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Title: Das Bücher-Dekameron

Author: Kasimir Edschmid

Release date: January 21, 2015 [eBook #48040]

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/48040

Credits: Produced by Jens Sadowski

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS BÜCHER-
DEKAMERON ***

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KA S IMIR E D S C HMID :
DAS
B Ü C HE R -
D E KA ME R ON
Eine
Zehn-Nächte-Tour
durch die europäische Gesellschaft und Literatur

Zweite Auflage

ERICH REISS VERLAG / BERLIN 1923

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Geschrieben im Juli und halben August
Neunzehnhundertzweiundzwanzig

Copyright by Erich Reiß Verlag 1922

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INHALT
Erster Vormittag
DEUTSCHLAND
SEITE 9

Die erste Nacht
DEUTSCHE
SEITE 41

Die zweite Nacht
FILM • THEATER • SCHAUSPIELER • REGISSEURE • ESSAYISTEN •
LEBENDIGE
SEITE 69

Die dritte Nacht
BIBLIOTHEK (ABER DAS LEBEN IST HERRLICHER)
SEITE 95

Die vierte Nacht
SATIRE
SEITE 121

Die fünfte Nacht
KUNST UND GESELLSCHAFT
SEITE 145

Die sechste Nacht
POLITISCHE DICHTUNG??
SEITE 185

Die siebente Nacht
NEUE SCHULEN
SEITE 227

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Die achte Nacht
DIE ANDERN
SEITE 251

Die neunte Nacht
UND EUROPA??
SEITE 267

Die zehnte Nacht
MIJNHEER!
SEITE 297

Letzter Vormittag
GELASSENHEIT
SEITE 301

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Erster Vormittag

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M Deutsches Mosaik ijnheer, wir sind eingeschneit.
Von den Spießhörnern bis zur Todtnauer Hütte jagt der
Schneesturm schon den dritten Tag. Das Zastler Loch ist verhüllt und
um Herzogenhorn ballt sich die Schneeflut zu neuem Angriff. Zum Bärental
häuft sich der Schnee schon wie Meer. Als ich zuletzt Sie traf in ähnlicher
Lage, war es am Brenner, Sie kamen mit Wolken Schnee auf breiten
Eschenbrettern herauf, ich schnallte die Hickorys, um in die Schweiz zu
fahren, und die schon fast italienische Sonne glühte über Tirol das Gebirge
zu Metall.
An diesem Tag zog D’Annunzio mit seinen Freischaren nach Fiume, heut
empfängt er den russischen Volksbeauftragten Tschitscherin. Was ich an
dem blitzkurzen Tag Ihnen damals sagte, steht in der „Doppelköpfigen
Nymphe“. Was macht es, solange meine Landsleute sich mit seinem Ja und
Nein nicht lernend auseinandersetzen? Habe ich recht behalten oder nicht?
Wie hat in der Zwischenzeit das Karussell der Zeit sich umgedreht!
Finden Sie Boden in diesem Mosaik, das mit Pferden und Menschen und
Schreien um die eigne Achse sich ohne Pause dreht? Damals schoß man in
Haufen auf den Straßen um Weltanschauungen. Heute doziert in Offenburg,
während die Witwe geladen ist, der Staatsanwalt an Erzbergers präpariertem
Schädel den Bauern-Geschworenen mit dem Bleistift die
Einschußrichtungen seiner Mörder. In den Festungen sitzen nach dem
Proletarischen hin ausgeschwärmte Dichter. Feldherren des Kaisers nehmen
Paraden ab über die Truppen der Republik. Auf dem Rhein flitzen belgische
Kanonenboote, auf keinem der Dampfer zwischen Mainz und Bingen sehen
Sie die Farbe Schwarz-Rot-Gold. Die Bäder der deutschen Ostsee-Küste
sind zwischen den Strandkorbburgen millionenhaft mit den Fahnen des
Kaiserreichs beflaggt. Der erste deutsche Botschafter in Amerika übergibt
seine Beglaubigung im Namen von „The German Empire“, und man Préparez
trois cotelettes pour les chiens antwortet ihm in Washington, er meine wohl seine
Republik. In Bayern ist in Sturmtrupps die Bauernschaft blockiert: vivat
Rupertus Rex. Der Reichspräsident, der München besucht, erhält feierlich
am Bahnhof unter Gepfiff eine rote Badehose gereicht.
Sie interessieren sich nicht für Politik?
Ich auch nicht.

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Es ist unsere Zeit aber Mijnheer. Das ist der Boden, den wir treten, das
sind die Wolken, unter denen wir atmen. Wo schieben sich ähnlich
knisternd Begriffe und Revolten und erlauchte Traditionen durcheinander!
Zwei Stunden nördlich übers Gebirge, in Baden-Baden, endigte früher
die bevorzugte Schnellzugslinie von Paris. Hier fuhr als Dauphin Eduard
der Siebente in Hemdsärmeln vierspännig den Blumenkorso über die
Lichtenthaler Allee, führte Prinz Hamilton am blauen Band ein Schwein als
Wette durch den Kurgarten, sauste der britische Hoftroß mit Bettlaken
nachts in Droschken zum alten Schloß, Gespenster für harmlose Passanten
zu spielen. Die Fürstin Gagarin telegraphierte aus Syrakus an ihr Palais
Stourdza, um ihre Ankunft zu melden: „Préparez trois cotelettes pour les
chiens“, hier wurde den Gazellen des siamesischen Sultans jeden Morgen in
einem Springbrunnen ein Bad fin champagne gerüstet, wurde dem jungen
Portugiesenprätendenten eine Straße gebaut, um zwei Gärten zu vereinen.
Hier, wo Liane von Pouchi tanzend ihre Triumphe feierte, beginnt einige
Jahre nach Krieg und Revolte unbedrückt vor Angst, daß niedere Klassen
mit Schüssen und Raub darauf antworten, unter jahrhundertalten Bäumen
das Leben wieder feierlich und reich zu spielen.
Die bengalischen Feuer schmeicheln dem sanften Anfang der dunklen
Höhen, und unter den Schatten der Bosketts gleiten die Lampions mit den
wohligen Seufzern der Menschen zusammen zum immer festlich bereiten
Nachthimmel. Die Blüte aller Bäume von Flieder bis Magnolien und von La
république manque de femmes den feierlichen Kastanien bis zu den wilden Rosen
und Geisblatthecken wird dieses Jahr zusammenfallen, und die von den
Fontänen besprühten siebenfarbenen Rhododendronbüsche werden vor der
Spiegelfassade des Hotel Stefanie mit unbekannter unterdrückter
Leidenschaft blühen.
Ein Geschlecht von wenigen bevorzugten und finanzierten Deutschen,
aber Hollands und Amerikas Kleinbürgerschaft wird die wundervolle Burg
des großen Lebens in Besitz nehmen, indem es sich das Vorrecht der
früheren Jahrhunderte mit einem Geld, das mit Hundertzwanzig bis
Zweitausend usw. die Mark kauft, sichert. Guizots Rat: „Enrichissez-vous!“
hat nach jeder Revolte und jedem endlosen Krieg sein Publikum
verstanden, eine neue Schicht, die nach Leben und Wirkung mit allen
Zähnen bleckt, ist aus der Tiefe aufgehoben worden und hat von der
Oberfläche die seitherigen Gebieter ablaufen lassen. Aber Gambettas
Beispiel, der die Subskriptionsbälle für die neue Gesellschaft seines Landes

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schuf und Salons aus der Erde zauberte, indem er flüsterte: „La république
manque de femmes“, Gambettas Beispiel hat keine Nachfolge gefunden.
Die Elite des deutschen Volkes und seine Gesellschaft grollt unversöhnlich,
ja vernichtend der Republik, deren Vorsteher nicht die Weltmännischkeit
besaßen, diese Masse an sich heranzuziehen. Ich habe an kaum einem
s i c h t b a r e n bürgerlichen Ort einen Republikaner gefunden, ich kenne
keinen Republikaner außerhalb des Klüngels der Politiker und Schreiber. Ja
sogar der befreundete Leiter einer Sternwarte, der behauptet, mit einem
Überguß Schwefelsäure auf seiner äußersten Linse das politische
Bewußtsein seiner Opfer gespiegelt zu sehen, versicherte betrübt und
gelangweilt, seit Monaten sehe er in Flugzeugen und Autos und Äckern nur
die Farben der Vorkriegszeit.
Man mußte den manischen Alten, der vor Sucht nach einem
Republikaner verging, wegen Farbenblindheit einer Heilanstalt zuführen,
die Sehnsucht nach der Republik Sehr rote Handschuhe hatte ihm seinen Beruf
und seine wissenschaftliche Carriere gekostet. Kein Bankier kaum ansonst,
kein Industrieller, der auf die neue Flagge schwört und höchstens einige
Juden, die verschämt über die Thora mit ihr kokettieren. Selbst die
Direktoren demokratischer Industrieregenten wagen in Ruhrort und
Recklinghausen und Duisburg nicht, durch das gleiche Bekenntnis wie ihr
Zar dem gesellschaftlichen Terror zu widerstehen. Denn Gesellschaft heißt
in Deutschland nicht wie in anderen Ländern: durch die Jahrhunderte in
einem Rassebewußtsein zu gewissen Neigungen und Bewegungen filtriert
sein, sondern heißt jene Clique, die vor dem Krieg zufällig verdiente, adlig
war und die Ämter beherrschte. Die schwört heute auf die Reaktion. Die
arbeitende Klasse kämpft, schon in der Verteidigung wieder, um den
Achtstundentag. Die großen Auseinandersetzungen werden noch kommen.
Auf dieser Atempause der Geschichte, auf einem gläsernen Regenbogen
steht die Republik.
Eine Generation junger frecher und halb hilfloser Leute mit sehr roten
Handschuhen und hellen Koffern aus Leder hat zwischen Franc und Dollar
die Plätze der Eisenbahnen belegt. In Innsbruck sahen wir, von den Ötztaler
Alpen vor drei Wochen heruntersteigend, den Adel Tirols aus den
Schlössern zusammenströmen und ihre Komtessen tanzen in den Kostümen
der Mode von vor fünfzehn Jahren, da ihr Geld die neue nicht mehr kauft,
aber mit phantastischem Familienschmuck, den sie nicht veräußern, noch

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exklusiver wie früher, und einen gewissen tötlichen Stolz in den
zwanzigjährigen Gesichtern. Das ist Deutschland.
Bald haben alle Fürsten und Feldherrn ihre Memoiren herausgegeben und
alle schieben die Schuld auf den andern genau wie, als die Franzosen den
vorletzten Krieg verloren, Ollivier, Benedetti, Leboeuf, Wimpfen sich die
Niederlage an die Köpfe warfen, bis man in dem Spitzbart Bazaine den
Prügeljungen entdeckte. Für unser Schrifttum ist der Seeschlange Haufen
Papier ein verwegenes Nichts, für die Erinnerungsliteratur keine
Bereicherung des Stolzes, der letzte große Memoirenschreiber der
Deutschen aber, der pfaueneitle jedoch illustre Fürst von Muskau hätte mit
einer Handbewegung diesen Hahnenkampf seiner Kaste abgelehnt: „Quelle
blague.“ Ich traf im Sommer auf einem Bodenseedampfer einen früheren
russischen Attaché, der Schweine für die deutsche Regierung in Belgrad
gekauft hatte, der riet, zur Südsee auszuwandern mit einem Harem von
Frauen und schönen Tieren, und fünfzigjährig in das dann befriedete Europa
zurückzukehren wie Apoll, der bei Winterbeginn zu den Hyperboräern jagt,
um erst wieder, von Päanen gerufen, im Frühling zum silbernen Kephissos
und seiner geliebten Quelle Kastalia im Schwanenwagen zurückzukehren.
Den Russen langweilten die Zuckungen, mit denen die Erde Europas sich
langsam wieder in ein festes Bett zurückstemmt und er wußte, daß nicht die
Spur nachzuhelfen sei mit Kongressen, Parlamenten und Paraden des
Geschwätzes, und daß elementare Gewitter nicht durch Beschwörungen der
Regenmacher sondern nur durch elementare Ausströmungen langsam sich
sänfteten.
Ich bin, obwohl ich abenteuerlustig las, in Mozambique bei Beira hätten
Kaffern endlich die Seeschlange angeschwemmt gefunden, und obgleich Sir
William Loyd Davkins in „Manchester Guardian“ hinzufügt, ihre Köpfe
seien groß wie die Leuchtfeuer von Makuti gewesen und die Kaffern hätten
zwölf Tage lang an der gelben Gallerte fressend gelegen . . . . . . ich bin,
obwohl alle Himmel der Fremde und alle noch nicht genossene Seligkeit
der Erde mit beispiellosen Kontinenten, Mondgebirgen und barbarisch
dunklen Meeren dahinter locken . . . . ich bin für Bleiben.
Die Luft unserer Jugend ist elektrisch wie die Cinnas und Hannibals und
des dritten Otto und jenes vierten Heinrich, der einer der schlausten
Anwälte der Deutschen war, aber sie ist auch noch schicksalgesättigter in
ihrer zuckenden Herrliche schöne . . . . . . Röte als die des großen Korsen. Die
Ausschweifungen der noblen Jugend, die Reisen ins Tropische unserer

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Leidenschaft sind uns verdorben. Die Sommernachtsfahnen der Freude
haben unter anderen Sternen anderen Generationen geflaggt. Es gibt nur
e i n e Haltung des Anstandes, in den Krisenfeuern, in denen Europa sich
anschickt einen neuen Stern zu gebären oder zu krepieren, mitten im Land
und unter seinen Leuten zu stehen, ihnen zu helfen zur Lösung oder zu
neuem Kurs sie zu überreden, oder wie auf einem Schiff mit ihnen zu
ersaufen . . . . und sei es auch nur, den hoffnungslosen Kampf mit der
Politik zu sehen, den diese Menschen, die Andersdenkende ruhig (wie zur
Zeit, wo Mord bei den Germanen noch reine Privatsache der betreffenden
Familien war) erschießen aber die Pferde innig lieben, die oft roh sind wie
Tataren aber gütig und sentimental wie die Engel, die manchmal wie jener
Thomas Münzer, der sich mit dem Schwert Gideonis unterzeichnete,
unflätig in den Gesten aber in den Herzen voll dunkel flackernder
Begeisterung sind . . . . . . sei es auch nur dem hoffnungslosen Kampf dafür
unbegabter aber herrlicher Menschen mit der Politik in einer mitleidlosen
Zeit beizuwohnen.
Diese Deutschen!
Man muß hinter Düsseldorf am Rhein
gelegen sein, um die Größe dieses Landes mit dem stillen Verströmen des
Flusses zu spüren. Man muß zwischen Bingen und Sankt Goar seine
Romantik fliegen gesehen haben voll jahrhundertblauer Gewalt. Wie haben
die Spessartwälder gedröhnt von der Musik ihrer donnernden Wölbung.
Wie haben die bayrischen Seen unter der Pranke des Herbstmonds mit
aufschießenden Nebeln gebuhlt und die Morgenberge mit wilder Idylle
gespiegelt. Wie hat der sommerliche Schwarzwald vor Behagen aus allen
samtenen Fichtenhängen geraucht und die Nacht noch sanfter an den glatten
Muskeln des Vogesenbruders in den Rheingau fallen . . . . . . deutsche Landschaft
sehen. Wie hat der Odenwald von Sagen an allen Quellen aufgezittert und
wie reif sind über der Mosel die Sonnensegnungen gelegen.
Wie haben die Sturmfluten die Nordseehäfen überdeckt, während der
Mond bleirote Lähmung gespenstisch darüber flutete, daß die Molen
verzaubert von soviel Glanz reglos von den Raubwellen zerrissen wurden
— und mit welchem Jubel haben wir als Jünglinge die tänzerische Grazie
Bayreuths und die Stierwucht von Bamberg und die Rothenburger
Silhouette vor den Abendhimmeln des Sommers empfunden. Die Parke
unserer Kindheit waren voll von Tritonen und Bächen und flötentragenden

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Göttern der Büsche und Wälder und den stampfenden Pferden
besinnungslosen Glücks auch im dunklen Erschauern der Zukunft.
Wie hat Friesland uns später mit schwarzen Bauerngütern in fetter Erde
unter seinen Herden gebebt, wie haben die Ostseeleuchttürme den
Dreimastern und Hochseebooten herzbange Grüße durch die Jasminnacht
geworfen, wie haben die Züge gejauchzt, als die süddeutschen Erntefelder
sie mit beispielloser Goldfülle verschlangen. Wie hat der Wein des Elsaß
sich zur Melancholie der Eifel in unseren Knabenfahrten herrlich gesellt,
und mit welchen Farben haben die mecklenburgischen Teiche sich noch an
den grauen Himmel pommerscher Riesengüter gemalt, wenn die Wildgänse
darüber flogen.
Wie hat das ganze Land sich gereckt wie ein Weib, bis es die Schönheit
erreichte und bis aus jeder Falte ihrer Erde der Duft der Anmut und der
Vollendung in solcher Musik stieg, daß wir vor Liebe und Demut die
Sünden und Fehler der Bewohner fast vergaßen. Die Luft unserer Jugend ist
stürmisch wie die des Cinna und Hannibal, aber, unverrückbar, die Seen
und Wälder und Berge unserer Leidenschaft und unserer Heimat sind von
erhabenem Gleichmut der Schönheit.
„The German Empire“ Welche Zeiten!
Gleichsam auf einer zweiten
unsichtbaren Ebene darüber aber steht wie ein zitternder Kessel zwischen
den Manometern und Fieberkursen der Valuten „The German Empire“, so,
als sei zwischen den Zustand seiner Fluren und den eines möglichen
Glückes die heutige Misere wie ein verlegener Alpdruck hineingeschmettert
und als seien die Geister, die um diesen Zustand irrten, vor Verzweiflung
fast schon bereit sich selbst zu verhöhnen und auch der letzten
Entschlußkraft beraubt. Ich fürchte, gäbe es in der Politik einen Eros und
Stufungen der Geschlechter wie bei den Lebewesen, man würde „The
German Empire“, das weder wagt mit dem Glanz der Senatoren von Catos
Strenge bis zu Clemenceaus Unerbittlichkeit eine Republik zu sein, noch
sich für ein wahrlich neues Kaiserreich zu entscheiden, zu den
Zwischenstufen zählen, denen zwar viel Nüancen aber keine eindeutigen
Himmelfahrten erlaubt sind.
Aber der Haß auf ihre Gegenwart hat nie vermocht, die Liebe zu ihr zu
unterdrücken, und die besten Augen des Landes sind unbeirrbar auf jede
ihrer Bewegungen gerichtet. Denn man liebt nur, wo man helfen will und
man ist voll Zärtlichkeit nur da, wo man zu verzweifeln begonnen hat.

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Im Kreis darum aber laufen die Ringe unerbittlich weiter, die die Mörder
mit den Heiligen und die Tüchtigen mit den Träumenden durcheinander
werfen. Ein Tropf, der nicht sein Schicksal zu korrigieren sucht, wo Kunst
und Wahrheit nie so isoliert (aber kaum je von den Wenigen geliebter) in
der Welt standen. Wer vermag festen Grund zu sehen, wo alle Maßstäbe
aufhören, wo das Natürlichste: gut zu speisen und innerhalb Deutschland zu
reisen, schon ungewöhnlicher Luxus dünkt und das Leben der mittleren
Schichten (ohne daß sie es merken, weil sie ihr früheres Glück in soviel
Fatalität vergaßen) eine Versuchung ist mit Gott zu hadern. Aparte Gegensätze
Die apartesten Gegensätze durchdringen sich mit einer gewissen Heiterkeit,
und jede Handlung wird mit auffälligem Ernst von einer Gegenhandlung
begleitet, deren Gesicht die Grimasse des Widerspruchs trägt.
Vermuten Sie, daß am Tag, als Max Hölz mit Kommunisten und Räubern
das Vogtland unterjochte, ein eigens gebautes Segelboot mit
dreiundzwanzig deutschen Künstlern aufbrechen sollte, die Welt zu
umreisen zum größeren Ruhm des Geistes? Ach Sie vermuten nicht, daß am
gleichen Vormittag, als diejenigen Deutschen, die gerne mit endlichem und
praktischem Erfolg die Welt befrieden möchten, zu einer großen Konferenz
zusammentraten, in der anderen Ecke dieses Landes die männlichen
Mitglieder einer Junkerfamilie zum Spaß mit Schrotgewehren auf alle
vorbeifahrenden Automobilisten schossen. Täglich beobachtet man, daß
führende Generäle der Kriegszeiten plötzlich ausgerechnet die Agenturen
der Lebensversicherungen übernehmen, daß Juden mit einem Male
führende Sportleute werden, daß korrekte Assessoren Autofabriken
gründen, daß die Bohèmes der Literaturkaffees plötzlich infolge der
Beschäftigung mit Wohnungsschiebung liebenswürdige Cavaliere werden
mit einem Anflug sicherer Beleibtheit, die den Frieden mit Gott, Welt und
Satan immer voraussetzt.
Sehen Sie die Wirtschaft gigantisch wachsen, die von der Kohle über die
Erze, die Hochöfen, die Walzwerke, die Maschinenfabriken, über den
Vertrieb der Erzeugnisse, über die Schiffahrtslinien eine ungeahnte neue
Konzentration herstellt und, fast schon mächtiger als der Staat, beinahe
alles erzwingen aber alles verhindern kann, während vor sechs Jahren man
glaubte, sie sei in der Hochkurve? Vermutlich wird sich das technische
Zeitalter noch zu einer mythischen Größe recken, Dampfer von ungeheuren
Maßstäben und tausendfacher Kraft werden durch Motore gelenkt werden,
daß sie wie die Delphine im kleinen Kreise tanzen, und die Luft wird derart

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bezwungen scheinen, daß die Menschen, „Casanova
Siebzehnhundertneunundneunzig“ knapp an die Grenze der großen
Weltgeheimnisse wirklich kommend, erst im letzten Augenblick, und nicht
ohne Größe, gestürzt werden.
Aber heute gastieren im Schatten dieses Wachstums noch die vielen
Schauspieler der Verwirrung und ich vergesse nicht, wie es entrüstete und
amüsierte, als auf dem Concours hippique in Kissingen im Frühjahr nur der
Stallmeister der luxemburgischen Großherzogin im grauen Seidenzylinder
erschien und dann ein Kinobesitzer und nicht Graf Görtz die Sache machte.
Man glaubte, das Apokalyptische käme hernieder und die germanische
Midgardschlange lasse die Erde aus ihrer Umklammerung fallen. Die
Oberfläche der Zersetzung schwankte ein wenig und man sah die gesamten
Akteure der Zeit mit einem Male, wie sie über die Hürden und Koppelricks
herauf und herunterjagten, als welle sich die Erde unter ihnen.
Europa ist heute ein großer Faschingsball mit schönen Debardeurs und
anderen maskierten Gestalten und dem fallen die Triumphe zu, der die
kühnsten Griffe und die besten Lenden aufweist. Man demaskiert erst in
einer späteren Zeit. Ich habe daran denken müssen heute Nacht, als ich
hörte, man habe den großen Ahnen aller Abenteurer des Geistes und Lebens
zurückgerufen, indem man das Grab des Marquis von Seintgalt in Dux in
Böhmen gefunden. Es war nur ein Zufall, der es beim Legen von
Wasserrohren wieder in die Welt spielte, auf dem Grabstein stand mit einer
gewissen schlichten Haltung: „Casanova
Siebzehnhundertneunundneunzig.“ Im gleichen Jahre wurden der Baron
Balzac und der Jude Heinrich Heine geboren, die die gleichen
Umschichtungen des Lebens in Frankreich in ihren Büchern damals schon
schilderten und mit Kunst einen gewissen Schlußstrich setzten unter die
letzte große Kurve einer Zeit, die der kluge und genießende Casanova im
Leben noch einmal unerhört gespiegelt hat: den Glanz und die spielerische
Abenteuerlichkeit der Welt . . . ., eh sich die Wir sitzen fest Wagschalen des
Daseins in die tragischen Entscheidungen von heute stellten.
Man hat nunmehr gelernt nüchtern zu werden, selbst in der erregtesten
Zeit, teilt Arbeit und Leben und berechnet selbst seine Zufälle. Wir sind
eingeschneit, Mijnheer. Ihr großes Gepäck ist nicht transportabel, der
Schneepflug braucht drei Stunden für hundert Meter Weg. Die Dame, die
Sie erwarten, kann nicht herauf, es sei denn, sie flöge. Von Stübenwasen bis
Gisiböden steht der Schneesturm und wirft Sie über den Kamm, sobald Sie

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ihn betreten. Versuchten Sie ohne Gepäck ins Tal zu kommen auf Skiern, ist
Ihnen nur der Weg der Waldflächen offen, wo der Schnee sich nicht so hoch
gesetzt hat, aber schon an den ersten Matten ersaufen Sie im Schnee trotz
Ihrer Bretter wie eine Maus.
Wir sitzen fest. Am Tage ists manchmal möglich, vielleicht sich in die
Latschen zu schlagen oder Sprunghügel zu bauen, vielleicht geht die Sonne
auf und drückt die Schneeflut zusammen, man hat Möglichkeiten und man
rechnet mit ihnen. Völlig abmarschieren kann man aber erst, wenn der
Sturm gefallen ist, jedoch der Meteorologe versichert, er stehe zehn Tage
über dem Gebirg. Das war noch nie, und solche Kaskade von Weiß warf der
deutsche Himmel seit meiner Geburt noch nie über Baden. Man muß
resignieren und eine Beschäftigung suchen, die wir leicht von selbst gehabt
hätten, wäre es uns nicht eingefallen, die braun brennende Sonne des
Arlberg mit der schwarzen des Schwarzwalds noch zu vertauschen. In St.
Anton wäre der Sirocco uns zu Hilfe geeilt und hätte die Wolken nach
Norden geschmissen, die hier von allen Schwarzwaldbergen sich heben und
wie Rabenchöre um den Feldberg kreisen. Schon Lukian hat die Reiselust
verspottet, nun sind wir die Opfer. Es gibt nichts, was einem unabhängigen
Gentleman unerträglich werden könne? Beweisen wir es.
Als im Jahre Dreizehnhundertachtundvierzig sich unter Boccaccio und wir
Pampineas Führung die sieben Frauen Boccacces mit den drei Liebhabern
vor der Pest aus Florenz flüchteten, lag es nahe, daß sie dem Gespenst nur
die Anmut von Vergnügungen entgegenhielten, die ihre Zeit ihnen bot. Es
war ihre einzige Waffe. Um sie blühte die Zeit, große Männer und erfüllte
Epochen umstanden ihre Welt und es gab nur die Möglichkeit, mit Grazie
und gepflegtester Sinnlichkeit dem barbarischen Tod gegenüber sich
verächtlich zu zeigen.
Wir haben hier kein Schloß, Mijnheer, mit Dienerinnen, wir haben keine
Frauen, was ich sah seit der Ankunft ist nicht erregend und unsere
Freundinnen, mit denen wir vertraut sind, sind von uns getrennt. Wir
verstehen die Einfalt jener Menschen des Dekameron nicht mehr, die bei
Dambrettspiel in den Gärten mit Anrufung Gottes pikante Geschichten
erzählten, daß vor der Anmut ihrer lorbeergeschmückten Königin selbst das
Schicksal zurückrauschte. Wir sind nicht Kinder einer erlesenen Epoche,
sondern Freibeuter eines Zusammenbruchs. Wir haben die Pest nicht
draußen und die runde und vollendete Welt im Herzen, sondern um uns

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kracht die nüchterne Phantastik unseres Säkulums und wir haben nichts in
der Brust als die Kühnheit es doch zu lieben.
Boccacces Jahrhundert hatte die Pflicht zu genießen, was bleibt einem
Gentleman anderes heute, als die Freiheit, sich mit seiner Zeit in Ordnung
zu bringen. Man kann das auch bei Cocktails aus Milch, Ei, Gin, Whisky
und Worchestersauce, und wenn der Tag dem Leben reserviert bleibt, haben
die Nächte Raum für eine europäische Diskussion. Was kann einen
Holländer, dessen Land neutral blieb, dessen Literatur ihn nicht interessiert,
der die Musen liebt und Horaz in einer seltenen Ausgabe im Koffer mitführt
(wie Casanova selbst in die intimsten Situationen), was kann einen
holländischen Edelmann mehr reizen, als zu sehen, wie die Zeit sich in den
wichtigsten Literaturen spiegelt, denn in nichts erkennt man, wie Flaubert
in seiner Einsamkeit schon verspürte, den Menschen und die Nation so sehr
wie im Buch.
Europäisches Gespräch Auch den Boccacce hat seine Zeit, weil er ein
Ausschweifender und gleichzeitig ein frommer Mann war, mitten in die
Kirche seiner Vaterstadt beigesetzt, weil die Zeit in ihm ihre Vorzüge und
Eigenschaften am besten erkannte. Und doch hat seine Stimme die Wollust
wie kein anderer zierlich bis in das Herz der Frömmigkeit getragen, aber es
war die Sprache eines Dichters, und seine Sprache kam aus der des
Apulejus und des Lukian und sang sich weiter bis zu dem roten Hymnus
des d’Annunzio. Welche Vergangenheit einer Sprache! Ja, Mijnheer, man
muß, um ein europäisches Gespräch zu führen, zuerst den Sinn der Sprache
begreifen und ihren Weg betasten. Das ist wichtiger wie Whisky und Frauen
und der fatale Ernst unserer Einsamkeit.
Ich habe heute Nacht daran denken müssen, als ich am Fenster nichts
vernahm als die Dünung des Sturms, den Aufschlag des weichen Schnees
und das Zustreun des Geländes, und ich unter dem Bord der hölzernen
Veranda eine Schar Vögel entdeckte, die vor der Katastrophe der Natur zu
den Menschen flüchteten und nichts hatten sich verständlich zu machen, als
ihren aufgeregten, im Hals zitternden Herzschlag und die schreckliche
Angst ihrer Augen. Ich hörte, während ich Stare und Amseln auf die
Heizung hereinhob, die Wetterhähne dröhnen und die Blitzableiter wie die
Elstern schreien. Hinter ihnen aber stand auf den Untertönen des Winds die
Musik der Schwarzwaldwälder mit einem dunklen Brausen. Durch die
gleiche Musik haben Germanen hier manchen ihrer Kaiser auf

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kreuzgelegten Speeren aus dem Ruhm des Südens, den sein Haupt gesucht,
tot zurückgetragen.
Ach es stand im Donnerton der Tannen in der Dünung mit verzweifelter
Melancholie die Irrnis unserer Geschichte, die das Unmögliche stets wie
knabenhaft begehrte und ohne Ziel dann ihren schönsten Kopf sich
einschlug. Erst als ich vom Balkon zurücktrat, gelang mirs ohne Bitterkeit
zu atmen, und als ich mit den Vögeln sprach, war ich lauter Latein und Deutsch
als das Sturmwehen. Der Schneezyklon schoß von oben auf den Dachfirst,
warf sich zu Boden und hob sich in einem flimmernden selbst in der Nacht
sichtbaren Kreis über dem Steinsee. Da blieb er wie ein Krater, der sich
rasend drehte.
Es klang verführerisch jetzt hinter dem geschlossenen Fenster, wenn ich
die Vögel ansprach, gleichwie als sammelte die Sprache sich in seinen
Rhythmen und hebe aus den Jahrhunderten den Ton der Heimatlaute herauf
voll unerfüllter Leidenschaft und der heiteren Wehmut seiner unbewußten
Schönheit.
Geliebte Sprache:
Als die antiken Zeiten sich von
unseren schieden, entführten sie als Dialekt der Mythen und Götter das
Griechisch und es blieb nur noch eine moderne Sprache, das Latein. Nie
gab es vorher und später ein menschliches Ausdrucksmittel, das so präzis
und zugleich flimmernd die Begriffe aufstach und die Umwelt dazu
glänzend umschrieb, das ebenso vollendet das Vorgestellte in kristallene
Nähe zwang und zugleich das Phantastische in eine Bannmeile atemloser
Erregung darum sammelte. Es war die Sprache der Weltleute und der
Kommis, der Dichter und der Feldherrn. Herrlich band schon Tacitus ihre
Kühnheit im Bilde, als er beschrieb, Germanien sei von anderen Nationen
getrennt durch Furcht und Berge. Für die Deutschen war es zu scharf, wie
diese Prosa blitzte, zuhieb und trennte. Eine Zeitlang versuchten sie
miteinander die Verschmelzung, aber die Mönche jagten das Latein in ihre
Klöster. Wie zuckte es manchmal noch aus Klerikerhand brünstig ins
Weltliche hinaus, wie mischte es sich anfangs voll und farbig mit den
steifen kirchlichen Liedstollen, wie gab es noch der Mariensequenz von
Muri die demütige Schlankheit: „Ave vil liehtu maris stella.“ Umsonst, es
mußte nach Westen fliehen und ließ seinen Schatten nur zurück, der als
Theologie vermummt und enthauptet durch das Mittelalter irrte.

Page 20

Deutsch und Französisch Der deutsche Dialekt der Germanen kam jetzt in
seinen raschen tropischen Glanz. Allein gelassen nun ward er die Stimme
der großen Epen und der germanischen Troubadoure. Wie glühte der kurze
Sommer seiner Pracht in des Vogelweiders Strophen, wie verschlang sich
Gedanke und Reim und kehrte voll Musik zurück in die heiß und kindlich
gefaltete Kadenz. Nie hat, selbst in Rilkes Versgeäder, Deutsch wieder die
Größe der Einfalt und die Vollendung des Tons und die Linie der Grazie
erreicht wie in der flötenhaften Lage der Walther-Strophe:

Daz er bî mir laege, —
wessez iemen
(nu enwelle got!), sô schamt ich mich.
Wes er mit mir pflaege,
niemer niemen
bevinde daz, wan er und ich.

Wunderbar füllte die deutsche liedhafte Zartheit die gläserne Wölbung des
frühen Mittelalters mit Auben, Weckrufen, Taggesängen, Hörnern,
Kreuzzügen und heroisch-sanften Mythen, aus deren Bau die Sprache
jubeln konnte noch stolzer wie Horaz, daß wahrlich nie gehörte Sänge ihr
entströmten . . . ., bis mit der schönsten Zeit der Welt, der Epoche der Dome
und Kaiser und lichter Maienhaftigkeit Europas sie in den tragischen
Schlußvers fiel. Deutsch ward nun die Knochensprache kleinbürgerlicher
Meistersinger, die barbarische und oft wildsaftige der Volksbücher oder die
robuste Dämonie Grimmelshausens und die Pedanterie der gelehrten
Habenichtse.
Doch wie hatte das Latein, das über den Rhein gezogen und mit den
Galliern sich vereinigt hatte, im Französisch sich zu geschliffener Klarheit
mittlerweile vollendet! Wie hatte auch sein Mittelalter gehallt von den unter
Ölbäumen von den Sarazenen heraufreitenden Trouveres, wie hatten die
Regenbogen der großen deutschen Epen mit einem Fuße tief in der
Provence gestanden, die breit und groß am Aber wir! feierlichsten Meer
wiederum sich der Levante und den Dichtern afrikanischer Erde hingab.
Wie lärmte über Spanien und Frankreich graziös und gottselig der
vogelvolle Himmel der Frühzeit der Menschheit dann aber weiter bis hoch
in den vollen Zenith. Und wie erfüllte er sich neu immer durch die
lateinische Vergangenheit, die stets die zarte umschwebende Luft blieb, bis

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zu schönster Vollendung aus den Allegorien der Götter noch tief in der
Renaissance der herrlichen Plejade und den späten Prunk des Rokoko.
Immer gings aufwärts aus dem Blutsaft der Antike bis in ihre kühnste
Moderne.
Aber wir:
Als der ältere Balzac seine„Lettres“
wie Schlittschuhkurven der französischen Prosa vorbog, sielte das Deutsch
noch im Jargon der Sauhatz; glaubte Herr Opitz aus Bunzlau am Bober
durch Beschreibung des Vesuvs deutsche Dichtung einem neuen Frühling
entgegenzuführen. Als der taube Gentleman Ronsard und die Sechs seiner
Plejade den Horizont Frankreichs mit dem Duft der farbigsten Lieder
bewölkten, knabberte Hans Sachs die Klebsilben aus dem Skelett seiner
sechsunddreißig Bücher deutscher Sprache. Während der flotte Offizier
Descartes kristallinische Treppen mit seinem Französisch in den Nebel der
Philosophie hineinbaute, sang Herr Simon Dach, Professor der Poesie in
Königsberg: „Der Mensch hat nichts so eigen / so wohl steht ihm nichts an /
als daß er Treu erzeigen / und Freundschaft halten kann“, und glaubte
damit, während Shakespeare schon lebte, eine Revolution der deutschen
Dichtung geschmissen zu haben. Rabelais, ein entlaufeper Benediktiner, der
wundervollste Vagabund neben Villon, und vierzigjährige Medizinstudent
führte das Französisch in das ungeheuerlichste Barock, während der Bürger
Ayrer seine üblen Fastnachtsscherze schrieb. Im Französischen bildete sich
Niveau. Bei den Deutschen war es nur, wenn Wundervolles aufsprang, eine
begabte Revolution. Denn auch Ekkhart war den Deutschen nur das Gallische
Schriftkultur mystische Gewissen, Fischart blieb nur die skurrile Blähung voll
gewaltiger Einfälle und Luther war keine Sprache sondern nur ein
Temperament.
Die Kriege der anderen und die Reformationen, denen Deutschland den
Rücken hinzuhalten das Schicksal hatte, haben die Einheit der Empfindung
und die Sprache zerstört. Als man sie wieder hätte sammeln können, gelang
es nicht den schlanken Bau der Gotik und die Süße mittelalterlicher
Gefühlskraft wieder zu entzaubern. Es gab keine Gemeinschaft, keinen so
zentralen Hof, der sie glanzvoll gepflegt hätte. Die Führer und
Verantwortlichen haben von jeher den Geist und das Volk im Stich gelassen.
Man hetzte Hirsche und drillte Soldaten. Das war genug.
Wie anders hat Frankreichs Volk die Muse gehegt! Als Marquisen mit
Vaugelas Grammatik unter dem Arm dozierend durch die Schloßparke

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schritten, korksten deutsche Fürsten wie Stotterer den Dialekt oder retteten
sich ins Französisch. Wie hat die Literatur seit Margarethe von Navarra,
dieser erlesenen Frau, seit Karl dem Neunten, seit dem ersten Franz, dem
vierzehnten, fünfzehnten Louis um die Höfe sich gereckt, die Sprache sich
veredelt, wie war der Ausdruck des Menschen Maßstab fast mehr wie die
Geburt geworden, daß schon über die Übertreibungen die Spötter des
Molière in Lachkrämpfe verfielen. Ja die Macht war so groß, daß selbst
revolutionäre Dinge gelitten wurden, wenn ihr Anspruch ihrer Würde und
Vollendung entsprach, und die Gesellschaft vernahm mit der Grazie der
Gegeißelten die Anmut der Geißler.
Den blauen Salon des Hotel Rambouillet besuchten die Prinzen neben
Bossuet und Scudéry, und die Geistigkeit der Marquise, die empfing, war
stark genug aus ihren Jours und Empfängen eine literarische Bewegung zu
machen, die Richelieu zur Gründung der Akademie trieb. Und während
über Deutschland der Dreißigjährige Krieg flutete, war der politische
Einfluß der Literatur so ungemein, daß der größte Wörterbuch und Hemd
Staatsmann Frankreichs im Streit um Corneilles „Cid“ mit allen Pressionen
die gebildeten Kreise mobil machte, Corneille zu zerreißen, weil ihm
dessen Geschwärm für Duelle und Spanien seine Taktik kontrekarrierte, die
den Adel auf den Bauch warf und Spanien an die Wand drückte. Am Arm
von Herzoginnen aber besuchte der große Dramatiker den sich über die
Ehre tief verbeugenden und den Besuch des höchsten Adels wahrlich
gewohnten Bernini, Italiens damals größten Künstler, unter der
Aufmerksamkeit der ganzen gebildeten Nation, während in Wasserstiefeln
deutsche Pastoren, submissest verhungernd, als schlesische Dichterschule
schüchtern verkleidet, weltfremd einen dünnen, wenn auch nicht
uncharmanten Barock auf deutsche Flaschen ziehen wollten. Wie hat noch
hundert Jahre später der große Friedrich seine armseligen Dichter verachtet
und mit welcher frivolen Überlegenheit dem Schweizer Henri de Catt die
Aperçus über einen gewissen Hofmann erzählt, der mit demselben Hemd
ein ganzes Wörterbuch verfertigte und der, als man ihm drohte, am jüngsten
Tage werde er allein unter den lichten Gottseligen unrein bekleidet vor Gott
erscheinen, den saftigen Wunsch aussprach, daß er lieber, als das Hemd zu
wechseln, auf die Auferstehung verzichte.
Wie verachtet, wie schmählich verkuppelt ist in dieser Gesellschaft die
Sprache der Heimat geworden, wie erlösend und rührend aber ist sie
manchmal dennoch in die Hände von Einzelnen zurückgekehrt, die sie für

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ihre Launen und für ihre Begeisterung züchteten und sie auf dem langen
Weg der Erniederung schön über die beflaggten Barrieren ritten! In
Frankreich steht ein gezüchteter Schlag.
Bei uns kommen manchmal die interessanteren Hengste und wiehern die
Erinnerung der großen Zeit und blitzen Hoffnung auf die Zukunft aus dem
schönen Schlag der Hufe.
Heil Lessing, der mit Strenge säuberte, Sturz, der sie schlank wie ein
Florett im Kreis auf seine Hände zurückband. Heil Lessing . . . . . Grabbe, der
sie dunkel durchwühlte, Kleist, der ihr die Stahlsehnen des jungen Genius
durch den Torso zog, Jean Paul, der erste, der ihr den Nebel und die
göttliche Atmosphäre der Worte wie einem gigantischen Stern zur
Wielandschen Grazie gab, Büchner, der sie zu heroischer Schlankheit des
Mutes begeisterte, Heine, ihr geliebtester Sänger der vogelleichten Kraft,
die Romantik, die sie träumerisch wieder mit dem Gesicht ins
Übersinnliche wandte, Nietzsche am Schluß mit dem jubilierenden Hurra
der obersten Verzweiflung. Geliebte Dichter! Sie waren gute Jokeys und
vorzügliche Trainer, aber sie ritten ohne Tribüne und ihre Ställe und
Concours hatten keinen Zulauf ihres Publikums, auch hatten sie keine
Kenner, obwohl ihre Klasse von internationaler Güte war. Sie waren
Desperados der Kunst gegen die Gesellschaft, die sich nie recht formierte,
während sonst in Europa diese Gesellschaft die Kunst wie eine sanfte und
schöne Krönung über sich trägt.
Selbst Pindar war nur in diesem Sinne ein Dichter für feinere Sportfeste
seiner dorischen homosexual gerichteten Geldaristokratie, Shakespeare und
Molière die Fabrikanten der von ihren Höfen bestellten Theaterstücke,
Calderon war seines spanischen Hofs Arrangeur für pompöse Vergnügung,
die Maler der Renaissance die Hauseinrichter ihres sie bezahlenden
geschmacklich kultivierten Publikums, Bernini der Baumeister für
luxuriöse Ausschweifungen des Barock und der Vogelweider im Lyrischen
der Pressechef seines staufischen Adels.
Die Menschen guter Zeiten gaben sich durch die Leute, deren sie sich zur
Herstellung angenehmer Verzierung ihrer Epoche bedienten, ein veredeltes
Gesicht. Das war alles. Manchmal achteten sie diese Leute nicht einmal,
erst Michelangelo machte sich mit seinem Anspruch zum Fürsten. Damit
blieb er, genau wie wenn man ihn als Sklaven gehalten, das gleiche
Ornament seiner Zeit. Daß man aber ohne Zusammenhang mit seiner
Epoche, rund um eine Zeit rasend, Bärtige und geölte Leute die keine

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Gesellschaft barg, Dramen zusammenschrieb, Bilder zusammenmalte,
Türme in die Wolken hineinschickte, Bücher wohl über Probleme der Ideen
aber nicht über die Erziehung zur Nation zusammenstapelte, das ist in
seiner generationenlangen Dauer so rührend wie unglaublich, aber deutsch.
Hat uns nun, seit man in Autos und Flugzeugen und Bahnen fährt,
telephoniert und drahtlose Depeschen sendet, die Muse heftiger und
vereinigender geküßt? Man hat uns, Mijnheer, noch mehr wie die Schafe
auseinandergetrieben. Die Techniken haben uns ein jagendes Tempo in die
Adern gesetzt, aber sie haben uns weiter von den Wurzeln deutschen Seins
gescheucht wie der Dreißigjährige Krieg.
Was hinter den Romantikern herkam, hatte Plattes und Sauberes, hatte
Persönliches und Albernes aber es hatte kein Niveau. Die bärtigen Leute um
Paul Heyse hatten die Vehemenz des Dichterischen schon ganz vergessen,
als sie nazarenisch in ihren lombardischen Wein den Zucker ihrer Gefühle
füllten. Die Holz und Schlaf, die diese in schwacher Nachahmung des
großen Zola entthronten, hatten nur schlechte Manieren aber keine Kraft. Es
blieb wohl Einsicht, aber keine Stärke, sondern Geschrei. Daß gegen diese
dann wiederum die geölten und geschmackvollen Jünglinge des Dichters
George marschierten, der ihnen langsam an Baudelaires und Mallarmés
erhabenem Beispiel das Geheimnis der strengen Form beigebracht hatte,
bewies wohl Einsicht und Sinn für das Dichterische, aber es stellte gegen
den Schlamm der Epoche nur einen Salon von Süßlingen. In der Tat,
Georges Beispiel ist sinnbildhaft von Bedeutung, es schuf in Wahrheit nur
einen Zenakel und dieser war denkbar nur in Frankreich, aus dem er kam.
Erst als die Schicksalsuhren tragischer ins Volk bellten, suchten einige
Dichter und fanden einige einer neuen Generation eine Sprache, die, wie die
keiner Epoche vorher, wenn auch nicht aus den Klarheiten so doch aus den
Krämpfen ihrer Dezennien sich der Zeit anschloß. Die Unerbittlichkeit Wir
sind in der Gegenwart Wedekinds, der Zauber Schickeles, der breite Döblin, die
tapfere Kolb, der hell urteilende Kerr, Sternheim, Benn, Kaiser versuchten
ihre Generation zu einem mörderischen Glanz zu verdichten. Das Material
Balzacs war ihnen nicht gegeben zwar, sondern nur ein zersplitterter
Spiegel. Sie pappten ihn nicht, sondern sie schossen ihn zusammen. Eine
Weile deckte sich Kunst und Zeit. Wir sind in der Gegenwart.
Wir sind in der Gegenwart, Mijnheer. Sie liegt vor uns wie Land und
Meer, und wo sie zusammentreffen ist Hafen und Schiff. Und wo sie sich
schneiden, hat Kunst und Nation sich berührt. Zehn Nächte bei Flips und

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Cocktails und Gin und Kerzen sind eine knappe Zeit das Terrain zu
beschauen. Was interessiert einen holländischen Gentleman an der
Gegenwart? Er hat ein Haus in ’s Gravenhage, eine Herde in Utrecht, eine
Bibliothek in Delft. Er reist durch die Welt, von Krieg verschont, von
Kriegssteuern ledig, den Passeport von der Königin visiert, unabhängig und
gebildet, gelangweilt von seinem Lande, und neugierig, was aus Europa
geworden ist. Dazu, weil er bereits aus den Gärten der Jugend in die
Üppigkeit gepflegter Gelehrsamkeit geführt ward, voll Eifer zu sehen, wie
in den Literaturen das europäische Gewürm sich vereinigt. Was kann Sie
besonders reizen, nehmen Sie das Glas und beschauen Sie die Linie
zwischen Meer und Land.
Die paar Pioniere, von nicht sehr großer Lunge, die die Vereinigung
betrieben, haben nicht natürlich Gesellschaft gebildet und Volk und Kultur
sich wie im Paradies unter Tränen gerührt ans Herz sinken lassen. Sie haben
das Wichtige, wohl unter großen Fehlern, dem Wachstumfähigen genähert.
Mehr nicht, aber es ist wohl viel. Will einer nun wissen was kommt, was
sonst an Schiff, Barke, Floß, an Haus und Matrose diese Phantasie-Gegend
bevölkert, ist die Untersuchung der Gegenwart immer von Reiz, das
Prophezeihen aber Kinderei. Der Ehrliche sagt immer nur, was ist. Das
Kommende folgert er zum Teil, ahnt er zum andern, zum Sie sind Monarchist
größten weiß er es nicht. O navis referent in mare te novi fluctus? Ich
zweifle nicht, aber ich begebe mich der Antwort. Wir sind zu verwirrt
ineinander, man reißt die Kunst nicht der Zeit aus dem Bauch und gibt ihr
eine gewünschte Direktion. Auf Zukünftiges die Antwort kann nur
Deutschland geben.
In diesem Augenblick, wo es sich anschickt, in die Arena der
Entscheidungen Europas zu treten, nimmt es uns alle mit in seine Fahrt.
Wie auch immer es sich anschickt, mit seinen dunklen Meeren, den blauen
Gewässern und den flammenden Ernten seine Fahrt zu nehmen, sind auch
unsere Schicksale mit dem seinen in sein Gesicht gebrannt. Wir können uns
nicht trennen. Ob es der rechte Weg ist oder der verfluchte, wir müssen ihn
gehen, vielleicht müssen wir ihn auch lieben. Wir können nur hoffen, es
möge der rechte Weg sein.
Zehn Nächte Mijnheer sind lange Zeit, man muß alles bereden. In
Boccacces „Dekameron“ beginnt unter Pampineas Szepter das Spiel, sich
die Ergötzlichkeiten des Daseins zu erzählen, und reihum geht der
Königsstab von Frau zu Mann jeden Tag, ein König führt sie am Ende

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lebend nach Florenz. Wir sind nur zwei, zu wenig für einen König. Und mit
zuviel Gestrüpp und Sturm um unser Gespräch, als daß das Spielerische
eines Fürsten hinein passe. Mijnheer, Sie sind Monarchist. Ihren Ahnen hat
Greco gemalt, ein anderer fuhr zu Cortez und zog in Mexiko ein. Ihr
Wappen zeigt mit einem verschnörkelten M, daß einer mit Karl dem
Fünften zum Kloster ging. Mit einem anderen kam Ihr Geschlecht nach
Holland, nahm javanisches Blut auf, hatte vielleicht schon jüdisches in sich.
Mijnheer, Sie sind konservativ und urban. Sie sind nicht reaktionär und
dumm. Ihre Tradition macht Sie gepflegt und weit und nicht verkümmert
und eng. Was seither je vor unseren Blick kam, hatte die gleiche Geltung für
Sie und für mich. Sie sind nicht weniger Europäer als ich, ich aber bin nicht
Meine Vorfahren weniger stolz ein Deutscher als Sie ein Mann der
Niederlande. Aber vermögen wir die Gegenwart, deren erlesene Dinge nicht
deutlich von der Zeit distanziert sind, mit gleichem Auge zu beurteilen in
einer Epoche, die nicht nach Vorzügen und Glanz, sondern nach Zwecken,
nach Angst, nach Wünschen und Richtungen urteilt? Haben wir den
gleichen Blick, wenn wir, wie vor Kanonen, vor die Gegenwart geprellt
stehn?
Wie soll ich es Ihnen am deutlichsten sagen?
Hören Sie die Geschichte meines Geburtstags.
Am Tag, als im Grunewald die Mörder den Reichsminister Walther
Rathenau erschossen, fuhr ich aus dem Süden im Auto in meine Heimat.
Als wir gegen Mittag den Main überkreuzten, kamen wir, von nickenden
Birkenalleen flankiert, nach Wilhelmsbad, wo die Prinzen von Hanau ihr
Versailles in einen schönen Park gebaut hatten. Über einem Atlas mit einer
Löwenpranke vor dem Geschlecht, der eine sechzehnflächige Sonnenuhr
trug, sahen wir einen kleinen innen gehöhlten Berg, in dessen Innerem zwei
Pferde seinerzeit im Dunkeln nebst den Lakaien einen Hebel im Kreise
drehten. Oben jedoch, vor dem seidigen blauen Himmel flogen auf dem
derart gedrehten Karussell die Prinzen der Zeit durch die Luft ihrer
spielerischen Entzückung. Wir lachten und kamen in die Wetterau.
Aus den weichen Schatten, mit denen die Wolken über die Ähren
wanderten, am bläulichen Grün des Saftes in den meilengroßen Ebenen, im
Wind der Weiler, die aus Baumspalieren mittaglich träumten, aus der fetten
Kraft und sprudelnden Wucht des Bodens spürte ich die Heimat. Hier haben
meine Ahnen, die Lanzen im Arm, gewohnt. Durch diese Täler sind sie von
ihren Burgen gezogen. Meine Mutter hatte etwas von dem besinnlichen

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braunen Glanz alter Wildheit im Auge. In Friedberg, das am Horizont blieb
wie ein Starnest, habe ich sechsjährig auf den Burgzinnen Dohlen gejagt
und unter den Sommerbüschen der Schwarzdorne und Geliebte Heimat gelben
Ginster habe ich die Platten der Rittergräber mit dem Finger abgefahren. In
Büdingen hängt in der Schloßkapelle die Isenburger Kriegsfahne, gegen die
sie gezogen. Am Schloßportal erfuhr ich die Ermordung des Ministers, die
Lakaien standen am Schloßgraben und schwatzten, der Pförtner in einer
sagenhaften Uniform öffnete das Tor.
Ich bin den Mittag weiter durch meine Heimat gefahren, die Störche
saßen auf allen Giebeln, die Schwalben sangen sich über den Eichen, die
wie Pappeln gewachsen sind, in klarem Sang herauf und herunter, und an
den Enden des Horizonts zogen sich violette Schatten, die langsam den
Himmel wie große Zeichen der Festlichkeit heraufkamen.
Um uns rauschte das reifende Korn geheimnisvoll in den mittaglichen
Glanz, und die Felder mit farbigem Mohn bogen verführerisch in die Stille
der Hänge. Wie ein roter Regen flogen die Alleen mit den satten Kirschen
über uns, als wir nach Gelnhausen kamen und sofort die Pfalz des besten
Hohenstaufen suchten. Während seine Vorgänger und seine Nachfolger den
Dom bauten, setzte er in den Sumpf für eine Geliebte die Pfalz von
wunderbarer Wucht, den Pallas von einer Brust der leichtesten Säulen
gegliedert. Der Jasmin flutete mit dem Geruch des weißen Hollunders durch
die Ruinen und umdampfte das steinerne Gesicht des Barbarossa.
Sein Kopf springt aus der Wand über dem Eingang hervor und läßt
keinen, der eintritt, ohne Blick. Der Bart ist gespalten und nach außen in die
Höhe gezogen, bis er die Höhe seiner Augen erreicht. Auf den Spitzen des
Bartes tanzen da zwei kleinere Köpfe, der des Hundes, der ihn in die weiten
Jagdfelder führte, der jenes Weibes Gela, die er liebte wie ein Toller, die ihn
zwanzigmal von italienischen Fahrten und deutschen Revolten an ihre
Wärme zurückriß. Aus der Tiefe dieser Schatten kam mir manches ins Blut
geschossen, als sich die Hollunderbüsche teilten.
Ich bin wie trunken, gesättigt vom Atem aller großen Zeiten durch meine
Heimat gefahren und die Bäume hatten Republik etwas Erkennendes in
ihrem Dunklerwerden und die Vögel in ihrem Schweigen und die Felder in
ihrem helleren Rauschen und die Wolken selbst, die den satten Ton der
Dämmerung auf ihre lila Segel genommen, erstiegen die Höhe des Himmels
mit grüßendem Triumph. Ich sah die Rehe flüchten und den Mond über den
Barockschlössern aufgehen, deren Spiegel die Nacht silbern erhellten, ich

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sah die Nymphen der Dächer fester in ihre Hörner blasen, wenn die
Nachtwinde aus den Feldern sie trafen und ich sah den Main mit seinen
Schiffen heraufkommen in der weißen Nacht mit einer Größe und
Verwandtheit, die ich aus den Jahrhunderten, die wir hier verbrachten,
sofort verstand.
Ich bin durch die Empfänglichkeit meines romantischen Blutes wie ein
zu dem Stern der großen Kaiser und adliger Erinnerungen Verführter durch
die Nacht meiner Heimat gefahren, in deren Landschaft deutsches Schicksal
und deutsche Welt sich durch Generationen entschied und Ausdruck und
Figur erhielt bis an ihre besten Maße. An diesem Tage wurde Rathenau als
der vierhundertste wehrlos, von hinten, erschossen. Ich bin für die
Republik.
Ich bin für die Republik, Mijnheer, wir sind angelangt bei politischen
Dingen und haben sie schon überwunden, indem wir es erkannten. Denn Sie
wie ich werden bemüht sein, ich von dem Ihren und Sie von meinem
Herzen aus die Gegenwart zu sehen. Und wir sind beide genug voll innerer
Distanz zu den Dingen, um nicht zu verstehen, das Saubere von dem
Gemeinen und das Echte vom Gefälschten zu unterscheiden. Sonst ist
nichts von Belang. Welches Volk aber von Barbaren, Mijnheer! Man kann
mit diesen Leuten nicht sein, die den Mord heiligen, um zu Monarchien zu
kommen, deren Absurdheit Sie wie ich in jener Form verachten, wie
vernarrte Jünglinge und verbissene Greise sie wollen. Das hat kein Band
mit den Erinnerungen meines Blutes.
In meinem Wappen stehen unter dem springenden Löwen die sechs
Punkte des Gleichgewichtes. Der Wahlspruch Es lebe der Augenblick schrieb:
„fidèle sans blâme“. In Ihrem ist das Segel der Fregatte, mit dem ein Ahn
die Mauren jagte, ein späterer seinen König nach den Niederlanden führte
und darunter steht: „Illum oportet crescere me autem minui“ wie bei dem
furchtbaren Johannes des Grünewald, der vergehen wollte wie ein Blatt,
damit der Nazarener aufschieße wie ein Baum. Ach, wenn die Könige
Europas doch auch wie junge Heilige wüchsen! Auch Ihr Monarchismus hat
eine Idee und es wäre Ihnen darum unmöglich, den Meuchelmörder zu
rufen, wo ein Gedanke Sie erfüllt. Napoleon Bonaparte hat als Letzter die
Monarchie einer europäischen Idee verfochten und ich gestehe, daß ich das
Verführerische dieses Glaubens spüre. Ich sehe aber in diesem Europa
meiner Jugend keinen Weg und keinen Führer dazu. Ich bin für die
Republik.

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Mijnheer, wir sind eingeschneit. Die Läufer, die zurückkehren, haben die
Figuren von Tieren. Wir sind mit ihnen in dieser angenehmen Höhle
eingesperrt. Sie wollen nunmehr mich in der Zwischenzeit veranlassen, mit
der gleichen animalischen Unvoreingenommenheit der Kunst nicht nur die
Knospen des Busens zu bewundern und den zitternden Elan der Schenkel
zu bestaunen, sondern der schönen Gejagten den Bauch zu beklopfen und
alle Sehenswürdigkeiten aber auch alle Fehler ihres Baues in unser
Entzücken und in unser Urteil aufzunehmen. Die Wertungen ihrer
Schönheit fällt allerdings erst die spätere Geschichte.
Aber die Göttlichkeit des Augenblicks, die versteckte Herrlichkeit einer
ihrer sekündlichen Bewegungen und den Schatten der Sonne auf ihrer
schlanken Hüfte bringt keine Ewigkeit zurück. Es lebe der Augenblick!
Ich habe daran denken müssen, als nicht nur die Wände des Barbarossa-
Pallas mit den schmalen Scharnieren der Säulen sondern auch die
Färbungen der Ecken und die Dunkelheiten der Verließe und die
schmerzlichen Lücken des Fehlenden mir den Ruhm ihrer Zeit erst völlig
entgegenbrachten. Innere Haltung Fesseln wir den Augenblick! Durchbohren
wir ihn, weil er erst dann unsterblich ist. Alles andere geht, wie Deutschland
geht. Es lebe die Republik!
Wir gehen in die erste Nacht, Mijnheer, als ob wir in die Verbannung
gingen und Deutschland so fern hinter den Schneewehen sei, als habe das
Exil sich wahrlich zwischen uns und die Heimat gelegt. Der Sturm, der an
den Schwarzwaldbergen hängt, hat die Gegenwart wie die eines Sternes
entfernt, man sieht durch den Kerzenschein nur Kämpfe und Gesinnungen
wie bei Homers großer Schlacht. Man sieht nur die Dichte der Leistung und
den Adel des Wettspiels und erschrickt nicht, wenn man beim Reden das
Herzblut der Zeit auf den Lippen spürt und stirbt nicht daran wie jene
Geliebte und Liebende von Coucy, die wie am Blitz starb, als sie das
Kreuzzugherz ihres Freundes durch Irrtum verspeiste. Hinter dieser
Betrachtung formieren sich dann schon die Massen. Man kommt nirgens
ohne innere Haltung aus: „Après vous, messieurs,“ schrien englische
Cavaliere französischen Rittern zu, als diese höflich den Briten den Vorrang
der ersten Salve bei einer Schlacht lassen wollten. Diese Devise ist nicht
flacher in einer Zeit, wo die Schwengel sich duellieren und die Edelleute
sich öffentlich verleumden. Man darf nicht erstaunt sein, beim Untersuchen
der Zeit statt einer Armee von Helden ein Lager von Schelmen anzufinden,
aber man braucht deshalb seine Unparteilichkeit und seine Manieren nicht

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zu verlieren. Man kann unbefangen sein und kalt wie ein Fisch im Urteil
und doch seine private Sehnsucht vor alles Richtige nachher wie einen
Traber vorspannen.
O Deutschland!
In seinen Tälern beginnen die zaghaften Anfänge des Frühlings schon in
den ersten Sommer einzukreisen und aus den Gärten bricht schon der
Geruch der vielen Blumen. Unsere Träume haben keine Muse,
teilzunehmen an so sanften Entzückungen seines Wesens. Im Gewirr seiner
Pfade einen Weg suchen und die Beete zu unterscheiden ist eine Belehrung ist
nötig, Aufgabe, die verflucht ist, auch wenn die Donner eines stürmischen
Frühjahrs nicht mit dunklen Gewittern über uns hingen. Unser dreißigstes
Jahr ist nicht heiter wie das der Jünglinge des Boccacce und unsere Jugend
ist stürmischer wie die des Cinna und Hannibal. Was ist noch zu tun?
Ich habe gehört, daß über mein Ordnen und Schichten und Höhe- und
Tiefe-Weisen einige schrien, es sei Diktatur, die versucht werde, aber da es,
wie ich näher hinsah, erbärmliche Schatten waren, die schrien, habe ich
nicht geantwortet und mein Ehrgeiz war nicht klein genug zum Kampf mit
den Gerippen. Die Erfolglosen, die das Nein gegen die Gesunden stets im
Munde führen, haben mich nie gereizt und Verneiner sind nichts anderes als
frühzeitige Tote.
Man hat in Deutschland wie das züchtigende Ja so auch das Ringen um
die klar erkannten Ziele und das Bewußtsein der handwerklichen Leistung
ganz verlernt. Man hat sich so zerspalten, daß man nichts mehr weiß von
jener weltumspannenden Kameraderie der Handwerke, von der
gemeinsamen Wollust europäischer Arbeit, von jener Staffelung in Gut und
Schlecht und Volk und Arbeit . . . . und wie in seinem Mittelalter man sich
verehrte, nicht weil man berühmt war, sondern weil man etwas konnte, wie
man sich gegenseitig unterwarf und lernte und schließlich allesamt bewußt
dann kreiste, der Vollendung nahe nachher, um die Achse eines sicheren
Weltgefühls. Es gibt heute keine Schüler mehr und keine Belehrer, nur
seltsame Meister ohne Boden und ohne Himmel.
Man muß ihnen zeigen, was ist, diesen armen unbelehrbaren Menschen.
„Ich werde Euch lehren den Arm, ein Bein, mit Grazie zu biegen,“ sagte
Boucher zu seinen ungelenken begabten Schülern. Hokusai, der seit dem
fünften Jahre unendlich viel zeichnete, verwarf, was er vor dem
siebenzigsten Jahr geschaffen und glaubte, mit Dreiundsiebzig etwas von
der Farbe der Dinge zu begreifen. Ronsard empfiehlt in seiner Poetik den

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Dichtern, zu Schlossern und Goldschmieden Talent nur lächerliche Voraussetzung
zu gehen, um zu lernen die Sprache zu ziselieren. Ingres empfahl, wenn
man für hunderttausend Francs Handwerk habe, keine Sekunde zu zögern
noch für einen Sou dazuzukaufen. Und Flaubert, der es wissen mußte, wie
keiner, schrieb nachts an Madame X. von Croisset nach Paris, er habe auf
hunderttausend Arten einen Ausdruck gesucht, behauen, gegraben,
gewendet, durchstöbert, gebrüllt, bis er ihn unter Garantie endlich habe und
nun, nachts um ein Uhr stehe er mit fieberndem Kopf und brennender Kehle
seiner Geliebten zur Verfügung.
Sie wußten alle, daß Talent nichts sei als lächerliche Voraussetzung und
daß bei genauer Prüfung schließlich wohl jedermann ein Talent habe, und
daß ohne die grauenvollste Arbeit nach einem Ziel, das man sehe, im Sinne
aller Meister jedes Geschreib und Gemale nur ein dilettantischer Schmus
und ein zweckloser Unfug sei. Sie wußten, man müsse den Menschen
zeigen, wie sie arbeiten sollten, wo die Quellen lägen und wohin sie ihre
vom Übermaß der Bemühung geröteten Gesichter freudig wenden sollten.
Ein Glockengeläute gibt zuerst, weil der Klöppel eine Seite lediglich
berührt, einen hellen dünnen Ton. Erst wenn er die andere Seite unter
geschickter Führung dazu noch erreicht, überbaut den ersten Anschlag die
dunkle Kraft des zweiten . . . . und so, voneinander nehmend und sich
überbietend, baut sich die Stufe der Melodie immer breiter dröhnend in den
Himmel.
Man darf nicht zögern, das Seil zu führen, wenn man Musik liebt. Man
will das nicht wissen? Man kann es nicht sehen? Um so besser. Ist niemand
da, der die Kontrolle führen will . . . . hier ist er. Vergessen Sie die Kerzen
nicht, Mijnheer. Der Sturm hat ein Rad über die Gletscher geschlagen. Er
vergißt uns nicht.

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Die erste Nacht

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D Was nun ist deutsch? ie Mäuse huschen unter den Heizungsrohren durch
die Zimmer. Erschrecken Sie nicht, wenn die Fallen klappen. Elf Uhr.
Die elektrischen Bogenlampen draußen auf den Fahnenmasten für die
Verirrten dringen keine zwanzig Meter in diese Nacht.
Das dumpfe Dröhnen sagt, daß der Neufundländer Bary vom Hebelhof
diese Nacht nicht im Schnee schlafen kann und morgen nicht seine
Geliebte, die Wolfshündin auf Herzogenhorn besuchen wird. Als wir vom
Blösling das erstemal in der Lawinenzeit unter den Wächten herkamen und
uns die schöne Frau mit dem Monocle und die beiden Badener von der
Terrasse des Blockhauses, das unten mitten in der Ebene stand und jede
Minute weggewischt ward von Schneewehen, mit Posaunen und
Reiterdrommeln begrüßten, wie lachten wir vor Wonne über die Musik, die
man wie ein Geschoß uns entgegenknallte . . . . . . aber wie entsetzten wir
uns, als über der Grafenmatte mitten im Schußfeld wir Bary zum erstenmal
erblickten, der unfehlbar einem schwarzen Bären glich, und wie umfuhren
wir ihn mit entsetzten Schwüngen.
Denn der Wechsel von Licht und Schnee war so gespenstisch, daß uns
kein Tier der Urzeit erstaunt hätte, wäre es aus diesem von
Sonnenkanonaden und Luftspiegelungen durchwehten Tag aus der
Landschaft herausgetreten, über die wir wie Götter herabkamen, achtzig
Kilometer Stundengeschwindigkeit, auf Hickorys, immer neue schier
unabsehbare Terrassen von Hängen hinunter. Nun sitzen wir auf den
Fenstern und starren bei Kerzenschein in die Nacht. Kommt uns ein Echo
zurück aus dem Brausen?
„Was nun ist deutsch?“, fragt Ihr Auge, Mijnheer, frug es schon oft an
meinem. Frug es, als man den jungen Springer vom Hügel gestern brachte,
der, als die Chirurgen die scharfen Knochenenden in den Oberschenkel
zurückspießten, Ziehharmonika spielte. Es war schneidig, doch Gute deutsche
Almen ich sah dasselbe bei Blériot. Sie frugen, ohne zu reden, das Gleiche,
als hinter Konstanz ein Rotbart ins Coupé schaute und ehe er Platz nahm,
schrie: „Sind Juden drin?“ Das war nur untermenschlich. Sie sagten einmal,
daß in Ihrer Jugend in Grénoble, als französische Studenten den wahren
Mut der Deutschen bezweifelten, ein alemannischer Skulptore vor Ihren
Augen am Tisch des Cafés sich die Brust aufschnitt. Das war barbarisch

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aber nett. Nicht deutsch. Nun fragen Sie ernstlich und wollen eine Antwort,
rund und klar und voll Verantwortung. Das ist nicht leicht. Das ist
unmöglich.
Was ist italienisch, was spanisch? D’Annunzio oder Michelangelo?
Cervantes oder Goya? Ein Teil jeder Nation würde jeden dieser
Reflektanten bestreiten. Die Deutschen haben aber sogar in der Gesamtheit
den Sinn für das wirklich nationale Grundgefühl verloren und sich falsche
Götter aufgebaut. Goethe ist eine völlig romanische Mischung. Und Schiller
hat das Pathos, nach dem sie sich vergeblich sehnen, weil sie es nicht wie
die Romanen im Blut besitzen. Die Weimarer Tradition hat mit keiner
deutschen Vergangenheit irgend etwas zu tun. Diese Klassik ist der
stehengebliebene Wunsch der deutschen Germanen nach der südlichen
Erlösung, der sie früher mit Schwerten und Kreuzzügen dienten. Rodin, der
bestimmt Germanisches in seinem Wurf besaß, hielt die griechische Kunst
nicht für mehr als gute Geometrie. Ein wahrhaft innerlich deutscher
klassischer Stil würde nie bei dem von Pelasgern bewohnten Griechenland
anfangen, die uns bei allem Neid auf ihre Vollendetheit so wesensfremd
sind wie Chinesen und uns nur durch die Renaissance als Blutsbrüder
vorgetäuscht wurden. Sondern er würde sich in jener Herbe erfüllen, die
von den Domportalen her, von Mäleskirchner und Cranach, den Sängern
des Nibelungenliedes, von Ekkhart, von Fischart, von Grünewald ausgeht
und aus einer barocken Fontäne in einen stillgewordenen Himmel hinein
sich formt.
Goethe und Constant Eher ist der Bamberger Platz bei all seinem Chaos
deutsch, der immerhin einen Riesenwurf darstellt von dem romanischen
Geist des Doms an über die Paläste der Renaissance und des Barock bis zur
Schlußgestaltung des monumentalen Raums, als daß Deutsch sich offenbare
in jener nichts-als-harmonischen Geste, auch wenn sie die größte
Begabung, die je den Deutschen ward, zelebriert.
Dazu braucht es anderes Klima und anders vor Wonne des reinen Seins
geschüttelte Himmel. Das Deutsche hat immer als Reiz, selbst in seiner
landschaftlichen Atmosphäre den unbestimmbaren Hintergrund getragen,
und war immer fern der farbigen Plastik, mit der die Südländer ihre
Gebärden schließen. Constant, der gescheiteste Franzose, der gleichzeitig
Deutschland, in dem er Jahre lang hörig hinter der Staël herreiste, heiß
liebte, hat Goethes zentrale Schwäche rasch durchschaut. Denn er spürte
unfehlbar, wo das schönste Genie der Deutschen abbog von seiner

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Bestimmung, die Menschen in Liebe zueinanderzuführen, indem es keine
Stellung nahm zu ihren kriegerischen Konflikten, und statt in den geistigen
Kampf zu jagen, einbog in die Verherrlichung einer Klarheit, die bei
Deutschen nie Inhalt sondern nur Fassade sein konnte. Constant hielt den
„Faust“ daher für eine Verhöhnung des Menschengeschlechtes und stellte
Voltaires „Candide“ darüber, den er zwar gleich unmoralisch und dürftig
aber geistreicher und besser gemacht fand. Teutonische Ajaxe werden dies
Urteil unerhört finden, weil sie die Welt nur zwischen Elbe und Rhein und
mit viel Vorurteilen gemalt sehen. Es ist jedoch nur gerecht. Denn andere
Völker sehen mit Puppille, wie ihre Leidenschaft am idealsten sich in der
entsprechendsten Form löst.
Die Deutschen haben aber keinen Sinn mehr für ihre Eigenart, verehren
Götter, die keine sind und Heroen, die sich als Puppen aus falschen
Sentiments entschleiern. Deutsch ist daher fast nie, was die heutigen
Deutschen Hauptmann und Wedekind lieben, deren Andachtsheißhunger vor
allem Anders-Seienden sie in Ideale hineinreißt, die andere, nur nicht sie
selbst besitzen. Sie lieben entweder das Sentimentale, das klassisch
aussieht, im Grunde aber Lüge ist. Oder sie verehren das unvollkommen
Dunkle, das nicht das groß Barocke, sondern die eitle Ohnmacht von
Narren ist, die ihre Schwäche damit verbergen. Stellen sie aber einmal ein
Denkmal von Qualität auf ihre Landschaft, in der die verlogenen
Feldmarschallbilder des Tuaillon mit erbärmlicher Glätte neben dem Kölner
Dom stehen, so stellen sie Figuren Meuniers auf die Frankfurter
Mainbrücke, die zwar Kunst sind, aber den nationalen Ausdruck
wallonischer Fischer und nicht deutscher Seeleute ausdrücken.
Deutsch ist nicht das unvollkommen gestaltete Klare, sondern das im
Dunkel ringend Gebaute. Deutsch ist nicht der magyarische Melancholiker
Lenau aber etwas an Grabbe. Deutsch ist nicht Herr von Münchhausen, der
einfach einen Panzer umtat und blödsinnig mit kriegerischem Gebrüll das
Maul aufriß, wie er es für adlig hielt, aber sicher etwas von Richard
Dehmel. Deutsch ist nicht etwa jener mit Kothurn auftretende Gott der
Langeweile, der mit Paul Ernsts gesammelten Schriften am Arm erscheint,
aber sicher etwas von der Malerei des Max Beckmann. Deutsch ist nicht das
dumme hohle Zeug, das mit klassischem Jambus Herr von Wildenbruch in
anständigster Gesinnung verbrach, aber sicher etwas in den tollen
Phantasien des Architekten Poelzig, dem Deutschland keine Bauaufträge

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gibt. Deutsch ist vor allem nicht Gerhart Hauptmann, aber sicher etwas in
Wedekind.
Was hat gerade diese sehr starke Begabung des Naturalismus, dieser
Schlesier Hauptmann Unrechtes getan, daß ihn die jüdischen Literaten aus
Respekt vor seiner arischen Rasse als Repräsentanten deutschen Wesens der
Welt mit begeistertem Finger zeigen? Er ist der blendendste Beweis für den
Irrtum, alles Halbe und Sentimentale, alles Greise Ahnungslosigkeit und
Weibisch-menschliche sei Deutsch, wenn es nur von Mondschein und einer
gewissen hellen Hilflosigkeit übergossen sei . . ., während der blitzende
Genius Wedekind, der sich ohne weiteres in die Kette der barocken Meister
einordnet und der aus dunkelster Wirrung ein metallisches Werk hingab,
von allen Hunden und Untermenschen Deutschlands noch heute zerfetzt
wird. Was hat die badische Exzellenz, der Wirkliche Geheime Rat Dr. Hans
Thoma Unrechtes getan, daß er, der den Schwarzwald wahrlich mit einer
Fülle des Gefühls wie wenige malte, aber ungeheuerliche Dinge an Heiligen
und Madonnen nebenher, daß an ihm bewiesen ward, Mondschein und
Geige und jene penetrante Innigkeit der falschen Sentimentalitäten sei
alleinig deutsch. Ach die Deutschen haben, als ihre Gesellschaft sich
scheinbar in kleinbürgerlichen Behausungen konsolidierte, sich
Markenschilder und Klischees ihres Wesens so anfertigen lassen, wie es
ihren wirtschaftlichen Sehnsüchten am geeignetsten schien und sie sind
vom Heroischen mit kalkiger Angst zum Sentimentalen gelaufen und haben
der Antike, die sich ihnen in den Klassikern offenbarte, einige Denkmale
der Huldigung unter der Adresse des deutschen Genius gesetzt.
Man schuf eine Waffenbrüderschaft für alles Dilettierende und
Epigonenhafte, das sich „naiv“ gebärdete und erschlug die fabelhaften
Wölfe der Sprache, wo sie in die Wälder kamen. Man verdarb mit falschem
Zucker den Geschmack und hetzte die Mittelmäßigen auf das
Ungewöhnliche. Man begann alles Unzureichende, soweit es auf Klarheit
oder Erlösung sich färbte, als deutsch zu flaggen und alles Dramatische und
Glühende zu hassen. Man liebt den Jungnickel mit den Papierblumen in der
Hand, aber man will nicht den jungen elsässischen Dionysos Schickele. So
war man für Freytag und gegen Nietzsche. Man schwärmte für Paul Heyse
aber ließ den Günther krepieren. Man liebt die koiffierten Sänger des
Rheins von dem Scheffel bis zu Gegen und Für den Lauff und Bloem und
Herzog, aber man ist gegen Heinse, gegen den Büchner, gegen den

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Eisenkonstrukteur Georg Kaiser und man nimmt Romantik (wo es ins
Übersinnliche schon geht), nur durch die Verlegenheitsform der Musik.
Die Deutschen halten es mit der Dichtung wie die Weiber mit den
Männern, die, wie Jean Paul meint, stets mehr den Bürger als den
Menschen achten. Sie haben sich deutschem Wesen ganz entfremdet, haben
sich von den Stilen entfernt, die ihr vielspältiges unruhvolles Wesen am
deutlichsten geben, haben sich gegen die großen Formen erklärt, in denen
germanischer Wuchs heroengleich in den Horizont sich trotzte und haben
aus angestrichenen Fellgermanen mit Lippenrouge und Trikotbäuchen sich
eine germanische Vergangenheit im Stile Richard Wagners, und aus
unbestimmbaren qualvoll süßlichen Stimmungen klassischer Schlichte eine
Gegenwart gezimmert für den Begriff des Deutschen, der niemals, der eine
wie der andere, auch mit einer Ahnung nur am Leib der deutschen Dichtung
war.
Es ist leichter zu sagen, was nicht deutsch ist, als das, was es ausmacht.
Die Deutschen halten sich für schlicht und sind immer Verzweifelte
gewesen. Sie haben keine Kultur, aber einzelne Herrlichkeiten. Ihre Haltung
ist jener der Skandinaven unterlegen, ihre Grazie jener der Österreicher,
ihre Motorräder, Tennisschläger, Kleider jenen der Engländer, ihr Weltdrang
selbst dem der dickblütigen holländischen Germanen, ihre Parfüms den
Franzosen, ihre Tänzerinnen den Russen, ihre Boxer den Niggern. Auf ihren
Theatern pissen die Akteure, wie Heine sagt, mit den Herzen, während die
Briten mit den outrierten Bewegungen der Shakespearezeit, die der
Franzosen mit dem durch Ironie durchsüßten Pathos des Racine spielen.
Ihre Maler malen den Kosmos, aber nicht nationale Farben und nicht ein
gelungenes Weltbild ihrer Rasse. Der Kunsthändler Flechtheim hatte nicht
Dunkle Charlatane unrecht, als er, der völlig französisch orientiert war, durch
eine Ausstellung wildester moderner Kunst der Deutschen gehend, ausrief:
„Herrlichkeiten, meine Herren, zwar keine Malerei und ich ahne es nicht,
was es sein soll, aber ich glaube, daß es vorzüglich ist!“ . . . denn er zollte
unbewußt neben dem Spott dem dunklen Trieb der echten Deutschen, sich
mit Figur und toll aus dem Dunkel hochzuwühlen, den Tribut.
Da erscheint die Erinnerung jener Fanatiker wieder, die von den
Dombauern bis zu Jean Paul sich zu jenem Barock im Ausdruck
durchzuschlagen wußten, das auch die Strenge der Gotik und die Süße des
Mittelalters umschließt. Damit seien aber im selben Atem die Überläufer
gestäupt, die aus dem Unvermögen, sich auszudrücken, in jenes gescheite

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problematische Dunkel des Geschwätzes sich hüllen, das ein deutsches
Publikum genau so begeistert und unverstehend aufnimmt, wie es erregt die
Hände faltet, wenn Herr Bonsels sich auf Seele und Idylle frisiert. Im
Grunde sind das die gleichen Täuschungen, nur daß die verquollene Geste
die raffiniertere und spekulativere ist, ihrer beider Verfasser aber
Charlatane, die von den jüdischen Literaten wenigstens die Psychologie
gelernt haben, die diese in die deutsche Dichtung importierten: ihr
Publikum genau zu kennen und zu bewerten.
Es gelang ihnen auf der ganzen Linie. Denn da es tragisches Schicksal
deutscher Dichtung ist, unvollendet und fast an der Spitze der Vollendung
abzubrechen und Torso zu bleiben, vollbrachten sie das Fälscherstück, den
Torso überhaupt als das typisch Deutsche auszuschreien. Diese Komiker,
die als Hamlete auftraten, vergaßen, daß es dem Unbestechlichen immer
noch leicht ist, unverständliches und aufgeblasen gemurmeltes Zeug zu
unterscheiden von einem metallen geglühten Stück Kunst, das nur an der
Kulturlosigkeit der Zeit zerbricht.
Ja selbst, wie das gemeinhin leicht, aus dem Wesen der Frau die Statur
des Volkes farbenklar zu erkennen, ist uns Deutsche Frau versagt. Die
germanische Rasse ist bei den Britinnen viel klarer in der Zeichnung,
anmutiger bei den Wienern, von geistreichster Grazie bei den schönen
Frauen der Skandinaven Schwedens gezüchtet. Dennoch traf ich in der
Heimat unvergleichbar lichte Frauen, zusammengesetzt jedoch aus
Unbegreiflichem, mit vernichtenden Widersprüchen selbst in ihrer Anmut,
unbestimmbar in ihrer Rasse und ihrem Wesen schon eine Stunde nach ihrer
Entfernung.
Aber aus Erinnerung an sie formte sich plötzlich nachträglich die Idee:
das war die Deutsche. Doch es war ein Hauch nur, unerklärlich. Aus einer
Handlung der Gegangenen kam plötzlich ein Echo: das war sie. Schon
entflohen, schon nicht mehr gestaltbar. Fast ein Traum und doch eine
Gegenwart. Ein Abglanz vielleicht, der bleibt und den man nicht sieht. Aber
man weiß dennoch, auch wenn man es nicht bestimmt, wenn man es nicht
enträtselt: das gibt es. Das ist schon viel!
In Lyon traf ich in einer gebildeten Gesellschaft einen Kaufmann, der
dachte, preußisch und deutsch sei zweierlei. Er hatte Recht wider Wissen.
Preußisch ist leichter zu fangen als deutsch, es ist auch an Tiefe nicht so
dunkelschön. Immerhin, es besteht, wenn auch nur als Erbteil von Potsdam.
Mein Vermögen, meine geliebtesten Dinge gäbe ich, wenn ich auf Monate

