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Lebensweisheit

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Title: Aphorismen zur Lebensweisheit

Author: Arthur Schopenhauer

Release date: November 20, 2014 [eBook #47406]
Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/47406

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ZUR LEBENSWEISHEIT ***

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Anmerkungen zur Transkription:

Kursiv dargestellte Texte sind im Original in einer anderen
Schriftart (Antiqua) als der Haupttext (Fraktur) gedruckt. Im
Original sind auch die Abkürzung "Dr." und römische Zahlen in
Antiqua gedruckt; dies wurde für die elektronische Fassung nicht
übernommen.

Offensichtliche Interpunktionsfehler wurden berichtigt. Im
Übrigen wurden Inkonsistenzen in der Interpunktion und
Schreibweise einzelner Wörter belassen. Eine Liste mit sonstigen
Korrekturen finden Sie am Ende des Buchs. Zur besseren
Übersichtlichkeit wurde dem Buch ein Inhaltsverzeichnis
hinzugefügt.

Page 5

Schopenhauer

Aphorismen zur
Lebensweisheit

1913

Ernst Ohle in Düsseldorf

Druck
der Spamerschen
Buchdruckerei in Leipzig

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Inhalt

Einleitung
Kapitel I. Grundeinteilung.
Kapitel II. Von dem, was einer ist.
Kapitel III. Von dem, was einer hat.
Kapitel IV. Von dem, was einer vorstellt.
Kapitel V. Paränesen und Maximen.
A. Allgemeine.
B. Unser Verhalten gegen uns selbst betreffend.
C. Unser Verhalten gegen andere betreffend.
D. Unser Verhalten gegen den Weltlauf und das Schicksal
betreffend.
Kapitel VI. Vom Unterschiede der Lebensalter.

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Le bonheur n'est pas chose aisée: il
est très difficile de le trouver en nous,
et impossible de le trouver ailleurs.
Chamfort.

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Einleitung.

Ich nehme den Begriff der Lebensweisheit hier gänzlich im immanenten
Sinne, nämlich in dem der Kunst, das Leben möglichst angenehm und
glücklich durchzuführen, die Anleitung zu welcher auch Eudämonologie
genannt werden könnte: sie wäre demnach die Anweisung zu einem
glücklichen Dasein. Dieses nun wieder ließe sich allenfalls definieren als
ein solches, welches, rein objektiv betrachtet, oder vielmehr (da es hier auf
ein subjektives Urteil ankommt) bei kalter und reiflicher Überlegung, dem
Nichtsein entschieden vorzuziehn wäre. Aus diesem Begriffe desselben
folgt, daß wir daran hingen, seiner selbst wegen, nicht aber bloß aus Furcht
vor dem Tode; und hieraus wieder, daß wir es von endloser Dauer sehn
möchten. Ob nun das menschliche Leben dem Begriff eines solchen
Daseins entspreche, oder auch nur entsprechen könne, ist eine Frage,
welche bekanntlich meine Philosophie verneint; während die
Eudämonologie die Bejahung derselben voraussetzt. Diese nämlich beruht
eben auf dem angeborenen Irrtum, dessen Rüge das 49. Kapitel im 2. Bande
meines Hauptwerks eröffnet. Um eine solche dennoch ausarbeiten zu
können, habe ich daher gänzlich abgehn müssen von dem höheren,
metaphysisch-ethischen Standpunkte, zu welchem meine eigentliche
Philosophie hinleitet. Folglich beruht die ganze hier zu gebende
Auseinandersetzung gewissermaßen auf einer Akkommodation, sofern sie
nämlich auf dem gewöhnlichen, empirischen Standpunkte bleibt und dessen
Irrtum festhält. Demnach kann auch ihr Wert nur ein bedingter sein, da
selbst das Wort Eudämonologie nur ein Euphemismus ist. – Ferner macht
auch dieselbe keinen Anspruch auf Vollständigkeit; teils weil das Thema
unerschöpflich ist; teils weil ich sonst das von andern bereits Gesagte hätte
wiederholen müssen.

Als in ähnlicher Absicht, wie gegenwärtige Aphorismen, abgefaßt, ist mir
nur das sehr lesenswerte Buch des C a r d a n u s de utilitate ex adversis
capienda erinnerlich, durch welches man also das hier Gegebene
vervollständigen kann. Zwar hat auch A r i s t o t e l e s dem 5. Kapitel des 1.

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Buches seiner Rhetorik eine kurze Eudämonologie eingeflochten: sie ist
jedoch sehr nüchtern ausgefallen. Benutzt habe ich diese Vorgänger nicht;
da Kompiliren nicht meine Sache ist; und um so weniger, als durch dasselbe
die Einheit der Ansicht verloren geht, welche die Seele der Werke dieser Art
ist. – Im allgemeinen haben freilich die Weisen aller Zeiten immer dasselbe
gesagt, und die Toren, d. h. die unermeßliche Majorität aller Zeiten, haben
immer dasselbe, nämlich das Gegenteil getan: und so wird es denn auch
ferner bleiben. Darum sagt Vo l t a i r e : nous laisserons ce monde-ci aussi
sot et aussi méchant que nous l'avons trouvé en y arrivant.

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Kapitel I.
Grundeinteilung.
Aristoteles hat (Eth. Nicom. I, 8) die Güter des menschlichen Lebens in
drei Klassen geteilt, – die äußeren, die der Seele und die des Leibes. Hievon
nun nichts als die Dreizahl beibehaltend, sage ich, daß was den Unterschied
im Lose der Sterblichen begründet sich auf drei Grundbestimmungen
zurückführen läßt. Sie sind:

1. Was einer i s t : also die Persönlichkeit, im weitesten Sinne. Sonach ist
hierunter Gesundheit, Kraft, Schönheit, Temperament, moralischer
Charakter, Intelligenz und Ausbildung derselben begriffen.

2. Was einer h a t : also Eigentum und Besitz in jeglichem Sinne.

3. Was einer v o r s t e l l t : unter diesem Ausdruck wird bekanntlich
verstanden, was er in der Vorstellung anderer ist, also eigentlich, wie er von
ihnen v o r g e s t e l l t w i r d . Es besteht demnach in ihrer Meinung von
ihm, und zerfällt in Ehre, Rang und Ruhm.

Die unter der ersten Rubrik zu betrachtenden Unterschiede sind solche,
welche die Natur selbst zwischen Menschen gesetzt hat; woraus sich schon
abnehmen läßt, daß der Einfluß derselben auf ihr Glück, oder Unglück, viel
wesentlicher und durchgreifender sein werde, als was die bloß aus
menschlichen Bestimmungen hervorgehenden, unter den zwei folgenden
Rubriken angegebenen Verschiedenheiten herbeiführen. Z u d e n e c h t e n
p e r s ö n l i c h e n Vo r z ü g e n , dem großen Geiste oder großen Herzen,
verhalten sich alle Vorzüge des Ranges, der Geburt, selbst der königlichen,
des Reichtums u. dgl. wie die Theater-Könige zu den wirklichen. Schon
M e t r o d o r u s , der erste Schüler Epikurs, hat ein Kapitel überschrieben:
περι του μειζονα εἰναι την παρ’ ἡμας αἰτιαν προς εὐδαιμονιαν της ἐκ των
πραγματων. (Majorem esse causam ad felicitatem eam, quae est ex nobis,
eâ, quae ex rebus oritur. – Vgl. Clemens Alex. Strom. II, 21, p. 362 der

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Würzburger Ausgabe der opp. polem.) Und allerdings ist für das Wohlsein
des Menschen, ja, für die ganze Weise seines Daseins, die Hauptsache
offenbar das, was in ihm selbst besteht oder vergeht. Hier nämlich liegt
unmittelbar sein inneres Behagen oder Unbehagen, als welches zunächst
das Resultat seines Empfindens, Wollens und Denkens ist; während alles
außerhalb Gelegene doch nur mittelbar darauf Einfluß hat. Daher affiziren
dieselben äußern Vorgänge oder Verhältnisse jeden ganz anders, und bei
gleicher Umgebung lebt doch jeder in einer andern Welt. Denn nur mit
seinen eigenen Vorstellungen, Gefühlen und Willensbewegungen hat er es
unmittelbar zu tun: die Außendinge haben nur, sofern sie diese veranlassen,
Einfluß auf ihn. Die Welt, in der jeder lebt, hängt zunächst ab von seiner
Auffassung derselben, richtet sich daher nach der Verschiedenheit der
Köpfe: dieser gemäß wird sie arm, schal und flach, oder reich, interessant
und bedeutungsvoll ausfallen. Während z. B. mancher den andern beneidet
um die interessanten Begebenheiten, die ihm in seinem Leben aufgestoßen
sind, sollte er ihn vielmehr um die Auffassungsgabe beneiden, welche jenen
Begebenheiten die Bedeutsamkeit verlieh, die sie in seiner Beschreibung
haben: denn dieselbe Begebenheit, welche in einem geistreichen Kopfe sich
so interessant darstellt, würde, von einem flachen Alltagskopf aufgefaßt,
auch nur eine schale Szene aus der Alltagswelt sein. Im höchsten Grade
zeigt sich dies bei manchen Gedichten Goethes und Byrons, denen offenbar
reale Vorgänge zum Grunde liegen: ein törichter Leser ist imstande, dabei
den Dichter um die allerliebste Begebenheit zu beneiden, statt um die
mächtige Phantasie, welche aus einem ziemlich alltäglichen Vorfall etwas
so Großes und Schönes zu machen fähig war. Desgleichen sieht der
Melancholikus eine Trauerspielszene, wo der Sanguinikus nur einen
interessanten Konflikt und der Phlegmatikus etwas Unbedeutendes vor sich
hat. Dies alles beruht darauf, daß jede Wirklichkeit, d. h. jede erfüllte
Gegenwart, aus zwei Hälften besteht, dem Subjekt und dem Objekt,
wiewohl in so notwendiger und enger Verbindung wie Oxygen und
Hydrogen im Wasser. Bei völlig gleicher objektiver Hälfte, aber
verschiedener subjektiver, ist daher, so gut wie im umgekehrten Fall, die
gegenwärtige Wirklichkeit eine ganz andere: die schönste und beste
objektive Hälfte bei stumpfer, schlechter subjektiver, gibt doch nur eine
schlechte Wirklichkeit und Gegenwart; gleich einer schönen Gegend in
schlechtem Wetter, oder im Reflex einer schlechten Camera obscura. Oder
planer zu reden: Jeder steckt in seinem Bewußtsein wie in seiner Haut, und

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lebt unmittelbar nur in demselben: daher ist ihm von außen nicht sehr zu
helfen. Auf der Bühne spielt einer den Fürsten, ein anderer den Rat, ein
Dritter den Diener oder den Soldaten, oder den General usf. Aber diese
Unterschiede sind bloß im Äußern vorhanden, im Innern, als Kern einer
solchen Erscheinung, steckt bei allen dasselbe: ein armer Komödiant, mit
seiner Plage und Not. Im Leben ist es auch so. Die Unterschiede des Ranges
und Reichtums geben jedem seine Rolle zu spielen; aber keineswegs
entspricht dieser eine innere Verschiedenheit des Glücks und Behagens,
sondern auch hier steckt in jedem derselbe arme Tropf, mit seiner Not und
Plage, die wohl dem Stoffe nach bei jedem eine andere ist, aber der Form,
d. h. dem eigentlichen Wesen nach, so ziemlich bei allen dieselbe; wenn
auch mit Unterschieden des Grades, die sich aber keineswegs nach Stand
und Reichtum, d. h. nach der Rolle richten. Weil nämlich alles, was für den
Menschen da ist und vorgeht, unmittelbar immer nur in seinem
B e w u ß t s e i n da ist und für dieses vorgeht; so ist offenbar die
Beschaffenheit des Bewußtseins selbst zunächst das Wesentliche, und auf
dieselbe kommt, in den meisten Fällen, mehr an, als auf die Gestalten, die
darin sich darstellen. Alle Pracht und Genüsse, abgespiegelt im dumpfen
Bewußtsein eines Tropfs, sind sehr arm gegen das Bewußtsein des
C e r v a n t e s , als er in einem unbequemen Gefängnisse den Don Quijote
schrieb. – Die objektive Hälfte der Gegenwart und Wirklichkeit steht in der
Hand des Schicksals und ist demnach veränderlich: die subjektive sind wir
selbst; daher sie im wesentlichen unveränderlich ist. Demgemäß trägt das
Leben jedes Menschen, trotz aller Abwechselung von außen, durchgängig
denselben Charakter und ist einer Reihe Variationen auf e i n Thema zu
vergleichen. Aus seiner Individualität kann keiner heraus. Und wie das Tier
unter allen Verhältnissen, in die man es setzt, auf den engen Kreis
beschränkt bleibt, den die Natur seinem Wesen unwiderruflich gezogen hat,
weshalb z. B. unsere Bestrebungen, ein geliebtes Tier zu beglücken, eben
wegen jener Grenzen seines Wesens und Bewußtseins, stets innerhalb enger
Schranken sich halten müssen; – so ist es auch mit dem Menschen: durch
seine Individualität ist das Maß seines möglichen Glückes zum voraus
bestimmt. Besonders haben die Schranken seiner Geisteskräfte seine
Fähigkeit für erhöhten Genuß ein für allemal festgestellt. Sind sie eng, so
werden alle Bemühungen von außen, alles, was Menschen, alles, was das
Glück für ihn tut, nicht vermögen, ihn über das Maß des gewöhnlichen,
halb tierischen Menschenglücks und Behagens hinaus zu führen: auf

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Sinnengenuß, trauliches und heiteres Familienleben, niedrige Geselligkeit
und vulgären Zeitvertreib bleibt er angewiesen: sogar die Bildung vermag
im ganzen, zur Erweiterung jenes Kreises, nicht gar viel, wenn gleich
etwas. Denn die höchsten, die mannigfaltigsten und die anhaltendsten
Genüsse sind die geistigen; wie sehr auch wir, in der Jugend, uns darüber
täuschen mögen; diese aber hängen hauptsächlich von der geistigen Kraft
ab. – Hieraus also ist klar, wie sehr unser Glück abhängt von dem, was wir
s i n d , von unserer Individualität; während man meistens nur unser
Schicksal, nur das, was wir h a b e n , oder was wir v o r s t e l l e n , in
Anschlag bringt. Das Schicksal aber kann sich bessern: zudem wird man,
bei innerm Reichtum, von ihm nicht viel verlangen: hingegen ein Tropf
bleibt ein Tropf, ein stumpfer Klotz ein stumpfer Klotz, bis an sein Ende,
und wäre er im Paradiese und von Huris umgeben. Deshalb sagt Goethe:

Volk und Knecht und Überwinder,
Sie gestehn, zu jeder Zeit,
Höchstes Glück der Erdenkinder
Sei nur die Persönlichkeit.

W. O . D i v a n .

Daß für unser Glück und unsern Genuß das Subjektive ungleich
wesentlicher als das Objektive sei, bestätigt sich in allem: von dem an, daß
Hunger der beste Koch ist und der Greis die Göttin des Jünglings
gleichgültig ansieht, bis hinauf zum Leben des Genies und des Heiligen.
Besonders überwiegt die Gesundheit alle äußern Güter so sehr, daß
wahrlich ein gesunder Bettler glücklicher ist als ein kranker König. Ein aus
vollkommener Gesundheit und glücklicher Organisation hervorgehendes,
ruhiges und heiteres Temperament, ein klarer, lebhafter, eindringender und
richtig fassender Verstand, ein gemäßigter, sanfter Wille und demnach ein
gutes Gewissen, dies sind Vorzüge, die kein Rang oder Reichtum ersetzen
kann. Denn was einer für sich selbst ist, was ihn in die Einsamkeit begleitet
und was keiner ihm geben oder nehmen kann, ist offenbar für ihn
wesentlicher als alles, was er besitzen, oder auch, was er in den Augen
anderer sein mag. Ein geistreicher Mensch hat, in gänzlicher Einsamkeit, an
seinen eigenen Gedanken und Phantasien vortreffliche Unterhaltung,
während von einem Stumpfen die fortwährende Abwechselung von

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Gesellschaften, Schauspielen, Ausfahrten und Lustbarkeiten, die marternde
Langeweile nicht abzuwehren vermag. Ein guter, gemäßigter, sanfter
Charakter kann unter dürftigen Umständen zufrieden sein; während ein
begehrlicher, neidischer oder böser es bei allem Reichtum nicht ist. Nun
aber gar dem, welcher beständig den Genuß einer außerordentlichen, geistig
eminenten Individualität hat, sind die meisten der allgemein angestrebten
Genüsse ganz überflüssig, ja, nur störend und lästig. Daher sagt Horaz von
sich:

Gemmas, marmor, ebur, Thyrrhena sigilla, tabellas,
Argentum, vestes Gaetulo murice tinctas,
Sunt qui non habeant, est qui non curat habere;

und Sokrates sagte, beim Anblick zum Verkauf ausgelegter Luxusartikel:
»Wie vieles gibt es doch, was ich nicht nötig habe.« Für unser Lebensglück
ist demnach das, was wir s i n d , die Persönlichkeit, durchaus das Erste und
Wesentlichste; – schon weil sie beständig und unter allen Umständen
wirksam ist: zudem aber ist sie nicht, wie die Güter der zwei andern
Rubriken, dem Schicksal unterworfen, und kann uns nicht entrissen werden.
Ihr Wert kann insofern ein absoluter heißen, im Gegensatz des bloß
relativen der beiden andern. Hieraus nun folgt, daß dem Menschen von
außen viel weniger beizukommen ist, als man wohl meint. Bloß die
allgewaltige Zeit übt auch hier ihr Recht: ihr unterliegen allmählich die
körperlichen und geistigen Vorzüge: der moralische Charakter allein bleibt
auch ihr unzugänglich. In dieser Hinsicht hätten denn freilich die Güter der
zwei letztern Rubriken, als welche die Zeit unmittelbar nicht raubt, vor
denen der ersten einen Vorzug. Einen zweiten könnte man darin finden, daß
sie, als im Objektiven gelegen, ihrer Natur nach, erreichbar sind und jedem
wenigstens die Möglichkeit vorliegt, in ihren Besitz zu gelangen; während
hingegen das Subjektive gar nicht in unsere Macht gegeben ist, sondern jure
divino eingetreten, für das ganze Leben unveränderlich feststeht; so daß hier
unerbittlich der Ausspruch gilt:

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Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
Bist alsobald und fort und fort gediehen
Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen,
So sagten schon Sibyllen, so Propheten;
Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.

Goethe.

Das Einzige, was in dieser Hinsicht in unserer Macht steht, ist, daß wir
die gegebene Persönlichkeit zum möglichsten Vorteile benutzen, demnach
nur die ihr entsprechenden Bestrebungen verfolgen und uns um die Art von
Ausbildung bemühen, die ihr gerade angemessen ist, jede andere aber
meiden, folglich den Stand, die Beschäftigung, die Lebensweise wählen,
welche zu ihr passen.

Ein herkulischer, mit ungewöhnlicher Muskelkraft begabter Mensch, der
durch äußere Verhältnisse genötigt ist, einer sitzenden Beschäftigung, einer
kleinlichen, peinlichen Handarbeit obzuliegen, oder auch Studien und
Kopfarbeiten zu treiben, die ganz anderartige, bei ihm zurückstehende
Kräfte erfordern, folglich gerade die bei ihm ausgezeichneten Kräfte
unbenutzt zu lassen, der wird sich zeitlebens unglücklich fühlen; noch mehr
aber der, bei dem die intellektuellen Kräfte sehr überwiegend sind, und der
sie unentwickelt und ungenutzt lassen muß, um ein gemeines Geschäft zu
treiben, das ihrer nicht bedarf, oder gar körperliche Arbeit, zu der seine
Kraft nicht recht ausreicht. Jedoch ist hier, zumal in der Jugend, die Klippe
der Präsumtion zu vermeiden, daß man sich nicht ein Übermaß von Kräften
zuschreibe, welches man nicht hat.

Aus dem entschiedenen Übergewicht unsrer ersten Rubrik über die
beiden andern geht aber auch hervor, daß es weiser ist, auf Erhaltung seiner
Gesundheit und auf Ausbildung seiner Fähigkeiten, als auf Erwerbung von
Reichtum hinzuarbeiten; was jedoch nicht dahin mißdeutet werden darf,
daß man den Erwerb des Nötigen und Angemessenen vernachlässigen
sollte. Aber eigentlicher Reichtum, d. h. großer Überfluß, vermag wenig zu

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unserm Glück; daher viele Reiche sich unglücklich fühlen, weil sie ohne
eigentliche Geistesbildung, ohne Kenntnisse und deshalb ohne irgend ein
objektives Interesse, welches sie zu geistiger Beschäftigung befähigen
könnte, sind. Denn was der Reichtum über die Befriedigung der wirklichen
und natürlichen Bedürfnisse hinaus noch leisten kann, ist von geringem
Einfluß auf unser eigentliches Wohlbehagen: vielmehr wird dieses gestört
durch die vielen und unvermeidlichen Sorgen, welche die Erhaltung eines
großen Besitzes herbeiführt. Dennoch sind die Menschen aber tausend Mal
mehr bemüht, sich Reichtum, als Geistesbildung zu erwerben; während
doch ganz gewiß, was man i s t , viel mehr zu unserm Glücke beiträgt, als
was man h a t . Gar manchen daher sehn wir, in rastloser Geschäftigkeit,
emsig wie die Ameise, vom Morgen bis zum Abend bemüht, den schon
vorhandenen Reichtum zu vermehren. Über den engen Gesichtskreis des
Bereichs der Mittel hiezu hinaus kennt er nichts: sein Geist ist leer, daher
für alles andere unempfänglich. Die höchsten Genüsse, die geistigen, sind
ihm unzugänglich: durch die flüchtigen, sinnlichen, wenig Zeit, aber viel
Geld kostenden, die er zwischendurch sich erlaubt, sucht er vergeblich jene
anderen zu ersetzen. Am Ende seines Lebens hat er dann, als Resultat
desselben, wenn das Glück gut war, wirklich einen recht großen Haufen
Geld vor sich, welchen noch zu vermehren, oder aber durchzubringen, er
jetzt seinen Erben überläßt. Ein solcher, wiewohl mit gar ernsthafter und
wichtiger Miene durchgeführter Lebenslauf ist daher ebenso töricht, wie
mancher andere, der geradezu die Schellenkappe zum Symbol hatte.

Also was einer a n s i c h s e l b e r h a t , ist zu seinem Lebensglücke das
Wesentlichste. Bloß weil dieses, in der Regel, so gar wenig ist, fühlen die
meisten von denen, welche über den Kampf mit der Not hinaus sind, sich
im Grunde ebenso unglücklich, wie die, welche sich noch darin
herumschlagen. Die Leere ihres Innern, das Fade ihres Bewußtseins, die
Armut ihres Geistes treibt sie zur Gesellschaft, die nun aber aus eben
solchen besteht; weil similis simili gaudet. Da wird dann gemeinschaftlich
Jagd gemacht auf Kurzweil und Unterhaltung, die sie zunächst in sinnlichen
Genüssen, in Vergnügungen jeder Art und endlich in Ausschweifungen
suchen. Die Quelle der heillosen Verschwendung, mittelst welcher so
mancher, reich ins Leben tretende Familiensohn, sein großes Erbteil, oft in
unglaublich kurzer Zeit, durchbringt, ist wirklich keine andere, als nur die
Langeweile, welche aus der eben geschilderten Armut und Leere des

Page 17

Geistes entspringt. So ein Jüngling war äußerlich reich, aber innerlich arm
in die Welt geschickt und strebte nun vergeblich, durch den äußern
Reichtum den innern zu ersetzen, indem er alles v o n a u ß e n empfangen
wollte, – den Greisen analog, welche sich durch die Ausdünstung junger
Mädchen zu stärken suchen. Dadurch führte denn am Ende die innere
Armut auch noch die äußere herbei.

Die Wichtigkeit der beiden andern Rubriken der Güter des menschlichen
Lebens brauche ich nicht hervorzuheben. Denn der Wert des Besitzes ist
heutzutage so allgemein anerkannt, daß er keiner Empfehlung bedarf. Sogar
hat die dritte Rubrik, gegen die zweite, eine sehr ätherische Beschaffenheit;
da sie bloß in der Meinung anderer besteht. Jedoch nach Ehre, d. h. gutem
Namen, hat jeder zu streben, nach Rang schon nur die, welche dem Staate
dienen, und nach Ruhm gar nur äußerst wenige. Indessen wird die Ehre als
ein unschätzbares Gut angesehen, und der Ruhm als das Köstlichste, was
der Mensch erlangen kann, das goldene Vlies der Auserwählten: hingegen
den Rang werden nur Toren dem Besitze vorziehen. Die zweite und dritte
Rubrik stehn übrigens in sogenannter Wechselwirkung; sofern das habes,
habeberis des Petronius seine Richtigkeit hat, und, umgekehrt, die günstige
Meinung anderer, in allen ihren Formen, oft zum Besitze verhilft.

Page 18

Kapitel II.
Von dem, was einer ist.
Daß dieses zu seinem Glücke viel mehr beiträgt, als was er h a t , oder
was er v o r s t e l l t , haben wir bereits im allgemeinen erkannt. Immer
kommt es darauf an, was einer sei und demnach an sich selber habe: denn
seine Individualität begleitet ihn stets und überall, und von ihr ist alles
tingirt, was er erlebt. In allem und bei allem genießt er zunächst nur sich
selbst: Dies gilt schon von den physischen; wie viel mehr von den geistigen
Genüssen. Daher ist das englische to enjoy one's self ein sehr treffender
Ausdruck, mit welchem man z. B. sagt he enjoys himself at Paris, also nicht
»er genießt Paris,« sondern »er genießt s i c h in Paris.« – Ist nun aber die
Individualität von schlechter Beschaffenheit, so sind alle Genüsse wie
köstliche Weine in einem mit Galle tingirten Munde. Demnach kommt, im
Guten wie im Schlimmen, schwere Unglücksfälle beiseite gesetzt, weniger
darauf an, was einem im Leben begegnet und widerfährt, als darauf, wie er
es empfindet, also auf die Art und den Grad seiner Empfänglichkeit in jeder
Hinsicht. Was einer in sich ist und an sich selber hat, kurz die Persönlichkeit
und deren Wert, ist das alleinige Unmittelbare zu seinem Glück und
Wohlsein. Alles andere ist mittelbar; daher auch dessen Wirkung vereitelt
werden kann, aber die der Persönlichkeit nie. Darum eben ist der auf
persönliche Vorzüge gerichtete Neid der unversöhnlichste, wie er auch der
am sorgfältigsten verhehlte ist. Ferner ist allein die Beschaffenheit des
Bewußtseins das Bleibende und Beharrende, und die Individualität wirkt
fortdauernd, anhaltend, mehr oder minder in jedem Augenblick: alles
andere hingegen wirkt immer nur zu Zeiten, gelegentlich, vorübergehend,
und ist zudem auch noch selbst dem Wechsel und Wandel unterworfen:
daher sagt Aristoteles: ἡ γαρ φυσις βεβαια, ου τα χρηματα (nam natura
perennis est, non opes). Eth. Eud. VII, 2. Hierauf beruht es, daß wir ein
ganz und gar von außen auf uns gekommenes Unglück mit mehr Fassung
ertragen, als ein selbstverschuldetes: denn das Schicksal kann sich ändern;
aber die eigene Beschaffenheit nimmer. Demnach also sind die subjektiven
Güter, wie ein edler Charakter, ein fähiger Kopf, ein glückliches

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Temperament, ein heiterer Sinn und ein wohlbeschaffener, völlig gesunder
Leib, also überhaupt mens sana in corpore sano (Juvenal. Sat. X, 356), zu
unserm Glücke die ersten und wichtigsten; weshalb wir auf die Beförderung
und Erhaltung derselben viel mehr bedacht sein sollten, als auf den Besitz
äußerer Güter und äußerer Ehre.

