom Walde
umgrenztes und von Pfaden durchkreuztes Wiesengelände hin, auf dem sich
gewalzte Spielplätze und Hürden zum Hindernisreiten abzeichneten. Dem
Schlosse schräg gegenüber war ein Wirtshaus, ein Bier- und Kaffeegarten
mit hohen Bäumen gelegen, den ein bedächtiger Mann namens Stavenüter
in Pacht hatte, und der an Sommersonntagen von Ausflüglern, besonders
Radfahrern, aus der Hauptstadt bevölkert war. Den Zöglingen der
»Fasanerie« war der Besuch des Wirtsgartens nur unter Aufsicht eines
Lehrers erlaubt.
Es waren ihrer fünf außer Klaus Heinrich: ein Trümmerhauff, ein
Gumplach, ein Platow, ein Prenzlau und ein Wehrzahn. Sie wurden in der
Gegend »die Fasanen« genannt. Ein ziemlich ausgedienter Landauer aus
dem Hofbestande, ein Gig, ein Schlitten und einige Reitpferde standen
ihnen zur Verfügung, und wenn zur Winterszeit ein Teil der Wiesen
Page 68
überschwemmt und gefroren war, so bot sich Gelegenheit zum
Schlittschuhlaufen. Es gab einen Koch, zwei Kammermädchen, einen
Kutscher und zwei Lakaien auf Schloß »Fasanerie«, von denen der eine zur
Not gleichfalls zu fahren verstand.
Gymnasialprofessor Kürtchen, ein kleiner, mißtrauischer und reizbarer
Junggeselle von komödiantischen Formen und einer altfränkischen
Ritterlichkeit, leitete das Konvikt. Er trug einen gestutzten, ergrauten
Schnurrbart, eine Goldbrille vor seinen unruhigen braunen Augen und im
Freien stets einen in den Nacken gerückten Zylinderhut. Er ging mit
vorgestrecktem Unterleib, indem er seine kleinen Fäuste nach Art eines
Dauerläufers zu beiden Seiten seines Bäuchleins hielt. Er behandelte Klaus
Heinrich mit einem selbstgefälligen Takt, war aber voller Verdacht gegen
den Adelshochmut seiner übrigen Zöglinge und geriet in die Wut eines
Katers, wenn er Geringschätzung seines Bürgertums witterte. Auf
Spaziergängen liebte er es, wenn Leute in der Nähe waren, stehenzubleiben,
seine Schüler in dichter Gruppe um sich zu versammeln und ihnen, mit dem
Stock im Sande zeichnend, irgend etwas zu demonstrieren. Frau Amelung,
eine stark nach Hoffmannstropfen duftende Hauptmannsfrau, welche die
Schlüssel der Anstalt führte, nannte er »gnädige Dame« und wußte sich
etwas mit dieser Art Kenntnis des feinen Tones.
Ein noch jugendlicher Hilfslehrer mit Doktorgrad stand dem Professor
Kürtchen zur Seite – ein aufgeräumter, tätigkeitsfroher und redegewandt
schwadronierender, dabei schwärmerisch gesinnter Mensch, der Klaus
Heinrichs Denkart und Selbstempfindung vielleicht mehr, als gut war,
beeinflußte. Auch ein Turnmeister namens Zotte war genommen worden.
Nebenbei bemerkt hieß der Hilfslehrer Überbein, mit Vornamen Raoul. Was
sonst an Lehrern noch nötig war, kam jeden Tag mit der Eisenbahn aus der
Hauptstadt.
Klaus Heinrich bemerkte mit Einverständnis, daß in sachlicher
Beziehung die Ansprüche, die man an ihn stellte, sich rasch verminderten.
Schulrat Dröges faltiger Zeigefinger haftete nicht mehr an den Zeilen, er
hatte das seine getan; und während der Unterrichtsstunden sowohl wie bei
Korrektur der schriftlichen Arbeiten nahm Professor Kürtchen ausgiebig
Gelegenheit, seinen Takt zu erweisen. Ganz kurze Zeit nach Begründung
des Internates bat er eines Tages – es war nach dem Gabelfrühstück in dem
Schlittschuhlaufen. Es gab einen Koch, zwei Kammermädchen, einen
Kutscher und zwei Lakaien auf Schloß »Fasanerie«, von denen der eine zur
Not gleichfalls zu fahren verstand.
Gymnasialprofessor Kürtchen, ein kleiner, mißtrauischer und reizbarer
Junggeselle von komödiantischen Formen und einer altfränkischen
Ritterlichkeit, leitete das Konvikt. Er trug einen gestutzten, ergrauten
Schnurrbart, eine Goldbrille vor seinen unruhigen braunen Augen und im
Freien stets einen in den Nacken gerückten Zylinderhut. Er ging mit
vorgestrecktem Unterleib, indem er seine kleinen Fäuste nach Art eines
Dauerläufers zu beiden Seiten seines Bäuchleins hielt. Er behandelte Klaus
Heinrich mit einem selbstgefälligen Takt, war aber voller Verdacht gegen
den Adelshochmut seiner übrigen Zöglinge und geriet in die Wut eines
Katers, wenn er Geringschätzung seines Bürgertums witterte. Auf
Spaziergängen liebte er es, wenn Leute in der Nähe waren, stehenzubleiben,
seine Schüler in dichter Gruppe um sich zu versammeln und ihnen, mit dem
Stock im Sande zeichnend, irgend etwas zu demonstrieren. Frau Amelung,
eine stark nach Hoffmannstropfen duftende Hauptmannsfrau, welche die
Schlüssel der Anstalt führte, nannte er »gnädige Dame« und wußte sich
etwas mit dieser Art Kenntnis des feinen Tones.
Ein noch jugendlicher Hilfslehrer mit Doktorgrad stand dem Professor
Kürtchen zur Seite – ein aufgeräumter, tätigkeitsfroher und redegewandt
schwadronierender, dabei schwärmerisch gesinnter Mensch, der Klaus
Heinrichs Denkart und Selbstempfindung vielleicht mehr, als gut war,
beeinflußte. Auch ein Turnmeister namens Zotte war genommen worden.
Nebenbei bemerkt hieß der Hilfslehrer Überbein, mit Vornamen Raoul. Was
sonst an Lehrern noch nötig war, kam jeden Tag mit der Eisenbahn aus der
Hauptstadt.
Klaus Heinrich bemerkte mit Einverständnis, daß in sachlicher
Beziehung die Ansprüche, die man an ihn stellte, sich rasch verminderten.
Schulrat Dröges faltiger Zeigefinger haftete nicht mehr an den Zeilen, er
hatte das seine getan; und während der Unterrichtsstunden sowohl wie bei
Korrektur der schriftlichen Arbeiten nahm Professor Kürtchen ausgiebig
Gelegenheit, seinen Takt zu erweisen. Ganz kurze Zeit nach Begründung
des Internates bat er eines Tages – es war nach dem Gabelfrühstück in dem
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hochfenstrigen Speisesaal zu ebener Erde – Klaus Heinrich zu sich hinauf
in sein Studierzimmer und äußerte wörtlich: »Es ist gegen das allgemeine
Interesse, daß Großherzogliche Hoheit während unserer gemeinsamen
wissenschaftlichen Übungen zur Beantwortung von Fragen herangezogen
werden, die Ihnen im Augenblick unwillkommen sind. Andererseits ist es
wünschenswert, daß Großherzogliche Hoheit sich stets durch Handerheben
zur Antwort melden. Ich bitte Großherzogliche Hoheit daher, zu meiner
Orientierung, bei unwillkommenen Fragen den Arm in ganzer Länge
auszustrecken, bei solchen aber, zu deren Lösung aufgefordert zu werden
Ihnen angenehm wäre, ihn nur halbwegs und im rechten Winkel zu
erheben.« Was Doktor Überbein betraf, so erfüllte er den Schulsaal mit
einer schallenden Gesprächigkeit, deren Frohsinn das Gegenständliche
unter sich ließ, ohne es aus den Augen zu lassen. Er hatte mit Klaus
Heinrich keinerlei Vereinbarung getroffen, sondern befragte ihn, wann es
ihm einfiel, mit freier Freundlichkeit, ohne daß eine Verlegenheit daraus
entstand. Und Klaus Heinrichs wenig sachdienliche Antworten schienen
Doktor Überbein zu entzücken, ihn zu einer heiteren Begeisterung
hinzureißen. »Ohoho!« rief er und legte lachend den Kopf hintüber … »O
Klaus Heinrich! O Prinzenblut! O Eure Ahnungslosigkeit! Des Lebens
rauhe Problematik fand Sie unvorbereitet! Nun denn, mir umgetriebenem
Manne steht es an, sie zu entwirren.« Und er gab selbst die Antwort; rief
keinen anderen mehr auf, wenn Klaus Heinrich falsch geantwortet hatte. –
Die Unterrichtsweise der übrigen Lehrer trug einen anspruchslos
vortragenden Charakter. Und Turnlehrer Zotte hatte von hoher Stelle die
Weisung, die körperlichen Exerzitien mit aller Rücksicht auf Klaus
Heinrichs linke Hand zu leiten – so zwar, daß nicht einmal des Prinzen
eigene oder der anderen Knaben Aufmerksamkeit unnötigerweise auf den
kleinen Fehler gelenkt werde. Die Leibesübungen beschränkten sich also
auf Laufspiele, und in der Reitstunde, die gleichfalls Herr Zotte erteilte, war
alle Verwegenheit ausgeschlossen.
Klaus Heinrichs Verhältnis zu den fünf Kameraden war nicht innig zu
nennen, es wollte zu eigentlicher Vertrautheit nicht gedeihen. Er stand für
sich, war niemals einer von ihnen, ging schlechterdings in ihrer Anzahl
nicht auf. Sie waren fünf, und er war einer; der Prinz, die Fünfe und die
Lehrer, das war die Anstalt. – Mehreres stand einer unbefangenen
Freundschaft entgegen. Die Fünf waren Klaus Heinrichs wegen da, sie
in sein Studierzimmer und äußerte wörtlich: »Es ist gegen das allgemeine
Interesse, daß Großherzogliche Hoheit während unserer gemeinsamen
wissenschaftlichen Übungen zur Beantwortung von Fragen herangezogen
werden, die Ihnen im Augenblick unwillkommen sind. Andererseits ist es
wünschenswert, daß Großherzogliche Hoheit sich stets durch Handerheben
zur Antwort melden. Ich bitte Großherzogliche Hoheit daher, zu meiner
Orientierung, bei unwillkommenen Fragen den Arm in ganzer Länge
auszustrecken, bei solchen aber, zu deren Lösung aufgefordert zu werden
Ihnen angenehm wäre, ihn nur halbwegs und im rechten Winkel zu
erheben.« Was Doktor Überbein betraf, so erfüllte er den Schulsaal mit
einer schallenden Gesprächigkeit, deren Frohsinn das Gegenständliche
unter sich ließ, ohne es aus den Augen zu lassen. Er hatte mit Klaus
Heinrich keinerlei Vereinbarung getroffen, sondern befragte ihn, wann es
ihm einfiel, mit freier Freundlichkeit, ohne daß eine Verlegenheit daraus
entstand. Und Klaus Heinrichs wenig sachdienliche Antworten schienen
Doktor Überbein zu entzücken, ihn zu einer heiteren Begeisterung
hinzureißen. »Ohoho!« rief er und legte lachend den Kopf hintüber … »O
Klaus Heinrich! O Prinzenblut! O Eure Ahnungslosigkeit! Des Lebens
rauhe Problematik fand Sie unvorbereitet! Nun denn, mir umgetriebenem
Manne steht es an, sie zu entwirren.« Und er gab selbst die Antwort; rief
keinen anderen mehr auf, wenn Klaus Heinrich falsch geantwortet hatte. –
Die Unterrichtsweise der übrigen Lehrer trug einen anspruchslos
vortragenden Charakter. Und Turnlehrer Zotte hatte von hoher Stelle die
Weisung, die körperlichen Exerzitien mit aller Rücksicht auf Klaus
Heinrichs linke Hand zu leiten – so zwar, daß nicht einmal des Prinzen
eigene oder der anderen Knaben Aufmerksamkeit unnötigerweise auf den
kleinen Fehler gelenkt werde. Die Leibesübungen beschränkten sich also
auf Laufspiele, und in der Reitstunde, die gleichfalls Herr Zotte erteilte, war
alle Verwegenheit ausgeschlossen.
Klaus Heinrichs Verhältnis zu den fünf Kameraden war nicht innig zu
nennen, es wollte zu eigentlicher Vertrautheit nicht gedeihen. Er stand für
sich, war niemals einer von ihnen, ging schlechterdings in ihrer Anzahl
nicht auf. Sie waren fünf, und er war einer; der Prinz, die Fünfe und die
Lehrer, das war die Anstalt. – Mehreres stand einer unbefangenen
Freundschaft entgegen. Die Fünf waren Klaus Heinrichs wegen da, sie
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waren zur Gefährtschaft mit ihm befohlen, sie wurden in der Stunde nicht
mehr gefragt, wenn er falsch geantwortet hatte, sie hatten sich bei Ritt und
Spiel seiner Körperbeschaffenheit anzupassen. Sie fanden sich auf den
Vorzug der Lebensgemeinschaft mit ihm bis zum Überdruß hingewiesen.
Ein paar von ihnen, die jungen von Gumplach, von Platow und von
Wehrzahn, minderbegüterte Landjunker, standen die ganze Zeit unter dem
Einfluß des beglückten Stolzes, den ihre Eltern an den Tag gelegt hatten, als
die Einladung des Hausministeriums ihnen zugegangen war, der
Glückwünsche, die man ihnen von allen Seiten dargebracht hatte. Graf
Prenzlau andererseits, jener Dicke, Rothaarige, Sommersprossige mit der
atemlosen Sprechweise und dem Vornamen Bogumil, war ein Sproß der
reichsten und adligsten Grundbesitzerfamilie des Landes, verwöhnt und voll
Selbstgefühl. Er wußte genau, daß die Seinen die Aufforderung des Barons
von Knobelsdorff nicht wohl hatten ausschlagen können, daß sie ihnen aber
durchaus keine Himmelsgnade bedeutet hatte, und daß er, Graf Bogumil,
auf den Gütern seines Vaters weit besser und standesgemäßer hätte leben
können als auf Schloß »Fasanerie«. Er fand die Reitpferde schlecht, den
Landauer schäbig, den Gig in der Bauart veraltet; er murrte heimlich über
das Essen. Dagobert Graf Trümmerhauff, ein windhundähnlicher und feiner
Knabe, dessen Rede ein Säuseln war, hielt zu ihm in allen Stücken.
Sie hatten ein Wort miteinander, das voll von dem Ausdruck ihres
mäkligen und aristokratischen Wesens war, und das sie mit einer
schneidenden Kehlstimme gern und häufig verwandten: »Schweinerei«. Es
war eine Schweinerei, sich lose Kragen ans Hemd zu knüpfen. Es war eine
Schweinerei, im gewöhnlichen Sakko-Anzug Lawn-Tennis zu spielen. Aber
Klaus Heinrich fühlte sich nicht zur Pflege dieses Wortes geboren. Er hatte
bisher überhaupt nicht gewußt, daß es Hemden mit angenähten Kragen gab,
und daß man so viele Anzüge auf einmal besitzen könne wie Bogumil
Prenzlau. Er hätte gern »Schweinerei« gesagt, aber ihm fiel ein, daß er zur
selben Stunde gestopfte Strümpfe trug. Er fand sich unelegant neben
Prenzlau und plump im Vergleich mit Trümmerhauff. Trümmerhauff war
edel wie ein Tier. Er hatte eine lange, spitze Nase mit messerscharfem
Rücken und weiten, vibrierenden, dünnwandigen Nüstern, bläuliche Adern
an seinen zarten Schläfen und winzige Ohren ohne Läppchen. Aus seinen
weiten farbigen Manschetten, die mit goldenen Kettenknöpfen geschlossen
waren, kamen erlesene Damenhände mit gewölbten Nägeln hervor, und das
mehr gefragt, wenn er falsch geantwortet hatte, sie hatten sich bei Ritt und
Spiel seiner Körperbeschaffenheit anzupassen. Sie fanden sich auf den
Vorzug der Lebensgemeinschaft mit ihm bis zum Überdruß hingewiesen.
Ein paar von ihnen, die jungen von Gumplach, von Platow und von
Wehrzahn, minderbegüterte Landjunker, standen die ganze Zeit unter dem
Einfluß des beglückten Stolzes, den ihre Eltern an den Tag gelegt hatten, als
die Einladung des Hausministeriums ihnen zugegangen war, der
Glückwünsche, die man ihnen von allen Seiten dargebracht hatte. Graf
Prenzlau andererseits, jener Dicke, Rothaarige, Sommersprossige mit der
atemlosen Sprechweise und dem Vornamen Bogumil, war ein Sproß der
reichsten und adligsten Grundbesitzerfamilie des Landes, verwöhnt und voll
Selbstgefühl. Er wußte genau, daß die Seinen die Aufforderung des Barons
von Knobelsdorff nicht wohl hatten ausschlagen können, daß sie ihnen aber
durchaus keine Himmelsgnade bedeutet hatte, und daß er, Graf Bogumil,
auf den Gütern seines Vaters weit besser und standesgemäßer hätte leben
können als auf Schloß »Fasanerie«. Er fand die Reitpferde schlecht, den
Landauer schäbig, den Gig in der Bauart veraltet; er murrte heimlich über
das Essen. Dagobert Graf Trümmerhauff, ein windhundähnlicher und feiner
Knabe, dessen Rede ein Säuseln war, hielt zu ihm in allen Stücken.
Sie hatten ein Wort miteinander, das voll von dem Ausdruck ihres
mäkligen und aristokratischen Wesens war, und das sie mit einer
schneidenden Kehlstimme gern und häufig verwandten: »Schweinerei«. Es
war eine Schweinerei, sich lose Kragen ans Hemd zu knüpfen. Es war eine
Schweinerei, im gewöhnlichen Sakko-Anzug Lawn-Tennis zu spielen. Aber
Klaus Heinrich fühlte sich nicht zur Pflege dieses Wortes geboren. Er hatte
bisher überhaupt nicht gewußt, daß es Hemden mit angenähten Kragen gab,
und daß man so viele Anzüge auf einmal besitzen könne wie Bogumil
Prenzlau. Er hätte gern »Schweinerei« gesagt, aber ihm fiel ein, daß er zur
selben Stunde gestopfte Strümpfe trug. Er fand sich unelegant neben
Prenzlau und plump im Vergleich mit Trümmerhauff. Trümmerhauff war
edel wie ein Tier. Er hatte eine lange, spitze Nase mit messerscharfem
Rücken und weiten, vibrierenden, dünnwandigen Nüstern, bläuliche Adern
an seinen zarten Schläfen und winzige Ohren ohne Läppchen. Aus seinen
weiten farbigen Manschetten, die mit goldenen Kettenknöpfen geschlossen
waren, kamen erlesene Damenhände mit gewölbten Nägeln hervor, und das
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Gelenk der einen war mit einem goldenen Armband geschmückt. Er
säuselte mit halbgeschlossenen Augen … Nein, es war klar, daß Klaus
Heinrich mit Trümmerhauff an Vornehmheit nicht wetteifern konnte. Seine
rechte Hand war ziemlich breit, er hatte Backenknochen wie alles Volk, und
geradezu stämmig kam er sich vor an Dagoberts Seite. Wohl möglich, daß
Albrecht es besser verstanden hätte, mit den Fasanen »Schweinerei« zu
sagen. Er seinerseits war kein Aristokrat, war keiner, deutliche Tatsachen
sprachen dagegen. Wie war es mit seinem Namen? Klaus Heinrich, so
hießen die Schustersöhne im Land, und Herrn Stavenüters Kinder dort
drüben, die die Finger zum Schneuzen gebrauchten, wurden wie er, wie
seine Eltern, sein Bruder genannt. Aber die Adligen hießen Bogumil und
Dagobert … Klaus Heinrich stand einzeln und allein unter den Fünfen.
Er schloß dennoch eine Freundschaft auf Schloß »Fasanerie«, und es war
die mit Doktor Überbein, dem Hilfslehrer. Raoul Überbein war kein
schöner Mann. Er hatte einen roten Bart und eine grünlich-weiße
Gesichtsfarbe zu wasserblauen Augen, spärliches rotes Haar und überaus
häßliche, abstehende und nach oben spitz zulaufende Ohren. Aber seine
Hände waren klein und zart. Er benutzte ausschließlich weiße Krawatten,
was seiner Erscheinung etwas Festliches verlieh, obgleich seine Garderobe
dürftig war. Er trug im Freien einen Lodenmantel und beim Reiten – denn
Doktor Überbein ritt, und zwar vortrefflich – einen strapazierten Gehrock,
dessen Schöße er mit Sicherheitsnadeln umlegte, enge, geknöpfte Hosen
und einen neuen Hut.
Worin bestand der Zauber, den er auf Klaus Heinrich ausübte? Dieser
Zauber war mehrfach zusammengesetzt. Man lebte noch nicht lange
miteinander, als unter den »Fasanen« das Gerücht in Umlauf kam, der
Hilfslehrer habe vor Jahr und Tag mit genauer Not ein Kind aus einem
Moor oder Sumpf gezogen und befinde sich im Besitz der
Rettungsmedaille. Das war ein Eindruck. Später erfuhr man noch mehr aus
Doktor Überbeins Leben, und auch Klaus Heinrich erfuhr davon. Es hieß,
er sei dunkler Herkunft, sei vaterlos. Seine Mutter sei eine Schauspielerin
gewesen, die ihn gegen Entgelt von armen Leuten an Kindes Statt habe
annehmen lassen, und ehemals habe er Hunger gelitten, woher die grünliche
Färbung seines Gesichtes rühre. Das waren Dinge, die sich der Einsicht, ja
dem Nachdenken verschlossen, wilde, unzugängliche Dinge, auf welche
übrigens Doktor Überbein zuweilen selber anspielte, zum Beispiel, wenn
säuselte mit halbgeschlossenen Augen … Nein, es war klar, daß Klaus
Heinrich mit Trümmerhauff an Vornehmheit nicht wetteifern konnte. Seine
rechte Hand war ziemlich breit, er hatte Backenknochen wie alles Volk, und
geradezu stämmig kam er sich vor an Dagoberts Seite. Wohl möglich, daß
Albrecht es besser verstanden hätte, mit den Fasanen »Schweinerei« zu
sagen. Er seinerseits war kein Aristokrat, war keiner, deutliche Tatsachen
sprachen dagegen. Wie war es mit seinem Namen? Klaus Heinrich, so
hießen die Schustersöhne im Land, und Herrn Stavenüters Kinder dort
drüben, die die Finger zum Schneuzen gebrauchten, wurden wie er, wie
seine Eltern, sein Bruder genannt. Aber die Adligen hießen Bogumil und
Dagobert … Klaus Heinrich stand einzeln und allein unter den Fünfen.
Er schloß dennoch eine Freundschaft auf Schloß »Fasanerie«, und es war
die mit Doktor Überbein, dem Hilfslehrer. Raoul Überbein war kein
schöner Mann. Er hatte einen roten Bart und eine grünlich-weiße
Gesichtsfarbe zu wasserblauen Augen, spärliches rotes Haar und überaus
häßliche, abstehende und nach oben spitz zulaufende Ohren. Aber seine
Hände waren klein und zart. Er benutzte ausschließlich weiße Krawatten,
was seiner Erscheinung etwas Festliches verlieh, obgleich seine Garderobe
dürftig war. Er trug im Freien einen Lodenmantel und beim Reiten – denn
Doktor Überbein ritt, und zwar vortrefflich – einen strapazierten Gehrock,
dessen Schöße er mit Sicherheitsnadeln umlegte, enge, geknöpfte Hosen
und einen neuen Hut.
Worin bestand der Zauber, den er auf Klaus Heinrich ausübte? Dieser
Zauber war mehrfach zusammengesetzt. Man lebte noch nicht lange
miteinander, als unter den »Fasanen« das Gerücht in Umlauf kam, der
Hilfslehrer habe vor Jahr und Tag mit genauer Not ein Kind aus einem
Moor oder Sumpf gezogen und befinde sich im Besitz der
Rettungsmedaille. Das war ein Eindruck. Später erfuhr man noch mehr aus
Doktor Überbeins Leben, und auch Klaus Heinrich erfuhr davon. Es hieß,
er sei dunkler Herkunft, sei vaterlos. Seine Mutter sei eine Schauspielerin
gewesen, die ihn gegen Entgelt von armen Leuten an Kindes Statt habe
annehmen lassen, und ehemals habe er Hunger gelitten, woher die grünliche
Färbung seines Gesichtes rühre. Das waren Dinge, die sich der Einsicht, ja
dem Nachdenken verschlossen, wilde, unzugängliche Dinge, auf welche
übrigens Doktor Überbein zuweilen selber anspielte, zum Beispiel, wenn
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die adeligen Knaben, denen sein dunkler Ursprung im Sinne saß, sich etwa
anmaßend und unziemlich gegen ihn betrugen. »Nesthäkchen und
Muttersöhnchen!« sagte er dann in lautem Unmut. »Ich lasse mir lange
genug den Wind um die Nase wehen, um Bescheidenheit von euch
Herrchen verlangen zu dürfen!« – Auch dies, daß Doktor Überbein sich den
Wind hatte um die Nase wehen lassen, verfehlte nicht seine Wirkung auf
Klaus Heinrich. Aber das eigentlich Reizvolle an des Doktors Person war
die Art seines direkten Verhaltens gegen Klaus Heinrich, der Ton, in dem er
vom ersten Tage an mit ihm verkehrte, und der ihn von allen anderen
Menschen strikt unterschied. Er wußte nichts von der steifen
Verschlossenheit der Lakaien, von Madames bleichem Entsetzen, von
Schulrat Dröges sachlichen Verbeugungen oder von Professor Kürtchens
selbstgefälliger Rücksichtnahme; er wußte gar nichts von dem fremden,
frommen und dennoch zudringlichen Wesen, mit dem die Leute draußen auf
Klaus Heinrich blickten. Während der ersten Tage nach Zusammentritt des
Konviktes verhielt er sich schweigsam, beschränkte sich auf Beobachtung.
Dann aber näherte er sich dem Prinzen mit einem lächelnden und lauten
Freimut, einer frischen, väterlichen Kameradschaftlichkeit, wie Klaus
Heinrich sie niemals gekannt hatte. Sie verstörte ihn anfangs, er blickte
erschreckt in des Doktors grünliches Gesicht. Aber diese Verwirrung wirkte
auf jenen nicht zurück, schüchterte ihn keineswegs ein; sie bestärkte ihn in
seiner herzlich schwadronierenden Unbefangenheit, und nicht lange, so war
Klaus Heinrich erwärmt und gewonnen. Denn in Doktor Überbeins Art lag
nichts Gemeines, nichts Niederreißendes, nicht einmal etwas Absichtliches
und Erzieherisches. Es lag darin die Überlegenheit eines Mannes, der sich
den Wind hatte um die Nase wehen lassen, und zugleich eine zarte und freie
Huldigung für Klaus Heinrichs anderes Sein und Wesen; Liebe und
Anerkennung lag darin, nebst dem fröhlichen Antrag eines Bündnisses
zwischen ihren beiden Wesensarten. Er nannte ihn ein paarmal »Hoheit«,
dann einfach »Prinz«, dann ganz einfach »Klaus Heinrich«. Und dabei blieb
es.
Sie hielten die Tete, der Doktor auf seinem breiten Schecken links von
Klaus Heinrich auf seinem gutgesinnten Fuchs, wenn die »Fasanen«
spazieren ritten – trabten im Schnee oder Blätterfall, durch
Frühjahrsschmelze oder Sommersbrüten den Waldessaum entlang, über
Land, durch die Dörfer, und Doktor Überbein erzählte von seinem Leben.
anmaßend und unziemlich gegen ihn betrugen. »Nesthäkchen und
Muttersöhnchen!« sagte er dann in lautem Unmut. »Ich lasse mir lange
genug den Wind um die Nase wehen, um Bescheidenheit von euch
Herrchen verlangen zu dürfen!« – Auch dies, daß Doktor Überbein sich den
Wind hatte um die Nase wehen lassen, verfehlte nicht seine Wirkung auf
Klaus Heinrich. Aber das eigentlich Reizvolle an des Doktors Person war
die Art seines direkten Verhaltens gegen Klaus Heinrich, der Ton, in dem er
vom ersten Tage an mit ihm verkehrte, und der ihn von allen anderen
Menschen strikt unterschied. Er wußte nichts von der steifen
Verschlossenheit der Lakaien, von Madames bleichem Entsetzen, von
Schulrat Dröges sachlichen Verbeugungen oder von Professor Kürtchens
selbstgefälliger Rücksichtnahme; er wußte gar nichts von dem fremden,
frommen und dennoch zudringlichen Wesen, mit dem die Leute draußen auf
Klaus Heinrich blickten. Während der ersten Tage nach Zusammentritt des
Konviktes verhielt er sich schweigsam, beschränkte sich auf Beobachtung.
Dann aber näherte er sich dem Prinzen mit einem lächelnden und lauten
Freimut, einer frischen, väterlichen Kameradschaftlichkeit, wie Klaus
Heinrich sie niemals gekannt hatte. Sie verstörte ihn anfangs, er blickte
erschreckt in des Doktors grünliches Gesicht. Aber diese Verwirrung wirkte
auf jenen nicht zurück, schüchterte ihn keineswegs ein; sie bestärkte ihn in
seiner herzlich schwadronierenden Unbefangenheit, und nicht lange, so war
Klaus Heinrich erwärmt und gewonnen. Denn in Doktor Überbeins Art lag
nichts Gemeines, nichts Niederreißendes, nicht einmal etwas Absichtliches
und Erzieherisches. Es lag darin die Überlegenheit eines Mannes, der sich
den Wind hatte um die Nase wehen lassen, und zugleich eine zarte und freie
Huldigung für Klaus Heinrichs anderes Sein und Wesen; Liebe und
Anerkennung lag darin, nebst dem fröhlichen Antrag eines Bündnisses
zwischen ihren beiden Wesensarten. Er nannte ihn ein paarmal »Hoheit«,
dann einfach »Prinz«, dann ganz einfach »Klaus Heinrich«. Und dabei blieb
es.
Sie hielten die Tete, der Doktor auf seinem breiten Schecken links von
Klaus Heinrich auf seinem gutgesinnten Fuchs, wenn die »Fasanen«
spazieren ritten – trabten im Schnee oder Blätterfall, durch
Frühjahrsschmelze oder Sommersbrüten den Waldessaum entlang, über
Land, durch die Dörfer, und Doktor Überbein erzählte von seinem Leben.
Page 73
Raoul Überbein, wie das klang, nicht wahr? Geschmackvoll war wesentlich
anders! Ja, Überbein war der Name seiner Adoptiveltern gewesen, armer,
alternder Leutchen aus der unteren Bankbeamtensphäre, und er führte ihn
nach Recht und Spruch. Aber daß er Raoul genannt werde, darin hatte die
einzige Bestimmung und Vorschrift seiner Frau Mutter bestanden, als sie
die Abfindungssumme nebst seiner fatalen kleinen Person den Leutchen
eingehändigt hatte – eine sentimentale Bestimmung offenbar, eine
Bestimmung der Pietät. Sehr möglich wenigstens, daß sein rechter und
eigentlicher Vater Raoul geheißen hatte, und hoffentlich hatte sein
Nachname in schönem Einklang damit gestanden. Übrigens war es eine
ziemlich leichtsinnige Handlungsweise seiner Pflegeeltern gewesen, ein
Kind anzunehmen, denn »ein gewisser« Schmalhans war Küchenmeister
gewesen bei Überbeins, und wahrscheinlich hatten sie nur aus einer
dringenden Notlage nach der Abfindungssumme gegriffen. Nur die
dürftigste Schulausbildung war dem Knaben zuteil geworden, aber er hatte
sich die Freiheit genommen, zu zeigen, wer er war, hatte sich ein bißchen
hervorgetan, und da er gern Lehrer werden wollte, so waren ihm aus einem
öffentlichen Fonds die Mittel zur Seminarausbildung bewilligt worden.
Nun, er hatte das Seminar absolviert, nicht ohne Auszeichnung übrigens,
denn es war ihm drauf angekommen, und dann hatte man ihn als
Volksschullehrer angestellt, mit einem kolossalen Gehalt, wovon er noch
hie und da aus Erkenntlichkeit seine ehrlichen Pflegeeltern unterstützt hatte,
bis sie beinahe gleichzeitig gestorben waren. Wohl ihnen! Da hatte er
gestanden, allein in der Welt, ein Malheur von Geburt und arm wie ein
Spatz und von Gott begabt mit einer grünlichen Fratze nebst Hundsohren,
um sich einzuschmeicheln. Freundliche Bedingungen, nicht wahr? Aber
solche Bedingungen, das waren die guten Bedingungen – ein für allemal, so
verhielt es sich. Eine elende Jugend, Einsamkeit und Ausgeschlossenheit
vom Glücke, von der Bummelei des Glücks, ein ausschließliches und
strenges Auf-die-Leistung-Gestelltsein – man setzte kein Fett an dabei, man
ward innerlich sehnig, man kannte kein Behagen und überflügelte diesen
und jenen. Welche Begünstigung der Fähigkeiten, wenn man kalt und klar
auf sie angewiesen war! Welch Vorteil vor denen, die »es nicht nötig«, in
dem Grade »nicht nötig hatten«! Vor den Leuten, die sich des Morgens eine
Zigarre anzündeten … Zu jener Zeit, am Krankenbett eines seiner
ungewaschenen kleinen Schüler, in einer Stube, wo es nicht gerade nach
Frühlingsblüten roch, hatte Raoul Überbein die Bekanntschaft eines jungen
anders! Ja, Überbein war der Name seiner Adoptiveltern gewesen, armer,
alternder Leutchen aus der unteren Bankbeamtensphäre, und er führte ihn
nach Recht und Spruch. Aber daß er Raoul genannt werde, darin hatte die
einzige Bestimmung und Vorschrift seiner Frau Mutter bestanden, als sie
die Abfindungssumme nebst seiner fatalen kleinen Person den Leutchen
eingehändigt hatte – eine sentimentale Bestimmung offenbar, eine
Bestimmung der Pietät. Sehr möglich wenigstens, daß sein rechter und
eigentlicher Vater Raoul geheißen hatte, und hoffentlich hatte sein
Nachname in schönem Einklang damit gestanden. Übrigens war es eine
ziemlich leichtsinnige Handlungsweise seiner Pflegeeltern gewesen, ein
Kind anzunehmen, denn »ein gewisser« Schmalhans war Küchenmeister
gewesen bei Überbeins, und wahrscheinlich hatten sie nur aus einer
dringenden Notlage nach der Abfindungssumme gegriffen. Nur die
dürftigste Schulausbildung war dem Knaben zuteil geworden, aber er hatte
sich die Freiheit genommen, zu zeigen, wer er war, hatte sich ein bißchen
hervorgetan, und da er gern Lehrer werden wollte, so waren ihm aus einem
öffentlichen Fonds die Mittel zur Seminarausbildung bewilligt worden.
Nun, er hatte das Seminar absolviert, nicht ohne Auszeichnung übrigens,
denn es war ihm drauf angekommen, und dann hatte man ihn als
Volksschullehrer angestellt, mit einem kolossalen Gehalt, wovon er noch
hie und da aus Erkenntlichkeit seine ehrlichen Pflegeeltern unterstützt hatte,
bis sie beinahe gleichzeitig gestorben waren. Wohl ihnen! Da hatte er
gestanden, allein in der Welt, ein Malheur von Geburt und arm wie ein
Spatz und von Gott begabt mit einer grünlichen Fratze nebst Hundsohren,
um sich einzuschmeicheln. Freundliche Bedingungen, nicht wahr? Aber
solche Bedingungen, das waren die guten Bedingungen – ein für allemal, so
verhielt es sich. Eine elende Jugend, Einsamkeit und Ausgeschlossenheit
vom Glücke, von der Bummelei des Glücks, ein ausschließliches und
strenges Auf-die-Leistung-Gestelltsein – man setzte kein Fett an dabei, man
ward innerlich sehnig, man kannte kein Behagen und überflügelte diesen
und jenen. Welche Begünstigung der Fähigkeiten, wenn man kalt und klar
auf sie angewiesen war! Welch Vorteil vor denen, die »es nicht nötig«, in
dem Grade »nicht nötig hatten«! Vor den Leuten, die sich des Morgens eine
Zigarre anzündeten … Zu jener Zeit, am Krankenbett eines seiner
ungewaschenen kleinen Schüler, in einer Stube, wo es nicht gerade nach
Frühlingsblüten roch, hatte Raoul Überbein die Bekanntschaft eines jungen
Page 74
Mannes gemacht – etliche Jahre älter als er, aber in ähnlicher Lage und
ebenfalls ein Malheur von Geburt, insofern er ein Jude war. Klaus Heinrich
kannte ihn – doch man konnte sagen, daß er ihn bei intimer Gelegenheit
kennengelernt hatte. Sammet war sein Name, medicinae doctor; er war
durch Zufall auf der Grimmburg zugegen gewesen, als Klaus Heinrich
geboren wurde, und hatte sich ein paar Jahre danach in der Hauptstadt als
Kinderarzt aufgetan. Nun, das war Überbeins Freund, war es heute noch,
und damals hatten sie manches gute Gespräch über Schicksal und
Strammheit miteinander gehabt. Verdammt noch mal, sie hatten sich den
Wind um die Nase wehen lassen, einer wie der andere. Überbein angehend,
so dachte er mit ernster Freude an die Zeit zurück, da er Volksschullehrer
gewesen war. Seine Tätigkeit hatte sich nicht ganz und gar auf das
Klassenzimmer beschränkt, er hatte sich den Spaß gemacht, sich auch
persönlich und menschlich ein bißchen um seine kleinen Strolche zu
kümmern, ihnen in ihr Heim, ihr zuweilen nicht sehr idyllisches
Familienleben nachzugehen, und dabei verfehlte man nicht, allerlei
Einblicke zu tun. Wahrhaftig, wenn er vordem des Lebens schmallippiges
Antlitz noch nicht gekannt hatte, so hatte er damals Gelegenheit gehabt,
hineinzusehen. Übrigens hatte er nicht aufgehört, für sich selbst zu arbeiten,
hatte fetten Bürgerkindern Privatstunden erteilt und sich den Leibgurt enger
gezogen, um sich Bücher kaufen zu können – hatte die langen, stillen und
freien Nächte benutzt, um zu studieren. Und eines Tages hatte er mit
außerordentlicher Genehmigung die Staatsprüfung abgelegt, hatte nebenbei
promoviert und war zur Lateinschule übergegangen. Eigentlich hatte es ihm
leid getan, seine kleinen Strolche zu verlassen; aber so war sein Weg
gewesen. Und dann hatte es sich gefügt, daß man ihn zum Hilfslehrer auf
Schloß »Fasanerie« erkoren hatte, wiewohl er doch ein Malheur von Geburt
war …
So erzählte Doktor Überbein, und Klaus Heinrich wurde von
Freundschaft erfüllt, während er ihm zuhörte. Er teilte seine
Geringschätzung derer, die »es nicht nötig hatten« und sich des Morgens
eine Zigarre anzündeten, Furcht und Freude bewegten ihn bei dem, was
Überbein in seiner lustig bramarbasierenden Art über den »Wind«, die
»Einblicke« und über des Lebens schmallippiges Antlitz verlauten ließ, und
mit einer persönlichen Teilnahme verfolgte er seine glücklose und tapfere
Laufbahn von der Abfindungssumme bis zur Anstellung als
ebenfalls ein Malheur von Geburt, insofern er ein Jude war. Klaus Heinrich
kannte ihn – doch man konnte sagen, daß er ihn bei intimer Gelegenheit
kennengelernt hatte. Sammet war sein Name, medicinae doctor; er war
durch Zufall auf der Grimmburg zugegen gewesen, als Klaus Heinrich
geboren wurde, und hatte sich ein paar Jahre danach in der Hauptstadt als
Kinderarzt aufgetan. Nun, das war Überbeins Freund, war es heute noch,
und damals hatten sie manches gute Gespräch über Schicksal und
Strammheit miteinander gehabt. Verdammt noch mal, sie hatten sich den
Wind um die Nase wehen lassen, einer wie der andere. Überbein angehend,
so dachte er mit ernster Freude an die Zeit zurück, da er Volksschullehrer
gewesen war. Seine Tätigkeit hatte sich nicht ganz und gar auf das
Klassenzimmer beschränkt, er hatte sich den Spaß gemacht, sich auch
persönlich und menschlich ein bißchen um seine kleinen Strolche zu
kümmern, ihnen in ihr Heim, ihr zuweilen nicht sehr idyllisches
Familienleben nachzugehen, und dabei verfehlte man nicht, allerlei
Einblicke zu tun. Wahrhaftig, wenn er vordem des Lebens schmallippiges
Antlitz noch nicht gekannt hatte, so hatte er damals Gelegenheit gehabt,
hineinzusehen. Übrigens hatte er nicht aufgehört, für sich selbst zu arbeiten,
hatte fetten Bürgerkindern Privatstunden erteilt und sich den Leibgurt enger
gezogen, um sich Bücher kaufen zu können – hatte die langen, stillen und
freien Nächte benutzt, um zu studieren. Und eines Tages hatte er mit
außerordentlicher Genehmigung die Staatsprüfung abgelegt, hatte nebenbei
promoviert und war zur Lateinschule übergegangen. Eigentlich hatte es ihm
leid getan, seine kleinen Strolche zu verlassen; aber so war sein Weg
gewesen. Und dann hatte es sich gefügt, daß man ihn zum Hilfslehrer auf
Schloß »Fasanerie« erkoren hatte, wiewohl er doch ein Malheur von Geburt
war …
So erzählte Doktor Überbein, und Klaus Heinrich wurde von
Freundschaft erfüllt, während er ihm zuhörte. Er teilte seine
Geringschätzung derer, die »es nicht nötig hatten« und sich des Morgens
eine Zigarre anzündeten, Furcht und Freude bewegten ihn bei dem, was
Überbein in seiner lustig bramarbasierenden Art über den »Wind«, die
»Einblicke« und über des Lebens schmallippiges Antlitz verlauten ließ, und
mit einer persönlichen Teilnahme verfolgte er seine glücklose und tapfere
Laufbahn von der Abfindungssumme bis zur Anstellung als
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Gymnasiallehrer. Ihm war, als sei er auf irgendeine allgemeine Weise
befähigt, sich an einem Gespräch über Schicksal und Strammheit zu
beteiligen. Er fühlte eine Weichheit, das Erlebnis seiner eigenen fünfzehn
Jahre geriet in Bewegung, ein Drang nach eigener Mitteilung und Hingabe
kam ihn an, und er versuchte, auch seinerseits von sich zu erzählen. Aber
das Merkwürdige war, daß Doktor Überbein dem Einhalt tat, sich solcher
Absicht aufs entschiedenste widersetzte. »Nein, nein, Klaus Heinrich,«
sagte er, »halt und Punktum. Nur keine Unmittelbarkeiten, wenn ich bitten
darf! Nicht, als ob ich nicht wüßte, daß Sie mir allerlei zu erzählen hätten
… Ich habe es gewußt, als ich Ihnen einen halben Tag lang zugeschaut
hatte. Aber Sie mißverstehen mich völlig, wenn Sie glauben, daß ich Sie
dazu verleiten möchte, an meinem Halse zu weinen. Erstens würden Sie es
über kurz oder lang bereuen. Aber zweitens kommen Ihnen die Freuden des
traulichen Geständnisses überhaupt nicht zu … Sehen Sie, ich darf
schwatzen. Was bin ich? Ein Hilfslehrer. Kein ganz alltäglicher
meinetwegen, aber doch nichts darüber hinaus. Ein sehr bestimmbares
Einzelwesen. Aber Sie? Was sind Sie? Das ist schwieriger … Sagen wir: ein
Inbegriff, eine Art Ideal. Ein Gefäß. Eine sinnbildliche Existenz, Klaus
Heinrich, und damit eine formale Existenz. Aber Form und Unmittelbarkeit
– wissen Sie noch nicht, daß sich das ausschließt? Es schließt sich aus. Sie
haben kein Recht auf unmittelbare Vertraulichkeit, und wenn Sie's
versuchten damit, so würden Sie selber erfahren, daß sie Ihnen nicht taugt,
würden sie als unzulänglich und abgeschmackt erfinden. Ich muß Sie zur
Haltung ermahnen, Klaus Heinrich …«
Klaus Heinrich salutierte lächelnd mit der Reitpeitsche. Und lächelnd
ritten sie weiter.
Ein andermal sagte Doktor Überbein beiläufig: »Die Popularität ist keine
sehr gründliche, aber eine großartige und umfassende Art der
Vertraulichkeit.« Mehr sagte er nicht hierüber.
Zuweilen im Sommer, in der großen Unterrichtspause am Vormittag,
saßen sie miteinander in dem leeren Wirtsgarten – promenierten in
irgendwelchem Gespräch über das Wiesenland, auf dem die »Fasanen« sich
tummelten, und improvisierten einen Aufenthalt mit Limonade in Herrn
Stavenüters Anwesen. Herr Stavenüter wischte freudig den rohen Tisch und
brachte persönlich die Limonade. Man mußte den Glaskugelpfropfen durch
befähigt, sich an einem Gespräch über Schicksal und Strammheit zu
beteiligen. Er fühlte eine Weichheit, das Erlebnis seiner eigenen fünfzehn
Jahre geriet in Bewegung, ein Drang nach eigener Mitteilung und Hingabe
kam ihn an, und er versuchte, auch seinerseits von sich zu erzählen. Aber
das Merkwürdige war, daß Doktor Überbein dem Einhalt tat, sich solcher
Absicht aufs entschiedenste widersetzte. »Nein, nein, Klaus Heinrich,«
sagte er, »halt und Punktum. Nur keine Unmittelbarkeiten, wenn ich bitten
darf! Nicht, als ob ich nicht wüßte, daß Sie mir allerlei zu erzählen hätten
… Ich habe es gewußt, als ich Ihnen einen halben Tag lang zugeschaut
hatte. Aber Sie mißverstehen mich völlig, wenn Sie glauben, daß ich Sie
dazu verleiten möchte, an meinem Halse zu weinen. Erstens würden Sie es
über kurz oder lang bereuen. Aber zweitens kommen Ihnen die Freuden des
traulichen Geständnisses überhaupt nicht zu … Sehen Sie, ich darf
schwatzen. Was bin ich? Ein Hilfslehrer. Kein ganz alltäglicher
meinetwegen, aber doch nichts darüber hinaus. Ein sehr bestimmbares
Einzelwesen. Aber Sie? Was sind Sie? Das ist schwieriger … Sagen wir: ein
Inbegriff, eine Art Ideal. Ein Gefäß. Eine sinnbildliche Existenz, Klaus
Heinrich, und damit eine formale Existenz. Aber Form und Unmittelbarkeit
– wissen Sie noch nicht, daß sich das ausschließt? Es schließt sich aus. Sie
haben kein Recht auf unmittelbare Vertraulichkeit, und wenn Sie's
versuchten damit, so würden Sie selber erfahren, daß sie Ihnen nicht taugt,
würden sie als unzulänglich und abgeschmackt erfinden. Ich muß Sie zur
Haltung ermahnen, Klaus Heinrich …«
Klaus Heinrich salutierte lächelnd mit der Reitpeitsche. Und lächelnd
ritten sie weiter.
Ein andermal sagte Doktor Überbein beiläufig: »Die Popularität ist keine
sehr gründliche, aber eine großartige und umfassende Art der
Vertraulichkeit.« Mehr sagte er nicht hierüber.
Zuweilen im Sommer, in der großen Unterrichtspause am Vormittag,
saßen sie miteinander in dem leeren Wirtsgarten – promenierten in
irgendwelchem Gespräch über das Wiesenland, auf dem die »Fasanen« sich
tummelten, und improvisierten einen Aufenthalt mit Limonade in Herrn
Stavenüters Anwesen. Herr Stavenüter wischte freudig den rohen Tisch und
brachte persönlich die Limonade. Man mußte den Glaskugelpfropfen durch
Page 76
den Flaschenhals stoßen. »Reine Ware!« sagte Herr Stavenüter. »Das
Bekömmlichste von allem. Kein Gesudel, Großherzogliche Hoheit und Sie,
Herr Doktor, sondern gezuckerte Natursäfte und mit dem besten Gewissen
zu empfehlen!« Dann hieß er seine Kinder singen, dem Besuch zu Ehren.
Sie waren zu dritt, zwei Mädchen und ein Knabe, und konnten dreistimmig
singen. Sie standen in einiger Entfernung unter dem grünen Blätterdach der
Kastanienbäume und sangen Volkslieder, indem sie sich mit den Fingern
schneuzten. Einmal sangen sie ein Lied mit dem Anfang: »Menschen,
Menschen sind wir alle«, und Doktor Überbein gab durch
Zwischenbemerkungen sein Mißfallen an dieser Nummer des Programms
zu erkennen. »Ein faules Lied«, sagte er und beugte sich seitwärts zu Klaus
Heinrich. »So recht ein ordinäres Lied. Ein bequemes Lied, Klaus Heinrich,
es muß Ihnen nicht sehr zusagen.« Später, als die Kinder nicht mehr sangen,
kam er nochmals auf dieses Lied zurück und bezeichnete es geradezu als
»schlampig«. »Wir sind alle, alle Menschen,« wiederholte er – »Gott
erbarme sich, ja, zweifelsohne. Aber vielleicht darf man demgegenüber
daran erinnern, daß die Bemerkenswerteren unter uns immerhin die sein
mögen, die Veranlassung geben, diese Wahrheit besonders zu betonen …
Sehen Sie,« sagte er, indem er sich zurücklehnte, ein Bein über das andere
schlug und seinen roten Bart von unten, von der Kehle aus streichelte,
»sehen Sie, Klaus Heinrich, ein Mann von etwelchem geistigen Bedürfnis
wird sich nicht enthalten können, in dieser platten Welt das
Außerordentliche zu suchen und es zu lieben, wo und wie es irgend
erscheint – er muß sich ärgern an solchem schlampigen Lied, an solcher
schafsgemütlichen Wegleugnung des Sonderfalles, des hohen und des
elenden und desjenigen, der beides zugleich ist … Rede ich fürs Haus?
Unsinn! Ich bin nur ein Hilfslehrer. Aber Gott mag wissen, was mir im
Blute spukt – ich finde keine Genugtuung darin, zu betonen, daß wir im
Grunde alle nur Hilfslehrer sind. Ich liebe das Ungewöhnliche in jeder
Gestalt und in jedem Sinne, ich liebe die mit der Würde der Ausnahme im
Herzen, die Gezeichneten, die als Fremdlinge Kenntlichen, all die, bei
deren Anblick das Volk dumme Gesichter macht – ich wünsche ihnen die
Liebe zu ihrem Schicksal, und ich wünsche nicht, daß sie sich's mit der
liederlichen und lauwarmen Wahrheit bequem machen, die wir da eben
dreistimmig zu hören bekommen haben … Warum bin ich Ihr Lehrer
geworden, Klaus Heinrich? Ich bin ein Zigeuner, ein strebsamer
meinetwegen, aber doch ein geborener Zigeuner. Meine Vorbestimmtheit
Bekömmlichste von allem. Kein Gesudel, Großherzogliche Hoheit und Sie,
Herr Doktor, sondern gezuckerte Natursäfte und mit dem besten Gewissen
zu empfehlen!« Dann hieß er seine Kinder singen, dem Besuch zu Ehren.
Sie waren zu dritt, zwei Mädchen und ein Knabe, und konnten dreistimmig
singen. Sie standen in einiger Entfernung unter dem grünen Blätterdach der
Kastanienbäume und sangen Volkslieder, indem sie sich mit den Fingern
schneuzten. Einmal sangen sie ein Lied mit dem Anfang: »Menschen,
Menschen sind wir alle«, und Doktor Überbein gab durch
Zwischenbemerkungen sein Mißfallen an dieser Nummer des Programms
zu erkennen. »Ein faules Lied«, sagte er und beugte sich seitwärts zu Klaus
Heinrich. »So recht ein ordinäres Lied. Ein bequemes Lied, Klaus Heinrich,
es muß Ihnen nicht sehr zusagen.« Später, als die Kinder nicht mehr sangen,
kam er nochmals auf dieses Lied zurück und bezeichnete es geradezu als
»schlampig«. »Wir sind alle, alle Menschen,« wiederholte er – »Gott
erbarme sich, ja, zweifelsohne. Aber vielleicht darf man demgegenüber
daran erinnern, daß die Bemerkenswerteren unter uns immerhin die sein
mögen, die Veranlassung geben, diese Wahrheit besonders zu betonen …
Sehen Sie,« sagte er, indem er sich zurücklehnte, ein Bein über das andere
schlug und seinen roten Bart von unten, von der Kehle aus streichelte,
»sehen Sie, Klaus Heinrich, ein Mann von etwelchem geistigen Bedürfnis
wird sich nicht enthalten können, in dieser platten Welt das
Außerordentliche zu suchen und es zu lieben, wo und wie es irgend
erscheint – er muß sich ärgern an solchem schlampigen Lied, an solcher
schafsgemütlichen Wegleugnung des Sonderfalles, des hohen und des
elenden und desjenigen, der beides zugleich ist … Rede ich fürs Haus?
Unsinn! Ich bin nur ein Hilfslehrer. Aber Gott mag wissen, was mir im
Blute spukt – ich finde keine Genugtuung darin, zu betonen, daß wir im
Grunde alle nur Hilfslehrer sind. Ich liebe das Ungewöhnliche in jeder
Gestalt und in jedem Sinne, ich liebe die mit der Würde der Ausnahme im
Herzen, die Gezeichneten, die als Fremdlinge Kenntlichen, all die, bei
deren Anblick das Volk dumme Gesichter macht – ich wünsche ihnen die
Liebe zu ihrem Schicksal, und ich wünsche nicht, daß sie sich's mit der
liederlichen und lauwarmen Wahrheit bequem machen, die wir da eben
dreistimmig zu hören bekommen haben … Warum bin ich Ihr Lehrer
geworden, Klaus Heinrich? Ich bin ein Zigeuner, ein strebsamer
meinetwegen, aber doch ein geborener Zigeuner. Meine Vorbestimmtheit
Page 77
zum Fürstenknecht ist nicht sonderlich einleuchtend. Warum bin ich mit
aufrichtigem Vergnügen dem Rufe gefolgt, als er an mich erging, in
Ansehung meiner Strebsamkeit, und obwohl ich doch ein Malheur von
Geburt bin? Weil ich in Ihrer Daseinsform, Klaus Heinrich, die sichtbarste,
ausdrücklichste, bestgehütete Form des Außerordentlichen auf Erden sehe.
Ich bin Ihr Lehrer geworden, weil ich Ihr Schicksal in Ihnen lebendig
erhalten möchte. Abgeschlossenheit, Etikette, Verpflichtung, Strammheit,
Haltung, Form – wer darin lebt, sollte kein Recht auf Verachtung haben? Er
sollte sich auf Menschlichkeit und Gemütlichkeit verweisen lassen? Nein,
kommen Sie, wir wollen gehen, Klaus Heinrich, wenn es Ihnen angenehm
ist. Es sind taktlose Bälge, diese kleinen Stavenüters.« – Klaus Heinrich
lachte; er schenkte den Kindern ein wenig von seinem Taschengeld, und sie
gingen.
»Ja, ja,« sagte Doktor Überbein auf einem gemeinschaftlichen
Waldspaziergang zu Klaus Heinrich – es hatte sich einiger Abstand
zwischen ihnen und den fünf »Fasanen« hergestellt –, »heutzutage muß das
Verehrungsbedürfnis des Geistes sich bescheiden. Wo ist Größe? Ja, prosit!
Aber von aller eigentlichen Größe und Sendung abgesehen, so gibt es
immer noch das, was ich Hoheit nenne, erlesene und schwermütig isolierte
Lebensformen, denen man sich gefälligst mit der zartesten Teilnahme zu
nahen hat. Übrigens ist die Größe stark, sie trägt Kanonenstiefel, sie hat die
Ritterdienste des Geistes nicht nötig. Aber die Hoheit ist rührend – sie ist,
hol' mich der Teufel, das Rührendste, was es auf Erden gibt.«
Einigemal im Jahr fuhr die »Fasanerie« in die Residenz, um den
Aufführungen klassischer Opern und Dramen im großherzoglichen
Hoftheater beizuwohnen; besonders Klaus Heinrichs Geburtstag wurde mit
solchem Theaterbesuch begangen. Er saß dann in ruhiger Haltung auf
seinem geschweiften Armstuhl an der Plüschbrüstung einer rot
ausgeschlagenen Proszeniums-Hofloge, deren Dach auf den Köpfen zweier
weiblicher Skulpturen mit gekreuzten Händen und leeren, strengen
Gesichtern ruhte, und sah seinen Kollegen, den Prinzen, zu, deren Schicksal
sich auf der Bühne erfüllte, während er zugleich den Operngläsern
standhielt, die sich von Zeit zu Zeit, auch während des Spiels, aus dem
Publikum auf ihn richteten. Professor Kürtchen saß zu seiner Linken und
Doktor Überbein mit den »Fasanen« in einer Nebenloge. Einst hörte man so
die »Zauberflöte«, und auf dem Heimweg nach Station »Fasanerie«, in dem
aufrichtigem Vergnügen dem Rufe gefolgt, als er an mich erging, in
Ansehung meiner Strebsamkeit, und obwohl ich doch ein Malheur von
Geburt bin? Weil ich in Ihrer Daseinsform, Klaus Heinrich, die sichtbarste,
ausdrücklichste, bestgehütete Form des Außerordentlichen auf Erden sehe.
Ich bin Ihr Lehrer geworden, weil ich Ihr Schicksal in Ihnen lebendig
erhalten möchte. Abgeschlossenheit, Etikette, Verpflichtung, Strammheit,
Haltung, Form – wer darin lebt, sollte kein Recht auf Verachtung haben? Er
sollte sich auf Menschlichkeit und Gemütlichkeit verweisen lassen? Nein,
kommen Sie, wir wollen gehen, Klaus Heinrich, wenn es Ihnen angenehm
ist. Es sind taktlose Bälge, diese kleinen Stavenüters.« – Klaus Heinrich
lachte; er schenkte den Kindern ein wenig von seinem Taschengeld, und sie
gingen.
»Ja, ja,« sagte Doktor Überbein auf einem gemeinschaftlichen
Waldspaziergang zu Klaus Heinrich – es hatte sich einiger Abstand
zwischen ihnen und den fünf »Fasanen« hergestellt –, »heutzutage muß das
Verehrungsbedürfnis des Geistes sich bescheiden. Wo ist Größe? Ja, prosit!
Aber von aller eigentlichen Größe und Sendung abgesehen, so gibt es
immer noch das, was ich Hoheit nenne, erlesene und schwermütig isolierte
Lebensformen, denen man sich gefälligst mit der zartesten Teilnahme zu
nahen hat. Übrigens ist die Größe stark, sie trägt Kanonenstiefel, sie hat die
Ritterdienste des Geistes nicht nötig. Aber die Hoheit ist rührend – sie ist,
hol' mich der Teufel, das Rührendste, was es auf Erden gibt.«
Einigemal im Jahr fuhr die »Fasanerie« in die Residenz, um den
Aufführungen klassischer Opern und Dramen im großherzoglichen
Hoftheater beizuwohnen; besonders Klaus Heinrichs Geburtstag wurde mit
solchem Theaterbesuch begangen. Er saß dann in ruhiger Haltung auf
seinem geschweiften Armstuhl an der Plüschbrüstung einer rot
ausgeschlagenen Proszeniums-Hofloge, deren Dach auf den Köpfen zweier
weiblicher Skulpturen mit gekreuzten Händen und leeren, strengen
Gesichtern ruhte, und sah seinen Kollegen, den Prinzen, zu, deren Schicksal
sich auf der Bühne erfüllte, während er zugleich den Operngläsern
standhielt, die sich von Zeit zu Zeit, auch während des Spiels, aus dem
Publikum auf ihn richteten. Professor Kürtchen saß zu seiner Linken und
Doktor Überbein mit den »Fasanen« in einer Nebenloge. Einst hörte man so
die »Zauberflöte«, und auf dem Heimweg nach Station »Fasanerie«, in dem
Page 78
Abteil erster Klasse, brachte Doktor Überbein das ganze Konvikt zum
Lachen, indem er nachahmte, wie Sänger sprechen, wenn ihre Rolle sie
nötigt, in den Prosadialog überzugehen. »Er ist ein Prinz!« sagte er
salbungsvoll und entgegnete sich selbst in einem ziehenden und singenden
Pastorenton: »Er ist mehr als das; er ist ein Mensch!« Selbst Professor
Kürtchen amüsierte sich so sehr, daß er meckerte. Aber am nächsten Tage,
gelegentlich einer Privatrepetition in Klaus Heinrichs Bücherzimmer mit
dem runden Mahagonitisch, der geweißten Decke und dem griechischen
Torso auf dem Kachelofen, wiederholte Doktor Überbein seine Parodie und
sagte dann: »Großer Gott, das war einmal neu zu seiner Zeit, war eine
Botschaft, eine verblüffende Wahrheit!… Es gibt Paradoxe, die so lange auf
dem Kopfe gestanden haben, daß man sie auf die Füße stellen muß, um
wieder etwas leidlich Verwegenes daraus zu machen. ›Er ist ein Mensch …
Er ist mehr als das‹ – das ist nachgerade kühner, es ist schöner, es ist sogar
wahrer … Das Umgekehrte ist bloße Humanität; aber ich bin von Herzen
nicht sehr für Humanität, ich rede mit dem größten Vergnügen wegwerfend
davon. Man muß in irgendeinem Sinne zu denen gehören, von welchen das
Volk spricht: ›Es sind schließlich auch Menschen‹ – oder man ist langweilig
wie ein Hilfslehrer. Ich kann den allgemeinen, gemütlichen Ausgleich von
Konflikten und Distanzen nicht aufrichtig wünschen, Gott helfe mir, so bin
ich veranlagt, und die Figur des principe uomo ist mir, deutlich gesagt, ein
Greuel. Ich hoffe nicht, daß sie Ihnen sonderlich zusagt, Klaus Heinrich?…
Sehen Sie, es hat zu allen Zeiten Fürsten und Außerordentliche gegeben, die
ihr Dasein der Ausnahme mit Leichtigkeit führten, einfältig unbewußt ihrer
Würde oder sie derb verleugnend und fähig, mit den Bürgern in
Hemdärmeln Kegel zu schieben, ohne eine qualvolle Verzerrung ihres
Innersten zu erfahren. Aber sie sind wenig beträchtlich, wie zuletzt alles
unbeträchtlich ist, was des Geistes ermangelt. Denn der Geist, Klaus
Heinrich, der Geist ist der Hofmeister, der unerbittlich auf Würde dringt, ja
die Würde erst eigentlich schafft, er ist der Erzfeind und vornehme Gegner
aller humanen Gemütlichkeit. ›Mehr als das?‹ Nein! Repräsentieren, für
viele stehen, indem man sich darstellt, der erhöhte und zuchtvolle Ausdruck
einer Menge sein – Repräsentieren ist selbstverständlich mehr und höher als
Einfachsein, Klaus Heinrich –, darum nennt man Sie Hoheit …«
So räsonnierte Doktor Überbein, laut, herzlich und wortgewandt, und
was er sagte, beeinflußte Klaus Heinrichs Denkart und Selbstempfindung
Lachen, indem er nachahmte, wie Sänger sprechen, wenn ihre Rolle sie
nötigt, in den Prosadialog überzugehen. »Er ist ein Prinz!« sagte er
salbungsvoll und entgegnete sich selbst in einem ziehenden und singenden
Pastorenton: »Er ist mehr als das; er ist ein Mensch!« Selbst Professor
Kürtchen amüsierte sich so sehr, daß er meckerte. Aber am nächsten Tage,
gelegentlich einer Privatrepetition in Klaus Heinrichs Bücherzimmer mit
dem runden Mahagonitisch, der geweißten Decke und dem griechischen
Torso auf dem Kachelofen, wiederholte Doktor Überbein seine Parodie und
sagte dann: »Großer Gott, das war einmal neu zu seiner Zeit, war eine
Botschaft, eine verblüffende Wahrheit!… Es gibt Paradoxe, die so lange auf
dem Kopfe gestanden haben, daß man sie auf die Füße stellen muß, um
wieder etwas leidlich Verwegenes daraus zu machen. ›Er ist ein Mensch …
Er ist mehr als das‹ – das ist nachgerade kühner, es ist schöner, es ist sogar
wahrer … Das Umgekehrte ist bloße Humanität; aber ich bin von Herzen
nicht sehr für Humanität, ich rede mit dem größten Vergnügen wegwerfend
davon. Man muß in irgendeinem Sinne zu denen gehören, von welchen das
Volk spricht: ›Es sind schließlich auch Menschen‹ – oder man ist langweilig
wie ein Hilfslehrer. Ich kann den allgemeinen, gemütlichen Ausgleich von
Konflikten und Distanzen nicht aufrichtig wünschen, Gott helfe mir, so bin
ich veranlagt, und die Figur des principe uomo ist mir, deutlich gesagt, ein
Greuel. Ich hoffe nicht, daß sie Ihnen sonderlich zusagt, Klaus Heinrich?…
Sehen Sie, es hat zu allen Zeiten Fürsten und Außerordentliche gegeben, die
ihr Dasein der Ausnahme mit Leichtigkeit führten, einfältig unbewußt ihrer
Würde oder sie derb verleugnend und fähig, mit den Bürgern in
Hemdärmeln Kegel zu schieben, ohne eine qualvolle Verzerrung ihres
Innersten zu erfahren. Aber sie sind wenig beträchtlich, wie zuletzt alles
unbeträchtlich ist, was des Geistes ermangelt. Denn der Geist, Klaus
Heinrich, der Geist ist der Hofmeister, der unerbittlich auf Würde dringt, ja
die Würde erst eigentlich schafft, er ist der Erzfeind und vornehme Gegner
aller humanen Gemütlichkeit. ›Mehr als das?‹ Nein! Repräsentieren, für
viele stehen, indem man sich darstellt, der erhöhte und zuchtvolle Ausdruck
einer Menge sein – Repräsentieren ist selbstverständlich mehr und höher als
Einfachsein, Klaus Heinrich –, darum nennt man Sie Hoheit …«
So räsonnierte Doktor Überbein, laut, herzlich und wortgewandt, und
was er sagte, beeinflußte Klaus Heinrichs Denkart und Selbstempfindung
Page 79
vielleicht mehr als gut war. Der Prinz war damals fünfzehn, sechzehn Jahre
alt und also recht wohl fähig, solcherlei Ideen – wenn auch nicht wirklich
aufzufassen, doch nach ihrem Wesensgehalt gleichsam aufzusaugen. Das
Entscheidende war, daß Doktor Überbeins Lehren und Expektorationen
durch seine Persönlichkeit so ungemein unterstützt wurden. Wenn Schulrat
Dröge, der sich gegen die Lakaien verneigte, Klaus Heinrich an seinen
»hohen Beruf« gemahnt hatte, so war das nicht mehr als eine übernommene
Redensart gewesen, mit dem Zweck, seinen sachlichen Forderungen
Nachdruck zu verleihen, und eigentlich ohne inneren Sinn. Aber wenn
Doktor Überbein, der ein Malheur von Geburt war, wie er sagte, und ein
grünliches Gesicht hatte, weil er ehemals Hunger gelitten, wenn dieser
Mann, der ein Kind aus einem Moor oder Sumpf gezogen, Einblicke getan
und sich in jeder Weise den Wind hatte um die Nase wehen lassen, wenn er,
der sich nicht nur nicht vor den Lakaien verbeugte, sondern sie gelegentlich
sogar mit schallender Stimme anschrie, und der Klaus Heinrich selbst am
dritten Tage, ohne um Erlaubnis zu fragen, ganz unumwunden bei
Vornamen genannt hatte – wenn er mit einem väterlichen Lächeln erklärte,
daß Klaus Heinrich »auf der Menschheit Höhen wandle« (diese Wendung
gebrauchte er gern), so war das etwas Freies und neu Empfundenes, was
sozusagen Widerklang in der Tiefe hatte. Lauschte Klaus Heinrich den
lauten und aufgeräumten Erzählungen des Doktors von seinem Leben, von
»des Lebens schmallippigem Antlitz«, so war ihm zumute wie ehemals,
wenn er mit Ditlind, seiner Schwester, gestöbert hatte; und daß der, welcher
so zu erzählen wußte, daß dieser »umgetriebene Mann«, wie er sich selber
nannte, sich nicht fremd und fromm gegen ihn verhielt wie die anderen,
sondern ihn, unbeschadet einer freien und freudigen Huldigung, als
Kameraden im Schicksal und in der Strammheit behandelte, das erwärmte
Klaus Heinrichs Herz zu unaussprechlicher Dankbarkeit und machte den
Zauber aus, der ihn dem Hilfslehrer auf immer verband …
Kurz nach seinem sechzehnten Geburtstag (Albrecht, der Erbgroßherzog,
befand sich schon damals seiner Gesundheit wegen im Süden) ward der
Prinz gemeinsam mit den fünf »Fasanen« in der Hofkirche eingesegnet –
der »Eilbote« brachte den Bericht, ohne eine Sensation daraus zu machen.
Oberkirchenratspräsident D. Wislizenus kontrapunktierte mit einem
Bibelmotiv, das wiederum der Großherzog ausgewählt hatte, und Klaus
Heinrich ward bei dieser Gelegenheit zum Leutnant ernannt, obgleich er
alt und also recht wohl fähig, solcherlei Ideen – wenn auch nicht wirklich
aufzufassen, doch nach ihrem Wesensgehalt gleichsam aufzusaugen. Das
Entscheidende war, daß Doktor Überbeins Lehren und Expektorationen
durch seine Persönlichkeit so ungemein unterstützt wurden. Wenn Schulrat
Dröge, der sich gegen die Lakaien verneigte, Klaus Heinrich an seinen
»hohen Beruf« gemahnt hatte, so war das nicht mehr als eine übernommene
Redensart gewesen, mit dem Zweck, seinen sachlichen Forderungen
Nachdruck zu verleihen, und eigentlich ohne inneren Sinn. Aber wenn
Doktor Überbein, der ein Malheur von Geburt war, wie er sagte, und ein
grünliches Gesicht hatte, weil er ehemals Hunger gelitten, wenn dieser
Mann, der ein Kind aus einem Moor oder Sumpf gezogen, Einblicke getan
und sich in jeder Weise den Wind hatte um die Nase wehen lassen, wenn er,
der sich nicht nur nicht vor den Lakaien verbeugte, sondern sie gelegentlich
sogar mit schallender Stimme anschrie, und der Klaus Heinrich selbst am
dritten Tage, ohne um Erlaubnis zu fragen, ganz unumwunden bei
Vornamen genannt hatte – wenn er mit einem väterlichen Lächeln erklärte,
daß Klaus Heinrich »auf der Menschheit Höhen wandle« (diese Wendung
gebrauchte er gern), so war das etwas Freies und neu Empfundenes, was
sozusagen Widerklang in der Tiefe hatte. Lauschte Klaus Heinrich den
lauten und aufgeräumten Erzählungen des Doktors von seinem Leben, von
»des Lebens schmallippigem Antlitz«, so war ihm zumute wie ehemals,
wenn er mit Ditlind, seiner Schwester, gestöbert hatte; und daß der, welcher
so zu erzählen wußte, daß dieser »umgetriebene Mann«, wie er sich selber
nannte, sich nicht fremd und fromm gegen ihn verhielt wie die anderen,
sondern ihn, unbeschadet einer freien und freudigen Huldigung, als
Kameraden im Schicksal und in der Strammheit behandelte, das erwärmte
Klaus Heinrichs Herz zu unaussprechlicher Dankbarkeit und machte den
Zauber aus, der ihn dem Hilfslehrer auf immer verband …
Kurz nach seinem sechzehnten Geburtstag (Albrecht, der Erbgroßherzog,
befand sich schon damals seiner Gesundheit wegen im Süden) ward der
Prinz gemeinsam mit den fünf »Fasanen« in der Hofkirche eingesegnet –
der »Eilbote« brachte den Bericht, ohne eine Sensation daraus zu machen.
Oberkirchenratspräsident D. Wislizenus kontrapunktierte mit einem
Bibelmotiv, das wiederum der Großherzog ausgewählt hatte, und Klaus
Heinrich ward bei dieser Gelegenheit zum Leutnant ernannt, obgleich er
Page 80
von militärischen Angelegenheiten auch nicht das geringste verstand …
Alle Sachlichkeit entwich mehr und mehr aus seinem Dasein. Und so war
denn auch der zeremonielle Vorgang der Einsegnung ohne einschneidende
Bedeutung, und der Prinz kehrte gleich danach ruhig nach Schloß
»Fasanerie« zurück, um sein Leben im Kreise der Lehrer und Mitzöglinge
ohne Veränderung fortzuführen.
Erst ein Jahr später verließ er sein altmodisch schlichtes Schülerzimmer
mit dem Torso auf dem Kachelofen – das Konvikt löste sich auf, und
während die fünf adeligen Genossen ins Kadettenkorps übertraten, nahm
Klaus Heinrich wieder im Alten Schlosse Wohnung, um, einer Vereinbarung
gemäß, die Herr von Knobelsdorff mit dem Großherzog getroffen hatte, ein
Jahr lang die oberste Gymnasialklasse in der Residenz zu besuchen. Das
war eine wohlerwogene und populäre Maßregel, die aber in sachlicher
Hinsicht nicht vieles änderte. Professor Kürtchen war auf seinen Posten an
der öffentlichen Lehranstalt zurückgekehrt, er unterrichtete Klaus Heinrich
nach wie vor in mehreren Fächern und war in der Klasse noch eifriger als
im Internat darauf bedacht, seinen Takt zu bekunden. Auch erwies sich, daß
er von jener Übereinkunft, welche die beiden Arten des Prinzen, sich zur
Antwort zu melden, betraf, die übrigen Lehrer in Kenntnis gesetzt hatte.
Doktor Überbein angehend, der gleichfalls an das Gymnasium
zurückgekehrt war, so war er in seiner ungewöhnlichen Laufbahn noch
nicht so weit vorgerückt, um in der obersten Klasse zu unterrichten. Aber
auf Klaus Heinrichs lebhaften, ja inständigen Wunsch, den er dem
Großherzog ohne direkte Anrede und sozusagen auf dem Dienstwege, durch
den wohlwollenden Herrn von Knobelsdorff, unterbreitet hatte, war der
Hilfslehrer zum Repetenten und Leiter der häuslichen Studien bestellt
worden, kam täglich aufs Schloß, schrie die Lakaien an und hatte auch jetzt
Gelegenheit, mit seinen burschikosen und schwärmerischen Reden auf den
Prinzen zu wirken.
Vielleicht war es zu einem Teil diesem fortdauernden Einfluß
zuzuschreiben, wenn Klaus Heinrichs Beziehungen zu den jungen Leuten,
mit denen er die zerschnitzte Schulbank teilte, noch lockerer und entfernter
blieben als sein Verhältnis zu den Fünfen auf Schloß »Fasanerie«, und wenn
so der populäre Zweck dieses Jahres verfehlt wurde. Die Pausen, die zur
Sommers- und Winterszeit von allen Schülern auf dem geräumigen, mit
Fliesen ausgelegten Vorhofe verbracht wurden, boten Gelegenheit zur
Alle Sachlichkeit entwich mehr und mehr aus seinem Dasein. Und so war
denn auch der zeremonielle Vorgang der Einsegnung ohne einschneidende
Bedeutung, und der Prinz kehrte gleich danach ruhig nach Schloß
»Fasanerie« zurück, um sein Leben im Kreise der Lehrer und Mitzöglinge
ohne Veränderung fortzuführen.
Erst ein Jahr später verließ er sein altmodisch schlichtes Schülerzimmer
mit dem Torso auf dem Kachelofen – das Konvikt löste sich auf, und
während die fünf adeligen Genossen ins Kadettenkorps übertraten, nahm
Klaus Heinrich wieder im Alten Schlosse Wohnung, um, einer Vereinbarung
gemäß, die Herr von Knobelsdorff mit dem Großherzog getroffen hatte, ein
Jahr lang die oberste Gymnasialklasse in der Residenz zu besuchen. Das
war eine wohlerwogene und populäre Maßregel, die aber in sachlicher
Hinsicht nicht vieles änderte. Professor Kürtchen war auf seinen Posten an
der öffentlichen Lehranstalt zurückgekehrt, er unterrichtete Klaus Heinrich
nach wie vor in mehreren Fächern und war in der Klasse noch eifriger als
im Internat darauf bedacht, seinen Takt zu bekunden. Auch erwies sich, daß
er von jener Übereinkunft, welche die beiden Arten des Prinzen, sich zur
Antwort zu melden, betraf, die übrigen Lehrer in Kenntnis gesetzt hatte.
Doktor Überbein angehend, der gleichfalls an das Gymnasium
zurückgekehrt war, so war er in seiner ungewöhnlichen Laufbahn noch
nicht so weit vorgerückt, um in der obersten Klasse zu unterrichten. Aber
auf Klaus Heinrichs lebhaften, ja inständigen Wunsch, den er dem
Großherzog ohne direkte Anrede und sozusagen auf dem Dienstwege, durch
den wohlwollenden Herrn von Knobelsdorff, unterbreitet hatte, war der
Hilfslehrer zum Repetenten und Leiter der häuslichen Studien bestellt
worden, kam täglich aufs Schloß, schrie die Lakaien an und hatte auch jetzt
Gelegenheit, mit seinen burschikosen und schwärmerischen Reden auf den
Prinzen zu wirken.
Vielleicht war es zu einem Teil diesem fortdauernden Einfluß
zuzuschreiben, wenn Klaus Heinrichs Beziehungen zu den jungen Leuten,
mit denen er die zerschnitzte Schulbank teilte, noch lockerer und entfernter
blieben als sein Verhältnis zu den Fünfen auf Schloß »Fasanerie«, und wenn
so der populäre Zweck dieses Jahres verfehlt wurde. Die Pausen, die zur
Sommers- und Winterszeit von allen Schülern auf dem geräumigen, mit
Fliesen ausgelegten Vorhofe verbracht wurden, boten Gelegenheit zur
Page 81
Pflege der Kameradschaft. Allein diese Pausen, der großen Menge zur
Erholung bestimmt, brachten für Klaus Heinrich erst die eigentliche, seinem
Leben eigentümliche Anstrengung mit sich. Er war selbstverständlich,
wenigstens im ersten Viertel des Jahres, auf dem Schulhof der Gegenstand
allgemeinen Schauens – nichts Leichtes für ihn, in Ansehung der Tatsache,
daß hier die Umgebung ihm jede äußere Erhöhung und Stütze versagte und
er sich auf demselben Pflaster mit denen zu bewegen hatte, die einig gegen
ihn waren, um zu schauen. Die kleinen Jungen, voll kindlicher
Verantwortungslosigkeit, verharrten ganz nahe in selbstvergessenen
Stellungen und gafften, indes die größeren mit erweiterten Augen um ihn
schweiften und von der Seite oder von unten blickten … Das ließ im Laufe
der Zeit wohl ein wenig nach, aber auch dann – mochte nun wer immer
schuld daran sein, Klaus Heinrich oder die Menge – auch später wollte die
Kameradschaft so rechte Fortschritte nicht machen. Man sah den Prinzen
zur Rechten des Direktors oder des Lehrers, welcher die Aufsicht führte,
gefolgt und umstrichen von Neugierigen, auf dem Hofe hin und her
spazieren. Man sah ihn auch wohl am Standort seiner Klasse mit seinen
Mitschülern plaudern. Ein liebenswürdiger Anblick! Er lehnte dort halb
sitzend an dem schrägen Vorsprung der glasierten Ziegelmauer, die Füße
gekreuzt, die linke Hand weit hinten in die Hüfte gestemmt, die fünfzehn
Insassen der Oberprima in losem Halbkreise vor sich. Es waren nur
fünfzehn dieses Jahr, denn die letzten Versetzungen waren unter dem
Gesichtspunkte vorgenommen worden, daß keine Elemente in die Selekta
vorrückten, die ihrer Herkunft oder Persönlichkeit nach ungeeignet waren,
mit Klaus Heinrich ein Jahr lang auf du und du zu stehen. Denn das Du war
Vorschrift. Klaus Heinrich sprach mit einem von ihnen, der ein wenig aus
dem Halbkreise hervor ihm nahe getreten war und ihm unter kurzen,
kleinen Verbeugungen antwortete. Beide lächelten; man lächelte stets, wenn
man mit Klaus Heinrich sprach. Er fragte zum Beispiel: »Hast du den
deutschen Aufsatz für nächsten Dienstag schon fertig?«
»Nein, Prinz Klaus Heinrich, noch nicht ganz, ich habe den Schluß noch
nicht.«
»Es ist ein schwieriges Thema. Ich weiß noch gar nicht, was ich
schreiben soll.«
»Oh, Sie werden … du wirst schon wissen!«
Erholung bestimmt, brachten für Klaus Heinrich erst die eigentliche, seinem
Leben eigentümliche Anstrengung mit sich. Er war selbstverständlich,
wenigstens im ersten Viertel des Jahres, auf dem Schulhof der Gegenstand
allgemeinen Schauens – nichts Leichtes für ihn, in Ansehung der Tatsache,
daß hier die Umgebung ihm jede äußere Erhöhung und Stütze versagte und
er sich auf demselben Pflaster mit denen zu bewegen hatte, die einig gegen
ihn waren, um zu schauen. Die kleinen Jungen, voll kindlicher
Verantwortungslosigkeit, verharrten ganz nahe in selbstvergessenen
Stellungen und gafften, indes die größeren mit erweiterten Augen um ihn
schweiften und von der Seite oder von unten blickten … Das ließ im Laufe
der Zeit wohl ein wenig nach, aber auch dann – mochte nun wer immer
schuld daran sein, Klaus Heinrich oder die Menge – auch später wollte die
Kameradschaft so rechte Fortschritte nicht machen. Man sah den Prinzen
zur Rechten des Direktors oder des Lehrers, welcher die Aufsicht führte,
gefolgt und umstrichen von Neugierigen, auf dem Hofe hin und her
spazieren. Man sah ihn auch wohl am Standort seiner Klasse mit seinen
Mitschülern plaudern. Ein liebenswürdiger Anblick! Er lehnte dort halb
sitzend an dem schrägen Vorsprung der glasierten Ziegelmauer, die Füße
gekreuzt, die linke Hand weit hinten in die Hüfte gestemmt, die fünfzehn
Insassen der Oberprima in losem Halbkreise vor sich. Es waren nur
fünfzehn dieses Jahr, denn die letzten Versetzungen waren unter dem
Gesichtspunkte vorgenommen worden, daß keine Elemente in die Selekta
vorrückten, die ihrer Herkunft oder Persönlichkeit nach ungeeignet waren,
mit Klaus Heinrich ein Jahr lang auf du und du zu stehen. Denn das Du war
Vorschrift. Klaus Heinrich sprach mit einem von ihnen, der ein wenig aus
dem Halbkreise hervor ihm nahe getreten war und ihm unter kurzen,
kleinen Verbeugungen antwortete. Beide lächelten; man lächelte stets, wenn
man mit Klaus Heinrich sprach. Er fragte zum Beispiel: »Hast du den
deutschen Aufsatz für nächsten Dienstag schon fertig?«
»Nein, Prinz Klaus Heinrich, noch nicht ganz, ich habe den Schluß noch
nicht.«
»Es ist ein schwieriges Thema. Ich weiß noch gar nicht, was ich
schreiben soll.«
»Oh, Sie werden … du wirst schon wissen!«
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»Nein, es ist schwer. – Du hast ja eine Eins in der arithmetischen
Klassenarbeit?«
»Ja, Prinz Klaus Heinrich, ich habe Glück gehabt.«
»Nein, das ist Verdienst. Ich werde nie etwas davon verstehen!«
Bewegung der Heiterkeit und des Beifalls im Halbkreise. Klaus Heinrich
wandte sich an einen anderen Mitschüler, und der erste trat schnell zurück.
Jedem war fühlbar, daß es sich bei alldem nicht um den Aufsatz noch um
die arithmetische Arbeit handelte, sondern um das Gespräch als Vorgang
und Handlung, um Haltung und Ton, das Vor- und Zurücktreten, die
glückliche Abwicklung einer zarten, kühlen und über die Dinge erhabenen
Angelegenheit. Vielleicht rührte von diesem Bewußtsein das Lächeln auf
den Gesichtern her.
Zuweilen, wenn er den losen Halbkreis vor sich hatte, sagte Klaus
Heinrich etwas wie: »Professor Nicolovius sieht fast wie ein Uhu aus.«
Dann war der Jubel groß unter den Kameraden. Sie spannten ab auf dies
Zeichen, sie schlugen über die Stränge, sie machten »Ho, ho, ho!« im Chor
ihrer soeben männlich gewordenen Stimmen, und einer erklärte bei solcher
Gelegenheit, Klaus Heinrich sei ein »famoses Haus«. Aber Klaus Heinrich
sagte nicht oft solche Dinge, sagte sie nur dann, wenn er das Lächeln auf
den Gesichtern erlahmen und schal werden, einen Überdruß, ja, eine
Ungeduld sich der Mienen bemächtigen sah, sagte sie zur Erfrischung und
blickte halb neugierig, halb erschrocken in den kurzen Übermut, den er
damit entfesselte.
Anselm Schickedanz war es nicht gewesen, der ihn ein »famoses Haus«
genannt hatte, und doch hatte Klaus Heinrich gerade seinetwegen den
Vergleich zwischen Professor Nicolovius und einem Uhu gezogen. Anselm
Schickedanz hatte zwar ebenfalls gelacht über diesen freien Scherz, aber
nicht eigentlich im beifälligen Sinne, sondern mit einer Betonung, welche
ausdrückte: »Du lieber Gott!« Er war ein Brauner mit schmalen Hüften, der
auf der ganzen Schule im Ruf eines verfluchten Kerles stand. Der Ton war
vorzüglich dieses Jahr in der obersten Gymnasialklasse. Die Verpflichtung,
die für alle darin lag, den Klassendienst zusammen mit Klaus Heinrich zu
tun, war den jungen Leuten von verschiedenen Seiten hinlänglich zum
Klassenarbeit?«
»Ja, Prinz Klaus Heinrich, ich habe Glück gehabt.«
»Nein, das ist Verdienst. Ich werde nie etwas davon verstehen!«
Bewegung der Heiterkeit und des Beifalls im Halbkreise. Klaus Heinrich
wandte sich an einen anderen Mitschüler, und der erste trat schnell zurück.
Jedem war fühlbar, daß es sich bei alldem nicht um den Aufsatz noch um
die arithmetische Arbeit handelte, sondern um das Gespräch als Vorgang
und Handlung, um Haltung und Ton, das Vor- und Zurücktreten, die
glückliche Abwicklung einer zarten, kühlen und über die Dinge erhabenen
Angelegenheit. Vielleicht rührte von diesem Bewußtsein das Lächeln auf
den Gesichtern her.
Zuweilen, wenn er den losen Halbkreis vor sich hatte, sagte Klaus
Heinrich etwas wie: »Professor Nicolovius sieht fast wie ein Uhu aus.«
Dann war der Jubel groß unter den Kameraden. Sie spannten ab auf dies
Zeichen, sie schlugen über die Stränge, sie machten »Ho, ho, ho!« im Chor
ihrer soeben männlich gewordenen Stimmen, und einer erklärte bei solcher
Gelegenheit, Klaus Heinrich sei ein »famoses Haus«. Aber Klaus Heinrich
sagte nicht oft solche Dinge, sagte sie nur dann, wenn er das Lächeln auf
den Gesichtern erlahmen und schal werden, einen Überdruß, ja, eine
Ungeduld sich der Mienen bemächtigen sah, sagte sie zur Erfrischung und
blickte halb neugierig, halb erschrocken in den kurzen Übermut, den er
damit entfesselte.
Anselm Schickedanz war es nicht gewesen, der ihn ein »famoses Haus«
genannt hatte, und doch hatte Klaus Heinrich gerade seinetwegen den
Vergleich zwischen Professor Nicolovius und einem Uhu gezogen. Anselm
Schickedanz hatte zwar ebenfalls gelacht über diesen freien Scherz, aber
nicht eigentlich im beifälligen Sinne, sondern mit einer Betonung, welche
ausdrückte: »Du lieber Gott!« Er war ein Brauner mit schmalen Hüften, der
auf der ganzen Schule im Ruf eines verfluchten Kerles stand. Der Ton war
vorzüglich dieses Jahr in der obersten Gymnasialklasse. Die Verpflichtung,
die für alle darin lag, den Klassendienst zusammen mit Klaus Heinrich zu
tun, war den jungen Leuten von verschiedenen Seiten hinlänglich zum
Page 83
Bewußtsein gebracht worden, und Klaus Heinrich war nicht derjenige, der
sie veranlaßt hätte, diese Verpflichtung außer acht zu lassen. Aber daß
Anselm Schickedanz ein verfluchter Kerl sei, das war ihm dennoch
wiederholt zu Ohren gekommen, und wenn Klaus Heinrich ihn ansah, so
war er mit einer Art Freudigkeit bereit, es aufs Hörensagen zu glauben,
obgleich es ihm dunkel und verschlossen war, wie jener zu seinem Ruhm
gelangt sein mochte. Unterderhand erkundigte er sich mehrmals, klopfte an
wie von ungefähr und suchte bei einem oder dem anderen etwas über
Schickedanzens Verfluchtheit in Erfahrung zu bringen. Er erfuhr nichts
Bestimmtes. Aber die Antworten, gehässige und lobpreisende, erfüllten ihn
mit der Ahnung einer tollen Liebenswürdigkeit, einer unerlaubt herrlichen
Menschlichkeit, die hier für aller Augen vorhanden sei, außer für seine –
und diese Ahnung war wie ein Schmerz. Jemand sagte in Hinsicht auf
Anselm Schickedanz geradezu und verfiel unversehens in die verbotene
Anrede: »Ja, Hoheit, den sollten Sie sehen, wenn Sie nicht dabei sind!«
Nie würde Klaus Heinrich ihn sehen, wenn er nicht dabei war, nie ihm
nahe kommen, niemals ihn kennenlernen. Er betrachtete ihn verstohlen,
wenn jener mit den anderen im Halbkreise vor ihm stand, lächelnd und
zusammengenommen wie alle. Man nahm sich zusammen Klaus Heinrich
gegenüber, sein eigenes Wesen war schuld daran, er wußte es wohl, und nie
würde er sehen, wie Schickedanz war, sich benahm, wenn er sich behaglich
gehen ließ. Das war wie Eifersucht, war wie ein leise brennendes
Bedauern …
In diese Zeit fiel ein peinliches, ja anstößiges Vorkommnis, wovon dem
großherzoglichen Paare nichts bekannt wurde, weil Doktor Überbein reinen
Mund darüber hielt, und worüber auch sonst in der Residenz fast nichts
verlautbarte, weil alle, die daran teil und schuld gehabt, offenbar aus einer
Art Schamgefühl, später Stillschweigen darüber beobachteten. Gemeint
sind die Ungehörigkeiten, die sich gelegentlich der Anwesenheit des
Prinzen Klaus Heinrich bei dem diesjährigen Bürgerball ereigneten, und an
denen hauptsächlich ein Fräulein Unschlitt, Tochter des vermögenden
Seifensieders, beteiligt war.
Der Bürgerball war eine stehende Veranstaltung im gesellschaftlichen
Leben der Hauptstadt, eine offizielle und dabei zwanglose Festlichkeit, die,
von der Stadt gegeben, jeden Winter im Gasthof »Zum Bürgergarten«,
sie veranlaßt hätte, diese Verpflichtung außer acht zu lassen. Aber daß
Anselm Schickedanz ein verfluchter Kerl sei, das war ihm dennoch
wiederholt zu Ohren gekommen, und wenn Klaus Heinrich ihn ansah, so
war er mit einer Art Freudigkeit bereit, es aufs Hörensagen zu glauben,
obgleich es ihm dunkel und verschlossen war, wie jener zu seinem Ruhm
gelangt sein mochte. Unterderhand erkundigte er sich mehrmals, klopfte an
wie von ungefähr und suchte bei einem oder dem anderen etwas über
Schickedanzens Verfluchtheit in Erfahrung zu bringen. Er erfuhr nichts
Bestimmtes. Aber die Antworten, gehässige und lobpreisende, erfüllten ihn
mit der Ahnung einer tollen Liebenswürdigkeit, einer unerlaubt herrlichen
Menschlichkeit, die hier für aller Augen vorhanden sei, außer für seine –
und diese Ahnung war wie ein Schmerz. Jemand sagte in Hinsicht auf
Anselm Schickedanz geradezu und verfiel unversehens in die verbotene
Anrede: »Ja, Hoheit, den sollten Sie sehen, wenn Sie nicht dabei sind!«
Nie würde Klaus Heinrich ihn sehen, wenn er nicht dabei war, nie ihm
nahe kommen, niemals ihn kennenlernen. Er betrachtete ihn verstohlen,
wenn jener mit den anderen im Halbkreise vor ihm stand, lächelnd und
zusammengenommen wie alle. Man nahm sich zusammen Klaus Heinrich
gegenüber, sein eigenes Wesen war schuld daran, er wußte es wohl, und nie
würde er sehen, wie Schickedanz war, sich benahm, wenn er sich behaglich
gehen ließ. Das war wie Eifersucht, war wie ein leise brennendes
Bedauern …
In diese Zeit fiel ein peinliches, ja anstößiges Vorkommnis, wovon dem
großherzoglichen Paare nichts bekannt wurde, weil Doktor Überbein reinen
Mund darüber hielt, und worüber auch sonst in der Residenz fast nichts
verlautbarte, weil alle, die daran teil und schuld gehabt, offenbar aus einer
Art Schamgefühl, später Stillschweigen darüber beobachteten. Gemeint
sind die Ungehörigkeiten, die sich gelegentlich der Anwesenheit des
Prinzen Klaus Heinrich bei dem diesjährigen Bürgerball ereigneten, und an
denen hauptsächlich ein Fräulein Unschlitt, Tochter des vermögenden
Seifensieders, beteiligt war.
Der Bürgerball war eine stehende Veranstaltung im gesellschaftlichen
Leben der Hauptstadt, eine offizielle und dabei zwanglose Festlichkeit, die,
von der Stadt gegeben, jeden Winter im Gasthof »Zum Bürgergarten«,
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einem großen, noch kürzlich erweiterten und erneuerten Etablissement in
der südlichen Vorstadt, abgehalten wurde und den bürgerlichen Kreisen
Gelegenheit bot, mit dem Hofe gesellige Fühlung zu gewinnen. Man wußte,
daß Johann Albrecht III. dieser zivilen und wenig starren Veranstaltung, zu
der er im schwarzen Leibrock erschien, um die Polonäse mit der Frau
Bürgermeisterin zu eröffnen, niemals Geschmack abgewonnen hatte, und
daß er sich möglichst früh davon zurückzuziehen pflegte. Desto
angenehmer berührte es, daß sein zweiter Sohn, obwohl noch nicht
verpflichtet dazu, schon dieses Jahr auf dem Balle erschien – und zwar, wie
man erfuhr, auf sein eigenes dringliches Verlangen. Der Prinz hatte, so hörte
man, Exzellenz von Knobelsdorff zum Übermittler seines sehnsüchtigen
Wunsches an die Großherzogin gemacht, und diese wieder hatte ihm bei
ihrem Gemahl die Erlaubnis erwirkt …
Das Fest nahm äußerlich durchaus den hergebrachten Verlauf. Die
höchsten Herrschaften, Prinzessin Katharina in gefärbtem Seidenkleid und
Kapotthütchen, begleitet von ihren rotköpfigen Kindern, Prinz Lambert
nebst seiner hübschen Gemahlin, zuletzt Johann Albrecht und Dorothea mit
dem Prinzen Klaus Heinrich fuhren am »Bürgergarten« vor, im Vestibüle
begrüßt von Stadtverordneten, an deren Fräcken langbebänderte Rosetten
hafteten. Mehrere Minister, Adjutanten in Zivil, zahlreiche Herren und
Damen des Hofes, die Spitzen der Gesellschaft, auch Gutsbesitzer aus der
Umgegend waren zugegen. Im großen, weißen Hauptsaal nahm das
großherzogliche Paar zunächst eine Reihe von Vorstellungen entgegen und
eröffnete dann zu den Klängen der Musik, die droben auf der geschweiften
Empore einsetzte, Johann Albrecht mit der Bürgermeisterin, Dorothea mit
dem Bürgermeister, im Umzuge den Ball. Hierauf, während die Polonäse
sich in Rundtanz auflöste, das Vergnügen um sich griff, die Wangen sich
erhitzten, erregte Beziehungen, süße, schmachtende, schmerzliche, überall
in dem warmen Menschendunst des Festes sich herstellten, standen die
höchsten Herrschaften, wie höchste Herrschaften bei solchen Gelegenheiten
zu stehen pflegen: ausgeschlossen und gnädig lächelnd an der oberen
Schmalseite des Saales unterhalb der Empore. Von Zeit zu Zeit zog Johann
Albrecht einen Herrn von Ansehen, Dorothea eine Dame ins Gespräch. Die
Angeredeten traten rasch und gesammelt herzu und zurück, sie hielten
Abstand in halber Verbeugung und mit schiefem Kopfe, nickten,
schüttelten, lachten in dieser Haltung zu den Fragen und Bemerkungen, die
der südlichen Vorstadt, abgehalten wurde und den bürgerlichen Kreisen
Gelegenheit bot, mit dem Hofe gesellige Fühlung zu gewinnen. Man wußte,
daß Johann Albrecht III. dieser zivilen und wenig starren Veranstaltung, zu
der er im schwarzen Leibrock erschien, um die Polonäse mit der Frau
Bürgermeisterin zu eröffnen, niemals Geschmack abgewonnen hatte, und
daß er sich möglichst früh davon zurückzuziehen pflegte. Desto
angenehmer berührte es, daß sein zweiter Sohn, obwohl noch nicht
verpflichtet dazu, schon dieses Jahr auf dem Balle erschien – und zwar, wie
man erfuhr, auf sein eigenes dringliches Verlangen. Der Prinz hatte, so hörte
man, Exzellenz von Knobelsdorff zum Übermittler seines sehnsüchtigen
Wunsches an die Großherzogin gemacht, und diese wieder hatte ihm bei
ihrem Gemahl die Erlaubnis erwirkt …
Das Fest nahm äußerlich durchaus den hergebrachten Verlauf. Die
höchsten Herrschaften, Prinzessin Katharina in gefärbtem Seidenkleid und
Kapotthütchen, begleitet von ihren rotköpfigen Kindern, Prinz Lambert
nebst seiner hübschen Gemahlin, zuletzt Johann Albrecht und Dorothea mit
dem Prinzen Klaus Heinrich fuhren am »Bürgergarten« vor, im Vestibüle
begrüßt von Stadtverordneten, an deren Fräcken langbebänderte Rosetten
hafteten. Mehrere Minister, Adjutanten in Zivil, zahlreiche Herren und
Damen des Hofes, die Spitzen der Gesellschaft, auch Gutsbesitzer aus der
Umgegend waren zugegen. Im großen, weißen Hauptsaal nahm das
großherzogliche Paar zunächst eine Reihe von Vorstellungen entgegen und
eröffnete dann zu den Klängen der Musik, die droben auf der geschweiften
Empore einsetzte, Johann Albrecht mit der Bürgermeisterin, Dorothea mit
dem Bürgermeister, im Umzuge den Ball. Hierauf, während die Polonäse
sich in Rundtanz auflöste, das Vergnügen um sich griff, die Wangen sich
erhitzten, erregte Beziehungen, süße, schmachtende, schmerzliche, überall
in dem warmen Menschendunst des Festes sich herstellten, standen die
höchsten Herrschaften, wie höchste Herrschaften bei solchen Gelegenheiten
zu stehen pflegen: ausgeschlossen und gnädig lächelnd an der oberen
Schmalseite des Saales unterhalb der Empore. Von Zeit zu Zeit zog Johann
Albrecht einen Herrn von Ansehen, Dorothea eine Dame ins Gespräch. Die
Angeredeten traten rasch und gesammelt herzu und zurück, sie hielten
Abstand in halber Verbeugung und mit schiefem Kopfe, nickten,
schüttelten, lachten in dieser Haltung zu den Fragen und Bemerkungen, die
Page 85
an sie ergingen, – antworteten eifervoll, ganz an den Augenblick
hingegeben, mit jähen und zuvorkommenden Übergängen von inniger
Heiterkeit zu tiefstem Ernst, mit einer Leidenschaftlichkeit des Wesens, die
zweifellos ihrem Alltag fremd war, und offenbar in einem gesteigerten
Zustande. Neugierige, noch hochatmend vom Tanze, standen im Halbkreise
umher und schauten diesen sachlich wesenlosen Unterredungen mit einem
sonderbar angestrengten Gesichtsausdruck zu, der dadurch zustande kam,
daß sie mit emporgezogenen Brauen lächelten.
Viel Aufmerksamkeit war auf Klaus Heinrich gerichtet. Er hielt sich,
zusammen mit zwei rotköpfigen Vettern, die schon dem Heere angehörten,
heut aber ebenfalls das Bürgerkleid trugen, ein wenig im Rücken seiner
Eltern, auf einem Beine ruhend, die linke Hand weit hinten in die Hüfte
gestützt, dem Publikum sein rechtes Halbprofil zugewandt. Ein Reporter
des »Eilboten«, der zum Feste abgeordnet war, machte sich in einem
Winkel Notizen über ihn. Man sah, wie der Prinz mit der weiß
behandschuhten Rechten seinen Lehrer grüßte, den Doktor Überbein, der
mit seinem roten Bart und seinem grünlichen Gesicht das Spalier der
Zuschauer entlang kam, und wie er ihm sogar ein großes Stück in den Saal
entgegenging. Der Doktor, große Emailleknöpfe im Vorhemd, verbeugte
sich zunächst, als Klaus Heinrich ihm die Hand reichte, begann aber dann
sofort, in seiner freien und väterlichen Art auf ihn einzureden. Der Prinz
schien abzuwehren, mit einem unruhigen Lachen übrigens. Aber dann
verstand eine ganze Anzahl Personen, daß Doktor Überbein ausrief: »Nein,
Unsinn, Klaus Heinrich – wozu haben Sie es gelernt?! Wozu hat Madame
aus der Schweiz es Ihnen im zartesten Alter beigebracht?! Ich begreife
nicht, warum Sie zu Balle gehen, wenn Sie nicht tanzen wollen?! Eins,
zwei, drei, nun wird Bekanntschaft gemacht!« Und unter fortwährenden
Witzreden stellte er dem Prinzen vier, fünf junge Mädchen vor, die er ohne
weiteres aufgriff und an der Hand herbeiführte. Sie tauchten und stiegen
wieder empor, eine nach der andern, in der schleifenden Wellenbewegung
des Hofknickses, setzten die Zähne auf die Unterlippe und gaben sich
Mühe. Klaus Heinrich stand mit zusammengezogenen Absätzen. Er sagte:
»Ich freue mich … Ich freue mich sehr …«
Zu einer sagte er sogar: »Es ist ein lustiger Ball, nicht wahr, gnädiges
Fräulein?«
hingegeben, mit jähen und zuvorkommenden Übergängen von inniger
Heiterkeit zu tiefstem Ernst, mit einer Leidenschaftlichkeit des Wesens, die
zweifellos ihrem Alltag fremd war, und offenbar in einem gesteigerten
Zustande. Neugierige, noch hochatmend vom Tanze, standen im Halbkreise
umher und schauten diesen sachlich wesenlosen Unterredungen mit einem
sonderbar angestrengten Gesichtsausdruck zu, der dadurch zustande kam,
daß sie mit emporgezogenen Brauen lächelten.
Viel Aufmerksamkeit war auf Klaus Heinrich gerichtet. Er hielt sich,
zusammen mit zwei rotköpfigen Vettern, die schon dem Heere angehörten,
heut aber ebenfalls das Bürgerkleid trugen, ein wenig im Rücken seiner
Eltern, auf einem Beine ruhend, die linke Hand weit hinten in die Hüfte
gestützt, dem Publikum sein rechtes Halbprofil zugewandt. Ein Reporter
des »Eilboten«, der zum Feste abgeordnet war, machte sich in einem
Winkel Notizen über ihn. Man sah, wie der Prinz mit der weiß
behandschuhten Rechten seinen Lehrer grüßte, den Doktor Überbein, der
mit seinem roten Bart und seinem grünlichen Gesicht das Spalier der
Zuschauer entlang kam, und wie er ihm sogar ein großes Stück in den Saal
entgegenging. Der Doktor, große Emailleknöpfe im Vorhemd, verbeugte
sich zunächst, als Klaus Heinrich ihm die Hand reichte, begann aber dann
sofort, in seiner freien und väterlichen Art auf ihn einzureden. Der Prinz
schien abzuwehren, mit einem unruhigen Lachen übrigens. Aber dann
verstand eine ganze Anzahl Personen, daß Doktor Überbein ausrief: »Nein,
Unsinn, Klaus Heinrich – wozu haben Sie es gelernt?! Wozu hat Madame
aus der Schweiz es Ihnen im zartesten Alter beigebracht?! Ich begreife
nicht, warum Sie zu Balle gehen, wenn Sie nicht tanzen wollen?! Eins,
zwei, drei, nun wird Bekanntschaft gemacht!« Und unter fortwährenden
Witzreden stellte er dem Prinzen vier, fünf junge Mädchen vor, die er ohne
weiteres aufgriff und an der Hand herbeiführte. Sie tauchten und stiegen
wieder empor, eine nach der andern, in der schleifenden Wellenbewegung
des Hofknickses, setzten die Zähne auf die Unterlippe und gaben sich
Mühe. Klaus Heinrich stand mit zusammengezogenen Absätzen. Er sagte:
»Ich freue mich … Ich freue mich sehr …«
Zu einer sagte er sogar: »Es ist ein lustiger Ball, nicht wahr, gnädiges
Fräulein?«
Page 86
»Ja, Großherzogliche Hoheit, wir haben viel Spaß –«, antwortete sie mit
hoher, zwitschernder Stimme. Sie war ein hochgewachsenes, wenn auch
etwas knochiges Bürgermädchen, in weißen Mull gekleidet, mit einer
blonden, gewellten, unterpolsterten Scheitelfrisur über dem schönen
Gesicht, einer goldenen Kette um den entblößten Hals, an dem die
Schlüsselbeine stark hervortraten, und großen, weißen Händen in
Halbhandschuhen. Sie fügte hinzu: »Jetzt kommt die Quadrille. Wollen
Großherzogliche Hoheit nicht mittanzen?«
»Ich weiß nicht …« sagte er. »Ich weiß wirklich nicht …«
Er sah sich um. Wirklich kam geometrische Ordnung in das Getriebe des
Saales. Linien zogen sich, Karrees bildeten sich, man trat an, man rief nach
einem Gegenüber. Noch schwieg die Musik.
Klaus Heinrich erkundigte sich bei seinen Vettern. Ja, sie nahmen teil am
Lancier, sie hielten ihre glücklichen Partnerinnen schon an den Händen.
Man sah, wie Klaus Heinrich von hinten an den roten Damastsessel
seiner Mutter herantrat und lebhafte, gedämpfte Worte an sie richtete – sah,
wie sie mit herrlicher Nackenwendung die Frage an ihren Gatten weitergab
und wie der Großherzog nickte. Und dann erregte es einiges Lächeln, mit
welchem jugendlichen Ungestüm der Prinz davonstürzte, um den Beginn
des Reigens nicht zu versäumen.
Der Referent des »Eilboten«, das Notizbuch in der einen und das Krayon
in der anderen Hand, spähte aus seinem Winkel mit seitwärts geneigtem
Oberkörper durch den Saal, um festzustellen, wen der Prinz engagieren
werde. Es war die Blonde, Hochgewachsene, mit den Schlüsselbeinen und
den großen, weißen Händen, Fräulein Unschlitt, die Tochter des
Seifensieders. Sie stand noch an der Stelle, wo Klaus Heinrich sie verlassen
hatte.
»Sind Sie noch da?« sagte er atemlos … »Darf ich Sie auffordern?
Kommen Sie!«
Die Karrees waren komplett. Sie irrten ein Weilchen umher und fanden
keine Unterkunft. Ein Herr mit bebänderter Rosette eilte herbei, ergriff ein
Paar junger Leute bei den Schultern und veranlaßte sie, ihren Platz unter
dem Kronleuchter zu räumen, damit seine Großherzogliche Hoheit mit
hoher, zwitschernder Stimme. Sie war ein hochgewachsenes, wenn auch
etwas knochiges Bürgermädchen, in weißen Mull gekleidet, mit einer
blonden, gewellten, unterpolsterten Scheitelfrisur über dem schönen
Gesicht, einer goldenen Kette um den entblößten Hals, an dem die
Schlüsselbeine stark hervortraten, und großen, weißen Händen in
Halbhandschuhen. Sie fügte hinzu: »Jetzt kommt die Quadrille. Wollen
Großherzogliche Hoheit nicht mittanzen?«
»Ich weiß nicht …« sagte er. »Ich weiß wirklich nicht …«
Er sah sich um. Wirklich kam geometrische Ordnung in das Getriebe des
Saales. Linien zogen sich, Karrees bildeten sich, man trat an, man rief nach
einem Gegenüber. Noch schwieg die Musik.
Klaus Heinrich erkundigte sich bei seinen Vettern. Ja, sie nahmen teil am
Lancier, sie hielten ihre glücklichen Partnerinnen schon an den Händen.
Man sah, wie Klaus Heinrich von hinten an den roten Damastsessel
seiner Mutter herantrat und lebhafte, gedämpfte Worte an sie richtete – sah,
wie sie mit herrlicher Nackenwendung die Frage an ihren Gatten weitergab
und wie der Großherzog nickte. Und dann erregte es einiges Lächeln, mit
welchem jugendlichen Ungestüm der Prinz davonstürzte, um den Beginn
des Reigens nicht zu versäumen.
Der Referent des »Eilboten«, das Notizbuch in der einen und das Krayon
in der anderen Hand, spähte aus seinem Winkel mit seitwärts geneigtem
Oberkörper durch den Saal, um festzustellen, wen der Prinz engagieren
werde. Es war die Blonde, Hochgewachsene, mit den Schlüsselbeinen und
den großen, weißen Händen, Fräulein Unschlitt, die Tochter des
Seifensieders. Sie stand noch an der Stelle, wo Klaus Heinrich sie verlassen
hatte.
»Sind Sie noch da?« sagte er atemlos … »Darf ich Sie auffordern?
Kommen Sie!«
Die Karrees waren komplett. Sie irrten ein Weilchen umher und fanden
keine Unterkunft. Ein Herr mit bebänderter Rosette eilte herbei, ergriff ein
Paar junger Leute bei den Schultern und veranlaßte sie, ihren Platz unter
dem Kronleuchter zu räumen, damit seine Großherzogliche Hoheit mit
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Fräulein Unschlitt antreten könne. Die Musik hatte gezögert, nun setzte sie
ein, das Schreiten und Komplimentieren begann, und Klaus Heinrich drehte
sich mit den andern.
Die Türen zu den Nebenräumen standen geöffnet. In einem von ihnen sah
man das Büfett mit Blumenvasen, Punschterrinen und Schüsseln voll bunter
Brötchen. Der Tanz zog sich bis dort hinein; zwei Vierecke machten ihre
Pas im Büfettzimmer. In den anderen waren weiß gedeckte Tische
aufgeschlagen, die noch leer standen.
Klaus Heinrich schritt vorwärts und rückwärts, er lächelte im Angesichte,
streckte seine Hand aus und empfing Hände, empfing immer wieder die
große weiße Hand seiner Partnerin, legte seinen rechten Arm um die weiche
Mulltaille des Mädchens und drehte sich mit ihr auf dem Fleck, indem er
die linke Hand, die ebenfalls einen kleinen Handschuh trug, in die Hüfte
stemmte. Man sprach und lachte im Drehen und Schreiten. Er beging
Fehler, erinnerte sich nicht, brachte Verwirrung in die Figuren und stand
ratlos, wohin er gehöre. »Sie müssen mich zurechtweisen!« sagte er im
Gewirr. »Ich störe ja alles! Geben Sie mir nur Rippenstöße!« Und man faßte
allmählich Mut und wies ihn zurecht, kommandierte ihn lachend dahin und
dorthin, legte sogar Hand an und schob ihn ein wenig, wenn es nötig war.
Das schöne Mädchen mit den Schlüsselbeinen übernahm es hauptsächlich,
ihn zu schieben.
Die Stimmung hob sich mit jeder Tour. Die Bewegungen wurden freier,
die Zurufe kecker. Man fing an, mit den Füßen zu stampfen und schwang
beim Vorwärts und Rückwärts, während man einander an den Händen hielt,
die Arme wie Schaukeln. Auch Klaus Heinrich stampfte, zuerst nur
andeutungsweise, dann aber kräftiger. Und was das Schaukeln der Arme
betraf, so sorgte das schöne Mädchen dafür, wenn sie miteinander
avancierten. Auch machte sie jedesmal, wenn sie ihm entgegentanzte, einen
übertriebenen Kratzfuß vor ihm, was die Munterkeit sehr verstärkte.
Im Büfettzimmer herrschte ein Prusten und Kichern, daß alles neidisch
hinübersah. Jemand war dort mitten im Tanz aus dem Karree entwischt,
hatte im Sprung vom Büfett ein belegtes Brötchen stibitzt und kaute nun
stolz beim Schlenkern und Stampfen, zum Gelächter der andern.
ein, das Schreiten und Komplimentieren begann, und Klaus Heinrich drehte
sich mit den andern.
Die Türen zu den Nebenräumen standen geöffnet. In einem von ihnen sah
man das Büfett mit Blumenvasen, Punschterrinen und Schüsseln voll bunter
Brötchen. Der Tanz zog sich bis dort hinein; zwei Vierecke machten ihre
Pas im Büfettzimmer. In den anderen waren weiß gedeckte Tische
aufgeschlagen, die noch leer standen.
Klaus Heinrich schritt vorwärts und rückwärts, er lächelte im Angesichte,
streckte seine Hand aus und empfing Hände, empfing immer wieder die
große weiße Hand seiner Partnerin, legte seinen rechten Arm um die weiche
Mulltaille des Mädchens und drehte sich mit ihr auf dem Fleck, indem er
die linke Hand, die ebenfalls einen kleinen Handschuh trug, in die Hüfte
stemmte. Man sprach und lachte im Drehen und Schreiten. Er beging
Fehler, erinnerte sich nicht, brachte Verwirrung in die Figuren und stand
ratlos, wohin er gehöre. »Sie müssen mich zurechtweisen!« sagte er im
Gewirr. »Ich störe ja alles! Geben Sie mir nur Rippenstöße!« Und man faßte
allmählich Mut und wies ihn zurecht, kommandierte ihn lachend dahin und
dorthin, legte sogar Hand an und schob ihn ein wenig, wenn es nötig war.
Das schöne Mädchen mit den Schlüsselbeinen übernahm es hauptsächlich,
ihn zu schieben.
Die Stimmung hob sich mit jeder Tour. Die Bewegungen wurden freier,
die Zurufe kecker. Man fing an, mit den Füßen zu stampfen und schwang
beim Vorwärts und Rückwärts, während man einander an den Händen hielt,
die Arme wie Schaukeln. Auch Klaus Heinrich stampfte, zuerst nur
andeutungsweise, dann aber kräftiger. Und was das Schaukeln der Arme
betraf, so sorgte das schöne Mädchen dafür, wenn sie miteinander
avancierten. Auch machte sie jedesmal, wenn sie ihm entgegentanzte, einen
übertriebenen Kratzfuß vor ihm, was die Munterkeit sehr verstärkte.
Im Büfettzimmer herrschte ein Prusten und Kichern, daß alles neidisch
hinübersah. Jemand war dort mitten im Tanz aus dem Karree entwischt,
hatte im Sprung vom Büfett ein belegtes Brötchen stibitzt und kaute nun
stolz beim Schlenkern und Stampfen, zum Gelächter der andern.
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»Die sind frech!« sagte das schöne Mädchen. »Die mopsen sich nicht!«
Und es ließ ihr keine Ruhe. Ehe man sich's versah, war sie ausgebrochen,
war leicht und geschickt zwischen den Linien dahingeflogen, hatte dort
drüben ein Brötchen erwischt und war zurück.
Klaus Heinrich war es, der am begeistertsten applaudierte. Es ging nicht
gut mit seiner linken Hand, und so half er nach, indem er mit der rechten
auf den Oberschenkel schlug und sich neigte vor Lachen. Dann ward er
stiller und ein wenig bleich. Er kämpfte mit sich … Die Quadrille näherte
sich ihrem Ende. Was er tun wollte, mußte er schleunig tun. Schon waren
die Englischen Ketten an der Reihe.
Und als es fast schon zu spät war, da tat er, um was er gekämpft hatte. Er
lief davon, lief hastig zwischen den Tanzenden hindurch, indem er mit
halber Stimme um Entschuldigung bat, wenn er jemanden anstieß, erreichte
das Büfett, ergriff ein Brötchen, stürzte zurück, fuhr gleitend in sein Karree
hinein … Das war nicht alles. Er führte das Brötchen – es war mit Ei und
Sardellen belegt – gegen die Lippen seiner Partnerin, des Mädchens mit den
großen weißen Händen – sie beugte ein wenig die Knie, biß zu, biß, ohne
die Hände zu brauchen, wohl die Hälfte ab … und zurückgeworfenen
Kopfes schob er sich den Rest in den Mund!
Der Übermut des Vierecks löste sich auf in der Großen Kette, die eben
begann. Rings um den Saal ging kreuzweise und verschlungen ein
Händereichen und gewundenes Wandern. Es stockte, die Strömungen
tauschten die Richtung, und noch einmal ging es herum, mit Lachen und
Plaudern, mit Verirrungen, Verwirrungen und hastig geglätteten Tumulten.
Klaus Heinrich drückte die Hände, die er empfing, ohne zu wissen, wem
sie gehörten. Er lächelte mit bewegter Brust. Sein glattgescheiteltes Haar
hatte sich gelockert, und etwas davon fiel in die Stirn; sein Hemdeinsatz
buckelte sich ein wenig aus der Weste hervor, und in seinem Gesicht, seinen
erhitzten Augen war jene weiche, ja gerührte Begeisterung, die zuweilen
der Ausdruck des Glückes ist. Mehrmals sagte er im Schreiten und
Händereichen: »Wir haben viel Spaß gehabt! Wir haben viel Spaß gehabt!«
Er begegnete seinen Vettern, und auch zu ihnen sagte er: »Wir haben so viel
Spaß gehabt – wir da drüben!«
Und es ließ ihr keine Ruhe. Ehe man sich's versah, war sie ausgebrochen,
war leicht und geschickt zwischen den Linien dahingeflogen, hatte dort
drüben ein Brötchen erwischt und war zurück.
Klaus Heinrich war es, der am begeistertsten applaudierte. Es ging nicht
gut mit seiner linken Hand, und so half er nach, indem er mit der rechten
auf den Oberschenkel schlug und sich neigte vor Lachen. Dann ward er
stiller und ein wenig bleich. Er kämpfte mit sich … Die Quadrille näherte
sich ihrem Ende. Was er tun wollte, mußte er schleunig tun. Schon waren
die Englischen Ketten an der Reihe.
Und als es fast schon zu spät war, da tat er, um was er gekämpft hatte. Er
lief davon, lief hastig zwischen den Tanzenden hindurch, indem er mit
halber Stimme um Entschuldigung bat, wenn er jemanden anstieß, erreichte
das Büfett, ergriff ein Brötchen, stürzte zurück, fuhr gleitend in sein Karree
hinein … Das war nicht alles. Er führte das Brötchen – es war mit Ei und
Sardellen belegt – gegen die Lippen seiner Partnerin, des Mädchens mit den
großen weißen Händen – sie beugte ein wenig die Knie, biß zu, biß, ohne
die Hände zu brauchen, wohl die Hälfte ab … und zurückgeworfenen
Kopfes schob er sich den Rest in den Mund!
Der Übermut des Vierecks löste sich auf in der Großen Kette, die eben
begann. Rings um den Saal ging kreuzweise und verschlungen ein
Händereichen und gewundenes Wandern. Es stockte, die Strömungen
tauschten die Richtung, und noch einmal ging es herum, mit Lachen und
Plaudern, mit Verirrungen, Verwirrungen und hastig geglätteten Tumulten.
Klaus Heinrich drückte die Hände, die er empfing, ohne zu wissen, wem
sie gehörten. Er lächelte mit bewegter Brust. Sein glattgescheiteltes Haar
hatte sich gelockert, und etwas davon fiel in die Stirn; sein Hemdeinsatz
buckelte sich ein wenig aus der Weste hervor, und in seinem Gesicht, seinen
erhitzten Augen war jene weiche, ja gerührte Begeisterung, die zuweilen
der Ausdruck des Glückes ist. Mehrmals sagte er im Schreiten und
Händereichen: »Wir haben viel Spaß gehabt! Wir haben viel Spaß gehabt!«
Er begegnete seinen Vettern, und auch zu ihnen sagte er: »Wir haben so viel
Spaß gehabt – wir da drüben!«
Page 89
Dann gab es ein Händeklatschen und Wiedersehen: man war am Ziel;
Klaus Heinrich stand wieder Aug' in Aug' vor dem schönen Mädchen mit
den Schlüsselbeinen; und da der Takt wechselte, legte er abermals seinen
Arm um ihre weiche Taille, und sie tanzten im Trubel.
Klaus Heinrich führte nicht gut und stieß nicht selten mit anderen Paaren
zusammen, weil er die linke Hand in die Hüfte gestemmt hielt; aber er
brachte seine Dame schlecht und recht bis zum Eingang des Büfettzimmers,
wo sie haltmachten und sich mit Ananasbowle erfrischten, die von
Aufwärtern dargereicht wurde. Gleich am Eingang saßen sie, auf zwei
Samttaburetts, tranken und plauderten von der Quadrille, vom Bürgerball,
von anderen geselligen Veranstaltungen, an denen das schöne Mädchen
diesen Winter schon teilgenommen …
Um diese Zeit trat ein Herr des Gefolges, Major von Platow,
Flügeladjutant des Großherzogs, vor Klaus Heinrich hin, verbeugte sich und
bat um die Erlaubnis, melden zu dürfen, daß Ihre Königlichen Hoheiten nun
aufbrächen. Er sei beauftragt … Aber Klaus Heinrich gab in so beweglicher
Weise den Wunsch zu erkennen, noch bleiben zu dürfen, daß der Adjutant
nicht auf seinem Auftrag bestehen mochte. Der Prinz tat Ausrufe eines fast
empörten Bedauerns und war offenbar von dem Ansinnen, jetzt nach Hause
zu fahren, aufs schmerzlichste berührt. »Wir haben so viel Spaß!« sagte er,
stand auf und ergriff den Major sogar ein wenig am Arm. »Lieber Herr von
Platow, bitte, verwenden Sie sich für mich! Sprechen Sie mit Exzellenz von
Knobelsdorff, tun Sie, was Sie wollen – aber jetzt fahren, wo wir so viel
Spaß miteinander haben –! Ich bin sicher, daß auch meine Vettern noch
bleiben …« Der Major blickte das schöne Mädchen mit den großen weißen
Händen an, die ihm zulächelte; auch er lächelte und versprach dann, sein
möglichstes zu tun. Dieser kleine Auftritt ereignete sich, während schon im
Entree des »Bürgergartens« der Großherzog und die Großherzogin sich von
den Stadtverordneten verabschiedeten. Gleich darauf begann im ersten
Stockwerk der Tanz aufs neue.
Das Fest war auf seiner Höhe. Alles Offizielle war abgetan, und man
setzte die Gemütlichkeit in ihre Rechte ein. Die weiß gedeckten Tische in
den Nebenräumen waren besetzt von Familien, die Bowle tranken und
soupierten. Jugend strömte ab und zu, ließ sich erhitzt und unruhevoll auf
den Rändern der Stühle nieder, um ein paar Bissen zu essen, ein Glas zu
Klaus Heinrich stand wieder Aug' in Aug' vor dem schönen Mädchen mit
den Schlüsselbeinen; und da der Takt wechselte, legte er abermals seinen
Arm um ihre weiche Taille, und sie tanzten im Trubel.
Klaus Heinrich führte nicht gut und stieß nicht selten mit anderen Paaren
zusammen, weil er die linke Hand in die Hüfte gestemmt hielt; aber er
brachte seine Dame schlecht und recht bis zum Eingang des Büfettzimmers,
wo sie haltmachten und sich mit Ananasbowle erfrischten, die von
Aufwärtern dargereicht wurde. Gleich am Eingang saßen sie, auf zwei
Samttaburetts, tranken und plauderten von der Quadrille, vom Bürgerball,
von anderen geselligen Veranstaltungen, an denen das schöne Mädchen
diesen Winter schon teilgenommen …
Um diese Zeit trat ein Herr des Gefolges, Major von Platow,
Flügeladjutant des Großherzogs, vor Klaus Heinrich hin, verbeugte sich und
bat um die Erlaubnis, melden zu dürfen, daß Ihre Königlichen Hoheiten nun
aufbrächen. Er sei beauftragt … Aber Klaus Heinrich gab in so beweglicher
Weise den Wunsch zu erkennen, noch bleiben zu dürfen, daß der Adjutant
nicht auf seinem Auftrag bestehen mochte. Der Prinz tat Ausrufe eines fast
empörten Bedauerns und war offenbar von dem Ansinnen, jetzt nach Hause
zu fahren, aufs schmerzlichste berührt. »Wir haben so viel Spaß!« sagte er,
stand auf und ergriff den Major sogar ein wenig am Arm. »Lieber Herr von
Platow, bitte, verwenden Sie sich für mich! Sprechen Sie mit Exzellenz von
Knobelsdorff, tun Sie, was Sie wollen – aber jetzt fahren, wo wir so viel
Spaß miteinander haben –! Ich bin sicher, daß auch meine Vettern noch
bleiben …« Der Major blickte das schöne Mädchen mit den großen weißen
Händen an, die ihm zulächelte; auch er lächelte und versprach dann, sein
möglichstes zu tun. Dieser kleine Auftritt ereignete sich, während schon im
Entree des »Bürgergartens« der Großherzog und die Großherzogin sich von
den Stadtverordneten verabschiedeten. Gleich darauf begann im ersten
Stockwerk der Tanz aufs neue.
Das Fest war auf seiner Höhe. Alles Offizielle war abgetan, und man
setzte die Gemütlichkeit in ihre Rechte ein. Die weiß gedeckten Tische in
den Nebenräumen waren besetzt von Familien, die Bowle tranken und
soupierten. Jugend strömte ab und zu, ließ sich erhitzt und unruhevoll auf
den Rändern der Stühle nieder, um ein paar Bissen zu essen, ein Glas zu
Page 90
trinken und sich wieder ins Vergnügen zu stürzen. Im Erdgeschoß gab es
eine altdeutsche Bierstube, die von gesetzteren Herren stark besucht war.
Der große Tanzsaal und der Büfettraum wurden nun ganz von der
tanzlustigen Jugend in Besitz gehalten. Der Büfettraum war von fünfzehn
oder achtzehn jungen Leuten angefüllt, Töchtern und Söhnen der Stadt,
darunter Klaus Heinrich. Es war eine Art Privatball dort. Man tanzte zu den
Klängen der Musik, die aus dem Hauptsaal hereinscholl.
Vorübergehend wurde der Doktor Überbein hier gesehen, des Prinzen
Studienlehrer, der eine kurze Unterredung mit seinem Schüler hatte. Man
hörte ihn, die Taschenuhr in der Hand, des Herrn von Knobelsdorff
erwähnen, hörte ihn sagen, daß er sich drunten in der Bierstube aufhalte und
wiederkommen werde, den Prinzen abzuholen. Dann ging er. Die Uhr war
halb elf.
Und während er unten saß und bei einem Kruge Bier mit Bekannten
konversierte, eine Stunde nur noch, anderthalb, nicht mehr, trugen sich im
Büfettraum die anstößigen Vorgänge zu, jene eigentlich unbegreiflichen
Ausschreitungen, denen er dann, leider zu spät, ein Ende machte.
Die Bowle, die getrunken wurde, war leicht, sie enthielt mehr
kohlensaures Wasser als Champagner, und wenn die jungen Leute das
innere Gleichgewicht verloren hatten, so war eher der Tanzrausch daran
schuld als der Geist des Weines. Aber bei des Prinzen Charakter und der
gutbürgerlichen Herkunft der übrigen Gesellschaft genügte das nicht zur
Erklärung dessen, was geschah. Hier wirkte, auf beiden Seiten, ein anderer,
eigenartiger Rausch … Das Seltsame war, daß Klaus Heinrich die einzelnen
Stadien dieses Rausches genau verfolgte und dennoch unfähig oder ohne
Willen war, ihn abzuschütteln.
Er war glücklich. Er fühlte auf seinen Wangen dieselbe Hitze brennen,
die er auf den Gesichtern der anderen sah, und sein Blick, verdunkelt von
einer weichen Verwirrung, flog umher, umfaßte begeistert eine Gestalt nach
der anderen und sagte: »Wir!« Auch sein Mund sagte es, sagte mit innerlich
seliger Stimme lauter Sätzchen, in denen ein Wir enthalten war. »Wir
wollen uns setzen, wir wollen wieder tanzen, wir wollen trinken, wir
machen zwei Karrees aus …« Besonders zu dem Mädchen mit den
Schlüsselbeinen sagte Klaus Heinrich Dinge mit »Wir«. Er hatte seiner
eine altdeutsche Bierstube, die von gesetzteren Herren stark besucht war.
Der große Tanzsaal und der Büfettraum wurden nun ganz von der
tanzlustigen Jugend in Besitz gehalten. Der Büfettraum war von fünfzehn
oder achtzehn jungen Leuten angefüllt, Töchtern und Söhnen der Stadt,
darunter Klaus Heinrich. Es war eine Art Privatball dort. Man tanzte zu den
Klängen der Musik, die aus dem Hauptsaal hereinscholl.
Vorübergehend wurde der Doktor Überbein hier gesehen, des Prinzen
Studienlehrer, der eine kurze Unterredung mit seinem Schüler hatte. Man
hörte ihn, die Taschenuhr in der Hand, des Herrn von Knobelsdorff
erwähnen, hörte ihn sagen, daß er sich drunten in der Bierstube aufhalte und
wiederkommen werde, den Prinzen abzuholen. Dann ging er. Die Uhr war
halb elf.
Und während er unten saß und bei einem Kruge Bier mit Bekannten
konversierte, eine Stunde nur noch, anderthalb, nicht mehr, trugen sich im
Büfettraum die anstößigen Vorgänge zu, jene eigentlich unbegreiflichen
Ausschreitungen, denen er dann, leider zu spät, ein Ende machte.
Die Bowle, die getrunken wurde, war leicht, sie enthielt mehr
kohlensaures Wasser als Champagner, und wenn die jungen Leute das
innere Gleichgewicht verloren hatten, so war eher der Tanzrausch daran
schuld als der Geist des Weines. Aber bei des Prinzen Charakter und der
gutbürgerlichen Herkunft der übrigen Gesellschaft genügte das nicht zur
Erklärung dessen, was geschah. Hier wirkte, auf beiden Seiten, ein anderer,
eigenartiger Rausch … Das Seltsame war, daß Klaus Heinrich die einzelnen
Stadien dieses Rausches genau verfolgte und dennoch unfähig oder ohne
Willen war, ihn abzuschütteln.
Er war glücklich. Er fühlte auf seinen Wangen dieselbe Hitze brennen,
die er auf den Gesichtern der anderen sah, und sein Blick, verdunkelt von
einer weichen Verwirrung, flog umher, umfaßte begeistert eine Gestalt nach
der anderen und sagte: »Wir!« Auch sein Mund sagte es, sagte mit innerlich
seliger Stimme lauter Sätzchen, in denen ein Wir enthalten war. »Wir
wollen uns setzen, wir wollen wieder tanzen, wir wollen trinken, wir
machen zwei Karrees aus …« Besonders zu dem Mädchen mit den
Schlüsselbeinen sagte Klaus Heinrich Dinge mit »Wir«. Er hatte seiner
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linken Hand vollständig vergessen, sie hing hinab, er fühlte sich nicht
gehemmt von ihr in der Freude und dachte nicht daran, sie zu verbergen.
Manche sahen jetzt erst, wie es eigentlich damit stand und blickten
neugierig oder mit einer unbewußten Grimasse auf den dünnen und zu
kurzen Arm im Frackärmel, auf den kleinen, schon etwas schmutzigen,
weißen Glacéhandschuh, der die Hand bekleidete. Aber da Klaus Heinrich
so ganz außer Sorge darum war, so faßte man auch in dieser Beziehung
Mut, und es kam vor, daß jemand beim Rund- oder Reigentanz
unbekümmert die mißgebildete Hand ergriff …
Er zog sie nicht zurück. Er fühlte sich getragen, mehr noch,
umhergeworfen von Wohlwollen, einem starken, ausgelassenen
Wohlwollen, das wuchs, sich an sich selbst erhitzte, das immer
rücksichtsloser auf ihn eindrang, sich immer derber und atemnäher seiner
bemächtigte, ihn triumphierend auf die Schultern nahm. Was ging vor? Das
war schwer zu bestimmen, schwer festzuhalten. Worte lagen in der Luft,
abgerissene Rufe, unausgesprochen, aber ausgedrückt in den Mienen, der
Haltung, in dem, was getan und gesagt ward. »Er soll nur einmal …!«
»Herunter, herunter, herunter mit ihm …« »Angefaßt, immer angefaßt …!«
Ein kleines Mädchen mit Stülpnase, das ihn bei der Damenwahl zum
Galopp aufforderte, sagte ohne ersichtlichen Zusammenhang ganz deutlich
»Ach was!«, als es sich anschickte, mit ihm davonzujagen.
Er sah eine Lust in aller Augen glimmen und sah, daß es ihre Lust war,
ihn zu sich hinabzuziehen, ihn bei sich unten zu haben. In sein Glück,
seinen Traum, mit ihnen, unter ihnen, einer von ihnen zu sein, drang es von
Zeit zu Zeit wie eine kalte, stechende Wahrnehmung, daß er sich täuschte,
daß das warme, herrliche »Wir« ihn trog, daß er dennoch nicht aufging in
ihnen, sondern Mittelpunkt und Gegenstand blieb, doch anders als sonst,
und im argen. Es waren Feinde gewissermaßen, er sah es an der
Zerstörungslust ihrer Augen. Er hörte wie von fern, mit einem seltsam
heißen Erschrecken, wie das schöne Mädchen mit den großen weißen
Händen ihn einfach bei Namen rief – und er fühlte wohl, daß es in anderem
Sinne geschah, als wenn Doktor Überbein ihn so nannte. Sie hatte Recht
und Erlaubnis dazu, auf gewisse Weise, aber hütete denn niemand hier seine
Würde, wenn er es nicht selber tat? Ihm war, als rissen sie an seinen
Kleidern, und zuweilen brach es wild und höhnisch hervor aus dem
Übermut. Ein langer, blonder, junger Mensch mit Zwicker, mit dem er beim
gehemmt von ihr in der Freude und dachte nicht daran, sie zu verbergen.
Manche sahen jetzt erst, wie es eigentlich damit stand und blickten
neugierig oder mit einer unbewußten Grimasse auf den dünnen und zu
kurzen Arm im Frackärmel, auf den kleinen, schon etwas schmutzigen,
weißen Glacéhandschuh, der die Hand bekleidete. Aber da Klaus Heinrich
so ganz außer Sorge darum war, so faßte man auch in dieser Beziehung
Mut, und es kam vor, daß jemand beim Rund- oder Reigentanz
unbekümmert die mißgebildete Hand ergriff …
Er zog sie nicht zurück. Er fühlte sich getragen, mehr noch,
umhergeworfen von Wohlwollen, einem starken, ausgelassenen
Wohlwollen, das wuchs, sich an sich selbst erhitzte, das immer
rücksichtsloser auf ihn eindrang, sich immer derber und atemnäher seiner
bemächtigte, ihn triumphierend auf die Schultern nahm. Was ging vor? Das
war schwer zu bestimmen, schwer festzuhalten. Worte lagen in der Luft,
abgerissene Rufe, unausgesprochen, aber ausgedrückt in den Mienen, der
Haltung, in dem, was getan und gesagt ward. »Er soll nur einmal …!«
»Herunter, herunter, herunter mit ihm …« »Angefaßt, immer angefaßt …!«
Ein kleines Mädchen mit Stülpnase, das ihn bei der Damenwahl zum
Galopp aufforderte, sagte ohne ersichtlichen Zusammenhang ganz deutlich
»Ach was!«, als es sich anschickte, mit ihm davonzujagen.
Er sah eine Lust in aller Augen glimmen und sah, daß es ihre Lust war,
ihn zu sich hinabzuziehen, ihn bei sich unten zu haben. In sein Glück,
seinen Traum, mit ihnen, unter ihnen, einer von ihnen zu sein, drang es von
Zeit zu Zeit wie eine kalte, stechende Wahrnehmung, daß er sich täuschte,
daß das warme, herrliche »Wir« ihn trog, daß er dennoch nicht aufging in
ihnen, sondern Mittelpunkt und Gegenstand blieb, doch anders als sonst,
und im argen. Es waren Feinde gewissermaßen, er sah es an der
Zerstörungslust ihrer Augen. Er hörte wie von fern, mit einem seltsam
heißen Erschrecken, wie das schöne Mädchen mit den großen weißen
Händen ihn einfach bei Namen rief – und er fühlte wohl, daß es in anderem
Sinne geschah, als wenn Doktor Überbein ihn so nannte. Sie hatte Recht
und Erlaubnis dazu, auf gewisse Weise, aber hütete denn niemand hier seine
Würde, wenn er es nicht selber tat? Ihm war, als rissen sie an seinen
Kleidern, und zuweilen brach es wild und höhnisch hervor aus dem
Übermut. Ein langer, blonder, junger Mensch mit Zwicker, mit dem er beim
Page 92
Tanzen zusammenstieß, rief laut, daß es alle hörten: »Muß das sein?« Und
es lag Bosheit darin, wie das schöne junge Mädchen, ihren Arm in seinem,
sich mit ihm herumwirbelte, lange und mit bloßgelegten Zähnen, bis zum
äußersten Schwindel. Er blickte, indes sie wirbelten, mit schwimmenden
Augen auf die Schlüsselbeine, die sich, überspannt von der weißen, ein
wenig körnigen Haut, an ihrem Halse abzeichneten …
Sie stürzten. Sie hatten es zu toll getrieben und fielen hin, als sie
versuchten, den Wirbel zum Stehen zu bringen; und über sie stolperte ein
zweites Paar, nicht ganz von selbst übrigens, gestoßen vielmehr von dem
langen jungen Menschen mit Zwicker. Es gab ein Drunter und Drüber am
Boden, und über sich im Zimmer hörte Klaus Heinrich den Chor, den er
vom Schulhof kannte, wenn er zur Erfrischung einen freien Scherz versucht
hatte, ein »Ho, ho, ho!«, nur böser hier und entzügelter …
Als kurz nach Mitternacht, mit einiger Verspätung leider, Doktor
Überbein auf der Schwelle des Büfettzimmers erschien, bot sich ihm
folgender Anblick. Sein junger Schüler saß allein auf dem grünen
Plüschsofa an der linken Seitenwand, in derangiertem Frackanzug und auf
allerlei Weise geschmückt. Eine Menge Blumen, die vorher in zwei
chinesischen Vasen das Büfett geziert hatten, staken in dem Ausschnitt
seiner Weste, zwischen den Knöpfen seines Hemdeinsatzes, ja selbst in
seinem Stehkragen; um seinen Hals lag die goldene Kette, die dem
Mädchen mit den Schlüsselbeinen gehörte, und auf seinem Kopf balancierte
als Hut der flache, metallene Deckel einer Bowle. Er murmelte: »Was tun
Sie … Was tun Sie …«, indes die Tanzgesellschaft, sich im Halbkreise an
den Händen haltend, mit halb unterdrücktem Jubeln, Kichern, Prusten und
Ho, ho, ho vor ihm nach rechts und links einen Reigen vollführte.
In Doktor Überbeins grünlichem Gesicht entstand unterhalb der Augen
eine Röte, die sich völlig sonderbar und unwahrscheinlich ausnahm.
»Schluß! Schluß!« rief er mit seiner schallenden Stimme, und in der
plötzlich eingetretenen Stille, Bestürzung, Ernüchterung ging er mit langen
Schritten auf den Prinzen zu, entfernte mit zwei, drei Griffen die Blumen,
warf die Kette, den Deckel beiseite, verneigte sich dann und sagte mit
ernster Miene: »Darf ich Großherzogliche Hoheit nun bitten …«
»Ich war ein Esel, ein Esel!« wiederholte er draußen.
es lag Bosheit darin, wie das schöne junge Mädchen, ihren Arm in seinem,
sich mit ihm herumwirbelte, lange und mit bloßgelegten Zähnen, bis zum
äußersten Schwindel. Er blickte, indes sie wirbelten, mit schwimmenden
Augen auf die Schlüsselbeine, die sich, überspannt von der weißen, ein
wenig körnigen Haut, an ihrem Halse abzeichneten …
Sie stürzten. Sie hatten es zu toll getrieben und fielen hin, als sie
versuchten, den Wirbel zum Stehen zu bringen; und über sie stolperte ein
zweites Paar, nicht ganz von selbst übrigens, gestoßen vielmehr von dem
langen jungen Menschen mit Zwicker. Es gab ein Drunter und Drüber am
Boden, und über sich im Zimmer hörte Klaus Heinrich den Chor, den er
vom Schulhof kannte, wenn er zur Erfrischung einen freien Scherz versucht
hatte, ein »Ho, ho, ho!«, nur böser hier und entzügelter …
Als kurz nach Mitternacht, mit einiger Verspätung leider, Doktor
Überbein auf der Schwelle des Büfettzimmers erschien, bot sich ihm
folgender Anblick. Sein junger Schüler saß allein auf dem grünen
Plüschsofa an der linken Seitenwand, in derangiertem Frackanzug und auf
allerlei Weise geschmückt. Eine Menge Blumen, die vorher in zwei
chinesischen Vasen das Büfett geziert hatten, staken in dem Ausschnitt
seiner Weste, zwischen den Knöpfen seines Hemdeinsatzes, ja selbst in
seinem Stehkragen; um seinen Hals lag die goldene Kette, die dem
Mädchen mit den Schlüsselbeinen gehörte, und auf seinem Kopf balancierte
als Hut der flache, metallene Deckel einer Bowle. Er murmelte: »Was tun
Sie … Was tun Sie …«, indes die Tanzgesellschaft, sich im Halbkreise an
den Händen haltend, mit halb unterdrücktem Jubeln, Kichern, Prusten und
Ho, ho, ho vor ihm nach rechts und links einen Reigen vollführte.
In Doktor Überbeins grünlichem Gesicht entstand unterhalb der Augen
eine Röte, die sich völlig sonderbar und unwahrscheinlich ausnahm.
»Schluß! Schluß!« rief er mit seiner schallenden Stimme, und in der
plötzlich eingetretenen Stille, Bestürzung, Ernüchterung ging er mit langen
Schritten auf den Prinzen zu, entfernte mit zwei, drei Griffen die Blumen,
warf die Kette, den Deckel beiseite, verneigte sich dann und sagte mit
ernster Miene: »Darf ich Großherzogliche Hoheit nun bitten …«
»Ich war ein Esel, ein Esel!« wiederholte er draußen.
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Klaus Heinrich verließ in seiner Begleitung den Bürgerball.
Dies war das peinliche Vorkommnis, das in Klaus Heinrichs Schuljahr
fiel. Wie gesagt, sprach keiner der Beteiligten davon – auch dem Prinzen
gegenüber berührte Doktor Überbein es in Jahren nicht wieder –, und da
niemand der Sache Worte lieh, so blieb sie körperlos und verschwamm,
wenigstens scheinbar, sofort in Vergessen.
Der Bürgerball war im Januar gewesen. Fastnachtsdienstag, mit dem
Hofball, und die große Cour im Alten Schloß, mit welcher die gesellige
Jahreszeit sich endigte – regelmäßige Festlichkeiten, denen Klaus Heinrich
noch fernblieb –, lagen zurück. Dann kam Ostern und mit ihm der Abschluß
des Gymnasialjahrs: Klaus Heinrichs Maturitätsexamen, jene schöne
Förmlichkeit, bei der auf seiten der Professoren die Frage: »Nicht wahr,
Großherzogliche Hoheit?« so oftmals wiederkehrte, und bei welcher der
Prinz seinen hervorragenden Platz in angenehmer Haltung ausfüllte. Das
war kein tiefer Einschnitt; Klaus Heinrich verblieb noch in der Residenz.
Aber nach Pfingsten rückte sein achtzehnter Geburtstag heran und zugleich
ein Komplex von feierlichen Handlungen, mit denen ein ernster
Wendepunkt seines Lebens begangen wurde und die ihm tagelang einen
hohen und angespannten Dienst auferlegten.
Er ward volljährig, ward mündiggesprochen. Zum erstenmal wieder, seit
seiner Taufe, war er Mittelpunkt jeder Aufmerksamkeit und Träger der
Hauptrolle bei einer großen Zeremonie; aber während er sich damals still,
verantwortungslos und duldend der Form hatte überlassen dürfen, die um
ihn waltete, ihn trug, oblag es ihm heute, inmitten ihrer bindenden
Vorschriften und streng geschwungenen Linien, umwallt von dem
Faltenwurf ihrer bedeutenden Gebräuche, zu Wohlgefallen und Erhebung
der Schauenden sich in Haltung und schöner Zucht doch mit scheinbarer
Leichtigkeit darzustellen.
Übrigens ist nicht nur bildlicherweise von einem Faltenwurf die Rede,
denn der Prinz trug einen Purpurmantel bei dieser Gelegenheit, ein
verschossenes und theatralisches Garderobestück, das schon seinem Vater
und Großvater bei ihrer Mündigsprechung gedient hatte und trotz
tagelanger Lüftung nicht frei von Kampferduft war. Der Purpurmantel hatte
ehemals zur Ordenstracht der Ritter vom Grimmburger Greifen gehört, war
Dies war das peinliche Vorkommnis, das in Klaus Heinrichs Schuljahr
fiel. Wie gesagt, sprach keiner der Beteiligten davon – auch dem Prinzen
gegenüber berührte Doktor Überbein es in Jahren nicht wieder –, und da
niemand der Sache Worte lieh, so blieb sie körperlos und verschwamm,
wenigstens scheinbar, sofort in Vergessen.
Der Bürgerball war im Januar gewesen. Fastnachtsdienstag, mit dem
Hofball, und die große Cour im Alten Schloß, mit welcher die gesellige
Jahreszeit sich endigte – regelmäßige Festlichkeiten, denen Klaus Heinrich
noch fernblieb –, lagen zurück. Dann kam Ostern und mit ihm der Abschluß
des Gymnasialjahrs: Klaus Heinrichs Maturitätsexamen, jene schöne
Förmlichkeit, bei der auf seiten der Professoren die Frage: »Nicht wahr,
Großherzogliche Hoheit?« so oftmals wiederkehrte, und bei welcher der
Prinz seinen hervorragenden Platz in angenehmer Haltung ausfüllte. Das
war kein tiefer Einschnitt; Klaus Heinrich verblieb noch in der Residenz.
Aber nach Pfingsten rückte sein achtzehnter Geburtstag heran und zugleich
ein Komplex von feierlichen Handlungen, mit denen ein ernster
Wendepunkt seines Lebens begangen wurde und die ihm tagelang einen
hohen und angespannten Dienst auferlegten.
Er ward volljährig, ward mündiggesprochen. Zum erstenmal wieder, seit
seiner Taufe, war er Mittelpunkt jeder Aufmerksamkeit und Träger der
Hauptrolle bei einer großen Zeremonie; aber während er sich damals still,
verantwortungslos und duldend der Form hatte überlassen dürfen, die um
ihn waltete, ihn trug, oblag es ihm heute, inmitten ihrer bindenden
Vorschriften und streng geschwungenen Linien, umwallt von dem
Faltenwurf ihrer bedeutenden Gebräuche, zu Wohlgefallen und Erhebung
der Schauenden sich in Haltung und schöner Zucht doch mit scheinbarer
Leichtigkeit darzustellen.
Übrigens ist nicht nur bildlicherweise von einem Faltenwurf die Rede,
denn der Prinz trug einen Purpurmantel bei dieser Gelegenheit, ein
verschossenes und theatralisches Garderobestück, das schon seinem Vater
und Großvater bei ihrer Mündigsprechung gedient hatte und trotz
tagelanger Lüftung nicht frei von Kampferduft war. Der Purpurmantel hatte
ehemals zur Ordenstracht der Ritter vom Grimmburger Greifen gehört, war
Page 94
aber nun nicht anders mehr, denn als Zeremonienkleid für volljährig
werdende Prinzen noch in Gebrauch. Albrecht, der Erbgroßherzog, hatte
das Familienexemplar niemals getragen. Da sein Wiegenfest in den Winter
fiel, verbrachte er es stets im Süden, an einem Ort mit warmer und
trockener Luft, wohin er auch diesen Herbst sich wieder zu wenden
gedachte, und da zur Zeit seines achtzehnten Geburtstages sein Befinden
ihm nicht die Reise in die Heimat gestattet hatte, so hatte man sich
beschieden, ihn in seiner Abwesenheit amtlich mündigzusprechen und auf
den höfischen Festakt Verzicht zu leisten.
Was Klaus Heinrich betraf, so herrschte, besonders auch unter den
Vertretern der Öffentlichkeit, nur eine Stimme, daß der Mantel ihn trefflich
kleide, und er selbst empfand ihn, trotz der Behinderung, die er seinen
Bewegungen auferlegte, als Wohltat, da er es ihm erleichterte, seine linke
Hand zu verbergen. Zwischen dem Himmelbett und den bauchigen
Schränken seines Schlafzimmers, das im zweiten Stockwerk gegen den Hof
mit dem Rosenstock gelegen war, bereitete er sich zur Repräsentation,
umständlich und genau, mit Hilfe des Kammerlakaien Neumann, eines
stillen und akkuraten Menschen, der ihm kürzlich als Garderobier und
persönlicher Diener zugeteilt worden war. Neumann war vom
Friseurgewerbe ausgegangen und hauptsächlich in der Richtung seines
ursprünglichen Berufes von jener leidenschaftlichen Gewissenhaftigkeit,
jenem ungenügsamen Wissen um das Ideal erfüllt, aus welchem das höhere
Können erwächst. Er barbierte nicht wie irgendeiner, er beruhigte sich nicht
dabei, daß keine Bartstoppel stehenblieb; er barbierte so, daß jeder Schatten
des Bartes, jede Erinnerung daran ausgetilgt wurde, und stellte, ohne die
Haut zu verletzen, ihre vollkommene Weichheit und Glätte wieder her. Er
beschnitt Klaus Heinrichs Haar genau rechtwinklig über den Ohren und
ordnete es mit all dem Fleiß, den seiner Einsicht nach diese Vorbereitung
zum zeremoniellen Auftreten erforderte. Er wußte den Scheitel zu ziehen,
daß er über dem linken Auge ansetzte und schräg über den Kopf hin durch
den Wirbel lief, damit dort oben weder Strähne noch Härchen sich erhöben;
wußte das Haar auf der rechten Seite zu einem festen Hügel aus der Stirn
zurückzubürsten, dem kein Hut oder Helm etwas anhaben konnte. Dann
preßte Klaus Heinrich mit seinem Beistand sich sorgfältig in die
Leibgrenadier-Leutnantsuniform, deren hoher, betreßter Kragen und fester
Sitz eine beherrschte Haltung begünstigte, legte das zitronengelbe
werdende Prinzen noch in Gebrauch. Albrecht, der Erbgroßherzog, hatte
das Familienexemplar niemals getragen. Da sein Wiegenfest in den Winter
fiel, verbrachte er es stets im Süden, an einem Ort mit warmer und
trockener Luft, wohin er auch diesen Herbst sich wieder zu wenden
gedachte, und da zur Zeit seines achtzehnten Geburtstages sein Befinden
ihm nicht die Reise in die Heimat gestattet hatte, so hatte man sich
beschieden, ihn in seiner Abwesenheit amtlich mündigzusprechen und auf
den höfischen Festakt Verzicht zu leisten.
Was Klaus Heinrich betraf, so herrschte, besonders auch unter den
Vertretern der Öffentlichkeit, nur eine Stimme, daß der Mantel ihn trefflich
kleide, und er selbst empfand ihn, trotz der Behinderung, die er seinen
Bewegungen auferlegte, als Wohltat, da er es ihm erleichterte, seine linke
Hand zu verbergen. Zwischen dem Himmelbett und den bauchigen
Schränken seines Schlafzimmers, das im zweiten Stockwerk gegen den Hof
mit dem Rosenstock gelegen war, bereitete er sich zur Repräsentation,
umständlich und genau, mit Hilfe des Kammerlakaien Neumann, eines
stillen und akkuraten Menschen, der ihm kürzlich als Garderobier und
persönlicher Diener zugeteilt worden war. Neumann war vom
Friseurgewerbe ausgegangen und hauptsächlich in der Richtung seines
ursprünglichen Berufes von jener leidenschaftlichen Gewissenhaftigkeit,
jenem ungenügsamen Wissen um das Ideal erfüllt, aus welchem das höhere
Können erwächst. Er barbierte nicht wie irgendeiner, er beruhigte sich nicht
dabei, daß keine Bartstoppel stehenblieb; er barbierte so, daß jeder Schatten
des Bartes, jede Erinnerung daran ausgetilgt wurde, und stellte, ohne die
Haut zu verletzen, ihre vollkommene Weichheit und Glätte wieder her. Er
beschnitt Klaus Heinrichs Haar genau rechtwinklig über den Ohren und
ordnete es mit all dem Fleiß, den seiner Einsicht nach diese Vorbereitung
zum zeremoniellen Auftreten erforderte. Er wußte den Scheitel zu ziehen,
daß er über dem linken Auge ansetzte und schräg über den Kopf hin durch
den Wirbel lief, damit dort oben weder Strähne noch Härchen sich erhöben;
wußte das Haar auf der rechten Seite zu einem festen Hügel aus der Stirn
zurückzubürsten, dem kein Hut oder Helm etwas anhaben konnte. Dann
preßte Klaus Heinrich mit seinem Beistand sich sorgfältig in die
Leibgrenadier-Leutnantsuniform, deren hoher, betreßter Kragen und fester
Sitz eine beherrschte Haltung begünstigte, legte das zitronengelbe
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Seidenband, die flache goldene Kette des Hausordens an und begab sich
hinunter in die Bildergalerie, wo die Mitglieder der engeren Familie und
auswärtige Verwandte des großherzoglichen Paares harrten. Die Hofstaaten
warteten im anstoßenden Rittersaal; und dort war es, wo Johann Albrecht
selbst seinen Sohn mit dem roten Mantel bekleidete.
Herr von Bühl zu Bühl hatte einen Zug zusammengestellt, den
zeremoniellen Zug, in welchem man sich vom Rittersaal in den Thronsaal
begab – er hatte ihn nicht wenig Kopfzerbrechen gekostet. Die
Zusammensetzung des Hofes erschwerte eine eindrucksvolle Anordnung,
und namentlich beklagte Herr von Bühl sich über den Mangel an
Oberhofämtern, der bei solchen Gelegenheiten aufs empfindlichste
hervorträte. Neuerdings unterstand Herrn von Bühl auch der Marstall, und
er fühlte sich seinen sämtlichen Ämtern gewachsen. Aber er fragte
jedermann, woher er einen würdigen Vorantritt nehmen solle, da die
obersten Chargen einzig und allein durch den Oberhofjägermeister von
Stieglitz und den Intendanten der Großherzoglichen Schauspiele, einen
fußleidenden General, vertreten seien.
Während er als Oberhofmarschall, Oberzeremonienmeister und
Hausmarschall, in seinem gestickten Kleide und seinem braunen Toupet,
mit Orden bedeckt wie ein Ballkönig und dem goldenen Zwicker auf der
Nase, schwänzelnd und seinen hohen Stab vor sich hinsetzend hinter den
Kadetten schritt, die als Pagen kostümiert, den Scheitel über dem linken
Auge, den Zug eröffneten, überdachte er sorgenvoll, was hinter ihm kam.
Ein paar Kammerherren – nicht viele, denn man brauchte ihrer noch am
Ende des Zuges –, den Federhut unterm Arm und den Schlüssel an der
hinteren Taillennaht, folgten ihm in seidenen Strümpfen auf dem Fuße. Herr
von Stieglitz und die hinkende Schauspiel-Exzellenz schritten danach dem
Prinzen Klaus Heinrich voraus, der, in seinem Mantel zwischen dem hohen
Elternpaar, gefolgt von seinen Geschwistern Albrecht und Ditlind, den
eigentlichen Kern des Zuges bildete. Im Rücken der höchsten Herrschaften
hielt sich zunächst, mit spielenden Augenfältchen, der Hausminister und
Konseilpräsident von Knobelsdorff. Eine kleine Gruppe von Adjutanten und
Palastdamen schloß sich an. General Graf Schmettern und Major von
Platow, ein Graf Trümmerhauff, Vetter des Hof-Finanzdirektors, als
militärischer Begleiter des Erbgroßherzogs, und die Damen der
Großherzogin unter der Führung der kurz atmenden Freifrau von
hinunter in die Bildergalerie, wo die Mitglieder der engeren Familie und
auswärtige Verwandte des großherzoglichen Paares harrten. Die Hofstaaten
warteten im anstoßenden Rittersaal; und dort war es, wo Johann Albrecht
selbst seinen Sohn mit dem roten Mantel bekleidete.
Herr von Bühl zu Bühl hatte einen Zug zusammengestellt, den
zeremoniellen Zug, in welchem man sich vom Rittersaal in den Thronsaal
begab – er hatte ihn nicht wenig Kopfzerbrechen gekostet. Die
Zusammensetzung des Hofes erschwerte eine eindrucksvolle Anordnung,
und namentlich beklagte Herr von Bühl sich über den Mangel an
Oberhofämtern, der bei solchen Gelegenheiten aufs empfindlichste
hervorträte. Neuerdings unterstand Herrn von Bühl auch der Marstall, und
er fühlte sich seinen sämtlichen Ämtern gewachsen. Aber er fragte
jedermann, woher er einen würdigen Vorantritt nehmen solle, da die
obersten Chargen einzig und allein durch den Oberhofjägermeister von
Stieglitz und den Intendanten der Großherzoglichen Schauspiele, einen
fußleidenden General, vertreten seien.
Während er als Oberhofmarschall, Oberzeremonienmeister und
Hausmarschall, in seinem gestickten Kleide und seinem braunen Toupet,
mit Orden bedeckt wie ein Ballkönig und dem goldenen Zwicker auf der
Nase, schwänzelnd und seinen hohen Stab vor sich hinsetzend hinter den
Kadetten schritt, die als Pagen kostümiert, den Scheitel über dem linken
Auge, den Zug eröffneten, überdachte er sorgenvoll, was hinter ihm kam.
Ein paar Kammerherren – nicht viele, denn man brauchte ihrer noch am
Ende des Zuges –, den Federhut unterm Arm und den Schlüssel an der
hinteren Taillennaht, folgten ihm in seidenen Strümpfen auf dem Fuße. Herr
von Stieglitz und die hinkende Schauspiel-Exzellenz schritten danach dem
Prinzen Klaus Heinrich voraus, der, in seinem Mantel zwischen dem hohen
Elternpaar, gefolgt von seinen Geschwistern Albrecht und Ditlind, den
eigentlichen Kern des Zuges bildete. Im Rücken der höchsten Herrschaften
hielt sich zunächst, mit spielenden Augenfältchen, der Hausminister und
Konseilpräsident von Knobelsdorff. Eine kleine Gruppe von Adjutanten und
Palastdamen schloß sich an. General Graf Schmettern und Major von
Platow, ein Graf Trümmerhauff, Vetter des Hof-Finanzdirektors, als
militärischer Begleiter des Erbgroßherzogs, und die Damen der
Großherzogin unter der Führung der kurz atmenden Freifrau von
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Schulenburg-Tressen. Dann folgten, geleitet und gefolgt von Adjutanten,
Kammerherren und Hofdamen, Prinzessin Katharina mit ihrer rotköpfigen
Nachkommenschaft, Prinz Lambert mit seiner zierlichen Gemahlin und die
auswärtigen Verwandten oder ihre Vertreter. Pagen beschlossen den Zug.
So ging es gemessenen Schrittes vom Rittersaal durch die Schönen
Zimmer, den Saal der zwölf Monate und den Marmorsaal in den Thronsaal.
Lakaien, rötlich-goldene Fangschnüre auf ihren braunen Galafräcken,
standen paarweise und theatralisch an den geöffneten Flügeltüren. Durch
die weiten Fenster fiel überall heiter und rücksichtslos die
Junivormittagssonne herein.
Klaus Heinrich sah sich um bei diesem Ehrengange zwischen seinen
Eltern durch die umschnörkelte Öde, den schadhaften Prunk der
Repräsentationsräume, denen die Verklärung künstlichen Lichtes fehlte. Der
helle Tag beschien fröhlich und nüchtern ihren Verfall. Die großen Lustres
an ihren mit Stoff umkleideten Stangen ließen, für diesen Tag ihrer Hüllen
entledigt, dichte Haine von flammenlosen Kerzen emporstarren; aber
überall fehlten Prismen, waren Kristallgirlanden zerrissen in ihren Kronen,
so daß sie einen angefressenen und zahnlückigen Eindruck machten. Der
seidene, damastene Bezug der Staatsmöbel, die steif geschwungen,
weitarmig und in eintöniger Anordnung an den Wänden paradierten, war
fadenscheinig, die Vergoldung ihrer Gestelle abgestoßen; große blinde
Flecken unterbrachen die Lichtfelder der hohen, von Wandkandelabern
flankierten Spiegel, und der Faltensturz der Vorhänge, entfärbt zum Teil und
verblichen an den gerafften Stellen, ließ da und dort den Tag durch
Mottenlöcher scheinen. Mehrfach hatten sich die vergoldeten, versilberten
Leisten der Tapetenfelder gelöst und standen verwahrlost ab von der Wand,
ja, in dem Silbersaal der Schönen Zimmer, wo der Großherzog feierliche
Gruppenempfänge vorzunehmen pflegte und in dessen Mitte ein
Perlmuttertischchen mit silbernem, baumstumpfartigem Fuße stand, war
einfach ein Stück des Silberstuckes vom Plafond heruntergefallen, und eine
große, weiße, gipserne Lücke war nun dort oben zu sehen …
Aber warum schien es bei alledem, als ob diese Räume dennoch dem
nüchternen, lachenden Tageslicht standhielten, ihm stolz und abweisend
Widerpart boten? Klaus Heinrich betrachtete von der Seite seinen Vater …
Der Zustand der Gemächer schien ihn nicht zu beirren. Von jeher kaum
Kammerherren und Hofdamen, Prinzessin Katharina mit ihrer rotköpfigen
Nachkommenschaft, Prinz Lambert mit seiner zierlichen Gemahlin und die
auswärtigen Verwandten oder ihre Vertreter. Pagen beschlossen den Zug.
So ging es gemessenen Schrittes vom Rittersaal durch die Schönen
Zimmer, den Saal der zwölf Monate und den Marmorsaal in den Thronsaal.
Lakaien, rötlich-goldene Fangschnüre auf ihren braunen Galafräcken,
standen paarweise und theatralisch an den geöffneten Flügeltüren. Durch
die weiten Fenster fiel überall heiter und rücksichtslos die
Junivormittagssonne herein.
Klaus Heinrich sah sich um bei diesem Ehrengange zwischen seinen
Eltern durch die umschnörkelte Öde, den schadhaften Prunk der
Repräsentationsräume, denen die Verklärung künstlichen Lichtes fehlte. Der
helle Tag beschien fröhlich und nüchtern ihren Verfall. Die großen Lustres
an ihren mit Stoff umkleideten Stangen ließen, für diesen Tag ihrer Hüllen
entledigt, dichte Haine von flammenlosen Kerzen emporstarren; aber
überall fehlten Prismen, waren Kristallgirlanden zerrissen in ihren Kronen,
so daß sie einen angefressenen und zahnlückigen Eindruck machten. Der
seidene, damastene Bezug der Staatsmöbel, die steif geschwungen,
weitarmig und in eintöniger Anordnung an den Wänden paradierten, war
fadenscheinig, die Vergoldung ihrer Gestelle abgestoßen; große blinde
Flecken unterbrachen die Lichtfelder der hohen, von Wandkandelabern
flankierten Spiegel, und der Faltensturz der Vorhänge, entfärbt zum Teil und
verblichen an den gerafften Stellen, ließ da und dort den Tag durch
Mottenlöcher scheinen. Mehrfach hatten sich die vergoldeten, versilberten
Leisten der Tapetenfelder gelöst und standen verwahrlost ab von der Wand,
ja, in dem Silbersaal der Schönen Zimmer, wo der Großherzog feierliche
Gruppenempfänge vorzunehmen pflegte und in dessen Mitte ein
Perlmuttertischchen mit silbernem, baumstumpfartigem Fuße stand, war
einfach ein Stück des Silberstuckes vom Plafond heruntergefallen, und eine
große, weiße, gipserne Lücke war nun dort oben zu sehen …
Aber warum schien es bei alledem, als ob diese Räume dennoch dem
nüchternen, lachenden Tageslicht standhielten, ihm stolz und abweisend
Widerpart boten? Klaus Heinrich betrachtete von der Seite seinen Vater …
Der Zustand der Gemächer schien ihn nicht zu beirren. Von jeher kaum
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mittelgroß, war der Großherzog mit den Jahren fast klein geworden. Aber er
schritt herrisch zurückgeworfenen Hauptes, das zitronengelbe Ordensband
über der Generalsuniform, die er heute, obgleich er ohne militärische
Neigungen war, angelegt hatte; unter der hohen und kahlen Stirn, den
ergrauten Brauen blickten seine Augen, blau und matt umschattet, mit
müdem Hochmut ins Weite, und von dem spitzgedrehten weißen
Schnurrbärtchen liefen die beiden tief durch die altersgelbe Haut
schürfenden Furchen mit einem verächtlichen Ausdruck in den Backenbart
hinab … Nein, der klare Tag konnte den Sälen nichts anhaben; die
Schadhaftigkeit tat ihrer Würde nicht nur keinen Abbruch, sondern erhöhte
sie sogar gewissermaßen. In ihrer hohen Unbehaglichkeit, ihrer
szenenmäßigen Symmetrie, ihrer seltsam dumpfigen Bühnen- oder
Kirchenatmosphäre standen sie fremd und mit kaltem Verzicht der luftigen
und warm durchsonnten Welt da draußen entgegen – strenge Stätten eines
darstellerischen Kultes, an denen Klaus Heinrich heute zum erstenmal
feierlichen Dienst tat …
Zwischen dem Lakaienpaar hindurch, das mit einem Ausdruck von
Unerbittlichkeit die Lippen zusammenpreßte und die Augen schloß, hielt
man Einzug in die weiß-goldene Weite des Thronsaales. Andächtige
Übungen, ein Sinken und Wogen, Scharren, Beugen und Salutieren fing an
und setzte sich fort durch den Saal, wie man an der Front der Festgäste
vorüberzog. Es waren Diplomaten mit ihren Damen, Hof- und Landadel,
das Offizierkorps der Residenz, die Minister, unter denen man die
gezwungen zuversichtliche Miene des neuen Finanzministers Doktor
Krippenreuther gewahrte, die Ritter des Großen Ordens vom Grimmburger
Greifen, die Präsidenten des Landtags, allerlei Würdenträger. Aber hoch
oben in der kleinen Loge, die an der Entreeseite über dem großen Spiegel
gelegen war, bemerkte man die Vertreter der Presse, die emsig notierend
einander über die Schultern blickten … Vor dem Thronbaldachin, einem
ebenmäßig gerafften Sammetarrangement, von Straußenfedern gekrönt und
mit Goldborten eingefaßt, die der Auffrischung bedurft hätten, teilte sich
der Zug wie bei einer Polonäse, führte genau vorgeschriebene Evolutionen
aus. Die Edelknaben, die Kammerherren schwenkten nach rechts und links,
Herr von Bühl ging mit dem Throne zugekehrtem Antlitz und erhobenem
Stabe rückwärts und blieb inmitten des Saales stehen. Das Großherzogliche
Paar und seine Kinder stiegen die gerundeten, rot ausgeschlagenen Stufen
schritt herrisch zurückgeworfenen Hauptes, das zitronengelbe Ordensband
über der Generalsuniform, die er heute, obgleich er ohne militärische
Neigungen war, angelegt hatte; unter der hohen und kahlen Stirn, den
ergrauten Brauen blickten seine Augen, blau und matt umschattet, mit
müdem Hochmut ins Weite, und von dem spitzgedrehten weißen
Schnurrbärtchen liefen die beiden tief durch die altersgelbe Haut
schürfenden Furchen mit einem verächtlichen Ausdruck in den Backenbart
hinab … Nein, der klare Tag konnte den Sälen nichts anhaben; die
Schadhaftigkeit tat ihrer Würde nicht nur keinen Abbruch, sondern erhöhte
sie sogar gewissermaßen. In ihrer hohen Unbehaglichkeit, ihrer
szenenmäßigen Symmetrie, ihrer seltsam dumpfigen Bühnen- oder
Kirchenatmosphäre standen sie fremd und mit kaltem Verzicht der luftigen
und warm durchsonnten Welt da draußen entgegen – strenge Stätten eines
darstellerischen Kultes, an denen Klaus Heinrich heute zum erstenmal
feierlichen Dienst tat …
Zwischen dem Lakaienpaar hindurch, das mit einem Ausdruck von
Unerbittlichkeit die Lippen zusammenpreßte und die Augen schloß, hielt
man Einzug in die weiß-goldene Weite des Thronsaales. Andächtige
Übungen, ein Sinken und Wogen, Scharren, Beugen und Salutieren fing an
und setzte sich fort durch den Saal, wie man an der Front der Festgäste
vorüberzog. Es waren Diplomaten mit ihren Damen, Hof- und Landadel,
das Offizierkorps der Residenz, die Minister, unter denen man die
gezwungen zuversichtliche Miene des neuen Finanzministers Doktor
Krippenreuther gewahrte, die Ritter des Großen Ordens vom Grimmburger
Greifen, die Präsidenten des Landtags, allerlei Würdenträger. Aber hoch
oben in der kleinen Loge, die an der Entreeseite über dem großen Spiegel
gelegen war, bemerkte man die Vertreter der Presse, die emsig notierend
einander über die Schultern blickten … Vor dem Thronbaldachin, einem
ebenmäßig gerafften Sammetarrangement, von Straußenfedern gekrönt und
mit Goldborten eingefaßt, die der Auffrischung bedurft hätten, teilte sich
der Zug wie bei einer Polonäse, führte genau vorgeschriebene Evolutionen
aus. Die Edelknaben, die Kammerherren schwenkten nach rechts und links,
Herr von Bühl ging mit dem Throne zugekehrtem Antlitz und erhobenem
Stabe rückwärts und blieb inmitten des Saales stehen. Das Großherzogliche
Paar und seine Kinder stiegen die gerundeten, rot ausgeschlagenen Stufen
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hinan zu den weit ausladenden und vergoldeten Theaterstühlen, die dort
oben standen. Die übrigen Mitglieder des Hauses ordneten sich mit den
auswärtigen Hoheiten zu beiden Seiten des Thrones, hinter ihnen stellte sich
das Gefolge, die Ehrendamen, die diensttuenden Kavaliere auf, und Pagen
besetzten die Stufen. Auf einen Handwink Johann Albrechts eilte Herr von
Knobelsdorff, der vorerst gegenüber dem Throne Posten gefaßt hatte, mit
lächelnden Augen und in einer bestimmten Bogenlinie auf das mit Sammet
behangene Tischchen zu, das seitwärts vor den Stufen stand, und begann an
der Hand von mehreren Dokumenten mit den amtlichen Formalitäten.
Klaus Heinrich ward für mündig erklärt und damit für fähig und
berechtigt, wenn die Not es erheischte, die Krone zu tragen. Aller Augen
waren auf ihn gerichtet an dieser Stelle – und auf Albrechts, seines älteren
Bruders, Königliche Hoheit, der neben ihm stand. Der Erbgroßherzog trug
die Rittmeisteruniform des Husarenregimentes, dem er dem Namen nach
angehörte. Aus seinem mit Silber betreßten Kragen ragte unmilitärisch weit
der weiße Zivilstehkragen hervor, und darauf ruhte sein feiner, kluger und
kränklicher Kopf mit dem langen Schädel und den schmalen Schläfen, dem
strohblonden, noch formlosen Bart auf der Oberlippe und den blauen,
einsam blickenden Augen, die den Tod gesehen hatten … Kein Reiterkopf
eben, aber so schlank und unnahbar adelig, daß der Klaus Heinrichs mit
seinen volkstümlichen Backenknochen fast plump dagegen erschien. Der
Erbgroßherzog machte seinen kleinen Mund, während alle ihn ansahen,
schob ein wenig seine kurze, gerundete Unterlippe empor, indem er leicht
damit an der oberen sog.
Sämtliche Orden des Landes wurden dem volljährig gewordenen Prinzen
verliehen, auch das Albrechtskreuz und der Große Orden vom Grimmburger
Greifen, abgesehen vom Hausorden zur Beständigkeit, dessen Insignien er
seit seinem zehnten Geburtstage besaß. Und dann fand große Gratulation
statt, in Form einer Defiliercour, geleitet von dem schwänzelnden Herrn
von Bühl – woran sich das Galafrühstück im Marmorsaal und im Saal der
zwölf Monate schloß …
Während der nächsten Tage wurden die auswärtigen Fürstlichkeiten
unterhalten. In Hollerbrunn ward ein Gartenfest abgehalten, mit Feuerwerk
und Tanz für die höfische Jugend im Park. Feierliche Lustfahrten mit Pagen
durch das sommerliche Land nach Monbrillant, nach Jägerpreis, nach der
oben standen. Die übrigen Mitglieder des Hauses ordneten sich mit den
auswärtigen Hoheiten zu beiden Seiten des Thrones, hinter ihnen stellte sich
das Gefolge, die Ehrendamen, die diensttuenden Kavaliere auf, und Pagen
besetzten die Stufen. Auf einen Handwink Johann Albrechts eilte Herr von
Knobelsdorff, der vorerst gegenüber dem Throne Posten gefaßt hatte, mit
lächelnden Augen und in einer bestimmten Bogenlinie auf das mit Sammet
behangene Tischchen zu, das seitwärts vor den Stufen stand, und begann an
der Hand von mehreren Dokumenten mit den amtlichen Formalitäten.