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in fernes Ausland müßte, eher dem preußischen Granden, dem älteren
General der aussterbenden Generation als einem der in Gesinnung der
Menschenliebe bramarbasierenden Internationalen, so nah diese Ansicht
mir steht. Ich bin für die Tradition und ich weiß, daß diese Ehre früher über
den Tod hinaus unverbrüchlich als Weltbild der Samuraikaste der Preußen
eingebrannt war, während ich nicht ahne, ob hinter dem Gesicht der
Bruderliebe dieses oder jenes mehr steckt, als daß damit alles zu gewinnen
und nichts zu verlieren ist. Das Ehrgefühl des preußischen Offiziers hatte
früher Weltgeltung wie eine gewisse Treue der Germanen und darum ist
Lessings Preußisch „Minna von Barnhelm“ das beste deutschgeschriebene
Lustspiel, weil wahrhaftiges auf beiden Beinen aufgepflanztes Weltgefühl
hier tragisch gegen alle Seiten der Windrose rennt . . . so langweilig und
trocken das Stück auch sein mag, und so sehr die Franzosen sich unter ihm
krümmen, denen seine Klarheit und Gescheitheit überhaupt erst die
Voraussetzung zu Dichtung scheint, während sie hier das Ende und Ziel
schon ist. Man darf sich nichts vormachen. Wir sind, ohne Boden unter uns,
um Jahrhunderte gehandikapt.
Es gab keinen Olymp bei den Deutschen, wo der Chor des Volkes und
der Götter sich mit den Musen band, um im Zug vereint immer wachsend in
einem unbeschreiblichen Hymnus die Kraft eines ganzen Zeitalters, die
Götter und Heroen an der Spitze, zu gestalten. Einmal nur spielten in der
Feinheit des Glücks die Dinge und die Menschen in organischer (nicht
goethescher) Harmonie aus dem Bodenschoß des Landes her kurz
ineinander, als in geheimnisvoll durchbluteter Fülle die Kraft seines Geistes
so ungeheuer glänzte, daß die gotischen Götter von den Kirchen
niederschritten, daß fromm und tapfer das gleiche Wort schien, daß in
Schöpfungsmut die Vögel diesen kurzen Sommer mit den steinernen
Heiligen um die Wette musizierten und die Engel Zeitgenossen der Erde
geworden zu sein schienen.
Damals war das Helle und das Dunkle geeint, und die barocke Kraft hatte
eine Flut von Licht in die Dunkelheit deutschen Wesens gesprengt, daß das
Jahrhundert schwebte, wie von seidiger Luft gebildet aber wie von Stahl in
der Rundung genietet. Die Wage war aufgestellt zwischen der Kraft und der
Seligkeit, und wie auch das Ringende tobte, gesellte sich zu endgültiger
Form ihm die Idylle. Die Strophen des Vogelweiders hatten jenes
unersetzliche Gleiten aus den mythischen Schatten in die kristallene Lichte.
Und wo sie geschliffen wie Glas in Bögen sprangen, war hinter ihnen noch

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das Blau der Schatten sichtbar, aus denen heraus sie sich rangen. Und über
dem Rhein stand ihren hellsten Lichtern das Eichendorff und die dumpfe
Schwälen Wolframs gegenüber, den aus dem Leichten es in wundervollem
Abwägen schicksalshaft stets ins Dunkle zurückzwang.
Eine Kreatur blieb dann zurück, durch die Jahrhunderte der
Zersplitterung hindurchgerissen, deutsch genannt, nicht mehr bestimmbar
mit Kreis und Logik, mehr kühn wie gelassen, mehr zerbrechend als weise,
schon etwas lorbeergeschmückter Barbar aber nie ganz Christ, doch stets
voll Leidenschaft nach Erkenntnis in seinen besseren Exemplaren. Das gab
Temperatur, aber noch nicht Guß und Statur. Das ward wohl
aufgebrochener Acker, aber nicht Ernte. Es gab durch die Jahrhunderte
hindurch keine Kette von jungen Helden, aber Kreise, die ohne
Zusammenhang, aber wie die Jahrringe der Bäume umeinander gegürtet,
die ewigen Quellen umringten. Und in der Isoliertheit voneinander gab es
mehr mörderisch Verzweifelte als Jauchzende und es gab die kleine Menge
derer, die zwischen den Pfäffischen und Geschickten, zwischen den
Satrapen und Gauklern der Dichtung mit Genie das wirre Schicksal in Figur
zu bringen suchten, in dem unsere beste Hoffnung liegt.
Sich ins Groß Barocke hinein zu äußern ist sowohl Schicksal als auch der
gemäße Stil für das Deutsche. Die Chauvins, die ihm die aufgemalte
italienisierende Statuenpose zuerteilen wollen, möchten am liebsten, es
gebe nur Eichendorff, wobei sie beschränkt und heuchlerisch, wie alle
falschen Radikalen, den Stoff mit der Melodie verwechseln und das für
deutsch halten, was nur Anlaß zur Kunst ist. Denn Eichendorff ist eine jener
graziösesten Verzierungen in der Architektur der deutschen Dichtung, deren
oberste Ornamente (die über den dunklen Fittigen der Kreuzschiffe sich
erheben) manchmal vor liedhafter Reinheit beben, als seien sie nicht mehr
dem Bau zugehörig, sondern lägen wie die Falter frei in der Luft.
Es blieben immer nämlich einige Reiter und Figuren an den Firsten der
Kathedrale deutscher Dichtung durch jede Nachfolger der Minnesänger Epoche
hindurch übrig und genau erblickbar, in deren Bewegtheit und linder Anmut
man alle Helden des goldenen Zeitalters wieder erkannte, dessen schönster
Ritter der von der Vogelweide war. Über den Eschenbacher Vaganten, über
Günther und Hölty und Klopstock und Malermüller und Eichendorff geht es
bis zu Heine. Zwischen den wilden Streitrufen des Thomas Murner und der
Weltflucht des Silesius haben sie den Ton und das Vollendete weiter
getragen und sich begnügt, etwas zu sein, was zwischen Schriftstellern und

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Dichtern die Deutschen allein als „Poeten“ besitzen, und was nicht das
Deutsche, aber eine Spielart des Deutschen ist und im Ausgleich der beiden
Wagen, die die Melodie bestimmen, die höchste und hellste Stimme ist, die
der dunkelsten und schwersten Grundmelodie entspricht.
Sie haben etwas von Beschaulichkeit, manchmal von Weisheit an sich.
Mit unmöglichen Vorstellungen von den Dingen dieser Welt beladen, sind
sie jederzeit bereit beim Anblick des Meeres, des Frühlings und der Wiesen
die Zahlenstaffel ihres Jahrhunderts zu vergessen. Aber sie sind in ihren
sinnierenden und klaren Klängen niemals jenen Rotten verschrieben, die als
Elegiker ihrer mißlungenen Karriere Hunger und Abstinenz als die Privilege
der Dichter rühmen oder als Erfolglose neidig die Nutzlosigkeit des
Ruhmes verkünden oder als klassizistische Epigonen, die zufällig in einer
romantische Periode geboren wurden, Agitatoren ihrer Impotenz werden,
welche sie dann von kleinen Schreibern und Eunuchen der Kritik als
diskrete Erfüllung deutscher Mission in allen Blättchen loben lassen.
Sie haben nur die eine Absicht: zu musizieren. Ohne das stürben sie. Ihre
schönste Stimme hat der Dauthendey. Er war so empfindsam, daß er in
Tränen ausbrach, wenn ihn etwas störte. Er starb mit Fünfzig wie ein
Kreuzfahrer auf Java (während in Deutschland alles verhungerte) bei guter
Nahrung inmitten phantastischer Natur, vor Heimweh. Vielleicht, daß die
Seele eines Schülers des Vogelweiders Dauthendey in ihn geflogen war, und
daß Herr Ulrich von Singenberg oder der Brennenberger Reinmar aus ihm
sang wie die verzauberten Vögel seiner Geschichten.
Nach soviel mißlungenen Skulpturen endlich ein Maler der Sprache,
endlich einer, der so tief aus dem Dämmrigen kam, daß er das Schaumhelle
spielmannshaft beherrschte. Er war so schön und so wichtig für seine Zeit,
daß die Deutschen ihn auf der Stelle vergaßen.
Seit „Ardinghello“ aber hatte kein Deutscher diese helle Farbigkeit. Bei
den Romantikern verschwamm zwar eine gewisse Leuchtkraft in ewig
schönen Nebeln, Jean Paul hat Farbe gewiß zu riesigen Wolken
jahrhundertgroß aufgewühlt. Die hellen glatten Farben hat seit Heinse
keiner mehr so gehabt. Schon seine Valeurs bringen ihn nah ans
Märchenhafte: Weiß, Perlmutter, Silber, Gold, Elfenbein. Er kam aus dem
Kreis des lyrischen Dandy George, dessen Zucht sein Formgefühl anzog
und wollte zu den glühenden Südseefarben des Malers Gauguin.
Dazwischen lag der deutsche Naturalismus. Er hat von ihm seine
Saloppheiten und das Banale einiger unkünstlerischer Wendungen. Er stellte

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ihm aber eine Prosa entgegen, die voll duftigem Atem, voll dichterischer
Anmut und voll buntem Pathos war.
Endlich malträtierte Einer deutsche Erzählersprache nicht zu
Ackerdienst, sondern ritt sie in die hohe Schule. Nun fing auch die Luft
zwischen den Sätzen wieder einmal an zu leben, zu zittern und zu glänzen.
Die Taumorgen und die Rosen und der Frühling bekamen das Geheimnis
beispielloser Neuheit. Was war das Grau der Schilderer seiner Zeit, was war
die Prosa der Wildenbruch und Schlaf und Beyerlein gegen diesen Glänzer!
Er kennt endlich wieder die Musik der Farben, er setzt sie mit den
leichtesten Kühnheiten und bekommt immer Grazie und Melodie. Seine
Farben, die ungebrochen von Weiß zu Gold gehen, wären ohne dieses
Musikalische die kühlen Schilder irgendeiner nachempfundenen Klassik.
Die schwälenden Geheimnis des Märchentons Farben von Purpur bis Mond-
Orange haben schon die Romantiker aller Länder ins Übersinnliche geführt.
Bei Dauthendey jedoch wandelt sich Weiß sofort zu Perlmutter, zu Lotos,
zu Rose, zu Elfenbein, zu tausend Spiegelungen, die so leicht zueinander
gesetzt sind, daß aus ihrer Helligkeit und ihrer Klarheit auch in der
träumerischsten Luft nichts anderes als das Märchen sich entwickeln kann,
das den Vorzug hat, ebenso deutlich wie unwirklich zu sein.
Das hat seit den „Serapionsbrüdern“ auch keiner vermocht. Deren
Dichter hatte den Märchenton allerdings durch den romantisch besinnlichen
Stoff und die Form des Erzählens und eine gewisse gedämpfte Dämonie zu
beschwören vermocht. Der Dauthendey hat ihn schon von vornherein in der
Atmosphäre, in die er lediglich hineinfabuliert. Seine Sprache ist nämlich
derart ausdrucksvoll durch die mit allen träumerischen Schattierungen, aber
auch durch alle Sinnlichkeiten phantastisch gefüllte Leuchtkraft, daß seine
Figuren und Handlungen immer ohne Bemühung ins musikalisch
Unwirkliche schweben, wo die Gesetze des Denkens aufhören, aber in einer
liebenswürdigen Freiheit die Begebenheiten sinnbildhafte klare Schönheit
annehmen.
Das Geheimnis des Märchenhaften liegt in der Tat nicht im Stoff,
sondern im Ton. Der E. T. A. Hoffmann hatte ihn nach der dramatischen
Wirkung hin, der Dauthendey nach der lyrischen. Aber es kommt nur auf
den Ton an. Es kommt nicht auf die Naivität an und sicher nicht auf die
Einfalt nationalen Gemüts, wie Annexionisten dieses Literaturgebietes so
gerne träumen, und zwischen Vollmond und der Ausgabe von Grimm,
zwischen Hans Thoma und Rotkäppchen die Erde als deutsches Terrain

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buchen. Die besten deutschen Märchen sind aus Asien gekommen, und ihr
Ton ist wie der aller großen Literatur international. Zwischen Negern und
Eskimos gibt es nur Unterschiede da in den Färbungen, nicht im Klang,
wenn die Bäume einmal anfangen Mißverstandener Dauthendey zu reden und der
Mensch durch Zaubereien mit den Elementen kokettiert.
Von außenheran ist an das Märchenmotiv nicht zu kommen. Wer das
denkbar Einfache, das in Wirklichkeit das unausdenkbar Raffinierte ist,
versuchte, scheitert wie Oskar Wilde, der die Naturlaute mit Spitzenhosen
und manikürten Rosanägeln maskierte. Neben Dauthendeys Neuheit ist
selbst der Däne Jakobsen nur ein nervöser Empfindling, der doch dem
Märchenhaften sehr nahe kam und selbst gegen Andersen, der, wirklich
berufenen Tons, die alten Fabeln in seiner kindhaften Sprache ohne
Eitelkeit noch einmal erzählte, hat Dauthendey eine unwahrscheinlich
schöpferische Modernität.
Man war aber, als Dauthendey antrat, an das landläufige Klischee so sehr
gewöhnt, daß man groteskerweise den Ton hinter dem neuartigen Äußern
nicht erkannte. Welche Revolte, als „Der brennende Kalender“ und „Die in
sich versunkenen Lieder im Laub“ erschienen! Als der Mann, der die
Tradition der Märchenerzähler deutscher Erde weiter trug ins Neue, auftrat,
warf man ihm wie einem exotischen Teufel alle Bannflüche entgegen, mit
denen man den heiligen Herd schützt.
Dauthendey hatte aber alles gute Deutsche als Erbschaft in sich und nicht
zum Geringsten die Sehnsucht nach der Welt, die er durchwandert. Er hat in
seiner Heimatstadt Würzburg nicht nur die Helligkeit der Sonne auf dem
Main, sondern auch die Inbrunst der Linien des Holzbildhauers
Riemenschneider gesehen, er hat die tanzende Freudigkeit der Weingärten
und das Katholische einer flötenhaften Gotik erfahren, und er hat das
Spielmannhafte der Franken ebenso verschwenderisch wie ihre gut
fundierte Eleganz. So kommt das Mystische zu dem Sinnlichen und die
Heiterkeit des Lichtes zur Grazilität der Form, aber auch die Einfalt des
künstlerischen Blickes zu einer fast unbegrenzten Möglichkeit der Farben.
Und da er den Ton hat, der dies alles erst instrumentiert, Neues Märchen ergibt
sich, nicht ganz erlesen oft und im einzelnen sicher nicht vollendet, als
Erscheinung aber erstaunlich, eine Prosa von nicht genügend erkannter
Bedeutsamkeit.
Auch vermochte er, was bloß die besten deutschen Epiker des
Mittelalters konnten, die ganze Welt zu sehen und in seinem Ton zu fangen,

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ihr nicht nachzulaufen in allen ihren Wundern, sondern sie, fast offenen
Mundes, zu bestaunen, daß vor soviel Hingabe sie sich dem Stauner ergab.
Dauthendey hat mit heidnischster Freude, animalisch und dichterisch
zugleich, das Exotischste aus Asien und seinen Reisen gezogen, aber seine
Musik, die mit der Schönheit und der Eleganz eines ritterlichen
Spielmannes gelenkt wird, erzählt es nicht anders wie eine Aventure aus
Herrn Walthers Lusamgarten in Würzburg. Die deutschen Dichterreisenden
hingegen haben sich nur hingegeben, wenn sie die Welt durchfuhren, und
nichts dagegen eingetauscht: es war nicht der deutsche Ton, aber wahrlich
nicht die Stimme der fremden Völker; der Schwabe Hesse nicht und nicht
der Rheinländer Ewers, der Breslauer Ludwig nicht und nicht der
Holsteiner Bonsels, der Luxemburger Norbert Jacques nicht und nicht der
Frankfurter Schmitz und nicht der Schlesier Hauptmann. Der Franke
Dauthendey hat es gekonnt.
Dabei hat er nie Märchen geschrieben, indem er die bekannten Puppen
tanzen läßt. Er konnte auch dies und hat von Java her noch in den „Heiligen
Nächten“ das Innigste dieser Art seit vielen Jahrzehnten den Deutschen
geschrieben. Er hat die kleinen malaiischen Kokotten und die Chinesen und
die Wunder des „Bivasee“ und die sinnlichste Ausschweifung der
genußfrohen Phantasie geschrieben. Er ist einer der unbekümmertesten
Erotiker unserer Sprache, da seine Voraussetzungen so natürlich sind, daß
selbst die nacktesten Frivolitäten sein Liebreiz kostbar macht. Aber er hat
nie hinter fremden Stoffen herexerziert, sondern aus dem heißesten
Morgenland seinen zeitlosen Zauber gemacht, zum Lotos den Tannenbaum,
zum Stillen Ozean den Main gefügt Endlich farbige Prosa und nichts besonderes
dabei empfunden, da es harmonisch war. Es gibt nur in diesem Sinn einen
Vergleichspunkt in der Gegenwart, das ist René Schickele, der, vom Elsaß
kommend, aus Rhein und Ganges den gleichen Ton zu machen versteht,
weil auch er als Nachkomme Gottfried von Straßburgs die Melodie hat und
die Farbe, die alles in sich einbezieht.
Welch ein Musikant, welch ein Farbenkenner, der Dauthendey! Welch
blitzende Haut auf all seinen Sachen und dabei in der Kontur (wie bei
Schickele) diese weiße, helle Reinheit. Er, der sich nach Schwanken
zwischen Malerei und Dichtung für die Literatur entschied und dessen
„Singsangbuch“ noch die selbstgemachte Silhouette seines Kopfes
schmückt, der von Würzburg aus die Welt immer wieder durchmaß und
kein Schillern der Luft, den Geruch keiner indischen Frau und den

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Abenddampf keines Tierzwingers zu schildern vergaß, der den Mond liebte
und um die Spiegelung aller Meere ebenso wußte wie um die Flamme jeder
Leidenschaft, dieser Dauthendey hat — seltsamerweise — nichts groß und
nichts vollendet gemacht. Auch ist Unterschiedliches im Verlauf selbst
seiner besten kleinen Geschichten, die deshalb klein sind, weil sie nur
Anlaß sind, zu fabulieren, nicht etwa, weil sie bescheiden an Umfang sind.
Zwischen Naturalisten und artistisch gesalbten Versmachern brachte er
deutscher Prosa Licht und schwebende Farbe, Duft, Eleganz und Arom.
Endlich war ein Erzähler leicht und dichterisch, glatt und voll Welt. Wie
umschmeichelt er die Sätze, wie körperlich hautnah reibt er sich an den
Hauptworten, wie poliert er die Adjektive und wie prall und voll Farbe setzt
er das Verbum an! Zwischendurch erlahmt er zeitweise im Geschmus.
Mitten in verzauberten Worten und bei höchster Eleganz trägt er den
Vollbart seiner Epoche. Er ist trotzdem der schönste farbige Deutsche seiner
Zeit. Allerdings hat er von den Ahnen, die er fortsetzt, wohl den Ton, aber,
um gerecht abzugrenzen, nicht das Format. Gegen die ungeheuerliche
Schönheit des Mittelalters Hille hat er nur den Sinn einer lichten
Erinnerung. Er ist vollendet, aber wie ein Schmetterling, nicht wie ein Gott.
Er hat wohl den Schmelz, aber nicht die Heftigkeit der Couleurs. Er hat
Bedeutendes, aber nicht den Zusammenhang mit der tiefen Tragik. Er ist
Aquarellist, aber nicht ein flammender Entfacher. Er ist in seiner Mission
vollendet, wenn auch nicht als groß geratene Figur über der Dichtung seiner
Zeit, sondern als sanfter Chimärenreiter der Erinnerung, der, fast schon in
Luft sich lösend, ins Spielerische seiner Art vom Dach der Kathedrale
unserer Dichtung hineinsprengt.
Hinter ihm her tummelt eine kleine Eskorte, die, wenn sie auch im
Einzelnen nicht großer Dichtung zugehört, die Liebe zum Schönen doch
voll besitzt und auch im kleinsten Werk bewußt ist, daß ihr Ehrenwort
Trouvere nichts anderes bedeutete, als den Könner der Phantasie und der
Musik des Gedichts. Ins Gigantische begabt war ein Jean Paul aus ihrem
Saft geworden. Der beste Bohème der Deutschen, Peter Hille, war aus der
Schar. Als die Fabrikhausse um ihn rauchte, die sozialen Fragen alle
deutschen Dichter fraßen (sie hatten keinen Zola), die Automobile anfingen
mit offenem Auspuffrohr durch die Landschaften zu jagen, sang ein reiner
Musikton aus ihm durch die Wälder. Er war ein Hüter des Wortes, er lebte
an Lagerfeuern und in Kabaretts und auf dem Boden seines Landes. Aus
seinen Briefen noch, die Pfennigaffären, kindische Unwichtigkeiten

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stammeln, steigt, wie über die ganze Misere seiner Person und seiner Zeit
der Perlmuttglanz seiner Prosa. Sein Leben zersprang ohne Ordnung und
sein Werk kam nur auf einige Splitter, aber wo er unterging, blieb das
Durchleuchtende in dem Grau seiner Epoche, als wüßte man nichts weiter,
kaum den Namen, kaum seine Gedichte . . . . nur daß einer der
Chimärenreiter hier an deutsches Wesen streifte. Es geht nicht verloren.
Sein südlicher Bruder in der vagierenden Weise, Zeitgenosse wie Hille
der Wallot, Bleibtreu, Hart, Henckell, Minnesänger und Sanatorium Mackay,
Wille, Oswald, Puttkamer, der Kretzer, Hartleben, Hirschfeld, Halbe,
Bierbaum, Gumppenberg, M. G. Conrad (wo sind sie außer dem wüsten
Panizza und dem tapferen Conradi?) sein südlicher Genosse in der Masse
der Übergangsbegabungen, von denen keiner der deutschen Dichtung auch
nur Anstoß oder sich selbst die Berechtigung seines Daseins zu beweisen
verstände, sein südlicher Bruder ist Altenberg. Es ist fast, als breche hier die
Spitze ab der Entwicklung, denn, obwohl er den Ton hat, bohrt er ihn in
alles moderne Gekröse hinein, läßt wie zum Scherz durch Sanatorien und
Pathologien ihn zwitschern und postuliert seine seltsame Figur zur
Sehenswürdigkeit der Großstadt, daß bald der Ruf seines Gehabes, seiner
Einfälle und seines Treibens mit Dirnenverehrung und narrenhaften
Vermummungen seines Leibes fast mit Unrecht seine dichterische Note
übertraf. Ja er versuchte wohl, schlau wie die Naturkinder, den raffinierten
Europäer dieses Jahrhunderts durch seine Späße zu zwingen, sein Leben zu
zahlen, jedoch, indem er seinen Lebensstil in den Vordergrund bluffte, hielt
er seiner Dichtung eine verzweifelte Wacht. A corsaire corsaire et demi. Als
Spaßmacher entriß er dem modernen amusischen Menschen sein Geld,
dahinter schuf er neben Eduard Keyserling den einzigen Versuch eines
Impressionismus in Deutschland, der sich neben Bang und Jakobsen halten
könnte und führte eine neue, etwas alberne Drolerie in die deutsche
Dichtung. Aus Nervenschwäche und Spielmannston, aus Menschenliebe
und Verrücktheit, aus einer zeitlosen Heftigkeit seiner Gesichte und
bescheidenen Anmut des Stils machte er seine Komik, die in der inneren
Klarheit des Tons über Paul zu den tumben Sängern besserer Epochen führt.
Auch er hielt die Hand in der Luft und in der Luft hing ihm entgegen das
geheimnisvolle Schlagwerk, das auch den Verschnittenen und Buckligen
erscheint, wenn sie erlesen sind. Die Deutschen sind ein Volk der Zufälle,
und selbst Knaben an den Unmöglichsten kann die Stunde herantreten, zu
der er auserlesen ist. Sie sind mit einer gewissen Haltung irgendwo gestört

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und auf der anderen Seite voll Glanz. Sie haben, was Bonaparte von Murat
sagte, er sei ein Narr aber der beste General der Kavallerie, oftmals
scheinbar als eine der sichersten Tugenden ihrer unbestimmbaren
nationalen Eigenschaften.
Manchmal hat sich jene deutsche Melodie, da die Erwachsenen sie nicht
verstanden, zu den Knaben geflüchtet und dort mit einer Zartheit des
Empfindens den Einzug gefeiert, der, wie dem genußsüchtigen Smyndiridus
das gefaltete Rosenblatt, jede Berührung mit der Welt die Wollust trübte. Da
kommt dann in der Gebärde ästhetischer Zärtlinge, mit primitiven aber
samtenen Worten weltunwissende Unschuld des Gefühls wie im Paradies
heran. Selbst das Homosexuale hat bei Eckart Peterich einen stillen Adel
erreicht und ein idyllisches Entsetzen entsteht, wenn der junge Dichter, dem
ein sanftes Weib in der Schlafstube erscheint, zum Lavoir flieht und mit
Wasser sich begießt, statt von der Großäugigen sich verführen zu lassen.
Denn wie Kurzbold, des nahen Limburger Domes Gründer, haßt er die
Weiber wie das Äpfelessen, und aus dem Dunkel seiner Hintergründe taucht
die Welt der silbern bestickten Gobelins mit Heiterkeit und Ruhe. Fragen
der Kunst scheiden aus, wo nur die Atmosphäre des geteilten Lichtes
spricht. Man zerstört nicht den Charme, wenn man nicht aufspießt und,
indem man sich des Vergnügens nicht beraubt, rührt man nicht an die
Zerbrechlichkeit der Werte.
Etwas viel Künstlicheres ist von derselben Farbe unter dem Schweizerhut
des Robert Walser, der schon aus der unliterarischen Heiterkeit dieses
Knaben tief in die Literatur springt. Das ist ein Maler, wenn er anhebt, und
ein eitler Wissender wenn er aufhört, denn wenn er wie in ein Stereoskop
die Welt bunt hineingepappt hat, hat sie den Glanz des Salomon Geßner
verloren, dem sie nachgebildet ist, weil statt ihrer eigenen Prinzen der Literatur
Einfalt die gespreizte Jünglingshaftigkeit ihres Dichters darin sitzt. Das
Geckentum Walsers, der nur in ewiger Schlankheit die Welt nicht gläubig
erleben, sondern in seine Tirolerjodler hinein blasen will, ist das gleiche wie
das des Wilhelm Schäfer, nur daß der Schäfer mit seiner breiten Brust und
seinem enormen Können ein böser Raunzer ist, der seine Verkanntheit mit
naturburschenhafter Eitelkeit verbrämt.
Der Schäfer hat prachtvolle Sachen über Pestalozzi geschrieben, aber die
Dunkelheit seines Blutes genügt nicht, ihn anders als einen Epigonen des
Keller gefärbt zu sehen. Auch in den „Kammachern“ Kellers sinniert jedoch
derselbe Vogelsang wie in den Jugendträumen Hermann Hesses. Und selbst

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der ungeschlachte Schlesier Stehr, dieser rührende Zu-Nichts-Kommer, hat
manchmal den Wunsch, wie ein Füllen aus seiner Elefantiasis auf die Weide
zu springen. Es scheint manchmal, die Deutschen vermöchten, wenn ein
Kunstgriff ihnen die Änderung der Natur erlaubte, sofort aus ihren
Gegensätzen sich zu lösen und mit Vorzug in der Lage zu sein, auch in der
Form der Vögel zu existieren.
Aber auch die Prinzen haben sich an dem Rand der großen Symphonie
deutscher Dichtung eingestellt. Aus den Märchen schon hob sich die leichte
Grazie der mit seltsamer Jugendwürde verzauberten Edlen und manchmal
trägt einer den unsichtbaren Kranz noch durch unser Jahrhundert. Sie sind
bestimmt rasch zu sterben. In den Briefen des Zeichners Thylmann, der
Bäume und Felsen geliebt und gezeichnet hat, hält einen Augenblick diese
geheimnisvolle schlanke Würde. Er kam ebenfalls aus dem Kreis des
Dichters George, der die Barbarei beging, so sehr es seiner salbentrunkenen
Weltentrücktheit widersprach, durch Vergewaltigung in Taggesängen und
Minneliedern das Mittelalter zurückzwingen zu wollen, das er selber nicht
besaß. Seinem Schüler Thylmann aber gelang es, auch den märchenhaften
Farbton neben die überlegene Würde des unbewußt erlesenen Menschen zu
setzen und seiner Prosa eine schicksalshafte Lob der Zärtlinge Kindlichkeit zu
geben, die der schlanken Maße und der Reinheit der Haltung nicht vergaß.
Wurden die Prinzen früher verzaubert, genügte es ihnen, die Welt zu
durchstreifen als Bettler oder Hirtenjungen von uns unverständlicher
Grazie. Als sei des abgeschossenen Thylmann Seele in die Augen eines
anderen getreten, geht sein Geist, nur ein wenig verwildert, durch die
Sehnsucht Hans Siemsens. Denn auch dieses Vaganten Stimme hat die
gleiche Kurve, in der der Fall von Glück und Traurigkeit und das
Sichablösen der Stimmungen von der Landschaft hin und herschwingt und
wo jede Frage schon ohne Erwartung ihres Echos angestimmt wird. Denn
es ist bestimmt, daß diese Menschen unbegreiflicherweise dem Zustand
ihres Glückes am nächsten sind, wenn es ihnen am entferntesten schaukelt.
Denn es genügt ihnen, nichts zu haben, nichts zu erreichen, nichts zu
wünschen, sondern nur großäugig zu staunen und zu bewundern und
höchstens ihrer Besitzlosigkeit eine gewisse Gepflegtheit ihrer Körper wie
ein heimliches Erkennungszeichen hinzuzufügen. Wäre sein Ansehen und
sein Einfluß nicht zu deutlich, würde man den Meister in der Erziehung zur
Schönheit dieser Jünglinge, den Sammler des Maler-Zöllners Rousseau,
Wilhelm Uhde, leicht von ihnen weg zu den reinen Ästheten stellen. Es

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wäre ein Irrtum. Die Breite seines Romans von „Fortunat“ entspricht
allerdings nicht seiner Gewalt, und seine Ründe sicher nicht seinem
Aufbau, und es ist überhaupt bezweifelbar, ob der ein Künstler ist, der ihn
schrieb, und nicht ein Bewahrer ausgezeichneter Traditionen, die, wenn
auch überkultiviert und ein wenig blaß in der Farbe, dennoch die leichte
Lösung unserer Krämpfe eher begünstigen, als daß sie sie bekämpften.
Denn in der Ansicht mehr als im Ausdruck und in der Pflege seiner Idee
von der Melodie mehr als in ihrer Ausübung ist hier die schlanke Grazie
alter Farben gehütet, und wenn all diese Jünglinge auch Zärtlinge sind und
Wollüstige und ihre kleinen Begabungen mehr als Lohn einer gewissen
Verweibtheit Der deutsche Argentinier als tiefer Abgründigkeitsqualen um die
Kunst tragen, so nimmt ihnen kein Vorwurf die Anerkennung ihrer
Existenz, mit der sie, wohl schmaler und feiner und unmännlicher als
andere aber lebend und existierend mit ihren Melodien hinter den Reitern
des Mittelalters her ziehen. Manche als Kavaliere wie Uhde in der Berline
mit sechs Pferden, manche mit Kindertrompeten und Drachen, die über
ihren Händen im Herbstwind steigen, manche auf gezüchteten Pferden oder
bukolischen Ziegen oder auf den Rücken ihrer Freunde, in einer fast immer
schon in dem Blau verschwimmenden Bewegung, mit dem die Luft sich
unter ihre Körper schiebt und sie entführt.
Auch auf den geschnäbelten Wikinger-Schiffen der Dichtung hat sich der
Ton gehalten, und als ob seine Galeere sich piratenhaft vom Domfirst höbe,
schwingt René Schickele seine fast kämpferisch helle Melodie. Er ist der
schönste und bewundernswerteste deutsche Dichter der Gegenwart. Wie
Schickele schreibt keiner das Deutsch, daß es Prosa bleibt von aquamariner
Dichte und doch Gesang. Sein Buch „Mädchen“ sind die schönsten und
reinsten Erzählungen unserer Sprache seit Jahrzehnten. Er hat die Fülle
seiner elsässischen Heimat zu der fliegenden Kraft seiner Sätze gezogen,
und was die anderen alle an Kunst nicht erreichten, sondern an Anmut nur
wiesen, hat er mit einer schmetternden Kühnheit auch an dichterischer
Gewalt noch seiner Eleganz hinzugefügt. Hinter ihm wendet mancher sein
Gesicht um in die Zeit. Da beginnt schon Gegenwart und manchmal grenzt
das Träumen der Jünglinge schon an die Weite der Welt und nimmt den
Kopf in die Hand und denkt nach. „Karlos und Nikolas“ ist die Geschichte
zweier Jungen von einem gewissen aus Argentinien gekommenen nach ihm
zurückgekehrten Rudolf Johannes Schmied, aber die Deutschen sollten dies
Buch kennen wie die Franzosen Daudets „Lettres de mon moulin“ oder den

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„Tartarin“. Hätten sie Sinn für die Bescheidenheit und zugleich Sicherheit
gegenüber der Welt, für Phantastisches, Einschränkung des Lobs für Zärtlinge das
mit Belehrendem sich mischt, für die Eleganz ihrer Schwächen und die
Größe der Welt und die Anmut selbst in der Verzeichnung ihrer Typen, in
Schulen und Auswärtigen Ämtern würde dieses Buch aufgestapelt. Ach die
Deutschen flüchten lieber, weil sie den Glanz ihres tieferen Wesens auf dem
Grund der Dinge nicht mehr sehen, zu den Plakaten, reißen sich um
antisemitische Schmarren des Herrn Dinter, um erbärmliche
Schlachtgeschichten des Bloem, um Borussiaden, die nur das Fatale, nicht
das Edle der Preußen zeigen und wenden sich wie von läppischem Unrat
von ihrem eignen Herzen. Seltsames Volk, das sich mit den Klappern der
Wilden Götzen baut, wo es Götter hat.
Einmal mischte sich die alte zärtliche Melodie sogar mit Handlung und
Urteil. Über Schmieds Distanz zur Welt geht Robert Müller zum Angriff. Er
ist primitiv und raffiniert. Seine Frische hat eine sportlich gepflegte
Gedanklichkeit. Aber sein Naturburschentum ist nervös. Wo er an die
Grenze des landschaftlichen Dichters kommt, fängt der in großen
Zusammenhängen kombinierende Journalist an. Wo die Gefahren des
Reporters liegen, steht seine Tatkraft aufgepflanzt. Denkerisch bringt er im
„Barbar“ manche Kühnheit, handelnd einen Pfauenschwanz von Zeit.
Dazwischen geht der Ton des Dauthendey wie auf Wiesen und läuft,
bestimmend zwar und wichtig, aber fast unsichtbar zwischen trainierten
Muskeln und geschultem Hirn in die europäische Arena, einer Troyka
gleich, deren Außenpferde ziehen und deren drittes nur schön ist und die
Richtung gibt, sonst nichts.
Ich bin nicht der Chargé d’affaires der Süßlinge. Ich erwarte kein Heil
der Zeit von den Troubadouren, und meine Zweifel an der Kraft der
Gefälligen sind wie meine Eigenliebe groß. Ich glaube nicht, daß die
Homosexualen uns in das Glück führen, wie die heilige Schar der Thebaner,
die nur aus sich Liebenden bestand, aber ich weiß, daß ihre Manieren besser
sind und ihre Instinkte manches Männliche behielten, was Kathedrale und
Flötenbläser die Robusten vergaßen. Absurd zu denken, daß ich den Knaben
die Flöte halte, um deutschen Himmel damit zu ersingen. Selbst Don
Quichote mußte sich gegen die Galeerensklaven sofort verteidigen, denen
er selbst die Freiheit gab und ich muß die Winkel richtig stellen zur Schau.
Indem ich den Irrtum nehmen wollte, Klassisches oder Naives sei typisch
deutsch, verlangte es mich die Verzierungen zu zeigen, die den wahren

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stillen Ton der Deutschen tragen neben den Falschen, die die Masse hört.
Diese Sänger, die die Kette zum Vogelweider irgendwo selbst in der
einfältigsten Blässe immerhin binden, sind nicht das Bild des Deutschen,
sondern sie sind die leichten Schönheiten des Schaumes, die nur anzeigen
in ihrer Anmut, mit welchen gigantischen Donnern das Element darunter
liegt. Die schönen Chimärenreiter blasen die rosane Melodie auf den
Firsten, um die dunkle Schönheit der Kathedralen unter ihnen und ihr
gewaltiges Wachstum um so schöner zu beweisen. Ihre Töne kamen wie
Blasen manchmal ins Urbane, sogar bis ins Bewußte. Aber unter ihnen liegt
die unentbundene und ach vielleicht nie entbindbare wilde Kraft der
deutschen Bestimmung.
Ach was wissen Sie nun, Mijnheer? Sie haben geträumt, gerochen, aber
nichts gefaßt. Wie sieht ein Deutscher aus? Sie wissen es nicht. Ein Dicker,
ein Bemonocleter, ein Tapferer, ein Schmalhüftiger, ein Zärtling, ein
Hanswurst, einer mit Blumen am Hut, ein Amokläufer? Ich weiß es nicht.
Ich ahne es kaum. Wenn Sie mich gut verstanden haben, werden Sie ihn
dennoch erkennen in der Welt, des bin ich gewiß.
Manchmal, nicht selten, begab sich nämlich das Geheimnisvolle, daß mir
war in der Fremde, ich träfe Deutsches unter den Söhnen anderer Nationen.
Ich vertraute, ich liebte, ich wurde wieder geliebt, und ich erklomm die
Höhe manches Glückes. Aber ich fand dagegen unter den Kindern meines
Volkes, am Rhein, am Neckar und den Seen meiner Segelzeiten alle Fehler
gehaßter Völker, ich wurde gehaßt und bekämpft und verleumdet. Ich
starrte oft, wenn ich die Deutsches in aller Welt Gaffel am Mast nach den
Launen der Böen studierte, in einen namenlos entfremdeten Himmel über
Bayern, aber ich fand in der Welt der Fremde oft deutschen Himmel voll
Reife und Glück, die ich in Deutschland nie sah. Deutsches zu finden kann
heißen vielleicht, in die Welt zu gehen und ist nicht abzumessen und
anzugliedern vorerst nach Bau und Hand. Deutsches zu gestalten wird
heißen, es aus der Welt und gereift zurückzutragen in die Heimat, aus der
wie ein zersprungener Stern sich das Volk der Germanen über die Erde
stürzte und Afrika, den Norden, Spanien, Asien und die Slawen mit seinem
Blute düngte. Europäische Luft dringt durch die Kerzen herein, die unter
dem Bewußtsein des Sturmes allein schon beben.
Sie sind fast abgebrannt. Wir haben lang geredet, selbst die Mäuse
schlafen und die Vögel haben sich beruhigt. Die Alpen waren gegen Abend
einen Augenblick lang aufgebrochen mit entflammter Idee, ihre Figuren

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geteilt wie Heroen, dann sank die rote Dämmerung über die Bäume, die
unter den Lasten des Schnees schon tropischen Wäldern gleichen.
Phantastische Palmen haben sich den großen Fichten gesellt und die Weiden
tragen eine gläserne Gespenstigkeit, als kämen sie wie ein Traum von
Hawai, wo die Bäume nicht nur die Form der Orchideen, sondern auch die
Vielfalt und tolle Kraft der Träume tragen.
Ich liebe die Eifel, die Rhön, die Vogesen, den wilden Karwendel, die
Alpspitze, den Schwarzwald, ich liebe alle Gebirge der Heimat, die ich
durchwandert, befahren, überflogen seit meiner Kindheit. Aber oft stieß ich
an Berge der Fremde, an Meere, die daran mit Größe und funkelnd sich
schlossen, an Prärien der Freude, und ich dachte nicht der fremden Namen
und der anderen Sprache, sondern dachte: auch hier ist Deutschland.
Und ich empfing die gleiche hinreißende Liebe wie zu einer Eroberung
der Schönheit und ich verstand immer wieder den Wandertrieb der
Germanen, die so sehr schließlich Idealporträt eines Deutschen ihre Heimat
überall empfanden, daß sie glaubten: wo auch immer es gut gehe, sei
Deutschland gepflanzt. Es gibt keine deutsche Sehnsucht, die nicht in die
Welt hineinführte, aber keiner hat verstanden, sie erfüllt aus der Welt
zurückzutragen und damit an ihren Menschen zu bauen. Darüber zu trauern,
ist chagrin de luxe. Es ist Bestimmung und Tragödie, das ändert kein
Gefühl.
Wie sollte der Deutsche aussehen, den ein Wunsch im Innern unbewußt
gestaltet? Der Fürst Pückler Muskau hatte etwas von ihm, der zur Melodie
der alten Sänger die Bildung eines Seigneurs legen konnte und dem noch
die Haltung des Briten und die Gewandtheit des Romanen hinzufügte. Ich
vertrieb einmal, in den Gartenpavillon eines englischen Diplomaten tretend,
den Besitzer, allein ich sah noch, daß er im Kimono floh, um sich
anzuziehen. Neben dem Tisch seines Frühstücks aber lag eine Karte der
Welt mit allen Festungen, Flüssen und Schiffahrtslinien und den Küsten und
Städten aller Kontinente neben einem diplomatischen Bericht und den Oden
des Horaz.
Das war ein Mann, der das Leben, das Geschäft und die Muse mit
überlegener Würde anmutig zusammenhielt. In Schumanns Briefen steht er
unbewußt einmal im Umfang ähnlich, an Figur noch klarer gezeichnet, wo
dieser Musiker träumt von einem Mann, der zu Fuß Moskau, Rom,
Marseille, Hamburg und die Welt dazwischen durchwandert habe, gut sich
kleide, Thukydides lese, Algebra treibe und musiziere. Das ist die Zukunft,

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die wir hoffen, aber zuviel schon der Hoffnung. Die Kerzen sind aus. Aber
der Sturm hat kein Ende.

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Die zweite Nacht

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H Mißlungene Mischung alten Sie die kleine Mannpistole gegen die Lampe
auf den Fahnenmast, visieren Sie genau, so entdecken Sie einen hellen
Punkt. Er bewegt sich. Es ist die Diva, die sich dem Schnee aussetzt.
Um acht Uhr öffneten sich die Türen zu dem Glasabschluß und in den
Speisesaal kamen die Filmer, die seither, geschminkt in der Arbeitspause
unter sich speisten. Man applaudierte ihren Einzug, zwischen den Damen in
übermäßiger Toilette kamen die berühmten Allgeier und Schneeberger und
Schneider-Sankt Anton und stampften mit den Füßen. Es schien, zwischen
den sportliebenden Leuten der Gesellschaft, den Weltdamen des Films und
den Schneeschuhheroen werde eine Stimmung sich entfachen von der leisen
Heiterkeit des Kamins, aber es wurde nur Katastrophe. Es gab keinen
gemeinsamen Ton, die Skiläufer waren zu laut, die Filmweiber ohne Gefühl
für die ihnen provinziell scheinenden Damen der Gesellschaft und diese
hatten von vornherein den Verdacht der Eingesessenen gegen das fahrende
Volk. Die Musik rettete mit einer silbernen Kaskade neben der sie noch
überzitternden Stimme einer italienischen Dame den Abend und gab mit
dem wechselnden Überglänzen des Flügels und des Alts ihm einen
gewissen Abschluß.
Sie hatten wohl alle die beste Absicht und suchten es sich zu bezeugen,
aber sie gelangten alle nicht über die Grenze ihres Blutes, dessen vielfache
Gehemmtheit Deutschland mehr zum Feldlager von Condottieri als zu einer
Nation macht. Wen haßt der Deutsche mehr wie den Deutschen und wen
kennt er weniger wie seinen Nachbarn? Wie nobel beweist sich manchmal
sein Herz zu den Feinden und welche Voreingenommenheit und welche
Ungeheuerlichkeit speit er dem Bruder ins Gesicht. Wenn Sie genau
zusehen, werden Sie bemerken, daß die Diva in den roten Radius der
Lampe geraten ist, und wenn Sie wollen, werden Sie spüren, mit welcher
Bewegung sie in die Skiablage eintritt, denn Die neue Filmrasse sie reckt ihre
Brust und den Nacken hoch und es ist als folgten geschmeidig die Hüften
und die langen Schenkel, genau so, als bemühe sie sich in der liebenden
Umklammerung einer Schlange aufzusteigen. Welche Rasse. Diese
Filmbanden sind ein glänzender Nachzug jener wandernden Trupps in
grünen Wagen, die Theater ins Land brachten, wenn auch das Tempo ihrer
Automobile, der Schmuck ihrer Weiber und die Schecks ihrer Arrangeure

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andere Ansprüche dem Schicksal entgegenstellen als früher jene Lust
geschundener Komödianten zu stellen hatte: nicht tiefer geachtet zu werden
wie die Zigeuner, dafür aber Kunst machen, lieben und bieten zu dürfen.
Die prächtigen Intelligenzbärte und alle Schleimsuppen des Geistes haben
sich im Namen der Musen nicht zurückgehalten, „Stellung zu nehmen“ und
den Film als unwürdig abzudonnern.
Die armen Schlauen haben ihr Geschütz falsch gerichtet und mit einem
Mörser einen Sperling erschossen und triefen vor Zufriedenheit wie alle
falschen Nimrods. Niemand hat die Behauptung so formuliert. Film ist
keine Kunst. Aber er macht Vergnügen. Daher beschäftige ich mich mit
ihm. Er ist die zweitgrößte Industrie des Landes und bewirtet die schärfsten
Intelligenzen der Akteure, Regisseure, Techniker, daher interessiert er mich
in seinen Möglichkeiten. Ich weiß, daß ein Husten Bassermanns mehr ist als
die Film-Zauber des Nils. Aber es verlangt mich gelegentlich auf Seglern
das Meer vor Nizza zu schauen, oder den Pullmanzug durch die Prärien
rattern zu sehen und angewidert von der Arroganz und Erfindungslahmheit
der zeitgenössischen Dichter eine Handlung in fabelhaften Kurven vor mir
hinsurren zu spüren.
Ich ziehe es vor, ein Drama in Verfolgung und Erschießen im Ballon und
die Maskierung von Verbrechern atemlos zu verfolgen als im Theater
erleben zu müssen, wie Gerhart Hauptmann sich die seelischen Konflikte
der Azteken Mexikos vorstellt — und ich achte staunend lieber darauf, wie
Bannstrahl „gegen Unbekannt“ von Häusern herabgeklettert wird und mit welchem
Anstand man heute doch noch irgendwo scheinbar lebt und Haltung behält,
reitet und schießt und das Ganze im Bildflimmern zusammensetzt, als daß
ich schlafmohnumwunden die Dreizehn Bücher der Deutschen Seele von
Wilhelm Schäfer lese. Wer Saphire in ein Zahnrad schmeißt, ist ein Idiot,
wer Kunst in den Film trichtert, den weise man aus der guten Gesellschaft.
Ich bin für den Film, wenn es mir Lust macht, und dagegen, wenn ich
Unbehagen habe. Ich tue ebenso tausend andere Dinge, die mit Kunst nichts
zu tun haben, ich reise, ich spiele Croquet, ich beschäftige mich mit
meinem Hund und niemand wird mit mir über Kunst dabei diskutieren,
sondern höflich bei seinem Thema bleiben. Es blieb den deutschen Dichtern
vorbehalten, die so weltunwissend wie abgründig in ihrem Ausdruck sind,
daß sie, die unter maßloser Überschätzung ihres Berufes leben und Welt
und Wolken und Schicksal nur unter dem Gesichtspunkt ihrer Verse und
Szenen erbärmlich zu sehen wissen, es blieb ihnen vorbehalten, Bannstrahle

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„gegen Unbekannt“ zu schleudern und da von Kunst zu reden, wo es ums
Geldverdienen geht.
Als Friedrich der Große, der sein Leben lang eifersüchtig auf Voltaires
besseres Hirn war, Rapporte las, die ihn veranlaßten loszuschlagen oder zu
verlieren, sagte er, beschwingt von dem schöpferischen Atem, der ihn beim
Handeln endlich gegen den geistigen Nebenbuhler bevorzugte, ein wenig
spöttisch vergleichend: „Was würde Voltaire tun?“, und schlug los. Er
meinte, die Dinge im Leben gehörten sauber auseinander und er wäre gewiß
der Ansicht gewesen, daß das Erlernen der Filmtechnik für deutsche
Autoren wegen ihres Tempos und ihrer belebenden Form und auch für das
Einkommen der Guten förderlicher sei, als daß man in dem Gebiet der
Kunst für Geld erschreckliche Dinge tue von Balzacs Anfangsromanen bis
zu Hauptmanns „Lohengrin“ und dem Kriminalbuch der waffenfrohen Shaw
Amazone Huch. Um etwas anderes kann es sich beim Streit um den Film
nicht handeln, denn das wäre nicht nur dumm, es wäre schon gefährlich.
Näher läge jetzt in die Halle zu gehen, die Diva zu laden und mit ihr über
neue Seiden, Crêpe marocain, über ihren Fiat-Wagen und wie sie aus dem
Flugzeug springt, zu reden, widerspräche es nicht unserem Abkommen, die
Nächte nicht zu unterbrechen und hätte ich nicht einen Frisson gegen
Weiber mit Beruf. Näher liegt, vom Theater zu reden, aber auch das ist
keineswegs in der Abwechselung mondän. Wo anders geht der Mensch in
Frack oder Smoking oder selbst weichem Kragen, de rigueur oder wie es
ihm beliebt, ins Theater, erheitert sich und geht sodann zum Speisen. Der
Autor des Stücks illustriert die Gesellschaft, und wo er dramatisch wird,
hilft ihm die Ironie zu unbeschwertem Takt. Der beste Dichter dieser Art
seit Molière ist Shaw. In seinen Stücken ist keine Frage, kein Leid und
keine Sehnsucht, die einen Menschen unserer Tage angeht, ungelöst und
unbesprochen, trotzdem verläßt jedermann vergnügt das Haus.
Dieser Kelte hat es ihm ergötzlich serviert und den Weg, statt
unterirdisch zu brodeln, von der heiteren Oberfläche her zu allen Tiefen
gemacht und ist wieder zur Oberfläche zurückgekehrt, weltmännisch, groß,
überlegen und wahrhaft modern. Die Schauspieler wirken daher in der
Distinktion ihres Talentes lediglich wie geschmackvoll bewegte Landsleute
dieses Iren, die der Franzosen aber sind überhaupt schon Gottes natürliche
Schauspieler, die Zuschauer erblicken in ihnen nichts als besonders
kultivierte Exemplare ihrer Rasse und Gewohnheit. Ähnliches hat, kann
man überhaupt vergleichen, nur Wedekind bei den Deutschen, nur daß er

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lediglich infolge Fehlens einer Gesellschaft die Sünden seiner Zeitgenossen
zu einer schief und lahm gelachten Zeitbande zusammenwarf.
Alles andere ist bei uns problematisches Zeug, Edelschmus und
monologisierende Vorgänge, die, meist unverständlich, geredet werden,
während man sie viel gemütlicher läse. Es gibt kein deutsches Gesellschaftstheater
Ohne Eindrillen der Jugend auf die Klassik, würde Goethes „Faust“ im
Theater genau so als verquollen abgelehnt wie der Wechselbalg, in dem
irgendein Jüngling sich auf seine Weise unklar mit der Welt ausdisputiert.
Faust ist keine Rolle, und Gretchen, in dessen Lyrik Erhebliches an
Dichtung steckt, wirkt auf der Bühne als alberne Gans. Niemand geht
letzten Endes erlöst, kein Mensch erheitert aus dem Theater, die Bühne als
moralische Anstalt ist ein Schlagwort der Verlegenheit unter den
Gebildeten, das ihre Hilflosigkeit aber auch ihre Feigheit, gegen den
dramatischen Theaterwust zu protestieren, schwülstig drapiert. Nie hat das
Theater jemanden gebessert, niemand hat das gewünscht, das antike Theater
ist kein Vergleich, weil es aus den Kulten kam und religiös verankert lag.
In Deutschland hat Theater mit dem Volk nichts zu tun, es hat überhaupt
mit nichts etwas zu tun, sondern hängt wie ein Kunstwitz der Semiramis in
der Luft. Wie soll Theater, in dem ein Volk stets am deutlichsten gespiegelt
ward, zusammenhängen mit einer Nation, die Architekten aber keine neuen
Städte, Künstler aber keine Kunst, erstklassische Revolutionäre aber nie
eine anständige Reaktion besitzt . . . wo durch die Trümmerhaufen wohl
geniale Irrlichter fahren, aber die Malerei sich nicht in die Wohnungen
geschmiegt hat, die Plastik sich zu keinen Kathedralen fand, die Dichtung
keine Nabelschnur zur Seele der Masse gewann. Das Witzkarnickel der
Literaturgebildeten, Herr Sudermann, wollte viel mehr, als diese
Dummlinge glauben, denn er suchte Gesellschaft zu geben, aber er gab
Wasser und Leim. Er hatte tatsächlich nur das Mißgeschick kein Künstler
zu sein, denn sonst wäre er Wedekind geworden. Jeder von ihnen suchte
Gesellschaft zu schildern, der eine die, welche er sich vormogelte, der
andere die, welche sein auf Disharmonien eingestelltes Jägerauge in das
Vakuum bannte, wo diese Gesellschaft sein sollte, aber, sapristi, nicht
bestand.
Mit den Verzückungen der Hrotsvita begann etwas Leben Geschichte des
deutschen Theaters im deutschen Schauspiel, geistliche Herren setzten es fort,
indem sie Weiber darstellten, die Rabbi Jesus salben wollten und den Engel
trafen am Ostermorgen. Langweilige Sachen wurden daraus in den

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Osterspielen und Passionen, wo tagelang hunderte Menschen paradierten
von Benediktbeuren bis Innsbruck, bis man schließlich mit Zoten die
Angelegenheit würzte und Christus den Stuhl wegzog, als er sich setzten
wollte. Die Rosenblüt und Sachs und die ihren brachten in die
verdrießlichen Bibelszenen wenigstens Charaktere und feuerten um sich
gegen Ritter und Papst, vor einigen Jahrhunderten spielten sie in Uri bereits
nationalistisch den Tell. Die Kleriker riefen die Jesuiten zu Hilfe und diese
erfanden den bewegten Rhythmus kolossaler Barockmassen und den
sensationellen Klamauk musikalischer Aufzüge.
Es war an der Zeit, daß englische Akteure mit Marlowe und Shakespeare
nach Deutschland kamen und dort den Stand der Schauspieler erstmalig
gründeten. Sie lehrten die Deutschen ihr Gesicht zu mimischen Grimassen
überhaupt erst zu verziehen, man lernte, was Tragödie war, und neben den
italienischen Lazzis, neben Jean Potage und dem Pickelhäring der
Holländer zog in der Komödie Hanswurst in Deutschland ein.
Nun kam Molière. Um Stil, koste es was es wolle, zu kriegen, krampfte
sich Gottsched, der klüger war als die ihn verlachen, an Boileau und
Aristoteles und schlug den Hanswurst übers Maul. Klopstock fürwahr
brachte mit seinen sechs Dramen kein Theater auf die Höhe einer
Gesellschaft, worauf Lessing wieder englisch auf Natur die Le Nôtre’sche
Pallisade säuberte. Dann ging die Führung von den Dichtern völlig zu den
Akteuren über, wo der Schauspieler Schröder die neue Nüchternheit mit
seinem Organ beschwingte, Iffland die Schauspielerei wieder vom Kothurn
ins Aufgeregte und Mimische zurückriß, Devrient das Zerblätterte ins
Feurige des Eindrucks wieder hineintrug. Grillparzer floh zwischendurch
ins Griechische und Genial in der Kolportage . . . . . Uhland verfaßte „Herzog
Ernst.“ Da Sie ihn nicht auf der Schule lasen, sind Sie einen Faden näher
der Seligkeit wie ich. Wir sind in der Gegenwart.
Was sahen Sie? Entwicklung des deutschen Dramas? Sie sehen einen
Raubzug. Man brach aus nach allen Seiten, plünderte Stoffe, holte Stile,
suchte ein nationales Schauspiel. Man ging in freiem Ringkampf, catch as
catch can, in die Arena der Völker, um ein Theater zu erwerben und
eroberte die interessantesten Dinge. Aber was die Deutschen nicht besaßen,
ließ sich nicht erwerben. Ihr Theater war immer das von anderen und von
anderen nicht das Beste. Und war wie eine photographische Platte
höchstens genial in der Kolportage von Fremdem, auf unserem Boden aber
nie ein Stamm und ein Wuchs.

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Das große heutige dramatische Theater der Deutschen um Fürsten und
ältere germanische Herrschaften und unverständliche Riesenleidenschaften
ist, wo man Gesellschaftliches und Zeitgemäßes will, nunmehr nur
komisch. Das alltäglichste Wort „Wie geht es?“ heißt russisch: „kak
poživaješ“ und schwedisch: „hur står det till?“ Was hält so irrsinnig
andersredende Menschheit zusammen außer der Geste überkommener Sitte
und Gesellschaft und ihre Mimik. Ihren Gesichtsausdruck mußten die
Deutschen aber von den Engländern lernen, ihre Sitte von den Franzosen, es
gibt heute weniger wie je ein Theater, das von der Oberfläche her die
deutsche Zeit und Gegenwart aussagt. Die schweren in dramatischer Form
gebotenen abstrakten und längst abgetakelten Mammute, mit denen die
Dichter immer noch am Zaum erscheinen mit der Bitte um gefälliges
Interesse, ersetzen nichts, sondern machen den Zwiespalt grotesk. Unruhs
Schick, ihnen eine messianische Predigt an die Gegenwart am Schwanz
prophetisch anzuhängen, ist die unkluge Geste eines sehr begabten Kopfes.
Solches Theater mit Weltausmaß, ehernen Ewigkeitsfiguren,
Muskeldramen, Heroen mit Lotosblättern um die Gelenke, Shakespeare
solches Theater: die Welt in tausend Personen, aber den Gigantenapparat in
genialer Hand wie geölt, das hat der Shakespeare nur gekonnt. Aber er fügte
auch die atemlose Spannung hinzu, schuf Menschen, nicht verkrampfte zu
Lebewesen zerboxte Ideen und hatte Rollen von solcher Vielfalt, daß er sie
gleich wie aus einem Füllhorn durch seine Schöpferzunge meteorhaft über
die Erde blies. „Shakespeare enfant“ sagte Hugo zu Rimbaud, es war ein
Kompliment an dessen lyrische Wildheit. Für unsere Dramatiker gesagt ist
es ein Witz. Aber auch für den britischen Hünen war seine Urwelt, die er
schuf, nur die Epoche seiner Fürsten, seiner Kriege und seines Adels.
Weiter nichts. Aus diesem Humus, nicht aus seinen Fingern gesogen kam
ihr Mark und Menschtum. Im Knochen unserer Titanen ist Tinte, Wasser
und etwas Idee.
Da wir so viele Solostimmen aber kein Orchester besitzen, ist jedoch
immer viel Lärm derer dagewesen, die den Stil erzwingen wollen. Da die
Scharfschützen nicht von der Mitte aus schießen können, zielen sie von der
Peripherie nach der Mitte. Nirgends wird daher der zeitgemäße Ausdruck
übertriebener gesucht wie in Deutschland, kein Land färbte den
Naturalismus so widerlich, spitzte die Stilzeiten so nadelscharf, walzte den
Impressionismus so plump und gellte jede Kunstrevolte so exotisch in das
friedliche Land. Wir sind bei Gott auch in Dingen der Kunst ein freudiges

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Negerlager, während sonstwo man versucht ein Haus zu bauen und Vater
und Sohn statt ewigen Racheschwüren sich befriedigt nach dem Kampf die
Hand schütteln. Sie fahren sonstwo alle im selben Schiff und wissen es,
reden im gleichen Parkett, tauchen im selben Sumpf. Die Akteure spielen
wie ihresgleichen, die nicht diesen Beruf erwählt haben, wenn sie im Métro,
in Hasselbaken, in der City, am Lido, in Kopenhagen sich bewegen. Sie
haben daher Theater. Wir haben nur Regisseure. Sie haben die bessere
Schauspielerei. Wir haben die amüsanteren Kerle. Die Ausländer spielen
auf das Menschliche hin durch das Medium Sarah Bernhardt ihrer nationalen
Gebärde, die Deutschen aber spielen für den Mond. Das heißt, daß unsere
Ensembles nichts taugen, daß wir aber manchmal vortreffliche Schauspieler
haben.
Ich habe Schauspieler fast der ganzen Welt gesehen, ich fand Bassermann
besser als Coquelin, Kraus amüsanter als Anders de Waal, die Durieux
größer als die Bosse. Aber was sie boten, waren Leistungen, die man
bestaunte und waren nicht vorzügliche Selbstverständlichkeiten. Als die
Sarah Bernhardt mit französischen Kolonialleoparden über den Boulevard
fuhr, tat sie es, um in zehn Roben bei fünf Gerichtsverhandlungen
erscheinen zu können und die Quittung an den Abenden ihres Spielens vom
Publikum zu erfahren, nicht für ihre Reklame, sondern für ihren Mut und
ihre Phantasie, Nationaltugenden, die das Publikum bei ihr akklamierte.
Wenn sie aber, die vollendetste Tragödin, an der Rampe sterbend und grün
schon, während das Publikum vor Rührung weinte, ihrem Nachbar
zuflüsterte „Merde“, so bewunderte ihr Publikum in diesem Zwischenfall,
wenn es ihn später erfuhr, nicht die Unanständigkeit der reizenden Gebärde,
sondern die Ironie der Überlegenheit, die selbst das Sterben meistert, und in
der es eine der besten Eigenschaften des Volkes sieht. Das ist Theater und
das ist Gesellschaft. Man kennt und bestätigt sich gegenseitig.
Es gab einen Deutschen, der auch diesen Zusammenhang herzustellen
vermochte, wenn auch auf seine Weise: Wedekind. Ich sah ihn, sehr jung
und wenig auf Kunst eingestellt, und war d’accord mit der Masse, die sich
krumm über ihn lachte. Ich lachte herzlich und begriff nach Jahren, daß ich
unbewußt das beste Deutsche damit verraten hatte. Aus seiner
dilettantischen Spielerei reckte sich mit der ganzen Größe dichterischer
Gewalt die Inbrunst des größten deutschen Dramatikers mit barocker, wenn
auch unglücklicher nationaler Gebärde. Ich begriff das, nachdem ich von
den Niggern bis zu den Japanern und den Provençalen Wundervoller Wedekind

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Theater gesehen habe. Es ist natürlich Schwindel, schauspielerische Kunst
als heroisch oder lyrisch, naturgemäß oder gotisch flankieren zu wollen, da
es nur darauf ankommt, ob ein Bursche Blut hat und sich aus einem Körper
in den andern zu schmeißen versteht. Ach Wedekind verstand keines, denn
er war hilflos wie ein Kind auf der Bühne, aber er suchte, mit der Klarheit
seiner Dichtung im Auge, die Figur dazustellen, die ihm, wenn auch
anklagend, das Zeitbild schien. Der besessene, barocke, ringende und zu
wundervoller Plastik sich bildende Mensch, mit Grübelei und Glanz um das
Haupt, wuchs über ihn hinaus, denn je mehr sein Schauspielertum versagte,
um so gewaltiger stieg die Kraft des Dichters aus ihm, ein berückendes
Sinnbild deutscher Art.
Er war genötigt, sich selbst auf die Bretter zu stellen, da die Akteure
seiner Zeit ihn nicht zu spielen vermochten, sie waren nach klassischen
Attitüden oder platten Gemeingültigkeiten hin abgedreht. Sein Beispiel aber
hat nicht umsonst gewirkt. Ich sah an jeder guten schauspielerischen
Leistung in Deutschland etwas von dem gleichen Zauber, ob einer nun starr
oder brillant, mit Feuerwort oder der Quaderstirn das Schicksal zu höhnen
versuchte. Zwischen „Hidalla“ und „Wozzek“, zwischen Grabbe und
Wedekind liegt der deutsche Stil und nicht zwischen Iphigenie und Ibsen.
Das Publikum weiß nach soviel Verwirrnis nicht, wo die Quellen der
nationalen Schauspielkunst liegen und schreit nach „Nora“ und
Wildenbruch, aber die Selbstbewußtheit und der Instinkt verantwortlicher
Spieler sollte sie ihren Traditionen wieder zuführen, indem man Wedekind
spielt und da ansetzt, wo der Blutsaft deutschen Wesens einmal offen am
Mund eines gut Schlürfenden und Erlesenen lag. Das wenigstens darf im
Bewußtsein eines Volkes, das Amok gegen sich selbst läuft, und dessen
Landstriche rauchen von den Autodafés seiner besten Bürger, nicht verloren
gehn.
Die Eifrigen haben jedoch nicht versäumt, durch glänzende Hartung bis
Jessner Kunststücke zu ersetzen, was die Natur entzog. Wo das Niveau
versagte, hoben sich die Begabungen immer am steilsten ab, und was hier
nicht aus dem Volksbewußtsein wuchs, zimmerten die Regisseure. Man
spielte vor dem Krieg daher in Berlin so gut Theater wie kaum in der Welt.
Jedoch das waren Dressuren, die vorzüglich funktionierten, und man sieht,
daß, wo nach dem Krieg wirtschaftliche Zwischenfälle und die Gagen des
Films diesen Zirkel zerreißen, kaum in der Welt wohl so schlecht gespielt
wird wie in Berlin. Die besten Konstruktionen halten nicht ohne Basis und

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die genialsten Begabungen ersetzen keine Kultur. Natürlich ward es nicht
nationaler Ausdruck, wenn man die Oper, das mittelalterliche Jesuitenstück,
das antike Theater unter Scheinwerfer setzte und damit immerhin glänzende
Wirkungen schuf, aber dennoch war über seine Zeit hinaus, für die er keine
Verantwortung trug, Max Reinhardt wohl das stärkste Theatergenie unter
den Deutschen. Denn er besaß die Fülle der Gedanken und die Glut eines
Rhythmus und die Buntheit einer Phantasie neben der gestalterischen Kraft
des Aufbaues, daß bei ihm wie nirgendwo in seiner Zeit die Anmut mit der
Größe des Bildes sich paarte. Er hatte noch, zum letztenmal wohl, jene
saftige Lockerung der Bildgefüge, jene fleischliche Gerecktheit und jenen
wilden Duft der jungen Kraft, die sich selbstgefällig wiegte vor Jugend.
Was nach ihm kam und den Deutschen vorzuspiegeln bestimmt war, sie
besäßen ein Theater, war schon wilde Steeplechaise, und die Regisseure
waren mit Peitsche, Revolver und Gefrierkammern hinter den
Schauspielern her, denen sie wie Papageiherden jedes Wort in den Mund
legten und jede Bewegung einstudierten, daß die Vorstellungen manchmal
so begannen, als führe ein Blitz in ein Panoptikum. Man jagte von den
menschlichen Kräften zu den geballten Typen und man wechselte das Blut
gegen eine ganz neue aber nicht sehr tragfähige geistige Energie der Nur zwei
Dramatiker Routine. Mit seinem Hirn hält von Herrn Hartung bis Herrn
Jessner jeder große Spielleiter der Nachkriegszeit sein Ensemble
zusammen. Schießt man dem Mann eine Kugel durch den Kopf, ist das
Zusammenspiel entzwei, die Schauspieler entwurzelte Wichte und das
Geschwärm vom neuen Theaterstil der Deutschen eine geplatzte Blase.
Die Regisseure sind zu tief in die abstrakten Stile hineinmarschiert und
haben vergessen, daß Übertreibungen immer dekorativ werden und haben
über die Vergipsung ihrer Stücke vergessen, daß nur der Marmor eine Haut
hat, die Milde atmet. Immerhin sind die Regiezeiten der Hartung, Jessner,
Martin, Berger, Weichert, Viertel ungewöhnliche Steigerungen der
Einzelkräfte, und wo sie verarmten an Atmosphäre und Grazilität und Fülle
der bunten Gesichte, setzten sie dafür einen derartigen Willen zu
Monumentalität und Straffung, daß ihr Fanatismus fast Reichtum
vortäuschte statt Armut, die er irgendwie war. Sie taten allerdings nichts
anderes, als daß sie dem stark ins Steile und Zusammengepreßte
ausgeschlagenen Pendel der Zeit folgten, dessen wilde Kraft noch
Wedekind und Strindberg über Europa richteten, und das ein bedeutsames
Winken zu großer Sammlung war. Die beiden Dramatiker haben die ihnen

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folgende Generation ziemlich vorweggenommen, außer Sternheim und
Kaiser ist die dramatische Generation nach Hauptmann (abgesehen von
Hofmannsthal und Schmidtbonn) unwichtig. Hauptmann hat neben
Unzulänglichem, und trotz allem, ein paar wenige Stücke großen Wurfs und
starker Menschlichkeit geschrieben, von seiner Generation bleibt auf dem
Theater sonst nichts. Kaiser hat mit einem verhüllten melancholischen Ton
enorme quadrische Stücke geschaffen, deren Bau metallisch die Härte und
lieblose Konstruktion dieser Zeit herabblitzt. Sternheim hat seine Epoche
nicht mit der Wedekindschen Plastik, aber mit dem zugespitztesten Aperçu
auf die Bühne begleitet und manche bittere Entlarvung für die Nachwelt
vorgenommen. In beiden nähert Dompteure der Bühne sich Mitwelt und
Dichtung soweit, wie Angreifer und Angefallene sich nähern können, da ja
zu friedlicherer und menschennäherer Berührung kein Boden unter ihnen
liegt.
Doch sind die Regisseure, die dieses moderne Theater führen und das
vergangener Epochen in dieselbe Schwingung bringen, keine Minute
Erfüller einer nationalen Kulturstufe, sondern sie sind höchstens Könner.
Das Volk gipfelt nicht in ihren Bühnen, sondern sie zwingen etwas der
Masse auf. Sie sind nicht für sondern immer noch gegen die Gesellschaft.
Und sie haben kein Theater sondern irgendeinen verzauberten Ort, wo unter
Scheinwerfern und Suggestionen geschrien, gestrampelt, getötet wird, wo
aber, nie im Leben, das Volk sich edel spiegelt. Wenn sie den Ehrgeiz aber
haben mit etwas wenigstens kongruent zu sein, so ist dies das irrsinnige
Tempo einer mörderischen Zeit. Sie sind genau so Dompteure ihres
Säkulum statt seine heiteren Erklärer, ebenso wie die Dichter statt der
liebenswürdigen Former die Prediger ihrer Zeit geworden sind.
Denn ihnen fehlt die Festlichkeit und die Heiterkeit der Luft ihres Lebens
und die Anmut jener Fruchtbarkeit des Geistes, die eine Dichtung wie einen
Obstgarten am Bodensee überbauscht. Sie haben alle etwas zu sagen und
vergessen das Blut in ihre Figuren zu pumpen und wissen nicht, daß sie
doch nur Aufsätze und Ansichten gebildet haben mit den Körpern der
Menschen, und daß diesen Puppen ihre Gescheitheiten und Lebensansichten
purpurrot aber gedruckt zum Hals heraus hängen. Neun Zehntel der
Dichtung ist Essai und Dreiviertel der Dichter sind Juden. Es scheint, das
auserwählte Volk solle uns über die Zeit namenloser Zersplitterung, wenn
auch nicht in Jehovas feurigem Wagen, so doch in einer klugen
Gewandtheit und mit zusammengepappten Rossen über den Abgrund

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tragen, bis die Dampfwolken besserer Landeplätze zum deutschen Wesen
weisen.
Wir sind von Natur aus wenig für Üppiges bedacht, die . . . . . die der Teufel im
Dampfbad schälte Natur gab uns einen kurzen regenschweren Sommer, kühle
Nächte und wohl raffinierte Übergänge, aber ein scheußliches Klima ohne
Goldton und ohne die ehern gefärbte Kantate eines begeisterten Himmels.
Deshalb sind wir auch nicht das Volk der Pantomimen. Wer eine
Segelregatta an südlichen Buchten sah, einen Stierkampf bei den Pyrenäen,
weiß, daß der Sinn für Festliches, den die Skandinaven wiederum
stahlblond und feurig besitzen, uns versagt ist wie das Geld, das diesen
Aufwand in der Wage hält. Nie hätte eine Anlage wie Versailles, nie
Madrid, nie Rom entstehen können ohne die Voraussetzung von Völkern,
die ihre Freudigkeit zum Leben dadurch betonten, daß sie dem Leben
hymnische und weite Gesten entgegenschlagen konnten. Wir Deutsche sind
seit dem Verlust des Mittelalters nicht mehr genug Kinder, aber auch noch
nicht so ins Ernste gestraffte Männer, daß wir den Prunk von beiden Enden
des Lebens her lieben könnten. Wir geben dem Dasein eine kluge, aber
nicht einmal schöne Wahrheit an den Kopf. Aber wir leben uns nicht
unbekümmert, wie aus dem strahlenden Meer steigend, aus dem Leben
selbst heraus. Wir sagen Dinge aus, aber wir leben sie nicht. Unsere
Dichtung ist darum Essai, aber was ist unser Essai?
Er liegt da wie die Magd, die der Teufel im Dampfbad schälte und von
der nichts zurückblieb als die Haut, an der aber die Augen, die Haare und
die Nägel sich noch befanden. Es fehlt der Saft und das Fleisch. Wie im
Theater die landläufigen Gescheiten und die gealterten Kritiker nur zwei
Schablonen kennen, die Posse und die dunkle Tragödie, aber nicht das feine
Lustspiel und das gepflegte Schauspiel, so gibt es unter den Schreibern über
Zustände und Dinge nur Affen und Genies. Die deutschen Schriftsteller
haben eine wundervolle Begabung einfache Dinge zu verwirren, indem sie
dem klaren Kern eine Elefantiasis ins Geistige anwachsen lassen, oder
indem sie hochstehende Dinge in der albernsten Form zum Vortrag bringen.
Sie wissen nicht, daß es keineswegs Lob des überlegenen Schriftstellers auf die
Dinge ankommt, sondern auf den Schriftsteller, der sie schreibt, und daß es
dessen Pflicht ist, das dunkle Geheimnis des Seienden in eine muskulöse
und adlig gebogene Form der Eleganz vorzutreiben, den leichten
Angelegenheiten aber die angenehme Schwere der Bedeutsamkeit
hinzuzufügen, die ihnen die Grazie nicht nimmt. Was wäre der Griechenzug

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durch Asien ohne Xenophon, wäre der wackre Mann Agricola ohne Tacitus,
was bedeuteten tausend Menschen und Vorgänge ohne den Schriftsteller,
der sie faßt und in bedeutsame und repräsentative Form bringt? Cäsar
schrieb nicht wie ein General, sondern wie ein Autor. Napoleon nicht wie
ein Kaiser, sondern wie ein Mann von Geist. Die deutschen Schriftsteller
schreiben ihre Essais wie Bajazzos oder sie verfassen sie wie Alchimisten,
denen daran gelegen ist, ihre Meinung nicht kristallen herausspringen zu
lassen, sondern sie möglichst zu verbergen. Sie schreiben wie
Geheimbündler, aber nicht wie Gentlemen.
Sie müßten natürlich allerdings die krummen Gänge und Qualen des
Geistes, sich zu seinen Klarheiten durchzuringen, an der gestrafften
Struktur der Sätze und der edlen Gebogenheit der Gedanken erkennen
lassen, aber vor allem auch bestrebt sein, das Schwierige mit jener Anmut
zu mildern, wie man das im Leben gemeinhin auch tut. Schon Fichte
schrieb im Nachwort seiner Schrift über die französische Revolution (wo er
noch nicht um den nationalistischen Schreibstuhl gewunden sich nach der
Freiheit hin zu drehen suchte, sondern wo er fast anarchisch europäische
Ideen fauchte), Fichte schrieb, man klage, er sei zu dunkel. Er meinte, wolle
nur das Publikum sich bemühen ihn aufmerksamer zu lesen, verspreche er
auch, faßlicher zu schreiben. Er wußte, daß durch das gewohnte platte und
ungepflegte Zeug der Tagesliteratur und Zeitung das Publikum entwöhnt
war, dem Gang der Feinheiten in der Sprache zu folgen. Aber er wußte
auch, daß es für ihn ebenfalls darauf ankam, mehr zu dem Blutsaft des
Ausdrucks vorzudringen, als im Nervendämmern hängen zu Sprache ist man
selbst bleiben. Er meinte, wenn er sagte „faßlicher“: durchsichtiger,
fleischiger, fester. Er meinte nicht, wie Dummköpfe ewig zetern:
grammatikalischer. Denn Sprache ist keine Starre und vor allem in ihren
Regeln eine nur zur leichteren Erlernbarkeit hergerichtete Dressurübung, sie
ist vielmehr eine tropische Frucht, die wächst, vor Lust bebend, in alle
Zonen des Traums und der Wirklichkeit, sie ist keine Logik, keine
Lehraufgabe, sondern ein Tier wie die Erde selbst, die atmet vor Ewigkeit,
sie ist ein Material weiblich und köstlich bereit für jede höchste Erkühnung,
wenn nur der Meister kommt, der sie glüht und treibt und verführt nach
seiner Kraft und seinem Genie und seinem Ehrgeiz. Man müßte
zehntausend Herzen nur haben, um aus ebensoviel Kraft die Sprache klirren
und sich bäumen zu lassen vor Duft und Bewegtheit. Sprache war nie ein
Vorwand, sondern ist man selbst.

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Da man dem Essai, statt ihn zu durchbluten, noch Saft für alle möglichen
Sorten der Dichterei abzog, wankt er mit schlotternden Hüften in
Deutschland herum und sucht Unterkunft bei ländlicher Kost oder bei
pompösen Reitern. Ihn juckt es Pamphlete wie des Hutten und Luther zu
reiten und unter des Büchner Schenkelschwung als falber Hengst die
Sprünge der tapferen Jugend zu machen. Er war es gewohnt daß man ihn
drillte, wie eine Nadel scharf und voll Kreiskraft wie ein Adler zu sein, die
hochmütigen Gesten mit der Schärfe des Säbelhiebs in sich zu tragen, die
großen Landschaften al fresco hinzuhauen, als käme er aus Tiepolos
schöner Hand und die flammenden Sehnsüchte an einem Horizont voll
Dunkelheit festlich aufzuziehen. Ihn gelüstete immer nach gefitzten
Abenteuern der farbigen Ideen und langen ritterlichen Zügen durch das
unterirdische Dunkel, bis er aufwuchs wie ein Liebling der Schöpfung,
gehärtet zu edelstem Ausdruck, feurig und schmiegsam und voll Haß wie
Liebe ausgewogen in den Hüften.
Wie war noch Heinse die Leiber antiker Statuen mit ihm so glücklich
nachgezogen, daß diese Schilderungen, die schon Essayisten Gesicht und
erhöhtes Traumbild waren, bebend vor Kraft im Morgen der Sprache
standen. In vornehmer Sachlichkeit behüteten ihn stets dann einige Braven.
George lehrte ihn den byzantinischen Stelzschritt, aber es mißlang ihn auf
die Würde der Brokate festzulegen und es wurde, anders wie im Gedicht,
dekorativer schlechter Jugendstil. Hofmannsthal und Rilke schickten ihm
das Flimmern und die Magie der wie unter Wasser gemalten und
gehauchten Sätze, sie bogen ihn samtartig bis an die Gefühle, aber sie
faßten ihn nicht, sondern ließen die Atmosphäre der Gedanken irisieren und
begnügten sich mit diesem bengalischen Spiel. Borchardt fügte dem noch
die Wirrheit einer Üppigkeit hinzu, die aus sich selbst wuchernd wie eine
Pergola sich zuzog und mit mächtigen Bögen sich verrenkte. Zur Helligkeit,
die mit der Weisheit benachbart ist und der Anmut, die der Schlagkraft nicht
ermangelt, führte ihn René Schickele, der manchmal schon nah an den
Gesang ihn brachte, während die tapfere Frau, Annette Kolb, wie Heinrich
Mann, aus dem Gallischen die Verstandesschärfe nehmend, ihn fast antik in
der ruhigen Haltung bauten. Wilhelm Michel verstand der Schwere der
Gedanken Musik zu geben, daß sie auf einer makellosen Sprache mit
schönen Linien flogen, Max Krell und Kesser setzten ihn auf das behutsame
Postament einer gläsernen Intelligenz. Kerr, meisterlich, ritt ihn aber in alle
Gangarten, schlug den Eindruck zu plastischer Form und traf mit dem

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nächsten die bunte blumige Fülle und zog die Landschaft an sich heran, was
außer dem kleinen malerischen Idylliker kaum einer konnte. Die
Österreicher, die auf Geselligkeit des Geistes immer bedacht waren, haben
ihn spielender gehandhabt. Der gescheiteste Mann Österreichs, Hermann
Bahr, hat ihn liebenswürdig gepflegt in der Disputation über die Dinge des
Tages. Stefan Zweig hat ihm eine außerordentliche, nicht flammend feurige,
aber edel entflammte Haltung gegeben, mit der er das Profil bedeutender
Menschen festhielt. Die deutschen Aktivisten haben ihm den Vergiß nie diese
weihevolle Stunde Imperativ wieder geschenkt, Kurt Hiller hat Schärfen des
Hiebes in seinen Schwung gebracht, eh’ er begann nur noch in die Luft
damit zu schlagen. Der größte deutsche politische Schriftsteller, Maximilian
Harden, hat ihm eine Bildung, eine Kraft, einen Eifer, ein Gewicht und
durch die Jahrzehnte der Verwilderung eine wöchentliche Erhabenheit
gegeben wie keiner vor ihm. Geplaudert hat ihn Wiegler, sichere
Gescheitheit der Zeit gab ihm Hübner, köstlich gescheite Nüchternheit
Dornseiff, Theodor Wolff führte in der Journalistik ihm in Deutschland
seltene Anmut zu, als Kritiker der bildenden Künste haben ihm Meier-Gräfe
männliche schöne Haltung, Hausenstein die Differenziertheit, Däubler fast
erzählerische Farbe bewahrt. Was bleibt? Drei fast runde Nummern. Zu
wenig. Es müßten hundert sein. Sie haben aber alle irgendwie
Taucherrüstungen, und wenn Borchardt noch schwimmt, sind das seine
schlinggewächsigen Sätze, die wuchern, nicht er, und wenn Hiller einen
Raubzug antritt, trägt er nicht Beute ins Positive, sondern er hat mit
Domestiken ein Gezänk. Selbst Schickele biegt manchmal, verführt von der
schönen Fahrt seiner Gedanken ab von den Urteilen und bestimmt nicht,
sondern schildert. Harden, Deutschlands politischster Kopf, vermag nur das
Urteil neben den Zustand zu setzen und die Anmut dem Angriff
beizugesellen und aus Puppille und Ausscheiden und Vorschnellen der
Begriffe und Gebären des einkreisenden Wortes das Ziel wie eine Frucht zu
treffen. Kerr reitet es herunter. Es sind nur noch zwei.
Zu einem Mädchen, das er gehabt, sagte der blondperückte Übersetzer
Shakespeares: „Liebes Kind, vergiß nie diese weihevolle Stunde, wo A. W.
von Schlegel dich küßte!“ Ich nehme an, daß der Geck sie auf den Mund
liebkoste. Die deutschen Essayisten haben dieselbe Gespreiztheit, aber sie
haben ihre Muse mit dem gleichen Hochmut nur auf den Hintern geküßt.
Sie haben nicht genug Geist, um klar sein zu können und sie verfügen über
zu wenig Kenntnis der Heine Welt, um einfach die Zeit zu erblicken, sie

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besitzen daher genügend Anmaßung, um das nicht einmal eingestehen zu
wollen. Ein Essai ist kein dürrer Gaul, aber er ist auch keine fette Dirne. Er
ist: man selbst.
Kam aber einer, der von dem liebenswürdigsten der Lessingperiode, von
dem Peter Helfferich Sturz die Grazie, von Merck die Ironie, von
Lichtenberg die tolle Bitterkeit hatte, kam ein Hahn, so schön wie Heine
und prunkte seinem Erbteil noch den Kampfruf von europäischer Höhe
hinzu, so schmähten ihn die seichten Enten der banalen Gewässer, aber die
großen Chemiker der Prosa höhnten: Journalist. Ist dies Land nicht seltsam,
wo die Berufe sich miteinander bombardieren, ein Musiker ein Schuster, ein
Dichter ein Reporter, ein Journalist ein Schwärmer gezankt wird und wo
Keiner Respekt hat vor der Vollendung, die jedes Handwerk zu erreichen in
der Lage ist?
Geliebter Heine! Welche Fülle saß hinter seiner Glätte und welche
Tapferkeit nistete in seinem Hohn. Welche Reife über seiner Eleganz und
welche Idee hinter der zart gefalteten wasserklaren Verästelung der
Begriffe! Ihm war der Tiefsinn nicht fern, und wenn er der schlechten
Dunkelheit der Deutschen spottete, war er ihnen näher, weil er sie liebte, als
wenn er mit Lot und Blei ihnen in ihren Wirrwarr gefolgt wäre, den er
verachtete. Er konnte auch dies. Aber er wußte, daß es nicht darauf ankam,
die Welt zu verschleiern, sondern ihr Geheimnis zu zauberschöner Figur zu
enthüllen.
Er hat die schönste deutsche Prosa geschrieben, hat die Landschaft erlebt,
seine Feinde gezüchtigt, seine Hasser übergangen, hat verachtet und maßlos
Deutschland geliebt und um die Freiheit geworben wie ein Geliebter, und
hat seine Sprache mit seinen Gefühlen durchschritten wie ein Page so
erlesen und wie ein Gentleman so groß. Er hat versucht Sprache
gesellschaftlich zu machen, und hat sie wahrlich aus den schönen Wäldern
und aus den unklaren Schwülsten in die Üppigkeit eines noblen Barocks
geleitet. Da aber schrieen Die beiden Steuerruder genial erscheinende Strizzis, es
habe zur Journaille hin gemeutert. Er hatte aber nur die Flüssigkeit einer
Höhenlage erreicht, die ihn über alle in ihren Goldton stellte. Dann starb er
im Exil, furchtbar von den Göttern heimgesucht, die ihm zu seinem
Siechtum immerhin die Gabe nicht vorenthielten, es mit der inneren
Schönheit seiner Sprache wie ein Genius zu überstehen.
Nichts, Mijnheer, wird uns gegeben, was wir nicht zahlen müssen, und
für die Höhe jedes Glückes wird uns die Rechnung eines Tages gewiesen.

