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The Project Gutenberg eBook of Demian: Die Geschichte von
Emil Sinclairs Jugend
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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have to check the laws of the country where you are located before using
this eBook.
Title: Demian: Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend
Author: Hermann Hesse
Release date: January 24, 2013 [eBook #41907]
Most recently updated: October 23, 2024
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/41907
Credits: Produced by Jens Sadowski
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DEMIAN: DIE
GESCHICHTE VON EMIL SINCLAIRS JUGEND ***
Emil Sinclairs Jugend
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Title: Demian: Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend
Author: Hermann Hesse
Release date: January 24, 2013 [eBook #41907]
Most recently updated: October 23, 2024
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DEMIAN: DIE
GESCHICHTE VON EMIL SINCLAIRS JUGEND ***
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Demian
Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend
von
Hermann Hesse
1921
S . F i s c h e r , Ve r l a g , B e r l i n
Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend
von
Hermann Hesse
1921
S . F i s c h e r , Ve r l a g , B e r l i n
Page 6
27.—36. Auflage
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten
Copyright 1919 S. Fischer, Verlag, Berlin
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten
Copyright 1919 S. Fischer, Verlag, Berlin
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Ich wollte ja nichts als das zu leben
versuchen, was von selber aus mir heraus
wollte. Warum war das so sehr schwer?
versuchen, was von selber aus mir heraus
wollte. Warum war das so sehr schwer?
Page 8
U m meine Geschichte zu erzählen, muß ich weit vorn anfangen. Ich
müßte, wäre es mir möglich, noch viel weiter zurück gehen, bis in die
allerersten Jahre meiner Kindheit und noch über sie hinaus in die
Ferne meiner Herkunft zurück.
Die Dichter, wenn sie Romane schreiben, pflegen so zu tun, als seien sie
Gott und könnten irgendeine Menschengeschichte ganz und gar überblicken
und begreifen und sie so darstellen, wie wenn Gott sie sich selber erzählte,
ohne alle Schleier, überall wesentlich. Das kann ich nicht, so wenig wie die
Dichter es können. Meine Geschichte aber ist mir wichtiger als irgendeinem
Dichter die seinige; denn sie ist meine eigene, und sie ist die Geschichte
eines Menschen — nicht eines erfundenen, eines möglichen, eines idealen
oder sonstwie nicht vorhandenen, sondern eines wirklichen, einmaligen,
lebenden Menschen. Was das ist, ein wirklicher lebender Mensch, das weiß
man heute allerdings weniger als jemals, und man schießt denn auch die
Menschen, deren jeder ein kostbarer, einmaliger Versuch der Natur ist, zu
Mengen tot. Wären wir nicht noch mehr als einmalige Menschen, könnte
man jeden von uns wirklich mit einer Flintenkugel ganz und gar aus der
Welt schaffen, so hätte es keinen Sinn mehr, Geschichten zu erzählen. Jeder
Mensch aber ist nicht nur er selber, er ist auch der einmalige, ganz
besondere, in jedem Fall wichtige und merkwürdige Punkt, wo die
Erscheinungen der Welt sich kreuzen, nur einmal so und nie wieder. Darum
ist jedes Menschen Geschichte wichtig, ewig, göttlich, darum ist jeder
Mensch, solange er irgend lebt und den Willen der Natur erfüllt, wunderbar
und jeder Aufmerksamkeit würdig. In jedem ist der Geist Gestalt geworden,
in jedem leidet die Kreatur, in jedem wird ein Erlöser gekreuzigt.
Wenige wissen heute, was der Mensch ist. Viele fühlen es, und sterben
darum leichter, wie ich leichter sterben werde, wenn ich diese Geschichte
fertiggeschrieben habe.
Einen Wissenden darf ich mich nicht nennen. Ich war ein Suchender und
bin es noch, aber ich suche nicht mehr auf den Sternen und in den Büchern,
müßte, wäre es mir möglich, noch viel weiter zurück gehen, bis in die
allerersten Jahre meiner Kindheit und noch über sie hinaus in die
Ferne meiner Herkunft zurück.
Die Dichter, wenn sie Romane schreiben, pflegen so zu tun, als seien sie
Gott und könnten irgendeine Menschengeschichte ganz und gar überblicken
und begreifen und sie so darstellen, wie wenn Gott sie sich selber erzählte,
ohne alle Schleier, überall wesentlich. Das kann ich nicht, so wenig wie die
Dichter es können. Meine Geschichte aber ist mir wichtiger als irgendeinem
Dichter die seinige; denn sie ist meine eigene, und sie ist die Geschichte
eines Menschen — nicht eines erfundenen, eines möglichen, eines idealen
oder sonstwie nicht vorhandenen, sondern eines wirklichen, einmaligen,
lebenden Menschen. Was das ist, ein wirklicher lebender Mensch, das weiß
man heute allerdings weniger als jemals, und man schießt denn auch die
Menschen, deren jeder ein kostbarer, einmaliger Versuch der Natur ist, zu
Mengen tot. Wären wir nicht noch mehr als einmalige Menschen, könnte
man jeden von uns wirklich mit einer Flintenkugel ganz und gar aus der
Welt schaffen, so hätte es keinen Sinn mehr, Geschichten zu erzählen. Jeder
Mensch aber ist nicht nur er selber, er ist auch der einmalige, ganz
besondere, in jedem Fall wichtige und merkwürdige Punkt, wo die
Erscheinungen der Welt sich kreuzen, nur einmal so und nie wieder. Darum
ist jedes Menschen Geschichte wichtig, ewig, göttlich, darum ist jeder
Mensch, solange er irgend lebt und den Willen der Natur erfüllt, wunderbar
und jeder Aufmerksamkeit würdig. In jedem ist der Geist Gestalt geworden,
in jedem leidet die Kreatur, in jedem wird ein Erlöser gekreuzigt.
Wenige wissen heute, was der Mensch ist. Viele fühlen es, und sterben
darum leichter, wie ich leichter sterben werde, wenn ich diese Geschichte
fertiggeschrieben habe.
Einen Wissenden darf ich mich nicht nennen. Ich war ein Suchender und
bin es noch, aber ich suche nicht mehr auf den Sternen und in den Büchern,
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ich beginne die Lehren zu hören, die mein Blut in mir rauscht. Meine
Geschichte ist nicht angenehm, sie ist nicht süß und harmonisch wie die
erfundenen Geschichten, sie schmeckt nach Unsinn und Verwirrung, nach
Wahnsinn und Traum wie das Leben aller Menschen, die sich nicht mehr
belügen wollen.
Das Leben jedes Menschen ist ein Weg zu sich selber hin, der Versuch
eines Weges, die Andeutung eines Pfades. Kein Mensch ist jemals ganz und
gar er selbst gewesen; jeder strebt dennoch, es zu werden, einer dumpf,
einer lichter, jeder wie er kann. Jeder trägt Reste von seiner Geburt, Schleim
und Eischalen einer Urwelt, bis zum Ende mit sich hin. Mancher wird
niemals Mensch, bleibt Frosch, bleibt Eidechse, bleibt Ameise. Mancher ist
oben Mensch und unten Fisch. Aber jeder ist ein Wurf der Natur nach dem
Menschen hin. Uns allen sind die Herkünfte gemeinsam, die Mütter, wir
alle kommen aus demselben Schlunde; aber jeder strebt, ein Versuch und
Wurf aus den Tiefen, seinem eigenen Ziele zu. Wir können einander
verstehen; aber deuten kann jeder nur sich selbst.
Geschichte ist nicht angenehm, sie ist nicht süß und harmonisch wie die
erfundenen Geschichten, sie schmeckt nach Unsinn und Verwirrung, nach
Wahnsinn und Traum wie das Leben aller Menschen, die sich nicht mehr
belügen wollen.
Das Leben jedes Menschen ist ein Weg zu sich selber hin, der Versuch
eines Weges, die Andeutung eines Pfades. Kein Mensch ist jemals ganz und
gar er selbst gewesen; jeder strebt dennoch, es zu werden, einer dumpf,
einer lichter, jeder wie er kann. Jeder trägt Reste von seiner Geburt, Schleim
und Eischalen einer Urwelt, bis zum Ende mit sich hin. Mancher wird
niemals Mensch, bleibt Frosch, bleibt Eidechse, bleibt Ameise. Mancher ist
oben Mensch und unten Fisch. Aber jeder ist ein Wurf der Natur nach dem
Menschen hin. Uns allen sind die Herkünfte gemeinsam, die Mütter, wir
alle kommen aus demselben Schlunde; aber jeder strebt, ein Versuch und
Wurf aus den Tiefen, seinem eigenen Ziele zu. Wir können einander
verstehen; aber deuten kann jeder nur sich selbst.
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Erstes Kapitel
Zwei Welten
I ch beginne meine Geschichte mit einem Erlebnisse der Zeit, wo ich etwa
zehn bis elf Jahre alt war und in die Lateinschule unseres Städtchens
ging.
Viel duftet mir da entgegen und rührt mich von innen mit Weh und mit
wohligen Schauern an, dunkle Gassen und helle, Häuser und Türme,
Uhrschläge und Menschengesichter, Stuben voll Wohnlichkeit und warmem
Behagen, Stuben voll Geheimnis und tiefer Gespensterfurcht. Es riecht nach
warmer Enge, nach Kaninchen und Dienstmägden, nach Hausmitteln und
getrocknetem Obst. Zwei Welten liefen dort durcheinander, von zwei Polen
her kamen Tag und Nacht.
Die eine Welt war das Vaterhaus, aber sie war sogar noch enger, sie
umfaßte eigentlich nur meine Eltern. Diese Welt war mir großenteils
wohlbekannt, sie hieß Mutter und Vater, sie hieß Liebe und Strenge, Vorbild
und Schule. Zu dieser Welt gehörte milder Glanz, Klarheit und Sauberkeit,
hier waren sanfte freundliche Reden, gewaschene Hände, reine Kleider,
gute Sitten daheim. Hier wurde der Morgenchoral gesungen, hier wurde
Weihnacht gefeiert. In dieser Welt gab es gerade Linien und Wege, die in
die Zukunft führten, es gab Pflicht und Schuld, schlechtes Gewissen und
Beichte, Verzeihung und gute Vorsätze, Liebe und Verehrung, Bibelwort
und Weisheit. Zu dieser Welt mußte unsre Zukunft gehören, so mußte sie
klar und reinlich, schön und geordnet sein.
Die andere Welt indessen begann schon mitten in unsrem eigenen Hause
und war völlig anders, roch anders, sprach anders, versprach und forderte
andres. In dieser zweiten Welt gab es Dienstmägde und
Handwerksburschen, Geistergeschichten und Skandalgerüchte, es gab da
eine bunte Flut von ungeheuren, lockenden, furchtbaren, rätselhaften
Dingen, Sachen wie Schlachthaus und Gefängnis, Betrunkene und keifende
Zwei Welten
I ch beginne meine Geschichte mit einem Erlebnisse der Zeit, wo ich etwa
zehn bis elf Jahre alt war und in die Lateinschule unseres Städtchens
ging.
Viel duftet mir da entgegen und rührt mich von innen mit Weh und mit
wohligen Schauern an, dunkle Gassen und helle, Häuser und Türme,
Uhrschläge und Menschengesichter, Stuben voll Wohnlichkeit und warmem
Behagen, Stuben voll Geheimnis und tiefer Gespensterfurcht. Es riecht nach
warmer Enge, nach Kaninchen und Dienstmägden, nach Hausmitteln und
getrocknetem Obst. Zwei Welten liefen dort durcheinander, von zwei Polen
her kamen Tag und Nacht.
Die eine Welt war das Vaterhaus, aber sie war sogar noch enger, sie
umfaßte eigentlich nur meine Eltern. Diese Welt war mir großenteils
wohlbekannt, sie hieß Mutter und Vater, sie hieß Liebe und Strenge, Vorbild
und Schule. Zu dieser Welt gehörte milder Glanz, Klarheit und Sauberkeit,
hier waren sanfte freundliche Reden, gewaschene Hände, reine Kleider,
gute Sitten daheim. Hier wurde der Morgenchoral gesungen, hier wurde
Weihnacht gefeiert. In dieser Welt gab es gerade Linien und Wege, die in
die Zukunft führten, es gab Pflicht und Schuld, schlechtes Gewissen und
Beichte, Verzeihung und gute Vorsätze, Liebe und Verehrung, Bibelwort
und Weisheit. Zu dieser Welt mußte unsre Zukunft gehören, so mußte sie
klar und reinlich, schön und geordnet sein.
Die andere Welt indessen begann schon mitten in unsrem eigenen Hause
und war völlig anders, roch anders, sprach anders, versprach und forderte
andres. In dieser zweiten Welt gab es Dienstmägde und
Handwerksburschen, Geistergeschichten und Skandalgerüchte, es gab da
eine bunte Flut von ungeheuren, lockenden, furchtbaren, rätselhaften
Dingen, Sachen wie Schlachthaus und Gefängnis, Betrunkene und keifende
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Weiber, gebärende Kühe, gestürzte Pferde, Erzählungen von Einbrüchen,
Totschlägen, Selbstmorden. Alle diese schönen und grauenhaften, wilden
und grausamen Sachen gab es ringsum, in der nächsten Gasse, im nächsten
Haus, Polizeidiener und Landstreicher liefen herum, Betrunkene schlugen
ihre Weiber, Knäuel von jungen Mädchen quollen abends aus Fabriken, alte
Frauen konnten einen bezaubern und krank machen, Räuber wohnten im
Wald, Brandstifter wurden von Landjägern gefangen — überall quoll und
duftete diese zweite, heftige Welt, überall, nur nicht in unsern Zimmern, wo
Mutter und Vater waren. Und das war sehr gut. Es war wunderbar, daß es
hier bei uns Frieden, Ordnung und Ruhe gab, Pflicht und gutes Gewissen,
Verzeihung und Liebe — und wunderbar, daß es auch alles das andere gab,
alles das Laute und Grelle, Düstere und Gewaltsame, dem man doch mit
einem Sprung zur Mutter entfliehen konnte.
Und das Seltsamste war, wie die beiden Welten aneinander grenzten, wie
nah sie beisammen waren! Zum Beispiel unsre Dienstmagd Lina, wenn sie
am Abend bei der Andacht in der Wohnstube bei der Türe saß und mit ihrer
hellen Stimme das Lied mitsang, die gewaschenen Hände auf die
glattgestrichene Schürze gelegt, dann gehörte sie ganz zu Vater und Mutter,
zu uns, ins Helle und Richtige. Gleich darauf in der Küche oder im
Holzstall, wenn sie mir die Geschichte vom Männlein ohne Kopf erzählte,
oder wenn sie beim Metzger im kleinen Laden mit den Nachbarweibern
Streit hatte, dann war sie eine andre, gehörte zur andern Welt, war von
Geheimnis umgeben. Und so war es mit allem, am meisten mit mir selber.
Gewiß, ich gehörte zur hellen und richtigen Welt, ich war meiner Eltern
Kind, aber wohin ich Auge und Ohr richtete, überall war das andere da, und
ich lebte auch im andern, obwohl es mir oft fremd und unheimlich war,
obwohl man dort regelmäßig ein schlechtes Gewissen und Angst bekam.
Ich lebte sogar zuzeiten am allerliebsten in der verbotenen Welt, und oft war
die Heimkehr ins Helle — so notwendig und gut sie sein mochte — fast wie
eine Rückkehr ins weniger Schöne, ins Langweiligere und Ödere.
Manchmal wußte ich: mein Ziel im Leben war, so wie mein Vater und
meine Mutter zu werden, so hell und rein, so überlegen und geordnet; aber
bis dahin war der Weg weit, bis dahin mußte man Schulen absitzen und
studieren und Proben und Prüfungen ablegen, und der Weg führte immerzu
an der anderen, dunkleren Welt vorbei, durch sie hindurch, und es war gar
nicht unmöglich, daß man bei ihr blieb und in ihr versank. Es gab
Geschichten von verlorenen Söhnen, denen es so gegangen war, ich hatte
Totschlägen, Selbstmorden. Alle diese schönen und grauenhaften, wilden
und grausamen Sachen gab es ringsum, in der nächsten Gasse, im nächsten
Haus, Polizeidiener und Landstreicher liefen herum, Betrunkene schlugen
ihre Weiber, Knäuel von jungen Mädchen quollen abends aus Fabriken, alte
Frauen konnten einen bezaubern und krank machen, Räuber wohnten im
Wald, Brandstifter wurden von Landjägern gefangen — überall quoll und
duftete diese zweite, heftige Welt, überall, nur nicht in unsern Zimmern, wo
Mutter und Vater waren. Und das war sehr gut. Es war wunderbar, daß es
hier bei uns Frieden, Ordnung und Ruhe gab, Pflicht und gutes Gewissen,
Verzeihung und Liebe — und wunderbar, daß es auch alles das andere gab,
alles das Laute und Grelle, Düstere und Gewaltsame, dem man doch mit
einem Sprung zur Mutter entfliehen konnte.
Und das Seltsamste war, wie die beiden Welten aneinander grenzten, wie
nah sie beisammen waren! Zum Beispiel unsre Dienstmagd Lina, wenn sie
am Abend bei der Andacht in der Wohnstube bei der Türe saß und mit ihrer
hellen Stimme das Lied mitsang, die gewaschenen Hände auf die
glattgestrichene Schürze gelegt, dann gehörte sie ganz zu Vater und Mutter,
zu uns, ins Helle und Richtige. Gleich darauf in der Küche oder im
Holzstall, wenn sie mir die Geschichte vom Männlein ohne Kopf erzählte,
oder wenn sie beim Metzger im kleinen Laden mit den Nachbarweibern
Streit hatte, dann war sie eine andre, gehörte zur andern Welt, war von
Geheimnis umgeben. Und so war es mit allem, am meisten mit mir selber.
Gewiß, ich gehörte zur hellen und richtigen Welt, ich war meiner Eltern
Kind, aber wohin ich Auge und Ohr richtete, überall war das andere da, und
ich lebte auch im andern, obwohl es mir oft fremd und unheimlich war,
obwohl man dort regelmäßig ein schlechtes Gewissen und Angst bekam.
Ich lebte sogar zuzeiten am allerliebsten in der verbotenen Welt, und oft war
die Heimkehr ins Helle — so notwendig und gut sie sein mochte — fast wie
eine Rückkehr ins weniger Schöne, ins Langweiligere und Ödere.
Manchmal wußte ich: mein Ziel im Leben war, so wie mein Vater und
meine Mutter zu werden, so hell und rein, so überlegen und geordnet; aber
bis dahin war der Weg weit, bis dahin mußte man Schulen absitzen und
studieren und Proben und Prüfungen ablegen, und der Weg führte immerzu
an der anderen, dunkleren Welt vorbei, durch sie hindurch, und es war gar
nicht unmöglich, daß man bei ihr blieb und in ihr versank. Es gab
Geschichten von verlorenen Söhnen, denen es so gegangen war, ich hatte
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sie mit Leidenschaft gelesen. Da war stets die Heimkehr zum Vater und
zum Guten so erlösend und großartig, ich empfand durchaus, daß dies allein
das Richtige, Gute und Wünschenswerte sei, und dennoch war der Teil der
Geschichte, der unter den Bösen und Verlorenen spielte, weitaus der
lockendere, und wenn man es hätte sagen und gestehen dürfen, war es
eigentlich manchmal geradezu schade, daß der Verlorene Buße tat und
wieder gefunden wurde. Aber das sagte man nicht und dachte es auch nicht.
Es war nur irgendwie vorhanden, als eine Ahnung oder Möglichkeit, ganz
unten im Gefühl. Wenn ich mir den Teufel vorstellte, so konnte ich ihn mir
ganz gut auf der Straße unten denken, verkleidet oder offen, oder auf dem
Jahrmarkt, oder in einem Wirtshaus, aber niemals bei uns daheim.
Meine Schwestern gehörten ebenfalls zur hellen Welt. Sie waren, wie mir
oft schien, im Wesen näher bei Vater und Mutter, sie waren besser,
gesitteter, fehlerloser als ich. Sie hatten Mängel, sie hatten Unarten, aber
mir schien, das ging nicht sehr tief, das war nicht wie bei mir, wo die
Berührung mit dem Bösen oft so schwer und peinigend wurde, wo die
dunkle Welt viel näher stand. Die Schwestern waren, gleich den Eltern, zu
schonen und zu achten, und wenn man mit ihnen Streit gehabt hatte, war
man nachher vor dem eigenen Gewissen immer der Schlechte, der Anstifter,
der, der um Verzeihung bitten mußte. Denn in den Schwestern beleidigte
man die Eltern, das Gute und Gebietende. Es gab Geheimnisse, die ich mit
den verworfensten Gassenbuben weit eher teilen konnte als mit meinen
Schwestern. An guten Tagen, wenn es licht war und das Gewissen in
Ordnung, da war es oft köstlich, mit den Schwestern zu spielen, gut und
artig mit ihnen zu sein und sich selbst in einem braven, edlen Schein zu
sehen. So mußte es sein, wenn man ein Engel war! Das war das Höchste,
was wir wußten, und wir dachten es uns süß und wunderbar, Engel zu sein,
umgeben von einem lichten Klang und Duft wie Weihnacht und Glück. O
wie selten gelangen solche Stunden und Tage! Oft war ich beim Spiel, bei
guten, harmlosen, erlaubten Spielen, von einer Leidenschaft und Heftigkeit,
die den Schwestern zu viel wurde, die zu Streit und Unglück führte, und
wenn dann der Zorn über mich kam, war ich schrecklich und tat und sagte
Dinge, deren Verworfenheit ich, noch während ich sie tat und sagte, tief und
brennend empfand. Dann kamen arge, finstere Stunden der Reue und
Zerknirschung, und dann der wehe Augenblick, wo ich um Verzeihung bat,
und dann wieder ein Strahl der Helle, ein stilles, dankbares Glück ohne
Zwiespalt, für Stunden oder Augenblicke.
zum Guten so erlösend und großartig, ich empfand durchaus, daß dies allein
das Richtige, Gute und Wünschenswerte sei, und dennoch war der Teil der
Geschichte, der unter den Bösen und Verlorenen spielte, weitaus der
lockendere, und wenn man es hätte sagen und gestehen dürfen, war es
eigentlich manchmal geradezu schade, daß der Verlorene Buße tat und
wieder gefunden wurde. Aber das sagte man nicht und dachte es auch nicht.
Es war nur irgendwie vorhanden, als eine Ahnung oder Möglichkeit, ganz
unten im Gefühl. Wenn ich mir den Teufel vorstellte, so konnte ich ihn mir
ganz gut auf der Straße unten denken, verkleidet oder offen, oder auf dem
Jahrmarkt, oder in einem Wirtshaus, aber niemals bei uns daheim.
Meine Schwestern gehörten ebenfalls zur hellen Welt. Sie waren, wie mir
oft schien, im Wesen näher bei Vater und Mutter, sie waren besser,
gesitteter, fehlerloser als ich. Sie hatten Mängel, sie hatten Unarten, aber
mir schien, das ging nicht sehr tief, das war nicht wie bei mir, wo die
Berührung mit dem Bösen oft so schwer und peinigend wurde, wo die
dunkle Welt viel näher stand. Die Schwestern waren, gleich den Eltern, zu
schonen und zu achten, und wenn man mit ihnen Streit gehabt hatte, war
man nachher vor dem eigenen Gewissen immer der Schlechte, der Anstifter,
der, der um Verzeihung bitten mußte. Denn in den Schwestern beleidigte
man die Eltern, das Gute und Gebietende. Es gab Geheimnisse, die ich mit
den verworfensten Gassenbuben weit eher teilen konnte als mit meinen
Schwestern. An guten Tagen, wenn es licht war und das Gewissen in
Ordnung, da war es oft köstlich, mit den Schwestern zu spielen, gut und
artig mit ihnen zu sein und sich selbst in einem braven, edlen Schein zu
sehen. So mußte es sein, wenn man ein Engel war! Das war das Höchste,
was wir wußten, und wir dachten es uns süß und wunderbar, Engel zu sein,
umgeben von einem lichten Klang und Duft wie Weihnacht und Glück. O
wie selten gelangen solche Stunden und Tage! Oft war ich beim Spiel, bei
guten, harmlosen, erlaubten Spielen, von einer Leidenschaft und Heftigkeit,
die den Schwestern zu viel wurde, die zu Streit und Unglück führte, und
wenn dann der Zorn über mich kam, war ich schrecklich und tat und sagte
Dinge, deren Verworfenheit ich, noch während ich sie tat und sagte, tief und
brennend empfand. Dann kamen arge, finstere Stunden der Reue und
Zerknirschung, und dann der wehe Augenblick, wo ich um Verzeihung bat,
und dann wieder ein Strahl der Helle, ein stilles, dankbares Glück ohne
Zwiespalt, für Stunden oder Augenblicke.
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Ich ging in die Lateinschule, der Sohn des Bürgermeisters und des
Oberförsters waren in meiner Klasse und kamen zuweilen zu mir, wilde
Buben und dennoch Angehörige der guten, erlaubten Welt. Trotzdem hatte
ich nahe Beziehungen zu Nachbarsknaben, Schülern der Volksschule, die
wir sonst verachteten. Mit einem von ihnen muß ich meine Erzählung
beginnen.
An einem freien Nachmittag — ich war wenig mehr als zehn Jahre alt —
trieb ich mich mit zwei Knaben aus der Nachbarschaft herum. Da kam ein
größerer dazu, ein kräftiger und roher Junge von etwa dreizehn Jahren, ein
Volksschüler, der Sohn eines Schneiders. Sein Vater war ein Trinker und die
ganze Familie stand in schlechtem Ruf. Franz Kromer war mir wohl
bekannt, ich hatte Furcht vor ihm, und es gefiel mir nicht, als er jetzt zu uns
stieß. Er hatte schon männliche Manieren und ahmte den Gang und die
Redensarten der jungen Fabrikburschen nach. Unter seiner Anführung
stiegen wir neben der Brücke ans Ufer hinab und verbargen uns vor der
Welt unterm ersten Brückenbogen. Das schmale Ufer zwischen der
gewölbten Brückenwand und dem träg fließenden Wasser bestand aus lauter
Abfällen, aus Scherben und Gerümpel, wirren Bündeln von verrostetem
Eisendraht und anderem Kehricht. Man fand dort zuweilen brauchbare
Sachen; wir mußten unter Franz Kromers Führung die Strecke absuchen
und ihm zeigen, was wir fanden. Dann steckte er es entweder zu sich oder
warf es ins Wasser hinaus. Er hieß uns darauf achten, ob Sachen aus Blei,
Messing oder Zinn darunter wären, die steckte er alle zu sich, auch einen
alten Kamm aus Horn. Ich fühlte mich in seiner Gesellschaft sehr
beklommen, nicht weil ich wußte, daß mein Vater mir diesen Umgang
verbieten würde, wenn er davon wüßte, sondern aus Angst vor Franz selber.
Ich war froh, daß er mich nahm und behandelte wie die andern. Er befahl,
und wir gehorchten, es war, als sei das ein alter Brauch, obwohl ich das
erstemal mit ihm zusammen war.
Schließlich setzten wir uns an den Boden. Franz spuckte ins Wasser und
sah aus wie ein Mann; er spuckte durch eine Zahnlücke und traf, wohin er
wollte. Es begann ein Gespräch, und die Knaben kamen ins Rühmen und
Großtun mit allerlei Schülerheldentaten und bösen Streichen. Ich schwieg
und fürchtete doch, gerade durch mein Schweigen aufzufallen und den Zorn
des Kromer auf mich zu lenken. Meine beiden Kameraden waren von
Anfang an von mir abgerückt und hatten sich zu ihm bekannt, ich war ein
Fremdling unter ihnen und fühlte, daß meine Kleidung und Art für sie
Oberförsters waren in meiner Klasse und kamen zuweilen zu mir, wilde
Buben und dennoch Angehörige der guten, erlaubten Welt. Trotzdem hatte
ich nahe Beziehungen zu Nachbarsknaben, Schülern der Volksschule, die
wir sonst verachteten. Mit einem von ihnen muß ich meine Erzählung
beginnen.
An einem freien Nachmittag — ich war wenig mehr als zehn Jahre alt —
trieb ich mich mit zwei Knaben aus der Nachbarschaft herum. Da kam ein
größerer dazu, ein kräftiger und roher Junge von etwa dreizehn Jahren, ein
Volksschüler, der Sohn eines Schneiders. Sein Vater war ein Trinker und die
ganze Familie stand in schlechtem Ruf. Franz Kromer war mir wohl
bekannt, ich hatte Furcht vor ihm, und es gefiel mir nicht, als er jetzt zu uns
stieß. Er hatte schon männliche Manieren und ahmte den Gang und die
Redensarten der jungen Fabrikburschen nach. Unter seiner Anführung
stiegen wir neben der Brücke ans Ufer hinab und verbargen uns vor der
Welt unterm ersten Brückenbogen. Das schmale Ufer zwischen der
gewölbten Brückenwand und dem träg fließenden Wasser bestand aus lauter
Abfällen, aus Scherben und Gerümpel, wirren Bündeln von verrostetem
Eisendraht und anderem Kehricht. Man fand dort zuweilen brauchbare
Sachen; wir mußten unter Franz Kromers Führung die Strecke absuchen
und ihm zeigen, was wir fanden. Dann steckte er es entweder zu sich oder
warf es ins Wasser hinaus. Er hieß uns darauf achten, ob Sachen aus Blei,
Messing oder Zinn darunter wären, die steckte er alle zu sich, auch einen
alten Kamm aus Horn. Ich fühlte mich in seiner Gesellschaft sehr
beklommen, nicht weil ich wußte, daß mein Vater mir diesen Umgang
verbieten würde, wenn er davon wüßte, sondern aus Angst vor Franz selber.
Ich war froh, daß er mich nahm und behandelte wie die andern. Er befahl,
und wir gehorchten, es war, als sei das ein alter Brauch, obwohl ich das
erstemal mit ihm zusammen war.
Schließlich setzten wir uns an den Boden. Franz spuckte ins Wasser und
sah aus wie ein Mann; er spuckte durch eine Zahnlücke und traf, wohin er
wollte. Es begann ein Gespräch, und die Knaben kamen ins Rühmen und
Großtun mit allerlei Schülerheldentaten und bösen Streichen. Ich schwieg
und fürchtete doch, gerade durch mein Schweigen aufzufallen und den Zorn
des Kromer auf mich zu lenken. Meine beiden Kameraden waren von
Anfang an von mir abgerückt und hatten sich zu ihm bekannt, ich war ein
Fremdling unter ihnen und fühlte, daß meine Kleidung und Art für sie
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herausfordernd sei. Als Lateinschüler und Herrensöhnchen konnte Franz
mich unmöglich lieben, und die beiden andern, das fühlte ich wohl, würden
mich, sobald es darauf ankäme, verleugnen und im Stich lassen.
Endlich begann ich, aus lauter Angst, auch zu erzählen. Ich erfand eine
große Räubergeschichte, zu deren Helden ich mich machte. In einem Garten
bei der Eckmühle, erzählte ich, hätte ich mit einem Kameraden bei Nacht
einen ganzen Sack voll Äpfel gestohlen, und nicht etwa gewöhnliche,
sondern lauter feinste Reinetten und Goldparmänen, die besten Sorten. Aus
den Gefahren des Augenblicks flüchtete ich mich in diese Geschichte, das
Erfinden und Erzählen war mir geläufig. Um nur nicht gleich wieder
aufzuhören und vielleicht in Schlimmeres verwickelt zu werden, ließ ich
meine ganze Kunst glänzen. Einer von uns, erzählte ich, hatte immer
Schildwache stehen müssen, während der andre im Baum war und die
Äpfel herunterwarf, und der Sack sei so schwer gewesen, daß wir ihn
zuletzt wieder öffnen und die Hälfte zurücklassen mußten, aber wir kamen
nach einer halben Stunde wieder und holten auch sie noch.
Als ich fertig war, hoffte ich auf einigen Beifall, ich war zuletzt warm
geworden und hatte mich am Fabulieren berauscht. Die beiden Kleinern
schwiegen abwartend, Franz Kromer aber sah mich aus halb zugekniffenen
Augen durchdringend an und fragte mit drohender Stimme: „Ist das wahr?“
„Jawohl,“ sagte ich.
„Also wirklich und wahrhaftig?“
„Ja, wirklich und wahrhaftig,“ beteuerte ich trotzig, während ich
innerlich vor Angst erstickte.
„Kannst du schwören?“
Ich erschrak sehr, aber ich sagte sofort Ja.
„Also sag: Bei Gott und Seligkeit!“
Ich sagte: „Bei Gott und Seligkeit.“
„Na ja,“ meinte er dann und wandte sich ab.
Ich dachte, damit sei es gut, und war froh, als er sich bald erhob und den
Rückweg einschlug. Als wir auf der Brücke waren, sagte ich schüchtern, ich
müsse jetzt nach Hause.
„Das wird nicht so pressieren,“ lachte Franz, „wir haben ja den gleichen
Weg.“
Langsam schlenderte er weiter, und ich wagte nicht auszureißen, aber er
ging wirklich den Weg gegen unser Haus. Als wir dort waren, als ich unsre
Haustür sah und den dicken messingenen Drücker, die Sonne in den
mich unmöglich lieben, und die beiden andern, das fühlte ich wohl, würden
mich, sobald es darauf ankäme, verleugnen und im Stich lassen.
Endlich begann ich, aus lauter Angst, auch zu erzählen. Ich erfand eine
große Räubergeschichte, zu deren Helden ich mich machte. In einem Garten
bei der Eckmühle, erzählte ich, hätte ich mit einem Kameraden bei Nacht
einen ganzen Sack voll Äpfel gestohlen, und nicht etwa gewöhnliche,
sondern lauter feinste Reinetten und Goldparmänen, die besten Sorten. Aus
den Gefahren des Augenblicks flüchtete ich mich in diese Geschichte, das
Erfinden und Erzählen war mir geläufig. Um nur nicht gleich wieder
aufzuhören und vielleicht in Schlimmeres verwickelt zu werden, ließ ich
meine ganze Kunst glänzen. Einer von uns, erzählte ich, hatte immer
Schildwache stehen müssen, während der andre im Baum war und die
Äpfel herunterwarf, und der Sack sei so schwer gewesen, daß wir ihn
zuletzt wieder öffnen und die Hälfte zurücklassen mußten, aber wir kamen
nach einer halben Stunde wieder und holten auch sie noch.
Als ich fertig war, hoffte ich auf einigen Beifall, ich war zuletzt warm
geworden und hatte mich am Fabulieren berauscht. Die beiden Kleinern
schwiegen abwartend, Franz Kromer aber sah mich aus halb zugekniffenen
Augen durchdringend an und fragte mit drohender Stimme: „Ist das wahr?“
„Jawohl,“ sagte ich.
„Also wirklich und wahrhaftig?“
„Ja, wirklich und wahrhaftig,“ beteuerte ich trotzig, während ich
innerlich vor Angst erstickte.
„Kannst du schwören?“
Ich erschrak sehr, aber ich sagte sofort Ja.
„Also sag: Bei Gott und Seligkeit!“
Ich sagte: „Bei Gott und Seligkeit.“
„Na ja,“ meinte er dann und wandte sich ab.
Ich dachte, damit sei es gut, und war froh, als er sich bald erhob und den
Rückweg einschlug. Als wir auf der Brücke waren, sagte ich schüchtern, ich
müsse jetzt nach Hause.
„Das wird nicht so pressieren,“ lachte Franz, „wir haben ja den gleichen
Weg.“
Langsam schlenderte er weiter, und ich wagte nicht auszureißen, aber er
ging wirklich den Weg gegen unser Haus. Als wir dort waren, als ich unsre
Haustür sah und den dicken messingenen Drücker, die Sonne in den
Page 15
Fenstern und die Vorhänge im Zimmer meiner Mutter, da atmete ich tief
auf. O Heimkehr! O gute, gesegnete Rückkunft nach Hause, ins Helle, in
den Frieden!
Als ich schnell die Tür geöffnet hatte und hineinschlüpfte, bereit, sie
hinter mir zuzuschlagen, da drängte Franz Kromer sich mit hinein. Im
kühlen, düsteren Fliesengang, der nur vom Hof her Licht bekam, stand er
bei mir, hielt mich am Arm und sagte leise: „Nicht so pressieren, du!“
Erschrocken sah ich ihn an. Sein Griff um meinen Arm war fest wie
Eisen. Ich überlegte, was er im Sinn haben könnte, und ob er mich etwa
mißhandeln wolle. Wenn ich jetzt schreien würde, dachte ich, laut und
heftig schreien, ob dann wohl schnell genug jemand von droben dasein
würde, um mich zu retten? Aber ich gab es auf.
„Was ist?“ fragte ich, „was willst du?“
„Nicht viel. Ich muß dich bloß noch etwas fragen. Die andern brauchen
das nicht zu hören.“
„So? Ja, was soll ich dir noch sagen? Ich muß hinauf, weißt du.“
„Du weißt doch,“ sagte Franz leise, „wem der Obstgarten bei der
Eckmühle gehört?“
„Nein, ich weiß nicht. Ich glaube, dem Müller.“
Franz hatte den Arm um mich geschlungen und zog mich nun ganz dicht
zu sich heran, daß ich ihm aus nächster Nähe ins Gesicht sehen mußte.
Seine Augen waren böse, er lächelte schlimm, und sein Gesicht war voll
Grausamkeit und Macht.
„Ja, mein Junge, ich kann dir schon sagen, wem der Garten gehört. Ich
weiß schon lang, daß die Äpfel gestohlen sind, und ich weiß auch, daß der
Mann gesagt hat, er gebe jedem zwei Mark, der ihm sagen kann, wer das
Obst gestohlen hat.“
„Lieber Gott!“ rief ich. „Aber du wirst ihm doch nichts sagen?“
Ich fühlte, daß es unnütz sein würde, mich an sein Ehrgefühl zu wenden.
Er war aus der andern Welt, für ihn war Verrat kein Verbrechen. Ich fühlte
das genau. In diesen Sachen waren die Leute aus der „anderen“ Welt nicht
wie wir.
„Nichts sagen?“ lachte Kromer. „Lieber Freund, meinst du denn, ich sei
ein Falschmünzer, daß ich mir selber Zweimarkstücke machen kann? Ich
bin ein armer Kerl, ich habe keinen reichen Vater wie du, und wenn ich
zwei Mark verdienen kann, muß ich sie verdienen. Vielleicht gibt er sogar
mehr.“
auf. O Heimkehr! O gute, gesegnete Rückkunft nach Hause, ins Helle, in
den Frieden!
Als ich schnell die Tür geöffnet hatte und hineinschlüpfte, bereit, sie
hinter mir zuzuschlagen, da drängte Franz Kromer sich mit hinein. Im
kühlen, düsteren Fliesengang, der nur vom Hof her Licht bekam, stand er
bei mir, hielt mich am Arm und sagte leise: „Nicht so pressieren, du!“
Erschrocken sah ich ihn an. Sein Griff um meinen Arm war fest wie
Eisen. Ich überlegte, was er im Sinn haben könnte, und ob er mich etwa
mißhandeln wolle. Wenn ich jetzt schreien würde, dachte ich, laut und
heftig schreien, ob dann wohl schnell genug jemand von droben dasein
würde, um mich zu retten? Aber ich gab es auf.
„Was ist?“ fragte ich, „was willst du?“
„Nicht viel. Ich muß dich bloß noch etwas fragen. Die andern brauchen
das nicht zu hören.“
„So? Ja, was soll ich dir noch sagen? Ich muß hinauf, weißt du.“
„Du weißt doch,“ sagte Franz leise, „wem der Obstgarten bei der
Eckmühle gehört?“
„Nein, ich weiß nicht. Ich glaube, dem Müller.“
Franz hatte den Arm um mich geschlungen und zog mich nun ganz dicht
zu sich heran, daß ich ihm aus nächster Nähe ins Gesicht sehen mußte.
Seine Augen waren böse, er lächelte schlimm, und sein Gesicht war voll
Grausamkeit und Macht.
„Ja, mein Junge, ich kann dir schon sagen, wem der Garten gehört. Ich
weiß schon lang, daß die Äpfel gestohlen sind, und ich weiß auch, daß der
Mann gesagt hat, er gebe jedem zwei Mark, der ihm sagen kann, wer das
Obst gestohlen hat.“
„Lieber Gott!“ rief ich. „Aber du wirst ihm doch nichts sagen?“
Ich fühlte, daß es unnütz sein würde, mich an sein Ehrgefühl zu wenden.
Er war aus der andern Welt, für ihn war Verrat kein Verbrechen. Ich fühlte
das genau. In diesen Sachen waren die Leute aus der „anderen“ Welt nicht
wie wir.
„Nichts sagen?“ lachte Kromer. „Lieber Freund, meinst du denn, ich sei
ein Falschmünzer, daß ich mir selber Zweimarkstücke machen kann? Ich
bin ein armer Kerl, ich habe keinen reichen Vater wie du, und wenn ich
zwei Mark verdienen kann, muß ich sie verdienen. Vielleicht gibt er sogar
mehr.“
Page 16
Er ließ mich plötzlich wieder los. Unsre Hausflur roch nicht mehr nach
Frieden und Sicherheit, die Welt brach um mich zusammen. Er würde mich
anzeigen, ich war ein Verbrecher, man würde es dem Vater sagen, vielleicht
würde sogar die Polizei kommen. Alle Schrecken des Chaos drohten mir,
alles Häßliche und Gefährliche war gegen mich aufgeboten. Daß ich gar
nicht gestohlen hatte, war ganz ohne Belang. Ich hatte außerdem
geschworen. Mein Gott, mein Gott!
Tränen stiegen mir auf. Ich fühlte, daß ich mich loskaufen müsse, und
griff verzweifelt in alle meine Taschen. Kein Apfel, kein Taschenmesser,
gar nichts war da. Da fiel meine Uhr mir ein. Es war eine alte Silberuhr, und
sie ging nicht, ich trug sie „nur so“. Sie stammte von unsrer Großmutter.
Schnell zog ich sie heraus.
„Kromer,“ sagte ich, „hör, du mußt mich nicht angeben, das wäre nicht
schön von dir. Ich will dir meine Uhr schenken, sieh da; ich habe leider
sonst gar nichts. Du kannst sie haben, sie ist aus Silber, und das Werk ist
gut, sie hat nur einen kleinen Fehler, man muß sie reparieren.“
Er lächelte und nahm die Uhr in seine große Hand. Ich sah auf diese
Hand und fühlte, wie roh und tief feindlich sie mir war, wie sie nach
meinem Leben und Frieden griff.
„Sie ist aus Silber —“ sagte ich schüchtern.
„Ich pfeife auf dein Silber und auf deine alte Uhr da!“ sagte er mit tiefer
Verachtung. „Laß du sie nur selber reparieren!“
„Aber Franz,“ rief ich zitternd vor Angst, er möchte weglaufen. „Warte
doch ein wenig! Nimm doch die Uhr! Sie ist wirklich aus Silber, wirklich
und wahr. Und ich habe ja nichts anderes.“
Er sah mich kühl und verächtlich an.
„Also du weißt, zu wem ich gehe. Oder ich kann es auch der Polizei
sagen, den Wachtmeister kenne ich gut.“
Er wandte sich zum Gehen. Ich hielt ihn am Ärmel zurück. Es durfte
nicht sein. Ich wäre viel lieber gestorben als alles das zu ertragen, was
kommen würde, wenn er so fortginge.
„Franz,“ flehte ich heiser vor Erregung, „mach doch keine dummen
Sachen! Gelt, es ist bloß ein Spaß?“
„Jawohl, ein Spaß, aber für dich kann er teuer werden.“
„Sag mir doch, Franz, was ich tun soll! Ich will ja alles tun!“
Er musterte mich mit seinen eingekniffenen Augen und lachte wieder.
Frieden und Sicherheit, die Welt brach um mich zusammen. Er würde mich
anzeigen, ich war ein Verbrecher, man würde es dem Vater sagen, vielleicht
würde sogar die Polizei kommen. Alle Schrecken des Chaos drohten mir,
alles Häßliche und Gefährliche war gegen mich aufgeboten. Daß ich gar
nicht gestohlen hatte, war ganz ohne Belang. Ich hatte außerdem
geschworen. Mein Gott, mein Gott!
Tränen stiegen mir auf. Ich fühlte, daß ich mich loskaufen müsse, und
griff verzweifelt in alle meine Taschen. Kein Apfel, kein Taschenmesser,
gar nichts war da. Da fiel meine Uhr mir ein. Es war eine alte Silberuhr, und
sie ging nicht, ich trug sie „nur so“. Sie stammte von unsrer Großmutter.
Schnell zog ich sie heraus.
„Kromer,“ sagte ich, „hör, du mußt mich nicht angeben, das wäre nicht
schön von dir. Ich will dir meine Uhr schenken, sieh da; ich habe leider
sonst gar nichts. Du kannst sie haben, sie ist aus Silber, und das Werk ist
gut, sie hat nur einen kleinen Fehler, man muß sie reparieren.“
Er lächelte und nahm die Uhr in seine große Hand. Ich sah auf diese
Hand und fühlte, wie roh und tief feindlich sie mir war, wie sie nach
meinem Leben und Frieden griff.
„Sie ist aus Silber —“ sagte ich schüchtern.
„Ich pfeife auf dein Silber und auf deine alte Uhr da!“ sagte er mit tiefer
Verachtung. „Laß du sie nur selber reparieren!“
„Aber Franz,“ rief ich zitternd vor Angst, er möchte weglaufen. „Warte
doch ein wenig! Nimm doch die Uhr! Sie ist wirklich aus Silber, wirklich
und wahr. Und ich habe ja nichts anderes.“
Er sah mich kühl und verächtlich an.
„Also du weißt, zu wem ich gehe. Oder ich kann es auch der Polizei
sagen, den Wachtmeister kenne ich gut.“
Er wandte sich zum Gehen. Ich hielt ihn am Ärmel zurück. Es durfte
nicht sein. Ich wäre viel lieber gestorben als alles das zu ertragen, was
kommen würde, wenn er so fortginge.
„Franz,“ flehte ich heiser vor Erregung, „mach doch keine dummen
Sachen! Gelt, es ist bloß ein Spaß?“
„Jawohl, ein Spaß, aber für dich kann er teuer werden.“
„Sag mir doch, Franz, was ich tun soll! Ich will ja alles tun!“
Er musterte mich mit seinen eingekniffenen Augen und lachte wieder.
Page 17
„Sei doch nicht dumm!“ sagte er mit falscher Gutmütigkeit. „Du weißt ja
so gut Bescheid wie ich. Ich kann zwei Mark verdienen, und ich bin kein
reicher Mann, daß ich die wegwerfen kann, das weißt du. Du bist aber
reich, du hast sogar eine Uhr. Du brauchst mir bloß die zwei Mark zu
geben, dann ist alles gut.“
Ich begriff die Logik. Aber zwei Mark! Das war für mich so viel und
unerreichbar wie zehn, wie hundert, wie tausend Mark. Ich hatte kein Geld.
Es gab ein Sparkästlein, das bei meiner Mutter stand, da waren von
Onkelbesuchen und solchen Anlässen her ein paar Zehn- und
Fünfpfennigstücke drin. Sonst hatte ich nichts. Taschengeld bekam ich in
jenem Alter noch keines.
„Ich habe nichts,“ sagte ich traurig. „Ich habe gar kein Geld. Aber sonst
will ich dir alles geben. Ich habe ein Indianerbuch, und Soldaten, und einen
Kompaß. Ich will ihn dir holen.“
Kromer zuckte nur mit dem kühnen, bösen Mund und spuckte auf den
Boden.
„Mach kein Geschwätz!“ sagte er befehlend. „Deinen Lumpenkram
kannst du behalten. Einen Kompaß! Mach mich jetzt nicht noch bös, hörst
du, und gib das Geld her!“
„Aber ich habe keins, ich kriege nie Geld. Ich kann doch nichts dafür!“
„Also dann bringst du mir morgen die zwei Mark. Ich warte nach der
Schule unten am Markt. Damit fertig. Wenn du kein Geld bringst, wirst du
ja sehen!“
„Ja, aber woher soll ich’s denn nehmen? Herrgott, wenn ich doch keins
habe —“
„Es ist Geld genug bei euch im Haus. Das ist deine Sache. Also morgen
nach der Schule. Und ich sage dir: wenn du es nicht bringst —“ Er schoß
mir einen furchtbaren Blick ins Auge, spuckte nochmals aus und war wie
ein Schatten verschwunden.
I ch konnte nicht hinaufgehen. Mein Leben war zerstört. Ich dachte daran,
fortzulaufen und nie mehr wiederzukommen, oder mich zu ertränken.
Doch waren das keine deutlichen Bilder. Ich setzte mich im Dunkel auf
die unterste Stufe unsrer Haustreppe, kroch eng in mich zusammen und gab
mich dem Unglück hin. Dort fand Lina mich weinend, als sie mit einem
Korb herunterkam, um Holz zu holen.
so gut Bescheid wie ich. Ich kann zwei Mark verdienen, und ich bin kein
reicher Mann, daß ich die wegwerfen kann, das weißt du. Du bist aber
reich, du hast sogar eine Uhr. Du brauchst mir bloß die zwei Mark zu
geben, dann ist alles gut.“
Ich begriff die Logik. Aber zwei Mark! Das war für mich so viel und
unerreichbar wie zehn, wie hundert, wie tausend Mark. Ich hatte kein Geld.
Es gab ein Sparkästlein, das bei meiner Mutter stand, da waren von
Onkelbesuchen und solchen Anlässen her ein paar Zehn- und
Fünfpfennigstücke drin. Sonst hatte ich nichts. Taschengeld bekam ich in
jenem Alter noch keines.
„Ich habe nichts,“ sagte ich traurig. „Ich habe gar kein Geld. Aber sonst
will ich dir alles geben. Ich habe ein Indianerbuch, und Soldaten, und einen
Kompaß. Ich will ihn dir holen.“
Kromer zuckte nur mit dem kühnen, bösen Mund und spuckte auf den
Boden.
„Mach kein Geschwätz!“ sagte er befehlend. „Deinen Lumpenkram
kannst du behalten. Einen Kompaß! Mach mich jetzt nicht noch bös, hörst
du, und gib das Geld her!“
„Aber ich habe keins, ich kriege nie Geld. Ich kann doch nichts dafür!“
„Also dann bringst du mir morgen die zwei Mark. Ich warte nach der
Schule unten am Markt. Damit fertig. Wenn du kein Geld bringst, wirst du
ja sehen!“
„Ja, aber woher soll ich’s denn nehmen? Herrgott, wenn ich doch keins
habe —“
„Es ist Geld genug bei euch im Haus. Das ist deine Sache. Also morgen
nach der Schule. Und ich sage dir: wenn du es nicht bringst —“ Er schoß
mir einen furchtbaren Blick ins Auge, spuckte nochmals aus und war wie
ein Schatten verschwunden.
I ch konnte nicht hinaufgehen. Mein Leben war zerstört. Ich dachte daran,
fortzulaufen und nie mehr wiederzukommen, oder mich zu ertränken.
Doch waren das keine deutlichen Bilder. Ich setzte mich im Dunkel auf
die unterste Stufe unsrer Haustreppe, kroch eng in mich zusammen und gab
mich dem Unglück hin. Dort fand Lina mich weinend, als sie mit einem
Korb herunterkam, um Holz zu holen.
Page 18
Ich bat sie, droben nichts zu sagen, und ging hinauf. Am Rechen neben
der Glastüre hing der Hut meines Vaters und der Sonnenschirm meiner
Mutter, Heimat und Zärtlichkeit strömte mir von allen diesen Dingen
entgegen, mein Herz begrüßte sie flehend und dankbar wie der verlorene
Sohn den Anblick und Geruch der alten heimatlichen Stuben. Aber das alles
gehörte mir jetzt nicht mehr, das alles war lichte Vater- und Mutterwelt, und
ich war tief und schuldvoll in die fremde Flut versunken, in Abenteuer und
Sünde verstrickt, vom Feind bedroht und von Gefahren, Angst und Schande
erwartet. Der Hut und Sonnenschirm, der gute alte Sandsteinboden, das
große Bild überm Flurschrank, und drinnen aus dem Wohnzimmer her die
Stimme meiner älteren Schwester, das alles war lieber, zarter und köstlicher
als je, aber es war nicht Trost mehr und sicheres Gut, es war lauter Vorwurf.
Dies alles war nicht mehr mein, ich konnte an seiner Heiterkeit und Stille
nicht teilhaben. Ich trug Schmutz an meinen Füßen, den ich nicht an der
Matte abstreifen konnte, ich brachte Schatten mit mir, von denen die
Heimatwelt nicht wußte. Wieviel Geheimnisse hatte ich schon gehabt,
wieviel Bangigkeit, aber es war alles Spiel und Spaß gewesen gegen das,
was ich heut mit mir in diese Räume brachte. Schicksal lief mir nach,
Hände waren nach mir ausgestreckt, vor denen auch die Mutter mich nicht
schützen konnte, von denen sie nicht wissen durfte. Ob nun mein
Verbrechen ein Diebstahl war oder eine Lüge (hatte ich nicht einen falschen
Eid bei Gott und Seligkeit geschworen?) — das war einerlei. Meine Sünde
war nicht dies oder das, meine Sünde war, daß ich dem Teufel die Hand
gegeben hatte. Warum war ich mitgegangen? Warum hatte ich dem Kromer
gehorcht, besser als je meinem Vater? Warum hatte ich die Geschichte von
jenem Diebstahl erlogen? Mich mit Verbrechen gebrüstet, als wären es
Heldentaten? Nun hielt der Teufel meine Hand, nun war der Feind hinter
mir her.
Für einen Augenblick empfand ich nicht mehr Furcht vor morgen,
sondern vor allem die schreckliche Gewißheit, daß mein Weg jetzt immer
weiter bergab und ins Finstere führe. Ich spürte deutlich, daß aus meinem
Vergehen neue Vergehen folgen mußten, daß mein Erscheinen bei den
Geschwistern, mein Gruß und Kuß an die Eltern Lüge war, daß ich ein
Schicksal und Geheimnis mit mir trug, das ich ihnen verbarg.
Einen Augenblick blitzte Vertrauen und Hoffnung in mir auf, da ich den
Hut meines Vaters betrachtete. Ich würde ihm alles sagen, würde sein Urteil
und seine Strafe auf mich nehmen und ihn zu meinem Mitwisser und Retter
der Glastüre hing der Hut meines Vaters und der Sonnenschirm meiner
Mutter, Heimat und Zärtlichkeit strömte mir von allen diesen Dingen
entgegen, mein Herz begrüßte sie flehend und dankbar wie der verlorene
Sohn den Anblick und Geruch der alten heimatlichen Stuben. Aber das alles
gehörte mir jetzt nicht mehr, das alles war lichte Vater- und Mutterwelt, und
ich war tief und schuldvoll in die fremde Flut versunken, in Abenteuer und
Sünde verstrickt, vom Feind bedroht und von Gefahren, Angst und Schande
erwartet. Der Hut und Sonnenschirm, der gute alte Sandsteinboden, das
große Bild überm Flurschrank, und drinnen aus dem Wohnzimmer her die
Stimme meiner älteren Schwester, das alles war lieber, zarter und köstlicher
als je, aber es war nicht Trost mehr und sicheres Gut, es war lauter Vorwurf.
Dies alles war nicht mehr mein, ich konnte an seiner Heiterkeit und Stille
nicht teilhaben. Ich trug Schmutz an meinen Füßen, den ich nicht an der
Matte abstreifen konnte, ich brachte Schatten mit mir, von denen die
Heimatwelt nicht wußte. Wieviel Geheimnisse hatte ich schon gehabt,
wieviel Bangigkeit, aber es war alles Spiel und Spaß gewesen gegen das,
was ich heut mit mir in diese Räume brachte. Schicksal lief mir nach,
Hände waren nach mir ausgestreckt, vor denen auch die Mutter mich nicht
schützen konnte, von denen sie nicht wissen durfte. Ob nun mein
Verbrechen ein Diebstahl war oder eine Lüge (hatte ich nicht einen falschen
Eid bei Gott und Seligkeit geschworen?) — das war einerlei. Meine Sünde
war nicht dies oder das, meine Sünde war, daß ich dem Teufel die Hand
gegeben hatte. Warum war ich mitgegangen? Warum hatte ich dem Kromer
gehorcht, besser als je meinem Vater? Warum hatte ich die Geschichte von
jenem Diebstahl erlogen? Mich mit Verbrechen gebrüstet, als wären es
Heldentaten? Nun hielt der Teufel meine Hand, nun war der Feind hinter
mir her.
Für einen Augenblick empfand ich nicht mehr Furcht vor morgen,
sondern vor allem die schreckliche Gewißheit, daß mein Weg jetzt immer
weiter bergab und ins Finstere führe. Ich spürte deutlich, daß aus meinem
Vergehen neue Vergehen folgen mußten, daß mein Erscheinen bei den
Geschwistern, mein Gruß und Kuß an die Eltern Lüge war, daß ich ein
Schicksal und Geheimnis mit mir trug, das ich ihnen verbarg.
Einen Augenblick blitzte Vertrauen und Hoffnung in mir auf, da ich den
Hut meines Vaters betrachtete. Ich würde ihm alles sagen, würde sein Urteil
und seine Strafe auf mich nehmen und ihn zu meinem Mitwisser und Retter
Page 19
machen. Es würde nur eine Buße sein, wie ich sie oft bestanden hatte, eine
schwere bittere Stunde, eine schwere und reuevolle Bitte um Verzeihung.
Wie süß das klang! Wie schön das lockte! Aber es war nichts damit. Ich
wußte, daß ich es nicht tun würde. Ich wußte, daß ich jetzt ein Geheimnis
hatte, eine Schuld, die ich allein und selber ausfressen mußte. Vielleicht war
ich gerade jetzt auf dem Scheidewege, vielleicht würde ich von dieser
Stunde an für immer und immer dem Schlechten angehören, Geheimnisse
mit Bösen teilen, von ihnen abhängen, ihnen gehorchen, ihresgleichen
werden müssen. Ich hatte den Mann und Helden gespielt, jetzt mußte ich
tragen, was daraus folgte.
Es war mir lieb, daß mein Vater sich, als ich eintrat, über meine nassen
Schuhe aufhielt. Es lenkte ab, er bemerkte das Schlimmere nicht, und ich
durfte einen Vorwurf ertragen, den ich heimlich mit auf das andere bezog.
Dabei funkelte ein sonderbar neues Gefühl in mir auf, ein böses und
schneidendes Gefühl voll Widerhaken: ich fühlte mich meinem Vater
überlegen! Ich fühlte, einen Augenblick lang, eine gewisse Verachtung für
seine Unwissenheit, sein Schelten über die nassen Stiefel schien mir
kleinlich. „Wenn du wüßtest!“ dachte ich, und kam mir vor wie ein
Verbrecher, den man wegen einer gestohlenen Semmel verhört, während er
Morde zu gestehen hätte. Es war ein häßliches und widriges Gefühl, aber es
war stark und hatte einen tiefen Reiz, und es kettete mich fester als jeder
andere Gedanke an mein Geheimnis und meine Schuld. Vielleicht, dachte
ich, ist der Kromer jetzt schon zur Polizei gegangen und hat mich
angegeben, und Gewitter ziehen sich über mir zusammen, während man
mich hier wie ein kleines Kind betrachtet!
Von diesem ganzen Erlebnis, soweit es bis hier erzählt ist, war dieser
Augenblick das Wichtige und Bleibende. Es war ein erster Riß in die
Heiligkeit des Vaters, es war ein erster Schnitt in die Pfeiler, auf denen mein
Kinderleben geruht hatte, und die jeder Mensch, ehe er er selbst werden
kann, zerstört haben muß. Aus diesen Erlebnissen, die niemand sieht,
besteht die innere, wesentliche Linie unsres Schicksals. Solch ein Schnitt
und Riß wächst wieder zu, er wird verheilt und vergessen, in der
geheimsten Kammer aber lebt und blutet er weiter.
Mir selbst graute sofort vor dem neuen Gefühl, ich hätte meinem Vater
gleich darauf die Füße küssen mögen, um es ihm abzubitten. Man kann aber
nichts Wesentliches abbitten, und das fühlt und weiß ein Kind so gut und
tief wie jeder Weise.
schwere bittere Stunde, eine schwere und reuevolle Bitte um Verzeihung.
Wie süß das klang! Wie schön das lockte! Aber es war nichts damit. Ich
wußte, daß ich es nicht tun würde. Ich wußte, daß ich jetzt ein Geheimnis
hatte, eine Schuld, die ich allein und selber ausfressen mußte. Vielleicht war
ich gerade jetzt auf dem Scheidewege, vielleicht würde ich von dieser
Stunde an für immer und immer dem Schlechten angehören, Geheimnisse
mit Bösen teilen, von ihnen abhängen, ihnen gehorchen, ihresgleichen
werden müssen. Ich hatte den Mann und Helden gespielt, jetzt mußte ich
tragen, was daraus folgte.
Es war mir lieb, daß mein Vater sich, als ich eintrat, über meine nassen
Schuhe aufhielt. Es lenkte ab, er bemerkte das Schlimmere nicht, und ich
durfte einen Vorwurf ertragen, den ich heimlich mit auf das andere bezog.
Dabei funkelte ein sonderbar neues Gefühl in mir auf, ein böses und
schneidendes Gefühl voll Widerhaken: ich fühlte mich meinem Vater
überlegen! Ich fühlte, einen Augenblick lang, eine gewisse Verachtung für
seine Unwissenheit, sein Schelten über die nassen Stiefel schien mir
kleinlich. „Wenn du wüßtest!“ dachte ich, und kam mir vor wie ein
Verbrecher, den man wegen einer gestohlenen Semmel verhört, während er
Morde zu gestehen hätte. Es war ein häßliches und widriges Gefühl, aber es
war stark und hatte einen tiefen Reiz, und es kettete mich fester als jeder
andere Gedanke an mein Geheimnis und meine Schuld. Vielleicht, dachte
ich, ist der Kromer jetzt schon zur Polizei gegangen und hat mich
angegeben, und Gewitter ziehen sich über mir zusammen, während man
mich hier wie ein kleines Kind betrachtet!
Von diesem ganzen Erlebnis, soweit es bis hier erzählt ist, war dieser
Augenblick das Wichtige und Bleibende. Es war ein erster Riß in die
Heiligkeit des Vaters, es war ein erster Schnitt in die Pfeiler, auf denen mein
Kinderleben geruht hatte, und die jeder Mensch, ehe er er selbst werden
kann, zerstört haben muß. Aus diesen Erlebnissen, die niemand sieht,
besteht die innere, wesentliche Linie unsres Schicksals. Solch ein Schnitt
und Riß wächst wieder zu, er wird verheilt und vergessen, in der
geheimsten Kammer aber lebt und blutet er weiter.
Mir selbst graute sofort vor dem neuen Gefühl, ich hätte meinem Vater
gleich darauf die Füße küssen mögen, um es ihm abzubitten. Man kann aber
nichts Wesentliches abbitten, und das fühlt und weiß ein Kind so gut und
tief wie jeder Weise.
Page 20
Ich fühlte die Notwendigkeit, über meine Sache nachzudenken, auf Wege
für morgen zu sinnen; aber ich kam nicht dazu. Ich hatte den ganzen Abend
einzig damit zu tun, mich an die veränderte Luft in unsrem Wohnzimmer zu
gewöhnen. Wanduhr und Tisch, Bibel und Spiegel, Bücherbord und Bilder
an der Wand nahmen gleichsam Abschied von mir, ich mußte mit
erfrierendem Herzen zusehen, wie meine Welt, wie mein gutes, glückliches
Leben Vergangenheit wurde und sich von mir ablöste, und mußte spüren,
wie ich mit neuen, saugenden Wurzeln draußen im Finstern und Fremden
verankert und festgehalten war. Zum erstenmal kostete ich den Tod, und der
Tod schmeckt bitter, denn er ist Geburt, ist Angst und Bangnis vor
furchtbarer Neuerung.
Ich war froh, als ich endlich in meinem Bette lag! Zuvor als letztes
Fegefeuer war die Abendandacht über mich ergangen, und wir hatten dazu
ein Lied gesungen, das zu meinen liebsten gehörte. Ach, ich sang nicht mit,
und jeder Ton war Galle und Gift für mich. Ich betete nicht mit, als mein
Vater den Segen sprach, und als er endete: „— sei mit uns allen!“, da riß
eine Zuckung mich aus diesem Kreise fort. Die Gnade Gottes war mit ihnen
allen, aber nicht mehr mit mir. Kalt und tief ermüdet ging ich weg.
Im Bett, als ich eine Weile gelegen war, als Wärme und Geborgenheit
mich liebevoll umgab, irrte mein Herz in der Angst noch einmal zurück,
flatterte bang um das Vergangene. Meine Mutter hatte mir wie immer gute
Nacht gesagt, ihr Schritt klang noch im Zimmer nach, der Schein ihrer
Kerze glühte noch im Türspalt. Jetzt, dachte ich, jetzt kommt sie noch
einmal zurück — sie hat es gefühlt, sie gibt mir einen Kuß und fragt, fragt
gütig und verheißungsvoll, und dann kann ich weinen, dann schmilzt mir
der Stein im Halse, dann umschlinge ich sie und sage es ihr, und dann ist es
gut, dann ist Rettung da! Und als der Türspalt schon dunkel geworden war,
horchte ich noch eine Weile und meinte, es müsse und müsse geschehen.
Dann kehrte ich zu den Dingen zurück und sah meinem Feind ins Auge.
Ich sah ihn deutlich, das eine Auge hatte er eingekniffen, sein Mund lachte
roh, und indem ich ihn ansah und das Unentrinnbare in mich fraß, wurde er
größer und häßlicher, und sein böses Auge blitzte teufelhaft. Er war dicht
bei mir, bis ich einschlief, dann aber träumte ich nicht von ihm und nicht
von heute, sondern mir träumte, wir führen in einem Boot, die Eltern und
Schwestern und ich, und es umgab uns lauter Friede und Glanz eines
Ferientages. Mitten in der Nacht erwachte ich, fühlte noch den
Nachgeschmack der Seligkeit, sah noch die weißen Sommerkleider meiner
für morgen zu sinnen; aber ich kam nicht dazu. Ich hatte den ganzen Abend
einzig damit zu tun, mich an die veränderte Luft in unsrem Wohnzimmer zu
gewöhnen. Wanduhr und Tisch, Bibel und Spiegel, Bücherbord und Bilder
an der Wand nahmen gleichsam Abschied von mir, ich mußte mit
erfrierendem Herzen zusehen, wie meine Welt, wie mein gutes, glückliches
Leben Vergangenheit wurde und sich von mir ablöste, und mußte spüren,
wie ich mit neuen, saugenden Wurzeln draußen im Finstern und Fremden
verankert und festgehalten war. Zum erstenmal kostete ich den Tod, und der
Tod schmeckt bitter, denn er ist Geburt, ist Angst und Bangnis vor
furchtbarer Neuerung.
Ich war froh, als ich endlich in meinem Bette lag! Zuvor als letztes
Fegefeuer war die Abendandacht über mich ergangen, und wir hatten dazu
ein Lied gesungen, das zu meinen liebsten gehörte. Ach, ich sang nicht mit,
und jeder Ton war Galle und Gift für mich. Ich betete nicht mit, als mein
Vater den Segen sprach, und als er endete: „— sei mit uns allen!“, da riß
eine Zuckung mich aus diesem Kreise fort. Die Gnade Gottes war mit ihnen
allen, aber nicht mehr mit mir. Kalt und tief ermüdet ging ich weg.
Im Bett, als ich eine Weile gelegen war, als Wärme und Geborgenheit
mich liebevoll umgab, irrte mein Herz in der Angst noch einmal zurück,
flatterte bang um das Vergangene. Meine Mutter hatte mir wie immer gute
Nacht gesagt, ihr Schritt klang noch im Zimmer nach, der Schein ihrer
Kerze glühte noch im Türspalt. Jetzt, dachte ich, jetzt kommt sie noch
einmal zurück — sie hat es gefühlt, sie gibt mir einen Kuß und fragt, fragt
gütig und verheißungsvoll, und dann kann ich weinen, dann schmilzt mir
der Stein im Halse, dann umschlinge ich sie und sage es ihr, und dann ist es
gut, dann ist Rettung da! Und als der Türspalt schon dunkel geworden war,
horchte ich noch eine Weile und meinte, es müsse und müsse geschehen.
Dann kehrte ich zu den Dingen zurück und sah meinem Feind ins Auge.
Ich sah ihn deutlich, das eine Auge hatte er eingekniffen, sein Mund lachte
roh, und indem ich ihn ansah und das Unentrinnbare in mich fraß, wurde er
größer und häßlicher, und sein böses Auge blitzte teufelhaft. Er war dicht
bei mir, bis ich einschlief, dann aber träumte ich nicht von ihm und nicht
von heute, sondern mir träumte, wir führen in einem Boot, die Eltern und
Schwestern und ich, und es umgab uns lauter Friede und Glanz eines
Ferientages. Mitten in der Nacht erwachte ich, fühlte noch den
Nachgeschmack der Seligkeit, sah noch die weißen Sommerkleider meiner
Page 21
Schwestern in der Sonne schimmern und fiel aus allem Paradies zurück in
das, was war, und stand dem Feind mit dem bösen Auge wieder gegenüber.
Am Morgen, als meine Mutter eilig kam und rief, es sei schon spät und
warum ich noch im Bett liege, sah ich schlecht aus, und als sie fragte, ob
mir etwas fehle, erbrach ich mich.
Damit schien etwas gewonnen. Ich liebte es sehr, ein wenig krank zu sein
und einen Morgen lang bei Kamillentee liegenbleiben zu dürfen, zuzuhören,
wie die Mutter im Nebenzimmer aufräumte, und wie Lina draußen in der
Flur den Metzger empfing. Der Vormittag ohne Schule war etwas
Verzaubertes und Märchenhaftes, die Sonne spielte dann ins Zimmer, und
war nicht dieselbe Sonne, gegen die man in der Schule die grünen Vorhänge
herabließ. Aber auch das schmeckte heute nicht und hatte einen falschen
Klang bekommen.
Ja wenn ich gestorben wäre! Aber ich war nur so ein wenig unwohl, wie
schon oft, und damit war nichts getan. Das schützte mich vor der Schule,
aber es schützte mich keineswegs vor Kromer, der um elf Uhr am Markt auf
mich wartete. Und die Freundlichkeit der Mutter war diesmal ohne Trost;
sie war lästig und tat weh. Ich stellte mich bald wieder schlafend und dachte
nach. Es half alles nichts, ich mußte um elf Uhr am Markt sein. Darum
stand ich um zehn Uhr leise auf und sagte, daß mir wieder wohl geworden
sei. Es hieß, wie gewöhnlich in solchen Fällen, daß ich entweder wieder zu
Bette gehen oder am Nachmittag in die Schule gehen müsse. Ich sagte, daß
ich gern zur Schule gehe. Ich hatte mir einen Plan gemacht.
Ohne Geld durfte ich nicht zu Kromer kommen. Ich mußte die kleine
Sparbüchse an mich bekommen, die mir gehörte. Es war nicht genug Geld
darin, das wußte ich, lange nicht genug; aber etwas war es doch, und eine
Witterung sagte mir, daß etwas besser sei als nichts und Kromer wenigstens
begütigt werden müsse.
Es war mir schlimm zumute, als ich auf Socken in das Zimmer meiner
Mutter schlich und aus ihrem Schreibtisch meine Büchse nahm; aber so
schlimm wie das Gestrige war es nicht. Das Herzklopfen würgte mich, und
es wurde nicht besser, als ich drunten im Treppenhaus beim ersten
Untersuchen fand, daß die Büchse verschlossen war. Es ging sehr leicht, sie
aufzubrechen, es war nur ein dünnes Blechgitter zu durchreißen; aber der
Riß tat weh, erst damit hatte ich Diebstahl begangen. Bis dahin hatte ich nur
genascht, Zuckerstücke und Obst. Dies nun war gestohlen, obwohl es mein
eigenes Geld war. Ich spürte, wie ich wieder einen Schritt näher bei Kromer
das, was war, und stand dem Feind mit dem bösen Auge wieder gegenüber.
Am Morgen, als meine Mutter eilig kam und rief, es sei schon spät und
warum ich noch im Bett liege, sah ich schlecht aus, und als sie fragte, ob
mir etwas fehle, erbrach ich mich.
Damit schien etwas gewonnen. Ich liebte es sehr, ein wenig krank zu sein
und einen Morgen lang bei Kamillentee liegenbleiben zu dürfen, zuzuhören,
wie die Mutter im Nebenzimmer aufräumte, und wie Lina draußen in der
Flur den Metzger empfing. Der Vormittag ohne Schule war etwas
Verzaubertes und Märchenhaftes, die Sonne spielte dann ins Zimmer, und
war nicht dieselbe Sonne, gegen die man in der Schule die grünen Vorhänge
herabließ. Aber auch das schmeckte heute nicht und hatte einen falschen
Klang bekommen.
Ja wenn ich gestorben wäre! Aber ich war nur so ein wenig unwohl, wie
schon oft, und damit war nichts getan. Das schützte mich vor der Schule,
aber es schützte mich keineswegs vor Kromer, der um elf Uhr am Markt auf
mich wartete. Und die Freundlichkeit der Mutter war diesmal ohne Trost;
sie war lästig und tat weh. Ich stellte mich bald wieder schlafend und dachte
nach. Es half alles nichts, ich mußte um elf Uhr am Markt sein. Darum
stand ich um zehn Uhr leise auf und sagte, daß mir wieder wohl geworden
sei. Es hieß, wie gewöhnlich in solchen Fällen, daß ich entweder wieder zu
Bette gehen oder am Nachmittag in die Schule gehen müsse. Ich sagte, daß
ich gern zur Schule gehe. Ich hatte mir einen Plan gemacht.
Ohne Geld durfte ich nicht zu Kromer kommen. Ich mußte die kleine
Sparbüchse an mich bekommen, die mir gehörte. Es war nicht genug Geld
darin, das wußte ich, lange nicht genug; aber etwas war es doch, und eine
Witterung sagte mir, daß etwas besser sei als nichts und Kromer wenigstens
begütigt werden müsse.
Es war mir schlimm zumute, als ich auf Socken in das Zimmer meiner
Mutter schlich und aus ihrem Schreibtisch meine Büchse nahm; aber so
schlimm wie das Gestrige war es nicht. Das Herzklopfen würgte mich, und
es wurde nicht besser, als ich drunten im Treppenhaus beim ersten
Untersuchen fand, daß die Büchse verschlossen war. Es ging sehr leicht, sie
aufzubrechen, es war nur ein dünnes Blechgitter zu durchreißen; aber der
Riß tat weh, erst damit hatte ich Diebstahl begangen. Bis dahin hatte ich nur
genascht, Zuckerstücke und Obst. Dies nun war gestohlen, obwohl es mein
eigenes Geld war. Ich spürte, wie ich wieder einen Schritt näher bei Kromer
Page 22
und seiner Welt war, wie es so hübsch Zug um Zug abwärts ging, und setzte
Trotz dagegen. Mochte mich der Teufel holen, jetzt ging kein Weg mehr
zurück. Ich zählte das Geld mit Angst, es hatte in der Büchse so voll
geklungen, nun in der Hand war es elend wenig. Es waren fünfundsechzig
Pfennige. Ich versteckte die Büchse in der untern Flur, hielt das Geld in der
geschlossenen Hand und trat aus dem Hause, anders als ich je durch dieses
Tor gegangen war. Oben rief jemand nach mir, wie mir schien; ich ging
schnell davon.
Es war noch viel Zeit, ich drückte mich auf Umwegen durch die Gassen
einer veränderten Stadt, unter niegesehenen Wolken hin, an Häusern vorbei,
die mich ansahen, und an Menschen, die Verdacht auf mich hatten.
Unterwegs fiel mir ein, daß ein Schulkamerad von mir einmal auf dem
Viehmarkt einen Taler gefunden hatte. Gern hätte ich gebetet, daß Gott ein
Wunder tun und mich auch einen solchen Fund machen lassen möge. Aber
ich hatte kein Recht mehr zu beten. Und auch dann wäre die Büchse nicht
wieder ganz geworden.
Franz Kromer sah mich von weitem, doch kam er ganz langsam auf mich
zu und schien nicht auf mich zu achten. Als er in meiner Nähe war, gab er
mir einen befehlenden Wink, daß ich ihm folgen solle, und ging, ohne sich
ein einzigesmal umzusehen, ruhig weiter, die Strohgasse hinab und über
den Steg, bis er bei den letzten Häusern vor einem Neubau hielt. Es wurde
dort nicht gearbeitet, die Mauern standen kahl ohne Türen und Fenster.
Kromer sah sich um und ging durch die Tür hinein, ich ihm nach. Er trat
hinter die Mauer, winkte mich zu sich und streckte die Hand aus.
„Hast du’s?“ fragte er kühl.
Ich zog die geballte Hand aus der Tasche und schüttete mein Geld in
seine flache Hand. Er hatte es gezählt, noch eh der letzte Fünfer
ausgeklungen hatte.
„Das sind fünfundsechzig Pfennig,“ sagte er und sah mich an.
„Ja,“ sagte ich schüchtern. „Das ist alles, was ich habe, es ist zu wenig,
ich weiß wohl. Aber es ist alles. Ich habe nicht mehr.“
„Ich hätte dich für gescheiter gehalten,“ schalt er mit einem beinah
milden Tadel. „Unter Ehrenmännern soll Ordnung sein. Ich will dir nichts
abnehmen, was nicht recht ist, das weißt du. Nimm deine Nickel wieder, da!
Der andere — du weißt, wer — versucht nicht, mich herunter zu handeln.
Der zahlt.“
„Aber ich habe und habe nicht mehr! Es war meine Sparkasse.“
Trotz dagegen. Mochte mich der Teufel holen, jetzt ging kein Weg mehr
zurück. Ich zählte das Geld mit Angst, es hatte in der Büchse so voll
geklungen, nun in der Hand war es elend wenig. Es waren fünfundsechzig
Pfennige. Ich versteckte die Büchse in der untern Flur, hielt das Geld in der
geschlossenen Hand und trat aus dem Hause, anders als ich je durch dieses
Tor gegangen war. Oben rief jemand nach mir, wie mir schien; ich ging
schnell davon.
Es war noch viel Zeit, ich drückte mich auf Umwegen durch die Gassen
einer veränderten Stadt, unter niegesehenen Wolken hin, an Häusern vorbei,
die mich ansahen, und an Menschen, die Verdacht auf mich hatten.
Unterwegs fiel mir ein, daß ein Schulkamerad von mir einmal auf dem
Viehmarkt einen Taler gefunden hatte. Gern hätte ich gebetet, daß Gott ein
Wunder tun und mich auch einen solchen Fund machen lassen möge. Aber
ich hatte kein Recht mehr zu beten. Und auch dann wäre die Büchse nicht
wieder ganz geworden.
Franz Kromer sah mich von weitem, doch kam er ganz langsam auf mich
zu und schien nicht auf mich zu achten. Als er in meiner Nähe war, gab er
mir einen befehlenden Wink, daß ich ihm folgen solle, und ging, ohne sich
ein einzigesmal umzusehen, ruhig weiter, die Strohgasse hinab und über
den Steg, bis er bei den letzten Häusern vor einem Neubau hielt. Es wurde
dort nicht gearbeitet, die Mauern standen kahl ohne Türen und Fenster.
Kromer sah sich um und ging durch die Tür hinein, ich ihm nach. Er trat
hinter die Mauer, winkte mich zu sich und streckte die Hand aus.
„Hast du’s?“ fragte er kühl.
Ich zog die geballte Hand aus der Tasche und schüttete mein Geld in
seine flache Hand. Er hatte es gezählt, noch eh der letzte Fünfer
ausgeklungen hatte.
„Das sind fünfundsechzig Pfennig,“ sagte er und sah mich an.
„Ja,“ sagte ich schüchtern. „Das ist alles, was ich habe, es ist zu wenig,
ich weiß wohl. Aber es ist alles. Ich habe nicht mehr.“
„Ich hätte dich für gescheiter gehalten,“ schalt er mit einem beinah
milden Tadel. „Unter Ehrenmännern soll Ordnung sein. Ich will dir nichts
abnehmen, was nicht recht ist, das weißt du. Nimm deine Nickel wieder, da!
Der andere — du weißt, wer — versucht nicht, mich herunter zu handeln.
Der zahlt.“
„Aber ich habe und habe nicht mehr! Es war meine Sparkasse.“
Page 23
„Das ist deine Sache. Aber ich will dich nicht unglücklich machen. Du
bist mir noch eine Mark und fünfunddreißig Pfennig schuldig. Wann krieg’
ich die?“
„O, du kriegst sie gewiß, Kromer! Ich weiß jetzt nicht — vielleicht habe
ich bald mehr, morgen, oder übermorgen. Du begreifst doch, daß ich es
meinem Vater nicht sagen kann.“
„Das geht mich nichts an. Ich bin nicht so, daß ich dir schaden will. Ich
könnte ja mein Geld noch vor Mittag haben, siehst du, und ich bin arm. Du
hast schöne Kleider an, und du kriegst was Besseres zu Mittag zu essen als
ich. Aber ich will nichts sagen. Ich will meinetwegen ein wenig warten.
Übermorgen pfeife ich dir, am Nachmittag, dann bringst du es in Ordnung.
Du kennst meinen Pfiff?“
Er pfiff ihn mir vor, ich hatte ihn oft gehört.
„Ja,“ sagte ich, „ich weiß.“
Er ging weg, als gehörte ich nicht zu ihm. Es war ein Geschäft zwischen
uns gewesen, weiter nichts.
N och heute, glaube ich, würde Kromers Pfiff mich erschrecken machen,
wenn ich ihn plötzlich wieder hörte. Ich hörte ihn von nun an oft, mir
schien, ich höre ihn immer und immerzu. Kein Ort, kein Spiel, keine
Arbeit, kein Gedanke, wohin dieser Pfiff nicht drang, der mich abhängig
machte, der jetzt mein Schicksal war. Oft war ich in unsrem kleinen
Blumengarten, den ich sehr liebte, an den sanften farbigen
Herbstnachmittagen, und ein sonderbarer Trieb hieß mich, Knabenspiele
früherer Epochen wieder aufzunehmen; ich spielte gewissermaßen einen
Knaben, der jünger war als ich, der noch gut und frei, unschuldig und
geborgen war. Aber mitten hinein, immer erwartet und immer doch
entsetzlich aufstörend und überraschend, klang der Kromersche Pfiff von
irgendwoher, schnitt den Faden ab, zerstörte die Einbildungen. Dann mußte
ich gehen, mußte meinem Peiniger an schlechte und häßliche Orte folgen,
mußte ihm Rechenschaft ablegen und mich um Geld mahnen lassen. Das
Ganze hat vielleicht einige Wochen gedauert, mir schien es aber, es seien
Jahre, es sei eine Ewigkeit. Selten hatte ich Geld, einen Fünfer oder einen
Groschen, der vom Küchentisch gestohlen war, wenn Lina den Marktkorb
dort stehen ließ. Jedesmal wurde ich von Kromer gescholten und mit
Verachtung überhäuft; ich war es, der ihn betrügen und ihm sein gutes
bist mir noch eine Mark und fünfunddreißig Pfennig schuldig. Wann krieg’
ich die?“
„O, du kriegst sie gewiß, Kromer! Ich weiß jetzt nicht — vielleicht habe
ich bald mehr, morgen, oder übermorgen. Du begreifst doch, daß ich es
meinem Vater nicht sagen kann.“
„Das geht mich nichts an. Ich bin nicht so, daß ich dir schaden will. Ich
könnte ja mein Geld noch vor Mittag haben, siehst du, und ich bin arm. Du
hast schöne Kleider an, und du kriegst was Besseres zu Mittag zu essen als
ich. Aber ich will nichts sagen. Ich will meinetwegen ein wenig warten.
Übermorgen pfeife ich dir, am Nachmittag, dann bringst du es in Ordnung.
Du kennst meinen Pfiff?“
Er pfiff ihn mir vor, ich hatte ihn oft gehört.
„Ja,“ sagte ich, „ich weiß.“
Er ging weg, als gehörte ich nicht zu ihm. Es war ein Geschäft zwischen
uns gewesen, weiter nichts.