Was nun aber, von jenen allen, uns am unmittelbarsten beglückt, ist die
Heiterkeit des Sinnes: denn diese gute Eigenschaft belohnt sich
augenblicklich selbst. Wer eben fröhlich ist, hat allemal Ursach, es zu sein:
nämlich eben diese, daß er es ist. Nichts kann so sehr, wie diese
Eigenschaft, jedes andere Gut vollkommen ersetzen; während sie selbst
durch nichts zu ersetzen ist. Einer sei jung, schön, reich und geehrt; so frägt
sich, wenn man sein Glück beurteilen will, ob er dabei heiter sei: ist er
hingegen heiter, so ist es einerlei, ob er jung oder alt, gerade oder bucklig,
arm oder reich sei; er ist glücklich. In früher Jugend machte ich einmal ein
altes Buch auf, und da stand: »wer viel lacht, ist glücklich, und wer viel
weint, ist unglücklich,« – eine sehr einfältige Bemerkung, die ich aber,
wegen ihrer einfachen Wahrheit doch nicht habe vergessen können, so sehr
sie auch der Superlativ eines truism's ist. Dieserwegen also sollen wir der
Heiterkeit, wann immer sie sich einstellt, Tür und Tor öffnen: denn sie
kommt nie zur unrechten Zeit; statt daß wir oft Bedenken tragen, ihr
Eingang zu gestatten, indem wir erst wissen wollen, ob wir denn auch wohl
in jeder Hinsicht Ursach haben, zufrieden zu sein; oder auch, weil wir
fürchten, in unsern ernsthaften Überlegungen und wichtigen Sorgen
dadurch gestört zu werden: allein, was wir durch diese bessern, ist sehr
ungewiß; hingegen ist Heiterkeit unmittelbarer Gewinn. Sie allein ist
gleichsam die bare Münze des Glückes und nicht, wie alles andere, bloß der
Bankzettel; weil nur sie unmittelbar in der Gegenwart beglückt; weshalb sie
das höchste Gut ist für Wesen, deren Wirklichkeit die Form einer
unteilbaren Gegenwart zwischen zwei unendlichen Zeiten hat. Demnach
sollten wir die Erwerbung und Beförderung dieses Gutes jedem anderen
Trachten vorsetzen. Nun ist gewiß, daß zur Heiterkeit nichts weniger
beiträgt als Reichtum, und nichts mehr als Gesundheit: in den niedrigen,
arbeitenden, zumal das Land bestellenden Klassen sind die heiteren und
zufriedenen Gesichter; in den reichen und vornehmen die verdrießlichen zu
Hause. Folglich sollten wir vor allem bestrebt sein, uns den hohen Grad
vollkommener Gesundheit zu erhalten, als dessen Blüte die Heiterkeit sich

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einstellt. Die Mittel hiezu sind bekanntlich Vermeidung aller Exzesse und
Ausschweifungen, aller heftigen oder unangenehmen Gemütsbewegungen,
auch aller zu großen oder zu anhaltenden Geistesanstrengung, täglich
wenigstens zwei Stunden rascher Bewegung in freier Luft, viel kaltes
Baden und ähnliche diätetische Maßregeln. Ohne tägliche gehörige
Bewegung kann man nicht gesund bleiben; alle Lebensprozesse erfordern,
um gehörig vollzogen zu werden, Bewegung sowohl der Teile, darin sie
vorgehen, als des Ganzen. Daher sagt Aristoteles mit Recht: ὁ βιος ἐν τη
κινησει εστι. Das Leben besteht in der Bewegung und hat sein Wesen in ihr.
Im ganzen Innern des Organismus herrscht unaufhörliche, rasche
Bewegung: das Herz, in seiner komplizierten doppelten Systole und
Diastole, schlägt heftig und unermüdlich; mit 28 seiner Schläge hat es die
gesamte Blutmasse durch den ganzen großen und kleinen Kreislauf
hindurch getrieben; die Lunge pumpt ohne Unterlaß wie eine
Dampfmaschine; die Gedärme winden sich stets im motus peristalticus; alle
Drüsen saugen und sezernieren beständig, selbst das Gehirn hat eine
doppelte Bewegung mit jedem Pulsschlag und jedem Atemzug. Wenn nun
hiebei, wie es bei der ganz und gar sitzenden Lebensweise unzähliger
Menschen der Fall ist, die äußere Bewegung so gut wie ganz fehlt, so
entsteht ein schreiendes und verderbliches Mißverhältnis zwischen der
äußern Ruhe und dem innern Tumult. Denn sogar will die beständige innere
Bewegung durch die äußere etwas unterstützt sein: jenes Mißverhältnis aber
wird dem analog, wenn, infolge irgend eines Affekts, es in unserm Innern
kocht, wir aber nach außen nichts davon sehen lassen dürfen. Sogar die
Bäume bedürfen, um zu gedeihen, der Bewegung durch den Wind. Dabei
gilt eine Regel, die sich am kürzesten lateinisch ausdrücken läßt: omnis
motus, quo celerior, eo magis motus. – Wie sehr unser Glück von der
Heiterkeit der Stimmung und diese vom Gesundheitszustande abhängt, lehrt
die Vergleichung des Eindrucks, den die nämlichen äußern Verhältnisse,
oder Vorfälle, am gesunden und rüstigen Tage auf uns machen, mit dem,
welchen sie hervorbringen, wann Kränklichkeit uns verdrießlich und
ängstlich gestimmt hat. Nicht was die Dinge objektiv und wirklich sind,
sondern was sie für uns, in unsrer Auffassung sind, macht uns glücklich
oder unglücklich: Dies eben besagt Epiktets ταρασσει τους ανθρωπους ου
τα πραγματα, αλλα τα περι των πραγματων δογματα (commovent homines
non res, sed de rebus opiniones). Überhaupt aber beruhen 9/10 unseres
Glückes allein auf der Gesundheit. Mit ihr wird alles eine Quelle des

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Genusses: hingegen ist ohne sie kein äußeres Gut, welcher Art es auch sei,
genießbar, und selbst die übrigen subjektiven Güter, die Eigenschaften des
Geistes, Gemütes, Temperaments, werden durch Kränklichkeit
herabgestimmt und sehr verkümmert. Demnach geschieht es nicht ohne
Grund, daß man vor allen Dingen sich gegenseitig nach dem
Gesundheitszustande befragt und einander sich wohlzubefinden wünscht:
denn wirklich ist dieses bei weitem die Hauptsache zum menschlichen
Glück. Hieraus aber folgt, daß die größte aller Torheiten ist, seine
Gesundheit aufzuopfern, für was es auch sei, für Erwerb, für Beförderung,
für Gelehrsamkeit, für Ruhm, geschweige für Wollust und flüchtige
Genüsse: vielmehr soll man ihr alles nachsetzen.

So viel nun aber auch zu der, für unser Glück so wesentlichen Heiterkeit
die Gesundheit beiträgt, so hängt jene doch nicht von dieser allein ab: denn
auch bei vollkommener Gesundheit kann ein melancholisches Temperament
und eine vorherrschend trübe Stimmung bestehn. Der letzte Grund davon
liegt ohne Zweifel in der ursprünglichen und daher unabänderlichen
Beschaffenheit des Organismus, und zwar zumeist in dem mehr oder
minder normalen Verhältnis der Sensibilität zur Irritabilität und
Reproduktionskraft. Abnormes Übergewicht der Sensibilität wird
Ungleichheit der Stimmung, periodische übermäßige Heiterkeit und
vorwaltende Melancholie herbeiführen. Weil nun auch das Genie durch ein
Übermaß der Nervenkraft, also der Sensibilität, bedingt ist, so hat
Aristoteles ganz richtig bemerkt, daß alle ausgezeichnete und überlegene
Menschen melancholisch seien: παντες ὁσοι περιττοι γεγονασιν ανδρες, η
κατα φιλοσοφιαν, η πολιτικην, η ποιησιν η τεχνας, φαινονται μελαγχολικοι
οντες (Probl. 30, 1). Ohne Zweifel ist dieses die Stelle, welche Cicero im
Auge hatte bei seinem oft angeführten Bericht: Aristoteles ait, omnes
ingeniosos melancholicos esse (Tusc. I, 33). Die hier in Betrachtung
genommene, angeborene, große Verschiedenheit der Grundstimmung
überhaupt aber hat S h a k e s p e a r e sehr artig geschildert:

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Nature has fram'd strange fellows in her time:
Some that will evermore peep through their eyes,
And laugh, like parrots, at a bag-piper;
And others of such vinegar aspect,
That they'll not show their teeth in way of smile,
Though Nestor swear the jest be laughable[A].

Merch. of Ven. Sc. I.

[A] Die Natur hat in ihren Tagen seltsame Käuze hervorgebracht, einige, die stets aus
ihren Äuglein vergnügt hervorgucken, und, wie Papageien über einen
Dudelsackspieler lachen, und andere von so sauertöpfischem Ansehn, daß sie
ihre Zähne nicht durch ein Lächeln bloß legen, wenn auch Nestor selbst schwüre,
der Spaß sei lachenswert.

Eben dieser Unterschied ist es, den P l a t o durch die Ausdrücke
δυσκολος und ευκολος bezeichnet. Derselbe läßt sich zurückführen auf die
bei verschiedenen Menschen sehr verschiedene Empfänglichkeit für
angenehme und unangenehme Eindrücke, infolge welcher der eine noch
lacht bei dem, was den andern fast zur Verzweiflung bringt: und zwar pflegt
die Empfänglichkeit für angenehme Eindrücke desto schwächer zu sein, je
stärker die für unangenehme ist, und umgekehrt. Nach gleicher Möglichkeit
des glücklichen und des unglücklichen Ausgangs einer Angelegenheit wird
der δυσκολος beim unglücklichen sich ärgern oder grämen, beim
glücklichen aber sich nicht freuen; der ευκολος hingegen wird über den
unglücklichen sich nicht ärgern, noch grämen, aber über den glücklichen
sich freuen. Wenn dem δυσκολος von zehn Vorhaben neun gelingen, so
freut er sich nicht über diese, sondern ärgert sich über das eine mißlungene:
der εὐκολος weiß, im umgekehrten Fall, sich doch mit dem einen
gelungenen zu trösten und aufzuheitern. – Wie nun aber nicht leicht ein
Übel ohne alle Kompensation ist; so ergibt sich auch hier, daß die δυσκολοι,
also die finstern und ängstlichen Charaktere, im ganzen, zwar mehr
imaginäre, dafür aber weniger reale Unfälle und Leiden zu überstehn haben
werden als die heitern und sorglosen: denn wer alles schwarz sieht, stets das
Schlimmste befürchtet und demnach seine Vorkehrungen trifft, wird sich

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nicht so oft verrechnet haben, als wer stets den Dingen die heitere Farbe
und Aussicht leiht. – Wann jedoch eine krankhafte Affektion des
Nervensystems oder der Verdauungswerkzeuge, der angeborenen δυσκολια
in die Hände arbeitet; dann kann diese den hohen Grad erreichen, wo
dauerndes Mißbehagen Lebensüberdruß erzeugt und demnach Hang zum
Selbstmord entsteht. Diesen vermögen alsdann selbst die geringsten
Unannehmlichkeiten zu veranlassen; ja, bei den höchsten Graden des Übels
bedarf es derselben nicht einmal; sondern bloß infolge des anhaltenden
Mißbehagens wird der Selbstmord beschlossen und alsdann mit so kühler
Überlegung und fester Entschlossenheit ausgeführt, daß der meistens schon
unter Aufsicht gestellte Kranke, stets darauf gerichtet, den ersten
unbewachten Augenblick benutzt, um, ohne Zaudern, Kampf und
Zurückbeben, jenes ihm jetzt natürliche und willkommene
Erleichterungsmittel zu ergreifen. Ausführliche Beschreibungen dieses
Zustandes gibt Esquirol, des maladies mentales. Allerdings aber kann, nach
Umständen, auch der gesundeste und vielleicht selbst der heiterste Mensch
sich zum Selbstmord entschließen, wenn nämlich die Größe der Leiden,
oder des unausweichbar herannahenden Unglücks, die Schrecken des Todes
überwältigt. Der Unterschied liegt allein in der verschiedenen Größe des
dazu erforderlichen Anlasses, als welche mit der δυσκολια in umgekehrtem
Verhältnis steht. Je größer diese ist, desto geringer kann jener sein, ja am
Ende auf Null herabsinken: je größer hingegen die ευκολια und die sie
unterstützende Gesundheit, desto mehr muß im Anlaß liegen. Danach gibt
es unzählige Abstufungen der Fälle, zwischen den beiden Extremen des
Selbstmordes, nämlich dem des rein aus krankhafter Steigerung der
angebornen δυσκολια entspringenden, und dem des Gesunden und Heiteren,
ganz aus objektiven Gründen.

Der Gesundheit zum Teil verwandt ist die Schönheit. Wenngleich dieser
subjektive Vorzug nicht eigentlich unmittelbar zu unserm Glücke beiträgt,
sondern bloß mittelbar, durch den Eindruck auf Andere; so ist er doch von
großer Wichtigkeit, auch im Manne. Schönheit ist ein offener
Empfehlungsbrief, der die Herzen zum voraus für uns gewinnt: daher gilt
besonders von ihr der Homerische Vers:

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Ουτοι αποβλητ’ εστι θεων ερικυδεα δωρα,
Ὁσσα κεν αυτοι δωσι, ἑκων δ’ ουκ αν τις ἑλοιτο.

Der allgemeinste Überblick zeigt uns, als die beiden Feinde des
menschlichen Glückes, den Schmerz und die Langeweile. Dazu noch läßt
sich bemerken, daß, in dem Maße, als es uns glückt, von einem derselben
uns zu entfernen, wir dem andern uns nähern, und umgekehrt; so daß unser
Leben wirklich eine stärkere oder schwächere Oszillation zwischen ihnen
darstellt. Dies entspringt daraus, daß beide in einem doppelten
Antagonismus zu einander stehn, einem äußern oder objektiven, und einem
innern oder subjektiven. Äußerlich nämlich gebiert Not und Entbehrung
den Schmerz; hingegen Sicherheit und Überfluß die Langeweile.
Demgemäß sehen wir die niedere Volksklasse in einem beständigen Kampf
gegen die Not, also den Schmerz; die reiche und vornehme Welt hingegen
in einem anhaltenden oft wirklich verzweifelten Kampf gegen die
Langeweile. Der innere oder subjektive Antagonismus derselben aber
beruht darauf, daß, im einzelnen Menschen, die Empfänglichkeit für das
eine in entgegengesetztem Verhältnis zu der für das andere steht, indem sie
durch das Maß seiner Geisteskräfte bestimmt wird. Nämlich Stumpfheit des
Geistes ist durchgängig im Verein mit Stumpfheit der Empfindung und
Mangel an Reizbarkeit, welche Beschaffenheit für Schmerzen und
Betrübnisse jeder Art und Größe weniger empfänglich macht: aus eben
dieser Geistesstumpfheit aber geht andrerseits jene, auf zahllosen
Gesichtern ausgeprägte, wie auch durch die beständig rege Aufmerksamkeit
auf alle, selbst die kleinsten Vorgänge in der Außenwelt sich verratende
i n n e r e L e e r h e i t hervor, welche die wahre Quelle der Langeweile ist
und stets nach äußerer Anregung lechzt, um Geist und Gemüt durch irgend
etwas in Bewegung zu bringen. In der Wahl desselben ist sie daher nicht
ekel; wie dies die Erbärmlichkeit der Zeitvertreibe bezeugt, zu denen man
Menschen greifen sieht, imgleichen die Art ihrer Geselligkeit und
Konversation, nicht weniger die vielen Türsteher und Fenstergucker.
Hauptsächlich aus dieser inneren Leerheit entspringt die Sucht nach
Gesellschaft, Zerstreuung, Vergnügen und Luxus jeder Art, welche viele zur
Verschwendung und dann zum Elende führt. Vor diesem Elende bewahrt
nichts so sicher, als der i n n e r e Reichtum, der Reichtum des Geistes: denn

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dieser läßt, je mehr er sich der Eminenz nähert, der Langenweile immer
weniger Raum. Die unerschöpfliche Regsamkeit der Gedanken aber, ihr an
den mannigfaltigen Erscheinungen der Innen- und Außenwelt sich stets
erneuerndes Spiel, die Kraft und der Trieb zu immer andern Kombinationen
derselben, setzen den eminenten Kopf, die Augenblicke der Abspannung
abgerechnet, ganz außer den Bereich der Langenweile. Andrerseits nun aber
hat die gesteigerte Intelligenz eine erhöhte Sensibilität zur unmittelbaren
Bedingung, und größere Heftigkeit des Willens, also der
Leidenschaftlichkeit, zur Wurzel: aus ihrem Verein mit diesen erwächst nun
eine viel größere Stärke aller Affekte und eine gesteigerte Empfindlichkeit
gegen die geistigen und selbst gegen körperliche Schmerzen, sogar größere
Ungeduld bei allen Hindernissen oder auch nur Störungen; welches alles zu
erhöhen die aus der Stärke der Phantasie entspringende Lebhaftigkeit
sämtlicher Vorstellungen, also auch der widerwärtigen, mächtig beiträgt.
Das Gesagte gilt nun verhältnismäßig von allen den Zwischenstufen,
welche den weiten Raum vom stumpfesten Dummkopf bis zum größten
Genie ausfüllen. Demzufolge steht jeder, wie objektiv, so auch subjektiv,
der einen Quelle der Leiden des menschlichen Lebens um so näher, als er
von der andern entfernter ist. Dem entsprechend wird sein natürlicher Hang
ihn anleiten, in dieser Hinsicht das Objektive dem Subjektiven möglichst
anzupassen, also gegen d i e Quelle der Leiden, für welche er die größere
Empfänglichkeit hat, die größere Vorkehr zu treffen. Der geistreiche
Mensch wird vor allem nach Schmerzlosigkeit, Ungehudeltsein, Ruhe und
Muße streben, folglich ein stilles, bescheidenes, aber möglichst
unangefochtenes Leben suchen und demgemäß, nach einiger Bekanntschaft
mit den sogenannten Menschen, die Zurückgezogenheit und, bei großem
Geiste, sogar die Einsamkeit wählen. Denn je mehr einer an sich selber hat,
desto weniger bedarf er von außen und desto weniger können auch die
übrigen ihm sein. Darum führt die Eminenz des Geistes zur Ungeselligkeit.
Ja, wenn die Qualität der Gesellschaft sich durch die Quantität ersetzen
ließe; da wäre es der Mühe wert, sogar in der großen Welt zu leben: aber
leider geben hundert Narren, auf einem Haufen, noch keinen gescheuten
Mann. – Der vom andern Extrem wird, sobald die Not ihn zu Atem
kommen läßt, Kurzweil und Gesellschaft, um jeden Preis suchen und mit
allem leicht vorlieb nehmen, nichts so sehr fliehend wie sich selbst. Denn in
der Einsamkeit, als wo jeder auf sich selbst zurückgewiesen ist, da zeigt
sich, was er a n s i c h s e l b e r hat: da seufzt der Tropf im Purpur unter der

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unabwälzbaren Last seiner armseligen Individualität; während der
Hochbegabte die ödeste Umgebung mit seinen Gedanken bevölkert und
belebt. Daher ist sehr wahr, was S e n e k a sagt: omnes stultitia laborat
fastidio sui (ep. 9); wie auch Jesus Sirachs Ausspruch: »des Narren Leben
ist ärger denn der Tod.« Demgemäß wird man, im ganzen, finden, daß jeder
in dem Maße gesellig ist, wie er geistig arm und überhaupt gemein ist.
Denn man hat in der Welt nicht viel mehr, als die Wahl zwischen
Einsamkeit und Gemeinheit. Die geselligsten aller Menschen sollen die
Neger sein, wie sie eben auch intellektuell entschieden zurückstehn: nach
Berichten aus Nord-Amerika, in Französischen Zeitungen (le Commerce,
Octbr. 19, 1837), sperren die Schwarzen, Freie und Sklaven durcheinander,
in großer Anzahl, sich in den engsten Raum zusammen, weil sie ihr
schwarzes Stumpfnasengesicht nicht oft genug wiederholt erblicken
können.

Dem entsprechend, daß das Gehirn als der Parasit oder Pensionär des
ganzen Organismus auftritt, ist die errungene f r e i e M u ß e eines jeden,
indem sie ihm den freien Genuß seines Bewußtseins und seiner
Individualität gibt, die Frucht und der Ertrag seines gesamten Daseins,
welches im übrigen nur Mühe und Arbeit ist. Was nun aber wirft die freie
Muße der meisten Menschen ab? Langeweile, und Dumpfheit, so oft nicht
sinnliche Genüsse oder Albernheiten da sind, sie auszufüllen. Wie völlig
wertlos sie ist, zeigt die Art, wie sie solche zubringen: sie ist eben das ozio
lungo d'uomini ignoranti des Ariosto. Die gewöhnlichen Leute sind bloß
darauf bedacht, die Zeit z u z u b r i n g e n ; wer irgend ein Talent hat, – sie
z u b e n u t z e n . – Daß die beschränkten Köpfe der Langeweile so sehr
ausgesetzt sind, kommt daher, daß ihr Intellekt durchaus nichts weiter, als
das M e d i u m d e r M o t i v e für ihren Willen ist. Sind nun vor der Hand
keine Motive aufzufassen da; so ruht der Wille und feiert der Intellekt;
dieser, weil er so wenig wie jener auf eigene Hand in Tätigkeit gerät: das
Resultat ist schreckliche Stagnation aller Kräfte im ganzen Menschen, –
Langeweile. Dieser zu begegnen, schiebt man nun dem Willen kleine, bloß
einstweilige und beliebig angenommene Motive vor, ihn zu erregen und
dadurch auch den Intellekt, der sie aufzufassen hat, in Tätigkeit zu
versetzen: diese verhalten sich demnach zu den wirklichen und natürlichen
Motiven wie Papiergeld zu Silber; da ihre Geltung eine willkürlich
angenommene ist. Solche Motive nun sind die S p i e l e , mit Karten usw.,

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welche zu besagtem Zweck erfunden worden sind. Fehlt es daran, so hilft
der beschränkte Mensch sich durch Klappern oder Trommeln, mit allem,
was er in die Hand kriegt. Auch die Zigarre ist ihm ein willkommenes
Surrogat der Gedanken. – Daher also ist, in allen Ländern, die
Hauptbeschäftigung aller Gesellschaft das Kartenspiel geworden: es ist der
Maßstab des Wertes derselben und der deklarierte Bankrott an allen
Gedanken. Weil sie nämlich keine Gedanken auszutauschen haben,
tauschen sie Karten aus und suchen einander Gulden abzunehmen. O,
klägliches Geschlecht! Und indessen auch hier nicht ungerecht zu sein, will
ich den Gedanken nicht unterdrücken, daß man zur Entschuldigung des
Kartenspiels allenfalls anführen könnte, es sei eine Vorübung zum Welt-
und Geschäftsleben, sofern man dadurch lernt, die vom Zufall
unabänderlich gegebenen Umstände (Karten) klug zu benutzen, um daraus
was immer angeht zu machen, zu welchem Zwecke man sich denn auch
gewöhnt, Contenance zu halten, indem man zum schlechten Spiel eine
heitere Miene aufsetzt. Aber eben deshalb hat andererseits das Kartenspiel
einen demoralisierenden Einfluß. Der Geist des Spiels nämlich ist, daß man
auf alle Weise, durch jeden Streich und jeden Schlich, dem andern das
Seinige abgewinne. Aber die Gewohnheit, im Spiel so zu verfahren, wurzelt
ein, greift über in das praktische Leben, und man kommt allmälig dahin, in
den Angelegenheiten des Mein und Dein es ebenso zu machen und jeden
Vorteil, den man eben in der Hand hält, für erlaubt zu halten, sobald man
nur es gesetzlich darf. Belege hiezu gibt ja das bürgerliche Leben täglich. –
Weil also, wie gesagt, die f r e i e M u ß e die Blüte, oder vielmehr die
Frucht des Daseins eines jeden ist, indem nur sie ihn in den Besitz seines
eigenen Selbst einsetzt, so sind die glücklich zu preisen, welche dann auch
etwas Rechtes an sich selber erhalten; während den Allermeisten die freie
Muße nichts abwirft, als einen Kerl, mit dem nichts anzufangen ist, der sich
schrecklich langweilt, sich selber zur Last. Demnach freuen wir uns, »ihr
lieben Brüder, daß wir nicht sind der Magd Kinder, sondern der Freien.«
(Gal. 4, 31.)

Ferner, wie das Land am glücklichsten ist, welches weniger oder keiner
Einfuhr bedarf; so auch der Mensch, der an seinem innern Reichtum genug
hat und zu seiner Unterhaltung wenig oder nichts von außen nötig hat; da
dergleichen Zufuhr viel kostet, abhängig macht, Gefahr bringt, Verdruß
verursacht und am Ende doch nur ein schlechter Ersatz ist für die

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Erzeugnisse des eigenen Bodens. Denn von andern, von außen überhaupt,
darf man in keiner Hinsicht viel erwarten. Was einer dem andern sein kann,
hat seine sehr engen Grenzen: am Ende bleibt doch jeder allein, und da
kommt es darauf an, w e r jetzt allein sei. Auch hier gilt demnach was
Goethe (Dicht. u. Wahrh. Bd. 3, S. 474) im allgemeinen ausgesprochen hat,
daß, in allen Dingen, jeder zuletzt auf sich selbst zurückgewiesen wird,
oder, wie O l i v e r G o l d s m i t h sagt:

Still to ourselves in ev'ry place consign'd,
Our own felicity we make or find.

(The Traveller v. 431 sq.)

Das Beste und Meiste muß daher jeder sich selber sein und leisten. Je
mehr nun dieses ist, und je mehr demzufolge er die Quellen seiner Genüsse
in sich selbst findet, desto glücklicher wird er sein. Mit größtem Rechte also
sagt Aristoteles: ἡ ευδαιμονια των αυταρκων εστι (Eth. Eud. VII, 2), zu
deutsch: das Glück gehört denen, die sich selber genügen. Denn alle äußern
Quellen des Glückes und Genusses sind, ihrer Natur nach, höchst unsicher,
mißlich, vergänglich und dem Zufall unterworfen, dürften daher, selbst
unter den günstigsten Umständen, leicht stocken; ja, dieses ist
unvermeidlich, sofern sie doch nicht stets zur Hand sein können. Im Alter
nun gar versiegen sie fast alle notwendig: denn da verläßt uns Liebe,
Scherz, Reiselust, Pferdelust und Tauglichkeit für die Gesellschaft: sogar
die Freunde und Verwandten entführt uns der Tod. Da kommt es denn, mehr
als je, darauf an, was einer an sich selber habe. Denn dieses wird am
längsten Stich halten. Aber auch in jedem Alter ist und bleibt es die echte
und allein ausdauernde Quelle des Glücks. Ist doch in der Welt überall nicht
viel zu holen: Not und Schmerz erfüllen sie, und auf die, welche diesen
entronnen sind, lauert in allen Winkeln die Langeweile. Zudem hat in der
Regel die Schlechtigkeit die Herrschaft darin und die Torheit das große
Wort. Das Schicksal ist grausam und die Menschen sind erbärmlich. In
einer so beschaffenen Welt gleicht der, welcher viel an sich selber hat, der
hellen, warmen lustigen Weihnachtsstube, mitten im Schnee und Eise der
Dezembernacht. Demnach ist eine vorzügliche, eine reiche Individualität
und besonders sehr viel Geist zu haben ohne Zweifel das glücklichste Los
auf Erden; so verschieden es etwan auch von dem glänzendesten

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ausgefallen sein mag. Daher war es ein weiser Ausspruch der erst
19jährigen Königin Christine von Schweden, über den ihr noch bloß durch
e i n e n Aufsatz und aus mündlichen Berichten bekannt gewordenen
Kartesius, welcher damals seit 20 Jahren in der tiefsten Einsamkeit, in
Holland, lebte: Mr. Descartes est le plus heureux de tous les hommes, et sa
condition me semble digne d'envie. (Vie de Descartes par Baillet, Liv. VII,
ch. 10.) Nur müssen, wie es eben auch der Fall des Kartesius war, die
äußeren Umstände es so weit begünstigen, daß man auch sich selbst
besitzen und seiner froh werden könne; weshalb schon Koheleth (7, 12)
sagt: »Weisheit ist gut mit einem Erbgut, und hilft, daß einer sich der Sonne
freuen kann.« Wem nun, durch Gunst der Natur und des Schicksals, dieses
Los beschieden ist, der wird mit ängstlicher Sorgfalt darüber wachen, daß
die innere Quelle seines Glückes ihm zugänglich bleibe; wozu
Unabhängigkeit und Muße die Bedingungen sind. Diese wird er daher gern
durch Mäßigkeit und Sparsamkeit erkaufen; um so mehr, als er nicht, gleich
den andern, auf die äußern Quellen der Genüsse verwiesen ist. Darum wird
die Aussicht auf Ämter, Geld, Gunst und Beifall der Welt, ihn nicht
verleiten, sich selber aufzugeben, um den niedrigen Absichten oder dem
schlechten Geschmacke der Menschen sich zu fügen. Vorkommenden Falls
wird er es machen wie H o r a z in der Epistel an den Mäcenas (Lib. I, ep.
7). Es ist eine große Torheit, um n a c h a u ß e n zu gewinnen, n a c h
i n n e n zu verlieren, d. h. für Glanz, Rang, Prunk, Titel und Ehre, seine
Ruhe, Muße und Unabhängigkeit ganz oder großenteils hinzugeben. Dies
hat aber G o e t h e getan. Mich hat mein Genius mit Entschiedenheit nach
der andern Seite gezogen.

Die hier erörterte Wahrheit, daß die Hauptquelle des menschlichen
Glückes im eigenen Innern entspringt, findet ihre Bestätigung auch an der
sehr richtigen Bemerkung des A r i s t o t e l e s , in der Nikomachäischen
Ethik (I, 7; et VII, 13, 14), daß jeglicher Genuß irgendeine Aktivität, also
die Anwendung irgendeiner Kraft voraussetzt und ohne solche nicht bestehn
kann. Diese Aristotelische Lehre, daß das Glück eines Menschen in der
ungehinderten Ausübung seiner hervorstechenden Fähigkeit bestehe, gibt
auch Stobäos wieder in seiner Darstellung der peripatetischen Ethik (Ecl.
eth. II, c. 7, p. 268-278), z. B. ἐνεργειαν εἰναι την εὐδαιμονιαν κατ’ ἀρετην,
ἐν πραξεσι προηγουμεναις κατ’ εὐχην (felicitatem esse functionem
secundum virtutem, per actiones successus compotes); auch mit der

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Erklärung, daß ἀρετη jede Virtuosität sei. Nun ist die ursprüngliche
Bestimmung der Kräfte, mit welchen die Natur den Menschen ausgerüstet
hat, der Kampf gegen die Not, die ihn von allen Seiten bedrängt. Wenn aber
dieser Kampf einmal rastet, da werden ihm die unbeschäftigten Kräfte zur
Last: er muß daher jetzt mit ihnen s p i e l e n , d. h. sie zwecklos
gebrauchen: denn sonst fällt er der anderen Quelle des menschlichen
Leidens, der Langeweile, sogleich anheim. Von dieser sind daher vor allem
die Großen und Reichen gemartert, und hat von ihrem Elend schon
Lukretius eine Schilderung gegeben, deren Treffendes zu erkennen man
noch heute, in jeder großen Stadt, täglich Gelegenheit findet:

Exit saepe foras magnis ex aedibus ille,
Esse domi quem pertaesum est, subitoque reventat;
Quippe foris nihilo melius qui sentiat esse.
Currit, agens mannos, ad villam praecipitanter,
Auxilium tectis quasi ferre ardentibus instans:
Oscitat extemplo, tetigit quum limina villae;
Aut abit in somnum gravis, atque oblivia quaerit;
Aut etiam properans urbem petit, atque revisit.

III, 1073.