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Sie wissen es wie ich und ahnen, daß gutes Leben und beneidetes Schicksal
nur in der Kunst besteht, mit der wir diese Narben maskieren. Tyche, die
Glücksgöttin, die der Okeanos auswarf, hatte zwei Steuerruder in der
gleichen zarten Hand, das des guten und das des üblen Ausgangs und lenkte
sie, wie es ihr gefiel, indem sie die Sterne ansah, aber die wirklich
Lebendigen haben immer ebenso wie die Spieler an sie als die nur richtig
und glückhaft Steuernde geglaubt, weil ihre Steuerung oft ins Rechte führte.
Schon Pindar jubelte ihr als dem unbedingt Glückbringenden zu, und der
Sklave Servius Tullius setzte ihr Tempel, als er auf dem Throne saß. Man
muß nur vertrauen.
Höben Sie jetzt ihre kleine Pistole Mijnheer, so schössen Sie ins Nichts,
denn was sollten Sie anderes treffen als das heulende Dunkel um den
Schnee. Und doch lockt es mich hinaus von den Kerzen, und von den
verschneiten Wäldern zog es mich die ganze Nacht schon in die
Dämmerbläue des Südens, obwohl ich nichts weiter wünsche, wie noch
Wochen auf dem Berg hier zu bleiben und die Kämpfe des Frühjahrs mit
dem Firnschnee zu sehen und zu empfinden, wie die schwarze Sonne des
Mai die Matten auflodert zu Wolken von Geruch und den Schneeharsch der
Nordseiten mit dem gierigen Maul der Panterin beleckt. Aber wie lockt
mich toll der Gedanke an Brioni, daß ich den Hafen von Marseille wieder
sehe und das Donnern der Jetée vor dem Blumengarten von Genf wieder
höre. Es reißt uns immer aus einem Zustand des besitzenden Weiterleben
Glücks in die Leere nach neuem und, seltsames Widerspiel der Kräfte, trägt
uns die Blutfahrt von der Eroberung zu dem Verlassenen zurück. Welches
Glück, welche Wanderschaft, mit der wir kreisen um unsere Achsen und,
ach, welches Vertrauen, daß Tyche das Steuer richtig warf.
Im Norden Schwedens erzählte mir der Dichter Didring, daß es ihn treibe
aus den wundervoll gewellten Wiesen, aus den Wäldern mit dunkelblauen
Schatten Skånes und Smålands, im Lauf der Jahre, in die Gletscher
aufzubrechen, die das Gebirge zwischen Lappland und Rußland formieren,
bei den Bahnarbeitern in Baracken zu leben wie ein Hund, die Sonne
aufgehen zu sehen wie einen geliebten Stern der Heimat und dann wieder,
das Herz von Entbehrungen voll wie ein Wolf aber in Glück gebadet, zu den
rauschenden Pappeln und den Silberwinden seines Südens zurückzufahren.
Welcher Widerspruch, Mijnheer, der Gefühle, und wo, wenn dies unsere
Wegfahrt ist, fängt Glück an, hört Glück auf? Denn, wenn es da ist, fühlen
wir es nicht, und wenn es war, wissen wir es wohl, aber es ist schon

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Legende hinter den Wäldern und Jahren. Man legt sein Leben daran, es, wie
die bengalischen Jäger den Tiger, mit Raketen aufzujagen und erkennen
später vielleicht einmal, daß unbeachtet von uns, in der stillsten Stunde, auf
einfachstem Lande, das Glück uns die Bestimmung und die lichteste Minute
auf die Schultern warf. Was wollen Sie, was bleibt?
Weiterleben.
In Elis stand Tyche schon groß neben dem kleinen
Halbgott der Stadt als die Schützerin, denn man glaubte so stark an ihren
guten Wurf, daß sich die Zuversicht schon zum Monument verdichtete.
Aber man war nicht gesonnen, anzunehmen, daß das Steuer nach der
dunklen Seite falle, und die recht Lebendigen haben den Gedanken, daß das
Furchtbare komme, stets mit der überlegenen Lache behandelt, mit der aus
dem vollen Prunk des Rokoko der Herzog von Lauzun von dem
Miserabelen sprach: „Ich mit verzehnfachten PS behandelte es nach
Kavaliersitte, es wurde zur Treppe hinuntergeworfen.“
Als wir vom Theater sprachen, dachte ich einen Augenblick, es sei
vielleicht an der Zeit und ein guter Stil, die alten Häuser der Melpomene
abzubrechen und mit Autos und Zelten durch die Hauptstädte der Welt und
ihre Landschaft zu rasen, und, wo die Entfernungen nichts mehr gelten, die
Kulte der Völker, von ihren wild gewordenen Maschinen aus,
durcheinanderzuwerfen und so einen großen Stil der internationalen
Vaganten wieder zu kreieren, aber auch die Völker wie mit Blitzen
untereinander und ohne die üblichen Sentimentalitäten zu befruchten. Der
Flieger Manucci stieg mit seinem Zweidecker über die Poebene und streute
aus viertausend Meter die Asche seiner Geliebten auf das Land, das er
liebte, und auch in seiner modernen Geste stak die sinnbildhafte Liebe zur
Befruchtung. Warum sollte eine neue Generation nicht, da die alten Tempel
überall versagen, vom Tempo ihrer Zeit aus, auch wenn es verbrecherisch
ist aber wie alles Böse und Dämonische nicht ohne erhabene Schönheit,
warum sollte eine neue Generation nicht ihren Ausdruck und ihre
Zufriedenheit mit ihren verzehnfachten PS erjagen?
Aber als ich die Diva gereckt wie eine Liane und mit der Spannung der
großen Katzen über den Körper durch den Schneesturm in das blendende
Hell der Halle treten sah, reizte mich als das Zeitlichere die Filmform ihres
Lebens. Denn diese Leute haben nicht nur Erfolge, sondern auch Wirkung,
sie geben nur ihre Körper hin, aber sie sind nicht verpflichtet ihre Seelen
hinauszuspeien. Sie haben den Beifall und das Publikum der Millionen, sie

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erreichen die Schichten der Menschheit, die keine Zeitung, keine
Mobilmachungsordre, kein Gesetzbuchparagraph, selbst kein Beauftragter
Gottes mehr erreicht und sie haben den einzigartigen Vorzug, daß sie nicht
an die Sprache ihrer Heimat, sondern an die gesamte Menschheit nur
verpflichtet sind. Welche Breite, welcher Radius.
Kunst ist: mit Dreißig Jahren . . . . Aber auch welche Fülle, wenn sie aus den
elektrischen Kanonaden der Ateliers hinaustreten und ihnen, denen die
Landschaft der Natur in ihrem Gewerbe lieblich schaukelt wie keinem
anderen der Berufe, heute von den Sprunghügeln des Engadin
herunterfegen können und morgen die Motorjachten des Züricher Sees
überfüllen, später den Bobsleigh in Oberwiesental führen, Skijöring in
Partenkirchen, Fuchsjagd über den Schnee Oberhofs und Kitzbühls treiben,
auf den Kamelen von Tunis schwanken und ohne über einen Scheck von
märchenhafter Größe zu erbleichen, sich beim Valutastand von einigen
Tausend auf den Dollar nach den Prärien von Texas, den
Quecksilberurwäldern Mexikos und den Bergen des Dalai-Lama
aufmachen. Dies Leben ist zeitgemäß wie nur eines, denn es verneint alle
Schwierigkeiten der wirtschaftlichen Krisen, hat die Richtung nach der
natürlichen und prunkvollen Erhöhung des Daseins, ohne dabei seinem
Wurfspieße zu entgehen oder sein Dunkel nicht zu kennen. Es ist allerdings
keine Kunst.
Aber was ist Kunst? Gehen wir schlafen. Denn die Sehnsucht nach der
Festlichkeit anderer Völker, nach Walpurgis auf Hasselbacken, nach
Micarême in Paris, nach der Weihnacht der Magyaren schneit mit dem
Triebschnee gegen die Züge der Fenster. Kunst ist: mit Dreißig Jahren sein
Leben auszubalancieren, daß die Leistungen aber auch der Genuß in die
erste Reihe des Möglichen treten. Je suis l’ami des bons jours. Aber ich
liebe die Nächte auch. Schlafen Sie tief, aber nicht lang. Das Wetter ist ein
Weib und wirft uns vielleicht Sonne durch den Morgen herein.

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Die dritte Nacht

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D Wären Sie eine Frau . . . . as Wetter ist ein Weib, Mijnheer, die Sonne hat
geschienen und in den Kerzen liegt noch das beglückende Gefühl
dieser Minute, als das Gestirn, selber zitternd vor Wonne, die
Riesenschleife über das Bärental begann. „Apportez-moi une femme,“
schrie Bonaparte nach Marengo, er hatte das Wunder abgeschlossen und
begab sich zu seinem Widerspiel in den Realitäten.
Wären Sie die Frau, Mijnheer, mit der ich vor Jahren einen halben Monat
hier oben verbrachte, ich spräche lieber zu ihr wie zu Ihnen heute und ich
sagte ihr statt Ihnen, weil man Gedanken aus einem Zustand der
Beglückung nur an einen Gegenstand des Glückes zu adressieren vermag,
ich sagte ihr:
„Liebe, im Schloßgrün Favorits ließ ein früherer Markgraf einen Türken
aus dem Bett seiner Gemahlin ziehen, enthaupten und stellte das Monument
seines Kopfs auf den lieblichen Brunnen, aber er vermochte nicht zu
verhindern, daß das Auge des Mongolen das Schlafzimmer der tollen Dame
mit einer mörderischen Melancholie im Blick hielt. Selbst den Tod tragen
die Männer durch die Kunst den Frauen wie eine Bereicherung wieder zu.
Wie viel heftiger muß ihr Leben jede Sekunde bereit sein, an sie
verschwendet zu werden. Säßest du statt an dem Kamin, dessen
Buchenfeuer dem Spiel deiner braunen Muskeln Salut knattert, nach sieben
Frühlingen und sieben Sommern, die du mit mir verlebtest, an einer Bai, bei
Sankt Malo am Hafen, in einem Fischerhaus Swinemündes, einer Villa
Partenkirchens, ich umgäbe dich nach soviel Leben erst mit Kunst. Aber ich
würde vorher versucht haben, dir alles zuzuführen, was an Entzückungen,
Werten und Erfahrungen, an Reisen, Steinen, Wollüsten und Leiden mir
zugänglich und auf dich übertragbar ist, so daß du erst aus dem vollsten
Rahmen und glücklichsten Reifsein des Daseins heraus dich zu seinen
seltsamen Spiegelungen in der Kunst wendetest, die manchmal noch
gelungener aber, gestehen wir es, nie so sehr Himmelfahrt sind wie es
selbst. . . . . durch das Leben zur Kunst Erst wenn man viel gelebt und fast alles
erfahren, manches genossen und das meiste durchforscht hat, bekommt der
Abglanz des gedachten und gestalteten Daseins jene wundervolle Süße, die
dem Lebendigen sein Dasein bejaht und gereinigt zurückreigt.

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Ohne das sind Bücher langweilig wie tote Ratten und das Leben nur hat
„chien dans le ventre“. Ein schöner Mann flößt, wie die Chronik sagt, den
Frauen Vergnügen ein, jedoch ein Buch von seinen Träumen allein dürfte
sie beträchtlich verkühlen. Ich weiß, daß ich die Leiber des Rubens und
Boucher und Ingres aber auch die der blühendsten Statuen erst begriff, als
ich reell wußte, wie süß die Vertiefungen an den Gelenken der Lebenden,
wie reich die Brüste, die mit der ganzen Wurzel den Busen umfangen, wie
herrlich die Kreise über den Hüften, wie rührend die Übergänge des
Brustkorbs und des weichen Unterleibes und wie heiß die Linien der
Schenkel und Waden aus dem Leben selber entgegenschlagen. Und auch
erst, als ich das dritte Jahrzehnt meines Daseins rastlos benutzte, alles zu
wissen und das Mögliche zu erfahren aber das Unausdenkbare selbst noch
zu erfassen, erst nach dem Gelebten gelang es mir in breiterer Fülle das
Gespinst der Kunst und des zu Gestaltenden bis in die Tiefen zu
durchprüfen, zu verwerfen oder zu begrüßen, je nachdem es unter dem
Anhieb vor Berufung brannte oder als Schwindel verknallte.
Kunst ist keine Sache neben dem Leben her, sondern springt aus dem
Dasein wie ein Tier aus der Mutter und wird begriffen nur durch das
Beispiel der großen Erzeugerin. Es ist verächtlich, der Kunst leben und das
gewaltig sie überrollende Leben nicht sehen zu wollen, aber jedes weit und
herrlich gelebte Dasein kehrt, zum mindesten in dem erreichten Gleichmaß
seines Wuchses, als Beispiel der Vollendung zur Kunst zurück.
Was man Frauen sagt, muß man vorsichtig sagen. Es wird zu leicht eins
vom andern getrennt. Als Herr Herwarth Der chinesische Gesandte Walden,
berühmt durch die Proklamation wichtiger Maler der Moderne und
scheinbar auch durch Kompositionen eigner Hand, in Paris bald nach dem
Krieg ein Konzert gab, schrieb er in seiner Zeitschrift, es sei ein immenser
Sukzeß gewesen, selbst der chinesische Gesandte habe als dem ersten
europäischen Konzert seines Lebens dem seinen beigewohnt. Der Gesandte
aber hatte lachend später gesagt, er habe geäußert, zwar detestiere er Musik
und sei unbeschreiblich unverständig auf diesem Gebiete, aber in
Anwesenheit so schöner Frauen (die ihn mitgebracht), habe er zum
erstenmal in seinem Leben es vermocht, einer Musiksache beizuwohnen bis
zum Ende. Ich will sagen, um mich deutlich zu fassen, es verdrießt mich zu
sehen, wie die Frauen mit Buddhas Sprüchen und Konfutses Epigrammen
und des Grafen Hermann Keyserling (in Darmstadt für die ihn
unterstützenden jüdischen Finanzleute Deutschlands modisch

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aufgezäumten) Freibeuter-Wahrheiten herumlaufen, Frauen, deren
Lebensradius kaum den Kilometer ihrer Heimatstädte durchmißt und die
von Kindergebären und Motorrädern ebensowenig wissen, wie sie
davonlaufen, wenn sie einen Epileptiker fallen sehen. Ich finde es komisch,
eine Blaugestrumpftheit gegen das Dasein zu züchten, statt die blassen
Literaturhyänen erst durch das erlebte Dasein auf diese Papiersachen
loszulassen. Es verdrießt mich, Sportmädels mit schönen Körpern mit dem
Strindberg und Dostojewski unter dem Arm durch die Landschaft rennen zu
sehen, als sei es nicht der offenbarlichste Greuel, zu so viel Frische so viel
wohl künstlerischen aber abscheulichen Ballast zu packen, und als gehöre
zu der Anmut der kühnen Jugend nicht die Feurigkeit und der freche Adel
eines apollonischeren Dichters.
Ach, es versteht niemand mehr heute die Kräfte und die Mittel
zueinanderzupassen, und die ausgewählten und füreinander bestimmten
Elemente des Lebens marschieren nicht zueinander. Die Frauen tragen
Kostüme, die ihrem Wuchs nicht entsprechen, essen Krebse im Frühjahr,
Gänse im Leben ohne Stil Sommer, Aale im Winter, und tragen Farben, die
barbarisch die Natur rebellieren, statt dem Beige der Birke im Herbst und
dem gedämpften Lila des Rhododendron im Frühling oder dem
gepflegtesten Grün der atlantischen Zeder im Sommer sich anzuschließen.
Sie treiben den Sport, der ihrem Körper nicht paßt, entblößen die Partien,
die sie verschweigen sollen, und verhüllen die Décolletés, die am
vorzüglichsten sie ehren. Sie fahren in Wagen durch die Parks, in denen
man an Fontänen auf dem Rücken liegt, und pilgern zu sportlichen Festen
in Wüsten von Sand und Asphalt, die man mit den schnellsten Motoren gern
flöhe. Sie reisen zu Zeiten, wo die Hitze jede Landschaft unerträglich macht
und verkennen die schönen Falten der Jahreszeiten, wo im anschwellenden
April und im ausgeweiteten Oktober der Glanz des Jahr-Beginns und das
Kupfer seines Endens voll Schönheit unser Klima überfunkelt. Sie wissen
ihre Zeit nicht zu ihrem Leben zu passen, scharen sich zu ihrem Widerpart,
treffen ihre Glückskrisen an den abscheulichsten Stellen, pflegen ihre
Körper zu den falschen Jahreszeiten und wenn sie suchen ihr Leben mit
dem Adel einer Haltung zu vereinen, züchten sie einen Geschmack von
Blech oder eine Kultur von Benzin.
Ihre Hände sind wohl manikürt und auf den Nägeln gerötet aber sie
haben nicht die glücklichen Linien beachtet und wissen die Siegeszeichen
und die des Todes nicht von denen der tötlichen Anmut und der

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Bestimmung zur rasenden Liebe zu unterscheiden. Sie haben Risse
zwischen sich und ihrer Umgebung, sind geblendet vor ihrem eigenen Blut
und wenn sie ihren Stil zu haben glauben, haben sie den Schwanz ihres
Bullis in der Hand oder das Hirn eines anderen in der Pfanne oder statt dem
Geliebten den Kühler des Autos am Herzen. Du lächelst. Ich rede wie ein
Père noble der französischen Bühne. Eine kluge Frau zu lieben, sei das
unbestrittene Vorrecht der Päderasten, sagte lachend ein Wüstling, aber er
wußte nicht, daß es Frauen gibt, die den Vorzug Leben nach dem Erleben
besitzen, ihren Verstand nicht aus den Schriften von Waldemar Bonsels oder
des Doktor Steiner aus Stuttgart, sondern aus einem alles klug
beherrschenden aber sich nicht versagenden Leben genommen zu haben.
Säßest du mit mir an jener Bai, über der Bucht von Sankt Malo, an einem
Hafen, in einer Villa von Rottach und wir dächten: wie sind wir gewandert,
welchen Genüssen und welchen Schmerzen haben wir, einander noch frisch
wie Geliebte, am Busen gelegen, da baute dann ich eine Welt wohl um dich
von Büchern und du durchschrittest sie wie den Spiegelsaal von Versailles,
der jede Linie deines Wuchses schöner zurückgab. Du fändest dich in jedem
Abenteuer und in jeder Verdammnis. Aber keine Wollust, die du genossen
und keinen Traum, den du unterdrückst, den du nicht auch darin fändest.
Das wäre nicht erlesen Gekünsteltes, sondern du fändest die Welt einfach
wieder und würdest nun klarer zu ihr geführt.
Mit einem deutschen Fürsten, belesen wie keiner der Schriftsteller
Deutschlands, die selbst ihrer sechzig Jahre Bildungslosigkeit und Faulheit
nicht ekelt, redete ich in seinem Weinberg von seinen Büchern und er
machte den Unterschied, der mich verblüffte, zwischen Büchern für den
Salon und den anderen. Er gab seiner Geliebten bestimmte Sachen nie aus
einem Gefühl der Grandezza, während im Leben er ihr keine Rundfahrt der
Leidenschaft versagte. Ich fand dasselbe darin, wie in dem, was ich selber
befolgte, nur schien mir, daß er seine seigneurale Reinlichkeit verwechselte
mit dem Bestreben, nur das der Geliebten entsprechende stets zu nehmen
und daß er aus der Gepflogenheit seiner Manieren heraus das für Ablehnen
hielt, was in Wahrheit nur Auslese war, die sein Instinkt bestimmte.
Man schenkt nach seinem Geschmack, bildet nach seinem Gefühl, liest
nach Temperament. Einer Sechzehnjährigen gäbe ich dasselbe wie einer
von Vierzig, wenn ich den gleichen Flair für beide hätte, aber der von
Dreißig würde ich vielleicht das Gleiche wie der von Fünfzig versagen. Mit
Fünfundzwanzig Zuerst Mittelhochdeutsch entwarf ich den Plan einer Bibliothek,

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die man an zehn Armeekorps und in dreißig Fabriken sandte. Du könntest
sie alle lesen, aber ich würde dir keines davon schenken. Ich würde mehr
wollen und weniger, aber vor allem stets nur deiner Ruhe wie deinen
Leidenschaften gerne das gleiche zitternde Erlebnis der Schönheit
zuzuführen wünschen. Alles andere ist hors de ligne. Was ich täte? Was man
im Gefühl hat, hat man nicht im Kopf wie die kleinen Lyriker, die ihre
Zehngroschenverse stets zur Rezitation bereit tragen. Was ich dir brächte
nach soviel Abschreibungen, Pathos und Abschweifung? Ich weiß es nicht.
Wenn du weiße Haut hättest, wäre es anders, besäßest du Lotosaugen
statt die eines Vogels, wäre mein Einfall ein wieder erneuter. Ich brächte dir,
was für dich paßte aus diesem Erleben, aus jener Reise, aus dieser
Beglückung und aus irgendeinem Zorn. Und ich könnte dir höchstens heute
so, morgen anders spielerisch gleich den Wolken des Kamins eine Welt der
Literatur an die Wand malen, wenn du wünschest, daß ich dich mit
Träumerei unterhalte. Denn ich liebe die Welt vor allem um ihres Wechsels
und ihrer Lust am Spiele willen, und wenn du nicht die Fähigkeit hättest,
aus allen Lagern deiner Seele und allen Fallen und Festlichkeiten deines
Körpers in immer andere hineinzuspringen, hättest du an mir schon lange
nicht mehr den Jäger.
Geliebte Diana.
Ich ließe vor allem der Wildheit, mit der du die Hänge befährst, die
Eleganz des Geistes und das Seltene der Vergangenheit von ähnlich
vollendeter Anmut sich gesellen. Du lerntest zuerst, eh du die Grazie der
Franzosen erführest, das Deutsch des Mittelalters. Dem Mittelhochdeutsch
naht der Deutsche sich noch immer mit der barbarischen Geste des Gunther,
der, als er zum erstenmal zu Brünhild ins Bett sprang und ihre Nüancen
nicht beachtete, erlebte, daß sie ihn fesselte und an einen Nagel der Wand
hing. „Er wânde vinden friunde: dô vant er vîntlichen haz.“ Du lerntest so
das Memoiren verlorene Paradies von des Reuenthalers derben Späßen bis zu
Walthers Süße, von Hartmans Wundern im „Iwein“ bis zu Wolframs Herbe
und des Alten Reinmars Seligkeit. Jede Übersetzung ist eine lächerliche
Dreistigkeit, denn man kann eine höhere Sprache nicht mit einer niederen
übertragen. Wir haben heute wohl gelernt, Tempos wie die Teufel in die
Sprache zu bringen, Raffiniertes bis zur Verzweiflung auszudrücken und
Begriffe bis ins Aschgraue zu benennen und zu finden, aber den Wohllaut
der Musik und die Einfachheit der klar blitzenden Welt und die große
Verzücktheit der Gefühle erreichen wir nicht wieder. Wer aber glaubt, ohne

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Studium, den Fall der Vokale, die Trennung der Diphthonge, die Rhythmik
der Satzbogen verstehen zu können, begeht die gleiche Dummheit wie
jener, der ihrem Wesen nah zu sein denkt, weil die Worte alle den unseren
ähnlich sind, aber fast alle verfeinerten und anderen Sinn bedeuten. Du
wirst diese Bemühung nicht auf dich nehmen, ohne daß der Zauber, dem du
begegnest, auf dich zurückwirkt.
Unser Hunger nach Dasein ist groß, das Leben zu kurz, unsere
Bewegungslinie zu eng, wir können nicht alles haben. Aber jedes
Genossene treibt uns nach mehr. Als im Jahre Zwölfhundert der Marschall
der Champagne Villehardouin als erster Grande und Lebemann anfing,
Geschichte zu schreiben und die Menschen mit der Gewalt eines Rubens in
sein Gemälde hineinwarf, als der Pfaffe Konrad, der ein schlechter Künstler
war, die „Kaiserchronik“ schrieb, begann die Literatur der Briefe und
Memoiren, uns die Völker und Menschen mit jungfräulicher Plastik
heranzutragen. Statt dünner Schicksale, die mäßige Dichter gestalten, redet
plötzlich die Phantastik der Zeit. Von den Aufzeichnungen des Kardinal
Retz, der sich nur so ausdrücken konnte, daß er an eine Dame schrieb, und
der den Atem seiner Zeit zur höchsten Höhe blies, über des großen
Kanzelredners Bossuet Porträte verstorbener Fürsten, über Montesquieus
erwachenden Blick für die Breite gelebter Zusammenhänge bis zu Noch mehr
Memoiren dem fabelhaften und glühenden Fresko, das der Herzog von Saint
Simon von der Zeit des vierzehnten Louis schrieb, lernst du, deinen eigenen
Erfahrungen die der großen Epochen und Menschen hinzufügend, einen
Schritt mehr zur Weisheit.
Nimm die Memoiren der großen Katharina von Rußland hinzu, die Briefe
der bis zu den weißen Haaren hin geliebten Ninon de Lenclos, die Novellen
der Bibel, die Briefe der wilden Caroline und Brantômes Leben der
galanten Frauen. Lies die Aufzeichnungen Casanovas und des Deutschen
Pückler-Muskau Bände. In den barocken Sätzen des Abts von Brantôme
hast du die Menschen der Renaissance, in Casanova den Ausgang des
Rokoko, in Caroline die Romantik. Keiner konnte schreiben so wollüstig
und so geistreich wie Casanova und niemand in Deutschland so mit
Erhabenheit und Temperament sich mit Ideen und Reisen der Welt
gegenüberstellen wie der Pückler. Bürgerlicher aber herumgeworfener hast
du in des Frankfurter Friedrich-Fröhlich Aufzeichnungen die Epoche des
ersten, in Flauberts Briefen mit der Sand die des dritten Napoleon. Jakob
Burkhardts Briefe an einen Architekten malen nüchtern das Jahrhundert am

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Anfang, nicht weit aber amüsant für dich gesehen, von einem hölzernen
Liebhaber der Künste. Dagegen hat die furchtbare bürgerliche Epoche am
Ende des Jahrhunderts der gebildete und in guter Familie erwachsene
Schriftsteller Kurt Martens, wenn auch nicht seigneural, so doch mutig und
schlicht in seiner Lebensbeichte gegeben.
Mit Mozarts Briefen hast du Österreich und mit Benvenuto Cellinis
Leben den Radius des Glanzes, den ein Renaissance-Italien um sich häufte
und in den Briefen des Van Gogh und in Bernards Erinnerungen an Cézanne
siehst du das Martyrium unserer Kunst und Zeit nicht ohne die Ironie, die
dich das Menschliche hier so absurd und das Künstlerische so verzweifelt
schauen läßt. Im „Pitaval“ sind die hervorragendsten Prozesse geschildert
und du erkennst die Menschen aller Jahrhunderte. Ich werde Hardens
„Köpfe“ dir Entdecker und Jäger daneben legen. Du wirst das Buch der
entzückenden Staël über Deutschland lesen und mit Petrons „Gastmahl des
Trimalchio“ vergleichen. Ich werde das Buch der Markgräfin von Bayreuth
hinzutun, die des großen Friedrich Schwester war und das Kamasutram, wo
nicht nur die Inder belehrt werden über die Zweihundertfünfzig Formen des
Liebesgenusses und über alle unzählbaren Formen der Entzückung
dazwischen, sondern wo der Liebende auch angehalten ist, nach allen
Spielen der Wollust auf das Dach des Hauses im Mondschein mit der
Geliebten sich zu setzen, den Glanz mit ihr anzuschauen und ihr die Reihe
der Sternbilder zu erläutern, den Polarstern besonders sowie den Kranz der
sieben Sterne des großen Bären.
Die Zeit hinter dir hat sich geöffnet wie ein Weib, du kommst von den
Geschichten nicht zu Büchern sondern zu Schicksal und aus der Fülle nicht
zu Vorstellungen sondern zu Menschen. Von den kühnsten unter ihnen
streift man zur Erde zurück. Man muß die alten Exploiteure fremder
Erdteile lesen, denen die Natur sich noch unberührt gab, die nicht gafften
sondern eroberten, nicht Afrika vom Schiff aus sahen und weiches Garn aus
ihren Gefühlen spannen, sondern die darin starben, nicht solche, die empört,
während sie innerlich schmatzen, Bordelle in Ceylon beschreiben, von
denen ein Portier ihnen erzählte, sondern solche, die Elefanten noch mit
dem Säbel gejagt haben und du wirst sehen, wie die Natur mit derselben
Frische riesig aufdampft, mit der du einige Stücke aus ihr in deinem
eigenen unverdorbenen Blute erlebt hast.
Lies, wie ein gewisser Barrow Esqu. im achtzehnten Jahrhundert in
Begleitung des englischen Gesandten China durchquerte, lies die

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Geschichte der Reisenden Percy und Gallow, die die Tatarenländer
durchfuhren, lies die Eroberung Mexikos und die Geschichte Cooks, den
Insulaner erschlugen. Sieh, wie mit Dominikanermönchen Curjello nach
Afrika kam. Lies die Berichte der Lebemänner, die Europa durchfuhren Nun
schon Phantastisches und von denen einer, dessen Name ich nicht mehr kenne,
auf Schlittenwagen sogar den Nordpol über Norwegens Poststationen
erreichen wollte. Lies bei Franklin, wie sie die Wale harpunierten und bei
Livingstone, wie die Zähne ihnen ausfielen vor Fieberluft und sie die
Flamingos und das Nashorn jagten. Wie sie mit ihren Karawanen durch die
Wüsten sich durchhungerten, um zu entdecken und sich zu begeistern und
den menschlichen Geist an die Spitze des Abenteuers zu hissen. Lies Gessi,
Gordon, Emin Pascha, den Halbgrönländer Rasmussen, lies Stanley, lies die
Jagden des Baker in Abessynien. Du riechst die Luft der anderen
Kontinente und erfährst die Beispiele menschlicher Tugend und Tapferkeit
und du wirst nicht gebildet, sondern du wirst klüger oder besser.
Nun ist für „Tausendundeine Nacht“, für den „Don Quichote“ des
Cervantes und den Defoe mit seiner Europamüde, ist für „Robinson
Crusoe“ und „Gullivers Reisen“ dein Hirn offen, denn sie geben zur
einfachen Wildheit der Erde die Phantasie und das Spielerische, das alle
Gefahren überwindet. „Mesnevi“ mit seinen schönen Sprüchen, den
indischen Roman von Dandin von den zehn Prinzen, die Märchen der
Südsee, „Tuti Nameh“, das persische Papageienbuch machen die Welt noch
bunter und führen schon an das Legendäre einer großen Klugheit. Der
Maler Gauguin hat auf Tahiti neue Farben gesucht und hat die Abenteuer
seiner modernen Sehnsucht in „Noa Noa“ geistreich und ein wenig desolat
wie ein echter Franzose beschrieben. Hundertzwanzig Jahre früher hat
Bernardin de St. Pierre in „Paul et Virginie“ schon einmal die Natur in
prachtvoller Glut für Europa entdeckt. Hamsun hat den Kaukasus erlebt und
ihn in gestrichelter Weise mit neuer Optik für Naturbeschreibung
dargestellt. Laurids Bruun hat mit dänischer Weichheit den grauen Glanz
seines norwegischen größeren Freundes nachgemalt.
Das ist nur schwacher Schimmer noch von den früheren Heroen, doch ist,
da du von heute bist, und ja auch ich dir Reisende, Tiere, Vollkommenheit nicht in
der gekräuselten Allonge-Weise entgegentrete, doch ist von den Heutigen
zwar Sven Hedin nur ein Schwätzer aber kein Nahbringer, jedoch das Buch
der Fürstin Lichnowski über Ägypten von modernem preziösem Charme,
ist zwar das Buch Ludwigs über Afrika eine Sirupfalle für den

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Kurfürstendamm, aber des Suarès Italienbuch eine heroisch gemalte
Landschaft; und keusch wie Villehardouins Seele, wenn er im Kreuzzug das
Morgenland betritt, ist Lafcadio Hearns Sprache, wenn er das
verschwindende asiatische Japan, kurz vordem Europa es verschlingt, noch
einmal wie eine Geliebte streichelt.
Du mußt noch den Kipling lesen, der mit Tieren dir die Welt bevölkert
und mußt sehen, wie der Däne Fleuron dem heldenhaften Anfang des Briten
den melancholischen und schönen Abgesang gibt, wenn er davon redet, wie
die edlen Tiere sterben. Nur wenn bei Jürgensen der Kongo vor Tiergebrüll
donnert, der Schwede Madelung seine Jagden schildert, der schönste aller
raubtierhaften Dichter, Jensen, die Gletscherzeit zurückruft, kannst du das
Gefühl haben, aus deinem Säkulum rückwärts bis zum Paradies marschiert
zu sein. Was heißt Kunst, wenn du leben willst? Es bedeutet nichts gegen
die Fülle des Lebens, aber es wird schon helles Licht auf allen Zinnen,
wenn du durch soviel Dasein hindurch dich an die Erkenntnis herangetastet
hast, daß auch ein vollkommenes Leben einer gewissen Vollkommenheit in
der künstlerischen Gestaltung bedürfe. Wenn du reicher bist, hast du mehr
Anspruch. Hast du die Masse der Welt, willst du sie in Schönheit. Hast du
das Dasein begriffen, verlangt es dich auch nach seiner schönsten Gestalt.
Aber vergiß nicht, es ist wichtiger, daß du lebst, als daß du träumst,
nötiger, daß du blühst, als daß du redest, und es ist alles umsonst, wie auch
immer du von der Welt schwärmst oder fluchst, wenn sie nicht wie eine
Pantermeute in dein Blut gestürzt ist.
Zuerst du, dann alles andere.
Fähigkeiten hat jedermann, mir imponiert das allein Nur das Dir Gemäße
keineswegs. In Zentralafrika laufen die Neger so rasch wie die Schnellzüge,
die Eskimos schlagen sich als Duell stundenlang ohne Schwierigkeit
wechselseitig auf den Kopf und die Theosophen sollen durch anhaltendes
Training im Sichzurückvertiefen bereits das Jahr Sechstausend vor Anfang
unserer Zeitrechnung erreicht haben. Es kommt bei Talenten nur darauf an,
sie seinen Fähigkeiten und Zielen nach zu entwickeln. Ich sehe es lieber,
daß ein frischer Menschenkerl in des Schwergewichtsmeisters Flint Buch
über das Boxen, in die „Gazette du bon ton“, in eine Zeitschrift des
Hokeyspiels, in Henry Hoeks vorzügliche Skibücher oder die „Vogue“ sich
vertieft, als daß er mit der Herde seiner Genossinnen Tagores flache
Gedichte über Thee gießt, in Jakobus Böhmes Dunkelheit lustwandelt und,
Herrn Blümners Niggerrezitation im Kopf und Dadaistenabende im Hirn,

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über Spenglers „Untergang des Abendlandes“ sich in Urteilen verzückt.
Geistmayonnaise ist keine Speise für eine Diana und Mode ist ein zu
kleiner Witz für ihre Erhabenheit. Ein gebildeter Tiger ist eine Dummheit,
ein schöner Tiger wird aber, wenn er sich vollendet in seine Form gefunden
hat, auch immer etwas von jener höheren Klugheit haben, die stets der
letzten Vollkommenheit des Lebens zugeteilt ist.
Du wirst, wenn du dich nicht blenden läßt, spüren, daß die schon jenseits
des Lebendigen abgebrochenen Dramen des Bildhauers Barlach, wenn du
ohne innere Reife an sie gerätst, genau so wenig zu deinem Temperament
passen, wie die feierliche Plattheit, mit der Herr Lienhard ein neues Weimar
besingt. Und du wirst mit bestimmter Sicherheit spüren, wie gleichgültig es
dich läßt, wenn man des Schönlings Gleichen-Rußwurm süßholzwässrigen
Kulturgeschichten dir nahebringt, gleichwie wenn du ein aus Schreien und
Beleidigungen zusammengesetztes Gedicht von Johannes R. Becher nicht
begreifst. Du bist durch deine Gesundheit und Frische von vornherein dafür
absolviert, daß dir weder die Eunuchen noch die Verrannten liegen.
Lyrik? Aber ich werde dich gerne bei der Lektüre von allem sehen, das,
wie ein Springbrunnen einen Silberball, also mit Kraft und mit Anmut, die
Welt schaukelt, denn das entspricht dir ebenso wie jene Nüchternheit, die
die robuste Kraft metallen aus dem Dunkel hebt. Du wirst alles von dem
zärtlichen und feurigen Melancholiker Alfred de Musset und alles von
seinem Nachfolger Hugo von Hofmansthal lesen, alles von Anatole France,
der die Leidenschaften seiner Welt in seinem Lächeln bannt und von Eduard
Keyserling, dessen Romane die zarte Vollendung der feudalen deutschen
Rasse in wohlgeädertes Weltbild heben. Du wirst etwas von Schnitzler und
etwas von Sternheim haben. Alles von Shaw, alles von Byron. Fast nichts
von den Russen. Vieles von Swift. Alles von Voltaire, der eine Welt mit der
Schärfe eines Geistes bekämpfte, der aber verstand sich der Kadenzen der
Nachtigall zu bedienen. Alles von Heine. Einiges von Thackeray. Alles von
Maeterlinck, der die Ahnungen in die Atmosphäre brachte und alles von
Georg Büchner, dessen Jünglingstorso die Helligkeit eines schönen Athleten
besitzt und alles von Shakespeare, dem einzigen großen Dichter der Welt,
der die Eisenscharniere seines Geistes mit Heroenschönheit frei um die
Welt herum zu spannen bestimmt war, als seien es Arabesken, die er im
Traum hinmalte.
Lyrik wirkt bei Frauen fast immer provokant. Bei Männern versöhnt
wenigstens, daß sie sich infolge des natürlichen Egoismus ihres Geschlechts

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stets wieder danach in Geschäfte und Politik schmeißen. Die Frau wird von
Lyrik aber zu unerträglichen Gefühlsstauungen verführt. Muß es Gereimtes
sein, dann sei es Lyrik, die eine Distanz zu den Gefühlen hat und sich nicht
hingibt, sondern sich behauptet. Shelly, Petrarka, Baudelaire, Keats,
Lamartine, Stadler, Novalis, d’Annunzio. Die heutige Zeit kann sich
überhaupt der lyrischen Dichter nur mit Erröten erinnern, denn sie ist weder
so voll Schwung, daß sie diese begriffe, noch so voll Sentimentalem im
Untergrund, daß ihr die Eichendorff und Ronsard und Verlaine Das Gespenst
und Mörike lägen. Ich gestehe, was ich auch künstlerisch fühlen mag, daß
ich eine Frau vorziehe, welche die Härte der weltmännischen und
zurückhaltenden Strophen ähnlich wie die Schönheit einer Plastik mit halb
kalter, halb hingerissener, aber beherrschter Leidenschaft bewundert, statt
eine Dame zu schätzen, die zwischen den Erregungen der Börse und den
Demonstrationen der Politik heute, was man nicht kann, in Sentimenten
schluchzt und in Rhythmen wimmert. Die Epoche ist scharf wie Senf, aber
die Moustarde wird durch Tränen nicht leckerer.
Doch das Phantastische ist stets ein kleiner Park gewesen, in dem alles,
was einer Zeit fehlt oder womit sie zuviel beladen ist, in der Nähe der
Träume ausgeglichen in Beeten und Pergolen duftet. In Achim von Arnims
„Majoratsherren“ ist das gespenstische Grau, das so schwer zu gestalten ist,
wundervoll in der Luft und nimmt den gesamten Meyrink voraus. In
Hoffmanns „Elixieren“ tobt das Diabolische wirklich, das in vielen seiner
anderen Bücher ein plattes Nichts ist. Die „Nachtwachen des Bonaventura“
bringen die Romantik. Der Russe Remisow das Gespenst der Slawen, das
auch in Puschkins Gespenstergeschichten, bei Gogol und Saltikow doch
sich nie so lieblich befreit wie bei den Deutschen, sondern an ihren Nerven
angehängt bleibt und eine Krankheit eher ausdrückt als das Jenseits und
mehr verrückt ist als überirdisch. Das Grausen mit aller Kälte hat Poe in die
Wirklichkeit seiner Bücher geschmettert, die auch nur zum Teil gelungen
sind, dann aber die vortrefflichsten ihrer Art scheinen. Der Franzose Barbey
d’Aurevilly hat in den „Teuflischen“ dasselbe leis verkitscht, Villiers de
l’Isle Adam aber in „Edisons Weib der Zukunft“ ihm eine zeitgemäße
Mechanik verliehen. Der Maler Kubin hat noch einmal liebenswürdig
versucht, den Schatten der romantischen Gespenster aufzurufen, aber sie
sind aus den dichterischen Prärien in die Kriminal- und Abenteurerbücher
desertiert und haben dort eine Kriminalistisches exaktere und zeitgemäßere,
wenn auch uniformierte Anstellung gefunden.

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Mit den Wissenschaften beleben sie den Mond in Erinnerung ihrer guten
Vergangenheit in des Polen Zulawskis Roman „Auf silbernen Gefilden“.
Der deutsche Scheerbart hat in „Lesabendio“ sie auf die Milchstraße
verfrachtet und der Franzose Renard hat sie mit Ironie und Grausen, aber
vielem Charme uns Menschen technisch mit unseren eigenen Waffen
überwinden lassen. Zur Utopie erzog sie der humane Brite Wells. Zur
Exaktheit Conan Doyle, der sie wie Automaten der Klugheit dressierte und
den Schlag der Verbrecher und Kriminalgeschichten gründete, der den
Abenteurerroman der May und Gerstäcker, Defoe, Kapitän Marryat und
Cooper (zu denen auch Walther Scotts „Pirat“ gehört und manches andere
bis zu den Kreuzzugepen) völlig abgelöst hat für einige Zeit.
Es war ganz klar, daß diese Mechanik, einen spannenden Vorgang nicht
mit Hilfe der Phantasie wie früher, sondern mit allen blitzglatten
Hilfsmitteln unserer Technik und Überlegung abrollen zu lassen, das Kino
einfach aus der Luft herausziehen mußte, wenn es nicht entdeckt gewesen
wäre. Denn Film ist nur die glatte Übertragung der Techniken der Soyka,
Heller, Jack London, Eje, Elvestad ins Bildhafte. Film hat mit Theater nur
soviel zu tun, als Schauspieler dabei beschäftigt sind. Wer würde aber aus
der Tatsache eßfroher Akteure oder tribadischer Aktricen auf die
Zusammengehörigkeit von Theater mit der Kochkunst oder den Gebräuchen
von Lesbos schließen? Dagegen beweist der Umstand, daß die schönen
Gespenster klirrende Maschinen geworden sind, zwar nicht gerade eine
Erhöhung der Dichtung, aber keinesfalls, daß die Maschinen schlecht sind.
Die Kriminalbücher der Deutschen existieren zwar nicht, lediglich der
Österreicher Soyka gehört in die internationale Konkurrenz, allein einiges
bei den Skandinaven und Engländern ist in seiner Weise vortrefflich. Das
genügt.
Liebesbücher In der Liebeslektüre kann man jeder Frau carte blanche für
alle Gefühle geben, denn es ist leicht die von fremden Leidenschaften
Erschütterte zu den eigenen Leidenschaften zurückzuführen. Von „Aucassin
et Nicolettes“ rührender Geschichte bis zu den Büchern des Charles Louis
Philippe ist ein weiter Weg, und die gesellschaftlichen Formen, unter deren
furchtbarem Zwang die Liebenden sich zwischen Kloster und Bastille
suchen mußten, haben sich gewandelt. Heute stehen Spanier auf den
Straßen und suchen die Augen ihrer Auserwählten, flirten Engländer beim
Sport, Franzosen in den Promenoirs und Deutsche lieben sich in den
Gärten. Keine Frau ist unerreichbar. Keine Liebe ist so unselig und so

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beglückend zwischen das Schicksal und die Sehnsucht gespannt wie früher,
als das Mittelalter die Herzen auseinanderriß und die Willkür menschlicher
Elemente und starrer Satzung die Natur bei Seite schoben. Du kannst von
Richardsons „Clarissa“ über Rousseaus „Nouvelle Heloise“ bis zu Goethes
„Werther“ lesen, wie ein Dichter sich auf den Sockel des anderen stellte und
wie ein Herz tragisch ans andere durch Nationen und Jahrzehnte rührte.
Ich glaube jedoch nicht mehr an die sichtbare Existenz dieser Gefühle in
unserer Zeit, wo die Knechte an der Börse spekulieren und die Damen das
politische Wahlrecht ausüben und man den Kokotten, die man zum Diner
einlud, am anderen Morgen eine bare Entschädigung für die Abnutzung der
Toiletten als Supplement zusendet.
Aber ich glaube mit ganzem Credo meines Herzens, daß die großen
Leidenschaften, deren Anmut nicht in ihrer Tragödie endete, immer der
Unterton geblieben sind aller schönen Beziehungen, und daß die jetzt
veränderten Formen der Welt die gleichbleibende Lage ihrer Melodie nicht
zu stören vermochten.
Wenn man wie du ein Gesicht sowohl zärtlich und schön wie Hermelin
als auch mit kühnem Bogen der Augen und Nase besitzt, vermag man bei
einiger Breite des Sinnes auch Von Crébillon bis Wilde zu verstehen, daß
Cayennepfeffer die milden Gerichte auf seine Art wie ein Wildpret anregt.
Du hast Gelegenheit, um zu vergleichen. Wenn du die Briefe gelesen hast,
welche die Nonne von Alcoforado an einen Offizier eines anderen Landes
schrieb und die von Abälard und Heloise kennst und Balzacs übersinnlich
zarte „Ursula Mirouet“, und die bis ins Verbrecherische zärtlichen
Beziehungen Desgrieux und Manons in des Abbé Prevost „Lescaut“
dazugenommen hast und die Briefe der Mademoiselle de l’Espinasse und
Flauberts „November“ und des De Costers maischöne „Hochzeitsreise“ und
die Frauen des Jean Paul, die dahinbleichen an übermenschlicher
Verbundenheit . . . dann kannst du es wagen, nicht ohne Gewinn zu sehen,
wie in Crébillons „Sopha“ und in Heinses „Ardinghello“, in Wielands
„Biribinker“ und in Heinrich Manns „Göttinnen“, bei Rétif de la Bretonnes
zweihundertdrei Bänden und den „Liaisons dangereuses“ des Laclos bis zu
des Marquis de Sade Abscheulichkeiten und den männerliebenden Strophen
Oscar Wildes und des großen Edelurnings Withman sich vom klaren Fluß
des liebenden Feuers die phantastischsten Bündel lösen. Aber du wirst
erkennen, daß auch diese Verzerrungen sich von der Liebe nicht trennen,
sondern sich von ihr ernähren und daß in ihren Formen, ob sie dir gefallen

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oder ob du sie verachtest, immer der gleiche Blitzschlag der Größe zuckt
wie in der dir gemäßen.
Du wirst dadurch nicht hochmütig werden, sondern du wirst nur eher die
Menschen verstehen, wenn sie mit ihren Schicksalen an dir
vorüberschweifen und gleich den anderen Kreaturen steigen und fallen nach
diesem und jenem Gesetz. Du wirst duldsamer sein und also weltwissender
und es wird deiner Leidenschaft auch nur noch das Verstehen jeder anderen
hinzugeben. Man wird in Indien nicht Hetäre durch Verführung,
Mißgeschick oder Neigung, sondern durch Abstammung, man kann also
keusch im Herzen und eine Dirne durch Schicksal sein. Auch die Heiligen
werden nicht gezüchtigt, und mancher, der ein Mordbrenner im Herzen Nun
kannst Du schwimmen . . . schien, erreichte durch Übung den Glauben. Im
Grunde ist alles die Liebe. Aber in der Liebe wird man eben alles durch das
Leben oder man wird nichts.
Die Venetianer besaßen die besten Diplomaten Europas und ihre Berichte
waren erstaunliche Stücke an Schärfe des Auges und des Verstandes, ja sie
bildeten sie zu einer hohen Stufe der Kunst aus. Die Handlungen aber des
Staates nahmen die Dogen erst vor, nachdem sie alle eingeforderten
Berichte verglichen. Du hast nunmehr von dem dir als Frau am leichtesten
Zugänglichsten, von der Liebe her zu vergleichen gelernt. Was mir noch
übrig bleibt, ist so gut wie nichts. Nun kannst du schwimmen, in welches
Problem, welche Nation, welches Genre du willst. Du wirst Grabbe lesen
neben des James Morier „Abenteuer des Hadschi Baba“, das der erste
Roman über Persien aus dem achtzehnten Jahrhundert ist, wirst den
prachtvollen Rheinländer Schmidtbonn mit seiner herben und männlichen
Duftigkeit verstehen gegen des Belgiers Rodenbach „Totes Brügge“. Wirst
staunend des Bildhauers Rodin Werk über die Kathedralen seiner Heimat
neben des Thomas Manns schwächlich schönem, formvollendetem, aber
innerlich, dekadentem „Tod in Venedig“ halten, wirst die „Studien“ des
pastelligen Idyllikers Stifters neben dem riesenhaften Rabelais genießen,
wirst fühlen daß die „Küsse und feierlichen Elegien des Johannes
Sekundus“ andere Worte sind wie die des zärtlichen und royalistisch
verschwärmten Francis Jammes in „Almaide“, der schönsten lyrischen
Tenorstimme des heutigen Frankreichs. Du wirst den Zola, der auch ein
Gigant war, trotzdem er etwas tierisch schaffte, neben der von Schwedens
Bodendampf mythisch umwehten Lagerlöf lesen. Wirst Wisthlers „Die
artige Kunst sich Feinde zu machen“ zu Annette Kolbs zarter

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Kammermusik in „Zarastro“ legen und die Geschichte des alemannischen
Webers, der sich in kindlicher Einfalt der „Arme Mann von Toggenburg“
nannte, zu des gescheitesten Engländers Chesterton „Verteidigung Die
Viatique im Leben zurück des Schundromans“ tun. Du wirst Schlegels „Luzinde“,
das voll schöner leidenschaftlicher Süßigkeit ist, neben die Modebücher der
Brüder Goncourt halten, wirst das Buch der Frau von Winternitz von dem
wilden Liebesleben der keuschen Vierzehnjährigen neben dem
„Schelmufsky“ des siebzehnten Jahrhunderts lesen und kannst die
satanischen Ausschweifungen des Huysmans in „La bas“ hinnehmen mit
derselben Überlegenheit, wie du an Kerrs Reiseberichten und Dauthendeys
Reinheit dich ergötzest. Du kannst den Frauenspiegel der Renaissance von
Castiglione und das Leben Dantes von Boccaccio und Quevedos
Spitzbubenroman von Segovia mit derselben Gegenwärtigkeit lesen, wie du
Storms Novellen, Eichendorfs „Taugenichts“ und Dickens Roman aus den
Millionenstädten hinüberleiten kannst zu des Verhaeren flamisch breiten
Malereien, zu Schickeles „Glück“ und zu dem „Puppenbuch“, in dem der
Lotte Pritzel und Erna Pinner barocke und groteske Figuren einen
höhnischen oder vielleicht auch mitleidigen Cancan der Ausgelassenheit auf
unsere Mühe, sie zu deuten, tanzen.
Du wirst dadurch so voll von gelesenem Erlebnis geworden sein, daß
man dir wie den Bankerotteuren Montecarlos eine Viatique geben muß, um
aus den verführerischen Launen der Literatur dich wieder ohne Kosten auf
den Kontinent des Daseins hinüberzuretten. Es wird wohl an der Zeit sein,
wenn du das alles gelesen und an deinem Wesen wie an einem Pegel und
Thermometer die Höhe und die Temperatur der Maße genommen hast, dich
wieder der Natur allein zuzuführen. Denn du hast dann für das diesseitige
Existieren genug gelesen und jede Zeile mehr wäre zuviel.
Mehr verträgt ein Irdischer nicht, es sei denn, er sei vom Schicksal
bestimmt, eine noch steilere Kontrolle auszuüben und die Ausmaße des
Lebens auch noch mit denen der künstlerischen Vollendung zu vergleichen
und den Gladiatoren der Kunst die Urteile auf die Nacken zu brennen. Einer
Frau kommt das nie zu, sei ohne Sorge.
teufelsmäßig für die Unsterblichkeit . . . . Männern sollte von der Natur erst in den
sechziger Jahren, wenn sie statt mit Frauen sich mit Schnepfenköpfen zu
beschäftigen beginnen, das kritische Amt vorbehalten sein. Ich fürchte, es
würden bei allem Ehrgeiz, den das Greisentum mitführt, selbst die
Besterhaltensten dies Alter nicht erreichen wollen. Ist es einem aber

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bestimmt, durch Schmutz und Crapule ein Stück verdammt geliebter
Jugend und herzrot gelebten Daseins dranzugeben, dies Handwerk mit
Kunst zu vollführen, so sollen die heulenden Hunde spüren, daß es auf den
Schriftsteller ankommt und nicht auf die Meute, über die er sich in
gerechter Leidenschaft ausläßt und es soll zum mindesten, wie
Châteaubriand von St. Simon sagte, teufelsmäßig für die Unsterblichkeit
geschrieben werden.
Man gewinnt kein Ding, wenn man es nicht zugleich liebt und abstößt,
und keine Vollendung eines Lebens ward erzielt, die nicht vorher
ausgewogen war bei jedem großen Gefühl in den Wagschalen der Liebe und
des Hasses. Du kannst dich selbst nur erreichen, wenn du dich durch das
Leben selbst gewinnst, aber du darfst nicht scheuen, davor zu desertieren
und wieder zu ihm zurückzukehren. Denn nur die Treue, die sich an
anderen Reizen durch Untreue erprobt, hat den Zug der Beständigkeit in
sich, der dein Leben dann um die stete Achse rundet. Du wirst zwischen der
Inbrunst der Bücher und den Banalitäten des Lebens genau im selben Grade
leiden, wie du die Unterschiedenheiten zwischen deinen Idealen und der
Nüchternheit der gelesenen Schicksale gemein findest.
Das Verhaftetsein an eine einzige Anschauung ist auch im Lesen nicht
pikant, und wahrlich zurück zu sich zwingt immer nur die Größe, die
Betrug erträgt. Der Herzog von Lauzun, der gerne und nicht ohne Tiefe
lebte, schildert eine Dame: „Sie erwiderte mir meinen Besuch zu Pferd, in
Dragoneruniform und Lederhosen. Mehr brauchte es nicht, um mich für
immer von einer Frau abzuschrecken. Das hielt mich c’était par amour aber
keineswegs ab, sie dennoch zu besitzen.“ Er liebte das Weibliche so
abgründig, daß er es auch in der provokantesten Form nicht abzulehnen in
der Lage war und die sicheren Genüsse nicht über der fatalen Aufmachung
vergaß. Man hat verdammte Last mit seinem Dasein zwischen Leben und
Kunst und Sein und Schein sich durchzuschlagen, und es bleibt auch dir als
Frau nicht erspart, die Kämpfe zwischen deinen Vorstellungen und deinem
Blute bitter auszutragen.
Das aber verleiht endlich erst die Reife und die Wollüste jener
Überlegenheit, die die Ahnungslosen nie kennen werden, die ohne
Geschmack jener Räusche sind, in denen wahrhaftiges Leben und
wahrhaftig gepflegter Geist zusammenschlagen, und ich glaube manchmal,
wenn du als Diana die Ränder der Wächte mit der Geschwindigkeit des
Blitzzuges auf Skiern herunterkommst, ich vermöchte auf deiner Haut auch

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die Glut deines Geistes zu erblicken. Nur in Liebe vermögen beide sich zum
Augenblick des größten Daseins zu verschmelzen. Ich erinnere mich eines
französischen Theaters in Paris, wo ein Offizier desertierte und nach einem
Dutzend Kniffen und Entwischungen gefaßt wurde. Als sein General ihm
die Degradierung verkündete, erlaubte er sich einen Vorwand anzubringen,
und als er salutierend vortrat und erklärte: „c’était par amour,“ gelang es
dem Kommandeur in keine andere Pose zu verfallen als in eine
bewundernde Handbewegung des Verzeihens und Verstehens, und jenes
Publikum des Boulevardtheaters hatte mit seinem frenetischen Beifall auch
nichts anderes im Sinne, als sowohl die Leidenschaft des Offiziers als auch
die begreifende Tugend des Generals mit nationalem und, bei einem so
militaristischen Volk wie den Franzosen, menschlichem Beifall zu
begrüßen. Mir fällt diese Begebenheit, die an sich bedeutungslos ist, ein,
weil an diesem Abend zum erstenmal die Linden für mich Paris mit dem
Duft überzogen, der mir früher nur der der Heimat allein war, aber der mir
von diesem Tage ab Adieu Ihr Freunde, adieu Ihr Bücher hundertmal in allen Zonen
entgegenkam, daß er mir die freundliche Welle des Himmels für alle
Liebenden seither zu sein schien.
Denn wärest du durch die Sonne des Morgens nicht im bronzenen
Mondglanz deines braunen Gesichtes mit Telemarks um die jungen Bäume
des Winterwaldes geschwungen, sondern säßest mit mir im Jasmin eines
frühen Sommers oder der Fruchtluft des Herbstes an Flüssen, an Weiden, an
Seen, ich würde dir, zwar ebensowenig vollkommen, aber in anderen
Namen und Nennungen dasselbe gesagt haben.
Denn nicht die Bücher und nicht die Jahreszeiten und nicht die
Liebkosungen machen die Form aus, in der das Glück und die Bereicherung
sich begibt, sondern der Sinn der Liebe ist immer der einzige Führer und
der alleinige Grund. Und wenn ich von deinem Lächeln, das, selbst
ermüdet, unter dem Kaminfeuer noch lockend zuckt, mit dem Vorbehalt des
Liebenden sage, es sei wohl ein süßes Lachen aber das Lachen eine Frau, so
teile ich dich nicht auf in das Beseligende und das Luder, sondern ich weiß,
wie wundervoll der Zauber der Verbundenheit aus diesen beiden dich
gestaltet hat.
Denn du bist ja letzten Endes evahaft aus Lehm und Wollust gemacht und
bist schon jederzeit zum Leben zurückgekehrt, leiblich und frisch, wenn du
nur, etwas schlapp, die langen Beine der Jägerin weit ausstreckst und alles
vergißt. Bist du für eine Limousine morgen lieber, oder für Schmuck oder

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eine Reise nach Tunis, bleibst du die gleiche. Auch Geist wiegt nicht mehr
als Eisen und Fleisch, man muß es aufs deutlichste sagen, wenn diese Frage
gestellt wird. „Adieu Ihr Freunde, adieu Ihr Bücher“, schrie Petrarka, der
gut und in angefülltem Jahrhundert gelebt hatte, beim Sterben und jammerte
zuerst um das Dasein, das er verlassen mußte und dann erst um den Ruhm .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .“
Was für die Frau gelten sollte, gilt für Sie Solchergestalt Mijnheer hätte ich
gesprochen, wenn Sie e i n e F r a u w ä r e n . D o c h S i e s i n d e i n
Mann, aber es gilt dennoch dies Alles auch für
Sie!
Mijnheer, man erzählt, daß griechische Helden eine Schar junger
Nymphen im Walde des Kythäron trafen, die sie durch liebliche
Bewegungen und alle Stellungen der Anmut zwangen, sie mit immer
heißerem Atem zu verfolgen, bis sie an einer Quelle plötzlich die Mädchen
Waffen ergreifen und mit feurigem Päan schlachtlustig auf sich losstürzen
sahen. Sie kämpften den Tag und die Nacht mit den schönen Amazonen,
ohne enttäuscht zu sein, denn, was sie zum Liebesspiel zu locken schien am
Morgen, blieb als streitbare Erregung in ihren Adern und tobte in der
Adligkeit der Kämpfe sich aus, in denen sie statt Geliebten nur Krieger
fanden. Ich hätte Ihnen, Mijnheer, nicht vermocht, heute so zu reden, wenn
ich das nicht gelebt hätte vor Jahren, was ich heute sagte. Und wenn das
Fresko von Büchern etwas verwirrt hängen bleibt, inmitten dieser vorn und
hinten abgebogenen Geschichte, so hat es wie der von Löwen gesäugte
attische junge Eros die Fähigkeit, sich nach den beiden Seiten des
Geschlechts zu adressieren.
Denn was daran die Frau über das Leben zu Liebe entflammte, entzündet
den Mann zum Ringkampf mit der Welt. Man denkt oft seinen Kopf zur
Ruhe zu legen und steht in Kürze vor dem Streitruf der Amazonen, aber es
ist dennoch fatal, einen holländischen Gentleman zu sehen, wo man mit
aller Kraft der Phantasie eine nördliche Diana zu sehen gezwungen ist.
Ein Mann ist eine triste Sache, wo die Luft noch nach dem Leben einer
Frau riecht. Auch Ihre Ironie vermag mich nicht zu desillusionieren.
Ernüchtern ist ein kalter Witz, den die Leidenschaft verzehnfacht an die
Wand spritzt. Ich schwärme nicht für Vergangenes, aber ich habe alles
gehabte Dasein im Blut. Mit dem faden Panzer des Lächelns und einer
Flasche Cointreau kommt man nicht über erbitterte Nach Mond ausschauen

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Situationen hinweg, sondern man lügt sich nur eine falsche Maske der
Überlegenheit in den Spiegel, statt sich seiner Leidenschaft hinzugeben.
Das Leben wäre verflucht einfach, wenn wir es nicht mit Stolz am
falschen und Demut am rechten Platz abscheulich komplizierten.
Ich werde eine Stunde auf den Damm hinausgehen und nach dem Mond
ausschauen, der irgendwo in dem Schnee stecken geblieben ist.

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Die vierte Nacht

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I Umweg über Ski ch will Ihnen von Norland erzählen, Mijnheer, und die
Geschichte vom Lachen des Ski. Zu witziges Zeug grimassiert heute
schon durch den Morgen. Bereits, als ich erwachte, glaubte ich das leise
Panterrauschen der Sonne zu hören, da entdeckte ich eine Fledermaus hinter
dem Laden und draußen stand der Sturm. Im Sportraum kam mir der
Springer Schneeberger entgegen und hinter ihm saßen auf den breiten
Ofengalerien die besten Läufer Deutschlands zwischen den Aktrizen vom
Film. In jedem Sporthotel der Welt siegt der Bedeutendste seiner Branche,
und Thor und Apoll und der junge Alexander treten trotz der Seltsamkeit
ihrer Schönheit zurück hinter Jockey Schmidt in Iffezheim, dem Boxer
Dempsey, dem Tennis-Wilding, dem Ski-Schneider aus St. Anton, der seine
vierzig Meter ebenso toll wie traumwandelnd sicher springt. Nun aber sah
ich, daß die robusten Burschen ihre Haare in Netzen trugen, mit welchen
Toilettefirmen ihre Reklamehelden gern in Zeitungsinseraten zeigen. Sie
sangen ein bayrisches Schnadahüpferl mit Einstieg zum Fenster über das
Heu, während man doch hier zum Stall nur durch einen Tunnel unterm
Schnee kommt, aber das brachte mich nicht zum Lachen. Nur wie ich,
nunmehr den Schneeberger, Springer erster Klasse, an dem von Eiszapfen
bis zum Boden vergitterten Fenster die zwei Kufen seiner Springskis mit
Skiwachs glätten sah, und sich sein schwarzes Gesicht über dem
Katzenkörper verweibt in der beschleiften Haube bewegte, fiel mir über
alles Pêle-Mêle hier Norland ein und das Lachen des Ski.
Es wird keine lange Geschichte, Mijnheer, und sie ist nicht kurzweiliger
wie viele, aber ich muß ausholen dazu, jedoch nicht weiter wie mein Arm
breit ist. Ich bin Liebhaber der Sports wie Sie, nicht nur um des Mutes, der
Gefahr und des Risikos willen, die ich mir dabei beweise, sondern auch um
der Pausen willen, in denen im Gegensatz zu „in Form sein“ der
Fachausdruck „faul sein“ heißt. Man kann von diesem Liebe zum Handwerk
Beruf aus nämlich, ohne die Hetzjagd der Epoche mitzumachen, auch wenn
man manchmal verdammt gestrafft nach der Leistung packt, sich nachher
ohne Besorgnis die Welt auf den Bauch scheinen lassen, wie alle
Inselmenschen es jahrhundertelang taten und alle rassigen Tiere es lieben.
Aber, hören Sie, Mijnheer, ich bin nicht nur verliebt in die Sports,
sondern ich bin passioniert an dem Handwerklichen, das ihre Ausübung bis

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zur Vollendung erst ermöglicht. Ich bin nicht nur mit einem rotbraunen
Segel an der Savoyer Küste gefahren, mit einem roten in Bjerred, einem
grauen in Brunshaupten, einer weißen Fregatte in Genf, moosgrün zwischen
Marstrand und Göteborg, purpurn in Südfrankreich und mit milchgelbem
Spinnacker vor Tutzing und Schloß Berg im Gewitter gelegen. Sondern ich
wußte auch, daß an dem savoyer Boot die Schwalbensegel kreuzweis den
Wind nehmen mußten, daß mein Ostseeflunderboot keinen Kiel hatte und
einen fatalen Fock, daß die Rennjolle des Starnberger Sees so überfeinert
war, daß sie dem Fingerdruck, ja der Idee schon parierte, während das Boot
der Marseiller rund wie ein Walfischrücken sein vierecktes Segel nicht
anders wie eine Harpune gehißt hatte, und daß auf dem Kahn, mit dem wir
durch die Schären nach Christiania zu kommen suchten, das Schwert nicht
marschierte und bei Sturm das Großsegel riß . . . und ich war verliebt in die
Fehler, weil ich sie kannte und daher beherrschte.
Aber die Vollkommenheit der Yacht erst, Mijnheer, die Vollkommenheit
der Yacht erst, mit der wir zwischen Schachen und Mersburg an den
blühenden Obstbäumen den Bodensee entlang fuhren, war so erschreckend,
daß mich nur die Grimassen trösteten, mit denen die Schweizerinnen im
Badeanzug auf meiner Luvseite beim Vorüberrauschen die Bewohner der
Villen ärgerten und damit jede Sekunde der Blitzfahrt durch ihren Klamauk
gefährdeten . . . . Denn da ich Gefahr plötzlich sah, war ich gespannt auf
dem Posten und durch die Witze über die Unfehlbarkeit des Bootes
versöhnt und erheitert.
Durch Handwerk zu Überlegenheit Mijnheer, nebenbei, die Geschichte der
Menschen ist möglich ohne Aeschylos und Dante, aber ausgeschlossen
ohne Segelei. Die Entdeckung der Beziehung zwischen Leinwand, Wind
und Pinne ist die genialste Kombination dieser Erde. Das gesegnete Hirn,
das sie warf, besaß die Kühnheit vorher unvorstellbarer Gedankenflüge.
Daß man um Troja kämpfte, ist eine Bagatelle, daß man es beschrieb, ein
Witz. Daß man hinsegeln konnte, war erst die Leistung. Auch sonst erfand
sich ein Messer, ein Mord, ein Dampfer von selber. Beim ersten Segel
müßte die Zeitrechnung unserer Rasse beginnen. Ich liebe inbrünstig das
Segeln, ich beherrsche es besser wie den Ski, aber ich wollte Ihnen von
Norland erzählen, ich schweife ab, aber es ist nicht ohne Sinn.
Ich habe in Norland die Vielheit des Schneehandwerkzeugs kennen
gelernt, das deshalb so vielfältig ist, weil man ohne es nicht leben kann in
dieser Zone. Von Finnland bis Lappland geht seit der Urzeit der Verkehr nur

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auf den Brettern, gäbe es die nicht, stürbe man dort aus. Der Ski ist ein
nationales Instrument, und wer es nicht von Geburt besitzt, kennt es nicht
wie alles Nationale, was man hat aber nicht lernt. Darum sind diese Hölzer
fast von Geschwätzigkeit, weil sie die Gefahr und die Kunst von
Jahrhunderten erzählen, bis sie so wurden, wie sie sind.
Während die Deutschen ohne Tradition dieser Art nur ein paar Sorten
Hölzer besitzen, ist von den blonden Schweden bis zu den fetten Eskimos
die Form verästelt in hunderte von Arten. Ich sah von Upsala bis zu den
Lappen breite Schaufeln wie Lotos, dünne Renner, dreifach über unser Maß
gelängte, in der Mitte gekerbte, die aussahen wie Brillen, gewundene wie
Schlangen, vorn geplattete oder plötzlich wie Zungen gespitzte, ich sah sie
in abenteuerlichen Formen und sah sie in roher Nüchternheit.
Aber einmal, als ich von dem Zeltdorf der grünlichen Lappen mit einem
Rudel schwarz gekleideter mit grünen Blusen geschmückter Kinder zur
Feier der Heimkehr specktragender Der Trick des Lappländers Weiber den Hügel
herunterlief und abschnallte, sah ich eine Figur auf den Ski geritzt. Sie
stellte einen Lappen dar in unanständiger Stellung, der sich im Sturz befand
und die Skispitze abbrach. Ich amüsierte mich über den Fetisch, aber ich
hörte, daß der Besitzer der beste Läufer der Gegend war, und daß seine
Hölzer in Holz und Kufung so vollkommen waren, wie seine Fähigkeit, sich
ihrer zu bedienen. Er hielt es aus irgendeinem Gefühl aber für nötig, seiner
Vollkommenheit seinen Hohn entgegenzusetzen. Man hatte durch die
Jahrhunderte sein einziges Werkzeug bis zur letzten Spitze des Möglichen
getrieben und kann nicht weiter. Da belächelt man sich. Man nannte das
Bild „das Lachen des Ski“.
An diesem Sonntag durchschaute ich guter Junge einen Haufen
Weltbetrug:
Ich verstand, daß es nie Helden gegeben, und daß, wenn irgendwelche
Irdischen wirklich Kerle waren, die selbst den Himmel zu erschrecken im
Stande schienen, sie dennoch fraßen und stanken und es nicht verbargen,
sondern sich damit preisgaben, um nicht in Würde zu krepieren. Entweder
gab es Götter oder es gab Menschen, und alle Halbgötter waren Humbug
der Zeit, die sie zu ihrem Gebrauch fabrizierte. Wer Größe hatte, besaß stets
den Mut sich zu verspotten und erhellte durch das Gelächter seinen Mut.
Selbst der Olymp mit den menschenähnlichen Göttern und das gute
Walhall suchte den Ausgleich und tobte vor Witzen. Kein großer Maler fiel
mir ein, der nicht Karikaturen von sich machte, und Eurypides hat ebenso

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den Diminutiv von sich geliebt wie Scipio sich verlachte und Bonaparte
freudig fauchte, wenn einer den Spott gegen seine Kriegsführung trieb. Die
primitiven Völker entstellten sogar die Bildwerke ihrer Weiber durch
enorme Busen und Schenkel, um sich mit dieser Verzeichnung ins Über-
Üppige den Geschmack an der Wirklichkeit noch gepfefferter zu machen,
und selbst den Kultdramen der Griechen sandte man, um die Heiligkeit
Unechtheit gesalbter Propheten des Pathos auszugleichen, gewisse Zoten
hintennach. Stets befreite sich die bedeutende Person ebenso wie die
Vollendung einer Epoche von der Bürde der Größe, indem sie dieselbe
ironisierte und ins Menschliche somit zurückzog.
Nur die fahlen Schatten spanischer Kaiser ersannen den Trick, sich nie
zeigend, in ihrer Würde zu verschwinden und einige Dichter mit vielem
Ehrgeiz und mangelnder Sicherheit zu ihrem Talent machten die Geste
ihnen nach, sich nicht preiszugeben und täuschten durch gesalbte Regie und
Prophetentum hinter den Mauern dem Volk eine Bedeutung vor, die sie vor
sich selbst nie zu glauben gewagt hätten. Denn sie hätten den Mut sonst
gehabt, sich preiszugeben statt sich zu verstecken.
Wer den Schneeberger wie eine Katze des Gebirgs von der Schanze in
die Luft sausen und nach vorne fallen und nach vierzig Metern mit einer
glühenden Kurve den Boden des Abhangs wieder fassen sah, fand die Geste
liebenswürdig, mit der er sich durch das Kopfnetz verkleinerte, und wer den
Lappen schwingen sah, hatte erst an dem „Lachen des Ski“ den Maßstab,
sein Könnertum zu bestaunen. Man gewinnt nur, wenn man riskiert. Und
man ist nur schön, wenn man sich im Häßlichen beweist. „Er verstehts,“
sagen die Liliputaner von den Cagliostros, die sich mit Würdenebeln vor
der Pupille der andern verstecken, aber sie gröhlen dann mit vor Vergnügen
und halten sich den Magen, wenn die geölten Gauche bald
zusammenkrachen. Das Leben ist verdammt grausam und läßt den
Würdling, der ihm ausweicht und sich aufbläst, platzen wie ein
Meßschwein. Nichts bleibt verborgen, man kann beruhigt schlafen.
Das Lachen des Ski taucht auf, sowie eine Zeit ihren Zenith erreichte. Sie
hat dann stets für ihre Erhabenheit einen Gettatore mit dem bösen Blick
gefunden, der sie bis zur wollüstigen Komik beschielte. Das Mittelalter war
bereits seiner Sache so sicher, daß es sogar in seinen Domen sich
verspottete und in die stolze Brust dieser heiligen Monumente Wasserspeier
voll Sodomie, Echtheit dessen, was Ironie erträgt Klerikerstatuen im Zustand wilder
Cochonnerien und die Bilder seiner Baumeister in undezenten Posen

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aufnahm, genau wie die ägyptischen Kulturen so mächtig saßen, daß sie den
Künstlern gestatteten, in den Friesen die Herrscher zu verhöhnen.
Die katholische Kirche, die das fundierteste Gebäude auf dieser Erdkugel
hat, ist so dehnbar und leutselig in ihrer Unangreifbarkeit, daß sie das
Lächeln des Spottes mit jener Vorliebe aufnahm, deren Liebenswürdigkeit
von vornherein garantierte, daß es die Attacken tötete, indem es sie ohne
Abwehr ertrug. Von den sadistischen schwarzen Messen bis zu Origines,
der sich der Sainte Vièrge zuliebe entmannte und dem spanischen dritten
Karl, der keine Geliebte nahm, um es seinem Beichtvater nicht gestehen zu
müssen, infolge seiner Vollblütigkeit jedoch verrückt ward, ja bis zu den
Faschingfesten, die dem Fasten vorausgehen, und dem Papst, der ein Weib
war, begleitet das Lächeln ihren Bau hinauf bis an die Spitze.
Es begleitete auch, wie ein Zwerg die Fürstinnen, die Gesellschaft. Je
höher ihr Stil, um so klarer das Lächeln. Je verderbter und köstlicher die
gesellschaftlichen Formen, um so vollendeter das Lächeln. Es paßte sich
denen an, die es geleitete, und das Rokoko war schließlich und nicht nur in
Mozarts Musik und Molières Stücken ein ewiges zartes Gelächter über sich
selbst. Die Österreicher allein haben etwas von dieser Grazie der Satire
bewahrt, da sie sich niemals ganz für ernst nahmen und genau wußten: daß
sie bereits seit zweihundert Jahren tot seien und daß man also nur noch als
sympathische Leiche fast wider Willen und erstaunt über seine eigene
Atmung noch lebe.
Die Deutschen verstanden die Satire nie im Sinn des Spiegels, sondern
sie führten sie fast stets als Streitaxt gegen zeitliche Feinde und machten sie
zu Waffen der Politik. Michelangelo hat in einem Sonett angedeutet, der
Dichter dürfe nichts schaffen, was die Zeit vernichten könne und hat
gewußt, Deutsche Satiriker. Genie & Co. daß, wenn die angegriffene Unke geplatzt
ist, der Angreifer nur die komische Figur bleibt. Die Deutschen attackierten
Zustände, aber trafen die Menschen nicht mit. Im Mittelalter turnierten sie
gegen die Dämonen, als die Blüte dieser Epoche schon vorbei war, später
mit Rosenblüt und Hans Sachs gegen den Klerus. Huttens Satiren sind
Plaidoyers eines Staatsanwaltes, Fischarts Werk ein ungeheuerliches
persönliches Pamphlet. Der„Simplizissimus“ Grimmelshausens ist nur
zufällig satirisch und im „Squenz“ hat Gryphius einen Spott ausgegeben,
den er für seine Sachen in gleicher Weise verdient hätte. Das siebzehnte
Jahrhundert ist von Moscherosch bis Reuter pedantisch und ohne Grazie,
lediglich der „Schelmufsky“, der aber nur eine Mode belacht, hat einen

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zeitlichen Schmiß. Wieland war ein glatter Bursche und hatte genau den
Flair, worauf es ankam und übte sich trefflich und elegant in der Manier des
„Don Quichote“ und der „Pucelle“, aber vergaß, daß die Grundlagen des
deutschen Wesens in gar keiner Verbindung standen mit dem Feenspiegel,
den er ihnen vorhielt. Denn es gab keine Typen, die er hätte zeichnen,
keinen Charakter, den er hätte karikieren können und keine nationalen
Zusammenhänge, die sich wieder erkannt hätten. Er gab wie jene Leute, die
mit Visitenkarten seinerzeit herumliefen, auf denen „Neffe Rossinis“ und
„Freund von Liszt“ stand, lediglich eine Kopie der fremden Satiren und
bedachte nicht, daß Freund oder Neffe eines Genius zu sein nicht bedeutet:
Genie & Co.
Bei dem witzigen Liscow und dem hellen Lessing ward der Kampf eine
Zweckfrage des Schreibtums und blieb eng im Rahmen der Literatur.
Zachariäs „Renommist“ ist ein Studentenwitz, weiter nichts. Es gelang
keinem, über die Opfer seiner Schüsse hinaus, an menschlichen
Zielscheiben die ewig menschlichen Gebrechen zu belächeln. Sie schossen
auf rohe Studenten, armselige Pastoren und auf die Gans des Aberglaubens,
ohne den Ehrgeiz zu haben, erst hinter dieser Jagd den Horizont der
irdischen Schwächen und Stärken liebevoll Minna von Barnhelm aufzuziehen.
Sie durchbohrten einen Panzer, aber das Herz war ihnen ein Schmarrn. Die
Armen brauchten alle Kraft, um nur die ersten Hiebe zu tun, denn um ein
Zentrum zu treffen, muß eines vorhanden sein. Zeiten ohne Humor sind
miserable Zeiten, nicht weil ihnen das Salz fehlt, denn es können zahlreiche
Witzbolde in ihnen herumrennen, sondern weil sie nicht so üppig sind und
so ausgewachsen, um sich mit einer gewissen Wollust in der Ironie zu
baden.
Es kommt nämlich auf den Rückschluß an, nicht auf die Betonung. Es
kommt nicht auf die Mäuse an, sondern auf den Speck in der Nähe. Es ist
an sich gleichgültig, ob es Satirisches gibt, aber wo Satirisches funkelt, ist
bombensicher eine vollendete Zeit in der Nähe. So ist der Weg. Jean Paul,
der mit seinen scharf gedachten „Grönländischen Prozessen“ keinen Erfolg
fand, der aber ein Riesenwerk der Satire als Talent zu bauen in der Lage
gewesen wäre, beweist, daß nur Humor, daß nur das persönliche Gelächter
über die Welt anzustimmen den Deutschen möglich war. Er konnte nicht die
Zeit, ein wenig schief gelegt, formen, sondern er amüsierte sich auf eigene
Faust. Wilibald Alexis bluffte seine Landsleute, indem er ihnen einen

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Roman als Übersetzung Scotts vorsetzte, das war aber nicht Satire der Zeit,
sondern ein Witz, den die Zeit ihm erlaubte.
Zweimal nur gelang es vor Heine, einen Zipfel der Epoche lustig und
erhaben zu stehlen aus der Rüstkammer der sortierten aber nie gesammelten
deutschen Begriffe, das war in „Minna von Barnhelm“ und in Büchners
„Leonce und Lena“, wo Lessing das preußische, Büchner aber einen Teil
jenes romantischen reellen Weltgefühls der Deutschen (über ihre
siebenundachtzig Potentaten hinweg) menschlich festzuhalten vermochte.
Meissonier macht mit Unrecht den Deutschen den Vorwurf, der
Protestantismus habe sie statt zu Überlegenheiten zu nüchternen
Kostspendern wie Kaulbach und Piloty geführt. Der Protestantismus hat
ohne Zweifel den Wurzelkeim einer nationalen Kultur zerrissen, Nationale
Gesinnung der Satiriker wenn er überhaupt bestand, aber mehr Schuld ist ohne
Zweifel, daß die Führer ihre Deutschen klein gehalten und nur zum Genie
der Gesetzparagraphen erzogen haben. Ihre Freiheitsidee ist von der
Schwungkraft eines Karussells, sie saust nach außen, aber sie baut keinen
Staat, ihre politische Einsicht vermag nicht die Bedürfnisse
augenblicklicher Not oder Gewinne zu überspringen, und ihr nationales
Bewußtsein ist immer, soweit es öffentlich betont wurde, das von Generälen
oder nationalistischen Gauchos gewesen. Daß Deutschland viele
Hauptstädte hat, büßt es damit, daß es keine geistige Zentrale besitzt. Und
daß dadurch wohl Leben aber kein zentrales Bewußtsein in das Volk drang,
zeigt sich heute, wenn der republikanische Staat in seiner Ausbalanziertheit
bereits wackelt. Undenkbar, daß die Provence, daß Smaland, daß York
abfiele von ihren Mutterstaaten, weil ihnen da in der Leitung etwas nicht
passe oder sie eine andere eigene Form der Gouvernements vorzögen. Daß
Bayern wie ein Kind monatlich damit droht, beweist nur deutlich, daß die
Deutschen noch nicht Deutsche sondern eine Zusammenstellung von
Charakteren, und daß sie nicht national, sondern Querköpfe sind.
Heine ist der einzige Künstler, der eben dies und dazu vom Ausland her,
wo er exiliert saß, fast zu einem Weltbild der deutschen Art
zusammenzuschließen vermochte, indem er es mit den Tönen der höchsten
Liebe verspottete. Er verstand es allein, wie Voltaire auch, im obersten
Sinne national zu sein, indem er angriff und spiegelte. Deutschland hat
nicht an ihm gelernt, sondern hat ihn verachtet, und weil Heine wagte, es
durch seinen liebenswürdigen Hohn zu erziehen, hat es ihm ein Denkmal
verweigert, das es ihm unweigerlich gesetzt hätte, wäre er in der Lage

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gewesen, in der militärischen Laufbahn einige Städte zu zerstören. Die
Satire springt aber hier aus dem deutschen Spiegel und setzt sich mit dem
blanken Rückenteil der Epoche mitten in das Gesicht. Sie wird unfreiwillig.
Nicht das Vollendete erfreut sich seiner Karikatur, sondern das
Unharmonische macht Engländer und Franzosen sich erbärmlich, indem es die
Windmühlen angreift, die es von einem Feenberg necken. Die Deutschen
verachten das Spiegelbild, das, wenn es in seiner satirischen Schiefe recht
hätte, nur der Beweis der Höhe ihrer nationalen Kultur wäre und sie
verachten sich damit selbst.
Des Briten Pope „Lockenraub“ und Boileaus „Lutrin“ und des Italieners
Tassoni „Geraubter Eimer“ und Cervantes Bücher sind aber nicht Angriffe
gegen betrunkene Studiker oder eifersüchtige Lords oder ehrgeizige
Kleriker oder fahrende Ritter, sondern sie sind vorzügliche Karikaturen der
Menschen in eine unbeschreiblich schöne Spiegelung der Zeit
hineingezeichnet, so etwa, als beuge sich jemand über Wasser und es bliebe,
durch eine Welle gestört, das Bild auch unter dem Zittern mit solcher
Klarheit, daß man die Anmut und Grazie auch durch die Verzerrung zu
empfinden verstände.
England und Frankreich entwickelten die literarische Karikatur so, daß
sie Bestandteile des nationalen Lebens wurden und der Schritt vom
Sublimen zum Belachbaren nicht ein Vorwurf, sondern ein Vorzug wurde.
Molière und Lafontaine und Boileau waren nicht die Karnickel, sondern die
Schoßkinder ihrer Zeit, die ein Entzücken darin fand, die Feinheit zu
studieren, mit der man die Fehler ihrer Rasse bespottete. Auf dem
französischen Theater erzog man den heroischen Ton so, daß er in seiner
höchsten Pathetik bereits wieder die Untermelodie des Mokanten erreichte,
kein Staatsmann, kein Künstler war zufrieden, wenn ihm nicht sein Erfolg
und seine Bedeutung dadurch bezeugt wurde, daß man ihn anmutig
verlachte. Fénélon hat den Franzosen seiner Zeit in seinem „Télémaque“
über die Scherze, die er sich mit ihnen erlaubte, hinaus sogar ein Idealstaat
gezeigt, Le Sage ließ sie durch seinen Teufel einen Blick in alle Häuser tun,
Montesquieu traf mit den reisenden Orientalen, die über Frankreich zum
Orient berichten, den entzückenden Blickwinkel, der alles unter dem
Vergleich mit anderen Weltsitten veränderte,
lieben Satire über alles Voltaire ward der Riese, der ohne Gewalt nur mit dem
gierigen Zug seiner Grimasse den Klerus und die auf ihm hockende Masse
des Staates zerlächelte, bis Beaumarchais Gelächter eine Zeit völlig in

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ihrem Stürzen begleitete, deren Rekonstruktion als bürgerliche Gesellschaft
Anatole France mit einer weisen und müden Ironie wieder zu Tod zu
lächeln beginnt, wo sie schon wieder ein Jahrhundert alt und schon
greisenhaft zu werden anfängt. Man wird Satirisches in Frankreich nie
mißverstehen und nach Möglichkeit nicht verfolgen, das Volk ist in der
Lage, jede Bemerkung auf ihre Ironie und ihr Vorbild hin sofort zu
verstehen, es ist tatsächlich so erzogen, daß es fast automatisch beim
Heroischen bereits das Belachbare sieht. Weil sie diese Fähigkeit, im
wahren Sinne dem Leben gegenüber Esprit zu beweisen, bei den Deutschen
vermissen, haben Constant dem Nüchternen und Stendhal dem
Verquollenen und nicht Charakterfesten an ihnen die Schuld für ihre
fehlende Kulturbasis gegeben. Wenn man der Sarah Bernhardt die dürr wie
eine Peitsche war, aber sehr fette Finger besaß, den Rat gab, sich zur
Bequemlichkeit lieber auf die Hände zu setzen, so ist das ebenso
bezaubernd wie unanständig, lobt und verspottet die Künstlerin
gleichermaßen und wird überall genau so verstanden, wie wenn ihr großer
Komödiendichter sagt: „J’aime mieux un vice commode / Qu’une
fatiguante vertu,“ — — — was nicht ein Paradox sondern ein witzig
gebrachter und verstandener Bestandteil des Volkscharakters ist.
In England folgte das Volk mit fast ehrfürchtiger Scheu den literarischen
Verzierungen, die, aus Gelächter gebogen, an den Bau der Gesellschaft
angefügt wurden. Pope ward zwar wegen einer Pasquille gegen einen
Lehrer aus der Schule geschmissen, vermochte aber ganz Europa mit dem
Ruhm seiner satirischen Schriften so zu erfüllen, daß er sich vom Erlös
einer Übersetzung allein ein Landgut kaufen konnte. Das England um
Siebzehnhundert zitterte vor Swift, und die Regierung mußte, weil er
dagegen war, achtzigtausend Pfund Sterling Kupfergeld Swift aus Irland
zurückziehen, da, obwohl Newton die Güte bescheinigte, Swift erklärte, es
sei ungut und das Volk ihm glaubte. Auch Dickens und hundert Jahre nach
dem Verfasser des Gulliver hat Thackeray in „Punch“ und in „Vanity-fair“
seine Gesellschaft in ganz großen Karikaturen gefangen, die oft fast an die
Predigt eines Sardonikers erinnern. Swift aber hat am tollsten eine Tradition
geschaffen, an deren Gültigkeit England glaubt, und hat, wie Demokrit mit
dem Maskenbündel, bald dieser bald jener Seite seines Volkscharakters ein
anderes Spiegelbild gezeigt, unerschütterlich in seinem Angriff und seiner
Zusammenfassung der Zeit.