N och heute, glaube ich, würde Kromers Pfiff mich erschrecken machen,
wenn ich ihn plötzlich wieder hörte. Ich hörte ihn von nun an oft, mir
schien, ich höre ihn immer und immerzu. Kein Ort, kein Spiel, keine
Arbeit, kein Gedanke, wohin dieser Pfiff nicht drang, der mich abhängig
machte, der jetzt mein Schicksal war. Oft war ich in unsrem kleinen
Blumengarten, den ich sehr liebte, an den sanften farbigen
Herbstnachmittagen, und ein sonderbarer Trieb hieß mich, Knabenspiele
früherer Epochen wieder aufzunehmen; ich spielte gewissermaßen einen
Knaben, der jünger war als ich, der noch gut und frei, unschuldig und
geborgen war. Aber mitten hinein, immer erwartet und immer doch
entsetzlich aufstörend und überraschend, klang der Kromersche Pfiff von
irgendwoher, schnitt den Faden ab, zerstörte die Einbildungen. Dann mußte
ich gehen, mußte meinem Peiniger an schlechte und häßliche Orte folgen,
mußte ihm Rechenschaft ablegen und mich um Geld mahnen lassen. Das
Ganze hat vielleicht einige Wochen gedauert, mir schien es aber, es seien
Jahre, es sei eine Ewigkeit. Selten hatte ich Geld, einen Fünfer oder einen
Groschen, der vom Küchentisch gestohlen war, wenn Lina den Marktkorb
dort stehen ließ. Jedesmal wurde ich von Kromer gescholten und mit
Verachtung überhäuft; ich war es, der ihn betrügen und ihm sein gutes
Page 24
Recht vorenthalten wollte, ich war es, der ihn bestahl, ich war es, der ihn
unglücklich machte! Nicht oft im Leben ist mir die Not so nah ans Herz
gestiegen, selten habe ich größere Hoffnungslosigkeit, größere
Abhängigkeit gefühlt.
Die Sparbüchse hatte ich mit Spielmarken gefüllt und wieder an ihren Ort
gestellt, niemand fragte danach. Aber auch das konnte jeden Tag über mich
hereinbrechen. Noch mehr als vor Kromers rohem Pfiff fürchtete ich mich
oft vor der Mutter, wenn sie leise zu mir trat — kam sie nicht, um mich
nach der Büchse zu fragen?
Da ich viele Male ohne Geld bei meinem Teufel erschienen war, fing er
an, mich auf andere Art zu quälen und zu benutzen. Ich mußte für ihn
arbeiten. Er hatte für seinen Vater Ausgänge zu besorgen, ich mußte sie für
ihn besorgen. Oder er trug mir auf, etwas Schwieriges zu vollführen, zehn
Minuten lang auf einem Bein zu hüpfen, einem Vorübergehenden einen
Papierwisch an den Rock zu heften. In Träumen vieler Nächte setzte ich
diese Plagen fort und lag im Schweiß des Alpdruckes.
Eine Zeitlang wurde ich krank. Ich erbrach oft und hatte leicht kalt,
nachts aber lag ich in Schweiß und Hitze. Meine Mutter fühlte, daß etwas
nicht richtig sei, und zeigte mir viel Teilnahme, die mich quälte, weil ich sie
nicht mit Vertrauen erwidern konnte.
Einmal brachte sie mir am Abend, als ich schon im Bett war, ein
Stückchen Schokolade. Es war ein Anklang an frühere Jahre, wo ich
abends, wenn ich brav gewesen war, oft zum Einschlafen solche Trostbissen
bekommen hatte. Nun stand sie da und hielt mir das Stückchen Schokolade
hin. Mir war so weh, daß ich nur den Kopf schütteln konnte. Sie fragte, was
mir fehle, sie streichelte mir das Haar. Ich konnte nur herausstoßen: „Nicht!
Nicht! Ich will nichts haben.“ Sie legte die Schokolade auf den Nachttisch
und ging. Als sie mich andern Tages darüber ausfragen wollte, tat ich, als
wüßte ich nichts mehr davon. Einmal brachte sie mir den Doktor, der mich
untersuchte und mir kalte Waschungen am Morgen verschrieb.
Mein Zustand zu jener Zeit war eine Art von Irrsinn. Mitten im
geordneten Frieden unseres Hauses lebte ich scheu und gepeinigt wie ein
Gespenst, hatte nicht teil am Leben der andern, vergaß mich selten für eine
Stunde. Gegen meinen Vater, der mich oft gereizt zur Rede stellte, war ich
verschlossen und kalt.
unglücklich machte! Nicht oft im Leben ist mir die Not so nah ans Herz
gestiegen, selten habe ich größere Hoffnungslosigkeit, größere
Abhängigkeit gefühlt.
Die Sparbüchse hatte ich mit Spielmarken gefüllt und wieder an ihren Ort
gestellt, niemand fragte danach. Aber auch das konnte jeden Tag über mich
hereinbrechen. Noch mehr als vor Kromers rohem Pfiff fürchtete ich mich
oft vor der Mutter, wenn sie leise zu mir trat — kam sie nicht, um mich
nach der Büchse zu fragen?
Da ich viele Male ohne Geld bei meinem Teufel erschienen war, fing er
an, mich auf andere Art zu quälen und zu benutzen. Ich mußte für ihn
arbeiten. Er hatte für seinen Vater Ausgänge zu besorgen, ich mußte sie für
ihn besorgen. Oder er trug mir auf, etwas Schwieriges zu vollführen, zehn
Minuten lang auf einem Bein zu hüpfen, einem Vorübergehenden einen
Papierwisch an den Rock zu heften. In Träumen vieler Nächte setzte ich
diese Plagen fort und lag im Schweiß des Alpdruckes.
Eine Zeitlang wurde ich krank. Ich erbrach oft und hatte leicht kalt,
nachts aber lag ich in Schweiß und Hitze. Meine Mutter fühlte, daß etwas
nicht richtig sei, und zeigte mir viel Teilnahme, die mich quälte, weil ich sie
nicht mit Vertrauen erwidern konnte.
Einmal brachte sie mir am Abend, als ich schon im Bett war, ein
Stückchen Schokolade. Es war ein Anklang an frühere Jahre, wo ich
abends, wenn ich brav gewesen war, oft zum Einschlafen solche Trostbissen
bekommen hatte. Nun stand sie da und hielt mir das Stückchen Schokolade
hin. Mir war so weh, daß ich nur den Kopf schütteln konnte. Sie fragte, was
mir fehle, sie streichelte mir das Haar. Ich konnte nur herausstoßen: „Nicht!
Nicht! Ich will nichts haben.“ Sie legte die Schokolade auf den Nachttisch
und ging. Als sie mich andern Tages darüber ausfragen wollte, tat ich, als
wüßte ich nichts mehr davon. Einmal brachte sie mir den Doktor, der mich
untersuchte und mir kalte Waschungen am Morgen verschrieb.
Mein Zustand zu jener Zeit war eine Art von Irrsinn. Mitten im
geordneten Frieden unseres Hauses lebte ich scheu und gepeinigt wie ein
Gespenst, hatte nicht teil am Leben der andern, vergaß mich selten für eine
Stunde. Gegen meinen Vater, der mich oft gereizt zur Rede stellte, war ich
verschlossen und kalt.
Page 25
Zweites Kapitel
Kain
D ie Rettung aus meinen Qualen kam von ganz unerwarteter Seite, und
zugleich mit ihr kam etwas Neues in mein Leben, das bis heute fort
gewirkt hat.
In unsere Lateinschule war vor kurzem ein neuer Schüler eingetreten. Er
war der Sohn einer wohlhabenden Witwe, die in unsere Stadt gezogen war,
und er trug einen Trauerflor um den Ärmel. Er ging in eine höhere Klasse
als ich und war mehrere Jahre älter, aber auch mir fiel er bald auf, wie allen.
Dieser merkwürdige Schüler schien viel älter zu sein als er aussah, auf
niemanden machte er den Eindruck eines Knaben. Zwischen uns kindischen
Jungen bewegte er sich fremd und fertig wie ein Mann, vielmehr wie ein
Herr. Beliebt war er nicht, er nahm nicht an den Spielen, noch weniger an
Raufereien teil, nur sein selbstbewußter und entschiedener Ton gegen die
Lehrer gefiel den andern. Er hieß Max Demian.
Eines Tages traf es sich, wie es in unsrer Schule hie und da vorkam, daß
aus irgendwelchen Gründen noch eine zweite Klasse in unser sehr großes
Schulzimmer gesetzt wurde. Es war die Klasse Demians. Wir Kleinen
hatten biblische Geschichte, die Großen mußten einen Aufsatz machen.
Während man uns die Geschichte von Kain und Abel einbläute, sah ich viel
zu Demian hinüber, dessen Gesicht mich eigentümlich faszinierte, und sah
dies kluge, helle, ungemein feste Gesicht aufmerksam und geistvoll über
seine Arbeit gebeugt; er sah gar nicht aus wie ein Schüler, der eine Aufgabe
macht, sondern wie ein Forscher, der eigenen Problemen nachgeht.
Angenehm war er mir eigentlich nicht, im Gegenteil, ich hatte irgend etwas
gegen ihn, er war mir zu überlegen und kühl, er war mir allzu
herausfordernd sicher in seinem Wesen, und seine Augen hatten den
Ausdruck der Erwachsenen — den die Kinder nie lieben — ein wenig
traurig mit Blitzen von Spott darin. Doch mußte ich ihn immerfort ansehen,
Kain
D ie Rettung aus meinen Qualen kam von ganz unerwarteter Seite, und
zugleich mit ihr kam etwas Neues in mein Leben, das bis heute fort
gewirkt hat.
In unsere Lateinschule war vor kurzem ein neuer Schüler eingetreten. Er
war der Sohn einer wohlhabenden Witwe, die in unsere Stadt gezogen war,
und er trug einen Trauerflor um den Ärmel. Er ging in eine höhere Klasse
als ich und war mehrere Jahre älter, aber auch mir fiel er bald auf, wie allen.
Dieser merkwürdige Schüler schien viel älter zu sein als er aussah, auf
niemanden machte er den Eindruck eines Knaben. Zwischen uns kindischen
Jungen bewegte er sich fremd und fertig wie ein Mann, vielmehr wie ein
Herr. Beliebt war er nicht, er nahm nicht an den Spielen, noch weniger an
Raufereien teil, nur sein selbstbewußter und entschiedener Ton gegen die
Lehrer gefiel den andern. Er hieß Max Demian.
Eines Tages traf es sich, wie es in unsrer Schule hie und da vorkam, daß
aus irgendwelchen Gründen noch eine zweite Klasse in unser sehr großes
Schulzimmer gesetzt wurde. Es war die Klasse Demians. Wir Kleinen
hatten biblische Geschichte, die Großen mußten einen Aufsatz machen.
Während man uns die Geschichte von Kain und Abel einbläute, sah ich viel
zu Demian hinüber, dessen Gesicht mich eigentümlich faszinierte, und sah
dies kluge, helle, ungemein feste Gesicht aufmerksam und geistvoll über
seine Arbeit gebeugt; er sah gar nicht aus wie ein Schüler, der eine Aufgabe
macht, sondern wie ein Forscher, der eigenen Problemen nachgeht.
Angenehm war er mir eigentlich nicht, im Gegenteil, ich hatte irgend etwas
gegen ihn, er war mir zu überlegen und kühl, er war mir allzu
herausfordernd sicher in seinem Wesen, und seine Augen hatten den
Ausdruck der Erwachsenen — den die Kinder nie lieben — ein wenig
traurig mit Blitzen von Spott darin. Doch mußte ich ihn immerfort ansehen,
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er mochte mir lieb oder leid sein; kaum aber blickte er einmal auf mich, so
zog ich meinen Blick erschrocken zurück. Wenn ich es mir heute überlege,
wie er damals als Schüler aussah, so kann ich sagen: er war in jeder
Hinsicht anders als alle, war durchaus eigen und persönlich gestempelt, und
fiel darum auf — zugleich aber tat er alles, um nicht aufzufallen, trug und
benahm sich wie ein verkleideter Prinz, der unter Bauernbuben ist und sich
jede Mühe gibt, ihresgleichen zu scheinen.
Auf dem Heimweg von der Schule ging er hinter mir. Als die anderen
sich verlaufen hatten, überholte er mich und grüßte. Auch dies Grüßen,
obwohl er unsern Schuljungenton dabei nachmachte, war so erwachsen und
höflich.
„Gehen wir ein Stück weit zusammen?“ fragte er freundlich. Ich war
geschmeichelt und nickte. Dann beschrieb ich ihm, wo ich wohne.
„Ah, dort?“ sagte er lächelnd. „Das Haus kenne ich schon. Über eurer
Haustür ist so ein merkwürdiges Ding angebracht, das hat mich gleich
interessiert.“
Ich wußte gar nicht gleich, was er meine, und war erstaunt, daß er unser
Haus besser zu kennen schien als ich. Es war wohl als Schlußstein über der
Torwölbung eine Art Wappen vorhanden, doch war es im Lauf der Zeiten
flach und oftmals mit Farbe überstrichen worden, mit uns und unsrer
Familie hatte es, soviel ich wußte, nichts zu tun.
„Ich weiß nichts darüber,“ sagte ich schüchtern. „Es ist ein Vogel oder so
was Ähnliches, es muß ganz alt sein. Das Haus soll früher einmal zum
Kloster gehört haben.“
„Das kann schon sein,“ nickte er. „Sieh dir’s einmal gut an! Solche
Sachen sind oft ganz interessant. Ich glaube, daß es ein Sperber ist.“
Wir gingen weiter, ich war sehr befangen. Plötzlich lachte Demian, als
falle ihm etwas Lustiges ein.
„Ja, ich habe ja da eurer Stunde beigewohnt,“ sagte er lebhaft. „Die
Geschichte von Kain, der das Zeichen auf der Stirn trug, nicht wahr?
Gefällt sie dir?“
Nein, gefallen hatte mir selten irgend etwas von all dem, was wir lernen
mußten. Ich wagte es aber nicht zu sagen, es war, als rede ein Erwachsener
mit mir. Ich sagte, die Geschichte gefalle mir ganz gut.
Demian klopfte mir auf die Schulter.
„Du brauchst mir nichts vorzumachen, Lieber. Aber die Geschichte ist
tatsächlich recht merkwürdig, ich glaube, sie ist viel merkwürdiger als die
zog ich meinen Blick erschrocken zurück. Wenn ich es mir heute überlege,
wie er damals als Schüler aussah, so kann ich sagen: er war in jeder
Hinsicht anders als alle, war durchaus eigen und persönlich gestempelt, und
fiel darum auf — zugleich aber tat er alles, um nicht aufzufallen, trug und
benahm sich wie ein verkleideter Prinz, der unter Bauernbuben ist und sich
jede Mühe gibt, ihresgleichen zu scheinen.
Auf dem Heimweg von der Schule ging er hinter mir. Als die anderen
sich verlaufen hatten, überholte er mich und grüßte. Auch dies Grüßen,
obwohl er unsern Schuljungenton dabei nachmachte, war so erwachsen und
höflich.
„Gehen wir ein Stück weit zusammen?“ fragte er freundlich. Ich war
geschmeichelt und nickte. Dann beschrieb ich ihm, wo ich wohne.
„Ah, dort?“ sagte er lächelnd. „Das Haus kenne ich schon. Über eurer
Haustür ist so ein merkwürdiges Ding angebracht, das hat mich gleich
interessiert.“
Ich wußte gar nicht gleich, was er meine, und war erstaunt, daß er unser
Haus besser zu kennen schien als ich. Es war wohl als Schlußstein über der
Torwölbung eine Art Wappen vorhanden, doch war es im Lauf der Zeiten
flach und oftmals mit Farbe überstrichen worden, mit uns und unsrer
Familie hatte es, soviel ich wußte, nichts zu tun.
„Ich weiß nichts darüber,“ sagte ich schüchtern. „Es ist ein Vogel oder so
was Ähnliches, es muß ganz alt sein. Das Haus soll früher einmal zum
Kloster gehört haben.“
„Das kann schon sein,“ nickte er. „Sieh dir’s einmal gut an! Solche
Sachen sind oft ganz interessant. Ich glaube, daß es ein Sperber ist.“
Wir gingen weiter, ich war sehr befangen. Plötzlich lachte Demian, als
falle ihm etwas Lustiges ein.
„Ja, ich habe ja da eurer Stunde beigewohnt,“ sagte er lebhaft. „Die
Geschichte von Kain, der das Zeichen auf der Stirn trug, nicht wahr?
Gefällt sie dir?“
Nein, gefallen hatte mir selten irgend etwas von all dem, was wir lernen
mußten. Ich wagte es aber nicht zu sagen, es war, als rede ein Erwachsener
mit mir. Ich sagte, die Geschichte gefalle mir ganz gut.
Demian klopfte mir auf die Schulter.
„Du brauchst mir nichts vorzumachen, Lieber. Aber die Geschichte ist
tatsächlich recht merkwürdig, ich glaube, sie ist viel merkwürdiger als die
Page 27
meisten andern, die im Unterricht vorkommen. Der Lehrer hat ja nicht viel
darüber gesagt, nur so das Übliche über Gott und die Sünde und so weiter.
Aber ich glaube —“ er unterbrach sich, lächelte und fragte: „Interessiert es
dich aber?“
„Ja, ich glaube also,“ fuhr er fort, „man kann diese Geschichte von Kain
auch ganz anders auffassen. Die meisten Sachen, die man uns lehrt, sind
gewiß ganz wahr und richtig, aber man kann sie alle auch anders ansehen,
als die Lehrer es tun, und meistens haben sie dann einen viel besseren Sinn.
Mit diesem Kain zum Beispiel und mit dem Zeichen auf seiner Stirn kann
man doch nicht recht zufrieden sein, so wie er uns erklärt wird. Findest du
nicht auch? Daß einer seinen Bruder im Streit totschlägt, kann ja gewiß
passieren, und daß er nachher Angst kriegt und klein beigibt, ist auch
möglich. Daß er aber für seine Feigheit extra mit einem Orden
ausgezeichnet wird, der ihn schützt und allen andern Angst einjagt, ist doch
recht sonderbar.“
„Freilich,“ sagte ich interessiert: die Sache begann mich zu fesseln.
„Aber wie soll man die Geschichte anders erklären?“
Er schlug mir auf die Schulter.
„Ganz einfach! Das, was vorhanden war und womit die Geschichte ihren
Anfang genommen hat, war das Zeichen. Es war da ein Mann, der hatte
etwas im Gesicht, was den andern Angst machte. Sie wagten nicht ihn
anzurühren, er imponierte ihnen, er und seine Kinder. Vielleicht, oder
sicher, war es aber nicht wirklich ein Zeichen auf der Stirn, so wie ein
Poststempel, so grob geht es im Leben selten zu. Viel eher war es etwas
kaum wahrnehmbares Unheimliches, ein wenig mehr Geist und Kühnheit
im Blick, als die Leute gewohnt waren. Dieser Mann hatte Macht, vor
diesem Mann scheute man sich. Er hatte ein ‚Zeichen‘. Man konnte das
erklären, wie man wollte. Und ‚man‘ will immer das, was einem bequem ist
und recht gibt. Man hatte Furcht vor den Kainskindern, sie hatten ein
‚Zeichen‘. Also erklärte man das Zeichen nicht als das, was es war, als eine
Auszeichnung, sondern als das Gegenteil. Man sagte, die Kerls mit diesem
Zeichen seien unheimlich, und das waren sie auch. Leute mit Mut und
Charakter sind den anderen Leuten immer sehr unheimlich. Daß da ein
Geschlecht von Furchtlosen und Unheimlichen herumlief, war sehr
unbequem, und nun hängte man diesem Geschlecht einen Übernamen und
eine Fabel an, um sich an ihm zu rächen, um sich für alle die ausgestandne
Furcht ein bißchen schadlos zu halten. — Begreifst du?“
darüber gesagt, nur so das Übliche über Gott und die Sünde und so weiter.
Aber ich glaube —“ er unterbrach sich, lächelte und fragte: „Interessiert es
dich aber?“
„Ja, ich glaube also,“ fuhr er fort, „man kann diese Geschichte von Kain
auch ganz anders auffassen. Die meisten Sachen, die man uns lehrt, sind
gewiß ganz wahr und richtig, aber man kann sie alle auch anders ansehen,
als die Lehrer es tun, und meistens haben sie dann einen viel besseren Sinn.
Mit diesem Kain zum Beispiel und mit dem Zeichen auf seiner Stirn kann
man doch nicht recht zufrieden sein, so wie er uns erklärt wird. Findest du
nicht auch? Daß einer seinen Bruder im Streit totschlägt, kann ja gewiß
passieren, und daß er nachher Angst kriegt und klein beigibt, ist auch
möglich. Daß er aber für seine Feigheit extra mit einem Orden
ausgezeichnet wird, der ihn schützt und allen andern Angst einjagt, ist doch
recht sonderbar.“
„Freilich,“ sagte ich interessiert: die Sache begann mich zu fesseln.
„Aber wie soll man die Geschichte anders erklären?“
Er schlug mir auf die Schulter.
„Ganz einfach! Das, was vorhanden war und womit die Geschichte ihren
Anfang genommen hat, war das Zeichen. Es war da ein Mann, der hatte
etwas im Gesicht, was den andern Angst machte. Sie wagten nicht ihn
anzurühren, er imponierte ihnen, er und seine Kinder. Vielleicht, oder
sicher, war es aber nicht wirklich ein Zeichen auf der Stirn, so wie ein
Poststempel, so grob geht es im Leben selten zu. Viel eher war es etwas
kaum wahrnehmbares Unheimliches, ein wenig mehr Geist und Kühnheit
im Blick, als die Leute gewohnt waren. Dieser Mann hatte Macht, vor
diesem Mann scheute man sich. Er hatte ein ‚Zeichen‘. Man konnte das
erklären, wie man wollte. Und ‚man‘ will immer das, was einem bequem ist
und recht gibt. Man hatte Furcht vor den Kainskindern, sie hatten ein
‚Zeichen‘. Also erklärte man das Zeichen nicht als das, was es war, als eine
Auszeichnung, sondern als das Gegenteil. Man sagte, die Kerls mit diesem
Zeichen seien unheimlich, und das waren sie auch. Leute mit Mut und
Charakter sind den anderen Leuten immer sehr unheimlich. Daß da ein
Geschlecht von Furchtlosen und Unheimlichen herumlief, war sehr
unbequem, und nun hängte man diesem Geschlecht einen Übernamen und
eine Fabel an, um sich an ihm zu rächen, um sich für alle die ausgestandne
Furcht ein bißchen schadlos zu halten. — Begreifst du?“
Page 28
„Ja — das heißt — dann wäre ja Kain also gar nicht böse gewesen? Und
die ganze Geschichte in der Bibel wäre eigentlich gar nicht wahr?“
„Ja und nein. So alte, uralte Geschichten sind immer wahr, aber sie sind
nicht immer so aufgezeichnet und werden nicht immer so erklärt, wie es
richtig wäre. Kurz, ich meine, der Kain war ein famoser Kerl, und bloß,
weil man Angst vor ihm hatte, hängte man ihm diese Geschichte an. Die
Geschichte war einfach ein Gerücht, so etwas, was die Leute
herumschwätzen, und es war insofern ganz wahr, als Kain und seine Kinder
ja wirklich eine Art ‚Zeichen‘ trugen und anders waren als die meisten
Leute.“
Ich war sehr erstaunt.
„Und dann glaubst du, daß auch das mit dem Totschlag gar nicht wahr
ist?“ fragte ich ergriffen.
„O doch! Sicher ist das wahr. Der Starke hatte einen Schwachen
erschlagen. Ob es wirklich sein Bruder war, daran kann man ja zweifeln. Es
ist nicht wichtig, schließlich sind alle Menschen Brüder. Also ein Starker
hat einen Schwachen totgeschlagen. Vielleicht war es eine Heldentat,
vielleicht auch nicht. Jedenfalls aber waren die andern Schwachen jetzt
voller Angst, sie beklagten sich sehr, und wenn man sie fragte: ‚Warum
schlaget ihr ihn nicht einfach auch tot?‘ dann sagten sie nicht: ‚Weil wir
Feiglinge sind,‘ sondern sie sagten: ‚Man kann nicht. Er hat ein Zeichen.
Gott hat ihn gezeichnet!‘ Etwa so muß der Schwindel entstanden sein. —
Na, ich halte dich auf. Adieu denn!“
Er bog in die Altgasse ein und ließ mich allein, verwunderter als ich je
gewesen war. Kaum war er weg, so erschien mir alles, was er gesagt hatte,
ganz unglaublich! Kain ein edler Mensch, Abel ein Feigling! Das
Kainszeichen eine Auszeichnung! Es war absurd, es war gotteslästerlich
und ruchlos. Wo blieb dann der liebe Gott? Hatte der nicht Abels Opfer
angenommen, hatte der nicht Abel lieb? — Nein, dummes Zeug! Und ich
vermutete, Demian habe sich über mich lustig machen und mich aufs
Glatteis locken wollen. Ein verflucht gescheiter Kerl war er ja, und reden
konnte er, aber so — nein —
Immerhin hatte ich noch niemals über irgendeine biblische oder andere
Geschichte so viel nachgedacht. Und hatte seit langem noch niemals den
Franz Kromer so völlig vergessen, stundenlang, einen ganzen Abend lang.
Ich las zu Hause die Geschichte noch einmal durch, wie sie in der Bibel
stand, sie war kurz und deutlich, und es war ganz verrückt, da nach einer
die ganze Geschichte in der Bibel wäre eigentlich gar nicht wahr?“
„Ja und nein. So alte, uralte Geschichten sind immer wahr, aber sie sind
nicht immer so aufgezeichnet und werden nicht immer so erklärt, wie es
richtig wäre. Kurz, ich meine, der Kain war ein famoser Kerl, und bloß,
weil man Angst vor ihm hatte, hängte man ihm diese Geschichte an. Die
Geschichte war einfach ein Gerücht, so etwas, was die Leute
herumschwätzen, und es war insofern ganz wahr, als Kain und seine Kinder
ja wirklich eine Art ‚Zeichen‘ trugen und anders waren als die meisten
Leute.“
Ich war sehr erstaunt.
„Und dann glaubst du, daß auch das mit dem Totschlag gar nicht wahr
ist?“ fragte ich ergriffen.
„O doch! Sicher ist das wahr. Der Starke hatte einen Schwachen
erschlagen. Ob es wirklich sein Bruder war, daran kann man ja zweifeln. Es
ist nicht wichtig, schließlich sind alle Menschen Brüder. Also ein Starker
hat einen Schwachen totgeschlagen. Vielleicht war es eine Heldentat,
vielleicht auch nicht. Jedenfalls aber waren die andern Schwachen jetzt
voller Angst, sie beklagten sich sehr, und wenn man sie fragte: ‚Warum
schlaget ihr ihn nicht einfach auch tot?‘ dann sagten sie nicht: ‚Weil wir
Feiglinge sind,‘ sondern sie sagten: ‚Man kann nicht. Er hat ein Zeichen.
Gott hat ihn gezeichnet!‘ Etwa so muß der Schwindel entstanden sein. —
Na, ich halte dich auf. Adieu denn!“
Er bog in die Altgasse ein und ließ mich allein, verwunderter als ich je
gewesen war. Kaum war er weg, so erschien mir alles, was er gesagt hatte,
ganz unglaublich! Kain ein edler Mensch, Abel ein Feigling! Das
Kainszeichen eine Auszeichnung! Es war absurd, es war gotteslästerlich
und ruchlos. Wo blieb dann der liebe Gott? Hatte der nicht Abels Opfer
angenommen, hatte der nicht Abel lieb? — Nein, dummes Zeug! Und ich
vermutete, Demian habe sich über mich lustig machen und mich aufs
Glatteis locken wollen. Ein verflucht gescheiter Kerl war er ja, und reden
konnte er, aber so — nein —
Immerhin hatte ich noch niemals über irgendeine biblische oder andere
Geschichte so viel nachgedacht. Und hatte seit langem noch niemals den
Franz Kromer so völlig vergessen, stundenlang, einen ganzen Abend lang.
Ich las zu Hause die Geschichte noch einmal durch, wie sie in der Bibel
stand, sie war kurz und deutlich, und es war ganz verrückt, da nach einer
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besonderen, geheimen Deutung zu suchen. Da könnte jeder Totschläger sich
für Gottes Liebling erklären! Nein, es war Unsinn. Nett war bloß die Art,
wie Demian solche Sachen sagen konnte, so leicht und hübsch, wie wenn
alles selbstverständlich wäre, und mit diesen Augen dazu!
Etwas freilich war ja bei mir selbst nicht in Ordnung, war sogar sehr in
Unordnung. Ich hatte in einer lichten und sauberen Welt gelebt, ich war
selber eine Art von Abel gewesen, und jetzt stak ich so tief im „andern“,
war so sehr gefallen und gesunken, und doch konnte ich im Grunde nicht so
sehr viel dafür! Wie war es nun damit? Ja, und jetzt blitzte eine Erinnerung
in mir herauf, die mir für einen Augenblick fast den Atem nahm. An jenem
üblen Abend, wo mein jetziges Elend angefangen hatte, da war das mit
meinem Vater gewesen, da hatte ich, einen Augenblick lang, ihn und seine
lichte Welt und Weisheit auf einmal wie durchschaut und verachtet! Ja, da
hatte ich selber, der ich Kain war und das Zeichen trug, mir eingebildet,
dies Zeichen sei keine Schande, es sei eine Auszeichnung und ich stehe
durch meine Bosheit und mein Unglück höher als mein Vater, höher als die
Guten und Frommen.
Nicht in dieser Form des klaren Gedankens war es, daß ich die Sache
damals erlebte, aber alles dies war darin enthalten, es war nur ein
Aufflammen von Gefühlen, von seltsamen Regungen, welche weh taten und
mich doch mit Stolz erfüllten.
Wenn ich mich besann — wie sonderbar hatte Demian von den
Furchtlosen und den Feigen gesprochen! Wie seltsam hatte er das Zeichen
auf Kains Stirne gedeutet! Wie hatte sein Auge, sein merkwürdiges Auge
eines Erwachsenen, dabei wunderlich geleuchtet! Und es schoß mir unklar
durch den Kopf: — ist nicht er selber, dieser Demian, so eine Art Kain?
Warum verteidigt er ihn, wenn er sich nicht ihm ähnlich fühlt? Warum hat
er diese Macht im Blick? Warum spricht er so höhnisch von den „andern“,
von den Furchtsamen, welche doch eigentlich die Frommen und Gott
Wohlgefälligen sind?
Ich kam mit diesen Gedanken zu keinem Ende. Es war ein Stein in den
Brunnen gefallen, und der Brunnen war meine junge Seele. Und für eine
lange, sehr lange Zeit war diese Sache mit Kain, dem Totschlag und dem
Zeichen der Punkt, bei dem meine Versuche zu Erkenntnis, Zweifel und
Kritik alle ihren Ausgang nahmen.
für Gottes Liebling erklären! Nein, es war Unsinn. Nett war bloß die Art,
wie Demian solche Sachen sagen konnte, so leicht und hübsch, wie wenn
alles selbstverständlich wäre, und mit diesen Augen dazu!
Etwas freilich war ja bei mir selbst nicht in Ordnung, war sogar sehr in
Unordnung. Ich hatte in einer lichten und sauberen Welt gelebt, ich war
selber eine Art von Abel gewesen, und jetzt stak ich so tief im „andern“,
war so sehr gefallen und gesunken, und doch konnte ich im Grunde nicht so
sehr viel dafür! Wie war es nun damit? Ja, und jetzt blitzte eine Erinnerung
in mir herauf, die mir für einen Augenblick fast den Atem nahm. An jenem
üblen Abend, wo mein jetziges Elend angefangen hatte, da war das mit
meinem Vater gewesen, da hatte ich, einen Augenblick lang, ihn und seine
lichte Welt und Weisheit auf einmal wie durchschaut und verachtet! Ja, da
hatte ich selber, der ich Kain war und das Zeichen trug, mir eingebildet,
dies Zeichen sei keine Schande, es sei eine Auszeichnung und ich stehe
durch meine Bosheit und mein Unglück höher als mein Vater, höher als die
Guten und Frommen.
Nicht in dieser Form des klaren Gedankens war es, daß ich die Sache
damals erlebte, aber alles dies war darin enthalten, es war nur ein
Aufflammen von Gefühlen, von seltsamen Regungen, welche weh taten und
mich doch mit Stolz erfüllten.
Wenn ich mich besann — wie sonderbar hatte Demian von den
Furchtlosen und den Feigen gesprochen! Wie seltsam hatte er das Zeichen
auf Kains Stirne gedeutet! Wie hatte sein Auge, sein merkwürdiges Auge
eines Erwachsenen, dabei wunderlich geleuchtet! Und es schoß mir unklar
durch den Kopf: — ist nicht er selber, dieser Demian, so eine Art Kain?
Warum verteidigt er ihn, wenn er sich nicht ihm ähnlich fühlt? Warum hat
er diese Macht im Blick? Warum spricht er so höhnisch von den „andern“,
von den Furchtsamen, welche doch eigentlich die Frommen und Gott
Wohlgefälligen sind?
Ich kam mit diesen Gedanken zu keinem Ende. Es war ein Stein in den
Brunnen gefallen, und der Brunnen war meine junge Seele. Und für eine
lange, sehr lange Zeit war diese Sache mit Kain, dem Totschlag und dem
Zeichen der Punkt, bei dem meine Versuche zu Erkenntnis, Zweifel und
Kritik alle ihren Ausgang nahmen.
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I ch merkte, daß auch die andern Schüler sich mit Demian viel
beschäftigten. Von der Geschichte wegen Kain hatte ich niemandem
etwas gesagt, aber er schien auch andre zu interessieren. Wenigstens
kamen viele Gerüchte über den „Neuen“ in Umlauf. Wenn ich sie nur noch
alle wüßte, jedes würde ein Licht auf ihn werfen, jedes würde zu deuten
sein. Ich weiß nur noch, daß zuerst verlautete, die Mutter Demians sei sehr
reich. Auch sagte man, sie gehe nie in die Kirche, und der Sohn auch nicht.
Sie seien Juden, wollte einer wissen, aber sie konnten auch heimliche
Mohammedaner sein. Weiter wurden Märchen erzählt von Max Demians
Körperkraft. Sicher war, daß er den Stärksten seiner Klasse, der ihn zum
Raufen aufforderte und ihn bei seiner Weigerung einen Feigling hieß,
furchtbar demütigte. Die, die dabei waren, sagten, Demian habe ihn bloß
mit einer Hand am Genick genommen und fest gedrückt, dann sei der
Knabe bleich geworden, und nachher sei er weggeschlichen und habe
tagelang seinen Arm nicht mehr brauchen können. Einen Abend lang hieß
es sogar, er sei tot. Alles wurde eine Weile behauptet, alles geglaubt, alles
war aufregend und wundersam. Dann hatte man für eine Weile genug. Nicht
viel später aber kamen neue Gerüchte unter uns Schülern auf, die wußten
davon zu berichten, daß Demian vertrauten Umgang mit Mädchen habe und
„alles wisse“.
Inzwischen ging meine Sache mit Franz Kromer ihren zwangsläufigen
Weg weiter. Ich kam nicht von ihm los, denn wenn er mich auch
zwischenein tagelang in Ruhe ließ, war ich doch an ihn gebunden. In
meinen Träumen lebte er wie mein Schatten mit, und was er mir nicht in der
Wirklichkeit antat, das ließ meine Phantasie ihn in diesen Träumen tun, in
denen ich ganz und gar sein Sklave wurde. Ich lebte in diesen Träumen —
ein starker Träumer war ich immer — mehr als im Wirklichen, ich verlor
Kraft und Leben an diese Schatten. Unter anderem träumte ich oft, daß
Kromer mich mißhandelte, daß er mich anspie und auf mir kniete, und, was
schlimmer war, daß er mich zu schweren Verbrechen verführte — vielmehr
nicht verführte, sondern einfach durch seinen mächtigen Einfluß zwang.
Der furchtbarste dieser Träume, aus dem ich halb wahnsinnig erwachte,
enthielt einen Mordanfall auf meinen Vater. Kromer schliff ein Messer und
gab es mir in die Hand, wir standen hinter den Bäumen einer Allee und
lauerten auf jemand, ich wußte nicht auf wen; aber als jemand daherkam
und Kromer mir durch einen Druck auf meinen Arm sagte, der sei es, den
ich erstechen müsse, da war es mein Vater. Da erwachte ich.
beschäftigten. Von der Geschichte wegen Kain hatte ich niemandem
etwas gesagt, aber er schien auch andre zu interessieren. Wenigstens
kamen viele Gerüchte über den „Neuen“ in Umlauf. Wenn ich sie nur noch
alle wüßte, jedes würde ein Licht auf ihn werfen, jedes würde zu deuten
sein. Ich weiß nur noch, daß zuerst verlautete, die Mutter Demians sei sehr
reich. Auch sagte man, sie gehe nie in die Kirche, und der Sohn auch nicht.
Sie seien Juden, wollte einer wissen, aber sie konnten auch heimliche
Mohammedaner sein. Weiter wurden Märchen erzählt von Max Demians
Körperkraft. Sicher war, daß er den Stärksten seiner Klasse, der ihn zum
Raufen aufforderte und ihn bei seiner Weigerung einen Feigling hieß,
furchtbar demütigte. Die, die dabei waren, sagten, Demian habe ihn bloß
mit einer Hand am Genick genommen und fest gedrückt, dann sei der
Knabe bleich geworden, und nachher sei er weggeschlichen und habe
tagelang seinen Arm nicht mehr brauchen können. Einen Abend lang hieß
es sogar, er sei tot. Alles wurde eine Weile behauptet, alles geglaubt, alles
war aufregend und wundersam. Dann hatte man für eine Weile genug. Nicht
viel später aber kamen neue Gerüchte unter uns Schülern auf, die wußten
davon zu berichten, daß Demian vertrauten Umgang mit Mädchen habe und
„alles wisse“.
Inzwischen ging meine Sache mit Franz Kromer ihren zwangsläufigen
Weg weiter. Ich kam nicht von ihm los, denn wenn er mich auch
zwischenein tagelang in Ruhe ließ, war ich doch an ihn gebunden. In
meinen Träumen lebte er wie mein Schatten mit, und was er mir nicht in der
Wirklichkeit antat, das ließ meine Phantasie ihn in diesen Träumen tun, in
denen ich ganz und gar sein Sklave wurde. Ich lebte in diesen Träumen —
ein starker Träumer war ich immer — mehr als im Wirklichen, ich verlor
Kraft und Leben an diese Schatten. Unter anderem träumte ich oft, daß
Kromer mich mißhandelte, daß er mich anspie und auf mir kniete, und, was
schlimmer war, daß er mich zu schweren Verbrechen verführte — vielmehr
nicht verführte, sondern einfach durch seinen mächtigen Einfluß zwang.
Der furchtbarste dieser Träume, aus dem ich halb wahnsinnig erwachte,
enthielt einen Mordanfall auf meinen Vater. Kromer schliff ein Messer und
gab es mir in die Hand, wir standen hinter den Bäumen einer Allee und
lauerten auf jemand, ich wußte nicht auf wen; aber als jemand daherkam
und Kromer mir durch einen Druck auf meinen Arm sagte, der sei es, den
ich erstechen müsse, da war es mein Vater. Da erwachte ich.
Page 31
Über diesen Dingen dachte ich zwar wohl noch an Kain und Abel, aber
wenig mehr an Demian. Als er mir zuerst wieder nahetrat, war es
merkwürdigerweise auch in einem Traume. Nämlich ich träumte wieder
von Mißhandlungen und Vergewaltigung, die ich erlitt, aber statt Kromer
war es diesmal Demian, der auf mir kniete. Und — das war ganz neu und
machte mir tiefen Eindruck — alles, was ich von Kromer unter Qual und
Widerstreben erlitten hatte, das erlitt ich von Demian gerne und mit einem
Gefühl, das ebensoviel Wonne wie Angst enthielt. Diesen Traum hatte ich
zweimal, dann trat Kromer wieder an seine Stelle.
Was ich in diesen Träumen erlebte und was in der Wirklichkeit, das kann
ich längst nicht mehr genau trennen. Jedenfalls aber nahm mein schlimmes
Verhältnis zu Kromer seinen Lauf, und war nicht etwa zu Ende, als ich dem
Knaben endlich die geschuldete Summe aus lauter kleinen Diebstählen
abbezahlt hatte. Nein, jetzt wußte er von diesen Diebstählen, denn er fragte
mich immer, woher das Geld komme, und ich war mehr in seiner Hand als
jemals. Häufig drohte er, meinem Vater alles zu sagen, und dann war meine
Angst kaum so groß wie das tiefe Bedauern darüber, daß ich das nicht von
Anfang an selber getan hatte. Indessen, und so elend ich war, bereute ich
doch nicht alles, wenigstens nicht immer, und glaubte zuweilen zu fühlen,
daß alles so sein müsse. Ein Verhängnis war über mir, und es war unnütz, es
durchbrechen zu wollen.
Vermutlich litten meine Eltern unter diesem Zustande nicht wenig. Es
war ein fremder Geist über mich gekommen, ich paßte nicht mehr in unsre
Gemeinschaft, die so innig gewesen war, und nach der mich oft ein
rasendes Heimweh wie nach verlorenen Paradiesen überfiel. Ich wurde,
namentlich von der Mutter, mehr wie ein Kranker behandelt als wie ein
Bösewicht, aber wie es eigentlich stand, konnte ich am besten aus dem
Benehmen meiner beiden Schwestern sehen. In diesem Benehmen, das sehr
schonend war und mich dennoch unendlich beelendete, gab sich deutlich
kund, daß ich eine Art von Besessenem war, der für seinen Zustand mehr zu
beklagen als zu schelten war, in dem aber doch eben das Böse seinen Sitz
genommen hatte. Ich fühlte, daß man für mich betete, anders als sonst, und
fühlte die Vergeblichkeit dieses Betens. Die Sehnsucht nach Erleichterung,
das Verlangen nach einer richtigen Beichte spürte ich oft brennend, und
empfand doch auch voraus, daß ich weder Vater noch Mutter alles richtig
würde sagen und erklären können. Ich wußte, man würde es freundlich
aufnehmen, man würde mich sehr schonen, ja bedauern, aber nicht ganz
wenig mehr an Demian. Als er mir zuerst wieder nahetrat, war es
merkwürdigerweise auch in einem Traume. Nämlich ich träumte wieder
von Mißhandlungen und Vergewaltigung, die ich erlitt, aber statt Kromer
war es diesmal Demian, der auf mir kniete. Und — das war ganz neu und
machte mir tiefen Eindruck — alles, was ich von Kromer unter Qual und
Widerstreben erlitten hatte, das erlitt ich von Demian gerne und mit einem
Gefühl, das ebensoviel Wonne wie Angst enthielt. Diesen Traum hatte ich
zweimal, dann trat Kromer wieder an seine Stelle.
Was ich in diesen Träumen erlebte und was in der Wirklichkeit, das kann
ich längst nicht mehr genau trennen. Jedenfalls aber nahm mein schlimmes
Verhältnis zu Kromer seinen Lauf, und war nicht etwa zu Ende, als ich dem
Knaben endlich die geschuldete Summe aus lauter kleinen Diebstählen
abbezahlt hatte. Nein, jetzt wußte er von diesen Diebstählen, denn er fragte
mich immer, woher das Geld komme, und ich war mehr in seiner Hand als
jemals. Häufig drohte er, meinem Vater alles zu sagen, und dann war meine
Angst kaum so groß wie das tiefe Bedauern darüber, daß ich das nicht von
Anfang an selber getan hatte. Indessen, und so elend ich war, bereute ich
doch nicht alles, wenigstens nicht immer, und glaubte zuweilen zu fühlen,
daß alles so sein müsse. Ein Verhängnis war über mir, und es war unnütz, es
durchbrechen zu wollen.
Vermutlich litten meine Eltern unter diesem Zustande nicht wenig. Es
war ein fremder Geist über mich gekommen, ich paßte nicht mehr in unsre
Gemeinschaft, die so innig gewesen war, und nach der mich oft ein
rasendes Heimweh wie nach verlorenen Paradiesen überfiel. Ich wurde,
namentlich von der Mutter, mehr wie ein Kranker behandelt als wie ein
Bösewicht, aber wie es eigentlich stand, konnte ich am besten aus dem
Benehmen meiner beiden Schwestern sehen. In diesem Benehmen, das sehr
schonend war und mich dennoch unendlich beelendete, gab sich deutlich
kund, daß ich eine Art von Besessenem war, der für seinen Zustand mehr zu
beklagen als zu schelten war, in dem aber doch eben das Böse seinen Sitz
genommen hatte. Ich fühlte, daß man für mich betete, anders als sonst, und
fühlte die Vergeblichkeit dieses Betens. Die Sehnsucht nach Erleichterung,
das Verlangen nach einer richtigen Beichte spürte ich oft brennend, und
empfand doch auch voraus, daß ich weder Vater noch Mutter alles richtig
würde sagen und erklären können. Ich wußte, man würde es freundlich
aufnehmen, man würde mich sehr schonen, ja bedauern, aber nicht ganz
Page 32
verstehen, und das Ganze würde als eine Art Entgleisung angesehen
werden, während es doch Schicksal war.
Ich weiß, daß manche nicht glauben werden, daß ein Kind von noch nicht
elf Jahren so zu fühlen vermöge. Diesen erzähle ich meine Angelegenheit
nicht. Ich erzähle sie denen, welche den Menschen besser kennen. Der
Erwachsene, der gelernt hat, einen Teil seiner Gefühle in Gedanken zu
verwandeln, vermißt diese Gedanken beim Kinde, und meint nun, auch die
Erlebnisse seien nicht da. Ich aber habe nur selten in meinem Leben so tief
erlebt und gelitten wie damals.
E inst war ein Regentag, ich war von meinem Peiniger auf den Burgplatz
bestellt worden, da stand ich nun und wartete und wühlte mit den
Füßen im nassen Kastanienlaub, das noch immerzu von den schwarzen
triefenden Bäumen fiel. Geld hatte ich nicht, aber ich hatte zwei Stücke
Kuchen beiseite gebracht und trug sie bei mir, um dem Kromer wenigstens
etwas geben zu können. Ich war es längst gewohnt, so irgendwo in einem
Winkel zu stehen und auf ihn zu warten, oft sehr lange Zeit, und ich nahm
es hin, wie der Mensch das Unabänderliche hinnimmt.
Endlich kam Kromer. Er blieb heute nicht lang. Er gab mir ein paar
Knüffe in die Rippen, lachte, nahm mir den Kuchen ab, bot mir sogar eine
feuchte Zigarette an, die ich jedoch nicht nahm, und war freundlicher als
gewöhnlich.
„Ja,“ sagte er beim Weggehen, „daß ich’s nicht vergesse — du könntest
das nächstemal deine Schwester mitbringen, die ältere. Wie heißt sie
eigentlich?“
Ich verstand gar nicht, gab auch keine Antwort. Ich sah ihn nur
verwundert an.
„Kapierst du nicht? Deine Schwester sollst du mitbringen.“
„Ja, Kromer, aber das geht nicht. Das darf ich nicht, und sie käme auch
gar nicht mit.“
Ich war darauf gefaßt, daß das nur wieder eine Schikane und ein
Vorwand sei. So machte er es oft, verlangte irgend etwas Unmögliches,
setzte mich in Schrecken, demütigte mich, und ließ dann allmählich mit
sich handeln. Ich mußte mich dann mit etwas Geld oder anderen Gaben
loskaufen.
werden, während es doch Schicksal war.
Ich weiß, daß manche nicht glauben werden, daß ein Kind von noch nicht
elf Jahren so zu fühlen vermöge. Diesen erzähle ich meine Angelegenheit
nicht. Ich erzähle sie denen, welche den Menschen besser kennen. Der
Erwachsene, der gelernt hat, einen Teil seiner Gefühle in Gedanken zu
verwandeln, vermißt diese Gedanken beim Kinde, und meint nun, auch die
Erlebnisse seien nicht da. Ich aber habe nur selten in meinem Leben so tief
erlebt und gelitten wie damals.
E inst war ein Regentag, ich war von meinem Peiniger auf den Burgplatz
bestellt worden, da stand ich nun und wartete und wühlte mit den
Füßen im nassen Kastanienlaub, das noch immerzu von den schwarzen
triefenden Bäumen fiel. Geld hatte ich nicht, aber ich hatte zwei Stücke
Kuchen beiseite gebracht und trug sie bei mir, um dem Kromer wenigstens
etwas geben zu können. Ich war es längst gewohnt, so irgendwo in einem
Winkel zu stehen und auf ihn zu warten, oft sehr lange Zeit, und ich nahm
es hin, wie der Mensch das Unabänderliche hinnimmt.
Endlich kam Kromer. Er blieb heute nicht lang. Er gab mir ein paar
Knüffe in die Rippen, lachte, nahm mir den Kuchen ab, bot mir sogar eine
feuchte Zigarette an, die ich jedoch nicht nahm, und war freundlicher als
gewöhnlich.
„Ja,“ sagte er beim Weggehen, „daß ich’s nicht vergesse — du könntest
das nächstemal deine Schwester mitbringen, die ältere. Wie heißt sie
eigentlich?“
Ich verstand gar nicht, gab auch keine Antwort. Ich sah ihn nur
verwundert an.
„Kapierst du nicht? Deine Schwester sollst du mitbringen.“
„Ja, Kromer, aber das geht nicht. Das darf ich nicht, und sie käme auch
gar nicht mit.“
Ich war darauf gefaßt, daß das nur wieder eine Schikane und ein
Vorwand sei. So machte er es oft, verlangte irgend etwas Unmögliches,
setzte mich in Schrecken, demütigte mich, und ließ dann allmählich mit
sich handeln. Ich mußte mich dann mit etwas Geld oder anderen Gaben
loskaufen.
Page 33
Diesmal war er ganz anders. Er wurde auf meine Weigerung hin fast gar
nicht böse.
„Na ja,“ sagte er obenhin, „du wirst dir das überlegen. Ich möchte mit
deiner Schwester bekannt werden. Es wird schon einmal gehen. Du nimmst
sie einfach auf einen Spaziergang mit, und dann komme ich dazu. Morgen
pfeife ich dir an, dann sprechen wir noch einmal drüber.“
Als er fort war, dämmerte mir plötzlich etwas vom Sinn seines Begehrens
auf. Ich war noch völlig Kind, aber ich wußte gerüchtweise davon, daß
Knaben und Mädchen, wenn sie etwas älter waren, irgendwelche
geheimnisvolle, anstößige und verbotene Dinge miteinander treiben
konnten. Und nun sollte ich also — es wurde mir ganz plötzlich klar, wie
ungeheuerlich es war! Mein Entschluß, das nie zu tun, stand sofort fest.
Aber was dann geschehen und wie Kromer sich an mir rächen würde, daran
wagte ich kaum zu denken. Es begann eine neue Marter für mich, es war
noch nicht genug.
Trostlos ging ich über den leeren Platz, die Hände in den Taschen. Neue
Qualen, neue Sklaverei!
Da rief mich eine frische, tiefe Stimme an. Ich erschrak und fing zu
laufen an. Jemand lief mir nach, eine Hand faßte mich sanft von hinten. Es
war Max Demian.
Ich gab mich gefangen.
„Du bist es?“ sagte ich unsicher. „Du hast mich so erschreckt!“
Er sah mich an, und nie war sein Blick mehr der eines Erwachsenen,
eines Überlegenen und Durchschauenden gewesen als jetzt. Seit langem
hatten wir nicht mehr miteinander gesprochen.
„Das tut mir leid,“ sagte er mit seiner höflichen und dabei sehr
bestimmten Art. „Aber höre, man muß sich nicht so erschrecken lassen.“
„Nun ja, das kann doch passieren.“
„Es scheint so. Aber sieh: wenn du vor jemand, der dir nichts getan hat,
so zusammenfährst, dann fängt der Jemand an nachzudenken. Es wundert
ihn, es macht ihn neugierig. Der Jemand denkt sich, du seiest doch
merkwürdig schreckhaft, und er denkt weiter: so ist man bloß, wenn man
Angst hat. Feiglinge haben immer Angst; aber ich glaube, ein Feigling bist
du eigentlich nicht. Nicht wahr? O freilich, ein Held bist du auch nicht. Es
gibt Dinge, vor denen du Furcht hast; es gibt auch Menschen, vor denen du
Furcht hast. Und das sollte man nie haben. Nein, vor Menschen sollte man
niemals Furcht haben. Du hast doch keine vor mir? Oder?“
nicht böse.
„Na ja,“ sagte er obenhin, „du wirst dir das überlegen. Ich möchte mit
deiner Schwester bekannt werden. Es wird schon einmal gehen. Du nimmst
sie einfach auf einen Spaziergang mit, und dann komme ich dazu. Morgen
pfeife ich dir an, dann sprechen wir noch einmal drüber.“
Als er fort war, dämmerte mir plötzlich etwas vom Sinn seines Begehrens
auf. Ich war noch völlig Kind, aber ich wußte gerüchtweise davon, daß
Knaben und Mädchen, wenn sie etwas älter waren, irgendwelche
geheimnisvolle, anstößige und verbotene Dinge miteinander treiben
konnten. Und nun sollte ich also — es wurde mir ganz plötzlich klar, wie
ungeheuerlich es war! Mein Entschluß, das nie zu tun, stand sofort fest.
Aber was dann geschehen und wie Kromer sich an mir rächen würde, daran
wagte ich kaum zu denken. Es begann eine neue Marter für mich, es war
noch nicht genug.
Trostlos ging ich über den leeren Platz, die Hände in den Taschen. Neue
Qualen, neue Sklaverei!
Da rief mich eine frische, tiefe Stimme an. Ich erschrak und fing zu
laufen an. Jemand lief mir nach, eine Hand faßte mich sanft von hinten. Es
war Max Demian.
Ich gab mich gefangen.
„Du bist es?“ sagte ich unsicher. „Du hast mich so erschreckt!“
Er sah mich an, und nie war sein Blick mehr der eines Erwachsenen,
eines Überlegenen und Durchschauenden gewesen als jetzt. Seit langem
hatten wir nicht mehr miteinander gesprochen.
„Das tut mir leid,“ sagte er mit seiner höflichen und dabei sehr
bestimmten Art. „Aber höre, man muß sich nicht so erschrecken lassen.“
„Nun ja, das kann doch passieren.“
„Es scheint so. Aber sieh: wenn du vor jemand, der dir nichts getan hat,
so zusammenfährst, dann fängt der Jemand an nachzudenken. Es wundert
ihn, es macht ihn neugierig. Der Jemand denkt sich, du seiest doch
merkwürdig schreckhaft, und er denkt weiter: so ist man bloß, wenn man
Angst hat. Feiglinge haben immer Angst; aber ich glaube, ein Feigling bist
du eigentlich nicht. Nicht wahr? O freilich, ein Held bist du auch nicht. Es
gibt Dinge, vor denen du Furcht hast; es gibt auch Menschen, vor denen du
Furcht hast. Und das sollte man nie haben. Nein, vor Menschen sollte man
niemals Furcht haben. Du hast doch keine vor mir? Oder?“
Page 34
„O nein, gar nicht.“
„Eben, siehst du. Aber es gibt Leute, vor denen du Furcht hast?“
„Ich weiß nicht . . . Laß mich doch, was willst du von mir?“
Er hielt mit mir Schritt — ich war rascher gegangen, mit Fluchtgedanken
— und ich fühlte seinen Blick von der Seite her.
„Nimm einmal an,“ fing er wieder an, „daß ich es gut mit dir meine.
Angst brauchst du jedenfalls vor mir nicht zu haben. Ich möchte gern ein
Experiment mit dir machen, es ist lustig und du kannst etwas dabei lernen,
was sehr brauchbar ist. Paß einmal auf! — Also ich versuche manchmal
eine Kunst, die man Gedankenlesen heißt. Es ist gar keine Hexerei dabei,
aber wenn man nicht weiß, wie es gemacht wird, dann sieht es ganz
eigentümlich aus. Man kann die Leute sehr damit überraschen. — Nun, wir
probieren einmal. Also ich habe dich gern, oder ich interessiere mich für
dich, und möchte nun herausbringen, wie es in dir drinnen aussieht. Dazu
habe ich den ersten Schritt schon getan. Ich habe dich erschreckt — du bist
also schreckhaft. Es gibt also Sachen und Menschen, vor denen du Angst
hast. Woher kann das kommen? Man braucht vor niemand Angst zu haben.
Wenn man jemand fürchtet, dann kommt es daher, daß man diesem Jemand
Macht über sich eingeräumt hat. Man hat zum Beispiel etwas Böses getan,
und der andre weiß das — dann hat er Macht über dich. Du kapierst? Es ist
doch klar, nicht?“
Ich sah ihm hilflos ins Gesicht, das war ernst und klug wie stets, und
auch gütig, aber ohne alle Zärtlichkeit, es war eher streng. Gerechtigkeit
oder etwas Ähnliches lag darin. Ich wußte nicht, wie mir geschah; er stand
wie ein Zauberer vor mir.
„Hast du verstanden?“ fragte er noch einmal.
Ich nickte. Sagen konnte ich nichts.
„Ich sagte dir ja, es sieht komisch aus, das Gedankenlesen, aber es geht
ganz natürlich zu. Ich könnte dir zum Beispiel auch ziemlich genau sagen,
was du über mich gedacht hast, als ich einmal dir die Geschichte von Kain
und Abel erzählt hatte. Nun, das gehört nicht hierher. Ich halte es auch für
möglich, daß du einmal von mir geträumt hast. Lassen wir das aber! Du bist
ein gescheiter Junge, die meisten sind so dumm! Ich rede gern hie und da
mit einem gescheiten Jungen, zu dem ich Vertrauen habe. Es ist dir doch
recht?“
„O ja. Ich verstehe nur gar nicht —“
„Eben, siehst du. Aber es gibt Leute, vor denen du Furcht hast?“
„Ich weiß nicht . . . Laß mich doch, was willst du von mir?“
Er hielt mit mir Schritt — ich war rascher gegangen, mit Fluchtgedanken
— und ich fühlte seinen Blick von der Seite her.
„Nimm einmal an,“ fing er wieder an, „daß ich es gut mit dir meine.
Angst brauchst du jedenfalls vor mir nicht zu haben. Ich möchte gern ein
Experiment mit dir machen, es ist lustig und du kannst etwas dabei lernen,
was sehr brauchbar ist. Paß einmal auf! — Also ich versuche manchmal
eine Kunst, die man Gedankenlesen heißt. Es ist gar keine Hexerei dabei,
aber wenn man nicht weiß, wie es gemacht wird, dann sieht es ganz
eigentümlich aus. Man kann die Leute sehr damit überraschen. — Nun, wir
probieren einmal. Also ich habe dich gern, oder ich interessiere mich für
dich, und möchte nun herausbringen, wie es in dir drinnen aussieht. Dazu
habe ich den ersten Schritt schon getan. Ich habe dich erschreckt — du bist
also schreckhaft. Es gibt also Sachen und Menschen, vor denen du Angst
hast. Woher kann das kommen? Man braucht vor niemand Angst zu haben.
Wenn man jemand fürchtet, dann kommt es daher, daß man diesem Jemand
Macht über sich eingeräumt hat. Man hat zum Beispiel etwas Böses getan,
und der andre weiß das — dann hat er Macht über dich. Du kapierst? Es ist
doch klar, nicht?“
Ich sah ihm hilflos ins Gesicht, das war ernst und klug wie stets, und
auch gütig, aber ohne alle Zärtlichkeit, es war eher streng. Gerechtigkeit
oder etwas Ähnliches lag darin. Ich wußte nicht, wie mir geschah; er stand
wie ein Zauberer vor mir.
„Hast du verstanden?“ fragte er noch einmal.
Ich nickte. Sagen konnte ich nichts.
„Ich sagte dir ja, es sieht komisch aus, das Gedankenlesen, aber es geht
ganz natürlich zu. Ich könnte dir zum Beispiel auch ziemlich genau sagen,
was du über mich gedacht hast, als ich einmal dir die Geschichte von Kain
und Abel erzählt hatte. Nun, das gehört nicht hierher. Ich halte es auch für
möglich, daß du einmal von mir geträumt hast. Lassen wir das aber! Du bist
ein gescheiter Junge, die meisten sind so dumm! Ich rede gern hie und da
mit einem gescheiten Jungen, zu dem ich Vertrauen habe. Es ist dir doch
recht?“
„O ja. Ich verstehe nur gar nicht —“
Page 35
„Bleiben wir einmal bei dem lustigen Experiment! Wir haben also
gefunden: der Knabe S. ist schreckhaft — er fürchtet jemanden — er hat
wahrscheinlich mit diesem andern ein Geheimnis, das ihm sehr unbequem
ist. — Stimmt das ungefähr?“
Wie im Traum unterlag ich seiner Stimme, seinem Einfluß. Ich nickte
nur. Sprach da nicht eine Stimme, die nur aus mir selber kommen konnte?
Die alles wußte? Die alles besser, klarer wußte als ich selber?
Kräftig schlug mir Demian auf die Schulter.
„Es stimmt also. Ich konnte mir’s denken. Jetzt bloß noch eine einzige
Frage: weißt du, wie der Junge heißt, der da vorhin wegging?“
Ich erschrak heftig, mein angetastetes Geheimnis krümmte sich
schmerzhaft in mir zurück, es wollte nicht ans Licht.
„Was für ein Junge? Es war kein Junge da, bloß ich.“
Er lachte.
„Sag’s nur!“ lachte er. „Wie heißt er?“
Ich flüsterte: „Meinst du den Franz Kromer?“
Befriedigt nickte er mir zu.
„Bravo! Du bist ein fixer Kerl, wir werden noch Freunde werden. Nun
muß ich dir aber etwas sagen: dieser Kromer, oder wie er heißt, ist ein
schlechter Kerl. Sein Gesicht sagt mir, daß er ein Schuft ist! Was meinst
du?“
„O ja,“ seufzte ich auf, „er ist schlecht, er ist ein Satan! Aber er darf
nichts wissen! Um Gottes willen, er darf nichts wissen. Kennst du ihn?
Kennt er dich?“
„Sei nur ruhig! Er ist fort, und er kennt mich nicht — noch nicht. Aber
ich möchte ihn ganz gern kennenlernen. Er geht in die Volksschule?“
„Ja.“
„In welche Klasse?“
„In die fünfte. — Aber sag ihm nichts! Bitte, bitte sag ihm nichts!“
„Sei ruhig, es passiert dir nichts. — Vermutlich hast du keine Lust, mir
ein wenig mehr von diesem Kromer zu erzählen?“
„Ich kann nicht! Nein, laß mich!“
Er schwieg eine Weile.
„Schade,“ sagte er dann, „wir hätten das Experiment noch weiter führen
können. Aber ich will dich nicht plagen. Aber nicht wahr, das weißt du
doch, daß deine Furcht vor ihm nichts Richtiges ist? So eine Furcht macht
gefunden: der Knabe S. ist schreckhaft — er fürchtet jemanden — er hat
wahrscheinlich mit diesem andern ein Geheimnis, das ihm sehr unbequem
ist. — Stimmt das ungefähr?“
Wie im Traum unterlag ich seiner Stimme, seinem Einfluß. Ich nickte
nur. Sprach da nicht eine Stimme, die nur aus mir selber kommen konnte?
Die alles wußte? Die alles besser, klarer wußte als ich selber?
Kräftig schlug mir Demian auf die Schulter.
„Es stimmt also. Ich konnte mir’s denken. Jetzt bloß noch eine einzige
Frage: weißt du, wie der Junge heißt, der da vorhin wegging?“
Ich erschrak heftig, mein angetastetes Geheimnis krümmte sich
schmerzhaft in mir zurück, es wollte nicht ans Licht.
„Was für ein Junge? Es war kein Junge da, bloß ich.“
Er lachte.
„Sag’s nur!“ lachte er. „Wie heißt er?“
Ich flüsterte: „Meinst du den Franz Kromer?“
Befriedigt nickte er mir zu.
„Bravo! Du bist ein fixer Kerl, wir werden noch Freunde werden. Nun
muß ich dir aber etwas sagen: dieser Kromer, oder wie er heißt, ist ein
schlechter Kerl. Sein Gesicht sagt mir, daß er ein Schuft ist! Was meinst
du?“
„O ja,“ seufzte ich auf, „er ist schlecht, er ist ein Satan! Aber er darf
nichts wissen! Um Gottes willen, er darf nichts wissen. Kennst du ihn?
Kennt er dich?“
„Sei nur ruhig! Er ist fort, und er kennt mich nicht — noch nicht. Aber
ich möchte ihn ganz gern kennenlernen. Er geht in die Volksschule?“
„Ja.“
„In welche Klasse?“
„In die fünfte. — Aber sag ihm nichts! Bitte, bitte sag ihm nichts!“
„Sei ruhig, es passiert dir nichts. — Vermutlich hast du keine Lust, mir
ein wenig mehr von diesem Kromer zu erzählen?“
„Ich kann nicht! Nein, laß mich!“
Er schwieg eine Weile.
„Schade,“ sagte er dann, „wir hätten das Experiment noch weiter führen
können. Aber ich will dich nicht plagen. Aber nicht wahr, das weißt du
doch, daß deine Furcht vor ihm nichts Richtiges ist? So eine Furcht macht
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uns ganz kaputt, die muß man loswerden. Du mußt sie loswerden, wenn ein
rechter Kerl aus dir werden soll. Begreifst du?“
„Gewiß, du hast ganz recht . . . aber es geht nicht. Du weißt ja nicht . . .“
„Du hast gesehen, daß ich manches weiß, mehr als du gedacht hättest. —
Bist du ihm etwa Geld schuldig?“
„Ja, das auch, aber das ist nicht die Hauptsache. Ich kann es nicht sagen,
ich kann nicht!“
„Es hilft also nichts, wenn ich dir soviel Geld gebe, wie du ihm schuldig
bist? — Ich könnte es dir gut geben.“
„Nein, nein, das ist es nicht. Und ich bitte dich: sage niemand davon!
Kein Wort! Du machst mich unglücklich!“
„Verlaß dich auf mich, Sinclair. Eure Geheimnisse wirst du mir später
einmal mitteilen —“
„Nie, nie!“ rief ich heftig.
„Ganz wie du willst. Ich meine nur, vielleicht wirst du mir später einmal
mehr sagen. Nur freiwillig, versteht sich. Du denkst doch nicht, ich werde
es machen wie der Kromer selber?“
„O nein — aber du weißt ja gar nichts davon!“
„Gar nichts. Ich denke nur darüber nach. Und ich werde es nie so machen
wie Kromer es macht, das glaubst du mir. Du bist ja mir auch nichts
schuldig.“
Wir schwiegen eine lange Zeit, und ich wurde ruhiger. Aber Demians
Wissen wurde mir immer rätselhafter.
„Ich geh jetzt nach Hause,“ sagte er, und zog im Regen seinen
Lodenmantel fester zusammen. „Ich möchte dir nur eins nochmals sagen,
weil wir schon so weit sind — du solltest diesen Kerl loswerden! Wenn es
gar nicht anders geht, dann schlage ihn tot! Es würde mir imponieren und
gefallen, wenn du es tätest. Ich würde dir auch helfen.“
Ich bekam von neuem Angst. Die Geschichte von Kain fiel mir plötzlich
wieder ein. Es wurde mir unheimlich, und ich begann sachte zu weinen. Zu
viel Unheimliches war um mich her.
„Nun gut,“ lächelte Max Demian. „Geh nur nach Hause! Wir machen das
schon. Obwohl Totschlagen das Einfachste wäre. In solchen Dingen ist das
Einfachste immer das Beste. Du bist in keinen guten Händen bei deinem
Freund Kromer.“
Ich kam nach Hause, und mir schien, ich sei ein Jahr lang weg gewesen.
Alles sah anders aus. Zwischen mir und Kromer stand etwas wie Zukunft,
rechter Kerl aus dir werden soll. Begreifst du?“
„Gewiß, du hast ganz recht . . . aber es geht nicht. Du weißt ja nicht . . .“
„Du hast gesehen, daß ich manches weiß, mehr als du gedacht hättest. —
Bist du ihm etwa Geld schuldig?“
„Ja, das auch, aber das ist nicht die Hauptsache. Ich kann es nicht sagen,
ich kann nicht!“
„Es hilft also nichts, wenn ich dir soviel Geld gebe, wie du ihm schuldig
bist? — Ich könnte es dir gut geben.“
„Nein, nein, das ist es nicht. Und ich bitte dich: sage niemand davon!
Kein Wort! Du machst mich unglücklich!“
„Verlaß dich auf mich, Sinclair. Eure Geheimnisse wirst du mir später
einmal mitteilen —“
„Nie, nie!“ rief ich heftig.
„Ganz wie du willst. Ich meine nur, vielleicht wirst du mir später einmal
mehr sagen. Nur freiwillig, versteht sich. Du denkst doch nicht, ich werde
es machen wie der Kromer selber?“
„O nein — aber du weißt ja gar nichts davon!“
„Gar nichts. Ich denke nur darüber nach. Und ich werde es nie so machen
wie Kromer es macht, das glaubst du mir. Du bist ja mir auch nichts
schuldig.“
Wir schwiegen eine lange Zeit, und ich wurde ruhiger. Aber Demians
Wissen wurde mir immer rätselhafter.
„Ich geh jetzt nach Hause,“ sagte er, und zog im Regen seinen
Lodenmantel fester zusammen. „Ich möchte dir nur eins nochmals sagen,
weil wir schon so weit sind — du solltest diesen Kerl loswerden! Wenn es
gar nicht anders geht, dann schlage ihn tot! Es würde mir imponieren und
gefallen, wenn du es tätest. Ich würde dir auch helfen.“
Ich bekam von neuem Angst. Die Geschichte von Kain fiel mir plötzlich
wieder ein. Es wurde mir unheimlich, und ich begann sachte zu weinen. Zu
viel Unheimliches war um mich her.
„Nun gut,“ lächelte Max Demian. „Geh nur nach Hause! Wir machen das
schon. Obwohl Totschlagen das Einfachste wäre. In solchen Dingen ist das
Einfachste immer das Beste. Du bist in keinen guten Händen bei deinem
Freund Kromer.“
Ich kam nach Hause, und mir schien, ich sei ein Jahr lang weg gewesen.
Alles sah anders aus. Zwischen mir und Kromer stand etwas wie Zukunft,
Page 37
etwas wie Hoffnung. Ich war nicht mehr allein! Und erst jetzt sah ich, wie
schrecklich allein ich wochen- und wochenlang mit meinem Geheimnis
gewesen war. Und sofort fiel mir ein, was ich mehrmals durchgedacht hatte:
daß eine Beichte vor meinen Eltern mich erleichtern und mich doch nicht
ganz erlösen würde. Nun hatte ich beinahe gebeichtet, einem andern, einem
Fremden, und Erlösungsahnung flog mir wie ein starker Duft entgegen!
I mmerhin war meine Angst noch lange nicht überwunden, und ich war
noch auf lange und furchtbare Auseinandersetzungen mit meinem Feinde
gefaßt. Desto merkwürdiger war es mir, daß alles so still, so völlig
geheim und ruhig verlief.
Kromers Pfiff vor unsrem Hause blieb aus, einen Tag, zwei Tage, drei
Tage, eine Woche lang. Ich wagte gar nicht, daran zu glauben, und lag
innerlich auf der Lauer, ob er nicht plötzlich, eben wenn man ihn gar
nimmer erwartete, doch wieder dastehen würde. Aber er war und blieb fort!
Mißtrauisch gegen die neue Freiheit, glaubte ich noch immer nicht recht
daran. Bis ich endlich einmal dem Franz Kromer begegnete. Er kam die
Seilergasse herab, gerade mir entgegen. Als er mich sah, zuckte er
zusammen, verzog das Gesicht zu einer wüsten Grimasse und kehrte ohne
weiteres um, um mir nicht begegnen zu müssen.
Das war für mich ein unerhörter Augenblick! Mein Feind lief vor mir
davon! Mein Satan hatte Angst vor mir! Mir fuhr die Freude und
Überraschung durch und durch.
In diesen Tagen zeigte sich Demian einmal wieder. Er wartete auf mich
vor der Schule.
„Grüß Gott,“ sagte ich.
„Guten Morgen, Sinclair. Ich wollte nur einmal hören, wie dir’s geht. Der
Kromer läßt dich doch jetzt in Ruhe, nicht?“
„Hast du das gemacht? Aber wie denn? Wie denn? Ich begreife es gar
nicht. Er ist ganz ausgeblieben.“
„Das ist gut. Wenn er je einmal wiederkommen sollte — ich denke, er tut
es nicht, aber er ist ja ein frecher Kerl — dann sage ihm bloß, er möge an
den Demian denken.“
„Aber wie hängt das zusammen? Hast du Händel mit ihm angefangen
und ihn verhauen?“
schrecklich allein ich wochen- und wochenlang mit meinem Geheimnis
gewesen war. Und sofort fiel mir ein, was ich mehrmals durchgedacht hatte:
daß eine Beichte vor meinen Eltern mich erleichtern und mich doch nicht
ganz erlösen würde. Nun hatte ich beinahe gebeichtet, einem andern, einem
Fremden, und Erlösungsahnung flog mir wie ein starker Duft entgegen!
I mmerhin war meine Angst noch lange nicht überwunden, und ich war
noch auf lange und furchtbare Auseinandersetzungen mit meinem Feinde
gefaßt. Desto merkwürdiger war es mir, daß alles so still, so völlig
geheim und ruhig verlief.
Kromers Pfiff vor unsrem Hause blieb aus, einen Tag, zwei Tage, drei
Tage, eine Woche lang. Ich wagte gar nicht, daran zu glauben, und lag
innerlich auf der Lauer, ob er nicht plötzlich, eben wenn man ihn gar
nimmer erwartete, doch wieder dastehen würde. Aber er war und blieb fort!
Mißtrauisch gegen die neue Freiheit, glaubte ich noch immer nicht recht
daran. Bis ich endlich einmal dem Franz Kromer begegnete. Er kam die
Seilergasse herab, gerade mir entgegen. Als er mich sah, zuckte er
zusammen, verzog das Gesicht zu einer wüsten Grimasse und kehrte ohne
weiteres um, um mir nicht begegnen zu müssen.
Das war für mich ein unerhörter Augenblick! Mein Feind lief vor mir
davon! Mein Satan hatte Angst vor mir! Mir fuhr die Freude und
Überraschung durch und durch.
In diesen Tagen zeigte sich Demian einmal wieder. Er wartete auf mich
vor der Schule.
„Grüß Gott,“ sagte ich.
„Guten Morgen, Sinclair. Ich wollte nur einmal hören, wie dir’s geht. Der
Kromer läßt dich doch jetzt in Ruhe, nicht?“
„Hast du das gemacht? Aber wie denn? Wie denn? Ich begreife es gar
nicht. Er ist ganz ausgeblieben.“
„Das ist gut. Wenn er je einmal wiederkommen sollte — ich denke, er tut
es nicht, aber er ist ja ein frecher Kerl — dann sage ihm bloß, er möge an
den Demian denken.“
„Aber wie hängt das zusammen? Hast du Händel mit ihm angefangen
und ihn verhauen?“
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„Nein, das tue ich nicht so gern. Ich habe bloß mit ihm gesprochen, so
wie mit dir auch, und habe ihm dabei klar machen können, daß es sein
eigener Vorteil ist, wenn er dich in Ruhe läßt.“
„O, du wirst ihm doch kein Geld gegeben haben?“
„Nein, mein Junge. Diesen Weg hattest ja du schon probiert.“
Er machte sich los, so sehr ich ihn auszufragen versuchte, und ich blieb
mit dem alten beklommenen Gefühl gegen ihn zurück, das aus Dankbarkeit
und Scheu, aus Bewunderung und Angst, aus Zuneigung und innerem
Widerstreben seltsam gemischt war.
Ich nahm mir vor, ihn bald wiederzusehen, und dann wollte ich mehr mit
ihm über das alles reden, auch noch über die Kain-Sache.
Es kam nicht dazu.
Dankbarkeit ist überhaupt keine Tugend, an die ich Glauben habe, und
sie von einem Kinde zu verlangen, schiene mir falsch. So wundere ich mich
über meine eigene völlige Undankbarkeit nicht eben sehr, die ich gegen
Max Demian bewies. Ich glaube heute mit Bestimmtheit, daß ich fürs
Leben krank und verdorben worden wäre, wenn er mich nicht aus den
Klauen Kromers befreit hätte. Diese Befreiung fühlte ich auch damals
schon als das größte Erlebnis meines jungen Lebens — aber den Befreier
selbst ließ ich links liegen, sobald er das Wunder vollführt hatte.
Merkwürdig ist die Undankbarkeit, wie gesagt, mir nicht. Sonderbar ist
mir einzig der Mangel an Neugierde, den ich bewies. Wie war es möglich,
daß ich einen einzigen Tag ruhig weiterleben konnte, ohne den
Geheimnissen näher zu kommen, mit denen mich Demian in Berührung
gebracht hatte? Wie konnte ich die Begierde zurückhalten, mehr über Kain
zu hören, mehr über Kromer, mehr über das Gedankenlesen?
Es ist kaum begreiflich, und ist doch so. Ich sah mich plötzlich aus
dämonischen Netzen entwirrt, sah wieder die Welt hell und freudig vor mir
liegen, unterlag nicht mehr Angstanfällen und würgendem Herzklopfen. Der
Bann war gebrochen, ich war nicht mehr ein gepeinigter Verdammter, ich
war wieder ein Schulknabe wie immer. Meine Natur suchte so rasch wie
möglich wieder in Gleichgewicht und Ruhe zu kommen, und so gab sie sich
vor allem Mühe, das viele Häßliche und Bedrohende von sich weg zu
rücken, es zu vergessen. Wunderbar schnell entglitt die ganze lange
Geschichte meiner Schuld und Verängstigung meinem Gedächtnis, ohne
scheinbar irgendwelche Narben und Eindrücke hinterlassen zu haben.
wie mit dir auch, und habe ihm dabei klar machen können, daß es sein
eigener Vorteil ist, wenn er dich in Ruhe läßt.“
„O, du wirst ihm doch kein Geld gegeben haben?“
„Nein, mein Junge. Diesen Weg hattest ja du schon probiert.“
Er machte sich los, so sehr ich ihn auszufragen versuchte, und ich blieb
mit dem alten beklommenen Gefühl gegen ihn zurück, das aus Dankbarkeit
und Scheu, aus Bewunderung und Angst, aus Zuneigung und innerem
Widerstreben seltsam gemischt war.
Ich nahm mir vor, ihn bald wiederzusehen, und dann wollte ich mehr mit
ihm über das alles reden, auch noch über die Kain-Sache.
Es kam nicht dazu.
Dankbarkeit ist überhaupt keine Tugend, an die ich Glauben habe, und
sie von einem Kinde zu verlangen, schiene mir falsch. So wundere ich mich
über meine eigene völlige Undankbarkeit nicht eben sehr, die ich gegen
Max Demian bewies. Ich glaube heute mit Bestimmtheit, daß ich fürs
Leben krank und verdorben worden wäre, wenn er mich nicht aus den
Klauen Kromers befreit hätte. Diese Befreiung fühlte ich auch damals
schon als das größte Erlebnis meines jungen Lebens — aber den Befreier
selbst ließ ich links liegen, sobald er das Wunder vollführt hatte.
Merkwürdig ist die Undankbarkeit, wie gesagt, mir nicht. Sonderbar ist
mir einzig der Mangel an Neugierde, den ich bewies. Wie war es möglich,
daß ich einen einzigen Tag ruhig weiterleben konnte, ohne den
Geheimnissen näher zu kommen, mit denen mich Demian in Berührung
gebracht hatte? Wie konnte ich die Begierde zurückhalten, mehr über Kain
zu hören, mehr über Kromer, mehr über das Gedankenlesen?
Es ist kaum begreiflich, und ist doch so. Ich sah mich plötzlich aus
dämonischen Netzen entwirrt, sah wieder die Welt hell und freudig vor mir
liegen, unterlag nicht mehr Angstanfällen und würgendem Herzklopfen. Der
Bann war gebrochen, ich war nicht mehr ein gepeinigter Verdammter, ich
war wieder ein Schulknabe wie immer. Meine Natur suchte so rasch wie
möglich wieder in Gleichgewicht und Ruhe zu kommen, und so gab sie sich
vor allem Mühe, das viele Häßliche und Bedrohende von sich weg zu
rücken, es zu vergessen. Wunderbar schnell entglitt die ganze lange
Geschichte meiner Schuld und Verängstigung meinem Gedächtnis, ohne
scheinbar irgendwelche Narben und Eindrücke hinterlassen zu haben.
Page 39
Daß ich hingegen meinen Helfer und Retter ebenso rasch zu vergessen
suchte, begreife ich heute auch. Aus dem Jammertal meiner Verdammung,
aus der furchtbaren Sklaverei bei Kromer floh ich mit allen Trieben und
Kräften meiner geschädigten Seele dahin zurück, wo ich früher glücklich
und zufrieden gewesen war: in das verlorene Paradies, das sich wieder
öffnete, in die helle Vater- und Mutterwelt, zu den Schwestern, zum Duft
der Reinheit, zur Gottgefälligkeit Abels.
Schon am Tage nach meinem kurzen Gespräch mit Demian, als ich von
meiner wiedergewonnenen Freiheit endlich völlig überzeugt war und keine
Rückfälle mehr fürchtete, tat ich das, was ich so oft und sehnlich mir
gewünscht hatte — ich beichtete. Ich ging zu meiner Mutter, ich zeigte ihr
das Sparbüchslein, dessen Schloß beschädigt und das mit Spielmarken statt
mit Geld gefüllt war, und ich erzählte ihr, wie lange Zeit ich durch eigene
Schuld mich an einen bösen Quäler gefesselt hatte. Sie begriff nicht alles,
aber sie sah die Büchse, sie sah meinen veränderten Blick, hörte meine
veränderte Stimme, fühlte, daß ich genesen, daß ich ihr wiedergegeben war.
Und nun beging ich mit hohen Gefühlen das Fest meiner
Wiederaufnahme, die Heimkehr des verlorenen Sohnes. Die Mutter brachte
mich zum Vater, die Geschichte wurde wiederholt, Fragen und Ausrufe der
Verwunderung drängten sich, beide Eltern streichelten mir den Kopf und
atmeten aus langer Bedrückung auf. Alles war herrlich, alles war wie in den
Erzählungen, alles löste sich in wunderbare Harmonie auf.
In diese Harmonie floh ich nun mit wahrer Leidenschaft. Ich konnte mich
nicht genug daran ersättigen, daß ich wieder meinen Frieden und das
Vertrauen der Eltern hatte, ich wurde ein häuslicher Musterknabe, spielte
mehr als jemals mit meinen Schwestern und sang bei den Andachten die
lieben, alten Lieder mit wonnevollen Gefühlen des Erlösten und Bekehrten
mit. Es geschah von Herzen, es war keine Lüge dabei.
Dennoch war es so gar nicht in Ordnung! Und hier ist der Punkt, aus dem
sich mir meine Vergeßlichkeit gegen Demian allein wahrhaft erklärt. Ihm
hätte ich beichten sollen! Die Beichte wäre weniger dekorativ und rührend,
aber für mich fruchtbarer ausgefallen. Nun klammerte ich mich mit allen
Wurzeln an meine ehemalige, paradiesische Welt, war heimgekehrt und in
Gnaden aufgenommen. Demian aber gehörte zu dieser Welt keineswegs,
paßte nicht in sie. Auch er war, anders als Kromer, aber doch eben — auch
er war ein Verführer, auch er verband mich mit der zweiten, der bösen,
schlechten Welt, und von der wollte ich nun für immer nichts mehr wissen.
suchte, begreife ich heute auch. Aus dem Jammertal meiner Verdammung,
aus der furchtbaren Sklaverei bei Kromer floh ich mit allen Trieben und
Kräften meiner geschädigten Seele dahin zurück, wo ich früher glücklich
und zufrieden gewesen war: in das verlorene Paradies, das sich wieder
öffnete, in die helle Vater- und Mutterwelt, zu den Schwestern, zum Duft
der Reinheit, zur Gottgefälligkeit Abels.
Schon am Tage nach meinem kurzen Gespräch mit Demian, als ich von
meiner wiedergewonnenen Freiheit endlich völlig überzeugt war und keine
Rückfälle mehr fürchtete, tat ich das, was ich so oft und sehnlich mir
gewünscht hatte — ich beichtete. Ich ging zu meiner Mutter, ich zeigte ihr
das Sparbüchslein, dessen Schloß beschädigt und das mit Spielmarken statt
mit Geld gefüllt war, und ich erzählte ihr, wie lange Zeit ich durch eigene
Schuld mich an einen bösen Quäler gefesselt hatte. Sie begriff nicht alles,
aber sie sah die Büchse, sie sah meinen veränderten Blick, hörte meine
veränderte Stimme, fühlte, daß ich genesen, daß ich ihr wiedergegeben war.