Bei diesen Herren muß in der Jugend die Muskelkraft und die
Zeugungskraft herhalten. Aber späterhin bleiben nur die Geisteskräfte: fehlt
es dann an diesen, oder an ihrer Ausbildung und dem angesammelten Stoffe
zu ihrer Tätigkeit, so ist der Jammer groß. Weil nun der W i l l e die einzige
unerschöpfliche Kraft ist; so wird er jetzt angereizt durch Erregung der
Leidenschaften, z. B. durch hohe Hasardspiele, dieses wahrhaft
degradierende Laster. – Überhaupt aber wird jedes unbeschäftigte
Individuum, je nach der Art der in ihm vorwaltenden Kräfte, sich ein Spiel
zu ihrer Beschäftigung wählen: etwan Kegel oder Schach; Jagd oder
Malerei; Wettrennen oder Musik; Kartenspiel oder Poesie; Heraldik oder
Philosophie, usw. Wir können sogar die Sache methodisch untersuchen,
indem wir auf die Wurzel aller menschlichen Kraftäußerungen
zurückgehen, also auf die d r e i p h y s i o l o g i s c h e n G r u n d k r ä f t e ,
welche wir demnach hier in ihrem zwecklosen Spiele zu betrachten haben,
in welchem sie als die Quellen dreier Arten möglicher Genüsse auftreten,

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aus denen jeder Mensch, je nachdem die eine oder die andere jener Kräfte
in ihm vorwaltet, die ihm angemessenen erwählen wird. Also zuerst, die
Genüsse der R e p r o d u k t i o n s k r a f t : sie bestehn im Essen, Trinken,
Verdauen, Ruhen und Schlafen. Diese werden daher sogar ganzen Völkern
als ihre Nationalvergnügungen von den andern nachgerühmt. Zweitens die
Genüsse der I r r i t a b i l i t ä t : sie bestehen im Wandern, Springen, Ringen,
Tanzen, Fechten, Reiten und athletischen Spielen jeder Art, wie auch in der
Jagd und sogar in Kampf und Krieg. Drittens, die Genüsse der
S e n s i b i l i t ä t : sie bestehen im Beschauen, Denken, Empfinden, Dichten,
Bilden, Musiziren, Lernen, Lesen, Meditieren, Erfinden, Philosophiren usw.
– Über den Wert, den Grad, die Dauer jeder dieser Arten der Genüsse lassen
sich mancherlei Betrachtungen anstellen, die dem Leser selbst überlassen
bleiben. Jedem aber wird dabei einleuchten, daß unser allemal durch den
Gebrauch der eigenen Kräfte bedingter Genuß und mithin unser in dessen
häufiger Wiederkehr bestehendes Glück, um so größer sein wird, je edlerer
Art die ihn bedingende Kraft ist. Den Vorrang, welchen in dieser Hinsicht
die Sensibilität, deren entschiedenes Überwiegen das Auszeichnende des
Menschen vor den übrigen Tiergeschlechtern ist, vor den beiden andern
physiologischen Grundkräften hat, als welche in gleichem und sogar in
höherem Grade den Tieren einwohnen, wird ebenfalls niemand ableugnen.
Der Sensibilität gehören unsere Erkenntniskräfte an: daher befähigt das
Überwiegen derselben zu den im E r k e n n e n bestehenden, also den
sogenannten g e i s t i g e n Genüssen, und zwar zu um so größeren, je
entschiedener jenes Überwiegen ist[B]. Dem normalen, gewöhnlichen
Menschen kann eine Sache allein dadurch lebhafte Teilnahme abgewinnen,
daß sie seinen W i l l e n anregt, also ein persönliches Interesse für ihn hat.
Nun ist aber jede anhaltende Erregung des W i l l e n s wenigstens
gemischter Art, also mit Schmerz verknüpft. Ein absichtliches
Erregungsmittel desselben und zwar mittels so kleiner Interessen, daß sie
nur momentane und leichte, nicht bleibende und ernstliche Schmerzen
verursachen können, sonach als ein bloßes Kitzeln des Willens zu
betrachten sind, ist das Kartenspiel, diese durchgängige Beschäftigung der
»guten Gesellschaft«, aller Orten[C]. – Der Mensch von überwiegenden
Geisteskräften hingegen ist der lebhaftesten Teilnahme auf dem Wege
bloßer E r k e n n t n i s , ohne alle Einmischung des W i l l e n s , fähig, ja
bedürftig. Diese Teilnahme aber versetzt ihn alsdann in eine Region,
welcher der Schmerz wesentlich fremd ist, gleichsam in die Atmosphäre der

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leicht lebenden Götter, θεαων ῥεια ζωοντων. Während demnach das Leben
der übrigen in Dumpfheit dahingeht, indem ihr Dichten und Trachten
gänzlich auf die kleinlichen Interessen der persönlichen Wohlfahrt und
dadurch auf Miseren aller Art gerichtet ist, weshalb unerträgliche
Langeweile sie befällt, sobald die Beschäftigung mit jenen Zwecken stockt
und sie auf sich selbst zurückgewiesen werden, indem nur das wilde Feuer
der Leidenschaft einige Bewegung in die stockende Masse zu bringen
vermag; so hat dagegen der mit überwiegenden Geisteskräften ausgestattete
Mensch ein gedankenreiches, durchweg belebtes und bedeutsames Dasein:
würdige und interessante Gegenstände beschäftigen ihn, sobald er sich
ihnen überlassen darf und in sich selbst trägt er eine Quelle der edelsten
Genüsse. Anregung von außen geben ihm die Werke der Natur und der
Anblick des menschlichen Treibens, sodann die so verschiedenartigen
Leistungen der Hochbegabten aller Zeiten und Länder, als welche eigentlich
nur ihm ganz genießbar, weil nur ihm ganz verständlich und fühlbar sind.
Für ihn demnach haben jene wirklich gelebt, an ihn haben sie sich
eigentlich gewendet; während die übrigen nur als zufällige Zuhörer eines
und das andere halb auffassen. Freilich aber hat er durch dieses alles ein
Bedürfnis mehr als die andern, das Bedürfnis zu lernen, zu sehen, zu
studiren, zu meditiren, zu üben, folglich auch das Bedürfnis freier Muße:
aber eben weil, wie Vo l t a i r e richtig bemerkt, il n'est de vrais plaisirs
qu'avec de vrais besoins, so ist dies Bedürfnis die Bedingung dazu, daß ihm
Genüsse offen stehn, welche den andern versagt bleiben, als welchen Natur-
und Kunstschönheiten und Geisteswerke jeder Art, selbst wenn sie solche
um sich anhäufen, im Grunde doch nur das sind, was Hetären einem Greise.
Ein so bevorzugter Mensch führt infolge davon neben seinem persönlichen
Leben noch ein zweites, nämlich ein intellektuelles, welches ihm allmälig
zum eigentlichen Zweck wird, zu welchem er jenes erstere nur noch als
Mittel ansieht: während den übrigen dieses schale, leere und betrübte
Dasein selbst als Zweck gelten muß. Jenes intellektuelle Leben wird daher
ihn vorzugsweise beschäftigen und es erhält, durch den fortwährenden
Zuwachs an Einsicht und Erkenntnis, einen Zusammenhang, eine
beständige Steigerung, eine sich mehr und mehr abrundende Ganzheit und
Vollendung, wie ein werdendes Kunstwerk; wogegen das bloß praktische,
bloß auf persönliche Wohlfahrt gerichtete, bloß eines Zuwachses in der
Länge, nicht in der Tiefe fähige Leben der andern traurig absticht, dennoch

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ihnen, wie gesagt, als Selbstzweck gelten muß; während es jenem bloßes
Mittel ist.

[B] Die Natur steigert sich fortwährend, zunächst vom mechanischen und
chemischen Wirken des unorganischen Reiches zum vegetabilischen und seinem
dumpfen Selbstgenuß, von da zum Tierreich, mit welchem die Intelligenz und
das Bewußtsein anbricht und nun von schwachen Anfängen stufenweise immer
höher steigt und endlich durch den letzten und größten Schritt bis zum
M e n s c h e n sich erhebt, in dessen Intellekt also die Natur den Gipfelpunkt und
das Ziel ihrer Produktionen erreicht, also das Vollendetste und Schwierigste
liefert, was sie hervorzubringen vermag. Selbst innerhalb der menschlichen
Spezies aber stellt der Intellekt noch viele und merkliche Abstufungen dar und
gelangt höchst selten zur obersten, der eigentlich hohen Intelligenz. Diese nun
also ist im engeren und strengeren Sinne das schwierigste und höchste Produkt
der Natur, mithin das Seltenste und Wertvollste, was die Welt aufzuweisen hat. In
einer solchen Intelligenz tritt das klarste Bewußtsein ein und stellt demgemäß die
Welt sich deutlicher und vollständiger als irgendwo dar. Der damit Ausgestattete
besitzt demnach das Edelste und Köstlichste auf Erden und hat dementsprechend
eine Quelle von Genüssen, gegen welche alle übrigen gering sind; so daß er von
außen nichts weiter bedarf, als nur die Muße, sich dieses Besitzes ungestört zu
erfreuen und seinen Diamanten auszuschleifen. Denn alle anderen, also nicht
intellektuellen Genüsse sind niedrigerer Art: sie laufen sämtlich auf
Willensbewegungen hinaus, also auf Wünschen, Hoffen, Fürchten und Erreichen,
gleichviel auf was es gerichtet sei, wobei es nie ohne Schmerzen abgehen kann,
und zudem mit dem Erreichen, in der Regel, mehr oder weniger Enttäuschung
eintritt, statt daß bei den intellektuellen Genüssen die Wahrheit immer klarer
wird. Im Reiche der Intelligenz waltet kein Schmerz, sondern alles ist
Erkenntnis. Alle intellektuellen Genüsse sind nun aber jedem nur vermittels und
also nach Maßgabe seiner eigenen Intelligenz zugänglich: denn tout l'esprit, qui
est au monde, est inutile à celui qui n'en a point. Ein wirklicher, jenen Vorzug
begleitender Nachteil aber ist, daß, in der ganzen Natur, mit dem Grad der
Intelligenz die Fähigkeit zum Schmerze sich steigert, also ebenfalls erst hier ihre
höchste Stufe erreicht.

[C] Die Vu l g a r i t ä t besteht im Grunde darin, daß im Bewußtsein das Wollen das
Erkennen gänzlich überwiegt, womit es den Grad erreicht, daß durchaus nur zum
Dienste des Willens das Erkennen eintritt, folglich wo dieser Dienst es nicht
heischt, also eben keine Motive, weder große noch kleine, vorliegen, das
Erkennen ganz zessiert, folglich völlige Gedankenleere eintritt. Nun ist aber
erkenntnisloses Wollen das Gemeinste, was es gibt: jeder Klotz Holz hat es und
zeigt es wenigstens, wenn er fällt. Daher macht jener Zustand die Vulgarität aus.
In demselben bleiben bloß die Sinneswerkzeuge und die geringe, zur
Apprehension ihrer Data erforderte Verstandestätigkeit aktiv, infolge wovon der
vulgäre Mensch allen Eindrücken beständig offen steht, also alles, was um ihn

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herum vorgeht, augenblicklich wahrnimmt, so daß der leiseste Ton und jeder,
auch noch so geringfügige Umstand seine Aufmerksamkeit sogleich erregt, eben
wie bei den Tieren. Dieser ganze Zustand wird in seinem Gesicht und ganzen
Äußeren sichtbar, – woraus dann das vulgäre Ansehen hervorgeht, dessen
Eindruck um so widerlicher ist, wann, wie meistens, der hier das Bewußtsein
allein erfüllende Wille ein niedriger, egoistischer und überhaupt schlechter ist.

Unser praktisches, reales Leben nämlich ist, wenn nicht die
Leidenschaften es bewegen, langweilig und fade; wenn sie aber es
bewegen, wird es bald schmerzlich: darum sind die allein beglückt, denen
irgendein Überschuß des Intellekts über das zum Dienst ihres Willens
erforderte Maß zuteil geworden. Denn damit führen sie, neben ihrem
wirklichen, noch ein intellektuelles Leben, welches sie fortwährend auf eine
s c h m e r z l o s e Weise und doch lebhaft beschäftigt und unterhält. Bloße
Muße, d. h. durch den Dienst des Willens u n b e s c h ä f t i g t e r Intellekt,
reicht dazu nicht aus; sondern ein wirklicher Überschuß der K r a f t ist
erfordert: denn nur dieser befähigt zu einer dem Willen nicht dienenden,
rein geistigen Beschäftigung: hingegen otium sine litteris mors est et
hominis vivi sepultura (Sen. ep. 82). Je nachdem nun aber dieser Überschuß
klein oder groß ist, gibt es unzählige Abstufungen jenes, neben dem realen
zu führenden intellektuellen Lebens, vom bloßen Insekten-, Vögel-,
Mineralien-, Münzensammeln und Beschreiben bis zu den höchsten
Leistungen der Poesie und Philosophie. Ein solches intellektuelles Leben
schützt aber nicht nur gegen die Langeweile, sondern auch gegen die
verderblichen Folgen derselben. Es wird nämlich zur Schutzwehr gegen
schlechte Gesellschaft und gegen die vielen Gefahren, Unglücksfälle,
Verluste und Verschwendungen, in die man gerät, wenn man sein Glück
ganz in der realen Welt sucht. So hat z. B. mir meine Philosophie nie etwas
eingebracht; aber sie hat mir sehr viel erspart.

Der normale Mensch hingegen ist, hinsichtlich des Genusses seines
Lebens, auf Dinge a u ß e r i h m gewiesen, auf den Besitz, den Rang, auf
Weib und Kinder, Freunde, Gesellschaft usw., auf diese stützt sich sein
Lebensglück: darum fällt es dahin, wenn er sie verliert oder er sich in ihnen
getäuscht sah. Dies Verhältnis auszudrücken, können wir sagen, daß sein
Schwerpunkt a u ß e r i h m fällt. Eben deshalb hat er auch stets wechselnde
Wünsche und Grillen: er wird, wenn seine Mittel es erlauben, bald

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Landhäuser, bald Pferde kaufen, bald Feste geben, bald Reisen machen,
überhaupt aber großen Luxus treiben, weil er eben in Dingen aller Art ein
Genüge v o n a u ß e n sucht; wie der Entkräftete aus Consommé's und
Apothekerdrogen die Gesundheit und Stärke zu erlangen hofft, deren wahre
Quelle die eigene Lebenskraft ist. Stellen wir nun, um nicht gleich zum
anderen Extrem überzugehn, neben ihn einen Mann von nicht gerade
eminenten, aber doch das gewöhnliche knappe Maß überschreitenden
Geisteskräften, so sehn wir diesen etwa irgendeine schöne Kunst als
Dilettant üben, oder aber eine Realwissenschaft, wie Botanik, Mineralogie,
Physik, Astronomie, Geschichte u. dgl. betreiben und alsbald einen großen
Teil seines Genusses darin finden, sich daran erholend, wenn jene äußeren
Quellen stocken oder ihn nicht mehr befriedigen. Wir können insofern
sagen, daß sein Schwerpunkt schon zum Teil i n i h n s e l b s t fällt. Weil
jedoch bloßer Dilettantismus in der Kunst noch sehr weit von der
hervorbringenden Fähigkeit liegt, und weil bloße Realwissenschaften bei
den Verhältnissen der Erscheinungen zueinander stehn bleiben, so kann der
ganze Mensch nicht darin aufgehen, sein ganzes Wesen kann nicht bis auf
den Grund von ihnen erfüllt werden und daher sein Dasein sich nicht mit
ihnen so verweben, daß er am übrigen alles Interesse verlöre. Dies nun
bleibt der höchsten geistigen Eminenz allein vorbehalten, die man mit dem
Namen des Genies zu bezeichnen pflegt: denn nur sie nimmt das Dasein
und Wesen der Dinge im ganzen und absolut zu ihrem Thema, wonach sie
dann ihr tiefe Auffassung desselben, gemäß ihrer individuellen Richtung,
durch Kunst, Poesie oder Philosophie auszusprechen streben wird. Daher ist
allein einem Menschen dieser Art die ungestörte Beschäftigung mit sich,
mit seinen Gedanken und Werken dringendes Bedürfnis, Einsamkeit
willkommen, freie Muße das höchste Gut, alles übrige entbehrlich, ja, wenn
vorhanden, oft nur zur Last. Nur von einem solchen Menschen können wir
demnach sagen, daß sein Schwerpunkt g a n z i n i h n fällt. Hieraus wird
sogar erklärlich, daß die höchst seltenen Leute dieser Art, selbst beim
besten Charakter, doch nicht jene innige und grenzenlose Teilnahme an
Freunden, Familie und Gemeinwesen zeigen, deren manche der anderen
fähig sind: denn sie können sich zuletzt über alles trösten; wenn sie nur sich
selbst haben. Sonach liegt in ihnen ein isolirendes Element mehr, welches
um so wirksamer ist, als die anderen ihnen eigentlich nie vollkommen
genügen, weshalb sie in ihnen nicht ganz und gar ihresgleichen sehen
können, ja, da das Heterogene in allem und jedem ihnen stets fühlbar wird,

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allmählich sich gewöhnen, unter den Menschen als verschiedenartige
Wesen umherzugehen und, in ihren Gedanken über dieselben, sich der
dritten nicht der ersten Person Pluralis zu bedienen. –

Von diesem Gesichtspunkt aus erscheint nun der, welchen die Natur in
intellektueller Hinsicht sehr reich ausgestattet hat, als der Glücklichste; so
gewiß das Subjektive uns näher liegt als das Objektive, dessen Wirkung,
welcher Art sie auch sei, immer erst durch jenes vermittelt, also nur
sekundär ist. Dies bezeugt auch der schöne Vers:

Πλουτος ὁ της ψυχης πλουτος μονος εστιν αληθης,
Τ’ αλλα δ’ εχει ατην πλειονα των κτεανων.

Lucian in Anthol. I, 67.

Ein solcher innerlich Reicher bedarf von außen nichts weiter als eines
negativen Geschenks, nämlich freier Muße, um seine geistigen Fähigkeiten
ausbilden und entwickeln und seinen innern Reichtum genießen zu können,
also eigentlich nur der Erlaubnis, sein ganzes Leben hindurch, jeden Tag
und jede Stunde, ganz er selbst sein zu dürfen. Wenn einer bestimmt ist, die
Spur seines Geistes dem ganzen Menschengeschlechte aufzudrücken, so
gibt es für ihn nur ein Glück oder Unglück, nämlich seine Anlagen
vollkommen ausbilden und seine Werke vollenden zu können, – oder aber
hieran verhindert zu sein. Alles andere ist für ihn geringfügig. Demgemäß
sehen wir die großen Geister aller Zeiten auf freie Muße den allerhöchsten
Wert legen. Denn die freie Muße eines jeden ist so viel wert, wie er selbst
wert ist. Δοκει δε ἡ ευδαιμονια εν τῃ σχολῃ ειναι (videtur beatitudo in otio
esse sita) sagt A r i s t o t e l e s (Eth. Nic. X, 7), und Diogenes Laertius (II, 5,
31) berichtet, daß Σωκρατης επῃνει σχολην, ὡς καλλιστον κτηματων
(Socrates otium ut possessionum omnium pulcherrimam laudabat). Dem
entspricht auch, daß Aristoteles (Eth. Nic. X, 7, 8, 9) das philosophische
Leben für das glücklichste erklärt. Sogar gehört hierher, was er in der
Politik (IV, 11) sagt: τον ευδαιμονα βιον ειναι τον κατ’ αρετην
ανεμποδιστον, welches, gründlich übersetzt, besagt: »seine Trefflichkeit,
welcher Art sie auch sei, ungehindert üben zu können, ist das eigentliche
Glück,« und also zusammentrifft mit G o e t h e s Ausspruch im Wilhelm
Meister: »wer mit einem Talent, zu einem Talent geboren ist, findet in

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demselben sein schönstes Dasein.« – Nun aber ist freie Muße zu besitzen
nicht nur dem gewöhnlichen Schicksal, sondern auch der gewöhnlichen
Natur des Menschen fremd; denn seine natürliche Bestimmung ist, daß er
seine Zeit mit Herbeischaffung des zu seiner und seiner Familie Existenz
Notwendigen zubringe. Er ist ein Sohn der Not, nicht eine freie Intelligenz.
Dementsprechend wird freie Muße dem gewöhnlichen Menschen bald zur
Last, ja endlich zur Qual, wenn er sie nicht, mittels allerlei erkünstelter und
fingirter Zwecke, durch Spiel, Zeitvertreib und Steckenpferde jeder Gestalt
auszufüllen vermag: auch bringt sie ihm aus dem selben Grunde Gefahr, da
es mit Recht heißt difficilis in otio quies. Andrerseits jedoch ist ein über das
normale Maß weit hinausgehender Intellekt ebenfalls abnorm, also
unnatürlich. Ist er dennoch einmal vorhanden, so bedarf es, für das Glück
des damit Begabten, eben jener den andern bald lästigen, bald verderblichen
freien Muße; da er ohne diese ein Pegasus im Joche, mithin unglücklich
sein wird. Treffen nun aber beide Unnatürlichkeiten, die äußere und die
innere, zusammen, so ist es ein großer Glücksfall: denn jetzt wird der so
Begünstigte ein Leben höherer Art führen, nämlich das eines Eximirten von
den beiden entgegengesetzten Quellen des menschlichen Leidens, der Not
und der Langenweile, oder dem sorglichen Treiben für die Existenz und der
Unfähigkeit, die Muße (d. i. die freie Existenz selbst) zu ertragen, welchen
beiden Übeln der Mensch sonst nur dadurch entgeht, daß sie selbst sich
wechselseitig neutralisiren und aufheben.

Gegen dieses alles jedoch kommt andererseits in Betracht, daß die großen
Geistesgaben infolge der überwiegenden Nerventätigkeit eine überaus
gesteigerte Empfindlichkeit für den Schmerz, in jeglicher Gestalt,
herbeiführen, daß ferner das sie bedingende leidenschaftliche Temperament
und zugleich die von ihnen unzertrennliche größere Lebhaftigkeit und
Vollkommenheit aller Vorstellungen eine ungleich größere Heftigkeit der
durch diese erregten Affekte herbeiführt, während es doch überhaupt mehr
peinliche als angenehme Affekte gibt; endlich auch, daß die großen
Geistesgaben ihren Besitzer den übrigen Menschen und ihrem Treiben
entfremden, da, je mehr er an sich selber hat, desto weniger er an ihnen
finden kann. Hundert Dinge, an welchen sie großes Genüge haben, sind ihm
schal und ungenießbar, wodurch denn das überall sich geltend machende
Gesetz der Kompensation vielleicht auch hier in Kraft bleibt; ist doch sogar
oft genug, und nicht ohne Schein, behauptet worden, der geistig

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beschränkteste Mensch sei im Grunde der glücklichste, wenn gleich keiner
ihn um dieses Glück beneiden mag. In der definitiven Entscheidung der
Sache will ich umsoweniger dem Leser vorgreifen, als selbst S o p h o k l e s
hierüber zwei einander diametral entgegengesetzte Aussprüche getan hat:

Πολλω το φρονειν ευδαιμονιας πρωτον ὑπαρχει.
(Sapere longe prima felicitatis pars est.)

Antig. 1328.

und wieder:

Εν τω φρονειν γαρ μηδεν ἡδιστος βιος.
(Nihil cogitantium jucundissima vita est.)

Ajax. 550.

Eben so uneinig miteinander sind die Philosophen des A. T.

»Des Narren Leben ist ärger denn der Tod!«
(του γαρ μωρου ὑπερ θανατου ζωη πονηρα.)

Jes. Sir. 22, 12.

und

»Wo viel Weisheit ist, da ist viel Grämens.«
(ὁ προστιθεις γνωσιν, προσθησει ἀλγημα.)

Kohel. 1, 18.

Inzwischen will ich hier doch nicht unerwähnt lassen, daß der Mensch,
welcher, infolge des streng und knapp normalen Maßes seiner
intellektuellen Kräfte, k e i n e g e i s t i g e B e d ü r f n i s s e h a t , es
eigentlich ist, den ein der deutschen Sprache ausschließlich eigener, vom

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Studentenleben ausgegangener, nachmals aber in einem höheren, wiewohl
dem ursprünglichen, durch den Gegensatz zum Musensohne, immer noch
analogen Sinne gebrauchter Ausdruck als den P h i l i s t e r bezeichnet.
Dieser nämlich ist und bleibt der ἀμουσος ἀνηρ. Nun würde ich zwar, von
einem höheren Standpunkt aus, die Definition der Philister so aussprechen,
daß sie Leute wären, die immerfort auf das ernstlichste beschäftigt sind mit
einer Realität, die keine ist. Allein eine solche schon transzendentale
Definition würde dem populären Standpunkt, auf welchen ich mich in
dieser Abhandlung gestellt habe, nicht angemessen, daher auch vielleicht
nicht durchaus jedem Leser faßlich sein. Jene erstere hingegen läßt leichter
eine spezielle Erläuterung zu und bezeichnet hinreichend das Wesentliche
der Sache, die Wurzel aller der Eigenschaften, die den P h i l i s t e r
charakterisieren. Er ist demnach e i n M e n s c h o h n e g e i s t i g e
B e d ü r f n i s s e . Hieraus nun folgt gar mancherlei: erstlich, i n H i n s i c h t
a u f i h n s e l b s t , daß er ohne geistige G e n ü s s e bleibt; nach dem schon
erwähnten Grundsatz: il n'est de vrais plaisirs qu'avec de vrais besoins.
Kein Drang nach Erkenntnis und Einsicht, um ihrer selbst willen, belebt
sein Dasein, auch keiner nach eigentlich ästhetischen Genüssen, als welcher
dem ersteren durchaus verwandt ist. Was dennoch von Genüssen solcher Art
etwa Mode oder Autorität ihm aufdringt, wird er als eine Art Zwangsarbeit
möglichst kurz abtun. Wirkliche Genüsse für ihn sind allein die sinnlichen:
durch diese hält er sich schadlos. Demnach sind Austern und Champagner
der Höhepunkt seines Daseins, und sich alles, was zum leiblichen Wohlsein
beiträgt, zu verschaffen, ist der Zweck seines Lebens. Glücklich genug,
wenn dieser ihm viel zu schaffen macht! Denn, sind jene Güter ihm schon
zum voraus oktroyirt, so fällt er unausbleiblich der Langenweile anheim,
gegen welche dann alles Ersinnliche versucht wird: Ball, Theater,
Gesellschaft, Kartenspiel, Hasardspiel, Pferde, Weiber, Trinken, Reisen
usw. Und doch reicht dies alles gegen die Langeweile nicht aus, wo Mangel
an geistigen Bedürfnissen die geistigen Genüsse unmöglich macht. Daher
auch ist dem Philister ein dumpfer, trockener Ernst, der sich dem tierischen
nähert, eigen und charakteristisch. Nichts freut ihn, nichts erregt ihn, nichts
gewinnt ihm Anteil ab. Denn die sinnlichen Genüsse sind bald erschöpft;
die Gesellschaft, aus eben solchen Philistern bestehend, wird bald
langweilig, das Kartenspiel zuletzt ermüdend. Allenfalls bleiben ihm noch
die Genüsse der Eitelkeit, nach seiner Weise, welche denn darin bestehen,
daß er an Reichtum oder Rang, oder Einfluß und Macht andere übertrifft,

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von welchen er dann deshalb geehrt wird; oder aber auch darin, daß er
wenigstens mit solchen, die in dergleichen eminiren, Umgang hat und so
sich im Reflex ihres Glanzes sonnt (a snob). – Aus der aufgestellten
Grundeigenschaft des Philisters folgt z w e i t e n s , i n H i n s i c h t a u f
a n d e r e , daß, da er keine geistige sondern nur physische Bedürfnisse hat,
er den suchen wird, der diese, nicht den, der jene zu befriedigen imstande
ist. Am allerwenigsten wird daher unter den Anforderungen, die er an
andere macht, die irgend überwiegender geistiger Fähigkeiten sein:
vielmehr werden diese, wenn sie ihm aufstoßen, seinen Widerwillen, ja,
seinen Haß erregen; weil er dabei nur ein lästiges Gefühl von Inferiorität
und dazu einen dumpfen, heimlichen Neid verspürt, den er aufs
sorgfältigste versteckt, indem er ihn sogar sich selber zu verhehlen sucht,
wodurch aber gerade solcher bisweilen bis zu einem stillen Ingrimm
anwächst. Nimmermehr demnach wird es ihm einfallen, nach dergleichen
Eigenschaften seine Wertschätzung oder Hochachtung abzumessen; sondern
diese wird ausschließlich dem Range und Reichtum, der Macht und dem
Einfluß vorbehalten bleiben, als welche in seinen Augen die allein wahren
Vorzüge sind, in denen zu exzelliren auch sein Wunsch wäre. – Alles dieses
aber folgt daraus, daß er ein Mensch o h n e g e i s t i g e B e d ü r f n i s s e ist.
Das große Leiden aller Philister ist, daß I d e a l i t ä t e n ihnen keine
Unterhaltung gewähren, sondern sie, um der Langenweile zu entgehen, stets
der R e a l i t ä t e n bedürfen. Diese nämlich sind teils bald erschöpft, wo sie,
statt zu unterhalten, ermüden; teils führen sie Unheil jeder Art herbei;
während hingegen die Idealitäten unerschöpflich und an sich unschuldig
und unschädlich sind.

Ich habe in dieser ganzen Betrachtung der persönlichen Eigenschaften,
welche zu unserem Glücke beitragen, nächst den physischen, hauptsächlich
die intellektuellen berücksichtigt. Auf welche Weise nun aber auch die
moralische Trefflichkeit unmittelbar beglückt, habe ich früher in meiner
Preisschrift über das Fundament der Moral § 22, S. 275 (2. Aufl. 272)
dargelegt, wohin ich also von hier verweise.

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Kapitel III.
Von dem, was einer hat.
Richtig und schön hat der große Glückseligkeitslehrer E p i k u r o s die
menschlichen Bedürfnisse in drei Klassen geteilt. Erstlich die natürlichen
und die notwendigen: es sind die, welche, wenn nicht befriedigt, Schmerz
verursachen. Folglich gehört hierher nur victus et amictus. Sie sind leicht zu
befriedigen. Zweitens, die natürlichen jedoch nicht notwendigen: es ist das
Bedürfnis der Geschlechtsbefriedigung; wiewohl Epikur dies im Berichte
des Laertius nicht ausspricht; (wie ich denn überhaupt seine Lehre hier
etwas zurechtgeschoben und ausgefeilt wiedergebe). Dieses Bedürfnis zu
befriedigen hält schon schwerer. Drittens, die weder natürlichen noch
notwendigen: es sind die des Luxus, der Üppigkeit, des Prunkes und
Glanzes: sie sind endlos und ihre Befriedigung ist sehr schwer. (Siehe Diog.
Laert. L. X, c. 27, § 149, auch § 127. – Cic. de fin. I, 13.)