Klaus Heinrich ward für mündig erklärt und damit für fähig und
berechtigt, wenn die Not es erheischte, die Krone zu tragen. Aller Augen
waren auf ihn gerichtet an dieser Stelle – und auf Albrechts, seines älteren
Bruders, Königliche Hoheit, der neben ihm stand. Der Erbgroßherzog trug
die Rittmeisteruniform des Husarenregimentes, dem er dem Namen nach
angehörte. Aus seinem mit Silber betreßten Kragen ragte unmilitärisch weit
der weiße Zivilstehkragen hervor, und darauf ruhte sein feiner, kluger und
kränklicher Kopf mit dem langen Schädel und den schmalen Schläfen, dem
strohblonden, noch formlosen Bart auf der Oberlippe und den blauen,
einsam blickenden Augen, die den Tod gesehen hatten … Kein Reiterkopf
eben, aber so schlank und unnahbar adelig, daß der Klaus Heinrichs mit
seinen volkstümlichen Backenknochen fast plump dagegen erschien. Der
Erbgroßherzog machte seinen kleinen Mund, während alle ihn ansahen,
schob ein wenig seine kurze, gerundete Unterlippe empor, indem er leicht
damit an der oberen sog.
Sämtliche Orden des Landes wurden dem volljährig gewordenen Prinzen
verliehen, auch das Albrechtskreuz und der Große Orden vom Grimmburger
Greifen, abgesehen vom Hausorden zur Beständigkeit, dessen Insignien er
seit seinem zehnten Geburtstage besaß. Und dann fand große Gratulation
statt, in Form einer Defiliercour, geleitet von dem schwänzelnden Herrn
von Bühl – woran sich das Galafrühstück im Marmorsaal und im Saal der
zwölf Monate schloß …
Während der nächsten Tage wurden die auswärtigen Fürstlichkeiten
unterhalten. In Hollerbrunn ward ein Gartenfest abgehalten, mit Feuerwerk
und Tanz für die höfische Jugend im Park. Feierliche Lustfahrten mit Pagen
durch das sommerliche Land nach Monbrillant, nach Jägerpreis, nach der
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Ruine Haderstein wurden unternommen, und das Volk, dieser untersetzte
Schlag mit den grübelnden Augen und den zu hoch sitzenden
Wangenknochen, gratulierte, indem es an den Wegen stand und Lebehochs
ausbrachte auf sich selbst und seine Repräsentanten. In der Residenz hing
Klaus Heinrichs Photographie in den Fenstern der Kunsthändler, und der
»Eilbote« brachte sogar gedruckt ein Bildnis von ihm, eine populäre und
seltsam idealisierte Zeichnung, die den Prinzen im Purpurmantel darstellte.
Aber dann kam nochmals ein großer Tag: Klaus Heinrichs formelle
Einstellung ins Heer, in das Regiment der Leibgrenadiere, ward
vorgenommen.
Das ging so zu. Das Regiment, dem die Ehre zuteil werden sollte, Klaus
Heinrich zu seinen Offizieren zu zählen, war auf dem Albrechtsplatz in
offenem Viereck aufgestellt. Viele Federbüsche wehten in der Mitte; die
Prinzen des Hauses, die Generale waren anwesend. Das Publikum,
schwärzlich gegen das bunte Tableau, staute sich hinter den
Absperrungslinien. Photographische Apparate waren an mehreren Stellen
auf den Ort der Handlung gerichtet. Die Großherzogin sah mit den
Prinzessinnen und ihren Damen von den Fenstern des Alten Schlosses dem
Schauspiele zu.
Klaus Heinrich, als Leutnant gekleidet, meldete sich zunächst in aller
Form beim Großherzog im Schloß. Ernst, ohne an ein Lächeln zu denken,
trat er vor seinen Vater hin, um ihm mit geschlossenen Beinen dienstlich
kundzumachen, daß er zur Stelle sei. Der Großherzog dankte ihm kurz,
gleichfalls ohne ein Lächeln, und begab sich dann auch seinerseits, gefolgt
von seinen Adjutanten, in großer Uniform und mit flatterndem Federbusch,
auf den Platz hinab. Klaus Heinrich trat vor die gesenkte Fahne, ein
gesticktes, vergilbtes und halbzerfetztes Seidentuch, und leistete den Eid.
Der Großherzog hielt in abgerissenen Sätzen und mit einer scharfen
Kommandostimme, deren er sich eigens zu diesem Zwecke bediente, eine
Ansprache, worin er seinen Sohn »Eure Großherzogliche Hoheit« anredete,
und drückte dem Prinzen öffentlich die Hand. Der Oberst der
Leibgrenadiere brachte mit rotem Gesicht ein Hoch auf den Großherzog
aus, in das die Gäste, das Regiment und das Publikum einstimmten. Eine
Parade schloß sich an, und das Ganze endigte mit einem militärischen
Frühstück im Schloß.
Schlag mit den grübelnden Augen und den zu hoch sitzenden
Wangenknochen, gratulierte, indem es an den Wegen stand und Lebehochs
ausbrachte auf sich selbst und seine Repräsentanten. In der Residenz hing
Klaus Heinrichs Photographie in den Fenstern der Kunsthändler, und der
»Eilbote« brachte sogar gedruckt ein Bildnis von ihm, eine populäre und
seltsam idealisierte Zeichnung, die den Prinzen im Purpurmantel darstellte.
Aber dann kam nochmals ein großer Tag: Klaus Heinrichs formelle
Einstellung ins Heer, in das Regiment der Leibgrenadiere, ward
vorgenommen.
Das ging so zu. Das Regiment, dem die Ehre zuteil werden sollte, Klaus
Heinrich zu seinen Offizieren zu zählen, war auf dem Albrechtsplatz in
offenem Viereck aufgestellt. Viele Federbüsche wehten in der Mitte; die
Prinzen des Hauses, die Generale waren anwesend. Das Publikum,
schwärzlich gegen das bunte Tableau, staute sich hinter den
Absperrungslinien. Photographische Apparate waren an mehreren Stellen
auf den Ort der Handlung gerichtet. Die Großherzogin sah mit den
Prinzessinnen und ihren Damen von den Fenstern des Alten Schlosses dem
Schauspiele zu.
Klaus Heinrich, als Leutnant gekleidet, meldete sich zunächst in aller
Form beim Großherzog im Schloß. Ernst, ohne an ein Lächeln zu denken,
trat er vor seinen Vater hin, um ihm mit geschlossenen Beinen dienstlich
kundzumachen, daß er zur Stelle sei. Der Großherzog dankte ihm kurz,
gleichfalls ohne ein Lächeln, und begab sich dann auch seinerseits, gefolgt
von seinen Adjutanten, in großer Uniform und mit flatterndem Federbusch,
auf den Platz hinab. Klaus Heinrich trat vor die gesenkte Fahne, ein
gesticktes, vergilbtes und halbzerfetztes Seidentuch, und leistete den Eid.
Der Großherzog hielt in abgerissenen Sätzen und mit einer scharfen
Kommandostimme, deren er sich eigens zu diesem Zwecke bediente, eine
Ansprache, worin er seinen Sohn »Eure Großherzogliche Hoheit« anredete,
und drückte dem Prinzen öffentlich die Hand. Der Oberst der
Leibgrenadiere brachte mit rotem Gesicht ein Hoch auf den Großherzog
aus, in das die Gäste, das Regiment und das Publikum einstimmten. Eine
Parade schloß sich an, und das Ganze endigte mit einem militärischen
Frühstück im Schloß.
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Dieser schöne Akt auf dem Albrechtsplatze war ohne praktische
Bedeutung, er trug seinen Wert in sich selbst. Klaus Heinrich trat nun
keineswegs den Frontdienst an, sondern begab sich noch am selben Tage
mit seinen Eltern und Geschwistern nach Hollerbrunn, um dort, in den
kühlen, altfränkischen Zimmern am Fluß, zwischen den mauerähnlichen
Hecken des Parks, den Sommer zu verbringen und dann, im Herbst, die
Universität zu beziehen. Denn so entsprach es dem vorgezeichneten Plane
seines Lebens: Im Herbst bezog er auf ein Jahr die Universität, nicht die der
Residenz, sondern die zweite des Landes, und zwar in Begleitung Doktor
Überbeins, seines Studienlehrers.
Die Berufung dieses jungen Gelehrten zum Mentor war wiederum auf
einen besonderen, lebhaft vertretenen Wunsch des Prinzen zurückzuführen,
und gerade was die Persönlichkeit des Gouverneurs und älteren Kameraden
betraf, den Klaus Heinrich während dieses Jahres studentischer Freiheit an
seiner Seite sehen sollte, so glaubte man an maßgebender Stelle seine
ausgesprochene Willensmeinung berücksichtigen zu müssen. Gleichwohl
sprach manches gegen diese Wahl; sie war unpopulär, wurde wenigstens in
weiteren Kreisen laut oder leise mißbilligt.
Raoul Überbein war nicht beliebt in der Residenz. Seine
Rettungsmedaille und seine ganze beängstigende Strebsamkeit in Ehren,
aber dieser Mann war kein angenehmer Mitbürger, kein liebenswürdiger
Kollege, kein einwandfreier Beamter. Die Wohlwollendsten sahen in ihm
einen Sonderling von verbissener und unselig rastloser Gemütsart, der
keinen Sonntag, keinen Feierabend, kein Ausspannen kannte und es nicht
verstand, nach erfüllter Berufspflicht ein Mensch unter Menschen zu sein.
Dieser natürliche Sohn einer Abenteurerin hatte sich mittellos aus den
Tiefen der Gesellschaft, aus einer dunklen und aussichtslosen Jugend mit
zäher Willenskraft zum Volksschullehrer, zum akademischen Würdenträger,
zum Gymnasialdozenten emporgearbeitet, hatte es erlebt – »erreicht«, wie
manche sagten –, daß er ins Fasaneriekonvikt als Lehrer eines
großherzoglichen Prinzen berufen wurde; und dennoch gelangte er zu
keiner Ruhe, keinem Genügen, keinem behaglichen Genuß des Lebens …
Aber das Leben, wie irgendein guter Kopf ganz zutreffend im Hinblick auf
Doktor Überbein bemerkte, das Leben geht in Beruf und Leistung nicht auf,
es hat seine rein menschlichen Anforderungen und Pflichten, die außer acht
zu lassen eine schwerere Sünde bedeutet als etwa eine gewisse Jovialität
Bedeutung, er trug seinen Wert in sich selbst. Klaus Heinrich trat nun
keineswegs den Frontdienst an, sondern begab sich noch am selben Tage
mit seinen Eltern und Geschwistern nach Hollerbrunn, um dort, in den
kühlen, altfränkischen Zimmern am Fluß, zwischen den mauerähnlichen
Hecken des Parks, den Sommer zu verbringen und dann, im Herbst, die
Universität zu beziehen. Denn so entsprach es dem vorgezeichneten Plane
seines Lebens: Im Herbst bezog er auf ein Jahr die Universität, nicht die der
Residenz, sondern die zweite des Landes, und zwar in Begleitung Doktor
Überbeins, seines Studienlehrers.
Die Berufung dieses jungen Gelehrten zum Mentor war wiederum auf
einen besonderen, lebhaft vertretenen Wunsch des Prinzen zurückzuführen,
und gerade was die Persönlichkeit des Gouverneurs und älteren Kameraden
betraf, den Klaus Heinrich während dieses Jahres studentischer Freiheit an
seiner Seite sehen sollte, so glaubte man an maßgebender Stelle seine
ausgesprochene Willensmeinung berücksichtigen zu müssen. Gleichwohl
sprach manches gegen diese Wahl; sie war unpopulär, wurde wenigstens in
weiteren Kreisen laut oder leise mißbilligt.
Raoul Überbein war nicht beliebt in der Residenz. Seine
Rettungsmedaille und seine ganze beängstigende Strebsamkeit in Ehren,
aber dieser Mann war kein angenehmer Mitbürger, kein liebenswürdiger
Kollege, kein einwandfreier Beamter. Die Wohlwollendsten sahen in ihm
einen Sonderling von verbissener und unselig rastloser Gemütsart, der
keinen Sonntag, keinen Feierabend, kein Ausspannen kannte und es nicht
verstand, nach erfüllter Berufspflicht ein Mensch unter Menschen zu sein.
Dieser natürliche Sohn einer Abenteurerin hatte sich mittellos aus den
Tiefen der Gesellschaft, aus einer dunklen und aussichtslosen Jugend mit
zäher Willenskraft zum Volksschullehrer, zum akademischen Würdenträger,
zum Gymnasialdozenten emporgearbeitet, hatte es erlebt – »erreicht«, wie
manche sagten –, daß er ins Fasaneriekonvikt als Lehrer eines
großherzoglichen Prinzen berufen wurde; und dennoch gelangte er zu
keiner Ruhe, keinem Genügen, keinem behaglichen Genuß des Lebens …
Aber das Leben, wie irgendein guter Kopf ganz zutreffend im Hinblick auf
Doktor Überbein bemerkte, das Leben geht in Beruf und Leistung nicht auf,
es hat seine rein menschlichen Anforderungen und Pflichten, die außer acht
zu lassen eine schwerere Sünde bedeutet als etwa eine gewisse Jovialität
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gegen sich und andere auf dem Gebiete der Arbeit, und eine harmonische
Persönlichkeit darf jedenfalls nur genannt werden, wer jedem Teile, dem
Beruf und der Menschlichkeit, dem Leben und der Leistung das seine zu
geben versteht. Überbeins Mangel an kollegialem Empfinden mußte gegen
ihn einnehmen. Er mied jede gesellige Gemeinschaft mit seinen
Amtsgenossen, und sein freundschaftlicher Verkehr beschränkte sich auf die
Person eines Herrn aus anderer wissenschaftlicher Sparte, eines Arztes und
Kinderspezialisten mit dem unsympathischen Namen Sammet, der übrigens
großen Zulauf hatte und mit dem Überbein vielleicht in gewissen
Charakterzügen übereinstimmte. Aber höchst selten – und auch dann nur
gleichsam aus Gnade – fand er sich etwa an dem Stammtisch ein, der die
Gymnasiallehrer nach des Tages Müh und Last zu einem Glase Bier, einem
Kartenspiel, einem zwanglosen Gedankenaustausch über öffentliche und
persönliche Fragen um sich vereinigte – sondern er verbrachte seine
Abende und, wie man von seiner Wirtin wußte, auch einen großen Teil der
Nacht mit wissenschaftlicher Arbeit in seinem Studierzimmer –, während
seine Gesichtsfarbe beständig grünlicher wurde und die Überspannung ihm
in den Augen zu lesen war. Die Behörde hatte sich kurz nach seiner
Rückkehr von Schloß Fasanerie veranlaßt gesehen, ihn zum Oberlehrer zu
ernennen. Was wollte er noch werden? Direktor? Hochschulprofessor?
Unterrichtsminister? Fest stand, daß sich in der Maß- und Friedlosigkeit
seines Strebens Unbescheidenheit und Überheblichkeit verbarg – oder
vielmehr nicht verbarg. Sein Gehaben, seine laute, scharf schwadronierende
Redeweise ärgerte, reizte, erbitterte. Er wahrte gegen ältere und ihm
übergeordnete Mitglieder des Lehrkörpers den Ton nicht, der ihm zukam.
Er benahm sich väterlich gegen jedermann, vom Direktor bis zum
geringsten Hilfslehrer, und seine Art, von sich selbst als von einem Manne
zu reden, der »sich den Wind hatte um die Nase wehen lassen«, von
»Schicksal und Strammheit« zu rodomontieren und dabei seine
wohlwollende Geringschätzung all derer an den Tag zu legen, die »es nicht
nötig hatten« und »sich des Morgens eine Zigarre anzündeten«, war
zweifellos dünkelhaft. Seine Schüler hingen an ihm, er erzielte
ausgezeichnete Ergebnisse mit ihnen, das traf zu. Aber im übrigen besaß der
Doktor viele Feinde in der Stadt, mehr, als er sich träumen ließ, und das
Bedenken, sein Einfluß auf den Prinzen möchte kein wünschenswerter sein,
trat sogar in einem Teile der Presse zutage …
Persönlichkeit darf jedenfalls nur genannt werden, wer jedem Teile, dem
Beruf und der Menschlichkeit, dem Leben und der Leistung das seine zu
geben versteht. Überbeins Mangel an kollegialem Empfinden mußte gegen
ihn einnehmen. Er mied jede gesellige Gemeinschaft mit seinen
Amtsgenossen, und sein freundschaftlicher Verkehr beschränkte sich auf die
Person eines Herrn aus anderer wissenschaftlicher Sparte, eines Arztes und
Kinderspezialisten mit dem unsympathischen Namen Sammet, der übrigens
großen Zulauf hatte und mit dem Überbein vielleicht in gewissen
Charakterzügen übereinstimmte. Aber höchst selten – und auch dann nur
gleichsam aus Gnade – fand er sich etwa an dem Stammtisch ein, der die
Gymnasiallehrer nach des Tages Müh und Last zu einem Glase Bier, einem
Kartenspiel, einem zwanglosen Gedankenaustausch über öffentliche und
persönliche Fragen um sich vereinigte – sondern er verbrachte seine
Abende und, wie man von seiner Wirtin wußte, auch einen großen Teil der
Nacht mit wissenschaftlicher Arbeit in seinem Studierzimmer –, während
seine Gesichtsfarbe beständig grünlicher wurde und die Überspannung ihm
in den Augen zu lesen war. Die Behörde hatte sich kurz nach seiner
Rückkehr von Schloß Fasanerie veranlaßt gesehen, ihn zum Oberlehrer zu
ernennen. Was wollte er noch werden? Direktor? Hochschulprofessor?
Unterrichtsminister? Fest stand, daß sich in der Maß- und Friedlosigkeit
seines Strebens Unbescheidenheit und Überheblichkeit verbarg – oder
vielmehr nicht verbarg. Sein Gehaben, seine laute, scharf schwadronierende
Redeweise ärgerte, reizte, erbitterte. Er wahrte gegen ältere und ihm
übergeordnete Mitglieder des Lehrkörpers den Ton nicht, der ihm zukam.
Er benahm sich väterlich gegen jedermann, vom Direktor bis zum
geringsten Hilfslehrer, und seine Art, von sich selbst als von einem Manne
zu reden, der »sich den Wind hatte um die Nase wehen lassen«, von
»Schicksal und Strammheit« zu rodomontieren und dabei seine
wohlwollende Geringschätzung all derer an den Tag zu legen, die »es nicht
nötig hatten« und »sich des Morgens eine Zigarre anzündeten«, war
zweifellos dünkelhaft. Seine Schüler hingen an ihm, er erzielte
ausgezeichnete Ergebnisse mit ihnen, das traf zu. Aber im übrigen besaß der
Doktor viele Feinde in der Stadt, mehr, als er sich träumen ließ, und das
Bedenken, sein Einfluß auf den Prinzen möchte kein wünschenswerter sein,
trat sogar in einem Teile der Presse zutage …
Page 102
Jedenfalls erhielt Überbein Urlaub von der Lateinschule, besuchte
zunächst allein, als Quartiermacher, das berühmte Studentenstädtchen, in
dessen Mauern Klaus Heinrich das Jahr seiner Burschenherrlichkeit
verbringen sollte, und wurde bei seiner Rückkehr von dem Minister des
Großherzoglichen Hauses, Exzellenz von Knobelsdorff, in Audienz
empfangen, um die üblichen Instruktionen entgegenzunehmen. Ihr Inhalt
war, das nahezu wichtigste Ergebnis dieses Jahres habe darin zu bestehen,
daß auf dem gemeinsamen Boden akademischer Ungebundenheit zwischen
dem Fürstensohn und der studentischen Jugend eine kameradschaftliche
Überlieferung geschaffen werde, und zwar aus allgemeinem dynastischen
Interesse – feststehende Redewendungen, die von Herrn von Knobelsdorff
ziemlich obenhin vorgebracht wurden, und die Doktor Überbein mit
stummer Verbeugung entgegennahm, indem er seinen Mund mitsamt dem
roten Bart ein wenig seitwärts zog. Dann erfolgte Klaus Heinrichs Abreise,
mit seinem Mentor, einem Dogcart und einiger Dienerschaft, auf die
Universität.
Ein schönes, vom Reize musischer Freiheit umwobenes Jahr in den
Augen des Publikums und im Spiegel der öffentlichen Berichterstattung –
doch ohne sachliches Schwergewicht in jeder Beziehung. Befürchtungen,
die etwa dahin gegangen waren, Doktor Überbein möchte verfehlter- und
mißverständlicherweise den Prinzen mit allzu schwerfälligen Ansprüchen in
gegenständlich wissenschaftlicher Richtung behelligen, wurden zerstreut.
Im Gegenteil wurde deutlich, daß der Doktor zwischen seiner eigenen
ernsten und der hohen Daseinsform seines Schülers wohl zu unterscheiden
wisse. Andererseits blieb es (gleichviel, ob durch Schuld des Mentors oder
des Prinzen selbst) auch in bezug auf die Instruktion, auf Ungebundenheit
und zwanglose Kameradschaft bei einer maßvollen und rein sinnbildlichen
Andeutung, so daß als das Wesentliche und Eigentliche dieses Jahres weder
das eine noch das andere, weder die Wissenschaft noch die Ungebundenheit
gelten konnte. Das Wesentliche und Eigentliche war vielmehr, wie es
schien, das Jahr an sich selbst, als Brauch und schöne Umständlichkeit, der
sich Klaus Heinrich in angemessener Haltung unterzog, wie er sich den
darstellerischen Übungen an seinem letzten Geburtstag unterzogen hatte –
nur jetzt nicht mit einem Purpurmantel, sondern zuweilen mit einer farbigen
Studentenmütze, einem sogenannten Stürmer angetan, in deren Schmuck
ihn der »Eilbote« seinem Leserkreise alsbald im Bilde vorführte.
zunächst allein, als Quartiermacher, das berühmte Studentenstädtchen, in
dessen Mauern Klaus Heinrich das Jahr seiner Burschenherrlichkeit
verbringen sollte, und wurde bei seiner Rückkehr von dem Minister des
Großherzoglichen Hauses, Exzellenz von Knobelsdorff, in Audienz
empfangen, um die üblichen Instruktionen entgegenzunehmen. Ihr Inhalt
war, das nahezu wichtigste Ergebnis dieses Jahres habe darin zu bestehen,
daß auf dem gemeinsamen Boden akademischer Ungebundenheit zwischen
dem Fürstensohn und der studentischen Jugend eine kameradschaftliche
Überlieferung geschaffen werde, und zwar aus allgemeinem dynastischen
Interesse – feststehende Redewendungen, die von Herrn von Knobelsdorff
ziemlich obenhin vorgebracht wurden, und die Doktor Überbein mit
stummer Verbeugung entgegennahm, indem er seinen Mund mitsamt dem
roten Bart ein wenig seitwärts zog. Dann erfolgte Klaus Heinrichs Abreise,
mit seinem Mentor, einem Dogcart und einiger Dienerschaft, auf die
Universität.
Ein schönes, vom Reize musischer Freiheit umwobenes Jahr in den
Augen des Publikums und im Spiegel der öffentlichen Berichterstattung –
doch ohne sachliches Schwergewicht in jeder Beziehung. Befürchtungen,
die etwa dahin gegangen waren, Doktor Überbein möchte verfehlter- und
mißverständlicherweise den Prinzen mit allzu schwerfälligen Ansprüchen in
gegenständlich wissenschaftlicher Richtung behelligen, wurden zerstreut.
Im Gegenteil wurde deutlich, daß der Doktor zwischen seiner eigenen
ernsten und der hohen Daseinsform seines Schülers wohl zu unterscheiden
wisse. Andererseits blieb es (gleichviel, ob durch Schuld des Mentors oder
des Prinzen selbst) auch in bezug auf die Instruktion, auf Ungebundenheit
und zwanglose Kameradschaft bei einer maßvollen und rein sinnbildlichen
Andeutung, so daß als das Wesentliche und Eigentliche dieses Jahres weder
das eine noch das andere, weder die Wissenschaft noch die Ungebundenheit
gelten konnte. Das Wesentliche und Eigentliche war vielmehr, wie es
schien, das Jahr an sich selbst, als Brauch und schöne Umständlichkeit, der
sich Klaus Heinrich in angemessener Haltung unterzog, wie er sich den
darstellerischen Übungen an seinem letzten Geburtstag unterzogen hatte –
nur jetzt nicht mit einem Purpurmantel, sondern zuweilen mit einer farbigen
Studentenmütze, einem sogenannten Stürmer angetan, in deren Schmuck
ihn der »Eilbote« seinem Leserkreise alsbald im Bilde vorführte.
Page 103
Was das Studium betraf, so vollzog sich die Immatrikulation ohne
besondere Feierlichkeit, doch nicht ohne einen Hinweis auf die Ehre,
welche der Hochschule durch Klaus Heinrichs Aufnahme zuteil werde; und
die Vorlesungen, denen er beiwohnte, begannen mit dem Anruf:
»Großherzogliche Hoheit!« Von der hübschen grünumwachsenen Villa, die
das Hofmarschallamt seines Vaters ihm in einer vornehmen und nicht zu
teuren Gartenstraße gemietet hatte, fuhr er, einen Diener hinter sich, vom
Straßenpublikum bemerkt und begrüßt, auf seinem Dogcart zu den
Vorlesungen, und er saß dort in dem Bewußtsein, daß alle diese
Gegenständlichkeit für seinen hohen Beruf unwesentlich und unnötig sei,
doch mit einer Miene höflicher Aufmerksamkeit. Liebenswürdige
Anekdoten liefen um und erhoben die Herzen: wie der Prinz seine
Teilnahme zu bekunden wisse. Gegen Ende eines Kollegiums über
Naturkunde (denn Klaus Heinrich besuchte »des Überblicks wegen« auch
solche Kollegien) hatte der Professor, zur Anschauung, eine Metallkugel
mit Wasser gefüllt und angekündigt, das Wasser werde, zum Gefrieren
gebracht, infolge der Ausdehnung die Metallhülle sprengen; das nächste
Mal werde er die Bruchstücke vorzeigen. In diesem letzteren Punkte nun
hatte er, wahrscheinlich aus Vergeßlichkeit, sein Wort nicht gehalten; man
hatte im nächsten Kolleg die zersprungene Kugel nicht zu sehen
bekommen. Da aber hatte Klaus Heinrich sich nach dem Ausfall des
Experimentes erkundigt. Wie irgendeiner hatte er sich am Schluß der
Vorlesung unter die Studenten gemischt, die den Professor interpellierend
umstanden, und hatte an diesen in aller Schlichtheit die Worte gerichtet: »Ist
die Bombe geplatzt?« – worauf der Professor zunächst ganz unfähig, sich
zurechtzufinden, ihm schließlich in freudiger Überraschung, ja Bewegung,
seinen Dank für das gütige Interesse zum Ausdruck gebracht hatte …
Klaus Heinrich war Gast einer Studentenkorporation – nur Gast, denn er
durfte nicht fechten – und wohnte ein und das andere Mal, den Stürmer auf
dem Kopf, ihren förmlichen Trinksitzungen bei. Aber da diejenigen, die
über ihn wachten, wohl wußten, daß der abgespannte und blödselige
Zustand, den der Genuß geistiger Getränke zur Folge hat, sich ganz und gar
nicht mit seinem hohen Beruf vertrug, so durfte er auch nicht ernstlich
trinken, und man war gehalten, auch in dieser Hinsicht Seiner Hoheit
Rechnung zu tragen. Die rauhen Bräuche wurden auf ein sinniges Ungefähr
beschränkt, der Verkehrston wurde vortrefflich wie einst in der obersten
besondere Feierlichkeit, doch nicht ohne einen Hinweis auf die Ehre,
welche der Hochschule durch Klaus Heinrichs Aufnahme zuteil werde; und
die Vorlesungen, denen er beiwohnte, begannen mit dem Anruf:
»Großherzogliche Hoheit!« Von der hübschen grünumwachsenen Villa, die
das Hofmarschallamt seines Vaters ihm in einer vornehmen und nicht zu
teuren Gartenstraße gemietet hatte, fuhr er, einen Diener hinter sich, vom
Straßenpublikum bemerkt und begrüßt, auf seinem Dogcart zu den
Vorlesungen, und er saß dort in dem Bewußtsein, daß alle diese
Gegenständlichkeit für seinen hohen Beruf unwesentlich und unnötig sei,
doch mit einer Miene höflicher Aufmerksamkeit. Liebenswürdige
Anekdoten liefen um und erhoben die Herzen: wie der Prinz seine
Teilnahme zu bekunden wisse. Gegen Ende eines Kollegiums über
Naturkunde (denn Klaus Heinrich besuchte »des Überblicks wegen« auch
solche Kollegien) hatte der Professor, zur Anschauung, eine Metallkugel
mit Wasser gefüllt und angekündigt, das Wasser werde, zum Gefrieren
gebracht, infolge der Ausdehnung die Metallhülle sprengen; das nächste
Mal werde er die Bruchstücke vorzeigen. In diesem letzteren Punkte nun
hatte er, wahrscheinlich aus Vergeßlichkeit, sein Wort nicht gehalten; man
hatte im nächsten Kolleg die zersprungene Kugel nicht zu sehen
bekommen. Da aber hatte Klaus Heinrich sich nach dem Ausfall des
Experimentes erkundigt. Wie irgendeiner hatte er sich am Schluß der
Vorlesung unter die Studenten gemischt, die den Professor interpellierend
umstanden, und hatte an diesen in aller Schlichtheit die Worte gerichtet: »Ist
die Bombe geplatzt?« – worauf der Professor zunächst ganz unfähig, sich
zurechtzufinden, ihm schließlich in freudiger Überraschung, ja Bewegung,
seinen Dank für das gütige Interesse zum Ausdruck gebracht hatte …
Klaus Heinrich war Gast einer Studentenkorporation – nur Gast, denn er
durfte nicht fechten – und wohnte ein und das andere Mal, den Stürmer auf
dem Kopf, ihren förmlichen Trinksitzungen bei. Aber da diejenigen, die
über ihn wachten, wohl wußten, daß der abgespannte und blödselige
Zustand, den der Genuß geistiger Getränke zur Folge hat, sich ganz und gar
nicht mit seinem hohen Beruf vertrug, so durfte er auch nicht ernstlich
trinken, und man war gehalten, auch in dieser Hinsicht Seiner Hoheit
Rechnung zu tragen. Die rauhen Bräuche wurden auf ein sinniges Ungefähr
beschränkt, der Verkehrston wurde vortrefflich wie einst in der obersten
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Gymnasialklasse, alte Lieder von frischer Poesie erklangen, und es waren
im ganzen Gala- und Paradesitzungen, verklärte Abbilder ihrer
Alltäglichkeit. Das »Du« war Vereinbarung zwischen Klaus Heinrich und
den Korpsbrüdern, als Ausdruck und Grundlage zwangsloser Gemeinschaft.
Aber die allgemeine Beobachtung war, daß es grundfalsch und gewaltsam
klang, wie man es auch damit versuchte, und daß man jeden Augenblick,
ohne es zu wollen, in die Anrede zurückfiel, in welcher Seiner Hoheit
Erwähnung geschah.
Dies war die Wirkung seines Wesens, dieser freundlich und streng
gefaßten, von keiner sachlichen Beteiligung jemals aufgelösten Haltung, die
übrigens in dem Benehmen der Personen, mit denen der Prinz in Berührung
kam, zuweilen ganz seltsame, ja komische Phänomene zeitigte. So zog er
eines Abends, in einer Soiree, die einer seiner Professoren veranstaltete,
einen Herrn ins Gespräch – einen korpulenten Mann schon vorgerückten
Alters, Justizrat seinem Titel nach, der übrigens unbeschadet seiner
gesellschaftlichen Geltung im Geruche eines großen Liederjahns und
unzüchtigen alten Sünders stand. Das Gespräch, dessen Gegenstand
gleichgültig ist und auch kaum festzustellen gewesen wäre, dauerte, da sich
nicht gleich eine Ablösung fand, ziemlich lange. Und plötzlich, mitten in
der Unterhaltung mit dem Prinzen, pfiff der Justizrat – flötete mit seinen
dicken Lippen eine jener sinnlos trällernden Tonfolgen, wie man sie von
sich gibt, wenn man in bedrängter Lage sorglose Unbefangenheit heucheln
möchte, worauf er durch Räuspern und Husten die lächerliche
Ungehörigkeit zu vertuschen suchte … Klaus Heinrich war solcher
Erscheinungen gewohnt und ging mit zarter Nachsicht darüber hinweg. Er
trat vielleicht in einen Laden, um auf eigene Faust irgendeinen Einkauf zu
machen, und sein Eintritt hatte etwas wie eine kleine Panik zur Folge. Er tat
seine Forderung, verlangte einen Knopf, dessen er bedurfte; aber das
Ladenfräulein verstand ihn nicht, sie blickte verwirrt, ihre Geisteskräfte
waren nur schwer auf den Knopf hinzulenken, waren ersichtlich von etwas
anderem, Außer- und Übersachlichem auf das äußerste in Anspruch
genommen – sie ließ mehreres hinfallen, warf in offenbarer Ratlosigkeit die
Schachteln durcheinander, und Klaus Heinrich hatte Mühe, sie freundlich
zu beschwichtigen.
So war, wie gesagt, seines Wesens Wirkung, und vielfach in der Stadt
wurde es als Hochmut und tadelnswerte Menschenverachtung gedeutet.
im ganzen Gala- und Paradesitzungen, verklärte Abbilder ihrer
Alltäglichkeit. Das »Du« war Vereinbarung zwischen Klaus Heinrich und
den Korpsbrüdern, als Ausdruck und Grundlage zwangsloser Gemeinschaft.
Aber die allgemeine Beobachtung war, daß es grundfalsch und gewaltsam
klang, wie man es auch damit versuchte, und daß man jeden Augenblick,
ohne es zu wollen, in die Anrede zurückfiel, in welcher Seiner Hoheit
Erwähnung geschah.
Dies war die Wirkung seines Wesens, dieser freundlich und streng
gefaßten, von keiner sachlichen Beteiligung jemals aufgelösten Haltung, die
übrigens in dem Benehmen der Personen, mit denen der Prinz in Berührung
kam, zuweilen ganz seltsame, ja komische Phänomene zeitigte. So zog er
eines Abends, in einer Soiree, die einer seiner Professoren veranstaltete,
einen Herrn ins Gespräch – einen korpulenten Mann schon vorgerückten
Alters, Justizrat seinem Titel nach, der übrigens unbeschadet seiner
gesellschaftlichen Geltung im Geruche eines großen Liederjahns und
unzüchtigen alten Sünders stand. Das Gespräch, dessen Gegenstand
gleichgültig ist und auch kaum festzustellen gewesen wäre, dauerte, da sich
nicht gleich eine Ablösung fand, ziemlich lange. Und plötzlich, mitten in
der Unterhaltung mit dem Prinzen, pfiff der Justizrat – flötete mit seinen
dicken Lippen eine jener sinnlos trällernden Tonfolgen, wie man sie von
sich gibt, wenn man in bedrängter Lage sorglose Unbefangenheit heucheln
möchte, worauf er durch Räuspern und Husten die lächerliche
Ungehörigkeit zu vertuschen suchte … Klaus Heinrich war solcher
Erscheinungen gewohnt und ging mit zarter Nachsicht darüber hinweg. Er
trat vielleicht in einen Laden, um auf eigene Faust irgendeinen Einkauf zu
machen, und sein Eintritt hatte etwas wie eine kleine Panik zur Folge. Er tat
seine Forderung, verlangte einen Knopf, dessen er bedurfte; aber das
Ladenfräulein verstand ihn nicht, sie blickte verwirrt, ihre Geisteskräfte
waren nur schwer auf den Knopf hinzulenken, waren ersichtlich von etwas
anderem, Außer- und Übersachlichem auf das äußerste in Anspruch
genommen – sie ließ mehreres hinfallen, warf in offenbarer Ratlosigkeit die
Schachteln durcheinander, und Klaus Heinrich hatte Mühe, sie freundlich
zu beschwichtigen.
So war, wie gesagt, seines Wesens Wirkung, und vielfach in der Stadt
wurde es als Hochmut und tadelnswerte Menschenverachtung gedeutet.
Page 105
Andere freilich leugneten den Hochmut, und Doktor Überbein, mit dem
man bei irgendeiner geselligen Gelegenheit darüber diskutierte, warf die
Frage auf, ob – »jederlei Veranlassung zur Menschenverachtung
bereitwillig zugegeben« – bei einer Entfernung von aller menschlichen
Wirklichkeit, wie sie in diesem Falle bestehe, Verachtung eigentlich
möglich sei. Ja, während man dies noch bedachte, stellte er in seiner
unwidersprechlich schwadronierenden Weise die Behauptung hin, daß der
Prinz die Menschen nicht nur nicht verachte, sondern sie sogar alle, auch
die minderwertigsten, dermaßen respektiere, für voll nehme, ernst nehme,
gut nehme, daß das arme überschätzte und überanstrengte
Alltagsmenschenkind nur so schwitze …
Die Gesellschaft der Universitätsstadt hatte keine Zeit, sich hierüber
schlüssig zu werden. Das Studienjahr war um, ehe man sich's versah, und
Klaus Heinrich reiste ab, kehrte dem Programm seines Lebens gemäß in die
väterliche Residenz zurück, um dort, trotz seines linken Armes, ein weiteres
Jahr lang in vollem Ernst militärischen Dienst zu leisten. Er stand sechs
Monate bei den Gardedragonern und befehligte die Herstellung von acht
Schritt Distanz zu Lanzenübungen sowie die Bildung viereckiger
Formationen, als ob es seine Sache gewesen wäre, wechselte dann die
Waffe und trat, um auch in den Infanteriedienst Einblick zu tun, zu den
Leibgrenadieren über. Er zog sogar auf die Schloßwache und kommandierte
die Ablösung – ein Vorgang, dem viel Publikum beiwohnte. Er kam, den
Stern auf der Brust, im Geschwindschritt aus der Wachtstube, stellte sich
mit gezogenem Säbel an den Flügel der Kompanie und gab nicht ganz
richtige Kommandos, was aber nicht schadete, da die braven Soldaten
dennoch die richtigen Bewegungen ausführten. Auch saß er im Kasino an
der Seite des Obersten beim Liebesmahl und verhinderte durch seine
Anwesenheit, daß die Herren ihre Uniformkragen öffneten und sich nach
Tische dem Glücksspiel überließen. Aber hierauf, nun zwanzigjährig, trat er
eine »Bildungsreise« an – nicht mehr in Gesellschaft des Doktors Überbein,
sondern in der eines militärischen Begleiters und Reisemarschalls, des
Gardehauptmanns von Braunbart-Schellendorf, eines blonden Kavaliers,
der bestimmt war, Klaus Heinrichs Adjutant zu bleiben, und dem durch
diese Reise Gelegenheit gegeben wurde, Intimität und Einfluß zu gewinnen.
Klaus Heinrich sah nicht viel auf der Bildungsreise, die ihn weit
herumführte und vom »Eilboten« eifrig verfolgt wurde. Er besuchte die
man bei irgendeiner geselligen Gelegenheit darüber diskutierte, warf die
Frage auf, ob – »jederlei Veranlassung zur Menschenverachtung
bereitwillig zugegeben« – bei einer Entfernung von aller menschlichen
Wirklichkeit, wie sie in diesem Falle bestehe, Verachtung eigentlich
möglich sei. Ja, während man dies noch bedachte, stellte er in seiner
unwidersprechlich schwadronierenden Weise die Behauptung hin, daß der
Prinz die Menschen nicht nur nicht verachte, sondern sie sogar alle, auch
die minderwertigsten, dermaßen respektiere, für voll nehme, ernst nehme,
gut nehme, daß das arme überschätzte und überanstrengte
Alltagsmenschenkind nur so schwitze …
Die Gesellschaft der Universitätsstadt hatte keine Zeit, sich hierüber
schlüssig zu werden. Das Studienjahr war um, ehe man sich's versah, und
Klaus Heinrich reiste ab, kehrte dem Programm seines Lebens gemäß in die
väterliche Residenz zurück, um dort, trotz seines linken Armes, ein weiteres
Jahr lang in vollem Ernst militärischen Dienst zu leisten. Er stand sechs
Monate bei den Gardedragonern und befehligte die Herstellung von acht
Schritt Distanz zu Lanzenübungen sowie die Bildung viereckiger
Formationen, als ob es seine Sache gewesen wäre, wechselte dann die
Waffe und trat, um auch in den Infanteriedienst Einblick zu tun, zu den
Leibgrenadieren über. Er zog sogar auf die Schloßwache und kommandierte
die Ablösung – ein Vorgang, dem viel Publikum beiwohnte. Er kam, den
Stern auf der Brust, im Geschwindschritt aus der Wachtstube, stellte sich
mit gezogenem Säbel an den Flügel der Kompanie und gab nicht ganz
richtige Kommandos, was aber nicht schadete, da die braven Soldaten
dennoch die richtigen Bewegungen ausführten. Auch saß er im Kasino an
der Seite des Obersten beim Liebesmahl und verhinderte durch seine
Anwesenheit, daß die Herren ihre Uniformkragen öffneten und sich nach
Tische dem Glücksspiel überließen. Aber hierauf, nun zwanzigjährig, trat er
eine »Bildungsreise« an – nicht mehr in Gesellschaft des Doktors Überbein,
sondern in der eines militärischen Begleiters und Reisemarschalls, des
Gardehauptmanns von Braunbart-Schellendorf, eines blonden Kavaliers,
der bestimmt war, Klaus Heinrichs Adjutant zu bleiben, und dem durch
diese Reise Gelegenheit gegeben wurde, Intimität und Einfluß zu gewinnen.
Klaus Heinrich sah nicht viel auf der Bildungsreise, die ihn weit
herumführte und vom »Eilboten« eifrig verfolgt wurde. Er besuchte die
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Höfe, stellte sich den Souveränen vor, fuhr mit Herrn von Braunbart zu
Galatafeln und erhielt bei seiner Abreise einen hohen Orden des Landes
verliehen. Er nahm die Sehenswürdigkeiten in Augenschein, die Herr von
Braunbart (der gleichfalls mehrere Orden erhielt) für ihn auswählte, und der
»Eilbote« meldete von Zeit zu Zeit, daß der Prinz sich über ein Bild, ein
Museum, ein Bauwerk gegen den führenden Direktor oder Konservator
höchst anerkennend geäußert habe. Er reiste gesondert, geschützt und
getragen von der ritterlichen Fürsorge des Herrn von Braunbart, der die
Kasse führte, und dessen frommer Eifer verhütete, daß Klaus Heinrich am
Ende der Fahrt auch nur imstande gewesen wäre, einen Koffer aufzugeben.
Zwei Worte, nicht mehr, mögen einem Zwischenspiel gewidmet sein,
welches eine Großstadt des weiteren Vaterlandes zum Schauplatz hatte und
durch Herrn von Braunbart mit aller gebotenen Sorgfalt in die Wege geleitet
wurde. Herr von Braunbart besaß in dieser Stadt einen Kameraden, welcher,
adelig, Rittmeister und Junggeselle, von seiner Seite mit einer jungen Dame
aus der Theaterwelt, einer freundwilligen und dabei zuverlässigen
Persönlichkeit, aufs engste verbunden war. Indem man, gemäß brieflicher
Vereinbarung zwischen Herrn von Braunbart und seinem Kameraden, Klaus
Heinrich mit dem Fräulein – und zwar in deren zweckdienlich
ausgestattetem Heim – zusammenführte und die Bekanntschaft unter vier
Augen sich hinlänglich vertiefen ließ, wurde auf gewissenhafte Art ein
ausdrücklich vorgesehenes Bildungsziel der Reise erreicht, ohne daß es sich
auch in diesem Falle für Klaus Heinrich um mehr als um eine beifällige
Kenntnisnahme gehandelt hätte. Das verdiente Fräulein erhielt eine
Erinnerungsgabe, und Herrn von Braunbarts Freund ward gelegentlich
dekoriert. Nichts mehr hierüber. –
Klaus Heinrich bereiste auch die schönen Länder des Südens, inkognito,
unter einem Decknamen von romanhaftem Adelsklang. Da saß er denn
wohl, allein vielleicht auf eine Viertelstunde, gekleidet in ein Zivil von
zurückhaltender Vornehmheit, unter anderen Fremden auf einer weißen
Restaurationsterrasse über einem dunkelblauen See, und es mochte
geschehen, daß man von einem anderen Tisch aus ihn beobachtete, ihn nach
der Art Reisender einzuschätzen und gesellschaftlich unterzubringen
versuchte. Was mochte er sein, dieser still und gefaßt blickende junge
Mann? Man ging die bürgerlichen Sphären durch, paßte ihn versuchsweise
in die kaufmännische, die militärische, die studentische ein. Aber es wollte
Galatafeln und erhielt bei seiner Abreise einen hohen Orden des Landes
verliehen. Er nahm die Sehenswürdigkeiten in Augenschein, die Herr von
Braunbart (der gleichfalls mehrere Orden erhielt) für ihn auswählte, und der
»Eilbote« meldete von Zeit zu Zeit, daß der Prinz sich über ein Bild, ein
Museum, ein Bauwerk gegen den führenden Direktor oder Konservator
höchst anerkennend geäußert habe. Er reiste gesondert, geschützt und
getragen von der ritterlichen Fürsorge des Herrn von Braunbart, der die
Kasse führte, und dessen frommer Eifer verhütete, daß Klaus Heinrich am
Ende der Fahrt auch nur imstande gewesen wäre, einen Koffer aufzugeben.
Zwei Worte, nicht mehr, mögen einem Zwischenspiel gewidmet sein,
welches eine Großstadt des weiteren Vaterlandes zum Schauplatz hatte und
durch Herrn von Braunbart mit aller gebotenen Sorgfalt in die Wege geleitet
wurde. Herr von Braunbart besaß in dieser Stadt einen Kameraden, welcher,
adelig, Rittmeister und Junggeselle, von seiner Seite mit einer jungen Dame
aus der Theaterwelt, einer freundwilligen und dabei zuverlässigen
Persönlichkeit, aufs engste verbunden war. Indem man, gemäß brieflicher
Vereinbarung zwischen Herrn von Braunbart und seinem Kameraden, Klaus
Heinrich mit dem Fräulein – und zwar in deren zweckdienlich
ausgestattetem Heim – zusammenführte und die Bekanntschaft unter vier
Augen sich hinlänglich vertiefen ließ, wurde auf gewissenhafte Art ein
ausdrücklich vorgesehenes Bildungsziel der Reise erreicht, ohne daß es sich
auch in diesem Falle für Klaus Heinrich um mehr als um eine beifällige
Kenntnisnahme gehandelt hätte. Das verdiente Fräulein erhielt eine
Erinnerungsgabe, und Herrn von Braunbarts Freund ward gelegentlich
dekoriert. Nichts mehr hierüber. –
Klaus Heinrich bereiste auch die schönen Länder des Südens, inkognito,
unter einem Decknamen von romanhaftem Adelsklang. Da saß er denn
wohl, allein vielleicht auf eine Viertelstunde, gekleidet in ein Zivil von
zurückhaltender Vornehmheit, unter anderen Fremden auf einer weißen
Restaurationsterrasse über einem dunkelblauen See, und es mochte
geschehen, daß man von einem anderen Tisch aus ihn beobachtete, ihn nach
der Art Reisender einzuschätzen und gesellschaftlich unterzubringen
versuchte. Was mochte er sein, dieser still und gefaßt blickende junge
Mann? Man ging die bürgerlichen Sphären durch, paßte ihn versuchsweise
in die kaufmännische, die militärische, die studentische ein. Aber es wollte
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nicht stimmen, nirgends so recht und ganz. – Man fühlte die Hoheit, aber
niemand erriet sie.
niemand erriet sie.
Page 108
Albrecht II.
Großherzog Johann Albrecht starb an einer furchtbaren Krankheit, die
etwas Nacktes und Abstraktes hatte und eigentlich mit keinem anderen
Namen als eben dem des Todes zu bezeichnen war. Es schien, als ob der
Tod, seines Besitzrechtes sicher, in diesem Falle jede Maske und
Erscheinung verschmähe und unmittelbar als er selbst, als die Auflösung an
und für sich auf den Plan trete. Es handelte sich im wesentlichen um eine
Zersetzung des Blutes, hervorgerufen durch innere Eiterungen, und eine
tiefgreifende Operation, die von dem Direktor der Universitätsklinik, einem
namhaften Chirurgen, vorgenommen wurde, konnte den fressenden Gang
der Vernichtung nicht einmal verlangsamen. Es ging schnell zum Ende, und
zwar um so schneller, als Johann Albrecht dem Tode wenig Widerstand
leistete. Er gab Zeichen eines grenzenlosen Überdrusses und äußerte sich
seinen Angehörigen und sogar den behandelnden Ärzten gegenüber
wiederholt dahin, daß er »des Ganzen« – also wohl seines fürstlichen
Daseins, seiner hohen und zur Schau gestellten Lebensführung –
sterbensmüde sei. Seine Wangenzüge, diese beiden Furchen des Hochmuts
und der Langeweile, prägten sich in seinen letzten Tagen auf entsetzlich
übertriebene, wahrhaft groteske und grimassenhafte Weise aus, um sich erst
im Tode wieder ein wenig zu glätten …
Des Großherzogs letzte Krankheit fiel in den Winter. Erbgroßherzog
Albrecht, von seinem warmen und trockenen Aufenthaltsort abberufen,
geriet in ein nasses Schneewetter, das seine Gesundheit schwer bedrohte.
Sein Bruder Klaus Heinrich unterbrach seine Bildungsreise, die sich
übrigens ohnedies ihrem Abschluß näherte, und kehrte mit Herrn von
Braunbart-Schellendorf in großen Tagereisen aus den schönen Ländern des
Südens in die Residenz zurück. Außer den beiden Prinzen-Söhnen weilten
die Großherzogin Dorothea, die Prinzessinnen Katharina und Ditlinde,
Großherzog Johann Albrecht starb an einer furchtbaren Krankheit, die
etwas Nacktes und Abstraktes hatte und eigentlich mit keinem anderen
Namen als eben dem des Todes zu bezeichnen war. Es schien, als ob der
Tod, seines Besitzrechtes sicher, in diesem Falle jede Maske und
Erscheinung verschmähe und unmittelbar als er selbst, als die Auflösung an
und für sich auf den Plan trete. Es handelte sich im wesentlichen um eine
Zersetzung des Blutes, hervorgerufen durch innere Eiterungen, und eine
tiefgreifende Operation, die von dem Direktor der Universitätsklinik, einem
namhaften Chirurgen, vorgenommen wurde, konnte den fressenden Gang
der Vernichtung nicht einmal verlangsamen. Es ging schnell zum Ende, und
zwar um so schneller, als Johann Albrecht dem Tode wenig Widerstand
leistete. Er gab Zeichen eines grenzenlosen Überdrusses und äußerte sich
seinen Angehörigen und sogar den behandelnden Ärzten gegenüber
wiederholt dahin, daß er »des Ganzen« – also wohl seines fürstlichen
Daseins, seiner hohen und zur Schau gestellten Lebensführung –
sterbensmüde sei. Seine Wangenzüge, diese beiden Furchen des Hochmuts
und der Langeweile, prägten sich in seinen letzten Tagen auf entsetzlich
übertriebene, wahrhaft groteske und grimassenhafte Weise aus, um sich erst
im Tode wieder ein wenig zu glätten …
Des Großherzogs letzte Krankheit fiel in den Winter. Erbgroßherzog
Albrecht, von seinem warmen und trockenen Aufenthaltsort abberufen,
geriet in ein nasses Schneewetter, das seine Gesundheit schwer bedrohte.
Sein Bruder Klaus Heinrich unterbrach seine Bildungsreise, die sich
übrigens ohnedies ihrem Abschluß näherte, und kehrte mit Herrn von
Braunbart-Schellendorf in großen Tagereisen aus den schönen Ländern des
Südens in die Residenz zurück. Außer den beiden Prinzen-Söhnen weilten
die Großherzogin Dorothea, die Prinzessinnen Katharina und Ditlinde,
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Prinz Lambert – ohne seine zierliche Gemahlin –, die behandelnden Ärzte
und Kammerdiener Prahl am Sterbelager, während im Nebenzimmer die
Hofstaaten und die Minister dienstlich versammelt waren. Wenn man den
Beteuerungen der Dienerschaft glauben durfte, so hatte sich in diesen
Wochen und Tagen das spukhafte Lärmen in der »Eulenkammer«
außerordentlich verstärkt. Es sollte ein Rumpeln und schütterndes Poltern
sein, das periodisch wiederkehrte und außerhalb des Gemaches nicht zu
vernehmen war.
Johann Albrechts letzte Hoheitshandlung bestand darin, daß er dem
Professor, der mit großer Meisterschaft die nutzlose Operation
vorgenommen hatte, eigenhändig seine Ernennung zum Geheimrat
überreichte. Er war furchtbar erschöpft, war »des Ganzen« müde, und sein
Bewußtsein war auch in lichteren Augenblicken durchaus nicht mehr klar;
aber er nahm den Akt mit aller Sorgfalt vor und machte eine Zeremonie
daraus. Er ließ sich ein wenig aufrichten, verbesserte, die wächserne Hand
schirmend über den Augen, die zufällige Aufstellung der Anwesenden, hieß
seine Söhne sich zu beiden Seiten des Himmelbettes stellen – und während
sein Geist bereits vagierte, sich auf unbekannten Abwegen befand, ordnete
er mit mechanischer Kunst seine Miene zum Gnadenlächeln, um dem
Professor, der nach einiger Abwesenheit ins Zimmer zurückkehrte, das
Diplom einzuhändigen …
Ganz gegen das Ende, als die Zerstörung schon das Gehirn ergriffen
hatte, machte der Großherzog einen Wunsch deutlich, der, kaum verstanden,
auch eiligst erfüllt wurde, obgleich seine Erfüllung nichts bessern konnte.
In dem Murmeln des Kranken kehrten gewisse Worte, scheinbar
zusammenhanglos, beständig wieder. Er nannte mehrere Stoffe, Seide, Atlas
und Brokat, erwähnte des Prinzen Klaus Heinrich, brauchte einen
medizinischen Fachausdruck und ließ etwas von einem Orden, dem
Albrechtskreuz dritter Klasse mit der Krone, vernehmen. Zwischendurch
fing man ganz allgemeine Wendungen auf, die sich wahrscheinlich auf des
Sterbenden fürstlichen Beruf bezogen und wie »außerordentliche
Verpflichtung« und »bequeme Mehrzahl« lauteten; dann wiederholten sich
die Stoffbezeichnungen, zu denen sich schließlich, mit stärkerer Stimme,
das Wort »Sammet« gesellte. Und da begriff man, daß der Großherzog den
Doktor Sammet zur Behandlung heranzuziehen wünsche, jenen Arzt, der
vor zwanzig Jahren bei Klaus Heinrichs Geburt zufällig auf der Grimmburg
und Kammerdiener Prahl am Sterbelager, während im Nebenzimmer die
Hofstaaten und die Minister dienstlich versammelt waren. Wenn man den
Beteuerungen der Dienerschaft glauben durfte, so hatte sich in diesen
Wochen und Tagen das spukhafte Lärmen in der »Eulenkammer«
außerordentlich verstärkt. Es sollte ein Rumpeln und schütterndes Poltern
sein, das periodisch wiederkehrte und außerhalb des Gemaches nicht zu
vernehmen war.
Johann Albrechts letzte Hoheitshandlung bestand darin, daß er dem
Professor, der mit großer Meisterschaft die nutzlose Operation
vorgenommen hatte, eigenhändig seine Ernennung zum Geheimrat
überreichte. Er war furchtbar erschöpft, war »des Ganzen« müde, und sein
Bewußtsein war auch in lichteren Augenblicken durchaus nicht mehr klar;
aber er nahm den Akt mit aller Sorgfalt vor und machte eine Zeremonie
daraus. Er ließ sich ein wenig aufrichten, verbesserte, die wächserne Hand
schirmend über den Augen, die zufällige Aufstellung der Anwesenden, hieß
seine Söhne sich zu beiden Seiten des Himmelbettes stellen – und während
sein Geist bereits vagierte, sich auf unbekannten Abwegen befand, ordnete
er mit mechanischer Kunst seine Miene zum Gnadenlächeln, um dem
Professor, der nach einiger Abwesenheit ins Zimmer zurückkehrte, das
Diplom einzuhändigen …
Ganz gegen das Ende, als die Zerstörung schon das Gehirn ergriffen
hatte, machte der Großherzog einen Wunsch deutlich, der, kaum verstanden,
auch eiligst erfüllt wurde, obgleich seine Erfüllung nichts bessern konnte.
In dem Murmeln des Kranken kehrten gewisse Worte, scheinbar
zusammenhanglos, beständig wieder. Er nannte mehrere Stoffe, Seide, Atlas
und Brokat, erwähnte des Prinzen Klaus Heinrich, brauchte einen
medizinischen Fachausdruck und ließ etwas von einem Orden, dem
Albrechtskreuz dritter Klasse mit der Krone, vernehmen. Zwischendurch
fing man ganz allgemeine Wendungen auf, die sich wahrscheinlich auf des
Sterbenden fürstlichen Beruf bezogen und wie »außerordentliche
Verpflichtung« und »bequeme Mehrzahl« lauteten; dann wiederholten sich
die Stoffbezeichnungen, zu denen sich schließlich, mit stärkerer Stimme,
das Wort »Sammet« gesellte. Und da begriff man, daß der Großherzog den
Doktor Sammet zur Behandlung heranzuziehen wünsche, jenen Arzt, der
vor zwanzig Jahren bei Klaus Heinrichs Geburt zufällig auf der Grimmburg
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zugegen gewesen war und nun seit langem in der Hauptstadt praktizierte.
Der Doktor war freilich ein Kinderarzt, aber man berief ihn doch, und er
kam: ziemlich ergraut bereits an den Schläfen, mit sorglos hängendem
Schnurrbart, auf den seine Nase allzu flach abfiel, sauber rasiert übrigens
und ein wenig wund davon an den Wangen. Seitwärts geneigten Kopfes,
eine Hand an der Uhrkette und den Ellenbogen dicht am Oberkörper, prüfte
er die Sachlage und begann sogleich, sich in tätiger Sanftmut um den hohen
Kranken zu bemühen, worüber dieser in unzweideutiger Weise seine
Befriedigung kundgab. So geschah es, daß Doktor Sammet dem
Großherzog die letzten Injektionen verabfolgen, ihm mit stützender Hand
den schweren Übergang erleichtern, vor den übrigen Ärzten ihm als
Todeshelfer beistehen durfte – eine Auszeichnung, die bei jenen Herren
wohl eine stille Gereiztheit weckte, anderseits aber zur Folge hatte, daß der
Doktor kurze Zeit danach, als der wichtige Posten vakant ward, zum
Direktor und Chefarzt des Dorotheen-Kinderhospitals ernannt wurde, in
welcher Eigenschaft er später an der Entwicklung gewisser Dinge nicht
ohne Anteil war.
So starb denn Johann Albrecht der Dritte, tat seinen letzten Seufzer in
einer Winternacht, und das Alte Schloß war feierlich erleuchtet, während er
verschied. Die strengen Furchen der Langeweile glätteten sich in seinem
Gesicht, und jeder eigenen Anspannung überhoben, durfte er sich der Form
überlassen, die zum letztenmal um ihn waltete, ihn trug, seine wächserne
Hülle noch einmal zum Mittelpunkt und Gegenstand ihrer darstellerischen
Bräuche machte … Herr von Bühl zu Bühl führte in voller Rüstigkeit die
Oberleitung der Funeralien, die in Gegenwart vieler fürstlicher Gäste
begangen wurden. Die düsteren Umständlichkeiten, diese unterschiedlichen
Aufbahrungen und Überführungen, Leichenparaden, Einsegnungen und
Gedächtnisfeiern am Katafalk, nahmen Tage in Anspruch, und acht Stunden
lang war Johann Albrechts Leiche, inmitten einer Ehrenwache, die aus zwei
Obersten, zwei Oberleutnants, zwei Feldwebeln, zwei Wachtmeistern, zwei
Unteroffizieren und zwei Kammerherren bestand, dem Publikum zur
Besichtigung ausgestellt. Dann endlich kam der Augenblick, da der
Zinksarg aus der Altarnische der Hofkirche, wo er zwischen umflorten
Kandelabern und mannshohen Kerzen paradiert hatte, von acht Lakaien in
die Vorhalle gebracht, von acht Förstern in den Mahagonisarg gestellt, von
acht Leibgrenadieren zum sechsfach bespannten und finster aufgeputzten
Der Doktor war freilich ein Kinderarzt, aber man berief ihn doch, und er
kam: ziemlich ergraut bereits an den Schläfen, mit sorglos hängendem
Schnurrbart, auf den seine Nase allzu flach abfiel, sauber rasiert übrigens
und ein wenig wund davon an den Wangen. Seitwärts geneigten Kopfes,
eine Hand an der Uhrkette und den Ellenbogen dicht am Oberkörper, prüfte
er die Sachlage und begann sogleich, sich in tätiger Sanftmut um den hohen
Kranken zu bemühen, worüber dieser in unzweideutiger Weise seine
Befriedigung kundgab. So geschah es, daß Doktor Sammet dem
Großherzog die letzten Injektionen verabfolgen, ihm mit stützender Hand
den schweren Übergang erleichtern, vor den übrigen Ärzten ihm als
Todeshelfer beistehen durfte – eine Auszeichnung, die bei jenen Herren
wohl eine stille Gereiztheit weckte, anderseits aber zur Folge hatte, daß der
Doktor kurze Zeit danach, als der wichtige Posten vakant ward, zum
Direktor und Chefarzt des Dorotheen-Kinderhospitals ernannt wurde, in
welcher Eigenschaft er später an der Entwicklung gewisser Dinge nicht
ohne Anteil war.
So starb denn Johann Albrecht der Dritte, tat seinen letzten Seufzer in
einer Winternacht, und das Alte Schloß war feierlich erleuchtet, während er
verschied. Die strengen Furchen der Langeweile glätteten sich in seinem
Gesicht, und jeder eigenen Anspannung überhoben, durfte er sich der Form
überlassen, die zum letztenmal um ihn waltete, ihn trug, seine wächserne
Hülle noch einmal zum Mittelpunkt und Gegenstand ihrer darstellerischen
Bräuche machte … Herr von Bühl zu Bühl führte in voller Rüstigkeit die
Oberleitung der Funeralien, die in Gegenwart vieler fürstlicher Gäste
begangen wurden. Die düsteren Umständlichkeiten, diese unterschiedlichen
Aufbahrungen und Überführungen, Leichenparaden, Einsegnungen und
Gedächtnisfeiern am Katafalk, nahmen Tage in Anspruch, und acht Stunden
lang war Johann Albrechts Leiche, inmitten einer Ehrenwache, die aus zwei
Obersten, zwei Oberleutnants, zwei Feldwebeln, zwei Wachtmeistern, zwei
Unteroffizieren und zwei Kammerherren bestand, dem Publikum zur
Besichtigung ausgestellt. Dann endlich kam der Augenblick, da der
Zinksarg aus der Altarnische der Hofkirche, wo er zwischen umflorten
Kandelabern und mannshohen Kerzen paradiert hatte, von acht Lakaien in
die Vorhalle gebracht, von acht Förstern in den Mahagonisarg gestellt, von
acht Leibgrenadieren zum sechsfach bespannten und finster aufgeputzten
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Leichenwagen getragen wurde, der sich unter Kanonenschüssen und
Glockengeläut nach dem Mausoleum in Bewegung setzte. Schwer von
Nässe hingen die Fahnen von der Mitte ihrer Stangen herab. Obgleich es
früh am Nachmittag war, brannten die Gaslaternen in den Straßen, die der
Leichenkondukt zurückzulegen hatte. Zwischen traurigen Dekorationen war
die Büste Johann Albrechts in den Schaufenstern ausgestellt, und die überall
feilgebotenen Postkarten mit dem Bilde des dahingeschiedenen
Repräsentanten wurden eifrig begehrt. Hinter den aufgereihten Truppen,
den Turner- und Kriegervereinen, die die Ehrengasse freihielten, stand das
Volk auf den Zehenspitzen im Schneebrei und blickte entblößten Hauptes
auf den langsam vorüberziehenden Sarg, dem kranztragende Lakaien,
Hofbeamte, die Träger der Insignien und der Hofprediger D. Wislizenus
voranschritten, und dessen silbergestickte Decke Oberhofmarschall von
Bühl, Oberhofjägermeister von Stieglitz, Generaladjutant Graf Schmettern
und Hausminister von Knobelsdorff an den Zipfeln hielten. Aber zur Seite
seines Bruders Klaus Heinrich, gleich hinter dem Leibpferd, das dem
Leichenwagen nachgeführt wurde, und an der Spitze der übrigen
Leidtragenden schritt Großherzog Albrecht der Zweite. Sein Kostüm, der
hochragende steife Federbusch vorn an seinem Pelztschako, die
Lackstulpenstiefel unter dem hellen faltigen Husarenüberrock mit dem
Trauerflor, stand ihm schlecht. Er schritt behindert unter den Blicken der
Menge, und seine Schulterblätter, ein wenig schiefstehend von Natur,
verzogen sich im Gehen auf linkisch nervöse Art. Widerwille gegen den
Zwang, bei dieser funebren Schaustellung als Erster mitwirken zu müssen,
war in seinem blassen Gesicht zu lesen. Er blickte nicht auf im Schreiten
und sog mit seiner kurzen, gerundeten Unterlippe an der oberen …
Diese Miene behielt er bei während der Kurialien des
Regierungsantrittes, die übrigens mit aller Schonung vollzogen wurden. Der
Großherzog unterzeichnete im Silbersaal der Schönen Zimmer vor den
versammelten Ministern die Eidesurkunde und verlas im Thronsaal, vor
dem geschwungenen Theatersessel unter dem Baldachin stehend, die
Thronrede, die Herr von Knobelsdorff angefertigt hatte. Die wirtschaftliche
Lage des Landes wurde darin mit Ernst und Zartsinn gestreift und die
schöne Einhelligkeit gepriesen, die trotz aller Schwierigkeiten zwischen
dem Fürsten und dem Lande herrsche – bei welcher Stelle ein höherer
Funktionär, der wahrscheinlich mit seinem Avancement nicht zufrieden war,
Glockengeläut nach dem Mausoleum in Bewegung setzte. Schwer von
Nässe hingen die Fahnen von der Mitte ihrer Stangen herab. Obgleich es
früh am Nachmittag war, brannten die Gaslaternen in den Straßen, die der
Leichenkondukt zurückzulegen hatte. Zwischen traurigen Dekorationen war
die Büste Johann Albrechts in den Schaufenstern ausgestellt, und die überall
feilgebotenen Postkarten mit dem Bilde des dahingeschiedenen
Repräsentanten wurden eifrig begehrt. Hinter den aufgereihten Truppen,
den Turner- und Kriegervereinen, die die Ehrengasse freihielten, stand das
Volk auf den Zehenspitzen im Schneebrei und blickte entblößten Hauptes
auf den langsam vorüberziehenden Sarg, dem kranztragende Lakaien,
Hofbeamte, die Träger der Insignien und der Hofprediger D. Wislizenus
voranschritten, und dessen silbergestickte Decke Oberhofmarschall von
Bühl, Oberhofjägermeister von Stieglitz, Generaladjutant Graf Schmettern
und Hausminister von Knobelsdorff an den Zipfeln hielten. Aber zur Seite
seines Bruders Klaus Heinrich, gleich hinter dem Leibpferd, das dem
Leichenwagen nachgeführt wurde, und an der Spitze der übrigen
Leidtragenden schritt Großherzog Albrecht der Zweite. Sein Kostüm, der
hochragende steife Federbusch vorn an seinem Pelztschako, die
Lackstulpenstiefel unter dem hellen faltigen Husarenüberrock mit dem
Trauerflor, stand ihm schlecht. Er schritt behindert unter den Blicken der
Menge, und seine Schulterblätter, ein wenig schiefstehend von Natur,
verzogen sich im Gehen auf linkisch nervöse Art. Widerwille gegen den
Zwang, bei dieser funebren Schaustellung als Erster mitwirken zu müssen,
war in seinem blassen Gesicht zu lesen. Er blickte nicht auf im Schreiten
und sog mit seiner kurzen, gerundeten Unterlippe an der oberen …
Diese Miene behielt er bei während der Kurialien des
Regierungsantrittes, die übrigens mit aller Schonung vollzogen wurden. Der
Großherzog unterzeichnete im Silbersaal der Schönen Zimmer vor den
versammelten Ministern die Eidesurkunde und verlas im Thronsaal, vor
dem geschwungenen Theatersessel unter dem Baldachin stehend, die
Thronrede, die Herr von Knobelsdorff angefertigt hatte. Die wirtschaftliche
Lage des Landes wurde darin mit Ernst und Zartsinn gestreift und die
schöne Einhelligkeit gepriesen, die trotz aller Schwierigkeiten zwischen
dem Fürsten und dem Lande herrsche – bei welcher Stelle ein höherer
Funktionär, der wahrscheinlich mit seinem Avancement nicht zufrieden war,
Page 112
seinem Nachbar zugeflüstert haben sollte, die Einhelligkeit bestehe darin,
daß der Fürst ebenso verschuldet sei wie das Land – ein scharfes Wort, das
vielfach weitergetragen wurde und sogar in die gehässig gesinnte Presse
gelangte … Schließlich brachte der Präsident des Landtags ein Hoch auf
den Großherzog aus, ein Gottesdienst in der Hofkirche fand statt, und dabei
hatte es sein Bewenden. Albrecht unterschrieb noch eine Verordnung, kraft
welcher eine Reihe von Geld- und Gefängnisstrafen, die für harmlosere
Straftaten, hauptsächlich Forstfrevels halber, verhängt worden waren, in
Gnaden erlassen wurden. Der feierliche Umzug durch die Stadt und die
Begrüßung im Rathause unterblieben ganz, da der Großherzog sich allzu
ermüdet fühlte. – Er wurde, Rittmeister bisher seiner militärischen Charge
nach, gelegentlich seiner Thronbesteigung sofort zum Obersten à la suite
seines Husarenregimentes befördert, legte die Uniform aber fast niemals an
und hielt sich seine soldatische Umgebung so fern als möglich. Er nahm,
vielleicht aus Pietät, keinerlei Personalwechsel vor, nicht unter den
Hofchargen und auch nicht unter den Ministern.
Das Publikum sah ihn selten. Seine stolze und schamhafte Abneigung,
sich zu zeigen, sich vorzuführen, sich grüßen zu lassen, trat vom ersten
Tage an in einem Grade hervor, der die Öffentlichkeit betrübte. Er erschien
niemals in der großen Loge des Hoftheaters. Er beteiligte sich niemals an
dem Korso im Stadtgarten. Wenn er im Alten Schloß residierte, so ließ er
sich in geschlossenem Wagen in eine entlegene und menschenleere Gegend
der Anlagen führen, wo er ausstieg, um sich ein wenig Bewegung zu
machen; und im Sommer zu Hollerbrunn trat er nur ausnahmsweise aus den
Heckengängen des Parkes hervor.
Wurde das Volk seiner ansichtig, am Albrechtstor etwa, wenn er, gehüllt
in den schweren Pelz, den schon sein Vater getragen hatte und auf dessen
dickem Kragen nun sein zartes Haupt ruhte, sein Coupé bestieg, so richteten
sich schüchterne Blicke auf ihn, und die Rufe blieben zag und ohne das
rechte Zutrauen. Denn die geringen Leute fühlten wohl, daß sie diesen
Fürsten nicht hochleben lassen und sich selbst damit meinen konnten. Sie
sahen ihn an und erkannten sich nicht in ihm wieder, dessen reine
Vornehmheit kein Merkmal ihres besonderen Schlages trug. Sie waren es
anders gewohnt. Stand nicht auf dem Albrechtsplatz noch heutigestags ein
Dienstmann, der mit seinen zu hoch sitzenden Wangenknochen und seinem
grauen Backenbart auf derbe und niedrige Art genau aussah, wie der
daß der Fürst ebenso verschuldet sei wie das Land – ein scharfes Wort, das
vielfach weitergetragen wurde und sogar in die gehässig gesinnte Presse
gelangte … Schließlich brachte der Präsident des Landtags ein Hoch auf
den Großherzog aus, ein Gottesdienst in der Hofkirche fand statt, und dabei
hatte es sein Bewenden. Albrecht unterschrieb noch eine Verordnung, kraft
welcher eine Reihe von Geld- und Gefängnisstrafen, die für harmlosere
Straftaten, hauptsächlich Forstfrevels halber, verhängt worden waren, in
Gnaden erlassen wurden. Der feierliche Umzug durch die Stadt und die
Begrüßung im Rathause unterblieben ganz, da der Großherzog sich allzu
ermüdet fühlte. – Er wurde, Rittmeister bisher seiner militärischen Charge
nach, gelegentlich seiner Thronbesteigung sofort zum Obersten à la suite
seines Husarenregimentes befördert, legte die Uniform aber fast niemals an
und hielt sich seine soldatische Umgebung so fern als möglich. Er nahm,
vielleicht aus Pietät, keinerlei Personalwechsel vor, nicht unter den
Hofchargen und auch nicht unter den Ministern.
Das Publikum sah ihn selten. Seine stolze und schamhafte Abneigung,
sich zu zeigen, sich vorzuführen, sich grüßen zu lassen, trat vom ersten
Tage an in einem Grade hervor, der die Öffentlichkeit betrübte. Er erschien
niemals in der großen Loge des Hoftheaters. Er beteiligte sich niemals an
dem Korso im Stadtgarten. Wenn er im Alten Schloß residierte, so ließ er
sich in geschlossenem Wagen in eine entlegene und menschenleere Gegend
der Anlagen führen, wo er ausstieg, um sich ein wenig Bewegung zu
machen; und im Sommer zu Hollerbrunn trat er nur ausnahmsweise aus den
Heckengängen des Parkes hervor.
Wurde das Volk seiner ansichtig, am Albrechtstor etwa, wenn er, gehüllt
in den schweren Pelz, den schon sein Vater getragen hatte und auf dessen
dickem Kragen nun sein zartes Haupt ruhte, sein Coupé bestieg, so richteten
sich schüchterne Blicke auf ihn, und die Rufe blieben zag und ohne das
rechte Zutrauen. Denn die geringen Leute fühlten wohl, daß sie diesen
Fürsten nicht hochleben lassen und sich selbst damit meinen konnten. Sie
sahen ihn an und erkannten sich nicht in ihm wieder, dessen reine
Vornehmheit kein Merkmal ihres besonderen Schlages trug. Sie waren es
anders gewohnt. Stand nicht auf dem Albrechtsplatz noch heutigestags ein
Dienstmann, der mit seinen zu hoch sitzenden Wangenknochen und seinem
grauen Backenbart auf derbe und niedrige Art genau aussah, wie der
Page 113
verstorbene Großherzog ausgesehen hatte? Und traf man nicht des Prinzen
Klaus Heinrichs Züge auf dieselbe Weise im niederen Volke wieder? Es war
nicht so mit seinem Bruder. Das Volk fand in ihm nicht sein erhöhtes
Wunschbild, in dessen Anblick es hochleben und seiner selbst hätte froh
werden können. Seine Hoheit – seine unzweifelhafte Hoheit! – war ein Adel
von allgemeiner Natur, überheimatlich und ohne das trauliche Gepräge der
Echtheit. Auch wußte er das; und das Bewußtsein seiner Hoheit zusammen
mit dem eines Mangels an volkstümlicher Echtheit, das mochte wohl seine
Scheu und seinen Hochmut ausmachen. Schon damals fing er an, die
Repräsentation nach Möglichkeit auf den Prinzen Klaus Heinrich zu
übertragen. Er schickte ihn zur Brunnenenthüllung nach Immenstadt und
zum historischen Stadtfest nach Butterburg. Ja, seine Verachtung jeder
Darstellung seiner fürstlichen Person ging so weit, daß Herr von
Knobelsdorff ihn nur mit Mühe und Not überredete, den feierlichen
Empfang der Präsidenten der beiden Kammern im Thronsaale selber
abzuhalten und nicht auch diese Schauhandlung »aus
Gesundheitsrücksichten«, wie er beabsichtigte, an seinen jüngeren Bruder
abzutreten.
Albrecht der Zweite lebte recht einsam im Alten Schloß; der Gang der
Dinge brachte das mit sich. Erstens hielt seit dem Tode Johann Albrechts
Prinz Klaus Heinrich selbständig Hof. Das war eine Forderung der Etikette,
und so hatte man ihm die »Eremitage« zum Wohnsitz ersehen, jenes
Empireschlößchen am Rande der nördlichen Vorstadt, das so verschwiegen
und anmutig-streng, aber lange unbewohnt und vernachlässigt, inmitten
seines wuchernden Parkes, der in den Stadtgarten überging, zu seinem
kleinen, von Schlamm starrenden Teich hinüberblickte. Schon um die Zeit,
da Albrecht mündig geworden war, hatte man der »Eremitage« die
notwendigste Auffrischung zuteil werden lassen und sie der Form halber
zum Erbgroßherzoglichen Palais bestimmt; aber da Albrecht sich immer
von seinem warmen und trockenen Aufenthaltsort im Sommer direkt nach
Hollerbrunn begeben hatte, so hatte er niemals von seiner Residenz
Gebrauch gemacht …
Klaus Heinrich wohnte dort ohne überschwenglichen Aufwand mit einem
Hofchef, der dem Haushalte vorstand, einem Freiherrn von Schulenburg-
Tressen, Neffen der Oberhofmeisterin. Außer dem Kammerdiener Neumann
hatte er noch zwei Lakaien zur täglichen Aufwartung; den Jäger, dessen er
Klaus Heinrichs Züge auf dieselbe Weise im niederen Volke wieder? Es war
nicht so mit seinem Bruder. Das Volk fand in ihm nicht sein erhöhtes
Wunschbild, in dessen Anblick es hochleben und seiner selbst hätte froh
werden können. Seine Hoheit – seine unzweifelhafte Hoheit! – war ein Adel
von allgemeiner Natur, überheimatlich und ohne das trauliche Gepräge der
Echtheit. Auch wußte er das; und das Bewußtsein seiner Hoheit zusammen
mit dem eines Mangels an volkstümlicher Echtheit, das mochte wohl seine
Scheu und seinen Hochmut ausmachen. Schon damals fing er an, die
Repräsentation nach Möglichkeit auf den Prinzen Klaus Heinrich zu
übertragen. Er schickte ihn zur Brunnenenthüllung nach Immenstadt und
zum historischen Stadtfest nach Butterburg. Ja, seine Verachtung jeder
Darstellung seiner fürstlichen Person ging so weit, daß Herr von
Knobelsdorff ihn nur mit Mühe und Not überredete, den feierlichen
Empfang der Präsidenten der beiden Kammern im Thronsaale selber
abzuhalten und nicht auch diese Schauhandlung »aus
Gesundheitsrücksichten«, wie er beabsichtigte, an seinen jüngeren Bruder
abzutreten.
Albrecht der Zweite lebte recht einsam im Alten Schloß; der Gang der
Dinge brachte das mit sich. Erstens hielt seit dem Tode Johann Albrechts
Prinz Klaus Heinrich selbständig Hof. Das war eine Forderung der Etikette,
und so hatte man ihm die »Eremitage« zum Wohnsitz ersehen, jenes
Empireschlößchen am Rande der nördlichen Vorstadt, das so verschwiegen
und anmutig-streng, aber lange unbewohnt und vernachlässigt, inmitten
seines wuchernden Parkes, der in den Stadtgarten überging, zu seinem
kleinen, von Schlamm starrenden Teich hinüberblickte. Schon um die Zeit,
da Albrecht mündig geworden war, hatte man der »Eremitage« die
notwendigste Auffrischung zuteil werden lassen und sie der Form halber
zum Erbgroßherzoglichen Palais bestimmt; aber da Albrecht sich immer
von seinem warmen und trockenen Aufenthaltsort im Sommer direkt nach
Hollerbrunn begeben hatte, so hatte er niemals von seiner Residenz
Gebrauch gemacht …
Klaus Heinrich wohnte dort ohne überschwenglichen Aufwand mit einem
Hofchef, der dem Haushalte vorstand, einem Freiherrn von Schulenburg-
Tressen, Neffen der Oberhofmeisterin. Außer dem Kammerdiener Neumann
hatte er noch zwei Lakaien zur täglichen Aufwartung; den Jäger, dessen er
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zu zeremoniellen Ausfahrten bedurfte, lieh ihm der Großherzogliche Hof.
Ein Kutscher und ein paar Knechte in roten Westen versahen Remise und
Stall, deren Bestand sich auf eine Chaise, ein Kupee, ein Dogcart, zwei
Reit- und zwei Wagenpferde belief. Ein Gärtner besorgte mit Hilfe zweier
Burschen den Park und den Garten, und eine Köchin nebst ihrer
Küchenmagd sowie zwei Zimmermädchen bildeten das weibliche Personal
auf Schloß »Eremitage«. Hofmarschall von Schulenburgs Sache war es, für
seinen jungen Herrn mit der Apanage hauszuhalten, die der Landtag nach
Albrechts Thronbesteigung dem Bruder des Großherzogs in einer
bedenkenvollen Sitzung bewilligt hatte. Sie betrug fünfzigtausend Mark.
Denn die Summe von achtzigtausend, welche ursprünglich gefordert
worden, hatte keinerlei Aussicht gehabt, im Landtage durchzugehen, und so
hatte man in Klaus Heinrichs Namen beizeiten einen weisen und
großmütigen Verzicht getan, der im Lande den besten Eindruck gemacht
hatte. – Jeden Winter ließ Herr von Schulenburg das Eis des Teiches
veräußern. Zweimal im Sommer ließ er die Wiesen des Parkes mähen und
das Heu verkaufen. Nach dem Mähen sahen die Wiesenflächen fast aus wie
englischer Rasen.
Ferner residierte Dorothea, die Großherzogin-Mutter, nicht mehr im
Alten Schloß, und mit ihrer Zurückgezogenheit hatte es eine traurige und
unheimliche Bewandtnis. Auch von dieser Fürstin nämlich, die der gereiste
und bewanderte Herr von Knobelsdorff gelegentlich als eine der schönsten
Frauen bezeichnet hatte, die er je gesehen, auch von ihr, deren festlicher
Anblick Glück, Herzenserhebung und Lebehochs bewirkt hatte, wann
immer sie sich den sehnsüchtigen Blicken bedrückter Alltagsmenschen
dargestellt, auch von ihr hatte die Zeit ihren Tribut gefordert. Dorothea war
gealtert, ihre kühl und streng gepflegte, berühmte, bejubelte
Vollkommenheit war während der letzten Jahre so schnell und unaufhaltsam
verwelkt, daß die Frau in ihrem Innern nicht Schritt mit dieser Wandlung zu
halten vermochte. Nichts, keine Kunst, kein Mittel, auch die lästigen und
widerlichen nicht, mit denen sie den Verfall bekämpft, hatte zu hindern
vermocht, daß der süße Glanz ihrer tiefblauen Augen erlosch, daß Ringe
von schlaffer, gelblicher Haut sich darunter bildeten, daß die wundervollen
kleinen Gruben in ihren Wangen sich zu Furchen höhlten und ihr stolzer
und herber Mund nun so scharf und mager erschien. Da aber ihr Herz streng
gewesen war wie ihre Schönheit, und auf nichts als diese Schönheit
Ein Kutscher und ein paar Knechte in roten Westen versahen Remise und
Stall, deren Bestand sich auf eine Chaise, ein Kupee, ein Dogcart, zwei
Reit- und zwei Wagenpferde belief. Ein Gärtner besorgte mit Hilfe zweier
Burschen den Park und den Garten, und eine Köchin nebst ihrer
Küchenmagd sowie zwei Zimmermädchen bildeten das weibliche Personal
auf Schloß »Eremitage«. Hofmarschall von Schulenburgs Sache war es, für
seinen jungen Herrn mit der Apanage hauszuhalten, die der Landtag nach
Albrechts Thronbesteigung dem Bruder des Großherzogs in einer
bedenkenvollen Sitzung bewilligt hatte. Sie betrug fünfzigtausend Mark.
Denn die Summe von achtzigtausend, welche ursprünglich gefordert
worden, hatte keinerlei Aussicht gehabt, im Landtage durchzugehen, und so
hatte man in Klaus Heinrichs Namen beizeiten einen weisen und
großmütigen Verzicht getan, der im Lande den besten Eindruck gemacht
hatte. – Jeden Winter ließ Herr von Schulenburg das Eis des Teiches
veräußern. Zweimal im Sommer ließ er die Wiesen des Parkes mähen und
das Heu verkaufen. Nach dem Mähen sahen die Wiesenflächen fast aus wie
englischer Rasen.
Ferner residierte Dorothea, die Großherzogin-Mutter, nicht mehr im
Alten Schloß, und mit ihrer Zurückgezogenheit hatte es eine traurige und
unheimliche Bewandtnis. Auch von dieser Fürstin nämlich, die der gereiste
und bewanderte Herr von Knobelsdorff gelegentlich als eine der schönsten
Frauen bezeichnet hatte, die er je gesehen, auch von ihr, deren festlicher
Anblick Glück, Herzenserhebung und Lebehochs bewirkt hatte, wann
immer sie sich den sehnsüchtigen Blicken bedrückter Alltagsmenschen
dargestellt, auch von ihr hatte die Zeit ihren Tribut gefordert. Dorothea war
gealtert, ihre kühl und streng gepflegte, berühmte, bejubelte
Vollkommenheit war während der letzten Jahre so schnell und unaufhaltsam
verwelkt, daß die Frau in ihrem Innern nicht Schritt mit dieser Wandlung zu
halten vermochte. Nichts, keine Kunst, kein Mittel, auch die lästigen und
widerlichen nicht, mit denen sie den Verfall bekämpft, hatte zu hindern
vermocht, daß der süße Glanz ihrer tiefblauen Augen erlosch, daß Ringe
von schlaffer, gelblicher Haut sich darunter bildeten, daß die wundervollen
kleinen Gruben in ihren Wangen sich zu Furchen höhlten und ihr stolzer
und herber Mund nun so scharf und mager erschien. Da aber ihr Herz streng
gewesen war wie ihre Schönheit, und auf nichts als diese Schönheit
Page 115
bedacht, da ihre Schönheit ihre Seele gewesen war und sie nichts gewollt
und geliebt hatte als die erhebende Wirkung dieser Schönheit, während ihr
eigenes Herz nicht hochschlug, keineswegs, für nichts und für niemanden,
so war sie nun ratlos und sehr verarmt, konnte innerlich den Übergang zu
dem neuen Zustand nicht finden und nahm Schaden an ihrem Gemüte.
Generalarzt Eschrich äußerte noch etwas von seelischer Erschütterung
infolge eines ungewöhnlich raschen Rückbildungprozesses und hatte
zweifellos auf seine Art recht mit dieser Deutung. Die traurige Tatsache war
jedenfalls, daß Dorothea schon während der letzten Lebensjahre ihres
Gemahls Merkmale tiefer geistiger Trübung und Verstörung gezeigt hatte.
Sie ward helligkeitsscheu, ordnete an, daß bei den Donnerstagkonzerten im
Marmorsaal alle Lichter rot umkleidet wurden, und bekam Zufälle, als sie
nicht durchzusetzen vermochte, daß diese Maßregel auch auf alle übrigen
Festlichkeiten, den Hofball, den intimen Ball, das Diner, die große Cour
ausgedehnt werde, da die Sonnenuntergangsstimmung im Marmorsaal
ohnedies viel Anlaß zum Gespött gegeben hatte. Sie verbrachte ganze Tage
vor ihren Spiegeln, und man beobachtete, wie sie diejenigen mit den
Händen liebkoste, die aus irgendeinem Grunde ihre Erscheinung in
günstigerem Lichte wiedergaben. Dann wieder ließ sie alle Spiegel aus
ihren Zimmern entfernen, ja, die in die Wände eingelassenen verkleiden,
legte sich ins Bett und rief nach dem Tode. Eines Tages fand Freifrau von
Schulenburg sie völlig zerstört und entzündet vom Weinen im Saal der
zwölf Monate vor dem großen Porträt, das sie auf der Höhe ihrer Schönheit
darstellte … Gleichzeitig begann eine krankhafte Menschenfurcht ihrer
Herr zu werden, und für Hof und Volk war es eine Pein, zu bemerken, wie
die Haltung dieser ehemaligen Göttin an Sicherheit verlor, ihr Auftreten
seltsam linkisch wurde und ein elender Ausdruck ihren Blick befing.
Schließlich verbarg sie sich ganz, und bei dem letzten Hofball, dem er
angewohnt, hatte Johann Albrecht statt seiner »unpäßlichen« Gemahlin
seine Schwester Katharina geführt. Sein Tod war insofern eine Erlösung für
Dorothea, als er sie aller Repräsentationspflichten enthob. Sie wählte als
Witwensitz Schloß Segenhaus, ein klösterlich anmutendes altes Jagdschloß,
das, anderthalb Stunden Wagenfahrt von der Residenz entfernt, inmitten
seines ernsten Parkes lag und von einem frommen Jagdherrn mit religiösen
und weidmännischen Emblemen in seltsamem Durcheinander geschmückt
war. Dort lebte sie, verdüstert und wunderlich, und Ausflügler konnten
manchmal von weitem beobachten, wie sie an der Seite der Freifrau von
und geliebt hatte als die erhebende Wirkung dieser Schönheit, während ihr
eigenes Herz nicht hochschlug, keineswegs, für nichts und für niemanden,
so war sie nun ratlos und sehr verarmt, konnte innerlich den Übergang zu
dem neuen Zustand nicht finden und nahm Schaden an ihrem Gemüte.
Generalarzt Eschrich äußerte noch etwas von seelischer Erschütterung
infolge eines ungewöhnlich raschen Rückbildungprozesses und hatte
zweifellos auf seine Art recht mit dieser Deutung. Die traurige Tatsache war
jedenfalls, daß Dorothea schon während der letzten Lebensjahre ihres
Gemahls Merkmale tiefer geistiger Trübung und Verstörung gezeigt hatte.
Sie ward helligkeitsscheu, ordnete an, daß bei den Donnerstagkonzerten im
Marmorsaal alle Lichter rot umkleidet wurden, und bekam Zufälle, als sie
nicht durchzusetzen vermochte, daß diese Maßregel auch auf alle übrigen
Festlichkeiten, den Hofball, den intimen Ball, das Diner, die große Cour
ausgedehnt werde, da die Sonnenuntergangsstimmung im Marmorsaal
ohnedies viel Anlaß zum Gespött gegeben hatte. Sie verbrachte ganze Tage
vor ihren Spiegeln, und man beobachtete, wie sie diejenigen mit den
Händen liebkoste, die aus irgendeinem Grunde ihre Erscheinung in
günstigerem Lichte wiedergaben. Dann wieder ließ sie alle Spiegel aus
ihren Zimmern entfernen, ja, die in die Wände eingelassenen verkleiden,
legte sich ins Bett und rief nach dem Tode. Eines Tages fand Freifrau von
Schulenburg sie völlig zerstört und entzündet vom Weinen im Saal der
zwölf Monate vor dem großen Porträt, das sie auf der Höhe ihrer Schönheit
darstellte … Gleichzeitig begann eine krankhafte Menschenfurcht ihrer
Herr zu werden, und für Hof und Volk war es eine Pein, zu bemerken, wie
die Haltung dieser ehemaligen Göttin an Sicherheit verlor, ihr Auftreten
seltsam linkisch wurde und ein elender Ausdruck ihren Blick befing.
Schließlich verbarg sie sich ganz, und bei dem letzten Hofball, dem er
angewohnt, hatte Johann Albrecht statt seiner »unpäßlichen« Gemahlin
seine Schwester Katharina geführt. Sein Tod war insofern eine Erlösung für
Dorothea, als er sie aller Repräsentationspflichten enthob. Sie wählte als
Witwensitz Schloß Segenhaus, ein klösterlich anmutendes altes Jagdschloß,
das, anderthalb Stunden Wagenfahrt von der Residenz entfernt, inmitten
seines ernsten Parkes lag und von einem frommen Jagdherrn mit religiösen
und weidmännischen Emblemen in seltsamem Durcheinander geschmückt
war. Dort lebte sie, verdüstert und wunderlich, und Ausflügler konnten
manchmal von weitem beobachten, wie sie an der Seite der Freifrau von
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Schulenburg-Tressen im Park promenierte und mit gnädiger Neigung die
Alleebäume zu beiden Seiten grüßte …
Was aber endlich Prinzessin Ditlinde betraf, so hatte sie sich,
zwanzigjährig, ein Jahr nach dem Tode ihres Vaters, vermählt. Sie reichte
ihre Hand einem Fürsten aus mediatisiertem Hause, dem Prinzen Philipp zu
Ried-Hohenried, einem nicht mehr jugendlichen, aber wohlerhaltenen,
kunstsinnigen, kleinen Herrn von vorgeschrittenen Anschauungen, der sich
längere Zeit artig um sie bemüht, seine Sache ganz persönlich betrieben und
der Prinzessin bei einem Wohltätigkeitsfest auf gut bürgerliche Art Herz
und Hand angetragen hatte. Daß diese Verbindung im Lande stürmischen
Jubel hervorrief, kann nicht gesagt werden. Sie ward mit Gelassenheit
hingenommen, sie enttäuschte wohl gar stolzere Hoffnungen, die man im
stillen für Johann Albrechts Tochter gehegt hatte, und die Krittler fanden,
wenn man diese Heirat nicht geradezu unebenbürtig nennen müsse, so sei
das alles. Daran war richtig, daß Ditlinde sich unzweifelhaft aus ihrer
Hoheitssphäre in eine ungebundenere und zivilere Lebensgegend hinabließ,
als sie – übrigens völlig unbeeinflußt von außen und aus freier Neigung –
dem Fürsten ihre Hand reichte. Dieser Standesherr war nicht nur ein
Liebhaber und Sammler von Ölgemälden, sondern auch Geschäftsmann und
Gewerbetreibender in großem Maßstabe. Das Dynastengeschlecht war seit
hundert Jahren der Landeshoheit entkleidet, aber Philipp war der erste
seines Hauses, der seinen Privatstand wirtschaftlich ungezwungen zu
nützen sich entschlossen hatte. Nachdem er seine Jugend auf Reisen
verbracht, hatte er nach einer Tätigkeit ausgeschaut, die ihm innere
Befriedigung gewähren, vor allem aber (was nötig geworden) seine
Einkünfte vermehren würde. So ward er zum Unternehmer, errichtete
Meiereien, Bierbrauereien, eine Zuckerfabrik, mehrere Sägemühlen auf
seinen Gütern und fing namentlich an, die ausgebreiteten Torflager, die
dazu gehörten, planmäßig auszubeuten. Da er all diesen Betrieben mit
Sachkenntnis und umsichtigem Geschäftsgeiste vorstand, so begannen sie
bald in Flor zu kommen und warfen Summen ab, die, wenn ihr Ursprung
nicht sehr fürstlich war, ihm jedenfalls eine fürstliche Lebensführung erst
eigentlich ermöglichten. Andrerseits mußte man den Krittlern die Frage
vorlegen, was für einer Partie sie sich nüchternerweise für die Prinzessin
hatten versehen können. Ditlinde, die ihrem Gatten beinahe nichts
mitbrachte als einen unerschöpflichen Schatz von Leibwäsche, darunter
Alleebäume zu beiden Seiten grüßte …
Was aber endlich Prinzessin Ditlinde betraf, so hatte sie sich,
zwanzigjährig, ein Jahr nach dem Tode ihres Vaters, vermählt. Sie reichte
ihre Hand einem Fürsten aus mediatisiertem Hause, dem Prinzen Philipp zu
Ried-Hohenried, einem nicht mehr jugendlichen, aber wohlerhaltenen,
kunstsinnigen, kleinen Herrn von vorgeschrittenen Anschauungen, der sich
längere Zeit artig um sie bemüht, seine Sache ganz persönlich betrieben und
der Prinzessin bei einem Wohltätigkeitsfest auf gut bürgerliche Art Herz
und Hand angetragen hatte. Daß diese Verbindung im Lande stürmischen
Jubel hervorrief, kann nicht gesagt werden. Sie ward mit Gelassenheit
hingenommen, sie enttäuschte wohl gar stolzere Hoffnungen, die man im
stillen für Johann Albrechts Tochter gehegt hatte, und die Krittler fanden,
wenn man diese Heirat nicht geradezu unebenbürtig nennen müsse, so sei
das alles. Daran war richtig, daß Ditlinde sich unzweifelhaft aus ihrer
Hoheitssphäre in eine ungebundenere und zivilere Lebensgegend hinabließ,
als sie – übrigens völlig unbeeinflußt von außen und aus freier Neigung –
dem Fürsten ihre Hand reichte. Dieser Standesherr war nicht nur ein
Liebhaber und Sammler von Ölgemälden, sondern auch Geschäftsmann und
Gewerbetreibender in großem Maßstabe. Das Dynastengeschlecht war seit
hundert Jahren der Landeshoheit entkleidet, aber Philipp war der erste
seines Hauses, der seinen Privatstand wirtschaftlich ungezwungen zu
nützen sich entschlossen hatte. Nachdem er seine Jugend auf Reisen
verbracht, hatte er nach einer Tätigkeit ausgeschaut, die ihm innere
Befriedigung gewähren, vor allem aber (was nötig geworden) seine
Einkünfte vermehren würde. So ward er zum Unternehmer, errichtete
Meiereien, Bierbrauereien, eine Zuckerfabrik, mehrere Sägemühlen auf
seinen Gütern und fing namentlich an, die ausgebreiteten Torflager, die
dazu gehörten, planmäßig auszubeuten. Da er all diesen Betrieben mit
Sachkenntnis und umsichtigem Geschäftsgeiste vorstand, so begannen sie
bald in Flor zu kommen und warfen Summen ab, die, wenn ihr Ursprung
nicht sehr fürstlich war, ihm jedenfalls eine fürstliche Lebensführung erst
eigentlich ermöglichten. Andrerseits mußte man den Krittlern die Frage
vorlegen, was für einer Partie sie sich nüchternerweise für die Prinzessin
hatten versehen können. Ditlinde, die ihrem Gatten beinahe nichts
mitbrachte als einen unerschöpflichen Schatz von Leibwäsche, darunter
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viele Dutzende gänzlich veralteter und unnützer Gegenstände, wie
Nachthauben und Halstücher, die aber ehrwürdiger Überlieferung nach zur
Brautausstattung gehörten – sie gelangte durch diese Heirat in behaglich
reiche und heitere Verhältnisse, wie sie sie von Hause aus schlechterdings
nicht gewohnt gewesen war, wobei die Empfindungen ihres Herzens noch
nicht einmal in Anschlag gebracht sind. Auch tat sie den Schritt ins
Privatleben mit offenbarer Genugtuung und Entschlossenheit und behielt
von den Äußerlichkeiten der Hoheit nichts als den Titel bei. Sie blieb in
freundschaftlichem Verkehr mit ihren Damen, nahm aber dem Verhältnis
alles Dienstliche und vermied es, ihrem Hauswesen den Charakter eines
Hofes zu geben. Das mochte wundernehmen, bei einer Grimmburgerin
überhaupt und bei Ditlinden im besonderen, mußte aber doch wohl ihren
Bedürfnissen entsprechen. Das Paar verbrachte den Sommer auf den
fürstlichen Landgütern, den Winter in der Residenz in dem schönen Palais
an der Albrechtsstraße, das Philipp zu Ried erworben hatte; und hier war es,
nicht im Alten Schloß, wo die großherzoglichen Geschwister – Klaus
Heinrich und Ditlind, zuweilen auch Albrecht – sich dann und wann zu
vertraulicher Aussprache zusammenfanden.
So geschah es, daß eines Tages zu Anfang Herbst, nicht ganz zwei Jahre
nach dem Tode Johann Albrechts, der »Eilbote«, wohlunterrichtet wie er
war, noch in seiner Abendausgabe die Nachricht brachte, heute nachmittag
hätten Seine Königliche Hoheit der Großherzog und Seine Großherzogliche
Hoheit Prinz Klaus Heinrich bei Ihrer Großherzoglichen Hoheit der Fürstin
zu Ried-Hohenried den Tee genommen. Nur diese Notiz. Es waren aber an
jenem Nachmittag zwischen den Geschwistern mehrere für die Zukunft
belangreiche Dinge besprochen worden.
Klaus Heinrich verließ gegen fünf Uhr die Eremitage. Da sonniges
Wetter herrschte, hatte er die Chaise bestellt, und das offene, braun lackierte
Gefährt, blank gewaschen, wenn auch nicht sehr neu und modisch von
Ansehen, näherte sich dreiviertel fünf Uhr, vom Stalle kommend, der mit
seinem gepflasterten Hof am rechten Flügel der Wirtschaftsgebäude
gelegen war, im Schritt auf dem breiten Kiesweg dem Schlößchen. Die
Wirtschaftsgebäude, ockerfarbene, altväterische Erdgeschoß-Baulichkeiten,
bildeten mit dem weißen und schlichten Herrenhause (wenn auch in einiger
Entfernung davon) einen ziemlich langen Trakt, dessen in regelmäßigen
Abständen mit Lorbeerbäumen gezierte Front dem schlammigen Teich und
Nachthauben und Halstücher, die aber ehrwürdiger Überlieferung nach zur
Brautausstattung gehörten – sie gelangte durch diese Heirat in behaglich
reiche und heitere Verhältnisse, wie sie sie von Hause aus schlechterdings
nicht gewohnt gewesen war, wobei die Empfindungen ihres Herzens noch
nicht einmal in Anschlag gebracht sind. Auch tat sie den Schritt ins
Privatleben mit offenbarer Genugtuung und Entschlossenheit und behielt
von den Äußerlichkeiten der Hoheit nichts als den Titel bei. Sie blieb in
freundschaftlichem Verkehr mit ihren Damen, nahm aber dem Verhältnis
alles Dienstliche und vermied es, ihrem Hauswesen den Charakter eines
Hofes zu geben. Das mochte wundernehmen, bei einer Grimmburgerin
überhaupt und bei Ditlinden im besonderen, mußte aber doch wohl ihren
Bedürfnissen entsprechen. Das Paar verbrachte den Sommer auf den
fürstlichen Landgütern, den Winter in der Residenz in dem schönen Palais
an der Albrechtsstraße, das Philipp zu Ried erworben hatte; und hier war es,
nicht im Alten Schloß, wo die großherzoglichen Geschwister – Klaus
Heinrich und Ditlind, zuweilen auch Albrecht – sich dann und wann zu
vertraulicher Aussprache zusammenfanden.
So geschah es, daß eines Tages zu Anfang Herbst, nicht ganz zwei Jahre
nach dem Tode Johann Albrechts, der »Eilbote«, wohlunterrichtet wie er
war, noch in seiner Abendausgabe die Nachricht brachte, heute nachmittag
hätten Seine Königliche Hoheit der Großherzog und Seine Großherzogliche
Hoheit Prinz Klaus Heinrich bei Ihrer Großherzoglichen Hoheit der Fürstin
zu Ried-Hohenried den Tee genommen. Nur diese Notiz. Es waren aber an
jenem Nachmittag zwischen den Geschwistern mehrere für die Zukunft
belangreiche Dinge besprochen worden.
Klaus Heinrich verließ gegen fünf Uhr die Eremitage. Da sonniges
Wetter herrschte, hatte er die Chaise bestellt, und das offene, braun lackierte
Gefährt, blank gewaschen, wenn auch nicht sehr neu und modisch von
Ansehen, näherte sich dreiviertel fünf Uhr, vom Stalle kommend, der mit
seinem gepflasterten Hof am rechten Flügel der Wirtschaftsgebäude
gelegen war, im Schritt auf dem breiten Kiesweg dem Schlößchen. Die
Wirtschaftsgebäude, ockerfarbene, altväterische Erdgeschoß-Baulichkeiten,
bildeten mit dem weißen und schlichten Herrenhause (wenn auch in einiger
Entfernung davon) einen ziemlich langen Trakt, dessen in regelmäßigen
Abständen mit Lorbeerbäumen gezierte Front dem schlammigen Teich und
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dem öffentlichen Teile des Parks zugewandt war. Der vordere Teil des
Besitzes nämlich, der in den Stadtgarten überging, war dem Verkehr,
Fußgängern und leichtem Fuhrwerk, geöffnet, und eingefriedigt nur der ein
wenig ansteigende Blumengarten, auf dessen Höhe das Schloß lag, sowie
der rückwärts gelegene und arg verwilderte Parkgrund, der durch Hecke
und Zaun gegen wüste, mit Schutt bedeckte Vorstadtwiesen abgegrenzt war.
– Der Wagen also fuhr auf dem Wege zwischen Teich und
Wirtschaftsgebäude hin, lenkte durch die hohe, mit zwei ehemals
vergoldeten Laternen geschmückte Gartenpforte, legte die Auffahrt zurück
und wartete vor der kleinen, steifen, von Lorbeerbäumen flankierten
Terrasse, die zum Gartenzimmer emporführte.
Klaus Heinrich kam wenige Minuten vor fünf Uhr heraus. Er trug wie
gewöhnlich die festsitzende Uniform eines Oberleutnants der
Leibgrenadiere und hatte den Säbelgriff über den Arm gehängt. Neumann,
in violettem Frack, dessen Ärmel zu kurz waren, lief vor ihm die Stufen
hinab und verpackte mit seinen roten Barbierhänden den
zusammengelegten grauen Mantel seines Herrn im Wagen. Dann, während
der Kutscher, die Hand am Rosettenhut, sich ein wenig seitwärts vom Bock
neigte, ordnete der Kammerdiener die leichte Wagendecke über Klaus
Heinrichs Knien und trat mit stummer Verbeugung zurück. Die Pferde
zogen an.
Draußen vor der Gartenpforte hatten sich einige Spaziergänger
aufgestellt. Sie grüßten, führten, mit emporgezogenen Brauen lächelnd, ihre
Hüte tief hinab, und Klaus Heinrich dankte ihnen, indem er seine weiß
bekleidete Rechte an den Mützenschirm legte und mehrmals lebhaft den
Kopf neigte.
Es ging am Rande unbebauten Geländes eine Birkenallee entlang, deren
Laub schon vergilbte, und dann durch die Vorstadt, zwischen ärmlichen
Wohnungen hin, auf ungepflasterten Straßen, wo Volkskinder einen
Augenblick Tonnenreifen und Kreisel ruhen ließen, um dem Gefährt mit
grüblerischen Augen nachzusehen. Einige schrien Hoch und liefen, den
Kopf gegen Klaus Heinrich gewandt, ein Stückchen neben den Rädern her.
Übrigens hätte der Wagen auch den Weg über den Quellengarten nehmen
können; aber der durch die Vorstadt war kürzer, und die Zeit drängte.
Besitzes nämlich, der in den Stadtgarten überging, war dem Verkehr,
Fußgängern und leichtem Fuhrwerk, geöffnet, und eingefriedigt nur der ein
wenig ansteigende Blumengarten, auf dessen Höhe das Schloß lag, sowie
der rückwärts gelegene und arg verwilderte Parkgrund, der durch Hecke
und Zaun gegen wüste, mit Schutt bedeckte Vorstadtwiesen abgegrenzt war.
– Der Wagen also fuhr auf dem Wege zwischen Teich und
Wirtschaftsgebäude hin, lenkte durch die hohe, mit zwei ehemals
vergoldeten Laternen geschmückte Gartenpforte, legte die Auffahrt zurück
und wartete vor der kleinen, steifen, von Lorbeerbäumen flankierten
Terrasse, die zum Gartenzimmer emporführte.
Klaus Heinrich kam wenige Minuten vor fünf Uhr heraus. Er trug wie
gewöhnlich die festsitzende Uniform eines Oberleutnants der
Leibgrenadiere und hatte den Säbelgriff über den Arm gehängt. Neumann,
in violettem Frack, dessen Ärmel zu kurz waren, lief vor ihm die Stufen
hinab und verpackte mit seinen roten Barbierhänden den
zusammengelegten grauen Mantel seines Herrn im Wagen. Dann, während
der Kutscher, die Hand am Rosettenhut, sich ein wenig seitwärts vom Bock
neigte, ordnete der Kammerdiener die leichte Wagendecke über Klaus
Heinrichs Knien und trat mit stummer Verbeugung zurück. Die Pferde
zogen an.
Draußen vor der Gartenpforte hatten sich einige Spaziergänger
aufgestellt. Sie grüßten, führten, mit emporgezogenen Brauen lächelnd, ihre
Hüte tief hinab, und Klaus Heinrich dankte ihnen, indem er seine weiß
bekleidete Rechte an den Mützenschirm legte und mehrmals lebhaft den
Kopf neigte.
Es ging am Rande unbebauten Geländes eine Birkenallee entlang, deren
Laub schon vergilbte, und dann durch die Vorstadt, zwischen ärmlichen
Wohnungen hin, auf ungepflasterten Straßen, wo Volkskinder einen
Augenblick Tonnenreifen und Kreisel ruhen ließen, um dem Gefährt mit
grüblerischen Augen nachzusehen. Einige schrien Hoch und liefen, den
Kopf gegen Klaus Heinrich gewandt, ein Stückchen neben den Rädern her.
Übrigens hätte der Wagen auch den Weg über den Quellengarten nehmen
können; aber der durch die Vorstadt war kürzer, und die Zeit drängte.
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Ditlinde war von empfindlicher Ordnungsliebe und leicht gereizt, wenn
man durch Unpünktlichkeit den Gang ihres Hauswesens störte.
Dort war das Dorotheen-Kinderhospital, das Überbeins Freund Doktor
Sammet leitete; Klaus Heinrich fuhr daran vorüber. Und dann verließ sein
Wagen die volkstümliche Gegend und gelangte in die Gartenstraße, eine
stattliche, mit Bäumen bepflanzte Avenue, an welcher die Häuser und Villen
begüterter Bürger lagen, und deren Trambahnlinie den Quellengarten mit
dem Zentrum der Stadt verband. Hier herrschte ziemlich lebhafter Verkehr,
und Klaus Heinrich war angestrengt beschäftigt, die Grüße zu erwidern, die
man ihm darbrachte. Zivilisten zogen die Hüte und blickten von unten,
Offiziere, zu Pferd und zu Fuß, erwiesen Honneur, Schutzmänner machten
Front, und Klaus Heinrich in seiner Wagenecke führte die Hand zum
Mützenschirm und dankte nach beiden Seiten mit jenem von Jugend auf
geübten Nicken und Lächeln, das bestimmt war, die Leute in ihrer
Teilnahme an seiner festlichen Persönlichkeit zu bestärken … Er hatte eine
ganz eigentümliche Art, im Wagen zu sitzen – nicht träg und bequem in den
Kissen zu lehnen, sondern beim Fahren auf ähnliche Weise beteiligt zu sein
wie beim Reiten, indem er, die Hände auf dem Säbelgriff gekreuzt und
einen Fuß etwas vorgestellt, die Unebenheiten des Bodens gleichsam
»nahm«, sich tätig den Bewegungen des schlecht federnden Wagens
anpaßte …
Die Chaise fuhr über den Albrechtsplatz, ließ das Alte Schloß mit der
präsentierenden Doppelwache zur Rechten liegen, verfolgte die
Albrechtsstraße in der Richtung gegen die Kaserne der Leibgrenadiere und
rollte zur Linken in den Hof des Fürstlich Riedschen Palais. Es war ein Bau
von intimen Verhältnissen, im Zopfstil errichtet, mit einem geschwungenen
Giebel über dem Hauptportal, umschnörkelten oeils-de-boeuf im
Zwischengeschoß, hohen Balkonfenstern in der Beletage und einer
zierlichen cour d'honneur, die von den beiden nur einstöckigen
Seitenflügeln gebildet wurde und gegen die Straße durch ein gebogenes
Gatter abgeschlossen war, auf dessen Pfeilern steinerne Putten spielten.
Aber die innere Ausstattung des Schlosses war im Gegensatz zu dem
geschichtlichen Stil seines Äußeren durchaus in einem neuzeitlichen und
behaglich-bürgerlichen Geschmack gehalten.
man durch Unpünktlichkeit den Gang ihres Hauswesens störte.
Dort war das Dorotheen-Kinderhospital, das Überbeins Freund Doktor
Sammet leitete; Klaus Heinrich fuhr daran vorüber. Und dann verließ sein
Wagen die volkstümliche Gegend und gelangte in die Gartenstraße, eine
stattliche, mit Bäumen bepflanzte Avenue, an welcher die Häuser und Villen
begüterter Bürger lagen, und deren Trambahnlinie den Quellengarten mit
dem Zentrum der Stadt verband. Hier herrschte ziemlich lebhafter Verkehr,
und Klaus Heinrich war angestrengt beschäftigt, die Grüße zu erwidern, die
man ihm darbrachte. Zivilisten zogen die Hüte und blickten von unten,
Offiziere, zu Pferd und zu Fuß, erwiesen Honneur, Schutzmänner machten
Front, und Klaus Heinrich in seiner Wagenecke führte die Hand zum
Mützenschirm und dankte nach beiden Seiten mit jenem von Jugend auf
geübten Nicken und Lächeln, das bestimmt war, die Leute in ihrer
Teilnahme an seiner festlichen Persönlichkeit zu bestärken … Er hatte eine
ganz eigentümliche Art, im Wagen zu sitzen – nicht träg und bequem in den
Kissen zu lehnen, sondern beim Fahren auf ähnliche Weise beteiligt zu sein
wie beim Reiten, indem er, die Hände auf dem Säbelgriff gekreuzt und
einen Fuß etwas vorgestellt, die Unebenheiten des Bodens gleichsam
»nahm«, sich tätig den Bewegungen des schlecht federnden Wagens
anpaßte …
Die Chaise fuhr über den Albrechtsplatz, ließ das Alte Schloß mit der
präsentierenden Doppelwache zur Rechten liegen, verfolgte die
Albrechtsstraße in der Richtung gegen die Kaserne der Leibgrenadiere und
rollte zur Linken in den Hof des Fürstlich Riedschen Palais. Es war ein Bau
von intimen Verhältnissen, im Zopfstil errichtet, mit einem geschwungenen
Giebel über dem Hauptportal, umschnörkelten oeils-de-boeuf im
Zwischengeschoß, hohen Balkonfenstern in der Beletage und einer
zierlichen cour d'honneur, die von den beiden nur einstöckigen
Seitenflügeln gebildet wurde und gegen die Straße durch ein gebogenes
Gatter abgeschlossen war, auf dessen Pfeilern steinerne Putten spielten.
Aber die innere Ausstattung des Schlosses war im Gegensatz zu dem
geschichtlichen Stil seines Äußeren durchaus in einem neuzeitlichen und
behaglich-bürgerlichen Geschmack gehalten.
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Ditlinde empfing ihren Bruder in einem großen Salon des ersten
Stockwerks mit mehreren Gruppen geschweifter Causeusen in blaßgrüner
Seide, dessen hinteres Viertel, durch schlanke Pfeiler gegen den Hauptteil
abgegrenzt, ganz und gar mit Palmen, Blumenstöcken in Metallkübeln und
farbig prangenden Blumentischen angefüllt war.
»Guten Tag, Klaus Heinrich«, sagte die Fürstin. Sie war zart und schlank,
und üppig war nur ihr aschblondes Haar, das sich ehemals gleich goldenen
Widderhörnern um ihre Ohren gelegt hatte und nun in dicken Flechten über
ihrem herzförmigen Antlitz mit den Grimmburger Wangenknochen lastete.
Sie trug ein Hauskleid aus weichem, blaugrauem Stoff mit einem spitz
ausgeschnittenen, brusttuchartigen weißen Spitzenkragen, der am Gürtel
mit einer altmodischen ovalen Brosche zusammengehalten war. Die feine
Haut ihres Gesichtes ließ da und dort, an den Schläfen, auf der Stirn, in den
Winkeln ihrer sanft und kühl blickenden blauen Augen, bläuliche Adern
und Schatten durchscheinen. Es fing an, sichtbar zu werden, daß sie guter
Hoffnung war.
»Guten Tag, Ditlinde, mit deinen Blumen!« antwortete Klaus Heinrich,
indem er sich mit zusammengezogenen Absätzen über ihre kleine, weiße,
ein wenig zu breite Hand beugte. »Wie es duftet bei dir! Und da drinnen ist
auch alles voll, wie ich sehe.«
»Ja,« sagte sie, »die Blumen hab' ich nun einmal gern. Ich habe mir
immer gewünscht, unter recht vielen Blumen wohnen zu können, lebenden,
duftenden Blumen, die ich warten könnte – so etwas wie ein heimlicher
Herzenswunsch war es, Klaus Heinrich, und eigentlich könnt' ich sagen,
daß ich mich dazu verheiratet habe, denn im Alten Schloß, da gab's keine
Blumen, wie du weißt … Das Alte Schloß und Blumen! Da hätten wir lange
stöbern können, meine ich. Rattenfallen und solches Zeug, jawohl. Und
genau besehen war das Ganze wie eine abgeschaffte Rattenfalle, so staubig
und schrecklich … bewahre …«
»Aber der Rosenstock, Ditlinde.«
»Ja, großer Gott – e i n Rosenstock. Und der steht im Reisebuch, weil
seine Rosen nach Moder duften! Und dann steht da, daß sie eines Tages
ganz natürlich und gut duften sollen wie andere Rosen. Aber das kann ich
mir gar nicht denken.«
Stockwerks mit mehreren Gruppen geschweifter Causeusen in blaßgrüner
Seide, dessen hinteres Viertel, durch schlanke Pfeiler gegen den Hauptteil
abgegrenzt, ganz und gar mit Palmen, Blumenstöcken in Metallkübeln und
farbig prangenden Blumentischen angefüllt war.
»Guten Tag, Klaus Heinrich«, sagte die Fürstin. Sie war zart und schlank,
und üppig war nur ihr aschblondes Haar, das sich ehemals gleich goldenen
Widderhörnern um ihre Ohren gelegt hatte und nun in dicken Flechten über
ihrem herzförmigen Antlitz mit den Grimmburger Wangenknochen lastete.
Sie trug ein Hauskleid aus weichem, blaugrauem Stoff mit einem spitz
ausgeschnittenen, brusttuchartigen weißen Spitzenkragen, der am Gürtel
mit einer altmodischen ovalen Brosche zusammengehalten war. Die feine
Haut ihres Gesichtes ließ da und dort, an den Schläfen, auf der Stirn, in den
Winkeln ihrer sanft und kühl blickenden blauen Augen, bläuliche Adern
und Schatten durchscheinen. Es fing an, sichtbar zu werden, daß sie guter
Hoffnung war.
»Guten Tag, Ditlinde, mit deinen Blumen!« antwortete Klaus Heinrich,
indem er sich mit zusammengezogenen Absätzen über ihre kleine, weiße,
ein wenig zu breite Hand beugte. »Wie es duftet bei dir! Und da drinnen ist
auch alles voll, wie ich sehe.«
»Ja,« sagte sie, »die Blumen hab' ich nun einmal gern. Ich habe mir
immer gewünscht, unter recht vielen Blumen wohnen zu können, lebenden,
duftenden Blumen, die ich warten könnte – so etwas wie ein heimlicher
Herzenswunsch war es, Klaus Heinrich, und eigentlich könnt' ich sagen,
daß ich mich dazu verheiratet habe, denn im Alten Schloß, da gab's keine
Blumen, wie du weißt … Das Alte Schloß und Blumen! Da hätten wir lange
stöbern können, meine ich. Rattenfallen und solches Zeug, jawohl. Und
genau besehen war das Ganze wie eine abgeschaffte Rattenfalle, so staubig
und schrecklich … bewahre …«
»Aber der Rosenstock, Ditlinde.«
»Ja, großer Gott – e i n Rosenstock. Und der steht im Reisebuch, weil
seine Rosen nach Moder duften! Und dann steht da, daß sie eines Tages
ganz natürlich und gut duften sollen wie andere Rosen. Aber das kann ich
mir gar nicht denken.«
Page 121
»Du wirst nun bald«, sagte er und sah sie lächelnd an, »etwas noch
Besseres zu warten haben, kleine Ditlinde, als deine Blumen.«
»Ja,« sagte sie und errötete rasch und schwach, »ja, Klaus Heinrich, d a s
kann ich mir nun freilich a u c h nicht denken. Und doch wird es sein, wenn
es Gott gefällt. Aber komm herein. Wir wollen nun wieder einmal
beieinander sitzen …«
Das Zimmer, auf dessen Schwelle sie geplaudert hatten, war klein im
Verhältnis zu seiner Höhe, mit einem graublauen Teppich versehen und
ausgestattet mit anmutig geformten und silbergrau lackierten Möbeln, deren
Sitze blasse Seidenbezüge zeigten. Ein Lüster aus milchigem Porzellan hing
von dem weiß umschnörkelten Mittelpunkt der Decke herab, und die
Wände waren mit Ölbildern von verschiedener Größe geschmückt,
Erwerbungen des Fürsten Philipp, lichterfüllten Studien im neuen
Geschmack, die weiße Ziegen in der Sonne, Federvieh in der Sonne,
besonnte Wiesen und bäuerliche Menschen mit blinzelnden, von der Sonne
gesprenkelten Gesichtern zur Anschauung brachten. Der dünnbeinige
Damensekretär beim weiß verhangenen Fenster war bedeckt mit hundert
peinlich geordneten Sächelchen, Nippes, Schreibutensilien und mehreren
zierlichen Notizblocks – denn die Fürstin war gewohnt, sich über alle ihre
Pflichten und Absichten sorgfältige und übersichtliche Notizen zu
machen –, vorm Tintenfaß lag offen ein Wirtschaftsbuch, daran Ditlinde
augenscheinlich soeben gearbeitet hatte, und neben dem Schreibtisch war
an der Wand ein kleiner, mit seidenen Schleifen verzierter Abreißkalender
befestigt, unter dessen gedruckter Tagesangabe der Bleistiftvermerk zu
lesen war: »5 Uhr: meine Brüder«. Gegenüber der weißen Flügeltür zum
Empfangssalon war zwischen der Sofabank und einem Halbkreis von
Stühlen der ovale Tisch mit zartem Damast und einem blauseidenen Läufer
gedeckt; das blumige Teegeschirr, ein Aufsatz mit Konfekt, längliche
Schalen mit Zuckergebäck und winzigen Butterbrötchen waren in
ebenmäßiger Anordnung darauf verteilt, und seitwärts dampfte auf einem
Glastischchen über seiner Spiritusflamme der silberne Teekessel. Aber
überall, in den Vasen auf dem Schreibtisch, dem Teetisch, dem Spiegeltisch,
dem Glasschrank voll Porzellanfiguretten, dem Tischchen neben der weißen
Chaiselongue, waren Blumen, und ein Blumentisch voller Topfgewächse
stand zum Überfluß auch hier vor dem Fenster.
Besseres zu warten haben, kleine Ditlinde, als deine Blumen.«
»Ja,« sagte sie und errötete rasch und schwach, »ja, Klaus Heinrich, d a s
kann ich mir nun freilich a u c h nicht denken. Und doch wird es sein, wenn
es Gott gefällt. Aber komm herein. Wir wollen nun wieder einmal
beieinander sitzen …«
Das Zimmer, auf dessen Schwelle sie geplaudert hatten, war klein im
Verhältnis zu seiner Höhe, mit einem graublauen Teppich versehen und
ausgestattet mit anmutig geformten und silbergrau lackierten Möbeln, deren
Sitze blasse Seidenbezüge zeigten. Ein Lüster aus milchigem Porzellan hing
von dem weiß umschnörkelten Mittelpunkt der Decke herab, und die
Wände waren mit Ölbildern von verschiedener Größe geschmückt,
Erwerbungen des Fürsten Philipp, lichterfüllten Studien im neuen
Geschmack, die weiße Ziegen in der Sonne, Federvieh in der Sonne,
besonnte Wiesen und bäuerliche Menschen mit blinzelnden, von der Sonne
gesprenkelten Gesichtern zur Anschauung brachten. Der dünnbeinige
Damensekretär beim weiß verhangenen Fenster war bedeckt mit hundert
peinlich geordneten Sächelchen, Nippes, Schreibutensilien und mehreren
zierlichen Notizblocks – denn die Fürstin war gewohnt, sich über alle ihre
Pflichten und Absichten sorgfältige und übersichtliche Notizen zu
machen –, vorm Tintenfaß lag offen ein Wirtschaftsbuch, daran Ditlinde
augenscheinlich soeben gearbeitet hatte, und neben dem Schreibtisch war
an der Wand ein kleiner, mit seidenen Schleifen verzierter Abreißkalender
befestigt, unter dessen gedruckter Tagesangabe der Bleistiftvermerk zu
lesen war: »5 Uhr: meine Brüder«. Gegenüber der weißen Flügeltür zum
Empfangssalon war zwischen der Sofabank und einem Halbkreis von
Stühlen der ovale Tisch mit zartem Damast und einem blauseidenen Läufer
gedeckt; das blumige Teegeschirr, ein Aufsatz mit Konfekt, längliche
Schalen mit Zuckergebäck und winzigen Butterbrötchen waren in
ebenmäßiger Anordnung darauf verteilt, und seitwärts dampfte auf einem
Glastischchen über seiner Spiritusflamme der silberne Teekessel. Aber
überall, in den Vasen auf dem Schreibtisch, dem Teetisch, dem Spiegeltisch,
dem Glasschrank voll Porzellanfiguretten, dem Tischchen neben der weißen
Chaiselongue, waren Blumen, und ein Blumentisch voller Topfgewächse
stand zum Überfluß auch hier vor dem Fenster.
Page 122
Dies Zimmer, abseits und im Winkel zu der Flucht der Empfangsräume
gelegen, war Ditlindens Kabinett, ihr Boudoir, der Raum, in dem sie ganz
enge Nachmittagsempfänge gab und eigenhändig den Tee zu bereiten
pflegte. Klaus Heinrich sah ihr zu, wie sie die Kanne mit heißem Wasser
spülte und mit einem silbernen Löffelchen Tee hineinschüttete.
»Und Albrecht … wird er kommen?« fragte er mit unwillkürlich
gedämpfter Stimme …
»Ich hoffe es«, sagte sie, indem sie sich aufmerksam über die kristallene
Teebüchse beugte, wie um nichts zu verschütten (und auch er vermied es,
sie anzusehen). »Ich habe ihn natürlich gebeten, Klaus Heinrich, aber du
weißt, er kann sich nicht binden. Es hängt von seinem Befinden ab, ob er
kommt … Ich mache nun erst einmal unsern Tee, denn Albrecht bekommt
seine Milch … Übrigens kann es sein, daß auch Jettchen heute ein bißchen
vorspricht. Es wird dich freuen, sie wiederzusehen. Das lebhafte Ding weiß
immer so viel zu erzählen …«
Mit »Jettchen« war ein Fräulein von Isenschnibbe gemeint, der Fürstin
vertraute Dame und Freundin. Sie standen seit Kindestagen auf du und du.
»Und immer gerüstet?« sagte Ditlinde, indem sie den gefüllten Teetopf
auf den Untersatz stellte und ihren Bruder betrachtete … »Immer in
Uniform, Klaus Heinrich?«
Er stand mit geschlossenen Absätzen und rieb seine linke Hand, die an
Kälte litt, in der Höhe der Brust mit der Rechten.
»Ja, Ditlinde, ich habe es gern so, es ist mir lieber. Es sitzt so fest, weißt
du, und man ist angezogen. Außerdem ist es billiger, denn eine ordentliche
Zivilgarderobe läuft, glaube ich, schrecklich ins Geld, und Schulenburg
klagt ohnedies beständig, daß alles so teuer wird. So komm ich mit zwei,
drei Röcken aus und kann mich mit Ehren sogar bei meinen reichen
Verwandten sehen lassen …«
»Reiche Verwandte!« lachte Ditlinde. »Ja, damit hat es noch gute Weile,
Klaus Heinrich!«
Sie setzten sich an den Teetisch, Ditlinde auf die Sofabank, Klaus
Heinrich auf einen Stuhl gegenüber dem Fenster.
gelegen, war Ditlindens Kabinett, ihr Boudoir, der Raum, in dem sie ganz
enge Nachmittagsempfänge gab und eigenhändig den Tee zu bereiten
pflegte. Klaus Heinrich sah ihr zu, wie sie die Kanne mit heißem Wasser
spülte und mit einem silbernen Löffelchen Tee hineinschüttete.
»Und Albrecht … wird er kommen?« fragte er mit unwillkürlich
gedämpfter Stimme …
»Ich hoffe es«, sagte sie, indem sie sich aufmerksam über die kristallene
Teebüchse beugte, wie um nichts zu verschütten (und auch er vermied es,
sie anzusehen). »Ich habe ihn natürlich gebeten, Klaus Heinrich, aber du
weißt, er kann sich nicht binden. Es hängt von seinem Befinden ab, ob er
kommt … Ich mache nun erst einmal unsern Tee, denn Albrecht bekommt
seine Milch … Übrigens kann es sein, daß auch Jettchen heute ein bißchen
vorspricht. Es wird dich freuen, sie wiederzusehen. Das lebhafte Ding weiß
immer so viel zu erzählen …«
Mit »Jettchen« war ein Fräulein von Isenschnibbe gemeint, der Fürstin
vertraute Dame und Freundin. Sie standen seit Kindestagen auf du und du.
»Und immer gerüstet?« sagte Ditlinde, indem sie den gefüllten Teetopf
auf den Untersatz stellte und ihren Bruder betrachtete … »Immer in
Uniform, Klaus Heinrich?«
Er stand mit geschlossenen Absätzen und rieb seine linke Hand, die an
Kälte litt, in der Höhe der Brust mit der Rechten.
»Ja, Ditlinde, ich habe es gern so, es ist mir lieber. Es sitzt so fest, weißt
du, und man ist angezogen. Außerdem ist es billiger, denn eine ordentliche
Zivilgarderobe läuft, glaube ich, schrecklich ins Geld, und Schulenburg
klagt ohnedies beständig, daß alles so teuer wird. So komm ich mit zwei,
drei Röcken aus und kann mich mit Ehren sogar bei meinen reichen
Verwandten sehen lassen …«
»Reiche Verwandte!« lachte Ditlinde. »Ja, damit hat es noch gute Weile,
Klaus Heinrich!«
Sie setzten sich an den Teetisch, Ditlinde auf die Sofabank, Klaus
Heinrich auf einen Stuhl gegenüber dem Fenster.
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»Reiche Verwandte!« wiederholte sie, und man sah, wie der Gegenstand
sie erwärmte. »Nein, weit gefehlt, wie sollten wir reich sein, wo doch das
Barvermögen gering ist und alles in den Unternehmungen steckt, Klaus
Heinrich. Und die sind jung und im Werden, sind allesamt noch im
Wachstum begriffen, wie mein guter Philipp sagt, und werden wohl erst
unsern Nachkommen die vollen Früchte tragen. Aber es geht vorwärts, so
viel ist wahr, und ich halte Ordnung in der Wirtschaft …«
»Ja, das tust du, Ditlinde, Ordnung hältst du!«
»… halte Ordnung und schreibe alles auf und passe auf die Leute, und
bei allem Aufwand, den man der Welt schuldet, bringt man alljährlich was
Ansehnliches auf die Seite und denkt an die Kinder. Und mein guter Philipp
… Er läßt dich grüßen, Klaus Heinrich, ich vergaß das, er bedauert herzlich,
heute nicht anwesend sein zu können … Da sind wir nun kaum von
Hohenried zurück, und er ist schon wieder unterwegs, in Geschäften, auf
den Gütern – so klein und zart von Natur, wie er ist, aber wenn es um
seinen Torf und seine Sägemühlen geht, so bekommt er rote Backen, und er
sagt selbst, daß er viel gesünder geworden ist, seitdem er so viel zu tun
hat …«
»Sagt er das?« fragte Klaus Heinrich, und in seine Augen kam etwas
Trübes, während er geradeaus über den Blumentisch hin auf das helle
Fenster blickte … »Ja, ich kann es mir ganz gut denken, daß es
gewissermaßen anregend wirken muß, so recht tüchtig beschäftigt zu sein.
Bei mir im Park sind nun auch wieder die Wiesen gemäht, zum zweitenmal
dieses Jahr, und es macht mir Spaß, zu sehen, wie das Heu zu regelrechten
Hügeln aufgebaut wird, mit einem Stock mitten durch, daß es aussieht wie
ein Lager von kleinen Indianerhütten, oder so ähnlich, und dann wird
Schulenburg es verkaufen. Aber das ist natürlich nicht zu vergleichen …«
»Ach, du!« sagte Ditlinde und drückte das Kinn auf die Brust. »Mit dir
ist es doch etwas anderes, Klaus Heinrich! Der nächste am Thron! Du bist
doch zu anderen Dingen berufen, sollte ich denken. Bewahre! Freu' du dich
deiner Beliebtheit bei den Leuten …«
Sie schwiegen eine Weile.
sie erwärmte. »Nein, weit gefehlt, wie sollten wir reich sein, wo doch das
Barvermögen gering ist und alles in den Unternehmungen steckt, Klaus
Heinrich. Und die sind jung und im Werden, sind allesamt noch im
Wachstum begriffen, wie mein guter Philipp sagt, und werden wohl erst
unsern Nachkommen die vollen Früchte tragen. Aber es geht vorwärts, so
viel ist wahr, und ich halte Ordnung in der Wirtschaft …«
»Ja, das tust du, Ditlinde, Ordnung hältst du!«
»… halte Ordnung und schreibe alles auf und passe auf die Leute, und
bei allem Aufwand, den man der Welt schuldet, bringt man alljährlich was
Ansehnliches auf die Seite und denkt an die Kinder. Und mein guter Philipp
… Er läßt dich grüßen, Klaus Heinrich, ich vergaß das, er bedauert herzlich,
heute nicht anwesend sein zu können … Da sind wir nun kaum von
Hohenried zurück, und er ist schon wieder unterwegs, in Geschäften, auf
den Gütern – so klein und zart von Natur, wie er ist, aber wenn es um
seinen Torf und seine Sägemühlen geht, so bekommt er rote Backen, und er
sagt selbst, daß er viel gesünder geworden ist, seitdem er so viel zu tun
hat …«
»Sagt er das?« fragte Klaus Heinrich, und in seine Augen kam etwas
Trübes, während er geradeaus über den Blumentisch hin auf das helle
Fenster blickte … »Ja, ich kann es mir ganz gut denken, daß es
gewissermaßen anregend wirken muß, so recht tüchtig beschäftigt zu sein.
Bei mir im Park sind nun auch wieder die Wiesen gemäht, zum zweitenmal
dieses Jahr, und es macht mir Spaß, zu sehen, wie das Heu zu regelrechten
Hügeln aufgebaut wird, mit einem Stock mitten durch, daß es aussieht wie
ein Lager von kleinen Indianerhütten, oder so ähnlich, und dann wird
Schulenburg es verkaufen. Aber das ist natürlich nicht zu vergleichen …«
»Ach, du!« sagte Ditlinde und drückte das Kinn auf die Brust. »Mit dir
ist es doch etwas anderes, Klaus Heinrich! Der nächste am Thron! Du bist
doch zu anderen Dingen berufen, sollte ich denken. Bewahre! Freu' du dich
deiner Beliebtheit bei den Leuten …«
Sie schwiegen eine Weile.
Page 124
»Und du, Ditlinde,« sagte er dann, »nicht wahr, dir geht es ebenfalls gut
und besser als früher, da müßt' ich mich täuschen. Ich sage nicht, daß du
rote Backen bekommen hast, wie Philipp von seinem Torf; ein bißchen
durchsichtig warst du ja immer und bist du geblieben. Aber du hast einen
frischen Ausdruck, wie? Ich habe noch nie gefragt, seit du verheiratet bist,
aber ich glaube, man kann getrost sein in Hinsicht auf dich.«
Sie saß in friedlicher Haltung, die Arme leicht unter der Brust
verschränkt.
»Ja,« sagte sie, »mir ist wohl, Klaus Heinrich, du hast recht gesehen, und
das wäre Undank, wollt' ich mich nicht zu meinem Glücke bekennen. Siehst
du, ich weiß sehr gut, daß manche Leute im Land enttäuscht sind von
meiner Heirat und sagen, ich hätte mich vertan und sei hinabgestiegen und
was noch alles. Und solche Leute sind gar nicht weit zu suchen, denn
Bruder Albrecht, das weißt du so gut wie ich, im Herzen verachtet er
meinen guten Philipp und mich dazu und kann ihn nicht leiden und nennt
ihn bei sich einen Händler und Bürgersmann. Aber das kann mich nicht
kümmern, denn ich habe es gewollt und habe Philipps Hand genommen –
ergriffen würd' ich sagen, wenn es nicht so wild klänge –, habe sie
genommen, weil sie warm und gut war und sich bot, mich aus dem Alten
Schlosse herauszuführen. Denn wenn ich daran zurückdenke, an das Alte
Schloß und das Leben darin, wie ich es ohne den guten Philipp wohl immer
fortgeführt hätte, dann graust mir, Klaus Heinrich, und ich fühle, daß ich es
nicht ertragen hätte und wirr und wunderlich geworden wäre wie die arme
Mama. Ich bin ein bißchen zart von Natur, wie du weißt, ich wäre ganz
einfach zugrunde gegangen, in so viel Öde und Traurigkeit, und als der gute
Philipp kam, da dacht' ich: das ist deine Rettung. Und wenn die Leute
sagen, daß ich eine schlechte Prinzessin bin, weil ich gewissermaßen
abgedankt habe und hierhergeflüchtet bin, wo es ein bißchen wärmer und
freundlicher ist, und wenn sie sagen, daß es mir an Würdegefühl oder
Hoheitsbewußtsein, oder wie sie es nennen, gebricht, dann sind sie dumm
und unwissend, Klaus Heinrich, denn ich habe zuviel, ich habe im
Gegenteile zuviel davon, das ist die Sache, sonst hätte das Alte Schloß mir
nicht solche Angst gemacht, und das sollte Albrecht verstehen können, denn
er hat auch zuviel davon auf seine Art – wir Grimmburger haben alle zuviel
davon, und darum sieht es zuweilen aus, als hätten wir zuwenig. Und
manchmal, wenn Philipp unterwegs ist, so wie jetzt, und ich hier sitze, unter
und besser als früher, da müßt' ich mich täuschen. Ich sage nicht, daß du
rote Backen bekommen hast, wie Philipp von seinem Torf; ein bißchen
durchsichtig warst du ja immer und bist du geblieben. Aber du hast einen
frischen Ausdruck, wie? Ich habe noch nie gefragt, seit du verheiratet bist,
aber ich glaube, man kann getrost sein in Hinsicht auf dich.«
Sie saß in friedlicher Haltung, die Arme leicht unter der Brust
verschränkt.
»Ja,« sagte sie, »mir ist wohl, Klaus Heinrich, du hast recht gesehen, und
das wäre Undank, wollt' ich mich nicht zu meinem Glücke bekennen. Siehst
du, ich weiß sehr gut, daß manche Leute im Land enttäuscht sind von
meiner Heirat und sagen, ich hätte mich vertan und sei hinabgestiegen und
was noch alles. Und solche Leute sind gar nicht weit zu suchen, denn
Bruder Albrecht, das weißt du so gut wie ich, im Herzen verachtet er
meinen guten Philipp und mich dazu und kann ihn nicht leiden und nennt
ihn bei sich einen Händler und Bürgersmann. Aber das kann mich nicht
kümmern, denn ich habe es gewollt und habe Philipps Hand genommen –
ergriffen würd' ich sagen, wenn es nicht so wild klänge –, habe sie
genommen, weil sie warm und gut war und sich bot, mich aus dem Alten
Schlosse herauszuführen. Denn wenn ich daran zurückdenke, an das Alte
Schloß und das Leben darin, wie ich es ohne den guten Philipp wohl immer
fortgeführt hätte, dann graust mir, Klaus Heinrich, und ich fühle, daß ich es
nicht ertragen hätte und wirr und wunderlich geworden wäre wie die arme
Mama. Ich bin ein bißchen zart von Natur, wie du weißt, ich wäre ganz
einfach zugrunde gegangen, in so viel Öde und Traurigkeit, und als der gute
Philipp kam, da dacht' ich: das ist deine Rettung. Und wenn die Leute
sagen, daß ich eine schlechte Prinzessin bin, weil ich gewissermaßen
abgedankt habe und hierhergeflüchtet bin, wo es ein bißchen wärmer und
freundlicher ist, und wenn sie sagen, daß es mir an Würdegefühl oder
Hoheitsbewußtsein, oder wie sie es nennen, gebricht, dann sind sie dumm
und unwissend, Klaus Heinrich, denn ich habe zuviel, ich habe im
Gegenteile zuviel davon, das ist die Sache, sonst hätte das Alte Schloß mir
nicht solche Angst gemacht, und das sollte Albrecht verstehen können, denn
er hat auch zuviel davon auf seine Art – wir Grimmburger haben alle zuviel
davon, und darum sieht es zuweilen aus, als hätten wir zuwenig. Und
manchmal, wenn Philipp unterwegs ist, so wie jetzt, und ich hier sitze, unter
Page 125
meinen Blumen und Philipps Bildern mit all ihrer Sonne – nur gut, daß es
gemalte Sonne ist, denn bewahre! sonst müßte man Schutzvorkehrungen
treffen – und alles ist ordentlich und nett, und ich denke an das Bessere, wie
du es nennst, das ich nun bald zu warten haben werde, dann komme ich mir
vor wie die kleine Meernixe in dem Märchen, das Madame aus der Schweiz
uns vorlas, wenn du dich erinnerst – die eines Menschen Frau wurde und
Beine erhielt statt ihres Fischschwanzes … Ich weiß nicht, ob du mich
verstehst …«
»O ja, Ditlinde, doch, ich verstehe dich ausgezeichnet. Und ich bin
herzlich froh, daß alles sich so gut und glücklich für dich gefügt hat. Denn
es ist gefährlich, will ich dir sagen, es ist meiner Erfahrung nach schwer für
uns, auf eine angemessene Art glücklich zu werden. Man gerät so bald auf
Irrwege und wird mißverstanden, denn das Schlimme ist, daß eigentlich
niemand unsere Würde hütet, wenn wir es nicht selber tun, und dann artet
alles so leicht in Schimpf und Schande aus … Aber wo ist der richtige Weg?
Du hast ihn gefunden. Mich haben sie auch neulich in den Zeitungen
verlobt gesagt, mit unserer Cousine Griseldis. Das war ein Versuchsballon,
wie sie es nennen, und es scheint ihnen wohl an der Zeit. Aber Griseldis ist
ein törichtes Mädchen und halbtot vor Bleichsucht und sagt immer nur ›jä‹,
soweit ich sie kenne. Ich denke gar nicht an sie, und Knobelsdorff, Gott sei
Dank, auch nicht. Die Nachricht ist ja auch gleich als unbegründet
bezeichnet worden … Jetzt kommt Albrecht!« sagte er und stand auf.
Man hatte draußen gehüstelt. Ein Diener in olivengrüner Livree öffnete
mit einer raschen, festen und lautlosen Bewegung seiner beiden Arme die
Flügeltür und meldete mit gesenkter Stimme: »Seine Königliche Hoheit,
der Herr Großherzog.«
Dann trat er in Verbeugung zur Seite. Albrecht kam durch den großen
Salon.
Er hatte die hundert Schritte vom Alten Schlosse hierher in
geschlossenem Wagen, den Jäger auf dem Bocke, zurückgelegt. Er war in
Zivil wie fast immer, trug einen geschlossenen Gehrock mit kleinen
Atlasaufschlägen und Lackstiefel an seinen schmalen Füßen. Seit seiner
Thronbesteigung hatte er sich einen Spitzbart wachsen lassen. Sein
kurzgeschnittenes blondes Haar trat in zwei Buchten von seinen feinen,
gemalte Sonne ist, denn bewahre! sonst müßte man Schutzvorkehrungen
treffen – und alles ist ordentlich und nett, und ich denke an das Bessere, wie
du es nennst, das ich nun bald zu warten haben werde, dann komme ich mir
vor wie die kleine Meernixe in dem Märchen, das Madame aus der Schweiz
uns vorlas, wenn du dich erinnerst – die eines Menschen Frau wurde und
Beine erhielt statt ihres Fischschwanzes … Ich weiß nicht, ob du mich
verstehst …«
»O ja, Ditlinde, doch, ich verstehe dich ausgezeichnet. Und ich bin
herzlich froh, daß alles sich so gut und glücklich für dich gefügt hat. Denn
es ist gefährlich, will ich dir sagen, es ist meiner Erfahrung nach schwer für
uns, auf eine angemessene Art glücklich zu werden. Man gerät so bald auf
Irrwege und wird mißverstanden, denn das Schlimme ist, daß eigentlich
niemand unsere Würde hütet, wenn wir es nicht selber tun, und dann artet
alles so leicht in Schimpf und Schande aus … Aber wo ist der richtige Weg?
Du hast ihn gefunden. Mich haben sie auch neulich in den Zeitungen
verlobt gesagt, mit unserer Cousine Griseldis. Das war ein Versuchsballon,
wie sie es nennen, und es scheint ihnen wohl an der Zeit. Aber Griseldis ist
ein törichtes Mädchen und halbtot vor Bleichsucht und sagt immer nur ›jä‹,
soweit ich sie kenne. Ich denke gar nicht an sie, und Knobelsdorff, Gott sei
Dank, auch nicht. Die Nachricht ist ja auch gleich als unbegründet
bezeichnet worden … Jetzt kommt Albrecht!« sagte er und stand auf.
Man hatte draußen gehüstelt. Ein Diener in olivengrüner Livree öffnete
mit einer raschen, festen und lautlosen Bewegung seiner beiden Arme die
Flügeltür und meldete mit gesenkter Stimme: »Seine Königliche Hoheit,
der Herr Großherzog.«
Dann trat er in Verbeugung zur Seite. Albrecht kam durch den großen
Salon.
Er hatte die hundert Schritte vom Alten Schlosse hierher in
geschlossenem Wagen, den Jäger auf dem Bocke, zurückgelegt. Er war in
Zivil wie fast immer, trug einen geschlossenen Gehrock mit kleinen
Atlasaufschlägen und Lackstiefel an seinen schmalen Füßen. Seit seiner
Thronbesteigung hatte er sich einen Spitzbart wachsen lassen. Sein
kurzgeschnittenes blondes Haar trat in zwei Buchten von seinen feinen,
Page 126
eingedrückten Schläfen zurück. Sein Gang war ein linkisches und dennoch
unbeschreiblich vornehmes Stolzieren, wobei seine Schulterblätter sich auf
befangene Art verzogen. Er trug den Kopf zurückgelehnt und schob seine
kurze, gerundete Unterlippe empor, indem er leicht damit an der oberen
sog.
Die Fürstin ging ihm bis zur Schwelle entgegen. Da er die Bewegung des
Handkusses scheute, so reichte er ihr einfach mit einem leisen, fast
geflüsterten Grußwort die Hand – seine magere, kalte Hand von seltsam
empfindlichem Ausdruck, die er dicht an der Brust ausstreckte, ohne auch
nur den Unterarm vom Körper zu lösen. Dann begrüßte er auf dieselbe Art
seinen Bruder Klaus Heinrich, der ihn mit geschlossenen Absätzen vor
seinem Stuhle erwartet hatte – und sagte nichts mehr.
Ditlinde redete. »Das ist liebenswürdig, Albrecht, daß du kommst. Es
geht dir also gut? Du siehst vorzüglich aus. Philipp läßt dir sein Bedauern
ausdrücken, heute abwesend sein zu müssen. Bitte, nimm Platz, wo es dir
am besten gefällt, zum Beispiel hier, mir gegenüber. Der Stuhl ist ziemlich
bequem, du hast ihn das letztemal auch gehabt. Ich habe einstweilen
unseren Tee gemacht. Du bekommst sogleich deine Milch …«
»Danke«, sagte er leise. »Ich muß um Entschuldigung bitten … ich habe
mich verspätet. Du weißt, wenn der Weg am kürzesten ist … Und dann muß
ich nachmittags liegen … Wir werden unter uns bleiben?«
»Ganz unter uns, Albrecht. Höchstens, daß Jettchen Isenschnibbe ein
bißchen vorspricht, wenn es dir nicht unangenehm ist …«
»Ah?«
»Aber ich kann mich ebensogut verleugnen lassen.«
»Oh, bitte …«
Man servierte die heiße Milch. Albrecht umfaßte das hohe, dicke,
gebuckelte Glas mit beiden Händen.
»Ah, etwas Wärme«, sagte er. »Wie es schon kalt ist hierzulande. Und
den ganzen Sommer habe ich in Hollerbrunn gefroren. Ihr habt noch nicht
geheizt? Ich habe schon heizen lassen. Andererseits leide ich unter dem
unbeschreiblich vornehmes Stolzieren, wobei seine Schulterblätter sich auf
befangene Art verzogen. Er trug den Kopf zurückgelehnt und schob seine
kurze, gerundete Unterlippe empor, indem er leicht damit an der oberen
sog.
Die Fürstin ging ihm bis zur Schwelle entgegen. Da er die Bewegung des
Handkusses scheute, so reichte er ihr einfach mit einem leisen, fast
geflüsterten Grußwort die Hand – seine magere, kalte Hand von seltsam
empfindlichem Ausdruck, die er dicht an der Brust ausstreckte, ohne auch
nur den Unterarm vom Körper zu lösen. Dann begrüßte er auf dieselbe Art
seinen Bruder Klaus Heinrich, der ihn mit geschlossenen Absätzen vor
seinem Stuhle erwartet hatte – und sagte nichts mehr.
Ditlinde redete. »Das ist liebenswürdig, Albrecht, daß du kommst. Es
geht dir also gut? Du siehst vorzüglich aus. Philipp läßt dir sein Bedauern
ausdrücken, heute abwesend sein zu müssen. Bitte, nimm Platz, wo es dir
am besten gefällt, zum Beispiel hier, mir gegenüber. Der Stuhl ist ziemlich
bequem, du hast ihn das letztemal auch gehabt. Ich habe einstweilen
unseren Tee gemacht. Du bekommst sogleich deine Milch …«
»Danke«, sagte er leise. »Ich muß um Entschuldigung bitten … ich habe
mich verspätet. Du weißt, wenn der Weg am kürzesten ist … Und dann muß
ich nachmittags liegen … Wir werden unter uns bleiben?«
»Ganz unter uns, Albrecht. Höchstens, daß Jettchen Isenschnibbe ein
bißchen vorspricht, wenn es dir nicht unangenehm ist …«
»Ah?«
»Aber ich kann mich ebensogut verleugnen lassen.«
»Oh, bitte …«
Man servierte die heiße Milch. Albrecht umfaßte das hohe, dicke,
gebuckelte Glas mit beiden Händen.
»Ah, etwas Wärme«, sagte er. »Wie es schon kalt ist hierzulande. Und
den ganzen Sommer habe ich in Hollerbrunn gefroren. Ihr habt noch nicht
geheizt? Ich habe schon heizen lassen. Andererseits leide ich unter dem
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Ofengeruch. Alle Öfen riechen. Von Bühl verspricht mir jeden Herbst die
Zentralheizung für das Alte Schloß. Aber es scheint nicht tunlich.«
»Armer Albrecht«, sagte Ditlinde. »Um diese Jahreszeit warst du schon
immer im Süden, solange Papa noch lebte. Du mußt Sehnsucht haben.«
»Dein Mitgefühl ehrt dich, meine gute Ditlinde«, antwortete er, immer
sehr leise und ein wenig lispelnd. »Aber wir müssen einsehen, daß ich nicht
abkömmlich bin. Ich muß bekanntlich das Land regieren, dazu bin ich da.
Heute habe ich die gnädigste Entschließung gefaßt, zu gestatten, daß
irgendein Staatsbürger – es tut mir leid, seinen Namen vergessen zu haben –
einen fremden Orden annimmt und trägt. Ferner habe ich ein Telegramm an
die Jahresversammlung der Gartenbaugesellschaft abgehen lassen, worin
ich das Ehrenpräsidium dieser Gesellschaft annehme und mein Wort
verpfände, ihre Bestrebungen auf alle Weise zu fördern – ohne daß ich
freilich wüßte, was ich außer dem Telegramm noch zur Förderung beitragen
soll, denn die Herren besorgen ihre Angelegenheiten ganz gut allein.
Außerdem habe ich geruht, die Wahl eines gewissen braven Mannes zum
Bürgermeister meiner guten Stadt Siebenberge zu bestätigen – wobei sich
fragen ließe, ob dieser Untertan durch meine Bestätigung ein besserer
Bürgermeister wird, als er ohne sie sein würde …«
»Nun ja, Albrecht, das sind Kleinigkeiten!« sagte Ditlinde. »Ich bin
überzeugt, daß dir wichtigere Geschäfte vorgelegen haben …«
»Oh, unbedingt. Ich habe meinen Minister für Finanzen und
Landwirtschaft bei mir gesehen. Es war an der Zeit. Doktor Krippenreuther
hätte es mir bitter übelgenommen, wenn ich ihn nicht wieder einmal
befohlen hätte. Er ist summarisch verfahren und hat mir zur Übersicht über
mehrere untereinander verwandte Gegenstände auf einmal Vortrag gehalten,
über die Ernte, über die neuen Grundsätze für die Aufstellung des Budgets,
über die Steuerreform, mit der er beschäftigt ist. Die Ernte soll schlecht
gewesen sein. Die Bauern sind von Mißwachs und Wetterschäden betroffen
worden, und darum sind nicht nur sie, sondern auch Krippenreuther übel
daran, denn die Steuerkraft des Landes, sagt er, ist wieder einmal
beeinträchtigt. Außerdem hat es leider in einem und dem anderen
Silberbergwerk Katastrophen gegeben. Die Betriebe stehen, sagt
Krippenreuther, sie sind erträgnislos, und die Wiederherstellung wird große
Zentralheizung für das Alte Schloß. Aber es scheint nicht tunlich.«
»Armer Albrecht«, sagte Ditlinde. »Um diese Jahreszeit warst du schon
immer im Süden, solange Papa noch lebte. Du mußt Sehnsucht haben.«
»Dein Mitgefühl ehrt dich, meine gute Ditlinde«, antwortete er, immer
sehr leise und ein wenig lispelnd. »Aber wir müssen einsehen, daß ich nicht
abkömmlich bin. Ich muß bekanntlich das Land regieren, dazu bin ich da.
Heute habe ich die gnädigste Entschließung gefaßt, zu gestatten, daß
irgendein Staatsbürger – es tut mir leid, seinen Namen vergessen zu haben –
einen fremden Orden annimmt und trägt. Ferner habe ich ein Telegramm an
die Jahresversammlung der Gartenbaugesellschaft abgehen lassen, worin
ich das Ehrenpräsidium dieser Gesellschaft annehme und mein Wort
verpfände, ihre Bestrebungen auf alle Weise zu fördern – ohne daß ich
freilich wüßte, was ich außer dem Telegramm noch zur Förderung beitragen
soll, denn die Herren besorgen ihre Angelegenheiten ganz gut allein.
Außerdem habe ich geruht, die Wahl eines gewissen braven Mannes zum
Bürgermeister meiner guten Stadt Siebenberge zu bestätigen – wobei sich
fragen ließe, ob dieser Untertan durch meine Bestätigung ein besserer
Bürgermeister wird, als er ohne sie sein würde …«
»Nun ja, Albrecht, das sind Kleinigkeiten!« sagte Ditlinde. »Ich bin
überzeugt, daß dir wichtigere Geschäfte vorgelegen haben …«
»Oh, unbedingt. Ich habe meinen Minister für Finanzen und
Landwirtschaft bei mir gesehen. Es war an der Zeit. Doktor Krippenreuther
hätte es mir bitter übelgenommen, wenn ich ihn nicht wieder einmal
befohlen hätte. Er ist summarisch verfahren und hat mir zur Übersicht über
mehrere untereinander verwandte Gegenstände auf einmal Vortrag gehalten,
über die Ernte, über die neuen Grundsätze für die Aufstellung des Budgets,
über die Steuerreform, mit der er beschäftigt ist. Die Ernte soll schlecht
gewesen sein. Die Bauern sind von Mißwachs und Wetterschäden betroffen
worden, und darum sind nicht nur sie, sondern auch Krippenreuther übel
daran, denn die Steuerkraft des Landes, sagt er, ist wieder einmal
beeinträchtigt. Außerdem hat es leider in einem und dem anderen
Silberbergwerk Katastrophen gegeben. Die Betriebe stehen, sagt
Krippenreuther, sie sind erträgnislos, und die Wiederherstellung wird große
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Summen verschlingen. Ich habe das alles mit einer passenden Miene
angehört und getan, was ich tun konnte, indem ich meinem Kummer über
soviel Mißgeschick Ausdruck gab. Hierauf habe ich die Frage erörtern
hören, ob die Kosten der notwendigen Neubauten für die Rentämter und für
die Behörden der Forst- und Zoll- und Steuerverwaltung auf den
ordentlichen oder den außerordentlichen Etat zu setzen sind, habe mehreres
von Progressionsskala und Kapitalrentensteuer und Wandergewerbssteuer
und Entlastung der notleidenden Landwirtschaft und Belastung der Städte
aufgefangen und hatte im ganzen den Eindruck, daß Krippenreuther seine
Sache verstünde. Ich selbst verstehe natürlich so gut wie gar nichts davon,
was Krippenreuther auch weiß und billigt, und so habe ich denn ›ja, ja‹ und
›freilich wohl‹ und ›ich danke Ihnen‹ gesagt und habe alles gehen lassen, so
gut es kann.«
»Du sprichst so bitter, Albrecht.«
»Nein, ich will euch etwas sagen, was mir heute während
Krippenreuthers Vortrag eingefallen ist. Hier in der Stadt lebt ein Mann, ein
kleiner Rentner mit einer Warzennase. Jedes Kind kennt ihn und ruft
juchhe, wenn es ihn sieht, er heißt Fimmelgottlieb, denn er ist nicht ganz
bei Troste, einen Nachnamen hat er schon lange nicht mehr. Er ist überall
dabei, wo etwas los ist, obgleich seine Narrheit ihn außerhalb aller
ernsthaften Beziehungen stellt, hat eine Rose im Knopfloch und trägt seinen
Hut auf der Spitze seines Spazierstockes herum. Ein paarmal am Tage, um
die Zeit, wenn ein Zug abfahren soll, geht er auf den Bahnhof, beklopft die
Räder, inspiziert das Gepäck und macht sich wichtig. Wenn dann der Mann
mit der roten Mütze das Zeichen gibt, winkt Fimmelgottlieb dem
Lokomotivführer mit der Hand, und der Zug geht ab. Aber Fimmelgottlieb
bildet sich ein, daß der Zug auf sein Winken hin abgeht. Das bin ich. Ich
winke, und der Zug geht ab. Aber er ginge auch ohne mich ab, und daß ich
winke, ist nichts als Affentheater. Ich habe es satt …«
Die Geschwister schwiegen. Ditlinde sah bekümmert in ihren Schoß, und
Klaus Heinrich blickte, indem er an seinem kleinen bogenförmigen
Schnurrbart zupfte, zwischen ihr und dem Großherzog hindurch auf das
helle Fenster.
angehört und getan, was ich tun konnte, indem ich meinem Kummer über
soviel Mißgeschick Ausdruck gab. Hierauf habe ich die Frage erörtern
hören, ob die Kosten der notwendigen Neubauten für die Rentämter und für
die Behörden der Forst- und Zoll- und Steuerverwaltung auf den
ordentlichen oder den außerordentlichen Etat zu setzen sind, habe mehreres
von Progressionsskala und Kapitalrentensteuer und Wandergewerbssteuer
und Entlastung der notleidenden Landwirtschaft und Belastung der Städte
aufgefangen und hatte im ganzen den Eindruck, daß Krippenreuther seine
Sache verstünde. Ich selbst verstehe natürlich so gut wie gar nichts davon,
was Krippenreuther auch weiß und billigt, und so habe ich denn ›ja, ja‹ und
›freilich wohl‹ und ›ich danke Ihnen‹ gesagt und habe alles gehen lassen, so
gut es kann.«
»Du sprichst so bitter, Albrecht.«
»Nein, ich will euch etwas sagen, was mir heute während
Krippenreuthers Vortrag eingefallen ist. Hier in der Stadt lebt ein Mann, ein
kleiner Rentner mit einer Warzennase. Jedes Kind kennt ihn und ruft
juchhe, wenn es ihn sieht, er heißt Fimmelgottlieb, denn er ist nicht ganz
bei Troste, einen Nachnamen hat er schon lange nicht mehr. Er ist überall
dabei, wo etwas los ist, obgleich seine Narrheit ihn außerhalb aller
ernsthaften Beziehungen stellt, hat eine Rose im Knopfloch und trägt seinen
Hut auf der Spitze seines Spazierstockes herum. Ein paarmal am Tage, um
die Zeit, wenn ein Zug abfahren soll, geht er auf den Bahnhof, beklopft die
Räder, inspiziert das Gepäck und macht sich wichtig. Wenn dann der Mann
mit der roten Mütze das Zeichen gibt, winkt Fimmelgottlieb dem
Lokomotivführer mit der Hand, und der Zug geht ab. Aber Fimmelgottlieb
bildet sich ein, daß der Zug auf sein Winken hin abgeht. Das bin ich. Ich
winke, und der Zug geht ab. Aber er ginge auch ohne mich ab, und daß ich
winke, ist nichts als Affentheater. Ich habe es satt …«
Die Geschwister schwiegen. Ditlinde sah bekümmert in ihren Schoß, und
Klaus Heinrich blickte, indem er an seinem kleinen bogenförmigen
Schnurrbart zupfte, zwischen ihr und dem Großherzog hindurch auf das
helle Fenster.
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»Ich kann dir ganz gut folgen, Albrecht,« sagte er nach einer Weile,
»obgleich es ja recht hart von dir ist, daß du dich und uns mit
Fimmelgottlieb vergleichst. Siehst du, ich verstehe natürlich auch nichts
von Progressionsskala und Wandergewerbssteuer und Torfstecherei, und da
gibt es noch so vieles, wovon ich nichts verstehe – alles, was man sich
vorstellt, wenn man sagt: das Elend in der Welt –, Hunger und Not, nicht
wahr, und Kampf ums Dasein, wie man es nennt, und Krieg und
Krankenhausgraus und alles das. Ich habe nichts davon gesehen und
gespürt, ausgenommen den Tod selbst, als Papa starb, und das war auch
wohl nicht der Tod, wie er sein kann, denn es war eher erbaulich, und das
ganze Schloß war erleuchtet. Und zuweilen schäme ich mich, daß ich mir
niemals den Wind habe um die Nase wehen lassen. Aber dann sage ich mir
auch wieder, daß ich es nicht bequem habe, gar nicht bequem, obgleich ich
doch auf der Menschheit Höhen wandle, wie die Leute es ausdrücken, oder
gerade deshalb, und daß ich auf meine Art des Lebens Strenge, sein
schmallippiges Antlitz, wenn du mir die Redensart erlauben willst,
vielleicht besser kenne als mancher, der sich auf Progressionsskala oder
sonst irgendein einzelnes Gebiet versteht. Und darauf kommt es an,
Albrecht, daß man es nicht bequem hat – darauf kommt alles an, wenn ich
dir das erwidern darf, und damit ist man gerechtfertigt. Und da die Leute
juchhe rufen, wenn sie mich sehen, so müssen sie doch wohl wissen,
warum, und mein Leben muß irgendeinen Sinn haben, obgleich ich
außerhalb aller ernsthaften Beziehungen stehe, wie du so ausgezeichnet
sagtest. Und deines erst recht. Du winkst zwar nur zu dem, was geschieht,
aber die Leute wollen doch, daß du winkst, und wenn du ihr Wollen und
Wünschen nicht wirklich regierst, so drückst du es doch aus und stellst es
vor und machst es anschaulich, und das ist vielleicht nicht so wenig …«
Albrecht saß am Tische, ohne sich anzulehnen. Er hielt seine mageren
Hände von seltsam empfindlichem Ausdruck auf der Tischkante vor dem
hohen, zur Hälfte geleerten Glase Milch gekreuzt und die Lider gesenkt,
indem er mit der Unterlippe an der oberen sog. Er antwortete leise: »Ich
wundere mich nicht, daß ein so beliebter Prinz wie du mit seinem Lose
einverstanden ist. Ich für mein Teil lehne es ab, irgend jemand anders
auszudrücken und vorzustellen als mich selbst – ich lehne es ab, sage ich,
und ich stelle dir frei, zu denken, daß mir die Trauben zu hoch hängen. Die
Wahrheit ist, daß mir am Juchhe der Leute so wenig liegt, als nur einer
»obgleich es ja recht hart von dir ist, daß du dich und uns mit
Fimmelgottlieb vergleichst. Siehst du, ich verstehe natürlich auch nichts
von Progressionsskala und Wandergewerbssteuer und Torfstecherei, und da
gibt es noch so vieles, wovon ich nichts verstehe – alles, was man sich
vorstellt, wenn man sagt: das Elend in der Welt –, Hunger und Not, nicht
wahr, und Kampf ums Dasein, wie man es nennt, und Krieg und
Krankenhausgraus und alles das. Ich habe nichts davon gesehen und
gespürt, ausgenommen den Tod selbst, als Papa starb, und das war auch
wohl nicht der Tod, wie er sein kann, denn es war eher erbaulich, und das
ganze Schloß war erleuchtet. Und zuweilen schäme ich mich, daß ich mir
niemals den Wind habe um die Nase wehen lassen. Aber dann sage ich mir
auch wieder, daß ich es nicht bequem habe, gar nicht bequem, obgleich ich
doch auf der Menschheit Höhen wandle, wie die Leute es ausdrücken, oder
gerade deshalb, und daß ich auf meine Art des Lebens Strenge, sein
schmallippiges Antlitz, wenn du mir die Redensart erlauben willst,
vielleicht besser kenne als mancher, der sich auf Progressionsskala oder
sonst irgendein einzelnes Gebiet versteht. Und darauf kommt es an,
Albrecht, daß man es nicht bequem hat – darauf kommt alles an, wenn ich
dir das erwidern darf, und damit ist man gerechtfertigt. Und da die Leute
juchhe rufen, wenn sie mich sehen, so müssen sie doch wohl wissen,
warum, und mein Leben muß irgendeinen Sinn haben, obgleich ich
außerhalb aller ernsthaften Beziehungen stehe, wie du so ausgezeichnet
sagtest. Und deines erst recht. Du winkst zwar nur zu dem, was geschieht,
aber die Leute wollen doch, daß du winkst, und wenn du ihr Wollen und
Wünschen nicht wirklich regierst, so drückst du es doch aus und stellst es
vor und machst es anschaulich, und das ist vielleicht nicht so wenig …«
Albrecht saß am Tische, ohne sich anzulehnen. Er hielt seine mageren
Hände von seltsam empfindlichem Ausdruck auf der Tischkante vor dem
hohen, zur Hälfte geleerten Glase Milch gekreuzt und die Lider gesenkt,
indem er mit der Unterlippe an der oberen sog. Er antwortete leise: »Ich
wundere mich nicht, daß ein so beliebter Prinz wie du mit seinem Lose
einverstanden ist. Ich für mein Teil lehne es ab, irgend jemand anders
auszudrücken und vorzustellen als mich selbst – ich lehne es ab, sage ich,
und ich stelle dir frei, zu denken, daß mir die Trauben zu hoch hängen. Die
Wahrheit ist, daß mir am Juchhe der Leute so wenig liegt, als nur einer
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Seele daran liegen kann. Ich meine nicht meinen Körper. Man ist schwach –
irgend etwas in einem dehnt sich bei Applaus und krümmt sich bei kaltem
Schweigen. Aber mit meiner Vernunft stehe ich über aller Beliebtheit und
Unbeliebtheit. Ich weiß, was die Volkstümlichkeit wäre, wenn sie käme. Ein
Irrtum über meine Person. Und damit zuckt man die Achseln bei dem
Gedanken an das Händeklatschen fremder Leute. Einem anderen – dir –
mag das hinter sich gefühlte Volk Hochgefühl verschaffen. Mir verzeih, daß
ich zu vernünftig für solche geheimnisvollen Glücksgefühle bin – und zu
reinlichkeitsliebend auch wohl, wenn du mir den Ausdruck nachsehen
willst. Diese Art Glück riecht nicht gut, wie mir scheint. Auf jeden Fall bin
ich dem Volke fremd. Ich gebe ihm nichts – was könnte es mir geben? Mit
dir … oh, das ist etwas anderes. Hunderttausende, die dir gleichen, danken
dir dafür, daß sie sich in dir wiedererkennen. Du könntest wohl lachen,
wenn du wolltest. Die Gefahr besteht für dich höchstens darin, daß du allzu
wohlig in deiner Volkstümlichkeit untertauchst und endlich dennoch
bequemen Sinnes wirst, obgleich du das heut von der Hand weist …«
»Nein, Albrecht, ich glaube das nicht. Ich glaube nicht, daß ich diese
Gefahr laufe.«
»Desto besser werden wir einander verstehen. Ich bevorzuge im ganzen
nicht die starken Ausdrücke. Aber die Popularität ist eine Schweinerei.«
»Sonderbar, Albrecht. Sonderbar, daß du das Wort gebrauchst. Die
Fasanen gebrauchten es immer, meine Mitzöglinge, die jungen Adeligen,
weißt du, auf Schloß ›Fasanerie‹. Ich weiß, was du bist. Du bist ein
Aristokrat, das ist die Sache.«
»Du meinst? Du irrst dich. Ich bin kein Aristokrat, ich bin das Gegenteil,
aus Vernunft und aus Geschmack. Du wirst zulassen müssen, daß ich das
Juchhe der Menge nicht aus Dünkel verschmähe, sondern aus Neigung zur
Menschlichkeit und zur Güte. Es ist ein erbärmliches Ding um menschliche
Hoheit, und mir scheint, daß alle Menschen das einsehen müßten, daß alle
sich menschlich und gütig gegeneinander verhalten und einander nicht
erniedrigen und beschämen sollten. Ohne Scham den Hokuspokus der
Hoheit mit sich treiben zu lassen, dazu muß wohl eine dicke Haut gehören.
Ich bin ein bißchen zart von Natur, ich fühle mich der Lächerlichkeit meiner
Lage nicht gewachsen. Jeder Lakai, der sich an der Tür aufpflanzt und mir
irgend etwas in einem dehnt sich bei Applaus und krümmt sich bei kaltem
Schweigen. Aber mit meiner Vernunft stehe ich über aller Beliebtheit und
Unbeliebtheit. Ich weiß, was die Volkstümlichkeit wäre, wenn sie käme. Ein
Irrtum über meine Person. Und damit zuckt man die Achseln bei dem
Gedanken an das Händeklatschen fremder Leute. Einem anderen – dir –
mag das hinter sich gefühlte Volk Hochgefühl verschaffen. Mir verzeih, daß
ich zu vernünftig für solche geheimnisvollen Glücksgefühle bin – und zu
reinlichkeitsliebend auch wohl, wenn du mir den Ausdruck nachsehen
willst. Diese Art Glück riecht nicht gut, wie mir scheint. Auf jeden Fall bin
ich dem Volke fremd. Ich gebe ihm nichts – was könnte es mir geben? Mit
dir … oh, das ist etwas anderes. Hunderttausende, die dir gleichen, danken
dir dafür, daß sie sich in dir wiedererkennen. Du könntest wohl lachen,
wenn du wolltest. Die Gefahr besteht für dich höchstens darin, daß du allzu
wohlig in deiner Volkstümlichkeit untertauchst und endlich dennoch
bequemen Sinnes wirst, obgleich du das heut von der Hand weist …«
»Nein, Albrecht, ich glaube das nicht. Ich glaube nicht, daß ich diese
Gefahr laufe.«
»Desto besser werden wir einander verstehen. Ich bevorzuge im ganzen
nicht die starken Ausdrücke. Aber die Popularität ist eine Schweinerei.«
»Sonderbar, Albrecht. Sonderbar, daß du das Wort gebrauchst. Die
Fasanen gebrauchten es immer, meine Mitzöglinge, die jungen Adeligen,
weißt du, auf Schloß ›Fasanerie‹. Ich weiß, was du bist. Du bist ein
Aristokrat, das ist die Sache.«
»Du meinst? Du irrst dich. Ich bin kein Aristokrat, ich bin das Gegenteil,
aus Vernunft und aus Geschmack. Du wirst zulassen müssen, daß ich das
Juchhe der Menge nicht aus Dünkel verschmähe, sondern aus Neigung zur
Menschlichkeit und zur Güte. Es ist ein erbärmliches Ding um menschliche
Hoheit, und mir scheint, daß alle Menschen das einsehen müßten, daß alle
sich menschlich und gütig gegeneinander verhalten und einander nicht
erniedrigen und beschämen sollten. Ohne Scham den Hokuspokus der
Hoheit mit sich treiben zu lassen, dazu muß wohl eine dicke Haut gehören.
Ich bin ein bißchen zart von Natur, ich fühle mich der Lächerlichkeit meiner
Lage nicht gewachsen. Jeder Lakai, der sich an der Tür aufpflanzt und mir
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zumutet, an ihm vorüberzugehen, ohne ihn mehr zu beachten, mehr zu
achten als den Türpfosten, setzt mich in Verlegenheit. Das ist meine Art von
Volksfreundlichkeit …«
»Ja, Albrecht, das ist wahr. Es ist manchmal gar nicht leicht, mit guter
Miene an so einem Gesellen vorüberzugehen. Die Lakaien! Wenn man nicht
wüßte, daß es Kujone sind! Saubere Dinge weiß man von ihnen …«
»Was für Dinge?«
»Oh, man tut immerhin seine Einblicke …«
»Bewahre!« sagte Ditlinde. »Davon wollen wir nichts wissen. Ihr sprecht
von so allgemeinen Fragen, und ich hatte gedacht, daß wir heute nachmittag
ein paar Punkte besprechen wollten, die ich mir aufgeschrieben habe …
Willst du so freundlich sein, Klaus Heinrich, mir den Notizblock in blauem
Leder dort auf dem Schreibtisch zu reichen?… Ich danke dir sehr. Hier habe
ich alles, was ich mir merken muß, sowohl was den Hausstand, als was
andere Dinge betrifft. Wie das wohltut, alles so schwarz auf weiß übersehen
zu können! Mein Kopf ist entschieden schwach, er kann nichts
beisammenhalten, und wenn ich nicht Ordnung hielte und mir alles notierte,
so müßte ich am Leben verzweifeln. Erstens, Albrecht, und eh ich's
vergesse, so wollte ich dich aufmerksam machen, daß du bei der Cour am
ersten November Tante Katharina führen mußt – unmöglich kannst du
umhin. Ich trete zurück, ich war es beim letzten Hofball, und Tante
Katharina würde schrecklich verstimmt … Habe ich deine Einwilligung?