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Er konnte seinem Werk sogar den ausgezeichneten Einfall hinzufügen,
daß er sein Leben dem Geist seiner Bücher anglich, indem er als Epileptiker
geboren ward und als Idiot verstarb. Während die Franzosen durch
Frivolität weise zu werden suchten, indem sie lachen, haben die Briten eine
orthodoxe Miene im Gesicht und haben darum eine unbegrenzte
Hochschätzung vor ihren Karikaturisten, weil sie den Sinn der Moral in
ihnen sehen und sie daher lediglich für eine Sorte von Lachern halten, die
ein strengeres Zusammenraffen des nationalen Geistes in dieser Maskerade
verlangen. Beide aber wissen, daß ihr Zerrbild im Grunde ein Lob ist und
letzten Endes eine positive Sache wie jeder Witz.
Die Deutschen aber haben für die, welche ihre Heimat lieben, den Spruch
vom Vogel entdeckt, der sein Nest beschmutze und sich, was ihre Fehler
angeht, in einen abscheulichen „cant“ verkrochen. Sie haben ihn oft den
Briten vorgeworfen, aber diese haben an Selbstkritik stets das Letzte
geleistet, wenn sie auch Heuchler in anderen Dingen sind. Aber die
Deutschen haben sich einen Traum von ihrer Erlesenheit und Vorzüglichkeit
angedichtet, dessen Anzweiflung schon Ausschluß aus der
Volksgemeinschaft bedeutet. Kritik aus Liebe zu Deutschland üben heißt
Fehme auf sich nehmen.
Das hat diejenigen, welche ihre Heimat und ihre Zeit neuerdings Deutscher
Haß auf Satire satirisch spiegeln wollten, durch diese erbiesterte Form der
Ablehnung nicht zu Lächlern, sondern zu Pasquillanten gemacht. Sie haben
oft Liebe sagen wollen, aber es ist ihnen im Mund zu Haß geworden. Es ist
der gleiche Liebeshaß, der die Geschlechter unter Bissen zueinanderwirft,
der auch ihre Stellung zur Heimat ausmacht. Die Deutschen wollen nicht
erzogen werden, die Dichter aber meinen, man müsse sie erziehen oder
sterben. Die Deutschen wünschen, daß diese Schreier, die ihnen Fehler
zeigen, das Land lieber verlassen. Diese aber meinen, man müsse diese
nationalistischen Schreier erst erschlagen, um an Deutschlands Herz zu
kommen. Was die Franzosen lieben und die Engländer verehren und was
beide zu einem Block nationaler Größe zusammenschließt, erregt in
Deutschland den moralischen Bürgerkrieg. Das Volk vermag im Schild
dieser Kämpfer nicht sein Gesicht zu sehen, weil dieses Gesicht in
Wirklichkeit nicht besteht, die modernen Satiriker glauben aber, sie müßten
wie Savonarola hetzen, um das Volk auf seine Fehler zu stoßen.
Sie reden dabei aber eine Sprache, die das Volk nicht versteht, weil es ja
auch seine Fehler nicht sehen kann, da diese Fehler in seinem Gewissen

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nicht bestehen. Die Deutschen haben eben keine Gesellschaft, denn besäßen
sie diese, hätten sie einen nationalen Ausdruck und seinen Zwillingsbruder,
die Satire. Es wird hier ein furchtbarer Kampf gestritten, da jeder leider
vom besten überzeugt ist und man sich in dieser Überzeugung die Gurgeln
abschneidet ohne Resultat.
Nach einer großen Demonstration gegen die Reaktion sah ich in einer
Straße der Altstadt ein neues Spiel, ein Junge hatte den anderen unter sich,
schlug ihm den Kopf auf den Boden und schrie: „Sag, es lebe die
Republik!“ Man lehrt es so nicht, indem man dem, der rufen und glauben
soll, den Kopf zerhaut. Man müßte eine überzeugendere und überlegenere
Art finden, sich mit seiner Meinung durchzusetzen. Da es ohne Frage ist,
daß Satire nötig und daß sie fruchtbar Nutzlosigkeit deutscher Satiriker ist, darf sie
sich nicht, wie in Deutschland gemeinhin üblich, vorher selbst kastrieren.
Es wird da leider aus Haß der Zuneigung nicht gespottet, sondern gehaßt.
Es wird nicht angegriffen, sondern es wird vernichtet. Der Delinquent, den
man überzeugen will, wird zuvor in den Bauch getreten, eh’ er Argumente
hört und hat infolgedessen Recht, sich Belehrungen zu verbitten, die
Belästigungen sind.
Man rennt wie wild geworden gegen die Zeit los, aber man spießt auch
tatsächlich nur Institutionen auf. Man kommt, während man geistig
hinreißend sein will, in den Ruf, ungebildet und frech zu sein. Leider wird
auch gar nicht versucht, die Menschen durch ihre Zeit zu bespiegeln,
sondern sie werden wie Indianer-Gefangene skalpiert und hingerichtet und
zum Schluß verspeist. Das gebildete Publikum hat seinen satirischen
Schriftstellern gegenüber die Einstellung des Mannes, der ausspuckt, oder
es hat die Angst, die Andersen hatte vor Heine, von dem er kindlicherweise
annahm, er verschlinge ihn, obwohl es ein Weltmann war, den er dann traf.
Die deutschen Satiriker nutzen im Augenblick nichts, sondern sie verderben
nur, im besten Falle geben sie der Zukunft ein Material über die Zeit.
Sie sind eben tragischerweise nicht die ungezogenen Kinder der Zeit und
der Nation, sondern sie sind fremde Bastarde. Die Nation erinnert sich
keiner Fehltritte, die Bastarde bestehen darauf, die Nation davon
überzeugen zu wollen, daß sie dennoch die Produkte dieses Fehltritts seien,
sowie daß Fehltritte unnötig seien, wenn die Nation sich rechtmäßig mit
einer anständigen kulturellen Haltung kopuliere. Schmerzlich ist, daß wohl
seinerzeit die Kreuzzugprediger von allen begeisterten Völkern trotz ihrer
anderen Sprachen verstanden wurden, daß die Deutschen aber wie Kaffern

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und Chinesen einander nicht verstehen und dadurch nur mißtrauischer
werden.
Hätte Heinrich Mann die Zartheit Anatole Frances besessen, so hätte er
seine satirischen Bücher statt als Kanonade Aufzählung der Spötter gegen seine
Zeit mit der Ewigkeitseinstellung des Dichters losgelassen. Er hat, wo er
den Bürger zerknittert, keine Distanz sondern Vergnügen an der
Vernichtung. Es wäre darauf angekommen, zu zeigen, daß die „Untertanen“
und „Professor Unrat“ nicht getötet werden müssen, sondern daß dies der
winzige Teil einer menschlichen Schwäche sei, die amüsant besonders im
wilhelminischen Zeitalter blühte. So wäre zur Objektivität die Heiterkeit
gekommen, die Frances Spitzbart umwölkt, und dazu vor allem die
Wirkung. Denn Manns Romane haben die Deutschen nicht gebessert,
sondern ihren Feinden nur das Material zu ihrem schadenfrohen
„Kreuziget“ gegeben. Er hat nicht die Einstellung des weisen Mannes
gefunden, der das Kleine nicht allzusehr beachtet und das Große auch nicht
als Dupe hinnimmt, sondern vielmehr die die Welt als das Vergängliche, das
sie ist, mit graziöser Skepsis zwischen den gespitzten Fingern aufhebt.
Obwohl neben den Novellen die satirischen Romane seine besten Arbeiten
sind, erreichen sie um dieser Einschränkung willen nur den
dokumentarischen, nicht den menschlichen Wert großer Kunstwerke.
Sternheim hat den Instinkt für Voltaire viel gerissener im Blut und weiß
eher, daß nicht die Zerfleischung, sondern die Sammlung der Untugenden
in einer komischen Linse not tut, er hat einige meisterliche Novellen für
Deutschland geschrieben, aber die Maßlosigkeit seiner Ausdrucksweise
zerstört das meiste seiner Wirkung. Er ist wohl der Ansicht, es sei überhaupt
nicht für die Gegenwart sondern für ein Publikum der Zukunft zu schreiben,
allein er weiß nicht, daß das Kolossale einer satirischen Wirkung nicht
durch die Unflätigkeit des Ausdrucks, sondern durch die möglichst
unbeteiligte Form geschieht, mit der man seine Nation in den schrägen
Winkel gleiten läßt, der das Bild ins Komische bricht.
Gottfried Benn, der ein ausgezeichneter Dichter ist, hat sich manchmal in
einer Abhandlung über die Zeit dem Zum Karikieren bedarf es Liebe trockenen
Ton der Sachlichkeit genähert, allein sein „Modernes Ich“ erfordert
Voraussetzungen an Gescheitheit, die ein auf Wirkung lüsterner Autor nicht
stellen sollte.
Trefflicher verwendet die chronologische Exaktheit in der Zeichnung
Hermann Essig, dessen „Taifun“ das beste satirische Romanbuch in

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Deutschland seit langer Zeit ist. Allein seine Welt ist die einer
künstlerischen Clique und weder Herr Herwarth Walden noch sein Kreis,
die sich mit der Lanzierung einer abstrakten Malerei beschäftigen und hier
beschrieben sind, rücken so in die Lupe, daß sie einem deutschen
Nationalcharakter sich nähern, vielmehr eher jener siebenten Sippe der
ersten Familie der vierten Ordnung Raubtiere, nämlich den Katzen
(Felidae), deren Gehabe gleichfalls von Essig liebevoll und distanciert
betrachtet wird.
Noch skurriler verkümmert in literarischem Gehabe die satirische
Bemühung von Karl Kraus. Seine Stimme erlischt zwar nicht wie die der
meisten kritischen Schreiber, wenn ihr Verleger ihnen das Engagement
kündigt und die aufgeblasenen Armseligen einflußlos auf der Straße liegen,
denn erstens ist sie so bissig, daß sie nur unabhängig ertönen kann und
zweitens geht sie ohnehin nicht über die Wiener Vorstädte hinaus. Er gibt
seinem Organ daher gern die Färbung des Teufels, der einhergeht wie ein
brüllender Leu, aber es ist aus der Nähe nicht ein Raubtier sondern ein
Verbissener, und aus der Entfernung kein Bespiegler sondern nur ein lokaler
Craqueur. Die Satiriker, die nahe bei Epikur stehen müßten, haben sich
Mars zugewandt und tragen keine überlegenen Falten im Gesicht, sondern
scharf nach oben gewichste Schnurrbärte. Die Dinge werden aber nicht mit
Geschrei überwunden, sondern mit der Tat oder mit Achselzucken.
Die literarischen Führer, die in der Regel weder Athleten noch an Wade
und Nerven kriegerische Erscheinungen sind, begehen eine Täuschung,
wenn sie sich wie Feldwebel verpuppen. Um ein Volk in den Fehlern zu
karikieren, bedarf Jüdische Satire es Liebe und Verständnis für die Schwächen
und etwas Gift. Aber man langweilt sich auf die Dauer bei den
Trommelwirbeln, die gegen den Bürger schallen, der überhaupt nicht mehr
lebt. An seiner statt hat ein vielfarbenes Zersetzungs- und Umbildungsvolk
sich geschaffen, und das liest Herrn Kraus deshalb nicht, weil es sich um
Literaturgeschrei gar nicht kümmert, und er sich wiederum nicht um ein
Volk zu kümmern vermag, das seine Art nicht nötig hat. Aber man wird zu
jeder Zeit den Swift lesen, weil er ein großartiges, auch giftiges, aber auf
den Händen hergetragenes rundes Kugelbild seiner Zeit geben konnte, daß
man zum Lachen und zum Weinen kam, wenn man es besah. Die guten
Satiriker sind natürlich keine Verneiner, sondern mokante Bejaher. Sie
stellen sich nur so, als ob alles nichts sei in ihrer Pupille, sie stellen die Welt
in Frage, damit man sie um so liebevoller bejahe.

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Die deutschen und die deutschjüdischen Satiriker haben aber nur den
ersten Teil begriffen und sich in das Nein wie ein Hund in den Knochen
verbissen. Albert Ehrenstein hat diese Beschäftigung am weitesten
ausgedehnt und sich ein Leidvermögen an der Unvollkommenheit der Welt
antrainiert, daß er an jedem Portier das erlebt, was Musset und Byron nur in
besonderen Melancholien erreichten. Mit einer ewig wunden Seelennot
schreibt er sich aber in ein heroisches Maß der Verneinung hinein und steilt
seine Klage um die Erde zu fast grandioser Monumentalität. Hier aber, wo
er umkippen und endlich das Ja erleben müßte, hütet er sein Leid wie eine
Champignonzucht, und statt nun in angenehmere Partien des Diesseits zu
verziehen, wirft er den Trauermarsch seines Hohen Liedes in das
larmoyante Geschrei der jüdischen Klageweiber, die gegen Bezahlung
tagelang den Schmerz zu artikulieren verstehen. Die Balance ist falsch, das
Talent ist nicht als Schleuder, sondern als Kugel verwandt, die Mauern
stehen gar nicht mehr, gegen die sie geschleudert ist. Was will die deutsche
Satire der Zeit? Zerstören! Aber Bauernkomik. Phantastische Satire es fehlt ihr der
Partner, und der unnötige Lärm und die Besessenheit machen nur die
Unbeteiligten unlustig.
Eher vermöchten einige, weil sie von Hans Sachsens trockener
Knitzigkeit herkommen und bei Kortums „Jobsiade“ sich beim Knittelvers
aufgehalten haben, eine Karikatur der geistigen Zeit zu machen. Natürlich
gelingt es auch nicht, weil dieses Zeitbild ja fehlt, aber es wäre immerhin zu
konstruieren oder amüsant anzudeuten. Der Versuch eines Unbekannten,
Herrn Freeman, ist beträchtlich, obwohl der Autor barbarisch sich nach
jedem Satz auf den Magen klopft. Er macht den Trick, einen Naivling,
einen unzivilisierten Bauer auf der Suche nach einem Weib, Deutschland
durchreisen zu lassen. Der agrarische Parzival, der weder eine Eisenbahn
noch ein Parlament ahnt, hat in der Reflexion eine ähnliche Einstellung wie
Montesquieus Orientalen, welche Frankreich bereisen, aber er hat nicht ihre
Vergleichspunkte und damit erlischt die höhere Gesetzmäßigkeit der Satire.
Bei den Franzosen spiegelte eine Welt die andere, bei Freeman in seinem
„Michel“ grinst nur ein Bauernlachen über ihm vorkommende
Unverständlichkeiten. Die Welt, die Freeman sieht, ist ihm und uns nicht
rund, die Landleute sind aber nicht einfach, sondern schlau. Sein Lächeln
ist nicht überlegen, sondern nur pfiffig. Auch Herr Uzarski, der aus gleicher
Richtung kommt, sendet einen Naivling aus, aber er ist schon fiter und läßt
ihn in Spanien reisen, wo immerhin ein Weltbild ihm entgegentritt. Auch in

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seiner Hundegeschichte mischt er den derben Ton der knorzigen
Fastenredner hinein und bringt das deutsche Wesen manchmal schon zu
Fastnachts-Komik. Allein bei aller herzbrechenden Drastik ist dies nur ein
vereinzelter deutscher Zug, der dazu noch von den Meistersingern kommt.
Hans Sachs aber ist nicht deutsch, sondern nur ein vergröberter Auswuchs
und keineswegs Gesellschaft, es sei denn die der Rüpel.
Dazu kommt Herr Scheerbart, ein Humorist, der neben allem anderen
nicht ohne das Phantastische auskommt. Eine Begabter Neffe von Herrn France
Gesellschaft, die nicht besteht, auch noch auf der Milchstraße karikieren zu
wollen, ist vielleicht ein Zeichen von Talent (er besitzt es), aber eine
unmögliche Satire. Das hätte Cervantes nicht gewagt. Albert H. Rausch
sodann, der nicht den Bürger, sondern den Spießer wie Hoffmann und Paul
ärgerlich zeigen wollte, im Zustand wie er sich über Urningtum entrüstet,
ist ein Zärtling, der, sonst ein gepflegter Dichter, hier seiner Provinzstadt
dauernd, statt sie stinken zu lassen, Parfüme über das Dach schüttet. Er
kann es ohne Ästhetisieren nicht lassen und zeigt sich immer wieder selbst,
elegant und heiter, zwischen den Bürgern seinem Publikum auf seinen
eigenen Händen serviert.
Exerziert man Deutschlands Satiriker alle nebeneinander nach Größe und
beschaut ihre Einstellungen, haben fast alle gegen Zustände gefochten und
nicht Menschen geschildert. Die stofflichen Anlässe der Herren sind
Späteren so gleichgültig, wie uns die preziösen Salons der Molièrezeit, die
Arrangementgründe der Shakespear’schen Lustspiele, der Kitzel zu
„Leonce und Lena“. Wer hat, Sternheim in manchem ausgenommen, mit
lachender Üppigkeit die Zeit durch die Sanduhr laufen lassen, daß man
sagen kann: hier ist Zeit zusammengelächelt und sonst nirgends? Die
Antwort ist: nirgends. Bei einem Schüler von Anatole France, einem
gewissen Übelhör, war alles da, wenn auch geschwächt. Allein er hatte, wie
Wieland, eine Satire auf die f r a n z ö s i s c h e Demokratie geschrieben. Es
hätte eine Übersetzung aus dem Französischen sein können. Es ist die
Visitenkarte eines begabten Neffen von Herrn France.
Ein Börsenauftrag, Mijnheer, mit Ausführungsbestätigung dauert von
London nach New-York vier Minuten und kann tatsächlich effektuiert
werden, da die Börse in New-York um zehn beginnt und die Londoner bis
vier Uhr handelt und in der Zeitrechnung zehn Uhr morgens etwa drei Uhr
zehn britischen Nachmittags entspricht. Die Zeit ist kurzlebig und schwer
zu fassen. Wie faßt man sie rasch?

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Die Zeit ist knapp. Großstadtsatire In Frankreich begleiten, ob ein Präsident aus
dem Wagen gestürzt ist oder eine Apothekersfrau entdeckt ward, die nackt
mit dem Keuschheitsgürtel vom verreisten Gatten an die Wand geschmiedet
ward, in Paris begleiten auf den Boulevards mit Postkarten handelnde
Sänger und siebentausend in Café-Konzerts auftretende Bretzel-Chanteusen
diesen Vorfall mit einer Flut von Spott. Die politischen Ereignisse werden
in allen Revuen und Kabaretts glossiert. Die Erklärungen der Conferenciers
in den großen Schaupantomimen, in den Guignols, in den Kaschemmen, wo
Schattenbilder gezeigt werden, stellen den Kontakt zwischen Tagesereignis
und Illustrierung her. So wird das einzelne aufgesogen und bereitet die
ungemeine Empfänglichkeit für die daraus addierten Summen des
künstlerisch satirischen Werkes vor. In England verarbeiten es die viel
heftiger als bei uns gelesenen Wochenschriften und Witzblätter und
Variétés.
In Deutschland sind erst nach der Revolution einige Kabaretts
eingezogen, die das Tagesereignis glossieren, die Literatur dazu wurde von
Herrn Mehring, Tucholsky, Reimann und Ringelnatz geliefert. Sie nähert
sich stark dem politischen Thema und damit jener Schärfe, mit der der
deutsche Karikaturist sich bemüht, seine Sachen seinem Publikum ins
Gesicht zu speien, statt sie ihm gefällig zu servieren. Der Kabarettstil der
durchgängigen Nachkriegszeit beschäftigt sich sonst mehr, soweit er
diskutierbar ist, mit den „Faits divers“ der Skandale der Hauptstadt.
Lediglich den Schauspieler Paul Grätz mit einer fiebrigen, aber
gehämmerten Diktion vermochte dieser Stil herauszubringen, von dem
nicht gesagt werden kann, ob er überhaupt Satire ist oder eingeseifte Politik.
Von der aber fliehen die Bäuche, die unten Sekt schlemmen, lebhaft lieber
zu Apachenszenen und „Zeig mir mal dein Muttermal.“ Man ist dann unter
sich. Diese Sprache, nicht nur die der Kreuzzüge, ist, nicht ohne Recht,
international verständlich. Es ist eine Sache, Eine Serie Leben . . . . es sind
Leiber und Frauen, um die es geht, und nicht Experiment um Geschwätz.
Das ist die Geschichte vom Lachen des Ski, Mijnheer. Ich habe an ihm
gelernt, daß es keine Helden gibt, daß aber nur erhaben ist, was sich
belachen läßt. Ich bin durch die Karikatur von der Dichtigkeit des
Menschen überzeugt worden, und nicht davon, daß nur, wo kein Spott
hinlange, Größe sei. Der antikisierende Maler Mengs war überzeugt, daß er
nach seinen beiden Vornamen die Eigenschaften des Correggio und des
Rafael von Urbino in sich vereinige. Er war ein Idiot, der, statt seinen

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preziösen Bürzel ins Wasser zu stecken, ihn wie eine Trompete in die Luft
hob. Er machte sich lächerlich, indem er sich spreizte mit überlieferter
Würde, statt daß er sich durch Witze seine Unbefangenheit von soviel
anspruchsvoller Tradition erkauft hätte.
Die Menschen, Mijnheer, haben nie den Instinkt für die Wirkung ihrer
Figur und ihres Esprits. Dieser Berg da oben nördlich heißt Schauinsland,
ich finde ihn köstlich benamst, weil er voll Schneesturm steht wie ein
Vulkan. Dieser Aussichtspunkt westlich heißt Notschrey, ich finde bei
diesem Windspektakel das fast verzweifelt komisch. Dieses Getränk hier,
Rotwein und Sekt und Cognac und Himbeer heißt Horbener, weil das der
Landstrich Badens ist, wo am wenigsten wächst. Liegt nicht viel Anmut in
diesem Sichverspotten? Man hätte uns nicht nach den heroischen Idealen
erziehen sollen, sondern lehren müssen, aus dem Frivolen die Menschen
sehen, man sähe gemeinhin sicherer und klarer.
Eine Serie Leben müßte man hinter sich haben, als Kammerdiener des
Rubens, als Knabe des Alcibiades, als General des Dschingiskhan, als
Matrose des Kolumbus, als Geliebte Homers, um an ihren Schwächen und
ihrem Versagen fast kämpferisch sich den Glauben an ihre Größe zu
erwerben. Aus den Geschichtsbüchern klingt das hohe Pathos des Ruhms
allein für den, der Menschen kennt, leicht nur wie Auf jede Satire kann man eine
andre verfassen Gedudel aus einer Papiertrompete. Das wirkliche Ja hat stets
sein Lächeln mit sich wie Wotan seine Raben. Einmal hat übrigens das
Lachen des Ski sich umgedreht.
Man hat nämlich, wenn man nicht zünftig die Langriemen beim Skiern
trägt, die man selber knotet, den Fuß in der Huitfeldbindung, das ist eine
Klammer vorn, die mit einem Riemenschluß an den Absatz verbunden wird,
oder man trägt Bilgery, wo dafür eine Rolle mit Stahlfedern tritt. Die
Preußen haben diese beiden im Kriege kombiniert, damit wohl der Fuß vorn
fest säße, die Stahlfeder aber erlaube, in Reih und Glied, nach Kommando
und auf dem Ski knieend zu schießen, laut Reglement. Hier ist das Lachen
nicht bei dem Menschen gewesen, sondern wahrlich bei dem Ski.
Hätte der es vermocht, er hätte seiner Heiterkeit Ausfluß gegeben, aber er
hätte nicht seine Vollendung damit bespiegelt, sondern sich über seinen
Schützen gefreut. Der nämlich war, wenn er nicht zwischen dem Schießen
und der Beobachtung des Skis selbst erschossen wurde, das Symbol jener
Gattung von Leuten, die unfreiwillig zum Lachen helfen, fatalerweise für
sie.

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Uns hier hilft nicht einmal das Schießen. Es schneit. Ob wir belachbar
sind mit unseren Dialogen? Niemand ist seiner Wirkung sicher, Mijnheer,
auch im Schlaf nicht. Man kann auf jede Satire eine andere verfassen, die
noch mörderischer ist. Als Racine eine Sache von Port Royal aus drehte, die
sich über den König mokierte, traf ihn ein Blick Ludwig des Vierzehnten,
und er starb. Der König war ein Gettatore. Er hatte ihn tot gelächelt.

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Die fünfte Nacht

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I ch will Ihnen davon erzählen, wie ich das Steuer
Blériot und Keyserling
meines Lebens in die Hand bekam, Mijnheer, von einem Flugzeug, von
Pernambuco und meiner Kindheit.
In unserer Bibliothek hing jeder Erstgeborene der Familie die Bilder
dreier Männer auf, die sein Leben schirmen sollten. Ich hing mit Siebzehn
bereits unter meines Vaters Führer, unter Montaigne, Homer und Bismarck
die Bilder des Luftschiffers Blanchard, des Herrn von Lesseps, der den
Suezkanal durchstieß, des Meisters Blériot auf. Ich kam zur Strafe am
folgenden Tag zu Tante Evelyn aufs Land und begann sofort hinter ihrem
Rücken einen Gleitapparat zu bauen, um das hügelige Gelände
auszunutzen. Tante Evelyn bemühte sich aber, mir eine höhere Ansicht
beizubringen und nahm mich mit in die Stadt, wo vor einer glänzenden
Gesellschaft ein bärtiger Herr über Ceylon und China Einiges vorlas.
Es waren für deutsche Verhältnisse sehr elegant gemachte Schilderungen
dabei von Pullmans und Chinatowns, aber obwohl er, wenn es spannend
ward, jeweils unverständliche Nutzanwendungen fürs praktische Leben
dazu gab, zog ich das Portefeuille, denn ich dachte, es sei ein Clerk vom
Reisebureau, aber Tante verbot es mir. Ich war gewohnt, die Börse zu
ziehen, wenn bei uns Hinrek Maasen von Sumatra erzählte und am Schluß
seinem Affen den Schwanz hochzog, daß die Weiber quietschten, aber ich
ahnte nicht, daß meine Tante mich mit in die Weisheitsschule des Grafen
Hermann Keyserling geführt hatte. Ich sagte ihr, ich hätte Romane von ihm
gelesen, aber sie zog auf der Heimfahrt ihren Tibetpelz vor den schönen
Mund, fröstelte in der Mondnacht und meinte, das sei eine Verwechselung,
fast jeder Balte sei ein Keyserling, und der, den ich meine, sei nur ein
Dichter und heiße Eduard.
Ich begriff nicht, warum man nur ein Dichter sei, wenn man glänzende
Romane schriebe, aber hingegen gefeiert Verbeugungen nach allen Tischen werde,
wenn man unter dem Namen Hermann den Baedeker in graziöse
Philosophie übersetze und dadurch unverständlich mache, und beschloß,
mich mit den Schriften des Grafen auseinanderzusetzen, nachdem ich
meinen Gleitflugapparat mit Leinen aus Tantes Vorrat bespannt und
imprägniert hatte. Ich ersah daraus, daß der Balte über Reisen gut schreibe,
jedoch seine Landschaften mit Philosophie, seine Gelahrtheit aber mit

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Wasserfarben verdünne. Ich fand, daß er gegen den Krieg sei, aber
heroische Kriegerischkeit lobe, daß er mit dem Sozialismus kokettiere und
ein aristokratisches Standesbewußtsein lehre, daß er schrieb, Deutschlands
Bevölkerung sei erbärmlicher im Kriege gewesen wie die Frankreichs, und
dennoch mit allen abgesetzten Fürsten verhüllte Blicke wechsele, daß er die
Einfachheit des Lebens pries und sich allen Sprossen der
Wirtschaftskapitäne als kluger Mentor im Sinne ihrer Weltauffassung
empfahl.
„Findest du nicht, Tante Evelyn,“ sagte ich, „daß der Graf nichts anderes
ist wie ein God-Dag-Mann in Kopenhagen, der nach allen Tischen seine
Verbeugung macht?“ „Mein Junge,“ sagte Tante Evelyn, und winkte ihrem
schwarzen Diener, „mein Junge, du bist noch nicht alt genug, um zu wissen,
daß man alles kennen muß, um alles zu vereinen.“ Ich grübelte lange
darüber nach und beschäftigte mich darauf mit der konstruktiven Basis
einer Welt-Auffassung, wie der Graf sie besaß. Mich interessierte die
Mechanik, auf der so verschiedenes Zeug beruhen konnte, aber ich fand
keinen Punkt und kein System innerhalb dieser Gedankenmaschine. Da
kam mir eine phantastische Idee.
Diese Geschichte, Mijnheer, ist eine sehr abenteuerliche Sache, ich kürze
sie ab, so gut es geht, aber es geht darin herauf und herunter. Am anderen
Tag kam im Flugzeug aus Prag ein berühmter weißbärtiger indischer
Dichter in die Weisheitsschule, und hatte der Graf vorher schon den größten
Zulauf, so wanderte nun halb Deutschland hin. Ich halte Tagore heute für
einen gut europäisierten Denker, Cooks Schule der Weisheit meine aber, in
Indien, mit dem er gar nichts zu tun hat und wo Literatur seit Jahrtausenden
gepflegt wird, dichten die Sackträger so. Kurz, zumal der Graf aufforderte,
nur die besten Deutschen sollten diese exotische Schau vornehmen,
begleitete ich Tante Evelyn lediglich, um den Äroplan des Inders anzusehn.
Ich ging nach dem Hangar und sah nach der Marke: „It is a Farman of
course,“ konstatierte ich zu dem Piloten. „In whose interest do you come
here?“ Er antwortete in seinem tschechischen Slang: „C’est une affaire de
propagande pour la maison de Cook.“ Er hielt mich für einen Piloten und
grinste mich verständnisinnig an. Am Abend nahm ich den Schwarzen, den
der Graf bei Tante Evelyn untergebracht hatte, mit hinter die Scheune, hielt
ihm eine Pistole unter die Nase und er gestand das gleiche. Ich lachte die
halbe Nacht. Am Morgen hatte ich den Punkt gefunden, von dem aus die
Konstruktion so vieler Ansichten gehalten wurde: Es war einfach Cook.

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Cook transportierte die „Blüte der Nation“ zu jener Weisheit, die
wiederum Cook im Interesse seiner Reiserouten selbst kreiert hatte.
Zwischen Niederwald und Bayreuth kam ein neues Denkmal deutschen
Geistes zu stehen. Es war eine glänzende Spekulation. Kein Deutscher
würde sich die Besichtigung entgehen lassen. Gemacht! Das Ausland würde
sich die Sehenswürdigkeit eines Aristokraten, von dessen Rasse man
annahm, sie speisten belgische Kinderhände, und der in Philosophie
machte, nie verkneifen. Sensationeller als ein Schlachtfeld! Ich sah mich für
meine erste Bewegung nachträglich gerechtfertigt, ich hatte mit Recht die
Börse gezogen, und Hinrek Maasen mit seinem Affen und Sumatra hatte
auch recht gehabt.
Ich stürzte den Mittag über den Treibhäusern Tante Evelyns ab und hatte
das Unrecht, mitten in ihnen zu landen. Ich mußte nämlich lachen, als Tante
Evelyn im gleichen Moment den Garten betrat, denn ich dachte an Das Ideal!
Nigger-Locken das Amulett an ihrem Hals. Ich hatte aus den Geständnissen des
Niggers entnehmen müssen, daß sein Zweck war, seine Locken zu opfern
für die Andenken, die täglich von dem denkerischen Vorkämpfer
Deutschlands gefordert wurden. Ich dachte daran, fiel, und meine Rolle war
ausgespielt.
„Ich wüßte keinen Balten,“ sagte mein Vater, als ich ihm die Sache mit
allen Umschweifen erzählte und mit meinem Sturz endete, „ich wüßte
keinen Balten, der mich aus dem Gleichgewicht brächte“ und lächelte ein
wenig. Dies Lächeln ging mit mir, als ich am nächsten Tag mit seiner
Erlaubnis zu Onkel Gilbert fuhr, der bei Citroën in Paris an einer
Verbesserung des Dieselmotors bastelte. Seine Motore sollten Schiffe
anspringen lassen mit Hochgeschwindigkeit, drehen lassen wie Kreisel,
unabhängig machen von Kohle. Es interessierte mich mit allen Fibern und
war mir mehr Glück als die Schule der Weisheit von Cook. Es interessierte
mich sehr, aber es mißlang.
Wir boten die Sache nunmehr auf mein Anraten auch Cook an, und siehe,
der Mißerfolg störte ihn keineswegs. „Kaufen wir,“ sagte er „es ist
Sensation.“ Er bot meinem Onkel dann die Schlußleitung des Baues der
elektrischen Schnellbahn an durch Mittelamerika. Wir bauten die Sache
fertig, ich beaufsichtigte sechstausend Chinesen, schoß nachts mit
Maschinengewehren nach Pumas, die wie russische Kavallerie anrückten,
ich fuhr mit Gilbert und dem Präsidenten Huerta im fahnengeschmückten
Lokomotivwagen die Eröffnungsfahrt durch Mexiko.

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An der Empfangsstation stand Cook und drückte dem Onkel und mir
Scheks in die Hand. „Wie heißen Sie, Sennor?“, rief er hinter dem Onkel
her. „Ich habe Ihnen den besten Motor der Welt verkauft“, sagte Gilbert und
steckte die Hände in die Taschen. Cook lachte über das ganze Gesicht:
„Sind Sie Ihr Motor, Sennor? Name ist kein Geschäft.“ Mijnheer, ich wurde
rot vor Wut und wußte nicht warum. Ich bin von Geschäft zu Geschäft
gefahren Reiß Irmoãs & Cia (Brazil) in der Folge, ich sah, daß alles käuflich war,
daß alles nur Geldwert hatte, Börsentaxe und Preis. Ich flog zwar mit Ernst
von Csala von Berlin bis Neapel, tauchte zweitausend Meter mit dem neuen
Motor auf den Meeresgrund, ich liebte mein Dasein zwischen
Eisenkonstrukteuren, Hochstaplern, Erfindern. Geschäft, Geschäft! Ich
bekam Geld und war nicht glücklich. Ich war ein smarter Junge, Mijnheer,
und auf meinen Vorteil aus wie ein Balte, allein mir fehlte etwas und ich
wußte nicht was.
Auf einem Segler hinter Martinique wurde ich krank, der Arzt
diagnostizierte gelbes Fieber. Auf der Höhe von Paramaribo hißten wir die
gelbe Flagge, kein Hafen gab das Anlegesignal. In Maranhao zog man die
Flagge ein, schmuggelte mich ans Land, ein deutscher Arzt konstatierte die
Pest, ich riß aus vor der Baracke, ein andrer heilte mich, aber ich hatte auch
da nicht das, was dieser bestimmte. Aber ich hatte das Vergnügen, Herrn
Kamnitzer zu empfangen, der von Pernambuco heraufkam, in Firma Reiß
Irmãos & Compagnia, ich hatte gute Beziehungen von Mexiko zur
Compagnia, ich hatte ihr manchen Gefallen getan und sie umwarb mich, ich
trat ein.
Ich trat in die erste Firma ein, die Brasilien besitzt. Trat ich in die Loge
des Theaters, sandte der Gouverneur Pernambucos seinen Adjutanten, mich
zu begrüßen, fuhr ich im Segelboot der Firma durch den Hafen, salutierte
ein Kriegsschiff. Doch das Kriegsschiff salutierte nicht mich und nicht
Marion, die Tochter von Reiß Irmãos & Compagnia, obwohl sie schöne
Zähne und entzückende Beine und die Hüften eines Jungen hatte, sondern
es salutierte das Geld der Firma. Das ärgerte mich, aber ich verliebte mich
in Marion, und nun stand mir ein Reichtum bevor, wie keinem andern in
Brazil, ich würde Land haben, größer als „The German Empire“.
Ich konnte mich aber nicht gut mit Marion unterhalten, trotz ihrer breiten
Schultern, ihrem schmalen Becken und Marion, Koch und Perücke tiefgrauen
Augen, denn sie verstand nichts von Dingen, die uns angehen, und in ihrem
Hirn war nichts als Luft! Ich schenkte ihr also, um sie anzuregen, das

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einzige Buch, das ich hatte, das Tante Evelyn mir in diesen Tagen sandte,
sie las es aber nicht, sondern schenkte es einem deutsch redenden Koch, das
kränkte mich, denn es war immerhin, wenn es auch vom Grafen Keyserling
war wie alles, was Tante Evelyn sandte, ein gescheites, und für Marion, die
nur auf Pferde dressiert war, ein gut geschriebenes Buch. Sie war jedoch zu
gut gewachsen, um ihr für Fehler ihrer Bildung zürnen zu können, ich
überging es. Aber ich ging in die Küche, als ich dort laut deutsch singen
hörte.
Da fand ich den schwarzen Diener meiner Tante, er hatte das Buch des
Grafen auf eine Pfanne über den Herd gelegt, die in der Luft schaukelte, las
laut und mit Tränen die Seiten, und wenn er eine beendet, riß er sie gerührt
aus der Bindung und drehte sie als Pappillote in seine Haare. Er sah mich
traurig an, als ich ihn frug, warum er hier sei, griff an den Kopf und lüftete
über einem nackt schillernden Schädel seine wollige Perücke. Seine Natur
hatte einen furchtbaren Streik geführt gegen die übergroße Beanspruchung
seines Schädels, trotzdem er zu einem besonderen Zweck, zur
Wiederherstellung der Weisheit in Deutschland, ihn zur Verfügung gestellt
hatte.
Ich gab ihm fünf Dollars und dachte, es sei nicht gut, mit „clever“
geschriebenen Büchern eine faule geistige Bewegung in Deutschland
starten zu wollen, denn das Papier und die Schädel gerieten nur tragisch
aneinander. Aber ich dachte auch, es sei nicht gut, mit seinem Geist ein
Geschäft zu machen, denn Geschäft sei alles, und darin zu ersticken sei
erbärmlicher und langweiliger als ein Steward oder Chasseur zu sein. Ich
dachte aber auch, es sei von Marion nicht schön, das Buch gar nicht zu
lesen, und daß der Nigger sie beschäme, der nur ein wenig an Europa und
nicht an seinem besten, sondern seinem anstößigen Teil geleckt habe.
Während Auf nach Europa ich das bedachte, in diesen Tagen, wurde der
Gesang in der Küche leiser und schwieg dann, der Schwarze mußte die
Lektüre beendet und wohl alle Seiten in die Perücke gerollt haben.
Mijnheer, wie raten Sie, daß diese Geschichte endet? . . . Wie ging dies
Stück Jugend zu Ende? Sehr rasch. Ich ging eines Morgens in diesen Tagen
in den Garten nach Wochen einer säuigen Hitze, in deren Feuchte nachts die
Schuhe vor den Türen schimmelten, ich ging in den Garten. . . da lag das
Himmelblau so geschliffen, so unendlich zwischen den Bäumen
ausgespannt, daß mir armem Burschen die Tränen in die Augen schossen.

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Ich hatte vorher zum ersten Male ein Gedicht von Nietzsche gelesen und
ich hatte plötzlich die Sehnsucht eines besseren Lebens im Blut.
Ich riß die Nacht noch aus, ich fuhr instinktiv nach Europa zurück. Ich
hatte mein Herz und mein Temperament an die tackenden Rhythmen der
Motore gehängt und nichts erlebt als Geschäft. Ich hatte die öffentlichen
Wunder abgegrast und nichts erlebt als Geschäft. Ich hatte mich meiner Zeit
in die Arme geschmissen und sie hatte mir nichts gegeben als Geschäft. Ich
pfiff darauf.
Ich ahnte die Anerkennungen, die erst dahinter liegen mußten, ich spürte
den Glanz und den Ruhm einer höheren Bedeutung. Ich bekam Sehnsucht
nach Europa, wo gemalt und geschrieben wird, wo die Frauen die Bücher
nicht den Schwarzen schenken, wo die Vierzehnjährigen nicht die
Dreizehnjährigen heiraten, wo die Nigger nicht das Wahlrecht haben und
wo man die Mädchen nicht in Hängematten halb wie Göttinnen und halb
wie Schweine züchtet. Ich wollte eine höhere Anerkennung meiner
Leistung als Geld, ich wollte, daß man meinen Namen behält, ohne Absicht
auf Geschäft. Ich hatte die Entdeckung eines Ruhms der inneren Leistung
gemacht, ich fuhr nach der Alten Welt mit einer Glückseligkeit ohne
Maßen.
Ich desertierte wohl, damit Sie mich nicht falsch verstehen, Das beste Gesicht
der Gegenwart von Reiß Irmãos & Compagnia, um den Ruhm zu finden, aber
ich machte deshalb keine geschäftlichen Dummheiten, sondern blieb smart.
Ich machte mich auf, nun endlich die geheimen Wunder zu suchen, etwas
über Blériot hinaus und etwas glänzender wie die Karikatur des Balten. Ich
trennte mich an jenem Tag von Chamforts Armee der Dummen, die alles
Geistige verlacht, aber ich gesellte mich keineswegs zu den hochmütigen
Fratzen, die auf den Motor wie auf eine Ratte herabsehen. Ich war ein
Meister der Impertinenz, aber ich habe das Erröten dazugelernt.
Das beste Gesicht der Gegenwart ist der Ausdruck des Mannes, der etwas
nach unten Lauschendes besitzt, weil sein Ohr den Gang des Motors zu
kontrollieren gewohnt ist, dessen Stirn aber mit einem gewissen Respekt
vor der Größe der geistigen Welt über der scharfen Nase nach oben
getrieben emporstrebt.
Man sagt Ja zu der Gegenwart so, ohne sie zu überschätzen. Man nimmt
ihre Sensationen, Gottseidank und erheitert, und weiß sich eines ewigen
Besitzes dennoch nicht unteilhaftig.

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Dies, glauben Sie, sei natürlich, und ein Narr, wer diese Verbindung nicht
fände? Es hieße, Mijnheer, die Diane de Gabies mit Aphrodite Kallipygos in
eine Figur bringen, das schmächtig Knabenhafte und die wollüstige Fülle
verbinden, es hieße Leben und Arbeit versöhnen, Kampf und Muse in
dasselbe Bett zur Zeugung legen und schließlich Kunst und Dasein in eine
seltsame Harmonie wiegen.
Das, Mijnheer, ist fast Übermenschliches schon, und wer es völlig zu
lösen verstände, wäre ein Alchimist oder der Genius. Wer dem Ziel aber nur
nahekommt, hat verfluchtes Glück oder eine gesegnete Masse Blut
gelassen.
In der Tat, Mijnheer, ich bin von Reiß Irmãos & Compagnia desertiert,
weil ich andere Liquidationen vom Schicksal erwartete als den platten
Erfolg oder das angenehme Leben. Wie aber fand ich das Ideal gehütet
jenseits der Anatole France und der König der Bohème Scherze, denen ich in meiner
ersten Jugend beiwohnte? Wie fand ich später, als ich nachdenklich und
kritisch wurde, Nation und Leistung und Kultur zusammengewachsen mit
jener geheimnisvollen respektuösen geistigen Erregung, die jeden
bedeutenden Ruhm in ihren Tiefen lange über die Menschheit erzittern läßt?
Ach, Mijnheer, ich fand die Stellen nicht mehr, wo die Traditionen und
die Gegenwart sich zusammenfügten, und ich fand den Hebel noch weniger,
mit dessen Kraft die Gegenwart einen Einzelnen als ihren repäsentativen
Träger heben konnte. Ich fand nur Zauberkünstler und Akrobaten.
Aber ihre Trikots waren so durchsichtig und ihre Kunststücke so
erbärmlich, daß auch das Publikum ihnen bald nur Gelächter schenkte. Ich
fand die Aristokraten, die das geistige Leben lange trugen, schmollend
beiseite, weil es ihnen politisch scheinbar kontrekarrierte, ich fand die
Bürger das geistige Leben subventionieren und innerlich verachten und die
Arbeiter noch beschäftigt mit der Befreiung aus der Sklaverei und weit
entfernt, aus sich schon jetzt eine Unterlage von Gesellschaft unter die
Gegenwart zu schieben. Ich fand wohl die irgendwo schwebende Ehrfurcht
vor den Taten der Weisheit, aber ich fand nicht die Nation, die ihr schönes
Geäste über sich hochtreiben könnte.
Ich muß daran denken, daß ich Anatole France und Herrn von Ghérardine
an einem und demselben Tage einmal traf. Ich sah, wie der greise
Romancier die Grenzen seiner Wirkungsmöglichkeit und die
Geringfügigkeit eines wirklichen Einflusses mit seiner melancholischen
Heiterkeit klagte. Und ich hörte, wie mir Ghérardine, der mit den violetten

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Farben des Quartier Latin geschmückte König der Bohème, ein Verse
machender verkommener Bürger, Bruder eines Admirals der französischen
Flotte, dem man Absynths bezahlte, mir abends vor einem Café des
Boulmich gascognierend rühmte: wie sein Beispiel und seine Angriffslust
seine Bevölkerung beeinflußt habe.
Wirkliche Mission der Dichter Beide waren im Unrecht, ebenso wie Rousseau,
der meinte, die Künstler verdürben das Volk, und der ihnen damit eine
Tätigkeit zubilligte. Kein Dichter hat einen wahrhaften Einfluß von sich auf
die Welt gehabt und keiner hat sie verändert. Sie vermögen dem Volk und
der Zeit und den Sitten nichts anzutun, denn sie sind nur deren Produkt.
Rousseau war ein Naturbesessener, weil seine Zeit auch ohne ihn begonnen
hatte, aus den Zwängen und Vergipsungen zu stürzen und die Freiheit
wieder zu suchen. Anatole France hat das Pech, nicht die Spitze einer
erlesenen Epoche zu sein. Aber er ist darum gerade der Repräsentant seiner
Gesellschaft, die er nicht beeinflussen kann, weil sie fertig ist, und die nicht
auf ihn hört, weil sie genau so skeptisch ist wie er. Und er irrt, wenn er
annimmt, daß sein Volk eine Anatole Francesche Ironie trage, vielmehr
besitzt sein Werk nichts anderes wie das müde und sich verspottende
Lächeln seines Volkes, in dessen Widerschein allerdings seine bürgerliche
und abgekämpfte Zeit wie in einem eleganten Todesurteil schläft.
Auch Herr von Ghérardine ist nicht ohne Sinn, obwohl er ein platter Narr
war, denn er hatte die Einfalt eines Glaubens, der so widernatürlich dumm
war, daß ihn bloß die Idioten besitzen können. In Wahrheit hat nie ein
Künstler eingegriffen mit seinem Werk auf das Gefühl seiner Nation,
sondern er ist als Erfüller ihrer Höhe oder als revolutionärer Bekämpfer
stets nur Seismograph ihrer sichtbaren oder geheimen Veränderung
gewesen.
Sprach er die Sprache seiner Zeit, so war er Zeuge ihrer Erlesenheit, rief
er aber zum Kampf auf gegen die Nation, so handelte er auch als ihr
Beauftragter, denn sie hatte dann jeweils Lust, statt der verbrauchten eine
andere Form sich zu nehmen.
Für oder gegen die Gesellschaft sein heißt nur ihre momentane Kraft oder
ihren nahenden Zerfall spiegeln. Mehr hat kein Künstler vermocht, aber
mancher wohl gewünscht. Klare Epochen Wer daraus schließt, daß erst die
Dichter die Revolten ausriefen und dann die Umstürze erst kämen, der
verwechselt ganz an der Oberfläche des Denkens die Ursachen mit den

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Wirkungen, indem er nicht einmal bedenkt, daß Gedanken sich rascher
formen als die schweren politischen Tatsachen.
Darum sind die krampfhaften Messiasse mit den moralischen
Wegweisern am Hut und den Kommandos zur Läuterung auf der
Zungenspitze bedingungslos verdächtig, weil eine Epoche, wenn sie aus
dem Verruchten heraus will, sich des moralischen Zeichens ihrer Absicht
bei den Dichtern mit einer natürlichen Selbstverständlichkeit und einer
organischen Innigkeit der künstlerischen Maße bedient. Ethik als
Dompteurnummer ist eine Erfindung schwacher Dichter und verwirrter
Perioden der Geschichte.
Die eindeutigen Perioden haben sich klarer zu entfalten gewußt:
Karl der Große benutzte Kunst, um eine christliche Politik zu üben, und
im „Rolandslied“ war es immerhin schon so, daß er der beste und seine
Feinde die schlechtesten sind. Aus diesem Säuglingsniveau der Geschichte
trat im Mittelalter die Dichtung als Spiegel neben die Zeit, die Gesellschaft
der Höfe ist ihre Tugend und die Gefühle ihrer Form sind die der Sitten
ihrer Nation. Hermann von Thüringen gab Walther von der Vogelweide
Aufträge und Wünsche, und die ganze Veldecke-Epigonenschaft dichtete
ihre Literatur um seinen Hof so, als ob es seine Wünsche wären.
Um die Jahrtausendwende schrieb die Murasaki die vierundfünfzig
Kapitel des lasterhaften Erziehungsromans auf Befehl der Kaiserin am
Biwasee, indem sie das Mondspiel auf den Wellen ansah, und sie gab damit
nichts wie die Gewohnheiten ihrer klassisch-japanischen Epoche.
Als die Teppichwirker von Arras und Tournai die Höhepunkte der
Gobelinkunst erreichten, spiegelten sie nur die Kurve ihrer Zeit ebenso wie
die Sorgfalt des burgundischen Philipps, der die Bedeutung dieses
Kunstzweigs so begriff, Harmonie zwischen daß er ihm ein steinernes Magazin
bauen ließ und sechs Offiziere hineinsetzte. Ja er hat die Teppichfolge, die
Karl der Siebente zum Andenken an seinen Sieg über die Engländer bei ihm
bestellte, nicht nur selbst in den Kartons kontrolliert, sondern auch selbst
die Ideen dazu angegeben. Aber die Tatsache, daß man überhaupt einen
Triumph in dieser Form gestaltete, beweist noch weiter, wie sehr das eine
und das andere sich ergänzten.
Heinrich der Achte von England hat Holbein nach England berufen und
seine Regierung mit dem Beginn der größten Portraitistentradition Europas
geschmückt.

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In den Armen Franz des Ersten starb Lionardo, der zärtlichste und
besinnlichste Meister, der sechs Jahre brauchte, wie Herr von Chanteloup
erzählt, um die Haare eines Bildes zu malen, und der König hätte kein
edleres Symbol als diesen finden können für seine Epoche, die sich zu
veredeln begann.
Den Goya, der ein Messerheld, ein Bauer war, in Nonnenklöster einstieg
und nach Recht an den Strick gehörte, der sein Leben zeitweise mit der
Ausübung des Stierkämpfergewerbes fristete, überhäufte der spanische Hof
und seine Aristokratie mit Aufträgen, obwohl der glatte und klassizistische
Mengs dort herrschte, weil man in seiner Wildheit und revolutionären
Kühnheit der Farben, über die von ihm verübten Totschlägereien hinweg,
das Barocke und Eigentliche des spanischen Gesellschaftscharakters und in
ihm genauer wie in Mengs’ Amouretten den Bruder des Velasquez erkannte.
In der ägyptischen Kunst hat sich jahrtausendlang die stets
gleichbleibende sakrale Haltung der Führerclique erhalten, und die fast ans
Göttliche grenzende Stellung dieser Gesellschaft blieb, nur in Nüancen
verändert, der gleichstrebende Ausdruck ihrer Macht derart, daß, so
allgemeingültig wie damals, nach viereinhalbtausend Jahren auch heute
noch die sitzende Figur der Nofrit die schönste Frau ist, die je diese Erde
berührte.
der Kunst und ihrer Zeit Bei den Indern ist, wenn auch nicht in der hohen
Allgemeingültigkeit wie bei den Nilvölkern, die Trennung der Kasten so
scharf durchgeführt und steht derart im Mittelpunkt jeden gesellschaftlichen
Bewußtseins, daß alle Kunst irgendwie den belehrenden Zug bekommen
mußte, der die Tugenden und Fehler jeder Schicht abgrenzt nach oben und
unten. Es konnte so das Witzige geschehen, daß sowohl Karnisuta (in der
Sprache, die am üppigsten das Poetische in der Welt verwaltet), ein
wissenschaftliches Lehrbuch für das Diebhandwerk schrieb, und hingegen
die Fürstenerzieher in der Form vollendeter großer Dichter den jungen
Königen klar machten, daß sie die Pflicht, den Staat zu lenken,
unbedenklich über die sonst streng für andere von ihnen geforderte Moral
stellen dürften.
Und wenn August der Starke dem Grafen Flemming, der ihm seine
Orangerie zum Kauf anbot, schrieb, mit diesem Spielzeug gehe es wie mit
Porzellanen, man wolle alle, wenn man einmal Appetit bekommen, so
illustriert das die Sorgfalt, die er seiner Meißener Manufaktur schenkte, die
wiederum nichts anderes war als der graziöse Niederschlag der Sitten seines

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Hofes und der Wünsche und Sehnsüchte seiner Umgebung. Und ebenso
weiß man, daß Friedrich der Große die Höhe der Porzellankunst in seiner
eigenen königlichen Manufaktur mit der Liebe bekleidet hat, die ihrer
Bedeutung entsprach, daß er den großen Dessertaufsatz für Katharina von
Rußland selbst redigierte und entwarf und daß dies nicht nur eine Spielerei
von ihm war, sondern daß er nur eine repräsentative Geste machte für jene
Parallelität zwischen Gesellschaft und Kunst, die damals bestand.
Den europäischen Zenith hat dieser Ausgleich unter dem vierzehnten
Ludwig erreicht, wo mit einer genialen Methodik Colbert versuchte, auch
die Künste in sein Merkantilsystem einzufügen, das in der Figur des
absoluten Königs eine wunderbare kristallfeste Verdichtung sich erfand.
Colbert zentralisierte alles in den Ruhm seines Königs hinein. Er legte
Höhepunkt unter dem Polygenie Lebrun, (der die Architektur, die Akademie,
die Malerei, das Kunstgewerbe unter sich hatte), auch noch als Konkurrenz
zu den Niederlanden eine Fabrik von Wirkteppichen an und suchte damit
wie in Bank-, Forst- und Kriegsgeschäften nicht das französische Genie,
sondern seinen König farbiger zu zeigen. Ludwigs Haushofmeister sagte
Bernini bei dessen Besuch in Paris, Frankreichs Kunstbudget sei so enorm,
daß es jeden originellen Plan auszuführen bereit sei, um ihn keinem anderen
Volk zu gönnen. Die absolute Hofform war entschlossen, alles Individuelle
aufzusaugen, und die Kunst spiegelte diese Gesellschaft wieder in einer so
konsequent gegliederten und auf eine imposante Herrlichkeit bezogenen
Form, daß sie das Gepräge der Geschlossenheit mit dem der Anmut zeigte,
welches die Epoche in einem einzigartigen Maße hier besaß.
Die Gegenbewegung kam mit Rousseau, und die Kunst gab sich mit ihrer
wundervollen Dirnenhaftigkeit einer revolutionären Klasse, die allerdings
später auch wieder bürgerlich sich zu beruhigen bestimmt war, bis ihr die
neusten revolutionären Spreußen der Bolschewiken in das Antlitz sprangen.
Delacroix in Frankreich und Hogarth in England sind die Beweise, wie
die bürgerlich revolutionären Epochen sich in der Kunst deuten ließen.
Holland wiederum, das bürgerlich früh begonnen hatte, vermochte dem
Zauber der höfisch gerichteten Gesellschaft so wenig zu entgehen, daß nach
einigen Ausschlägen und Angleichungen an die spaßigen Figuren der neuen
Schichten und deren Bedürfnis die Kunst am Ende ebenfalls wieder höfisch
wurde.
England jedoch hat seine umstürzende Revolution so früh gehabt, daß
seine Kunst sehr bald das bürgerliche Leben in aller Breite umfaßte.

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Reynolds und Gainsborough sind die Schilderer einer sehr bewußten
bürgerlichen Schicht, deren Gesundheit und Pompmangel nicht ihre Kraft,
da zu sein und zu herrschen, desavouierte, und die Demokratie
Gesellschaftskunst bei Briten und Franzosen Englands ist nicht etwa Zerfall der
Einheit zwischen den Musen und den Menschen, sondern erst recht ein
ausgezeichnetes Vereinen. Die ganze große Literatur der Briten von
Goldsmith bis Shaw, von Smollet bis Scott, von Dickens bis Fielding ist ein
Bild der Gesellschaft, die sich bürgerlich und nicht aristokratisch bewegte,
und das machte sie bedeutend und gab ihr die große europäische Resonanz.
Das verlieh ihr mit den Geißlern Hogarth und Swift und den Ironikern
Dickens und Sheridan und den Predigten Thackerays jene Kontrolle, die
auch die Gesellschaft an sich selbst dauernd übte, die sich nach oben und
nach unten abgrenzte und durch die strenge Moralinsucht dieser Menschen
ihrer Literatur das ethisch-weltmännische Cachet einer bürgerlich-stolzen
Kunst gab. Während der Franzosen vom Hof her oder von der Aufklärung
her im Grunde skeptisch-frivole Kunst wie alles Französische letzten Endes
nicht in der Nabelschau der Sitten hängen blieb, sondern, künstlerischer
gezüchtet, stets ebenso sinnlich wie logisch sich durchdrang.
So prägten in sich gerundete Zeiten ihren Ausdruck und hatten von den
Königen bis zu den Zöllnern und den Abdeckern bis zu den Cromwells sich
in der Kunst ein Karussell geschaffen, das sich um sie drehte, und es wäre
die abscheulichste Gaucherie zu sagen: nicht die Figuren der Rutschbahn
drehten sich um die Epoche, sondern die Zeitläufte liefen hinter ihren
Kirmis-Schatten her. Man käme nicht nur zu falschen, sondern zu
idiotischen Schlüssen, etwa wie jener Engländer, der in Grénoble einem
rothaarigen Kellner begegnete und in sein Journal schrieb, die Franzosen
stotterten und besäßen ein rotes Fell; oder wie Petron noch bissiger
behauptet, man habe bei der Einnahme Numantias durch Scipio Mütter mit
angefressenen Kindern an der Brust gefunden, und daraus schloß, es sei die
Eigentümlichkeit mancher Völker, ihre Toten zu verzehren. Er war ein
Spaßmacher und wußte wohl, daß die Frauen nur hungrig Große Ehrungen der
Kunst waren. Man darf ohne Zweifel auch den tragischsten Appetit mit der
Religion nicht verwechseln.
Die Bindung war so innig, daß Wechselbeziehungen zwischen Nation
und Künstlern entstanden, die auf eine durchschnittliche Ehe schließen
ließen. Der Künstler war in seine Gesellschaftsstruktur verwoben wie
irgend ein General und irgend ein Erzieher, und nahm, je klarer die Zeit

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war, einen um so höheren Platz ein. Voltaire war der Freund des großen
Friedrich und Goya ehrte man mit einem Gehalt von
hundertsiebenzehntausend Realen für eine Arbeit und öffnete ihm alle
Salons. Voltaires eigener König aber, um ihn zu ärgern, trug die Kosten
eines Stückes, das er bei dem älteren Crébillon bestellte. Die Maintenon
ließ den zärtlichen Racine biblische Stücke schreiben, von denen Friedrich
wieder sagte, er habe lieber die „Athalie“ geschrieben als seine Kriege
gewonnen (aber er dachte das nicht).
Das künstlerisch-politische Treiben war so verschmolzen, daß die
Korrespondenz von Grimm als Hauptabonnenten nicht nur Friedrich,
sondern auch die russischen, schwedischen und polnischen Höfe als
begeisterte Neugierige umfaßte. Petrarca konnte sich anmaßen,
Schiedsrichter im Seekrieg zwischen Genua und Venedig zu sein und selbst
in kirchliche Dinge sich einzumischen, indem er die Päpste beschwor,
Avignon zugunsten von „Roma urbs“ aufzugeben und tat das gewiß nicht
als Vorrecht seines dichterischen Talentes, sondern weil sein Jahrhundert in
einem so vollkommenen Literaten einen vorzüglichen Bürger erblickte.
Die gesamte französische Literatur hatte Gelegenheit, sich an Preisen und
Ehrendotierungen zu letzen, und wenn die Beträge manchmal nicht
gewaltig waren, so war der Ruhm und das Aufsehen, das sie verschafften,
nicht gering. Viktor Maria Hugo, Sohn eines bonapartischen Grafen und
zum Offizier bestimmt, erhielt mit fünfzehn Jahren von der Akademie eine
ehrenvolle Erwähnung, mit siebzehn drei Preise der Blumenspiele von
Toulouse und mit zwanzig für Die Nation repräsentierende Künstler seine Oden eine
Jahrespension von tausend Francs durch den achtzehnten Ludwig. Der
vierzehnte Ludwig hatte den göttlichen Bernini wie einen König an der
Reichsgrenze abholen lassen, ihn mit erdenklichem Pomp monatelang
gefeiert und für sein Portrait ihm seine königliche Freundschaft neben einer
großen Summe und einer erträglichen Pension verehrt.
Dagegen besagt die Legende, daß Cumae dem Homer die Rente
verweigert habe, weil sonst alle Blinden sie verlangen würden, nichts
anderes, als daß man einen Bürger nicht von einem anderen des Talentes
willen zu unterscheiden gewillt sei und nicht, daß man ihn nicht gerne auch
mit dichterischem Ruhm bekleidet an die Spitze des Staates stellen würde.
Dasselbe haben, aus der demokratischen Tugend ihres Staatswesens heraus,
die Venetianer ohne Zweifel gedacht, als sie Goldoni, der arm war, die

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Pension nicht gewährten, weil sie annahmen, er würde, reich, nichts mehr
arbeiten.
Sie kannten das menschliche Herz wohl und haben in ebensolcher
Klugheit den Tizian, der nicht nur die fabelhafte Glanzfigur dieses Daseins,
sondern auch der prominenteste. Bürger ihrer Stadt war, unter der
Teilnahme des Volkes in ihrer schönsten Kirche beigesetzt. Die Briten
haben das Gleiche veranschaulicht, als sie Sir Joshua Reynolds, ihren
weltmännischsten Maler, unter dem Beifall der Nation in der Paulskirche zu
London begruben, und sie taten dies nicht, um die Kunst zu ehren, sondern
um dem Bürger ihren Beifall auszudrücken, der durch Kunst dem
Vaterlande Glanz und Ruhm hinzugefügt hatte.
Sie ehrten alle in diesem Diorama sich selbst und eher den Mann als den
Künstler. Darum wehrten sie den Dichtern auch nicht, die Staatsgeschäfte
zu führen, wenn ihr Geist sie dahin zog, und der Earl Lytton-Bulwer, der
mit zweiundzwanzig Jahren den Preis von Cambridge für ein Gedicht
erhielt, der mit Achtundzwanzig Mitglied das Unterhauses Kunst nie
Selbstzweck wurde, der das glühend-weinerliche Buch von Pompejis
Untergang schrieb, wurde britischer Minister und beigesetzt in der
Westminsterabtei. Die Franzosen zogen ihre hervorragenden Dichter in die
Nähe der Höfe weit über ihren damaligen Stand hinauf, die demokratischen
Briten überließen ihnen, wenn sie nicht Zigeuner waren, im
Tauglichkeitsfalle die Leitung der Geschäfte ihrer Nation. Sie gehörten als
Zeitgenossen in die Volksgemeinschaft, lebten, starben mit den andern,
wurden wie die übrigen geehrt und fühlten sich selbstbewußt nicht weniger
wie die Offiziere und nicht weniger borniert wie ihre Bekrittler und sicher
ebenso hungrig nach Geld, das sie speiste, wie jedermann ihrer Zeit.
Ihr höherer Ruhm umglänzte sie über die Zeit hinaus, aber sie gedachten
nicht der Kunst als etwas Absonderlichem allein zu leben, sondern sie
trieben ihr Handwerk im Maß ihrer Talente. Die Veronese und Rubens
wiederholten sich bis zur Verkitschung nur deshalb sooft, weil sie die
Menge der Bestellungen ihrer Zeitgenossen sonst nicht bewältigt hätten und
sie bedurften dieser Aufträge, um den Aufwand ihres Lebens zu bezahlen.
Die Balzac, Thackeray, Scott schrieben nur deshalb wie die Tollen, damit
sie mit den Einkünften ihre wirtschaftlichen Bankerotte balancieren
konnten.
Schottlands bester Lyriker, Robert Burns, ließ seine Gedichte drucken, da
er durch Ausschweifungen pleite war und sich das Geld zur Reise nach

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Jamaika zu verschaffen suchte. Fielding zeigt ein ähnliches Gesicht und
Gainsborough sprach nicht ohne Lächeln, er wünsche Geige zu spielen und
male lediglich, um sich den Lebensunterhalt für dieses Vergnügen zu
verschaffen. Noch Oscar Wilde floh manchmal aus der Gesellschaft und
verschwand, um rasch ein Kunstwerk mit aller Konzentration zu machen,
ebenso wie Tobias George Smollet, der sich hin und wieder aus den
Ausschweifungen des Landlebens und von seinen Gästen zurückzog, um
seiner Monatsschrift die Fortsetzung eines Romanes zu liefern, die ihm die
Fortsetzung seines Lebens ermöglichte.
Gold wiegt Kunst auf Die kalten Briten haben in ihrer unverfrorenen Form die
meiste Freiheit gehabt anzuzeigen, daß ihnen gute Kunst ein gutes Leben
wert sei und daß ihre Gesellschaft die verdammte Natürlichkeit haben
müsse, es ihnen zu liefern. Sie empfanden sich so sehr und so glatt als
Partien einer Gesellschaft, wo jedes Verdienst sich in Geld umsetzte, daß
ihnen der üble Ästhetenton gar nicht in den Sinn kam, mit dem die
schwächlichen Künstler jeweils mit häßlichem Pathos von der Heiligkeit
der Kunst predigen gingen, wenn ihnen, falschen Heuchlern, die Zunge
nach Roastbeefs heraushing.
Jede Leistung hat in der menschlichen Struktur ihr Anrecht auf die
entsprechende Vergütung. Walther von der Vogelweide verlangte
unzweideutig sein Lehen als Lohn dafür, daß er sich für die Staufer die
Kehle ausschrie, und die Gesellschaft jeder besseren Epoche hat das
anerkannt.
Mißfälle beweisen ebensowenig wie das Faillit großer Kaufleute, die
nicht einmal den Ruhm aus dem Zusammenbruch ihrer wirtschaftlichen
Existenz retten konnten. Die Künstler haben zu jeder Zeit aus den Truhen
ihrer Zeitgesponse gesäckelt, was sie scheffeln konnten, und haben
versucht, sich das Leben so prächtig zu machen wie es ging. Und die
Bastonade gehört dem, der ihnen einen Vorwurf daraus machen möchte.
Denn daß jemand nur der Kunst leben wolle, wie manchmal heute
unsinnig geschwatzt wird, oder ähnliche Konfusionen auch nur zu denken,
ist genau so verwirrt als wünsche einer nur seinem Bein zu leben oder nur
seinem Phallos, wo er doch in seinem Körper einen Gesamt-Organismus
mit guter Speisung so zu versorgen hat, daß alle Glieder marschieren oder
alle verloren sind.
Diese artistischen Kleine-Leute-Einstellungen beweisen höchstens, daß
die Ausübenden sehr geringfügige Herrschaften sind, oder daß die Zeiten

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und ihre Gesellschaft höllisch sein müssen. Denn daß jemand von ihnen in
die Geheimnisvoller Glanz trotzdem Kunst flüchtet, das heißt im Grunde nichts
anderes, als wie sein eigener Schatten von sich selbst davonlaufen. Die
festen Leute haben im Gegenteil jederzeit erreicht, daß Kunst keinen
Heiligenschein aus Papiermaché bekam, vor dem sich nur die
Sonntagsjäger der Nation verneigen würden, sondern daß Kunst ihren
Zeitgenossen soviel wert war an Gold wie die beste Ware, die sie sonst zu
verfertigen in der Lage waren, und daß es ihnen auch Glanz gab und jenen
heimlichen Ruhm noch hinzufügte, der keiner geistigen Heldentat zu
nehmen ist. Sie verstanden sich unter ihren Zeitgenossen als Männer der
Erde auszuwirken und dennoch dabei die geheimnisvolle Flagge der Kunst
unsichtbar zu entfalten.
Mijnheer, als Heinrich Heine in seinem Gedicht „Deutschland ein
Wintermärchen“ allen Spott der Heimat antat, gelang es ihm nicht, die
Tränen einer unerbittlichen Liebe zu ihr zu bemeistern. Mijnheer, derselbe
Mond, der seine heimatliche Landschaft überfunkelte, ist eben aus der
gleichen Inbrunst auch draußen über Ihrem Kopf aufgegangen und die
Wolken haben sich so sanft um ihn entschleiert, als wollten sie seine
Seltenheit mit der Behutsamkeit ihrer Eile begrüßen und die Pause feiern,
die die neu formierten Sturmtruppen bald wieder mit Geknatter zudecken
werden. Indem er die Schneewüste sanftblau bis an die Gesichtsgrenze färbt
und alle Gegenstände in eine geheimnisvolle Entferntheit hineinrückt, hat
das Gestirn einen Zauber, als trage es in seiner stillen Heiterkeit über die
Unfruchtbarkeit der Jahreszeit das Sinnbild einer ewigen lichten
Bestimmung.
Mijnheer, ich glaube, es war auch derselbe Vollmond der Verheißung,
dem ich von Pernambuco als junger Bursche nach Europa nachgelaufen bin,
und die Kurve dieses Glanzes hat mich stets am innigsten an die Heimat
gebunden. Ich habe in Deutschland gesucht, jenes Gefühl Europas zu
finden, das mich am tiefsten anzog, aber der deutsche Mond hat Gesellschaft
und Dichtung des Mittelalters sich mir nur selten entzaubert und ich mußte in den
langen Mondnächten fremder Nationen mir erst die Bestätigung für meine
Sehnsucht holen, die mir die Heimat nicht mit gleicher Deutlichkeit zu
geben vermochte, und die Mondnächte der Fremde waren oft von jener
glühenden Schönheit und Klarheit, die die Leidenschaft begeistert, wenn sie
auch nicht die verschleierte Zartheit und die seltene Innigkeit der
unvollkommenen Deutschen besaßen . . . . . . . . . . . . . . .

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Ganz unten spiegelten sich zuerst nur religiöse Agenten in der deutschen
Dichtung, dann gab sie den Vorgang einer Belehnung, nachdem die wilden
Dämonen des Heidentums aus ihr ausgetrieben waren, in „Ruodlieb“ kam
Phantastisches der ritterlichen Zeit schon schüchtern auf und „Rother“
schildert Vasallentreue. In „Blanche und Blancheflor“ aber liegt schon wie
der Sternhimmel in einem Teich die Gesellschaft des Hofs. Das blieb in
immer heftigerer Pracht über die guten Jahrhunderte des Mittelalters.
Österreich wehrte sich lange ein wenig gegen den neuen Stil, der die Zeit irr
ihren Gebräuchen und in ihrer Seele wiederzugeben bestimmt schien, aber
der Vogelweider brachte die höfische Schärfe zusammen mit den Lilien,
Rosmarin und Rosen des Volkslieds, das damit ausstarb, in eine gelockerte
Pracht. Um Hermann von Thüringens Hof scharte sich der Olymp der
Poesie, Walther, die Schüler des Veldecke und Wolfram, der wie Walther
nicht zu lesen und schreiben vermochte. Um einen anderen ritterlichen
Mäzen sammelt sich die Nachfolgeschaft Gottfrieds von Straßburg. Ein
Würzburger schreibt nach einer Epoche des Ausgleichs zwischen den
Idealen und den Liebhabereien der Zeit das letzte höfische alemannische
Epos.
Die Kunst geht in die Städte und magert ab über den ganzen Körper. Die
Bürgerschaft des Meistersangs hat keine Welt, sondern nur ein Gemäuer um
sich, sie läßt die Sprache nicht blühen, sondern benutzt sie als Turngerät für
ihre spießigen Launen. Es gibt nichts mehr, was gespiegelt werden Zerfall
dieser Beziehungen soll, und es gibt nichts mehr, was spiegelt. Statt in einen
Park, hat man die Kunst in eine Abdeckerei gefahren und statt als nackte
Göttin haben sie als ihr Sinnbild einen Paragraphen auf den Sockel gesetzt.
Es gibt keine Demokratie in den deutschen Städten wie in England, es
hilft kein breites bürgerliches Selbstbewußtsein sich mit ihr wie Venus mit
dem Spiegel an die Spitze des Ansehens der Erdnationen. Sie ist bestimmt,
zwar große Zeiten zu erfüllen und mit ihrer Schönheit den Glanz einer
göttlichen Epoche darzustellen, aber man hat sie als Magd an die bärtigen
Krämer verkauft. Es gab kein Deutschland, das sie repräsentiert hätte,
sondern es gab Kriege und Balgereien, Reformationen und
Friedensschlüsse, die alle für andere Rechnung gingen als für das
Nationalgefühl eines gesunden Volkes. Maximilian versuchte noch einmal
ritterliches Denken in ihr zu entfachen, aber er schrie in einen leeren Wald.
Wo keine Ritter standen, konnten keine Schatten ritterlicher Gefühle fallen.
Das war vorbei.