Und nun beging ich mit hohen Gefühlen das Fest meiner
Wiederaufnahme, die Heimkehr des verlorenen Sohnes. Die Mutter brachte
mich zum Vater, die Geschichte wurde wiederholt, Fragen und Ausrufe der
Verwunderung drängten sich, beide Eltern streichelten mir den Kopf und
atmeten aus langer Bedrückung auf. Alles war herrlich, alles war wie in den
Erzählungen, alles löste sich in wunderbare Harmonie auf.
In diese Harmonie floh ich nun mit wahrer Leidenschaft. Ich konnte mich
nicht genug daran ersättigen, daß ich wieder meinen Frieden und das
Vertrauen der Eltern hatte, ich wurde ein häuslicher Musterknabe, spielte
mehr als jemals mit meinen Schwestern und sang bei den Andachten die
lieben, alten Lieder mit wonnevollen Gefühlen des Erlösten und Bekehrten
mit. Es geschah von Herzen, es war keine Lüge dabei.
Dennoch war es so gar nicht in Ordnung! Und hier ist der Punkt, aus dem
sich mir meine Vergeßlichkeit gegen Demian allein wahrhaft erklärt. Ihm
hätte ich beichten sollen! Die Beichte wäre weniger dekorativ und rührend,
aber für mich fruchtbarer ausgefallen. Nun klammerte ich mich mit allen
Wurzeln an meine ehemalige, paradiesische Welt, war heimgekehrt und in
Gnaden aufgenommen. Demian aber gehörte zu dieser Welt keineswegs,
paßte nicht in sie. Auch er war, anders als Kromer, aber doch eben — auch
er war ein Verführer, auch er verband mich mit der zweiten, der bösen,
schlechten Welt, und von der wollte ich nun für immer nichts mehr wissen.
Page 40
Ich konnte und wollte jetzt nicht Abel preisgeben und Kain verherrlichen
helfen, jetzt, wo ich eben selbst wieder ein Abel geworden war.
So der äußere Zusammenhang. Der innere aber war dieser: Ich war aus
Kromers und des Teufels Händen erlöst, aber nicht durch meine eigene
Kraft und Leistung. Ich hatte versucht, auf den Pfaden der Welt zu wandeln,
und sie waren für mich zu schlüpfrig gewesen. Nun, da der Griff einer
freundlichen Hand mich gerettet hatte, lief ich, ohne einen Blick mehr
nebenaus zu tun, in den Schoß der Mutter und die Geborgenheit einer
umhegten, frommen, milden Kindlichkeit zurück. Ich machte mich jünger,
abhängiger, kindlicher als ich war. Ich mußte die Abhängigkeit von Kromer
durch eine neue ersetzen, denn allein zu gehen vermochte ich nicht. So
wählte ich, in meinem blinden Herzen, die Abhängigkeit von Vater und
Mutter, von der alten, geliebten „lichten Welt,“ von der ich doch schon
wußte, daß sie nicht die einzige war. Hätte ich das nicht getan, so hätte ich
mich zu Demian halten und mich ihm anvertrauen müssen. Daß ich das
nicht tat, das erschien mir damals als berechtigtes Mißtrauen gegen seine
befremdlichen Gedanken; in Wahrheit war es nichts als Angst. Denn
Demian hätte mehr von mir verlangt als die Eltern verlangten, viel mehr, er
hätte mich mit Antrieb und Ermahnung, mit Spott und Ironie selbständiger
zu machen versucht. Ach, das weiß ich heute: Nichts auf der Welt ist dem
Menschen mehr zuwider als den Weg zu gehen, der ihn zu sich selber führt!
Dennoch konnte ich, etwa ein halbes Jahr später, der Versuchung nicht
widerstehen, und fragte auf einem Spaziergang meinen Vater, was davon zu
halten sei, daß manche Leute den Kain für besser als den Abel erklärten.
Er war sehr verwundert und erklärte mir, daß dies eine Auffassung sei,
welche der Neuheit entbehre. Sie sei sogar schon in der urchristlichen Zeit
aufgetaucht und sei in Sekten gelehrt worden, deren eine sich die
„Kainiten“ nannte. Aber natürlich sei diese tolle Lehre nichts anderes als
ein Versuch des Teufels, unsern Glauben zu zerstören. Denn glaube man an
das Recht Kains und das Unrecht Abels, dann ergebe sich daraus die Folge,
daß Gott sich geirrt habe, daß also der Gott der Bibel nicht der richtige und
einzige, sondern ein falscher sei. Wirklich hätten die Kainiten auch
Ähnliches gelehrt und gepredigt; doch sei diese Ketzerei seit langem aus
der Menschheit verschwunden und er wundere sich nur, daß ein
Schulkamerad von mir etwas davon erfahren habe können. Immerhin
ermahne er mich ernstlich, diese Gedanken zu unterlassen.
helfen, jetzt, wo ich eben selbst wieder ein Abel geworden war.
So der äußere Zusammenhang. Der innere aber war dieser: Ich war aus
Kromers und des Teufels Händen erlöst, aber nicht durch meine eigene
Kraft und Leistung. Ich hatte versucht, auf den Pfaden der Welt zu wandeln,
und sie waren für mich zu schlüpfrig gewesen. Nun, da der Griff einer
freundlichen Hand mich gerettet hatte, lief ich, ohne einen Blick mehr
nebenaus zu tun, in den Schoß der Mutter und die Geborgenheit einer
umhegten, frommen, milden Kindlichkeit zurück. Ich machte mich jünger,
abhängiger, kindlicher als ich war. Ich mußte die Abhängigkeit von Kromer
durch eine neue ersetzen, denn allein zu gehen vermochte ich nicht. So
wählte ich, in meinem blinden Herzen, die Abhängigkeit von Vater und
Mutter, von der alten, geliebten „lichten Welt,“ von der ich doch schon
wußte, daß sie nicht die einzige war. Hätte ich das nicht getan, so hätte ich
mich zu Demian halten und mich ihm anvertrauen müssen. Daß ich das
nicht tat, das erschien mir damals als berechtigtes Mißtrauen gegen seine
befremdlichen Gedanken; in Wahrheit war es nichts als Angst. Denn
Demian hätte mehr von mir verlangt als die Eltern verlangten, viel mehr, er
hätte mich mit Antrieb und Ermahnung, mit Spott und Ironie selbständiger
zu machen versucht. Ach, das weiß ich heute: Nichts auf der Welt ist dem
Menschen mehr zuwider als den Weg zu gehen, der ihn zu sich selber führt!
Dennoch konnte ich, etwa ein halbes Jahr später, der Versuchung nicht
widerstehen, und fragte auf einem Spaziergang meinen Vater, was davon zu
halten sei, daß manche Leute den Kain für besser als den Abel erklärten.
Er war sehr verwundert und erklärte mir, daß dies eine Auffassung sei,
welche der Neuheit entbehre. Sie sei sogar schon in der urchristlichen Zeit
aufgetaucht und sei in Sekten gelehrt worden, deren eine sich die
„Kainiten“ nannte. Aber natürlich sei diese tolle Lehre nichts anderes als
ein Versuch des Teufels, unsern Glauben zu zerstören. Denn glaube man an
das Recht Kains und das Unrecht Abels, dann ergebe sich daraus die Folge,
daß Gott sich geirrt habe, daß also der Gott der Bibel nicht der richtige und
einzige, sondern ein falscher sei. Wirklich hätten die Kainiten auch
Ähnliches gelehrt und gepredigt; doch sei diese Ketzerei seit langem aus
der Menschheit verschwunden und er wundere sich nur, daß ein
Schulkamerad von mir etwas davon erfahren habe können. Immerhin
ermahne er mich ernstlich, diese Gedanken zu unterlassen.
Page 41
Drittes Kapitel
Der Schächer
E s wäre Schönes, Zartes und Liebenswertes zu erzählen von meiner
Kindheit, von meinem Geborgensein bei Vater und Mutter, von
Kindesliebe und genügsam spielerischem Hinleben in sanften, lieben,
lichten Umgebungen. Andre haben davon genugsam gesprochen. Mich
interessieren nur die Schritte, die ich in meinem Leben tat, um zu mir selbst
zu gelangen. Alle die hübschen Ruhepunkte, Glücksinseln und Paradiese,
deren Zauber mir nicht unbekannt blieb, lasse ich im Glanz der Ferne liegen
und begehre nicht sie nochmals zu betreten.
Darum spreche ich, soweit ich noch bei meiner Knabenzeit verweile, nur
von dem, was Neues mir zukam, was mich vorwärts trieb, mich losriß.
Immer kamen diese Anstöße von der „anderen Welt,“ immer brachten sie
Angst, Zwang und böses Gewissen mit sich, immer waren sie revolutionär
und gefährdeten den Frieden, in dem ich gern wohnen geblieben wäre.
Es kamen die Jahre, in welchen ich aufs neue entdecken mußte, daß in
mir selbst ein Urtrieb lebte, der in der erlaubten und lichten Welt sich
verkriechen und verstecken mußte. Wie jeden Menschen, so fiel auch mich
das langsam erwachende Gefühl des Geschlechts als ein Feind und
Zerstörer an, als Verbotenes, als Verführung und Sünde. Was meine
Neugierde suchte, was mir Träume, Lust und Angst schuf, das große
Geheimnis der Pubertät, das paßte gar nicht in die umhegte Glückseligkeit
meines Kinderfriedens. Ich tat wie alle. Ich führte das Doppelleben des
Kindes, das doch kein Kind mehr ist. Mein Bewußtsein lebte im
Heimischen und Erlaubten, mein Bewußtsein leugnete die
empordämmernde neue Welt. Daneben aber lebte ich in Träumen, Trieben,
Wünschen von unterirdischer Art, über welchen jenes bewußte Leben sich
immer ängstlichere Brücken baute, denn die Kinderwelt in mir fiel
zusammen. Wie fast alle Eltern, so halfen auch die meinen nicht den
Der Schächer
E s wäre Schönes, Zartes und Liebenswertes zu erzählen von meiner
Kindheit, von meinem Geborgensein bei Vater und Mutter, von
Kindesliebe und genügsam spielerischem Hinleben in sanften, lieben,
lichten Umgebungen. Andre haben davon genugsam gesprochen. Mich
interessieren nur die Schritte, die ich in meinem Leben tat, um zu mir selbst
zu gelangen. Alle die hübschen Ruhepunkte, Glücksinseln und Paradiese,
deren Zauber mir nicht unbekannt blieb, lasse ich im Glanz der Ferne liegen
und begehre nicht sie nochmals zu betreten.
Darum spreche ich, soweit ich noch bei meiner Knabenzeit verweile, nur
von dem, was Neues mir zukam, was mich vorwärts trieb, mich losriß.
Immer kamen diese Anstöße von der „anderen Welt,“ immer brachten sie
Angst, Zwang und böses Gewissen mit sich, immer waren sie revolutionär
und gefährdeten den Frieden, in dem ich gern wohnen geblieben wäre.
Es kamen die Jahre, in welchen ich aufs neue entdecken mußte, daß in
mir selbst ein Urtrieb lebte, der in der erlaubten und lichten Welt sich
verkriechen und verstecken mußte. Wie jeden Menschen, so fiel auch mich
das langsam erwachende Gefühl des Geschlechts als ein Feind und
Zerstörer an, als Verbotenes, als Verführung und Sünde. Was meine
Neugierde suchte, was mir Träume, Lust und Angst schuf, das große
Geheimnis der Pubertät, das paßte gar nicht in die umhegte Glückseligkeit
meines Kinderfriedens. Ich tat wie alle. Ich führte das Doppelleben des
Kindes, das doch kein Kind mehr ist. Mein Bewußtsein lebte im
Heimischen und Erlaubten, mein Bewußtsein leugnete die
empordämmernde neue Welt. Daneben aber lebte ich in Träumen, Trieben,
Wünschen von unterirdischer Art, über welchen jenes bewußte Leben sich
immer ängstlichere Brücken baute, denn die Kinderwelt in mir fiel
zusammen. Wie fast alle Eltern, so halfen auch die meinen nicht den
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erwachenden Lebenstrieben, von denen nicht gesprochen ward. Sie halfen
nur, mit unerschöpflicher Sorgfalt, meinen hoffnungslosen Versuchen, das
Wirkliche zu leugnen und in einer Kindeswelt weiter zu hausen, die immer
unwirklicher und verlogener ward. Ich weiß nicht, ob Eltern hierin viel tun
können, und mache den meinen keinen Vorwurf. Es war meine eigene
Sache, mit mir fertig zu werden und meinen Weg zu finden, und ich tat
meine Sache schlecht, wie die meisten Wohlerzogenen.
Jeder Mensch durchlebt diese Schwierigkeit. Für den Durchschnittlichen
ist dies der Punkt im Leben, wo die Forderung des eigenen Lebens am
härtesten mit der Umwelt in Streit gerät, wo der Weg nach vorwärts am
bittersten erkämpft werden muß. Viele erleben das Sterben und
Neugeborenwerden, das unser Schicksal ist, nur dies eine Mal im Leben,
beim Morschwerden und langsamen Zusammenbrechen der Kindheit, wenn
alles Liebgewordene uns verlassen will und wir plötzlich die Einsamkeit
und tödliche Kälte des Weltraums um uns fühlen. Und sehr viele bleiben für
immer an dieser Klippe hängen und kleben ihr Leben lang schmerzlich am
unwiederbringlich Vergangenen, am Traum vom verlorenen Paradies, der
der schlimmste und mörderischeste aller Träume ist.
Wenden wir uns zur Geschichte zurück. Die Empfindungen und
Traumbilder, in denen sich mir das Ende der Kindheit meldete, sind nicht
wichtig genug, um erzählt zu werden. Das Wichtige war: die „dunkle Welt,“
die „andere Welt“ war wieder da. Was einst Franz Kromer gewesen war, das
stak nun in mir selber. Und damit gewann auch von außen her die „andere
Welt“ wieder Macht über mich.
Es waren seit der Geschichte mit Kromer mehrere Jahre vergangen. Jene
dramatische und schuldvolle Zeit meines Lebens lag damals mir sehr fern
und schien wie ein kurzer Alptraum in nichts vergangen. Franz Kromer war
längst aus meinem Leben verschwunden, kaum daß ich es achtete, wenn er
mir je einmal begegnete. Die andere wichtige Figur meiner Tragödie aber,
Max Demian, verschwand nicht mehr ganz aus meinem Umkreis. Doch
stand er lange Zeit fern am Rande, sichtbar, doch nicht wirksam. Erst
allmählich trat er wieder näher, strahlte wieder Kräfte und Einflüsse aus.
Ich suche mich zu besinnen, was ich aus jener Zeit von Demian weiß. Es
mag sein, daß ich ein Jahr oder länger kein einziges Mal mit ihm
gesprochen habe. Ich mied ihn, und er drängte sich keineswegs auf. Etwa
einmal, wenn wir uns begegneten, nickte er mir einen freundlichen Gruß zu.
Mir schien es dann zuweilen, es sei in seiner Freundlichkeit ein feiner
nur, mit unerschöpflicher Sorgfalt, meinen hoffnungslosen Versuchen, das
Wirkliche zu leugnen und in einer Kindeswelt weiter zu hausen, die immer
unwirklicher und verlogener ward. Ich weiß nicht, ob Eltern hierin viel tun
können, und mache den meinen keinen Vorwurf. Es war meine eigene
Sache, mit mir fertig zu werden und meinen Weg zu finden, und ich tat
meine Sache schlecht, wie die meisten Wohlerzogenen.
Jeder Mensch durchlebt diese Schwierigkeit. Für den Durchschnittlichen
ist dies der Punkt im Leben, wo die Forderung des eigenen Lebens am
härtesten mit der Umwelt in Streit gerät, wo der Weg nach vorwärts am
bittersten erkämpft werden muß. Viele erleben das Sterben und
Neugeborenwerden, das unser Schicksal ist, nur dies eine Mal im Leben,
beim Morschwerden und langsamen Zusammenbrechen der Kindheit, wenn
alles Liebgewordene uns verlassen will und wir plötzlich die Einsamkeit
und tödliche Kälte des Weltraums um uns fühlen. Und sehr viele bleiben für
immer an dieser Klippe hängen und kleben ihr Leben lang schmerzlich am
unwiederbringlich Vergangenen, am Traum vom verlorenen Paradies, der
der schlimmste und mörderischeste aller Träume ist.
Wenden wir uns zur Geschichte zurück. Die Empfindungen und
Traumbilder, in denen sich mir das Ende der Kindheit meldete, sind nicht
wichtig genug, um erzählt zu werden. Das Wichtige war: die „dunkle Welt,“
die „andere Welt“ war wieder da. Was einst Franz Kromer gewesen war, das
stak nun in mir selber. Und damit gewann auch von außen her die „andere
Welt“ wieder Macht über mich.
Es waren seit der Geschichte mit Kromer mehrere Jahre vergangen. Jene
dramatische und schuldvolle Zeit meines Lebens lag damals mir sehr fern
und schien wie ein kurzer Alptraum in nichts vergangen. Franz Kromer war
längst aus meinem Leben verschwunden, kaum daß ich es achtete, wenn er
mir je einmal begegnete. Die andere wichtige Figur meiner Tragödie aber,
Max Demian, verschwand nicht mehr ganz aus meinem Umkreis. Doch
stand er lange Zeit fern am Rande, sichtbar, doch nicht wirksam. Erst
allmählich trat er wieder näher, strahlte wieder Kräfte und Einflüsse aus.
Ich suche mich zu besinnen, was ich aus jener Zeit von Demian weiß. Es
mag sein, daß ich ein Jahr oder länger kein einziges Mal mit ihm
gesprochen habe. Ich mied ihn, und er drängte sich keineswegs auf. Etwa
einmal, wenn wir uns begegneten, nickte er mir einen freundlichen Gruß zu.
Mir schien es dann zuweilen, es sei in seiner Freundlichkeit ein feiner
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Klang von Hohn oder ironischem Vorwurf, doch mag das Einbildung
gewesen sein. Die Geschichte, die ich mit ihm erlebt hatte, und der seltsame
Einfluß, den er damals auf mich geübt, waren wie vergessen, von ihm wie
von mir.
Ich suche nach seiner Figur, und nun, da ich mich auf ihn besinne, sehe
ich, daß er doch da war und von mir bemerkt wurde. Ich sehe ihn zur
Schule gehen, allein oder zwischen andern von den größeren Schülern, und
ich sehe ihn fremdartig, einsam und still, wie gestirnhaft zwischen ihnen
wandeln, von einer eigenen Luft umgeben, unter eigenen Gesetzen lebend.
Niemand liebte ihn, niemand war mit ihm vertraut, nur seine Mutter, und
auch mit ihr schien er nicht wie ein Kind, sondern wie ein Erwachsener zu
verkehren. Die Lehrer ließen ihn möglichst in Ruhe, er war ein guter
Schüler, aber er suchte keinem zu gefallen, und je und je vernahmen wir
gerüchtweise von irgendeinem Wort, einer Glosse oder Gegenrede, die er
einem Lehrer sollte gegeben haben und die an schroffer Herausforderung
oder an Ironie nichts zu wünschen übrig ließ.
Ich besinne mich, mit geschlossenen Augen, und ich sehe sein Bild
auftauchen. Wo war das? Ja, nun ist es wieder da. Es war auf der Gasse vor
unserem Hause. Da sah ich ihn eines Tages stehen, ein Notizbuch in der
Hand, und sah ihn zeichnen. Er zeichnete das alte Wappenbild mit dem
Vogel über unsrer Haustüre ab. Und ich stand an einem Fenster, hinterm
Vorhang verborgen, und schaute ihm zu, und sah mit tiefer Verwunderung
sein aufmerksames, kühles, helles Gesicht dem Wappen zugewendet, das
Gesicht eines Mannes, eines Forschers oder Künstlers, überlegen und voll
von Willen, sonderbar hell und kühl, mit wissenden Augen.
Und wieder sehe ich ihn. Es war wenig später, auf der Straße; wir standen
alle, von der Schule kommend, um ein Pferd, das gestürzt war. Es lag, noch
an die Deichsel geschirrt, vor einem Bauernwagen, schnob suchend und
kläglich mit geöffneten Nüstern in die Luft und blutete aus einer
unsichtbaren Wunde, so daß zu seiner Seite der weiße Straßenstaub sich
langsam dunkel vollsog. Als ich, mit einem Gefühl von Übelkeit, mich von
dem Anblick wegwandte, sah ich Demians Gesicht. Er hatte sich nicht
vorgedrängt, er stand zuhinterst, bequem und ziemlich elegant, wie es zu
ihm gehörte. Sein Blick schien auf den Kopf des Pferdes gerichtet, und
hatte wieder diese tiefe, stille, beinah fanatische und doch leidenschaftslose
Aufmerksamkeit. Ich mußte ihn lang ansehen, und damals fühlte ich, noch
fern vom Bewußtsein, etwas sehr Eigentümliches. Ich sah Demians Gesicht,
gewesen sein. Die Geschichte, die ich mit ihm erlebt hatte, und der seltsame
Einfluß, den er damals auf mich geübt, waren wie vergessen, von ihm wie
von mir.
Ich suche nach seiner Figur, und nun, da ich mich auf ihn besinne, sehe
ich, daß er doch da war und von mir bemerkt wurde. Ich sehe ihn zur
Schule gehen, allein oder zwischen andern von den größeren Schülern, und
ich sehe ihn fremdartig, einsam und still, wie gestirnhaft zwischen ihnen
wandeln, von einer eigenen Luft umgeben, unter eigenen Gesetzen lebend.
Niemand liebte ihn, niemand war mit ihm vertraut, nur seine Mutter, und
auch mit ihr schien er nicht wie ein Kind, sondern wie ein Erwachsener zu
verkehren. Die Lehrer ließen ihn möglichst in Ruhe, er war ein guter
Schüler, aber er suchte keinem zu gefallen, und je und je vernahmen wir
gerüchtweise von irgendeinem Wort, einer Glosse oder Gegenrede, die er
einem Lehrer sollte gegeben haben und die an schroffer Herausforderung
oder an Ironie nichts zu wünschen übrig ließ.
Ich besinne mich, mit geschlossenen Augen, und ich sehe sein Bild
auftauchen. Wo war das? Ja, nun ist es wieder da. Es war auf der Gasse vor
unserem Hause. Da sah ich ihn eines Tages stehen, ein Notizbuch in der
Hand, und sah ihn zeichnen. Er zeichnete das alte Wappenbild mit dem
Vogel über unsrer Haustüre ab. Und ich stand an einem Fenster, hinterm
Vorhang verborgen, und schaute ihm zu, und sah mit tiefer Verwunderung
sein aufmerksames, kühles, helles Gesicht dem Wappen zugewendet, das
Gesicht eines Mannes, eines Forschers oder Künstlers, überlegen und voll
von Willen, sonderbar hell und kühl, mit wissenden Augen.
Und wieder sehe ich ihn. Es war wenig später, auf der Straße; wir standen
alle, von der Schule kommend, um ein Pferd, das gestürzt war. Es lag, noch
an die Deichsel geschirrt, vor einem Bauernwagen, schnob suchend und
kläglich mit geöffneten Nüstern in die Luft und blutete aus einer
unsichtbaren Wunde, so daß zu seiner Seite der weiße Straßenstaub sich
langsam dunkel vollsog. Als ich, mit einem Gefühl von Übelkeit, mich von
dem Anblick wegwandte, sah ich Demians Gesicht. Er hatte sich nicht
vorgedrängt, er stand zuhinterst, bequem und ziemlich elegant, wie es zu
ihm gehörte. Sein Blick schien auf den Kopf des Pferdes gerichtet, und
hatte wieder diese tiefe, stille, beinah fanatische und doch leidenschaftslose
Aufmerksamkeit. Ich mußte ihn lang ansehen, und damals fühlte ich, noch
fern vom Bewußtsein, etwas sehr Eigentümliches. Ich sah Demians Gesicht,
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und ich sah nicht nur, daß er kein Knabengesicht hatte, sondern das eines
Mannes; ich sah noch mehr, ich glaubte zu sehen, oder zu spüren, daß es
auch nicht das Gesicht eines Mannes sei, sondern noch etwas anderes. Es
war, als sei auch etwas von einem Frauengesicht darin, und namentlich
schien dies Gesicht mir, für einen Augenblick, nicht männlich oder
kindlich, nicht alt oder jung, sondern irgendwie tausendjährig, irgendwie
zeitlos, von anderen Zeitläuften gestempelt als wir sie leben. Tiere konnten
so aussehen, oder Bäume, oder Sterne — ich wußte das nicht, ich empfand
nicht genau das, was ich jetzt als Erwachsener darüber sage, aber etwas
Ähnliches. Vielleicht war er schön, vielleicht gefiel er mir, vielleicht war er
mir auch zuwider, auch das war nicht zu entscheiden. Ich sah nur: er war
anders als wir, er war wie ein Tier, oder wie ein Geist, oder wie ein Bild, ich
weiß nicht, wie er war, aber er war anders, unausdenkbar anders als wir alle.
Mehr sagt die Erinnerung mir nicht, und vielleicht ist auch dies zum Teil
schon aus späteren Eindrücken geschöpft.
Erst als ich mehrere Jahre älter war, kam ich endlich wieder mit ihm in
nähere Berührung. Demian war nicht, wie die Sitte es gefordert hätte, mit
seinem Jahrgang in der Kirche konfirmiert worden, und auch daran hatten
sich wieder alsbald Gerüchte geknüpft. Es hieß in der Schule wieder, er sei
eigentlich ein Jude, oder nein, ein Heide, und andre wußten, er sei samt
seiner Mutter ohne jede Religion oder gehöre einer fabelhaften, schlimmen
Sekte an. Im Zusammenhang damit meine ich auch den Verdacht
vernommen zu haben, er lebe mit seiner Mutter wie mit einer Geliebten.
Vermutlich war es so, daß er bisher ohne Konfession erzogen worden war,
daß dies nun aber für seine Zukunft irgendwelche Unzuträglichkeiten
fürchten ließ. Jedenfalls entschloß sich seine Mutter, ihn jetzt doch, zwei
Jahre später als seine Altersgenossen, an der Konfirmation teilnehmen zu
lassen. So kam es, daß er nun monatelang im Konfirmationsunterricht mein
Kamerad war.
Eine Weile hielt ich mich ganz von ihm zurück, ich wollte nicht teil an
ihm haben, er war mir allzu sehr von Gerüchten und Geheimnissen
umgeben, namentlich aber störte mich das Gefühl von Verpflichtung, das
seit der Affäre mit Kromer in mir zurückgeblieben war. Und gerade damals
hatte ich genug mit meinen eigenen Geheimnissen zu tun. Für mich fiel der
Konfirmationsunterricht zusammen mit der Zeit der entscheidenden
Aufklärungen in den geschlechtlichen Dingen, und trotz gutem Willen war
mein Interesse für die fromme Belehrung dadurch sehr beeinträchtigt. Die
Mannes; ich sah noch mehr, ich glaubte zu sehen, oder zu spüren, daß es
auch nicht das Gesicht eines Mannes sei, sondern noch etwas anderes. Es
war, als sei auch etwas von einem Frauengesicht darin, und namentlich
schien dies Gesicht mir, für einen Augenblick, nicht männlich oder
kindlich, nicht alt oder jung, sondern irgendwie tausendjährig, irgendwie
zeitlos, von anderen Zeitläuften gestempelt als wir sie leben. Tiere konnten
so aussehen, oder Bäume, oder Sterne — ich wußte das nicht, ich empfand
nicht genau das, was ich jetzt als Erwachsener darüber sage, aber etwas
Ähnliches. Vielleicht war er schön, vielleicht gefiel er mir, vielleicht war er
mir auch zuwider, auch das war nicht zu entscheiden. Ich sah nur: er war
anders als wir, er war wie ein Tier, oder wie ein Geist, oder wie ein Bild, ich
weiß nicht, wie er war, aber er war anders, unausdenkbar anders als wir alle.
Mehr sagt die Erinnerung mir nicht, und vielleicht ist auch dies zum Teil
schon aus späteren Eindrücken geschöpft.
Erst als ich mehrere Jahre älter war, kam ich endlich wieder mit ihm in
nähere Berührung. Demian war nicht, wie die Sitte es gefordert hätte, mit
seinem Jahrgang in der Kirche konfirmiert worden, und auch daran hatten
sich wieder alsbald Gerüchte geknüpft. Es hieß in der Schule wieder, er sei
eigentlich ein Jude, oder nein, ein Heide, und andre wußten, er sei samt
seiner Mutter ohne jede Religion oder gehöre einer fabelhaften, schlimmen
Sekte an. Im Zusammenhang damit meine ich auch den Verdacht
vernommen zu haben, er lebe mit seiner Mutter wie mit einer Geliebten.
Vermutlich war es so, daß er bisher ohne Konfession erzogen worden war,
daß dies nun aber für seine Zukunft irgendwelche Unzuträglichkeiten
fürchten ließ. Jedenfalls entschloß sich seine Mutter, ihn jetzt doch, zwei
Jahre später als seine Altersgenossen, an der Konfirmation teilnehmen zu
lassen. So kam es, daß er nun monatelang im Konfirmationsunterricht mein
Kamerad war.
Eine Weile hielt ich mich ganz von ihm zurück, ich wollte nicht teil an
ihm haben, er war mir allzu sehr von Gerüchten und Geheimnissen
umgeben, namentlich aber störte mich das Gefühl von Verpflichtung, das
seit der Affäre mit Kromer in mir zurückgeblieben war. Und gerade damals
hatte ich genug mit meinen eigenen Geheimnissen zu tun. Für mich fiel der
Konfirmationsunterricht zusammen mit der Zeit der entscheidenden
Aufklärungen in den geschlechtlichen Dingen, und trotz gutem Willen war
mein Interesse für die fromme Belehrung dadurch sehr beeinträchtigt. Die
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Dinge, von denen der Geistliche sprach, lagen weit von mir weg in einer
stillen heiligen Unwirklichkeit, sie waren vielleicht ganz schön und
wertvoll, aber keineswegs aktuell und erregend, und jene andern Dinge
waren gerade dies im höchsten Maße.
Je mehr mich nun dieser Zustand gegen den Unterricht gleichgültig
machte, desto mehr näherte sich mein Interesse wieder dem Max Demian.
Irgend etwas schien uns zu verbinden. Ich muß diesem Faden möglichst
genau nachgehen. Soviel ich mich besinnen kann, begann es in einer Stunde
früh am Morgen, als noch Licht in der Schulstube brannte. Unser geistlicher
Lehrer war auf die Geschichte Kains und Abels zu sprechen gekommen. Ich
achtete kaum darauf, ich war schläfrig und hörte kaum zu. Da begann der
Pfarrer mit erhobener Stimme eindringlich vom Kainszeichen zu reden. In
diesem Augenblick spürte ich eine Art von Berührung oder Mahnung, und
aufblickend sah ich aus den vorderen Bankreihen her das Gesicht Demians
nach mir zurück gewendet, mit einem hellen sprechenden Auge, dessen
Ausdruck ebensowohl Spott wie Ernst sein konnte. Nur einen Moment sah
er mich an, und plötzlich horchte ich gespannt auf die Worte des Pfarrers,
hörte ihn vom Kain und seinem Zeichen reden, und spürte tief in mir ein
Wissen, daß das nicht so sei wie er es lehre, daß man das auch anders
ansehen konnte, daß daran Kritik möglich war!
Mit dieser Minute war zwischen Demian und mir wieder eine Verbindung
da. Und sonderbar — kaum war dies Gefühl einer gewissen
Zusammengehörigkeit in der Seele da, so sah ich es wie magisch auch ins
Räumliche übertragen. Ich wußte nicht, ob er es selbst so einrichten konnte
oder ob es ein reiner Zufall war — ich glaubte damals noch fest an Zufälle
— nach wenigen Tagen hatte Demian plötzlich seinen Platz in der
Religionsstunde gewechselt und saß gerade vor mir (ich weiß noch, wie
gern ich mitten in der elenden Armenhäuslerluft der überfüllten Schulstube
am Morgen von seinem Nacken her den zartfrischen Seifengeruch einsog!),
und wieder nach einigen Tagen hatte er wieder gewechselt und saß nun
neben mir, und da blieb er sitzen, den ganzen Winter und das ganze
Frühjahr hindurch.
Die Morgenstunden hatten sich ganz verwandelt. Sie waren nicht mehr
schläfrig und langweilig. Ich freute mich auf sie. Manchmal hörten wir
beide mit der größten Aufmerksamkeit dem Pfarrer zu, ein Blick von
meinem Nachbar genügte, um mich auf eine merkwürdige Geschichte,
einen seltsamen Spruch hinzuweisen. Und ein anderer Blick von ihm, ein
stillen heiligen Unwirklichkeit, sie waren vielleicht ganz schön und
wertvoll, aber keineswegs aktuell und erregend, und jene andern Dinge
waren gerade dies im höchsten Maße.
Je mehr mich nun dieser Zustand gegen den Unterricht gleichgültig
machte, desto mehr näherte sich mein Interesse wieder dem Max Demian.
Irgend etwas schien uns zu verbinden. Ich muß diesem Faden möglichst
genau nachgehen. Soviel ich mich besinnen kann, begann es in einer Stunde
früh am Morgen, als noch Licht in der Schulstube brannte. Unser geistlicher
Lehrer war auf die Geschichte Kains und Abels zu sprechen gekommen. Ich
achtete kaum darauf, ich war schläfrig und hörte kaum zu. Da begann der
Pfarrer mit erhobener Stimme eindringlich vom Kainszeichen zu reden. In
diesem Augenblick spürte ich eine Art von Berührung oder Mahnung, und
aufblickend sah ich aus den vorderen Bankreihen her das Gesicht Demians
nach mir zurück gewendet, mit einem hellen sprechenden Auge, dessen
Ausdruck ebensowohl Spott wie Ernst sein konnte. Nur einen Moment sah
er mich an, und plötzlich horchte ich gespannt auf die Worte des Pfarrers,
hörte ihn vom Kain und seinem Zeichen reden, und spürte tief in mir ein
Wissen, daß das nicht so sei wie er es lehre, daß man das auch anders
ansehen konnte, daß daran Kritik möglich war!
Mit dieser Minute war zwischen Demian und mir wieder eine Verbindung
da. Und sonderbar — kaum war dies Gefühl einer gewissen
Zusammengehörigkeit in der Seele da, so sah ich es wie magisch auch ins
Räumliche übertragen. Ich wußte nicht, ob er es selbst so einrichten konnte
oder ob es ein reiner Zufall war — ich glaubte damals noch fest an Zufälle
— nach wenigen Tagen hatte Demian plötzlich seinen Platz in der
Religionsstunde gewechselt und saß gerade vor mir (ich weiß noch, wie
gern ich mitten in der elenden Armenhäuslerluft der überfüllten Schulstube
am Morgen von seinem Nacken her den zartfrischen Seifengeruch einsog!),
und wieder nach einigen Tagen hatte er wieder gewechselt und saß nun
neben mir, und da blieb er sitzen, den ganzen Winter und das ganze
Frühjahr hindurch.
Die Morgenstunden hatten sich ganz verwandelt. Sie waren nicht mehr
schläfrig und langweilig. Ich freute mich auf sie. Manchmal hörten wir
beide mit der größten Aufmerksamkeit dem Pfarrer zu, ein Blick von
meinem Nachbar genügte, um mich auf eine merkwürdige Geschichte,
einen seltsamen Spruch hinzuweisen. Und ein anderer Blick von ihm, ein
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ganz bestimmter, genügte, um mich zu mahnen, um Kritik und Zweifel in
mir anzuregen.
Sehr oft aber waren wir schlechte Schüler und hörten nichts vom
Unterricht. Demian war stets artig gegen Lehrer und Mitschüler, nie sah ich
ihn Schuljungendummheiten machen, nie hörte man ihn laut lachen oder
plaudern, nie zog er sich einen Tadel des Lehrers zu. Aber ganz leise, und
mehr mit Zeichen und Blicken als mit Flüsterworten, verstand er es, mich
an seinen eigenen Beschäftigungen teilnehmen zu lassen. Diese waren zum
Teil von merkwürdiger Art.
Er sagte mir zum Beispiel, welche von den Schülern ihn interessierten,
und auf welche Weise er sie studiere. Manche kannte er sehr genau. Er sagte
mir vor der Lektion: „Wenn ich dir ein Zeichen mit dem Daumen mache,
dann wird der und der sich nach uns umsehen, oder sich am Nacken kratzen
usw.“ Während der Stunde dann, wenn ich oft kaum mehr daran dachte,
drehte Max plötzlich mit auffallender Gebärde mir seinen Daumen zu, ich
schaute schnell nach dem bezeichneten Schüler aus und sah ihn jedesmal,
wie am Draht gezogen, die verlangte Gebärde machen. Ich plagte Max, er
solle das auch einmal am Lehrer versuchen, doch wollte er es nicht tun.
Aber einmal, als ich in die Stunde kam und ihm sagte, ich hätte heute meine
Aufgaben nicht gelernt und hoffe sehr, der Pfarrer werde mich heute nichts
fragen, da half er mir. Der Pfarrer suchte nach einem Schüler, den er ein
Stück Katechismus hersagen lassen wollte, und sein schweifendes Auge
blieb auf meinem schuldbewußten Gesicht hängen. Langsam kam er heran,
streckte den Finger gegen mich aus, hatte schon meinen Namen auf den
Lippen — da wurde er plötzlich zerstreut oder unruhig, rückte an seinem
Halskragen, trat auf Demian zu, der ihm fest ins Gesicht sah, schien ihn
etwas fragen zu wollen, wandte sich aber überraschend wieder weg, hustete
eine Weile und forderte dann einen andern Schüler auf.
Erst allmählich merkte ich, während diese Scherze mich sehr belustigten,
daß mein Freund mit mir häufig dasselbe Spiel treibe. Es kam vor, daß ich
auf dem Schulweg plötzlich das Gefühl hatte, Demian gehe eine Strecke
hinter mir, und wenn ich mich umwandte, war er richtig da.
„Kannst du denn eigentlich machen, daß ein anderer das denken muß,
was du willst?“ fragte ich ihn.
Er gab bereitwillig Auskunft, ruhig und sachlich, in seiner erwachsenen
Art.
mir anzuregen.
Sehr oft aber waren wir schlechte Schüler und hörten nichts vom
Unterricht. Demian war stets artig gegen Lehrer und Mitschüler, nie sah ich
ihn Schuljungendummheiten machen, nie hörte man ihn laut lachen oder
plaudern, nie zog er sich einen Tadel des Lehrers zu. Aber ganz leise, und
mehr mit Zeichen und Blicken als mit Flüsterworten, verstand er es, mich
an seinen eigenen Beschäftigungen teilnehmen zu lassen. Diese waren zum
Teil von merkwürdiger Art.
Er sagte mir zum Beispiel, welche von den Schülern ihn interessierten,
und auf welche Weise er sie studiere. Manche kannte er sehr genau. Er sagte
mir vor der Lektion: „Wenn ich dir ein Zeichen mit dem Daumen mache,
dann wird der und der sich nach uns umsehen, oder sich am Nacken kratzen
usw.“ Während der Stunde dann, wenn ich oft kaum mehr daran dachte,
drehte Max plötzlich mit auffallender Gebärde mir seinen Daumen zu, ich
schaute schnell nach dem bezeichneten Schüler aus und sah ihn jedesmal,
wie am Draht gezogen, die verlangte Gebärde machen. Ich plagte Max, er
solle das auch einmal am Lehrer versuchen, doch wollte er es nicht tun.
Aber einmal, als ich in die Stunde kam und ihm sagte, ich hätte heute meine
Aufgaben nicht gelernt und hoffe sehr, der Pfarrer werde mich heute nichts
fragen, da half er mir. Der Pfarrer suchte nach einem Schüler, den er ein
Stück Katechismus hersagen lassen wollte, und sein schweifendes Auge
blieb auf meinem schuldbewußten Gesicht hängen. Langsam kam er heran,
streckte den Finger gegen mich aus, hatte schon meinen Namen auf den
Lippen — da wurde er plötzlich zerstreut oder unruhig, rückte an seinem
Halskragen, trat auf Demian zu, der ihm fest ins Gesicht sah, schien ihn
etwas fragen zu wollen, wandte sich aber überraschend wieder weg, hustete
eine Weile und forderte dann einen andern Schüler auf.
Erst allmählich merkte ich, während diese Scherze mich sehr belustigten,
daß mein Freund mit mir häufig dasselbe Spiel treibe. Es kam vor, daß ich
auf dem Schulweg plötzlich das Gefühl hatte, Demian gehe eine Strecke
hinter mir, und wenn ich mich umwandte, war er richtig da.
„Kannst du denn eigentlich machen, daß ein anderer das denken muß,
was du willst?“ fragte ich ihn.
Er gab bereitwillig Auskunft, ruhig und sachlich, in seiner erwachsenen
Art.
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„Nein,“ sagte er, „das kann man nicht. Man hat nämlich keinen freien
Willen, wenn auch der Pfarrer so tut. Weder kann der andere denken, was er
will, noch kann ich ihn denken machen, was ich will. Wohl aber kann man
jemand gut beobachten, und dann kann man oft ziemlich genau sagen, was
er denkt oder fühlt, und dann kann man meistens auch voraussehen, was er
im nächsten Augenblick tun wird. Es ist ganz einfach, die Leute wissen es
bloß nicht. Natürlich braucht es Übung.
Es gibt zum Beispiel bei den Schmetterlingen gewisse Nachtfalter, bei
denen sind die Weibchen viel seltener als die Männchen. Die Falter
pflanzen sich gerade so fort wie alle Tiere, der Mann befruchtet das
Weibchen, das dann Eier legt. Wenn du nun von diesen Nachtfaltern ein
Weibchen hast — es ist von Naturforschern oft probiert worden — so
kommen in der Nacht zu diesem Weibchen die männlichen Falter geflogen,
und zwar stundenweit! Stundenweit, denke dir! Auf viele Kilometer spüren
alle diese Männchen das einzige Weibchen, das in der Gegend ist! Man
versucht das zu erklären, aber es geht schwer. Es muß eine Art Geruchssinn
oder so etwas sein, etwa so wie gute Jagdhunde eine unmerkliche Spur
finden und verfolgen können. Du begreifst? Das sind solche Sachen, die
Natur ist voll davon, und niemand kann sie erklären. Nun sage ich aber:
Wären bei diesen Schmetterlingen die Weibchen so häufig wie die
Männchen, so hätten sie die feine Nase eben nicht! Sie haben sie bloß, weil
sie sich darauf dressiert haben. Wenn ein Tier oder Mensch seine ganze
Aufmerksamkeit und seinen ganzen Willen auf eine bestimmte Sache
richtet, dann erreicht er sie auch. Das ist alles. Und genau so ist es mit dem,
was du meinst. Sieh dir einen Menschen genau genug an, so weißt du mehr
von ihm als er selber.“
Mir lag es auf der Zunge, das Wort „Gedankenlesen“ auszusprechen, und
ihn damit an die Szene mit Kromer zu erinnern, die so lang zurück lag.
Aber dies war nun auch eine seltsame Sache zwischen uns beiden: Nie und
niemals machte weder er noch ich die leiseste Anspielung darauf, daß er vor
mehreren Jahren einmal so ernstlich in mein Leben eingegriffen hatte. Es
war, als sei nie etwas früher zwischen uns gewesen, oder als rechne jeder
von uns fest damit, daß der andere das vergessen habe. Es kam, ein- oder
zweimal, sogar vor, daß wir zusammen über die Straße gingen und den
Franz Kromer antrafen, aber wir wechselten keinen Blick, sprachen kein
Wort von ihm.
Willen, wenn auch der Pfarrer so tut. Weder kann der andere denken, was er
will, noch kann ich ihn denken machen, was ich will. Wohl aber kann man
jemand gut beobachten, und dann kann man oft ziemlich genau sagen, was
er denkt oder fühlt, und dann kann man meistens auch voraussehen, was er
im nächsten Augenblick tun wird. Es ist ganz einfach, die Leute wissen es
bloß nicht. Natürlich braucht es Übung.
Es gibt zum Beispiel bei den Schmetterlingen gewisse Nachtfalter, bei
denen sind die Weibchen viel seltener als die Männchen. Die Falter
pflanzen sich gerade so fort wie alle Tiere, der Mann befruchtet das
Weibchen, das dann Eier legt. Wenn du nun von diesen Nachtfaltern ein
Weibchen hast — es ist von Naturforschern oft probiert worden — so
kommen in der Nacht zu diesem Weibchen die männlichen Falter geflogen,
und zwar stundenweit! Stundenweit, denke dir! Auf viele Kilometer spüren
alle diese Männchen das einzige Weibchen, das in der Gegend ist! Man
versucht das zu erklären, aber es geht schwer. Es muß eine Art Geruchssinn
oder so etwas sein, etwa so wie gute Jagdhunde eine unmerkliche Spur
finden und verfolgen können. Du begreifst? Das sind solche Sachen, die
Natur ist voll davon, und niemand kann sie erklären. Nun sage ich aber:
Wären bei diesen Schmetterlingen die Weibchen so häufig wie die
Männchen, so hätten sie die feine Nase eben nicht! Sie haben sie bloß, weil
sie sich darauf dressiert haben. Wenn ein Tier oder Mensch seine ganze
Aufmerksamkeit und seinen ganzen Willen auf eine bestimmte Sache
richtet, dann erreicht er sie auch. Das ist alles. Und genau so ist es mit dem,
was du meinst. Sieh dir einen Menschen genau genug an, so weißt du mehr
von ihm als er selber.“
Mir lag es auf der Zunge, das Wort „Gedankenlesen“ auszusprechen, und
ihn damit an die Szene mit Kromer zu erinnern, die so lang zurück lag.
Aber dies war nun auch eine seltsame Sache zwischen uns beiden: Nie und
niemals machte weder er noch ich die leiseste Anspielung darauf, daß er vor
mehreren Jahren einmal so ernstlich in mein Leben eingegriffen hatte. Es
war, als sei nie etwas früher zwischen uns gewesen, oder als rechne jeder
von uns fest damit, daß der andere das vergessen habe. Es kam, ein- oder
zweimal, sogar vor, daß wir zusammen über die Straße gingen und den
Franz Kromer antrafen, aber wir wechselten keinen Blick, sprachen kein
Wort von ihm.
Page 48
„Aber wie ist nun das mit dem Willen?“ fragte ich. „Du sagst, man hat
keinen freien Willen. Aber dann sagst du wieder, man brauche nur seinen
Willen fest auf etwas zu richten, dann könne man sein Ziel erreichen. Das
stimmt doch nicht! Wenn ich nicht Herr über meinen Willen bin, dann kann
ich ihn ja auch nicht beliebig da- oder dorthin richten.“
Er klopfte mir auf die Schulter. Das tat er stets, wenn ich ihm Freude
machte.
„Gut, daß du fragst!“ sagte er lachend. „Man muß immer fragen, man
muß immer zweifeln. Aber die Sache ist sehr einfach. Wenn so ein
Nachtfalter zum Beispiel seinen Willen auf einen Stern oder sonstwohin
richten wollte, so könnte er das nicht. Nur — er versucht das überhaupt
nicht. Er sucht nur das, was Sinn und Wert für ihn hat, was er braucht, was
er unbedingt haben muß. Und eben da gelingt ihm auch das Unglaubliche
— er entwickelt einen zauberhaften sechsten Sinn, den kein anderes Tier
außer ihm hat! Unsereiner hat mehr Spielraum, gewiß, und mehr Interessen
als ein Tier. Aber auch wir sind in einem verhältnismäßig recht engen Kreis
gebunden und können nicht darüber hinaus. Ich kann wohl das und das
phantasieren, mir etwa einbilden, ich wolle unbedingt an den Nordpol
kommen, oder so etwas, aber ausführen und genügend stark wollen kann
ich das nur, wenn der Wunsch ganz in mir selber liegt, wenn wirklich mein
Wesen ganz von ihm erfüllt ist. Sobald das der Fall ist, sobald du etwas
probierst, was dir von innen heraus befohlen wird, dann geht es auch, dann
kannst du deinen Willen anspannen wie einen guten Gaul. Wenn ich zum
Beispiel mir jetzt vornähme, ich wolle bewirken, daß unser Herr Pfarrer
künftig keine Brille mehr trägt, so geht das nicht. Das ist bloß eine
Spielerei. Aber als ich, damals im Herbst, den festen Willen bekam, aus
meiner Bank da vorne versetzt zu werden, da ging es ganz gut. Da war
plötzlich einer da, der im Alphabet vor mir kam, und der bisher krank
gewesen war, und weil jemand ihm Platz machen mußte, war natürlich ich
der, der es tat, weil eben mein Wille bereit war, sofort die Gelegenheit zu
packen.“
„Ja,“ sagte ich, „mir war es damals auch ganz eigentümlich. Von dem
Augenblick an, wo wir uns füreinander interessierten, rücktest du mir
immer näher. Aber wie war das? Anfangs kamst du doch nicht gleich neben
mich zu sitzen, du saßest erst ein paarmal in der Bank da vor mir, nicht?
Wie ging das zu?“
keinen freien Willen. Aber dann sagst du wieder, man brauche nur seinen
Willen fest auf etwas zu richten, dann könne man sein Ziel erreichen. Das
stimmt doch nicht! Wenn ich nicht Herr über meinen Willen bin, dann kann
ich ihn ja auch nicht beliebig da- oder dorthin richten.“
Er klopfte mir auf die Schulter. Das tat er stets, wenn ich ihm Freude
machte.
„Gut, daß du fragst!“ sagte er lachend. „Man muß immer fragen, man
muß immer zweifeln. Aber die Sache ist sehr einfach. Wenn so ein
Nachtfalter zum Beispiel seinen Willen auf einen Stern oder sonstwohin
richten wollte, so könnte er das nicht. Nur — er versucht das überhaupt
nicht. Er sucht nur das, was Sinn und Wert für ihn hat, was er braucht, was
er unbedingt haben muß. Und eben da gelingt ihm auch das Unglaubliche
— er entwickelt einen zauberhaften sechsten Sinn, den kein anderes Tier
außer ihm hat! Unsereiner hat mehr Spielraum, gewiß, und mehr Interessen
als ein Tier. Aber auch wir sind in einem verhältnismäßig recht engen Kreis
gebunden und können nicht darüber hinaus. Ich kann wohl das und das
phantasieren, mir etwa einbilden, ich wolle unbedingt an den Nordpol
kommen, oder so etwas, aber ausführen und genügend stark wollen kann
ich das nur, wenn der Wunsch ganz in mir selber liegt, wenn wirklich mein
Wesen ganz von ihm erfüllt ist. Sobald das der Fall ist, sobald du etwas
probierst, was dir von innen heraus befohlen wird, dann geht es auch, dann
kannst du deinen Willen anspannen wie einen guten Gaul. Wenn ich zum
Beispiel mir jetzt vornähme, ich wolle bewirken, daß unser Herr Pfarrer
künftig keine Brille mehr trägt, so geht das nicht. Das ist bloß eine
Spielerei. Aber als ich, damals im Herbst, den festen Willen bekam, aus
meiner Bank da vorne versetzt zu werden, da ging es ganz gut. Da war
plötzlich einer da, der im Alphabet vor mir kam, und der bisher krank
gewesen war, und weil jemand ihm Platz machen mußte, war natürlich ich
der, der es tat, weil eben mein Wille bereit war, sofort die Gelegenheit zu
packen.“
„Ja,“ sagte ich, „mir war es damals auch ganz eigentümlich. Von dem
Augenblick an, wo wir uns füreinander interessierten, rücktest du mir
immer näher. Aber wie war das? Anfangs kamst du doch nicht gleich neben
mich zu sitzen, du saßest erst ein paarmal in der Bank da vor mir, nicht?
Wie ging das zu?“
Page 49
„Das war so: ich wußte selber nicht recht, wohin ich wollte, als ich von
meinem ersten Platz weg begehrte. Ich wußte nur, daß ich weiter hinten
sitzen wollte. Es war mein Wille, zu dir zu kommen, der mir aber noch
nicht bewußt geworden war. Zugleich zog dein eigener Wille mit und half
mir. Erst als ich dann da vor dir saß, kam ich darauf, daß mein Wunsch erst
halb erfüllt sei — ich merkte, daß ich eigentlich nichts anderes begehrt
hatte, als neben dir zu sitzen.“
„Aber damals ist kein Neuer eingetreten.“
„Nein, aber damals tat ich einfach, was ich wollte, und setzte mich
kurzerhand neben dich. Der Junge, mit dem ich den Platz tauschte, war bloß
verwundert und ließ mich machen. Und der Pfarrer merkte zwar einmal,
daß es da eine Änderung gegeben habe — überhaupt, jedesmal, wenn er mit
mir zu tun hat, plagt ihn heimlich etwas, er weiß nämlich, daß ich Demian
heiße und daß es nicht stimmt, daß ich mit meinem D im Namen da ganz
hinten unterm S sitze! Aber das dringt nicht bis in sein Bewußtsein, weil
mein Wille dagegen ist, und weil ich ihn immer wieder daran hindere. Er
merkt es immer wieder einmal, daß da etwas nicht stimmt, und sieht mich
an und fängt an zu studieren, der gute Herr. Ich habe da aber ein einfaches
Mittel. Ich seh ihm jedesmal ganz, ganz fest in die Augen. Das vertragen
fast alle Leute schlecht. Sie werden alle unruhig. Wenn du von jemand
etwas erreichen willst, und siehst ihm unerwartet ganz fest in die Augen,
und er wird gar nicht unruhig, dann gib es auf! Du erreichst nichts bei ihm,
nie! Aber das ist sehr selten. Ich weiß eigentlich bloß einen einzigen
Menschen, bei dem es mir nicht hilft.“
„Wer ist das?“ fragte ich schnell.
Er sah mich an, mit den etwas verkleinerten Augen, die er in der
Nachdenklichkeit bekam. Dann blickte er weg und gab keine Antwort, und
ich konnte, trotz heftiger Neugierde, die Frage nicht wiederholen.
Ich glaube aber, daß er damals von seiner Mutter sprach. — Mit ihr
schien er sehr innig zu leben, sprach mir aber nie von ihr, nahm mich nie
mit sich nach Hause. Ich wußte kaum, wie seine Mutter aussah.
M anchmal machte ich damals Versuche, es ihm gleichzutun und
meinen Willen auf etwas so zusammenzuziehen, daß ich es erreichen
müsse. Es waren Wünsche da, die mir dringend genug schienen.
Aber es war nichts und ging nicht. Mit Demian davon zu sprechen, brachte
meinem ersten Platz weg begehrte. Ich wußte nur, daß ich weiter hinten
sitzen wollte. Es war mein Wille, zu dir zu kommen, der mir aber noch
nicht bewußt geworden war. Zugleich zog dein eigener Wille mit und half
mir. Erst als ich dann da vor dir saß, kam ich darauf, daß mein Wunsch erst
halb erfüllt sei — ich merkte, daß ich eigentlich nichts anderes begehrt
hatte, als neben dir zu sitzen.“
„Aber damals ist kein Neuer eingetreten.“
„Nein, aber damals tat ich einfach, was ich wollte, und setzte mich
kurzerhand neben dich. Der Junge, mit dem ich den Platz tauschte, war bloß
verwundert und ließ mich machen. Und der Pfarrer merkte zwar einmal,
daß es da eine Änderung gegeben habe — überhaupt, jedesmal, wenn er mit
mir zu tun hat, plagt ihn heimlich etwas, er weiß nämlich, daß ich Demian
heiße und daß es nicht stimmt, daß ich mit meinem D im Namen da ganz
hinten unterm S sitze! Aber das dringt nicht bis in sein Bewußtsein, weil
mein Wille dagegen ist, und weil ich ihn immer wieder daran hindere. Er
merkt es immer wieder einmal, daß da etwas nicht stimmt, und sieht mich
an und fängt an zu studieren, der gute Herr. Ich habe da aber ein einfaches
Mittel. Ich seh ihm jedesmal ganz, ganz fest in die Augen. Das vertragen
fast alle Leute schlecht. Sie werden alle unruhig. Wenn du von jemand
etwas erreichen willst, und siehst ihm unerwartet ganz fest in die Augen,
und er wird gar nicht unruhig, dann gib es auf! Du erreichst nichts bei ihm,
nie! Aber das ist sehr selten. Ich weiß eigentlich bloß einen einzigen
Menschen, bei dem es mir nicht hilft.“
„Wer ist das?“ fragte ich schnell.
Er sah mich an, mit den etwas verkleinerten Augen, die er in der
Nachdenklichkeit bekam. Dann blickte er weg und gab keine Antwort, und
ich konnte, trotz heftiger Neugierde, die Frage nicht wiederholen.
Ich glaube aber, daß er damals von seiner Mutter sprach. — Mit ihr
schien er sehr innig zu leben, sprach mir aber nie von ihr, nahm mich nie
mit sich nach Hause. Ich wußte kaum, wie seine Mutter aussah.
M anchmal machte ich damals Versuche, es ihm gleichzutun und
meinen Willen auf etwas so zusammenzuziehen, daß ich es erreichen
müsse. Es waren Wünsche da, die mir dringend genug schienen.
Aber es war nichts und ging nicht. Mit Demian davon zu sprechen, brachte
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ich nicht über mich. Was ich mir wünschte, hätte ich ihm nicht gestehen
können. Und er fragte auch nicht.
Meine Gläubigkeit in den Fragen der Religion hatte inzwischen manche
Lücken bekommen. Doch unterschied ich mich, in meinem durchaus von
Demian beeinflußten Denken, sehr von denen meiner Mitschüler, welche
einen völligen Unglauben aufzuweisen hatten. Es gab einige solche, und sie
ließen gelegentlich Worte hören, wie daß es lächerlich und
menschenunwürdig sei, an einen Gott zu glauben, und Geschichten wie die
von der Dreieinigkeit und von Jesu unbefleckter Geburt seien einfach zum
Lachen, und es sei eine Schande, daß man heute noch mit diesem Kram
hausieren gehe. So dachte ich keineswegs. Auch wo ich Zweifel hatte,
wußte ich doch aus der ganzen Erfahrung meiner Kindheit genug von der
Wirklichkeit eines frommen Lebens, wie es etwa meine Eltern führten, und
daß dies weder etwas Unwürdiges noch geheuchelt sei. Vielmehr hatte ich
vor dem Religiösen nach wie vor die tiefste Ehrfurcht. Nur hatte Demian
mich daran gewöhnt, die Erzählungen und Glaubenssätze freier,
persönlicher, spielerischer, phantasievoller anzusehen und auszudeuten;
wenigstens folgte ich den Deutungen, die er mir nahelegte, stets gern und
mit Genuß. Vieles freilich war mir zu schroff, so auch die Sache wegen
Kain. Und einmal während des Konfirmationsunterrichtes erschreckte er
mich durch eine Auffassung, die womöglich noch kühner war. Der Lehrer
hatte von Golgatha gesprochen. Der biblische Bericht vom Leiden und
Sterben des Heilandes hatte mir seit frühester Zeit tiefen Eindruck gemacht,
manchmal als kleiner Knabe hatte ich, etwa am Karfreitag, nachdem mein
Vater die Leidensgeschichte vorgelesen hatte, innig und ergriffen in dieser
leidvoll schönen, bleichen, gespenstigen und doch ungeheuer lebendigen
Welt gelebt, in Gethsemane und auf Golgatha, und beim Anhören der
Matthäuspassion von Bach hatte mich der düster mächtige Leidensglanz
dieser geheimnisvollen Welt mit allen mystischen Schauern überflutet. Ich
finde heute noch in dieser Musik, und im „actus tragicus“, den Inbegriff
aller Poesie und alles künstlerischen Ausdrucks.
Nun sagte Demian am Schluß jener Stunde nachdenklich zu mir: „Da ist
etwas, Sinclair, was mir nicht gefällt. Lies einmal die Geschichte nach und
prüfe sie auf der Zunge, es ist da etwas, was fad schmeckt. Nämlich die
Sache mit den beiden Schächern. Großartig, wie da die drei Kreuze auf dem
Hügel beieinander stehen! Aber nun diese sentimentale
Traktätchengeschichte mit dem biederen Schächer! Erst war er ein
können. Und er fragte auch nicht.
Meine Gläubigkeit in den Fragen der Religion hatte inzwischen manche
Lücken bekommen. Doch unterschied ich mich, in meinem durchaus von
Demian beeinflußten Denken, sehr von denen meiner Mitschüler, welche
einen völligen Unglauben aufzuweisen hatten. Es gab einige solche, und sie
ließen gelegentlich Worte hören, wie daß es lächerlich und
menschenunwürdig sei, an einen Gott zu glauben, und Geschichten wie die
von der Dreieinigkeit und von Jesu unbefleckter Geburt seien einfach zum
Lachen, und es sei eine Schande, daß man heute noch mit diesem Kram
hausieren gehe. So dachte ich keineswegs. Auch wo ich Zweifel hatte,
wußte ich doch aus der ganzen Erfahrung meiner Kindheit genug von der
Wirklichkeit eines frommen Lebens, wie es etwa meine Eltern führten, und
daß dies weder etwas Unwürdiges noch geheuchelt sei. Vielmehr hatte ich
vor dem Religiösen nach wie vor die tiefste Ehrfurcht. Nur hatte Demian
mich daran gewöhnt, die Erzählungen und Glaubenssätze freier,
persönlicher, spielerischer, phantasievoller anzusehen und auszudeuten;
wenigstens folgte ich den Deutungen, die er mir nahelegte, stets gern und
mit Genuß. Vieles freilich war mir zu schroff, so auch die Sache wegen
Kain. Und einmal während des Konfirmationsunterrichtes erschreckte er
mich durch eine Auffassung, die womöglich noch kühner war. Der Lehrer
hatte von Golgatha gesprochen. Der biblische Bericht vom Leiden und
Sterben des Heilandes hatte mir seit frühester Zeit tiefen Eindruck gemacht,
manchmal als kleiner Knabe hatte ich, etwa am Karfreitag, nachdem mein
Vater die Leidensgeschichte vorgelesen hatte, innig und ergriffen in dieser
leidvoll schönen, bleichen, gespenstigen und doch ungeheuer lebendigen
Welt gelebt, in Gethsemane und auf Golgatha, und beim Anhören der
Matthäuspassion von Bach hatte mich der düster mächtige Leidensglanz
dieser geheimnisvollen Welt mit allen mystischen Schauern überflutet. Ich
finde heute noch in dieser Musik, und im „actus tragicus“, den Inbegriff
aller Poesie und alles künstlerischen Ausdrucks.
Nun sagte Demian am Schluß jener Stunde nachdenklich zu mir: „Da ist
etwas, Sinclair, was mir nicht gefällt. Lies einmal die Geschichte nach und
prüfe sie auf der Zunge, es ist da etwas, was fad schmeckt. Nämlich die
Sache mit den beiden Schächern. Großartig, wie da die drei Kreuze auf dem
Hügel beieinander stehen! Aber nun diese sentimentale
Traktätchengeschichte mit dem biederen Schächer! Erst war er ein
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Verbrecher und hat Schandtaten begangen, weiß Gott was alles, und nun
schmilzt er dahin und feiert solche weinerliche Feste der Besserung und
Reue! Was für einen Sinn hat solche Reue zwei Schritt vom Grabe weg, ich
bitte dich? Es ist wieder einmal nichts als eine richtige Pfaffengeschichte,
süßlich und unredlich, mit Schmalz der Rührung und höchst erbaulichem
Hintergrund. Wenn du heute einen von den beiden Schächern zum Freund
wählen müßtest, oder dich besinnen, welchem von beiden du eher Vertrauen
schenken könntest, so ist es doch ganz gewiß nicht dieser weinerliche
Bekehrte. Nein, der andere ist’s, der ist ein Kerl und hat Charakter. Er pfeift
auf eine Bekehrung, die ja in seiner Lage bloß noch ein hübsches Gerede
sein kann, er geht seinen Weg zu Ende und sagt sich nicht im letzten
Augenblick feig vom Teufel los, der ihm bis dahin hat helfen müssen. Er ist
ein Charakter, und die Leute von Charakter kommen in der biblischen
Geschichte gern zu kurz. Vielleicht ist er auch ein Abkömmling von Kain.
Meinst du nicht?“
Ich war sehr bestürzt. Hier in der Kreuzigungsgeschichte hatte ich ganz
heimisch zu sein geglaubt, und sah erst jetzt, wie wenig persönlich, mit wie
wenig Vorstellungskraft und Phantasie ich sie angehört und gelesen hatte.
Dennoch klang mir Demians neuer Gedanke fatal und drohte Begriffe in
mir umzuwerfen, auf deren Bestehenbleiben ich glaubte halten zu müssen.
Nein, so konnte man doch nicht mit allem und jedem umspringen, auch mit
dem Heiligsten.
Er merkte meinen Widerstand, wie immer, sofort, noch ehe ich irgend
etwas sagte.
„Ich weiß schon,“ sagte er resigniert, „es ist die alte Geschichte. Nur
nicht Ernst machen! Aber ich will dir etwas sagen —: hier ist einer von den
Punkten, wo man den Mangel in dieser Religion sehr deutlich sehen kann.
Es handelt sich darum, daß dieser ganze Gott, alten und neuen Bundes,
zwar eine ausgezeichnete Figur ist, aber nicht das, was er doch eigentlich
vorstellen soll. Er ist das Gute, das Edle, das Väterliche, das Schöne und
auch Hohe, das Sentimentale — ganz recht! Aber die Welt besteht auch aus
anderem. Und das wird nun alles einfach dem Teufel zugeschrieben, und
dieser ganze Teil der Welt, diese ganze Hälfte wird unterschlagen und
totgeschwiegen. Gerade wie sie Gott als Vater alles Lebens rühmen, aber
das ganze Geschlechtsleben, auf dem das Leben doch beruht, einfach
totschweigen und womöglich für Teufelszeug und sündlich erklären! Ich
habe nichts dagegen, daß man diesen Gott Jehova verehrt, nicht das
schmilzt er dahin und feiert solche weinerliche Feste der Besserung und
Reue! Was für einen Sinn hat solche Reue zwei Schritt vom Grabe weg, ich
bitte dich? Es ist wieder einmal nichts als eine richtige Pfaffengeschichte,
süßlich und unredlich, mit Schmalz der Rührung und höchst erbaulichem
Hintergrund. Wenn du heute einen von den beiden Schächern zum Freund
wählen müßtest, oder dich besinnen, welchem von beiden du eher Vertrauen
schenken könntest, so ist es doch ganz gewiß nicht dieser weinerliche
Bekehrte. Nein, der andere ist’s, der ist ein Kerl und hat Charakter. Er pfeift
auf eine Bekehrung, die ja in seiner Lage bloß noch ein hübsches Gerede
sein kann, er geht seinen Weg zu Ende und sagt sich nicht im letzten
Augenblick feig vom Teufel los, der ihm bis dahin hat helfen müssen. Er ist
ein Charakter, und die Leute von Charakter kommen in der biblischen
Geschichte gern zu kurz. Vielleicht ist er auch ein Abkömmling von Kain.
Meinst du nicht?“
Ich war sehr bestürzt. Hier in der Kreuzigungsgeschichte hatte ich ganz
heimisch zu sein geglaubt, und sah erst jetzt, wie wenig persönlich, mit wie
wenig Vorstellungskraft und Phantasie ich sie angehört und gelesen hatte.
Dennoch klang mir Demians neuer Gedanke fatal und drohte Begriffe in
mir umzuwerfen, auf deren Bestehenbleiben ich glaubte halten zu müssen.
Nein, so konnte man doch nicht mit allem und jedem umspringen, auch mit
dem Heiligsten.
Er merkte meinen Widerstand, wie immer, sofort, noch ehe ich irgend
etwas sagte.
„Ich weiß schon,“ sagte er resigniert, „es ist die alte Geschichte. Nur
nicht Ernst machen! Aber ich will dir etwas sagen —: hier ist einer von den
Punkten, wo man den Mangel in dieser Religion sehr deutlich sehen kann.
Es handelt sich darum, daß dieser ganze Gott, alten und neuen Bundes,
zwar eine ausgezeichnete Figur ist, aber nicht das, was er doch eigentlich
vorstellen soll. Er ist das Gute, das Edle, das Väterliche, das Schöne und
auch Hohe, das Sentimentale — ganz recht! Aber die Welt besteht auch aus
anderem. Und das wird nun alles einfach dem Teufel zugeschrieben, und
dieser ganze Teil der Welt, diese ganze Hälfte wird unterschlagen und
totgeschwiegen. Gerade wie sie Gott als Vater alles Lebens rühmen, aber
das ganze Geschlechtsleben, auf dem das Leben doch beruht, einfach
totschweigen und womöglich für Teufelszeug und sündlich erklären! Ich
habe nichts dagegen, daß man diesen Gott Jehova verehrt, nicht das
Page 52
mindeste. Aber ich meine, wir sollen Alles verehren und heilig halten, die
ganze Welt, nicht bloß diese künstlich abgetrennte, offizielle Hälfte! Also
müssen wir dann neben dem Gottesdienst auch einen Teufelsdienst haben.
Das fände ich richtig. Oder aber, man müßte sich einen Gott schaffen, der
auch den Teufel in sich einschließt, und vor dem man nicht die Augen
zudrücken muß, wenn die natürlichsten Dinge von der Welt geschehen.“
Er war, gegen seine Art, beinahe heftig geworden, gleich darauf lächelte
er jedoch wieder und drang nicht weiter in mich.
In mir aber trafen diese Worte das Rätsel meiner ganzen Knabenjahre,
das ich jede Stunde in mir trug und von dem ich nie jemandem ein Wort
gesagt hatte. Was Demian da über Gott und Teufel, über die göttlich-
offizielle und die totgeschwiegene teuflische Welt gesagt hatte, das war ja
genau mein eigener Gedanke, mein eigener Mythus, der Gedanke von den
beiden Welten oder Welthälften — der lichten und der dunkeln. Die
Einsicht, daß mein Problem ein Problem aller Menschen, ein Problem alles
Lebens und Denkens sei, überflog mich plötzlich wie ein heiliger Schatten,
und Angst und Ehrfurcht überkam mich, als ich sah und plötzlich fühlte,
wie tief mein eigenstes, persönliches Leben und Meinen am ewigen Strom
der großen Ideen teilhatte. Die Einsicht war nicht freudig, obwohl
irgendwie bestätigend und beglückend. Sie war hart und schmeckte rauh,
weil ein Klang von Verantwortlichkeit in ihr lag, von
Nichtmehrkindseindürfen, von Alleinstehen.
Ich erzählte, zum erstenmal in meinem Leben ein so tiefes Geheimnis
enthüllend, meinem Kameraden von meiner seit frühesten Kindertagen
bestehenden Auffassung von den „zwei Welten“, und er sah sofort, daß
damit mein tiefstes Fühlen ihm zustimmte und recht gab. Doch war es nicht
seine Art, so etwas auszunützen. Er hörte mit tieferer Aufmerksamkeit zu,
als er sie mir je geschenkt hatte, und sah mir in die Augen, bis ich die
meinen abwenden mußte. Denn ich sah in seinem Blick wieder diese
seltsame, tierhafte Zeitlosigkeit, dies unausdenkliche Alter.
„Wir reden ein andermal mehr davon,“ sagte er schonend. „Ich sehe, du
denkst mehr, als du einem sagen kannst. Wenn das nun so ist, dann weißt du
aber auch, daß du nie ganz das gelebt hast, was du dachtest, und das ist
nicht gut. Nur das Denken, das wir leben, hat einen Wert. Du hast gewußt,
daß deine ‚erlaubte Welt‘ bloß die Hälfte der Welt war, und du hast
versucht, die zweite Hälfte dir zu unterschlagen, wie es die Pfarrer und
ganze Welt, nicht bloß diese künstlich abgetrennte, offizielle Hälfte! Also
müssen wir dann neben dem Gottesdienst auch einen Teufelsdienst haben.
Das fände ich richtig. Oder aber, man müßte sich einen Gott schaffen, der
auch den Teufel in sich einschließt, und vor dem man nicht die Augen
zudrücken muß, wenn die natürlichsten Dinge von der Welt geschehen.“
Er war, gegen seine Art, beinahe heftig geworden, gleich darauf lächelte
er jedoch wieder und drang nicht weiter in mich.
In mir aber trafen diese Worte das Rätsel meiner ganzen Knabenjahre,
das ich jede Stunde in mir trug und von dem ich nie jemandem ein Wort
gesagt hatte. Was Demian da über Gott und Teufel, über die göttlich-
offizielle und die totgeschwiegene teuflische Welt gesagt hatte, das war ja
genau mein eigener Gedanke, mein eigener Mythus, der Gedanke von den
beiden Welten oder Welthälften — der lichten und der dunkeln. Die
Einsicht, daß mein Problem ein Problem aller Menschen, ein Problem alles
Lebens und Denkens sei, überflog mich plötzlich wie ein heiliger Schatten,
und Angst und Ehrfurcht überkam mich, als ich sah und plötzlich fühlte,
wie tief mein eigenstes, persönliches Leben und Meinen am ewigen Strom
der großen Ideen teilhatte. Die Einsicht war nicht freudig, obwohl
irgendwie bestätigend und beglückend. Sie war hart und schmeckte rauh,
weil ein Klang von Verantwortlichkeit in ihr lag, von
Nichtmehrkindseindürfen, von Alleinstehen.
Ich erzählte, zum erstenmal in meinem Leben ein so tiefes Geheimnis
enthüllend, meinem Kameraden von meiner seit frühesten Kindertagen
bestehenden Auffassung von den „zwei Welten“, und er sah sofort, daß
damit mein tiefstes Fühlen ihm zustimmte und recht gab. Doch war es nicht
seine Art, so etwas auszunützen. Er hörte mit tieferer Aufmerksamkeit zu,
als er sie mir je geschenkt hatte, und sah mir in die Augen, bis ich die
meinen abwenden mußte. Denn ich sah in seinem Blick wieder diese
seltsame, tierhafte Zeitlosigkeit, dies unausdenkliche Alter.
„Wir reden ein andermal mehr davon,“ sagte er schonend. „Ich sehe, du
denkst mehr, als du einem sagen kannst. Wenn das nun so ist, dann weißt du
aber auch, daß du nie ganz das gelebt hast, was du dachtest, und das ist
nicht gut. Nur das Denken, das wir leben, hat einen Wert. Du hast gewußt,
daß deine ‚erlaubte Welt‘ bloß die Hälfte der Welt war, und du hast
versucht, die zweite Hälfte dir zu unterschlagen, wie es die Pfarrer und
Page 53
Lehrer tun. Es wird dir nicht glücken! Es glückt keinem, wenn er einmal
das Denken angefangen hat.“
Es traf mich tief.
„Aber,“ schrie ich fast, „es gibt doch nun einmal tatsächlich und wirklich
verbotene und häßliche Dinge, das kannst du doch nicht leugnen! Und die
sind nun einmal verboten, und wir müssen auf sie verzichten. Ich weiß ja,
daß es Mord und alle möglichen Laster gibt, aber soll ich denn, bloß weil es
das gibt, hingehen und ein Verbrecher werden?“
„Wir werden heute nicht damit fertig,“ begütigte Max. „Du sollst gewiß
nicht totschlagen oder Mädchen lustmorden, nein. Aber du bist noch nicht
dort, wo man einsehen kann, was ‚erlaubt‘ und ‚verboten‘ eigentlich heißt.
Du hast erst ein Stück von der Wahrheit gespürt. Das andere kommt noch,
verlaß dich drauf! Du hast jetzt zum Beispiel, seit einem Jahr etwa, einen
Trieb in dir, der ist stärker als alle andern, und er gilt für ‚verboten‘. Die
Griechen und viele andere Völker haben im Gegenteil diesen Trieb zu einer
Gottheit gemacht und ihn in großen Festen verehrt. ‚Verboten‘ ist also
nichts Ewiges, es kann wechseln. Auch heute darf ja jeder bei einer Frau
schlafen, sobald er mit ihr beim Pfarrer gewesen ist und sie geheiratet hat.
Bei andern Völkern ist das anders, auch heute noch. Darum muß jeder von
uns für sich selber finden, was erlaubt und was verboten — ihm verboten
ist. Man kann niemals etwas Verbotnes tun und kann ein großer Schuft
dabei sein. Und ebenso umgekehrt. — Eigentlich ist es bloß eine Frage der
Bequemlichkeit! Wer zu bequem ist, um selber zu denken und selber sein
Richter zu sein, der fügt sich eben in die Verbote, wie sie nun einmal sind.
Er hat es leicht. Andere spüren selber Gebote in sich, ihnen sind Dinge
verboten, die jeder Ehrenmann täglich tut, und es sind ihnen andere Dinge
erlaubt, die sonst verpönt sind. Jeder muß für sich selber stehen.“
Er schien plötzlich zu bereuen, so viel gesagt zu haben, und brach ab.
Schon damals konnte ich mit dem Gefühl einigermaßen begreifen, was er
dabei empfand. So angenehm und scheinbar obenhin er nämlich seine
Einfälle vorzubringen pflegte, so konnte er doch ein Gespräch „nur um des
Redens willen“, wie er einmal sagte, in den Tod nicht leiden. Bei mir aber
spürte er, neben dem echten Interesse, zu viel Spiel, zu viel Freude am
gescheiten Schwatzen, oder so etwas, kurz, einen Mangel an
vollkommenem Ernst.
das Denken angefangen hat.“
Es traf mich tief.
„Aber,“ schrie ich fast, „es gibt doch nun einmal tatsächlich und wirklich
verbotene und häßliche Dinge, das kannst du doch nicht leugnen! Und die
sind nun einmal verboten, und wir müssen auf sie verzichten. Ich weiß ja,
daß es Mord und alle möglichen Laster gibt, aber soll ich denn, bloß weil es
das gibt, hingehen und ein Verbrecher werden?“
„Wir werden heute nicht damit fertig,“ begütigte Max. „Du sollst gewiß
nicht totschlagen oder Mädchen lustmorden, nein. Aber du bist noch nicht
dort, wo man einsehen kann, was ‚erlaubt‘ und ‚verboten‘ eigentlich heißt.
Du hast erst ein Stück von der Wahrheit gespürt. Das andere kommt noch,
verlaß dich drauf! Du hast jetzt zum Beispiel, seit einem Jahr etwa, einen
Trieb in dir, der ist stärker als alle andern, und er gilt für ‚verboten‘. Die
Griechen und viele andere Völker haben im Gegenteil diesen Trieb zu einer
Gottheit gemacht und ihn in großen Festen verehrt. ‚Verboten‘ ist also
nichts Ewiges, es kann wechseln. Auch heute darf ja jeder bei einer Frau
schlafen, sobald er mit ihr beim Pfarrer gewesen ist und sie geheiratet hat.
Bei andern Völkern ist das anders, auch heute noch. Darum muß jeder von
uns für sich selber finden, was erlaubt und was verboten — ihm verboten
ist. Man kann niemals etwas Verbotnes tun und kann ein großer Schuft
dabei sein. Und ebenso umgekehrt. — Eigentlich ist es bloß eine Frage der
Bequemlichkeit! Wer zu bequem ist, um selber zu denken und selber sein
Richter zu sein, der fügt sich eben in die Verbote, wie sie nun einmal sind.
Er hat es leicht. Andere spüren selber Gebote in sich, ihnen sind Dinge
verboten, die jeder Ehrenmann täglich tut, und es sind ihnen andere Dinge
erlaubt, die sonst verpönt sind. Jeder muß für sich selber stehen.“
Er schien plötzlich zu bereuen, so viel gesagt zu haben, und brach ab.
Schon damals konnte ich mit dem Gefühl einigermaßen begreifen, was er
dabei empfand. So angenehm und scheinbar obenhin er nämlich seine
Einfälle vorzubringen pflegte, so konnte er doch ein Gespräch „nur um des
Redens willen“, wie er einmal sagte, in den Tod nicht leiden. Bei mir aber
spürte er, neben dem echten Interesse, zu viel Spiel, zu viel Freude am
gescheiten Schwatzen, oder so etwas, kurz, einen Mangel an
vollkommenem Ernst.
Page 54
W ie ich das letzte Wort wieder lese, das ich geschrieben —
„vollkommener Ernst“ — fällt eine andere Szene mir plötzlich
wieder ein, die eindringlichste, die ich mit Max Demian in jenen
noch halbkindlichen Zeiten erlebt habe.
Unsere Konfirmation kam heran, und die letzten Stunden des geistlichen
Unterrichts handelten vom Abendmahl. Es war dem Pfarrer wichtig damit,
und er gab sich Mühe, etwas von Weihe und Stimmung war in diesen
Stunden wohl zu verspüren. Allein gerade in diesen paar letzten
Unterweisungsstunden waren meine Gedanken an anderes gebunden, und
zwar an die Person meines Freundes. Indem ich der Konfirmation
entgegensah, die uns als die feierliche Aufnahme in die Gemeinschaft der
Kirche erklärt wurde, drängte sich mir unabweislich der Gedanke auf, daß
für mich der Wert dieser etwa halbjährigen Religionsunterweisung nicht in
dem liege, was wir hier gelernt hatten, sondern in der Nähe und dem
Einfluß Demians. Nicht in die Kirche war ich nun bereit aufgenommen zu
werden, sondern in etwas ganz anderes, in einen Orden des Gedankens und
der Persönlichkeit, der irgendwie auf Erden existieren mußte und als dessen
Vertreter oder Boten ich meinen Freund empfand.
Ich suchte diesen Gedanken zurückzudrängen, es war mir Ernst damit,
die Feier der Konfirmation, trotz allem, mit einer gewissen Würde zu
erleben, und diese schien sich mit meinem neuen Gedanken wenig zu
vertragen. Doch ich mochte tun, was ich wollte, der Gedanke war da, und er
verband sich mir allmählich mit dem an die nahe kirchliche Feier, ich war
bereit, sie anders zu begehen als die andern, sie sollte für mich die
Aufnahme in eine Gedankenwelt bedeuten, wie ich sie in Demian
kennengelernt hatte.
In jenen Tagen war es, daß ich wieder einmal lebhaft mit ihm disputierte;
es war gerade vor einer Unterweisungsstunde. Mein Freund war zugeknöpft
und hatte keine Freude an meinen Reden, die wohl ziemlich altklug und
wichtigtuerisch waren.
„Wir reden zu viel,“ sagte er mit ungewohntem Ernst. „Das kluge Reden
hat gar keinen Wert, gar keinen. Man kommt nur von sich selber weg. Von
sich selber Wegkommen ist Sünde. Man muß sich in sich selber völlig
verkriechen können wie eine Schildkröte.“
Gleich darauf betraten wir den Schulsaal. Die Stunde begann, ich gab mir
Mühe, aufzumerken, und Demian störte mich darin nicht. Nach einer Weile
begann ich von der Seite her, wo er neben mir saß, etwas Eigentümliches zu
„vollkommener Ernst“ — fällt eine andere Szene mir plötzlich
wieder ein, die eindringlichste, die ich mit Max Demian in jenen
noch halbkindlichen Zeiten erlebt habe.
Unsere Konfirmation kam heran, und die letzten Stunden des geistlichen
Unterrichts handelten vom Abendmahl. Es war dem Pfarrer wichtig damit,
und er gab sich Mühe, etwas von Weihe und Stimmung war in diesen
Stunden wohl zu verspüren. Allein gerade in diesen paar letzten
Unterweisungsstunden waren meine Gedanken an anderes gebunden, und
zwar an die Person meines Freundes. Indem ich der Konfirmation
entgegensah, die uns als die feierliche Aufnahme in die Gemeinschaft der
Kirche erklärt wurde, drängte sich mir unabweislich der Gedanke auf, daß
für mich der Wert dieser etwa halbjährigen Religionsunterweisung nicht in
dem liege, was wir hier gelernt hatten, sondern in der Nähe und dem
Einfluß Demians. Nicht in die Kirche war ich nun bereit aufgenommen zu
werden, sondern in etwas ganz anderes, in einen Orden des Gedankens und
der Persönlichkeit, der irgendwie auf Erden existieren mußte und als dessen
Vertreter oder Boten ich meinen Freund empfand.
Ich suchte diesen Gedanken zurückzudrängen, es war mir Ernst damit,
die Feier der Konfirmation, trotz allem, mit einer gewissen Würde zu
erleben, und diese schien sich mit meinem neuen Gedanken wenig zu
vertragen. Doch ich mochte tun, was ich wollte, der Gedanke war da, und er
verband sich mir allmählich mit dem an die nahe kirchliche Feier, ich war
bereit, sie anders zu begehen als die andern, sie sollte für mich die
Aufnahme in eine Gedankenwelt bedeuten, wie ich sie in Demian
kennengelernt hatte.