Gut, dann streiche ich diesen Punkt … Zweitens, Klaus Heinrich, wollte ich
dich bitten, beim Waisenkinder-Bazar im Rathaus am fünfzehnten ein
wenig acte de présence zu machen. Ich habe das Protektorat, und du
siehst, ich nehme es ernst. Du brauchst nichts zu kaufen … einen
Taschenkamm … Kurz, nur, daß du dich zehn Minuten lang zeigst. Es ist
für die Waisenkinder … Willst du kommen? Siehst du, so kann ich wieder
etwas durchstreichen. Drittens …«
Aber die Fürstin wurde unterbrochen. Fräulein von Isenschnibbe, die
Hofdame, ließ sich melden und trippelte augenblicklich durch den großen
Salon herein, wobei ihre Federboa sich im Luftzuge sträubte und der Rand
ihres enormen Federhutes auf und nieder wippte. Aus ihren Kleidern
strömte der Geruch der frischen Luft von draußen. Sie war klein, aschblond,
achten als den Türpfosten, setzt mich in Verlegenheit. Das ist meine Art von
Volksfreundlichkeit …«
»Ja, Albrecht, das ist wahr. Es ist manchmal gar nicht leicht, mit guter
Miene an so einem Gesellen vorüberzugehen. Die Lakaien! Wenn man nicht
wüßte, daß es Kujone sind! Saubere Dinge weiß man von ihnen …«
»Was für Dinge?«
»Oh, man tut immerhin seine Einblicke …«
»Bewahre!« sagte Ditlinde. »Davon wollen wir nichts wissen. Ihr sprecht
von so allgemeinen Fragen, und ich hatte gedacht, daß wir heute nachmittag
ein paar Punkte besprechen wollten, die ich mir aufgeschrieben habe …
Willst du so freundlich sein, Klaus Heinrich, mir den Notizblock in blauem
Leder dort auf dem Schreibtisch zu reichen?… Ich danke dir sehr. Hier habe
ich alles, was ich mir merken muß, sowohl was den Hausstand, als was
andere Dinge betrifft. Wie das wohltut, alles so schwarz auf weiß übersehen
zu können! Mein Kopf ist entschieden schwach, er kann nichts
beisammenhalten, und wenn ich nicht Ordnung hielte und mir alles notierte,
so müßte ich am Leben verzweifeln. Erstens, Albrecht, und eh ich's
vergesse, so wollte ich dich aufmerksam machen, daß du bei der Cour am
ersten November Tante Katharina führen mußt – unmöglich kannst du
umhin. Ich trete zurück, ich war es beim letzten Hofball, und Tante
Katharina würde schrecklich verstimmt … Habe ich deine Einwilligung?
Gut, dann streiche ich diesen Punkt … Zweitens, Klaus Heinrich, wollte ich
dich bitten, beim Waisenkinder-Bazar im Rathaus am fünfzehnten ein
wenig acte de présence zu machen. Ich habe das Protektorat, und du
siehst, ich nehme es ernst. Du brauchst nichts zu kaufen … einen
Taschenkamm … Kurz, nur, daß du dich zehn Minuten lang zeigst. Es ist
für die Waisenkinder … Willst du kommen? Siehst du, so kann ich wieder
etwas durchstreichen. Drittens …«
Aber die Fürstin wurde unterbrochen. Fräulein von Isenschnibbe, die
Hofdame, ließ sich melden und trippelte augenblicklich durch den großen
Salon herein, wobei ihre Federboa sich im Luftzuge sträubte und der Rand
ihres enormen Federhutes auf und nieder wippte. Aus ihren Kleidern
strömte der Geruch der frischen Luft von draußen. Sie war klein, aschblond,
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spitznäsig und so kurzsichtig, daß sie die Sterne nicht sehen konnte. An
klaren Abenden stand sie auf ihrem Balkon und betrachtete den gestirnten
Himmel durch ihr Opernglas, um zu schwärmen. Sie trug zwei scharfe
Zwicker übereinander und streckte mit gekniffenen Augen spähend den
Hals vor, indem sie knickste.
»Gott, Großherzogliche Hoheit,« sagte sie, »ich wußte nicht, ich störe,
ich dringe ein, ich bitte untertänigst um Entschuldigung!«
Die Brüder hatten sich erhoben, und das Fräulein sank verschämt vor
ihnen nieder. Da Albrecht seine Hand dicht an der Brust ausstreckte, ohne
auch nur den Unterarm vom Körper zu lösen, so war ihr Arm fast senkrecht
ausgestreckt, als der Knicks, den sie vor ihm ausführte, seinen tiefsten
Punkt erreicht hatte.
»Gutes Jettchen,« sagte Ditlinde, »wie du sprichst! Du bist erwartet und
willkommen. Und meine Brüder wissen, daß wir du zueinander sagen. Also
nichts von Großherzoglicher Hoheit, wenn ich bitten darf. Wir sind nicht im
Alten Schloß. Sitz nieder und sei gemütlich. Willst du Tee? Er ist noch heiß.
Und hier sind gezuckerte Früchte. Ich weiß, du ißt sie gern.«
»Ja, tausend Dank, Ditlinde, die esse ich für mein Leben gern!« Und
Fräulein von Isenschnibbe nahm mit dem Rücken gegen das Fenster, Klaus
Heinrich gegenüber, an der Schmalseite des Teetisches Platz, streifte einen
Handschuh ab und begann, spähend vorgebeugt, mit der silbernen Zange
Süßigkeiten auf ihren Teller zu legen. Ihre kleine Brust atmete rasch und
beklommen vor freudiger Erregung.
»Neuigkeiten weiß ich,« sagte sie, unfähig, länger an sich zu halten …
»Neuigkeiten … mehr, als in meinen Pompadour gehen! Das heißt … im
Grunde ist es nur e i n e, nur e i n e – aber die hat das Maß, die kann sich
sehen lassen, und es ist ganz sicher, ich habe es aus bester Quelle, du weißt,
daß ich zuverlässig bin, Ditlinde, noch heute abend wird es im ›Eilboten‹
stehn, und morgen wird die ganze Stadt davon sprechen.«
»Ja, Jettchen,« sagte die Fürstin, »das muß man zugeben, du kommst
niemals mit leeren Händen. Aber nun sind wir gespannt, nun sage deine
Neuigkeit.«
klaren Abenden stand sie auf ihrem Balkon und betrachtete den gestirnten
Himmel durch ihr Opernglas, um zu schwärmen. Sie trug zwei scharfe
Zwicker übereinander und streckte mit gekniffenen Augen spähend den
Hals vor, indem sie knickste.
»Gott, Großherzogliche Hoheit,« sagte sie, »ich wußte nicht, ich störe,
ich dringe ein, ich bitte untertänigst um Entschuldigung!«
Die Brüder hatten sich erhoben, und das Fräulein sank verschämt vor
ihnen nieder. Da Albrecht seine Hand dicht an der Brust ausstreckte, ohne
auch nur den Unterarm vom Körper zu lösen, so war ihr Arm fast senkrecht
ausgestreckt, als der Knicks, den sie vor ihm ausführte, seinen tiefsten
Punkt erreicht hatte.
»Gutes Jettchen,« sagte Ditlinde, »wie du sprichst! Du bist erwartet und
willkommen. Und meine Brüder wissen, daß wir du zueinander sagen. Also
nichts von Großherzoglicher Hoheit, wenn ich bitten darf. Wir sind nicht im
Alten Schloß. Sitz nieder und sei gemütlich. Willst du Tee? Er ist noch heiß.
Und hier sind gezuckerte Früchte. Ich weiß, du ißt sie gern.«
»Ja, tausend Dank, Ditlinde, die esse ich für mein Leben gern!« Und
Fräulein von Isenschnibbe nahm mit dem Rücken gegen das Fenster, Klaus
Heinrich gegenüber, an der Schmalseite des Teetisches Platz, streifte einen
Handschuh ab und begann, spähend vorgebeugt, mit der silbernen Zange
Süßigkeiten auf ihren Teller zu legen. Ihre kleine Brust atmete rasch und
beklommen vor freudiger Erregung.
»Neuigkeiten weiß ich,« sagte sie, unfähig, länger an sich zu halten …
»Neuigkeiten … mehr, als in meinen Pompadour gehen! Das heißt … im
Grunde ist es nur e i n e, nur e i n e – aber die hat das Maß, die kann sich
sehen lassen, und es ist ganz sicher, ich habe es aus bester Quelle, du weißt,
daß ich zuverlässig bin, Ditlinde, noch heute abend wird es im ›Eilboten‹
stehn, und morgen wird die ganze Stadt davon sprechen.«
»Ja, Jettchen,« sagte die Fürstin, »das muß man zugeben, du kommst
niemals mit leeren Händen. Aber nun sind wir gespannt, nun sage deine
Neuigkeit.«
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»Gut also. Ich bitte, Luft holen zu dürfen. Weißt du, Ditlinde, wissen
Königliche Hoheit, wissen Großherzogliche Hoheit, wer kommt, wer in den
Quellengarten kommt, wer auf sechs oder acht Wochen zum Kurgebrauch
in den Quellenhof zieht, um das Wasser zu trinken?«
»Nein«, sagte Ditlinde. »Aber du weißt es, gutes Jettchen?«
»S p o e l m a n n«, sagte Fräulein von Isenschnibbe. »S p o e l m a n n«,
sagte sie, lehnte sich zurück und machte Miene, mit den Fingerspitzen auf
den Tischrand zu schlagen, tat aber der Bewegung ihrer Hand dicht über
dem blauseidenen Läufer Einhalt.
Die Geschwister blickten einander zweifelnd an.
»Spoelmann?« fragte Ditlinde … »Besinne dich, Jettchen: der richtige
Spoelmann?«
»Der richtige!« Des Fräuleins Stimme brach sich vor unterdrücktem
Jubel. »Der richtige, Ditlinde. Denn es gibt ja nur einen, oder doch nur
einen, den man kennt, und der ist es, den sie im Quellenhof erwarten – der
große Spoelmann, der Riesen-Spoelmann, der ungeheure Samuel N.
Spoelmann aus Amerika!«
»Aber Kind, wie käme wohl der hierher?«
»Nun, verzeih' mir die Antwort, Ditlinde, aber wie du fragst! Er kommt
natürlich über den Ozean, auf seiner Jacht oder auf einem großen Dampfer,
das weiß ich noch nicht – wie es ihm gefällt. Er geht in die Ferien, er macht
eine Europareise, und zwar zu dem ausgesprochenen Zweck, im
Quellengarten das Wasser zu trinken.«
»Aber ist er denn krank?«
»Gewiß, Ditlinde. Alle diese Leute sind krank, es muß wohl dazu
gehören.«
»Das ist sonderbar«, sagte Klaus Heinrich.
»Ja, Großherzogliche Hoheit, es ist auffallend. Seine Art von Dasein muß
es wohl mit sich bringen. Denn es ist gewiß ein anstrengenderes Dasein und
keineswegs bequem und muß den Körper wohl rascher aufreiben, als ein
Königliche Hoheit, wissen Großherzogliche Hoheit, wer kommt, wer in den
Quellengarten kommt, wer auf sechs oder acht Wochen zum Kurgebrauch
in den Quellenhof zieht, um das Wasser zu trinken?«
»Nein«, sagte Ditlinde. »Aber du weißt es, gutes Jettchen?«
»S p o e l m a n n«, sagte Fräulein von Isenschnibbe. »S p o e l m a n n«,
sagte sie, lehnte sich zurück und machte Miene, mit den Fingerspitzen auf
den Tischrand zu schlagen, tat aber der Bewegung ihrer Hand dicht über
dem blauseidenen Läufer Einhalt.
Die Geschwister blickten einander zweifelnd an.
»Spoelmann?« fragte Ditlinde … »Besinne dich, Jettchen: der richtige
Spoelmann?«
»Der richtige!« Des Fräuleins Stimme brach sich vor unterdrücktem
Jubel. »Der richtige, Ditlinde. Denn es gibt ja nur einen, oder doch nur
einen, den man kennt, und der ist es, den sie im Quellenhof erwarten – der
große Spoelmann, der Riesen-Spoelmann, der ungeheure Samuel N.
Spoelmann aus Amerika!«
»Aber Kind, wie käme wohl der hierher?«
»Nun, verzeih' mir die Antwort, Ditlinde, aber wie du fragst! Er kommt
natürlich über den Ozean, auf seiner Jacht oder auf einem großen Dampfer,
das weiß ich noch nicht – wie es ihm gefällt. Er geht in die Ferien, er macht
eine Europareise, und zwar zu dem ausgesprochenen Zweck, im
Quellengarten das Wasser zu trinken.«
»Aber ist er denn krank?«
»Gewiß, Ditlinde. Alle diese Leute sind krank, es muß wohl dazu
gehören.«
»Das ist sonderbar«, sagte Klaus Heinrich.
»Ja, Großherzogliche Hoheit, es ist auffallend. Seine Art von Dasein muß
es wohl mit sich bringen. Denn es ist gewiß ein anstrengenderes Dasein und
keineswegs bequem und muß den Körper wohl rascher aufreiben, als ein
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gewöhnliches Menschenleben tut. Die meisten haben es mit dem Magen zu
tun. Aber Spoelmann hat ja ein Steinleiden, wie man weiß.«
»Ein Steinleiden also …«
»Gewiß, Ditlinde, du hast es natürlich schon gehört und nur wieder
vergessen. Er hat den Nierenstein, wenn ich mir das häßliche Wort erlauben
darf – ein schweres, quälendes Leiden, und sicher hat er nicht den
geringsten Genuß von seinen wahnwitzigen Reichtümern …«
»Aber wie in aller Welt ist er auf unser Wasser verfallen?«
»So, Ditlinde. Ganz einfach. Das Wasser ist doch gut, es ist vortrefflich,
zumal die Ditlindenquelle mit ihrem Lithium, oder wie es heißt, ist
ausgezeichnet gegen Gicht und Stein, und nur noch nicht nach Gebühr
bekannt und geschätzt in der Welt. Aber ein Mann wie Spoelmann, das läßt
sich denken, ein solcher Mann ist erhaben über Namen und Marktgeschrei
und geht nach seinem eigenen Kopfe. Und so hat er denn unser Wasser
entdeckt – oder sein Leibarzt hat es ihm empfohlen, das mag sein – und hat
es in Flaschen bezogen, und es hat ihm wohlgetan, und nun mag er denken,
daß es ihm an Ort und Stelle getrunken noch besser anschlagen muß.«
Alle schwiegen.
»Großer Gott, Albrecht,« sagte Ditlinde endlich, »wie man nun immer
über Spoelmann und seinesgleichen denken mag – und ich denke vorsichtig
über ihn, dessen kannst du versichert sein –, aber glaubst du nicht, daß der
Besuch dieses Menschen dem Quellengarten zu großem Nutzen gereichen
kann?«
Der Großherzog wendete den Kopf mit seinem feinen und steifen
Lächeln.
»Fragen wir Fräulein von Isenschnibbe«, antwortete er. »Sie hat
zweifellos auch diese Seite der Sache bereits ins Auge gefaßt.«
»Da Königliche Hoheit befehlen … Zu gewaltigem Nutzen! Zu
unermeßlichem, ganz unberechenbarem Nutzen – das liegt auf der Hand!
Die Direktion ist selig, sie ist imstande und bekränzt das Füllhaus,
illuminiert den Quellenhof! Welche Empfehlung! Welche Anziehung für die
tun. Aber Spoelmann hat ja ein Steinleiden, wie man weiß.«
»Ein Steinleiden also …«
»Gewiß, Ditlinde, du hast es natürlich schon gehört und nur wieder
vergessen. Er hat den Nierenstein, wenn ich mir das häßliche Wort erlauben
darf – ein schweres, quälendes Leiden, und sicher hat er nicht den
geringsten Genuß von seinen wahnwitzigen Reichtümern …«
»Aber wie in aller Welt ist er auf unser Wasser verfallen?«
»So, Ditlinde. Ganz einfach. Das Wasser ist doch gut, es ist vortrefflich,
zumal die Ditlindenquelle mit ihrem Lithium, oder wie es heißt, ist
ausgezeichnet gegen Gicht und Stein, und nur noch nicht nach Gebühr
bekannt und geschätzt in der Welt. Aber ein Mann wie Spoelmann, das läßt
sich denken, ein solcher Mann ist erhaben über Namen und Marktgeschrei
und geht nach seinem eigenen Kopfe. Und so hat er denn unser Wasser
entdeckt – oder sein Leibarzt hat es ihm empfohlen, das mag sein – und hat
es in Flaschen bezogen, und es hat ihm wohlgetan, und nun mag er denken,
daß es ihm an Ort und Stelle getrunken noch besser anschlagen muß.«
Alle schwiegen.
»Großer Gott, Albrecht,« sagte Ditlinde endlich, »wie man nun immer
über Spoelmann und seinesgleichen denken mag – und ich denke vorsichtig
über ihn, dessen kannst du versichert sein –, aber glaubst du nicht, daß der
Besuch dieses Menschen dem Quellengarten zu großem Nutzen gereichen
kann?«
Der Großherzog wendete den Kopf mit seinem feinen und steifen
Lächeln.
»Fragen wir Fräulein von Isenschnibbe«, antwortete er. »Sie hat
zweifellos auch diese Seite der Sache bereits ins Auge gefaßt.«
»Da Königliche Hoheit befehlen … Zu gewaltigem Nutzen! Zu
unermeßlichem, ganz unberechenbarem Nutzen – das liegt auf der Hand!
Die Direktion ist selig, sie ist imstande und bekränzt das Füllhaus,
illuminiert den Quellenhof! Welche Empfehlung! Welche Anziehung für die
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Fremden! Wollen Königliche Hoheit doch erwägen … Dieser Mann ist eine
Sehenswürdigkeit! Großherzogliche Hoheit sprachen eben von
›seinesgleichen‹ – aber er hat nicht seinesgleichen, kaum, höchstens ein
paar. Das ist ein Leviathan, ein Vogel Roch! Wie sollte man nicht weither
kommen, um ein Wesen zu sehen, das täglich so gegen eine halbe Million
zu verzehren hat!«
»Bewahre!« sagte Ditlinde erschüttert. »Und mein guter Philipp, der sich
mit seinen Torfstichen plagt …«
»Die Sache fängt damit an,« fuhr das Fräulein fort, »daß seit ein paar
Tagen in der Wandelhalle da draußen zwei Amerikaner herumlaufen. Wer
sind sie? Es stellt sich heraus, daß es Journalisten sind, Abgeordnete zweier
großer Neuyorker Zeitungen. Sie sind dem Leviathan vorangereist und
telegraphieren ihren Blättern vorläufig Schilderungen der Örtlichkeit. Wenn
er da ist, werden sie über jeden Schritt telegraphieren, den er tut – gerade
wie der ›Eilbote‹ und der ›Staatsanzeiger‹ über Euere Königliche Hoheit
berichten …«
Albrecht verbeugte sich dankend, mit niedergeschlagenen Augen und
indem er die Unterlippe emporschob.
»Er hat die Fürstenzimmer im Quellenhof mit Beschlag belegt,« sagte
Jettchen, »als vorläufige Unterkunft.«
»Für sich allein?« fragte Ditlinde …
»O nein, Ditlinde, du kannst denken, daß er nicht allein kommt. Ich weiß
noch nichts Näheres über seine Umgebung und Dienerschaft, aber fest
steht, daß seine Tochter und sein Leibarzt ihn begleiten.«
»Du sagst immer ›Leibarzt‹, Jettchen, das ärgert mich. Und dann die
Journalisten. Und obendrein die Fürstenzimmer. Er ist doch kein König.«
»Ein Eisenbahnkönig, soviel ich weiß«, bemerkte Albrecht leise und mit
niedergeschlagenen Augen.
»Nicht nur Eisenbahnkönig, Königliche Hoheit, und nicht einmal in der
Hauptsache, nach allem, was ich höre. Da gibt es in Amerika drüben diese
großen Handelsgesellschaften, die man Trusts nennt, wie Königliche Hoheit
Sehenswürdigkeit! Großherzogliche Hoheit sprachen eben von
›seinesgleichen‹ – aber er hat nicht seinesgleichen, kaum, höchstens ein
paar. Das ist ein Leviathan, ein Vogel Roch! Wie sollte man nicht weither
kommen, um ein Wesen zu sehen, das täglich so gegen eine halbe Million
zu verzehren hat!«
»Bewahre!« sagte Ditlinde erschüttert. »Und mein guter Philipp, der sich
mit seinen Torfstichen plagt …«
»Die Sache fängt damit an,« fuhr das Fräulein fort, »daß seit ein paar
Tagen in der Wandelhalle da draußen zwei Amerikaner herumlaufen. Wer
sind sie? Es stellt sich heraus, daß es Journalisten sind, Abgeordnete zweier
großer Neuyorker Zeitungen. Sie sind dem Leviathan vorangereist und
telegraphieren ihren Blättern vorläufig Schilderungen der Örtlichkeit. Wenn
er da ist, werden sie über jeden Schritt telegraphieren, den er tut – gerade
wie der ›Eilbote‹ und der ›Staatsanzeiger‹ über Euere Königliche Hoheit
berichten …«
Albrecht verbeugte sich dankend, mit niedergeschlagenen Augen und
indem er die Unterlippe emporschob.
»Er hat die Fürstenzimmer im Quellenhof mit Beschlag belegt,« sagte
Jettchen, »als vorläufige Unterkunft.«
»Für sich allein?« fragte Ditlinde …
»O nein, Ditlinde, du kannst denken, daß er nicht allein kommt. Ich weiß
noch nichts Näheres über seine Umgebung und Dienerschaft, aber fest
steht, daß seine Tochter und sein Leibarzt ihn begleiten.«
»Du sagst immer ›Leibarzt‹, Jettchen, das ärgert mich. Und dann die
Journalisten. Und obendrein die Fürstenzimmer. Er ist doch kein König.«
»Ein Eisenbahnkönig, soviel ich weiß«, bemerkte Albrecht leise und mit
niedergeschlagenen Augen.
»Nicht nur Eisenbahnkönig, Königliche Hoheit, und nicht einmal in der
Hauptsache, nach allem, was ich höre. Da gibt es in Amerika drüben diese
großen Handelsgesellschaften, die man Trusts nennt, wie Königliche Hoheit
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wissen, der Stahltrust zum Beispiel, der Zuckertrust, der Petroleumtrust und
dann noch der Kohlen- und Fleisch- und Tabaktrust und wie sie heißen.
Und bei fast all diesen Trusts hat Samuel N. Spoelmann seine Hand im
Spiel und ist Großaktionär und Hauptkontrolleur – so nennt man es, ich
habe es gelesen –, und sein Geschäft muß also wohl sein, was man bei uns
eine Gemischte Warenhandlung nennt.«
»Ein sauberes Geschäft,« sagte Ditlinde, »ein sauberes Geschäft wird es
sein! Denn daß man durch ehrliche Arbeit ein Leviathan und Vogel Roch
werden kann, das wirst du mir nicht einreden, gutes Jettchen. Ich bin
überzeugt, daß das Blut der Witwen und Waisen an seinen Reichtümern
klebt. Wie denkst du, Albrecht?«
»Ich wünsche es, Ditlinde, ich wünsche es, dir und deinem Gatten zum
Trost.«
»Wenn es so ist,« erzählte das Fräulein, »so trifft doch Spoelmann –
unseren Samuel N. Spoelmann – nur geringe Verantwortung, denn er ist
eigentlich nichts als ein Erbe und soll sogar nie so besondere Lust zu den
Geschäften gehabt haben. Wer eigentlich das Ganze gemacht hat, das war
sein Vater – ich habe alles gelesen und kann sagen, daß ich in großen Zügen
Bescheid weiß. Sein Vater, das war ein Deutscher – gar nichts, ein
Abenteurer, der über See ging und Goldgräber wurde. Und hatte Glück und
gewann sich durch Goldfunde ein kleines Vermögen – oder auch schon ein
ziemlich großes – und fing zu spekulieren an, in Petroleum und Stahl und
Eisenbahnen und dann in allem Möglichen und wurde immer reicher und
reicher. Und als er starb, da war eigentlich alles schon im Gang, und sein
Sohn Samuel, der die Vogel-Roch-Firma erbte, der hatte so gut wie nichts
mehr zu tun, als die fürchterlichen Dividenden einzustreichen und noch
immer reicher und reicher zu werden, bis es kaum noch zu sagen war. So ist
es vor sich gegangen.«
»Und eine Tochter hat er, Jettchen? Was ist denn das für ein Ding?«
»Jawohl, Ditlinde, seine Frau ist tot, aber er hat eine Tochter, Miß
Spoelmann, und die bringt er mit. Ein sonderbares Mädchen, nach allem,
was ich gelesen habe. Er selbst ist ja schon ein sujet mixte, denn sein Vater
holte sich seine Frau aus dem Süden – kreolisches Blut, eine Person mit
deutschem Vater und eingeborener Mutter. Aber Samuel heiratete dann
dann noch der Kohlen- und Fleisch- und Tabaktrust und wie sie heißen.
Und bei fast all diesen Trusts hat Samuel N. Spoelmann seine Hand im
Spiel und ist Großaktionär und Hauptkontrolleur – so nennt man es, ich
habe es gelesen –, und sein Geschäft muß also wohl sein, was man bei uns
eine Gemischte Warenhandlung nennt.«
»Ein sauberes Geschäft,« sagte Ditlinde, »ein sauberes Geschäft wird es
sein! Denn daß man durch ehrliche Arbeit ein Leviathan und Vogel Roch
werden kann, das wirst du mir nicht einreden, gutes Jettchen. Ich bin
überzeugt, daß das Blut der Witwen und Waisen an seinen Reichtümern
klebt. Wie denkst du, Albrecht?«
»Ich wünsche es, Ditlinde, ich wünsche es, dir und deinem Gatten zum
Trost.«
»Wenn es so ist,« erzählte das Fräulein, »so trifft doch Spoelmann –
unseren Samuel N. Spoelmann – nur geringe Verantwortung, denn er ist
eigentlich nichts als ein Erbe und soll sogar nie so besondere Lust zu den
Geschäften gehabt haben. Wer eigentlich das Ganze gemacht hat, das war
sein Vater – ich habe alles gelesen und kann sagen, daß ich in großen Zügen
Bescheid weiß. Sein Vater, das war ein Deutscher – gar nichts, ein
Abenteurer, der über See ging und Goldgräber wurde. Und hatte Glück und
gewann sich durch Goldfunde ein kleines Vermögen – oder auch schon ein
ziemlich großes – und fing zu spekulieren an, in Petroleum und Stahl und
Eisenbahnen und dann in allem Möglichen und wurde immer reicher und
reicher. Und als er starb, da war eigentlich alles schon im Gang, und sein
Sohn Samuel, der die Vogel-Roch-Firma erbte, der hatte so gut wie nichts
mehr zu tun, als die fürchterlichen Dividenden einzustreichen und noch
immer reicher und reicher zu werden, bis es kaum noch zu sagen war. So ist
es vor sich gegangen.«
»Und eine Tochter hat er, Jettchen? Was ist denn das für ein Ding?«
»Jawohl, Ditlinde, seine Frau ist tot, aber er hat eine Tochter, Miß
Spoelmann, und die bringt er mit. Ein sonderbares Mädchen, nach allem,
was ich gelesen habe. Er selbst ist ja schon ein sujet mixte, denn sein Vater
holte sich seine Frau aus dem Süden – kreolisches Blut, eine Person mit
deutschem Vater und eingeborener Mutter. Aber Samuel heiratete dann
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wieder eine Deutsch-Amerikanerin mit halbenglischem Blut, und deren
Tochter ist nun Miß Spoelmann.«
»Bewahre, Jettchen, das ist ja ein buntes Geschöpf!«
»Das magst du wohl sagen, Ditlinde. Und sie ist gelehrt, ich habe gehört,
sie studiert wie ein Mann, und zwar Algebra und so scharfsinnige
Dinge …«
»Nun, das kann mich auch nicht mehr für sie einnehmen.«
»Aber nun kommt das Stärkste, Ditlinde, denn Miß Spoelmann hat eine
Gesellschaftsdame, und diese Gesellschaftsdame ist eine Gräfin, eine ganz
richtige Gräfin, die ihr Gesellschaftsdienste leistet.«
»Bewahre!« sagte Ditlinde. »Schämt sie sich nicht? Nein, Jettchen, mein
Entschluß ist gefaßt. Ich werde mich nicht um Spoelmann kümmern. Ich
werde ihn hier in Frieden seinen Brunnen trinken lassen und ihn mit seiner
Gräfin und seiner algebraischen Tochter wieder abziehen lassen, ohne mich
nach ihm umzusehen. Auf mich macht er keinen Eindruck mit seinem
Sündenreichtum. Wie denkst du, Klaus Heinrich?«
Klaus Heinrich blickte über des Fräuleins Kopf hinweg auf das helle
Fenster.
»Eindruck?« sagte er … »Nein, Reichtum macht mir keinen Eindruck,
glaube ich – ich meine, was man so Reichtum nennt. Aber mich dünkt, es
kommt darauf an … es kommt, wie mir scheint, auf den Maßstab an. Wir
haben ja auch ein paar reiche Leute hier in der Stadt … Seifensieder
Unschlitt soll eine Million haben … Ich sehe ihn manchmal in seinem
Wagen … Er ist recht dick und gewöhnlich. Aber wenn einer ganz krank
und einsam ist vor lauter Reichtum … Ich weiß nicht …«
»Ein unheimlicher Mann jedenfalls«, sagte Ditlinde. Und allmählich
beruhigte sich das Gespräch über Spoelmann. Man sprach über
Familienangelegenheiten, über das Gut »Hohenried«, über die
bevorstehende Saison. Gegen sieben Uhr schickte der Großherzog nach
seinem Wagen. Man erhob sich, man verabschiedete sich, denn auch Prinz
Klaus Heinrich brach auf. Aber in der Vorhalle, während die Brüder sich
ihre Mäntel anlegen ließen, sagte Albrecht: »Ich wäre dir verbunden, Klaus
Tochter ist nun Miß Spoelmann.«
»Bewahre, Jettchen, das ist ja ein buntes Geschöpf!«
»Das magst du wohl sagen, Ditlinde. Und sie ist gelehrt, ich habe gehört,
sie studiert wie ein Mann, und zwar Algebra und so scharfsinnige
Dinge …«
»Nun, das kann mich auch nicht mehr für sie einnehmen.«
»Aber nun kommt das Stärkste, Ditlinde, denn Miß Spoelmann hat eine
Gesellschaftsdame, und diese Gesellschaftsdame ist eine Gräfin, eine ganz
richtige Gräfin, die ihr Gesellschaftsdienste leistet.«
»Bewahre!« sagte Ditlinde. »Schämt sie sich nicht? Nein, Jettchen, mein
Entschluß ist gefaßt. Ich werde mich nicht um Spoelmann kümmern. Ich
werde ihn hier in Frieden seinen Brunnen trinken lassen und ihn mit seiner
Gräfin und seiner algebraischen Tochter wieder abziehen lassen, ohne mich
nach ihm umzusehen. Auf mich macht er keinen Eindruck mit seinem
Sündenreichtum. Wie denkst du, Klaus Heinrich?«
Klaus Heinrich blickte über des Fräuleins Kopf hinweg auf das helle
Fenster.
»Eindruck?« sagte er … »Nein, Reichtum macht mir keinen Eindruck,
glaube ich – ich meine, was man so Reichtum nennt. Aber mich dünkt, es
kommt darauf an … es kommt, wie mir scheint, auf den Maßstab an. Wir
haben ja auch ein paar reiche Leute hier in der Stadt … Seifensieder
Unschlitt soll eine Million haben … Ich sehe ihn manchmal in seinem
Wagen … Er ist recht dick und gewöhnlich. Aber wenn einer ganz krank
und einsam ist vor lauter Reichtum … Ich weiß nicht …«
»Ein unheimlicher Mann jedenfalls«, sagte Ditlinde. Und allmählich
beruhigte sich das Gespräch über Spoelmann. Man sprach über
Familienangelegenheiten, über das Gut »Hohenried«, über die
bevorstehende Saison. Gegen sieben Uhr schickte der Großherzog nach
seinem Wagen. Man erhob sich, man verabschiedete sich, denn auch Prinz
Klaus Heinrich brach auf. Aber in der Vorhalle, während die Brüder sich
ihre Mäntel anlegen ließen, sagte Albrecht: »Ich wäre dir verbunden, Klaus
Page 138
Heinrich, wenn du deinen Kutscher nach Hause schicktest und mir noch
eine Viertelstunde das Vergnügen deiner Gesellschaft gönntest. Ich habe
noch eine Sache von einiger Wichtigkeit mit dir zu besprechen … Ich
könnte dich zur Eremitage begleiten, aber die Abendluft ist mir nicht
zuträglich …«
Klaus Heinrich antwortete mit geschlossenen Absätzen: »Nein, Albrecht,
wo denkst du hin! Ich fahre mit dir ins Schloß, wenn es dir angenehm ist.
Ich bin selbstverständlich zu deiner Verfügung.«
Dies war die Einleitung zu einer bemerkenswerten Unterredung zwischen
den jungen Fürsten, deren Ergebnis wenige Tage darauf im
»Staatsanzeiger« veröffentlicht und allgemein mit Beifall aufgenommen
wurde.
Der Prinz begleitete den Großherzog ins Schloß, durch das Albrechtstor,
über steinerne, breitgeländrige Treppen, durch Korridore, wo offene
Gasflammen brannten, und schweigende Vorzimmer, zwischen Lakaien
hindurch in Albrechts »Kabinett«, wo der alte Prahl die beiden bronzenen
Petroleumlampen auf dem Kaminsims angezündet hatte. Albrecht hatte das
Arbeitszimmer seines Vaters übernommen – es war immer das
Arbeitszimmer der regierenden Herren gewesen und lag im ersten
Stockwerk zwischen einem Adjutantenzimmer und dem im täglichen
Gebrauch befindlichen Speisesaal, gegen den Albrechtsplatz, den die
Fürsten von ihrem Schreibtisch aus stets überblickt und überwacht hatten.
Es war ein außerordentlich unwohnlicher und widerspruchsvoller Raum, ein
kleiner Saal mit einer zersprungenen Deckenmalerei, rotseidener, in
vergoldete Leisten gefaßter Tapete und drei bis zum Fußboden reichenden
Fenstern, durch die es empfindlich zog und vor denen jetzt die weinroten,
mit Krepinen geschmückten Vorhänge geschlossen waren. Es hatte einen
falschen Kamin im Geschmack des französischen Kaiserreichs, davor ein
Halbkreis von kleinen modernen gesteppten Plüschsesseln ohne Armlehnen
angeordnet war, und einen überaus häßlich ornamentierten weißen
Kachelofen, in dem stark geheizt war. Zwei große gesteppte Sofas standen
an den Seitenwänden einander gegenüber, und vor das eine war ein
viereckiger Büchertisch mit roter Plüschdecke gerückt. Zwischen den
Fenstern ragten zwei deckenhohe und schmale, in Gold gerahmte Spiegel
mit weißen Marmorkonsolen empor, von denen die rechte eine ziemlich
eine Viertelstunde das Vergnügen deiner Gesellschaft gönntest. Ich habe
noch eine Sache von einiger Wichtigkeit mit dir zu besprechen … Ich
könnte dich zur Eremitage begleiten, aber die Abendluft ist mir nicht
zuträglich …«
Klaus Heinrich antwortete mit geschlossenen Absätzen: »Nein, Albrecht,
wo denkst du hin! Ich fahre mit dir ins Schloß, wenn es dir angenehm ist.
Ich bin selbstverständlich zu deiner Verfügung.«
Dies war die Einleitung zu einer bemerkenswerten Unterredung zwischen
den jungen Fürsten, deren Ergebnis wenige Tage darauf im
»Staatsanzeiger« veröffentlicht und allgemein mit Beifall aufgenommen
wurde.
Der Prinz begleitete den Großherzog ins Schloß, durch das Albrechtstor,
über steinerne, breitgeländrige Treppen, durch Korridore, wo offene
Gasflammen brannten, und schweigende Vorzimmer, zwischen Lakaien
hindurch in Albrechts »Kabinett«, wo der alte Prahl die beiden bronzenen
Petroleumlampen auf dem Kaminsims angezündet hatte. Albrecht hatte das
Arbeitszimmer seines Vaters übernommen – es war immer das
Arbeitszimmer der regierenden Herren gewesen und lag im ersten
Stockwerk zwischen einem Adjutantenzimmer und dem im täglichen
Gebrauch befindlichen Speisesaal, gegen den Albrechtsplatz, den die
Fürsten von ihrem Schreibtisch aus stets überblickt und überwacht hatten.
Es war ein außerordentlich unwohnlicher und widerspruchsvoller Raum, ein
kleiner Saal mit einer zersprungenen Deckenmalerei, rotseidener, in
vergoldete Leisten gefaßter Tapete und drei bis zum Fußboden reichenden
Fenstern, durch die es empfindlich zog und vor denen jetzt die weinroten,
mit Krepinen geschmückten Vorhänge geschlossen waren. Es hatte einen
falschen Kamin im Geschmack des französischen Kaiserreichs, davor ein
Halbkreis von kleinen modernen gesteppten Plüschsesseln ohne Armlehnen
angeordnet war, und einen überaus häßlich ornamentierten weißen
Kachelofen, in dem stark geheizt war. Zwei große gesteppte Sofas standen
an den Seitenwänden einander gegenüber, und vor das eine war ein
viereckiger Büchertisch mit roter Plüschdecke gerückt. Zwischen den
Fenstern ragten zwei deckenhohe und schmale, in Gold gerahmte Spiegel
mit weißen Marmorkonsolen empor, von denen die rechte eine ziemlich
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lüsterne Alabastergruppe, die linke eine Wasserkaraffe und Medizingläser
trug. Der Schreibsekretär, ein altes Möbelstück aus Palisanderholz mit
Rolldeckel und Messingbeschlägen, stand frei auf dem roten Teppich im
Raum. Aus einem Winkel, von einem Pfeilertischchen herab, blickte eine
Antike mit toten Augen ins Zimmer.
»Was ich dir vorzuschlagen habe,« sagte Albrecht – er stand am
Schreibtisch und hantierte unbewußt mit einem Papiermesser, einem
spielzeughaften und albernen Ding in Form eines Kavalleriesäbels –, »steht
in gewisser Beziehung zu unserem Gespräch von heute nachmittag … Ich
schicke voraus, daß ich die Angelegenheit diesen Sommer in Hollerbrunn
mit Knobelsdorff durchgesprochen habe. Er ist einverstanden, und wenn
auch du es bist, woran ich nicht zweifle, so kann ich meine Absicht sogleich
verwirklichen.«
»Bitte, Albrecht, laß hören«, sagte Klaus Heinrich, der in aufmerksamer
und militärischer Haltung am Sofatische stand.
»Mein Befinden«, fuhr der Großherzog fort, »läßt in letzter Zeit mehr
und mehr zu wünschen übrig.«
»Das tut mir leid, Albrecht! Du hast dich also in Hollerbrunn gar nicht
erholt?«
»Danke. Nein. Es geht mir schlecht, und meine Gesundheit zeigt sich den
Anforderungen, die man an mich stellt, immer weniger gewachsen. Wenn
ich sage ›Anforderungen‹, so meine ich in erster Linie die Pflichten
festlicher und repräsentativer Natur, die mit meiner Stellung verbunden sind
– und hier ist der Berührungspunkt mit der Unterhaltung, die wir vorhin bei
Ditlinde führten. Die Ausübung dieser Pflichten mag beglücken, wo ein
Kontakt mit dem Volke, eine Verwandtschaft, ein Gleichschlag der Herzen
vorhanden ist. Mir ist sie eine Qual, und die Falschheit meiner Rolle
ermüdet mich in einem Grade, daß ich darauf bedacht sein muß,
Gegenmaßregeln zu treffen. Ich bin hierin – soweit das Körperliche in
Frage kommt – im Einverständnis mit meinen Ärzten, die mein Vorhaben
durchaus unterstützen … Höre mich also an. Ich bin unverheiratet, ich hege,
wie ich dich versichern kann, nicht die Absicht, jemals eine Ehe
einzugehen, ich werde keine Kinder haben. Du bist Thronfolger aus
trug. Der Schreibsekretär, ein altes Möbelstück aus Palisanderholz mit
Rolldeckel und Messingbeschlägen, stand frei auf dem roten Teppich im
Raum. Aus einem Winkel, von einem Pfeilertischchen herab, blickte eine
Antike mit toten Augen ins Zimmer.
»Was ich dir vorzuschlagen habe,« sagte Albrecht – er stand am
Schreibtisch und hantierte unbewußt mit einem Papiermesser, einem
spielzeughaften und albernen Ding in Form eines Kavalleriesäbels –, »steht
in gewisser Beziehung zu unserem Gespräch von heute nachmittag … Ich
schicke voraus, daß ich die Angelegenheit diesen Sommer in Hollerbrunn
mit Knobelsdorff durchgesprochen habe. Er ist einverstanden, und wenn
auch du es bist, woran ich nicht zweifle, so kann ich meine Absicht sogleich
verwirklichen.«
»Bitte, Albrecht, laß hören«, sagte Klaus Heinrich, der in aufmerksamer
und militärischer Haltung am Sofatische stand.
»Mein Befinden«, fuhr der Großherzog fort, »läßt in letzter Zeit mehr
und mehr zu wünschen übrig.«
»Das tut mir leid, Albrecht! Du hast dich also in Hollerbrunn gar nicht
erholt?«
»Danke. Nein. Es geht mir schlecht, und meine Gesundheit zeigt sich den
Anforderungen, die man an mich stellt, immer weniger gewachsen. Wenn
ich sage ›Anforderungen‹, so meine ich in erster Linie die Pflichten
festlicher und repräsentativer Natur, die mit meiner Stellung verbunden sind
– und hier ist der Berührungspunkt mit der Unterhaltung, die wir vorhin bei
Ditlinde führten. Die Ausübung dieser Pflichten mag beglücken, wo ein
Kontakt mit dem Volke, eine Verwandtschaft, ein Gleichschlag der Herzen
vorhanden ist. Mir ist sie eine Qual, und die Falschheit meiner Rolle
ermüdet mich in einem Grade, daß ich darauf bedacht sein muß,
Gegenmaßregeln zu treffen. Ich bin hierin – soweit das Körperliche in
Frage kommt – im Einverständnis mit meinen Ärzten, die mein Vorhaben
durchaus unterstützen … Höre mich also an. Ich bin unverheiratet, ich hege,
wie ich dich versichern kann, nicht die Absicht, jemals eine Ehe
einzugehen, ich werde keine Kinder haben. Du bist Thronfolger aus
Page 140
angeborenem Recht des Agnaten, du bist es noch mehr im Bewußtsein des
Volkes, das dich liebt …«
»Ach, Albrecht, du sprichst immer von meiner Beliebtheit … Ich glaube
gar nicht daran. Von weitem vielleicht … So ist es bei uns. Wir sind immer
nur von weitem beliebt.«
»Du bist zu bescheiden. Höre weiter. Du hattest schon bisher zuweilen
die Güte, mir diese und jene meiner repräsentativen Pflichten abzunehmen.
Ich möchte, daß du sie mir alle abnähmest, ganz, auf immer.«
»Du denkst an Abdikation, Albrecht?« fragte Klaus Heinrich
erschrocken …
»Ich darf nicht daran denken. Glaube mir, daß ich gern daran dächte.
Aber man würde mir's verwehren. Woran ich denke, ist nicht einmal
Regentschaft, sondern nur Stellvertretung – vielleicht erinnerst du dich aus
irgendeinem Kolleg dieser staatsrechtlichen Unterscheidungen –, eine
dauernde und amtlich festgelegte Stellvertretung in allen repräsentativen
Funktionen, begründet durch die Schonungsbedürftigkeit meiner
Gesundheit. Wie ist deine Meinung?«
»Ich stehe dir zu Befehl, Albrecht. Aber ich sehe noch nicht ganz klar.
Wie weit soll die Stellvertretung gehen?«
»Oh, möglichst weit. Ich möchte, daß sie sich auf alle Gelegenheiten
erstreckte, bei denen ein persönliches Auftreten in der Öffentlichkeit von
mir gefordert wird. Knobelsdorff verlangt, daß ich die Eröffnung und den
Schluß des Landtags nur, wenn ich bettlägerig bin, nur von Fall zu Fall an
dich abtrete. Stellen wir das also dahin. Aber im übrigen würde dir meine
Vertretung bei allen feierlichen Handlungen zufallen, die Reisen, die
Besuche der Städte, die Eröffnung von öffentlichen Festlichkeiten, die
Eröffnung des Bürgerballes …«
»Auch die?«
»Warum nicht auch die. Wir haben hier ferner die wöchentlichen
Freiaudienzen – eine sinnige Sitte ohne Zweifel, aber sie bringt mich um.
Du würdest die Audienzen an meiner Stelle abhalten. Ich zähle nicht weiter
auf. Du nimmst meinen Vorschlag an?«
Volkes, das dich liebt …«
»Ach, Albrecht, du sprichst immer von meiner Beliebtheit … Ich glaube
gar nicht daran. Von weitem vielleicht … So ist es bei uns. Wir sind immer
nur von weitem beliebt.«
»Du bist zu bescheiden. Höre weiter. Du hattest schon bisher zuweilen
die Güte, mir diese und jene meiner repräsentativen Pflichten abzunehmen.
Ich möchte, daß du sie mir alle abnähmest, ganz, auf immer.«
»Du denkst an Abdikation, Albrecht?« fragte Klaus Heinrich
erschrocken …
»Ich darf nicht daran denken. Glaube mir, daß ich gern daran dächte.
Aber man würde mir's verwehren. Woran ich denke, ist nicht einmal
Regentschaft, sondern nur Stellvertretung – vielleicht erinnerst du dich aus
irgendeinem Kolleg dieser staatsrechtlichen Unterscheidungen –, eine
dauernde und amtlich festgelegte Stellvertretung in allen repräsentativen
Funktionen, begründet durch die Schonungsbedürftigkeit meiner
Gesundheit. Wie ist deine Meinung?«
»Ich stehe dir zu Befehl, Albrecht. Aber ich sehe noch nicht ganz klar.
Wie weit soll die Stellvertretung gehen?«
»Oh, möglichst weit. Ich möchte, daß sie sich auf alle Gelegenheiten
erstreckte, bei denen ein persönliches Auftreten in der Öffentlichkeit von
mir gefordert wird. Knobelsdorff verlangt, daß ich die Eröffnung und den
Schluß des Landtags nur, wenn ich bettlägerig bin, nur von Fall zu Fall an
dich abtrete. Stellen wir das also dahin. Aber im übrigen würde dir meine
Vertretung bei allen feierlichen Handlungen zufallen, die Reisen, die
Besuche der Städte, die Eröffnung von öffentlichen Festlichkeiten, die
Eröffnung des Bürgerballes …«
»Auch die?«
»Warum nicht auch die. Wir haben hier ferner die wöchentlichen
Freiaudienzen – eine sinnige Sitte ohne Zweifel, aber sie bringt mich um.
Du würdest die Audienzen an meiner Stelle abhalten. Ich zähle nicht weiter
auf. Du nimmst meinen Vorschlag an?«
Page 141
»Ich stehe dir zu Befehl.«
»Dann hör' mich zu Ende. Für alle Fälle, in denen du an meiner Stelle
repräsentierst, teile ich dir meine Adjutanten zu. Es ist ferner wohl nötig,
daß man dein militärisches Avancement beschleunigt. Du bist
Oberleutnant? Du wirst zum Hauptmann ernannt werden – oder gleich zum
Major à la suite deines Regiments … Ich werde das veranlassen. Drittens
aber wünsche ich unserem Arrangement den nötigen Nachdruck zu geben,
deine Stellung an meiner Seite gebührend zu kennzeichnen, indem ich dir
den Titel ›Königliche Hoheit‹ verleihe. Es waren Formalitäten zu erledigen
… Knobelsdorff ist schon fertig damit. Ich werde meine Entschlüsse in die
Form zweier Schreiben an dich und an meinen Staatsminister kleiden.
Knobelsdorff hat sie übrigens beide schon entworfen … Du nimmst an?«
»Was soll ich sagen, Albrecht. Du bist Papas ältester Sohn, und ich habe
immer zu dir emporgeblickt, weil ich immer gefühlt und gewußt habe, daß
du der Vornehmere und Höhere bist von uns beiden und ich nur ein Plebejer
bin, im Vergleich mit dir. Aber wenn du mich würdigst, an deiner Seite zu
stehen und deinen Titel zu führen und dich vorm Volk zu vertreten, obgleich
ich mich gar nicht so präsentabel finde und diese Hemmung hier habe, mit
meiner linken Hand, die ich immer verstecken muß – dann danke ich dir
und stehe dir zu Befehl.«
»So darf ich dich bitten, mich jetzt zu verlassen. Ich bin ruhebedürftig.«
Sie gingen einander, der eine vom Schreibtisch, der andere vom
Büchertisch, auf dem Teppich bis zur Mitte des Zimmers entgegen. Der
Großherzog reichte seinem Bruder die Hand – seine magere, kalte Hand,
die er dicht an der Brust ausstreckte, ohne auch nur den Unterarm vom
Körper zu lösen. Klaus Heinrich zog die Absätze zusammen und verbeugte
sich, als er die Hand empfing, und Albrecht neigte zum Abschied seinen
schmalen Kopf mit dem blonden Spitzbart, indem er mit seiner kurzen,
gerundeten Unterlippe leicht an der oberen sog. Klaus Heinrich kehrte nach
Schloß »Eremitage« zurück.
Sowohl der »Staatsanzeiger« als der »Eilbote« veröffentlichten acht Tage
später die beiden Handschreiben, welche die höchsten Entschließungen zum
Inhalt hatten: dasjenige mit der Anrede »Mein lieber Staatsminister Doktor
Freiherr von Knobelsdorff!« und jenes andere, das mit »Durchlauchtigster
»Dann hör' mich zu Ende. Für alle Fälle, in denen du an meiner Stelle
repräsentierst, teile ich dir meine Adjutanten zu. Es ist ferner wohl nötig,
daß man dein militärisches Avancement beschleunigt. Du bist
Oberleutnant? Du wirst zum Hauptmann ernannt werden – oder gleich zum
Major à la suite deines Regiments … Ich werde das veranlassen. Drittens
aber wünsche ich unserem Arrangement den nötigen Nachdruck zu geben,
deine Stellung an meiner Seite gebührend zu kennzeichnen, indem ich dir
den Titel ›Königliche Hoheit‹ verleihe. Es waren Formalitäten zu erledigen
… Knobelsdorff ist schon fertig damit. Ich werde meine Entschlüsse in die
Form zweier Schreiben an dich und an meinen Staatsminister kleiden.
Knobelsdorff hat sie übrigens beide schon entworfen … Du nimmst an?«
»Was soll ich sagen, Albrecht. Du bist Papas ältester Sohn, und ich habe
immer zu dir emporgeblickt, weil ich immer gefühlt und gewußt habe, daß
du der Vornehmere und Höhere bist von uns beiden und ich nur ein Plebejer
bin, im Vergleich mit dir. Aber wenn du mich würdigst, an deiner Seite zu
stehen und deinen Titel zu führen und dich vorm Volk zu vertreten, obgleich
ich mich gar nicht so präsentabel finde und diese Hemmung hier habe, mit
meiner linken Hand, die ich immer verstecken muß – dann danke ich dir
und stehe dir zu Befehl.«
»So darf ich dich bitten, mich jetzt zu verlassen. Ich bin ruhebedürftig.«
Sie gingen einander, der eine vom Schreibtisch, der andere vom
Büchertisch, auf dem Teppich bis zur Mitte des Zimmers entgegen. Der
Großherzog reichte seinem Bruder die Hand – seine magere, kalte Hand,
die er dicht an der Brust ausstreckte, ohne auch nur den Unterarm vom
Körper zu lösen. Klaus Heinrich zog die Absätze zusammen und verbeugte
sich, als er die Hand empfing, und Albrecht neigte zum Abschied seinen
schmalen Kopf mit dem blonden Spitzbart, indem er mit seiner kurzen,
gerundeten Unterlippe leicht an der oberen sog. Klaus Heinrich kehrte nach
Schloß »Eremitage« zurück.
Sowohl der »Staatsanzeiger« als der »Eilbote« veröffentlichten acht Tage
später die beiden Handschreiben, welche die höchsten Entschließungen zum
Inhalt hatten: dasjenige mit der Anrede »Mein lieber Staatsminister Doktor
Freiherr von Knobelsdorff!« und jenes andere, das mit »Durchlauchtigster
Page 142
Fürst, freundlich lieber Bruder!« begann und »Euerer Königlichen Hoheit
von Herzen anhänglicher Bruder A l b r e c h t« unterzeichnet war.
von Herzen anhänglicher Bruder A l b r e c h t« unterzeichnet war.
Page 143
Der hohe Beruf
Hier ist die Lebensführung und Berufsübung Klaus Heinrichs, geschildert
in ihrer Eigentümlichkeit.
Er stieg irgendwo aus seinem Wagen, schritt mit übergeworfenem Mantel
durch eine kurze Gasse hochrufenden Volkes über ein Trottoir, das mit
einem roten Läufer bedeckt war, durch eine von Lorbeerbäumen flankierte
Haustür, über der man einen Baldachin errichtet hatte, eine Treppe hinan,
die leuchtertragende Diener paarweise besetzt hielten … Er ging nach
einem Festessen, mit Orden bedeckt bis zu den Hüften, die
Fransenepaulettes eines Majors auf seinen schmalen Schultern, mit Gefolge
den gotischen Korridor eines Rathauses entlang. Zwei Diener liefen vor ihm
her und öffneten ihm eifrig eine alte, in ihren Bleifassungen schütternde
Fensterscheibe. Denn unten auf dem kleinen Marktplatz stand
zusammengekeilt und Kopf an Kopf das Volk, eine schräge Fläche aufwärts
gewandter Gesichter, von qualmigem Fackellicht dunkel überglüht. Sie
riefen und sangen, und er stand am offenen Fenster und verneigte sich,
stellte sich eine Weile der Begeisterung dar und grüßte dankend …
Ohne rechten Alltag war sein Leben und ohne rechte Wirklichkeit; es
setzte sich aus lauter hochgespannten Augenblicken zusammen. Wohin er
kam, da war Feier- und Ehrentag, da verherrlichte das Volk sich selber im
Feste, da verklärte sich das graue Leben und ward Poesie. Der Hungerleider
wurde zum schlichten Mann, die Spelunke zur friedlichen Hütte,
schmutzige Gassenkinder wurden zu züchtigen kleinen Mädchen und
Buben im Sonntagsstaat, das Haar mit Wasser geglättet, ein Gedicht auf der
Lippe, und der dumpfe Bürger wurde in Gehrock und Zylinder sein selber
mit Rührung bewußt. Aber nicht er nur, Klaus Heinrich, sah die Welt in
diesem Lichte, sondern sie selbst sah sich so, für die Dauer seiner
Hier ist die Lebensführung und Berufsübung Klaus Heinrichs, geschildert
in ihrer Eigentümlichkeit.
Er stieg irgendwo aus seinem Wagen, schritt mit übergeworfenem Mantel
durch eine kurze Gasse hochrufenden Volkes über ein Trottoir, das mit
einem roten Läufer bedeckt war, durch eine von Lorbeerbäumen flankierte
Haustür, über der man einen Baldachin errichtet hatte, eine Treppe hinan,
die leuchtertragende Diener paarweise besetzt hielten … Er ging nach
einem Festessen, mit Orden bedeckt bis zu den Hüften, die
Fransenepaulettes eines Majors auf seinen schmalen Schultern, mit Gefolge
den gotischen Korridor eines Rathauses entlang. Zwei Diener liefen vor ihm
her und öffneten ihm eifrig eine alte, in ihren Bleifassungen schütternde
Fensterscheibe. Denn unten auf dem kleinen Marktplatz stand
zusammengekeilt und Kopf an Kopf das Volk, eine schräge Fläche aufwärts
gewandter Gesichter, von qualmigem Fackellicht dunkel überglüht. Sie
riefen und sangen, und er stand am offenen Fenster und verneigte sich,
stellte sich eine Weile der Begeisterung dar und grüßte dankend …
Ohne rechten Alltag war sein Leben und ohne rechte Wirklichkeit; es
setzte sich aus lauter hochgespannten Augenblicken zusammen. Wohin er
kam, da war Feier- und Ehrentag, da verherrlichte das Volk sich selber im
Feste, da verklärte sich das graue Leben und ward Poesie. Der Hungerleider
wurde zum schlichten Mann, die Spelunke zur friedlichen Hütte,
schmutzige Gassenkinder wurden zu züchtigen kleinen Mädchen und
Buben im Sonntagsstaat, das Haar mit Wasser geglättet, ein Gedicht auf der
Lippe, und der dumpfe Bürger wurde in Gehrock und Zylinder sein selber
mit Rührung bewußt. Aber nicht er nur, Klaus Heinrich, sah die Welt in
diesem Lichte, sondern sie selbst sah sich so, für die Dauer seiner
Page 144
Anwesenheit. Eine seltsame Unechtheit und Scheinbarkeit herrschte auf den
Stätten seiner Berufsübung, eine ebenmäßige, bestandlose Ausstattung, eine
falsche und herzerhebende Verkleidung der Wirklichkeit aus Pappe und
vergoldetem Holz, aus Kranzgewinden, Lampions, Draperien und
Fahnentüchern war hingezaubert für eine schöne Stunde, und er selbst stand
im Mittelpunkte des Schaugepränges auf einem Teppich, der den nackten
Erdboden bedeckte, zwischen zweifarbig bemalten Masten, um die sich
Girlanden schlangen, stand mit geschlossenen Absätzen im Dufte des Lacks
und der Tannenreiser und stemmte lächelnd seine linke Hand in die Hüfte.
Er legte den Grundstein eines neuen Rathauses. Die Bürgerschaft hatte
durch gewisse Finanzmanöver die erforderliche Geldsumme aufgebracht,
und ein gelernter Architekt aus der Hauptstadt war mit dem Bau beauftragt
worden. Aber Klaus Heinrich nahm die Grundsteinlegung vor. Er fuhr unter
dem Jubel der Bevölkerung vor der prächtigen Baracke an, die man am
Bauplatz errichtet hatte, stieg mit leichten und beherrschten Bewegungen
aus dem offenen Wagen auf den gewalzten, mit feinem gelbem Sande
bedeckten Erdboden hinab und schritt ganz allein auf die amtlichen Herren
in Frack und weißer Binde zu, die ihn am Eingang erwarteten. Er ließ sich
den Architekten vorstellen und führte mit ihm, angesichts des Publikums
und unter dem starren Lächeln der Umstehenden, fünf Minuten lang ein
Gespräch von hoher Allgemeinheit über die Vorzüge der verschiedenen
Baustile, worauf er eine gewisse, während des Gespräches innerlich
vorbereitete Wendung machte und über Läufer und Bretterstufen zu seinem
Sessel am Rande der Mitteltribüne geleitet wurde. Er saß dort, angetan mit
Kette und Stern, einen Fuß vorgestellt, die weiß gekleideten Hände auf dem
Säbelgriff gekreuzt, den Helm neben sich am Boden, der Festversammlung
sichtbar von allen Seiten, und hörte in gefaßter Haltung die Rede des
Bürgermeisters an. Hierauf, als die Bitte an ihn erging, erhob er sich, stieg
ohne merkliche Vorsicht, ohne auf seine Füße zu blicken, die Stufen zu
jener Vertiefung hinab, wo sich der Grundstein befand, und tat mit einem
kleinen Hammer drei langsame Schläge auf den Sandsteinblock, wozu er in
der tiefen Stille mit seiner etwas scharfen Stimme ein Sprüchlein sprach,
das Herr von Knobelsdorff ihm aufgesetzt hatte. Schulkinder sangen in
hellem Chor. Und Klaus Heinrich hielt Abfahrt.
Er schritt beim Landeskriegerfest die Front der Veteranen ab. Ein Greis
schrie mit einer Stimme, die vom Pulverrauch heiser schien:
Stätten seiner Berufsübung, eine ebenmäßige, bestandlose Ausstattung, eine
falsche und herzerhebende Verkleidung der Wirklichkeit aus Pappe und
vergoldetem Holz, aus Kranzgewinden, Lampions, Draperien und
Fahnentüchern war hingezaubert für eine schöne Stunde, und er selbst stand
im Mittelpunkte des Schaugepränges auf einem Teppich, der den nackten
Erdboden bedeckte, zwischen zweifarbig bemalten Masten, um die sich
Girlanden schlangen, stand mit geschlossenen Absätzen im Dufte des Lacks
und der Tannenreiser und stemmte lächelnd seine linke Hand in die Hüfte.
Er legte den Grundstein eines neuen Rathauses. Die Bürgerschaft hatte
durch gewisse Finanzmanöver die erforderliche Geldsumme aufgebracht,
und ein gelernter Architekt aus der Hauptstadt war mit dem Bau beauftragt
worden. Aber Klaus Heinrich nahm die Grundsteinlegung vor. Er fuhr unter
dem Jubel der Bevölkerung vor der prächtigen Baracke an, die man am
Bauplatz errichtet hatte, stieg mit leichten und beherrschten Bewegungen
aus dem offenen Wagen auf den gewalzten, mit feinem gelbem Sande
bedeckten Erdboden hinab und schritt ganz allein auf die amtlichen Herren
in Frack und weißer Binde zu, die ihn am Eingang erwarteten. Er ließ sich
den Architekten vorstellen und führte mit ihm, angesichts des Publikums
und unter dem starren Lächeln der Umstehenden, fünf Minuten lang ein
Gespräch von hoher Allgemeinheit über die Vorzüge der verschiedenen
Baustile, worauf er eine gewisse, während des Gespräches innerlich
vorbereitete Wendung machte und über Läufer und Bretterstufen zu seinem
Sessel am Rande der Mitteltribüne geleitet wurde. Er saß dort, angetan mit
Kette und Stern, einen Fuß vorgestellt, die weiß gekleideten Hände auf dem
Säbelgriff gekreuzt, den Helm neben sich am Boden, der Festversammlung
sichtbar von allen Seiten, und hörte in gefaßter Haltung die Rede des
Bürgermeisters an. Hierauf, als die Bitte an ihn erging, erhob er sich, stieg
ohne merkliche Vorsicht, ohne auf seine Füße zu blicken, die Stufen zu
jener Vertiefung hinab, wo sich der Grundstein befand, und tat mit einem
kleinen Hammer drei langsame Schläge auf den Sandsteinblock, wozu er in
der tiefen Stille mit seiner etwas scharfen Stimme ein Sprüchlein sprach,
das Herr von Knobelsdorff ihm aufgesetzt hatte. Schulkinder sangen in
hellem Chor. Und Klaus Heinrich hielt Abfahrt.
Er schritt beim Landeskriegerfest die Front der Veteranen ab. Ein Greis
schrie mit einer Stimme, die vom Pulverrauch heiser schien:
Page 145
»Stillgestanden! Hut ab! Augen rechts!« Und sie standen, Medaillen und
Kreuze an ihren Röcken, den rauhen Zylinder am Schenkel, und blickten
mit blutunterlaufenen Hundeaugen auf ihn, der freundlich musternd
vorüberging und bei diesem und jenem mit der Frage verweilte, wo er
gedient, wo er im Feuer gestanden … Er nahm teil am Turnerfest, schenkte
dem Wetturnen der Gauvereine seine Gegenwart und ließ sich die Sieger
vorführen, um sie »in ein Gespräch zu ziehen«. Die kühnen und
wohlgebauten jungen Männer standen linkisch vor ihm, nachdem sie
soeben noch die gewaltigsten Taten vollbracht, und Klaus Heinrich
verwendete rasch hintereinander ein paar Fachausdrücke, deren er sich von
Herrn Zotte her erinnerte und die er mit großer Geläufigkeit aussprach,
indem er seine linke Hand verbarg.
Er fuhr zum Fünfhausener Fischertage, er wohnte auf seiner mit rotem
Stoff ausgeschlagenen Ehrentribüne den Pferderennen bei Grimmburg an
und nahm die Preisverteilung vor. Er führte auch das Ehrenpräsidium und
Protektorat beim Bundesschützenfest; er besuchte das Preisschießen der
Großherzoglich privilegierten Schützengesellschaft. Er »sprach«, wie es im
Berichte des »Eilboten« hieß, »dem Willkommtrunke wacker zu«, indem er
nämlich den silbernen Pokal einen Augenblick an die Lippen hielt und ihn
dann mit geschlossenen Absätzen gegen die Schützen hob. Er gab hierauf
mehrere Schüsse auf die Ehrenscheibe ab, von denen in den Berichten nicht
gesagt war, wohin sie getroffen hatten, pflog später mit drei aufeinander
folgenden Männern ein und dieselbe Unterredung über die Vorzüge des
Schützenwesens, die im »Eilboten« als »gemütliche Aussprache«
gekennzeichnet war, und verabschiedete sich endlich mit einem herzlichen
»Gut Glück!«, das unbeschreiblichen Jubel hervorrief. Diese Grußformel
hatte ihm Generaladjutant von Hühnemann, nachdem er Erkundigungen
eingezogen, im letzten Augenblick zugeflüstert; denn natürlich hätte es
störend gewirkt, hätte die schöne Täuschung der Sachkenntnis und ernsten
Vorliebe aufgehoben, wenn Klaus Heinrich zu den Schützen »Glück auf!«
und zu Bergleuten etwa »Gut Heil!« gesagt hätte.
Überhaupt bedurfte er zu seiner Berufsübung gewisser sachlicher
Kenntnisse, die er sich von Fall zu Fall verschaffte, um sie im rechten
Augenblick und in ansprechender Form zu verwenden. Sie betrafen
vorwiegend die auf den verschiedenen Gebieten menschlicher Tätigkeit
gebräuchlichen Kunstausdrücke sowie geschichtliche Daten, und vor einer
Kreuze an ihren Röcken, den rauhen Zylinder am Schenkel, und blickten
mit blutunterlaufenen Hundeaugen auf ihn, der freundlich musternd
vorüberging und bei diesem und jenem mit der Frage verweilte, wo er
gedient, wo er im Feuer gestanden … Er nahm teil am Turnerfest, schenkte
dem Wetturnen der Gauvereine seine Gegenwart und ließ sich die Sieger
vorführen, um sie »in ein Gespräch zu ziehen«. Die kühnen und
wohlgebauten jungen Männer standen linkisch vor ihm, nachdem sie
soeben noch die gewaltigsten Taten vollbracht, und Klaus Heinrich
verwendete rasch hintereinander ein paar Fachausdrücke, deren er sich von
Herrn Zotte her erinnerte und die er mit großer Geläufigkeit aussprach,
indem er seine linke Hand verbarg.
Er fuhr zum Fünfhausener Fischertage, er wohnte auf seiner mit rotem
Stoff ausgeschlagenen Ehrentribüne den Pferderennen bei Grimmburg an
und nahm die Preisverteilung vor. Er führte auch das Ehrenpräsidium und
Protektorat beim Bundesschützenfest; er besuchte das Preisschießen der
Großherzoglich privilegierten Schützengesellschaft. Er »sprach«, wie es im
Berichte des »Eilboten« hieß, »dem Willkommtrunke wacker zu«, indem er
nämlich den silbernen Pokal einen Augenblick an die Lippen hielt und ihn
dann mit geschlossenen Absätzen gegen die Schützen hob. Er gab hierauf
mehrere Schüsse auf die Ehrenscheibe ab, von denen in den Berichten nicht
gesagt war, wohin sie getroffen hatten, pflog später mit drei aufeinander
folgenden Männern ein und dieselbe Unterredung über die Vorzüge des
Schützenwesens, die im »Eilboten« als »gemütliche Aussprache«
gekennzeichnet war, und verabschiedete sich endlich mit einem herzlichen
»Gut Glück!«, das unbeschreiblichen Jubel hervorrief. Diese Grußformel
hatte ihm Generaladjutant von Hühnemann, nachdem er Erkundigungen
eingezogen, im letzten Augenblick zugeflüstert; denn natürlich hätte es
störend gewirkt, hätte die schöne Täuschung der Sachkenntnis und ernsten
Vorliebe aufgehoben, wenn Klaus Heinrich zu den Schützen »Glück auf!«
und zu Bergleuten etwa »Gut Heil!« gesagt hätte.
Überhaupt bedurfte er zu seiner Berufsübung gewisser sachlicher
Kenntnisse, die er sich von Fall zu Fall verschaffte, um sie im rechten
Augenblick und in ansprechender Form zu verwenden. Sie betrafen
vorwiegend die auf den verschiedenen Gebieten menschlicher Tätigkeit
gebräuchlichen Kunstausdrücke sowie geschichtliche Daten, und vor einer
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Repräsentationsfahrt machte Klaus Heinrich daheim in Schloß Eremitage
mit Hilfe von Druckschriften und mündlichen Vorträgen die nötigen
Studien. Als er im Namen des Großherzogs, »meines gnädigsten Herrn
Bruders«, die Enthüllung des Johann-Albrecht-Standbildes zu Knüppelsdorf
vollzog, hielt er auf dem Festplatze gleich nach dem Vortrage des Vereins
»Geradsinnliederkranz« eine Rede, in der alles untergebracht war, was er
sich über Knüppelsdorf notiert hatte, und die allerseits den schönen
Eindruck hervorrief, als habe er sich zeit seines Lebens vornehmlich mit
den historischen Schicksalen dieses Mittelpunktes beschäftigt. Erstens war
Knüppelsdorf eine Stadt, und Klaus Heinrich erwähnte das dreimal, zum
Stolze der Einwohnerschaft. Ferner sagte er, daß die Stadt Knüppelsdorf,
wie ihre geschichtliche Vergangenheit bezeuge, mit dem Hause Grimmburg
seit vielen Jahrhunderten treu verbunden sei. Träte doch bekanntlich, sagte
er, schon im vierzehnten Jahrhundert Landgraf Heinrich XV., der
Rutensteiner, als Gönner Knüppelsdorfs besonders hervor. Dieser, der
Rutensteiner, habe in dem auf dem nahen Rutensteine erbauten Schloß
residiert, dessen »trotzige Türme und feste Mauern zum Schutze
Knüppelsdorfs weit hinaus ins Land gegrüßt« hätten. Dann erinnerte er
daran, wie durch Erbfolge und Heirat Knüppelsdorf endlich an den Zweig
der Familie gekommen sei, dem sein Bruder und er selbst angehörten.
Schwere Stürme hätten im Verlaufe der Zeiten über Knüppelsdorf
dahingebraust, Kriegsjahre, Feuersbrünste und Pestilenzen hätten es
heimgesucht, doch immer habe es sich wieder emporgerafft und in allen
Lagen treu zum angestammten Fürstenhause gehalten. Dieselbe Gesinnung
aber zeige auch das heutige Knüppelsdorf, indem es dem Andenken seines,
Klaus Heinrichs, hochseligen Herrn Vaters ein Denkmal errichte, und mit
besonderer Freude werde er seinem gnädigen Herrn Bruder über den
glänzenden und herzlichen Empfang Bericht erstatten, den er hier als
höchstsein Stellvertreter gefunden habe … Die Hülle fiel, der Verein
»Geradsinnliederkranz« tat noch einmal sein Bestes. Und Klaus Heinrich
stand lächelnd, mit einem Gefühle der Ausgeleertheit unter seinem
Theaterzelt, froh in der Sicherheit, daß niemand ihn weiter fragen dürfe.
Denn er hätte nun kein Sterbenswörtchen mehr über Knüppelsdorf zu sagen
gewußt.
Wie ermüdend sein Leben war, wie anstrengend! Zuweilen schien es ihm,
als habe er beständig mit großem Aufgebot an Spannkraft etwas
mit Hilfe von Druckschriften und mündlichen Vorträgen die nötigen
Studien. Als er im Namen des Großherzogs, »meines gnädigsten Herrn
Bruders«, die Enthüllung des Johann-Albrecht-Standbildes zu Knüppelsdorf
vollzog, hielt er auf dem Festplatze gleich nach dem Vortrage des Vereins
»Geradsinnliederkranz« eine Rede, in der alles untergebracht war, was er
sich über Knüppelsdorf notiert hatte, und die allerseits den schönen
Eindruck hervorrief, als habe er sich zeit seines Lebens vornehmlich mit
den historischen Schicksalen dieses Mittelpunktes beschäftigt. Erstens war
Knüppelsdorf eine Stadt, und Klaus Heinrich erwähnte das dreimal, zum
Stolze der Einwohnerschaft. Ferner sagte er, daß die Stadt Knüppelsdorf,
wie ihre geschichtliche Vergangenheit bezeuge, mit dem Hause Grimmburg
seit vielen Jahrhunderten treu verbunden sei. Träte doch bekanntlich, sagte
er, schon im vierzehnten Jahrhundert Landgraf Heinrich XV., der
Rutensteiner, als Gönner Knüppelsdorfs besonders hervor. Dieser, der
Rutensteiner, habe in dem auf dem nahen Rutensteine erbauten Schloß
residiert, dessen »trotzige Türme und feste Mauern zum Schutze
Knüppelsdorfs weit hinaus ins Land gegrüßt« hätten. Dann erinnerte er
daran, wie durch Erbfolge und Heirat Knüppelsdorf endlich an den Zweig
der Familie gekommen sei, dem sein Bruder und er selbst angehörten.
Schwere Stürme hätten im Verlaufe der Zeiten über Knüppelsdorf
dahingebraust, Kriegsjahre, Feuersbrünste und Pestilenzen hätten es
heimgesucht, doch immer habe es sich wieder emporgerafft und in allen
Lagen treu zum angestammten Fürstenhause gehalten. Dieselbe Gesinnung
aber zeige auch das heutige Knüppelsdorf, indem es dem Andenken seines,
Klaus Heinrichs, hochseligen Herrn Vaters ein Denkmal errichte, und mit
besonderer Freude werde er seinem gnädigen Herrn Bruder über den
glänzenden und herzlichen Empfang Bericht erstatten, den er hier als
höchstsein Stellvertreter gefunden habe … Die Hülle fiel, der Verein
»Geradsinnliederkranz« tat noch einmal sein Bestes. Und Klaus Heinrich
stand lächelnd, mit einem Gefühle der Ausgeleertheit unter seinem
Theaterzelt, froh in der Sicherheit, daß niemand ihn weiter fragen dürfe.
Denn er hätte nun kein Sterbenswörtchen mehr über Knüppelsdorf zu sagen
gewußt.
Wie ermüdend sein Leben war, wie anstrengend! Zuweilen schien es ihm,
als habe er beständig mit großem Aufgebot an Spannkraft etwas
Page 147
aufrechtzuerhalten, was eigentlich nicht, oder doch nur unter günstigsten
Bedingungen, aufrechtzuerhalten war. Zuweilen erschien sein Beruf ihm
traurig und arm, obgleich er ihn liebte und jede Repräsentationsfahrt gern
unternahm.
Er fuhr über Land zu einer Ackerbauausstellung, fuhr in seiner schlecht
federnden Chaise von Schloß »Eremitage« zum Bahnhof, wo zu seiner
Verabschiedung der Regierungspräsident, der Polizeipräsident und der
Vorstand der Bahn am Salonwagen standen. Er fuhr anderthalb Stunden,
indem er mit den großherzoglichen Adjutanten, die ihm zugeteilt waren,
und dem Referenten für Landwirtschaft, Ministerialrat Heckepfeng, einem
strengen und ehrfurchtsvollen Herrn, der ihn ebenfalls begleitete, nicht ohne
Mühe ein Gespräch unterhielt. Dann fuhr er in den Bahnhof des Städtchens
ein, welches das Landwirtschaftsfest veranstaltete. Der Bürgermeister, eine
Kette über dem Frack, erwartete ihn an der Spitze von sechs oder sieben
anderen dienstlichen Persönlichkeiten. Die Station war mit vielen
Tannenbäumchen und Laubschnüren geschmückt. Im Hintergrunde standen
die Gipsbüsten Albrechts und Klaus Heinrichs im Grünen. Das Publikum
hinter der Absperrung rief dreimal hoch. Die Glocken läuteten.
Der Bürgermeister hieß Klaus Heinrich mit einer Ansprache
willkommen. Er bringe ihm Dank dar, sagte er und schüttelte dabei seinen
Zylinderhut mit der Hand, in der er ihn hielt, den Dank der Stadt für alles,
was Klaus Heinrichs Bruder und er selbst ihr Gutes erwiesen, und innige
Wünsche für eine weitere segenvolle Regierung. Auch wiederholte er die
Bitte, der Prinz möge das Werk, das unter seinem Protektorat so wohl
gediehen sei, nun krönen und die landwirtschaftliche Ausstellung gnädigst
eröffnen.
Dieser Bürgermeister führte den Titel Ökonomierat, was man Klaus
Heinrich bedeutet hatte und weshalb er ihn in seiner Antwort dreimal so
anredete. Er sagte, er freue sich, zu hören, daß das Werk der
Landwirtschaftsausstellung unter seinem Protektorate so wohl gediehen sei.
(Er hatte eigentlich vergessen, daß er das Protektorat über die Ausstellung
führte.) Er sei gekommen, um heute das Letzte für das große Werk zu tun,
indem er die Ausstellung eröffnete. Dann erkundigte er sich nach vier
Dingen: nach den wirtschaftlichen Verhältnissen der Stadt, der Zunahme der
Bevölkerung in den letzten Jahren, nach dem Arbeitsmarkt (obgleich er
Bedingungen, aufrechtzuerhalten war. Zuweilen erschien sein Beruf ihm
traurig und arm, obgleich er ihn liebte und jede Repräsentationsfahrt gern
unternahm.
Er fuhr über Land zu einer Ackerbauausstellung, fuhr in seiner schlecht
federnden Chaise von Schloß »Eremitage« zum Bahnhof, wo zu seiner
Verabschiedung der Regierungspräsident, der Polizeipräsident und der
Vorstand der Bahn am Salonwagen standen. Er fuhr anderthalb Stunden,
indem er mit den großherzoglichen Adjutanten, die ihm zugeteilt waren,
und dem Referenten für Landwirtschaft, Ministerialrat Heckepfeng, einem
strengen und ehrfurchtsvollen Herrn, der ihn ebenfalls begleitete, nicht ohne
Mühe ein Gespräch unterhielt. Dann fuhr er in den Bahnhof des Städtchens
ein, welches das Landwirtschaftsfest veranstaltete. Der Bürgermeister, eine
Kette über dem Frack, erwartete ihn an der Spitze von sechs oder sieben
anderen dienstlichen Persönlichkeiten. Die Station war mit vielen
Tannenbäumchen und Laubschnüren geschmückt. Im Hintergrunde standen
die Gipsbüsten Albrechts und Klaus Heinrichs im Grünen. Das Publikum
hinter der Absperrung rief dreimal hoch. Die Glocken läuteten.
Der Bürgermeister hieß Klaus Heinrich mit einer Ansprache
willkommen. Er bringe ihm Dank dar, sagte er und schüttelte dabei seinen
Zylinderhut mit der Hand, in der er ihn hielt, den Dank der Stadt für alles,
was Klaus Heinrichs Bruder und er selbst ihr Gutes erwiesen, und innige
Wünsche für eine weitere segenvolle Regierung. Auch wiederholte er die
Bitte, der Prinz möge das Werk, das unter seinem Protektorat so wohl
gediehen sei, nun krönen und die landwirtschaftliche Ausstellung gnädigst
eröffnen.
Dieser Bürgermeister führte den Titel Ökonomierat, was man Klaus
Heinrich bedeutet hatte und weshalb er ihn in seiner Antwort dreimal so
anredete. Er sagte, er freue sich, zu hören, daß das Werk der
Landwirtschaftsausstellung unter seinem Protektorate so wohl gediehen sei.
(Er hatte eigentlich vergessen, daß er das Protektorat über die Ausstellung
führte.) Er sei gekommen, um heute das Letzte für das große Werk zu tun,
indem er die Ausstellung eröffnete. Dann erkundigte er sich nach vier
Dingen: nach den wirtschaftlichen Verhältnissen der Stadt, der Zunahme der
Bevölkerung in den letzten Jahren, nach dem Arbeitsmarkt (obgleich er
Page 148
nicht ganz genau wußte, was eigentlich der Arbeitsmarkt sei) und nach den
Lebensmittelpreisen. Hörte er, daß die Lebensmittel teuer seien, so nahm er
diese Mitteilung »ernst« entgegen, und das mußte selbstverständlich alles
sein. Niemand erwartete mehr von ihm, und allgemein wirkte es tröstlich,
daß er die Mitteilung von den hohen Preisen sehr ernst entgegengenommen
habe.
Dann stellte der Bürgermeister ihm die städtischen Würdenträger vor:
den Oberamtsrichter, einen adeligen Gutsbesitzer aus der Nähe, den Pastor,
die beiden Ärzte, einen Expeditor, und Klaus Heinrich richtete an jeden eine
Frage, indem er sich während der Antwort überlegte, was er zu dem
nächsten sagen sollte. Es waren außerdem noch der Landestierarzt und der
Landesinspektor für Tierzucht zugegen. Endlich bestieg man Fuhrwerke,
um unter den Zurufen der Einwohner zwischen einem Spalier von
Schulkindern, Feuerwehrleuten und Fahnenvereinen durch die geschmückte
Stadt zur Festwiese zu fahren – nicht ohne am Tore noch einmal von weiß
gekleideten Jungfrauen mit Kränzen auf den Köpfen angehalten zu werden,
von denen eine, die Tochter des Bürgermeisters, dem Prinzen einen
Blumenstrauß mit weißer Atlasmanschette in den Wagen reichte und zur
immerwährenden Erinnerung an diesen Augenblick eine jener hübschen
und preiswerten Preziosen eingehändigt erhielt, die Klaus Heinrich auf
seinen Reisen mit sich führte, eine, sie wußte selbst nicht warum, in
Sammet gebettete Busennadel, die man im »Eilboten« als goldenes, mit
Edelsteinen besetztes Geschmeide wiederfand.
Zelte, Pavillons und Baracken waren auf der Wiese errichtet. An langen
Reihen von Stangen, die untereinander mit Girlanden verbunden waren,
flatterten bunte Wimpel. Auf einer hölzernen, mit Fahnentüchern
behangenen Tribüne, zwischen Draperien, Festons und zweifarbigen
Flaggenstangen, verlas Klaus Heinrich die kurze Eröffnungsrede. Und dann
begann der Rundgang.
Da war an niedrige Querbäume das Hornvieh gefesselt, Reinzucht,
Prachtexemplare mit glatten, gewölbten, scheckigen Leibern, numerierte
Schilder an den breiten Stirnen. Da stampften und schnoben die Pferde,
schwere Ackergäule mit gebogenen Schnauzen und Haarbüscheln oberhalb
der Hufen, sowie feine, unruhige Reittiere. Da waren die nackten,
kurzbeinigen Schweine, und zwar sowohl Land- als Edelschweine in großer
Lebensmittelpreisen. Hörte er, daß die Lebensmittel teuer seien, so nahm er
diese Mitteilung »ernst« entgegen, und das mußte selbstverständlich alles
sein. Niemand erwartete mehr von ihm, und allgemein wirkte es tröstlich,
daß er die Mitteilung von den hohen Preisen sehr ernst entgegengenommen
habe.
Dann stellte der Bürgermeister ihm die städtischen Würdenträger vor:
den Oberamtsrichter, einen adeligen Gutsbesitzer aus der Nähe, den Pastor,
die beiden Ärzte, einen Expeditor, und Klaus Heinrich richtete an jeden eine
Frage, indem er sich während der Antwort überlegte, was er zu dem
nächsten sagen sollte. Es waren außerdem noch der Landestierarzt und der
Landesinspektor für Tierzucht zugegen. Endlich bestieg man Fuhrwerke,
um unter den Zurufen der Einwohner zwischen einem Spalier von
Schulkindern, Feuerwehrleuten und Fahnenvereinen durch die geschmückte
Stadt zur Festwiese zu fahren – nicht ohne am Tore noch einmal von weiß
gekleideten Jungfrauen mit Kränzen auf den Köpfen angehalten zu werden,
von denen eine, die Tochter des Bürgermeisters, dem Prinzen einen
Blumenstrauß mit weißer Atlasmanschette in den Wagen reichte und zur
immerwährenden Erinnerung an diesen Augenblick eine jener hübschen
und preiswerten Preziosen eingehändigt erhielt, die Klaus Heinrich auf
seinen Reisen mit sich führte, eine, sie wußte selbst nicht warum, in
Sammet gebettete Busennadel, die man im »Eilboten« als goldenes, mit
Edelsteinen besetztes Geschmeide wiederfand.
Zelte, Pavillons und Baracken waren auf der Wiese errichtet. An langen
Reihen von Stangen, die untereinander mit Girlanden verbunden waren,
flatterten bunte Wimpel. Auf einer hölzernen, mit Fahnentüchern
behangenen Tribüne, zwischen Draperien, Festons und zweifarbigen
Flaggenstangen, verlas Klaus Heinrich die kurze Eröffnungsrede. Und dann
begann der Rundgang.
Da war an niedrige Querbäume das Hornvieh gefesselt, Reinzucht,
Prachtexemplare mit glatten, gewölbten, scheckigen Leibern, numerierte
Schilder an den breiten Stirnen. Da stampften und schnoben die Pferde,
schwere Ackergäule mit gebogenen Schnauzen und Haarbüscheln oberhalb
der Hufen, sowie feine, unruhige Reittiere. Da waren die nackten,
kurzbeinigen Schweine, und zwar sowohl Land- als Edelschweine in großer
Page 149
Auswahl. Sie ließen die Bäuche hängen und wühlten grunzend mit ihren
rosigen Rüsseln im Boden, während das Geblök der wolligen Schafe, ein
verworrener Chor von Baß- und Kinderstimmen, die Luft erfüllte. Da war
die lärmvolle Geflügelausstellung, beschickt mit allen Arten von Hühnern,
vom großen Brahmaputra bis zum Goldlack-Zwerghühnchen, mit Enten
und allerlei Tauben, mit Futtermitteln und Eiern in frischem und künstlich
erhaltenem Zustande. Da war die Ausstellung von Feldprodukten mit allem
Korn, mit Runkeln und Klee, Kartoffeln, Erbsen und Flachs. Da waren
Auslesen von frischem und eingemachtem Gemüse, von rohem und
konserviertem Obst, von Beerenfrüchten, Marmeladen und Säften. Aber
endlich war da die Ausstellung landwirtschaftlicher Gerätschaften und
Maschinen, vorgeführt von mehreren technischen Firmen, versehen mit
allem, was zur Bestellung des Ackers dient, vom handlichen Pflug bis zu
den großen, schwarzen, geschornsteinten Motoren, bei denen es aussah wie
in einem Elefantenstall, vom einfachsten und begreiflichsten Gegenstande
bis zu solchen, die aus einem Gewirr von Rädern, Ketten, Kolben, Walzen,
Armen und Zähnen bestanden – eine Welt, eine ganze, beschämende Welt
sinnreicher Nützlichkeit.
Klaus Heinrich sah alles an, er schritt, den Säbelgriff überm Unterarm,
die Reihen der Tiere, Käfige, Säcke, Bottiche, Gläser und Utensilien ab.
Der Herr zu seiner Rechten wies ihn mit der Hand im weißen
Glacéhandschuh auf das einzelne hin, indem er sich diese und jene
Erläuterung gestattete, und Klaus Heinrich tat, was seines Berufes war. Er
äußerte sich in Worten vollster Anerkennung über alles, was er sah, er blieb
von Zeit zu Zeit stehen und zog die Aussteller der Tiere ins Gespräch,
erkundigte sich in leutseliger Weise nach ihren Verhältnissen und stellte
Fragen, die die ländlichen Männer beantworteten, indem sie sich hinter den
Ohren kratzten. Und im Gehen dankte er nach beiden Seiten für die
Huldigungen der Bevölkerung, die seinen Weg besetzt hielt.
Namentlich am Ausgang des Festplatzes, dort, wo die Wagen warteten,
hatte das Volk sich angesammelt, um seiner Abfahrt zuzuschauen. Ein Weg
war ihm freigehalten, eine gerade Gasse bis zum Schlag seines Landauers,
und er schritt lebhaft hindurch, die Hand am Helm und immerfort nickend,
allein und formvoll geschieden von all diesen Menschen, die ihrem Urbilde,
ihrer echten Art zujubelten, indem sie ihn feierten, und deren Leben, Arbeit
und Tüchtigkeit er festlich darstellte, ohne teil daran zu haben.
rosigen Rüsseln im Boden, während das Geblök der wolligen Schafe, ein
verworrener Chor von Baß- und Kinderstimmen, die Luft erfüllte. Da war
die lärmvolle Geflügelausstellung, beschickt mit allen Arten von Hühnern,
vom großen Brahmaputra bis zum Goldlack-Zwerghühnchen, mit Enten
und allerlei Tauben, mit Futtermitteln und Eiern in frischem und künstlich
erhaltenem Zustande. Da war die Ausstellung von Feldprodukten mit allem
Korn, mit Runkeln und Klee, Kartoffeln, Erbsen und Flachs. Da waren
Auslesen von frischem und eingemachtem Gemüse, von rohem und
konserviertem Obst, von Beerenfrüchten, Marmeladen und Säften. Aber
endlich war da die Ausstellung landwirtschaftlicher Gerätschaften und
Maschinen, vorgeführt von mehreren technischen Firmen, versehen mit
allem, was zur Bestellung des Ackers dient, vom handlichen Pflug bis zu
den großen, schwarzen, geschornsteinten Motoren, bei denen es aussah wie
in einem Elefantenstall, vom einfachsten und begreiflichsten Gegenstande
bis zu solchen, die aus einem Gewirr von Rädern, Ketten, Kolben, Walzen,
Armen und Zähnen bestanden – eine Welt, eine ganze, beschämende Welt
sinnreicher Nützlichkeit.
Klaus Heinrich sah alles an, er schritt, den Säbelgriff überm Unterarm,
die Reihen der Tiere, Käfige, Säcke, Bottiche, Gläser und Utensilien ab.
Der Herr zu seiner Rechten wies ihn mit der Hand im weißen
Glacéhandschuh auf das einzelne hin, indem er sich diese und jene
Erläuterung gestattete, und Klaus Heinrich tat, was seines Berufes war. Er
äußerte sich in Worten vollster Anerkennung über alles, was er sah, er blieb
von Zeit zu Zeit stehen und zog die Aussteller der Tiere ins Gespräch,
erkundigte sich in leutseliger Weise nach ihren Verhältnissen und stellte
Fragen, die die ländlichen Männer beantworteten, indem sie sich hinter den
Ohren kratzten. Und im Gehen dankte er nach beiden Seiten für die
Huldigungen der Bevölkerung, die seinen Weg besetzt hielt.
Namentlich am Ausgang des Festplatzes, dort, wo die Wagen warteten,
hatte das Volk sich angesammelt, um seiner Abfahrt zuzuschauen. Ein Weg
war ihm freigehalten, eine gerade Gasse bis zum Schlag seines Landauers,
und er schritt lebhaft hindurch, die Hand am Helm und immerfort nickend,
allein und formvoll geschieden von all diesen Menschen, die ihrem Urbilde,
ihrer echten Art zujubelten, indem sie ihn feierten, und deren Leben, Arbeit
und Tüchtigkeit er festlich darstellte, ohne teil daran zu haben.
Page 150
Mit einem leichten und freien Schritte bestieg er den Wagen, ließ sich
kunstreich nieder, so daß er sofort eine anmutige und vollkommene Haltung
gewann, an der nichts mehr zu verbessern war, und fuhr grüßend zum
»Gesellschaftshause«, wo das Frühstück eingenommen wurde. Der
Bezirksamtmann brachte dabei – und zwar nach dem zweiten Gange –
einen Trinkspruch auf den Großherzog und den Prinzen aus, worauf Klaus
Heinrich sich unverzüglich erhob, um auf das Wohl des Bezirks und der
Stadt zu trinken. Nach dem Festessen jedoch zog er sich in die Zimmer
zurück, die der Bürgermeister ihm in seiner Amtswohnung eingeräumt
hatte, und legte sich auf eine Stunde ins Bett; denn seine Berufsausübung
erschöpfte ihn in seltsamem Maße, und nachmittags sollte er nicht nur in
dieser Stadt die Kirche, die Schule, verschiedene Betriebe, besonders das
Käselager der Gebrüder Behnke, besichtigen und sich über alles höchst
befriedigt aussprechen, sondern auch noch seine Reise eine Strecke
fortsetzen und eine Unglücksstätte, ein abgebranntes Dorf besuchen, um der
Behörde seines Bruders Mitgefühl und sein eigenes auszudrücken und die
Heimgesuchten zu erquicken durch seine hohe Gegenwart …
Aber daheim auf Schloß »Eremitage«, zurückgekehrt in seine enthaltsam
möblierten Empirestuben, las er die Zeitungsberichte über seine Fahrten.
Dann erschien Geheimrat Schustermann vom Preßbureau, das dem
Ministerium des Inneren unterstand, in der Eremitage und brachte die
Ausschnitte aus den Zeitungen, die reinlich auf weiße Bogen geklebt,
datiert und mit dem Namen des Blattes versehen waren. Und Klaus
Heinrich las von seiner persönlichen Wirkung, las über seines Wesens
Anmut und Hoheit, las, daß er seine Sache gut gemacht und sich die Herzen
von jung und alt im Sturm gewonnen – daß er den Sinn des Volkes vom
Alltag erhoben und zur Liebe und Freude hingerissen habe.
Und dann erteilte er die Freiaudienzen im Alten Schloß, wie es vereinbart
war.
Die Sitte der Freiaudienzen war von einem wohlmeinenden Vorgänger
Albrechts II. geschaffen worden, und man hielt fest daran. Einmal in der
Woche war Albrecht, war an seiner Statt Klaus Heinrich für jedermann zu
sprechen. Ob der Bittsteller von Rang war oder nicht, seine Angelegenheit
Tragweite besaß oder in einer persönlichen Sorge und Beschwerde bestand
– eine Anmeldung bei Herrn von Bühl oder nur beim diensttuenden
kunstreich nieder, so daß er sofort eine anmutige und vollkommene Haltung
gewann, an der nichts mehr zu verbessern war, und fuhr grüßend zum
»Gesellschaftshause«, wo das Frühstück eingenommen wurde. Der
Bezirksamtmann brachte dabei – und zwar nach dem zweiten Gange –
einen Trinkspruch auf den Großherzog und den Prinzen aus, worauf Klaus
Heinrich sich unverzüglich erhob, um auf das Wohl des Bezirks und der
Stadt zu trinken. Nach dem Festessen jedoch zog er sich in die Zimmer
zurück, die der Bürgermeister ihm in seiner Amtswohnung eingeräumt
hatte, und legte sich auf eine Stunde ins Bett; denn seine Berufsausübung
erschöpfte ihn in seltsamem Maße, und nachmittags sollte er nicht nur in
dieser Stadt die Kirche, die Schule, verschiedene Betriebe, besonders das
Käselager der Gebrüder Behnke, besichtigen und sich über alles höchst
befriedigt aussprechen, sondern auch noch seine Reise eine Strecke
fortsetzen und eine Unglücksstätte, ein abgebranntes Dorf besuchen, um der
Behörde seines Bruders Mitgefühl und sein eigenes auszudrücken und die
Heimgesuchten zu erquicken durch seine hohe Gegenwart …
Aber daheim auf Schloß »Eremitage«, zurückgekehrt in seine enthaltsam
möblierten Empirestuben, las er die Zeitungsberichte über seine Fahrten.
Dann erschien Geheimrat Schustermann vom Preßbureau, das dem
Ministerium des Inneren unterstand, in der Eremitage und brachte die
Ausschnitte aus den Zeitungen, die reinlich auf weiße Bogen geklebt,
datiert und mit dem Namen des Blattes versehen waren. Und Klaus
Heinrich las von seiner persönlichen Wirkung, las über seines Wesens
Anmut und Hoheit, las, daß er seine Sache gut gemacht und sich die Herzen
von jung und alt im Sturm gewonnen – daß er den Sinn des Volkes vom
Alltag erhoben und zur Liebe und Freude hingerissen habe.
Und dann erteilte er die Freiaudienzen im Alten Schloß, wie es vereinbart
war.
Die Sitte der Freiaudienzen war von einem wohlmeinenden Vorgänger
Albrechts II. geschaffen worden, und man hielt fest daran. Einmal in der
Woche war Albrecht, war an seiner Statt Klaus Heinrich für jedermann zu
sprechen. Ob der Bittsteller von Rang war oder nicht, seine Angelegenheit
Tragweite besaß oder in einer persönlichen Sorge und Beschwerde bestand
– eine Anmeldung bei Herrn von Bühl oder nur beim diensttuenden
Page 151
Adjutanten genügte, und dem Manne ward Gelegenheit, seine Sache an
höchster Stelle vorzubringen. Eine schöne, menschenfreundliche
Einrichtung! Denn so brauchte der Bittsteller nicht den Weg des
schriftlichen Gesuches zu beschreiten, in der traurigen Voraussicht, daß sein
Schriftsatz auf immer in den Kanzleien verschwinden werde, sondern hatte
die glückliche Gewähr, daß sein Anliegen ganz unmittelbar zur höchsten
Stelle gelange. Eingeräumt mußte werden, daß die höchste Stelle – Klaus
Heinrich zu dieser Zeit – natürlich nicht in der Lage war, den Fall zu
übersehen, ihn ernstlich zu prüfen und eine Entscheidung darüber zu
treffen, sondern daß er die Sache dennoch an die Kanzleien weitergab,
woselbst sie »verschwand«. Allein der Nutzen war gleichwohl groß, wenn
auch nicht in dem Sinne großer Zweckdienlichkeit. Der Bürger, der
Bittsteller kam bei Herrn von Bühl mit der Bitte ein, empfangen zu werden,
und ein Tag, eine Stunde wurde ihm bestimmt. Er sah sie in freudiger
Beklommenheit herannahen, er arbeitete im Geist an den Sätzen, in
welchen er seine Angelegenheit vortragen würde, er ließ seinen Leibrock,
seinen Seidenhut bügeln, legte ein gutes Hemd zurecht und bereitete sich
auf alle Weise. Aber schon diese festlichen Vorkehrungen waren geeignet,
die Gedanken des Mannes von dem erstrebten, derb sachlichen Vorteil
abzulenken und ihm den Empfang selbst als den eigentlichen Gegenstand
seiner angeregten Erwartung erscheinen zu lassen. Die Stunde kam, und der
Bürger nahm, was er niemals tat, eine Droschke, um seine blanken Stiefel
nicht zu verunreinigen. Er fuhr zwischen den Löwen des Albrechtstores
hindurch, und die Wache sowohl wie der große Türsteher gaben ihm freien
Durchgang. Er stieg aus im Schloßhof am Säulenumgang vor dem
verwitterten Portal und ward von einem Lakaien in braunem Frack und
sandfarbenen Gamaschen sogleich zur Linken in ein Vorzimmer zu ebener
Erde eingelassen, in dessen einem Winkel sich ein Gestell mit Standarten
befand, und wo eine Anzahl anderer Supplikanten kaum flüsternd und in
andächtig gespanntem Zustande ihres Empfanges harrten. Der Adjutant, die
Liste der Gemeldeten in der Hand, ging ab und zu und nahm denjenigen,
der zunächst an der Reihe war, beiseite, um ihm mit gedämpfter Stimme
Verhaltungsmaßregeln zu erteilen. Aber im Nebenzimmer, »Freiaudienz-
Zimmer« genannt, stand Klaus Heinrich im Waffenrock mit silbernem
Kragen und mehreren Sternen an einem runden Tischchen mit drei
goldenen Beinen und empfing. Major von Platow unterrichtete ihn
oberflächlich über die Person der einzelnen Bittsteller, bat den Mann herein
höchster Stelle vorzubringen. Eine schöne, menschenfreundliche
Einrichtung! Denn so brauchte der Bittsteller nicht den Weg des
schriftlichen Gesuches zu beschreiten, in der traurigen Voraussicht, daß sein
Schriftsatz auf immer in den Kanzleien verschwinden werde, sondern hatte
die glückliche Gewähr, daß sein Anliegen ganz unmittelbar zur höchsten
Stelle gelange. Eingeräumt mußte werden, daß die höchste Stelle – Klaus
Heinrich zu dieser Zeit – natürlich nicht in der Lage war, den Fall zu
übersehen, ihn ernstlich zu prüfen und eine Entscheidung darüber zu
treffen, sondern daß er die Sache dennoch an die Kanzleien weitergab,
woselbst sie »verschwand«. Allein der Nutzen war gleichwohl groß, wenn
auch nicht in dem Sinne großer Zweckdienlichkeit. Der Bürger, der
Bittsteller kam bei Herrn von Bühl mit der Bitte ein, empfangen zu werden,
und ein Tag, eine Stunde wurde ihm bestimmt. Er sah sie in freudiger
Beklommenheit herannahen, er arbeitete im Geist an den Sätzen, in
welchen er seine Angelegenheit vortragen würde, er ließ seinen Leibrock,
seinen Seidenhut bügeln, legte ein gutes Hemd zurecht und bereitete sich
auf alle Weise. Aber schon diese festlichen Vorkehrungen waren geeignet,
die Gedanken des Mannes von dem erstrebten, derb sachlichen Vorteil
abzulenken und ihm den Empfang selbst als den eigentlichen Gegenstand
seiner angeregten Erwartung erscheinen zu lassen. Die Stunde kam, und der
Bürger nahm, was er niemals tat, eine Droschke, um seine blanken Stiefel
nicht zu verunreinigen. Er fuhr zwischen den Löwen des Albrechtstores
hindurch, und die Wache sowohl wie der große Türsteher gaben ihm freien
Durchgang. Er stieg aus im Schloßhof am Säulenumgang vor dem
verwitterten Portal und ward von einem Lakaien in braunem Frack und
sandfarbenen Gamaschen sogleich zur Linken in ein Vorzimmer zu ebener
Erde eingelassen, in dessen einem Winkel sich ein Gestell mit Standarten
befand, und wo eine Anzahl anderer Supplikanten kaum flüsternd und in
andächtig gespanntem Zustande ihres Empfanges harrten. Der Adjutant, die
Liste der Gemeldeten in der Hand, ging ab und zu und nahm denjenigen,
der zunächst an der Reihe war, beiseite, um ihm mit gedämpfter Stimme
Verhaltungsmaßregeln zu erteilen. Aber im Nebenzimmer, »Freiaudienz-
Zimmer« genannt, stand Klaus Heinrich im Waffenrock mit silbernem
Kragen und mehreren Sternen an einem runden Tischchen mit drei
goldenen Beinen und empfing. Major von Platow unterrichtete ihn
oberflächlich über die Person der einzelnen Bittsteller, bat den Mann herein
Page 152
und kehrte in den Pausen zurück, um den Prinzen kurz auf den
Nächstfolgenden vorzubereiten. Und der Bürger trat ein; das Blut im Kopfe
und ein wenig schwitzend stand er vor Klaus Heinrich. Man hatte ihm
eingeschärft, daß er sich Seiner Königlichen Hoheit nicht allzusehr nähern,
sondern in einiger Entfernung stehenbleiben, daß er nicht sprechen solle,
bevor er gefragt sei, und auch dann nicht alles auf einmal herausschwatzen,
sondern karg antworten, um dem Prinzen Stoff zu Fragen übrigzulassen;
daß er sich schließlich rückwärts und ohne dem Prinzen seine Kehrseite
zuzuwenden, entfernen möge. Und darauf, nicht gegen diese Vorschriften
zu verstoßen, sondern an seinem Teil dazu beizutragen, daß das Gespräch
einen schönen, glatten und harmonischen Verlauf nähme, nur hierauf war
alles Trachten des Bürgers gerichtet. Klaus Heinrich befragte ihn, wie er die
Veteranen, die Schützen, die Turner, die Landleute und die Abgebrannten zu
befragen gewöhnt war, lächelnd, die linke Hand weit hinten in die Hüfte
gestemmt; und unwillkürlich lächelte auch der Bürger – wobei ihm auf
irgendeine Weise zumute war, als erhöbe er sich mit diesem Lächeln über
alles, was ihn sonst befangen hielt. Dieser gemeine Mann, dessen Sinn
sonst am Boden haftete, der außer dem handgreiflich Nützlichen nichts,
wohl nicht einmal die alltägliche Höflichkeit in Bedacht nahm und auch
hierher um einer Sache willen gekommen war – er erfuhr in seiner Seele,
daß es etwas Höheres gäbe als seine Sache und die Sache überhaupt, und
erhoben, gereinigt, mit blindem Blick und noch immer das Lächeln auf
seinem geröteten Antlitz, ging er von dannen.
So erteilte Klaus Heinrich Freiaudienzen, und so übte er seinen hohen
Beruf. Er lebte auf »Eremitage« in seiner kleinen Flucht von Empirestuben,
die so streng und dürftig, mit kühlem Verzicht auf Behagen und Traulichkeit
eingerichtet waren. Verblichene Seide bespannte dort oberhalb der weißen
Täfelung die Wände, an den schmucklosen Decken hingen Kristallkronen,
geradlinige Sofas, ohne Tische zumeist, und dünnbeinige Etageren mit
Säulenstutzuhren standen an den Wänden, Stuhlpaare, weiß lackiert, mit
ovalen Rückenlehnen und dünnen Seidenbezügen flankierten die weiß
lackierten Flügeltüren, und in den Winkeln standen weiß lackierte
Gueridons, die vasenähnliche Armleuchter trugen. So sah es aus bei Klaus
Heinrich, und er war einverstanden mit dieser Umgebung.
Er lebte innerlich still, ohne Begeisterung oder Glaubenseifer in
öffentlichen Streitfragen. Er eröffnete als Vertreter seines Bruders den
Nächstfolgenden vorzubereiten. Und der Bürger trat ein; das Blut im Kopfe
und ein wenig schwitzend stand er vor Klaus Heinrich. Man hatte ihm
eingeschärft, daß er sich Seiner Königlichen Hoheit nicht allzusehr nähern,
sondern in einiger Entfernung stehenbleiben, daß er nicht sprechen solle,
bevor er gefragt sei, und auch dann nicht alles auf einmal herausschwatzen,
sondern karg antworten, um dem Prinzen Stoff zu Fragen übrigzulassen;
daß er sich schließlich rückwärts und ohne dem Prinzen seine Kehrseite
zuzuwenden, entfernen möge. Und darauf, nicht gegen diese Vorschriften
zu verstoßen, sondern an seinem Teil dazu beizutragen, daß das Gespräch
einen schönen, glatten und harmonischen Verlauf nähme, nur hierauf war
alles Trachten des Bürgers gerichtet. Klaus Heinrich befragte ihn, wie er die
Veteranen, die Schützen, die Turner, die Landleute und die Abgebrannten zu
befragen gewöhnt war, lächelnd, die linke Hand weit hinten in die Hüfte
gestemmt; und unwillkürlich lächelte auch der Bürger – wobei ihm auf
irgendeine Weise zumute war, als erhöbe er sich mit diesem Lächeln über
alles, was ihn sonst befangen hielt. Dieser gemeine Mann, dessen Sinn
sonst am Boden haftete, der außer dem handgreiflich Nützlichen nichts,
wohl nicht einmal die alltägliche Höflichkeit in Bedacht nahm und auch
hierher um einer Sache willen gekommen war – er erfuhr in seiner Seele,
daß es etwas Höheres gäbe als seine Sache und die Sache überhaupt, und
erhoben, gereinigt, mit blindem Blick und noch immer das Lächeln auf
seinem geröteten Antlitz, ging er von dannen.
So erteilte Klaus Heinrich Freiaudienzen, und so übte er seinen hohen
Beruf. Er lebte auf »Eremitage« in seiner kleinen Flucht von Empirestuben,
die so streng und dürftig, mit kühlem Verzicht auf Behagen und Traulichkeit
eingerichtet waren. Verblichene Seide bespannte dort oberhalb der weißen
Täfelung die Wände, an den schmucklosen Decken hingen Kristallkronen,
geradlinige Sofas, ohne Tische zumeist, und dünnbeinige Etageren mit
Säulenstutzuhren standen an den Wänden, Stuhlpaare, weiß lackiert, mit
ovalen Rückenlehnen und dünnen Seidenbezügen flankierten die weiß
lackierten Flügeltüren, und in den Winkeln standen weiß lackierte
Gueridons, die vasenähnliche Armleuchter trugen. So sah es aus bei Klaus
Heinrich, und er war einverstanden mit dieser Umgebung.
Er lebte innerlich still, ohne Begeisterung oder Glaubenseifer in
öffentlichen Streitfragen. Er eröffnete als Vertreter seines Bruders den
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Landtag, nahm aber keinen Anteil an den Vorgängen dortselbst und vermied
jedes Ja und Nein im Zwiespalt der Parteien – unentschieden und ohne
Überzeugungswärme wie einer, dessen Angelegenheit höher ist als alles
Parteiwesen. Jeder sah ein, daß seine Stellung ihm Zurückhaltung
auferlegte, aber viele empfanden, daß der Mangel an Teilnahme auf eine
befremdende und lähmende Weise in seinem Wesen ausgeprägt sei. Viele,
die mit ihm in Berührung kamen, bezeichneten ihn denn auch als »kalt«;
und wenn Doktor Überbein diese »Kälte« mit lauten Redensarten leugnete,
so war zu bezweifeln, ob der einseitige und ungemütliche Mann befähigt
war, in dieser Frage ein Urteil zu fällen. Natürlich kam es vor, daß Klaus
Heinrichs Blick sich mit solchen kreuzte, die ihn überhaupt nicht
anerkannten, frechen, höhnischen, gehässig erstaunten Blicken, die seine
ganze Leistung und Anstrengung verachteten und nicht kannten. Aber auch
bei gutwilligen, fromm gearteten Leuten, die sein Leben zu achten und zu
ehren sich bereit zeigten, bemerkte er zuweilen nach kurzer Zeit eine
gewisse Erschöpftheit, ja Gereiztheit, wie als ob sie im Luftkreis seines
Wesens nicht lange zu atmen vermöchten; und das betrübte Klaus Heinrich,
ohne daß er es abzustellen gewußt hätte.
Er hatte gar nichts zu tun im täglichen Leben; ob ihm ein Gruß gelang,
ein gnädiges Wort, eine gewinnende und doch würdevolle Handbewegung,
war wichtig und entscheidend. Einst kehrte er in Mütze und Mantel von
einem Spazierritt zurück, ritt langsam auf seinem braunen Pferde Florian
durch die Birkenallee, die am Rande unbebauten Geländes entlang auf Park
und Schloß »Eremitage« zuführte, und vor ihm her ging ein schäbig
gekleideter junger Mensch mit einer Pudelmütze und einem lächerlichen
Schopf im Nacken, zu kurzen Ärmeln und Hosen und außerordentlich
großen Füßen, die er einwärts setzte. Es mochte ein Realschüler oder
dergleichen sein, denn er trug ein Reißbrett unter dem Arm, worauf mit
Stiften eine große Zeichnung, ein ausgerechnetes Liniengewirr in roter und
schwarzer Tinte, eine Projektion oder ähnliches, befestigt war. Klaus
Heinrich hielt lange sein Pferd hinter dem jungen Menschen und betrachtete
die rot und schwarze Projektion auf dem Reißbrett. – Zuweilen dachte er,
daß es gut sein müsse, einen ordentlichen Nachnamen zu haben, Doktor
Fischer zu heißen und einem ernsten Beruf nachzugehen.
Er repräsentierte bei den Hoffestlichkeiten, dem großen und kleinen Ball,
dem Diner, den Konzerten und der großen Cour. Er ging auch mit seinen
jedes Ja und Nein im Zwiespalt der Parteien – unentschieden und ohne
Überzeugungswärme wie einer, dessen Angelegenheit höher ist als alles
Parteiwesen. Jeder sah ein, daß seine Stellung ihm Zurückhaltung
auferlegte, aber viele empfanden, daß der Mangel an Teilnahme auf eine
befremdende und lähmende Weise in seinem Wesen ausgeprägt sei. Viele,
die mit ihm in Berührung kamen, bezeichneten ihn denn auch als »kalt«;
und wenn Doktor Überbein diese »Kälte« mit lauten Redensarten leugnete,
so war zu bezweifeln, ob der einseitige und ungemütliche Mann befähigt
war, in dieser Frage ein Urteil zu fällen. Natürlich kam es vor, daß Klaus
Heinrichs Blick sich mit solchen kreuzte, die ihn überhaupt nicht
anerkannten, frechen, höhnischen, gehässig erstaunten Blicken, die seine
ganze Leistung und Anstrengung verachteten und nicht kannten. Aber auch
bei gutwilligen, fromm gearteten Leuten, die sein Leben zu achten und zu
ehren sich bereit zeigten, bemerkte er zuweilen nach kurzer Zeit eine
gewisse Erschöpftheit, ja Gereiztheit, wie als ob sie im Luftkreis seines
Wesens nicht lange zu atmen vermöchten; und das betrübte Klaus Heinrich,
ohne daß er es abzustellen gewußt hätte.
Er hatte gar nichts zu tun im täglichen Leben; ob ihm ein Gruß gelang,
ein gnädiges Wort, eine gewinnende und doch würdevolle Handbewegung,
war wichtig und entscheidend. Einst kehrte er in Mütze und Mantel von
einem Spazierritt zurück, ritt langsam auf seinem braunen Pferde Florian
durch die Birkenallee, die am Rande unbebauten Geländes entlang auf Park
und Schloß »Eremitage« zuführte, und vor ihm her ging ein schäbig
gekleideter junger Mensch mit einer Pudelmütze und einem lächerlichen
Schopf im Nacken, zu kurzen Ärmeln und Hosen und außerordentlich
großen Füßen, die er einwärts setzte. Es mochte ein Realschüler oder
dergleichen sein, denn er trug ein Reißbrett unter dem Arm, worauf mit
Stiften eine große Zeichnung, ein ausgerechnetes Liniengewirr in roter und
schwarzer Tinte, eine Projektion oder ähnliches, befestigt war. Klaus
Heinrich hielt lange sein Pferd hinter dem jungen Menschen und betrachtete
die rot und schwarze Projektion auf dem Reißbrett. – Zuweilen dachte er,
daß es gut sein müsse, einen ordentlichen Nachnamen zu haben, Doktor
Fischer zu heißen und einem ernsten Beruf nachzugehen.
Er repräsentierte bei den Hoffestlichkeiten, dem großen und kleinen Ball,
dem Diner, den Konzerten und der großen Cour. Er ging auch mit seinen
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rotköpfigen Vettern, den Herren des Gefolges, im Herbst auf die Hofjagden,
der Sitte wegen, und obwohl sein linker Arm ihm das Schießen
beschwerlich machte. Oft sah man ihn abends im Hoftheater, in seiner rot
ausgeschlagenen Proszeniumsloge zwischen den beiden weiblichen
Skulpturen mit den gekreuzten Händen und den leeren, strengen Gesichtern.
Denn das Theater unterhielt ihn, er liebte es, den Schauspielern zuzusehen,
zu beobachten, wie sie sich gaben, auf- und abtraten, ihre Rolle
durchführten. Meistens fand er sie schlecht, unzart in ihren Mitteln zu
gefallen und ungeübt in der feineren Vortäuschung des Natürlichen und
Kunstlosen. Übrigens war er geneigt, den niederen und volkstümlichen
Gegenden der Szene vor den hohen und feierlichen den Vorzug zu geben. In
der Residenz wirkte am »Singspieltheater« eine Soubrette namens Mizzi
Meyer, die in den Zeitungen und im Munde des Publikums nicht anders als
»unsere« Meyer hieß, und zwar auf Grund ihrer schrankenlosen Beliebtheit
bei groß und klein. Sie war nicht schön, kaum hübsch, sie sang mit
kreischender Stimme, und streng genommen, waren ihr keine besonderen
Gaben zuzusprechen. Dennoch brauchte sie nur die Bühne zu betreten, um
Stürme der Zustimmung, des Beifalls, der Aufmunterung zu entfesseln.
Denn diese blonde und gedrungene Person mit ihren blauen Augen, ihren
breiten, ein wenig zu hoch sitzenden Wangenknochen, ihrer gesunden,
lustigen oder auch gern ein wenig rührseligen Art war Fleisch vom Fleische
des Volkes und Blut von dem seinen. Solange sie, geschmückt, geschminkt
und von allen Seiten beleuchtet, der Menge gegenüber auf den Brettern
stand, war sie in der Tat die Verklärung des Volkes selbst – ja, das Volk
beklatschte sich selber, indem es sie beklatschte, und darin ganz allein
beruhte Mizzi Meyers Macht über die Gemüter. – Klaus Heinrich besuchte
gern mit Herrn von Braunbart-Schellendorf das »Singspieltheater«, wenn
Mizzi Meyer sang, und beteiligte sich lebhaft am Beifall.
Eines Tages hatte er eine Begegnung, die ihm einerseits zu denken gab,
anderseits ihn auch wieder enttäuschte. Es war die mit Herrn Martini, Axel
Martini, demselben, der die beiden von Sachverständigen viel gerühmten
Poesiebücher »Evoë!« und »Das heilige Leben« verfaßt hatte. Das
Zusammentreffen kam auf folgende Weise zustande.
In der Residenz lebte ein begüterter alter Herr, Oberregierungsrat seinem
Titel nach, der, seit er sich aus dem Staatsdienst in den Ruhestand
zurückgezogen, sein Leben der Förderung der schönen Künste,
der Sitte wegen, und obwohl sein linker Arm ihm das Schießen
beschwerlich machte. Oft sah man ihn abends im Hoftheater, in seiner rot
ausgeschlagenen Proszeniumsloge zwischen den beiden weiblichen
Skulpturen mit den gekreuzten Händen und den leeren, strengen Gesichtern.
Denn das Theater unterhielt ihn, er liebte es, den Schauspielern zuzusehen,
zu beobachten, wie sie sich gaben, auf- und abtraten, ihre Rolle
durchführten. Meistens fand er sie schlecht, unzart in ihren Mitteln zu
gefallen und ungeübt in der feineren Vortäuschung des Natürlichen und
Kunstlosen. Übrigens war er geneigt, den niederen und volkstümlichen
Gegenden der Szene vor den hohen und feierlichen den Vorzug zu geben. In
der Residenz wirkte am »Singspieltheater« eine Soubrette namens Mizzi
Meyer, die in den Zeitungen und im Munde des Publikums nicht anders als
»unsere« Meyer hieß, und zwar auf Grund ihrer schrankenlosen Beliebtheit
bei groß und klein. Sie war nicht schön, kaum hübsch, sie sang mit
kreischender Stimme, und streng genommen, waren ihr keine besonderen
Gaben zuzusprechen. Dennoch brauchte sie nur die Bühne zu betreten, um
Stürme der Zustimmung, des Beifalls, der Aufmunterung zu entfesseln.
Denn diese blonde und gedrungene Person mit ihren blauen Augen, ihren
breiten, ein wenig zu hoch sitzenden Wangenknochen, ihrer gesunden,
lustigen oder auch gern ein wenig rührseligen Art war Fleisch vom Fleische
des Volkes und Blut von dem seinen. Solange sie, geschmückt, geschminkt
und von allen Seiten beleuchtet, der Menge gegenüber auf den Brettern
stand, war sie in der Tat die Verklärung des Volkes selbst – ja, das Volk
beklatschte sich selber, indem es sie beklatschte, und darin ganz allein
beruhte Mizzi Meyers Macht über die Gemüter. – Klaus Heinrich besuchte
gern mit Herrn von Braunbart-Schellendorf das »Singspieltheater«, wenn
Mizzi Meyer sang, und beteiligte sich lebhaft am Beifall.
Eines Tages hatte er eine Begegnung, die ihm einerseits zu denken gab,
anderseits ihn auch wieder enttäuschte. Es war die mit Herrn Martini, Axel
Martini, demselben, der die beiden von Sachverständigen viel gerühmten
Poesiebücher »Evoë!« und »Das heilige Leben« verfaßt hatte. Das
Zusammentreffen kam auf folgende Weise zustande.
In der Residenz lebte ein begüterter alter Herr, Oberregierungsrat seinem
Titel nach, der, seit er sich aus dem Staatsdienst in den Ruhestand
zurückgezogen, sein Leben der Förderung der schönen Künste,
Page 155
insbesondere der Dichtkunst, gewidmet hatte. Er war der Begründer jener
Einrichtung, die man unter dem Namen des »Maikampfes« kannte – eines
alljährlich zur Lenzzeit sich wiederholenden poetischen Turniers, zu dem
der Oberregierungsrat durch Rundschreiben und Anschläge die Dichter und
Dichterinnen des Vaterlandes ermutigte. Preise waren ausgesetzt für das
zärtlichste Liebeslied, das innigste religiöse Gedicht, den feurigsten
patriotischen Sang, für die trefflichsten lyrischen Leistungen zum Preise der
Musik, des Waldes, des Frühlings, der Lebenslust – und diese Preise
bestanden außer Geldgewinnen in sinnigen und wertvollen Andenken wie
goldenen Federn, goldenen Busennadeln in Leier- und Blumenform und
dergleichen mehr. Auch die Stadtobrigkeit der Residenz hatte einen Preis
gestiftet, und der Großherzog spendete einen silbernen Pokal als Belohnung
für das unbedingt vorzüglichste unter allen eingesandten Gedichten. Der
Schöpfer des »Maikampfes« selbst, der die erste Sichtung des stets
gewaltigen Stoffes besorgte, nahm im Bunde mit zwei
Universitätsprofessoren und den Feuilletonredakteuren des »Eilboten« und
der »Volkszeitung« das Amt des Preisrichters wahr. Die gekrönten und die
lobend erwähnten Beiträge wurden regelmäßig als Jahrbuch auf Kosten des
Oberregierungsrates gedruckt und herausgegeben.
Dieses Jahr nun hatte sich Axel Martini am »Maikampf« beteiligt und
war als Sieger daraus hervorgegangen. Das Gedicht, das er vorgelegt hatte,
ein begeistertes Loblied auf die Lebenslust oder vielmehr ein überaus
stürmischer Ausbruch der Lebenslust selbst, ein hinreißender Hymnus auf
des Lebens Schönheit und Furchtbarkeit, war im Stile seiner beiden Bücher
gehalten und hatte Zwietracht ins Richterkollegium getragen. Der
Oberregierungsrat selbst und der Professor für Philologie hatten es mit einer
anerkennenden Erwähnung abspeisen wollen; denn sie fanden es maßlos im
Ausdruck, roh in seiner Leidenschaft und stellenweise unumwunden
anstößig. Aber der Professor für Literaturgeschichte zusammen mit den
Redakteuren hatten sie überstimmt, nicht nur in Hinsicht darauf, daß
Martinis Beitrag das beste Gedicht an die Lebenslust darstelle, sondern
auch bezüglich seines unbedingten Vorranges, und schließlich hatten sich
auch die beiden Gegner dem Eindruck dieses schäumenden und
betäubenden Wortsturzes nicht entziehen können.
Axel Martini hatte also dreihundert Mark, eine goldene Busennadel in
Leierform und obendrein den silbernen Pokal des Großherzogs erhalten,
Einrichtung, die man unter dem Namen des »Maikampfes« kannte – eines
alljährlich zur Lenzzeit sich wiederholenden poetischen Turniers, zu dem
der Oberregierungsrat durch Rundschreiben und Anschläge die Dichter und
Dichterinnen des Vaterlandes ermutigte. Preise waren ausgesetzt für das
zärtlichste Liebeslied, das innigste religiöse Gedicht, den feurigsten
patriotischen Sang, für die trefflichsten lyrischen Leistungen zum Preise der
Musik, des Waldes, des Frühlings, der Lebenslust – und diese Preise
bestanden außer Geldgewinnen in sinnigen und wertvollen Andenken wie
goldenen Federn, goldenen Busennadeln in Leier- und Blumenform und
dergleichen mehr. Auch die Stadtobrigkeit der Residenz hatte einen Preis
gestiftet, und der Großherzog spendete einen silbernen Pokal als Belohnung
für das unbedingt vorzüglichste unter allen eingesandten Gedichten. Der
Schöpfer des »Maikampfes« selbst, der die erste Sichtung des stets
gewaltigen Stoffes besorgte, nahm im Bunde mit zwei
Universitätsprofessoren und den Feuilletonredakteuren des »Eilboten« und
der »Volkszeitung« das Amt des Preisrichters wahr. Die gekrönten und die
lobend erwähnten Beiträge wurden regelmäßig als Jahrbuch auf Kosten des
Oberregierungsrates gedruckt und herausgegeben.
Dieses Jahr nun hatte sich Axel Martini am »Maikampf« beteiligt und
war als Sieger daraus hervorgegangen. Das Gedicht, das er vorgelegt hatte,
ein begeistertes Loblied auf die Lebenslust oder vielmehr ein überaus
stürmischer Ausbruch der Lebenslust selbst, ein hinreißender Hymnus auf
des Lebens Schönheit und Furchtbarkeit, war im Stile seiner beiden Bücher
gehalten und hatte Zwietracht ins Richterkollegium getragen. Der
Oberregierungsrat selbst und der Professor für Philologie hatten es mit einer
anerkennenden Erwähnung abspeisen wollen; denn sie fanden es maßlos im
Ausdruck, roh in seiner Leidenschaft und stellenweise unumwunden
anstößig. Aber der Professor für Literaturgeschichte zusammen mit den
Redakteuren hatten sie überstimmt, nicht nur in Hinsicht darauf, daß
Martinis Beitrag das beste Gedicht an die Lebenslust darstelle, sondern
auch bezüglich seines unbedingten Vorranges, und schließlich hatten sich
auch die beiden Gegner dem Eindruck dieses schäumenden und
betäubenden Wortsturzes nicht entziehen können.
Axel Martini hatte also dreihundert Mark, eine goldene Busennadel in
Leierform und obendrein den silbernen Pokal des Großherzogs erhalten,
Page 156
und sein Gedicht war im Jahrbuch an erster Stelle mit einer zeichnerischen
Umrahmung von der Künstlerhand des Professors von Lindemann
abgedruckt worden. Es kam aber hinzu, daß der Sitte gemäß der Sieger
(oder die Siegerin) im »Maikampf« vom Großherzog in Audienz
empfangen wurde; und da Albrecht gerade unpäßlich war, so fiel auch
dieser Empfang seinem Bruder zu.
Klaus Heinrich fürchtete sich ein wenig vor Herrn Martini. –
»Gott, Doktor Überbein,« sagte er bei einer kurzen Begegnung mit
seinem Lehrer, »was soll ich mit ihm anfangen? Er ist gewiß ein wilder,
unverschämter Mensch.«
Aber Doktor Überbein antwortete: »I bewahre, Klaus Heinrich, keine
Besorgnis! Er ist ein ganz artiges Männchen. Ich kenne ihn, ich hospitiere
ein bißchen in seinen Kreisen. Sie werden ausgezeichnet mit ihm fertig
werden.«
So empfing denn Klaus Heinrich den Dichter der Lebenslust, empfing
ihn auf »Eremitage«, um der Sache einen möglichst privaten Charakter zu
geben. »Im gelben Zimmer,« sagte er, »lieber Braunbart. Das ist in solchen
Fällen das präsentabelste.« Es standen drei schöne Stühle in diesem
Zimmer, die wohl das einzig Wertvolle unter dem Mobiliar des Schlößchens
waren, schwere Empirefauteuils in Mahagoni, mit schneckenförmig
aufgerollten Armlehnen und gelben Tuchbezügen, auf welche blaugrüne
Leiern gestickt waren. Klaus Heinrich stellte sich nicht zur Audienz auf bei
dieser Gelegenheit, sondern wartete, in einiger Unruhe, nebenan, bis Axel
Martini seinerseits sieben oder acht Minuten lang im gelben Zimmer
gewartet hatte. Dann trat er lebhaft, fast eilig ein und schritt auf den Dichter
zu, der sich tief verbeugte.
»Es macht mir großes Vergnügen, Sie kennenzulernen,« sagte er, »lieber
Herr … Herr Doktor, nicht wahr?«
»Nein, Königliche Hoheit,« erwiderte Axel Martini mit asthmatischer
Stimme, »nicht Doktor. Ich bin unbetitelt.«
»Oh, Verzeihung … ich nahm an … Setzen wir uns, lieber Herr Martini.
Ich bin, wie gesagt, sehr erfreut, Sie zu Ihrem großen Erfolge
beglückwünschen zu können …«
Umrahmung von der Künstlerhand des Professors von Lindemann
abgedruckt worden. Es kam aber hinzu, daß der Sitte gemäß der Sieger
(oder die Siegerin) im »Maikampf« vom Großherzog in Audienz
empfangen wurde; und da Albrecht gerade unpäßlich war, so fiel auch
dieser Empfang seinem Bruder zu.
Klaus Heinrich fürchtete sich ein wenig vor Herrn Martini. –
»Gott, Doktor Überbein,« sagte er bei einer kurzen Begegnung mit
seinem Lehrer, »was soll ich mit ihm anfangen? Er ist gewiß ein wilder,
unverschämter Mensch.«
Aber Doktor Überbein antwortete: »I bewahre, Klaus Heinrich, keine
Besorgnis! Er ist ein ganz artiges Männchen. Ich kenne ihn, ich hospitiere
ein bißchen in seinen Kreisen. Sie werden ausgezeichnet mit ihm fertig
werden.«
So empfing denn Klaus Heinrich den Dichter der Lebenslust, empfing
ihn auf »Eremitage«, um der Sache einen möglichst privaten Charakter zu
geben. »Im gelben Zimmer,« sagte er, »lieber Braunbart. Das ist in solchen
Fällen das präsentabelste.« Es standen drei schöne Stühle in diesem
Zimmer, die wohl das einzig Wertvolle unter dem Mobiliar des Schlößchens
waren, schwere Empirefauteuils in Mahagoni, mit schneckenförmig
aufgerollten Armlehnen und gelben Tuchbezügen, auf welche blaugrüne
Leiern gestickt waren. Klaus Heinrich stellte sich nicht zur Audienz auf bei
dieser Gelegenheit, sondern wartete, in einiger Unruhe, nebenan, bis Axel
Martini seinerseits sieben oder acht Minuten lang im gelben Zimmer
gewartet hatte. Dann trat er lebhaft, fast eilig ein und schritt auf den Dichter
zu, der sich tief verbeugte.
»Es macht mir großes Vergnügen, Sie kennenzulernen,« sagte er, »lieber
Herr … Herr Doktor, nicht wahr?«
»Nein, Königliche Hoheit,« erwiderte Axel Martini mit asthmatischer
Stimme, »nicht Doktor. Ich bin unbetitelt.«
»Oh, Verzeihung … ich nahm an … Setzen wir uns, lieber Herr Martini.
Ich bin, wie gesagt, sehr erfreut, Sie zu Ihrem großen Erfolge
beglückwünschen zu können …«
Page 157
Herrn Martinis Mundwinkel machten eine zuckende Bewegung nach
unten. Er ließ sich an dem unbedeckten Tische, um dessen Platte eine
Goldleiste lief, auf dem Rande eines der Mahagoniarmstühle nieder und
kreuzte seine Füße, die in zersprungenen Lackstiefeln steckten. Er war im
Frack und trug gelbliche Glacéhandschuhe. Sein Halskragen war an den
Ecken schadhaft. Er hatte ein wenig glotzende Augen, magere Wangen und
einen dunkelblonden Schnurrbart, der gestutzt war wie eine Hecke. Sein
Haupthaar war an den Schläfen schon stark ergraut, obgleich er dem
Jahrbuch des Maikampfes zufolge nicht mehr als dreißig Jahre zählte, und
unterhalb der Augen glomm ihm eine Röte, die nicht auf Wohlsein deutete.
Er antwortete auf Klaus Heinrichs Glückwunsch: »Königliche Hoheit sind
sehr gütig. Es war ja kein schwerer Sieg. Es war vielleicht nicht taktvoll
von mir, mich an dieser Konkurrenz zu beteiligen.«
Das verstand Klaus Heinrich nicht; aber er sagte: »Ich habe Ihr Gedicht
wiederholt mit großem Genuß gelesen. Es scheint mir überaus gelungen,
sowohl was das Versmaß als auch was die Reime betrifft. Und dann bringt
es die Lebenslust vorzüglich zum Ausdruck.«
Herr Martini verbeugte sich im Sitzen.
»Ihre Fertigkeit«, fuhr Klaus Heinrich fort, »muß Ihnen großes
Vergnügen gewähren – die schönste Erholung … Welches ist Ihr Beruf,
Herr Martini?«
Herr Martini deutete an, daß er nicht verstehe, beschrieb gleichsam mit
dem Oberkörper ein Fragezeichen.
»Ich meine, Ihr Hauptberuf. Sind Sie im Staatsdienst?«
»Nein, Königliche Hoheit. Ich habe keinen Beruf. Ich beschäftige mich
mit Poesie, ausschließlich …«
»Gar keinen … Oh, ich verstehe. Eine so ungewöhnliche Begabung ist es
wert, daß man ihr alle Kräfte widmet.«
»Das weiß ich nicht. Ich muß gestehen, daß ich gar nicht die Wahl hatte.
Ich habe mich von jeher zu jeder anderen menschlichen Tätigkeit
vollkommen unfähig gefühlt. Mir scheint, daß diese zweifellose und
unbedingte Unfähigkeit zu allem anderen der einzige Beweis und Prüfstein
unten. Er ließ sich an dem unbedeckten Tische, um dessen Platte eine
Goldleiste lief, auf dem Rande eines der Mahagoniarmstühle nieder und
kreuzte seine Füße, die in zersprungenen Lackstiefeln steckten. Er war im
Frack und trug gelbliche Glacéhandschuhe. Sein Halskragen war an den
Ecken schadhaft. Er hatte ein wenig glotzende Augen, magere Wangen und
einen dunkelblonden Schnurrbart, der gestutzt war wie eine Hecke. Sein
Haupthaar war an den Schläfen schon stark ergraut, obgleich er dem
Jahrbuch des Maikampfes zufolge nicht mehr als dreißig Jahre zählte, und
unterhalb der Augen glomm ihm eine Röte, die nicht auf Wohlsein deutete.
Er antwortete auf Klaus Heinrichs Glückwunsch: »Königliche Hoheit sind
sehr gütig. Es war ja kein schwerer Sieg. Es war vielleicht nicht taktvoll
von mir, mich an dieser Konkurrenz zu beteiligen.«
Das verstand Klaus Heinrich nicht; aber er sagte: »Ich habe Ihr Gedicht
wiederholt mit großem Genuß gelesen. Es scheint mir überaus gelungen,
sowohl was das Versmaß als auch was die Reime betrifft. Und dann bringt
es die Lebenslust vorzüglich zum Ausdruck.«
Herr Martini verbeugte sich im Sitzen.
»Ihre Fertigkeit«, fuhr Klaus Heinrich fort, »muß Ihnen großes
Vergnügen gewähren – die schönste Erholung … Welches ist Ihr Beruf,
Herr Martini?«
Herr Martini deutete an, daß er nicht verstehe, beschrieb gleichsam mit
dem Oberkörper ein Fragezeichen.
»Ich meine, Ihr Hauptberuf. Sind Sie im Staatsdienst?«
»Nein, Königliche Hoheit. Ich habe keinen Beruf. Ich beschäftige mich
mit Poesie, ausschließlich …«
»Gar keinen … Oh, ich verstehe. Eine so ungewöhnliche Begabung ist es
wert, daß man ihr alle Kräfte widmet.«
»Das weiß ich nicht. Ich muß gestehen, daß ich gar nicht die Wahl hatte.
Ich habe mich von jeher zu jeder anderen menschlichen Tätigkeit
vollkommen unfähig gefühlt. Mir scheint, daß diese zweifellose und
unbedingte Unfähigkeit zu allem anderen der einzige Beweis und Prüfstein
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des Berufes zur Poesie ist, ja, daß man in der Poesie eigentlich keinen
Beruf, sondern eben nur den Ausdruck und die Zuflucht dieser Unfähigkeit
zu sehen hat.«
Herr Martini hatte die Eigentümlichkeit, beim Sprechen Tränen in die
Augen zu bekommen, ähnlich wie ein Mensch, der aus der Kälte in ein
warmes Zimmer tritt und sich nun schmelzen und hinströmen läßt.
»Das ist eine eigenartige Auffassung«, sagte Klaus Heinrich.
»Doch nicht, Königliche Hoheit. Ich bitte um Verzeihung. Nein, gar nicht
eigenartig. Diese Auffassung ist vielfach akzeptiert. Ich sage nichts Neues.«
»Und seit wann leben Sie ausschließlich der Poesie, Herr Martini? Sie
haben vorher studiert?«
»Nicht regelrecht, Königliche Hoheit. Nein, die Unfähigkeit, der ich
vorhin erwähnte, begann bei mir sehr früh sich zu zeigen. Ich wurde mit der
Schule nicht fertig. Ich verließ sie, ohne es bis zur Abgangsprüfung
gebracht zu haben. Ich ging auf die Universität mit dem Versprechen, die
Prüfung nachträglich abzulegen, aber es wurde dann nichts daraus. Und als
mein erster Gedichtband sehr bemerkt worden war, da schickte es sich auch
schließlich nicht mehr, wenn ich so sagen darf.«
»Nein, nein … Aber waren Ihre Eltern denn einverstanden mit Ihrer
Laufbahn?«
»O nein, Königliche Hoheit! Ich darf zur Ehre meiner Eltern versichern,
daß sie durchaus nicht einverstanden damit waren. Ich bin aus guter
Familie; mein Vater war Oberstaatsanwalt. Er billigte natürlich meine
Laufbahn so wenig, daß er mir bis zu seinem Tode jede Unterstützung
verweigerte. Ich lebte zerfallen mit ihm, obgleich ich ihn seiner Strenge
wegen außerordentlich hoch achtete.«
»Oh, Sie haben es also schwer gehabt, Herr Martini, haben sich
durchschlagen müssen. Ich kann es mir denken, daß Sie sich den Wind um
die Nase haben wehen lassen!«
»Nicht so, Königliche Hoheit! Nein, das wäre schlimm gewesen, ich
hätte es nicht ertragen. Meine Gesundheit ist zart – ich darf nicht sagen
Beruf, sondern eben nur den Ausdruck und die Zuflucht dieser Unfähigkeit
zu sehen hat.«
Herr Martini hatte die Eigentümlichkeit, beim Sprechen Tränen in die
Augen zu bekommen, ähnlich wie ein Mensch, der aus der Kälte in ein
warmes Zimmer tritt und sich nun schmelzen und hinströmen läßt.
»Das ist eine eigenartige Auffassung«, sagte Klaus Heinrich.
»Doch nicht, Königliche Hoheit. Ich bitte um Verzeihung. Nein, gar nicht
eigenartig. Diese Auffassung ist vielfach akzeptiert. Ich sage nichts Neues.«
»Und seit wann leben Sie ausschließlich der Poesie, Herr Martini? Sie
haben vorher studiert?«
»Nicht regelrecht, Königliche Hoheit. Nein, die Unfähigkeit, der ich
vorhin erwähnte, begann bei mir sehr früh sich zu zeigen. Ich wurde mit der
Schule nicht fertig. Ich verließ sie, ohne es bis zur Abgangsprüfung
gebracht zu haben. Ich ging auf die Universität mit dem Versprechen, die
Prüfung nachträglich abzulegen, aber es wurde dann nichts daraus. Und als
mein erster Gedichtband sehr bemerkt worden war, da schickte es sich auch
schließlich nicht mehr, wenn ich so sagen darf.«
»Nein, nein … Aber waren Ihre Eltern denn einverstanden mit Ihrer
Laufbahn?«
»O nein, Königliche Hoheit! Ich darf zur Ehre meiner Eltern versichern,
daß sie durchaus nicht einverstanden damit waren. Ich bin aus guter
Familie; mein Vater war Oberstaatsanwalt. Er billigte natürlich meine
Laufbahn so wenig, daß er mir bis zu seinem Tode jede Unterstützung
verweigerte. Ich lebte zerfallen mit ihm, obgleich ich ihn seiner Strenge
wegen außerordentlich hoch achtete.«
»Oh, Sie haben es also schwer gehabt, Herr Martini, haben sich
durchschlagen müssen. Ich kann es mir denken, daß Sie sich den Wind um
die Nase haben wehen lassen!«
»Nicht so, Königliche Hoheit! Nein, das wäre schlimm gewesen, ich
hätte es nicht ertragen. Meine Gesundheit ist zart – ich darf nicht sagen
Page 159
›leider‹, denn ich bin überzeugt, daß mein Talent mit meiner
Körperschwäche unzertrennlich zusammenhängt. Hunger und rauhe Winde
hätte weder mein Körper noch mein Talent überstanden und haben sie auch
nicht zu überstehen gehabt. Meine Mutter war schwach genug, mich hinter
dem Rücken meines Vaters mit den Mitteln zum Leben zu versehen,
bescheidenen, aber hinlänglichen Mitteln. Ihr danke ich es, daß sich mein
Talent unter leidlich milden Bedingungen entwickeln konnte.«
»Der Erfolg hat gezeigt, lieber Herr Martini, daß es die richtigen
Bedingungen waren … Obgleich es ja schwer ist, zu sagen, welches wohl
die eigentlich guten Bedingungen sind. Lassen Sie mich annehmen, Ihre
Frau Mutter hätte sich ebenso streng verhalten wie Ihr Vater, und Sie wären
allein auf der Welt gewesen und ganz auf sich selbst gestellt und völlig auf
Ihre Fähigkeiten angewiesen … Meinen Sie nicht, daß Ihnen das
gewissermaßen von Nutzen gewesen wäre? Daß Sie Einblicke hätten tun
können, um diesen Ausdruck zu wählen, die Ihnen nun entgangen sind?«
»Ach, Königliche Hoheit, meinesgleichen tut Einblicke genug, auch ohne
wirklich dem Hunger ausgesetzt zu sein; und die Auffassung ist ziemlich
allgemein akzeptiert, daß es nicht sowohl der wirkliche Hunger als vielmehr
der Hunger nach dem Wirklichen ist … he, he … was das Talent benötigt.«
Herr Martini hatte ein wenig lachen müssen über sein Wortspiel. Er
führte nun rasch die eine gelblich bekleidete Hand vor seinen Mund mit
dem heckenartigen Schnurrbart und verbesserte sein Lachen, stellte es
gleichsam richtig durch ein Hüsteln. Klaus Heinrich sah ihm in freundlicher
Erwartung zu.
»Wenn Königliche Hoheit mir erlauben wollen … Es ist eine
weitverbreitete Anschauung, daß die Entbehrung der Wirklichkeit für
meinesgleichen der Nährboden alles Talentes, die Quelle aller Begeisterung,
ja recht eigentlich unser einflüsternder Genius ist. Der Lebensgenuß ist uns
verwehrt, streng verwehrt, wir machen uns kein Hehl daraus – und zwar ist
dabei unter Lebensgenuß nicht nur das Glück, sondern auch die Sorge, auch
die Leidenschaft, kurz jede ernsthaftere Verbindung mit dem Leben zu
verstehen. Die Darstellung des Lebens nimmt durchaus alle Kräfte in
Anspruch, zumal wenn diese Kräfte nicht eben überreichlich bemessen
sind« – und Herr Martini hüstelte, wobei seine Schultern mehrmals nach
Körperschwäche unzertrennlich zusammenhängt. Hunger und rauhe Winde
hätte weder mein Körper noch mein Talent überstanden und haben sie auch
nicht zu überstehen gehabt. Meine Mutter war schwach genug, mich hinter
dem Rücken meines Vaters mit den Mitteln zum Leben zu versehen,
bescheidenen, aber hinlänglichen Mitteln. Ihr danke ich es, daß sich mein
Talent unter leidlich milden Bedingungen entwickeln konnte.«
»Der Erfolg hat gezeigt, lieber Herr Martini, daß es die richtigen
Bedingungen waren … Obgleich es ja schwer ist, zu sagen, welches wohl
die eigentlich guten Bedingungen sind. Lassen Sie mich annehmen, Ihre
Frau Mutter hätte sich ebenso streng verhalten wie Ihr Vater, und Sie wären
allein auf der Welt gewesen und ganz auf sich selbst gestellt und völlig auf
Ihre Fähigkeiten angewiesen … Meinen Sie nicht, daß Ihnen das
gewissermaßen von Nutzen gewesen wäre? Daß Sie Einblicke hätten tun
können, um diesen Ausdruck zu wählen, die Ihnen nun entgangen sind?«
»Ach, Königliche Hoheit, meinesgleichen tut Einblicke genug, auch ohne
wirklich dem Hunger ausgesetzt zu sein; und die Auffassung ist ziemlich
allgemein akzeptiert, daß es nicht sowohl der wirkliche Hunger als vielmehr
der Hunger nach dem Wirklichen ist … he, he … was das Talent benötigt.«
Herr Martini hatte ein wenig lachen müssen über sein Wortspiel. Er
führte nun rasch die eine gelblich bekleidete Hand vor seinen Mund mit
dem heckenartigen Schnurrbart und verbesserte sein Lachen, stellte es
gleichsam richtig durch ein Hüsteln. Klaus Heinrich sah ihm in freundlicher
Erwartung zu.
»Wenn Königliche Hoheit mir erlauben wollen … Es ist eine
weitverbreitete Anschauung, daß die Entbehrung der Wirklichkeit für
meinesgleichen der Nährboden alles Talentes, die Quelle aller Begeisterung,
ja recht eigentlich unser einflüsternder Genius ist. Der Lebensgenuß ist uns
verwehrt, streng verwehrt, wir machen uns kein Hehl daraus – und zwar ist
dabei unter Lebensgenuß nicht nur das Glück, sondern auch die Sorge, auch
die Leidenschaft, kurz jede ernsthaftere Verbindung mit dem Leben zu
verstehen. Die Darstellung des Lebens nimmt durchaus alle Kräfte in
Anspruch, zumal wenn diese Kräfte nicht eben überreichlich bemessen
sind« – und Herr Martini hüstelte, wobei seine Schultern mehrmals nach
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vorn zusammengezogen wurden. »Die Entsagung«, fügte er hinzu, »ist
unser Pakt mit der Muse, auf ihr beruht unsere Kraft, unsere Würde, und
das Leben ist unser verbotener Garten, unsere große Versuchung, der wir
zuweilen, aber niemals zu unserem Heil, unterliegen.«
Wieder hatten sich beim fließenden Sprechen Herrn Martinis Augen mit
Tränen gefüllt. Er suchte sie durch ein Blinzeln zu vertreiben.
»Jeder von uns«, sagte er noch, »kennt solche Verirrungen und
Entgleisungen, solche begehrlichen Ausflüge in die Festsäle des Lebens.
Aber wir kehren gedemütigt und Übelkeit im Herzen von dort in unsere
Abgeschlossenheit zurück.«
Herr Martini schwieg. Es geschah ihm, daß sein Blick, unter
emporgezogenen Brauen, vorübergehend starr wurde, einen Atemzug lang
sich im Leeren verlor, wobei sein Mund einen säuerlichen Ausdruck
annahm und seine Wangen, über denen die ungesunde Röte glomm, noch
magerer schienen als sonst. Das war nur eine Sekunde; dann wechselte er
die Haltung und machte seine Augen wieder frei.
»Aber Ihr Gedicht«, sagte Klaus Heinrich, nicht ohne Dringlichkeit. »Ihr
Preisgedicht an die Lebenslust, Herr Martini!… Ich bin Ihnen aufrichtig
verbunden für Ihre Ausführungen. Wollen Sie mir aber sagen … Ihr Gedicht
– ich habe es aufmerksam gelesen. Es handelt einerseits von Elend und
Schrecknissen, von des Lebens Bosheit und Grausamkeit, wenn ich mich
recht erinnere, und andererseits von dem Vergnügen am Wein und an
schönen Frauen, nicht wahr …«
Herr Martini lächelte; hierauf rieb er sich mit Daumen und Mittelfinger
die Mundwinkel, um das Lächeln zu vertreiben.
»Das alles«, sagte Klaus Heinrich, »ist in der Ichform abgefaßt, in der
ersten Person, nicht wahr? Und doch beruht es nicht auf eigenen
Einblicken? Sie haben nichts davon wirklich erlebt?«
»Sehr wenig, Königliche Hoheit. Lediglich ganz kleine Andeutungen
davon. Nein, die Sache ist umgekehrt die, daß, wenn ich der Mann wäre,
das alles zu erleben, ich nicht nur nicht solche Gedichte schreiben, sondern
auch meine jetzige Existenz von Grund aus verachten würde. Ich habe
einen Freund, sein Name ist Weber; ein begüterter junger Mann, der lebt,
unser Pakt mit der Muse, auf ihr beruht unsere Kraft, unsere Würde, und
das Leben ist unser verbotener Garten, unsere große Versuchung, der wir
zuweilen, aber niemals zu unserem Heil, unterliegen.«
Wieder hatten sich beim fließenden Sprechen Herrn Martinis Augen mit
Tränen gefüllt. Er suchte sie durch ein Blinzeln zu vertreiben.
»Jeder von uns«, sagte er noch, »kennt solche Verirrungen und
Entgleisungen, solche begehrlichen Ausflüge in die Festsäle des Lebens.
Aber wir kehren gedemütigt und Übelkeit im Herzen von dort in unsere
Abgeschlossenheit zurück.«
Herr Martini schwieg. Es geschah ihm, daß sein Blick, unter
emporgezogenen Brauen, vorübergehend starr wurde, einen Atemzug lang
sich im Leeren verlor, wobei sein Mund einen säuerlichen Ausdruck
annahm und seine Wangen, über denen die ungesunde Röte glomm, noch
magerer schienen als sonst. Das war nur eine Sekunde; dann wechselte er
die Haltung und machte seine Augen wieder frei.
»Aber Ihr Gedicht«, sagte Klaus Heinrich, nicht ohne Dringlichkeit. »Ihr
Preisgedicht an die Lebenslust, Herr Martini!… Ich bin Ihnen aufrichtig
verbunden für Ihre Ausführungen. Wollen Sie mir aber sagen … Ihr Gedicht
– ich habe es aufmerksam gelesen. Es handelt einerseits von Elend und
Schrecknissen, von des Lebens Bosheit und Grausamkeit, wenn ich mich
recht erinnere, und andererseits von dem Vergnügen am Wein und an
schönen Frauen, nicht wahr …«
Herr Martini lächelte; hierauf rieb er sich mit Daumen und Mittelfinger
die Mundwinkel, um das Lächeln zu vertreiben.
»Das alles«, sagte Klaus Heinrich, »ist in der Ichform abgefaßt, in der
ersten Person, nicht wahr? Und doch beruht es nicht auf eigenen
Einblicken? Sie haben nichts davon wirklich erlebt?«
»Sehr wenig, Königliche Hoheit. Lediglich ganz kleine Andeutungen
davon. Nein, die Sache ist umgekehrt die, daß, wenn ich der Mann wäre,
das alles zu erleben, ich nicht nur nicht solche Gedichte schreiben, sondern
auch meine jetzige Existenz von Grund aus verachten würde. Ich habe
einen Freund, sein Name ist Weber; ein begüterter junger Mann, der lebt,
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der sein Leben genießt. Sein Lieblingsvergnügen besteht darin, in seinem
Automobil mit toller Geschwindigkeit über Land zu sausen und dabei von
Straßen und Äckern Bauerndirnen aufzulesen, mit denen er unterwegs –
aber das gehört nicht hierher. Kurz, dieser junge Mann lacht, wenn er mich
nur von weitem sieht, so komisch findet er mich und meine Tätigkeit. Was
aber mich betrifft, so begreife ich seine Heiterkeit vollkommen und beneide
ihn. Ich darf sagen, daß ich ihn auch ein wenig verachte, aber doch nicht so
aufrichtig, als ich ihn beneide und bewundere …«
»Sie bewundern ihn?«
»Jawohl, Königliche Hoheit. Ich kann unmöglich umhin, das zu tun. Er
gibt aus, er verschwendet, er läßt beständig in der unbekümmertsten und
hochherzigsten Weise draufgehen – während es mein Teil ist, zu sparen,
ängstlich und geizig zusammenzuhalten, und zwar aus hygienischen
Gründen. Denn die Hygiene ist es ja, was mir und meinesgleichen in erster
Linie not tut – sie ist unsere ganze Moral. Aber nichts ist unhygienischer,
als das Leben …«
»Sie werden also den Pokal des Großherzogs wohl niemals leeren, Herr
Martini?«
»Wein daraus trinken? Nein, Königliche Hoheit. Obgleich es eine schöne
Geste sein müßte. Aber ich trinke keinen Wein. Auch gehe ich um zehn Uhr
zu Bette und lebe in jeder Weise vorsichtig. Sonst hätte ich niemals den
Pokal gewonnen.«
»Es muß wohl so sein, Herr Martini. Man macht sich aus der Ferne wohl
unrichtige Vorstellungen von dem Leben eines Dichters.«
»Begreiflicherweise, Königliche Hoheit. Aber es ist im ganzen kein sehr
herrliches Leben, wie ich versichern kann, besonders da wir ja nicht zu
jeder Stunde Dichter sind. Damit von Zeit zu Zeit so ein Gedicht zustande
komme – wer glaubt wohl, wieviel Faulenzerei und Langeweile und
grämlicher Müßiggang dazu nötig ist. Eine Postkarte an den
Zigarrenlieferanten ist oft die Leistung eines Tages. Man schläft viel, man
lungert mit dumpfem Kopfe umher. Ja, es ist nicht selten ein
Hundeleben …«
Automobil mit toller Geschwindigkeit über Land zu sausen und dabei von
Straßen und Äckern Bauerndirnen aufzulesen, mit denen er unterwegs –
aber das gehört nicht hierher. Kurz, dieser junge Mann lacht, wenn er mich
nur von weitem sieht, so komisch findet er mich und meine Tätigkeit. Was
aber mich betrifft, so begreife ich seine Heiterkeit vollkommen und beneide
ihn. Ich darf sagen, daß ich ihn auch ein wenig verachte, aber doch nicht so
aufrichtig, als ich ihn beneide und bewundere …«
»Sie bewundern ihn?«
»Jawohl, Königliche Hoheit. Ich kann unmöglich umhin, das zu tun. Er
gibt aus, er verschwendet, er läßt beständig in der unbekümmertsten und
hochherzigsten Weise draufgehen – während es mein Teil ist, zu sparen,
ängstlich und geizig zusammenzuhalten, und zwar aus hygienischen
Gründen. Denn die Hygiene ist es ja, was mir und meinesgleichen in erster
Linie not tut – sie ist unsere ganze Moral. Aber nichts ist unhygienischer,
als das Leben …«
»Sie werden also den Pokal des Großherzogs wohl niemals leeren, Herr
Martini?«
»Wein daraus trinken? Nein, Königliche Hoheit. Obgleich es eine schöne
Geste sein müßte. Aber ich trinke keinen Wein. Auch gehe ich um zehn Uhr
zu Bette und lebe in jeder Weise vorsichtig. Sonst hätte ich niemals den
Pokal gewonnen.«
»Es muß wohl so sein, Herr Martini. Man macht sich aus der Ferne wohl
unrichtige Vorstellungen von dem Leben eines Dichters.«
»Begreiflicherweise, Königliche Hoheit. Aber es ist im ganzen kein sehr
herrliches Leben, wie ich versichern kann, besonders da wir ja nicht zu
jeder Stunde Dichter sind. Damit von Zeit zu Zeit so ein Gedicht zustande
komme – wer glaubt wohl, wieviel Faulenzerei und Langeweile und
grämlicher Müßiggang dazu nötig ist. Eine Postkarte an den
Zigarrenlieferanten ist oft die Leistung eines Tages. Man schläft viel, man
lungert mit dumpfem Kopfe umher. Ja, es ist nicht selten ein
Hundeleben …«
Page 162
Jemand pochte ganz leise von außen an die weiß lackierte Tür. Es war
Neumanns Zeichen, daß es hohe Zeit für Klaus Heinrich sei, sich umkleiden
und frisch instand setzen zu lassen. Denn es war Cerclekonzert heut abend
im Alten Schloß.
Klaus Heinrich stand auf. »Ich habe mich verplaudert«, sagte er; denn
das war die Wendung, deren er sich in solchen Augenblicken bediente. Und
dann verabschiedete er Herrn Martini, wünschte ihm guten Erfolg in seiner
poetischen Laufbahn und begleitete den ehrerbietigen Rückzug des Dichters
mit Lächeln und jener ein wenig theatralischen, gnädig grüßenden
Handbewegung von oben nach unten, die nicht immer gleichmäßig schön
gelang, aber in der er es zu hoher Vollendung gebracht hatte.
Dies war des Prinzen Unterredung mit Axel Martini, dem Verfasser von
»Evoë!« und »Das heilige Leben«. Sie machte ihm Gedanken, hörte bei
ihrem Abschluß nicht auf, ihn zu beschäftigen. Noch während er sich von
Neumann den Scheitel erneuern und den blinkenden Galarock mit den
Sternen anlegen ließ, noch während des Cerclekonzertes bei Hofe, ja
mehrere Tage noch nachher dachte er darüber nach und suchte des Dichters
Äußerungen mit den übrigen Erfahrungen in Zusammenhang zu bringen,
die das Leben ihm gewährt hatte.
Dieser Herr Martini, der, während ihm die ungesunde Röte über den
Wangenhöhlen glomm, beständig rief: »Wie ist das Leben so stark und
schön!«, jedoch um zehn Uhr vorsichtig zu Bette ging, sich aus
hygienischen Gründen, wie er sagte, dem Leben verschloß und jede
ernsthafte Verbindung mit demselben mied – dieser Dichter mit seinem
schadhaften Kragen, seinen tränenden Augen und seinem Neid auf den
jungen Weber, der mit Bauernmädchen über Land sauste: er weckte geteilte
Empfindungen, es war schwer, eine feste Meinung über ihn zu gewinnen.
Klaus Heinrich gab dem Ausdruck, als er seiner Schwester von der
Begegnung erzählte, indem er sagte: »Er hat es nicht bequem und nicht
leicht, das sieht man wohl, und das muß ja gewiß für ihn einnehmen. Aber
ich weiß doch nicht, ob ich mich freuen kann, ihn kennengelernt zu haben,
denn er hat etwas Abschreckendes, Ditlinde, ja, er ist bei alldem
entschieden ein bißchen widerlich.«
Neumanns Zeichen, daß es hohe Zeit für Klaus Heinrich sei, sich umkleiden
und frisch instand setzen zu lassen. Denn es war Cerclekonzert heut abend
im Alten Schloß.
Klaus Heinrich stand auf. »Ich habe mich verplaudert«, sagte er; denn
das war die Wendung, deren er sich in solchen Augenblicken bediente. Und
dann verabschiedete er Herrn Martini, wünschte ihm guten Erfolg in seiner
poetischen Laufbahn und begleitete den ehrerbietigen Rückzug des Dichters
mit Lächeln und jener ein wenig theatralischen, gnädig grüßenden
Handbewegung von oben nach unten, die nicht immer gleichmäßig schön
gelang, aber in der er es zu hoher Vollendung gebracht hatte.
Dies war des Prinzen Unterredung mit Axel Martini, dem Verfasser von
»Evoë!« und »Das heilige Leben«. Sie machte ihm Gedanken, hörte bei
ihrem Abschluß nicht auf, ihn zu beschäftigen. Noch während er sich von
Neumann den Scheitel erneuern und den blinkenden Galarock mit den
Sternen anlegen ließ, noch während des Cerclekonzertes bei Hofe, ja
mehrere Tage noch nachher dachte er darüber nach und suchte des Dichters
Äußerungen mit den übrigen Erfahrungen in Zusammenhang zu bringen,
die das Leben ihm gewährt hatte.
Dieser Herr Martini, der, während ihm die ungesunde Röte über den
Wangenhöhlen glomm, beständig rief: »Wie ist das Leben so stark und
schön!«, jedoch um zehn Uhr vorsichtig zu Bette ging, sich aus
hygienischen Gründen, wie er sagte, dem Leben verschloß und jede
ernsthafte Verbindung mit demselben mied – dieser Dichter mit seinem
schadhaften Kragen, seinen tränenden Augen und seinem Neid auf den
jungen Weber, der mit Bauernmädchen über Land sauste: er weckte geteilte
Empfindungen, es war schwer, eine feste Meinung über ihn zu gewinnen.
Klaus Heinrich gab dem Ausdruck, als er seiner Schwester von der
Begegnung erzählte, indem er sagte: »Er hat es nicht bequem und nicht
leicht, das sieht man wohl, und das muß ja gewiß für ihn einnehmen. Aber
ich weiß doch nicht, ob ich mich freuen kann, ihn kennengelernt zu haben,
denn er hat etwas Abschreckendes, Ditlinde, ja, er ist bei alldem
entschieden ein bißchen widerlich.«
Page 163
Imma
Fräulein von Isenschnibbe war gut unterrichtet gewesen. Noch an dem
Abend des Tages, an welchem sie der Fürstin zu Ried die große Neuigkeit
überbracht hatte, veröffentlichte der »Eilbote« die Kunde von Samuel
Spoelmanns, des weltberühmten Spoelmann, bevorstehender Ankunft, und
anderthalb Wochen später, zu Anfang Oktober (es war der Oktober des
Jahres, in welchem Großherzog Albrecht sein zweiunddreißigstes, Prinz
Klaus Heinrich sein sechsundzwanzigstes Lebensjahr angetreten hatte) –
kaum also, daß die öffentliche Neugier Zeit gehabt, einen rechten
Höhepunkt zu erreichen – vollzog sich diese Ankunft, ward schlichte
Wirklichkeit an einem herbstlich bedeckten, ganz unscheinbaren
Wochentage, der sich gleichwohl der Zukunft als ein unendlich
denkwürdiges Datum erweisen sollte.
Die Spoelmanns trafen mit Extrazug ein – darauf beschränkte sich
vorderhand die Herrlichkeit ihres Auftretens; denn daß die
»Fürstenzimmer« des Hotels Quellenhof durchaus nicht von blendender
Pracht waren, wußte jedermann. Müßiges Publikum, überwacht von einem
kleinen Gendarmerieaufgebot, hatte sich hinter der Perronsperre
eingefunden; Vertreter der Presse waren zugegen. Aber wer
Außerordentliches gewärtigt hatte, wurde enttäuscht. Spoelmann wäre fast
gar nicht erkannt worden, so wenig überwältigend war er. Längere Zeit hielt
man seinen Leibarzt für ihn, Doktor Watercloose – so, sagte man, hieß er –,
einen langen Amerikaner, welcher, den Hut im Nacken, seinen Mund
zwischen dem weißen geschorenen Backenbart beständig mild lächelnd in
die Breite zog und die Augen dabei schloß. Erst im letzten Augenblick ward
bekannt, daß vielmehr der Kleine, Rasierte im mißfarbenen Paletot – der,
welcher im Gegenteil den Hut tief in die Stirn gedrückt trug, der eigentliche
Spoelmann sei, und die Zuschauer waren einig darin, daß ihm nichts
Fräulein von Isenschnibbe war gut unterrichtet gewesen. Noch an dem
Abend des Tages, an welchem sie der Fürstin zu Ried die große Neuigkeit
überbracht hatte, veröffentlichte der »Eilbote« die Kunde von Samuel
Spoelmanns, des weltberühmten Spoelmann, bevorstehender Ankunft, und
anderthalb Wochen später, zu Anfang Oktober (es war der Oktober des
Jahres, in welchem Großherzog Albrecht sein zweiunddreißigstes, Prinz
Klaus Heinrich sein sechsundzwanzigstes Lebensjahr angetreten hatte) –
kaum also, daß die öffentliche Neugier Zeit gehabt, einen rechten
Höhepunkt zu erreichen – vollzog sich diese Ankunft, ward schlichte
Wirklichkeit an einem herbstlich bedeckten, ganz unscheinbaren
Wochentage, der sich gleichwohl der Zukunft als ein unendlich
denkwürdiges Datum erweisen sollte.
Die Spoelmanns trafen mit Extrazug ein – darauf beschränkte sich
vorderhand die Herrlichkeit ihres Auftretens; denn daß die
»Fürstenzimmer« des Hotels Quellenhof durchaus nicht von blendender
Pracht waren, wußte jedermann. Müßiges Publikum, überwacht von einem
kleinen Gendarmerieaufgebot, hatte sich hinter der Perronsperre
eingefunden; Vertreter der Presse waren zugegen. Aber wer
Außerordentliches gewärtigt hatte, wurde enttäuscht. Spoelmann wäre fast
gar nicht erkannt worden, so wenig überwältigend war er. Längere Zeit hielt
man seinen Leibarzt für ihn, Doktor Watercloose – so, sagte man, hieß er –,
einen langen Amerikaner, welcher, den Hut im Nacken, seinen Mund
zwischen dem weißen geschorenen Backenbart beständig mild lächelnd in
die Breite zog und die Augen dabei schloß. Erst im letzten Augenblick ward
bekannt, daß vielmehr der Kleine, Rasierte im mißfarbenen Paletot – der,
welcher im Gegenteil den Hut tief in die Stirn gedrückt trug, der eigentliche
Spoelmann sei, und die Zuschauer waren einig darin, daß ihm nichts
Page 164
anzumerken sei. Fabelhafte Dinge waren über ihn im Umlauf gewesen.
Durch irgendeinen Spaßvogel war das Gerücht verbreitet und auch
gewissermaßen geglaubt worden, Spoelmann habe lauter goldene
Vorderzähne, und in jeden dieser goldenen Vorderzähne sei in der Mitte ein
Brillant eingelassen. Aber obgleich die Wahrheit oder Unwahrheit dieser
Behauptung nicht gleich zu prüfen war – denn Spoelmann ließ seine Zähne
nicht sehen, er lachte nicht, sondern schien vielmehr ärgerlich und durch
seine Krankheit gereizt –, so glaubte angesichts seiner Person sogleich kein
Mensch mehr daran. Was aber Miß Spoelmann, seine Tochter, betraf, so
hatte sie den Kragen ihrer Pelzjacke, in deren Taschen sie ihre Hände
verbarg, hoch emporgeschlagen, so daß überhaupt fast nichts von ihr zu
sehen war als ein paar unverhältnismäßig großer braunschwarzer Augen,
die über die Menschenansammlung hin eine ernste, fließende, aber nicht
allgemeinverständliche Sprache führten. An ihrer Seite befand sich die
Persönlichkeit, die man als ihre Gesellschaftsdame, die Gräfin Löwenjoul
erkannte, eine Frau von fünfunddreißig Jahren, schlicht gekleidet und beide
Spoelmanns an Körperlänge überragend, die ihren kleinen Kopf mit dem
spärlichen glatten Scheitel nachdenklich schief trug und mit einer gewissen
starren Sanftmut vor sich hinblickte. Das meiste Aufsehen erregte ohne
Frage ein schottischer Schäferhund, der von einem Diener mit stillem
Sklavengesicht an der Leine geführt wurde – ein ungewöhnlich schönes,
aber, wie es schien, entsetzlich aufgeregtes Tier, das bebend und tänzelnd
die Bahnhofshalle mit seinem exaltierten Gebell erfüllte.
Man sagte, daß ein paar Spoelmannsche Dienstboten männlichen und
weiblichen Geschlechts schon einige Stunden früher im Quellenhof
eingetroffen seien. Jedenfalls blieb es dem Diener mit dem Hunde allein
überlassen, das Gepäck zu besorgen; und während er es besorgte, fuhr seine
Herrschaft in zwei gemeinen Droschken – Herr Spoelmann mit Doktor
Watercloose, Miß Spoelmann mit ihrer Gräfin – zum Quellengarten hinaus.
Dort stiegen sie ab, und dort führten sie anderthalb Monate lang ein Leben,
das mit geringeren Mitteln als den ihren zu bestreiten gewesen wäre.
Sie hatten Glück, das Wetter war gut, es war ein blauer Herbst, eine lange
Reihe von sonnigen Tagen zog sich von dem Oktober in den November,
und Miß Spoelmann ritt täglich – das war der einzige Luxus, den sie trieb –
mit ihrer Ehrendame spazieren, auf Pferden übrigens, die sie im Tattersall
wochenweise gemietet hatten. Herr Spoelmann ritt nicht, obgleich der
Durch irgendeinen Spaßvogel war das Gerücht verbreitet und auch
gewissermaßen geglaubt worden, Spoelmann habe lauter goldene
Vorderzähne, und in jeden dieser goldenen Vorderzähne sei in der Mitte ein
Brillant eingelassen. Aber obgleich die Wahrheit oder Unwahrheit dieser
Behauptung nicht gleich zu prüfen war – denn Spoelmann ließ seine Zähne
nicht sehen, er lachte nicht, sondern schien vielmehr ärgerlich und durch
seine Krankheit gereizt –, so glaubte angesichts seiner Person sogleich kein
Mensch mehr daran. Was aber Miß Spoelmann, seine Tochter, betraf, so
hatte sie den Kragen ihrer Pelzjacke, in deren Taschen sie ihre Hände
verbarg, hoch emporgeschlagen, so daß überhaupt fast nichts von ihr zu
sehen war als ein paar unverhältnismäßig großer braunschwarzer Augen,
die über die Menschenansammlung hin eine ernste, fließende, aber nicht
allgemeinverständliche Sprache führten. An ihrer Seite befand sich die
Persönlichkeit, die man als ihre Gesellschaftsdame, die Gräfin Löwenjoul
erkannte, eine Frau von fünfunddreißig Jahren, schlicht gekleidet und beide
Spoelmanns an Körperlänge überragend, die ihren kleinen Kopf mit dem
spärlichen glatten Scheitel nachdenklich schief trug und mit einer gewissen
starren Sanftmut vor sich hinblickte. Das meiste Aufsehen erregte ohne
Frage ein schottischer Schäferhund, der von einem Diener mit stillem
Sklavengesicht an der Leine geführt wurde – ein ungewöhnlich schönes,
aber, wie es schien, entsetzlich aufgeregtes Tier, das bebend und tänzelnd
die Bahnhofshalle mit seinem exaltierten Gebell erfüllte.
Man sagte, daß ein paar Spoelmannsche Dienstboten männlichen und
weiblichen Geschlechts schon einige Stunden früher im Quellenhof
eingetroffen seien. Jedenfalls blieb es dem Diener mit dem Hunde allein
überlassen, das Gepäck zu besorgen; und während er es besorgte, fuhr seine
Herrschaft in zwei gemeinen Droschken – Herr Spoelmann mit Doktor
Watercloose, Miß Spoelmann mit ihrer Gräfin – zum Quellengarten hinaus.
Dort stiegen sie ab, und dort führten sie anderthalb Monate lang ein Leben,
das mit geringeren Mitteln als den ihren zu bestreiten gewesen wäre.
Sie hatten Glück, das Wetter war gut, es war ein blauer Herbst, eine lange
Reihe von sonnigen Tagen zog sich von dem Oktober in den November,
und Miß Spoelmann ritt täglich – das war der einzige Luxus, den sie trieb –
mit ihrer Ehrendame spazieren, auf Pferden übrigens, die sie im Tattersall
wochenweise gemietet hatten. Herr Spoelmann ritt nicht, obgleich der
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»Eilbote« mit deutlichem Hinblick auf ihn eine Notiz seines medizinischen
Mitarbeiters veröffentlichte, wonach das Reiten bei Steinleiden infolge der
Erschütterung lindernd wirke und den Abgang der Steine befördere. Aber
durch das Hotelpersonal wurde bekannt, daß der berühmte Mann in seinen
vier Wänden ein künstliches Reiten betrieb mit Hilfe einer Maschine, eines
feststehenden Velozipeds, dessen Sattel durch das Treten der Pedale in
schütternde Bewegung versetzt wurde.
Mit Eifer trank er das Heilwasser, die Ditlindenquelle, auf die er große
Stücke zu halten schien. In aller Frühe erschien er täglich im Füllhause,
begleitet von seiner Tochter, die übrigens ganz gesund war und nur zur
Gesellschaft mittrank, und bewegte sich dann in seinem mißfarbenen
Paletot und den Hut in der Stirn durch den Kurgarten und die Wandelhalle,
indem er das Wasser aus dem bläulichen Glasbecher durch eine gläserne
Röhre zu sich nahm – aus der Ferne beobachtet von den beiden
amerikanischen Zeitungskorrespondenten, die gehalten waren, ihren
Blättern täglich tausend Worte über Spoelmanns Ferienaufenthalt zu
telegraphieren und also danach trachten mußten, Stoff zu gewinnen.
Sonst sah man ihn wenig. Sein Leiden – Nierenkoliken, wie man sagte,
höchst schmerzhafte Anfälle – schien ihn oft an das Zimmer, wenn nicht ans
Bett zu fesseln, und während Miß Spoelmann mit der Gräfin Löwenjoul
zwei- oder dreimal im Hoftheater erschien (wobei sie ein schwarzes
Sammetkleid und um die kindlichen Schultern ein indisches Seidentuch von
wundervollem Goldgelb trug, auch mit ihrem perlblassen Gesichtchen und
ihren großen, schwarzen und fließend redenden Augen sehr fesselnd
wirkte), wurde ihr Vater niemals bei ihr in der Loge gesehen. Er unternahm
zwar in ihrer Begleitung ein paar Streifzüge durch die Residenz, um kleine
Einkäufe zu machen, die Stadt in Augenschein zu nehmen und einige innere
Sehenswürdigkeiten zu besuchen; er spazierte auch wohl mit ihr durch den
Stadtgarten und besichtigte dort zweimal Schloß Delphinenort – das
zweitemal allein, wobei er in seinem Interesse so weit ging, mit einem
gewöhnlichen gelben Meterstabe, den er aus seinem mißfarbenen Paletot
hervorzog, Messungen an den Wänden vorzunehmen … Aber nicht einmal
im Speisesaal des Quellenhofes wurde man seines Anblickes teilhaftig;
denn entweder, weil er auf schmale, fast fleischlose Kost gesetzt war oder
aus anderen Gründen, speiste er mit den Seinen ausschließlich in seinen
Mitarbeiters veröffentlichte, wonach das Reiten bei Steinleiden infolge der
Erschütterung lindernd wirke und den Abgang der Steine befördere. Aber
durch das Hotelpersonal wurde bekannt, daß der berühmte Mann in seinen
vier Wänden ein künstliches Reiten betrieb mit Hilfe einer Maschine, eines
feststehenden Velozipeds, dessen Sattel durch das Treten der Pedale in
schütternde Bewegung versetzt wurde.
Mit Eifer trank er das Heilwasser, die Ditlindenquelle, auf die er große
Stücke zu halten schien. In aller Frühe erschien er täglich im Füllhause,
begleitet von seiner Tochter, die übrigens ganz gesund war und nur zur
Gesellschaft mittrank, und bewegte sich dann in seinem mißfarbenen
Paletot und den Hut in der Stirn durch den Kurgarten und die Wandelhalle,
indem er das Wasser aus dem bläulichen Glasbecher durch eine gläserne
Röhre zu sich nahm – aus der Ferne beobachtet von den beiden
amerikanischen Zeitungskorrespondenten, die gehalten waren, ihren
Blättern täglich tausend Worte über Spoelmanns Ferienaufenthalt zu
telegraphieren und also danach trachten mußten, Stoff zu gewinnen.