Die Grenze unserer vernünftigen Wünsche hinsichtlich des Besitzes zu
bestimmen ist schwierig, wo nicht unmöglich. Denn die Zufriedenheit eines
jeden, in dieser Hinsicht, beruht nicht auf einer absoluten sondern auf einer
bloß relativen Größe, nämlich auf dem Verhältnis zwischen seinen
Ansprüchen und seinem Besitz: daher dieser letztere, für sich allein
betrachtet, so bedeutungsleer ist wie der Zähler eines Bruchs ohne den
Nenner. Die Güter, auf welche Anspruch zu machen einem Menschen nie in
den Sinn gekommen ist, entbehrt er durchaus nicht sondern ist, auch ohne
sie, völlig zufrieden; während ein anderer, der hundertmal mehr besitzt als
er, sich unglücklich fühlt, weil ihm eins abgeht, darauf er Anspruch macht.
Jeder hat, auch in dieser Hinsicht, einen eigenen Horizont des für ihn
möglicherweise Erreichbaren: so weit wie dieser gehn seine Ansprüche.
Wann irgend ein innerhalb desselben gelegenes Objekt sich ihm so darstellt,
daß er auf dessen Erreichung vertrauen kann, fühlt er sich glücklich;
hingegen unglücklich, wann eintretende Schwierigkeiten ihm die Aussicht
darauf benehmen. Das außerhalb dieses Gesichtskreises Liegende wirkt gar
nicht auf ihn. Daher beunruhigen den Armen die großen Besitztümer der

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Reichen nicht, und tröstet andrerseits den Reichen, bei verfehlten
Absichten, das viele nicht, was er schon besitzt. (Der Reichtum gleicht dem
Seewasser: je mehr man davon trinkt, desto durstiger wird man. – Dasselbe
gilt vom Ruhm.) – Daß nach verlorenem Reichtum oder Wohlstande, sobald
der erste Schmerz überstanden ist, unsre habituelle Stimmung nicht sehr
verschieden von der früheren ausfällt, kommt daher, daß, nachdem das
Schicksal den Faktor unsres Besitzes verkleinert hat, wir selbst nun den
Faktor unsrer Ansprüche gleich sehr vermindern. Diese Operation aber ist
das eigentlich Schmerzhafte, bei einem Unglücksfall: nachdem sie
vollzogen ist, wird der Schmerz immer weniger, zuletzt gar nicht mehr
gefühlt: die Wunde vernarbt. Umgekehrt wird, bei einem Glücksfall, der
Kompressor unsrer Ansprüche hinaufgeschoben, und sie dehnen sich aus:
hierin liegt die Freude. Aber auch sie dauert nicht länger, als bis diese
Operation gänzlich vollzogen ist: wir gewöhnen uns an das erweiterte Maß
der Ansprüche und werden gegen den demselben entsprechenden Besitz
gleichgültig. Dies sagt schon die homerische Stelle, Od. XVIII, 130-137,
welche schließt:

Τοιος γαρ νοος εστιν επιχθονιων ανθρωπων,
Ὁιον εφ’ ἡμαρ αγει πατηρ ανδρων τε θεων τε.

Die Quelle unserer Unzufriedenheit liegt in unsern stets erneuerten
Versuchen, den Faktor der Ansprüche in die Höhe zu schieben, bei der
Unbeweglichkeit des andern Faktors, die es verhindert. –

Unter einem so bedürftigen und aus Bedürfnissen bestehendem
Geschlecht, wie das menschliche, ist es nicht zu verwundern, daß
R e i c h t u m mehr und aufrichtiger als alles andere geachtet, ja verehrt
wird, und selbst die Macht nur als Mittel zum Reichtum; wie auch nicht,
daß zum Zwecke des Erwerbs alles andere beiseite geschoben oder über den
Haufen geworfen wird, z. B. die Philosophie von den
Philosophieprofessoren. – Daß die Wünsche der Menschen hauptsächlich
auf Geld gerichtet sind und sie dieses über alles lieben, wird ihnen oft zum
Vorwurf gemacht. Jedoch ist es natürlich, wohl gar unvermeidlich, das zu
lieben, was als ein unermüdlicher Proteus jeden Augenblick bereit ist, sich
in den jedesmaligen Gegenstand unsrer so wandelbaren Wünsche und

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mannigfaltigen Bedürfnisse zu verwandeln. Jedes andere Gut nämlich kann
nur e i n e m Wunsch, e i n e m Bedürfnis genügen: Speisen sind bloß gut
für den Hungrigen, Wein für den Gesunden, Arznei für den Kranken, ein
Pelz für den Winter, Weiber für die Jugend usw. Sie sind folglich alle nur
αγαθα προς τι, d. h. nur relativ gut. Geld allein ist das absolut Gute: weil es
nicht bloß e i n e m Bedürfnis in concreto begegnet sondern d e m
Bedürfnis überhaupt, in abstracto. –

Vo r h a n d e n e s Ve r m ö g e n soll man betrachten als eine Schutzmauer
gegen die vielen möglichen Übel und Unfälle, nicht als eine Erlaubnis oder
gar Verpflichtung, die Plaisirs der Welt heranzuschaffen. – Leute, die von
Hause aus kein Vermögen haben, aber endlich in die Lage kommen, durch
ihre Talente, welcher Art sie auch seien, viel zu verdienen, geraten fast
immer in die Einbildung, ihr Talent sei das bleibende Kapital und der
Gewinn dadurch die Zinsen. Demgemäß legen sie dann nicht das
Erworbene teilweise zurück, um so ein bleibendes Kapital
zusammenzubringen, sondern geben aus in dem Maße, wie sie verdienen.
Danach aber werden sie meistens in Armut geraten, weil ihr Erwerb stockt
oder aufhört, nachdem entweder das Talent selbst erschöpft ist, indem es
vergänglicher Art war wie z. B. das zu fast allen schönen Künsten, oder
auch, weil es nur unter besonderen Umständen und Konjunkturen geltend
zu machen war, welche aufgehört haben. Handwerker mögen immerhin es
auf die besagte Weise halten, weil die Fähigkeiten zu ihren Leistungen nicht
leicht verloren gehn, auch durch die Kräfte der Gesellen ersetzt werden und
weil ihre Fabrikate Gegenstände des Bedürfnisses sind, also alle Zeit
Abgang finden, weshalb denn auch das Sprichwort »ein Handwerk hat
einen goldenen Boden« richtig ist. Aber nicht so steht es um die Künstler
und virtuosi jeder Art. Eben deshalb werden diese teuer bezahlt. Daher aber
soll, was sie erwerben, ihr Kapital werden; während sie vermessener Weise
es für bloße Zinsen halten und dadurch ihrem Verderben entgegengehn. –
Leute hingegen, welche ererbtes Vermögen besitzen, wissen wenigstens
sogleich ganz richtig, was das Kapital und was die Zinsen sind. Die meisten
werden daher jenes sicher zu stellen suchen, keinesfalls es angreifen, ja
womöglich wenigstens ein Achtel der Zinsen zurücklegen, künftigen
Stockungen zu begegnen. Sie bleiben daher meistens im Wohlstande. – Auf
Kaufleute ist diese ganze Bemerkung nicht anwendbar: denn ihnen ist das
Geld selbst Mittel zum ferneren Erwerb, gleichsam Handwerksgerät; daher

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sie, auch wenn es ganz von ihnen selbst erworben ist, es sich durch
Benutzung zu erhalten und zu vermehren suchen. Demgemäß ist in keinem
Stande der Reichtum so eigentlich zu Hause wie in diesem.

Überhaupt aber wird man, in der Regel, finden, daß diejenigen, welche
schon mit der eigentlichen Not und dem Mangel handgemein gewesen sind,
diese ungleich weniger fürchten und daher zur Verschwendung geneigter
sind als die, welche solche nur von Hörensagen kennen. Zu den ersteren
gehören alle, die durch Glücksfälle irgend einer Art oder durch besondere
Talente, gleichviel welcher Gattung, ziemlich schnell aus der Armut in den
Wohlstand gelangt sind: die andern hingegen sind die, welche im
Wohlstande geboren und geblieben sind. Diese sind durchgängig mehr auf
die Zukunft bedacht und daher ökonomischer als jene. Man könnte daraus
schließen, daß die Not nicht eine so schlimme Sache wäre, wie sie, von
weitem gesehn, scheint. Doch möchte der wahre Grund vielmehr dieser
sein, daß dem, der in angestammtem Reichtume geboren ist, dieser als
etwas Unentbehrliches erscheint, als das Element des einzig möglichen
Lebens, so gut wie die Luft; daher er ihn bewacht wie sein Leben, folglich
meistens ordnungsliebend, vorsichtig und sparsam ist. Dem in
angestammter Armut Geborenen hingegen erscheint diese als der natürliche
Zustand; der ihm danach irgendwie zugefallene Reichtum aber als etwas
Überflüssiges, bloß tauglich zum Genießen und Verprassen; indem man,
wann er wieder fort ist, sich so gut wie vorher ohne ihn behilft und noch
eine Sorge los ist. Da geht es denn wie Shakespeare sagt:

The adage must be verified,
That beggars mounted run their horse to death.

(Das Sprichwort muß bewährt werden, daß der zu Pferde gesetzte
Bettler sein Tier zu Tode jagt.)

Henry VI. P. 3. A. 1.

Dazu kommt denn freilich noch, daß solche Leute ein festes und
übergroßes Zutrauen teils zum Schicksal, teils zu den eigenen Mitteln, die
ihnen schon aus Not und Armut herausgeholfen haben, nicht sowohl im

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Kopf als im Herzen tragen und daher die Untiefen derselben nicht, wie es
wohl den reich Geborenen begegnet, für bodenlos halten, sondern denken,
daß man, auf den Boden stoßend, wieder in die Höhe gehoben wird. – Aus
dieser menschlichen Eigentümlichkeit ist es auch zu erklären, daß Frauen,
welche arme Mädchen waren, sehr oft anspruchsvoller und
verschwenderischer sind als die, welche eine reiche Aussteuer zubrachten,
indem meistenteils die reichen Mädchen nicht bloß Vermögen mitbringen,
sondern auch mehr Eifer, ja angeerbten Trieb zur Erhaltung desselben, als
arme. Wer inzwischen das Gegenteil behaupten will, findet eine Autorität
für sich am Ariosto in dessen erster Satire; hingegen stimmt Dr. Johnson
meiner Meinung bei: A woman of fortune being used to the handling of
money, spends it judiciously: but a woman who gets the command of money
for the first time upon her marriage, has such a gust in spending it, that she
throws it away with great profusion. (S. Boswell, Life of Johnson, ann.
1776, aetat. 67.) Jedenfalls aber möchte ich dem, der ein armes Mädchen
heiratet, raten, sie nicht das Kapital sondern eine bloße Rente erben zu
lassen, besonders aber dafür zu sorgen, daß das Vermögen der Kinder nicht
in ihre Hände gerät.

Ich glaube keineswegs etwas meiner Feder Unwürdiges zu tun, indem ich
hier die Sorge für Erhaltung des erworbenen und des ererbten Vermögens
anempfehle. Denn von Hause aus so viel zu besitzen, daß man, wäre es
auch nur für seine Person und ohne Familie, in wahrer Unabhängigkeit d. h.
ohne zu arbeiten, bequem leben kann, ist ein unschätzbarer Vorzug: denn es
ist die Exemtion und die Immunität von der dem menschlichen Leben
anhängenden Bedürftigkeit und Plage, also die Emanzipation vom
allgemeinen Frohndienst, diesem naturgemäßen Lose des Erdensohns. Nur
unter dieser Begünstigung des Schicksals ist man als ein wahrer Freier
geboren: denn nur so ist man eigentlich sui juris, Herr seiner Zeit und seiner
Kräfte, und darf jeden Morgen sagen: »Der Tag ist mein«. Auch ist
ebendeshalb zwischen dem, der tausend, und dem, der hunderttausend Taler
Renten hat, der Unterschied unendlich kleiner als zwischen ersterem und
dem, der nichts hat. Seinen höchsten Wert aber erlangt das angeborene
Vermögen, wenn es dem zugefallen ist, der, mit geistigen Kräften höherer
Art ausgestattet, Bestrebungen verfolgt, die sich mit dem Erwerbe nicht
wohl vertragen: denn alsdann ist er vom Schicksal doppelt dotirt und kann
jetzt seinem Genius leben: der Menschheit aber wird er seine Schuld

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dadurch hundertfach abtragen, daß er leistet was kein anderer konnte und
etwas hervorbringt, das ihrer Gesamtheit zugute kommt, wohl auch gar ihr
zur Ehre gereicht. Ein anderer nun wieder wird in so bevorzugter Lage sich
durch philantropische Bestrebungen um die Menschheit verdient machen.
Wer hingegen nichts von dem allen, auch nur einigermaßen, oder
versuchsweise, leistet, ja, nicht einmal durch gründliche Erlernung
irgendeiner Wissenschaft sich wenigstens die Möglichkeit eröffnet, dieselbe
zu fördern, – ein solcher ist, bei angeerbtem Vermögen, ein bloßer Tagedieb
und verächtlich. Auch wird er nicht glücklich sein: denn die Exemtion von
der Not liefert ihn dem anderen Pol des menschlichen Elends, der
Langenweile, in die Hände, die ihn so martert, daß er viel glücklicher wäre,
wenn die Not ihm Beschäftigung gegeben hätte. Eben diese Langeweile
aber wird ihn leicht zu Extravaganzen verleiten, welche ihn um jenen
Vorzug bringen, dessen er nicht würdig war. Wirklich befinden Unzählige
sich bloß deshalb in Mangel, weil, als sie Geld hatten, sie es ausgaben, um
nur sich augenblickliche Linderung der sie drückenden Langenweile zu
verschaffen.

Ganz anders nun aber verhält es sich, wenn der Zweck ist, es im
Staatsdienste hoch zu bringen, wo demnach Gunst, Freunde, Verbindungen
erworben werden müssen, um durch sie, von Stufe zu Stufe, Beförderung,
vielleicht gar bis zu den höchsten Posten, zu erlangen: hier nämlich ist es
im Grunde wohl besser, ohne alles Vermögen in die Welt gestoßen zu sein.
Besonders wird es dem, welcher nicht adelig, hingegen mit einigem Talent
ausgestattet ist, zum wahren Vorteil und zur Empfehlung gereichen, wenn er
ein ganz armer Teufel ist. Denn was jeder, schon in der bloßen
Unterhaltung, wie viel mehr im Dienste, am meisten sucht und liebt, ist die
Inferiorität des anderen. Nun aber ist allein ein armer Teufel von seiner
gänzlichen, tiefen, entschiedenen und allseitigen Inferiorität und seiner
völligen Unbedeutsamkeit und Wertlosigkeit in dem Grade überzeugt und
durchdrungen, wie es hier erfordert wird. Nur er demnach verbeugt sich oft
und anhaltend genug, und nur seine Bücklinge erreichen volle 90°: nur er
läßt alles über sich ergehn und lächelt dazu; nur er erkennt die gänzliche
Wertlosigkeit der Verdienste; nur er preist öffentlich, mit lauter Stimme,
oder auch in großem Druck, die literarischen Stümpereien der über ihn
Gestellten, oder sonst Einflußreichen, als Meisterwerke; nur er versteht zu
betteln: folglich kann nur er, bei Zeiten, also in der Jugend, sogar ein

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Epopte jener verborgenen Wahrheit werden, die Goethe uns enthüllt hat in
den Worten:

»Über's Niederträchtige
Niemand sich beklage:
Denn es ist das Mächtige,
Was man dir auch sage.«

W. O . D i v a n .

Hingegen der, welcher von Hause aus zu leben hat, wird sich meistens
ungebärdig stellen: er ist gewohnt tête levée zu gehn, hat alle jene Künste
nicht gelernt, trotzt dazu vielleicht noch auf etwanige Talente, deren
Unzulänglichkeit vielmehr, dem médiocre et rampant gegenüber, er
begreifen sollte; er ist am Ende wohl gar imstande, die Inferiorität der über
ihn Gestellten zu merken; und wenn es nun vollends zu den Indignitäten
kommt, da wird er stätisch oder kopfscheu. Damit poussirt man sich nicht
in der Welt: vielmehr kann es mit ihm zuletzt dahin kommen, daß er mit
dem frechen Voltaire sagt: nous n'avons que deux jours à vivre: ce n'est pas
la peine de les passer à ramper sous des coquins méprisables: – leider ist,
beiläufig gesagt, dieses coquin méprisable ein Prädikat, zu dem es in der
Welt verteufelt viele Subjekte gibt. Man sieht also, daß das Juvenalische

Haud facile emergunt, quorum virtutibus obstat
Res angusta domi,

mehr von der Laufbahn der Virtuositäten als von der der Weltleute gültig
ist.

Zu dem, w a s e i n e r h a t , habe ich Frau und Kinder nicht gerechnet;
da er von diesen vielmehr gehabt wird. Eher ließen sich Freunde dazu
zählen: doch muß auch hier der Besitzende im gleichen Maße der Besitz
des andern sein.

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Kapitel IV.
Von dem, was einer vorstellt.
Dieses, also unser Dasein in der Meinung anderer, wird, infolge einer
besonderen Schwäche unserer Natur, durchgängig viel zu hoch
angeschlagen; obgleich schon die leichteste Besinnung lehren könnte, daß
es, an sich selbst, für unser Glück, unwesentlich ist. Es ist demnach kaum
erklärlich, wie sehr jeder Mensch sich innerlich freut, so oft er Zeichen der
günstigen Meinung anderer merkt und seiner Eitelkeit irgendwie
geschmeichelt wird. So unausbleiblich wie die Katze spinnt, wenn man sie
streichelt, malt süße Wonne sich auf das Gesicht des Menschen, den man
lobt und zwar in dem Felde seiner Prätension, sei das Lob auch
handgreiflich lügenhaft. Oft trösten ihn über reales Unglück oder über die
Kargheit, mit der für ihn die beiden, bis hieher abgehandelten Hauptquellen
unseres Glückes fließen, die Zeichen des fremden Beifalls: und, umgekehrt,
ist es zum Erstaunen, wie sehr jede Verletzung seines Ehrgeizes, in irgend
einem Sinne, Grad oder Verhältnis, jede Geringschätzung, Zurücksetzung,
Nichtachtung ihn unfehlbar kränkt und oft tief schmerzt. Sofern auf dieser
Eigenschaft das Gefühl der Ehre beruht, mag sie für das Wohlverhalten
vieler, als Surrogat ihrer Moralität, von ersprießlichen Folgen sein; aber auf
das eigene G l ü c k des Menschen, zunächst auf die diesem so wesentliche
Gemütsruhe und Unabhängigkeit, wirkt sie mehr störend und nachteilig als
förderlich ein. Daher ist es, von unserm Gesichtspunkt aus, ratsam, ihr
Schranken zu setzen und, mittels gehöriger Überlegung und richtiger
Abschätzung des Wertes der Güter, jene große Empfindlichkeit gegen die
fremde Meinung möglichst zu mäßigen, sowohl da, wo ihr geschmeichelt
wird, als da, wo ihr wehe geschieht: denn beides hängt am selben Faden.
Außerdem bleibt man der Sklave fremder Meinung und fremden
Bedünkens:

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Sic leve, sic parvum est, animum quod laudis avarum
Subruit ac reficit.

Demnach wird eine richtige Abschätzung des Wertes dessen, was man in
und f ü r s i c h s e l b s t ist, gegen das, was man bloß in den Augen
a n d e r e r ist, zu unserm Glücke viel beitragen. Zum ersteren gehört die
ganze Ausfüllung der Zeit unsers eigenen Daseins, der innere Gehalt
desselben, mithin alle die Güter, welche unter den Titeln »was einer ist«
und »was einer hat« von uns in Betrachtung genommen worden sind. Denn
der Ort, in welchem alles dieses seine Wirkungssphäre hat, ist das eigene
Bewußtsein. Hingegen ist der Ort dessen, was wir für a n d e r e sind, das
fremde Bewußtsein: es ist die Vorstellung, unter welcher wir darin
erscheinen, nebst den Begriffen, die auf diese angewandt werden[D]. Dies
nun ist etwas, das unmittelbar gar nicht für uns vorhanden ist, sondern bloß
mittelbar, nämlich sofern das Betragen der andern gegen uns dadurch
bestimmt wird. Und auch dieses selbst kommt eigentlich nur in Betracht,
sofern es Einfluß hat auf irgend etwas, wodurch das, was wir i n u n d f ü r
u n s s e l b s t sind, modifizirt werden kann. Außerdem ist ja, was in einem
fremden Bewußtsein vorgeht, als solches, für uns gleichgültig, und auch wir
werden allmählig gleichgültig dagegen werden, wenn wir von der
Oberflächlichkeit und Futilität der Gedanken, von der Beschränktheit der
Begriffe, von der Kleinlichkeit der Gesinnung, von der Verkehrtheit der
Meinungen und von der Anzahl der Irrtümer in den allermeisten Köpfen
eine hinlängliche Kenntnis erlangen, und dazu aus eigener Erfahrung
lernen, mit welcher Geringschätzung gelegentlich von jedem geredet wird,
sobald man ihn nicht zu fürchten hat oder glaubt, es komme ihm nicht zu
Ohren; insbesondere aber nachdem wir einmal angehört haben, wie vom
größten Manne ein halbes Dutzend Schafsköpfe mit Wegwerfung spricht.
Wir werden dann einsehen, daß, wer auf die Meinung der Menschen einen
großen Wert legt, ihnen zu viel Ehre erzeigt.

[D] Die höchsten Stände, in ihrem Glanz, in ihrer Pracht und Prunk und Herrlichkeit
und Repräsentation jeder Art können sagen: unser Glück liegt ganz außerhalb
unserer selbst: sein Ort sind die Köpfe anderer.

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Jedenfalls ist der auf eine kümmerliche Ressource hingewiesen, der sein
Glück nicht in den beiden, bereits abgehandelten Klassen von Gütern
findet, sondern es in dieser dritten suchen muß, also nicht in dem, was er
wirklich, sondern in dem, was er in der fremden Vorstellung ist. Denn
überhaupt ist die Basis unseres Wesens und folglich auch unseres Glücks
unsere animalische Natur. Daher ist, für unsere Wohlfahrt, Gesundheit das
wesentlichste, nächst dieser aber die Mittel zu unserer Erhaltung, also ein
sorgenfreies Auskommen. Ehre, Glanz, Rang, Ruhm, so viel Wert auch
mancher darauf legen mag, können mit jenen wesentlichen Gütern nicht
kompetiren, noch sie ersetzen: vielmehr würden sie, erforderlichen Falle,
unbedenklich für jene hingegeben werden. Dieserwegen wird es zu unserm
Glücke beitragen, wenn wir beizeiten die simple Einsicht erlangen, daß
jeder zunächst und wirklich in seiner eigenen Haut lebt, nicht aber in der
Meinung anderer, und daß demnach unser realer und persönlicher Zustand,
wie er durch Gesundheit, Temperament, Fähigkeiten, Einkommen, Weib,
Kind, Freunde, Wohnort usw. bestimmt wird, für unser Glück hundertmal
wichtiger ist, als was es andern beliebt aus uns zu machen. Der
entgegengesetzte Wahn macht unglücklich. Wird mit Emphase ausgerufen
»Über's Leben geht noch die Ehre,« so besagt dies eigentlich: »Dasein und
Wohlsein sind nichts; sondern was die andern von uns denken, das ist die
Sache.« Allenfalls kann der Ausspruch als eine Hyperbel gelten, der die
prosaische Wahrheit zum Grunde liegt, daß zu unserm Fortkommen und
Bestehn unter Menschen die Ehre, d. h. die Meinung derselben von uns, oft
unumgänglich nötig ist; worauf ich weiterhin zurückkommen werde. Wenn
man hingegen sieht, wie fast alles, wonach Menschen, ihr Leben lang, mit
rastloser Anstrengung und unter tausend Gefahren und Mühseligkeiten,
unermüdlich streben, zum letzten Zweck, hat, sich dadurch in der Meinung
anderer zu erhöhen, indem nämlich nicht nur Ämter, Titel und Orden,
sondern auch Reichtum, und selbst Wissenschaft[E] und Kunst, im Grunde
und hauptsächlich deshalb angestrebt werden, und der größere Respekt
anderer das letzte Ziel ist, darauf man hinarbeitet; so beweist dies leider nur
die Größe der menschlichen Torheit. Viel zu viel Wert auf die Meinung
anderer zu legen, ist ein allgemein herrschender Irrwahn: mag er nun in
unserer Natur selbst wurzeln, oder in Folge der Gesellschaft und
Zivilisation entstanden sein; jedenfalls übt er auf unser gesamtes Tun und
Lassen einen ganz übermäßigen und unserem Glücke feindlichen Einfluß
aus, den wir verfolgen können, von da an, wo er sich in der ängstlichen und

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sklavischen Rücksicht auf das qu'en dira-t-on zeigt, bis dahin, wo er den
Dolch des Virginius in das Herz seiner Tochter stößt, oder den Menschen
verleitet, für den Nachruhm, Ruhe, Reichtum und Gesundheit, ja, das Leben
zu opfern. Dieser Wahn bietet allerdings dem, der die Menschen zu
beherrschen oder sonst zu lenken hat, eine bequeme Handhabe dar; weshalb
in jeder Art von Menschendressierungskunst die Weisung, das Ehrgefühl
rege zu erhalten und zu schärfen, eine Hauptstelle einnimmt: aber in
Hinsicht auf das eigene Glück des Menschen, welches hier unsere Absicht
ist, verhält die Sache sich ganz anders, und ist vielmehr davon abzumahnen,
daß man nicht zu viel Wert auf die Meinung anderer lege. Wenn es, wie die
tägliche Erfahrung lehrt, dennoch geschieht, wenn die meisten Menschen
gerade auf die Meinung anderer von ihnen den höchsten Wert legen und es
ihnen darum mehr zu tun ist als um das, was, weil es in i h r e m e i g e n e n
B e w u ß t s e i n vorgeht, unmittelbar für sie vorhanden ist; wenn demnach,
mittels Umkehrung der natürlichen Ordnung, ihnen jenes der reale, dieses
der bloß ideale Teil ihres Daseins zu sein scheint, wenn sie also das
Abgeleitete und Sekundäre zur Hauptsache machen und ihnen mehr das
Bild ihres Wesens im Kopfe anderer, als dieses Wesen selbst am Herzen
liegt; so ist diese unmittelbare Wertschätzung dessen, was für uns
unmittelbar gar nicht vorhanden ist, diejenige Torheit, welche man
E i t e l k e i t , vanitas, genannt hat, um dadurch das Leere und Gehaltlose
dieses Strebens zu bezeichnen. Auch ist aus dem Obigen leicht einzusehn,
daß sie zum Vergessen des Zwecks über die Mittel gehört, so gut wie der
Geiz.

[E] Scire tuum nihil est, nisi te scire hoc sciat alter.

In der Tat überschreitet der Wert, den wir auf die Meinung anderer legen,
und unsere beständige Sorge in betreff derselben, in der Regel, fast jede
vernünftige Bezweckung, so daß sie als eine Art allgemein verbreiteter oder
vielmehr angeborener Manie angesehn werden kann. Bei allem, was wir tun
und lassen, wird, fast vor allem andern, die fremde Meinung berücksichtigt,
und aus der Sorge um sie werden wir, bei genauer Untersuchung, fast die
Hälfte aller Bekümmernisse und Ängste, die wir jemals empfunden haben,
hervorgegangen sehn. Denn sie liegt allem unserm, so oft gekränkten, weil

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so krankhaft empfindlichen, Selbstgefühl, allen unsern Eitelkeiten und
Prätensionen, wie auch unserm Prunken und Großtun, zum Grunde. Ohne
diese Sorge und Sucht würde der Luxus kaum ein Zehntel dessen sein, was
er ist. Aller und jeder Stolz, point d'honneur und puntiglio, so verschiedener
Gattung und Sphäre er auch sein kann, beruht auf ihr – und welche Opfer
heischt sie da nicht oft! Sie zeigt sich schon im Kinde, sodann in jedem
Lebensalter, jedoch am stärksten im späten; weil dann, beim Versiegen der
Fähigkeit zu sinnlichen Genüssen, Eitelkeit und Hochmut nur noch mit dem
Geize die Herrschaft zu teilen haben. Am deutlichsten läßt sie sich an den
Franzosen beobachten, als bei welchen sie ganz endemisch ist und sich oft
in der abgeschmacktesten Ehrsucht, lächerlichsten National-Eitelkeit und
unverschämtesten Prahlerei Luft macht; wodurch dann ihr Streben sich
selbst vereitelt, indem es sie zum Spotte der andern Nationen gemacht hat
und die grande nation ein Neckname geworden ist. Um nun aber die in
Rede stehende Verkehrtheit der überschwänglichen Sorge um die Meinung
anderer noch speziell zu erläutern, mag hier ein, durch den Lichteffekt des
Zusammentreffens der Umstände mit dem angemessenen Charakter, in
seltenem Grade begünstigtes, recht superlatives Beispiel jener in der
Menschennatur wurzelnden Torheit Platz finden, da an demselben die
Stärke dieser höchst wunderlichen Triebfeder sich ganz ermessen läßt. Es
ist folgende, den Times vom 31. März 1846 entnommene Stelle aus dem
ausführlichen Bericht von der soeben vollzogenen Hinrichtung des
T h o m a s W i x , eines Handwerksgesellen, der aus Rache seinen Meister
ermordet hatte: »An dem zur Hinrichtung festgesetzten Morgen fand sich
der hochwürdige Gefängniskaplan zeitig bei ihm ein. Allein W i x , obwohl
sich ruhig betragend, zeigte keinen Anteil an seinen Ermahnungen:
vielmehr war das einzige, was ihm am Herzen lag, daß es ihm gelingen
möchte, vor den Zuschauern seines schmachvollen Endes, sich mit recht
großer Bravour zu benehmen. – – – Dies ist ihm denn auch gelungen. Auf
dem Hofraum, den er zu dem, hart am Gefängnis errichteten Galgenschaffot
zu durchschreiten hatte, sagte er: >Wohlan denn, wie Doktor Dodd gesagt
hat, bald werde ich das große Geheimnis wissen!< Er ging, obwohl mit
gebundenen Armen, die Leiter zum Schaffot ohne die geringste Beihilfe
hinauf: daselbst angelangt machte er gegen die Zuschauer, rechts und links,
Verbeugungen, welche denn auch mit dem donnernden Beifallsruf der
versammelten Menge beantwortet und belohnt wurden, usw.« – Dies ist ein
Prachtexemplar der Ehrsucht, den Tod, in schrecklichster Gestalt, nebst der

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Ewigkeit dahinter, vor Augen, keine andere Sorge zu haben, als die um den
Eindruck auf den zusammengelaufenen Haufen der Gaffer und die
Meinung, welche man in deren Köpfen zurücklassen wird! – Und doch war
eben so der im selben Jahr in Frankreich, wegen versuchten Königsmordes,
hingerichtete L e c o m t e , bei seinem Prozeß, hauptsächlich darüber
verdrießlich, daß er nicht in anständiger Kleidung vor der Pairskammer
erscheinen konnte, und selbst bei seiner Hinrichtung war es ihm ein
Hauptverdruß, daß man ihm nicht erlaubt hatte, sich vorher zu rasiren. Daß
es auch ehemals nicht anders gewesen, ersehen wir aus dem, was M a t e o
A l e m a n , in der, seinem berühmten Romane, Guzman de Alfarache,
vorgesetzten Einleitung (declaracion) anführt, daß nämlich viele betörte
Verbrecher die letzten Stunden, welche sie ausschließlich ihrem Seelenheile
widmen sollten, diesem entziehn, um eine kleine Predigt, die sie auf der
Galgenleiter halten wollen, auszuarbeiten und zu memoriren. – An solchen
Zügen jedoch können wir selbst uns spiegeln: denn kolossale Fälle geben
überall die deutlichste Erläuterung. Unser aller Sorgen, Kümmern, Wurmen,
Ärgern, Ängstigen, Anstrengen usw. betrifft, in vielleicht den meisten
Fällen, eigentlich die fremde Meinung und ist eben so absurd, wie das jener
armen Sünder. Nicht weniger entspringt unser Neid und Haß größtenteils
aus besagter Wurzel.