In jenen Tagen war es, daß ich wieder einmal lebhaft mit ihm disputierte;
es war gerade vor einer Unterweisungsstunde. Mein Freund war zugeknöpft
und hatte keine Freude an meinen Reden, die wohl ziemlich altklug und
wichtigtuerisch waren.
„Wir reden zu viel,“ sagte er mit ungewohntem Ernst. „Das kluge Reden
hat gar keinen Wert, gar keinen. Man kommt nur von sich selber weg. Von
sich selber Wegkommen ist Sünde. Man muß sich in sich selber völlig
verkriechen können wie eine Schildkröte.“
Gleich darauf betraten wir den Schulsaal. Die Stunde begann, ich gab mir
Mühe, aufzumerken, und Demian störte mich darin nicht. Nach einer Weile
begann ich von der Seite her, wo er neben mir saß, etwas Eigentümliches zu
Page 55
spüren, eine Leere oder Kühle oder etwas dergleichen, so, als sei der Platz
unversehens leer geworden. Als das Gefühl beengend zu werden anfing,
drehte ich mich um.
Da sah ich meinen Freund sitzen, aufrecht und in guter Haltung wie
sonst. Aber er sah dennoch ganz anders aus als sonst, und etwas ging von
ihm aus, etwas umgab ihn, was ich nicht kannte. Ich glaubte, er habe die
Augen geschlossen, sah aber, daß er sie offen hielt. Sie blickten aber nicht,
sie waren nicht sehend, sie waren starr und nach Innen oder in eine große
Ferne gewendet. Vollkommen regungslos saß er da, auch zu atmen schien er
nicht, sein Mund war wie aus Holz oder Stein geschnitten. Sein Gesicht war
blaß, gleichmäßig bleich, wie Stein, und die braunen Haare waren das
Lebendigste an ihm. Seine Hände lagen vor ihm auf der Bank, leblos und
still wie Gegenstände, wie Steine oder Früchte, bleich und regungslos, doch
nicht schlaff, sondern wie feste, gute Hüllen um ein verborgnes starkes
Leben.
Der Anblick machte mich zittern. Er ist tot! dachte ich, beinahe sagte ich
es laut. Aber ich wußte, daß er nicht tot sei. Ich hing mit gebanntem Blick
an seinem Gesicht, an dieser blassen, steinernen Maske, und ich fühlte: das
war Demian! Wie er sonst war, wenn er mit mir ging und sprach, das war
nur ein halber Demian, einer der zeitweilig eine Rolle spielte, sich
anbequemte, aus Gefälligkeit mittat. Der wirkliche Demian aber sah so aus,
so wie dieser, so steinern, uralt, tierhaft, steinhaft, schön und kalt, tot und
heimlich voll von unerhörtem Leben. Und um ihn her diese stille Leere,
dieser Äther und Sternenraum, dieser einsame Tod!
„Jetzt ist der ganz in sich hineingegangen,“ fühlte ich unter Schauern.
Nie war ich so vereinsamt gewesen. Ich hatte nicht teil an ihm, er war mir
unerreichbar, er war mir ferner, als wenn er auf der fernsten Insel der Welt
gewesen wäre.
Ich begriff kaum, daß niemand außer mir es sehe! Alle mußten hersehen,
alle mußten aufschauern! Aber niemand gab acht auf ihn. Er saß bildhaft
und, wie ich denken mußte, sonderbar götzenhaft steif, eine Fliege setzte
sich auf seine Stirn, lief langsam über Nase und Lippen hinweg — er zuckte
mit keiner Falte.
Wo, wo war er jetzt? Was dachte er, was fühlte er? War er in einem
Himmel, in einer Hölle?
Es war mir nicht möglich, ihn darüber zu fragen. Als ich ihn, am Ende
der Stunde, wieder leben und atmen sah, als sein Blick meinem begegnete,
unversehens leer geworden. Als das Gefühl beengend zu werden anfing,
drehte ich mich um.
Da sah ich meinen Freund sitzen, aufrecht und in guter Haltung wie
sonst. Aber er sah dennoch ganz anders aus als sonst, und etwas ging von
ihm aus, etwas umgab ihn, was ich nicht kannte. Ich glaubte, er habe die
Augen geschlossen, sah aber, daß er sie offen hielt. Sie blickten aber nicht,
sie waren nicht sehend, sie waren starr und nach Innen oder in eine große
Ferne gewendet. Vollkommen regungslos saß er da, auch zu atmen schien er
nicht, sein Mund war wie aus Holz oder Stein geschnitten. Sein Gesicht war
blaß, gleichmäßig bleich, wie Stein, und die braunen Haare waren das
Lebendigste an ihm. Seine Hände lagen vor ihm auf der Bank, leblos und
still wie Gegenstände, wie Steine oder Früchte, bleich und regungslos, doch
nicht schlaff, sondern wie feste, gute Hüllen um ein verborgnes starkes
Leben.
Der Anblick machte mich zittern. Er ist tot! dachte ich, beinahe sagte ich
es laut. Aber ich wußte, daß er nicht tot sei. Ich hing mit gebanntem Blick
an seinem Gesicht, an dieser blassen, steinernen Maske, und ich fühlte: das
war Demian! Wie er sonst war, wenn er mit mir ging und sprach, das war
nur ein halber Demian, einer der zeitweilig eine Rolle spielte, sich
anbequemte, aus Gefälligkeit mittat. Der wirkliche Demian aber sah so aus,
so wie dieser, so steinern, uralt, tierhaft, steinhaft, schön und kalt, tot und
heimlich voll von unerhörtem Leben. Und um ihn her diese stille Leere,
dieser Äther und Sternenraum, dieser einsame Tod!
„Jetzt ist der ganz in sich hineingegangen,“ fühlte ich unter Schauern.
Nie war ich so vereinsamt gewesen. Ich hatte nicht teil an ihm, er war mir
unerreichbar, er war mir ferner, als wenn er auf der fernsten Insel der Welt
gewesen wäre.
Ich begriff kaum, daß niemand außer mir es sehe! Alle mußten hersehen,
alle mußten aufschauern! Aber niemand gab acht auf ihn. Er saß bildhaft
und, wie ich denken mußte, sonderbar götzenhaft steif, eine Fliege setzte
sich auf seine Stirn, lief langsam über Nase und Lippen hinweg — er zuckte
mit keiner Falte.
Wo, wo war er jetzt? Was dachte er, was fühlte er? War er in einem
Himmel, in einer Hölle?
Es war mir nicht möglich, ihn darüber zu fragen. Als ich ihn, am Ende
der Stunde, wieder leben und atmen sah, als sein Blick meinem begegnete,
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war er wie früher. Wo kam er her? Wo war er gewesen? Er schien müde.
Sein Gesicht hatte wieder Farbe, seine Hände bewegten sich wieder, das
braune Haar aber war jetzt glanzlos und wie ermüdet.
In den folgenden Tagen gab ich mich in meinem Schlafzimmer mehrmals
einer neuen Übung hin: ich setzte mich steil auf einen Stuhl, machte die
Augen starr, hielt mich vollkommen regungslos, und wartete, wie lange ich
es aushalten und was ich dabei empfinden werde. Ich wurde jedoch bloß
müde und bekam ein heftiges Jucken in den Augenlidern.
Bald nachher war die Konfirmation, an welche mir keine wichtigen
Erinnerungen geblieben sind.
Es wurde nun alles anders. Die Kindheit fiel um mich her in Trümmer.
Die Eltern sahen mich mit einer gewissen Verlegenheit an. Die Schwestern
waren mir ganz fremd geworden. Eine Ernüchterung verfälschte und
verblaßte mir die gewohnten Gefühle und Freuden, der Garten war ohne
Duft, der Wald lockte nicht, die Welt stand um mich her wie ein Ausverkauf
alter Sachen, fad und reizlos, die Bücher waren Papier, die Musik war ein
Geräusch. So fällt um einen herbstlichen Baum her das Laub, er fühlt es
nicht, Regen rinnt an ihm herab, oder Sonne, oder Frost, und in ihm zieht
das Leben sich langsam ins Engste und Innerste zurück. Er stirbt nicht. Er
wartet.
Es war beschlossen worden, daß ich nach den Ferien in eine andere
Schule und zum ersten Male von Hause fortkommen sollte. Zuweilen
näherte sich mir die Mutter mit besonderer Zärtlichkeit, im voraus Abschied
nehmend, bemüht, mir Liebe, Heimweh und Unvergeßlichkeit ins Herz zu
zaubern. Demian war verreist. Ich war allein.
Sein Gesicht hatte wieder Farbe, seine Hände bewegten sich wieder, das
braune Haar aber war jetzt glanzlos und wie ermüdet.
In den folgenden Tagen gab ich mich in meinem Schlafzimmer mehrmals
einer neuen Übung hin: ich setzte mich steil auf einen Stuhl, machte die
Augen starr, hielt mich vollkommen regungslos, und wartete, wie lange ich
es aushalten und was ich dabei empfinden werde. Ich wurde jedoch bloß
müde und bekam ein heftiges Jucken in den Augenlidern.
Bald nachher war die Konfirmation, an welche mir keine wichtigen
Erinnerungen geblieben sind.
Es wurde nun alles anders. Die Kindheit fiel um mich her in Trümmer.
Die Eltern sahen mich mit einer gewissen Verlegenheit an. Die Schwestern
waren mir ganz fremd geworden. Eine Ernüchterung verfälschte und
verblaßte mir die gewohnten Gefühle und Freuden, der Garten war ohne
Duft, der Wald lockte nicht, die Welt stand um mich her wie ein Ausverkauf
alter Sachen, fad und reizlos, die Bücher waren Papier, die Musik war ein
Geräusch. So fällt um einen herbstlichen Baum her das Laub, er fühlt es
nicht, Regen rinnt an ihm herab, oder Sonne, oder Frost, und in ihm zieht
das Leben sich langsam ins Engste und Innerste zurück. Er stirbt nicht. Er
wartet.
Es war beschlossen worden, daß ich nach den Ferien in eine andere
Schule und zum ersten Male von Hause fortkommen sollte. Zuweilen
näherte sich mir die Mutter mit besonderer Zärtlichkeit, im voraus Abschied
nehmend, bemüht, mir Liebe, Heimweh und Unvergeßlichkeit ins Herz zu
zaubern. Demian war verreist. Ich war allein.
Page 57
Viertes Kapitel
Beatrice
O hne meinen Freund wiedergesehen zu haben, fuhr ich am Ende der
Ferien nach St. Meine Eltern kamen beide mit, und übergaben mich
mit jeder möglichen Sorgfalt dem Schutz einer Knabenpension bei
einem Lehrer des Gymnasiums. Sie wären vor Entsetzen erstarrt, wenn sie
gewußt hätten, in was für Dinge sie mich nun hineinwandern ließen.
Die Frage war noch immer, ob mit der Zeit aus mir ein guter Sohn und
brauchbarer Bürger werden könne, oder ob meine Natur auf andere Wege
hindränge. Mein letzter Versuch, im Schatten des väterlichen Hauses und
Geistes glücklich zu sein, hatte lang gedauert, war zeitweise nahezu
geglückt, und schließlich doch völlig gescheitert.
Die merkwürdige Leere und Vereinsamung, die ich während der Ferien
nach meiner Konfirmation zum erstenmal zu fühlen bekam (wie lernte ich
sie später noch kennen, diese Leere, diese dünne Luft!), ging nicht so rasch
vorüber. Der Abschied von der Heimat gelang sonderbar leicht, ich schämte
mich eigentlich, daß ich nicht wehmütiger war, die Schwestern weinten
grundlos, ich konnte es nicht. Ich war über mich selbst erstaunt. Immer war
ich ein gefühlvolles Kind gewesen, und im Grunde ein ziemlich gutes Kind.
Jetzt war ich ganz verwandelt. Ich verhielt mich völlig gleichgültig gegen
die äußere Welt, und war tagelang nur damit beschäftigt, in mich
hineinzuhorchen und die Ströme zu hören, die verbotenen und dunklen
Ströme, die da in mir unterirdisch rauschten. Ich war sehr rasch gewachsen,
erst im letzten halben Jahre, und sah aufgeschossen, mager und unfertig in
die Welt. Die Liebenswürdigkeit des Knaben war ganz von mir
geschwunden, ich fühlte selbst, daß man mich so nicht lieben könne, und
liebte mich selber auch keineswegs. Nach Max Demian hatte ich oft große
Sehnsucht; aber nicht selten haßte ich auch ihn und gab ihm schuld an der
Beatrice
O hne meinen Freund wiedergesehen zu haben, fuhr ich am Ende der
Ferien nach St. Meine Eltern kamen beide mit, und übergaben mich
mit jeder möglichen Sorgfalt dem Schutz einer Knabenpension bei
einem Lehrer des Gymnasiums. Sie wären vor Entsetzen erstarrt, wenn sie
gewußt hätten, in was für Dinge sie mich nun hineinwandern ließen.
Die Frage war noch immer, ob mit der Zeit aus mir ein guter Sohn und
brauchbarer Bürger werden könne, oder ob meine Natur auf andere Wege
hindränge. Mein letzter Versuch, im Schatten des väterlichen Hauses und
Geistes glücklich zu sein, hatte lang gedauert, war zeitweise nahezu
geglückt, und schließlich doch völlig gescheitert.
Die merkwürdige Leere und Vereinsamung, die ich während der Ferien
nach meiner Konfirmation zum erstenmal zu fühlen bekam (wie lernte ich
sie später noch kennen, diese Leere, diese dünne Luft!), ging nicht so rasch
vorüber. Der Abschied von der Heimat gelang sonderbar leicht, ich schämte
mich eigentlich, daß ich nicht wehmütiger war, die Schwestern weinten
grundlos, ich konnte es nicht. Ich war über mich selbst erstaunt. Immer war
ich ein gefühlvolles Kind gewesen, und im Grunde ein ziemlich gutes Kind.
Jetzt war ich ganz verwandelt. Ich verhielt mich völlig gleichgültig gegen
die äußere Welt, und war tagelang nur damit beschäftigt, in mich
hineinzuhorchen und die Ströme zu hören, die verbotenen und dunklen
Ströme, die da in mir unterirdisch rauschten. Ich war sehr rasch gewachsen,
erst im letzten halben Jahre, und sah aufgeschossen, mager und unfertig in
die Welt. Die Liebenswürdigkeit des Knaben war ganz von mir
geschwunden, ich fühlte selbst, daß man mich so nicht lieben könne, und
liebte mich selber auch keineswegs. Nach Max Demian hatte ich oft große
Sehnsucht; aber nicht selten haßte ich auch ihn und gab ihm schuld an der
Page 58
Verarmung meines Lebens, die ich wie eine häßliche Krankheit auf mich
nahm.
In unsrem Schülerpensionat wurde ich anfangs weder geliebt noch
geachtet, man hänselte mich erst, zog sich dann von mir zurück, und sah
einen Duckmäuser und unangenehmen Sonderling in mir. Ich gefiel mir in
der Rolle, übertrieb sie noch, und grollte mich in eine Einsamkeit hinein,
die nach außen beständig wie männlichste Weltverachtung aussah, während
ich heimlich oft verzehrenden Anfällen von Wehmut und Verzweiflung
unterlag. In der Schule hatte ich an aufgehäuften Kenntnissen von Zuhause
zu zehren, die Klasse war etwas gegen meine frühere zurück, und ich
gewöhnte mir an, meine Altersgenossen etwas verächtlich als Kinder
anzusehen.
Ein Jahr und länger lief das so dahin, auch die ersten Ferienbesuche zu
Hause brachten keine neuen Klänge; ich fuhr gerne wieder weg.
Es war zu Beginn des November. Ich hatte mir angewöhnt, bei jedem
Wetter kleine, denkerische Spaziergänge zu machen, auf denen ich oft eine
Art von Wonne genoß, eine Wonne voll Melancholie, Weltverachtung und
Selbstverachtung. So schlenderte ich eines Abends in der feuchten, nebligen
Dämmerung durch die Umgebung der Stadt, die breite Allee eines
öffentlichen Parkes stand völlig verlassen und lud mich ein, der Weg lag
dick voll gefallener Blätter, in denen ich mit dunkler Wollust mit den Füßen
wühlte, es roch feucht und bitter, die fernen Bäume traten gespenstisch groß
und schattenhaft aus den Nebeln.
Am Ende der Allee blieb ich unschlüssig stehen, starrte in das schwarze
Laub und atmete mit Gier den nassen Duft von Verwitterung und Absterben,
den etwas in mir erwiderte und begrüßte. O wie fad das Leben schmeckte!
Aus einem Nebenwege kam im wehenden Kragenmantel ein Mensch
daher, ich wollte weitergehen, da rief er mich an.
„Halloh, Sinclair!“
Er kam heran, es war Alfons Beck, der Älteste unserer Pension. Ich sah
ihn immer gern und hatte nichts gegen ihn, als daß er mit mir wie mit allen
Jüngeren immer ironisch und onkelhaft war. Er galt für bärenstark, sollte
den Herrn unsrer Pension unter dem Pantoffel haben und war der Held
vieler Gymnasiastengerüchte.
„Was machst denn du hier?“ rief er leutselig mit dem Ton, den die
Größeren hatten, wenn sie gelegentlich sich zu einem von uns herabließen.
„Na, wollen wir wetten, du machst Gedichte?“
nahm.
In unsrem Schülerpensionat wurde ich anfangs weder geliebt noch
geachtet, man hänselte mich erst, zog sich dann von mir zurück, und sah
einen Duckmäuser und unangenehmen Sonderling in mir. Ich gefiel mir in
der Rolle, übertrieb sie noch, und grollte mich in eine Einsamkeit hinein,
die nach außen beständig wie männlichste Weltverachtung aussah, während
ich heimlich oft verzehrenden Anfällen von Wehmut und Verzweiflung
unterlag. In der Schule hatte ich an aufgehäuften Kenntnissen von Zuhause
zu zehren, die Klasse war etwas gegen meine frühere zurück, und ich
gewöhnte mir an, meine Altersgenossen etwas verächtlich als Kinder
anzusehen.
Ein Jahr und länger lief das so dahin, auch die ersten Ferienbesuche zu
Hause brachten keine neuen Klänge; ich fuhr gerne wieder weg.
Es war zu Beginn des November. Ich hatte mir angewöhnt, bei jedem
Wetter kleine, denkerische Spaziergänge zu machen, auf denen ich oft eine
Art von Wonne genoß, eine Wonne voll Melancholie, Weltverachtung und
Selbstverachtung. So schlenderte ich eines Abends in der feuchten, nebligen
Dämmerung durch die Umgebung der Stadt, die breite Allee eines
öffentlichen Parkes stand völlig verlassen und lud mich ein, der Weg lag
dick voll gefallener Blätter, in denen ich mit dunkler Wollust mit den Füßen
wühlte, es roch feucht und bitter, die fernen Bäume traten gespenstisch groß
und schattenhaft aus den Nebeln.
Am Ende der Allee blieb ich unschlüssig stehen, starrte in das schwarze
Laub und atmete mit Gier den nassen Duft von Verwitterung und Absterben,
den etwas in mir erwiderte und begrüßte. O wie fad das Leben schmeckte!
Aus einem Nebenwege kam im wehenden Kragenmantel ein Mensch
daher, ich wollte weitergehen, da rief er mich an.
„Halloh, Sinclair!“
Er kam heran, es war Alfons Beck, der Älteste unserer Pension. Ich sah
ihn immer gern und hatte nichts gegen ihn, als daß er mit mir wie mit allen
Jüngeren immer ironisch und onkelhaft war. Er galt für bärenstark, sollte
den Herrn unsrer Pension unter dem Pantoffel haben und war der Held
vieler Gymnasiastengerüchte.
„Was machst denn du hier?“ rief er leutselig mit dem Ton, den die
Größeren hatten, wenn sie gelegentlich sich zu einem von uns herabließen.
„Na, wollen wir wetten, du machst Gedichte?“
Page 59
„Fällt mir nicht ein,“ lehnte ich barsch ab.
Er lachte auf, ging neben mir und plauderte, wie ich es gar nicht mehr
gewohnt war.
„Du brauchst nicht Angst zu haben, Sinclair, daß ich das etwa nicht
verstehe. Es hat ja etwas, wenn man so am Abend im Nebel geht, so mit
Herbstgedanken, man macht dann gern Gedichte, ich weiß schon. Von der
sterbenden Natur, natürlich, und von der verlorenen Jugend, die ihr gleicht.
Siehe Heinrich Heine.“
„Ich bin nicht so sentimental,“ wehrte ich mich.
„Na, laß gut sein! Aber bei diesem Wetter, scheint mir, tut der Mensch
gut, einen stillen Ort zu suchen, wo es ein Glas Wein oder dergleichen gibt.
Kommst du ein bißchen mit? Ich bin grade ganz allein. — Oder magst du
nicht? Deinen Verführer möchte ich nicht machen, Lieber, falls du ein
Musterknabe sein solltest.“
Bald darauf saßen wir in einer kleinen Vorstadtkneipe, tranken einen
zweifelhaften Wein und stießen mit den dicken Gläsern an. Es gefiel mir
zuerst wenig, immerhin war es etwas Neues. Bald aber wurde ich, des
Weines ungewohnt, sehr gesprächig. Es war, als sei ein Fenster in mir
aufgestoßen, die Welt schien herein — wie lang, wie furchtbar lang hatte
ich mir nichts von der Seele geredet! Ich kam ins Phantasieren, und mitten
drinne gab ich die Geschichte von Kain und Abel zum besten!
Beck hörte mir mit Vergnügen zu — endlich jemand, dem ich etwas gab!
Er klopfte mir auf die Schulter, er nannte mich einen Teufelskerl und ein
geniales Luder, und mir schwoll das Herz hoch auf vor Wonne, angestaute
Bedürfnisse der Rede und Mitteilung schwelgerisch hinströmen zu lassen,
anerkannt zu sein und bei einem Älteren etwas zu gelten. Als er mich ein
geniales Luder nannte, lief mir das Wort wie ein süßer, starker Wein in die
Seele. Die Welt brannte in neuen Farben, Gedanken flossen mir aus hundert
kecken Quellen zu, Geist und Feuer lohte in mir. Wir sprachen über Lehrer
und Kameraden, und mir schien, wir verstünden einander herrlich. Wir
sprachen von den Griechen und vom Heidentum, und Beck wollte mich
durchaus zu Geständnissen über Liebesabenteuer bringen. Da konnte ich
nun nicht mitreden. Erlebt hatte ich nichts, nichts zum Erzählen. Und was
ich in mir gefühlt, konstruiert, phantasiert hatte, das saß zwar brennend in
mir, war aber auch durch den Wein nicht gelöst und mitteilbar geworden.
Von den Mädchen wußte Beck viel mehr, und ich hörte diesen Märchen
glühend zu. Unglaubliches erfuhr ich da, nie für möglich Gehaltenes trat in
Er lachte auf, ging neben mir und plauderte, wie ich es gar nicht mehr
gewohnt war.
„Du brauchst nicht Angst zu haben, Sinclair, daß ich das etwa nicht
verstehe. Es hat ja etwas, wenn man so am Abend im Nebel geht, so mit
Herbstgedanken, man macht dann gern Gedichte, ich weiß schon. Von der
sterbenden Natur, natürlich, und von der verlorenen Jugend, die ihr gleicht.
Siehe Heinrich Heine.“
„Ich bin nicht so sentimental,“ wehrte ich mich.
„Na, laß gut sein! Aber bei diesem Wetter, scheint mir, tut der Mensch
gut, einen stillen Ort zu suchen, wo es ein Glas Wein oder dergleichen gibt.
Kommst du ein bißchen mit? Ich bin grade ganz allein. — Oder magst du
nicht? Deinen Verführer möchte ich nicht machen, Lieber, falls du ein
Musterknabe sein solltest.“
Bald darauf saßen wir in einer kleinen Vorstadtkneipe, tranken einen
zweifelhaften Wein und stießen mit den dicken Gläsern an. Es gefiel mir
zuerst wenig, immerhin war es etwas Neues. Bald aber wurde ich, des
Weines ungewohnt, sehr gesprächig. Es war, als sei ein Fenster in mir
aufgestoßen, die Welt schien herein — wie lang, wie furchtbar lang hatte
ich mir nichts von der Seele geredet! Ich kam ins Phantasieren, und mitten
drinne gab ich die Geschichte von Kain und Abel zum besten!
Beck hörte mir mit Vergnügen zu — endlich jemand, dem ich etwas gab!
Er klopfte mir auf die Schulter, er nannte mich einen Teufelskerl und ein
geniales Luder, und mir schwoll das Herz hoch auf vor Wonne, angestaute
Bedürfnisse der Rede und Mitteilung schwelgerisch hinströmen zu lassen,
anerkannt zu sein und bei einem Älteren etwas zu gelten. Als er mich ein
geniales Luder nannte, lief mir das Wort wie ein süßer, starker Wein in die
Seele. Die Welt brannte in neuen Farben, Gedanken flossen mir aus hundert
kecken Quellen zu, Geist und Feuer lohte in mir. Wir sprachen über Lehrer
und Kameraden, und mir schien, wir verstünden einander herrlich. Wir
sprachen von den Griechen und vom Heidentum, und Beck wollte mich
durchaus zu Geständnissen über Liebesabenteuer bringen. Da konnte ich
nun nicht mitreden. Erlebt hatte ich nichts, nichts zum Erzählen. Und was
ich in mir gefühlt, konstruiert, phantasiert hatte, das saß zwar brennend in
mir, war aber auch durch den Wein nicht gelöst und mitteilbar geworden.
Von den Mädchen wußte Beck viel mehr, und ich hörte diesen Märchen
glühend zu. Unglaubliches erfuhr ich da, nie für möglich Gehaltenes trat in
Page 60
die platte Wirklichkeit, schien selbstverständlich. Alfons Beck hatte mit
seinen vielleicht achtzehn Jahren schon Erfahrungen gesammelt. Unter
anderen die, daß es mit den Mädchen so eine Sache sei, sie wollten nichts
als schöntun und Galanterien haben, und das war ja ganz hübsch, aber doch
nicht das Wahre. Da sei mehr Erfolg bei Frauen zu hoffen. Frauen seien viel
gescheiter. Zum Beispiel die Frau Jaggelt, die den Laden mit den
Schulheften und Bleistiften hatte, mit der ließ sich reden, und was hinter
ihrem Ladentisch schon alles geschehen sei, das gehe in kein Buch.
Ich saß tief bezaubert und benommen. Allerdings, ich hätte die Frau
Jaggelt nicht gerade lieben können — aber immerhin, es war unerhört. Es
schienen da Quellen zu fließen, wenigstens für die Älteren, von denen ich
nie geträumt hatte. Ein falscher Klang war ja dabei, und es schmeckte alles
geringer und alltäglicher als nach meiner Meinung die Liebe schmecken
durfte, — aber immerhin, es war Wirklichkeit, es war Leben und Abenteuer,
es saß einer neben mir, der es erlebt hatte, dem es selbstverständlich schien.
Unsere Gespräche waren ein wenig herabgestiegen, hatten etwas
verloren. Ich war auch nicht mehr der geniale kleine Kerl, ich war jetzt bloß
noch ein Knabe, der einem Manne zuhörte. Aber auch so noch — gegen
das, was seit Monaten und Monaten mein Leben gewesen war, war dies
köstlich, war dies paradiesisch. Außerdem war es, wie ich erst allmählich zu
fühlen begann, verboten, sehr verboten, vom Wirtshaussitzen bis zu dem,
was wir sprachen. Ich jedenfalls schmeckte Geist, schmeckte Revolution
darin.
Ich erinnere mich jener Nacht mit größter Deutlichkeit. Als wir beide,
spät an trüb brennenden Gaslaternen vorbei, in der kühlen nassen Nacht
unsern Heimweg nahmen, war ich zum erstenmal betrunken. Es war nicht
schön, es war äußerst qualvoll, und doch hatte auch das noch etwas, einen
Reiz, eine Süßigkeit, war Aufstand und Orgie, war Leben und Geist. Beck
nahm sich meiner tapfer an, obwohl er bitter über mich als blutigen
Anfänger schalt, und er brachte mich, halb getragen, nach Hause, wo es ihm
gelang, mich und sich durch ein offenstehendes Flurfenster
einzuschmuggeln.
Mit der Ernüchterung aber, zu der ich nach ganz kurzem toten Schlaf mit
Schmerzen erwachte, kam ein unsinniges Weh über mich. Ich saß im Bette
auf, hatte das Taghemd noch an, meine Kleider und Schuhe lagen am Boden
umher und rochen nach Tabak und Erbrochenem, und zwischen Kopfweh,
Übelkeit und rasendem Durstgefühl kam mir ein Bild vor die Seele, dem ich
seinen vielleicht achtzehn Jahren schon Erfahrungen gesammelt. Unter
anderen die, daß es mit den Mädchen so eine Sache sei, sie wollten nichts
als schöntun und Galanterien haben, und das war ja ganz hübsch, aber doch
nicht das Wahre. Da sei mehr Erfolg bei Frauen zu hoffen. Frauen seien viel
gescheiter. Zum Beispiel die Frau Jaggelt, die den Laden mit den
Schulheften und Bleistiften hatte, mit der ließ sich reden, und was hinter
ihrem Ladentisch schon alles geschehen sei, das gehe in kein Buch.
Ich saß tief bezaubert und benommen. Allerdings, ich hätte die Frau
Jaggelt nicht gerade lieben können — aber immerhin, es war unerhört. Es
schienen da Quellen zu fließen, wenigstens für die Älteren, von denen ich
nie geträumt hatte. Ein falscher Klang war ja dabei, und es schmeckte alles
geringer und alltäglicher als nach meiner Meinung die Liebe schmecken
durfte, — aber immerhin, es war Wirklichkeit, es war Leben und Abenteuer,
es saß einer neben mir, der es erlebt hatte, dem es selbstverständlich schien.
Unsere Gespräche waren ein wenig herabgestiegen, hatten etwas
verloren. Ich war auch nicht mehr der geniale kleine Kerl, ich war jetzt bloß
noch ein Knabe, der einem Manne zuhörte. Aber auch so noch — gegen
das, was seit Monaten und Monaten mein Leben gewesen war, war dies
köstlich, war dies paradiesisch. Außerdem war es, wie ich erst allmählich zu
fühlen begann, verboten, sehr verboten, vom Wirtshaussitzen bis zu dem,
was wir sprachen. Ich jedenfalls schmeckte Geist, schmeckte Revolution
darin.
Ich erinnere mich jener Nacht mit größter Deutlichkeit. Als wir beide,
spät an trüb brennenden Gaslaternen vorbei, in der kühlen nassen Nacht
unsern Heimweg nahmen, war ich zum erstenmal betrunken. Es war nicht
schön, es war äußerst qualvoll, und doch hatte auch das noch etwas, einen
Reiz, eine Süßigkeit, war Aufstand und Orgie, war Leben und Geist. Beck
nahm sich meiner tapfer an, obwohl er bitter über mich als blutigen
Anfänger schalt, und er brachte mich, halb getragen, nach Hause, wo es ihm
gelang, mich und sich durch ein offenstehendes Flurfenster
einzuschmuggeln.
Mit der Ernüchterung aber, zu der ich nach ganz kurzem toten Schlaf mit
Schmerzen erwachte, kam ein unsinniges Weh über mich. Ich saß im Bette
auf, hatte das Taghemd noch an, meine Kleider und Schuhe lagen am Boden
umher und rochen nach Tabak und Erbrochenem, und zwischen Kopfweh,
Übelkeit und rasendem Durstgefühl kam mir ein Bild vor die Seele, dem ich
Page 61
lange nicht mehr ins Auge gesehen hatte. Ich sah Heimat und Elternhaus,
Vater und Mutter, Schwestern und Garten, ich sah mein stilles heimatliches
Schlafzimmer, sah die Schule und den Marktplatz, sah Demian und die
Konfirmationsstunden — und alles dies war licht, alles war von Glanz
umflossen, alles war wunderbar, göttlich und rein, und alles, alles das hatte
— so wußte ich jetzt — noch gestern, noch vor Stunden, mir gehört, auf
mich gewartet, und war jetzt, erst jetzt in dieser Stunde, versunken und
verflucht, gehörte mir nicht mehr, stieß mich aus, sah mit Ekel auf mich!
Alles Liebe und Innige, was ich je bis in fernste goldenste Kindheitsgärten
zurück von meinen Eltern erfahren hatte, jeder Kuß der Mutter, jede
Weihnacht, jeder fromme helle Sonntagmorgen daheim, jede Blume im
Garten — alles war verwüstet, alles hatte ich mit Füßen getreten! Wenn
jetzt Häscher gekommen wären und hätten mich gebunden und als Auswurf
und Tempelschänder zum Galgen geführt, ich wäre einverstanden gewesen,
wäre gern gegangen, hätte es richtig und gut gefunden.
Also so sah ich innerlich aus! Ich, der herumging und die Welt
verachtete! Ich, der stolz im Geist war und Gedanken Demians mitdachte!
So sah ich aus, ein Auswurf und Schweinigel, betrunken und beschmutzt,
ekelhaft und gemein, eine wüste Bestie, von scheußlichen Trieben
überrumpelt! So sah ich aus, ich, der aus jenen Gärten kam, wo alles
Reinheit, Glanz und holde Zartheit war, ich, der ich Musik von Bach und
schöne Gedichte geliebt hatte! Ich hörte noch mit Ekel und Empörung mein
eigenes Lachen, ein betrunkenes, unbeherrschtes, stoßweis und albern
herausbrechendes Lachen. Das war Ich!
Trotz allem aber war es beinahe ein Genuß, diese Qualen zu leiden. So
lange war ich blind und stumpf dahingekrochen, so lange hatte mein Herz
geschwiegen und verarmt im Winkel gesessen, daß auch diese
Selbstanklagen, dieses Grauen, dies ganze scheußliche Gefühl der Seele
willkommen war. Es war doch Gefühl, es stiegen doch Flammen, es zuckte
doch Herz darin! Verwirrt empfand ich mitten im Elend etwas wie
Befreiung und Frühling.
Indessen ging es, von außen gesehen, tüchtig bergab mit mir. Der erste
Rausch war bald nicht mehr der erste. Es wurde an unsrer Schule viel
gekneipt und Allotria getrieben, ich war einer der Allerjüngsten unter
denen, die mittaten, und bald war ich kein Geduldeter und Kleiner mehr,
sondern ein Anführer und Stern, ein berühmter wagehalsiger
Vater und Mutter, Schwestern und Garten, ich sah mein stilles heimatliches
Schlafzimmer, sah die Schule und den Marktplatz, sah Demian und die
Konfirmationsstunden — und alles dies war licht, alles war von Glanz
umflossen, alles war wunderbar, göttlich und rein, und alles, alles das hatte
— so wußte ich jetzt — noch gestern, noch vor Stunden, mir gehört, auf
mich gewartet, und war jetzt, erst jetzt in dieser Stunde, versunken und
verflucht, gehörte mir nicht mehr, stieß mich aus, sah mit Ekel auf mich!
Alles Liebe und Innige, was ich je bis in fernste goldenste Kindheitsgärten
zurück von meinen Eltern erfahren hatte, jeder Kuß der Mutter, jede
Weihnacht, jeder fromme helle Sonntagmorgen daheim, jede Blume im
Garten — alles war verwüstet, alles hatte ich mit Füßen getreten! Wenn
jetzt Häscher gekommen wären und hätten mich gebunden und als Auswurf
und Tempelschänder zum Galgen geführt, ich wäre einverstanden gewesen,
wäre gern gegangen, hätte es richtig und gut gefunden.
Also so sah ich innerlich aus! Ich, der herumging und die Welt
verachtete! Ich, der stolz im Geist war und Gedanken Demians mitdachte!
So sah ich aus, ein Auswurf und Schweinigel, betrunken und beschmutzt,
ekelhaft und gemein, eine wüste Bestie, von scheußlichen Trieben
überrumpelt! So sah ich aus, ich, der aus jenen Gärten kam, wo alles
Reinheit, Glanz und holde Zartheit war, ich, der ich Musik von Bach und
schöne Gedichte geliebt hatte! Ich hörte noch mit Ekel und Empörung mein
eigenes Lachen, ein betrunkenes, unbeherrschtes, stoßweis und albern
herausbrechendes Lachen. Das war Ich!
Trotz allem aber war es beinahe ein Genuß, diese Qualen zu leiden. So
lange war ich blind und stumpf dahingekrochen, so lange hatte mein Herz
geschwiegen und verarmt im Winkel gesessen, daß auch diese
Selbstanklagen, dieses Grauen, dies ganze scheußliche Gefühl der Seele
willkommen war. Es war doch Gefühl, es stiegen doch Flammen, es zuckte
doch Herz darin! Verwirrt empfand ich mitten im Elend etwas wie
Befreiung und Frühling.
Indessen ging es, von außen gesehen, tüchtig bergab mit mir. Der erste
Rausch war bald nicht mehr der erste. Es wurde an unsrer Schule viel
gekneipt und Allotria getrieben, ich war einer der Allerjüngsten unter
denen, die mittaten, und bald war ich kein Geduldeter und Kleiner mehr,
sondern ein Anführer und Stern, ein berühmter wagehalsiger
Page 62
Kneipenbesucher. Ich gehörte wieder einmal ganz der dunkeln Welt, dem
Teufel an, und ich galt in dieser Welt als ein famoser Kerl.
Dabei war mir jammervoll zumute. Ich lebte in einem
selbstzerstörerischen Orgiasmus dahin, und während ich bei den
Kameraden für einen Führer und Teufelskerl, für einen verflucht
schneidigen und witzigen Burschen galt, hatte ich tief in mir eine angstvolle
Seele voller Bangnis flattern. Ich weiß noch, daß mir einmal die Tränen
kamen, als ich beim Verlassen einer Kneipe am Sonntagvormittag auf der
Straße Kinder spielen sah, hell und vergnügt mit frischgekämmtem Haar
und in Sonntagskleidern. Und während ich, zwischen Bierlachen an
schmutzigen Tischen geringer Wirtshäuser, meine Freunde durch unerhörte
Zynismen belustigte und oft erschreckte, hatte ich im verborgenen Herzen
Ehrfurcht vor allem, was ich verhöhnte, und lag innerlich weinend auf den
Knien vor meiner Seele, vor meiner Vergangenheit, vor meiner Mutter, vor
Gott.
Daß ich niemals eins wurde mit meinen Begleitern, daß ich unter ihnen
einsam blieb und darum so leiden konnte, das hatte einen guten Grund. Ich
war ein Kneipenheld und Spötter nach dem Herzen der Rohesten, ich zeigte
Geist und zeigte Mut in meinen Gedanken und Reden über Lehrer, Schule,
Eltern, Kirche — ich hielt auch Zoten stand und wagte etwa selber eine —
aber ich war niemals dabei, wenn meine Kumpane zu Mädchen gingen, ich
war allein und war voll glühender Sehnsucht nach Liebe, hoffnungsloser
Sehnsucht, während ich nach meinen Reden ein abgebrühter Genießer hätte
sein müssen. Niemand war verletzlicher, niemand schamhafter als ich. Und
wenn ich je und je die jungen Bürgermädchen vor mir gehen sah, hübsch
und sauber, licht und anmutig, waren sie mir wunderbare, reine Träume,
tausendmal zu gut und rein für mich. Eine Zeitlang konnte ich auch nicht
mehr in den Papierladen der Frau Jaggelt gehen, weil ich rot wurde, wenn
ich sie ansah und an das dachte, was Alfons Beck mir von ihr erzählt hatte.
Je mehr ich nun auch in meiner neuen Gesellschaft mich fortwährend
einsam und anders wußte, desto weniger kam ich von ihr los. Ich weiß
wirklich nicht mehr, ob das Saufen und Renommieren mir eigentlich jemals
Vergnügen machte, auch gewöhnte ich mich an das Trinken niemals so, daß
ich nicht jedesmal peinliche Folgen gespürt hätte. Es war alles wie ein
Zwang. Ich tat, was ich mußte, weil ich sonst durchaus nicht wußte, was mit
mir beginnen. Ich hatte Furcht vor langem Alleinsein, hatte Angst vor den
vielen zarten, schamhaften, innigen Anwandlungen, zu denen ich mich stets
Teufel an, und ich galt in dieser Welt als ein famoser Kerl.
Dabei war mir jammervoll zumute. Ich lebte in einem
selbstzerstörerischen Orgiasmus dahin, und während ich bei den
Kameraden für einen Führer und Teufelskerl, für einen verflucht
schneidigen und witzigen Burschen galt, hatte ich tief in mir eine angstvolle
Seele voller Bangnis flattern. Ich weiß noch, daß mir einmal die Tränen
kamen, als ich beim Verlassen einer Kneipe am Sonntagvormittag auf der
Straße Kinder spielen sah, hell und vergnügt mit frischgekämmtem Haar
und in Sonntagskleidern. Und während ich, zwischen Bierlachen an
schmutzigen Tischen geringer Wirtshäuser, meine Freunde durch unerhörte
Zynismen belustigte und oft erschreckte, hatte ich im verborgenen Herzen
Ehrfurcht vor allem, was ich verhöhnte, und lag innerlich weinend auf den
Knien vor meiner Seele, vor meiner Vergangenheit, vor meiner Mutter, vor
Gott.
Daß ich niemals eins wurde mit meinen Begleitern, daß ich unter ihnen
einsam blieb und darum so leiden konnte, das hatte einen guten Grund. Ich
war ein Kneipenheld und Spötter nach dem Herzen der Rohesten, ich zeigte
Geist und zeigte Mut in meinen Gedanken und Reden über Lehrer, Schule,
Eltern, Kirche — ich hielt auch Zoten stand und wagte etwa selber eine —
aber ich war niemals dabei, wenn meine Kumpane zu Mädchen gingen, ich
war allein und war voll glühender Sehnsucht nach Liebe, hoffnungsloser
Sehnsucht, während ich nach meinen Reden ein abgebrühter Genießer hätte
sein müssen. Niemand war verletzlicher, niemand schamhafter als ich. Und
wenn ich je und je die jungen Bürgermädchen vor mir gehen sah, hübsch
und sauber, licht und anmutig, waren sie mir wunderbare, reine Träume,
tausendmal zu gut und rein für mich. Eine Zeitlang konnte ich auch nicht
mehr in den Papierladen der Frau Jaggelt gehen, weil ich rot wurde, wenn
ich sie ansah und an das dachte, was Alfons Beck mir von ihr erzählt hatte.
Je mehr ich nun auch in meiner neuen Gesellschaft mich fortwährend
einsam und anders wußte, desto weniger kam ich von ihr los. Ich weiß
wirklich nicht mehr, ob das Saufen und Renommieren mir eigentlich jemals
Vergnügen machte, auch gewöhnte ich mich an das Trinken niemals so, daß
ich nicht jedesmal peinliche Folgen gespürt hätte. Es war alles wie ein
Zwang. Ich tat, was ich mußte, weil ich sonst durchaus nicht wußte, was mit
mir beginnen. Ich hatte Furcht vor langem Alleinsein, hatte Angst vor den
vielen zarten, schamhaften, innigen Anwandlungen, zu denen ich mich stets
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geneigt fühlte, hatte Angst vor den zarten Liebesgedanken, die mir so oft
kamen.
Eines fehlte mir am meisten — ein Freund. Es gab zwei oder drei
Mitschüler, die ich sehr gerne sah. Aber sie gehörten zu den Braven, und
meine Laster waren längst niemandem mehr ein Geheimnis. Sie mieden
mich. Ich galt bei allen für einen hoffnungslosen Spieler, dem der Boden
unter den Füßen wankte. Die Lehrer wußten viel von mir, ich war mehrmals
streng bestraft worden, meine schließliche Entlassung aus der Schule war
etwas, worauf man wartete. Ich selbst wußte das, ich war auch schon lange
kein guter Schüler mehr, sondern drückte und schwindelte mich mühsam
durch, mit dem Gefühl, daß das nicht mehr lange dauern könne.
Es gibt viele Wege, auf denen der Gott uns einsam machen und zu uns
selber führen kann. Diesen Weg ging er damals mit mir. Es war wie ein
arger Traum. Über Schmutz und Klebrigkeit, über zerbrochene Biergläser
und zynisch durchschwatzte Nächte weg sehe ich mich, einen gebannten
Träumer, ruhelos und gepeinigt kriechen, einen häßlichen und unsaubern
Weg. Es gibt solche Träume, in denen man, auf dem Weg zur Prinzessin, in
Kotlachen, in Hintergassen voll Gestank und Unrat steckenbleibt. So ging
es mir. Auf diese wenig feine Art war es mir beschieden, einsam zu werden
und zwischen mich und die Kindheit ein verschlossenes Edentor mit
erbarmungslos strahlenden Wächtern zu bringen. Es war ein Beginn, ein
Erwachen des Heimwehs nach mir selber.
Ich erschrak noch und hatte Zuckungen, als zum erstenmal, durch Briefe
meines Pensionsherrn alarmiert, mein Vater in St. erschien und mir
unerwartet gegenübertrat. Als er, gegen Ende jenes Winters, zum
zweitenmal kam, war ich schon hart und gleichgültig, ließ ihn schelten, ließ
ihn bitten, ließ ihn an die Mutter erinnern. Er war zuletzt sehr aufgebracht
und sagte, wenn ich nicht anders werde, lasse er mich mit Schimpf und
Schande von der Schule jagen und stecke mich in eine Besserungsanstalt.
Mochte er! Als er damals abreiste, tat er mir leid, aber er hatte nichts
erreicht, er hatte keinen Weg mehr zu mir gefunden, und für Augenblicke
fühlte ich, es geschehe ihm recht. —
Was aus mir würde, war mir einerlei. Auf meine sonderbare und wenig
hübsche Art, mit meinem Wirtshaussitzen und Auftrumpfen lag ich im Streit
mit der Welt, dies war meine Form, zu protestieren. Ich machte mich dabei
kaputt, und zuweilen sah für mich die Sache etwa so aus: Wenn die Welt
Leute wie mich nicht brauchen konnte, wenn sie für sie keinen besseren
kamen.
Eines fehlte mir am meisten — ein Freund. Es gab zwei oder drei
Mitschüler, die ich sehr gerne sah. Aber sie gehörten zu den Braven, und
meine Laster waren längst niemandem mehr ein Geheimnis. Sie mieden
mich. Ich galt bei allen für einen hoffnungslosen Spieler, dem der Boden
unter den Füßen wankte. Die Lehrer wußten viel von mir, ich war mehrmals
streng bestraft worden, meine schließliche Entlassung aus der Schule war
etwas, worauf man wartete. Ich selbst wußte das, ich war auch schon lange
kein guter Schüler mehr, sondern drückte und schwindelte mich mühsam
durch, mit dem Gefühl, daß das nicht mehr lange dauern könne.
Es gibt viele Wege, auf denen der Gott uns einsam machen und zu uns
selber führen kann. Diesen Weg ging er damals mit mir. Es war wie ein
arger Traum. Über Schmutz und Klebrigkeit, über zerbrochene Biergläser
und zynisch durchschwatzte Nächte weg sehe ich mich, einen gebannten
Träumer, ruhelos und gepeinigt kriechen, einen häßlichen und unsaubern
Weg. Es gibt solche Träume, in denen man, auf dem Weg zur Prinzessin, in
Kotlachen, in Hintergassen voll Gestank und Unrat steckenbleibt. So ging
es mir. Auf diese wenig feine Art war es mir beschieden, einsam zu werden
und zwischen mich und die Kindheit ein verschlossenes Edentor mit
erbarmungslos strahlenden Wächtern zu bringen. Es war ein Beginn, ein
Erwachen des Heimwehs nach mir selber.
Ich erschrak noch und hatte Zuckungen, als zum erstenmal, durch Briefe
meines Pensionsherrn alarmiert, mein Vater in St. erschien und mir
unerwartet gegenübertrat. Als er, gegen Ende jenes Winters, zum
zweitenmal kam, war ich schon hart und gleichgültig, ließ ihn schelten, ließ
ihn bitten, ließ ihn an die Mutter erinnern. Er war zuletzt sehr aufgebracht
und sagte, wenn ich nicht anders werde, lasse er mich mit Schimpf und
Schande von der Schule jagen und stecke mich in eine Besserungsanstalt.
Mochte er! Als er damals abreiste, tat er mir leid, aber er hatte nichts
erreicht, er hatte keinen Weg mehr zu mir gefunden, und für Augenblicke
fühlte ich, es geschehe ihm recht. —
Was aus mir würde, war mir einerlei. Auf meine sonderbare und wenig
hübsche Art, mit meinem Wirtshaussitzen und Auftrumpfen lag ich im Streit
mit der Welt, dies war meine Form, zu protestieren. Ich machte mich dabei
kaputt, und zuweilen sah für mich die Sache etwa so aus: Wenn die Welt
Leute wie mich nicht brauchen konnte, wenn sie für sie keinen besseren
Page 64
Platz, keine höhern Aufgaben hatte, nun so gingen Leute wie ich eben
kaputt. Mochte die Welt den Schaden haben.
Die Weihnachtsferien jenes Jahres waren recht unerfreulich. Meine
Mutter erschrak, als sie mich wiedersah. Ich war noch mehr gewachsen,
und mein hageres Gesicht sah grau und verwüstet aus, mit schlaffen Zügen
und entzündeten Augenrändern. Der erste Anflug des Schnurrbartes und die
Brille, die ich seit kurzem trug, machten mich ihr noch fremder. Die
Schwestern wichen zurück und kicherten. Es war alles unerquicklich.
Unerquicklich und bitter das Gespräch mit dem Vater in dessen
Studierzimmer, unerquicklich das Begrüßen der paar Verwandten,
unerquicklich vor allem der Weihnachtsabend. Das war, seit ich lebte, in
unsrem Hause der große Tag gewesen, der Abend der Festlichkeit und
Liebe, der Dankbarkeit, der Erneuerung des Bundes zwischen den Eltern
und mir. Diesmal war alles nur bedrückend und verlegenmachend. Wie
sonst las mein Vater das Evangelium von den Hirten auf dem Felde, „die
hüteten allda ihre Herde,“ wie sonst standen die Schwestern strahlend vor
ihrem Gabentisch, aber die Stimme des Vaters klang unfroh, und sein
Gesicht sah alt und beengt aus, und die Mutter war traurig, und mir war
alles gleich peinlich und unerwünscht, Gaben und Glückwünsche,
Evangelium und Lichterbaum. Die Lebkuchen rochen süß und strömten
dichte Wolken süßerer Erinnerungen aus. Der Tannenbaum duftete und
erzählte von Dingen, die nicht mehr waren. Ich sehnte das Ende des Abends
und der Feiertage herbei.
Es ging den ganzen Winter so weiter. Erst vor kurzem war ich
eindringlich vom Lehrersenat verwarnt und mit dem Ausschluß bedroht
worden. Es würde nicht lang mehr dauern. Nun, meinetwegen.
Einen besonderen Groll hatte ich gegen Max Demian. Den hatte ich nun
die ganze Zeit nicht mehr gesehen. Ich hatte ihm, am Beginn meiner
Schülerzeit in St., zweimal geschrieben, aber keine Antwort bekommen;
darum hatte ich ihn auch in den Ferien nicht besucht.
I n demselben Park, wo ich im Herbst mit Alfons Beck
zusammengetroffen war, geschah es im beginnenden Frühling, als eben
die Dornhecken grün zu werden anfingen, daß ein Mädchen mir auffiel.
Ich war allein spazierengegangen, voll von widerlichen Gedanken und
Sorgen, denn meine Gesundheit war schlecht geworden, und außerdem war
kaputt. Mochte die Welt den Schaden haben.
Die Weihnachtsferien jenes Jahres waren recht unerfreulich. Meine
Mutter erschrak, als sie mich wiedersah. Ich war noch mehr gewachsen,
und mein hageres Gesicht sah grau und verwüstet aus, mit schlaffen Zügen
und entzündeten Augenrändern. Der erste Anflug des Schnurrbartes und die
Brille, die ich seit kurzem trug, machten mich ihr noch fremder. Die
Schwestern wichen zurück und kicherten. Es war alles unerquicklich.
Unerquicklich und bitter das Gespräch mit dem Vater in dessen
Studierzimmer, unerquicklich das Begrüßen der paar Verwandten,
unerquicklich vor allem der Weihnachtsabend. Das war, seit ich lebte, in
unsrem Hause der große Tag gewesen, der Abend der Festlichkeit und
Liebe, der Dankbarkeit, der Erneuerung des Bundes zwischen den Eltern
und mir. Diesmal war alles nur bedrückend und verlegenmachend. Wie
sonst las mein Vater das Evangelium von den Hirten auf dem Felde, „die
hüteten allda ihre Herde,“ wie sonst standen die Schwestern strahlend vor
ihrem Gabentisch, aber die Stimme des Vaters klang unfroh, und sein
Gesicht sah alt und beengt aus, und die Mutter war traurig, und mir war
alles gleich peinlich und unerwünscht, Gaben und Glückwünsche,
Evangelium und Lichterbaum. Die Lebkuchen rochen süß und strömten
dichte Wolken süßerer Erinnerungen aus. Der Tannenbaum duftete und
erzählte von Dingen, die nicht mehr waren. Ich sehnte das Ende des Abends
und der Feiertage herbei.
Es ging den ganzen Winter so weiter. Erst vor kurzem war ich
eindringlich vom Lehrersenat verwarnt und mit dem Ausschluß bedroht
worden. Es würde nicht lang mehr dauern. Nun, meinetwegen.
Einen besonderen Groll hatte ich gegen Max Demian. Den hatte ich nun
die ganze Zeit nicht mehr gesehen. Ich hatte ihm, am Beginn meiner
Schülerzeit in St., zweimal geschrieben, aber keine Antwort bekommen;
darum hatte ich ihn auch in den Ferien nicht besucht.
I n demselben Park, wo ich im Herbst mit Alfons Beck
zusammengetroffen war, geschah es im beginnenden Frühling, als eben
die Dornhecken grün zu werden anfingen, daß ein Mädchen mir auffiel.
Ich war allein spazierengegangen, voll von widerlichen Gedanken und
Sorgen, denn meine Gesundheit war schlecht geworden, und außerdem war
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ich beständig in Geldverlegenheiten, war Kameraden Beträge schuldig,
mußte notwendige Ausgaben erfinden, um wieder etwas von Hause zu
erhalten, und hatte in mehreren Läden Rechnungen für Zigarren und
ähnliche Dinge anwachsen lassen. Nicht daß diese Sorgen sehr tief
gegangen wären — wenn nächstens einmal mein Hiersein sein Ende nahm
und ich ins Wasser ging oder in die Besserungsanstalt gebracht wurde, dann
kam es auf diese paar Kleinigkeiten auch nimmer an. Aber ich lebte doch
immerzu Aug in Auge mit solchen unschönen Sachen, und litt darunter.
An jenem Frühlingstag im Park begegnete mir eine junge Dame, die
mich sehr anzog. Sie war groß und schlank, elegant gekleidet, und hatte ein
kluges Knabengesicht. Sie gefiel mir sofort, sie gehörte dem Typ an, den
ich liebte, und sie begann meine Phantasien zu beschäftigen. Sie war wohl
kaum viel älter als ich, aber viel fertiger, elegant und wohl umrissen, schon
fast ganz Dame, aber mit einem Anflug von Übermut und Jungenhaftigkeit
im Gesicht, den ich überaus gern hatte.
Es war mir nie geglückt, mich einem Mädchen zu nähern, in das ich
verliebt war, und es glückte mir auch bei dieser nicht. Aber der Eindruck
war tiefer als alle früheren, und der Einfluß dieser Verliebtheit auf mein
Leben war gewaltig.
Plötzlich hatte ich wieder ein Bild vor mir stehen, ein hohes und
verehrtes Bild — ach, und kein Bedürfnis, kein Drang war so tief und heftig
in mir wie der Wunsch nach Ehrfurcht und Anbetung! Ich gab ihr den
Namen Beatrice, denn von ihr wußte ich, ohne Dante gelesen zu haben, aus
einem englischen Gemälde, dessen Reproduktion ich mir aufbewahrt hatte.
Dort war es eine englisch-präraffaelitische Mädchenfigur, sehr langgliedrig
und schlank mit schmalem langem Kopf und vergeistigten Händen und
Zügen. Mein schönes junges Mädchen glich ihr nicht ganz, obwohl auch sie
diese Schlankheit und Knabenhaftigkeit der Formen zeigte, die ich liebte,
und etwas von der Vergeistigung oder Beseelung des Gesichts.
Ich habe mit Beatrice nicht ein einziges Wort gesprochen. Dennoch hat
sie damals den tiefsten Einfluß auf mich geübt. Sie stellte ihr Bild vor mir
auf, sie öffnete mir ein Heiligtum, sie machte mich zum Beter in einem
Tempel. Von einem Tag auf den andern blieb ich von den Kneipereien und
nächtlichen Streifzügen weg. Ich konnte wieder allein sein, ich las wieder
gern, ich ging wieder gern spazieren.
Die plötzliche Bekehrung trug mir Spott genug ein. Aber ich hatte nun
etwas zu lieben und anzubeten, ich hatte wieder ein Ideal, das Leben war
mußte notwendige Ausgaben erfinden, um wieder etwas von Hause zu
erhalten, und hatte in mehreren Läden Rechnungen für Zigarren und
ähnliche Dinge anwachsen lassen. Nicht daß diese Sorgen sehr tief
gegangen wären — wenn nächstens einmal mein Hiersein sein Ende nahm
und ich ins Wasser ging oder in die Besserungsanstalt gebracht wurde, dann
kam es auf diese paar Kleinigkeiten auch nimmer an. Aber ich lebte doch
immerzu Aug in Auge mit solchen unschönen Sachen, und litt darunter.
An jenem Frühlingstag im Park begegnete mir eine junge Dame, die
mich sehr anzog. Sie war groß und schlank, elegant gekleidet, und hatte ein
kluges Knabengesicht. Sie gefiel mir sofort, sie gehörte dem Typ an, den
ich liebte, und sie begann meine Phantasien zu beschäftigen. Sie war wohl
kaum viel älter als ich, aber viel fertiger, elegant und wohl umrissen, schon
fast ganz Dame, aber mit einem Anflug von Übermut und Jungenhaftigkeit
im Gesicht, den ich überaus gern hatte.
Es war mir nie geglückt, mich einem Mädchen zu nähern, in das ich
verliebt war, und es glückte mir auch bei dieser nicht. Aber der Eindruck
war tiefer als alle früheren, und der Einfluß dieser Verliebtheit auf mein
Leben war gewaltig.
Plötzlich hatte ich wieder ein Bild vor mir stehen, ein hohes und
verehrtes Bild — ach, und kein Bedürfnis, kein Drang war so tief und heftig
in mir wie der Wunsch nach Ehrfurcht und Anbetung! Ich gab ihr den
Namen Beatrice, denn von ihr wußte ich, ohne Dante gelesen zu haben, aus
einem englischen Gemälde, dessen Reproduktion ich mir aufbewahrt hatte.
Dort war es eine englisch-präraffaelitische Mädchenfigur, sehr langgliedrig
und schlank mit schmalem langem Kopf und vergeistigten Händen und
Zügen. Mein schönes junges Mädchen glich ihr nicht ganz, obwohl auch sie
diese Schlankheit und Knabenhaftigkeit der Formen zeigte, die ich liebte,
und etwas von der Vergeistigung oder Beseelung des Gesichts.
Ich habe mit Beatrice nicht ein einziges Wort gesprochen. Dennoch hat
sie damals den tiefsten Einfluß auf mich geübt. Sie stellte ihr Bild vor mir
auf, sie öffnete mir ein Heiligtum, sie machte mich zum Beter in einem
Tempel. Von einem Tag auf den andern blieb ich von den Kneipereien und
nächtlichen Streifzügen weg. Ich konnte wieder allein sein, ich las wieder
gern, ich ging wieder gern spazieren.
Die plötzliche Bekehrung trug mir Spott genug ein. Aber ich hatte nun
etwas zu lieben und anzubeten, ich hatte wieder ein Ideal, das Leben war
Page 66
wieder voll von Ahnung und bunt geheimnisvoller Dämmerung — das
machte mich unempfindlich. Ich war wieder bei mir selbst zu Hause,
obwohl nur als Sklave und Dienender eines verehrten Bildes.
An jene Zeit kann ich nicht ohne eine gewisse Rührung denken. Wieder
versuchte ich mit innigstem Bemühen, aus Trümmern einer
zusammengebrochenen Lebensperiode mir eine „lichte Welt“ zu bauen,
wieder lebte ich ganz in dem einzigen Verlangen, das Dunkle und Böse in
mir abzutun und völlig im Lichten zu weilen, auf Knien vor Göttern.
Immerhin war diese jetzige „lichte Welt“ einigermaßen meine eigene
Schöpfung; es war nicht mehr ein Zurückfliehen und Unterkriechen zur
Mutter und verantwortungslosen Geborgenheit, es war ein neuer, von mir
selbst erfundener und geforderter Dienst, mit Verantwortlichkeit und
Selbstzucht. Die Geschlechtlichkeit, unter der ich litt und vor der ich immer
und immer auf der Flucht war, sollte nun in diesem heiligen Feuer zu Geist
und Andacht verklärt werden. Es durfte nichts Finsteres mehr, nichts
Häßliches geben, keine durchstöhnten Nächte, kein Herzklopfen vor
unzüchtigen Bildern, kein Lauschen an verbotenen Pforten, keine
Lüsternheit. Statt alles dessen richtete ich meinen Altar ein, mit dem Bilde
Beatricens, und indem ich mich ihr weihte, weihte ich mich dem Geist und
den Göttern. Den Lebensanteil, den ich den finsteren Mächten entzog,
brachte ich den lichten zum Opfer. Nicht Lust war mein Ziel, sondern
Reinheit, nicht Glück, sondern Schönheit und Geistigkeit.
Dieser Kult der Beatrice änderte mein Leben ganz und gar. Gestern noch
ein frühreifer Zyniker, war ich jetzt ein Tempeldiener, mit dem Ziel, ein
Heiliger zu werden. Ich tat nicht nur das üble Leben ab, an das ich mich
gewöhnt hatte, ich suchte alles zu ändern, suchte Reinheit, Adel und Würde
in alles zu bringen, dachte hieran in Essen und Trinken, Sprache und
Kleidung. Ich begann den Morgen mit kalten Waschungen, zu denen ich
mich anfangs schwer zwingen mußte. Ich benahm mich ernst und würdig,
trug mich aufrecht und machte meinen Gang langsamer und würdiger. Für
Zuschauer mag es komisch ausgesehen haben — bei mir innen war es lauter
Gottesdienst.
Von all den neuen Übungen, in denen ich Ausdruck für meine neue
Gesinnung suchte, wurde eine mir wichtig. Ich begann zu malen. Es fing
damit an, daß das englische Beatricebild, das ich besaß, jenem Mädchen
nicht ähnlich genug war. Ich wollte versuchen, sie für mich zu malen. Mit
einer ganz neuen Freude und Hoffnung trug ich in meinem Zimmer — ich
machte mich unempfindlich. Ich war wieder bei mir selbst zu Hause,
obwohl nur als Sklave und Dienender eines verehrten Bildes.
An jene Zeit kann ich nicht ohne eine gewisse Rührung denken. Wieder
versuchte ich mit innigstem Bemühen, aus Trümmern einer
zusammengebrochenen Lebensperiode mir eine „lichte Welt“ zu bauen,
wieder lebte ich ganz in dem einzigen Verlangen, das Dunkle und Böse in
mir abzutun und völlig im Lichten zu weilen, auf Knien vor Göttern.
Immerhin war diese jetzige „lichte Welt“ einigermaßen meine eigene
Schöpfung; es war nicht mehr ein Zurückfliehen und Unterkriechen zur
Mutter und verantwortungslosen Geborgenheit, es war ein neuer, von mir
selbst erfundener und geforderter Dienst, mit Verantwortlichkeit und
Selbstzucht. Die Geschlechtlichkeit, unter der ich litt und vor der ich immer
und immer auf der Flucht war, sollte nun in diesem heiligen Feuer zu Geist
und Andacht verklärt werden. Es durfte nichts Finsteres mehr, nichts
Häßliches geben, keine durchstöhnten Nächte, kein Herzklopfen vor
unzüchtigen Bildern, kein Lauschen an verbotenen Pforten, keine
Lüsternheit. Statt alles dessen richtete ich meinen Altar ein, mit dem Bilde
Beatricens, und indem ich mich ihr weihte, weihte ich mich dem Geist und
den Göttern. Den Lebensanteil, den ich den finsteren Mächten entzog,
brachte ich den lichten zum Opfer. Nicht Lust war mein Ziel, sondern
Reinheit, nicht Glück, sondern Schönheit und Geistigkeit.
Dieser Kult der Beatrice änderte mein Leben ganz und gar. Gestern noch
ein frühreifer Zyniker, war ich jetzt ein Tempeldiener, mit dem Ziel, ein
Heiliger zu werden. Ich tat nicht nur das üble Leben ab, an das ich mich
gewöhnt hatte, ich suchte alles zu ändern, suchte Reinheit, Adel und Würde
in alles zu bringen, dachte hieran in Essen und Trinken, Sprache und
Kleidung. Ich begann den Morgen mit kalten Waschungen, zu denen ich
mich anfangs schwer zwingen mußte. Ich benahm mich ernst und würdig,
trug mich aufrecht und machte meinen Gang langsamer und würdiger. Für
Zuschauer mag es komisch ausgesehen haben — bei mir innen war es lauter
Gottesdienst.
Von all den neuen Übungen, in denen ich Ausdruck für meine neue
Gesinnung suchte, wurde eine mir wichtig. Ich begann zu malen. Es fing
damit an, daß das englische Beatricebild, das ich besaß, jenem Mädchen
nicht ähnlich genug war. Ich wollte versuchen, sie für mich zu malen. Mit
einer ganz neuen Freude und Hoffnung trug ich in meinem Zimmer — ich
Page 67
hatte seit kurzem ein eigenes — schönes Papier, Farben und Pinsel
zusammen, machte Palette, Glas, Porzellanschalen, Bleistifte zurecht. Die
feinen Temperafarben in kleinen Tuben, die ich gekauft hatte, entzückten
mich. Es war ein feuriges Chromoxydgrün dabei, das ich noch zu sehen
meine, wie es erstmals in der kleinen weißen Schale aufleuchtete.
Ich begann mit Vorsicht. Ein Gesicht zu malen, war schwer, ich wollte es
erst mit andrem probieren. Ich malte Ornamente, Blumen und kleine
phantasierte Landschaften, einen Baum bei einer Kapelle, eine römische
Brücke mit Zypressen. Manchmal verlor ich mich ganz in dies spielende
Tun, war glücklich wie ein Kind mit einer Farbenschachtel. Schließlich aber
begann ich, Beatrice zu malen.
Einige Blätter mißglückten ganz und wurden weggetan. Je mehr ich mir
das Gesicht des Mädchens vorzustellen suchte, das ich je und je auf der
Straße antraf, desto weniger wollte es gehen. Schließlich tat ich darauf
Verzicht und begann einfach ein Gesicht zu malen, der Phantasie und den
Führungen folgend, die sich aus dem Begonnenen, aus Farbe und Pinsel
von selber ergaben. Es war ein geträumtes Gesicht, das dabei herauskam,
und ich war nicht unzufrieden damit. Doch setzte ich den Versuch sogleich
fort, und jedes neue Blatt sprach etwas deutlicher, kam dem Typ näher,
wenn auch keineswegs der Wirklichkeit.
Mehr und mehr gewöhnte ich mich daran, mit träumerischem Pinsel
Linien zu ziehen und Flächen zu füllen, die ohne Vorbild waren, die sich
aus spielendem Tasten, aus dem Unbewußten ergaben. Endlich machte ich
eines Tages, fast bewußtlos, ein Gesicht fertig, das stärker als die früheren
zu mir sprach. Es war nicht das Gesicht jenes Mädchens, das sollte es auch
längst nimmer sein. Es war etwas anderes, etwas Unwirkliches, doch nicht
minder Wertvolles. Es sah mehr wie ein Jünglingskopf aus als wie ein
Mädchengesicht, das Haar war nicht hellblond wie bei meinem hübschen
Mädchen, sondern braun mit rötlichem Hauch, das Kinn war stark und fest,
der Mund aber rotblühend, das Ganze etwas steif und maskenhaft, aber
eindrücklich und voll von geheimem Leben.
Als ich vor dem fertigen Blatte saß, machte es mir einen seltsamen
Eindruck. Es schien mir eine Art von Götterbild oder heiliger Maske zu
sein, halb männlich, halb weiblich, ohne Alter, ebenso willensstark wie
träumerisch, ebenso starr wie heimlich lebendig. Dies Gesicht hatte mir
etwas zu sagen, es gehörte zu mir, es stellte Forderungen an mich. Und es
hatte Ähnlichkeit mit irgend jemand, ich wußte nicht mit wem.
zusammen, machte Palette, Glas, Porzellanschalen, Bleistifte zurecht. Die
feinen Temperafarben in kleinen Tuben, die ich gekauft hatte, entzückten
mich. Es war ein feuriges Chromoxydgrün dabei, das ich noch zu sehen
meine, wie es erstmals in der kleinen weißen Schale aufleuchtete.
Ich begann mit Vorsicht. Ein Gesicht zu malen, war schwer, ich wollte es
erst mit andrem probieren. Ich malte Ornamente, Blumen und kleine
phantasierte Landschaften, einen Baum bei einer Kapelle, eine römische
Brücke mit Zypressen. Manchmal verlor ich mich ganz in dies spielende
Tun, war glücklich wie ein Kind mit einer Farbenschachtel. Schließlich aber
begann ich, Beatrice zu malen.
Einige Blätter mißglückten ganz und wurden weggetan. Je mehr ich mir
das Gesicht des Mädchens vorzustellen suchte, das ich je und je auf der
Straße antraf, desto weniger wollte es gehen. Schließlich tat ich darauf
Verzicht und begann einfach ein Gesicht zu malen, der Phantasie und den
Führungen folgend, die sich aus dem Begonnenen, aus Farbe und Pinsel
von selber ergaben. Es war ein geträumtes Gesicht, das dabei herauskam,
und ich war nicht unzufrieden damit. Doch setzte ich den Versuch sogleich
fort, und jedes neue Blatt sprach etwas deutlicher, kam dem Typ näher,
wenn auch keineswegs der Wirklichkeit.
Mehr und mehr gewöhnte ich mich daran, mit träumerischem Pinsel
Linien zu ziehen und Flächen zu füllen, die ohne Vorbild waren, die sich
aus spielendem Tasten, aus dem Unbewußten ergaben. Endlich machte ich
eines Tages, fast bewußtlos, ein Gesicht fertig, das stärker als die früheren
zu mir sprach. Es war nicht das Gesicht jenes Mädchens, das sollte es auch
längst nimmer sein. Es war etwas anderes, etwas Unwirkliches, doch nicht
minder Wertvolles. Es sah mehr wie ein Jünglingskopf aus als wie ein
Mädchengesicht, das Haar war nicht hellblond wie bei meinem hübschen
Mädchen, sondern braun mit rötlichem Hauch, das Kinn war stark und fest,
der Mund aber rotblühend, das Ganze etwas steif und maskenhaft, aber
eindrücklich und voll von geheimem Leben.
Als ich vor dem fertigen Blatte saß, machte es mir einen seltsamen
Eindruck. Es schien mir eine Art von Götterbild oder heiliger Maske zu
sein, halb männlich, halb weiblich, ohne Alter, ebenso willensstark wie
träumerisch, ebenso starr wie heimlich lebendig. Dies Gesicht hatte mir
etwas zu sagen, es gehörte zu mir, es stellte Forderungen an mich. Und es
hatte Ähnlichkeit mit irgend jemand, ich wußte nicht mit wem.
Page 68
Das Bildnis begleitete nun eine Weile alle meine Gedanken und teilte
mein Leben. Ich hielt es in einer Schieblade verborgen, niemand sollte es
erwischen und mich damit verhöhnen können. Aber sobald ich allein in
meinem Stübchen war, zog ich das Bild heraus und hatte Umgang mit ihm.
Abends heftete ich es mit einer Nadel mir gegenüber überm Bett an die
Tapete, sah es bis zum Einschlafen an, und morgens fiel mein erster Blick
darauf.
Gerade in jener Zeit fing ich wieder an viel zu träumen, wie ich es als
Kind stets getan hatte. Mir schien, ich habe jahrelang keine Träume mehr
gehabt. Jetzt kamen sie wieder, eine ganz neue Art von Bildern, und oft und
oft tauchte das gemalte Bildnis darin auf, lebend und redend, mir befreundet
oder feindlich, manchmal bis zur Fratze verzogen und manchmal unendlich
schön, harmonisch und edel.
Und eines Morgens, als ich aus solchen Träumen erwachte, erkannte ich
es plötzlich. Es sah mich so fabelhaft wohlbekannt an, es schien meinen
Namen zu rufen. Es schien mich zu kennen, wie eine Mutter, schien mir seit
allen Zeiten zugewandt. Mit Herzklopfen starrte ich das Blatt an, die
braunen dichten Haare, den halbweiblichen Mund, die starke Stirn mit der
sonderbaren Helligkeit (es war von selber so aufgetrocknet), und näher und
näher fühlte ich in mir die Erkenntnis, das Wiederfinden, das Wissen.
Ich sprang aus dem Bette, stellte mich vor dem Gesicht auf und sah es
aus nächster Nähe an, gerade in die weit offenen, grünlichen, starren Augen
hinein, von denen das rechte etwas höher als das andere stand. Und mit
einemmal zuckte dies rechte Auge, zuckte leicht und fein, aber deutlich,
und mit diesem Zucken erkannte ich das Bild . . .
Wie hatte ich das erst so spät finden können! Es war Demians Gesicht.
Später verglich ich das Blatt oft und oft mit Demians wirklichen Zügen,
wie ich sie in meinem Gedächtnis fand. Sie waren gar nicht dieselben,
obwohl ähnlich. Aber es war doch Demian.
Einst an einem Frühsommerabend schien die Sonne schräg und rot durch
mein Fenster, das nach Westen blickte. Im Zimmer wurde es dämmerig. Da
kam ich auf den Einfall, das Bildnis Beatricens, oder Demians, mit der
Nadel ans Fensterkreuz zu heften und es anzusehen, wie die Abendsonne
hindurch schien. Das Gesicht verschwamm ohne Umrisse, aber die rötlich
umrandeten Augen, die Helligkeit auf der Stirn und der heftig rote Mund
glühten tief und wild aus der Fläche. Lange saß ich ihm gegenüber, auch als
es schon erloschen war. Und allmählich kam mir ein Gefühl, daß das nicht
mein Leben. Ich hielt es in einer Schieblade verborgen, niemand sollte es
erwischen und mich damit verhöhnen können. Aber sobald ich allein in
meinem Stübchen war, zog ich das Bild heraus und hatte Umgang mit ihm.
Abends heftete ich es mit einer Nadel mir gegenüber überm Bett an die
Tapete, sah es bis zum Einschlafen an, und morgens fiel mein erster Blick
darauf.
Gerade in jener Zeit fing ich wieder an viel zu träumen, wie ich es als
Kind stets getan hatte. Mir schien, ich habe jahrelang keine Träume mehr
gehabt. Jetzt kamen sie wieder, eine ganz neue Art von Bildern, und oft und
oft tauchte das gemalte Bildnis darin auf, lebend und redend, mir befreundet
oder feindlich, manchmal bis zur Fratze verzogen und manchmal unendlich
schön, harmonisch und edel.
Und eines Morgens, als ich aus solchen Träumen erwachte, erkannte ich
es plötzlich. Es sah mich so fabelhaft wohlbekannt an, es schien meinen
Namen zu rufen. Es schien mich zu kennen, wie eine Mutter, schien mir seit
allen Zeiten zugewandt. Mit Herzklopfen starrte ich das Blatt an, die
braunen dichten Haare, den halbweiblichen Mund, die starke Stirn mit der
sonderbaren Helligkeit (es war von selber so aufgetrocknet), und näher und
näher fühlte ich in mir die Erkenntnis, das Wiederfinden, das Wissen.
Ich sprang aus dem Bette, stellte mich vor dem Gesicht auf und sah es
aus nächster Nähe an, gerade in die weit offenen, grünlichen, starren Augen
hinein, von denen das rechte etwas höher als das andere stand. Und mit
einemmal zuckte dies rechte Auge, zuckte leicht und fein, aber deutlich,
und mit diesem Zucken erkannte ich das Bild . . .
Wie hatte ich das erst so spät finden können! Es war Demians Gesicht.
Später verglich ich das Blatt oft und oft mit Demians wirklichen Zügen,
wie ich sie in meinem Gedächtnis fand. Sie waren gar nicht dieselben,
obwohl ähnlich. Aber es war doch Demian.
Einst an einem Frühsommerabend schien die Sonne schräg und rot durch
mein Fenster, das nach Westen blickte. Im Zimmer wurde es dämmerig. Da
kam ich auf den Einfall, das Bildnis Beatricens, oder Demians, mit der
Nadel ans Fensterkreuz zu heften und es anzusehen, wie die Abendsonne
hindurch schien. Das Gesicht verschwamm ohne Umrisse, aber die rötlich
umrandeten Augen, die Helligkeit auf der Stirn und der heftig rote Mund
glühten tief und wild aus der Fläche. Lange saß ich ihm gegenüber, auch als
es schon erloschen war. Und allmählich kam mir ein Gefühl, daß das nicht
Page 69
Beatrice und nicht Demian sei, sondern — ich selbst. Das Bild glich mir
nicht — das sollte es auch nicht, fühlte ich — aber es war das, was mein
Leben ausmachte, es war mein Inneres, mein Schicksal oder mein Dämon.
So würde mein Freund aussehen, wenn ich je wieder einen fände. So würde
meine Geliebte aussehen, wenn ich je eine bekäme. So würde mein Leben
und so mein Tod sein, dies war der Klang und Rhythmus meines Schicksals.
In jenen Wochen hatte ich eine Lektüre begonnen, die mir tieferen
Eindruck machte als alles, was ich früher gelesen. Auch später habe ich
selten mehr Bücher so erlebt, vielleicht nur noch Nietzsche. Es war ein
Band Novalis, mit Briefen und Sentenzen, von denen ich viele nicht
verstand und die mich doch alle unsäglich anzogen und umspannen. Einer
von den Sprüchen fiel mir nun ein. Ich schrieb ihn mit der Feder unter das
Bildnis: „Schicksal und Gemüt sind Namen eines Begriffs.“ Das hatte ich
nun verstanden.
Das Mädchen, das ich Beatrice nannte, begegnete mir noch oft. Ich fühlte
keine Bewegung mehr dabei, aber stets ein sanftes Übereinstimmen, ein
gefühlhaftes Ahnen: Du bist mit mir verknüpft, aber nicht du, nur dein Bild;
du bist ein Stück von meinem Schicksal.
M eine Sehnsucht nach Max Demian wurde wieder mächtig. Ich wußte
nichts von ihm, seit Jahren nichts. Ein einzigesmal hatte ich ihn in
den Ferien angetroffen. Ich sehe jetzt, daß ich diese kurze
Begegnung in meinen Aufzeichnungen unterschlagen habe, und sehe, daß
es aus Scham und Eitelkeit geschah. Ich muß es nachholen.
Also einmal in den Ferien, als ich mit dem blasierten und stets etwas
müden Gesicht meiner Wirtshauszeit durch meine Vaterstadt schlenderte,
meinen Spazierstock schwang und den Philistern in die alten,
gleichgebliebenen, verachteten Gesichter sah, da kam mir mein ehemaliger
Freund entgegen. Kaum sah ich ihn, so zuckte ich zusammen. Und
blitzschnell mußte ich an Franz Kromer denken. Möchte doch Demian diese
Geschichte wirklich vergessen haben! Es war so unangenehm, diese
Verpflichtung gegen ihn zu haben — eigentlich ja eine dumme
Kindergeschichte, aber doch eben eine Verpflichtung . . .
Er schien zu warten, ob ich ihn grüßen wolle, und als ich es möglichst
gelassen tat, gab er mir die Hand. Das war wieder sein Händedruck! So fest,
warm und doch kühl, männlich!
nicht — das sollte es auch nicht, fühlte ich — aber es war das, was mein
Leben ausmachte, es war mein Inneres, mein Schicksal oder mein Dämon.
So würde mein Freund aussehen, wenn ich je wieder einen fände. So würde
meine Geliebte aussehen, wenn ich je eine bekäme. So würde mein Leben
und so mein Tod sein, dies war der Klang und Rhythmus meines Schicksals.
In jenen Wochen hatte ich eine Lektüre begonnen, die mir tieferen
Eindruck machte als alles, was ich früher gelesen. Auch später habe ich
selten mehr Bücher so erlebt, vielleicht nur noch Nietzsche. Es war ein
Band Novalis, mit Briefen und Sentenzen, von denen ich viele nicht
verstand und die mich doch alle unsäglich anzogen und umspannen. Einer
von den Sprüchen fiel mir nun ein. Ich schrieb ihn mit der Feder unter das
Bildnis: „Schicksal und Gemüt sind Namen eines Begriffs.“ Das hatte ich
nun verstanden.
Das Mädchen, das ich Beatrice nannte, begegnete mir noch oft. Ich fühlte
keine Bewegung mehr dabei, aber stets ein sanftes Übereinstimmen, ein
gefühlhaftes Ahnen: Du bist mit mir verknüpft, aber nicht du, nur dein Bild;
du bist ein Stück von meinem Schicksal.
M eine Sehnsucht nach Max Demian wurde wieder mächtig. Ich wußte
nichts von ihm, seit Jahren nichts. Ein einzigesmal hatte ich ihn in
den Ferien angetroffen. Ich sehe jetzt, daß ich diese kurze
Begegnung in meinen Aufzeichnungen unterschlagen habe, und sehe, daß
es aus Scham und Eitelkeit geschah. Ich muß es nachholen.
Also einmal in den Ferien, als ich mit dem blasierten und stets etwas
müden Gesicht meiner Wirtshauszeit durch meine Vaterstadt schlenderte,
meinen Spazierstock schwang und den Philistern in die alten,
gleichgebliebenen, verachteten Gesichter sah, da kam mir mein ehemaliger
Freund entgegen. Kaum sah ich ihn, so zuckte ich zusammen. Und
blitzschnell mußte ich an Franz Kromer denken. Möchte doch Demian diese
Geschichte wirklich vergessen haben! Es war so unangenehm, diese
Verpflichtung gegen ihn zu haben — eigentlich ja eine dumme
Kindergeschichte, aber doch eben eine Verpflichtung . . .
Er schien zu warten, ob ich ihn grüßen wolle, und als ich es möglichst
gelassen tat, gab er mir die Hand. Das war wieder sein Händedruck! So fest,
warm und doch kühl, männlich!
Page 70
Er sah mir aufmerksam ins Gesicht und sagte: „Du bist groß geworden,
Sinclair.“ Er selbst schien mir ganz unverändert, gleich alt, gleich jung wie
immer.
Er schloß sich mir an, wir machten einen Spaziergang und sprachen über
lauter nebensächliche Dinge, nichts von damals. Es fiel mir ein, daß ich ihm
einst mehrmals geschrieben hatte, ohne eine Antwort zu erhalten. Ach,
möchte er doch auch das vergessen haben, diese dummen, dummen Briefe!
Er sagte nichts davon.
Es gab damals noch keine Beatrice und kein Bildnis, ich war noch mitten
in meiner wüsten Zeit. Vor der Stadt lud ich ihn ein, mit in ein Wirtshaus zu
kommen. Er ging mit. Prahlerisch bestellte ich eine Flasche Wein, schenkte
ein, stieß mit ihm an und zeigte mich mit den studentischen
Trinkgebräuchen sehr vertraut, leerte auch das erste Glas auf einen Zug.
„Du gehst viel ins Wirtshaus?“ fragte er mich.
„Ach ja,“ sagte ich träge, „was soll man sonst tun? Es ist am Ende immer
noch das Lustigste.“
„Findest du? Es kann schon sein. Etwas daran ist ja sehr schön — der
Rausch, das Bacchische! Aber ich finde, bei den meisten Leuten, die viel im
Wirtshaus sitzen, ist das ganz verlorengegangen. Mir kommt es so vor, als
sei gerade das Wirtshauslaufen etwas richtig Philisterhaftes. Ja, eine Nacht
lang, mit brennenden Fackeln, zu einem richtigen, schönen Rausch und
Taumel! Aber so immer wieder, ein Schöppchen ums andere, das ist doch
wohl nicht das Wahre? Kannst du dir etwa den Faust vorstellen, wie er
Abend für Abend an einem Stammtisch sitzt?“
Ich trank und schaute ihn feindselig an.