Sonst sah man ihn wenig. Sein Leiden – Nierenkoliken, wie man sagte,
höchst schmerzhafte Anfälle – schien ihn oft an das Zimmer, wenn nicht ans
Bett zu fesseln, und während Miß Spoelmann mit der Gräfin Löwenjoul
zwei- oder dreimal im Hoftheater erschien (wobei sie ein schwarzes
Sammetkleid und um die kindlichen Schultern ein indisches Seidentuch von
wundervollem Goldgelb trug, auch mit ihrem perlblassen Gesichtchen und
ihren großen, schwarzen und fließend redenden Augen sehr fesselnd
wirkte), wurde ihr Vater niemals bei ihr in der Loge gesehen. Er unternahm
zwar in ihrer Begleitung ein paar Streifzüge durch die Residenz, um kleine
Einkäufe zu machen, die Stadt in Augenschein zu nehmen und einige innere
Sehenswürdigkeiten zu besuchen; er spazierte auch wohl mit ihr durch den
Stadtgarten und besichtigte dort zweimal Schloß Delphinenort – das
zweitemal allein, wobei er in seinem Interesse so weit ging, mit einem
gewöhnlichen gelben Meterstabe, den er aus seinem mißfarbenen Paletot
hervorzog, Messungen an den Wänden vorzunehmen … Aber nicht einmal
im Speisesaal des Quellenhofes wurde man seines Anblickes teilhaftig;
denn entweder, weil er auf schmale, fast fleischlose Kost gesetzt war oder
aus anderen Gründen, speiste er mit den Seinen ausschließlich in seinen
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Zimmern, und die Neugier des Publikums erhielt im ganzen recht wenig
Nahrung.
So kam es, daß Spoelmanns Ankunft dem Quellengarten vorderhand
nicht in dem Maße zum Nutzen gereichte, wie Fräulein von Isenschnibbe
und mit ihr viele Leute erwartet hatten. Der Flaschenversand nahm zu, das
war festzustellen; er stieg sehr rasch fast um die Hälfte seiner bisherigen
Ziffer und hielt sich dauernd auf dieser Höhe. Aber der Fremdenzuzug
steigerte sich nicht wesentlich; die Gäste, die eintrafen, um sich an dem
Anblick dieser ungeheuerlichen Existenz zu weiden, reisten bald befriedigt
oder enttäuscht wieder ab, und zudem waren es großenteils nicht die besten
Elemente, die von seiner Gegenwart angelockt wurden. Sonderbare Köpfe
tauchten in den Straßen auf, unfrisierte und wildäugige Köpfe – Erfinder,
Plänemacher, verbohrte Menschheitsbeglücker, die Spoelmann für ihre
fixen Ideen zu gewinnen hofften. Aber der Milliardär verhielt sich durchaus
ablehnend gegen diese Leute, ja, einen von ihnen, der sich im Stadtgarten
an ihn machen wollte, schrie er, kirschbraun vor Jähzorn, dermaßen an, daß
der Wirrkopf sich eilig trollte, und mehrfach wurde versichert, daß die Flut
von Bettelbriefen, die täglich für ihn einströmte – Briefe die oft mit Marken
beklebt waren, wie die Beamten des großherzoglichen Postbureaus sie
niemals zu Gesichte bekommen –, geradeswegs in einen Papierkorb von
seltenem Umfang geleitet werde.
Spoelmann schien sich alle geschäftlichen Mitteilungen verbeten zu
haben, schien entschlossen, seine Ferien gründlich zu genießen und
während dieser Europareise ausschließlich seiner Gesundheit – oder
Krankheit – zu leben. Der »Eilbote«, dessen Zuträger sich beeilt hatten, mit
den amerikanischen Berufsgenossen Freundschaft zu schließen, wußte zu
erzählen, daß ein zuverlässiger Mann, ein chief manager, wie es hieß,
Herrn Spoelmann drüben vertrat. Er erzählte ferner, daß seine Jacht, ein
prunkvoll eingerichtetes Schiff, den gewaltigen Mann in Venedig erwarte,
und daß er sich nach beendeter Trinkkur zunächst mit den Seinen nach
Süden zu wenden beabsichtige. Er erzählte auch – und kam damit einem
drängenden öffentlichen Bedürfnis nach – von der abenteuerlichen
Entstehung des Spoelmannschen Besitzstandes, von dem Urbeginn im
Lande Victoria, wohin sein Vater von irgendeinem deutschen Kontorsessel
aus gekommen war, ganz jung und arm und ausgestattet allein mit einer
Picke, einer Schaufel und einem zinnernen Teller. Dort hatte er anfänglich
Nahrung.
So kam es, daß Spoelmanns Ankunft dem Quellengarten vorderhand
nicht in dem Maße zum Nutzen gereichte, wie Fräulein von Isenschnibbe
und mit ihr viele Leute erwartet hatten. Der Flaschenversand nahm zu, das
war festzustellen; er stieg sehr rasch fast um die Hälfte seiner bisherigen
Ziffer und hielt sich dauernd auf dieser Höhe. Aber der Fremdenzuzug
steigerte sich nicht wesentlich; die Gäste, die eintrafen, um sich an dem
Anblick dieser ungeheuerlichen Existenz zu weiden, reisten bald befriedigt
oder enttäuscht wieder ab, und zudem waren es großenteils nicht die besten
Elemente, die von seiner Gegenwart angelockt wurden. Sonderbare Köpfe
tauchten in den Straßen auf, unfrisierte und wildäugige Köpfe – Erfinder,
Plänemacher, verbohrte Menschheitsbeglücker, die Spoelmann für ihre
fixen Ideen zu gewinnen hofften. Aber der Milliardär verhielt sich durchaus
ablehnend gegen diese Leute, ja, einen von ihnen, der sich im Stadtgarten
an ihn machen wollte, schrie er, kirschbraun vor Jähzorn, dermaßen an, daß
der Wirrkopf sich eilig trollte, und mehrfach wurde versichert, daß die Flut
von Bettelbriefen, die täglich für ihn einströmte – Briefe die oft mit Marken
beklebt waren, wie die Beamten des großherzoglichen Postbureaus sie
niemals zu Gesichte bekommen –, geradeswegs in einen Papierkorb von
seltenem Umfang geleitet werde.
Spoelmann schien sich alle geschäftlichen Mitteilungen verbeten zu
haben, schien entschlossen, seine Ferien gründlich zu genießen und
während dieser Europareise ausschließlich seiner Gesundheit – oder
Krankheit – zu leben. Der »Eilbote«, dessen Zuträger sich beeilt hatten, mit
den amerikanischen Berufsgenossen Freundschaft zu schließen, wußte zu
erzählen, daß ein zuverlässiger Mann, ein chief manager, wie es hieß,
Herrn Spoelmann drüben vertrat. Er erzählte ferner, daß seine Jacht, ein
prunkvoll eingerichtetes Schiff, den gewaltigen Mann in Venedig erwarte,
und daß er sich nach beendeter Trinkkur zunächst mit den Seinen nach
Süden zu wenden beabsichtige. Er erzählte auch – und kam damit einem
drängenden öffentlichen Bedürfnis nach – von der abenteuerlichen
Entstehung des Spoelmannschen Besitzstandes, von dem Urbeginn im
Lande Victoria, wohin sein Vater von irgendeinem deutschen Kontorsessel
aus gekommen war, ganz jung und arm und ausgestattet allein mit einer
Picke, einer Schaufel und einem zinnernen Teller. Dort hatte er anfänglich
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als Gehilfe eines Goldgräbers gearbeitet, als Tagelöhner, im Schweiße
seines Angesichts. Und dann war das Glück gekommen. Einem Manne,
einem kleinen Grubenbesitzer, war es so schlecht gegangen, daß er nicht
einmal mehr seine Tomaten und sein trockenes Brot zum Mittagessen hatte
kaufen können, und in der größten Not hatte er seine Grube veräußern
müssen. Spoelmann der Ältere hatte sie gekauft, hatte sein Alles auf eine
Karte gesetzt und für sein ganzes Erspartes, bestehend aus fünf Pfund
Sterling, dies Stückchen Alluvialfeld, »Paradiesfeld« genannt, nicht größer
als vierzig Quadratfuß, käuflich erworben. Und tags darauf hatte er
anderthalb Handbreit unter der Oberfläche einen Klumpen Reingold, den
zehntgrößten der Welt, den »Paradise Nugget« von neunhundertachtzig
Unzen und fünftausend Pfund wert, zutage gefördert …
Das war, erzählte der »Eilbote«, der Anfang gewesen. Mit dem Erlös
seines Fundes war Spoelmanns Vater nach Südamerika übergesiedelt, ins
Land Bolivia, und als Goldwäscher, Amalgam-Mühlenbesitzer und
Bergwerksunternehmer hatte er fortgefahren, das gelbe Metall ohne
Umwege den Flüssen, dem Schoß des Gesteins zu entreißen. Damals und
dort hatte Spoelmann der Ältere sich vermählt – und der »Eilbote« ließ eine
Bemerkung darüber einfließen, daß er es trotzigerweise und ohne Rücksicht
auf dortzuland herrschende Vorurteile getan habe. So aber hatte er sein
Kapital verdoppelt und auf unerhörte Art hatte er mit seinem Pfunde zu
wuchern verstanden. Er war gen Norden gewandert nach Philadelphia im
Staate Pennsylvanien. Das war in den fünfziger Jahren gewesen, der Zeit
lebhaften Aufschwungs im Eisenbahnbau, und Spoelmann hatte seine
Geschäfte mit einer Anlage in Aktien der Baltimore- und Ohiobahn
begonnen. Er hatte ferner im Westen des Staates ein Kokskohlenlager
bewirtschaftet, dessen Erträge bedeutend gewesen waren. Aber dann hatte
er zu jener Gruppe gottbegnadeter junger Leute gehört, welche für einige
tausend Pfund die berühmte Blockheadfarm erwarben – jenes Landgütchen,
das mit seiner Steinölquelle binnen kurzem das Hundert- und aber
Hundertfache seines Kaufpreises wert war … Dies Unternehmen hatte
Spoelmann den Älteren reich gemacht, aber er hatte sich keineswegs zur
Ruhe begeben, sondern unablässig die Kunst geübt, mit Geld mehr Geld
und endlich überschwenglich viel Geld hervorzubringen. Er hatte
Stahlwerke geschaffen, hatte Gesellschaften gebildet, die im größten
Maßstabe die Umwandlung des Eisens in Stahl, den Bau von
seines Angesichts. Und dann war das Glück gekommen. Einem Manne,
einem kleinen Grubenbesitzer, war es so schlecht gegangen, daß er nicht
einmal mehr seine Tomaten und sein trockenes Brot zum Mittagessen hatte
kaufen können, und in der größten Not hatte er seine Grube veräußern
müssen. Spoelmann der Ältere hatte sie gekauft, hatte sein Alles auf eine
Karte gesetzt und für sein ganzes Erspartes, bestehend aus fünf Pfund
Sterling, dies Stückchen Alluvialfeld, »Paradiesfeld« genannt, nicht größer
als vierzig Quadratfuß, käuflich erworben. Und tags darauf hatte er
anderthalb Handbreit unter der Oberfläche einen Klumpen Reingold, den
zehntgrößten der Welt, den »Paradise Nugget« von neunhundertachtzig
Unzen und fünftausend Pfund wert, zutage gefördert …
Das war, erzählte der »Eilbote«, der Anfang gewesen. Mit dem Erlös
seines Fundes war Spoelmanns Vater nach Südamerika übergesiedelt, ins
Land Bolivia, und als Goldwäscher, Amalgam-Mühlenbesitzer und
Bergwerksunternehmer hatte er fortgefahren, das gelbe Metall ohne
Umwege den Flüssen, dem Schoß des Gesteins zu entreißen. Damals und
dort hatte Spoelmann der Ältere sich vermählt – und der »Eilbote« ließ eine
Bemerkung darüber einfließen, daß er es trotzigerweise und ohne Rücksicht
auf dortzuland herrschende Vorurteile getan habe. So aber hatte er sein
Kapital verdoppelt und auf unerhörte Art hatte er mit seinem Pfunde zu
wuchern verstanden. Er war gen Norden gewandert nach Philadelphia im
Staate Pennsylvanien. Das war in den fünfziger Jahren gewesen, der Zeit
lebhaften Aufschwungs im Eisenbahnbau, und Spoelmann hatte seine
Geschäfte mit einer Anlage in Aktien der Baltimore- und Ohiobahn
begonnen. Er hatte ferner im Westen des Staates ein Kokskohlenlager
bewirtschaftet, dessen Erträge bedeutend gewesen waren. Aber dann hatte
er zu jener Gruppe gottbegnadeter junger Leute gehört, welche für einige
tausend Pfund die berühmte Blockheadfarm erwarben – jenes Landgütchen,
das mit seiner Steinölquelle binnen kurzem das Hundert- und aber
Hundertfache seines Kaufpreises wert war … Dies Unternehmen hatte
Spoelmann den Älteren reich gemacht, aber er hatte sich keineswegs zur
Ruhe begeben, sondern unablässig die Kunst geübt, mit Geld mehr Geld
und endlich überschwenglich viel Geld hervorzubringen. Er hatte
Stahlwerke geschaffen, hatte Gesellschaften gebildet, die im größten
Maßstabe die Umwandlung des Eisens in Stahl, den Bau von
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Eisenbahnbrücken betrieben. Er hatte die Mehrzahl der Aktien von vier
oder fünf großen Eisenbahnkompanien an sich gebracht und war in
vorgerückten Jahren Präsident, Vizepräsident, Bevollmächtigter oder
Direktor dieser Gesellschaften gewesen. Bei der Begründung des
Stahltrusts, so erzählte der »Eilbote«, war er dieser Vereinigung beigetreten,
mit einem Aktienbesitz, der ihm allein schon eine jährliche Einnahme von
zwölf Millionen Dollar gewährleistete. Aber ebenso war er Hauptaktionär
und Aufsichtsrat des Petroleumzusammenschlusses gewesen, hatte
gleichzeitig kraft seines Anteilbesitzes über drei oder vier der anderen
Treuhandgesellschaften Vorherrschaft geübt. Und bei seinem Tode hatte
sein Vermögen, berechnet im Münzfuß hierzulande, eine runde Milliarde
betragen.
Samuel, sein einziger Sohn, erzeugt in jener zeitig geschlossenen und auf
irgendeine Weise vorurteilswidrigen Ehe, war sein einziger Erbe gewesen –
und der »Eilbote«, feinsinnig wie er war, schaltete eine Betrachtung darüber
ein, wie doch etwas Wehmütiges in der Vorstellung liege, daß jemand so
ohne eigenes Zutun und gleichsam ohne Verschulden sich durch Geburt in
einer solchen Lebenslage finde. Samuel hatte den Palast in der Fünften
Avenue von Neuyork, die Schlösser auf dem Lande und alle Aktien,
Treuhandscheine und Gewinnanteile seines Vaters geerbt; er erbte auch die
abenteuerliche Vereinzelung des Lebens, zu der jener emporgestiegen war,
seinen Weltruhm und den Haß der benachteiligten Menge gegen die
aufgehäufte Macht des Geldes – all den Haß, zu dessen Besänftigung er
jährlich die gewaltigen Schenkungen an Kollegien, Konservatorien,
Bibliotheken, Wohltätigkeitsanstalten und jene Universität verteilte, die sein
Vater gegründet hatte und die seinen Namen führte.
Samuel Spoelmann trug ohne Verschulden den Haß der Benachteiligten,
der »Eilbote« versicherte es. Er war früh in die Geschäfte eingeführt
worden, hatte schon während der letzten Lebensjahre seines Vaters allein
die schwindelerregende Besitzmasse des Hauses verwaltet. Aber es war
allgemein bekannt, daß sein Herz niemals so recht und ganz bei den
Transaktionen gewesen war. Seine eigentliche Neigung hatte
sonderbarerweise vielmehr von jeher der Musik, und zwar der Orgelmusik,
gehört – und diese Mitteilung des »Eilboten« war nachzuprüfen, denn in der
Tat hielt sich Mister Spoelmann auch im Quellenhof ein kleines
Pfeifenspiel, dessen Bälge er von einem Hausknecht des Hotels bedienen
oder fünf großen Eisenbahnkompanien an sich gebracht und war in
vorgerückten Jahren Präsident, Vizepräsident, Bevollmächtigter oder
Direktor dieser Gesellschaften gewesen. Bei der Begründung des
Stahltrusts, so erzählte der »Eilbote«, war er dieser Vereinigung beigetreten,
mit einem Aktienbesitz, der ihm allein schon eine jährliche Einnahme von
zwölf Millionen Dollar gewährleistete. Aber ebenso war er Hauptaktionär
und Aufsichtsrat des Petroleumzusammenschlusses gewesen, hatte
gleichzeitig kraft seines Anteilbesitzes über drei oder vier der anderen
Treuhandgesellschaften Vorherrschaft geübt. Und bei seinem Tode hatte
sein Vermögen, berechnet im Münzfuß hierzulande, eine runde Milliarde
betragen.
Samuel, sein einziger Sohn, erzeugt in jener zeitig geschlossenen und auf
irgendeine Weise vorurteilswidrigen Ehe, war sein einziger Erbe gewesen –
und der »Eilbote«, feinsinnig wie er war, schaltete eine Betrachtung darüber
ein, wie doch etwas Wehmütiges in der Vorstellung liege, daß jemand so
ohne eigenes Zutun und gleichsam ohne Verschulden sich durch Geburt in
einer solchen Lebenslage finde. Samuel hatte den Palast in der Fünften
Avenue von Neuyork, die Schlösser auf dem Lande und alle Aktien,
Treuhandscheine und Gewinnanteile seines Vaters geerbt; er erbte auch die
abenteuerliche Vereinzelung des Lebens, zu der jener emporgestiegen war,
seinen Weltruhm und den Haß der benachteiligten Menge gegen die
aufgehäufte Macht des Geldes – all den Haß, zu dessen Besänftigung er
jährlich die gewaltigen Schenkungen an Kollegien, Konservatorien,
Bibliotheken, Wohltätigkeitsanstalten und jene Universität verteilte, die sein
Vater gegründet hatte und die seinen Namen führte.
Samuel Spoelmann trug ohne Verschulden den Haß der Benachteiligten,
der »Eilbote« versicherte es. Er war früh in die Geschäfte eingeführt
worden, hatte schon während der letzten Lebensjahre seines Vaters allein
die schwindelerregende Besitzmasse des Hauses verwaltet. Aber es war
allgemein bekannt, daß sein Herz niemals so recht und ganz bei den
Transaktionen gewesen war. Seine eigentliche Neigung hatte
sonderbarerweise vielmehr von jeher der Musik, und zwar der Orgelmusik,
gehört – und diese Mitteilung des »Eilboten« war nachzuprüfen, denn in der
Tat hielt sich Mister Spoelmann auch im Quellenhof ein kleines
Pfeifenspiel, dessen Bälge er von einem Hausknecht des Hotels bedienen
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ließ, und jeden Tag konnte man ihn vom Kurgarten aus darauf musizieren
hören.
Aus Liebe und ganz ohne geschäftliche Rücksichten, erzählte der
»Eilbote«, hatte er sich vermählt – mit einem armen und schönen Mädchen,
halb deutsch, halb angelsächsisch ihrer Abkunft nach. Sie war gestorben;
aber sie hatte ihm eine Tochter zurückgelassen, dies merkwürdige
Blutgemisch von einem Mädchen, das wir nun ebenfalls in unseren Mauern
zu Gast hatten und das zur Zeit neunzehn Jahre alt war. Sie hieß Imma – ein
kerndeutscher Name, wie der »Eilbote« hinzufügte, nichts weiter als eine
ältere Form von »Emma«; und leicht war denn auch zu bemerken, daß,
wenn auch englische Brocken mit unterliefen, die tägliche Umgangssprache
im Hause Spoelmann das Deutsche geblieben war. Wie innig übrigens Vater
und Tochter einander zu lieben schienen! Jeden Morgen, wenn man sich
rechtzeitig in den Quellengarten begab, konnte man beobachten, wie
Fräulein Spoelmann, die ein wenig später als ihr Vater im Füllhause
einzutreffen pflegte, seinen Kopf zwischen beide Hände nahm und,
während er sie zärtlich auf den Rücken klopfte, ihn zum Morgengruß auf
Mund und Wangen küßte. Dann gingen sie Arm in Arm durch die
Wandelhalle und sogen an ihren Glasröhren …
So plauderte das wohlunterrichtete Blatt und nährte die öffentliche
Neugier. Es berichtete auch genau über die Besuche, die Miß Imma mit
ihrer Gesellschafterin liebenswürdigerweise mehreren städtischen
Wohltätigkeitsanstalten abstattete. Gestern hatten sie die Volksküche
eingehend besichtigt. Sie hatte heute einen aufmerksamen Rundgang durch
das Greisinnenhospital zum Heiligen Geist gemacht. Und nebenbei hatte sie
zweimal dem zahlentheoretischen Kollegium des Geheimrats Klinghammer
in der Universität beigewohnt – hatte als Student unter Studenten auf der
Holzbank gesessen und mit ihrem Füllfederhalter eifrig nachgeschrieben,
denn bekanntlich war sie ein gelehrtes Mädchen und oblag dem Studium
der Algebra. Ja, das war fesselnd zu lesen und ergab reichen Gesprächsstoff.
Wer aber ganz ohne Zutun des »Eilboten« von sich reden machte, das war
erstens der Hund, jener edle, schwarzweiße Colliehund, den Spoelmanns
mitgebracht hatten, und zweitens auf andere Art die Gesellschaftsdame,
Gräfin Löwenjoul.
hören.
Aus Liebe und ganz ohne geschäftliche Rücksichten, erzählte der
»Eilbote«, hatte er sich vermählt – mit einem armen und schönen Mädchen,
halb deutsch, halb angelsächsisch ihrer Abkunft nach. Sie war gestorben;
aber sie hatte ihm eine Tochter zurückgelassen, dies merkwürdige
Blutgemisch von einem Mädchen, das wir nun ebenfalls in unseren Mauern
zu Gast hatten und das zur Zeit neunzehn Jahre alt war. Sie hieß Imma – ein
kerndeutscher Name, wie der »Eilbote« hinzufügte, nichts weiter als eine
ältere Form von »Emma«; und leicht war denn auch zu bemerken, daß,
wenn auch englische Brocken mit unterliefen, die tägliche Umgangssprache
im Hause Spoelmann das Deutsche geblieben war. Wie innig übrigens Vater
und Tochter einander zu lieben schienen! Jeden Morgen, wenn man sich
rechtzeitig in den Quellengarten begab, konnte man beobachten, wie
Fräulein Spoelmann, die ein wenig später als ihr Vater im Füllhause
einzutreffen pflegte, seinen Kopf zwischen beide Hände nahm und,
während er sie zärtlich auf den Rücken klopfte, ihn zum Morgengruß auf
Mund und Wangen küßte. Dann gingen sie Arm in Arm durch die
Wandelhalle und sogen an ihren Glasröhren …
So plauderte das wohlunterrichtete Blatt und nährte die öffentliche
Neugier. Es berichtete auch genau über die Besuche, die Miß Imma mit
ihrer Gesellschafterin liebenswürdigerweise mehreren städtischen
Wohltätigkeitsanstalten abstattete. Gestern hatten sie die Volksküche
eingehend besichtigt. Sie hatte heute einen aufmerksamen Rundgang durch
das Greisinnenhospital zum Heiligen Geist gemacht. Und nebenbei hatte sie
zweimal dem zahlentheoretischen Kollegium des Geheimrats Klinghammer
in der Universität beigewohnt – hatte als Student unter Studenten auf der
Holzbank gesessen und mit ihrem Füllfederhalter eifrig nachgeschrieben,
denn bekanntlich war sie ein gelehrtes Mädchen und oblag dem Studium
der Algebra. Ja, das war fesselnd zu lesen und ergab reichen Gesprächsstoff.
Wer aber ganz ohne Zutun des »Eilboten« von sich reden machte, das war
erstens der Hund, jener edle, schwarzweiße Colliehund, den Spoelmanns
mitgebracht hatten, und zweitens auf andere Art die Gesellschaftsdame,
Gräfin Löwenjoul.
Page 170
Den Hund angehend, der Perceval hieß (was englisch auszusprechen
war) und meistens Percy gerufen wurde, so war dieses Tier von einer
Erregbarkeit, einer Leidenschaft des Wesens, die jeder Beschreibung
spottete. Innerhalb des Hotels gab er keinen Grund zu Klagen, sondern lag
in vornehmen Posen auf einem kleinen Teppich vor den Spoelmannschen
Gemächern. Aber bei jedem Ausgang unterlag er Anfällen von
Kopflosigkeit, die allgemeines Aufsehen und Befremden, ja, mehr als
einmal wirkliche Verkehrsstörungen hervorriefen. In weitem Abstande
gefolgt von einem Schwarm einheimischer Hunde, gemeiner Köter, die,
durch sein Benehmen in Aufruhr versetzt, mit schimpfendem Gekläff hinter
ihm drein preschten und um die er sich übrigens nicht im geringsten
kümmerte, flog er, die Nase mit Schaum bespritzt und mit wild klagendem
Gebell durch die Straßen, führte wütende Kreiseltänze vor den Tramwagen
auf, brachte Droschkenpferde zu Fall und stürzte zweimal den Kuchenstand
der Witwe Klaaßen am Rathaus mit solcher Heftigkeit über den Haufen,
daß das süße Gebäck über den halben Marktplatz rollte. Da aber bei solchen
Unglücksfällen Herr Spoelmann oder seine Tochter sofort mit mehr als
angemessenen Entschädigungen einsprangen, da sich auch zeigte, daß
Percevals Zustände im Grunde ungefährlicher Natur waren, daß er nichts
weniger als bissig und rauflustig, sondern im Gegenteil unnahbar und eben
nur außer sich war, so wandte sich ihm rasch die Neigung der Bevölkerung
zu, und namentlich den Kindern waren seine Ausgänge eine Quelle des
Vergnügens.
Die Gräfin Löwenjoul ihrerseits gab auf stillere, aber nicht weniger
sonderbare Weise Anlaß zum Gerede. Anfänglich, als ihre Person und
Stellung in der Stadt noch unbekannt war, hatte sie sich das Gehänsel der
Gassenjugend zugezogen, indem sie, allein gehend, mit sanfter und
tiefsinniger Miene zu sich selber gesprochen und diese Selbstgespräche mit
lebhaftem und übrigens durchaus anmutigem und elegantem Gebärdenspiel
begleitet hatte. Aber den Kindern, die ihr nachgerufen und sie am Kleide
gezupft hatten, war sie mit solcher Milde und Güte begegnet, hatte so
liebreich und würdevoll zu ihnen gesprochen, daß die Verfolger beschämt
und verwirrt von ihr abgelassen hatten; und später, als man sie kannte,
verhinderte der Respekt vor ihrem Verhältnis zu den berühmten Gästen, daß
man sie belästigte. Unter der Hand jedoch waren unverständliche
Anekdoten über sie im Umlauf. Ein Mann erzählte, die Gräfin habe ihm ein
war) und meistens Percy gerufen wurde, so war dieses Tier von einer
Erregbarkeit, einer Leidenschaft des Wesens, die jeder Beschreibung
spottete. Innerhalb des Hotels gab er keinen Grund zu Klagen, sondern lag
in vornehmen Posen auf einem kleinen Teppich vor den Spoelmannschen
Gemächern. Aber bei jedem Ausgang unterlag er Anfällen von
Kopflosigkeit, die allgemeines Aufsehen und Befremden, ja, mehr als
einmal wirkliche Verkehrsstörungen hervorriefen. In weitem Abstande
gefolgt von einem Schwarm einheimischer Hunde, gemeiner Köter, die,
durch sein Benehmen in Aufruhr versetzt, mit schimpfendem Gekläff hinter
ihm drein preschten und um die er sich übrigens nicht im geringsten
kümmerte, flog er, die Nase mit Schaum bespritzt und mit wild klagendem
Gebell durch die Straßen, führte wütende Kreiseltänze vor den Tramwagen
auf, brachte Droschkenpferde zu Fall und stürzte zweimal den Kuchenstand
der Witwe Klaaßen am Rathaus mit solcher Heftigkeit über den Haufen,
daß das süße Gebäck über den halben Marktplatz rollte. Da aber bei solchen
Unglücksfällen Herr Spoelmann oder seine Tochter sofort mit mehr als
angemessenen Entschädigungen einsprangen, da sich auch zeigte, daß
Percevals Zustände im Grunde ungefährlicher Natur waren, daß er nichts
weniger als bissig und rauflustig, sondern im Gegenteil unnahbar und eben
nur außer sich war, so wandte sich ihm rasch die Neigung der Bevölkerung
zu, und namentlich den Kindern waren seine Ausgänge eine Quelle des
Vergnügens.
Die Gräfin Löwenjoul ihrerseits gab auf stillere, aber nicht weniger
sonderbare Weise Anlaß zum Gerede. Anfänglich, als ihre Person und
Stellung in der Stadt noch unbekannt war, hatte sie sich das Gehänsel der
Gassenjugend zugezogen, indem sie, allein gehend, mit sanfter und
tiefsinniger Miene zu sich selber gesprochen und diese Selbstgespräche mit
lebhaftem und übrigens durchaus anmutigem und elegantem Gebärdenspiel
begleitet hatte. Aber den Kindern, die ihr nachgerufen und sie am Kleide
gezupft hatten, war sie mit solcher Milde und Güte begegnet, hatte so
liebreich und würdevoll zu ihnen gesprochen, daß die Verfolger beschämt
und verwirrt von ihr abgelassen hatten; und später, als man sie kannte,
verhinderte der Respekt vor ihrem Verhältnis zu den berühmten Gästen, daß
man sie belästigte. Unter der Hand jedoch waren unverständliche
Anekdoten über sie im Umlauf. Ein Mann erzählte, die Gräfin habe ihm ein
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Goldstück eingehändigt mit dem Auftrage, eine bestimmte alte Frau, die ihr
irgendwelche unziemliche Anträge gemacht haben sollte, zu ohrfeigen. Der
Mann hatte das Goldstück eingesteckt, ohne sich indessen seines Auftrages
zu entledigen. Ferner wurde für wahr berichtet, daß die Löwenjoul den
Posten vor der Kaserne der Leibfüsiliere angeredet und zu ihm gesagt habe,
er müsse die Frau des Feldwebels von der und der Kompanie ihrer sittlichen
Verfehlungen halber sogleich verhaften. Auch habe sie dem Obersten dieses
Regiments einen Brief geschrieben, des Inhalts, daß innerhalb der Kaserne
allerlei geheimnisvolle und unaussprechliche Greuel im Schwange seien.
Gott wußte, was für eine Bewandtnis es damit hatte. Manche leiteten
unmittelbar daraus ab, daß es der Gräfin im Kopfe fehle. Jedenfalls hatte
man keine Zeit, der Sache auf den Grund zu kommen, denn unversehens
waren sechs Wochen dahin, und Samuel N. Spoelmann, der Milliardär,
reiste ab.
Er reiste ab, nachdem er sich von dem Professor von Lindemann hatte
malen lassen, das teuere Bildnis jedoch dem Besitzer des Hotels
»Quellenhof« zum Andenken geschenkt hatte, reiste ab mit seiner Tochter,
der Löwenjoul und Doktor Watercloose, mit Perceval, dem Stubenveloziped
und seiner Dienerschaft, reiste mit Sonderzug gen Süden, um an der
Riviera, wohin ihm die beiden Neuyorker Zeitungsmänner vorausgeeilt
waren, den Winter zu verbringen und dann über den Ozean heimzukehren.
Alles war zu Ende. Der »Eilbote« rief Herrn Spoelmann ein aufrichtiges
Lebewohl nach und gab dem Wunsche Ausdruck, daß die Kur ihm wohl
anschlagen möge. Damit schien dieser merkwürdige Zwischenfall
beschlossen und abgetan. Der Tag forderte sein Recht. Man begann Herrn
Spoelmann zu vergessen.
Der Winter verging. Es war der Winter, in welchem die Fürstin zu Ried-
Hohenried, Großherzogliche Hoheit, mit einem Töchterchen niederkam.
Auch der Frühling ging ins Land, und Seine Königliche Hoheit Großherzog
Albrecht begab sich gewohntermaßen nach Hollerbrunn. Da aber tauchte im
Publikum und in der Presse ein Gerücht auf, das von ruhig denkenden
Leuten anfangs mit Achselzucken aufgenommen wurde, das aber Gestalt
annahm, sich festsetzte, sich in ganz bestimmte Einzelangaben kleidete und
endlich als wirkliche und kernhafte Nachricht zur Herrschaft über das
tägliche Gespräch gelangte.
irgendwelche unziemliche Anträge gemacht haben sollte, zu ohrfeigen. Der
Mann hatte das Goldstück eingesteckt, ohne sich indessen seines Auftrages
zu entledigen. Ferner wurde für wahr berichtet, daß die Löwenjoul den
Posten vor der Kaserne der Leibfüsiliere angeredet und zu ihm gesagt habe,
er müsse die Frau des Feldwebels von der und der Kompanie ihrer sittlichen
Verfehlungen halber sogleich verhaften. Auch habe sie dem Obersten dieses
Regiments einen Brief geschrieben, des Inhalts, daß innerhalb der Kaserne
allerlei geheimnisvolle und unaussprechliche Greuel im Schwange seien.
Gott wußte, was für eine Bewandtnis es damit hatte. Manche leiteten
unmittelbar daraus ab, daß es der Gräfin im Kopfe fehle. Jedenfalls hatte
man keine Zeit, der Sache auf den Grund zu kommen, denn unversehens
waren sechs Wochen dahin, und Samuel N. Spoelmann, der Milliardär,
reiste ab.
Er reiste ab, nachdem er sich von dem Professor von Lindemann hatte
malen lassen, das teuere Bildnis jedoch dem Besitzer des Hotels
»Quellenhof« zum Andenken geschenkt hatte, reiste ab mit seiner Tochter,
der Löwenjoul und Doktor Watercloose, mit Perceval, dem Stubenveloziped
und seiner Dienerschaft, reiste mit Sonderzug gen Süden, um an der
Riviera, wohin ihm die beiden Neuyorker Zeitungsmänner vorausgeeilt
waren, den Winter zu verbringen und dann über den Ozean heimzukehren.
Alles war zu Ende. Der »Eilbote« rief Herrn Spoelmann ein aufrichtiges
Lebewohl nach und gab dem Wunsche Ausdruck, daß die Kur ihm wohl
anschlagen möge. Damit schien dieser merkwürdige Zwischenfall
beschlossen und abgetan. Der Tag forderte sein Recht. Man begann Herrn
Spoelmann zu vergessen.
Der Winter verging. Es war der Winter, in welchem die Fürstin zu Ried-
Hohenried, Großherzogliche Hoheit, mit einem Töchterchen niederkam.
Auch der Frühling ging ins Land, und Seine Königliche Hoheit Großherzog
Albrecht begab sich gewohntermaßen nach Hollerbrunn. Da aber tauchte im
Publikum und in der Presse ein Gerücht auf, das von ruhig denkenden
Leuten anfangs mit Achselzucken aufgenommen wurde, das aber Gestalt
annahm, sich festsetzte, sich in ganz bestimmte Einzelangaben kleidete und
endlich als wirkliche und kernhafte Nachricht zur Herrschaft über das
tägliche Gespräch gelangte.
Page 172
Was ging vor? – Ein großherzogliches Schloß sollte verkauft werden. –
Das war Unsinn. Welches Schloß? – Delphinenort. Schloß Delphinenort im
nördlichen Stadtgarten. – Das war Narrengeschwätz. Verkauft? An wen? –
An Spoelmann. – Lächerlich. Was sollte er damit anfangen? – Es
wiederherstellen und bewohnen. – Sehr einfach. Aber vielleicht hatte unser
Landtag ein wenig in solche Angelegenheit dreinzureden. – Den Landtag
kümmerte das gar nicht. Hatte etwa der Staat eine Unterhaltungspflicht an
Schloß Delphinenort? Dann hätte es hoffentlich besser ausgesehen um das
schöne Ding. Und also hatte der Landtag n i c h t dreinzureden. – Die
Verhandlungen waren wohl allgemein weit vorgeschritten? – Allerdings.
Denn sie waren abgeschlossen. – Ei, und so war man denn natürlich wohl
gar in der Lage, den genauen Kaufpreis zu nennen? – Aufzuwarten. Der
Kaufpreis betrug zwei Millionen auf Heller und Pfennig. – Unmöglich! Ein
Kronbesitz! – Kronbesitz hin und her. Handelte es sich um die Grimmburg?
Ums Alte Schloß? Es handelte sich um ein Lustschloß, ein ewig
unbenütztes, aus Geldmangel rettungslos verkommendes Lustschloß. – Und
Spoelmann beabsichtigte also, jedes Jahr wiederzukommen und einige
Wochen in Delphinenort zu wohnen? – Nein. Denn er beabsichtigte
vielmehr, ganz und gar zu uns überzusiedeln. Er war Amerikas müde,
wollte Amerika den Rücken kehren, und sein erster Aufenthalt bei uns war
nichts als eine Auskundschaftung gewesen. Er war krank, er wollte sich von
den Geschäften zurückziehen. Er war in seinem Herzen immer ein
Deutscher geblieben. Der Vater war ausgewandert, und der Sohn wollte
heimkehren. Er wollte an der gemessenen Lebensführung, den geistigen
Darbietungen unserer Hauptstadt teilnehmen und in unmittelbarer Nähe der
Ditlindenquelle den Rest seiner Tage verbringen!
Verblüffung, Getümmel und endlose Disputationen. Aber die öffentliche
Meinung ging, mit Ausnahme der Stimmen einiger weniger Griesgrame,
nach kurzem Schwanken in Begeisterung für den Verkaufsplan auf, und
sicher hätte ohne diese allgemeine Zustimmung die Sache überhaupt gar
weit nicht gedeihen können. Hausminister von Knobelsdorff war es
gewesen, der eine erste behutsame Verlautbarung des Spoelmannschen
Angebots in die Tagespresse gespielt hatte. Er hatte abgewartet, hatte den
Volkswillen sich entscheiden lassen. Und nach der ersten Verwirrung hatten
starke Gründe in Fülle sich eingefunden, die für das Projekt sprachen. Die
Geschäftswelt brach in Beifall aus bei dem Gedanken, den gewaltigen
Das war Unsinn. Welches Schloß? – Delphinenort. Schloß Delphinenort im
nördlichen Stadtgarten. – Das war Narrengeschwätz. Verkauft? An wen? –
An Spoelmann. – Lächerlich. Was sollte er damit anfangen? – Es
wiederherstellen und bewohnen. – Sehr einfach. Aber vielleicht hatte unser
Landtag ein wenig in solche Angelegenheit dreinzureden. – Den Landtag
kümmerte das gar nicht. Hatte etwa der Staat eine Unterhaltungspflicht an
Schloß Delphinenort? Dann hätte es hoffentlich besser ausgesehen um das
schöne Ding. Und also hatte der Landtag n i c h t dreinzureden. – Die
Verhandlungen waren wohl allgemein weit vorgeschritten? – Allerdings.
Denn sie waren abgeschlossen. – Ei, und so war man denn natürlich wohl
gar in der Lage, den genauen Kaufpreis zu nennen? – Aufzuwarten. Der
Kaufpreis betrug zwei Millionen auf Heller und Pfennig. – Unmöglich! Ein
Kronbesitz! – Kronbesitz hin und her. Handelte es sich um die Grimmburg?
Ums Alte Schloß? Es handelte sich um ein Lustschloß, ein ewig
unbenütztes, aus Geldmangel rettungslos verkommendes Lustschloß. – Und
Spoelmann beabsichtigte also, jedes Jahr wiederzukommen und einige
Wochen in Delphinenort zu wohnen? – Nein. Denn er beabsichtigte
vielmehr, ganz und gar zu uns überzusiedeln. Er war Amerikas müde,
wollte Amerika den Rücken kehren, und sein erster Aufenthalt bei uns war
nichts als eine Auskundschaftung gewesen. Er war krank, er wollte sich von
den Geschäften zurückziehen. Er war in seinem Herzen immer ein
Deutscher geblieben. Der Vater war ausgewandert, und der Sohn wollte
heimkehren. Er wollte an der gemessenen Lebensführung, den geistigen
Darbietungen unserer Hauptstadt teilnehmen und in unmittelbarer Nähe der
Ditlindenquelle den Rest seiner Tage verbringen!
Verblüffung, Getümmel und endlose Disputationen. Aber die öffentliche
Meinung ging, mit Ausnahme der Stimmen einiger weniger Griesgrame,
nach kurzem Schwanken in Begeisterung für den Verkaufsplan auf, und
sicher hätte ohne diese allgemeine Zustimmung die Sache überhaupt gar
weit nicht gedeihen können. Hausminister von Knobelsdorff war es
gewesen, der eine erste behutsame Verlautbarung des Spoelmannschen
Angebots in die Tagespresse gespielt hatte. Er hatte abgewartet, hatte den
Volkswillen sich entscheiden lassen. Und nach der ersten Verwirrung hatten
starke Gründe in Fülle sich eingefunden, die für das Projekt sprachen. Die
Geschäftswelt brach in Beifall aus bei dem Gedanken, den gewaltigen
Page 173
Abnehmer dauernd am Platze zu sehen. Die Schöngeister zeigten sich
entzückt in der Aussicht, daß Schloß Delphinenort wiederhergestellt und
erhalten – daß dieses edle Bauwerk so unvorhergesehener-, ja
abenteuerlicherweise wieder zu Ehren und Jugend gelangen sollte. Aber die
staatswirtschaftlich Denkenden führten Ziffern ins Feld, die, wie im Lande
die Dinge lagen, tiefe Erschütterung hervorrufen mußten. Wenn Samuel N.
Spoelmann sich bei uns niederließ, so wurde er Steuersubjekt, so war er
gehalten, bei uns sein Einkommen zu versteuern. Vielleicht fand man es der
Mühe wert, sich die Bedeutung dieser Tatsache ein wenig klarzumachen?
Es würde Herrn Spoelmann überlassen bleiben, sich einzuschätzen; aber
nach allem, was man w u ß t e – mit annähernder Genauigkeit wußte –,
würde dieser Einwohner eine Steuerquelle von zwei Millionen und einer
halben alljährlich darstellen, wobei allein die Staatssteuern und noch nicht
einmal die Gemeindesteuern in Rechnung gezogen waren. Kam das in
Betracht für uns oder nicht? Und zwar richtete man diese Frage ganz
unmittelbar an den Herrn Finanzminister Doktor Krippenreuther. Wenn
dieser Beamte nicht alles tat, um die Einwilligung der höchsten Person zu
dem Verkaufe zu erlangen, so handelte er pflichtvergessen. Denn es war ein
Gebot der Vaterlandsliebe, auf Spoelmanns Anerbieten einzugehen, damit er
sich so recht nach Gefallen bei uns einrichten konnte, und alle Bedenken
erschienen nichtig gegenüber diesem ernsten Gebot.
So hatte Exzellenz von Knobelsdorff beim Großherzog Vortrag gehabt.
Er hatte seinem Herrn über die öffentliche Stimmung berichtet; hatte
hinzugefügt, daß zwei Millionen ein Preis seien, der den sachlichen Wert
des Schlosses in seinem jetzigen Zustand beträchtlich übertreffe; hatte
angemerkt, daß diese Einkunft für die Hof-Finanzdirektion eine wahre
Labsal bedeuten würde; und hatte schließlich etwas von der Zentralheizung
für das Alte Schloß einfließen lassen, die, wenn der Verkauf zustande käme,
nicht länger ein Ding der Unmöglichkeit sein werde. Kurz, der unbefangene
alte Herr hatte seinen ganzen Einfluß für den Verkauf eingesetzt und dem
Großherzog nahegelegt, die Sache vor einen Familienrat zu bringen.
Albrecht hatte leicht mit der Unterlippe an der oberen gesogen und den
Familienrat einberufen. Derselbe war im Rittersaal zusammengetreten, und
es hatte Tee und Biskuits dazu gegeben. Nur zwei weibliche Mitglieder, die
Prinzessinnen Katharina und Ditlinde, waren gegen den Verkauf gewesen,
und zwar aus Gründen der Würde. »Man wird dich mißverstehen,
entzückt in der Aussicht, daß Schloß Delphinenort wiederhergestellt und
erhalten – daß dieses edle Bauwerk so unvorhergesehener-, ja
abenteuerlicherweise wieder zu Ehren und Jugend gelangen sollte. Aber die
staatswirtschaftlich Denkenden führten Ziffern ins Feld, die, wie im Lande
die Dinge lagen, tiefe Erschütterung hervorrufen mußten. Wenn Samuel N.
Spoelmann sich bei uns niederließ, so wurde er Steuersubjekt, so war er
gehalten, bei uns sein Einkommen zu versteuern. Vielleicht fand man es der
Mühe wert, sich die Bedeutung dieser Tatsache ein wenig klarzumachen?
Es würde Herrn Spoelmann überlassen bleiben, sich einzuschätzen; aber
nach allem, was man w u ß t e – mit annähernder Genauigkeit wußte –,
würde dieser Einwohner eine Steuerquelle von zwei Millionen und einer
halben alljährlich darstellen, wobei allein die Staatssteuern und noch nicht
einmal die Gemeindesteuern in Rechnung gezogen waren. Kam das in
Betracht für uns oder nicht? Und zwar richtete man diese Frage ganz
unmittelbar an den Herrn Finanzminister Doktor Krippenreuther. Wenn
dieser Beamte nicht alles tat, um die Einwilligung der höchsten Person zu
dem Verkaufe zu erlangen, so handelte er pflichtvergessen. Denn es war ein
Gebot der Vaterlandsliebe, auf Spoelmanns Anerbieten einzugehen, damit er
sich so recht nach Gefallen bei uns einrichten konnte, und alle Bedenken
erschienen nichtig gegenüber diesem ernsten Gebot.
So hatte Exzellenz von Knobelsdorff beim Großherzog Vortrag gehabt.
Er hatte seinem Herrn über die öffentliche Stimmung berichtet; hatte
hinzugefügt, daß zwei Millionen ein Preis seien, der den sachlichen Wert
des Schlosses in seinem jetzigen Zustand beträchtlich übertreffe; hatte
angemerkt, daß diese Einkunft für die Hof-Finanzdirektion eine wahre
Labsal bedeuten würde; und hatte schließlich etwas von der Zentralheizung
für das Alte Schloß einfließen lassen, die, wenn der Verkauf zustande käme,
nicht länger ein Ding der Unmöglichkeit sein werde. Kurz, der unbefangene
alte Herr hatte seinen ganzen Einfluß für den Verkauf eingesetzt und dem
Großherzog nahegelegt, die Sache vor einen Familienrat zu bringen.
Albrecht hatte leicht mit der Unterlippe an der oberen gesogen und den
Familienrat einberufen. Derselbe war im Rittersaal zusammengetreten, und
es hatte Tee und Biskuits dazu gegeben. Nur zwei weibliche Mitglieder, die
Prinzessinnen Katharina und Ditlinde, waren gegen den Verkauf gewesen,
und zwar aus Gründen der Würde. »Man wird dich mißverstehen,
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Albrecht!« hatte Ditlinde gesagt. »Man wird es dir als Mangel an
Hoheitsbewußtsein auslegen, und das ist nicht richtig, denn du hast im
Gegenteil zuviel davon, du bist so stolz, Albrecht, daß dir alles ganz einerlei
ist. Aber ich sage nein. Ich wünsche nicht, daß in einem von deinen
Schlössern ein Vogel Roch wohnt, das ist nicht schicklich, und es genügt ja,
daß er einen Leibarzt hat und die Fürstenzimmer vom Quellenhof in
Anspruch nahm. Der »Eilbote« sagt immer, daß er ein Steuersubjekt ist,
aber in meinen Augen ist er ganz einfach ein Subjekt und weiter nichts.
Welcher Ansicht bist du, Klaus Heinrich?« – Aber Klaus Heinrich stimmte
für den Verkauf. Erstens erhalte Albrecht die Zentralheizung, und dann sei
Spoelmann nicht irgendeiner, er sei nicht Seifensieder Unschlitt, er sei ein
Sonderfall, und es sei keine Schande, ihm Delphinenort zu überlassen.
Schließlich hatte Albrecht mit niedergeschlagenen Augen erklärt, der ganze
Familienrat sei im Grunde »Affentheater«. Das Volk habe längst
entschieden, seine Minister drängen auf den Verkauf, und es bleibe ihm gar
nichts anderes übrig, als wieder einmal auf den Bahnhof zu gehen und zu
winken.
Der Familienrat hatte im Frühling getagt. Von nun an hatten die
Verkaufsverhandlungen, die zwischen Spoelmann einerseits und dem
Oberhofmarschall Herrn von Bühl zu Bühl andererseits geführt wurden,
raschen Fortgang genommen, und der Sommer war noch nicht weit
vorgeschritten, als Schloß Delphinenort mit Park und Nebengebäuden
Herrn Spoelmanns rechtmäßiges Eigentum war.
Da begann ein Gewimmel und eine Geschäftigkeit um das Schloß und in
seinem Innern, daß täglich viele Leute in den nördlichen Teil des
Stadtgartens gelockt wurden. Delphinenort ward ausgebessert, ward
innerlich umgebaut zu einem Teil, und zwar mit außerordentlichem
Aufgebot an Arbeitskräften. Denn schnell, schnell mußte es gehen, das war
Spoelmanns Wille, und kaum fünf Monate hatte er Frist gegeben, bis daß
alles zu seinem Einzug bereit sein mußte. So wuchs mit Windeseile ein
Holzgerüst mit Treppen und Plattformen um das schadhafte Prachtgebäude
empor, ausländische Arbeiter bevölkerten es von oben bis unten, und ein
Architekt kam mit Vollmachten über den Ozean herbei, um die Oberleitung
des Ganzen zu übernehmen. Aber der Aufgabe größter Teil fiel doch
unserem Handwerksfleiße zu, und die Steinmetzen und Dachdecker, die
Schreiner, Vergolder, Tapezierer, Glaser, Parkettleger der Residenz, die
Hoheitsbewußtsein auslegen, und das ist nicht richtig, denn du hast im
Gegenteil zuviel davon, du bist so stolz, Albrecht, daß dir alles ganz einerlei
ist. Aber ich sage nein. Ich wünsche nicht, daß in einem von deinen
Schlössern ein Vogel Roch wohnt, das ist nicht schicklich, und es genügt ja,
daß er einen Leibarzt hat und die Fürstenzimmer vom Quellenhof in
Anspruch nahm. Der »Eilbote« sagt immer, daß er ein Steuersubjekt ist,
aber in meinen Augen ist er ganz einfach ein Subjekt und weiter nichts.
Welcher Ansicht bist du, Klaus Heinrich?« – Aber Klaus Heinrich stimmte
für den Verkauf. Erstens erhalte Albrecht die Zentralheizung, und dann sei
Spoelmann nicht irgendeiner, er sei nicht Seifensieder Unschlitt, er sei ein
Sonderfall, und es sei keine Schande, ihm Delphinenort zu überlassen.
Schließlich hatte Albrecht mit niedergeschlagenen Augen erklärt, der ganze
Familienrat sei im Grunde »Affentheater«. Das Volk habe längst
entschieden, seine Minister drängen auf den Verkauf, und es bleibe ihm gar
nichts anderes übrig, als wieder einmal auf den Bahnhof zu gehen und zu
winken.
Der Familienrat hatte im Frühling getagt. Von nun an hatten die
Verkaufsverhandlungen, die zwischen Spoelmann einerseits und dem
Oberhofmarschall Herrn von Bühl zu Bühl andererseits geführt wurden,
raschen Fortgang genommen, und der Sommer war noch nicht weit
vorgeschritten, als Schloß Delphinenort mit Park und Nebengebäuden
Herrn Spoelmanns rechtmäßiges Eigentum war.
Da begann ein Gewimmel und eine Geschäftigkeit um das Schloß und in
seinem Innern, daß täglich viele Leute in den nördlichen Teil des
Stadtgartens gelockt wurden. Delphinenort ward ausgebessert, ward
innerlich umgebaut zu einem Teil, und zwar mit außerordentlichem
Aufgebot an Arbeitskräften. Denn schnell, schnell mußte es gehen, das war
Spoelmanns Wille, und kaum fünf Monate hatte er Frist gegeben, bis daß
alles zu seinem Einzug bereit sein mußte. So wuchs mit Windeseile ein
Holzgerüst mit Treppen und Plattformen um das schadhafte Prachtgebäude
empor, ausländische Arbeiter bevölkerten es von oben bis unten, und ein
Architekt kam mit Vollmachten über den Ozean herbei, um die Oberleitung
des Ganzen zu übernehmen. Aber der Aufgabe größter Teil fiel doch
unserem Handwerksfleiße zu, und die Steinmetzen und Dachdecker, die
Schreiner, Vergolder, Tapezierer, Glaser, Parkettleger der Residenz, die
Page 175
Gartenkünstler und Werkmeister für Heizungsanlagen und
Beleuchtungswesen hatten harte, ergiebige Arbeit diesen Sommer und
Herbst. Wenn Seine Königliche Hoheit Klaus Heinrich auf »Eremitage« die
Fenster geöffnet hielt, so drang der Schall des Treibens dort drüben bis in
seine Empirestuben, und mehrmals ließ er sich, vom Publikum ehrerbietig
begrüßt, in seiner Chaise an Schloß Delphinenort vorüberfahren, um sich
von den Fortschritten des Erneuerungswerkes zu überzeugen. Das
Gärtnerhäuschen ward aufgefrischt, die Ställe und Remisen, die den
Spoelmannschen Wagen- und Automobilpark aufnehmen sollten, wurden
erweitert; und was wurde im Oktober nicht alles ausgeladen an Möbeln und
Teppichen, an Kisten und Kasten mit Stoffen und Hausrat vor Schloß
Delphinenort, während sich unter den Umstehenden die Kunde verbreitete,
daß dort drinnen kundige Hände geschäftig seien, Spoelmanns über das
Weltmeer dahergesandte Orgel mit elektrischem Triebwerk aufzurichten.
Spannung herrschte, ob wohl der Parkgrund, der zum Schlosse gehörte und
so prächtig gesäubert und hergerichtet wurde, gegen den Stadtgarten durch
Mauer oder Zaun werde abgeschlossen werden. Aber nichts dergleichen
geschah. Der Besitz sollte zugänglich bleiben, die Bewegungsfreiheit der
Hauptstädter im Grünen nicht eingeschränkt werden – so wollte es
Spoelmann. Bis dicht an das Schloß, bis an die beschnittenen Hecken, die
das große viereckige Wasserbassin einsäumten, sollten die sonntäglichen
Spaziergänger Zutritt haben – und das verfehlte nicht, den besten Eindruck
in der Bevölkerung zu machen, ja, der »Eilbote« veröffentlichte einen
besonderen Artikel darüber, worin er Herrn Spoelmann für seine freisinnige
Maßnahme pries.
Und siehe da: als wieder die Blätter fielen, genau ein Jahr nach seiner
ersten Ankunft, traf Samuel N. Spoelmann zum zweitenmal auf unserem
Bahnhof ein. Diesmal war die Beteiligung des Publikums an dem Ereignis
weit größer als voriges Jahr, und es ist verbürgt, daß, als Herr Spoelmann in
dem bekannten mißfarbenen Paletot und den Hut in der Stirn seinen
Salonwagen verließ, lebhafte Hochrufe aus der Menge der Zuschauer
erschollen – Kundgebungen, über die Herr Spoelmann sich übrigens eher zu
ärgern schien, und für die statt seiner Doktor Watercloose dankte, indem er
seinen Mund mild lächelnd in die Breite zog und die Augen schloß. Auch
als Miß Spoelmann ausstieg, wurde ein Hoch ausgebracht, und ein paar
Spaßvögel riefen sogar hurra, als Percy, der Colliehund, bebend, tänzelnd
Beleuchtungswesen hatten harte, ergiebige Arbeit diesen Sommer und
Herbst. Wenn Seine Königliche Hoheit Klaus Heinrich auf »Eremitage« die
Fenster geöffnet hielt, so drang der Schall des Treibens dort drüben bis in
seine Empirestuben, und mehrmals ließ er sich, vom Publikum ehrerbietig
begrüßt, in seiner Chaise an Schloß Delphinenort vorüberfahren, um sich
von den Fortschritten des Erneuerungswerkes zu überzeugen. Das
Gärtnerhäuschen ward aufgefrischt, die Ställe und Remisen, die den
Spoelmannschen Wagen- und Automobilpark aufnehmen sollten, wurden
erweitert; und was wurde im Oktober nicht alles ausgeladen an Möbeln und
Teppichen, an Kisten und Kasten mit Stoffen und Hausrat vor Schloß
Delphinenort, während sich unter den Umstehenden die Kunde verbreitete,
daß dort drinnen kundige Hände geschäftig seien, Spoelmanns über das
Weltmeer dahergesandte Orgel mit elektrischem Triebwerk aufzurichten.
Spannung herrschte, ob wohl der Parkgrund, der zum Schlosse gehörte und
so prächtig gesäubert und hergerichtet wurde, gegen den Stadtgarten durch
Mauer oder Zaun werde abgeschlossen werden. Aber nichts dergleichen
geschah. Der Besitz sollte zugänglich bleiben, die Bewegungsfreiheit der
Hauptstädter im Grünen nicht eingeschränkt werden – so wollte es
Spoelmann. Bis dicht an das Schloß, bis an die beschnittenen Hecken, die
das große viereckige Wasserbassin einsäumten, sollten die sonntäglichen
Spaziergänger Zutritt haben – und das verfehlte nicht, den besten Eindruck
in der Bevölkerung zu machen, ja, der »Eilbote« veröffentlichte einen
besonderen Artikel darüber, worin er Herrn Spoelmann für seine freisinnige
Maßnahme pries.
Und siehe da: als wieder die Blätter fielen, genau ein Jahr nach seiner
ersten Ankunft, traf Samuel N. Spoelmann zum zweitenmal auf unserem
Bahnhof ein. Diesmal war die Beteiligung des Publikums an dem Ereignis
weit größer als voriges Jahr, und es ist verbürgt, daß, als Herr Spoelmann in
dem bekannten mißfarbenen Paletot und den Hut in der Stirn seinen
Salonwagen verließ, lebhafte Hochrufe aus der Menge der Zuschauer
erschollen – Kundgebungen, über die Herr Spoelmann sich übrigens eher zu
ärgern schien, und für die statt seiner Doktor Watercloose dankte, indem er
seinen Mund mild lächelnd in die Breite zog und die Augen schloß. Auch
als Miß Spoelmann ausstieg, wurde ein Hoch ausgebracht, und ein paar
Spaßvögel riefen sogar hurra, als Percy, der Colliehund, bebend, tänzelnd
Page 176
und vollständig außer sich auf dem Bahnsteig erschien. Außer dem Arzt und
der Gräfin Löwenjoul befanden sich zwei noch unbekannte Personen in der
Begleitung der Herrschaften, zwei rasierte und entschlossen blickende
Herren in auffallend weiten Paletots. Es waren Herrn Spoelmanns
Sekretäre, die Herren Phlebs und Slippers, wie der »Eilbote« in seinem
Bericht bemerkte.
Damals war Delphinenort noch bei weitem nicht fertig, und Spoelmanns
bezogen zunächst das erste Stockwerk des Residenz-Hotels, woselbst ein
großer, bauchiger und stolzer Mann in Schwarz, der Spoelmannsche
Haushofmeister oder butler, der vor ihnen eingetroffen war, für sie Quartier
gemacht und eigenhändig das Stubenveloziped aufgestellt hatte. Täglich,
während Miß Imma mit ihrer Gräfin und Percy spazierenritt oder
Wohltätigkeitsanstalten besichtigte, weilte Herr Spoelmann in seinem
Hause, um die Arbeiten zu überwachen und Anordnungen zu treffen; und
als das Jahr sich zu Ende neigte, ganz kurz nachdem der erste Schnee
gefallen war, da wurde es Wahrheit, da zogen Spoelmanns in Schloß
Delphinenort ein. Zwei Automobile (man hatte sie kürzlich anlangen sehen
– herrliche Fahrzeuge, von Riesenkräften mit zart metallischem Rauschen
dahingetrieben) trugen die sechs Personen – denn in dem zweiten saßen die
Herren Phlebs und Slippers –, gelenkt von in Leder gekleideten
Chauffeuren, neben denen mit verschränkten Armen Bediente in
schneeweißen Pelzmänteln saßen, in wenigen Minuten vom Residenz-Hotel
durch den Stadtgarten, und als die Wagen die stattliche Kastanienallee
durchflogen, die in die Auffahrt mündete, da hingen an den hohen
Lampenträgern, welche an allen vier Ecken des großen Brunnenbassins
aufgerichtet waren, die Knaben des Volks und schwenkten schreiend ihre
Mützen …
So wurden Samuel N. Spoelmann und die Seinen bei uns ansässig, und
seine Gegenwart wurde zu einer lieben Gewohnheit. Man sah und kannte
seine weißgoldenen Bedienten in der Stadt, wie man die braungoldenen
großherzoglichen Lakaien sah und kannte; der in bordeauxroten Plüsch
gekleidete Neger, der als Türhüter vor dem Portal von Delphinenort Wache
hielt, war bald eine volkstümliche Gestalt; und wenn man am Schlosse
vorüberspazierte und das gedämpfte Brausen von Herrn Spoelmanns
Orgelspiel aus dem Innern hervordrang, so hob man den Finger und sagte:
»Horch, er spielt. Er hat also wohl keine Koliken im Augenblick.« Täglich
der Gräfin Löwenjoul befanden sich zwei noch unbekannte Personen in der
Begleitung der Herrschaften, zwei rasierte und entschlossen blickende
Herren in auffallend weiten Paletots. Es waren Herrn Spoelmanns
Sekretäre, die Herren Phlebs und Slippers, wie der »Eilbote« in seinem
Bericht bemerkte.
Damals war Delphinenort noch bei weitem nicht fertig, und Spoelmanns
bezogen zunächst das erste Stockwerk des Residenz-Hotels, woselbst ein
großer, bauchiger und stolzer Mann in Schwarz, der Spoelmannsche
Haushofmeister oder butler, der vor ihnen eingetroffen war, für sie Quartier
gemacht und eigenhändig das Stubenveloziped aufgestellt hatte. Täglich,
während Miß Imma mit ihrer Gräfin und Percy spazierenritt oder
Wohltätigkeitsanstalten besichtigte, weilte Herr Spoelmann in seinem
Hause, um die Arbeiten zu überwachen und Anordnungen zu treffen; und
als das Jahr sich zu Ende neigte, ganz kurz nachdem der erste Schnee
gefallen war, da wurde es Wahrheit, da zogen Spoelmanns in Schloß
Delphinenort ein. Zwei Automobile (man hatte sie kürzlich anlangen sehen
– herrliche Fahrzeuge, von Riesenkräften mit zart metallischem Rauschen
dahingetrieben) trugen die sechs Personen – denn in dem zweiten saßen die
Herren Phlebs und Slippers –, gelenkt von in Leder gekleideten
Chauffeuren, neben denen mit verschränkten Armen Bediente in
schneeweißen Pelzmänteln saßen, in wenigen Minuten vom Residenz-Hotel
durch den Stadtgarten, und als die Wagen die stattliche Kastanienallee
durchflogen, die in die Auffahrt mündete, da hingen an den hohen
Lampenträgern, welche an allen vier Ecken des großen Brunnenbassins
aufgerichtet waren, die Knaben des Volks und schwenkten schreiend ihre
Mützen …
So wurden Samuel N. Spoelmann und die Seinen bei uns ansässig, und
seine Gegenwart wurde zu einer lieben Gewohnheit. Man sah und kannte
seine weißgoldenen Bedienten in der Stadt, wie man die braungoldenen
großherzoglichen Lakaien sah und kannte; der in bordeauxroten Plüsch
gekleidete Neger, der als Türhüter vor dem Portal von Delphinenort Wache
hielt, war bald eine volkstümliche Gestalt; und wenn man am Schlosse
vorüberspazierte und das gedämpfte Brausen von Herrn Spoelmanns
Orgelspiel aus dem Innern hervordrang, so hob man den Finger und sagte:
»Horch, er spielt. Er hat also wohl keine Koliken im Augenblick.« Täglich
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sah man Miß Imma an der Seite der Gräfin Löwenjoul, gefolgt von einem
Reitknecht und umlärmt von dem rasenden Percy, spazierenreiten oder ein
prächtiges Four-in-hand-Gespann eigenhändig durch den Stadtgarten
lenken – wobei der Bediente, der auf dem Rücksitz des leichten Wagens
saß, sich von Zeit zu Zeit erhob, aus einem Lederfutteral eine lange silberne
Trompete zog und mit hellem Schall das Nahen des Gefährtes verkündete;
und wenn man früh aufstand, konnte man jeden Morgen Vater und Tochter
in einem dunkelrot lackierten Coupé oder bei schönem Wetter zu Fuße sich
durch den Parkgrund von Schloß »Eremitage« zum Quellengarten begeben
sehen, um den Brunnen zu trinken. Was Imma betraf, so nahm sie, wie
erwähnt, ihre Besichtigungen der städtischen Wohltätigkeitsanstalten wieder
auf, schien aber darüber ihre Wissenschaft nicht zu vernachlässigen, denn
seit dem Beginne des Studienhalbjahres besuchte sie regelmäßig die
Vorlesungen des Geheimrats Klinghammer in der Universität – saß täglich
in einem schwarzen Kleid mit weißem Umlegekragen und Manschetten
unter den jungen Leuten im Hörsaal und führte mit hochaufgesetztem und
eingedrücktem Zeigefinger – dies war ihre Schreibart – die Füllfeder über
die Seiten ihres Kollegheftes. Spoelmanns lebten zurückgezogen, sie
pflogen keinen Verkehr in der Stadt, was ja sowohl in Herrn Spoelmanns
Krankheit als auch in seiner gesellschaftlichen Einsamkeit seine Erklärung
fand. Welcher Gesellschaftsgruppe hätte er sich anschließen sollen?
Niemand mutete ihm zu, etwa mit Seifensieder Unschlitt oder Bankdirektor
Wolfsmilch auf vertrauten Fuß zu treten. Wohl aber näherte man sich ihm
bald mit Ansprüchen an seine Mildtätigkeit und wurde nicht abgewiesen.
Denn Herr Spoelmann, der, wie man wußte, vor seiner Abreise von
Amerika der Behörde für den öffentlichen Unterricht in den Vereinigten
Staaten eine gewaltige Summe Dollars überwiesen, auch die bindende
Versicherung abgegeben hatte, seine jährlichen Zuwendungen an die
Spoelmann-Universität und die übrigen Bildungsinstitute keineswegs
einzustellen – er zeichnete bald nach seinem Einzuge in »Delphinenort«
zehntausend Mark zugunsten des Dorotheen-Kinderhospitals, für das
gerade gesammelt wurde: eine Handlungsweise, deren Hochherzigkeit der
»Eilbote« und die übrige Presse in warmen Worten zu würdigen wußte. Ja,
obwohl Spoelmanns gesellschaftlich abgeschlossen lebten, so eignete ihrem
Dasein bei uns doch von der ersten Stunde an eine gewisse Öffentlichkeit,
und mindestens im örtlichen Teil der Tagesblätter wurde ihr Wandel mit
nicht geringerer Aufmerksamkeit verfolgt als der der Mitglieder des
Reitknecht und umlärmt von dem rasenden Percy, spazierenreiten oder ein
prächtiges Four-in-hand-Gespann eigenhändig durch den Stadtgarten
lenken – wobei der Bediente, der auf dem Rücksitz des leichten Wagens
saß, sich von Zeit zu Zeit erhob, aus einem Lederfutteral eine lange silberne
Trompete zog und mit hellem Schall das Nahen des Gefährtes verkündete;
und wenn man früh aufstand, konnte man jeden Morgen Vater und Tochter
in einem dunkelrot lackierten Coupé oder bei schönem Wetter zu Fuße sich
durch den Parkgrund von Schloß »Eremitage« zum Quellengarten begeben
sehen, um den Brunnen zu trinken. Was Imma betraf, so nahm sie, wie
erwähnt, ihre Besichtigungen der städtischen Wohltätigkeitsanstalten wieder
auf, schien aber darüber ihre Wissenschaft nicht zu vernachlässigen, denn
seit dem Beginne des Studienhalbjahres besuchte sie regelmäßig die
Vorlesungen des Geheimrats Klinghammer in der Universität – saß täglich
in einem schwarzen Kleid mit weißem Umlegekragen und Manschetten
unter den jungen Leuten im Hörsaal und führte mit hochaufgesetztem und
eingedrücktem Zeigefinger – dies war ihre Schreibart – die Füllfeder über
die Seiten ihres Kollegheftes. Spoelmanns lebten zurückgezogen, sie
pflogen keinen Verkehr in der Stadt, was ja sowohl in Herrn Spoelmanns
Krankheit als auch in seiner gesellschaftlichen Einsamkeit seine Erklärung
fand. Welcher Gesellschaftsgruppe hätte er sich anschließen sollen?
Niemand mutete ihm zu, etwa mit Seifensieder Unschlitt oder Bankdirektor
Wolfsmilch auf vertrauten Fuß zu treten. Wohl aber näherte man sich ihm
bald mit Ansprüchen an seine Mildtätigkeit und wurde nicht abgewiesen.
Denn Herr Spoelmann, der, wie man wußte, vor seiner Abreise von
Amerika der Behörde für den öffentlichen Unterricht in den Vereinigten
Staaten eine gewaltige Summe Dollars überwiesen, auch die bindende
Versicherung abgegeben hatte, seine jährlichen Zuwendungen an die
Spoelmann-Universität und die übrigen Bildungsinstitute keineswegs
einzustellen – er zeichnete bald nach seinem Einzuge in »Delphinenort«
zehntausend Mark zugunsten des Dorotheen-Kinderhospitals, für das
gerade gesammelt wurde: eine Handlungsweise, deren Hochherzigkeit der
»Eilbote« und die übrige Presse in warmen Worten zu würdigen wußte. Ja,
obwohl Spoelmanns gesellschaftlich abgeschlossen lebten, so eignete ihrem
Dasein bei uns doch von der ersten Stunde an eine gewisse Öffentlichkeit,
und mindestens im örtlichen Teil der Tagesblätter wurde ihr Wandel mit
nicht geringerer Aufmerksamkeit verfolgt als der der Mitglieder des
Page 178
großherzoglichen Hauses. Das Publikum wurde unterrichtet davon, wenn
Miß Imma mit der Gräfin und den Herren Phlebs und Slippers eine Partie
Tennis im Park von »Delphinenort« gespielt hatte, es war auf dem
laufenden darüber, wann sie das Hoftheater besucht hatte, wann auch ihr
Vater dabeigewesen war, um anderthalb Aufzüge einer Oper anzuhören; und
wenn Herr Spoelmann der Neugier auswich, wenn er während der
Theaterpause niemals seine Loge verließ und sich fast niemals zu Fuß in
den Straßen blicken ließ, so war er doch offenbar nicht ohne Sinn für die
darstellerischen Verpflichtungen, die ein außerordentliches Dasein
auferlegt, und gab der Schaulust das ihre. Bekanntlich war der Park von
»Delphinenort« nicht gegen den Stadtgarten abgeteilt. Keine Mauer trennte
das Schloß von der Welt. Von der Rückseite zumal konnte man über die
Rasenflächen bis dicht an den Fuß der breiten gedeckten Terrasse
vordringen, die dort errichtet war, und war man keck, so konnte man durch
die große Glastür geradeswegs in den hohen, weißgoldenen Gartensalon
blicken, woselbst Herr Spoelmann mit den Seinen um fünf Uhr den Tee
nahm. Ja, als die schöne Jahreszeit eintrat, da wurde die Teestunde draußen
auf der Terrasse abgehalten, und wie auf einer Bühne saßen Herr und
Fräulein Spoelmann, die Löwenjoul und Doktor Watercloose in neuartig
geformten Korbstühlen und tranken öffentlich Tee. Denn am Sonntag
wenigstens fehlte es niemals an Publikum, das aus einiger ehrerbietiger
Entfernung das Schauspiel genoß. Man zeigte einander den großen
silbernen Teekessel, der, was man noch niemals gesehen, elektrisch geheizt
wurde, und die wundersamen Livreen der beiden Bedienten, die die Tassen
und Konfitüren darreichten: weiße, hochgeschlossene und goldbetreßte
Fräcke, die an den Kragen, den Ärmeln, den Säumen mit Schwan besetzt
waren. Man horchte auf das englisch-deutsche Gespräch und verfolgte mit
offenen Mündern jede Bewegung der merkwürdigen Familie dort oben.
Dann ging man hinüber vors Hauptportal, um dem bordeauxroten
Plüschmohren ein paar Scherze im Volksdialekt zuzurufen, die jener mit
weißem Grinsen beantwortete …
Klaus Heinrich sah Imma Spoelmann zum erstenmal an einem heiteren
Wintertage mittags um zwölf. Damit ist nicht gesagt, daß er sie nicht vorher
schon manches Mal im Theater, auf der Straße, im Stadtpark e r b l i c k t
hätte. Aber das ist etwas anderes. Er sah sie zum erstenmal um diese
Mittagsstunde, und zwar unter lebhaften Umständen.
Miß Imma mit der Gräfin und den Herren Phlebs und Slippers eine Partie
Tennis im Park von »Delphinenort« gespielt hatte, es war auf dem
laufenden darüber, wann sie das Hoftheater besucht hatte, wann auch ihr
Vater dabeigewesen war, um anderthalb Aufzüge einer Oper anzuhören; und
wenn Herr Spoelmann der Neugier auswich, wenn er während der
Theaterpause niemals seine Loge verließ und sich fast niemals zu Fuß in
den Straßen blicken ließ, so war er doch offenbar nicht ohne Sinn für die
darstellerischen Verpflichtungen, die ein außerordentliches Dasein
auferlegt, und gab der Schaulust das ihre. Bekanntlich war der Park von
»Delphinenort« nicht gegen den Stadtgarten abgeteilt. Keine Mauer trennte
das Schloß von der Welt. Von der Rückseite zumal konnte man über die
Rasenflächen bis dicht an den Fuß der breiten gedeckten Terrasse
vordringen, die dort errichtet war, und war man keck, so konnte man durch
die große Glastür geradeswegs in den hohen, weißgoldenen Gartensalon
blicken, woselbst Herr Spoelmann mit den Seinen um fünf Uhr den Tee
nahm. Ja, als die schöne Jahreszeit eintrat, da wurde die Teestunde draußen
auf der Terrasse abgehalten, und wie auf einer Bühne saßen Herr und
Fräulein Spoelmann, die Löwenjoul und Doktor Watercloose in neuartig
geformten Korbstühlen und tranken öffentlich Tee. Denn am Sonntag
wenigstens fehlte es niemals an Publikum, das aus einiger ehrerbietiger
Entfernung das Schauspiel genoß. Man zeigte einander den großen
silbernen Teekessel, der, was man noch niemals gesehen, elektrisch geheizt
wurde, und die wundersamen Livreen der beiden Bedienten, die die Tassen
und Konfitüren darreichten: weiße, hochgeschlossene und goldbetreßte
Fräcke, die an den Kragen, den Ärmeln, den Säumen mit Schwan besetzt
waren. Man horchte auf das englisch-deutsche Gespräch und verfolgte mit
offenen Mündern jede Bewegung der merkwürdigen Familie dort oben.
Dann ging man hinüber vors Hauptportal, um dem bordeauxroten
Plüschmohren ein paar Scherze im Volksdialekt zuzurufen, die jener mit
weißem Grinsen beantwortete …
Klaus Heinrich sah Imma Spoelmann zum erstenmal an einem heiteren
Wintertage mittags um zwölf. Damit ist nicht gesagt, daß er sie nicht vorher
schon manches Mal im Theater, auf der Straße, im Stadtpark e r b l i c k t
hätte. Aber das ist etwas anderes. Er sah sie zum erstenmal um diese
Mittagsstunde, und zwar unter lebhaften Umständen.
Page 179
Er hatte bis halb zwölf Uhr im Alten Schlosse »Freiaudienzen« erteilt
und war nach ihrer Beendigung nicht sofort nach Schloß »Eremitage«
zurückgekehrt, sondern hatte seinem Kutscher Befehl gesandt, mit dem
Coupé in einem der Höfe zu warten, indes er mit den diensttuenden
Offizieren des Leibgrenadierregiments auf der Hauptwache eine Zigarette
rauchen wollte. Da er die Uniform dieses Regiments trug, dem auch sein
persönlicher Adjutant angehörte, so gab er sich Mühe, den Schein einer
gewissen Kameradschaft mit den Offizieren zu wahren, speiste zuweilen in
ihrem Kasino und leistete ihnen von Zeit zu Zeit eine halbe Stunde auf der
Hauptwache Gesellschaft, obgleich er dunkel vermutete, daß er eher störend
wirke, indem er die Herren davon abhielt, Karten zu spielen und
unanständige Geschichten zu erzählen. Er stand also, den gewölbten
Silberstern des Großen Ordens vom Grimmburger Greifen auf dem
Waffenrock, die linke Hand weit hinten in die Hüfte gestemmt, mit Herrn
von Braunbart-Schellendorf, der den Besuch rechtzeitig angekündigt hatte,
in der Offizierswachtstube, die zu ebener Erde des Schlosses, ganz nahe
beim Albrechtstor gelegen war – unterhielt ein nichtssagendes Gespräch mit
zwei oder drei der Herren in der Mitte des Dienstraumes, während eine
weitere Gruppe von Offizieren an dem tiefgelegenen Fenster plauderte.
Weil draußen so warm die Sonne schien, hatte man das Fenster geöffnet,
und von der Kaserne her näherte sich die Albrechtsstraße herauf zu Musik
und Paukenschlag der Marschschritt der aufziehenden Ablösung. Es schlug
zwölf von der Hofkirche. Man hörte draußen den Unteroffizier mit heiserer
Stimme sein »Angetreten!« in die Mannschaftsstube rufen, hörte das
Getrappel der zu ihren Gewehren eilenden Grenadiere. Publikum
versammelte sich auf dem Platze. Der Leutnant, der das Kommando zu
führen hatte, gürtete hurtig den Säbel um, schlug vor Klaus Heinrich die
Absätze zusammen und ging hinaus. Da plötzlich rief Leutnant von
Sturmhahn, der aus dem Fenster geblickt hatte, mit jener ein wenig falschen
Unmittelbarkeit, die zum Ton zwischen Klaus Heinrich und den Offizieren
gehörte: »Teufel auch, wollen Königliche Hoheit was Feines sehen? Da
kommt die Spoelmann vorbei, mit ihrer Algebra unterm Arm …« Klaus
Heinrich trat an das Fenster. Miß Imma kam zu Fuß und allein von rechts
auf dem Bürgersteig daher. Beide Hände in ihrem großen, mappenartigen
Muff, dessen lang hinabhängende Decke mit Schwänzchen besetzt war,
hielt sie mit einem Unterarm ihr Kollegienheft an sich gedrückt. Sie trug
eine lange Jacke aus glänzendem Schwarzfuchspelz und eine Mütze aus
und war nach ihrer Beendigung nicht sofort nach Schloß »Eremitage«
zurückgekehrt, sondern hatte seinem Kutscher Befehl gesandt, mit dem
Coupé in einem der Höfe zu warten, indes er mit den diensttuenden
Offizieren des Leibgrenadierregiments auf der Hauptwache eine Zigarette
rauchen wollte. Da er die Uniform dieses Regiments trug, dem auch sein
persönlicher Adjutant angehörte, so gab er sich Mühe, den Schein einer
gewissen Kameradschaft mit den Offizieren zu wahren, speiste zuweilen in
ihrem Kasino und leistete ihnen von Zeit zu Zeit eine halbe Stunde auf der
Hauptwache Gesellschaft, obgleich er dunkel vermutete, daß er eher störend
wirke, indem er die Herren davon abhielt, Karten zu spielen und
unanständige Geschichten zu erzählen. Er stand also, den gewölbten
Silberstern des Großen Ordens vom Grimmburger Greifen auf dem
Waffenrock, die linke Hand weit hinten in die Hüfte gestemmt, mit Herrn
von Braunbart-Schellendorf, der den Besuch rechtzeitig angekündigt hatte,
in der Offizierswachtstube, die zu ebener Erde des Schlosses, ganz nahe
beim Albrechtstor gelegen war – unterhielt ein nichtssagendes Gespräch mit
zwei oder drei der Herren in der Mitte des Dienstraumes, während eine
weitere Gruppe von Offizieren an dem tiefgelegenen Fenster plauderte.
Weil draußen so warm die Sonne schien, hatte man das Fenster geöffnet,
und von der Kaserne her näherte sich die Albrechtsstraße herauf zu Musik
und Paukenschlag der Marschschritt der aufziehenden Ablösung. Es schlug
zwölf von der Hofkirche. Man hörte draußen den Unteroffizier mit heiserer
Stimme sein »Angetreten!« in die Mannschaftsstube rufen, hörte das
Getrappel der zu ihren Gewehren eilenden Grenadiere. Publikum
versammelte sich auf dem Platze. Der Leutnant, der das Kommando zu
führen hatte, gürtete hurtig den Säbel um, schlug vor Klaus Heinrich die
Absätze zusammen und ging hinaus. Da plötzlich rief Leutnant von
Sturmhahn, der aus dem Fenster geblickt hatte, mit jener ein wenig falschen
Unmittelbarkeit, die zum Ton zwischen Klaus Heinrich und den Offizieren
gehörte: »Teufel auch, wollen Königliche Hoheit was Feines sehen? Da
kommt die Spoelmann vorbei, mit ihrer Algebra unterm Arm …« Klaus
Heinrich trat an das Fenster. Miß Imma kam zu Fuß und allein von rechts
auf dem Bürgersteig daher. Beide Hände in ihrem großen, mappenartigen
Muff, dessen lang hinabhängende Decke mit Schwänzchen besetzt war,
hielt sie mit einem Unterarm ihr Kollegienheft an sich gedrückt. Sie trug
eine lange Jacke aus glänzendem Schwarzfuchspelz und eine Mütze aus
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dem gleichen Rauchwerk auf ihrem dunklen, fremdartigen Köpfchen. Sie
kam von »Delphinenort« offenbar und sputete sich, die Universität zu
erreichen. Sie gelangte vor die Hauptwache in dem Augenblick, als die
Ablösungsmannschaft gegenüber der Wachtmannschaft, die in zwei
Gliedern und Gewehr bei Fuß die Höhe des Bürgersteiges besetzt hielt, im
Rinnstein aufmarschierte. Sie mußte unbedingt umkehren, das Musikkorps
und die Zuschauermenge umgehen, ja, wenn sie den offenen Platz mit
seiner Trambahn vermeiden wollte, auf dem ringsherum führenden Fußsteig
einen ziemlich weiten Bogen beschreiben oder das Ende der militärischen
Verrichtung erwarten. Sie machte zu keinem von beidem Miene. Sie
schickte sich an, auf dem Bürgersteige vorm Schloß zwischen den Gliedern
hindurchzugehen. Der Unteroffizier mit der heiseren Stimme sprang vor.
»Kein Durchgang!« schrie er und hielt den Kolben seines Gewehrs vor sich
hin. »Kein Durchgang! Umkehren! Abwarten!« Da aber wurde Miß
Spoelmann zornig. »Was fällt Ihnen ein!« rief sie. »Ich habe Eile!!« Aber
diese Worte besagten wenig im Vergleich mit dem Nachdruck aufrichtigster,
leidenschaftlichster, unwiderstehlichster Entrüstung, mit dem sie
hervorgestoßen wurden. Wie klein und seltsam sie war! Die blonden
Soldaten, unter denen sie stand, überragten sie wohl um doppelte
Haupteslänge. Ihr Gesichtchen war bleich wie Wachs in dieser Minute, ihre
schwarzen Brauen bildeten über der Nasenwurzel eine schwere und
ausdrucksvolle Zornesfalte, die Löcher ihres unbestimmt gebildeten
Näschens waren kreisrund geöffnet, und ihre Augen, tiefschwarz vor
Erregung und übergroß, führten eine dermaßen eindringliche, hinreißend
fließende Sprache, daß keine Einrede möglich schien. »Was fällt Ihnen
ein!« rief sie. »Ich habe Eile!!« Und dabei schob sie mit der Linken den
Kolben mitsamt dem verdutzten Unteroffizier beiseite und ging mitten
zwischen den Gliedern hindurch – ging geradeaus ihres Weges, bog linker
Hand in die Universitätsstraße und entschwand den Blicken.
»Verdammt!« rief Leutnant von Sturmhahn. »Da sind wir schön
angekommen!« Die Offiziere am Fenster lachten. Auch draußen unter den
Zuschauern herrschte viel Heiterkeit, die übrigens unbedingt beifällig
klang. Klaus Heinrich stimmte in die allgemeine Fröhlichkeit ein. Die
Ablösung vollzog sich unter Kommandos und abgerissenen Marschklängen.
Klaus Heinrich kehrte nach »Eremitage« zurück.
kam von »Delphinenort« offenbar und sputete sich, die Universität zu
erreichen. Sie gelangte vor die Hauptwache in dem Augenblick, als die
Ablösungsmannschaft gegenüber der Wachtmannschaft, die in zwei
Gliedern und Gewehr bei Fuß die Höhe des Bürgersteiges besetzt hielt, im
Rinnstein aufmarschierte. Sie mußte unbedingt umkehren, das Musikkorps
und die Zuschauermenge umgehen, ja, wenn sie den offenen Platz mit
seiner Trambahn vermeiden wollte, auf dem ringsherum führenden Fußsteig
einen ziemlich weiten Bogen beschreiben oder das Ende der militärischen
Verrichtung erwarten. Sie machte zu keinem von beidem Miene. Sie
schickte sich an, auf dem Bürgersteige vorm Schloß zwischen den Gliedern
hindurchzugehen. Der Unteroffizier mit der heiseren Stimme sprang vor.
»Kein Durchgang!« schrie er und hielt den Kolben seines Gewehrs vor sich
hin. »Kein Durchgang! Umkehren! Abwarten!« Da aber wurde Miß
Spoelmann zornig. »Was fällt Ihnen ein!« rief sie. »Ich habe Eile!!« Aber
diese Worte besagten wenig im Vergleich mit dem Nachdruck aufrichtigster,
leidenschaftlichster, unwiderstehlichster Entrüstung, mit dem sie
hervorgestoßen wurden. Wie klein und seltsam sie war! Die blonden
Soldaten, unter denen sie stand, überragten sie wohl um doppelte
Haupteslänge. Ihr Gesichtchen war bleich wie Wachs in dieser Minute, ihre
schwarzen Brauen bildeten über der Nasenwurzel eine schwere und
ausdrucksvolle Zornesfalte, die Löcher ihres unbestimmt gebildeten
Näschens waren kreisrund geöffnet, und ihre Augen, tiefschwarz vor
Erregung und übergroß, führten eine dermaßen eindringliche, hinreißend
fließende Sprache, daß keine Einrede möglich schien. »Was fällt Ihnen
ein!« rief sie. »Ich habe Eile!!« Und dabei schob sie mit der Linken den
Kolben mitsamt dem verdutzten Unteroffizier beiseite und ging mitten
zwischen den Gliedern hindurch – ging geradeaus ihres Weges, bog linker
Hand in die Universitätsstraße und entschwand den Blicken.
»Verdammt!« rief Leutnant von Sturmhahn. »Da sind wir schön
angekommen!« Die Offiziere am Fenster lachten. Auch draußen unter den
Zuschauern herrschte viel Heiterkeit, die übrigens unbedingt beifällig
klang. Klaus Heinrich stimmte in die allgemeine Fröhlichkeit ein. Die
Ablösung vollzog sich unter Kommandos und abgerissenen Marschklängen.
Klaus Heinrich kehrte nach »Eremitage« zurück.
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Er frühstückte ganz allein, unternahm nachmittags einen Spazierritt auf
seinem Pferde Florian und verbrachte den Abend in großem Kreise beim
Finanzminister Doktor Krippenreuther. Mehreren Personen erzählte er mit
heiter bewegter Stimme den Auftritt vor der Schloßwache, und sie zeigten
sich hingerissen von seiner Erzählung, obgleich die Geschichte sofort die
Runde gemacht hatte und allgemein bekannt war. Am nächsten Tage mußte
er verreisen, da sein Bruder ihn mit der Vertretung bei der Feier zur
Einweihung der neuen Stadthalle in der Nachbarstadt beauftragt hatte. Aus
irgendwelchen Gründen fuhr er ungern, verließ er nur mit Widerstreben die
Residenz. Ihm schien es so, als ob er eine wichtige, freudige, auch wohl
beunruhigende Angelegenheit zurückließe, die eigentlich aufs dringlichste
seine Anwesenheit erforderte. Dennoch war sein hoher Beruf wohl das
Wichtigere. Aber während er fest und glänzend gekleidet auf seinem
Ehrenstuhl in der Stadthalle saß und der Bürgermeister die Festrede hielt,
war Klaus Heinrich nicht ausschließlich darauf bedacht, wie er sich den
Blicken der Menge darstelle, sondern vielmehr in seinem Innern mit jener
neuen und dringlichen Angelegenheit beschäftigt. Vorübergehend dachte er
auch an eine Person, deren flüchtige Bekanntschaft er vor langen Jahren
einmal gemacht, an Fräulein Unschlitt, die Tochter des Seifensieders – eine
Erinnerung, die in gewissem Zusammenhang mit der dringlichen
Angelegenheit stand.
Imma Spoelmann schob zornig den heiseren Unteroffizier beiseite – ging
ganz allein, ihre Algebra unterm Arm, durch die Gasse der großen, blonden
Grenadiere. Wie perlblaß ihr Gesichtchen war gegen das schwarze Haar
unter der Pelzmütze, und wie ihre Augen redeten! Niemand glich ihr. Ihr
Vater war krank vor Reichtum und hatte einfach ein Schloß aus dem
Kronbesitz erworben. Wie war das noch, was der »Eilbote« über seinen
unverschuldeten Weltruhm und die »abenteuerliche Vereinzelung seines
Lebens« gesagt hatte? Er trage den Haß der benachteiligten Menge – so
ähnlich hatte der Artikel sich ausgedrückt. Übrigens waren ihre
Nasenlöcher kreisrund gewesen vor Entrüstung. Niemand glich ihr,
niemand weit und breit. Sie war ein Sonderfall. Und wie, wenn sie damals
auf dem Bürgerball gewesen wäre? So hätte er eine Gefährtin gehabt, hätte
sich nicht verirrt, und der Abend hätte nicht in Schimpf und Schande
geendet. »Herunter, herunter, herunter mit ihm!« O pfui! Laß das noch
seinem Pferde Florian und verbrachte den Abend in großem Kreise beim
Finanzminister Doktor Krippenreuther. Mehreren Personen erzählte er mit
heiter bewegter Stimme den Auftritt vor der Schloßwache, und sie zeigten
sich hingerissen von seiner Erzählung, obgleich die Geschichte sofort die
Runde gemacht hatte und allgemein bekannt war. Am nächsten Tage mußte
er verreisen, da sein Bruder ihn mit der Vertretung bei der Feier zur
Einweihung der neuen Stadthalle in der Nachbarstadt beauftragt hatte. Aus
irgendwelchen Gründen fuhr er ungern, verließ er nur mit Widerstreben die
Residenz. Ihm schien es so, als ob er eine wichtige, freudige, auch wohl
beunruhigende Angelegenheit zurückließe, die eigentlich aufs dringlichste
seine Anwesenheit erforderte. Dennoch war sein hoher Beruf wohl das
Wichtigere. Aber während er fest und glänzend gekleidet auf seinem
Ehrenstuhl in der Stadthalle saß und der Bürgermeister die Festrede hielt,
war Klaus Heinrich nicht ausschließlich darauf bedacht, wie er sich den
Blicken der Menge darstelle, sondern vielmehr in seinem Innern mit jener
neuen und dringlichen Angelegenheit beschäftigt. Vorübergehend dachte er
auch an eine Person, deren flüchtige Bekanntschaft er vor langen Jahren
einmal gemacht, an Fräulein Unschlitt, die Tochter des Seifensieders – eine
Erinnerung, die in gewissem Zusammenhang mit der dringlichen
Angelegenheit stand.
Imma Spoelmann schob zornig den heiseren Unteroffizier beiseite – ging
ganz allein, ihre Algebra unterm Arm, durch die Gasse der großen, blonden
Grenadiere. Wie perlblaß ihr Gesichtchen war gegen das schwarze Haar
unter der Pelzmütze, und wie ihre Augen redeten! Niemand glich ihr. Ihr
Vater war krank vor Reichtum und hatte einfach ein Schloß aus dem
Kronbesitz erworben. Wie war das noch, was der »Eilbote« über seinen
unverschuldeten Weltruhm und die »abenteuerliche Vereinzelung seines
Lebens« gesagt hatte? Er trage den Haß der benachteiligten Menge – so
ähnlich hatte der Artikel sich ausgedrückt. Übrigens waren ihre
Nasenlöcher kreisrund gewesen vor Entrüstung. Niemand glich ihr,
niemand weit und breit. Sie war ein Sonderfall. Und wie, wenn sie damals
auf dem Bürgerball gewesen wäre? So hätte er eine Gefährtin gehabt, hätte
sich nicht verirrt, und der Abend hätte nicht in Schimpf und Schande
geendet. »Herunter, herunter, herunter mit ihm!« O pfui! Laß das noch
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einmal sehen, wie sie so schwarzbleich und fremdartig durch die Gasse der
blonden Soldaten ging.
Diese Gedanken waren es, die Klaus Heinrich während der nächsten
Tage bei sich bewegte – nur diese drei, vier Vorstellungen. Und eigentlich
war es zum Erstaunen, wie reichlich er damit auskam, ohne nach anderen
zu verlangen. Aber alles in allem erschien es ihm mehr als wünschenswert,
daß er sehr bald und womöglich noch heute das perlblasse Gesichtchen
wiedersähe.
Abends fuhr er ins Hoftheater, wo man die Oper »Zauberflöte« spielte.
Und als er von seiner Loge aus Fräulein Spoelmann neben der Gräfin
Löwenjoul vorn auf der ersten Galerie gewahrte, erschrak er bis zum Grund
seines Herzens. Während des Spiels konnte er sie aus dem Dunkel durch
sein Glas betrachten, da das Licht von der Bühne auf sie fiel. Sie ließ ihr
Köpfchen in der schmalen, ungeschmückten Hand ruhen, indem sie
unbekümmert den bloßen Arm auf die Sammetbrüstung stützte, und sah
nicht mehr entrüstet aus. Sie trug ein Kleid aus seegrüner glänzender Seide
mit lichtem Überwurf, in den farbige Blumensträuße gestickt waren, und
um Hals und Brust eine lange Kette aus lauter blitzenden Diamanten.
Eigentlich war sie nicht so klein, wie es scheinen mochte, fand Klaus
Heinrich, als sie am Aktschluß aufstand. Nein, es lag an dem kindlichen
Gepräge des Köpfchens und der Schmalheit ihrer bräunlichen Schultern,
daß sie so wie ein kleines Mädchen erschien. Ihre Arme waren
wohlausgebildet, und man konnte sehen, daß sie Sport trieb und Pferde
zügelte. Aber vom Handgelenk wurde auch der Arm wie der eines Kindes.
Als die Dialogstelle gesprochen wurde: »Er ist ein Prinz. Er ist mehr als
das«, spürte Klaus Heinrich den Wunsch, mit Doktor Überbein zu plaudern.
Doktor Überbein sprach zufällig am nächsten Tage auf »Eremitage« vor: in
schwarzem Gehrock mit weißer Krawatte, wie immer, wenn er Klaus
Heinrich besuchte. Klaus Heinrich fragte ihn, ob er die Geschichte von der
Hauptwache schon gehört habe? Ja, antwortete Doktor Überbein, die habe
er mehrfach gehört. Aber wenn Klaus Heinrich sie ihm noch einmal
erzählen wolle … »Nein, wenn Sie sie kennen«, sagte Klaus Heinrich
enttäuscht. Dann kam Doktor Überbein auf etwas völlig anderes. Er fing an
von Operngläsern zu sprechen und betonte, daß das Opernglas doch eine
ausgezeichnete Erfindung sei. Es bringe nahe, was leider fern sei, nicht
blonden Soldaten ging.
Diese Gedanken waren es, die Klaus Heinrich während der nächsten
Tage bei sich bewegte – nur diese drei, vier Vorstellungen. Und eigentlich
war es zum Erstaunen, wie reichlich er damit auskam, ohne nach anderen
zu verlangen. Aber alles in allem erschien es ihm mehr als wünschenswert,
daß er sehr bald und womöglich noch heute das perlblasse Gesichtchen
wiedersähe.
Abends fuhr er ins Hoftheater, wo man die Oper »Zauberflöte« spielte.
Und als er von seiner Loge aus Fräulein Spoelmann neben der Gräfin
Löwenjoul vorn auf der ersten Galerie gewahrte, erschrak er bis zum Grund
seines Herzens. Während des Spiels konnte er sie aus dem Dunkel durch
sein Glas betrachten, da das Licht von der Bühne auf sie fiel. Sie ließ ihr
Köpfchen in der schmalen, ungeschmückten Hand ruhen, indem sie
unbekümmert den bloßen Arm auf die Sammetbrüstung stützte, und sah
nicht mehr entrüstet aus. Sie trug ein Kleid aus seegrüner glänzender Seide
mit lichtem Überwurf, in den farbige Blumensträuße gestickt waren, und
um Hals und Brust eine lange Kette aus lauter blitzenden Diamanten.
Eigentlich war sie nicht so klein, wie es scheinen mochte, fand Klaus
Heinrich, als sie am Aktschluß aufstand. Nein, es lag an dem kindlichen
Gepräge des Köpfchens und der Schmalheit ihrer bräunlichen Schultern,
daß sie so wie ein kleines Mädchen erschien. Ihre Arme waren
wohlausgebildet, und man konnte sehen, daß sie Sport trieb und Pferde
zügelte. Aber vom Handgelenk wurde auch der Arm wie der eines Kindes.
Als die Dialogstelle gesprochen wurde: »Er ist ein Prinz. Er ist mehr als
das«, spürte Klaus Heinrich den Wunsch, mit Doktor Überbein zu plaudern.
Doktor Überbein sprach zufällig am nächsten Tage auf »Eremitage« vor: in
schwarzem Gehrock mit weißer Krawatte, wie immer, wenn er Klaus
Heinrich besuchte. Klaus Heinrich fragte ihn, ob er die Geschichte von der
Hauptwache schon gehört habe? Ja, antwortete Doktor Überbein, die habe
er mehrfach gehört. Aber wenn Klaus Heinrich sie ihm noch einmal
erzählen wolle … »Nein, wenn Sie sie kennen«, sagte Klaus Heinrich
enttäuscht. Dann kam Doktor Überbein auf etwas völlig anderes. Er fing an
von Operngläsern zu sprechen und betonte, daß das Opernglas doch eine
ausgezeichnete Erfindung sei. Es bringe nahe, was leider fern sei, nicht
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wahr? es schlage Brücken zu angenehmen Zielen. Was Klaus Heinrich
meine? Klaus Heinrich war geneigt, dem halb und halb zuzustimmen. Und
er solle ja gestern abend, wie man erzähle, recht ausgiebig von dieser
schönen Erfindung Gebrauch gemacht haben, sagte der Doktor. Das konnte
Klaus Heinrich nicht verstehen. Da sagte Doktor Überbein: »Nein, hören
Sie mal, Klaus Heinrich, so geht das nicht. Sie werden angestarrt, und die
kleine Imma wird angestarrt, das genügt. Wenn nun aber Sie auch noch die
kleine Imma anstarren, so ist das zuviel. Das müssen Sie doch einsehen?«
»Ach, Doktor Überbein, ich habe nicht daran gedacht.«
»Sie pflegen aber doch sonst an so was zu denken.«
»Mir ist seit einigen Tagen so neuartig zumute«, sagte Klaus Heinrich.
Doktor Überbein lehnte sich zurück, ergriff seinen roten Bart in der Nähe
der Gurgel und nickte langsam mit Kopf und Oberkörper.
»So? Ist Ihnen?« fragte er. Und fuhr dann fort zu nicken.
Klaus Heinrich sagte: »Sie glauben nicht, wie ungern ich neulich zur
Einweihung der Stadthalle gefahren bin. Und morgen muß ich die
Rekrutenvereidigung bei den Leibgrenadieren vornehmen. Und dann
kommt das Hausordens-Kapitel. Das ist mir sehr zuwider. Ich habe gar
keine Lust zu repräsentieren. Ich habe gar keine Lust zu meinem
sogenannten hohen Beruf.«
»Das höre ich ungern!« sagte Doktor Überbein scharf.
»Ja, ich konnte mir denken, daß Sie böse werden würden, Doktor
Überbein. Sie nennen es gewiß eine Schlamperei. Und dann werden Sie
gewiß von ›Schicksal und Strammheit‹ reden, wie ich Sie kenne. Aber
gestern in der Oper habe ich bei einer bestimmten Stelle an Sie gedacht und
mich gefragt, ob Sie eigentlich so ganz recht hätten in manchen
Punkten …«
»Hören Sie, Klaus Heinrich, wenn ich mich nicht irre, so habe ich Euere
Königliche Hoheit schon einmal sozusagen bei den Ohren wieder zu sich
selber gebracht …«
meine? Klaus Heinrich war geneigt, dem halb und halb zuzustimmen. Und
er solle ja gestern abend, wie man erzähle, recht ausgiebig von dieser
schönen Erfindung Gebrauch gemacht haben, sagte der Doktor. Das konnte
Klaus Heinrich nicht verstehen. Da sagte Doktor Überbein: »Nein, hören
Sie mal, Klaus Heinrich, so geht das nicht. Sie werden angestarrt, und die
kleine Imma wird angestarrt, das genügt. Wenn nun aber Sie auch noch die
kleine Imma anstarren, so ist das zuviel. Das müssen Sie doch einsehen?«
»Ach, Doktor Überbein, ich habe nicht daran gedacht.«
»Sie pflegen aber doch sonst an so was zu denken.«
»Mir ist seit einigen Tagen so neuartig zumute«, sagte Klaus Heinrich.
Doktor Überbein lehnte sich zurück, ergriff seinen roten Bart in der Nähe
der Gurgel und nickte langsam mit Kopf und Oberkörper.
»So? Ist Ihnen?« fragte er. Und fuhr dann fort zu nicken.
Klaus Heinrich sagte: »Sie glauben nicht, wie ungern ich neulich zur
Einweihung der Stadthalle gefahren bin. Und morgen muß ich die
Rekrutenvereidigung bei den Leibgrenadieren vornehmen. Und dann
kommt das Hausordens-Kapitel. Das ist mir sehr zuwider. Ich habe gar
keine Lust zu repräsentieren. Ich habe gar keine Lust zu meinem
sogenannten hohen Beruf.«
»Das höre ich ungern!« sagte Doktor Überbein scharf.
»Ja, ich konnte mir denken, daß Sie böse werden würden, Doktor
Überbein. Sie nennen es gewiß eine Schlamperei. Und dann werden Sie
gewiß von ›Schicksal und Strammheit‹ reden, wie ich Sie kenne. Aber
gestern in der Oper habe ich bei einer bestimmten Stelle an Sie gedacht und
mich gefragt, ob Sie eigentlich so ganz recht hätten in manchen
Punkten …«
»Hören Sie, Klaus Heinrich, wenn ich mich nicht irre, so habe ich Euere
Königliche Hoheit schon einmal sozusagen bei den Ohren wieder zu sich
selber gebracht …«
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»Das war etwas anderes, Doktor Überbein. Ach wenn Sie doch einsähen,
daß das etwas ganz und gar anderes war! Das war im ›Bürgergarten‹, aber
der liegt so weit zurück, und ich habe keinerlei Verlangen danach. Denn sie
ist ja selbst … Sehen Sie, Sie haben mir früher manchmal erklärt, was Sie
unter ›Hoheit‹ verstünden, und daß sie rührend sei, und daß man sich ihr
mit zarter Teilnahme zu nahen habe, wie Sie sich ausdrückten. Finden Sie
denn nicht, daß die, von der wir reden, daß sie rührend ist und daß man teil
an ihr nehmen muß?«
»Vielleicht«, sagte Doktor Überbein. »Vielleicht.«
»Sie sagten oft, daß man die Sonderfälle nicht wegleugnen dürfe, das sei
eine Schlamperei und eine liederliche Gemütlichkeit. Finden Sie denn nicht,
daß sie auch ein Sonderfall ist, die, von der wir reden?«
Doktor Überbein schwieg.
»Und nun sollte ich wohl gar,« sagte er plötzlich mit schallender Stimme,
»wenn es möglich wäre, dazu helfen, daß aus zwei Sonderfällen so etwas
wie ein Allerweltsfall werde?«
Hierauf ging er. Er sagte, daß er zu seiner Arbeit zurückkehren müsse,
wobei er das Wort »Arbeit« scharf betonte, und bat, sich zurückziehen zu
dürfen. Er verabschiedete sich seltsam zeremoniös und unväterlich.
Klaus Heinrich sah ihn wohl zehn oder zwölf Tage nicht. Er lud ihn
einmal zum Frühstück ein, aber Doktor Überbein ließ um gnädigste
Entschuldigung bitten, seine Arbeit nähme ihn augenblicklich gar zu sehr in
Anspruch. Schließlich kam er von selbst. Er war aufgeräumt und sah
übrigens grüner aus als je. Er schwadronierte von diesem und jenem und
kam dann auf Spoelmanns zu sprechen, indem er zur Decke blickte und sich
bei der Gurgel ergriff. Alles was recht sei, sagte er, aber es sei ganz
auffallend viel Sympathie für Samuel Spoelmann vorhanden, man spüre es
überall in der Stadt, wie er beliebt sei. Erstens natürlich als Steuersubjekt,
aber auch sonst. Man habe einfach Sinn für ihn, in allen Schichten, für sein
Orgelspiel und seinen mißfarbenen Paletot und seine Nierenkoliken. Jeder
Schusterjunge sei stolz auf ihn, und wenn er nicht so unzugänglich und
verdrießlich wäre, würde man es ihm schon zu fühlen geben. Die
Zehntausend-Mark-Spende für das Dorotheen-Spital habe natürlich den
daß das etwas ganz und gar anderes war! Das war im ›Bürgergarten‹, aber
der liegt so weit zurück, und ich habe keinerlei Verlangen danach. Denn sie
ist ja selbst … Sehen Sie, Sie haben mir früher manchmal erklärt, was Sie
unter ›Hoheit‹ verstünden, und daß sie rührend sei, und daß man sich ihr
mit zarter Teilnahme zu nahen habe, wie Sie sich ausdrückten. Finden Sie
denn nicht, daß die, von der wir reden, daß sie rührend ist und daß man teil
an ihr nehmen muß?«
»Vielleicht«, sagte Doktor Überbein. »Vielleicht.«
»Sie sagten oft, daß man die Sonderfälle nicht wegleugnen dürfe, das sei
eine Schlamperei und eine liederliche Gemütlichkeit. Finden Sie denn nicht,
daß sie auch ein Sonderfall ist, die, von der wir reden?«
Doktor Überbein schwieg.
»Und nun sollte ich wohl gar,« sagte er plötzlich mit schallender Stimme,
»wenn es möglich wäre, dazu helfen, daß aus zwei Sonderfällen so etwas
wie ein Allerweltsfall werde?«
Hierauf ging er. Er sagte, daß er zu seiner Arbeit zurückkehren müsse,
wobei er das Wort »Arbeit« scharf betonte, und bat, sich zurückziehen zu
dürfen. Er verabschiedete sich seltsam zeremoniös und unväterlich.
Klaus Heinrich sah ihn wohl zehn oder zwölf Tage nicht. Er lud ihn
einmal zum Frühstück ein, aber Doktor Überbein ließ um gnädigste
Entschuldigung bitten, seine Arbeit nähme ihn augenblicklich gar zu sehr in
Anspruch. Schließlich kam er von selbst. Er war aufgeräumt und sah
übrigens grüner aus als je. Er schwadronierte von diesem und jenem und
kam dann auf Spoelmanns zu sprechen, indem er zur Decke blickte und sich
bei der Gurgel ergriff. Alles was recht sei, sagte er, aber es sei ganz
auffallend viel Sympathie für Samuel Spoelmann vorhanden, man spüre es
überall in der Stadt, wie er beliebt sei. Erstens natürlich als Steuersubjekt,
aber auch sonst. Man habe einfach Sinn für ihn, in allen Schichten, für sein
Orgelspiel und seinen mißfarbenen Paletot und seine Nierenkoliken. Jeder
Schusterjunge sei stolz auf ihn, und wenn er nicht so unzugänglich und
verdrießlich wäre, würde man es ihm schon zu fühlen geben. Die
Zehntausend-Mark-Spende für das Dorotheen-Spital habe natürlich den
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besten Eindruck gemacht. Sein Freund Sammet habe ihm, Überbein,
erzählt, daß mit Hilfe dieser Schenkung umfassende Verbesserungen im
Spital vorgenommen seien. Und übrigens, was ihm da einfalle! Die kleine
Imma wolle ja morgen vormittag die Verbesserungen in Augenschein
nehmen, habe Sammet erzählt. Sie habe einen von ihren Schwanverbrämten
geschickt und angefragt, ob sie morgen willkommen sei. Eigentlich gehe sie
ja das Kinderelend den Teufel etwas an, meinte Überbein, aber sie wolle
vielleicht was lernen. Morgen vormittag um elf, wenn ihn sein Gedächtnis
nicht täusche. Dann sprach er von etwas anderem. Beim Weggehen sagte er
noch: »Der Großherzog sollte sich mal ein bißchen um das Dorotheen-
Spital kümmern, Klaus Heinrich, man erwartet das. Eine segensreiche
Anstalt. Kurzum, jemand müßte vorfahren. Und das hohe Interesse
bekunden. Ohne vorgreifen zu wollen … Und damit Gott befohlen.«
Aber er kehrte noch einmal zurück, und in seinem grünlichen Gesicht
war, unterhalb der Augen, eine Röte entstanden, die sich völlig
unwahrscheinlich darin ausnahm. »Sollte ich«, sagte er laut, »Sie jemals
wieder mit einem Bowlendeckel auf dem Kopfe treffen, Klaus Heinrich, so
lasse ich Sie sitzen.« Dann kniff er die Lippen zusammen und ging schnell
hinaus.
Am nächsten Vormittag gegen elf Uhr fuhr Klaus Heinrich, von Schloß
»Eremitage« kommend, mit Herrn von Braunbart-Schellendorf, seinem
Adjutanten, durch die beschneite Birkenallee, auf holperigen
Vorstadtstraßen zwischen ärmlichen Wohnungen hin und hielt vor dem
schlichten weißen Hause, über dessen Eingang in breiten schwarzen Lettern
»Dorotheen-Kinderspital« zu lesen war. Sein Besuch war gemeldet. Der
Chefarzt der Anstalt, im Frack und angetan mit dem Albrechtskreuz dritter
Klasse, erwartete ihn mit zwei jüngeren Ärzten und dem Korps der
Diakonissinnen in der Vorhalle. Der Prinz und sein Begleiter trugen Helm
und Pelzmantel. Klaus Heinrich sagte: »Ich erneuere zum zweitenmal eine
alte Bekanntschaft, lieber Herr Doktor. Sie waren anwesend, als ich zur
Welt kam. Und dann standen Sie am Sterbebett meines Vaters. Auch sind
Sie ja ein Freund meines Lehrers Überbein. Ich freue mich sehr.«
Doktor Sammet, in tätiger Sanftmut ergraut, verbeugte sich seitwärts
geneigten Kopfes, eine Hand an der Uhrkette und den Ellenbogen dicht am
Oberkörper. Er stellte dem Prinzen die beiden jüngeren Ärzte und die
erzählt, daß mit Hilfe dieser Schenkung umfassende Verbesserungen im
Spital vorgenommen seien. Und übrigens, was ihm da einfalle! Die kleine
Imma wolle ja morgen vormittag die Verbesserungen in Augenschein
nehmen, habe Sammet erzählt. Sie habe einen von ihren Schwanverbrämten
geschickt und angefragt, ob sie morgen willkommen sei. Eigentlich gehe sie
ja das Kinderelend den Teufel etwas an, meinte Überbein, aber sie wolle
vielleicht was lernen. Morgen vormittag um elf, wenn ihn sein Gedächtnis
nicht täusche. Dann sprach er von etwas anderem. Beim Weggehen sagte er
noch: »Der Großherzog sollte sich mal ein bißchen um das Dorotheen-
Spital kümmern, Klaus Heinrich, man erwartet das. Eine segensreiche
Anstalt. Kurzum, jemand müßte vorfahren. Und das hohe Interesse
bekunden. Ohne vorgreifen zu wollen … Und damit Gott befohlen.«
Aber er kehrte noch einmal zurück, und in seinem grünlichen Gesicht
war, unterhalb der Augen, eine Röte entstanden, die sich völlig
unwahrscheinlich darin ausnahm. »Sollte ich«, sagte er laut, »Sie jemals
wieder mit einem Bowlendeckel auf dem Kopfe treffen, Klaus Heinrich, so
lasse ich Sie sitzen.« Dann kniff er die Lippen zusammen und ging schnell
hinaus.
Am nächsten Vormittag gegen elf Uhr fuhr Klaus Heinrich, von Schloß
»Eremitage« kommend, mit Herrn von Braunbart-Schellendorf, seinem
Adjutanten, durch die beschneite Birkenallee, auf holperigen
Vorstadtstraßen zwischen ärmlichen Wohnungen hin und hielt vor dem
schlichten weißen Hause, über dessen Eingang in breiten schwarzen Lettern
»Dorotheen-Kinderspital« zu lesen war. Sein Besuch war gemeldet. Der
Chefarzt der Anstalt, im Frack und angetan mit dem Albrechtskreuz dritter
Klasse, erwartete ihn mit zwei jüngeren Ärzten und dem Korps der
Diakonissinnen in der Vorhalle. Der Prinz und sein Begleiter trugen Helm
und Pelzmantel. Klaus Heinrich sagte: »Ich erneuere zum zweitenmal eine
alte Bekanntschaft, lieber Herr Doktor. Sie waren anwesend, als ich zur
Welt kam. Und dann standen Sie am Sterbebett meines Vaters. Auch sind
Sie ja ein Freund meines Lehrers Überbein. Ich freue mich sehr.«
Doktor Sammet, in tätiger Sanftmut ergraut, verbeugte sich seitwärts
geneigten Kopfes, eine Hand an der Uhrkette und den Ellenbogen dicht am
Oberkörper. Er stellte dem Prinzen die beiden jüngeren Ärzte und die
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Schwester-Oberin vor und sagte dann: »Ich muß Euerer Königlichen Hoheit
anzeigen, daß der gnädige Besuch Euerer Königlichen Hoheit mit einem
anderen Besuch zusammentrifft. Ja. Wir erwarten Fräulein Spoelmann. Ihr
Vater hat unsere Anstalt in so großartiger Weise gefördert … Wir konnten
die Vereinbarung nicht wohl noch rückgängig machen. Die Schwester-
Oberin wird das Fräulein führen.«
Klaus Heinrich nahm freundlich von diesem Zusammentreffen Kenntnis.
Er tat hierauf eine Äußerung über die Tracht der Diakonissinnen, die er
kleidsam nannte, und erklärte dann, daß er begierig sei, einen Einblick in
die segensreiche Anstalt zu tun. Man begann den Rundgang. Die Oberin
blieb mit drei Schwestern in der Vorhalle zurück.
Alle Wände im Haus waren weiß getüncht, waren waschbar. Ja. Die
Kräne der Wasserleitungen waren sehr groß; man bewegte sie mit dem
Ellenbogen, aus Reinlichkeitsrücksichten. Und Spülstrahlapparate waren
angebracht, für die Milchflaschen. Man ging durch den Empfangsraum, der
leer war bis auf ein paar Betten außer Dienst und die Fahrräder der Ärzte.
Im Ordinationszimmer, nebenan, war außer dem Schreibtisch und dem
Gestell mit den weißen Mänteln der Ärzte noch eine Art Wickeltisch mit
Wachstuchkissen, ein Operationstisch, ein Schrank mit Nährmitteln und
eine muldenförmige Kinderwage zu sehen. Klaus Heinrich verweilte bei
den Nährmitteln, ließ sich die Zusammensetzung der Präparate erklären.
Doktor Sammet dachte bei sich, daß, wenn man den Rundgang mit dieser
Gründlichkeit fortsetzen wolle, empfindlich viel Zeit verlorengehen werde.
Plötzlich gab es Geräusch auf der Straße. Ein Automobil fuhr tutend an
und bremste vorm Hause. Es wurde hoch gerufen, man hörte es deutlich im
Ordinationszimmer, wenn es auch wohl nur Kinder waren, die riefen. Klaus
Heinrich kümmerte sich nicht sehr um diese Vorgänge. Er betrachtete eine
Büchse mit Milchzucker, die übrigens nicht viel Merkwürdiges bot.
»Scheinbar kommt Besuch«, sagte er. »Oh, richtig, Sie sagten ja, daß
welcher kommen werde. Gehen wir weiter?«
Man begab sich in die Küche, die Milchküche, den großen, mit Kacheln
ausgelegten Raum für Milchmischung, den Aufbewahrungsort für
Vollmilch, Schleime und Buttermilch. Die täglichen Quanten standen auf
anzeigen, daß der gnädige Besuch Euerer Königlichen Hoheit mit einem
anderen Besuch zusammentrifft. Ja. Wir erwarten Fräulein Spoelmann. Ihr
Vater hat unsere Anstalt in so großartiger Weise gefördert … Wir konnten
die Vereinbarung nicht wohl noch rückgängig machen. Die Schwester-
Oberin wird das Fräulein führen.«
Klaus Heinrich nahm freundlich von diesem Zusammentreffen Kenntnis.
Er tat hierauf eine Äußerung über die Tracht der Diakonissinnen, die er
kleidsam nannte, und erklärte dann, daß er begierig sei, einen Einblick in
die segensreiche Anstalt zu tun. Man begann den Rundgang. Die Oberin
blieb mit drei Schwestern in der Vorhalle zurück.
Alle Wände im Haus waren weiß getüncht, waren waschbar. Ja. Die
Kräne der Wasserleitungen waren sehr groß; man bewegte sie mit dem
Ellenbogen, aus Reinlichkeitsrücksichten. Und Spülstrahlapparate waren
angebracht, für die Milchflaschen. Man ging durch den Empfangsraum, der
leer war bis auf ein paar Betten außer Dienst und die Fahrräder der Ärzte.
Im Ordinationszimmer, nebenan, war außer dem Schreibtisch und dem
Gestell mit den weißen Mänteln der Ärzte noch eine Art Wickeltisch mit
Wachstuchkissen, ein Operationstisch, ein Schrank mit Nährmitteln und
eine muldenförmige Kinderwage zu sehen. Klaus Heinrich verweilte bei
den Nährmitteln, ließ sich die Zusammensetzung der Präparate erklären.
Doktor Sammet dachte bei sich, daß, wenn man den Rundgang mit dieser
Gründlichkeit fortsetzen wolle, empfindlich viel Zeit verlorengehen werde.
Plötzlich gab es Geräusch auf der Straße. Ein Automobil fuhr tutend an
und bremste vorm Hause. Es wurde hoch gerufen, man hörte es deutlich im
Ordinationszimmer, wenn es auch wohl nur Kinder waren, die riefen. Klaus
Heinrich kümmerte sich nicht sehr um diese Vorgänge. Er betrachtete eine
Büchse mit Milchzucker, die übrigens nicht viel Merkwürdiges bot.
»Scheinbar kommt Besuch«, sagte er. »Oh, richtig, Sie sagten ja, daß
welcher kommen werde. Gehen wir weiter?«
Man begab sich in die Küche, die Milchküche, den großen, mit Kacheln
ausgelegten Raum für Milchmischung, den Aufbewahrungsort für
Vollmilch, Schleime und Buttermilch. Die täglichen Quanten standen auf
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reinlichen weißen Tischen in kleinen Flaschen beisammen. Es herrschte ein
säuerlich fader Geruch.
Klaus Heinrich wandte auch diesem Raum seine volle Aufmerksamkeit
zu. Er ging so weit, von der Buttermilch zu kosten und fand sie vorzüglich.
Wie müßten nicht die Kinder gedeihen, betonte er, bei einer solchen
Buttermilch. Während dieser Musterung öffnete sich die Tür, und Miß
Spoelmann kam zwischen der Schwester-Oberin und der Gräfin Löwenjoul
herein, gefolgt von den drei Diakonissinnen.
Heute bestanden Jacke, Mütze und Muff, die sie trug, aus dem
herrlichsten Zobel, und der Muff hing an einer goldenen, mit farbigen
Edelsteinen besetzten Kette. Übrigens zeigte ihr schwarzes Haar die
Neigung, ihr in glatten Strähnen in die Stirn zu fallen. Sie überflog den
Raum mit einem großen Blick, ihre Augen waren wirklich ganz
ungebührlich groß im Verhältnis zu ihrem Gesichtchen; sie beherrschten es
wie bei einem Kätzchen – nur daß sie schwarz waren wie Glanzkohle und
diese fließende Sprache führten … Die Gräfin Löwenjoul, ein Federhütchen
auf ihrem kleinen Kopf und übrigens schlicht, knapp und nicht ohne
Vornehmheit gekleidet wie immer, lächelte abwesend.
»Die Milchküche,« sagte die Schwester-Oberin, »hier wird die Milch
gekocht für die Kinder.«
»Etwas Ähnliches ließ sich vermuten«, entgegnete Fräulein Spoelmann.
Sie sagte es äußerst rasch und obenhin, ohne englischen Einschlag übrigens,
mit vorgeschobenen Lippen und einem kleinen, hochmütigen Hin- und
Herwenden des Köpfchens. Ihre Stimme war doppelt; sie bestand aus einer
tiefen und einer hohen, mit einem Bruch in der Mitte.
Die Schwester-Oberin war ganz betreten. »Ja,« sagte sie, »man sieht es
gleich.« Und eine kleine, schmerzliche Verzerrung war in ihrem Gesicht zu
bemerken.
Die Sachlage war nicht einfach. Doktor Sammet suchte in Klaus
Heinrichs Miene nach Befehlen; allein da Klaus Heinrich wohl gewohnt
war, innerhalb feststehender Formen Dienst zu tun, nicht aber, neuartige
und verwirrte Umstände zu ordnen, so entstand eine Ratlosigkeit. Herr von
Braunbart war im Begriffe, vermittelnd einzutreten, und Fräulein
säuerlich fader Geruch.
Klaus Heinrich wandte auch diesem Raum seine volle Aufmerksamkeit
zu. Er ging so weit, von der Buttermilch zu kosten und fand sie vorzüglich.
Wie müßten nicht die Kinder gedeihen, betonte er, bei einer solchen
Buttermilch. Während dieser Musterung öffnete sich die Tür, und Miß
Spoelmann kam zwischen der Schwester-Oberin und der Gräfin Löwenjoul
herein, gefolgt von den drei Diakonissinnen.
Heute bestanden Jacke, Mütze und Muff, die sie trug, aus dem
herrlichsten Zobel, und der Muff hing an einer goldenen, mit farbigen
Edelsteinen besetzten Kette. Übrigens zeigte ihr schwarzes Haar die
Neigung, ihr in glatten Strähnen in die Stirn zu fallen. Sie überflog den
Raum mit einem großen Blick, ihre Augen waren wirklich ganz
ungebührlich groß im Verhältnis zu ihrem Gesichtchen; sie beherrschten es
wie bei einem Kätzchen – nur daß sie schwarz waren wie Glanzkohle und
diese fließende Sprache führten … Die Gräfin Löwenjoul, ein Federhütchen
auf ihrem kleinen Kopf und übrigens schlicht, knapp und nicht ohne
Vornehmheit gekleidet wie immer, lächelte abwesend.
»Die Milchküche,« sagte die Schwester-Oberin, »hier wird die Milch
gekocht für die Kinder.«
»Etwas Ähnliches ließ sich vermuten«, entgegnete Fräulein Spoelmann.
Sie sagte es äußerst rasch und obenhin, ohne englischen Einschlag übrigens,
mit vorgeschobenen Lippen und einem kleinen, hochmütigen Hin- und
Herwenden des Köpfchens. Ihre Stimme war doppelt; sie bestand aus einer
tiefen und einer hohen, mit einem Bruch in der Mitte.
Die Schwester-Oberin war ganz betreten. »Ja,« sagte sie, »man sieht es
gleich.« Und eine kleine, schmerzliche Verzerrung war in ihrem Gesicht zu
bemerken.
Die Sachlage war nicht einfach. Doktor Sammet suchte in Klaus
Heinrichs Miene nach Befehlen; allein da Klaus Heinrich wohl gewohnt
war, innerhalb feststehender Formen Dienst zu tun, nicht aber, neuartige
und verwirrte Umstände zu ordnen, so entstand eine Ratlosigkeit. Herr von
Braunbart war im Begriffe, vermittelnd einzutreten, und Fräulein
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Spoelmann, auf der anderen Seite, schickte sich an, die Milchküche wieder
zu verlassen, als der Prinz mit der Rechten eine kleine verbindende
Bewegung zwischen sich und dem jungen Mädchen vollführte. Dies war
das Zeichen für Doktor Sammet, auf Imma Spoelmann zuzutreten.
»Doktor Sammet. Ja.« Er bitte um die Ehre, das gnädige Fräulein Seiner
Königlichen Hoheit vorstellen zu dürfen … »Fräulein Spoelmann,
Königliche Hoheit, Mister Spoelmanns Tochter, dem das Spital so viel
verdankt.«
Mit geschlossenen Absätzen reichte Klaus Heinrich ihr die Hand im
weißen Militärhandschuh, und indem sie ihr schmales, mit braunem
Rehleder bekleidetes Händchen hineinlegte, gab sie der Bewegung des
Händedrucks eine wagerechte Richtung, machte ein englisches shake-
hands daraus, wobei sie gleichzeitig mit spröder Pagenanmut etwas wie
einen Hofknicks andeutete, ohne ihre großen Augensterne von Klaus
Heinrichs Gesicht zu wenden. Er sagte etwas sehr Gutes, nämlich: »Sie
machen also auch dem Spital einen Besuch, gnädiges Fräulein?«
Und rasch wie vorhin, mit vorgeschobenen Lippen und dem kleinen
hochmütigen Hin und Her des Kopfes, antwortete sie mit ihrer gebrochenen
Stimme: »Man kann nicht leugnen, daß manches für diese Annahme
spricht.«
Unwillkürlich hob Herr von Braunbart abwehrend die Hand. Doktor
Sammet blickte still auf seine Uhrkette nieder, und einem der jungen Ärzte
entschlüpfte ein kurzer Laut durch die Nase, der nicht am Platze war. Man
sah jetzt in Klaus Heinrichs Gesicht die kleine schmerzliche Verzerrung. Er
sagte: »Natürlich … so werde ich also die Anstalt zusammen mit dem
gnädigen Fräulein besichtigen können … Herr Hauptmann von Braunbart,
mein Adjutant«, fügte er rasch hinzu, da er seine Bemerkung gleich der
letzten würdig fand. Sie sagte dagegen: »Frau Gräfin Löwenjoul.«
Die Gräfin verbeugte sich vornehm – mit einem rätselhaften Lächeln
übrigens, einem Seitenblick ins Ungewisse, der etwas seltsam Lockendes
hatte. Als sie sich aber wieder aufrichtete und ihren so wunderlich
entwichenen Blick zu Klaus Heinrich zurückkehren ließ, der in gefaßter und
militärisch gesammelter Haltung vor ihr stand, da verschwand das Lächeln
von ihrem Gesicht, ein Ausdruck von Ernüchterung und Gram ergriff von
zu verlassen, als der Prinz mit der Rechten eine kleine verbindende
Bewegung zwischen sich und dem jungen Mädchen vollführte. Dies war
das Zeichen für Doktor Sammet, auf Imma Spoelmann zuzutreten.
»Doktor Sammet. Ja.« Er bitte um die Ehre, das gnädige Fräulein Seiner
Königlichen Hoheit vorstellen zu dürfen … »Fräulein Spoelmann,
Königliche Hoheit, Mister Spoelmanns Tochter, dem das Spital so viel
verdankt.«
Mit geschlossenen Absätzen reichte Klaus Heinrich ihr die Hand im
weißen Militärhandschuh, und indem sie ihr schmales, mit braunem
Rehleder bekleidetes Händchen hineinlegte, gab sie der Bewegung des
Händedrucks eine wagerechte Richtung, machte ein englisches shake-
hands daraus, wobei sie gleichzeitig mit spröder Pagenanmut etwas wie
einen Hofknicks andeutete, ohne ihre großen Augensterne von Klaus
Heinrichs Gesicht zu wenden. Er sagte etwas sehr Gutes, nämlich: »Sie
machen also auch dem Spital einen Besuch, gnädiges Fräulein?«
Und rasch wie vorhin, mit vorgeschobenen Lippen und dem kleinen
hochmütigen Hin und Her des Kopfes, antwortete sie mit ihrer gebrochenen
Stimme: »Man kann nicht leugnen, daß manches für diese Annahme
spricht.«
Unwillkürlich hob Herr von Braunbart abwehrend die Hand. Doktor
Sammet blickte still auf seine Uhrkette nieder, und einem der jungen Ärzte
entschlüpfte ein kurzer Laut durch die Nase, der nicht am Platze war. Man
sah jetzt in Klaus Heinrichs Gesicht die kleine schmerzliche Verzerrung. Er
sagte: »Natürlich … so werde ich also die Anstalt zusammen mit dem
gnädigen Fräulein besichtigen können … Herr Hauptmann von Braunbart,
mein Adjutant«, fügte er rasch hinzu, da er seine Bemerkung gleich der
letzten würdig fand. Sie sagte dagegen: »Frau Gräfin Löwenjoul.«
Die Gräfin verbeugte sich vornehm – mit einem rätselhaften Lächeln
übrigens, einem Seitenblick ins Ungewisse, der etwas seltsam Lockendes
hatte. Als sie sich aber wieder aufrichtete und ihren so wunderlich
entwichenen Blick zu Klaus Heinrich zurückkehren ließ, der in gefaßter und
militärisch gesammelter Haltung vor ihr stand, da verschwand das Lächeln
von ihrem Gesicht, ein Ausdruck von Ernüchterung und Gram ergriff von
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ihren Zügen Besitz, und in derselben Sekunde war es, als ob in ihren ein
wenig verschwollenen grauen Augen etwas wie Haß gegen Klaus Heinrich
aufzuckte … Das war nur eine flüchtige Erscheinung. Klaus Heinrich fand
nicht Zeit, darauf achtzuhaben, und vergaß es alsbald. Die beiden jungen
Ärzte gelangten zur Vorstellung vor Imma Spoelmann. Und dann stimmte
Klaus Heinrich dafür, daß man den Rundgang wieder aufnähme.
Es ging die Treppe hinauf, ins erste Stockwerk. Klaus Heinrich und
Imma Spoelmann vorauf, geleitet von Doktor Sammet, dann die Gräfin
Löwenjoul mit Herrn von Braunbart und endlich die jungen Ärzte. Hier
waren die größeren Kinder – ja; im Alter bis zu vierzehn Jahren. Ein
Vorraum mit Wäscheschränken trennte die Säle für Mädchen und Knaben.
In weißen Gitterbettchen, mit einem Namensschild zu Häupten und einem
Klapprahmen am Fußende, der Tabellen mit Fieber- und Gewichtskurven
zeigte, gewartet von Schwestern in weißen Hauben, umgeben von Ordnung
und Reinlichkeit, lagen die kranken Kinder, und Husten erfüllte den Raum,
während Klaus Heinrich und Imma Spoelmann zwischen den Reihen
dahinschritten.
Er hielt sich aus Höflichkeit zu ihrer Linken und lächelte, wie er es tat,
wenn er durch Ausstellungen geführt wurde, die Fronten von Veteranen,
Turnern und Ehrenkompanien musterte. Aber immer, wenn er den Kopf
nach rechts wandte, gewahrte er, daß Imma Spoelmann ihn betrachtete –
begegnete er ihrem großen schwarzen Blick, der prüfend, mit glänzend
ernster Frage auf ihn gerichtet war. Das war so seltsam, daß Klaus Heinrich
nie etwas Seltsameres erlebt zu haben glaubte als ihre Art, so ohne
Rücksicht auf ihn und alle, ganz unverhohlen und frei, ganz unbesorgt, ob
jemand acht darauf habe, mit ihren großen Augen ihn zu betrachten. Wenn
Doktor Sammet an einem Bettchen verweilte, um den Fall zu erklären, wie
bei dem kleinen Mädchen, dessen gebrochenes, weiß verpacktes Bein ganz
senkrecht emporgebunden war, so hörte Fräulein Spoelmann ihm
aufmerksam zu, man sah es wohl; aber während sie lauschte, blickte sie
nicht auf den Redenden, sondern ihre Augen gingen zwischen Klaus
Heinrich und dem Kinde, das schmal und still, mit auf der Brust gekreuzten
Händen aus seiner Rückenlage zu ihnen emporblickte – zwischen dem
Prinzen und diesem kleinen Leidensfall, der ihnen gemeinsam erklärt
wurde, hin und her, als beaufsichtige sie Klaus Heinrichs Teilnahme oder
als suche sie die Wirkung von Doktor Sammets Worten in seiner Miene zu
wenig verschwollenen grauen Augen etwas wie Haß gegen Klaus Heinrich
aufzuckte … Das war nur eine flüchtige Erscheinung. Klaus Heinrich fand
nicht Zeit, darauf achtzuhaben, und vergaß es alsbald. Die beiden jungen
Ärzte gelangten zur Vorstellung vor Imma Spoelmann. Und dann stimmte
Klaus Heinrich dafür, daß man den Rundgang wieder aufnähme.
Es ging die Treppe hinauf, ins erste Stockwerk. Klaus Heinrich und
Imma Spoelmann vorauf, geleitet von Doktor Sammet, dann die Gräfin
Löwenjoul mit Herrn von Braunbart und endlich die jungen Ärzte. Hier
waren die größeren Kinder – ja; im Alter bis zu vierzehn Jahren. Ein
Vorraum mit Wäscheschränken trennte die Säle für Mädchen und Knaben.
In weißen Gitterbettchen, mit einem Namensschild zu Häupten und einem
Klapprahmen am Fußende, der Tabellen mit Fieber- und Gewichtskurven
zeigte, gewartet von Schwestern in weißen Hauben, umgeben von Ordnung
und Reinlichkeit, lagen die kranken Kinder, und Husten erfüllte den Raum,
während Klaus Heinrich und Imma Spoelmann zwischen den Reihen
dahinschritten.
Er hielt sich aus Höflichkeit zu ihrer Linken und lächelte, wie er es tat,
wenn er durch Ausstellungen geführt wurde, die Fronten von Veteranen,
Turnern und Ehrenkompanien musterte. Aber immer, wenn er den Kopf
nach rechts wandte, gewahrte er, daß Imma Spoelmann ihn betrachtete –
begegnete er ihrem großen schwarzen Blick, der prüfend, mit glänzend
ernster Frage auf ihn gerichtet war. Das war so seltsam, daß Klaus Heinrich
nie etwas Seltsameres erlebt zu haben glaubte als ihre Art, so ohne
Rücksicht auf ihn und alle, ganz unverhohlen und frei, ganz unbesorgt, ob
jemand acht darauf habe, mit ihren großen Augen ihn zu betrachten. Wenn
Doktor Sammet an einem Bettchen verweilte, um den Fall zu erklären, wie
bei dem kleinen Mädchen, dessen gebrochenes, weiß verpacktes Bein ganz
senkrecht emporgebunden war, so hörte Fräulein Spoelmann ihm
aufmerksam zu, man sah es wohl; aber während sie lauschte, blickte sie
nicht auf den Redenden, sondern ihre Augen gingen zwischen Klaus
Heinrich und dem Kinde, das schmal und still, mit auf der Brust gekreuzten
Händen aus seiner Rückenlage zu ihnen emporblickte – zwischen dem
Prinzen und diesem kleinen Leidensfall, der ihnen gemeinsam erklärt
wurde, hin und her, als beaufsichtige sie Klaus Heinrichs Teilnahme oder
als suche sie die Wirkung von Doktor Sammets Worten in seiner Miene zu
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lesen – man wußte nicht recht, warum es geschah. Ja, namentlich war es so
bei dem Knaben mit dem Schuß durch den Arm und bei dem, der aus dem
Wasser gezogen worden: zwei traurigen Fällen, wie Doktor Sammet
bemerkte. »Eine Verbandschere, Schwester«, sagte er und zeigte ihnen die
Doppelwunde am Oberarm des Knaben, den Eintritt und Austritt einer
Revolverkugel. »Die Wunde«, sagte Doktor Sammet gedämpft zu seinen
Gästen, indem er dem Bettchen den Rücken zuwandte, »die Wunde hat ihm
sein eigener Vater beigebracht, ja. Es ist gut abgelaufen bei diesem einen.
Der Mann hat seine Frau und drei seiner Kinder und sich selbst mit einem
Revolver erschossen. Er hat fehlgeschossen bei diesem Knaben …« Klaus
Heinrich sah auf die Doppelwunde. »Warum tat das der Mann?« fragte er
scheu, und Doktor Sammet antwortete: »In der Verzweiflung, Königliche
Hoheit; es war Schande und Not, was ihn dazu veranlaßte. Ja.« Er sagte
nichts weiter; nur dies Allgemeinste – ebenso wie bei dem Kleinen, der aus
dem Wasser gezogen war, einem zehnjährigen Knaben. »Er schnauft«, sagte
Doktor Sammet. »Er hat noch Wasser in seiner Lunge. Man hat ihn heute
früh aus dem Fluß gefischt – ja. Übrigens ist es wenig wahrscheinlich, daß
er so recht eigentlich in das Wasser g e f a l l e n ist. Mehrere Anzeichen
sprechen dagegen. Er war von Hause entflohen. Ja.« Er schwieg. Und
wieder fand Klaus Heinrich, daß Fräulein Spoelmann ihn anblickte, groß,
schwarz und glänzend ernst – mit ihrem Blick, der den seinen suchte, ihn
dringlich aufzufordern schien, gemeinsam mit ihr die »traurigen Fälle« zu
durchdenken, Doktor Sammets Andeutungen im Geist zu vervollständigen,
bis zu den schrecklichen Wahrheiten vorzudringen, die durch diese zwei
kranken Kinderkörper zusammengefaßt und dargestellt wurden … Ein
kleines Mädchen weinte bitterlich, als der dampfende und zischende
Inhalierapparat zusammen mit einem Pappdeckel voll bunter Bilder an ihr
Bettchen gestellt wurde. Fräulein Spoelmann beugte sich zu der Kleinen
nieder. »Es tut nicht weh,« sagte sie und ahmte die Kindersprache nach,
»kein bißchen. Du mußt nicht weinen.« Und als sie sich wieder aufrichtete,
fügte sie rasch hinzu und rümpfte die Lippen: »Es steht zu vermuten, daß
sie nicht sowohl über den Apparat als über die Bilder weint.« Alle lachten.
Der eine der jungen Assistenten hob den Pappdeckel empor und lachte noch
lauter, als er die Bilder betrachtete. Man ging hinüber ins Laboratorium.
Klaus Heinrich dachte im Gehen darüber nach, wie seltsam Fräulein
Spoelmann spottete. »Es steht zu vermuten«, hatte sie gesagt, und »nicht
sowohl«. Es war gewesen, als ob sie sich nicht nur über die Bilder, sondern
bei dem Knaben mit dem Schuß durch den Arm und bei dem, der aus dem
Wasser gezogen worden: zwei traurigen Fällen, wie Doktor Sammet
bemerkte. »Eine Verbandschere, Schwester«, sagte er und zeigte ihnen die
Doppelwunde am Oberarm des Knaben, den Eintritt und Austritt einer
Revolverkugel. »Die Wunde«, sagte Doktor Sammet gedämpft zu seinen
Gästen, indem er dem Bettchen den Rücken zuwandte, »die Wunde hat ihm
sein eigener Vater beigebracht, ja. Es ist gut abgelaufen bei diesem einen.
Der Mann hat seine Frau und drei seiner Kinder und sich selbst mit einem
Revolver erschossen. Er hat fehlgeschossen bei diesem Knaben …« Klaus
Heinrich sah auf die Doppelwunde. »Warum tat das der Mann?« fragte er
scheu, und Doktor Sammet antwortete: »In der Verzweiflung, Königliche
Hoheit; es war Schande und Not, was ihn dazu veranlaßte. Ja.« Er sagte
nichts weiter; nur dies Allgemeinste – ebenso wie bei dem Kleinen, der aus
dem Wasser gezogen war, einem zehnjährigen Knaben. »Er schnauft«, sagte
Doktor Sammet. »Er hat noch Wasser in seiner Lunge. Man hat ihn heute
früh aus dem Fluß gefischt – ja. Übrigens ist es wenig wahrscheinlich, daß
er so recht eigentlich in das Wasser g e f a l l e n ist. Mehrere Anzeichen
sprechen dagegen. Er war von Hause entflohen. Ja.« Er schwieg. Und
wieder fand Klaus Heinrich, daß Fräulein Spoelmann ihn anblickte, groß,
schwarz und glänzend ernst – mit ihrem Blick, der den seinen suchte, ihn
dringlich aufzufordern schien, gemeinsam mit ihr die »traurigen Fälle« zu
durchdenken, Doktor Sammets Andeutungen im Geist zu vervollständigen,
bis zu den schrecklichen Wahrheiten vorzudringen, die durch diese zwei
kranken Kinderkörper zusammengefaßt und dargestellt wurden … Ein
kleines Mädchen weinte bitterlich, als der dampfende und zischende
Inhalierapparat zusammen mit einem Pappdeckel voll bunter Bilder an ihr
Bettchen gestellt wurde. Fräulein Spoelmann beugte sich zu der Kleinen
nieder. »Es tut nicht weh,« sagte sie und ahmte die Kindersprache nach,
»kein bißchen. Du mußt nicht weinen.« Und als sie sich wieder aufrichtete,
fügte sie rasch hinzu und rümpfte die Lippen: »Es steht zu vermuten, daß
sie nicht sowohl über den Apparat als über die Bilder weint.« Alle lachten.
Der eine der jungen Assistenten hob den Pappdeckel empor und lachte noch
lauter, als er die Bilder betrachtete. Man ging hinüber ins Laboratorium.
Klaus Heinrich dachte im Gehen darüber nach, wie seltsam Fräulein
Spoelmann spottete. »Es steht zu vermuten«, hatte sie gesagt, und »nicht
sowohl«. Es war gewesen, als ob sie sich nicht nur über die Bilder, sondern
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auch über die ausgesuchten und scharfen Redensarten lustig machte, die sie
mit rascher Gewandtheit benutzte. Und das war wohl der unumschränkteste
Spott, der sich denken ließ …
Das Laboratorium war der größte Raum des Hauses. Gläser, Retorten,
Trichter und Chemikalien standen auf den Borden, und es standen Präparate
in Spiritus darauf, die Doktor Sammet seinen Gästen in ruhigen und festen
Worten erklärte. Ein Kind war auf unerklärliche Weise erstickt: Hier war
sein Kehlkopf, mit pilzartigen Wucherungen statt der Stimmbänder. Ja. Dies
hier im Glase war eine krankhaft erweiterte Kinderniere; und dies waren
entartete Knochen. Klaus Heinrich und Fräulein Spoelmann sahen alles an,
sie blickten zusammen in die Gläser, die Doktor Sammet gegen das Fenster
hielt, und ihre Augen waren andächtig, während um ihre Münder derselbe
kleine Zug von Widerstand lag. Sie blickten auch nacheinander in das
Mikroskop, betrachteten, mit einem Auge über die Linse gebeugt, eine böse
Ausscheidung, eine blau gefärbte, auf ein Glasplättchen gestrichene
Materie, die neben den großen Flecken ganz kleine Punkte zeigte: das
waren Bazillen. Klaus Heinrich wollte Fräulein Spoelmann zuerst an das
Mikroskop treten lassen, aber sie wehrte ab, indem sie die Brauen
emporzog und einen Mund machte, als wollte sie mit übertriebener
Betonung »Oh, unter keiner Bedingung!« sagen. Da nahm er denn den
Vortritt, denn er fand, daß es wirklich einerlei sei, wer zuerst etwas so
Ernstes und Furchtbares wie Bazillen in Augenschein nahm. Und hierauf
wurden sie hinaufgeführt, in den zweiten Stock, zu den Säuglingen.
Sie lachten beide über das vielstimmige Geschrei, das ihnen schon auf
der Treppe entgegenscholl. Und dann gingen sie mit ihrem Gefolge im Saal
zwischen den Bettchen dahin, beugten sich nebeneinander über die
kahlköpfigen Geschöpfe, die mit geballten Fäustchen schliefen oder aus
allen Kräften schreiend ihre nackten Gaumen zeigten – hielten sich die
Ohren zu und lachten aufs neue. In einer Art Ofen, darin eine gleichmäßige
Wärme erzeugt wurde, lag eine Frühgeburt. Und Doktor Sammet zeigte den
hohen Gästen ein grausig leichenhaftes Armenkind mit häßlichen großen
Händen, diesem Abzeichen einer niederen und harten Geburt … Er nahm
ein schreiendes Kind aus dem Bettchen, und es verstummte sofort.
Sachkundig stützte er den haltlosen Kopf in seine hohle Hand und wies das
rote, blinzelnde, mit kurzen Bewegungen sich dehnende Wesen den beiden
vor – Klaus Heinrich und Imma Spoelmann, die nebeneinander standen und
mit rascher Gewandtheit benutzte. Und das war wohl der unumschränkteste
Spott, der sich denken ließ …
Das Laboratorium war der größte Raum des Hauses. Gläser, Retorten,
Trichter und Chemikalien standen auf den Borden, und es standen Präparate
in Spiritus darauf, die Doktor Sammet seinen Gästen in ruhigen und festen
Worten erklärte. Ein Kind war auf unerklärliche Weise erstickt: Hier war
sein Kehlkopf, mit pilzartigen Wucherungen statt der Stimmbänder. Ja. Dies
hier im Glase war eine krankhaft erweiterte Kinderniere; und dies waren
entartete Knochen. Klaus Heinrich und Fräulein Spoelmann sahen alles an,
sie blickten zusammen in die Gläser, die Doktor Sammet gegen das Fenster
hielt, und ihre Augen waren andächtig, während um ihre Münder derselbe
kleine Zug von Widerstand lag. Sie blickten auch nacheinander in das
Mikroskop, betrachteten, mit einem Auge über die Linse gebeugt, eine böse
Ausscheidung, eine blau gefärbte, auf ein Glasplättchen gestrichene
Materie, die neben den großen Flecken ganz kleine Punkte zeigte: das
waren Bazillen. Klaus Heinrich wollte Fräulein Spoelmann zuerst an das
Mikroskop treten lassen, aber sie wehrte ab, indem sie die Brauen
emporzog und einen Mund machte, als wollte sie mit übertriebener
Betonung »Oh, unter keiner Bedingung!« sagen. Da nahm er denn den
Vortritt, denn er fand, daß es wirklich einerlei sei, wer zuerst etwas so
Ernstes und Furchtbares wie Bazillen in Augenschein nahm. Und hierauf
wurden sie hinaufgeführt, in den zweiten Stock, zu den Säuglingen.
Sie lachten beide über das vielstimmige Geschrei, das ihnen schon auf
der Treppe entgegenscholl. Und dann gingen sie mit ihrem Gefolge im Saal
zwischen den Bettchen dahin, beugten sich nebeneinander über die
kahlköpfigen Geschöpfe, die mit geballten Fäustchen schliefen oder aus
allen Kräften schreiend ihre nackten Gaumen zeigten – hielten sich die
Ohren zu und lachten aufs neue. In einer Art Ofen, darin eine gleichmäßige
Wärme erzeugt wurde, lag eine Frühgeburt. Und Doktor Sammet zeigte den
hohen Gästen ein grausig leichenhaftes Armenkind mit häßlichen großen
Händen, diesem Abzeichen einer niederen und harten Geburt … Er nahm
ein schreiendes Kind aus dem Bettchen, und es verstummte sofort.
Sachkundig stützte er den haltlosen Kopf in seine hohle Hand und wies das
rote, blinzelnde, mit kurzen Bewegungen sich dehnende Wesen den beiden
vor – Klaus Heinrich und Imma Spoelmann, die nebeneinander standen und
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auf den Säugling niederblickten. Klaus Heinrich sah mit geschlossenen
Absätzen zu, wie Doktor Sammet das Kind in das Bettchen zurücklegte;
und als er sich wandte, traf er auf Imma Spoelmanns glänzend forschende
Augen, wie er es erwartet hatte.
Zuletzt traten sie an eines der drei Fenster des Saales und blickten hinaus
über die ärmliche Vorstadtgegend, hinunter auf die Straße, wo, umlagert
von Kindern, der braune Hofwagen und Immas prachtvolles, dunkelrot
lackiertes Automobil hintereinander hielten. Der Spoelmannsche Chauffeur,
unförmig in seinem Zottenpelz, saß tief zurückgelehnt, eine Hand am
Steuer des gewaltigen Fahrzeugs, und sah zu, wie sein Kamerad, der weiße
Bediente, dort vorn am Coupé ein Geplauder mit Klaus Heinrichs Kutscher
in Gang zu halten suchte.
»Die Nachbarn«, sagte Doktor Sammet, der mit einer Hand die weiße
Tüllgardine zurückhielt, »sind zugleich die Eltern unserer Pfleglinge.
Sonnabends spät ziehen die betrunkenen Väter johlend vorüber. Ja.«
Sie standen und lauschten; aber Doktor Sammet sagte nichts mehr von
den Vätern, und so brachen sie auf, denn nun hatten sie alles gesehen.
Der Zug, Klaus Heinrich und Imma voran, bewegte sich die Treppen
hinunter, und in der Vorhalle war auch das Schwesternkorps wieder
versammelt. Es wurde Abschied genommen, mit Absatzklappen und
Honneurs, mit Verbeugungen und Knicksen. Klaus Heinrich, in förmlicher
Haltung vor Doktor Sammet, der ihm mit seitwärts geneigtem Kopfe und
die Hand an der Uhrkette zuhörte, äußerte sich in einer feststehenden
Redewendung höchst beifällig über das Gesehene, während er fühlte, daß
Imma Spoelmann ihre großen Augen dabei auf ihm ruhen ließ. Er geleitete
mit Herrn von Braunbart die Damen zum Automobil, als die
Verabschiedung von den Ärzten und den Schwestern beendet war. Während
sie, zwischen Kindern und Frauen, die Kinder auf den Armen hielten, das
Trottoir überschritten, und noch an dem breiten Trittbrett des Automobils
unterhielten sich Klaus Heinrich und Fräulein Spoelmann wie folgt.
»Es war mir eine große Freude, mit dem gnädigen Fräulein
zusammenzutreffen«, sagte er.
Absätzen zu, wie Doktor Sammet das Kind in das Bettchen zurücklegte;
und als er sich wandte, traf er auf Imma Spoelmanns glänzend forschende
Augen, wie er es erwartet hatte.
Zuletzt traten sie an eines der drei Fenster des Saales und blickten hinaus
über die ärmliche Vorstadtgegend, hinunter auf die Straße, wo, umlagert
von Kindern, der braune Hofwagen und Immas prachtvolles, dunkelrot
lackiertes Automobil hintereinander hielten. Der Spoelmannsche Chauffeur,
unförmig in seinem Zottenpelz, saß tief zurückgelehnt, eine Hand am
Steuer des gewaltigen Fahrzeugs, und sah zu, wie sein Kamerad, der weiße
Bediente, dort vorn am Coupé ein Geplauder mit Klaus Heinrichs Kutscher
in Gang zu halten suchte.
»Die Nachbarn«, sagte Doktor Sammet, der mit einer Hand die weiße
Tüllgardine zurückhielt, »sind zugleich die Eltern unserer Pfleglinge.
Sonnabends spät ziehen die betrunkenen Väter johlend vorüber. Ja.«
Sie standen und lauschten; aber Doktor Sammet sagte nichts mehr von
den Vätern, und so brachen sie auf, denn nun hatten sie alles gesehen.
Der Zug, Klaus Heinrich und Imma voran, bewegte sich die Treppen
hinunter, und in der Vorhalle war auch das Schwesternkorps wieder
versammelt. Es wurde Abschied genommen, mit Absatzklappen und
Honneurs, mit Verbeugungen und Knicksen. Klaus Heinrich, in förmlicher
Haltung vor Doktor Sammet, der ihm mit seitwärts geneigtem Kopfe und
die Hand an der Uhrkette zuhörte, äußerte sich in einer feststehenden
Redewendung höchst beifällig über das Gesehene, während er fühlte, daß
Imma Spoelmann ihre großen Augen dabei auf ihm ruhen ließ. Er geleitete
mit Herrn von Braunbart die Damen zum Automobil, als die
Verabschiedung von den Ärzten und den Schwestern beendet war. Während
sie, zwischen Kindern und Frauen, die Kinder auf den Armen hielten, das
Trottoir überschritten, und noch an dem breiten Trittbrett des Automobils
unterhielten sich Klaus Heinrich und Fräulein Spoelmann wie folgt.
»Es war mir eine große Freude, mit dem gnädigen Fräulein
zusammenzutreffen«, sagte er.
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Sie antwortete hierauf nichts, sondern schob nur die Lippen vor, indem
sie ein wenig den Kopf hin und her wandte.
»Es war eine fesselnde Besichtigung«, sagte er wieder. »Man tat allerlei
Einblicke.«
Sie sah ihn an, groß und schwarz. Dann sagte sie rasch und obenhin, mit
ihrer gebrochenen Stimme: »O ja, bis zu einem gewissen Grade …«
Er verfiel auf die Frage: »Ich hoffe, es gefällt Ihnen auf Schloß
Delphinenort, gnädiges Fräulein?« Worauf sie mit vorgeschobenen Lippen
erwiderte: »Oh, warum nicht. Es ist ja eine ganz schickliche Unterkunft …«
»Gefällt es Ihnen besser dort als in Neuyork?« fragte er. Und sie
antwortete: »Ebensogut. Es ist ziemlich gleich. Es ist ziemlich überall
dasselbe.«
Das war alles. Klaus Heinrich und, einen Schritt hinter ihm, Herr von
Braunbart standen, die Hand am Helm, als der Chauffeur ankurbelte und
das Automobil sich unter Erschütterungen in Bewegung setzte.
Es versteht sich, daß diese Begegnung nicht lange eine innere
Angelegenheit des Dorotheen-Spitales blieb, vielmehr noch am selben Tage
in aller Munde war. Der »Eilbote« veröffentlichte unter zart poetischer
Überschrift eine ausführliche Schilderung des Zusammentreffens, die, ohne
in den Einzelheiten streng den Tatsachen zu entsprechen, die Gemüter doch
mächtig gefangennahm, ja Kundgebungen einer so lebhaften Wißbegierde
des Publikums hervorrief, daß das wachsame Blatt sich veranlaßt sah, auf
weitere Annäherungen zwischen den Häusern Grimmburg und Spoelmann
fortan ein Auge zu haben. Es war nicht viel, was es melden konnte. Es
vermerkte ein paarmal, daß Seine Königliche Hoheit Prinz Klaus Heinrich,
nach Schluß der Hoftheatervorstellung den Wandelgang der ersten Galerie
durchschreitend, einen Augenblick vor der Spoelmannschen Loge
haltgemacht habe, um die Damen zu begrüßen. Und in seinem Bericht über
den kostümierten Wohltätigkeitsbasar, der Mitte Januar im großen
Rathaussaale stattfand – einer eleganten Veranstaltung, an der sich auf
inständige Einladung durch das Komitee Miß Spoelmann als Verkäuferin
beteiligte –, nahm keinen geringen Raum die Beschreibung jener Szene ein,
wie Prinz Klaus Heinrich bei dem Rundgang des Hofes vor der Bude
sie ein wenig den Kopf hin und her wandte.
»Es war eine fesselnde Besichtigung«, sagte er wieder. »Man tat allerlei
Einblicke.«
Sie sah ihn an, groß und schwarz. Dann sagte sie rasch und obenhin, mit
ihrer gebrochenen Stimme: »O ja, bis zu einem gewissen Grade …«
Er verfiel auf die Frage: »Ich hoffe, es gefällt Ihnen auf Schloß
Delphinenort, gnädiges Fräulein?« Worauf sie mit vorgeschobenen Lippen
erwiderte: »Oh, warum nicht. Es ist ja eine ganz schickliche Unterkunft …«
»Gefällt es Ihnen besser dort als in Neuyork?« fragte er. Und sie
antwortete: »Ebensogut. Es ist ziemlich gleich. Es ist ziemlich überall
dasselbe.«
Das war alles. Klaus Heinrich und, einen Schritt hinter ihm, Herr von
Braunbart standen, die Hand am Helm, als der Chauffeur ankurbelte und
das Automobil sich unter Erschütterungen in Bewegung setzte.
Es versteht sich, daß diese Begegnung nicht lange eine innere
Angelegenheit des Dorotheen-Spitales blieb, vielmehr noch am selben Tage
in aller Munde war. Der »Eilbote« veröffentlichte unter zart poetischer
Überschrift eine ausführliche Schilderung des Zusammentreffens, die, ohne
in den Einzelheiten streng den Tatsachen zu entsprechen, die Gemüter doch
mächtig gefangennahm, ja Kundgebungen einer so lebhaften Wißbegierde
des Publikums hervorrief, daß das wachsame Blatt sich veranlaßt sah, auf
weitere Annäherungen zwischen den Häusern Grimmburg und Spoelmann
fortan ein Auge zu haben. Es war nicht viel, was es melden konnte. Es
vermerkte ein paarmal, daß Seine Königliche Hoheit Prinz Klaus Heinrich,
nach Schluß der Hoftheatervorstellung den Wandelgang der ersten Galerie
durchschreitend, einen Augenblick vor der Spoelmannschen Loge
haltgemacht habe, um die Damen zu begrüßen. Und in seinem Bericht über
den kostümierten Wohltätigkeitsbasar, der Mitte Januar im großen
Rathaussaale stattfand – einer eleganten Veranstaltung, an der sich auf
inständige Einladung durch das Komitee Miß Spoelmann als Verkäuferin
beteiligte –, nahm keinen geringen Raum die Beschreibung jener Szene ein,
wie Prinz Klaus Heinrich bei dem Rundgang des Hofes vor der Bude
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angehalten habe, in der Fräulein Spoelmann schaltete, wie er einen
Gegenstand, eine Vase, ein Kunstglas (denn Fräulein Spoelmann verkaufte
Porzellan und Kunstgläser) von ihr erworben und sich wohl acht oder zehn
Minuten lang plaudernd vor dem Verkaufsstande verweilt habe. Von dem
Inhalt des Gespräches verlautbarte nichts. Dennoch war es durchaus nicht
ohne Ergebnis verlaufen.
Der Hof (mit Ausnahme Albrechts) war gegen Mittag im Rathaussaale
erschienen. Als Klaus Heinrich, das erstandene Kunstglas in Seidenpapier
auf den Knien, in seinem Coupé nach Eremitage zurückkehrte, hatte er sich
in Delphinenort angesagt, hatte er die Absicht kundgetan, sich das Schloß in
seinem neuen Zustande einmal anzusehen und bei dieser Gelegenheit Herrn
Spoelmanns Sammlung von Kunstgläsern in Augenschein zu nehmen. Denn
unter Miß Spoelmanns Waren hatten sich drei oder vier alte Gläser
befunden, die ihr Vater selbst aus seiner Kollektion für den Basar gestiftet
hatte, und eines davon hatte Klaus Heinrich gekauft.
Er sah sich wieder in dem Halbkreis von Menschen, die ihnen zusahen –
allein vor Imma Spoelmann und getrennt von ihr durch den Budentisch mit
seinen Kelchen, Karaffen, seinen weißen und farbigen Porzellangruppen. Er
sah sie in dem roten Phantasiegewande, das, aus einem Stück gearbeitet,
ihre wohlausgebildete und dennoch kindliche Gestalt umschloß, indem es
ihre bräunlichen Schultern und ihre Arme freiließ, die rund und fest waren
und dennoch vor dem Handgelenk wie die eines Kindes wurden. Er sah den
goldenen Schmuck, halb Kranz und halb Diadem, in der Schwärze ihres
aufgelösten Haares, das eine Neigung zeigte, ihr in glatten Strähnen in die
Stirn zu fallen, ihre übergroßen und schwarzen, glänzend fragenden Augen
in dem perlblassen Gesichtchen, ihren vollen und weichen Mund, den sie
mit verwöhnter Geringschätzung vorschob, wenn sie sprach – und um sie
herum in dem großen, gewölbten Raum war Tannengeruch und wirrer
Lärm, Musik, Gongschläge, Gelächter und Marktschreierei gewesen.
Er hatte das Kunstglas, den alten, edlen Kelch mit seinem Schmuck von
silbernem Blattwerk bewundert, den sie ihm zum Kaufe angeboten, und sie
hatte gesagt, daß er aus ihres Vaters Sammlung stamme. – So herrliche
Dinge besitze also ihr Vater eine ganze Menge? – Allerdings. Und
glaublicherweise seien es nicht eben die besten Nummern, die ihr Vater für
den Basar gestiftet habe. Sie stehe nicht an, zu erklären, daß er viel
Gegenstand, eine Vase, ein Kunstglas (denn Fräulein Spoelmann verkaufte
Porzellan und Kunstgläser) von ihr erworben und sich wohl acht oder zehn
Minuten lang plaudernd vor dem Verkaufsstande verweilt habe. Von dem
Inhalt des Gespräches verlautbarte nichts. Dennoch war es durchaus nicht
ohne Ergebnis verlaufen.
Der Hof (mit Ausnahme Albrechts) war gegen Mittag im Rathaussaale
erschienen. Als Klaus Heinrich, das erstandene Kunstglas in Seidenpapier
auf den Knien, in seinem Coupé nach Eremitage zurückkehrte, hatte er sich
in Delphinenort angesagt, hatte er die Absicht kundgetan, sich das Schloß in
seinem neuen Zustande einmal anzusehen und bei dieser Gelegenheit Herrn
Spoelmanns Sammlung von Kunstgläsern in Augenschein zu nehmen. Denn
unter Miß Spoelmanns Waren hatten sich drei oder vier alte Gläser
befunden, die ihr Vater selbst aus seiner Kollektion für den Basar gestiftet
hatte, und eines davon hatte Klaus Heinrich gekauft.
Er sah sich wieder in dem Halbkreis von Menschen, die ihnen zusahen –
allein vor Imma Spoelmann und getrennt von ihr durch den Budentisch mit
seinen Kelchen, Karaffen, seinen weißen und farbigen Porzellangruppen. Er
sah sie in dem roten Phantasiegewande, das, aus einem Stück gearbeitet,
ihre wohlausgebildete und dennoch kindliche Gestalt umschloß, indem es
ihre bräunlichen Schultern und ihre Arme freiließ, die rund und fest waren
und dennoch vor dem Handgelenk wie die eines Kindes wurden. Er sah den
goldenen Schmuck, halb Kranz und halb Diadem, in der Schwärze ihres
aufgelösten Haares, das eine Neigung zeigte, ihr in glatten Strähnen in die
Stirn zu fallen, ihre übergroßen und schwarzen, glänzend fragenden Augen
in dem perlblassen Gesichtchen, ihren vollen und weichen Mund, den sie
mit verwöhnter Geringschätzung vorschob, wenn sie sprach – und um sie
herum in dem großen, gewölbten Raum war Tannengeruch und wirrer
Lärm, Musik, Gongschläge, Gelächter und Marktschreierei gewesen.
Er hatte das Kunstglas, den alten, edlen Kelch mit seinem Schmuck von
silbernem Blattwerk bewundert, den sie ihm zum Kaufe angeboten, und sie
hatte gesagt, daß er aus ihres Vaters Sammlung stamme. – So herrliche
Dinge besitze also ihr Vater eine ganze Menge? – Allerdings. Und
glaublicherweise seien es nicht eben die besten Nummern, die ihr Vater für
den Basar gestiftet habe. Sie stehe nicht an, zu erklären, daß er viel
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schönere Gläser habe. – Die wünschte Klaus Heinrich wohl sehen zu
dürfen! – Nun, das würde sich gelegentlich ja unschwer ermöglichen lassen,
hatte Fräulein Spoelmann mit ihrer gebrochenen Stimme geantwortet,
indem sie die Lippen vorgeschoben und ihr Köpfchen ein wenig hin und her
gewandt hatte. Ihr Vater, hatte sie gemeint, werde durchaus nicht dawider
seien, die Früchte seines Sammelfleißes wieder einmal einem
verständnisvollen Beschauer vorzuführen. Um die Teestunde seien
Spoelmanns immer zu Hause.
Sie hatte die Sache sehr bürgerlich genommen, hatte aus der Ansage eine
Einladung gemacht und im leichtesten Tone gesprochen. Schließlich, auf
Klaus Heinrichs Frage, welchen Tag man in Aussicht nehmen solle, hatte
sie geantwortet: »Welchen Sie wollen, Prinz. Wir werden uns jederzeit
unsäglich glücklich schätzen …«
»Unsäglich glücklich schätzen« – so sprach sie, so scharfzüngig und
spöttisch übertrieben, daß es fast weh tat und man nur mühsam gute Miene
machte. Wie sie die arme Schwester-Oberin verwirrt und verletzt hatte,
neulich im Spital! Aber bei alledem war etwas Kindliches in ihrer
Sprechweise, ja, gewisse Laute kamen heraus, wie Kinder sie bilden – nicht
nur das eine Mal, als sie das kleine Mädchen über den Dampfapparat
getröstet hatte. Und so große Augen hatte sie gemacht, als von den Vätern
die Rede gewesen und den traurigen Fällen …
Am nächsten Tage nahm Klaus Heinrich seinen Tee auf Schloß
Delphinenort – am nächstfolgenden, den Tag darauf. Gelegentlich, hatte
Imma Spoelmann gesagt, möge er kommen. Aber der nächstfolgende Tag
war ihm gelegen, und da ihm die Sache dringlich schien, so fand er es nicht
angebracht, sie auf die lange Bank zu schieben.
Gegen fünf Uhr – es war schon dunkel – trug ihn sein Coupé über die
aufgeweichten Fahrwege des Stadtgartens, der kahl und menschenleer lag –
schon war es Spoelmannscher Besitz, wo er rollte –, Bogenlampen erhellten
den Park, das große, viereckige Brunnenbassin schimmerte trüb zwischen
den Bäumen, dahinter erhob sich das weißliche Schloß mit dem
Säulenaufbau seines Portals, seiner geräumigen Doppelrampe, die,
zwischen seinen Flügeln eingelagert, in flachem Aufstieg zur Beletage
emporführte, seinen hohen, in kleine Scheiben geteilten Fenstern, seinen
dürfen! – Nun, das würde sich gelegentlich ja unschwer ermöglichen lassen,
hatte Fräulein Spoelmann mit ihrer gebrochenen Stimme geantwortet,
indem sie die Lippen vorgeschoben und ihr Köpfchen ein wenig hin und her
gewandt hatte. Ihr Vater, hatte sie gemeint, werde durchaus nicht dawider
seien, die Früchte seines Sammelfleißes wieder einmal einem
verständnisvollen Beschauer vorzuführen. Um die Teestunde seien
Spoelmanns immer zu Hause.
Sie hatte die Sache sehr bürgerlich genommen, hatte aus der Ansage eine
Einladung gemacht und im leichtesten Tone gesprochen. Schließlich, auf
Klaus Heinrichs Frage, welchen Tag man in Aussicht nehmen solle, hatte
sie geantwortet: »Welchen Sie wollen, Prinz. Wir werden uns jederzeit
unsäglich glücklich schätzen …«
»Unsäglich glücklich schätzen« – so sprach sie, so scharfzüngig und
spöttisch übertrieben, daß es fast weh tat und man nur mühsam gute Miene
machte. Wie sie die arme Schwester-Oberin verwirrt und verletzt hatte,
neulich im Spital! Aber bei alledem war etwas Kindliches in ihrer
Sprechweise, ja, gewisse Laute kamen heraus, wie Kinder sie bilden – nicht
nur das eine Mal, als sie das kleine Mädchen über den Dampfapparat
getröstet hatte. Und so große Augen hatte sie gemacht, als von den Vätern
die Rede gewesen und den traurigen Fällen …
Am nächsten Tage nahm Klaus Heinrich seinen Tee auf Schloß
Delphinenort – am nächstfolgenden, den Tag darauf. Gelegentlich, hatte
Imma Spoelmann gesagt, möge er kommen. Aber der nächstfolgende Tag
war ihm gelegen, und da ihm die Sache dringlich schien, so fand er es nicht
angebracht, sie auf die lange Bank zu schieben.
Gegen fünf Uhr – es war schon dunkel – trug ihn sein Coupé über die
aufgeweichten Fahrwege des Stadtgartens, der kahl und menschenleer lag –
schon war es Spoelmannscher Besitz, wo er rollte –, Bogenlampen erhellten
den Park, das große, viereckige Brunnenbassin schimmerte trüb zwischen
den Bäumen, dahinter erhob sich das weißliche Schloß mit dem
Säulenaufbau seines Portals, seiner geräumigen Doppelrampe, die,
zwischen seinen Flügeln eingelagert, in flachem Aufstieg zur Beletage
emporführte, seinen hohen, in kleine Scheiben geteilten Fenstern, seinen
Page 196
römischen Büsten in den Nischen – und als Klaus Heinrich durch die
Auffahrtsallee von mächtigen Kastanien fuhr, da sah er zu Füßen der
Rampe den bordeauxroten Plüschmohren stehen und mit aufgestütztem
Stabe Ausschau halten …
Klaus Heinrich beschritt eine steinerne, hell erleuchtete und lind
durchwärmte Halle mit goldig schimmerndem Mosaikfußboden und weißen
Götterbildern in der Runde, schritt geradeaus, der marmornen,
breitgeländrigen und mit rotem Teppich belegten Freitreppe zu, auf welcher,
mit zurückgezogenen Schultern und hängenden Armen, bauchig und stolz,
im Schmuck seines rasierten Doppelkinns, der Spoelmannsche
Haushofmeister herniederstieg, um den Gast zu empfangen. Er geleitete ihn
in den oberen, mit Bilderteppichen umkleideten und mit einem
Marmorkamin geschmückten Vorsaal, wo ein paar weißgoldene und
schwanverbrämte Bediente des Prinzen Mütze und Mantel in Empfang
nahmen, während der Haushofmeister in eigener Person seiner Herrschaft
Meldung zu machen ging … Zwischen dem Dienerpaar hindurch, das einen
Teppich beiseiteraffte, schritt Klaus Heinrich zwei oder drei Stufen hinab.
Pflanzengeruch umfing ihn, und er hörte das sanfte Plätschern fallenden
Wassers; in dem Augenblick aber, da hinter ihm der Teppich sich schloß,
brach ein Gebell aus, so jäh und toll, daß Klaus Heinrich, einen Augenblick
halb betäubt, zu Füßen der Stufen haltmachte. Perceval, der Colliehund,
hatte sich ihm entgegengeworfen, und nichts glich seiner maßlosen Raserei.
Er geiferte, er litt, er wußte nicht, wie sich gebärden vor wütender
Zerrissenheit seines Innern, er wand sich, peitschte mit dem Schweif seine
Flanken, stemmte die Vorderfüße gegen den Boden und schwang sich in
blinder Leidenschaft um sich selber, indem er in Lärm und Tobsucht
vergehen zu wollen schien. Eine Stimme – es war nicht Immas Stimme –
rief ihn zurück, und Klaus Heinrich sah sich in einem Wintergarten, einem
von schlanken marmornen Säulen gestützten gläsernen Gewölbe, dessen
Boden mit großen, quadratischen, spiegelnden Marmorfliesen belegt war.
Palmen aller Art erfüllten es, deren Schäfte und Fächer sich manchmal bis
dicht unter die gläserne Decke erhoben. Ein beetartiges Blumenparterre,
bestehend aus zahllosen, gleich den Steinen eines Mosaiks
aneinandergesetzten Blumentöpfen, breitete sich im starken Mondlicht der
Bogenlampen aus und erfüllte die Luft mit Wohlgeruch. Aus einem
schöngemeißelten Brunnen rieselten silberne Quellen in ein marmornes
Auffahrtsallee von mächtigen Kastanien fuhr, da sah er zu Füßen der
Rampe den bordeauxroten Plüschmohren stehen und mit aufgestütztem
Stabe Ausschau halten …
Klaus Heinrich beschritt eine steinerne, hell erleuchtete und lind
durchwärmte Halle mit goldig schimmerndem Mosaikfußboden und weißen
Götterbildern in der Runde, schritt geradeaus, der marmornen,
breitgeländrigen und mit rotem Teppich belegten Freitreppe zu, auf welcher,
mit zurückgezogenen Schultern und hängenden Armen, bauchig und stolz,
im Schmuck seines rasierten Doppelkinns, der Spoelmannsche
Haushofmeister herniederstieg, um den Gast zu empfangen. Er geleitete ihn
in den oberen, mit Bilderteppichen umkleideten und mit einem
Marmorkamin geschmückten Vorsaal, wo ein paar weißgoldene und
schwanverbrämte Bediente des Prinzen Mütze und Mantel in Empfang
nahmen, während der Haushofmeister in eigener Person seiner Herrschaft
Meldung zu machen ging … Zwischen dem Dienerpaar hindurch, das einen
Teppich beiseiteraffte, schritt Klaus Heinrich zwei oder drei Stufen hinab.
Pflanzengeruch umfing ihn, und er hörte das sanfte Plätschern fallenden
Wassers; in dem Augenblick aber, da hinter ihm der Teppich sich schloß,
brach ein Gebell aus, so jäh und toll, daß Klaus Heinrich, einen Augenblick
halb betäubt, zu Füßen der Stufen haltmachte. Perceval, der Colliehund,
hatte sich ihm entgegengeworfen, und nichts glich seiner maßlosen Raserei.
Er geiferte, er litt, er wußte nicht, wie sich gebärden vor wütender
Zerrissenheit seines Innern, er wand sich, peitschte mit dem Schweif seine
Flanken, stemmte die Vorderfüße gegen den Boden und schwang sich in
blinder Leidenschaft um sich selber, indem er in Lärm und Tobsucht
vergehen zu wollen schien. Eine Stimme – es war nicht Immas Stimme –
rief ihn zurück, und Klaus Heinrich sah sich in einem Wintergarten, einem
von schlanken marmornen Säulen gestützten gläsernen Gewölbe, dessen
Boden mit großen, quadratischen, spiegelnden Marmorfliesen belegt war.
Palmen aller Art erfüllten es, deren Schäfte und Fächer sich manchmal bis
dicht unter die gläserne Decke erhoben. Ein beetartiges Blumenparterre,
bestehend aus zahllosen, gleich den Steinen eines Mosaiks
aneinandergesetzten Blumentöpfen, breitete sich im starken Mondlicht der
Bogenlampen aus und erfüllte die Luft mit Wohlgeruch. Aus einem
schöngemeißelten Brunnen rieselten silberne Quellen in ein marmornes
Page 197
Becken, und Enten von seltsam künstlich gefiederter Art schwammen auf
der durchleuchteten Wasserfläche. Ein steinerner Wandelgang mit Pfeilern
und Nischen nahm den Hintergrund ein. Es war die Gräfin Löwenjoul, die
dem Eintretenden entgegenkam und sich lächelnd verneigte.