Offenbar nun könnte zu unserem Glücke, als welches allergrößtenteils
auf Gemütsruhe und Zufriedenheit beruht, kaum irgend etwas so viel
beitragen, als die Einschränkung und Herabstimmung dieser Triebfeder auf
ihr vernünftig zu rechtfertigendes Maß, welches vielleicht ein fünfzigstel
des gegenwärtigen sein wird, also das Herausziehn dieses immerfort
peinigenden Stachels aus unserm Fleisch. Dies ist jedoch sehr schwer: denn
wir haben es mit einer natürlichen und angeborenen Verkehrtheit zu tun.
Etiam sapientibus cupido gloriae novissima exuitur sagt Tacitus (hist. VI,
6). Um jene allgemeine Torheit los zu werden, wäre das alleinige Mittel, sie
deutlich als eine solche zu erkennen und zu diesem Zwecke sich klar zu
machen, wie ganz falsch, verkehrt, irrig und absurd die meisten Meinungen
in den Köpfen der Menschen zu sein pflegen, daher sie, an sich selbst,
keiner Beachtung wert sind; sodann, wie wenig realen Einfluß auf uns die
Meinung anderer, in den meisten Dingen und Fällen, haben kann; ferner,
wie ungünstig überhaupt sie meistenteils ist, so daß fast jeder sich krank
ärgern würde, wenn er vernähme, was alles von ihm gesagt und in welchem

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Tone von ihm geredet wird; endlich, daß sogar die Ehre selbst doch
eigentlich nur von mittelbarem und nicht von unmittelbarem Werte ist u.
dgl. m. Wenn eine solche Bekehrung von der allgemeinen Torheit uns
gelänge; so würde die Folge ein unglaublich großer Zuwachs an
Gemütsruhe und Heiterkeit und ebenfalls ein festeres und sichereres
Auftreten, ein durchweg unbefangeneres und natürlicheres Betragen sein.
Der so überaus wohltätige Einfluß, den eine zurückgezogene Lebensweise
auf unsere Gemütsruhe hat, beruht größtenteils darauf, daß eine solche uns
dem fortwährenden Leben vor den Augen anderer, folglich der steten
Berücksichtigung ihrer etwanigen Meinung entzieht und dadurch uns uns
selber zurückgibt. Imgleichen würden wir sehr vielem realen Unglück
entgehn, in welches nur jenes rein ideale Streben, richtiger jene heillose
Torheit, uns zieht, würden auch viel mehr Sorgfalt für solide Güter übrig
behalten und dann auch diese ungestörter genießen. Aber, wie gesagt,
χαλεπα τα καλα.

Die hier geschilderte Torheit unsrer Natur treibt hauptsächlich drei
Sprößlinge: Ehrgeiz, Eitelkeit und Stolz. Zwischen diesen zwei letzteren
beruht der Unterschied darauf, daß der S t o l z die bereits feststehende
Überzeugung vom eigenen überwiegenden Werte, in irgendeiner Hinsicht,
ist; E i t e l k e i t hingegen der Wunsch, in andern eine solche Überzeugung
zu erwecken, meistens begleitet von der stillen Hoffnung, sie, in Folge
davon, auch selbst zu der seinigen machen zu können. Demnach ist Stolz
die von i n n e n ausgehende, folglich direkte Hochschätzung seiner selbst;
hingegen Eitelkeit das Streben, solche von a u ß e n her, also indirekt zu
erlangen. Dementsprechend macht die Eitelkeit gesprächig, der Stolz
schweigsam. Aber der Eitle sollte wissen, daß die hohe Meinung anderer,
nach der er trachtet, sehr viel leichter und sicherer durch anhaltendes
Schweigen zu erlangen ist, als durch Sprechen, auch wenn einer die
schönsten Dinge zu sagen hätte. – Stolz ist nicht wer will, sondern
höchstens kann wer will Stolz affektiren, wird aber aus dieser, wie aus jeder
angenommenen Rolle bald herausfallen. Denn nur die feste, innere,
unerschütterliche Überzeugung von überwiegenden Vorzügen und
besonderem Werte macht wirklich stolz. Diese Überzeugung mag nun irrig
sein, oder auch auf bloß äußerlichen und konventionellen Vorzügen
beruhen, – das schadet dem Stolze nicht, wenn sie nur wirklich und
ernstlich vorhanden ist. Weil also der Stolz seine Wurzel in der

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Ü b e r z e u g u n g hat, steht er, wie alle Erkenntnis, nicht in unserer
W i l l k ü r . Sein schlimmster Feind, ich meine sein größtes Hindernis, ist
die Eitelkeit, als welche um den Beifall anderer buhlt, um die eigene hohe
Meinung von sich erst darauf zu gründen, in welcher bereits ganz fest zu
sein die Voraussetzung des Stolzes ist.

So sehr nun auch durchgängig der Stolz getadelt und verschrien wird; so
vermute ich doch, daß dies hauptsächlich von solchen ausgegangen ist, die
nichts haben, darauf sie stolz sein könnten. Der Unverschämtheit und
Dummdreistigkeit der meisten Menschen gegenüber, tut jeder, der irgend
welche Vorzüge hat, ganz wohl, sie selbst im Auge zu behalten, um nicht sie
gänzlich in Vergessenheit geraten zu lassen: denn wer, solche gutmütig
ignorirend, mit jenen sich gerirt, als wäre er ganz ihresgleichen, den werden
sie treuherzig sofort dafür halten. Am meisten aber möchte ich solches
denen anempfehlen, deren Vorzüge von der höchsten Art, d. h. reale, und
also rein persönliche sind, da diese nicht, wie Orden und Titel, jeden
Augenblick durch sinnliche Einwirkung in Erinnerung gebracht werden:
denn sonst werden sie oft genug das sus Minervam exemplifizirt sehn.
»Scherze mit dem Sklaven; bald wird er dir den Hintern zeigen« – ist ein
vortreffliches arabisches Sprichwort, und das Horazische sume superbiam,
quaesitam meritis ist nicht zu verwerfen. Wohl aber ist die Tugend der
Bescheidenheit eine erkleckliche Erfindung für die Lumpe; da ihr gemäß
jeder von sich zu reden hat, als wäre auch er ein solcher, welches herrlich
nivellirt, indem es dann so herauskommt, als gäbe es überhaupt nichts als
Lumpe.

Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er
verrät in dem damit Behafteten den Mangel an i n d i v i d u e l l e n
Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem
greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende
persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen
Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber
jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein
könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört,
stolz zu sein: hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler
und Torheiten, die ihr eigen sind, πυξ και λαξ zu verteidigen. Daher wird
man z. B. unter fünfzig Engländern kaum mehr als einen finden, welcher

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mit einstimmt, wenn man von der stupiden und degradirenden Bigotterie
seiner Nation mit gebührender Verachtung spricht: der eine aber pflegt ein
Mann von Kopf zu sein. – Die Deutschen sind frei von Nationalstolz und
legen hierdurch einen Beweis der ihnen nachgerühmten Ehrlichkeit ab; vom
Gegenteil aber die unter ihnen, welche einen solchen vorgeben und
lächerlicher Weise affektiren; wie dies zumeist die »deutschen Brüder« und
Demokraten tun, die dem Volke schmeicheln, um es zu verführen. Es heißt
zwar, die Deutschen hätten das Pulver erfunden: ich kann jedoch dieser
Meinung nicht beitreten. Und Lichtenberg frägt: »warum gibt sich nicht
leicht jemand, der es nicht ist, für einen Deutschen aus, sondern
gemeiniglich, wenn er sich für etwas ausgeben will, für einen Franzosen
oder Engländer?« Übrigens überwiegt die Individualität bei weitem die
Nationalität, und in einem gegebenen Menschen verdient jene tausendmal
mehr Berücksichtigung als diese. Dem Nationalcharakter wird, da er von
der Menge redet, nie viel Gutes ehrlicherweise nachzurühmen sein.
Vielmehr erscheint nur die menschliche Beschränktheit, Verkehrtheit und
Schlechtigkeit in jedem Lande in einer andern Form und diese nennt man
den Nationalcharakter. Von e i n e m derselben degoutirt loben wir den
andern, bis es uns mit ihm eben so ergangen ist. – Jede Nation spottet über
die andere, und alle haben recht.

Der Gegenstand dieses Kapitels, also was wir in der Welt v o r s t e l l e n ,
d. h. in den Augen anderer sind, läßt sich nun, wie schon oben bemerkt,
einteilen in E h r e , R a n g und R u h m .

Der R a n g , so wichtig er in den Augen des großen Haufens und der
Philister, und so groß sein Nutzen im Getriebe der Staatsmaschine sein
mag, läßt sich, für unsern Zweck, mit wenigen Worten abfertigen. Es ist ein
konventioneller, d. h. eigentlich ein simulirter Wert: seine Wirkung ist eine
simulirte Hochachtung, und das ganze eine Komödie für den großen
Haufen. – Orden sind Wechselbriefe, gezogen auf die öffentliche Meinung:
ihr Wert beruht auf dem Kredit des Ausstellers. Inzwischen sind sie, auch
ganz abgesehn von dem vielen Gelde, welches sie, als Substitut pekuniärer
Belohnungen, dem Staat ersparen, eine ganz zweckmäßige Einrichtung;
vorausgesetzt, daß ihre Verteilung mit Einsicht und Gerechtigkeit geschehe.
Der große Haufe nämlich hat Augen und Ohren, aber nicht viel mehr, zumal
blutwenig Urteilskraft und selbst wenig Gedächtnis. Manche Verdienste

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liegen ganz außerhalb der Sphäre seines Verständnisses, andere versteht und
bejubelt er, bei ihrem Eintritt, hat sie aber nachher bald vergessen. Da finde
ich es ganz passend, durch Kreuz oder Stern, der Menge jederzeit und
überall zuzurufen: »der Mann ist nicht euresgleichen: er hat Verdienste!«
Durch ungerechte, oder urteilslose, oder übermäßige Verteilung verlieren
aber die Orden diesen Wert, daher ein Fürst mit ihrer Erteilung so vorsichtig
sein sollte, wie ein Kaufmann mit dem Unterschreiben der Wechsel. Die
Inschrift pour le mérite auf einem Kreuze ist ein Pleonasmus: jeder Orden
sollte pour le mérite sein, – ça va sans dire. –

Viel schwerer und weitläufiger, als die des Ranges, ist die Erörterung der
E h r e . Zuvörderst hätten wir sie zu definiren. Wenn ich nun in dieser
Absicht etwan sagte: die Ehre ist das äußere Gewissen, und das Gewissen
die innere Ehre; – so könnte dies vielleicht manchem gefallen; würde
jedoch mehr eine glänzende, als eine deutliche und gründliche Erklärung
sein. Daher sage ich: die Ehre ist, objektiv, die Meinung anderer von
unserm Wert, und subjektiv, unsere Furcht vor dieser Meinung. In letzterer
Eigenschaft hat sie oft eine sehr heilsame, wenn auch keineswegs rein
moralische Wirkung, – im Mann von Ehre.

Die Wurzel und der Ursprung des jedem, nicht ganz verdorbenen
Menschen einwohnenden Gefühls für Ehre und Schande, wie auch des
hohen Wertes, welcher ersterer zuerkannt wird, liegt in Folgendem. Der
Mensch für sich allein vermag gar wenig und ist ein verlassener Robinson:
nur in der Gemeinschaft mit den andern ist und vermag er viel. Dieses
Verhältnisses wird er inne, sobald sein Bewußtsein sich irgend zu
entwickeln anfängt, und alsbald entsteht in ihm das Bestreben, für ein
taugliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu gelten, also für eines,
das fähig ist, pro parte virili mitzuwirken, und dadurch berechtigt, der
Vorteile der menschlichen Gemeinschaft teilhaft zu werden. Ein solches nun
ist er dadurch, daß er, erstlich, das leistet, was man von jedem überall, und
sodann das, was man von ihm in der besonderen Stelle, die er
eingenommen hat, fordert und erwartet. Eben so bald aber erkennt er, daß es
hierbei nicht darauf ankommt, daß er es in seiner eigenen, sondern daß er es
in der Meinung der anderen sei. Hieraus entspringt demnach sein eifriges
Streben nach der günstigen M e i n u n g anderer und der hohe Wert, den er
auf diese legt: beides zeigt sich mit der Ursprünglichkeit eines angeborenen

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Gefühls, welches man Ehrgefühl und, nach Umständen, Gefühl der Scham
(verecundia) nennt. Dieses ist es, was seine Wangen rötet, sobald er glaubt,
plötzlich in der Meinung anderer verlieren zu müssen, selbst wo er sich
unschuldig weiß; sogar da, wo der sich aufdeckende Mangel eine nur
relative, nämlich willkürlich übernommene Verpflichtung betrifft: und
andrerseits stärkt nichts seinen Lebensmut mehr, als die erlangte, oder
erneuerte Gewißheit von der günstigen Meinung anderer; weil sie ihm den
Schutz und die Hilfe der vereinten Kräfte aller verspricht, welche eine
unendlich größere Wehrmauer gegen die Übel des Lebens sind, als seine
eigenen.

Aus den verschiedenen Beziehungen, in denen der Mensch zu andern
stehen kann und in Hinsicht auf welche sie Zutrauen zu ihm, also eine
gewisse gute Meinung von ihm, zu hegen haben, entstehen mehrere A r t e n
d e r E h r e . Diese Beziehungen sind hauptsächlich das Mein und Dein,
sodann die Leistungen der Anheischigen, endlich das Sexualverhältnis:
ihnen entsprechen die bürgerliche Ehre, die Amtsehre und die Sexualehre,
jede von welchen noch wieder Unterarten hat.

Die weiteste Sphäre hat die b ü r g e r l i c h e E h r e : sie besteht in der
Voraussetzung, daß wir die Rechte eines jeden unbedingt achten und daher
uns nie ungerechter, oder gesetzlich unerlaubter Mittel zu unserm Vorteile
bedienen werden. Sie ist die Bedingung zur Teilnahme an allem friedlichen
Verkehr. Sie geht verloren durch eine einzige offenbar und stark dawider
laufende Handlung, folglich auch durch jede Kriminalstrafe; wiewohl nur
unter Voraussetzung der Gerechtigkeit derselben. Immer aber beruht die
Ehre, in ihrem letzten Grunde, auf der Überzeugung von der
Unveränderlichkeit des moralischen Charakters, vermöge welcher eine
einzige schlechte Handlung die gleiche moralische Beschaffenheit aller
folgenden, sobald ähnliche Umstände eintreten werden, verbürgt: dies
bezeugt auch der englische Ausdruck character für Ruf, Reputation, Ehre.
Deshalb eben ist die verlorene Ehre nicht wieder herzustellen; es sei denn,
daß der Verlust auf Täuschung, wie Verläumdung, oder falschem Schein,
beruht hätte. Demgemäß gibt es Gesetze gegen Verläumdung, Pasquille,
auch Injurien; denn die Injurie, das bloße Schimpfen, ist eine summarische
Verläumdung, ohne Angabe der Gründe: dies ließe sich Griechisch gut
ausdrücken: εστι ἡ λοιδορια διαβολη συντομος, – welches jedoch nirgends

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vorkommt. Freilich legt der, welcher schimpft, dadurch an den Tag, daß er
nichts Wirkliches und Wahres gegen den andern vorzubringen hat; da er
sonst dieses als die Prämissen geben und die Konklusion getrost den Hörern
überlassen würde; statt dessen er die Konklusion gibt und die Prämissen
schuldig bleibt: allein er verläßt sich auf die Präsumtion, daß dies nur
beliebter Kürze halber geschehe. – Die bürgerliche Ehre hat zwar ihren
Namen vom Bürgerstande; allein ihre Geltung erstreckt sich über alle
Stände, ohne Unterschied, sogar die allerhöchsten nicht ausgenommen: kein
Mensch kann ihrer entraten und ist es mit ihr eine ganz ernsthafte Sache,
die jeder sich hüten soll leicht zu nehmen. Wer Treu und Glauben bricht, hat
Treu und Glauben verloren, auf immer, was er auch tun und wer er auch
sein mag; die bittern Früchte, welche dieser Verlust mit sich bringt, werden
nicht ausbleiben.

Die E h r e hat, in gewissem Sinne, einen n e g a t i v e n Charakter,
nämlich im Gegensatz des Ruhmes, der einen p o s i t i v e n Charakter hat.
Denn die Ehre ist nicht die Meinung von besonderen, diesem Subjekt allein
zukommenden Eigenschaften, sondern nur von den, der Regel nach,
vorauszusetzenden, als welche auch ihm nicht abgehen sollen. Sie besagt
daher nur, daß dies Subjekt keine Ausnahme mache; während der Ruhm
besagt, daß er eine mache. Ruhm muß daher erst erworben werden: die
Ehre hingegen braucht bloß nicht verloren zu gehn. Dem entsprechend ist
Ermangelung des Ruhmes Obskurität, ein Negatives; Ermangelung der Ehre
ist Schande, ein Positives. – Diese Negativität darf aber nicht mit Passivität
verwechselt werden: vielmehr hat die Ehre einen ganz aktiven Charakter.
Sie geht nämlich allein von dem S u b j e k t derselben aus, beruht auf
s e i n e m Tun und Lassen, nicht aber auf dem, was andere tun und was ihm
widerfährt: sie ist also των εφ’ ἡμιν. Dies ist, wie wir bald sehn werden, ein
Unterscheidungsmerkmal der wahren Ehre von der ritterlichen, oder
Afterehre. Bloß durch Verläumdung ist ein Angriff von außen auf die Ehre
möglich: das einzige Gegenmittel ist Widerlegung derselben, mit ihr
angemessener Öffentlichkeit und Entlarvung des Verläumders.

Die Achtung vor dem Alter scheint darauf zu beruhen, daß die Ehre
junger Leute zwar als Voraussetzung angenommen, aber noch nicht erprobt
ist, daher eigentlich auf Kredit besteht. Bei den Älteren aber hat es sich im
Laufe des Lebens ausweisen müssen, ob sie, durch ihren Wandel, ihre Ehre

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behaupten konnten. Denn weder die Jahre an sich, als welche auch Tiere,
und einige in viel höherer Zahl, erreichen, noch auch die Erfahrung, als
bloße, nähere Kenntnis vom Laufe der Welt, sind hinreichender Grund für
die Achtung der Jüngeren gegen die Älteren, welche doch überall gefordert
wird: die bloße Schwäche des höheren Alters würde mehr auf Schonung als
auf Achtung Anspruch geben. Merkwürdig aber ist es, daß dem Menschen
ein gewisser Respekt vor weißen Haaren angeboren und daher wirklich
instinktiv ist. Runzeln, ein ungleich sichereres Kennzeichen des Alters,
erregen diesen Respekt keineswegs: nie wird von ehrwürdigen Runzeln,
aber stets vom ehrwürdigen weißen Haare geredet.

Der Wert der Ehre ist nur ein mittelbarer. Denn, wie bereits am Eingang
dieses Kapitels auseinander gesetzt ist, die Meinung anderer von uns kann
nur insofern Wert für uns haben, als sie ihr Handeln gegen uns bestimmt,
oder gelegentlich bestimmen kann. Dies ist jedoch der Fall, so lange wir mit
oder unter Menschen leben. Denn, da wir, im zivilisirten Zustande,
Sicherheit und Besitz nur der Gesellschaft verdanken, auch der anderen, bei
allen Unternehmungen, bedürfen und sie Zutrauen zu uns haben müssen,
um sich mit uns einzulassen; so ist ihre Meinung von uns von hohem,
wiewohl immer nur mittelbarem Werte für uns; einen unmittelbaren kann
ich ihr nicht zuerkennen. In Übereinstimmung hiemit sagt auch C i c e r o :
de bona autem fama Chrysippus quidem et Diogenes, detracta utilitate, ne
digitum quidem, ejus causa, porrigendum esse dicebant. Quibus ego
vehementer assentior. (fin. III, 17.) Imgleichen gibt eine weitläufige
Auseinandersetzung dieser Wahrheit H e l v e t i u s , in seinem
Meisterwerke, de l'esprit (Disc. III, ch. 13), deren Resultat ist: nous
n'aimons pas l'estime pour l'estime, mais uniquement pour les avantages
qu'elle procure. Da nun das Mittel nicht mehr wert sein kann als der Zweck;
so ist der Paradespruch »die Ehre geht über das Leben,« wie gesagt, eine
Hyperbel.

Soviel von der bürgerlichen Ehre. Die A m t s e h r e ist die allgemeine
Meinung anderer, daß ein Mann, der ein Amt versieht, alle dazu
erforderlichen Eigenschaften wirklich habe und auch in allen Fällen seine
amtlichen Obliegenheiten pünktlich erfülle. Je wichtiger und größer der
Wirkungskreis eines Mannes im Staate ist, also je höher und einflußreicher
der Posten, auf dem er steht, desto größer muß die Meinung von den

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intellektuellen Fähigkeiten und moralischen Eigenschaften sein, die ihn
dazu tauglich machen: mithin hat er einen um so höhern Grad von Ehre,
deren Ausdruck seine Titel, Orden usw. sind, wie auch das sich
unterordnende Betragen anderer gegen ihn. Nach dem selben Maßstabe
bestimmt nun durchgängig der Stand den besonderen Grad der Ehre,
wiewohl dieser modifizirt wird durch die Fähigkeit der Menge über die
Wichtigkeit des Standes zu urteilen. Immer aber erkennt man dem, der
besondere Obliegenheiten hat und erfüllt, mehr Ehre zu, als dem gemeinen
Bürger, dessen Ehre hauptsächlich auf negativen Eigenschaften beruht.

Die Amtsehre erfordert ferner, daß wer ein Amt versieht, das Amt selbst,
seiner Kollegen und Nachfolger wegen, im Respekt erhalte, eben durch jene
pünktliche Erfüllung seiner Pflichten und auch dadurch, daß er Angriffe auf
das Amt selbst und auf sich, soferne er es versieht, d. h. Äußerungen, daß er
das Amt nicht pünktlich versehe, oder daß das Amt selbst nicht zum
allgemeinen Besten gereiche, nicht ungeahndet lasse, sondern durch die
gesetzliche Strafe beweise, daß jene Angriffe ungerecht waren.

Unterordnungen der Amtsehre sind die des Staatsdieners, des Arztes, des
Advokaten, jedes öffentlichen Lehrers, ja jedes Graduirten, kurz eines
jeden, der durch öffentliche Erklärung für eine gewisse Leistung geistiger
Art qualifizirt erklärt worden ist und sich eben deshalb selbst dazu
anheischig gemacht hat; also mit einem Wort die Ehre aller öffentlich
Anheischigen als solcher. Daher gehört auch hieher die wahre
S o l d a t e n e h r e : sie besteht darin, daß wer sich zur Verteidigung des
gemeinsamen Vaterlandes anheischig gemacht hat, die dazu nötigen
Eigenschaften, also vor allem Mut, Tapferkeit und Kraft wirklich besitze
und ernstlich bereit sei, sein Vaterland bis in den Tod zu verteidigen und
überhaupt die Fahne, zu der er einmal geschworen, um nichts auf der Welt
zu verlassen. – Ich habe hier die A m t s e h r e in einem weiteren Sinne
genommen, als gewöhnlich, wo sie den dem Amt selbst gebührenden
Respekt der Bürger bedeutet.

Die S e x u a l e h r e scheint mir einer näheren Betrachtung und
Zurückführung ihrer Grundsätze auf die Wurzel derselben zu bedürfen,
welche zugleich bestätigen wird, daß alle Ehre zuletzt auf
Nützlichkeitsrücksichten beruht. Die Sexualehre zerfällt, ihrer Natur nach,

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in Weiber- und Männerehre, und ist von beiden Seiten ein wohlverstandener
esprit de corps. Die erstere ist bei weitem die wichtigste von beiden: weil
im weiblichen Leben das Sexualverhältnis die Hauptsache ist. – Die
w e i b l i c h e E h r e also ist die allgemeine Meinung von einem Mädchen,
daß sie sich gar keinem Manne, und von einer Frau, daß sie sich nur dem
ihr angetrauten hingegeben habe. Die Wichtigkeit dieser Meinung beruht
auf Folgendem. Das weibliche Geschlecht verlangt und erwartet vom
männlichen alles, nämlich alles, was es wünscht und braucht: das
männliche verlangt vom weiblichen zunächst und unmittelbar nur eines.
Daher mußte die Einrichtung getroffen werden, daß das männliche
Geschlecht vom weiblichen jenes eine nur erlangen kann gegen Übernahme
der Sorge für alles und zudem für die aus der Verbindung entspringenden
Kinder: auf dieser Einrichtung beruht die Wohlfahrt des ganzen weiblichen
Geschlechts. Um sie durchzusetzen, muß notwendig das weibliche
Geschlecht zusammenhalten und esprit de corps beweisen. Dann aber steht
es als ein Ganzes und in geschlossener Reihe dem gesamten männlichen
Geschlechte, welches durch das Übergewicht seiner Körper- und
Geisteskräfte von Natur im Besitz aller irdischen Güter ist, als dem
gemeinschaftlichen Feinde gegenüber, der besiegt und erobert werden muß,
um, mittelst seines Besitzes, in den Besitz der irdischen Güter zu gelangen.
Zu diesem Ende nun ist die Ehrenmaxime des ganzen weiblichen
Geschlechts, daß dem männlichen jeder uneheliche Beischlaf durchaus
versagt bleibe; damit jeder einzelne zur Ehe, als welche eine Art von
Kapitulation ist, gezwungen und dadurch das ganze weibliche Geschlecht
versorgt werde. Dieser Zweck kann aber nur vermittelst strenger
Beobachtung der obigen Maxime vollkommen erreicht werden: daher
wacht das ganze weibliche Geschlecht, mit wahrem esprit de corps, über
die Aufrechterhaltung derselben unter allen seinen Mitgliedern. Demgemäß
wird jedes Mädchen, welches durch unehelichen Beischlaf einen Verrat
gegen das ganze weibliche Geschlecht begangen hat, weil dessen Wohlfahrt
durch das Allgemeinwerden dieser Handlungsweise untergraben werden
würde, von demselben ausgestoßen und mit Schande belegt: es hat seine
Ehre verloren. Kein Weib darf mehr mit ihm umgehen: es wird, gleich einer
Verpesteten, gemieden. Das gleiche Schicksal trifft die Ehebrecherin; weil
diese dem Manne die von ihm eingegangene Kapitulation nicht gehalten
hat, durch solches Beispiel aber die Männer vom Eingehen derselben
abgeschreckt werden; während auf ihr das Heil des ganzen weiblichen

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Geschlechts beruht. Aber noch überdies verliert die Ehebrecherin, wegen
der groben Wortbrüchigkeit und des Betruges in ihrer Tat, mit der
Sexualehre zugleich die bürgerliche. Daher sagt man wohl, mit einem
entschuldigenden Ausdruck, »ein gefallenes Mädchen«, aber nicht »eine
gefallene Frau«, und der Verführer kann jene, durch die Ehe, wieder ehrlich
machen; nicht so der Ehebrecher diese, nachdem sie geschieden worden. –
Wenn man nun, infolge dieser klaren Einsicht, einen zwar heilsamen, ja
notwendigen, aber wohlberechneten und auf Interesse gestützten esprit de
corps als die Grundlage des Prinzips der weiblichen Ehre erkennt; so wird
man dieser zwar die größte Wichtigkeit für das weibliche Dasein und daher
einen großen relativen, jedoch keinen absoluten, über das Leben und seine
Zwecke hinausliegenden und demnach mit diesem selbst zu erkaufenden
Wert beilegen können. Demnach nun wird man den überspannten, zu
tragischen Farcen ausartenden Taten der Lukretia und des Virginius keinen
Beifall schenken können. Daher eben hat der Schluß der Emilia Galotti
etwas so Empörendes, daß man das Schauspielhaus in völliger
Verstimmung verläßt. Hingegen kann man nicht umhin, der Sexualehre zum
Trotz, mit dem Klärchen des Egmont zu sympathisiren. Jenes auf die Spitze
Treiben des weiblichen Ehrenprinzips gehört, wie so manches, zum
Vergessen des Zwecks über die Mittel: denn die Sexualehre wird, durch
solche Überspannung, ein absoluter Wert angedichtet; während sie, noch
mehr als alle andere Ehre, einen bloß relativen hat; ja, man möchte sagen,
einen bloß konventionellen, wenn man aus dem Thomasius de concubinatu
ersieht, wie in fast allen Ländern und Zeiten, bis zur Lutherischen
Reformation, das Konkubinat ein gesetzlich erlaubtes und anerkanntes
Verhältnis gewesen ist, bei welchem die Konkubine ehrlich blieb; der
Mylitta zu Babylon (Herodot I, 199) usw. gar nicht zu gedenken. Auch gibt
es allerdings bürgerliche Verhältnisse, welche die äußere Form der Ehe
unmöglich machen, besonders in katholischen Ländern, wo keine
Scheidung stattfindet; überall aber für regierende Herren, als welche,
meiner Meinung nach, viel moralischer handeln, wenn sie eine Mätresse
halten, als wenn sie eine morganatische Ehe eingehen, deren Deszendenz,
beim etwanigen Aussterben der legitimen, einst Ansprüche erheben könnte;
weshalb, sei es auch noch so entfernt, durch solche Ehe die Möglichkeit
eines Bürgerkrieges herbeigeführt wird. Überdies ist eine solche
morganatische, d. h. eigentlich allen äußern Verhältnissen zum Trotz
geschlossene Ehe, im letzten Grunde, eine den Weibern und den Pfaffen

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gemachte Konzession, zweien Klassen, denen man etwas einzuräumen sich
möglichst hüten sollte. Ferner ist zu erwägen, daß jeder im Lande das Weib
seiner Wahl ehelichen kann, bis auf einen, dem dieses natürliche Recht
benommen ist: dieser arme Mann ist der Fürst. Seine Hand gehört dem
Lande und wird nach der Staatsraison, d. h. dem Wohl des Landes gemäß,
vergeben. Nun aber ist er doch ein Mensch und will auch einmal dem
Hange seines Herzens folgen. Daher ist es so ungerecht und undankbar, wie
es spießbürgerlich ist, dem Fürsten das Halten einer Mätresse verwehren,
oder vorwerfen zu wollen; versteht sich, so lange ihr kein Einfluß auf die
Regierung gestattet wird. Auch ihrerseits ist eine solche Mätresse,
hinsichtlich der Sexualehre, gewissermaßen eine Ausnahmsperson, eine
Eximirte von der allgemeinen Regel: denn sie hat sich bloß einem Manne
ergeben, der sie und den sie lieben, aber nimmermehr heiraten konnte. –
Überhaupt aber zeugen von dem nicht rein natürlichen Ursprunge des
weiblichen Ehrenprinzips die vielen blutigen Opfer, welche demselben
gebracht werden, – im Kindermorde und Selbstmorde der Mütter.
Allerdings begeht ein Mädchen, die sich ungesetzlich preisgibt, dadurch
einen Treuebruch gegen ihr ganzes Geschlecht: jedoch ist diese Treue nur
stillschweigend angenommen und nicht beschworen. Und da, im
gewöhnlichen Fall, ihr eigener Vorteil am unmittelbarsten darunter leidet,
so ist ihre Torheit dabei unendlich größer als ihre Schlechtigkeit.