„Ja, es ist eben nicht jeder ein Faust,“ sagte ich kurz.
Er sah mich etwas stutzig an.
Dann lachte er mit der alten Frische und Überlegenheit.
„Na, wozu darüber streiten? Jedenfalls ist das Leben eines Säufers oder
Wüstlings vermutlich lebendiger als das des tadellosen Bürgers. Und dann
— ich habe das einmal gelesen — ist das Leben des Wüstlings eine der
besten Vorbereitungen für den Mystiker. Es sind ja auch immer solche
Leute wie der heilige Augustin, die zu Sehern werden. Der war vorher auch
ein Genießer und Lebemann.“
Ich war mißtrauisch und wollte mich keineswegs von ihm meistern
lassen. So sagte ich blasiert: „Ja, jeder nach seinem Geschmack! Mir ist es,
Sinclair.“ Er selbst schien mir ganz unverändert, gleich alt, gleich jung wie
immer.
Er schloß sich mir an, wir machten einen Spaziergang und sprachen über
lauter nebensächliche Dinge, nichts von damals. Es fiel mir ein, daß ich ihm
einst mehrmals geschrieben hatte, ohne eine Antwort zu erhalten. Ach,
möchte er doch auch das vergessen haben, diese dummen, dummen Briefe!
Er sagte nichts davon.
Es gab damals noch keine Beatrice und kein Bildnis, ich war noch mitten
in meiner wüsten Zeit. Vor der Stadt lud ich ihn ein, mit in ein Wirtshaus zu
kommen. Er ging mit. Prahlerisch bestellte ich eine Flasche Wein, schenkte
ein, stieß mit ihm an und zeigte mich mit den studentischen
Trinkgebräuchen sehr vertraut, leerte auch das erste Glas auf einen Zug.
„Du gehst viel ins Wirtshaus?“ fragte er mich.
„Ach ja,“ sagte ich träge, „was soll man sonst tun? Es ist am Ende immer
noch das Lustigste.“
„Findest du? Es kann schon sein. Etwas daran ist ja sehr schön — der
Rausch, das Bacchische! Aber ich finde, bei den meisten Leuten, die viel im
Wirtshaus sitzen, ist das ganz verlorengegangen. Mir kommt es so vor, als
sei gerade das Wirtshauslaufen etwas richtig Philisterhaftes. Ja, eine Nacht
lang, mit brennenden Fackeln, zu einem richtigen, schönen Rausch und
Taumel! Aber so immer wieder, ein Schöppchen ums andere, das ist doch
wohl nicht das Wahre? Kannst du dir etwa den Faust vorstellen, wie er
Abend für Abend an einem Stammtisch sitzt?“
Ich trank und schaute ihn feindselig an.
„Ja, es ist eben nicht jeder ein Faust,“ sagte ich kurz.
Er sah mich etwas stutzig an.
Dann lachte er mit der alten Frische und Überlegenheit.
„Na, wozu darüber streiten? Jedenfalls ist das Leben eines Säufers oder
Wüstlings vermutlich lebendiger als das des tadellosen Bürgers. Und dann
— ich habe das einmal gelesen — ist das Leben des Wüstlings eine der
besten Vorbereitungen für den Mystiker. Es sind ja auch immer solche
Leute wie der heilige Augustin, die zu Sehern werden. Der war vorher auch
ein Genießer und Lebemann.“
Ich war mißtrauisch und wollte mich keineswegs von ihm meistern
lassen. So sagte ich blasiert: „Ja, jeder nach seinem Geschmack! Mir ist es,
Page 71
offen gestanden, gar nicht darum zu tun, ein Seher oder so etwas zu
werden.“
Demian blitzte mich aus leicht eingekniffenen Augen wissend an.
„Lieber Sinclair,“ sagte er langsam, „es war nicht meine Absicht, dir
Unangenehmes zu sagen. Übrigens — zu welchem Zweck du jetzt deine
Schoppen trinkst, wissen wir ja beide nicht. Das in dir, was dein Leben
macht, weiß es schon. Es ist so gut, das zu wissen: daß in uns drinnen einer
ist, der alles weiß, alles will, alles besser macht als wir selber. — Aber
verzeih, ich muß nach Hause.“
Wir nahmen kurzen Abschied. Ich blieb sehr mißmutig sitzen, trank
meine Flasche vollends aus, und fand, als ich gehen wollte, daß Demian sie
schon bezahlt hatte. Das ärgerte mich noch mehr.
Bei dieser kleinen Begebenheit hielten nun meine Gedanken wieder an.
Sie waren voll von Demian. Und die Worte, die er in jenem Gasthaus vor
der Stadt gesagt, kamen in meinem Gedächtnis wieder hervor, seltsam
frisch und unverloren. — „Es ist so gut, das zu wissen, daß in uns drinnen
einer ist, der alles weiß!“
Ich blickte auf das Bild, das am Fenster hing und ganz erloschen war.
Aber ich sah die Augen noch glühen. Das war der Blick Demians. Oder es
war der, der in mir drinnen war. Der, der alles weiß.
Wie hatte ich Sehnsucht nach Demian! Ich wußte nichts von ihm, er war
mir nicht erreichbar. Ich wußte nur, daß er vermutlich irgendwo studiere
und daß nach dem Abschluß seiner Gymnasiastenzeit seine Mutter unsere
Stadt verlassen habe.
Bis zu meiner Geschichte mit Kromer zurück suchte ich alle
Erinnerungen an Max Demian in mir hervor. Wie vieles klang da wieder
auf, was er mir einst gesagt hatte, und alles hatte heut noch Sinn, war
aktuell, ging mich an! Auch das, was er bei unsrem letzten, so wenig
erfreulichen Zusammentreffen über den Wüstling und den Heiligen gesagt
hatte, stand mir plötzlich hell vor der Seele. War es nicht genau so mit mir
gegangen? Hatte ich nicht in Rausch und Schmutz gelebt, in Betäubung und
Verlorenheit, bis mit einem neuen Lebensantrieb gerade das Gegenteil in
mir lebendig geworden war, das Verlangen nach Reinheit, die Sehnsucht
nach dem Heiligen?
So ging ich weiter den Erinnerungen nach, es war längst Nacht geworden
und draußen regnete es. Auch in meinen Erinnerungen hörte ich es regnen,
es war die Stunde unter den Kastanienbäumen, wo er mich einst wegen
werden.“
Demian blitzte mich aus leicht eingekniffenen Augen wissend an.
„Lieber Sinclair,“ sagte er langsam, „es war nicht meine Absicht, dir
Unangenehmes zu sagen. Übrigens — zu welchem Zweck du jetzt deine
Schoppen trinkst, wissen wir ja beide nicht. Das in dir, was dein Leben
macht, weiß es schon. Es ist so gut, das zu wissen: daß in uns drinnen einer
ist, der alles weiß, alles will, alles besser macht als wir selber. — Aber
verzeih, ich muß nach Hause.“
Wir nahmen kurzen Abschied. Ich blieb sehr mißmutig sitzen, trank
meine Flasche vollends aus, und fand, als ich gehen wollte, daß Demian sie
schon bezahlt hatte. Das ärgerte mich noch mehr.
Bei dieser kleinen Begebenheit hielten nun meine Gedanken wieder an.
Sie waren voll von Demian. Und die Worte, die er in jenem Gasthaus vor
der Stadt gesagt, kamen in meinem Gedächtnis wieder hervor, seltsam
frisch und unverloren. — „Es ist so gut, das zu wissen, daß in uns drinnen
einer ist, der alles weiß!“
Ich blickte auf das Bild, das am Fenster hing und ganz erloschen war.
Aber ich sah die Augen noch glühen. Das war der Blick Demians. Oder es
war der, der in mir drinnen war. Der, der alles weiß.
Wie hatte ich Sehnsucht nach Demian! Ich wußte nichts von ihm, er war
mir nicht erreichbar. Ich wußte nur, daß er vermutlich irgendwo studiere
und daß nach dem Abschluß seiner Gymnasiastenzeit seine Mutter unsere
Stadt verlassen habe.
Bis zu meiner Geschichte mit Kromer zurück suchte ich alle
Erinnerungen an Max Demian in mir hervor. Wie vieles klang da wieder
auf, was er mir einst gesagt hatte, und alles hatte heut noch Sinn, war
aktuell, ging mich an! Auch das, was er bei unsrem letzten, so wenig
erfreulichen Zusammentreffen über den Wüstling und den Heiligen gesagt
hatte, stand mir plötzlich hell vor der Seele. War es nicht genau so mit mir
gegangen? Hatte ich nicht in Rausch und Schmutz gelebt, in Betäubung und
Verlorenheit, bis mit einem neuen Lebensantrieb gerade das Gegenteil in
mir lebendig geworden war, das Verlangen nach Reinheit, die Sehnsucht
nach dem Heiligen?
So ging ich weiter den Erinnerungen nach, es war längst Nacht geworden
und draußen regnete es. Auch in meinen Erinnerungen hörte ich es regnen,
es war die Stunde unter den Kastanienbäumen, wo er mich einst wegen
Page 72
Franz Kromer ausgefragt und meine ersten Geheimnisse erraten hatte. Eines
ums andre kam hervor, Gespräche auf dem Schulweg, die
Konfirmationsstunden. Und zuletzt fiel mein allererstes Zusammentreffen
mit Max Demian mir ein. Um was hatte es sich doch da gehandelt? Ich kam
nicht gleich darauf, aber ich ließ mir Zeit, ich war ganz darein versunken.
Und nun kam es wieder, auch das. Wir waren vor unserem Hause
gestanden, nachdem er mir seine Meinung über Kain mitgeteilt hatte. Da
hatte er von dem alten verwischten Wappen gesprochen, das über unsrem
Haustor saß, in dem von unten nach oben breiter werdenden Schlußstein. Er
hatte gesagt, es interessiere ihn, und man müsse auf solche Sachen acht
haben.
In der Nacht träumte ich von Demian und von dem Wappen. Es
verwandelte sich beständig, Demian hielt es in Händen, oft war es klein und
grau, oft mächtig groß und vielfarbig, aber er erklärte mir, daß es doch
immer ein und dasselbe sei. Zuletzt aber nötigte er mich, das Wappen zu
essen. Als ich es geschluckt hatte, spürte ich mit ungeheurem Erschrecken,
daß der verschlungene Wappenvogel in mir lebendig sei, mich ausfülle und
von innen zu verzehren beginne. Voller Todesangst fuhr ich auf und
erwachte.
Ich wurde munter, es war mitten in der Nacht, und hörte es ins Zimmer
regnen. Ich stand auf, um das Fenster zu schließen, und trat dabei auf etwas
Helles, das am Boden lag. Am Morgen fand ich, daß es mein gemaltes Blatt
war. Es lag in der Nässe am Boden und hatte sich in Wülste geworfen. Ich
spannte es zum Trocknen zwischen Fließblätter in ein schweres Buch. Als
ich am nächsten Tage wieder danach sah, war es getrocknet. Es hatte sich
aber verändert. Der rote Mund war verblaßt und etwas schmäler geworden.
Es war jetzt ganz der Mund Demians.
Ich ging nun daran, ein neues Blatt zu malen, den Wappenvogel. Wie er
eigentlich aussah, wußte ich nicht mehr deutlich, und einiges daran war, wie
ich wußte, auch aus der Nähe nicht gut mehr zu erkennen, da das Ding alt
und oftmals mit Farbe überstrichen worden war. Der Vogel stand oder saß
auf etwas, vielleicht auf einer Blume, oder auf einem Korb oder Nest, oder
auf einer Baumkrone. Ich kümmerte mich nicht darum und fing mit dem an,
wovon ich eine deutliche Vorstellung hatte. Aus einem unklaren Bedürfnis
begann ich gleich mit starken Farben, der Kopf des Vogels war auf meinem
Blatte goldgelb. Je nach Laune machte ich daran weiter und brachte das
Ding in einigen Tagen fertig.
ums andre kam hervor, Gespräche auf dem Schulweg, die
Konfirmationsstunden. Und zuletzt fiel mein allererstes Zusammentreffen
mit Max Demian mir ein. Um was hatte es sich doch da gehandelt? Ich kam
nicht gleich darauf, aber ich ließ mir Zeit, ich war ganz darein versunken.
Und nun kam es wieder, auch das. Wir waren vor unserem Hause
gestanden, nachdem er mir seine Meinung über Kain mitgeteilt hatte. Da
hatte er von dem alten verwischten Wappen gesprochen, das über unsrem
Haustor saß, in dem von unten nach oben breiter werdenden Schlußstein. Er
hatte gesagt, es interessiere ihn, und man müsse auf solche Sachen acht
haben.
In der Nacht träumte ich von Demian und von dem Wappen. Es
verwandelte sich beständig, Demian hielt es in Händen, oft war es klein und
grau, oft mächtig groß und vielfarbig, aber er erklärte mir, daß es doch
immer ein und dasselbe sei. Zuletzt aber nötigte er mich, das Wappen zu
essen. Als ich es geschluckt hatte, spürte ich mit ungeheurem Erschrecken,
daß der verschlungene Wappenvogel in mir lebendig sei, mich ausfülle und
von innen zu verzehren beginne. Voller Todesangst fuhr ich auf und
erwachte.
Ich wurde munter, es war mitten in der Nacht, und hörte es ins Zimmer
regnen. Ich stand auf, um das Fenster zu schließen, und trat dabei auf etwas
Helles, das am Boden lag. Am Morgen fand ich, daß es mein gemaltes Blatt
war. Es lag in der Nässe am Boden und hatte sich in Wülste geworfen. Ich
spannte es zum Trocknen zwischen Fließblätter in ein schweres Buch. Als
ich am nächsten Tage wieder danach sah, war es getrocknet. Es hatte sich
aber verändert. Der rote Mund war verblaßt und etwas schmäler geworden.
Es war jetzt ganz der Mund Demians.
Ich ging nun daran, ein neues Blatt zu malen, den Wappenvogel. Wie er
eigentlich aussah, wußte ich nicht mehr deutlich, und einiges daran war, wie
ich wußte, auch aus der Nähe nicht gut mehr zu erkennen, da das Ding alt
und oftmals mit Farbe überstrichen worden war. Der Vogel stand oder saß
auf etwas, vielleicht auf einer Blume, oder auf einem Korb oder Nest, oder
auf einer Baumkrone. Ich kümmerte mich nicht darum und fing mit dem an,
wovon ich eine deutliche Vorstellung hatte. Aus einem unklaren Bedürfnis
begann ich gleich mit starken Farben, der Kopf des Vogels war auf meinem
Blatte goldgelb. Je nach Laune machte ich daran weiter und brachte das
Ding in einigen Tagen fertig.
Page 73
Nun war es ein Raubvogel, mit einem scharfen kühnen Sperberkopf. Er
stak mit halbem Leibe in einer dunkeln Weltkugel, aus der er sich wie aus
einem riesigen Ei heraufarbeitete, auf einem blauen Himmelsgrunde. Wie
ich das Blatt länger betrachtete, schien es mir mehr und mehr, als sei es das
farbige Wappen, wie es in meinem Traum vorgekommen war.
Einen Brief an Demian zu schreiben, wäre mir nicht möglich gewesen,
auch wenn ich gewußt hätte wohin. Ich beschloß aber, in demselben
traumhaften Ahnen, mit dem ich damals alles tat, ihm das Bild mit dem
Sperber zu schicken, mochte es ihn dann erreichen oder nicht. Ich schrieb
nichts darauf, auch nicht meinen Namen, beschnitt die Ränder sorgfältig,
kaufte einen großen Papierumschlag und schrieb meines Freundes
ehemalige Adresse darauf. Dann schickte ich es fort.
Ein Examen kam näher, und ich mußte mehr als sonst für die Schule
arbeiten. Die Lehrer hatten mich wieder zu Gnaden angenommen, seit ich
plötzlich meinen schnöden Wandel geändert hatte. Ein guter Schüler war
ich auch jetzt wohl nicht, aber weder ich noch sonst jemand dachte noch
daran, daß vor einem halben Jahr meine strafweise Entlassung aus der
Schule allen wahrscheinlich gewesen war.
Mein Vater schrieb mir jetzt wieder mehr in dem Ton wie früher, ohne
Vorwürfe und Drohungen. Doch hatte ich keinen Trieb, ihm oder irgend
jemand zu erklären, wie die Wandlung mit mir vor sich gegangen war. Es
war ein Zufall, daß diese Wandlung mit den Wünschen meiner Eltern und
Lehrer übereinstimmte. Diese Wandlung brachte mich nicht zu den andern,
näherte mich niemandem an, machte mich nur einsamer. Sie zielte
irgendwohin, zu Demian, zu einem fernen Schicksal. Ich wußte es selber ja
nicht, ich stand ja mitten drin. Mit Beatrice hatte es angefangen, aber seit
einiger Zeit lebte ich mit meinen gemalten Blättern und meinen Gedanken
an Demian in einer so ganz unwirklichen Welt, daß ich auch sie völlig aus
den Augen und Gedanken verlor. Niemand hätte ich von meinen Träumen,
meinen Erwartungen, meiner inneren Umwandlung ein Wort sagen können,
auch nicht, wenn ich gewollt hätte.
Aber wie hätte ich dies wollen können?
stak mit halbem Leibe in einer dunkeln Weltkugel, aus der er sich wie aus
einem riesigen Ei heraufarbeitete, auf einem blauen Himmelsgrunde. Wie
ich das Blatt länger betrachtete, schien es mir mehr und mehr, als sei es das
farbige Wappen, wie es in meinem Traum vorgekommen war.
Einen Brief an Demian zu schreiben, wäre mir nicht möglich gewesen,
auch wenn ich gewußt hätte wohin. Ich beschloß aber, in demselben
traumhaften Ahnen, mit dem ich damals alles tat, ihm das Bild mit dem
Sperber zu schicken, mochte es ihn dann erreichen oder nicht. Ich schrieb
nichts darauf, auch nicht meinen Namen, beschnitt die Ränder sorgfältig,
kaufte einen großen Papierumschlag und schrieb meines Freundes
ehemalige Adresse darauf. Dann schickte ich es fort.
Ein Examen kam näher, und ich mußte mehr als sonst für die Schule
arbeiten. Die Lehrer hatten mich wieder zu Gnaden angenommen, seit ich
plötzlich meinen schnöden Wandel geändert hatte. Ein guter Schüler war
ich auch jetzt wohl nicht, aber weder ich noch sonst jemand dachte noch
daran, daß vor einem halben Jahr meine strafweise Entlassung aus der
Schule allen wahrscheinlich gewesen war.
Mein Vater schrieb mir jetzt wieder mehr in dem Ton wie früher, ohne
Vorwürfe und Drohungen. Doch hatte ich keinen Trieb, ihm oder irgend
jemand zu erklären, wie die Wandlung mit mir vor sich gegangen war. Es
war ein Zufall, daß diese Wandlung mit den Wünschen meiner Eltern und
Lehrer übereinstimmte. Diese Wandlung brachte mich nicht zu den andern,
näherte mich niemandem an, machte mich nur einsamer. Sie zielte
irgendwohin, zu Demian, zu einem fernen Schicksal. Ich wußte es selber ja
nicht, ich stand ja mitten drin. Mit Beatrice hatte es angefangen, aber seit
einiger Zeit lebte ich mit meinen gemalten Blättern und meinen Gedanken
an Demian in einer so ganz unwirklichen Welt, daß ich auch sie völlig aus
den Augen und Gedanken verlor. Niemand hätte ich von meinen Träumen,
meinen Erwartungen, meiner inneren Umwandlung ein Wort sagen können,
auch nicht, wenn ich gewollt hätte.
Aber wie hätte ich dies wollen können?
Page 74
Fünftes Kapitel
Der Vogel kämpft sich aus dem Ei
M ein gemalter Traumvogel war unterwegs und suchte meinen Freund.
Auf die wunderlichste Weise kam mir eine Antwort.
In meiner Schulklasse, an meinem Platz, fand ich einst nach der
Pause zwischen zwei Lektionen einen Zettel in meinem Buch stecken. Er
war genau so gefaltet, wie es bei uns üblich war, wenn Klassengenossen
zuweilen während einer Lektion heimlich einander Billetts zukommen
ließen. Mich wunderte nur, wer mir solch einen Zettel zuschicke, denn ich
stand mit keinem Mitschüler je in solchem Verkehr. Ich dachte, es werde die
Aufforderung zu irgendeinem Schülerspaß sein, an dem ich doch nicht
teilnehmen würde, und legte den Zettel ungelesen vorn in mein Buch. Erst
während der Lektion fiel er mir zufällig wieder in die Hand.
Ich spielte mit dem Papier, entfaltete es gedankenlos und fand einige
Worte darein geschrieben. Ich warf einen Blick darauf, blieb an einem Wort
hängen, erschrak und las, während mein Herz sich vor Schicksal wie in
großer Kälte zusammenzog:
„Der Vogel kämpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren
werden will, muß eine Welt zerstören. Der Vogel fliegt zu Gott. Der Gott
heißt Abraxas.“
Ich versank nach dem mehrmaligen Lesen dieser Zeilen in tiefes
Nachsinnen. Es war kein Zweifel möglich, es war Antwort von Demian.
Niemand konnte von dem Vogel wissen, als ich und er. Er hatte mein Bild
bekommen. Er hatte verstanden und half mir deuten. Aber wie hing alles
zusammen? Und — das plagte mich vor allem — was hieß Abraxas? Ich
hatte das Wort nie gehört oder gelesen. „Der Gott heißt Abraxas!“
Die Stunde verging, ohne daß ich etwas vom Unterricht hörte. Die
nächste begann, die letzte des Vormittags. Sie wurde von einem ganz
jungen Hilfslehrer gegeben, der erst von der Universität kam und uns schon
Der Vogel kämpft sich aus dem Ei
M ein gemalter Traumvogel war unterwegs und suchte meinen Freund.
Auf die wunderlichste Weise kam mir eine Antwort.
In meiner Schulklasse, an meinem Platz, fand ich einst nach der
Pause zwischen zwei Lektionen einen Zettel in meinem Buch stecken. Er
war genau so gefaltet, wie es bei uns üblich war, wenn Klassengenossen
zuweilen während einer Lektion heimlich einander Billetts zukommen
ließen. Mich wunderte nur, wer mir solch einen Zettel zuschicke, denn ich
stand mit keinem Mitschüler je in solchem Verkehr. Ich dachte, es werde die
Aufforderung zu irgendeinem Schülerspaß sein, an dem ich doch nicht
teilnehmen würde, und legte den Zettel ungelesen vorn in mein Buch. Erst
während der Lektion fiel er mir zufällig wieder in die Hand.
Ich spielte mit dem Papier, entfaltete es gedankenlos und fand einige
Worte darein geschrieben. Ich warf einen Blick darauf, blieb an einem Wort
hängen, erschrak und las, während mein Herz sich vor Schicksal wie in
großer Kälte zusammenzog:
„Der Vogel kämpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren
werden will, muß eine Welt zerstören. Der Vogel fliegt zu Gott. Der Gott
heißt Abraxas.“
Ich versank nach dem mehrmaligen Lesen dieser Zeilen in tiefes
Nachsinnen. Es war kein Zweifel möglich, es war Antwort von Demian.
Niemand konnte von dem Vogel wissen, als ich und er. Er hatte mein Bild
bekommen. Er hatte verstanden und half mir deuten. Aber wie hing alles
zusammen? Und — das plagte mich vor allem — was hieß Abraxas? Ich
hatte das Wort nie gehört oder gelesen. „Der Gott heißt Abraxas!“
Die Stunde verging, ohne daß ich etwas vom Unterricht hörte. Die
nächste begann, die letzte des Vormittags. Sie wurde von einem ganz
jungen Hilfslehrer gegeben, der erst von der Universität kam und uns schon
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darum gefiel, weil er so jung war und sich uns gegenüber keine falsche
Würde anmaßte.
Wir lasen unter Doktor Follens Führung Herodot. Diese Lektüre gehörte
zu den wenigen Schulfächern, die mich interessierten. Aber diesmal war ich
nicht dabei. Ich hatte mechanisch mein Buch aufgeschlagen, folgte aber
dem Übersetzen nicht und blieb in meine Gedanken versunken. Übrigens
hatte ich schon mehrmals die Erfahrung gemacht, wie richtig das war, was
Demian mir damals im geistlichen Unterricht gesagt hatte. Was man stark
genug wollte, das gelang. Wenn ich während des Unterrichts sehr stark mit
eigenen Gedanken beschäftigt war, so konnte ich ruhig sein, daß der Lehrer
mich in Ruhe ließ. Ja, wenn man zerstreut war oder schläfrig, dann stand er
plötzlich da: das war mir auch schon begegnet. Aber wenn man wirklich
dachte, wirklich versunken war, dann war man geschützt. Und auch das mit
dem festen Anblicken hatte ich schon probiert und bewährt gefunden.
Damals zu Demians Zeiten war es mir nicht geglückt, jetzt spürte ich oft,
daß man mit Blicken und Gedanken sehr viel ausrichten konnte.
So saß ich auch jetzt und war weit von Herodot und von der Schule weg.
Aber da schlug unversehens mir die Stimme des Lehrers wie ein Blitz ins
Bewußtsein, daß ich voll Schreck erwachte. Ich hörte seine Stimme, er
stand dicht neben mir, ich glaubte schon, er habe meinen Namen gerufen.
Aber er sah mich nicht an. Ich atmete auf.
Da hörte ich seine Stimme wieder. Laut sagte sie das Wort: „Abraxas.“
In einer Erklärung, deren Anfang mir entgangen war, fuhr Doktor Follen
fort: „Wir müssen uns die Anschauungen jener Sekten und mystischen
Vereinigungen des Altertums nicht so naiv vorstellen, wie sie vom
Standpunkt einer rationalistischen Betrachtung aus erscheinen. Eine
Wissenschaft in unserem Sinn kannte das Altertum überhaupt nicht. Dafür
gab es eine Beschäftigung mit philosophisch-mystischen Wahrheiten, die
sehr hoch entwickelt war. Zum Teil entstand daraus Magie und Spielerei,
die wohl oft auch zu Betrug und Verbrechen führte. Aber auch die Magie
hatte eine edle Herkunft und tiefe Gedanken. So die Lehre von Abraxas, die
ich vorhin als Beispiel anführte. Man nennt diesen Namen in Verbindung
mit griechischen Zauberformeln und hält ihn vielfach für den Namen
irgendeines Zauberteufels, wie ihn etwa wilde Völker heute noch haben. Es
scheint aber, daß Abraxas viel mehr bedeutet. Wir können uns den Namen
etwa denken als den einer Gottheit, welche die symbolische Aufgabe hatte,
das Göttliche und das Teuflische zu vereinigen.“
Würde anmaßte.
Wir lasen unter Doktor Follens Führung Herodot. Diese Lektüre gehörte
zu den wenigen Schulfächern, die mich interessierten. Aber diesmal war ich
nicht dabei. Ich hatte mechanisch mein Buch aufgeschlagen, folgte aber
dem Übersetzen nicht und blieb in meine Gedanken versunken. Übrigens
hatte ich schon mehrmals die Erfahrung gemacht, wie richtig das war, was
Demian mir damals im geistlichen Unterricht gesagt hatte. Was man stark
genug wollte, das gelang. Wenn ich während des Unterrichts sehr stark mit
eigenen Gedanken beschäftigt war, so konnte ich ruhig sein, daß der Lehrer
mich in Ruhe ließ. Ja, wenn man zerstreut war oder schläfrig, dann stand er
plötzlich da: das war mir auch schon begegnet. Aber wenn man wirklich
dachte, wirklich versunken war, dann war man geschützt. Und auch das mit
dem festen Anblicken hatte ich schon probiert und bewährt gefunden.
Damals zu Demians Zeiten war es mir nicht geglückt, jetzt spürte ich oft,
daß man mit Blicken und Gedanken sehr viel ausrichten konnte.
So saß ich auch jetzt und war weit von Herodot und von der Schule weg.
Aber da schlug unversehens mir die Stimme des Lehrers wie ein Blitz ins
Bewußtsein, daß ich voll Schreck erwachte. Ich hörte seine Stimme, er
stand dicht neben mir, ich glaubte schon, er habe meinen Namen gerufen.
Aber er sah mich nicht an. Ich atmete auf.
Da hörte ich seine Stimme wieder. Laut sagte sie das Wort: „Abraxas.“
In einer Erklärung, deren Anfang mir entgangen war, fuhr Doktor Follen
fort: „Wir müssen uns die Anschauungen jener Sekten und mystischen
Vereinigungen des Altertums nicht so naiv vorstellen, wie sie vom
Standpunkt einer rationalistischen Betrachtung aus erscheinen. Eine
Wissenschaft in unserem Sinn kannte das Altertum überhaupt nicht. Dafür
gab es eine Beschäftigung mit philosophisch-mystischen Wahrheiten, die
sehr hoch entwickelt war. Zum Teil entstand daraus Magie und Spielerei,
die wohl oft auch zu Betrug und Verbrechen führte. Aber auch die Magie
hatte eine edle Herkunft und tiefe Gedanken. So die Lehre von Abraxas, die
ich vorhin als Beispiel anführte. Man nennt diesen Namen in Verbindung
mit griechischen Zauberformeln und hält ihn vielfach für den Namen
irgendeines Zauberteufels, wie ihn etwa wilde Völker heute noch haben. Es
scheint aber, daß Abraxas viel mehr bedeutet. Wir können uns den Namen
etwa denken als den einer Gottheit, welche die symbolische Aufgabe hatte,
das Göttliche und das Teuflische zu vereinigen.“
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Der kleine gelehrte Mann sprach fein und eifrig weiter, niemand war sehr
aufmerksam, und da der Name nicht mehr vorkam, sank auch meine
Aufmerksamkeit bald wieder in mich selbst zurück.
„Das Göttliche und das Teuflische vereinigen,“ klang es mir nach. Hier
konnte ich anknüpfen. Das war mir von den Gesprächen mit Demian in der
allerletzten Zeit unsrer Freundschaft her vertraut. Demian hatte damals
gesagt, wir hätten wohl einen Gott, den wir verehrten, aber der stelle nur
eine willkürlich abgetrennte Hälfte der Welt dar (es war die offizielle,
erlaubte, „lichte“ Welt). Man müsse aber die ganze Welt verehren können,
also müsse man entweder einen Gott haben, der auch Teufel sei, oder man
müsse neben dem Gottesdienst auch einen Dienst des Teufels einrichten. —
Und nun war also Abraxas der Gott, der sowohl Gott wie Teufel war.
Eine Zeitlang suchte ich mit großem Eifer auf der Spur weiter, ohne doch
vorwärts zu kommen. Ich stöberte auch eine ganze Bibliothek erfolglos
nach dem Abraxas durch. Doch war mein Wesen niemals stark auf diese Art
des direkten und bewußten Suchens eingestellt, wobei man zumeist nur
Wahrheiten findet, die einem Steine in der Hand bleiben.
Die Gestalt der Beatrice, mit der ich eine gewisse Zeit hindurch so viel
und innig beschäftigt gewesen war, sank nun allmählich unter, oder
vielmehr sie trat langsam von mir hinweg, näherte sich mehr und mehr dem
Horizont und wurde schattenhafter, ferner, blasser. Sie genügte der Seele
nicht mehr.
Es begann jetzt in dem eigentümlich in mich selbst eingesponnenen
Dasein, das ich wie ein Traumwandler führte, eine neue Bildung zu
entstehen. Die Sehnsucht nach dem Leben blühte in mir, vielmehr die
Sehnsucht nach Liebe, und der Trieb des Geschlechts, den ich eine Weile
hatte in die Anbetung Beatrices auflösen können, verlangte neue Bilder und
Ziele. Noch immer kam keine Erfüllung mir entgegen, und unmöglicher als
je war es mir, die Sehnsucht zu täuschen und etwas von den Mädchen zu
erwarten, bei denen meine Kameraden ihr Glück suchten. Ich träumte
wieder heftig, und zwar mehr am Tage als in der Nacht. Vorstellungen,
Bilder oder Wünsche, stiegen in mir auf und zogen mich von der äußeren
Welt hinweg, so daß ich mit diesen Bildern in mir, mit diesen Träumen oder
Schatten, wirklicher und lebhafter Umgang hatte und lebte, als mit meiner
wirklichen Umgebung.
Ein bestimmter Traum, oder ein Phantasiespiel, das immer wiederkehrte,
wurde mir bedeutungsvoll. Dieser Traum, der wichtigste und nachhaltigste
aufmerksam, und da der Name nicht mehr vorkam, sank auch meine
Aufmerksamkeit bald wieder in mich selbst zurück.
„Das Göttliche und das Teuflische vereinigen,“ klang es mir nach. Hier
konnte ich anknüpfen. Das war mir von den Gesprächen mit Demian in der
allerletzten Zeit unsrer Freundschaft her vertraut. Demian hatte damals
gesagt, wir hätten wohl einen Gott, den wir verehrten, aber der stelle nur
eine willkürlich abgetrennte Hälfte der Welt dar (es war die offizielle,
erlaubte, „lichte“ Welt). Man müsse aber die ganze Welt verehren können,
also müsse man entweder einen Gott haben, der auch Teufel sei, oder man
müsse neben dem Gottesdienst auch einen Dienst des Teufels einrichten. —
Und nun war also Abraxas der Gott, der sowohl Gott wie Teufel war.
Eine Zeitlang suchte ich mit großem Eifer auf der Spur weiter, ohne doch
vorwärts zu kommen. Ich stöberte auch eine ganze Bibliothek erfolglos
nach dem Abraxas durch. Doch war mein Wesen niemals stark auf diese Art
des direkten und bewußten Suchens eingestellt, wobei man zumeist nur
Wahrheiten findet, die einem Steine in der Hand bleiben.
Die Gestalt der Beatrice, mit der ich eine gewisse Zeit hindurch so viel
und innig beschäftigt gewesen war, sank nun allmählich unter, oder
vielmehr sie trat langsam von mir hinweg, näherte sich mehr und mehr dem
Horizont und wurde schattenhafter, ferner, blasser. Sie genügte der Seele
nicht mehr.
Es begann jetzt in dem eigentümlich in mich selbst eingesponnenen
Dasein, das ich wie ein Traumwandler führte, eine neue Bildung zu
entstehen. Die Sehnsucht nach dem Leben blühte in mir, vielmehr die
Sehnsucht nach Liebe, und der Trieb des Geschlechts, den ich eine Weile
hatte in die Anbetung Beatrices auflösen können, verlangte neue Bilder und
Ziele. Noch immer kam keine Erfüllung mir entgegen, und unmöglicher als
je war es mir, die Sehnsucht zu täuschen und etwas von den Mädchen zu
erwarten, bei denen meine Kameraden ihr Glück suchten. Ich träumte
wieder heftig, und zwar mehr am Tage als in der Nacht. Vorstellungen,
Bilder oder Wünsche, stiegen in mir auf und zogen mich von der äußeren
Welt hinweg, so daß ich mit diesen Bildern in mir, mit diesen Träumen oder
Schatten, wirklicher und lebhafter Umgang hatte und lebte, als mit meiner
wirklichen Umgebung.
Ein bestimmter Traum, oder ein Phantasiespiel, das immer wiederkehrte,
wurde mir bedeutungsvoll. Dieser Traum, der wichtigste und nachhaltigste
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meines Lebens, war etwa so: Ich kehrte in mein Vaterhaus zurück — über
dem Haustor leuchtete der Wappenvogel in Gelb auf blauem Grund — im
Hause kam mir meine Mutter entgegen — aber als ich eintrat und sie
umarmen wollte, war es nicht sie, sondern eine nie gesehene Gestalt, groß
und mächtig, dem Max Demian und meinem gemalten Blatte ähnlich, doch
anders, und trotz der Mächtigkeit ganz und gar weiblich. Diese Gestalt zog
mich an sich und nahm mich in eine tiefe, schauernde Liebesumarmung auf.
Wonne und Grausen waren vermischt, die Umarmung war Gottesdienst,
und war ebenso Verbrechen. Zu viel Erinnerung an meine Mutter, zu viel
Erinnerung an meinen Freund Demian geistete in der Gestalt, die mich
umfing. Ihre Umarmung verstieß gegen jede Ehrfurcht und war doch
Seligkeit. Oft erwachte ich aus diesem Traume mit tiefem Glücksgefühl, oft
mit Todesangst und gequältestem Gewissen wie aus furchtbarer Sünde.
Nur allmählich und unbewußt kam zwischen diesem ganz innerlichen
Bilde und dem mir von außen zugekommenen Wink über den zu suchenden
Gott eine Verbindung zustande. Sie wurde aber dann enger und inniger, und
ich begann zu spüren, daß ich gerade in diesem Ahnungstraum den Abraxas
anrief. Wonne und Grauen, Mann und Weib gemischt, Heiligstes und
Gräßliches ineinander verflochten, tiefe Schuld durch zarteste Unschuld
zuckend — so war mein Liebestraumbild, und so war auch Abraxas. Liebe
war nicht mehr tierisch dunkler Trieb, wie ich sie beängstigt im Anfang
empfunden hatte, und sie war auch nicht mehr fromm vergeistigte
Anbeterschaft, wie ich sie dem Bilde der Beatrice dargebracht. Sie war
beides, beides und noch viel mehr, sie war Engelsbild und Satan, Mann und
Weib in einem, Mensch und Tier, höchstes Gut und äußerstes Böses. Dies
zu leben schien mir bestimmt, dies zu kosten mein Schicksal. Ich hatte
Sehnsucht nach ihm und hatte Angst vor ihm, ich träumte ihm nach und ich
floh vor ihm, aber es war immer da, war immer über mir.
Im nächsten Frühjahr sollte ich das Gymnasium verlassen und studieren
gehen, ich wußte noch nicht wo und was. Auf meinen Lippen wuchs ein
kleiner Bart, ich war ein ausgewachsener Mensch, und doch vollkommen
hilflos und ohne Ziele. Fest war nur eines: die Stimme in mir, das
Traumbild. Ich fühlte die Aufgabe, dieser Führung blind zu folgen. Aber es
fiel mir schwer, und täglich lehnte ich mich auf. Vielleicht war ich verrückt,
dachte ich nicht selten, vielleicht war ich nicht wie andere Menschen? Aber
ich konnte das, was andre leisteten, alles auch tun, mit ein wenig Fleiß und
Bemühung konnte ich Plato lesen, konnte trigonometrische Aufgaben lösen
dem Haustor leuchtete der Wappenvogel in Gelb auf blauem Grund — im
Hause kam mir meine Mutter entgegen — aber als ich eintrat und sie
umarmen wollte, war es nicht sie, sondern eine nie gesehene Gestalt, groß
und mächtig, dem Max Demian und meinem gemalten Blatte ähnlich, doch
anders, und trotz der Mächtigkeit ganz und gar weiblich. Diese Gestalt zog
mich an sich und nahm mich in eine tiefe, schauernde Liebesumarmung auf.
Wonne und Grausen waren vermischt, die Umarmung war Gottesdienst,
und war ebenso Verbrechen. Zu viel Erinnerung an meine Mutter, zu viel
Erinnerung an meinen Freund Demian geistete in der Gestalt, die mich
umfing. Ihre Umarmung verstieß gegen jede Ehrfurcht und war doch
Seligkeit. Oft erwachte ich aus diesem Traume mit tiefem Glücksgefühl, oft
mit Todesangst und gequältestem Gewissen wie aus furchtbarer Sünde.
Nur allmählich und unbewußt kam zwischen diesem ganz innerlichen
Bilde und dem mir von außen zugekommenen Wink über den zu suchenden
Gott eine Verbindung zustande. Sie wurde aber dann enger und inniger, und
ich begann zu spüren, daß ich gerade in diesem Ahnungstraum den Abraxas
anrief. Wonne und Grauen, Mann und Weib gemischt, Heiligstes und
Gräßliches ineinander verflochten, tiefe Schuld durch zarteste Unschuld
zuckend — so war mein Liebestraumbild, und so war auch Abraxas. Liebe
war nicht mehr tierisch dunkler Trieb, wie ich sie beängstigt im Anfang
empfunden hatte, und sie war auch nicht mehr fromm vergeistigte
Anbeterschaft, wie ich sie dem Bilde der Beatrice dargebracht. Sie war
beides, beides und noch viel mehr, sie war Engelsbild und Satan, Mann und
Weib in einem, Mensch und Tier, höchstes Gut und äußerstes Böses. Dies
zu leben schien mir bestimmt, dies zu kosten mein Schicksal. Ich hatte
Sehnsucht nach ihm und hatte Angst vor ihm, ich träumte ihm nach und ich
floh vor ihm, aber es war immer da, war immer über mir.
Im nächsten Frühjahr sollte ich das Gymnasium verlassen und studieren
gehen, ich wußte noch nicht wo und was. Auf meinen Lippen wuchs ein
kleiner Bart, ich war ein ausgewachsener Mensch, und doch vollkommen
hilflos und ohne Ziele. Fest war nur eines: die Stimme in mir, das
Traumbild. Ich fühlte die Aufgabe, dieser Führung blind zu folgen. Aber es
fiel mir schwer, und täglich lehnte ich mich auf. Vielleicht war ich verrückt,
dachte ich nicht selten, vielleicht war ich nicht wie andere Menschen? Aber
ich konnte das, was andre leisteten, alles auch tun, mit ein wenig Fleiß und
Bemühung konnte ich Plato lesen, konnte trigonometrische Aufgaben lösen
Page 78
oder einer chemischen Analyse folgen. Nur eines konnte ich nicht: das in
mir dunkel verborgene Ziel herausreißen und irgendwo vor mich hinmalen,
wie andere es taten, welche genau wußten, daß sie Professor oder Richter,
Arzt oder Künstler werden wollten, wie lang das dauern und was für
Vorteile es haben würde. Das konnte ich nicht. Vielleicht wurde ich auch
einmal so etwas, aber wie sollte ich das wissen. Vielleicht mußte ich auch
suchen und weitersuchen, jahrelang, und wurde nichts, und kam an kein
Ziel. Vielleicht kam ich auch an ein Ziel, aber es war ein böses,
gefährliches, furchtbares.
Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir
heraus wollte. Warum war das so sehr schwer?
Oft machte ich den Versuch, die mächtige Liebesgestalt meines Traumes
zu malen. Es gelang aber nie. Wäre es mir gelungen, so hätte ich das Blatt
an Demian gesandt. Wo war er? Ich wußte es nicht. Ich wußte nur, er war
mit mir verbunden. Wann würde ich ihn wiedersehen?
Die freundliche Ruhe jener Wochen und Monate der Beatricezeit war
lang vergangen. Damals hatte ich gemeint, eine Insel erreicht und einen
Frieden gefunden zu haben. Aber so war es immer — kaum war ein
Zustand mir lieb geworden, kaum hatte ein Traum mir wohlgetan, so wurde
er auch schon welk und blind. Vergebens, ihm nachzuklagen! Ich lebte jetzt
in einem Feuer von ungestilltem Verlangen, von gespanntem Erwarten, das
mich oft völlig wild und toll machte. Das Bild der Traumgeliebten sah ich
oft mit überlebendiger Deutlichkeit vor mir, viel deutlicher als meine eigene
Hand, sprach mit ihm, weinte vor ihm, fluchte ihm. Ich nannte es Mutter
und kniete vor ihm in Tränen, ich nannte es Geliebte und ahnte seinen
reifen, alles erfüllenden Kuß, ich nannte es Teufel und Hure, Vampyr und
Mörder. Es verlockte mich zu zartesten Liebesträumen und zu wüsten
Schamlosigkeiten, nichts war ihm zu gut und köstlich, nichts zu schlecht
und niedrig.
Jenen ganzen Winter verlebte ich in einem inneren Sturm, den ich schwer
beschreiben kann. An die Einsamkeit war ich lang gewöhnt, sie drückte
mich nicht, ich lebte mit Demian, mit dem Sperber, mit dem Bild der
großen Traumgestalt, die mein Schicksal und meine Geliebte war. Das war
genug, um darin zu leben, denn alles blickte ins Große und Weite, und alles
deutete auf Abraxas. Aber keiner dieser Träume, keiner meiner Gedanken
gehorchte mir, keinen konnte ich rufen, keinem konnte ich nach Belieben
mir dunkel verborgene Ziel herausreißen und irgendwo vor mich hinmalen,
wie andere es taten, welche genau wußten, daß sie Professor oder Richter,
Arzt oder Künstler werden wollten, wie lang das dauern und was für
Vorteile es haben würde. Das konnte ich nicht. Vielleicht wurde ich auch
einmal so etwas, aber wie sollte ich das wissen. Vielleicht mußte ich auch
suchen und weitersuchen, jahrelang, und wurde nichts, und kam an kein
Ziel. Vielleicht kam ich auch an ein Ziel, aber es war ein böses,
gefährliches, furchtbares.
Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir
heraus wollte. Warum war das so sehr schwer?
Oft machte ich den Versuch, die mächtige Liebesgestalt meines Traumes
zu malen. Es gelang aber nie. Wäre es mir gelungen, so hätte ich das Blatt
an Demian gesandt. Wo war er? Ich wußte es nicht. Ich wußte nur, er war
mit mir verbunden. Wann würde ich ihn wiedersehen?
Die freundliche Ruhe jener Wochen und Monate der Beatricezeit war
lang vergangen. Damals hatte ich gemeint, eine Insel erreicht und einen
Frieden gefunden zu haben. Aber so war es immer — kaum war ein
Zustand mir lieb geworden, kaum hatte ein Traum mir wohlgetan, so wurde
er auch schon welk und blind. Vergebens, ihm nachzuklagen! Ich lebte jetzt
in einem Feuer von ungestilltem Verlangen, von gespanntem Erwarten, das
mich oft völlig wild und toll machte. Das Bild der Traumgeliebten sah ich
oft mit überlebendiger Deutlichkeit vor mir, viel deutlicher als meine eigene
Hand, sprach mit ihm, weinte vor ihm, fluchte ihm. Ich nannte es Mutter
und kniete vor ihm in Tränen, ich nannte es Geliebte und ahnte seinen
reifen, alles erfüllenden Kuß, ich nannte es Teufel und Hure, Vampyr und
Mörder. Es verlockte mich zu zartesten Liebesträumen und zu wüsten
Schamlosigkeiten, nichts war ihm zu gut und köstlich, nichts zu schlecht
und niedrig.
Jenen ganzen Winter verlebte ich in einem inneren Sturm, den ich schwer
beschreiben kann. An die Einsamkeit war ich lang gewöhnt, sie drückte
mich nicht, ich lebte mit Demian, mit dem Sperber, mit dem Bild der
großen Traumgestalt, die mein Schicksal und meine Geliebte war. Das war
genug, um darin zu leben, denn alles blickte ins Große und Weite, und alles
deutete auf Abraxas. Aber keiner dieser Träume, keiner meiner Gedanken
gehorchte mir, keinen konnte ich rufen, keinem konnte ich nach Belieben
Page 79
seine Farben geben. Sie kamen und nahmen mich, ich wurde von ihnen
regiert, wurde von ihnen gelebt.
Wohl war ich nach außen gesichert. Vor Menschen hatte ich keine Furcht,
das hatten auch meine Mitschüler gelernt und brachten mir eine heimliche
Achtung entgegen, die mich oft lächeln machte. Wenn ich wollte, konnte
ich die meisten von ihnen sehr gut durchschauen und sie gelegentlich
dadurch in Erstaunen setzen. Nur wollte ich selten oder nie. Ich war immer
mit mir beschäftigt, immer mit mir selbst. Und ich verlangte sehnlichst
danach, nun endlich auch einmal ein Stück zu leben, etwas aus mir hinaus
in die Welt zu geben, in Beziehung und Kampf mit ihr zu treten. Manchmal
wenn ich am Abend durch die Straßen lief und vor Unrast bis Mitternacht
nicht heimkehren konnte, manchmal meinte ich dann, jetzt und jetzt müsse
meine Geliebte mir begegnen, an der nächsten Ecke vorübergehen, mir aus
dem nächsten Fenster rufen. Manchmal auch schien mir dies alles
unerträglich qualvoll, und ich war darauf gefaßt, mir einmal das Leben zu
nehmen.
Eine eigentümliche Zuflucht fand ich damals — durch einen „Zufall“,
wie man sagt. Es gibt aber solche Zufälle nicht. Wenn der, der etwas
notwendig braucht, dies ihm Notwendige findet, so ist es nicht der Zufall,
der es ihm gibt, sondern er selbst, sein eigenes Verlangen und Müssen führt
ihn hin.
Ich hatte zwei oder drei Male auf meinen Gängen durch die Stadt aus
einer kleineren Vorstadtkirche Orgelspiel vernommen, ohne dabei zu
verweilen. Als ich das nächstemal vorüberkam, hörte ich es wieder, und
erkannte, daß Bach gespielt wurde. Ich ging zum Tor, das ich geschlossen
fand, und da die Gasse fast ohne Menschen war, setzte ich mich neben der
Kirche auf einen Prellstein, schlug den Mantelkragen um mich und hörte
zu. Es war keine große, doch eine gute Orgel, und es wurde wunderlich
gespielt, nämlich gut und beinahe virtuos, aber mit einem eigentümlichen,
höchst persönlichen Ausdruck von Willen und Beharrlichkeit, der wie ein
Gebet klang. Ich hatte das Gefühl: der Mann, der da spielt, weiß in dieser
Musik einen Schatz verschlossen, und er wirbt und pocht und müht sich um
diesen Schatz wie um sein Leben. Ich verstehe, im Sinn der Technik, nicht
sehr viel von Musik, aber ich habe gerade diesen Ausdruck der Seele von
Kind auf instinktiv verstanden und das Musikalische als etwas
Selbstverständliches in mir gefühlt.
regiert, wurde von ihnen gelebt.
Wohl war ich nach außen gesichert. Vor Menschen hatte ich keine Furcht,
das hatten auch meine Mitschüler gelernt und brachten mir eine heimliche
Achtung entgegen, die mich oft lächeln machte. Wenn ich wollte, konnte
ich die meisten von ihnen sehr gut durchschauen und sie gelegentlich
dadurch in Erstaunen setzen. Nur wollte ich selten oder nie. Ich war immer
mit mir beschäftigt, immer mit mir selbst. Und ich verlangte sehnlichst
danach, nun endlich auch einmal ein Stück zu leben, etwas aus mir hinaus
in die Welt zu geben, in Beziehung und Kampf mit ihr zu treten. Manchmal
wenn ich am Abend durch die Straßen lief und vor Unrast bis Mitternacht
nicht heimkehren konnte, manchmal meinte ich dann, jetzt und jetzt müsse
meine Geliebte mir begegnen, an der nächsten Ecke vorübergehen, mir aus
dem nächsten Fenster rufen. Manchmal auch schien mir dies alles
unerträglich qualvoll, und ich war darauf gefaßt, mir einmal das Leben zu
nehmen.
Eine eigentümliche Zuflucht fand ich damals — durch einen „Zufall“,
wie man sagt. Es gibt aber solche Zufälle nicht. Wenn der, der etwas
notwendig braucht, dies ihm Notwendige findet, so ist es nicht der Zufall,
der es ihm gibt, sondern er selbst, sein eigenes Verlangen und Müssen führt
ihn hin.
Ich hatte zwei oder drei Male auf meinen Gängen durch die Stadt aus
einer kleineren Vorstadtkirche Orgelspiel vernommen, ohne dabei zu
verweilen. Als ich das nächstemal vorüberkam, hörte ich es wieder, und
erkannte, daß Bach gespielt wurde. Ich ging zum Tor, das ich geschlossen
fand, und da die Gasse fast ohne Menschen war, setzte ich mich neben der
Kirche auf einen Prellstein, schlug den Mantelkragen um mich und hörte
zu. Es war keine große, doch eine gute Orgel, und es wurde wunderlich
gespielt, nämlich gut und beinahe virtuos, aber mit einem eigentümlichen,
höchst persönlichen Ausdruck von Willen und Beharrlichkeit, der wie ein
Gebet klang. Ich hatte das Gefühl: der Mann, der da spielt, weiß in dieser
Musik einen Schatz verschlossen, und er wirbt und pocht und müht sich um
diesen Schatz wie um sein Leben. Ich verstehe, im Sinn der Technik, nicht
sehr viel von Musik, aber ich habe gerade diesen Ausdruck der Seele von
Kind auf instinktiv verstanden und das Musikalische als etwas
Selbstverständliches in mir gefühlt.
Page 80
Der Musiker spielte darauf auch etwas Modernes, es konnte von Reger
sein. Die Kirche war fast völlig dunkel, nur ein ganz dünner Lichtschein
drang durchs nächste Fenster. Ich wartete, bis die Musik zu Ende war, und
strich dann auf und ab, bis ich den Organisten herauskommen sah. Es war
ein noch junger Mensch, doch älter als ich, vierschrötig und untersetzt von
Gestalt, und er lief rasch mit kräftigen und gleichsam unwilligen Schritten
davon.
Manchmal saß ich von da an in der Abendstunde vor der Kirche, oder
ging auf und ab. Einmal fand ich auch das Tor offen und saß eine halbe
Stunde fröstelnd und glücklich im Gestühl, während der Organist oben bei
spärlichem Gaslicht spielte. Aus der Musik, die er spielte, hörte ich nicht
nur ihn selbst. Es schien mir auch alles, was er spielte, unter sich verwandt
zu sein, einen geheimen Zusammenhang zu haben. Alles, was er spielte,
war gläubig, war hingegeben und fromm, aber nicht fromm wie die
Kirchengänger und Pastoren, sondern fromm wie Pilger und Bettler im
Mittelalter, fromm mit rücksichtsloser Hingabe an ein Weltgefühl, das über
allen Bekenntnissen stand. Die Meister vor Bach wurden fleißig gespielt,
und alte Italiener. Und alle sagten dasselbe, alle sagten das, was auch der
Musikant in der Seele hatte: Sehnsucht, innigstes Ergreifen der Welt und
wildestes Sichwiederscheiden von ihr, brennendes Lauschen auf die eigene
dunkle Seele, Rausch der Hingabe und tiefe Neugierde auf das Wunderbare.
Als ich einmal den Orgelspieler nach seinem Weggang aus der Kirche
heimlich verfolgte, sah ich ihn weit draußen am Rande der Stadt in eine
kleine Schenke treten. Ich konnte nicht widerstehen und ging ihm nach.
Zum erstenmal sah ich ihn hier deutlich. Er saß am Wirtstisch in einer Ecke
der kleinen Stube, den schwarzen Filzhut auf dem Kopf, einen Schoppen
Wein vor sich, und sein Gesicht war so, wie ich es erwartet hatte. Es war
häßlich und etwas wild, suchend und verbohrt, eigensinnig und willensvoll,
dabei um den Mund weich und kindlich. Das Männliche und Starke saß
alles in Augen und Stirn, der untere Teil des Gesichtes war zart und
unfertig, unbeherrscht und zum Teil weichlich, das Kinn voll
Unentschlossenheit stand knabenhaft da wie ein Widerspruch gegen Stirn
und Blick. Lieb waren mir die dunkelbraunen Augen, voll Stolz und
Feindlichkeit.
Schweigend setzte ich mich ihm gegenüber, niemand war sonst in der
Kneipe. Er blitzte mich an, als wolle er mich wegjagen. Ich hielt jedoch
sein. Die Kirche war fast völlig dunkel, nur ein ganz dünner Lichtschein
drang durchs nächste Fenster. Ich wartete, bis die Musik zu Ende war, und
strich dann auf und ab, bis ich den Organisten herauskommen sah. Es war
ein noch junger Mensch, doch älter als ich, vierschrötig und untersetzt von
Gestalt, und er lief rasch mit kräftigen und gleichsam unwilligen Schritten
davon.
Manchmal saß ich von da an in der Abendstunde vor der Kirche, oder
ging auf und ab. Einmal fand ich auch das Tor offen und saß eine halbe
Stunde fröstelnd und glücklich im Gestühl, während der Organist oben bei
spärlichem Gaslicht spielte. Aus der Musik, die er spielte, hörte ich nicht
nur ihn selbst. Es schien mir auch alles, was er spielte, unter sich verwandt
zu sein, einen geheimen Zusammenhang zu haben. Alles, was er spielte,
war gläubig, war hingegeben und fromm, aber nicht fromm wie die
Kirchengänger und Pastoren, sondern fromm wie Pilger und Bettler im
Mittelalter, fromm mit rücksichtsloser Hingabe an ein Weltgefühl, das über
allen Bekenntnissen stand. Die Meister vor Bach wurden fleißig gespielt,
und alte Italiener. Und alle sagten dasselbe, alle sagten das, was auch der
Musikant in der Seele hatte: Sehnsucht, innigstes Ergreifen der Welt und
wildestes Sichwiederscheiden von ihr, brennendes Lauschen auf die eigene
dunkle Seele, Rausch der Hingabe und tiefe Neugierde auf das Wunderbare.
Als ich einmal den Orgelspieler nach seinem Weggang aus der Kirche
heimlich verfolgte, sah ich ihn weit draußen am Rande der Stadt in eine
kleine Schenke treten. Ich konnte nicht widerstehen und ging ihm nach.
Zum erstenmal sah ich ihn hier deutlich. Er saß am Wirtstisch in einer Ecke
der kleinen Stube, den schwarzen Filzhut auf dem Kopf, einen Schoppen
Wein vor sich, und sein Gesicht war so, wie ich es erwartet hatte. Es war
häßlich und etwas wild, suchend und verbohrt, eigensinnig und willensvoll,
dabei um den Mund weich und kindlich. Das Männliche und Starke saß
alles in Augen und Stirn, der untere Teil des Gesichtes war zart und
unfertig, unbeherrscht und zum Teil weichlich, das Kinn voll
Unentschlossenheit stand knabenhaft da wie ein Widerspruch gegen Stirn
und Blick. Lieb waren mir die dunkelbraunen Augen, voll Stolz und
Feindlichkeit.
Schweigend setzte ich mich ihm gegenüber, niemand war sonst in der
Kneipe. Er blitzte mich an, als wolle er mich wegjagen. Ich hielt jedoch
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stand und sah ihn unentwegt an, bis er unwirsch brummte: „Was schauen
Sie denn so verflucht scharf? Wollen Sie was von mir?“
„Ich will nichts von Ihnen,“ sagte ich. „Aber ich habe schon viel von
Ihnen gehabt.“
Er zog die Stirn zusammen.
„So, sind Sie ein Musikschwärmer? Ich finde es ekelhaft, für Musik zu
schwärmen.“
Ich ließ mich nicht abschrecken.
„Ich habe Ihnen schon oft zugehört, in der Kirche da draußen,“ sagte ich.
„Ich will Sie übrigens nicht belästigen. Ich dachte, ich würde bei Ihnen
vielleicht etwas finden, etwas Besonderes, ich weiß nicht recht was. Aber
hören Sie lieber gar nicht auf mich! Ich kann Ihnen ja in der Kirche
zuhören.“
„Ich schließe doch immer ab.“
„Neulich haben Sie es vergessen, und ich saß drinnen. Sonst stehe ich
draußen oder sitze auf dem Prellstein.“
„So? Sie können ein andermal hereinkommen, es ist wärmer. Sie müssen
dann bloß an die Tür klopfen. Aber kräftig, und nicht während ich spiele.
Jetzt los — was wollten Sie sagen? Sie sind ein ganz junger Mann,
wahrscheinlich ein Schüler oder Student. Sind Sie Musiker?“
„Nein. Ich höre gern Musik, aber bloß solche, wie Sie sie spielen, ganz
unbedingte Musik, solche, bei der man spürt, daß da ein Mensch an Himmel
und Hölle rüttelt. Die Musik ist mir sehr lieb, ich glaube, weil sie so wenig
moralisch ist. Alles andere ist moralisch, und ich suche etwas, was nicht so
ist. Ich habe unter dem Moralischen immer bloß gelitten. Ich kann mich
nicht gut ausdrücken. — Wissen Sie, daß es einen Gott geben muß, der
zugleich Gott und Teufel ist? Es soll einen gegeben haben, ich hörte
davon.“
Der Musiker schob den breiten Hut etwas zurück und schüttelte sich das
dunkle Haar von der großen Stirn. Dabei sah er mich durchdringend an und
neigte mir sein Gesicht über den Tisch entgegen.
Leise und gespannt fragte er: „Wie heißt der Gott, von dem Sie da
sagen?“
„Ich weiß leider fast nichts von ihm, eigentlich bloß den Namen. Er heißt
Abraxas.“
Der Musikant blickte wie mißtrauisch um sich, als könnte uns jemand
belauschen. Dann rückte er nahe zu mir und sagte flüsternd: „Ich habe es
Sie denn so verflucht scharf? Wollen Sie was von mir?“
„Ich will nichts von Ihnen,“ sagte ich. „Aber ich habe schon viel von
Ihnen gehabt.“
Er zog die Stirn zusammen.
„So, sind Sie ein Musikschwärmer? Ich finde es ekelhaft, für Musik zu
schwärmen.“
Ich ließ mich nicht abschrecken.
„Ich habe Ihnen schon oft zugehört, in der Kirche da draußen,“ sagte ich.
„Ich will Sie übrigens nicht belästigen. Ich dachte, ich würde bei Ihnen
vielleicht etwas finden, etwas Besonderes, ich weiß nicht recht was. Aber
hören Sie lieber gar nicht auf mich! Ich kann Ihnen ja in der Kirche
zuhören.“
„Ich schließe doch immer ab.“
„Neulich haben Sie es vergessen, und ich saß drinnen. Sonst stehe ich
draußen oder sitze auf dem Prellstein.“
„So? Sie können ein andermal hereinkommen, es ist wärmer. Sie müssen
dann bloß an die Tür klopfen. Aber kräftig, und nicht während ich spiele.
Jetzt los — was wollten Sie sagen? Sie sind ein ganz junger Mann,
wahrscheinlich ein Schüler oder Student. Sind Sie Musiker?“
„Nein. Ich höre gern Musik, aber bloß solche, wie Sie sie spielen, ganz
unbedingte Musik, solche, bei der man spürt, daß da ein Mensch an Himmel
und Hölle rüttelt. Die Musik ist mir sehr lieb, ich glaube, weil sie so wenig
moralisch ist. Alles andere ist moralisch, und ich suche etwas, was nicht so
ist. Ich habe unter dem Moralischen immer bloß gelitten. Ich kann mich
nicht gut ausdrücken. — Wissen Sie, daß es einen Gott geben muß, der
zugleich Gott und Teufel ist? Es soll einen gegeben haben, ich hörte
davon.“
Der Musiker schob den breiten Hut etwas zurück und schüttelte sich das
dunkle Haar von der großen Stirn. Dabei sah er mich durchdringend an und
neigte mir sein Gesicht über den Tisch entgegen.
Leise und gespannt fragte er: „Wie heißt der Gott, von dem Sie da
sagen?“
„Ich weiß leider fast nichts von ihm, eigentlich bloß den Namen. Er heißt
Abraxas.“
Der Musikant blickte wie mißtrauisch um sich, als könnte uns jemand
belauschen. Dann rückte er nahe zu mir und sagte flüsternd: „Ich habe es
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mir gedacht. Wer sind Sie?“
„Ich bin ein Schüler vom Gymnasium.“
„Woher wissen Sie von Abraxas?“
„Durch Zufall.“
Er hieb auf den Tisch, daß sein Weinglas überlief.
„Zufall! Reden Sie keinen Sch . . . dreck, junger Mensch! Von Abraxas
weiß man nicht durch Zufall, das merken Sie sich. Ich werde Ihnen noch
mehr von ihm sagen. Ich weiß ein wenig von ihm.“
Er schwieg und rückte seinen Stuhl zurück. Als ich ihn voll Erwartung
ansah, schnitt er eine Grimasse.
„Nicht hier! Ein andermal. — Da, nehmen Sie!“
Dabei griff er in die Tasche seines Mantels, den er nicht abgelegt hatte,
und zog ein paar gebratene Kastanien heraus, die er mir hinwarf.
Ich sagte nichts, nahm sie und aß und war sehr zufrieden.
„Also!“ flüsterte er nach einer Weile. „Woher wissen Sie von — Ihm?“
Ich zögerte nicht, es ihm zu sagen.
„Ich war allein und ratlos,“ erzählte ich. „Da fiel mir ein Freund aus
früheren Jahren ein, von dem ich glaube, daß er sehr viel weiß. Ich hatte
etwas gemalt, einen Vogel, der aus einer Weltkugel herauskam. Den
schickte ich ihm. Nach einiger Zeit, als ich nicht mehr recht daran glaubte,
bekam ich ein Stück Papier in die Hand, darauf stand: Der Vogel kämpft
sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden will, muß eine
Welt zerstören. Der Vogel fliegt zu Gott. Der Gott heißt Abraxas.“
Er erwiderte nichts, wir schälten unsere Kastanien und aßen sie zum
Wein.
„Nehmen wir noch einen Schoppen?“ fragte er.
„Danke, nein. Ich trinke nicht gern.“
Er lachte, etwas enttäuscht.
„Wie Sie wollen! Bei mir ist es anders. Ich bleibe noch hier. Gehen Sie
jetzt nur!“
Als ich dann das nächstemal nach der Orgelmusik mit ihm ging, war er
nicht sehr mitteilsam. Er führte mich in einer alten Gasse durch ein altes,
stattliches Haus empor und in ein großes, etwas düsteres und verwahrlostes
Zimmer, wo außer einem Klavier nichts auf Musik deutete, während ein
großer Bücherschrank und Schreibtisch dem Raum etwas Gelehrtenhaftes
gaben.
„Wieviel Bücher Sie haben!“ sagte ich anerkennend.
„Ich bin ein Schüler vom Gymnasium.“
„Woher wissen Sie von Abraxas?“
„Durch Zufall.“
Er hieb auf den Tisch, daß sein Weinglas überlief.
„Zufall! Reden Sie keinen Sch . . . dreck, junger Mensch! Von Abraxas
weiß man nicht durch Zufall, das merken Sie sich. Ich werde Ihnen noch
mehr von ihm sagen. Ich weiß ein wenig von ihm.“
Er schwieg und rückte seinen Stuhl zurück. Als ich ihn voll Erwartung
ansah, schnitt er eine Grimasse.
„Nicht hier! Ein andermal. — Da, nehmen Sie!“
Dabei griff er in die Tasche seines Mantels, den er nicht abgelegt hatte,
und zog ein paar gebratene Kastanien heraus, die er mir hinwarf.
Ich sagte nichts, nahm sie und aß und war sehr zufrieden.
„Also!“ flüsterte er nach einer Weile. „Woher wissen Sie von — Ihm?“
Ich zögerte nicht, es ihm zu sagen.
„Ich war allein und ratlos,“ erzählte ich. „Da fiel mir ein Freund aus
früheren Jahren ein, von dem ich glaube, daß er sehr viel weiß. Ich hatte
etwas gemalt, einen Vogel, der aus einer Weltkugel herauskam. Den
schickte ich ihm. Nach einiger Zeit, als ich nicht mehr recht daran glaubte,
bekam ich ein Stück Papier in die Hand, darauf stand: Der Vogel kämpft
sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden will, muß eine
Welt zerstören. Der Vogel fliegt zu Gott. Der Gott heißt Abraxas.“
Er erwiderte nichts, wir schälten unsere Kastanien und aßen sie zum
Wein.
„Nehmen wir noch einen Schoppen?“ fragte er.
„Danke, nein. Ich trinke nicht gern.“
Er lachte, etwas enttäuscht.
„Wie Sie wollen! Bei mir ist es anders. Ich bleibe noch hier. Gehen Sie
jetzt nur!“
Als ich dann das nächstemal nach der Orgelmusik mit ihm ging, war er
nicht sehr mitteilsam. Er führte mich in einer alten Gasse durch ein altes,
stattliches Haus empor und in ein großes, etwas düsteres und verwahrlostes
Zimmer, wo außer einem Klavier nichts auf Musik deutete, während ein
großer Bücherschrank und Schreibtisch dem Raum etwas Gelehrtenhaftes
gaben.
„Wieviel Bücher Sie haben!“ sagte ich anerkennend.
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„Ein Teil davon ist aus der Bibliothek meines Vaters, bei dem ich wohne.
— Ja, junger Mann, ich wohne bei Vater und Mutter, aber ich kann Sie
ihnen nicht vorstellen, mein Umgang genießt hier im Hause keiner großen
Achtung. Ich bin ein verlorener Sohn, wissen Sie. Mein Vater ist ein
fabelhaft ehrenwerter Mann, ein bedeutender Pfarrer und Prediger in
hiesiger Stadt. Und ich, damit Sie gleich Bescheid wissen, bin sein begabter
und vielversprechender Herr Sohn, der aber entgleist und einigermaßen
verrückt geworden ist. Ich war Theologe und habe kurz vor dem
Staatsexamen diese biedere Fakultät verlassen. Obgleich ich eigentlich noch
immer beim Fach bin, was meine Privatstudien betrifft. Was für Götter die
Leute sich jeweils ausgedacht haben, das ist mir noch immer höchst wichtig
und interessant. Im übrigen bin ich jetzt Musiker und werde, wie es scheint,
bald eine kleinere Organistenstelle bekommen. Dann bin ich ja auch wieder
bei der Kirche.“
Ich schaute an den Bücherrücken entlang, fand griechische, lateinische,
hebräische Titel, soweit ich beim schwachen Licht der kleinen Tischlampe
sehen konnte. Inzwischen hatte sich mein Bekannter im Finstern bei der
Wand auf den Boden gelegt und machte sich dort zu schaffen.
„Kommen Sie,“ rief er nach einer Weile, „wir wollen jetzt ein wenig
Philosophie üben, das heißt das Maul halten, auf dem Bauche liegen und
denken.“
Er strich ein Zündholz an und setzte in dem Kamin, vor dem er lag,
Papier und Scheite in Brand. Die Flamme stieg hoch, er schürte und speiste
das Feuer mit ausgesuchter Umsicht. Ich legte mich zu ihm auf den
zerschlissenen Teppich. Er starrte ins Feuer, das auch mich anzog, und wir
lagen schweigend wohl eine Stunde lang auf dem Bauch vor dem
flackernden Holzfeuer, sahen es flammen und brausen, einsinken und sich
krümmen, verflackern und zucken und endlich in stiller, versunkener Glut
am Boden brüten.
„Das Feueranbeten war nicht das Dümmste, was erfunden worden ist,“
murmelte er einmal vor sich hin. Sonst sagte keiner von uns ein Wort. Mit
starren Augen hing ich an dem Feuer, versank in Traum und Stille, sah
Gestalten im Rauch und Bilder in der Asche. Einmal schrak ich auf. Mein
Genosse warf ein Stückchen Harz in die Glut, eine kleine, schlanke Flamme
schoß empor, ich sah in ihr den Vogel mit dem gelben Sperberkopf. In der
hinsterbenden Kaminglut liefen goldig glühende Fäden zu Netzen
zusammen, Buchstaben und Bilder erschienen, Erinnerungen an Gesichter,
— Ja, junger Mann, ich wohne bei Vater und Mutter, aber ich kann Sie
ihnen nicht vorstellen, mein Umgang genießt hier im Hause keiner großen
Achtung. Ich bin ein verlorener Sohn, wissen Sie. Mein Vater ist ein
fabelhaft ehrenwerter Mann, ein bedeutender Pfarrer und Prediger in
hiesiger Stadt. Und ich, damit Sie gleich Bescheid wissen, bin sein begabter
und vielversprechender Herr Sohn, der aber entgleist und einigermaßen
verrückt geworden ist. Ich war Theologe und habe kurz vor dem
Staatsexamen diese biedere Fakultät verlassen. Obgleich ich eigentlich noch
immer beim Fach bin, was meine Privatstudien betrifft. Was für Götter die
Leute sich jeweils ausgedacht haben, das ist mir noch immer höchst wichtig
und interessant. Im übrigen bin ich jetzt Musiker und werde, wie es scheint,
bald eine kleinere Organistenstelle bekommen. Dann bin ich ja auch wieder
bei der Kirche.“
Ich schaute an den Bücherrücken entlang, fand griechische, lateinische,
hebräische Titel, soweit ich beim schwachen Licht der kleinen Tischlampe
sehen konnte. Inzwischen hatte sich mein Bekannter im Finstern bei der
Wand auf den Boden gelegt und machte sich dort zu schaffen.
„Kommen Sie,“ rief er nach einer Weile, „wir wollen jetzt ein wenig
Philosophie üben, das heißt das Maul halten, auf dem Bauche liegen und
denken.“
Er strich ein Zündholz an und setzte in dem Kamin, vor dem er lag,
Papier und Scheite in Brand. Die Flamme stieg hoch, er schürte und speiste
das Feuer mit ausgesuchter Umsicht. Ich legte mich zu ihm auf den
zerschlissenen Teppich. Er starrte ins Feuer, das auch mich anzog, und wir
lagen schweigend wohl eine Stunde lang auf dem Bauch vor dem
flackernden Holzfeuer, sahen es flammen und brausen, einsinken und sich
krümmen, verflackern und zucken und endlich in stiller, versunkener Glut
am Boden brüten.
„Das Feueranbeten war nicht das Dümmste, was erfunden worden ist,“
murmelte er einmal vor sich hin. Sonst sagte keiner von uns ein Wort. Mit
starren Augen hing ich an dem Feuer, versank in Traum und Stille, sah
Gestalten im Rauch und Bilder in der Asche. Einmal schrak ich auf. Mein
Genosse warf ein Stückchen Harz in die Glut, eine kleine, schlanke Flamme
schoß empor, ich sah in ihr den Vogel mit dem gelben Sperberkopf. In der
hinsterbenden Kaminglut liefen goldig glühende Fäden zu Netzen
zusammen, Buchstaben und Bilder erschienen, Erinnerungen an Gesichter,
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an Tiere, an Pflanzen, an Würmer und Schlangen. Als ich, erwachend, nach
dem andern sah, stierte er, das Kinn auf den Fäusten, hingegeben und
fanatisch in die Asche.
„Ich muß jetzt gehen,“ sagte ich leise.
„Ja, dann gehen Sie. Auf Wiedersehen!“
Er stand nicht auf, und da die Lampe gelöscht war, mußte ich mich mit
Mühe durchs finstere Zimmer und die finsteren Gänge und Treppen aus
dem verwunschenen alten Hause tasten. Auf der Straße machte ich halt und
sah an dem alten Hause hinauf. In keinem Fenster brannte Licht. Ein
kleines Schild aus Messing glänzte im Schein der Gaslaterne vor der Tür.
„Pistorius, Hauptpfarrer,“ las ich darauf.
Erst zu Hause, als ich nach dem Abendessen allein in meinem kleinen
Zimmer saß, fiel mir ein, daß ich weder über Abraxas noch sonst etwas von
Pistorius erfahren habe, daß wir überhaupt kaum zehn Worte gewechselt
hatten. Aber ich war mit meinem Besuch bei ihm sehr zufrieden. Und für
das nächstemal hatte er mir ein ganz exquisites Stück alter Orgelmusik
versprochen, eine Passacaglia von Buxtehude.
O hne daß ich es wußte, hatte der Organist Pistorius mir eine erste
Lektion gegeben, als ich mit ihm vor dem Kamin auf dem Boden
seines trüben Einsiedlerzimmers lag. Das Schauen ins Feuer hatte mir
gut getan, es hatte Neigungen in mir gekräftigt und bestätigt, die ich immer
gehabt, doch nie eigentlich gepflegt hatte. Allmählich wurde ich teilweise
darüber klar.
Schon als kleines Kind hatte ich je und je den Hang gehabt, bizarre
Formen der Natur anzuschauen, nicht beobachtend, sondern ihrem eigenen
Zauber, ihrer krausen, tiefen Sprache hingegeben. Lange verholzte
Baumwurzeln, farbige Adern im Gestein, Flecken von Öl, das auf Wasser
schwimmt, Sprünge in Glas — alle ähnlichen Dinge hatten zu Zeiten
großen Zauber für mich gehabt, vor allem auch das Wasser und das Feuer,
der Rauch, die Wolken, der Staub, und ganz besonders die kreisenden
Farbflecke, die ich sah, wenn ich die Augen schloß. In den Tagen nach
meinem ersten Besuch bei Pistorius begann dies mir wieder einzufallen.
Denn ich merkte, daß ich eine gewisse Stärkung und Freude, eine
Steigerung meines Gefühls von mir selbst, die ich seither spürte, lediglich
dem andern sah, stierte er, das Kinn auf den Fäusten, hingegeben und
fanatisch in die Asche.
„Ich muß jetzt gehen,“ sagte ich leise.
„Ja, dann gehen Sie. Auf Wiedersehen!“
Er stand nicht auf, und da die Lampe gelöscht war, mußte ich mich mit
Mühe durchs finstere Zimmer und die finsteren Gänge und Treppen aus
dem verwunschenen alten Hause tasten. Auf der Straße machte ich halt und
sah an dem alten Hause hinauf. In keinem Fenster brannte Licht. Ein
kleines Schild aus Messing glänzte im Schein der Gaslaterne vor der Tür.
„Pistorius, Hauptpfarrer,“ las ich darauf.
Erst zu Hause, als ich nach dem Abendessen allein in meinem kleinen
Zimmer saß, fiel mir ein, daß ich weder über Abraxas noch sonst etwas von
Pistorius erfahren habe, daß wir überhaupt kaum zehn Worte gewechselt
hatten. Aber ich war mit meinem Besuch bei ihm sehr zufrieden. Und für
das nächstemal hatte er mir ein ganz exquisites Stück alter Orgelmusik
versprochen, eine Passacaglia von Buxtehude.
O hne daß ich es wußte, hatte der Organist Pistorius mir eine erste
Lektion gegeben, als ich mit ihm vor dem Kamin auf dem Boden
seines trüben Einsiedlerzimmers lag. Das Schauen ins Feuer hatte mir
gut getan, es hatte Neigungen in mir gekräftigt und bestätigt, die ich immer
gehabt, doch nie eigentlich gepflegt hatte. Allmählich wurde ich teilweise
darüber klar.
Schon als kleines Kind hatte ich je und je den Hang gehabt, bizarre
Formen der Natur anzuschauen, nicht beobachtend, sondern ihrem eigenen
Zauber, ihrer krausen, tiefen Sprache hingegeben. Lange verholzte
Baumwurzeln, farbige Adern im Gestein, Flecken von Öl, das auf Wasser
schwimmt, Sprünge in Glas — alle ähnlichen Dinge hatten zu Zeiten
großen Zauber für mich gehabt, vor allem auch das Wasser und das Feuer,
der Rauch, die Wolken, der Staub, und ganz besonders die kreisenden
Farbflecke, die ich sah, wenn ich die Augen schloß. In den Tagen nach
meinem ersten Besuch bei Pistorius begann dies mir wieder einzufallen.
Denn ich merkte, daß ich eine gewisse Stärkung und Freude, eine
Steigerung meines Gefühls von mir selbst, die ich seither spürte, lediglich
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dem langen Starren ins offene Feuer verdankte. Es war merkwürdig
wohltuend und bereichernd, das zu tun!
An die wenigen Erfahrungen, welche ich bis jetzt auf dem Wege zu
meinem eigentlichen Lebensziel gefunden hatte, reihte sich diese neue: das
Betrachten solcher Gebilde, das Sichhingeben an irrationale, krause,
seltsame Formen der Natur erzeugt in uns ein Gefühl von der
Übereinstimmung unseres Innern mit dem Willen, der diese Gebilde werden
ließ — wir spüren bald die Versuchung, sie für unsere eigenen Launen, für
unsere eigenen Schöpfungen zu halten — wir sehen die Grenzen zwischen
uns und der Natur zittern und zerfließen und lernen die Stimmung kennen,
in der wir nicht wissen, ob die Bilder auf unserer Netzhaut von äußeren
Eindrücken stammen oder von inneren. Nirgends so einfach und leicht wie
bei dieser Übung machen wir die Entdeckung, wie sehr wir Schöpfer sind,
wie sehr unsere Seele immerzu teilhat an der beständigen Erschaffung der
Welt. Vielmehr ist es dieselbe unteilbare Gottheit, die in uns und die in der
Natur tätig ist, und wenn die äußere Welt unterginge, so wäre einer von uns
fähig, sie wieder aufzubauen, denn Berg und Strom, Baum und Blatt,
Wurzel und Blüte, alles Gebildete in der Natur liegt in uns vorgebildet,
stammt aus der Seele, deren Wesen Ewigkeit ist, deren Wesen wir nicht
kennen, das sich uns aber zumeist als Liebeskraft und Schöpferkraft zu
fühlen gibt.
Erst manche Jahre später fand ich einmal diese Beobachtung in einem
Buche bestätigt, nämlich bei Leonardo da Vinci, der einmal davon redet,
wie gut und tief anregend es sei, eine Mauer anzusehen, welche von vielen
Leuten angespien worden ist. Vor jenen Flecken an der feuchten Mauer
fühlte er dasselbe wie Pistorius und ich vor dem Feuer.
Bei unserem nächsten Zusammensein gab mir der Orgelspieler eine
Erklärung.
„Wir ziehen die Grenzen unserer Persönlichkeit immer viel zu eng! Wir
rechnen zu unserer Person immer bloß das, was wir als individuell
unterschieden, als abweichend erkennen. Wir bestehen aber aus dem ganzen
Bestand der Welt, jeder von uns, und ebenso wie unser Körper die
Stammtafeln der Entwicklung bis zum Fisch und noch viel weiter zurück in
sich trägt, so haben wir in der Seele alles, was je in Menschenseelen gelebt
hat. Alle Götter und Teufel, die je gewesen sind, sei es bei Griechen und
Chinesen oder bei Zulukaffern, alle sind mit in uns, sind da, als
Möglichkeiten, als Wünsche, als Auswege. Wenn die Menschheit ausstürbe
wohltuend und bereichernd, das zu tun!
An die wenigen Erfahrungen, welche ich bis jetzt auf dem Wege zu
meinem eigentlichen Lebensziel gefunden hatte, reihte sich diese neue: das
Betrachten solcher Gebilde, das Sichhingeben an irrationale, krause,
seltsame Formen der Natur erzeugt in uns ein Gefühl von der
Übereinstimmung unseres Innern mit dem Willen, der diese Gebilde werden
ließ — wir spüren bald die Versuchung, sie für unsere eigenen Launen, für
unsere eigenen Schöpfungen zu halten — wir sehen die Grenzen zwischen
uns und der Natur zittern und zerfließen und lernen die Stimmung kennen,
in der wir nicht wissen, ob die Bilder auf unserer Netzhaut von äußeren
Eindrücken stammen oder von inneren. Nirgends so einfach und leicht wie
bei dieser Übung machen wir die Entdeckung, wie sehr wir Schöpfer sind,
wie sehr unsere Seele immerzu teilhat an der beständigen Erschaffung der
Welt. Vielmehr ist es dieselbe unteilbare Gottheit, die in uns und die in der
Natur tätig ist, und wenn die äußere Welt unterginge, so wäre einer von uns
fähig, sie wieder aufzubauen, denn Berg und Strom, Baum und Blatt,
Wurzel und Blüte, alles Gebildete in der Natur liegt in uns vorgebildet,
stammt aus der Seele, deren Wesen Ewigkeit ist, deren Wesen wir nicht
kennen, das sich uns aber zumeist als Liebeskraft und Schöpferkraft zu
fühlen gibt.
Erst manche Jahre später fand ich einmal diese Beobachtung in einem
Buche bestätigt, nämlich bei Leonardo da Vinci, der einmal davon redet,
wie gut und tief anregend es sei, eine Mauer anzusehen, welche von vielen
Leuten angespien worden ist. Vor jenen Flecken an der feuchten Mauer
fühlte er dasselbe wie Pistorius und ich vor dem Feuer.
Bei unserem nächsten Zusammensein gab mir der Orgelspieler eine
Erklärung.