»Königliche Hoheit wollen verzeihen«, sagte sie. »Unser Percy ist so
heftig. Und dann ist er jetzt so wenig an Besuch gewöhnt. Aber er tut
niemandem Böses. Darf ich Königliche Hoheit bitten … Fräulein
Spoelmann wird sogleich zurückkehren. Sie war eben noch hier. Sie wurde
abgerufen. Ihr Vater schickte nach ihr. Mister Spoelmann wird hocherfreut
sein …«
Damit führte sie Klaus Heinrich zu einer Anordnung von Korbstühlen,
die, mit gestickten Leinwandkissen ausgestattet, vor einer Palmengruppe
standen. Sie sprach lebhaft und kräftigen Tons, den kleinen Kopf mit dem
spärlichen aschblonden Scheitel zur Seite geneigt und lächelnd ihre weißen
Zähne zeigend. Ihre Gestalt war entschieden vornehm in dem eng
anschließenden braunen Kleid, das sie trug, und wie sie mit munterem
Händereiben Klaus Heinrich zu den Stühlen geleitete, hatte sie die frischen
und eleganten Bewegungen der Offiziersfrau. Nur in ihren Augen, deren
Lider sie blinzelnd zusammenzog, war etwas wie Tücke und Mißtrauen,
etwas Unverständliches. Sie nahmen Platz, einander gegenüber an dem
runden Gartentischchen, auf dem ein paar Bücher lagen. Perceval, erschöpft
von dem Anfall, den er erlitten, nahm auf dem schmalen, blaßfarbigen und
perlmutterartig schimmernden Teppich, darauf die Möbel standen, eine
schneckenförmige Ruhestellung ein. Sein schwarzseidiges Fell war weiß an
Pfoten, Brust und Schnauze. Er hatte eine weiße Halskrause, goldene Augen
und einen Scheitel den ganzen Rücken entlang. Klaus Heinrich begann ein
Gespräch um des Gespräches willen, eine förmliche Unterhaltung mit
Scheingegenstand, wie er es nicht anders kannte.
»Ich wünschte wohl, Gräfin, daß ich nicht gar zu ungelegen käme. Ich
bin glücklich, mich wenigstens nicht als ganz unberechtigter Eindringling
zu fühlen. Ich weiß nicht, ob Fräulein Spoelmann Ihnen erzählt hat … Sie
hatte die Güte, mich zu einem Besuch zu ermutigen. Es handelte sich um
die schönen Gläser, die Herr Spoelmann so freigebig war, für den gestrigen
Basar zu stiften. Fräulein Spoelmann meinte, daß ihr Vater nichts dagegen
haben werde, mir seine Sammlung einmal zu zeigen. Da bin ich nun …«
der durchleuchteten Wasserfläche. Ein steinerner Wandelgang mit Pfeilern
und Nischen nahm den Hintergrund ein. Es war die Gräfin Löwenjoul, die
dem Eintretenden entgegenkam und sich lächelnd verneigte.
»Königliche Hoheit wollen verzeihen«, sagte sie. »Unser Percy ist so
heftig. Und dann ist er jetzt so wenig an Besuch gewöhnt. Aber er tut
niemandem Böses. Darf ich Königliche Hoheit bitten … Fräulein
Spoelmann wird sogleich zurückkehren. Sie war eben noch hier. Sie wurde
abgerufen. Ihr Vater schickte nach ihr. Mister Spoelmann wird hocherfreut
sein …«
Damit führte sie Klaus Heinrich zu einer Anordnung von Korbstühlen,
die, mit gestickten Leinwandkissen ausgestattet, vor einer Palmengruppe
standen. Sie sprach lebhaft und kräftigen Tons, den kleinen Kopf mit dem
spärlichen aschblonden Scheitel zur Seite geneigt und lächelnd ihre weißen
Zähne zeigend. Ihre Gestalt war entschieden vornehm in dem eng
anschließenden braunen Kleid, das sie trug, und wie sie mit munterem
Händereiben Klaus Heinrich zu den Stühlen geleitete, hatte sie die frischen
und eleganten Bewegungen der Offiziersfrau. Nur in ihren Augen, deren
Lider sie blinzelnd zusammenzog, war etwas wie Tücke und Mißtrauen,
etwas Unverständliches. Sie nahmen Platz, einander gegenüber an dem
runden Gartentischchen, auf dem ein paar Bücher lagen. Perceval, erschöpft
von dem Anfall, den er erlitten, nahm auf dem schmalen, blaßfarbigen und
perlmutterartig schimmernden Teppich, darauf die Möbel standen, eine
schneckenförmige Ruhestellung ein. Sein schwarzseidiges Fell war weiß an
Pfoten, Brust und Schnauze. Er hatte eine weiße Halskrause, goldene Augen
und einen Scheitel den ganzen Rücken entlang. Klaus Heinrich begann ein
Gespräch um des Gespräches willen, eine förmliche Unterhaltung mit
Scheingegenstand, wie er es nicht anders kannte.
»Ich wünschte wohl, Gräfin, daß ich nicht gar zu ungelegen käme. Ich
bin glücklich, mich wenigstens nicht als ganz unberechtigter Eindringling
zu fühlen. Ich weiß nicht, ob Fräulein Spoelmann Ihnen erzählt hat … Sie
hatte die Güte, mich zu einem Besuch zu ermutigen. Es handelte sich um
die schönen Gläser, die Herr Spoelmann so freigebig war, für den gestrigen
Basar zu stiften. Fräulein Spoelmann meinte, daß ihr Vater nichts dagegen
haben werde, mir seine Sammlung einmal zu zeigen. Da bin ich nun …«
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Die Gräfin ließ es dahingestellt, ob Imma ihr von der Verabredung erzählt
habe. Sie sagte: »Dies ist die Teestunde des Hauses, Königliche Hoheit. Wie
könnten Königliche Hoheit ungelegen kommen? Selbst wenn, was ich nicht
hoffen will, Mister Spoelmann durch sein Befinden verhindert wäre, zu
erscheinen …«
»Oh, er ist leidend?« Eigentlich wünschte Klaus Heinrich ein wenig, daß
Herr Spoelmann verhindert sein möge. Er sah der Bekanntschaft mit
unbestimmter Besorgnis entgegen.
»Er war heute leidend, Königliche Hoheit. Er hatte leider Fieber,
Schüttelfrost und sogar eine kleine Ohnmachtsanwandlung. Vormittags war
Doktor Watercloose lange bei ihm. Er hat eine Morphiumeinspritzung
vorgenommen. Es handelt sich darum, ob nicht doch einmal eine Operation
nötig werden wird.«
»Das tut mir leid«, sagte Klaus Heinrich aufrichtig. »Eine Operation. Das
ist schrecklich.« Und hierauf antwortete die Gräfin mit abirrenden Augen:
»O ja. Aber es gibt Schrecklicheres im Leben – viele Dinge, die viel
schrecklicher sind als dies.«
»Zweifellos«, sagte Klaus Heinrich. »Ich glaube es wohl.« Er fühlte seine
Einbildungskraft auf allgemeine und ungewisse Art angeregt durch die
Andeutung der Gräfin.
Sie sah ihn an, mit seitwärts geneigtem Kopfe, und ein Ausdruck von
Geringschätzung war in ihrem Gesicht. Dann entwichen ihre ein wenig
verschwollenen grauen Augen zur Seite, man wußte nicht, wohin, mit
jenem geheimnisvollen Lächeln, das Klaus Heinrich schon kannte, und das
etwas seltsam Lockendes hatte.
Er empfand die Notwendigkeit, das Gespräch wieder aufzunehmen.
»Leben Sie schon lange im Hause Spoelmann, Gräfin?« fragte er.
»Ziemlich lange«, antwortete sie, und man sah ihr an, daß sie zu rechnen
versuchte. »Ziemlich. Ich habe so vieles durchlebt, so viele Erfahrungen
gemacht, daß ich es auf den Tag genau natürlich nicht sagen kann. Aber
habe. Sie sagte: »Dies ist die Teestunde des Hauses, Königliche Hoheit. Wie
könnten Königliche Hoheit ungelegen kommen? Selbst wenn, was ich nicht
hoffen will, Mister Spoelmann durch sein Befinden verhindert wäre, zu
erscheinen …«
»Oh, er ist leidend?« Eigentlich wünschte Klaus Heinrich ein wenig, daß
Herr Spoelmann verhindert sein möge. Er sah der Bekanntschaft mit
unbestimmter Besorgnis entgegen.
»Er war heute leidend, Königliche Hoheit. Er hatte leider Fieber,
Schüttelfrost und sogar eine kleine Ohnmachtsanwandlung. Vormittags war
Doktor Watercloose lange bei ihm. Er hat eine Morphiumeinspritzung
vorgenommen. Es handelt sich darum, ob nicht doch einmal eine Operation
nötig werden wird.«
»Das tut mir leid«, sagte Klaus Heinrich aufrichtig. »Eine Operation. Das
ist schrecklich.« Und hierauf antwortete die Gräfin mit abirrenden Augen:
»O ja. Aber es gibt Schrecklicheres im Leben – viele Dinge, die viel
schrecklicher sind als dies.«
»Zweifellos«, sagte Klaus Heinrich. »Ich glaube es wohl.« Er fühlte seine
Einbildungskraft auf allgemeine und ungewisse Art angeregt durch die
Andeutung der Gräfin.
Sie sah ihn an, mit seitwärts geneigtem Kopfe, und ein Ausdruck von
Geringschätzung war in ihrem Gesicht. Dann entwichen ihre ein wenig
verschwollenen grauen Augen zur Seite, man wußte nicht, wohin, mit
jenem geheimnisvollen Lächeln, das Klaus Heinrich schon kannte, und das
etwas seltsam Lockendes hatte.
Er empfand die Notwendigkeit, das Gespräch wieder aufzunehmen.
»Leben Sie schon lange im Hause Spoelmann, Gräfin?« fragte er.
»Ziemlich lange«, antwortete sie, und man sah ihr an, daß sie zu rechnen
versuchte. »Ziemlich. Ich habe so vieles durchlebt, so viele Erfahrungen
gemacht, daß ich es auf den Tag genau natürlich nicht sagen kann. Aber
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kurz nach der Wohltat war es – bald nachdem mir die Wohltat zuteil
geworden.«
»Die Wohltat?« fragte Klaus Heinrich.
»Allerdings«, sagte sie mit Bestimmtheit und sogar ein wenig gereizt.
»Denn die Wohltat geschah ja an mir, als es der Erfahrungen zu viele
geworden waren und der Bogen hätte springen müssen, um mich dieses
Vergleiches zu bedienen. Sie sind so jung,« fuhr sie fort, indem sie
nachlässigerweise vergaß, ihn mit seinem Titel anzureden, »so unwissend in
betreff des Elends und der Verworfenheit der Welt, daß Sie sich keinen
Begriff davon machen können, was ich habe erdulden müssen. In Amerika
hatte ich einen Prozeß, zu dem viele Generale erscheinen mußten. Dinge
kamen an den Tag, denen mein Humor nicht gewachsen war. Sämtliche
Kasernen habe ich putzen müssen, ohne daß es mir gelungen wäre, alle
liederlichen Weiber hinauszubefördern. Sie versteckten sich in den
Schränken, einige auch unter der Diele, und so kommt es, daß sie
fortfahren, mich nachts über Gebühr zu martern. Ich würde mich ungesäumt
auf meine Schlösser in Burgund zurückziehen, wenn es nicht von oben
hineinregnete. Das wußten Spoelmanns, und darum war es so sehr
entgegenkommend von ihnen, mich vorläufig bei sich aufzunehmen, wobei
es meine einzige Aufgabe ist, die vollkommen unwissende Imma vor der
Welt zu warnen. Nur leidet selbstverständlich meine Gesundheit darunter,
daß die Weiber sich nachts auf meine Brust setzen und mich zwingen, ihren
unanständigen Fratzen zuzusehen. Und dies ist der Grund, weshalb ich
bitte, mich einfach Frau Meier zu nennen«, sagte sie flüsternd, indem sie
sich vorbeugte und mit ihrer Hand Klaus Heinrichs Arm berührte. »Die
Wände haben Ohren, und es ist unbedingt erforderlich, daß ich mein
notgedrungen angenommenes Inkognito wahre, um mich vor den
Nachstellungen der lasterhaften Geschöpfe zu schützen. Nicht wahr, Sie
gehen auf meine Bitte ein? Nehmen Sie es doch als Scherz … als eine
Spielerei, die niemandem weh tut … Warum nicht …«
Sie verstummte.
Klaus Heinrich saß aufrecht und ohne irgendwelche Lässigkeit auf
seinem Korbstuhl ihr gegenüber und sah sie an. Er hatte, bevor er seine
geradlinigen Stuben verließ, unter Beihilfe seines Kammerdieners
geworden.«
»Die Wohltat?« fragte Klaus Heinrich.
»Allerdings«, sagte sie mit Bestimmtheit und sogar ein wenig gereizt.
»Denn die Wohltat geschah ja an mir, als es der Erfahrungen zu viele
geworden waren und der Bogen hätte springen müssen, um mich dieses
Vergleiches zu bedienen. Sie sind so jung,« fuhr sie fort, indem sie
nachlässigerweise vergaß, ihn mit seinem Titel anzureden, »so unwissend in
betreff des Elends und der Verworfenheit der Welt, daß Sie sich keinen
Begriff davon machen können, was ich habe erdulden müssen. In Amerika
hatte ich einen Prozeß, zu dem viele Generale erscheinen mußten. Dinge
kamen an den Tag, denen mein Humor nicht gewachsen war. Sämtliche
Kasernen habe ich putzen müssen, ohne daß es mir gelungen wäre, alle
liederlichen Weiber hinauszubefördern. Sie versteckten sich in den
Schränken, einige auch unter der Diele, und so kommt es, daß sie
fortfahren, mich nachts über Gebühr zu martern. Ich würde mich ungesäumt
auf meine Schlösser in Burgund zurückziehen, wenn es nicht von oben
hineinregnete. Das wußten Spoelmanns, und darum war es so sehr
entgegenkommend von ihnen, mich vorläufig bei sich aufzunehmen, wobei
es meine einzige Aufgabe ist, die vollkommen unwissende Imma vor der
Welt zu warnen. Nur leidet selbstverständlich meine Gesundheit darunter,
daß die Weiber sich nachts auf meine Brust setzen und mich zwingen, ihren
unanständigen Fratzen zuzusehen. Und dies ist der Grund, weshalb ich
bitte, mich einfach Frau Meier zu nennen«, sagte sie flüsternd, indem sie
sich vorbeugte und mit ihrer Hand Klaus Heinrichs Arm berührte. »Die
Wände haben Ohren, und es ist unbedingt erforderlich, daß ich mein
notgedrungen angenommenes Inkognito wahre, um mich vor den
Nachstellungen der lasterhaften Geschöpfe zu schützen. Nicht wahr, Sie
gehen auf meine Bitte ein? Nehmen Sie es doch als Scherz … als eine
Spielerei, die niemandem weh tut … Warum nicht …«
Sie verstummte.
Klaus Heinrich saß aufrecht und ohne irgendwelche Lässigkeit auf
seinem Korbstuhl ihr gegenüber und sah sie an. Er hatte, bevor er seine
geradlinigen Stuben verließ, unter Beihilfe seines Kammerdieners
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Neumann mit all der Sorgfalt Toilette gemacht, die sein den Blicken
ausgesetztes Dasein erheischte. Sein Scheitel lief, über dem linken Auge
ansetzend, schräg über den Kopf hin genau durch den Wirbel, so daß dort
oben weder Strähne noch Härchen sich erheben konnten, und rechts war
sein Haar in einem festen Hügel aus der Stirn zurückgebürstet. In seinem
Interimsuniformrock, dessen hoher Kragen und fester Sitz eine beherrschte
Haltung begünstigte, saß er, den silbern geflochtenen Achselschmuck eines
Majors auf seinen schmalen Schultern, leicht angelehnt, doch ohne sich
bequeme Abspannung zu erlauben, geordnet, gesammelt, den einen Fuß ein
wenig vor dem anderen, und bedeckte seine linke Hand auf dem Säbelgriff
mit der rechten. Sein junges Gesicht war ein wenig müde von der
Unsachlichkeit, der Einsamkeit, Strenge und Schwierigkeit seines Lebens;
allein mit einem freundlichen, klaren und unbedingt gefaßten Ausdruck
blickte er in das der Gräfin.
Sie verstummte. Ernüchterung und Gram ergriffen von ihren Zügen
Besitz, und während es war, als ob in ihren übernächtigen grauen Augen
etwas wie Haß gegen Klaus Heinrich aufzuckte, verfärbte sie sich auf eine
ganz besondere und selten beobachtete Weise, indem nämlich die eine
Hälfte ihres Gesichtes rot, die andere blaß wurde. Mit gesenkten Lidern
antwortete sie: »Ich bin seit drei Jahren im Hause Spoelmann, Königliche
Hoheit.«
Perceval schnellte empor. In einem tänzelnden, federnden, wedelnden
Trabe begab er sich seiner Herrin entgegen – denn Imma Spoelmann war
eingetreten –, richtete sich würdevoll auf und setzte ihr grüßend die
Vorderpfoten auf die Brust. Sein Rachen war weit geöffnet, und zwischen
seinen prachtvollen weißen Zähnen hing blutrot die Zunge hervor. Er glich
einem Wappentier, wie er so aufrecht vor ihr stand.
Sie war wunderbar gekleidet: in ein Hausgewand aus ziegelfarbener
Rohseide und mit offen herniederhängenden Ärmeln, dessen ganzes
Bruststück aus einer schweren Goldstickerei bestand. An einer Perlenkette
lag ein großer, eiförmiger Edelstein auf ihrem bloßen Halse, dessen Haut
die Farbe angerauchten Meerschaums hatte. Ihr blauschwarzes, seitwärts
gescheiteltes und schlicht geknotetes Haar zeigte eine Neigung, ihr in
glatten Strähnen in Stirn und Schläfen zu fallen. Während sie Percevals
Greifenkopf mit ihren beiden schmucklosen schmalen und schönen
ausgesetztes Dasein erheischte. Sein Scheitel lief, über dem linken Auge
ansetzend, schräg über den Kopf hin genau durch den Wirbel, so daß dort
oben weder Strähne noch Härchen sich erheben konnten, und rechts war
sein Haar in einem festen Hügel aus der Stirn zurückgebürstet. In seinem
Interimsuniformrock, dessen hoher Kragen und fester Sitz eine beherrschte
Haltung begünstigte, saß er, den silbern geflochtenen Achselschmuck eines
Majors auf seinen schmalen Schultern, leicht angelehnt, doch ohne sich
bequeme Abspannung zu erlauben, geordnet, gesammelt, den einen Fuß ein
wenig vor dem anderen, und bedeckte seine linke Hand auf dem Säbelgriff
mit der rechten. Sein junges Gesicht war ein wenig müde von der
Unsachlichkeit, der Einsamkeit, Strenge und Schwierigkeit seines Lebens;
allein mit einem freundlichen, klaren und unbedingt gefaßten Ausdruck
blickte er in das der Gräfin.
Sie verstummte. Ernüchterung und Gram ergriffen von ihren Zügen
Besitz, und während es war, als ob in ihren übernächtigen grauen Augen
etwas wie Haß gegen Klaus Heinrich aufzuckte, verfärbte sie sich auf eine
ganz besondere und selten beobachtete Weise, indem nämlich die eine
Hälfte ihres Gesichtes rot, die andere blaß wurde. Mit gesenkten Lidern
antwortete sie: »Ich bin seit drei Jahren im Hause Spoelmann, Königliche
Hoheit.«
Perceval schnellte empor. In einem tänzelnden, federnden, wedelnden
Trabe begab er sich seiner Herrin entgegen – denn Imma Spoelmann war
eingetreten –, richtete sich würdevoll auf und setzte ihr grüßend die
Vorderpfoten auf die Brust. Sein Rachen war weit geöffnet, und zwischen
seinen prachtvollen weißen Zähnen hing blutrot die Zunge hervor. Er glich
einem Wappentier, wie er so aufrecht vor ihr stand.
Sie war wunderbar gekleidet: in ein Hausgewand aus ziegelfarbener
Rohseide und mit offen herniederhängenden Ärmeln, dessen ganzes
Bruststück aus einer schweren Goldstickerei bestand. An einer Perlenkette
lag ein großer, eiförmiger Edelstein auf ihrem bloßen Halse, dessen Haut
die Farbe angerauchten Meerschaums hatte. Ihr blauschwarzes, seitwärts
gescheiteltes und schlicht geknotetes Haar zeigte eine Neigung, ihr in
glatten Strähnen in Stirn und Schläfen zu fallen. Während sie Percevals
Greifenkopf mit ihren beiden schmucklosen schmalen und schönen
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Kinderhänden umfaßt hielt, sagte sie in sein Gesicht hinein: »So … so …
guten Tag, mein Freund. Welch ein Wiedersehen. Wir waren von Sehnsucht
erfüllt, wir beiden, wir haben die Qualen der Trennung ausgekostet. Guten
Tag. Du magst nun immerhin dein Lager wieder aufsuchen.« Und indem sie
seine Füße von der Goldstickerei auf ihrer Brust löste und zur Seite trat,
machte sie, daß er sich auf seine vier Beine niederließ.
»O Prinz«, sagte sie. »Willkommen in Delphinenort. Sie verabscheuen
den Wortbruch, wie ich sehe. Ich setze mich zu Ihnen. Wir werden
benachrichtigt, wenn wir Tee trinken können … Es ist zweifellos gegen alle
Vorschrift, daß ich habe warten lassen. Aber mein Vater schickte nach mir –
und dann hatten Sie ja Unterhaltung solange …« Ihre glänzenden Augen
gingen ein wenig zweifelnd zwischen Klaus Heinrich und der Gräfin hin
und her.
»Doch,« sagte er, »die hatte ich.« Und dann stellte er eine Frage nach
Mister Spoelmanns Befinden, die leidlich zufriedenstellend beantwortet
wurde. Herr Spoelmann werde beim Tee das Vergnügen haben, Klaus
Heinrichs Bekanntschaft zu machen, er lasse sich entschuldigen bis dahin
… Was das für ein hübsches Paar Pferde sei, das Klaus Heinrich vor seinem
Coupé habe? Und nun sprachen sie von ihren Pferden, von Klaus Heinrichs
gutmütigem Braunen Florian aus dem Hollerbrunner Hofgestüt, von
Fräulein Spoelmanns arabischer Milchschimmelstute namens Fatme, die
Herr Spoelmann von einem Fürsten aus dem Morgenlande zum Geschenk
erhalten hatte, von ihren geschwinden ungarischen Füchsen, die sie als
Four-in-hand-Gespann benutzte … »Kennen Sie die Umgegend?« fragte
Klaus Heinrich. »Waren Sie beim Hofjäger? Im Fasaneriegarten? Es gibt
hübsche Ausflüge.« Nein, Fräulein Spoelmann war hervorragend
ungeschickt im Auffinden von neuen Wegen, und die Gräfin – nun, sie war
ihrer ganzen Natur nach nicht unternehmungslustig. So ritten sie immer
dieselben Wege im Stadtgarten. Das sei vielleicht langweilig, aber Fräulein
Spoelmann sei im ganzen nicht mit Abwechslung und Abenteuern
verwöhnt. Da sagte er denn, daß sie einmal zusammen reiten müßten, bei
schönem Wetter, zum Hofjäger oder nach Schloß Fasanerie, worauf sie mit
vorgeschobenen Lippen antwortete, daß man dergleichen ja immerhin in
vorläufige Aussicht nehmen könne. Dann kam der Haushofmeister und
meldete ernst, daß der Teetisch bereit sei.
guten Tag, mein Freund. Welch ein Wiedersehen. Wir waren von Sehnsucht
erfüllt, wir beiden, wir haben die Qualen der Trennung ausgekostet. Guten
Tag. Du magst nun immerhin dein Lager wieder aufsuchen.« Und indem sie
seine Füße von der Goldstickerei auf ihrer Brust löste und zur Seite trat,
machte sie, daß er sich auf seine vier Beine niederließ.
»O Prinz«, sagte sie. »Willkommen in Delphinenort. Sie verabscheuen
den Wortbruch, wie ich sehe. Ich setze mich zu Ihnen. Wir werden
benachrichtigt, wenn wir Tee trinken können … Es ist zweifellos gegen alle
Vorschrift, daß ich habe warten lassen. Aber mein Vater schickte nach mir –
und dann hatten Sie ja Unterhaltung solange …« Ihre glänzenden Augen
gingen ein wenig zweifelnd zwischen Klaus Heinrich und der Gräfin hin
und her.
»Doch,« sagte er, »die hatte ich.« Und dann stellte er eine Frage nach
Mister Spoelmanns Befinden, die leidlich zufriedenstellend beantwortet
wurde. Herr Spoelmann werde beim Tee das Vergnügen haben, Klaus
Heinrichs Bekanntschaft zu machen, er lasse sich entschuldigen bis dahin
… Was das für ein hübsches Paar Pferde sei, das Klaus Heinrich vor seinem
Coupé habe? Und nun sprachen sie von ihren Pferden, von Klaus Heinrichs
gutmütigem Braunen Florian aus dem Hollerbrunner Hofgestüt, von
Fräulein Spoelmanns arabischer Milchschimmelstute namens Fatme, die
Herr Spoelmann von einem Fürsten aus dem Morgenlande zum Geschenk
erhalten hatte, von ihren geschwinden ungarischen Füchsen, die sie als
Four-in-hand-Gespann benutzte … »Kennen Sie die Umgegend?« fragte
Klaus Heinrich. »Waren Sie beim Hofjäger? Im Fasaneriegarten? Es gibt
hübsche Ausflüge.« Nein, Fräulein Spoelmann war hervorragend
ungeschickt im Auffinden von neuen Wegen, und die Gräfin – nun, sie war
ihrer ganzen Natur nach nicht unternehmungslustig. So ritten sie immer
dieselben Wege im Stadtgarten. Das sei vielleicht langweilig, aber Fräulein
Spoelmann sei im ganzen nicht mit Abwechslung und Abenteuern
verwöhnt. Da sagte er denn, daß sie einmal zusammen reiten müßten, bei
schönem Wetter, zum Hofjäger oder nach Schloß Fasanerie, worauf sie mit
vorgeschobenen Lippen antwortete, daß man dergleichen ja immerhin in
vorläufige Aussicht nehmen könne. Dann kam der Haushofmeister und
meldete ernst, daß der Teetisch bereit sei.
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Sie gingen durch die Teppichhalle mit dem Marmorkamin, geführt von
dem pomphaft schreitenden Butler, begleitet von dem tänzelnden Percy,
gefolgt von der Gräfin Löwenjoul.
»Hat die Gräfin vorhin ein bißchen geschwatzt?« fragte Imma im Gehen,
ohne ihre Stimme sonderlich in acht zu nehmen.
Klaus Heinrich erschrak und blickte zu Boden. »Aber sie kann uns ja
hören!« sagte er leise.
»Nein, sie hört uns nicht«, antwortete Imma. »Ich verstehe mich auf ihr
Gesicht. Wenn sie den Kopf so schräg hält und mit den Augen blinzelt, so
ist sie abwesend und tief in ihren Gedanken. Sie hat wohl ein bißchen
geschwatzt vorhin?«
»Vorübergehend«, sagte Klaus Heinrich. »Ich hatte den Eindruck, daß die
Frau Gräfin sich zeitweise gehen ließ.«
»Es ist ihr viel Schlimmes widerfahren.« Und Imma sah ihn an, so groß
und dunkel forschend, wie sie es im Dorotheen-Spital auf Schritt und Tritt
getan hatte. »Ich erzähle es ein andermal. Es ist eine Geschichte.«
»Ja«, sagte er. »Ein andermal. Das nächste Mal. Vielleicht unterwegs.«
»Unterwegs?«
»Ja, unterwegs zum Hofjäger oder zur Fasanerie.«
»Oh, ich vergaß Ihre Gewissenhaftigkeit, Prinz, was Verabredungen
betrifft. Gut, also unterwegs. Hier geht es hinunter.«
Sie befanden sich an der Rückseite des Schlosses. Von einer mit großen
Gemälden behangenen Galerie, die sie durchquerten, leiteten teppichbelegte
Stufen in den weißgoldenen Gartensalon hinab, hinter dessen hoher Glastür
die Terrasse lag. Alles, der große Kristallüster, der von der Mitte der hohen,
weiß verschnörkelten Decke herabhing; die ebenmäßig aufgestellten
Armstühle mit goldenen Rahmen und Wirkbildbezügen; die schwer
herabfallenden, weißseidenen Vorhänge; die feierliche Stutzuhr und die
Vasen und goldenen Leuchter auf der weißmarmornen Kaminplatte vor dem
hohen Wandspiegel; die mächtigen löwenfüßigen, vergoldeten Kandelaber,
die zu beiden Seiten der Eingangsstufen emporragten: alles erinnerte Klaus
dem pomphaft schreitenden Butler, begleitet von dem tänzelnden Percy,
gefolgt von der Gräfin Löwenjoul.
»Hat die Gräfin vorhin ein bißchen geschwatzt?« fragte Imma im Gehen,
ohne ihre Stimme sonderlich in acht zu nehmen.
Klaus Heinrich erschrak und blickte zu Boden. »Aber sie kann uns ja
hören!« sagte er leise.
»Nein, sie hört uns nicht«, antwortete Imma. »Ich verstehe mich auf ihr
Gesicht. Wenn sie den Kopf so schräg hält und mit den Augen blinzelt, so
ist sie abwesend und tief in ihren Gedanken. Sie hat wohl ein bißchen
geschwatzt vorhin?«
»Vorübergehend«, sagte Klaus Heinrich. »Ich hatte den Eindruck, daß die
Frau Gräfin sich zeitweise gehen ließ.«
»Es ist ihr viel Schlimmes widerfahren.« Und Imma sah ihn an, so groß
und dunkel forschend, wie sie es im Dorotheen-Spital auf Schritt und Tritt
getan hatte. »Ich erzähle es ein andermal. Es ist eine Geschichte.«
»Ja«, sagte er. »Ein andermal. Das nächste Mal. Vielleicht unterwegs.«
»Unterwegs?«
»Ja, unterwegs zum Hofjäger oder zur Fasanerie.«
»Oh, ich vergaß Ihre Gewissenhaftigkeit, Prinz, was Verabredungen
betrifft. Gut, also unterwegs. Hier geht es hinunter.«
Sie befanden sich an der Rückseite des Schlosses. Von einer mit großen
Gemälden behangenen Galerie, die sie durchquerten, leiteten teppichbelegte
Stufen in den weißgoldenen Gartensalon hinab, hinter dessen hoher Glastür
die Terrasse lag. Alles, der große Kristallüster, der von der Mitte der hohen,
weiß verschnörkelten Decke herabhing; die ebenmäßig aufgestellten
Armstühle mit goldenen Rahmen und Wirkbildbezügen; die schwer
herabfallenden, weißseidenen Vorhänge; die feierliche Stutzuhr und die
Vasen und goldenen Leuchter auf der weißmarmornen Kaminplatte vor dem
hohen Wandspiegel; die mächtigen löwenfüßigen, vergoldeten Kandelaber,
die zu beiden Seiten der Eingangsstufen emporragten: alles erinnerte Klaus
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Heinrich an das Alte Schloß, an die Repräsentationsräume, in denen er von
Kind auf Dienst zu tun gewohnt war – nur daß die Kerzen hier
Scheinkerzen waren, mit goldig strahlenden Glühlampen an Stelle des
Dochtes, und daß alles neu war und glänzend instand bei Spoelmanns auf
Schloß Delphinenort. Ein schwanverbrämter Bedienter legte in einem
Winkel des Zimmers die letzte Hand an den Teetisch; Klaus Heinrich
betrachtete den elektrisch geheizten Kessel, von dem er im »Eilboten«
gelesen hatte.
»Hat man Herrn Spoelmann benachrichtigt?« fragte die Tochter des
Hauses … Der Butler verneigte sich. »Dann soll nichts uns hindern,« sagte
sie in ihrer raschen und spöttisch redegewandten Art, »unsere Plätze
einzunehmen und ohne ihn zu beginnen. Kommen Sie, Gräfin! Ich würde
Ihnen empfehlen, Prinz, sich Ihrer Waffen zu entledigen, falls nicht Gründe,
die sich meiner Einsicht entziehen, dagegen sprechen …«
»Danke«, sagte Klaus Heinrich. »Nein, es spricht gar nichts dagegen.«
Und es schmerzte ihn, daß er zu ungeübten Geistes war, um eine behendere
Antwort zu finden.
Der Bediente nahm seinen Säbel in Empfang und trug ihn durch die
Galerie davon. Sie saßen am Teetisch nieder, unter Beistand des Butlers, der
die Lehnen der Stühle hielt, die Stühle unter sie schob. Dann zog er sich auf
die Höhe der Stufen zurück, wo er in schmuckhafter Weise stehenblieb.
»Sie müssen wissen, Prinz,« sagte Fräulein Spoelmann, die das Wasser
aufgoß, »daß mein Vater keinen Tee trinkt, den ich nicht selbst bereitet
habe. Er mißtraut jedem Tee, der fertig in Tassen herumgereicht wird. Das
ist bei uns verpönt. Sie müssen sich dem anbequemen.«
»Oh, es ist schöner so,« sagte Klaus Heinrich, »viel behaglicher und
ungezwungener so am Familientisch …« Er brach ab und bedachte, warum
bei diesen Worten ein gehässiger Seitenblick aus den Augen der Gräfin
Löwenjoul ihn getroffen hatte. »Und Ihr Studium,« fragte er, »gnädiges
Fräulein? Darf ich mich erkundigen? Mathematik, wie ich weiß. Es strengt
Sie nicht an? Ist es nicht furchtbar hart für den Kopf?«
»Gar nicht«, sagte sie. »Ich weiß nichts Hübscheres. Man spielt in den
Lüften, sozusagen, oder schon außerhalb der Luft, in staubfreier Gegend
Kind auf Dienst zu tun gewohnt war – nur daß die Kerzen hier
Scheinkerzen waren, mit goldig strahlenden Glühlampen an Stelle des
Dochtes, und daß alles neu war und glänzend instand bei Spoelmanns auf
Schloß Delphinenort. Ein schwanverbrämter Bedienter legte in einem
Winkel des Zimmers die letzte Hand an den Teetisch; Klaus Heinrich
betrachtete den elektrisch geheizten Kessel, von dem er im »Eilboten«
gelesen hatte.
»Hat man Herrn Spoelmann benachrichtigt?« fragte die Tochter des
Hauses … Der Butler verneigte sich. »Dann soll nichts uns hindern,« sagte
sie in ihrer raschen und spöttisch redegewandten Art, »unsere Plätze
einzunehmen und ohne ihn zu beginnen. Kommen Sie, Gräfin! Ich würde
Ihnen empfehlen, Prinz, sich Ihrer Waffen zu entledigen, falls nicht Gründe,
die sich meiner Einsicht entziehen, dagegen sprechen …«
»Danke«, sagte Klaus Heinrich. »Nein, es spricht gar nichts dagegen.«
Und es schmerzte ihn, daß er zu ungeübten Geistes war, um eine behendere
Antwort zu finden.
Der Bediente nahm seinen Säbel in Empfang und trug ihn durch die
Galerie davon. Sie saßen am Teetisch nieder, unter Beistand des Butlers, der
die Lehnen der Stühle hielt, die Stühle unter sie schob. Dann zog er sich auf
die Höhe der Stufen zurück, wo er in schmuckhafter Weise stehenblieb.
»Sie müssen wissen, Prinz,« sagte Fräulein Spoelmann, die das Wasser
aufgoß, »daß mein Vater keinen Tee trinkt, den ich nicht selbst bereitet
habe. Er mißtraut jedem Tee, der fertig in Tassen herumgereicht wird. Das
ist bei uns verpönt. Sie müssen sich dem anbequemen.«
»Oh, es ist schöner so,« sagte Klaus Heinrich, »viel behaglicher und
ungezwungener so am Familientisch …« Er brach ab und bedachte, warum
bei diesen Worten ein gehässiger Seitenblick aus den Augen der Gräfin
Löwenjoul ihn getroffen hatte. »Und Ihr Studium,« fragte er, »gnädiges
Fräulein? Darf ich mich erkundigen? Mathematik, wie ich weiß. Es strengt
Sie nicht an? Ist es nicht furchtbar hart für den Kopf?«
»Gar nicht«, sagte sie. »Ich weiß nichts Hübscheres. Man spielt in den
Lüften, sozusagen, oder schon außerhalb der Luft, in staubfreier Gegend
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jedenfalls. Man hat es so kühl wie in den Adirondacks …«
»Wie wo?«
»Den Adirondacks. Das ist Geographie, mein Prinz. Ein Bergwald drüben
mit hübschen Seen. Wir haben ein Landhaus dort, für den Mai. Im Sommer
waren wir immer am Meer.«
»Auf jeden Fall«, sagte er, »kann ich für Ihren Eifer in den Studien
Zeugnis ablegen. Sie lassen sich nicht gern hindern, pünktlich in die
Vorlesung zu kommen. Ich habe noch nie gefragt, ob Sie eigentlich neulich
zur Zeit gekommen sind.«
»Neulich?«
»Ja, vor einigen Wochen. Nach dem Hindernis an der Hauptwache.«
»Großer Gott, Prinz, nun fangen auch Sie davon an. Diese Geschichte
scheint im Palast wie in der Hütte verbreitet zu sein. Hätte ich gewußt,
welch Aufhebens man davon machen würde, so wäre ich lieber dreimal um
den Schloßplatz gegangen. Sogar in der Zeitung hat es gestanden, wie man
mir sagt. Und nun hält natürlich die ganze Stadt mich für einen Teufel an
Wildheit und Jähzorn. Aber ich bin das friedfertigste Geschöpf von der Welt
und lasse mich nur nicht gern kommandieren. Bin ich ein Teufel, Gräfin?
Ich verlange bündige Antwort.«
»Nein, Sie sind gut«, sagte die Gräfin Löwenjoul.
»Nun – gut, das ist wiederum zuviel gesagt, das geht zu weit nach der
anderen Seite, Gräfin …«
»Nein,« sagte Klaus Heinrich, »nein, nicht zu weit. Ich glaube der Gräfin
ganz fest …«
»Viel Ehre. Wie ist die Kunde von dem Abenteuer denn eigentlich zu
Eurer Hoheit gedrungen? Durch die Zeitung?«
»Ich war Augenzeuge«, sagte Klaus Heinrich.
»Augenzeuge?«
»Wie wo?«
»Den Adirondacks. Das ist Geographie, mein Prinz. Ein Bergwald drüben
mit hübschen Seen. Wir haben ein Landhaus dort, für den Mai. Im Sommer
waren wir immer am Meer.«
»Auf jeden Fall«, sagte er, »kann ich für Ihren Eifer in den Studien
Zeugnis ablegen. Sie lassen sich nicht gern hindern, pünktlich in die
Vorlesung zu kommen. Ich habe noch nie gefragt, ob Sie eigentlich neulich
zur Zeit gekommen sind.«
»Neulich?«
»Ja, vor einigen Wochen. Nach dem Hindernis an der Hauptwache.«
»Großer Gott, Prinz, nun fangen auch Sie davon an. Diese Geschichte
scheint im Palast wie in der Hütte verbreitet zu sein. Hätte ich gewußt,
welch Aufhebens man davon machen würde, so wäre ich lieber dreimal um
den Schloßplatz gegangen. Sogar in der Zeitung hat es gestanden, wie man
mir sagt. Und nun hält natürlich die ganze Stadt mich für einen Teufel an
Wildheit und Jähzorn. Aber ich bin das friedfertigste Geschöpf von der Welt
und lasse mich nur nicht gern kommandieren. Bin ich ein Teufel, Gräfin?
Ich verlange bündige Antwort.«
»Nein, Sie sind gut«, sagte die Gräfin Löwenjoul.
»Nun – gut, das ist wiederum zuviel gesagt, das geht zu weit nach der
anderen Seite, Gräfin …«
»Nein,« sagte Klaus Heinrich, »nein, nicht zu weit. Ich glaube der Gräfin
ganz fest …«
»Viel Ehre. Wie ist die Kunde von dem Abenteuer denn eigentlich zu
Eurer Hoheit gedrungen? Durch die Zeitung?«
»Ich war Augenzeuge«, sagte Klaus Heinrich.
»Augenzeuge?«
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»Ja, gnädiges Fräulein. Ich stand zufällig am Fenster der
Offizierswachtstube und habe alles von Anfang bis zu Ende mit
angesehen.«
Fräulein Spoelmann errötete. Es war kein Zweifel, daß die perlblasse
Haut ihres fremdartigen Gesichtchens sich dunkler färbte.
»Nun, Prinz, ich nehme an,« sagte sie, »daß Sie im Augenblick nichts
Besseres zu tun hatten.«
»Besseres?« rief er. »Aber es war ja so schön zu sehen! Ich gebe Ihnen
mein Wort, gnädiges Fräulein, daß ich nie in meinem Leben …«
Perceval, der mit anmutig gekreuzten Vorderpfoten neben Fräulein
Spoelmann lag, erhob das Haupt mit angespannt gesammelter Miene und
schlug mit dem Schweif den Teppich. Im selben Augenblick setzte der
Butler sich in Bewegung. Er lief, so schnell die Schwere seines Leibes es
gestattete, die Stufen hinab zu der hohen Seitentür, die sich dem Teetisch
gegenüber befand, und raffte heftig die weißseidene Portiere, indem er sein
Doppelkinn mit machtvollem Ausdruck in die Lüfte erhob. Samuel
Spoelmann, der Milliardär, trat ein.
Er war zierlich gebaut und von eigenartiger Physiognomie. Aus seinem
glattrasierten Gesicht mit den hitzigen Wangen sprang die Nase
ungewöhnlich wagerecht hervor, und darüber lagen nahe beieinander seine
kleinen Rundaugen, die von metallisch unbestimmtem Blauschwarz waren,
wie bei kleinen Kindern und Tieren, und zerstreut und ärgerlich blickten.
Der obere Teil seines Schädels war kahl, aber am Hinterkopf und an den
Schläfen besaß Herr Spoelmann reichliches graues Haar, das auf eine bei
uns nicht übliche Art gehalten war. Er trug es weder kurz noch lang,
sondern hochaufliegend, voll, nur im Nacken abgeschnitten und um die
Ohren rasiert. Sein Mund war klein und fein geschnitten. Gekleidet in einen
schwarzen Schoßrock mit samtener Weste, auf der eine lange, dünne,
altmodische Uhrkette lag, und weiche Lederschuhe an seinen kurzen
Füßchen, näherte er sich mit mißmutigem und beschäftigtem
Gesichtsausdruck rasch dem Teetisch; aber seine Miene erhellte sich, sie
gewann Weichheit und Freude, sobald er seiner Tochter ansichtig wurde.
Imma war ihm entgegengegangen.
Offizierswachtstube und habe alles von Anfang bis zu Ende mit
angesehen.«
Fräulein Spoelmann errötete. Es war kein Zweifel, daß die perlblasse
Haut ihres fremdartigen Gesichtchens sich dunkler färbte.
»Nun, Prinz, ich nehme an,« sagte sie, »daß Sie im Augenblick nichts
Besseres zu tun hatten.«
»Besseres?« rief er. »Aber es war ja so schön zu sehen! Ich gebe Ihnen
mein Wort, gnädiges Fräulein, daß ich nie in meinem Leben …«
Perceval, der mit anmutig gekreuzten Vorderpfoten neben Fräulein
Spoelmann lag, erhob das Haupt mit angespannt gesammelter Miene und
schlug mit dem Schweif den Teppich. Im selben Augenblick setzte der
Butler sich in Bewegung. Er lief, so schnell die Schwere seines Leibes es
gestattete, die Stufen hinab zu der hohen Seitentür, die sich dem Teetisch
gegenüber befand, und raffte heftig die weißseidene Portiere, indem er sein
Doppelkinn mit machtvollem Ausdruck in die Lüfte erhob. Samuel
Spoelmann, der Milliardär, trat ein.
Er war zierlich gebaut und von eigenartiger Physiognomie. Aus seinem
glattrasierten Gesicht mit den hitzigen Wangen sprang die Nase
ungewöhnlich wagerecht hervor, und darüber lagen nahe beieinander seine
kleinen Rundaugen, die von metallisch unbestimmtem Blauschwarz waren,
wie bei kleinen Kindern und Tieren, und zerstreut und ärgerlich blickten.
Der obere Teil seines Schädels war kahl, aber am Hinterkopf und an den
Schläfen besaß Herr Spoelmann reichliches graues Haar, das auf eine bei
uns nicht übliche Art gehalten war. Er trug es weder kurz noch lang,
sondern hochaufliegend, voll, nur im Nacken abgeschnitten und um die
Ohren rasiert. Sein Mund war klein und fein geschnitten. Gekleidet in einen
schwarzen Schoßrock mit samtener Weste, auf der eine lange, dünne,
altmodische Uhrkette lag, und weiche Lederschuhe an seinen kurzen
Füßchen, näherte er sich mit mißmutigem und beschäftigtem
Gesichtsausdruck rasch dem Teetisch; aber seine Miene erhellte sich, sie
gewann Weichheit und Freude, sobald er seiner Tochter ansichtig wurde.
Imma war ihm entgegengegangen.
Page 206
»Guten Tag, verehrungswürdiges Väterchen«, sagte sie; und ihre
bräunlichen Kinderarme, von denen die offenen ziegelfarbenen Ärmel
niederhingen, um seinen Nacken schlingend, küßte sie ihn auf die Glatze,
die er ihr darbot, indem er den Kopf neigte.
»Dir dürfte nicht unbekannt sein,« fuhr sie fort, »daß Prinz Klaus
Heinrich heute mit uns den Tee nimmt?«
»Nein, freut mich, freut mich«, sagte Herr Spoelmann gleichsam eilig
und mit knarrender Stimme. »Bitte, sich nicht stören zu lassen!« sagte er
ebenso. Und indem er mit dem Prinzen, der in geschlossener Haltung am
Tische stand, einen Händedruck tauschte (Herrn Spoelmanns Hand war
mager und von der ungestärkten weißen Manschette halb bedeckt), nickte er
mehrmals irgendwohin nach der Seite. Dies war seine Art, Klaus Heinrich
zu begrüßen. Er war fremd, krank und ein Sonderling an Reichtum. Er war
entschuldigt und alles Weiteren entbunden – Klaus Heinrich sah es ein und
bemühte sich redlich, seine innere Verstörung zu überwinden. »… Sind ja
zu Hause hier, gewissermaßen«, sagte Herr Spoelmann noch, indem er die
Anrede verschluckte, und vorübergehend erschien ein boshafter Ausdruck
um seine rasierten Lippen. Dann veranlaßte er durch sein Beispiel alle, sich
wieder zu setzen. Es war der Stuhl zwischen Imma und Klaus Heinrich, der
Gräfin und der Verandatür gegenüber, den der Butler unter ihn schob.
Da Herr Spoelmann keine Miene machte, sein Säumen zu entschuldigen,
sagte Klaus Heinrich: »Ich höre mit Bedauern, daß Sie heute zu leiden
hatten, Herr Spoelmann. Ich hoffe, es geht Ihnen besser?«
»Danke, besser, aber nicht gut«, antwortete Herr Spoelmann knarrend.
»Wieviel Löffel hast du genommen?« fragte er seine Tochter. Er meinte
damit, wieviel Tee sie in die Kanne geschüttet habe.
»Vier«, sagte sie. »Für jeden einen. Niemand soll sagen, daß ich mein
greises Väterchen dem Mangel aussetze.«
»Ach was«, antwortete Herr Spoelmann. »Ich bin nicht greis. Man sollte
dir die Zunge stutzen.« Und er nahm aus einer silbernen Büchse eine Art
Zwieback, die eigens für ihn da zu sein schien, zerbrach das Gebäck und
tauchte es ärgerlich in den goldfarbenen Tee, den er wie seine Tochter ohne
Sahne und Zucker trank.
bräunlichen Kinderarme, von denen die offenen ziegelfarbenen Ärmel
niederhingen, um seinen Nacken schlingend, küßte sie ihn auf die Glatze,
die er ihr darbot, indem er den Kopf neigte.
»Dir dürfte nicht unbekannt sein,« fuhr sie fort, »daß Prinz Klaus
Heinrich heute mit uns den Tee nimmt?«
»Nein, freut mich, freut mich«, sagte Herr Spoelmann gleichsam eilig
und mit knarrender Stimme. »Bitte, sich nicht stören zu lassen!« sagte er
ebenso. Und indem er mit dem Prinzen, der in geschlossener Haltung am
Tische stand, einen Händedruck tauschte (Herrn Spoelmanns Hand war
mager und von der ungestärkten weißen Manschette halb bedeckt), nickte er
mehrmals irgendwohin nach der Seite. Dies war seine Art, Klaus Heinrich
zu begrüßen. Er war fremd, krank und ein Sonderling an Reichtum. Er war
entschuldigt und alles Weiteren entbunden – Klaus Heinrich sah es ein und
bemühte sich redlich, seine innere Verstörung zu überwinden. »… Sind ja
zu Hause hier, gewissermaßen«, sagte Herr Spoelmann noch, indem er die
Anrede verschluckte, und vorübergehend erschien ein boshafter Ausdruck
um seine rasierten Lippen. Dann veranlaßte er durch sein Beispiel alle, sich
wieder zu setzen. Es war der Stuhl zwischen Imma und Klaus Heinrich, der
Gräfin und der Verandatür gegenüber, den der Butler unter ihn schob.
Da Herr Spoelmann keine Miene machte, sein Säumen zu entschuldigen,
sagte Klaus Heinrich: »Ich höre mit Bedauern, daß Sie heute zu leiden
hatten, Herr Spoelmann. Ich hoffe, es geht Ihnen besser?«
»Danke, besser, aber nicht gut«, antwortete Herr Spoelmann knarrend.
»Wieviel Löffel hast du genommen?« fragte er seine Tochter. Er meinte
damit, wieviel Tee sie in die Kanne geschüttet habe.
»Vier«, sagte sie. »Für jeden einen. Niemand soll sagen, daß ich mein
greises Väterchen dem Mangel aussetze.«
»Ach was«, antwortete Herr Spoelmann. »Ich bin nicht greis. Man sollte
dir die Zunge stutzen.« Und er nahm aus einer silbernen Büchse eine Art
Zwieback, die eigens für ihn da zu sein schien, zerbrach das Gebäck und
tauchte es ärgerlich in den goldfarbenen Tee, den er wie seine Tochter ohne
Sahne und Zucker trank.
Page 207
Klaus Heinrich begann von neuem: »Ich sehe mit großer Spannung der
Besichtigung Ihrer Sammlung entgegen, Herr Spoelmann.«
»Richtig«, antwortete Herr Spoelmann. »Wollen meine Gläser ansehen.
Sind Liebhaber? Vielleicht auch Sammler?«
»Nein,« sagte Klaus Heinrich, »zum Sammeln bin ich bei aller Vorliebe
noch nicht gekommen.«
»Keine Zeit?« fragte Herr Spoelmann … »Ist der Offiziersdienst so
zeitraubend?«
Klaus Heinrich antwortete: »Ich tue nicht mehr Dienst, Herr Spoelmann.
Ich bin à la suite meines Regiments gestellt. Ich trage die Uniform, das ist
alles.«
»Ach so, zum Schein«, sagte Herr Spoelmann knarrend. »Was tun denn
den ganzen Tag?«
Klaus Heinrich hatte aufgehört, Tee zu trinken, hatte alles von sich
geschoben bei diesem Gespräch, das seine ganze Aufmerksamkeit
erforderte. Aufrecht saß er da und verantwortete sich, während er fühlte,
daß Imma Spoelmanns Blick groß, schwarz und forschend auf ihm ruhte.
»Ich habe Pflichten bei Hofe, bei den Festen und Zeremonien. Ich habe
auch auf militärischem Gebiet zu repräsentieren, bei
Rekrutenvereidigungen und Fahnenweihen. Dann muß ich Empfänge
abhalten, in Vertretung meines Bruders, des Großherzogs. Und dann gibt es
kleine dienstliche Reisen, in die Ortschaften des Landes, zu Enthüllungen
und Einweihungen und anderen öffentlichen Feierlichkeiten.«
»Ach so«, sagte Herr Spoelmann. »Zeremonien, Feierlichkeiten. So für
die Gaffer. Na, dafür fehlt mir jedes Verständnis. Ich sage Ihnen once for
all, daß ich nichts halte von Ihrem Beruf. That's my standpoint, sir.«
»Ich verstehe vollkommen«, sagte Klaus Heinrich. Er hielt sich aufrecht
in seinem Majorsrock und lächelte schmerzlich.
»Nun, es will ja wohl auch das geübt sein,« fuhr Herr Spoelmann ein
wenig sanfter fort, »geübt und gelernt, wie es scheint. Ich für meine Person
Besichtigung Ihrer Sammlung entgegen, Herr Spoelmann.«
»Richtig«, antwortete Herr Spoelmann. »Wollen meine Gläser ansehen.
Sind Liebhaber? Vielleicht auch Sammler?«
»Nein,« sagte Klaus Heinrich, »zum Sammeln bin ich bei aller Vorliebe
noch nicht gekommen.«
»Keine Zeit?« fragte Herr Spoelmann … »Ist der Offiziersdienst so
zeitraubend?«
Klaus Heinrich antwortete: »Ich tue nicht mehr Dienst, Herr Spoelmann.
Ich bin à la suite meines Regiments gestellt. Ich trage die Uniform, das ist
alles.«
»Ach so, zum Schein«, sagte Herr Spoelmann knarrend. »Was tun denn
den ganzen Tag?«
Klaus Heinrich hatte aufgehört, Tee zu trinken, hatte alles von sich
geschoben bei diesem Gespräch, das seine ganze Aufmerksamkeit
erforderte. Aufrecht saß er da und verantwortete sich, während er fühlte,
daß Imma Spoelmanns Blick groß, schwarz und forschend auf ihm ruhte.
»Ich habe Pflichten bei Hofe, bei den Festen und Zeremonien. Ich habe
auch auf militärischem Gebiet zu repräsentieren, bei
Rekrutenvereidigungen und Fahnenweihen. Dann muß ich Empfänge
abhalten, in Vertretung meines Bruders, des Großherzogs. Und dann gibt es
kleine dienstliche Reisen, in die Ortschaften des Landes, zu Enthüllungen
und Einweihungen und anderen öffentlichen Feierlichkeiten.«
»Ach so«, sagte Herr Spoelmann. »Zeremonien, Feierlichkeiten. So für
die Gaffer. Na, dafür fehlt mir jedes Verständnis. Ich sage Ihnen once for
all, daß ich nichts halte von Ihrem Beruf. That's my standpoint, sir.«
»Ich verstehe vollkommen«, sagte Klaus Heinrich. Er hielt sich aufrecht
in seinem Majorsrock und lächelte schmerzlich.
»Nun, es will ja wohl auch das geübt sein,« fuhr Herr Spoelmann ein
wenig sanfter fort, »geübt und gelernt, wie es scheint. Ich für meine Person
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werde meiner Lebtage nicht aufhören, mich zu ärgern, wenn ich das
Wundertier abgeben muß …«
»Ich will hoffen,« sagte Klaus Heinrich, »daß unsere Bevölkerung es
nicht an Rücksicht fehlen läßt …«
»Danke, es geht«, antwortete Herr Spoelmann. »Die Leute sind
wenigstens gutmütig hier; es steht ihnen nicht gerade die Mordlust in den
Augen geschrieben, wenn sie glotzen.«
»Überhaupt würde ich mich freuen, zu hören, Herr Spoelmann« – und
Klaus Heinrich fühlte sich besser, seit das Gespräch sich gewandt hatte und
das Fragen an ihm war –, »daß es Ihnen trotz den ungewohnten
Verhältnissen dauernd bei uns gefällt.«
»Danke,« sagte Herr Spoelmann, »ich bin at ease. Und das Wasser ist ja
nun mal das einzige, das mir ein bißchen hilft.«
»Es ist Ihnen nicht schwer geworden, Amerika zu verlassen?«
Ein Blick streifte Klaus Heinrich, ein rascher und mißtrauischer Blick
von unten, den Klaus Heinrich nicht zu deuten wußte.
»Nein«, sagte Herr Spoelmann, scharf und knarrend. Das war alles, was
er auf die Frage antwortete, ob ihm der Abschied von Amerika nicht schwer
geworden sei.
Eine Pause trat ein. Die Gräfin Löwenjoul hielt ihren kleinen,
glattgescheitelten Kopf zur Seite geneigt und lächelte abwesend und
madonnenhaft. Fräulein Spoelmann betrachtete Klaus Heinrich unverwandt
aus großen, schwarzglänzenden Augen, als prüfe sie die Wirkung, die ihres
Vaters wunderliche Schroffheit auf den Gast hervorbringe – ja, Klaus
Heinrich hatte den Eindruck, daß sie mit Ruhe und Verständnis seines
Aufbruchs und Abschiedes auf Nimmerwiederkehren gewärtig sei. Er
begegnete ihrem Blick und blieb. Herr Spoelmann seinerseits zog eine
goldene Dose hervor und entnahm ihr eine breite Zigarette, die, nachdem er
sie angezündet, einen köstlichen Duft verbreitete.
»Mögen rauchen?« fragte er dann … Und da Klaus Heinrich fand, daß es
nicht mehr darauf ankomme, so bediente auch er sich, nach Herrn
Wundertier abgeben muß …«
»Ich will hoffen,« sagte Klaus Heinrich, »daß unsere Bevölkerung es
nicht an Rücksicht fehlen läßt …«
»Danke, es geht«, antwortete Herr Spoelmann. »Die Leute sind
wenigstens gutmütig hier; es steht ihnen nicht gerade die Mordlust in den
Augen geschrieben, wenn sie glotzen.«
»Überhaupt würde ich mich freuen, zu hören, Herr Spoelmann« – und
Klaus Heinrich fühlte sich besser, seit das Gespräch sich gewandt hatte und
das Fragen an ihm war –, »daß es Ihnen trotz den ungewohnten
Verhältnissen dauernd bei uns gefällt.«
»Danke,« sagte Herr Spoelmann, »ich bin at ease. Und das Wasser ist ja
nun mal das einzige, das mir ein bißchen hilft.«
»Es ist Ihnen nicht schwer geworden, Amerika zu verlassen?«
Ein Blick streifte Klaus Heinrich, ein rascher und mißtrauischer Blick
von unten, den Klaus Heinrich nicht zu deuten wußte.
»Nein«, sagte Herr Spoelmann, scharf und knarrend. Das war alles, was
er auf die Frage antwortete, ob ihm der Abschied von Amerika nicht schwer
geworden sei.
Eine Pause trat ein. Die Gräfin Löwenjoul hielt ihren kleinen,
glattgescheitelten Kopf zur Seite geneigt und lächelte abwesend und
madonnenhaft. Fräulein Spoelmann betrachtete Klaus Heinrich unverwandt
aus großen, schwarzglänzenden Augen, als prüfe sie die Wirkung, die ihres
Vaters wunderliche Schroffheit auf den Gast hervorbringe – ja, Klaus
Heinrich hatte den Eindruck, daß sie mit Ruhe und Verständnis seines
Aufbruchs und Abschiedes auf Nimmerwiederkehren gewärtig sei. Er
begegnete ihrem Blick und blieb. Herr Spoelmann seinerseits zog eine
goldene Dose hervor und entnahm ihr eine breite Zigarette, die, nachdem er
sie angezündet, einen köstlichen Duft verbreitete.
»Mögen rauchen?« fragte er dann … Und da Klaus Heinrich fand, daß es
nicht mehr darauf ankomme, so bediente auch er sich, nach Herrn
Page 209
Spoelmann, aus der dargebotenen Dose.
Es war dann, bevor man zur Besichtigung der Gläser schritt, noch von
verschiedenen Gegenständen die Rede – hauptsächlich zwischen Klaus
Heinrich und Fräulein Spoelmann, denn die Gräfin war mit ihren Gedanken
nicht gegenwärtig, und Herr Spoelmann warf nur dann und wann ein
knarrendes Wort dazwischen –: vom hiesigen Hoftheater, von dem großen
Schiff, auf welchem Spoelmanns die Reise nach Europa zurückgelegt. Nein,
nicht ihre Jacht hatten sie dazu benutzt. Die hatte hauptsächlich dazu
gedient, Herrn Spoelmann bei Sommershitze, wenn Imma und die Gräfin in
Newport waren und ihn die Geschäfte an die Stadt fesselten, am Abend aufs
Meer hinauszufahren, woselbst er auf Deck die Nächte verbracht hatte. Jetzt
lag sie wieder in Venedig. Aber über den Ozean hatte ein Riesendampfer sie
gebracht, ein schwimmendes Hotel mit Konzertsälen und Sportplätzen.
Fünf Stockwerke, sagte Fräulein Spoelmann, habe er gehabt. »Von unten an
gerechnet?« fragte Klaus Heinrich. Und sie antwortete unverzüglich:
»Allerdings. Von oben hatte er sechs.« Er ließ sich verwirren, verstand gar
nichts mehr und merkte lange nicht, daß er verspottet wurde. Dann suchte
er, sich zu erklären, seine einfältige Frage zu rechtfertigen, darzutun, daß er
gemeint habe, ob sie alles mitrechne, auch die Räume unter Wasser,
sozusagen die Kellerräume – kurz, zu beweisen, daß es ihm keineswegs an
Scharfsinn fehle, und stimmte schließlich in die Heiterkeit ein, die das
Ergebnis dieses Unternehmens war. Was das Hofschauspiel betraf, so fand
Fräulein Spoelmann, indem sie die Lippen rümpfte und ihr Köpfchen hin
und her wandte, daß der Vertreterin des naiven Faches eine Kur in
Marienbad, verbunden mit einem Kursus im Tanz- und Anstandsunterricht,
nicht warm genug empfohlen werden könne, während dem Heldendarsteller
zu bedeuten sei, daß man sich eines Organes von dem Wohllaut des seinen
selbst im Privatleben nur mit äußerster Zurückhaltung bedienen sollte …
unbeschadet ihrer, des Fräuleins Spoelmann hoher Achtung vor dem in
Rede stehenden Kunstinstitut.
Klaus Heinrich lachte und staunte, ein kleines Weh im Herzen, über so
viel Behendigkeit. Wie gut sie sprach, wie scharf und blinkend sie die
Worte fügte! Man plauderte auch von Stücken, von Opern und
Schauspielen, die diesen Winter in Szene gegangen, und Imma Spoelmann
widersprach dem Urteil Klaus Heinrichs, widersprach ihm auf jeden Fall,
gerade als schiene es ihr schimpflich, nicht zu widersprechen, setzte ihn
Es war dann, bevor man zur Besichtigung der Gläser schritt, noch von
verschiedenen Gegenständen die Rede – hauptsächlich zwischen Klaus
Heinrich und Fräulein Spoelmann, denn die Gräfin war mit ihren Gedanken
nicht gegenwärtig, und Herr Spoelmann warf nur dann und wann ein
knarrendes Wort dazwischen –: vom hiesigen Hoftheater, von dem großen
Schiff, auf welchem Spoelmanns die Reise nach Europa zurückgelegt. Nein,
nicht ihre Jacht hatten sie dazu benutzt. Die hatte hauptsächlich dazu
gedient, Herrn Spoelmann bei Sommershitze, wenn Imma und die Gräfin in
Newport waren und ihn die Geschäfte an die Stadt fesselten, am Abend aufs
Meer hinauszufahren, woselbst er auf Deck die Nächte verbracht hatte. Jetzt
lag sie wieder in Venedig. Aber über den Ozean hatte ein Riesendampfer sie
gebracht, ein schwimmendes Hotel mit Konzertsälen und Sportplätzen.
Fünf Stockwerke, sagte Fräulein Spoelmann, habe er gehabt. »Von unten an
gerechnet?« fragte Klaus Heinrich. Und sie antwortete unverzüglich:
»Allerdings. Von oben hatte er sechs.« Er ließ sich verwirren, verstand gar
nichts mehr und merkte lange nicht, daß er verspottet wurde. Dann suchte
er, sich zu erklären, seine einfältige Frage zu rechtfertigen, darzutun, daß er
gemeint habe, ob sie alles mitrechne, auch die Räume unter Wasser,
sozusagen die Kellerräume – kurz, zu beweisen, daß es ihm keineswegs an
Scharfsinn fehle, und stimmte schließlich in die Heiterkeit ein, die das
Ergebnis dieses Unternehmens war. Was das Hofschauspiel betraf, so fand
Fräulein Spoelmann, indem sie die Lippen rümpfte und ihr Köpfchen hin
und her wandte, daß der Vertreterin des naiven Faches eine Kur in
Marienbad, verbunden mit einem Kursus im Tanz- und Anstandsunterricht,
nicht warm genug empfohlen werden könne, während dem Heldendarsteller
zu bedeuten sei, daß man sich eines Organes von dem Wohllaut des seinen
selbst im Privatleben nur mit äußerster Zurückhaltung bedienen sollte …
unbeschadet ihrer, des Fräuleins Spoelmann hoher Achtung vor dem in
Rede stehenden Kunstinstitut.
Klaus Heinrich lachte und staunte, ein kleines Weh im Herzen, über so
viel Behendigkeit. Wie gut sie sprach, wie scharf und blinkend sie die
Worte fügte! Man plauderte auch von Stücken, von Opern und
Schauspielen, die diesen Winter in Szene gegangen, und Imma Spoelmann
widersprach dem Urteil Klaus Heinrichs, widersprach ihm auf jeden Fall,
gerade als schiene es ihr schimpflich, nicht zu widersprechen, setzte ihn
Page 210
matt im Handumdrehen mit der lustigen Übermacht ihrer Zunge, und ihre
großen schwarzen Augen in dem perlblassen Gesichtchen schimmerten vor
Freude am guten Wort, während Herr Spoelmann, schräg zurückgelehnt, die
breite Zigarette zwischen den rasierten Lippen und blinzelnd vor ihrem
Rauch, seine Tochter mit zärtlichem Wohlgefallen betrachtete.
Mehr als einmal empfand Klaus Heinrich in seinem Gesicht die kleine
schmerzliche Verzerrung, die er damals in dem der guten Schwester-Oberin
gesehen, und dennoch glaubte er deutlich zu erkennen, daß es nicht Imma
Spoelmanns Meinung war, zu verletzen, daß sie den andern nicht als
gedemütigt betrachtete, wenn er ihr nicht Widerpart zu halten vermochte,
daß sie vielmehr seine armen Antworten gelten ließ, als sei sie der Ansicht,
daß er die Wehr des Witzes nicht nötig habe – nur sie. Aber wie das und
warum? Er mußte an Überbein denken bei manchen von ihren
Scharfzüngigkeiten, an den wortgewandt rodomontierenden Doktor
Überbein, der ein Malheur von Geburt war und unter Bedingungen
aufgewachsen, die er die guten nannte. Eine elende Jugend, Einsamkeit und
Ausgeschlossenheit vom Glücke, von der Bummelei des Glücks, man setzte
kein Fett an dabei, man kannte kein Behagen und sah sich scharf und klar
auf seine Fähigkeiten angewiesen, was sicher ein Vorteil vor denen war, die
»es nicht nötig hatten«. Aber Imma Spoelmann saß weich in ihrem
rotgoldenen Kleide am Tische im Saal, in lässiger Haltung, mit launisch
verwöhnten Mienen, saß in üppiger Sicherheit, während ihre Rede scharf
ging wie dort, wo es gilt, wo Helligkeit, Härte und wachsamer Witz zum
Leben geboten sind. Warum doch? Klaus Heinrich bemühte sich innig, das
zu ergründen, während man über Ozeandampfer und Theaterstücke sprach.
Aufrecht, in unbedingt beherrschter Haltung und ohne sich bequeme
Abspannung zu erlauben, saß er am Tisch, indem er seine linke Hand
verbarg, und manchmal traf ihn ein schief gehässiger Blick aus den Augen
der Gräfin Löwenjoul.
Ein Diener erschien und überreichte Herrn Spoelmann auf silberner
Platte ein Telegramm. Herr Spoelmann riß es ärgerlich auf, durchlas es
blinzelnd, den Rest einer Zigarette im Mundwinkel, und warf es auf die
Platte zurück mit der kurzen Anordnung: »Mister Phlebs«. Hierauf zündete
er sich verdrießlich eine neue Zigarette an. Fräulein Spoelmann sagte: »Das
ist, trotz gemessener ärztlicher Vorschrift, die fünfte Zigarette, die du heute
nachmittag rauchst. Ich verhehle dir nicht, daß die zügellose Leidenschaft,
großen schwarzen Augen in dem perlblassen Gesichtchen schimmerten vor
Freude am guten Wort, während Herr Spoelmann, schräg zurückgelehnt, die
breite Zigarette zwischen den rasierten Lippen und blinzelnd vor ihrem
Rauch, seine Tochter mit zärtlichem Wohlgefallen betrachtete.
Mehr als einmal empfand Klaus Heinrich in seinem Gesicht die kleine
schmerzliche Verzerrung, die er damals in dem der guten Schwester-Oberin
gesehen, und dennoch glaubte er deutlich zu erkennen, daß es nicht Imma
Spoelmanns Meinung war, zu verletzen, daß sie den andern nicht als
gedemütigt betrachtete, wenn er ihr nicht Widerpart zu halten vermochte,
daß sie vielmehr seine armen Antworten gelten ließ, als sei sie der Ansicht,
daß er die Wehr des Witzes nicht nötig habe – nur sie. Aber wie das und
warum? Er mußte an Überbein denken bei manchen von ihren
Scharfzüngigkeiten, an den wortgewandt rodomontierenden Doktor
Überbein, der ein Malheur von Geburt war und unter Bedingungen
aufgewachsen, die er die guten nannte. Eine elende Jugend, Einsamkeit und
Ausgeschlossenheit vom Glücke, von der Bummelei des Glücks, man setzte
kein Fett an dabei, man kannte kein Behagen und sah sich scharf und klar
auf seine Fähigkeiten angewiesen, was sicher ein Vorteil vor denen war, die
»es nicht nötig hatten«. Aber Imma Spoelmann saß weich in ihrem
rotgoldenen Kleide am Tische im Saal, in lässiger Haltung, mit launisch
verwöhnten Mienen, saß in üppiger Sicherheit, während ihre Rede scharf
ging wie dort, wo es gilt, wo Helligkeit, Härte und wachsamer Witz zum
Leben geboten sind. Warum doch? Klaus Heinrich bemühte sich innig, das
zu ergründen, während man über Ozeandampfer und Theaterstücke sprach.
Aufrecht, in unbedingt beherrschter Haltung und ohne sich bequeme
Abspannung zu erlauben, saß er am Tisch, indem er seine linke Hand
verbarg, und manchmal traf ihn ein schief gehässiger Blick aus den Augen
der Gräfin Löwenjoul.
Ein Diener erschien und überreichte Herrn Spoelmann auf silberner
Platte ein Telegramm. Herr Spoelmann riß es ärgerlich auf, durchlas es
blinzelnd, den Rest einer Zigarette im Mundwinkel, und warf es auf die
Platte zurück mit der kurzen Anordnung: »Mister Phlebs«. Hierauf zündete
er sich verdrießlich eine neue Zigarette an. Fräulein Spoelmann sagte: »Das
ist, trotz gemessener ärztlicher Vorschrift, die fünfte Zigarette, die du heute
nachmittag rauchst. Ich verhehle dir nicht, daß die zügellose Leidenschaft,
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mit der du dich dem Laster überläßt, deinen grauen Haaren nicht
wohlansteht.«
Man sah, daß Herr Spoelmann zu lachen versuchte, und dann sah man,
daß es ihm nicht gelang, daß er den starken und scharfen Klang der Worte
nicht ertrug und das Blut ihm zu Kopfe fuhr.
»Schweig!« knarrte er bitterböse. »Du denkst immer, daß im Scherze
alles zu sagen erlaubt ist. Aber ich verbitte mir deine Keckheiten, du
Schwätzerin!«
Klaus Heinrich blickte erschüttert auf Imma, die groß und erschreckt in
ihres Vaters jähzorniges Antlitz sah und dann traurig das dunkle Köpfchen
senkte. Gewiß, sie hatte sich ergötzt an den düster großen und fremden
Worten, die sie spöttisch handhabte, hatte Heiterkeit zu erregen erwartet
und war nun zufällig so übel angelaufen. »Väterchen, aber kleines
Väterchen!« sagte sie bittend und ging hin, Herrn Spoelmann die hitzige
Wange zu streicheln. »Ach was,« murrte er noch, »du bist auch nicht
größer.« Aber dann ließ er sich schmeicheln, bot ihr die Glatze zum Kusse
dar und gab sich zufrieden. Klaus Heinrich erinnerte an die Gläser, als der
Friede hergestellt war, und so verließ man den Teetisch und begab sich
hinüber in den anstoßenden Sammlungssaal, mit Ausnahme der Gräfin
Löwenjoul, die sich mit tiefer Verbeugung zurückzog. Herr Spoelmann ließ
nebenan die elektrischen Kerzen der Lüster erglühen.
Schöne Schränke im Geschmacke des ganzen Schlosses, bauchig und mit
gewölbten Glastüren, umstanden abwechselnd mit seidenen Prunkstühlen
das ganze Gemach, und sie enthielten Herrn Spoelmanns
Kunstgläsersammlung. Ja, das war offenbar die lückenloseste Sammlung
beider Welten, und das Glas, das Klaus Heinrich erworben, war freilich nur
ein bescheidenes Beispielchen daraus. Sie begann in einem Winkel des
Saales mit den frühesten Luxuserzeugnissen des Gewerbezweiges, mit
heidnisch bemalten Funden aus den Kulturen der Urzeit, setzte sich fort
über die Kunstprodukte des Morgen- und Abendlandes und aller
Zeitabschnitte, wies umkränzte, verschnörkelte und reichgestaltete Vasen
und Kelche aus den Bläsereien Venedigs und kostbare Stücke aus
böhmischen Hütten auf, deutsche Humpen, bilderreiche Zunft- und
Kurfürstengläser, untermischt mit fratzenhaften Tiergestaltungen und
wohlansteht.«
Man sah, daß Herr Spoelmann zu lachen versuchte, und dann sah man,
daß es ihm nicht gelang, daß er den starken und scharfen Klang der Worte
nicht ertrug und das Blut ihm zu Kopfe fuhr.
»Schweig!« knarrte er bitterböse. »Du denkst immer, daß im Scherze
alles zu sagen erlaubt ist. Aber ich verbitte mir deine Keckheiten, du
Schwätzerin!«
Klaus Heinrich blickte erschüttert auf Imma, die groß und erschreckt in
ihres Vaters jähzorniges Antlitz sah und dann traurig das dunkle Köpfchen
senkte. Gewiß, sie hatte sich ergötzt an den düster großen und fremden
Worten, die sie spöttisch handhabte, hatte Heiterkeit zu erregen erwartet
und war nun zufällig so übel angelaufen. »Väterchen, aber kleines
Väterchen!« sagte sie bittend und ging hin, Herrn Spoelmann die hitzige
Wange zu streicheln. »Ach was,« murrte er noch, »du bist auch nicht
größer.« Aber dann ließ er sich schmeicheln, bot ihr die Glatze zum Kusse
dar und gab sich zufrieden. Klaus Heinrich erinnerte an die Gläser, als der
Friede hergestellt war, und so verließ man den Teetisch und begab sich
hinüber in den anstoßenden Sammlungssaal, mit Ausnahme der Gräfin
Löwenjoul, die sich mit tiefer Verbeugung zurückzog. Herr Spoelmann ließ
nebenan die elektrischen Kerzen der Lüster erglühen.
Schöne Schränke im Geschmacke des ganzen Schlosses, bauchig und mit
gewölbten Glastüren, umstanden abwechselnd mit seidenen Prunkstühlen
das ganze Gemach, und sie enthielten Herrn Spoelmanns
Kunstgläsersammlung. Ja, das war offenbar die lückenloseste Sammlung
beider Welten, und das Glas, das Klaus Heinrich erworben, war freilich nur
ein bescheidenes Beispielchen daraus. Sie begann in einem Winkel des
Saales mit den frühesten Luxuserzeugnissen des Gewerbezweiges, mit
heidnisch bemalten Funden aus den Kulturen der Urzeit, setzte sich fort
über die Kunstprodukte des Morgen- und Abendlandes und aller
Zeitabschnitte, wies umkränzte, verschnörkelte und reichgestaltete Vasen
und Kelche aus den Bläsereien Venedigs und kostbare Stücke aus
böhmischen Hütten auf, deutsche Humpen, bilderreiche Zunft- und
Kurfürstengläser, untermischt mit fratzenhaften Tiergestaltungen und
Page 212
Scherzgebilden, große Kristallpokale, die an das Glück von Edenhall im
Liede erinnerten, und in deren Schliffen das Licht sich prunkend brach,
Rubingläser, die glühten gleich dem Heiligen Gral, und edelste Beispiele
endlich für den neuesten Aufschwung der Kunst, überzarte Glasblüten auf
unendlich gebrechlichen Stielen und Ziergläser im modischen
Formengeschmack, die mittels des Dampfes verflüchtigter Edelmetalle mit
schillerndem Farbenschmelz überzogen waren. Zu dritt und gefolgt von
Perceval, der ebenfalls zuschaute, ging man langsam auf Teppichen um den
Saal, und Herr Spoelmann erklärte mit knarrender Stimme die Herkunft
einzelner Stücke, indem er sie mit seiner mageren, von der ungestärkten
Manschette halbbedeckten Hand behutsam von den Sammetborden nahm
und gegen das Glühlicht hielt.
Klaus Heinrich hatte Übung im Besichtigen, in Erkundigungen und
höchst anerkennenden Äußerungen, und darum war er imstande, zu gleicher
Zeit über Imma Spoelmanns Redeweise nachzudenken, ihre seltsame
Redeweise, die ihn schmerzlich beschäftigte. Was sie nicht alles sagte mit
ihren vorgeschobenen Lippen! Was für Worte sie leichthin im Munde
führte! »Leidenschaft«, »Laster«, wie kam sie dazu, sie zu beherrschen und
sich ihrer so keck zu bedienen? Hatte die Gräfin Löwenjoul, die auf
verwirrte Art ebenfalls von solchen Dingen redete und offenbar
schreckliche Einblicke getan hatte, sie nicht als vollkommen unwissend
bezeichnet? Das war zweifellos zutreffend, denn war sie nicht ein
Sonderfall von Geburt wie er, aufgewachsen in Reinheit und Feinheit,
ausgeschlossen von dem Treiben der Leute und unteilhaft der wilden Dinge,
die im wirklichen Leben jenen düster großen Wörtern entsprachen? Aber
der Wörter hatte sie sich bemächtigt und führte sie in geschliffener Rede
daher, indem sie sich darüber lustig machte. Ja, so war es: dies scharfe und
süße Geschöpf in seinem rotgoldenen Kleide, es lebte in Redensarten, es
kannte vom Leben nicht mehr als die Worte, es spielte mit den ernstesten
und furchtbarsten wie mit bunten Steinen und begriff nicht, wenn es
Ärgernis damit erregte! – Klaus Heinrichs Herz war voller Mitgefühl,
während er dies bedachte.
Es war fast sieben Uhr, als er bat, nach seinem Wagen zu schicken –
etwas beunruhigt über sein langes Verweilen in Hinsicht auf den Hof und
das Publikum. Sein Aufbruch rief einen neuen furchtbaren Anfall Percevals,
des Colliehundes, hervor. Jede Veränderung oder Unterbrechung eines
Liede erinnerten, und in deren Schliffen das Licht sich prunkend brach,
Rubingläser, die glühten gleich dem Heiligen Gral, und edelste Beispiele
endlich für den neuesten Aufschwung der Kunst, überzarte Glasblüten auf
unendlich gebrechlichen Stielen und Ziergläser im modischen
Formengeschmack, die mittels des Dampfes verflüchtigter Edelmetalle mit
schillerndem Farbenschmelz überzogen waren. Zu dritt und gefolgt von
Perceval, der ebenfalls zuschaute, ging man langsam auf Teppichen um den
Saal, und Herr Spoelmann erklärte mit knarrender Stimme die Herkunft
einzelner Stücke, indem er sie mit seiner mageren, von der ungestärkten
Manschette halbbedeckten Hand behutsam von den Sammetborden nahm
und gegen das Glühlicht hielt.
Klaus Heinrich hatte Übung im Besichtigen, in Erkundigungen und
höchst anerkennenden Äußerungen, und darum war er imstande, zu gleicher
Zeit über Imma Spoelmanns Redeweise nachzudenken, ihre seltsame
Redeweise, die ihn schmerzlich beschäftigte. Was sie nicht alles sagte mit
ihren vorgeschobenen Lippen! Was für Worte sie leichthin im Munde
führte! »Leidenschaft«, »Laster«, wie kam sie dazu, sie zu beherrschen und
sich ihrer so keck zu bedienen? Hatte die Gräfin Löwenjoul, die auf
verwirrte Art ebenfalls von solchen Dingen redete und offenbar
schreckliche Einblicke getan hatte, sie nicht als vollkommen unwissend
bezeichnet? Das war zweifellos zutreffend, denn war sie nicht ein
Sonderfall von Geburt wie er, aufgewachsen in Reinheit und Feinheit,
ausgeschlossen von dem Treiben der Leute und unteilhaft der wilden Dinge,
die im wirklichen Leben jenen düster großen Wörtern entsprachen? Aber
der Wörter hatte sie sich bemächtigt und führte sie in geschliffener Rede
daher, indem sie sich darüber lustig machte. Ja, so war es: dies scharfe und
süße Geschöpf in seinem rotgoldenen Kleide, es lebte in Redensarten, es
kannte vom Leben nicht mehr als die Worte, es spielte mit den ernstesten
und furchtbarsten wie mit bunten Steinen und begriff nicht, wenn es
Ärgernis damit erregte! – Klaus Heinrichs Herz war voller Mitgefühl,
während er dies bedachte.
Es war fast sieben Uhr, als er bat, nach seinem Wagen zu schicken –
etwas beunruhigt über sein langes Verweilen in Hinsicht auf den Hof und
das Publikum. Sein Aufbruch rief einen neuen furchtbaren Anfall Percevals,
des Colliehundes, hervor. Jede Veränderung oder Unterbrechung eines
Page 213
Zustandes schien das edle Tier um sein seelisches Gleichgewicht zu
bringen. Bebend, mit rasendem Gebell und jeder Beschwichtigung
unzugänglich, stürmte er durch die Gemächer, die Vorhalle und die Treppe
auf und nieder, so daß die Abschiedsworte im Lärm erstarben. Der Butler
erwies dem Prinzen die Honneurs bis hinunter in den Flur mit den
Götterbildern. Herr Spoelmann begleitete ihn keineswegs. Fräulein
Spoelmann machte den Satz verständlich: »Ich halte mich versichert, daß
der Aufenthalt im Schoße unserer Familie Sie mit Entzücken erfüllt hat,
Prinz.« Und es war ungewiß, ob ihr Spott der Redensart »im Schoße
unserer Familie« oder der Sache selber galt. Jedenfalls wußte Klaus
Heinrich ihr fast nichts zu erwidern. In einen Winkel seines Coupés gelehnt,
ein wenig wund und zerschlagen, aber auch erfrischt von der ungewohnten
Behandlung, die ihm widerfahren, fuhr er heim, durch den dunklen
Stadtgarten nach Eremitage, kehrte zurück in seine enthaltsamen
Empirestuben, woselbst er mit den Herren von Schulenburg-Tressen und
Braunbart-Schellendorf zu Abend speiste. Am folgenden Tage las er den
Vermerk des »Eilboten«. Er lautete einfach dahin, daß gestern Seine
Königliche Hoheit Prinz Klaus Heinrich auf Schloß Delphinenort den Tee
genommen und die berühmte Kunstgläsersammlung des Herrn Spoelmann
in Augenschein genommen habe.
Und Klaus Heinrich fuhr fort, sein unsachliches Leben zu führen und
seinen hohen Beruf zu üben. Er sprach seine gnädigen Worte, vollführte
seine Handbewegungen, repräsentierte bei Hofe und auf dem Ballfest beim
Konseilpräsidenten, erteilte Freiaudienzen, frühstückte in der
Offiziersspeiseanstalt der Leibgrenadiere, zeigte sich im Hoftheater und
schenkte dieser und jener Ortschaft des Landes seine festliche Anwesenheit.
Lächelnd und mit geschlossenen Absätzen waltete er der Form und tat in
unbedingt gefaßter Haltung seine schwierige Pflicht, obwohl er zu dieser
Zeit über so manches nachzudenken hatte, über den hitzigen Herrn
Spoelmann, die verwirrte Gräfin Löwenjoul, den tollen Percy und
namentlich auch über Imma, die Tochter des Hauses. Manche Frage, die
sein erster Besuch in »Delphinenort« ihm aufgegeben, war er jetzt noch
nicht zu beantworten in der Lage, sondern erhielt die Lösung erst im
weiteren Laufe des Verkehrs mit dem Hause Spoelmann, den er unter
angespannter und schließlich fieberhafter Teilnahme der Öffentlichkeit
aufrechterhielt, und der seine nächste Fortsetzung damit fand, daß der Prinz
bringen. Bebend, mit rasendem Gebell und jeder Beschwichtigung
unzugänglich, stürmte er durch die Gemächer, die Vorhalle und die Treppe
auf und nieder, so daß die Abschiedsworte im Lärm erstarben. Der Butler
erwies dem Prinzen die Honneurs bis hinunter in den Flur mit den
Götterbildern. Herr Spoelmann begleitete ihn keineswegs. Fräulein
Spoelmann machte den Satz verständlich: »Ich halte mich versichert, daß
der Aufenthalt im Schoße unserer Familie Sie mit Entzücken erfüllt hat,
Prinz.« Und es war ungewiß, ob ihr Spott der Redensart »im Schoße
unserer Familie« oder der Sache selber galt. Jedenfalls wußte Klaus
Heinrich ihr fast nichts zu erwidern. In einen Winkel seines Coupés gelehnt,
ein wenig wund und zerschlagen, aber auch erfrischt von der ungewohnten
Behandlung, die ihm widerfahren, fuhr er heim, durch den dunklen
Stadtgarten nach Eremitage, kehrte zurück in seine enthaltsamen
Empirestuben, woselbst er mit den Herren von Schulenburg-Tressen und
Braunbart-Schellendorf zu Abend speiste. Am folgenden Tage las er den
Vermerk des »Eilboten«. Er lautete einfach dahin, daß gestern Seine
Königliche Hoheit Prinz Klaus Heinrich auf Schloß Delphinenort den Tee
genommen und die berühmte Kunstgläsersammlung des Herrn Spoelmann
in Augenschein genommen habe.
Und Klaus Heinrich fuhr fort, sein unsachliches Leben zu führen und
seinen hohen Beruf zu üben. Er sprach seine gnädigen Worte, vollführte
seine Handbewegungen, repräsentierte bei Hofe und auf dem Ballfest beim
Konseilpräsidenten, erteilte Freiaudienzen, frühstückte in der
Offiziersspeiseanstalt der Leibgrenadiere, zeigte sich im Hoftheater und
schenkte dieser und jener Ortschaft des Landes seine festliche Anwesenheit.
Lächelnd und mit geschlossenen Absätzen waltete er der Form und tat in
unbedingt gefaßter Haltung seine schwierige Pflicht, obwohl er zu dieser
Zeit über so manches nachzudenken hatte, über den hitzigen Herrn
Spoelmann, die verwirrte Gräfin Löwenjoul, den tollen Percy und
namentlich auch über Imma, die Tochter des Hauses. Manche Frage, die
sein erster Besuch in »Delphinenort« ihm aufgegeben, war er jetzt noch
nicht zu beantworten in der Lage, sondern erhielt die Lösung erst im
weiteren Laufe des Verkehrs mit dem Hause Spoelmann, den er unter
angespannter und schließlich fieberhafter Teilnahme der Öffentlichkeit
aufrechterhielt, und der seine nächste Fortsetzung damit fand, daß der Prinz
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eines Tages in aller Morgenfrühe zum Erstaunen der Herrschaft, der
Dienerschaft und seiner selbst, ja, gewissermaßen willenlos und wie vom
Schicksal ergriffen, allein und zu Pferd auf »Delphinenort« erschien, um
das Fräulein, das er obendrein in seinen mathematischen Studien störte, zu
einem Spazierritt abzuholen.
Die Macht des Winters war früh gebrochen in diesem auf immer
denkwürdigen Jahr. Nachdem der Januar mild vergangen, setzte schon
Mitte Februar mit Vogelsang, Sonnengold und süßen Lüften ein Vorfrühling
ein, und als Klaus Heinrich am Morgen des ersten von diesen
hoffnungsvollen Tagen auf Schloß Eremitage in seinem alten und
geräumigen Mahagonibett erwachte, von dessen einem Pfosten die
kugelförmige Bekrönung abgebrochen und verlorengegangen war, fühlte er
sich wie von starker Hand berührt und unwiderstehlich zu frischen Taten
aufgefordert.
Er zog die Klingel nach Neumann (denn es gab nur Klingelzüge auf
Eremitage) und erteilte Weisung, daß binnen einer Stunde Florian gesattelt
sein möge. Ob auch für den Lakaien ein Pferd bereitgemacht werden solle?
Nein, nicht nötig; Klaus Heinrich erklärte, allein reiten zu wollen. Dann gab
er sich zur morgendlichen Herstellung in Neumanns gewissenhafte Hände,
frühstückte drunten im Gartenzimmer mit Ungeduld und stieg am Fuße der
kleinen Terrasse zu Pferde. Die gespornten Reitstiefel in den Steigbügeln, in
der braun behandschuhten Rechten die gelbledernen Zügel und die Linke
unter dem offenen Mantel in die Hüfte gestemmt, ritt er im Schritt durch
den zarten Morgen, indem er über sich im noch nackten Gezweig die Vögel
suchte, deren Zwitschern er hörte. Er ritt durch den öffentlichen Teil seines
Parks, durch den Stadtgarten und den Grund von »Delphinenort«. Halb
zehn Uhr kam er an. Die Überraschung war groß.
Am Hauptportal übergab er Florian einem englischen Stallknecht. Der
Butler, der in Hausstandsgeschäften quer durch die Halle mit dem
Mosaikfußboden kam, stand still und entgeistert, als er Klaus Heinrich
gewahrte. Auf die Frage, die der Prinz mit heller und gleichsam
übermütiger Stimme nach den Damen tat, antwortete er überhaupt nicht,
sondern wandte sich ratlos der Marmortreppe zu, blickte stumm von Klaus
Heinrich hinauf zu ihrer Höhe; denn dort stand Herr Spoelmann.
Dienerschaft und seiner selbst, ja, gewissermaßen willenlos und wie vom
Schicksal ergriffen, allein und zu Pferd auf »Delphinenort« erschien, um
das Fräulein, das er obendrein in seinen mathematischen Studien störte, zu
einem Spazierritt abzuholen.
Die Macht des Winters war früh gebrochen in diesem auf immer
denkwürdigen Jahr. Nachdem der Januar mild vergangen, setzte schon
Mitte Februar mit Vogelsang, Sonnengold und süßen Lüften ein Vorfrühling
ein, und als Klaus Heinrich am Morgen des ersten von diesen
hoffnungsvollen Tagen auf Schloß Eremitage in seinem alten und
geräumigen Mahagonibett erwachte, von dessen einem Pfosten die
kugelförmige Bekrönung abgebrochen und verlorengegangen war, fühlte er
sich wie von starker Hand berührt und unwiderstehlich zu frischen Taten
aufgefordert.
Er zog die Klingel nach Neumann (denn es gab nur Klingelzüge auf
Eremitage) und erteilte Weisung, daß binnen einer Stunde Florian gesattelt
sein möge. Ob auch für den Lakaien ein Pferd bereitgemacht werden solle?
Nein, nicht nötig; Klaus Heinrich erklärte, allein reiten zu wollen. Dann gab
er sich zur morgendlichen Herstellung in Neumanns gewissenhafte Hände,
frühstückte drunten im Gartenzimmer mit Ungeduld und stieg am Fuße der
kleinen Terrasse zu Pferde. Die gespornten Reitstiefel in den Steigbügeln, in
der braun behandschuhten Rechten die gelbledernen Zügel und die Linke
unter dem offenen Mantel in die Hüfte gestemmt, ritt er im Schritt durch
den zarten Morgen, indem er über sich im noch nackten Gezweig die Vögel
suchte, deren Zwitschern er hörte. Er ritt durch den öffentlichen Teil seines
Parks, durch den Stadtgarten und den Grund von »Delphinenort«. Halb
zehn Uhr kam er an. Die Überraschung war groß.
Am Hauptportal übergab er Florian einem englischen Stallknecht. Der
Butler, der in Hausstandsgeschäften quer durch die Halle mit dem
Mosaikfußboden kam, stand still und entgeistert, als er Klaus Heinrich
gewahrte. Auf die Frage, die der Prinz mit heller und gleichsam
übermütiger Stimme nach den Damen tat, antwortete er überhaupt nicht,
sondern wandte sich ratlos der Marmortreppe zu, blickte stumm von Klaus
Heinrich hinauf zu ihrer Höhe; denn dort stand Herr Spoelmann.
Page 215
Wie es schien, so hatte er kürzlich sein Frühstück beendet und befand
sich in behaglicher Laune. Er hielt die Hände in die Hosentaschen versenkt,
wobei er den Hausflaus, den er trug, von der Sammetweste zurückraffte,
und der bläuliche Rauch der Zigarette zwischen seinen Lippen machte ihn
blinzeln. »Na, junger Prinz?« sagte er und schaute hinunter …
Klaus Heinrich eilte salutierend auf dem roten Läufer die Stufen hinan.
Ihm war, als ob nur durch Schnelligkeit und sozusagen im Sturm das
Ungeheuerliche der Lage zu bewältigen sei.
»Sie werden erstaunt sein, Herr Spoelmann,« sagte er – »zu dieser
Stunde …« Er war außer Atem und erschrak sehr darüber: so wenig war er
dieses Zustandes gewohnt.
Herr Spoelmann antwortete ihm durch Miene und Schultergebärde, daß
er sich zu fassen wisse, immerhin aber auf eine Erklärung begierig sei.
»Es handelt sich um eine Verabredung …« sagte Klaus Heinrich. Er stand
zwei Stufen unter dem Milliardär und sprach zu ihm hinauf. »Eine
Verabredung zum Spazierritt zwischen Fräulein Imma und mir … Ich habe
versprochen, den Damen die Fasanerie oder den Hofjäger zu zeigen …
Fräulein Imma kennt fast nichts von der Umgegend, wie sie mir gesagt hat.
Am ersten schönen Tage war vereinbart … Nun ist es so schön heute … Es
ist natürlich Ihre Zustimmung erforderlich …«
Herr Spoelmann hob die Schultern und machte einen Mund dazu, als
wollte er sagen: »Zustimmung – wieso?«
»Meine Tochter ist erwachsen«, sagte er. »Ich pflege ihr nicht
dreinzureden. Reitet sie, so reitet sie. Aber ich glaube, sie hat keine Zeit.
Müssen sich selbst erkundigen. Da drinnen sitzt sie.« Und Herr Spoelmann
wies, indem er beiseitetrat, mit dem Kinn nach der Teppichtür, durch die
Klaus Heinrich schon einmal geschritten war.
»Danke!« sagte Klaus Heinrich. »Ja, dann gehe ich selbst.« Und er
erstieg vollends die Treppe, schlug mit entschlossener Bewegung den
gewirkten Vorhang auseinander und stieg die Stufen hinab in den
durchsonnten, von Pflanzenduft erfüllten Wintergarten.
sich in behaglicher Laune. Er hielt die Hände in die Hosentaschen versenkt,
wobei er den Hausflaus, den er trug, von der Sammetweste zurückraffte,
und der bläuliche Rauch der Zigarette zwischen seinen Lippen machte ihn
blinzeln. »Na, junger Prinz?« sagte er und schaute hinunter …
Klaus Heinrich eilte salutierend auf dem roten Läufer die Stufen hinan.
Ihm war, als ob nur durch Schnelligkeit und sozusagen im Sturm das
Ungeheuerliche der Lage zu bewältigen sei.
»Sie werden erstaunt sein, Herr Spoelmann,« sagte er – »zu dieser
Stunde …« Er war außer Atem und erschrak sehr darüber: so wenig war er
dieses Zustandes gewohnt.
Herr Spoelmann antwortete ihm durch Miene und Schultergebärde, daß
er sich zu fassen wisse, immerhin aber auf eine Erklärung begierig sei.
»Es handelt sich um eine Verabredung …« sagte Klaus Heinrich. Er stand
zwei Stufen unter dem Milliardär und sprach zu ihm hinauf. »Eine
Verabredung zum Spazierritt zwischen Fräulein Imma und mir … Ich habe
versprochen, den Damen die Fasanerie oder den Hofjäger zu zeigen …
Fräulein Imma kennt fast nichts von der Umgegend, wie sie mir gesagt hat.
Am ersten schönen Tage war vereinbart … Nun ist es so schön heute … Es
ist natürlich Ihre Zustimmung erforderlich …«
Herr Spoelmann hob die Schultern und machte einen Mund dazu, als
wollte er sagen: »Zustimmung – wieso?«
»Meine Tochter ist erwachsen«, sagte er. »Ich pflege ihr nicht
dreinzureden. Reitet sie, so reitet sie. Aber ich glaube, sie hat keine Zeit.
Müssen sich selbst erkundigen. Da drinnen sitzt sie.« Und Herr Spoelmann
wies, indem er beiseitetrat, mit dem Kinn nach der Teppichtür, durch die
Klaus Heinrich schon einmal geschritten war.
»Danke!« sagte Klaus Heinrich. »Ja, dann gehe ich selbst.« Und er
erstieg vollends die Treppe, schlug mit entschlossener Bewegung den
gewirkten Vorhang auseinander und stieg die Stufen hinab in den
durchsonnten, von Pflanzenduft erfüllten Wintergarten.
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Vor dem rieselnden Brunnen und dem Wasserbecken mit den künstlich
gefiederten Enten saß Imma Spoelmann, indem sie dem Eintretenden fast
völlig den Rücken zuwandte, über ein Tischchen gebeugt. Ihr Haar war
aufgelöst. Blauschwarz und glänzend floß es zu beiden Seiten von ihrem
Scheitel hinab, verhüllte ihren Oberkörper und ließ nichts erkennen, als
einen Schatten von dem stumpfen und kindlichen Viertelsprofil ihres
Gesichtchens, das bleich wie Elfenbein gegen die Finsternis des Haares
erschien. So eingehüllt gab sie sich ihren Studien hin, bearbeitete die
Aufzeichnungen eines neben ihr liegenden Kollegheftes, indem sie die
Lippen auf den schmalen Rücken ihrer Linken gesenkt hielt und mit
durchgedrücktem Zeigefinger den Füllfederhalter führte.
Auch die Gräfin war anwesend, ebenfalls mit Schreiben beschäftigt. Sie
saß in einiger Entfernung unter der Palmengruppe, wo Klaus Heinrich
zuerst mit ihr geplaudert, und schrieb aufrecht, mit zur Seite geneigtem
Kopfe, auf Briefbogen, von denen ein Häuflein, dicht bekritzelt, neben ihr
lag. Das Klirren von Klaus Heinrichs Sporen ließ sie aufsehen. Sie blickte
ihn zwei Sekunden lang, den langen, spindelförmigen Federhalter in der
Hand, mit gekniffenen Augen an; dann erhob sie sich zur Verbeugung.
»Imma«, sagte sie. »Seine Königliche Hoheit Prinz Klaus Heinrich ist da.«
Fräulein Spoelmann wandte sich rasch auf ihrem Korbsessel, schüttelte
ihr Haar zurück und sah den Eindringling mit großen, erschrockenen Augen
an, ohne zu sprechen, bis Klaus Heinrich mit militärischem Gruß den
Damen einen guten Morgen geboten hatte. Dann sagte sie mit ihrer
gebrochenen Stimme: »Auch Ihnen guten Morgen, Prinz. Sie kommen aber
zu spät zum ersten Frühstück. Wir sind längst fertig.«
Klaus Heinrich lachte.
»Nun, es ist gut,« sagte er, »daß beide Teile gefrühstückt haben. Denn so
können wir ja ungesäumt reiten.«
»Reiten?«
»Ja, unserer Verabredung gemäß.«
»Unserer Verabredung?«
gefiederten Enten saß Imma Spoelmann, indem sie dem Eintretenden fast
völlig den Rücken zuwandte, über ein Tischchen gebeugt. Ihr Haar war
aufgelöst. Blauschwarz und glänzend floß es zu beiden Seiten von ihrem
Scheitel hinab, verhüllte ihren Oberkörper und ließ nichts erkennen, als
einen Schatten von dem stumpfen und kindlichen Viertelsprofil ihres
Gesichtchens, das bleich wie Elfenbein gegen die Finsternis des Haares
erschien. So eingehüllt gab sie sich ihren Studien hin, bearbeitete die
Aufzeichnungen eines neben ihr liegenden Kollegheftes, indem sie die
Lippen auf den schmalen Rücken ihrer Linken gesenkt hielt und mit
durchgedrücktem Zeigefinger den Füllfederhalter führte.
Auch die Gräfin war anwesend, ebenfalls mit Schreiben beschäftigt. Sie
saß in einiger Entfernung unter der Palmengruppe, wo Klaus Heinrich
zuerst mit ihr geplaudert, und schrieb aufrecht, mit zur Seite geneigtem
Kopfe, auf Briefbogen, von denen ein Häuflein, dicht bekritzelt, neben ihr
lag. Das Klirren von Klaus Heinrichs Sporen ließ sie aufsehen. Sie blickte
ihn zwei Sekunden lang, den langen, spindelförmigen Federhalter in der
Hand, mit gekniffenen Augen an; dann erhob sie sich zur Verbeugung.
»Imma«, sagte sie. »Seine Königliche Hoheit Prinz Klaus Heinrich ist da.«
Fräulein Spoelmann wandte sich rasch auf ihrem Korbsessel, schüttelte
ihr Haar zurück und sah den Eindringling mit großen, erschrockenen Augen
an, ohne zu sprechen, bis Klaus Heinrich mit militärischem Gruß den
Damen einen guten Morgen geboten hatte. Dann sagte sie mit ihrer
gebrochenen Stimme: »Auch Ihnen guten Morgen, Prinz. Sie kommen aber
zu spät zum ersten Frühstück. Wir sind längst fertig.«
Klaus Heinrich lachte.
»Nun, es ist gut,« sagte er, »daß beide Teile gefrühstückt haben. Denn so
können wir ja ungesäumt reiten.«
»Reiten?«
»Ja, unserer Verabredung gemäß.«
»Unserer Verabredung?«
Page 217
»Nein, Sie dürfen das nicht vergessen haben!« sagte er bittend. »Habe ich
nicht versprochen, Ihnen die Umgegend zu zeigen? Wollten wir nicht
zusammen reiten bei schönem Wetter? Nun, der Tag ist herrlich. Sehen Sie
hinaus …«
»Der Tag ist nicht übel,« sagte sie, »aber Sie finde ich stürmisch, Prinz.
Ich kann mich erinnern, daß etwas von Reiten in Aussicht genommen
wurde – aber doch nicht in so nahe? Wie wäre es denn wenigstens mit einer
kleinen Benachrichtigung, einer Anfrage gewesen, wenn Euere Hoheit das
Wort genehmigen? Sie werden mir einräumen, daß ich so nicht wohl in die
Umgegend reiten kann.«
Und sie stand auf, um ihr Morgenkleid zu zeigen, das aus einem
taillenlosen Fluß von schillernder Seide und einem offenen grünsamtenen
Jäckchen bestand.
»Nein,« sagte er, »leider, das können Sie leider nicht. Aber ich warte hier,
während die Damen sich umkleiden. Es ist ja früh …«
»Ausnehmend früh. Aber zweitens ging ich eben ein wenig meiner
harmlosen Beschäftigung nach, wie Sie sahen. Ich habe um elf Uhr
Kolleg.«
»Nein,« rief er, »heute dürfen Sie keine Algebra treiben, Fräulein Imma,
oder im luftleeren Raume spielen, wie Sie es nennen! Sehen Sie doch die
Sonne!… Darf ich …?« Und er trat zum Tischchen und nahm das
Kollegheft zur Hand.
Was er sah, war sinnverwirrend. In einer krausen, kindlich dick
aufgetragenen Schrift, die Imma Spoelmanns besondere Federhaltung
erkennen ließ, bedeckte ein phantastischer Hokuspokus, ein Hexensabbat
verschränkter Runen die Seiten. Griechische Schriftzeichen waren mit
lateinischen und mit Ziffern in verschiedener Höhe verkoppelt, mit Kreuzen
und Strichen durchsetzt, ober- und unterhalb wagrechter Linien bruchartig
aufgereiht, durch andere Linien zeltartig überdacht, durch
Doppelstrichelchen gleichgewertet, durch runde Klammern zu großen
Formelmassen vereinigt. Einzelne Buchstaben, wie Schildwachen
vorgeschoben, waren rechts oberhalb der umklammerten Gruppen
ausgesetzt. Kabbalistische Male, vollständig unverständlich dem Laiensinn,
nicht versprochen, Ihnen die Umgegend zu zeigen? Wollten wir nicht
zusammen reiten bei schönem Wetter? Nun, der Tag ist herrlich. Sehen Sie
hinaus …«
»Der Tag ist nicht übel,« sagte sie, »aber Sie finde ich stürmisch, Prinz.
Ich kann mich erinnern, daß etwas von Reiten in Aussicht genommen
wurde – aber doch nicht in so nahe? Wie wäre es denn wenigstens mit einer
kleinen Benachrichtigung, einer Anfrage gewesen, wenn Euere Hoheit das
Wort genehmigen? Sie werden mir einräumen, daß ich so nicht wohl in die
Umgegend reiten kann.«
Und sie stand auf, um ihr Morgenkleid zu zeigen, das aus einem
taillenlosen Fluß von schillernder Seide und einem offenen grünsamtenen
Jäckchen bestand.
»Nein,« sagte er, »leider, das können Sie leider nicht. Aber ich warte hier,
während die Damen sich umkleiden. Es ist ja früh …«
»Ausnehmend früh. Aber zweitens ging ich eben ein wenig meiner
harmlosen Beschäftigung nach, wie Sie sahen. Ich habe um elf Uhr
Kolleg.«
»Nein,« rief er, »heute dürfen Sie keine Algebra treiben, Fräulein Imma,
oder im luftleeren Raume spielen, wie Sie es nennen! Sehen Sie doch die
Sonne!… Darf ich …?« Und er trat zum Tischchen und nahm das
Kollegheft zur Hand.
Was er sah, war sinnverwirrend. In einer krausen, kindlich dick
aufgetragenen Schrift, die Imma Spoelmanns besondere Federhaltung
erkennen ließ, bedeckte ein phantastischer Hokuspokus, ein Hexensabbat
verschränkter Runen die Seiten. Griechische Schriftzeichen waren mit
lateinischen und mit Ziffern in verschiedener Höhe verkoppelt, mit Kreuzen
und Strichen durchsetzt, ober- und unterhalb wagrechter Linien bruchartig
aufgereiht, durch andere Linien zeltartig überdacht, durch
Doppelstrichelchen gleichgewertet, durch runde Klammern zu großen
Formelmassen vereinigt. Einzelne Buchstaben, wie Schildwachen
vorgeschoben, waren rechts oberhalb der umklammerten Gruppen
ausgesetzt. Kabbalistische Male, vollständig unverständlich dem Laiensinn,
Page 218
umfaßten mit ihren Armen Buchstaben und Zahlen, während Zahlenbrüche
ihnen voranstanden und Zahlen und Buchstaben ihnen zu Häupten und
Füßen schwebten. Sonderbare Silben, Abkürzungen geheimnisvoller Worte,
waren überall eingestreut, und zwischen den nekromantischen Kolonnen
standen geschriebene Sätze und Bemerkungen in täglicher Sprache, deren
Sinn gleichwohl so hoch über allen menschlichen Dingen war, daß man sie
lesen konnte, ohne mehr davon zu verstehen als von einem
Zaubergemurmel.
Klaus Heinrich sah auf zu der kleinen Gestalt, die in schillerndem Kleide,
behangen von den schwarzen Gardinen ihres Haares, neben ihm stand und
in deren fremdartigem Köpfchen dies alles Sinn und hohes, spielendes
Leben hatte. Er sagte: »Und über diesen gottlosen Künsten wollen Sie den
schönen Vormittag versäumen?«
Sie blickte ihn eine Weile befremdet, mit großen, redenden Augen an.
Dann erwiderte sie mit vorgeschobenen Lippen: »Es scheint, daß Euere
Hoheit sich schadlos halten will für den Mangel an Verständnis, der hier
neulich in Hinsicht auf Ihren eigenen Beruf zum Ausdruck kam.«
»Nein,« sagte er, »nein, nicht so! Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich
Ihrem Studium die höchste Ehrfurcht entgegenbringe. Es ängstigt mich, das
gebe ich zu, ich habe niemals etwas davon begriffen. Und auch das gebe ich
zu, daß ich es heute ein wenig verabscheue, weil es uns soll hindern dürfen,
zu reiten …«
»Oh, ich bin es nicht allein, die Sie aus ihrer Tätigkeit reißen, Prinz! Da
ist drittens die Gräfin. Sie schrieb. Sie zeichnet ihre Lebenserinnerungen
auf, nicht für die Welt, aber für den engeren Gebrauch, und ich will mich
verbürgen, daß ein Werk daraus wird, woraus sowohl Sie, Prinz, wie ich,
viel Neues werden lernen können.«
»Ich bin dessen ganz sicher. Aber ebenso sicher bin ich, daß die Frau
Gräfin nicht fähig ist, Ihnen, Fräulein Imma, eine Bitte abzuschlagen.«
»Und mein Vater? Wir sind beim vierten Bedenken. Sie kennen den
Tigersinn meines Vaters. Wird er seine Einwilligung geben?«
»Er hat sie gegeben. ›Reitet sie, so reitet sie‹, das sind seine Worte …«
ihnen voranstanden und Zahlen und Buchstaben ihnen zu Häupten und
Füßen schwebten. Sonderbare Silben, Abkürzungen geheimnisvoller Worte,
waren überall eingestreut, und zwischen den nekromantischen Kolonnen
standen geschriebene Sätze und Bemerkungen in täglicher Sprache, deren
Sinn gleichwohl so hoch über allen menschlichen Dingen war, daß man sie
lesen konnte, ohne mehr davon zu verstehen als von einem
Zaubergemurmel.
Klaus Heinrich sah auf zu der kleinen Gestalt, die in schillerndem Kleide,
behangen von den schwarzen Gardinen ihres Haares, neben ihm stand und
in deren fremdartigem Köpfchen dies alles Sinn und hohes, spielendes
Leben hatte. Er sagte: »Und über diesen gottlosen Künsten wollen Sie den
schönen Vormittag versäumen?«
Sie blickte ihn eine Weile befremdet, mit großen, redenden Augen an.
Dann erwiderte sie mit vorgeschobenen Lippen: »Es scheint, daß Euere
Hoheit sich schadlos halten will für den Mangel an Verständnis, der hier
neulich in Hinsicht auf Ihren eigenen Beruf zum Ausdruck kam.«
»Nein,« sagte er, »nein, nicht so! Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich
Ihrem Studium die höchste Ehrfurcht entgegenbringe. Es ängstigt mich, das
gebe ich zu, ich habe niemals etwas davon begriffen. Und auch das gebe ich
zu, daß ich es heute ein wenig verabscheue, weil es uns soll hindern dürfen,
zu reiten …«
»Oh, ich bin es nicht allein, die Sie aus ihrer Tätigkeit reißen, Prinz! Da
ist drittens die Gräfin. Sie schrieb. Sie zeichnet ihre Lebenserinnerungen
auf, nicht für die Welt, aber für den engeren Gebrauch, und ich will mich
verbürgen, daß ein Werk daraus wird, woraus sowohl Sie, Prinz, wie ich,
viel Neues werden lernen können.«
»Ich bin dessen ganz sicher. Aber ebenso sicher bin ich, daß die Frau
Gräfin nicht fähig ist, Ihnen, Fräulein Imma, eine Bitte abzuschlagen.«
»Und mein Vater? Wir sind beim vierten Bedenken. Sie kennen den
Tigersinn meines Vaters. Wird er seine Einwilligung geben?«
»Er hat sie gegeben. ›Reitet sie, so reitet sie‹, das sind seine Worte …«
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»Sie haben sich seiner im voraus versichert? Nun fange ich an, Ihre
Umsicht zu bewundern, Prinz. Sie sind wie ein Feldherr vorgegangen,
obgleich Sie nicht wirklich Soldat sind, sondern nur zum Schein, wie Sie
uns neulich erzählten. Aber es ist noch ein fünfter Gegenstand da, und der
ist ausschlaggebend. Es wird regnen.«
»Nein, das ist hinfällig, was Sie da sagen. Der Himmel strahlt …«
»Es wird regnen. Die Luft ist viel zu weich. Ich habe es festgestellt, als
wir vorm Frühstück im Quellengarten waren. Kommen Sie zum Barometer,
wenn Sie mir nicht glauben. In der Halle hängt es …«
Wirklich traten sie hinaus in die Teppichhalle, wo neben dem
Marmorkamin ein großes Wetterglas hing. Auch die Gräfin schloß sich an.
Klaus Heinrich sagte: »Es ist gestiegen.«
»Euere Hoheit belieben sich zu irren«, antwortete Fräulein Spoelmann.
»Die Parallaxe täuscht Sie.«
»Das verstehe ich nicht.«
»Die Parallaxe führt Sie irre.«
»Ich weiß nicht, was das ist, Fräulein Imma. Es ist wie mit den
Adirondacks. Ich habe nicht viel gelernt, das hängt mit meiner Art von
Dasein zusammen. Sie müssen Nachsicht haben.«
»Oh, ich bitte um gnädigste Entschuldigung. Ich hätte mich erinnern
müssen, daß man volkstümlich mit Euerer Hoheit zu reden hat. Sie stehen
schief vor dem Zeiger, darum scheint er Ihnen gestiegen. Wenn Sie sich
entschließen würden, genau davor zu treten, so würden Sie sehen, daß der
schwarze keineswegs über den goldenen hinausgegangen, sondern sogar ein
bißchen zurückgewichen ist …«
»Ich glaube wahrhaftig, Sie haben recht«, sagte Klaus Heinrich betrübt.
»Und also ist der Luftdruck doch höher, als ich dachte!«
»Er ist niedriger, als Sie dachten.«
»Wenn das Quecksilber gefallen ist?«
Umsicht zu bewundern, Prinz. Sie sind wie ein Feldherr vorgegangen,
obgleich Sie nicht wirklich Soldat sind, sondern nur zum Schein, wie Sie
uns neulich erzählten. Aber es ist noch ein fünfter Gegenstand da, und der
ist ausschlaggebend. Es wird regnen.«
»Nein, das ist hinfällig, was Sie da sagen. Der Himmel strahlt …«
»Es wird regnen. Die Luft ist viel zu weich. Ich habe es festgestellt, als
wir vorm Frühstück im Quellengarten waren. Kommen Sie zum Barometer,
wenn Sie mir nicht glauben. In der Halle hängt es …«
Wirklich traten sie hinaus in die Teppichhalle, wo neben dem
Marmorkamin ein großes Wetterglas hing. Auch die Gräfin schloß sich an.
Klaus Heinrich sagte: »Es ist gestiegen.«
»Euere Hoheit belieben sich zu irren«, antwortete Fräulein Spoelmann.
»Die Parallaxe täuscht Sie.«
»Das verstehe ich nicht.«
»Die Parallaxe führt Sie irre.«
»Ich weiß nicht, was das ist, Fräulein Imma. Es ist wie mit den
Adirondacks. Ich habe nicht viel gelernt, das hängt mit meiner Art von
Dasein zusammen. Sie müssen Nachsicht haben.«
»Oh, ich bitte um gnädigste Entschuldigung. Ich hätte mich erinnern
müssen, daß man volkstümlich mit Euerer Hoheit zu reden hat. Sie stehen
schief vor dem Zeiger, darum scheint er Ihnen gestiegen. Wenn Sie sich
entschließen würden, genau davor zu treten, so würden Sie sehen, daß der
schwarze keineswegs über den goldenen hinausgegangen, sondern sogar ein
bißchen zurückgewichen ist …«
»Ich glaube wahrhaftig, Sie haben recht«, sagte Klaus Heinrich betrübt.
»Und also ist der Luftdruck doch höher, als ich dachte!«
»Er ist niedriger, als Sie dachten.«
»Wenn das Quecksilber gefallen ist?«
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»Das Quecksilber fällt bei niedrigem Druck und nicht bei hohem,
Königliche Hoheit.«
»Nun verstehe ich gar nichts mehr.«
»Ich glaube, Prinz, Sie übertreiben Ihre Unwissenheit in scherzhafter
Weise, um die Grenzen derselben zu verwischen. Aber da der Luftdruck so
hoch ist, daß das Quecksilber fällt, was freilich auf eine schwere Verirrung
der Natur deutet, so wollen wir denn reiten, Gräfin – was meinen Sie? Ich
will es nicht verantworten, den Prinzen wieder heimzuschicken, da er
einmal gekommen ist. Er möge sich da drinnen gedulden, bis wir fertig
sind …«
Als Imma Spoelmann und die Gräfin in den Wintergarten zurückkehrten,
waren sie zum Reiten gekleidet, Imma in ein geschlossenes schwarzes
Wollkleid mit Brusttaschen und einem Dreispitz aus schwarzem Filz dazu,
die Gräfin in schwarzes Tuch mit einem gestärkten Herren-Vorhemd und
hohem Hut. Sie gingen miteinander die Treppe hinunter, durch die
Mosaikhalle, und traten ins Freie hinaus, wo zwischen dem Säulenportal
und dem großen Bassin zwei Stallknechte mit den Pferden warteten. Sie
saßen aber noch nicht im Sattel, als mit einem hohen und jaulenden Geheul,
das der Ausdruck seiner äußersten Leidenschaft war, Perceval, der
Colliehund, geifernd und an wütender Schnellkraft einer Windsbraut gleich,
aus dem Schlosse brauste und um die Pferde, die unruhig die Köpfe warfen,
einen tobenden Drehtanz zu vollführen begann.
»Da haben wir's«, sagte Imma im Lärm und klopfte der scheuenden
Fatme den Hals. »Es war ihm nicht zu verheimlichen. Im letzten
Augenblick hat er alles entdeckt. Nun kommt er mit, und zwar nicht ohne
Aufhebens von der Sache zu machen. Stehen wir ab von unserem Beginnen,
Prinz?«
Aber obgleich Klaus Heinrich verstand, daß man ebensogut den
Bedienten mit einer silbernen Drommete sich hätte können voranreiten
lassen, damit er durch sein Getön die Teilnahme der Öffentlichkeit an
diesem Ausritt erzwinge, so sagte er doch trotzig und froh, daß Perceval nur
mitkommen möge; er gehöre dazu und müsse auch seinerseits die
Umgegend kennenlernen.
Königliche Hoheit.«
»Nun verstehe ich gar nichts mehr.«
»Ich glaube, Prinz, Sie übertreiben Ihre Unwissenheit in scherzhafter
Weise, um die Grenzen derselben zu verwischen. Aber da der Luftdruck so
hoch ist, daß das Quecksilber fällt, was freilich auf eine schwere Verirrung
der Natur deutet, so wollen wir denn reiten, Gräfin – was meinen Sie? Ich
will es nicht verantworten, den Prinzen wieder heimzuschicken, da er
einmal gekommen ist. Er möge sich da drinnen gedulden, bis wir fertig
sind …«
Als Imma Spoelmann und die Gräfin in den Wintergarten zurückkehrten,
waren sie zum Reiten gekleidet, Imma in ein geschlossenes schwarzes
Wollkleid mit Brusttaschen und einem Dreispitz aus schwarzem Filz dazu,
die Gräfin in schwarzes Tuch mit einem gestärkten Herren-Vorhemd und
hohem Hut. Sie gingen miteinander die Treppe hinunter, durch die
Mosaikhalle, und traten ins Freie hinaus, wo zwischen dem Säulenportal
und dem großen Bassin zwei Stallknechte mit den Pferden warteten. Sie
saßen aber noch nicht im Sattel, als mit einem hohen und jaulenden Geheul,
das der Ausdruck seiner äußersten Leidenschaft war, Perceval, der
Colliehund, geifernd und an wütender Schnellkraft einer Windsbraut gleich,
aus dem Schlosse brauste und um die Pferde, die unruhig die Köpfe warfen,
einen tobenden Drehtanz zu vollführen begann.
»Da haben wir's«, sagte Imma im Lärm und klopfte der scheuenden
Fatme den Hals. »Es war ihm nicht zu verheimlichen. Im letzten
Augenblick hat er alles entdeckt. Nun kommt er mit, und zwar nicht ohne
Aufhebens von der Sache zu machen. Stehen wir ab von unserem Beginnen,
Prinz?«
Aber obgleich Klaus Heinrich verstand, daß man ebensogut den
Bedienten mit einer silbernen Drommete sich hätte können voranreiten
lassen, damit er durch sein Getön die Teilnahme der Öffentlichkeit an
diesem Ausritt erzwinge, so sagte er doch trotzig und froh, daß Perceval nur
mitkommen möge; er gehöre dazu und müsse auch seinerseits die
Umgegend kennenlernen.
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»Wohin nun also?« fragte Imma, als es im Schritt durch die breite
Kastanienzufahrt ging. Sie ritt zwischen Klaus Heinrich und der Gräfin.
Perceval lärmte voran.
Der englische Reitknecht, mit Rosettenhut und gelben Stulpen, folgte in
gemessener Entfernung.
»Der Hofjäger ist hübsch,« antwortete Klaus Heinrich, »aber zur
Fasanerie ist es ein bißchen weiter, und wir haben ja Zeit bis zum
Frühstück. Ich würde den Damen das Schloß gern zeigen. Ich habe da als
Knabe drei Jahre verlebt. Es war ein Konvikt, wissen Sie, mit Lehrern und
Mitschülern. Ich habe dort meinen Freund Überbein kennengelernt, Doktor
Überbein, meinen liebsten Lehrer.«
»Sie haben einen Freund?« fragte Fräulein Spoelmann gewissermaßen
erstaunt und sah ihn an. »Von dem müssen Sie mir einmal erzählen«, fügte
sie hinzu. »Und auf Schloß Fasanerie sind Sie erzogen worden? Dann
müssen wir es sehen, denn das ist offenbar auch Ihre Überzeugung. Trab!«
sagte sie, da man in einen erdigen Reitweg eingelenkt war. »Da liegt Ihre
Einsiedelei, mein Prinz … Entenfutter ist auf Ihrem Teiche in hinlänglichen
Mengen vorhanden … Ich denke, wir lassen den Quellengarten hübsch
seitwärts liegen, wenn es sich machen läßt.«
Klaus Heinrich war es zufrieden, und so verließen sie die Parkgegend
und trabten querfeldein, um die Landstraße zu gewinnen, die in
nordwestlicher Richtung zu dem gesetzten Ziele führte. Im Stadtgarten
waren sie von einigen Spaziergängern begrüßt und bestaunt worden, wofür
Klaus Heinrich, die Hand am Mützenschirme, Imma Spoelmann mit
ernsthaften und ein wenig befangenen Neigungen ihres schwarzbleichen
Köpfchens im Dreispitz gedankt hatte. Nun waren sie im Freien und
brauchten keiner Begegnungen mehr gewärtig zu sein. Auf der Chaussee
zog dann und wann ein bäuerliches Fuhrwerk dahin, oder ein Radfahrer
arbeitete sich gebückt des Weges. Aber sie hielten sich zuseiten der Straße
im Wiesengelände, wo es sich sanfter und freier ritt. Perceval tänzelte
rückwärts vor den Pferden her, beständig in Unrast und fiebriger Erwartung,
beständig in drehender, trippelnder, wedelnder Bewegung – sein Atem flog,
seine Zunge hing lang aus dem geifernden Rachen, und manchmal löste die
unvernünftige Qual seiner Nerven sich in kurzen, seufzerartigen Schreien.
Kastanienzufahrt ging. Sie ritt zwischen Klaus Heinrich und der Gräfin.
Perceval lärmte voran.
Der englische Reitknecht, mit Rosettenhut und gelben Stulpen, folgte in
gemessener Entfernung.
»Der Hofjäger ist hübsch,« antwortete Klaus Heinrich, »aber zur
Fasanerie ist es ein bißchen weiter, und wir haben ja Zeit bis zum
Frühstück. Ich würde den Damen das Schloß gern zeigen. Ich habe da als
Knabe drei Jahre verlebt. Es war ein Konvikt, wissen Sie, mit Lehrern und
Mitschülern. Ich habe dort meinen Freund Überbein kennengelernt, Doktor
Überbein, meinen liebsten Lehrer.«
»Sie haben einen Freund?« fragte Fräulein Spoelmann gewissermaßen
erstaunt und sah ihn an. »Von dem müssen Sie mir einmal erzählen«, fügte
sie hinzu. »Und auf Schloß Fasanerie sind Sie erzogen worden? Dann
müssen wir es sehen, denn das ist offenbar auch Ihre Überzeugung. Trab!«
sagte sie, da man in einen erdigen Reitweg eingelenkt war. »Da liegt Ihre
Einsiedelei, mein Prinz … Entenfutter ist auf Ihrem Teiche in hinlänglichen
Mengen vorhanden … Ich denke, wir lassen den Quellengarten hübsch
seitwärts liegen, wenn es sich machen läßt.«
Klaus Heinrich war es zufrieden, und so verließen sie die Parkgegend
und trabten querfeldein, um die Landstraße zu gewinnen, die in
nordwestlicher Richtung zu dem gesetzten Ziele führte. Im Stadtgarten
waren sie von einigen Spaziergängern begrüßt und bestaunt worden, wofür
Klaus Heinrich, die Hand am Mützenschirme, Imma Spoelmann mit
ernsthaften und ein wenig befangenen Neigungen ihres schwarzbleichen
Köpfchens im Dreispitz gedankt hatte. Nun waren sie im Freien und
brauchten keiner Begegnungen mehr gewärtig zu sein. Auf der Chaussee
zog dann und wann ein bäuerliches Fuhrwerk dahin, oder ein Radfahrer
arbeitete sich gebückt des Weges. Aber sie hielten sich zuseiten der Straße
im Wiesengelände, wo es sich sanfter und freier ritt. Perceval tänzelte
rückwärts vor den Pferden her, beständig in Unrast und fiebriger Erwartung,
beständig in drehender, trippelnder, wedelnder Bewegung – sein Atem flog,
seine Zunge hing lang aus dem geifernden Rachen, und manchmal löste die
unvernünftige Qual seiner Nerven sich in kurzen, seufzerartigen Schreien.
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Später toste er im Weiten, verfolgte mit aufgerichteten Ohren in hohen und
kurzen Sprüngen irgendein Lebewesen am Boden und setzte in wilder Jagd
einem flüchtigen Hasen nach, während sein ausgelassenes Gebell unter dem
offenen Himmel verhallte.
Man sprach von Fatme, die Klaus Heinrich zum erstenmal aus solcher
Nähe sah und herzlich bewunderte. Auf ihrem langen, muskulösen Hals
trug Fatme hoffärtig nickend einen kleinen Kopf mit feurig schielenden
Augen; sie hatte die zierlichen Beine des arabischen Typs und einen
wallenden Silberschweif. Weiß wie der Mondstrahl, war sie weiß gesattelt
und gegürtet und mit weißem Leder gezäumt. Florian, ein etwas schläfriger
Brauner mit kurzem Rücken, gestutzter Mähne und gelben Fesselbinden,
erschien hausbacken wie ein Esel neben der vornehmen Fremden, obgleich
er sorgfältig gehalten war. Die Gräfin Löwenjoul ritt eine große Falbe
namens Isabeau. Sie saß vortrefflich zu Pferde, unterstützt von ihrer hohen
und straffen Gestalt; aber ihren kleinen Kopf im Herrenhut hielt sie zur
Seite geneigt, und ihre Lider waren zwinkernd zusammengezogen. Klaus
Heinrich richtete hinter Fräulein Spoelmanns Rücken das Wort an sie,
indem er sich im Sattel rückwärts bog; aber sie antwortete nicht, fuhr
vielmehr fort, mit halbgeschlossenen Augen und einem madonnenhaften
Ausdruck kurz vor sich hinzublicken, und Imma sagte: »Lassen wir die
Gräfin, Prinz, sie ist zerstreut.«
»Ich will nicht hoffen,« sagte er, »daß die Frau Gräfin sich uns
widerwillig angeschlossen hat.« Und er war aufrichtig bestürzt, als Imma
Spoelmann gelassen antwortete: »Die Wahrheit zu sagen, das könnte sein.«
»Ihrer Aufzeichnungen wegen?« fragte er.
»Ach, die Aufzeichnungen. Die sind so dringlich nicht und mehr ein
Zeitvertreib – obgleich ich mir unterderhand manches Lehrreiche davon
verspreche. Aber ich will Ihnen nicht verschweigen, Prinz, daß die Gräfin
nicht sonderlich gut auf Sie zu sprechen ist. Sie hat sich mir gegenüber in
diesem Sinne geäußert. Sie seien hart und streng, sagte sie, und hätten
erkältend auf sie gewirkt.«
Klaus Heinrich war errötet.
kurzen Sprüngen irgendein Lebewesen am Boden und setzte in wilder Jagd
einem flüchtigen Hasen nach, während sein ausgelassenes Gebell unter dem
offenen Himmel verhallte.
Man sprach von Fatme, die Klaus Heinrich zum erstenmal aus solcher
Nähe sah und herzlich bewunderte. Auf ihrem langen, muskulösen Hals
trug Fatme hoffärtig nickend einen kleinen Kopf mit feurig schielenden
Augen; sie hatte die zierlichen Beine des arabischen Typs und einen
wallenden Silberschweif. Weiß wie der Mondstrahl, war sie weiß gesattelt
und gegürtet und mit weißem Leder gezäumt. Florian, ein etwas schläfriger
Brauner mit kurzem Rücken, gestutzter Mähne und gelben Fesselbinden,
erschien hausbacken wie ein Esel neben der vornehmen Fremden, obgleich
er sorgfältig gehalten war. Die Gräfin Löwenjoul ritt eine große Falbe
namens Isabeau. Sie saß vortrefflich zu Pferde, unterstützt von ihrer hohen
und straffen Gestalt; aber ihren kleinen Kopf im Herrenhut hielt sie zur
Seite geneigt, und ihre Lider waren zwinkernd zusammengezogen. Klaus
Heinrich richtete hinter Fräulein Spoelmanns Rücken das Wort an sie,
indem er sich im Sattel rückwärts bog; aber sie antwortete nicht, fuhr
vielmehr fort, mit halbgeschlossenen Augen und einem madonnenhaften
Ausdruck kurz vor sich hinzublicken, und Imma sagte: »Lassen wir die
Gräfin, Prinz, sie ist zerstreut.«
»Ich will nicht hoffen,« sagte er, »daß die Frau Gräfin sich uns
widerwillig angeschlossen hat.« Und er war aufrichtig bestürzt, als Imma
Spoelmann gelassen antwortete: »Die Wahrheit zu sagen, das könnte sein.«
»Ihrer Aufzeichnungen wegen?« fragte er.
»Ach, die Aufzeichnungen. Die sind so dringlich nicht und mehr ein
Zeitvertreib – obgleich ich mir unterderhand manches Lehrreiche davon
verspreche. Aber ich will Ihnen nicht verschweigen, Prinz, daß die Gräfin
nicht sonderlich gut auf Sie zu sprechen ist. Sie hat sich mir gegenüber in
diesem Sinne geäußert. Sie seien hart und streng, sagte sie, und hätten
erkältend auf sie gewirkt.«
Klaus Heinrich war errötet.
Page 223
»Ich weiß wohl,« sagte er leise, indem er auf seine Zügel niederblickte,
»daß ich nicht erwärmend wirke, Fräulein Imma, oder doch höchstens von
weitem … Auch das hängt mit meiner Art von Dasein zusammen, wie ich
sagte. Aber ich bin mir nicht bewußt, gegen die Gräfin hart und streng
gewesen zu sein.«
»Nicht mit Worten wahrscheinlich«, erwiderte sie. »Aber Sie haben ihr
nicht erlaubt, sich ein bißchen gehen zu lassen, haben ihr nicht die Wohltat
gegönnt, ein wenig zu schwatzen, – darum ist sie Ihnen gram –, und ich
weiß auch wohl, wie Sie das gemacht haben, wie Sie es der Armen schwer
gemacht und sie erkältet haben – sehr wohl«, wiederholte sie und wandte
sich ab.
Klaus Heinrich schwieg. Er hielt seine linke Hand in die Hüfte gestemmt,
und seine Augen waren müde.
»Sie wissen es?« sagte er dann. »Und also wirke ich wohl auch auf Sie
erkältend, Fräulein Imma?«
»Ich ermahne Sie,« antwortete sie, ohne sich zu besinnen, mit ihrer
gebrochenen Stimme und wandte mit vorgeschobenen Lippen ihr Köpfchen
hin und her, »die Wirkung, die Sie auf mich ausüben, auf keine Weise zu
überschätzen, Prinz.« Und plötzlich ließ sie Fatme zum Galopp ansetzen
und flog in solcher Geschwindigkeit über das Blachfeld dahin und der
dunklen Masse des fernen Kiefernwaldes entgegen, daß weder die Gräfin
noch Klaus Heinrich sich bei ihr zu halten vermochten. Erst am Rande des
Gehölzes, durch welches auch die Landstraße lief, machte sie halt und
wandte ihr Tier, um den Nachsetzenden mit spöttischer Miene
entgegenzusehen.
Gräfin Löwenjoul auf der großen Isabeau war die erste, die sich zu der
Flüchtigen fand. Dann kam Florian, schnaubend und tief verdutzt über die
ungewohnte Zumutung. Man lachte und atmete rasch, während man in den
hallenden Wald hineinritt. Die Gräfin war wach geworden und plauderte
lebhaft, mit frischen, vornehmen Bewegungen und ihre weißen Zähne
zeigend. Scherzend redete sie auf Perceval hinab, dessen Inneres durch den
Gewaltritt aufs neue zerrissen war und der sich wütend vor den Pferden
zwischen den Stämmen drehte.
»daß ich nicht erwärmend wirke, Fräulein Imma, oder doch höchstens von
weitem … Auch das hängt mit meiner Art von Dasein zusammen, wie ich
sagte. Aber ich bin mir nicht bewußt, gegen die Gräfin hart und streng
gewesen zu sein.«
»Nicht mit Worten wahrscheinlich«, erwiderte sie. »Aber Sie haben ihr
nicht erlaubt, sich ein bißchen gehen zu lassen, haben ihr nicht die Wohltat
gegönnt, ein wenig zu schwatzen, – darum ist sie Ihnen gram –, und ich
weiß auch wohl, wie Sie das gemacht haben, wie Sie es der Armen schwer
gemacht und sie erkältet haben – sehr wohl«, wiederholte sie und wandte
sich ab.
Klaus Heinrich schwieg. Er hielt seine linke Hand in die Hüfte gestemmt,
und seine Augen waren müde.
»Sie wissen es?« sagte er dann. »Und also wirke ich wohl auch auf Sie
erkältend, Fräulein Imma?«
»Ich ermahne Sie,« antwortete sie, ohne sich zu besinnen, mit ihrer
gebrochenen Stimme und wandte mit vorgeschobenen Lippen ihr Köpfchen
hin und her, »die Wirkung, die Sie auf mich ausüben, auf keine Weise zu
überschätzen, Prinz.« Und plötzlich ließ sie Fatme zum Galopp ansetzen
und flog in solcher Geschwindigkeit über das Blachfeld dahin und der
dunklen Masse des fernen Kiefernwaldes entgegen, daß weder die Gräfin
noch Klaus Heinrich sich bei ihr zu halten vermochten. Erst am Rande des
Gehölzes, durch welches auch die Landstraße lief, machte sie halt und
wandte ihr Tier, um den Nachsetzenden mit spöttischer Miene
entgegenzusehen.
Gräfin Löwenjoul auf der großen Isabeau war die erste, die sich zu der
Flüchtigen fand. Dann kam Florian, schnaubend und tief verdutzt über die
ungewohnte Zumutung. Man lachte und atmete rasch, während man in den
hallenden Wald hineinritt. Die Gräfin war wach geworden und plauderte
lebhaft, mit frischen, vornehmen Bewegungen und ihre weißen Zähne
zeigend. Scherzend redete sie auf Perceval hinab, dessen Inneres durch den
Gewaltritt aufs neue zerrissen war und der sich wütend vor den Pferden
zwischen den Stämmen drehte.
Page 224
»Königliche Hoheit«, sagte sie, »sollten ihn springen sehen …
voltigieren … Er nimmt Gräben und Bäche von sechs Meter Breite, und
zwar mit einer Schönheit und Leichtigkeit, daß es entzückend ist. Aber nur
eigenwillig, wohlgemerkt, aus freien Stücken, denn eher, glaube ich, ließe
er sich totschlagen, als daß er sich irgendwelcher Dressur unterzöge und
befohlene Kunststücke ausführte. Er hat, möchte ich sagen, die Dressur und
Zucht in sich selbst, von Geburt, und wenn er ungebärdig ist, so ist er doch
niemals roh. Das ist ein Freiherr, ein Edelmann, wohlgeboren und vom
strengsten Charakter. Oh, er ist stolz, er scheint wohl toll, aber er weiß sich
zu beherrschen. Niemand hat ihn im Schmerze je schreien hören, sei es bei
Verletzungen oder bei Züchtigungen. Auch nimmt er nur Nahrung, wenn er
Hunger hat, und verschmäht im anderen Falle die leckersten Bissen.
Morgens erhält er Rahm … man muß ihn nähren. Er verzehrt sich von
innen, er ist mager unter seinem seidenen Fell, daß man alle Rippen fühlt,
und man muß leider gewärtigen, daß er nicht alt werden, sondern frühzeitig
der Schwindsucht zum Opfer fallen wird … Das Gesindel verfolgt ihn, es
drängt sich an ihn und hat es auf ihn abgesehen auf allen Gassen; aber wild
und ohne sich gemein zu machen, entspringt er, und nur wenn man zu
Feindseligkeiten übergeht, so teilt er mit seinen prächtigen Zähnen Bisse
aus, an die der Pöbel sich erinnern mag. Soviel Ritterlichkeit im Bunde mit
soviel Reinheit ist liebenswert.«
Imma stimmte dem zu mit Worten, die das Wirklichste und zweifellos
Ernsteste waren, was Klaus Heinrich bisher aus ihrem Munde vernommen.
»Ja,« sagte sie, »Percy, du bist mein guter Freund, ich werde immer zu
dir halten. Jemand, ein Kundiger, hat ihn für geisteskrank erklärt, das
komme bei edlen Hunden nicht selten vor, und hat uns geraten, ihn töten zu
lassen, weil er unmöglich sei und uns jeden Tag zur Verzweiflung bringen
werde. Aber ich lasse mir meinen Percy nicht nehmen. Er ist unmöglich, ja,
und manches Mal schwer zu ertragen; aber bei alledem ist er rührend und
brav und hat meine volle Zuneigung.«
Hierauf sprach auch die Gräfin noch dies und das über des Collies Natur,
aber es wurde bald wirr und sonderbar, was sie sagte, ging in ein
Selbstgespräch mit lebhaftem und elegantem Gestenspiel über; und
nachdem sie zuletzt einen gekniffenen Blick zu Klaus Heinrich
hinübergesandt, verfiel sie aufs neue in Abwesenheit.
voltigieren … Er nimmt Gräben und Bäche von sechs Meter Breite, und
zwar mit einer Schönheit und Leichtigkeit, daß es entzückend ist. Aber nur
eigenwillig, wohlgemerkt, aus freien Stücken, denn eher, glaube ich, ließe
er sich totschlagen, als daß er sich irgendwelcher Dressur unterzöge und
befohlene Kunststücke ausführte. Er hat, möchte ich sagen, die Dressur und
Zucht in sich selbst, von Geburt, und wenn er ungebärdig ist, so ist er doch
niemals roh. Das ist ein Freiherr, ein Edelmann, wohlgeboren und vom
strengsten Charakter. Oh, er ist stolz, er scheint wohl toll, aber er weiß sich
zu beherrschen. Niemand hat ihn im Schmerze je schreien hören, sei es bei
Verletzungen oder bei Züchtigungen. Auch nimmt er nur Nahrung, wenn er
Hunger hat, und verschmäht im anderen Falle die leckersten Bissen.
Morgens erhält er Rahm … man muß ihn nähren. Er verzehrt sich von
innen, er ist mager unter seinem seidenen Fell, daß man alle Rippen fühlt,
und man muß leider gewärtigen, daß er nicht alt werden, sondern frühzeitig
der Schwindsucht zum Opfer fallen wird … Das Gesindel verfolgt ihn, es
drängt sich an ihn und hat es auf ihn abgesehen auf allen Gassen; aber wild
und ohne sich gemein zu machen, entspringt er, und nur wenn man zu
Feindseligkeiten übergeht, so teilt er mit seinen prächtigen Zähnen Bisse
aus, an die der Pöbel sich erinnern mag. Soviel Ritterlichkeit im Bunde mit
soviel Reinheit ist liebenswert.«
Imma stimmte dem zu mit Worten, die das Wirklichste und zweifellos
Ernsteste waren, was Klaus Heinrich bisher aus ihrem Munde vernommen.
»Ja,« sagte sie, »Percy, du bist mein guter Freund, ich werde immer zu
dir halten. Jemand, ein Kundiger, hat ihn für geisteskrank erklärt, das
komme bei edlen Hunden nicht selten vor, und hat uns geraten, ihn töten zu
lassen, weil er unmöglich sei und uns jeden Tag zur Verzweiflung bringen
werde. Aber ich lasse mir meinen Percy nicht nehmen. Er ist unmöglich, ja,
und manches Mal schwer zu ertragen; aber bei alledem ist er rührend und
brav und hat meine volle Zuneigung.«
Hierauf sprach auch die Gräfin noch dies und das über des Collies Natur,
aber es wurde bald wirr und sonderbar, was sie sagte, ging in ein
Selbstgespräch mit lebhaftem und elegantem Gestenspiel über; und
nachdem sie zuletzt einen gekniffenen Blick zu Klaus Heinrich
hinübergesandt, verfiel sie aufs neue in Abwesenheit.
Page 225
Klaus Heinrich fühlte sich froh und getröstet, sei es durch den scharfen
Ritt – bei dem er sich übrigens weidlich hatte zusammennehmen müssen,
da er zwar gut und ansprechend zu Pferde saß, aber eigentlich, schon seiner
linken Hand wegen, kein sehr sicherer Reiter war –, sei es aus anderem
Grunde. Als sie das Nadelgehölz verlassen hatten und auf der stillen
Landstraße zwischen Wiesen und gefurchten Äckern hin und dann und
wann an einem Bauerngehöft, einer ländlichen Wirtschaft vorüber, im
Schritt der nächsten Waldung entgegenritten, fragte er gedämpft: »Wollen
Sie nicht Ihr Versprechen einlösen und mir von der Gräfin erzählen,
Fräulein Imma? Wie ist sie Ihre Gesellschaftsdame geworden?«
»Sie ist meine Freundin,« antwortete sie, »und in gewisser Weise auch
meine Lehrerin, obgleich sie erst zu uns kam, als ich schon erwachsen war.
Das war vor drei Jahren, in Neuyork, und die Gräfin war damals in
schrecklicher Lebenslage. Sie war am Verhungern«, sagte Imma
Spoelmann, und indem sie es sagte, richtete sie ihre großen, schwarzen
Augen mit einem forschenden und entsetzten Ausdruck auf Klaus Heinrich.
»Wirklich am Verhungern?« fragte er und erwiderte ihren Blick …
»Bitte, erzählen Sie weiter!«
»Ja, das sagte ich auch, damals, als sie zu uns kam, und obgleich ich
natürlich wohl sah, daß ihr Verstand nicht in Ordnung war, so machte sie
doch so großen Eindruck auf mich, daß ich meinen Vater veranlaßte, sie mir
zur Gesellschaft zu geben.«
»Wie kam sie nach Amerika? – Ist sie Gräfin von Geburt?« fragte Klaus
Heinrich.
»Nicht Gräfin, aber von Adel und in guten und sanften Verhältnissen
aufgewachsen, behütet und geschützt vor allen Winden, wie sie mir
erzählte, schon weil sie von Kind auf innerlich zart und verletzlich und
schonungsbedürftig gewesen sei. Aber dann ging sie ihre Ehe ein mit dem
Grafen Löwenjoul, Offizier, Reiterhauptmann – und das war ein etwas
eigenartiger Aristokrat, ihren Erzählungen nach – nicht ganz mustergültig,
um mich gelinde auszudrücken.«
»Wie mag er gewesen sein …« fragte Klaus Heinrich.
Ritt – bei dem er sich übrigens weidlich hatte zusammennehmen müssen,
da er zwar gut und ansprechend zu Pferde saß, aber eigentlich, schon seiner
linken Hand wegen, kein sehr sicherer Reiter war –, sei es aus anderem
Grunde. Als sie das Nadelgehölz verlassen hatten und auf der stillen
Landstraße zwischen Wiesen und gefurchten Äckern hin und dann und
wann an einem Bauerngehöft, einer ländlichen Wirtschaft vorüber, im
Schritt der nächsten Waldung entgegenritten, fragte er gedämpft: »Wollen
Sie nicht Ihr Versprechen einlösen und mir von der Gräfin erzählen,
Fräulein Imma? Wie ist sie Ihre Gesellschaftsdame geworden?«
»Sie ist meine Freundin,« antwortete sie, »und in gewisser Weise auch
meine Lehrerin, obgleich sie erst zu uns kam, als ich schon erwachsen war.
Das war vor drei Jahren, in Neuyork, und die Gräfin war damals in
schrecklicher Lebenslage. Sie war am Verhungern«, sagte Imma
Spoelmann, und indem sie es sagte, richtete sie ihre großen, schwarzen
Augen mit einem forschenden und entsetzten Ausdruck auf Klaus Heinrich.
»Wirklich am Verhungern?« fragte er und erwiderte ihren Blick …
»Bitte, erzählen Sie weiter!«
»Ja, das sagte ich auch, damals, als sie zu uns kam, und obgleich ich
natürlich wohl sah, daß ihr Verstand nicht in Ordnung war, so machte sie
doch so großen Eindruck auf mich, daß ich meinen Vater veranlaßte, sie mir
zur Gesellschaft zu geben.«
»Wie kam sie nach Amerika? – Ist sie Gräfin von Geburt?« fragte Klaus
Heinrich.
»Nicht Gräfin, aber von Adel und in guten und sanften Verhältnissen
aufgewachsen, behütet und geschützt vor allen Winden, wie sie mir
erzählte, schon weil sie von Kind auf innerlich zart und verletzlich und
schonungsbedürftig gewesen sei. Aber dann ging sie ihre Ehe ein mit dem
Grafen Löwenjoul, Offizier, Reiterhauptmann – und das war ein etwas
eigenartiger Aristokrat, ihren Erzählungen nach – nicht ganz mustergültig,
um mich gelinde auszudrücken.«
»Wie mag er gewesen sein …« fragte Klaus Heinrich.
Page 226
»Ja, Prinz, genau kann ich es Ihnen nicht sagen. Sie müssen in Erwägung
ziehen, daß die Gräfin eine etwas dunkle Art zu erzählen hat. Aber ihren
Andeutungen nach zu urteilen, muß er ein so wilder und schamloser
Mensch gewesen sein, wie man es sich nur schwerlich vorzustellen vermag,
so ein Wüstling, wissen Sie …«
»Ja, ich weiß«, sagte Klaus Heinrich; »was man einen Bruder Liederlich
nennt, einen lockeren Zeisig oder Lebemann, von dieser Art.«
»Gut, sagen wir Lebemann – aber in der ausschweifendsten und
grenzenlosesten Bedeutung, denn nach den Andeutungen der Gräfin zu
schließen, gibt es überhaupt keine Grenzen in dieser Richtung …«
»Nein, den Eindruck habe ich auch«, sagte Klaus Heinrich. »Ich habe
mehrere Leute dieses Schlages gekannt – verfluchte Kerle, wie man wohl
sagt. Von einem ist mir zu Ohren gekommen, daß er in seinem Automobil,
und zwar in voller Fahrt, Liebesverhältnisse anzuknüpfen pflegt.«
»Haben Sie das von Ihrem Freunde Überbein?«
»Nein, von anderer Seite. Überbein würde es nicht für passend halten,
mich solche Einblicke tun zu lassen.«
»Dann muß er ein unnützer Freund sein, Prinz.«
»Wenn ich Ihnen mehr von ihm erzähle, Fräulein Imma, so werden Sie
ihn schätzen lernen. Aber bitte, fahren Sie fort!«
»Nun, ich weiß nicht, ob Löwenjoul es machte wie Ihr Lebemann.
Jedenfalls trieb er es arg …«
»Ich kann mir denken, daß er spielte und trank.«
»Allerdings, das ist anzunehmen. Und außerdem knüpfte er natürlich
auch Liebesverhältnisse an, wie Sie sagen, betrog die Gräfin mit
lasterhaften Weibern, von denen es überall sehr viele gibt – anfangs hinter
ihrem Rücken und dann nicht einmal mehr hinter ihrem Rücken, sondern
frech und offen und ohne Mitleid mit ihrem Kummer.«
»Sagen Sie mir aber: warum war sie die Ehe mit ihm eingegangen?«
ziehen, daß die Gräfin eine etwas dunkle Art zu erzählen hat. Aber ihren
Andeutungen nach zu urteilen, muß er ein so wilder und schamloser
Mensch gewesen sein, wie man es sich nur schwerlich vorzustellen vermag,
so ein Wüstling, wissen Sie …«
»Ja, ich weiß«, sagte Klaus Heinrich; »was man einen Bruder Liederlich
nennt, einen lockeren Zeisig oder Lebemann, von dieser Art.«
»Gut, sagen wir Lebemann – aber in der ausschweifendsten und
grenzenlosesten Bedeutung, denn nach den Andeutungen der Gräfin zu
schließen, gibt es überhaupt keine Grenzen in dieser Richtung …«
»Nein, den Eindruck habe ich auch«, sagte Klaus Heinrich. »Ich habe
mehrere Leute dieses Schlages gekannt – verfluchte Kerle, wie man wohl
sagt. Von einem ist mir zu Ohren gekommen, daß er in seinem Automobil,
und zwar in voller Fahrt, Liebesverhältnisse anzuknüpfen pflegt.«
»Haben Sie das von Ihrem Freunde Überbein?«
»Nein, von anderer Seite. Überbein würde es nicht für passend halten,
mich solche Einblicke tun zu lassen.«
»Dann muß er ein unnützer Freund sein, Prinz.«
»Wenn ich Ihnen mehr von ihm erzähle, Fräulein Imma, so werden Sie
ihn schätzen lernen. Aber bitte, fahren Sie fort!«
»Nun, ich weiß nicht, ob Löwenjoul es machte wie Ihr Lebemann.
Jedenfalls trieb er es arg …«
»Ich kann mir denken, daß er spielte und trank.«
»Allerdings, das ist anzunehmen. Und außerdem knüpfte er natürlich
auch Liebesverhältnisse an, wie Sie sagen, betrog die Gräfin mit
lasterhaften Weibern, von denen es überall sehr viele gibt – anfangs hinter
ihrem Rücken und dann nicht einmal mehr hinter ihrem Rücken, sondern
frech und offen und ohne Mitleid mit ihrem Kummer.«
»Sagen Sie mir aber: warum war sie die Ehe mit ihm eingegangen?«
Page 227
»Das hatte sie gegen den Willen ihrer Eltern getan, weil sie verliebt in
ihn war, wie sie mir sagte. Denn erstens war er ein schöner Mann, als sie
ihn kennenlernte – später verkam er auch äußerlich. Aber zweitens ging ihm
der Ruf eines Lebemannes voraus, und das muß, ihren Äußerungen nach,
eine gewisse, unwiderstehliche Anziehung auf sie ausgeübt haben, denn
obgleich sie so behütet und geschützt gewesen war, ist sie in dem
Entschlusse, das Leben mit ihm zu teilen, nicht zu erschüttern gewesen.
Wenn man darüber nachdenkt, so kann man es verstehen.«
»Ja,« sagte er, »ich kann es verstehen. Sie wollte gleichsam stöbern,
wollte alles kennenlernen. Und da wehte ihr nun tüchtig der Wind um die
Nase.«
»So kann man sagen. Wiewohl der Ausdruck mir etwas zu lustig scheint
für das, was sie kennenlernte. Ihr Mann mißhandelte sie.«
»Wollen Sie sagen, daß er sie schlug?«
»Ja, er mißhandelte sie körperlich. Aber nun kommt etwas, Prinz, wovon
auch Sie noch nicht gehört haben werden. Sie hat mir zu verstehen gegeben,
daß er sie nicht nur im Zorn mißhandelte, nicht nur in Wut und Streit,
sondern auch ohne solche Veranlassung, lediglich zu seinem Vergnügen, das
heißt dergestalt, daß die Mißhandlungen abscheulichen Liebkosungen
gleichkamen.«
Klaus Heinrich schwieg. Sie waren beide sehr ernst. Endlich fragte er:
»Hatte die Gräfin Kinder?«
»Ja, zwei. Sie starben ganz früh, beide in den ersten Wochen, und das ist
wohl das Schwerste gewesen, was die Gräfin erlebte. Ihren Andeutungen
zufolge ist es nämlich die Schuld der lasterhaften Weiber gewesen, mit
denen ihr Mann sie betrog, daß die Kinder gleich wieder sterben mußten.«
Sie schwiegen wieder, mit grübelnden Augen.
»Nebenbei«, fuhr Imma Spoelmann fort, »vergeudete er im Spiel und mit
den Weibern ihre Mitgift, die ansehnlich gewesen war, und nach dem Tode
ihrer Eltern auch ihr ganzes Erbe. Verwandte von ihr halfen ihm noch
einmal aus, als er nahe daran war, seiner Schulden wegen den Dienst
quittieren zu müssen. Aber dann kam eine Geschichte, etwas ganz
ihn war, wie sie mir sagte. Denn erstens war er ein schöner Mann, als sie
ihn kennenlernte – später verkam er auch äußerlich. Aber zweitens ging ihm
der Ruf eines Lebemannes voraus, und das muß, ihren Äußerungen nach,
eine gewisse, unwiderstehliche Anziehung auf sie ausgeübt haben, denn
obgleich sie so behütet und geschützt gewesen war, ist sie in dem
Entschlusse, das Leben mit ihm zu teilen, nicht zu erschüttern gewesen.
Wenn man darüber nachdenkt, so kann man es verstehen.«
»Ja,« sagte er, »ich kann es verstehen. Sie wollte gleichsam stöbern,
wollte alles kennenlernen. Und da wehte ihr nun tüchtig der Wind um die
Nase.«
»So kann man sagen. Wiewohl der Ausdruck mir etwas zu lustig scheint
für das, was sie kennenlernte. Ihr Mann mißhandelte sie.«
»Wollen Sie sagen, daß er sie schlug?«
»Ja, er mißhandelte sie körperlich. Aber nun kommt etwas, Prinz, wovon
auch Sie noch nicht gehört haben werden. Sie hat mir zu verstehen gegeben,
daß er sie nicht nur im Zorn mißhandelte, nicht nur in Wut und Streit,
sondern auch ohne solche Veranlassung, lediglich zu seinem Vergnügen, das
heißt dergestalt, daß die Mißhandlungen abscheulichen Liebkosungen
gleichkamen.«
Klaus Heinrich schwieg. Sie waren beide sehr ernst. Endlich fragte er:
»Hatte die Gräfin Kinder?«
»Ja, zwei. Sie starben ganz früh, beide in den ersten Wochen, und das ist
wohl das Schwerste gewesen, was die Gräfin erlebte. Ihren Andeutungen
zufolge ist es nämlich die Schuld der lasterhaften Weiber gewesen, mit
denen ihr Mann sie betrog, daß die Kinder gleich wieder sterben mußten.«
Sie schwiegen wieder, mit grübelnden Augen.
»Nebenbei«, fuhr Imma Spoelmann fort, »vergeudete er im Spiel und mit
den Weibern ihre Mitgift, die ansehnlich gewesen war, und nach dem Tode
ihrer Eltern auch ihr ganzes Erbe. Verwandte von ihr halfen ihm noch
einmal aus, als er nahe daran war, seiner Schulden wegen den Dienst
quittieren zu müssen. Aber dann kam eine Geschichte, etwas ganz
Page 228
Ausschreitendes und Anstößiges, worein er verwickelt war und was ihn
vollends aus dem Sattel hob.«
»Was mag das gewesen sein?« fragte Klaus Heinrich.
»Ich kann es Ihnen nicht mit Bestimmtheit sagen, Prinz. Aber nach allem,
was die Gräfin darüber verlauten läßt, war es ein Ärgernis der äußersten Art
– wir kamen ja schon überein, daß es überhaupt keine Grenzen gibt in
dieser Richtung.«
»Und da ging er nach Amerika?«
»Erraten, Prinz. Ich kann nicht umhin, Ihren Scharfsinn zu bewundern.«
»Ach, Fräulein Imma, erzählen Sie weiter! Ich habe nie so etwas gehört
wie die Geschichte der Gräfin …«
»Das hatte ich auch nicht; und darum können Sie sich denken, welchen
Eindruck sie auf mich machte, als sie zu uns kam. Graf Löwenjoul also,
dem die Polizei auf den Fersen war, ward flüchtig nach Amerika, unter
Hinterlassung bedeutender Schulden natürlich. Und die Gräfin begleitete
ihn.«
»Sie ging mit ihm? Warum?«
»Weil sie ihm immer noch anhing, trotz allem – sie tut es heute noch –,
und weil sie auf alle Fälle an seinem Leben teilhaben wollte. Er aber nahm
sie wohl mit, weil er eher auf Unterstützung von seiten ihrer Verwandten zu
rechnen hatte, solange sie bei ihm war. Die Verwandten schickten ihnen
denn auch einmal noch eine Summe Geldes über den Ozean, aber dann nie
mehr – sie zogen endgültig die Hand von ihnen; und als Graf Löwenjoul
sah, daß seine Frau ihm nichts mehr nütze war, da verließ er sie dennoch –
ließ sie vollständig allein im Elend zurück und machte sich fort.«
»Ich wußte es,« sagte Klaus Heinrich, »ich habe es mir gedacht. So geht
es zu.« Imma Spoelmann aber fuhr fort: »Da saß sie denn nun, von allen
Mitteln entblößt und ohne Hilfe, und da sie nicht gelernt hatte, sich ihren
Unterhalt zu verdienen, so war sie ohne Erbarmen der Not und dem Hunger
überantwortet. Nun soll aber das Leben dort drüben noch um vieles härter
und schnöder sein als hier bei Ihnen, und andererseits ist in Betracht zu
vollends aus dem Sattel hob.«
»Was mag das gewesen sein?« fragte Klaus Heinrich.
»Ich kann es Ihnen nicht mit Bestimmtheit sagen, Prinz. Aber nach allem,
was die Gräfin darüber verlauten läßt, war es ein Ärgernis der äußersten Art
– wir kamen ja schon überein, daß es überhaupt keine Grenzen gibt in
dieser Richtung.«
»Und da ging er nach Amerika?«
»Erraten, Prinz. Ich kann nicht umhin, Ihren Scharfsinn zu bewundern.«
»Ach, Fräulein Imma, erzählen Sie weiter! Ich habe nie so etwas gehört
wie die Geschichte der Gräfin …«
»Das hatte ich auch nicht; und darum können Sie sich denken, welchen
Eindruck sie auf mich machte, als sie zu uns kam. Graf Löwenjoul also,
dem die Polizei auf den Fersen war, ward flüchtig nach Amerika, unter
Hinterlassung bedeutender Schulden natürlich. Und die Gräfin begleitete
ihn.«
»Sie ging mit ihm? Warum?«
»Weil sie ihm immer noch anhing, trotz allem – sie tut es heute noch –,
und weil sie auf alle Fälle an seinem Leben teilhaben wollte. Er aber nahm
sie wohl mit, weil er eher auf Unterstützung von seiten ihrer Verwandten zu
rechnen hatte, solange sie bei ihm war. Die Verwandten schickten ihnen
denn auch einmal noch eine Summe Geldes über den Ozean, aber dann nie
mehr – sie zogen endgültig die Hand von ihnen; und als Graf Löwenjoul
sah, daß seine Frau ihm nichts mehr nütze war, da verließ er sie dennoch –
ließ sie vollständig allein im Elend zurück und machte sich fort.«
»Ich wußte es,« sagte Klaus Heinrich, »ich habe es mir gedacht. So geht
es zu.« Imma Spoelmann aber fuhr fort: »Da saß sie denn nun, von allen
Mitteln entblößt und ohne Hilfe, und da sie nicht gelernt hatte, sich ihren
Unterhalt zu verdienen, so war sie ohne Erbarmen der Not und dem Hunger
überantwortet. Nun soll aber das Leben dort drüben noch um vieles härter
und schnöder sein als hier bei Ihnen, und andererseits ist in Betracht zu
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ziehen, wie zart und verletzlich sie immer gewesen und wie schonungslos
ihr viele Jahre hindurch mitgespielt worden war. Kurzum, sie war den
Eindrücken, die sie fortwährend vom Leben empfing, in keiner Weise
gewachsen. Und da geschah die Wohltat an ihr.«
»Ja! Welche Wohltat? Sie hat auch zu mir davon gesprochen. Was war es
mit der Wohltat, Fräulein Imma?«
»Die Wohltat bestand darin, daß sich ihr Geist verwirrte, daß im
äußersten Jammer etwas in ihr übersprang – diesen Ausdruck hat sie mir
gegenüber verwendet –, daß sie sich nicht mehr mit klarem und nüchternem
Verstande aufrecht zu halten und dem Leben Widerpart zu leisten brauchte,
sondern sozusagen die Erlaubnis erhielt, sich gehen zu lassen, sich einige
Abspannung zu gönnen und ein bißchen zu schwatzen. Mit einem Worte,
die Wohltat war, daß sie wunderlich wurde.«
»Ich hatte allerdings den Eindruck,« sagte Klaus Heinrich, »daß die Frau
Gräfin sich gehen ließ, als sie schwatzte.«
»So verhält es sich, Prinz. Sie weiß es ganz gut, wenn sie schwatzt, und
lächelt wohl zwischendurch oder läßt einfließen, daß sie ja niemandem weh
damit tue. Die Wunderlichkeit ist eine wohltuende Verwirrung, deren sie
gewissermaßen Herr ist, und die sie sich erlaubt. Es ist, wenn Sie wollen,
ein Mangel an …«
»An Haltung«, sagte Klaus Heinrich und blickte auf seine Zügel nieder.
»Gut, an Haltung«, wiederholte sie und sah ihn an. »Es scheint, daß
besagter Mangel nicht Ihre Billigung findet, Prinz.«
»Ich bin allerdings der Meinung,« antwortete er leise, »daß es nicht
erlaubt ist, sich gehen zu lassen und es sich bequem zu machen, sondern
daß es unter allen Umständen geboten ist, Haltung zu wahren.«
»Euere Hoheit«, erwiderte sie, »bekunden eine löbliche Sittenstrenge.«
Damit schob sie die Lippen vor, und indem sie ihr schwarzbleiches
Köpfchen im Dreispitz hin und her wandte, fügte sie mit ihrer gebrochenen
Stimme hinzu: »Jetzt werde ich Euerer Hoheit etwas sagen, und ich bitte, es
wohl zu beachten. Wenn Euere Erhabenheit nicht gesonnen sind, ein wenig
Mitleid und Nachsicht und Milde zu üben, so werde ich mich des
ihr viele Jahre hindurch mitgespielt worden war. Kurzum, sie war den
Eindrücken, die sie fortwährend vom Leben empfing, in keiner Weise
gewachsen. Und da geschah die Wohltat an ihr.«
»Ja! Welche Wohltat? Sie hat auch zu mir davon gesprochen. Was war es
mit der Wohltat, Fräulein Imma?«
»Die Wohltat bestand darin, daß sich ihr Geist verwirrte, daß im
äußersten Jammer etwas in ihr übersprang – diesen Ausdruck hat sie mir
gegenüber verwendet –, daß sie sich nicht mehr mit klarem und nüchternem
Verstande aufrecht zu halten und dem Leben Widerpart zu leisten brauchte,
sondern sozusagen die Erlaubnis erhielt, sich gehen zu lassen, sich einige
Abspannung zu gönnen und ein bißchen zu schwatzen. Mit einem Worte,
die Wohltat war, daß sie wunderlich wurde.«
»Ich hatte allerdings den Eindruck,« sagte Klaus Heinrich, »daß die Frau
Gräfin sich gehen ließ, als sie schwatzte.«
»So verhält es sich, Prinz. Sie weiß es ganz gut, wenn sie schwatzt, und
lächelt wohl zwischendurch oder läßt einfließen, daß sie ja niemandem weh
damit tue. Die Wunderlichkeit ist eine wohltuende Verwirrung, deren sie
gewissermaßen Herr ist, und die sie sich erlaubt. Es ist, wenn Sie wollen,
ein Mangel an …«
»An Haltung«, sagte Klaus Heinrich und blickte auf seine Zügel nieder.
»Gut, an Haltung«, wiederholte sie und sah ihn an. »Es scheint, daß
besagter Mangel nicht Ihre Billigung findet, Prinz.«
»Ich bin allerdings der Meinung,« antwortete er leise, »daß es nicht
erlaubt ist, sich gehen zu lassen und es sich bequem zu machen, sondern
daß es unter allen Umständen geboten ist, Haltung zu wahren.«
»Euere Hoheit«, erwiderte sie, »bekunden eine löbliche Sittenstrenge.«
Damit schob sie die Lippen vor, und indem sie ihr schwarzbleiches
Köpfchen im Dreispitz hin und her wandte, fügte sie mit ihrer gebrochenen
Stimme hinzu: »Jetzt werde ich Euerer Hoheit etwas sagen, und ich bitte, es
wohl zu beachten. Wenn Euere Erhabenheit nicht gesonnen sind, ein wenig
Mitleid und Nachsicht und Milde zu üben, so werde ich mich des
Page 230
Vergnügens Ihrer erlauchten Gesellschaft ein für allemal entschlagen
müssen.«
Er senkte den Kopf, und sie ritten eine Weile schweigend.
»Wollen Sie nicht weiter erzählen, wie die Gräfin zu Ihnen kam?« fragte
er endlich.
»Nein, das will ich nicht«, sagte sie und blickte geradeaus. Aber da er so
herzlich bat, beendete sie ihre Erzählung und sagte: »Nun, das war einfach
genug. Die Gräfin kam und meldete sich in der Fünften Avenue, da sie
gehört hatte, daß man eine deutsche Gesellschaftsdame für mich suchte.
Und obgleich sich noch fünfzig andere Damen meldeten, so fiel doch meine
Wahl – denn ich hatte zu wählen – sofort auf sie, so sehr war ich nach
unserer ersten Unterredung für sie eingenommen. Sie war wunderlich, das
sah ich wohl; aber sie war es lediglich aus überguter Kenntnis des Elends
und der Schlechtigkeit, das ging aus jedem ihrer Worte hervor, und was
mich betrifft, so war ich von jeher ein wenig allein und abgesondert
gewesen und vollständig ununterrichtet geblieben, wenn ich von meinen
Universitätsstudien absehe …«
»Nicht wahr, Sie waren von jeher ein wenig allein und abgesondert?«
wiederholte Klaus Heinrich, und Freude klang aus seiner Stimme.
»So sagte ich. Es war ein einigermaßen langweiliges und einfältiges
Leben, das ich führte und eigentlich noch führe, denn es hat sich ja nicht
vieles geändert und ist im ganzen überall dasselbe. Es gab Gesellschaften
mit Kunststernen und Bälle, und manchmal ging es sehr rasch im
geschlossenen Automobil zum Opernhaus, woselbst ich in einer der kleinen
flachen Logen über dem Parterre saß, um so recht in ganzer Figur gesehen
werden zu können, for show, wie man drüben sagt. Das brachte meine
Stellung so mit sich.«
»For show?«
»Ja, for show, das ist die Verpflichtung, sich zur Schau zu stellen, keine
Mauern gegen die Leute zu ziehen, sondern sie in die Gärten und über den
Rasen und auf die Terrasse sehen zu lassen, wo man sitzt und Tee trinkt.
Meinem Vater, Mister Spoelmann, war es im höchsten Grade zuwider. Aber
unsere Stellung brachte es mit sich.«
müssen.«
Er senkte den Kopf, und sie ritten eine Weile schweigend.
»Wollen Sie nicht weiter erzählen, wie die Gräfin zu Ihnen kam?« fragte
er endlich.
»Nein, das will ich nicht«, sagte sie und blickte geradeaus. Aber da er so
herzlich bat, beendete sie ihre Erzählung und sagte: »Nun, das war einfach
genug. Die Gräfin kam und meldete sich in der Fünften Avenue, da sie
gehört hatte, daß man eine deutsche Gesellschaftsdame für mich suchte.
Und obgleich sich noch fünfzig andere Damen meldeten, so fiel doch meine
Wahl – denn ich hatte zu wählen – sofort auf sie, so sehr war ich nach
unserer ersten Unterredung für sie eingenommen. Sie war wunderlich, das
sah ich wohl; aber sie war es lediglich aus überguter Kenntnis des Elends
und der Schlechtigkeit, das ging aus jedem ihrer Worte hervor, und was
mich betrifft, so war ich von jeher ein wenig allein und abgesondert
gewesen und vollständig ununterrichtet geblieben, wenn ich von meinen
Universitätsstudien absehe …«
»Nicht wahr, Sie waren von jeher ein wenig allein und abgesondert?«
wiederholte Klaus Heinrich, und Freude klang aus seiner Stimme.
»So sagte ich. Es war ein einigermaßen langweiliges und einfältiges
Leben, das ich führte und eigentlich noch führe, denn es hat sich ja nicht
vieles geändert und ist im ganzen überall dasselbe. Es gab Gesellschaften
mit Kunststernen und Bälle, und manchmal ging es sehr rasch im
geschlossenen Automobil zum Opernhaus, woselbst ich in einer der kleinen
flachen Logen über dem Parterre saß, um so recht in ganzer Figur gesehen
werden zu können, for show, wie man drüben sagt. Das brachte meine
Stellung so mit sich.«
»For show?«
»Ja, for show, das ist die Verpflichtung, sich zur Schau zu stellen, keine
Mauern gegen die Leute zu ziehen, sondern sie in die Gärten und über den
Rasen und auf die Terrasse sehen zu lassen, wo man sitzt und Tee trinkt.
Meinem Vater, Mister Spoelmann, war es im höchsten Grade zuwider. Aber
unsere Stellung brachte es mit sich.«
Page 231
»Und wie lebten Sie sonst, Fräulein Imma?«
»Nun, im Frühjahr ging man in die Adirondacks auf das Schloß und im
Sommer auf das Schloß in Newport an der See. Es fanden natürlich
Gartenpartien und Blumenkorsos und Tennisturniere statt, und man ritt
spazieren und fuhr Four in hand oder im Automobil, und die Leute blieben
stehen und gafften, weil man Samuel Spoelmanns Tochter war. Und manche
schimpften auch hinter mir drein.«
»Sie schimpften?!«
»Ja, sie hatten wohl ihre Beweggründe dazu. Jedenfalls war es ein etwas
vorgeschobenes und der Erörterung ausgesetztes Dasein, das wir führten.«
»Und zwischendurch«, sagte er, »spielten Sie in den Lüften, nicht wahr,
oder schon außerhalb der Luft, in staubfreier Gegend …«
»So tat ich. Euere Hoheit erfreuen sich eines überaus offenen Kopfes.
Aber nach alldem können Sie sich nun denken, wie außerordentlich
willkommen mir die Gräfin war, als sie sich in der Fünften Avenue
vorstellte. Sie äußerte sich nicht eben sehr deutlich, sondern vielmehr auf
geheimnisvolle Weise, und die Grenze, wo sie zu schwatzen beginnt, ist
nicht immer ganz klar ersichtlich. Aber das scheint mir eben recht und
lehrreich, denn es gibt eine gute Vorstellung von der Grenzenlosigkeit des
Elends und der Schlechtigkeit in der Welt. Nicht wahr, Sie beneiden mich
um die Gräfin?«
»Nun, beneiden … Sie scheinen anzunehmen, Fräulein Imma, daß ich
niemals irgendeinen Einblick getan habe.«
»Haben Sie Einblicke getan?«
»Vielleicht doch den einen oder den andern. Zum Beispiel sind mir von
unseren Lakaien Dinge zu Ohren gekommen, von denen Sie sich schwerlich
etwas träumen lassen.«
»Sind die Lakaien so schlimm?«
»Schlimm? Nichtswürdig sind sie, das ist das Wort für sie. Erstens
treiben sie Durchstecherei und schleichendes Wesen und lassen sich von
den Lieferanten bezahlen …«
»Nun, im Frühjahr ging man in die Adirondacks auf das Schloß und im
Sommer auf das Schloß in Newport an der See. Es fanden natürlich
Gartenpartien und Blumenkorsos und Tennisturniere statt, und man ritt
spazieren und fuhr Four in hand oder im Automobil, und die Leute blieben
stehen und gafften, weil man Samuel Spoelmanns Tochter war. Und manche
schimpften auch hinter mir drein.«
»Sie schimpften?!«
»Ja, sie hatten wohl ihre Beweggründe dazu. Jedenfalls war es ein etwas
vorgeschobenes und der Erörterung ausgesetztes Dasein, das wir führten.«
»Und zwischendurch«, sagte er, »spielten Sie in den Lüften, nicht wahr,
oder schon außerhalb der Luft, in staubfreier Gegend …«
»So tat ich. Euere Hoheit erfreuen sich eines überaus offenen Kopfes.
Aber nach alldem können Sie sich nun denken, wie außerordentlich
willkommen mir die Gräfin war, als sie sich in der Fünften Avenue
vorstellte. Sie äußerte sich nicht eben sehr deutlich, sondern vielmehr auf
geheimnisvolle Weise, und die Grenze, wo sie zu schwatzen beginnt, ist
nicht immer ganz klar ersichtlich. Aber das scheint mir eben recht und
lehrreich, denn es gibt eine gute Vorstellung von der Grenzenlosigkeit des
Elends und der Schlechtigkeit in der Welt. Nicht wahr, Sie beneiden mich
um die Gräfin?«
»Nun, beneiden … Sie scheinen anzunehmen, Fräulein Imma, daß ich
niemals irgendeinen Einblick getan habe.«
»Haben Sie Einblicke getan?«
»Vielleicht doch den einen oder den andern. Zum Beispiel sind mir von
unseren Lakaien Dinge zu Ohren gekommen, von denen Sie sich schwerlich
etwas träumen lassen.«
»Sind die Lakaien so schlimm?«
»Schlimm? Nichtswürdig sind sie, das ist das Wort für sie. Erstens
treiben sie Durchstecherei und schleichendes Wesen und lassen sich von
den Lieferanten bezahlen …«
Page 232
»Nun, Prinz, das ist vergleichsweise harmlos.«
»Ja, ja, mit den Einblicken der Gräfin kann es sich wohl nicht
messen …«
Sie fielen in Trab, verließen beim Wegweiser die gemächlich steigende
und fallende Landstraße, die sie zwischen Nadelwäldern hin verfolgt hatten,
und lenkten in den sandigen, ein wenig hohlen und auf seinen erhöhten
Rändern von Brombeersträuchern eingefaßten Richtweg ein, der in das
buschige Wiesengelände von Schloß Fasanerie mündete. Klaus Heinrich
war zu Hause in diesem Gebiet; er streckte den Arm darüber hin, den
rechten, um seinen Begleiterinnen alles zu zeigen, obgleich nicht viel
Sehenswürdiges vorhanden war. Dort lag das Schloß, verschlossen und
stumm, mit seinem Schindeldach und seinen Blitzableitern am Rande des
Waldes. Dort abseits war das Fasanengehege, nach welchem das Ganze
seinen Namen hatte, und hier Stavenüters Wirtsgarten, wo er zuweilen mit
Raoul Überbein gesessen hatte. Über den feuchten Wiesen schien mild die
Vorfrühlingssonne und tauchte die fernen umgrenzenden Wälder in zarten
Schmelz.