Die Geschlechtsehre der Männer wird durch die der Weiber
hervorgerufen, als der entgegengesetzte esprit de corps, welcher verlangt,
daß jeder, der die dem Gegenpart so sehr günstige Kapitulation, die Ehe,
eingegangen ist, jetzt darüber wache, daß sie ihm gehalten werde; damit
nicht selbst dieses Paktum, durch das Einreißen einer laxen Observanz
desselben, seine Festigkeit verliere und die Männer, indem sie alles
hingeben, nicht einmal des einen versichert seien, was sie dafür erhandeln,
des Alleinbesitzes des Weibes. Demgemäß fordert die Ehre des Mannes,
daß er den Ehebruch seiner Frau ahnde und, wenigstens durch Trennung
von ihr, strafe. Duldet er ihn wissentlich, so wird er von der
Männergemeinschaft mit Schande belegt: jedoch ist diese lange nicht so
durchgreifend, wie die durch den Verlust der Geschlechtsehre das Weib
treffende, vielmehr nur eine levioris notae macula; weil beim Manne die
Geschlechtsbeziehung eine untergeordnete ist, indem er in noch vielen
anderen und wichtigeren steht. Die zwei großen dramatischen Dichter der

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neueren Zeit haben, jeder zweimal, diese Männerehre zu ihrem Thema
genommen: Shakespeare, im Othello und im Wintermärchen, und Calderon,
in el medico de su honra (der Arzt seiner Ehre) und a secreto agravio
secreta venganza (für geheime Schmach geheime Rache). Übrigens fordert
diese Ehre nur die Bestrafung des Weibes, nicht die ihres Buhlen; welche
bloß ein opus supererogationis ist: hiedurch bestätigt sich der angegebene
Ursprung derselben aus dem esprit de corps der Männer. –

Die Ehre, wie ich sie bis hieher, in ihren Gattungen und Grundsätzen,
betrachtet habe, findet sich bei allen Völkern und zu allen Zeiten als
allgemein geltend; wenn gleich der Weiberehre sich einige lokale und
temporäre Modifikationen ihre Grundsätze nachweisen lassen. Hingegen
gibt es noch eine, von jener allgemein und überall gültigen gänzlich
verschiedene Gattung der Ehre, von welcher weder Griechen noch Römer
einen Begriff hatten, so wenig wie Chinesen, Hindu und Mohammedaner,
bis auf den heutigen Tag, irgend etwas von ihr wissen. Denn sie ist erst im
Mittelalter entstanden und bloß im christlichen Europa einheimisch
geworden, ja, selbst hier nur unter einer äußerst kleinen Fraktion der
Bevölkerung, nämlich unter den höheren Ständen der Gesellschaft und was
ihnen nacheifert. Es ist die r i t t e r l i c h e E h r e , oder das point d'honneur.
Da ihre Grundsätze von denen der bis hieher erörterten Ehre gänzlich
verschieden, sogar diesen zum Teil entgegengesetzt sind, indem jene erstere
den E h r e n m a n n , diese hingegen den M a n n v o n E h r e macht; so will
ich ihre Prinzipien hier besonders ausstellen, als einen Kodex, oder Spiegel
der ritterlichen Ehre.

1. Die Ehre besteht n i c h t in der Meinung anderer von unserm Wert,
sondern ganz allein in den Ä u ß e r u n g e n einer solchen Meinung;
gleichviel ob die geäußerte Meinung wirklich vorhanden sei oder nicht;
geschweige, ob sie Grund habe. Demnach mögen andere, in Folge unsers
Lebenswandels, eine noch so schlechte Meinung von uns hegen, uns noch
so sehr verachten; solange nur keiner sich untersteht, solches laut zu äußern,
schadet es der Ehre durchaus nicht. Umgekehrt aber, wenn wir auch durch
unsere Eigenschaften und Handlungen alle andern zwingen, uns sehr hoch
zu achten (denn das hängt nicht von ihrer Willkür ab); so darf dennoch nur
irgend einer, – und wäre es der Schlechteste und Dümmste –, seine
Geringschätzung über uns aussprechen, und alsbald ist unsere Ehre verletzt,

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ja, sie ist auf immer verloren; wenn sie nicht wieder hergestellt wird. – Ein
überflüssiger Beleg dazu, daß es keineswegs auf die M e i n u n g anderer,
sondern allein auf die Ä u ß e r u n g einer solchen ankomme, ist der, daß
Verunglimpfungen z u r ü c k g e n o m m e n , nötigenfalls abgebeten werden
können, wodurch es dann ist, als wären sie nie geschehn: ob dabei die
Meinung, aus der sie entsprungen, sich ebenfalls geändert habe und
weshalb dies geschehn sein sollte, tut nichts zur Sache: nur die Äußerung
wird annullirt, und dann ist alles gut. Hier ist es demnach nicht darauf
abgesehn, Respekt zu verdienen, sondern ihn zu ertrotzen.

2. Die Ehre eines Mannes beruht nicht auf dem, was er t u t , sondern auf
dem, was er l e i d e t , was ihm widerfährt. Wenn, nach den Grundsätzen der
zuerst erörterten, allgemein geltenden Ehre, diese allein abhängt von dem,
was e r s e l b s t sagt oder tut; so hängt hingegen die ritterliche Ehre ab von
dem, was irgend ein anderer sagt oder tut. Sie liegt sonach in der Hand, ja,
hängt an der Zungenspitze eines jeden, und kann, wenn dieser zugreift,
jeden Augenblick auf immer verloren gehn, falls nicht der Betroffene, durch
einen bald zu erwähnenden Herstellungsprozeß, sie wieder an sich reißt,
welches jedoch nur mit Gefahr seines Lebens, seiner Gesundheit, seiner
Freiheit, seines Eigentums und seiner Gemütsruhe geschehn kann. Diesem
zufolge mag das Tun und Lassen eines Mannes das rechtschaffenste und
edelste, sein Gemüt das reinste und sein Kopf der eminenteste sein; so kann
dennoch seine Ehre jeden Augenblick verloren gehn, sobald es nämlich
irgend einem, – der nur noch nicht diese Ehrengesetze verletzt hat, übrigens
aber der nichtswürdigste Lump, das stupideste Vieh, ein Tagedieb, Spieler,
Schuldenmacher, kurz, ein Mensch, der nicht wert ist, daß jener ihn ansieht,
sein kann, – beliebt, ihn zu s c h i m p f e n . Sogar wird es meistenteils
gerade ein Subjekt solcher Art sein, dem dies beliebt; weil eben, wie
S e n e k a richtig bemerkt, ut quisque contemtissimus et ludibrio est, ita
solutissimae linguae est (de constantia, 11): auch wird ein solcher gerade
gegen einen, wie der zuerst Geschilderte, am leichtesten aufgereizt werden;
weil die Gegensätze sich hassen und weil der Anblick überwiegender
Vorzüge die stille Wut der Nichtswürdigkeit zu erzeugen pflegt; daher eben
Goethe sagt:

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Was klagst du über Feinde?
Sollten solche je werden Freunde,
Denen das Wesen, wie du bist,
Im Stillen ein ewiger Vorwurf ist?

W. O . D i v a n .

Man sieht, wie sehr viel gerade die Leute der zuletzt geschilderten Art
dem Ehrenprinzip zu danken haben; da es sie mit denen nivellirt, welche
ihnen sonst in jeder Beziehung unerreichbar wären. – Hat nun ein solcher
geschimpft, d. h. dem andern eine schlechte Eigenschaft zugesprochen; so
gilt dies, vor der Hand, als ein objektiv wahres und gegründetes Urteil, ein
rechtskräftiges Dekret, ja, es bleibt für alle Zukunft wahr und gültig, wenn
es nicht alsbald mit Blut ausgelöscht wird: d. h. der Geschimpfte bleibt (in
den Augen aller »Leute von Ehre«) das, was der Schimpfer (und wäre
dieser der letzte aller Erdensöhne) ihn genannt hat: denn er hat es (dies ist
der terminus technicus) »auf sich sitzen lassen.« Demgemäß werden die
»Leute von Ehre« ihn jetzt durchaus verachten, ihn wie einen Verpesteten
fliehen, z. B. sich laut und öffentlich weigern, in eine Gesellschaft zu gehn,
wo er Zutritt hat usw. – Den Ursprung dieser weisen Grundansicht glaube
ich mit Sicherheit darauf zurückführen zu können, daß (nach C. G. von
Wächters »Beiträge zur deutschen Geschichte, besonders des deutschen
Strafrechts« 1845) im Mittelalter, bis ins 15. Jahrhundert, bei
Kriminalprozessen nicht der Ankläger die Schuld, sondern der Angeklagte
seine Unschuld zu beweisen hatte. Dies konnte geschehen durch einen
Reinigungseid, zu welchem er jedoch noch der Eideshelfer
(consacramentales) bedurfte, welche beschworen, sie seien überzeugt, daß
er keines Meineides fähig sei. Hatte er diese nicht, oder ließ der Ankläger
sie nicht gelten; so trat Gottesurteil ein, und dieses bestand gewöhnlich im
Zweikampf. Denn der Angeklagte war jetzt ein »Bescholtener« und hatte
sich zu reinigen. Wir sehn hier den Ursprung des Begriffs des
Bescholtenseins und des ganzen Hergangs der Dinge, wie er noch heute
unter den »Leuten von Ehre« stattfindet, nur mit Weglassung des Eides.
Eben hier ergibt sich auch die Erklärung der obligaten, hohen Indignation,
mit welcher »Leute von Ehre« den Vorwurf der Lüge empfangen und
blutige Rache dafür fordern, welches, bei der Alltäglichkeit der Lügen, sehr

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seltsam erscheint, aber besonders in England zum tiefwurzelnden
Aberglauben erwachsen ist. (Wirklich müßte jeder, der den Vorwurf der
Lüge mit dem Tode zu strafen droht, in seinem Leben nicht gelogen haben.)
Nämlich in jenen Kriminalprozessen des Mittelalters war die kürzere Form,
daß der Angeklagte dem Ankläger erwiderte: »das lügst du;« worauf dann
sofort auf Gottesurteil erkannt wurde: daher also schreibt es sich, daß, nach
dem ritterlichen Ehrenkodex, auf den Vorwurf der Lüge sogleich die
Appellation an die Waffen erfolgen muß. – So viel, was das Schimpfen
betrifft. Nun aber gibt es sogar noch etwas Ärgeres als Schimpfen, etwas so
Erschreckliches, daß ich wegen dessen bloßer Erwähnung in diesem Kodex
der ritterlichen Ehre, die »Leute von Ehre« um Verzeihung zu bitten habe,
da ich weiß, daß beim bloßen Gedanken daran ihnen die Haut schaudert und
ihr Haar sich emporsträubt, indem es das summum malum, der Übel größtes
auf der Welt, und ärger als Tod und Verdammnis ist. Es kann nämlich,
horribile dictu, einer dem andern einen Klaps oder Schlag versetzen. Dies
ist eine entsetzliche Begebenheit und führt einen so kompleten Ehrentod
herbei, daß, wenn alle andern Verletzungen der Ehre schon durch Blutlassen
zu heilen sind, diese zu ihrer gründlichen Heilung einen kompleten
Totschlag erfordert.

3. Die Ehre hat mit dem, was der Mensch an und für sich sein mag, oder
mit der Frage, ob seine moralische Beschaffenheit sich jemals ändern
könne, und allen solchen Schulfuchsereien, ganz und gar nichts zu tun;
sondern wann sie verletzt, oder vor der Hand verloren ist, kann sie, wenn
man nur schleunig dazutut, recht bald und vollkommen wieder hergestellt
werden, durch ein einziges Universalmittel, das Duell. Ist jedoch der
Verletzer nicht aus den Ständen, die sich zum Kodex der ritterlichen Ehre
bekennen, oder hat derselbe diesem schon ein Mal zuwider gehandelt; so
kann man, zumal wenn die Ehrenverletzung eine tätliche, aber auch, wenn
sie eine bloß wörtliche gewesen sein sollte, eine sichere Operation
vornehmen, indem man, wenn man bewaffnet ist, ihn auf der Stelle,
allenfalls auch noch eine Stunde nachher, niedersticht, wodurch dann die
Ehre wieder heil ist. Außerdem aber, oder wenn man, aus Besorgnis vor
daraus entstehenden Unannehmlichkeiten, diesen Schritt vermeiden
möchte, oder wenn man bloß ungewiß ist, ob der Beleidiger sich den
Gesetzen der ritterlichen Ehre unterwerfe, oder nicht, hat man ein
Palliativmittel, an der »Avantage.« Diese besteht darin, daß, wenn er grob

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gewesen ist, man noch merklich gröber sei: geht dies mit Schimpfen nicht
mehr an, so schlägt man drein, und zwar ist auch hier ein Klimax der
Ehrenrettung: Ohrfeigen werden durch Stockschläge kurirt, diese durch
Hetzpeitschenhiebe: selbst gegen letztere wird von einigen das Anspucken
als probat empfohlen. Nur wenn man mit diesen Mitteln nicht mehr zur Zeit
kommt, muß durchaus zu blutigen Operationen geschritten werden. Diese
Palliativmethode hat ihren Grund eigentlich in der folgenden Maxime.

4. Wie Geschimpftwerden eine Schande, so ist Schimpfen eine Ehre.
Z. B. auf der Seite meines Gegners sei Wahrheit, Recht und Vernunft; ich
aber schimpfe; so müssen diese alle einpacken, und Recht und Ehre ist auf
meiner Seite: er hingegen hat vorläufig seine Ehre verloren, – bis er sie
herstellt, nicht etwan durch Recht und Vernunft, sondern durch Schießen
und Stechen. Demnach ist die Grobheit eine Eigenschaft, welche, im Punkte
der Ehre, jede andere ersetzt oder überwiegt: der Gröbste hat allemal Recht:
quid multa? Welche Dummheit, Ungezogenheit, Schlechtigkeit einer auch
begangen haben mag; – durch eine Grobheit wird sie als solche ausgelöscht
und sofort legitimiert. Zeigt etwan in einer Diskussion, oder sonst im
Gespräch ein anderer richtigere Sachkenntnis, strengere Wahrheitsliebe,
gesünderes Urteil, mehr Verstand als wir, oder überhaupt, läßt er geistige
Vorzüge blicken, die uns in Schatten stellen; so können wir alle dergleichen
Überlegenheiten und unsere eigene durch sie aufgedeckte Dürftigkeit
sogleich aufheben und nun umgekehrt selbst überlegen sein, indem wir
beleidigend und grob werden. Denn eine Grobheit besiegt jedes Argument
und eklipzirt allen Geist: wenn daher nicht etwan der Gegner sich darauf
einläßt und sie mit einer größeren erwidert, wodurch wir in den edlen
Wettkampf der Avantage geraten; so bleiben wir Sieger und die Ehre ist auf
unserer Seite: Wahrheit, Kenntnis, Verstand, Geist, Witz müssen einpacken
und sind aus dem Felde geschlagen von der göttlichen Grobheit. Daher
werden »Leute von Ehre«, sobald jemand eine Meinung äußert, die von der
ihrigen abweicht, oder auch nur mehr Verstand zeigt, als sie ins Feld stellen
können, sogleich Miene machen, jenes Kampfroß zu besteigen; und wenn
etwan, in einer Kontroverse, es ihnen an einem Gegenargument fehlt, so
suchen sie nach einer Grobheit, als welche ja denselben Dienst leistet und
leichter zu finden ist: darauf gehn sie siegreich von dannen. Man sieht
schon hier, wie sehr mit Recht dem Ehrenprinzip die Veredelung des Tones
in der Gesellschaft nachgerühmt wird. – Diese Maxime beruht nun wieder

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auf der folgenden, welche die eigentliche Grundmaxime und die Seele des
ganzen Kodex ist.

5. Der oberste Richterstuhl des Rechts, an den man, in allen Differenzen,
von jedem andern, soweit es die Ehre betrifft, appelliren kann, ist der der
physischen Gewalt, d. h. der Tierheit. Denn jede Grobheit ist eigentlich eine
Appellation an die Tierheit, indem sie den Kampf der geistigen Kräfte, oder
des moralischen Rechts, für inkompetent erklärt und an deren Stelle den
Kampf der physischen Kräfte setzt, welcher bei der Spezies Mensch, die
von F r a n k l i n ein toolmaking animal (Werkzeuge verfertigendes Tier)
definirt wird, mit den ihr demnach eigentümlichen Waffen, im Duell,
vollzogen wird und eine unwiderrufliche Entscheidung herbeiführt. – Diese
Grundmaxime wird bekanntlich, mit einem Worte, durch den Ausdruck
F a u s t r e c h t , welcher dem Ausdruck A b e r w i t z analog und daher, wie
dieser, ironisch ist, bezeichnet: demnach sollte, ihm gemäß, die ritterliche
Ehre die Faust-Ehre heißen. –

6. Hatten wir, weiter oben, die bürgerliche Ehre sehr skrupulös gefunden
im Punkte des Mein und Dein, der eingegangenen Verpflichtungen und des
gegebenen Wortes; so zeigt hingegen der hier in Betrachtung genommene
Kodex darin die nobelste Liberalität. Nämlich nur e i n Wort darf nicht
gebrochen werden, das Ehrenwort, d. h. das Wort, bei dem man gesagt hat
»auf Ehre!« – woraus die Präsumtion entsteht, daß jedes andere Wort
gebrochen werden darf. Sogar bei dem Bruch dieses Ehrenworts läßt sich
zur Not die Ehre noch retten, durch das Universalmittel, das Duell, hier mit
denjenigen, welche behaupten, wir hätten das Ehrenwort gegeben. – Ferner:
nur e i n e Schuld gibt es, die unbedingt bezahlt werden muß, – die
Spielschuld, welche auch demgemäß den Namen »Ehrenschuld« führt. Um
alle übrigen Schulden mag man Juden und Christen prellen: das schadet der
ritterlichen Ehre durchaus nicht. –

Daß nun dieser seltsame, barbarische und lächerliche Kodex der Ehre
nicht aus dem Wesen der menschlichen Natur, oder einer gesunden Ansicht
menschlicher Verhältnisse hervorgegangen sei, erkennt der Unbefangene
auf den ersten Blick. Zudem aber wird es durch den äußerst beschränkten
Bereich seiner Geltung bestätigt: dieser nämlich ist ausschließlich Europa
und zwar nur seit dem Mittelalter, und auch hier nur beim Adel, Militär und

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was diesen nacheifert. Denn weder Griechen, noch Römer, noch die
hochgebildeten asiatischen Völker, alter und neuer Zeit, wissen irgend
etwas von dieser Ehre und ihren Grundsätzen. Sie alle kennen keine andere
Ehre, als die zuerst analysirte. Bei ihnen allen gilt demnach der Mann für
das, wofür sein Tun und Lassen ihn kund gibt, nicht aber für das, was
irgend einer losen Zunge beliebt von ihm zu sagen. Bei ihnen allen kann,
was einer sagt oder tut, wohl seine e i g e n e Ehre vernichten, aber nie die
eines andern. Ein Schlag ist bei ihnen allen eben nur ein Schlag, wie jedes
Pferd und jeder Esel ihn gefährlicher versetzen kann: er wird, nach
Umständen, zum Zorne reizen, auch wohl auf der Stelle gerächt werden:
aber mit der Ehre hat er nichts zu tun, und keineswegs wird Buch gehalten
über Schläge und Schimpfwörter, nebst der dafür gewordenen oder aber
einzufordern versäumten »Satisfaktion.« An Tapferkeit und
Lebensverachtung stehn sie den Völkern des christlichen Europas nicht
nach. Griechen und Römer waren doch wohl ganze Helden: aber sie wußten
nichts vom point d'honneur. Der Zweikampf war bei ihnen nicht Sache der
Edeln im Volke, sondern feiler Gladiatoren, preisgegebener Sklaven und
verurteilter Verbrecher, welche, mit wilden Tieren abwechselnd, auf
einander gehetzt wurden, zur Belustigung des Volks. Bei Einführung des
Christentums wurden die Gladiatorenspiele aufgehoben: an ihre Stelle aber
ist, in der christlichen Zeit, unter Vermittelung des Gottesurteils, das Duell
getreten. Waren jene ein grausames Opfer, der allgemeinen Schaulust
gebracht; so ist dieses ein grausames Opfer, dem allgemeinen Vorurteil
gebracht; aber nicht wie jenes, von Verbrechern, Sklaven und Gefangenen,
sondern von Freien und Edeln.

Daß den Alten jenes Vorurteil völlig fremd war, bezeugen eine Menge
uns aufbehaltener Züge. Als z. B. ein Teutonischer Häuptling den M a r i u s
zum Zweikampf herausgefordert hatte, ließ dieser Held ihm antworten:
»wenn er seines Lebens überdrüssig wäre, möge er sich aufhängen«, bot
ihm jedoch einen ausgedienten Gladiator an, mit dem er sich
herumschlagen könne (Freinsh. suppl. in Liv. lib. LXVIII, c. 12). Im
Plutarch (Them. 11) lesen wir, daß der Flottenbefehlshaber Eurybiades, mit
dem Themistokles streitend, den Stock aufgehoben habe, ihn zu schlagen;
jedoch nicht, daß dieser darauf den Degen gezogen, vielmehr, daß er gesagt
habe: παταξον μεν ουν, ακουσον δε: »schlage mich, aber höre mich.« Mit
welchem Unwillen muß doch der Leser »von Ehre« hiebei die Nachricht

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vermissen, daß das Atheniensische Offizierkorps sofort erklärt habe, unter
so einem Themistokles nicht ferner dienen zu wollen! – Ganz richtig sagt
demnach ein neuerer französischer Schriftsteller: si quelqu'un s'avisait de
dire que Démosthène fut un homme d'honneur, on sourirait de pitié; – – –
Cicéron n'était pas un homme d'honneur non plus. (Soirées littéraires, par
C. Durand. Rouen 1828. Vol. 2. p. 300.) Ferner zeigt die Stelle im Plato (de
leg. IX, die letzten 6 Seiten, imgleichen XI p. 131 Bip.) über die αικια, d. h.
Mißhandlungen, zur Genüge, daß die Alten von der Ansicht des ritterlichen
Ehrenpunktes bei solchen Sachen keine Ahnung hatten. S o k r a t e s ist, in
Folge seiner häufigen Disputationen, oft tätlich mißhandelt worden,
welches er gelassen ertrug: als er einst einen Fußtritt erhielt, nahm er es
geduldig hin und sagte dem, der sich hierüber wunderte: »würde ich denn,
wenn mich ein Esel gestoßen hätte, ihn verklagen?« – (Diog. Laert. II, 21.)
Als, ein ander Mal, jemand zu ihm sagte: »schimpft und schmäht dich denn
jener nicht?« war seine Antwort: »nein: denn was er sagt paßte nicht auf
mich« (ibid. 36.) – Stobäos (Florileg., ed. Gaisford, Vol. I, p. 327-330) hat
eine lange Stelle des M u s o n i u s uns aufbewahrt, daraus zu ersehen, wie
die Alten die Injurien betrachteten: sie kannten keine andere Genugtuung,
als die gerichtliche; und weise Männer verschmähten auch diese. Daß die
Alten für eine erhaltene Ohrfeige keine andere Genugtuung kannten, als
eine gerichtliche, ist deutlich zu ersehn aus Plato's Gorgias (S. 86 Bip.);
woselbst auch (S. 133) die Meinung des Sokrates darüber steht. Dasselbe
erhellt auch aus dem Berichte des Gillius (XX, 1) von einem gewissen
Lucius Veratius, welcher den Mutwillen übte, den ihm auf der Straße
begegnenden römischen Bürgern, ohne Anlaß, eine Ohrfeige zu versetzen,
in welcher Absicht er, um allen Weitläuftigkeiten darüber vorzubeugen, sich
von einem Sklaven mit einem Beutel Kupfermünze begleiten ließ, der den
also Überraschten sogleich das gesetzmäßige Schmerzensgeld von 25 Aß
auszahlte. K r a t e s , der berühmte Zyniker, hatte vom Musiker Nikodromos
eine so starke Ohrfeige erhalten, daß ihm das Gesicht angeschwollen und
blutrünstig geworden war: darauf befestigte er an seiner Stirn ein Brettchen,
mit der Inschrift Νικοδρομος εποιει (Nicodromus fecit), wodurch große
Schande auf den Flötenspieler fiel, der gegen einen Mann, den ganz Athen
wie einen Hausgott verehrte (Apul. Flor. p. 126 bip.), eine solche Brutalität
ausgeübt hatte. (Diog. Laert. VI, 89.) – Vom D i o g e n e s aus Sinope haben
wir darüber, daß die betrunkenen Söhne der Athener ihn geprügelt hatten,
einen Brief an den Melesippus, dem er bedeutet, das habe nichts auf sich.

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(Nota Casaub. ad Diog. Laert. VI, 33.) – Seneka hat, im Buche de
constantia sapientis, vom C. 10 an bis zum Ende, die Beleidigung,
contumelia, ausführlich in Betracht genommen, um darzulegen, daß der
Weise sie nicht beachtet. Kapitel 14 sagt er: »at sapiens colaphis percussus,
quid faciet? quod Cato, cum illi os percussum esset: non excanduit, non
vindicavit injuriam: nec remisit quidem, sed factam negavit.« »Ja,« ruft ihr,
»das waren Weise!« – Ihr aber seid Narren? Einverstanden. –

Wir sehn also, daß den Alten das ganze ritterliche Ehrenprinzip
unbekannt war, weil sie eben in allen Stücken der unbefangenen,
natürlichen Ansicht der Dinge getreu blieben und daher solche sinistre und
heillose Fratzen sich nicht einreden ließen. Deshalb konnten sie auch einen
Schlag ins Gesicht für nichts anderes halten, als was er ist, eine kleine
physische Beeinträchtigung; während er den Neuern eine Katastrophe und
ein Thema zu Trauerspielen geworden ist, z. B. im Eid des Corneille, auch
in einem neueren deutschen bürgerlichen Trauerspiele, welches »die Macht
der Verhältnisse« heißt, aber »die Macht des Vorurteils« heißen sollte: wenn
aber gar ein Mal in der Pariser Nationalversammlung eine Ohrfeige fällt, so
hallt ganz Europa davon wieder. Den Leuten »von Ehre« nun aber, welche
durch obige klassische Erinnerungen und angeführte Beispiele aus dem
Altertume verstimmt sein müssen, empfehle ich, als Gegengift, in
D i d e r o t s Meisterwerke, Jaques le fataliste, die Geschichte des Herrn
D e s g l a n d s zu lesen, als ein auserlesenes Musterstück moderner
ritterlicher Ehrenhaftigkeit, daran sie sich letzen und erbauen mögen.

Aus dem Angeführten erhellt zur Genüge, daß das ritterliche
Ehrenprinzip keineswegs ein ursprüngliches, in der menschlichen Natur
selbst gegründetes sein kann. Es ist also ein künstliches, und sein Ursprung
ist nicht schwer zu finden. Es ist offenbar ein Kind jener Zeit, wo die Fäuste
geübter waren als die Köpfe, und die Pfaffen die Vernunft in Ketten hielten,
also des belobten Mittelalters und seines Rittertums. Damals nämlich ließ
man für sich den lieben Gott nicht nur sorgen, sondern auch urteilen.
Demnach wurden schwierige Rechtsfälle durch Ordalien oder Gottesurteile
entschieden; diese nun bestanden, mit wenigen Ausnahmen, in
Zweikämpfen, keineswegs bloß unter Rittern, sondern auch unter Bürgern;
– wie dies ein artiges Beispiel in Shakespeares Heinrich VI. (T. 2, A. 2, Sz.
3) bezeugt. Auch konnte von jedem richterlichen Urteilsspruch immer noch

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an den Zweikampf, als die höhere Instanz, nämlich das Urteil Gottes,
appellirt werden. Dadurch war nun eigentlich die physische Kraft und
Gewandtheit, also die tierische Natur, statt der Vernunft, auf den
Richterstuhl gesetzt, und über Recht oder Unrecht entschied nicht was einer
getan hatte, sondern was ihm widerfuhr, – ganz nach dem noch heute
geltenden ritterlichen Ehrenprinzip. Wer an diesem Ursprunge des
Duellwesens noch zweifelt, lese das vortreffliche Buch von J. G. Mellingen,
the history of duelling, 1849. Ja, noch heutzutage findet man unter den, dem
ritterlichen Ehrenprinzip nachlebenden Leuten, welche bekanntlich nicht
gerade die unterrichtetesten und nachdenkendesten zu sein pflegen, einige,
die den Erfolg des Duells wirklich für eine göttliche Entscheidung des ihm
zum Grunde liegenden Streites halten; gewiß nach einer traditionell
fortgeerbten Meinung.