„Wir ziehen die Grenzen unserer Persönlichkeit immer viel zu eng! Wir
rechnen zu unserer Person immer bloß das, was wir als individuell
unterschieden, als abweichend erkennen. Wir bestehen aber aus dem ganzen
Bestand der Welt, jeder von uns, und ebenso wie unser Körper die
Stammtafeln der Entwicklung bis zum Fisch und noch viel weiter zurück in
sich trägt, so haben wir in der Seele alles, was je in Menschenseelen gelebt
hat. Alle Götter und Teufel, die je gewesen sind, sei es bei Griechen und
Chinesen oder bei Zulukaffern, alle sind mit in uns, sind da, als
Möglichkeiten, als Wünsche, als Auswege. Wenn die Menschheit ausstürbe
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bis auf ein einziges halbwegs begabtes Kind, das keinerlei Unterricht
genossen hat, so würde dieses Kind den ganzen Gang der Dinge
wiederfinden, es würde Götter, Dämonen, Paradiese, Gebote und Verbote,
Alte und Neue Testamente, alles würde es wieder produzieren können.“
„Ja, gut,“ wandte ich ein, „aber worin besteht dann noch der Wert des
einzelnen? Warum streben wir noch, wenn wir doch alles in uns schon fertig
haben?“
„Halt!“ rief Pistorius heftig. „Es ist ein großer Unterschied, ob Sie bloß
die Welt in sich tragen, oder ob Sie das auch wissen! Ein Wahnsinniger
kann Gedanken hervorbringen, die an Plato erinnern, und ein kleiner
frommer Schulknabe in einem Herrnhuter Institut denkt tiefe mythologische
Zusammenhänge schöpferisch nach, die bei den Gnostikern oder bei
Zoroaster vorkommen. Aber er weiß nichts davon! Er ist ein Baum oder
Stein, bestenfalls ein Tier, solange er es nicht weiß. Dann aber, wenn der
erste Funke dieser Erkenntnis dämmert, dann wird er Mensch. Sie werden
doch wohl nicht alle die Zweibeiner, die da auf der Straße laufen, für
Menschen halten, bloß weil sie aufrecht gehen und ihre Jungen neun
Monate tragen? Sie sehen doch, wie viele von ihnen Fische oder Schafe,
Würmer oder Egel sind, wie viele Ameisen, wie viele Bienen! Nun, in
jedem von ihnen sind die Möglichkeiten zum Menschen da, aber erst,
indem er sie ahnt, indem er sie teilweise sogar bewußt machen lernt,
gehören diese Möglichkeiten ihm.“
Etwa dieser Art waren unsere Gespräche. Selten brachten sie mir etwas
völlig Neues, etwas ganz und gar Überraschendes. Alle aber, auch das
banalste, trafen mit leisem stetigen Hammerschlag auf denselben Punkt in
mir, alle halfen an mir bilden, alle halfen Häute von mir abstreifen,
Eierschalen zerbrechen, und aus jedem hob ich den Kopf etwas höher,
etwas freier, bis mein gelber Vogel seinen schönen Raubvogelkopf aus der
zertrümmerten Weltschale stieß.
Häufig erzählten wir auch einander unsere Träume. Pistorius verstand
ihnen eine Deutung zu geben. Ein wunderliches Beispiel ist mir eben
erinnerlich. Ich hatte einen Traum, in dem ich fliegen konnte, jedoch so,
daß ich gewissermaßen von einem großen Schwung durch die Luft
geschleudert wurde, dessen ich nicht Herr war. Das Gefühl dieses Fluges
war erhebend, ward aber bald zur Angst, als ich mich willenlos in
bedenkliche Höhen gerissen sah. Da machte ich die erlösende Entdeckung,
genossen hat, so würde dieses Kind den ganzen Gang der Dinge
wiederfinden, es würde Götter, Dämonen, Paradiese, Gebote und Verbote,
Alte und Neue Testamente, alles würde es wieder produzieren können.“
„Ja, gut,“ wandte ich ein, „aber worin besteht dann noch der Wert des
einzelnen? Warum streben wir noch, wenn wir doch alles in uns schon fertig
haben?“
„Halt!“ rief Pistorius heftig. „Es ist ein großer Unterschied, ob Sie bloß
die Welt in sich tragen, oder ob Sie das auch wissen! Ein Wahnsinniger
kann Gedanken hervorbringen, die an Plato erinnern, und ein kleiner
frommer Schulknabe in einem Herrnhuter Institut denkt tiefe mythologische
Zusammenhänge schöpferisch nach, die bei den Gnostikern oder bei
Zoroaster vorkommen. Aber er weiß nichts davon! Er ist ein Baum oder
Stein, bestenfalls ein Tier, solange er es nicht weiß. Dann aber, wenn der
erste Funke dieser Erkenntnis dämmert, dann wird er Mensch. Sie werden
doch wohl nicht alle die Zweibeiner, die da auf der Straße laufen, für
Menschen halten, bloß weil sie aufrecht gehen und ihre Jungen neun
Monate tragen? Sie sehen doch, wie viele von ihnen Fische oder Schafe,
Würmer oder Egel sind, wie viele Ameisen, wie viele Bienen! Nun, in
jedem von ihnen sind die Möglichkeiten zum Menschen da, aber erst,
indem er sie ahnt, indem er sie teilweise sogar bewußt machen lernt,
gehören diese Möglichkeiten ihm.“
Etwa dieser Art waren unsere Gespräche. Selten brachten sie mir etwas
völlig Neues, etwas ganz und gar Überraschendes. Alle aber, auch das
banalste, trafen mit leisem stetigen Hammerschlag auf denselben Punkt in
mir, alle halfen an mir bilden, alle halfen Häute von mir abstreifen,
Eierschalen zerbrechen, und aus jedem hob ich den Kopf etwas höher,
etwas freier, bis mein gelber Vogel seinen schönen Raubvogelkopf aus der
zertrümmerten Weltschale stieß.
Häufig erzählten wir auch einander unsere Träume. Pistorius verstand
ihnen eine Deutung zu geben. Ein wunderliches Beispiel ist mir eben
erinnerlich. Ich hatte einen Traum, in dem ich fliegen konnte, jedoch so,
daß ich gewissermaßen von einem großen Schwung durch die Luft
geschleudert wurde, dessen ich nicht Herr war. Das Gefühl dieses Fluges
war erhebend, ward aber bald zur Angst, als ich mich willenlos in
bedenkliche Höhen gerissen sah. Da machte ich die erlösende Entdeckung,
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daß ich mein Steigen und Fallen durch Anhalten und Strömenlassen des
Atems regeln konnte.
Dazu sagte Pistorius: „Der Schwung, der Sie fliegen macht, das ist unser
großer Menschheitsbesitz, den jeder hat. Es ist das Gefühl des
Zusammenhangs mit den Wurzeln jeder Kraft, aber es wird einem dabei
bald bange! Es ist verflucht gefährlich! Darum verzichten die meisten so
gerne auf das Fliegen und ziehen es vor, an Hand gesetzlicher Vorschriften
auf dem Bürgersteige zu wandeln. Aber Sie nicht. Sie fliegen weiter, wie es
sich für einen tüchtigen Burschen gehört. Und siehe, da entdecken Sie das
Wunderliche, daß Sie allmählich Herr darüber werden, daß zu der großen
allgemeinen Kraft, die Sie fortreißt, eine feine, kleine, eigene Kraft kommt,
ein Organ, ein Steuer! Das ist famos. Ohne das ginge man willenlos in die
Lüfte, das tun zum Beispiel die Wahnsinnigen. Ihnen sind tiefere Ahnungen
gegeben als den Leuten auf dem Bürgersteig, aber sie haben keinen
Schlüssel und kein Steuer dazu, und sausen ins Bodenlose. Sie aber,
Sinclair, Sie machen die Sache! Und wie, bitte. Das wissen Sie wohl noch
gar nicht? Sie machen es mit einem neuen Organ, mit einem Atemregulator.
Und nun können Sie sehen, wie wenig ‚persönlich‘ Ihre Seele in ihrer Tiefe
ist. Sie erfindet nämlich diesen Regulator nicht! Er ist nicht neu! Er ist eine
Anleihe, er existiert seit Jahrtausenden. Er ist das Gleichgewichtsorgan der
Fische, die Schwimmblase. Und tatsächlich gibt es ein paar wenige
seltsame und konservative Fischarten noch heute, bei denen die
Schwimmblase zugleich eine Art Lunge ist und unter Umständen richtig
zum Atmen dienen kann. Also haargenau wie die Lunge, die Sie im Traum
als Fliegerblase benutzen!“
Er brachte mir sogar einen Band Zoologie und zeigte mir Namen und
Abbildungen jener altmodischen Fische. Und ich fühlte in mir, mit einem
eigentümlichen Schauer, eine Funktion aus frühen Entwicklungsepochen
lebendig.
Atems regeln konnte.
Dazu sagte Pistorius: „Der Schwung, der Sie fliegen macht, das ist unser
großer Menschheitsbesitz, den jeder hat. Es ist das Gefühl des
Zusammenhangs mit den Wurzeln jeder Kraft, aber es wird einem dabei
bald bange! Es ist verflucht gefährlich! Darum verzichten die meisten so
gerne auf das Fliegen und ziehen es vor, an Hand gesetzlicher Vorschriften
auf dem Bürgersteige zu wandeln. Aber Sie nicht. Sie fliegen weiter, wie es
sich für einen tüchtigen Burschen gehört. Und siehe, da entdecken Sie das
Wunderliche, daß Sie allmählich Herr darüber werden, daß zu der großen
allgemeinen Kraft, die Sie fortreißt, eine feine, kleine, eigene Kraft kommt,
ein Organ, ein Steuer! Das ist famos. Ohne das ginge man willenlos in die
Lüfte, das tun zum Beispiel die Wahnsinnigen. Ihnen sind tiefere Ahnungen
gegeben als den Leuten auf dem Bürgersteig, aber sie haben keinen
Schlüssel und kein Steuer dazu, und sausen ins Bodenlose. Sie aber,
Sinclair, Sie machen die Sache! Und wie, bitte. Das wissen Sie wohl noch
gar nicht? Sie machen es mit einem neuen Organ, mit einem Atemregulator.
Und nun können Sie sehen, wie wenig ‚persönlich‘ Ihre Seele in ihrer Tiefe
ist. Sie erfindet nämlich diesen Regulator nicht! Er ist nicht neu! Er ist eine
Anleihe, er existiert seit Jahrtausenden. Er ist das Gleichgewichtsorgan der
Fische, die Schwimmblase. Und tatsächlich gibt es ein paar wenige
seltsame und konservative Fischarten noch heute, bei denen die
Schwimmblase zugleich eine Art Lunge ist und unter Umständen richtig
zum Atmen dienen kann. Also haargenau wie die Lunge, die Sie im Traum
als Fliegerblase benutzen!“
Er brachte mir sogar einen Band Zoologie und zeigte mir Namen und
Abbildungen jener altmodischen Fische. Und ich fühlte in mir, mit einem
eigentümlichen Schauer, eine Funktion aus frühen Entwicklungsepochen
lebendig.
Page 88
Sechstes Kapitel
Jakobs Kampf
W as ich von dem sonderbaren Musiker Pistorius über Abraxas erfuhr,
kann ich nicht in Kürze wiedererzählen. Das Wichtigste aber, was
ich bei ihm lernte, war ein weiterer Schritt auf dem Wege zu mir
selbst. Ich war damals, mit meinen etwa achtzehn Jahren, ein
ungewöhnlicher junger Mensch, in hundert Dingen frühreif, in hundert
andern Dingen sehr zurück und hilflos. Wenn ich mich je und je mit
anderen verglich, war ich oft stolz und eingebildet gewesen, ebenso oft aber
niedergedrückt und gedemütigt. Oft hatte ich mich für ein Genie angesehen,
oft für halb verrückt. Es gelang mir nicht, Freuden und Leben der
Altersgenossen mitzumachen, und oft hatte ich mich in Vorwürfen und
Sorgen verzehrt, als sei ich hoffnungslos von ihnen getrennt, als sei mir das
Leben verschlossen.
Pistorius, welcher selbst ein ausgewachsener Sonderling war, lehrte mich
den Mut und die Achtung vor mir selbst bewahren. Indem er in meinen
Worten, in meinen Träumen, in meinen Phantasien und Gedanken stets
Wertvolles fand, sie stets ernst nahm und ernsthaft besprach, gab er mir das
Beispiel.
„Sie haben mir erzählt,“ sagte er, „daß Sie die Musik darum lieben, weil
sie nicht moralisch sei. Meinetwegen. Aber Sie selber müssen eben auch
kein Moralist sein! Sie dürfen sich nicht mit andern vergleichen, und wenn
die Natur Sie zur Fledermaus geschaffen hat, dürfen Sie sich nicht zum
Vogel Strauß machen wollen. Sie halten sich manchmal für sonderbar, Sie
werfen sich vor, daß Sie andere Wege gehen als die meisten. Das müssen
Sie verlernen. Blicken Sie ins Feuer, blicken Sie in die Wolken, und sobald
die Ahnungen kommen und die Stimmen in Ihrer Seele anfangen zu
sprechen, dann überlassen Sie sich ihnen und fragen Sie ja nicht erst, ob das
wohl auch dem Herrn Lehrer oder dem Herrn Papa oder irgendeinem lieben
Jakobs Kampf
W as ich von dem sonderbaren Musiker Pistorius über Abraxas erfuhr,
kann ich nicht in Kürze wiedererzählen. Das Wichtigste aber, was
ich bei ihm lernte, war ein weiterer Schritt auf dem Wege zu mir
selbst. Ich war damals, mit meinen etwa achtzehn Jahren, ein
ungewöhnlicher junger Mensch, in hundert Dingen frühreif, in hundert
andern Dingen sehr zurück und hilflos. Wenn ich mich je und je mit
anderen verglich, war ich oft stolz und eingebildet gewesen, ebenso oft aber
niedergedrückt und gedemütigt. Oft hatte ich mich für ein Genie angesehen,
oft für halb verrückt. Es gelang mir nicht, Freuden und Leben der
Altersgenossen mitzumachen, und oft hatte ich mich in Vorwürfen und
Sorgen verzehrt, als sei ich hoffnungslos von ihnen getrennt, als sei mir das
Leben verschlossen.
Pistorius, welcher selbst ein ausgewachsener Sonderling war, lehrte mich
den Mut und die Achtung vor mir selbst bewahren. Indem er in meinen
Worten, in meinen Träumen, in meinen Phantasien und Gedanken stets
Wertvolles fand, sie stets ernst nahm und ernsthaft besprach, gab er mir das
Beispiel.
„Sie haben mir erzählt,“ sagte er, „daß Sie die Musik darum lieben, weil
sie nicht moralisch sei. Meinetwegen. Aber Sie selber müssen eben auch
kein Moralist sein! Sie dürfen sich nicht mit andern vergleichen, und wenn
die Natur Sie zur Fledermaus geschaffen hat, dürfen Sie sich nicht zum
Vogel Strauß machen wollen. Sie halten sich manchmal für sonderbar, Sie
werfen sich vor, daß Sie andere Wege gehen als die meisten. Das müssen
Sie verlernen. Blicken Sie ins Feuer, blicken Sie in die Wolken, und sobald
die Ahnungen kommen und die Stimmen in Ihrer Seele anfangen zu
sprechen, dann überlassen Sie sich ihnen und fragen Sie ja nicht erst, ob das
wohl auch dem Herrn Lehrer oder dem Herrn Papa oder irgendeinem lieben
Page 89
Gott passe oder lieb sei! Damit verdirbt man sich. Damit kommt man auf
den Bürgersteig und wird ein Fossil. Lieber Sinclair, unser Gott heißt
Abraxas, und er ist Gott und ist Satan, er hat die lichte und die dunkle Welt
in sich. Abraxas hat gegen keinen Ihrer Gedanken, gegen keinen Ihrer
Träume etwas einzuwenden. Vergessen Sie das nie. Aber er verläßt Sie,
wenn Sie einmal tadellos und normal geworden sind. Dann verläßt er Sie
und sucht sich einen neuen Topf, um seine Gedanken drin zu kochen.“
Unter allen meinen Träumen war jener dunkle Liebestraum der treueste.
Oft, oft habe ich ihn geträumt, trat unterm Wappenvogel weg in unser altes
Haus, wollte die Mutter an mich ziehen, und hielt statt ihrer das große halb
männliche, halb mütterliche Weib umfaßt, vor der ich Furcht hatte und zu
der mich doch das glühendste Verlangen zog. Und diesen Traum konnte ich
meinem Freunde nie erzählen. Ihn behielt ich zurück, wenn ich ihm alles
andre erschlossen hatte. Er war mein Winkel, mein Geheimnis, meine
Zuflucht.
Wenn ich bedrückt war, dann bat ich Pistorius, er möge mir die
Passacaglia des alten Buxtehude spielen. In der abendlichen dunklen Kirche
saß ich dann verloren an diese seltsame, innige, in sich selbst versenkte,
sich selber belauschende Musik, die mir jedesmal wohl tat und mich
bereiter machte, den Stimmen der Seele recht zu geben.
Zuweilen blieben wir auch eine Weile, nachdem die Orgel schon
verklungen war, in der Kirche sitzen und sahen das schwache Licht durch
die hohen spitzbogigen Fenster scheinen und sich verlieren.
„Es klingt komisch,“ sagte Pistorius, „daß ich einmal Theologe war und
beinah Pfarrer geworden wäre. Aber es war nur ein Irrtum in der Form, den
ich dabei beging. Priester sein, ist mein Beruf und mein Ziel. Nur war ich
zu früh zufrieden und stellte mich dem Jehova zur Verfügung, noch ehe ich
den Abraxas kannte. Ach, jede Religion ist schön. Religion ist Seele,
einerlei, ob man ein christliches Abendmahl nimmt oder ob man nach
Mekka wallfahrt.“
„Dann hätten Sie,“ meinte ich, „aber eigentlich doch Pfarrer werden
können.“
„Nein, Sinclair, nein. Ich hätte ja lügen müssen. Unsre Religion wird so
ausgeübt, als sei sie keine. Sie tut so, als sei sie ein Verstandeswerk.
Katholik könnte ich zur Not wohl sein, aber protestantischer Priester —
nein! Die paar wirklich Gläubigen — ich kenne solche — halten sich gern
an das Wörtliche, ihnen könnte ich nicht sagen, daß etwa Christus für mich
den Bürgersteig und wird ein Fossil. Lieber Sinclair, unser Gott heißt
Abraxas, und er ist Gott und ist Satan, er hat die lichte und die dunkle Welt
in sich. Abraxas hat gegen keinen Ihrer Gedanken, gegen keinen Ihrer
Träume etwas einzuwenden. Vergessen Sie das nie. Aber er verläßt Sie,
wenn Sie einmal tadellos und normal geworden sind. Dann verläßt er Sie
und sucht sich einen neuen Topf, um seine Gedanken drin zu kochen.“
Unter allen meinen Träumen war jener dunkle Liebestraum der treueste.
Oft, oft habe ich ihn geträumt, trat unterm Wappenvogel weg in unser altes
Haus, wollte die Mutter an mich ziehen, und hielt statt ihrer das große halb
männliche, halb mütterliche Weib umfaßt, vor der ich Furcht hatte und zu
der mich doch das glühendste Verlangen zog. Und diesen Traum konnte ich
meinem Freunde nie erzählen. Ihn behielt ich zurück, wenn ich ihm alles
andre erschlossen hatte. Er war mein Winkel, mein Geheimnis, meine
Zuflucht.
Wenn ich bedrückt war, dann bat ich Pistorius, er möge mir die
Passacaglia des alten Buxtehude spielen. In der abendlichen dunklen Kirche
saß ich dann verloren an diese seltsame, innige, in sich selbst versenkte,
sich selber belauschende Musik, die mir jedesmal wohl tat und mich
bereiter machte, den Stimmen der Seele recht zu geben.
Zuweilen blieben wir auch eine Weile, nachdem die Orgel schon
verklungen war, in der Kirche sitzen und sahen das schwache Licht durch
die hohen spitzbogigen Fenster scheinen und sich verlieren.
„Es klingt komisch,“ sagte Pistorius, „daß ich einmal Theologe war und
beinah Pfarrer geworden wäre. Aber es war nur ein Irrtum in der Form, den
ich dabei beging. Priester sein, ist mein Beruf und mein Ziel. Nur war ich
zu früh zufrieden und stellte mich dem Jehova zur Verfügung, noch ehe ich
den Abraxas kannte. Ach, jede Religion ist schön. Religion ist Seele,
einerlei, ob man ein christliches Abendmahl nimmt oder ob man nach
Mekka wallfahrt.“
„Dann hätten Sie,“ meinte ich, „aber eigentlich doch Pfarrer werden
können.“
„Nein, Sinclair, nein. Ich hätte ja lügen müssen. Unsre Religion wird so
ausgeübt, als sei sie keine. Sie tut so, als sei sie ein Verstandeswerk.
Katholik könnte ich zur Not wohl sein, aber protestantischer Priester —
nein! Die paar wirklich Gläubigen — ich kenne solche — halten sich gern
an das Wörtliche, ihnen könnte ich nicht sagen, daß etwa Christus für mich
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keine Person, sondern ein Heros, ein Mythos ist, ein ungeheures
Schattenbild, in dem die Menschheit sich selber an die Wand der Ewigkeit
gemalt sieht. Und die anderen, die in die Kirche kommen, um ein kluges
Wort zu hören, um eine Pflicht zu erfüllen, um nichts zu versäumen und so
weiter, ja was hätte ich denen sagen sollen? Sie bekehren, meinst du? Aber
das will ich gar nicht. Der Priester will nicht bekehren, er will nur unter
Gläubigen, unter seinesgleichen leben, und will Träger und Ausdruck sein
für das Gefühl, aus dem wir unsere Götter machen.“
Er unterbrach sich. Dann fuhr er fort: „Unser neuer Glaube, für den wir
jetzt den Namen des Abraxas wählen, ist schön, lieber Freund. Er ist das
Beste, was wir haben. Aber er ist noch ein Säugling! Die Flügel sind ihm
noch nicht gewachsen. Ach, eine einsame Religion, das ist noch nicht das
Wahre. Sie muß gemeinsam werden, sie muß Kult und Rausch, Feste und
Mysterien haben . . .“
Er sann und versank in sich.
„Kann man Mysterien nicht auch allein, oder im kleinsten Kreis,
begehen?“ fragte ich zögernd.
„Man kann schon,“ nickte er. „Ich begehe sie schon lang. Ich habe Kulte
begangen, für die ich Jahre von Zuchthaus absitzen müßte, wenn man
davon wüßte. Aber ich weiß, es ist noch nicht das Richtige.“
Plötzlich schlug er mir auf die Schulter, daß ich zusammenzuckte.
„Junge,“ sagte er eindringlich, „auch Sie haben Mysterien. Ich weiß, daß
Sie Träume haben müssen, die Sie mir nicht sagen. Ich will sie nicht
wissen. Aber ich sage Ihnen: Leben Sie sie, diese Träume, spielen Sie sie,
bauen Sie ihnen Altäre! Es ist noch nicht das Vollkommene, aber es ist ein
Weg. Ob wir einmal, Sie und ich und ein paar andere, die Welt erneuern
werden, das wird sich zeigen. In uns drinnen aber müssen wir sie jeden Tag
erneuern, sonst ist es nichts mit uns. Denken Sie dran! Sie sind achtzehn
Jahr alt, Sinclair, Sie laufen nicht zu den Straßendirnen, Sie müssen
Liebesträume, Liebeswünsche haben. Vielleicht sind sie so, daß Sie sich vor
ihnen fürchten. Fürchten Sie sich nicht! Sie sind das Beste, was Sie haben!
Sie können mir glauben. Ich habe damit viel verloren, daß ich in Ihren
Jahren meine Liebesträume vergewaltigt habe. Man muß das nicht tun.
Wenn man von Abraxas weiß, darf man es nicht mehr tun. Man darf nichts
fürchten und nichts für verboten halten, was die Seele in uns wünscht.“
Erschreckt wandte ich ein: „Aber man kann doch nicht alles tun, was
einem einfällt! Man darf doch auch nicht einen Menschen umbringen, weil
Schattenbild, in dem die Menschheit sich selber an die Wand der Ewigkeit
gemalt sieht. Und die anderen, die in die Kirche kommen, um ein kluges
Wort zu hören, um eine Pflicht zu erfüllen, um nichts zu versäumen und so
weiter, ja was hätte ich denen sagen sollen? Sie bekehren, meinst du? Aber
das will ich gar nicht. Der Priester will nicht bekehren, er will nur unter
Gläubigen, unter seinesgleichen leben, und will Träger und Ausdruck sein
für das Gefühl, aus dem wir unsere Götter machen.“
Er unterbrach sich. Dann fuhr er fort: „Unser neuer Glaube, für den wir
jetzt den Namen des Abraxas wählen, ist schön, lieber Freund. Er ist das
Beste, was wir haben. Aber er ist noch ein Säugling! Die Flügel sind ihm
noch nicht gewachsen. Ach, eine einsame Religion, das ist noch nicht das
Wahre. Sie muß gemeinsam werden, sie muß Kult und Rausch, Feste und
Mysterien haben . . .“
Er sann und versank in sich.
„Kann man Mysterien nicht auch allein, oder im kleinsten Kreis,
begehen?“ fragte ich zögernd.
„Man kann schon,“ nickte er. „Ich begehe sie schon lang. Ich habe Kulte
begangen, für die ich Jahre von Zuchthaus absitzen müßte, wenn man
davon wüßte. Aber ich weiß, es ist noch nicht das Richtige.“
Plötzlich schlug er mir auf die Schulter, daß ich zusammenzuckte.
„Junge,“ sagte er eindringlich, „auch Sie haben Mysterien. Ich weiß, daß
Sie Träume haben müssen, die Sie mir nicht sagen. Ich will sie nicht
wissen. Aber ich sage Ihnen: Leben Sie sie, diese Träume, spielen Sie sie,
bauen Sie ihnen Altäre! Es ist noch nicht das Vollkommene, aber es ist ein
Weg. Ob wir einmal, Sie und ich und ein paar andere, die Welt erneuern
werden, das wird sich zeigen. In uns drinnen aber müssen wir sie jeden Tag
erneuern, sonst ist es nichts mit uns. Denken Sie dran! Sie sind achtzehn
Jahr alt, Sinclair, Sie laufen nicht zu den Straßendirnen, Sie müssen
Liebesträume, Liebeswünsche haben. Vielleicht sind sie so, daß Sie sich vor
ihnen fürchten. Fürchten Sie sich nicht! Sie sind das Beste, was Sie haben!
Sie können mir glauben. Ich habe damit viel verloren, daß ich in Ihren
Jahren meine Liebesträume vergewaltigt habe. Man muß das nicht tun.
Wenn man von Abraxas weiß, darf man es nicht mehr tun. Man darf nichts
fürchten und nichts für verboten halten, was die Seele in uns wünscht.“
Erschreckt wandte ich ein: „Aber man kann doch nicht alles tun, was
einem einfällt! Man darf doch auch nicht einen Menschen umbringen, weil
Page 91
er einem zuwider ist.“
Er rückte näher zu mir.
„Unter Umständen darf man auch das. Es ist nur meistens ein Irrtum. Ich
meine auch nicht, Sie sollen einfach alles das tun, was Ihnen durch den Sinn
geht. Nein, aber Sie sollen diese Einfälle, die ihren guten Sinn haben, nicht
dadurch schädlich machen, daß Sie sie vertreiben und an ihnen
herummoralisieren. Statt sich oder einen andern ans Kreuz zu schlagen,
kann man aus einem Kelch mit feierlichen Gedanken Wein trinken und
dabei das Mysterium des Opfers denken. Man kann, auch ohne solche
Handlungen, seine Triebe und sogenannten Anfechtungen mit Achtung und
Liebe behandeln. Dann zeigen sie ihren Sinn, und sie haben alle Sinn. —
Wenn Ihnen wieder einmal etwas recht Tolles oder Sündhaftes einfällt,
Sinclair, wenn Sie jemand umbringen oder irgendeine gigantische
Unflätigkeit begehen möchten, dann denken Sie einen Augenblick daran,
daß es Abraxas ist, der so in Ihnen phantasiert! Der Mensch, den Sie töten
möchten, ist ja nie der Herr Soundso, er ist sicher nur eine Verkleidung.
Wenn wir einen Menschen hassen, so hassen wir in seinem Bild etwas, was
in uns selber sitzt. Was nicht in uns selber ist, das regt uns nicht auf.“
Nie hatte mir Pistorius etwas gesagt, das mich so tief im Heimlichsten
getroffen hatte. Ich konnte nicht antworten. Was mich aber am stärksten und
sonderbarsten berührt hatte, das war der Gleichklang dieses Zuspruches mit
Worten Demians, die ich seit Jahren und Jahren in mir trug. Sie wußten
nichts voneinander, und beide sagten mir dasselbe.
„Die Dinge, die wir sehen,“ sagte Pistorius leise, „sind dieselben Dinge,
die in uns sind. Es gibt keine Wirklichkeit als die, die wir in uns haben.
Darum leben die meisten Menschen so unwirklich, weil sie die Bilder
außerhalb für das Wirkliche halten und ihre eigene Welt in sich gar nicht zu
Worte kommen lassen. Man kann glücklich dabei sein. Aber wenn man
einmal das andere weiß, dann hat man die Wahl nicht mehr, den Weg der
meisten zu gehen. Sinclair, der Weg der meisten ist leicht, unsrer ist schwer.
— Wir wollen gehen.“
Einige Tage später, nachdem ich zweimal vergebens auf ihn gewartet
hatte, traf ich ihn spät am Abend auf der Straße an, wie er einsam im kalten
Nachtwinde um eine Ecke geweht kam, stolpernd und ganz betrunken. Ich
mochte ihn nicht anrufen. Er kam an mir vorbei, ohne mich zu sehen, und
starrte vor sich hin mit glühenden und vereinsamten Augen, als folge er
einem dunklen Ruf aus dem Unbekannten. Ich folgte ihm eine Straße lang,
Er rückte näher zu mir.
„Unter Umständen darf man auch das. Es ist nur meistens ein Irrtum. Ich
meine auch nicht, Sie sollen einfach alles das tun, was Ihnen durch den Sinn
geht. Nein, aber Sie sollen diese Einfälle, die ihren guten Sinn haben, nicht
dadurch schädlich machen, daß Sie sie vertreiben und an ihnen
herummoralisieren. Statt sich oder einen andern ans Kreuz zu schlagen,
kann man aus einem Kelch mit feierlichen Gedanken Wein trinken und
dabei das Mysterium des Opfers denken. Man kann, auch ohne solche
Handlungen, seine Triebe und sogenannten Anfechtungen mit Achtung und
Liebe behandeln. Dann zeigen sie ihren Sinn, und sie haben alle Sinn. —
Wenn Ihnen wieder einmal etwas recht Tolles oder Sündhaftes einfällt,
Sinclair, wenn Sie jemand umbringen oder irgendeine gigantische
Unflätigkeit begehen möchten, dann denken Sie einen Augenblick daran,
daß es Abraxas ist, der so in Ihnen phantasiert! Der Mensch, den Sie töten
möchten, ist ja nie der Herr Soundso, er ist sicher nur eine Verkleidung.
Wenn wir einen Menschen hassen, so hassen wir in seinem Bild etwas, was
in uns selber sitzt. Was nicht in uns selber ist, das regt uns nicht auf.“
Nie hatte mir Pistorius etwas gesagt, das mich so tief im Heimlichsten
getroffen hatte. Ich konnte nicht antworten. Was mich aber am stärksten und
sonderbarsten berührt hatte, das war der Gleichklang dieses Zuspruches mit
Worten Demians, die ich seit Jahren und Jahren in mir trug. Sie wußten
nichts voneinander, und beide sagten mir dasselbe.
„Die Dinge, die wir sehen,“ sagte Pistorius leise, „sind dieselben Dinge,
die in uns sind. Es gibt keine Wirklichkeit als die, die wir in uns haben.
Darum leben die meisten Menschen so unwirklich, weil sie die Bilder
außerhalb für das Wirkliche halten und ihre eigene Welt in sich gar nicht zu
Worte kommen lassen. Man kann glücklich dabei sein. Aber wenn man
einmal das andere weiß, dann hat man die Wahl nicht mehr, den Weg der
meisten zu gehen. Sinclair, der Weg der meisten ist leicht, unsrer ist schwer.
— Wir wollen gehen.“
Einige Tage später, nachdem ich zweimal vergebens auf ihn gewartet
hatte, traf ich ihn spät am Abend auf der Straße an, wie er einsam im kalten
Nachtwinde um eine Ecke geweht kam, stolpernd und ganz betrunken. Ich
mochte ihn nicht anrufen. Er kam an mir vorbei, ohne mich zu sehen, und
starrte vor sich hin mit glühenden und vereinsamten Augen, als folge er
einem dunklen Ruf aus dem Unbekannten. Ich folgte ihm eine Straße lang,
Page 92
er trieb wie an unsichtbarem Draht gezogen dahin, mit fanatischem und
doch aufgelöstem Gang, wie ein Gespenst. Traurig ging ich nach Hause
zurück, zu meinen unerlösten Träumen.
„So erneuert er nun die Welt in sich!“ dachte ich, und fühlte noch im
selben Augenblick, daß das niedrig und moralisch gedacht sei. Was wußte
ich von seinen Träumen? Er ging vielleicht in seinem Rausch den sicherern
Weg als ich in meiner Bangnis.
I n den Pausen zwischen den Schulstunden war mir zuweilen aufgefallen,
daß ein Mitschüler meine Nähe suchte, den ich nie beachtet hatte. Es war
ein kleiner, schwach aussehender, schmächtiger Jüngling mit rötlich
blondem, dünnem Haar, der in Blick und Benehmen etwas Eigenes hatte.
Eines Abends, als ich nach Hause kam, lauerte er in der Gasse auf mich,
ließ mich an sich vorübergehen, lief mir dann wieder nach, und blieb vor
unsrer Haustür stehen.
„Willst du etwas von mir?“ fragte ich.
„Ich möchte bloß einmal mit dir sprechen,“ sagte er schüchtern. „Sei so
gut und komm ein paar Schritte mit.“
Ich folgte ihm und spürte, daß er tief erregt und voll Erwartung war.
Seine Hände zitterten.
„Bist du Spiritist?“ fragte er ganz plötzlich.
„Nein, Knauer,“ sagte ich lachend. „Keine Spur davon. Wie kommst du
auf so etwas?“
„Aber Theosoph bist du?“
„Auch nicht.“
„Ach, sei nicht so verschlossen! Ich spüre doch ganz gut, daß etwas
Besonderes mit dir ist. Du hast es in den Augen. Ich glaube bestimmt, daß
du Umgang mit Geistern hast. — Ich frage nicht aus Neugierde, Sinclair,
nein! Ich bin selber ein Suchender, weißt du, und ich bin so allein.“
„Erzähle nur!“ munterte ich ihn an. „Ich weiß von Geistern zwar gar
nichts, ich lebe in meinen Träumen, und das hast du gespürt. Die anderen
Leute leben auch in Träumen, aber nicht in ihren eigenen, das ist der
Unterschied.“
„Ja, so ist es vielleicht,“ flüsterte er. „Es kommt nur drauf an, welcher Art
die Träume sind, in denen man lebt. — Hast du schon von der weißen
Magie gehört?“
doch aufgelöstem Gang, wie ein Gespenst. Traurig ging ich nach Hause
zurück, zu meinen unerlösten Träumen.
„So erneuert er nun die Welt in sich!“ dachte ich, und fühlte noch im
selben Augenblick, daß das niedrig und moralisch gedacht sei. Was wußte
ich von seinen Träumen? Er ging vielleicht in seinem Rausch den sicherern
Weg als ich in meiner Bangnis.
I n den Pausen zwischen den Schulstunden war mir zuweilen aufgefallen,
daß ein Mitschüler meine Nähe suchte, den ich nie beachtet hatte. Es war
ein kleiner, schwach aussehender, schmächtiger Jüngling mit rötlich
blondem, dünnem Haar, der in Blick und Benehmen etwas Eigenes hatte.
Eines Abends, als ich nach Hause kam, lauerte er in der Gasse auf mich,
ließ mich an sich vorübergehen, lief mir dann wieder nach, und blieb vor
unsrer Haustür stehen.
„Willst du etwas von mir?“ fragte ich.
„Ich möchte bloß einmal mit dir sprechen,“ sagte er schüchtern. „Sei so
gut und komm ein paar Schritte mit.“
Ich folgte ihm und spürte, daß er tief erregt und voll Erwartung war.
Seine Hände zitterten.
„Bist du Spiritist?“ fragte er ganz plötzlich.
„Nein, Knauer,“ sagte ich lachend. „Keine Spur davon. Wie kommst du
auf so etwas?“
„Aber Theosoph bist du?“
„Auch nicht.“
„Ach, sei nicht so verschlossen! Ich spüre doch ganz gut, daß etwas
Besonderes mit dir ist. Du hast es in den Augen. Ich glaube bestimmt, daß
du Umgang mit Geistern hast. — Ich frage nicht aus Neugierde, Sinclair,
nein! Ich bin selber ein Suchender, weißt du, und ich bin so allein.“
„Erzähle nur!“ munterte ich ihn an. „Ich weiß von Geistern zwar gar
nichts, ich lebe in meinen Träumen, und das hast du gespürt. Die anderen
Leute leben auch in Träumen, aber nicht in ihren eigenen, das ist der
Unterschied.“
„Ja, so ist es vielleicht,“ flüsterte er. „Es kommt nur drauf an, welcher Art
die Träume sind, in denen man lebt. — Hast du schon von der weißen
Magie gehört?“
Page 93
Ich mußte verneinen.
„Das ist, wenn man lernt, sich selber zu beherrschen. Man kann
unsterblich werden, und auch zaubern. Hast du nie solche Übungen
gemacht?“
Auf meine neugierige Frage nach diesen Übungen tat er erst
geheimnisvoll, bis ich mich zum Gehen wandte, dann kramte er aus.
„Zum Beispiel, wenn ich einschlafen oder auch mich konzentrieren will,
dann mache ich eine solche Übung. Ich denke mir irgend etwas, zum
Beispiel ein Wort oder einen Namen, oder eine geometrische Figur. Die
denke ich dann in mich hinein, so stark ich kann, ich suche sie mir innen in
meinem Kopf vorzustellen, bis ich fühle, daß sie darin ist. Dann denke ich
sie in den Hals, und so weiter, bis ich ganz davon ausgefüllt bin. Dann bin
ich ganz fest, und nichts mehr kann mich aus der Ruhe bringen.“
Ich begriff einigermaßen, wie er es meine. Doch fühlte ich wohl, daß er
noch anderes auf dem Herzen habe, er war seltsam erregt und hastig. Ich
suchte ihm das Fragen leicht zu machen, und bald kam er denn mit seinem
eigentlichen Anliegen.
„Du bist doch auch enthaltsam?“ fragte er mich ängstlich.
„Wie meinst du das? Meinst du das Geschlechtliche?“
„Ja, ja. Ich bin jetzt seit zwei Jahren enthaltsam, seit ich von der Lehre
weiß. Vorher habe ich ein Laster getrieben, du weißt schon. — Du bist also
nie bei einem Weib gewesen?“
„Nein,“ sagte ich. „Ich habe die Richtige nicht gefunden.“
„Aber wenn du die fändest, von der du meinst, sie sei die Richtige, dann
würdest du mit ihr schlafen?“
„Ja, natürlich. — Wenn sie nichts dagegen hat,“ sagte ich mit etwas
Spott.
„O da bist du aber auf dem falschen Weg! Die inneren Kräfte kann man
nur ausbilden, wenn man völlig enthaltsam bleibt. Ich habe es getan, zwei
Jahre lang. Zwei Jahre und etwas mehr als einen Monat! Es ist so schwer!
Manchmal kann ich es kaum mehr aushalten.“
„Höre, Knauer, ich glaube nicht, daß die Enthaltsamkeit so furchtbar
wichtig ist.“
„Ich weiß,“ wehrte er ab, „das sagen alle. Aber von dir habe ich es nicht
erwartet. Wer den höheren geistigen Weg gehen will, der muß rein bleiben,
unbedingt!“
„Das ist, wenn man lernt, sich selber zu beherrschen. Man kann
unsterblich werden, und auch zaubern. Hast du nie solche Übungen
gemacht?“
Auf meine neugierige Frage nach diesen Übungen tat er erst
geheimnisvoll, bis ich mich zum Gehen wandte, dann kramte er aus.
„Zum Beispiel, wenn ich einschlafen oder auch mich konzentrieren will,
dann mache ich eine solche Übung. Ich denke mir irgend etwas, zum
Beispiel ein Wort oder einen Namen, oder eine geometrische Figur. Die
denke ich dann in mich hinein, so stark ich kann, ich suche sie mir innen in
meinem Kopf vorzustellen, bis ich fühle, daß sie darin ist. Dann denke ich
sie in den Hals, und so weiter, bis ich ganz davon ausgefüllt bin. Dann bin
ich ganz fest, und nichts mehr kann mich aus der Ruhe bringen.“
Ich begriff einigermaßen, wie er es meine. Doch fühlte ich wohl, daß er
noch anderes auf dem Herzen habe, er war seltsam erregt und hastig. Ich
suchte ihm das Fragen leicht zu machen, und bald kam er denn mit seinem
eigentlichen Anliegen.
„Du bist doch auch enthaltsam?“ fragte er mich ängstlich.
„Wie meinst du das? Meinst du das Geschlechtliche?“
„Ja, ja. Ich bin jetzt seit zwei Jahren enthaltsam, seit ich von der Lehre
weiß. Vorher habe ich ein Laster getrieben, du weißt schon. — Du bist also
nie bei einem Weib gewesen?“
„Nein,“ sagte ich. „Ich habe die Richtige nicht gefunden.“
„Aber wenn du die fändest, von der du meinst, sie sei die Richtige, dann
würdest du mit ihr schlafen?“
„Ja, natürlich. — Wenn sie nichts dagegen hat,“ sagte ich mit etwas
Spott.
„O da bist du aber auf dem falschen Weg! Die inneren Kräfte kann man
nur ausbilden, wenn man völlig enthaltsam bleibt. Ich habe es getan, zwei
Jahre lang. Zwei Jahre und etwas mehr als einen Monat! Es ist so schwer!
Manchmal kann ich es kaum mehr aushalten.“
„Höre, Knauer, ich glaube nicht, daß die Enthaltsamkeit so furchtbar
wichtig ist.“
„Ich weiß,“ wehrte er ab, „das sagen alle. Aber von dir habe ich es nicht
erwartet. Wer den höheren geistigen Weg gehen will, der muß rein bleiben,
unbedingt!“
Page 94
„Ja, dann tu es! Aber ich begreife nicht, warum einer ‚reiner‘ sein soll,
der sein Geschlecht unterdrückt, als irgendein anderer. Oder kannst du das
Geschlechtliche auch aus allen Gedanken und Träumen ausschalten?“
Er sah mich verzweifelt an.
„Nein, eben nicht! Herrgott, und doch muß es sein. Ich habe in der Nacht
Träume, die ich nicht einmal mir selber erzählen könnte! Furchtbare
Träume, du!“
Ich erinnerte mich dessen, was Pistorius mir gesagt hatte. Aber so sehr
ich seine Worte als richtig empfand, ich konnte sie nicht weitergeben, ich
konnte nicht einen Rat erteilen, der nicht aus meiner eigenen Erfahrung
herkam und dessen Befolgung ich mich selber noch nicht gewachsen fühlte.
Ich wurde schweigsam und fühlte mich dadurch gedemütigt, daß da jemand
Rat bei mir suchte, dem ich keinen zu geben hatte.
„Ich habe alles probiert!“ jammerte Knauer neben mir. „Ich habe getan,
was man tun kann, mit kaltem Wasser, mit Schnee, mit Turnen und Laufen,
aber es hilft alles nichts. Jede Nacht wache ich aus Träumen auf, an die ich
gar nicht denken darf. Und das Entsetzliche ist: darüber geht mir allmählich
alles wieder verloren, was ich geistig gelernt hatte. Ich bringe es beinahe
nie mehr fertig, mich zu konzentrieren oder mich einzuschläfern, oft liege
ich die ganze Nacht wach. Ich halte das nimmer lang aus. Wenn ich
schließlich doch den Kampf nicht durchführen kann, wenn ich nachgebe
und mich wieder unrein mache, dann bin ich schlechter als alle anderen, die
überhaupt nie gekämpft haben. Das begreifst du doch?“
Ich nickte, konnte aber nichts dazu sagen. Er begann mich zu langweilen,
und ich erschrak vor mir selber, daß mir seine offensichtliche Not und
Verzweiflung keinen tiefern Eindruck machte. Ich empfand nur: ich kann
dir nicht helfen.
„Also weißt du mir gar nichts?“ sagte er schließlich erschöpft und
traurig. „Gar nichts? Es muß doch einen Weg geben! Wie machst denn du
es?“
„Ich kann dir nichts sagen, Knauer. Man kann einander da nicht helfen.
Mir hat auch niemand geholfen. Du mußt dich auf dich selber besinnen, und
dann mußt du das tun, was wirklich aus deinem Wesen kommt. Es gibt
nichts anderes. Wenn du dich selber nicht finden kannst, dann wirst du auch
keine Geister finden, glaube ich.“
Enttäuscht und plötzlich stumm geworden, sah der kleine Kerl mich an.
Dann glühte sein Blick in plötzlicher Gehässigkeit auf, er schnitt mir eine
der sein Geschlecht unterdrückt, als irgendein anderer. Oder kannst du das
Geschlechtliche auch aus allen Gedanken und Träumen ausschalten?“
Er sah mich verzweifelt an.
„Nein, eben nicht! Herrgott, und doch muß es sein. Ich habe in der Nacht
Träume, die ich nicht einmal mir selber erzählen könnte! Furchtbare
Träume, du!“
Ich erinnerte mich dessen, was Pistorius mir gesagt hatte. Aber so sehr
ich seine Worte als richtig empfand, ich konnte sie nicht weitergeben, ich
konnte nicht einen Rat erteilen, der nicht aus meiner eigenen Erfahrung
herkam und dessen Befolgung ich mich selber noch nicht gewachsen fühlte.
Ich wurde schweigsam und fühlte mich dadurch gedemütigt, daß da jemand
Rat bei mir suchte, dem ich keinen zu geben hatte.
„Ich habe alles probiert!“ jammerte Knauer neben mir. „Ich habe getan,
was man tun kann, mit kaltem Wasser, mit Schnee, mit Turnen und Laufen,
aber es hilft alles nichts. Jede Nacht wache ich aus Träumen auf, an die ich
gar nicht denken darf. Und das Entsetzliche ist: darüber geht mir allmählich
alles wieder verloren, was ich geistig gelernt hatte. Ich bringe es beinahe
nie mehr fertig, mich zu konzentrieren oder mich einzuschläfern, oft liege
ich die ganze Nacht wach. Ich halte das nimmer lang aus. Wenn ich
schließlich doch den Kampf nicht durchführen kann, wenn ich nachgebe
und mich wieder unrein mache, dann bin ich schlechter als alle anderen, die
überhaupt nie gekämpft haben. Das begreifst du doch?“
Ich nickte, konnte aber nichts dazu sagen. Er begann mich zu langweilen,
und ich erschrak vor mir selber, daß mir seine offensichtliche Not und
Verzweiflung keinen tiefern Eindruck machte. Ich empfand nur: ich kann
dir nicht helfen.
„Also weißt du mir gar nichts?“ sagte er schließlich erschöpft und
traurig. „Gar nichts? Es muß doch einen Weg geben! Wie machst denn du
es?“
„Ich kann dir nichts sagen, Knauer. Man kann einander da nicht helfen.
Mir hat auch niemand geholfen. Du mußt dich auf dich selber besinnen, und
dann mußt du das tun, was wirklich aus deinem Wesen kommt. Es gibt
nichts anderes. Wenn du dich selber nicht finden kannst, dann wirst du auch
keine Geister finden, glaube ich.“
Enttäuscht und plötzlich stumm geworden, sah der kleine Kerl mich an.
Dann glühte sein Blick in plötzlicher Gehässigkeit auf, er schnitt mir eine
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Grimasse und schrie wütend: „Ah, du bist mir ein schöner Heiliger! Du hast
auch dein Laster, ich weiß es! Du tust wie ein Weiser und heimlich hängst
du am gleichen Dreck wie ich und alle! Du bist ein Schwein, ein Schwein,
wie ich selber. Alle sind wir Schweine!“
Ich ging weg und ließ ihn stehen. Er tat mir zwei, drei Schritte nach, dann
blieb er zurück, kehrte um und rannte davon. Mir wurde übel aus einem
Gefühl von Mitleid und Abscheu, und ich kam von dem Gefühl nicht los,
bis ich zu Hause in meinem kleinen Zimmerchen meine paar Bilder um
mich stellte und mich mit sehnlichster Innigkeit meinen eigenen Träumen
hingab. Da kam sofort mein Traum wieder, vom Haustor und Wappen, von
der Mutter und der fremden Frau, und ich sah die Züge der Frau so
überdeutlich, daß ich noch am selben Abend ihr Bild zu zeichnen begann.
Als diese Zeichnung nach einigen Tagen fertig war, in traumhaften
Viertelstunden wie bewußtlos hingestrichen, hängte ich sie am Abend an
meiner Wand auf, rückte die Studierlampe davor und stand vor ihr wie vor
einem Geist, mit dem ich kämpfen mußte bis zur Entscheidung. Es war ein
Gesicht, ähnlich dem frühern, ähnlich meinem Freund Demian, in einigen
Zügen auch ähnlich mir selber. Das eine Auge stand auffallend höher als
das andere, der Blick ging über mich weg in versunkener Starrheit, voll von
Schicksal.
Ich stand davor und wurde vor innerer Anstrengung kalt bis in die Brust
hinein. Ich fragte das Bild, ich klagte es an, ich liebkoste es, ich betete zu
ihm; ich nannte es Mutter, ich nannte es Geliebte, nannte es Hure und
Dirne, nannte es Abraxas. Dazwischen fielen Worte von Pistorius — oder
von Demian? — mir ein; ich konnte mich nicht erinnern, wann sie
gesprochen waren, aber ich meinte sie wieder zu hören. Es waren Worte
über den Kampf Jakobs mit dem Engel Gottes, und das „Ich lasse dich
nicht, du segnest mich denn“.
Das gemalte Gesicht im Lampenschein verwandelte sich bei jeder
Anrufung. Es wurde hell und leuchtend, wurde schwarz und finster, schloß
fahle Lider über erstorbenen Augen, öffnete sie wieder und blitzte glühende
Blicke, es war Frau, war Mann, war Mädchen, war ein kleines Kind, ein
Tier, verschwamm zum Fleck, wurde wieder groß und klar. Am Ende schloß
ich, einem starken inneren Rufe folgend, die Augen und sah nun das Bild
inwendig in mir, stärker und mächtiger. Ich wollte vor ihm niederknien,
aber es war so sehr in mir innen, daß ich es nicht mehr von mir trennen
konnte, als wäre es zu lauter Ich geworden.
auch dein Laster, ich weiß es! Du tust wie ein Weiser und heimlich hängst
du am gleichen Dreck wie ich und alle! Du bist ein Schwein, ein Schwein,
wie ich selber. Alle sind wir Schweine!“
Ich ging weg und ließ ihn stehen. Er tat mir zwei, drei Schritte nach, dann
blieb er zurück, kehrte um und rannte davon. Mir wurde übel aus einem
Gefühl von Mitleid und Abscheu, und ich kam von dem Gefühl nicht los,
bis ich zu Hause in meinem kleinen Zimmerchen meine paar Bilder um
mich stellte und mich mit sehnlichster Innigkeit meinen eigenen Träumen
hingab. Da kam sofort mein Traum wieder, vom Haustor und Wappen, von
der Mutter und der fremden Frau, und ich sah die Züge der Frau so
überdeutlich, daß ich noch am selben Abend ihr Bild zu zeichnen begann.
Als diese Zeichnung nach einigen Tagen fertig war, in traumhaften
Viertelstunden wie bewußtlos hingestrichen, hängte ich sie am Abend an
meiner Wand auf, rückte die Studierlampe davor und stand vor ihr wie vor
einem Geist, mit dem ich kämpfen mußte bis zur Entscheidung. Es war ein
Gesicht, ähnlich dem frühern, ähnlich meinem Freund Demian, in einigen
Zügen auch ähnlich mir selber. Das eine Auge stand auffallend höher als
das andere, der Blick ging über mich weg in versunkener Starrheit, voll von
Schicksal.
Ich stand davor und wurde vor innerer Anstrengung kalt bis in die Brust
hinein. Ich fragte das Bild, ich klagte es an, ich liebkoste es, ich betete zu
ihm; ich nannte es Mutter, ich nannte es Geliebte, nannte es Hure und
Dirne, nannte es Abraxas. Dazwischen fielen Worte von Pistorius — oder
von Demian? — mir ein; ich konnte mich nicht erinnern, wann sie
gesprochen waren, aber ich meinte sie wieder zu hören. Es waren Worte
über den Kampf Jakobs mit dem Engel Gottes, und das „Ich lasse dich
nicht, du segnest mich denn“.
Das gemalte Gesicht im Lampenschein verwandelte sich bei jeder
Anrufung. Es wurde hell und leuchtend, wurde schwarz und finster, schloß
fahle Lider über erstorbenen Augen, öffnete sie wieder und blitzte glühende
Blicke, es war Frau, war Mann, war Mädchen, war ein kleines Kind, ein
Tier, verschwamm zum Fleck, wurde wieder groß und klar. Am Ende schloß
ich, einem starken inneren Rufe folgend, die Augen und sah nun das Bild
inwendig in mir, stärker und mächtiger. Ich wollte vor ihm niederknien,
aber es war so sehr in mir innen, daß ich es nicht mehr von mir trennen
konnte, als wäre es zu lauter Ich geworden.
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Da hörte ich ein dunkles schweres Brausen wie von einem
Frühjahrssturm und zitterte in einem unbeschreiblich neuen Gefühl von
Angst und Erlebnis. Sterne zuckten vor mich auf und erloschen,
Erinnerungen bis in die erste, vergessenste Kinderzeit zurück, ja bis in
Vorexistenzen und frühe Stufen des Werdens, strömten gedrängt an mir
vorüber. Aber die Erinnerungen, die mir mein ganzes Leben bis ins
Geheimste zu wiederholen schienen, hörten mit gestern und heute nicht auf,
sie gingen weiter, spiegelten Zukunft, rissen mich von heute weg und in
neue Lebensformen, deren Bilder ungeheuer hell und blendend waren, an
deren keines ich mich aber später richtig erinnern konnte.
In der Nacht erwachte ich aus tiefem Schlaf, ich war in den Kleidern und
lag quer überm Bett. Ich zündete Licht an, fühlte, daß ich mich auf
Wichtiges besinnen müsse, wußte nichts mehr von den Stunden vorher. Ich
zündete Licht an, die Erinnerung kam allmählich. Ich suchte das Bild, es
hing nicht mehr an der Wand, lag auch nicht auf dem Tische. Da meinte ich
mich dunkel zu besinnen, daß ich es verbrannt hätte. Oder war es ein Traum
gewesen, daß ich es in meinen Händen verbrannt und die Asche gegessen
hätte?
Eine große, zuckende Unruhe trieb mich. Ich setzte den Hut auf, ging
durch Haus und Gasse, wie unter einem Zwang, lief und lief durch Straßen
und über Plätze wie von einem Sturm geweht, lauschte vor der finstern
Kirche meines Freundes, suchte und suchte in dunklem Trieb, ohne zu
wissen, was. Ich kam durch eine Vorstadt, wo Dirnenhäuser standen, dort
war hier und da noch Licht. Weiter draußen lagen Neubauten und
Ziegelhaufen, zum Teil mit grauem Schnee bedeckt. Mir fiel, da ich wie ein
Traumwandler unter einem fremden Druck durch diese Wüste trieb, der
Neubau in meiner Vaterstadt ein, in welchen mich einst mein Peiniger
Kromer zu unserer ersten Abrechnung gezogen hatte. Ein ähnlicher Bau lag
in der grauen Nacht hier vor mir, gähnte mit schwarzem Türloch mich an.
Es zog mich hinein, ich wollte ausweichen und stolperte über Sand und
Schutt; der Drang war stärker, ich mußte hinein.
Über Bretter und zerbrochene Backsteine hinweg taumelte ich in den
öden Raum, es roch trübe nach feuchter Kälte und Steinen. Ein Sandhaufen
lag da, ein grauheller Fleck, sonst war alles dunkel.
Da rief eine entsetzte Stimme mich an: „Um Gottes willen, Sinclair, wo
kommst du her?“
Frühjahrssturm und zitterte in einem unbeschreiblich neuen Gefühl von
Angst und Erlebnis. Sterne zuckten vor mich auf und erloschen,
Erinnerungen bis in die erste, vergessenste Kinderzeit zurück, ja bis in
Vorexistenzen und frühe Stufen des Werdens, strömten gedrängt an mir
vorüber. Aber die Erinnerungen, die mir mein ganzes Leben bis ins
Geheimste zu wiederholen schienen, hörten mit gestern und heute nicht auf,
sie gingen weiter, spiegelten Zukunft, rissen mich von heute weg und in
neue Lebensformen, deren Bilder ungeheuer hell und blendend waren, an
deren keines ich mich aber später richtig erinnern konnte.
In der Nacht erwachte ich aus tiefem Schlaf, ich war in den Kleidern und
lag quer überm Bett. Ich zündete Licht an, fühlte, daß ich mich auf
Wichtiges besinnen müsse, wußte nichts mehr von den Stunden vorher. Ich
zündete Licht an, die Erinnerung kam allmählich. Ich suchte das Bild, es
hing nicht mehr an der Wand, lag auch nicht auf dem Tische. Da meinte ich
mich dunkel zu besinnen, daß ich es verbrannt hätte. Oder war es ein Traum
gewesen, daß ich es in meinen Händen verbrannt und die Asche gegessen
hätte?
Eine große, zuckende Unruhe trieb mich. Ich setzte den Hut auf, ging
durch Haus und Gasse, wie unter einem Zwang, lief und lief durch Straßen
und über Plätze wie von einem Sturm geweht, lauschte vor der finstern
Kirche meines Freundes, suchte und suchte in dunklem Trieb, ohne zu
wissen, was. Ich kam durch eine Vorstadt, wo Dirnenhäuser standen, dort
war hier und da noch Licht. Weiter draußen lagen Neubauten und
Ziegelhaufen, zum Teil mit grauem Schnee bedeckt. Mir fiel, da ich wie ein
Traumwandler unter einem fremden Druck durch diese Wüste trieb, der
Neubau in meiner Vaterstadt ein, in welchen mich einst mein Peiniger
Kromer zu unserer ersten Abrechnung gezogen hatte. Ein ähnlicher Bau lag
in der grauen Nacht hier vor mir, gähnte mit schwarzem Türloch mich an.
Es zog mich hinein, ich wollte ausweichen und stolperte über Sand und
Schutt; der Drang war stärker, ich mußte hinein.
Über Bretter und zerbrochene Backsteine hinweg taumelte ich in den
öden Raum, es roch trübe nach feuchter Kälte und Steinen. Ein Sandhaufen
lag da, ein grauheller Fleck, sonst war alles dunkel.
Da rief eine entsetzte Stimme mich an: „Um Gottes willen, Sinclair, wo
kommst du her?“
Page 97
Und neben mir richtete aus der Finsternis ein Mensch sich auf, ein
kleiner magerer Bursch, wie ein Geist, und ich erkannte, während mir noch
die Haare zu Berg standen, meinen Schulkameraden Knauer.
„Wie kommst du hierher?“ fragte er, wie irr vor Erregung. „Wie hast du
mich finden können?“
Ich verstand nicht.
„Ich habe dich nicht gesucht,“ sagte ich benommen; jedes Wort machte
mir Mühe und kam mir mühsam über tote, schwere, wie erfrorene Lippen.
Er starrte mich an.
„Nicht gesucht?“
„Nein. Es zog mich her. Hast du mich gerufen? Du mußt mich gerufen
haben. Was tust du denn hier? Es ist doch Nacht.“
Er umschlang mich krampfhaft mit seinen dünnen Armen.
„Ja, Nacht. Es muß bald Morgen werden. O Sinclair, daß du mich nicht
vergessen hast! Kannst du mir denn verzeihen?“
„Was denn?“
„Ach ich war ja so häßlich!“
Erst jetzt kam mir die Erinnerung an unser Gespräch. War das vor vier,
fünf Tagen gewesen? Mir schien seither ein Leben vergangen. Aber jetzt
wußte ich plötzlich alles. Nicht nur, was zwischen uns geschehen war,
sondern auch, warum ich hergekommen war und was Knauer hier draußen
hatte tun wollen.
„Du wolltest dir also das Leben nehmen, Knauer?“
Er schauderte vor Kälte und vor Angst.
„Ja, ich wollte. Ich weiß nicht, ob ich es gekonnt hätte. Ich wollte warten,
bis es Morgen wird.“
Ich zog ihn ins Freie. Die ersten wagrechten Lichtstreifen des Tages
glommen unsäglich kalt und lustlos in den grauen Lüften.
Ich führte den Jungen eine Strecke weit am Arm. Es sprach aus mir:
„Jetzt gehst du nach Hause, und sagst niemand etwas! Du bist den falschen
Weg gegangen, den falschen Weg! Wir sind auch nicht Schweine, wie du
meinst. Wir sind Menschen. Wir machen Götter, und kämpfen mit ihnen,
und sie segnen uns.“
Schweigend gingen wir weiter und auseinander. Als ich heimkam, war es
Tag geworden.
kleiner magerer Bursch, wie ein Geist, und ich erkannte, während mir noch
die Haare zu Berg standen, meinen Schulkameraden Knauer.
„Wie kommst du hierher?“ fragte er, wie irr vor Erregung. „Wie hast du
mich finden können?“
Ich verstand nicht.
„Ich habe dich nicht gesucht,“ sagte ich benommen; jedes Wort machte
mir Mühe und kam mir mühsam über tote, schwere, wie erfrorene Lippen.
Er starrte mich an.
„Nicht gesucht?“
„Nein. Es zog mich her. Hast du mich gerufen? Du mußt mich gerufen
haben. Was tust du denn hier? Es ist doch Nacht.“
Er umschlang mich krampfhaft mit seinen dünnen Armen.
„Ja, Nacht. Es muß bald Morgen werden. O Sinclair, daß du mich nicht
vergessen hast! Kannst du mir denn verzeihen?“
„Was denn?“
„Ach ich war ja so häßlich!“
Erst jetzt kam mir die Erinnerung an unser Gespräch. War das vor vier,
fünf Tagen gewesen? Mir schien seither ein Leben vergangen. Aber jetzt
wußte ich plötzlich alles. Nicht nur, was zwischen uns geschehen war,
sondern auch, warum ich hergekommen war und was Knauer hier draußen
hatte tun wollen.
„Du wolltest dir also das Leben nehmen, Knauer?“
Er schauderte vor Kälte und vor Angst.
„Ja, ich wollte. Ich weiß nicht, ob ich es gekonnt hätte. Ich wollte warten,
bis es Morgen wird.“
Ich zog ihn ins Freie. Die ersten wagrechten Lichtstreifen des Tages
glommen unsäglich kalt und lustlos in den grauen Lüften.
Ich führte den Jungen eine Strecke weit am Arm. Es sprach aus mir:
„Jetzt gehst du nach Hause, und sagst niemand etwas! Du bist den falschen
Weg gegangen, den falschen Weg! Wir sind auch nicht Schweine, wie du
meinst. Wir sind Menschen. Wir machen Götter, und kämpfen mit ihnen,
und sie segnen uns.“
Schweigend gingen wir weiter und auseinander. Als ich heimkam, war es
Tag geworden.
Page 98
D as Beste, was mir jene Zeit in St. noch brachte, waren Stunden mit
Pistorius an der Orgel oder vor dem Kaminfeuer. Wir lasen einen
griechischen Text über Abraxas zusammen, er las mir Stücke einer
Übersetzung aus den Veden vor und lehrte mich das heilige „Om“ sprechen.
Indessen waren es nicht diese Gelehrsamkeiten, die mich im Innern
förderten, sondern eher das Gegenteil. Was mir wohltat, war das
Vorwärtsfinden in mir selber, das zunehmende Vertrauen in meine eigenen
Träume, Gedanken und Ahnungen, und das zunehmende Wissen von der
Macht, die ich in mir trug.
Mit Pistorius verstand ich mich auf jede Weise. Ich brauchte nur stark an
ihn zu denken, so war ich sicher, daß er oder ein Gruß von ihm zu mir kam.
Ich konnte ihn, ebenso wie Demian, irgend etwas fragen, ohne daß er selbst
da war: ich brauchte ihn mir nur fest vorzustellen und meine Fragen als
intensive Gedanken an ihn zu richten. Dann kehrte alle in die Frage
gegebene Seelenkraft als Antwort in mich zurück. Nur war es nicht die
Person des Pistorius, die ich mir vorstellte, und nicht die des Max Demian,
sondern es war das von mir geträumte und gemalte Bild, das
mannweibliche Traumbild meines Dämons, das ich anrufen mußte. Es lebte
jetzt nicht mehr nur in meinen Träumen, und nicht mehr gemalt auf Papier,
sondern in mir, als ein Wunschbild und eine Steigerung meiner selbst.
Eigentümlich und zuweilen komisch war das Verhältnis, in welches der
mißglückte Selbstmörder Knauer zu mir getreten war. Seit der Nacht, in der
ich ihm gesendet worden war, hing er an mir wie ein treuer Diener oder
Hund, suchte sein Leben an meines zu knüpfen und folgte mir blindlings.
Mit den wunderlichsten Fragen und Wünschen kam er zu mir, wollte
Geister sehen, wollte die Kabbala lernen, und glaubte mir nicht, wenn ich
ihm versicherte, daß ich von all diesen Sachen nichts verstünde. Er traute
mir jede Macht zu. Aber seltsam war, daß er oft mit seinen wunderlichen
und dummen Fragen gerade dann zu mir kam, wenn irgendein Knoten in
mir zu lösen war, und daß seine launischen Einfälle und Anliegen mir oft
das Stichwort und den Anstoß zur Lösung brachten. Oft war er mir lästig
und wurde herrisch weggeschickt, aber ich spürte doch: auch er war mir
gesandt, auch aus ihm kam das, was ich ihm gab, verdoppelt in mich
zurück, auch er war mir ein Führer, oder doch ein Weg. Die tollen Bücher
und Schriften, die er mir zutrug und in denen er sein Heil suchte, lehrten
mich mehr, als ich im Augenblick einsehen konnte.
Pistorius an der Orgel oder vor dem Kaminfeuer. Wir lasen einen
griechischen Text über Abraxas zusammen, er las mir Stücke einer
Übersetzung aus den Veden vor und lehrte mich das heilige „Om“ sprechen.
Indessen waren es nicht diese Gelehrsamkeiten, die mich im Innern
förderten, sondern eher das Gegenteil. Was mir wohltat, war das
Vorwärtsfinden in mir selber, das zunehmende Vertrauen in meine eigenen
Träume, Gedanken und Ahnungen, und das zunehmende Wissen von der
Macht, die ich in mir trug.
Mit Pistorius verstand ich mich auf jede Weise. Ich brauchte nur stark an
ihn zu denken, so war ich sicher, daß er oder ein Gruß von ihm zu mir kam.
Ich konnte ihn, ebenso wie Demian, irgend etwas fragen, ohne daß er selbst
da war: ich brauchte ihn mir nur fest vorzustellen und meine Fragen als
intensive Gedanken an ihn zu richten. Dann kehrte alle in die Frage
gegebene Seelenkraft als Antwort in mich zurück. Nur war es nicht die
Person des Pistorius, die ich mir vorstellte, und nicht die des Max Demian,
sondern es war das von mir geträumte und gemalte Bild, das
mannweibliche Traumbild meines Dämons, das ich anrufen mußte. Es lebte
jetzt nicht mehr nur in meinen Träumen, und nicht mehr gemalt auf Papier,
sondern in mir, als ein Wunschbild und eine Steigerung meiner selbst.
Eigentümlich und zuweilen komisch war das Verhältnis, in welches der
mißglückte Selbstmörder Knauer zu mir getreten war. Seit der Nacht, in der
ich ihm gesendet worden war, hing er an mir wie ein treuer Diener oder
Hund, suchte sein Leben an meines zu knüpfen und folgte mir blindlings.
Mit den wunderlichsten Fragen und Wünschen kam er zu mir, wollte
Geister sehen, wollte die Kabbala lernen, und glaubte mir nicht, wenn ich
ihm versicherte, daß ich von all diesen Sachen nichts verstünde. Er traute
mir jede Macht zu. Aber seltsam war, daß er oft mit seinen wunderlichen
und dummen Fragen gerade dann zu mir kam, wenn irgendein Knoten in
mir zu lösen war, und daß seine launischen Einfälle und Anliegen mir oft
das Stichwort und den Anstoß zur Lösung brachten. Oft war er mir lästig
und wurde herrisch weggeschickt, aber ich spürte doch: auch er war mir
gesandt, auch aus ihm kam das, was ich ihm gab, verdoppelt in mich
zurück, auch er war mir ein Führer, oder doch ein Weg. Die tollen Bücher
und Schriften, die er mir zutrug und in denen er sein Heil suchte, lehrten
mich mehr, als ich im Augenblick einsehen konnte.
Page 99
Dieser Knauer verlor sich später ungefühlt von meinem Weg. Mit ihm
war eine Auseinandersetzung nicht nötig. Wohl aber mit Pistorius. Mit
diesem Freunde erlebte ich gegen den Schluß meiner Schulzeit in St. noch
etwas Eigentümliches.
Auch den harmlosen Menschen bleibt es kaum erspart, einmal oder
einigemal im Leben in Konflikt mit den schönen Tugenden der Pietät und
der Dankbarkeit zu geraten. Jeder muß einmal den Schritt tun, der ihn von
seinem Vater, von seinen Lehrern trennt, jeder muß etwas von der Härte der
Einsamkeit spüren, wenn auch die meisten Menschen wenig davon ertragen
können und bald wieder unterkriechen. — Von meinen Eltern und ihrer
Welt, der „lichten“ Welt meiner schönen Kindheit, war ich nicht in heftigem
Kampf geschieden, sondern langsam und fast unmerklich ihnen ferner
gekommen und fremder geworden. Es tat mir leid, es machte mir bei den
Besuchen in der Heimat oft bittere Stunden; aber es ging nicht bis ins Herz,
es war zu ertragen.
Aber dort, wo wir nicht aus Gewohnheit, sondern aus eigenstem Antrieb
Liebe und Ehrfurcht dargebracht haben, da, wo wir mit eigenstem Herzen
Jünger und Freunde gewesen sind — dort ist es ein bitterer und furchtbarer
Augenblick, wenn wir plötzlich zu erkennen meinen, daß die führende
Strömung in uns von dem Geliebten wegführen will. Da richtet jeder
Gedanke, der den Freund und Lehrer abweist, sich mit giftigem Stachel
gegen unser eigenes Herz, da trifft jeder Hieb der Abwehr ins eigene
Gesicht. Da tauchen dem, der eine gültige Moral in sich selber zu tragen
meinte, die Namen „Treulosigkeit“ und „Undankbarkeit“ wie schändliche
Zurufe und Brandmäler auf, da flieht das erschrockene Herz angstvoll in die
lieben Täler der Kindheitstugenden zurück und kann nicht daran glauben,
daß auch dieser Bruch getan, daß auch dieses Band zerschnitten werden
muß.
Langsam hatte ein Gefühl in mir sich mit der Zeit dagegen gewendet,
meinen Freund Pistorius so unbedingt als Führer anzuerkennen. Was ich in
den wichtigsten Monaten meiner Jünglingszeit erlebt hatte, war die
Freundschaft mit ihm, war sein Rat, sein Trost, seine Nähe gewesen. Aus
ihm hatte Gott zu mir gesprochen. Aus seinem Munde waren meine Träume
mir zurückgekehrt, geklärt und gedeutet. Er hatte mir den Mut zu mir selber
geschenkt. — Ach, und nun spürte ich langsam anwachsend Widerstände
gegen ihn. Ich hörte zu viel Belehrendes in seinen Worten, ich empfand, daß
er nur einen Teil von mir ganz verstehe.
war eine Auseinandersetzung nicht nötig. Wohl aber mit Pistorius. Mit
diesem Freunde erlebte ich gegen den Schluß meiner Schulzeit in St. noch
etwas Eigentümliches.
Auch den harmlosen Menschen bleibt es kaum erspart, einmal oder
einigemal im Leben in Konflikt mit den schönen Tugenden der Pietät und
der Dankbarkeit zu geraten. Jeder muß einmal den Schritt tun, der ihn von
seinem Vater, von seinen Lehrern trennt, jeder muß etwas von der Härte der
Einsamkeit spüren, wenn auch die meisten Menschen wenig davon ertragen
können und bald wieder unterkriechen. — Von meinen Eltern und ihrer
Welt, der „lichten“ Welt meiner schönen Kindheit, war ich nicht in heftigem
Kampf geschieden, sondern langsam und fast unmerklich ihnen ferner
gekommen und fremder geworden. Es tat mir leid, es machte mir bei den
Besuchen in der Heimat oft bittere Stunden; aber es ging nicht bis ins Herz,
es war zu ertragen.
Aber dort, wo wir nicht aus Gewohnheit, sondern aus eigenstem Antrieb
Liebe und Ehrfurcht dargebracht haben, da, wo wir mit eigenstem Herzen
Jünger und Freunde gewesen sind — dort ist es ein bitterer und furchtbarer
Augenblick, wenn wir plötzlich zu erkennen meinen, daß die führende
Strömung in uns von dem Geliebten wegführen will. Da richtet jeder
Gedanke, der den Freund und Lehrer abweist, sich mit giftigem Stachel
gegen unser eigenes Herz, da trifft jeder Hieb der Abwehr ins eigene
Gesicht. Da tauchen dem, der eine gültige Moral in sich selber zu tragen
meinte, die Namen „Treulosigkeit“ und „Undankbarkeit“ wie schändliche
Zurufe und Brandmäler auf, da flieht das erschrockene Herz angstvoll in die
lieben Täler der Kindheitstugenden zurück und kann nicht daran glauben,
daß auch dieser Bruch getan, daß auch dieses Band zerschnitten werden
muß.
Langsam hatte ein Gefühl in mir sich mit der Zeit dagegen gewendet,
meinen Freund Pistorius so unbedingt als Führer anzuerkennen. Was ich in
den wichtigsten Monaten meiner Jünglingszeit erlebt hatte, war die
Freundschaft mit ihm, war sein Rat, sein Trost, seine Nähe gewesen. Aus
ihm hatte Gott zu mir gesprochen. Aus seinem Munde waren meine Träume
mir zurückgekehrt, geklärt und gedeutet. Er hatte mir den Mut zu mir selber
geschenkt. — Ach, und nun spürte ich langsam anwachsend Widerstände
gegen ihn. Ich hörte zu viel Belehrendes in seinen Worten, ich empfand, daß
er nur einen Teil von mir ganz verstehe.
Page 100
Es gab keinen Streit, keine Szene zwischen uns, keinen Bruch und nicht
einmal eine Abrechnung. Ich sagte ihm nur ein einziges, eigentlich
harmloses Wort — aber es war doch eben der Augenblick, in dem zwischen
uns eine Illusion in farbige Scherben zerfiel.
Gedrückt hatte die Vorausahnung mich schon eine Weile, zum deutlichen
Gefühl wurde sie eines Sonntags in seiner alten Gelehrtenstube. Wir lagen
am Boden vor dem Feuer, und er sprach von Mysterien und
Religionsformen, die er studierte, an denen er sann, und deren mögliche
Zukunft ihn beschäftigte. Mir aber schien dies alles mehr kurios und
interessant als lebenswichtig, es klang mir Gelehrsamkeit, es klang mir
müdes Suchen unter Trümmern ehemaliger Welten daraus entgegen. Und
mit einem Male spürte ich einen Widerwillen gegen diese ganze Art, gegen
diesen Kultus der Mythologien, gegen dieses Mosaikspiel mit überlieferten
Glaubensformen.
„Pistorius,“ sagte ich plötzlich, mit einer mir selber überraschend und
erschreckend hervorbrechenden Bosheit, „Sie sollten mir wieder einmal
einen Traum erzählen, einen wirklichen Traum, den Sie in der Nacht gehabt
haben. Das, was Sie da reden, ist so — so verflucht antiquarisch!“
Er hatte mich niemals so reden hören, und ich selbst empfand im selben
Augenblick blitzhaft mit Scham und Schrecken, daß der Pfeil, den ich auf
ihn abschoß und der ihn ins Herz traf, aus seiner eigenen Rüstkammer
genommen war — daß ich Selbstvorwürfe, die ich ihn in ironischem Ton
gelegentlich hatte äußern hören, nun boshaft ihm in zugespitzter Form
zuwarf.
Er spürte es augenblicklich, und er wurde sofort still. Ich sah ihn mit
Angst im Herzen an, und sah ihn furchtbar bleich werden.
Nach einer langen schweren Pause legte er neues Holz aufs Feuer und
sagte still: „Sie haben ganz recht, Sinclair. Sie sind ein kluger Kerl. Ich
werde Sie mit dem antiquarischen Zeug verschonen.“
Er sprach sehr ruhig, aber ich hörte den Schmerz der Verwundung wohl
heraus. Was hatte ich getan!
Die Tränen waren mir nah, ich wollte mich ihm herzlich zuwenden,
wollte ihn um Verzeihung bitten, ihn meiner Liebe, meiner zärtlichen
Dankbarkeit versichern. Rührende Worte fielen mir ein — aber ich konnte
sie nicht sagen. Ich blieb liegen, sah ins Feuer und schwieg. Und er schwieg
auch, und so lagen wir, und das Feuer brannte herab und sank zusammen,
einmal eine Abrechnung. Ich sagte ihm nur ein einziges, eigentlich
harmloses Wort — aber es war doch eben der Augenblick, in dem zwischen
uns eine Illusion in farbige Scherben zerfiel.
Gedrückt hatte die Vorausahnung mich schon eine Weile, zum deutlichen
Gefühl wurde sie eines Sonntags in seiner alten Gelehrtenstube. Wir lagen
am Boden vor dem Feuer, und er sprach von Mysterien und
Religionsformen, die er studierte, an denen er sann, und deren mögliche
Zukunft ihn beschäftigte. Mir aber schien dies alles mehr kurios und
interessant als lebenswichtig, es klang mir Gelehrsamkeit, es klang mir
müdes Suchen unter Trümmern ehemaliger Welten daraus entgegen. Und
mit einem Male spürte ich einen Widerwillen gegen diese ganze Art, gegen
diesen Kultus der Mythologien, gegen dieses Mosaikspiel mit überlieferten
Glaubensformen.
„Pistorius,“ sagte ich plötzlich, mit einer mir selber überraschend und
erschreckend hervorbrechenden Bosheit, „Sie sollten mir wieder einmal
einen Traum erzählen, einen wirklichen Traum, den Sie in der Nacht gehabt
haben. Das, was Sie da reden, ist so — so verflucht antiquarisch!“
Er hatte mich niemals so reden hören, und ich selbst empfand im selben
Augenblick blitzhaft mit Scham und Schrecken, daß der Pfeil, den ich auf
ihn abschoß und der ihn ins Herz traf, aus seiner eigenen Rüstkammer
genommen war — daß ich Selbstvorwürfe, die ich ihn in ironischem Ton
gelegentlich hatte äußern hören, nun boshaft ihm in zugespitzter Form
zuwarf.
Er spürte es augenblicklich, und er wurde sofort still. Ich sah ihn mit
Angst im Herzen an, und sah ihn furchtbar bleich werden.
Nach einer langen schweren Pause legte er neues Holz aufs Feuer und
sagte still: „Sie haben ganz recht, Sinclair. Sie sind ein kluger Kerl. Ich
werde Sie mit dem antiquarischen Zeug verschonen.“
Er sprach sehr ruhig, aber ich hörte den Schmerz der Verwundung wohl
heraus. Was hatte ich getan!
Die Tränen waren mir nah, ich wollte mich ihm herzlich zuwenden,
wollte ihn um Verzeihung bitten, ihn meiner Liebe, meiner zärtlichen
Dankbarkeit versichern. Rührende Worte fielen mir ein — aber ich konnte
sie nicht sagen. Ich blieb liegen, sah ins Feuer und schwieg. Und er schwieg
auch, und so lagen wir, und das Feuer brannte herab und sank zusammen,
Page 101
und mit jeder verblassenden Flamme fühlte ich etwas Schönes und Inniges
verglühen und verfliegen, das nicht wiederkommen konnte.
„Ich fürchte, Sie verstehen mich falsch,“ sagte ich schließlich sehr
gepreßt und mit trockener, heiserer Stimme. Die dummen, sinnlosen Worte
kamen mir wie mechanisch über die Lippen, als läse ich aus einem
Zeitungsroman vor.
„Ich verstehe Sie ganz richtig,“ sagte Pistorius leis. „Sie haben ja recht.“
Er wartete. Dann fuhr er langsam fort: „Soweit ein Mensch eben gegen den
andern recht haben kann.“
Nein, nein, rief es in mir, ich habe unrecht! — aber sagen konnte ich
nichts. Ich wußte, daß ich mit meinem einzigen kleinen Wort ihn auf eine
wesentliche Schwäche, auf seine Not und Wunde hingewiesen hatte. Ich
hatte den Punkt berührt, wo er sich selber mißtrauen mußte. Sein Ideal war
„antiquarisch“, er war ein Sucher nach rückwärts, er war ein Romantiker.
Und plötzlich fühlte ich tief: Gerade das, was Pistorius mir gewesen war
und gegeben hatte, das konnte er sich selbst nicht sein und geben. Er hatte
mich einen Weg geführt, der auch ihn, den Führer, überschreiten und
verlassen mußte.
Weiß Gott, wie solch ein Wort entsteht! Ich hatte es gar nicht schlimm
gemeint, hatte keine Ahnung von einer Katastrophe gehabt. Ich hatte etwas
ausgesprochen, was ich im Augenblick des Aussprechens selber durchaus
nicht wußte, ich hatte einem kleinen, etwas witzigen, etwas boshaften
Einfall nachgegeben, und es war Schicksal daraus geworden. Ich hatte eine
kleine achtlose Roheit begangen, und für ihn war sie ein Gericht geworden.
O wie sehr habe ich mir damals gewünscht, er möchte böse geworden
sein, er möchte sich verteidigt, möchte mich angeschrien haben! Er tat
nichts davon, alles das mußte ich, in mir drinnen, selber tun. Er hätte
gelächelt, wenn er gekonnt hätte. Daß er es nicht konnte, daran sah ich am
besten, wie sehr ich ihn getroffen hatte.
Und indem Pistorius den Schlag von mir, von seinem vorlauten und
undankbaren Schüler, so lautlos hinnahm, indem er schwieg und mir Recht
ließ, indem er mein Wort als Schicksal anerkannte, machte er mich mir
selbst verhaßt, machte er meine Unbesonnenheit tausendmal größer. Als ich
zuschlug, hatte ich einen Starken und Wehrhaften zu treffen gemeint — nun
war es ein stiller, duldender Mensch, ein Wehrloser, der sich schweigend
ergab.
verglühen und verfliegen, das nicht wiederkommen konnte.
„Ich fürchte, Sie verstehen mich falsch,“ sagte ich schließlich sehr
gepreßt und mit trockener, heiserer Stimme. Die dummen, sinnlosen Worte
kamen mir wie mechanisch über die Lippen, als läse ich aus einem
Zeitungsroman vor.
„Ich verstehe Sie ganz richtig,“ sagte Pistorius leis. „Sie haben ja recht.“
Er wartete. Dann fuhr er langsam fort: „Soweit ein Mensch eben gegen den
andern recht haben kann.“
Nein, nein, rief es in mir, ich habe unrecht! — aber sagen konnte ich
nichts. Ich wußte, daß ich mit meinem einzigen kleinen Wort ihn auf eine
wesentliche Schwäche, auf seine Not und Wunde hingewiesen hatte. Ich
hatte den Punkt berührt, wo er sich selber mißtrauen mußte. Sein Ideal war
„antiquarisch“, er war ein Sucher nach rückwärts, er war ein Romantiker.
Und plötzlich fühlte ich tief: Gerade das, was Pistorius mir gewesen war
und gegeben hatte, das konnte er sich selbst nicht sein und geben. Er hatte
mich einen Weg geführt, der auch ihn, den Führer, überschreiten und
verlassen mußte.
Weiß Gott, wie solch ein Wort entsteht! Ich hatte es gar nicht schlimm
gemeint, hatte keine Ahnung von einer Katastrophe gehabt. Ich hatte etwas
ausgesprochen, was ich im Augenblick des Aussprechens selber durchaus
nicht wußte, ich hatte einem kleinen, etwas witzigen, etwas boshaften
Einfall nachgegeben, und es war Schicksal daraus geworden. Ich hatte eine
kleine achtlose Roheit begangen, und für ihn war sie ein Gericht geworden.