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Die Gelehrten bemächtigten sich ihrer und haben bis Lessing furchtbar
mit ihr gehaust. Man kann wie durch das heimliche Glas eines
Bienenstockes durch die Literaturen auf die Völker Frankreichs und
Englands und ihren Bau und ihre Geschichte und ihr Schicksal sehen.
Durch die dürren Treillagen der deutschen Poesie sieht man in eine Morgue.
Man sah lediglich auf einige Koterien, die sich seit längerem mit der
Literatur zu beschäftigen gewöhnt hatten zu ihrer eigenen Belustigung und
ihrer eigenen Not, aus einem falschen Ehrgeiz oder einem schmerzlichen
Verhängnis heraus, denn im Herzen hätte mancher lieber die Stelle eines
Profossen oder eines Hanswursts, die sich besser dotierten, ausgeübt. Man
sieht auf eine Pantomime von Herren, die ihre Glieder und Gedanken im
Rhythmus der Sprache bewegen, aber man sieht kein Volk. Denn weder in
den Taten der Bejaher noch in den Gesten der Verneiner lag etwas von
Literatur wird Kliquensache dem Elend oder der Höhe des Volkstums, sondern,
was sie produzierten, waren der Mummenschanz von Carbonaris, und ihr
Geheimbund interessierte sie, aber nicht das Volk.
Waren sie für oder gegen die Gesellschaft, hatten sie das gleiche
Unglück, daß keine bestand und daß sie daher eher Kuriositäten als
Sinnbildern glichen. In dieser Verwirrung schienen sie seit langem
entschlossen zu sein, Revolutionäre zum mindesten zu bleiben, soweit sie
nicht die nächste Umgebung ihres Hauses zu besingen sich mühten, und vor
lauter Aufruhr kamen sie nie zu einer gesunden konservativen Art.
In dem Zirkus der Eitelkeiten, in dessen Logen die Nation gar nicht
einmal saß, liefen wie junge Engländer des Mittelalters die Männer des
Sturms und Drangs herum, die Schlegels als Prachtstücke der katholischen
Propaganda, die Gottschede frisiert à l’oiseau royal, und selbst die Tiere
schienen eine andere Zone des Klimas als ausgerechnet das deutsche
darzustellen. Um was es bei diesem Getöse ging, war keinesfalls die
deutsche Nation, es war die Beschäftigung einiger Schicksalbestimmter mit
einer wichtigen Angelegenheit, um die sich die Nächst-Beteiligten aber gar
nicht kümmerten.
Sie hatten keine Gelegenheit dazu, weil es kein nationales Deutschland
gab, sondern einige Dutzend Fürstentümer und daß deren Interesse ihre
Landesgrenze war und nicht die Welt. Das bürgerliche Volk las englische
Romane, die Aufgeklärten wandten sich der französischen Literatur zu, die
Masse fand die Verehrung der Klassiker als Rettung. Die Literatur blieb

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großenteils Beschäftigung der Künstler und bekämpfte sich durch sie, wie
üblich in Deutschland, bis aufs Blut.
Deshalb waren die deutschen Dichter gezwungen, in kleinen Stellen und
auf armselige Weise ihr Leben zu verbringen, während die Engländer in
Lordkutschen Europa durchreisten und die Franzosen in Paris geschliffen
wurden für eine einzige Geste weltlicher Urbanität. Die Deutschen
Mißachtung der Kunst waren so zersplittert, daß sie in ihren Poeten nicht die
besten Formen ihres Charakters und in ihren Werken nicht die erlesensten
Tafeln ihres Ruhmes zu erkennen vermochten. Es bestand keine Bindung,
keine Ehe, ja nicht einmal eine flüchtige „menage parisien“ zwischen der
Gesellschaft und der Kunst, und die Rebellen wurden beseitigt und nicht
geehrt und gefürchtet, und die Starrköpfe wurden wie das „Junge
Deutschland“ gleich einer Savoyardenbande über die Grenzen gekehrt.
Nur ein Volk, das hoffnungslos einer eigenen würdigen selbstbewußten
Sicherheit und Grazie entbehrt, kann mit dieser Grausamkeit gegen die
verfahren, die seine Lieblingskinder sein müßten. Wohl haben einige
Fürsten die Liebhaberei gehabt, sich nicht nur mit Jagd, sondern auch mit
den Musen zu umgeben, und nach dem großen Friedrich, der allerdings
europäisch eingestellt war, haben einige seiner Nachfolger sich auch für die
Bühne interessiert. Allein, es war nicht das Spiegelbild preußischer Tugend
und deutschen Wesens, was sie da suchten, sondern sie haschten nach der
Atmosphäre des Theaters und dem Betrieb seiner unterhaltsamen Luft.
Auch in Bayern ward Kunst ein Trumpf, doch hatte der beste Wittelsbacher
die falschen Karten in der Hand und den Wahnsinn im Hirn, und ihm so
wenig wie dem hessischen Brabanter, der zwischen zwei Generationen sich
setzte, gelang es, die Sünde der Jahrhunderte und das Fehlen des Geistes
und eines mächtigen nationalen Ausdrucks durch Schwanengrotten und
Jugendstilkolonien zu ersetzen.
Die Deutschen haben ihre Dichter nicht nur nicht geachtet und zur Höhe
ihrer besten Zeiten hingezogen, sie haben sie nicht nur nicht kulminieren
lassen wie die besten Kaufleute ihrer Zeit und haben ihnen nicht nur nicht
das Recht gegeben, sie als Volk zu vertreten, sondern sie haben einen Makel
auf diesen Beruf geworfen, haben ihn von dem Adel her gefürchtet, vom
Bürger her verachtet, haben ihm Diese neuen Leute . . . das Brot und die
Karriere und die Bewegungsfreiheit genommen und schließlich ihn
behandelt wie jenen Eumolpus, von dem Petron, der die Dichter lästerte,

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erzählt, man habe ihn vom Schlemmermahl aus, als er rezitierte, mit
Steinen beworfen, daß er ans Meeresufer flüchten mußte.
Das Bild der letzten Epochen ist nicht das der Gemeinschaft, sondern das
eines Schachspiels. Die Epoche vor dem Krieg hat mit Regimentsmusiken
Treibjagden veranstaltet auf die Künste, die Verwaltungen haben sie
ausgestoßen, der Betreiber eines literarischen Handwerks vermochte die
Bestätigung des Reserveoffiziers nur mit Mühe und bei guten
Wirtschaftsverhältnissen zu erreichen, die Staatsanwälte witterten
Staatsfeindliches und das ins Verdienen gekommene Volk hielt die Musen
nicht für Spielerei mehr, sondern sogar bereits für einen Luxus, den es sich
kaufen könne.
Man hatte sie auch früher gekauft, aber man hatte auch alle
Vorbedingungen für die Musen selber geschaffen und gezeugt und bewies
sich durch ihre Förderung nur seinen eigenen geläuterten Geschmack und
vielleicht seine Größe damit.
Diese neuen Leute von gestern und heute aber waren Barbaren, die nichts
geschaffen und nichts gebaut hatten, sondern nur Geld verdient hatten und
glaubten, damit alles zu können. Gold wiegt wohl den Geist auf, aber nur,
wenn beide von der gleichen Substanz sind und für die Bilder Paläste und
für die Prediger die Dome und für die Dichter die Weltgefühle der
Gesellschaft da sind, die einander wert sind.
Dann ist alles käuflich und dann ist Kauf der einzige Maßstab, denn der
Ruhm hißt sich von selber an die Spitze der Zeit, und im irdischen Dasein
hat die Gesellschaft sich dann klar gezeigt, was sie untereinander schätzt.
Auch ich bin käuflich, sagte Maria Theresia, aber es kostet ein Land.
Diese Crapule aber, die nach einer irr flimmernden und Literatur und Republik
sich des Zusammenhangs nicht mehr bewußten Kunst die Hände
ausstreckte, griff nicht nach oben und lobte sich mit dieser Bewegung,
sondern sie faßte nach unten und kaufte den Geist wie ein Badezimmer. Sie
bewiesen damit, daß sie die Kunst nicht ablehnten, was ehrlich, und nicht
liebten, was zuviel verlangt wäre, sondern daß sie sie nicht nötig hätten.
In dieser Haltung, ergrimmt, feindlich auf den seitherigen Zustand, nicht
auf das Volk, sondern auf die Verhältnisse, trat die Literatur in die Republik.
Man kann, auch in der Literatur, nicht dauernd seinen neunten November
machen, und es wäre an der Zeit, sich nun endlich zu konsolidieren. In der
Republik wächst nun eine neue Gesellschaft, die Übergänge sind zwar
abscheulich, aber sie sind interessant wie die Zeiten des Balzac. Und

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Sprache und Literatur sind bereit, nach soviel Revolten, einige Jahrhunderte
nach der britischen und ein Jahrhundert nach der französischen
Umwälzung, ein breiter Spiegel der Kämpfe zu werden, in denen eine
republikanische Volksschicht sich formt. Die Literatur hat der Republik
Zuneigung bewiesen und die Republik wäre in der Lage, sich zu
revanchieren. Konsolidiert sich Deutschland jetzt, ist es an zwölfter Stunde.
Frankreich hat sich im letzten Jahrhundert fit und glatt gemacht, hat in
denselben oder in neuen Salons noch den alten Königen gehuldigt,
Mirabeau und George Sand zusammen gesehen, hat in den zwanziger
Jahren für Theater darin geschwärmt, unter dem Bürgerkönig für die
Romanze, unter dem zweiten Kaiserreich für die Chansonette, unter der
Republik für den Monolog. Gambetta erhielt durch die Herzogin von
Beaumont rasch die Formen eines alten Viveurs und in den Salons dieser
Form fand sich die Gesellschaft mit ihren neuen Führern und ihren neuen
Ideen rasch zusammen. Die Akademie und das Panthéon säumten von jeher
als nationale Monumente die Verdienste und den Weg Deutsches Panthéon der
Kunst, und jedes Gouvernement hat mit Eifer die Pflege des Geistes von
dem vorherigen übernommen und die Waffe, die es für die Nation hier
führte, zu schätzen gewußt, wenn auch die Simplen manchmal und nicht die
Heroen den Kranz zuweilen erhielten.
Die Siegesallee der deutschen Kunst ist aber nicht wie die der
Hohenzollern mit Denkmalen und Ehrenzeichen gepflastert und die
Republik hätte gut getan, ein deutsches Panthéon zu gründen, in dessen
Raum sich der Staat und die Künste unter der Decke einer neuen
Gesellschaft und einer breiten Demokratie gefunden hätten.
Mijnheer, die Deutschen waren immer klug, wenn sie sich priesen, und
nicht ohne Geist, wenn sie sinnierend ihren Nabel besahen, und große
Exploiteure, wenn sie ins Reich der Sterne sich begaben, aber sie haben für
ihre nächsten Aufgaben nie den Sinn eines Rayonchefs gehabt. Sie haben
diese Gelegenheit vorbeigehen lassen, haben sich in Parteien zerfleischt, in
Doktrinen wie in Wilderernetzen gefangen und haben die Gesellschaft sich
selbst überlassen und damit von dem Staat gestoßen und haben die Kunst
wieder den Literaten übergeben, die sich weiter damit befehden wie seither.
Die Republik hat in der Gestalt des Professor Brunner sogar noch die
heilige Inquisition auf die Musen losgelassen, und die Jagd nach den
Nuditäten und die Verfolgung der Freiheit und die Haarspaltereien über

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Sinn und Wesen der Kunst vor den Schöffen der Gerichte, die nichts davon
verstehen, hat von neuem begonnen.
Die Dichter haben sich ihrerseits in keiner Weise ü b e r der
Verantwortung der Situation bewegt. Sie haben sich selbst zerrissen, ihre
Aufgabe nicht erkannt und sind einem Ton und einer Injurie der
gegenseitigen Behandlung verfallen, der dem einzelnen den Kredit, der
Masse aber die Ehre nimmt. Man hat verlernt, im wichtigen Augenblick
eine Aufgabe zu sehen, sondern man sieht sich nur noch unter dem
Gesichtspunkt der politischen Parteien, und Kunst ist nicht Es fehlten große
Kritiker mehr eine Devise, sondern ein Austragsfeld von Krakehlen, die nie
in ihren Bereich gehörten.
Es heißt, daß früher die Marquise von Châlet so sehr von der Schönheit
und Würde der Poesie überzeugt war, daß sie sich nur von Dichtern und
Gelehrten küssen ließ. Man müßte heute in Deutschland Dichter, um sie vor
der seltsamen Zuneigung ihrer Zeitgenossen zu schützen, mit dem Schilde:
„Défense d’uriner“ versehen, mit dem die Franzosen die Standbilder ihrer
Generäle und ihre Parlamente vor der Gunstbezeigung der erbärmlichsten
Meuten bewahren.
Es hat ihnen jederzeit an Führern gefehlt, die die Gegenwart gliederten
und die Furchen zwischen Kunst und Volk richtig zogen. Über Literatur
schrieb seit Lessing und außer Herder nur noch Heine und den Instinkt
besaß lediglich für sie noch Blei. Lessing schrieb kühl, vornehm, deutlich
und tödlich, Heine voll bunter Spielerei. Man hat auch damals Kämpfe
geführt, Schiller nannte die Schlegel Laffen, Tieck nannte Schiller einen
spanischen Seneca und haßte Kleist, weil der seiner Katze eingemachte
Ananas zu fressen gab, Goethe schrieb gegen die Schlegel, die ihn durch ihr
Zelebrieren „gemacht“ hatten, einen undankbaren protestantischen Aufsatz.
Brentano suchte die Tieckschen Weiber mit Sentiments zu girren, Racine
hat Molière begaunert und Verlaine auf Rimbaud geschossen, Börne hat
Heine angegegriffen und Heine hat dem Platen, dessen geschwollenem
Hochmut alle Dichter auf der Parnaßreise im Weg waren, unvergeßlich
bittere Streiche versetzt. Aber man stritt und verwüstete sich nicht, die
Literatur bekam nicht täglich wie ein Weib „fureurs hysteriques“, sondern
sie erkannte mit einer gewissen Grandezza die Könner an.
Es fehlte uns ein Brunetière, es fehlte ein Sainte-Beuve, die wohl manche
Dummheiten besaßen, aber Pupille und Augenmaß hatten und ihre Literatur
wie Chirurgen zerschnitten und nicht vergaßen, sie zusammenzunähen und

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klarer nach Hause zu senden. Die Gelehrten, die sie bei uns behandelten,
Antisemitische Literaturgeschichte haben ein seltsames Spiel mit ihr getrieben. Sie
hatten keine Maßstäbe, durch die sie die Ideen an den Literaturen und die
Jahrhunderte an ihren Künsten heraufbegleiten konnten in die Gegenwart,
aber sie verstanden auch ihre Zeit nicht und dazu fehlte ihnen noch der
dichterische Atem und der Sinn für Sprache. Sie saßen wie die arm- und
beinlosen Bettler unter Diderots Denkmal in der Rue de Rennes und
spielten auf einem Leierkasten dem Volk verständliche, aber zwecklose
Tiraden über die Werke und den Dichter, den in Figur zu sehen dem Volk
viel leichter fiel.
Es blieb den Deutschen sogar vorbehalten, von Herrn Bartels eine
Literaturgeschichte zu erhalten, die Kunst nach Juden und Gojims schied.
Der Standpunkt ist dumm, aber ist sauber. Der Verfasser zeigt seine
Visitenkarte und lügt nicht. Man muß bei den erbärmlichsten Troubadouren
heute schon die Tatsache des Charakters als eine der liebenswürdigsten
Überraschungen buchen. Auch ist der Tanz nicht unamüsant, den er mit
seinem Judensprung vornimmt, zumal schon Atta Troll den Kindern des
Alten Testamentes verbot, auf den Märkten öffentlich zu tanzen, da ihnen
der Sinn für die Plastik völlig fehle. Man hätte nicht gedacht, bei aller Liebe
zu den Judäern und aller Hochachtung vor der großen vermittelnden Rolle,
die sie in unserer Zeit spielen, daß fast die ganze Dichtung eines Tags aus
ihnen bestehen würde.
Aber nicht genug damit hat der übereifrige Kompilator und Barde sich
noch einige Germanen zu Mosaischen hinzugedichtet, wobei seinem Furor,
der Juden schon in jedem Schreiber sieht, das scherzhafte Unglück zustieß,
daß er das Pseudonym eines gewissen ironischen Philosophen Friedländer
„Mynona“ für eine schwarze Jüdin ansah und unter Gebrüll verstieß. Die
Haltung dieses Beurteilers der Künste ist eindeutig und wie die eines Stiers,
der ein Herrenessen nach seinem Geschmack durchwühlt und nichts
anderes anrichtet wie ein seltsam tierisches boeuf à la mode.
Professor von der Leyen Zweideutiger ist der Gang, mit dem Herr Professor
von der Leyen, Dozent der Kölner Universität, sich der Gegenwart nähert,
denn er galt einige Zeit als Liebhaber und Kenner der neuen Literaturen und
versteckt auch jetzt noch die kriegerische und militärpolitische Absicht, mit
der er nach alten Schlagwörtern und den Gewohnheiten der ideenlosesten
Pfaffen sein Thema aufteilte, geschickt hinter einem männlichen und
neugierigen Gegacker, wodurch er das Publikum anlockt. Jedoch, wenn er

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genug Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hat, mit den langen Beinen und
dem kleinen Kopf des Vogels Strauß und starkem Flügelschlagen auf sein
Thema zugeeilt ist, vertauscht er die Fronten, steckt, statt zu reden, den
Kopf in den Sand und den Rumpf in die Luft. Am Rumpf dieses Vogels
befinden sich die schönsten Federn, und es mag seine Absicht sein, die
Tiere zu täuschen und zu hoffen, daß sie diesen Teil statt dem mageren
Schopf für seinen Kopf halten.
Die Menschen sind jedoch bereits zu scharf gebildet, als daß sie auf die
liebenswürdigen Blaguen der Tierwelt sich verirrten und wissen auch bei
auffallenden Ähnlichkeiten zu unterscheiden, wo die Ansichten sitzen und
wo die Federn, wo die Schädel und wo die Steiße, und die guten Kritiker
haben nie verfehlt die Köpfe abzuschlagen, um zu beweisen, daß sie hohl
sind. Mijnheer, ich habe in dem Buche dieses Professors eine Fälschung
gefunden, die vor Jahren von einem gewissen kleinen Claqueur ausging,
indem er eine Stelle aus einem Buch und dem Zusammenhang nahm und
sie einem anderen, nämlich mir selbst, zwischen die Lippen legte. Es
handelt sich darum, daß, um in einer Erzählung des Buches „Frauen“ ein
rasches und rühmliches Ende des Krieges zu erreichen, aus dem Umkreis
eines Spionagezentrums aller Nationen einige Menschen sich entfernen
müssen, um ohne Kontrolle ihre Nachrichten auszutauschen, und daß ein
anderer, um die Aufmerksamkeit der internationalen Bande, abzulenken und
um ihren Geisteszustand zu charakterisieren, Wanzen der Literatur in frivoler
Weise über Frauen redet. Ich finde diesen letzten Teil ohne Zusammenhang
mit der Erzählung, ich finde ihn ohne Hinweis auf das Buch, ohne
Bemerkung, daß das die Worte eines anderen und nicht die meinen sind, ich
finde diese grauenhafte Fälschung als meine Ansicht, meinen Ausspruch als
Zeichen meiner vaterländischen und moralischen Überzeugung abgedruckt
in dem Buch des Dozenten. Sie sagen das Rechte: Es hat keinen Sinn, sich
mit der Meute zu beschäftigen und für Unbegabung ist niemand
verantwortlich zu machen außer vor der Vorsehung.
Schon Heine hat Lessing vorgeworfen, daß er aus Lust an der Aufgabe,
die deutsche Literatur zu säubern, die armseligsten Rosinanten erschlagen
und den Namen manches Pasquillanten der Unsterblichkeit überliefert habe.
Es ist ein Fehler, die kleinen Feinde zu züchtigen, weil man nicht sich,
sondern sie allein ehrt. Es gibt auch andrerseits wieder schwerlich
Ergötzlicheres, als die Vernichtungen zu lesen, die Bürschchen an einem
vornehmen, die ihren wankenden Hosenboden mit jener Kühnheit zu tragen

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suchen, die sie einem im Gesicht abgelauscht haben und die das Schreiben,
mit dem sie uns verpfeffern, bei einem von A bis Z gelernt haben. Die
Nützlichkeit der Nachahmer hat bereits Constable erkannt, da, wie er
meinte, sie zeigten, was man vermeiden wolle. Er ahnte nicht, daß die
Nachahmer in dieser von Wolfshaß zerfleischten Zeit bereits zu den
Gegnern übergingen, um scheinbar als Entschuldigung für ihren Diebstahl
sich die Überzeugung beizubringen, es sei gar keiner, und was sie gegen
einen unternähmen, sei eigene Erfindung.
Ein neues Settlement der Literatur hat sich hier aufgetan, und die
geraubten Formen des Ausdrucks werden als allerdings blecherne Streitäxte
geschwungen: „Ce ne sont pas les pots, ce n’est pas la fayence. /// C’est ce
qu’on met dedans qui fait la différence,“ schrieb ein Plauderer der „Gazette
du bon ton“, nachdem er eine Stunde lang über die Plissées der neusten
Damenhosen gesprochen. Es hat keinen Sinn, sich zu Züchtung der Fälscher
entsetzen und es bleibt unsere schönste Freiheit, über das Miserabelste auch
noch zu lachen. Aber ich muß, wenn selbst die Professoren der Genauigkeit
in das Lager der politischen Parteiungen hinuntersteigen und nicht nach der
Größe der Dichter, sondern nach der Zweckmäßigkeit, sie politisch zu
kompromittieren, urteilen, ich muß Mijnheer, an Pernambuco denken.
Ich muß an die Revolten von Pernambuco denken und an den Streik der
Chauffeure, deren Fahrtverweigerung die Stadt in einer halben Stunde in
ein Feldlager verwandelte, und mir fällt ein die Geschichte des Redakteurs
Petronio, der einen unwahren Artikel gegen die Regierung geschrieben
hatte. Ich muß erzählen, mit welcher Grazie und welcher Promptheit man
für die Wahrheit eintritt unter den nicht so kultivierten Nationen, und wie
der Gouverneur den Redakteur zu sich in die Wohnung bat und wie er ihn
empfing, den Revolver in der Hand und ein Glas Wasser auf dem Tisch.
Man sprach nicht viel, der Gouverneur hielt lediglich die Pistole nach der
anderen Seite und sagte, ob jener zugebe, daß die Tatsachen, die er
geschildert, unwahr seien, und der Angeklagte nickte. Mit einem Zeichen
übergab der Gouverneur ihm die Zeitung und ließ sie ihn verspeisen, indem
er ihm nicht verweigerte, sich des Wassers zu bedienen. Sie schieden mit
einem Handdruck, man war in kurzer Weise über eine schmerzliche
Angelegenheit hinweggekommen und hatte vor Wiederholungen ein
deutliches Schloß gelegt.
Ich bin zu wenig Illusionist, aber noch weniger genügend skeptisch, um
dieses Beispiel für Deutschland empfehlen zu wollen, und ich gestehe auch,

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daß ich, wenn die „Chevaliers du lustre“ mit ihren bezahlten Händen von
der Galerie ihren Beifall toben, denselben fatalen Klang im Ohr habe, als
wenn die Liliputaner giftig flüstern und die Marodeure gegen die Dichter
anbrüllen. Aber ich habe die Hoffnung noch nicht verloren, daß
Deutschland dennoch einmal einem Beurteiler, der sein Volk aus Liebe
tadelte, der nicht in die Farce deutscher Dichterpreise Hörner der Vorurteile blies,
der von nichts bewegt als der Leidenschaft zur Gerechtigkeit lebte, der mit
einem Stil, unerbittlich wie Granit und schwungvoll wie eine Geige, sein
Zeitalter geschildert hat, daß irgendeinem Mann dieser Art die deutsche
Heimat einmal auf den Grabstein schreiben kann: „simplicis veritatis
amantissimus“.
Der Mann, der seit Heine am meisten von Literatur verstand, ist Franz
Blei, von dem man mehr Anekdotisches erzählte als von ihm las. Er hatte
unter anderem die Ehre einen der drei Preise zu verteilen, mit denen
Deutschland seine Dichter ehrt und die, außer dem Schillerpreis, von
privaten Stiftungen herrühren. Diese Summen sind bedeutungslos, aber
schlimmer ist: die Preise sind sinnlos, weil nicht, wie in anderen Ländern
und wie es sein müßte, die ganze Nation atemlos darauf den Blick richtete,
sondern daß die Nation sich den Teufel um die Preise kehrte, kaum einer
der Literaten wußte, wer sie bekam, und das Volk den Sieg Breidensträters
in einem Boxkampf, oder Froitzheims in einem Tennismatch oder der Firma
Wanderer oder des Hengstes Ordensjäger in Rüsselsheim oder Iffezheim
mit tausendfach größerem Interesse verfolgt.
Die Republik hat den Dichtern in der Verfassung gute Worte gegeben,
aber sie hat ihr Ansehen nicht erhöht, und wenn einige von ihnen, wie die
Herren Rauscher und Köster, in die Stellungen von Gesandten und
Ministern gelangt sind, so war das nicht, weil das Volk sich in ihnen ehrte,
sondern weil die Maschinerie der Partei sie an die Posten trieb. Die
Verteilung der Preise hätte lediglich unter diesen Umständen Sinn, wenn
man, wie die Tschechen, Bulgaren, Rumänen sogar tun, Millionen für sie
auswürfe und sich das Gold als solches rentiere.
Die Ehrung wird aber eine Farce, wenn nicht ein materieller Gewinn,
sondern nichts als die Afferei eines Kartenspiels unter Literaten dahinter
steckt und die Öffentlichkeit währenddem aus dem Fenster nach einer
anderen Sache schaut. Blei Die Inthronisierung der Gekrönten ist jeweils
ohne weitere Aufmerksamkeit vor sich gegangen und es hieße sich selbst
langweilen, wolle man die falschen und die rechten Ernennungen

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untersuchen. Ich glaube, daß Blei sich jeweils mit mehr Sinn für die
Kuriositäten als für die zeitwichtigen Erscheinungen entschieden hat.
Er ist ein geschmackvoller, aber der Stetigkeit seines Geschmackes nicht
sicherer Mann. Die Lessing und Heine wußten mit gewaltigem Instinkt, sei
der Gegenstand nüchtern, sei er barock, nicht nur die Werte zu erwittern,
sondern sie auch da anzuordnen, wo sie nötig waren und wo sie unsere
zerfahrene Situation verbessern konnten. Sie wußten um den Mangel der
Gesellschaft und um die Unfähigkeit der Dichter, nach einer nationalen
Haltung hin sich durchzuarbeiten und waren immer im Vordergrund
bestrebt, die Möglichkeiten der beiden einander zu nähern.
Sie waren sich des Sinns und der Mission des Deutschen bewußt, ahnten,
wo das Rechte stäke, irrten manchmal gewaltig, aber behielten den Sinn des
Ausgleichs zwischen Kultur und Nation unentwegt bei jedem Satz im Hirn.
Blei hat das wie alles ebenfalls gewittert, aber er hat keine Folgerung
daraus gezogen, sondern hat lediglich spielerische Anmerkungen darum
gemacht. Ihm genügte, die Marginalien zu einem Thema zu ziehen, das die
gesamte rücksichtslose Wucht eines Mannes vorausgesetzt hätte, um es klar
zu machen. Blei ist ein großer Kenner der Literatur der letzten Jahrhunderte
gewesen und ein ausgezeichneter „Riecher“ der zeitgenössischen, aber kein
Beurteiler. Er ist einer der größten Talententdecker, einer der gebildetsten
Literaten, die Deutschland sah, eine Wünschelrute der Verleger, ein
Cagliostro der Begabungen, ein wahrer großer „homme de lettres“, verliebt
in Literatur bis zum Exzeß, und es gibt keinen lebenden Schriftsteller von
Bedeutung, der ihm nicht Dank schuldet und eine gewisse Verehrung
entgegenbringt, und den er nicht da oder dort schon einmal verraten hätte.
homme de lettres und homme à femme Blei ist von fast erotischer Empfindsamkeit
für Literatur und hat jede Mode, innerlich sicher ehrlich, vorausempfunden
und propagiert und jede wieder verlassen.
Er hat die Neigung und den Instinkt und die geniale Empfindung für die
Valeurs, nicht für die Werte. Er ist weit mehr, wie unwissende Jünglinge
meinen und seine Feinde mit Handbewegungen abtun wollen, eine
ungewöhnliche und hoch überlegene Potenz unseres Schrifttums, aber aus
Verliebtheit und nicht aus Verantwortung. Der „homme de lettres“ ist wie
der „homme à femmes“ letzten Endes nur auf die Details eingestellt, auf die
Linie, auf die Grazie, auf die Nüance, auf den Charme, aber nie auf die
Totalität einer Erscheinung. Blei zieht seine Assoziationen von allen Seiten.
Katholisches und Rokoko, Satanismus und linksradikal, Sinnliches und

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Besinnliches machen ihn zum geschmeidigsten Verwerter einer Elastizität,
die alles betastet und alles vertieft, aber nichts ergründet.
Er ist ein aristokratisches Stil-Chamäleon. Die Sünde der Epoche hat in
ihm einen Sylvester Schäffer gefunden: er schießt und dichtet, spielt auf
dem Pferd Violine, läuft Seil, spricht und drischt gleichzeitig guten Stil aus
dem Hals, aber alles ist kein Inhalt und kein Ziel und kein Fleisch, sondern
nur Gewandtheit und Akrobatik und zirzensischer Geist. Man springt
geschickt und mit Esprit. Über was man springt, ist Nebensache. Er ist der
sinnfälligste Beweis dafür, wie eine Begabung seines Ausmaßes wirken
müßte und wie sie aber verführt wird von einer vielfarbigen Zeit, statt alles
auf sein Ziel hinzulenken, allem wie ein Jüngling mit dem
Schmetterlingsnetz nachzurennen.
Delacroix hat gemeint, jene kritischen Leute, welche die Manie des
Urteilens hätten, verwirrten erstens das Publikum, das ihre Dunkelheiten
nicht begreife, und verwirrten zweitens für die Künstler die einfachsten
Ideen, weshalb diese sie auch verabscheuten. Er irrte, denn eine große und
mit den Hintergründen der Zeit malende Kritik kann einer Epoche auf
Warum verlangt man Ehrungen den Weg helfen durch die Säuberung und durch
den Hinweis. Blei aber hat, als man ihm das Talent gab und die
Verantwortung, nicht nach beiden, sondern nur nach der Begabung
gegriffen, zwar immer das Rechte gefühlt und oft auch gesagt, aber es mit
einer Stimme getan und in einem Zusammenhang geäußert, daß es nicht die
Wucht bekam und nicht den Ernst erhielt, der ihm Masse und Sinn gegeben
hätte. Es ist geistreich geblieben und Gespiel und damit ohne höhere
Fruchtbarkeit. Was ihn entschuldigt, ist die Zeit, was ihn aber nicht
freispricht, ist, daß er die Stilisten wie die Käfer sammelte, statt die
Begabungen auf ihre Ziele zu hetzen.
Ich bin kein Angestellter der Weisheit und nicht im Schalterdienst der
Prophezeiung, Mijnheer, und ich bin weit entfernt, Ehren zu fordern für
einen Beruf, der seine beste Ehrung in sich selber findet. Aber ich sehe im
Anspruch auf die Beachtung durch die Nation, die sich in diesen Formen
kundgibt, ein nicht geringes Mittel zur Stärkung jener Partei der
Freiheitsliebenden, die der Republik die Formung einer neuen deutschen
Gesellschaft wünschen.
Ich weiß, man kann frei leben und frei sterben und nach keiner Würde
gierig sein und doch im Angedenken der Nation und ihrer Besten ein großer
Mann und eine schöne Erinnerung sein. Ich kenne das Testament Heines,

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der, obwohl ihm Gutzkow vorwarf, daß er nach den höchsten Ehren des
französischen Ruhmes lüstern sei, nachdem ihn seine Heimat vertrieben,
schrieb:
„Obwohl ich von der Natur und vom Glück mehr als andere Menschen
begünstigt ward, obgleich es mir zur Ausbeutung meiner Geistesgaben
weder an Verstand noch an Gelegenheit gebrach, obgleich ich, aufs engste
befreundet mit den Reichsten und Mächtigsten dieser Erde, nur zuzugreifen
brauchte, um Gold und Ämter zu erlangen, so sterbe ich dennoch ohne
Vermögen und Würden. Mein Herz hat es so wollt, denn ich liebte immer
die Wahrheit und verabscheute die Lüge.“ Auch dies ist Stolz und klingt mit
Versöhnung der Gegensätze in der Republik aller Bitterkeit seiner ruhigen Größe hart
ins Ohr der Heimat, die ihn verbannte.
Aber man lebt nicht, um Gesten der Kühnheit zu machen, sondern um die
Möglichkeiten des Lebens und der Zeit in der besten Form zu erwischen,
und die Lebenden stehen jede Sekunde im Kampf. Aber Kämpfen heißt
nicht jene Dummheit der Menschen, von denen ein litauisches Sprichwort
sagt: „Je stärker du ihm auf die Schnauze gibst, um so mehr Angst mußt du
haben, daß er zurückgibt.“ Sondern es bedeutet das Wesenswichtige zu
nähern, Weg zu machen und selbst das Ausrufen nicht scheuen. Alles andere
marschiert, wie Deutschland marschiert.
Es ist nur allmälig an der Zeit geworden, zu sehen, um was es geht.
Werden wir eine runde Literatur haben, müssen wir vorher zu einer
Gesellschaft kommen. Man muß die Gegensätze der Parteien in der
Republik versöhnen oder man muß sie austragen. Andere Möglichkeiten
gibt es nicht und nur auf ihrer Befolgung oder Verwerfung wächst eine
Gesellschaft und eine Kunst. Es muß eine Zeit kommen, wo man in die
Weisheitsschule der jeweiligen Grafen Keyserling seine Automobile
schicken wird, weil man so europäisch eingestellt ist, daß man sich selbst
nicht mehr an schöngewässerten Reflexionen über die Welt begeistern
braucht und wo man die „Indienfahrt“ des Herrn Bonsels in den Regalen
der Gartenlauben unserer vergilbten Zeit finden und wie ein altes
bürgerliches Kochbuch belächeln wird. Die Literatur wird so sehr Ergebnis
einer an den Quellen des deutschen mittelalterlichen Wesens gelegenen
Kraft sein und so sehr erhabene Spiegelung ihrer Zeit werden, daß beide
endlich mit Genugtuung einander betrachten werden.
Sie wird nicht mehr sich verkriechen müssen und wird nicht verfolgt
werden, sondern sie wird mit dem Lächeln antworten, das die Hetäre

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Tschandrasêna herrlich von sich schüttelte, als man ihr eine Augensalbe
anbot, die sie von den Nachstellungen eines Königs retten, aber in eine Das
neue Deutschland Äffin verwandeln sollte. Sie zog es vor, in ihrer keuschen
Nacktheit dem Herrscher entgegenzugehen, der mächtig und schön war, und
sich so mit ihm an Stolz zu vergleichen. Das alles ist, wenn es wird, besser
als Prophezeihen. Die Farben des Fleisches sind stets beweiskräftiger als
Paragraphen. Man wird Kunst auf dem Rücken einer Gesellschaft vereint
wissen mit einer Heiterkeit und mit etwas von der legendären Größe, mit
der der Doge jedes Jahr zum Strand ging, das Adriatische Meer mit Venedig
zu vermählen.
Man wird nicht mehr über Pernambuco fahren müssen, um die
Entdeckung der sichtbaren und der geheimnisvollen Wunder der Welt
getrennt zu machen, sondern man wird sie beisammen haben. Man wird das
Leben bei der Kunst haben und manches andere ähnlich zusammen und es
wird ein gewaltiger Spaß sein, zu leben.
Reiß Irmãos & Compagnia (Brazil) wird dann ein Witz scheinen und
Europa ein runder Kelch um die Blüte von Deutschland, und der ganze
Himmel wird gefärbt sein von ihrer Anmut und überzittert von ihrer
Bewegung. Einer der weltmännischen Deutschen, Friedrich der Große,
hatte bereits etwas von jener erlesenen Mischung: „Hören Sie,“ sagte er zu
seinem Schweizer: „Ich habe den traurigsten Eingriff über mich ergehen
lassen, den die Heilkunst kennt: zwei Klistiere. Das hat mich erleichtert,
und mein Geist fühlt sich freier. Kommen Sie her, ich habe ein Gedicht für
meine Schwester von Bayreuth gemacht, über die Freundschaft.“ Er hatte
Natürlichkeit und Grazie und damit Überlegenheit über Leben und Tod, da
er Geist dazu besaß. Das Gesicht wird kommen, von dem ich sprach, das
auf den Takt des Motors horcht und dadurch gespannt in die Gegenwart
versunken ist, und über dem die Stirn sich voll ewiger Begeisterung hebt
und wird Deutschland regieren. Das träume ich manchmal, Mijnheer.
Gehen wir schlafen, wir Phantasten, der Mond ist aus.

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Die sechste Nacht

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M Der Entenjäger Smith ijnheer, ich habe gestern vergessen, Ihnen von einer
Ehrung zu erzählen, welche die Stadt Lübz in Mecklenburg an der
deutschen Dichtung vornahm. Es fällt mir ein, weil ich in dem
seenreichen Land einen anmutigen Sommer verbrachte und im Schilf das
Boot von Sidney Smith entdeckte, der auf der Entenjagd lag, ein Nomade
von borstigen Rothaaren, Fischaugen, die stier und grün unter der langen
Nase herausquollen, die Haare „tête carrée“ in die sommersprossige Stirn
gekämmt und über den Augenbrauen abgeschnitten. „Hallo, Sir,“ sagte er,
„wir werden einen Cocktail machen,“ schob den Priem in die andere
Mundseite und unterbrach die Jagd.
Dieser Smith war das amüsanteste Greenhorn, das ich traf. Eines Nachts
frug er: „Hallo Sir,“ er zischte, auf dem Bauch liegend, um die Ruhe nicht
zu stören, „glauben Sie, daß Afrika einmal in zwei Teile geteilt war durch
ein Meer?“ „Warum,“ frug ich und betrachtete einen Punkt, der wie ein Paar
Stockenten gegen den Kahn zutrieb, „warum denken Sie das?“ Er zog den
Kopf in den Nacken: „Ich dachte Sir.“
Nach einer Stunde ging der Mond auf und wir mußten unter eine
abhängende Weide rudern. Smith putzte an seiner Sechsschußflinte und
sagte: „Hallo Sir, glauben Sie, daß man mit Ochsenhäuten, wenn man sie
wie Segel aufspannt, Kanonenkugeln auffangen kann?“ Ich sagte ihm: „Was
Afrika betrifft, Mr. Smith, so kann ich Ihnen noch sagen, daß lange Zeit
eine Straße durch den Kölner Dom ging. Warum soll nicht ein Wasserweg
durch Afrika gezogen sein! Was aber die Felle angeht, so müssen Sie einen
Kanonier oder einen Gerber fragen.“ „Very well,“ sagte er, steckte den Kopf
zwischen die Schultern und schwieg.
Nun kamen die Enten und er schoß sie mit Kugeln, trotzdem der
Mondschein beim Visieren täuscht, ohne Fehler. Während wir sie
auffischten, starrte er plötzlich in die Luft Stimmung und Cocktails und sagte:
„Hallo Sir, glauben Sie, daß, wenn man mit den Zeigefingern das
Hörnerzeichen macht, das den bösen Blick zurückschmeißt?“ Ich war am
Rudern und sagte: „Mr. Smith, vergessen Sie die Ente nicht aufzunehmen,
an die ich Sie gerudert habe. Ich verstehe nicht, warum Sie Fragen stellen,
die keine Beziehung auf das haben, was Sie tun.“ Er sah beleidigt vor sich
hin. Ich habe nie einen solchen Wilden gesehn.

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Er hatte nur im Blick, wo er Lachsnetze werfen, Wachtelschlingen legen,
Tiefseeangeln für den Hecht durch das Meer schleifen konnte und dachte in
der Zwischenzeit sich die Welt zu einem Trumpel zusammen. Bei Beginn
des Sommers war er mit einem Klippfischsegler von Norwegen gekommen
und in dem fetten Seeland mit seiner Büchse liegen geblieben wie der
Sommer selbst, der keine Anstalten machte, selbst im Oktober noch nicht,
aus den silbernen Grasstrichen aufzustehen.
Wie alle Schotten hatte er Leidenschaft für Cocktails aber auch die
seltsame Fähigkeit, seine Gefühle damit auszudrücken. Mit der Mischung
von dreiviertel Gin und ein Viertel Orangensaft bestach er den Beamten der
Seekontrolle, welche das Angeln zu verbieten hatte. Dieser Mann trug einen
breiten blonden Bart und horchte auf den Namen Feuerstake. Mit der Zeit
richtete er ihn zum Treiber für das Vogelzeug ab, und wenn Smith ein paar
Tage verschwand, saß er in Lübz neben dem Kirchturm bei Feuerstake und
mischte seine Drinks. „Wollen Sie Cocktails versuchen, Sir?“ sagte er,
wenn er von dort zurückkam und mischte als Zeichen seiner Zufriedenheit
Zitrone mit amerikanischem Whisky. „Wissen Sie, warum ich keinen
schottischen dazu nehme?“, frug er und schnallte die Büchse über die
Schulter, und in der Tür stand Feuerstakes Gesicht winkend. „Nein,“ sage
ich. „Weil Scotch für einen Jäger kein Whisky ist, Sir.“
Die Enten lockten sich auf dem milchblauen See „rätsch . . . wack“ und
feierten überall nach seltsamen Schwimmkünsten Entenjäger und Gerhart
Hauptmann und Verfolgungen unter unerhörtem Geschrei eine wüste
Liebesnacht. Man konnte nicht schießen. „Kommen Sie, Sir,“ sagte Sidney
und er mischte den seltsamsten Cocktail seines Lebens, der uns sehr heiter
machte und der in Smiths Sprache das Erlebnis ausdrückte, das er über der
Enten erotische Scherze empfand. Es war ein guter Junge nach meinem
Sinn und hatte auf seine Weise Humor.
Eines Tages gab es einen abscheulichen Drink. Er hatte bei Feuerstake
gesessen, und da der Mann kein Wort sprach, in den zehn Jahrgängen des
Lübzer Tagblatts geblättert und dabei ein Gedicht von Gerhart Hauptmann
gefunden, das begann: „Komm, wir wollen sterben gehn / in das Feld, wo
Rosse stampfen / und die Donnerbüchsen stehn / und sich tote Fäuste
krampfen.“ / Smith verstand nicht viel Deutsch, aber das verstand er.
Unglückseligerweise hatte er in dem nächsten Band aber einen sechs Jahre
späteren ergriffen und fand unter dem Namen des gleichen Autors ein
Telegramm an den russischen Sowjetgesandten in Berlin betreffs eines

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politischen Prozesses in Rußland: „Der Blutwahnsinn des Krieges und seine
Nachwehen sollten nun endlich überwunden sein. Ein sieghafter Friede
muß der Achtung vor dem geheiligten Leben des Menschen, muß dem
Gebot — Du sollst nicht töten — wieder die alte Geltung verschaffen. Ich
lasse diese Friedenstaube zu den gemarterten Opfern fliegen. Möge sie mit
einem Ölzweig, von dem kein Blut tropft, zurückkehren.“
Das verstand er nicht, es war von Schießen nicht mehr die Rede und er
hatte nichts anderes im Kopf. Ich las ihm die andere Strophe aus dem ersten
Gedicht vor, das er mit den ganzen Jahrgängen mitgebracht hatte. „Diesen
Leib, den halt’ ich hin / Flintenkugeln und Granaten / eh’ ich nicht
durchlöchert bin / kann der Feldzug nicht geraten.“ Smith schickte sich
vergnügt an, einen guten Cocktail zu mischen, das begriff er wieder.
Nach einiger Zeit aber wurde er nachdenklich, wie könne, damned, der
Mann nun solche Telegramme senden, wenn er Von links nach rechts
geschrieben habe, daß, eh’ er ein Sieb sei, der Krieg nicht ende. Ich sagte
ihm, Herr Hauptmann sei ein alter Mann gewesen und habe wohl das eine
wie das andere nur in einem dichterischen also unirdischen Sinne gemeint
undwahrscheinlich sei eine gespenstische Ausgabe von seiner
Körperlichkeit ebenso auf den Schlachtfeldern, die er nicht besucht habe,
durchlöchert worden, wie wahrscheinlich eine andere als Vogel durch die
Luft zu fliegen vermöge. Etwas ähnliches meine wohl auch der
sozialdemokratische Minister Hänisch, wenn er über ihn in einer
bürgerlichen Zeitung nach einigen Fußtritten auf sozialistische Dichter
schreibt: „So geht von Hauptmann ein Licht aus, das leuchtend und
wärmend durch die Zeiten strahlen wird. Er ist der große repräsentative
Dichter unserer deutschen Gegenwart, der die ganze Zerrissenheit unserer
Zeit in seinen wissenden und milden Zügen widerspiegelt. Werden wir uns
des Glückes bewußt, daß Gerhart Hauptmann in unserer Mitte lebt, freuen
wir uns, ihn unser eigen nennen zu dürfen.“ Solchergestalt, meinte ich,
sehen sogar ein Proletarier dies Hin und dies Her. „By Jove,“ meinte Sidney
Smith und schaute lange verglast vor sich hin, das verstände er nicht.
Ich sagte ihm, Herr Hauptmann habe, wie viele Dichter, und fast alle
Leute, die Karriere gemacht hätten, wie die Herren Lloyd George und
Clemenceau von links angefangen und habe sich langsam nach rechts
entwickelt. Man müsse das alles nicht so ernst nehmen, denn die
Bourgeoisie brauche einen gewissen unaktuellen Radikalismus, bei dem
sich ohne Gefahr für Haut und Geldbeutel am Feuer der großen

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Revolutionssuppe gruseln lasse. Und die Herrschaften, die im Zirkus in
Berlin jubelten, wenn in seinen „Webern“ Kapitalistenhäuser demoliert
wurden, seien dieselben, die fanatisch die Erschießung zeitgenössischer
Revolutionäre forderten. Es handle sich darum, daß die Weber-Revolte eine
schon vierzigjährige sei, die man beruhigt lieben könne, aber eine heutige
eine verdammt ernste Sache sei, die man keineswegs Feuerstakes Gedichte
lieben dürfe. Und ebenso menschlich begreiflich sei es ja sicher auch, daß
ein Dichter seinen Nachruhm halte mit Arbeiten, von denen er sich völlig
entfernt habe. Es sei dasselbe, wie wenn ich Smith wegen seiner
Schulaufgaben lobe aber seine Schießsicherheit dabei übergehe. Wir gingen
darauf nach dem See und Smith kam auf die Sache nicht mehr zu reden.
Beim Anschlag sagte er: „Beg your pardon, Sir, glauben Sie, daß man
Kentauren noch jagen kann?“ „Nein, Mr.,“ sagte ich, „man kann es nicht.“
Er sah lange sinnend in den Himmel. Zwei Tage verschwand er zu
Feuerstake. Am dritten kam er zurück: „Wollen Sie Cocktail versuchen,
Sir?“
Seltsamerweise erschien plötzlich Feuerstake mit einem Paket, legte es
auf den Tisch und verschwand. Ich machte es auf, es war in rotem Einband
ein Buch Gedichte, die Feuerstake über seinen Heimatsort geschrieben
hatte. Der bescheidene Mann hatte kein Wort darüber verloren, obwohl er
tagelang mit Smith zusammengesessen und brachte mit einer steifen
Verschämtheit es plötzlich hinter ihm her. „All right,“ sagte Smith und legte
es bei Seite. Feuerstake interessierte ihn als Ententreiber, alles andere war
ihm einerlei. Feuerstake hörte nie ein Wort über sein Geschenk und, da er
nichts sprach, frug er nicht.
Sidney Smith hatte in dieser Zeit viel zu tun, mit seinen Gedanken fertig
zu werden. Ob ich denke, meinte er, daß es ein Land gebe, wo man die
Schweine mit ihren eigenen Eingeweiden füttere. „Ja,“ sagte ich, „nichts ist
verderblich genug, daß es das nicht geben sollte.“ Die Antwort gefiel ihm
nicht, er zog den Kopf tief in die Achseln ein, stieß ihn dann geradeaus und
schoß. Der Sommer stand in diesen Wochen mit einem fleckenlosen
Goldton über Holstein und manchmal schien es fast, er spiegele das Meer.
Je klarer die Luft aber wurde, um so eigensinniger verwandelte sich Sidney
Smith. Er hatte sich bei Feuerstake alle eingebundenen Jahrgänge des
Lübzer Tageblattes geholt und ich sah ihn oft, so sehr die flachsblonden
Töchter des Hauses zum Sonne und Mond gleichzeitig „Weißen Karpfen“ um ihn
herumstrichen, in die Schwarten vertieft. „Wollen Sie Cocktails versuchen,

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Sir?“, frug er regelmäßig, wenn ich ihn ertappte, aber ich kannte seine
Stimmungen nach dieser Lektüre und lehnte ab.
Die Enten fingen an zu mausern, die Männchen rückten den Weibchen
aus, buhlten um andere, es war ein Riesenspektakel auf dem Wasser und das
lenkte ihn ab. „Hallo, Sir,“ unterbrach er die Nachtwache, „denken Sie, daß
man mit der Vergiftung der Meere alle Tiere darin töten und durch ihr
Faulen den Kontinent verpesten könnte?“ „Nein,“ sagte ich, „Mr. Smith,
denn etwas ähnliches ist durch den Landkrieg nicht einmal erreicht
worden,“ und hielt ihn für gerettet, da erschien er am Morgen mit einem
Bericht, den der Züricher Vertreter des Lübzer Tageblatt gedrahtet hatte
über die Vorlesung eines Dramas, das Fritz von Unruh gedichtet hatte, und
wo deutsche Soldaten den gefangenen britischen zugerufen haben sollten
„Gott strafe England!“, und er verlangte von mir zu wissen, weshalb man
die Vorsehung anrief, statt sich bei den Stellen zu beschweren, die für das
Arrangement von Kriegen usw. verantwortlich zeichneten, als er fast
erbleichend aufstöhnte. Er hatte in einem anderen Band einige Jahre später
einen Abdruck aus dem gleichen Stück gesehen, nur daß hier die deutschen
den britischen Soldaten armgebreitet mit den Worten „Freunde! . . .
Brüder!“ entgegenliefen. „Dear Sir,“ sagte er fassungslos, „ich war
ebenfalls gefangen, aber man hat das eine nicht gerufen und nicht das
andere. Aber hat man das hier gleichzeitig gerufen?“ Er sah sich um, als
halte er es schier für möglich, daß, seit er sich mit deutscher Lektüre
beschäftige, der Mond und die Sonne gleichzeitig nebeneinander über den
Himmel spazieren könnten.
„Nein, Mr. Sidney Smith,“ beruhigte ich ihn, „erstens ist das
wahrscheinlich eine Verleumdung und dann darf man solches nicht so
genau nehmen wie das Schießen, wo man sehr scharf und grad sich halten
muß, und beim Wackeln die Auch Goethe Sache vorbeigelingt. Im Leben ist
das anders und man sagt oft das eine und gleichzeitig das andere. Das
Leben verändert sich selbst täglich, und was heute schwarz ist, kann
morgen weiß sein. Manche haben die Farben gleichzeitig, was manche
wiederum boshaft preußisch nennen, aber das ist es gar nicht. Wir haben
das bei einer großen Anzahl Menschen erlebt, da ist z. B. Herr Meidner, der
einer der größten Helden gegen den Krieg war und gleichzeitig eine
Zeichnung zur Animierung der Kriegsanleihe an die Zeitungen schickte.
Wer kennt der Menschen Herz? Selbst der größte deutsche Dichter Goethe
hat sich eines Tages dem Vater eines jungen Schriftstellers v. Körner

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gegenüber mokiert, daß der gegen den großen Bonaparte mit dem
knitternden Papierzeug seiner Verse anreite und hat, mit der französischen
Ehrenlegion geschmückt, als Lützower in Meißen ihn ausrückend um den
Waffensegen baten, die Hand auf ihre Hirschfänger gelegt und gesagt:
„Zieht mit Gott, und alles Gute sei Eurem frischen deutschen Mut
gegönnt!“ Ich suchte Smith mit der letzten Möglichkeit, nämlich mit einem
klassischen Zitat zu beruhigen, aber er war so beneidenswert ungebildet,
daß er auf Klassisches genau so sauer wie auf die Flachsblonden reagierte.
Jedoch er hatte als Jäger ein gutes Ohr, er behielt den Namen und kam
nach einer Stunde mit dem Gedicht eines gewissen Julius Bab, dessen Ende
lautete: „Zeug uns, Stern, und zieh uns hoch hinan! / Dieses Werk der
mörderischen Nöte / werde doch in deinem Dienst getan! / Weile, werde,
wachse in uns — Goethe!“ / Das machte den Burschen völlig konfus. Es
gelang mir nicht, ihm klar zu machen, wieso ein Stern uns erzeugen könne
und warum im Dienst eines verstorbenen Dichters, der sich über den Krieg
mokiert habe, man sich Jahre lang totschieße.
„Bei uns, Sir,“ meinte Smith, „sagt man, indeed, daß man im Dienst der
Kanonenfabriken und zum Ruhm der Generale schieße. Verrückte Idee, für
einen toten Mann sich zu töten.“ „Pack“ ist kein Wildbret Rasch drehte ich,
indem ich ihm versicherte, daß ich den Herrn nicht kenne und daß das
offensichtlich die Privatmeinung eines durch Schrapnellschüsse am Kopf
Schwerverletzten sei, das Blatt um, da las er in Fettschrift folgendes
Gedicht: „Wenn der Kaiser einst kommen wird / schießen wir zum Krüppel
den Wirth / knallen die Gewehre tack tack tack / aufs schwarze und aufs
rote Pack.“ / Er wurde sehr aufgeregt und überstürzte mich mit Bitten.
„Nein, Mr. Smith —,“ sagte ich zu ihm, „Pack ist kein Wildbret, das Sie
noch nicht kennen, es sind Kameraden, die eine andere Ansicht haben.“
Wieder sank seine Lippe tief auf das Buch, ich blätterte weiter. Da rief
ein Sportverein auf zu einem Gartenfest und man hatte das Bundeslied
abgedruckt: „Der Turner in den Wäldern haust / und Eichen raufet seine
Faust / der nackte Arm mit Felsen spielt / der deutschen Lunge Kraft
empfiehlt: / schießt ab den Walther Rathenau / die gottverfluchte Judensau.“
/ Ich hatte Angst, er könne auch das für Wildbret halten und sagte ihm,
diese Gedichte seien nicht wichtig, weil sie schon wieder aus dem Frieden
stammten.
Er schwieg eine Weile, sah mich stumm an, schüttelte den Kopf,
erbleichte plötzlich und sprach darüber nicht mehr. Am nächsten Tag waren

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die Bücher verschwunden. Nun kamen schon Frühnebel, es wurde Oktober,
aber der Sommer stand nicht aus dem fetten seenreichen Grünland auf, also
blieb auch Sidney Smith.
Man hatte Nachtreiher entdeckt und er war in großer Aufregung. Man
belauerte einen Baum, auf dem sie saßen, mit einer abscheulichen
Gestankwolke eingehüllt und einen gewaltigen Lärm untereinander
machend, aber man wollte sie nicht vom Baum schießen, von dem sie
dauernd Fische in verdautem und unverdautem Zustand herunterschossen.
Wir hatten Nachtpelze um und lagen in der Sternkälte im Gras. Plötzlich
flüsterte Smith: „Weile, werde, wachse . . . Sir, ich habe mit Feuerstake
gesprochen, er ist, by Jove, mit Jagd auf Nachtreiher einem Male gesprächig
geworden seit gestern, ein toller Cowboy dieser Feuerstake plötzlich, was
ihm geschehen ist wohl, meinetwegen . . . . wollte sagen, Sir, Feuerstake
erzählte mir, man habe Mr. Hauptmann von der Regierung geohrfeigt vor
dem Krieg und seine Stücke verboten und bei dem Krieg, weil er dafür
schrieb, ihm Orden gegeben, ihn herangepfiffen und ihn übers Fell
gestrichen und er habe geweint vor Freude. Er habe dann während dem
ganzen Krieg eine Propaganda gemacht für das Schießen und den Kaiser,
und nun sei er aber verheiratet mit der Republik und werde mit dem
Präsidenten alle vierzehn Tage photographiert. Ich verstehe das nicht. Wir
haben gelesen, wie Mr. Bernard Shaw in England im Krieg, beim
allmächtigen Gott, dem König und Mr. Lloyd George gesagt hat, es sei ein
Verbrechen und daß er es vorher und nachher gesagt hat. Es hat mir nicht
gefallen, Sir, weil ich für den Krieg bin und für das Schießen. Aber,
damned, es hat mir doch noch besser gefallen, wie das, was ich bei Ihnen
jetzt hier gelesen habe. Ich wollte Ihnen das sagen, Sir.“
Ich war eine Weile stumm, denn auf dem Baum tanzten die Schatten der
Vögel derart herum, daß es wie ein nächtlicher Spuk vor der
Himmelsilhouette stand, und jede Bewegung führte einen derartigen Regen
von Niederschlägen der Vögel mit sich, daß wir uns rückwärts bewegen
mußten. „Weile werde wachse . . . Sir, ich wollte das beim allmächtigen
Gott auch noch gesagt haben, Ihre Kriegsgedichte sind mehr gentlemanlike
als die im Frieden.“ Ich versuchte ihn wieder auf Hauptmann zu bringen
und ihm klar zu machen, daß der Genius des Dichters leichter alle
Veränderungen aufnehmen und sich schneller wie festgemauerte Charaktere
von Jägern an die verschiedenen Institutionen des Staates wie des Lebens
gewöhnen könne.

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Es käme auf den Zweck an, meinte ich und erzählte ihm die Geschichte
des Mönchs, der auf der katholischen Propaganda tausend
Herbeigeströmten als Reliquie eine Papageienfeder „koau . . . . . . kräü“ als die
des heiligen Gabriel zeigen wollte, aber, da man sie ihm gestohlen und zum
Bluff schwarze Erde hineingelegt hatte, diese sofort als die heiligen Kohlen
ausschrie, an denen der St. Lorenz geröstet worden sei. Allein er hörte
scheinbar nicht auf mich, legte an und schoß aus der Luft einen Reiher, riß
ihm die Bismarckfedern aus, ließ den Braten für seine Vogelkameraden
liegen und sagte: „All right. Ist für mich erledigt. Kommen Sie Cocktails
versuchen, Sir?“
Zu seinem Geburtstag kam eine Kiste, er nagelte sie auf und man sah
etwa eine Batterie von vierzig Flaschenköpfen verschiedener Etikettierung.
„Splendid,“ sagte Smith, und die Flachsblonden mischten Bacardi Cocktail
wie Engel, indem sie ein drittel Zitrone und zwei drittel Rum mit etwas
Grenadine und Zucker zusammentaten. Gegen Abend war, das gesamte
Hotel erledigt. „Let us go, Sir,“ sagte Smith, als Feuerstake nicht erschien,
„der Mann gefällt mir nicht mehr,“ wir legten die Büchsen über und sahen
auf dem Wasser in der Purpurröte der Dämmerung eine Reiherschlacht
durch das Schilf.
Sie kamen in zwei Gruppen angeflogen und standen im Morast einander
gegenüber und in der Mitte lag eine tote Mordsschleie. Die beiden Parteien
zogen sich zurück, formierten sich, krächzten mit aufgerissenen Schnäbeln
in höchster Aufregung „koau . . . kräü“, die blutigroten Augen glühten, die
Flügel schlugen auf und nieder und mit gesträubten Nackenfedern schossen
sie aufeinander zu. In dem Augenblick aber, wo man dachte, daß sie sich
mit den dolchspitzen Schnäbeln durchbohren würden, gingen sie
jammervoll aneinander vorbei und berührten sich kaum mit den Flügeln.
Eine gewisse Entfernung voneinander genügte aber, ihre Wut wieder aufs
äußerste zu steigern. Klappernd, mit wund geschrienen Rachen, erbost
schossen sie aufeinander und spielten sich eine Stunde lang das Theater
ihrer Leidenschaft vor. „Hallo!,“ sagte Smith, der etwas unruhig war,
„wachse, werde, weile“ und schoß ab.
Gewisse Dichter oder gewisse Reiher „Warum,“ sagte ich, „zitieren Sie immer
das Kriegsgedicht des Mr., dessen Name mir entfallen ist.“ „Beg your
pardon,“ meinte Sidney Smith, „ist die einzige Möglichkeit meinen Priem
aus dem Gaumen heraus zu bekommen.“

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Wir hatten große Last, die Nachtreiher zu erreichen und ihnen die Federn
zu nehmen, denn es war an der Stelle sehr sumpfig. Als wir an dem tags
zuvor geschossenen vorbeikamen, stob ein Schwarm seiner Brüder auf, die
sich die Kröpfe voll von seinem Fleisch gestopft hatten und nach dem
Baum hinüberflogen. Smith machte ein bedenkliches Gesicht, sagte aber
nichts, denn er war etwas betrunken.
„Versuchen Sie Cocktails, Sir,“ sagte er zu Hause und machte einen
Martini mit Gin und französischem Vermouth, da wurde er sauer und „dry“.
Dann machte er ihn mit italienischem Vermouth, da wurde er süß, und die
Flachsblonden nippten solang daran, bis sie wie verrückt im Garten
herumtanzten. „Hallo, was sagen Sie dazu, Sir?“ frug er mit einem halb
lachenden Blick auf sein Kunstwerk, aber ich äußerte nichts, weil ich nicht
bestimmt wußte, ob er mit dem „einmal süß und einmal sauer“ gewisse
Dichter oder gewisse Reiher meinte, aber etwas Hinterhältiges war in
seinem Blick, das mich stutzen machte.
Im selben Augenblick bekam er aber Eulenaugen, stand ruckweise auf
und starrte auf ein Papier, das man vor ihn gelegt hatte, als er einen Priem
zahlte. Seine roten Haare sträubten sich aus der Stirn und standen borstig
nach oben, der Schweiß rann ihm über die Stirn und er fuchtelte mit der
rechten Hand in die Luft. Dann fiel er mit rot verquollenem
sommersprossigen Gesicht auf den Stuhl zurück und stierte auf das Papier.
Ich entsinne mich genau, daß ich nur langsam es ihm wegzuziehen wagte,
denn er saß darüber wie ein Hund über einem Schinken, plötzlich riß ich
daran und lachte, daß der Tisch schräg ging: Ich sah in das Gesicht von
Joachim Feuerstake. Das Rätsel seiner Redseligkeit war gelöst mit seiner
Unsterblichkeit.
Die Ehrung der Stadt Lübz Die Stadt Lübz hatte ihm zu Ehren, der ihre
siebenundzwanzig Hähne, ihren Kirchturm, ihren großen Misthaufen, ihren
Bürgermeister und die Kornfelder und ein unbestimmbares Denkmal in dem
roten von uns nie geöffneten Büchlein besungen, die Stadt Lübz hatte ihm
zu Ehren ihren Notgeldschein von fünfundzwanzig Pfennigen unter dem
Motto: „Treu der Heimat“ mit seinem Bild geschmückt. Es schien, als
werde Smith tiefsinnig. Er blieb blaß und schweißig, machte wieder
Bacardi-Mischungen, behielt die runden Uhuaugen und steckte den Rotkopf
tief in die Schultern. Ich beruhigte ihn, indem ich auf seine Manier ihn
fragte: „Hallo Mr. Smith, denken Sie, daß es ein Land gibt, wo man in der
Luft fliegt, Landpartien auf den Boden herunter macht, wo die Könige den

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Schädel unterm Arm tragen und die Fürsten auf dem Kopf gehn, wo die
Bauern sich Kokotten halten und die Arbeiter Fideikommisse gründen?“
„Yes Sir,“ sagte er, „ich habe das oft gedacht.“
Ich verstand, daß ich ihn so nicht kriegen könnte, denn, da er das
Bestehende nicht achtete, außer der Jagd, hatte er sich die Welt wie ein
Kinderspielzeug schon unzählige Male herrlich unlogisch neu
zusammengesetzt. Ich bemerkte jetzt, daß er zitterte, er hatte einfach Angst.
Für ihn war Fischen und Dichten einerlei, er sah keinen Unterschied und
hatte einen hysterischen Anfall vor Furcht, wie alle Wilden, er könne eines
Tages für seine Jägerei ebenfalls auf einen Schein gedruckt werden und
wollte sofort zum Bürgermeister. Diese Ehrung Feuerstakes, dieses Simpels
von Ententreiber, überstieg seinen Horizont, es war ihm wie ein Steckbrief
oder eine Anzeige beim Schicksal. Er war entsetzlich abergläubisch wie alle
einfachen Menschen.
Der Aufenthalt auf den Mecklenburger Seen hatte ihn etwas heftig mit
Dingen zusammenstoßen lassen, deren Konträrheit sein grades Hirn nicht
faßte und er bekam Angst vor dem Lande, in dem man im Frieden schoß
und im Krieg nicht bei der Stange blieb, wo man vorgab, für Tote die Flucht
des Entenjägers vor der Literatur Lebendigen gern ermorden zu lassen und wo man
die Angestellten auf Papierscheine druckte, die man als Geld ausgab. Ich
rüttelte ihn heftig am Arm. „My boy,“ schrie ich mitleidig, „hören Sie, gute
Haut“ und ich erreichte, daß sein Blick mich wenigstens fixierte, wenn er
auch mit verstockter Besessenheit schwieg.
Ich suchte ihm an Hand des Lübzer Stadtwesens, an Hand des
Bürgermeisters, der Parteien und ihres Sängers die Situation eines
modernen Staates und der Gefühle seiner Bewohner klar zu machen und
versenkte mich in das Beispiel des Poeten, brachte seine Konflikte, ob er
die Misthaufen beschimpfen oder die Kirche loben, ob er dem
Bürgermeister opponieren oder alle Parteien belecken, ob er sollte sich
fassen links oder ob er sollte fallen rechts im Gedicht, ob er wählen sollte
zwischen dem Ehrenschein oder einer eventuellen Schändung seines Grabes
. . . . ich brachte dies sehr lebhaft vor, aber in dem Augenblick, wo ich zur
Unterstreichung meiner Rede den Fünfundzwanzigpfennigschein auf den
Tisch hieb, stiegen meinem Gegenüber wieder die Haare, die Grenze seines
mitteleuropäischen Fassungsvermögens war erreicht.
Im gleichen Augenblick erscholl vom Garten her ein wilder Schrei,
Sidney Smith zog einen langen spitzen Ton durch seine Nase, sah mich

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schräg mit dem Ausdruck abergläubischen Entsetzens an, stieß die Augen
nach oben, rollte sie über die Decke und stürzte in den Garten, wo, wie ich
vom Fenster sah, die Flachsblonden wie Katzen in den Bäumen jagten.
Er rannte wie besessen in die Landschaft hinaus und ich habe ihn nie
wieder gesehen.
Ich habe Sidney Smith nie wieder gesehen, Mijnheer, denn ich reiste am
nächsten Morgen an das Meer, über das der Herbst mit einer Donnerwolke
von gelben Nebeln und dem roten Mond darin herein brach und ich vergaß
die sanglante Posse. Ich vergaß jedoch nicht die Folgerungen, die Sidney
Smith mir zu ziehen durch seine schnöde Flucht nicht ermöglicht Feuerstake
oder Mirabeau? hatte, und sie steigen nunmehr aus dem Suite-case meiner
Erinnerungen, wo ihn aufzumachen und auszupacken heute dieselbe Muße
ist wie damals, sie zu erleben und einzumotten. Diese Folgerungen,
Mijnheer, sind sehr kurz und ebenso banal wie grob: Die Menschen lieben
stets die Feuerstakes, die auch ihren Mist zu besingen bereit sind und
hassen die Mirabeaus.
Es macht ihnen nichts, daß beide im Grunde dieselben Monarchisten sind
und beide, der eine imbezill und der andere glühend ihr Vaterland lieben
und seinen Ruhm wünschen. Die Tragik des menschlichen Herzens hat es
verwehrt, daß die Menschen auf die Ziel-Richtung der Gefühle zu schauen
vermögen, sondern hat ihnen auferlegt nur die Bequemlichkeit zu sehen, die
ihnen momentan damit gewährleistet oder gestört wird. Sie verwechseln das
Wohlbefinden ihres Zustandes mit dem Heil der Nation, halten Geplärr für
Vaterlandsliebe und erblicken im Schmeichler den Helfer, im glühenden
Tadler den Gegner.
Sie sind für die Gedankenlosigkeit und gegen die wahre Liebe. Und die
Sitten ihrer Mahlzeiten und Beerdigungen stellen sie in grausiger
Verblendung über die wahre Sittlichkeit der Nation. Ein Heinepark wäre
ihrem Empfinden eine öffentliche Dreistigkeit, ein Weg, nach dem
Schönling Roquette benannt, erfrischt den Mut. Eine Hochschule nach dem
Spötter Lichtenberg genannt, wäre in Eile eine delabrierte Sache, während
selbst in Skihütten der Name des Peter Hebel gefeiert wird, der alemannisch
und mit mikrozephaler Poesie biedermeierliche Ideale besang.
„Fremder,“ sagte der Adjutant des Artaxerxes zu Themistokles, „die
Sitten der Menschen sind verschieden. Den einen gilt dies, den anderen
jenes für schön, allen aber: die heimischen Sitten in Ehren zu halten.“
Dreiundzwanzighundert Jahre später empfahl in der Sprache seines

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Säkulums der Verfasser der Pasquille „Präservative wider Revolutionen“,
zum Schutz der geltenden Gewohnheiten auf in Politische Razzia auf Dichtung
königlichen Gärten rauchende und sich zusammenpferchende Leute, unter
Anrufung des Nazareners, mit der Feuerspritze loszuschießen. Jede Epoche
hängt an ihren Sitten und nur Friedrich der Große konnte, da er zur Macht
noch Überlegenheit des Geistes besaß, eine Opposition lachend ertragen
und mit einem gewissen Zynismus sagen, als er den verbannten Professor
Wolff nach Halle zurückrief: wenn jener lehre, seine Soldaten dürften
desertieren, so stehe ihm darüber hinaus die Belehrung zu, sie müßten
daraufhin hängen.
Waren die Dichter nun so idiotisch oder temperamentvoll oder human,
sich aus menschlichen Gründen oder im Interesse einer neuen Form, die sie
starteten, mit einer gewissen revolutionären Geste zu präsentieren, so waren
ihre Beurteiler ebenso einfältig, sie nach den Gesichtspunkten der Parteien,
in deren Dienst sie standen, einzuverleiben. Der Mensch wurde mit der
Sache verbandelt, die Dichtung mit der Politik als Wechselbalg
ausgetauscht, und erbärmliche Zwecke wurden dahinein getragen, wo ein
helles Haus der Kunst allein stehen müßte. Da die Dichter gewöhnlich
unkritische Feuerköpfe, ihre Kritiker aber gestrandete und unterdrückte
Poeten waren, ergab sich, daß im Durchschnitt verärgerte Alte oder
verkümmerte Junge die Dichtung beurteilten und mit der schönen
Gehässigkeit des Triumphes das Gesicht der Kunst mit den Plakaten
überklebten, die die Dichter in ihrem Privatleben anzuerkennen beliebten.
Man hat Büchner und Grabbe und Hölderlin lange unter den Strich gesetzt
und das „Junge Deutschland“ in Anmerkungen besudelt, aber die
Feuerstakes waren jederzeit gewohnt auf Papierwagen in den Himmel des
Ruhmes der deutschen Literaturgeschichten zu fahren.
Ach, von welch grauenhaften Kleppern und welch seltsamen
Fuhrknechten werden die Papierwagen der zeitgenössischen
Literaturgeschichten immer noch gefahren. Hat aber einer wie Gundolf ein
glänzendes Gespann, so führt er es nicht in die Arena, sondern jagt es als
Reklamekasten, Literaturgeschichte mit Maschinengewehren wenn auch mit
glänzenden Bögen nach der Kongregation des Heiligen George, und hat
einer die beste Absicht zu popularisieren, so wird es ein Bilderbuchwagen
wie jener von Martens. Ach, aber ein Lastwagen mit Maschinengewehren
bespickt ist jenes Buch des Kölner Professor von der Leyen, der von der
Gemeingefährlichkeit der Kunst wohlanständig so überzeugt ist, daß er

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zwar mit den Handschuhen des Weltmanns, aber dem Blick des Feldwebels
ihr entgegenfährt. Wahrlich, mit femininer Plauscherei und heroischer
Haltung ist es hinter den Gewehren des Nationalismus nicht schwer,
Heinrich Mann als Schädling und Wedekind als Papiermesser zu höhnen
und durch Kartenkniffe von entstellten Zitaten die Dichter den Revolvern
seiner nationalistischen Studenten zu empfehlen. Wahrlich, in solchen
Machwerken zittert nichts wie der Haß gegen die Republik, aber nicht die
geringste Liebe zur Kunst, und die von ihm Gepriesenen werden
nachdenken müssen, ob sie nicht damit Kompromittierte sind.
Ich bin nicht gegen solche Bücher, Mijnheer, weil ich anderer Ansicht
wäre wie ihr Verfasser, sondern weil dieses Verfahren ein subalternes und
ein solcher Charakter ein ungehöriger ist. Ich wäre mit derselben
Leidenschaft gegen Entstellungen von sowjetischem Kurse, denn ich liebe
das Gewissen und verehre die Wahrheit und habe die große Schönheit der
Kunst zu tief in meinem Leben erfahren, als daß ich sie von irgendeiner
Seite schänden ließe. Ich habe die Freiheit des Gesichtspunkts und das
Genie, die weiten Linien für die Kunst zu ziehen und die gestaffelten
Urteile zu fällen, zu sehr verehren gelernt, als daß ich nicht protestierte,
wenn ein ästhetischer Süßling mit einem politischen Morgenstern sich auf
das Postament stellt und vorgibt die Gerechtigkeit zu sein, und nichts
anderes ist als ihr Mixer. „Grattez le savant vous trouverez le chauvin.“
„Ich bewundere die Fülle dieser Blumen,“ sagte auf einer Spazierfahrt
eine Dame zu ihrem Begleiter, aber der vermochte Selbst Casanova trennte Kunst
und Politik vor Wut kaum nach ihnen hin zu schielen. „Die Veilchen,
Gnädigste“ meint er, „sind zu sehr französische Liebhaberei, die Magnolien
entsprechen der britischen Kühle, die Rosen ziehe ich vor zu verachten,
weil ihr Besitzer republikanischer Anschauung ist.“ Der Gute war überzeugt
von Blumen zu reden, aber er unterhielt sich nur mit seiner Dummheit, auch
verschwieg er nicht, daß er Erdäpfel und Eichen wegen ihrer erhöhten
Symbolkraft den zu geistreichen Blumen vorzog, wobei er, durch seine
Politik verblendet, übersah, daß die Eichen ein persischer Import sind und
selbst die Besitzer der kolossalsten Kartoffeln ihren ausländischen Duft
nicht zu leugnen berechtigt sind.
Selbst Casanova, der mit seinen Weibergeschichten alles
durcheinanderwarf, wußte die Politik wie eine Seuche von der geliebten
Kunst fernzuhalten und er, der Frauen betrog und Männern zu jeder Zeit
diplomatisch zu kommen wußte, überwarf sich ihrethalben mit den

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Mächtigen, beleidigte Voltaire, indem er dessen „Pucelle“ und „Henriade“
stolz den Ariost vorzog und kränkte den großen Friedrich, indem er sich
gegen La Mettrie stellte, und war glücklich, Ansehen und Stellung verloren,
aber die Kunst durch diese Ehrlichkeit geehrt zu haben.
Doch er war nur ein tapferer Mann und ein wohlilluminierter, aber kein
ordnender Verstand. Wie aber, wo Dichter im Tageskampf toben und
Kritiker verleumden, findet man, denken Sie, die höhere Einsicht, von wo
aus die Werte sich enthüllen und die Bedingtheiten fallen? Wie, glauben
Sie, erreicht man die Stelle, wo die Zeit sich löst und die Muse bleibt, wo
die Larven nicht mehr gelten und die Herzen gewogen werden, und wo die
Urteile wie die Blitze und nicht wie politische Raketen die Landschaft der
Dichtung erhellen?
Man sucht diese Plattform nicht.
Man nimmt sie ein.
Literaturgeschichte seiner Zeit zu
schreiben, ist immer die Kunst gewesen, die Politik und die Kunstgriff beides zu
vereinen Werte zu trennen, statt sie zu verknäueln und sie später aber im Bild
jenes Theaters auszugleichen, wo die Zeit mit allen ihren Strömungen und
Stilen und Moden auf die Kulissen mit heftigen Farben gemalt ist und wo
die Werte in der Gestalt der Schauspieler erscheinen.
Es ist nun amüsant zu sehen, für welche Farben sich die einzelnen
Akteure entscheiden und welchen die anderen wiederum gleichen, und
welcher Effekt aus dem Widerspiel von Hintergrund und Schauspiel sich
ergibt. Es ist erlaubt, mit Wünschen und Verwünschungen sich an diesem
unterirdischen Spiel zu beteiligen, aber man wird sich dem Urteil nicht
entziehen können, daß hier, wo die Gegenüberstellungen so scharf sind,
nicht unsere Wünsche, sondern die Leistungen entscheiden und daß man
sich beugen muß vor der grausamen Tatsache, daß unter vielen Helden der
Feige vielleicht der Begabte und unter zahlreichen Gläubigen der
Verbrecher der Könner und der Rebell das Genie sein kann.
Denn in der Leidenschaft des fortgeschrittenen Spiels und der Helligkeit
der Beleuchtung werden sehr bald die Kulissen verschwinden und nur die
besten Spieler bleiben und es bleibt uns nur übrig, mit Sympathie unsere
Lieblinge ausscheiden und mit nackter Logik unsere Gegner siegen zu
sehen und wir dürfen höchstens aus den Kulissen uns die Fehler der eigenen
und die Triumphe der anderen erklären oder verzeihen.