Sie hielten nebeneinander auf ihren Tieren vorm Wirtsgarten, und Imma
Spoelmann prüfte das Schloß mit den Augen, dies nüchterne Landhaus, das
Schloß Fasanerie benannt war.
»Von sinnverwirrendem Prunk«, sagte sie mit gerümpften Lippen,
»scheint Ihre Jugend nicht umgeben gewesen zu sein.«
»Nein,« lachte er, »an dem Schloß ist nichts zu sehen. Innen ist es wie
außen. Kein Vergleich mit Delphinenort, selbst bevor Sie es
wiederherstellten …«
»Nun wollen wir einkehren«, sagte sie. »Nicht wahr, Gräfin, auf einem
Ausflug muß man einkehren. Abgesessen, Prinz! Ich habe Durst und will
sehen, was Ihr Stavenüter zu trinken hat.«
Da stand Herr Stavenüter, in grüner Latzschürze und die Hosen in
Schmierstiefeln, verbeugte sich, indem er sein gesticktes Käppchen mit
beiden Händen an die Brust drückte, und lachte vor Bewegung, so daß man
sein vollständig nacktes Zahnfleisch sah.
»Ja, ja, mit den Einblicken der Gräfin kann es sich wohl nicht
messen …«
Sie fielen in Trab, verließen beim Wegweiser die gemächlich steigende
und fallende Landstraße, die sie zwischen Nadelwäldern hin verfolgt hatten,
und lenkten in den sandigen, ein wenig hohlen und auf seinen erhöhten
Rändern von Brombeersträuchern eingefaßten Richtweg ein, der in das
buschige Wiesengelände von Schloß Fasanerie mündete. Klaus Heinrich
war zu Hause in diesem Gebiet; er streckte den Arm darüber hin, den
rechten, um seinen Begleiterinnen alles zu zeigen, obgleich nicht viel
Sehenswürdiges vorhanden war. Dort lag das Schloß, verschlossen und
stumm, mit seinem Schindeldach und seinen Blitzableitern am Rande des
Waldes. Dort abseits war das Fasanengehege, nach welchem das Ganze
seinen Namen hatte, und hier Stavenüters Wirtsgarten, wo er zuweilen mit
Raoul Überbein gesessen hatte. Über den feuchten Wiesen schien mild die
Vorfrühlingssonne und tauchte die fernen umgrenzenden Wälder in zarten
Schmelz.
Sie hielten nebeneinander auf ihren Tieren vorm Wirtsgarten, und Imma
Spoelmann prüfte das Schloß mit den Augen, dies nüchterne Landhaus, das
Schloß Fasanerie benannt war.
»Von sinnverwirrendem Prunk«, sagte sie mit gerümpften Lippen,
»scheint Ihre Jugend nicht umgeben gewesen zu sein.«
»Nein,« lachte er, »an dem Schloß ist nichts zu sehen. Innen ist es wie
außen. Kein Vergleich mit Delphinenort, selbst bevor Sie es
wiederherstellten …«
»Nun wollen wir einkehren«, sagte sie. »Nicht wahr, Gräfin, auf einem
Ausflug muß man einkehren. Abgesessen, Prinz! Ich habe Durst und will
sehen, was Ihr Stavenüter zu trinken hat.«
Da stand Herr Stavenüter, in grüner Latzschürze und die Hosen in
Schmierstiefeln, verbeugte sich, indem er sein gesticktes Käppchen mit
beiden Händen an die Brust drückte, und lachte vor Bewegung, so daß man
sein vollständig nacktes Zahnfleisch sah.
Page 233
»Königliche Hoheit!« sagte er, Glück in der Stimme, »tun Königliche
Hoheit mir auch einmal wieder die Ehre an? Und das gnädige Fräulein!«
setzte er mit andächtiger Stimme hinzu; denn er kannte Samuel Spoelmanns
Tochter sehr wohl und hatte so eifrig wie einer im Großherzogtum die
Zeitungsnotizen gelesen, die Prinz Klaus Heinrichs und Immas Namen
zusammen nannten. Er war der Gräfin beim Absteigen behilflich, da Klaus
Heinrich, zuerst aus dem Sattel, sich dem Fräulein widmete, und rief nach
einem Knecht, der zusammen mit dem Spoelmannschen Livrierten die
Pferde besorgte. Aber hierauf hielt Klaus Heinrich Begrüßung und
Empfang, wie er es gewohnt war. In geschlossener Haltung richtete er
einige formelhafte Fragen an den dienernden Herrn Stavenüter, erkundigte
sich auf gewinnende Art nach seiner Gesundheit, nach dem Stande seiner
Geschäfte und nahm die Antworten mit dem lebhaften Kopfnicken
scheinbar sachlicher Beteiligung entgegen. Imma Spoelmann, ihre Reitgerte
mit beiden Händen hin und her biegend, sah diesem kunstreichen und
kalten Auftritt mit ernsten und glänzend forschenden Augen zu. »Ich
erlaube mir, in Erinnerung zu bringen, daß ich Durst leide«, sagte sie
endlich scharf und verstimmt, und so trat man denn in den Garten und
beratschlagte, ob man das Wirtszimmer aufsuchen müsse. Es sei noch zu
feucht unter den Bäumen, meinte Klaus Heinrich; aber Imma bestand
darauf, im Freien zu sitzen, und wählte selber einen der schmalen und
langen Trinktische mit Bänken zu beiden Seiten, den Herr Stavenüter mit
einem weißen Tuche zu decken sich beeilte.
»Limonade!« sagte er. »Das ist das Beste für den Durst und reine Ware!
Kein Gesudel, Königliche Hoheit und Sie, meine Damen, sondern
gezuckerte Natursäfte und das Bekömmlichste von allem!«
Man mußte den Glaskugelpfropfen durch den Flaschenhals stoßen; und
während die hohen Gäste das Getränk kosteten, verweilte Herr Stavenüter
sich noch ein wenig am Tische, um ihnen mit Plaudern aufzuwarten. Er war
längst Witwer, und seine drei Kinder, die ehemals hier unter den Blättern
das Lied vom gemeinsamen Menschentum gesungen und sich dabei mit den
Fingern geschneuzt hatten, waren nun ebenfalls außer Hause, der Sohn als
Soldat in der Stadt und von den Töchtern die eine verheiratet mit einem
benachbarten Ökonomen, die andere als Magd in städtischem Hause, weil
es sie zum Höheren gezogen hatte. So schaltete Herr Stavenüter allein in
dieser Abgeschiedenheit, und zwar in dreifacher Eigenschaft, als Pächter
Hoheit mir auch einmal wieder die Ehre an? Und das gnädige Fräulein!«
setzte er mit andächtiger Stimme hinzu; denn er kannte Samuel Spoelmanns
Tochter sehr wohl und hatte so eifrig wie einer im Großherzogtum die
Zeitungsnotizen gelesen, die Prinz Klaus Heinrichs und Immas Namen
zusammen nannten. Er war der Gräfin beim Absteigen behilflich, da Klaus
Heinrich, zuerst aus dem Sattel, sich dem Fräulein widmete, und rief nach
einem Knecht, der zusammen mit dem Spoelmannschen Livrierten die
Pferde besorgte. Aber hierauf hielt Klaus Heinrich Begrüßung und
Empfang, wie er es gewohnt war. In geschlossener Haltung richtete er
einige formelhafte Fragen an den dienernden Herrn Stavenüter, erkundigte
sich auf gewinnende Art nach seiner Gesundheit, nach dem Stande seiner
Geschäfte und nahm die Antworten mit dem lebhaften Kopfnicken
scheinbar sachlicher Beteiligung entgegen. Imma Spoelmann, ihre Reitgerte
mit beiden Händen hin und her biegend, sah diesem kunstreichen und
kalten Auftritt mit ernsten und glänzend forschenden Augen zu. »Ich
erlaube mir, in Erinnerung zu bringen, daß ich Durst leide«, sagte sie
endlich scharf und verstimmt, und so trat man denn in den Garten und
beratschlagte, ob man das Wirtszimmer aufsuchen müsse. Es sei noch zu
feucht unter den Bäumen, meinte Klaus Heinrich; aber Imma bestand
darauf, im Freien zu sitzen, und wählte selber einen der schmalen und
langen Trinktische mit Bänken zu beiden Seiten, den Herr Stavenüter mit
einem weißen Tuche zu decken sich beeilte.
»Limonade!« sagte er. »Das ist das Beste für den Durst und reine Ware!
Kein Gesudel, Königliche Hoheit und Sie, meine Damen, sondern
gezuckerte Natursäfte und das Bekömmlichste von allem!«
Man mußte den Glaskugelpfropfen durch den Flaschenhals stoßen; und
während die hohen Gäste das Getränk kosteten, verweilte Herr Stavenüter
sich noch ein wenig am Tische, um ihnen mit Plaudern aufzuwarten. Er war
längst Witwer, und seine drei Kinder, die ehemals hier unter den Blättern
das Lied vom gemeinsamen Menschentum gesungen und sich dabei mit den
Fingern geschneuzt hatten, waren nun ebenfalls außer Hause, der Sohn als
Soldat in der Stadt und von den Töchtern die eine verheiratet mit einem
benachbarten Ökonomen, die andere als Magd in städtischem Hause, weil
es sie zum Höheren gezogen hatte. So schaltete Herr Stavenüter allein in
dieser Abgeschiedenheit, und zwar in dreifacher Eigenschaft, als Pächter
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der Schloßwirtschaft, Kastellan und Fasanenmeister, zufrieden mit seinem
Lose. Bald, wenn die Witterung sich ferner so anließ, kam wieder die Zeit
der Radfahrer und Spaziergänger, die Sonntags den Garten füllten. Dann
blühte das Geschäft. Und ob die hohen Herrschaften denn nicht vielleicht
die Fasanerie in Augenschein nehmen wollten?
Ja, das wollten sie, später, und so zog Herr Stavenüter sich vorläufig mit
Anstand zurück, nachdem er eine Schale mit Milch für Perceval neben den
Tisch gestellt.
Der Collie war unterwegs in sumpfiges Wasser geraten und sah aus wie
der Teufel. Seine Beine waren dünn vor Nässe – und die weißen Teile
seines zerzausten Felles beschmutzt. Sein geifernd geöffnetes Maul, mit
dem er die Erde nach Feldmäusen durchwühlt, war geschwärzt bis in den
Schlund, und schwarzrot, an der Spitze sich dreieckig verbreiternd, hing
seine triefende Greifenzunge daraus hervor. Hastig erquickte er sich aus der
Schale und ließ sich hierauf mit flackernd arbeitenden Flanken neben seiner
Herrin zu Boden fallen, flach auf die Seite, den Kopf mit ruhelechzendem
Ausdruck zurückgeworfen.
Klaus Heinrich nannte es unverantwortbar, daß Imma hier nach dem Ritt
so ohne Umhüllung sich der trügerischen Frühlingsluft preisgäbe. »Nehmen
Sie meinen Mantel!« sagte er. »Bei Gott, ich brauche ihn nicht. Mir ist
warm, und mein Rock ist über der Brust wattiert!« Sie wollte nichts wissen
von seinem Vorschlag; aber da er fortfuhr, sie inständig zu bitten, so willigte
sie ein und ließ sich seinen grauen Militärmantel mit den Schulterabzeichen
eines Majors um die Schultern legen. So eingehüllt stützte sie ihr
schwarzbleiches, mit dem Dreispitz bedecktes Köpfchen in die hohle Hand
und sah ihm zu, wie er den Arm nach dem Schlosse ausstreckte und von
dem Leben erzählte, das er hier einst geführt.
Dort zu ebener Erde, wo man die hohen Fenster sah, war das
Speisezimmer gewesen, dort der Schulsaal und dort oben Klaus Heinrichs
Zimmer mit dem Gipstorso auf dem Kachelofen. Und er berichtete von
Professor Kürtchen und seinem taktvollen Meldesystem beim Unterricht,
von der Hauptmännin Amelung, den adeligen »Fasanen«, die alles für
»Schweinerei« erklärt hatten, und namentlich von Raoul Überbein, seinem
Lose. Bald, wenn die Witterung sich ferner so anließ, kam wieder die Zeit
der Radfahrer und Spaziergänger, die Sonntags den Garten füllten. Dann
blühte das Geschäft. Und ob die hohen Herrschaften denn nicht vielleicht
die Fasanerie in Augenschein nehmen wollten?
Ja, das wollten sie, später, und so zog Herr Stavenüter sich vorläufig mit
Anstand zurück, nachdem er eine Schale mit Milch für Perceval neben den
Tisch gestellt.
Der Collie war unterwegs in sumpfiges Wasser geraten und sah aus wie
der Teufel. Seine Beine waren dünn vor Nässe – und die weißen Teile
seines zerzausten Felles beschmutzt. Sein geifernd geöffnetes Maul, mit
dem er die Erde nach Feldmäusen durchwühlt, war geschwärzt bis in den
Schlund, und schwarzrot, an der Spitze sich dreieckig verbreiternd, hing
seine triefende Greifenzunge daraus hervor. Hastig erquickte er sich aus der
Schale und ließ sich hierauf mit flackernd arbeitenden Flanken neben seiner
Herrin zu Boden fallen, flach auf die Seite, den Kopf mit ruhelechzendem
Ausdruck zurückgeworfen.
Klaus Heinrich nannte es unverantwortbar, daß Imma hier nach dem Ritt
so ohne Umhüllung sich der trügerischen Frühlingsluft preisgäbe. »Nehmen
Sie meinen Mantel!« sagte er. »Bei Gott, ich brauche ihn nicht. Mir ist
warm, und mein Rock ist über der Brust wattiert!« Sie wollte nichts wissen
von seinem Vorschlag; aber da er fortfuhr, sie inständig zu bitten, so willigte
sie ein und ließ sich seinen grauen Militärmantel mit den Schulterabzeichen
eines Majors um die Schultern legen. So eingehüllt stützte sie ihr
schwarzbleiches, mit dem Dreispitz bedecktes Köpfchen in die hohle Hand
und sah ihm zu, wie er den Arm nach dem Schlosse ausstreckte und von
dem Leben erzählte, das er hier einst geführt.
Dort zu ebener Erde, wo man die hohen Fenster sah, war das
Speisezimmer gewesen, dort der Schulsaal und dort oben Klaus Heinrichs
Zimmer mit dem Gipstorso auf dem Kachelofen. Und er berichtete von
Professor Kürtchen und seinem taktvollen Meldesystem beim Unterricht,
von der Hauptmännin Amelung, den adeligen »Fasanen«, die alles für
»Schweinerei« erklärt hatten, und namentlich von Raoul Überbein, seinem
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Freunde, auf welchen zurückzukommen Imma Spoelmann ihn mehrmals
ermunterte.
Er sprach von des Doktors dunkler Herkunft und von der
Abfindungssumme; von dem Kinde im Moor oder Sumpf und der
Rettungsmedaille; von Überbeins tapferer und ehrgeiziger Laufbahn,
zurückgelegt unter jenen harten und streng auf die Leistung weisenden
Bedingungen, die er die guten zu nennen pflegte, und von seinem Bündnis
mit Doktor Sammet, den Imma kannte. Er schilderte sein wenig
einnehmendes Äußeres und begründete mit frohen Worten die Neigung, die
ihn dennoch von Anbeginn zu diesem Lehrer gezogen, indem er sein
Verhalten gegen ihn, Klaus Heinrich, beschrieb – diese väterliche und
herzlich schwadronierende Kameradschaftlichkeit, die sich von dem
Gehaben aller übrigen Leute so strikt unterschieden hatte –, ließ auch, so
gut es ihm gelingen wollte, dies und das von Überbeins Lebensaspekten
einfließen und gab schließlich seinem Kummer darüber Ausdruck, daß der
Doktor bei seinen Mitbürgern sich keiner wahren Beliebtheit zu erfreuen
scheine.
»Das glaube ich«, sagte Imma.
Er war erstaunt und fragte, warum sie es glaube.
»Weil ich gewiß bin,« antwortete sie und wandte ihr Köpfchen hin und
her, »daß dieser Überbein mit all seinen aufgeräumten Redereien ein
unseliger Mensch ist. Er steht wohl da und prahlt; aber er hat gar keinen
Rückhalt, Prinz, und darum wird er ein schlechtes Ende nehmen.«
Klaus Heinrich blieb eine Weile bestürzt und nachdenklich über diese
Worte. Dann wandte er sich der Gräfin zu, die lächelnd aus einer
Abwesenheit zu sich kam, und sagte ihr eine Artigkeit über ihre Reitkunst,
wofür sie mit frischen und ritterlichen Worten dankte. Er äußerte, man
merke wohl, daß sie beizeiten auf einem Pferderücken zu sitzen gelernt
habe, und sie bestätigte, daß allerdings die Stunden in der Reitbahn einen
wesentlichen Bestandteil ihrer Erziehung ausgemacht hätten. Sie sprach
klar und munter; aber allmählich, fast unmerklich, schweifte sie vom
gangbaren Wege ab, erzählte etwas Sonderbares von kühnen Ritten, die sie
als Leutnant im letzten Feldzuge ausgeführt, und kam völlig unvermutet auf
die unbeschreiblich liederliche Frau eines Feldwebels bei den
ermunterte.
Er sprach von des Doktors dunkler Herkunft und von der
Abfindungssumme; von dem Kinde im Moor oder Sumpf und der
Rettungsmedaille; von Überbeins tapferer und ehrgeiziger Laufbahn,
zurückgelegt unter jenen harten und streng auf die Leistung weisenden
Bedingungen, die er die guten zu nennen pflegte, und von seinem Bündnis
mit Doktor Sammet, den Imma kannte. Er schilderte sein wenig
einnehmendes Äußeres und begründete mit frohen Worten die Neigung, die
ihn dennoch von Anbeginn zu diesem Lehrer gezogen, indem er sein
Verhalten gegen ihn, Klaus Heinrich, beschrieb – diese väterliche und
herzlich schwadronierende Kameradschaftlichkeit, die sich von dem
Gehaben aller übrigen Leute so strikt unterschieden hatte –, ließ auch, so
gut es ihm gelingen wollte, dies und das von Überbeins Lebensaspekten
einfließen und gab schließlich seinem Kummer darüber Ausdruck, daß der
Doktor bei seinen Mitbürgern sich keiner wahren Beliebtheit zu erfreuen
scheine.
»Das glaube ich«, sagte Imma.
Er war erstaunt und fragte, warum sie es glaube.
»Weil ich gewiß bin,« antwortete sie und wandte ihr Köpfchen hin und
her, »daß dieser Überbein mit all seinen aufgeräumten Redereien ein
unseliger Mensch ist. Er steht wohl da und prahlt; aber er hat gar keinen
Rückhalt, Prinz, und darum wird er ein schlechtes Ende nehmen.«
Klaus Heinrich blieb eine Weile bestürzt und nachdenklich über diese
Worte. Dann wandte er sich der Gräfin zu, die lächelnd aus einer
Abwesenheit zu sich kam, und sagte ihr eine Artigkeit über ihre Reitkunst,
wofür sie mit frischen und ritterlichen Worten dankte. Er äußerte, man
merke wohl, daß sie beizeiten auf einem Pferderücken zu sitzen gelernt
habe, und sie bestätigte, daß allerdings die Stunden in der Reitbahn einen
wesentlichen Bestandteil ihrer Erziehung ausgemacht hätten. Sie sprach
klar und munter; aber allmählich, fast unmerklich, schweifte sie vom
gangbaren Wege ab, erzählte etwas Sonderbares von kühnen Ritten, die sie
als Leutnant im letzten Feldzuge ausgeführt, und kam völlig unvermutet auf
die unbeschreiblich liederliche Frau eines Feldwebels bei den
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Leibgrenadieren zu sprechen, die diese Nacht in ihrem Zimmer gewesen,
ihr in der erbarmungslosesten Weise die Brust zerkratzt und Reden dazu
geführt habe, welche wiederzugeben sie ablehnen müsse. Klaus Heinrich
fragte leise, ob denn nicht Tür und Fenster verschlossen gewesen wären.
»Allerdings, aber die Scheibe ist ja da!« antwortete sie hastig. Und da sie
bei dieser Entgegnung auf der einen Seite ihres Gesichtes blaß, auf der
anderen rot wurde, so willigte er nickend und mit sanften Worten darein. Ja,
indem er die Augen niederschlug, bot er ihr an, sie einstweilen ein wenig
»Frau Meier« zu nennen, ein Vorschlag, den sie mit Eifer und Eile annahm,
nicht ohne ein vertrauliches Lächeln übrigens, einen Seitenblick ins
Ungewisse, der etwas seltsam Lockendes hatte. Sie brachen auf zur
Besichtigung der Fasanerie, nachdem Klaus Heinrich seinen Mantel
zurückerhalten; und als sie den Garten verließen, sagte Imma Spoelmann:
»So war es recht, Prinz. Sie machen Fortschritte.« Ein Lob, das ihm die
Wangen färbte, ja, ihm ohne Vergleich mehr Freude bereitete als der
schönste Zeitungsbericht über die erhebende Wirkung seiner festlichen
Person, den Geheimrat Schustermann ihm hätte vorlegen können.
Herr Stavenüter geleitete seine Gäste in das von Palisaden umfriedigte
Gehege, wo in Wiese und Busch die sechs oder sieben Fasanenfamilien ein
versorgtes und bürgerliches Leben führten, und sie sahen dem Benehmen
der bunten, rotäugigen und steifgeschwänzten Vögel zu, besichtigten das
Bruthäuschen und wohnten einer Fütterung bei, die Herr Stavenüter am Fuß
einer schönen, einzeln stehenden Fichte zu ihrem Vergnügen vornahm,
worauf Klaus Heinrich ihm seine vollste Anerkennung des Gesehenen zum
Ausdruck brachte. Imma Spoelmann betrachtete ihn mit großen und dunkel
forschenden Augen bei Erledigung dieser Förmlichkeit. Dann stieg man
vorm Wirtsgarten zu Pferde und trat, während Perceval sich vor den
Pferden mit rasendem Geheul um sich selber schwang, den Heimweg an.
Auf diesem Heimwege aber sollte Klaus Heinrich gesprächsweise noch
einen nicht unbedeutsamen Fingerzeig über Imma Spoelmanns Natur und
Charakter erhalten, eine mittelbare Erläuterung gewisser Seiten ihrer
Persönlichkeit, die ihm Stoff zu anhaltendem Nachdenken gab.
Bald nämlich, nachdem man den brombeerbewachsenen Hohlweg
verlassen hatte und wieder auf der sanft gewellten Landstraße dahinritt,
kam Klaus Heinrich auf einen Punkt zurück, der bei seinem ersten Besuch
ihr in der erbarmungslosesten Weise die Brust zerkratzt und Reden dazu
geführt habe, welche wiederzugeben sie ablehnen müsse. Klaus Heinrich
fragte leise, ob denn nicht Tür und Fenster verschlossen gewesen wären.
»Allerdings, aber die Scheibe ist ja da!« antwortete sie hastig. Und da sie
bei dieser Entgegnung auf der einen Seite ihres Gesichtes blaß, auf der
anderen rot wurde, so willigte er nickend und mit sanften Worten darein. Ja,
indem er die Augen niederschlug, bot er ihr an, sie einstweilen ein wenig
»Frau Meier« zu nennen, ein Vorschlag, den sie mit Eifer und Eile annahm,
nicht ohne ein vertrauliches Lächeln übrigens, einen Seitenblick ins
Ungewisse, der etwas seltsam Lockendes hatte. Sie brachen auf zur
Besichtigung der Fasanerie, nachdem Klaus Heinrich seinen Mantel
zurückerhalten; und als sie den Garten verließen, sagte Imma Spoelmann:
»So war es recht, Prinz. Sie machen Fortschritte.« Ein Lob, das ihm die
Wangen färbte, ja, ihm ohne Vergleich mehr Freude bereitete als der
schönste Zeitungsbericht über die erhebende Wirkung seiner festlichen
Person, den Geheimrat Schustermann ihm hätte vorlegen können.
Herr Stavenüter geleitete seine Gäste in das von Palisaden umfriedigte
Gehege, wo in Wiese und Busch die sechs oder sieben Fasanenfamilien ein
versorgtes und bürgerliches Leben führten, und sie sahen dem Benehmen
der bunten, rotäugigen und steifgeschwänzten Vögel zu, besichtigten das
Bruthäuschen und wohnten einer Fütterung bei, die Herr Stavenüter am Fuß
einer schönen, einzeln stehenden Fichte zu ihrem Vergnügen vornahm,
worauf Klaus Heinrich ihm seine vollste Anerkennung des Gesehenen zum
Ausdruck brachte. Imma Spoelmann betrachtete ihn mit großen und dunkel
forschenden Augen bei Erledigung dieser Förmlichkeit. Dann stieg man
vorm Wirtsgarten zu Pferde und trat, während Perceval sich vor den
Pferden mit rasendem Geheul um sich selber schwang, den Heimweg an.
Auf diesem Heimwege aber sollte Klaus Heinrich gesprächsweise noch
einen nicht unbedeutsamen Fingerzeig über Imma Spoelmanns Natur und
Charakter erhalten, eine mittelbare Erläuterung gewisser Seiten ihrer
Persönlichkeit, die ihm Stoff zu anhaltendem Nachdenken gab.
Bald nämlich, nachdem man den brombeerbewachsenen Hohlweg
verlassen hatte und wieder auf der sanft gewellten Landstraße dahinritt,
kam Klaus Heinrich auf einen Punkt zurück, der bei seinem ersten Besuch
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auf »Delphinenort« in der Unterhaltung am Teetisch seltsam kurz berührt
worden war und nicht aufgehört hatte, ihn unbestimmt zu beunruhigen.
»Lassen Sie mich übrigens«, sagte er, »eine Frage tun, Fräulein Imma.
Sie brauchen sie nicht zu beantworten, wenn es Ihnen nicht gefällig ist.«
»Wir werden sehen«, antwortete sie.
»Vor vier Wochen,« fing er an, »als ich zum erstenmal das Vergnügen
hatte, mit Herrn Spoelmann, Ihrem Vater, zu plaudern, richtete ich eine
Frage an ihn, die er so kurz und abbrechend beantwortete, daß ich fürchten
muß, einen Mißgriff oder falschen Schritt damit getan zu haben.«
»Was fragten Sie?«
»Ich fragte, ob es ihm nicht schwer geworden sei, Amerika zu verlassen.«
»Ja, sehen Sie, Prinz, das war nun wieder so recht eine Frage, die Ihnen
ähnlich sieht, eine ausgemachte Prinzenfrage. Wären Sie auf dem Gebiete
der Denklehre ein wenig beschlagener, so hätten Sie sich wohl
stillschweigend mit dem Vernunftbeschluß begnügt, daß, wenn mein Vater
Amerika nicht leicht und gern verlassen hätte, er es schlechterdings
überhaupt nicht verlassen hätte.«
»Das mag wahr sein, Fräulein Imma, verzeihen Sie, ich denke nicht sehr
genau. Aber wenn ich mit meiner Frage mich keines andern Fehltritts als
nur eines Denkfehlers schuldig gemacht habe, so will ich wahrhaftig
zufrieden sein. Können Sie mich soweit beruhigen?«
»Nun denn, Prinz, nein, nicht einmal soweit«, sagte sie und sah ihn
plötzlich mit ihren großen, schwarzglänzenden Augen an.
»Sehen Sie? Sehen Sie? Aber was für eine Bewandtnis hat es damit,
Fräulein Imma? Lassen Sie mich nun wissen, was hier zu wissen ist. Sie
sind es unserer Freundschaft schuldig!«
»Sind wir Freunde?«
»Ich dachte«, sagte er bittend …
worden war und nicht aufgehört hatte, ihn unbestimmt zu beunruhigen.
»Lassen Sie mich übrigens«, sagte er, »eine Frage tun, Fräulein Imma.
Sie brauchen sie nicht zu beantworten, wenn es Ihnen nicht gefällig ist.«
»Wir werden sehen«, antwortete sie.
»Vor vier Wochen,« fing er an, »als ich zum erstenmal das Vergnügen
hatte, mit Herrn Spoelmann, Ihrem Vater, zu plaudern, richtete ich eine
Frage an ihn, die er so kurz und abbrechend beantwortete, daß ich fürchten
muß, einen Mißgriff oder falschen Schritt damit getan zu haben.«
»Was fragten Sie?«
»Ich fragte, ob es ihm nicht schwer geworden sei, Amerika zu verlassen.«
»Ja, sehen Sie, Prinz, das war nun wieder so recht eine Frage, die Ihnen
ähnlich sieht, eine ausgemachte Prinzenfrage. Wären Sie auf dem Gebiete
der Denklehre ein wenig beschlagener, so hätten Sie sich wohl
stillschweigend mit dem Vernunftbeschluß begnügt, daß, wenn mein Vater
Amerika nicht leicht und gern verlassen hätte, er es schlechterdings
überhaupt nicht verlassen hätte.«
»Das mag wahr sein, Fräulein Imma, verzeihen Sie, ich denke nicht sehr
genau. Aber wenn ich mit meiner Frage mich keines andern Fehltritts als
nur eines Denkfehlers schuldig gemacht habe, so will ich wahrhaftig
zufrieden sein. Können Sie mich soweit beruhigen?«
»Nun denn, Prinz, nein, nicht einmal soweit«, sagte sie und sah ihn
plötzlich mit ihren großen, schwarzglänzenden Augen an.
»Sehen Sie? Sehen Sie? Aber was für eine Bewandtnis hat es damit,
Fräulein Imma? Lassen Sie mich nun wissen, was hier zu wissen ist. Sie
sind es unserer Freundschaft schuldig!«
»Sind wir Freunde?«
»Ich dachte«, sagte er bittend …
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»Nun, nun, Geduld! Ich wußte es nicht. Ich lasse mich gern belehren. Um
aber auf meinen Vater zurückzukommen, so hat er sich in der Tat über Ihre
Frage geärgert – er ärgert sich leicht und hatte Gelegenheit, sich
ungewöhnliche Übung in dieser Gemütsbewegung zu erwerben. Die Sache
ist die, daß die öffentliche Stimmung und Meinung uns nicht sonderlich
günstig war in Amerika. Umtriebe sind da im Gange … ich bemerke, daß
ich über die Einzelheiten nicht unterrichtet bin, aber eine eifrige politische
Tätigkeit findet statt zu dem Zwecke, die große Menge, wissen Sie, die
vielen Leute, die es nicht getroffen hat, gegen uns aufzuwiegeln, und daraus
sind gesetzliche Anfeindungen und beständige Widerwärtigkeiten
entstanden, die meinem Vater das Leben dort drüben verleidet haben. Sie
wissen wohl, Prinz, daß nicht er es war, der unsere Lage geschaffen hat,
sondern mein garstiger Großvater mit seinem Paradise-Nugget und seiner
Blockhead-Farm. Mein Vater kann gar nichts dafür, er hat sein Schicksal
geerbt und hat nicht leicht daran getragen, denn er ist eher scheu und zart
von Natur und hätte am liebsten immer nur Orgel gespielt und Gläser
gesammelt, ja, ich glaube, daß der Haß, in dem wir schließlich infolge der
Umtriebe lebten, so daß zuweilen das Volk hinter mir drein schimpfte, wenn
ich im Automobil vorüberfuhr – daß der Haß ihm ganz eigentlich seine
Nierensteine eingebracht hat, das ist sehr möglich.«
»Ich bin Ihrem Herrn Vater von Herzen zugetan«, sagte Klaus Heinrich
mit Nachdruck.
»Das möchte ich mir ausgebeten haben, Prinz, im Falle, daß wir Freunde
sein wollen. Aber dann kam noch ein anderes hinzu, das alles verschärfte
und unsere Stellung dort drüben ein wenig schwierig machte, und das hing
mit unserer Abstammung zusammen.«
»Mit Ihrer Abstammung?«
»Ja, Prinz, wir sind keine adeligen Fasanen, wir stammen leider weder
von Washington noch von den ersten Einwanderern ab …«
»Nein, denn Sie sind ja Deutsche.«
»O ja, aber da ist trotzdem nicht alles in Ordnung. Haben Sie doch die
Herablassung, mich einmal genau zu betrachten. Finden Sie es etwa
aber auf meinen Vater zurückzukommen, so hat er sich in der Tat über Ihre
Frage geärgert – er ärgert sich leicht und hatte Gelegenheit, sich
ungewöhnliche Übung in dieser Gemütsbewegung zu erwerben. Die Sache
ist die, daß die öffentliche Stimmung und Meinung uns nicht sonderlich
günstig war in Amerika. Umtriebe sind da im Gange … ich bemerke, daß
ich über die Einzelheiten nicht unterrichtet bin, aber eine eifrige politische
Tätigkeit findet statt zu dem Zwecke, die große Menge, wissen Sie, die
vielen Leute, die es nicht getroffen hat, gegen uns aufzuwiegeln, und daraus
sind gesetzliche Anfeindungen und beständige Widerwärtigkeiten
entstanden, die meinem Vater das Leben dort drüben verleidet haben. Sie
wissen wohl, Prinz, daß nicht er es war, der unsere Lage geschaffen hat,
sondern mein garstiger Großvater mit seinem Paradise-Nugget und seiner
Blockhead-Farm. Mein Vater kann gar nichts dafür, er hat sein Schicksal
geerbt und hat nicht leicht daran getragen, denn er ist eher scheu und zart
von Natur und hätte am liebsten immer nur Orgel gespielt und Gläser
gesammelt, ja, ich glaube, daß der Haß, in dem wir schließlich infolge der
Umtriebe lebten, so daß zuweilen das Volk hinter mir drein schimpfte, wenn
ich im Automobil vorüberfuhr – daß der Haß ihm ganz eigentlich seine
Nierensteine eingebracht hat, das ist sehr möglich.«
»Ich bin Ihrem Herrn Vater von Herzen zugetan«, sagte Klaus Heinrich
mit Nachdruck.
»Das möchte ich mir ausgebeten haben, Prinz, im Falle, daß wir Freunde
sein wollen. Aber dann kam noch ein anderes hinzu, das alles verschärfte
und unsere Stellung dort drüben ein wenig schwierig machte, und das hing
mit unserer Abstammung zusammen.«
»Mit Ihrer Abstammung?«
»Ja, Prinz, wir sind keine adeligen Fasanen, wir stammen leider weder
von Washington noch von den ersten Einwanderern ab …«
»Nein, denn Sie sind ja Deutsche.«
»O ja, aber da ist trotzdem nicht alles in Ordnung. Haben Sie doch die
Herablassung, mich einmal genau zu betrachten. Finden Sie es etwa
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ehrenhaft, so blauschwarzes, strähniges Haar zu haben, das immer fällt,
wohin es nicht soll?«
»Gott weiß, daß Sie wunderschönes Haar haben, Fräulein Imma!« sagte
Klaus Heinrich. »Auch ist mir wohlbekannt, daß Sie zum Teile südlicher
Abstammung sind, denn Ihr Herr Großvater hat sich ja in Bolivia vermählt
oder in dieser Gegend, wie ich gelesen habe.«
»Das tat er. Aber hier liegt der Haken, Prinz. Ich bin eine Quinterone.«
»Was sind Sie?«
»Eine Quinterone.«
»Das gehört zu den Adirondacks und der Parallaxe, Fräulein Imma. Ich
weiß nicht, was es ist. Ich sagte Ihnen ja schon, daß ich nicht viel gelernt
habe.«
»Nun, das war so. Mein Großvater, unbedenklich wie er in allen Stücken
war, heiratete dort unten eine Dame mit indianischem Blut.«
»Mit indianischem?«
»Jawohl. Besagte Dame nämlich stammte im dritten Gliede von
Indianern ab, sie war die Tochter eines Weißen und einer Halbindianerin
und also Terzerone, wie man es nennt – oh, sie soll erstaunlich schön
gewesen sein! –, und sie wurde meine Großmutter. Die Enkel solcher
Großmütter aber werden Quinteronen genannt. So liegen die Dinge.«
»Ja, das ist merkwürdig. Aber sagten Sie nicht, daß es auf das Verhalten
der Leute Ihnen gegenüber von Einfluß gewesen sei?«
»Ach, Prinz, Sie wissen gar nichts. Sie müssen aber wissen, daß
indianisches Blut dort drüben einen schweren Makel bedeutet – einen
solchen Makel, daß Freundschaften und Liebesbündnisse mit Schimpf und
Schande auseinandergehen, wenn eine derartige Abstammung des einen
Teiles ans Licht der Sonnen kommt. Nun steht es ja so arg nicht mit uns,
denn bei Quarteronen – in Gottes Namen, da ist der Schade nicht mehr so
groß, und ein Quinterone gehört im ganzen schon fast zu den Makellosen.
Aber mit uns, die wir so sehr dem Gerede ausgesetzt waren, war es
natürlich etwas anderes, und mehrmals, wenn hinter mir drein geschimpft
wohin es nicht soll?«
»Gott weiß, daß Sie wunderschönes Haar haben, Fräulein Imma!« sagte
Klaus Heinrich. »Auch ist mir wohlbekannt, daß Sie zum Teile südlicher
Abstammung sind, denn Ihr Herr Großvater hat sich ja in Bolivia vermählt
oder in dieser Gegend, wie ich gelesen habe.«
»Das tat er. Aber hier liegt der Haken, Prinz. Ich bin eine Quinterone.«
»Was sind Sie?«
»Eine Quinterone.«
»Das gehört zu den Adirondacks und der Parallaxe, Fräulein Imma. Ich
weiß nicht, was es ist. Ich sagte Ihnen ja schon, daß ich nicht viel gelernt
habe.«
»Nun, das war so. Mein Großvater, unbedenklich wie er in allen Stücken
war, heiratete dort unten eine Dame mit indianischem Blut.«
»Mit indianischem?«
»Jawohl. Besagte Dame nämlich stammte im dritten Gliede von
Indianern ab, sie war die Tochter eines Weißen und einer Halbindianerin
und also Terzerone, wie man es nennt – oh, sie soll erstaunlich schön
gewesen sein! –, und sie wurde meine Großmutter. Die Enkel solcher
Großmütter aber werden Quinteronen genannt. So liegen die Dinge.«
»Ja, das ist merkwürdig. Aber sagten Sie nicht, daß es auf das Verhalten
der Leute Ihnen gegenüber von Einfluß gewesen sei?«
»Ach, Prinz, Sie wissen gar nichts. Sie müssen aber wissen, daß
indianisches Blut dort drüben einen schweren Makel bedeutet – einen
solchen Makel, daß Freundschaften und Liebesbündnisse mit Schimpf und
Schande auseinandergehen, wenn eine derartige Abstammung des einen
Teiles ans Licht der Sonnen kommt. Nun steht es ja so arg nicht mit uns,
denn bei Quarteronen – in Gottes Namen, da ist der Schade nicht mehr so
groß, und ein Quinterone gehört im ganzen schon fast zu den Makellosen.
Aber mit uns, die wir so sehr dem Gerede ausgesetzt waren, war es
natürlich etwas anderes, und mehrmals, wenn hinter mir drein geschimpft
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wurde, habe ich zu hören bekommen, daß ich eine Farbige sei. Kurz, es
blieb eine Beeinträchtigung, eine Erschwerung, und sonderte uns selbst von
den wenigen ab, die sich übrigens ungefähr in der gleichen Lebenslage
befanden – blieb immer etwas, was zu verstecken oder zu vertreten war.
Mein Großvater hatte es vertreten, er war der Mann dazu und hatte gewußt,
was er tat; auch war er ja reinen Bluts, und nur seine schöne Frau trug den
Makel. Aber mein Vater war ihr Sohn, und ärgerlich und leicht gereizt, wie
er ist, hat er es von Jugend auf nur schwer ertragen, bestaunt und gehaßt
und verachtet zu gleicher Zeit zu sein, halb Weltwunder und halb infam,
wie er zu sagen pflegte, und hatte Amerika in jeder Beziehung satt. Das ist
die Geschichte, Prinz,« sagte Imma Spoelmann, »und nun wissen Sie es,
warum mein Vater sich ärgerte über Ihre scharfsinnige Frage.«
Klaus Heinrich sagte ihr Dank für die Aufklärung, ja, noch vor dem
Portal von »Delphinenort«, als er sich – es war Lunchzeit geworden –, die
Hand an der Mütze, von den Damen verabschiedete, wiederholte er seinen
Dank für das, was sie ihm gesagt, und ritt dann schrittweise heim, um über
die Ergebnisse des Vormittags nachzudenken.
Imma Spoelmann saß weich in ihrem rotgoldenen Kleide am Tische im
Saal, in lässiger Haltung, mit launisch verwöhnten Mienen, saß in üppiger
Sicherheit, während ihre Rede scharf ging wie dort, wo es gilt, wo
Helligkeit, Härte und wachsamer Witz zum Leben geboten sind. Warum
doch? Klaus Heinrich begriff es nun, und Tag für Tag war er beschäftigt, es
besser in seinem Herzen zu begreifen. Bestaunt, gehaßt und verachtet zu
gleicher Zeit, halb Weltwunder und halb infam, so hatte sie gelebt, und das
hatte die Dornen in ihre Rede gebracht, jene Schärfe und spöttische
Helligkeit, die Abwehr war, wenn sie Angriff schien, und die eine
schmerzliche Verzerrung auf den Gesichtern derer hervorrief, welche die
Wehr des Witzes nicht nötig gehabt hatten. Sie hatte ihn zu Mitleid und
Milde angehalten gegenüber der armen Gräfin, wenn sie sich gehen ließ;
aber ihr selbst tat Mitleid und Milderung not, weil sie einsam war und es
schwer hatte – gleich ihm. Eine Erinnerung beschäftigte ihn zu gleicher Zeit
mit diesen Erwägungen, eine alte, peinvolle Erinnerung, die den Büfettraum
des »Bürgergartens« zum Schauplatz hatte und mit einem Bowlendeckel
endigte … »Kleine Schwester!« sagte er bei sich selbst, indem er sich hastig
ab davon wandte. »Kleine Schwester!« – Hauptsächlich aber sann er darauf,
blieb eine Beeinträchtigung, eine Erschwerung, und sonderte uns selbst von
den wenigen ab, die sich übrigens ungefähr in der gleichen Lebenslage
befanden – blieb immer etwas, was zu verstecken oder zu vertreten war.
Mein Großvater hatte es vertreten, er war der Mann dazu und hatte gewußt,
was er tat; auch war er ja reinen Bluts, und nur seine schöne Frau trug den
Makel. Aber mein Vater war ihr Sohn, und ärgerlich und leicht gereizt, wie
er ist, hat er es von Jugend auf nur schwer ertragen, bestaunt und gehaßt
und verachtet zu gleicher Zeit zu sein, halb Weltwunder und halb infam,
wie er zu sagen pflegte, und hatte Amerika in jeder Beziehung satt. Das ist
die Geschichte, Prinz,« sagte Imma Spoelmann, »und nun wissen Sie es,
warum mein Vater sich ärgerte über Ihre scharfsinnige Frage.«
Klaus Heinrich sagte ihr Dank für die Aufklärung, ja, noch vor dem
Portal von »Delphinenort«, als er sich – es war Lunchzeit geworden –, die
Hand an der Mütze, von den Damen verabschiedete, wiederholte er seinen
Dank für das, was sie ihm gesagt, und ritt dann schrittweise heim, um über
die Ergebnisse des Vormittags nachzudenken.
Imma Spoelmann saß weich in ihrem rotgoldenen Kleide am Tische im
Saal, in lässiger Haltung, mit launisch verwöhnten Mienen, saß in üppiger
Sicherheit, während ihre Rede scharf ging wie dort, wo es gilt, wo
Helligkeit, Härte und wachsamer Witz zum Leben geboten sind. Warum
doch? Klaus Heinrich begriff es nun, und Tag für Tag war er beschäftigt, es
besser in seinem Herzen zu begreifen. Bestaunt, gehaßt und verachtet zu
gleicher Zeit, halb Weltwunder und halb infam, so hatte sie gelebt, und das
hatte die Dornen in ihre Rede gebracht, jene Schärfe und spöttische
Helligkeit, die Abwehr war, wenn sie Angriff schien, und die eine
schmerzliche Verzerrung auf den Gesichtern derer hervorrief, welche die
Wehr des Witzes nicht nötig gehabt hatten. Sie hatte ihn zu Mitleid und
Milde angehalten gegenüber der armen Gräfin, wenn sie sich gehen ließ;
aber ihr selbst tat Mitleid und Milderung not, weil sie einsam war und es
schwer hatte – gleich ihm. Eine Erinnerung beschäftigte ihn zu gleicher Zeit
mit diesen Erwägungen, eine alte, peinvolle Erinnerung, die den Büfettraum
des »Bürgergartens« zum Schauplatz hatte und mit einem Bowlendeckel
endigte … »Kleine Schwester!« sagte er bei sich selbst, indem er sich hastig
ab davon wandte. »Kleine Schwester!« – Hauptsächlich aber sann er darauf,
Page 241
wie das Zusammensein mit Imma Spoelmann in kürzester Frist zu erneuern
sei.
Das geschah bald und wiederholt unter verschiedenen Umständen. Der
Februar ging zu Ende, es kamen der ahnungsvolle März, der
wetterwendische April, der zärtliche Mai. Und all diese Zeit verkehrte
Klaus Heinrich auf Schloß Delphinenort, wohl wöchentlich einmal,
vormittags oder nachmittags, und eigentlich beständig in dem
unverantwortlichen Zustande, in welchem er an jenem Februarmorgen bei
Spoelmanns erschienen war, willenlos sozusagen und wie vom Schicksal
ergriffen. Die benachbarte Lage der Schlösser begünstigte den Verkehr, die
kurze Parkstrecke von »Eremitage« nach »Delphinenort« war zu Pferd oder
mit dem Dogcart ohne bedeutendes Aufsehen zurückzulegen; und wenn bei
vorschreitender Jahreszeit infolge größerer Belebtheit der Umgebung es
schwerer und schwerer wurde, ohne Aufmerken des Publikums miteinander
spazierenzureiten, so ist des Prinzen innere Verfassung während dieses
Zeitabschnittes als eine vollkommene Gleichgültigkeit und blinde
Rücksichtslosigkeit in bezug auf die Welt, auf Hof, Stadt und Land zu
denken. Die Teilnahme der Öffentlichkeit begann erst später in seinem
Sinnen und Trachten eine – dann freilich wichtige und beglückende Rolle
zu spielen.
Er hatte nach dem ersten Ritt sich nicht von den Damen verabschiedet,
ohne einen neuen Ausflug ins Auge zu fassen, wogegen Imma Spoelmann,
indem sie mit vorgeschobenen Lippen ihr Köpfchen hin und her gewandt,
nichts Ernstliches einzuwenden gehabt hatte. So kehrte er wieder, und man
ritt zum »Hofjäger«, einer am nördlichen Rande des Stadtgartens gelegenen
Waldwirtschaft, kehrte er abermals wieder, und man ritt zu einem dritten
Ausflugsziel, das ebenfalls ohne Berührung der Stadt zu erreichen war.
Dann, als der Frühling die Residenzler ins Freie lockte und die Wirtsgarten
sich füllten, bevorzugte man einen abgelegenen und eigenartigen Weg, der
eigentlich kein Weg, sondern ein Damm oder Wiesenrand mit blumiger
Böschung war, der zur Seite eines geschwind strömenden Wasserarmes sich
langhin in nördlicher Richtung erstreckte. Man gelangte am ungestörtesten
dahin, indem man die Rückseite des Parkes von Schloß »Eremitage«
entlang und über die Flußaue am Rande des nördlichen Stadtgartens bis zur
Höhe des »Hofjägers« ritt, dann aber nicht – bei der Schleuse – auf der
hölzernen Brücke den Flußarm überschritt, sondern diesseits seinem Laufe
sei.
Das geschah bald und wiederholt unter verschiedenen Umständen. Der
Februar ging zu Ende, es kamen der ahnungsvolle März, der
wetterwendische April, der zärtliche Mai. Und all diese Zeit verkehrte
Klaus Heinrich auf Schloß Delphinenort, wohl wöchentlich einmal,
vormittags oder nachmittags, und eigentlich beständig in dem
unverantwortlichen Zustande, in welchem er an jenem Februarmorgen bei
Spoelmanns erschienen war, willenlos sozusagen und wie vom Schicksal
ergriffen. Die benachbarte Lage der Schlösser begünstigte den Verkehr, die
kurze Parkstrecke von »Eremitage« nach »Delphinenort« war zu Pferd oder
mit dem Dogcart ohne bedeutendes Aufsehen zurückzulegen; und wenn bei
vorschreitender Jahreszeit infolge größerer Belebtheit der Umgebung es
schwerer und schwerer wurde, ohne Aufmerken des Publikums miteinander
spazierenzureiten, so ist des Prinzen innere Verfassung während dieses
Zeitabschnittes als eine vollkommene Gleichgültigkeit und blinde
Rücksichtslosigkeit in bezug auf die Welt, auf Hof, Stadt und Land zu
denken. Die Teilnahme der Öffentlichkeit begann erst später in seinem
Sinnen und Trachten eine – dann freilich wichtige und beglückende Rolle
zu spielen.
Er hatte nach dem ersten Ritt sich nicht von den Damen verabschiedet,
ohne einen neuen Ausflug ins Auge zu fassen, wogegen Imma Spoelmann,
indem sie mit vorgeschobenen Lippen ihr Köpfchen hin und her gewandt,
nichts Ernstliches einzuwenden gehabt hatte. So kehrte er wieder, und man
ritt zum »Hofjäger«, einer am nördlichen Rande des Stadtgartens gelegenen
Waldwirtschaft, kehrte er abermals wieder, und man ritt zu einem dritten
Ausflugsziel, das ebenfalls ohne Berührung der Stadt zu erreichen war.
Dann, als der Frühling die Residenzler ins Freie lockte und die Wirtsgarten
sich füllten, bevorzugte man einen abgelegenen und eigenartigen Weg, der
eigentlich kein Weg, sondern ein Damm oder Wiesenrand mit blumiger
Böschung war, der zur Seite eines geschwind strömenden Wasserarmes sich
langhin in nördlicher Richtung erstreckte. Man gelangte am ungestörtesten
dahin, indem man die Rückseite des Parkes von Schloß »Eremitage«
entlang und über die Flußaue am Rande des nördlichen Stadtgartens bis zur
Höhe des »Hofjägers« ritt, dann aber nicht – bei der Schleuse – auf der
hölzernen Brücke den Flußarm überschritt, sondern diesseits seinem Laufe
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folgte. Rechts blieb das Gehöft der Wirtschaft zurück, und Mittelholz zog
sich hin, soweit sie kamen. Links dehnten sich Wiesen aus, die weiß und
bunt waren von Schierling und Pustblumen, von Butter- und
Glockenblumen, Klee, Margueriten und auch Vergißmeinnicht; der
Kirchturm eines Dorfes ragte zwischen Äckern hervor, und fern lief die
Landstraße mit ihrem Verkehr, vor dem sie in Sicherheit waren. Später aber
traten auch linker Hand Weiden und Haselnußstauden der Böschung nahe,
die Aussicht verhindernd, und nun ritten sie, vollends geschützt und
abgeschieden, zu zweien meistens und gefolgt von der Gräfin, weil der Weg
schmal war, ritten plaudernd und schweigend, während Perceval mit
angezogenen Vorderbeinen hin und her über das Wasser setzte oder drunten
ein Bad nahm und mit hastigem Schlappen seinen Durst stillte. Sie kehrten
auf demselben Wege zurück, auf dem sie gekommen.
Wenn aber vermöge des niedrigen Luftdrucks das Quecksilber fiel, wenn
es folglich regnete und Klaus Heinrich dennoch ein Wiedersehen mit Imma
Spoelmann für notwendig erachtete, so stellte er sich auf seinem Dogcart
um die Teestunde in Delphinenort ein, und man blieb im Schlosse. Nur
zwei- oder dreimal erschien auch Herr Spoelmann am Teetisch. Sein Leiden
nahm zu in dieser Zeit, und manchen Tag war er genötigt, mit warmen
Breiumschlägen im Bette zu liegen. Kam er, so sagte er: »Na, junger
Prinz«, tauchte mit seiner mageren, von der weichen Manschette halb
bedeckten Hand einen Krankenzwieback in seinen Tee, warf hier und da ein
knarrendes Wort in die Unterhaltung ein und bot schließlich dem Gast seine
goldene Zigarettendose dar, worauf er mit Doktor Watercloose, der stumm
und lächelnd am Tische gesessen hatte, den Gartensaal wieder verließ.
Übrigens geschah es auch bei sonnigem Wetter, daß man es vorzog, sich auf
den Park zu beschränken und auf dem wohlgeebneten und von einem Netz
durchquerten Platze unterhalb der Terrasse sich mit dem Ballspiel zu
unterhalten. Ja, einmal wurde sogar eine rasche Fahrt in einem der
Spoelmannschen Automobile weit über Schloß Fasanerie hinaus
unternommen.
Eines Tages fragte Klaus Heinrich: »Ist es wahr, Fräulein Imma, was ich
gelesen habe, daß Ihr Herr Vater täglich so entsetzlich viele Briefe und
Bittgesuche bekommt?«
sich hin, soweit sie kamen. Links dehnten sich Wiesen aus, die weiß und
bunt waren von Schierling und Pustblumen, von Butter- und
Glockenblumen, Klee, Margueriten und auch Vergißmeinnicht; der
Kirchturm eines Dorfes ragte zwischen Äckern hervor, und fern lief die
Landstraße mit ihrem Verkehr, vor dem sie in Sicherheit waren. Später aber
traten auch linker Hand Weiden und Haselnußstauden der Böschung nahe,
die Aussicht verhindernd, und nun ritten sie, vollends geschützt und
abgeschieden, zu zweien meistens und gefolgt von der Gräfin, weil der Weg
schmal war, ritten plaudernd und schweigend, während Perceval mit
angezogenen Vorderbeinen hin und her über das Wasser setzte oder drunten
ein Bad nahm und mit hastigem Schlappen seinen Durst stillte. Sie kehrten
auf demselben Wege zurück, auf dem sie gekommen.
Wenn aber vermöge des niedrigen Luftdrucks das Quecksilber fiel, wenn
es folglich regnete und Klaus Heinrich dennoch ein Wiedersehen mit Imma
Spoelmann für notwendig erachtete, so stellte er sich auf seinem Dogcart
um die Teestunde in Delphinenort ein, und man blieb im Schlosse. Nur
zwei- oder dreimal erschien auch Herr Spoelmann am Teetisch. Sein Leiden
nahm zu in dieser Zeit, und manchen Tag war er genötigt, mit warmen
Breiumschlägen im Bette zu liegen. Kam er, so sagte er: »Na, junger
Prinz«, tauchte mit seiner mageren, von der weichen Manschette halb
bedeckten Hand einen Krankenzwieback in seinen Tee, warf hier und da ein
knarrendes Wort in die Unterhaltung ein und bot schließlich dem Gast seine
goldene Zigarettendose dar, worauf er mit Doktor Watercloose, der stumm
und lächelnd am Tische gesessen hatte, den Gartensaal wieder verließ.
Übrigens geschah es auch bei sonnigem Wetter, daß man es vorzog, sich auf
den Park zu beschränken und auf dem wohlgeebneten und von einem Netz
durchquerten Platze unterhalb der Terrasse sich mit dem Ballspiel zu
unterhalten. Ja, einmal wurde sogar eine rasche Fahrt in einem der
Spoelmannschen Automobile weit über Schloß Fasanerie hinaus
unternommen.
Eines Tages fragte Klaus Heinrich: »Ist es wahr, Fräulein Imma, was ich
gelesen habe, daß Ihr Herr Vater täglich so entsetzlich viele Briefe und
Bittgesuche bekommt?«
Page 243
Da erzählte sie ihm von den Kollekten und Subskriptionslisten, die ohne
Unterlaß in »Delphinenort« einliefen und auch nach Möglichkeit
Berücksichtigung fänden, von den Stößen von Bettelschreiben aus Europa
und Amerika, die mit jeder Post eingeliefert, durch die Herren Phlebs und
Slippers gesichtet und Herrn Spoelmann in einer Auswahl vorgelegt
würden. Zuweilen, sagte sie, mache sie sich das Vergnügen, die Stöße
durchzusehen und die Adressen zu lesen, denn diese seien nicht selten
phantastischer Art. Die bedürftigen oder spekulativen Absender nämlich
suchten einander schon auf den Umschlägen in Kurialien und Wohldienerei
zu überbieten, und alle erdenklichen Titulaturen und Rangesbezeichnungen
seien in seltsamen Mischungen auf den Briefen zu finden. Ein Bittsteller
aber habe kürzlich jeden Wettbewerb geschlagen, indem er seinem
Schreiben die Aufschrift gegeben habe: »Seiner Königlichen Hoheit Herrn
Samuel Spoelmann«. Übrigens habe er nicht mehr erhalten als die
anderen …
Ein andermal kam er mit gesenkter Stimme auf die »Eulenkammer« im
Alten Schlosse zu sprechen und vertraute ihr an, daß neuerdings wieder
Lärm darin beobachtet worden sei, was auf entscheidende Ereignisse in
seiner, Klaus Heinrichs, Familie deute. Da lachte Imma Spoelmann und
klärte ihn wissenschaftlich auf, indem sie mit vorgeschobenen Lippen ihr
Köpfchen hin und her wandte, wie sie ihn über die Geheimnisse des
Barometers aufgeklärt hatte. Das sei Unsinn, sagte sie, und es möge sich
etwa so verhalten, daß ein Teil der Polterkammer ellipsoidenartig geformt
sei, und eine zweite Ellipsoidenfläche von ähnlicher Krümmung und mit
einer Lärmquelle im Brennpunkt sich irgendwo draußen befände, woher es
dann komme, daß innerhalb des Spukzimmers Rumoren hörbar sei, das in
der nächsten Umgebung nicht vernommen werden könne. Klaus Heinrich
war ziemlich niedergeschlagen über diese Auslegung und wollte von dem
allgemeinen Glauben an den Zusammenhang zwischen dem Gepolter und
den Schicksalen seines Hauses nur ungern lassen.
So unterhielten sie sich, und auch die Gräfin nahm teil, auf verständige
und auch auf verwirrte Art, da Klaus Heinrich sich redlich Mühe gab, sie
nicht durch sein Wesen zu ernüchtern und zu erkälten, sondern sie »Frau
Meier« nannte, sobald sie dessen zu ihrer Sicherheit vor den
Nachstellungen der lasterhaften Weiber zu bedürfen glaubte. Er erzählte den
Damen von seinem unsachlichen Leben, von den schönen Trinksitzungen
Unterlaß in »Delphinenort« einliefen und auch nach Möglichkeit
Berücksichtigung fänden, von den Stößen von Bettelschreiben aus Europa
und Amerika, die mit jeder Post eingeliefert, durch die Herren Phlebs und
Slippers gesichtet und Herrn Spoelmann in einer Auswahl vorgelegt
würden. Zuweilen, sagte sie, mache sie sich das Vergnügen, die Stöße
durchzusehen und die Adressen zu lesen, denn diese seien nicht selten
phantastischer Art. Die bedürftigen oder spekulativen Absender nämlich
suchten einander schon auf den Umschlägen in Kurialien und Wohldienerei
zu überbieten, und alle erdenklichen Titulaturen und Rangesbezeichnungen
seien in seltsamen Mischungen auf den Briefen zu finden. Ein Bittsteller
aber habe kürzlich jeden Wettbewerb geschlagen, indem er seinem
Schreiben die Aufschrift gegeben habe: »Seiner Königlichen Hoheit Herrn
Samuel Spoelmann«. Übrigens habe er nicht mehr erhalten als die
anderen …
Ein andermal kam er mit gesenkter Stimme auf die »Eulenkammer« im
Alten Schlosse zu sprechen und vertraute ihr an, daß neuerdings wieder
Lärm darin beobachtet worden sei, was auf entscheidende Ereignisse in
seiner, Klaus Heinrichs, Familie deute. Da lachte Imma Spoelmann und
klärte ihn wissenschaftlich auf, indem sie mit vorgeschobenen Lippen ihr
Köpfchen hin und her wandte, wie sie ihn über die Geheimnisse des
Barometers aufgeklärt hatte. Das sei Unsinn, sagte sie, und es möge sich
etwa so verhalten, daß ein Teil der Polterkammer ellipsoidenartig geformt
sei, und eine zweite Ellipsoidenfläche von ähnlicher Krümmung und mit
einer Lärmquelle im Brennpunkt sich irgendwo draußen befände, woher es
dann komme, daß innerhalb des Spukzimmers Rumoren hörbar sei, das in
der nächsten Umgebung nicht vernommen werden könne. Klaus Heinrich
war ziemlich niedergeschlagen über diese Auslegung und wollte von dem
allgemeinen Glauben an den Zusammenhang zwischen dem Gepolter und
den Schicksalen seines Hauses nur ungern lassen.
So unterhielten sie sich, und auch die Gräfin nahm teil, auf verständige
und auch auf verwirrte Art, da Klaus Heinrich sich redlich Mühe gab, sie
nicht durch sein Wesen zu ernüchtern und zu erkälten, sondern sie »Frau
Meier« nannte, sobald sie dessen zu ihrer Sicherheit vor den
Nachstellungen der lasterhaften Weiber zu bedürfen glaubte. Er erzählte den
Damen von seinem unsachlichen Leben, von den schönen Trinksitzungen
Page 244
der Korpsbrüder, den militärischen Liebesmählern und seiner Bildungsreise,
von seinen Angehörigen, seiner ehemals so herrlichen Mutter, die er dann
und wann in »Segenhaus« besuchte, wo sie traurigen Hof hielt, von
Albrecht und Ditlinde; Imma Spoelmann erwiderte mit einigen Nachträgen
über ihre prachtvolle und sonderbare Jugend, und die Gräfin ließ manchmal
ein dunkles Wort über die Schrecken und Geheimnisse des Lebens
einfließen, worauf die beiden mit ernsten, ja andächtigen Mienen horchten.
Eine Art Spiel trieben sie gern: es war das Erraten von Daseinsformen,
das ungefähre Einschätzen der Menschen, die sie etwa sahen, in die
Abteilungen der bürgerlichen Welt, soweit ihre Wissenschaft reichte – eine
fremde und begierige Beobachtung der Passanten aus der Entfernung, vom
Pferde herab oder von der Spoelmannschen Terrasse. Was für junge Leute
mochten wohl diese sein? Was mochten sie treiben? Wohin gehören? Es
waren wohl keine Handelsschüler, sondern vielleicht der Technik
Beflossene oder angehende Forstmänner, gewissen Merkmalen nach, auch
wohl von der landwirtschaftlichen Hochschule, ein wenig rauhe, aber
tüchtige Burschen jedenfalls, die ihren redlichen Weg schon machen
würden. Aber die Kleine, Unordentliche, die hier vorüberschlenderte, war
wohl so etwas wie eine Fabrikarbeiterin oder Nähmamsell. Solche Mädchen
pflegten einen Liebhaber aus ähnlicher Sphäre zu haben, der sie Sonntags in
einen Kaffeegarten führte. Und sie teilten einander mit, was sie sonst etwa
noch von den Leuten wußten, sprachen mit Anerkennung davon und fühlten
sich mehr als durch Laufen und Ballschlagen erwärmt durch diesen
Zeitvertreib.
Was die rasche Automobilfahrt betraf, so erklärte Imma Spoelmann im
Laufe derselben, daß sie Klaus Heinrich eigentlich nur dazu eingeladen
habe, um ihm den Chauffeur zu zeigen, der sie fuhr, einen jungen, in
braunes Leder gehüllten Amerikaner, von dem sie behauptete, daß er dem
Prinzen ähnlich sähe. Klaus Heinrich versetzte lachend, daß die
Rückansicht des Fahrers ihn nicht befähige, hierüber zu urteilen, und
forderte die Gräfin auf, ihre Stimme abzugeben. Diese, nachdem sie die
Ähnlichkeit eine Zeitlang mit höfischer Entrüstung geleugnet, ließ sich, von
Imma gedrängt, schließlich mit einem gekniffenen Seitenblick auf Klaus
Heinrich herbei, sie zu bejahen. Dann erzählte Fräulein Spoelmann, der
ernste, nüchterne und geschickte junge Mann sei ursprünglich im
persönlichen Dienste ihres Vaters gestanden, den er täglich von der Fünften
von seinen Angehörigen, seiner ehemals so herrlichen Mutter, die er dann
und wann in »Segenhaus« besuchte, wo sie traurigen Hof hielt, von
Albrecht und Ditlinde; Imma Spoelmann erwiderte mit einigen Nachträgen
über ihre prachtvolle und sonderbare Jugend, und die Gräfin ließ manchmal
ein dunkles Wort über die Schrecken und Geheimnisse des Lebens
einfließen, worauf die beiden mit ernsten, ja andächtigen Mienen horchten.
Eine Art Spiel trieben sie gern: es war das Erraten von Daseinsformen,
das ungefähre Einschätzen der Menschen, die sie etwa sahen, in die
Abteilungen der bürgerlichen Welt, soweit ihre Wissenschaft reichte – eine
fremde und begierige Beobachtung der Passanten aus der Entfernung, vom
Pferde herab oder von der Spoelmannschen Terrasse. Was für junge Leute
mochten wohl diese sein? Was mochten sie treiben? Wohin gehören? Es
waren wohl keine Handelsschüler, sondern vielleicht der Technik
Beflossene oder angehende Forstmänner, gewissen Merkmalen nach, auch
wohl von der landwirtschaftlichen Hochschule, ein wenig rauhe, aber
tüchtige Burschen jedenfalls, die ihren redlichen Weg schon machen
würden. Aber die Kleine, Unordentliche, die hier vorüberschlenderte, war
wohl so etwas wie eine Fabrikarbeiterin oder Nähmamsell. Solche Mädchen
pflegten einen Liebhaber aus ähnlicher Sphäre zu haben, der sie Sonntags in
einen Kaffeegarten führte. Und sie teilten einander mit, was sie sonst etwa
noch von den Leuten wußten, sprachen mit Anerkennung davon und fühlten
sich mehr als durch Laufen und Ballschlagen erwärmt durch diesen
Zeitvertreib.
Was die rasche Automobilfahrt betraf, so erklärte Imma Spoelmann im
Laufe derselben, daß sie Klaus Heinrich eigentlich nur dazu eingeladen
habe, um ihm den Chauffeur zu zeigen, der sie fuhr, einen jungen, in
braunes Leder gehüllten Amerikaner, von dem sie behauptete, daß er dem
Prinzen ähnlich sähe. Klaus Heinrich versetzte lachend, daß die
Rückansicht des Fahrers ihn nicht befähige, hierüber zu urteilen, und
forderte die Gräfin auf, ihre Stimme abzugeben. Diese, nachdem sie die
Ähnlichkeit eine Zeitlang mit höfischer Entrüstung geleugnet, ließ sich, von
Imma gedrängt, schließlich mit einem gekniffenen Seitenblick auf Klaus
Heinrich herbei, sie zu bejahen. Dann erzählte Fräulein Spoelmann, der
ernste, nüchterne und geschickte junge Mann sei ursprünglich im
persönlichen Dienste ihres Vaters gestanden, den er täglich von der Fünften
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Avenue zum Broadway und andere Wege gefahren habe. Herr Spoelmann
aber habe auf außerordentliche Fahrgeschwindigkeit, die fast der eines
Eilzuges gleichgekommen sei, gehalten, und der ungeheuren Anspannung,
die solcherweise bei dem Getümmel von Neuyork von dem Wagenlenker
gefordert worden, sei dieser auf die Dauer nicht gewachsen gewesen. Zwar
habe sich niemals ein Unfall ereignet; der junge Mann habe durchgehalten
und mit gewaltiger Aufmerksamkeit seine todesgefährliche Pflicht getan.
Endlich aber sei es wiederholt geschehen, daß man ihn am Ziele der Fahrt
ohnmächtig vom Sitz habe heben müssen, und da habe es sich gezeigt, in
welcher übermäßigen Anstrengung er täglich gelebt habe. Um ihn nicht
entlassen zu müssen, habe Herr Spoelmann ihn zum Leibchauffeur seiner
Tochter ernannt, welchen leichteren Dienst er auch an dem neuen
Aufenthaltsort zu versehen fortfahre. Die Ähnlichkeit zwischen Klaus
Heinrich und ihm habe Imma festgestellt, als sie den Prinzen zum ersten
Male gesehen. Es sei natürlich keine Ähnlichkeit der Züge, wohl aber eine
solche des Ausdrucks. Die Gräfin habe sie zugegeben … Klaus Heinrich
sagte, daß er durchaus nichts gegen die Ähnlichkeit einzuwenden habe, da
der heldenmütige junge Mann seine volle Sympathie besitze. Sie sprachen
dann noch mehreres von dem schweren und angespannten Dasein eines
Chauffeurs, ohne daß die Gräfin Löwenjoul sich weiter an diesem
Gespräche beteiligte. Sie schwatzte nicht auf dieser Fahrt, sondern sagte
später mit frischen Bewegungen einige richtige und klare Dinge.
Übrigens schien Herrn Spoelmanns Schnelligkeitsbedürfnis in gewissem
Grade auf seine Tochter übergegangen zu sein, denn jenen ausgelassenen
Galopp des ersten gemeinsamen Ausflugs wiederholte sie bei jeder neuen
Gelegenheit; und da Klaus Heinrich, durch ihren Spott erhitzt, dem
verstörten und von Mißbilligung erfüllten Florian das Äußerste zumutete,
um nicht zurückzubleiben, so erhielten diese Gewaltritte jedesmal einen
kampfartigen Charakter, wurden zu Wettrennen, die Imma Spoelmann stets
auf unvermutete und launenhafte Weise vom Zaune brach. Mehrere dieser
Kämpfe entspannen sich an jener einsamen, am Wasser hinlaufenden
Wiesenböschung, und einer besonders war langwierig und erbittert. Er
schloß sich an ein kurzes Gespräch über Klaus Heinrichs Popularität, das
von Imma Spoelmann ebenso unvermittelt eröffnet wie abgebrochen wurde.
Sie fragte plötzlich: »Habe ich recht gehört, Prinz, daß Sie so ungemein
beliebt sind bei der Bevölkerung? Daß alle Herzen Ihnen zuschlagen?«
aber habe auf außerordentliche Fahrgeschwindigkeit, die fast der eines
Eilzuges gleichgekommen sei, gehalten, und der ungeheuren Anspannung,
die solcherweise bei dem Getümmel von Neuyork von dem Wagenlenker
gefordert worden, sei dieser auf die Dauer nicht gewachsen gewesen. Zwar
habe sich niemals ein Unfall ereignet; der junge Mann habe durchgehalten
und mit gewaltiger Aufmerksamkeit seine todesgefährliche Pflicht getan.
Endlich aber sei es wiederholt geschehen, daß man ihn am Ziele der Fahrt
ohnmächtig vom Sitz habe heben müssen, und da habe es sich gezeigt, in
welcher übermäßigen Anstrengung er täglich gelebt habe. Um ihn nicht
entlassen zu müssen, habe Herr Spoelmann ihn zum Leibchauffeur seiner
Tochter ernannt, welchen leichteren Dienst er auch an dem neuen
Aufenthaltsort zu versehen fortfahre. Die Ähnlichkeit zwischen Klaus
Heinrich und ihm habe Imma festgestellt, als sie den Prinzen zum ersten
Male gesehen. Es sei natürlich keine Ähnlichkeit der Züge, wohl aber eine
solche des Ausdrucks. Die Gräfin habe sie zugegeben … Klaus Heinrich
sagte, daß er durchaus nichts gegen die Ähnlichkeit einzuwenden habe, da
der heldenmütige junge Mann seine volle Sympathie besitze. Sie sprachen
dann noch mehreres von dem schweren und angespannten Dasein eines
Chauffeurs, ohne daß die Gräfin Löwenjoul sich weiter an diesem
Gespräche beteiligte. Sie schwatzte nicht auf dieser Fahrt, sondern sagte
später mit frischen Bewegungen einige richtige und klare Dinge.
Übrigens schien Herrn Spoelmanns Schnelligkeitsbedürfnis in gewissem
Grade auf seine Tochter übergegangen zu sein, denn jenen ausgelassenen
Galopp des ersten gemeinsamen Ausflugs wiederholte sie bei jeder neuen
Gelegenheit; und da Klaus Heinrich, durch ihren Spott erhitzt, dem
verstörten und von Mißbilligung erfüllten Florian das Äußerste zumutete,
um nicht zurückzubleiben, so erhielten diese Gewaltritte jedesmal einen
kampfartigen Charakter, wurden zu Wettrennen, die Imma Spoelmann stets
auf unvermutete und launenhafte Weise vom Zaune brach. Mehrere dieser
Kämpfe entspannen sich an jener einsamen, am Wasser hinlaufenden
Wiesenböschung, und einer besonders war langwierig und erbittert. Er
schloß sich an ein kurzes Gespräch über Klaus Heinrichs Popularität, das
von Imma Spoelmann ebenso unvermittelt eröffnet wie abgebrochen wurde.
Sie fragte plötzlich: »Habe ich recht gehört, Prinz, daß Sie so ungemein
beliebt sind bei der Bevölkerung? Daß alle Herzen Ihnen zuschlagen?«
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Er antwortete: »Man sagt so. Irgendwelche Eigenschaften, die keine
Vorzüge zu sein brauchen, mögen der Grund sein. Übrigens weiß ich
durchaus nicht, ob ich es glauben oder mich gar darüber freuen soll. Ich
zweifle, ob es für mich spräche. Mein Bruder, der Großherzog, meint
geradezu, die Popularität sei eine Schweinerei.«
»Ja, der Großherzog muß ein stolzer Mann sein; ich achte ihn sehr. Da
stehen Sie dann im Dunst, und alles liebt Sie … go on!« rief sie plötzlich,
ein scharfer Schlag mit der weißledernen Gerte traf Fatme, die aufzuckte,
und die Jagd begann.
Sie dauerte lange. Noch nie hatten sie den Wasserlauf so weithin verfolgt.
Links hatte sich längst die Aussicht geschlossen. Erdklumpen und
Grasbüschel stoben unter den Hufen auf. Die Gräfin war bald
zurückgeblieben. Als sie endlich die Pferde zügelten, zitterte Florian, der
sein Letztes getan hatte, und sie selbst waren bleich und atmeten schwer.
Der Rückweg verlief schweigsam. –
Am Nachmittag vor seinem diesjährigen Geburtstag sah Klaus Heinrich
Raoul Überbein bei sich auf »Eremitage«. Der Doktor kam, um seine
Gratulation darzubringen, da er morgen durch Arbeit verhindert sein würde.
Sie gingen auf den Kieswegen im rückwärtigen Teil des Parkes umher, der
Oberlehrer in Gehrock und weißer Binde, Klaus Heinrich in seiner Litewka.
Das Gras stand reif zur Mahd unter der schrägen Nachmittagssonne, die
Linden blühten. In einem Winkel, dicht an der Hecke, die den Grund von
unschönen Vorstadtwiesen trennte, war ein kleiner, morscher Borkentempel
gelegen.
Klaus Heinrich sprach von seinem Verkehr auf »Delphinenort«, da dieser
Gegenstand ihm am nächsten lag; er erzählte anschaulich davon, ohne dem
Doktor tatsächliche Neuigkeiten mitteilen zu können, denn dieser zeigte
sich auf dem laufenden. Woher er das sei? – Oh, aus verschiedenen Quellen.
Überbein habe nichts vor anderen voraus. – Und also kümmere man sich in
der Residenz um diese Dinge? – »Nein, behüte, Klaus Heinrich, niemand
denkt daran. Weder an die Ritte, noch an die Teevisiten, noch an die
Automobilfahrt. Dergleichen vermag natürlich keine Zunge in Bewegung
zu setzen.« – »Aber wir sind so vorsichtig!« – »W i r ist prächtig, Klaus
Heinrich, und das mit der Vorsicht auch. – Übrigens läßt Exzellenz von
Vorzüge zu sein brauchen, mögen der Grund sein. Übrigens weiß ich
durchaus nicht, ob ich es glauben oder mich gar darüber freuen soll. Ich
zweifle, ob es für mich spräche. Mein Bruder, der Großherzog, meint
geradezu, die Popularität sei eine Schweinerei.«
»Ja, der Großherzog muß ein stolzer Mann sein; ich achte ihn sehr. Da
stehen Sie dann im Dunst, und alles liebt Sie … go on!« rief sie plötzlich,
ein scharfer Schlag mit der weißledernen Gerte traf Fatme, die aufzuckte,
und die Jagd begann.
Sie dauerte lange. Noch nie hatten sie den Wasserlauf so weithin verfolgt.
Links hatte sich längst die Aussicht geschlossen. Erdklumpen und
Grasbüschel stoben unter den Hufen auf. Die Gräfin war bald
zurückgeblieben. Als sie endlich die Pferde zügelten, zitterte Florian, der
sein Letztes getan hatte, und sie selbst waren bleich und atmeten schwer.
Der Rückweg verlief schweigsam. –
Am Nachmittag vor seinem diesjährigen Geburtstag sah Klaus Heinrich
Raoul Überbein bei sich auf »Eremitage«. Der Doktor kam, um seine
Gratulation darzubringen, da er morgen durch Arbeit verhindert sein würde.
Sie gingen auf den Kieswegen im rückwärtigen Teil des Parkes umher, der
Oberlehrer in Gehrock und weißer Binde, Klaus Heinrich in seiner Litewka.
Das Gras stand reif zur Mahd unter der schrägen Nachmittagssonne, die
Linden blühten. In einem Winkel, dicht an der Hecke, die den Grund von
unschönen Vorstadtwiesen trennte, war ein kleiner, morscher Borkentempel
gelegen.
Klaus Heinrich sprach von seinem Verkehr auf »Delphinenort«, da dieser
Gegenstand ihm am nächsten lag; er erzählte anschaulich davon, ohne dem
Doktor tatsächliche Neuigkeiten mitteilen zu können, denn dieser zeigte
sich auf dem laufenden. Woher er das sei? – Oh, aus verschiedenen Quellen.
Überbein habe nichts vor anderen voraus. – Und also kümmere man sich in
der Residenz um diese Dinge? – »Nein, behüte, Klaus Heinrich, niemand
denkt daran. Weder an die Ritte, noch an die Teevisiten, noch an die
Automobilfahrt. Dergleichen vermag natürlich keine Zunge in Bewegung
zu setzen.« – »Aber wir sind so vorsichtig!« – »W i r ist prächtig, Klaus
Heinrich, und das mit der Vorsicht auch. – Übrigens läßt Exzellenz von
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Knobelsdorff sich genau über Ihre Taten Bericht erstatten.« –
»Knobelsdorff? – Knobelsdorff?« Klaus Heinrich schwieg. – »Und wie
stellt sich Baron Knobelsdorff zu den Berichten?« fragte er dann. Nun, der
alte Herr habe ja noch nicht Veranlassung genommen, in die Entwicklung
der Dinge einzugreifen. – Aber die Öffentlichkeit? Die Leute? – Ja, die
Leute hielten natürlich den Atem an. – »Und Sie, Sie selbst, lieber Doktor
Überbein?!« – »Ich warte auf den Bowlendeckel«, erwiderte der Doktor.
»Nein!« rief Klaus Heinrich mit freudiger Stimme. »Nein, es wird nichts
aus dem Bowlendeckel, Doktor Überbein, denn ich bin glücklich, glücklich,
was da auch kommen möge – verstehen Sie das? Sie haben mich gelehrt,
daß das Glück nicht meine Sache sei, und haben mich bei den Ohren wieder
zu mir selbst gebracht, als ich es dennoch damit versuchte, und ich war
Ihnen unaussprechlich dankbar dafür, denn es war schrecklich, schrecklich,
und ich vergesse es nicht. Aber dies hier ist kein Ausflug in den Tanzsaal
des Bürgergartens, wovon man gedemütigt und Übelkeit im Herzen
zurückkehrt, es ist keine Verirrung und Entgleisung und Erniedrigung.
Sehen Sie denn nicht, daß die, von der wir reden, daß sie weder in den
Bürgergarten gehört, noch zu den adeligen Fasanen, noch irgendwohin
sonst in der Welt als zu mir – daß sie eine Prinzessin ist, Doktor Überbein,
und meinesgleichen, und daß also von Bowlendeckeln gar nicht die Rede
sein kann? Sie haben mich gelehrt, daß es liederlich sei, zu behaupten, daß
wir alle nur Menschen seien, und innerlich hoffnungslos für mich, so zu
tun, als ob es so sei, und ein verbotenes Glück, das mit Schande enden
müsse. Aber dies hier ist nicht das liederliche und verbotene Glück. Es ist
zum ersten Male das erlaubte und innerlich hoffnungsvolle und glückselige
Glück, Doktor Überbein, dem ich mich guten Muts überlassen darf, was da
auch kommen mag …«
»Adieu, Prinz Klaus Heinrich«, sagte Doktor Überbein, ohne übrigens
schon aufzubrechen. Vielmehr fuhr er fort, die Hände auf dem Rücken und
den roten Bart auf die Brust gesenkt, an Klaus Heinrichs linker Seite
dahinzuwandeln.
»Nein«, sagte Klaus Heinrich. »Nein, nicht adieu, Doktor Überbein – das
ist es ja eben! Ich will Ihr Freund bleiben, der Sie es immer so schwer
gehabt haben und so stolz auf Schicksal und Strammheit halten und mich
ebenfalls stolz machten dadurch, daß Sie mich als Kameraden behandelten.
»Knobelsdorff? – Knobelsdorff?« Klaus Heinrich schwieg. – »Und wie
stellt sich Baron Knobelsdorff zu den Berichten?« fragte er dann. Nun, der
alte Herr habe ja noch nicht Veranlassung genommen, in die Entwicklung
der Dinge einzugreifen. – Aber die Öffentlichkeit? Die Leute? – Ja, die
Leute hielten natürlich den Atem an. – »Und Sie, Sie selbst, lieber Doktor
Überbein?!« – »Ich warte auf den Bowlendeckel«, erwiderte der Doktor.
»Nein!« rief Klaus Heinrich mit freudiger Stimme. »Nein, es wird nichts
aus dem Bowlendeckel, Doktor Überbein, denn ich bin glücklich, glücklich,
was da auch kommen möge – verstehen Sie das? Sie haben mich gelehrt,
daß das Glück nicht meine Sache sei, und haben mich bei den Ohren wieder
zu mir selbst gebracht, als ich es dennoch damit versuchte, und ich war
Ihnen unaussprechlich dankbar dafür, denn es war schrecklich, schrecklich,
und ich vergesse es nicht. Aber dies hier ist kein Ausflug in den Tanzsaal
des Bürgergartens, wovon man gedemütigt und Übelkeit im Herzen
zurückkehrt, es ist keine Verirrung und Entgleisung und Erniedrigung.
Sehen Sie denn nicht, daß die, von der wir reden, daß sie weder in den
Bürgergarten gehört, noch zu den adeligen Fasanen, noch irgendwohin
sonst in der Welt als zu mir – daß sie eine Prinzessin ist, Doktor Überbein,
und meinesgleichen, und daß also von Bowlendeckeln gar nicht die Rede
sein kann? Sie haben mich gelehrt, daß es liederlich sei, zu behaupten, daß
wir alle nur Menschen seien, und innerlich hoffnungslos für mich, so zu
tun, als ob es so sei, und ein verbotenes Glück, das mit Schande enden
müsse. Aber dies hier ist nicht das liederliche und verbotene Glück. Es ist
zum ersten Male das erlaubte und innerlich hoffnungsvolle und glückselige
Glück, Doktor Überbein, dem ich mich guten Muts überlassen darf, was da
auch kommen mag …«
»Adieu, Prinz Klaus Heinrich«, sagte Doktor Überbein, ohne übrigens
schon aufzubrechen. Vielmehr fuhr er fort, die Hände auf dem Rücken und
den roten Bart auf die Brust gesenkt, an Klaus Heinrichs linker Seite
dahinzuwandeln.
»Nein«, sagte Klaus Heinrich. »Nein, nicht adieu, Doktor Überbein – das
ist es ja eben! Ich will Ihr Freund bleiben, der Sie es immer so schwer
gehabt haben und so stolz auf Schicksal und Strammheit halten und mich
ebenfalls stolz machten dadurch, daß Sie mich als Kameraden behandelten.
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Ich will nun, wo ich das Glück gefunden habe, nicht bequemeren Sinnes
werden, sondern Ihnen treu bleiben und mir und meinem hohen Beruf …«
»Wird nicht gegeben«, sagte Doktor Überbein auf lateinisch und
schüttelte seinen häßlichen Kopf mit den abstehenden, spitz zulaufenden
Ohren.
»Doch, Doktor Überbein, ich bin nun ganz sicher, daß es das gibt, beides
zusammen. Und Sie, Sie sollten nicht so kaltsinnig und abweisend neben
mir hergehen, wo ich so glücklich bin und obendrein der Vorabend meines
Geburtstags ist. Sagen Sie mir … Sie haben so viele Einblicke getan und
sich in jeder Weise den Wind um die Nase wehen lassen – aber haben Sie
denn niemals Erfahrungen gemacht in dieser Richtung … Sie wissen schon
… Sind Sie gar niemals ergriffen worden, wie ich es nun bin?«
»Hm«, sagte Doktor Überbein und kniff die Lippen zusammen, daß sein
roter Bart sich hob und Muskelballen sich an seinen Wangen bildeten. »Das
könnte wohl dennoch so unterderhand sich einmal ereignet haben.«
»Sehen Sie? Sehen Sie? Und nun erzählen Sie mir's, Doktor Überbein!
Heute müssen Sie mir's erzählen!«
Und da es eine ernste und still besonnte, auch vom Dufte der
Lindenblüten erfüllte Stunde war, so gab Raoul Überbein Auskunft über
einen Zwischenfall seiner Laufbahn, dessen er in früheren Berichten
niemals erwähnt hatte, und der gleichwohl vielleicht von entscheidender
Bedeutung für sein Leben gewesen war. Er hatte sich abgespielt zu jener
frühen Zeit, als Überbein die kleinen Strolche unterrichtet und nebenbei für
sich selbst gearbeitet, sich den Leibgurt enger gezogen und fetten
Bürgerkindern Privatstunden erteilt hatte, um sich Bücher kaufen zu
können. Immer die Hände auf dem Rücken und den Bart auf der Brust,
erzählte der Doktor in kurz angebundenem und scharfem Tone davon,
indem er zwischen den einzelnen Sätzen fest die Lippen zusammenpreßte.
Damals hatte das Schicksal ihn unaussprechlich fest mit einem Weibe
verbunden, einer schönen, weißen Frau, welche die Gattin eines
edelsinnigen und achtenswerten Mannes und Mutter dreier Kinder war. Er
war als Präzeptor der Kinder in das Haus gekommen, war aber später
häufiger Tischgast und Hausfreund geworden, und auch mit dem Manne
werden, sondern Ihnen treu bleiben und mir und meinem hohen Beruf …«
»Wird nicht gegeben«, sagte Doktor Überbein auf lateinisch und
schüttelte seinen häßlichen Kopf mit den abstehenden, spitz zulaufenden
Ohren.
»Doch, Doktor Überbein, ich bin nun ganz sicher, daß es das gibt, beides
zusammen. Und Sie, Sie sollten nicht so kaltsinnig und abweisend neben
mir hergehen, wo ich so glücklich bin und obendrein der Vorabend meines
Geburtstags ist. Sagen Sie mir … Sie haben so viele Einblicke getan und
sich in jeder Weise den Wind um die Nase wehen lassen – aber haben Sie
denn niemals Erfahrungen gemacht in dieser Richtung … Sie wissen schon
… Sind Sie gar niemals ergriffen worden, wie ich es nun bin?«
»Hm«, sagte Doktor Überbein und kniff die Lippen zusammen, daß sein
roter Bart sich hob und Muskelballen sich an seinen Wangen bildeten. »Das
könnte wohl dennoch so unterderhand sich einmal ereignet haben.«
»Sehen Sie? Sehen Sie? Und nun erzählen Sie mir's, Doktor Überbein!
Heute müssen Sie mir's erzählen!«
Und da es eine ernste und still besonnte, auch vom Dufte der
Lindenblüten erfüllte Stunde war, so gab Raoul Überbein Auskunft über
einen Zwischenfall seiner Laufbahn, dessen er in früheren Berichten
niemals erwähnt hatte, und der gleichwohl vielleicht von entscheidender
Bedeutung für sein Leben gewesen war. Er hatte sich abgespielt zu jener
frühen Zeit, als Überbein die kleinen Strolche unterrichtet und nebenbei für
sich selbst gearbeitet, sich den Leibgurt enger gezogen und fetten
Bürgerkindern Privatstunden erteilt hatte, um sich Bücher kaufen zu
können. Immer die Hände auf dem Rücken und den Bart auf der Brust,
erzählte der Doktor in kurz angebundenem und scharfem Tone davon,
indem er zwischen den einzelnen Sätzen fest die Lippen zusammenpreßte.
Damals hatte das Schicksal ihn unaussprechlich fest mit einem Weibe
verbunden, einer schönen, weißen Frau, welche die Gattin eines
edelsinnigen und achtenswerten Mannes und Mutter dreier Kinder war. Er
war als Präzeptor der Kinder in das Haus gekommen, war aber später
häufiger Tischgast und Hausfreund geworden, und auch mit dem Manne
Page 249
hatte er herzliche Empfindungen getauscht. Das zwischen dem jungen
Lehrer und der weißen Frau war lange unbewußt und länger noch stumm
und unterhalb aller Worte geblieben; aber es war im Schweigen erstarkt und
übermächtig geworden, und in einer Abendstunde, als der Gatte sich in
Geschäften verweilt hatte, einer heißen, süßen, gefährlichen Stunde, da war
es in Flammen ausgebrochen und hätte sie fast betäubt. So hatte denn nun
ihr Verlangen geschrien nach dem Glück, dem gewaltigen Glück ihrer
Vereinigung; allein hie und da, bemerkte Doktor Überbein, kamen in der
Welt anständige Handlungen vor. Sie waren sich zu schade gewesen, sagte
er, um den gemeinen und lächerlichen Weg des Betruges einzuschlagen;
und vor den arglosen Gatten »hinzutreten«, wie man wohl sagt, und sein
Leben zu zerstören, indem sie mit dem Rechte der Leidenschaft die Freiheit
von ihm forderten, war gleichfalls nicht ganz nach ihrem Geschmack
gewesen. Kurz, um der Kinder, um des guten und edlen Mannes willen, den
sie hochschätzten, hatten sie Verzicht geleistet und einander entsagt. Ja,
dergleichen kam vor, aber es war natürlich erforderlich, ein bißchen die
Zähne zusammenzubeißen. Überbein kam noch immer zuweilen in das
Haus der weißen Frau. Er speiste dort zu Abend, wenn seine Zeit es
erlaubte, spielte eine Partie Kasino mit den Freunden, küßte der Hausfrau
die Hand und sagte gute Nacht!… Aber nachdem er dies erzählt hatte, sagte
er das letzte, sagte es noch kürzer und schärfer als das vorige, während sich
noch öfter die Muskelballen an seinen Mundwinkeln bildeten. Damals
nämlich, als er und die weiße Frau Verzicht geleistet hatten, damals hatte
Überbein dem Glücke, der »Bummelei des Glücks«, wie er es seitdem
nannte, endgültig und auf immer Valet gesagt. Da er die weiße Frau nicht
gewinnen konnte oder wollte, hatte er sich zugeschworen, ihr Ehre zu
machen und dem, was ihn mit ihr verband, indem er es weit brachte und
sich groß machte auf dem Felde der Arbeit – hatte sein Leben auf die
Leistung gestellt, auf sie allein, und war geworden, wie er war. – Das war
das Geheimnis, war wenigstens ein Beitrag zur Lösung des Rätsels von
Überbeins Ungemütlichkeit, Überheblichkeit und Streberei. Klaus Heinrich
sah mit Bangen, wie außerordentlich grün sein Gesicht war, als er sich mit
tiefer Verbeugung verabschiedete und dabei sagte: »Grüßen Sie die kleine
Imma, Klaus Heinrich!«
Am nächsten Morgen nahm der Prinz im Gelben Zimmer die
Glückwünsche des Schloßpersonals und später diejenigen der Herren von
Lehrer und der weißen Frau war lange unbewußt und länger noch stumm
und unterhalb aller Worte geblieben; aber es war im Schweigen erstarkt und
übermächtig geworden, und in einer Abendstunde, als der Gatte sich in
Geschäften verweilt hatte, einer heißen, süßen, gefährlichen Stunde, da war
es in Flammen ausgebrochen und hätte sie fast betäubt. So hatte denn nun
ihr Verlangen geschrien nach dem Glück, dem gewaltigen Glück ihrer
Vereinigung; allein hie und da, bemerkte Doktor Überbein, kamen in der
Welt anständige Handlungen vor. Sie waren sich zu schade gewesen, sagte
er, um den gemeinen und lächerlichen Weg des Betruges einzuschlagen;
und vor den arglosen Gatten »hinzutreten«, wie man wohl sagt, und sein
Leben zu zerstören, indem sie mit dem Rechte der Leidenschaft die Freiheit
von ihm forderten, war gleichfalls nicht ganz nach ihrem Geschmack
gewesen. Kurz, um der Kinder, um des guten und edlen Mannes willen, den
sie hochschätzten, hatten sie Verzicht geleistet und einander entsagt. Ja,
dergleichen kam vor, aber es war natürlich erforderlich, ein bißchen die
Zähne zusammenzubeißen. Überbein kam noch immer zuweilen in das
Haus der weißen Frau. Er speiste dort zu Abend, wenn seine Zeit es
erlaubte, spielte eine Partie Kasino mit den Freunden, küßte der Hausfrau
die Hand und sagte gute Nacht!… Aber nachdem er dies erzählt hatte, sagte
er das letzte, sagte es noch kürzer und schärfer als das vorige, während sich
noch öfter die Muskelballen an seinen Mundwinkeln bildeten. Damals
nämlich, als er und die weiße Frau Verzicht geleistet hatten, damals hatte
Überbein dem Glücke, der »Bummelei des Glücks«, wie er es seitdem
nannte, endgültig und auf immer Valet gesagt. Da er die weiße Frau nicht
gewinnen konnte oder wollte, hatte er sich zugeschworen, ihr Ehre zu
machen und dem, was ihn mit ihr verband, indem er es weit brachte und
sich groß machte auf dem Felde der Arbeit – hatte sein Leben auf die
Leistung gestellt, auf sie allein, und war geworden, wie er war. – Das war
das Geheimnis, war wenigstens ein Beitrag zur Lösung des Rätsels von
Überbeins Ungemütlichkeit, Überheblichkeit und Streberei. Klaus Heinrich
sah mit Bangen, wie außerordentlich grün sein Gesicht war, als er sich mit
tiefer Verbeugung verabschiedete und dabei sagte: »Grüßen Sie die kleine
Imma, Klaus Heinrich!«
Am nächsten Morgen nahm der Prinz im Gelben Zimmer die
Glückwünsche des Schloßpersonals und später diejenigen der Herren von
Page 250
Braunbart-Schellendorf und von Schulenburg-Tressen entgegen. Im Laufe
des Vormittags fuhren die Mitglieder des großherzoglichen Hauses zur
Gratulation auf »Eremitage« vor, und um ein Uhr begab sich Klaus
Heinrich in seiner Chaise zum Familienfrühstück bei dem Fürsten und der
Fürstin zu Ried-Hohenried, unterwegs vom Publikum ungewöhnlich
beifällig begrüßt. Die Grimmburger waren vollzählig versammelt in dem
zierlichen Palais an der Albrechtsstraße. Auch der Großherzog kam im
Gehrock, grüßte alle mit dem schmalen Haupt, indem er mit der Unterlippe
leicht an der oberen sog, und trank Milch mit Mineralwasser vermischt zu
den Speisen. Fast unmittelbar nach beendetem Frühstück zog er sich
zurück. Prinz Lambert war ohne seine Gemahlin erschienen. Der alte
Ballettfreund war gefärbt, ausgehöhlt, schlottricht und besaß eine
Grabesstimme. Er wurde von den Verwandten bis zu einem gewissen Grade
übersehen.
Unter Tafel drehte sich das Gespräch eine Weile um höfische
Angelegenheiten, dann um das Gedeihen der kleinen Prinzessin Philippine
und später fast ausschließlich um die großgewerblichen Unternehmungen
des Fürsten Philipp. Der zarte kleine Herr erzählte von seinen Brauereien,
Fabriken und Mühlen und namentlich von seinen Torfstechereien, er
schilderte Verbesserungen in den Betrieben, sprach in Ziffern von Anlagen
und Erträgnissen, und seine Wangen röteten sich, während die Verwandten
seiner Frau ihm mit neugierigen, wohlwollenden oder spöttischen Mienen
lauschten.
Als in dem großen Blumensalon der Kaffee genommen wurde, trat die
Fürstin mit ihrem vergoldeten Täßchen an ihren Bruder heran und sagte:
»Du hast uns aber vernachlässigt in letzter Zeit, Klaus Heinrich.«
Ditlindens herzförmiges Gesicht mit den Grimmburger Wangenknochen
war nicht ganz so durchsichtig mehr, es hatte ein wenig mehr Farbe
gewonnen seit der Geburt ihres Töchterchens, und ihr Haupt schien weniger
schwer an der Last ihrer aschblonden Flechten zu tragen.
»Habe ich euch vernachlässigt?« fragte er. »Ja, verzeih, Ditlinde, es mag
wohl sein. Aber ich war so sehr in Anspruch genommen, und dann wußte
ich ja, daß auch du es bist, denn nun hast du ja nicht mehr nur deine
Blumen zu warten.«
des Vormittags fuhren die Mitglieder des großherzoglichen Hauses zur
Gratulation auf »Eremitage« vor, und um ein Uhr begab sich Klaus
Heinrich in seiner Chaise zum Familienfrühstück bei dem Fürsten und der
Fürstin zu Ried-Hohenried, unterwegs vom Publikum ungewöhnlich
beifällig begrüßt. Die Grimmburger waren vollzählig versammelt in dem
zierlichen Palais an der Albrechtsstraße. Auch der Großherzog kam im
Gehrock, grüßte alle mit dem schmalen Haupt, indem er mit der Unterlippe
leicht an der oberen sog, und trank Milch mit Mineralwasser vermischt zu
den Speisen. Fast unmittelbar nach beendetem Frühstück zog er sich
zurück. Prinz Lambert war ohne seine Gemahlin erschienen. Der alte
Ballettfreund war gefärbt, ausgehöhlt, schlottricht und besaß eine
Grabesstimme. Er wurde von den Verwandten bis zu einem gewissen Grade
übersehen.
Unter Tafel drehte sich das Gespräch eine Weile um höfische
Angelegenheiten, dann um das Gedeihen der kleinen Prinzessin Philippine
und später fast ausschließlich um die großgewerblichen Unternehmungen
des Fürsten Philipp. Der zarte kleine Herr erzählte von seinen Brauereien,
Fabriken und Mühlen und namentlich von seinen Torfstechereien, er
schilderte Verbesserungen in den Betrieben, sprach in Ziffern von Anlagen
und Erträgnissen, und seine Wangen röteten sich, während die Verwandten
seiner Frau ihm mit neugierigen, wohlwollenden oder spöttischen Mienen
lauschten.
Als in dem großen Blumensalon der Kaffee genommen wurde, trat die
Fürstin mit ihrem vergoldeten Täßchen an ihren Bruder heran und sagte:
»Du hast uns aber vernachlässigt in letzter Zeit, Klaus Heinrich.«
Ditlindens herzförmiges Gesicht mit den Grimmburger Wangenknochen
war nicht ganz so durchsichtig mehr, es hatte ein wenig mehr Farbe
gewonnen seit der Geburt ihres Töchterchens, und ihr Haupt schien weniger
schwer an der Last ihrer aschblonden Flechten zu tragen.
»Habe ich euch vernachlässigt?« fragte er. »Ja, verzeih, Ditlinde, es mag
wohl sein. Aber ich war so sehr in Anspruch genommen, und dann wußte
ich ja, daß auch du es bist, denn nun hast du ja nicht mehr nur deine
Blumen zu warten.«
Page 251
»Ja, die Blumen sind aus der Herrschaft verdrängt, sie machen mir nicht
viele Gedanken mehr. Es ist nun ein schöneres Leben und Blühen, das mir
zu schaffen macht, und ich glaube, ich habe so rote Backen davon
bekommen wie mein guter Philipp von seinem Torf (von dem er während
des ganzen Frühstücks gesprochen hat, was ich nicht loben will, aber es ist
seine Leidenschaft). Und da ich so wohlbeschäftigt und ausgefüllt war, so
bin ich dir auch nicht gram gewesen, daß du dich nicht sehen ließest und
deine eigenen Wege gingst, wenn sie mir auch ein bißchen verwunderlich
waren …«
»Kennst du denn meine Wege, Ditlind?«
»Ja, leider nicht von dir. Aber Jettchen Isenschnibbe hat mich auf dem
laufenden gehalten – du weißt, sie ist stets unterrichtet –, und anfangs war
ich heftig erschrocken, das leugne ich nicht. Aber schließlich wohnen sie ja
auf ›Delphinenort‹, und er hat einen Leibarzt, und Philipp meint auch, in
ihrer Art seien sie ebenbürtig. Ich glaube, ich habe mich früher absprechend
über sie geäußert, Klaus Heinrich, habe etwas von ›Vogel Roch‹ gesagt,
wenn ich mich recht erinnere, und einen Scherz mit dem Worte
›Steuersubjekt‹ gemacht. Aber wenn du die Leute deiner Freundschaft wert
achtest, so habe ich mich eben geirrt und nehme diese Äußerungen
natürlich zurück und will versuchen, fortan anders über sie zu denken, das
verspreche ich dir … Du hast immer gern gestöbert,« fuhr sie fort, als er ihr
lächelnd die Hand geküßt hatte, »und ich mußte mit, und mein Kleid (weißt
du noch? das rotsamtne), das hatte die Kosten zu tragen. Nun stöberst du
allein, und Gott gebe, daß du nichts Häßliches dabei erfährst, Klaus
Heinrich.«
»Ach, Ditlind, ich glaube eigentlich, daß es immer schön ist, was man
erfährt, ob gut, ob schlimm, aber es ist gut, was ich erfahre …«
Um halb fünf Uhr verließ der Prinz aufs neue Schloß »Eremitage«, und
zwar auf seinem Dogcart, den er selbst kutschierte, Rücken an Rücken mit
einem Lakaien. Es war warm, und Klaus Heinrich trug weiße Beinkleider
zum zweireihigen Überrock. Nach beiden Seiten grüßend, fuhr er abermals
zur Stadt, genauer zum Alten Schloß, ließ aber das Albrechtstor liegen und
nahm seine Einfahrt in den Komplex durch einen Nebentorweg, legte zwei
Höfe zurück und hielt in demjenigen mit dem Rosenstock.
viele Gedanken mehr. Es ist nun ein schöneres Leben und Blühen, das mir
zu schaffen macht, und ich glaube, ich habe so rote Backen davon
bekommen wie mein guter Philipp von seinem Torf (von dem er während
des ganzen Frühstücks gesprochen hat, was ich nicht loben will, aber es ist
seine Leidenschaft). Und da ich so wohlbeschäftigt und ausgefüllt war, so
bin ich dir auch nicht gram gewesen, daß du dich nicht sehen ließest und
deine eigenen Wege gingst, wenn sie mir auch ein bißchen verwunderlich
waren …«
»Kennst du denn meine Wege, Ditlind?«
»Ja, leider nicht von dir. Aber Jettchen Isenschnibbe hat mich auf dem
laufenden gehalten – du weißt, sie ist stets unterrichtet –, und anfangs war
ich heftig erschrocken, das leugne ich nicht. Aber schließlich wohnen sie ja
auf ›Delphinenort‹, und er hat einen Leibarzt, und Philipp meint auch, in
ihrer Art seien sie ebenbürtig. Ich glaube, ich habe mich früher absprechend
über sie geäußert, Klaus Heinrich, habe etwas von ›Vogel Roch‹ gesagt,
wenn ich mich recht erinnere, und einen Scherz mit dem Worte
›Steuersubjekt‹ gemacht. Aber wenn du die Leute deiner Freundschaft wert
achtest, so habe ich mich eben geirrt und nehme diese Äußerungen
natürlich zurück und will versuchen, fortan anders über sie zu denken, das
verspreche ich dir … Du hast immer gern gestöbert,« fuhr sie fort, als er ihr
lächelnd die Hand geküßt hatte, »und ich mußte mit, und mein Kleid (weißt
du noch? das rotsamtne), das hatte die Kosten zu tragen. Nun stöberst du
allein, und Gott gebe, daß du nichts Häßliches dabei erfährst, Klaus
Heinrich.«
»Ach, Ditlind, ich glaube eigentlich, daß es immer schön ist, was man
erfährt, ob gut, ob schlimm, aber es ist gut, was ich erfahre …«
Um halb fünf Uhr verließ der Prinz aufs neue Schloß »Eremitage«, und
zwar auf seinem Dogcart, den er selbst kutschierte, Rücken an Rücken mit
einem Lakaien. Es war warm, und Klaus Heinrich trug weiße Beinkleider
zum zweireihigen Überrock. Nach beiden Seiten grüßend, fuhr er abermals
zur Stadt, genauer zum Alten Schloß, ließ aber das Albrechtstor liegen und
nahm seine Einfahrt in den Komplex durch einen Nebentorweg, legte zwei
Höfe zurück und hielt in demjenigen mit dem Rosenstock.
Page 252
Alles war still und steinern hier; die Treppentürme mit ihren schrägen
Fenstern, schmiedeeisernen Balustraden und schönen Skulpturen ragten in
den Ecken empor, und in Licht und Schatten stand das verschiedenartige
Bauwerk umher, teils grau und verwittert, teils neueren Ansehens, mit
Giebeln und kastenartigen Ausladungen, mit offenen Loggien, Einblicken
durch weite Bogenfenster in gewölbte Hallen und gedrungenen
Säulengängen. In der Mitte aber, in seinem umgitterten Beet, stand der
Rosenstock und blühte, so sehr hatte das Jahr ihn begünstigt.
Klaus Heinrich gab die Zügel dem Diener, ging hin und betrachtete die
dunkelroten Rosen. Sie waren außerordentlich schön – voll und
sammetähnlich, edel gebildet und wahre Kunstwerke der Natur. Mehrere
waren schon ganz erschlossen.
»Bitte, rufen Sie Hesekiel«, sagte Klaus Heinrich zu einem
schnurrbärtigen Türhüter, der, die Hand am Dreispitz, herangetreten war.
Hesekiel kam, der Hüter des Rosenstocks. Es war ein Greis von siebzig
Jahren, in einer Gärtnerschürze, mit Triefaugen und gebeugtem Rücken.
»Haben Sie eine Schere bei sich, Hesekiel?« fragte Klaus Heinrich laut.
»Ich möchte eine Rose haben.« Und Hesekiel zog eine Gartenschere aus der
beutelartigen Tasche seiner Schürze.
»Die hier,« sagte Klaus Heinrich, »das ist die schönste.« Und mit
zitternden Händen durchschnitt der Alte den dornigen Stengel.
»Ich will sie besprengen, Königliche Hoheit«, sagte er und begab sich
mit schlürfenden Schritten in einen Winkel des Hofes zum Wasserhahn.
Schimmernde Tropfen hafteten, als er zurückkehrte, auf den Blättern der
Rose wie auf dem Gefieder von Wasservögeln.
»Danke, Hesekiel«, sagte Klaus Heinrich und nahm die Rose. »Immer
bei Kräften? Hier!« Und er gab dem Greise ein Geldstück und bestieg den
Dogcart, fuhr, die Rose neben sich auf dem Sitz, über die Höfe und kehrte
nach der Meinung aller, die ihn sahen, vom Alten Schloß, wo er
wahrscheinlich eine Unterredung mit dem Großherzog gehabt hatte, nach
»Eremitage« zurück.
Fenstern, schmiedeeisernen Balustraden und schönen Skulpturen ragten in
den Ecken empor, und in Licht und Schatten stand das verschiedenartige
Bauwerk umher, teils grau und verwittert, teils neueren Ansehens, mit
Giebeln und kastenartigen Ausladungen, mit offenen Loggien, Einblicken
durch weite Bogenfenster in gewölbte Hallen und gedrungenen
Säulengängen. In der Mitte aber, in seinem umgitterten Beet, stand der
Rosenstock und blühte, so sehr hatte das Jahr ihn begünstigt.
Klaus Heinrich gab die Zügel dem Diener, ging hin und betrachtete die
dunkelroten Rosen. Sie waren außerordentlich schön – voll und
sammetähnlich, edel gebildet und wahre Kunstwerke der Natur. Mehrere
waren schon ganz erschlossen.
»Bitte, rufen Sie Hesekiel«, sagte Klaus Heinrich zu einem
schnurrbärtigen Türhüter, der, die Hand am Dreispitz, herangetreten war.
Hesekiel kam, der Hüter des Rosenstocks. Es war ein Greis von siebzig
Jahren, in einer Gärtnerschürze, mit Triefaugen und gebeugtem Rücken.
»Haben Sie eine Schere bei sich, Hesekiel?« fragte Klaus Heinrich laut.
»Ich möchte eine Rose haben.« Und Hesekiel zog eine Gartenschere aus der
beutelartigen Tasche seiner Schürze.
»Die hier,« sagte Klaus Heinrich, »das ist die schönste.« Und mit
zitternden Händen durchschnitt der Alte den dornigen Stengel.
»Ich will sie besprengen, Königliche Hoheit«, sagte er und begab sich
mit schlürfenden Schritten in einen Winkel des Hofes zum Wasserhahn.
Schimmernde Tropfen hafteten, als er zurückkehrte, auf den Blättern der
Rose wie auf dem Gefieder von Wasservögeln.
»Danke, Hesekiel«, sagte Klaus Heinrich und nahm die Rose. »Immer
bei Kräften? Hier!« Und er gab dem Greise ein Geldstück und bestieg den
Dogcart, fuhr, die Rose neben sich auf dem Sitz, über die Höfe und kehrte
nach der Meinung aller, die ihn sahen, vom Alten Schloß, wo er
wahrscheinlich eine Unterredung mit dem Großherzog gehabt hatte, nach
»Eremitage« zurück.
Page 253
Er fuhr aber von dort durch den Stadtgarten nach »Delphinenort«. Der
Himmel hatte sich verdunkelt, große Tropfen fielen schon auf die Blätter
nieder, und in der Ferne donnerte es.
Die Damen saßen beim Tee, als Klaus Heinrich, von dem bauchigen
Butler geführt, in der Galerie erschien und die Stufen zum Gartensalon
hinabschritt. Herr Spoelmann war, wie gewöhnlich in letzter Zeit, nicht
anwesend. Er lag mit Breiumschlägen. Perceval, der in schneckenförmiger
Pose neben Immas Stuhle lag, schlug mehrmals grüßend mit dem Schweif
auf den Teppich. Die Vergoldung der Möbel war stumpf, denn hinter der
Glastür lag der Park im Wetterschatten.
Klaus Heinrich tauschte einen Händedruck mit der Tochter des Hauses
und küßte der Gräfin die Hand, indem er sie gleichzeitig sanft aus der
höfischen Verbeugung emporhob, in die sie ihrer Gewohnheit nach
versunken war. »Da ist es nun Sommer«, sagte er zu Imma Spoelmann und
bot ihr die Rose. Er hatte ihr noch niemals Blumen gebracht.
»Welche Ritterlichkeit!« sagte sie. »Danke, Prinz! Und sie ist schön!«
fuhr sie in aufrichtiger Bewunderung fort (während sie sonst nie etwas
lobte) und umfing das herrliche Blumenhaupt, dessen tauige Blätter an den
Rändern köstlich gerollt waren, mit ihren schmalen und schmucklosen
Händen. »Gibt es so schöne Rosen hier? Woher haben Sie sie?« Und sie
neigte durstig ihr schwarzbleiches Köpfchen darüber.
Ihre Augen waren voller Schrecken, als sie es wieder hob. –
»Sie duftet nicht!« sagte sie, und ein Ausdruck von Ekel erschien um
ihren Mund. »Warten Sie … Doch, sie riecht nach Moder!« sagte sie. »Was
bringen Sie mir, Prinz?« Und ihre übergroßen schwarzen Augen in dem
perlblassen Gesichtchen schienen vor fragendem Entsetzen zu glühen.
»Ja,« sagte er, »verzeihen Sie, das ist unsere Art von Rosen. Sie ist von
dem Stock in einem der Höfe des Alten Schlosses. Haben Sie niemals
davon gehört? Es hat seine Bewandtnis damit. Das Volk sagt, daß sie eines
Tages aufs lieblichste zu duften beginnen werden.«
Sie schien ihm nicht zuzuhören. »Es ist, als hätte sie keine Seele«, sagte
sie und betrachtete die Rose. »Aber sie ist vollkommen schön, das muß man
ihr lassen … Nun, das ist ein fragwürdiges Naturspiel, Prinz. Aber haben
Himmel hatte sich verdunkelt, große Tropfen fielen schon auf die Blätter
nieder, und in der Ferne donnerte es.
Die Damen saßen beim Tee, als Klaus Heinrich, von dem bauchigen
Butler geführt, in der Galerie erschien und die Stufen zum Gartensalon
hinabschritt. Herr Spoelmann war, wie gewöhnlich in letzter Zeit, nicht
anwesend. Er lag mit Breiumschlägen. Perceval, der in schneckenförmiger
Pose neben Immas Stuhle lag, schlug mehrmals grüßend mit dem Schweif
auf den Teppich. Die Vergoldung der Möbel war stumpf, denn hinter der
Glastür lag der Park im Wetterschatten.
Klaus Heinrich tauschte einen Händedruck mit der Tochter des Hauses
und küßte der Gräfin die Hand, indem er sie gleichzeitig sanft aus der
höfischen Verbeugung emporhob, in die sie ihrer Gewohnheit nach
versunken war. »Da ist es nun Sommer«, sagte er zu Imma Spoelmann und
bot ihr die Rose. Er hatte ihr noch niemals Blumen gebracht.
»Welche Ritterlichkeit!« sagte sie. »Danke, Prinz! Und sie ist schön!«
fuhr sie in aufrichtiger Bewunderung fort (während sie sonst nie etwas
lobte) und umfing das herrliche Blumenhaupt, dessen tauige Blätter an den
Rändern köstlich gerollt waren, mit ihren schmalen und schmucklosen
Händen. »Gibt es so schöne Rosen hier? Woher haben Sie sie?« Und sie
neigte durstig ihr schwarzbleiches Köpfchen darüber.
Ihre Augen waren voller Schrecken, als sie es wieder hob. –
»Sie duftet nicht!« sagte sie, und ein Ausdruck von Ekel erschien um
ihren Mund. »Warten Sie … Doch, sie riecht nach Moder!« sagte sie. »Was
bringen Sie mir, Prinz?« Und ihre übergroßen schwarzen Augen in dem
perlblassen Gesichtchen schienen vor fragendem Entsetzen zu glühen.
»Ja,« sagte er, »verzeihen Sie, das ist unsere Art von Rosen. Sie ist von
dem Stock in einem der Höfe des Alten Schlosses. Haben Sie niemals
davon gehört? Es hat seine Bewandtnis damit. Das Volk sagt, daß sie eines
Tages aufs lieblichste zu duften beginnen werden.«
Sie schien ihm nicht zuzuhören. »Es ist, als hätte sie keine Seele«, sagte
sie und betrachtete die Rose. »Aber sie ist vollkommen schön, das muß man
ihr lassen … Nun, das ist ein fragwürdiges Naturspiel, Prinz. Aber haben
Page 254
Sie jedenfalls Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Und wenn sie aus dem
Schloß Ihrer Väter stammt, so muß man ihr Reverenz erweisen.«
Sie stellte die Rose in ein Wasserglas neben ihr Gedeck. Ein
Schwanverbrämter brachte dem Prinzen Tasse und Teller. Und sie
plauderten beim Tee über den verwunschenen Rosenstock und dann über
gewohnte Gegenstände, über das Hoftheater, über ihre Pferde, über allerlei
nichtige Streitfragen, in welchen Imma Spoelmann ihm widersprach,
geschliffene Redensarten in Anführungsstrichen daherführte, indem sie sich
über sie lustig machte, ihn mattsetzte in erlesener Schriftrede, die sie mit
ihrer gebrochenen Stimme hervorsprudelte, während sie launisch ihr
Köpfchen dabei drehte. Später wurde ein gewichtiger, in weißes Papier
verpackter Ballen gebracht, eine Sendung des Buchbinders für Fräulein
Spoelmann, enthaltend eine Anzahl von Werken, die sie in schöne und
dauerhafte Gewänder hatte kleiden lassen. Sie öffnete das Paket, und alle
drei sahen nach, ob der Handwerker gute Arbeit getan habe.
Es waren fast lauter gelehrte Bücher, entweder solche, die inwendig so
zauberhaft aussahen wie Imma Spoelmanns Kollegheft, oder solche, die
sich mit wissenschaftlicher Seelenkunde, scharfsinnigen Zergliederungen
der inneren Vorgänge befaßten; und sie waren aufs kostbarste ausgestattet,
mit Pergament und gepreßtem Leder, mit Golddruck, ausgesuchten
Papieren und seidenen Bandzeichen. Imma Spoelmann zeigte sich leidlich
zufrieden mit der Lieferung, aber Klaus Heinrich, der niemals so reiche
Bände gesehen hatte, war des Lobes voll.
»Nun werden sie also aufgestellt?« fragte er … »Zu den anderen oben?
Sie haben wohl viele Bücher? Und sind alle so schön wie diese? Lassen Sie
mich zusehen, wie Sie sie einreihen! Ich kann nicht fahren, das Wetter steht
immer noch da und droht meinen weißen Hosen. Ich weiß überhaupt nicht,
wie Sie wohnen auf Delphinenort, ich war nie in Ihrem Studio. Wollen Sie
mir Ihre Bücher zeigen?«
»Das hängt von der Gräfin ab«, sagte sie und war damit beschäftigt, die
neuen Bände aufeinanderzustapeln. »Gräfin, der Prinz wünscht meine
Bücher zu sehen. Darf ich Sie bitten, sich hierzu zu äußern?«
Gräfin Löwenjoul saß in Abwesenheit. Den kleinen Kopf zur Schulter
geneigt, betrachtete sie Klaus Heinrich mit einem scharf gekniffenen, ja
Schloß Ihrer Väter stammt, so muß man ihr Reverenz erweisen.«
Sie stellte die Rose in ein Wasserglas neben ihr Gedeck. Ein
Schwanverbrämter brachte dem Prinzen Tasse und Teller. Und sie
plauderten beim Tee über den verwunschenen Rosenstock und dann über
gewohnte Gegenstände, über das Hoftheater, über ihre Pferde, über allerlei
nichtige Streitfragen, in welchen Imma Spoelmann ihm widersprach,
geschliffene Redensarten in Anführungsstrichen daherführte, indem sie sich
über sie lustig machte, ihn mattsetzte in erlesener Schriftrede, die sie mit
ihrer gebrochenen Stimme hervorsprudelte, während sie launisch ihr
Köpfchen dabei drehte. Später wurde ein gewichtiger, in weißes Papier
verpackter Ballen gebracht, eine Sendung des Buchbinders für Fräulein
Spoelmann, enthaltend eine Anzahl von Werken, die sie in schöne und
dauerhafte Gewänder hatte kleiden lassen. Sie öffnete das Paket, und alle
drei sahen nach, ob der Handwerker gute Arbeit getan habe.
Es waren fast lauter gelehrte Bücher, entweder solche, die inwendig so
zauberhaft aussahen wie Imma Spoelmanns Kollegheft, oder solche, die
sich mit wissenschaftlicher Seelenkunde, scharfsinnigen Zergliederungen
der inneren Vorgänge befaßten; und sie waren aufs kostbarste ausgestattet,
mit Pergament und gepreßtem Leder, mit Golddruck, ausgesuchten
Papieren und seidenen Bandzeichen. Imma Spoelmann zeigte sich leidlich
zufrieden mit der Lieferung, aber Klaus Heinrich, der niemals so reiche
Bände gesehen hatte, war des Lobes voll.
»Nun werden sie also aufgestellt?« fragte er … »Zu den anderen oben?
Sie haben wohl viele Bücher? Und sind alle so schön wie diese? Lassen Sie
mich zusehen, wie Sie sie einreihen! Ich kann nicht fahren, das Wetter steht
immer noch da und droht meinen weißen Hosen. Ich weiß überhaupt nicht,
wie Sie wohnen auf Delphinenort, ich war nie in Ihrem Studio. Wollen Sie
mir Ihre Bücher zeigen?«
»Das hängt von der Gräfin ab«, sagte sie und war damit beschäftigt, die
neuen Bände aufeinanderzustapeln. »Gräfin, der Prinz wünscht meine
Bücher zu sehen. Darf ich Sie bitten, sich hierzu zu äußern?«
Gräfin Löwenjoul saß in Abwesenheit. Den kleinen Kopf zur Schulter
geneigt, betrachtete sie Klaus Heinrich mit einem scharf gekniffenen, ja
Page 255
boshaften Blick und ließ dann ihre Augen zu Imma Spoelmann
hinübergleiten, während ihre Miene sich veränderte und ein weicher,
mitleidiger und besorgter Ausdruck davon Besitz ergriff. Lächelnd kam sie
zu sich und nestelte eine kleine Uhr aus ihrem braunen, enganschließenden
Kleide hervor.
»Um sieben Uhr«, sagte sie frisch, »erwartet Mister Spoelmann Sie,
Imma, damit Sie ihm vorlesen. Sie haben eine halbe Stunde, um den
Wunsch Seiner Königlichen Hoheit zu erfüllen.«
»Nun, so kommen Sie, Prinz, und besichtigen Sie mein Studio!« sagte
Imma. »Auch mögen Sie sich immerhin an der Überführung der Bücher
beteiligen, sofern Ihre Hoheit es zuläßt. Ich nehme die Hälfte …«
Aber Klaus Heinrich nahm alle Bücher. Er umfaßte sie mit beiden
Armen, obgleich der linke ihm wenig nütze war, und der Stapel reichte ihm
über das Kinn. So, rückwärts gebeugt und behutsam, um nichts zu verlieren,
folgte er der führenden Imma hinüber in den nach der Auffahrtsallee
gelegenen Flügel, in dessen Hauptgeschoß die Wohnungen Fräulein
Spoelmanns und der Gräfin Löwenjoul lagen.
In dem großen und wohnlichen Zimmer, das sie durch eine schwere Tür
betraten, ließ er seine Last auf die sechseckige Platte eines Ebenholztisches
nieder, der vor einem massigen, mit golddurchwirktem Stoff überkleideten
Sofa stand. Imma Spoelmanns Studio war nicht in dem geschichtlichen
Stile des Schlosses, sondern in neuerem Geschmack und übrigens ohne alle
Zierlichkeit, vielmehr mit großzügigem, herrenhaftem und zweckmäßigem
Luxus hergerichtet. Mit edlem Holze getäfelt bis hoch hinauf und
geschmückt mit alten Tonwaren, die rings unter der Decke auf den
Gesimsen schimmerten, war es ausgestattet mit morgenländischen
Teppichen, einem Kamin mit schwarzmarmornem Mantel, auf dessen Platte
schöngeformte Vasen und eine goldene Stutzuhr standen, breiten, bordierten
Sammetstühlen und Vorhängen aus dem gewirkten Stoff des Sofabezuges.
Der geräumige Schreibtisch stand vor dem Bogenfenster, welches die
Aussicht auf das große Brunnenbassin vorm Schlosse bot. Eine Wand war
mit Büchern bedeckt, aber die Hauptbibliothek befand sich in dem
anstoßenden, kleineren und ebenfalls mit Teppichen belegten Raum, in den
hinübergleiten, während ihre Miene sich veränderte und ein weicher,
mitleidiger und besorgter Ausdruck davon Besitz ergriff. Lächelnd kam sie
zu sich und nestelte eine kleine Uhr aus ihrem braunen, enganschließenden
Kleide hervor.
»Um sieben Uhr«, sagte sie frisch, »erwartet Mister Spoelmann Sie,
Imma, damit Sie ihm vorlesen. Sie haben eine halbe Stunde, um den
Wunsch Seiner Königlichen Hoheit zu erfüllen.«
»Nun, so kommen Sie, Prinz, und besichtigen Sie mein Studio!« sagte
Imma. »Auch mögen Sie sich immerhin an der Überführung der Bücher
beteiligen, sofern Ihre Hoheit es zuläßt. Ich nehme die Hälfte …«
Aber Klaus Heinrich nahm alle Bücher. Er umfaßte sie mit beiden
Armen, obgleich der linke ihm wenig nütze war, und der Stapel reichte ihm
über das Kinn. So, rückwärts gebeugt und behutsam, um nichts zu verlieren,
folgte er der führenden Imma hinüber in den nach der Auffahrtsallee
gelegenen Flügel, in dessen Hauptgeschoß die Wohnungen Fräulein
Spoelmanns und der Gräfin Löwenjoul lagen.
In dem großen und wohnlichen Zimmer, das sie durch eine schwere Tür
betraten, ließ er seine Last auf die sechseckige Platte eines Ebenholztisches
nieder, der vor einem massigen, mit golddurchwirktem Stoff überkleideten
Sofa stand. Imma Spoelmanns Studio war nicht in dem geschichtlichen
Stile des Schlosses, sondern in neuerem Geschmack und übrigens ohne alle
Zierlichkeit, vielmehr mit großzügigem, herrenhaftem und zweckmäßigem
Luxus hergerichtet. Mit edlem Holze getäfelt bis hoch hinauf und
geschmückt mit alten Tonwaren, die rings unter der Decke auf den
Gesimsen schimmerten, war es ausgestattet mit morgenländischen
Teppichen, einem Kamin mit schwarzmarmornem Mantel, auf dessen Platte
schöngeformte Vasen und eine goldene Stutzuhr standen, breiten, bordierten
Sammetstühlen und Vorhängen aus dem gewirkten Stoff des Sofabezuges.
Der geräumige Schreibtisch stand vor dem Bogenfenster, welches die
Aussicht auf das große Brunnenbassin vorm Schlosse bot. Eine Wand war
mit Büchern bedeckt, aber die Hauptbibliothek befand sich in dem
anstoßenden, kleineren und ebenfalls mit Teppichen belegten Raum, in den
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eine offene Schiebetür Einblick gewährte, und dessen Wände durchaus und
bis zur Decke hinauf mit Bücherborden umstellt waren.
»Nun, Prinz, dies ist meine Eremitage«, sagte Imma Spoelmann. »Sie
gefällt Ihnen, wie ich hoffe?«
»Doch, sie ist herrlich«, sagte er. Übrigens sah er sich gar nicht um,
sondern blickte unverwandt auf sie, die bei dem sechseckigen Tisch an dem
Seitenpolster des Sofas lehnte. Sie trug eines ihrer schönen Hauskleider, ein
sommerliches heute, aus einem blütenweißen, gefalteten Stoff, mit offenen
Ärmeln und einer gelben Stickerei auf der Brust. Die Haut ihrer Arme und
ihres Halses erschien bräunlich wie angerauchter Meerschaum gegen die
Weiße des Kleides, ihre übergroßen und glänzend ernsten Augen in dem
seltsamen Kindergesichtchen redeten eine fließende und unaufhaltsame
Sprache, und eine glatte Strähne ihres blauschwarzen Haares fiel seitwärts
in ihre Stirn. Sie hatte Klaus Heinrichs Rose in der Hand.
»Doch, sie ist herrlich«, sagte er, der vor ihr stand, und wußte nicht, was
er meinte. Seine blauen Augen, von den volkstümlichen Wangenknochen
bedrängt, waren trüb wie von Schmerz. »Sie haben so viele Bücher,« fügte
er hinzu, »wie meine Schwester Ditlinde Blumen hat.«
»Hat die Fürstin so viele Blumen?«
»Ja, aber neuerdings sind sie ihr weniger wert.«
»Nun wollen wir einräumen«, sagte sie und griff nach den Büchern.
»Nein, warten Sie«, sagte er mit schwerer Brust. »Ich habe Ihnen so viel
zu sagen, und unsere Zeit ist so kurz. Sie müssen wissen, daß heute mein
Geburtstag ist – darum kam ich und brachte Ihnen die Rose.«
»Oh,« sagte sie, »das ist bemerkenswert! Es ist Ihr Geburtstag heute?
Nun, ich bin sicher, daß Sie alle Glückwünsche mit dem Ihnen eigenen
Anstand entgegengenommen haben. Nehmen Sie auch den meinen! Es war
hübsch, daß Sie mir heute die Rose brachten, obgleich sie ihr Bedenkliches
hat …« Und sie versuchte noch einmal mit furchtsamem Ausdruck den
Moderduft. »Wie alt werden Sie heute, Prinz?«
bis zur Decke hinauf mit Bücherborden umstellt waren.
»Nun, Prinz, dies ist meine Eremitage«, sagte Imma Spoelmann. »Sie
gefällt Ihnen, wie ich hoffe?«
»Doch, sie ist herrlich«, sagte er. Übrigens sah er sich gar nicht um,
sondern blickte unverwandt auf sie, die bei dem sechseckigen Tisch an dem
Seitenpolster des Sofas lehnte. Sie trug eines ihrer schönen Hauskleider, ein
sommerliches heute, aus einem blütenweißen, gefalteten Stoff, mit offenen
Ärmeln und einer gelben Stickerei auf der Brust. Die Haut ihrer Arme und
ihres Halses erschien bräunlich wie angerauchter Meerschaum gegen die
Weiße des Kleides, ihre übergroßen und glänzend ernsten Augen in dem
seltsamen Kindergesichtchen redeten eine fließende und unaufhaltsame
Sprache, und eine glatte Strähne ihres blauschwarzen Haares fiel seitwärts
in ihre Stirn. Sie hatte Klaus Heinrichs Rose in der Hand.
»Doch, sie ist herrlich«, sagte er, der vor ihr stand, und wußte nicht, was
er meinte. Seine blauen Augen, von den volkstümlichen Wangenknochen
bedrängt, waren trüb wie von Schmerz. »Sie haben so viele Bücher,« fügte
er hinzu, »wie meine Schwester Ditlinde Blumen hat.«
»Hat die Fürstin so viele Blumen?«
»Ja, aber neuerdings sind sie ihr weniger wert.«
»Nun wollen wir einräumen«, sagte sie und griff nach den Büchern.
»Nein, warten Sie«, sagte er mit schwerer Brust. »Ich habe Ihnen so viel
zu sagen, und unsere Zeit ist so kurz. Sie müssen wissen, daß heute mein
Geburtstag ist – darum kam ich und brachte Ihnen die Rose.«
»Oh,« sagte sie, »das ist bemerkenswert! Es ist Ihr Geburtstag heute?
Nun, ich bin sicher, daß Sie alle Glückwünsche mit dem Ihnen eigenen
Anstand entgegengenommen haben. Nehmen Sie auch den meinen! Es war
hübsch, daß Sie mir heute die Rose brachten, obgleich sie ihr Bedenkliches
hat …« Und sie versuchte noch einmal mit furchtsamem Ausdruck den
Moderduft. »Wie alt werden Sie heute, Prinz?«
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»Siebenundzwanzig«, antwortete er. »Vor siebenundzwanzig Jahren
wurde ich auf der Grimmburg geboren. Ich habe es immer recht streng und
einsam seitdem gehabt.«
Sie schwieg. Und plötzlich sah er, wie ihr Blick, unter leicht verfinsterten
Brauen, an seiner Seite suchte – ja, obwohl er, seiner Übung nach, ein
wenig schräg vor ihr stand und ihr die rechte Schulter zuwandte, konnte er
nicht verhindern, daß ihre Augen sich mit stillem Forschen auf seinen
linken Arm, auf die Hand hefteten, die er weit rückwärts in die Hüfte
gestemmt hatte.
»Haben Sie das da seit Ihrer Geburt?« fragte sie leise.
Er erbleichte. Aber mit einem Laut, der wie ein Laut der Erlösung klang,
sank er vor ihr nieder, indem er die seltsame Gestalt mit beiden Armen
umschlang. Da lag er in seinen weißen Hosen und seinem blau und roten
Rock mit den Majorsraupen auf den schmalen Schultern.
»Kleine Schwester …«, sagte er. »Kleine Schwester …«
Sie antwortete mit vorgeschobenen Lippen: »Haltung, Prinz. Ich bin der
Meinung, daß es nicht erlaubt ist, sich gehen zu lassen, sondern daß man
unter allen Umständen Haltung bewahren muß.«
Aber hingegeben und mit blinden Augen, das Gesicht zu ihr
emporgewandt, sagte er nichts als: »Imma … kleine Imma …«
Da nahm sie seine Hand, die linke, verkümmerte, das Gebrechen, die
Hemmung bei seinem hohen Beruf, die er von Jugend auf mit Kunst und
Wachsinn zu verbergen gewöhnt war – nahm sie und küßte sie.
wurde ich auf der Grimmburg geboren. Ich habe es immer recht streng und
einsam seitdem gehabt.«
Sie schwieg. Und plötzlich sah er, wie ihr Blick, unter leicht verfinsterten
Brauen, an seiner Seite suchte – ja, obwohl er, seiner Übung nach, ein
wenig schräg vor ihr stand und ihr die rechte Schulter zuwandte, konnte er
nicht verhindern, daß ihre Augen sich mit stillem Forschen auf seinen
linken Arm, auf die Hand hefteten, die er weit rückwärts in die Hüfte
gestemmt hatte.
»Haben Sie das da seit Ihrer Geburt?« fragte sie leise.
Er erbleichte. Aber mit einem Laut, der wie ein Laut der Erlösung klang,
sank er vor ihr nieder, indem er die seltsame Gestalt mit beiden Armen
umschlang. Da lag er in seinen weißen Hosen und seinem blau und roten
Rock mit den Majorsraupen auf den schmalen Schultern.
»Kleine Schwester …«, sagte er. »Kleine Schwester …«
Sie antwortete mit vorgeschobenen Lippen: »Haltung, Prinz. Ich bin der
Meinung, daß es nicht erlaubt ist, sich gehen zu lassen, sondern daß man
unter allen Umständen Haltung bewahren muß.«
Aber hingegeben und mit blinden Augen, das Gesicht zu ihr
emporgewandt, sagte er nichts als: »Imma … kleine Imma …«
Da nahm sie seine Hand, die linke, verkümmerte, das Gebrechen, die
Hemmung bei seinem hohen Beruf, die er von Jugend auf mit Kunst und
Wachsinn zu verbergen gewöhnt war – nahm sie und küßte sie.
Page 258
Die Erfüllung
Ernste Gerüchte liefen über den Gesundheitszustand des Finanzministers
Doktor Krippenreuther im Lande um. Man sprach von nervöser Zerrüttung,
von einem fortschreitenden Magenübel, auf welches in der Tat die schlaffen
und gelben Gesichtszüge Herrn Krippenreuthers zu schließen berechtigten
… Was ist Größe! Der Tagelöhner, der fahrende Strolch beneideten diesen
gequälten Würdenträger nicht um seinen Titel, seine Gnadenketten, seinen
Rang bei Hofe, sein hervorragendes Amt, zu dem er zähe emporgestrebt
war, um sich darin aufzureiben. Sein Rücktritt war wiederholt als
unmittelbar bevorstehend gemeldet worden – einzig und allein dem
Widerwillen des Großherzogs gegen neue Gesichter sowie der Erwägung,
daß ein Personalwechsel zur Zeit nichts bessern könne, sei es, sagte man,
zuzuschreiben, daß dieser Rücktritt noch nicht zur Tatsache geworden war.
Doktor Krippenreuther hatte seinen Sommerurlaub in einem Höhenkurort
verbracht; aber falls er dort oben einige Erholung gefunden, so wurden nach
seiner Heimkehr die gesammelten Kräfte rasch wieder verzehrt, denn gleich
zu Beginn der parlamentarischen Jahreszeit gab es Zwietracht zwischen
dem Minister und der Budgetkommission – schwere Mißhelligkeiten, die
gewiß nicht in einem Mangel an Geschmeidigkeit seinerseits, sondern in
den Verhältnissen, der heillosen Sachlage begründet waren.
Mitte September eröffnete Albrecht II. unter den hergebrachten
Gebräuchen im Alten Schlosse den Landtag. Eine Anrufung Gottes durch
den Hofprediger D. Wislizenus in der Schloßkirche war der Zeremonie
voraufgegangen; dann begab sich der Großherzog, begleitet von dem
Prinzen Klaus Heinrich, in feierlichem Zuge zum Thronsaal, woselbst die
Mitglieder der beiden Kammern, die Minister, die Hofchargen und viele
andere Herren in Uniform und Bürgerkleid die fürstlichen Brüder mit einem
Ernste Gerüchte liefen über den Gesundheitszustand des Finanzministers
Doktor Krippenreuther im Lande um. Man sprach von nervöser Zerrüttung,
von einem fortschreitenden Magenübel, auf welches in der Tat die schlaffen
und gelben Gesichtszüge Herrn Krippenreuthers zu schließen berechtigten
… Was ist Größe! Der Tagelöhner, der fahrende Strolch beneideten diesen
gequälten Würdenträger nicht um seinen Titel, seine Gnadenketten, seinen
Rang bei Hofe, sein hervorragendes Amt, zu dem er zähe emporgestrebt
war, um sich darin aufzureiben. Sein Rücktritt war wiederholt als
unmittelbar bevorstehend gemeldet worden – einzig und allein dem
Widerwillen des Großherzogs gegen neue Gesichter sowie der Erwägung,
daß ein Personalwechsel zur Zeit nichts bessern könne, sei es, sagte man,
zuzuschreiben, daß dieser Rücktritt noch nicht zur Tatsache geworden war.
Doktor Krippenreuther hatte seinen Sommerurlaub in einem Höhenkurort
verbracht; aber falls er dort oben einige Erholung gefunden, so wurden nach
seiner Heimkehr die gesammelten Kräfte rasch wieder verzehrt, denn gleich
zu Beginn der parlamentarischen Jahreszeit gab es Zwietracht zwischen
dem Minister und der Budgetkommission – schwere Mißhelligkeiten, die
gewiß nicht in einem Mangel an Geschmeidigkeit seinerseits, sondern in
den Verhältnissen, der heillosen Sachlage begründet waren.
Mitte September eröffnete Albrecht II. unter den hergebrachten
Gebräuchen im Alten Schlosse den Landtag. Eine Anrufung Gottes durch
den Hofprediger D. Wislizenus in der Schloßkirche war der Zeremonie
voraufgegangen; dann begab sich der Großherzog, begleitet von dem
Prinzen Klaus Heinrich, in feierlichem Zuge zum Thronsaal, woselbst die
Mitglieder der beiden Kammern, die Minister, die Hofchargen und viele
andere Herren in Uniform und Bürgerkleid die fürstlichen Brüder mit einem
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dreifachen Hoch begrüßten, aufgefordert dazu durch den Präsidenten der
Ersten Kammer, einen Grafen Prenzlau.
Albrecht hatte dringend gewünscht, seine Rolle bei der förmlichen
Handlung an seinen Bruder abzutreten, und nur auf inständige
Gegenvorstellungen des Herrn von Knobelsdorff schritt er im Zuge hinter
den als Pagen verkleideten Kadetten her. Er schämte sich seiner
verschnürten Husarenjacke, seiner prallen Hosen und dieses ganzen
Hokuspokus in dem Grade, daß Ärger und Verlegenheit ihm unzweideutig
vom Gesichte zu lesen waren. Seine Schulterblätter waren nervös verzogen,
als er die Stufen zum Thron emporstieg. Dann stand er vor dem
Theaterstuhl unter dem schadhaften Baldachin und sog an der Oberlippe.
Auf dem weißen Stehkragen, der weit aus dem silbernen Husarenkragen
hervorragte, ruhte sein schmaler, spitzbärtiger, unmilitärischer Kopf, und
seine blauen, einsam blickenden Augen sahen niemanden. Das Klirren der
Sporen des Flügeladjutanten, der ihm die Handschrift der Thronrede
überreichte, klang durch den Saal, in welchem sich Stille verbreitet hatte.
Und leise, ein wenig lispelnd und mehrmals von plötzlicher Heiserkeit
unterbrochen, verlas der Großherzog, was man ihm aufgesetzt hatte.
Es war das schonungsvollste Schriftstück, das je zu Gehör gekommen,
und setzte jeder niederschlagenden Tatsache äußerer Natur einen dem Volke
innewohnenden sittlichen Vorzug entgegen. Es fing damit an, die im Lande
vorhandene Tüchtigkeit zu preisen, und räumte dann ein, daß gleichwohl
nicht auf allen Gebieten des Erwerbslebens ein eigentlicher Aufschwung zu
verzeichnen sei, so daß die Einnahmequellen nicht durchweg die
wünschenswerte Ergiebigkeit aufwiesen. Es vermerkte mit Genugtuung,
wie der Sinn für das Gemeinwohl und wirtschaftlicher Opfermut sich mehr
und mehr in der Bevölkerung ausbreiteten, und erklärte dann ohne
Schönfärberei, daß »trotz überaus begrüßenswerter Erhöhung der
Steuereingänge infolge Zuzugs steuerkräftiger Fremder« – womit Herr
Spoelmann gemeint war – an eine Herabsetzung der Ansprüche an den eben
gewürdigten Opfermut nicht wohl habe gedacht werden können. Selbst
ohnedies, hieß es weiter, hätten sich im Etatsentwurf nicht alle
finanzpolitischen Ziele erreichen lassen, und wenn es zunächst noch nicht
gelungen sei, die Schuldentilgung auf das angestrebte Maß zu bringen, so
sehe die Regierung doch in der Fortsetzung einer maßvollen
Anlehenspolitik den besten Ausweg aus den rechnerischen Verwicklungen.
Ersten Kammer, einen Grafen Prenzlau.
Albrecht hatte dringend gewünscht, seine Rolle bei der förmlichen
Handlung an seinen Bruder abzutreten, und nur auf inständige
Gegenvorstellungen des Herrn von Knobelsdorff schritt er im Zuge hinter
den als Pagen verkleideten Kadetten her. Er schämte sich seiner
verschnürten Husarenjacke, seiner prallen Hosen und dieses ganzen
Hokuspokus in dem Grade, daß Ärger und Verlegenheit ihm unzweideutig
vom Gesichte zu lesen waren. Seine Schulterblätter waren nervös verzogen,
als er die Stufen zum Thron emporstieg. Dann stand er vor dem
Theaterstuhl unter dem schadhaften Baldachin und sog an der Oberlippe.
Auf dem weißen Stehkragen, der weit aus dem silbernen Husarenkragen
hervorragte, ruhte sein schmaler, spitzbärtiger, unmilitärischer Kopf, und
seine blauen, einsam blickenden Augen sahen niemanden. Das Klirren der
Sporen des Flügeladjutanten, der ihm die Handschrift der Thronrede
überreichte, klang durch den Saal, in welchem sich Stille verbreitet hatte.
Und leise, ein wenig lispelnd und mehrmals von plötzlicher Heiserkeit
unterbrochen, verlas der Großherzog, was man ihm aufgesetzt hatte.
Es war das schonungsvollste Schriftstück, das je zu Gehör gekommen,
und setzte jeder niederschlagenden Tatsache äußerer Natur einen dem Volke
innewohnenden sittlichen Vorzug entgegen. Es fing damit an, die im Lande
vorhandene Tüchtigkeit zu preisen, und räumte dann ein, daß gleichwohl
nicht auf allen Gebieten des Erwerbslebens ein eigentlicher Aufschwung zu
verzeichnen sei, so daß die Einnahmequellen nicht durchweg die
wünschenswerte Ergiebigkeit aufwiesen. Es vermerkte mit Genugtuung,
wie der Sinn für das Gemeinwohl und wirtschaftlicher Opfermut sich mehr
und mehr in der Bevölkerung ausbreiteten, und erklärte dann ohne
Schönfärberei, daß »trotz überaus begrüßenswerter Erhöhung der
Steuereingänge infolge Zuzugs steuerkräftiger Fremder« – womit Herr
Spoelmann gemeint war – an eine Herabsetzung der Ansprüche an den eben
gewürdigten Opfermut nicht wohl habe gedacht werden können. Selbst
ohnedies, hieß es weiter, hätten sich im Etatsentwurf nicht alle
finanzpolitischen Ziele erreichen lassen, und wenn es zunächst noch nicht
gelungen sei, die Schuldentilgung auf das angestrebte Maß zu bringen, so
sehe die Regierung doch in der Fortsetzung einer maßvollen
Anlehenspolitik den besten Ausweg aus den rechnerischen Verwicklungen.
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Auf jeden Fall fühle sie sich – die Regierung – in aller Ungunst der
Verhältnisse von dem Vertrauen des Volkes getragen, jenem Glauben an die
Zukunft, der ein so schönes Erbteil unseres Stammes sei … Und so bald als
tunlich verließ die Thronrede das mißliche Gebiet des Geldwirtschaftlichen,
um sich minder heiklen Gegenständen, dem Kirchen-, Schul- und
Rechtswesen zuzuwenden. Staatsminister von Knobelsdorff erklärte im
Namen des Monarchen den Landtag für eröffnet. Und die Hochrufe, die
Albrecht begleiteten, als er den Saal verließ, hatten einen trotzig
verzweifelten Nachdruck.
Da die Witterung noch sommerlich war, kehrte er sofort nach
Hollerbrunn zurück, von wo er notgedrungen zur Stadt gekommen war. Er
hatte das seine getan, und was übrigblieb, war Sache Herrn Krippenreuthers
und des Landtags. Es kam, wie gesagt, sogleich zu Streitigkeiten, und zwar
wegen mehrerer Punkte auf einmal: der Vermögenssteuer, der Fleischsteuer
und des Beamtengehaltstarifs.
Da nämlich die Volksvertretung für nichts in der Welt zur Bewilligung
neuer Steuern zu bewegen gewesen wäre, so war Doktor Krippenreuthers
grübelnder Geist darauf verfallen, die bisher gebräuchlich gewesenen
Extrasteuern in eine Vermögenssteuer umzuwandeln, die, den Steuerfuß auf
dreizehneinhalb vom Hundert angesetzt, einen Mehrertrag von rund einer
Million ergeben würde. Wie bitter notwendig, ja, wie unzulänglich ein
solcher Mehrertrag war, erhellte denn auch aus dem Hauptvoranschlag für
das neue Etatsjahr, welcher, der Übernahme neuer Lasten auf die
Staatskasse ungeachtet, mit einem Fehlbetrag abschloß, der das Herz jedes
wirtschaftlich Einsichtigen mußte erbeben machen. Da aber klar war, daß
fast allein die Städte durch die Vermögenssteuer würden belastet werden, so
kehrte sich gegen den Steuerfuß von dreizehneinhalb die volle Entrüstung
der städtischen Vertreter, und zum mindesten forderten sie als Entgelt die
Abschaffung der Fleischsteuer, die sie volksfeindlich und vorsintflutlich
nannten. Hinzu kam, daß die Kommission mit Unnachgiebigkeit auf der
längst versprochenen und immer hinausgeschobenen Aufbesserung der
Beamtenbesoldung bestand – wobei nicht zu leugnen war, daß die Gehälter
der Verwaltungsbeamten, Geistlichen und Lehrer des Großherzogtums in
der Tat zum Erbarmen aufforderten. Allein Dr. Krippenreuther konnte nicht
Gold machen – »ich habe nicht Gold machen gelernt«, sagte er wörtlich –,
und so wenig er sich in der Lage sah, auf die Fleischsteuer zu verzichten, so
Verhältnisse von dem Vertrauen des Volkes getragen, jenem Glauben an die
Zukunft, der ein so schönes Erbteil unseres Stammes sei … Und so bald als
tunlich verließ die Thronrede das mißliche Gebiet des Geldwirtschaftlichen,
um sich minder heiklen Gegenständen, dem Kirchen-, Schul- und
Rechtswesen zuzuwenden. Staatsminister von Knobelsdorff erklärte im
Namen des Monarchen den Landtag für eröffnet. Und die Hochrufe, die
Albrecht begleiteten, als er den Saal verließ, hatten einen trotzig
verzweifelten Nachdruck.
Da die Witterung noch sommerlich war, kehrte er sofort nach
Hollerbrunn zurück, von wo er notgedrungen zur Stadt gekommen war. Er
hatte das seine getan, und was übrigblieb, war Sache Herrn Krippenreuthers
und des Landtags. Es kam, wie gesagt, sogleich zu Streitigkeiten, und zwar
wegen mehrerer Punkte auf einmal: der Vermögenssteuer, der Fleischsteuer
und des Beamtengehaltstarifs.
Da nämlich die Volksvertretung für nichts in der Welt zur Bewilligung
neuer Steuern zu bewegen gewesen wäre, so war Doktor Krippenreuthers
grübelnder Geist darauf verfallen, die bisher gebräuchlich gewesenen
Extrasteuern in eine Vermögenssteuer umzuwandeln, die, den Steuerfuß auf
dreizehneinhalb vom Hundert angesetzt, einen Mehrertrag von rund einer
Million ergeben würde. Wie bitter notwendig, ja, wie unzulänglich ein
solcher Mehrertrag war, erhellte denn auch aus dem Hauptvoranschlag für
das neue Etatsjahr, welcher, der Übernahme neuer Lasten auf die
Staatskasse ungeachtet, mit einem Fehlbetrag abschloß, der das Herz jedes
wirtschaftlich Einsichtigen mußte erbeben machen. Da aber klar war, daß
fast allein die Städte durch die Vermögenssteuer würden belastet werden, so
kehrte sich gegen den Steuerfuß von dreizehneinhalb die volle Entrüstung
der städtischen Vertreter, und zum mindesten forderten sie als Entgelt die
Abschaffung der Fleischsteuer, die sie volksfeindlich und vorsintflutlich
nannten. Hinzu kam, daß die Kommission mit Unnachgiebigkeit auf der
längst versprochenen und immer hinausgeschobenen Aufbesserung der
Beamtenbesoldung bestand – wobei nicht zu leugnen war, daß die Gehälter
der Verwaltungsbeamten, Geistlichen und Lehrer des Großherzogtums in
der Tat zum Erbarmen aufforderten. Allein Dr. Krippenreuther konnte nicht
Gold machen – »ich habe nicht Gold machen gelernt«, sagte er wörtlich –,
und so wenig er sich in der Lage sah, auf die Fleischsteuer zu verzichten, so
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wenig wußte er Rat gegen den Notstand der Beamten. Ihm blieb nichts
übrig, als auf seine dreizehneinhalb vom Hundert zu trotzen, obwohl er am
besten wußte, daß man durch ihre Bewilligung nicht wesentlich würde
gefördert sein. Denn die Lage war ernst, und schwermütige Geister gaben
ihr trübere Bezeichnungen.
Über die Ernteergebnisse der letzten Jahre enthielt die »Zeitschrift des
Großherzoglichen Statistischen Bureaus« erschreckende Angaben. Die
Landwirtschaft hatte eine Reihe von Mißjahren zu verzeichnen.
Wetterunbilden, Hagel, Dürre und übermäßiger Regen hatten die Bauern
getroffen; ein außerordentlich schneearmer und kalter Winter hatte die
Saaten erfrieren gemacht; und die Krittler behaupteten, wenn auch ziemlich
unbewiesenerweise, daß die Fällungen bereits das Klima beeinträchtigt
hätten. Jedenfalls war laut zahlenmäßiger Nachweisung der Gesamtertrag
an Körnern im beunruhigendsten Grade zurückgegangen. Die
Beschaffenheit des Strohs, das übrigens in ungenügenden Mengen
vorhanden war, ließ der amtlichen Redewendung nach zu wünschen übrig;
die Ziffern der Kartoffelernte standen weit hinter dem Durchschnittsertrag
von Jahrzehnten zurück, zu schweigen davon, daß nicht weniger als zehn
vom Hundert dieser Früchte erkrankt waren; den künstlichen Futterbau
angehend, so zählten die letzten beiden Jahre, sowohl in bezug auf die
Menge als auch auf die Beschaffenheit des Ertrages an Klee und Luzerne,
zu den ungünstigsten der ganzen Erhebungsperiode, und weder mit der
Ernte an Winterraps noch mit derjenigen an Heu und Grummet stand es
besser. Der Niedergang der landwirtschaftlichen Verhältnisse fand krassen
Ausdruck in der Zunahme der Zwangsveräußerungen, deren Ziffer in
diesem Berichtsjahr entsetzlich emporschnellte. Aber der Mißwuchs zog
Steuerausfälle nach sich, die, wenn sie anderswo schmerzlich empfunden
worden wären, bei uns verhängnisvoll wirken mußten.
Die Forsten? Es war nichts daraus erwirtschaftet worden. Ein Unheil kam
zum andern; Schädlinge, Nonnen hatten die Wälder mehrmals heimgesucht
– und daran, daß durch die Überhauungen der Wald überhaupt in seinem
Kapitalwerte erschüttert war, braucht nicht erinnert zu werden.
Die Silberbergwerke? Sie waren lange erträgnislos gewesen. Zerstörende
Naturmächte hatten den Betrieb unterbrochen, und da die Wiederherstellung
große Kosten verursacht haben würde, auch die Ergebnisse niemals so recht
übrig, als auf seine dreizehneinhalb vom Hundert zu trotzen, obwohl er am
besten wußte, daß man durch ihre Bewilligung nicht wesentlich würde
gefördert sein. Denn die Lage war ernst, und schwermütige Geister gaben
ihr trübere Bezeichnungen.
Über die Ernteergebnisse der letzten Jahre enthielt die »Zeitschrift des
Großherzoglichen Statistischen Bureaus« erschreckende Angaben. Die
Landwirtschaft hatte eine Reihe von Mißjahren zu verzeichnen.
Wetterunbilden, Hagel, Dürre und übermäßiger Regen hatten die Bauern
getroffen; ein außerordentlich schneearmer und kalter Winter hatte die
Saaten erfrieren gemacht; und die Krittler behaupteten, wenn auch ziemlich
unbewiesenerweise, daß die Fällungen bereits das Klima beeinträchtigt
hätten. Jedenfalls war laut zahlenmäßiger Nachweisung der Gesamtertrag
an Körnern im beunruhigendsten Grade zurückgegangen. Die
Beschaffenheit des Strohs, das übrigens in ungenügenden Mengen
vorhanden war, ließ der amtlichen Redewendung nach zu wünschen übrig;
die Ziffern der Kartoffelernte standen weit hinter dem Durchschnittsertrag
von Jahrzehnten zurück, zu schweigen davon, daß nicht weniger als zehn
vom Hundert dieser Früchte erkrankt waren; den künstlichen Futterbau
angehend, so zählten die letzten beiden Jahre, sowohl in bezug auf die
Menge als auch auf die Beschaffenheit des Ertrages an Klee und Luzerne,
zu den ungünstigsten der ganzen Erhebungsperiode, und weder mit der
Ernte an Winterraps noch mit derjenigen an Heu und Grummet stand es
besser. Der Niedergang der landwirtschaftlichen Verhältnisse fand krassen
Ausdruck in der Zunahme der Zwangsveräußerungen, deren Ziffer in
diesem Berichtsjahr entsetzlich emporschnellte. Aber der Mißwuchs zog
Steuerausfälle nach sich, die, wenn sie anderswo schmerzlich empfunden
worden wären, bei uns verhängnisvoll wirken mußten.
Die Forsten? Es war nichts daraus erwirtschaftet worden. Ein Unheil kam
zum andern; Schädlinge, Nonnen hatten die Wälder mehrmals heimgesucht
– und daran, daß durch die Überhauungen der Wald überhaupt in seinem
Kapitalwerte erschüttert war, braucht nicht erinnert zu werden.
Die Silberbergwerke? Sie waren lange erträgnislos gewesen. Zerstörende
Naturmächte hatten den Betrieb unterbrochen, und da die Wiederherstellung
große Kosten verursacht haben würde, auch die Ergebnisse niemals so recht
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den Aufwendungen hatten entsprechen wollen, so hatte man sich genötigt
gesehen, die vorläufige Auflassung der Werke zu verfügen, obgleich
dadurch viele Arbeiter brotlos gemacht und ganze Gegenden geschädigt
wurden.
Genug! Wie es in dieser Zeit der Prüfung um die ordentlichen Einnahmen
des Staates stand, ist hiermit gekennzeichnet. Die schleichende Krise, das
von einem Wirtschaftsjahr in das andere geschleppte Defizit war durch
Notstand, durch die Feindseligkeit der Elemente und Steuerausfall
brennend, war schreiend geworden, und bei der ratlosen Umschau nach
Heilmitteln – nach Linderungsmitteln offenbarte sich dem blödesten Blick
der ganze Jammer unserer Finanzgebarung. An die Bewilligung neuer
Abgaben war nicht einmal zu denken. Steueruntüchtig von Natur, war das
Land in diesem Augenblick erschöpft, seine Steuerkraft erlahmt, und die
Krittler behaupteten, daß auf dem Lande der Anblick unterernährter
Gestalten immer häufiger werde, woran erstens die empörenden
Verzehrungssteuern und zweitens die unmittelbaren Steuerlasten die Schuld
trügen, welche bekanntlich den Viehbesitzer zwängen, alle Vollmilch zu
Gelde zu machen. Was aber jenes andere, minder sittliche, doch verlockend
bequeme Hilfsmittel gegen Geldmangel betrifft, welches die
Finanzwissenschaft kennt, nämlich die Anleihe, so war die Stunde
gekommen, wo eine mißbräuchliche und leichtfertige Ausnutzung dieses
Mittels sich bitter zu rächen begann.
Nachdem man die Schuldentilgung eine Weile auf ungeschickte und
verlustbringende Weise betrieben, hatte man sie unter Albrecht II. so gut
wie ganz unterlassen, hatte die klaffenden Löcher im Etat mit neuen
Anleihen und Schatzscheinen notdürftig gestopft und sah sich erbleichend
einer schwebenden und kurzfristigen fundierten Schuld gegenüber, deren
Höhe zur Kopfzahl der Einwohnerschaft in skandalösem Verhältnis stand.
Doktor Krippenreuther war nicht vor den Praktiken zurückgeschreckt, die
in solchem Falle dem Staat zu Gebote stehen. Er hatte sich hoher
Kapitalverbindlichkeiten entschlagen, hatte zur Zwangskonversion
gegriffen und, nicht ohne gleichzeitige Herabsetzung des Zinsfußes,
kurzfristige Schulden über die Köpfe der Gläubiger hinweg in ewige
Rentenschulden umgewandelt. Aber die Renten wollten gezahlt sein, und
während diese Zahlungsverpflichtungen unsere Volkswirtschaft unerträglich
belasteten, wurde durch den Tiefstand des Kurses bei jeder neuen Ausgabe
gesehen, die vorläufige Auflassung der Werke zu verfügen, obgleich
dadurch viele Arbeiter brotlos gemacht und ganze Gegenden geschädigt
wurden.
Genug! Wie es in dieser Zeit der Prüfung um die ordentlichen Einnahmen
des Staates stand, ist hiermit gekennzeichnet. Die schleichende Krise, das
von einem Wirtschaftsjahr in das andere geschleppte Defizit war durch
Notstand, durch die Feindseligkeit der Elemente und Steuerausfall
brennend, war schreiend geworden, und bei der ratlosen Umschau nach
Heilmitteln – nach Linderungsmitteln offenbarte sich dem blödesten Blick
der ganze Jammer unserer Finanzgebarung. An die Bewilligung neuer
Abgaben war nicht einmal zu denken. Steueruntüchtig von Natur, war das
Land in diesem Augenblick erschöpft, seine Steuerkraft erlahmt, und die
Krittler behaupteten, daß auf dem Lande der Anblick unterernährter
Gestalten immer häufiger werde, woran erstens die empörenden
Verzehrungssteuern und zweitens die unmittelbaren Steuerlasten die Schuld
trügen, welche bekanntlich den Viehbesitzer zwängen, alle Vollmilch zu
Gelde zu machen. Was aber jenes andere, minder sittliche, doch verlockend
bequeme Hilfsmittel gegen Geldmangel betrifft, welches die
Finanzwissenschaft kennt, nämlich die Anleihe, so war die Stunde
gekommen, wo eine mißbräuchliche und leichtfertige Ausnutzung dieses
Mittels sich bitter zu rächen begann.
Nachdem man die Schuldentilgung eine Weile auf ungeschickte und
verlustbringende Weise betrieben, hatte man sie unter Albrecht II. so gut
wie ganz unterlassen, hatte die klaffenden Löcher im Etat mit neuen
Anleihen und Schatzscheinen notdürftig gestopft und sah sich erbleichend
einer schwebenden und kurzfristigen fundierten Schuld gegenüber, deren
Höhe zur Kopfzahl der Einwohnerschaft in skandalösem Verhältnis stand.
Doktor Krippenreuther war nicht vor den Praktiken zurückgeschreckt, die
in solchem Falle dem Staat zu Gebote stehen. Er hatte sich hoher
Kapitalverbindlichkeiten entschlagen, hatte zur Zwangskonversion
gegriffen und, nicht ohne gleichzeitige Herabsetzung des Zinsfußes,
kurzfristige Schulden über die Köpfe der Gläubiger hinweg in ewige
Rentenschulden umgewandelt. Aber die Renten wollten gezahlt sein, und
während diese Zahlungsverpflichtungen unsere Volkswirtschaft unerträglich
belasteten, wurde durch den Tiefstand des Kurses bei jeder neuen Ausgabe
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von Schuldverschreibungen der Kapitalerlös für die Staatskasse geringer.
Mehr noch: die wirtschaftliche Krise im Großherzogtum bewirkte, daß die
auswärtigen Gläubiger ihre Forderungen hastig zu veräußern suchten, was
wiederum Kurssturz und verstärkten Geldabfluß zur Folge hatte, und
Bankbrüche in der Geschäftswelt waren an der Tagesordnung.
Mit einem Worte: unser Kredit war erschüttert, unsere Papiere standen
tief unter dem Nennwerte, und wenn der Landtag eine neue Anleihe
vielleicht auch lieber als neue Steuern bewilligt hätte, so waren die
Bedingungen, die dem Lande auferlegt worden wären, doch solcher Art,
daß die Begebung schwierig, wenn nicht unmöglich erschien. Denn zu
allem Unglück kam dies, daß man gerade damals unter dem Druck jener
allgemeinen wirtschaftlichen Mißstimmung, jener Geldteuerung stand, die
noch in jedermanns Erinnerung ist.
Was tun, um festen Boden zu gewinnen? Wohin sich wenden, um den
Geldhunger zu stillen, der uns verzehrte? Die Veräußerung der zur Zeit
erträgnislosen Silberbergwerke und die Verwendung des Erlöses zur
Tilgung hochverzinslicher Schulden war längst erwogen worden. Jedoch
durch den Verkauf, der, wie die Dinge lagen, notwendig ungünstig ausfallen
mußte, wäre nicht nur das in den Werken angelegte Kapital fast ganz
verlorengegangen, sondern der Staat hätte sich auch der Gewinne begeben,
die dennoch vielleicht über kurz oder lang einmal daraus würden zu
erlangen sein – und schließlich war nicht von heute auf morgen ein Käufer
zu finden. Einen Augenblick – es war ein Augenblick seelischer
Hinfälligkeit – kam selbst der Verkauf von Staatsforsten in Betracht. Aber
hier darf gesagt werden, daß immerhin genug gesunder Sinn im Lande
vorhanden war, um zu verhindern, daß unsere Wälder der Privatindustrie
überantwortet würden.
Um nichts zu verschweigen: noch andere Verkaufsgerüchte kamen auf,
Gerüchte, die darauf schließen ließen, daß die Verlegenheit nicht vor Stätten
haltmachte, welche das ehrerbietige Volk sich gern als allen Unbilden der
Zeit entrückt gedacht hätte. Der »Eilbote«, nicht gewohnt, seinem
Zartgefühl eine Information zu opfern, brachte zuerst die Nachricht, daß
zwei im offenen Lande gelegene Schlösser des Großherzogs, »Zeitvertreib«
und »Favorita«, dem Verkauf unterstellt seien. In Erwägung, daß beide
Besitztümer für Wohnzwecke der allerhöchsten Familie nicht mehr in
Mehr noch: die wirtschaftliche Krise im Großherzogtum bewirkte, daß die
auswärtigen Gläubiger ihre Forderungen hastig zu veräußern suchten, was
wiederum Kurssturz und verstärkten Geldabfluß zur Folge hatte, und
Bankbrüche in der Geschäftswelt waren an der Tagesordnung.
Mit einem Worte: unser Kredit war erschüttert, unsere Papiere standen
tief unter dem Nennwerte, und wenn der Landtag eine neue Anleihe
vielleicht auch lieber als neue Steuern bewilligt hätte, so waren die
Bedingungen, die dem Lande auferlegt worden wären, doch solcher Art,
daß die Begebung schwierig, wenn nicht unmöglich erschien. Denn zu
allem Unglück kam dies, daß man gerade damals unter dem Druck jener
allgemeinen wirtschaftlichen Mißstimmung, jener Geldteuerung stand, die
noch in jedermanns Erinnerung ist.
Was tun, um festen Boden zu gewinnen? Wohin sich wenden, um den
Geldhunger zu stillen, der uns verzehrte? Die Veräußerung der zur Zeit
erträgnislosen Silberbergwerke und die Verwendung des Erlöses zur
Tilgung hochverzinslicher Schulden war längst erwogen worden. Jedoch
durch den Verkauf, der, wie die Dinge lagen, notwendig ungünstig ausfallen
mußte, wäre nicht nur das in den Werken angelegte Kapital fast ganz
verlorengegangen, sondern der Staat hätte sich auch der Gewinne begeben,
die dennoch vielleicht über kurz oder lang einmal daraus würden zu
erlangen sein – und schließlich war nicht von heute auf morgen ein Käufer
zu finden. Einen Augenblick – es war ein Augenblick seelischer
Hinfälligkeit – kam selbst der Verkauf von Staatsforsten in Betracht. Aber
hier darf gesagt werden, daß immerhin genug gesunder Sinn im Lande
vorhanden war, um zu verhindern, daß unsere Wälder der Privatindustrie
überantwortet würden.
Um nichts zu verschweigen: noch andere Verkaufsgerüchte kamen auf,
Gerüchte, die darauf schließen ließen, daß die Verlegenheit nicht vor Stätten
haltmachte, welche das ehrerbietige Volk sich gern als allen Unbilden der
Zeit entrückt gedacht hätte. Der »Eilbote«, nicht gewohnt, seinem
Zartgefühl eine Information zu opfern, brachte zuerst die Nachricht, daß
zwei im offenen Lande gelegene Schlösser des Großherzogs, »Zeitvertreib«
und »Favorita«, dem Verkauf unterstellt seien. In Erwägung, daß beide
Besitztümer für Wohnzwecke der allerhöchsten Familie nicht mehr in
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Betracht kämen und jährlich steigende Zuschüsse erforderten, habe die
Verwaltung der Kronfideikommißgüter die zuständigen Stellen angewiesen,
die Veräußerung in die Wege zu leiten. Was bedeutete das? Offenbar stand
es anders damit als mit dem Verkauf von »Delphinenort«, der die Folge
eines ganz außerordentlichen und überaus günstigen Angebots und
außerdem eine Handlung der Staatsklugheit gewesen war. Leute, die
abgehärtet genug waren, um Dinge namhaft zu machen, vor deren Nennung
ein feineres Empfinden zurückbebt, sprachen es aus, daß die
Hoffinanzdirektion von unruhig gewordenen Gläubigern rücksichtslos
bedrängt werde und, wenn sie solche Verkäufe empfehle, einem
unerbittlichen Zwang unterliege.
Wohin war es gekommen? In welche Hände würden die Schlösser
gelangen? Gerade die Bestgesinnten, die so fragten, waren geneigt, eine
weitere Nachricht, die von überklugen Alleswissern ausgesprengt wurde,
als tröstlich zu empfinden und zu glauben: Daß nämlich abermals niemand
anders als Samuel Spoelmann der Käufer sei – eine völlig grundlose und
aus der Luft entstandene Meldung, die aber erkennen läßt, welche Rolle in
der Vorstellungswelt des Volkes der einsame und leidende kleine Mann
spielte, der sich in seiner Mitte fürstlich niedergelassen hatte.
Dort hauste er, mit seinem Leibarzt, seiner elektrisch betriebenen Orgel
und seiner Gläsersammlung, hinter den Säulen, den Bogenfenstern und
gemetzten Laubgewinden des Lustschlosses, das sein Wink aus dem
Verfalle hatte erstehen lassen. Man sah ihn fast nie; er lag mit
Breiumschlägen. Aber man sah seine Tochter, dies fremdartige, mit
launischem Mienenspiel auf königlicher Höhe lebende Wesen, das eine
Gräfin zur Gesellschaft hatte, der Algebra oblag und frei und zornig mitten
durch die Wachtmannschaft gegangen war – man sah sie, und an ihrer Seite
sah man zuweilen den Prinzen Klaus Heinrich.
Es war eine von Raoul Überbeins starken Redensarten gewesen, als er
erklärt hatte, daß das Publikum bei diesem Anblick »den Atem anhalte«;
aber in der Sache hatte er recht, und man kann sagen, daß niemals die
Bevölkerung unserer Residenz – und zwar in ihrer ganzen
Zusammensetzung – einen gesellschaftlichen oder öffentlichen Vorgang mit
so leidenschaftlichem, so alles andere hintansetzendem Eifer verfolgt hatte,
wie Klaus Heinrichs Verkehr auf »Delphinenort«. Der Prinz selbst handelte
Verwaltung der Kronfideikommißgüter die zuständigen Stellen angewiesen,
die Veräußerung in die Wege zu leiten. Was bedeutete das? Offenbar stand
es anders damit als mit dem Verkauf von »Delphinenort«, der die Folge
eines ganz außerordentlichen und überaus günstigen Angebots und
außerdem eine Handlung der Staatsklugheit gewesen war. Leute, die
abgehärtet genug waren, um Dinge namhaft zu machen, vor deren Nennung
ein feineres Empfinden zurückbebt, sprachen es aus, daß die
Hoffinanzdirektion von unruhig gewordenen Gläubigern rücksichtslos
bedrängt werde und, wenn sie solche Verkäufe empfehle, einem
unerbittlichen Zwang unterliege.
Wohin war es gekommen? In welche Hände würden die Schlösser
gelangen? Gerade die Bestgesinnten, die so fragten, waren geneigt, eine
weitere Nachricht, die von überklugen Alleswissern ausgesprengt wurde,
als tröstlich zu empfinden und zu glauben: Daß nämlich abermals niemand
anders als Samuel Spoelmann der Käufer sei – eine völlig grundlose und
aus der Luft entstandene Meldung, die aber erkennen läßt, welche Rolle in
der Vorstellungswelt des Volkes der einsame und leidende kleine Mann
spielte, der sich in seiner Mitte fürstlich niedergelassen hatte.
Dort hauste er, mit seinem Leibarzt, seiner elektrisch betriebenen Orgel
und seiner Gläsersammlung, hinter den Säulen, den Bogenfenstern und
gemetzten Laubgewinden des Lustschlosses, das sein Wink aus dem
Verfalle hatte erstehen lassen. Man sah ihn fast nie; er lag mit
Breiumschlägen. Aber man sah seine Tochter, dies fremdartige, mit
launischem Mienenspiel auf königlicher Höhe lebende Wesen, das eine
Gräfin zur Gesellschaft hatte, der Algebra oblag und frei und zornig mitten
durch die Wachtmannschaft gegangen war – man sah sie, und an ihrer Seite
sah man zuweilen den Prinzen Klaus Heinrich.
Es war eine von Raoul Überbeins starken Redensarten gewesen, als er
erklärt hatte, daß das Publikum bei diesem Anblick »den Atem anhalte«;
aber in der Sache hatte er recht, und man kann sagen, daß niemals die
Bevölkerung unserer Residenz – und zwar in ihrer ganzen
Zusammensetzung – einen gesellschaftlichen oder öffentlichen Vorgang mit
so leidenschaftlichem, so alles andere hintansetzendem Eifer verfolgt hatte,
wie Klaus Heinrichs Verkehr auf »Delphinenort«. Der Prinz selbst handelte
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bis zu einem gewissen Punkte – nämlich bis zu einer gewissen Unterredung
mit Seiner Exzellenz dem Staatsminister von Knobelsdorff – blind, ohne
Rücksicht auf die Mitwelt und inneren Trieben gehorchend; aber sein
Lehrer konnte ihn mit Fug ob der Meinung, als könnten seine Schritte der
Welt verborgen bleiben, in seiner väterlichen Art verspotten, denn sei es
nun, daß die beiderseitige Dienerschaft nicht reinen Mund hielt oder daß
unmittelbare Beobachtungen von seiten des Publikums vorlagen, jedenfalls
war Klaus Heinrich niemals mit Fräulein Spoelmann zusammengetroffen,
niemals seit jener ersten Begegnung im Dorotheen-Spital, ohne daß es
bemerkt und besprochen worden wäre. Bemerkt? Nein, erspäht, eräugt und
gierig aufgegriffen! Besprochen? Vielmehr mit Sturzbächen von Gerede
überschüttet! Dieser Verkehr bildete den Gesprächsgegenstand der
Hofgesellschaft, der Salons, der Wohn- und Schlafzimmer, der
Barbierstuben, Wirtshäuser, Handwerkstätten und Gesindekammern, der
Droschkenkutscher an den Haltestellen und der Mägde unter den
Haustoren, er beschäftigte gleichermaßen die männlichen und weiblichen
Köpfe, wenn auch natürlich mit den Abweichungen, die in der
unterschiedlichen Betrachtungsweise der Geschlechter begründet liegen, die
unerhört einmütige Teilnahme daran wirkte ausgleichend,
zusammenfassend, sie überbrückte die gesellschaftlichen Klüfte, und es
konnte geschehen, daß der Trambahnschaffner sich auf der Plattform an den
feingekleideten Fahrgast mit der Frage wandte, ob er schon wisse, daß
gestern nachmittag der Prinz wieder eine Stunde auf »Delphinenort«
gewesen sei.