O wie sehr habe ich mir damals gewünscht, er möchte böse geworden
sein, er möchte sich verteidigt, möchte mich angeschrien haben! Er tat
nichts davon, alles das mußte ich, in mir drinnen, selber tun. Er hätte
gelächelt, wenn er gekonnt hätte. Daß er es nicht konnte, daran sah ich am
besten, wie sehr ich ihn getroffen hatte.
Und indem Pistorius den Schlag von mir, von seinem vorlauten und
undankbaren Schüler, so lautlos hinnahm, indem er schwieg und mir Recht
ließ, indem er mein Wort als Schicksal anerkannte, machte er mich mir
selbst verhaßt, machte er meine Unbesonnenheit tausendmal größer. Als ich
zuschlug, hatte ich einen Starken und Wehrhaften zu treffen gemeint — nun
war es ein stiller, duldender Mensch, ein Wehrloser, der sich schweigend
ergab.
Page 102
Lange Zeit blieben wir vor dem verglimmenden Feuer liegen, in dem
jede glühende Figur, jeder sich krümmende Aschenstab mir glückliche,
schöne, reiche Stunden ins Gedächtnis rief und die Schuld meiner
Verpflichtung gegen Pistorius größer und größer anhäufte. Zuletzt ertrug ich
es nicht mehr. Ich stand auf und ging. Lange stand ich vor seiner Tür, lange
auf der finstern Treppe, lange noch draußen vor dem Hause, wartend, ob er
vielleicht käme und mir nachginge. Dann ging ich weiter und lief Stunden
um Stunden durch Stadt und Vorstädte, Park und Wald, bis zum Abend. Und
damals spürte ich zum erstenmal das Zeichen Kains auf meiner Stirn.
Nur allmählich kam ich zum Nachdenken. Meine Gedanken hatten alle
die Absicht, mich anzuklagen und Pistorius zu verteidigen. Und alle
endeten mit dem Gegenteil. Tausendmal war ich bereit, mein rasches Wort
zu bereuen und zurückzunehmen — aber wahr war es doch gewesen. Erst
jetzt gelang es mir, Pistorius zu verstehen, seinen ganzen Traum vor mir
aufzubauen. Dieser Traum war gewesen, ein Priester zu sein, die neue
Religion zu verkünden, neue Formen der Erhebung, der Liebe und
Anbetung zu geben, neue Symbole aufzurichten. Aber dies war nicht seine
Kraft, nicht sein Amt. Er verweilte allzu warm im Gewesenen, er kannte
allzu genau das Ehemalige, er wußte allzu viel von Ägypten, von Indien,
von Mithras, von Abraxas. Seine Liebe war an Bilder gebunden, welche die
Erde schon gesehen hatte, und dabei wußte er im Innersten selber wohl, daß
das Neue neu und anders sein, daß es aus frischem Boden quellen und nicht
aus Sammlungen und Bibliotheken geschöpft werden mußte. Sein Amt war
vielleicht, Menschen zu sich selbst führen zu helfen, wie er es mit mir getan
hatte. Ihnen das Unerhörte zu geben, die neuen Götter, war sein Amt nicht.
Und hier brannte mich plötzlich wie eine scharfe Flamme die Erkenntnis:
— Es gab für jeden ein „Amt“, aber für keinen eines, das er selber wählen,
umschreiben und beliebig verwalten durfte. Es war falsch, neue Götter zu
wollen, es war völlig falsch, der Welt irgend etwas geben zu wollen! Es gab
keine, keine, keine Pflicht für erwachte Menschen als die eine: sich selber
zu suchen, in sich fest zu werden, den eigenen Weg vorwärts zu tasten,
einerlei wohin er führte. — Das erschütterte mich tief, und das war die
Frucht dieses Erlebnisses für mich. Oft hatte ich mit Bildern der Zukunft
gespielt, ich hatte von Rollen geträumt, die mir zugedacht sein könnten, als
Dichter vielleicht oder als Prophet, oder als Maler, oder irgendwie. All das
war nichts. Ich war nicht da, um zu dichten, um zu predigen, um zu malen,
weder ich noch sonst ein Mensch war dazu da. Das alles ergab sich nur
jede glühende Figur, jeder sich krümmende Aschenstab mir glückliche,
schöne, reiche Stunden ins Gedächtnis rief und die Schuld meiner
Verpflichtung gegen Pistorius größer und größer anhäufte. Zuletzt ertrug ich
es nicht mehr. Ich stand auf und ging. Lange stand ich vor seiner Tür, lange
auf der finstern Treppe, lange noch draußen vor dem Hause, wartend, ob er
vielleicht käme und mir nachginge. Dann ging ich weiter und lief Stunden
um Stunden durch Stadt und Vorstädte, Park und Wald, bis zum Abend. Und
damals spürte ich zum erstenmal das Zeichen Kains auf meiner Stirn.
Nur allmählich kam ich zum Nachdenken. Meine Gedanken hatten alle
die Absicht, mich anzuklagen und Pistorius zu verteidigen. Und alle
endeten mit dem Gegenteil. Tausendmal war ich bereit, mein rasches Wort
zu bereuen und zurückzunehmen — aber wahr war es doch gewesen. Erst
jetzt gelang es mir, Pistorius zu verstehen, seinen ganzen Traum vor mir
aufzubauen. Dieser Traum war gewesen, ein Priester zu sein, die neue
Religion zu verkünden, neue Formen der Erhebung, der Liebe und
Anbetung zu geben, neue Symbole aufzurichten. Aber dies war nicht seine
Kraft, nicht sein Amt. Er verweilte allzu warm im Gewesenen, er kannte
allzu genau das Ehemalige, er wußte allzu viel von Ägypten, von Indien,
von Mithras, von Abraxas. Seine Liebe war an Bilder gebunden, welche die
Erde schon gesehen hatte, und dabei wußte er im Innersten selber wohl, daß
das Neue neu und anders sein, daß es aus frischem Boden quellen und nicht
aus Sammlungen und Bibliotheken geschöpft werden mußte. Sein Amt war
vielleicht, Menschen zu sich selbst führen zu helfen, wie er es mit mir getan
hatte. Ihnen das Unerhörte zu geben, die neuen Götter, war sein Amt nicht.
Und hier brannte mich plötzlich wie eine scharfe Flamme die Erkenntnis:
— Es gab für jeden ein „Amt“, aber für keinen eines, das er selber wählen,
umschreiben und beliebig verwalten durfte. Es war falsch, neue Götter zu
wollen, es war völlig falsch, der Welt irgend etwas geben zu wollen! Es gab
keine, keine, keine Pflicht für erwachte Menschen als die eine: sich selber
zu suchen, in sich fest zu werden, den eigenen Weg vorwärts zu tasten,
einerlei wohin er führte. — Das erschütterte mich tief, und das war die
Frucht dieses Erlebnisses für mich. Oft hatte ich mit Bildern der Zukunft
gespielt, ich hatte von Rollen geträumt, die mir zugedacht sein könnten, als
Dichter vielleicht oder als Prophet, oder als Maler, oder irgendwie. All das
war nichts. Ich war nicht da, um zu dichten, um zu predigen, um zu malen,
weder ich noch sonst ein Mensch war dazu da. Das alles ergab sich nur
Page 103
nebenher. Wahrer Beruf für jeden war nur das eine: zu sich selbst zu
kommen. Er mochte als Dichter oder als Wahnsinniger, als Prophet oder als
Verbrecher enden — dies war nicht seine Sache, ja dies war letzten Endes
belanglos. Seine Sache war, das eigene Schicksal zu finden, nicht ein
beliebiges, und es in sich auszuleben, ganz und ungebrochen. Alles andere
war halb, war Versuch zu entrinnen, war Rückflucht in Ideale der Masse,
war Anpassung und Angst vor dem eigenen Innern. Furchtbar und heilig
stieg das neue Bild vor mir auf, hundertmal geahnt, vielleicht oft schon
ausgesprochen, und doch erst jetzt erlebt. Ich war ein Wurf der Natur, ein
Wurf ins Ungewisse, vielleicht zu Neuem, vielleicht zu Nichts, und diesen
Wurf aus der Urtiefe auswirken zu lassen, seinen Willen in mir zu fühlen
und ihn ganz zu meinem zu machen, das allein war mein Beruf. Das allein!
Viel Einsamkeit hatte ich schon gekostet. Nun ahnte ich, daß es tiefere
gab, und daß sie unentrinnbar sei.
Ich machte keinen Versuch, Pistorius zu versöhnen. Wir blieben Freunde,
aber das Verhältnis war geändert. Nur ein einzigesmal sprachen wir darüber,
oder eigentlich nur er war es, der es tat. Er sagte: „Ich habe den Wunsch,
Priester zu werden, das wissen Sie. Ich wollte am liebsten der Priester der
neuen Religion werden, von der wir so manche Ahnungen haben. Ich werde
es nie sein können — ich weiß es und wußte es, ohne es mir ganz zu
gestehen, schon lange. Ich werde eben andre Priesterdienste tun, vielleicht
auf der Orgel, vielleicht sonstwie. Aber ich muß immer von etwas umgeben
sein, was ich als schön und heilig empfinde, Orgelmusik und Mysterium,
Symbol und Mythus, ich brauche das und will nicht davon lassen. — Das
ist meine Schwäche. Denn ich weiß manchmal, Sinclair, ich weiß zu Zeiten,
daß ich solche Wünsche nicht haben sollte, daß sie Luxus und Schwäche
sind. Es wäre größer, es wäre richtiger, wenn ich ganz einfach dem
Schicksal zur Verfügung stünde, ohne Ansprüche. Aber ich kann das nicht;
es ist das einzige, was ich nicht kann. Vielleicht können Sie es einmal. Es
ist schwer, es ist das einzige wirklich Schwere, was es gibt, mein Junge. Ich
habe oft davon geträumt, aber ich kann nicht, es schaudert mich davor: ich
kann nicht so völlig nackt und einsam stehen, auch ich bin ein armer
schwacher Hund, der etwas Wärme und Futter braucht und gelegentlich die
Nähe von seinesgleichen spüren möchte. Wer wirklich gar nichts will als
sein Schicksal, der hat nicht seinesgleichen mehr, der steht ganz allein und
hat nur den kalten Weltenraum um sich. Wissen Sie, das ist Jesus im Garten
Gethsemane. Es hat Märtyrer gegeben, die sich gern ans Kreuz schlagen
kommen. Er mochte als Dichter oder als Wahnsinniger, als Prophet oder als
Verbrecher enden — dies war nicht seine Sache, ja dies war letzten Endes
belanglos. Seine Sache war, das eigene Schicksal zu finden, nicht ein
beliebiges, und es in sich auszuleben, ganz und ungebrochen. Alles andere
war halb, war Versuch zu entrinnen, war Rückflucht in Ideale der Masse,
war Anpassung und Angst vor dem eigenen Innern. Furchtbar und heilig
stieg das neue Bild vor mir auf, hundertmal geahnt, vielleicht oft schon
ausgesprochen, und doch erst jetzt erlebt. Ich war ein Wurf der Natur, ein
Wurf ins Ungewisse, vielleicht zu Neuem, vielleicht zu Nichts, und diesen
Wurf aus der Urtiefe auswirken zu lassen, seinen Willen in mir zu fühlen
und ihn ganz zu meinem zu machen, das allein war mein Beruf. Das allein!
Viel Einsamkeit hatte ich schon gekostet. Nun ahnte ich, daß es tiefere
gab, und daß sie unentrinnbar sei.
Ich machte keinen Versuch, Pistorius zu versöhnen. Wir blieben Freunde,
aber das Verhältnis war geändert. Nur ein einzigesmal sprachen wir darüber,
oder eigentlich nur er war es, der es tat. Er sagte: „Ich habe den Wunsch,
Priester zu werden, das wissen Sie. Ich wollte am liebsten der Priester der
neuen Religion werden, von der wir so manche Ahnungen haben. Ich werde
es nie sein können — ich weiß es und wußte es, ohne es mir ganz zu
gestehen, schon lange. Ich werde eben andre Priesterdienste tun, vielleicht
auf der Orgel, vielleicht sonstwie. Aber ich muß immer von etwas umgeben
sein, was ich als schön und heilig empfinde, Orgelmusik und Mysterium,
Symbol und Mythus, ich brauche das und will nicht davon lassen. — Das
ist meine Schwäche. Denn ich weiß manchmal, Sinclair, ich weiß zu Zeiten,
daß ich solche Wünsche nicht haben sollte, daß sie Luxus und Schwäche
sind. Es wäre größer, es wäre richtiger, wenn ich ganz einfach dem
Schicksal zur Verfügung stünde, ohne Ansprüche. Aber ich kann das nicht;
es ist das einzige, was ich nicht kann. Vielleicht können Sie es einmal. Es
ist schwer, es ist das einzige wirklich Schwere, was es gibt, mein Junge. Ich
habe oft davon geträumt, aber ich kann nicht, es schaudert mich davor: ich
kann nicht so völlig nackt und einsam stehen, auch ich bin ein armer
schwacher Hund, der etwas Wärme und Futter braucht und gelegentlich die
Nähe von seinesgleichen spüren möchte. Wer wirklich gar nichts will als
sein Schicksal, der hat nicht seinesgleichen mehr, der steht ganz allein und
hat nur den kalten Weltenraum um sich. Wissen Sie, das ist Jesus im Garten
Gethsemane. Es hat Märtyrer gegeben, die sich gern ans Kreuz schlagen
Page 104
ließen, aber auch sie waren keine Helden, waren nicht befreit, auch sie
wollten etwas, was ihnen liebgewohnt und heimatlich war, sie hatten
Vorbilder, sie hatten Ideale. Wer nur noch das Schicksal will, der hat weder
Vorbilder noch Ideale mehr, nichts Liebes, nichts Tröstliches hat er! Und
diesen Weg müßte man eigentlich gehen. Leute wie ich und Sie sind ja recht
einsam, aber wir haben doch noch einander, wir haben die heimliche
Genugtuung, anders zu sein, uns aufzulehnen, das Ungewöhnliche zu
wollen. Auch das muß wegfallen, wenn einer den Weg ganz gehen will. Er
darf auch nicht Revolutionär, nicht Beispiel, nicht Märtyrer sein wollen. Es
ist nicht auszudenken —“
Nein, es war nicht auszudenken. Aber es war zu träumen, es war
vorzufühlen, es war zu ahnen. Einigemal fühlte ich etwas davon, wenn ich
eine ganz stille Stunde fand. Dann blickte ich in mich und sah meinem
Schicksalsbild in die offenstarren Augen. Sie konnten voll Weisheit sein, sie
konnten voll Wahnsinn sein, sie konnten Liebe strahlen oder tiefe Bosheit,
es war einerlei. Nichts davon durfte man wählen, nichts durfte man wollen.
Man durfte nur sich wollen, nur sein Schicksal. Dahin hatte mir Pistorius
eine Strecke weit als Führer gedient.
In jenen Tagen lief ich wie blind umher, Sturm brauste in mir, jeder
Schritt war Gefahr. Ich sah nichts als die abgründige Dunkelheit vor mir, in
welche alle bisherigen Wege verliefen und hinabsanken. Und in meinem
Innern sah ich das Bild des Führers, der Demian glich und in dessen Augen
mein Schicksal stand.
Ich schrieb auf ein Papier: „Ein Führer hat mich verlassen. Ich stehe ganz
im Finstern. Ich kann keinen Schritt allein tun. Hilf mir!“
Das wollte ich an Demian schicken. Doch unterließ ich es; es sah
jedesmal, wenn ich es tun wollte, läppisch und sinnlos aus. Aber ich wußte
das kleine Gebet auswendig und sprach es oft in mich hinein. Es begleitete
mich jede Stunde. Ich begann zu ahnen, was Gebet ist.
M eine Schulzeit war zu Ende. Ich sollte eine Ferienreise machen, mein
Vater hatte sich das ausgedacht, und dann sollte ich zur Universität
gehen. Zu welcher Fakultät, das wußte ich nicht. Es war mir ein
Semester Philosophie bewilligt. Ich wäre mit allem andern ebenso zufrieden
gewesen.
wollten etwas, was ihnen liebgewohnt und heimatlich war, sie hatten
Vorbilder, sie hatten Ideale. Wer nur noch das Schicksal will, der hat weder
Vorbilder noch Ideale mehr, nichts Liebes, nichts Tröstliches hat er! Und
diesen Weg müßte man eigentlich gehen. Leute wie ich und Sie sind ja recht
einsam, aber wir haben doch noch einander, wir haben die heimliche
Genugtuung, anders zu sein, uns aufzulehnen, das Ungewöhnliche zu
wollen. Auch das muß wegfallen, wenn einer den Weg ganz gehen will. Er
darf auch nicht Revolutionär, nicht Beispiel, nicht Märtyrer sein wollen. Es
ist nicht auszudenken —“
Nein, es war nicht auszudenken. Aber es war zu träumen, es war
vorzufühlen, es war zu ahnen. Einigemal fühlte ich etwas davon, wenn ich
eine ganz stille Stunde fand. Dann blickte ich in mich und sah meinem
Schicksalsbild in die offenstarren Augen. Sie konnten voll Weisheit sein, sie
konnten voll Wahnsinn sein, sie konnten Liebe strahlen oder tiefe Bosheit,
es war einerlei. Nichts davon durfte man wählen, nichts durfte man wollen.
Man durfte nur sich wollen, nur sein Schicksal. Dahin hatte mir Pistorius
eine Strecke weit als Führer gedient.
In jenen Tagen lief ich wie blind umher, Sturm brauste in mir, jeder
Schritt war Gefahr. Ich sah nichts als die abgründige Dunkelheit vor mir, in
welche alle bisherigen Wege verliefen und hinabsanken. Und in meinem
Innern sah ich das Bild des Führers, der Demian glich und in dessen Augen
mein Schicksal stand.
Ich schrieb auf ein Papier: „Ein Führer hat mich verlassen. Ich stehe ganz
im Finstern. Ich kann keinen Schritt allein tun. Hilf mir!“
Das wollte ich an Demian schicken. Doch unterließ ich es; es sah
jedesmal, wenn ich es tun wollte, läppisch und sinnlos aus. Aber ich wußte
das kleine Gebet auswendig und sprach es oft in mich hinein. Es begleitete
mich jede Stunde. Ich begann zu ahnen, was Gebet ist.
M eine Schulzeit war zu Ende. Ich sollte eine Ferienreise machen, mein
Vater hatte sich das ausgedacht, und dann sollte ich zur Universität
gehen. Zu welcher Fakultät, das wußte ich nicht. Es war mir ein
Semester Philosophie bewilligt. Ich wäre mit allem andern ebenso zufrieden
gewesen.
Page 105
Siebentes Kapitel
Frau Eva
I n den Ferien ging ich einmal zu dem Hause, in welchem vor Jahren Max
Demian mit seiner Mutter gewohnt hatte. Eine alte Frau spazierte im
Garten, ich sprach sie an und erfuhr, daß ihr das Haus gehöre. Ich fragte
nach der Familie Demian. Sie erinnerte sich ihrer gut. Doch wußte sie nicht,
wo sie jetzt wohnten. Da sie mein Interesse spürte, nahm sie mich mit ins
Haus, suchte ein ledernes Album hervor und zeigte mir eine Photographie
von Demians Mutter. Ich konnte mich ihrer kaum mehr erinnern. Aber als
ich nun das kleine Bildnis sah, blieb mir der Herzschlag stehen. — Das war
mein Traumbild! Das war sie, die große, fast männliche Frauenfigur, ihrem
Sohne ähnlich, mit Zügen von Mütterlichkeit, Zügen von Strenge, Zügen
von tiefer Leidenschaft, schön und verlockend, schön und unnahbar, Dämon
und Mutter, Schicksal und Geliebte. Das war sie!
Wie ein wildes Wunder durchfuhr es mich, als ich so erfuhr, daß mein
Traumbild auf der Erde lebe! Es gab eine Frau, die so aussah, die die Züge
meines Schicksals trug! Wo war sie? Wo? — Und sie war Demians Mutter!
Bald darauf trat ich meine Reise an. Eine sonderbare Reise! Ich fuhr
rastlos von Ort zu Ort, jedem Einfall nach, immer auf der Suche nach dieser
Frau. Es gab Tage, da traf ich lauter Gestalten, die an sie erinnerten, an sie
anklangen, die ihr glichen, die mich durch Gassen fremder Städte, durch
Bahnhöfe, in Eisenbahnzüge lockten, wie in verwickelten Träumen. Es gab
andere Tage, da sah ich ein, wie unnütz mein Suchen sei; dann saß ich
untätig irgendwo in einem Park, in einem Hotelgarten, in einem Wartesaal,
und schaute in mich hinein und versuchte das Bild in mir lebendig zu
machen. Aber es war jetzt scheu und flüchtig geworden. Nie konnte ich
schlafen, nur auf den Bahnfahrten durch unbekannte Landschaften nickte
ich für Viertelstunden ein. Einmal, in Zürich, stellte eine Frau mir nach, ein
hübsches, etwas freches Weib. Ich sah sie kaum und ging weiter, als wäre
Frau Eva
I n den Ferien ging ich einmal zu dem Hause, in welchem vor Jahren Max
Demian mit seiner Mutter gewohnt hatte. Eine alte Frau spazierte im
Garten, ich sprach sie an und erfuhr, daß ihr das Haus gehöre. Ich fragte
nach der Familie Demian. Sie erinnerte sich ihrer gut. Doch wußte sie nicht,
wo sie jetzt wohnten. Da sie mein Interesse spürte, nahm sie mich mit ins
Haus, suchte ein ledernes Album hervor und zeigte mir eine Photographie
von Demians Mutter. Ich konnte mich ihrer kaum mehr erinnern. Aber als
ich nun das kleine Bildnis sah, blieb mir der Herzschlag stehen. — Das war
mein Traumbild! Das war sie, die große, fast männliche Frauenfigur, ihrem
Sohne ähnlich, mit Zügen von Mütterlichkeit, Zügen von Strenge, Zügen
von tiefer Leidenschaft, schön und verlockend, schön und unnahbar, Dämon
und Mutter, Schicksal und Geliebte. Das war sie!
Wie ein wildes Wunder durchfuhr es mich, als ich so erfuhr, daß mein
Traumbild auf der Erde lebe! Es gab eine Frau, die so aussah, die die Züge
meines Schicksals trug! Wo war sie? Wo? — Und sie war Demians Mutter!
Bald darauf trat ich meine Reise an. Eine sonderbare Reise! Ich fuhr
rastlos von Ort zu Ort, jedem Einfall nach, immer auf der Suche nach dieser
Frau. Es gab Tage, da traf ich lauter Gestalten, die an sie erinnerten, an sie
anklangen, die ihr glichen, die mich durch Gassen fremder Städte, durch
Bahnhöfe, in Eisenbahnzüge lockten, wie in verwickelten Träumen. Es gab
andere Tage, da sah ich ein, wie unnütz mein Suchen sei; dann saß ich
untätig irgendwo in einem Park, in einem Hotelgarten, in einem Wartesaal,
und schaute in mich hinein und versuchte das Bild in mir lebendig zu
machen. Aber es war jetzt scheu und flüchtig geworden. Nie konnte ich
schlafen, nur auf den Bahnfahrten durch unbekannte Landschaften nickte
ich für Viertelstunden ein. Einmal, in Zürich, stellte eine Frau mir nach, ein
hübsches, etwas freches Weib. Ich sah sie kaum und ging weiter, als wäre
Page 106
sie Luft. Lieber wäre ich sofort gestorben, als daß ich einer andern Frau
auch nur für eine Stunde Teilnahme geschenkt hätte.
Ich spürte, daß mein Schicksal mich zog, ich spürte, daß die Erfüllung
nahe sei, und ich war toll vor Ungeduld, daß ich nichts dazu tun konnte.
Einst auf einem Bahnhof, ich glaube, es war in Innsbruck, sah ich in einem
eben wegfahrenden Zug am Fenster eine Gestalt, die mich an sie erinnerte,
und war tagelang unglücklich. Und plötzlich erschien die Gestalt mir
wieder nachts in einem Traume, ich erwachte mit einem beschämten und
öden Gefühl von der Sinnlosigkeit meiner Jagd, und fuhr geraden Weges
nach Hause zurück.
Ein paar Wochen später ließ ich mich auf der Universität H. einschreiben.
Alles enttäuschte mich. Das Kolleg über Geschichte der Philosophie, das
ich hörte, war ebenso wesenlos und fabrikmäßig wie das Treiben der
studierenden Jünglinge. Alles war so nach der Schablone, einer tat wie der
andere, und die erhitzte Fröhlichkeit auf den knabenhaften Gesichtern sah
so betrübend leer und fertiggekauft aus! Aber ich war frei, ich hatte meinen
ganzen Tag für mich, wohnte still und schön in altem Gemäuer vor der
Stadt und hatte auf meinem Tisch ein paar Bände Nietzsche liegen. Mit ihm
lebte ich, fühlte die Einsamkeit seiner Seele, witterte das Schicksal, das ihn
unaufhaltsam trieb, litt mit ihm und war selig, daß es einen gegeben hatte,
der so unerbittlich seinen Weg gegangen war.
Spät am Abend schlenderte ich einst durch die Stadt, im wehenden
Herbstwind, und hörte aus den Wirtshäusern die Studentenvereine singen.
Aus geöffneten Fenstern drang Tabakrauch in Wolken hervor, und in
dickem Schwall der Gesang, laut und straff, doch unbeschwingt und leblos
uniform.
Ich stand an einer Straßenecke und hörte zu, aus zwei Kneipen scholl die
pünktlich ausgeübte Munterkeit der Jugend in die Nacht. Überall
Gemeinsamkeit, überall Zusammenhocken, überall Abladen des Schicksals
und Flucht in warme Herdennähe!
Hinter mir gingen zwei Männer langsam vorüber. Ich hörte ein Stück von
ihrem Gespräch.
„Ist es nicht genau wie das Jungemännerhaus in einem Negerdorf?“ sagte
der eine. „Alles stimmt, sogar das Tätowieren ist noch Mode. Sehen Sie,
das ist das junge Europa.“
Die Stimme klang mir wunderlich mahnend — bekannt. Ich ging den
beiden in der dunklen Gasse nach. Der eine war ein Japaner, klein und
auch nur für eine Stunde Teilnahme geschenkt hätte.
Ich spürte, daß mein Schicksal mich zog, ich spürte, daß die Erfüllung
nahe sei, und ich war toll vor Ungeduld, daß ich nichts dazu tun konnte.
Einst auf einem Bahnhof, ich glaube, es war in Innsbruck, sah ich in einem
eben wegfahrenden Zug am Fenster eine Gestalt, die mich an sie erinnerte,
und war tagelang unglücklich. Und plötzlich erschien die Gestalt mir
wieder nachts in einem Traume, ich erwachte mit einem beschämten und
öden Gefühl von der Sinnlosigkeit meiner Jagd, und fuhr geraden Weges
nach Hause zurück.
Ein paar Wochen später ließ ich mich auf der Universität H. einschreiben.
Alles enttäuschte mich. Das Kolleg über Geschichte der Philosophie, das
ich hörte, war ebenso wesenlos und fabrikmäßig wie das Treiben der
studierenden Jünglinge. Alles war so nach der Schablone, einer tat wie der
andere, und die erhitzte Fröhlichkeit auf den knabenhaften Gesichtern sah
so betrübend leer und fertiggekauft aus! Aber ich war frei, ich hatte meinen
ganzen Tag für mich, wohnte still und schön in altem Gemäuer vor der
Stadt und hatte auf meinem Tisch ein paar Bände Nietzsche liegen. Mit ihm
lebte ich, fühlte die Einsamkeit seiner Seele, witterte das Schicksal, das ihn
unaufhaltsam trieb, litt mit ihm und war selig, daß es einen gegeben hatte,
der so unerbittlich seinen Weg gegangen war.
Spät am Abend schlenderte ich einst durch die Stadt, im wehenden
Herbstwind, und hörte aus den Wirtshäusern die Studentenvereine singen.
Aus geöffneten Fenstern drang Tabakrauch in Wolken hervor, und in
dickem Schwall der Gesang, laut und straff, doch unbeschwingt und leblos
uniform.
Ich stand an einer Straßenecke und hörte zu, aus zwei Kneipen scholl die
pünktlich ausgeübte Munterkeit der Jugend in die Nacht. Überall
Gemeinsamkeit, überall Zusammenhocken, überall Abladen des Schicksals
und Flucht in warme Herdennähe!
Hinter mir gingen zwei Männer langsam vorüber. Ich hörte ein Stück von
ihrem Gespräch.
„Ist es nicht genau wie das Jungemännerhaus in einem Negerdorf?“ sagte
der eine. „Alles stimmt, sogar das Tätowieren ist noch Mode. Sehen Sie,
das ist das junge Europa.“
Die Stimme klang mir wunderlich mahnend — bekannt. Ich ging den
beiden in der dunklen Gasse nach. Der eine war ein Japaner, klein und
Page 107
elegant, ich sah unter einer Laterne sein gelbes lächelndes Gesicht
aufglänzen.
Da sprach der andere wieder.
„Nun, es wird bei Ihnen in Japan auch nicht besser sein. Die Leute, die
nicht der Herde nachlaufen, sind überall selten. Es gibt auch hier welche.“
Jedes Wort durchdrang mich mit freudigem Schrecken. Ich kannte den
Sprecher. Es war Demian.
In der windigen Nacht folgte ich ihm und dem Japaner durch die dunkeln
Gassen, hörte ihren Gesprächen zu und genoß den Klang von Demians
Stimme. Sie hatte den alten Ton, sie hatte die alte, schöne Sicherheit und
Ruhe, und sie hatte die alte Macht über mich. Nun war alles gut. Ich hatte
ihn gefunden.
Am Ende einer vorstädtischen Straße nahm der Japaner Abschied und
schloß eine Haustür auf. Demian ging den Weg zurück, ich war stehen
geblieben und erwartete ihn mitten in der Straße. Mit Herzklopfen sah ich
ihn mir entgegen kommen, aufrecht und elastisch, in einem braunen
Gummimantel, einen dünnen Stock am Arme eingehängt. Er kam, ohne
seinen gleichmäßigen Schritt zu ändern, bis dicht vor mich hin, nahm den
Hut ab und zeigte mir sein altes, helles Gesicht mit dem entschlossenen
Mund und der eigentümlichen Helligkeit auf der breiten Stirn.
„Demian!“ rief ich.
Er streckte mir die Hand entgegen.
„Also da bist du, Sinclair! Ich habe dich erwartet.“
„Wußtest du, daß ich hier bin?“
„Ich wußte es nicht gerade, aber ich hoffte es bestimmt. Gesehen habe
ich dich erst heute abend, du bist uns ja die ganze Zeit nachgegangen.“
„Du kanntest mich also gleich?“
„Natürlich. Du hast dich zwar verändert. Aber du hast ja das Zeichen.“
„Das Zeichen? Was für ein Zeichen?“
„Wir nannten es früher das Kainszeichen, wenn du dich noch erinnern
kannst. Es ist unser Zeichen. Du hast es immer gehabt, darum bin ich dein
Freund geworden. Aber jetzt ist es deutlicher geworden.“
„Ich wußte es nicht. Oder eigentlich doch. Einmal habe ich ein Bild von
dir gemalt, Demian, und war erstaunt, daß es auch mir ähnlich war. War das
das Zeichen?“
„Das war es. Gut, daß du nun da bist! Auch meine Mutter wird sich
freuen.“
aufglänzen.
Da sprach der andere wieder.
„Nun, es wird bei Ihnen in Japan auch nicht besser sein. Die Leute, die
nicht der Herde nachlaufen, sind überall selten. Es gibt auch hier welche.“
Jedes Wort durchdrang mich mit freudigem Schrecken. Ich kannte den
Sprecher. Es war Demian.
In der windigen Nacht folgte ich ihm und dem Japaner durch die dunkeln
Gassen, hörte ihren Gesprächen zu und genoß den Klang von Demians
Stimme. Sie hatte den alten Ton, sie hatte die alte, schöne Sicherheit und
Ruhe, und sie hatte die alte Macht über mich. Nun war alles gut. Ich hatte
ihn gefunden.
Am Ende einer vorstädtischen Straße nahm der Japaner Abschied und
schloß eine Haustür auf. Demian ging den Weg zurück, ich war stehen
geblieben und erwartete ihn mitten in der Straße. Mit Herzklopfen sah ich
ihn mir entgegen kommen, aufrecht und elastisch, in einem braunen
Gummimantel, einen dünnen Stock am Arme eingehängt. Er kam, ohne
seinen gleichmäßigen Schritt zu ändern, bis dicht vor mich hin, nahm den
Hut ab und zeigte mir sein altes, helles Gesicht mit dem entschlossenen
Mund und der eigentümlichen Helligkeit auf der breiten Stirn.
„Demian!“ rief ich.
Er streckte mir die Hand entgegen.
„Also da bist du, Sinclair! Ich habe dich erwartet.“
„Wußtest du, daß ich hier bin?“
„Ich wußte es nicht gerade, aber ich hoffte es bestimmt. Gesehen habe
ich dich erst heute abend, du bist uns ja die ganze Zeit nachgegangen.“
„Du kanntest mich also gleich?“
„Natürlich. Du hast dich zwar verändert. Aber du hast ja das Zeichen.“
„Das Zeichen? Was für ein Zeichen?“
„Wir nannten es früher das Kainszeichen, wenn du dich noch erinnern
kannst. Es ist unser Zeichen. Du hast es immer gehabt, darum bin ich dein
Freund geworden. Aber jetzt ist es deutlicher geworden.“
„Ich wußte es nicht. Oder eigentlich doch. Einmal habe ich ein Bild von
dir gemalt, Demian, und war erstaunt, daß es auch mir ähnlich war. War das
das Zeichen?“
„Das war es. Gut, daß du nun da bist! Auch meine Mutter wird sich
freuen.“
Page 108
Ich erschrak.
„Deine Mutter? Ist sie hier? Sie kennt mich ja gar nicht.“
„O, sie weiß von dir. Sie wird dich kennen, auch ohne daß ich ihr sage,
wer du bist. — Du hast lange nichts von dir hören lassen.“
„O, ich wollte oft schreiben, aber es ging nicht. Seit einiger Zeit habe ich
gespürt, daß ich dich bald finden müsse. Ich habe jeden Tag darauf
gewartet.“
Er schob seinen Arm in meinen und ging mit mir weiter. Ruhe ging von
ihm aus und zog in mich ein. Wir plauderten bald wie früher. Wir gedachten
der Schulzeit, des Konfirmationsunterrichtes, auch jenes unglücklichen
Beisammenseins damals in den Ferien — nur von dem frühesten und
engsten Bande zwischen uns, von der Geschichte mit Franz Kromer, war
auch jetzt nicht die Rede.
Unversehens waren wir mitten in seltsamen und ahnungsvollen
Gesprächen. Wir hatten, an jene Unterhaltung Demians mit dem Japaner
anklingend, vom Studentenleben gesprochen und waren von da auf anderes
gekommen, das weitab zu liegen schien; doch verband es sich in Demians
Worten zu einem innigen Zusammenhang.
Er sprach vom Geist Europas und von der Signatur dieser Zeit. Überall,
sagte er, herrsche Zusammenschluß und Herdenbildung, aber nirgends
Freiheit und Liebe. Alle diese Gemeinsamkeit, von der
Studentenverbindung und dem Gesangverein bis zu den Staaten, sei eine
Zwangsbildung, es sei eine Gemeinschaft aus Angst, aus Furcht, aus
Verlegenheit, und sie sei im Innern faul und alt und dem Zusammenbruch
nahe.
„Gemeinsamkeit,“ sagte Demian, „ist eine schöne Sache. Aber was wir
da überall blühen sehen, ist gar keine. Sie wird neu entstehen, aus dem
Voneinanderwissen der einzelnen, und sie wird für eine Weile die Welt
umformen. Was jetzt an Gemeinsamkeit da ist, ist nur Herdenbildung. Die
Menschen fliehen zueinander, weil sie voreinander Angst haben — die
Herren für sich, die Arbeiter für sich, die Gelehrten für sich! Und warum
haben sie Angst? Man hat nur Angst, wenn man mit sich selber nicht einig
ist. Sie haben Angst, weil sie sich nie zu sich selber bekannt haben. Eine
Gemeinschaft von lauter Menschen, die vor dem Unbekannten in sich
selber Angst haben! Sie fühlen alle, daß ihre Lebensgesetze nicht mehr
stimmen, daß sie nach alten Tafeln leben, weder ihre Religionen noch ihre
Sittlichkeit, nichts von allem ist dem angemessen, was wir brauchen.
„Deine Mutter? Ist sie hier? Sie kennt mich ja gar nicht.“
„O, sie weiß von dir. Sie wird dich kennen, auch ohne daß ich ihr sage,
wer du bist. — Du hast lange nichts von dir hören lassen.“
„O, ich wollte oft schreiben, aber es ging nicht. Seit einiger Zeit habe ich
gespürt, daß ich dich bald finden müsse. Ich habe jeden Tag darauf
gewartet.“
Er schob seinen Arm in meinen und ging mit mir weiter. Ruhe ging von
ihm aus und zog in mich ein. Wir plauderten bald wie früher. Wir gedachten
der Schulzeit, des Konfirmationsunterrichtes, auch jenes unglücklichen
Beisammenseins damals in den Ferien — nur von dem frühesten und
engsten Bande zwischen uns, von der Geschichte mit Franz Kromer, war
auch jetzt nicht die Rede.
Unversehens waren wir mitten in seltsamen und ahnungsvollen
Gesprächen. Wir hatten, an jene Unterhaltung Demians mit dem Japaner
anklingend, vom Studentenleben gesprochen und waren von da auf anderes
gekommen, das weitab zu liegen schien; doch verband es sich in Demians
Worten zu einem innigen Zusammenhang.
Er sprach vom Geist Europas und von der Signatur dieser Zeit. Überall,
sagte er, herrsche Zusammenschluß und Herdenbildung, aber nirgends
Freiheit und Liebe. Alle diese Gemeinsamkeit, von der
Studentenverbindung und dem Gesangverein bis zu den Staaten, sei eine
Zwangsbildung, es sei eine Gemeinschaft aus Angst, aus Furcht, aus
Verlegenheit, und sie sei im Innern faul und alt und dem Zusammenbruch
nahe.
„Gemeinsamkeit,“ sagte Demian, „ist eine schöne Sache. Aber was wir
da überall blühen sehen, ist gar keine. Sie wird neu entstehen, aus dem
Voneinanderwissen der einzelnen, und sie wird für eine Weile die Welt
umformen. Was jetzt an Gemeinsamkeit da ist, ist nur Herdenbildung. Die
Menschen fliehen zueinander, weil sie voreinander Angst haben — die
Herren für sich, die Arbeiter für sich, die Gelehrten für sich! Und warum
haben sie Angst? Man hat nur Angst, wenn man mit sich selber nicht einig
ist. Sie haben Angst, weil sie sich nie zu sich selber bekannt haben. Eine
Gemeinschaft von lauter Menschen, die vor dem Unbekannten in sich
selber Angst haben! Sie fühlen alle, daß ihre Lebensgesetze nicht mehr
stimmen, daß sie nach alten Tafeln leben, weder ihre Religionen noch ihre
Sittlichkeit, nichts von allem ist dem angemessen, was wir brauchen.
Page 109
Hundert und mehr Jahre lang hat Europa bloß noch studiert und Fabriken
gebaut! Sie wissen genau, wieviel Gramm Pulver man braucht, um einen
Menschen zu töten, aber sie wissen nicht, wie man zu Gott betet, sie wissen
nicht einmal, wie man eine Stunde lang vergnügt sein kann. Sieh dir einmal
so eine Studentenkneipe an! Oder gar einen Vergnügungsort, wo die reichen
Leute hinkommen! Hoffnungslos! — Lieber Sinclair, aus alledem kann
nichts Heiteres kommen. Diese Menschen, die sich so ängstlich
zusammentun, sind voll von Angst und voll von Bosheit, keiner traut dem
andern. Sie hängen an Idealen, die keine mehr sind, und steinigen jeden, der
ein neues aufstellt. Ich spüre, daß es Auseinandersetzungen gibt. Sie werden
kommen, glaube mir, sie werden bald kommen! Natürlich werden sie die
Welt nicht ‚verbessern‘. Ob die Arbeiter ihre Fabrikanten totschlagen, oder
ob Rußland oder Deutschland aufeinander schießen, es werden nur Besitzer
getauscht. Aber umsonst wird es doch nicht sein. Es wird die Wertlosigkeit
der heutigen Ideale dartun, es wird ein Aufräumen mit steinzeitlichen
Göttern geben. Diese Welt, wie sie jetzt ist, will sterben, sie will zugrunde
gehen, und sie wird es.“
„Und was wird dabei aus uns?“ fragte ich.
„Aus uns? O, vielleicht gehen wir mit zugrunde. Totschlagen kann man
ja auch unsereinen. Nur daß wir damit nicht erledigt sind. Um das, was von
uns bleibt, oder um die von uns, die es überleben, wird der Wille der
Zukunft sich sammeln. Der Wille der Menschheit wird sich zeigen, den
unser Europa eine Zeitlang mit seinem Jahrmarkt von Technik und
Wissenschaft überschrien hat. Und dann wird sich zeigen, daß der Wille der
Menschheit nie und nirgends gleich ist mit dem der heutigen
Gemeinschaften, der Staaten und Völker, der Vereine und Kirchen. Sondern
das, was die Natur mit dem Menschen will, steht in den einzelnen
geschrieben, in dir und mir. Es stand in Jesus, es stand in Nietzsche. Für
diese allein wichtigen Strömungen — die natürlich jeden Tag anders
aussehen können, wird Raum sein, wenn die heutigen Gemeinschaften
zusammenbrechen.“
Wir machten spät vor einem Garten am Flusse halt.
„Hier wohnen wir,“ sagte Demian. „Komm bald zu uns! Wir erwarten
dich sehr.“
Freudig ging ich durch die kühl gewordene Nacht meinen weiten
Heimweg. Da und dort lärmten und schwankten heimkehrende Studenten
durch die Stadt. Oft hatte ich den Gegensatz zwischen ihrer komischen Art
gebaut! Sie wissen genau, wieviel Gramm Pulver man braucht, um einen
Menschen zu töten, aber sie wissen nicht, wie man zu Gott betet, sie wissen
nicht einmal, wie man eine Stunde lang vergnügt sein kann. Sieh dir einmal
so eine Studentenkneipe an! Oder gar einen Vergnügungsort, wo die reichen
Leute hinkommen! Hoffnungslos! — Lieber Sinclair, aus alledem kann
nichts Heiteres kommen. Diese Menschen, die sich so ängstlich
zusammentun, sind voll von Angst und voll von Bosheit, keiner traut dem
andern. Sie hängen an Idealen, die keine mehr sind, und steinigen jeden, der
ein neues aufstellt. Ich spüre, daß es Auseinandersetzungen gibt. Sie werden
kommen, glaube mir, sie werden bald kommen! Natürlich werden sie die
Welt nicht ‚verbessern‘. Ob die Arbeiter ihre Fabrikanten totschlagen, oder
ob Rußland oder Deutschland aufeinander schießen, es werden nur Besitzer
getauscht. Aber umsonst wird es doch nicht sein. Es wird die Wertlosigkeit
der heutigen Ideale dartun, es wird ein Aufräumen mit steinzeitlichen
Göttern geben. Diese Welt, wie sie jetzt ist, will sterben, sie will zugrunde
gehen, und sie wird es.“
„Und was wird dabei aus uns?“ fragte ich.
„Aus uns? O, vielleicht gehen wir mit zugrunde. Totschlagen kann man
ja auch unsereinen. Nur daß wir damit nicht erledigt sind. Um das, was von
uns bleibt, oder um die von uns, die es überleben, wird der Wille der
Zukunft sich sammeln. Der Wille der Menschheit wird sich zeigen, den
unser Europa eine Zeitlang mit seinem Jahrmarkt von Technik und
Wissenschaft überschrien hat. Und dann wird sich zeigen, daß der Wille der
Menschheit nie und nirgends gleich ist mit dem der heutigen
Gemeinschaften, der Staaten und Völker, der Vereine und Kirchen. Sondern
das, was die Natur mit dem Menschen will, steht in den einzelnen
geschrieben, in dir und mir. Es stand in Jesus, es stand in Nietzsche. Für
diese allein wichtigen Strömungen — die natürlich jeden Tag anders
aussehen können, wird Raum sein, wenn die heutigen Gemeinschaften
zusammenbrechen.“
Wir machten spät vor einem Garten am Flusse halt.
„Hier wohnen wir,“ sagte Demian. „Komm bald zu uns! Wir erwarten
dich sehr.“
Freudig ging ich durch die kühl gewordene Nacht meinen weiten
Heimweg. Da und dort lärmten und schwankten heimkehrende Studenten
durch die Stadt. Oft hatte ich den Gegensatz zwischen ihrer komischen Art
Page 110
von Fröhlichkeit und meinem einsamen Leben empfunden, oft mit einem
Gefühl von Entbehrung, oft mit Spott. Aber noch nie hatte ich so wie heute
mit Ruhe und geheimer Kraft gefühlt, wie wenig mich das anging, wie fern
und verschollen diese Welt für mich war. Ich erinnerte mich an Beamte
meiner Vaterstadt, alte würdige Herren, welche an den Erinnerungen ihrer
verkneipten Semester hingen wie an Andenken eines seligen Paradieses und
mit der entschwundenen „Freiheit“ ihrer Studentenjahre einen Kultus
trieben wie ihn sonst etwa Dichter oder andere Romantiker der Kindheit
widmen. Überall dasselbe! Überall suchten sie die „Freiheit“ und das
„Glück“ irgendwo hinter sich, aus lauter Angst, sie könnten ihrer eigenen
Verantwortlichkeit erinnert und an ihren eigenen Weg gemahnt werden. Ein
paar Jahre wurde gesoffen und gejubelt, und dann kroch man unter und
wurde ein seriöser Herr im Staatsdienst. Ja, es war faul, faul bei uns, und
diese Studentendummheit war weniger dumm und weniger schlimm als
hundert andere.
Als ich jedoch in meiner entlegenen Wohnung angekommen war und
mein Bett suchte, waren alle diese Gedanken verflogen, und mein ganzer
Sinn hing wartend an dem großen Versprechen, das mir dieser Tag gegeben
hatte. Sobald ich wollte, morgen schon, sollte ich Demians Mutter sehen.
Mochten die Studenten ihre Kneipen abhalten und sich die Gesichter
tätowieren, mochte die Welt faul sein und auf ihren Untergang warten —
was ging es mich an! Ich wartete einzig darauf, daß mein Schicksal mir in
einem neuen Bilde entgegentrete.
Ich schlief fest bis spät am Morgen. Der neue Tag brach für mich als ein
feierlicher Festtag an, wie ich seit den Weihnachtsfeiern meiner Knabenzeit
keinen mehr erlebt hatte. Ich war voll innerster Unruhe, doch ohne jede
Angst. Ich fühlte, daß ein wichtiger Tag für mich angebrochen sei, ich sah
und empfand die Welt um mich her verwandelt, wartend, beziehungsvoll
und feierlich, auch der leise fließende Herbstregen war schön, still und
festtäglich voll ernstfroher Musik. Zum erstenmal klang die äußere Welt mit
meiner innern rein zusammen — dann ist Feiertag der Seele, dann lohnt es
sich zu leben. Kein Haus, kein Schaufenster, kein Gesicht auf der Gasse
störte mich, alles war, wie es sein mußte, trug aber nicht das leere Gesicht
des Alltäglichen und Gewohnten, sondern war wartende Natur, stand
ehrfurchtsvoll dem Schicksal bereit. So hatte ich als kleiner Knabe die Welt
am Morgen der großen Feiertage gesehen, am Christtag und an Ostern. Ich
hatte nicht gewußt, daß diese Welt noch so schön sein könne. Ich hatte mich
Gefühl von Entbehrung, oft mit Spott. Aber noch nie hatte ich so wie heute
mit Ruhe und geheimer Kraft gefühlt, wie wenig mich das anging, wie fern
und verschollen diese Welt für mich war. Ich erinnerte mich an Beamte
meiner Vaterstadt, alte würdige Herren, welche an den Erinnerungen ihrer
verkneipten Semester hingen wie an Andenken eines seligen Paradieses und
mit der entschwundenen „Freiheit“ ihrer Studentenjahre einen Kultus
trieben wie ihn sonst etwa Dichter oder andere Romantiker der Kindheit
widmen. Überall dasselbe! Überall suchten sie die „Freiheit“ und das
„Glück“ irgendwo hinter sich, aus lauter Angst, sie könnten ihrer eigenen
Verantwortlichkeit erinnert und an ihren eigenen Weg gemahnt werden. Ein
paar Jahre wurde gesoffen und gejubelt, und dann kroch man unter und
wurde ein seriöser Herr im Staatsdienst. Ja, es war faul, faul bei uns, und
diese Studentendummheit war weniger dumm und weniger schlimm als
hundert andere.
Als ich jedoch in meiner entlegenen Wohnung angekommen war und
mein Bett suchte, waren alle diese Gedanken verflogen, und mein ganzer
Sinn hing wartend an dem großen Versprechen, das mir dieser Tag gegeben
hatte. Sobald ich wollte, morgen schon, sollte ich Demians Mutter sehen.
Mochten die Studenten ihre Kneipen abhalten und sich die Gesichter
tätowieren, mochte die Welt faul sein und auf ihren Untergang warten —
was ging es mich an! Ich wartete einzig darauf, daß mein Schicksal mir in
einem neuen Bilde entgegentrete.
Ich schlief fest bis spät am Morgen. Der neue Tag brach für mich als ein
feierlicher Festtag an, wie ich seit den Weihnachtsfeiern meiner Knabenzeit
keinen mehr erlebt hatte. Ich war voll innerster Unruhe, doch ohne jede
Angst. Ich fühlte, daß ein wichtiger Tag für mich angebrochen sei, ich sah
und empfand die Welt um mich her verwandelt, wartend, beziehungsvoll
und feierlich, auch der leise fließende Herbstregen war schön, still und
festtäglich voll ernstfroher Musik. Zum erstenmal klang die äußere Welt mit
meiner innern rein zusammen — dann ist Feiertag der Seele, dann lohnt es
sich zu leben. Kein Haus, kein Schaufenster, kein Gesicht auf der Gasse
störte mich, alles war, wie es sein mußte, trug aber nicht das leere Gesicht
des Alltäglichen und Gewohnten, sondern war wartende Natur, stand
ehrfurchtsvoll dem Schicksal bereit. So hatte ich als kleiner Knabe die Welt
am Morgen der großen Feiertage gesehen, am Christtag und an Ostern. Ich
hatte nicht gewußt, daß diese Welt noch so schön sein könne. Ich hatte mich
Page 111
daran gewöhnt, in mich hineinzuleben und mich damit abzufinden, daß mir
der Sinn für das da draußen eben verloren gegangen sei, daß der Verlust der
glänzenden Farben unvermeidlich mit dem Verlust der Kindheit
zusammenhänge und daß man gewissermaßen die Freiheit und Mannheit
der Seele mit dem Verzicht auf diesen holden Schimmer bezahlen müsse.
Nun sah ich entzückt, daß dies alles nur verschüttet und verdunkelt gewesen
war und daß es möglich sei, auch als Freigewordener und auf Kinderglück
Verzichtender die Welt strahlen zu sehen und die innigen Schauer des
kindlichen Sehens zu kosten.
Es kam die Stunde, da ich den Vorstadtgarten wiederfand, bei dem ich
mich diese Nacht von Max Demian verabschiedet hatte. Hinter hohen
regengrauen Bäumen verborgen, stand ein kleines Haus, hell und wohnlich,
hohe Blumenstauden hinter einer großen Glaswand, hinter blanken Fenstern
dunkle Zimmerwände mit Bildern und Bücherreihen. Die Haustür führte
unmittelbar in eine kleine erwärmte Halle, eine stumme alte Magd,
schwarz, mit weißer Schürze, führte mich ein und nahm mir den Mantel ab.
Sie ließ mich in der Halle allein. Ich sah mich um, und sogleich war ich
mitten in meinem Traume. Oben an der dunkeln Holzwand, über einer Tür,
hing unter Glas in einem schwarzen Rahmen ein wohlbekanntes Bild, mein
Vogel mit dem goldgelben Sperberkopf, der sich aus der Weltschale
schwang. Ergriffen blieb ich stehen — mir war so froh und weh ums Herz,
als kehre in diesem Augenblick alles, was ich je getan und erlebt, zu mir
zurück als Antwort und Erfüllung. Blitzschnell sah ich eine Menge von
Bildern an meiner Seele vorüberlaufen: das heimatliche Vaterhaus mit dem
alten Steinwappen überm Torbogen, den Knaben Demian, der das Wappen
zeichnete, mich selbst als Knaben, angstvoll in den bösen Bann meines
Feindes Kromer verstrickt, mich selbst als Jüngling, in meinem
Schülerzimmerchen am stillen Tisch den Vogel meiner Sehnsucht malend,
die Seele verwirrt ins Netz ihrer eigenen Fäden — und alles, und alles bis
zu diesem Augenblick klang in mir wieder, wurde in mir bejaht,
beantwortet, gutgeheißen.
Mit naß gewordenen Augen starrte ich auf mein Bild und las in mir
selbst. Da sank mein Blick herab: Unter dem Vogelbilde in der geöffneten
Tür stand eine große Frau in dunklem Kleid. Sie war es. Ich vermochte kein
Wort zu sagen. Aus einem Gesicht, das gleich dem ihres Sohnes ohne Zeit
und Alter und voll von beseeltem Willen war, lächelte die schöne,
ehrwürdige Frau mir freundlich zu. Ihr Blick war Erfüllung, ihr Gruß
der Sinn für das da draußen eben verloren gegangen sei, daß der Verlust der
glänzenden Farben unvermeidlich mit dem Verlust der Kindheit
zusammenhänge und daß man gewissermaßen die Freiheit und Mannheit
der Seele mit dem Verzicht auf diesen holden Schimmer bezahlen müsse.
Nun sah ich entzückt, daß dies alles nur verschüttet und verdunkelt gewesen
war und daß es möglich sei, auch als Freigewordener und auf Kinderglück
Verzichtender die Welt strahlen zu sehen und die innigen Schauer des
kindlichen Sehens zu kosten.
Es kam die Stunde, da ich den Vorstadtgarten wiederfand, bei dem ich
mich diese Nacht von Max Demian verabschiedet hatte. Hinter hohen
regengrauen Bäumen verborgen, stand ein kleines Haus, hell und wohnlich,
hohe Blumenstauden hinter einer großen Glaswand, hinter blanken Fenstern
dunkle Zimmerwände mit Bildern und Bücherreihen. Die Haustür führte
unmittelbar in eine kleine erwärmte Halle, eine stumme alte Magd,
schwarz, mit weißer Schürze, führte mich ein und nahm mir den Mantel ab.
Sie ließ mich in der Halle allein. Ich sah mich um, und sogleich war ich
mitten in meinem Traume. Oben an der dunkeln Holzwand, über einer Tür,
hing unter Glas in einem schwarzen Rahmen ein wohlbekanntes Bild, mein
Vogel mit dem goldgelben Sperberkopf, der sich aus der Weltschale
schwang. Ergriffen blieb ich stehen — mir war so froh und weh ums Herz,
als kehre in diesem Augenblick alles, was ich je getan und erlebt, zu mir
zurück als Antwort und Erfüllung. Blitzschnell sah ich eine Menge von
Bildern an meiner Seele vorüberlaufen: das heimatliche Vaterhaus mit dem
alten Steinwappen überm Torbogen, den Knaben Demian, der das Wappen
zeichnete, mich selbst als Knaben, angstvoll in den bösen Bann meines
Feindes Kromer verstrickt, mich selbst als Jüngling, in meinem
Schülerzimmerchen am stillen Tisch den Vogel meiner Sehnsucht malend,
die Seele verwirrt ins Netz ihrer eigenen Fäden — und alles, und alles bis
zu diesem Augenblick klang in mir wieder, wurde in mir bejaht,
beantwortet, gutgeheißen.
Mit naß gewordenen Augen starrte ich auf mein Bild und las in mir
selbst. Da sank mein Blick herab: Unter dem Vogelbilde in der geöffneten
Tür stand eine große Frau in dunklem Kleid. Sie war es. Ich vermochte kein
Wort zu sagen. Aus einem Gesicht, das gleich dem ihres Sohnes ohne Zeit
und Alter und voll von beseeltem Willen war, lächelte die schöne,
ehrwürdige Frau mir freundlich zu. Ihr Blick war Erfüllung, ihr Gruß
Page 112
bedeutete Heimkehr. Schweigend streckte ich ihr die Hände entgegen. Sie
ergriff sie beide mit festen warmen Händen.
„Sie sind Sinclair. Ich kannte Sie gleich. Seien Sie willkommen!“
Ihre Stimme war tief und warm, ich trank sie wie süßen Wein. Und nun
blickte ich auf und in ihr stilles Gesicht, in die schwarzen, unergründlichen
Augen, auf den frischen, reifen Mund, auf die freie, fürstliche Stirn, die das
Zeichen trug.
„Wie bin ich froh!“ sagte ich zu ihr und küßte ihre Hände. „Ich glaube,
ich bin mein ganzes Leben lang immer unterwegs gewesen — und jetzt bin
ich heimgekommen.“
Sie lächelte mütterlich.
„Heim kommt man nie,“ sagte sie freundlich. „Aber wo befreundete
Wege zusammenlaufen, da sieht die ganze Welt für eine Stunde wie Heimat
aus.“
Sie sprach aus, was ich auf dem Wege zu ihr gefühlt hatte. Ihre Stimme
und auch ihre Worte waren denen ihres Sohnes sehr ähnlich, und doch ganz
anders. Alles war reifer, wärmer, selbstverständlicher. Aber ebenso wie Max
vor Zeiten auf niemand den Eindruck eines Knaben gemacht hatte, so sah
seine Mutter gar nicht wie die Mutter eines erwachsenen Sohnes aus, so
jung und süß war der Hauch über ihrem Gesicht und Haar, so straff und
faltenlos war ihre goldige Haut, so blühend der Mund. Königlicher noch als
in meinem Traume stand sie vor mir, und ihre Nähe war Liebesglück, ihr
Blick war Erfüllung.
Dies also war das neue Bild, in dem mein Schicksal sich mir zeigte, nicht
mehr streng, nicht mehr vereinsamend, nein reif und lustvoll! Ich faßte
keine Entschlüsse, tat keine Gelübde — ich war an ein Ziel gekommen, an
eine hohe Wegstelle, von wo aus der weitere Weg sich weit und herrlich
zeigte, Ländern der Verheißung entgegenstrebend, überschattet von
Baumwipfeln nahen Glückes, gekühlt von nahen Gärten jeder Lust. Mochte
es mir gehen, wie es wollte, ich war selig, diese Frau in der Welt zu wissen,
ihre Stimme zu trinken und ihre Nähe zu atmen. Mochte sie mir Mutter,
Geliebte, Göttin werden — wenn sie nur da war! wenn nur mein Weg dem
ihren nahe war!
Sie wies zu meinem Sperberbilde hinauf.
„Sie haben unsrem Max nie eine größere Freude gemacht als mit diesem
Bild,“ sagte sie nachdenklich. „Und mir auch. Wir haben auf Sie gewartet,
und als das Bild kam, da wußten wir, daß Sie auf dem Weg zu uns waren.
ergriff sie beide mit festen warmen Händen.
„Sie sind Sinclair. Ich kannte Sie gleich. Seien Sie willkommen!“
Ihre Stimme war tief und warm, ich trank sie wie süßen Wein. Und nun
blickte ich auf und in ihr stilles Gesicht, in die schwarzen, unergründlichen
Augen, auf den frischen, reifen Mund, auf die freie, fürstliche Stirn, die das
Zeichen trug.
„Wie bin ich froh!“ sagte ich zu ihr und küßte ihre Hände. „Ich glaube,
ich bin mein ganzes Leben lang immer unterwegs gewesen — und jetzt bin
ich heimgekommen.“
Sie lächelte mütterlich.
„Heim kommt man nie,“ sagte sie freundlich. „Aber wo befreundete
Wege zusammenlaufen, da sieht die ganze Welt für eine Stunde wie Heimat
aus.“
Sie sprach aus, was ich auf dem Wege zu ihr gefühlt hatte. Ihre Stimme
und auch ihre Worte waren denen ihres Sohnes sehr ähnlich, und doch ganz
anders. Alles war reifer, wärmer, selbstverständlicher. Aber ebenso wie Max
vor Zeiten auf niemand den Eindruck eines Knaben gemacht hatte, so sah
seine Mutter gar nicht wie die Mutter eines erwachsenen Sohnes aus, so
jung und süß war der Hauch über ihrem Gesicht und Haar, so straff und
faltenlos war ihre goldige Haut, so blühend der Mund. Königlicher noch als
in meinem Traume stand sie vor mir, und ihre Nähe war Liebesglück, ihr
Blick war Erfüllung.
Dies also war das neue Bild, in dem mein Schicksal sich mir zeigte, nicht
mehr streng, nicht mehr vereinsamend, nein reif und lustvoll! Ich faßte
keine Entschlüsse, tat keine Gelübde — ich war an ein Ziel gekommen, an
eine hohe Wegstelle, von wo aus der weitere Weg sich weit und herrlich
zeigte, Ländern der Verheißung entgegenstrebend, überschattet von
Baumwipfeln nahen Glückes, gekühlt von nahen Gärten jeder Lust. Mochte
es mir gehen, wie es wollte, ich war selig, diese Frau in der Welt zu wissen,
ihre Stimme zu trinken und ihre Nähe zu atmen. Mochte sie mir Mutter,
Geliebte, Göttin werden — wenn sie nur da war! wenn nur mein Weg dem
ihren nahe war!
Sie wies zu meinem Sperberbilde hinauf.
„Sie haben unsrem Max nie eine größere Freude gemacht als mit diesem
Bild,“ sagte sie nachdenklich. „Und mir auch. Wir haben auf Sie gewartet,
und als das Bild kam, da wußten wir, daß Sie auf dem Weg zu uns waren.
Page 113
Als Sie ein kleiner Knabe waren, Sinclair, da kam eines Tages mein Sohn
aus der Schule und sagte: Es ist ein Junge da, der hat das Zeichen auf der
Stirn, der muß mein Freund werden. Das waren Sie. Sie haben es nicht
leicht gehabt, aber wir haben Ihnen vertraut. Einmal trafen Sie, als Sie in
Ferien zu Hause waren, wieder mit Max zusammen. Sie waren damals so
etwa sechzehn Jahre alt. Max erzählte mir davon —“
Ich unterbrach: „O, daß er Ihnen das gesagt hat! Es war meine elendeste
Zeit damals!“
„Ja, Max sagte zu mir: jetzt hat Sinclair das Schwerste vor sich. Er macht
noch einmal einen Versuch, sich in die Gemeinschaft zu flüchten, er ist
sogar ein Wirtshausbruder geworden; aber es wird ihm nicht gelingen. Sein
Zeichen ist verhüllt, aber es brennt ihn heimlich. — War es nicht so?“
„O ja, so war es, genau so. Dann fand ich Beatrice, und dann kam endlich
wieder ein Führer zu mir. Er hieß Pistorius. Erst da wurde mir klar, warum
meine Knabenzeit so sehr an Max gebunden war, warum ich nicht von ihm
loskommen konnte. Liebe Frau — liebe Mutter, ich habe damals oft
geglaubt, ich müsse mir das Leben nehmen. Ist denn der Weg für jeden so
schwer?“
Sie fuhr mit ihrer Hand über mein Haar, leicht wie Luft.
„Es ist immer schwer, geboren zu werden. Sie wissen, der Vogel hat
Mühe, aus dem Ei zu kommen. Denken Sie zurück und fragen Sie: war der
Weg denn so schwer? — nur schwer? War er nicht auch schön? Hätten Sie
einen schöneren, einen leichteren gewußt?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Es war schwer,“ sagte ich wie im Schlaf, „es war schwer, bis der Traum
kam.“
Sie nickte und sah mich durchdringend an.
„Ja, man muß seinen Traum finden, dann wird der Weg leicht. Aber es
gibt keinen immerwährenden Traum, jeden löst ein neuer ab, und keinen
darf man festhalten wollen.“
Ich erschrak tief. War das schon eine Warnung? War das schon Abwehr?
Aber einerlei, ich war bereit, mich von ihr führen zu lassen und nicht nach
dem Ziel zu fragen.
„Ich weiß nicht,“ sagte ich, „wie lange mein Traum dauern soll. Ich
wünsche, er wäre ewig. Unter dem Bild des Vogels hat mich mein Schicksal
empfangen, wie eine Mutter, und wie eine Geliebte. Ihm gehöre ich und
sonst niemand.“
aus der Schule und sagte: Es ist ein Junge da, der hat das Zeichen auf der
Stirn, der muß mein Freund werden. Das waren Sie. Sie haben es nicht
leicht gehabt, aber wir haben Ihnen vertraut. Einmal trafen Sie, als Sie in
Ferien zu Hause waren, wieder mit Max zusammen. Sie waren damals so
etwa sechzehn Jahre alt. Max erzählte mir davon —“
Ich unterbrach: „O, daß er Ihnen das gesagt hat! Es war meine elendeste
Zeit damals!“
„Ja, Max sagte zu mir: jetzt hat Sinclair das Schwerste vor sich. Er macht
noch einmal einen Versuch, sich in die Gemeinschaft zu flüchten, er ist
sogar ein Wirtshausbruder geworden; aber es wird ihm nicht gelingen. Sein
Zeichen ist verhüllt, aber es brennt ihn heimlich. — War es nicht so?“
„O ja, so war es, genau so. Dann fand ich Beatrice, und dann kam endlich
wieder ein Führer zu mir. Er hieß Pistorius. Erst da wurde mir klar, warum
meine Knabenzeit so sehr an Max gebunden war, warum ich nicht von ihm
loskommen konnte. Liebe Frau — liebe Mutter, ich habe damals oft
geglaubt, ich müsse mir das Leben nehmen. Ist denn der Weg für jeden so
schwer?“
Sie fuhr mit ihrer Hand über mein Haar, leicht wie Luft.
„Es ist immer schwer, geboren zu werden. Sie wissen, der Vogel hat
Mühe, aus dem Ei zu kommen. Denken Sie zurück und fragen Sie: war der
Weg denn so schwer? — nur schwer? War er nicht auch schön? Hätten Sie
einen schöneren, einen leichteren gewußt?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Es war schwer,“ sagte ich wie im Schlaf, „es war schwer, bis der Traum
kam.“
Sie nickte und sah mich durchdringend an.
„Ja, man muß seinen Traum finden, dann wird der Weg leicht. Aber es
gibt keinen immerwährenden Traum, jeden löst ein neuer ab, und keinen
darf man festhalten wollen.“
Ich erschrak tief. War das schon eine Warnung? War das schon Abwehr?
Aber einerlei, ich war bereit, mich von ihr führen zu lassen und nicht nach
dem Ziel zu fragen.
„Ich weiß nicht,“ sagte ich, „wie lange mein Traum dauern soll. Ich
wünsche, er wäre ewig. Unter dem Bild des Vogels hat mich mein Schicksal
empfangen, wie eine Mutter, und wie eine Geliebte. Ihm gehöre ich und
sonst niemand.“
Page 114
„Solange der Traum Ihr Schicksal ist, solange sollen Sie ihm treu
bleiben,“ bestätigte sie ernst.
Eine Traurigkeit ergriff mich, und der sehnliche Wunsch, in dieser
verzauberten Stunde zu sterben. Ich fühlte die Tränen — wie unendlich
lange hatte ich nicht mehr geweint! — unaufhaltsam in mir aufquellen und
mich überwältigen. Heftig wandte ich mich von ihr weg, trat an das Fenster
und blickte mit blinden Augen über die Topfblumen hinweg.
Hinter mir hörte ich ihre Stimme, sie klang gelassen und war doch so voll
von Zärtlichkeit wie ein bis zum Rande mit Wein gefüllter Becher.
„Sinclair, Sie sind ein Kind! Ihr Schicksal liebt Sie ja. Einmal wird es
Ihnen ganz gehören, so wie Sie es träumen, wenn Sie treu bleiben.“
Ich hatte mich bezwungen und wandte ihr das Gesicht wieder zu. Sie gab
mir die Hand.
„Ich habe ein paar Freunde,“ sagte sie lächelnd, „ein paar ganz wenige,
ganz nahe Freunde, die sagen Frau Eva zu mir. Auch Sie sollen mich so
nennen, wenn Sie wollen.“
Sie führte mich zur Tür, öffnete und deutete in den Garten. „Sie finden
Max da draußen.“
Unter den hohen Bäumen stand ich betäubt und erschüttert, wacher oder
träumender als jemals, ich wußte es nicht. Sachte tropfte der Regen aus den
Zweigen. Ich ging langsam in den Garten hinein, der sich weit das Flußufer
entlang zog. Endlich fand ich Demian. Er stand in einem offenen
Gartenhäuschen, mit nacktem Oberkörper, und machte vor einem
aufgehängten Sandsäckchen Boxübungen.
Erstaunt blieb ich stehen. Demian sah prachtvoll aus, die breite Brust, der
feste männliche Kopf, die gehobenen Arme mit gestrafften Muskeln waren
stark und tüchtig, die Bewegungen kamen aus Hüften, Schultern und
Armgelenken hervor wie spielende Quellen.
„Demian!“ rief ich. „Was treibst du denn da?“
Er lachte fröhlich.
„Ich übe mich. Ich habe dem kleinen Japaner einen Ringkampf
versprochen, der Kerl ist flink wie eine Katze, und natürlich ebenso
tückisch. Aber er wird nicht mit mir fertig werden. Es ist eine ganz kleine
Demütigung, die ich ihm schuldig bin.“
Er zog Hemd und Rock über.
„Du warst schon bei meiner Mutter?“ fragte er.
bleiben,“ bestätigte sie ernst.
Eine Traurigkeit ergriff mich, und der sehnliche Wunsch, in dieser
verzauberten Stunde zu sterben. Ich fühlte die Tränen — wie unendlich
lange hatte ich nicht mehr geweint! — unaufhaltsam in mir aufquellen und
mich überwältigen. Heftig wandte ich mich von ihr weg, trat an das Fenster
und blickte mit blinden Augen über die Topfblumen hinweg.
Hinter mir hörte ich ihre Stimme, sie klang gelassen und war doch so voll
von Zärtlichkeit wie ein bis zum Rande mit Wein gefüllter Becher.
„Sinclair, Sie sind ein Kind! Ihr Schicksal liebt Sie ja. Einmal wird es
Ihnen ganz gehören, so wie Sie es träumen, wenn Sie treu bleiben.“
Ich hatte mich bezwungen und wandte ihr das Gesicht wieder zu. Sie gab
mir die Hand.
„Ich habe ein paar Freunde,“ sagte sie lächelnd, „ein paar ganz wenige,
ganz nahe Freunde, die sagen Frau Eva zu mir. Auch Sie sollen mich so
nennen, wenn Sie wollen.“
Sie führte mich zur Tür, öffnete und deutete in den Garten. „Sie finden
Max da draußen.“
Unter den hohen Bäumen stand ich betäubt und erschüttert, wacher oder
träumender als jemals, ich wußte es nicht. Sachte tropfte der Regen aus den
Zweigen. Ich ging langsam in den Garten hinein, der sich weit das Flußufer
entlang zog. Endlich fand ich Demian. Er stand in einem offenen
Gartenhäuschen, mit nacktem Oberkörper, und machte vor einem
aufgehängten Sandsäckchen Boxübungen.
Erstaunt blieb ich stehen. Demian sah prachtvoll aus, die breite Brust, der
feste männliche Kopf, die gehobenen Arme mit gestrafften Muskeln waren
stark und tüchtig, die Bewegungen kamen aus Hüften, Schultern und
Armgelenken hervor wie spielende Quellen.
„Demian!“ rief ich. „Was treibst du denn da?“
Er lachte fröhlich.
„Ich übe mich. Ich habe dem kleinen Japaner einen Ringkampf
versprochen, der Kerl ist flink wie eine Katze, und natürlich ebenso
tückisch. Aber er wird nicht mit mir fertig werden. Es ist eine ganz kleine
Demütigung, die ich ihm schuldig bin.“
Er zog Hemd und Rock über.
„Du warst schon bei meiner Mutter?“ fragte er.
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„Ja. Demian, was hast du für eine herrliche Mutter! Frau Eva! Der Name
paßt vollkommen zu ihr, sie ist wie die Mutter aller Wesen.“
Er sah mir einen Augenblick nachdenklich ins Gesicht.
„Du weißt den Namen schon? Du kannst stolz sein, Junge! Du bist der
erste, dem sie ihn schon in der ersten Stunde gesagt hat.“
Von diesem Tag an ging ich im Hause ein und aus wie ein Sohn und
Bruder, aber auch wie ein Liebender. Wenn ich die Pforte hinter mir schloß,
ja schon wenn ich von weitem die hohen Bäume des Gartens auftauchen
sah, war ich reich und glücklich. Draußen war die „Wirklichkeit“, draußen
waren Straßen und Häuser, Menschen und Einrichtungen, Bibliotheken und
Lehrsäle — hier drinnen aber war Liebe und Seele, hier lebte das Märchen
und der Traum. Und doch lebten wir keineswegs von der Welt
abgeschlossen, wir lebten in Gedanken und Gesprächen oft mitten in ihr,
nur auf einem anderen Felde, wir waren von der Mehrzahl der Menschen
nicht durch Grenzen getrennt, sondern nur durch eine andere Art des
Sehens. Unsre Aufgabe war, in der Welt eine Insel darzustellen, vielleicht
ein Vorbild, jedenfalls aber die Ankündigung einer anderen Möglichkeit zu
leben. Ich lernte, ich lang Vereinsamter, die Gemeinschaft kennen, die
zwischen Menschen möglich ist, welche das völlige Alleinsein gekostet
haben. Nie mehr begehrte ich zu den Tafeln der Glücklichen, zu den Festen
der Fröhlichen zurück, nie mehr flog mich Neid oder Heimweh an, wenn
ich die Gemeinsamkeiten der andern sah. Und langsam wurde ich
eingeweiht in das Geheimnis derer, welche „das Zeichen“ an sich trugen.
Wir, die mit dem Zeichen, mochten mit Recht der Welt für seltsam, ja für
verrückt und gefährlich gelten. Wir waren Erwachte, oder Erwachende, und
unser Streben ging auf ein immer vollkommneres Wachsein, während das
Streben und Glücksuchen der anderen darauf ging, ihre Meinungen, ihre
Ideale und Pflichten, ihr Leben und Glück immer enger an das der Herde zu
binden. Auch dort war Streben, auch dort war Kraft und Größe. Aber
während, nach unserer Auffassung, wir Gezeichneten den Willen der Natur
zum Neuen, zum Vereinzelten und Zukünftigen darstellten, lebten die
andern in einem Willen des Beharrens. Für sie war die Menschheit —
welche sie liebten wie wir — etwas Fertiges, das erhalten und geschützt
werden mußte. Für uns war die Menschheit eine ferne Zukunft, nach
welcher wir alle unterwegs waren, deren Bild niemand kannte, deren
Gesetze nirgend geschrieben standen.
paßt vollkommen zu ihr, sie ist wie die Mutter aller Wesen.“
Er sah mir einen Augenblick nachdenklich ins Gesicht.
„Du weißt den Namen schon? Du kannst stolz sein, Junge! Du bist der
erste, dem sie ihn schon in der ersten Stunde gesagt hat.“
Von diesem Tag an ging ich im Hause ein und aus wie ein Sohn und
Bruder, aber auch wie ein Liebender. Wenn ich die Pforte hinter mir schloß,
ja schon wenn ich von weitem die hohen Bäume des Gartens auftauchen
sah, war ich reich und glücklich. Draußen war die „Wirklichkeit“, draußen
waren Straßen und Häuser, Menschen und Einrichtungen, Bibliotheken und
Lehrsäle — hier drinnen aber war Liebe und Seele, hier lebte das Märchen
und der Traum. Und doch lebten wir keineswegs von der Welt
abgeschlossen, wir lebten in Gedanken und Gesprächen oft mitten in ihr,
nur auf einem anderen Felde, wir waren von der Mehrzahl der Menschen
nicht durch Grenzen getrennt, sondern nur durch eine andere Art des
Sehens. Unsre Aufgabe war, in der Welt eine Insel darzustellen, vielleicht
ein Vorbild, jedenfalls aber die Ankündigung einer anderen Möglichkeit zu
leben. Ich lernte, ich lang Vereinsamter, die Gemeinschaft kennen, die
zwischen Menschen möglich ist, welche das völlige Alleinsein gekostet
haben. Nie mehr begehrte ich zu den Tafeln der Glücklichen, zu den Festen
der Fröhlichen zurück, nie mehr flog mich Neid oder Heimweh an, wenn
ich die Gemeinsamkeiten der andern sah. Und langsam wurde ich
eingeweiht in das Geheimnis derer, welche „das Zeichen“ an sich trugen.
Wir, die mit dem Zeichen, mochten mit Recht der Welt für seltsam, ja für
verrückt und gefährlich gelten. Wir waren Erwachte, oder Erwachende, und
unser Streben ging auf ein immer vollkommneres Wachsein, während das
Streben und Glücksuchen der anderen darauf ging, ihre Meinungen, ihre
Ideale und Pflichten, ihr Leben und Glück immer enger an das der Herde zu
binden. Auch dort war Streben, auch dort war Kraft und Größe. Aber
während, nach unserer Auffassung, wir Gezeichneten den Willen der Natur
zum Neuen, zum Vereinzelten und Zukünftigen darstellten, lebten die
andern in einem Willen des Beharrens. Für sie war die Menschheit —
welche sie liebten wie wir — etwas Fertiges, das erhalten und geschützt
werden mußte. Für uns war die Menschheit eine ferne Zukunft, nach
welcher wir alle unterwegs waren, deren Bild niemand kannte, deren
Gesetze nirgend geschrieben standen.
Page 116
Außer Frau Eva, Max und mir gehörten zu unsrem Kreise, näher oder
ferner, noch manche Suchende von sehr verschiedener Art. Manche von
ihnen gingen besondere Pfade, hatten sich abgesonderte Ziele gesteckt und
hingen an besonderen Meinungen und Pflichten, unter ihnen waren
Astrologen und Kabbalisten, auch ein Anhänger des Grafen Tolstoi, und
allerlei zarte, scheue, verwundbare Menschen, Anhänger neuer Sekten,
Pfleger indischer Übungen, Pflanzenesser und andre. Mit diesen allen
hatten wir eigentlich nichts Geistiges gemein als die Achtung, die ein jeder
dem geheimen Lebenstraum des andern gönnte. Andre standen uns näher,
welche das Suchen der Menschheit nach Göttern und neuen Wunschbildern
in der Vergangenheit verfolgten und deren Studien mich oft an die meines
Pistorius erinnerten. Sie brachten Bücher mit, übersetzten uns Texte alter
Sprachen, zeigten uns Abbildungen alter Symbole und Riten, und lehrten
uns sehen, wie der ganze Besitz der bisherigen Menschheit an Idealen aus
Träumen der unbewußten Seele bestand, aus Träumen, in welchen die
Menschheit tastend den Ahnungen ihrer Zukunftsmöglichkeiten nachging.
So durchliefen wir den wunderbaren, tausendköpfigen Götterknäuel der
alten Welt bis zum Herandämmern der christlichen Umkehr. Die
Bekenntnisse der einsamen Frommen wurden uns bekannt, und die
Wandlungen der Religionen von Volk zu Volk. Und aus allem, was wir
sammelten, ergab sich uns die Kritik unserer Zeit und des jetzigen Europa,
das in ungeheuren Bestrebungen mächtige neue Waffen der Menschheit
erschaffen hatte, endlich aber in eine tiefe und zuletzt schreiende Verödung
des Geistes geraten war. Denn es hatte die ganze Welt gewonnen, um seine
Seele darüber zu verlieren.
Auch hier gab es Gläubige und Bekenner bestimmter Hoffnungen und
Heilslehren. Es gab Buddhisten, die Europa bekehren wollten, und
Tolstoijünger, und andre Bekenntnisse. Wir im engern Kreise hörten zu und
nahmen keine dieser Lehren anders an denn als Sinnbilder. Uns
Gezeichneten lag keine Sorge um die Gestaltung der Zukunft ob. Uns
schien jedes Bekenntnis, jede Heilslehre schon im voraus tot und nutzlos.
Und wir empfanden einzig das als Pflicht und Schicksal: daß jeder von uns
so ganz er selbst werde, so ganz dem in ihm wirksamen Keim der Natur
gerecht werde und zu Willen lebe, daß die ungewisse Zukunft uns zu allem
und jedem bereit finde, was sie bringen möchte.
Denn dies war, gesagt und ungesagt, uns allen im Gefühl deutlich, daß
eine Neugeburt und ein Zusammenbruch des Jetzigen nahe und schon
ferner, noch manche Suchende von sehr verschiedener Art. Manche von
ihnen gingen besondere Pfade, hatten sich abgesonderte Ziele gesteckt und
hingen an besonderen Meinungen und Pflichten, unter ihnen waren
Astrologen und Kabbalisten, auch ein Anhänger des Grafen Tolstoi, und
allerlei zarte, scheue, verwundbare Menschen, Anhänger neuer Sekten,
Pfleger indischer Übungen, Pflanzenesser und andre. Mit diesen allen
hatten wir eigentlich nichts Geistiges gemein als die Achtung, die ein jeder
dem geheimen Lebenstraum des andern gönnte. Andre standen uns näher,
welche das Suchen der Menschheit nach Göttern und neuen Wunschbildern
in der Vergangenheit verfolgten und deren Studien mich oft an die meines
Pistorius erinnerten. Sie brachten Bücher mit, übersetzten uns Texte alter
Sprachen, zeigten uns Abbildungen alter Symbole und Riten, und lehrten
uns sehen, wie der ganze Besitz der bisherigen Menschheit an Idealen aus
Träumen der unbewußten Seele bestand, aus Träumen, in welchen die
Menschheit tastend den Ahnungen ihrer Zukunftsmöglichkeiten nachging.
So durchliefen wir den wunderbaren, tausendköpfigen Götterknäuel der
alten Welt bis zum Herandämmern der christlichen Umkehr. Die
Bekenntnisse der einsamen Frommen wurden uns bekannt, und die
Wandlungen der Religionen von Volk zu Volk. Und aus allem, was wir
sammelten, ergab sich uns die Kritik unserer Zeit und des jetzigen Europa,
das in ungeheuren Bestrebungen mächtige neue Waffen der Menschheit
erschaffen hatte, endlich aber in eine tiefe und zuletzt schreiende Verödung
des Geistes geraten war. Denn es hatte die ganze Welt gewonnen, um seine
Seele darüber zu verlieren.
Auch hier gab es Gläubige und Bekenner bestimmter Hoffnungen und
Heilslehren. Es gab Buddhisten, die Europa bekehren wollten, und
Tolstoijünger, und andre Bekenntnisse. Wir im engern Kreise hörten zu und
nahmen keine dieser Lehren anders an denn als Sinnbilder. Uns
Gezeichneten lag keine Sorge um die Gestaltung der Zukunft ob. Uns
schien jedes Bekenntnis, jede Heilslehre schon im voraus tot und nutzlos.
Und wir empfanden einzig das als Pflicht und Schicksal: daß jeder von uns
so ganz er selbst werde, so ganz dem in ihm wirksamen Keim der Natur
gerecht werde und zu Willen lebe, daß die ungewisse Zukunft uns zu allem
und jedem bereit finde, was sie bringen möchte.