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Keinem Verständigen würde es einfallen, die Schauspieler aber mit den
Kulissen zu verwechseln und statt über das Stück über die Beleuchtung sich
zu ereifern. Von hundert deutschen Kritikern, denen die höhere
Geschicklichkeit fehlte, dies Theaterspiel in seiner richtigen Form
aufzustellen, haben neunundneunzig jeweils ihre Sympathie mit den
Leistungen verwechselt und haben ebenso viele, indem sie glaubten über
die Akteure zu schreiben, über die Wandbehänge geurteilt.
Literaturgeschichte seiner Zeit zu schreiben, Mijnheer, heißt nicht ein
„Chevalier de la bouche“ zu sein und Kulisse und Werte Meinungen zu haben,
sondern: die glänzendste Optik n e b e n dem Talent und die beste
Fingerfertigkeit n e b e n der Loyalität. Überzeugungen sind ein Unfug, wo
es sich darum handelt, zugleich der Niedermetzler und der Heiland zu sein.
Man kommt so zu ähnlich rund geschliffenen Tatsachen, wie sie nach
Jahrhunderten der Zeitstrom von selbst auswirft und hat dennoch das
Vergnügen, nach Lust und Überzeugung die Kulissen so bunt und die
Draperien so suggestiv für das Publikum aufzustellen, wie man will. Man
macht so mit den Kulissen die Politik und faßt die Leistungen sauber am
Kragen und beide, die sich gegenüberstehen wie ein Mann seinem Spiegel,
bleiben dennoch reinlich getrennt.
Denn es wäre wohl absurd, Shakespeares dichterische K r a f t auf die
Entfernung einiger Jahrhunderte aus Friedensschlüssen und aus Kriegen
erklären oder daraus, wie man ihn schon oder unter welcher Regie man ihn
spielte, oder daraus, ob man praßte oder hungerte, Könige liebte oder
enthauptete, bestimmen zu wollen. Aber man kann aus diesen Kulissen
zeigen, daß er das Resultat seiner Zeit war und daß die Friedensschlüsse
und die Könige ihn so geformt haben und daß sie gut oder schlecht waren.
Absurd aber wäre es, damit ihn klein oder groß machen zu wollen.
Man kann aber ebenso, schreibt man die Geschichte seiner eigenen
verworrenen Zeit, auf den Kulissen seine Sympathien und seine Wünsche
malen, kann den einen hell, den anderen dunkel beleuchten, je nachdem
einer sozial richtig oder für den Augenblick verbrecherisch schreibt. Aber
nach der Vorstellung werden nur die Werte beurteilt, da gibt es keinen
Eingriff, und wer hier nicht reinen Herzens ist, der ist verworfen.
Literaturgeschichte seiner Zeit schreiben, heißt heftig Politik machen —
nicht für die Freunde und nicht gegen die Feinde, sondern für die
Gesinnungen, die die rechten sind — heißt mit dem einzigen Einfluß,
nämlich den geschickt Höchste Kunst des Kritikers gestellten Draperien sein

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Publikum erziehen . . . aber so sehr diese Campagne donnert und so
bengalisch die Kulissen flammen, weiß man: es ist für die Kunst nicht
wichtig, man teilt schließlich dennoch die Zensuren nach der Größe und
nicht nach der Verliebtheit und man läßt nicht bekränzte Affen, sondern die
großen Wertraubtiere an die Rampe und präsentiert sie richtig.
Wer anderes tut, ist ein armseliger Liebhaber oder ein verbrecherischer
Marodeur.
Wie das im Einzelnen aber vereint und getrennt, beleuchtet und
abgedämpft, gemischt oder verdeckt und am Ende dennoch gerecht verteilt
wird, dieser Schwertertanz zwischen Sein und Schein, dieser
Pendelschwung zwischen Kunst und Politik, dieses Nüanzieren und doch
Ballen ist die höchste Kunst des kritischen Menschen.
Denn die rasche Entscheidung klingt immer tapfer und ist in der Regel
dumm und falsch. Ja und Nein sagen kann jeder Komiker, und die
Gladiatoren, die, mit Weltanschauungen eingeschient, mit Ansichten um
den Bauch gebunden und mit den Turnierzeichen ihres schließlichen Urteils
schon im voraus dekoriert, in die Arena kommen, ahnen nicht eine Spur von
den besseren Sitten und den höheren Regeln des Handwerks. Aus dem Nein
aber das Ja folgern oder aus dem Schein-Positiven das Nichts herausziehen,
Zeit im Zeitlosen schaubar machen und festes Land schon im
schwankenden Nebel der eigenen Epoche betreten, ist nicht nur des
Kolumbus sondern auch eines Cäsar wert.
Doch, retournons à nos moutons, das soll heißen: man kann verachten,
wie Herr Hauptmann Deutschland repräsentiert und dennoch eine Anzahl
seiner Stücke ausgezeichnet finden. Es ist erlaubt, den Festungsgefangenen
Toller für einen Gentleman zu halten und einen mittelmäßigen Dichter in
ihm zu finden. Es ist erlaubt, Herrn Paul Claudel, Gesandten der
französischen Republik und Vollstrecker des Versailler Friedensvertrages zu
hassen und ihn Heiliger Mars! für einen europäischen Dichter zu halten. Auch
darf man Herrn Joachim v. d. Goltz den Respekt vor der Konsequenz seiner
vaterländischen Dichterei vor, während und nach dem Krieg nicht
verweigern, auch wenn man diese Schillerei ablehnt. Dagegen wird
niemand zweifeln, daß Deutschland in Herrn von Unruh ein bedeutendes
Talent besitzt, wenn auch bei der Begeisterung, mit der er die Revolution
begrüßte, es schwer verständlich ist, wieso er ein Stück wie „Louis
Ferdinand“, das in der Gesinnung unklar gebaut ist und zu nationalistischen
Demonstrationen reizen mußte, und also durch eine politische Auslegung

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und nicht durch seine Qualität Erfolg hatte, trotz dieser Demonstrationen
und ohne Protest gegen sie wochenlang im „Deutschen Theater“ laufen ließ.
Man kann auch sagen, Barbusse sei einer der leidenschaftlichsten und
verehrungswürdigsten Menschen, aber ein mittelmäßiger Autor,
d’Annunzio aber ein bedeutender Dichter und eine unheilvolle Erscheinung.
Man hat auf diese Weise stets den Kerl am Genick, aber seine Bedeutung
sicher deponiert und kommt nicht in jene schelmenhafte Situation, wie jener
von der Leyen, der, während er eben noch mit ritterlicher Grandezza einen
demokratischen Stier absticht, plötzlich wie ein Gassenjunge neben einer
Kapelle herzulaufen und darum begeistert zu schreien beginnt, weil sie
militärisch ist, wenn tausendmal auch an der Spitze ein miserabler Dirigent
diesen Hohenfriedberger spielen läßt.
Heiliger Mars. Wer nur jenen unterbeamtenhaften Begriff des
Vaterländischen hat, daß lediglich Generäle und Kaiser ihm Ideale
darstellen, kommt leicht in die schändliche Lage, nicht nur, wie jener
Professor, im Namen der deutschen Wissenschaft alle schlechten
Wildenbruchs loben zu müssen, sondern groteskerweise dem A das B
folgen zu lassen und die übelsten Hetzer anderer Nationen wegen ihrer
ähnlichen Überzeugung, auch wenn sie gegen die Heimat und gegen das
menschliche Gefühl gerichtet sind, preisen zu müssen. Durchgehen nach vorne
Wahrlich, das ist nicht mehr die Pose eines Unerschütterlichen, sondern es
ist die Rolle George Dandins, der sich in einen Kirmisirrgarten verlaufen
hat. Er findet keinen Eingang und keinen Ausgang mehr, und wenn die
Besitzer eines Abends die Belustigung schließen, wird man auch seinem
verzweifelten Gebrüll nur glauben, daß man es mit einem Tollwütigen oder
einem bemitleidenswerten Irren zu tun hat.
Es ist im Grunde genau so feig, statt das Sachliche zu sagen, das
Persönliche aufzublasen, wie es ja bekanntermaßen auch ein Durchgehen
nach vorne und eines nach hinten gibt. Wer nach rückwärts durchbrennt,
bekennt sich mit einem gewissen Mut zu seiner Feigheit, aber der nach vorn
mit klappernden Rippen Galoppierende hat die Lüge selbst noch einmal
belogen. Wer die Person angreift und damit dem Werk schaden will, begeht
dieselbe amüsante Infamie wie jener seltsame Heilige namens Schütze in
Weimar, von dem der Balte Sternberg erzählt, er habe Goethe brennenden
Herzens gern angegriffen, es aber aus dem privaten Grunde unterlassen
müssen, weil es ihm in seiner Eigenschaft als Herausgeber des jährlichen
Taschenkalenders „Für Lieb’ und Freundschaft“ geschadet hätte, plötzlich

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mit Galle statt mit süßem Speichel zu erscheinen. Der Bund der Tartarins
und der Sykophanten ist stets von denselben verächtlichen Göttern gesegnet
worden. Aber auch das Panthéon der Komik hat sie beide lächelnd
aufgenommen.
Denn die Halle des Ruhms hat sich manchem später geöffnet, den seine
Zeitgenossen in die Katakomben sandten, und der Name des Galilei und des
Sokrates ist in die Ewigkeit eingegangen, obwohl die römischen und
griechischen von der Leyens sie für religiöse und homosexuelle Verbrecher
ausschrien. Hat es dem Helvetius etwas gemacht, daß auf
Parlamentsbeschluß seine Bücher öffentlich verbrannt wurden, dem
Wieland, daß die keuschen Jünglinge des Hainbunds ihre armen Seelen an
dem Feuer seiner graziösen Hat es etwas gemacht . . . . Bücher wärmten, dem
Luther, daß man ihn wie einen Bolschewisten jagte? Es hat ihnen das Leben
verbittert, aber ihr Werk ging daraus hervor, wie aus einem Feuer der
Läuterung. Beurteilt man Zola danach, daß er postulierte, die Republik
müsse naturalistisch oder gar nicht sein, bedenkt einer bei Courbets Bildern,
daß er wegen Umsturz der Vendômesäule im Gefängnis saß und auch als
Exilierter vom Staat die Millionen der Wiederherstellung tragen mußte und
daß seine Kollegen vom „Salon“ seine Bilder nicht mehr aufhingen, weil
sein Name nicht mehr eine künstlerische Sache sei, sondern eine der Politik.
Die heiligen Perücken! Sie haben genau so gegen Voltaire und gegen
Hutten und gegen Flaubert getobt und haben nichts hervorgebracht als
Exzesse der Langeweile.
Was hat es mit dem Ruhm Viktor Hugos zu tun, daß ein Kaiser ihn
verbannte, beeinträchtigt es die Staël, daß Bonaparte sie jagte? Und ist es
nicht hochherzig, aber an seinem Werk nichts ändernd, daß Dickens sich
gegen die Sklaverei und Zola für den Dreyfuß aussprach. Verändert es die
Bücher des Bulwer, daß er mit sozialistischer Gebärde kam und als
Toryminister für die Kolonien kulminierte, hat Goethes Existenz in der
Dichtung eine Verwandlung erhalten, daß zwischen seinem Leben und
seinem Werk ein bedenklicher Hohlraum klafft. Hat man Mozarts Musik
vorgeworfen, daß er ein unsozialer Mann war, die Briefe seiner Magd
öffnete und Abscheuliches über das Los der Dienenden sagte? Hat das
Gesicht der Manzoni, Hugo, Byron, Foscolo, Lamartine andere Züge
dadurch bekommen, daß sie Oden zu Bonapartes Tode anstimmten, und hat
es jene, die es vermieden, im Urteil der Nachwelt verändert? Chapeau bas!
Jeder Leistung kann höchstens nur das Bedauern angehängt werden, daß ihr

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Vollbringer vielleicht ein Schurke war. Sie kann hingegen nicht verändert,
wohl aber geehrt werden durch den besten Ruhm der humanen Gesinnung,
und daß ihr Letzter kritischer Gewaltakt Träger in seiner Haltung ein Edelmann
und ein Freund der Menschen war.
Als Constant starb, begleitete ganz Frankreich seinen Sarg, nicht weil er
nur ein großer Schriftsteller allein, sondern weil er auch der schönste
Anwalt der Freiheit war. In der Wahl zwischen zwei gleichen Begabungen
der Zeit, deren eine gegen, eine für das Humane ist, entscheidet nur ein
Gewaltakt, da man den Zufall ablehnt. Es gibt in diesem Fall eine höhere
Moral und sie ist nicht für die Feuerstakes eingerichtet. Schon Kant hat
ähnlich „Über die Mißhelligkeit zwischen der Moral und der Politik in
Absicht auf den ewigen Frieden“ geschrieben. Hat man die Wahl zwischen
einem begabten Schurken und einem dünnen Edling, zieht man das Los für
den Schurken. Man muß gerecht sein. Geht die Fragestellung jedoch aus der
Kunst heraus in das, was für die Zeitgeschichte nützlich oder
verbrecherisch, human oder unsozial ist, so verstößt man unbedenklich den
Schurken, ohne sein Talent zu verkleinern und stellt den begabten
Brauchbaren an das sichtbarste Licht. Anders kann man nicht. Fiat iustitia,
pereat mundus. Und wenn man dabei in die Krümpe geht.
Mijnheer, jener Sidney Smith, der Enten jagte und darum keine Zeit fand,
sich mit seiner Zeit zu beschäftigen, war ein ehrlicher Bursche, aber er
verlor den Verstand, als er mit der politischen Dichtung der Deutschen
durch einen grotesken Zufall zusammenstieß und nicht vermochte, über die
Dichter hinweg sich die Zeit zu erklären.
Aber die deutschen Jahrhunderte haben nie eine bessere Deutung
gefunden, als durch jenes Blut, mit dem deutsche Poeten die Bücher ihres
Schmerzes oder ihrer Zweifel an den Himmel geschrieben haben. Sie haben
diesen Platz für ihre Plakate gewählt, weil der Himmel selbst sich nicht
herabließ, auf Deutschland selbsteigen herunterzusteigen, und in seiner
fernen Vollkommenheit der unvollendeten Sehnsucht der Gequälten der
sichtbarste und seltsamste Ort schien. Von Rosenblüt bis Klinger Nur das
Mittelalter hatte seine Bläue eine Weile auf der Erde erblickt, als die Poeten
mit ihren Höfen vereinigt durch die Gärten ritten.
Doch schon der Hans Sachs war für und gegen seinen Kaiser, wie es
gerade kam, und die Manuel und Rosenblüt waren bürgerliche Kondottieri,
Luther war ein sozialer Reaktionär und ein religiöser Rebell in einer Figur.
Die Brant und Fischart waren gegen alles, Murner war gegen, Hans Sachs

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war für Luther und Hutten stritt wie ein Engel, aber nicht für Deutschland,
sondern gegen Rom. Klopstock suchte an Stelle der griechischen Nymphen
einen teutonischen Wotanskult zu setzen und propagierte zur Ertüchtigung
der Jugend den Eislauf, während die Stolbergs, die in ihrer Jugend Tyrannen
fraßen, das Glück der Nation im Frieden mit der katholischen Kirche
machen zu können meinten. Goethe und Schiller wußten geschickt ihr
Brausen zu dämpfen, während vom „Sturm und Drang“, ohne ihren Frieden
mit den herrschenden Sitten zu machen, Büchner ins Ausland floh, Schubart
zehn Jahre in die Festung sauste, Klinger aber in der Fremde als General
verstarb. Gegen was fochten sie alle? Gegen nichts.
Für ein Deutschland waren sie aufgestanden, ihre Glieder zu
zerschmettern, das nicht bestand, dessen Traum aber ihre besten Köpfe
immer so sehr beschäftigte, daß selbst die praktischsten Männer zu
Schwärmern wurden. Sie schwärmten sich in eine Idee hinein, in deren
paradiesisches Hafentor das Land selbst hineingelaufen wäre wie das
glückhafte Schiff der Legende, wenn es Ruder und Maste und Steuerzeug
dazu gehabt hätte. Aber es war keine Gesellschaft da, die es hätte leiten,
keine Zentrale, die es hätte führen können, es war ein Staat von
siebenundzwanzig Ameisenhaufen, ein Gewirr sich befehdender Zwerge,
ein Mosaik wie das Italien des Quattrocento, nur daß es des Glanzes und
der Höhe des Geistes entbehrte, die aus dem zerrissenen Italien eine so
ungeheure Einheit machten, daß die vielen kleinen Kreise Freiheitsdichter nur
seine Eigenart nüanzierten statt sie zu sprengen. Die Deutschen aber waren
in eine hilflose Diaspora hinausgetaumelt und hatten wohl Trennungen,
aber keine Gemeinsamkeiten und wohl ein Mosaik, aber kein Weltgefühl,
das sich darin spiegelte.
So furchtbar war das Wirrwarr der Leidenschaften und Empfindungen in
Deutschland ausgewachsen, daß selbst die klügsten Männer sich zu den
Utopien flüchteten und ein Mann wie Forster, der mit Cook die Welt
umsegelt hatte, bei Beginn der französischen Revolution das Rheinland
daran schmeißen wollte, da er wahrlich an einen großen Staat der Freiheit
deshalb glaubte, weil er überhaupt etwas glauben wollte, um nicht zu
sterben vor Übelkeit und sich lieber entschloß, das Unmögliche als gar
nichts zu glauben.
Die Freiheitsfeuer des Körner und seiner Schar waren wirklich umsonst
geschichtet, wenn ihre Folge war, daß der Bundestag von
Achzehnhundertfünfunddreißig das „Junge Deutschland“ in Bann tat, das

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schon damals für die Republik und in der Tat ebenso glühend mit der Feder
wie die Schwertsänger mit den Säbeln für die Freiheit kämpfte. In ihnen
verdammte man wohl seine besten Söhne und machte damit keineswegs die
Lyrik der Arndt und Schenkendorf und Rückert zu besserer Literatur. Armes
Deutschland, dessen politische Dichter schließlich nicht einmal die großen
Ankündiger der Umschwünge in seiner Gesellschaft waren, sondern nur
seine flackernden Ungewißheiten, seinen mangelnden Charakter oder seine
unbestimmbaren Sehnsüchte ausdrückten. Und die auf der Flucht vor der
Leere um sich das, wofür sie kämpften, mit einer gewissen unklaren
Dämonie statt in das Gesicht ihrer Nation in den Sternbogen schrieben.
Denn wenn sie auch gegen Papst und Tyrannen und Dummheit stritten
mit dem Mut der Löwen, so war es doch nur das dumpfe Gefühl für ein
unklar empfundenes und ihnen stets verhüllt gebliebenes Standbild der
Freiheit, das sie, Romantik ohne Nation hinter sich, weder zu erblicken noch
zu gestalten vermochten.
Ja sie waren so verblendet, daß sie, wenn Deutschland wieder einmal am
tiefsten verloren war, statt die Freiheit in ihren eigenen Herzen zu suchen,
sie in ihren Kostümen exhibierten und nach dem Wiener Kongreß genau
wie nach dem Versailler Vertrag in Deutschtümeleien und antisemitischen
Paraden jenes Heil suchten, das ihnen nur durch eine wahrhaft innerliche
Kraft zu dem echten Deutschtum kommen könnte. Sie kämpften immer
gegen, aber nie für etwas.
Selbst die Romantik, die so glühend und herrlich begonnen, war
verurteilt, mit einer Posse zu enden. Das Puppenspiel der Freiheit, das seine
Dichter spielten und in dem die Bettina und Rahel die Männer und den
Geist der Epoche durcheinanderbrachten, war verloren, als zwischen
livrierten, Silberleuchter tragenden, Lakaien Herr Schlegel als Attaché des
Metternich erschien und jener Tieck, der gegen die Hofräte sich weidlich
getummelt hatte mit dem schmerzhaften Roß seiner Phantasien, im Rock
des Hofrats den Laden schloß und als Vorleser des vierten Friedrich
Wilhelm auf das Schloß hinauf eilte, eifrig sein Buch ergriff und seine alten
Scherze wiederholte, während der König, blödes Zeug zeichnend, den alten
Dichter nach jedem Satze unterbrach, um seinen Hofdamen seine Witze
zuzurufen.
Ja sie haben dieselbe Rolle gespielt wie die Adamiten des zweiten
Jahrhunderts, die unter den Verhöhnungen der Menge nicht abließen, zur
Prüfung der Enthaltsamkeit sich nackt in den Städten zu bewegen. Aber die

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Dichter haben, wenn sie sich um der Freiheit willen entblößten, nur den
Spott ihrer Landsleute über diese Verhöhnung der bestehenden Sitten
entgegengenommen und weder ihre Tugend gefördert noch die Nation
gebessert, sondern nur den Stand bei der Menge verächtlich gemacht.
Mijnheer, dieser Sidney Smith, der durch die Entenjagd La grandeur d’âme . . .
. verhindert war, an der Gegenwart teilzunehmen, war ein grader Mensch
und in seiner Einfachheit ein Charakter. Er erkannte die Leistungen nicht
an, aber die Gesinnung. Er hatte etwas vor uns voraus in dieser unbedingten
Fähigkeit, das eine nicht zu sehen und das andere zu empfinden und er
vermochte die Gerechtigkeit der Beurteilung außer Acht zu lassen, aber die
Geradheit und den Charakter nur zu loben. Er hatte Recht, daß er die
Gesinnungen bevorzugte und die Visitenkarte sehen wollte. In stürmischen
Zeiten ist es wichtiger, den Gegner zu wissen und zu achten, statt sich mit
undefinierbaren Breien an die Tafel setzen zu müssen, und es gibt Zeiten,
die mehr die menschliche Konfession als das Schmalz einer falschen
Schönheit verlangen.
Der Zauber der französischen Revolution hat, mehr als Bekenntnis wie
als politische Forderung, bis tief ins vorige Jahrhundert hinein gedonnert
und es gibt eine Kunst, die weniger den Anspruch erhebt, eine Nation
auszudrücken als ihr Gewissen zu sein.
Die ganze Generation Europas während des Krieges hat sich irgendwie
für oder gegen ihn entschieden und damit irgendwie einen übernationalen
und europäischen Standpunkt eingenommen, wie er kaum vorher erreicht
worden ist. Die Lyriker und die Maler sind mit an der Spitze marschiert,
und manche Gedichte der Russen hätten in Italien, manche der Franzosen
aber in Deutschland geschrieben sein können. Lamartines „La grandeur
d’âme est à l’ordre du jour“, schien für eine gewisse Zeit ganz Europa zu
erfüllen.
Zwar flauten die Stimmen der Helden bald ab, die überall den Tyrtäus
bliesen, und die Maschinenschlacht von vier Jahren bewies manchem, daß
es schöner zu leben, als zu krepieren sei. Aber je gewaltiger die Kanonen
Europa auseinanderrissen, um so heftiger wurde die Stimme, die auf allen
Fronten sich der Zeiten erinnerte, wo die Menschen mit friedlichen
Gewohnheiten und ohne mörderische Blicke Lyriker sich begegneten, und
die Dichtung Europas erlebte einen Hymnus der Kameradschaftlichkeit.
Zwar nahm unter dem Schwinden des Kriegsdrucks die Spannung ab und
mancher, der geglaubt hatte, ein großer Dichter zu sein, fand, daß er nur ein

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Mensch mit Gesinnung war, aber ohne Zweifel hat die Lyrik Deutschlands
in den Sängen Werfels einen der besten Hochschwünge erreicht. Der
Schatten des großen amerikanischen Urnings Withman stand über der
Epoche, die einen großen Weltakkord anstimmte. Die Lyrik unter Däublers
weit verwuchertem Versspalier, unter Becher, der die Strophen in einer
Verzweiflung ohne Maß zu futuristischen Quadern zerbrach, unter den
Brüdern Schnack, Schickele, Wolfenstein, Rubiner, Ehrenstein, Stadler,
dem sanften Trakl, der Lasker-Schüler, Georg Heym, Weiß, Zech und
Hasenclever spiegelt die Epoche, in der sich der Mensch wie ein Gotiker
gegen den Materialwahnsinn des Mordens auflehnt, am klarsten wieder.
Es gibt in Deutschland kein Kunstwerk, das den Krieg verherrlicht hätte,
aber eine Masse, die sich gegen ihn stellten wie die trojanischen Fechter.
Der Krieg, den die Kunst kämpfte, war nicht jener der Kruppschen und
Creusotschen Kanonen, sondern war der Krieg der menschlichen
Gesinnungen gegen die Barbarei, denn auch die Griechen waren seinerzeit
nur ausgezogen, den Bruch der menschlichen Gesetze zu ahnden. Bleibt
auch bei jeder Gesinnungskunst immer ein kleiner Verdacht der
mangelnden Größe und entpuppte sich mancher humanitäre Bramarbas oft
als kleiner Don Quichote, wenn man an die Leistung klopfte und das
humanitäre Ideal ihm ein wenig von der damit gepanzerten Herzgrube
wegschob, so ist in der Lyrik ohne Zweifel seit der Romantik Deutschlands
beste Leistung im Krieg gesungen worden.
Auch die Maler hatten die Hinterlassenschaft der Hogarth und Gavarni
aufgenommen. Das ganze neunzehnte Jahrhundert war gefüllt mit der
Proklamierung menschlicher Graphik und Politik Thesen, die man mit dem
dafür erfundenen Mittel der Lithographie an die Wände und an die
Zeitungen schlug. Die Zeiten haben sich stets auch ihre Techniken
geschaffen. Der Holzschnitt gab dem Mittelalter die Treue und die
Gläubigkeit und die Überzeugung seiner religiösen Kämpfe. Kupfer und
Stahlplatte führten in die artistischen Gärten. Die Lithos schrien nach den
Pallisaden, wo sie die Erregung der Sekunde sofort zu spiegeln bereit
waren. Die Daumiers und Delacroix und Steinles und Lautrecs haben ihr
Jahrhundert attackiert, und selbst der unpolitische Gavarni hat in dem von
Politik fast platzenden Zeitalter Louis Philippes durch seine Verspottung der
politisierenden Spießer seine politische Mission getan.
Wie hat die Graphik schon den Bonaparte gefaßt und wie haben die
Jakobiner die anrückenden Fürsten belächelt und mit welcher

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Schamlosigkeit, aber welchem Mut hat man die Erotik und die phallischsten
Zeichnungen aufgerufen, um Viktor Emanuel und die spanische Isabella
und Eugénie und Napoleon unmöglich zu machen! Félicien Rops hat, um
die Größe des Königstums zu beweisen, den vierzehnten Ludwig mit einem
Riesenphallos gezeichnet, den eine Krone schmückte.
Von diesen politisierenden Absichten und ohne jede Frivolität zog sich
die Graphik in der Zeit des Krieges zum Teil sogar auf den Holzschnitt
zurück, suchte entweder Symbole der Menschen zu schaffen oder gab ein
leidenschaftlich zerrissenes Gesicht der Gesinnung zu erkennen. In den
Blättern von Frans Masereel, der täglich in der Genfer „Feuille“ gegen den
Krieg protestierte, in den Zeitschilderungen von Beckmann und Großmann,
und in den fatal das Skelett der Zeit weisenden Anklagen des George Groß
ist eine künstlerische Höhe mit der Tiefe eines gesinnungshaften Glaubens
erreicht.
Man kann sehr skeptisch sein und seine Zeit dennoch sehr vollkommen
in diesen Dingen sehen. Dem einen ist es bestimmt Rolland und Barbusse
zwischen achtzehn und dreißig Jahren zweiundzwanzig Frauen zu besitzen,
wie Stendhals Martial, und dem anderen ist es auferlegt, seiner Kunst und
seinem Gewissen die fletschende Gebärde einer Zeit abzuringen, deren
Formung so genau mit seinem Glauben übereinstimmt, daß man diese
Epoche nur als die Vermischung von Fegefeuer und Seligkeit zu begreifen
imstande ist.
Die edelsten Figuren in dieser humanitären Welle haben mit Romain
Rolland und Henri Barbusse die Franzosen gestellt. Auch Rolland ist kein
überragender Dichter, aber ein Mensch, dessen Horizont und Gewissen so
weit sind, daß sie seine Werke tief durchdringen. Er wie Barbusse sind
Epigonen des Tolstoi, nur daß Barbusse, der den einzigen großen
Kriegsroman in seinem „Feuer“ geschrieben hat, der mit der imposanten
Haltung seiner Figur jene wundervolle Plejade eines Völkerbundes der
besten Geistigen der Welt gründen wollte, seine eigene „Clarté“ zerschlug,
indem er unter die Satzungen der Sowjets sich bückte und in die Politik das
hineinführte, was höchstens innerlichstes Bekenntnis sein durfte. Die
Duhamels und Chennevières, den tapferen Paul Colin an der Spitze, die
Vildracs und Balzagettes sind von ihm, der zu dem Schwert sich
entschlossen hat, nachdem er es bekämpfte, zu der milderen Gestalt
Rollands hinübergegangen, der die Reinheit der Kunst durch keinen
Gewaltgriff besudeln möchte.

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Die schönste Stimme aber unter diesen seltsamen Kämpfern gegen den
Krieg hat neben René Schickele die mutige Frau, Annette Kolb, der an
dichterischer Kraft nur noch die jüdische Dichterin Else Lasker- Schüler, an
stilistischer Schönheit aber niemand zu vergleichen ist. Ihr Buch „Zarastro“
ist eine Kammermusik sehr erlesener europäischer Gefühle und tadelloser
Bekenntnisse und damenhaft distanzierter Gepflegtheit der Worte. René
Schickele hat das Blut und die Klugheit des Hirnes zu einer grandiosen
Proklamation an die Überlegenheit der Vernunft und die Heiligkeit des
Deutsche Zeitgenossen dieser Art Geistes gewendet, und Leonhard Frank das
brutale Gespenst seiner Sätze zur Verteidigung der Menschlichkeit gegen
die Dummheit aufgerufen. Die schärfste Sprache hat Sternheim gegen diese
Epoche der ausschweifenden Irrsinnstaten gefunden, und weder in seiner
Gespitztheit noch in Heinrich Manns Würde noch in Franks Verzweiflung
oder des Schickele heller Wärme hat der deutschen Prosa der Genius
gefehlt, der dieser Überzeugtheit und dem untadeligen Anstand nicht noch
den Kranz einer gewissen Vollkommenheit hinzugefügt hätte.
Die Epoche im Umkreis des größten europäischen Krieges hat ein weites
Leichenfeld von Dichtern, die ihn in schlechter Weise besungen oder in
edler Form getadelt haben, und von dem möglichen und wahrscheinlichen
Adel der Gesinnungen ist nichts geblieben als ein taubes Korn. Aber in dem
Konzert von Mohrentrommeln, Dudelsäcken, Mitrailleusen, Schalmeien,
Motoren, Feuerbrünsten, Sackpfeifen und Sirenen, das als Echo hinter der
Epoche aufsteigt, hat sich in diesen Dichtern ein Orchester der Erlesenheit
gehalten, das zur Kunst den Anstand und zur Höhe der Sprache die Kraft
eines Gewissens zu legen verstand.
Es haben am Rand der Zeit aber weder die Harlekine noch die tragischen
Spaßmacher gefehlt und die Leuchtfeuer des großen Weltdébacles haben
sich manchmal sogar im phosphorischen Glanz der Maden gezeigt, die in
den Kadavern ihre Orgien hielten. Die Jünglinge, die sich in Zürich
zusammentaten und sich den Namen „Dadaisten“ gaben, haben, um ja nicht
irgendwie das bürgerliche Zeitalter zu berühren, sowohl die
Sentimentalitäten wie die moralischen Begriffe der seitherigen Welten
abgelehnt und sich nur für den Tanzschritt einer absoluten Zerstörung
entschlossen. Selbst zum Krieg, an dessen Begriff sich heute die
Leidenschaften der Völker am heftigsten schlagen, haben sie keine Stellung
genommen und sich begnügt, in seiner Saat an Kokotten und Schiebern ein
ebenso zynisches wie originelles Festspiel zu entfalten.

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Dadaisten Guter Aristophanes! Soviel Zynismus war noch in keinem
literarischen Stall. Und soviele Menschen, die eine neue Fauna, das
Kriegsaas, als Schilderungsboden entdeckten, hat noch keine Gesellschaft
hervorgebracht. Sie haben ihr Programm der Zerstörung, ihre
unverständlichen Gedichte, ihre graphischen Stottereien, ihre Abende, an
denen Klaviere und Schreibmaschinen und Niggertänze um die Wette
klapperten, wohl als Scherz gemeint am Anfang, aber der Bluff wandte sich
gegen sie und verurteilte sie, als die Lärmmächer eines Zusammenbruchs
der Welt eine Zeit lang ihren disharmonischen Cancan zu tanzen, der schon
apokalyptisch vor den Wetterwolken der kommenden gesellschaftlichen
Auseinandersetzungen der Menschheit dunkel sich reckte.
Diese Welt ist innerlich zerplatzt, Mijnheer. Bis zu dem vierzehnten
Ludwig lief jene feudale Kraft, die Volk, Kunst, Glauben, Politik mitriß,
dann bröckelte alles ab und stößt sich von Revolte zu Revolte. Mijnheer, die
Welt ist kein Football und geht nicht von Goal zu Goal, sondern von der
Bewegtheit zum Kristall. Sie ist geplatzt und will wieder zueinander, und
alle Sänger der Freiheit haben nur die eine Idee, sie wieder zu einigen. Das
kommunistische Experiment in Rußland ist in denkwürdiger Größe verloren
gegangen. Die britische Insel, die sich sehr früh durch ihre Glaubensrevolte
konsolidierte, fühlt sich von inneren Gespenstern bedroht wie nie.
Deutschland ist wie allezeit der Nabel der Welt, ihm ist der Bauch völlig
aufgeplatzt und man beginnt ihn langsam wieder einzunähen.
Diese lallenden Jünglinge des „Dada“, die alles zu verachten und alles zu
zerstören bereit waren und mit einem grausamen Hohn forderten, man solle
die geistigen Menschen öffentlich auf dem Potsdamer Platz speisen und die
Kirchen als Bordelle einrichten, diese dadaistischen Jünglinge, die noch
kühner waren wie die Jakobiner, welche aus den Domen nur die Ställe ihrer
Kriegspferde machten, sind nur die Von Nexö bis Sinclair ersten Frissons jener
Gespenster gewesen, die sich aus einem überpolitisierten Zeitalter als die
Hyänen einer unvorstellbaren Anarchie am Weltuntergang auf uns stürzen
werden.
Sie sind eine amüsante Posse in der Art des Malers Ensor, der mit einem
hemmungslosen und narzissisch lüsternen Grauen auch die ganze
Gegenwart vernichten möchte. Aber in ihrer Leistung hat, obwohl Herr
Hülsenbeck und Serner begabte Männer sind, die Muse so wenig gewohnt
wie in jenen sowjetischen Proklamationen, mit denen die Russen eine neue
Kunst kommandieren zu können glaubten und vergaßen, daß sich die Ideen

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wohl glauben und die Herzen wohl erhöhen und die Gefühle wohl steigern,
aber niemals die einen wie die anderen sich irgendwas befehlen lassen.
Über ihnen aber sind mit großem Freskostil die Bilder gemalt, die der
Däne Pontoppidan vom untergehenden bürgerlichen Zeitalter gemalt hat,
mit denen Gorki eine neue Klasse ankündigt, die der Bornholmer Nexö mit
einer fabelhaften Gewalt vom Kommen der neuen Gesellschaft prophezeiht
und die der Amerikaner Sinclair in seinen Werken anzeigt, die alle zur
Eroberung der Macht durch eine neue Gesellschaft fest entschlossen sind.
Delacroix hat die Freiheit mit der Jakobinermütze noch gezeichnet als
schönes Weib mit einer Fahne. Pennel hat in seinen graphischen Blättern
den Panamakanal und ein denkwürdiges Monument des arbeitenden Fleißes
widergespiegelt. Bei Sinclair und bei Nexö findet sich mit paradiesischer
Sicherheit bereits der von der Sklaverei befreite Mensch der niedersten
Klasse, der sich mit den herrschenden und schwer beschädigten Klassen zu
vermischen oder sie zu vernichten bereit ist. Wissen Sie, was das heißt,
Mijnheer? Tod oder neue Gesellschaft.
Man soll nicht pathetisch werden, wenn die ernstesten Dinge kommen,
die großen Szenen der Wirklichkeit spielen sich von selbst. Man sieht sich
leidlich ebensogut nüchtern um. Um Siebzehnhundertsiebzig wurde von
James Watt der Begriff der Pferdestärke geprägt, die Maschine war
erfunden, . . . sie möge ihr Gesicht verhüllen . . . expreß fast, wie es scheinen
möchte, um die Zerstörung der seitherigen Welt zu beschleunigen und zu
präzisieren. Die Eisenbahnen waren die teuflischste Erfindung der
Demokratie, und die Burgen der Feudalzeit hingen als schlechte Witze über
ihren Geleisen. Man fährt im Flugzeug nach Amerika und in einem Tag
nach Moskau, photographiert auf tausende Kilometer, telegraphiert ohne
Draht über den Erdball, hat die Pole entdeckt und kein Geheimnis mehr auf
dieser Welt.
Zu der Staël sagte ihr Vater Necker, da sie so dekolletiert sich zeige und
nichts dem Blick verweigere, möge sie wenigstens ihr Gesicht verhüllen.
Europa hat sich ausgerast und könnte nun beginnen, sich verhüllt auf sich
selbst und seine Aufgaben zu besinnen. Die Dichter, die sich gegen es
gestellt haben, sind seine besten Berater gewesen und haben seine Idee am
wahrsten behütet. Es hat sogar nicht einmal einen einzigen deutschen
Poeten der Reaktion gegeben, der von Bedeutung gezeugt hätte und man
kann wohl schließen, daß die Reaktion darum eine Gott ungefällige und
schlechte ist.

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Auch die Neuauflage der Gedichte zum Krieg von Lissauer, Körner auf
Zeitungspapier und einige zwischen Weltfriedenssprüche rasch bestellte
Kriegslieder von Gerhart Hauptmann würden die Reaktion nicht mit dem
Fleisch versehen, das ihr ebenso fehlt wie der Geist. Die Republik müßte
sehen, sich zu festigen zu einer neuen Gemeinschaft oder sie muß mit ihrer
Getreuen sterben. Europa muß eine Weile sein Haupt verhüllen und sich
beruhigen und auf sich besinnen. Daß seine Dichter sich gegen ihre Mutter
gestellt haben, war diesmal keine Politik und war keine deutsche ziellose
Verzweiflung, sondern war sowohl die Besorgnis des Geliebten wie die
Vorbereitung der Zukunft. Mehr kann man nicht tun.
Der Entenjäger Sidney Smith war vielleicht ein Narr, aber er ahnte, daß
in manchen Zeiten die Menschen wichtiger Großherzogin und Negerfruchtbarkeit
sind als ihre Bücher. Das ist eine Barbarei für den Künstler und eine Roheit
für den Kultivierten. Aber auch im Mittelalter sind die Könner manchmal in
die Kutte der Prediger gesprungen, Apollo hat wie in des Euripides
„Alkestis“ auf einer so menschlichen Flöte geblasen, daß zu den
Rinderherden sich die gefleckten Luchse und die feuerfarbene Schar der
Löwen im Spiel gesellte.
Man tut das Seine und schafft seine Leistung wie man kann und keiner
wird den Könner unwürdig ehren. Aber man lebt nicht für die Kunst,
sondern für die Zukunft und man steht am Vorabend einer abscheulichen
Mörderei oder einer neuen Gesellschaft. Man muß sich entsprechend
einrichten. Denn man lebt schließlich nicht auf einer begnadeten Zeit,
sondern in manchem Sinn in einer, wenn auch geliebten, Hölle.
Mijnheer, geschichtliche Tatsachen erklären heißt nicht Partei nehmen,
sondern sich für den gesunden Gang der Dinge aussprechen. Eine alte Zeit,
der nachzujammern so dumm wie unbescheiden wäre, hat sich vollendet.
Die letzte Großherzogin von Baden war blind und fuhr viele Jahre hindurch
durch ihre Hauptstadt im Glauben, daß jedermann sie begrüße. Es wagte
niemand ihr zu sagen, daß sich die Zeit verändert habe und sie fuhr auf
ihrem schon unwahrscheinlichen Wagen grüßend und nickend durch die
Jahre und die Straßen, ohne daß die Bevölkerung sich um sie scherte und
ohne daß sie es ahnte. Es hat eine gewisse Größe, wie diese Zeiten sich
unbewußt neigten. Zur selben Zeit sandten die französischen Regierungen
Deputierte nach Afrika, die Negerstämme zum fleißigen Verkehr der
Geschlechter und zahlreichem Kindersegen aufzufordern, um ihre Cadres
für kommende Kriege und Revolutionen aufzufüllen mit schwarzen

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Soldaten. Das ist Europa, Mijnheer, und zwischen beiden Bildern schwebt
mit einer gewissen unbestimmbaren Schönheit das dritte Bild seiner neuen
Konsolidierung.
Warum der Wahnsinn? Nicht jedermann, Mijnheer, ist overdressed, der besser
angezogen ist wie man selbst, und nichts ist schlimmer wie ein Hochmut,
hinter dem nichts steckt. Jedes Volk hält sich für das auserlesene und keines
hat die Demut, an seine innere Kraft statt an seine sichtbaren und
äußerlichen Symbole zu glauben und jedes steht sich damit selber und der
Menschheit im Licht. Man liebt es nicht, die Gesinnungen zu ehren, auch
wenn sie befremdend sind, sondern man läßt die Feuerstakes gewähren und
hält die Sitten der Jahrzehnte über die Seele der Nation. Ach, wenn die
Nationen sich in Riesen verwandeln würden und wie Antäus ihren Völkern
zeigen könnten, daß nur seine wahre Kraft entfalten kann, der wahrhaftig
auf seiner eigenen Erde richtig steht und nicht auf Lügen schaukelt, auf
Einbildungsregenbogen dahergeht oder in Schlummerrollen der
Bequemlichkeit schläft.
Die Riesen würden sich ein Geschlecht züchten, dessen Untergrund wohl
etwas von der Naivität hätte, mit der jener Sidney Smith die Welt anschaute
hinsichtlich ihres Charakters und ihrer Gradheit, denn ohne Menschlichkeit
gerät vielleicht ein Kunstwerk, aber keine Nation. Wo aber keine
Gesellschaft ist, wird auch die Kunst und die Könnerschaft verdorren und
es werden vielleicht die Disteln aber nicht die Dichter wachsen.
Die Riesen werden die fauligen Menschen ins Meer schmeißen, wie
Kronos mit einem Teil seines gestürzten Vaters Uranos tat, worauf aus dem
Blutschaum sich ihm als das schönste Symbol die Aphrodite gebar. Man
muß Europa auf sich selbst bringen, sonst rast es sich tot.
Europa hat nach dem Krieg statt einundvierzig nur noch siebzehn
Monarchen, es betrübt das vielleicht den Monarchisten, aber es bedeutet im
Grunde nichts. Europa ist etwas größer wie die Hälfte von Südamerika, von
dem die Europäer fast nichts wissen und ist lange nicht die Hälfte so groß
wie der Norden Amerikas, vor dem ihm graust. Europa ist in eine völlige
wirtschaftliche Unterordnung zur neuen Kolumbus und Chénier Welt getreten
und hat sich in siebenunddreißig Staaten geteilt. Europa muß viel Hochmut
haben, um seine Situation nicht zu verkennen und sehr viel Bescheidenheit,
um klar zu erkennen, wo es steht und wohin es fährt.
Es fährt mit einem Schiff, in dem die Steuermänner und die Kapitäne und
die Matrosen dreißig Sprachen sprechen, wo alle bewaffnet sind und wo

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neben den Gewittern die Hungersnot und das Elend und der Haß die einen
gegen die anderen voll mörderischer Gedanken gemacht haben. Viel anders
sah es auch nicht aus auf dem Schiff des Kolumbus, allein seine Leute
vermochten dennoch die Neue Welt zu entdecken. Sie führten unter
anderem den abgeschlagenen Kopf eines Heiligen als Reliquie bei sich.
Ich entsinne mich, Mijnheer, hierbei eines Marmors im „Luxembourg“,
den ein Künstler jenem Dichter widmete, der zur Tröstung einer schönen
Mitgefangenen im Kerker einunddreißigjährig eines der drei großen
Gedichte der französischen Sprache schrieb, eh’ die Bergpartei der
Schreiber ihn guillotinierte. Er nannte es „die Muse André Chéniers“. Eine
junge Frau, mit unberührten Brüsten und der zärtlichsten Wollust der
Schenkel drückt mit der Innigkeit unbrechbarer Zuneigung den
abgeschlagenen Kopf des Dichters an ihre Brust und ihren Mund.
Ach, hätte das Schiff Europas das gleiche Wahrzeichen wie jener
Kolumbus bei sich und vermöchte der Geist so stark zu werden in ihm, daß
es die Liebe seiner verstoßenen Söhne so begriffe, daß es sie ebenso zärtlich
grüßte wie die Muse den Kopf des Chénier. Denn im Augenblick der
Berührung erhält der marmorne Kopf des Dichters neues Leben und seine
Muse trinkt sein Blut.
Mijnheer, das Parabolische ist nicht der Genre eines holländischen
Gentleman, ich verwirre mich in Bilder und Erinnerungen und ich habe
einen Augenblick geträumt mit der Kühnheit eines Kindes. Kehren wir aus
dichterischen Träumen in die Zahlen unseres mathematischen Zeitalters
Schlußkurse für Europa zurück. In diesem Kursbuch stehen die Tageszeiten aller
Kontinente und ihre Tabellen zum Gebrauch der Börse. Noch, Mijnheer,
kann man, fährt man von New-York nach Europa, täglich seine Uhr um
dreiviertel Stunden vorrücken. Verstehen Sie mich, obwohl ich schon halb
schlafe?
Möge nicht die Zeit kommen, wo man sie zurückstellt in seinem Herzen!

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Die siebente Nacht

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I Maschinen-Hausse n der Tat, Mijnheer, Siebenzehnhundertsiebzig hat James
Watt den Begriff der Pferdestärken geprägt. Achtzehnhunderteins stellte
der Amerikaner Oliver Evans die erste richtige Hochdruckmaschine her.
Achtzehnhundertachtundzwanzig lief durch den wackeren Mann George
Stephenson auf der Stockton-Darlington-Bahn der erste Personenwagenzug.
Achtzehnhundertdreiundvierzig baut Morse die erste große
Telegraphenlinie von Washington nach Baltimore.
Dreizehn Jahre später zieht sich das erste submarine Kabel durch den
Hafen Portsmouths und dreiundvierzig darauf ist die Erde mit
siebenhunderteinunddreißig Kabeln verbunden. Neun Jahre nach der
Startung des deutschen Kaiserreichs läßt Siemens & Halske die erste
elektrische Bahn laufen und im Jahr darauf beginnen die amerikanischen
Hauptstädte sich telephonisch zu verbinden und die Welt damit in einen
Zaubergarten zu verändern.
Mittlerweile geschieht der Aufbruch der Menschheit aus der Innigkeit des
Mittelalters, wo die Seelenfähigkeit sich nach innen stellte, in die
leidenschaftliche Neugier des wissenschaftlichen Abenteuers.
Achtzehnhundertsechsunddreißig ließ Green den ersten Ballon mit
Leuchtgas steigen, fünfundsechzig Jahre später hat man Höhen von über
zehntausend Metern mit Sauerstoffmasken erreicht, hat Apparate, um einige
tausend Meter unter dem Meer arbeiten zu können.
Die englischen Alpenklubisten überschwemmen die Schweiz. Ein
Dutzend Männer hat als Lebensaufgabe die Ersteigung von Bergen, auf die
heute Zahnradbahnen führen. Mr. Wimpher gelang es
Achtzehnhundertfünfundsechzig unter tödlichem Verlust seiner halben
Expedition, das Matterhorn zu ersteigen. Vier Tage darauf folgten ihm
Italiener von ihrer Seite. Livingstone, Emin Pascha, Stanley, Baker, Gessi,
Hedin erforschen Afrika, Asien. Man entdeckt die Pole.
Achtzehnhundertsechzig stellt Lenoir O gute alte Zeit den ersten schüchternen
Motor her. Fünfzig Jahre später laufen Autostraßen durch die Wüste,
Motorboote durch die exotischsten Seen. Im selben Jahr photographierte
man noch Latham, wenn er von Paris zehn Kilometer zur Jagd flog, als
Fabel-Helden in allen europäischen Gazetten. Blériot überspannte sodann
mit seinem Äroplan, Heros einer neuen Mythe, den Kanal. Zehn Jahre

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darauf fährt man im Flugzeug mit zwei Unterbrechungen von Portugal nach
Chile. Die Erde ist organisiert, sie hat keine Wunder mehr, statt dem
Geheimnisvollen ist das Exakte in das Dasein getreten und statt der
Frömmigkeit das Tempo, statt dem Glauben die Wissenschaft.
O gute alte Zeit! Selbst in ihrer Tragödie stak doch noch Intimität!
In Tegnérs Frithjofssaga wird den Gefangenen noch der Blutaar geritzt,
ein Adler in den Rücken geschnitten und das Rückgrat von den Rippen
gelöst. Cicero wird in einer Sänfte von Männern nach Bajä getragen.
Sechzehnhundert gab man Mäuse zu speisen gegen Zahnschmerzen.
Bonapartes Adjutant ward von Wölfen gefressen. Béranger, Balzac und
Pückler mußten Stecknadeln in ihre Kerzen stecken, um jedem bei ihrem
Gespräch damit die Rededauer einzuteilen. Goethe sandte Wieland für den
„Oberon“ nicht eine Depesche, sondern einen Lorbeerkranz und Gleim
schickte einen Korb Kiebitzeier . . . . . .
Mijnheer, zwar besaßen die Ägypter und die Hellenen auch bereits
Bahnen und Schienengeleise. Auch von Paris nach Lille telegraphierte man
mit Zeichensignalen über eine Stafette von zweihundertfünfundzwanzig
Kilometern in zwei Minuten, war aber bei Sturm, Nebel und Nacht noch
verloren.
Man hatte aber die Elemente noch nicht gefangen und noch nicht das
wilde Sausen über seinen eigenen Nacken gesetzt, mit dem sie ausbrachen
und uns zu den Schelmen und Sklaven unserer eignen Kühnheit machten.
Wir leben Götterdämmerung und PS in einer wahrlich anderen Welt, und
zwischen den stampfenden Maschinen Citroëns wäre eine neue
schwäbische Dichterschule genau so scherzhaft wie ein vegetarianischer
Wanderprediger auf der Sturmflutmole von Swinemünde.
Es bleiben zwar die Seelen und die Qualitäten der Menschen dieselben,
aber in ihren Formen sind sie zwillingshaft jeweils an ihre Epoche
geschmiedet. Graf Leopardi, der aus Angst vor der Cholera starb und vorher
Italiens schwermutvollste Gedichte schrieb, im Flugzeug der Futuristen
sitzend, wäre schon das Bild eines Fieberwahnes, und Freya hätte, als sie,
vom Zeitbaum Ygdrasil aus, den Ödur suchend, goldene Tränen vergoß, in
keinem anderen Raum als dem der Mythen es vermocht. Die Zeit rollt mit
allen ihren Hebeln und Kräften ihre Repräsentanten an die Rampe und es ist
nicht die Schuld und nicht das Verdienst ihrer Helden, wenn sie mit dem
Weltdonner von Ragnarök in die Götterdämmerung fahren oder im
Zuckblitz der Scheinwerfer und zweihundert PS die Ewigkeit suchen. Auch

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die Vehikel der Dichtung sind nur von dem Sturmschritt der Erde
mitgerissene Schatten, und die behäbige Karosse Jean Pauls hat sich zu
elektrisch zuckenden schlanken Rennwagen ausgewachsen.
Man hat nur die eine Freiheit, damit zu fahren oder aber das Roß am
Schwanz aufzuzäumen und im Krebsschritt gegen diese Entwicklung zu
reiten. Sich dem entziehen, hat man die Freiheit nicht.
Das hat, für die Schwerhörigen gesagt, nichts mit der Größe der Leistung
und dem genialen Ritt einer Epoche oder ihrem Zusammenbruch zu tun,
sondern bestimmt nur ihre Musik, erklärt nicht ihr Herz, aber ihr Gesicht,
deutet nicht ihre Macht, aber ihre Muskulatur.
Mit Zola waren die Fabriken aufgeschossen, mit Eduard Keyserling war
der letzte Rest des adeligen Feudalismus gestorben, mit Manets und Renoirs
Fülle hatte der Raumbegriff der seitherigen Welt sich durchbrochen und mit
den chauvinistischen Italienern um Boccioni und Carrà war er Bewegungen
statt Sitten in die Luft gespritzt worden und kaputt. Zwischen den Giganten
von Maschinen, über den Leichen der Götter und den Donnern der
Funksprüche, der Autorennen, im Netz der Bahnen, durch das Sirenentuten
der Dampfer, der Flieger, im feurigen Zickzack der Geräusche und Kriege
und dämonischer Vehikel mußte ein Geschlecht groß werden, das seine Zeit
zum mindesten schilderte, das sie vielleicht verwarf oder ihr unterlag, das
aber ihr Tempo trug. In der Ballung, in der Dichte und in der Schnelligkeit
der seelischen Entwicklung lag der Ausdruck der Literatur um die Zeit, wo
die Maschinen zum ersten Male einen Krieg endgültig bestimmten. Das ist
ein Leitsatz, der nicht aufzuheben ist.
Der militärfrohe Lahmfuß und Baronet Walther Scott sagt in der
Einleitung zu seinem schönen Buch „Waverley“, seine Helden würden nicht
Eisen auf dem Haupt wie früher und auch nicht an den Absätzen wie zu
seiner bürgerlichen Zeit tragen und seine Weiber kämen wohl kaum in
Purpur und Talaren wie Lady Alice in alten Balladen und auch nicht
halbnackt wie die preziösen Bürgerinnen seines Jahrhunderts, sondern man
werde mit Staunen bemerken, daß es sich nicht um Sitten sondern um
Menschen handle. Scott war ein schlechter Geschäftsmann und ein genialer
Dummkopf, denn er gab als Sohn seiner Epoche natürlich genau so die
Sitten wie die Menschen.
Erst als die Kreuzundquerschnitte der elektrischen Gewitter, die feindlich
gegen unsere Jahrhundertwende aufzogen, mit Säbelblitzen die
Beschaulichkeit von den Nationen trennten und die Sitten von den

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Menschen schieden, als die Tempi der Schicksale niederfielen wie die
Taktschläge der Motore und in dem unbeschreiblichen Pêle-mêle von
stürzenden Gesellschaftsschichten bald kein Untergrund, sondern auch im
Leben der Nationen nur noch Bewegungen zu sehen waren, erst dann
geschah es, daß neben den Gerippen der Äroplane und Tauchboote auch die
Skelette der Seele sichtbar wurden.
Gleiche Symbole Ach, die Dichtung begann, nachdem sie wie der größte
Vagabund unter ihren Verbreitern, nachdem sie wie der famose Villon von
Bett zu Bett geworfen und heimatlos geworden war, nicht mehr mit den
Kostümen der Zeit durch die Gärten der Poesie zu gehen, trug nicht mehr
das Kostüm der byzantinischen Königinnen, nicht mehr die Spitzmütze
bourbonischer Frauen, nicht mehr den Turban der troubadourgeliebten
Falconiere, nicht mehr den Charme der Byronschen Geliebten, nicht mehr
die Trauer der den gefallenen Puschkin beklagenden Freundin, nein, sie zog
wie ein telegraphischer Aufruf durch die Dämmerung Europas.
Sie war besitzlos geworden in Europa, das nicht mehr auf der reichen
Empore von Ständen und Königen stand, sondern sich in Schrecken wälzte,
und sie zog sich von den Kostümen auf das Unverlierbare zurück, indem sie
den Menschen allein, aber mit allen Mitteln der Zeit sich formte. Das Bild
dieses Zeitgenossen bestimmten große klare Linien: Ballung, Dichte und
Tempo.
Nur die Schwachköpfe staunten und wußten keine Erklärung, als die
kulturloseste Zeit zu gleichen Symbolen kam wie die von Reichtum alles
Ausdrucks übersättigten, und daß Archipenkos Menschen dieselbe
Allgemeingültigkeit hatten wie die schöne Nofrit des Jahres
Zweitausendachthundert der vierten ägyptischen Dynastie vor unserer
Zeitrechnung. Die Zeiten, wo alles von der Anwesenheit der Götter bebte
und diejenigen, wo sie völlig ausgezogen scheinen, haben die gleiche
Unerbittlichkeit des Zustands ausgeübt.
Und während die einen aus der Überfülle des Reichtums sich die
stärksten Sinnbilder schufen, indem sie alles außer dem Einfachsten
ausschieden, haben die anderen durch die Kraft ihrer Verzweiflung sich aus
dem Nichts dieselben einfachen Sinnbilder geschaffen. Die tiefe Ruhe und
der Schrei begegnen sich, und die Seele, die aus der Üppigkeit sich zum
Einfachen hin unter unendlicher Mühe kristallisiert hatte, Expressionisten und
ihre Sekten fand ihre Schwester, die völlig nackt und ähnlich erlesen von der
Seite der besten Armut kam.

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Das ist eine Gleichung, deren Schönheit zu bezweifeln, deren Gültigkeit
aber nicht anzugreifen ist.
Mijnheer, Sie wissen, daß diese Entwicklung in Taten umgesetzt zu
haben das Werk einiger befähigter Künstler in Europa war und daß man die
Schulen, die sich darum schlossen, und alle Mißverständnisse, die die
Öffentlichkeit darum bildete, „Expressionismus“ nennt. Es ist so albern wie
wahr, daß dieses Wort eine Unsumme von einzelnen Koterien wiederum
umschließt und daß wie in allen revolutionären Epochen die ursprünglichen
Armeen sich bald in Condottierihaufen teilten.
Manche davon haben den sanften Anblick des Fleisches ganz verlassen
und sind sektiererhaft auf Formeln und in die Gesellschaft abstrakter
Gespenster abgewandert, indem sie sich wie dogmatische Gelehrte je nach
der parabolischen Form, ob nämlich aus Punkten, Ellipsen, Quadraten oder
Dreiecken sich das Gefüge ihres Weltbildes zusammensetzte, nach Art der
Fakirorden: Kubisten, Pointellisten, Konstruktionisten nannten.
Diesen Jakobinern der Kunst erging es wie allen Sklavenaufständen, die
sich weiter vorwagten, als es ihnen das Gesetz ihrer Armut zuschrieb. Sie
kamen aus dem Bereich der Kunst in das qualvolle Gebiet der Ideen und
wurden dort, weil sie zwischen beidem schwankten, zermalmt und zerhauen
wie die Bauernhorden des Thomas Münzer. Sie waren wie alle Jakobiner
der Gefahr erlegen, daß sie zu weit von dem Erreichbaren ausgerutscht
waren und mit Ausnahme schöner Grenzfälle wie dem des anmutigen
Malers Klee und des bedeutenden Picasso in eine Fata Morgana nach links
hineingestürzt waren.
Diese Teiltruppen des Expressionismus hatten nicht begriffen, daß sie der
Glücksfall, mit gar keiner Gesellschaft hinter sich ihre Werke bauen zu
dürfen, verpflichtete, in Die Haupt-Leute Erinnerungen der besten Zeit der
Nationen glänzende Neuigkeiten aufzubauen, statt zu zerstören. Sie hätten
sich heftig an das Fleisch der Zeit drängen müssen, statt es zu Schemen zu
zersetzen. Denn die glatte und vereinfachte Schönheit der ägyptischen
Nofrit war der erlesenste Ausdruck einer untadligen Zeit, die aus ihrer
beispiellosen Fülle sich ein Sinnbild der Dürftigkeit wählen konnte, das ihr
jedoch nie ins Nichts entgleiten, sondern, von einem ungeheuren
Gesellschaftsgefühl maschenhaft gehalten, nur immer glänzender an
Reichtum steigen konnte.
Aber die Nacktheit unserer maschinellen Epoche, ohne Gesellschaft
hinter sich, war nicht das kühne Symbol der Üppigkeit, sondern das

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schimmernde der Armut, und war jeden Moment in Gefahr, in die Tiefe
zurückzustürzen, aus der es stieg. Man kann heute daher nur arbeiten mit
Verantwortung und für die Zukunft, aber nicht für die Eitelkeit und nicht für
Quatsch und Theorie.
Es ist wahr, daß diese Flucht ins Gegenstandlose eines Teils, und zwar
des schwach begabten Teils der neuen Schulen, die Liebhaber der
Muskulatur kränkte und jene ermutigte, die gern das Feldgeschrei
anzuheben bereit waren, auch diese Richtung sei wie tausend andere nichts
gewesen.
Ich habe in der „Doppelköpfigen Nymphe“ von Sternheim bis Heinrich
Mann, von Döblin bis Schickele, Benn bis Kaiser, Frank bis Wedekind,
Däubler bis Werfel die begabten und schöpferigen Dichter geschildert, die
diese Epoche in Deutschland gestempelt haben. Ihre Wirkungen sind
unverlierbar, hinter Wenzig, Karlweis, V. C. Habicht, Lichnowsky, Kesser,
Heinrich Eduard Jakob, Kamnitzer sind die Nachfolger Legion, ihre Werte
mag mein Nachfolger in hundert Jahren bei einer hoffentlich für ihn
sympathischeren Gelegenheit als einer umstürmten und zugeschneiten
Schneekuppe ziehen.
Vielleicht wird dieser Nachfolger zwischen einem angenehmen Frühling
sitzen und ein Boccaccisches Zeitalter schon wieder Mein Nachfolger. Der Bau
steht. um sich haben, wo die Dichter bukolisch auf den Pfeifen blasen und
mit galanten Damen nicht nur unter gewagten Gesprächen die klügsten
Sachen sagen, sondern auch mit der Heiterkeit einer gefestigten Zeit
zwischendurch in klaren Bächen baden, schön speisen und das Ungemach
des Schicksals mit der Harmonie ihres Säkulums und nicht ohne Genuß
überwinden. Vielleicht werden sie die Anmut ihrer Flüsse und ihrer Weiber
dazu benutzen, Witze über uns zu machen und wenig kühne Beiwörter
unseren Namen hinzufügen, aber vielleicht wird die Schönheit und der
Friede ihres Frühlings sie zu gerechtem Preisen über unsere Tapferkeit
ermuntern. Es kann uns gleich sein, Mijnheer, aber wer sein Leben genießt,
wünscht auch den Nachfahren die saftigsten Dinge. Mögen sie leben, es ist
auf die Dauer noch nie ein Urteil nicht gefallen, wie es gefällt werden
müßte.
Vielleicht werden zur Herrschaft gekommene Sklaven uns auf ihre neue
Lebenstafel kreiden, wenn die anderen uns verwerfen. Aber die Sklaven der
Dummheit und der Böswilligkeit wird man heute wie morgen an den Pilori
binden müssen. Man hat nunmehr eine gewisse Größe unter der Hand mit

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den neuen Schulen in Europa wachsen sehen, aber auch die Stimme der
Tadler (wie die der Lobenden) nur mit Mißtrauen vernommen. Denn die
einen suchten gewöhnlich mit den neuen Helden, die anderen gegen sie ihre
Karriere zu machen. Der Bau aber steht.
Man hört nun im fünften Jahr nach Wedekinds Tod und zehn Jahre,
nachdem man sich an die Tempis und das Ballen machte, nur noch die
Kläffer. Faute de mieux on couche avec sa femme: Ich muß mich nach den
Feinden des in die Manneshöhe gewachsenen Expressionismus umsehn.
Man darf sich dem Anblick dieser artigen menschlichen Komödie nicht
entziehen und man wird mit Vergnügen sehen, daß die Don Quichotes
wieder aufgestanden sind mit der Klugheit Sancho Pansas, die ewigen
Windmühlen zu erstechen. Man wird eine sachliche Diskussion erwarten,
Gegner des Expressionismus aber man wird das Schlachtfeld privater
Angelegenheiten und menschlicher Eitelkeit erblicken. Daß der
Expressionismus entstand, war eine elementare Notwendigkeit. Die tapfern
Barden aber, die nun sein „Ende“ ausschreien, kommen aus einer
verdächtigen Gesellschaft und sind nichts als die Nutznießer einer
Nervenermüdung des Publikums. Wenn die Leute eine bunte Sache eine
Zeitlang sahen, sehnten sie sich immer nach einer neuen, gleichgültig, ob
dies ein Bild, ein Meer, eine Frau oder eine Heimat war. Dies Stück
Verräterei ist eine der bezauberndsten Kontrollen im Auf und Ab der Zeit
und ihrer Werte.
Der einfache Mensch denkt immer richtig. Er geht nach seinem Gefühl.
Die Sache langweilt ihn. Man kann es ihm nicht übel nehmen. „Ende des
Expressionismus“: er gähnt. Er ist bedeutend einfacher und anständiger als
die Grübler, die neoklassisch schwärmen. Meine Angorakatze, mein
russischer Riesenschnauzer wissen, um Gottes willen, ebenfalls Bescheid,
daß, nachdem die Feldlager geflackert haben, auch in der Literatur die
Nymphen zu schweben beginnen.
Die Zeitgenossen ertragen stets nur eine gewisse Durchdringung an
Aufklärung, an Sensation, an Broschüren, an Ausstellungen eines neuen
Stils. Selbst guter Mokka, der doch anderen Anspruch auf Qualität macht
als durchgängiges Publikum, erlaubt nur einer bestimmten Dosis Zucker
seine Vermischung. Nachdem man seit zehn Jahren von dem sehr klugen
Kritiker Wilhelm Hausenstein bis in die Provinzmuseen nichts getan als
aufgeklärt hat, ist es nicht erstaunlich, daß das Publikum genug davon hat.
Als Hausenstein einer Mappe des Malers Seewald, in der Leute übers Seil

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liefen, das hymnische Vorwort schrieb und Däubler auf den Flügeln des
„Neuen Standpunkts“ aufklärend Deutschland durchschnob und der Kritiker
der„Frankfurter Zeitung“, Bernhard Diebold, in Kornfelds „Verführung“
noch die Melodie des neuen Jahrhunderts bebend verspürte, da war ein
eckiger Seiltanz und ein Drama aus lyrischen Grammophonen Hausenstein
usw. auch am Kurfürstendamm noch neue Mode. Als aber Lunaparke in
diesem Stil entstanden, Jungfrauen ihn zu tanzen feurig übernahmen, Filme
ihn aufs Plakat, Revolutionäre auf die Fahne schrieben, Jünglinge sich in
Poemen die Zähne daran brachen, Kaffeehäuser seine scheußlichen
mißverstandenen Ornamente an die Wände klebten, und selbst ein
Eiskünstler in einem Kristallpalast seine Kurven fuhr, hatte man genug; mit
Recht.
Sehr amüsanterweise sah man als die ersten Deserteure die liebenswerten
Ajaxe abschwenken, die sich wohl bei Beginn so sehr in Atem geredet
hatten vor Begeisterung, daß es ihnen auf die Galle geschlagen war. Als
keine Mauer ohne Plakat, keine Entdeckung mehr zum Anpreisen zu
machen war, als selbst die literarischen Ahnen und die malerischen
Vorläufer und alle in Betracht und Zusammenhang zu bringenden
exotischen Kulturen abgegrast waren, gingen sie rasch von dem
Enthusiasmus zur Skepsis über.
Herr Hausenstein vor allem, der ein vorzüglicher Kopf ist, flüchtete
vorwärts zu noch nicht erstandenen Nazarenern und rückwärts in die Arme
seines mit Impressionisten in allen Taschen bepackten kritischen Kollegen
Meier-Gräfe, ohne allerdings verhindern zu können, daß sein fruchtsaftiger
Stil immer abstrakter und dürrer wurde, je mehr er vom Expressionismus
abwich, und daß, als er dem Drachen die Lanze ins Maul zu stechen
begann, sein Stil und ihr Stiel zu einem fast unerforschlichen dünnen und
wahrlich expressionistischen Spinngewebe geworden war. Führwahr, die
Bauern haben recht, wenn sie meinen, man vermöge die Natur selbst in den
gröbsten Dingen nicht mit Heugabeln auszutreiben, sie kehre vielmehr auch
dann zurück. Aber in den raffinierlichsten Dingen scheint sie sich sogar
gegen diejenigen, welche gegen sie arbeiten, mit einem unverkennbaren
Hohn zu wenden.
Die anderen Anreißer aber konnten nicht genug Eile finden, ihm zu
folgen und den Ruhm des Ritters Georg mit dem der Winkelriede rasch zu
vertauschen. Sie hatten nicht, Karrierelose die Courage, auch während der
Ermüdungsbaisse bei der Sache zu bleiben, was ja jederzeit möglich ist,

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auch wenn man die Träger der Sache verschieden beurteilt und wenn man
die Gefahren klar übersieht, sondern sie machten sich nach neuen
Entdeckungen aus und blamierten sich bis über die Ohren.
Sie ahnten allesamt nicht die tief gebundenen Zusammenhänge zwischen
Nation und Kunst und dachten nicht daran, daß die Zeit Heroen oder
Bastarde auswirft, je nachdem ihr zumute ist und je nachdem sie sich erfüllt
oder vernichtet. Sie dachten vielmehr, sie seien der Mittelpunkt der
Schöpfung und man gehe auf Kunstfang wie wenn man Trüffeln suche.
Ach, die Suche nach diesen zarten Gewächsen ist jeweils eine besondere
Begabung der gerüsselten Tiere gewesen und, wenn die Entdeckungsfahrten
mißlangen, so waren die Funde nicht echt oder die Sucher hatten sich in die
Kategorie der Riecher mit Fälsche eingereiht. Da der Teufel, wenn er
Heilige fangen will, Heilige an den Angelhaken tut, war es ihren bestürzten
Gesichtern gern zu verzeihen, daß, als sie Giganten zu fangen wähnten, die
die Zukunft mit klassischem Nazarenismus erfüllen sollten, sie nur gerupfte
Spatzen apportierten.
Sie trafen sich mit den Rutenträgern einer anderen menschlich würdigen
Genossenschaft. Die jungen und älteren Leute, die bei der vergangenen
zehnjährigen Revolte der Kunst keine Karriere gemacht hatten, die selbst
die von allem anderen abziehende Möglichkeit des Krieges nicht auf sich zu
lenken in der Lage waren, die von allen guten jüdischen Familien
verlassenen Leute glaubten fälschlich den Tag ihrer Inthronisierung nun
gekommen.
Die sogenannten „Stillen im Lande“, denen ihre Unfähigkeit so schonend
etikettiert war, rissen die Binden ab und begaben sich in die Schlacht.
Einäugige der Kunst, sogar Lepröse, aber auch talargeschmückte Mumien
nahten aus ihren Särgen. Die Armen machten den gleichen Fehler wie die
politischen Reaktionäre, die an ihre taprigen Methoden Unproduktion und
nicht an ihre Weltanschauung glauben. Kommt eine ruhige Epoche, kommt
sie nicht mit einem ausgestopften Eichendorff, aber auch sicher nicht mit
Paul Ernst in Brille, Trikot und Löwenfell, den Zweihänder in der zittrigen
Hand. Was nicht bewegt war, wird nicht ruhig werden. Die verblaßten
Statuen von vor dem Sturm werden trotz ihrer klassischen Nasen in die
Büsche geworfen, denn auch im Konservativen hat die Natur soviel feuriges
Schöpfertum, um einem klaren und alten Inhalt neue Formen aufzuziehen.
Diese Elegiker ihres Verkanntseins trafen auf eine noch viel peinlichere
Gesellschaft, als sie, auf Indianer angemalt, Herrn „Wachse, werde, weile“

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balbulierend und vor seiner eigenen Langeweile schon asthmatisch an der
Spitze (o glücklicher Entenjäger Smith!) in einen harmlosen Sonntag
hineinliefen. Alle Unproduktiven, die zeitig zur Kritik übergelaufen waren
und, um die Mode nicht zu verfehlen, als Zwinglis und Dietrichs der neuen
Sache gestritten, entdeckten plötzlich den Neid auf ihre erfolgreichen
Kameraden und begannen in dem Augenblick zu lachen, wo der Pendel der
Zeit die zwölfte Stunde zu schlagen schien. Man kann, wie ein gewisser
Sinzheimer in München, miserable Romane geschrieben und mit
unfähigster Hand ein Theater zur Pleite dirigiert haben, aber man wird in
Deutschland erst dann die schöne Masse Ressentiments gesammelt haben,
um aus dem Neid auf die Erfolgreichen einen Kritiker von „Format“
vorstellen zu können.
Diese Armen fühlen sogar in ihrer Unangreifbarkeit gar nicht, daß sie
sehr arm sind und daß sie in ihrer Heldenmaskerade sich in eine Hundehütte
zurückzogen. Man kann die Menschen nicht ändern; es sei verstattet, daß
sie einem leid tun. Man wird mit fünfzig Jahren ein Album der
Zeitgenossen anlegen, die „verehrter Meister“ einem schrieben und, wenn
man sie nicht genügend (oder zu sehr) beachtete, mit Gummiknütteln bei
schicklicher Gelegenheit einem in den Rücken fielen — und nicht
veröffentlichen. Es wird In eigener Sache nichts mehr von ihnen da sein. Was
die Gerüchte und das Geraun und den Betriebskurs macht, sind immer die
Schmuser. In der Historie wird das weicher Leim.
Gestärkt wird eine solche Legion durch die beruflichen Totengräber,
deren schandbarer Beruf sie verpflichtet, stets graubärtig zu sein. Durch sie
kam die gesprenkelte Mischung in die neue Partei, die so groß ward, daß sie
für jede Ansicht Raum hatte. Es waren dies die Alten, die „es schon immer
gesagt hatten“, die ohne Prüfung, Befähigung und Vermögen, weil sie ihnen
nicht paßte, die ganze Richtung abgelehnt, zehn Jahre lang gegen Noldes
Negerköpfe gezetert hatten und nun recht behielten, als die Panegyriker der
neuen Bewegung plötzlich mit Pharisäerblicken ihnen in die Arme sanken.
Denn schließlich ist Kunst heute für die Tausende, die nicht schaffend um
sie schmarotzen, ein Witz oder ein Geschäft, nicht mehr. Ein Schachspiel,
mit dessen Figuren man sich mit elegant angespannten Nerven beschäftigt,
bis es gongt, um sich zu Musik, Lunch oder Frauen zu begeben. Dann
streicht man mit breitem Arm die vollendeten Figuren vom Tisch herab.
Man hat mich stets für einen Experten des Stils als solchen gehalten, aber
ich habe, als die „erstklassischen Schreiber“, die nie den Blick über den

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Horizont behalten, sich in Kornfeld und Franz Marc und Hartung wälzten,
mich gegen den Stil und für den persönlichen Ausdruck erklärt und mir, als
ich ganz an den Anfängen (und wahrlich unbefangen an Kunst
herankommend) die lächerliche und impotent machende Gefahr der
Typisierung aufdeckte, die Meute von links zu der von rechts zugezogen.
Als aber Herr Stahl vom „Tageblatt“ vor einem Jahr las, daß ich dasselbe
wie vor Jahren äußerte, glaubte er, meine Desertion feststellen zu müssen.
Der bärtige Herr irrt. Ich hatte vor nichts zu desertieren, da ich auf nichts
derartig Kindisches festgelegt war, und ich wahrte nur meinen Standpunkt
energischer, indem ich ihn von dem Die Sache ist langweilig geworden der
Kindsköpfe schied. Man klärt eine Sache besser, indem man sie gutwillig
trennt, als indem man sie böswillig und fälschend und voll Unfehlbarkeit
von außen her verwirrt.
Dies ist ein Zipfel gelüftet hinter dem, was „Ende des Expressionismus“
schreit. Dies ist (nebenbei) deutsche Literaturgeschichte.
Doch man vergaß die kleinhirnigen Würger, die, seit die Deutschen sich
nach ihrer ersten Revolte zur Politik befähigt hielten, mit der Kriegsflagge
unterm Arm und in festgeknöpftem Gehrock in die Kunst eindrangen. Die
Politik ward selten mit solchem Eifer der Amateure und gleicher
Unbegabtheit ihrer Hyänen über die Grenzen ihres Territoriums getragen.
Man wird ihnen die Ehre antun, die diesen Geschöpfen gebührt, und an
ihnen vorübergehen. Die Ehre, mit der sie prunken, wird ihnen sauer im
Mund werden mit der Zeit und wird eines Tags wie ein fauler Zahn ihnen
herausfallen. Es ist nicht unsere Ehre und nicht die eines Gentleman, die
wir anerkennen und die schon Cicero in seinem Buch über die Pflichten in
dem Manne schildert: der innere Manieren hat, zwischen weibisch und roh
die rechte Haltung besitzt, schamhaft und kühn ist und in dessen Geschlecht
es Sitte ist, daß Vater und Sohn zwar nicht miteinander baden, aber
miteinander zu sterben wissen.
An dem taktischen Aufmarschplan der Parteien ist nicht viel mehr zu
schildern. Es ist eine amüsante und durchaus menschliche Brüderschaft, die
anrückt. Schon die Vorposten sind verdächtig laut, aber erst der Anblick der
Generäle macht die Angelegenheit hübsch suspekt. So sind alle Kriege
geführt worden: damit mag man sich trösten.
Im Grunde ist das ganze Spektakel ein Spiel auf der Vorderbühne, und es
wird gehörig gemogelt. Die ganze „Krise der Kunst“ ist: d i e S a c h e i s t
langweilig g e w o r d e n. Auch der Weltkrieg, der doch

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Bezwingenderes an Sensation zu bitten hatte, zog am Ende nicht mehr. Man
kann es den Leuten nicht verübeln. Es gibt, auf die Dauer, heute nach Mit
Kunst? Nicht die Spur einem unerhörten Krieg unterhaltsamere Sachen als die
Kunst und Rebusse, was ihre verzwickten Formen bedeuten. Es gibt Reisen
und Autos wieder und Dollarhaussen und mit dem Flugzeug über die
sturmdonnernde Ostsee, man hat im März Meran, im Herbst ist Iffezheim
wieder im Start, und es ist nicht weit vom Gardasee. Die Länder schnaufen
vor Arbeitsamkeit, und Speisen in vollendeter Fülle werden angefahren. Die
Erde wird wieder voll. Ach, wer mit Kunst heute auch nur eine
Viertelstunde die Aufmerksamkeit der Welt anzuhalten wagte! Ein Narr
oder ein Verbrecher!
Hat dies ganze Getriebe überhaupt mit Kunst zu tun? Es ist ein Fressen
für Shaw und wäre ein Braten gewesen für Swift. Mit Kunst? Nicht die
Spur.
Als die Überraschungserbsen nicht mehr knallten, war das „Junge
Deutschland“, war die französische Romantik, war der Impressionismus
rasch „tot“. Man hatte das Frühstück verdaut und wandte sich dem Diner
zu. Die Zeitspatzen haben immer geurteilt, eine Sache sei nichts, weil sie
genug davon hatten. Und die provinziellen Schreiber, die einen Stil zehn
Jahre erbittert bekämpft hatten, waren alle einmal in der grotesken
Situation, ihn nicht mehr bekämpfen zu müssen, „da er sich überlebt habe“.
Sie gingen von der Wut zum Mitleid, ohne Übergang, wie alle Heuchler.
Die Stimmungen lösen sich ab, wir sind ein wenig in der Baisse: Das ist
alles. Wer wagt, zu sagen, daß die Generationen vor uns besser waren als
wir? Die Zeit ist die einzige grausame Richterin, sie geht rundherum und
beklopft. Daß ein Stil, eine Gemeinsamkeit tot sei, das zu sagen, ist so
dumm wie falsch, weil es die einzelnen Kräfte mit einem Typ erschlagen
will. Daß ein ins Absurde getriebenes Ornament scheußlich, eine gewisse
Manier der Regie erschlaffend, eine stets wiederkehrende Verzerrung der
Statuen erbärmlich ist, beweist nicht, daß ein Romanwerk gewaltig, ein
Torso erschütternd, ein Gemälde voll schönem Liebreiz in späteren
Generationen empfunden wird.
Immer das Gleiche Als die Damen der Bourgeoisie mit Sonnenschirmen auf
Ingres’ Bilder rannten, taten sie das gleiche feige Unrecht wie da, als sie,
von seiner Süße gelangweilt, die Achseln zuckten und zu des Van Gogh
Briefen sich verzückten. Die Waffen der Zeit, des Schlagworts, der Mode
(im Lob und im Verwerfen) gehen wie Laub. Letzten Endes ist nichts von

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dem Vielerörterten mehr da. Man kann das Album der Vielzuvielen, der
Schmöcke, der Feiglinge, der auf Hecht kachierten Schleie im
Literaturgewässer nach fünfzig Jahren nicht mehr veröffentlichen. Die gute
Sache ist immer lautlos. Und die umstrittene Fassade fällt von selbst; sie
war nie wichtig.
Hat es Bang, hat es dem unvergleichlichen Eduard Keyserling geschadet,
daß der Impressionismus ihrer Zeit mit Klöppel und Stickrahmen und mit
Schraffiertechnik im Gähnen versank? Hat nicht der spitzbäuchige Victor
Hugo hinter Goethe als größter Dichter seines Jahrhunderts geglänzt,
trotzdem ganz Frankreich über die romantizistischen Späße bald lachte und
selbst Musset nach ein paar Jahren schon als ironischer Lächler ins andere
Lager ging? Hat Manet, der wahrlich ein Programm formulierte, hat Zola,
der wie kaum ein anderer ein System nach Knopf und Ring führte, darunter
gelitten, daß eine Schule um sie war, die Bankerott machte vor der
Sensationslust der Masse wie jede gute Sache? Hat Matisse Schaden
gelitten, daß man seine Techniken verhöhnte? Flaubert sprach man die
Lebenskraft samt der realistischen Schule ab, Büchner und Grabbe warfen
sie, als sie genug Revolte hatten, ins Eisen.
Es gibt keinen leichtfertigeren Ausdruck als „überlebt“, keine gemeinere
Verwechslung als die von Geschmack und Werk. Auch die Zeitgenossen des
Velasquez fanden eines Tages diese Steife zum Kotzen, und von Botticellis
Schule tropfte es gähnende Bitternis. Der menschlichen Natur entzieht sich
gemeinhin der feurige Mittelpunkt einer Bewegung. Und da die Menschen
blind sind, glauben sie den äußeren Anzeichen, daß die Haupttiere dieser
Bewegung Die zwei vorletzten Schulen nach Art der Echinodermen wie die See-
Igel durch Kalkabsonderung sich nach außen versteinten.
Wie leben aber, selbst den Einäugigen zum Trotz, noch die
Hauptlebendigen jener anderen Schulen, die diese selben Schreier schon
vor der expressionistischen Bewegung dreimal ans Kreuz geschlagen,
siebenmal verlacht und zehnmal vergessen zu haben vorgaben!
Sie haben bei dem Namen Hofmannsthal heute schon vergessen, daß er
seinerzeit ein sehr öliges Programm von misanthroper Schnauzbärtigkeit
vorstellte und haben bei Liebermanns Namen heute nur Mühe, sich zu
besinnen, daß auch das einmal eine wüste Schule war.
Die Persönlichkeiten tauchen aus dem Bad der Bewegungen heraus mit
der Kraft der ewig steigenden Fontänen, aber die Bewegungen der Kunst
sind deshalb nicht ohne Sinn. Denn die Schulen sammeln und organisieren

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die Kräfte und versuchen das Weltbild in der ganzen Breite zu spiegeln, sie
greifen an und erzeugen den Gegenangriff und damit auch eine Tat.
Seit die Romantik den letzten wehmütigen Gruß nach dem Mittelalter
sandte und hinter ihr statt der Saurier schon die Armeen der Maschinen
anfuhren, haben zwei Schulen sich um diesen Übergang gruppiert: Den
Ruhm, während die Elektrizitäten den Erdball einkreisten und umtobten,
mit einem wundervollen Glanz die alten Überlieferungen restlos aufgelöst
zu haben, hat Renoir und seine impressionistische Schule mit unsterblicher
Leuchtkraft sich erobert. Dagegen hat die Kongregation um den heiligen
Stefan George den Ehrgeiz offenbart, sich um die neu heraufkommende
Zeit nicht gekümmert zu haben.
Das Spiegelbild ihr zu schaffen, haben die Expressionisten dann als dritte
Schule erst vermocht. Die Zeitgenossen aber steigern nur nach modern,
moderner und dem Superlativ dieses Affenwortes, und während sie den
letzten Gipfel schon schmähen, haben sie die Zusammenhänge schon
vergessen Vergeßlichkeit des Publikums und grüßen die ersten wieder als gute
Bekannte. Sie begrüßen immer wieder aus der durch George aus dem
Frankreich Baudelaires, Mallarmés und Hérédias eingeführten
symbolistischen Schule Herrn Hofmannsthals opalisierende Prosa, Herrn
Stucken, der Mexikos Untergang in Gobelinmustern bannte, Herrn Gundolf,
der als Geschichtsschreiber des Schreibtums unter Anrufung des heiligen
Namens seines Meisters auf dem eitlen Periodenbau seiner Sätze seiltanzt,
den Baron Taube mit dem wehmütigen Lächeln über den Untergang seiner
aristokratischen Rassegefühle und Stefan Zweig, der Erstaunliches an
Haltung in seinen Geschichten und Nachschilderungen gab.
Sie goutieren gerne heute noch ebenso aus der Gefolgschaft des
Zerstücklers Renoir und Monet und Manet den Liebermann, Corinth und
Slevogt, den Bang und Jakobsen und Keyserling und Pontoppidan. Ja, in
Deutschland, das keine Gesellschaft und daher keine „public characters“
besitzt, ist der Ruhm des aus der greulichen deutschen Naturalistenzunft
kommenden Hauptmann sogar größer als irgendeines anderen modernen
Meisters, ist bei dem Mangel offizieller Berühmtheiten Liebermann
bekannter als Kokoschka, ist Georg Kaiser minder einflußreich als
irgendein Verneuil mit seinen Possen, ist Kellermann berühmter als Döblin,
hat Hofmannsthal eine weitere Wirkung wie Schickele und ist Sudermann
viel zelebrer als Sternheim.

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Es scheint infolgedessen vielleicht fast so, als hätten die Schulen sich
vermischt, aber das ist eine leidige Täuschung, man lebt nur nebeneinander
und nicht sukzessiv. Selbst für die Kritiker in hundert Jahren wird es nicht
ohne Mühe sein, anerkennen zu sollen, daß in dreißig Jahren drei große
Schulen hintereinander tobten. Sie werden die personellen Preise wohl nach
ihren Fähigkeiten zu urteilen und ihren Liebhabereien austeilen, aber sie
werden in der Betrachtung der Schulen einiges nicht übersehen können.
Sie werden nicht vermeiden können, mit leichten Witzen Die Alten lernen von
Jungen zu konstatieren, wie die Älteren sich von den Neuen befruchteten,
wie die Überlebenden der früheren Schulen an den Kelchen der neuen
Jünger nicht vorübergingen, und wie der Schwung manches „Bardala“ nicht
aus dem Mund geflogen wäre, hätte der Barde nicht aufmerksam auf die
„Internationale“ gelauscht. Sie werden dickbäuchige Schelme erwischen,
die mit Jakobinermützen ausgingen, ihr symbolistisches und etwas ranzig
gewordenes Erkennungswort „erlaucht“ mit dem Worte „rasend“
umzutauschen. Sie werden über manchen Wicht sich die Kränke lachen, der
sogar die fehlenden Artikel zu stehlen ins expressionistische Lager
geschlichen war und nicht bemerkte, daß er keine Fahne, sondern nur eine
Unartigkeit des Dichters Sternheim klaute.
Sie werden junge Helden und ergraute Männer beobachten, wie sie mit
ihren schönen weichen Waden von Wassermann bis zu den
Bauernromanschreibern in das Stahlbad der neuen Techniken hineinwateten
und, neu beflügelt, mit strammen Muskeln das neue Tempo in ihre Bücher
hineinschießen ließen. Sie machten es mit demselben ehrgeizigen Trick wie
die Chinesen, die Europas Erfindungen in ihren Lehrbüchern für China
einige Jahrhunderte vordatieren, und erscheinen nach der Verjüngungskur
wie seit Ewigkeit überexpressionistisch gesettled: „Haben wir auch schon
gekonnt.“ Diese Diebe!
Die Kritiker in hundert Jahren, die in ihrem Beruf nichts zu lachen haben,
werden jedoch nicht vergessen zu sagen, daß die Impressionisten im
wesentlichen teils schön wie Renoir, teils tollwütig wie van Gogh den
achtzehnhundertfünfzig Jahren vorher das Grab schaufelten und daß die
Georgianer, als die Autos mit Fabriken und elektrischen Hochspannungen
in ihren „symbolistischen Armen“ erschienen, schmollend wie Kinder im
Herzen, aber mit allen schlechten Parfüms einer greulichen Würde gesalbt,
erklärten: diese Zeit sei ein Irrtum, zum mindesten sei sie nicht wichtig,
unter allen Umständen aber verwerflich.

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Die Richtung der Neuen Die Kritiker, die es vielleicht gerne tun, werden dann
abschließend bemerken, daß die expressionistische Schule weiß Gott zum
ersten Male wieder ihr verfluchtes Zeitalter mit Ja und Nein, aber verdammt
entschlossen, mit eiserner Konsequenz gespiegelt hat.
Es gibt drei Arten, seiner Heimat zu dienen. Erstens, indem man sie lobt,
um andere zu verkleinern. Das ist armselig und Gott nicht wohlgefällig.
Zweitens, indem man sie tadelt, um sie anzufeuern. Das ist mühselig und
undankbar, aber eine prächtige Aufgabe. Drittens, indem man sie aus ihrem
engen Gesichtskreis hinaushebt und, statt in ihrem nationalen Hader
ersaufen, an der Brust der Welt zusammen mit den anderen Völkern trinken
läßt. Das ist ein utopischer, aber der einzig praktische Gesichtspunkt. Man
wird ihn erst einsehen, wenn Europa sich so die Rippen aufgerissen hat, daß
erst der Sterbenden die Vision davon klar wird.
Die Nationalisten Europas benehmen sich wie die Kritiker, die
Shakespeare vorwarfen, daß seine Römer mit Hüten gingen, seine Schiffe in
Böhmen strandeten und seine Helden zu trojanischer Zeit den Aristoteles
zitierten. Sie sahen auf die Lächerlichkeiten und bemerkten nicht den Bau
des Leibes und die Schönheit ihrer Glieder und übersahen, daß sie, wie
Jupiter das Kind der Semele in seinem Schenkel eingenäht barg, den Genius
für die Welt in sich trage. In wessen Muskelsträhne aber glüht das noch
verborgene Herz, um heimlich zu reifen, und mit der Führerschaft eines
Gottes den Völkern einen Weg zu weisen, der sie aus ihren Trivialitäten in
ein helleres Freiheitsleben führe?
Die Expressionisten haben immerhin dahinaus zu gedeutet und die
Richtung einer ganzen Generation angegeben, während die Georgianer in
ihren Höhlen mit anmutig gepuderten Fingern ihre Silben zählten. Sie
haben sich mit ihrem Jahrhundert und seiner Sehnsucht gereckt, da ihnen
nun einmal schon nicht beschieden war, ihre Nation in die Höhe Der
Rittmeister de Boussanelle zu führen. Sie haben daher ihre Epoche mit allen
Furiosos geballt und sich ihr wieder entgegengestellt, indem sie die
Sehnsucht nach der Größe und nach Europa mit hineinnahmen. Bliebe
nichts, wäre das allein ein nicht entreißbarer Gewinn. Denn ohne Hingabe
und ohne Ziel wird nichts. Zu Möllenbeck an der Elbe nur steht eine
Holzfigur, die anzeigt, daß eine Frau ihrem gräflichen Gatten in seiner
Abwesenheit neun Kinder geboren.
O deutsche Tartüfferie, an die Wunder zu glauben, die niemals kommen
und die den blauäugigen Treuen noch nie erschienen sind. O deutsche

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Schwermut, die am falschen Orte jeweils traurig verneint und zu früh
verurteilt und die ablehnt, was ihren Sinn voll Helligkeit und ihr Gesicht
mit Größe gerne schmücken möchte. O deutsches Schicksal, das glaubt,
auch geknebelt und geschunden noch die anderen Völker besiegen zu
müssen, statt als Vorbild neuer Tugend ihnen hilfreich entgegenzukommen,
auch wenn die anderen vor Mißtrauen heulen. Europa wird durch
gegenseitige Zuneigung sein oder es wird nicht sein.
Der Rittmeister de Boussanelle erzählt in seinen „Observations
militaires“ von seinem zahnlosen Gaul, dem im Siebenjährigen Krieg die
anderen Pferde das Fressen vorkauten. Die Pferde Europas haben alle zur
Hälfte die Gebisse verloren und sind eines ohne das andere kaputt. Sie sind
eines ohne das andere verloren, wenn sie sich nicht helfen, statt sich die
Schädel einzuschlagen, und sie sind taub wie alte Türken, wenn sie aus dem
Furor ihrer neuesten Schule nicht die Marseillaise einer großen Sehnsucht
hören, die ihnen den Weg weist.
Dieser Marsch ist kein blaßsüchtiges Friedensgewinsel und nicht auf der
schlechten Assiette der verschrobenen Träumer geblasen, sondern ist der
hellste Claironklang nach allgemeiner Übereinkunft, eine Kriegsmusik der
Notwendigkeit, ein Orchester der funkelnden Vernunft. Und als Dirigent
eine Freiheitsgöttin mit starker Anmut und herrlichem Verstand.
James Watt, Solon, Europa Was bleibt jenseits all dieses Geschreis?
Eine Generation. Und dann? Das Ende.
Sterben?
Das tun wir alle. Aber nicht im Sinn jener Heuchler, die jeden Tod
vorzeitig ausschreien, um sich wenigstens einmal, wenn auch als Maden,
günstig zu präsentieren, sondern im Zeichen jener Jünglinge Kleobis und
Biton, denen ihre Mutter von Here das größte Glück erbat, und welche die
Göttin darauf, weil sie demütig und kühn ihr menschliches Werk vollbracht
hatten, als größte Ehrung neben dem Genius mit der gelöschten Fackel in
die bessere Heimat rief.
In der Tat, Mijnheer, Siebenzehnhundertsiebenzig hat James Watt den
Begriff der Pferdestärken aufgestellt. Das folgende Jahrhundert hat mit den
Maschinen die Welt umgepflügt. Fünfundzwanzighundert Jahre vor dem
größten Krieg Europas hat die Geschichte dieser beiden Jünglinge Solon
dem lydischen Krösus erzählt. Aber die Menschen haben noch nicht gelernt,
zur Zeit und mit der richtigen Haltung zu sterben, geschweige denn zu
leben. Sie umtanzen Europa im Kriegskleid mit Skalps und Kampfgeschrei

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wie die Indianer ihre am Marterpfahl aufgehängten Opfer und lieben in ihr
die Beute statt die Göttin.
Ach selbst die Aasgeier werden komisch, wenn sie verliebt sind und den
Foxtrott der Eitelkeit vor ihren Weibchen tanzen, die Ibisse machen wilde
Verbeugungen und die Pelikane kreischen lärmend und wackelnd auf einem
Bein im Kreis herum. Der beste Cavaliere servente der Menschheit ist
immer die Dummheit gewesen. Man kann sich vor dem Schlafengehen
damit trösten, daß sie, wenn sie nicht verbrecherisch wird, von teuflischer
Komik sein kann. Man kann sich damit trösten, wenn man genug Humor
hat.