Abgesehn von diesem Ursprunge des ritterlichen Ehrenprinzips, ist seine
Tendenz zunächst diese, daß man, durch Androhung physischer Gewalt, die
äußerlichen Bezeugungen derjenigen Achtung erzwingen will, welche
wirklich zu erwerben man entweder für zu beschwerlich, oder für
überflüssig hält. Dies ist ungefähr so, wie wenn jemand, die Kugel des
Thermometers mit der Hand erwärmend, am Steigen des Quecksilbers
dartun wollte, daß sein Zimmer wohlgeheizt sei. Näher betrachtet ist der
Kern der Sache dieser: wie die bürgerliche Ehre, als welche den friedlichen
Verkehr mit andern im Auge hat, in der Meinung dieser von uns besteht,
daß wir vollkommenes Z u t r a u e n verdienen, weil wir die Rechte eines
jeden unbedingt achten; so besteht die ritterliche Ehre in der Meinung von
uns, daß wir z u f ü r c h t e n seien, weil wir unsere eigenen Rechte
unbedingt zu verteidigen gesonnen sind. Der Grundsatz, daß es
wesentlicher sei, gefürchtet zu werden, als Zutrauen zu genießen, würde
auch, weil auf die Gerechtigkeit der Menschen wenig zu bauen ist, so gar
falsch nicht sein, wenn wir im Naturzustande lebten, wo jeder sich selbst zu
schützen und seine Rechte unmittelbar zu verteidigen hat. Aber im Stande
der Zivilisation, wo der Staat den Schutz unserer Person und unseres
Eigentums übernommen hat, findet er keine Anwendung mehr, und steht da,
wie die Burgen und Warten aus den Zeiten des Faustrechts, unnütz und
verlassen, zwischen wohlbebauten Feldern und belebten Landstraßen, oder
gar Eisenbahnen. Demgemäß hat denn auch die ihn festhaltende ritterliche
Ehre sich auf solche Beeinträchtigungen der Person geworfen, welche der

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Staat nur leicht, oder, nach dem Prinzip de minimis lex non curat, gar nicht
bestraft, indem es unbedeutende Kränkungen und zum Teil bloße
Neckereien sind. Sie aber hat in Hinsicht auf diese sich hinaufgeschroben
zu einer der Natur, der Beschaffenheit und dem Lose des Menschen
gänzlich unangemessenen Überschätzung des Wertes der eigenen Person,
als welchen sie bis zu einer Art von Heiligkeit steigert und demnach die
Strafe des Staates für kleine Kränkungen derselben durchaus unzulänglich
findet, solche daher selbst zu strafen übernimmt und zwar stets am Leibe
und Leben des Beleidigers. Offenbar liegt hier der unmäßigste Hochmut
und die empörendeste Hoffahrt zugrunde, welche, ganz vergessend, was der
Mensch eigentlich ist, eine unbedingte Unverletzlichkeit, wie auch
Tadellosigkeit, für ihn in Anspruch nehmen. Allein jeder, der diese mit
Gewalt durchzusetzen gesonnen ist und dem zufolge die Maxime
proklamirt: »wer mich schimpft, oder gar mir einen Schlag gibt, soll des
Todes sein«, – verdient eigentlich schon darum aus dem Lande verwiesen
zu werden[F]. Da wird denn, zur Beschönigung jenes vermessenen
Übermutes, allerhand vorgegeben. Von zwei unerschrockenen Leuten, heißt
es, gebe keiner je nach, daher es vom leisesten Anstoß zu Schimpfreden,
dann zu Prügeln und endlich zum Totschlag kommen würde; demnach sei
es besser, anstandshalber die Mittelstufen zu überspringen und gleich an die
Waffen zu gehn. Das speziellere Verfahren hierbei hat man dann in ein
steifes, pedantisches System, mit Gesetzen und Regeln, gebracht, welches
die ernsthafteste Posse von der Welt ist und als ein wahrer Ehrentempel der
Narrheit dasteht. Nun aber ist der Grundsatz selbst falsch: bei Sachen von
geringer Wichtigkeit (die von großer bleiben stets den Gerichten
anheimgestellt) gibt von zwei unerschrockenen Leuten allerdings einer
nach, nämlich der Klügste, und bloße Meinungen läßt man auf sich
beruhen. Den Beweis hievon liefert das Volk, oder vielmehr alle die
zahlreichen Stände, welche sich nicht zum ritterlichen Ehrenprinzip
bekennen, bei denen daher die Streitigkeiten ihren natürlichen Verlauf
haben: unter diesen Ständen ist der Totschlag hundertmal seltener, als bei
der vielleicht nur 1/1000 der Gesamtheit betragenden Fraktion, welche jenem
Prinzipe huldigt; und selbst eine Prügelei ist eine Seltenheit. – Sodann aber
wird behauptet, der gute Ton und die feine Sitte der Gesellschaft hätten zum
letzten Grundpfeiler jenes Ehrenprinzip, mit seinen Duellen, als welche die
Wehrmauer gegen die Ausbrüche der Rohheit und Ungezogenheit wären.
Allein in Athen, Korinth und Rom war ganz gewiß gute und zwar sehr gute

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Gesellschaft, auch feine Sitte und guter Ton anzutreffen; ohne daß jener
Popanz der ritterlichen Ehre dahinter gesteckt hätte. Freilich aber führten
daselbst auch nicht, wie bei uns, die Weiber den Vorsitz in der Gesellschaft,
welches, wie es zunächst der Unterhaltung einen frivolen und läppischen
Charakter erteilt und jedes gehaltvolle Gespräch verbannt, gewiß auch sehr
dazu beiträgt, daß in unsrer guten Gesellschaft der persönliche Mut den
Rang vor jeder andern Eigenschaft behauptet; während er doch eigentlich
eine sehr untergeordnete, eine bloße Unteroffizierstugend ist, ja, eine, in
welcher sogar Tiere uns übertreffen, weshalb man z. B. sagt: »mutig wie ein
Löwe.« Sogar aber ist, im Gegenteil obiger Behauptung, das ritterliche
Ehrenprinzip oft das sichere Asylum, wie im großen der Unredlichkeit und
Schlechtigkeit, so im kleinen der Ungezogenheit, Rücksichtslosigkeit und
Flegelei, indem eine Menge sehr lästiger Unarten stillschweigend geduldet
werden, weil eben keiner Lust hat, an die Rüge derselben den Hals zu
setzen. – Dem allen entsprechend sehn wir das Duell im höchsten Flor und
mit blutdürstigem Ernst betrieben, gerade bei der Nation, welche in
politischen und finanziellen Angelegenheiten Mangel an wahrer
Ehrenhaftigkeit bewiesen hat: wie es damit bei ihr im Privatverkehr stehe,
kann man bei denen erfragen, die Erfahrung darin haben. Was aber gar ihre
Urbanität und gesellschaftliche Bildung betrifft, so ist sie als negatives
Muster längst berühmt.

[F] Die ritterliche Ehre ist ein Kind des Hochmuts und der Narrheit. (Die ihr
entgegengesetzte Wahrheit spricht am schärfsten el principe constante aus in den
Worten: »esa es la herencia de Adan«.) Sehr auffallend ist es, daß dieser
Superlativ alles Hochmuts sich allein und ausschließlich unter den Genossen
derjenigen Religion findet, welche ihren Anhängern die äußerste Demut zur
Pflicht macht; da weder frühere Zeiten noch andere Weltteile jenes Prinzip der
ritterlichen Ehre kennen. Dennoch darf man dasselbe nicht der Religion
zuschreiben, vielmehr dem Feudalwesen, bei welchem jeder Edele sich als einen
kleinen Souverän, der keinen menschlichen Richter über sich erkannte, ansah
und sich daher eine völlige Unverletzlichkeit und Heiligkeit der Person beilegen
lernte, daher ihm jedes Attentat gegen dieselbe, oder jeder Schlag und jedes
Schimpfwort, ein todeswürdiges Verbrechen schien. Demgemäß waren das
Ehrenprinzip und die Duelle ursprünglich nur Sache des Adels und infolge davon
in späteren Zeiten der Offiziere, denen sich nachher hin und wieder, wiewohl nie
durchgängig, die andern höheren Stände anschlossen, um nicht weniger zu
gelten. Wenn auch die Duelle aus den Ordalien hervorgegangen sind; so sind
diese doch nicht der Grund, sondern die Folge und Anwendung des
Ehrenprinzips: wer keinen menschlichen Richter erkennt, appellirt an den
göttlichen. Die Ordalien selbst aber sind nicht dem Christentum eigen, sondern

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finden sich auch im Hinduismus sehr stark, zwar meistens in älterer Zeit, doch
Spuren davon auch noch jetzt. –

Alle jene Vorgaben halten also nicht Stich. Mit mehr Recht kann urgirt
werden, daß, wie schon ein angeknurrter Hund wieder knurrt, ein
geschmeichelter wieder schmeichelt, es auch in der Natur des Menschen
liege, jede feindliche Begegnung feindlich zu erwidern und durch Zeichen
der Geringschätzung oder des Hasses erbittert und gereizt zu werden; daher
schon Cicero sagt: habet quendam aculeum contumelia, quem pati
prudentes ac viri boni difficillime possunt; wie denn auch nirgends auf der
Welt (einige fromme Sekten beiseite gesetzt) Schimpfreden oder gar
Schläge gelassen hingenommen werden. Jedoch leitet die Natur keinenfalls
zu etwas Weiterem, als zu einer der Sache angemessenen Vergeltung, nicht
aber dazu, den Vorwurf der Lüge, der Dummheit oder der Feigheit, mit dem
Tode zu bestrafen, und der altdeutsche Grundsatz »auf eine Maulschelle
gehört ein Dolch« ist ein empörender ritterlicher Aberglaube. Jedenfalls ist
die Erwiderung oder Vergeltung von Beleidigungen Sache des Zorns, aber
keineswegs der Ehre und Pflicht, wozu das ritterliche Ehrenprinzip sie
stempelt. Vielmehr ist ganz gewiß, daß jeder Vorwurf nur in dem Maße, als
er trifft, verletzen kann; welches auch daran ersichtlich ist, daß die leiseste
Andeutung, welche trifft, viel tiefer verwundet, als die schwerste
Anschuldigung, die gar keinen Grund hat. Wer daher wirklich sich bewußt
ist, einen Vorwurf nicht zu verdienen, darf und wird ihn getrost verachten.
Dagegen aber fordert das Ehrenprinzip von ihm, daß er eine
Empfindlichkeit zeige, die er gar nicht hat, und Beleidigungen, die ihn nicht
verletzen, blutig räche. Der aber muß selbst eine schwache Meinung von
seinem eigenen Werte haben, der sich beeilt, jeder denselben anfechtenden
Äußerung den Daumen aufs Auge zu drücken, damit sie nicht laut werde.
Demzufolge wird, bei Injurien, wahre Selbstschätzung wirkliche
Gleichgültigkeit verleihen, und wo dies, aus Mangel derselben, nicht der
Fall ist, werden Klugheit und Bildung anleiten, den Schein davon zu retten
und den Zorn zu verbergen. Wenn man demnach nur erst den Aberglauben
des ritterlichen Ehrenprinzips los wäre, so daß niemand mehr vermeinen
dürfte, durch Schimpfen irgend etwas der Ehre eines andern nehmen oder
der seinigen wiedergeben zu können, auch nicht mehr jedes Unrecht, jede
Roheit oder Grobheit sogleich legitimirt werden könnte durch die

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Bereitwilligkeit Satisfaktion zu geben, d. h. sich dafür zu schlagen; so
würde bald die Einsicht allgemein werden, daß, wenn es an's Schmähen und
Schimpfen geht, der in diesem Kampfe Besiegte der Sieger ist, und daß, wie
Vi n c e n z o M o n t i sagt, die Injurien es machen wie die
Kirchenprozessionen, welche stets dahin zurückkehren, von wo sie
ausgegangen sind. Ferner würde es alsdann nicht mehr, wie jetzt,
hinreichend sein, daß einer eine Grobheit zu Markte brächte, um Recht zu
behalten; mithin würden alsdann Einsicht und Verstand ganz anders zu
Worte kommen als jetzt, wo sie immer erst zu berücksichtigen haben, ob sie
nicht irgendwie den Meinungen der Beschränktheit und Dummheit, als
welche schon ihr bloßes Auftreten alarmirt und erbittert hat, Anstoß geben
und dadurch herbeiführen können, daß das Haupt, in welchem sie wohnen,
gegen den flachen Schädel, in welchem jene hausen, aufs Würfelspiel
gesetzt werden müsse. Sonach würde alsdann in der Gesellschaft die
geistige Überlegenheit das ihr gebührende Primat erlangen, welches jetzt,
wenn auch verdeckt, die physische Überlegenheit und die Husarenkourage
hat, und infolge hievon würden die vorzüglichsten Menschen doch schon
einen Grund weniger haben, als jetzt, sich von der Gesellschaft
zurückzuziehn. Eine Veränderung dieser Art würde demnach den w a h r e n
guten Ton herbeiführen und der wirklich guten Gesellschaft den Weg
bahnen, in der Form, wie sie, ohne Zweifel, in Athen, Korinth und Rom
bestanden hat. Wer von dieser eine Probe zu sehn wünscht, dem empfehle
ich das Gastmahl des Xenophon zu lesen.

Die letzte Verteidigung des ritterlichen Kodex wird aber, ohne Zweifel,
lauten: »Ei, da könnte ja, Gott sei bei uns! wohl gar einer dem andern einen
Schlag versetzen!« – worauf ich kurz erwidern könnte, daß dies bei den
999
/1000 der Gesellschaft, die jenen Kodex nicht anerkennen, oft genug der
Fall gewesen, ohne daß je einer daran gestorben sei, während bei den
Anhängern desselben, in der Regel, jeder Schlag ein tötlicher wird. Aber ich
will näher darauf eingehen. Ich habe mich oft genug bemüht, für die unter
einem Teil der menschlichen Gesellschaft so fest stehende Überzeugung
von der Entsetzlichkeit eines Schlages, entweder in der tierischen, oder in
der vernünftigen Natur des Menschen, irgend einen haltbaren oder
wenigstens plausibeln, nur nicht in bloßen Redensarten bestehenden,
sondern auf deutliche Begriffe zurückführbaren Grund zu finden, jedoch
vergeblich. Ein Schlag ist und bleibt ein kleines physisches Übel, welches

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jeder Mensch dem andern verursachen kann, dadurch aber weiter nichts
beweist, als daß er stärker oder gewandter sei, oder daß der andere nicht auf
seiner Hut gewesen. Weiter ergibt die Analyse nichts. Sodann sehe ich
denselben Ritter, welchem ein Schlag von Menschenhand der Übel größtes
dünkt, einen zehnmal stärkern Schlag von seinem Pferde erhalten und, mit
verbissenem Schmerz davonhinkend, versichern, es habe nichts zu
bedeuten. Da habe ich gedacht, es läge an der Menschenhand. Allein ich
sehe unseren Ritter von dieser Degenstiche und Säbelhiebe im Kampfe
erhalten und versichern, es sei Kleinigkeit, nicht der Rede wert. Sodann
vernehme ich, daß selbst Schläge mit der flachen Klinge bei weitem nicht
so schlimm seien wie die mit dem Stocke, daher, vor nicht langer Zeit, die
Kadetten wohl jenen, aber nicht diesen ausgesetzt waren: und nun gar der
Ritterschlag, mit der Klinge, ist die größte Ehre. Da bin ich denn mit
meinen psychologischen und moralischen Gründen zu Ende, und mir bleibt
nichts übrig, als die Sache für einen alten, festgewurzelten Aberglauben zu
halten, für ein Beispiel mehr, zu so vielen, was alles man den Menschen
einreden kann. Dies bestätigt auch die bekannte Tatsache, daß in China
Schläge mit dem Bambusrohr eine sehr häufige bürgerliche Bestrafung,
selbst für Beamte aller Klassen sind; indem sie uns zeigt, daß die
Menschennatur, und selbst die hoch zivilisirte, dort nicht dasselbe
aussagt[G]. Sogar aber lehrt ein unbefangener Blick auf die Natur des
Menschen, daß diesem das Prügeln so natürlich ist, wie den reißenden
Tieren das Beißen und dem Hornvieh das Stoßen: er ist eben ein prügelndes
Tier. Daher auch werden wir empört, wenn wir, in seltenen Fällen,
vernehmen, daß ein Mensch den andern gebissen habe; hingegen ist, daß er
Schläge gebe und empfange, ein so natürliches, wie leicht eintretendes
Ereignis. Daß höhere Bildung sich auch diesem, durch gegenseitige
Selbstbeherrschung, gern entzieht, ist leicht erklärlich. Aber einer Nation,
oder auch nur einer Klasse, aufzubinden, ein gegebener Schlag sei ein
entsetzliches Unglück, welches Mord und Totschlag zur Folge haben
müsse, ist eine Grausamkeit. Es gibt der wahren Übel zu viele auf der Welt,
als daß man sich erlauben dürfte, sie durch imaginäre, welche die wahren
herbeiziehn, zu vermehren: das tut aber jener dumme und boshafte
Aberglaube. Ich muß daher sogar mißbilligen, daß Regierungen und
gesetzgebende Körper demselben dadurch Vorschub leisten, daß sie mit
Eifer auf Abstellung aller Prügelstrafen, beim Zivil und Militär, dringen. Sie
glauben dabei im Interesse der Humanität zu handeln; während gerade das

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Gegenteil der Fall ist, indem sie dadurch an der Befestigung jenes
widernatürlichen und heillosen Wahnes, dem schon so viele Opfer gefallen
sind, arbeiten. Bei allen Vergehungen, mit Ausnahme der schwersten, sind
Prügel die dem Menschen zuerst einfallende, daher die natürliche
Bestrafung: wer für Gründe nicht empfänglich war, wird es für Prügel sein:
und daß der, welcher am Eigentum, weil er keines hat, nicht gestraft werden
kann, und den man an der Freiheit, weil man seiner Dienste bedarf, nicht
ohne eigenen Nachteil strafen kann, durch mäßige Prügel gestraft werde, ist
so billig wie natürlich. Auch werden gar keine Gründe dagegen
aufgebracht, sondern bloße Redensarten von der »Würde des Menschen«,
die sich nicht auf deutliche Begriffe, sondern eben nur wieder auf obigen
verderblichen Aberglauben stützen. Daß dieser der Sache zum Grunde
liege, hat eine fast lächerliche Bestätigung daran, daß noch vor kurzem, in
manchen Ländern beim Militär die Prügelstrafe durch die Lattenstrafe
ersetzt worden war, welche doch, ganz und gar wie jene, die Verursachung
eines körperlichen Schmerzes ist, nun aber nicht ehrenrührig und
entwürdigend sein soll.

[G] Vingt ou trente coups de canne sur le derrière, c'est, pour ainsi dire, le pain
quotidien des Chinois. C'est une correction paternelle du mandarin, laquelle n'a
rien d'infamant, et qu'ils reçoivent avec action de grâces. – Lettres édifiantes et
curieuses, édition de 1819. Vol. 11, p. 454.

Durch dergleichen Beförderung des besagten Aberglaubens arbeitet man
aber dem ritterlichen Ehrenprinzip und damit dem Duell in die Hände,
während man dieses andrerseits durch Gesetze abzustellen bemüht ist, oder
doch es zu sein vorgibt[H]. Infolge davon treibt denn jenes Fragment des
Faustrechts, aus den Zeiten des rohesten Mittelalters bis in das 19.
Jahrhundert herabgeweht, sich in diesem, zum öffentlichen Skandal, noch
immer herum: es ist nachgerade an der Zeit, daß es mit Schimpf und
Schande herausgeworfen werde. Ist es doch heutzutage nicht einmal
erlaubt, Hunde oder Hähne methodisch aufeinander zu hetzen (wenigstens
werden in England dergleichen Hetzen gestraft); aber Menschen werden,
wider Willen, zum tötlichen Kampf aufeinander gehetzt, durch den
lächerlichen Aberglauben des absurden Prinzips der ritterlichen Ehre und

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durch dessen bornirte Vertreter und Verwalter, welche ihnen die
Verpflichtung auflegen, wegen irgend einer Lumperei wie Gladiatoren mit
einander zu kämpfen. Unseren deutschen Puristen schlage ich daher, für das
Wort Duell, welches wahrscheinlich nicht vom lateinischen duellum,
sondern vom spanischen duelo, Leid, Klage, Beschwerde, herkommt, – die
Benennung Ritterhetze vor. Die Pedanterei, mit der die Narrheit getrieben
wird, gibt allerdings Stoff zum Lachen. Indessen ist es empörend, daß jenes
Prinzip und sein absurder Kodex einen Staat im Staate begründet, welcher,
kein anderes als das Faustrecht anerkennend, die ihm unterworfenen Stände
dadurch tyrannisirt, daß er ein heiliges Vehmgericht offen hält, vor welches
jeder jeden, mittelst sehr leicht herbeizuführender Anlässe als Schergen,
laden kann, um ein Gericht auf Tod und Leben über ihn und sich ergehn zu
lassen. Natürlich wird nun dies der Schlupfwinkel, von welchem aus jeder
Verworfenste, wenn er nur jenen Ständen angehört, den Edelsten und
Besten, der ihm als solcher notwendig verhaßt sein muß, bedrohen, ja, aus
der Welt schaffen kann. Nachdem heutzutage Justiz und Polizei es so
ziemlich dahin gebracht haben, daß nicht mehr auf der Landstraße jeder
Schurke uns zurufen kann »die Börse oder das Leben«, sollte endlich auch
die gesunde Vernunft es dahin bringen, daß nicht mehr, mitten im
friedlichen Verkehr, jeder Schurke uns zurufen könne »die Ehre oder das
Leben«. Und die Beklemmung sollte den höhern Ständen von der Brust
genommen werden, welche daraus entsteht, daß jeder, jeden Augenblick,
mit Leib und Leben verantwortlich werden kann für die Roheit, Grobheit,
Dummheit oder Bosheit irgend eines andern, dem es gefällt, solche gegen
ihn auszulassen. Daß, wenn zwei junge, unerfahrne Hitzköpfe mit Worten
aneinander geraten, sie dies mit ihrem Blut, ihrer Gesundheit oder ihrem
Leben büßen sollen, ist himmelschreiend, ist schändlich. Wie arg die
Tyrannei jenes Staates im Staate und wie groß die Macht jenes
Aberglaubens sei, läßt sich daran ermessen, daß schon öfter Leute, denen
die Wiederherstellung ihrer verwundeten ritterlichen Ehre, wegen zu hohen
oder zu niedrigen Standes, oder sonst unangemessener Beschaffenheit des
Beleidigers unmöglich war, aus Verzweiflung darüber sich selbst das Leben
genommen und so ein tragikomisches Ende gefunden haben. – Da das
Falsche und Absurde sich am Ende meistens dadurch entschleiert, daß es,
auf seinem Gipfel, den Widerspruch als seine Blüte hervortreibt; so tritt
dieser zuletzt auch hier in Form der schreiendesten Antinomie hervor:

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nämlich dem Offizier ist das Duell verboten: aber er wird durch Absetzung
gestraft, wenn er es, vorkommenden Falls, unterläßt.

[H] Der eigentliche Grund, aus welchem die Regierungen scheinbar sich beeifern,
das Duell zu unterdrücken und, während dies offenbar, zumal auf Universitäten,
sehr leicht wäre, sich stellen, als wolle es ihnen nur nicht gelingen, scheint mir
folgender: Der Staat ist nicht imstande die Dienste seiner Offiziere und
Zivilbeamten mit Geld zum vollen zu bezahlen; daher läßt er die andere Hälfte
ihres Lohnes in der Ehre bestehn, welche repräsentirt wird durch Titel,
Uniformen und Orden. Um nun diese ideale Vergütung ihrer Dienste im hohen
Kurse zu erhalten, muß das Ehrgefühl auf alle Weise genährt, geschärft, allenfalls
etwas überspannt werden: da aber zu diesem Zweck die bürgerliche Ehre nicht
ausreicht, schon weil man sie mit jedem teilt: so wird die ritterliche Ehre zu Hilfe
genommen und besagterweise aufrecht erhalten. In England, als wo Militär- und
Zivilbesoldungen sehr viel höher stehn, als auf dem Kontinent, ist die besagte
Aushilfe nicht nötig: daher eben ist daselbst, zumal in diesen letzten zwanzig
Jahren, das Duell fast ganz ausgerottet, kommt jetzt höchst selten vor, und wird
dann als eine Narrheit verlacht; gewiß hat die große Anti-duelling-society,
welche eine Menge Lords, Admiräle und Generäle zu ihren Mitgliedern zählt,
hiezu viel beigetragen, und der Moloch muß sich ohne seine Opfer behelfen.

Ich will aber, da ich einmal dabei bin, in der Parrhesia noch weiter gehn.
Beim Lichte und ohne Vorurteil betrachtet, beruht bloß darauf, daß, wie
gesagt, jener Staat im Staate kein anderes Recht, als das des Stärkeren, also
das Faustrecht, anerkennt und dieses, zum Gottesurteil erhoben, seinem
Kodex zum Grunde gelegt hat, der so wichtig gemachte und so hoch
genommene Unterschied, ob man seinen Feind im offenen, mit gleichen
Waffen geführten Kampf, oder aus dem Hinterhalt erlegt habe. Denn durch
ersteres hat man doch weiter nichts bewiesen, als daß man der Stärkere oder
der Geschicktere sei. Die Rechtfertigung, die man im Bestehen des offenen
Kampfes sucht, setzt also voraus, daß das Recht d e s S t ä r k e r e n
wirklich ein R e c h t sei. In Wahrheit aber gibt der Umstand, daß der andere
sich schlecht zu wehren versteht, mir zwar die Möglichkeit, jedoch
keineswegs das Recht, ihn umzubringen; sondern dieses letztere, also meine
m o r a l i s c h e Rechtfertigung kann allein auf den M o t i v e n , die ich, ihm
das Leben zu nehmen, habe, beruhen. Nehmen wir nun an, diese wären
wirklich vorhanden oder zureichend; so ist durchaus kein Grund da, es jetzt
noch d a v o n abhängig zu machen, ob er, oder ich, besser schießen oder
fechten könne, sondern dann ist es gleichviel, auf welche Art ich ihm das

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Leben nehme, ob von hinten oder von vorne. Denn moralisch hat das Recht
des Stärkeren nicht mehr Gewicht, als das Recht des Klügeren, welches
beim hinterlistigen Morde angewandt wird: hier wiegt also dem Faustrecht
das Kopfrecht gleich; wozu noch bemerkt sei, daß auch beim Duell das eine
wie das andere geltend gemacht wird, indem schon jede Finte, beim
Fechten, Hinterlist ist. Halte ich mich moralisch gerechtfertigt, einem das
Leben zu nehmen; so ist es Dummheit, es jetzt noch erst darauf ankommen
zu lassen, ob er etwan besser schießen und fechten könne als ich; in
welchem Fall er dann, umgekehrt, mir, den er schon beeinträchtigt hat, noch
obendrein das Leben nehmen soll. Daß Beleidigungen nicht durch das
Duell, sondern durch Meuchelmord zu rächen seien, ist R o u s s e a u s
Ansicht, die er behutsam andeutet, in der so geheimnisvoll gehaltenen 21.
Anmerkung zum 4. Buche des E m i l e (S. 173, Bip.). Dabei aber ist er so
stark im ritterlichen Aberglauben befangen, daß er schon den erlittenen
Vorwurf der Lüge als eine Berechtigung zum Meuchelmorde ansieht;
während er doch wissen mußte, daß jeder Mensch diesen Vorwurf unzählige
Male verdient hat, ja, er selbst im höchsten Grade. Das Vorurteil aber,
welches die Berechtigung, den Beleidiger zu töten, durch den offenen
Kampf, mit gleichen Waffen, bedingt sein läßt, hält offenbar das Faustrecht
für ein wirkliches Recht und den Zweikampf für ein Gottesurteil. Der
Italiäner hingegen, welcher, von Zorn entbrannt, seinen Beleidiger, wo er
ihn findet, ohne weiteres mit dem Messer anfällt, handelt wenigstens
konsequent und naturgemäß: er ist klüger, aber nicht schlechter, als der
Duellant. Wollte man sagen, daß ich, bei der Tötung meines Feindes im
Zweikampf, dadurch gerechtfertigt sei, daß er eben sich bemühte, mich zu
töten, so steht dem entgegen, daß ich, durch die Herausforderung, ihn in
den Fall der Notwehr versetzt habe. Dieses sich absichtlich gegenseitig in
den Fall der Notwehr versetzen, heißt im Grunde nur, einen plausibeln
Vorwand für den Mord suchen. Eher ließe sich die Rechtfertigung durch
den Grundsatz volenti non fit injuria hören; sofern man durch gegenseitige
Übereinkunft sein Leben auf dieses Spiel gesetzt hat: aber dem steht
entgegen, daß es mit dem volenti nicht seine Richtigkeit hat; indem die
Tyrannei des ritterlichen Ehrenprinzips und seines absurden Kodex der
Scherge ist, welcher beide, oder wenigstens einen der beiden Kämpen vor
dieses blutige Vehmgericht geschleppt hat.