Denn dies war, gesagt und ungesagt, uns allen im Gefühl deutlich, daß
eine Neugeburt und ein Zusammenbruch des Jetzigen nahe und schon
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spürbar sei. Demian sagte mir manchmal: „Was kommen wird, ist
unausdenklich. Die Seele Europas ist ein Tier, das unendlich lang gefesselt
lag. Wenn es frei wird, werden seine ersten Regungen nicht die lieblichsten
sein. Aber die Wege und Umwege sind belanglos, wenn nur die wahre Not
der Seele zutage kommt, die man seit so langem immer und immer wieder
weglügt und betäubt. Dann wird unser Tag sein, dann wird man uns
brauchen, nicht als Führer oder neue Gesetzgeber — die neuen Gesetze
erleben wir nicht mehr — eher als Willige, als solche, die bereit sind,
mitzugehen und da zu stehen, wohin das Schicksal ruft. Sieh, alle
Menschen sind bereit, das Unglaubliche zu tun, wenn ihre Ideale bedroht
werden. Aber keiner ist da, wenn ein neues Ideal, eine neue, vielleicht
gefährliche und unheimliche Regung des Wachstums anklopft. Die
wenigen, welche dann da sind und mitgehen, werden wir sein. Dazu sind
wir gezeichnet — wie Kain dazu gezeichnet war, Furcht und Haß zu
erregen und die damalige Menschheit aus einem engen Idyll in gefährliche
Weiten zu treiben. Alle Menschen, die auf den Gang der Menschheit
gewirkt haben, alle ohne Unterschied waren nur darum fähig und wirksam,
weil sie schicksalbereit waren. Das paßt auf Moses und Buddha, es paßt auf
Napoleon und auf Bismarck. Welcher Welle einer dient, von welchem Pol
aus er regiert wird, das liegt nicht in seiner Wahl. Wenn Bismarck die
Sozialdemokraten verstanden und sich auf sie eingestellt hätte, so wäre er
ein kluger Herr gewesen, aber kein Mann des Schicksals. So war es mit
Napoleon, mit Cäsar, mit Loyola, mit allen! Man muß sich das immer
biologisch und entwicklungsgeschichtlich denken! Als die Umwälzungen
auf der Erdoberfläche die Wassertiere ans Land, Landtiere ins Wasser warf,
da waren es die schicksalbereiten Exemplare, die das Neue und Unerhörte
vollziehen und ihre Art durch neue Anpassungen retten konnten. Ob es
dieselben Exemplare waren, welche vorher in ihrer Art als Konservative
und Erhaltende hervorragten, oder eher die Sonderlinge und Revolutionäre,
das wissen wir nicht. Sie waren bereit, und darum konnten sie ihre Art in
neue Entwicklungen hinüber retten. Das wissen wir. Darum wollen wir
bereit sein.“
Bei solchen Gesprächen war Frau Eva oft dabei, doch sprach sie selbst
nicht in dieser Weise mit. Sie war für jeden von uns, der seine Gedanken
äußerte, ein Zuhörer und Echo, voll von Vertrauen, voll von Verständnis, es
schien, als kämen die Gedanken alle aus ihr und kehrten zu ihr zurück. In
unausdenklich. Die Seele Europas ist ein Tier, das unendlich lang gefesselt
lag. Wenn es frei wird, werden seine ersten Regungen nicht die lieblichsten
sein. Aber die Wege und Umwege sind belanglos, wenn nur die wahre Not
der Seele zutage kommt, die man seit so langem immer und immer wieder
weglügt und betäubt. Dann wird unser Tag sein, dann wird man uns
brauchen, nicht als Führer oder neue Gesetzgeber — die neuen Gesetze
erleben wir nicht mehr — eher als Willige, als solche, die bereit sind,
mitzugehen und da zu stehen, wohin das Schicksal ruft. Sieh, alle
Menschen sind bereit, das Unglaubliche zu tun, wenn ihre Ideale bedroht
werden. Aber keiner ist da, wenn ein neues Ideal, eine neue, vielleicht
gefährliche und unheimliche Regung des Wachstums anklopft. Die
wenigen, welche dann da sind und mitgehen, werden wir sein. Dazu sind
wir gezeichnet — wie Kain dazu gezeichnet war, Furcht und Haß zu
erregen und die damalige Menschheit aus einem engen Idyll in gefährliche
Weiten zu treiben. Alle Menschen, die auf den Gang der Menschheit
gewirkt haben, alle ohne Unterschied waren nur darum fähig und wirksam,
weil sie schicksalbereit waren. Das paßt auf Moses und Buddha, es paßt auf
Napoleon und auf Bismarck. Welcher Welle einer dient, von welchem Pol
aus er regiert wird, das liegt nicht in seiner Wahl. Wenn Bismarck die
Sozialdemokraten verstanden und sich auf sie eingestellt hätte, so wäre er
ein kluger Herr gewesen, aber kein Mann des Schicksals. So war es mit
Napoleon, mit Cäsar, mit Loyola, mit allen! Man muß sich das immer
biologisch und entwicklungsgeschichtlich denken! Als die Umwälzungen
auf der Erdoberfläche die Wassertiere ans Land, Landtiere ins Wasser warf,
da waren es die schicksalbereiten Exemplare, die das Neue und Unerhörte
vollziehen und ihre Art durch neue Anpassungen retten konnten. Ob es
dieselben Exemplare waren, welche vorher in ihrer Art als Konservative
und Erhaltende hervorragten, oder eher die Sonderlinge und Revolutionäre,
das wissen wir nicht. Sie waren bereit, und darum konnten sie ihre Art in
neue Entwicklungen hinüber retten. Das wissen wir. Darum wollen wir
bereit sein.“
Bei solchen Gesprächen war Frau Eva oft dabei, doch sprach sie selbst
nicht in dieser Weise mit. Sie war für jeden von uns, der seine Gedanken
äußerte, ein Zuhörer und Echo, voll von Vertrauen, voll von Verständnis, es
schien, als kämen die Gedanken alle aus ihr und kehrten zu ihr zurück. In
Page 118
ihrer Nähe zu sitzen, zuweilen ihre Stimme zu hören und teilzuhaben an der
Atmosphäre von Reife und Seele, die sie umgab, war für mich Glück.
Sie empfand es sogleich, wenn in mir irgendeine Veränderung, eine
Trübung oder Erneuerung im Gange war. Es schien mir, als seien die
Träume, die ich im Schlaf hatte, Eingebungen von ihr. Ich erzählte sie ihr
oft, und sie waren ihr verständlich und natürlich, es gab keine
Sonderbarkeiten, denen sie nicht mit klarem Fühlen folgen konnte. Eine
Zeitlang hatte ich Träume, die wie Nachbildungen unsrer Tagesgespräche
waren. Ich träumte, daß die ganze Welt in Aufruhr sei und daß ich, allein
oder mit Demian, angespannt auf das große Schicksal warte. Das Schicksal
blieb verhüllt, trug aber irgendwie die Züge der Frau Eva — von ihr erwählt
oder verworfen zu werden, das war das Schicksal.
Manchmal sagte sie mit Lächeln: „Ihr Traum ist nicht ganz, Sinclair, Sie
haben das Beste vergessen —“ und es konnte geschehen, daß es mir dann
wieder einfiel und ich nicht begreifen konnte, wie ich das hatte vergessen
können.
Zu Zeiten wurde ich unzufrieden und von Begehren gequält. Ich meinte
es nicht mehr ertragen zu können, sie neben mir zu sehen, ohne sie in die
Arme zu schließen. Auch das bemerkte sie sofort. Als ich einst mehrere
Tage wegblieb und dann verstört wiederkam, nahm sie mich beiseite und
sagte: „Sie sollen sich nicht an Wünsche hingeben, an die Sie nicht glauben.
Ich weiß, was Sie wünschen. Sie müssen diese Wünsche aufgeben können,
oder sie ganz und richtig wünschen. Wenn Sie einmal so zu bitten
vermögen, daß Sie der Erfüllung in sich ganz gewiß sind, dann ist auch die
Erfüllung da. Sie wünschen aber, und bereuen es wieder, und haben Angst
dabei. Das muß alles überwunden werden. Ich will Ihnen ein Märchen
erzählen.“
Und sie erzählte mir von einem Jüngling, der in einen Stern verliebt war.
Am Meere stand er, streckte die Hände aus und betete den Stern an, er
träumte von ihm und richtete seine Gedanken an ihn. Aber er wußte, oder
meinte zu wissen, daß ein Stern nicht von einem Menschen umarmt werden
könne. Er hielt es für sein Schicksal, ohne Hoffnung auf Erfüllung ein
Gestirn zu lieben, und er baute aus diesem Gedanken eine ganze
Lebensdichtung von Verzicht und stummem, treuem Leiden, das ihn
bessern und läutern sollte. Seine Träume gingen aber alle auf den Stern.
Einmal stand er wieder bei Nacht am Meere, auf der hohen Klippe, und
blickte in den Stern und brannte vor Liebe zu ihm. Und in einem
Atmosphäre von Reife und Seele, die sie umgab, war für mich Glück.
Sie empfand es sogleich, wenn in mir irgendeine Veränderung, eine
Trübung oder Erneuerung im Gange war. Es schien mir, als seien die
Träume, die ich im Schlaf hatte, Eingebungen von ihr. Ich erzählte sie ihr
oft, und sie waren ihr verständlich und natürlich, es gab keine
Sonderbarkeiten, denen sie nicht mit klarem Fühlen folgen konnte. Eine
Zeitlang hatte ich Träume, die wie Nachbildungen unsrer Tagesgespräche
waren. Ich träumte, daß die ganze Welt in Aufruhr sei und daß ich, allein
oder mit Demian, angespannt auf das große Schicksal warte. Das Schicksal
blieb verhüllt, trug aber irgendwie die Züge der Frau Eva — von ihr erwählt
oder verworfen zu werden, das war das Schicksal.
Manchmal sagte sie mit Lächeln: „Ihr Traum ist nicht ganz, Sinclair, Sie
haben das Beste vergessen —“ und es konnte geschehen, daß es mir dann
wieder einfiel und ich nicht begreifen konnte, wie ich das hatte vergessen
können.
Zu Zeiten wurde ich unzufrieden und von Begehren gequält. Ich meinte
es nicht mehr ertragen zu können, sie neben mir zu sehen, ohne sie in die
Arme zu schließen. Auch das bemerkte sie sofort. Als ich einst mehrere
Tage wegblieb und dann verstört wiederkam, nahm sie mich beiseite und
sagte: „Sie sollen sich nicht an Wünsche hingeben, an die Sie nicht glauben.
Ich weiß, was Sie wünschen. Sie müssen diese Wünsche aufgeben können,
oder sie ganz und richtig wünschen. Wenn Sie einmal so zu bitten
vermögen, daß Sie der Erfüllung in sich ganz gewiß sind, dann ist auch die
Erfüllung da. Sie wünschen aber, und bereuen es wieder, und haben Angst
dabei. Das muß alles überwunden werden. Ich will Ihnen ein Märchen
erzählen.“
Und sie erzählte mir von einem Jüngling, der in einen Stern verliebt war.
Am Meere stand er, streckte die Hände aus und betete den Stern an, er
träumte von ihm und richtete seine Gedanken an ihn. Aber er wußte, oder
meinte zu wissen, daß ein Stern nicht von einem Menschen umarmt werden
könne. Er hielt es für sein Schicksal, ohne Hoffnung auf Erfüllung ein
Gestirn zu lieben, und er baute aus diesem Gedanken eine ganze
Lebensdichtung von Verzicht und stummem, treuem Leiden, das ihn
bessern und läutern sollte. Seine Träume gingen aber alle auf den Stern.
Einmal stand er wieder bei Nacht am Meere, auf der hohen Klippe, und
blickte in den Stern und brannte vor Liebe zu ihm. Und in einem
Page 119
Augenblick größter Sehnsucht tat er den Sprung und stürzte sich ins Leere,
dem Stern entgegen. Aber im Augenblick des Springens noch dachte er
blitzschnell: es ist ja doch unmöglich! Da lag er unten am Strand und war
zerschmettert. Er verstand nicht zu lieben. Hätte er im Augenblick, wo er
sprang, die Seelenkraft gehabt, fest und sicher an die Erfüllung zu glauben,
er wäre nach oben geflogen und mit dem Stern vereinigt worden.
„Liebe muß nicht bitten,“ sagte sie, „auch nicht fordern. Liebe muß die
Kraft haben, in sich selbst zur Gewißheit zu kommen. Dann wird sie nicht
mehr gezogen, sondern zieht. Sinclair, Ihre Liebe wird von mir gezogen.
Wenn sie mich einmal zieht, so komme ich. Ich will keine Geschenke
geben, ich will gewonnen werden.“
Ein anderesmal aber erzählte sie mir ein anderes Märchen. Es war ein
Liebender, der ohne Hoffnung liebte. Er zog sich ganz in seine Seele zurück
und meinte vor Liebe zu verbrennen. Die Welt ging ihm verloren, er sah den
blauen Himmel und den grünen Wald nicht mehr, der Bach rauschte ihm
nicht, die Harfe klang ihm nicht, alles war versunken, und er war arm und
elend geworden. Seine Liebe aber wuchs, und er wollte viel lieber sterben
und verkommen, als auf den Besitz der schönen Frau verzichten, die er
liebte. Da spürte er, wie seine Liebe alles andre in ihm verbrannt hatte, und
sie wurde mächtig und zog und zog, und die schöne Frau mußte folgen, sie
kam, er stand mit ausgebreiteten Armen, um sie an sich zu ziehen. Wie sie
aber vor ihm stand, da war sie ganz verwandelt, und mit Schauern fühlte
und sah er, daß er die ganze verlorene Welt zu sich her gezogen hatte. Sie
stand vor ihm und ergab sich ihm, Himmel und Wald und Bach, alles kam
in neuen Farben frisch und herrlich ihm entgegen, gehörte ihm, sprach seine
Sprache. Und statt bloß ein Weib zu gewinnen, hatte er die ganze Welt am
Herzen, und jeder Stern am Himmel glühte in ihm und funkelte Lust durch
seine Seele. — Er hatte geliebt und dabei sich selbst gefunden. Die meisten
aber lieben, um sich dabei zu verlieren.
Meine Liebe zu Frau Eva schien mir der einzige Inhalt meines Lebens zu
sein. Aber jeden Tag sah sie anders aus. Manchmal glaubte ich bestimmt zu
fühlen, daß es nicht ihre Person sei, nach der mein Wesen hingezogen
strebte, sondern sie sei nur ein Sinnbild meines Inneren und wolle mich nur
tiefer in mich selbst hinein führen. Oft hörte ich Worte von ihr, die mir
klangen wie Antworten meines Unbewußten auf brennende Fragen, die
mich bewegten. Dann wieder gab es Augenblicke, in denen ich neben ihr
vor sinnlichem Verlangen brannte, und Gegenstände küßte, die sie berührt
dem Stern entgegen. Aber im Augenblick des Springens noch dachte er
blitzschnell: es ist ja doch unmöglich! Da lag er unten am Strand und war
zerschmettert. Er verstand nicht zu lieben. Hätte er im Augenblick, wo er
sprang, die Seelenkraft gehabt, fest und sicher an die Erfüllung zu glauben,
er wäre nach oben geflogen und mit dem Stern vereinigt worden.
„Liebe muß nicht bitten,“ sagte sie, „auch nicht fordern. Liebe muß die
Kraft haben, in sich selbst zur Gewißheit zu kommen. Dann wird sie nicht
mehr gezogen, sondern zieht. Sinclair, Ihre Liebe wird von mir gezogen.
Wenn sie mich einmal zieht, so komme ich. Ich will keine Geschenke
geben, ich will gewonnen werden.“
Ein anderesmal aber erzählte sie mir ein anderes Märchen. Es war ein
Liebender, der ohne Hoffnung liebte. Er zog sich ganz in seine Seele zurück
und meinte vor Liebe zu verbrennen. Die Welt ging ihm verloren, er sah den
blauen Himmel und den grünen Wald nicht mehr, der Bach rauschte ihm
nicht, die Harfe klang ihm nicht, alles war versunken, und er war arm und
elend geworden. Seine Liebe aber wuchs, und er wollte viel lieber sterben
und verkommen, als auf den Besitz der schönen Frau verzichten, die er
liebte. Da spürte er, wie seine Liebe alles andre in ihm verbrannt hatte, und
sie wurde mächtig und zog und zog, und die schöne Frau mußte folgen, sie
kam, er stand mit ausgebreiteten Armen, um sie an sich zu ziehen. Wie sie
aber vor ihm stand, da war sie ganz verwandelt, und mit Schauern fühlte
und sah er, daß er die ganze verlorene Welt zu sich her gezogen hatte. Sie
stand vor ihm und ergab sich ihm, Himmel und Wald und Bach, alles kam
in neuen Farben frisch und herrlich ihm entgegen, gehörte ihm, sprach seine
Sprache. Und statt bloß ein Weib zu gewinnen, hatte er die ganze Welt am
Herzen, und jeder Stern am Himmel glühte in ihm und funkelte Lust durch
seine Seele. — Er hatte geliebt und dabei sich selbst gefunden. Die meisten
aber lieben, um sich dabei zu verlieren.
Meine Liebe zu Frau Eva schien mir der einzige Inhalt meines Lebens zu
sein. Aber jeden Tag sah sie anders aus. Manchmal glaubte ich bestimmt zu
fühlen, daß es nicht ihre Person sei, nach der mein Wesen hingezogen
strebte, sondern sie sei nur ein Sinnbild meines Inneren und wolle mich nur
tiefer in mich selbst hinein führen. Oft hörte ich Worte von ihr, die mir
klangen wie Antworten meines Unbewußten auf brennende Fragen, die
mich bewegten. Dann wieder gab es Augenblicke, in denen ich neben ihr
vor sinnlichem Verlangen brannte, und Gegenstände küßte, die sie berührt
Page 120
hatte. Und allmählich schoben sich sinnliche und unsinnliche Liebe,
Wirklichkeit und Symbol übereinander. Dann geschah es, daß ich daheim in
meinem Zimmer an sie dachte, in ruhiger Innigkeit, und dabei ihre Hand in
meiner und ihre Lippen auf meinen zu fühlen meinte. Oder ich war bei ihr,
sah ihr ins Gesicht, sprach mit ihr und hörte ihre Stimme, und wußte doch
nicht, ob sie wirklich und nicht ein Traum sei. Ich begann zu ahnen, wie
man eine Liebe dauernd und unsterblich besitzen kann. Ich hatte beim
Lesen eines Buches eine neue Erkenntnis, und es war dasselbe Gefühl wie
ein Kuß von Frau Eva. Sie streichelte mir das Haar und lächelte mir ihre
reife duftende Wärme zu, und ich hatte dasselbe Gefühl, wie wenn ich in
mir selbst einen Fortschritt gemacht hatte. Alles, was wichtig und Schicksal
für mich war, konnte ihre Gestalt annehmen. Sie konnte sich in jeden
meiner Gedanken verwandeln, und jeder sich in sie.
Auf die Weihnachtsfeiertage, in denen ich bei meinen Eltern war, hatte
ich mich gefürchtet, weil ich meinte, es müsse eine Qual sein, zwei Wochen
lang entfernt von Frau Eva zu leben. Aber es war keine Qual, es war
herrlich, zu Hause zu sein und an sie zu denken. Als ich nach H.
zurückgekommen war, blieb ich noch zwei Tage ihrem Hause fern, um
diese Sicherheit und Unabhängigkeit von ihrer sinnlichen Gegenwart zu
genießen. Auch hatte ich Träume, in denen meine Vereinigung mit ihr sich
auf neue gleichnishafte Arten vollzog. Sie war ein Meer, in das ich
strömend mündete. Sie war ein Stern, und ich selbst war als ein Stern zu ihr
unterwegs, und wir trafen uns und fühlten uns zueinander gezogen, blieben
beisammen und drehten uns selig für alle Zeiten in nahen, tönenden Kreisen
umeinander.
Diesen Traum erzählte ich ihr, als ich sie zuerst wieder besuchte.
„Der Traum ist schön,“ sagte sie still. „Machen Sie ihn wahr!“
In der Vorfrühlingszeit kam ein Tag, den ich nie vergessen habe. Ich trat
in die Halle, ein Fenster stand offen und ein lauer Luftstrom wälzte den
schweren Geruch der Hyazinthen durch den Raum. Da niemand zu sehen
war, ging ich die Treppe hinauf in Max Demians Studierzimmer. Ich pochte
leicht an die Tür und trat ein, ohne auf einen Ruf zu warten, wie ich es
gewohnt war.
Das Zimmer war dunkel, die Vorhänge alle zugezogen. Die Türe zu
einem kleinen Nebenraum stand offen, wo Max ein chemisches
Laboratorium eingerichtet hatte. Von dorther kam das helle, weiße Licht der
Wirklichkeit und Symbol übereinander. Dann geschah es, daß ich daheim in
meinem Zimmer an sie dachte, in ruhiger Innigkeit, und dabei ihre Hand in
meiner und ihre Lippen auf meinen zu fühlen meinte. Oder ich war bei ihr,
sah ihr ins Gesicht, sprach mit ihr und hörte ihre Stimme, und wußte doch
nicht, ob sie wirklich und nicht ein Traum sei. Ich begann zu ahnen, wie
man eine Liebe dauernd und unsterblich besitzen kann. Ich hatte beim
Lesen eines Buches eine neue Erkenntnis, und es war dasselbe Gefühl wie
ein Kuß von Frau Eva. Sie streichelte mir das Haar und lächelte mir ihre
reife duftende Wärme zu, und ich hatte dasselbe Gefühl, wie wenn ich in
mir selbst einen Fortschritt gemacht hatte. Alles, was wichtig und Schicksal
für mich war, konnte ihre Gestalt annehmen. Sie konnte sich in jeden
meiner Gedanken verwandeln, und jeder sich in sie.
Auf die Weihnachtsfeiertage, in denen ich bei meinen Eltern war, hatte
ich mich gefürchtet, weil ich meinte, es müsse eine Qual sein, zwei Wochen
lang entfernt von Frau Eva zu leben. Aber es war keine Qual, es war
herrlich, zu Hause zu sein und an sie zu denken. Als ich nach H.
zurückgekommen war, blieb ich noch zwei Tage ihrem Hause fern, um
diese Sicherheit und Unabhängigkeit von ihrer sinnlichen Gegenwart zu
genießen. Auch hatte ich Träume, in denen meine Vereinigung mit ihr sich
auf neue gleichnishafte Arten vollzog. Sie war ein Meer, in das ich
strömend mündete. Sie war ein Stern, und ich selbst war als ein Stern zu ihr
unterwegs, und wir trafen uns und fühlten uns zueinander gezogen, blieben
beisammen und drehten uns selig für alle Zeiten in nahen, tönenden Kreisen
umeinander.
Diesen Traum erzählte ich ihr, als ich sie zuerst wieder besuchte.
„Der Traum ist schön,“ sagte sie still. „Machen Sie ihn wahr!“
In der Vorfrühlingszeit kam ein Tag, den ich nie vergessen habe. Ich trat
in die Halle, ein Fenster stand offen und ein lauer Luftstrom wälzte den
schweren Geruch der Hyazinthen durch den Raum. Da niemand zu sehen
war, ging ich die Treppe hinauf in Max Demians Studierzimmer. Ich pochte
leicht an die Tür und trat ein, ohne auf einen Ruf zu warten, wie ich es
gewohnt war.
Das Zimmer war dunkel, die Vorhänge alle zugezogen. Die Türe zu
einem kleinen Nebenraum stand offen, wo Max ein chemisches
Laboratorium eingerichtet hatte. Von dorther kam das helle, weiße Licht der
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Frühlingssonne, die durch Regenwolken schien. Ich glaubte, es sei niemand
da, und schlug einen der Vorhänge zurück.
Da sah ich auf einem Schemel nahe beim verhängten Fenster Max
Demian sitzen, zusammengekauert und seltsam verändert, und wie ein Blitz
durchfuhr mich ein Gefühl: das hast du schon einmal erlebt! Er hatte die
Arme regungslos hängen, die Hände im Schoß, sein etwas vorgeneigtes
Gesicht mit offenen Augen war blicklos und erstorben, im Augenstern
blinkte tot ein kleiner greller Lichtreflex, wie in einem Stück Glas. Das
bleiche Gesicht war in sich versunken und ohne anderen Ausdruck als den
einer ungeheuren Starrheit, es sah aus wie eine uralte Tiermaske am Portal
eines Tempels. Er schien nicht zu atmen.
Erinnerung überschauerte mich — so, genau so hatte ich ihn schon
einmal gesehen, vor vielen Jahren, als ich noch ein kleiner Junge war. So
hatten die Augen nach innen gestarrt, so waren die Hände leblos
nebeneinander gelegen, eine Fliege war ihm übers Gesicht gewandert. Und
er hatte damals, vor vielleicht sechs Jahren, gerade so alt und so zeitlos
ausgesehen, keine Falte im Gesicht war heute anders.
Von einer Furcht überfallen ging ich leise aus dem Zimmer und die
Treppe hinab. In der Halle traf ich Frau Eva. Sie war bleich und schien
ermüdet, was ich an ihr nicht kannte, ein Schatten flog durchs Fenster, die
grelle weiße Sonne war plötzlich verschwunden.
„Ich war bei Max,“ flüsterte ich rasch. „Ist etwas geschehen? Er schläft,
oder ist versunken, ich weiß nicht, ich sah ihn früher schon einmal so.“
„Sie haben ihn doch nicht geweckt?“ fragte sie rasch.
„Nein. Er hat mich nicht gehört. Ich ging gleich wieder hinaus. Frau Eva,
sagen Sie mir, was ist mit ihm?“
Sie fuhr sich mit dem Rücken der Hand über die Stirn.
„Seien Sie ruhig, Sinclair, es geschieht ihm nichts. Er hat sich
zurückgezogen. Es wird nicht lange dauern.“
Sie stand auf und ging in den Garten hinaus, obwohl es eben zu regnen
anfing. Ich spürte, daß ich nicht mitkommen sollte. So ging ich in der Halle
auf und ab, roch an den betäubend duftenden Hyazinthen, starrte mein
Vogelbild über der Türe an und atmete mit Beklemmung den seltsamen
Schatten, von dem das Haus an diesem Morgen erfüllt war. Was war dies?
Was war geschehen?
Frau Eva kam bald zurück. Regentropfen hingen ihr im dunkeln Haar. Sie
setzte sich in ihren Lehnstuhl. Müdigkeit lag über ihr. Ich trat neben sie,
da, und schlug einen der Vorhänge zurück.
Da sah ich auf einem Schemel nahe beim verhängten Fenster Max
Demian sitzen, zusammengekauert und seltsam verändert, und wie ein Blitz
durchfuhr mich ein Gefühl: das hast du schon einmal erlebt! Er hatte die
Arme regungslos hängen, die Hände im Schoß, sein etwas vorgeneigtes
Gesicht mit offenen Augen war blicklos und erstorben, im Augenstern
blinkte tot ein kleiner greller Lichtreflex, wie in einem Stück Glas. Das
bleiche Gesicht war in sich versunken und ohne anderen Ausdruck als den
einer ungeheuren Starrheit, es sah aus wie eine uralte Tiermaske am Portal
eines Tempels. Er schien nicht zu atmen.
Erinnerung überschauerte mich — so, genau so hatte ich ihn schon
einmal gesehen, vor vielen Jahren, als ich noch ein kleiner Junge war. So
hatten die Augen nach innen gestarrt, so waren die Hände leblos
nebeneinander gelegen, eine Fliege war ihm übers Gesicht gewandert. Und
er hatte damals, vor vielleicht sechs Jahren, gerade so alt und so zeitlos
ausgesehen, keine Falte im Gesicht war heute anders.
Von einer Furcht überfallen ging ich leise aus dem Zimmer und die
Treppe hinab. In der Halle traf ich Frau Eva. Sie war bleich und schien
ermüdet, was ich an ihr nicht kannte, ein Schatten flog durchs Fenster, die
grelle weiße Sonne war plötzlich verschwunden.
„Ich war bei Max,“ flüsterte ich rasch. „Ist etwas geschehen? Er schläft,
oder ist versunken, ich weiß nicht, ich sah ihn früher schon einmal so.“
„Sie haben ihn doch nicht geweckt?“ fragte sie rasch.
„Nein. Er hat mich nicht gehört. Ich ging gleich wieder hinaus. Frau Eva,
sagen Sie mir, was ist mit ihm?“
Sie fuhr sich mit dem Rücken der Hand über die Stirn.
„Seien Sie ruhig, Sinclair, es geschieht ihm nichts. Er hat sich
zurückgezogen. Es wird nicht lange dauern.“
Sie stand auf und ging in den Garten hinaus, obwohl es eben zu regnen
anfing. Ich spürte, daß ich nicht mitkommen sollte. So ging ich in der Halle
auf und ab, roch an den betäubend duftenden Hyazinthen, starrte mein
Vogelbild über der Türe an und atmete mit Beklemmung den seltsamen
Schatten, von dem das Haus an diesem Morgen erfüllt war. Was war dies?
Was war geschehen?
Frau Eva kam bald zurück. Regentropfen hingen ihr im dunkeln Haar. Sie
setzte sich in ihren Lehnstuhl. Müdigkeit lag über ihr. Ich trat neben sie,
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beugte mich über sie und küßte die Tropfen aus ihrem Haar. Ihre Augen
waren hell und still, aber die Tropfen schmeckten mir wie Tränen.
„Soll ich nach ihm sehen?“ fragte ich flüsternd.
Sie lächelte schwach.
„Seien Sie kein kleiner Junge, Sinclair!“ ermahnte sie laut, wie um in
sich selber einen Bann zu brechen. „Gehen Sie jetzt, und kommen Sie
später wieder, ich kann jetzt nicht mit Ihnen reden.“
Ich ging und lief von Haus und Stadt hinweg gegen die Berge, der
schräge dünne Regen kam mir entgegen, die Wolken trieben niedrig unter
schwerem Druck wie in Angst vorüber. Unten ging kaum ein Wind, in der
Höhe schien es zu stürmen, mehrmals brach für Augenblicke die Sonne
bleich und grell aus dem stählernen Wolkengrau.
Da kam über den Himmel weg eine lockere gelbe Wolke getrieben, sie
staute sich gegen die graue Wand und der Wind formte in wenigen
Sekunden aus dem Gelben und dem Blauen ein Bild, einen riesengroßen
Vogel, der sich aus blauem Wirrwarr losriß und mit weiten Flügelschlägen
in den Himmel hinein verschwand. Dann wurde der Sturm hörbar, und
Regen prasselte mit Hagel vermischt herab. Ein kurzer, unwahrscheinlich
und schreckhaft tönender Donner krachte über der gepeitschten Landschaft,
gleich darauf brach wieder ein Sonnenblick durch und auf den nahen
Bergen überm braunen Wald leuchtete fahl und unwirklich der bleiche
Schnee.
Als ich naß und verblasen nach Stunden wiederkehrte, öffnete Demian
mir selbst die Haustür.
Er nahm mich mit sich in sein Zimmer hinauf, im Laboratorium brannte
eine Gasflamme, Papier lag umher, er schien gearbeitet zu haben.
„Setz dich,“ lud er ein, „du wirst müde sein, es war ein scheußliches
Wetter, man sieht, daß du tüchtig draußen warst. Tee kommt gleich.“
„Es ist heute etwas los,“ begann ich zögernd, „es kann nicht nur das
bißchen Gewitter sein.“
Er sah mich forschend an.
„Hast du etwas gesehen?“
„Ja. Ich sah in den Wolken einen Augenblick deutlich ein Bild.“
„Was für ein Bild?“
„Es war ein Vogel.“
„Der Sperber? War er’s? Dein Traumvogel?“
waren hell und still, aber die Tropfen schmeckten mir wie Tränen.
„Soll ich nach ihm sehen?“ fragte ich flüsternd.
Sie lächelte schwach.
„Seien Sie kein kleiner Junge, Sinclair!“ ermahnte sie laut, wie um in
sich selber einen Bann zu brechen. „Gehen Sie jetzt, und kommen Sie
später wieder, ich kann jetzt nicht mit Ihnen reden.“
Ich ging und lief von Haus und Stadt hinweg gegen die Berge, der
schräge dünne Regen kam mir entgegen, die Wolken trieben niedrig unter
schwerem Druck wie in Angst vorüber. Unten ging kaum ein Wind, in der
Höhe schien es zu stürmen, mehrmals brach für Augenblicke die Sonne
bleich und grell aus dem stählernen Wolkengrau.
Da kam über den Himmel weg eine lockere gelbe Wolke getrieben, sie
staute sich gegen die graue Wand und der Wind formte in wenigen
Sekunden aus dem Gelben und dem Blauen ein Bild, einen riesengroßen
Vogel, der sich aus blauem Wirrwarr losriß und mit weiten Flügelschlägen
in den Himmel hinein verschwand. Dann wurde der Sturm hörbar, und
Regen prasselte mit Hagel vermischt herab. Ein kurzer, unwahrscheinlich
und schreckhaft tönender Donner krachte über der gepeitschten Landschaft,
gleich darauf brach wieder ein Sonnenblick durch und auf den nahen
Bergen überm braunen Wald leuchtete fahl und unwirklich der bleiche
Schnee.
Als ich naß und verblasen nach Stunden wiederkehrte, öffnete Demian
mir selbst die Haustür.
Er nahm mich mit sich in sein Zimmer hinauf, im Laboratorium brannte
eine Gasflamme, Papier lag umher, er schien gearbeitet zu haben.
„Setz dich,“ lud er ein, „du wirst müde sein, es war ein scheußliches
Wetter, man sieht, daß du tüchtig draußen warst. Tee kommt gleich.“
„Es ist heute etwas los,“ begann ich zögernd, „es kann nicht nur das
bißchen Gewitter sein.“
Er sah mich forschend an.
„Hast du etwas gesehen?“
„Ja. Ich sah in den Wolken einen Augenblick deutlich ein Bild.“
„Was für ein Bild?“
„Es war ein Vogel.“
„Der Sperber? War er’s? Dein Traumvogel?“
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„Ja, es war mein Sperber. Er war gelb und riesengroß und flog in den
blauschwarzen Himmel hinein.“
Demian atmete tief auf.
Es klopfte. Die alte Dienerin brachte Tee.
„Nimm dir, Sinclair, bitte. — Ich glaube, du hast den Vogel nicht zufällig
gesehen?“
„Zufällig? Sieht man solche Sachen zufällig?“
„Gut, nein. Er bedeutet etwas. Weißt du was?“
„Nein. Ich spüre nur, daß es eine Erschütterung bedeutet, einen Schritt im
Schicksal. Ich glaube, es geht uns alle an.“
Er ging heftig auf und ab.
„Einen Schritt im Schicksal!“ rief er laut.
„Dasselbe habe ich heut nacht geträumt, und meine Mutter hatte gestern
eine Ahnung, die sagte das Gleiche. — Mir hat geträumt, ich stieg eine
Leiter hinauf, an einem Baumstamm oder Turm. Als ich oben war, sah ich
das ganze Land, es war eine große Ebene, mit Städten und Dörfern brennen.
Ich kann noch nicht alles erzählen, es ist mir noch nicht alles klar.“
„Deutest du den Traum auf dich?“ fragte ich.
„Auf mich? Natürlich. Niemand träumt, was ihn nicht angeht. Aber es
geht mich nicht allein an, da hast du recht. Ich unterscheide ziemlich genau
die Träume, die mir Bewegungen in der eigenen Seele anzeigen, und die
anderen, sehr seltenen, in denen das ganze Menschenschicksal sich
andeutet. Ich habe selten solche Träume gehabt, und nie einen, von dem ich
sagen könnte, er sei eine Prophezeiung gewesen und in Erfüllung gegangen.
Die Deutungen sind zu ungewiß. Aber das weiß ich bestimmt, ich habe
etwas geträumt, was nicht mich allein angeht. Der Traum gehört nämlich zu
anderen, früheren, die ich hatte und die er fortsetzt. Diese Träume sind es,
Sinclair, aus denen ich die Ahnungen habe, von denen ich dir schon sprach.
Daß unsre Welt recht faul ist, wissen wir, das wäre noch kein Grund, ihren
Untergang oder dergleichen zu prophezeien. Aber ich habe seit mehreren
Jahren Träume gehabt, aus denen ich schließe, oder fühle, oder wie du
willst — aus denen ich also fühle, daß der Zusammenbruch einer alten Welt
näher rückt. Es waren zuerst ganz schwache, entfernte Ahnungen, aber sie
sind immer deutlicher und stärker geworden. Noch weiß ich nichts andres,
als daß etwas Großes und Furchtbares im Anzug ist, das mich mit betrifft.
Sinclair, wir werden das erleben, wovon wir manchmal gesprochen haben!
Die Welt will sich erneuern. Es riecht nach Tod. Nichts Neues kommt ohne
blauschwarzen Himmel hinein.“
Demian atmete tief auf.
Es klopfte. Die alte Dienerin brachte Tee.
„Nimm dir, Sinclair, bitte. — Ich glaube, du hast den Vogel nicht zufällig
gesehen?“
„Zufällig? Sieht man solche Sachen zufällig?“
„Gut, nein. Er bedeutet etwas. Weißt du was?“
„Nein. Ich spüre nur, daß es eine Erschütterung bedeutet, einen Schritt im
Schicksal. Ich glaube, es geht uns alle an.“
Er ging heftig auf und ab.
„Einen Schritt im Schicksal!“ rief er laut.
„Dasselbe habe ich heut nacht geträumt, und meine Mutter hatte gestern
eine Ahnung, die sagte das Gleiche. — Mir hat geträumt, ich stieg eine
Leiter hinauf, an einem Baumstamm oder Turm. Als ich oben war, sah ich
das ganze Land, es war eine große Ebene, mit Städten und Dörfern brennen.
Ich kann noch nicht alles erzählen, es ist mir noch nicht alles klar.“
„Deutest du den Traum auf dich?“ fragte ich.
„Auf mich? Natürlich. Niemand träumt, was ihn nicht angeht. Aber es
geht mich nicht allein an, da hast du recht. Ich unterscheide ziemlich genau
die Träume, die mir Bewegungen in der eigenen Seele anzeigen, und die
anderen, sehr seltenen, in denen das ganze Menschenschicksal sich
andeutet. Ich habe selten solche Träume gehabt, und nie einen, von dem ich
sagen könnte, er sei eine Prophezeiung gewesen und in Erfüllung gegangen.
Die Deutungen sind zu ungewiß. Aber das weiß ich bestimmt, ich habe
etwas geträumt, was nicht mich allein angeht. Der Traum gehört nämlich zu
anderen, früheren, die ich hatte und die er fortsetzt. Diese Träume sind es,
Sinclair, aus denen ich die Ahnungen habe, von denen ich dir schon sprach.
Daß unsre Welt recht faul ist, wissen wir, das wäre noch kein Grund, ihren
Untergang oder dergleichen zu prophezeien. Aber ich habe seit mehreren
Jahren Träume gehabt, aus denen ich schließe, oder fühle, oder wie du
willst — aus denen ich also fühle, daß der Zusammenbruch einer alten Welt
näher rückt. Es waren zuerst ganz schwache, entfernte Ahnungen, aber sie
sind immer deutlicher und stärker geworden. Noch weiß ich nichts andres,
als daß etwas Großes und Furchtbares im Anzug ist, das mich mit betrifft.
Sinclair, wir werden das erleben, wovon wir manchmal gesprochen haben!
Die Welt will sich erneuern. Es riecht nach Tod. Nichts Neues kommt ohne
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Tod. — Es ist schrecklicher, als ich gedacht hatte.“ Erschrocken starrte ich
ihn an.
„Kannst du mir den Rest deines Traumes nicht erzählen?“ bat ich
schüchtern.
Er schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Die Türe ging und Frau Eva kam herein.
„Da sitzet ihr beieinander! Kinder, ihr werdet doch nicht traurig sein?“
Sie sah frisch und gar nicht mehr müde aus. Demian lächelte ihr zu, sie
kam zu uns wie die Mutter zu verängstigten Kindern.
„Traurig sind wir nicht, Mutter, wir haben bloß ein wenig an diesen
neuen Zeichen gerätselt. Aber es liegt ja nichts daran. Plötzlich wird das,
was kommen will, da sein, und dann werden wir das, was wir zu wissen
brauchen, schon erfahren.“
Mir aber war schlecht zumut, und als ich Abschied nahm und allein durch
die Halle ging, empfand ich den Hyazinthenduft welk, fad und leichenhaft.
Es war ein Schatten über uns gefallen.
ihn an.
„Kannst du mir den Rest deines Traumes nicht erzählen?“ bat ich
schüchtern.
Er schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Die Türe ging und Frau Eva kam herein.
„Da sitzet ihr beieinander! Kinder, ihr werdet doch nicht traurig sein?“
Sie sah frisch und gar nicht mehr müde aus. Demian lächelte ihr zu, sie
kam zu uns wie die Mutter zu verängstigten Kindern.
„Traurig sind wir nicht, Mutter, wir haben bloß ein wenig an diesen
neuen Zeichen gerätselt. Aber es liegt ja nichts daran. Plötzlich wird das,
was kommen will, da sein, und dann werden wir das, was wir zu wissen
brauchen, schon erfahren.“
Mir aber war schlecht zumut, und als ich Abschied nahm und allein durch
die Halle ging, empfand ich den Hyazinthenduft welk, fad und leichenhaft.
Es war ein Schatten über uns gefallen.
Page 125
Achtes Kapitel
Anfang vom Ende
I ch hatte es durchgesetzt, noch das Sommersemester in H. bleiben zu
können. Statt im Hause, waren wir nun fast immer im Garten am Fluß.
Der Japaner, der übrigens im Ringkampf richtig verloren hatte, war fort,
auch der Tolstoimann fehlte. Demian hielt sich ein Pferd und ritt Tag für
Tag mit Ausdauer. Ich war oft mit seiner Mutter allein.
Zuweilen wunderte ich mich über die Friedlichkeit meines Lebens. Ich
war so lang gewohnt, allein zu sein, Verzicht zu üben, mich mühsam mit
meinen Qualen herumzuschlagen, daß diese Monate in H. mir wie eine
Trauminsel vorkamen, auf der ich bequem und verzaubert nur in schönen,
angenehmen Dingen und Gefühlen leben durfte. Ich ahnte, daß dies der
Vorklang jener neuen, höheren Gemeinschaft sei, an die wir dachten. Und je
und je ergriff mich über dies Glück eine tiefe Trauer, denn ich wußte wohl,
es konnte nicht von Dauer sein. Mir war nicht beschieden, in Fülle und
Behagen zu atmen, ich brauchte Qual und Hetze. Ich spürte: eines Tages
würde ich aus diesen schönen Liebesbildern erwachen und wieder allein
stehen, ganz allein, in der kalten Welt der anderen, wo für mich nur
Einsamkeit oder Kampf war, kein Friede, kein Mitleben.
Dann schmiegte ich mich mit doppelter Zärtlichkeit in die Nähe der Frau
Eva, froh darüber, daß mein Schicksal noch immer diese schönen, stillen
Züge trug.
Die Sommerwochen vergingen schnell und leicht, das Semester war
schon im Ausklingen. Der Abschied stand bald bevor, ich durfte nicht daran
denken, und tat es auch nicht, sondern hing an den schönen Tagen wie ein
Falter an der Honigblume. Das war nun meine Glückszeit gewesen, die
erste Erfüllung meines Lebens und meine Aufnahme in den Bund — was
würde dann kommen? Ich würde wieder mich durchkämpfen, Sehnsucht
leiden, Träume haben, allein sein.
Anfang vom Ende
I ch hatte es durchgesetzt, noch das Sommersemester in H. bleiben zu
können. Statt im Hause, waren wir nun fast immer im Garten am Fluß.
Der Japaner, der übrigens im Ringkampf richtig verloren hatte, war fort,
auch der Tolstoimann fehlte. Demian hielt sich ein Pferd und ritt Tag für
Tag mit Ausdauer. Ich war oft mit seiner Mutter allein.
Zuweilen wunderte ich mich über die Friedlichkeit meines Lebens. Ich
war so lang gewohnt, allein zu sein, Verzicht zu üben, mich mühsam mit
meinen Qualen herumzuschlagen, daß diese Monate in H. mir wie eine
Trauminsel vorkamen, auf der ich bequem und verzaubert nur in schönen,
angenehmen Dingen und Gefühlen leben durfte. Ich ahnte, daß dies der
Vorklang jener neuen, höheren Gemeinschaft sei, an die wir dachten. Und je
und je ergriff mich über dies Glück eine tiefe Trauer, denn ich wußte wohl,
es konnte nicht von Dauer sein. Mir war nicht beschieden, in Fülle und
Behagen zu atmen, ich brauchte Qual und Hetze. Ich spürte: eines Tages
würde ich aus diesen schönen Liebesbildern erwachen und wieder allein
stehen, ganz allein, in der kalten Welt der anderen, wo für mich nur
Einsamkeit oder Kampf war, kein Friede, kein Mitleben.
Dann schmiegte ich mich mit doppelter Zärtlichkeit in die Nähe der Frau
Eva, froh darüber, daß mein Schicksal noch immer diese schönen, stillen
Züge trug.
Die Sommerwochen vergingen schnell und leicht, das Semester war
schon im Ausklingen. Der Abschied stand bald bevor, ich durfte nicht daran
denken, und tat es auch nicht, sondern hing an den schönen Tagen wie ein
Falter an der Honigblume. Das war nun meine Glückszeit gewesen, die
erste Erfüllung meines Lebens und meine Aufnahme in den Bund — was
würde dann kommen? Ich würde wieder mich durchkämpfen, Sehnsucht
leiden, Träume haben, allein sein.
Page 126
An einem dieser Tage überkam mich dies Vorgefühl so stark, daß meine
Liebe zu Frau Eva plötzlich schmerzlich aufflammte. Mein Gott, wie bald,
dann sah ich sie nicht mehr, hörte nicht mehr ihren festen guten Schritt
durchs Haus, fand nicht mehr ihre Blumen auf meinem Tisch! Und was
hatte ich erreicht? Ich hatte geträumt und mich in Behagen gewiegt, statt sie
zu gewinnen, statt um sie zu kämpfen und sie für immer an mich zu reißen!
Alles, was sie mir je über die echte Liebe gesagt hatte, fiel mir ein, hundert
feine, mahnende Worte, hundert leise Lockungen, Versprechungen
vielleicht — was hatte ich daraus gemacht? Nichts! Nichts!
Ich stellte mich mitten in meinem Zimmer auf, faßte mein ganzes
Bewußtsein zusammen und dachte an Eva. Ich wollte die Kräfte meiner
Seele zusammennehmen, um sie meine Liebe fühlen zu lassen, um sie zu
mir her zu ziehen. Sie mußte kommen und meine Umarmung ersehnen,
mein Kuß mußte unersättlich in ihren reifen Liebeslippen wühlen.
Ich stand und spannte mich an, bis ich von den Fingern und Füßen her
kalt wurde. Ich fühlte, daß Kraft von mir ausging. Für einige Augenblicke
zog sich etwas in mir fest und eng zusammen, etwas Helles und Kühles; ich
hatte einen Augenblick die Empfindung, ich trage einen Kristall im Herzen,
und ich wußte, das war mein Ich. Die Kälte stieg mir bis zur Brust.
Als ich aus der furchtbaren Anspannung erwachte, fühlte ich, daß etwas
käme. Ich war zu Tode erschöpft, aber ich war bereit, Eva ins Zimmer treten
zu sehen, brennend und entzückt.
Hufgetrappel hämmerte jetzt die lange Straße heran, klang nah und hart,
hielt plötzlich an. Ich sprang ans Fenster. Unten stieg Demian vom Pferde.
Ich lief hinab.
„Was ist los, Demian? Es ist doch deiner Mutter nichts passiert?“
Er hörte nicht auf meine Worte. Er war sehr bleich, und Schweiß rann zu
beiden Seiten von seiner Stirn über die Wangen. Er band die Zügel seines
erhitzten Pferdes an den Gartenzaun, nahm meinen Arm und ging mit mir
die Straße hinab.
„Weißt du schon etwas?“
Ich wußte nichts.
Demian drückte meinen Arm und wandte mir das Gesicht zu, mit einem
dunklen, mitleidigen, sonderbaren Blick.
„Ja, mein Junge, es geht nun los. Du wußtest ja von der großen Spannung
mit Rußland —“
„Was? Gibt es Krieg? Ich habe nie daran geglaubt.“
Liebe zu Frau Eva plötzlich schmerzlich aufflammte. Mein Gott, wie bald,
dann sah ich sie nicht mehr, hörte nicht mehr ihren festen guten Schritt
durchs Haus, fand nicht mehr ihre Blumen auf meinem Tisch! Und was
hatte ich erreicht? Ich hatte geträumt und mich in Behagen gewiegt, statt sie
zu gewinnen, statt um sie zu kämpfen und sie für immer an mich zu reißen!
Alles, was sie mir je über die echte Liebe gesagt hatte, fiel mir ein, hundert
feine, mahnende Worte, hundert leise Lockungen, Versprechungen
vielleicht — was hatte ich daraus gemacht? Nichts! Nichts!
Ich stellte mich mitten in meinem Zimmer auf, faßte mein ganzes
Bewußtsein zusammen und dachte an Eva. Ich wollte die Kräfte meiner
Seele zusammennehmen, um sie meine Liebe fühlen zu lassen, um sie zu
mir her zu ziehen. Sie mußte kommen und meine Umarmung ersehnen,
mein Kuß mußte unersättlich in ihren reifen Liebeslippen wühlen.
Ich stand und spannte mich an, bis ich von den Fingern und Füßen her
kalt wurde. Ich fühlte, daß Kraft von mir ausging. Für einige Augenblicke
zog sich etwas in mir fest und eng zusammen, etwas Helles und Kühles; ich
hatte einen Augenblick die Empfindung, ich trage einen Kristall im Herzen,
und ich wußte, das war mein Ich. Die Kälte stieg mir bis zur Brust.
Als ich aus der furchtbaren Anspannung erwachte, fühlte ich, daß etwas
käme. Ich war zu Tode erschöpft, aber ich war bereit, Eva ins Zimmer treten
zu sehen, brennend und entzückt.
Hufgetrappel hämmerte jetzt die lange Straße heran, klang nah und hart,
hielt plötzlich an. Ich sprang ans Fenster. Unten stieg Demian vom Pferde.
Ich lief hinab.
„Was ist los, Demian? Es ist doch deiner Mutter nichts passiert?“
Er hörte nicht auf meine Worte. Er war sehr bleich, und Schweiß rann zu
beiden Seiten von seiner Stirn über die Wangen. Er band die Zügel seines
erhitzten Pferdes an den Gartenzaun, nahm meinen Arm und ging mit mir
die Straße hinab.
„Weißt du schon etwas?“
Ich wußte nichts.
Demian drückte meinen Arm und wandte mir das Gesicht zu, mit einem
dunklen, mitleidigen, sonderbaren Blick.
„Ja, mein Junge, es geht nun los. Du wußtest ja von der großen Spannung
mit Rußland —“
„Was? Gibt es Krieg? Ich habe nie daran geglaubt.“
Page 127
Er sprach leise, obwohl kein Mensch in der Nähe war.
„Er ist noch nicht erklärt. Aber es gibt Krieg. Verlaß dich drauf. Ich habe
dich seither mit der Sache nicht mehr belästigt, aber ich habe seit damals
dreimal neue Anzeichen gesehen. Es wird also kein Weltuntergang, kein
Erdbeben, keine Revolution. Es wird Krieg. Du wirst sehen, wie das
einschlägt! Es wird den Leuten eine Wonne sein, schon jetzt freut sich jeder
aufs Losschlagen. So fad ist ihnen das Leben geworden. — Aber du wirst
sehen, Sinclair, das ist nur der Anfang. Es wird vielleicht ein großer Krieg
werden, ein sehr großer Krieg. Aber auch das ist bloß der Anfang. Das Neue
beginnt, und das Neue wird für die, die am Alten hängen, entsetzlich sein.
Was wirst du tun?“
Ich war bestürzt, es klang mir alles noch fremd und unwahrscheinlich.
„Ich weiß nicht — und du?“
Er zuckte die Achseln.
„Sobald mobilisiert wird, rücke ich ein. Ich bin Leutnant.“
„Du? Davon wußte ich kein Wort.“
„Ja, es war eine von meinen Anpassungen. Du weißt, ich bin nach außen
nie gern aufgefallen und habe immer eher etwas zuviel getan, um korrekt zu
sein. Ich stehe, glaube ich, in acht Tagen schon im Felde —“
„Um Gottes willen —“
„Na, Junge, sentimental mußt du das nicht auffassen. Es wird mir ja im
Grunde kein Vergnügen machen, Gewehrfeuer auf lebende Menschen zu
kommandieren, aber das wird nebensächlich sein. Es wird jetzt jeder von
uns in das große Rad hineinkommen. Du auch. Du wirst sicher ausgehoben
werden.“
„Und deine Mutter, Demian?“
Erst jetzt besann ich mich wieder auf das, was vor einer Viertelstunde
gewesen war. Wie hatte sich die Welt verwandelt! Alle Kraft hatte ich
zusammengerissen, um das süßeste Bild zu beschwören, und nun sah mich
das Schicksal plötzlich neu aus einer drohend grauenhaften Maske an.
„Meine Mutter? Ach, um die brauchen wir keine Sorge zu haben. Sie ist
sicher, sicherer als irgend jemand es heute auf der Welt ist. — Du liebst sie
so sehr?“
„Du wußtest es, Demian?“ Er lachte hell und ganz befreit.
„Kleiner Junge! Natürlich wußte ich’s. Es hat noch niemand zu meiner
Mutter Frau Eva gesagt, ohne sie zu lieben. Übrigens, wie war das? Du hast
sie oder mich heut gerufen, nicht?“
„Er ist noch nicht erklärt. Aber es gibt Krieg. Verlaß dich drauf. Ich habe
dich seither mit der Sache nicht mehr belästigt, aber ich habe seit damals
dreimal neue Anzeichen gesehen. Es wird also kein Weltuntergang, kein
Erdbeben, keine Revolution. Es wird Krieg. Du wirst sehen, wie das
einschlägt! Es wird den Leuten eine Wonne sein, schon jetzt freut sich jeder
aufs Losschlagen. So fad ist ihnen das Leben geworden. — Aber du wirst
sehen, Sinclair, das ist nur der Anfang. Es wird vielleicht ein großer Krieg
werden, ein sehr großer Krieg. Aber auch das ist bloß der Anfang. Das Neue
beginnt, und das Neue wird für die, die am Alten hängen, entsetzlich sein.
Was wirst du tun?“
Ich war bestürzt, es klang mir alles noch fremd und unwahrscheinlich.
„Ich weiß nicht — und du?“
Er zuckte die Achseln.
„Sobald mobilisiert wird, rücke ich ein. Ich bin Leutnant.“
„Du? Davon wußte ich kein Wort.“
„Ja, es war eine von meinen Anpassungen. Du weißt, ich bin nach außen
nie gern aufgefallen und habe immer eher etwas zuviel getan, um korrekt zu
sein. Ich stehe, glaube ich, in acht Tagen schon im Felde —“
„Um Gottes willen —“
„Na, Junge, sentimental mußt du das nicht auffassen. Es wird mir ja im
Grunde kein Vergnügen machen, Gewehrfeuer auf lebende Menschen zu
kommandieren, aber das wird nebensächlich sein. Es wird jetzt jeder von
uns in das große Rad hineinkommen. Du auch. Du wirst sicher ausgehoben
werden.“
„Und deine Mutter, Demian?“
Erst jetzt besann ich mich wieder auf das, was vor einer Viertelstunde
gewesen war. Wie hatte sich die Welt verwandelt! Alle Kraft hatte ich
zusammengerissen, um das süßeste Bild zu beschwören, und nun sah mich
das Schicksal plötzlich neu aus einer drohend grauenhaften Maske an.
„Meine Mutter? Ach, um die brauchen wir keine Sorge zu haben. Sie ist
sicher, sicherer als irgend jemand es heute auf der Welt ist. — Du liebst sie
so sehr?“
„Du wußtest es, Demian?“ Er lachte hell und ganz befreit.
„Kleiner Junge! Natürlich wußte ich’s. Es hat noch niemand zu meiner
Mutter Frau Eva gesagt, ohne sie zu lieben. Übrigens, wie war das? Du hast
sie oder mich heut gerufen, nicht?“
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„Ja, ich habe gerufen — — Ich rief nach Frau Eva.“
„Sie hat es gespürt. Sie schickte mich plötzlich weg, ich müsse zu dir. Ich
hatte ihr eben die Nachrichten über Rußland erzählt.“
Wir kehrten um und sprachen wenig mehr, er machte sein Pferd los und
stieg auf.
In meinem Zimmer oben spürte ich erst, wie erschöpft ich war, von
Demians Botschaft und noch viel mehr von der vorherigen Anspannung.
Aber Frau Eva hatte mich gehört! Ich hatte sie mit meinen Gedanken im
Herzen erreicht. Sie wäre selbst gekommen — wenn nicht — — Wie
sonderbar war dies alles, und wie schön im Grunde! Nun sollte ein Krieg
kommen. Nun sollte das zu geschehen beginnen, was wir oft und oft
geredet hatten. Und Demian hatte so viel davon vorausgewußt. Wie seltsam,
daß jetzt der Strom der Welt nicht mehr irgendwo an uns vorbei laufen
sollte —, daß er jetzt plötzlich mitten durch unsere Herzen ging, daß
Abenteuer und wilde Schicksale uns riefen, und daß jetzt oder bald der
Augenblick da war, wo die Welt uns brauchte, wo sie sich verwandeln
wollte. Demian hatte recht, sentimental war das nicht zu nehmen.
Merkwürdig war nur, daß ich nun die so einsame Angelegenheit
„Schicksal“ mit so vielen, mit der ganzen Welt gemeinsam erleben sollte.
Gut denn!
Ich war bereit. Am Abend, als ich durch die Stadt ging, brausten alle
Winkel von der großen Erregung. Überall das Wort „Krieg“!
Ich kam in Frau Evas Haus, wir aßen im Gartenhäuschen zu Abend. Ich
war der einzige Gast. Niemand sprach ein Wort von Krieg. Nur spät, kurz
ehe ich wegging, sagte Frau Eva: „Lieber Sinclair, Sie haben mich heut
gerufen. Sie wissen, warum ich nicht selbst kam. Aber vergessen Sie nicht:
Sie kennen jetzt den Ruf, und wann immer Sie jemand brauchen, der das
Zeichen trägt, dann rufen Sie wieder!“
Sie erhob sich und ging durch die Gartendämmerung voraus. Groß und
fürstlich schritt die Geheimnisvolle zwischen den schweigenden Bäumen,
und über ihrem Haupt glommen klein und zart die vielen Sterne.
Ich komme zum Ende. Die Dinge gingen ihren raschen Weg. Bald war
Krieg und Demian, wunderlich fremd in der Uniform mit dem silbergrauen
Mantel, fuhr davon. Ich brachte seine Mutter nach Hause zurück. Bald
nahm auch ich Abschied von ihr, sie küßte mich auf den Mund und hielt
mich einen Augenblick an ihrer Brust, und ihre großen Augen brannten nah
und fest in meine.
„Sie hat es gespürt. Sie schickte mich plötzlich weg, ich müsse zu dir. Ich
hatte ihr eben die Nachrichten über Rußland erzählt.“
Wir kehrten um und sprachen wenig mehr, er machte sein Pferd los und
stieg auf.
In meinem Zimmer oben spürte ich erst, wie erschöpft ich war, von
Demians Botschaft und noch viel mehr von der vorherigen Anspannung.
Aber Frau Eva hatte mich gehört! Ich hatte sie mit meinen Gedanken im
Herzen erreicht. Sie wäre selbst gekommen — wenn nicht — — Wie
sonderbar war dies alles, und wie schön im Grunde! Nun sollte ein Krieg
kommen. Nun sollte das zu geschehen beginnen, was wir oft und oft
geredet hatten. Und Demian hatte so viel davon vorausgewußt. Wie seltsam,
daß jetzt der Strom der Welt nicht mehr irgendwo an uns vorbei laufen
sollte —, daß er jetzt plötzlich mitten durch unsere Herzen ging, daß
Abenteuer und wilde Schicksale uns riefen, und daß jetzt oder bald der
Augenblick da war, wo die Welt uns brauchte, wo sie sich verwandeln
wollte. Demian hatte recht, sentimental war das nicht zu nehmen.
Merkwürdig war nur, daß ich nun die so einsame Angelegenheit
„Schicksal“ mit so vielen, mit der ganzen Welt gemeinsam erleben sollte.
Gut denn!
Ich war bereit. Am Abend, als ich durch die Stadt ging, brausten alle
Winkel von der großen Erregung. Überall das Wort „Krieg“!
Ich kam in Frau Evas Haus, wir aßen im Gartenhäuschen zu Abend. Ich
war der einzige Gast. Niemand sprach ein Wort von Krieg. Nur spät, kurz
ehe ich wegging, sagte Frau Eva: „Lieber Sinclair, Sie haben mich heut
gerufen. Sie wissen, warum ich nicht selbst kam. Aber vergessen Sie nicht:
Sie kennen jetzt den Ruf, und wann immer Sie jemand brauchen, der das
Zeichen trägt, dann rufen Sie wieder!“
Sie erhob sich und ging durch die Gartendämmerung voraus. Groß und
fürstlich schritt die Geheimnisvolle zwischen den schweigenden Bäumen,
und über ihrem Haupt glommen klein und zart die vielen Sterne.
Ich komme zum Ende. Die Dinge gingen ihren raschen Weg. Bald war
Krieg und Demian, wunderlich fremd in der Uniform mit dem silbergrauen
Mantel, fuhr davon. Ich brachte seine Mutter nach Hause zurück. Bald
nahm auch ich Abschied von ihr, sie küßte mich auf den Mund und hielt
mich einen Augenblick an ihrer Brust, und ihre großen Augen brannten nah
und fest in meine.
Page 129
Und alle Menschen waren wie verbrüdert. Sie meinten das Vaterland und
die Ehre. Aber es war das Schicksal, dem sie alle einen Augenblick in das
unverhüllte Gesicht schauten. Junge Männer kamen aus Kasernen, stiegen
in Bahnzüge, und auf vielen Gesichtern sah ich ein Zeichen — nicht das
unsre — ein schönes und würdevolles Zeichen, das Liebe und Tod
bedeutete. Auch ich wurde von Menschen umarmt, die ich nie gesehen
hatte, und ich verstand es und erwiderte es gerne. Es war ein Rausch, in
dem sie es taten, kein Schicksalswille, aber der Rausch war heilig, er rührte
daher, daß sie alle diesen kurzen, aufrüttelnden Blick in die Augen des
Schicksals getan hatten.
Es war schon beinahe Winter, als ich ins Feld kam.
Im Anfang war ich, trotz der Sensationen der Schießerei, von allem
enttäuscht. Früher hatte ich viel darüber nachgedacht, warum so äußerst
selten ein Mensch für ein Ideal zu leben vermöge. Jetzt sah ich, daß viele, ja
alle Menschen fähig sind, für ein Ideal zu sterben. Nur durfte es kein
persönliches, kein freies, kein gewähltes Ideal sein, es mußte ein
gemeinsames und übernommenes sein.
Mit der Zeit sah ich aber, daß ich die Menschen unterschätzt hatte. So
sehr der Dienst und die gemeinsame Gefahr sie uniformierte, ich sah doch
viele, Lebende und Sterbende, sich dem Schicksalswillen prachtvoll nähern.
Viele, sehr viele hatten nicht nur beim Angriff, sondern zu jeder Zeit den
festen, fernen, ein wenig wie besessenen Blick, der nichts von Zielen weiß
und volles Hingegebensein an das Ungeheure bedeutet. Mochten diese
glauben und meinen, was immer sie wollten — sie waren bereit, sie waren
brauchbar, aus ihnen würde sich Zukunft formen lassen. Und je starrer die
Welt auf Krieg und Heldentum, auf Ehre und andre alte Ideale eingestellt
schien, je ferner und unwahrscheinlicher jede Stimme scheinbarer
Menschlichkeit klang, dies war alles nur die Oberfläche, ebenso wie die
Frage nach den äußeren und politischen Zielen des Krieges nur Oberfläche
blieb. In der Tiefe war etwas im Werden. Etwas wie eine neue
Menschlichkeit. Denn viele konnte ich sehen, und mancher von ihnen starb
an meiner Seite — denen war gefühlhaft die Einsicht geworden, daß Haß
und Wut, Totschlagen und Vernichten nicht an die Objekte geknüpft waren.
Nein, die Objekte, ebenso wie die Ziele, waren ganz zufällig. Die
Urgefühle, auch die wildesten, galten nicht dem Feinde, ihr blutiges Werk
war nur Ausstrahlung des Innern, der in sich zerspaltenen Seele, welche
rasen und töten, vernichten und sterben wollte, um neu geboren werden zu
die Ehre. Aber es war das Schicksal, dem sie alle einen Augenblick in das
unverhüllte Gesicht schauten. Junge Männer kamen aus Kasernen, stiegen
in Bahnzüge, und auf vielen Gesichtern sah ich ein Zeichen — nicht das
unsre — ein schönes und würdevolles Zeichen, das Liebe und Tod
bedeutete. Auch ich wurde von Menschen umarmt, die ich nie gesehen
hatte, und ich verstand es und erwiderte es gerne. Es war ein Rausch, in
dem sie es taten, kein Schicksalswille, aber der Rausch war heilig, er rührte
daher, daß sie alle diesen kurzen, aufrüttelnden Blick in die Augen des
Schicksals getan hatten.
Es war schon beinahe Winter, als ich ins Feld kam.
Im Anfang war ich, trotz der Sensationen der Schießerei, von allem
enttäuscht. Früher hatte ich viel darüber nachgedacht, warum so äußerst
selten ein Mensch für ein Ideal zu leben vermöge. Jetzt sah ich, daß viele, ja
alle Menschen fähig sind, für ein Ideal zu sterben. Nur durfte es kein
persönliches, kein freies, kein gewähltes Ideal sein, es mußte ein
gemeinsames und übernommenes sein.
Mit der Zeit sah ich aber, daß ich die Menschen unterschätzt hatte. So
sehr der Dienst und die gemeinsame Gefahr sie uniformierte, ich sah doch
viele, Lebende und Sterbende, sich dem Schicksalswillen prachtvoll nähern.
Viele, sehr viele hatten nicht nur beim Angriff, sondern zu jeder Zeit den
festen, fernen, ein wenig wie besessenen Blick, der nichts von Zielen weiß
und volles Hingegebensein an das Ungeheure bedeutet. Mochten diese
glauben und meinen, was immer sie wollten — sie waren bereit, sie waren
brauchbar, aus ihnen würde sich Zukunft formen lassen. Und je starrer die
Welt auf Krieg und Heldentum, auf Ehre und andre alte Ideale eingestellt
schien, je ferner und unwahrscheinlicher jede Stimme scheinbarer
Menschlichkeit klang, dies war alles nur die Oberfläche, ebenso wie die
Frage nach den äußeren und politischen Zielen des Krieges nur Oberfläche
blieb. In der Tiefe war etwas im Werden. Etwas wie eine neue
Menschlichkeit. Denn viele konnte ich sehen, und mancher von ihnen starb
an meiner Seite — denen war gefühlhaft die Einsicht geworden, daß Haß
und Wut, Totschlagen und Vernichten nicht an die Objekte geknüpft waren.
Nein, die Objekte, ebenso wie die Ziele, waren ganz zufällig. Die
Urgefühle, auch die wildesten, galten nicht dem Feinde, ihr blutiges Werk
war nur Ausstrahlung des Innern, der in sich zerspaltenen Seele, welche
rasen und töten, vernichten und sterben wollte, um neu geboren werden zu
Page 130
können. Es kämpfte sich ein Riesenvogel aus dem Ei, und das Ei war die
Welt, und die Welt mußte in Trümmer gehen.
Vor dem Gehöfte, das wir besetzt hatten, stand ich in einer
Vorfrühlingsnacht auf Wache. In launischen Stößen ging ein schlapper
Wind, über den hohen flandrischen Himmel ritten Wolkenheere, irgendwo
dahinter eine Ahnung von Mond. Schon den ganzen Tag war ich in Unruhe
gewesen, irgendeine Sorge störte mich. Jetzt, auf meinem dunklen Posten,
dachte ich mit Innigkeit an die Bilder meines bisherigen Lebens, an Frau
Eva, an Demian. Ich stand an eine Pappel gelehnt und starrte in den
bewegten Himmel, dessen heimlich zuckende Helligkeiten bald zu großen,
quellenden Bilderfolgen wurden. Ich spürte an der seltsamen Dünne meines
Pulses, an der Unempfindlichkeit meiner Haut gegen Wind und Regen, an
der funkelnden inneren Wachheit, daß ein Führer um mich sei.
In den Wolken war eine große Stadt zu sehen, aus der strömten Millionen
von Menschen hervor, die verbreiteten sich in Schwärmen über weite
Landschaften. Mitten unter sie trat eine mächtige Göttergestalt, funkelnde
Sterne im Haar, groß wie ein Gebirge, mit den Zügen der Frau Eva. In sie
hinein verschwanden die Züge der Menschen, wie in eine riesige Höhle,
und waren weg. Die Göttin kauerte sich am Boden nieder, hell schimmerte
das Mal auf ihrer Stirn. Ein Traum schien Gewalt über sie zu haben, sie
schloß die Augen und ihr großes Antlitz verzog sich in Weh. Plötzlich schrie
sie hell auf, und aus ihrer Stirn sprangen Sterne, viele tausend leuchtende
Sterne, die schwangen sich in herrlichen Bogen und Halbkreisen über den
schwarzen Himmel.
Einer von den Sternen brauste mit hellem Klang gerade zu mir her,
schien mich zu suchen. — Da krachte er brüllend in tausend Funken
auseinander, es riß mich empor und warf mich wieder zu Boden, donnernd
brach die Welt über mir zusammen.
Man fand mich nahe bei der Pappel, mit Erde bedeckt und mit vielen
Wunden.
Ich lag in einem Keller, Geschütze brummten über mir. Ich lag in einem
Wagen und holperte über leere Felder. Meistens schlief ich oder war ohne
Bewußtsein. Aber je tiefer ich schlief, desto heftiger empfand ich, daß
etwas mich zog, daß ich einer Kraft folgte, die über mich Herr war.
Ich lag in einem Stall auf Stroh, es war dunkel, jemand war mir auf die
Hand getreten. Aber mein Inneres wollte weiter, stärker zog es mich weg.
Wieder lag ich auf einem Wagen, und später auf einer Bahre oder Leiter,
Welt, und die Welt mußte in Trümmer gehen.
Vor dem Gehöfte, das wir besetzt hatten, stand ich in einer
Vorfrühlingsnacht auf Wache. In launischen Stößen ging ein schlapper
Wind, über den hohen flandrischen Himmel ritten Wolkenheere, irgendwo
dahinter eine Ahnung von Mond. Schon den ganzen Tag war ich in Unruhe
gewesen, irgendeine Sorge störte mich. Jetzt, auf meinem dunklen Posten,
dachte ich mit Innigkeit an die Bilder meines bisherigen Lebens, an Frau
Eva, an Demian. Ich stand an eine Pappel gelehnt und starrte in den
bewegten Himmel, dessen heimlich zuckende Helligkeiten bald zu großen,
quellenden Bilderfolgen wurden. Ich spürte an der seltsamen Dünne meines
Pulses, an der Unempfindlichkeit meiner Haut gegen Wind und Regen, an
der funkelnden inneren Wachheit, daß ein Führer um mich sei.
In den Wolken war eine große Stadt zu sehen, aus der strömten Millionen
von Menschen hervor, die verbreiteten sich in Schwärmen über weite
Landschaften. Mitten unter sie trat eine mächtige Göttergestalt, funkelnde
Sterne im Haar, groß wie ein Gebirge, mit den Zügen der Frau Eva. In sie
hinein verschwanden die Züge der Menschen, wie in eine riesige Höhle,
und waren weg. Die Göttin kauerte sich am Boden nieder, hell schimmerte
das Mal auf ihrer Stirn. Ein Traum schien Gewalt über sie zu haben, sie
schloß die Augen und ihr großes Antlitz verzog sich in Weh. Plötzlich schrie
sie hell auf, und aus ihrer Stirn sprangen Sterne, viele tausend leuchtende
Sterne, die schwangen sich in herrlichen Bogen und Halbkreisen über den
schwarzen Himmel.
Einer von den Sternen brauste mit hellem Klang gerade zu mir her,
schien mich zu suchen. — Da krachte er brüllend in tausend Funken
auseinander, es riß mich empor und warf mich wieder zu Boden, donnernd
brach die Welt über mir zusammen.
Man fand mich nahe bei der Pappel, mit Erde bedeckt und mit vielen
Wunden.
Ich lag in einem Keller, Geschütze brummten über mir. Ich lag in einem
Wagen und holperte über leere Felder. Meistens schlief ich oder war ohne
Bewußtsein. Aber je tiefer ich schlief, desto heftiger empfand ich, daß
etwas mich zog, daß ich einer Kraft folgte, die über mich Herr war.
Ich lag in einem Stall auf Stroh, es war dunkel, jemand war mir auf die
Hand getreten. Aber mein Inneres wollte weiter, stärker zog es mich weg.
Wieder lag ich auf einem Wagen, und später auf einer Bahre oder Leiter,
Page 131
immer stärker fühlte ich mich irgendwohin befohlen, fühlte nichts als den
Drang, endlich dahin zu kommen.
Da war ich am Ziel. Es war Nacht, ich war bei vollem Bewußtsein,
mächtig hatte ich soeben noch den Zug und Drang in mir empfunden. Nun
lag ich in einem Saal, am Boden gebettet, und fühlte, daß ich dort sei,
wohin ich gerufen war. Ich blickte um mich, dicht neben meiner Matratze
lag eine andre, und jemand auf ihr, der neigte sich vor und sah mich an. Er
hatte das Zeichen auf der Stirn. Es war Max Demian.
Ich konnte nicht sprechen, und auch er konnte oder wollte nicht. Er sah
mich nur an. Auf seinem Gesicht lag der Schein einer Ampel, die über ihm
an der Wand hing. Er lächelte mir zu.
Eine unendlich lange Zeit sah er mir immerfort in die Augen. Langsam
schob er sein Gesicht mir näher, bis wir uns fast berührten.
„Sinclair!“ sagte er flüsternd.
Ich gab ihm ein Zeichen mit den Augen, daß ich ihn verstehe.
Er lächelte wieder, beinah wie in Mitleid.
„Kleiner Junge!“ sagte er lächelnd.
Sein Mund lag nun ganz nahe an meinem. Leise fuhr er fort zu sprechen.
„Kannst du dich noch an Franz Kromer erinnern?“ fragte er.
Ich zwinkerte ihm zu, und konnte auch lächeln.
„Kleiner Sinclair, paß auf! Ich werde fortgehen müssen. Du wirst mich
vielleicht einmal wieder brauchen, gegen den Kromer oder sonst. Wenn du
mich dann rufst, dann komme ich nicht mehr so grob auf einem Pferd
geritten oder mit der Eisenbahn. Du mußt dann in dich hinein hören, dann
merkst du, daß ich in dir drinnen bin. Verstehst du? — Und noch etwas!
Frau Eva hat gesagt, wenn es dir einmal schlecht gehe, dann solle ich dir
den Kuß von ihr geben, den sie mir mitgegeben hat . . . Mach die Augen zu,
Sinclair!“
Ich schloß gehorsam meine Augen zu, ich spürte einen leichten Kuß auf
meinen Lippen, auf denen ich immer ein wenig Blut stehen hatte, das nie
weniger werden wollte. Und dann schlief ich ein.
Am Morgen wurde ich geweckt, ich sollte verbunden werden. Als ich
endlich richtig wach war, wendete ich mich schnell nach der
Nachbarmatratze hin. Es lag ein fremder Mensch darauf, den ich nie
gesehen hatte.
Das Verbinden tat weh. Alles, was seither mit mir geschah, tat weh. Aber
wenn ich manchmal den Schlüssel finde und ganz in mich selbst
Drang, endlich dahin zu kommen.
Da war ich am Ziel. Es war Nacht, ich war bei vollem Bewußtsein,
mächtig hatte ich soeben noch den Zug und Drang in mir empfunden. Nun
lag ich in einem Saal, am Boden gebettet, und fühlte, daß ich dort sei,
wohin ich gerufen war. Ich blickte um mich, dicht neben meiner Matratze
lag eine andre, und jemand auf ihr, der neigte sich vor und sah mich an. Er
hatte das Zeichen auf der Stirn. Es war Max Demian.
Ich konnte nicht sprechen, und auch er konnte oder wollte nicht. Er sah
mich nur an. Auf seinem Gesicht lag der Schein einer Ampel, die über ihm
an der Wand hing. Er lächelte mir zu.
Eine unendlich lange Zeit sah er mir immerfort in die Augen. Langsam
schob er sein Gesicht mir näher, bis wir uns fast berührten.
„Sinclair!“ sagte er flüsternd.
Ich gab ihm ein Zeichen mit den Augen, daß ich ihn verstehe.
Er lächelte wieder, beinah wie in Mitleid.
„Kleiner Junge!“ sagte er lächelnd.
Sein Mund lag nun ganz nahe an meinem. Leise fuhr er fort zu sprechen.
„Kannst du dich noch an Franz Kromer erinnern?“ fragte er.
Ich zwinkerte ihm zu, und konnte auch lächeln.
„Kleiner Sinclair, paß auf! Ich werde fortgehen müssen. Du wirst mich
vielleicht einmal wieder brauchen, gegen den Kromer oder sonst. Wenn du
mich dann rufst, dann komme ich nicht mehr so grob auf einem Pferd
geritten oder mit der Eisenbahn. Du mußt dann in dich hinein hören, dann
merkst du, daß ich in dir drinnen bin. Verstehst du? — Und noch etwas!
Frau Eva hat gesagt, wenn es dir einmal schlecht gehe, dann solle ich dir
den Kuß von ihr geben, den sie mir mitgegeben hat . . . Mach die Augen zu,
Sinclair!“
Ich schloß gehorsam meine Augen zu, ich spürte einen leichten Kuß auf
meinen Lippen, auf denen ich immer ein wenig Blut stehen hatte, das nie
weniger werden wollte. Und dann schlief ich ein.
Am Morgen wurde ich geweckt, ich sollte verbunden werden. Als ich
endlich richtig wach war, wendete ich mich schnell nach der
Nachbarmatratze hin. Es lag ein fremder Mensch darauf, den ich nie
gesehen hatte.
Das Verbinden tat weh. Alles, was seither mit mir geschah, tat weh. Aber
wenn ich manchmal den Schlüssel finde und ganz in mich selbst
Page 132
hinuntersteige, da wo im dunkeln Spiegel die Schicksalsbilder schlummern,
dann brauche ich mich nur über den schwarzen Spiegel zu neigen, und sehe
mein eigenes Bild, das nun ganz Ihm gleicht, Ihm, meinem Freund und
Führer.
Druck von Hallberg & Büchting, Leipzig.
dann brauche ich mich nur über den schwarzen Spiegel zu neigen, und sehe
mein eigenes Bild, das nun ganz Ihm gleicht, Ihm, meinem Freund und
Führer.
Druck von Hallberg & Büchting, Leipzig.
Page 133
Werke von Hermann Hesse
Peter Camenzind
Roman. 98. Auflage.
Unterm Rad
Roman. 108. Auflage.
Diesseits
Erzählungen. 27. Auflage.
Nachbarn
Erzählungen. 12. Auflage.
Umwege
Erzählungen. 17. Auflage.
Aus Indien
Aufzeichnungen von einer indischen Reise. 9. Auflage.
Roßhalde
Roman. 42. Auflage.
Knulp
Drei Geschichten aus dem Leben Knulps. 95. Auflage.
Schön ist die Jugend
78. Auflage.
Märchen
21. Auflage.
Zarathustras Wiederkehr
Ein Wort an die deutsche Jugend. 10. Auflage.
Klingsors letzter Sommer
Erzählungen. 10. Auflage.
Wanderung
Aufzeichnungen mit 14 farbigen Bildern vom Verfasser. 8. Auflage.
Peter Camenzind
Roman. 98. Auflage.
Unterm Rad
Roman. 108. Auflage.
Diesseits
Erzählungen. 27. Auflage.
Nachbarn
Erzählungen. 12. Auflage.
Umwege
Erzählungen. 17. Auflage.
Aus Indien
Aufzeichnungen von einer indischen Reise. 9. Auflage.
Roßhalde
Roman. 42. Auflage.
Knulp
Drei Geschichten aus dem Leben Knulps. 95. Auflage.
Schön ist die Jugend
78. Auflage.
Märchen
21. Auflage.
Zarathustras Wiederkehr
Ein Wort an die deutsche Jugend. 10. Auflage.
Klingsors letzter Sommer
Erzählungen. 10. Auflage.
Wanderung
Aufzeichnungen mit 14 farbigen Bildern vom Verfasser. 8. Auflage.
Page 134
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden unter Verwendung späterer Ausgaben korrigiert
wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
... und die jeder Mensch, ehe er selbst werden ...
... und die jeder Mensch, ehe er er selbst werden ...
... hin, es macht ihn neugierig. Der Jemand denkt ...
... ihn, es macht ihn neugierig. Der Jemand denkt ...
... Lassen wie das aber! Du bist ein gescheiter Junge, ...
... Lassen wir das aber! Du bist ein gescheiter Junge, ...
... kicherten. Es war alles unerquicklich. Unerquickich ...
... kicherten. Es war alles unerquicklich. Unerquicklich ...
... in Traum und Stille, sah Gestalten in Rauch ...
... in Traum und Stille, sah Gestalten im Rauch ...
... hingestrichen, hängte ich es am Abend an meiner ...
... hingestrichen, hängte ich sie am Abend an meiner ...
... stand vor ihm wie vor einem Geist, mit dem ich ...
... stand vor ihr wie vor einem Geist, mit dem ich ...
... eine Ferienreise machen, mein Vatter hatte sich ...
... eine Ferienreise machen, mein Vater hatte sich ...
... Flucht, aus Verlegenheit, und sie sei im Innern ...
... Furcht, aus Verlegenheit, und sie sei im Innern ...
Offensichtliche Fehler wurden unter Verwendung späterer Ausgaben korrigiert
wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
... und die jeder Mensch, ehe er selbst werden ...
... und die jeder Mensch, ehe er er selbst werden ...
... hin, es macht ihn neugierig. Der Jemand denkt ...
... ihn, es macht ihn neugierig. Der Jemand denkt ...
... Lassen wie das aber! Du bist ein gescheiter Junge, ...
... Lassen wir das aber! Du bist ein gescheiter Junge, ...
... kicherten. Es war alles unerquicklich. Unerquickich ...
... kicherten. Es war alles unerquicklich. Unerquicklich ...
... in Traum und Stille, sah Gestalten in Rauch ...
... in Traum und Stille, sah Gestalten im Rauch ...
... hingestrichen, hängte ich es am Abend an meiner ...
... hingestrichen, hängte ich sie am Abend an meiner ...
... stand vor ihm wie vor einem Geist, mit dem ich ...
... stand vor ihr wie vor einem Geist, mit dem ich ...
... eine Ferienreise machen, mein Vatter hatte sich ...
... eine Ferienreise machen, mein Vater hatte sich ...
... Flucht, aus Verlegenheit, und sie sei im Innern ...
... Furcht, aus Verlegenheit, und sie sei im Innern ...
Page 135
*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DEMIAN: DIE
GESCHICHTE VON EMIL SINCLAIRS JUGEND ***
Updated editions will replace the previous one—the old editions will be
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Section 2. Information about the Mission of Project
Gutenberg
Project Gutenberg is synonymous with the free distribution of electronic
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efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks of
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Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
they need are critical to reaching Project Gutenberg’s goals and ensuring
that the Project Gutenberg collection will remain freely available for
generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation was created to provide a secure and permanent future for
Project Gutenberg and future generations. To learn more about the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org.
Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation
The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit 501(c)
(3) educational corporation organized under the laws of the state of
Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax
deductible to the full extent permitted by U.S. federal laws and your state’s
laws.
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Montclair NJ 07042, USA, +1 (862) 621-9288. Email contact links and up
to date contact information can be found at the Foundation’s website and
official page at www.gutenberg.org/contact
Section 4. Information about Donations to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation
Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread
public support and donations to carry out its mission of increasing the
number of public domain and licensed works that can be freely distributed
in machine-readable form accessible by the widest array of equipment
life.
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generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation was created to provide a secure and permanent future for
Project Gutenberg and future generations. To learn more about the Project
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in machine-readable form accessible by the widest array of equipment
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including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable effort,
much paperwork and many fees to meet and keep up with these
requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
determine the status of compliance for any particular state visit
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While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
with offers to donate.
International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
statements concerning tax treatment of donations received from outside the
United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
Please check the Project Gutenberg web pages for current donation methods
and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
checks, online payments and credit card donations. To donate, please visit:
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Section 5. General Information About Project Gutenberg
electronic works
Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg
concept of a library of electronic works that could be freely shared with
anyone. For forty years, he produced and distributed Project Gutenberg
eBooks with only a loose network of volunteer support.
Project Gutenberg eBooks are often created from several printed editions,
all of which are confirmed as not protected by copyright in the U.S. unless a
particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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