Aber das sowohl an und für sich Bemerkenswerte wie auch für die
Zukunft Entscheidende bei alldem war, daß man keinen Augenblick den
Eindruck gewann, als läge ein Ärgernis in der Luft und als handle es sich
bei all der Zungenbewegung um die gemeine Lust an anstößigen Vorgängen
in hohen Sphären – sondern daß vom ersten Anbeginn, bevor noch
irgendein Hintergedanke aufzukommen Zeit gehabt hatte, die
tausendstimmige Erörterung bei aller Erregtheit durchaus im Sinne der
Billigung und des Einverständnisses geführt wurde, ja, daß der Prinz, wenn
er früher darauf verfallen wäre, sich nach der öffentlichen Meinung
umzutun, sogleich die glückliche Gewißheit von der unbedingten
Volkstümlichkeit seines Handelns erhalten hätte. Als er nämlich, seinem
Lehrer gegenüber, Fräulein Spoelmann eine »Prinzessin« genannt hatte, da
mit Seiner Exzellenz dem Staatsminister von Knobelsdorff – blind, ohne
Rücksicht auf die Mitwelt und inneren Trieben gehorchend; aber sein
Lehrer konnte ihn mit Fug ob der Meinung, als könnten seine Schritte der
Welt verborgen bleiben, in seiner väterlichen Art verspotten, denn sei es
nun, daß die beiderseitige Dienerschaft nicht reinen Mund hielt oder daß
unmittelbare Beobachtungen von seiten des Publikums vorlagen, jedenfalls
war Klaus Heinrich niemals mit Fräulein Spoelmann zusammengetroffen,
niemals seit jener ersten Begegnung im Dorotheen-Spital, ohne daß es
bemerkt und besprochen worden wäre. Bemerkt? Nein, erspäht, eräugt und
gierig aufgegriffen! Besprochen? Vielmehr mit Sturzbächen von Gerede
überschüttet! Dieser Verkehr bildete den Gesprächsgegenstand der
Hofgesellschaft, der Salons, der Wohn- und Schlafzimmer, der
Barbierstuben, Wirtshäuser, Handwerkstätten und Gesindekammern, der
Droschkenkutscher an den Haltestellen und der Mägde unter den
Haustoren, er beschäftigte gleichermaßen die männlichen und weiblichen
Köpfe, wenn auch natürlich mit den Abweichungen, die in der
unterschiedlichen Betrachtungsweise der Geschlechter begründet liegen, die
unerhört einmütige Teilnahme daran wirkte ausgleichend,
zusammenfassend, sie überbrückte die gesellschaftlichen Klüfte, und es
konnte geschehen, daß der Trambahnschaffner sich auf der Plattform an den
feingekleideten Fahrgast mit der Frage wandte, ob er schon wisse, daß
gestern nachmittag der Prinz wieder eine Stunde auf »Delphinenort«
gewesen sei.
Aber das sowohl an und für sich Bemerkenswerte wie auch für die
Zukunft Entscheidende bei alldem war, daß man keinen Augenblick den
Eindruck gewann, als läge ein Ärgernis in der Luft und als handle es sich
bei all der Zungenbewegung um die gemeine Lust an anstößigen Vorgängen
in hohen Sphären – sondern daß vom ersten Anbeginn, bevor noch
irgendein Hintergedanke aufzukommen Zeit gehabt hatte, die
tausendstimmige Erörterung bei aller Erregtheit durchaus im Sinne der
Billigung und des Einverständnisses geführt wurde, ja, daß der Prinz, wenn
er früher darauf verfallen wäre, sich nach der öffentlichen Meinung
umzutun, sogleich die glückliche Gewißheit von der unbedingten
Volkstümlichkeit seines Handelns erhalten hätte. Als er nämlich, seinem
Lehrer gegenüber, Fräulein Spoelmann eine »Prinzessin« genannt hatte, da
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hatte er, wie es ihm übrigens wohl anstand, genau im Geiste des Volkes
gesprochen – jenes Volkes, das überall das Ungemeine und Traumhafte mit
dichterischem Sinn zu erfassen weiß. Ja, für das Volk war das
schwarzbleiche, kostbare und eigentümlich liebliche Wesen von
schillernder Blutzusammensetzung, das von den Gegenfüßlern zu uns
gekommen war, um sein vereinzeltes und beispielloses Leben bei uns zu
führen – für das Volk war es ein Fürsten- oder Feenkind aus Fabelland, eine
Prinzessin in des Wortes sonderbarster Bedeutung. Aber alles, sowohl ihr
eigenes Gehaben als auch das Verhalten der Welt zu ihr, trug dazu bei, sie
auch im gewohnten Sinne des Wortes als Prinzessin erscheinen zu lassen.
Wohnte sie nicht mit ihrer gräflichen Ehrendame in einem Schloß, wie es
sich gehörte? Fuhr sie nicht in ihrem prachtvollen Kraftwagen oder mit
ihrem Viergespann an den mildtätigen Anstalten, dem Blinden-, dem
Waisen-, dem Diakonissenhause, der Volksküche und der Milchküche vor,
um sie zu allgemeiner Erhebung und eigener Belehrung zu besichtigen,
völlig nach fürstlicher Art? Hatte sie nicht sowohl für die Überschwemmten
wie für die Abgebrannten aus ihrer »Privatschatulle«, wie der »Eilbote«
sich bezeichnend ausdrückte, Unterstützungssummen gespendet, die genau
denen des Großherzogs gleichkamen (sie nicht übertrafen, was allgemein
beifällig vermerkt wurde)? Berichteten nicht fast jeden Tag die Journale
gleich unter den Hofnachrichten über Herrn Spoelmanns wechselnden
Gesundheitszustand – ob die Koliken ihn ans Bett fesselten oder ob er den
morgendlichen Besuch des Quellengartens wieder aufgenommen habe?
Gehörten die weißen Livreen seiner Bedienten nicht zum hauptstädtischen
Straßenbilde wie die braunen der großherzoglichen Lakaien? Ließen nicht
die Fremden mit ihren Handbüchern sich nach Delphinenort hinausfahren,
um sich in den Anblick der Spoelmannschen Residenz zu versenken –
manche, bevor sie das Alte Schloß gesehen? Waren nicht beide Schlösser,
das Alte und Delphinenort, nahezu gleichermaßen Hochsitze und
Mittelpunkte der Stadt? In welche Gesellschaft gehörte das aller
Gemeinschaft und Gleichartigkeit entrückte Menschenkind, das als Samuel
Spoelmanns Tochter geboren war? Wem sollte es sich anschließen, mit wem
Verkehr pflegen? Nichts war weniger befremdend, nichts einleuchtender
und natürlicher, als Klaus Heinrich an ihrer Seite zu sehen. Und auch alle
diejenigen, die des Anblicks nicht wirklich teilhaft geworden waren,
genossen ihn im Geiste und vertieften sich darein: die schlanke, festlich
vertraute Gestalt des Prinzen neben der Tochter und Erbin des
gesprochen – jenes Volkes, das überall das Ungemeine und Traumhafte mit
dichterischem Sinn zu erfassen weiß. Ja, für das Volk war das
schwarzbleiche, kostbare und eigentümlich liebliche Wesen von
schillernder Blutzusammensetzung, das von den Gegenfüßlern zu uns
gekommen war, um sein vereinzeltes und beispielloses Leben bei uns zu
führen – für das Volk war es ein Fürsten- oder Feenkind aus Fabelland, eine
Prinzessin in des Wortes sonderbarster Bedeutung. Aber alles, sowohl ihr
eigenes Gehaben als auch das Verhalten der Welt zu ihr, trug dazu bei, sie
auch im gewohnten Sinne des Wortes als Prinzessin erscheinen zu lassen.
Wohnte sie nicht mit ihrer gräflichen Ehrendame in einem Schloß, wie es
sich gehörte? Fuhr sie nicht in ihrem prachtvollen Kraftwagen oder mit
ihrem Viergespann an den mildtätigen Anstalten, dem Blinden-, dem
Waisen-, dem Diakonissenhause, der Volksküche und der Milchküche vor,
um sie zu allgemeiner Erhebung und eigener Belehrung zu besichtigen,
völlig nach fürstlicher Art? Hatte sie nicht sowohl für die Überschwemmten
wie für die Abgebrannten aus ihrer »Privatschatulle«, wie der »Eilbote«
sich bezeichnend ausdrückte, Unterstützungssummen gespendet, die genau
denen des Großherzogs gleichkamen (sie nicht übertrafen, was allgemein
beifällig vermerkt wurde)? Berichteten nicht fast jeden Tag die Journale
gleich unter den Hofnachrichten über Herrn Spoelmanns wechselnden
Gesundheitszustand – ob die Koliken ihn ans Bett fesselten oder ob er den
morgendlichen Besuch des Quellengartens wieder aufgenommen habe?
Gehörten die weißen Livreen seiner Bedienten nicht zum hauptstädtischen
Straßenbilde wie die braunen der großherzoglichen Lakaien? Ließen nicht
die Fremden mit ihren Handbüchern sich nach Delphinenort hinausfahren,
um sich in den Anblick der Spoelmannschen Residenz zu versenken –
manche, bevor sie das Alte Schloß gesehen? Waren nicht beide Schlösser,
das Alte und Delphinenort, nahezu gleichermaßen Hochsitze und
Mittelpunkte der Stadt? In welche Gesellschaft gehörte das aller
Gemeinschaft und Gleichartigkeit entrückte Menschenkind, das als Samuel
Spoelmanns Tochter geboren war? Wem sollte es sich anschließen, mit wem
Verkehr pflegen? Nichts war weniger befremdend, nichts einleuchtender
und natürlicher, als Klaus Heinrich an ihrer Seite zu sehen. Und auch alle
diejenigen, die des Anblicks nicht wirklich teilhaft geworden waren,
genossen ihn im Geiste und vertieften sich darein: die schlanke, festlich
vertraute Gestalt des Prinzen neben der Tochter und Erbin des
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ungeheuerlichen kleinen Fremden, der krank und ärgerlich an einem
Vermögen trug, welches sich ungefähr doppelt so hoch belief wie unsere
sämtlichen Staatsschulden!
Da geschah es, daß eine Erinnerung, eine wunderliche Wortfügung vom
öffentlichen Bewußtsein Besitz ergriff … niemand kann sagen, wer zuerst
darauf hinwies, darauf zurückwies – das steht nicht fest. Vielleicht war es
eine Frau, vielleicht ein Kind mit gläubigen Augen, dem man es
irgendwann zum Einschlafen erzählt – Gott weiß es. Aber eine
gespenstische Gestalt belebte sich in der Einbildungskraft des Volkes: der
Schatten eines alten Zigeunerweibes, das, grauzottig und krumm, die Augen
nach innen gekehrt, seinen Stock durch den Sand führte und dessen
Gemurmel aufgezeichnet und von Geschlecht zu Geschlecht überliefert
worden war … »Das größte Glück?« Durch einen Fürsten »mit einer Hand«
sollte es dem Lande zuteil werden. Mehr werde er, hieß es, mit seiner einen
dem Lande geben, als andere mit zweien nicht vermöchten … Mit einer?
Aber war alles ganz in Ordnung an Klaus Heinrichs schlanker Festgestalt?
War nicht, wenn man sich besann, eine Schwäche, ein Fehler an seiner
Person, wovon man, wenn man ihn grüßte, abzusehen gewöhnt war, aus
Scheu zum ersten und zweitens, weil er es einem mit liebenswerter Kunst
erleichterte, davon abzusehen? Man sah ihn im Wagen, wie er über dem
Säbelgriff den linken Unterarm mit dem rechten bedeckte. Man sah ihn
unter einem Baldachin, auf einer mit Fahnentüchern behangenen Tribüne
sich darstellen, ein wenig nach links gewandt, die Linke auf eine gewisse
Art in die Hüfte gestützt. Sein linker Arm war zu kurz, die Hand
verkümmert, man wußte es und kannte sogar verschiedene Erklärungen für
die Entstehung dieses Gebrechens, ohne daß Ehrfurcht und Abstand doch
erlaubt hätten, es klar zu sehen oder es auch nur eigentlich zuzugeben. Aber
nun sah man es. Niemals wird festgestellt werden können, wer zuerst
flüsternd daran erinnerte und es mit der Prophezeiung in Verbindung
brachte – ein Kind, eine Magd oder ein Greis an der Schwelle des Jenseits.
Aber was feststeht, ist, daß es im Volke geschah, daß das Volk gewisse
Gedanken und Hoffnungen – nicht zuletzt seine Auffassung der Person
Fräulein Spoelmanns – den gebildeten Ständen bis hinauf zu den
ausschlaggebenden Stellen erst aufdrängte und von unten her gewaltig
eingab: daß der unbefangene, von Vorurteilen nicht gehemmte Glaube des
Volkes allem Späteren die breite und feste Grundlage bot. »Mit einer
Vermögen trug, welches sich ungefähr doppelt so hoch belief wie unsere
sämtlichen Staatsschulden!
Da geschah es, daß eine Erinnerung, eine wunderliche Wortfügung vom
öffentlichen Bewußtsein Besitz ergriff … niemand kann sagen, wer zuerst
darauf hinwies, darauf zurückwies – das steht nicht fest. Vielleicht war es
eine Frau, vielleicht ein Kind mit gläubigen Augen, dem man es
irgendwann zum Einschlafen erzählt – Gott weiß es. Aber eine
gespenstische Gestalt belebte sich in der Einbildungskraft des Volkes: der
Schatten eines alten Zigeunerweibes, das, grauzottig und krumm, die Augen
nach innen gekehrt, seinen Stock durch den Sand führte und dessen
Gemurmel aufgezeichnet und von Geschlecht zu Geschlecht überliefert
worden war … »Das größte Glück?« Durch einen Fürsten »mit einer Hand«
sollte es dem Lande zuteil werden. Mehr werde er, hieß es, mit seiner einen
dem Lande geben, als andere mit zweien nicht vermöchten … Mit einer?
Aber war alles ganz in Ordnung an Klaus Heinrichs schlanker Festgestalt?
War nicht, wenn man sich besann, eine Schwäche, ein Fehler an seiner
Person, wovon man, wenn man ihn grüßte, abzusehen gewöhnt war, aus
Scheu zum ersten und zweitens, weil er es einem mit liebenswerter Kunst
erleichterte, davon abzusehen? Man sah ihn im Wagen, wie er über dem
Säbelgriff den linken Unterarm mit dem rechten bedeckte. Man sah ihn
unter einem Baldachin, auf einer mit Fahnentüchern behangenen Tribüne
sich darstellen, ein wenig nach links gewandt, die Linke auf eine gewisse
Art in die Hüfte gestützt. Sein linker Arm war zu kurz, die Hand
verkümmert, man wußte es und kannte sogar verschiedene Erklärungen für
die Entstehung dieses Gebrechens, ohne daß Ehrfurcht und Abstand doch
erlaubt hätten, es klar zu sehen oder es auch nur eigentlich zuzugeben. Aber
nun sah man es. Niemals wird festgestellt werden können, wer zuerst
flüsternd daran erinnerte und es mit der Prophezeiung in Verbindung
brachte – ein Kind, eine Magd oder ein Greis an der Schwelle des Jenseits.
Aber was feststeht, ist, daß es im Volke geschah, daß das Volk gewisse
Gedanken und Hoffnungen – nicht zuletzt seine Auffassung der Person
Fräulein Spoelmanns – den gebildeten Ständen bis hinauf zu den
ausschlaggebenden Stellen erst aufdrängte und von unten her gewaltig
eingab: daß der unbefangene, von Vorurteilen nicht gehemmte Glaube des
Volkes allem Späteren die breite und feste Grundlage bot. »Mit einer
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Hand?« fragte es, und »Das größte Glück?« Es sah Klaus Heinrich im
Geiste neben Imma Spoelmann die Linke in die Hüfte stützen, und, noch
unfähig, zu Ende zu denken, was es dachte, erbebte es bei seinem halben
Gedanken.
Damals schwebte alles in der Luft, und niemand dachte etwas zu Ende –
und auch nicht die nächstbeteiligten und handelnden Personen, denn
zwischen Klaus Heinrich und Imma Spoelmann lagen die Dinge ja
sonderbar, und ihr Sinnen konnte – auch seines – vorderhand auf kein
handgreifliches Ziel gerichtet sein. In der Tat hatte jener wortkarge Vorgang
am Nachmittag von des Prinzen Geburtstag (als Fräulein Spoelmann ihm
ihre Bücher gezeigt hatte) an ihren Beziehungen sehr wenig, ja gar nichts
geändert, und wenn auch Klaus Heinrich damals in jenem wallenden und
hitzig entzückten Zustand, der jungen Leuten bei solchen Gelegenheiten
eigen ist, nach »Eremitage« zurückgekehrt war, wohl gar in der Meinung
befangen, daß etwas Entscheidendes sich ereignet habe, so wurde er doch
bald belehrt, daß sein Werben um das, was er als sein Glück erkannt hatte,
nun erst eigentlich begann. Dieses Werben aber konnte, wie gesagt, noch
gar keinem sachlichen Enderfolg, einem bürgerlichen Versprechen oder
ähnlichem gelten – das lag zunächst außerhalb des Bereiches des
Denkbaren, und überdies lebte man, um dergleichen ins Auge zu fassen, in
allzu großer Abgeschiedenheit von der praktischen Welt. Ja, worum Klaus
Heinrich fortan mit Blick und Worten bat, war nicht sowohl, daß Fräulein
Spoelmann die Empfindungen, die er ihr entgegenbrachte, erwidern –
sondern daß sie sich überhaupt entschließen möge, an die Wirklichkeit und
Lebendigkeit dieser Empfindungen zu glauben. Denn das tat sie nicht.
Er ließ zwei Wochen verstreichen, ehe er wieder auf »Delphinenort«
vorsprach, und lebte während dieser Zeit in seinem Innern von dem, was
geschehen. Es schien ihm nicht eilig, dieses Geschehnis durch Neues
veralten zu machen, und außerdem nahmen ihn in diesen Tagen mehrere
Repräsentationspflichten in Anspruch, unter anderen das Festschießen des
Zimmerstutzen-Schützenverbandes, dessen erklärter Schirmherr er war, und
an dessen Stiftungsfest er sich alljährlich beteiligte, indem er, in grüner
Tracht, als lebe und webe er im Schützenwesen, von den Vereinsmitgliedern
mit begeistertem Schützengruß empfangen, an den Schießständen vorfuhr
und mit den verklärten Herren des Vorstandes, ganz gegen Appetit, einen
Imbiß einnahm, um endlich in anmutig kundiger Haltung mehrere Schüsse
Geiste neben Imma Spoelmann die Linke in die Hüfte stützen, und, noch
unfähig, zu Ende zu denken, was es dachte, erbebte es bei seinem halben
Gedanken.
Damals schwebte alles in der Luft, und niemand dachte etwas zu Ende –
und auch nicht die nächstbeteiligten und handelnden Personen, denn
zwischen Klaus Heinrich und Imma Spoelmann lagen die Dinge ja
sonderbar, und ihr Sinnen konnte – auch seines – vorderhand auf kein
handgreifliches Ziel gerichtet sein. In der Tat hatte jener wortkarge Vorgang
am Nachmittag von des Prinzen Geburtstag (als Fräulein Spoelmann ihm
ihre Bücher gezeigt hatte) an ihren Beziehungen sehr wenig, ja gar nichts
geändert, und wenn auch Klaus Heinrich damals in jenem wallenden und
hitzig entzückten Zustand, der jungen Leuten bei solchen Gelegenheiten
eigen ist, nach »Eremitage« zurückgekehrt war, wohl gar in der Meinung
befangen, daß etwas Entscheidendes sich ereignet habe, so wurde er doch
bald belehrt, daß sein Werben um das, was er als sein Glück erkannt hatte,
nun erst eigentlich begann. Dieses Werben aber konnte, wie gesagt, noch
gar keinem sachlichen Enderfolg, einem bürgerlichen Versprechen oder
ähnlichem gelten – das lag zunächst außerhalb des Bereiches des
Denkbaren, und überdies lebte man, um dergleichen ins Auge zu fassen, in
allzu großer Abgeschiedenheit von der praktischen Welt. Ja, worum Klaus
Heinrich fortan mit Blick und Worten bat, war nicht sowohl, daß Fräulein
Spoelmann die Empfindungen, die er ihr entgegenbrachte, erwidern –
sondern daß sie sich überhaupt entschließen möge, an die Wirklichkeit und
Lebendigkeit dieser Empfindungen zu glauben. Denn das tat sie nicht.
Er ließ zwei Wochen verstreichen, ehe er wieder auf »Delphinenort«
vorsprach, und lebte während dieser Zeit in seinem Innern von dem, was
geschehen. Es schien ihm nicht eilig, dieses Geschehnis durch Neues
veralten zu machen, und außerdem nahmen ihn in diesen Tagen mehrere
Repräsentationspflichten in Anspruch, unter anderen das Festschießen des
Zimmerstutzen-Schützenverbandes, dessen erklärter Schirmherr er war, und
an dessen Stiftungsfest er sich alljährlich beteiligte, indem er, in grüner
Tracht, als lebe und webe er im Schützenwesen, von den Vereinsmitgliedern
mit begeistertem Schützengruß empfangen, an den Schießständen vorfuhr
und mit den verklärten Herren des Vorstandes, ganz gegen Appetit, einen
Imbiß einnahm, um endlich in anmutig kundiger Haltung mehrere Schüsse
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in der Richtung verschiedener Scheiben abzugeben. Als er sich hierauf – es
war Mitte Juni – wieder um die Teestunde bei Spoelmanns einstellte,
verhielt Imma sich äußerst spöttisch, und ihre Ausdrucksweise war
ungewöhnlich schriftmäßig und redensartlich. Auch Herr Spoelmann war
jenes Mal zugegen, und obgleich seine Anwesenheit das von Klaus
Heinrich ersehnte Alleinsein mit der Tochter des Hauses hintanhielt, so half
sie dem Prinzen doch auf unerwartete Weise über den Kummer, der Immas
Schärfe ihm machte, hinweg; denn Samuel Spoelmann war gütig, fast
weich gegen ihn.
Man nahm den Tee auf der Terrasse, in neuartig geformten Korbstühlen
sitzend, zart angeweht von den Düften des Blumengartens. Der Schloßherr
lag unter einer grünseidenen, mit Papageien durchwebten und mit Pelz
gefütterten Decke ausgestreckt am Tische auf einem mit seidenen Kissen
ausgestatteten Ruhebett aus Rohrgeflecht. Er war außer Bett, um die linde
Luft zu genießen, aber seine Wangen waren heute nicht hitzig, sondern
gelblichbleich und seine Äuglein getrübt; sein Kinn war spitz, seine gerade
hervorspringende Nase erschien länger als sonst, und seine Stimmung nicht
von der gewohnten Ärgerlichkeit, sondern eher wehmütig, was nicht als
gutes Zeichen genommen werden konnte. Zu seinen Häupten saß lang und
milde lächelnd Doktor Watercloose.
»Na, junger Prinz …« sagte Herr Spoelmann müde, und auf die Frage
nach seinem Befinden antwortete er nur mit einem schwachen Knarren.
Imma, in schillerndem Hauskleide mit hoher Taille und grünsamtenem
Jäckchen, goß Wasser aus dem elektrisch geheizten Kessel in die Kanne.
Sie beglückwünschte den Prinzen mit vorgeschobenen Lippen zu seinem
persönlichen Erfolge auf der Schützenwiese. Sie habe, sagte sie und wandte
ihr Köpfchen hin und her, »aus der Tagespresse mit tiefer Genugtuung
Kenntnis davon genommen« und die Schilderung seines Auftretens als
Schütze auch der Gräfin vorgelesen. Diese saß gerade aufgerichtet in ihrem
engen braunen Kleid am Tische und handhabte ihr Löffelchen mit
vornehmen Bewegungen, ohne sich irgendwie gehen zu lassen. Der heute
sprach, war Herr Spoelmann. Er tat es, wie gesagt, auf eine sanfte, ja
wehmütige Weise, die das Ergebnis seiner Schmerzen war.
Er erzählte einen Vorfall, ein Erlebnis, das um Jahre zurücklag, mit dem
er aber offenbar nicht fertig wurde, und das ihn in Tagen schlechter
war Mitte Juni – wieder um die Teestunde bei Spoelmanns einstellte,
verhielt Imma sich äußerst spöttisch, und ihre Ausdrucksweise war
ungewöhnlich schriftmäßig und redensartlich. Auch Herr Spoelmann war
jenes Mal zugegen, und obgleich seine Anwesenheit das von Klaus
Heinrich ersehnte Alleinsein mit der Tochter des Hauses hintanhielt, so half
sie dem Prinzen doch auf unerwartete Weise über den Kummer, der Immas
Schärfe ihm machte, hinweg; denn Samuel Spoelmann war gütig, fast
weich gegen ihn.
Man nahm den Tee auf der Terrasse, in neuartig geformten Korbstühlen
sitzend, zart angeweht von den Düften des Blumengartens. Der Schloßherr
lag unter einer grünseidenen, mit Papageien durchwebten und mit Pelz
gefütterten Decke ausgestreckt am Tische auf einem mit seidenen Kissen
ausgestatteten Ruhebett aus Rohrgeflecht. Er war außer Bett, um die linde
Luft zu genießen, aber seine Wangen waren heute nicht hitzig, sondern
gelblichbleich und seine Äuglein getrübt; sein Kinn war spitz, seine gerade
hervorspringende Nase erschien länger als sonst, und seine Stimmung nicht
von der gewohnten Ärgerlichkeit, sondern eher wehmütig, was nicht als
gutes Zeichen genommen werden konnte. Zu seinen Häupten saß lang und
milde lächelnd Doktor Watercloose.
»Na, junger Prinz …« sagte Herr Spoelmann müde, und auf die Frage
nach seinem Befinden antwortete er nur mit einem schwachen Knarren.
Imma, in schillerndem Hauskleide mit hoher Taille und grünsamtenem
Jäckchen, goß Wasser aus dem elektrisch geheizten Kessel in die Kanne.
Sie beglückwünschte den Prinzen mit vorgeschobenen Lippen zu seinem
persönlichen Erfolge auf der Schützenwiese. Sie habe, sagte sie und wandte
ihr Köpfchen hin und her, »aus der Tagespresse mit tiefer Genugtuung
Kenntnis davon genommen« und die Schilderung seines Auftretens als
Schütze auch der Gräfin vorgelesen. Diese saß gerade aufgerichtet in ihrem
engen braunen Kleid am Tische und handhabte ihr Löffelchen mit
vornehmen Bewegungen, ohne sich irgendwie gehen zu lassen. Der heute
sprach, war Herr Spoelmann. Er tat es, wie gesagt, auf eine sanfte, ja
wehmütige Weise, die das Ergebnis seiner Schmerzen war.
Er erzählte einen Vorfall, ein Erlebnis, das um Jahre zurücklag, mit dem
er aber offenbar nicht fertig wurde, und das ihn in Tagen schlechter
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Gesundheit immer aufs neue schmerzlich beschäftigte – erzählte die kurze
und einfache Geschichte zweimal hintereinander und kränkte sich beim
zweiten Male noch bitterer als beim ersten. Damals hatte er eine seiner
Stiftungen machen wollen – keine vom ersten Range, aber doch eine
stattliche –, hatte einer großen menschenfreundlichen Anstalt der
Vereinigten Staaten handschriftlich zu wissen gegeben, daß er ihr zur
Förderung ihrer guten Bestrebungen eine Million in Eisenbahnpapieren
zuzuwenden wünsche, in sicheren Papieren der Südpacifischen
Eisenbahngesellschaft, sagte Herr Spoelmann und schlug sich in die flache
Hand, um die Papiere anschaulich zu machen. Was aber hatte die
menschenfreundliche Anstalt getan? Sie hatte die Schenkung
ausgeschlagen, sie zurückgewiesen, die Annahme verweigert – und zwar
mit dem ausdrücklichen Hinzufügen, daß sie es vorziehe, auf eine
Unterstützung mit fragwürdig und gewalttätig erworbenem Gut Verzicht zu
leisten. Das hatte sie getan. Herrn Spoelmanns Lippen zitterten, als er es
erzählte, sowohl das erste wie das zweite Mal, und voller Verlangen nach
Trost und Mißbilligung sah er sich mit seinen kleinen, nahe
beisammenliegenden, metallischen Rundaugen am Teetisch um.
»Das war nicht menschenfreundlich von der menschenfreundlichen
Anstalt«, sagte Klaus Heinrich. »Nein, das war es nicht.« Und sein
Kopfschütteln war so entschieden, sein Unwille und sein Mitgefühl so
deutlich, daß Herr Spoelmann sich ein wenig erheiterte und erklärte, heute
sei es hübsch draußen, und die Blumen drunten dufteten gut. Ja, er nahm
alsbald Gelegenheit, sich dem jungen Gast erkenntlich zu zeigen und ihm
sein Wohlwollen auf die ausdrucksvollste Art zu bekunden. Klaus Heinrich
nämlich hatte sich bei dem warmen Wetter, das diesen Sommer mit jäh
abkühlenden Gewittern und Hagelschlägen wechselte, eine Erkältung
zugezogen, sein Hals war geschwollen, er spürte Stechen beim Schlucken,
und da sein hoher Beruf und eine gewisse Zärtlichkeit in der Überwachung
seiner zur Darstellung bestimmten Person ihn notwendig ein wenig
weichlich gemacht hatten, so konnte er nicht umhin, davon zu sprechen und
sich über seine Halsschmerzen zu beklagen. »Dann müssen Sie feuchte
Umschläge machen«, sagte Herr Spoelmann. »Haben Sie
Guttaperchapapier?« Aber Klaus Heinrich hatte keines. Da warf Herr
Spoelmann die Papageiendecke von sich, stand auf und ging ins Innere des
Schlosses. Er antwortete auf keine Frage, ließ sich nicht aufhalten und ging.
und einfache Geschichte zweimal hintereinander und kränkte sich beim
zweiten Male noch bitterer als beim ersten. Damals hatte er eine seiner
Stiftungen machen wollen – keine vom ersten Range, aber doch eine
stattliche –, hatte einer großen menschenfreundlichen Anstalt der
Vereinigten Staaten handschriftlich zu wissen gegeben, daß er ihr zur
Förderung ihrer guten Bestrebungen eine Million in Eisenbahnpapieren
zuzuwenden wünsche, in sicheren Papieren der Südpacifischen
Eisenbahngesellschaft, sagte Herr Spoelmann und schlug sich in die flache
Hand, um die Papiere anschaulich zu machen. Was aber hatte die
menschenfreundliche Anstalt getan? Sie hatte die Schenkung
ausgeschlagen, sie zurückgewiesen, die Annahme verweigert – und zwar
mit dem ausdrücklichen Hinzufügen, daß sie es vorziehe, auf eine
Unterstützung mit fragwürdig und gewalttätig erworbenem Gut Verzicht zu
leisten. Das hatte sie getan. Herrn Spoelmanns Lippen zitterten, als er es
erzählte, sowohl das erste wie das zweite Mal, und voller Verlangen nach
Trost und Mißbilligung sah er sich mit seinen kleinen, nahe
beisammenliegenden, metallischen Rundaugen am Teetisch um.
»Das war nicht menschenfreundlich von der menschenfreundlichen
Anstalt«, sagte Klaus Heinrich. »Nein, das war es nicht.« Und sein
Kopfschütteln war so entschieden, sein Unwille und sein Mitgefühl so
deutlich, daß Herr Spoelmann sich ein wenig erheiterte und erklärte, heute
sei es hübsch draußen, und die Blumen drunten dufteten gut. Ja, er nahm
alsbald Gelegenheit, sich dem jungen Gast erkenntlich zu zeigen und ihm
sein Wohlwollen auf die ausdrucksvollste Art zu bekunden. Klaus Heinrich
nämlich hatte sich bei dem warmen Wetter, das diesen Sommer mit jäh
abkühlenden Gewittern und Hagelschlägen wechselte, eine Erkältung
zugezogen, sein Hals war geschwollen, er spürte Stechen beim Schlucken,
und da sein hoher Beruf und eine gewisse Zärtlichkeit in der Überwachung
seiner zur Darstellung bestimmten Person ihn notwendig ein wenig
weichlich gemacht hatten, so konnte er nicht umhin, davon zu sprechen und
sich über seine Halsschmerzen zu beklagen. »Dann müssen Sie feuchte
Umschläge machen«, sagte Herr Spoelmann. »Haben Sie
Guttaperchapapier?« Aber Klaus Heinrich hatte keines. Da warf Herr
Spoelmann die Papageiendecke von sich, stand auf und ging ins Innere des
Schlosses. Er antwortete auf keine Frage, ließ sich nicht aufhalten und ging.
Page 271
Man fragte einander in seiner Abwesenheit, was er im Sinn haben könne,
und Doktor Watercloose, wohl in der Befürchtung, daß ein
Schmerzensanfall seinen Patienten vertrieben habe, folgte ihm auf dem
Fuße. Aber als Herr Spoelmann zurückkehrte, hatte er in der Hand ein
Stück Guttaperchapapier, an dessen Vorhandensein von früherher in
irgendeiner Schublade er sich erinnert hatte, ein schon etwas brüchiges
Stück, das er dem Prinzen einhändigte, indem er ihn ausführlich darüber
belehrte, wie er es zu verwenden habe, um Nutzen daraus zu ziehen. Klaus
Heinrich dankte ihm freudig, und Herr Spoelmann streckte sich befriedigt
wieder aus. Er blieb diesmal da, und als der Tee getrunken war, veranlaßte
er sogar einen gemeinsamen Rundgang um den Park, wobei die Anordnung
die war, daß Herr Spoelmann in seinen weichen Schuhen zwischen Imma
und Klaus Heinrich wandelte, während die Gräfin Löwenjoul mit Doktor
Watercloose in einigem Abstande folgten. Als der Prinz für heute Abschied
nahm, sagte Imma Spoelmann noch etwas scharf Gesetztes über seinen Hals
und die feuchten Umschläge, beschwor ihn mit verstecktem Spotte, sich zu
pflegen und seine geheiligte Person doch ja in sorgsame Acht zu nehmen.
Aber obgleich Klaus Heinrich ihr nichts Angemessenes zu erwidern wußte
– was sie übrigens ja nicht erwartete und verlangte –, so bestieg er doch
ziemlich frohgemut seinen Dogcart; denn das Stückchen brüchiger
Guttapercha in der rückwärtigen Tasche seines Uniformrockes erschien
ihm, ohne daß er sich klare Rechenschaft über diese Auffassung ablegte, als
ein Unterpfand glücklicher Zukunft.
Mochte dem nun aber wie immer sein, so blieb es dabei, daß sein Kampf
erst eigentlich begann. Es war der Kampf um Imma Spoelmanns Glauben,
der Kampf darum, daß sie ihm in dem Grade vertrauen möge, um des
Entschlusses fähig zu sein, sich aus der frostigen und reinen Sphäre, darin
sie zu spielen gewohnt war, aus dem Reiche der Algebra und der
Sprachverspottung mit ihm hinabzuwagen in die fremde Zone, jene
wärmere, dunstigere und fruchtbarere, welche er ihr zeigte. Denn ihre
Scheu vor diesem Entschlusse war gewaltig groß.
Das nächste Mal war er allein mit ihr oder so gut wie allein, das heißt zu
dritt mit der Gräfin Löwenjoul. Es war ein kühler, bedeckter Morgen nach
einer nächtlichen Wetterkrise. Sie ritten die Wiesenböschung entlang, Klaus
Heinrich in langen Stiefeln, die Krücke der Reitpeitsche zwischen die
Knöpfe seines grauen Mantels gehängt. Die Schleuse droben bei der
und Doktor Watercloose, wohl in der Befürchtung, daß ein
Schmerzensanfall seinen Patienten vertrieben habe, folgte ihm auf dem
Fuße. Aber als Herr Spoelmann zurückkehrte, hatte er in der Hand ein
Stück Guttaperchapapier, an dessen Vorhandensein von früherher in
irgendeiner Schublade er sich erinnert hatte, ein schon etwas brüchiges
Stück, das er dem Prinzen einhändigte, indem er ihn ausführlich darüber
belehrte, wie er es zu verwenden habe, um Nutzen daraus zu ziehen. Klaus
Heinrich dankte ihm freudig, und Herr Spoelmann streckte sich befriedigt
wieder aus. Er blieb diesmal da, und als der Tee getrunken war, veranlaßte
er sogar einen gemeinsamen Rundgang um den Park, wobei die Anordnung
die war, daß Herr Spoelmann in seinen weichen Schuhen zwischen Imma
und Klaus Heinrich wandelte, während die Gräfin Löwenjoul mit Doktor
Watercloose in einigem Abstande folgten. Als der Prinz für heute Abschied
nahm, sagte Imma Spoelmann noch etwas scharf Gesetztes über seinen Hals
und die feuchten Umschläge, beschwor ihn mit verstecktem Spotte, sich zu
pflegen und seine geheiligte Person doch ja in sorgsame Acht zu nehmen.
Aber obgleich Klaus Heinrich ihr nichts Angemessenes zu erwidern wußte
– was sie übrigens ja nicht erwartete und verlangte –, so bestieg er doch
ziemlich frohgemut seinen Dogcart; denn das Stückchen brüchiger
Guttapercha in der rückwärtigen Tasche seines Uniformrockes erschien
ihm, ohne daß er sich klare Rechenschaft über diese Auffassung ablegte, als
ein Unterpfand glücklicher Zukunft.
Mochte dem nun aber wie immer sein, so blieb es dabei, daß sein Kampf
erst eigentlich begann. Es war der Kampf um Imma Spoelmanns Glauben,
der Kampf darum, daß sie ihm in dem Grade vertrauen möge, um des
Entschlusses fähig zu sein, sich aus der frostigen und reinen Sphäre, darin
sie zu spielen gewohnt war, aus dem Reiche der Algebra und der
Sprachverspottung mit ihm hinabzuwagen in die fremde Zone, jene
wärmere, dunstigere und fruchtbarere, welche er ihr zeigte. Denn ihre
Scheu vor diesem Entschlusse war gewaltig groß.
Das nächste Mal war er allein mit ihr oder so gut wie allein, das heißt zu
dritt mit der Gräfin Löwenjoul. Es war ein kühler, bedeckter Morgen nach
einer nächtlichen Wetterkrise. Sie ritten die Wiesenböschung entlang, Klaus
Heinrich in langen Stiefeln, die Krücke der Reitpeitsche zwischen die
Knöpfe seines grauen Mantels gehängt. Die Schleuse droben bei der
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hölzernen Brücke war geschlossen, das Bett des Wasserarmes lag leer und
steinig. Perceval, dessen erste Lärmwut gestillt war, setzte federnd darüber
hin und her oder trabte, nach Hundeart schief laufend, den Pferden voran.
Die Gräfin, auf Isabeau, hielt lächelnd ihren kleinen Kopf zur Seite geneigt.
Klaus Heinrich sagte: »Ich denke Tag und Nacht an etwas, was wohl ein
Traum gewesen sein muß. Ich liege nachts und höre Florian drüben im
Stalle schnauben, so still ist es. Dann denke ich bestimmt, daß es kein
Traum war. Aber wenn ich Sie sehe wie heute und neulich am Teetisch,
dann kann ich es doch unmöglich für etwas Besseres halten.«
Sie antwortete: »Das bedarf der Erläuterung, hoher Prinz.«
»Haben Sie mir vor neunzehn Tagen Ihre Bücher gezeigt, Fräulein Imma
– oder nicht?«
»Vor neunzehn Tagen? Da muß ich rechnen. Nein, lassen Sie sehen, es
sind achtzehn Tage und ein halber, wenn mich nicht alles täuscht …«
»Sie haben mir also Ihre Bücher gezeigt?«
»Das trifft unbedingt zu, Prinz. Und ich wiege mich in der Hoffnung, daß
sie Ihnen gefallen haben.«
»Ach, Imma, Sie müssen nicht so sprechen, nicht jetzt und nicht zu mir!
Mir ist so ernst ums Herz, und ich habe Ihnen noch so vieles zu sagen,
wozu ich vor neunzehn Tagen nicht gekommen bin, als Sie mir Ihre Bücher
zeigten … Ihre vielen Bücher. Ich möchte da anknüpfen, wo wir damals
aufgehört haben und das Dazwischenliegende vergessen sein lassen …«
»Um Gottes willen, Prinz, lassen Sie lieber das andere vergessen sein!
Worauf kommen Sie zurück?! Woran erinnern Sie sich und mich?! Ich
dächte, Sie hätten Grund, über diese Dinge das tiefste Stillschweigen zu
beobachten. Sich in dem Grade gehen zu lassen! In dem Grade die Haltung
zu verlieren!…«
»Wenn Sie wüßten, Imma, wie unaussprechlich wohl es mir tat, die
Haltung zu verlieren!«
»Ich bedanke mich! Das ist beleidigend, wissen Sie das? Ich bestehe
darauf, daß Sie auch mir gegenüber die Haltung wahren, die Sie der ganzen
steinig. Perceval, dessen erste Lärmwut gestillt war, setzte federnd darüber
hin und her oder trabte, nach Hundeart schief laufend, den Pferden voran.
Die Gräfin, auf Isabeau, hielt lächelnd ihren kleinen Kopf zur Seite geneigt.
Klaus Heinrich sagte: »Ich denke Tag und Nacht an etwas, was wohl ein
Traum gewesen sein muß. Ich liege nachts und höre Florian drüben im
Stalle schnauben, so still ist es. Dann denke ich bestimmt, daß es kein
Traum war. Aber wenn ich Sie sehe wie heute und neulich am Teetisch,
dann kann ich es doch unmöglich für etwas Besseres halten.«
Sie antwortete: »Das bedarf der Erläuterung, hoher Prinz.«
»Haben Sie mir vor neunzehn Tagen Ihre Bücher gezeigt, Fräulein Imma
– oder nicht?«
»Vor neunzehn Tagen? Da muß ich rechnen. Nein, lassen Sie sehen, es
sind achtzehn Tage und ein halber, wenn mich nicht alles täuscht …«
»Sie haben mir also Ihre Bücher gezeigt?«
»Das trifft unbedingt zu, Prinz. Und ich wiege mich in der Hoffnung, daß
sie Ihnen gefallen haben.«
»Ach, Imma, Sie müssen nicht so sprechen, nicht jetzt und nicht zu mir!
Mir ist so ernst ums Herz, und ich habe Ihnen noch so vieles zu sagen,
wozu ich vor neunzehn Tagen nicht gekommen bin, als Sie mir Ihre Bücher
zeigten … Ihre vielen Bücher. Ich möchte da anknüpfen, wo wir damals
aufgehört haben und das Dazwischenliegende vergessen sein lassen …«
»Um Gottes willen, Prinz, lassen Sie lieber das andere vergessen sein!
Worauf kommen Sie zurück?! Woran erinnern Sie sich und mich?! Ich
dächte, Sie hätten Grund, über diese Dinge das tiefste Stillschweigen zu
beobachten. Sich in dem Grade gehen zu lassen! In dem Grade die Haltung
zu verlieren!…«
»Wenn Sie wüßten, Imma, wie unaussprechlich wohl es mir tat, die
Haltung zu verlieren!«
»Ich bedanke mich! Das ist beleidigend, wissen Sie das? Ich bestehe
darauf, daß Sie auch mir gegenüber die Haltung wahren, die Sie der ganzen
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Welt gegenüber an den Tag legen. Ich bin nicht dazu da, daß Sie sich bei
mir von Ihrem prinzlichen Dasein erholen.«
»Was für ein Mißverständnis, Imma! Aber ich weiß wohl, daß Sie mich
mit Absicht mißverstehen und nur im Scherz, und das zeigt mir, daß Sie mir
nicht glauben und nicht ernst nehmen, was ich sage …«
»Nein, Prinz, das ist in der Tat zuviel verlangt! Haben Sie mir nicht von
Ihrem Leben erzählt? Sie sind zum Schein zur Schule gegangen, Sie sind
zum Schein auf der Universität gewesen, Sie haben zum Schein als Soldat
gedient und tragen noch immer zum Scheine die Uniform; Sie erteilen zum
Schein Audienzen und spielen zum Schein den Schützen, und der Himmel
weiß, was noch alles; Sie sind zum Schein auf die Welt gekommen, und nun
soll ich Ihnen plötzlich glauben, daß es Ihnen mit irgend etwas ernst ist?«
Während sie dies sagte, traten ihm Tränen in die Augen; so sehr taten ihm
ihre Worte weh. Er antwortete leise: »Sie haben recht, Imma, es ist viel
Unwahrheit in meinem Leben. Aber ich habe es ja nicht gemacht oder
gewählt, müssen Sie bedenken, sondern habe meine Pflicht getan, wie sie
mir streng und genau zur Erbauung der Leute vorgeschrieben war. Und
nicht genug, daß es schwer war und voller Verbote und Entbehrungen, so
soll es sich nun auch rächen, dadurch, daß Sie mir nicht glauben.«
»Sie sind stolz«, sagte sie, »auf Ihren Beruf und Ihr Leben, Prinz, ich
weiß das wohl, und ich kann nicht einmal wünschen, daß Sie sich selber die
Treue brechen.«
»Oh,« rief er aus, »lassen Sie das meine Sorge sein, das mit der Treue zu
mir, und machen Sie sich keineswegs Gedanken darüber! Ich habe
Erfahrungen, ich bin mir untreu gewesen und habe das Verbot zu umgehen
gesucht, und es hat mit Schande geendet. Aber seit ich Sie kenne, weiß ich,
weiß ich zum erstenmal, daß ich zum erstenmal ohne Reue und Schaden
daran, was man meinen hohen Beruf nennt, mich gehen lassen darf wie
irgendeiner, obwohl Doktor Überbein sagt, und sogar auf lateinisch, daß das
nicht gegeben werde …«
»Sehen Sie wohl, was Ihr Freund da gesagt hat!«
»Haben Sie ihn nicht selbst einen unseligen Menschen genannt, der ein
schlechtes Ende nehmen werde? Er ist ein edler Charakter, ich schätze ihn
mir von Ihrem prinzlichen Dasein erholen.«
»Was für ein Mißverständnis, Imma! Aber ich weiß wohl, daß Sie mich
mit Absicht mißverstehen und nur im Scherz, und das zeigt mir, daß Sie mir
nicht glauben und nicht ernst nehmen, was ich sage …«
»Nein, Prinz, das ist in der Tat zuviel verlangt! Haben Sie mir nicht von
Ihrem Leben erzählt? Sie sind zum Schein zur Schule gegangen, Sie sind
zum Schein auf der Universität gewesen, Sie haben zum Schein als Soldat
gedient und tragen noch immer zum Scheine die Uniform; Sie erteilen zum
Schein Audienzen und spielen zum Schein den Schützen, und der Himmel
weiß, was noch alles; Sie sind zum Schein auf die Welt gekommen, und nun
soll ich Ihnen plötzlich glauben, daß es Ihnen mit irgend etwas ernst ist?«
Während sie dies sagte, traten ihm Tränen in die Augen; so sehr taten ihm
ihre Worte weh. Er antwortete leise: »Sie haben recht, Imma, es ist viel
Unwahrheit in meinem Leben. Aber ich habe es ja nicht gemacht oder
gewählt, müssen Sie bedenken, sondern habe meine Pflicht getan, wie sie
mir streng und genau zur Erbauung der Leute vorgeschrieben war. Und
nicht genug, daß es schwer war und voller Verbote und Entbehrungen, so
soll es sich nun auch rächen, dadurch, daß Sie mir nicht glauben.«
»Sie sind stolz«, sagte sie, »auf Ihren Beruf und Ihr Leben, Prinz, ich
weiß das wohl, und ich kann nicht einmal wünschen, daß Sie sich selber die
Treue brechen.«
»Oh,« rief er aus, »lassen Sie das meine Sorge sein, das mit der Treue zu
mir, und machen Sie sich keineswegs Gedanken darüber! Ich habe
Erfahrungen, ich bin mir untreu gewesen und habe das Verbot zu umgehen
gesucht, und es hat mit Schande geendet. Aber seit ich Sie kenne, weiß ich,
weiß ich zum erstenmal, daß ich zum erstenmal ohne Reue und Schaden
daran, was man meinen hohen Beruf nennt, mich gehen lassen darf wie
irgendeiner, obwohl Doktor Überbein sagt, und sogar auf lateinisch, daß das
nicht gegeben werde …«
»Sehen Sie wohl, was Ihr Freund da gesagt hat!«
»Haben Sie ihn nicht selbst einen unseligen Menschen genannt, der ein
schlechtes Ende nehmen werde? Er ist ein edler Charakter, ich schätze ihn
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hoch und verdanke ihm viele Aufklärungen über mich und die Dinge. Aber
in letzter Zeit habe ich oftmals über ihn nachgedacht, und als Sie damals so
über ihn geurteilt hatten, da habe ich mich mehrere Stunden lang mit Ihrem
Urteil beschäftigt und mußte Ihnen recht geben. Denn ich will Ihnen sagen,
Imma, welche Bewandtnis es mit Doktor Überbein hat. Er lebt in
Feindschaft mit dem Glücke – das ist es.«
»Das dünkt mich eine anständige Feindschaft«, sagte Imma Spoelmann.
»Anständig,« antwortete er, »aber unselig, wie Sie selber gesagt haben,
und obendrein sündhaft – denn es ist Sünde gegen etwas, was herrlicher ist
als seine strenge Anständigkeit, das weiß ich nun, und zu dieser Sünde hat
er auch mich erziehen wollen, in aller Väterlichkeit. Aber nun bin ich seiner
Erziehung entwachsen, in diesem Punkte bin ich es. Ich bin nun selbständig
und weiß es besser, und wenn ich Überbein auch nicht überzeugt habe – Sie
werde ich überzeugen, Imma, sei es heut oder später …«
»Ja, Prinz, das muß ich gestehen! Sie wissen zu überzeugen, Ihr Eifer
reißt unwiderstehlich mit sich fort! Neunzehn Tage, sagten Sie nicht so? Ich
halte achtzehn und einen halben für richtig, aber das läuft auf dasselbe
hinaus. In dieser Zeit haben Sie einmal geruht, auf Delphinenort zu
erscheinen … vor vier Tagen …«
Er sah ihr erschrocken ins Gesicht.
»Aber, Imma, Sie müssen Geduld mit mir haben und etwas Nachsicht …
Bedenken Sie doch, ich bin noch ungelenk … es ist fremder Boden! Ich
weiß nicht, wie es kam … Ich glaube, ich wollte uns Zeit lassen. Und dann
traten verschiedene Anforderungen an mich heran …«
»Natürlich, Sie mußten zum Schein nach der Scheibe schießen, ich habe
es gelesen. Wie gewöhnlich hatten Sie einen bedeutenden Erfolg zu
verzeichnen. Sie standen da kostümiert und ließen sich von einer ganzen
Wiese voll Menschen lieben …«
»Halt, Imma, o bitte, keinen Galopp!… Es ist unmöglich, ein Wort zu
sprechen … Lieben, sagen Sie. Aber was ist das für eine Liebe? Eine
Wiesenliebe, eine ungefähre, oberflächliche Liebe, eine Liebe von weitem,
die nichts bedeutet – eine Liebe in Gala und ganz ohne Vertraulichkeit!
Nein, Sie brauchen durchaus nicht böse zu sein, daß ich sie mir gefallen
in letzter Zeit habe ich oftmals über ihn nachgedacht, und als Sie damals so
über ihn geurteilt hatten, da habe ich mich mehrere Stunden lang mit Ihrem
Urteil beschäftigt und mußte Ihnen recht geben. Denn ich will Ihnen sagen,
Imma, welche Bewandtnis es mit Doktor Überbein hat. Er lebt in
Feindschaft mit dem Glücke – das ist es.«
»Das dünkt mich eine anständige Feindschaft«, sagte Imma Spoelmann.
»Anständig,« antwortete er, »aber unselig, wie Sie selber gesagt haben,
und obendrein sündhaft – denn es ist Sünde gegen etwas, was herrlicher ist
als seine strenge Anständigkeit, das weiß ich nun, und zu dieser Sünde hat
er auch mich erziehen wollen, in aller Väterlichkeit. Aber nun bin ich seiner
Erziehung entwachsen, in diesem Punkte bin ich es. Ich bin nun selbständig
und weiß es besser, und wenn ich Überbein auch nicht überzeugt habe – Sie
werde ich überzeugen, Imma, sei es heut oder später …«
»Ja, Prinz, das muß ich gestehen! Sie wissen zu überzeugen, Ihr Eifer
reißt unwiderstehlich mit sich fort! Neunzehn Tage, sagten Sie nicht so? Ich
halte achtzehn und einen halben für richtig, aber das läuft auf dasselbe
hinaus. In dieser Zeit haben Sie einmal geruht, auf Delphinenort zu
erscheinen … vor vier Tagen …«
Er sah ihr erschrocken ins Gesicht.
»Aber, Imma, Sie müssen Geduld mit mir haben und etwas Nachsicht …
Bedenken Sie doch, ich bin noch ungelenk … es ist fremder Boden! Ich
weiß nicht, wie es kam … Ich glaube, ich wollte uns Zeit lassen. Und dann
traten verschiedene Anforderungen an mich heran …«
»Natürlich, Sie mußten zum Schein nach der Scheibe schießen, ich habe
es gelesen. Wie gewöhnlich hatten Sie einen bedeutenden Erfolg zu
verzeichnen. Sie standen da kostümiert und ließen sich von einer ganzen
Wiese voll Menschen lieben …«
»Halt, Imma, o bitte, keinen Galopp!… Es ist unmöglich, ein Wort zu
sprechen … Lieben, sagen Sie. Aber was ist das für eine Liebe? Eine
Wiesenliebe, eine ungefähre, oberflächliche Liebe, eine Liebe von weitem,
die nichts bedeutet – eine Liebe in Gala und ganz ohne Vertraulichkeit!
Nein, Sie brauchen durchaus nicht böse zu sein, daß ich sie mir gefallen
Page 275
lasse, denn nicht ich habe gut davon, sondern einzig die Leute, die erhoben
werden dadurch, und das ist ihr Verlangen. Aber ich habe auch mein
Verlangen, Imma, und Sie sind es, an die ich mich damit wende …«
»Womit kann ich Ihnen dienen, Prinz?«
»Ach, Sie wissen es wohl! Es ist Vertrauen, Imma – könnten Sie nicht ein
wenig Vertrauen zu mir haben?«
Sie sah ihn an, und so dunkel eindringlich wie jetzt hatten ihre
übergroßen Augen noch niemals geforscht. Aber wie inständig auch die
stumme Bitte war, mit der er an ihr hing, so wandte sie sich doch ab und
sagte mit verschlossener Miene: »Nein, Prinz Klaus Heinrich, das kann ich
nicht.«
Er stieß einen Laut des Kummers aus, und seine Stimme zitterte, als er
fragte: »Und warum können Sie nicht?«
Sie antwortete: »Weil Sie mich daran hindern.«
»Aber wie hindere ich Sie? Bitte, sagen Sie mir's!«
Und immer mit verschlossenem Ausdruck, die Augen auf ihren weißen
Zügel gesenkt und leicht geschaukelt vom Schritt ihres Pferdes, erwiderte
sie: »Durch alles, durch Ihr Verhalten, durch Ihre Art und Weise, durch Ihre
ganze erlauchte Persönlichkeit. Wissen Sie wohl noch, wie Sie die arme
Gräfin gehindert haben, sich gehen zu lassen, und sie gezwungen haben,
klar und nüchtern zu sein, obgleich ihr doch ausdrücklich auf Grund ihrer
übermäßigen Erfahrungen die Wohltat der Verwirrung und Wunderlichkeit
gewährt worden ist – und daß ich Ihnen gesagt habe, ich wüßte sehr wohl,
wie Sie es angefangen hätten, sie zu ernüchtern? Ja, ich weiß es wohl, denn
auch mich hindern Sie, mich gehen zu lassen, auch mich ernüchtern Sie,
immerwährend, durch alles, durch Ihre Worte, durch Ihren Blick, durch Ihre
Art zu sitzen und zu stehen, und es ist ganz unmöglich, Vertrauen zu Ihnen
zu haben. Ich habe Gelegenheit gehabt, Sie im Verkehr mit anderen Leuten
zu beobachten, aber ob es nun Doktor Sammet im Dorotheen-Hospital oder
Herr Stavenüter im Fasaneriegarten war, es war immer dasselbe, und immer
habe ich Kälte und Angst dabei empfunden. Sie halten sich aufrecht und
stellen Fragen, aber nicht aus Teilnahme, es ist Ihnen nicht um den Inhalt
der Frage zu tun, nein, um gar nichts ist es Ihnen zu tun, und nichts liegt
werden dadurch, und das ist ihr Verlangen. Aber ich habe auch mein
Verlangen, Imma, und Sie sind es, an die ich mich damit wende …«
»Womit kann ich Ihnen dienen, Prinz?«
»Ach, Sie wissen es wohl! Es ist Vertrauen, Imma – könnten Sie nicht ein
wenig Vertrauen zu mir haben?«
Sie sah ihn an, und so dunkel eindringlich wie jetzt hatten ihre
übergroßen Augen noch niemals geforscht. Aber wie inständig auch die
stumme Bitte war, mit der er an ihr hing, so wandte sie sich doch ab und
sagte mit verschlossener Miene: »Nein, Prinz Klaus Heinrich, das kann ich
nicht.«
Er stieß einen Laut des Kummers aus, und seine Stimme zitterte, als er
fragte: »Und warum können Sie nicht?«
Sie antwortete: »Weil Sie mich daran hindern.«
»Aber wie hindere ich Sie? Bitte, sagen Sie mir's!«
Und immer mit verschlossenem Ausdruck, die Augen auf ihren weißen
Zügel gesenkt und leicht geschaukelt vom Schritt ihres Pferdes, erwiderte
sie: »Durch alles, durch Ihr Verhalten, durch Ihre Art und Weise, durch Ihre
ganze erlauchte Persönlichkeit. Wissen Sie wohl noch, wie Sie die arme
Gräfin gehindert haben, sich gehen zu lassen, und sie gezwungen haben,
klar und nüchtern zu sein, obgleich ihr doch ausdrücklich auf Grund ihrer
übermäßigen Erfahrungen die Wohltat der Verwirrung und Wunderlichkeit
gewährt worden ist – und daß ich Ihnen gesagt habe, ich wüßte sehr wohl,
wie Sie es angefangen hätten, sie zu ernüchtern? Ja, ich weiß es wohl, denn
auch mich hindern Sie, mich gehen zu lassen, auch mich ernüchtern Sie,
immerwährend, durch alles, durch Ihre Worte, durch Ihren Blick, durch Ihre
Art zu sitzen und zu stehen, und es ist ganz unmöglich, Vertrauen zu Ihnen
zu haben. Ich habe Gelegenheit gehabt, Sie im Verkehr mit anderen Leuten
zu beobachten, aber ob es nun Doktor Sammet im Dorotheen-Hospital oder
Herr Stavenüter im Fasaneriegarten war, es war immer dasselbe, und immer
habe ich Kälte und Angst dabei empfunden. Sie halten sich aufrecht und
stellen Fragen, aber nicht aus Teilnahme, es ist Ihnen nicht um den Inhalt
der Frage zu tun, nein, um gar nichts ist es Ihnen zu tun, und nichts liegt
Page 276
Ihnen am Herzen. Ich habe es oft gesehen – Sie sprechen, Sie äußern eine
Meinung, aber Sie könnten ganz ebensogut eine andere äußern, denn in
Wirklichkeit haben Sie keine Meinung und keinen Glauben, und auf nichts
kommt es Ihnen an als auf Ihre Prinzenhaltung. Sie sagen zuweilen, Ihr
Beruf sei nicht leicht, aber da Sie mich herausgefordert haben, so will ich
Ihnen bemerken, daß er Ihnen leichter fallen würde, wenn Sie eine Meinung
und einen Glauben hätten, Prinz – das ist meine Meinung und mein Glaube.
Wie könnte man Vertrauen zu Ihnen haben. Nein, es ist nicht Vertrauen, was
Sie einflößen, sondern Kälte und Befangenheit, und wenn ich mir auch
Mühe gäbe, Ihnen näherzukommen, so würde mich diese Art von
Befangenheit und Unbeholfenheit daran hindern – jetzt habe ich
geantwortet.«
Er hatte ihr mit schmerzlicher Spannung zugehört, hatte mehrmals in ihr
bleiches Gesichtchen geblickt, während sie sprach, und dann wieder, wie sie
die Augen auf den Zügel gesenkt.
»Haben Sie Dank, Imma,« antwortete er nun, »daß Sie so ernst
gesprochen haben – denn Sie wissen wohl, daß Sie nicht immer so tun,
sondern meistens nur spottweise reden und auf Ihre Art die Dinge so wenig
ernst nehmen, wie ich auf die meine.«
»Wie soll man anders, als spöttisch, zu Ihnen reden, Prinz!«
»Und zuweilen sind Sie sogar hart und grausam, wie zum Beispiel gegen
die Schwester-Oberin im Dorotheen-Spital, die Sie so sehr in Verwirrung
setzten.«
»Oh, ich weiß wohl, daß ich ebenfalls meine Fehler habe und jemanden
nötig hätte, der mir hülfe, sie abzulegen.«
»Der will ich sein, Imma, wir wollen einander helfen …«
»Ich glaube nicht, daß wir einander helfen können, Prinz.«
»Doch, wir können es. Haben Sie nicht eben schon ernst und ganz ohne
Spott geredet? Was aber mich betrifft, so haben Sie ja schon nicht mehr
recht, wenn Sie sagen, daß es mir um gar nichts zu tun sei und nichts mir
am Herzen liege; denn um Sie, Imma, um Sie ist es mir zu tun, Sie liegen
mir am Herzen, und da es mir so unaussprechlich ernst mit der Sache ist, so
Meinung, aber Sie könnten ganz ebensogut eine andere äußern, denn in
Wirklichkeit haben Sie keine Meinung und keinen Glauben, und auf nichts
kommt es Ihnen an als auf Ihre Prinzenhaltung. Sie sagen zuweilen, Ihr
Beruf sei nicht leicht, aber da Sie mich herausgefordert haben, so will ich
Ihnen bemerken, daß er Ihnen leichter fallen würde, wenn Sie eine Meinung
und einen Glauben hätten, Prinz – das ist meine Meinung und mein Glaube.
Wie könnte man Vertrauen zu Ihnen haben. Nein, es ist nicht Vertrauen, was
Sie einflößen, sondern Kälte und Befangenheit, und wenn ich mir auch
Mühe gäbe, Ihnen näherzukommen, so würde mich diese Art von
Befangenheit und Unbeholfenheit daran hindern – jetzt habe ich
geantwortet.«
Er hatte ihr mit schmerzlicher Spannung zugehört, hatte mehrmals in ihr
bleiches Gesichtchen geblickt, während sie sprach, und dann wieder, wie sie
die Augen auf den Zügel gesenkt.
»Haben Sie Dank, Imma,« antwortete er nun, »daß Sie so ernst
gesprochen haben – denn Sie wissen wohl, daß Sie nicht immer so tun,
sondern meistens nur spottweise reden und auf Ihre Art die Dinge so wenig
ernst nehmen, wie ich auf die meine.«
»Wie soll man anders, als spöttisch, zu Ihnen reden, Prinz!«
»Und zuweilen sind Sie sogar hart und grausam, wie zum Beispiel gegen
die Schwester-Oberin im Dorotheen-Spital, die Sie so sehr in Verwirrung
setzten.«
»Oh, ich weiß wohl, daß ich ebenfalls meine Fehler habe und jemanden
nötig hätte, der mir hülfe, sie abzulegen.«
»Der will ich sein, Imma, wir wollen einander helfen …«
»Ich glaube nicht, daß wir einander helfen können, Prinz.«
»Doch, wir können es. Haben Sie nicht eben schon ernst und ganz ohne
Spott geredet? Was aber mich betrifft, so haben Sie ja schon nicht mehr
recht, wenn Sie sagen, daß es mir um gar nichts zu tun sei und nichts mir
am Herzen liege; denn um Sie, Imma, um Sie ist es mir zu tun, Sie liegen
mir am Herzen, und da es mir so unaussprechlich ernst mit der Sache ist, so
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kann es nicht fehlen, daß ich endlich Ihr Vertrauen gewinne. Wüßten Sie,
wie gerne ich das gehört habe, was Sie von Mühegeben und Näherkommen
sagten! Ja, geben Sie sich ein wenig Mühe und lassen Sie sich niemals mehr
von jener Art von Unbeholfenheit, oder was es ist, verwirren, die Sie mir
gegenüber so leicht empfinden! Ach, ich weiß ja, weiß es so schrecklich
gut, wie sehr ich schuld daran bin! Aber lachen Sie mich aus und sich
selbst, wenn ich Ihnen ein solches Gefühl erwecke und halten Sie zu mir!
Wollen Sie mir versprechen, daß Sie sich ein wenig Mühe geben werden?«
Aber Imma Spoelmann versprach nichts, sondern bestand nun endlich
auf ihrem Galopp, und noch manche Unterredung blieb ohne Ergebnis wie
diese.
Zuweilen, wenn Klaus Heinrich auf »Delphinenort« den Tee genommen
hatte, erging man sich im Park, der Prinz, Fräulein Spoelmann, die Gräfin
und Perceval. Der edle Collie hielt sich mit gesammelter Miene an Immas
Seite und Gräfin Löwenjoul zwei oder drei Schritte hinter den jungen
Herrschaften. Denn bald, nachdem man die Promenade angetreten, hatte sie
sich einen Augenblick verweilt, um mit gekrümmten und gespreizten
Fingern an einem Strauche zu nesteln, und den Abstand, welcher sich
dadurch hergestellt, hatte sie nicht ganz wieder ausgeglichen. So gingen
Klaus Heinrich und Imma vor ihr her und unterhandelten; war aber eine
gewisse Runde zurückgelegt, so machten sie kehrt, so daß sie nun also die
Gräfin zwei oder drei Schritte vor sich hatten, und dann unterstützte Klaus
Heinrich wohl seine rednerischen Bemühungen, indem er behutsam und
ohne hinzublicken Imma Spoelmanns schmale, schmucklose Hand von
ihrer Seite nahm und sie mit seinen beiden umfing, auch mit der linken, an
die er nicht dachte und die keine Hemmung mehr war wie beim
Repräsentieren – während er eindringlich fragte, ob sie sich Mühe gäbe und
Fortschritte gemacht habe im Vertrauen zu ihm. Nur ungern hörte er etwa,
daß sie studiert, der Algebra obgelegen und in den kühlen Gegenden
gespielt habe seit dem letzten Zusammensein, und bat sie herzlich, jetzt ihre
Bücher beiseitezulassen, welche sie nur zerstreuen und der Sache abwendig
machen könnten, der jetzt alle ihre Gedankenkräfte gewidmet sein müßten.
Er sprach auch von sich, von jener Ernüchterung und Befangenheit, die sein
Wesen ihrer Aussage nach einflößte, suchte sie zu erklären und so zu
entkräften. Er sprach von dem kalten, strengen und armen Dasein, das er bis
dahin geführt, schilderte ihr, wie alle stets dagewesen seien, um eben
wie gerne ich das gehört habe, was Sie von Mühegeben und Näherkommen
sagten! Ja, geben Sie sich ein wenig Mühe und lassen Sie sich niemals mehr
von jener Art von Unbeholfenheit, oder was es ist, verwirren, die Sie mir
gegenüber so leicht empfinden! Ach, ich weiß ja, weiß es so schrecklich
gut, wie sehr ich schuld daran bin! Aber lachen Sie mich aus und sich
selbst, wenn ich Ihnen ein solches Gefühl erwecke und halten Sie zu mir!
Wollen Sie mir versprechen, daß Sie sich ein wenig Mühe geben werden?«
Aber Imma Spoelmann versprach nichts, sondern bestand nun endlich
auf ihrem Galopp, und noch manche Unterredung blieb ohne Ergebnis wie
diese.
Zuweilen, wenn Klaus Heinrich auf »Delphinenort« den Tee genommen
hatte, erging man sich im Park, der Prinz, Fräulein Spoelmann, die Gräfin
und Perceval. Der edle Collie hielt sich mit gesammelter Miene an Immas
Seite und Gräfin Löwenjoul zwei oder drei Schritte hinter den jungen
Herrschaften. Denn bald, nachdem man die Promenade angetreten, hatte sie
sich einen Augenblick verweilt, um mit gekrümmten und gespreizten
Fingern an einem Strauche zu nesteln, und den Abstand, welcher sich
dadurch hergestellt, hatte sie nicht ganz wieder ausgeglichen. So gingen
Klaus Heinrich und Imma vor ihr her und unterhandelten; war aber eine
gewisse Runde zurückgelegt, so machten sie kehrt, so daß sie nun also die
Gräfin zwei oder drei Schritte vor sich hatten, und dann unterstützte Klaus
Heinrich wohl seine rednerischen Bemühungen, indem er behutsam und
ohne hinzublicken Imma Spoelmanns schmale, schmucklose Hand von
ihrer Seite nahm und sie mit seinen beiden umfing, auch mit der linken, an
die er nicht dachte und die keine Hemmung mehr war wie beim
Repräsentieren – während er eindringlich fragte, ob sie sich Mühe gäbe und
Fortschritte gemacht habe im Vertrauen zu ihm. Nur ungern hörte er etwa,
daß sie studiert, der Algebra obgelegen und in den kühlen Gegenden
gespielt habe seit dem letzten Zusammensein, und bat sie herzlich, jetzt ihre
Bücher beiseitezulassen, welche sie nur zerstreuen und der Sache abwendig
machen könnten, der jetzt alle ihre Gedankenkräfte gewidmet sein müßten.
Er sprach auch von sich, von jener Ernüchterung und Befangenheit, die sein
Wesen ihrer Aussage nach einflößte, suchte sie zu erklären und so zu
entkräften. Er sprach von dem kalten, strengen und armen Dasein, das er bis
dahin geführt, schilderte ihr, wie alle stets dagewesen seien, um eben
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dazusein und zu schauen, indes es sein hoher Beruf gewesen, sich zu zeigen
und geschaut zu werden, was das weitaus Schwerere war, und mühte sich
ab, sie recht erkennen zu lassen, daß eine Heilung von dem, wodurch er die
arme Gräfin am Schwatzen gehindert habe und sie selbst zu seinem
Kummer befremde – daß seine Heilung allein durch sie, nur eben einzig
durch sie zu bewirken und gänzlich in ihre Hand gegeben sei. Sie sah ihn
an, ihre übergroßen Augen schimmerten in dunklem Forschen, und man sah
wohl, daß sie kämpfte, auch sie. Aber dann schüttelte sie den Kopf oder
beendete das Gespräch, indem sie mit vorgeschobenen Lippen eine
Redensart anführte, über die sie sich lustig machte, unfähig, das Ja, um das
er flehte, diese unbestimmte und, wie die Dinge lagen, eigentlich zu nichts
verpflichtende Hingabe über sich zu gewinnen.
Sie hinderte ihn nicht, einmal oder zweimal in der Woche zu kommen,
hinderte ihn nicht, zu sprechen, ihr mit Bitten und Beteuerungen anzuliegen
und dann und wann ihre Hand zwischen den seinen zu halten. Allein sie
duldete nur, sie blieb unbewegt, ihre Entschließungsangst, diese Scheu, ihr
kühles und spöttisches Reich zu verlassen und sich zu ihm zu bekennen,
schien unüberwindlich, und es fehlte nicht, daß sie erschöpft und verzagt in
die Worte ausbrach: »Ach, Prinz, wir hätten einander niemals kennenlernen
sollen – das wäre das beste gewesen! Dann würden Sie nach wie vor
geruhig Ihrem hohen Berufe nachgehen, und auch ich hätte meinen Frieden,
und keines quälte den andern!« Es kostete Mühe, sie zum Widerruf zu
bestimmen, ihr das Zugeständnis abzugewinnen, daß sie es nicht unbedingt
bedauere, seine Bekanntschaft gemacht zu haben. Aber auf diese Weise
verging die Zeit. Der Sommer neigte sich, frühe Nachtfröste lösten die
Blätter noch grün von den Bäumen, Fatmes, Florians und Isabeaus Hufe
raschelten im roten und goldenen Laub, wenn man spazierenritt, der Herbst
kam mit Nebeln und herben Düften – und niemand hätte ein Ende, eine
irgend entscheidende Wendung der seltsam schwebenden Sache abzusehen
vermocht.
Das Verdienst, die Dinge auf den Boden der Wirklichkeit gestellt, den
Geschehnissen die Richtung zu einem glückseligen Ausgang gegeben zu
haben, wird immer dem hochgestellten Manne zugesprochen werden
müssen, der bis dahin eine gewisse Zurückhaltung beobachtet hatte, im
richtigen Augenblick aber mit behutsam fester Hand in die Ereignisse
und geschaut zu werden, was das weitaus Schwerere war, und mühte sich
ab, sie recht erkennen zu lassen, daß eine Heilung von dem, wodurch er die
arme Gräfin am Schwatzen gehindert habe und sie selbst zu seinem
Kummer befremde – daß seine Heilung allein durch sie, nur eben einzig
durch sie zu bewirken und gänzlich in ihre Hand gegeben sei. Sie sah ihn
an, ihre übergroßen Augen schimmerten in dunklem Forschen, und man sah
wohl, daß sie kämpfte, auch sie. Aber dann schüttelte sie den Kopf oder
beendete das Gespräch, indem sie mit vorgeschobenen Lippen eine
Redensart anführte, über die sie sich lustig machte, unfähig, das Ja, um das
er flehte, diese unbestimmte und, wie die Dinge lagen, eigentlich zu nichts
verpflichtende Hingabe über sich zu gewinnen.
Sie hinderte ihn nicht, einmal oder zweimal in der Woche zu kommen,
hinderte ihn nicht, zu sprechen, ihr mit Bitten und Beteuerungen anzuliegen
und dann und wann ihre Hand zwischen den seinen zu halten. Allein sie
duldete nur, sie blieb unbewegt, ihre Entschließungsangst, diese Scheu, ihr
kühles und spöttisches Reich zu verlassen und sich zu ihm zu bekennen,
schien unüberwindlich, und es fehlte nicht, daß sie erschöpft und verzagt in
die Worte ausbrach: »Ach, Prinz, wir hätten einander niemals kennenlernen
sollen – das wäre das beste gewesen! Dann würden Sie nach wie vor
geruhig Ihrem hohen Berufe nachgehen, und auch ich hätte meinen Frieden,
und keines quälte den andern!« Es kostete Mühe, sie zum Widerruf zu
bestimmen, ihr das Zugeständnis abzugewinnen, daß sie es nicht unbedingt
bedauere, seine Bekanntschaft gemacht zu haben. Aber auf diese Weise
verging die Zeit. Der Sommer neigte sich, frühe Nachtfröste lösten die
Blätter noch grün von den Bäumen, Fatmes, Florians und Isabeaus Hufe
raschelten im roten und goldenen Laub, wenn man spazierenritt, der Herbst
kam mit Nebeln und herben Düften – und niemand hätte ein Ende, eine
irgend entscheidende Wendung der seltsam schwebenden Sache abzusehen
vermocht.
Das Verdienst, die Dinge auf den Boden der Wirklichkeit gestellt, den
Geschehnissen die Richtung zu einem glückseligen Ausgang gegeben zu
haben, wird immer dem hochgestellten Manne zugesprochen werden
müssen, der bis dahin eine gewisse Zurückhaltung beobachtet hatte, im
richtigen Augenblick aber mit behutsam fester Hand in die Ereignisse
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eingriff. Es war Exzellenz von Knobelsdorff, Minister des Innern, des
Äußeren und des Großherzoglichen Hauses.
Oberlehrer Doktor Überbein hatte recht gehabt mit seiner Behauptung,
daß der Konseilpräsident sich über Klaus Heinrichs persönliche und
leidenschaftliche Schritte Bericht erstatten lasse. Mehr noch: der alte Herr,
wohl bedient durch intelligente und spürgewandte Unterbeamte, befand sich
genau auf dem laufenden über die öffentliche Meinung, über die Rolle, die
Samuel Spoelmann und seine Tochter in der Einbildungskraft des Volkes
spielten, den königlichen Rang, den sie in seiner Vorstellung einnahmen,
über die gewaltige und abergläubige Spannung, mit der die Bevölkerung
den Verkehr zwischen den Schlössern »Eremitage« und »Delphinenort«
verfolgte, über die Volkstümlichkeit dieses Verkehrs, mit einem Wort, wie
sie für jeden, der sehen wollte, nicht nur in der Residenz, sondern im
ganzen Lande in Gerede und Gerüchten zutage trat. Ein bezeichnender
Zwischenfall genügte, um Herrn von Knobelsdorff seiner Sache sicher zu
machen.
Anfang Oktober nämlich – der Landtag war seit vierzehn Tagen eröffnet,
und die Mißhelligkeiten mit der Budgetkommission waren in vollem Gange
– erkrankte Imma Spoelmann, und zwar, wie es anfangs hieß, sehr schwer.
Es stellte sich heraus, daß das unvorsichtige Fräulein – Gott wußte, in
welcher Laune oder Stimmung – auf einem Spazierritt, den sie mit ihrer
Ehrendame unternommen, auf ihrer weißen Fatme gegen den heftigen
Nordostwind, der ging, einen Dauergalopp von beinahe einer halben Stunde
ertrotzt und eine Lungenerweiterung heimgebracht hatte, an der sie schier
zu ersticken drohte. Die Nachricht war nach wenigen Stunden in Umlauf.
Es hieß, das junge Mädchen schwebe in Lebensgefahr, was, wie sich zum
Glücke bald erwies, eine maßlose Übertreibung war. Allein wenn einem
Mitgliede des Hauses Grimmburg, wenn dem Großherzog selbst ein ernster
Unfall zugestoßen wäre, so hätte die Bestürzung, das allgemeine Mitgefühl
nicht größer sein können. Man sprach von nichts anderem. In den
geringeren Stadtgegenden, zum Beispiel in der Nähe des Dorotheen-
Kinderspitals, standen gegen Abend die Frauen vor ihren Haustüren,
preßten die flachen Hände gegen den Busen und keuchten, um einander
deutlich zu machen, wie es sei, wenn einem der Atem fehle. Die
Abendblätter brachten über den Zustand Fräulein Spoelmanns eingehende
und medizinisch sachkundige Mitteilungen, die von Hand zu Hand gereicht,
Äußeren und des Großherzoglichen Hauses.
Oberlehrer Doktor Überbein hatte recht gehabt mit seiner Behauptung,
daß der Konseilpräsident sich über Klaus Heinrichs persönliche und
leidenschaftliche Schritte Bericht erstatten lasse. Mehr noch: der alte Herr,
wohl bedient durch intelligente und spürgewandte Unterbeamte, befand sich
genau auf dem laufenden über die öffentliche Meinung, über die Rolle, die
Samuel Spoelmann und seine Tochter in der Einbildungskraft des Volkes
spielten, den königlichen Rang, den sie in seiner Vorstellung einnahmen,
über die gewaltige und abergläubige Spannung, mit der die Bevölkerung
den Verkehr zwischen den Schlössern »Eremitage« und »Delphinenort«
verfolgte, über die Volkstümlichkeit dieses Verkehrs, mit einem Wort, wie
sie für jeden, der sehen wollte, nicht nur in der Residenz, sondern im
ganzen Lande in Gerede und Gerüchten zutage trat. Ein bezeichnender
Zwischenfall genügte, um Herrn von Knobelsdorff seiner Sache sicher zu
machen.
Anfang Oktober nämlich – der Landtag war seit vierzehn Tagen eröffnet,
und die Mißhelligkeiten mit der Budgetkommission waren in vollem Gange
– erkrankte Imma Spoelmann, und zwar, wie es anfangs hieß, sehr schwer.
Es stellte sich heraus, daß das unvorsichtige Fräulein – Gott wußte, in
welcher Laune oder Stimmung – auf einem Spazierritt, den sie mit ihrer
Ehrendame unternommen, auf ihrer weißen Fatme gegen den heftigen
Nordostwind, der ging, einen Dauergalopp von beinahe einer halben Stunde
ertrotzt und eine Lungenerweiterung heimgebracht hatte, an der sie schier
zu ersticken drohte. Die Nachricht war nach wenigen Stunden in Umlauf.
Es hieß, das junge Mädchen schwebe in Lebensgefahr, was, wie sich zum
Glücke bald erwies, eine maßlose Übertreibung war. Allein wenn einem
Mitgliede des Hauses Grimmburg, wenn dem Großherzog selbst ein ernster
Unfall zugestoßen wäre, so hätte die Bestürzung, das allgemeine Mitgefühl
nicht größer sein können. Man sprach von nichts anderem. In den
geringeren Stadtgegenden, zum Beispiel in der Nähe des Dorotheen-
Kinderspitals, standen gegen Abend die Frauen vor ihren Haustüren,
preßten die flachen Hände gegen den Busen und keuchten, um einander
deutlich zu machen, wie es sei, wenn einem der Atem fehle. Die
Abendblätter brachten über den Zustand Fräulein Spoelmanns eingehende
und medizinisch sachkundige Mitteilungen, die von Hand zu Hand gereicht,
Page 280
an den Familien- und Stammtischen verlesen, auf den Trambahnwagen
erörtert wurden. Man hatte den Berichterstatter des »Eilboten« per
Droschke nach »Delphinenort« jagen sehen, woselbst er in der Vorhalle mit
dem Mosaikfußboden von dem Spoelmannschen Butler abgefertigt worden
war und englisch mit ihm gesprochen hatte, obgleich es ihm nicht leicht
wurde. Übrigens war der Presse der Vorwurf nicht zu ersparen, daß sie die
Sache aufbauschte und unnötige Besorgnisse unterhielt. Es konnte
schlechterdings von keiner ernsten Gefahr die Rede sein. Sechs Tage
Bettruhe unter der Pflege des Spoelmannschen Leibarztes genügten, um die
Gefäßerweiterung zu beheben und des Fräuleins Lunge vollständig
wiederherzustellen. Aber diese sechs Tage genügten auch, um die
Bedeutung, welche die Spoelmanns und insonderheit Fräulein Immas
Person in unserer Öffentlichkeit gewonnen hatten, klar zutage treten zu
lassen. Allmorgendlich fanden sich die Abgesandten der Journale,
Beauftragte der allgemeinen Wißbegier, in der Mosaikhalle von
»Delphinenort« zusammen, um den knappen Tagesbericht des Butlers
entgegenzunehmen, den sie dann in jener breiten Verarbeitung, welche das
Publikum verlangte, in ihren Blättern anrichteten. Man las von duftenden
Grüßen und Genesungswünschen, die in »Delphinenort« eingetroffen seien,
übersandt von verschiedenen wohltätigen Anstalten, die Imma Spoelmann
besucht und mit reichen Stiftungen unterstützt hatte (und Witzbolde
merkten an, daß eigentlich die großherzogliche Steuerbehörde Gelegenheit
hätte nehmen müssen, auf ähnliche Art ihre Huldigung darzubringen). Man
las auch – und ließ die Zeitung sinken, um einander anzublicken – von einer
»prachtvollen« Blumenspende, die Prinz Klaus Heinrich nebst seiner Karte
habe übermitteln lassen – (während die Wahrheit war, daß der Prinz nicht
einmal, sondern täglich, solange Fräulein Spoelmann das Bett hütete,
Blumen nach »Delphinenort« sandte, was aber, um allzu große
Erschütterungen zu vermeiden, von den Wissenden verschwiegen wurde).
Man las ferner, daß die allbeliebte junge Patientin zum ersten Male das Bett
verlassen habe, und endlich wurde gemeldet, daß ihre erste Ausfahrt
unmittelbar bevorstehe. Diese Ausfahrt jedoch, die acht Tage nach des
Fräuleins Erkrankung an einem sonnigen Herbstvormittag stattfand, sollte
zu einer Gefühlsäußerung von seiten der Bevölkerung Veranlassung geben,
die von Leuten mit strengem Selbstbewußtsein sogar als zu weitgehend
bezeichnet wurde. Um das riesige, olivenfarben lackierte und mit
ziegelroten Lederpolstern ausgestattete Spoelmannsche Automobil nämlich,
erörtert wurden. Man hatte den Berichterstatter des »Eilboten« per
Droschke nach »Delphinenort« jagen sehen, woselbst er in der Vorhalle mit
dem Mosaikfußboden von dem Spoelmannschen Butler abgefertigt worden
war und englisch mit ihm gesprochen hatte, obgleich es ihm nicht leicht
wurde. Übrigens war der Presse der Vorwurf nicht zu ersparen, daß sie die
Sache aufbauschte und unnötige Besorgnisse unterhielt. Es konnte
schlechterdings von keiner ernsten Gefahr die Rede sein. Sechs Tage
Bettruhe unter der Pflege des Spoelmannschen Leibarztes genügten, um die
Gefäßerweiterung zu beheben und des Fräuleins Lunge vollständig
wiederherzustellen. Aber diese sechs Tage genügten auch, um die
Bedeutung, welche die Spoelmanns und insonderheit Fräulein Immas
Person in unserer Öffentlichkeit gewonnen hatten, klar zutage treten zu
lassen. Allmorgendlich fanden sich die Abgesandten der Journale,
Beauftragte der allgemeinen Wißbegier, in der Mosaikhalle von
»Delphinenort« zusammen, um den knappen Tagesbericht des Butlers
entgegenzunehmen, den sie dann in jener breiten Verarbeitung, welche das
Publikum verlangte, in ihren Blättern anrichteten. Man las von duftenden
Grüßen und Genesungswünschen, die in »Delphinenort« eingetroffen seien,
übersandt von verschiedenen wohltätigen Anstalten, die Imma Spoelmann
besucht und mit reichen Stiftungen unterstützt hatte (und Witzbolde
merkten an, daß eigentlich die großherzogliche Steuerbehörde Gelegenheit
hätte nehmen müssen, auf ähnliche Art ihre Huldigung darzubringen). Man
las auch – und ließ die Zeitung sinken, um einander anzublicken – von einer
»prachtvollen« Blumenspende, die Prinz Klaus Heinrich nebst seiner Karte
habe übermitteln lassen – (während die Wahrheit war, daß der Prinz nicht
einmal, sondern täglich, solange Fräulein Spoelmann das Bett hütete,
Blumen nach »Delphinenort« sandte, was aber, um allzu große
Erschütterungen zu vermeiden, von den Wissenden verschwiegen wurde).
Man las ferner, daß die allbeliebte junge Patientin zum ersten Male das Bett
verlassen habe, und endlich wurde gemeldet, daß ihre erste Ausfahrt
unmittelbar bevorstehe. Diese Ausfahrt jedoch, die acht Tage nach des
Fräuleins Erkrankung an einem sonnigen Herbstvormittag stattfand, sollte
zu einer Gefühlsäußerung von seiten der Bevölkerung Veranlassung geben,
die von Leuten mit strengem Selbstbewußtsein sogar als zu weitgehend
bezeichnet wurde. Um das riesige, olivenfarben lackierte und mit
ziegelroten Lederpolstern ausgestattete Spoelmannsche Automobil nämlich,
Page 281
das, mit einem jungen Chauffeur von angelsächsischem Gesichtsschnitt und
blasser, gesammelter Miene auf dem Bock, vor dem Hauptportal von
»Delphinenort« wartete, hatte sich eine größere Menschenansammlung
gebildet, und als Fräulein Spoelmann mit der Gräfin Löwenjoul und gefolgt
von einem deckentragenden Lakaien ins Freie trat, brachen tatsächlich, mit
Mützenschwenken und Tücherwehen, Hochrufe aus, die sich wiederholten
und andauerten, bis das Kraftfahrzeug sich unter dem Tosen der Hupe den
Weg durch das Gedränge gebahnt und die Manifestanten im Benzinbrodem
zurückgelassen hatte. Zuzugeben ist, daß die Gruppe der Schreier aus jenen
nicht sehr würdigen Elementen bestand, die sich bei solchen Gelegenheiten
zusammenzufinden pflegen: aus halbwüchsigen Burschen, einigen Frauen
mit Marktkörben, ein paar Schulkindern, Gaffern, Tagedieben und
Beschäftigungslosen verschiedener Art. Aber was ist das Volk und wie muß
es sich zusammensetzen, um maßgebend zu sein? Ferner ist eine
Behauptung nicht ganz mit Stillschweigen zu übergehen, die später von
höhnischen Charakteren verbreitet wurde und wonach unter der
Volksmenge um das Automobil ein im Solde des Herrn von Knobelsdorff
stehender Agent, Mitglied der geheimen Polizei, sich befunden hätte, der
die Hochrufe angestimmt und mit Fleiß unterhalten habe. Man kann das
dahinstellen und den Verkleinerern bedeutender Vorgänge ihre Genugtuung
gönnen. Geringsten Falles, das heißt, wenn die Angabe jener Leute zutraf,
hatte es sich um die mechanische Auslösung von Empfindungen gehandelt,
die eben lebendig vorhanden sein mußten, um ausgelöst werden zu können.
Jedenfalls verfehlte dieser Auftritt, der natürlich in der Tagespresse
ausführlich geschildert wurde, auf niemanden seine Wirkung, und für
Personen mit einigem Scharfblick für den Zusammenhang der Dinge
unterlag es keinem Zweifel, daß eine weitere Nachricht, die wenige Tage
darauf die Gemüter beschäftigte, zu all diesen Erscheinungen und Anzeigen
in tiefer Beziehung stehen müsse.
Die Meldung lautete dahin, daß Seine Königliche Hoheit Prinz Klaus
Heinrich Seine Exzellenz den Herrn Staatsminister von Knobelsdorff auf
Schloß »Eremitage« in einer Audienz empfangen habe, die ohne
Unterbrechung von drei Uhr nachmittags bis sieben Uhr abends gedauert
habe. Geschlagene vier Stunden lang! Um was hatte es sich gehandelt? Um
den nächsten Hofball doch nicht? Nun, es war unter anderem auch von dem
Hofball die Rede gewesen.
blasser, gesammelter Miene auf dem Bock, vor dem Hauptportal von
»Delphinenort« wartete, hatte sich eine größere Menschenansammlung
gebildet, und als Fräulein Spoelmann mit der Gräfin Löwenjoul und gefolgt
von einem deckentragenden Lakaien ins Freie trat, brachen tatsächlich, mit
Mützenschwenken und Tücherwehen, Hochrufe aus, die sich wiederholten
und andauerten, bis das Kraftfahrzeug sich unter dem Tosen der Hupe den
Weg durch das Gedränge gebahnt und die Manifestanten im Benzinbrodem
zurückgelassen hatte. Zuzugeben ist, daß die Gruppe der Schreier aus jenen
nicht sehr würdigen Elementen bestand, die sich bei solchen Gelegenheiten
zusammenzufinden pflegen: aus halbwüchsigen Burschen, einigen Frauen
mit Marktkörben, ein paar Schulkindern, Gaffern, Tagedieben und
Beschäftigungslosen verschiedener Art. Aber was ist das Volk und wie muß
es sich zusammensetzen, um maßgebend zu sein? Ferner ist eine
Behauptung nicht ganz mit Stillschweigen zu übergehen, die später von
höhnischen Charakteren verbreitet wurde und wonach unter der
Volksmenge um das Automobil ein im Solde des Herrn von Knobelsdorff
stehender Agent, Mitglied der geheimen Polizei, sich befunden hätte, der
die Hochrufe angestimmt und mit Fleiß unterhalten habe. Man kann das
dahinstellen und den Verkleinerern bedeutender Vorgänge ihre Genugtuung
gönnen. Geringsten Falles, das heißt, wenn die Angabe jener Leute zutraf,
hatte es sich um die mechanische Auslösung von Empfindungen gehandelt,
die eben lebendig vorhanden sein mußten, um ausgelöst werden zu können.
Jedenfalls verfehlte dieser Auftritt, der natürlich in der Tagespresse
ausführlich geschildert wurde, auf niemanden seine Wirkung, und für
Personen mit einigem Scharfblick für den Zusammenhang der Dinge
unterlag es keinem Zweifel, daß eine weitere Nachricht, die wenige Tage
darauf die Gemüter beschäftigte, zu all diesen Erscheinungen und Anzeigen
in tiefer Beziehung stehen müsse.
Die Meldung lautete dahin, daß Seine Königliche Hoheit Prinz Klaus
Heinrich Seine Exzellenz den Herrn Staatsminister von Knobelsdorff auf
Schloß »Eremitage« in einer Audienz empfangen habe, die ohne
Unterbrechung von drei Uhr nachmittags bis sieben Uhr abends gedauert
habe. Geschlagene vier Stunden lang! Um was hatte es sich gehandelt? Um
den nächsten Hofball doch nicht? Nun, es war unter anderem auch von dem
Hofball die Rede gewesen.
Page 282
Herr von Knobelsdorff hatte seine Bitte um eine vertrauliche
Unterredung dem Prinzen gelegentlich der Hofjagd vorgetragen, die am
zehnten Oktober bei Schloß »Jägerpreis« in den westlichen Waldungen
abgehalten worden und an welcher Klaus Heinrich, gleich seinen
rotköpfigen Vettern, in grüner Uniform, Kerbhut und Stulpenstiefeln,
behängt mit Feldstecher, Hirschfänger, Jagdmesser, Patronengürtel und
Pistolentasche, sich beteiligt hatte. Herr von Braunbart-Schellendorf war zu
Rate gezogen und die Besprechung auf die dritte Nachmittagsstunde des
zwölften Oktobertages angesetzt worden. Übrigens hatte Klaus Heinrich
sich erboten, seinerseits den alten Herrn in dessen Amtswohnung
aufzusuchen, aber Herr von Knobelsdorff hatte es vorgezogen, nach
»Eremitage« zu kommen, und kam pünktlich, empfangen mit all der
Verbindlichkeit und Wärme, die Klaus Heinrich gegenüber dem betagten
Ratgeber seines Vaters und Bruders durch die Form als geboten erachtete.
Jener nüchterne kleine Salon, in welchem die drei schönen Empirefauteuils
in Mahagoni mit der bläulichen Lyrastickerei auf gelbem Grunde standen,
war der Schauplatz der Unterhaltung.
Wiewohl den Siebzig nicht mehr fern, war Exzellenz von Knobelsdorff
rüstig in körperlichem wie in geistigem Betracht. Sein Gehrock zeigte nicht
eine Greisenfalte, sondern umspannte prall und bestens ausgefüllt den
gedrungenen und freundlich gepolsterten Körper eines Mannes von
glücklicher Gemütsart. Sein voll erhaltenes, in der Mitte glattgescheiteltes
Haupthaar war von reinem Weiß wie der gestutzte Schnurrbart, sein Kinn
durch einen Einschnitt, der als Grübchen gelten konnte, sympathisch
gespalten. Die fächerförmig angeordneten Fältchen an seinen äußeren
Augenwinkeln trieben ihr Spiel wie vorzeiten; ja, sie hatten mit den Jahren
noch kleine Abzweigungen und Nebenlinien erhalten, so, daß dies vielfache
und rege Runzelwerk seinen blauen Augen den beständigen Ausdruck
launiger Verschlagenheit verlieh. – Klaus Heinrich war Herrn von
Knobelsdorff zugetan, ohne daß ein näheres Verhältnis zwischen ihnen
bestanden hätte. Der Staatsminister hatte zwar des Prinzen Lebensgang
überwacht und geleitet, hatte anfänglich den Schulrat Dröge zu seinem
ersten Lehrer bestimmt, dann das Fasanenkonvikt für ihn ins Leben
gerufen, ihn später mit Doktor Überbein auf die Universität geschickt, auch
seinen scheinbaren militärischen Dienst geregelt und ihm sogar Schloß
»Eremitage« zur Wohnung bestimmt – aber alles nur unmittelbar und bei
Unterredung dem Prinzen gelegentlich der Hofjagd vorgetragen, die am
zehnten Oktober bei Schloß »Jägerpreis« in den westlichen Waldungen
abgehalten worden und an welcher Klaus Heinrich, gleich seinen
rotköpfigen Vettern, in grüner Uniform, Kerbhut und Stulpenstiefeln,
behängt mit Feldstecher, Hirschfänger, Jagdmesser, Patronengürtel und
Pistolentasche, sich beteiligt hatte. Herr von Braunbart-Schellendorf war zu
Rate gezogen und die Besprechung auf die dritte Nachmittagsstunde des
zwölften Oktobertages angesetzt worden. Übrigens hatte Klaus Heinrich
sich erboten, seinerseits den alten Herrn in dessen Amtswohnung
aufzusuchen, aber Herr von Knobelsdorff hatte es vorgezogen, nach
»Eremitage« zu kommen, und kam pünktlich, empfangen mit all der
Verbindlichkeit und Wärme, die Klaus Heinrich gegenüber dem betagten
Ratgeber seines Vaters und Bruders durch die Form als geboten erachtete.
Jener nüchterne kleine Salon, in welchem die drei schönen Empirefauteuils
in Mahagoni mit der bläulichen Lyrastickerei auf gelbem Grunde standen,
war der Schauplatz der Unterhaltung.
Wiewohl den Siebzig nicht mehr fern, war Exzellenz von Knobelsdorff
rüstig in körperlichem wie in geistigem Betracht. Sein Gehrock zeigte nicht
eine Greisenfalte, sondern umspannte prall und bestens ausgefüllt den
gedrungenen und freundlich gepolsterten Körper eines Mannes von
glücklicher Gemütsart. Sein voll erhaltenes, in der Mitte glattgescheiteltes
Haupthaar war von reinem Weiß wie der gestutzte Schnurrbart, sein Kinn
durch einen Einschnitt, der als Grübchen gelten konnte, sympathisch
gespalten. Die fächerförmig angeordneten Fältchen an seinen äußeren
Augenwinkeln trieben ihr Spiel wie vorzeiten; ja, sie hatten mit den Jahren
noch kleine Abzweigungen und Nebenlinien erhalten, so, daß dies vielfache
und rege Runzelwerk seinen blauen Augen den beständigen Ausdruck
launiger Verschlagenheit verlieh. – Klaus Heinrich war Herrn von
Knobelsdorff zugetan, ohne daß ein näheres Verhältnis zwischen ihnen
bestanden hätte. Der Staatsminister hatte zwar des Prinzen Lebensgang
überwacht und geleitet, hatte anfänglich den Schulrat Dröge zu seinem
ersten Lehrer bestimmt, dann das Fasanenkonvikt für ihn ins Leben
gerufen, ihn später mit Doktor Überbein auf die Universität geschickt, auch
seinen scheinbaren militärischen Dienst geregelt und ihm sogar Schloß
»Eremitage« zur Wohnung bestimmt – aber alles nur unmittelbar und bei
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seltener persönlicher Berührung; ja, wenn Herr von Knobelsdorff in jenen
Erziehungsjahren mit Klaus Heinrich zusammengetroffen war, so hatte er
sich wohl gar nach des Prinzen Entschließungen und Zukunftsplänen
untertänigst erkundigt, als wüßte er nichts davon, und vielleicht war es
gerade diese von beiden Seiten standhaft aufrechterhaltene Fiktion, die den
Verkehr durchaus in den Schranken des Förmlichen gehalten hatte.
Herr von Knobelsdorff, der in bequemer und dennoch ehrerbietiger
Haltung die Führung des Gesprächs übernommen hatte, während Klaus
Heinrich die Absichten dieses Besuches zu erraten suchte, plauderte
zunächst von der vorgestrigen Hofjagd, tat einen behaglichen Rückblick auf
die Strecke und erwähnte dann von ungefähr seines vortrefflichen Kollegen
von den Finanzen, Dr. Krippenreuthers, der ebenfalls an dem Jagen
teilgenommen und dessen schlechtes Aussehen er beklagte. Herr
Krippenreuther habe bei »Jägerpreis« wahrhaftig nichts als Fehlschüsse
getan. »Ja, Sorgen machen die Hand nicht sicher«, bemerkte Herr von
Knobelsdorff und legte so dem Prinzen das Stichwort zu einer knappen
Kennzeichnung dieser Sorgen in den Mund. Er sprach von dem »nicht
unerheblichen« Fehlbetrag des Hauptvoranschlages, von des Ministers
Mißhelligkeiten mit der Budgetkommission, der neuen Vermögenssteuer,
dem Steuerfuß von dreizehneinhalb und dem wütenden Widerstande der
städtischen Vertreter, von der vorsintflutlichen Fleischsteuer und dem
Hungerschrei der Beamten; und Klaus Heinrich, anfänglich befremdet von
soviel Sachlichkeit, hörte ihm mit ernstem und eifrigem Kopfnicken zu.
Die beiden Herren, der alte und der junge, saßen nebeneinander auf einer
schmächtigen und ein wenig harten Sofabank mit gelbem Tuchbezug und
kranzförmigen Messingbeschlägen, die, hinter dem Rundtisch, der
schmalen Glastür gegenüberstand, die auf die Terrasse führte und hinter
welcher der halbentblätterte Park mit dem Ententeich im Herbstnebel
verschwamm. Der niedrige, schlichtweiße Kachelofen, in dem ein Feuer
knisterte, verbreitete in dem streng und karg möblierten Zimmer eine linde
Wärme, und Klaus Heinrich, nicht völlig imstande, den politischen
Ausführungen zu folgen, doch stolz und glücklich, von dem erfahrenen
Würdenträger so ernst unterhalten zu werden, fühlte sich mehr und mehr
von einer dankbaren, vertrauensvollen Stimmung umfangen. Herr von
Knobelsdorff sprach angenehm über die unangenehmsten Dinge, seine
Stimme war wohltuend, das Gefüge seiner Rede gewandt und
Erziehungsjahren mit Klaus Heinrich zusammengetroffen war, so hatte er
sich wohl gar nach des Prinzen Entschließungen und Zukunftsplänen
untertänigst erkundigt, als wüßte er nichts davon, und vielleicht war es
gerade diese von beiden Seiten standhaft aufrechterhaltene Fiktion, die den
Verkehr durchaus in den Schranken des Förmlichen gehalten hatte.
Herr von Knobelsdorff, der in bequemer und dennoch ehrerbietiger
Haltung die Führung des Gesprächs übernommen hatte, während Klaus
Heinrich die Absichten dieses Besuches zu erraten suchte, plauderte
zunächst von der vorgestrigen Hofjagd, tat einen behaglichen Rückblick auf
die Strecke und erwähnte dann von ungefähr seines vortrefflichen Kollegen
von den Finanzen, Dr. Krippenreuthers, der ebenfalls an dem Jagen
teilgenommen und dessen schlechtes Aussehen er beklagte. Herr
Krippenreuther habe bei »Jägerpreis« wahrhaftig nichts als Fehlschüsse
getan. »Ja, Sorgen machen die Hand nicht sicher«, bemerkte Herr von
Knobelsdorff und legte so dem Prinzen das Stichwort zu einer knappen
Kennzeichnung dieser Sorgen in den Mund. Er sprach von dem »nicht
unerheblichen« Fehlbetrag des Hauptvoranschlages, von des Ministers
Mißhelligkeiten mit der Budgetkommission, der neuen Vermögenssteuer,
dem Steuerfuß von dreizehneinhalb und dem wütenden Widerstande der
städtischen Vertreter, von der vorsintflutlichen Fleischsteuer und dem
Hungerschrei der Beamten; und Klaus Heinrich, anfänglich befremdet von
soviel Sachlichkeit, hörte ihm mit ernstem und eifrigem Kopfnicken zu.
Die beiden Herren, der alte und der junge, saßen nebeneinander auf einer
schmächtigen und ein wenig harten Sofabank mit gelbem Tuchbezug und
kranzförmigen Messingbeschlägen, die, hinter dem Rundtisch, der
schmalen Glastür gegenüberstand, die auf die Terrasse führte und hinter
welcher der halbentblätterte Park mit dem Ententeich im Herbstnebel
verschwamm. Der niedrige, schlichtweiße Kachelofen, in dem ein Feuer
knisterte, verbreitete in dem streng und karg möblierten Zimmer eine linde
Wärme, und Klaus Heinrich, nicht völlig imstande, den politischen
Ausführungen zu folgen, doch stolz und glücklich, von dem erfahrenen
Würdenträger so ernst unterhalten zu werden, fühlte sich mehr und mehr
von einer dankbaren, vertrauensvollen Stimmung umfangen. Herr von
Knobelsdorff sprach angenehm über die unangenehmsten Dinge, seine
Stimme war wohltuend, das Gefüge seiner Rede gewandt und
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einschmeichelnd – und plötzlich ward Klaus Heinrich gewahr, daß er das
wirtschaftliche Gebiet verlassen hatte und von den Sorgen Doktor
Krippenreuthers auf sein eigenes, Klaus Heinrichs, Befinden übergegangen
war. Täuschte sich Herr von Knobelsdorff? Seine Augen fingen an, ihn
zuweilen im Stiche zu lassen. Aber ihm wollte scheinen, als sei auch das
Aussehen Seiner Königlichen Hoheit schon besser, schon frischer, schon
heiterer gewesen. Eine Müdigkeit, ein Zug von Kummer sei unverkennbar
… Herr von Knobelsdorff fürchte zudringlich zu erscheinen; aber er müsse
hoffen, daß diesen Anzeichen keine ernstliche Beschwerde des Körpers
oder Gemütes zugrunde liege?
Klaus Heinrich schaute in den Nebel hinaus. Noch war sein Blick
verschlossen; aber obgleich er in unnachlässig gesammelter und
gegenwärtiger Haltung wie immer, die Füße gekreuzt, die rechte Hand über
der linken, den Oberkörper Herrn von Knobelsdorff zugewandt auf dem
harten Sofa saß, so spannte seine innere Haltung sich doch ab in dieser
Stunde, und ermattet wie er war von seinen seltsam zarten und
ergebnislosen Kämpfen, fehlte nicht viel, daß seine Augen sich mit Tränen
gefüllt hätten. Er war so sehr allein und unberaten. Doktor Überbein hielt
sich neuerdings fern von »Eremitage« … Klaus Heinrich sagte noch: »Ach,
Exzellenz, das würde zu weit führen.«
Aber Herr von Knobelsdorff antwortete: »Zu weit? Nein, fürchten
Königliche Hoheit nicht allzu ausführlich sein zu müssen. Ich bekenne, daß
ich über Euerer Königlichen Hoheit Erlebnisse unterrichteter bin, als ich
mir eben den Anschein gab. Königliche Hoheit werden mir, abgesehen von
jenen Feinheiten und Einzelheiten, die das Gerücht nicht aufzunehmen
vermag, kaum etwas Neues mitzuteilen haben. Aber wenn es Euerer
Königlichen Hoheit wohltun könnte, einem alten Diener, der Sie auf seinen
Armen getragen, Ihr Herz auszuschütten … vielleicht, daß ich nicht ganz
und gar unfähig wäre, Euerer Königlichen Hoheit mit Rat und Tat zur Seite
zu stehen.«
Da geschah's, daß alles in Klaus Heinrichs Brust sich löste und sich als
Bekenntnis gewaltig ergoß, daß er Herrn von Knobelsdorff das Ganze
erzählte. Er erzählte, wie man erzählt, wenn das Herz einem voll ist und
alles auf einmal sich über die Lippen drängt: nicht gerade sehr planmäßig,
nicht sehr der Reihe nach und bei Unwesentlichkeiten über Gebühr
wirtschaftliche Gebiet verlassen hatte und von den Sorgen Doktor
Krippenreuthers auf sein eigenes, Klaus Heinrichs, Befinden übergegangen
war. Täuschte sich Herr von Knobelsdorff? Seine Augen fingen an, ihn
zuweilen im Stiche zu lassen. Aber ihm wollte scheinen, als sei auch das
Aussehen Seiner Königlichen Hoheit schon besser, schon frischer, schon
heiterer gewesen. Eine Müdigkeit, ein Zug von Kummer sei unverkennbar
… Herr von Knobelsdorff fürchte zudringlich zu erscheinen; aber er müsse
hoffen, daß diesen Anzeichen keine ernstliche Beschwerde des Körpers
oder Gemütes zugrunde liege?
Klaus Heinrich schaute in den Nebel hinaus. Noch war sein Blick
verschlossen; aber obgleich er in unnachlässig gesammelter und
gegenwärtiger Haltung wie immer, die Füße gekreuzt, die rechte Hand über
der linken, den Oberkörper Herrn von Knobelsdorff zugewandt auf dem
harten Sofa saß, so spannte seine innere Haltung sich doch ab in dieser
Stunde, und ermattet wie er war von seinen seltsam zarten und
ergebnislosen Kämpfen, fehlte nicht viel, daß seine Augen sich mit Tränen
gefüllt hätten. Er war so sehr allein und unberaten. Doktor Überbein hielt
sich neuerdings fern von »Eremitage« … Klaus Heinrich sagte noch: »Ach,
Exzellenz, das würde zu weit führen.«
Aber Herr von Knobelsdorff antwortete: »Zu weit? Nein, fürchten
Königliche Hoheit nicht allzu ausführlich sein zu müssen. Ich bekenne, daß
ich über Euerer Königlichen Hoheit Erlebnisse unterrichteter bin, als ich
mir eben den Anschein gab. Königliche Hoheit werden mir, abgesehen von
jenen Feinheiten und Einzelheiten, die das Gerücht nicht aufzunehmen
vermag, kaum etwas Neues mitzuteilen haben. Aber wenn es Euerer
Königlichen Hoheit wohltun könnte, einem alten Diener, der Sie auf seinen
Armen getragen, Ihr Herz auszuschütten … vielleicht, daß ich nicht ganz
und gar unfähig wäre, Euerer Königlichen Hoheit mit Rat und Tat zur Seite
zu stehen.«
Da geschah's, daß alles in Klaus Heinrichs Brust sich löste und sich als
Bekenntnis gewaltig ergoß, daß er Herrn von Knobelsdorff das Ganze
erzählte. Er erzählte, wie man erzählt, wenn das Herz einem voll ist und
alles auf einmal sich über die Lippen drängt: nicht gerade sehr planmäßig,
nicht sehr der Reihe nach und bei Unwesentlichkeiten über Gebühr
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verweilend, aber höchst eindringlich und mit jener Körperlichkeit, die das
Erzeugnis leidenschaftlicher Anschauung ist. Er fing in der Mitte an, sprang
unversehens zum Anfang, hastete dem Ende zu (das nicht vorhanden war),
überstürzte sich und rannte sich mehr als einmal verzweifelt fest. Aber
Herrn von Knobelsdorffs Vorkenntnisse erleichterten ihm die Übersicht, sie
setzten ihn instand, durch förderliche Zwischenfragen das Schifflein wieder
flottzumachen – und endlich lag das Bild von Klaus Heinrichs Erlebnissen
mit allen seinen Personen und Vorgängen, mit den Gestalten Samuel
Spoelmanns, der verwirrten Gräfin Löwenjoul, ja selbst des edlen Collies
Perceval und namentlich derjenigen Imma Spoelmanns in all ihrer
Schwierigkeit, vollendet und lückenlos zur Beratung vor. Sogar des Stückes
Guttaperchapapier war ausführlich Erwähnung getan, denn Herr von
Knobelsdorff schien Gewicht darauf zu legen, und nichts war ausgelassen
zwischen jenem so eindrucksvollen Auftritt bei der Ablösung der
Schloßwache und den letzten innigen und quälenden Kämpfen zu Pferd und
zu Fuß. Klaus Heinrich war stark erhitzt, als er fertig war, und seine
stahlblauen, von den volkstümlichen Wangenknochen bedrängten Augen
standen in Tränen. Er hatte die Sofabank verlassen, wodurch er Herrn von
Knobelsdorff gezwungen hatte, sich ebenfalls zu erheben, und wollte der
Wärme wegen durchaus die Glastür zu der kleinen Veranda öffnen, was
aber Herr von Knobelsdorff mit dem Hinweis auf die große
Erkältungsgefahr verhinderte. Er richtete die untertänigste Bitte an den
Prinzen, sich wieder zu setzen, da Seine Königliche Hoheit sich der
Notwendigkeit einer ruhigen Erörterung der Sachlage nicht verschließen
könne. Und beide ließen sich wieder auf das wenig schwellende Polster
nieder.
Herr von Knobelsdorff überlegte eine Weile, und sein Gesicht war so
ernst, wie es mit seinem gespaltenen Kinn und seinen spielenden
Augenfältchen nur immer zu sein vermochte. Sein Schweigen brechend,
dankte er zunächst dem Prinzen bewegten Herzens für die hohe Ehre, die er
ihm durch sein Vertrauen erwiesen habe. Und unmittelbar im Anschluß
hieran war es, daß Herr von Knobelsdorff, unter Betonung jedes einzelnen
Wortes, die Erklärung abgab: Welche Stellungnahme der Prinz nun auch
immer in dieser Angelegenheit von ihm, dem Herrn von Knobelsdorff,
gewärtigt habe, so sei er, Herr von Knobelsdorff, jedenfalls nicht der Mann,
den Wünschen und Hoffnungen des Prinzen entgegen zu sein, vielmehr
Erzeugnis leidenschaftlicher Anschauung ist. Er fing in der Mitte an, sprang
unversehens zum Anfang, hastete dem Ende zu (das nicht vorhanden war),
überstürzte sich und rannte sich mehr als einmal verzweifelt fest. Aber
Herrn von Knobelsdorffs Vorkenntnisse erleichterten ihm die Übersicht, sie
setzten ihn instand, durch förderliche Zwischenfragen das Schifflein wieder
flottzumachen – und endlich lag das Bild von Klaus Heinrichs Erlebnissen
mit allen seinen Personen und Vorgängen, mit den Gestalten Samuel
Spoelmanns, der verwirrten Gräfin Löwenjoul, ja selbst des edlen Collies
Perceval und namentlich derjenigen Imma Spoelmanns in all ihrer
Schwierigkeit, vollendet und lückenlos zur Beratung vor. Sogar des Stückes
Guttaperchapapier war ausführlich Erwähnung getan, denn Herr von
Knobelsdorff schien Gewicht darauf zu legen, und nichts war ausgelassen
zwischen jenem so eindrucksvollen Auftritt bei der Ablösung der
Schloßwache und den letzten innigen und quälenden Kämpfen zu Pferd und
zu Fuß. Klaus Heinrich war stark erhitzt, als er fertig war, und seine
stahlblauen, von den volkstümlichen Wangenknochen bedrängten Augen
standen in Tränen. Er hatte die Sofabank verlassen, wodurch er Herrn von
Knobelsdorff gezwungen hatte, sich ebenfalls zu erheben, und wollte der
Wärme wegen durchaus die Glastür zu der kleinen Veranda öffnen, was
aber Herr von Knobelsdorff mit dem Hinweis auf die große
Erkältungsgefahr verhinderte. Er richtete die untertänigste Bitte an den
Prinzen, sich wieder zu setzen, da Seine Königliche Hoheit sich der
Notwendigkeit einer ruhigen Erörterung der Sachlage nicht verschließen
könne. Und beide ließen sich wieder auf das wenig schwellende Polster
nieder.
Herr von Knobelsdorff überlegte eine Weile, und sein Gesicht war so
ernst, wie es mit seinem gespaltenen Kinn und seinen spielenden
Augenfältchen nur immer zu sein vermochte. Sein Schweigen brechend,
dankte er zunächst dem Prinzen bewegten Herzens für die hohe Ehre, die er
ihm durch sein Vertrauen erwiesen habe. Und unmittelbar im Anschluß
hieran war es, daß Herr von Knobelsdorff, unter Betonung jedes einzelnen
Wortes, die Erklärung abgab: Welche Stellungnahme der Prinz nun auch
immer in dieser Angelegenheit von ihm, dem Herrn von Knobelsdorff,
gewärtigt habe, so sei er, Herr von Knobelsdorff, jedenfalls nicht der Mann,
den Wünschen und Hoffnungen des Prinzen entgegen zu sein, vielmehr
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durchaus gemeint, Seiner Königlichen Hoheit die Wege zu dem ersehnten
Ziel nach besten Kräften zu ebnen.
Langes Stillschweigen. Klaus Heinrich blickte Herrn von Knobelsdorff
entgeistert in die Augen mit den strahlenartig angeordneten Fältchen. Er
hatte also Wünsche und Hoffnungen? Es gab also ein Ziel? Er wußte nicht,
was er hörte. Er sagte: »Exzellenz sind so freundlich …«
Da fügte Herr von Knobelsdorff seiner großen Erklärung etwas von einer
Bedingung hinzu und sagte: Unter einer Bedingung freilich nur dürfe er, als
erster Beamter des Staats, seinen bescheidenen Einfluß im Sinne Seiner
Königlichen Hoheit geltend machen …
Unter einer Bedingung?
»Unter der Bedingung, daß Euere Königliche Hoheit nicht in
eigennütziger und unbedeutender Weise nur auf Ihr eigenes Glück Bedacht
nehmen, sondern, wie Ihr hoher Beruf es von Ihnen fordert, Ihr persönliches
Schicksal aus dem Gesichtspunkt des großen Ganzen betrachten.«
Klaus Heinrich schwieg, und seine Augen waren schwer von
Nachdenken.
»Genehmigen Königliche Hoheit,« fuhr Herr von Knobelsdorff nach
einer Pause fort, »daß wir diese delikate und noch ganz unübersehbare
Angelegenheit auf eine Weile verlassen und uns allgemeineren
Gegenständen zuwenden! Dies ist eine Stunde des Vertrauens und der
gegenseitigen Verständigung … ich bitte ehrerbietigst, sie nutzen zu dürfen.
Königliche Hoheit sind durch Ihre erhabene Bestimmung dem rauhen
Getriebe der Wirklichkeit entrückt, durch schöne Vorkehrungen davon
geschieden. Ich werde nicht vergessen, daß dieses Getriebe nicht – oder
doch nur mittelbar – Euerer Königlichen Hoheit Sache ist. Dennoch scheint
mir der Augenblick gekommen, Euerer Königlichen Hoheit wenigstens ein
gewisses Gebiet dieser rauhen Welt, ganz um seiner selbst willen, zu
unmittelbarer Anschauung und Einsicht nahezubringen. Ich bitte im voraus
um gnädigste Verzeihung, wenn ich Euere Königliche Hoheit durch meine
Informationen innerlich hart berühren sollte …«
»Bitte, sprechen Sie, Exzellenz!« sagte Klaus Heinrich nicht ohne
Bestürzung. Unwillkürlich setzte er sich zurecht, wie man sich im Stuhle
Ziel nach besten Kräften zu ebnen.
Langes Stillschweigen. Klaus Heinrich blickte Herrn von Knobelsdorff
entgeistert in die Augen mit den strahlenartig angeordneten Fältchen. Er
hatte also Wünsche und Hoffnungen? Es gab also ein Ziel? Er wußte nicht,
was er hörte. Er sagte: »Exzellenz sind so freundlich …«
Da fügte Herr von Knobelsdorff seiner großen Erklärung etwas von einer
Bedingung hinzu und sagte: Unter einer Bedingung freilich nur dürfe er, als
erster Beamter des Staats, seinen bescheidenen Einfluß im Sinne Seiner
Königlichen Hoheit geltend machen …
Unter einer Bedingung?
»Unter der Bedingung, daß Euere Königliche Hoheit nicht in
eigennütziger und unbedeutender Weise nur auf Ihr eigenes Glück Bedacht
nehmen, sondern, wie Ihr hoher Beruf es von Ihnen fordert, Ihr persönliches
Schicksal aus dem Gesichtspunkt des großen Ganzen betrachten.«
Klaus Heinrich schwieg, und seine Augen waren schwer von
Nachdenken.
»Genehmigen Königliche Hoheit,« fuhr Herr von Knobelsdorff nach
einer Pause fort, »daß wir diese delikate und noch ganz unübersehbare
Angelegenheit auf eine Weile verlassen und uns allgemeineren
Gegenständen zuwenden! Dies ist eine Stunde des Vertrauens und der
gegenseitigen Verständigung … ich bitte ehrerbietigst, sie nutzen zu dürfen.
Königliche Hoheit sind durch Ihre erhabene Bestimmung dem rauhen
Getriebe der Wirklichkeit entrückt, durch schöne Vorkehrungen davon
geschieden. Ich werde nicht vergessen, daß dieses Getriebe nicht – oder
doch nur mittelbar – Euerer Königlichen Hoheit Sache ist. Dennoch scheint
mir der Augenblick gekommen, Euerer Königlichen Hoheit wenigstens ein
gewisses Gebiet dieser rauhen Welt, ganz um seiner selbst willen, zu
unmittelbarer Anschauung und Einsicht nahezubringen. Ich bitte im voraus
um gnädigste Verzeihung, wenn ich Euere Königliche Hoheit durch meine
Informationen innerlich hart berühren sollte …«
»Bitte, sprechen Sie, Exzellenz!« sagte Klaus Heinrich nicht ohne
Bestürzung. Unwillkürlich setzte er sich zurecht, wie man sich im Stuhle
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des Zahnarztes zurechtsetzt und seine Natur gegen einen schmerzhaften
Eingriff sammelt …
»Ungeteilte Aufmerksamkeit ist erforderlich«, sagte Herr von
Knobelsdorff beinahe streng. Und nun erfolgte, anknüpfend an die
Mißhelligkeiten mit der Budgetkommission, jener Vortrag, jene klare,
gründliche und ungeschminkte, mit Ziffern und eingeschobenen
Erläuterungen der Grundverhältnisse und Fachausdrücke wohlausgestattete
Belehrung und Unterrichtsstunde über die wirtschaftliche Lage des Landes,
des Staates, die dem Prinzen unser ganzes Leidwesen in unerbittlicher
Deutlichkeit vor Augen rückte. Selbstverständlich waren diese Dinge ihm
nicht vollkommen neu und fremd; vielmehr hatten sie ihm ja, seitdem er
repräsentierte, als Anlaß und Stoff zu jenen förmlichen Fragen gedient, die
er an Bürgermeister, Ackerbürger, hohe Beamte zu richten pflegte und
worauf er Antworten entgegennahm, die um ihrer selbst und nicht um der
Dinge willen gegeben wurden, auch wohl von dem Lächeln begleitet waren,
das er von klein auf kannte und welches »Du Reiner, Du Feiner!« besagte.
Aber noch nie war all das in dieser massigen und nackten Sachlichkeit auf
ihn eingedrungen, um in vollem Ernst seine Denkkraft in Anspruch zu
nehmen. Herr von Knobelsdorff begnügte sich keineswegs mit Klaus
Heinrichs gewohntem, eifrig ermunterndem Nicken; er nahm es genau, er
überhörte den jungen Mann, er ließ sich ganze Erläuterungen wiederholen,
er hielt ihn unnachsichtig im Banne des Gegenständlichen, und es war wie
ein Zeigefinger, der, faltig von trockener Haut, an dem einzelnen Punkte
haftete und nicht eher von der Stelle rückte, als bis man den Ausweis
wirklichen Verständnisses erbracht hatte.
Herr von Knobelsdorff begann bei den Grundlagen und sprach von dem
Lande und seinen wenig entwickelten Verhältnissen in bezug auf Handel
und Industrie, von dem Volk, Klaus Heinrichs Volk, diesem sinnigen und
biederen, gesunden und rückständigen Menschenschlage. Er sprach von den
mangelhaften Staatseinnahmen, den schlecht rentierenden Eisenbahnen, den
unzulänglichen Kohlenlagern. Er kam auf die Forst-, Jagd- und
Triftverwaltung, er sprach vom Walde, von den Überfällungen, der
übermäßigen Streuentnahme, den Krüppelbeständen, der gesunkenen
Forstrente. Dann ging er des näheren auf unsere Geldwirtschaft ein,
erörterte die natürliche Steueruntüchtigkeit des Volkes, kennzeichnete die
verwahrloste Finanzgebarung früherer Perioden. Und hierauf rückte die
Eingriff sammelt …
»Ungeteilte Aufmerksamkeit ist erforderlich«, sagte Herr von
Knobelsdorff beinahe streng. Und nun erfolgte, anknüpfend an die
Mißhelligkeiten mit der Budgetkommission, jener Vortrag, jene klare,
gründliche und ungeschminkte, mit Ziffern und eingeschobenen
Erläuterungen der Grundverhältnisse und Fachausdrücke wohlausgestattete
Belehrung und Unterrichtsstunde über die wirtschaftliche Lage des Landes,
des Staates, die dem Prinzen unser ganzes Leidwesen in unerbittlicher
Deutlichkeit vor Augen rückte. Selbstverständlich waren diese Dinge ihm
nicht vollkommen neu und fremd; vielmehr hatten sie ihm ja, seitdem er
repräsentierte, als Anlaß und Stoff zu jenen förmlichen Fragen gedient, die
er an Bürgermeister, Ackerbürger, hohe Beamte zu richten pflegte und
worauf er Antworten entgegennahm, die um ihrer selbst und nicht um der
Dinge willen gegeben wurden, auch wohl von dem Lächeln begleitet waren,
das er von klein auf kannte und welches »Du Reiner, Du Feiner!« besagte.
Aber noch nie war all das in dieser massigen und nackten Sachlichkeit auf
ihn eingedrungen, um in vollem Ernst seine Denkkraft in Anspruch zu
nehmen. Herr von Knobelsdorff begnügte sich keineswegs mit Klaus
Heinrichs gewohntem, eifrig ermunterndem Nicken; er nahm es genau, er
überhörte den jungen Mann, er ließ sich ganze Erläuterungen wiederholen,
er hielt ihn unnachsichtig im Banne des Gegenständlichen, und es war wie
ein Zeigefinger, der, faltig von trockener Haut, an dem einzelnen Punkte
haftete und nicht eher von der Stelle rückte, als bis man den Ausweis
wirklichen Verständnisses erbracht hatte.
Herr von Knobelsdorff begann bei den Grundlagen und sprach von dem
Lande und seinen wenig entwickelten Verhältnissen in bezug auf Handel
und Industrie, von dem Volk, Klaus Heinrichs Volk, diesem sinnigen und
biederen, gesunden und rückständigen Menschenschlage. Er sprach von den
mangelhaften Staatseinnahmen, den schlecht rentierenden Eisenbahnen, den
unzulänglichen Kohlenlagern. Er kam auf die Forst-, Jagd- und
Triftverwaltung, er sprach vom Walde, von den Überfällungen, der
übermäßigen Streuentnahme, den Krüppelbeständen, der gesunkenen
Forstrente. Dann ging er des näheren auf unsere Geldwirtschaft ein,
erörterte die natürliche Steueruntüchtigkeit des Volkes, kennzeichnete die
verwahrloste Finanzgebarung früherer Perioden. Und hierauf rückte die
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Ziffer der Staatsschulden an, die zu wiederholen Herr von Knobelsdorff den
Prinzen mehrmals nötigte. Es waren sechshundert Millionen. Der Unterricht
erstreckte sich weiter auf das Obligationenwesen, auf Zins- und
Rückzahlungsbedingungen, er kehrte zu Doktor Krippenreuthers
gegenwärtiger Bedrängnis zurück und schilderte die schwere Ungunst des
Augenblicks. An der Hand der »Zeitschrift des Statistischen Bureaus«, die
er plötzlich aus der Tasche zog, machte Herr von Knobelsdorff seinen
Schüler mit den Ernteergebnissen der letzten Jahre bekannt, zählte die
Unbilden auf, die den Mißwuchs gezeitigt hatten, bezeichnete die
Steuerausfälle, die er mit sich brachte, und erwähnte sogar der
unterernährten Gestalten auf dem Lande. Dann ging er zur Lage des
Geldmarktes im großen über, verbreitete sich über die Geldteuerung, die
allgemeine wirtschaftliche Verstimmung. Und Klaus Heinrich erfuhr von
dem Tiefstand des Kurses, der Unruhe der Gläubiger, dem Geldabfluß, den
Bankbrüchen; er sah unsern Kredit erschüttert, unsere Papiere entwertet und
begriff vollkommen, daß die Begebung einer neuen Anleihe beinahe
unmöglich war.
Die Dämmerung fiel ein, es war weit über fünf Uhr, als Herr von
Knobelsdorff seinen volkswirtschaftlichen Vortrag endigte. Um diese Zeit
pflegte Klaus Heinrich seinen Tee zu nehmen, aber er dachte nur ganz
vorübergehend daran, und von außen wagte niemand eine Unterredung zu
stören, deren Wichtigkeit sich in ihrer Zeitdauer zu erkennen gab. Klaus
Heinrich lauschte, lauschte. Er wußte noch kaum, wie sehr erschüttert er
war. Aber wie unterfing man sich eigentlich, ihm all das zu sagen? Nicht ein
einziges Mal hatte man ihn »Königliche Hoheit« genannt während dieses
Unterrichts, hatte ihm gewissermaßen Gewalt angetan und seine Reinheit
und Feinheit gröblich verletzt. Und doch war es gut, es erwärmte innerlich,
das alles zu hören und sich um der Sache willen darein vertiefen zu müssen
… Er vergaß, Licht machen zu lassen, so sehr war seine Aufmerksamkeit in
Anspruch genommen.
»Diese Umstände«, schloß Herr von Knobelsdorff, »waren es etwa, die
ich im Sinne hatte, als ich Euere Königliche Hoheit aufforderte, Ihr
persönliches Wünschen und Trachten stets im Lichte des Allgemeinen zu
sehen. Königliche Hoheit werden aus dieser Stunde und dem Inhalt, den ich
ihr geben durfte, Nutzen ziehen, ich zweifle nicht daran. Und in dieser
Prinzen mehrmals nötigte. Es waren sechshundert Millionen. Der Unterricht
erstreckte sich weiter auf das Obligationenwesen, auf Zins- und
Rückzahlungsbedingungen, er kehrte zu Doktor Krippenreuthers
gegenwärtiger Bedrängnis zurück und schilderte die schwere Ungunst des
Augenblicks. An der Hand der »Zeitschrift des Statistischen Bureaus«, die
er plötzlich aus der Tasche zog, machte Herr von Knobelsdorff seinen
Schüler mit den Ernteergebnissen der letzten Jahre bekannt, zählte die
Unbilden auf, die den Mißwuchs gezeitigt hatten, bezeichnete die
Steuerausfälle, die er mit sich brachte, und erwähnte sogar der
unterernährten Gestalten auf dem Lande. Dann ging er zur Lage des
Geldmarktes im großen über, verbreitete sich über die Geldteuerung, die
allgemeine wirtschaftliche Verstimmung. Und Klaus Heinrich erfuhr von
dem Tiefstand des Kurses, der Unruhe der Gläubiger, dem Geldabfluß, den
Bankbrüchen; er sah unsern Kredit erschüttert, unsere Papiere entwertet und
begriff vollkommen, daß die Begebung einer neuen Anleihe beinahe
unmöglich war.
Die Dämmerung fiel ein, es war weit über fünf Uhr, als Herr von
Knobelsdorff seinen volkswirtschaftlichen Vortrag endigte. Um diese Zeit
pflegte Klaus Heinrich seinen Tee zu nehmen, aber er dachte nur ganz
vorübergehend daran, und von außen wagte niemand eine Unterredung zu
stören, deren Wichtigkeit sich in ihrer Zeitdauer zu erkennen gab. Klaus
Heinrich lauschte, lauschte. Er wußte noch kaum, wie sehr erschüttert er
war. Aber wie unterfing man sich eigentlich, ihm all das zu sagen? Nicht ein
einziges Mal hatte man ihn »Königliche Hoheit« genannt während dieses
Unterrichts, hatte ihm gewissermaßen Gewalt angetan und seine Reinheit
und Feinheit gröblich verletzt. Und doch war es gut, es erwärmte innerlich,
das alles zu hören und sich um der Sache willen darein vertiefen zu müssen
… Er vergaß, Licht machen zu lassen, so sehr war seine Aufmerksamkeit in
Anspruch genommen.
»Diese Umstände«, schloß Herr von Knobelsdorff, »waren es etwa, die
ich im Sinne hatte, als ich Euere Königliche Hoheit aufforderte, Ihr
persönliches Wünschen und Trachten stets im Lichte des Allgemeinen zu
sehen. Königliche Hoheit werden aus dieser Stunde und dem Inhalt, den ich
ihr geben durfte, Nutzen ziehen, ich zweifle nicht daran. Und in dieser
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Zuversicht lassen Königliche Hoheit mich wieder auf Ihre engeren
Angelegenheiten zurückkommen.«
Herr von Knobelsdorff wartete, bis Klaus Heinrich mit der Hand ein
Zeichen seiner Zustimmung gegeben hatte, und fuhr dann fort: »Wenn
dieser Sache irgendwelche Zukunft beschieden sein soll, so ist es
erforderlich, daß sie sich nun zu einer neuen Entwicklungsstufe erhebt. Sie
stagniert, sie steht formlos und aussichtslos wie der Nebel draußen. Das ist
unleidlich. Man muß ihr Gestalt geben, muß sie verdichten, muß sie auch
für die Augen der Welt bestimmter umreißen …«
»Ganz so! Ganz so! Ihr Gestalt geben … sie verdichten … Das ist es!
Das ist unbedingt notwendig!« bestätigte Klaus Heinrich außer sich, wobei
er neuerdings das Sofa verließ und im Zimmer hin und her zu gehen
begann: »Aber wie? Sagen Exzellenz mir um Gottes willen, wie!«
»Der nächste äußere Fortschritt«, sagte Herr von Knobelsdorff und blieb
sitzen – so ungewöhnlich war die Stunde –, »muß dieser sein, daß man die
Spoelmanns bei Hofe sieht.«
Klaus Heinrich blieb stehen.
»Nie,« sagte er, »niemals, wie ich Herrn Spoelmann kenne, wird er zu
bewegen sein, zu Hofe zu gehen!«
»Was nicht ausschließt,« antwortete Herr von Knobelsdorff, »daß sein
Fräulein Tochter uns dieses Vergnügen machen wird. Wir sind nicht
allzuweit mehr vom Hofball entfernt – in Ihrer Hand liegt es, Königliche
Hoheit, Fräulein Spoelmann zur Teilnahme daran zu bestimmen. Ihre
Gesellschaftsdame ist Gräfin … sie soll nicht ohne Eigenheiten sein, aber
sie ist Gräfin, und das erleichtert die Sache. Wenn ich Euerer Königlichen
Hoheit versichere, daß der Hof es nicht an Entgegenkommen fehlen lassen
wird, so spreche ich im Einverständnis mit dem Herrn
Oberzeremonienmeister von Bühl zu Bühl …«
Und nun behandelte das Gespräch noch drei Viertelstunden lang
Placementfragen und die zeremoniellen Bedingungen, unter denen die
Einführung, die Vorstellung, würde zu vollziehen sein. Unerläßlich blieb die
Kartenabgabe bei der Oberhofmeisterin der Prinzessin Katharina, einer
verwitweten Gräfin Trümmerhauff, die bei den Festlichkeiten im Alten
Angelegenheiten zurückkommen.«
Herr von Knobelsdorff wartete, bis Klaus Heinrich mit der Hand ein
Zeichen seiner Zustimmung gegeben hatte, und fuhr dann fort: »Wenn
dieser Sache irgendwelche Zukunft beschieden sein soll, so ist es
erforderlich, daß sie sich nun zu einer neuen Entwicklungsstufe erhebt. Sie
stagniert, sie steht formlos und aussichtslos wie der Nebel draußen. Das ist
unleidlich. Man muß ihr Gestalt geben, muß sie verdichten, muß sie auch
für die Augen der Welt bestimmter umreißen …«
»Ganz so! Ganz so! Ihr Gestalt geben … sie verdichten … Das ist es!
Das ist unbedingt notwendig!« bestätigte Klaus Heinrich außer sich, wobei
er neuerdings das Sofa verließ und im Zimmer hin und her zu gehen
begann: »Aber wie? Sagen Exzellenz mir um Gottes willen, wie!«
»Der nächste äußere Fortschritt«, sagte Herr von Knobelsdorff und blieb
sitzen – so ungewöhnlich war die Stunde –, »muß dieser sein, daß man die
Spoelmanns bei Hofe sieht.«
Klaus Heinrich blieb stehen.
»Nie,« sagte er, »niemals, wie ich Herrn Spoelmann kenne, wird er zu
bewegen sein, zu Hofe zu gehen!«
»Was nicht ausschließt,« antwortete Herr von Knobelsdorff, »daß sein
Fräulein Tochter uns dieses Vergnügen machen wird. Wir sind nicht
allzuweit mehr vom Hofball entfernt – in Ihrer Hand liegt es, Königliche
Hoheit, Fräulein Spoelmann zur Teilnahme daran zu bestimmen. Ihre
Gesellschaftsdame ist Gräfin … sie soll nicht ohne Eigenheiten sein, aber
sie ist Gräfin, und das erleichtert die Sache. Wenn ich Euerer Königlichen
Hoheit versichere, daß der Hof es nicht an Entgegenkommen fehlen lassen
wird, so spreche ich im Einverständnis mit dem Herrn
Oberzeremonienmeister von Bühl zu Bühl …«
Und nun behandelte das Gespräch noch drei Viertelstunden lang
Placementfragen und die zeremoniellen Bedingungen, unter denen die
Einführung, die Vorstellung, würde zu vollziehen sein. Unerläßlich blieb die
Kartenabgabe bei der Oberhofmeisterin der Prinzessin Katharina, einer
verwitweten Gräfin Trümmerhauff, die bei den Festlichkeiten im Alten
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Schlosse der Damenwelt vorstand. Was aber den Akt der Vorstellung selbst
betraf, so hatte Herr von Knobelsdorff Zugeständnisse zu erwirken
verstanden, die einen geflissentlichen, ja herausfordernden Charakter
trugen. Es gab keinen amerikanischen Geschäftsträger am Orte – kein
Grund dafür, erklärte Herr von Knobelsdorff, die Damen durch den
erstbesten Kammerherrn präsentieren zu lassen: nein, der
Oberzeremonienmeister selbst bitte um die Ehre, sie dem Großherzog
vorstellen zu dürfen. Wann? An welchem Punkte der vorgeschriebenen
Reihenfolge? Nun, zweifellos, ungewöhnliche Umstände erforderten ein
Übriges. Zuerst also, an erster Stelle, v o r allen Neueingeladenen der
verschiedenen Hofrangklassen – Klaus Heinrich möge das Fräulein dieser
außerordentlichen Maßregel versichern. Es werde Gerede geben, Aufsehen
bei Hofe und in der Stadt. Aber gleichviel und um so besser. Aufsehen war
keineswegs unerwünscht, Aufsehen war nützlich, war notwendig …
Herr von Knobelsdorff ging. Es war so dunkel geworden, als er sich
verabschiedete, daß man einander kaum noch sah. Klaus Heinrich, der
dessen erst jetzt gewahr wurde, entschuldigte sich in einiger Verwirrung,
aber Herr von Knobelsdorff erklärte es für ganz unwesentlich, in welcher
Beleuchtung eine solche Unterredung stattfinde. Er nahm Klaus Heinrichs
Hand, die dieser ihm bot, und umfaßte sie mit seinen beiden. »Nie,« sagte
er warm – und dies waren seine letzten Worte, bevor er sich zurückzog –,
»nie war das Glück eines Fürsten von dem seines Landes unzertrennlicher.
Bei allem, was Euere Königliche Hoheit erwägen und tun, wollen Sie sich
gegenwärtig halten, daß Euerer Königlichen Hoheit Glück durch
Schicksalsfügung zur Bedingung der öffentlichen Wohlfahrt geworden ist,
daß aber auch Euere Königliche Hoheit Ihrerseits in der Wohlfahrt des
Landes die unerläßliche Bedingung und Rechtfertigung Ihres Glücks zu
erkennen haben.«
Heftig bewegt und noch außerstande, die Gedanken zu ordnen, die ihn
tausendfältig bestürmten, blieb Klaus Heinrich in seinen enthaltsamen
Empirestuben zurück.
Er verbrachte eine unruhvolle Nacht und machte am nächsten Vormittag
trotz unsichtigen und schleimigen Wetters einen einsamen, ausgedehnten
Spazierritt. Herr von Knobelsdorff hatte klar und reichlich geredet, hatte
Tatsachen gegeben und entgegengenommen; aber zur Verschmelzung,
betraf, so hatte Herr von Knobelsdorff Zugeständnisse zu erwirken
verstanden, die einen geflissentlichen, ja herausfordernden Charakter
trugen. Es gab keinen amerikanischen Geschäftsträger am Orte – kein
Grund dafür, erklärte Herr von Knobelsdorff, die Damen durch den
erstbesten Kammerherrn präsentieren zu lassen: nein, der
Oberzeremonienmeister selbst bitte um die Ehre, sie dem Großherzog
vorstellen zu dürfen. Wann? An welchem Punkte der vorgeschriebenen
Reihenfolge? Nun, zweifellos, ungewöhnliche Umstände erforderten ein
Übriges. Zuerst also, an erster Stelle, v o r allen Neueingeladenen der
verschiedenen Hofrangklassen – Klaus Heinrich möge das Fräulein dieser
außerordentlichen Maßregel versichern. Es werde Gerede geben, Aufsehen
bei Hofe und in der Stadt. Aber gleichviel und um so besser. Aufsehen war
keineswegs unerwünscht, Aufsehen war nützlich, war notwendig …
Herr von Knobelsdorff ging. Es war so dunkel geworden, als er sich
verabschiedete, daß man einander kaum noch sah. Klaus Heinrich, der
dessen erst jetzt gewahr wurde, entschuldigte sich in einiger Verwirrung,
aber Herr von Knobelsdorff erklärte es für ganz unwesentlich, in welcher
Beleuchtung eine solche Unterredung stattfinde. Er nahm Klaus Heinrichs
Hand, die dieser ihm bot, und umfaßte sie mit seinen beiden. »Nie,« sagte
er warm – und dies waren seine letzten Worte, bevor er sich zurückzog –,
»nie war das Glück eines Fürsten von dem seines Landes unzertrennlicher.
Bei allem, was Euere Königliche Hoheit erwägen und tun, wollen Sie sich
gegenwärtig halten, daß Euerer Königlichen Hoheit Glück durch
Schicksalsfügung zur Bedingung der öffentlichen Wohlfahrt geworden ist,
daß aber auch Euere Königliche Hoheit Ihrerseits in der Wohlfahrt des
Landes die unerläßliche Bedingung und Rechtfertigung Ihres Glücks zu
erkennen haben.«
Heftig bewegt und noch außerstande, die Gedanken zu ordnen, die ihn
tausendfältig bestürmten, blieb Klaus Heinrich in seinen enthaltsamen
Empirestuben zurück.
Er verbrachte eine unruhvolle Nacht und machte am nächsten Vormittag
trotz unsichtigen und schleimigen Wetters einen einsamen, ausgedehnten
Spazierritt. Herr von Knobelsdorff hatte klar und reichlich geredet, hatte
Tatsachen gegeben und entgegengenommen; aber zur Verschmelzung,
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Gestaltung und inneren Verarbeitung dieses vielfachen Rohstoffes hatte er
nur kurze, spruchartige Anleitungen gegeben, und es war schwere
Gedankenarbeit, die Klaus Heinrich zu leisten hatte, während er
nächtlicherweile wach lag und später, als er auf Florian spazierenritt.
Nach »Eremitage« zurückgekehrt, tat er etwas Merkwürdiges. Er schrieb
mit Bleistift auf ein Blättchen Papier eine Order, eine gewisse Bestellung,
und schickte den Kammerlakaien Neumann damit zur Stadt, zur
Akademischen Buchhandlung in der Universitätsstraße. Was Neumann,
schwer schleppend, zurückbrachte, war ein Ballen Bücher, die Klaus
Heinrich in seinem Arbeitszimmer ausbreiten ließ, und mit deren Lektüre er
sofort begann.
Es waren Werke von nüchternem und schulbuchmäßigem Aussehen, mit
Glanzpapierbacken, unschön geschmückten Lederrücken und rauhem
Papier, auf welchem der Inhalt peinlich nach Abschnitten,
Hauptabteilungen, Unterabteilungen und Paragraphen angeordnet war. Ihre
Titel waren nicht heiter. Es waren Lehr- und Handbücher der
Finanzwissenschaft, Ab- und Grundrisse der Staatswirtschaft, systematische
Darstellungen der politischen Ökonomie. Und mit diesen Schriften schloß
der Prinz sich in seinem Kabinett ein und gab Weisung, daß er auf keinen
Fall gestört zu werden wünsche.
Der Herbst war wässerig, und Klaus Heinrich fühlte sich wenig versucht,
die Eremitage zu verlassen. Am Sonnabend fuhr er ins Alte Schloß, um
Freiaudienzen zu gewähren; sonst war er diese Woche lang Herr seiner Zeit,
und er wußte Gebrauch davon zu machen. Angetan mit seiner Litewka, saß
er in der Wärme des niedrigen Kachelofens an seinem kleinen,
altmodischen und wenig benutzten Sekretär und las, die Schläfen in den
Händen, in seinen Finanzbüchern. Er las von den Staatsausgaben, und
worin sie nur immer bestanden, von den Einnahmen, und woher sie
glücklichenfalls flossen; er durchpflügte das ganze Steuerwesen in allen
seinen Kapiteln; er vergrub sich in die Lehre vom Finanzplan und Budget,
von der Bilanz, dem Überschuß und namentlich dem Defizit, er verweilte
am längsten und gründlichsten bei der Staatsschuld und ihren Arten, bei der
Anleihe, dem Verhältnis von Zins und Kapital und der Tilgung – und
zuweilen erhob er den Kopf vom Buche und träumte lächelnd von dem, was
er gelesen, als sei es die bunteste Poesie.
nur kurze, spruchartige Anleitungen gegeben, und es war schwere
Gedankenarbeit, die Klaus Heinrich zu leisten hatte, während er
nächtlicherweile wach lag und später, als er auf Florian spazierenritt.
Nach »Eremitage« zurückgekehrt, tat er etwas Merkwürdiges. Er schrieb
mit Bleistift auf ein Blättchen Papier eine Order, eine gewisse Bestellung,
und schickte den Kammerlakaien Neumann damit zur Stadt, zur
Akademischen Buchhandlung in der Universitätsstraße. Was Neumann,
schwer schleppend, zurückbrachte, war ein Ballen Bücher, die Klaus
Heinrich in seinem Arbeitszimmer ausbreiten ließ, und mit deren Lektüre er
sofort begann.
Es waren Werke von nüchternem und schulbuchmäßigem Aussehen, mit
Glanzpapierbacken, unschön geschmückten Lederrücken und rauhem
Papier, auf welchem der Inhalt peinlich nach Abschnitten,
Hauptabteilungen, Unterabteilungen und Paragraphen angeordnet war. Ihre
Titel waren nicht heiter. Es waren Lehr- und Handbücher der
Finanzwissenschaft, Ab- und Grundrisse der Staatswirtschaft, systematische
Darstellungen der politischen Ökonomie. Und mit diesen Schriften schloß
der Prinz sich in seinem Kabinett ein und gab Weisung, daß er auf keinen
Fall gestört zu werden wünsche.
Der Herbst war wässerig, und Klaus Heinrich fühlte sich wenig versucht,
die Eremitage zu verlassen. Am Sonnabend fuhr er ins Alte Schloß, um
Freiaudienzen zu gewähren; sonst war er diese Woche lang Herr seiner Zeit,
und er wußte Gebrauch davon zu machen. Angetan mit seiner Litewka, saß
er in der Wärme des niedrigen Kachelofens an seinem kleinen,
altmodischen und wenig benutzten Sekretär und las, die Schläfen in den
Händen, in seinen Finanzbüchern. Er las von den Staatsausgaben, und
worin sie nur immer bestanden, von den Einnahmen, und woher sie
glücklichenfalls flossen; er durchpflügte das ganze Steuerwesen in allen
seinen Kapiteln; er vergrub sich in die Lehre vom Finanzplan und Budget,
von der Bilanz, dem Überschuß und namentlich dem Defizit, er verweilte
am längsten und gründlichsten bei der Staatsschuld und ihren Arten, bei der
Anleihe, dem Verhältnis von Zins und Kapital und der Tilgung – und
zuweilen erhob er den Kopf vom Buche und träumte lächelnd von dem, was
er gelesen, als sei es die bunteste Poesie.
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Übrigens fand er, daß es nicht schwer war, das alles zu begreifen, wenn
man es darauf anlegte. Nein, diese ganze ernste Wirklichkeit, an der er nun
teilnahm, dies simple und plumpe Interessengefüge, dies Lehrgebäude platt
folgerichtiger Bedürfnisse und Notwendigkeiten, das zahllose gewöhnlich
geborene junge Leute in ihre lebenslustigen Köpfe zu nehmen hatten, um
ihre Examina darüber abzulegen – es war bei weitem so schwer nicht
beherrschbar, wie er in seiner Höhe geglaubt hatte. Repräsentieren, fand er,
war schwerer. Und viel, viel heikler und schwieriger waren seine Kämpfe
mit Imma Spoelmann, zu Pferd und zu Fuß. Doch machte es ihn warm und
froh, sein Studium, und er fühlte, daß er rote Backen bekam vor Eifer wie
sein Schwager zu Ried-Hohenried von seinem Torf.
Nachdem er so den Tatsachen, die er von Herrn von Knobelsdorff
empfangen, eine allgemeine und akademische Grundlage gegeben und auch
sonst im Knüpfen von inneren Beziehungen und im Abwägen von
Möglichkeiten eine bedeutende Gedankenarbeit verrichtet hatte, stellte er
sich wieder um die Teestunde auf »Delphinenort« ein. Die Glühbirnen der
löwenfüßigen Schaftkandelaber und der großen Kristallüster brannten im
Gartensalon. Die Damen waren allein.
Nach den ersten Fragen und Antworten über Herrn Spoelmanns Befinden
und Immas überstandene Unpäßlichkeit – Klaus Heinrich machte ihr
lebhafte Vorwürfe über ihr seltsames Ungestüm, worauf sie mit
vorgeschobenen Lippen erwiderte, daß sie, soviel ihr bekannt, ihr eigener
Herr sei und mit ihrer Gesundheit nach Belieben schalten könne – kam das
Gespräch auf den Herbst, auf die nasse Witterung, die das Reiten verbiete,
auf die vorgerückte Jahreszeit, den nahen Winter, und Klaus Heinrich
erwähnte von ungefähr des Hofballes, wobei es ihm einfiel, zu fragen, ob
denn die Damen – wenn leider Herr Spoelmann schon durch seinen
Gesundheitszustand verhindert sein würde – nicht Lust hätten, sich diesmal
daran zu beteiligen. Als aber Imma erwiderte: Nein, wirklich, die Absicht
einer Kränkung liege ihr fern, aber dazu habe sie schlechterdings nicht die
geringste Lust, drang er nicht in sie, sondern stellte die Frage vorläufig
gelassen zurück.
Was er getrieben habe die letzten Tage? – Oh, er sei beschäftigt gewesen,
er könne sagen, daß es Arbeit die Hülle und Fülle gegeben habe. – Arbeit?
Ohne Zweifel meine er die Hofjagd bei »Jägerpreis«. – Nun, die Hofjagd …
man es darauf anlegte. Nein, diese ganze ernste Wirklichkeit, an der er nun
teilnahm, dies simple und plumpe Interessengefüge, dies Lehrgebäude platt
folgerichtiger Bedürfnisse und Notwendigkeiten, das zahllose gewöhnlich
geborene junge Leute in ihre lebenslustigen Köpfe zu nehmen hatten, um
ihre Examina darüber abzulegen – es war bei weitem so schwer nicht
beherrschbar, wie er in seiner Höhe geglaubt hatte. Repräsentieren, fand er,
war schwerer. Und viel, viel heikler und schwieriger waren seine Kämpfe
mit Imma Spoelmann, zu Pferd und zu Fuß. Doch machte es ihn warm und
froh, sein Studium, und er fühlte, daß er rote Backen bekam vor Eifer wie
sein Schwager zu Ried-Hohenried von seinem Torf.
Nachdem er so den Tatsachen, die er von Herrn von Knobelsdorff
empfangen, eine allgemeine und akademische Grundlage gegeben und auch
sonst im Knüpfen von inneren Beziehungen und im Abwägen von
Möglichkeiten eine bedeutende Gedankenarbeit verrichtet hatte, stellte er
sich wieder um die Teestunde auf »Delphinenort« ein. Die Glühbirnen der
löwenfüßigen Schaftkandelaber und der großen Kristallüster brannten im
Gartensalon. Die Damen waren allein.
Nach den ersten Fragen und Antworten über Herrn Spoelmanns Befinden
und Immas überstandene Unpäßlichkeit – Klaus Heinrich machte ihr
lebhafte Vorwürfe über ihr seltsames Ungestüm, worauf sie mit
vorgeschobenen Lippen erwiderte, daß sie, soviel ihr bekannt, ihr eigener
Herr sei und mit ihrer Gesundheit nach Belieben schalten könne – kam das
Gespräch auf den Herbst, auf die nasse Witterung, die das Reiten verbiete,
auf die vorgerückte Jahreszeit, den nahen Winter, und Klaus Heinrich
erwähnte von ungefähr des Hofballes, wobei es ihm einfiel, zu fragen, ob
denn die Damen – wenn leider Herr Spoelmann schon durch seinen
Gesundheitszustand verhindert sein würde – nicht Lust hätten, sich diesmal
daran zu beteiligen. Als aber Imma erwiderte: Nein, wirklich, die Absicht
einer Kränkung liege ihr fern, aber dazu habe sie schlechterdings nicht die
geringste Lust, drang er nicht in sie, sondern stellte die Frage vorläufig
gelassen zurück.
Was er getrieben habe die letzten Tage? – Oh, er sei beschäftigt gewesen,
er könne sagen, daß es Arbeit die Hülle und Fülle gegeben habe. – Arbeit?
Ohne Zweifel meine er die Hofjagd bei »Jägerpreis«. – Nun, die Hofjagd …
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Nein, er sei wirklichen Studien nachgegangen, die er übrigens keineswegs
schon abgeschlossen habe; vielmehr stecke er noch tief in der betreffenden
Materie … Und Klaus Heinrich begann von seinen unschönen Büchern,
seinen finanzwissenschaftlichen Einsichten zu erzählen, und mit solcher
Freude und Hochachtung sprach er von dieser Disziplin, daß Imma
Spoelmann ihn mit großen Augen betrachtete. Als sie ihn aber – was auf
fast schüchterne Weise geschah – über den Anlaß und Beweggrund zu
seiner Beschäftigung befragte, antwortete er, daß es lebendige, nur allzu
brennende Tagesfragen seien, die ihn darauf hingeleitet hätten: Verhältnisse
und Umstände, die sich leider für ein heiteres Teegespräch recht wenig
eigneten. Diese Redewendung kränkte Imma Spoelmann ganz offenkundig.
Auf welche Beobachtungen – fragte sie scharf und wandte ihr Köpfchen hin
und her – sich eigentlich seine Überzeugung gründe, daß sie ausschließlich
oder auch nur vorzugsweise heiteren Gesprächen zugänglich sei? Und sie
befahl ihm mehr, als sie bat, sich gefälligst über die brennenden
Tagesfragen zu äußern.
Da zeigte Klaus Heinrich, was er bei Herrn von Knobelsdorff gelernt
hatte, und sprach über das Land und die Lage. Er wußte Bescheid in jedem
Punkte, worauf der faltige Zeigefinger geruht hatte, er sprach von den
natürlichen und den verschuldeten, den allgemeinen und den engeren, den
hingeschleppten und den verschärfend hinzugetretenen Übelständen, er
betonte namentlich die Ziffer der Staatsschulden und den Druck, den sie auf
unsre Volkswirtschaft ausübten – es waren sechshundert Millionen –, und er
vergaß nicht einmal der unterernährten Gestalten auf dem Lande.
schon abgeschlossen habe; vielmehr stecke er noch tief in der betreffenden
Materie … Und Klaus Heinrich begann von seinen unschönen Büchern,
seinen finanzwissenschaftlichen Einsichten zu erzählen, und mit solcher
Freude und Hochachtung sprach er von dieser Disziplin, daß Imma
Spoelmann ihn mit großen Augen betrachtete. Als sie ihn aber – was auf
fast schüchterne Weise geschah – über den Anlaß und Beweggrund zu
seiner Beschäftigung befragte, antwortete er, daß es lebendige, nur allzu
brennende Tagesfragen seien, die ihn darauf hingeleitet hätten: Verhältnisse
und Umstände, die sich leider für ein heiteres Teegespräch recht wenig
eigneten. Diese Redewendung kränkte Imma Spoelmann ganz offenkundig.
Auf welche Beobachtungen – fragte sie scharf und wandte ihr Köpfchen hin
und her – sich eigentlich seine Überzeugung gründe, daß sie ausschließlich
oder auch nur vorzugsweise heiteren Gesprächen zugänglich sei? Und sie
befahl ihm mehr, als sie bat, sich gefälligst über die brennenden
Tagesfragen zu äußern.
Da zeigte Klaus Heinrich, was er bei Herrn von Knobelsdorff gelernt
hatte, und sprach über das Land und die Lage. Er wußte Bescheid in jedem
Punkte, worauf der faltige Zeigefinger geruht hatte, er sprach von den
natürlichen und den verschuldeten, den allgemeinen und den engeren, den
hingeschleppten und den verschärfend hinzugetretenen Übelständen, er
betonte namentlich die Ziffer der Staatsschulden und den Druck, den sie auf
unsre Volkswirtschaft ausübten – es waren sechshundert Millionen –, und er
vergaß nicht einmal der unterernährten Gestalten auf dem Lande.
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Er sprach nicht zusammenhängend; Imma Spoelmann unterbrach ihn mit
Fragen und half ihm mit Fragen vorwärts, sie nahm es genau und ließ sich
erläutern, was sie nicht gleich verstand. In ihrem offenärmeligen Hauskleid
aus ziegelfarbener Rohseide mit breiter Bruststickerei, eine altspanische
Ehrenkette um den kindlichen Hals, saß sie, über den Teetisch gebückt, der
von Kristall und Silber und köstlichem Porzellane schimmerte, einen
Ellenbogen aufgestützt, das Kinn in die schmucklose und zartgliedrige
Hand vergraben, und lauschte mit ganzer Seele, indes ihre Augen, so
übergroß, so dunkel glänzend, in seiner Miene forschten. Aber während er
sprach, von Imma mit Mund und Augen befragt, sich mühte, sich ereiferte
und sich ganz seinem Gegenstand hingab, fühlte Gräfin Löwenjoul sich
nicht länger zu nüchterner Klarheit angehalten durch seine Gegenwart,
sondern ließ sich gehen und erlaubte sich die Wohltat des Irreschwatzens.
An allem Elend, erklärte sie mit vornehmen Bewegungen und seltsam
gekniffenem Blicke, auch an der Mißernte, der Schuldenlast und der
Geldteuerung, seien die schamlosen Weiber schuld, von welchen es überall
wimmele, und die leider auch den Weg durch den Fußboden zu finden
wüßten, wie denn vergangene Nacht die Frau eines Feldwebels aus der
Leibfüsilierkaserne ihr die Brust zerkratzt und sie mit abscheulichen
Gebärden gemartert habe. Hierauf erwähnte sie ihre Schlösser in Burgund,
in die es von oben hineinregnete, und ging so weit, zu erzählen, daß sie
einen Feldzug gegen die Türken als Leutnant mitgemacht habe, wobei sie
die einzige gewesen sei, die »nicht den Kopf verloren habe«. Imma
Spoelmann und Klaus Heinrich gaben hie und da ein gutes Wort,
versprachen gern, sie vorderhand Frau Meier zu nennen und ließen sich
übrigens von ihren Zwischenreden nicht stören.
Sie hatten beide heiße Gesichter, als Klaus Heinrich alles gesagt hatte,
was er wußte – ja, auch auf dem Imma Spoelmanns, sonst von der Blässe
der Perlen, war ein Hauch von Röte zu bemerken. Sie schwiegen dann, und
auch die Gräfin verstummte, den kleinen Kopf auf die Schulter geneigt,
gekniffenen Blickes ins Leere äugend. Klaus Heinrich spielte auf dem
blitzend weißen und scharf gefalteten Tischtuch mit dem Stengel einer
Orchidee, die in einem Spitzgläschen neben seinem Gedeck gestanden
hatte; aber sobald er den Kopf erhob, begegnete er Imma Spoelmanns
Augen, die übergroß, flammend und unverwandt, über den Tisch hinweg
eine dunkelfließende Sprache führten.
Fragen und half ihm mit Fragen vorwärts, sie nahm es genau und ließ sich
erläutern, was sie nicht gleich verstand. In ihrem offenärmeligen Hauskleid
aus ziegelfarbener Rohseide mit breiter Bruststickerei, eine altspanische
Ehrenkette um den kindlichen Hals, saß sie, über den Teetisch gebückt, der
von Kristall und Silber und köstlichem Porzellane schimmerte, einen
Ellenbogen aufgestützt, das Kinn in die schmucklose und zartgliedrige
Hand vergraben, und lauschte mit ganzer Seele, indes ihre Augen, so
übergroß, so dunkel glänzend, in seiner Miene forschten. Aber während er
sprach, von Imma mit Mund und Augen befragt, sich mühte, sich ereiferte
und sich ganz seinem Gegenstand hingab, fühlte Gräfin Löwenjoul sich
nicht länger zu nüchterner Klarheit angehalten durch seine Gegenwart,
sondern ließ sich gehen und erlaubte sich die Wohltat des Irreschwatzens.
An allem Elend, erklärte sie mit vornehmen Bewegungen und seltsam
gekniffenem Blicke, auch an der Mißernte, der Schuldenlast und der
Geldteuerung, seien die schamlosen Weiber schuld, von welchen es überall
wimmele, und die leider auch den Weg durch den Fußboden zu finden
wüßten, wie denn vergangene Nacht die Frau eines Feldwebels aus der
Leibfüsilierkaserne ihr die Brust zerkratzt und sie mit abscheulichen
Gebärden gemartert habe. Hierauf erwähnte sie ihre Schlösser in Burgund,
in die es von oben hineinregnete, und ging so weit, zu erzählen, daß sie
einen Feldzug gegen die Türken als Leutnant mitgemacht habe, wobei sie
die einzige gewesen sei, die »nicht den Kopf verloren habe«. Imma
Spoelmann und Klaus Heinrich gaben hie und da ein gutes Wort,
versprachen gern, sie vorderhand Frau Meier zu nennen und ließen sich
übrigens von ihren Zwischenreden nicht stören.
Sie hatten beide heiße Gesichter, als Klaus Heinrich alles gesagt hatte,
was er wußte – ja, auch auf dem Imma Spoelmanns, sonst von der Blässe
der Perlen, war ein Hauch von Röte zu bemerken. Sie schwiegen dann, und
auch die Gräfin verstummte, den kleinen Kopf auf die Schulter geneigt,
gekniffenen Blickes ins Leere äugend. Klaus Heinrich spielte auf dem
blitzend weißen und scharf gefalteten Tischtuch mit dem Stengel einer
Orchidee, die in einem Spitzgläschen neben seinem Gedeck gestanden
hatte; aber sobald er den Kopf erhob, begegnete er Imma Spoelmanns
Augen, die übergroß, flammend und unverwandt, über den Tisch hinweg
eine dunkelfließende Sprache führten.
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»Es war hübsch heute«, sagte sie mit ihrer gebrochenen Stimme, als er
für diesmal Abschied nahm – und er fühlte, wie ihre schmale, zartknochige
Hand die seine mit kräftigem Druck umspannte. »Wenn Euere Hoheit
wieder einmal unser unwürdiges Haus beehren, sollten Sie mir das eine
oder andere von den guten Büchern bringen, die Sie sich angeschafft
haben.« – Sie konnte es nicht ganz lassen, zu spotten, aber sie bat ihn um
seine Finanzbücher, und er brachte sie ihr.
Er brachte ihr zwei davon, die er für die lehrreichsten und
übersichtlichsten hielt, brachte sie einige Tage später in seinem Coupé
durch den feuchten Stadtgarten, und sie wußte ihm Dank dafür. Sobald sie
den Tee genommen, zogen sie sich in einen Winkel des Salons zurück,
woselbst sie, während die Gräfin in Abwesenheit am Teetisch verharrte, in
thronartigen Armstühlen an einem vergoldeten Tischchen sitzend, über das
erste Blatt eines Lehrbuches namens »Finanzwissenschaft« gebeugt, ihr
gemeinsames Studium begannen. Selbst die Vorworte zur ersten und zur
sechsten Auflage lasen sie mit, abwechselnd mit leiser Stimme jeder einen
Satz; denn Imma Spoelmann hielt dafür, daß man methodisch zu Werke
gehen und mit dem Anfang beginnen müsse.
Klaus Heinrich, wohlvorbereitet wie er war, machte den Führer durch die
Paragraphen, und niemand hätte behender und hellsinniger zu folgen
vermocht als Imma.
»Es ist leicht!« sagte sie und sah lachend auf. »Mich nimmt wunder, daß
es im Grunde so einfach ist. Algebra ist viel schwerer, Prinz …«
Aber da sie die Sache so gründlich betrieben, kamen sie demnach nicht
weit in einer Nachmittagsstunde und machten ein Zeichen ins Buch, wo sie
das nächste Mal fortfahren würden.
Das geschah; und fortan waren des Prinzen Besuche auf »Delphinenort«
von dem sachlichsten Inhalt erfüllt. Immer, wenn Herr Spoelmann nicht am
Teetisch erschienen war oder, sobald er seinen Krankenzwieback
eingetaucht, sich mit Doktor Watercloose zurückgezogen hatte, richteten
Imma und Klaus Heinrich sich mit ihren Büchern an dem goldenen
Tischchen ein, um sich, Kopf an Kopf, in die Geldwirtschaftskunde zu
vertiefen. Aber im Vorwärtsschreiten verglichen sie die abgezogene Lehre
mit der Wirklichkeit, wandten, was sie lasen, auf die Verhältnisse des
für diesmal Abschied nahm – und er fühlte, wie ihre schmale, zartknochige
Hand die seine mit kräftigem Druck umspannte. »Wenn Euere Hoheit
wieder einmal unser unwürdiges Haus beehren, sollten Sie mir das eine
oder andere von den guten Büchern bringen, die Sie sich angeschafft
haben.« – Sie konnte es nicht ganz lassen, zu spotten, aber sie bat ihn um
seine Finanzbücher, und er brachte sie ihr.
Er brachte ihr zwei davon, die er für die lehrreichsten und
übersichtlichsten hielt, brachte sie einige Tage später in seinem Coupé
durch den feuchten Stadtgarten, und sie wußte ihm Dank dafür. Sobald sie
den Tee genommen, zogen sie sich in einen Winkel des Salons zurück,
woselbst sie, während die Gräfin in Abwesenheit am Teetisch verharrte, in
thronartigen Armstühlen an einem vergoldeten Tischchen sitzend, über das
erste Blatt eines Lehrbuches namens »Finanzwissenschaft« gebeugt, ihr
gemeinsames Studium begannen. Selbst die Vorworte zur ersten und zur
sechsten Auflage lasen sie mit, abwechselnd mit leiser Stimme jeder einen
Satz; denn Imma Spoelmann hielt dafür, daß man methodisch zu Werke
gehen und mit dem Anfang beginnen müsse.
Klaus Heinrich, wohlvorbereitet wie er war, machte den Führer durch die
Paragraphen, und niemand hätte behender und hellsinniger zu folgen
vermocht als Imma.
»Es ist leicht!« sagte sie und sah lachend auf. »Mich nimmt wunder, daß
es im Grunde so einfach ist. Algebra ist viel schwerer, Prinz …«
Aber da sie die Sache so gründlich betrieben, kamen sie demnach nicht
weit in einer Nachmittagsstunde und machten ein Zeichen ins Buch, wo sie
das nächste Mal fortfahren würden.
Das geschah; und fortan waren des Prinzen Besuche auf »Delphinenort«
von dem sachlichsten Inhalt erfüllt. Immer, wenn Herr Spoelmann nicht am
Teetisch erschienen war oder, sobald er seinen Krankenzwieback
eingetaucht, sich mit Doktor Watercloose zurückgezogen hatte, richteten
Imma und Klaus Heinrich sich mit ihren Büchern an dem goldenen
Tischchen ein, um sich, Kopf an Kopf, in die Geldwirtschaftskunde zu
vertiefen. Aber im Vorwärtsschreiten verglichen sie die abgezogene Lehre
mit der Wirklichkeit, wandten, was sie lasen, auf die Verhältnisse des
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Landes an, wie Klaus Heinrich sie dargelegt hatte, und studierten mit
Nutzen, obgleich es nicht selten geschah, daß ihr Forschen von
Betrachtungen persönlicher Art unterbrochen wurde.
»Dann kann also die Emission«, sagte Imma, »auf direktem oder
indirektem Wege erfolgen – ja, das leuchtet ein. Entweder der Staat wendet
sich geradeswegs an die Kapitalisten und eröffnet die Subskription … Ihre
Hand ist doppelt so breit wie meine«, sagte sie – »sehen Sie, Prinz!« Und
nun schauten sie lächelnd und glücklich betroffen von dem einfachen
Anblick ihre Hände an, seine rechte und ihre linke, die nebeneinander auf
der goldenen Tischplatte lagen. »Oder«, fuhr Imma fort, »die Anleihe wird
durch Negotiation begeben, und es ist irgendein großes Bankhaus oder
Konsortium von solchen, an das der Staat seine Schuldscheine …« »Warten
Sie!« sagte er leise. »Warten Sie, Imma, und beantworten Sie mir eine
Frage! Lassen Sie auch die Hauptsache nicht außer acht? Geben Sie sich
auch Mühe, und machen Sie Fortschritte? Wie ist es mit der Ernüchterung
und Befangenheit, liebe kleine Imma? Haben Sie nun ein bißchen Vertrauen
zu mir?« Seine Lippen fragten es nahe ihrem Haar, dem ein kostbarer Duft
entströmte, und sie hielt ihr schwarzbleiches Kindergesichtchen still dabei
über das Buch gebeugt, wenn sie auch seine Frage nicht unumwunden
beantwortete. »Aber muß es ein Bankhaus oder Konsortium sein?«
überlegte sie. »Es steht nichts davon da, aber mir scheint, daß es das
praktischen Falles nicht notwendig zu sein braucht …«
Sie sprach ernsthaft und ohne Anführungszeichen in dieser Zeit, denn
auch sie hatte ja, für ihr Teil, die Gedankenarbeit zu bewältigen, welche
Klaus Heinrich nach der Unterredung mit Herrn von Knobelsdorff
verrichtet hatte. Und als er einige Wochen später auf seine Frage
zurückkam, ob sie nicht Lust habe, den Hofball zu besuchen, und ihr die
zeremoniellen Bedingungen mitteilte, die für diesen Fall bewilligt waren, da
geschah es, daß sie ihm antwortete, ja, sie habe Lust und wolle morgen mit
der Gräfin Löwenjoul bei der verwitweten Gräfin Trümmerhauff vorfahren,
um ihre Karten abzugeben.
Dieses Jahr fand der Hofball früher statt als sonst: schon Ende November
– eine Maßnahme, die, wie man hörte, auf Wünsche innerhalb des
Großherzoglichen Hauses zurückzuführen war. Herr von Bühl zu Bühl
beklagte bitter diese Überstürzung, welche ihn und seine Unterbeamten
Nutzen, obgleich es nicht selten geschah, daß ihr Forschen von
Betrachtungen persönlicher Art unterbrochen wurde.
»Dann kann also die Emission«, sagte Imma, »auf direktem oder
indirektem Wege erfolgen – ja, das leuchtet ein. Entweder der Staat wendet
sich geradeswegs an die Kapitalisten und eröffnet die Subskription … Ihre
Hand ist doppelt so breit wie meine«, sagte sie – »sehen Sie, Prinz!« Und
nun schauten sie lächelnd und glücklich betroffen von dem einfachen
Anblick ihre Hände an, seine rechte und ihre linke, die nebeneinander auf
der goldenen Tischplatte lagen. »Oder«, fuhr Imma fort, »die Anleihe wird
durch Negotiation begeben, und es ist irgendein großes Bankhaus oder
Konsortium von solchen, an das der Staat seine Schuldscheine …« »Warten
Sie!« sagte er leise. »Warten Sie, Imma, und beantworten Sie mir eine
Frage! Lassen Sie auch die Hauptsache nicht außer acht? Geben Sie sich
auch Mühe, und machen Sie Fortschritte? Wie ist es mit der Ernüchterung
und Befangenheit, liebe kleine Imma? Haben Sie nun ein bißchen Vertrauen
zu mir?« Seine Lippen fragten es nahe ihrem Haar, dem ein kostbarer Duft
entströmte, und sie hielt ihr schwarzbleiches Kindergesichtchen still dabei
über das Buch gebeugt, wenn sie auch seine Frage nicht unumwunden
beantwortete. »Aber muß es ein Bankhaus oder Konsortium sein?«
überlegte sie. »Es steht nichts davon da, aber mir scheint, daß es das
praktischen Falles nicht notwendig zu sein braucht …«
Sie sprach ernsthaft und ohne Anführungszeichen in dieser Zeit, denn
auch sie hatte ja, für ihr Teil, die Gedankenarbeit zu bewältigen, welche
Klaus Heinrich nach der Unterredung mit Herrn von Knobelsdorff
verrichtet hatte. Und als er einige Wochen später auf seine Frage
zurückkam, ob sie nicht Lust habe, den Hofball zu besuchen, und ihr die
zeremoniellen Bedingungen mitteilte, die für diesen Fall bewilligt waren, da
geschah es, daß sie ihm antwortete, ja, sie habe Lust und wolle morgen mit
der Gräfin Löwenjoul bei der verwitweten Gräfin Trümmerhauff vorfahren,
um ihre Karten abzugeben.
Dieses Jahr fand der Hofball früher statt als sonst: schon Ende November
– eine Maßnahme, die, wie man hörte, auf Wünsche innerhalb des
Großherzoglichen Hauses zurückzuführen war. Herr von Bühl zu Bühl
beklagte bitter diese Überstürzung, welche ihn und seine Unterbeamten
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zwänge, die Vorbereitungen zu der wichtigsten höfischen Festlichkeit über
das Knie zu brechen, namentlich die Ausbesserungen, deren die Festräume
des Alten Schlosses so dringend bedürftig waren. Aber der Wunsch des
betreffenden Mitgliedes der Allerhöchsten Familie hatte die Unterstützung
des Herrn von Knobelsdorff gehabt, und der Hofmarschall mußte sich
fügen. So aber kam es, daß die Gemüter kaum Zeit hatten, sich auf das, was
eigentlich an dem Abend Ereignis war, und wogegen der ungewöhnliche
Zeitpunkt gleich nichts erschien, genügend vorzubereiten: ja, als der
»Eilbote« die Kunde von der Kartenabgabe und Einladung in fetten Lettern
verbreitete – nicht ohne in etwas kleinerem Druck, doch in warmen Worten
seinem Vergnügen darüber Ausdruck zu geben und Spoelmanns Tochter bei
Hofe willkommen zu heißen –, da stand der bedeutende Abend schon vor
der Tür, und ehe die Zungen sich recht in Bewegung gesetzt, war alles
vollendete Wirklichkeit.
Nie hatte mehr Neid auf den fünfhundert begnadeten Personen geruht,
deren Namen auf der Hofball-Liste standen, nie hatte der Bürger am
Morgen mit größeren Augen den Bericht des »Eilboten« verschlungen,
diese glitzernden Spalten, die alljährlich von einem durch den Trunk
entarteten Adeligen abgefaßt wurden und so üppig zu lesen waren, daß man
glaubte, Einblick in das Feenreich zu tun, während in Wahrheit das Ballfest
im Alten Schloß ohne Überschwang und selbst nüchtern verlief. Aber der
Bericht reichte nur bis zum Souper, mit Einschluß der französischen
Speisenfolge, und alles, was später kam, sowie überhaupt alle Zartheiten
und Unwägbarkeiten des großen Vorgangs blieben notwendig mündlicher
Überlieferung vorbehalten.