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Die achte Nacht

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D ie achte Nacht, Mijnheer. Der Mond hat sich
Es riecht nach Frühling
hochgebracht, es wird eine kurze Nacht sein. Das Zastler Loch
leuchtet silbern mit seinen Lawinen. Das Herzogenhorn biegt sich wie
ein Skalpell in die metallne Nachtluft. Der Mond hat den ganzen weiten
Kessel nach der Grafenmatte voll Licht gefacht. Es riecht nach Frühling,
Mijnheer, das Leuchten schwimmt gleich Wolken immer dichter über die
Fichten des Zeicher-Bergs. Die Sturmböen sind zerbrochen. Man wird die
Sonne bald steigen sehen über den Krähenscharen. Der Schnee kommt
morgen zum Stehen. Das Tief fließt nach Süden und überschwemmt den Po,
überflutet Sizilien. Das Hoch kommt zu uns von Norden voll Fahrt mit blau
gebogenem Segel.
Die Wächte zittern schon violett gespenstisch unter dem Umsturz der
Atmosphäre. Das Filigran der plötzlich entschleierten Buchen, die
Palmwedel der Edeltannen, die zarten Kronen der Weiden deuten den
Telegraphenstangen nach, die mit weißen Feuerkränzen umspielt nach der
Ebene laufen. Schon wittern die Tiere, daß in der Luft etwas zerbrach, die
Pferde stampfen unruhig mit glänzendem Fell, haferprall und nervös vor
Kraft, die Kühe brüllen die ganze Nacht, obwohl die Ställe noch unter den
Riesenflügeln der Schneewehen schlafen. Der Schneepflug wird durch den
Wald in das Tal hinunterstampfen, die Schlitten werden folgen, bis der
Frühling sich ihnen entgegenbäumt.
Am achten Tag, Mijnheer, schuf Gott die Wiederholung, er repetierte
seine Lektion der Schöpfung, und die Erde lief zum zweiten Male durch
seine Hand. Da sie seine Idee trug, war gesorgt, daß sie in jeder Spule neu
blieb. Was tot hinfiel, blieb tot und diente dem Neuen. Was sich halten
konnte, blieb am Leben, es war für Langeweile kein Platz. Die Tiere
schufen sich neue Gewohnheiten in den wechselnden Klimen, starben mit
der Eiszeit, wuchsen heroisch in das tropische Zeitalter, bequemten sich in
die kleinliche Mittagszeit Ach die Haustiere der Literatur . . . der Erde, und
veränderten nicht ihre Natur und die Tradition ihrer zoologischen Klasse.
Träumte ein Tiger, war es von Antilopen, träumte ein Schwein, war es
von Trebern. Ach, nur die Haustiere der deutschen Literatur haben es fertig
gebracht, einen erhabenen Traum zu träumen, denn sie träumen von
Gottfried Keller, obwohl der Betreffende schon lange im Schweizerischen

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verstorben ist. Sie träumen nicht wie die interessanteren Rassen ihrer
Zeittiere von barocken Jagdrevieren und mörderisch schönen
mittelalterlichen Bissen, sie träumen nicht den Traum, den alle guten
deutschen Raubtiere immer träumten, die Haustiere der deutschen Literatur
schlingen den „Grünen Heinrich“ immer wieder durch die Zähne und halten
es für verdienstvoll, daß sie einen besonders deutschen Traum damit
träumen.
Sie sind hochmütig wie alle ungefährdeten Geschöpfe, weil sie einen
besonders deutschen Traum zwischen den Zähnen haben, und halten sich
für überlegene Geschöpfe, weil an ihren großen Stall die Raubtiere nicht
herankönnen. Sie wissen nichts von der Welt, sie ahnen nichts von der
Geschichte, sie zittern nicht vorm Umbruch der Historie, sie sind von ihrer
Tiefe und Mission so heftig überzeugt, daß sie nicht merken, wie sie den
oftmals wiedergekäuten Klee fast schon wie Häcksel kauen. Sie ehren
lediglich von früh bis spät ihren Meister, sie haben ihn überall bei sich, auf
der Zunge, im Magen, im Bett und im Gemuh. Sie ehren ihn so grenzenlos
wie die Japaner ihre Toten.
Aber sie wissen nicht, daß sie einen Gestorbenen anbeten, einen
erledigten Traum träumen und einen verdorbenen Klee wiederkäuen. Ach,
es gibt keinen abscheulicheren Geruch als den von verdorbenen Blumen
und versauerten Idealen.
Ach, nun wurde gemuht und gebrüllt und getrampelt und mit dem
friedlichen und sanften Samstag-Abendglockengeläute eine Diktatur nicht
der Macht, wohl aber ein Terror der Gefühle erregt, der bald alle
Hausbesitzer mit ergriff, Keller — Epigonen die sich nicht bedroht fühlten
durch diesen Aufstand der Haustiere, da er in temperiertem Sinn und mit
bürgerlicher Empörung entstand. Die Hausbesitzer fürchteten nicht diese
Tyrtäen des Gemuhes und zitterten mit vor Vergnügen, wenn die Tiere, die
Gefühlstiefen ihres Meisters wiederkäuend, grollend gegen alle neuen
Melodien knirschten. Es gibt ein Savoir vivre nämlich der Haustiere, das
bestimmte, der deutsche Roman habe breit und klein ausgemalt zu sein,
habe langsam und voll Gemüt sich zu entfalten, bedürfe der Schnelligkeit
nicht als einer Erfindung des Teufels und kreise am besten um die guten
Bürgerstuben und nahe dem Schicksal nur mit dem Grausen der Religion.
Ach, wie war man erbittert und wie schwoll das nächtliche Wiederkäuen
vor Erregung, als bald jene, bald diese von anderen Dingen träumten
draußen und der Schall davon hereinkam, wie konnte Heinrich Mann besser

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sein als Ricarda Huch, wie konnte ein gewisser — Schickele? — wagen,
mit Berufung auf Gottfried von Straßburg zu zeigen, ein deutscher Roman
sei kühn und schlank. Ein Bursche, frech wie Dreck, gewisser Sternheim,
bemühte sich, die Ideale der Ställe durch seinen rassenfremden Kakao zu
ziehen. Die würtembergischen Haustiere bekamen Kolik fast an ihrem
Grünen Heinrich und die bayrischen, an ihren besonders robusten
Diphthongen kenntlich, obwohl sie schwarz-weiß gefleckt waren, bekamen
rote Adern in die großen Opalaugen, da sich eine festere Opposition für
ihren erhabenen Traum nicht schickte. Sie wußten nicht, daß die
gesellschaftlichen Revolutionäre, die sie in den Expressionisten witterten,
gar nicht ein feudaler Klub zu ihrer Abwürgung waren, sondern daß diese
neuen Tierrassen sich untereinander kaum kannten, sich nicht schätzten
oder haßten, und daß die Natur nur eine Notwendigkeit vollzog, indem sie
soviel verschiedenartige Kreaturen zwang, in einer Richtung ihre Fährte
und in einer besonderen gleichen Elastizität ihre Schwungkraft zu nehmen.
Der Traum Die Expressionisten träumten lediglich die Träume, die alle
Tiger und alle Stiere geträumt hatten, nämlich das Kühne und das
zweckmäßig ihrer Natur Entsprechendste zu erreichen. Sie träumten
denselben Traum wie ihn von Caesar bis Stendhal alle jene Menschen auch
träumten, deren Typus sich in der Entwicklung ihrer Freiheit so sehr den
erlesenen Tierrassen angenähert hat, daß jedes dieser Menschengesichter
einem Tiergesicht gleicht. Sie bewegten sich mit ihrem temperamentvollen
Traum so heftig in den der Haustiere hinein, daß über ihren Spektakel eine
der badischen Kühe sicher an ihrem Keller erstickt wäre, wenn er nicht ein
Traum, sondern ein reales Futter gewesen wäre.
Aber sie hielten in ihren Ställen, obwohl die ganze Tierwelt lachte, daran
fest, daß die schlanken und feurigen Vorstellungen des Teufels Exzesse,
aber die Orgien der Langeweile des Himmels schöne Segnungen seien. Sie
hielten wiederkäuend daran fest und es roch nicht gut nach verblichenen
Idealen, wenn sie das bedachten.
Am achten Tag der deutschen Literatur erschienen tatsächlich immer
wieder deutsche Dichter in den alten Kostümen mit dem Vermerk, sie gäben
auf ihr Leben nichts, auf ihren Anzug alles. Die prächtigsten Leute standen
da und hielten wie einen Konfirmationskranz ihren Traum fest in der Hand.
Vor so viel Hartnäckigkeit erbleichten selbst die Theosophen und
verwandten in Herrn Steffen dieses Zurückerinnern an eine Vergangenheit
für ihre Zwecke und schlangen in der gleichen Aufmachung ihre

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Erinnerungen an siebenundachtzig vorhergelebte Leben durch den
Jahrhundertschlauch geschlossenen Auges, tränenden Mundes in die Brust.
Am Rhein lediglich, neben den Dampfern und kleinen Segelbooten
zwischen Emmerich und Koblenz, gab es einen frischen Schuß Rebensaft
und niederdeutsche Herbe dazu und wurde überzeugend bei dem
wundervollen Schmidtbonn, rührend manchmal bei Eulenbergs
pokulierender Schwärmerei. Suche nach Nazarenern Hesse gab dazu den
Anstand künstlerischer Gesinnung und brachte es über die innige Klarheit
von Kindererinnerungen schon an das Russische heran. In Wilhelm Schäfer
bog sich’s vor männlicher Kraft und böser Unzufriedenheit über den
mangelnden Applaus der Zeit. Der großbürgerliche Hans Sachs entstand in
Thomas Mann, der in bieneneifriger Putzarbeit alle Ideale einer schon
verblaßten Zeit noch einmal sammelte in einer Sprache von wahrhaft
dekadenter Würde.
Paul Ernst und Wilhelm von Scholz schossen einige Spritzer Renaissance
hinein, und es war anmutig zu erblicken, wie scheinbar blutüberströmt der
Traum nun in Paul Ernsts Borghese-Kiefern hing, und als er ihn herausgab,
war’s wieder nur gekauter Klee. Wilhelm von Scholz umgab seinen Kopf
mit Weihrauch, die mystischen Epochen schienen auf den Bergen zu
glühen, allein den Traum umwölkte nur ein Kohlenbecken, es war so sehr
Winter in den Ställen geworden, daß man sogar den Traum zu heizen
begann.
Im Augenblick, wo der Expressionistentod von allen Interessierten
ausgetubat ward, wollte man auf diese Hüter des klassischen Troges
zurückgreifen, aber das Malheur war auch dem Blinden deutlich und man
fing eine Razzia an nach neuen Träumern. Ach, es hatte niemand gekalbt
und man war in Verlegenheit, weil schon ein langweiliger Jüngling
vorausgeschickt und in die Toga gesprungen war und für die lammfromm
gewordenen Simplizissimusleute eine Literaturgeschichte „auf klassisch“
geschrieben hatte. Die Fallen waren aufgestellt, die Mäuse fehlten.
Zum Glück beendete Albrecht Schäffer seine Kriegsgedichte homerischer
Form und gab ein paar Bücher Prosa, man hatte den Papst. Die Parfüms
stimmten zur weichlichen Haltung. Das Buch „Montfort“ erlaubte sogar die
romantische Abschweifung zu E. T. A. Hoffmann, die Linie von Keller über
Baudelaire und die Romantik zum überklassischen Keller ward in die
Stallwand eingeritzt.

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Gyrodactylus elegans Als der Jüngling zum Turnier erschien, hielt er Flacons
in der Hand, hatte keine dramatische Lanze, sondern den lyrischen Tonfall
der Kastraten, ein Mischling zwischen Dorian Grey und Pierrot erschien auf
einem Pferd, dessen Mähne gemalt, dessen Schweif eingesetzt war, dessen
Trab eine graue Demaskierung der Langeweile wurde und dessen Reiter, als
ihm der Küraß abfiel, mit seidenem Pyjama bekleidet nach seinem
Bademeister schrie. Ach, der Papst war verloren, die Schlacht vorbei, der
Überwinder nur ein fesches Gerippe. Es wurde stiller in den Ställen, obwohl
das Kauen nicht nachließ, man wartete auf bessere Zeiten, nur Paul Ernst,
der plötzlich blau und weiß gefleckt war, zerriß die Kette, sprang brüllend
hinaus und gab mit Getöse vor, ein Stier zu sein, während es offensichtlich
war, daß davon nicht die Rede sein konnte.
Es zeigte sich immer mehr, daß der Traum härter war als Eisen, stärker
als die Lächerlichkeit und mit jener Tarnkappe versehen, die nicht zu
dekouvrieren ist. Er scheint wie der ewige Jude ein ewiges Alter erreichen
zu wollen und nicht aussterben zu können wie der Gyrodactylus elegans,
der an den Kiefern der Karpfen schmarotzt, ein Junges im Bauch hat, das
bei der Geburt sofort ebenfalls gebiert usw. Gäbe es nicht eine
geheimnisvolle Gegenwirkung, müßte die Welt bald lediglich aus
Gyrodactylen und Kellerträumen bestehen. Sie würden sich in die Erde
teilen, wahrscheinlich mit Erfolg und ohne Endkampf. In San Antonio in
Texas ist ja bereits eine Ehe zwischen Katze und Klapperschlange
beobachtet worden.
Südlicher an der Donau war man homöopathischer in der Ernährung und
schob zwischen den Klee noch Psychologie, Rokoko und Geschnaas in den
Rachen. Es wurde ein graziöser und wahrlich österreichischer Traum. Es
ward ein Traum aus dem Wiener dritten Bezirk und aus dem Cottage, man
trabte mit ihm durch den Prater, man lehrte ihn lachen, sogar das Gemuh
ward ein zartes Gewieher, man In Wien stand nicht bös und wiederkäuend in
den Ställen, da hingen in den Spiegelsälen Erzherzoginnen, die Bilder der
Maria Theresia, des männertollen Prinzen Eugen, der langnasigen
Habsburger.
Da spiegelte sich plötzlich bei Schnitzler, Hofmannsthal, Beer-Hofmann
das Land, der Staat, die Gesellschaft, die gerade in ihrem besten Charme
zwischen den Maschinen erwachte, als es schon aus war. Wassermann hat
ihnen ein großes Fresko geschrieben, Stefan Zweig ihre Müdigkeit
melancholisch belächelt, Salten, Auernheimer, Zifferer haben ihre eleganten

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Scherze aufgeschrieben, ja bis zur Operette hat mit Geist und Anmut Herr
Lipschitz sie getrieben, auch die Unterhaltungsbücher bekamen manchmal
dichterisches Arom. Selbst Soykas Kriminalromane deuteten mit Wehmut
die Präzision der neuen Zeit in ein wehmütiges Finale.
Hofmannsthal dunkelte den Weltschmerz Mussets in die tiefträumerische
Eleganz eines sterbenden Volkes. Schnitzler hat das Lachen auf dem
Operationstisch seziert, Altenberg den Clown dazu gespielt. Den Shimmy
pfeifend, Walzer taktierend ging der Traum in Wien zur Guillotine. Selbst
im Sterbelächeln war Blut in seinem Gesicht, war Anmut, die verkörperte
und repräsentierte in jeder Bewegung. Es war nicht das Kostüm mehr, nicht
die schlechte Laune Unzufriedener, nicht der kindisch festgehaltene Kranz
in der Hand. Es war das Ende eines Volkes, es war die trüb und erlesen und
köstlich gewordene Erinnerung einer Nation aus den Jahrhundertfalten
herauf. Hier stand Gesellschaft noch einmal mit aller Würde auf und
verging.
Wer Bienen züchtet, weiß, daß die Kreuzung von Königinnen
italienischer Abkunft mit Hummeln aus Zypern Bienen ohne Stachel ergibt.
Schon in Wien hatte der Traum die Schleife an dem spitzigen hebräischen
Intellekt vorbeigemacht, obwohl fast alle, die sein Gesicht füllten, Juden
waren, in Prag kam er in die seltsamste Mischerei. Bebend vor Intellekt,
schöpferisch wieder von slawischer Durchdringung, In Prag dunkel von
deutscher Schwere, so ward er bei den Tschechen balkanisch aufgezäumt.
Das Jüdische verlor seine Schärfe, das Slawische gab den Akzent, das
Deutsche nahm das Resultat auf seine breiten Schultern.
Das war nicht mehr Gemuh, das war nicht mehr das Gesicht eines
Volkes, das war der Gonfaloniere eines geistigen Kreuzwegs, ja fast der
nationale Ausdruck einer internationalen Horde von Gehirnlern und
Literaten, mit viel Anmut, mit bestechender Klugheit, teils am Jordan, teils
in Zürich, vielleicht auch in Saloniki zu Hause. Mit der einen Hand bei
Keller, mit der anderen bei Dostojewski. Von Meyrinck über Pick und Brod
zu Kafka gab es eine Verschärfung, der Stachel fehlte zwar, aber die
Verdichtung kam nach dem Expressionistischen hin. Der zärtlich und
unirdisch denkende Melchior Vischer trat, deutsch schreibend, als
Wortverdichter neben den blinden Oskar Baum. Bei Ernst Weiß, der zuerst
die Wiener Weise weicher geträumt hatte, erreichte ihr Roman eine
verzweifelt starke Aufbäumung, bei Werfel ihre Prosa schon legendären
Gesang. Ach, man war hier weit von den großen Ställen, die Haustiere

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waren im Süden von anderer Facon, Freudsche Theorien, Analysen
vorgelebter Nerven, Mythisches vom Euphrat und Medizinisches spukten
durch den Traum. Er hatte sein Gesicht, auch seine Breite, auch manchmal
sein Tempo behalten, aber man kaute ihn nicht wieder, man durchsprengte
ihn mit Klugheit, mit asiatischer Grazie, mit ungewöhnlich neuen Turnieren
reizte man ihn zu Gangarten, die er nicht kannte.
Es war eine abscheuliche Bastarderei, aber sie hatte Rasse. Mit dieser
Kreuzung band der Traum sich endlich auch an Rußland. Schon der
Alemanne Hesse hatte dahin gedeutet, als die Kriegsschatten über seine
bewundernswerten Idyllen fielen. Sogar die Mondänen kamen unter das
Kreuz dieser Richtung. In Bruno Franks schwächlichen Erzählungen
schreien manchmal die Brüder Karamasoff, in Leonhard Befruchtung durch
Deutsche Franks gewaltigen Büchern gegen die Kriege flammt
Dostojewskische Inbrunst sich zu zerstören. Der immer dichterische
Kornfeld hat manchmal den Schatten Tschechows im Auge. Der beste
Schilderer erotischer Atmosphäre, halbgeschlechtlicher Übergänge, des
Genußdufts der Zeitoberschichten, Wilhelm Speyer, stößt auf Tolstoi und
muß, während er verzweifelt raffinierte Wollust saugt, in die tiefste
Tragödie hinein. Das Schicksal hat in ihm den gekreuzigten Bankert
zwischen Weltlichkeit und tiefer Qual gemacht. Der Traum bekommt bei
ihm einen süßen und makabren Reiz, den Glanz der Untergänge, das
Gesicht des byzantinischen Hermaphrodits . . . . . .
Gesattelt, geritten, gezäumt war der Traum in die Welt hinaus gekommen.
Er bog sich in Wien in der tödlichen Schönheit eines nationalen Untergangs
wie venezianisches Glas oval und verwirrend zurück. Gab in Prag eine
Oase fast zwischen den Völkern, durchdrungen, geknetet, durchsüßt und
geschliffen von Händen, Hirnen, Wassern der an Asien schon tief
anschlagenden Nationen. Wohl in Deutsch, aber übernational schon über
Europa hinaus gebracht, von dem ungeheuren Grimassieren russischen
Geistes nach dem Großen Ozean gezogen, südlich durch die vermischten
Kulturen der frischen Balkanstämme vom Mittelländischen Meer gespeist,
so blieb er draußen in der Welt als deutsche Befruchtung.
Ach, die Haustiere der deutschen Dichtung murrten über diese fremden
Menagen, ihre nationalsten knirschten wie jener Platen, der aus Angst vor
der Pest bereits in den Hades floh, ehe sie ihn überhaupt hatte, so gut es
ging zwischen ihren Reibzähnen: „Laubhüttenpetrarke, Synagogenstolz“,
aber es war der alte Klee nur, der sie hörte, es roch nach alten faulen

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Idealen, es störte niemand, daß ihre Glocken schwangen, sie waren langsam
in das Pianissimo des Wiederkäuens gefallen.
Nur Paul Ernst versuchte wie ein Stier zu brüllen, weil einige mit dem
Traum ausgerissen waren, exotische Gegenden Paul Ernst zu entdecken. Der
männliche Luxemburger Norbert Jacques, Willi Seidel hatten ihn
mitgenommen, als sie auszogen nach der alten germanischen Weise und in
den Spuren der Gerstäcker, Sealsfield, Heinse, Wieland. Herr Klabund hatte
die Expression dabei in die eine, die fahrende Schülerweise in die andre
Hand genommen, schrie ein pazifistisches Pamphlet und trabte einen
Militärmarsch. Er trabte mit den Füßen einen Militärmarsch aber scheinbar
ins feindliche Ausland, wie man in den Ställen behauptete, und Paul Ernst,
der plötzlich schwarz-weiß-rot gefärbt war, vergaß sein
Renaissancegemetzel, vergaß seinen blutigen Traum von Italien und
überschrie ihn mit dem Trutzlied rechtsbolschewistischer Reaktionäre.
Ach, er versuchte, den Kobold des Traumes wie ein Stier zu überbrüllen,
aber es war ja kein Stier, wie jedermann sich mühlos mit den Augen
überzeugen konnte, und der Kobold, den er verfolgte, neckte ihn, bis er mit
Tränen in der Brille an der Statue der Diana zusammenbrach. Schon Darwin
beweist bei manchen Krustentieren, daß vollkommene und ausgebildete
Lebewesen dieser klassischen Gattung dennoch niederer organisiert sein
können als ihre Larven. Die klassischen Krieger am Fries des Dianabildes
streckten sich vor Wonne in ihrem Muskelnetz über diesen vollkommeneren
bebrillten Epigonen. Ach, aber selbst dieser Fall verhinderte nicht, daß die
Haustiere der deutschen Literatur den erhabenen Traum weiterträumen und
den Grünen Heinrich ohne Ablaß durch die Zähne ziehen, obwohl sein
Verfasser schon lange im Schweizerischen verstorben ist . . . . . . .
Es möchte scheinen, Mijnheer, ich spotte über Gebühr und beschädige
am achten Tage die Reserve, die ich mir auferlegte, sowie die Zuneigung,
mit der ausgezeichnete Menschen an diesen Träumen hängen. Wahrlich, ich
kenne ihren Wert und ihren Sinn und weiß manchen ihrer Dichter an einem
ausgezeichneten Platz der Verehrung, aber es bricht mir ins Herz ein, wenn
ich das Muhen der Haustiere Balder und Loke höre, die die alten Melodien und
die hilflosen Tonleitern einer Vergangenheit blasen, welche uns nichts
helfen. Ich weiß mich doch wirklich glücklich, wenn ich irgendwo im Park
der Dichtung Ansätze an gute Tradition und deutsches wahres Wesen
entdecke, aber ich kann den Spott nicht zurückhalten, wenn ich die

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Zeremonien beobachte, mit der gesalbte Prediger immer wieder ein
verdorbenes Gerippe in den Frühling tragen.
Ach, der deutsche Frühling hat nichts gemein mehr mit den Gefühlen
jenes erheblichen Meister-Dichters aus Seldwyla, und dessen Knochen sind
nicht seine Bausteine und seine Asche ist nicht sein Same. Ist es nicht
schelmenhaft, wenn die Haustiere den Stil eines großbürgerlichen Mannes
wiederkäuen, aber vorgeben, das Gesetzbuch der deutschen Erzählung
damit auszuposaunen, wenn sie die Nation meinen und eine alte Leiche
unter ihren Hufen herausstampfen? Einmal müßten, verdammt, auch die
bequemsten und faulsten Tiere in den Aufbruch kommen, der sie aus den
dumpfen Ställen in die Freiheit führte und aus der Blindheit in das Licht. Ja,
ich fürchte nicht, daß die Einäugigen gefährlich werden, aber ich habe
Angst vor den Nichtsehenden, weil sie nicht zu erlösen sind.
Ich entsinne mich zu gut, daß auch Balder, der Lichteste der Götter vom
blinden Höder mit einer Mistel getötet wurde, die ihm der unheilvolle Loke
reichte. Ich weiß zu gut, wie die Götter über ihren Liebling klagten und daß
seine schöne Geliebte daran starb. Und ich kann mir nicht verschweigen,
daß ich den Balder ohne Rückhalt liebe, aber den Loke hasse, daß aber der
Dämon des Bösen sich immer der Ahnungslosen bedient hat, um ins Unheil
hineinzuführen. Adler und Schwalben haben seit jeher mit einer Armee von
Blumen in jeden deutschen Frühling hineingeführt, aber nicht das grämliche
Muhen der Haustiere, die den Frühling zu beherrschen glauben und meinen,
die Welt vermöge infolge ihres erhabenen Traums nicht aus ihren
mahlenden Zähnen zu fallen.
Nebeneinander der Leidenschaften Nein, ich spotte nicht aus Übermut oder aus
zornigem Vergnügen, sondern ich schüttle den Bann wie jeden Alpdruck
heftig in die Sonne, daß die Motten aus seinem alten Pelze fliegen. Denn
ich liebe den alten Keller mit aller Herzlichkeit seines eigenen Gemütes,
aber ich kann nicht sehen, wie seine Nachahmer ihre schlechten Schellen an
seinem Wagen tragen. Ja, ich weiß auch, daß der Spott nicht schadet und
mit jeder guten Sache sich zu messen in der Lage ist, und daß nur die
steifbeinigen Kühe und die ergrimmten Ochsen ihn nicht ertragen können
wie die helle Sonne, die sie wütend macht.
Ja, ich gestehe auch, Mijnheer, daß es Dinge gibt, die man liebt und die
man zu gleicher Zeit verwerfen muß Haben Sie nie geschwelgt und zur
gleichen Zeit verdammt? Ist es nie so gewesen, daß Sie das Herrliche
bewußt vorüberziehen ließen und mit den Mäusen sich ergötzten? Ach, man

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ist nicht einerlei, man ist zweierlei gebaut. Ich bin verantwortlich für die
großen Linien und für die Urteile und ich schneide die Staffeln in Stein oder
ich schmeiße das Zeug hinaus. Was kann ich für meinen privaten
Geschmack jenseits dieser Dinge? Ich lehne die Bücher des Thomas Mann
ab aus guten und vielen Gründen, aber ich lese sie gern, ich liebe sogar den
„Tod in Venedig“. Ich amüsiere mich schief über den Pierrot Schäffer, aber
ich liege die Nacht schmökernd mit seinem gespenstischen „Montfort“. Ich
durchschaue den Schwindel, aber ich bin verliebt in ihn.
Ist es Ihnen nie mit Frauen so gegangen, daß am stärksten Sie reizte, was
unbedingt das Unmöglichste war? Gott hat die Natur und die Dinge oft im
Spiel seltsam zueinandergestellt, er will, daß man die Süßigkeit und die
Klarheit, aber auch den Widersinn seiner Schöpfung erkenne. Seine
Methoden sind oft von erlesener Laune, ja sie sind verrückt. Ein Coenurus
zum Beispiel, der haselnußgroß im Hirn des Schafes wandert, zwanzig
Köpfe aus dieser Blase herein- und herauszieht, das Tier an Drehkrankheit
zu Der Coenurus Grunde dreht, ein Coenurus zerfällt, von einem Hund
gefressen, in seinem Darm, nur die Köpfe bleiben übrig und erzeugen soviel
Bandwürmer, als sie Köpfe waren, und deren Eier, vom Schaf mit dem Gras
gefressen, durchwandern wieder bis zum Exzeß des Drehens des Schafes
Hirn. Ja, sie sind verrückt und absonderlich die Umwege der Vorsehung und
man kann nichts sagen über solchen Kreislauf, als er habe einen Sinn, den
uns nichts erleuchtet.
Unsterblicher Brummell, unter allen Dandyparasiten der Literatur (die
ihrer Lustigkeit halber nicht alle wie jenes bekannte Polystomum
integerrimum in die Harnblase des Frosches verbannt gehören) erinnere ich
mich gern eines der amüsantesten Typen der Literaturlebewelt, jener
Primadonna aller Ausstellungen und Premieren, des Königlichen
Regierungsrates von Wedderkopp, der nicht den Weg vom Hirn in den
Darm, sondern den umgekehrten einschlug. Fest entschlossen, sich über
alles bis an sein Lebensende zu mokieren, begann er kritisch immer von
hinten nach vorne zu gehen, schrieb über die Kostüme der Leute, deren
Gesinnungen er besprechen sollte, machte den Damen den Hof, die er zu
verreißen beabsichtigte, griff die Reisekoffer seiner Freunde an, deren
Stücke er zu loben hatte, schwärmte, da er im Krieg die Butterverteilung
der Stadt Brüssel in seiner männlichen Hand hatte, für kriegerische
Tüchtigkeit nach den Revolutionen und schrieb mit Vorliebe, da er
konservativer Natur war, für bolschewisierende Käseblätter.

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Ja, Mijnheer, man kann etwas lieben und kann es gleichzeitig vernichten,
man kann in Deutschland seine Geliebte sehen, aber man kann die falschen
Kränze auf ihrer Stirn und die schlechten Seiden ihres Kleides verspotten.
Man muß nicht, wie jene halbgefranzte Goldschnittausgabe des seligen
Dandy und Freundes Eduard des Siebenten, Brummell, immer auf die
andere Seite fallen müssen, denn der Schein der Überlegenheit ist nur die
Waffe des Snobs und die Maske des unsicheren Gentleman.
Das Leben marschiert Aber man muß entschlossen dabei sein, auch über alle
Kreuzwege hinaus, über sich selbst und das bißchen private Ergötzung, über
unsere Leidenschaft und Glut hinaus, das Ziel im Auge behalten, und wenn
die Perücken von heiligen Häuptern vielleicht sogar mit den Köpfen selbst
herunterfliegen.
Am achten Tage der Schöpfung wurde auch Gott unerbittlich und schuf
die Tragödie, um die Welt zu reinigen und zu bessern. Am achten Tage
unseres Zusammenseins hat der kühle deutsche Mond sich auf die
Schwarzwaldspitzen gesetzt, und es bleibt keine Falte, kein Hauch in diesen
Lichtkavalkaden verhüllt. Am achten Tage nahm der Tod der Margarethe
von Valois, Königin von Navarra, die, aller Sprachen kundig, des ersten
französischen Franz ungewöhnliche Schwester, das Dekameron des
Boccacce ins Französische transponieren wollte, am achten Tage der
Erzählungen, in denen die ganze Welt schwimmt, nahm der Tod ihr den
Stift.
Er nahm sie weg von der zweiundsiebenzigsten Erzählung, darin, launig
aber auch teuflisch, doch nicht mißzuverstehen, erzählt wird, wie beim
Einsargen eines Toten ein neuer Mensch gezeugt wird. Ja, das Leben
marschiert, es marschiert mit klingendem Spiel auf der ganzen Linie. Ach,
ich fürchte nur, den erhabenen Traum der Haustiere wird es nicht
unterbrechen, selbst wenn die Schellen ihnen unter den ehrwürdigen Nasen
wie die Tanzschritte des Lebens klingen.

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Die neunte Nacht

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U Europa und ihre Musen nd Europa? Ihre genialste Laune war das Rokoko,
wo sie die zänkischen Musen, unter welche sie (wie Venus an die
Amouretten) ihre Gouvernements verteilt hatte, in einer festlichen
Heiterkeit vereinte. Sie hatte hier ein Lächeln begonnen, dessen Anmut die
Abgründe ihres Wesens ahnen ließ, aber nicht enthüllte. Und sie hatte eine
Leidenschaftlichkeit in ihren göttlichen Wuchs gerufen, deren Kraft sich
hinter ihren graziösen Spielen versteckte.
Es war ein reizender Spätsommer der Musen, als sie um ihre Göttin sich
zum letzten Male harmonisch vereinten, graziler fast noch als der herbe
Frühling ihres Beginnens.
Schon immer war ein großes Wandern ihrer Sendboten gewesen, und ihre
Auserwählten hatten ihre guten Gedanken, die sie mit den Kaprizen der
Frau ausgab, in die ganze Windrose geführt. Holbein sowie der van Dyck
haben ihre Farben nach der britischen Insel getragen. Irische Mönche hatten
seinerzeit den Urwald des mittleren Deutschland gesäubert und die
Karolinger unterwiesen, Buchstaben mit Vollendung zu malen. Grünewalds
Töne, Dürers Art hat erst Italien vollendet. Bambergs Plastiker zogen nach
Reims und studierten den Dom, ehe sie den ihren begannen. Der schöne
Lionardo gab den Franzosen eine andere Linie ihrer Architekturen.
Rembrandts Chiarobscuro hat man im Süden erfunden, jüdischer Geist aber
hat sich in seine Bilder hineingezogen. Arabisches wanderte durch Granada
nach Italien und über Frankreich in die Musik der besten deutschen
Dichtung. Was war Wieland ohne die Franzosen, Schlegel ohne die Briten,
Klopstocks „Messias“ ohne Miltons „Verlorenes Paradies“? Das italienische
Porträt der Renaissance, ihre schönste musikalische Erhebung in Palestrina
kamen aus den Niederlanden. Die Deutschen gaben den Tschechen von
ihrer Dichtung, den Italern den Holzschnitt. Wie die Bienen, aber auch wie
die Wölfe waren die Sendboten geflogen. Selbst die Eau de Europa, Würzburg,
Goethe, Napoleon Cologne, das Modeparfüm des Rokoko, war von einem
Italiener erfunden.
Ja die Luft selbst hatte damals zwischen der Abendröte ihrer
Springbrunnen und Bosketts etwas vom Arom eines Duftes, der wie das
kölnische Wasser zugleich erheiterte und erregte. Hier stand Europa noch
einmal nach all den vergangenen Besuchen und Kämpfen und Balgereien

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der Musen mitten in einem Konzert, das sie alle vereinte und das halb auf
der Flöte geblasen, halb von einem unterirdischen Donner gespielt ward.
Die Deutschen bauten der Göttin Europa damals ein leidenschaftliches
und ihr schönstes deutsches Denkmal. Sie bauten mit ergriffener Wucht und
raffinierter Andacht die fürstbischöfliche Residenz in Würzburg, und mit
dem Niederländer Auwers, dem Pariser de Cotte, dem Deutschen Neumann,
dem Schweizer Bossi, dem Münchener Zick, mit dem Tschechen Mika,
dem Tiroler Oegg, dem Venetianer Tiepolo waren alle Musen noch einmal
beteiligt. Sie beeilten sich später allerdings, in alle Verstecke wieder zu
fliehen und mit Pfeilen aufeinander zu schießen. Bonaparte, der letzte
Genius, suchte sie zu sammeln, indem er sie mit Kanonen erschreckte, denn
es gab für ihn kein anderes Mittel, Europa wieder zu finden, als die
mörderischsten Kriege.
Als er Goethe Belehrungen gab über seinen „Werther“, den er siebenmal
gelesen, und ihn bat, mit ihm nach Paris zu kommen und schöner wie
Voltaire einen „Cäsar“ zu schreiben, dachte er nichts anderes, als den besten
Trabanten der Göttin gefunden zu haben und von ihrer und seiner
Hauptstadt aus dessen Stimme über die Welt schallen zu lassen. Der größte
Europäer hatte den begabtesten Sendling Europas entdeckt, aber dieser
folgte ihm nicht. Während des europäischen Maschinenkriegs aber war die
Göttin völlig außer Landes gegangen.
Sie war völlig außer Landes gegangen, und acht Jahre nach der
Erfindung des Kreuzgases, sechs nach dem Versailler Die weiße Flagge der Kunst
Vertrag stehen die Musen noch um Deutschland an den Mitrailleusen.
Frankreich weist ihm die Tür, England übersieht deutsche Kultur, Amerika
ist sie kaum erwünscht. Von dort kommt kein Ruf nach der Göttin. Nie hat
der Schwaden des Hasses so sehr ihre Gefolgschaft getroffen, daß die
zänkischen Musen zu derartig tollen Unterleutnants der Rancune wurden
und das Gebiet des Geistes in eine Serie von Gefängnissen aufteilten, durch
die sie den Parlamentären der Kulturen nicht einmal den Durchmarsch
erlaubten.
Die weiße Flagge der Kunst, welche die Hunnen und alle Söldnerkrieger
der Jahrhunderte zu achten gelernt hatten, wurde von den toll gewordenen
Nationalisten mit allen anderen Fahnen der Humanität in den Staub
gerissen. Von unseren Büchern weiß man nichts, unsere Bühne mißachtet
man, unser Entgegenkommen höhnt man. Eine ausgestopfte Puppe mit den
Zügen der guten Viebig hat man im Reformkostüm an die Rampe des

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Gelächters gestellt und ihr zu Füßen mit einem Jodler und Tiroler Hut den
kleinbürgerlichen Bonsels pathetisch gelegt und mit Übersetzungen aus
ihren Werken als ersten nach dem Krieg statt mit Sauerkraut und Feldwebel
uns in Paris vor aller Welt so zu einem geistigen Mummenschanz
mißbraucht. Es ist kläglich, sich nach zehn Jahren Pause durch solche Gäste
vertreten zu wissen.
Ach, es ist nicht gut, zwar als Besiegter eine große Göttin immer noch zu
lieben, aber es ist schimpflich ohne Zweifel, als Sieger sich nicht vor ihr zu
verneigen. Es ist das Unglück, daß mit den sinkenden Valuten auch die
geistigen Kredite schwinden. Europa wird, wenn sie einmal wieder naht,
ihre Gefolgschaft nach Art der Bewohner von Sklavenstaaten in dritt- und
zweitklassische Kreaturen eingeteilt finden. Aber Deutschland, Mijnheer?
Niemals, zu keiner Zeit hat Europa eine bessere Gastfreundschaft als bei
den Rheingermanen gefunden. Während der Großmut der Deutschen Kriegsjahre
haben sie alle Freudenfeste der „feindlichen“ Musen nach alten Bräuchen
mitgefeiert. Fünf Jahre nach der Münchener Räterepublik schwimmt das
deutsche Theater unter den Schwänken der gallischen Possenfabrikanten,
Moliere und Shaw reichen sich wie während des Kriegs vor den Bildern
Calderons und Shakespeares die Hand, und alles Zeug, was Deutschland
schmähte, ist pardonniert und geliebt, soweit es begabt ist.
Suarèz durfte schreiben, wir fräßen Hunde . . . Verziehen. Claudel uns
gierig in das Bett des Prokrustes spannen, von Kopenhagen bis Berlin den
Friedensvertrag längen und kontrollieren . . . Vergessen. Kipling durfte von
Australien bis Indien die englisch redende Welt gegen uns schlimmer wie
eine Fuchsjagd hetzen. Francis Jammes uns verleumden. Alle, die einen
Kranz des Führers trugen und besser wissen mußten, daß wir nicht allesamt
eine Horde von Hyänen und ausgehungerten Wölfen seien, durften die
verächtliche Emeute jener Niedertracht anführen, die uns zu den
Hottentotten Europas erniedrigen wollte . . . verziehen, vergessen. Die
ganze Welt an unsere Brust! Zur gleichen Zeit, wo das siegreiche
Frankreich den Direktor des Theaters „Vieux colombier“ hängen, den vom
„Oeuvre“ schinden würde, wenn in ihren literarischen Versuchsbühnen ein
deutsches Stück gespielt würde, wo die französische Zeitschriftenkritik vor
Chauvinismus dampft, wo England uns die Pässe verweigert, Rußland kein
Interesse als an dem Aufbau proletarisch eindeutiger Kultur hat. Und wo
unsere Freunde in diesen Ländern ohne Macht gegen die Geschwader der

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Dummheit und in der Minderheit gegenüber den Steuermännern des Hasses
sind.
Der Dreißigjährige Krieg war eine Volksbelustigung der Kulturen gegen
diesen Wahnsinn. England, das den Kontinent zwei Jahrhunderte lang zur
Gesittung aufrief, schaut über den Ozean weg nur nach seinen Dominions.
Frankreich, das Europas Feldgeschrei führte, ist ein Land von irrsinnigen
Krieg oder Friede Schelmen der Freiheit geworden. Wohl tauschen im
nördlichen Dreieck der Pariser France, der Londoner Shaw, der Moskauer
Gorki shake hands der Internationale.
Aber Europa?
Ein Hohngelächter von Kiew bis Athen, von Prag bis Warschau ist die
Antwort. Ein Kichern des Schreckens als Echo vom hochvalutagedrückten
Haag, vom halbbankerotten Paris, ein Rattenpfeifen vom ängstlichen Zürich
als Untermelodie. Die Sieger der Weltwirtschaft sind in das gleiche Zittern
wie die Gestürzten gekommen. Mitteleuropa, pleite wie zur Zeit der
Assignaten, ein Geier, gerupft, aber mit falschen Krausen kachiert, sitzt
zwischen den Bajonetten der hochkapitalistischen Gallier und den Kanonen
der östlichen Kommune. Denn nicht nur Poincaré, auch Barbusse (seit er
auf Moskau schwur) ist der Krieg. Nicht nur die Kannibalen, auch die
konsequenten Buddhisten bedeuten Tod. Es unterscheidet beide nur (sehr)
das Motiv, aber das ist, wo es um Krieg geht, ohne Belang.
Denn Krieg heißt Vernichtung Europas, Friede aber bedeutet, daß die
Göttin vielleicht ihre Verstecke verläßt und zurückkehrt.
Sie wird auf dem Scherbenhaufen, und unter den bitteren Lawinen dieser
Epoche ihrer Regierung sich mit Wehmut der Zeit erinnern, wo die
zänkischen Musen um sie hemmungslos zwischen den Bosketts und
Springbrunnen spielten. Ach, es wird keine Flöte in das Konzert ihrer
Wiederkehr spielen, aber der geheime Donner von damals wird ein
abgebrannter Orkan sein, der ihr Land vereist hat.
Vielleicht aber wird sie nicht mehr zurückkehren wollen. Deutschland
wird aber nicht aufhören, nach ihr zu rufen. Seine besten Leute werden
nicht untergehen, ohne nach ihr verlangt zu haben. Bliebe es tausendmal
Utopie, es wäre ein schönerer Wahnsinn als der der Vernichter.
Ich weiß, wir haben am wenigsten Anlaß, schuldfrei uns zeigen zu
wollen, wir haben vor dem Krieg nichts gelernt, Nicht paktisieren, Mijnheer!
während des Mordens in schlechtem Stil Europa geschmäht, und müssen,
wo wir mit gereckten Armen nach ihr verlangen, das Peinliche erleben, daß

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sie im Umkreis in gutem Stil verlacht wird. Ich weiß, wir säßen in anderen
Wagen, wären unsere Rosse siegreich durch den Arc de triomphe geritten.
Der Staël antwortete einmal Byron, den eine verlassene Geliebte gerade
in einem Roman verzerrt hatte, auf ihre Frage, wie das Porträt ihm gefallen,
der neugierigen Staël antwortete der Lord ironisch: es wäre besser
ausgefallen, hätte er jener Lady Caroline Lamb länger zu sitzen geruht. Ich
weiß, es ist billiger, gefesselt, geknebelt Gerechtigkeit anzurufen, als sich
„audessus de la mêlée“ mit schönen Ideen abgeben. Ich zweifle aber nicht,
daß, „wenn wir länger Modell gesessen“ und die Champs Elysées mit
preußischen Pferden hinaufgeritten wären, die Stimme nach Europa in
Deutschland mit der größten Tapferkeit dennoch gerufen hätte.
Sie wäre mit den besten Munden und im besten Stil angestimmt worden.
Ach, daß Gott zu unseren Feinden gerade die guten und zu unseren
Freunden gerade die schlechten Trommler Europas machen mußte. Was
kann man tun, wenn einem alles verläßt?
Nicht paktisieren, Mijnheer.
Es lebe Europa.
Die Franzosen, die mit dem Marschschritt Europas einst zu uns kamen,
sind eigentlich immer eine Mischung zwischen dem Soldaten Gottes und
dem „comédien ordinair edu bon dieu“ gewesen. Ihr Herz stritt zwischen
dem Ideal der Sache und dem Ideal ihres Ruhms. Sie haben jeweils ihre
edle Exaltation mit den Bestimmungen ihres Rausches verwechselt und
zuletzt immer ihre eigenen Göttinnen erschossen, indem sie dabei das alte
Preislied für sie sangen.
Sie sind ein kriegerisches Volk, aber nur in der Einbildung, denn sie
haben nur Ruhm, aber keine Territorien je erobert. Sie sind hinter der
Marseillaise hergelaufen und haben schon preußischen Drill im Blut gehabt,
sie haben Europa befreien Französische Europäer wollen und haben es
geknechtet. Sie haben die Fiktion ihres martialischen Glanzes erobert,
während die unkriegerischen Nationen der Römer und Briten, indem sie
Baumwolle oder Christentum sagten, die Welt unterwarfen. Sie haben selbst
bei Stendhal und Suarèz den Vorbehalt, daß Europa nur sei, wenn
Frankreich sei, aber, schon indem sie es sagen, ist es nicht mehr eine
Bedingung, sondern es ist schon Gleichung: Frankreich ist, d a r u m ist
Europa.
Darum haben die Franzosen auch jene seltsame Fremdheit zu sich selbst,
die sie ihre Tugenden so preisen, sich an dem Wort „Franzose“ so

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berauschen läßt, während die Briten sich in ihren nationalen Gefühlen sehr
nah, fast mit der Kritik des besten Verwandten gegenüberstehen, obgleich
die Naturelle der beiden Völker umgekehrt sind wie ihre Fähigkeiten, sie
einzuschätzen.
Ein tapfrer Kämpfer Frankreichs für Europa sein, bedeutet darum mehr,
als in Deutschland brav zu sein, weil der Rheingermane nur seinem Gefühl
folgt, der Gallier aber gegen seine Empfindung erst europäisch wird. Der
Deutsche erfüllt seine Mission, der Franzose muß erst den Gallier in sich
erschlagen.
Wenn Deutschland sich Frankreich schrankenlos wieder öffnet, bleibt es
in seiner guten Tradition, und wenn es die „Feinde“ mithereinläßt, ist es
lediglich nicht empfindlich. Wenn die Franzosen das mißachten und für die
Fehler von Politikern und Kasten jetzt Europa büßen lassen, ist das ihre
Sache und eine infantile Vendetta gegen völlig Unbeteiligte. Wir ziehen es
vor, die Geliebte weiter zu lieben, auch wenn ihre Hunde und ihre Knechte
wütend die Zähne zeigen. Denn wir verehren sie und nicht die Unvernunft
ihrer Umgebung.
Von Villehardouin bis Joinville und Crestien von Troyes haben wir das
romanische Mittelalter aufgenommen, und uns nie unerkenntlich gezeigt.
Ihre großen Dramen gaben auch unsere Richtung. Rousseau signalisierte
Europa. Montaigne Selbst Dumas Saucenrezepte zog die Kraft des Geistes
schmerzlich um die Welt. Voltaire und Stendhal flaggten Europa schon sehr
hoch. Balzac formte bereits Demokratie, Flaubert maß nach der Größe
europäischen Gewissens. Anatole France, der letzte Lateiner, ist auch uns
das schmerzlich süße Zeichen des Untergangs einer Gesellschaft, die mit
Rousseau begann.
Wir haben Zola, diesen Mischling aus italienischem und hellenischem
Blut, unter unsere Bürger genommen wie die Romantiker, wie die Sand,
wie ihren unglücklichen Geliebten, Musset, den Prinzen der gallischen
Sprache. Wir haben in Lamartine wie in Hugos Versen geschwelgt, alle
Boulevardstücke genossen, Dumas Frauen zu unseren Hauptrollen gezählt,
seine zweihundert Bücher Romanfabrik gelesen und sogar für seine
Saucenrezepte uns interessiert.
Wir hatten den Blick stets halblinks von Berlin nach der Seine gerichtet.
Sind mit den Malern Feuerbach um Couture, Trübner um Courbet
geschwärmt, haben des Gauguin Tagebücher, des Van Gogh
Aufzeichnungen, drei Bücher von Kunsthändlern über Besuche bei Cézanne

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wie das Credo und die heilige Schrift verschlungen, während Wedekind
nicht gespielt ward.
Wir haben dem Verhaeren, dem Maeterlinck erst das Haus gemacht,
haben die satanische Flucht des Huysmans aus seinem Zeitalter erst zu der
monumentalen Bedeutung der Flucht eines grandiosen Zivilisations-
Deklassierten gemacht, wir haben auf Baudelaire, Mallarmé, Verlaine,
Rimbaud unsere Ästhetenschulen gebaut, haben Pierre Loti leider für einen
größeren Dichter wie Alfons Paquet gehalten, haben hochstehende Aufsätze
um Charles Louis Philippe, diesen zärtlichen Kindskopf der Tragödie,
geschrieben. Wir haben den armseligen Louys und Pierre Mille und den
unglückseligen Farrère mit seinem Opiumkitsch in unsere besten Stuben
geführt.
Wir haben nicht nur Honneurs gemacht, sondern uns mit dem Herzen
beschäftigt, und wenn die Fremden hereinkamen, Junge Franzosen waren sie
schon intim. Der ganze Kreis der heute am besten schreibenden Franzosen
um die Zeitschrift der „Nouvelle Revue française“ war vor dem Krieg
bekannter in Deutschland fast als in Frankreich. Gides und Rivières Ruf
gingen weit übers literarische Versnobtsein hinaus. Suarèz schrieb das beste
Italienbuch für die Deutschen. Claudel widmete man Weihespiele in
Hellerau. Für Francis Jammes, der die royalistisch fromme Linie des
Joinville fortsetzt und die zärtlichen Töchter des alten Adels und die
Sanftmut der Tiere und die Kriegswappen treu nebeneinander malt, entstand
ein eigener Verlag und in Stadler der wackerste Deutsche als Übersetzer.
Auch der Chauvinismus dieser Autoren, die während des Kriegs den
hellen Bullen ihrer Revue im Stall ließen, hat sie Deutschland nicht
entfremdet, man erweist ihnen die Gastlichkeit, die ihrem Können gehört.
Man hat ebenso auf jene Generation sich eingerichtet, die gegen den
Krieg Frankreichs protestiert und für Europa optiert haben, jenen tapferen
Kreis junger Leute, unter denen leider nicht Frankreichs beste, aber seine
mutigsten Begabungen sind. Sie hatten sich teils um Barbusse, teils um
Rolland geschart, die beide das Gewissen Europas während des Mordens
waren, wenn beide auch, zumal Barbusse, keine im letzten Sinne guten
Schriftsteller, aber überzeitlich große Charaktere sind.
Der Streit, den Barbusse und Rolland nunmehr ausgefochten haben, ist
der Kampf um die Gewissensfrage jedes einzelnen gewesen. Barbusse
wollte aus dem Débacle des Kriegs den Bund der besten intellektuellen
Europäer erstehen lassen, schuf in der Organisation der „Clarté“ ihm mit

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einigen humanitären Paragraphen den Rahmen, mit einem schon nicht mehr
guten gleichnamigen Roman die Kulisse und mit seinem Anschluß an die
dritte Internationale Moskaus das Grab. Er wollte die Herzen
revolutionieren und ging nachher Bajonette einkaufen, Streit um die Weisheit
gläubig und voll menschlichen Mutes zwar wie ein Thermopylenkämpfer
der neuen Gesellschaft, aber dennoch als Aufrufer an die Gewalt. Er
postulierte mit dem russischen Terror die Gewalt von links gegen die von
rechts, die er wie ein Herkules bekämpft hatte. Er führte seine Kunst durch
die Gesinnung in die Politik, während Rolland die jungen Leute
zurückführte zu dem weisen Glauben, den er durch den Krieg gehalten: das
Reich des Geistes müsse rein bleiben und Europa käme nur, wenn man
glaubend für es arbeite, und nicht, wenn man danach schieße.
Barbusse aber, dessen „Feuer“ auch das einzige Frontkriegsbuch der
Deutschen geworden ist, tritt mit seiner Anschauung nunmehr, ohne es zu
ahnen, neben Goethe, den er in diesen Dingen bekämpft hat. Der, von
Bonaparte begeistert, einmal meinte, es schade nichts, wenn dieser dem
Prätendenten Enghien und dem läppischen Schreier Palm vor die Stirn
geschossen, denn dem Genius stehe dieses Weggehn über alle Schranken
frei. Sie bedachten beide nicht, daß man das aus dem Temperament heraus
vielleicht denken, aber nie formulieren darf, weil das Blut sich mit
mythischer Gewalt gegen die Idee richtet und den am sichersten ersäuft, der
es für sie vergießt.
Diesen Streit zwischen den Führern der europäischen Idee haben die
Deutschen wie ihren Kampf mitgemacht und die breiten Massen haben wie
den Barbusse auch den Rolland und den ihnen zugesellten siebzigjährigen
France wie ihre besten Dichter mit ungeheurem Ruhm gelesen. Der Einfluß
Frankreichs ist gewaltig geblieben. Man hat auch den Schülern der großen
Gallier das Ohr geliehen, Martinet, Jouve, Léon Werth gehört. Guilbeaux,
der während des Krieges „demain“ in Genf herausgab, wurde in
contumaciam (während er Rußlands Erde schon mit Ruhe und Ansehen
betrat) auf Grund eines Materials als Schädling seiner Nation zum Tode
verurteilt, das an der Spitze einen Bericht von meiner Hand über den Mut
enthielt, den er während des In gleicher Methode wie Galilei Krieges für die
Erhaltung Europas aufbrachte. Man hat René Arcos mit seinen stillen
weitherzigen Dingen übertragen, den Bilderhändler Vildrac auf die Bühne
gebracht, Colin, diesen Wanderprediger Europas gehört, gelesen, man
nimmt Notiz von Duhamels Büchern, von Vaillant-Couturier, Jules Romain,

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von Chennevière. In dieser Generation ist wohl keiner, der die Sprachkraft
der Ästheten um Gide besäße und unsicher ist, ob einer europäisches
Ansehn wie seine Meister erlangen wird, aber sie sind, da sie für das wahre
Europa stritten, die tapfersten Soldaten Frankreichs geworden.
Es scheint allerdings im Sinn dieser Übergangszeiten zu sein, daß in den
Siegerländern keine Führer unter den Jungen sind. Erst der Zusammenbruch
formt sie sich, weil er Höhenbedürfnis hat, während Triumph nur eine dicke
Lüge ist, die eines Tags nach ihrem größten Brüller platzt. Ungleich dessen
ist der Einfluß dieser Jugend ohne gleichen, Frankreich atmet mit allen
seinen Poren nach Deutschland hinein, und Deutschland liebt diesen
Geruch als den einer schönen Freundin. Es wird trotz allem dabei an die
Göttin erinnert. Bleibt seine Liebe auch unerwidert, so wirbt es ja nicht um
ein Weib, sondern um die Liebe selbst. Unglückliche Liebe gibt es nur im
Sprachschatz der Tölpel. Vor der Ewigkeit gibt es das nicht.
Man kann nicht alles sagen, was ist, man muß sich begnügen mit dem,
was Deutschland sieht und nimmt von Europa. Mehr kann einen
holländischen Gentleman, der unabhängig ist, reist, den Horaz im Koffer
mitführt, den seine Heimat langweilt, der Europa kennt (halb wie ein Dandy
ein Lager von Strandkörben und halb wie ein Gartenliebhaber seine
Blumen), mehr kann einen holländischen Gentleman nicht reizen. Er kann
nur so, statt an ein Phantom zu glauben, die Wirklichkeit der Nähe eines
befriedeten Europas berechnen — — — in gleicher Methode wie Galilei,
der auch, um die ungleiche Entfernung der Fixsterne von Niederlande der
Sonne zu messen, auf die geniale Idee kam, die Sterne erst selbst in der
Entfernung zu ihren einzelnen Nachbarsternen zu vergleichen. Was macht
Holland, Jonckheer?
Es macht nicht mehr als Tulpen und Valuta. Es gab den Thomas a
Kempis und Jan van Ruisbroek zu unserem mystischen Mittelalter. Es gab
der Freiheit das tolle Geusenlied: „Wilhelmus von Nassauwen ben ick van
duytschem bloet /// Den vaederlandt getrouwhe blijf ick tot in den doet“ . . .
Der Name der Gerechtigkeit heißt Multatuli. Hinter ihm kennt man kaum
die Roland Holst. Aber man kennt van Eeden als Anwalt der Menschheit,
ich glaube auch von der katholischen Propaganda. Das ist zusammen nicht
sehr viel des Guten. Man hat dafür die Seuche der sämtlichen Romane des
Cooperus ebenfalls in das deutsche Walhall gestellt. Das ist nicht Tulpe und
nicht Geist, aber Valutadumping mit verächtlicher Literatur. Auch den
Unterbietern der Qualität, sehen Sie, gibt man das Gastrecht.

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Es könnte scheinen, dies sei zu weit gegangen mit einer Tugend. Ich bin
Ihrer Ansicht, aber Deutschland meint wohl, man habe eine Tugend oder
man habe sie nicht. Man hat übrigens durch den Krieg die stammverwandte
flamische Literatur nach Deutschland geführt. Der ausgezeichnete Essaiist
F. M. Hübner hat von der Mystik ihres Mittelalters sie bis zu dem Eekhoud
nach Deutschland transportiert und man hat, nicht nur aus politischem
Interesse, diese germanische breite und saftige Kunst, für die de Coster das
europäische Wahrzeichen ist, aufgenommen. Die über Frankreich
eingeführten Lemonnier und Verhaeren waren schon lange vorher
übertragen.
Deutschland hat außer den Russen überhaupt die besten Übersetzer der
Welt. Heinrich Mann hat Anatole France, Schickele den Balzac, Rilke die
Barret-Browning, George den Baudelaire und Dante, Dehmel den Verlaine,
Werfel die Tschechen, Flake den Suarèz, Blei den Claudel, Vollmöller den
d’Annunzio, Däubler den Vildrac, Annette Kolb Zeitschriften den Chesterton,
Stefan Zweig den Verhaeren, Krell den Kipling übertragen. Deutschland hat
das Glück, daß seine besten Stilisten seine glücklichsten Pioniere sind,
während die guten Autoren des Auslands es kaum der Mühe wert finden,
Deutsch zu verstehen und schreien würden vor Heiterkeit, wenn man ihnen
vorschlüge, deutsche Zeitgenossen in ihre Sprache zu bringen. Deutschland
hat um seine besten Übersetzer herum noch eine vollkommene Industrie
von Fabriken, die ihm in durchschnittlich gutem Niveau das Ausland
vorführen. Die einmal an der Börse des deutschen Geisteslebens
eingeführten Autoren werden wie die Hühner in schwarze Minorkas, rote
Island, helle Faverolles sortiert und haben auch ihre geschäftlich
festnotierten Kurse.
Eine Anzahl Revüen verbinden Deutschland dazu noch mit
verschiedenen Ländern und die Übersichtstafeln seiner Zeitschriften
berichten eifrig über jede Bewegung in der ausländischen Kunst. Während
allerdings England und Italien die Länder der Zeitschriften sind von fast
unvorstellbarem Einfluß, während in Frankreich die Revuen für die
literarischen Kreise eine nicht genug zu schätzende Bedeutung haben, sind
ja die deutschen literären Zeitschriften ebenso schlecht wie langweilig.
Nach dem Eingehen von Schickeles bewunderungswürdigen „Weißen
Blättern“ gibt es keine Revue mehr. Lediglich des Verlegers Fischer „Neue
Rundschau“ hält eine gewisse Tradition, aber in der Tat nur die ihres Alters.
Unter des geschickten Oskar Bie Leitung war sie wohl quallig aber nicht

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unamüsant, wenn auch mit Händen und Füßen zwischen die Hauptautoren
Wassermann und Hauptmann aufgehängt. Seitdem sie ihren Standpunkt
verlassen hat und„modernisiert und politisiert“ wurde, ist sie erbarmungslos
öd geworden. Deutschland, das immer hundert nach einem halben Jahr
schon wieder krepierende Revolutionszeitschriften hat, verliert damit seine
einzige konservative Revue von Haltung.
Es fehlt den Deutschen, was im Augenblick wohl nur Europäischer
Maschinenstil Stefan Großmann mit seiner leichten Tageszeitschrift hat, jene
blitzschnelle Beweglichkeit des Geistes, die Schärfe neben dem Kristall und
der Farbe. Eine Zeitschrift müßte in jedem Artikel, von dem man die letzten
drei Sätze liest, so klar sein, daß man sofort weiß, ob es um die Monarchie
oder rumänische Läuse geht. Neun Zehntel unserer Zeitschriftenaufsätze
sind so dunkel, daß man, von Thomas Mann bis zu Alfred Wolfenstein nicht
ahnt, wohin die hochstehende Geschwätzigkeit nach vielen gelesenen
Seiten eigentlich marschiert.
Die Flamen und Niederländer sind, ich weiß, noch breiter. Und doch ging
von der holländischen Zeitschrift „Stijl“ das erste Manifest für eine
europäische Kunst aus. Es war eine konstruktive Albernheit. Man kann von
der Bauart der Maschinen her nicht einen europäischen Konstruktions-Stil
lehren, denn Gesellschaft und Kunst wachsen ohne Verantwortung, voll
Phantasie und Laune, und lachen der Vaugelas und Grimms. Aber dieser
Theo von Doesburg hatte eine Idee, und wenn ihr nur die Unbegabten
gefolgt sind, beweist das nur tragisch, daß die Verantwortungsvollen die
Nichterwählten und die Leichtfertigen aber die Begnadeten sind.
Auch die Natur hat ihre Einfälle barocken Humors und es macht ihr
nichts, daß sie zerstört, wo man sie anfleht, zu bauen. Sie ist so gesund, sich
tragische Ausschweifungen leisten zu können, und es beschwert sie wenig,
daß das menschliche Gewissen unter dieser Frivolität sich krümmt. Sie hat
wohl ihr eigenes Gewissen und es ist wohl einfacher und tiefer als das
unsere.
Man muß sehr vollblütig sein, um nicht fürchten zu müssen, sie wolle
überhaupt die Zerstörung. Der Kriegsruf der Futuristen, die Losung der
Moskowitenzare Lenin und Trotzki an ihre roten Armeen haben seltsam in
die Maschinenschlacht hineingedonnert, an den vier Ecken Europas begann
die Zerstörung mit einer Wollust, die nicht ohne göttlichen Funken war.
Tugend und Laster industrialisieren sich Kennt man den Niedergang der Kunst in
Italien, weiß man um die Viehmärkte in den Höfen herzoglicher Paläste,

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erlebt einer dauernd die Monotonie der Landschaft, blauen Himmel mit
Sonne an weißer Mauer, überblickt man die drohende Kraft der klassischen
Traditionen . . . dann begreift man die Inbrunst, die den Futuristenpapst
Marinetti mit der Petarde in der Hand herumlaufen ließ. Dieser sonst ganz
begabte Autor beschloß alles zu vertilgen, um wieder atmen zu können,
seine Maler Boccioni, Carrà, Russolo, Balla, Severini malten zum ersten
Male in der Weltgeschichte Dinge und Ereignisse durcheinander und dazu
noch gleichzeitig. Sie vermischten ihre Kunst mit einem blödsinnigen
Nationalismus, der sich gegen Österreich richtete. Ihre Kunst bestand aus
Dissonanzen, Patriotismus, Philosophie und einer Menge business und
Hysterien. Die Bevölkerung Italiens bewarf sie mit Äpfeln, aber sie entzog
sich nicht der Suggestion.
Im Krieg übertrugen die Dadaisten dieses Programm aufs Internationale,
schrieben die Herren Hülsenbeck, Tristan Tzara, Serner in allen Sprachen
durcheinander ihr Kabaret. Drumherum liefen die Schützengräben Europas.
Die Totentänze des Zeitalters waren nicht ohne apokalyptisches Grausen.
Und die Tänzer blieben nicht ohne Verdienst. Ihre Kasseneinnahmen
rechtfertigten wie jeder momentane Erfolge ihre Existenz. Man wird sich
gewöhnen müssen, ebenso wie die Agenten des Hasses die Commis
voyageurs des Internationalismus zu fürchten. In dieser Pause Europas zeigt
die Tugend wie das Laster die aktuelle Neigung, sich zu industrialisieren.
In dieser Pause Europas hat die offiziellste deutsche Instanz die jungen,
schon wieder mehr klassizierenden Nachfolger der Futuristen in Berlin
ausgestellt und ihnen europäischen Ruhm gemacht, worauf sie ein Jahr
später nicht mehr Einladungen folgten, weil die deutsche Valuta zu
gesunken war.
Italien In dieser Pause Europas hat aber d’Annunzio, das feurigste Talent
der Italiener, in Deutschland an Liebe nicht eingebüßt. Ihm war es leicht, da
er Italien mit allen seinen Fehlern bejahte, seine Landsleute hinter sich zu
scharen, obwohl sie auch mit Hilfe von Diktionären seine barocken Bücher
nicht zur Hälfte verstehen. Er verstand es, die Tradition zu lieben, auch
wenn er seine Zeitgenossen verachtete, und hatte, der Romantiker und
Genüßling, die Generäle u n d die Futuristen u n d die Proletarier hinter sich.
Vor seiner Zeit hatte Leopardis Schwermut ganz Deutschland mitweinen,
Manzoni, der große Schüler Walter Scotts, in seinen „Verlobten“ die
massive Gläubigkeit eines Katholiken über Deutschland geschüttelt. Dann
hat man wohl auch Pascoli, dem schönen Lyriker und dem bedeutenden

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Kritiker Croce, Aufmerksamkeit geschenkt, auch sich unter den jüngsten
Dichtern um die vielseitigste Erscheinung Papinis, der bald zum Papst der
Kirche, bald zu dem der Futuristen betete, bekümmert.
Einfluß aber hatte nur d’Annunzio, für Deutschland wie Italien, ja für
Italien so sehr, daß, als er während des Tripoliskrieges ein wüstes Gedicht
gegen Österreich verteilen ließ, niemand es verstand, aber jedermann in
Taumel geriet, weil jedermann seine eigene italienische Stimme auch aus
dem unerklärlichen Dunkel seiner aufreizenden Sprache trommeln hörte.
Von Einfluß waren die Futuristen dann dadurch, daß sie Bewegung
brachten. Bewegung ist gut, wo Tradition ist. Wir haben auch die
Bewegung der italienischen Futuristen aufgenommen, obwohl wir ohne
Tradition sind, ohne Sinn für spekulative Kunst und obwohl es nicht gut für
uns war, sie aufzunehmen. Man kann wohl sagen, daß wir Hunnen des
Geschmacks vielleicht seien, die Hunnen Europas sind jedoch meistens die
anderen gewesen. „Ich verachte alle Boches,“ sagte ein gebildeter
Engländer mir in Innsbruck, „hier heißen sie aber Franzosen.“
Hätten wir am neunten November . . . Die Deutschen sind von einer rührenden
Großartigkeit der Welt gegenüber. Wären sie es gegen sich selbst, sie wären
das Herz Europas. Hätten wir am neunten November des Revolutionsjahres
statt lediglich Rissen zwischen den Volksteilen nationale Bindungen großen
Sinns gehabt, wäre eine Nationalversammlung eingetreten, die, jedem im
gerechten Ausgleich gebend und nehmend, das Gesamtgefühl gestärkt hätte,
dem Feind statt wie ein Epileptiker wie eine große, aber unglückliche
Nation entgegengetreten wäre . . . . wir ernteten heute eher den Ruhm
Europas für die Größe unseres Unglücks, als daß wir den Foot-ball der
anderen Nationen darstellten. Aber es ist nicht das Schlimmste, wenn man
seine Bestimmung erfüllt, maltraitiert zu werden. Auf die Dauer gibt es
keine „Sieger“, denn sie würden ersticken an ihrem Triumph.
Auf die Dauer gibt es nur die Gesetze der Natur, die immer ausgleichen.
Wer Sieger allein sei, sagte der Gründer der Alhambra, Mohamed, als er bei
der Belagerung Sevillas dem König Ferdinand gegen seine maurischen
Freunde helfen mußte und siegte, . . . . . . . wer Sieger sei letzten Endes,
sagte er, indem er auf Gott deutete, traurig, aber voll Hoffnung: „Wa la
ghalib ila Ala.“ Man hat mit einer hinreißenden Größe in Deutschland
vielleicht in diesem Sinne nie an Gott gedacht, aber an Europa nicht
gezweifelt und alles in die Scheunen gesammelt, was um die Grenzpfähle
wuchs.

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Es gibt keinen Niggerstamm, dessen Götzen, und keinen Japaner, dessen
Perspektiven wir nicht untersucht hätten. Die Literatur der Ungarn, die aus
dem Journalismus kam, die zuerst die Deutschen, dann Sue und Scott
nachmachte, bis Petöfi sie ein wenig völkischer erlöste, haben wir zu
unserer besten Unterhaltungsliteratur befördert. Wir haben jene
stallburschenhafte Unbekümmertheit unter schiken Reithosen, jenes Paprika
auf der Zunge und Pomade im Haar, das die an der Seine parfümierten
Theaterstücke der Molnar und Konsorten ausmachte, neben der „Minna von
Barnhelm“ Ungarn. Finnen gespielt, während Büchners „Leonce“ nicht
gespielt ward. Wir haben das wenige, was nicht erbärmlich in ihrer Prosa
ist, in den graziösen Geschichten Ernö Széps, in dem Seelenspaltungsroman
von Babits, in der erotischen Bauerngroßmäulerei des Moricz
aufgenommen.
Wir haben sodann den anderen Mongolenstamm, den Europa birgt, hell
in die Weltliteratur hineingeschoben, haben uns als erste durch das
Verdienst des Dozenten Schmidt in Helsingfors um die zeitgenössischen
Finnen gekümmert. Das fabelhafte Schöpfungsgedicht „Kalewala“ war
bekannt. Goethe hatte sich schon um ihre Volkslieder der damaligen Mode
nach gerichtet. Nun folgt die ganze literarische Generation eines Landes,
dessen gebildete Schicht im wesentlichen jahrhundertlang schwedisch
sprach und schrieb. Juhani Aho, welcher das barbarische Land mit
Stromschnellen und indianischen Gebräuchen in großartiger Wildheit malte,
ist nun ein deutscher Autor. Aleksis Kivi hat die zerblasene, barock
sinnierende Rabelaisiade des finnischen Volkslebens zu dem deutschen
„Simplizissimus“ hingeführt und in die Nachbarschaft von de Costers
„Uilenspiegel“. Bei Ilmari Kianto, in dessen Büchern sich zwischen
Gletschern und Raubtieren die Zeitwellen schon bis zum Zerplatzen biegen,
tritt das soziale Element der Mongolen in die Literatur der Deutschen, das
auf der ganzen Welt, nicht zum Vorteil der Begabungen, die Dichtung zu
beherrschen beginnt. Mit France, Gorki, Shaw stirbt eine Generation von
breiten Dichtern mit ihren Gesellschaften aus. Europa ist noch nicht
zurückgekehrt, um neue Führer für neue Gesellschaft mit ihrem Finger zu
benennen.
Wie groß war die Wirkung der klassischen Russen und Engländer auf
Deutschland. Gogol, Tschechow, Saltykow, Puschkin, Tolstoi, Dostojewski.
Sie sind deutsche Autoren geworden. Die Dekadenz der russischen Literatur
ins Westlerische, von Turgenjeff an, den fast gallischen Kusmin, den

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schönen, aber vom Geist der Städte zerpflückten Dymow, Russen. Engländer
den rastlosen Panin, den verrückten Remisow hat es übertragen und
geschätzt.
Die russische Kunst hat nun einen Messiasgang unter der Fahne „Kunst
dem neuen Volk“ angetreten. Alexander Block mit seinen „Zwölf“, jenem
wilden Sturmgesang der Bolschewiken, hat in einem verzweifelten Beispiel
dennoch bewiesen, daß man auch als Politiker große Kunst schaffen könne.
Die Kunst Europas ist zwar in vielen Experimenten befangen. Die
Deutschen haben aber keinen Augenblick aufgehört, selbst den
Experimenten nachzuspüren. Es fehlen nur die Massen, die früher eine
Kunst wie die der Manzoni, Voltaire, Richardson verschlangen in jenem
Augenblick der Geschichte, wo Kunst und Publikum sich im gleichen
Gefühl trafen.
Wo sind auch die Signale, die England einst herüberfunkte? Hinter
Percys „Reliques“ und Macphersons „Ossian“ lief ganz Europa her. Die
Werke der Addison und Richardson wurden als Feuer benutzt, die
Franzosen auszuräuchern, als der Geschmack zwischen Westen und Norden
schwankte. Der „empfindsame“ Sterne, Fielding, dieser entzückende
Spötter, Goldsmith, der mit Flötenspiel durch die Welt reiste und
medizinierte, bestimmten einst den deutschen Gefühlsausdruck. Die
Romantik Bulwers überschwemmte alle gefühlvollen Herzen, die Elliot
malte ihre Sätze in jedes Album, um Currer Bell vergoß man männiglich
Tränen. Man freute sich mit dem großen Redner Sheridan und seinen
Witzeleien, man lag am Herzen der Smollet und Thackeray und Defoe und
Swift.
Wie hat man den Dichter feurigsten Genres, den schönen Lord Byron
geliebt und wie waren später der schöne Urning Wilde und Beardsley die
sichersten Ponten im Spiel der Geschmäcker. Aber erst Scott ward ein
Autor, um den Europa sich riß und mit Dickens wäre jeder Germane gern
gestorben. Deutschland lebte von England, weil es ein breites bürgerliches
Publikum besaß, aber keine bürgerlichen Romane.
Kipling, Northcliff, Chesterton, Shaw Das Publikum ist heute in der Zersetzung,
aber auch England hat keine Autoren mehr außer dem Savanarola der
Militaristen, dem Kipling und dem Lächler und Sozialisten Shaw. Zwischen
ihnen steht (außer dem famosen Wells) lediglich noch der gescheiteste
Mann Englands, Chesterton, halb Prälat, halb Kunstreiter, den Blick nach
Rom gerichtet. Chesterton, der sogar Detektivgeschichten benutzt, um

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katholische Seelen zu fangen, der den Curé-Kriminalisten erfand und als
Spötter sich über seine eigne Propaganda für Rom artig ergötzt. Die
katholische Kirche ist — weiß er — das elastischste Gebäude der Welt und
gestattet als einzige Organisation der Welt die Ironie.
Kipling ist Engländer und hat mit dem im Irrsinn verstorbenen Lord
Northcliff ein halb Dutzend Jahre den größten Preßkonzern der Welt gegen
uns in Batterien der Unflätigkeit aufgestellt. Armes Deutschland, daß auch
Kipling, ein Dichter und gewaltigerer Tierschilderer als unser Hagenbeck
und der Däne Fleuron, daß gerade ein Raubtier-Dichter wieder das Wort
von der Vorherrschaft der weißen englischen Rasse über die Welt und die
Schurkerei seines deutschen Konkurrenten erfand. Es waren geschickte
Jagdzüge, und das deutsche Fell blutete heftig darunter. Shaw und
Chesterton sind dagegen Iren. Auch in England hat der Sieg neben dem
Europäer Shaw nur einen überhitzten Nationalisten als Repräsentanten
hochgebracht. Sonst hat Europa auch dort Pause. Hinter den beiden Iren ist
nichts mehr da.
Nur von Amerika haben wir einen bedeutenden jungen englisch
Schreibenden, den Upton Sinclair geholt, dessen Bücher dichterischer wie
die des Barbusse sind. Er ist ein magister artium der Revolution, denn er
versucht politische Propaganda, aber es wird gegen seinen Willen Kunst.
Schon immer besaßen wir Amerika. Als vor hundert Jahren Washington
Irving seine Skizzen schrieb, die England und Amerika aus der Schmollerei
zur Freundschaft brachten, haben wir Amerika, Polen, Schweiz, Juden den Irving
sofort übernommen, an Cooper ist eine Riesenliteratur der Indianerbücher
groß geworden, an des Bostoner Emersons Klügeleien haben ebenso viele
sich gewärmt wie andere an der Engländer Ruskin und Carlyles
beschränkten Gedankengängen. Mit Bret Harte erstand Kalifornien so nah
wie Bayern im deutschen Gesichtskreis, Longfellows reizende Epopöen las
man in größeren Massen als die englischen tuberkel-süßen Prärafaeliten.
Poes Grausen hat seine furchtbare Nüchternheit neben unseres Hoffmanns
Romantik gesetzt. Mark Twains Witze las oft, wer Morgenstern oder
Lautensack unter den deutschen Humoristen gar nicht kannte.
Wir haben freigiebig dem Rumänen Monolescu unsere Perlen gelassen
und seine Diebsmemoiren dafür gedruckt, haben es willig hingenommen,
daß polnische Emigranten während des Kriegs, ehe sie zu antideutscher
Propaganda ins Reich Pilsudskis zurückkehrten und schwiegen, uns die
halbe ziemlich greuliche polnische Literatur servierten, darunter allerdings

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den kessen Roman des slawischen Napoleon von Przerwa-Tetmajer und den
Mondroman von Zulawski. Wir haben spanische Schelmenromane, haben
des portugiesischen Zola, des Queiroz Bücher, haben die Poesien der
Asiaten und Afrikaner, der Kabylen und Lappen zu uns eingeführt in einer
Flut, die bald hemmungslos weiterströmt als man mitkann.
Das konservativste Herz Europas ist das der Schweizer. Selbst ihre
„Nichteingesessenen, Eingekauften“ stammen noch aus dem fünfzehnten
Jahrhundert. Ihre drei möglichen Dichter sind auf das deutsche Pferd
gestiegen und damit in den großen Tattersal geritten. Das liberalste Hirn
Europas sind die Juden. Wir haben aus dem Jiddischen ihre Dichter
übersetzt, haben Scholem Alejchem, Perez, ben Gorion gebracht und die
Paies und Kaftans und Chuzpes und ihre tiefe Gläubigkeit, ihr unerhörtes
Nationalbewußtsein neben das unsere gestellt, haben durch des bedeutenden
Denkers Buber Dänen vermittelnde Hand die großen östlichen Rabbis
aufgenommen, die Chassidensekten und ihre Verkünder, haben den Rabbi
Nachmann, den Baalschem zu deutschen geliebten Denkern gemacht. Wir
sind das Meer geworden schließlich, wohin die Skandinaven ihre
Wikingerfahrten machten, statt Rom zu plündern oder Karthago zu erobern.
Wir sind das Meer geworden, wohin die unheilvoll produktiven
Skandinaven ihre Regatten machen. Es ist leicht sie zu gliedern, wo man sie
ja langsam alle bis zu den armseligsten Ratten kennt. Hinter den
norwegischen Segeln liegt Christiania und das Eismeer. Über den
Stockholmer Rufen weht schon die slawische Stimme. Um die dänischen
Cats weht wie Versailles der weiche Kopenhagener Wind. Bald fehlt kein
Renntier, das zu stottern anfängt, kein Eskimo, der ein paar Runen zeichnet,
kein delirierender Lappe in der Übersetzungskompagnie.
Voran die buntesten Segel mit den Schauspielern der Literatur, die
Dänen. Sie schreiben entweder wie Jakobsen, dessen Stimme stets auf den
Fußspitzen steht, oder wie Jensen, der ein Tigermaul hat. Sie haben mit dem
zarten Bang uns einen radierten Impressionismus geschenkt, der
entzückende Tierempfinder Fleuron, der süße Südseemaler Laurids Bruun,
der vornehme Gelehrtenkopf Gjellerups sind aus Jakobsens Schule.
Dagegen sind der sibirische Vagant Madelung mit seinen gemeißelten
Sachen, der tolle Jürgensen, der das Tiergebrüll der Kongonacht aufruft,
von Jensens wundervollem Blut. Hinter ihnen her sind zweiundachtzig
kleinwüchsigere Dänen in Deutschland ausgebootet. Darüber hat
Pontoppidan dann mit der Freskenkraft eines müden Rubens sein sterbendes

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Zeitalter gemalt, und der große Dichter Nexö hat mit der Wildheit eines
zwanzigjährigen Rodin das proletarische Zeitalter schon frohlockend an die
Küste von Bornholm geschrieben.
Hinter dem gekreuzigten Quäler Strindberg haben alle lyrischen
Melancholiker Schwedens immer auf deutscher Schweden, Norweger Erde
fester wie auf Götland und Dalarne gestanden. Die schollenduftende
Lagerlöf, der klassizistische Halström, der sanfte Geijerstam, der Epiker
Heidenstam sind deutsche Autoren geworden, ja der Kriminalschreiber
Frank Heller versorgt das deutsche reisende Publikum fast völlig, zwanzig
andere hinter ihnen her. Von den Norwegern hat man den Globetrotter
Hamsun als Erben des Großbauern Björnson mit dem Einfluß übernommen,
den englische Romanciers manchmal in letzter Zeit sandten. Der größte
Bekenner der modernen Weltliteratur, Hans Jäger, aus der Frühzeit des
Malers Munch und der norwegischen Naturalisten, hat nur in Deutschland
seine unbeschreiblich qualvollen erotischen Beichten ablegen können.
Siebzehn Holzfällerboote mit Renntiersegeln und ein Dampfmotor mit
Ibsens drohendem Zeigefinger am Stern hinterher. Er deutet mit
belehrender Eleganz nach Swinemünde: Es lebe Deutschland.
Alles wollten wir haben, alles haben wir eingeführt, allen haben wir
geholfen, an die europäische Rampe zu kommen. Jeden Sinn, jede Farbe,
jede Schwärmerei haben wir gesucht. Sind wir nicht ausgezogen, selbst die
Windrose noch dazu einzufangen? Wir haben die Windrose selber geholt,
Mijnheer, weil wir auch die Winde der ganzen Welt lieben.
Aber es genügt nicht zu raffen, zu holen, zu helfen, zu sammeln. Wir
waren so lüstern nach allen Möglichkeiten, daß wir übersahen, daß niemand
sich revanchierte. Als die Franzosen durch ihre internationalsten Künstler
eine Ausstellung in Paris vorschlugen, machten selbst sie den Einwand, für
jedes verkaufte deutsche Bild müsse Deutschland ein französisches kaufen,
während kein Bild der Deutschen in Frankreich wandert, aber tausend
französische bei uns verkauft werden. Wir haben von der Welt nie das
Verhältnis von eins zu eins gefordert, wir haben nicht einmal die Quote eins
zu hundert verlangt, wir haben, wenn wir plombiertes Eisen kauften, nicht
einmal daran gedacht, daß man unsere Saphire dafür wenigstens nehmen
könne.
Nur über die Nation zu Europa Es hat uns genügt, wenn man unsere
Lokomotiven, Schiffe, Chemikalien lobte, wir waren Verschwender im
Einkauf und nachlässig in der Propaganda unseres Geistes nach auswärts.

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Wir haben die Welt kennen gelernt, ohne sie zu verstehen, die Welt hat von
uns nicht einen Centime akzeptiert. Warum aber soll man jeden Mist
nehmen, weil der dänische Verlag Gyldendal in seinen deutschen
Verlagsfilialen die Mark mit einem halben Öre kauft? Man braucht, finde
ich, nicht weniger weitherzig zu sein, wenn man nur das Beste nimmt und
sich im übrigen abschließt.
Was haben wir von verwaschenem Internationalismus unserer
Gewohnheiten, wenn der deutsche Nationalausdruck noch nicht geprägt ist?
Was tut der deutsche Commis in schlotternden englischen Hosen, wenn er
sein deutsches Herz noch gar nicht kennt. Hat man sich aber besonnen auf
den deutschen Charakter, dann ist das Deutsche so sicher, daß es auch die
Welt mit umfaßt. Dann aber werden auch die anderen gezwungen sein, uns
zu besitzen.
Man erlangt nur Europa, wenn man sein Volkstum auf die schönste
Spitze treibt, nicht indem man es wegwirft. Der Europäer ist der aus der
Klarheit und aus der Vollkommenheit seines Stammes-Blutes heraus
geformte und nur dadurch Überlegene. Er ist kein Gebräu aus
internationalen Theorien, deren Geruch so schlecht ist wie jener der
unreifen Schwertrufer des Vaterlandes. Man wird daher nicht
deklamatorisch eines Tages sagen wie der Gallier: Weil Frankreich ist, ist
Europa. Sondern: vielleicht wird Europa durch den Deutschen
zurückgeführt.
Der Deutsche hat wahrlich viele Fehler vor Gott, aber schöne Tugenden.
Er hat eine Treue zu seinen Ideen, die keiner sonst hat. Er hat die Duldung,
die übermenschlich manchmal ihn selber und sein Gesicht verwirrt. Mit
Swinburne im Flugzeug flog er nach London, lag mit Dostojewski im
Tornister gegen die Russen, haßte den Krieg und ließ sich doch aus Anstand
Was hindert die Kinder . . . . für eine tote Sache erschießen. Welche Qualitäten,
welche Weite, risse endlich einmal der richtige Wirbel statt den falschen
Engeln dies alles hoch! Er hat schon europäische Augen, nur einen
kleinstädisch gespannten Verstand. Wüchse ihm das rechte Bewußtsein, er
würde das schönste Volk der Erde.
Selbst heute, wo Europa stagniert, wo die ehrwürdigen Väter der Kunst
mit ihren Zeitrassen verschwinden, selbst in die atemlose Luft hinein
zwischen den alten und den neuen Schicksalen, hat Deutschland jedem über
seine Zäune hinübergewunken, aber niemand hat zurückgerufen. Ist der

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Winker der Tor, der immer mit dem Degen die Luft durchbohrt, oder ist der
Nichtantwortende der Kluge?
Ach, neutral sein in großen Dingen ist nie unverdächtig, und selbst die
Westschweizer waren im Krieg ententistischer als die Entente. Die
Franzosen wollen den Frieden, sagte man, mais les Lausannois ne la veulent
pas. Europa ist kein Marmor und man kann ihn nicht im Kabinett
vergewaltigen wie jener Spanier in der Peterskirche geheim mit Jakob della
Portes Standbild tat. Sie ist eine Idee, die wird oder stirbt. Ach, Europa wird
kommen, wenn wir es suchen auf allen Seiten, oder wir werden weiter
winkend krepieren, aber im Sterben auch noch ihr Bild vorm Auge: Je
t’aime plus qu’hier et beaucoup moins que demain.
Was hindert die Kinder Europas, zueinander zu kommen? Ein wenig
Vorurteil. Was macht die Unterschiede der Menschen aus? Kaum fühlbar
andere Sitte. Im feinen England wird man nie baskische Provinz wie in
Berlin mit Fräcken spielen. Eine französische kleine Kokotte wird mit
einem armen Studenten das Brot teilen statt ihn anzuzeigen wie in Holland.
Ein englischer Sportsmann wird nie wie ein französischer oder deutscher
wegen des Rekords von ein paar Minuten Kameraden im Stich lassen oder
Damen im Bob anrennen. Eine französische Jury wird einen politischen
Verbrecher erbarmungslos fassen, eine Frau immer Geringe Unterschiede der
Nationen freisprechen, eine russische wird im Angeklagten immer den
Unglücklichen sehen, der Mitleid, und nicht Zorn verdient. Und beiden
wird der dogmatische Gerechtigkeitssinn der Deutschen fehlen, die meinen:
und wenn die Sonne erblinde, der Paragraph müsse durch die Wand. Man
wird weiter in Amerika sich gegen Zwillinge versichern, in England
Weekend machen, in Brüssel Deserteure bildlich von der Mauer mit
Militärmusik schießen, in Spanien Blumensträuße in die Bordelle senden, in
Polen Kartoffeln bauen, in Schweden im Freien sterben, in Italien das Meer
fürchten und in Deutschland Europa lieben.
Das, Mijnheer, sind die inneren Unterschiede der Nationen. Man kann sie
auf den Rand einer Zeitung schreiben.
Kein Wind geht irgendwo anders, kein Baum steigt höher in den Himmel,
kein Stern hat anderes Licht. Es gibt in Europa kein Klima, das sich in
Amerika nicht wieder fände. Es gibt keine Geschichte, die nicht gleichzeitig
ein Abencerrage und ein Samurai den ihren je erzählt hätten. Skandinavien
liegt fünfzehn Breitegrade (so weit wie Berlin und Tunis) gestreckt und hat
das gleiche Klima, das warme Meere und Windströmungen ausgleichen,

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während der Süden Europas mit kalten Nächten sich temperiert. Man reist
mit den gleichen Koffern, gleichen Tickets, gleichen Gesetzen. Was trennt
die Kinder Europas, sich zu finden?
Selbst die Götter haben sich zueinander gesellt. Den Janusgott, der ihnen
fehlte, fanden, mit dem doppelten großen Haupt, die Griechen in Rom. Sie
überwiesen dafür den Italern den Apoll und ihren Hermaphrodit. Der
mongolische Jumala und Odin, die gallische Venus und der englische
Jupiter werden zusammen der Göttin Europa huldigen können.
Sie würde, wenn sie käme, eine reife Laune haben, jung wie der beste
Sommer. Die gesungenste Sprache der Finnen wird mit der gezischten der
Slawen, mit dem Sachlich-Warmen der Germanen und dem grazilen
Marmorton Traum eines wirklichen Europa der Franzosen im gleichen Takt nach
ihr gehen. Die Musen hätten kein Rokokospiel, aber repräsentablen Ernst.
Die Monate würden heißen wie in „Hiawatha“: Mond der schönen Nächte,
Mond der Blätter, Mond der Erdbeeren, Mond des Laubfalls, Mond der
Schneeschuhe. Das wäre eine angenehm kultivierte Rasse dann, die diese
geliebte Lehmkugel bewohnte, mit Erinnerung an die Gletscherzeit und die
Zuchtstiere, verliebt in den Boden und mit dem Gott in Ordnung und
elektrische Öfen dazu.
Ach, Mijnheer, im Mondschein steigen sechs Pferde schweißend, den
Schneepflug hinter sich, die Schneise herauf, Haselzweige in Blust am
Zaumzeug. Es ist hell wie am Tag, sie steigen überwölkt von Dampf durch
den Hohlweg, morgen wird der Weg hinunter beendet in den Frühling. Die
Geographie der Jahreszeit ist vereinigt: Hummeln stürzten bereits heute in
Scharen auf die Weiden, die aus dem Schnee in die Tagsonne sich mit
Blüten strecken. Wie die Landkarte Europas sei?
Man kann sie mit ungeheuerlichen neuen Bildern täglich malen. Anders
wie das Forte piano der Teiler von Versailles, die statt wie Dioskuren wie
Gentlemen-Taylors geschnitten haben. Anders, voll nüchterner Romantik.
Ein verständliches Paradies. Nicht das pathetische Theater des Kopernikus
mit seiner „lucerna mundi“: der Weltleuchte, umgeben von Tierbildern,
Pflanzenwäldern, Menschenscharen, flammenden Polarlichtern, farbigen
Ozeanen und Meersäulen. Das ist für Fakire, nicht für Menschen. Der
Mensch Voltaires, glücklicher Candide, sprach die richtige und
menschlichste Losung für Europa: „Bebauen wir unseren Acker.“ Alles ist
dann in Ordnung. Man kann ruhig leben, gut sterben. Himmel und

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Menschen sind meistens einer Meinung. All right. Sie lächeln, Mijnheer? Es
ist die zweitletzte Nacht.

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Die zehnte Nacht

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M Der Ruf ijnheer . . . . . . . !!!

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Letzter Vormittag

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M Schlittenabfahrt ijnheer, wir sind frei.
Im Schlitten vor uns fahren die Filmleute. Hinter uns jagt mit
Schellenklirren eine Karawane zu Thal. Die Tiere schütteln sich vor
Wonne unter dem blauen Horizont, und der Wald ist, von Sonne getaut, in
der Nacht wieder zusammengefroren wie singendes Glas. Wo waren Sie
heute Nacht?
Ich war nicht bei Ihnen, aber Sie waren auch nicht in Ihrem Zimmer. Ich
sah es, denn Sie hatten kein Licht, und als ich rief, lachte es in einem
anderen Korridor. Wir glücklichen Toren! Wir haben ein doppeltes Dasein
geführt, wir haben mit Grübeln in den Nächten das Leben bestimmt und den
Tag uns gegenseitig verschwiegen. Wir haben die Nächte mit Reden erhellt
und unsere Tage im Dunkeln gelassen und zweierlei Dasein gelebt. Nun ist
das Leben plötzlich in unsere Gespräche eingedrungen wie ein Tier und hat
uns die zehnte Nacht entrissen. Fahre sie wohl.
Es geht wie im Traum, der Schlitten schwingt im weichen Tempo des
Hufschlages. Die Abhänge sind an den Felsen manchmal schon „aper“ und
beugen sich voll Lawinen über den Schwarzwald hinab.
Sehen Sie zurück: auf Gisiböden, Notschrey, Blösling, Seebuck steigen
Säulen von Dampf. Schauen Sie ins Tal: da strudeln in den langen
Sonnenfächern rosa und blaue Nebelwolken. Welcher Zauber. Welche
Weite. Die Welt ist wieder offen.
Auf dem Bruchharsch des Zweiseeblick fahren die Skiheroen ins Tal. Sie
schwingen wie Kreisel in alpiner Technik über das Eis, flitzende schwarze
Punkte, dann stäuben sie in die Latschen. Die Sonne greift aus der
gläsernen Gegend eine vor Leidenschaft zitternde kühle Musik. Noch ist die
Erde nicht aufgeplatzt, dem Frühling entgegen. Aber die Ebene kommt uns
entgegen. Die Erde nimmt uns auf, als habe der Okeanos, der sie
umschließt, sich mit reißender Panorama von Witzen Wonne über sie ergossen.
Was bleibt von der Kühle und Distanz, mit der wir sie aus unserer
Verbannung heraus geteilt und beurteilt?
Was bleibt an Überlegenheit, wenn die See und die Alpen uns anglühn?
Dahinter liegt Venedig und über dem See die Städte. Von Badenweiler bis
Zürich, von Freiburg bis Köln geht der Atem der Landschaft. Und hinter der

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Heimat steht unentziffert, mit allen Wundern verschleiert, rätselhaft wieder
die Welt.
Was bleibt nun von dem, Mijnheer, was wir zu entzaubern versuchten?
Was ist Kunst?
Zuerst ein Mißverständnis von oft entzückender Albernheit bei den
Menschen. Welches Panorama von Witzen!:
Friedrich der Große schrieb dem Schweizer Myller, der ihm das
Nibelungenlied sandte: „Hochgelahrter, lieber Getreuer. In meiner
Büchersammlung werde ich dergleichen elendes Zeug nicht dulden.
Sondern herausschmeißen.“ Voltaire krächzte über Shakespeare als ein
lächerliches Scheusal. Der Dichter Flaubert ward zum Naturalisten, der
Mensch zum Verfasser von Cochonnerien gestempelt. Heine hielt eine
Zeitlang Goethe fürs Haupt der romantischen Jünglinge. Zola hielt sich für
einen nackten Schilderer der Natur und war doch ein versteckter
Romantiker. Man warf ihn aus der Zeitung, weil er für Courbet eintrat, und
nannte eine häßliche Frau „femme impressioniste“.
Das Rokoko hielt die chinesische Kunst für eine Pläsanterie, benutzte
ihre Schnörkel hochmütig und sprach über sie als „Indianische Malerei“.
Balzac habe die Gesellschaft seiner Zeit am Schreibtisch ergrübelt und nicht
geschildert und sei ein kindischer Schwachkopf, schrieb ein maßgeblicher
Mann seiner Zeit. Und ein anderer fügte hinzu: wie die Mode Hugos restlos
verschollen sei, werde auch Zolas schwaches Geschwätz dahingehn. Einer
der besten Kunstwitterer Künstler über Kunst Deutschlands, Paul Cassirer, hielt,
als ich ihm kurz nach der russischen Veröffentlichung Alexander Blocks mir
zufällig in die Hände geratende „Zwölf“, die Jahrtausend-Marseillaise aller
Kommunisten, für seine „Weißen Blätter“ sandte, das Gedicht für eine
kleine Ballade. Die Piraten der öffentlichen Meinung haben
Achtzehnhundertachtzig gegen Manet wörtlich buchstabengetreu denselben
entflammten Unsinn geschrieben wie gegen die Expressionisten. Was ist
Kunst, Mijnheer, wenn Sie die Zeit fragen? Es wertet nicht das Lächeln
eines holländischen Gentleman, der eine gute Zucht schwarzweißer
Rinderherden hat.
Wenden Sie sich zu den Künstlern, wirds ein Bajazzospiel des
Temperaments. Jeder liebt das ähnliche und kreuzigt das andere. Ingres hielt
sich zu Holbein und Rafael. Beckmann schwört zu Mäleskirchner und
Bosch. Böcklin, Feuerbach, Schwind wüteten gegen Macart und Piloty.
Balzac amüsierte sich über Hugos Stücke und verehrte Stendhal. Corot hielt

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Delacroix für einen Adler und sich für eine Lerche, während Ingres von
Delacroix als einem Epileptiker stöhnte. Heine hat Platen zwischen einer
Diarrhoe vernichtet und die Schwaben verlacht, aber Lessing mit strenger
Liebe bewundert. Fragen Sie einen Coiffeur, Mijnheer, was Kunst sei, aber
meiden Sie die Träger der ewigen Fackel! . . . . . . .
Nun traben die Pferde ums Bärental, geflockt von Lämmerschnee
schwebt die Ebene unten bis an den Rhein und der Wald über uns löst unter
der Sonne seinen weißen Ballast und wirft ihn dampfend und spielerisch
durch das Blau herunter.
Unser Schlitten ist rot lackiert, Mijnheer, und wie ein Minerva-Wagen
gebaut, er hat die gleiche Federung auf dem Schnee und den ventillosen
ruhigen Gang. Die Pferde knirschen schäumend an den Trensen und werfen
die Köpfe in die Luft, und nur die Glocken des Sattelzeugs durchtanzen die
Ruhe der landschaftlichen Majestät.
Künstler und Schulen Nun traben die Pferde zwölfhundert Meter über dem
Meer mit stolz gebäumten Hälsen und wagerechten Köpfen schon fast hohe
Schule von einer Schleife der Straße in die andere nach dem Rhein.
Was bleibt von den Stilen, den Richtungen, den Gruppen der
Jahrhunderte, wenn selbst die Gäule eine Schule des Ausdrucks haben, ihre
unterdrückte Leidenschaft nach der Ebene in einem prachtvollen Stil zu
bezeugen?
Alle Schulen scheinen vorne die Kampftruppe einer Epoche, dahinter
aber erscheinen sie nur als Widerstreit zwischen Können und Welt. Was
liegt dazwischen, Mijnheer?
Im einzelnen Fall gesehen ist die Antwort vielleicht schon zu einfach:
Die ägyptische Plastik war wohl der größte Versuch, das Persönliche in
das Mächtige münden zu lassen. Berninis Büste des vierzehnten Ludwig
erstrebte nicht den ähnlichen Mann, sondern allerdings darüber hinaus das
Königliche. Flaubert spießte nicht mit seiner Pinzette die tausend Details,
sondern sammelte das Kleine immer in bezug auf die Größe. Voltaire
machte nicht Witze, sondern suchte die Ernüchterung seiner Epoche,
Beaumarchais hatte zwar nicht nur Haß, sondern erstrebte nur Wahrheit.
Das ist deutlich und einfach. Wo aber liegt der eigentliche und letzte Sinn?
Die Inhaber der Schulen haben allerdings nur wie die Wilden
gegeneinander getobt und dem Mißverständnis der Stile auch noch die
Irrtümer ihres Charakters hinzugefügt. Von ihnen ist keine Antwort zu
erwarten. Sie wird höchstens Komödie:

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Schiller schwamm durch den Sturm und Drang, beknabberte die
Romantik, durchstelzte die Klassik. Goethe schrieb nicht nur den wüsten
Götz, vor dem noch der große Friedrich schauderte, sondern auch Iphigenie,
aber auch das italienische Tagebuch. Musset, der die Romantik an allen
Seineufern zärtlich komisch, daß Stil wichtiger . . . . bekannt gemacht hatte, schwor
ihr mit furchtbaren Witzen wieder ab. Das Rokoko erfand sich selbst zum
Kontrast auf seine Eleganz die lockeren Schäferszenen. Die ritterliche
Hochkultur des vierzehnten Jahrhunderts stürzte sich auf die Wilden-
Männersachen und schuf in den „ballets de sauvages“ sich ein romantisch
phallisches Ventil. Der kleinbürgerliche Gefühlsbulle unserer herrlichen
Zeitwende sogar, der sentimentale Bonsels, begann mit abenteuerlich
lasterhaften Eroticis, während er nun über Jesu gerne ausführlich spricht.
Joachim Kändler, der den europäischen figürlichen Porzellanstil von
Meißen aus schuf, ein bewundernswerter Meister, arbeitete zuerst im
Augsburger Goldschmiedstil, fertigte das berühmte Schwanenservice in den
vierziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts bereits in Rokaille und zehn
Jahre später das große Geschenk seines Königs an den fünfzehnten Ludwig
„im jetzigen goût der kunstliebenden Welt“, nämlich in Rokoko. Ist das
nicht lustig?
Keine Pamphlete, keine der trojanischen Schlachten, welche die Vertreter
des einen gegen die des anderen Stils schlugen, täuschen über das
Komische jener Einstellung hinweg, die vermutet: daß der Stil das Wichtige
und der Künstler das Unwichtige, die Kunst aber ein Feldlager sei.
Der Professor Bergeret bei Anatole France hatte eine geruhigere Ansicht,
als er nach dem Ehebruch seiner Frau aus dem Hause stürzte und plötzlich
an allen Ecken in Kreidegrafittos seine Karikatur als Cocu sah. In der einen
Auffassung der Zeichnungen wuchsen ihm die Hörner aus dem Kopf, in der
anderen aus dem Zylinder. „Zwei Schulen“, dachte Bergeret und ging
gelassen durch die Promenaden.
Als der Baron Marcellino de Sautuola die Höhle von Altamira vor
vierundvierzig Jahren mit ihren Eiszeit-Rötelbildern fand, lachte ganz
Europa, und Cartailhac, der das später männlich zurücknahm, erfand den
Spaß vom Ulk der spanischen Mönche. Bald aber war nicht zu bezweifeln,
daß hier eine Fünfzigtausend Jahre Kunst vorlag, die vor fünfzigtausend Jahren
an die Wände gemalt ward. Der Wolf in Font de Gaume sowie der Bison
von Altamira sind gewaltigere weitere Kunst als alle persischen Miniaturen

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und Teppiche und unvergleichbar großartiger als die ähnliche Malerei des
Franz Marc.
Fünfzigtausend Jahre sind eine erhebliche Zeit, alles, was uns wert ist,
liegt im wesentlichen höchstens dreitausend Jahre in der Welt. Wollte man
in der zwanzigmal größeren Spanne bis zur Eiszeit nach Schulen suchen,
würde selbst der Gott der Historie platzen vor Lachen.
Wir haben ohne Zweifel die Schulen von siebenundvierzigtausend Jahren
vergessen, aber die von dreitausend Jahren eifrig auswendig gelernt.
Den ersten Napoleon hat seine Schildkröte hundert Jahre überlebt. Und
von Fieldings „Tom Jones“ meinte ein Kritiker, es werde, da der Autor
habsburgisches Blut in seinem englischen Körper hatte, den
österreichischen Doppeladler überdauern, und es hat ihn überlebt. Was
bleibt, Mijnheer, an alledem, wenn aus der Nähe, von Pupille zu Pupille
gesehen, dem Sucher der Sinn der Stile nichts anderes scheint als der Anlaß
zu Albernheiten für die Zeit und spöttischen Kartenspielen der
Jahrhunderte?
Es bleibt, Mijnheer, im Wechsel der Gruppen und Erscheinungen
derselbe unbestimmbare Reiz wie bei den Saisonen der Natur: Herbst,
Fruchtbarkeit, Korn, Park und Flüsse . . . und der Widerstreit, den die
Schönheit des einen gegen das Leben des anderen führt und es vernichtet.
Es bleibt die Kraft der Natur, durch den Wechsel sich zu fabelhafter
Elastizität zu erziehen, die Knospen zu sprengen, wenn sie prall, und die
Früchte zu nehmen, wenn sie reif sind. Darüber hinaus hat alles nur den
Zweck des Kampfes zur Erreichung eines immer glühenden Umlaufs der
Säfte. Gegen die französische Akademie, die um Poussin und das antike
Ideal erstarrte, zog de Piles mit den Rubenisten und verlangte die
Vermenschlichung der Poussin-Garde. Stile? Nur Bewegungen der Fruchtbarkeit Aus
der Vereinigung entsprang Watteau, gegen den das Messer einer neuen
Klassik sich schon schliff. Maxime du Camp hat über einen Genius
gesungen: „Je suis né voyageur, je suis actif et maigre /// J’ai peur de
m’arrêter, c’est l’instinct de ma vie.“ Es wird der Genius gewesen sein, der
die Stürme der Richtungen gegeneinander führt und keinen Sinn hat als
den, die Fruchtbarkeit des Lebens toll und süß und scharf zu halten.
Es gibt keine Stile mehr unter diesem Gesichtspunkt, sondern lediglich
den Kampf von Sein und Schein, von Wollüstigen und Beschnittenen, von
Verklärten und Abenteurern der Kunst. Das Barocke hat stets mit dem
Klassischen sich gejagt, aber niemals war der Bürgerschreck Wahrheit, daß

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das eine größer, das andere kleiner sei. Die Natur hat keine subalterne
Kritik zu sich selbst, und was das Ruhige und das Lodernde trennt, sind nur
Unterschiede des Thermometers, nicht solche des Glanzes.
Das Barocke ist nicht das Verhüllte und das Klassische dagegen das
Gesegnete, sondern beide sind vom gleichen letzten Adel der Helligkeit,
wenn sie erlesen gesucht sind. Wedekind und Bosch sind Signale der
Klarheit im Barocken. Shakespeare und Calderon sind Monumente des
Lichten im Barocken. Goethe und Racine, Rafael und Petrarka sind helle
Söhne der Klassik. Es gibt dagegen heute wie stets auch verworrene Klassik
und mißverstandenes Barock. Das Publikum legt keinen Wert auf diesen
einzig richtigen Unterschied, aber es würde bei einer Eselparade auch nicht
auf die Gangart, sondern auf den zweiköpfigen Esel schauen.
Es bleibt, Mijnheer, wenn Sie fragen, was Kunst sei und was standhielte,
gehalten gegen die aufbäumende Kraft des Daseins, es bleibt, über die
ewigen Bewegungen der Jahreszeiten von Blüte zur Frucht, von den
reifenden Äckern und den gewitterroten Herbsten, es bleibt über die weiche
Wehmut des Sommers und die zitternde Kraft dieses Kreislaufs durch die
Jahrhunderte hinaus . . . es bleibt letzten Endes Kunst? Göttliche Erinnerung an
Menschen außer dem unfaßbaren, aber erregenden Zustand dieser Bewegung
die stille Heiterkeit einer menschlichen Erinnerung. Es bleibt, wenn alles
Überflüssige schließlich fiele, wenn das Verhüllende fehlte, wenn das
Zeitliche schwände, es bleibt in letzter Nacktheit jede Kunst als der
Götterfries ihrer Menschen, über jeder vor uns verrauschten Epoche mit
klarster Kraft an den Horizont der Ewigkeit als Erinnerung geschlagen.
Es werden durch diesen Fries die Götter der Sehnsucht und die Göttinnen
der Qualen dieser Menschen vor uns wandeln und die Nymphen ihres
Lächelns werden nicht fehlen und die Dämonen ihrer Leidenschaft werden
darin zittern. Ja, ihre Ernten und ihre Städte, ihre Sklaven und ihr Reichtum
wird darin enthalten sein wie in allen göttlichen Symbolen, die leicht zu
entziffern sind, wenn das Göttliche wirklich seinen Atem in sie gehaucht
hat.
Denn die seligen Götter waren nie ein anderes als die Erhöhung der
Menschen irgend einer Zeit auf einen gewissen Stand ihrer Sehnsucht, sie
waren nicht einmal unfehlbar, sie waren unsterblich, aber verwundbar, alles
wissend, aber zu betrügen, voll Ethos, aber auch voll Haß und Neid. Sie
waren aus beiden Stoffen der Erde gemacht wie die Menschen auch, denen

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nur die Kunst schließlich blieb, in ihr die Götter wohl mit größter
Vollkommenheit, aber auch mit allen ihren eigenen Fehlern zu bilden.
Es ist einfach, von der Kenntnis der Menschen einer Zeit aus auf die
Größe ihres Weltbilds zu schließen, es ist noch einfacher, sich aus den
Figuren der Götter die Gesellschaft jener Nationen zurückzuenträtseln, die
auf dem Rücken der Kunst diese Götter sich gebaut haben.
Denn Kunst ist immer der eifervollste Kämpfer mit der Unsterblichkeit
gewesen. Als die größten Künstler ihrer Zeit, Bernini und Corneille, sich
trafen, redeten sie sofort ohne Pathos, so als ob sie „how do you do“ sagten,
davon, wie schmerzlich es sei, daß man so weit hinter seinen Idealen
zurückbleibe. Flauberts Tagebücher weisen Kämpfe, die verzweifelter vom
Feldberg der Seele aus . . . sind wie jene Cäsars, Alexanders, Napoleons, um die
Erreichung einer möglichen Welt. Und als Gelimer nach Karthagos Fall mit
den letzten Vandalen in einer numidischen Bergfeste am Krepieren war und
die Herrlichkeit eines phantastischen Reichs damit hinsank, erbat er von
seinem Gegner Pharas neben Brot und Schwamm eine Harfe, um selbst die
Größe seines Unglücks mit der Kunst zu messen. . . . . .
Wir haben, Mijnheer, sechzehnhundert Meter hoch den Schlitten heute
angespannt, haben die Landschaft des Schwarzwaldes in langen weichen
Hängen unter uns ins Land fließen sehen. Hinter den Spießhörnern malten
sich die Vogesen violett an die Dämmerung und hoben Straßburgs
Kathedrale aus der fetten elsässischen Erde. Über dem Titisee funkelte die
rote Lava der Schweizer Alpen. Von Kolmar bis Mainz lag die deutsche
Erde unter uns und sie atmete über den Rhein, wo ihre Geschicke stets
geplant, getragen und gemünzt wurden, immer nur das eine wundervolle
Gefühl: Gelassenheit.
Die Pferde traben nun schon sechshundert Meter tiefer, sie sind von
Hafer toll und gehen elektrisch in der Kandare, wir haben den gleichen
Blickpunkt, um auf die Kunst zu schauen: Ach, wie fliegen, vom Feldberg
der Seele aus gesehen, die Schleifen der Stile, die Banner der Richtungen,
die großen Proklamationen feierlicher Wahrheiten in den Wirbel der
Dampfsäule hinein, der sich von allen Berggipfeln der Sonne zu hebt, und
wie atmet die Brust der Kunst denselben Rhythmus wie die ewige
Landschaft: Gelassenheit.
Nur das Höchste wird spät einmal Sinnbild. Nur das Erlesenste ersteigt
einmal den Sockel. Nur das Auserwählte kommt über die Bewegtheit der

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Jahreszeiten mit der fiebernden Brust an den göttlichen Mund, der es
durchatmet.
Die Bewegung von Kunst und Volk ist wie der Wettlauf von Wolken und
Flüssen, die in der farbigen Landschaft versuchen, mit gleicher Eile zu
wandern und mit gleicher Innigkeit sich zu spiegeln. Einen anderen Himmel
hat die Provence, einen anderen Sibirien wie Deutschland. Ebenso Deutsche
Wolken, deutsche Götterbilder wandern die Wolken gehauchter oder gedunkelt,
ebenso strömen die Flüsse silbrig oder voll Trübsinn.
Die deutschen Wolken haben einen dunklen Kern und geschliffene
stahlhelle Ränder und die deutschen Flüsse haben die wehmütigen
Melodien ihrer melancholischen Tiefe und den Glanz ihrer romantischen
Fälle. Aber die Wolken wandern noch nicht wie die Flüsse und die Ströme
blicken in andere Wolken und zwischen den oft italienisch geformten
Wolken und den germanischen Flüssen ist noch kein klarer reiner Kontur
der Landschaft gezogen.
Die Götterbilder der Kunst haben zwar an alle Horizonte die leicht
entzifferbaren Fresken der Jahrhunderte gespiegelt, aber über ihrem Barock
haben die Deutschen noch nicht die Sehnsucht nach der südlichen Erlösung
vergessen und werfen in ihren Träumen den Himmel Neapels und
Barcelonas an ihren kühlen germanischen und denken sich den dann gern
als den ihren. Sie haben in ihrer wundervollen Einfalt ihre Sehnsucht mit
ihrem Dasein verwechselt, sind bald in den Ruf gekommen, Barbaren, bald
Schwärmer zu sein, haben von jedem ein Teil und können sich immer noch
nicht entschließen, von Bamberg, von dem Vogelweider, von Wolfram, von
Cranach und Bosch und Grünewald, Luther, Fischart, Grimmelshausen,
Grabbe, Kleist, Wedekind den Glanz zu nehmen, mit dem sie andere mit
den Scheinwerfern ihrer Verehrung bombardieren. Götter werden nicht
nachträglich gemacht, sondern sie werden verliehen. Sie sind da, ob man sie
sieht oder nicht.
Einmal wird der dunkle Lauf des stürmischen Flusses mit den schweren
stahlglänzenden Wolken in gleicher Eintracht und im selben Schwung
gehen und sie werden sich in einer Landschaft von Ruhe, Schwere und
jungem Glanz spiegeln. Die deutsche Zukunfts-Landschaft ist ewig und voll
großer Geduld. Ihr Bild schiebt sich schon manchmal aus den fliegenden
Schatten und den durcheinanderwuchernden Hängen zu phantastischer
Dichte zusammen. Nicht bei Niggern Barock ist die deutscheste Form und nicht
bei Hellenen ist die Zukunft. Sie liegt barock in der deutschen

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Vergangenheit, und wenn Kunst überhaupt mit Zweck zusammengenannt
werden darf, so ist ihr gegenwärtiger Sinn, mit diesem Bewußtsein den
Höhepunkt nationaler Blüte zu erreichen, denn das heißt: daß die deutschen
Himmel und die deutsche Erde zusammenwachsen.
Barock ist die deutscheste Form. Und wie beim klassischen Bildwerk
immer sich der Ausdruck in einem fast flächigen Punkt sammelt, erreicht
bei gleicher Kraft der Schöpfung das barocke Bildnis noch die Stärke, von
seinem Umriß aus zu strahlen. Es sammelt nicht nur wie das Antike,
sondern es schillert und überträgt und wird europäisch. Das ist auch die
letzte Richtung unserer Wolken und unserer Flüsse.
Aber Deutschland.
Die Erbschaft von fast zwei Dutzend Fürsten hat nach der Revolution
nicht das souveräne Volk der Verfassung, sondern die Macht von zwei bis
drei wirtschaftlichen Konzernen übernommen, die fast stärker sind wie der
Staat. Als der Industriemagnat Stinnes nach den Eisenbahnen griff, führte er
die Hand an die Gurgel des alten Staatswesens. Wenn Rathenau und
Loucheur das Wiesbadener Abkommen berieten, hätten beide als Figuren
eines Lustspiels von einem sardonischen Molière sich abwechselnd erheben
können mit der Frage, ob im Gegenüber der Wiederaufbauminister oder der
Präsident der AEG, oder der Präsident von „Terres rouges“ sprächen. Früher
bestimmte die Augenbraue eines Königs, später der Zug der Gemüseweiber
mit der Freiheitsgöttin nach Versailles die Geschichte.
Heute umfiebern die Börsen die Geschicke Europas, und Frankreich, das,
den Mund voll Gesängen der Freiheit, seinerzeit zur Einigung des
Kontinents aufgebrochen war, wird nunmehr regiert von dreihundert
Leuten, die vielleicht nicht lesen und schreiben können, aber im
Aufsichtsrat von Creusot, Standard Oil Compagnie, Arbed und Crédit
Lyonnais sitzen. Früher ging la doulce France kämpfend für den Glauben
nach Weltwirtschaft, Stinnes Palästina zum Grab des Herrn, heute sitzen die
Deutsch de la Meurthe, Henri Rotschild, Michelin hinter ihren Ministern
und lassen Deutschland aussaugen.
Aus dem Haag wird gemeldet, in London einige sich eine Konferenz
französischer, belgischer, holländischer, englischer, amerikanischer
Petroleuminteressenten unter dem Vorsitz des früheren niederländischen
Ministers Colyn, um einen Welttrust gegen Rußland zu bilden. Vor wenigen
Jahrzehnten noch rafften ehrgeizige Männer eines einzigen Landes einige
Quellen zusammen, unterboten den Konkurrenten um zwanzig Cents,

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machten ihn pleite und kauften ihn auf. Das war Wirtschaftskampf und
erschien ungeheuer. Heute ist die Welt in ihren Stoffen schon völlig
ineinander vertrustet. Die letzten Kriege fanden noch statt, weil das Kapital
Rohstoffquellen brauchte, die Amerikaner fochten mit Spanien wegen der
kubanischen Erze, England mit den Buren wegen der afrikanischen Gold-
und Diamantenfelder, Amerika kollidiert mit Mexiko wegen der
Petroleumquellen, der Kampf um die Ukraine ist der Streit um Kohle und
Erz, die Karambolage zwischen den Holländern und Amerikanern ist wegen
der javanischen Djambi-Petroleumfelder erwachsen. Jetzt aber wird die
Wirtschaft ein europäischer Riese und hat sich so verfilzt, daß vielleicht die
äußeren Kriege unmöglich werden.
Den kühnsten Sprung hat der Deutsche Stinnes getan, die größten Zechen
mit allen industriellen Zwischenlagen bis zur elektrischen Industrie in seine
Hand gebracht, hat mit dem amerikanischen Ölkonzern, mit der
chinesischen Elektrolieferung Liierung eingegangen. Er hat
Petroleumkonzessionen in Comodore Rivadavia in Argentinien, eine
elektrische Fabrik im jugoslawischen Agram, er besitzt italienische
Aktienpakete, hat teil an den Fiatwerken in Turin, kaufte rumänische
Schuhfabriken, um im Augenblick der Konjunktur das nicht mehr
bolschewistische Rußland beliefern zu können. Es gibt keine Grenze für
sein hydrahaft Gemacht! wucherndes Kapital. Erzgruben in Brasilien?
Gemacht. Die Alpine Montangruppe in Österreich? Gemacht. Eine
Handelsgesellschaft in Niederländisch Indien? Gemacht. Eine
Waggonfabrik in Choribon? Konzessionen in China? Der Stille Ozean der
künftige Brennpunkt der Wirtschaft? Gemacht.
Gemacht aus dem pleiten, zuckenden Deutschland heraus, dessen
Papierscheine flattern, dessen Adel erlischt, dessen Bürgertum zerrieben
wird. Selbst die Wirtschaft Europas scheint sich nach Stützpunkten
umzusehen, um mit ihr in andere Kontinente auszuwandern. Denn Stinnes
ist gegen den Morgan-Trust, der das Tausendfache an Kapital kontrolliert,
nur ein Zwerg. Amerika und Asien haben einen Schein von zukünftigen
Wirtschafts-Kränzen um das Haupt.
Gegen die Riesenkraft dieser Kapitäne der Wirtschaft hat sich die
arbeitende Masse in Armee erhoben, der internationale
Metallarbeiterverband hat acht Millionen Mitglieder, soviel als Kämpfer an
den Fronten des Maschinenkriegs. Ihre Bureaus kontrollieren die Konzerne,
ihre Betriebsräte gruppieren sich in derselben Form wie die Konzerne, die

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sich nach Form der Seepolypen und Quallen vergrößern und verändern, und
halten ihnen die Gegenwagschale fest.
Zwischen diesen beiden Mächten schwankt das alte Europa. Seine
seitherige Kraft setzt sich um in die Energie, mit der die maschinelle
Epoche in ikarischem Flug die Gegenwart durchbraust, oder verschwindet
in der staatlichen Bureaukratie jener Beamten, die wahrscheinlich die
Sieger des Wirtschaftskampfes eines Tages als ihre Sklaven übernehmen
werden. Die Fahnen des Kampfes sind zwischen die Kapitäne der
Wirtschaft und ihre Arbeiter zerteilt. Wenn sich Europa nicht zerstört und
die Welt damit, werden die schaffenden Klassen sich mit den
kommandierenden vermischen, sie werden die seitherigen Führer ersetzen
und eine neue Form der Gesellschaft gründen. Die letzten beiden Jahrhunderte
Einen anderen Weg gibt es nicht, wenn man nicht vorzieht, klüger wie die
Natur zu sein und sich eine Kugel vor den Kopf zu schießen.
Auch die Revolutionen sind nichts weiter wie Ventile und
Geschmeidigkeitsmacher auf diesem Weg. Früher machte man sie wegen
irgendeiner alten Waschfrau, die irgendwelche Truppen irgendwo
erschossen, und trug die heilige Leiche über die Boulevards. Man kämpfte
noch um Verfassungen und brauchte Märtyrer. In Pernambuco sogar sah ich
Revolten, die wegen der Einführung der Straßenbahnbillette und der
Durchführung des Impfzwangs geführt werden. Heutigentages entledigt
sich die Luft durch sie der elektrischen Spannungen, die zwischen den
einzelnen Lagern liegen und macht die Zeit damit präzis und funkelnd wie
ein Walzwerk.
Die letzten beiden Jahrhunderte waren die der großen Romane von
Fielding bis Dostojewski, von Scott bis Manzoni, von Defoe bis Zola und
de Coster, von Dickens bis Flaubert. Vorher waren die großen Dramen von
Shakespeare bis Molière, von Calderon bis Racine. Vor ihnen glänzten die
schlanken Epen des Mittelalters, von der Karlsreis bis Crestien von Troyes
und vom Hildebrandslied bis zu Hartmann von Aue. Unser Jahrhundert hat
seine schöpferischsten Kräfte scheinbar in die Gestalt von Ingenieuren
geworfen, Konstruktionen ungeahnter Formate, Wirtschaftssysteme
zyklopischer Vermaschtheit erfunden und eine endlose Brut von Kinos über
die Welt geschleudert. Burn Jones irrt, der meint, die Welt fiele am liebsten
in den Zustand der Barbarei zurück und wolle nichts mehr wissen von der
Schönheit. Die Barbaren hatten in Wahrheit stets homerischen Heißhunger
nach dem Erlesenen, und erst die Zivilisierten begannen mit dem Glauben,

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das Unaussprechliche sei entbehrlich, soweit es vom Geist her komme, und
man vermöge es durch Wunderwerke aus Stahl zu ersetzen.
Möglich, daß die Kunsthandwerker des Mittelalters, die Lionardo als
Elektriker die Dome und Altäre bauten, heute statt dessen die eisernen
Schwebebrücken, die sechzig Stockwerke hohen Häuser, die irrsinnigen
Maschinenwerke erfänden. Vielleicht, daß Lionardo, statt sechs Jahre an
den Haaren einer Frau zu vermalen, das schönste Luftschiff auf elektrischen
Wellen über den Ozean oder zum unserem Klima entsprechenden und daher
am wahrscheinlichsten von Menschen bewohnten Mars schickte. Zweifel?
Es gibt nur ein einziges Zauberwort der Zeit: Gemacht. Es gibt auch nur
einen einzigen vollkommenen Enträtseler der Epoche. Es war der Clown
eines wandernden Zirkus, der mit seiner Zwergenstimme durch die Manege
schrie: „Wunderbar? Wunderbar /// Ist ne Kuh aus Pferdehaar.“
Aber Deutschland ist noch nicht aus den Maschen der Welt gefallen.
Zwischen den zuckenden Gruppierungen der Wirtschaft, unter der Presse
des Versailler Vertrages, geschleudert wie Honig im Rhythmus der
fallenden und steigenden Mark, zerrissen von einer Demokratie, die das
Beste will aber einen Zirkus von Parteien darstellt, von Stinnes
herangepfiffen, von den Sozialisten ins Schlepptau genommen, läuft es wie
ein getreuer Stern den großen Zug um die Achse seines Schicksals.
Seine Fürsten sind verschwunden, sein Adel hat resigniert, seine
Bürgerschaft wird hinweggeweht. Louis Philippe war der letzte Fürst der
Bürger. Unter Ebert, dem ersten deutschen Präsidenten, einem
ausgezeichneten Taktiker der Republik, geht es den Weg eines Jahrhunderts,
das die Bourgeoisie und ihre Kunst auslöscht. Der Krieg sollte die Macht
dieses Standes, der sich achtundvierzig noch auf Barrikaden stellte,
befestigen. Herr von Zobeltitz sang damals: „Ein Mayer fiel und ein Arnim
starb / Unter den Kugeln der Feinde / Gab zwischen Adel und Bürgertum /
Es wirklich noch scheidende Grüfte / Jetzt baut der einende Todesruhm /
Brücken durch brandrote Lüfte.“ Der Herr dachte an Avalun und ahnte nicht
den Pulsschlag Europas. an seinem fiebrigsten Opfer . . . Die Seufzerbrücke des
Krieges baute sich auf über das Leichenfeld des bürgerlichen Deutschlands,
machte den Plan glatt zwischen arbeitender Masse und den Steuermännern
der Wirtschaft, die, beide auf dem gleichen Schiff, sich auseinanderzusetzen
haben, ob sie den Erwerb teilen oder sich in die Luft sprengen wollen.
Das ist nicht Politik, Mijnheer, das ist die Gegenwart, die ich erkläre, das
ist unsere Zeit, in der wir leben, das sind die Wolken, unter denen wir

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wandern.
Das ist das Schicksal Europas, an seinem fiebrigsten und interessantesten
Opfer gemessen. Das ist Deutschland, das mit den Preisen seiner
Lebensmittel wie mit Mongolfieren aufsteigt, dessen Valuta von Tag zu Tag
die der anderen überfliegt, dessen Industrie zittert vor der Stunde, wo die
Mark sich stabilisiert und sie die Weltkonkurrenz annehmen und nicht mehr
mit Dumping unterbieten kann. Die aber auch graust vor dem Tag, wo die
Mark hingegen steigt, die Konkurrenz unmöglich, Millionen Arbeiter auf
der Straße liegen und die inneren Kämpfe mit einer Grausamkeit drohen,
gegen welche die Eroberungskriege früherer Zeit nur schwache Feuerwerke
sind.
Das ist Deutschland, das, aus sieben Wunden blutend, gefesselt, in
erbärmlicher Hitze, sich immer noch in der Arena als Gladiator gegen die
Wölfe des Elends wehrt, indem die anderen Länder Europas, die es
ausgeliefert haben, mit blinden Augen, aber schon erbleicht, dem
Schauspiel zusehen. Und während die Neue Welt sich nicht anschickt, aus
dem Sentiment des Rettens zu helfen, sondern fortfährt, zu allen Speisen
Käse zu essen, Oberammergau zu besuchen, seine Männer zu effeminieren
und auch den ältesten Weibern die Haare abzuschneiden.
Das ist Deutschland, wo im Krieg die Mädchen für die Verdichtung der
U-Boote ihre Locken opferten und wo ein Bankier, als ein anderer ihn
besuchte, dem Sekretär sagte: „Schreiben Sie auf ‚Haben‘, daß er rote
Haare Wiederkehr Deutschlands hatte, damit, wenn er kommt mit grauen, man
weiß, daß es rote waren, die er besaß.“ Zwischen der edlen Nutzlosigkeit
der ersten und dem Zynismus der zweiten Geste atmen unsere Obstbäume.
Über den Obstbäumen geht der Himmel mit allen Erinnerungen unserer
Größe, mit allen Malen unseres Unglücks und mit den Verheißungen
unserer Unvollkommenheit. Zwischen den Flüssen und den Bergen
Deutschlands bereitet sich seine Wiederkehr. Über den Hügeln liegt die
Zartheit seiner besten Farben. In den Buchenwäldern hallt das Echo seiner
Helden. Zwischen den reifen Wellen des blaugeäderten Kornes wehen die
Vogelstimmen seiner Melodien. Die alten Brunnen unter den Linden in
alten Dörfern haben nicht aufgehört zu rauschen, und der Dampf seines
regengespeisten Bodens duftet die alte mythische Fruchtbarkeit.
O Deutschland.
Zwischen Aschaffenburg und Heiligendamm, zwischen Quedlinburg und
Passau, zwischen Rothenburg und Hamburg, Dresden und Speyer tanzen

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deine Kinder wie die Bären der Savoyarden auf den heißen Eisen der Zeit.
Zwischen deinen schönsten und geliebtesten Flächen haben die Einen
begonnen, einen Riesenbau der Mechanik bis in die Wolken zu treiben, und
auf dem schwankenden Boden darunter tanzen die Anderen, aus allen
Gliedern blutend, den verzweifelten Tanz der Bettler, die durch Späße das
Publikum von ihren Gebrechen abzubringen und durch ihren Heroismus zu
rühren suchen. Sie schreien und sie lachen und sie weinen durcheinander
wie am Anfang der Schöpfung, aber sie leben.
Sie haben in ihrer Verwirrtheit kein Auge für deine stille Bereitschaft. Sie
ahnen nichts von deinen Rebengärten, deinen romantischen Ufern, den
jungen Wäldern, mit denen du den Flaum deiner Wunden zudeckst, sie
spüren nichts von dem Goldschlag der Reife, die dein Körper, den man
beraubt hat, in seiner Enge erreichte. Sie spüren nicht, mit welchen Wonnen
deine Meere unter dem Sommermond schlafen, Gelassenheit ist Zuversicht deine
Pappeln mit den Chausseen im Abend wandern, mit welcher Süßigkeit
deine Lerchen in den Frühhimmel steigen. Sie haben den Blick nicht für
den stillen Glanz deiner Matten, über die die großen Kuhherden weiden,
den Zauber selbst deiner ärmsten Gerölle und die tiefdampfende
Schöpferkraft deiner aufgeworfenen Erde.
Sie ahnen nicht, daß von deiner Brust und der stählernen Lockerkeit
deiner weiblichen Gelenke die schöne Bewegung ausgeht, die sie eines
Tags trösten wird. Und sie spüren nicht, daß, ob sie mit ihren glatten
Schlachtordnungen siegen oder sterben, ob sie mit einer neuen Gesellschaft
in phantastischer Ordnung oder, mit ihren Maschinen zurückgestürzt auf die
Erde, zu dir zurückkehren, sie in dir die schöne Geliebte, die Mutter und die
Heimat finden werden, an deren Leib es schön zu ruhen und herrlich zu
leben ist. Sie haben deinen Leib nicht beachtet und sie ahnen nicht, daß er
mit einem gewissen Lächeln der Überlegenheit über alle Wirrungen hinaus
nur atmet: Gelassenheit.
Gelassenheit, Mijnheer, denn wer die Gegenwart liebt, hat auch die
Kühle, sie nicht zu überschätzen, und wer die Kühnheit des Vorstoßes hat,
besitzt auch die Ruhe einer wundervollen Reserve. Man stirbt nicht,
Mijnheer, solange man einen Fetzen Atem hat, und solange man genießt,
hat man Zutrauen in das Gelebte. Als Balzac in der kränkendsten,
entsetzlichsten Form durchfiel, dachte er am nächsten Morgen nur an die
Anlage eines Weinberges, einer Molkerei, eines Gartens seltener Gemüse.

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Alles Unglück ist nur die Probe auf die letzte Lebendigkeit der Liebe,
gleichwie in der letzten Erzählung des Boccacce, die schildert, wie ein
Edler seine Frau verstößt, beleidigt, kränkt, um zu erproben, wie weit ihre
Zuneigung geht. Dies Buch des Boccacce ist nicht nur eines der tiefsten in
gefälliger Anmut und eines der galantesten auf tragischem Boden, sondern
es ist hinter der Mauer der Pest auch das tollste Loblied auf das Dasein.
Rückkehr zur Ebene Sehen Sie zurück, Mijnheer: Die Säule auf dem Feldberg
steht wie eine Pyramide schillernd in allen Farben in der mittaglich blau
wogenden Luft.
Sehen Sie zur Seite: In der Breitenlage Europas ist Anatole France der
ritterlichste Gipfel einer verwirrten Übergangswelt, Blériot der
unerschütterlichste Bejaher einer anderen.
Zwischen beiden wird ein Weg sein, dem auch die Sonne gut, die Erde
gnädig, die Menschen fruchtbar sind.
Sehen Sie vorwärts: Da flimmern bereits die ersten Gärten, der Frühling
hat sie übermannt und tobt mit Gerüchen, es flammt uns entgegen das Gold
der Weidentroddeln, das Gelb der Goldregen und das Rosa der Mandeln.
Wir sind fast in der Ebene schon und damit wieder in der Welt.
Wir sind in der Welt, Mijnheer, die Alpen sind ausgelöscht, die Vogesen
verschwunden, die Grenzen sind gefallen. Der Wirrwar der Jahreszeit
erstickt jetzt mit seiner nahen Fülle. Hinter ihr kommt die Musik der ganzen
Welt mit Donner und Wagen und mischt sich in den wilden Duft zur
Melodie der Epoche, vor der der Frühling herstürmt wie Apollon
Mousagetes, der, in fast weiblichem Chiton heranbrausend, die Nymphen
um sich, die Götter anschwellend immer mehr hinter sich, in einen
olympischen Rausch hineintanzt. Ich höre die Musik von Kämpfen und ich
rieche den Duft der Opfer. Ich spüre meine Heimat. Es lebe Deutschland.
Man kann nur gegen seine Zeit sein oder mit ihr gehen. Im
Schmollwinkel zu sitzen ist nicht die Art eines Gentleman. Ich ziehe vor,
mit ihr zu marschieren und nicht zu versäumen, die Hand ans Ruder, den
Blick auf die Kontrolle zu richten.
Mein Großvater hatte einundzwanzig Kinder mit einer Frau, von denen
siebzehn über siebzig Jahre alt wurden. Er gab ihnen den Freimaurerspruch
mit: „Wenn dir der Große Baumeister einen Sohn gibt, zittre vor der
Verantwortung, die er dir auferlegt hat. Mach, daß er bis Was werden Sie tun?
zum zehnten Jahre dich fürchte, bis zum zwanzigsten dich liebe und bis zu

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deinem Tode dich achte.“ Ich werde vielleicht ohne Söhne sterben,
Mijnheer, aber ich werde Deutschland nicht aufhören zu lieben.
In meinem Wappen stehn unter dem springenden Löwen die sechs Punkte
des Gleichgewichts und der Gelassenheit. Ich habe auch die drei Bilder
noch nicht in das Haus meiner Väter in die Bibliothek gehängt. Ich habe
mich nicht so rasch entschlossen wie mein Vater, der das Kind einer
unbedenklicheren Zeit war, denn ich übersehe die Zerrissenheit meines
Jahrhunderts besser und ich weiß, daß jeder Schritt heute der falsche sein
kann, daß man kurz vor dem Tode vielleicht erst die Ahnung des rechten hat
und diese halbe Gewißheit womöglich in der letzten Sekunde noch
widerruft. Man weiß nur, wohin man marschieren muß, man weiß nicht,
wohin es geht. Und man weiß nicht, ob die Führer die Helden oder die
Verbrecher sind.
Sie werden in kein Kloster gehen wie Ihr Ahne, der den fünften Karl
begleitete. Das Segel Ihres Wappens, das die Mauren jagte, einen König
nach den Niederlanden begleitete, das die Mischung Ihres Blutes mit dem
der Javaner und Spaniolen überbauschte, wird Sie guten Sinnes, voll Genuß
und Verantwortung in die Welt hineinführen. Sie unterscheiden die
Notwendigkeiten der Zeit und die Wünsche Ihres Blutes, und Ihr
Monarchismus ist Ihnen das schöne Symbol einer Zeit, die um erlauchte
Traditionen kreiste und nicht der Götze unfruchtbarer Launen.
Was werden Sie tun? Ziemt es dem holländischen Gentleman, nachdem
wir in zehn Nächten die Welt verteilt, die Künste zensiert, die
Leidenschaften geprobt haben, der den Horaz im Koffer mitführt in die
intimsten Situationen, ziemt ihm die Heimkehr zum Haus in ’s Gravenhage,
nach der Bibliothek in Delft, zu den Herden in Utrecht, so ist die Reise
gesegnet. Drumherum steht die Welt voll Genuß. Mai in Baden-Baden, Juni
in Verona, im Juli zieht die Wimbledonwoche Größe der Erde um den Davis
Pokal auf Rasenplätzen in England. Die Rumänen stehn gegen die
Tennisspieler der Philippinen, die Italer gegen die Japse, Dänemark ficht
gegen Indien, und der Australier Patterson ist Favorit mit seinen
schmetternden Drives und seinem zertrümmernden Anschlag, wenn der
König zwischen dem Prinzen von Wales und dem Herzog von York, seinen
Söhnen, das Signal zum Beginn gibt. Sie können sodann im August am
Pazifik „medicine ball“ spielen und im September in Hawai im Schlepptau
eines Motorbootes das aufregende „surf-board-riding“ ausüben und Sie
werden die schönsten Frauen der Welt dazu um sich sehen.

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Sie werden den Atlantik hören und den Pazifik schäumen sehen und
spüren, wie die Schiffe darauf schaukeln und Sie werden die Größe der
Erde mit einer grenzenlosen Verwunderung einziehn. Denken Sie an den
Tag, wo es Sie überfällt, daß Sie kaum zu atmen wagen: wie grenzenlos die
Welt ist . . ., denken Sie, daß ich Ihnen sagte, zuerst seien die Menschen und
dann erst die Götter, die sie sich erschufen.
Einmal komme eine neue Gesellschaft, aber vorher sei das Dasein, das
sie erst erkämpfen kann. Einmal komme eine europäische Weisheit, aber
vorher das Leben, und nichts sei männlicher als Gelassenheit. Sie sind ein
holländischer Gentleman, der die Erde liebt wie ich, mit dem ich zehn
Nächte durchwachte, und sind nicht der Teufel, mit dem Herr Grabbe über
diese Dinge zu reden gezwungen war, und Sie verstehen auch, wie ich Sie
begreife, wenn wir „Leben“ sagen, weil das alles ist.
Ach, auch Achilleus wußte um den sichersten Besitz dieser Kugel. Als
Odysseus ihn in der Unterwelt besuchte, erkannte er ihn erst, nachdem er
Blut vom Opfertier getrunken, und als jener ihm Komplimente machte, wie
fabelhaft ihm auch der Tod tributär sei und wie erhaben auch im Hades er
herrsche, winkte der beste Grieche mit der Hand. Er hob den Kopf in die
Höhe, versuchte das Dunkel zu zerreißen und Achilleus bewegte die Lippen:
er möge lieber als bei den Toten zu herrschen ein Tölpel sein, der
knechtisch hinter dem Pflug die Erde aufreißt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
..........
Mijnheer. Leben Sie wohl,
Die Schlitten halten an und müssen zurück.
Die Schneegrenze ist erreicht, der Winter zu Ende. Hier wechselt das
Klima. Drüben im Frühling stehen schon wartend unsere Wagen.
Zweihundert Meter tiefer dehnt sich die Ebene bereits in betäubender Fülle.
Dort ist schon Sommer in Deutschland.

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REGISTER
Addison 285
Aeschylos 123
Aho Juhani 284
Allgeier 69
Alexis, Willibald 128
Altenberg 58, 257
Andersen 54, 134
D’Annunzio 9, 21, 42, 107, 205, 278, 282
Apulejus 21
Archipenko 231
Arcos, René 277
Ariost 201
Aristophanes 217
Aristoteles 74, 246
Arndt 210
Arnim, Achim v. 108
Auernheimer 257
Aurevilly, Barbey d’ 108
Auwers 268
Ayrer 24

Baalschem 288
Bab, Julius 191
Babits 284
Bahr 85
Baker 104, 227
Balder 261
Balla 281
Balzac 18, 24, 29, 71, 110, 162, 170, 228, 274, 278, 302, 303, 318
Balzagette 215
Bang 28, 242, 244, 288
Barbusse 205, 215, 271, 275, 276, 286
Barlach 106
Barret-Browning 278
Barrow 103
Bartels 173
Bassermann 70, 77
Baudelaire 28, 107, 244, 255, 274, 278
Baum, Oskar 258
Bazaine 12
Beardsley 285

Page 249

Beaumarchais 131, 304
Beaumont, Herzogin v. 170
Becher, Joh. R. 106, 213
Beckmann 44, 214, 303
Beer-Hofmann 257
Benedetti 12
Benn 135, 233
Béranger 228
Berger, Ludwig 80
Bernard 102
Bernhardt, Sarah 77, 131
Bernini 26, 27, 158, 161, 304
Beyerlein 52
Bierbaum 58
Bie, Oskar 279
Bismarck 141
Björnson 289
Blanchard 141
Blei, Franz 172, 177, 178, 179, 180, 278
Bleibtreu 57
Blériot 42, 145, 152, 228, 319
Block, Alexander 285, 303
Bloem 46, 63
Blümner 106
Boccaccio 20, 21, 36, 113, 233, 264, 318
Boccioni 229, 281
Böcklin 303
Boehme, Jacob 106
Boileau 74, 130
Bonsels 47, 55, 99, 181, 269, 305
Borchardt 85, 86
Börne 172
Bosch 303, 307, 310
Bosse 77
Bossi 268
Bossuet 25, 101
Botticelli 242
Boucher 36, 96
Boussanelle, Rittmeister de 247
Brant 209
Brantôme 102
Breitensträter 177
Brentano 172, 211
Brod 258
Brummel 263
Brunetière 172
Brunner, Prof. 171
Bruun, Laurids 104, 288

Page 250

Buber, Martin 287
Büchner 27, 46, 84, 107, 128
Bulwer, Earl Lytton 161, 207, 285
Burkhardt, Jacob 102
Burns, Robert 162
Byron 107, 137, 207, 231, 272, 285

Cagliostro 178
Calderon 97, 270, 307, 314
Camp du 307
Carlyle 287
Carrà 229, 281
Cartailhac 305
Casanova 18, 20, 102, 201
Cäsar 83, 204, 254, 309
Cassirer, Paul 303
Castiglione 113
Catt, Henri de 26
Cellini, Benvenuto 102
Cervantes 42, 104, 130, 138
Cézanne 102, 274
Chalet, Marquise v. 172
Chamfort 152
Chanteloup, v. 156
Châteaubriand 114
Chénier, André 222
Chennevières 215, 277
Chesterton 112, 286
Cicero 228, 240
Cinna 13, 15, 36
Claudel, Paul 204, 270, 275, 278
Clemenceau 16, 188
Colbert 157
Colin, Paul 215, 277
Colyn 312
Conan Doyle 109
Constable 175
Constant 43, 208
Cook 103, 147, 148, Reisebüro
Cook, James 210
Cooper 109, 287
Coquelin 77
Corinth 244
Corneille 26, 308
Correggio 141
Corot 303
Cortez 30
Coster de 111, 278, 284, 314

Page 251

Courbet 207, 274, 302
Couture 274
Cranach 310
Creusot 213, 311
Crebillon 111, 160
Croce 282
Cromwell 159
Csala, Ernst von 140
Curjello 103

Dach, Simon 24
Dante 113, 123, 278
Däubler 86, 213, 233, 235, 278
Daudet 62
Daumier 214
Dauthendey 51, 53, 54, 55, 56, 63, 113
Davkins, Sir William Lloyd 13
Defoe 104, 109, 314
Dehmel 44, 278
Delacroix 158, 179, 214, 218, 303
Dempsey 121
Descartes 24
Devrient 74
Diderot 173
Didring 89
Diebold 235
Dickens 113, 132, 159, 207, 285, 314
Dinter 63
Döblin 29, 233, 244
Doesburg, Theo v. 280
Dornseiff 86
Dostojewski 97, 258, 259, 284, 290, 314
Dreyfuß 207
Duhamel 215, 277
Dumas 274
Dürer 267
Durieux 77
Dyck, van 267
Dymow 284

Ebert 315
Eckardt, Meister 24, 42
Eduard VII. 10, 263
Eeden, van 278
Eekhoud 287
Ehrenstein, Albert 134, 213
Eichendorff 50, 51, 107, 113, 238
Elliot 285

Page 252

Elvestad 109
Emin Pascha 104, 227
Emerson 287
Enghien 276
Ensor 218
Epinasse, Mademoiselle de l’ 111
Ernst, Paul 44, 238, 255, 256, 259, 260
Erzberger 9
Essig, Hermann 136
Eugenie, Kaiserin 214
Eugen, Prinz 257
Eulenberg 254
Euripides 124, 220
Evans, Oliver 227
Ewers 55
Eje 109

Fenelon 130
Feuerbach 274, 303
Fichte 83
Fielding 159, 162, 285, 306, 314
Fischart 25, 42, 209, 310
Fischer, S. 279
Flake 278
Flaubert 20, 37, 102, 111, 207, 242, 274, 302, 304, 308, 314
Flechtheim 46
Flemming, Graf 157
Fleuron 105, 286, 288
Flint 106
Forster 210
Foscolo 207
Farrère 274
France, Anatole 107, 131, 134, 135, 139, 153, 154, 271, 274, 276, 278, 284, 305, 319
Frank, Leonhard 216, 233, 259
Frank, Bruno 258
Franz I. 25, 156, 264
Freeman 138
Freud 258
Freytag 45
Friedländer (Mynona) 173
Friedrich der Große 26, 71, 103, 157, 160, 168, 182, 199, 201, 302, 304
Friedrich Wilhelm IV. 211
Fröhlich, Friedrich 102
Froitzheim 177

Gabis, Diane de 152
Gagarin, Fürstin 10
Gainsborough 158, 162

Page 253

Galilei 206, 277
Gallow 103
Gambetta 11, 176
Gauguin 52, 104, 274
Gavarni 213, 214
Geijerstam 289
George, Stefan 28, 52, 60, 85, 243, 244, 278
Gerstäcker 109, 260
Gessi 104, 227
Geßner 59
Ghéradine 153, 154
Gide 275, 277
Gilbert 148
Gjellerup 288
Gleichen-Rußwurm 106
Gleim 228
Goertz, Graf 18
Goethe 42, 43, 73, 110, 172, 191, 206, 207, 209, 228, 242, 268, 276, 284, 302, 304, 307
Gogh, van 102, 242, 245, 274
Gogol 108, 284
Goldsmith 159, 282
Goldoni 161
Goltz, von der 205
Goncourt 113
Gordon 104
Gorion ben 287
Gorki 218, 271, 284
Gottfried von Straßburg 56, 165, 253
Gottsched 74, 167
Goya 42, 156, 160
Grabbe 27, 44, 78, 112, 199, 242, 310, 321
Grätz, Paul 140
Greco 30
Green 227
Grillparzer 74
Grimm 53, 160, 280
Grimmelshausen 23, 127, 310
Groß, George 214
Großmann, Rudolf 214
Großmann, Stefan 280
Grünewald 34, 42, 267, 310
Gryphius 127
Guilbeaux 276
Guizot 11
Gumppenberg 58
Gundolf, F. 199, 244
Gutzkow 180

Page 254

Günther 45
Gyldendal (Verlag) 290

Page 255

Habicht, V. C. 233
Hagenbeck 286
Halbe 58
Halström, P. 289
Hamilton Prinz 10
Hamsun 104, 289
Hänisch 188
Harden 86, 102
Hart 57
Harte, Bret 287
Hartleben 58
Hartmann v. Aue 101, 314
Hartung 80, 239
Hasenclever 216
Hauptmann, Gerhart 44, 55, 70, 71, 80, 187, 188, 193, 204, 219, 244 279
Hausenstein 86, 235, 236
Hearn, Lafcadio 105
Hebel, Peter 198
Hedin, Sven 105, 227
Heidenstam 289
Heine, H. 18, 27, 46, 57, 87, 107, 128, 129, 134, 164, 172, 175, 177, 178, 180, 302, 303
Heinrich IV. 13
Heinrich VIII. 156
Heinse 46, 52, 84, 111, 260
Heller 109, 289
Helvetius 206
Henckell 57
Herder 172
Here 248
Hérédia 244
Herzog 46
Hesse 55, 60, 255, 258
Heym, Georg 213
Heyse, Paul 28, 45
Hiller, Kurt 86
Hille, Peter 56
Hirschfeld 58
Hoek, Henri 106
Hoffmann, E. T. A. 53, 108, 139, 255, 287
Hofmannsthal 85, 107, 243, 244, 257
Hogarth 158, 159, 213
Holbein 156, 267, 303
Hölderlin 199
Holst, Roland 278
Hölty 51
Holz, Arno 28
Hölz, Max 17

Page 256

Hokusai 36
Horaz 20, 23, 66, 277, 320
Hübner 86, 278
Huch 72, 253
Huerta 148
Hugo, Viktor 76, 160, 207, 242, 274, 302, 303
Hülsenbeck 218, 281
Hutten, Ulrich v. 84, 127, 207, 209
Huysmans 113, 274

Jacobsen 54, 58, 244, 288
Jacques, Norbert 55, 260
Jäger, Hans 289
Jakob, Heinrich Eduard 233
Jammes, Francis 112, 270, 275
Ibsen 78, 289
Jensen, J. V. 105, 288
Jessner 80
Iffland 74
Ingres 37, 96, 242, 303
Joinville 273, 275
Jones, Burn 314
Jouve 276
Irving 286, 287
Isabella v. Spanien 214
Jumala 292
Jungnickel 45
Jupiter 246, 292
Jürgensen 105, 288

Kafka 258
Kaiser, Georg 29, 46, 80, 233, 244
Kändler, Joachim 305
Kamnitzer, Ernst 149
Kant 208
Karlweis 233
Karnisuta 157
Katharina v. Rußland 102, 157
Kaulbach 128
Keats 107
Keller 60, 252, 254, 255, 258, 262
Kellermann 244
Kempis, Thomas a 278
Kerr 29, 85, 86, 113
Kesser, Hermann 85, 233
Keyserling, Eduard 107, 145, 229, 242, 244
— Hermann 97, 145, 146, 150, 181
Kianto, Ilmari 284

Page 257

Kipling 105, 270, 279, 286
Kivi, Aleksis 284
Klabund 260
Klee 232, 259
Kleist 27, 172, 310
Klinger 209
Klopstock 51, 74, 209, 267
Kokoschka 244
Kolb, Annette 29, 85, 112, 215, 278
Konrad 58, 101
Konradi 58
Kornfeld 235, 239, 259
Körner 191, 210, 219
Kortum 137
Köster 177
Kraus, Werner 77
— Karl 136, 137
Krell, Max 85, 279
Kretzer 58
Krupp 213
Kubin 108
Kusmin 284

Laclos 111
Lafontaine 130
Lagerlöf 112, 289
Lamartine 107, 207, 212, 274
Lamb, Lady Caroline 272
La Mettrie 201
Lasker-Schüler 213, 215
Latham 228
Lauff 46
Lautensack 287
Lautrec 214
Lauzun, Herzog v. 89, 114
Leboeuf 12
Lebrun 158
Lemonnier 278
Lenau 44
Lenclos, Ninon de 102
Lenin 280
Lenoir 227
Leopardi, Graf 229, 282
Le Sage 130
Lesseps, v. 145
Lessing 26, 48, 74, 127, 128, 166, 172, 175, 178, 303
Leyen, von der 174, 200, 205, 206
Lichnowsky 105, 233

Page 258

Lichtenberg 87, 198
Liebermann 243, 244
Lienhard 106
Lionardo da Vinci 156, 267, 315
Lipschitz 257
Liscow 127
Lissauer 219
Liszt 127
Livingstone 104, 227
Lloyd George 188, 193
Loke 261
London, Jack 109
Longfellow 287
Loti, Pierre 274
Loucheur 311
Louys 274
Ludwig 55, 105
Lukian 19, 21
Luther 25, 84, 207, 209, 310

Mackay 58
Macpherson 285
Madelung, Ange 105, 288
Maintenon 160
Makart 303
Malermüller 51
Mäleskirchner 42, 303
Mallarmé 28, 244, 274
Manet 229, 242, 244, 303
Mann, Heinrich 85, 111, 134, 135, 200, 216, 233, 253, 278
— Thomas 112, 255, 262, 280
Manuel 74, 209
Manucci 90
Manzoni 207
Marc, Franz 239, 306
Marlowe 74
Maria Theresia 169, 257
Marryat 109
Martens, Kurt 102, 200
Martin, Karlheinz 80
Martinet 276
Marinetti 281
Masereel, Frans 214
Maeterlinck 107, 274
Matisse 242
May 109
Mehring 140
Meidner 191

Page 259

Meier-Gräfe 86, 236
Meissonier 128
Menge 141, 156
Merk 87
Mesnevi 104
Metternich 211
Meunier 44
Meurthe, de la 312
Meyrink 108, 258
Michel, Wilhelm 85
Michelangelo 27, 42, 126
Michelin 312
Mika 268
Mille, Pierre 274
Milton 267
Mirabeau 170, 198
Mohammed 283
Molière 27, 72, 74, 126, 130, 172, 270, 311, 314
Molnar 283
Monet 244
Monolescu 287
Montaigne 145, 273
Montesquieu 101, 130, 138
Morgan 313
Morgenstern 200, 287
Mörike 108
Morier, James 112
Moricz 284
Morse 227
Moscherosch 127
Mozart 102, 126, 207
Müller 63
Multatuli 278
Munch 289
Münchhausen 44
Münzer, Thomas 14, 232
Murasaki 155
Murat 59
Murner 51, 209
Muskau, Fürst Pückler v. 13, 66, 102, 228
Musset, Alfred de 107, 137, 242, 257, 274, 304
Myller 302

Nachmann, Rabbi 288
Napoleon I. 34, 59, 83, 95, 124, 191, 207, 214, 228, 268, 276, 287, 306, 309
— III. 102
Necker 219
Neumann 268

Page 260

Newton 131
Nexö 218, 288
Nietzsche 27, 45, 151
Nofrit 156, 231, 233
Nolde 239
Northcliff, Lord 286
Novalis 107

Odin 292
Oeder 229
Oegg 268
Ollivier 12
Opitz 24
Origines 126
Oswald 58

Palm 276
Panin 285
Panizza 58
Pontoppidan 218, 244, 288
Papini 282
Paquet, A. 274
Pascoli 282
Patterson 321
Paul, Jean 27, 46, 47, 52, 57, 58, 111, 128, 139, 229
Penell 218
Percy 103, 285
Perez 287
Pestalozzi 60
Peterich 59
Petöfi 283
Petrarka 107, 116, 160, 307
Petron 103, 159, 169
Picasso 232
Pick 258
Pierre, Bernhadin de St. 104
Piles de 306
Piloty 128, 303
Pilsudski 287
Pindar 27, 28
Philippe, Charles Louis 110, 214, 274, 315
Platen 172, 259, 303
Poe 108, 287
Poelzig 44
Poincaré 271
Pope 130, 131
Porte, Jacob della 291
Pouchi, Liane de 10

Page 261

Poussin 306
Prevost, Abbé 111
Prokrustes 270
Przerwa-Tetmajer 287
Puschkin 108, 231, 284
Puttkammer 58

Quevedo 113
Queiroz 287

Rabelais 24, 112
Racine 46, 142, 160, 172, 307, 314
Rafael v. Urbino 141, 303, 307
Rasmussen 104
Rathenau 31, 33, 192, 311
Rausch, Albert H. 138
Rauscher 177
Reimann 140
Reinhardt, Max 79
Reinmar 52
Rembrandt 267
Remisow 108, 285
Renard 109
Renoir 229, 243, 244, 245
Retz, Kardinal 101
Rétif, de la Bretonne 111
Reuenthaler 101
Reuter 127
Reynolds 158, 161
Richardson 110, 285
Richelieu 25
Riemenschneider 54
Rilke 23, 85, 278
Rimbaud 76, 172, 274
Ringelnatz 140
Rivière 275
Rodenbach 112
Rodin 42, 112, 288
Rolland 215, 275, 276
Romain, Jules 277
Ronsard 24, 36, 107
Rops, Félicien 214
Roquette 198
Rosenblüt 74, 127, 209
Rossini 127
Rotschild, Henri 312
Rousseau 61, 110, 154, 158, 273, 274
Rubens 96, 101, 141, 162, 288

Page 262

Rubiner 213
Rückert 210
Ruisbroek 278
Rupertus Rex 10
Ruskin 287
Russolo 281

Sachs, Hans 24, 74, 127, 137, 138, 209, 255
Sade, Marquise de 111
Saint Simon 102, 114
Sainte-Beuve 172
Salten 257
Saltikow 108, 284
Sand, George 102, 170, 274
Sautuola, Baron M. 305
Savonarola 133, 286
Schäfer, W. 60, 71, 255
Schäffer, Albrecht 255, 262
Scheffel 45
Schelling, Caroline 102
Schenkendorf 210
Scheerbart 109, 138
Schickele 29, 45, 56, 62, 85, 86, 113, 213, 215, 216, 233, 244, 253, 278, 279
Schiller 42, 172, 209, 304
Schlaf 28, 52
Schlegel, A. W. v. 86, 113, 167, 172, 211, 267
Schmidt, Privatdozent 284
Schmidt, Jockey 121
Schmidtbonn 112, 254
Schmied, Rudolf Joh. 62, 63
Schmitz 55
Schnack 213
Schneeberger 69, 121, 125
Schneider, Sankt Anton 69, 121
Schnitzler 107, 257
Scholem, Alejchem 287
Scholz, Wilh. v. 255
Schröder 74
Schubart 209
Schumann 66
Schwind, M. v. 303
Scott, Walter 109, 128, 159, 162, 230, 282, 283, 285, 314
Scudéry 25
Sealsfield 260
Seewald 235
Seidel, Willi 260
Serner 218, 281
Severini 281

Page 263

Shakespeare 24, 27, 46, 74, 76, 86, 107, 139, 203, 246, 270, 302, 307, 314
Shaw, Bernhard 72, 107, 159, 193, 241, 270, 271, 284, 286
Shelley 107
Sheridan 159, 285
Siemens & Halske 227
Siemsen, H. 60
Sinclair 218, 286
Singenberg, Ulrich v. 52
Sinsheimer 238
Slevogt 244
Smollet 159, 162, 285
Sokrates 206
Soyka 109, 257
Spengler 106
Speyer, Wilhelm 259
Stadler 107, 213, 275
Staël 43, 103, 207, 219, 272
Stahl 239
Stanley 104, 227
Steffen 254
Stehr 60
Steinle 214
Steiner 99
Stendhal 131, 215, 254, 273, 274, 303
Stephenson, George 227
Sternberg 206
Sterne 285
Sternheim 29, 80, 107, 135, 139, 216, 233, 244, 245, 253
Stifter 112
Stinnes, Hugo 311, 312, 313, 315
Stolberg, Gebrüder 209
Storm 113
Stourdza, Fürst 10
Strindberg 80, 97, 288
Stucken 244
Sturz 26, 87
Suarèz 104, 270, 273, 275, 278
Sudermann 73, 244
Sue 283
Swift 107, 131, 132, 137, 159, 241, 285
Swinburne 290
Sylvester Schäffer 179
Szép, Ernö 284

Tacitus 22, 83
Tagore 106, 146
Tassoni 130
Taube, Baron 244

Page 264

Tegnér 228
Thackeray 107, 132, 159, 162, 285
Thoma, Hans 45
Thukydides 66
Tieck 172, 211
Tiepolo 84, 268
Tizian 161
Toller 204
Tolstoi 215, 259, 284
Trakl 213
Trotzki 280
Troyes, Crestien v. 273, 314
Trübner 274
Tschechow 259, 284
Tschitscherin 9
Tuaillon 44
Tucholsky 140
Turgenjeff 284
Twain, Mark 287
Tyche 88, 89
Thylmann 60, 61
Tzara, Tristan 281

Übelhör 139
Uhde, W. 61, 62
Uhland 75
Unruh 75, 190, 205
Uranos 221
Utzarski 138

Vaillant-Couturier 277
Valois, Margarethe von 25, 264
Vaugelas 25, 27, 280
Velasquez 156, 246
Veldecke 155, 165
Verhaeren 113, 274, 278, 279
Verneuil 244
Veronese 162
Verlaine 107, 172, 274, 278
Viebig 269
Viertel 80
Viktor Emanuel 214
Villehardouin 101, 105, 273
Vildrac 215, 277, 278
Villiers, de l’Isle 108
Villon 24, 231
Vischer, Melchior 258
Vogelweide, Walther von der 23, 49, 51, 52, 64, 101, 155, 163, 165, 310

Page 265

Vollmöller 278
Voltaire 43, 71, 107, 129, 131, 135, 160, 201, 207, 268, 274, 285, 293, 302, 304

Waal, Anders de 77
Wagner 46
Walden, Herwarth 97, 136
Wallot 57
Walser 59, 60
Wassermann 245, 257, 279
Watt, James 218, 227, 248
Watteau 307
Wedekind 29, 44, 45, 72, 73, 77, 78, 80, 200, 233, 234, 274, 307, 310
Weichert 80
Weiß, Ernst 213, 258
Wells 109, 286
Wenzig 233
Werfel 213, 233, 258, 278
Werth, Léon 276
Wiegler 86
Wieland 27, 111, 127, 139, 206, 228, 260, 267
Wilde, O. 54, 111, 162, 285
Wille 58
Wildenbruch 44, 52, 78, 205
Wilding 121
Wimpfen 12
Wimpher 297
Winder, L. 258
Winternitz, Frau v. 113
Wirth 192
Wisthler 112
Withman 111, 213
Wolfenstein 213, 280
Wolff, Theodor 86
— Prof. 199
Wedderkopp, v., kgl. Regierungsrat 263

Xenophon 83

Zachariä 127
Zech 213
Zick, J. 268
Zifferer 257
Zobeltitz, v. 315
Zola 28, 57, 112, 207, 229, 242, 274, 287, 302, 314
Zulawski 109, 287
Zweig, Stefan 85, 244, 257, 279

Page 266

Page 267

Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt
(vorher/nachher):

... das Karussel der Zeit sich umgedreht! ...
... das Karussell der Zeit sich umgedreht! ...
... In Bayern ist in Sturmtrupps die Bauernschaft blokiert: ...
... In Bayern ist in Sturmtrupps die Bauernschaft blockiert: ...
... ein Bad fin champagne gerüstet, wurde dem jungen
Portugisenprätendenten ...
... ein Bad fin champagne gerüstet, wurde dem jungen
Portugiesenprätendenten ...
... wirft Sie über den Kamm, sobad Sie ihn betreten. Versuchten ...
... wirft Sie über den Kamm, sobald Sie ihn betreten. Versuchten ...
... und den Küsten nnd Städten aller Kontinente neben einem ...
... und den Küsten und Städten aller Kontinente neben einem ...
... sich selbst wuchernd wie eine Pergola zich zuzog und mit ...
... sich selbst wuchernd wie eine Pergola sich zuzog und mit ...
... an sich heran, was außer den kleinen malerischen ...
... an sich heran, was außer dem kleinen malerischen ...
... Keiner konnte schreiben so wollüstisg und so geistreich wie ...
... Keiner konnte schreiben so wollüstig und so geistreich wie ...
... Ägypetn von modernem preziösem Charme, ist zwar das Buch ...
... Ägypten von modernem preziösem Charme, ist zwar das Buch ...
... Villers de l’Isle Adam aber in „Edisons Weib ...
... Villiers de l’Isle Adam aber in „Edisons Weib ...
... Roman „Auf silbernen Gefilden“. Der deutsche Scherbart ...
... Roman „Auf silbernen Gefilden“. Der deutsche Scheerbart ...
... der Soyka, Heller, Jak London, Eje, Elvestad ins ...
... der Soyka, Heller, Jack London, Eje, Elvestad ins ...
... nur schön, wenn man sich im Häßlichen beweißt. „Er verstehts,“ ...
... nur schön, wenn man sich im Häßlichen beweist. „Er verstehts,“ ...
... noch von den Meistersinger kommt. Hans Sachs aber ist ...
... noch von den Meistersingern kommt. Hans Sachs aber ist ...
... uud schwer zu fassen. Wie faßt man sie rasch? ...
... und schwer zu fassen. Wie faßt man sie rasch? ...
... In der Tat, Mijheer, ich bin von Reiß Irmãos & Compagnia ...
... In der Tat, Mijnheer, ich bin von Reiß Irmãos & Compagnia ...
... entsprach, daß er den großen Dessertausfatz für Katharina ...
... entsprach, daß er den großen Dessertaufsatz für Katharina ...
... trat die Literatur in die Republikk. ...
... trat die Literatur in die Republik. ...

Page 268

... Frankreich hat sich im letzten Jahrhuudert fit und ...
... Frankreich hat sich im letzten Jahrhundert fit und ...
... Täger in seiner Haltung ein Edelmann und ein Freund ...
... Träger in seiner Haltung ein Edelmann und ein Freund ...
... daß sie seine Werke tief druchdringen. Er wie Barbusse ...
... daß sie seine Werke tief durchdringen. Er wie Barbusse ...
... in ihrer Leistung hat, obwohl Herr Hülsenbek und Serner begabte ...
... in ihrer Leistung hat, obwohl Herr Hülsenbeck und Serner begabte ...
... Die Eisenbahnen waren die teuflichste Erfindung ...
... Die Eisenbahnen waren die teuflischste Erfindung ...
... Verstehen Sie mich, obwohl ich schon halb schafe? ...
... Verstehen Sie mich, obwohl ich schon halb schlafe? ...
... ganz verlassen und sind sektirierhaft auf Formeln und in ...
... ganz verlassen und sind sektiererhaft auf Formeln und in ...
... und Keyserling und Pantoppidan. Ja, in Deutschland, das ...
... und Keyserling und Pontoppidan. Ja, in Deutschland, das ...
... Licht gefacht. Es riecht nach Frühling, Mjinheer, das Leuchten ...
... Licht gefacht. Es riecht nach Frühling, Mijnheer, das Leuchten ...
... längen und kontrollieren . . . Vergesssen. Kipling durfte ...
... längen und kontrollieren . . . Vergessen. Kipling durfte ...
... von Przerwa-Tetmajer und den Mondroman von Zulawsky. ...
... von Przerwa-Tetmajer und den Mondroman von Zulawski. ...
... Es wirklich noch scheidendne Grüfte / Jetzt baut der einende ...
... Es wirklich noch scheidende Grüfte / Jetzt baut der einende ...

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*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS BÜCHER-
DEKAMERON ***

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