Die Damen hatten sich, in einem kolossalen olivenfarbenen Automobil
vor dem Albrechtstor anbremsend, ziemlich pünktlich im Alten Schloß
eingefunden, wenn auch so pünktlich nicht, daß Herr von Bühl zu Bühl
nicht Zeit gehabt hätte, sich zu ängstigen. Von siebeneinviertel Uhr an war
er, in großer Uniform, mit Orden bedeckt bis zum Unterleib, mit
spiegelndem braunen Toupet und den goldenen Zwicker auf der Nase, in
der Mitte des mit Rüstungen umstellten Rittersaales, woselbst sich das
Großherzogliche Haus und der große Dienst versammelten, von einem Fuß
auf den andern getreten und hatte mehrmals einen Kammerjunker in den
Ballsaal hinübergesandt, um zu erfahren, ob Fräulein Spoelmann noch nicht
erschienen sei. Er erwog unerhörte Möglichkeiten. Wenn diese Königin von
das Knie zu brechen, namentlich die Ausbesserungen, deren die Festräume
des Alten Schlosses so dringend bedürftig waren. Aber der Wunsch des
betreffenden Mitgliedes der Allerhöchsten Familie hatte die Unterstützung
des Herrn von Knobelsdorff gehabt, und der Hofmarschall mußte sich
fügen. So aber kam es, daß die Gemüter kaum Zeit hatten, sich auf das, was
eigentlich an dem Abend Ereignis war, und wogegen der ungewöhnliche
Zeitpunkt gleich nichts erschien, genügend vorzubereiten: ja, als der
»Eilbote« die Kunde von der Kartenabgabe und Einladung in fetten Lettern
verbreitete – nicht ohne in etwas kleinerem Druck, doch in warmen Worten
seinem Vergnügen darüber Ausdruck zu geben und Spoelmanns Tochter bei
Hofe willkommen zu heißen –, da stand der bedeutende Abend schon vor
der Tür, und ehe die Zungen sich recht in Bewegung gesetzt, war alles
vollendete Wirklichkeit.
Nie hatte mehr Neid auf den fünfhundert begnadeten Personen geruht,
deren Namen auf der Hofball-Liste standen, nie hatte der Bürger am
Morgen mit größeren Augen den Bericht des »Eilboten« verschlungen,
diese glitzernden Spalten, die alljährlich von einem durch den Trunk
entarteten Adeligen abgefaßt wurden und so üppig zu lesen waren, daß man
glaubte, Einblick in das Feenreich zu tun, während in Wahrheit das Ballfest
im Alten Schloß ohne Überschwang und selbst nüchtern verlief. Aber der
Bericht reichte nur bis zum Souper, mit Einschluß der französischen
Speisenfolge, und alles, was später kam, sowie überhaupt alle Zartheiten
und Unwägbarkeiten des großen Vorgangs blieben notwendig mündlicher
Überlieferung vorbehalten.
Die Damen hatten sich, in einem kolossalen olivenfarbenen Automobil
vor dem Albrechtstor anbremsend, ziemlich pünktlich im Alten Schloß
eingefunden, wenn auch so pünktlich nicht, daß Herr von Bühl zu Bühl
nicht Zeit gehabt hätte, sich zu ängstigen. Von siebeneinviertel Uhr an war
er, in großer Uniform, mit Orden bedeckt bis zum Unterleib, mit
spiegelndem braunen Toupet und den goldenen Zwicker auf der Nase, in
der Mitte des mit Rüstungen umstellten Rittersaales, woselbst sich das
Großherzogliche Haus und der große Dienst versammelten, von einem Fuß
auf den andern getreten und hatte mehrmals einen Kammerjunker in den
Ballsaal hinübergesandt, um zu erfahren, ob Fräulein Spoelmann noch nicht
erschienen sei. Er erwog unerhörte Möglichkeiten. Wenn diese Königin von
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Saba zu spät kam – und was konnte man nicht von ihr gewärtigen, die
mitten durch die Wachtmannschaft geschritten war! –, so mußte sich der
Eintritt des großherzoglichen Korteges verzögern, so mußte der Hof auf sie
warten, denn sie sollte ja nun einmal unbedingt zuerst vorgestellt werden,
und es war ein Ding der Unmöglichkeit, daß sie nach dem Großherzog im
Ballsaale eintraf … Aber gottlob! eine knappe Minute vor siebeneinhalb
Uhr war sie mit ihrer Gräfin gekommen (und die Bewegung war groß
gewesen, als die empfangenden Kammerherren sie zunächst den
Diplomaten und also vor dem Adel, den Palastdamen, den Ministern, den
Generalen, den Kammerpräsidenten und aller Welt in die Hofgesellschaft
eingereiht hatten) – Flügeladjutant von Platow hatte den Großherzog aus
seinen Zimmern geholt, im Rittersaal hatte Albrecht, als Husar gekleidet,
mit niedergeschlagenen Augen die Mitglieder seines Hauses begrüßt, hatte
seiner Tante Katharina den Arm geboten, und dann, nachdem Herr von Bühl
in der geöffneten Flügeltür dreimal seinen Stab gegen das Parkett gestoßen,
hatte sich der Einzug des Hofes in den Ballsaal vollzogen.
Augenzeugen versicherten später, daß die allgemeine Unaufmerksamkeit
während des Rundgangs der höchsten Herrschaften die Grenze des
Anstößigen erreicht habe. Wohin Albrecht mit seiner würdevoll
schreitenden Tante gerade gekommen war, da war ohne die rechte
Sammlung ein hastiges Neigen und Wogen entstanden, aber sonst waren
alle Gesichter nur einem Punkte des Saales zugewandt, alle Augen mit
brennender Neugier auf eben diesen Punkt gerichtet gewesen … Die dort
stand, hatte Feinde im Saal gehabt, zumindest unter den Frauen, den
weiblichen Trümmerhauffs, Prenzlaus, Wehrzahns und Platows, die hier
ihre Fächer regten, und scharfe und kalte Damenblicke hatten sie gemustert.
Aber war nun ihre Stellung schon zu befestigt, als daß die Kritik sich
hervorgewagt hätte, oder hatte ihre Persönlichkeit an und für sich den
heimlichen Widerstand überwunden – nur eine Stimme hatte geherrscht,
und es war die gewesen, daß Imma Spoelmann schön sei wie Bergkönigs
Töchterlein. Die Residenz wußte am nächsten Morgen ihre Toilette
auswendig, der Schreiber im Ministerium, der Dienstmann an der
Straßenecke. Es war ein Gewand aus blaßgrünem Chinakrepp gewesen, mit
silberner Stickerei und einem Bruststück aus alter Silberspitze von
Fabelwert. Ein krönleinartiger Kopfschmuck aus Diamanten hatte farbig in
ihrem blauschwarzen Haar gefunkelt, das eine Neigung zeigte, ihr in glatten
mitten durch die Wachtmannschaft geschritten war! –, so mußte sich der
Eintritt des großherzoglichen Korteges verzögern, so mußte der Hof auf sie
warten, denn sie sollte ja nun einmal unbedingt zuerst vorgestellt werden,
und es war ein Ding der Unmöglichkeit, daß sie nach dem Großherzog im
Ballsaale eintraf … Aber gottlob! eine knappe Minute vor siebeneinhalb
Uhr war sie mit ihrer Gräfin gekommen (und die Bewegung war groß
gewesen, als die empfangenden Kammerherren sie zunächst den
Diplomaten und also vor dem Adel, den Palastdamen, den Ministern, den
Generalen, den Kammerpräsidenten und aller Welt in die Hofgesellschaft
eingereiht hatten) – Flügeladjutant von Platow hatte den Großherzog aus
seinen Zimmern geholt, im Rittersaal hatte Albrecht, als Husar gekleidet,
mit niedergeschlagenen Augen die Mitglieder seines Hauses begrüßt, hatte
seiner Tante Katharina den Arm geboten, und dann, nachdem Herr von Bühl
in der geöffneten Flügeltür dreimal seinen Stab gegen das Parkett gestoßen,
hatte sich der Einzug des Hofes in den Ballsaal vollzogen.
Augenzeugen versicherten später, daß die allgemeine Unaufmerksamkeit
während des Rundgangs der höchsten Herrschaften die Grenze des
Anstößigen erreicht habe. Wohin Albrecht mit seiner würdevoll
schreitenden Tante gerade gekommen war, da war ohne die rechte
Sammlung ein hastiges Neigen und Wogen entstanden, aber sonst waren
alle Gesichter nur einem Punkte des Saales zugewandt, alle Augen mit
brennender Neugier auf eben diesen Punkt gerichtet gewesen … Die dort
stand, hatte Feinde im Saal gehabt, zumindest unter den Frauen, den
weiblichen Trümmerhauffs, Prenzlaus, Wehrzahns und Platows, die hier
ihre Fächer regten, und scharfe und kalte Damenblicke hatten sie gemustert.
Aber war nun ihre Stellung schon zu befestigt, als daß die Kritik sich
hervorgewagt hätte, oder hatte ihre Persönlichkeit an und für sich den
heimlichen Widerstand überwunden – nur eine Stimme hatte geherrscht,
und es war die gewesen, daß Imma Spoelmann schön sei wie Bergkönigs
Töchterlein. Die Residenz wußte am nächsten Morgen ihre Toilette
auswendig, der Schreiber im Ministerium, der Dienstmann an der
Straßenecke. Es war ein Gewand aus blaßgrünem Chinakrepp gewesen, mit
silberner Stickerei und einem Bruststück aus alter Silberspitze von
Fabelwert. Ein krönleinartiger Kopfschmuck aus Diamanten hatte farbig in
ihrem blauschwarzen Haar gefunkelt, das eine Neigung zeigte, ihr in glatten
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Strähnen in die Stirn zu fallen, und eine lang herabhängende Kette aus
demselben Edelgestein war doppelt und dreifach um ihren bräunlichen Hals
geschlungen gewesen. Klein und kindlich, doch von einer wundersam
ernsten und klugen Kindlichkeit der Erscheinung, mit ihrem bleichen
Gesichtchen und ihren übergroßen und seltsam eindringlich redenden
Augen, so hatte sie an ihrem Ehrenplatz zur Seite der Gräfin Löwenjoul
gestanden, die braun wie immer, doch diesmal in Atlas, gekleidet gewesen
war. Mit einer gewissen spröden Pagenanmut hatte sie, als das Kortege zu
ihr gelangt war, die höfische Verbeugung angedeutet, ohne sie auszuführen;
aber als Prinz Klaus Heinrich, das zitronengelbe Band und die flache Kette
des Hausordens zur Beständigkeit über dem Waffenrock, den Silberstern
vom Grimmburger Greifen auf der Brust und jene blutleere Cousine am
Arme führend, die nichts als »jä« zu sagen vermochte, gleich hinter dem
Großherzoge an ihr vorübergeschritten war, da hatte sie mit geschlossenen
Lippen gelächelt und hatte ihm zugenickt wie ein Kamerad – wobei es denn
doch wie ein Zucken durch die Versammlung gegangen war …
Dann, nach der Begrüßung der Diplomaten durch die höchsten
Herrschaften, hatten die Vorstellungen begonnen – begonnen mit Imma
Spoelmann, obgleich sich unter den neueingeladenen Damen zwei
Komtessen Hundskeel und ein Freifräulein von Schulenburg-Tressen
befunden hatten. Schwänzelnd und mit falschen Zähnen lächelnd hatte Herr
von Bühl Spoelmanns Tochter seinem Herrn präsentiert. Und indem er mit
der kurzen, gerundeten Unterlippe leicht an der oberen gesogen, hatte
Albrecht auf ihre spröde Pagenverneigung niedergeblickt, aus der sie sich
erhoben hatte, um aus redenden Augen den leidenden Husarenobersten in
seinem stillen Hochmut mit dunklem Forschen zu betrachten. Der
Großherzog hatte mehrere Fragen an sie gerichtet, während er es sonst ohne
Ausnahme bei einer bewenden ließ, hatte sich nach ihres Vaters Befinden,
nach der Wirkung der Ditlindenquelle erkundigt, und wie es ihr selbst auf
die Dauer bei uns gefalle, worauf sie mit vorgeschobenen Lippen und das
schwarzbleiche Köpfchen hin und her wendend mit ihrer gebrochenen
Stimme geantwortet hatte. Hierauf, nach einer Pause, welche vielleicht eine
Pause des inneren Kampfes gewesen, hatte Albrecht ihr sein Vergnügen
zum Ausdruck gebracht, sie bei Hofe zu sehen; und dann hatte auch Gräfin
Löwenjoul, mit einem seitwärts entgleitenden Blick, ihre Kniebeugung
vollführen dürfen.
demselben Edelgestein war doppelt und dreifach um ihren bräunlichen Hals
geschlungen gewesen. Klein und kindlich, doch von einer wundersam
ernsten und klugen Kindlichkeit der Erscheinung, mit ihrem bleichen
Gesichtchen und ihren übergroßen und seltsam eindringlich redenden
Augen, so hatte sie an ihrem Ehrenplatz zur Seite der Gräfin Löwenjoul
gestanden, die braun wie immer, doch diesmal in Atlas, gekleidet gewesen
war. Mit einer gewissen spröden Pagenanmut hatte sie, als das Kortege zu
ihr gelangt war, die höfische Verbeugung angedeutet, ohne sie auszuführen;
aber als Prinz Klaus Heinrich, das zitronengelbe Band und die flache Kette
des Hausordens zur Beständigkeit über dem Waffenrock, den Silberstern
vom Grimmburger Greifen auf der Brust und jene blutleere Cousine am
Arme führend, die nichts als »jä« zu sagen vermochte, gleich hinter dem
Großherzoge an ihr vorübergeschritten war, da hatte sie mit geschlossenen
Lippen gelächelt und hatte ihm zugenickt wie ein Kamerad – wobei es denn
doch wie ein Zucken durch die Versammlung gegangen war …
Dann, nach der Begrüßung der Diplomaten durch die höchsten
Herrschaften, hatten die Vorstellungen begonnen – begonnen mit Imma
Spoelmann, obgleich sich unter den neueingeladenen Damen zwei
Komtessen Hundskeel und ein Freifräulein von Schulenburg-Tressen
befunden hatten. Schwänzelnd und mit falschen Zähnen lächelnd hatte Herr
von Bühl Spoelmanns Tochter seinem Herrn präsentiert. Und indem er mit
der kurzen, gerundeten Unterlippe leicht an der oberen gesogen, hatte
Albrecht auf ihre spröde Pagenverneigung niedergeblickt, aus der sie sich
erhoben hatte, um aus redenden Augen den leidenden Husarenobersten in
seinem stillen Hochmut mit dunklem Forschen zu betrachten. Der
Großherzog hatte mehrere Fragen an sie gerichtet, während er es sonst ohne
Ausnahme bei einer bewenden ließ, hatte sich nach ihres Vaters Befinden,
nach der Wirkung der Ditlindenquelle erkundigt, und wie es ihr selbst auf
die Dauer bei uns gefalle, worauf sie mit vorgeschobenen Lippen und das
schwarzbleiche Köpfchen hin und her wendend mit ihrer gebrochenen
Stimme geantwortet hatte. Hierauf, nach einer Pause, welche vielleicht eine
Pause des inneren Kampfes gewesen, hatte Albrecht ihr sein Vergnügen
zum Ausdruck gebracht, sie bei Hofe zu sehen; und dann hatte auch Gräfin
Löwenjoul, mit einem seitwärts entgleitenden Blick, ihre Kniebeugung
vollführen dürfen.
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Dieser Auftritt, Imma Spoelmann vor Albrecht, blieb lange der
Lieblingsgegenstand des Gesprächs, und obgleich er ohne Sonderlichkeiten
verlaufen war, wie er verlaufen mußte, so sollen sein Reiz und seine
Bedeutung nicht geschmälert werden. Der Höhepunkt des Abends war er
nicht. Das war in den Augen vieler die Quadrille d'honneur, für manche
auch das Souper – in Wirklichkeit aber ein geheimes Zwiegespräch
zwischen den beiden Hauptpersonen des Stückes, ein kurzer, unbelauschter
Wortwechsel, dessen Inhalt und sachlichen Enderfolg die Öffentlichkeit
freilich nur zu ahnen vermochte – der Abschluß gewisser zarter Kämpfe zu
Pferd und zu Fuß …
Die Ehrenquadrille angehend, so gab es am nächsten Tage Personen, die
behaupteten, Fräulein Spoelmann habe sie mitgetanzt, und zwar an der
Seite des Prinzen Klaus Heinrich. Nur der erste Teil dieser Aussage traf zu.
Das Fräulein hatte an dem feierlichen Reigen teilgenommen, aber geführt
vom englischen Geschäftsträger und dem Prinzen Klaus Heinrich
gegenüber. Immerhin war das stark, und noch stärker war, daß die Mehrzahl
der Festgäste es nicht einmal als unerhört, sondern im Gegenteil beinahe als
selbstverständlich empfunden hatte. Ja, Imma Spoelmanns Stellung war
befestigt, die volkstümliche Auffassung ihrer Person – das Volk erfuhr es
am nächsten Tage – war herrschend gewesen im Hofballsaal, und übrigens
hatte Herr von Knobelsdorff Sorge getragen, daß diese Auffassung mit aller
Augenfälligkeit, die er für wünschenswert hielt, zum Ausdruck gelangte.
Nicht mit Rücksicht und nicht mit Auszeichnung, nein, zeremoniös war
Imma Spoelmann behandelt worden, und das mit planmäßiger,
absichtsvoller Betonung. Die beiden diensttuenden Zeremonienmeister,
Kämmerer ihrem Range nach, hatten ihr mit Auswahl die Tänzer zugeführt,
und wenn sie ihren Platz, dicht neben dem flachen, rot ausgeschlagenen
Podium, wo die Großherzogliche Familie auf Damastsesseln saß, mit einem
Kavalier verlassen hatte, um zu tanzen, so war die Balleitung geschäftig
gewesen, wie dies beim Tanz der Prinzessinnen geschah, ihr freien Raum
unter dem mittleren Lüster zu schaffen und sie vor jedem Zusammenstoß zu
behüten – was übrigens leichte Arbeit gewesen war, denn ohnedies hatte
sich, wenn sie tanzte, ein schützender Kreis von Neugier um sie
geschlossen.
Man berichtete, daß, als Prinz Klaus Heinrich Fräulein Spoelmann zum
erstenmal aufgefordert habe, ein heftiges Ausatmen, ein förmliches Zischen
Lieblingsgegenstand des Gesprächs, und obgleich er ohne Sonderlichkeiten
verlaufen war, wie er verlaufen mußte, so sollen sein Reiz und seine
Bedeutung nicht geschmälert werden. Der Höhepunkt des Abends war er
nicht. Das war in den Augen vieler die Quadrille d'honneur, für manche
auch das Souper – in Wirklichkeit aber ein geheimes Zwiegespräch
zwischen den beiden Hauptpersonen des Stückes, ein kurzer, unbelauschter
Wortwechsel, dessen Inhalt und sachlichen Enderfolg die Öffentlichkeit
freilich nur zu ahnen vermochte – der Abschluß gewisser zarter Kämpfe zu
Pferd und zu Fuß …
Die Ehrenquadrille angehend, so gab es am nächsten Tage Personen, die
behaupteten, Fräulein Spoelmann habe sie mitgetanzt, und zwar an der
Seite des Prinzen Klaus Heinrich. Nur der erste Teil dieser Aussage traf zu.
Das Fräulein hatte an dem feierlichen Reigen teilgenommen, aber geführt
vom englischen Geschäftsträger und dem Prinzen Klaus Heinrich
gegenüber. Immerhin war das stark, und noch stärker war, daß die Mehrzahl
der Festgäste es nicht einmal als unerhört, sondern im Gegenteil beinahe als
selbstverständlich empfunden hatte. Ja, Imma Spoelmanns Stellung war
befestigt, die volkstümliche Auffassung ihrer Person – das Volk erfuhr es
am nächsten Tage – war herrschend gewesen im Hofballsaal, und übrigens
hatte Herr von Knobelsdorff Sorge getragen, daß diese Auffassung mit aller
Augenfälligkeit, die er für wünschenswert hielt, zum Ausdruck gelangte.
Nicht mit Rücksicht und nicht mit Auszeichnung, nein, zeremoniös war
Imma Spoelmann behandelt worden, und das mit planmäßiger,
absichtsvoller Betonung. Die beiden diensttuenden Zeremonienmeister,
Kämmerer ihrem Range nach, hatten ihr mit Auswahl die Tänzer zugeführt,
und wenn sie ihren Platz, dicht neben dem flachen, rot ausgeschlagenen
Podium, wo die Großherzogliche Familie auf Damastsesseln saß, mit einem
Kavalier verlassen hatte, um zu tanzen, so war die Balleitung geschäftig
gewesen, wie dies beim Tanz der Prinzessinnen geschah, ihr freien Raum
unter dem mittleren Lüster zu schaffen und sie vor jedem Zusammenstoß zu
behüten – was übrigens leichte Arbeit gewesen war, denn ohnedies hatte
sich, wenn sie tanzte, ein schützender Kreis von Neugier um sie
geschlossen.
Man berichtete, daß, als Prinz Klaus Heinrich Fräulein Spoelmann zum
erstenmal aufgefordert habe, ein heftiges Ausatmen, ein förmliches Zischen
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der »Erregung« im Saale hörbar gewesen sei, und daß die Vortänzer zu tun
gehabt hätten, den Ball in Gang zu erhalten und zu verhindern, daß alles in
gieriger Schaulust die Tanzenden umstehe. Namentlich die Damen hatten
das einsame Paar mit einem exaltierten Entzücken begleitet, das, wenn
Imma Spoelmanns Stellung nur ein wenig schwächer gewesen wäre,
unzweifelhaft die Formen der Wut und der Bosheit gezeigt haben würde.
Aber zu sehr hatte jeder einzelne der fünfhundert Festgäste unter dem
Druck und Einfluß des öffentlichen Empfindens, jener gewaltigen
Eingebung von unten her, gestanden, um dies Schauspiel anders als mit des
Volkes Augen betrachten zu können. Der Prinz schien nicht in dem Sinne
beraten gewesen zu sein, sich Zwang anzutun. Sein Name, und zwar
einfach in der Abkürzung »K. H.«, hatte zweimal, für zwei große Tänze, auf
Miß Spoelmanns Karte gestanden, und außerdem hatte er noch mehrfach
bei ihr hospitiert. Dort hatten sie getanzt, Klaus Heinrich und Spoelmanns
Tochter. Ihr bräunlicher Arm hatte auf dem Ordensband aus
zitronenfarbener Seide geruht, das über seine Schulter lief, und sein rechter
Arm hatte ihre leichte und seltsam kindliche Gestalt umschlungen gehalten,
während er den linken nach seiner Gewohnheit beim Tanz in die Hüfte
gestützt und nur mit einer Hand seine Dame geführt hatte. Mit einer
Hand …
So war die Stunde des Soupers gekommen, und ein weiterer Artikel der
zeremoniellen Bedingungen, die Herr von Knobelsdorff für Imma
Spoelmanns Hofballbesuch erwirkt hatte, war erschütternd in Kraft
getreten. Es war der gewesen, welcher die Sitzordnung bei Tische zum
Gegenstand hatte. Während nämlich die große Menge der Festgäste in der
Bildergalerie und im Saal der zwölf Monate an langen Tafeln speiste, war
für die Großherzogliche Familie, die Diplomaten und die obersten
Hofchargen im Silbersaal gedeckt. Feierlich geordnet, wie beim Eintritt in
den Ballsaal, begaben sich Albrecht und die Seinen punkt elf Uhr dorthin.
Und an den Kammerlakaien vorüber, welche die Türen besetzt hielten und
Unbefugten den Zugang wehrten, war am Arme des englischen
Geschäftsträgers Imma Spoelmann in den Silbersaal eingezogen, um an der
großherzoglichen Tafel teilzunehmen.
Das war ungeheuerlich gewesen – und zugleich, nach allem
Voraufgegangenen, von so zwingender Folgerichtigkeit, daß jederlei
Verwunderung oder gar Auflehnung des gesunden Sinnes entbehrt haben
gehabt hätten, den Ball in Gang zu erhalten und zu verhindern, daß alles in
gieriger Schaulust die Tanzenden umstehe. Namentlich die Damen hatten
das einsame Paar mit einem exaltierten Entzücken begleitet, das, wenn
Imma Spoelmanns Stellung nur ein wenig schwächer gewesen wäre,
unzweifelhaft die Formen der Wut und der Bosheit gezeigt haben würde.
Aber zu sehr hatte jeder einzelne der fünfhundert Festgäste unter dem
Druck und Einfluß des öffentlichen Empfindens, jener gewaltigen
Eingebung von unten her, gestanden, um dies Schauspiel anders als mit des
Volkes Augen betrachten zu können. Der Prinz schien nicht in dem Sinne
beraten gewesen zu sein, sich Zwang anzutun. Sein Name, und zwar
einfach in der Abkürzung »K. H.«, hatte zweimal, für zwei große Tänze, auf
Miß Spoelmanns Karte gestanden, und außerdem hatte er noch mehrfach
bei ihr hospitiert. Dort hatten sie getanzt, Klaus Heinrich und Spoelmanns
Tochter. Ihr bräunlicher Arm hatte auf dem Ordensband aus
zitronenfarbener Seide geruht, das über seine Schulter lief, und sein rechter
Arm hatte ihre leichte und seltsam kindliche Gestalt umschlungen gehalten,
während er den linken nach seiner Gewohnheit beim Tanz in die Hüfte
gestützt und nur mit einer Hand seine Dame geführt hatte. Mit einer
Hand …
So war die Stunde des Soupers gekommen, und ein weiterer Artikel der
zeremoniellen Bedingungen, die Herr von Knobelsdorff für Imma
Spoelmanns Hofballbesuch erwirkt hatte, war erschütternd in Kraft
getreten. Es war der gewesen, welcher die Sitzordnung bei Tische zum
Gegenstand hatte. Während nämlich die große Menge der Festgäste in der
Bildergalerie und im Saal der zwölf Monate an langen Tafeln speiste, war
für die Großherzogliche Familie, die Diplomaten und die obersten
Hofchargen im Silbersaal gedeckt. Feierlich geordnet, wie beim Eintritt in
den Ballsaal, begaben sich Albrecht und die Seinen punkt elf Uhr dorthin.
Und an den Kammerlakaien vorüber, welche die Türen besetzt hielten und
Unbefugten den Zugang wehrten, war am Arme des englischen
Geschäftsträgers Imma Spoelmann in den Silbersaal eingezogen, um an der
großherzoglichen Tafel teilzunehmen.
Das war ungeheuerlich gewesen – und zugleich, nach allem
Voraufgegangenen, von so zwingender Folgerichtigkeit, daß jederlei
Verwunderung oder gar Auflehnung des gesunden Sinnes entbehrt haben
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würde. Heute hatte es einfach gegolten, großen Anzeichen und
Erscheinungen innerlich gewachsen zu sein … Aber nach aufgehobener
Tafel, als der Großherzog sich zurückgezogen und Prinzessin Griseldis mit
einem Kammerherrn den Kotillon eröffnet hatte, war die Erwartung
dennoch aufs neue ins Fieberhafte gestiegen, denn die allgemeine Frage war
gewesen, ob man dem Prinzen erlaubt habe, der Spoelmann ein Sträußchen
zu bringen. Seine Instruktion war offenbar die gewesen, ihr nicht gerade das
erste zu bringen. Er hatte zunächst seiner Tante Katharina und einer
rothaarigen Cousine je eines überreicht; aber dann war er mit einem
Fliedersträußchen aus der Hofgärtnerei vor Imma Spoelmann hingetreten.
Im Begriffe, das schöne Gebinde an ihr Näschen zu führen, hatte sie aus
unbekannten Gründen mit ängstlicher Miene gezögert, und erst, nachdem er
sie durch ein lächelndes Kopfnicken dazu ermutigt, hatte sie sich
entschlossen, den Duft zu versuchen. Dann hatten sie, ruhig sprechend,
ziemlich lange miteinander getanzt.
Jedoch während dieses Tanzes war es gewesen, daß jener unbelauschte
Wortwechsel, jene Unterredung mit greifbar bürgerlichem Inhalt und
sachlichem Enderfolg zwischen ihnen stattgefunden hatte … hier ist sie.
»Sind Sie diesmal zufrieden mit den Blumen, Imma, die ich Ihnen
bringe?«
»Doch, Prinz, Ihr Flieder ist schön und duftet ordnungsgemäß. Er gefällt
mir sehr.«
»Wirklich, Imma? Aber der arme Rosenstock unten im Hof tut mir leid,
weil seine Rosen Ihnen mißfallen mit ihrem Moderduft.«
»Ich will nicht sagen, daß sie mir mißfallen, Prinz.«
»Aber sie ernüchtern und erkälten Sie wohl?«
»Ja, das vielleicht.«
»Habe ich Ihnen aber von dem Glauben der Leute erzählt, daß der
Rosenstock einmal erlöst werden soll, nämlich an einem Tage der
allgemeinen Beglückung, und Rosen hervorbringen soll, die zu ihrer großen
Schönheit auch noch mit lieblich natürlichem Duft begabt sein werden?«
Erscheinungen innerlich gewachsen zu sein … Aber nach aufgehobener
Tafel, als der Großherzog sich zurückgezogen und Prinzessin Griseldis mit
einem Kammerherrn den Kotillon eröffnet hatte, war die Erwartung
dennoch aufs neue ins Fieberhafte gestiegen, denn die allgemeine Frage war
gewesen, ob man dem Prinzen erlaubt habe, der Spoelmann ein Sträußchen
zu bringen. Seine Instruktion war offenbar die gewesen, ihr nicht gerade das
erste zu bringen. Er hatte zunächst seiner Tante Katharina und einer
rothaarigen Cousine je eines überreicht; aber dann war er mit einem
Fliedersträußchen aus der Hofgärtnerei vor Imma Spoelmann hingetreten.
Im Begriffe, das schöne Gebinde an ihr Näschen zu führen, hatte sie aus
unbekannten Gründen mit ängstlicher Miene gezögert, und erst, nachdem er
sie durch ein lächelndes Kopfnicken dazu ermutigt, hatte sie sich
entschlossen, den Duft zu versuchen. Dann hatten sie, ruhig sprechend,
ziemlich lange miteinander getanzt.
Jedoch während dieses Tanzes war es gewesen, daß jener unbelauschte
Wortwechsel, jene Unterredung mit greifbar bürgerlichem Inhalt und
sachlichem Enderfolg zwischen ihnen stattgefunden hatte … hier ist sie.
»Sind Sie diesmal zufrieden mit den Blumen, Imma, die ich Ihnen
bringe?«
»Doch, Prinz, Ihr Flieder ist schön und duftet ordnungsgemäß. Er gefällt
mir sehr.«
»Wirklich, Imma? Aber der arme Rosenstock unten im Hof tut mir leid,
weil seine Rosen Ihnen mißfallen mit ihrem Moderduft.«
»Ich will nicht sagen, daß sie mir mißfallen, Prinz.«
»Aber sie ernüchtern und erkälten Sie wohl?«
»Ja, das vielleicht.«
»Habe ich Ihnen aber von dem Glauben der Leute erzählt, daß der
Rosenstock einmal erlöst werden soll, nämlich an einem Tage der
allgemeinen Beglückung, und Rosen hervorbringen soll, die zu ihrer großen
Schönheit auch noch mit lieblich natürlichem Duft begabt sein werden?«
Page 303
»Ja, Prinz, das muß man abwarten.«
»Nein, Imma, man muß helfen und handeln! Sich entschließen muß man
und allem Zweifelmut absagen, kleine Imma! Sagen Sie mir … sagen Sie
mir heute: Haben Sie nun Vertrauen zu mir?«
»Doch, Prinz, in letzter Zeit habe ich Vertrauen zu Ihnen gefaßt.«
»Sehen Sie!… Gott sei gelobt!… Sagte ich nicht, daß es mir schließlich
gelingen müsse?… Und so glauben Sie denn nun, daß es mir ernst ist,
wirklicher, ernsthafter Ernst um Sie und um uns?«
»Ja, Prinz, in letzter Zeit glaube ich, daß ich es glauben kann.«
»Endlich, endlich, unschlüssige kleine Imma!… Ach, ich danke Ihnen
aus Herzensgrund!… Aber dann haben Sie also Mut und wollen sich zu mir
bekennen vor aller Welt, da Sie doch zu mir gehören?«
»Bekennen Sie sich, Königliche Hoheit, zu mir, wenn's gefällig ist.«
»Das will ich, Imma, laut und fest. Aber nur unter einer Bedingung darf
ich es, nämlich, daß wir nicht in eigennütziger und unbedeutender Weise
nur auf unser eigenes Glück Bedacht nehmen, sondern alles aus dem
Gesichtspunkt des Großen, Ganzen betrachten. Denn die öffentliche
Wohlfahrt, sehen Sie, und unser Glück, die bedingen sich gegenseitig.«
»Wohlgesprochen, Prinz. Denn ohne unsere Studien über die öffentliche
Wohlfahrt würde ich mich schwerlich zum Vertrauen zu Ihnen entschlossen
haben.«
»Und ohne Sie, Imma, die Sie mir das Herz so warm gemacht, würde ich
schwerlich auf so wirkliche Studien verfallen sein.«
»Also wollen wir denn sehen, was wir ausrichten, jeder an seinem Platze,
Prinz. Sie bei den Ihren und ich – bei meinem Vater.«
»Kleine Schwester«, hatte er mit ruhiger Miene gesagt und sie im Tanze
ein wenig fester an sich gezogen. »Kleine Braut …«
Und das war in der Tat ein Sonderfall von Verlobungsgespräch gewesen.
»Nein, Imma, man muß helfen und handeln! Sich entschließen muß man
und allem Zweifelmut absagen, kleine Imma! Sagen Sie mir … sagen Sie
mir heute: Haben Sie nun Vertrauen zu mir?«
»Doch, Prinz, in letzter Zeit habe ich Vertrauen zu Ihnen gefaßt.«
»Sehen Sie!… Gott sei gelobt!… Sagte ich nicht, daß es mir schließlich
gelingen müsse?… Und so glauben Sie denn nun, daß es mir ernst ist,
wirklicher, ernsthafter Ernst um Sie und um uns?«
»Ja, Prinz, in letzter Zeit glaube ich, daß ich es glauben kann.«
»Endlich, endlich, unschlüssige kleine Imma!… Ach, ich danke Ihnen
aus Herzensgrund!… Aber dann haben Sie also Mut und wollen sich zu mir
bekennen vor aller Welt, da Sie doch zu mir gehören?«
»Bekennen Sie sich, Königliche Hoheit, zu mir, wenn's gefällig ist.«
»Das will ich, Imma, laut und fest. Aber nur unter einer Bedingung darf
ich es, nämlich, daß wir nicht in eigennütziger und unbedeutender Weise
nur auf unser eigenes Glück Bedacht nehmen, sondern alles aus dem
Gesichtspunkt des Großen, Ganzen betrachten. Denn die öffentliche
Wohlfahrt, sehen Sie, und unser Glück, die bedingen sich gegenseitig.«
»Wohlgesprochen, Prinz. Denn ohne unsere Studien über die öffentliche
Wohlfahrt würde ich mich schwerlich zum Vertrauen zu Ihnen entschlossen
haben.«
»Und ohne Sie, Imma, die Sie mir das Herz so warm gemacht, würde ich
schwerlich auf so wirkliche Studien verfallen sein.«
»Also wollen wir denn sehen, was wir ausrichten, jeder an seinem Platze,
Prinz. Sie bei den Ihren und ich – bei meinem Vater.«
»Kleine Schwester«, hatte er mit ruhiger Miene gesagt und sie im Tanze
ein wenig fester an sich gezogen. »Kleine Braut …«
Und das war in der Tat ein Sonderfall von Verlobungsgespräch gewesen.
Page 304
Freilich war hiermit nicht alles, ja wenig geschehen, und rückblickend
muß man sich sagen, daß, in dem Gesamtaspekt der Verhältnisse nur einen
Faktor weg oder anders gedacht, das Ganze damals noch immer Gefahr lief,
in nichts zu zerfallen. Welch Glück, daß an der Spitze der Geschäfte ein
Mann sich befand, welcher der Zeit fest und unerschrocken, ja selbst nicht
ohne Schalkhaftigkeit ins Auge blickte und eine Sache nicht einzig deshalb
für unmöglich erachtete, weil sie sich bis dahin noch niemals ereignet hatte!
Jener Vortrag, den ungefähr acht Tage nach dem denkwürdigen Hofball
Exzellenz von Knobelsdorff seinem Herrn, dem Großherzog Albrecht II. im
Alten Schlosse hielt, gehört der Zeitgeschichte an. Tags zuvor hatte der
Konseilpräsident einer Sitzung des Staatsministeriums vorgesessen, über
welche der »Eilbote« so viel zu melden in die Lage gesetzt worden war, daß
Finanzfragen und innere Angelegenheiten der Großherzoglichen Familie
zur Beratung gestanden hätten, sowie ferner, daß – und dies fügte das Blatt
in gesperrten Lettern hinzu – eine vollkommene Einhelligkeit der
Meinungen unter den Ministern erzielt worden sei. So aber befand sich Herr
von Knobelsdorff bei jener Audienz seinem jungen Monarchen gegenüber
in starker Stellung; denn er hatte nicht nur die wimmelnde Masse des
Volkes, sondern auch die einmütige Willensäußerung der Staatsregierung
im Rücken.
Die Unterredung in Albrechts zugigem Arbeitszimmer nahm fast nicht
weniger Zeit in Anspruch, als diejenige in dem kleinen gelben Salon von
Schloß »Eremitage«. Es mußte sogar eine Pause eintreten, während welcher
dem Großherzog eine Limonade und Herrn von Knobelsdorff ein Glas
Portwein nebst Biskuits gereicht wurde. Allein die lange Dauer des Vortrags
war lediglich der Großartigkeit des durchzusprechenden Stoffes, nicht etwa
dem Widerstande des Monarchen zuzuschreiben; denn Albrecht leistete
keinen. In seinem geschlossenen Gehrock, die mageren, empfindlichen
Hände im Schoße gekreuzt, das stolze und feine Haupt mit dem Spitzbart
und den schmalen Schläfen erhoben und die Lider gesenkt, sog er leicht mit
der kurzen, gerundeten Unterlippe an der oberen und begleitete Herrn von
Knobelsdorffs Ausführungen von Zeit zu Zeit mit einer gemessenen
Kopfneigung, die zugleich Zustimmung und Ablehnung ausdrückte, eine
unbeteiligt sachliche Zustimmung unter dem stillen und kalten Vorbehalt
seiner durch nichts erreichbaren persönlichen Würde.
muß man sich sagen, daß, in dem Gesamtaspekt der Verhältnisse nur einen
Faktor weg oder anders gedacht, das Ganze damals noch immer Gefahr lief,
in nichts zu zerfallen. Welch Glück, daß an der Spitze der Geschäfte ein
Mann sich befand, welcher der Zeit fest und unerschrocken, ja selbst nicht
ohne Schalkhaftigkeit ins Auge blickte und eine Sache nicht einzig deshalb
für unmöglich erachtete, weil sie sich bis dahin noch niemals ereignet hatte!
Jener Vortrag, den ungefähr acht Tage nach dem denkwürdigen Hofball
Exzellenz von Knobelsdorff seinem Herrn, dem Großherzog Albrecht II. im
Alten Schlosse hielt, gehört der Zeitgeschichte an. Tags zuvor hatte der
Konseilpräsident einer Sitzung des Staatsministeriums vorgesessen, über
welche der »Eilbote« so viel zu melden in die Lage gesetzt worden war, daß
Finanzfragen und innere Angelegenheiten der Großherzoglichen Familie
zur Beratung gestanden hätten, sowie ferner, daß – und dies fügte das Blatt
in gesperrten Lettern hinzu – eine vollkommene Einhelligkeit der
Meinungen unter den Ministern erzielt worden sei. So aber befand sich Herr
von Knobelsdorff bei jener Audienz seinem jungen Monarchen gegenüber
in starker Stellung; denn er hatte nicht nur die wimmelnde Masse des
Volkes, sondern auch die einmütige Willensäußerung der Staatsregierung
im Rücken.
Die Unterredung in Albrechts zugigem Arbeitszimmer nahm fast nicht
weniger Zeit in Anspruch, als diejenige in dem kleinen gelben Salon von
Schloß »Eremitage«. Es mußte sogar eine Pause eintreten, während welcher
dem Großherzog eine Limonade und Herrn von Knobelsdorff ein Glas
Portwein nebst Biskuits gereicht wurde. Allein die lange Dauer des Vortrags
war lediglich der Großartigkeit des durchzusprechenden Stoffes, nicht etwa
dem Widerstande des Monarchen zuzuschreiben; denn Albrecht leistete
keinen. In seinem geschlossenen Gehrock, die mageren, empfindlichen
Hände im Schoße gekreuzt, das stolze und feine Haupt mit dem Spitzbart
und den schmalen Schläfen erhoben und die Lider gesenkt, sog er leicht mit
der kurzen, gerundeten Unterlippe an der oberen und begleitete Herrn von
Knobelsdorffs Ausführungen von Zeit zu Zeit mit einer gemessenen
Kopfneigung, die zugleich Zustimmung und Ablehnung ausdrückte, eine
unbeteiligt sachliche Zustimmung unter dem stillen und kalten Vorbehalt
seiner durch nichts erreichbaren persönlichen Würde.
Page 305
Herr von Knobelsdorff begab sich unverzüglich in die Mitte der Dinge
und sprach von dem Verkehr des Prinzen Klaus Heinrich auf Schloß
»Delphinenort«. Albrecht wußte davon. Selbst in seine Einsamkeit war ein
gedämpfter Widerhall der Ereignisse gedrungen, welche die Stadt und das
Land in Atem hielten; auch kannte er seinen Bruder Klaus Heinrich, der
gestöbert und mit den Lakaien geplaudert hatte, der, als er sich am großen
Spieltisch die Stirn gestoßen, geweint hatte aus Mitleid mit seiner Stirn –
und im wesentlichen bedurfte er keiner Belehrung. Lispelnd und mit einem
flüchtigen Erröten gab er das Herrn von Knobelsdorff zu verstehen und
fügte hinzu, da jener bisher nicht hindernd eingegriffen, sondern ihm die
Tochter des Milliardärs sogar zugeführt habe, so schließe er, daß Herr von
Knobelsdorff die Unternehmungen des Prinzen begünstige, ohne daß er, der
Großherzog, übrigens absähe, wohin das alles führen solle. Die Regierung,
antwortete Herr von Knobelsdorff, würde sich in einen schädlichen und
entfremdenden Gegensatz zum Willen des Volkes setzen, wenn sie die
Absichten des Prinzen durchkreuzte. »So verfolgt mein Bruder bestimmte
Absichten?« »Lange«, versetzte Herr von Knobelsdorff, »handelte er
planlos und lediglich seinem Herzen zuliebe; aber seitdem er sich mit dem
Volke auf dem Boden des Wirklichen gefunden, haben seine Wünsche
praktische Gestalt gewonnen.« »Und das alles will also sagen, daß das
Publikum die Schritte des Prinzen billigt?« – »Daß es sie akklamiert,
Königliche Hoheit, daß es die innigsten Hoffnungen darauf setzt!«
Und nun entrollte Herr von Knobelsdorff noch einmal das dunkle Bild
von der Lage des Landes, von der Not, von der großen, großen
Verlegenheit. Wo war Abhilfe und Heilung? Dort war sie, einzig dort, im
Stadtpark, in dem zweiten Zentrum der Residenz, an dem Wohnsitz des
kränkelnden Geldfürsten, unseres Gastes und Einwohners, dessen Person
das Volk mit seinen Träumen umspann, und für den es ein kleines sein
würde, allen unseren Mißhelligkeiten ein Ende zu bereiten. Wenn er zu
bestimmen war, sich unserer Staatswirtschaft anzunehmen, so war ihre
Gesundung gesichert. Würde er zu bestimmen sein? Aber das Schicksal
hatte eine Gefühlsbegegnung zwischen der einzigen Tochter des Gewaltigen
und dem Prinzen Klaus Heinrich herbeigeführt! Und dieser weisen und
gütigen Fügung sollte man trotzen? Starrer und abgelebter
Herkömmlichkeiten wegen sollte man eine Verbindung hintanhalten, die für
Land und Volk so ungemessenen Segen in sich schloß? Denn daß sie das
und sprach von dem Verkehr des Prinzen Klaus Heinrich auf Schloß
»Delphinenort«. Albrecht wußte davon. Selbst in seine Einsamkeit war ein
gedämpfter Widerhall der Ereignisse gedrungen, welche die Stadt und das
Land in Atem hielten; auch kannte er seinen Bruder Klaus Heinrich, der
gestöbert und mit den Lakaien geplaudert hatte, der, als er sich am großen
Spieltisch die Stirn gestoßen, geweint hatte aus Mitleid mit seiner Stirn –
und im wesentlichen bedurfte er keiner Belehrung. Lispelnd und mit einem
flüchtigen Erröten gab er das Herrn von Knobelsdorff zu verstehen und
fügte hinzu, da jener bisher nicht hindernd eingegriffen, sondern ihm die
Tochter des Milliardärs sogar zugeführt habe, so schließe er, daß Herr von
Knobelsdorff die Unternehmungen des Prinzen begünstige, ohne daß er, der
Großherzog, übrigens absähe, wohin das alles führen solle. Die Regierung,
antwortete Herr von Knobelsdorff, würde sich in einen schädlichen und
entfremdenden Gegensatz zum Willen des Volkes setzen, wenn sie die
Absichten des Prinzen durchkreuzte. »So verfolgt mein Bruder bestimmte
Absichten?« »Lange«, versetzte Herr von Knobelsdorff, »handelte er
planlos und lediglich seinem Herzen zuliebe; aber seitdem er sich mit dem
Volke auf dem Boden des Wirklichen gefunden, haben seine Wünsche
praktische Gestalt gewonnen.« »Und das alles will also sagen, daß das
Publikum die Schritte des Prinzen billigt?« – »Daß es sie akklamiert,
Königliche Hoheit, daß es die innigsten Hoffnungen darauf setzt!«
Und nun entrollte Herr von Knobelsdorff noch einmal das dunkle Bild
von der Lage des Landes, von der Not, von der großen, großen
Verlegenheit. Wo war Abhilfe und Heilung? Dort war sie, einzig dort, im
Stadtpark, in dem zweiten Zentrum der Residenz, an dem Wohnsitz des
kränkelnden Geldfürsten, unseres Gastes und Einwohners, dessen Person
das Volk mit seinen Träumen umspann, und für den es ein kleines sein
würde, allen unseren Mißhelligkeiten ein Ende zu bereiten. Wenn er zu
bestimmen war, sich unserer Staatswirtschaft anzunehmen, so war ihre
Gesundung gesichert. Würde er zu bestimmen sein? Aber das Schicksal
hatte eine Gefühlsbegegnung zwischen der einzigen Tochter des Gewaltigen
und dem Prinzen Klaus Heinrich herbeigeführt! Und dieser weisen und
gütigen Fügung sollte man trotzen? Starrer und abgelebter
Herkömmlichkeiten wegen sollte man eine Verbindung hintanhalten, die für
Land und Volk so ungemessenen Segen in sich schloß? Denn daß sie das
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tue, war freilich vorauszusetzen, und darauf beruhte ihre Rechtfertigung
und hohe Gültigkeit. War aber diese Bedingung erfüllt, fand Samuel
Spoelmann sich, um es geradeheraus zu sagen, zur Finanzierung des Staates
bereit, so war die Verbindung – da denn das Wort nun gefallen war – nicht
nur statthaft, sie war notwendig, sie war die Rettung, das Wohl des Staates
verlangte sie, und weit über die Landesgrenzen hinaus, überall dort, wo ein
Interesse an der Wiederherstellung unserer Finanzen, an der Vermeidung
einer wirtschaftlichen Panik vorhanden war, wurde sie vom Himmel erfleht.
An dieser Stelle tat der Großherzog eine Zwischenfrage, leise, ohne
aufzublicken, und mit spöttischem Lächeln.
»Und die Thronfolge?« fragte er.
»Das Gesetz«, erwiderte Herr von Knobelsdorff unerschütterlich, »legt es
in Euerer Königlichen Hoheit Hand, das dynastische Bedenken zu
beseitigen. Standeserhöhung und selbst Ebenbürtigkeit zu verleihen gehört
auch bei uns zu den Prärogativen des Landesherrn – und wann wäre je in
der Geschichte ein tieferer Anlaß zur Betätigung dieser Vorrechte gegeben
gewesen? Diese Verbindung trägt ihre Echtheit in sich, sie ist von langer
Hand her im Gemüte des Volkes vorbereitet, und ihre vollkommene staats-
und fürstenrechtliche Anerkennung würde dem Volke nicht mehr als eine
äußere Bestätigung seines innersten Empfindens bedeuten.«
So kam Herr von Knobelsdorff auf Imma Spoelmanns Popularität zu
sprechen, auf die vielsagende Kundgebung gelegentlich ihrer Genesung von
leichter Unpäßlichkeit, auf den ebenbürtigen Rang, den dies
außerordentliche Wesen in der Phantasie des Volkes einnähme – und seine
Augenfältchen spielten, als er Albrecht an die alte Wahrsagung erinnerte,
die im Volke lebte, von dem Prinzen sprach, der mit einer Hand dem Lande
mehr geben sollte, als andere mit zweien je vermocht hätten, und beredsam
darlegte, wie die Verbindung zwischen Klaus Heinrich und Spoelmanns
Tochter dem Volke als vorgesehene Erfüllung des Orakels und somit als
gottgewollt und rechtmäßig erscheine.
Herr von Knobelsdorff sagte noch viel Kluges, Freies und Gutes. Er
erwähnte der vierfachen Blutzusammensetzung Imma Spoelmanns – denn
außer dem deutschen, portugiesischen und englischen fließe ja, wie man
vernähme, auch ein wenig von dem uradligen Blut der Indianer in ihren
und hohe Gültigkeit. War aber diese Bedingung erfüllt, fand Samuel
Spoelmann sich, um es geradeheraus zu sagen, zur Finanzierung des Staates
bereit, so war die Verbindung – da denn das Wort nun gefallen war – nicht
nur statthaft, sie war notwendig, sie war die Rettung, das Wohl des Staates
verlangte sie, und weit über die Landesgrenzen hinaus, überall dort, wo ein
Interesse an der Wiederherstellung unserer Finanzen, an der Vermeidung
einer wirtschaftlichen Panik vorhanden war, wurde sie vom Himmel erfleht.
An dieser Stelle tat der Großherzog eine Zwischenfrage, leise, ohne
aufzublicken, und mit spöttischem Lächeln.
»Und die Thronfolge?« fragte er.
»Das Gesetz«, erwiderte Herr von Knobelsdorff unerschütterlich, »legt es
in Euerer Königlichen Hoheit Hand, das dynastische Bedenken zu
beseitigen. Standeserhöhung und selbst Ebenbürtigkeit zu verleihen gehört
auch bei uns zu den Prärogativen des Landesherrn – und wann wäre je in
der Geschichte ein tieferer Anlaß zur Betätigung dieser Vorrechte gegeben
gewesen? Diese Verbindung trägt ihre Echtheit in sich, sie ist von langer
Hand her im Gemüte des Volkes vorbereitet, und ihre vollkommene staats-
und fürstenrechtliche Anerkennung würde dem Volke nicht mehr als eine
äußere Bestätigung seines innersten Empfindens bedeuten.«
So kam Herr von Knobelsdorff auf Imma Spoelmanns Popularität zu
sprechen, auf die vielsagende Kundgebung gelegentlich ihrer Genesung von
leichter Unpäßlichkeit, auf den ebenbürtigen Rang, den dies
außerordentliche Wesen in der Phantasie des Volkes einnähme – und seine
Augenfältchen spielten, als er Albrecht an die alte Wahrsagung erinnerte,
die im Volke lebte, von dem Prinzen sprach, der mit einer Hand dem Lande
mehr geben sollte, als andere mit zweien je vermocht hätten, und beredsam
darlegte, wie die Verbindung zwischen Klaus Heinrich und Spoelmanns
Tochter dem Volke als vorgesehene Erfüllung des Orakels und somit als
gottgewollt und rechtmäßig erscheine.
Herr von Knobelsdorff sagte noch viel Kluges, Freies und Gutes. Er
erwähnte der vierfachen Blutzusammensetzung Imma Spoelmanns – denn
außer dem deutschen, portugiesischen und englischen fließe ja, wie man
vernähme, auch ein wenig von dem uradligen Blut der Indianer in ihren
Page 307
Adern – und betonte, daß er sich von der belebenden Wirkung, welche die
Mischung der Rassen bei alten Geschlechtern hervorzubringen vermöge, für
die Dynastie das Beste verspreche. Aber seine bedeutendsten Augenblicke
hatte der unbefangene alte Herr, als von den ungeheuren und segensvollen
Veränderungen die Rede war, die in den wirtschaftlichen Verhältnissen des
Hofes selbst, unseres verschuldeten und bedrängten Hofes, durch die kühne
Heirat des Thronfolgers würden hervorgebracht werden. Denn hier war es,
wo Albrecht am hochmütigsten an der Oberlippe sog. Der Geldwert sank,
die Ausgaben stiegen, sie taten es nach einem wirtschaftlichen Gesetz, das
für die Etats der Hofverwaltungen sowohl wie für jeden Privathaushalt
seine Gültigkeit hatte, und eine Vermehrung der Einnahmen war unmöglich.
Aber es ging nicht an, daß das Vermögen des Landesherrn hinter dem
mancher Untertanen zurückstand; es war im monarchistischen Sinne
unleidlich, daß Seifensieder Unschlitts Wohnhaus schon längst eine
Zentralheizung hatte, das Alte Schloß aber noch immer nicht. Abhilfe war
nötig, in mehr als einem Fall, und wohl dem Fürstenhause, dem sich eine so
großartige Abhilfe bot wie diese! Man beobachtete in unseren Zeiten, daß
alle Schamhaftigkeit von ehedem aus der Behandlung höfischer
Geldangelegenheiten entschwand. Jene Selbstentäußerung, mit welcher
fürstliche Familien vormals die schwersten Opfer gebracht hatten, um die
Öffentlichkeit vor ernüchternden Einblicken in ihre Vermögensverhältnisse
zu bewahren, ward nicht mehr angetroffen, und Prozesse, Entmündigungen,
fragwürdige Veräußerungen waren an der Tagesordnung. Aber war dieser
kleinlichen und bürgerlichen Art von Anpassung nicht das Bündnis mit dem
souveränen Reichtum vorzuziehen – eine Verbindung, welche die Hoheit
auf immer hoch über alle wirtschaftlichen Quisquilien erheben und sie in
den Stand setzen würde, sich dem Volke mit allen jenen äußeren Zeichen
sichtbar zu machen, nach denen es verlangte?
So fragte Herr von Knobelsdorff, und er selbst beantwortete seine Frage
mit unumwundener Bejahung. Kurz, so weise und unwiderstehlich war
seine Rede, daß er das Alte Schloß nicht verließ, ohne stolz gelispelte
Genehmigungen und Ermächtigungen mit fortzunehmen, die weit genug
reichten, um, wenn Fräulein Spoelmann nur irgend das ihre getan hatte,
Abschlüsse sondergleichen zu gewährleisten.
Und so gingen denn nun die Dinge ihren denkwürdigen Gang bis zum
seligen Ende. Noch vor Ende Dezember nannte man die Namen derjenigen
Mischung der Rassen bei alten Geschlechtern hervorzubringen vermöge, für
die Dynastie das Beste verspreche. Aber seine bedeutendsten Augenblicke
hatte der unbefangene alte Herr, als von den ungeheuren und segensvollen
Veränderungen die Rede war, die in den wirtschaftlichen Verhältnissen des
Hofes selbst, unseres verschuldeten und bedrängten Hofes, durch die kühne
Heirat des Thronfolgers würden hervorgebracht werden. Denn hier war es,
wo Albrecht am hochmütigsten an der Oberlippe sog. Der Geldwert sank,
die Ausgaben stiegen, sie taten es nach einem wirtschaftlichen Gesetz, das
für die Etats der Hofverwaltungen sowohl wie für jeden Privathaushalt
seine Gültigkeit hatte, und eine Vermehrung der Einnahmen war unmöglich.
Aber es ging nicht an, daß das Vermögen des Landesherrn hinter dem
mancher Untertanen zurückstand; es war im monarchistischen Sinne
unleidlich, daß Seifensieder Unschlitts Wohnhaus schon längst eine
Zentralheizung hatte, das Alte Schloß aber noch immer nicht. Abhilfe war
nötig, in mehr als einem Fall, und wohl dem Fürstenhause, dem sich eine so
großartige Abhilfe bot wie diese! Man beobachtete in unseren Zeiten, daß
alle Schamhaftigkeit von ehedem aus der Behandlung höfischer
Geldangelegenheiten entschwand. Jene Selbstentäußerung, mit welcher
fürstliche Familien vormals die schwersten Opfer gebracht hatten, um die
Öffentlichkeit vor ernüchternden Einblicken in ihre Vermögensverhältnisse
zu bewahren, ward nicht mehr angetroffen, und Prozesse, Entmündigungen,
fragwürdige Veräußerungen waren an der Tagesordnung. Aber war dieser
kleinlichen und bürgerlichen Art von Anpassung nicht das Bündnis mit dem
souveränen Reichtum vorzuziehen – eine Verbindung, welche die Hoheit
auf immer hoch über alle wirtschaftlichen Quisquilien erheben und sie in
den Stand setzen würde, sich dem Volke mit allen jenen äußeren Zeichen
sichtbar zu machen, nach denen es verlangte?
So fragte Herr von Knobelsdorff, und er selbst beantwortete seine Frage
mit unumwundener Bejahung. Kurz, so weise und unwiderstehlich war
seine Rede, daß er das Alte Schloß nicht verließ, ohne stolz gelispelte
Genehmigungen und Ermächtigungen mit fortzunehmen, die weit genug
reichten, um, wenn Fräulein Spoelmann nur irgend das ihre getan hatte,
Abschlüsse sondergleichen zu gewährleisten.
Und so gingen denn nun die Dinge ihren denkwürdigen Gang bis zum
seligen Ende. Noch vor Ende Dezember nannte man die Namen derjenigen
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Personen, die g e s e h e n (nicht etwa nur davon erzählen gehört) hatten, wie
eines schneedunklen Vormittags um elf Uhr Oberhofmarschall von Bühl zu
Bühl im Pelz, einen Zylinder auf seinem braunen Toupet und den goldenen
Zwicker auf der Nase, vor »Delphinenort« aus einem Hofwagen gestiegen
und schwänzelnd im Innern des Schlosses verschwunden sei. Anfang Januar
gingen in der Stadt Individuen umher, die an Eides Statt versicherten, daß
jener Herr, welcher, wiederum zu einer Vormittagsstunde und gleichfalls in
Pelz und Zylinder, an dem grinsenden Plüschmohren vorbei das Portal von
»Delphinenort« verlassen und sich mit fiebrigen Augen in eine
bereitstehende Droschke geworfen habe, unzweifelhaft unser
Finanzminister Doktor Krippenreuther gewesen sei. Und zu gleicher Zeit
tauchten in dem halbamtlichen »Eilboten« erste und vorbereitende
Vermerke von Gerüchten auf, welche eine bevorstehende Verlobung im
Großherzoglichen Hause zum Inhalt hatten – tastende Verlautbarungen, die,
in behutsamer Steigerung deutlicher und deutlicher werdend, endlich die
beiden Namen Klaus Heinrichs und Imma Spoelmanns in klarem Druck
beieinander zeigten … Das war keine neue Zusammenstellung mehr, aber
sie schwarz auf weiß zu sehen, wirkte dennoch wie starker Wein.
Äußerst fesselnd war es übrigens, zu beobachten, wie bei den
publizistischen Erörterungen, die sich hierauf entspannen, unsere
aufgeklärte und freigeistig gesinnte Presse sich zu der volkstümlichen Seite
der Sache, nämlich zu der Prophezeiung stellte, die denn doch in zu hohem
Grade politische Bedeutung gewonnen hatte, als daß nicht Bildung und
Intelligenz genötigt gewesen wären, sich damit auseinanderzusetzen.
Weissagerei, Chiromantie und dergleichen Hexenwesen, erklärte der
»Eilbote«, seien, soweit das Schicksal des einzelnen in Frage komme,
schlechterdings in das dunkle Gebiet des Aberglaubens zu verweisen, sie
gehörten dem grauen Mittelalter an, und nicht genug zu belächeln seien die
wahnbefangenen Personen, die, was freilich in den Städten wohl nicht mehr
geschähe, sich von geriebenen Beutelschneidern die Groschen aus der
Tasche ziehen ließen, um aus der Hand, den Karten oder dem Kaffeesatz
sich ihre geringfügige Zukunft deuten, sich gesundbeten, homöopathisch
kurieren oder ihr krankes Vieh von eingefahrenen Dämonen befreien zu
lassen – wie als ob nicht bereits der Apostel gefragt habe: »Kümmert sich
denn Gott auch um die Ochsen?« Allein ins Große gerechnet und
entscheidende Wendungen im Schicksal ganzer Völker oder Dynastien in
eines schneedunklen Vormittags um elf Uhr Oberhofmarschall von Bühl zu
Bühl im Pelz, einen Zylinder auf seinem braunen Toupet und den goldenen
Zwicker auf der Nase, vor »Delphinenort« aus einem Hofwagen gestiegen
und schwänzelnd im Innern des Schlosses verschwunden sei. Anfang Januar
gingen in der Stadt Individuen umher, die an Eides Statt versicherten, daß
jener Herr, welcher, wiederum zu einer Vormittagsstunde und gleichfalls in
Pelz und Zylinder, an dem grinsenden Plüschmohren vorbei das Portal von
»Delphinenort« verlassen und sich mit fiebrigen Augen in eine
bereitstehende Droschke geworfen habe, unzweifelhaft unser
Finanzminister Doktor Krippenreuther gewesen sei. Und zu gleicher Zeit
tauchten in dem halbamtlichen »Eilboten« erste und vorbereitende
Vermerke von Gerüchten auf, welche eine bevorstehende Verlobung im
Großherzoglichen Hause zum Inhalt hatten – tastende Verlautbarungen, die,
in behutsamer Steigerung deutlicher und deutlicher werdend, endlich die
beiden Namen Klaus Heinrichs und Imma Spoelmanns in klarem Druck
beieinander zeigten … Das war keine neue Zusammenstellung mehr, aber
sie schwarz auf weiß zu sehen, wirkte dennoch wie starker Wein.
Äußerst fesselnd war es übrigens, zu beobachten, wie bei den
publizistischen Erörterungen, die sich hierauf entspannen, unsere
aufgeklärte und freigeistig gesinnte Presse sich zu der volkstümlichen Seite
der Sache, nämlich zu der Prophezeiung stellte, die denn doch in zu hohem
Grade politische Bedeutung gewonnen hatte, als daß nicht Bildung und
Intelligenz genötigt gewesen wären, sich damit auseinanderzusetzen.
Weissagerei, Chiromantie und dergleichen Hexenwesen, erklärte der
»Eilbote«, seien, soweit das Schicksal des einzelnen in Frage komme,
schlechterdings in das dunkle Gebiet des Aberglaubens zu verweisen, sie
gehörten dem grauen Mittelalter an, und nicht genug zu belächeln seien die
wahnbefangenen Personen, die, was freilich in den Städten wohl nicht mehr
geschähe, sich von geriebenen Beutelschneidern die Groschen aus der
Tasche ziehen ließen, um aus der Hand, den Karten oder dem Kaffeesatz
sich ihre geringfügige Zukunft deuten, sich gesundbeten, homöopathisch
kurieren oder ihr krankes Vieh von eingefahrenen Dämonen befreien zu
lassen – wie als ob nicht bereits der Apostel gefragt habe: »Kümmert sich
denn Gott auch um die Ochsen?« Allein ins Große gerechnet und
entscheidende Wendungen im Schicksal ganzer Völker oder Dynastien in
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Rede gestellt, so laufe einem geschulten und wissenschaftlichen Denken die
Vorstellung nicht unbedingt zuwider, daß, da die Zeit nur eine Illusion und
in Wahrheit betrachtet alles Geschehen in Ewigkeit feststehend sei, solche
im Schoße der Zukunft ruhenden Umwälzungen den Menschengeist im
voraus erschüttern und ihm gesichtweise sich offenbaren könnten. Und deß
zum Beweise veröffentlichte das eifrige Blatt ein umfangreiches, von einem
unserer Hochschulprofessoren gütigst zur Verfügung gestelltes Elaborat, das
eine Übersicht aller der Fälle der Menschheitsgeschichte bot, in welchen
Orakel und Horoskop, Somnambulismus, Hellseherei, Wahrtraum,
Schlafwachen, zweites Gesicht und Inspiration eine Rolle gespielt hatten –
ein überaus dankenswertes Memorandum, das seine Wirkung in gebildeten
Kreisen nicht verfehlte.
Man marschierte geschlossen und in tiefem Einverständnis, Presse,
Regierung, Hof und Publikum, und sicher hätte der »Eilbote« seine Zunge
gehütet, wenn damals seine philosophischen Dienstleistungen noch verfrüht
und politisch gefährlich – wenn, mit einem Wort, die Verhandlungen auf
»Delphinenort« nicht bereits weit in günstiger Richtung vorgeschritten
gewesen wären. Heute weiß man ziemlich genau, wie diese Verhandlungen
sich abwickelten und einen wie schwierigen, ja peinlichen Stand unsere
Sachwalter dabei hatten: der sowohl, dem als Vertrauensperson des Hofes
die zarte Mission zugefallen war, des Prinzen Klaus Heinrichs Werbung
vorzubereiten, wie auch der oberste Betreuer unseres Finanzwesens, der es
sich trotz seiner schwer erschütterten Gesundheit nicht nehmen ließ, in
eigener Person die Sache des Landes bei Samuel Spoelmann zu führen.
Dabei ist erstens Herrn Spoelmanns ärgerliche und reizbare Gemütsart in
Rechnung zu ziehen, zweitens aber zu bedenken, daß ja dem ungeheueren
kleinen Manne an einem in unserem Sinne glücklichen Abschluß des
Handels bei weitem so viel nicht gelegen war wie uns. Abgesehen von
Herrn Spoelmanns Liebe zu seiner Tochter, die ihm ihr Herz geöffnet und
ihm ihr schönes Verlangen kundgegeben hatte, sich liebend nützlich zu
machen, hatten unsere Mandatare nicht e i n e n Trumpf gegen ihn
auszuspielen, und es war schlechterdings nicht an dem, daß Doktor
Krippenreuther seine Wünsche als Bedingungen an das hätte knüpfen
können, was Herr von Bühl etwa zu bieten hatte. Von dem Prinzen Klaus
Heinrich sprach Herr Spoelmann beständig mit der Bezeichnung »der junge
Mensch« und bekundete über die Aussicht, seine Tochter einer Königlichen
Vorstellung nicht unbedingt zuwider, daß, da die Zeit nur eine Illusion und
in Wahrheit betrachtet alles Geschehen in Ewigkeit feststehend sei, solche
im Schoße der Zukunft ruhenden Umwälzungen den Menschengeist im
voraus erschüttern und ihm gesichtweise sich offenbaren könnten. Und deß
zum Beweise veröffentlichte das eifrige Blatt ein umfangreiches, von einem
unserer Hochschulprofessoren gütigst zur Verfügung gestelltes Elaborat, das
eine Übersicht aller der Fälle der Menschheitsgeschichte bot, in welchen
Orakel und Horoskop, Somnambulismus, Hellseherei, Wahrtraum,
Schlafwachen, zweites Gesicht und Inspiration eine Rolle gespielt hatten –
ein überaus dankenswertes Memorandum, das seine Wirkung in gebildeten
Kreisen nicht verfehlte.
Man marschierte geschlossen und in tiefem Einverständnis, Presse,
Regierung, Hof und Publikum, und sicher hätte der »Eilbote« seine Zunge
gehütet, wenn damals seine philosophischen Dienstleistungen noch verfrüht
und politisch gefährlich – wenn, mit einem Wort, die Verhandlungen auf
»Delphinenort« nicht bereits weit in günstiger Richtung vorgeschritten
gewesen wären. Heute weiß man ziemlich genau, wie diese Verhandlungen
sich abwickelten und einen wie schwierigen, ja peinlichen Stand unsere
Sachwalter dabei hatten: der sowohl, dem als Vertrauensperson des Hofes
die zarte Mission zugefallen war, des Prinzen Klaus Heinrichs Werbung
vorzubereiten, wie auch der oberste Betreuer unseres Finanzwesens, der es
sich trotz seiner schwer erschütterten Gesundheit nicht nehmen ließ, in
eigener Person die Sache des Landes bei Samuel Spoelmann zu führen.
Dabei ist erstens Herrn Spoelmanns ärgerliche und reizbare Gemütsart in
Rechnung zu ziehen, zweitens aber zu bedenken, daß ja dem ungeheueren
kleinen Manne an einem in unserem Sinne glücklichen Abschluß des
Handels bei weitem so viel nicht gelegen war wie uns. Abgesehen von
Herrn Spoelmanns Liebe zu seiner Tochter, die ihm ihr Herz geöffnet und
ihm ihr schönes Verlangen kundgegeben hatte, sich liebend nützlich zu
machen, hatten unsere Mandatare nicht e i n e n Trumpf gegen ihn
auszuspielen, und es war schlechterdings nicht an dem, daß Doktor
Krippenreuther seine Wünsche als Bedingungen an das hätte knüpfen
können, was Herr von Bühl etwa zu bieten hatte. Von dem Prinzen Klaus
Heinrich sprach Herr Spoelmann beständig mit der Bezeichnung »der junge
Mensch« und bekundete über die Aussicht, seine Tochter einer Königlichen
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Hoheit zur Frau geben zu sollen, so wenig Ergötzen, daß Doktor
Krippenreuther sowohl wie Herr von Bühl mehr als einmal in tödliche
Verlegenheit gerieten. »Wenn er irgend etwas gelernt, eine ordentliche
Beschäftigung hätte!« knarrte er verdrießlich. »Aber ein junger Mensch, der
nichts versteht, als sich hochleben zu lassen …« Wirklich erbost zeigte er
sich, als zum ersten Male ein Wort von morganatischer Vermählung fiel.
Seine Tochter, erklärte er »once for all«, sei kein Kebsweib und nicht für
die linke Seite. Heirate man sie, so heirate man sie … Aber die Interessen
der Dynastie und des Landes trafen in diesem Punkte ja völlig mit den
seinen zusammen; die Erzielung erbfolgeberechtigter Nachkommenschaft
war eine Notwendigkeit, und Herr von Bühl war mit all den Vollmachten
ausgestattet, die Herr von Knobelsdorff vom Großherzog zu erwirken
verstanden hatte. Was aber die Mission Doktor Krippenreuthers betraf, so
war es gewiß nicht die Beredsamkeit ihres Trägers, welche sie glücken ließ,
sondern einzig Herrn Spoelmanns Vaterzärtlichkeit – die Willfährigkeit
eines leidenden, überdrüssigen und von seinem Wundertierdasein längst
paradox gestimmten Vaters gegen seine einzige Tochter und Erbin, die sich
schließlich die Staatspapiere, in welchen sie ihr Vermögen anzulegen
wünschte, selbst aussuchen mochte.
Und so kamen denn jene Pakten zustande, die vorderhand in tiefe
Verschwiegenheit gehüllt blieben und nur schrittweise, erst durch die
Ereignisse selbst, ans Sonnenlicht traten, die aber hier in ruhigen Worten
zusammengestellt werden mögen.
Die Verlobung Klaus Heinrichs mit Imma Spoelmann ward gebilligt und
anerkannt von Samuel Spoelmann, vom Hause Grimmburg. Zugleich mit
der Veröffentlichung des Verlöbnisses im »Staatsanzeiger« würde die
Erhebung der Braut zur Gräfin verkündet werden – unter einem
Phantasienamen von romanhaftem Adelsklang, ähnlich dem, welchen Klaus
Heinrich auf seiner Studienreise in den schönen Ländern des Südens
geführt hatte; und am Tage ihrer Hochzeit war die Gemahlin des Prinzen-
Thronfolgers mit der Würde einer Fürstin zu bekleiden. Die beiden
Standeserhöhungen waren frei von Stempelsteuer, die
viertausendachthundert Mark betragen haben würde, zu vollziehen. Nur
vorläufig und zur Gewöhnung der Welt sollte die Ehe zur Linken
geschlossen werden; denn an dem Tage, an welchem sich zeigen würde, daß
sie mit Nachkommenschaft gesegnet sein sollte, würde Albrecht II., mit
Krippenreuther sowohl wie Herr von Bühl mehr als einmal in tödliche
Verlegenheit gerieten. »Wenn er irgend etwas gelernt, eine ordentliche
Beschäftigung hätte!« knarrte er verdrießlich. »Aber ein junger Mensch, der
nichts versteht, als sich hochleben zu lassen …« Wirklich erbost zeigte er
sich, als zum ersten Male ein Wort von morganatischer Vermählung fiel.
Seine Tochter, erklärte er »once for all«, sei kein Kebsweib und nicht für
die linke Seite. Heirate man sie, so heirate man sie … Aber die Interessen
der Dynastie und des Landes trafen in diesem Punkte ja völlig mit den
seinen zusammen; die Erzielung erbfolgeberechtigter Nachkommenschaft
war eine Notwendigkeit, und Herr von Bühl war mit all den Vollmachten
ausgestattet, die Herr von Knobelsdorff vom Großherzog zu erwirken
verstanden hatte. Was aber die Mission Doktor Krippenreuthers betraf, so
war es gewiß nicht die Beredsamkeit ihres Trägers, welche sie glücken ließ,
sondern einzig Herrn Spoelmanns Vaterzärtlichkeit – die Willfährigkeit
eines leidenden, überdrüssigen und von seinem Wundertierdasein längst
paradox gestimmten Vaters gegen seine einzige Tochter und Erbin, die sich
schließlich die Staatspapiere, in welchen sie ihr Vermögen anzulegen
wünschte, selbst aussuchen mochte.
Und so kamen denn jene Pakten zustande, die vorderhand in tiefe
Verschwiegenheit gehüllt blieben und nur schrittweise, erst durch die
Ereignisse selbst, ans Sonnenlicht traten, die aber hier in ruhigen Worten
zusammengestellt werden mögen.
Die Verlobung Klaus Heinrichs mit Imma Spoelmann ward gebilligt und
anerkannt von Samuel Spoelmann, vom Hause Grimmburg. Zugleich mit
der Veröffentlichung des Verlöbnisses im »Staatsanzeiger« würde die
Erhebung der Braut zur Gräfin verkündet werden – unter einem
Phantasienamen von romanhaftem Adelsklang, ähnlich dem, welchen Klaus
Heinrich auf seiner Studienreise in den schönen Ländern des Südens
geführt hatte; und am Tage ihrer Hochzeit war die Gemahlin des Prinzen-
Thronfolgers mit der Würde einer Fürstin zu bekleiden. Die beiden
Standeserhöhungen waren frei von Stempelsteuer, die
viertausendachthundert Mark betragen haben würde, zu vollziehen. Nur
vorläufig und zur Gewöhnung der Welt sollte die Ehe zur Linken
geschlossen werden; denn an dem Tage, an welchem sich zeigen würde, daß
sie mit Nachkommenschaft gesegnet sein sollte, würde Albrecht II., mit
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Rücksicht auf die unvergleichlichen Umstände, die morganatische
Gemahlin seines Bruders für ebenbürtig erklären und ihr den Rang einer
Prinzessin des Großherzoglichen Hauses mit dem Titel Königliche Hoheit
verleihen. Das neue Mitglied des Herrscherhauses würde auf jede Apanage
verzichten. Was das höfische Zeremoniale betraf, so war zum Feste der
linkshändigen Vermählung nur eine Sprechcour, zur Feier der
Ebenbürtigkeitserklärung jedoch jene höchste und vollkommenste
Huldigungsform, die Defiliercour, vorgesehen. Samuel Spoelmann aber,
von seiner Seite, bewilligte dem Staat eine Anleihe von
dreihundertundfünfzig Millionen Mark – und zwar unter Bedingungen so
väterlicher Art, daß dieses Darlehn fast alle Merkmale einer Schenkung
trug.
Es war Großherzog Albrecht, der den Prinzen-Thronfolger von diesen
Abschlüssen in Kenntnis setzte. Wieder stand Klaus Heinrich in dem
großen, zugigen Arbeitszimmer unter dem zersprungenen Deckengemälde
vor seinem Bruder, wie einst, als Albrecht ihm die Repräsentationspflichten
übertragen hatte, und nahm in dienstlich geschlossener Haltung die großen
Mitteilungen entgegen. Er hatte den Waffenrock eines Majors der
Gardefüsiliere angelegt zu dieser Audienz, während der Großherzog zu
seinem schwarzen Überrock neuerdings Pulswärmer trug, die seine Tante
Katharina ihm in dunkelroter Wolle gefertigt hatte, gegen den Zug durch die
hohen Fenster des Alten Schlosses. Als Albrecht geendigt hatte, trat Klaus
Heinrich einen Schritt seitwärts, um aufs neue salutierend die Absätze
zusammenzuziehen, und sagte: »Ich bitte dich, lieber Albrecht, dir
herzlichen und untertänigen Dank zu Füßen legen zu dürfen, in meinem
Namen und im Namen des ganzen Landes. Denn letzten Endes bist du es ja,
der all diesen Segen ermöglicht, und die verdoppelte Liebe des Volkes wird
dir für deine hochherzigen Entschließungen lohnen.«
Er drückte die magere und empfindliche Hand seines Bruders, die dieser
dicht an der Brust und ohne auch nur den Unterarm vom Körper zu lösen,
ihm darreichte. Der Großherzog hatte seine kurze, gerundete Unterlippe
emporgeschoben, und seine Lider waren gesenkt. Er antwortete leise und
lispelnd: »Ich neige um so weniger dazu, mir über die Liebe des Volkes
Illusionen zu machen, als ich, wie du weißt, dieser fraglosen Liebe
schmerzlos entraten kann. Dabei fällt die Frage kaum ins Gewicht, als ob
ich sie auch nur verdiene. Ich gehe zur Abfahrtsstunde auf den Bahnhof, um
Gemahlin seines Bruders für ebenbürtig erklären und ihr den Rang einer
Prinzessin des Großherzoglichen Hauses mit dem Titel Königliche Hoheit
verleihen. Das neue Mitglied des Herrscherhauses würde auf jede Apanage
verzichten. Was das höfische Zeremoniale betraf, so war zum Feste der
linkshändigen Vermählung nur eine Sprechcour, zur Feier der
Ebenbürtigkeitserklärung jedoch jene höchste und vollkommenste
Huldigungsform, die Defiliercour, vorgesehen. Samuel Spoelmann aber,
von seiner Seite, bewilligte dem Staat eine Anleihe von
dreihundertundfünfzig Millionen Mark – und zwar unter Bedingungen so
väterlicher Art, daß dieses Darlehn fast alle Merkmale einer Schenkung
trug.
Es war Großherzog Albrecht, der den Prinzen-Thronfolger von diesen
Abschlüssen in Kenntnis setzte. Wieder stand Klaus Heinrich in dem
großen, zugigen Arbeitszimmer unter dem zersprungenen Deckengemälde
vor seinem Bruder, wie einst, als Albrecht ihm die Repräsentationspflichten
übertragen hatte, und nahm in dienstlich geschlossener Haltung die großen
Mitteilungen entgegen. Er hatte den Waffenrock eines Majors der
Gardefüsiliere angelegt zu dieser Audienz, während der Großherzog zu
seinem schwarzen Überrock neuerdings Pulswärmer trug, die seine Tante
Katharina ihm in dunkelroter Wolle gefertigt hatte, gegen den Zug durch die
hohen Fenster des Alten Schlosses. Als Albrecht geendigt hatte, trat Klaus
Heinrich einen Schritt seitwärts, um aufs neue salutierend die Absätze
zusammenzuziehen, und sagte: »Ich bitte dich, lieber Albrecht, dir
herzlichen und untertänigen Dank zu Füßen legen zu dürfen, in meinem
Namen und im Namen des ganzen Landes. Denn letzten Endes bist du es ja,
der all diesen Segen ermöglicht, und die verdoppelte Liebe des Volkes wird
dir für deine hochherzigen Entschließungen lohnen.«
Er drückte die magere und empfindliche Hand seines Bruders, die dieser
dicht an der Brust und ohne auch nur den Unterarm vom Körper zu lösen,
ihm darreichte. Der Großherzog hatte seine kurze, gerundete Unterlippe
emporgeschoben, und seine Lider waren gesenkt. Er antwortete leise und
lispelnd: »Ich neige um so weniger dazu, mir über die Liebe des Volkes
Illusionen zu machen, als ich, wie du weißt, dieser fraglosen Liebe
schmerzlos entraten kann. Dabei fällt die Frage kaum ins Gewicht, als ob
ich sie auch nur verdiene. Ich gehe zur Abfahrtsstunde auf den Bahnhof, um
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zu winken – das ist weniger verdienstvoll als albern, aber es ist nun einmal
mein Amt. Dein Fall ist freilich ein anderer. Du bist ein Sonntagskind. Alles
fügt sich dir wohl … Ich wünsche dir Glück«, sagte er, indem er die Lider
von seinen einsam blickenden blauen Augen hob. Und in diesem
Augenblick sah man, daß er Klaus Heinrich liebte. »Ich wünsche dir Glück,
Klaus Heinrich – aber nicht allzuviel, und daß du nicht allzu wohlig in der
Liebe des Volkes ruhen mögest. Übrigens sagte ich schon, daß alles sich dir
zum besten fügt. Das Mädchen deiner Wahl ist recht fremdartig, recht
wenig hausbacken, recht unvolkstümlich zu guter Letzt. Sie hat viererlei
Blut … ich habe mir sagen lassen, daß sogar indianisches Blut in ihren
Adern fließt. Das ist vielleicht gut. Mit einer solchen Gefährtin läufst du
vielleicht weniger Gefahr, bequemen Sinnes zu werden.«
»Weder das Glück«, sagte Klaus Heinrich, »noch die Liebe des Volkes
wird je bewirken können, daß ich aufhöre, dein Bruder zu sein.«
Er ging, ihm stand noch ein schweres Stündlein bevor, ein Gespräch mit
Herrn Spoelmann unter vier Augen, seine persönliche Werbung um Immas
Hand. Da mußte er schlucken, was die Unterhändler geschluckt hatten,
denn Samuel Spoelmann zeigte auch nicht die geringste Freude und sagte
ihm knarrend viele erfrischende Wahrheiten. Aber dann war auch das
bestanden, und der Morgen kam, da die Verlobung im »Staatsanzeiger«
prangte. Da löste die lange Spannung sich in unendlichen Jubel; da winkten
gesetzte Männer einander mit den Schnupftüchern zu und tauschten
Umarmungen auf offenem Markt; da flogen an den Flaggenstangen die
Fahnentücher empor.
Aber am nämlichen Tag traf auf Schloß »Eremitage« die Botschaft ein,
daß Raoul Überbein sich entleibt habe.
Das war eine nichtswürdige, ja läppische Geschichte, die wiederzugeben
nicht lohnen würde, wenn nicht ihr Ende so gräßlich gewesen wäre.
Die Schuldfrage scheide hier aus. An des Doktors Grabe bildeten sich
zwei Parteien. Erschüttert durch seine Verzweiflungstat, behaupteten die
einen, man habe ihn in den Tod getrieben; die andern erklärten
achselzuckend, daß sein Benehmen unmöglich und hirnverbrannt, seine
Maßregelung durchaus geboten gewesen sei. Das stehe dahin. Auf jeden
Fall rechtfertigte eigentlich nichts einen tragischen Ausgang; ja, es war für
mein Amt. Dein Fall ist freilich ein anderer. Du bist ein Sonntagskind. Alles
fügt sich dir wohl … Ich wünsche dir Glück«, sagte er, indem er die Lider
von seinen einsam blickenden blauen Augen hob. Und in diesem
Augenblick sah man, daß er Klaus Heinrich liebte. »Ich wünsche dir Glück,
Klaus Heinrich – aber nicht allzuviel, und daß du nicht allzu wohlig in der
Liebe des Volkes ruhen mögest. Übrigens sagte ich schon, daß alles sich dir
zum besten fügt. Das Mädchen deiner Wahl ist recht fremdartig, recht
wenig hausbacken, recht unvolkstümlich zu guter Letzt. Sie hat viererlei
Blut … ich habe mir sagen lassen, daß sogar indianisches Blut in ihren
Adern fließt. Das ist vielleicht gut. Mit einer solchen Gefährtin läufst du
vielleicht weniger Gefahr, bequemen Sinnes zu werden.«
»Weder das Glück«, sagte Klaus Heinrich, »noch die Liebe des Volkes
wird je bewirken können, daß ich aufhöre, dein Bruder zu sein.«
Er ging, ihm stand noch ein schweres Stündlein bevor, ein Gespräch mit
Herrn Spoelmann unter vier Augen, seine persönliche Werbung um Immas
Hand. Da mußte er schlucken, was die Unterhändler geschluckt hatten,
denn Samuel Spoelmann zeigte auch nicht die geringste Freude und sagte
ihm knarrend viele erfrischende Wahrheiten. Aber dann war auch das
bestanden, und der Morgen kam, da die Verlobung im »Staatsanzeiger«
prangte. Da löste die lange Spannung sich in unendlichen Jubel; da winkten
gesetzte Männer einander mit den Schnupftüchern zu und tauschten
Umarmungen auf offenem Markt; da flogen an den Flaggenstangen die
Fahnentücher empor.
Aber am nämlichen Tag traf auf Schloß »Eremitage« die Botschaft ein,
daß Raoul Überbein sich entleibt habe.
Das war eine nichtswürdige, ja läppische Geschichte, die wiederzugeben
nicht lohnen würde, wenn nicht ihr Ende so gräßlich gewesen wäre.
Die Schuldfrage scheide hier aus. An des Doktors Grabe bildeten sich
zwei Parteien. Erschüttert durch seine Verzweiflungstat, behaupteten die
einen, man habe ihn in den Tod getrieben; die andern erklärten
achselzuckend, daß sein Benehmen unmöglich und hirnverbrannt, seine
Maßregelung durchaus geboten gewesen sei. Das stehe dahin. Auf jeden
Fall rechtfertigte eigentlich nichts einen tragischen Ausgang; ja, es war für
Page 313
einen Mann von den Gaben Raoul Überbeins eine vollkommen unwürdige
Gelegenheit, zugrunde zu gehen … Es folgt die Geschichte.
Zu Ostern vorigen Jahres war der Ordinarius der zweitobersten Klasse
unseres humanistischen Gymnasiums, ein herzkranker Mann, auf Grund
seines körperlichen Leidens zeitlich quiesziert worden, und trotz Doktor
Überbeins verhältnismäßiger Jugend, einzig in Ansehung seines beruflichen
Eifers und seiner unleugbar bemerkenswerten Erfolge im mittleren
Klassendienst, hatte man ihm das vorerst erledigte Ordinariat übertragen.
Ein guter Griff, wie sich gezeigt hatte; denn nie waren die Leistungen der
Klasse ihren diesjährigen gleichgekommen. Der beurlaubte Professor,
übrigens ein beliebter Kollege, war, wohl infolge seines Leidens, das
wiederum mit einer an sich sympathischen, in ihrem Übermaß aber
bedenklichen Neigung, nämlich derjenigen zum Biere, zusammenhing, ein
zwar launenhafter, aber auch fahrlässiger und mattsinniger Herr gewesen,
der fünf hatte gerade sein lassen und alljährlich ein recht mangelhaft
vorbereitetes Schülermaterial in die Selekta befördert hatte. Ein neuer Geist
war mit dem stellvertretenden Ordinarius in die Klasse eingezogen – und
niemanden hatte das wundergenommen. Man kannte seinen unheimlichen
Berufseifer, seine einseitige und friedlose Strebsamkeit; man sah voraus,
daß er diese Gelegenheit, sich hervorzutun, nicht ungenützt lassen würde,
an die er ohne Zweifel ehrsüchtige Hoffnungen knüpfte. Sowohl mit dem
Faulenzen also, wie mit der Langeweile hatte es in der Unterprima ein jähes
Ende genommen. Doktor Überbeins Ansprüche waren hochgespannt, seine
Kunst, auch die Widerwilligsten dafür zu begeistern, war unwiderstehlich
gewesen. Die jungen Leute beteten ihn an. Seine überlegene, väterliche und
herzlich bramarbasierende Art hielt sie in Atem, rüttelte sie auf, machte es
ihnen zur Ehrensache, diesem Lehrer durch dick und dünn zu folgen. Er
fesselte sie an seine Person, indem er sonntägliche Ausflüge mit ihnen
unternahm, bei denen sie Tabak rauchen durften, während er ihre
Einbildungskraft durch burschenhaft aufgeräumte Rodomontaden über die
Größe und Strenge des offenen Lebens bezauberte. Und am Montag fanden
sie sich mit dem umgetriebenen Kameraden von gestern zu froher und
leidenschaftlicher Arbeit wieder zusammen.
Drei Viertel des Schuljahres waren so verwichen, da war, vor
Weihnachten, die Ankündigung ergangen, daß der beurlaubte Professor,
recht leidlich genesen, nach den Freiwochen seine Tätigkeit wieder
Gelegenheit, zugrunde zu gehen … Es folgt die Geschichte.
Zu Ostern vorigen Jahres war der Ordinarius der zweitobersten Klasse
unseres humanistischen Gymnasiums, ein herzkranker Mann, auf Grund
seines körperlichen Leidens zeitlich quiesziert worden, und trotz Doktor
Überbeins verhältnismäßiger Jugend, einzig in Ansehung seines beruflichen
Eifers und seiner unleugbar bemerkenswerten Erfolge im mittleren
Klassendienst, hatte man ihm das vorerst erledigte Ordinariat übertragen.
Ein guter Griff, wie sich gezeigt hatte; denn nie waren die Leistungen der
Klasse ihren diesjährigen gleichgekommen. Der beurlaubte Professor,
übrigens ein beliebter Kollege, war, wohl infolge seines Leidens, das
wiederum mit einer an sich sympathischen, in ihrem Übermaß aber
bedenklichen Neigung, nämlich derjenigen zum Biere, zusammenhing, ein
zwar launenhafter, aber auch fahrlässiger und mattsinniger Herr gewesen,
der fünf hatte gerade sein lassen und alljährlich ein recht mangelhaft
vorbereitetes Schülermaterial in die Selekta befördert hatte. Ein neuer Geist
war mit dem stellvertretenden Ordinarius in die Klasse eingezogen – und
niemanden hatte das wundergenommen. Man kannte seinen unheimlichen
Berufseifer, seine einseitige und friedlose Strebsamkeit; man sah voraus,
daß er diese Gelegenheit, sich hervorzutun, nicht ungenützt lassen würde,
an die er ohne Zweifel ehrsüchtige Hoffnungen knüpfte. Sowohl mit dem
Faulenzen also, wie mit der Langeweile hatte es in der Unterprima ein jähes
Ende genommen. Doktor Überbeins Ansprüche waren hochgespannt, seine
Kunst, auch die Widerwilligsten dafür zu begeistern, war unwiderstehlich
gewesen. Die jungen Leute beteten ihn an. Seine überlegene, väterliche und
herzlich bramarbasierende Art hielt sie in Atem, rüttelte sie auf, machte es
ihnen zur Ehrensache, diesem Lehrer durch dick und dünn zu folgen. Er
fesselte sie an seine Person, indem er sonntägliche Ausflüge mit ihnen
unternahm, bei denen sie Tabak rauchen durften, während er ihre
Einbildungskraft durch burschenhaft aufgeräumte Rodomontaden über die
Größe und Strenge des offenen Lebens bezauberte. Und am Montag fanden
sie sich mit dem umgetriebenen Kameraden von gestern zu froher und
leidenschaftlicher Arbeit wieder zusammen.
Drei Viertel des Schuljahres waren so verwichen, da war, vor
Weihnachten, die Ankündigung ergangen, daß der beurlaubte Professor,
recht leidlich genesen, nach den Freiwochen seine Tätigkeit wieder
Page 314
aufnehmen, sein Amt als Ordinarius der Unterprima wieder antreten werde.
Und nun hatte es sich gezeigt, wie es um Doktor Überbein stand und was es
mit seiner grünen Gesichtsfarbe, seinem aufgeräumten und überlegenen
Wesen eigentlich auf sich hatte. Er hatte sich aufgelehnt, war vorstellig
geworden, hatte lauten und in der Form nicht unanfechtbaren Einspruch
dagegen erhoben, daß ihm, der in drei Vierteljahren mit der Klasse
verwachsen war, der Arbeit und Erholung mit ihr geteilt und sie fast bis
zum Ziele geführt hatte, nun für das letzte Quartal das Ordinariat entzogen
und dem Beamten, der drei Viertel des Jahres im Ruhestande verbracht,
wieder zuerteilt werden sollte. Das war verständlich, begreiflich, war
menschlich nachfühlbar. Ohne Zweifel hatte er gehofft, dem Direktor, der
das Ordinariat der Selekta innehatte, eine Musterklasse zuzuführen, deren
Fortgeschrittenheit und vorzügliche Ausbildung seine Fähigkeit in helles
Licht setzen, seine Laufbahn beschleunigen würde, und die Vorstellung
mußte ihn schmerzen, einen anderen die Früchte seiner Hingebung ernten
zu sehen. Aber wenn sein Unmut entschuldbar gewesen wäre, so war seine
Tollheit es nicht: und leider verhielt es sich wirklich so und nicht anders,
daß er, als der Direktor seinen Vorstellungen taub blieb, unbedingt toll
wurde. Er verlor den Kopf, er verlor alles Gleichgewicht, er setzte Himmel
und Hölle in Bewegung, damit dieser Bummler, dieses Bierherz, dieser
lieblose Schuster, wie er ohne Rücksicht den beurlaubten Professor
bezeichnete, ihm nicht seine Klasse wegnähme, und als er, worüber der
Einsame sich nicht hätte wundern dürfen, im Lehrerkollegium keine
Unterstützung gefunden hatte, da hatte der unselige Mann sich so weit
vergessen, daß er zum Aufwiegler der ihm anvertrauten Schüler geworden
war. Wen sie haben wollten als Klassenlehrer für das letzte Quartal, hatte er
sie vom Katheder herunter gefragt – ihn oder jenen? Und fanatisiert von
seiner bebenden Erregung, hatten sie geschrien, sie wollten ihn. Dann
sollten sie gefälligst selbst ihre Sache in die Hand nehmen, Farbe bekennen
und geschlossen vorgehen, hatte er gesagt – und Gott wußte, was er sich in
seiner Überreiztheit eigentlich dabei gedacht hatte. Aber als nach den Ferien
der zurückgekehrte Ordinarius das Klassenzimmer betreten hatte, da hatten
sie ihm Doktor Überbeins Namen entgegengebrüllt, minutenlang – und der
Skandal war dagewesen.
Er wurde nicht unnötig aufgebauscht. Die Revoltanten blieben fast
straflos, da Doktor Überbein bei der sofort eingeleiteten Untersuchung
Und nun hatte es sich gezeigt, wie es um Doktor Überbein stand und was es
mit seiner grünen Gesichtsfarbe, seinem aufgeräumten und überlegenen
Wesen eigentlich auf sich hatte. Er hatte sich aufgelehnt, war vorstellig
geworden, hatte lauten und in der Form nicht unanfechtbaren Einspruch
dagegen erhoben, daß ihm, der in drei Vierteljahren mit der Klasse
verwachsen war, der Arbeit und Erholung mit ihr geteilt und sie fast bis
zum Ziele geführt hatte, nun für das letzte Quartal das Ordinariat entzogen
und dem Beamten, der drei Viertel des Jahres im Ruhestande verbracht,
wieder zuerteilt werden sollte. Das war verständlich, begreiflich, war
menschlich nachfühlbar. Ohne Zweifel hatte er gehofft, dem Direktor, der
das Ordinariat der Selekta innehatte, eine Musterklasse zuzuführen, deren
Fortgeschrittenheit und vorzügliche Ausbildung seine Fähigkeit in helles
Licht setzen, seine Laufbahn beschleunigen würde, und die Vorstellung
mußte ihn schmerzen, einen anderen die Früchte seiner Hingebung ernten
zu sehen. Aber wenn sein Unmut entschuldbar gewesen wäre, so war seine
Tollheit es nicht: und leider verhielt es sich wirklich so und nicht anders,
daß er, als der Direktor seinen Vorstellungen taub blieb, unbedingt toll
wurde. Er verlor den Kopf, er verlor alles Gleichgewicht, er setzte Himmel
und Hölle in Bewegung, damit dieser Bummler, dieses Bierherz, dieser
lieblose Schuster, wie er ohne Rücksicht den beurlaubten Professor
bezeichnete, ihm nicht seine Klasse wegnähme, und als er, worüber der
Einsame sich nicht hätte wundern dürfen, im Lehrerkollegium keine
Unterstützung gefunden hatte, da hatte der unselige Mann sich so weit
vergessen, daß er zum Aufwiegler der ihm anvertrauten Schüler geworden
war. Wen sie haben wollten als Klassenlehrer für das letzte Quartal, hatte er
sie vom Katheder herunter gefragt – ihn oder jenen? Und fanatisiert von
seiner bebenden Erregung, hatten sie geschrien, sie wollten ihn. Dann
sollten sie gefälligst selbst ihre Sache in die Hand nehmen, Farbe bekennen
und geschlossen vorgehen, hatte er gesagt – und Gott wußte, was er sich in
seiner Überreiztheit eigentlich dabei gedacht hatte. Aber als nach den Ferien
der zurückgekehrte Ordinarius das Klassenzimmer betreten hatte, da hatten
sie ihm Doktor Überbeins Namen entgegengebrüllt, minutenlang – und der
Skandal war dagewesen.
Er wurde nicht unnötig aufgebauscht. Die Revoltanten blieben fast
straflos, da Doktor Überbein bei der sofort eingeleiteten Untersuchung
Page 315
selbst seine Ansprache zu Protokoll gegeben hatte. Aber auch was ihn
selbst, den Doktor, betraf, so schien die Behörde durchaus geneigt, ein Auge
zuzudrücken. Sein Eifer, seine Fähigkeiten waren geschätzt, gewisse
gelehrte Arbeiten, die er von sich gegeben, Früchte seines nächtlichen
Fleißes, hatten seinen Namen bekannt gemacht, man hielt auf ihn an
höheren Stellen – an Stellen, wohlgemerkt, mit denen er persönlich nicht in
Berührung kam und die er also nicht durch sein väterliches Wesen hatte
erbittern können –, auch seine Eigenschaft als Erzieher des Prinzen Klaus
Heinrich fiel ins Gewicht, und kurz, er wurde keineswegs, wie man wohl
hätte erwarten können, einfach entlassen. Der großherzogliche
Oberschulrat, vor den die Sache gekommen war, erteilte ihm eine ernste
Rüge, und Doktor Überbein, der gleich nach dem skandalösen Vorfall seine
Lehrtätigkeit eingestellt hatte, wurde vorläufig im Ruhestande belassen.
Aber Leute, die es wissen konnten, versicherten später, daß nichts als des
Oberlehrers Versetzung an ein anderes Gymnasium vorgesehen gewesen
sei, daß man höheren Ortes nichts Besseres gewünscht habe, als Gras über
die Sache wachsen zu lassen, und daß man dem Doktor tatsächlich eine
bedeutende Zukunft offengehalten habe. Alles hätte gut werden können.
Aber wenn die Behörde sich milde zeigte, so war es die Kollegenschaft,
die desto feindlicher gegen Doktor Überbein Stellung nahm. Der
»Lehrerverein« bildete unverzüglich ein Ehrengericht, bestimmt, seinem
beliebten Mitgliede, dem von den Schülern abgelehnten Ordinarius mit dem
Bierherzen, Genugtuung zu verschaffen. Das Erkenntnis, das dem
zurückgezogen in seinem möblierten Zimmer lebenden Überbein schriftlich
zugestellt wurde, lautete demgemäß. Indem er, lautete es, sich gesträubt
habe, dem Kollegen, den er vertreten, das Ordinariat der Unterprima wieder
einzuräumen, indem er ferner gegen denselben gewühlt und am Ende sogar
die Schüler zur Unbotmäßigkeit gegen ihn aufgereizt habe, habe sich
Überbein einer in dem Maße unkollegialen Handlungsweise schuldig
gemacht, daß dieselbe nicht nur im intern beruflichen, sondern auch im
allgemein bürgerlichen Sinne als unehrenhaft bezeichnet werden müsse. So
der Spruch. Die erwartete Folge war, daß Doktor Überbein, der freilich dem
»Lehrerverein« stets nur dem Namen nach angehört hatte, seinen Austritt
aus dieser Körperschaft erklärte – und damit hätte es, wie mancher dachte,
wohl sein Bewenden haben können.
selbst, den Doktor, betraf, so schien die Behörde durchaus geneigt, ein Auge
zuzudrücken. Sein Eifer, seine Fähigkeiten waren geschätzt, gewisse
gelehrte Arbeiten, die er von sich gegeben, Früchte seines nächtlichen
Fleißes, hatten seinen Namen bekannt gemacht, man hielt auf ihn an
höheren Stellen – an Stellen, wohlgemerkt, mit denen er persönlich nicht in
Berührung kam und die er also nicht durch sein väterliches Wesen hatte
erbittern können –, auch seine Eigenschaft als Erzieher des Prinzen Klaus
Heinrich fiel ins Gewicht, und kurz, er wurde keineswegs, wie man wohl
hätte erwarten können, einfach entlassen. Der großherzogliche
Oberschulrat, vor den die Sache gekommen war, erteilte ihm eine ernste
Rüge, und Doktor Überbein, der gleich nach dem skandalösen Vorfall seine
Lehrtätigkeit eingestellt hatte, wurde vorläufig im Ruhestande belassen.
Aber Leute, die es wissen konnten, versicherten später, daß nichts als des
Oberlehrers Versetzung an ein anderes Gymnasium vorgesehen gewesen
sei, daß man höheren Ortes nichts Besseres gewünscht habe, als Gras über
die Sache wachsen zu lassen, und daß man dem Doktor tatsächlich eine
bedeutende Zukunft offengehalten habe. Alles hätte gut werden können.
Aber wenn die Behörde sich milde zeigte, so war es die Kollegenschaft,
die desto feindlicher gegen Doktor Überbein Stellung nahm. Der
»Lehrerverein« bildete unverzüglich ein Ehrengericht, bestimmt, seinem
beliebten Mitgliede, dem von den Schülern abgelehnten Ordinarius mit dem
Bierherzen, Genugtuung zu verschaffen. Das Erkenntnis, das dem
zurückgezogen in seinem möblierten Zimmer lebenden Überbein schriftlich
zugestellt wurde, lautete demgemäß. Indem er, lautete es, sich gesträubt
habe, dem Kollegen, den er vertreten, das Ordinariat der Unterprima wieder
einzuräumen, indem er ferner gegen denselben gewühlt und am Ende sogar
die Schüler zur Unbotmäßigkeit gegen ihn aufgereizt habe, habe sich
Überbein einer in dem Maße unkollegialen Handlungsweise schuldig
gemacht, daß dieselbe nicht nur im intern beruflichen, sondern auch im
allgemein bürgerlichen Sinne als unehrenhaft bezeichnet werden müsse. So
der Spruch. Die erwartete Folge war, daß Doktor Überbein, der freilich dem
»Lehrerverein« stets nur dem Namen nach angehört hatte, seinen Austritt
aus dieser Körperschaft erklärte – und damit hätte es, wie mancher dachte,
wohl sein Bewenden haben können.
Page 316
Aber sei es, daß der abgesonderte Mann nicht Kenntnis von dem
Wohlwollen hatte, das man höheren Ortes bei alldem für ihn hegte; daß er
seine Lage für aussichtsloser hielt, als sie war; daß er die Untätigkeit nicht
ertrug, den vorzeitigen Verlust seiner geliebten Klasse nicht verwand; daß
die Redensart von der »Unehrenhaftigkeit« ihm das Blut vergiftet hatte,
oder daß sein Gemüt den Erschütterungen dieser Zeit überhaupt nicht
gewachsen gewesen war: fünf Wochen nach Neujahr fanden seine
Wirtsleute ihn auf dem dürftigen Teppich seines Zimmers, nicht grüner als
sonst, aber eine Kugel im Herzen.
So endete Raoul Überbein; hierüber strauchelte er; dies war der Anlaß
seines Unterganges. Da hatte man es! Das war das Wort, das alle
Erörterungen seines kläglichen Zusammenbruches beherrschte. Der
friedlose und ungemütliche Mann, der niemals am Stammtisch ein Mensch
unter Menschen gewesen war, der hochmütig alle Vertraulichkeit
verschmäht, sein Leben kalt und ausschließlich auf die Leistung gestellt und
gewähnt hatte, daß er darum alle Welt väterlich behandeln dürfe – da lag er
denn nun; das erstbeste Ungemach, die erste Mißwende auf dem Felde der
Leistung hatte ihn elend zu Falle gebracht. Wenige bedauerten, niemand
beweinte ihn in der Bürgerschaft – einen einzigen ausgenommen, den
Chefarzt des Dorotheen-Spitals, Überbeins geistesverwandten Freund – und
vielleicht eine weiße Frau, mit der er zuweilen Kasino gespielt hatte. Klaus
Heinrich aber bewahrte seinem unglücklichen Lehrer immer ein ehrendes,
ja inniges Andenken.
Wohlwollen hatte, das man höheren Ortes bei alldem für ihn hegte; daß er
seine Lage für aussichtsloser hielt, als sie war; daß er die Untätigkeit nicht
ertrug, den vorzeitigen Verlust seiner geliebten Klasse nicht verwand; daß
die Redensart von der »Unehrenhaftigkeit« ihm das Blut vergiftet hatte,
oder daß sein Gemüt den Erschütterungen dieser Zeit überhaupt nicht
gewachsen gewesen war: fünf Wochen nach Neujahr fanden seine
Wirtsleute ihn auf dem dürftigen Teppich seines Zimmers, nicht grüner als
sonst, aber eine Kugel im Herzen.
So endete Raoul Überbein; hierüber strauchelte er; dies war der Anlaß
seines Unterganges. Da hatte man es! Das war das Wort, das alle
Erörterungen seines kläglichen Zusammenbruches beherrschte. Der
friedlose und ungemütliche Mann, der niemals am Stammtisch ein Mensch
unter Menschen gewesen war, der hochmütig alle Vertraulichkeit
verschmäht, sein Leben kalt und ausschließlich auf die Leistung gestellt und
gewähnt hatte, daß er darum alle Welt väterlich behandeln dürfe – da lag er
denn nun; das erstbeste Ungemach, die erste Mißwende auf dem Felde der
Leistung hatte ihn elend zu Falle gebracht. Wenige bedauerten, niemand
beweinte ihn in der Bürgerschaft – einen einzigen ausgenommen, den
Chefarzt des Dorotheen-Spitals, Überbeins geistesverwandten Freund – und
vielleicht eine weiße Frau, mit der er zuweilen Kasino gespielt hatte. Klaus
Heinrich aber bewahrte seinem unglücklichen Lehrer immer ein ehrendes,
ja inniges Andenken.
Page 317
Der Rosenstock
Und Spoelmann finanzierte den Staat. Der Vorgang war groß und klar in
seinen Grundzügen; ein Kind hätte verstehen können – und tatsächlich
erklärten ihn glückstrahlende Väter ihren Kindern, während sie sie auf den
Knien schaukelten.
Samuel Spoelmann winkte, die Herren Phlebs und Slippers gerieten in
Bewegung, und seine gewaltigen Weisungen zuckten unter den Wogen des
Ozeans hin zum Festland der westlichen Hemisphäre. Er zog ein Drittel
seines Anteils aus dem Zuckertrust, ein Viertel aus dem Petroleumtrust, die
Hälfte aus dem Stahltrust zurück; er ließ sich das flüssig gemachte Kapital
bei mehreren hiesigen Banken anweisen; und auf einen einzigen Schlag
nahm er Herrn Krippenreuther für dreihundertundfünfzig Millionen neuer
dreieinhalbprozentiger Staatsobligationen zu pari ab. Das tat Spoelmann.
Wer den Einfluß des Gemütszustandes auf die Organe des Menschen
erfahren hat, wird glauben, daß Doktor Krippenreuther aufblühte und
binnen kurzem nicht wiederzuerkennen war. Er trug sich aufrecht und frei,
sein Gang ward schwebend, die gelbe Farbe verschwand aus seinem
Antlitz, es ward weiß und rot, seine Augen blitzten, und so völlig kam in
wenigen Monaten sein Magen zu Kräften, daß der Minister, wie man von
ihm befreundeter Seite vernahm, sich ungestraft dem Genusse von
Blaukraut und Gurkensalat überlassen durfte. Das war eine erfreuliche,
doch rein persönliche Folge von Spoelmanns Eingreifen in unser
Finanzwesen, die leicht ins Gewicht fiel, im Vergleich mit den Wirkungen,
die dieses Eingreifen auf unser Staats- und Wirtschaftsleben ausübte.
Ein Teil der Anleihe wurde der Tilgungskasse zugeführt, und quälende
Staatsschulden wurden eingelöst. Aber es hätte dessen kaum bedurft, um
uns nach allen Seiten Luft und Kredit zu verschaffen; denn nicht so bald
Und Spoelmann finanzierte den Staat. Der Vorgang war groß und klar in
seinen Grundzügen; ein Kind hätte verstehen können – und tatsächlich
erklärten ihn glückstrahlende Väter ihren Kindern, während sie sie auf den
Knien schaukelten.
Samuel Spoelmann winkte, die Herren Phlebs und Slippers gerieten in
Bewegung, und seine gewaltigen Weisungen zuckten unter den Wogen des
Ozeans hin zum Festland der westlichen Hemisphäre. Er zog ein Drittel
seines Anteils aus dem Zuckertrust, ein Viertel aus dem Petroleumtrust, die
Hälfte aus dem Stahltrust zurück; er ließ sich das flüssig gemachte Kapital
bei mehreren hiesigen Banken anweisen; und auf einen einzigen Schlag
nahm er Herrn Krippenreuther für dreihundertundfünfzig Millionen neuer
dreieinhalbprozentiger Staatsobligationen zu pari ab. Das tat Spoelmann.
Wer den Einfluß des Gemütszustandes auf die Organe des Menschen
erfahren hat, wird glauben, daß Doktor Krippenreuther aufblühte und
binnen kurzem nicht wiederzuerkennen war. Er trug sich aufrecht und frei,
sein Gang ward schwebend, die gelbe Farbe verschwand aus seinem
Antlitz, es ward weiß und rot, seine Augen blitzten, und so völlig kam in
wenigen Monaten sein Magen zu Kräften, daß der Minister, wie man von
ihm befreundeter Seite vernahm, sich ungestraft dem Genusse von
Blaukraut und Gurkensalat überlassen durfte. Das war eine erfreuliche,
doch rein persönliche Folge von Spoelmanns Eingreifen in unser
Finanzwesen, die leicht ins Gewicht fiel, im Vergleich mit den Wirkungen,
die dieses Eingreifen auf unser Staats- und Wirtschaftsleben ausübte.
Ein Teil der Anleihe wurde der Tilgungskasse zugeführt, und quälende
Staatsschulden wurden eingelöst. Aber es hätte dessen kaum bedurft, um
uns nach allen Seiten Luft und Kredit zu verschaffen; denn nicht so bald
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war es, bei aller Verschwiegenheit, mit welcher die Angelegenheit amtlich
behandelt wurde, bekannt geworden, daß Samuel Spoelmann den
Tatsachen, wenn auch nicht dem Namen nach Staatsbankier geworden sei,
als über uns die Himmel sich erhellten und all unsere Not sich in Lust und
Wonne verwandelte. Es hatte ein Ende mit den Angstverkäufen von
Schuldforderungen, der landesübliche Zinsfuß sank, unsere
Verschreibungen waren als Anlagepapiere freudig begehrt, und von heute
auf morgen schnellte der Kurs unserer hochverzinslichen Anleihen aus
kummervollem Stande weit über pari empor. Der Druck, der
jahrzehntelange Alp, war von unserer Volkswirtschaft genommen, mit
geschwellter Brust sprach Doktor Krippenreuther im Landtag zugunsten
durchgreifender Steuererleichterung – einstimmig ward sie beschlossen,
und unter dem Jubel aller sozial Empfindenden fuhr endlich die
vorsintflutliche Fleischsteuer zu Grabe. Eine bedeutende Aufbesserung der
Beamtenbesoldungen, der Gehälter für Lehrer, Geistliche und alle
Funktionäre in den Staatsbetrieben ward schlanker Hand bewilligt. Es fehlte
nicht länger an Mitteln, die wüstliegenden Silberbergwerke wieder in
Betrieb zu setzen, vielhundert Arbeiter kamen zu Brot, und unverhofft stieß
man auf ertragreiche Schichten. Geld, Geld war vorhanden, die
wirtschaftliche Sittlichkeit hob sich, man holzte auf, man ließ dem Wald
seinen Streudünger, die Viehbesitzer brauchten nicht mehr all ihre
Vollmilch zu verkaufen, sie tranken sie selber, und vergebens hätten die
Krittler hinfort auf dem Lande nach unterernährten Gestalten gesucht. Das
Volk zeigte sich dankbar gegen sein Herrscherhaus, das so ungemessenen
Segen über Land und Leute gebracht. Es kostete Herrn von Knobelsdorff
nicht viele Worte, um das Parlament zu einer Erhöhung der Krondotation zu
bewegen. Jene Verfügung, welche die Schlösser »Zeitvertreib« und
»Favorita« dem Verkauf unterstellte, ward zurückgezogen. Geschickte
Werkmeister zogen ins Alte Schloß, um es von oben bis unten mit
Dampfdruckheizung zu versehen. Unsere Geschäftsträger bei Spoelmann,
die Herren von Bühl und Doktor Krippenreuther, erhielten das Großkreuz
des Albrechtsordens in Brillanten, dem Finanzminister ward außerdem der
persönliche Adel zuteil, und Herr von Knobelsdorff wurde mit einem
lebensgroßen Bildnis des hohen Brautpaares erfreut – ausgeführt von der
greisen Künstlerhand des Professors von Lindemann und in kostbarem
Rahmen.
behandelt wurde, bekannt geworden, daß Samuel Spoelmann den
Tatsachen, wenn auch nicht dem Namen nach Staatsbankier geworden sei,
als über uns die Himmel sich erhellten und all unsere Not sich in Lust und
Wonne verwandelte. Es hatte ein Ende mit den Angstverkäufen von
Schuldforderungen, der landesübliche Zinsfuß sank, unsere
Verschreibungen waren als Anlagepapiere freudig begehrt, und von heute
auf morgen schnellte der Kurs unserer hochverzinslichen Anleihen aus
kummervollem Stande weit über pari empor. Der Druck, der
jahrzehntelange Alp, war von unserer Volkswirtschaft genommen, mit
geschwellter Brust sprach Doktor Krippenreuther im Landtag zugunsten
durchgreifender Steuererleichterung – einstimmig ward sie beschlossen,
und unter dem Jubel aller sozial Empfindenden fuhr endlich die
vorsintflutliche Fleischsteuer zu Grabe. Eine bedeutende Aufbesserung der
Beamtenbesoldungen, der Gehälter für Lehrer, Geistliche und alle
Funktionäre in den Staatsbetrieben ward schlanker Hand bewilligt. Es fehlte
nicht länger an Mitteln, die wüstliegenden Silberbergwerke wieder in
Betrieb zu setzen, vielhundert Arbeiter kamen zu Brot, und unverhofft stieß
man auf ertragreiche Schichten. Geld, Geld war vorhanden, die
wirtschaftliche Sittlichkeit hob sich, man holzte auf, man ließ dem Wald
seinen Streudünger, die Viehbesitzer brauchten nicht mehr all ihre
Vollmilch zu verkaufen, sie tranken sie selber, und vergebens hätten die
Krittler hinfort auf dem Lande nach unterernährten Gestalten gesucht. Das
Volk zeigte sich dankbar gegen sein Herrscherhaus, das so ungemessenen
Segen über Land und Leute gebracht. Es kostete Herrn von Knobelsdorff
nicht viele Worte, um das Parlament zu einer Erhöhung der Krondotation zu
bewegen. Jene Verfügung, welche die Schlösser »Zeitvertreib« und
»Favorita« dem Verkauf unterstellte, ward zurückgezogen. Geschickte
Werkmeister zogen ins Alte Schloß, um es von oben bis unten mit
Dampfdruckheizung zu versehen. Unsere Geschäftsträger bei Spoelmann,
die Herren von Bühl und Doktor Krippenreuther, erhielten das Großkreuz
des Albrechtsordens in Brillanten, dem Finanzminister ward außerdem der
persönliche Adel zuteil, und Herr von Knobelsdorff wurde mit einem
lebensgroßen Bildnis des hohen Brautpaares erfreut – ausgeführt von der
greisen Künstlerhand des Professors von Lindemann und in kostbarem
Rahmen.
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Über die Mitgift, die Imma Spoelmann von ihrem Vater empfangen
sollte, erging sich nach der Verlobung das Volk in Phantastereien. Man
befand sich im Taumel, man war von einer tollen Sucht besessen, mit
wahrhaft astronomischen Ziffern um sich zu werfen. Aber die Mitgift
überstieg nicht ein irdisches, wenn auch recht erfreuliches Maß. Sie betrug
hundert Millionen.
»Bewahre!« sagte Ditlinde zu Ried-Hohenried, als sie zuerst davon
vernahm. »Und mein guter Philipp mit seinem Torf …« Ähnlich dachte
wohl mancher; aber den nervösen Zorn, der sich in schlichten Herzen gegen
so ungeheuerliche Verhältnisse regen mochte, beruhigte Spoelmanns
Tochter, indem sie wohlzutun und mitzuteilen nicht vergaß, sondern gleich
am Tage des öffentlichen Verlöbnisses eine Stiftung von fünfhunderttausend
Mark errichtete, deren Erträgnisse jedes Jahr in die vier
Landeskommissarbezirke zu mildtätigen und gemeinnützigen Zwecken
verteilt werden sollten …
In einem der olivenfarbenen Spoelmannschen Automobile mit den
ziegelroten Ledersitzen fuhren Klaus Heinrich und Imma und machten
Visiten bei den Mitgliedern des Hauses Grimmburg. Ein junger Chauffeur
lenkte das prachtvolle Fahrzeug – derselbe, der nach Immas Aussage einige
Ähnlichkeit mit Klaus Heinrich haben sollte, aber seine Anspannung war
gering auf diesen Fahrten, denn es war geradezu notwendig, die
Riesenkräfte des Wagens soweit wie nur möglich zu fesseln und langsames
Zeitmaß zu halten – so sehr war er allerwege von Huldigungen umdrängt.
Ja, da die weiteren Urheber unseres Glücks, da Großherzog Albrecht und
Samuel Spoelmann, ein jeder nach seiner Art, sich vor dem Volke
verbargen, so häufte es all seine Liebe und Dankbarkeit auf die Häupter des
hohen Brautpaares; hinter den geschliffenen Fensterscheiben des
Kraftwagens flogen die Mützen der Buben empor, der Jubel von Männern
und Frauen drang hell und grölend herein, und Klaus Heinrich, die Hand
am Helmschirm, sagte vermahnend: »Du mußt ebenfalls grüßen, Imma,
nach deiner Seite, sonst halten sie dich für kalt.« Denn ungeduldig wie er
war, nannte er sie du seit jenem Gespräch auf dem Hofball, obgleich sie es
ihm, noch ungewohnt der wärmeren Sphären, erschrocken verwies – und
wie leicht ging ihm das Wörtchen vom Munde, das sonst immer falsch und
unmöglich gewesen war!
sollte, erging sich nach der Verlobung das Volk in Phantastereien. Man
befand sich im Taumel, man war von einer tollen Sucht besessen, mit
wahrhaft astronomischen Ziffern um sich zu werfen. Aber die Mitgift
überstieg nicht ein irdisches, wenn auch recht erfreuliches Maß. Sie betrug
hundert Millionen.
»Bewahre!« sagte Ditlinde zu Ried-Hohenried, als sie zuerst davon
vernahm. »Und mein guter Philipp mit seinem Torf …« Ähnlich dachte
wohl mancher; aber den nervösen Zorn, der sich in schlichten Herzen gegen
so ungeheuerliche Verhältnisse regen mochte, beruhigte Spoelmanns
Tochter, indem sie wohlzutun und mitzuteilen nicht vergaß, sondern gleich
am Tage des öffentlichen Verlöbnisses eine Stiftung von fünfhunderttausend
Mark errichtete, deren Erträgnisse jedes Jahr in die vier
Landeskommissarbezirke zu mildtätigen und gemeinnützigen Zwecken
verteilt werden sollten …
In einem der olivenfarbenen Spoelmannschen Automobile mit den
ziegelroten Ledersitzen fuhren Klaus Heinrich und Imma und machten
Visiten bei den Mitgliedern des Hauses Grimmburg. Ein junger Chauffeur
lenkte das prachtvolle Fahrzeug – derselbe, der nach Immas Aussage einige
Ähnlichkeit mit Klaus Heinrich haben sollte, aber seine Anspannung war
gering auf diesen Fahrten, denn es war geradezu notwendig, die
Riesenkräfte des Wagens soweit wie nur möglich zu fesseln und langsames
Zeitmaß zu halten – so sehr war er allerwege von Huldigungen umdrängt.
Ja, da die weiteren Urheber unseres Glücks, da Großherzog Albrecht und
Samuel Spoelmann, ein jeder nach seiner Art, sich vor dem Volke
verbargen, so häufte es all seine Liebe und Dankbarkeit auf die Häupter des
hohen Brautpaares; hinter den geschliffenen Fensterscheiben des
Kraftwagens flogen die Mützen der Buben empor, der Jubel von Männern
und Frauen drang hell und grölend herein, und Klaus Heinrich, die Hand
am Helmschirm, sagte vermahnend: »Du mußt ebenfalls grüßen, Imma,
nach deiner Seite, sonst halten sie dich für kalt.« Denn ungeduldig wie er
war, nannte er sie du seit jenem Gespräch auf dem Hofball, obgleich sie es
ihm, noch ungewohnt der wärmeren Sphären, erschrocken verwies – und
wie leicht ging ihm das Wörtchen vom Munde, das sonst immer falsch und
unmöglich gewesen war!
Page 320
Sie fuhren zur Prinzessin Katharina und wurden mit Würde empfangen.
Weiland Großherzog Johann Albrecht, ihr Bruder, sagte die Tante zu ihrem
Neffen, würde es nicht erlaubt haben. Aber die Zeiten schritten ja fort, und
sie bitte Gott, daß seine Verlobte sich eingewöhnen möge bei Hofe. Sie
fuhren zur Fürstin zu Ried-Hohenried, und hier war es Liebe, was sie
empfing. Ditlindens Grimmburger Stolz fand Beruhigung in der Sicherheit,
daß Leviathans Tochter wohl Prinzessin des Großherzoglichen Hauses und
Königliche Hoheit, doch niemals Großherzogliche Prinzessin werden könne
wie sie; im übrigen war sie entzückt darüber, daß Klaus Heinrich sich etwas
so Holdes und Kostbares erstöbert hatte, wußte auch bestens, als Gattin
Philipps mit seinem Torf, die Vorzüge dieser Heirat zu würdigen und bot
ihrer Schwägerin von Herzen Freundschaft und Schwesterschaft. Sie fuhren
auch an der Villa des Prinzen Lambert vor, und während die Gräfin-Braut
sich mühte, eine Plauderei mit der zierlichen, aber sehr ungebildeten
Freifrau von Rohrdorf in Gang zu halten, beglückwünschte der alte
Schürzenjäger seinen Neffen mit Grabesstimme zu der vorurteilsfreien
Wahl, die er getroffen, und daß er so keck dem Hof und der Hoheit ein
Schnippchen geschlagen. »Ich schlage der Hoheit kein Schnippchen, Onkel;
auch habe ich nicht in unbedeutender Weise nur auf mein eigenes Glück
Bedacht genommen, sondern alles aus dem Gesichtspunkt des Großen,
Ganzen betrachtet« – sagte Klaus Heinrich recht unverbindlich, und dann
brachen sie auf und fuhren hinaus nach Schloß »Segenhaus«, wo Dorothea,
die arme Großherzogin-Mutter, traurigen Hof hielt. Die weinte, als sie die
junge Braut auf die Stirn küßte, und wußte selbst nicht, worüber.
Indessen saß Samuel Spoelmann auf »Delphinenort«, umgeben von
Plänen und Möbelentwürfen und seidenen Tapetenmustern und
Zeichnungen zu goldenem Speisegerät. Er kam nicht zum Orgelspiel und
vergaß seine Nierensteine und bekam fast rote Backen vor lauter
Geschäftigkeit; denn wenn er auch noch so geringe Stücke auf den »jungen
Menschen« hielt und keine Hoffnung aufkommen ließ, daß man ihn jemals
bei Hofe zu sehen bekomme, so sollte doch sein Töchterchen Hochzeit
machen, und die wollte er einrichten, wie seine Verhältnisse es erlaubten.
Die Pläne betrafen das neue Schloß »Eremitage«, denn Klaus Heinrichs
Junggesellensitz sollte dem Erdboden gleichgemacht werden und ein neues
Schloß an seiner Stelle erstehen, geräumig und hell, ausgestattet nach Klaus
Heinrichs Wunsch, in einer gemischten Stilart aus Empire und Neuzeit, aus
Weiland Großherzog Johann Albrecht, ihr Bruder, sagte die Tante zu ihrem
Neffen, würde es nicht erlaubt haben. Aber die Zeiten schritten ja fort, und
sie bitte Gott, daß seine Verlobte sich eingewöhnen möge bei Hofe. Sie
fuhren zur Fürstin zu Ried-Hohenried, und hier war es Liebe, was sie
empfing. Ditlindens Grimmburger Stolz fand Beruhigung in der Sicherheit,
daß Leviathans Tochter wohl Prinzessin des Großherzoglichen Hauses und
Königliche Hoheit, doch niemals Großherzogliche Prinzessin werden könne
wie sie; im übrigen war sie entzückt darüber, daß Klaus Heinrich sich etwas
so Holdes und Kostbares erstöbert hatte, wußte auch bestens, als Gattin
Philipps mit seinem Torf, die Vorzüge dieser Heirat zu würdigen und bot
ihrer Schwägerin von Herzen Freundschaft und Schwesterschaft. Sie fuhren
auch an der Villa des Prinzen Lambert vor, und während die Gräfin-Braut
sich mühte, eine Plauderei mit der zierlichen, aber sehr ungebildeten
Freifrau von Rohrdorf in Gang zu halten, beglückwünschte der alte
Schürzenjäger seinen Neffen mit Grabesstimme zu der vorurteilsfreien
Wahl, die er getroffen, und daß er so keck dem Hof und der Hoheit ein
Schnippchen geschlagen. »Ich schlage der Hoheit kein Schnippchen, Onkel;
auch habe ich nicht in unbedeutender Weise nur auf mein eigenes Glück
Bedacht genommen, sondern alles aus dem Gesichtspunkt des Großen,
Ganzen betrachtet« – sagte Klaus Heinrich recht unverbindlich, und dann
brachen sie auf und fuhren hinaus nach Schloß »Segenhaus«, wo Dorothea,
die arme Großherzogin-Mutter, traurigen Hof hielt. Die weinte, als sie die
junge Braut auf die Stirn küßte, und wußte selbst nicht, worüber.
Indessen saß Samuel Spoelmann auf »Delphinenort«, umgeben von
Plänen und Möbelentwürfen und seidenen Tapetenmustern und
Zeichnungen zu goldenem Speisegerät. Er kam nicht zum Orgelspiel und
vergaß seine Nierensteine und bekam fast rote Backen vor lauter
Geschäftigkeit; denn wenn er auch noch so geringe Stücke auf den »jungen
Menschen« hielt und keine Hoffnung aufkommen ließ, daß man ihn jemals
bei Hofe zu sehen bekomme, so sollte doch sein Töchterchen Hochzeit
machen, und die wollte er einrichten, wie seine Verhältnisse es erlaubten.
Die Pläne betrafen das neue Schloß »Eremitage«, denn Klaus Heinrichs
Junggesellensitz sollte dem Erdboden gleichgemacht werden und ein neues
Schloß an seiner Stelle erstehen, geräumig und hell, ausgestattet nach Klaus
Heinrichs Wunsch, in einer gemischten Stilart aus Empire und Neuzeit, aus
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kühler Strenge und wohnlichem Behagen. Herr Spoelmann erschien eines
Morgens, nachdem er im Quellengarten das Wasser genommen, persönlich
in seinem mißfarbenen Paletot auf »Eremitage«, um festzustellen, ob etwa
dies oder jenes Möbelstück für die Einrichtung des neuen Schlosses
verwendbar sei. »Lassen Sie sehen, junger Prinz, was Sie haben!« sagte er
knarrend, und Klaus Heinrich zeigte ihm alles in seinen enthaltsamen
Stuben, die mageren Sofas, die steifbeinigen Tische, die weiß lackierten
Gueridons in den Ecken. »Das ist Klapperwerk«, sagte Herr Spoelmann
abschätzig, »und nichts damit anzufangen.« Einzig drei Armstühle in dem
kleinen gelben Salon, aus schwerem Mahagoni, mit schneckenförmig
aufgerollten Armlehnen und die gelben Bezüge mit bläulichen Lyren
bestickt, fanden Gnade vor seinen Augen. »Die können wir in ein
Vorzimmer stellen«, sagte er, und Klaus Heinrich legte Wert darauf, daß
von Grimmburger Seite drei Armstühle würden zur Einrichtung beigesteuert
werden; denn natürlich wäre es ihm ein wenig peinlich gewesen, wenn Herr
Spoelmann für alles und jedes hätte aufkommen müssen.
Aber auch der verwilderte Park und der Blumengarten von »Eremitage«
sollten ausgelichtet und neu bestellt werden, und namentlich was den
Blumengarten betraf, so war ihm eine besondere Zierde zugedacht, die
Klaus Heinrich von seinem Bruder, dem Großherzog, als
Hochzeitsgeschenk erbeten hatte. In das große Mittelbeet nämlich, vor der
Auffahrt, sollte der Rosenstock aus dem Alten Schlosse verpflanzt werden,
und dort, nicht mehr von modrigen Mauern umgeben, sondern in Luft und
Sonne und dem fettesten Mergel, der beizubringen war, sollte er zusehen,
was für Rosen er fortan trieb – und den Volksmund Lügen strafen, wenn er
verstockt und dünkelhaft genug dazu war.
Und als März und April vergangen waren, da kam der Mai und mit ihm
das hohe Fest von Klaus Heinrichs und Immas Ehebund. Glorreich und
lieblich, mit vergoldeten Wölkchen im reinen Azur, kam der Tag herauf,
und Choralmusik vom Turme des Rathauses begrüßte sein Erwachen. Mit
allen Zügen, zu Fuß und zu Wagen strömte das Landvolk herein, dieser
blonde und gedrungene, gesunde und rückständige Schlag mit blauen,
grübelnden Augen und breiten, ein wenig zu hoch sitzenden
Wangenknochen, mit der schmucken Landestracht angetan, die Männer in
roten Jacken und Stulpenstiefeln und schwarzen, breitkrempigen
Samthüten, die Frauen in buntgestickten Miedern und dicken, fußfreien
Morgens, nachdem er im Quellengarten das Wasser genommen, persönlich
in seinem mißfarbenen Paletot auf »Eremitage«, um festzustellen, ob etwa
dies oder jenes Möbelstück für die Einrichtung des neuen Schlosses
verwendbar sei. »Lassen Sie sehen, junger Prinz, was Sie haben!« sagte er
knarrend, und Klaus Heinrich zeigte ihm alles in seinen enthaltsamen
Stuben, die mageren Sofas, die steifbeinigen Tische, die weiß lackierten
Gueridons in den Ecken. »Das ist Klapperwerk«, sagte Herr Spoelmann
abschätzig, »und nichts damit anzufangen.« Einzig drei Armstühle in dem
kleinen gelben Salon, aus schwerem Mahagoni, mit schneckenförmig
aufgerollten Armlehnen und die gelben Bezüge mit bläulichen Lyren
bestickt, fanden Gnade vor seinen Augen. »Die können wir in ein
Vorzimmer stellen«, sagte er, und Klaus Heinrich legte Wert darauf, daß
von Grimmburger Seite drei Armstühle würden zur Einrichtung beigesteuert
werden; denn natürlich wäre es ihm ein wenig peinlich gewesen, wenn Herr
Spoelmann für alles und jedes hätte aufkommen müssen.
Aber auch der verwilderte Park und der Blumengarten von »Eremitage«
sollten ausgelichtet und neu bestellt werden, und namentlich was den
Blumengarten betraf, so war ihm eine besondere Zierde zugedacht, die
Klaus Heinrich von seinem Bruder, dem Großherzog, als
Hochzeitsgeschenk erbeten hatte. In das große Mittelbeet nämlich, vor der
Auffahrt, sollte der Rosenstock aus dem Alten Schlosse verpflanzt werden,
und dort, nicht mehr von modrigen Mauern umgeben, sondern in Luft und
Sonne und dem fettesten Mergel, der beizubringen war, sollte er zusehen,
was für Rosen er fortan trieb – und den Volksmund Lügen strafen, wenn er
verstockt und dünkelhaft genug dazu war.
Und als März und April vergangen waren, da kam der Mai und mit ihm
das hohe Fest von Klaus Heinrichs und Immas Ehebund. Glorreich und
lieblich, mit vergoldeten Wölkchen im reinen Azur, kam der Tag herauf,
und Choralmusik vom Turme des Rathauses begrüßte sein Erwachen. Mit
allen Zügen, zu Fuß und zu Wagen strömte das Landvolk herein, dieser
blonde und gedrungene, gesunde und rückständige Schlag mit blauen,
grübelnden Augen und breiten, ein wenig zu hoch sitzenden
Wangenknochen, mit der schmucken Landestracht angetan, die Männer in
roten Jacken und Stulpenstiefeln und schwarzen, breitkrempigen
Samthüten, die Frauen in buntgestickten Miedern und dicken, fußfreien
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Röcken und der schwarzen Riesenschleife als Kopfputz – und drängten sich
mit der städtischen Bevölkerung in der Straßenzeile zwischen dem
Quellengarten und dem Alten Schloß, die mit Girlanden und bekränzten
Tribünen und weiß bemalten Holzobelisken voll Pflanzenschmuck in eine
Einzugsstraße verwandelt worden war. Von früh an wurden die Banner der
gewerblichen Verbände, der Schützengilden und Sportvereine durch die
Straßen getragen. Die Feuerwehr, in blitzenden Helmen, war auf den
Beinen. Man sah die Chargierten der Studentenkorps in aller Pracht und mit
ihren Fahnen in offenen Landauern umherfahren. Man sah Gruppen von
weißen Ehrenjungfrauen, die Rosenstäbe in den Händen hielten. Die
Bureaus und Werkstätten feierten. Die Schulen waren geschlossen. In den
Kirchen ward Festgottesdienst gehalten. Und die Morgenausgaben des
»Eilboten« sowohl wie des »Staatsanzeigers« enthielten nebst innigen
Leitartikeln die Verkündigung einer umfassenden Amnestie, laut welcher
vielen zu Freiheitsstrafen verdammten Personen durch vollständigen oder
teilweisen Straferlaß vom Großherzog Gnade erwiesen wurde. Sogar der
Mörder Gudehus, der zum Tode und dann zu lebenslänglicher Zwangsarbeit
verurteilt worden war, wurde auf Wohlverhalten aus dem Zuchthaus
beurlaubt. Aber er mußte alsbald wieder in Sicherheit gebracht werden.
Um zwei Uhr war Festessen der Bürgerschaft im Saale des »Museums«,
mit Tafelmusik und Huldigungstelegrammen. Aber vorm Tor war
Volksbelustigung, mit Schmalzgebackenem und Sultansbrot, mit Festmarkt,
Glückshafen und Vogelschießen, Sacklauf und Preisklettern nach
Sirupsemmeln für die männliche Jugend. Aber dann kam die Stunde, da
Imma Spoelmann von »Delphinenort« zum Alten Schlosse fuhr. Sie tat es in
feierlichem Zuge.
Die Fahnen flatterten im Frühlingswind, die armdicken Girlanden
rankten sich, mit roten Rosen durchflochten, von einem Holzobelisken zum
andern, schwarz staute sich auf den Tribünen, den Dächern, den
Bürgersteigen die Menge, und zwischen dem Spalier von Schutzleuten und
Feuerwehr, von Gilden, Vereinen, Studenten und Schulkindern kam
langsam auf der mit Sand bestreuten Feststraße, umbrandet von Jubel, der
Brautzug daher. Zwei Spitzenreiter mit Tressenhüten und Fangschnüren
kamen zuerst, geführt von einem schnauzbärtigen Stallmeister im Dreispitz.
Eine vierspännige Kutsche dann, worin der großherzogliche Kommissär,
Beamter des Hausministeriums und zur Einholung abgeordnet, mit einem
mit der städtischen Bevölkerung in der Straßenzeile zwischen dem
Quellengarten und dem Alten Schloß, die mit Girlanden und bekränzten
Tribünen und weiß bemalten Holzobelisken voll Pflanzenschmuck in eine
Einzugsstraße verwandelt worden war. Von früh an wurden die Banner der
gewerblichen Verbände, der Schützengilden und Sportvereine durch die
Straßen getragen. Die Feuerwehr, in blitzenden Helmen, war auf den
Beinen. Man sah die Chargierten der Studentenkorps in aller Pracht und mit
ihren Fahnen in offenen Landauern umherfahren. Man sah Gruppen von
weißen Ehrenjungfrauen, die Rosenstäbe in den Händen hielten. Die
Bureaus und Werkstätten feierten. Die Schulen waren geschlossen. In den
Kirchen ward Festgottesdienst gehalten. Und die Morgenausgaben des
»Eilboten« sowohl wie des »Staatsanzeigers« enthielten nebst innigen
Leitartikeln die Verkündigung einer umfassenden Amnestie, laut welcher
vielen zu Freiheitsstrafen verdammten Personen durch vollständigen oder
teilweisen Straferlaß vom Großherzog Gnade erwiesen wurde. Sogar der
Mörder Gudehus, der zum Tode und dann zu lebenslänglicher Zwangsarbeit
verurteilt worden war, wurde auf Wohlverhalten aus dem Zuchthaus
beurlaubt. Aber er mußte alsbald wieder in Sicherheit gebracht werden.
Um zwei Uhr war Festessen der Bürgerschaft im Saale des »Museums«,
mit Tafelmusik und Huldigungstelegrammen. Aber vorm Tor war
Volksbelustigung, mit Schmalzgebackenem und Sultansbrot, mit Festmarkt,
Glückshafen und Vogelschießen, Sacklauf und Preisklettern nach
Sirupsemmeln für die männliche Jugend. Aber dann kam die Stunde, da
Imma Spoelmann von »Delphinenort« zum Alten Schlosse fuhr. Sie tat es in
feierlichem Zuge.
Die Fahnen flatterten im Frühlingswind, die armdicken Girlanden
rankten sich, mit roten Rosen durchflochten, von einem Holzobelisken zum
andern, schwarz staute sich auf den Tribünen, den Dächern, den
Bürgersteigen die Menge, und zwischen dem Spalier von Schutzleuten und
Feuerwehr, von Gilden, Vereinen, Studenten und Schulkindern kam
langsam auf der mit Sand bestreuten Feststraße, umbrandet von Jubel, der
Brautzug daher. Zwei Spitzenreiter mit Tressenhüten und Fangschnüren
kamen zuerst, geführt von einem schnauzbärtigen Stallmeister im Dreispitz.
Eine vierspännige Kutsche dann, worin der großherzogliche Kommissär,
Beamter des Hausministeriums und zur Einholung abgeordnet, mit einem
Page 323
Kammerherrn zur Begleitung lehnte. Ein zweiter Vierspänner hierauf, worin
man die Gräfin Löwenjoul gewahrte, die scheel und schief auf die beiden
Ehrendamen blickte, mit denen sie fuhr, und denen sie wohl in sittlicher
Hinsicht mißtraute. Zehn Postillone zu Pferde demnächst, in gelben Hosen
und blauen Fräcken, die bliesen: »Wir winden dir den Jungfernkranz«.
Zwölf weiße Jungfrauen sodann, die kleine Rosen und Ästchen vom
Lebensbaum auf die Straße streuten. Und endlich, gefolgt von fünfzig
gewaltig berittenen Handwerksmeistern, der sechsfach bespannte, sehr
durchsichtige Brautwagen. Stolz streckte hoch droben auf dem mit weißem
Sammet behangenen Bock der rotgesichtige Kutscher im Tressenhut seine
Gamaschenbeine, die langen Zügel mit ebenfalls ausgestreckten Armen
haltend; Stalldiener in Stulpen führten die Schimmelpaare am Zaum, und
zwei Lakaien in großem Staat standen der klirrenden Karosse hintenauf, in
deren unzugänglichen Mienen niemand gelesen hätte, daß Durchstecherei
und schleichendes Wesen ihrem Alltag nicht fremd waren. Doch hinter Glas
und vergoldetem Rahmen saß Imma Spoelmann in Schleier und Kranz, eine
alte Palastdame als Ehrendienst an der Seite. Wie Schnee in der Sonne
schimmerte ihr Kleid aus geflammtem Seidengewebe, und auf dem Schoße
hielt sie den weißen Strauß, den Prinz Klaus Heinrich ihr eine Stunde früher
gesandt. Ihr fremdes Kindergesichtchen war bleich wie die Perlen des
Meeres, und unter dem Schleier hervor fiel eine glatte Strähne
blauschwarzen Haares in ihre Stirn, während ihre Augen, so kohlschwarz
und übergroß, über das wimmelnde Volk hin eine fließende Sprache
führten. Jedoch was tobte, geiferte, lärmte zur Seite des Kutschenschlages?
Es war Perceval, der Colliehund – so außer sich, wie man ihn noch niemals
gesehen! Der Trubel, die Fahrt erregten ihn über das Maß, beraubten ihn
aller Besonnenheit, zerrissen sein Inneres ganz und bis zum Vergehen. Er
raste, er tanzte, er litt, er schwang sich blind wütend herum im Rausch
seiner Nerven – und beiderseits auf den Tribünen, der Straße, den Dächern
überstieg der Jubel sich selbst, als das Volk ihn erkannte.
So zog Imma Spoelmann ins Alte Schloß, und das Summen und Dröhnen
der Glocken vermischte sich mit den Hochrufen des Volks und mit
Percevals tollem Gebell. Über den Albrechtsplatz ging es im Schritt und
durch das Albrechtstor; im Schloßhof schwenkte das berittene Korps der
Innungen ab und nahm Paradeaufstellung, und im Säulenumgang, vor dem
verwitterten Portal, empfing Großherzog Albrecht, als Husarenoberst, mit
man die Gräfin Löwenjoul gewahrte, die scheel und schief auf die beiden
Ehrendamen blickte, mit denen sie fuhr, und denen sie wohl in sittlicher
Hinsicht mißtraute. Zehn Postillone zu Pferde demnächst, in gelben Hosen
und blauen Fräcken, die bliesen: »Wir winden dir den Jungfernkranz«.
Zwölf weiße Jungfrauen sodann, die kleine Rosen und Ästchen vom
Lebensbaum auf die Straße streuten. Und endlich, gefolgt von fünfzig
gewaltig berittenen Handwerksmeistern, der sechsfach bespannte, sehr
durchsichtige Brautwagen. Stolz streckte hoch droben auf dem mit weißem
Sammet behangenen Bock der rotgesichtige Kutscher im Tressenhut seine
Gamaschenbeine, die langen Zügel mit ebenfalls ausgestreckten Armen
haltend; Stalldiener in Stulpen führten die Schimmelpaare am Zaum, und
zwei Lakaien in großem Staat standen der klirrenden Karosse hintenauf, in
deren unzugänglichen Mienen niemand gelesen hätte, daß Durchstecherei
und schleichendes Wesen ihrem Alltag nicht fremd waren. Doch hinter Glas
und vergoldetem Rahmen saß Imma Spoelmann in Schleier und Kranz, eine
alte Palastdame als Ehrendienst an der Seite. Wie Schnee in der Sonne
schimmerte ihr Kleid aus geflammtem Seidengewebe, und auf dem Schoße
hielt sie den weißen Strauß, den Prinz Klaus Heinrich ihr eine Stunde früher
gesandt. Ihr fremdes Kindergesichtchen war bleich wie die Perlen des
Meeres, und unter dem Schleier hervor fiel eine glatte Strähne
blauschwarzen Haares in ihre Stirn, während ihre Augen, so kohlschwarz
und übergroß, über das wimmelnde Volk hin eine fließende Sprache
führten. Jedoch was tobte, geiferte, lärmte zur Seite des Kutschenschlages?
Es war Perceval, der Colliehund – so außer sich, wie man ihn noch niemals
gesehen! Der Trubel, die Fahrt erregten ihn über das Maß, beraubten ihn
aller Besonnenheit, zerrissen sein Inneres ganz und bis zum Vergehen. Er
raste, er tanzte, er litt, er schwang sich blind wütend herum im Rausch
seiner Nerven – und beiderseits auf den Tribünen, der Straße, den Dächern
überstieg der Jubel sich selbst, als das Volk ihn erkannte.
So zog Imma Spoelmann ins Alte Schloß, und das Summen und Dröhnen
der Glocken vermischte sich mit den Hochrufen des Volks und mit
Percevals tollem Gebell. Über den Albrechtsplatz ging es im Schritt und
durch das Albrechtstor; im Schloßhof schwenkte das berittene Korps der
Innungen ab und nahm Paradeaufstellung, und im Säulenumgang, vor dem
verwitterten Portal, empfing Großherzog Albrecht, als Husarenoberst, mit
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seinem Bruder und den übrigen Prinzen die Braut, bot ihr den Arm und
führte sie die grausteinerne Treppe hinauf in die Repräsentationsräume, an
deren Türen Galawachen standen und in denen die Hofstaaten versammelt
waren. Die Prinzessinnen des Hauses weilten im Rittersaal, und dort war es,
wo Herr von Knobelsdorff, im Kreise der Großherzoglichen Familie, die
standesamtliche Eheschließung vollzog. Nie, hörte man später, hätten seine
Augenfältchen lebhafter gespielt, als während er Klaus Heinrich und Imma
Spoelmann von Staats wegen zusammentat. Doch dies geschehen, gab
Albrecht II. den Befehl zum Beginn der kirchlichen Feier.
Herr von Bühl zu Bühl hatte das seine getan, um einen eindrucksvollen
Zug zusammenzustellen – den Brautzug, in welchem man sich über die
Treppe Heinrichs des Üppigen durch einen gedeckten Gang in die
Hofkirche begab. Gebückt nachgerade von der Last der Jahre, aber in
braunem Toupet und jugendlich schwänzelnd, schritt er, mit Orden bedeckt
bis zu den Lenden und seinen hohen Stab vor sich hinsetzend, den
Kammerherren voran, die, den Federhut unterm Arm und den Schlüssel an
der hinteren Taillennaht, in seidenen Strümpfen daherzogen. Es nahte das
junge Paar: in weißem Schimmer die fremdartige Braut und in
Leibgrenadieruniform, das zitronenfarbene Band schräg über Brust und
Rücken, Klaus Heinrich, der Thronfolger. Vier Fräulein aus dem Landadel
trugen mit verdutzten Mienen Imma Spoelmanns Schleppe, begleitet von
der Gräfin Löwenjoul, die mißtrauisch seitwärts äugte; und die Herren von
Schulenburg-Tressen und von Braunbart-Schellendorf schritten hinter dem
Bräutigam. Oberhofjägermeister von Stieglitz und die hinkende
Schauspielexzellenz traten hierauf dem jungen Monarchen voran, der still
an der Oberlippe sog, seine Tante Katharina zur Seite und gefolgt vom
Hausminister von Knobelsdorff, von den Adjutanten, dem fürstlichen Paare
zu Ried-Hohenried und den übrigen Mitgliedern des Hauses. Zum Schluß
kamen wieder Kämmerer.
In der Hofkirche, die mit Pflanzen und Draperien ausgestattet war, hatten
die geladenen Gäste den Zug erwartet. Es waren Diplomaten mit ihren
Damen, Hof- und Landadel, das Offizierkorps der Residenz, die Minister,
unter denen man die leuchtende Miene des Herrn von Krippenreuther
gewahrte, die Ritter des Großen Ordens vom Grimmburger Greifen, die
Präsidenten des Landtags, allerlei Würdenträger. Und da das
Oberhofmarschallamt Einladungen in alle Gesellschaftsklassen hatte
führte sie die grausteinerne Treppe hinauf in die Repräsentationsräume, an
deren Türen Galawachen standen und in denen die Hofstaaten versammelt
waren. Die Prinzessinnen des Hauses weilten im Rittersaal, und dort war es,
wo Herr von Knobelsdorff, im Kreise der Großherzoglichen Familie, die
standesamtliche Eheschließung vollzog. Nie, hörte man später, hätten seine
Augenfältchen lebhafter gespielt, als während er Klaus Heinrich und Imma
Spoelmann von Staats wegen zusammentat. Doch dies geschehen, gab
Albrecht II. den Befehl zum Beginn der kirchlichen Feier.
Herr von Bühl zu Bühl hatte das seine getan, um einen eindrucksvollen
Zug zusammenzustellen – den Brautzug, in welchem man sich über die
Treppe Heinrichs des Üppigen durch einen gedeckten Gang in die
Hofkirche begab. Gebückt nachgerade von der Last der Jahre, aber in
braunem Toupet und jugendlich schwänzelnd, schritt er, mit Orden bedeckt
bis zu den Lenden und seinen hohen Stab vor sich hinsetzend, den
Kammerherren voran, die, den Federhut unterm Arm und den Schlüssel an
der hinteren Taillennaht, in seidenen Strümpfen daherzogen. Es nahte das
junge Paar: in weißem Schimmer die fremdartige Braut und in
Leibgrenadieruniform, das zitronenfarbene Band schräg über Brust und
Rücken, Klaus Heinrich, der Thronfolger. Vier Fräulein aus dem Landadel
trugen mit verdutzten Mienen Imma Spoelmanns Schleppe, begleitet von
der Gräfin Löwenjoul, die mißtrauisch seitwärts äugte; und die Herren von
Schulenburg-Tressen und von Braunbart-Schellendorf schritten hinter dem
Bräutigam. Oberhofjägermeister von Stieglitz und die hinkende
Schauspielexzellenz traten hierauf dem jungen Monarchen voran, der still
an der Oberlippe sog, seine Tante Katharina zur Seite und gefolgt vom
Hausminister von Knobelsdorff, von den Adjutanten, dem fürstlichen Paare
zu Ried-Hohenried und den übrigen Mitgliedern des Hauses. Zum Schluß
kamen wieder Kämmerer.
In der Hofkirche, die mit Pflanzen und Draperien ausgestattet war, hatten
die geladenen Gäste den Zug erwartet. Es waren Diplomaten mit ihren
Damen, Hof- und Landadel, das Offizierkorps der Residenz, die Minister,
unter denen man die leuchtende Miene des Herrn von Krippenreuther
gewahrte, die Ritter des Großen Ordens vom Grimmburger Greifen, die
Präsidenten des Landtags, allerlei Würdenträger. Und da das
Oberhofmarschallamt Einladungen in alle Gesellschaftsklassen hatte
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ergehen lassen, so füllten auch Handeltreibende, Landleute und schlichte
Handwerker erhobenen Herzens das Gestühl. Aber vorn am Altar nahmen
im Halbkreise auf rotsamtenen Armstühlen die Anverwandten des
Bräutigams Platz. Zart und rein schwebte der Gesang des Domchors unter
den Wölbungen, und dann sang zum Brausen der Orgel die ganze
Gemeinde ein Loblied. Als es verhallte, blieb einzig die wohllautende
Stimme des Oberkirchenratspräsidenten D. Wislizenus zurück, der im
Silberhaar und den gewölbten Stern auf dem seidigen Talar, vor dem hohen
Paare stand und kunstreich predigte. Motivisch arbeitete er und sozusagen
auf musikalische Art. Und das Thema, das er handhabte, war der
Psalterklang, der da lautet: »E r w i r d l e b e n , u n d m a n w i r d
i h m v o m G o l d e a u s R e i c h A r a b i e n g e b e n .« – Da war kein
Auge, das trocken blieb.
Dann vollzog D. Wislizenus die Trauung, und in dem Augenblick, da das
Brautpaar die Ringe wechselte, erschallten Trompetenfanfaren, und dreimal
zwölf Schüsse begannen über Stadt und Land hinzurollen, abgefeuert von
militärischer Seite auf dem Wall der »Zitadelle«. Gleich darauf kanonierte
auch die Feuerwehr mit den städtischen Salutgeschützen; aber lange Pausen
entstanden zwischen einzelnen Detonationen, was der Bevölkerung
unerschöpflichen Stoff zum Gelächter gab.
Als der Segen gesprochen war, ordnete sich aufs neue der Zug, um
zurückzukehren in den Rittersaal, wo Haus Grimmburg die Neuvermählten
beglückwünschte. Aber dann war die Sprechcour, und Arm in Arm gingen
Klaus Heinrich und Imma Spoelmann durch die Schönen Zimmer, wo die
Hofstaaten sich aufgestellt hatten, und richteten Ansprachen an Herren und
Damen, lächelnd über einen Abstand von blankem Parkett hinweg, und
Imma wandte mit vorgeschobenen Lippen ihr Köpfchen hin und her,
während sie jemanden ansprach, der in Verbeugung ausbog und maßvolle
Antwort gab. Nach beendeter Cour war Zeremonientafel im Marmorsaal
und Marschalltafel in dem der zwölf Monate, und es gab vom Teuersten,
aus Rücksicht auf die Gewohnheiten von Klaus Heinrichs Gemahlin. Auch
Perceval, nun wieder bei Sinnen, war beim Festmahl zugegen und erhielt
Braten. Nach dem Souper jedoch bereiteten die Studenten und das Volk
dem jungen Paare eine Huldigung mit Ständchen und Fackelzug auf dem
Albrechtsplatz. Flackerndes Licht und ungeheuerer Lärm herrschten da
draußen.
Handwerker erhobenen Herzens das Gestühl. Aber vorn am Altar nahmen
im Halbkreise auf rotsamtenen Armstühlen die Anverwandten des
Bräutigams Platz. Zart und rein schwebte der Gesang des Domchors unter
den Wölbungen, und dann sang zum Brausen der Orgel die ganze
Gemeinde ein Loblied. Als es verhallte, blieb einzig die wohllautende
Stimme des Oberkirchenratspräsidenten D. Wislizenus zurück, der im
Silberhaar und den gewölbten Stern auf dem seidigen Talar, vor dem hohen
Paare stand und kunstreich predigte. Motivisch arbeitete er und sozusagen
auf musikalische Art. Und das Thema, das er handhabte, war der
Psalterklang, der da lautet: »E r w i r d l e b e n , u n d m a n w i r d
i h m v o m G o l d e a u s R e i c h A r a b i e n g e b e n .« – Da war kein
Auge, das trocken blieb.
Dann vollzog D. Wislizenus die Trauung, und in dem Augenblick, da das
Brautpaar die Ringe wechselte, erschallten Trompetenfanfaren, und dreimal
zwölf Schüsse begannen über Stadt und Land hinzurollen, abgefeuert von
militärischer Seite auf dem Wall der »Zitadelle«. Gleich darauf kanonierte
auch die Feuerwehr mit den städtischen Salutgeschützen; aber lange Pausen
entstanden zwischen einzelnen Detonationen, was der Bevölkerung
unerschöpflichen Stoff zum Gelächter gab.
Als der Segen gesprochen war, ordnete sich aufs neue der Zug, um
zurückzukehren in den Rittersaal, wo Haus Grimmburg die Neuvermählten
beglückwünschte. Aber dann war die Sprechcour, und Arm in Arm gingen
Klaus Heinrich und Imma Spoelmann durch die Schönen Zimmer, wo die
Hofstaaten sich aufgestellt hatten, und richteten Ansprachen an Herren und
Damen, lächelnd über einen Abstand von blankem Parkett hinweg, und
Imma wandte mit vorgeschobenen Lippen ihr Köpfchen hin und her,
während sie jemanden ansprach, der in Verbeugung ausbog und maßvolle
Antwort gab. Nach beendeter Cour war Zeremonientafel im Marmorsaal
und Marschalltafel in dem der zwölf Monate, und es gab vom Teuersten,
aus Rücksicht auf die Gewohnheiten von Klaus Heinrichs Gemahlin. Auch
Perceval, nun wieder bei Sinnen, war beim Festmahl zugegen und erhielt
Braten. Nach dem Souper jedoch bereiteten die Studenten und das Volk
dem jungen Paare eine Huldigung mit Ständchen und Fackelzug auf dem
Albrechtsplatz. Flackerndes Licht und ungeheuerer Lärm herrschten da
draußen.
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Lakaien zogen den Vorhang von einem der Fenster im Silbersaal, sie
öffneten weit die fast bis zum Boden reichenden Flügel, und Klaus Heinrich
und Imma traten an das offene Fenster, wie sie waren, denn draußen war
eine laue Frühlingsnacht. Neben ihnen, in edler Haltung und mit
bedeutender Miene, saß Perceval, der Colliehund, und blickte hinunter wie
sie.
Sämtliche Musikkorps der Residenz spielten auf dem illuminierten
Platze, der vollgepfercht war von Menschen, und die aufwärtsgekehrten
Gesichter des Volkes waren dunkelrot qualmig beglüht von den Fackeln der
Studenten, die am Schlosse vorüberzogen. Jubel brach aus, als die
Neuvermählten am Fenster erschienen. Sie grüßten und dankten. Und dann
blieben sie noch eine Weile dort stehen, schauend zugleich und sich
darstellend. Das Volk sah aber von unten, wie sie im Gespräche die Lippen
bewegten. Sie sprachen: »Horch, Imma, wie dankbar sie sind, weil wir ihrer
Not und Bedrängnis nicht vergessen haben. So viele Menschen! Da stehen
sie und rufen herauf. Viele davon sind sicher Kujone und führen einander
auf den Leim und bedürfen dringlich der Erhebung über den Wochentag
und seine Sachlichkeit. Aber wenn man dabei sich ihrer Not und
Bedrängnis nicht fremd zeigt, so sind sie sehr dankbar.«
»Aber wir sind so dumm und allein, Prinz, auf der Menschheit Höhen,
wie Doktor Überbein immer gesagt haben soll, und wissen gar nichts vom
Leben!«
»Gar nichts, kleine Imma? Aber was ist es denn, was dir endlich
Vertrauen zu mir gemacht und mich zu so wirklichen Studien über die
öffentliche Wohlfahrt geführt hat? Weiß der gar nichts vom Leben, der von
der Liebe weiß? Das soll fortan unsre Sache sein: beides, Hoheit und Liebe
– ein strenges Glück.«
öffneten weit die fast bis zum Boden reichenden Flügel, und Klaus Heinrich
und Imma traten an das offene Fenster, wie sie waren, denn draußen war
eine laue Frühlingsnacht. Neben ihnen, in edler Haltung und mit
bedeutender Miene, saß Perceval, der Colliehund, und blickte hinunter wie
sie.
Sämtliche Musikkorps der Residenz spielten auf dem illuminierten
Platze, der vollgepfercht war von Menschen, und die aufwärtsgekehrten
Gesichter des Volkes waren dunkelrot qualmig beglüht von den Fackeln der
Studenten, die am Schlosse vorüberzogen. Jubel brach aus, als die
Neuvermählten am Fenster erschienen. Sie grüßten und dankten. Und dann
blieben sie noch eine Weile dort stehen, schauend zugleich und sich
darstellend. Das Volk sah aber von unten, wie sie im Gespräche die Lippen
bewegten. Sie sprachen: »Horch, Imma, wie dankbar sie sind, weil wir ihrer
Not und Bedrängnis nicht vergessen haben. So viele Menschen! Da stehen
sie und rufen herauf. Viele davon sind sicher Kujone und führen einander
auf den Leim und bedürfen dringlich der Erhebung über den Wochentag
und seine Sachlichkeit. Aber wenn man dabei sich ihrer Not und
Bedrängnis nicht fremd zeigt, so sind sie sehr dankbar.«
»Aber wir sind so dumm und allein, Prinz, auf der Menschheit Höhen,
wie Doktor Überbein immer gesagt haben soll, und wissen gar nichts vom
Leben!«
»Gar nichts, kleine Imma? Aber was ist es denn, was dir endlich
Vertrauen zu mir gemacht und mich zu so wirklichen Studien über die
öffentliche Wohlfahrt geführt hat? Weiß der gar nichts vom Leben, der von
der Liebe weiß? Das soll fortan unsre Sache sein: beides, Hoheit und Liebe
– ein strenges Glück.«
Page 327
Dieses Werk ist eine Veröffentlichung der
Deutschen Buch-Gemeinschaft
G. m. b. H.
Wien Berlin SW 68 New York
Alte Jakobstraße 156/157
Guten und doch billigen Büchern in vorbildlicher
Formgebung und bester Ausstattung den Weg in alle
Schichten unseres Volkes zu bahnen, ist die Aufgabe
der Deutschen Buch-Gemeinschaft. Sie erreicht dies
durch Herstellung und Vertrieb in eigenem
Wirkungsbereich
Jedermann wird durch Beitritt zur Deutschen Buch-
Gemeinschaft die vorteilhafteste Gelegenheit gegeben,
sich unter neuen Bezugsformen eine eigene und
wertvolle Hausbibliothek anzuschaffen.
Ausführliche, reich illustrierte Werbeschrift wird auf Wunsch
kostenlos zugesandt
Druck von
A. Seydel & Cie. Aktiengesellschaft
Berlin SW 61
Deutschen Buch-Gemeinschaft
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Anmerkungen zur Transkription:
Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei
jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle
steht.
Seite 50:
ist durch Treue – fideikomissarisch – gebunden. Vorteilhafte
ist durch Treue – fideikommissarisch – gebunden. Vorteilhafte
Seite 56:
Ehre, Euere Exzellenz in höchstem Auftrage zu ersuchen ..«
Ehre, Euere Exzellenz in höchstem Auftrage zu ersuchen …«
Seite 62:
Hemmungsbildungen, ja.
Hemmungsbildungen, ja.«
Seite 63:
gehen, daß sich Fäden und Stränge zwischen beiden auszielen
gehen, daß sich Fäden und Stränge zwischen beiden ausziehen
Seite 70:
Lithiumsalzen, hatte man er kürzlich, unter der Regierung
Lithiumsalzen, hatte man erst kürzlich, unter der Regierung
Seite 70:
Johann Albrechts III., erschlürft. Und da es an einem
Johann Albrechts III., erschürft. Und da es an einem
Seite 91:
Schläfen und längliches kluges Gesicht. Sehr klein noch
Schläfen und ein längliches kluges Gesicht. Sehr klein noch
Seite 99:
in der Nacht ihre Haares, hoch aufgerichtet die herrliche
in der Nacht ihres Haares, hoch aufgerichtet die herrliche
Seite 103:
von der Schwierigkeit und Strenge des Lebens, daß ihm
von der Schwierigkeit und Strenge des Lebens, das ihm
Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei
jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle
steht.
Seite 50:
ist durch Treue – fideikomissarisch – gebunden. Vorteilhafte
ist durch Treue – fideikommissarisch – gebunden. Vorteilhafte
Seite 56:
Ehre, Euere Exzellenz in höchstem Auftrage zu ersuchen ..«
Ehre, Euere Exzellenz in höchstem Auftrage zu ersuchen …«
Seite 62:
Hemmungsbildungen, ja.
Hemmungsbildungen, ja.«
Seite 63:
gehen, daß sich Fäden und Stränge zwischen beiden auszielen
gehen, daß sich Fäden und Stränge zwischen beiden ausziehen
Seite 70:
Lithiumsalzen, hatte man er kürzlich, unter der Regierung
Lithiumsalzen, hatte man erst kürzlich, unter der Regierung
Seite 70:
Johann Albrechts III., erschlürft. Und da es an einem
Johann Albrechts III., erschürft. Und da es an einem
Seite 91:
Schläfen und längliches kluges Gesicht. Sehr klein noch
Schläfen und ein längliches kluges Gesicht. Sehr klein noch
Seite 99:
in der Nacht ihre Haares, hoch aufgerichtet die herrliche
in der Nacht ihres Haares, hoch aufgerichtet die herrliche
Seite 103:
von der Schwierigkeit und Strenge des Lebens, daß ihm
von der Schwierigkeit und Strenge des Lebens, das ihm
Page 329
Seite 113:
Herrschaften sagen, und nicht, weil ich die Kammerlakeien
Herrschaften sagen, und nicht, weil ich die Kammerlakaien
Seite 113:
sagt: ›Dann gehen Sie man erst die Terppe hinauf und
sagt: ›Dann gehen Sie man erst die Treppe hinauf und
Seite 123:
genannt. Aber die Adligen hießen Bogumil und Dagobert ..
genannt. Aber die Adligen hießen Bogumil und Dagobert …
Seite 124:
und es war die mit Doktor Überbein, dem Hilfslehrer,
und es war die mit Doktor Überbein, dem Hilfslehrer.
Seite 133:
›Er ist ein Mensch .. Er ist mehr als das‹ – das ist
›Er ist ein Mensch … Er ist mehr als das‹ – das ist
Seite 137:
Klasse zu unterrichten Aber auf Klaus Heinrichs lebhaften,
Klasse zu unterrichten. Aber auf Klaus Heinrichs lebhaften,
Seite 153:
Bowle. Er murmelte: »Was tun Sie … Was tun Sie ..«,
Bowle. Er murmelte: »Was tun Sie … Was tun Sie …«,
Seite 158:
Klaus Heinrich voraus, der, in seinen Mantel zwischen
Klaus Heinrich voraus, der, in seinem Mantel zwischen
Seite 184:
Lichte widergaben. Dann wieder ließ sie alle Spiegel
Lichte wiedergaben. Dann wieder ließ sie alle Spiegel
Seite 200:
lebte. »Du mußt Sehnsucht haben.«
lebte. Du mußt Sehnsucht haben.«
Seite 210:
Schilderungen der Örtlichkeit Wenn er da ist, werden sie
Schilderungen der Örtlichkeit. Wenn er da ist, werden sie
Herrschaften sagen, und nicht, weil ich die Kammerlakeien
Herrschaften sagen, und nicht, weil ich die Kammerlakaien
Seite 113:
sagt: ›Dann gehen Sie man erst die Terppe hinauf und
sagt: ›Dann gehen Sie man erst die Treppe hinauf und
Seite 123:
genannt. Aber die Adligen hießen Bogumil und Dagobert ..
genannt. Aber die Adligen hießen Bogumil und Dagobert …
Seite 124:
und es war die mit Doktor Überbein, dem Hilfslehrer,
und es war die mit Doktor Überbein, dem Hilfslehrer.
Seite 133:
›Er ist ein Mensch .. Er ist mehr als das‹ – das ist
›Er ist ein Mensch … Er ist mehr als das‹ – das ist
Seite 137:
Klasse zu unterrichten Aber auf Klaus Heinrichs lebhaften,
Klasse zu unterrichten. Aber auf Klaus Heinrichs lebhaften,
Seite 153:
Bowle. Er murmelte: »Was tun Sie … Was tun Sie ..«,
Bowle. Er murmelte: »Was tun Sie … Was tun Sie …«,
Seite 158:
Klaus Heinrich voraus, der, in seinen Mantel zwischen
Klaus Heinrich voraus, der, in seinem Mantel zwischen
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Lichte widergaben. Dann wieder ließ sie alle Spiegel
Lichte wiedergaben. Dann wieder ließ sie alle Spiegel
Seite 200:
lebte. »Du mußt Sehnsucht haben.«
lebte. Du mußt Sehnsucht haben.«
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Schilderungen der Örtlichkeit Wenn er da ist, werden sie
Schilderungen der Örtlichkeit. Wenn er da ist, werden sie
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Seite 212:
war. So ist es vor sich gegangen.
war. So ist es vor sich gegangen.«
Seite 215:
Schreibsekretär, ein altes Möbelstück aus Polisanderholz
Schreibsekretär, ein altes Möbelstück aus Palisanderholz
Seite 226:
rief dreimal hoch Die Glocken läuteten.
rief dreimal hoch. Die Glocken läuteten.
Seite 248:
und anderthalb Wochen später, zu Anfang Oktober (war
und anderthalb Wochen später, zu Anfang Oktober (es war
Seite 248:
sein zweiunddreißigjähriges, Prinz Klaus Heinrich sein
sein zweiunddreißigstes, Prinz Klaus Heinrich sein
Seite 253:
Tomaten und sein trockenes Bot zum Mittagessen hatte
Tomaten und sein trockenes Brot zum Mittagessen hatte
Seite 280:
rückgängig machen Die Schwester-Oberin wird das Fräulein
rückgängig machen. Die Schwester-Oberin wird das Fräulein
Seite 282:
sie, man sieht es
sie, »man sieht es
Seite 282:
gleich« Und eine kleine, schmerzliche Verzerrung
gleich.« Und eine kleine, schmerzliche Verzerrung
Seite 309:
»Danke,« sagte Herr Spoelmann, ich bin at ease. Und
»Danke,« sagte Herr Spoelmann, »ich bin at ease. Und
Seite 312:
Antworten gelten ließ, als sei sie der Ansicht daß er die
Antworten gelten ließ, als sei sie der Ansicht, daß er die
war. So ist es vor sich gegangen.
war. So ist es vor sich gegangen.«
Seite 215:
Schreibsekretär, ein altes Möbelstück aus Polisanderholz
Schreibsekretär, ein altes Möbelstück aus Palisanderholz
Seite 226:
rief dreimal hoch Die Glocken läuteten.
rief dreimal hoch. Die Glocken läuteten.
Seite 248:
und anderthalb Wochen später, zu Anfang Oktober (war
und anderthalb Wochen später, zu Anfang Oktober (es war
Seite 248:
sein zweiunddreißigjähriges, Prinz Klaus Heinrich sein
sein zweiunddreißigstes, Prinz Klaus Heinrich sein
Seite 253:
Tomaten und sein trockenes Bot zum Mittagessen hatte
Tomaten und sein trockenes Brot zum Mittagessen hatte
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rückgängig machen Die Schwester-Oberin wird das Fräulein
rückgängig machen. Die Schwester-Oberin wird das Fräulein
Seite 282:
sie, man sieht es
sie, »man sieht es
Seite 282:
gleich« Und eine kleine, schmerzliche Verzerrung
gleich.« Und eine kleine, schmerzliche Verzerrung
Seite 309:
»Danke,« sagte Herr Spoelmann, ich bin at ease. Und
»Danke,« sagte Herr Spoelmann, »ich bin at ease. Und
Seite 312:
Antworten gelten ließ, als sei sie der Ansicht daß er die
Antworten gelten ließ, als sei sie der Ansicht, daß er die
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Seite 328:
sie hatte die zierlichen Beine der arabischen Typs und einen
sie hatte die zierlichen Beine des arabischen Typs und einen
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»Doch, sie ist herrlich«, sagte er. »Übrigens sah er sich
»Doch, sie ist herrlich«, sagte er. Übrigens sah er sich
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mit offen Ärmeln und einer gelben Stickerei auf der Brust.
mit offenen Ärmeln und einer gelben Stickerei auf der Brust.
Seite 378:
und zwar wegen meherer Punkte auf einmal: der
und zwar wegen mehrerer Punkte auf einmal: der
Seite 383:
überklugen Alleswissern ausgespengt wurde, als tröstlich
überklugen Alleswissern ausgesprengt wurde, als tröstlich
Seite 386:
erscheinen zu lassen Wohnte sie nicht mit ihrer gräflichen
erscheinen zu lassen. Wohnte sie nicht mit ihrer gräflichen
Seite 399:
ganze erlauchte Persönlichkeit Wissen Sie wohl noch, wie
ganze erlauchte Persönlichkeit. Wissen Sie wohl noch, wie
Seite 403:
und sich zu ihm bekennen, schien unüberwindlich, und es
und sich zu ihm zu bekennen, schien unüberwindlich, und es
Seite 407:
Vorgänge ihre Genugtuung gönnen Geringsten Falles, das
Vorgänge ihre Genugtuung gönnen. Geringsten Falles, das
Seite 428:
Mitgliedes der Allerhöchsten Familie hattte die Unterstützung
Mitgliedes der Allerhöchsten Familie hatte die Unterstützung
Seite 440:
Segen in sich schloß? Denn das sie das tue, war
Segen in sich schloß? Denn daß sie das tue, war
sie hatte die zierlichen Beine der arabischen Typs und einen
sie hatte die zierlichen Beine des arabischen Typs und einen
Seite 372:
»Doch, sie ist herrlich«, sagte er. »Übrigens sah er sich
»Doch, sie ist herrlich«, sagte er. Übrigens sah er sich
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mit offen Ärmeln und einer gelben Stickerei auf der Brust.
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überklugen Alleswissern ausgespengt wurde, als tröstlich
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Segen in sich schloß? Denn das sie das tue, war
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Seite 467:
ganze Gemeinde ein Loblied Als es verhallte, blieb einzig
ganze Gemeinde ein Loblied. Als es verhallte, blieb einzig
ganze Gemeinde ein Loblied Als es verhallte, blieb einzig
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Montclair NJ 07042, USA, +1 (862) 621-9288. Email contact links and up
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Section 4. Information about Donations to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation
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including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable effort,
much paperwork and many fees to meet and keep up with these
requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
determine the status of compliance for any particular state visit
www.gutenberg.org/donate.
While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
with offers to donate.
International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
statements concerning tax treatment of donations received from outside the
United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
Please check the Project Gutenberg web pages for current donation methods
and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
checks, online payments and credit card donations. To donate, please visit:
www.gutenberg.org/donate.
Section 5. General Information About Project Gutenberg
electronic works
Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg
concept of a library of electronic works that could be freely shared with
anyone. For forty years, he produced and distributed Project Gutenberg
eBooks with only a loose network of volunteer support.
Project Gutenberg eBooks are often created from several printed editions,
all of which are confirmed as not protected by copyright in the U.S. unless a
particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable effort,
much paperwork and many fees to meet and keep up with these
requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
determine the status of compliance for any particular state visit
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not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
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International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
statements concerning tax treatment of donations received from outside the
United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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electronic works
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anyone. For forty years, he produced and distributed Project Gutenberg
eBooks with only a loose network of volunteer support.
Project Gutenberg eBooks are often created from several printed editions,
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copyright notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in
compliance with any particular paper edition.
Most people start at our website which has the main PG search facility:
www.gutenberg.org.
This website includes information about Project Gutenberg, including how
to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation,
how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email
newsletter to hear about new eBooks.
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