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Ich bin über die ritterliche Ehre weitläufig gewesen, aber in guter Absicht
und weil gegen die moralischen und intellektuellen Ungeheuer auf dieser
Welt der alleinige Herkules die Philosophie ist. Zwei Dinge sind es
hauptsächlich, welche den gesellschaftlichen Zustand der neuen Zeit von
dem des Altertums, zum Nachteil des ersteren unterscheiden, indem sie
demselben einen ernsten, finsteren, sinistern Anstrich gegeben haben, von
welchem frei das Altertum heiter und unbefangen, wie der Morgen des
Lebens, dasteht. Sie sind: das ritterliche Ehrenprinzip und die venerische
Krankheit, – par nobile fratrum! Sie zusammen haben νεικος και φιλια des
Lebens vergiftet. Die venerische Krankheit nämlich erstreckt ihren Einfluß
viel weiter, als es auf den ersten Blick scheinen möchte, indem derselbe
keineswegs ein bloß physischer, sondern auch ein moralischer ist. Seitdem
Amors Köcher auch vergiftete Pfeile führt, ist in das Verhältnis der
Geschlechter zueinander ein fremdartiges, feindseliges, ja teuflisches
Element gekommen, infolge wovon ein finsteres und furchtsames
Mißtrauen es durchzieht, und der unmittelbare Einfluß einer solchen
Änderung in der Grundfeste aller menschlichen Gemeinschaft erstreckt
sich, mehr oder weniger, auch auf die übrigen geselligen Verhältnisse;
welches auseinanderzusetzen mich hier zu weit abführen würde. – Analog,
wiewohl ganz anderartig, ist der Einfluß des ritterlichen Ehrenprinzips,
dieser ernsthaften Posse, welche den Alten fremd war, hingegen die
moderne Gesellschaft steif, ernst und ängstlich macht, schon weil jede
flüchtige Äußerung skrutinirt und ruminirt wird. Aber mehr als dies! Jenes
Prinzip ist ein allgemeiner Minotaur, dem nicht, wie dem antiken, von
einem, sondern von jedem Lande in Europa alljährlich eine Anzahl Söhne
edler Häuser zum Tribut gebracht werden muß. Daher ist es an der Zeit, daß
diesem Popanz einmal kühn zu Leibe gegangen werde, wie hier geschehn.
Möchten doch beide Monstra der neueren Zeit im 19. Jahrhundert ihr Ende
finden! Wir wollen die Hoffnung nicht aufgeben, daß es mit dem ersteren
den Ärzten, mittelst der Prophylaktika, endlich doch noch gelingen werde.
Den P o p a n z aber abzutun ist Sache des Philosophen, mittelst
Berichtigung der Begriffe, da es den Regierungen, mittelst Handhabung der
Gesetze, bisher nicht hat gelingen wollen, zudem auch nur auf dem ersteren
Wege das Übel an der Wurzel angegriffen wird. Sollte es inzwischen den
Regierungen mit der Abstellung des Duellwesens wirklich ernst sein und
der geringe Erfolg ihres Bestrebens wirklich nur an ihrem Unvermögen
liegen, so will ich ihnen ein Gesetz vorschlagen, für dessen Erfolg ich

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einstehe, und zwar ohne blutige Operationen, ohne Schafott oder Galgen
oder lebenswierige Einsperrungen zu Hilfe zu nehmen. Vielmehr ist es ein
kleines, ganz leichtes homöopathisches Mittelchen: wer einen andern
herausfordert oder sich stellt, erhält, à la Chinoise, am hellen Tage, vor der
Hauptwache, 12 Stockschläge vom Korporal, die Kartellträger und
Sekundanten jeder 6. Wegen der etwanigen Folgen wirklich vollzogener
Duelle bliebe das gewöhnliche kriminelle Verfahren. Vielleicht würde ein
ritterlich Gesinnter mir einwenden, daß nach Vollstreckung solcher Strafe
mancher »Mann von Ehre« imstande sein könnte, sich totzuschießen;
worauf ich antworte: es ist besser, daß so ein Narr sich selber totschießt, als
andere. – Im Grunde aber weiß ich sehr wohl, daß es den Regierungen mit
der Abstellung der Duelle nicht ernst ist. Die Gehalte der Zivilbeamten,
noch viel mehr aber die der Offiziere, stehen (von den höchsten Stellen
abgesehn) weit unter dem Wert ihrer Leistungen. Zur andern Hälfte werden
sie daher mit der Ehre bezahlt. Diese wird zunächst durch Titel und Orden
vertreten, im weiteren Sinne durch die Standesehre überhaupt. Für diese
Standesehre nun ist das Duell ein brauchbares Handpferd; daher es auch
schon auf den Universitäten seine Vorschule hat. Die Opfer desselben
bezahlen demnach mit ihrem Blut das Defizit der Gehalte. –

Der Vollständigkeit wegen sei hier noch die N a t i o n a l e h r e erwähnt.
Sie ist die Ehre eines ganzen Volkes als Teiles der Völkergemeinschaft. Da
es in dieser kein anderes Forum gibt, als das der Gewalt, und demnach jedes
Mitglied derselben seine Rechte selbst zu schützen hat; so besteht die Ehre
einer Nation nicht allein in der erworbenen Meinung, daß ihr zu trauen sei
(Kredit), sondern auch in der, daß sie zu fürchten sei: daher darf sie
Eingriffe in ihre Rechte niemals ungeahndet lassen. Sie vereinigt also den
Ehrenpunkt der bürgerlichen mit dem der ritterlichen Ehre. –

Zu dem, was einer v o r s t e l l t , d. h. in den Augen der Welt ist, war oben,
in letzter Stelle, der R u h m gezählt worden: diesen hätten wir also noch zu
betrachten. – Ruhm und Ehre sind Zwillingsgeschwister; jedoch so, wie die
Dioskuren, von denen Pollux unsterblich und Kastor sterblich war: der
Ruhm ist der unsterbliche Bruder der sterblichen Ehre. Freilich ist dies nur
vom Ruhme höchster Gattung, dem eigentlichen und echten Ruhme, zu
verstehen: denn es gibt allerdings auch mancherlei ephemeren Ruhm. – Die
Ehre, nun ferner, betrifft bloß solche Eigenschaften, welchen von jedem,

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der in denselben Verhältnissen steht, gefordert werden; der Ruhm bloß
solche, die man von niemandem fordern darf; die Ehre solche, die jeder sich
öffentlich beilegen darf; der Ruhm solche, die keiner sich selber beilegen
darf. Während unsere Ehre so weit reicht, wie die Kunde von uns; so eilt,
umgekehrt, der Ruhm der Kunde von uns voran und bringt diese so weit er
selbst gelangt. Auf Ehre hat jeder Anspruch; auf Ruhm nur die Ausnahmen:
denn nur durch außerordentliche Leistungen wird Ruhm erlangt. Diese nun
wieder sind entweder Ta t e n oder We r k e ; wonach zum Ruhme zwei
Wege offen stehn. Zum Wege der Ta t e n befähigt vorzüglich das große
Herz; zu dem der We r k e der große Kopf. Jeder der beiden Wege hat seine
eigenen Vorteile und Nachteile. Der Hauptunterschied ist, daß die Taten
vorübergehn, die Werke bleiben. Die edelste Tat hat doch nur einen
zeitweiligen Einfluß; das geniale Werk hingegen lebt und wirkt, wohltätig
und erhebend, durch alle Zeiten. Von den Taten bleibt nur das Andenken,
welches immer schwächer, entstellter und gleichgültiger wird, allmählich
sogar erlöschen muß, wenn nicht die Geschichte es aufnimmt und es nun im
petrifizirtem Zustande der Nachwelt überliefert. Die Werke hingegen sind
selbst unsterblich und können, zumal die schriftlichen, alle Zeiten
durchleben. Von Alexander dem Großen lebt Name und Gedächtnis: aber
Plato und Aristoteles, Homer und Horaz sind noch selbst da, leben und
wirken unmittelbar. Die Veden, mit ihren Upanischaden, sind da: aber von
allen den Taten, die zu ihrer Zeit geschehen, ist gar keine Kunde auf uns
gekommen[I]. – Ein anderer Nachteil der Taten ist ihre Abhängigkeit von der
Gelegenheit, als welche erst die Möglichkeit dazu geben muß; woran sich
knüpft, daß ihr Ruhm sich nicht allein nach ihrem innern Werte richtet,
sondern auch nach den Umständen, welche ihnen Wichtigkeit und Glanz
erteilen. Zudem ist er, wenn, wie im Kriege, die Taten rein persönliche sind,
von der Aussage weniger Augenzeugen abhängig: diese sind nicht immer
vorhanden und dann nicht immer gerecht und unbefangen. Dagegen aber
haben die Taten den Vorteil, daß sie, als etwas Praktisches, im Bereich der
allgemeinen menschlichen Urteilsfähigkeit liegen; daher ihnen, wenn dieser
nur die Data richtig überliefert sind, sofort Gerechtigkeit widerfährt; es sei
denn, daß ihre Motive erst später richtig erkannt oder gerecht abgeschätzt
werden: denn zum Verständnis einer jeden Handlung gehört Kenntnis des
Motivs derselben. Umgekehrt steht es mit den Werken: ihre Entstehung
hängt nicht von der Gelegenheit, sondern allein von ihrem Urheber ab, und
was sie an und für sich sind, bleiben sie, so lange sie bleiben. Bei ihnen

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liegt dagegen die Schwierigkeit im Urteil, und sie ist um so größer, in je
höherer Gattung sie sind: oft fehlt es an kompetenten, oft an unbefangenen
und redlichen Richtern. Dagegen nun wieder wird ihr Ruhm nicht von
e i n e r Instanz entschieden; sondern es findet Appellation statt. Denn
während, wie gesagt, von den Taten bloß das Andenken auf die Nachwelt
kommt und zwar so, wie die Mitwelt es überliefert; so kommen hingegen
die Werke selbst dahin, und zwar, etwa fehlende Bruchstücke abgerechnet,
so, wie sie sind: hier gibt es also keine Entstellung der Data, und auch der
etwan nachteilige Einfluß der Umgebung, bei ihrem Ursprunge, fällt später
weg. Vielmehr bringt oft erst die Zeit, nach und nach, die wenigen wirklich
kompetenten Richter heran, welche, schon selbst Ausnahmen, über noch
größere Ausnahmen zu Gerichte sitzen: sie geben sukzessiv ihre
gewichtigen Stimmen ab, und so steht, bisweilen freilich erst nach
Jahrhunderten, ein vollkommen gerechtes Urteil da, welches keine
Folgezeit mehr umstößt. So sicher, ja, unausbleiblich ist der Ruhm der
Werke. Hingegen daß ihr Urheber ihn erlebe, hängt von äußeren Umständen
und dem Zufall ab: es ist um so seltener, je höherer und schwierigerer
Gattung sie waren. Diesem gemäß sagt Seneka (ep. 79.) unvergleichlich
schön, daß dem Verdienste sein Ruhm so unfehlbar folge, wie dem Körper
sein Schatten, nur aber freilich, eben wie auch dieser, bisweilen vor,
bisweilen hinter ihm herschreite, und fügt, nachdem er dies erläutert hat,
hinzu: etiamsi omnibus tecum viventibus s i l e n t i u m l i v o r i n d i x e r i t ,
venient qui sine offensa, sine gratia judicent; woraus wir nebenbei ersehen,
daß die Kunst des Unterdrückens der Verdienste durch hämisches
Schweigen und Ignoriren, um, zu Gunsten des Schlechten, das Gute dem
Publiko zu verbergen, schon bei den Lumpen des Seneka'schen Zeitalters
üblich war, so gut wie bei denen des unsrigen, und daß jenen, wie diesen,
d e r N e i d d i e L i p p e n z u d r ü c k t e . – In der Regel wird sogar der
Ruhm, je länger er zu dauern hat, desto später eintreten; wie ja alles
Vorzügliche langsam heranreift. Der Ruhm, welcher zum Nachruhm werden
will, gleicht einer Eiche, die aus ihrem Samen sehr langsam emporwächst;
der leichte, ephemere Ruhm den einjährigen, schnellwachsenden Pflanzen,
und der falsche Ruhm gar dem schnell hervorschießenden Unkraute, das
schleunigst ausgerottet wird. Dieser Hergang beruht eigentlich darauf, daß,
je mehr einer der Nachwelt, d. i. eigentlich der Menschheit überhaupt und
im Ganzen, angehört, desto fremder er seinem Zeitalter ist; weil, was er
hervorbringt, nicht diesem speziell gewidmet ist, also nicht demselben als

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solchem, sondern nur sofern es ein Teil der Menschheit ist, angehört und
daher auch nicht mit dessen Lokalfarbe tingirt ist: infolge hievon aber kann
es leicht kommen, daß dasselbe ihn fremd an sich vorübergehn läßt. Es
schätzt vielmehr die, welche den Angelegenheiten seines kurzen Tages,
oder der Laune des Augenblicks dienen und daher ganz i h m angehören,
mit ihm leben und mit ihm sterben. Demgemäß lehren Kunst- und
Literaturgeschichte durchgängig, daß die höchsten Leistungen des
menschlichen Geistes in der Regel mit Ungunst aufgenommen worden und
darin so lange geblieben sind, bis Geister höherer Art herankamen, die von
ihnen angesprochen wurden und sie zu dem Ansehn brachten, in welchem
sie nachher, durch die so erlangte Autorität, sich erhalten haben. Dies alles
nun aber beruht, im letzten Grunde, darauf, daß jeder eigentlich nur das ihm
Homogene verstehn und schätzen kann. Nun aber ist dem Platten das Platte,
dem Gemeinen das Gemeine, dem Unklaren das Verworrene, dem
Hirnlosen das Unsinnige homogen, und am allerbesten gefallen jedem seine
eigenen Werke, als welche ihm durchaus homogen sind. Daher sang schon
der alte fabelhafte Epicharmos:

Θαυμαστον ουδεν εστι, με ταυθ’ οὑτω λεγειν,
Και ἁνδανειν αυτοισιν αυτους, και δοκειν
Καλως πεφυκεναι: και γαρ ὁ κυων κυνι
Καλλιστον ειμεν φαινεται, και βους βοΐ,
Ονος δε ονῳ καλλιστον, ὑς δε ὑΐ.

welches ich, damit es keinem verloren gehe, verdeutschen will:

Kein Wunder ist es, daß ich red' in meinem Sinn,
Und jene, selbst sich selbst gefallend, stehn im Wahn,
Sie wären lobenswert: so scheint dem Hund der Hund
Das schönste Wesen, so dem Ochsen auch der Ochs,
Dem Esel auch der Esel, und dem Schwein das Schwein.

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[I] Demnach ist es ein schlechtes Kompliment, wenn man, wie heutzutage Mode ist,
Werke dadurch zu ehren vermeint, daß man sie Taten titulirt. Denn Werke sind
wesentlich höherer Art. Eine Tat ist immer nur eine Handlung auf Motiv, mithin
ein einzelnes, vorübergehendes, und ist ein dem allgemeinen und ursprünglichen
Element der Welt, dem Willen, angehöriges. Ein großes oder schönes Werk
hingegen ist ein bleibendes, weil von allgemeiner Bedeutung, und ist der
Intelligenz entsprossen, der schuldlosen, reinen, dieser Willenswelt wie ein Duft
entsteigenden.

Ein Vorteil des Ruhmes der Taten ist, daß er in der Regel sogleich eintritt mit
einer starken Explosion, oft so stark, daß sie in ganz Europa gehört wird;
während der Ruhm der Werke langsam und allmählich eintritt, erst leise, dann
immer lauter, und oft erst nach hundert Jahren seine ganze Stärke erreicht: dann
aber bleibt er, weil die Werke bleiben, bisweilen Jahrtausende hindurch. Jener
andere hingegen wird, nachdem die erste Explosion vorüber ist, allmählich
schwächer, wenigeren bekannt und immer wenigeren, bis er zuletzt nur noch in
der Historie ein gespensterhaftes Dasein führt.

Wie selbst der kräftigste Arm, wenn er einen leichten Körper
fortschleudert, ihm doch keine Bewegung erteilen kann, mit der er weit
flöge und heftig träfe, sondern derselbe schon in der Nähe matt niederfällt,
weil es ihm an eigenem materiellen Gehalte gefehlt hat, die fremde Kraft
aufzunehmen, – ebenso ergeht es schönen und großen Gedanken, ja den
Meisterwerken des Genies, wenn, sie aufzunehmen, keine andere, als
kleine, schwache oder schiefe Köpfe da sind. Dies zu bejammern haben die
Stimmen der Weisen aller Zeiten sich zum Chorus vereint. Z. B. Jesus
Sirach sagt, »wer mit einem Narren redet, der redet mit einem Schlafenden.
Wenn es aus ist, so spricht er: was ist's?« – Und Hamlet: a knavish speech
sleeps in a fool's ear (eine schalkhafte Rede schläft im Ohr eines Narren).
Und Goethe:

Das glücklichste Wort es wird verhöhnt,
Wenn der Hörer ein Schiefohr ist.

und wieder:

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Du wirkest nicht, alles bleibt so stumpf,
Sei guter Dinge!
Der Stein im Sumpf
Macht keine Ringe.

Und Lichtenberg: »wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es
klingt hohl; ist denn das allemal im Buche?« – und wieder: »Solche Werke
sind Spiegel, wenn ein Affe hineinguckt, kann kein Apostel heraussehn.« Ja,
Vater Gellert's gar schöne und rührende Klage darüber verdient wohl einmal
wieder in Erinnerung gebracht zu werden:

»Daß oft die allerbesten Gaben
Die wenigsten Bewundrer haben,
Und daß der größte Teil der Welt
Das Schlechte für das Gute hält;
Dies Übel sieht man alle Tage.
Jedoch, wie wehrt man dieser Pest?
Ich zweifle, daß sich diese Plage
Aus unsrer Welt verdrängen läßt.
Ein einzig Mittel ist auf Erden,
Allein es ist unendlich schwer:
Die Narren müssen weise werden;
Und seht! sie werdens nimmermehr.
Nie kennen sie den Wert der Dinge.
Ihr Auge schließt, nicht ihr Verstand:
Sie loben ewig das Geringe,
Weil sie das Gute nie gekannt.«

Zu dieser intellektuellen Unfähigkeit der Menschen, infolge welcher das
Vortreffliche, wie Goethe sagt, noch seltener erkannt und geschätzt, als
gefunden wird, gesellt sich nun, hier wie überall, auch noch die moralische
Schlechtigkeit derselben, und zwar als Neid auftretend. Durch den Ruhm
nämlich, den einer erwirbt, wird abermals einer mehr über alle seiner Art
erhoben: diese werden also um ebenso viel herabgesetzt, so daß jedes

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ausgezeichnete Verdienst seinen Ruhm auf Kosten derer erlangt, die keines
haben.

»Wenn wir andern Ehre geben,
Müssen wir uns selbst entadeln.«

G o e t h e . W. O . D i v a n .

Hieraus erklärt es sich, in daß, welcher Gattung auch immer das
Vortreffliche auftreten mag, sogleich die gesamte, so zahlreiche
Mittelmäßigkeit verbündet und verschworen ist, es nicht gelten zu lassen,
ja, wo möglich, es zu ersticken. Ihre heimliche Parole ist: à bas le mérite.
Aber sogar auch die, welche selbst Verdienste besitzen und bereits den
Ruhm desselben erlangt haben, werden nicht gern das Auftreten eines neuen
Ruhmes sehn, durch dessen Glanz der des ihrigen um so viel weniger
leuchtet. Daher sagt selbst Goethe:

»Hätt' ich gezaudert zu werden,
Bis man mir's Leben gegönnt,
Ich wäre noch nicht auf Erden,
Wie ihr begreifen könnt,
Wenn ihr seht, wie sie sich geberden,
Die, um etwas zu scheinen,
Mich gerne möchten verneinen.«

Während also die E h r e , in der Regel, gerechte Richter findet und kein
Neid sie anficht, ja sogar sie jedem zum voraus, auf Kredit, verliehen wird,
muß der R u h m , dem Neid zum Trotz, erkämpft werden, und den Lorbeer
teilt ein Tribunal entschieden ungünstiger Richter aus. Denn die Ehre
können und wollen wir mit jedem teilen: der Ruhm wird geschmälert oder
erschwert, durch jeden, der ihn erlangt. – Nun ferner steht die Schwierigkeit
der Erlangung des Ruhmes durch Werke im umgekehrten Verhältnis der
Menschenzahl, die das Publikum solcher Werke ausmacht; aus leicht
abzusehenden Gründen. Daher ist sie viel größer bei Werken, welche
Belehrung, als bei solchen, welche Unterhaltung verheißen. Am größten ist

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sie bei philosophischen Werken; weil die Belehrung, welche diese
versprechen, einerseits ungewiß, und andrerseits ohne materiellen Nutzen
ist; wonach denn solche zunächst vor einem Publiko auftreten, das aus
lauter Mitbewerbern besteht. – Aus den dargelegten Schwierigkeiten, die
der Erlangung des Ruhmes entgegenstehn, erhellt, daß, wenn die, welche
ruhmwürdige Werke vollenden, es nicht aus Liebe zu diesen selbst und
eigener Freude daran täten, sondern der Aufmunterung durch den Ruhm
bedürften, die Menschheit wenige, oder keine, unsterbliche Werke erhalten
haben würde. Ja, sogar muß, wer das Gute und Rechte hervorbringen und
das Schlechte vermeiden soll, dem Urteile der Menge und ihrer Wortführer
Trotz bieten, mithin sie verachten. Hierauf beruht die Richtigkeit der
Bemerkung, die besonders O s o r i u s (de gloria) hervorhebt, daß der Ruhm
vor denen flieht, die ihn suchen, und denen folgt, die ihn vernachlässigen:
denn jene bequemen sich dem Geschmacke ihrer Zeitgenossen an, diese
trotzen ihm.

So schwer es demnach ist, den Ruhm zu erlangen, so leicht ist es, ihn zu
behalten. Auch hierin steht er im Gegensatz mit der Ehre. Diese wird jedem,
sogar auf Kredit, verliehen: er hat sie nur zu bewahren. Hier aber liegt die
Aufgabe: denn durch eine einzige, nichtswürdige Handlung geht sie
unwiederbringlich verloren. Der Ruhm hingegen kann eigentlich nie
verloren gehn: denn die Tat, oder das Werk, durch die er erlangt worden,
stehen für immer fest, und der Ruhm derselben bleibt ihrem Urheber, auch
wenn er keinen neuen hinzufügt. Wenn jedoch der Ruhm wirklich verklingt,
wenn er überlebt wird; so war er unecht, d. h. unverdient, durch
augenblickliche Überschätzung entstanden, wo nicht gar so ein Ruhm wie
Hegel ihn hatte und Lichtenberg ihn beschreibt, »ausposaunt von einer
freundschaftlichen Kandidatenjunta und vom Echo leerer Köpfe
widergehallt; – – aber die Nachwelt, wie wird sie lächeln, wann sie dereinst
an die bunten Wörtergehäuse, die schönen Nester ausgeflogener Mode und
die Wohnungen weggestorbener Verabredungen anklopfen und alles, alles
leer finden wird, auch nicht den kleinsten Gedanken, der mit Zuversicht
sagen könnte: h e r e i n !« –

Der Ruhm beruht eigentlich auf dem, was einer im Vergleich mit den
Übrigen ist. Demnach ist er wesentlich ein Relatives, kann daher auch nur
relativen Wert haben. Er fiele ganz weg, wenn die Übrigen würden was der

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Gerühmte ist. Absoluten Wert kann nur das haben, was ihn unter allen
Umständen behält, also hier, was einer unmittelbar und für sich selbst ist:
folglich muß hierin der Wert und das Glück des großen Herzens und des
großen Kopfes liegen. Also nicht der Ruhm, sondern das, wodurch man ihn
verdient, ist das Wertvolle. Denn es ist gleichsam die Substanz und der
Ruhm nur das Akzidenz der Sache: ja dieser wirkt auf den Gerühmten
hauptsächlich als ein äußerliches Symptom, durch welches er die
Bestätigung seiner eigenen hohen Meinung von sich selbst erhält; demnach
man sagen könnte, daß, wie das Licht gar nicht sichtbar ist, wenn es nicht
von einem Körper zurückgeworfen wird; ebenso jede Trefflichkeit erst
durch den Ruhm ihrer selbst recht gewiß wird. Allein er ist nicht einmal ein
untrügliches Symptom; da es auch Ruhm ohne Verdienst und Verdienst
ohne Ruhm gibt; weshalb ein Ausdruck Lessings so artig herauskommt:
»einige Leute sind berühmt, und andere verdienen es zu sein.« Auch wäre
es eine elende Existenz, deren Wert oder Unwert darauf beruhte, wie sie in
den Augen anderer erschiene: eine solche aber wäre das Leben des Helden
und des Genies, wenn dessen Wert im Ruhme, d. h. im Beifall anderer,
bestände. Vielmehr lebt und existiert ja jegliches Wesen seiner selbst
wegen, daher auch zunächst in sich und für sich. – Was einer ist, in welcher
Art und Weise es auch sei, das ist er zuvörderst und hauptsächlich für sich
selbst: und wenn es hier nicht viel wert ist, so ist es überhaupt nicht viel.
Hingegen ist das Abbild seines Wesens in den Köpfen anderer ein
Sekundäres, Abgeleitetes und dem Zufall Unterworfenes, welches nur sehr
mittelbar sich auf das erstere zurückbezieht. Zudem sind die Köpfe der
Menge ein zu elender Schauplatz, als daß auf ihm das wahre Glück seinen
Ort haben könnte. Vielmehr ist daselbst nur ein chimärisches Glück zu
finden. Welche gemischte Gesellschaft trifft doch in jenem Tempel des
allgemeinen Ruhms zusammen! Feldherren, Minister, Quacksalber,
Gaukler, Tänzer, Sänger, Millionäre und Juden: ja die Vorzüge aller dieser
werden dort viel aufrichtiger geschätzt, finden viel mehr estime sentie, als
die geistigen, zumal der hohen Art, die ja bei der großen Mehrzahl nur eine
estime sur parole erlangen. In eudämonologischer Hinsicht ist also der
Ruhm nichts weiter, als der seltenste und köstlichste Bissen für unsern Stolz
und unsere Eitelkeit. Diese aber sind in den meisten Menschen, obwohl sie
es verbergen, übermäßig vorhanden, vielleicht sogar am stärkesten in
denen, die irgendwie geeignet sind, sich Ruhm zu erwerben und daher
meistens das unsichere Bewußtsein ihres überwiegenden Wertes lange in

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sich herumtragen müssen, ehe die Gelegenheit kommt, solchen zu erproben
und dann die Anerkennung desselben zu erfahren: bis dahin war ihnen zu
Mute, als erlitten sie ein heimliches Unrecht[J]. Überhaupt aber ist ja, wie
am Anfange dieses Kapitels erörtert worden, der Wert, den der Mensch auf
die Meinung anderer von ihm legt, ganz unverhältnismäßig und
unvernünftig; so daß H o b b e s die Sache zwar sehr stark, aber vielleicht
doch richtig ausgedrückt hat in den Worten: omnis animi voluptas,
omnisque alacritas in eo sita est, quod quis habeat quibuscum conferens se,
possit magnifice sentire de se ipso (de cive. I, 5). Hieraus ist der hohe Wert
erklärlich, den man allgemein auf den Ruhm legt, und die Opfer, welche
man bringt, in der bloßen Hoffnung, ihn dereinst zu erlangen:

Fame is the spur, that the clear spirit doth raise
(That last infirmity of noble minds)
To scorn delights and live laborious days.

wie auch:

how hard it is to climb
The hights where Fame's proud temple shines afar.

[J] Da unser größtes Vergnügen darin besteht, b e w u n d e r t zu werden, die
Bewunderer aber, selbst wo alle Ursache wäre, sich ungern dazu herbeilassen; so
ist er der Glücklichste Der, welcher, gleichviel wie, es dahin gebracht hat, sich
selbst aufrichtig zu bewundern. Nur müssen die andern ihn nicht irre machen.

Hieraus endlich erklärt es sich auch, daß die eitelste aller Nationen
beständig la gloire im Munde führt und solche unbedenklich als die
Haupttriebfeder zu großen Taten und großen Werken ansieht. – Allein, da
unstreitig der Ruhm nur das Sekundäre ist, das bloße Echo, Abbild,
Schatten, Symptom des Verdienstes, und da jedenfalls das Bewunderte
mehr Wert haben muß als die Bewunderung, so kann das eigentlich

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Beglückende nicht im Ruhme liegen, sondern in dem, wodurch man ihn
erlangt, also im Verdienste selbst, oder, genauer zu reden, in der Gesinnung
und den Fähigkeiten, aus denen es hervorging, es mag nun moralischer oder
intellektueller Art sein. Denn das Beste, was jeder ist, muß er notwendig für
sich selbst sein: was davon in den Köpfen anderer sich abspiegelt und er in
ihrer Meinung gilt, ist Nebensache und kann nur von untergeordnetem
Interesse für ihn sein. Wer demnach nur den Ruhm v e r d i e n t , auch ohne
ihn zu erhalten, besitzt bei weitem die Hauptsache, und was er entbehrt, ist
etwas, darüber er sich mit derselben trösten kann. Denn nicht daß einer von
der urteilslosen, so oft betörten Menge für einen großen Mann gehalten
werde, sondern daß er es sei, macht ihn beneidenswert; auch nicht, daß die
Nachwelt von ihm erfahre, sondern daß in ihm sich Gedanken erzeugen,
welche verdienen, Jahrhunderte hindurch aufbewahrt und nachgedacht zu
werden, ist ein hohes Glück. Zudem kann dieses ihm nicht entrissen
werden: es ist των εφ’ ἡμιν, jenes andere των ουκ εφ’ ἡμιν. Wäre hingegen
die Bewunderung selbst die Hauptsache; so wäre das Bewunderte ihrer
nicht wert. Dies ist wirklich der Fall beim falschen, d. i. unverdienten
Ruhm. An diesem muß sein Besitzer zehren, ohne das, wovon derselbe das
Symptom, der bloße Abglanz, sein soll, wirklich zu haben. Aber sogar
dieser Ruhm selbst muß ihm oft verleidet werden, wann bisweilen, trotz
aller, aus der Eigenliebe entspringenden Selbsttäuschung, ihm auf der Höhe,
für die er nicht geeignet ist, doch schwindelt, oder ihm zu Mute wird, als
wäre er ein kupferner Dukaten; wo dann die Angst vor Enthüllung und
verdienter Demütigung ihn ergreift, zumal wann er auf den Stirnen der
Weiseren schon das Urteil der Nachwelt liest. Er gleicht sonach dem
Besitzer durch ein falsches Testament. – Den echtesten Ruhm, den
Nachruhm, vernimmt sein Gegenstand ja nie, und doch schätzt man ihn
glücklich. Also bestand sein Glück in den großen Eigenschaften selbst, die
ihm den Ruhm erwarben, und darin, daß er Gelegenheit fand, sie zu
entwickeln, also daß ihm vergönnt wurde, zu handeln, wie es ihm
angemessen war, oder zu treiben, was er mit Lust und Liebe trieb: denn nur
die aus dieser entsprungenen Werke erlangen Nachruhm. Sein Glück
bestand also in seinem großen Herzen, oder auch im Reichtum eines
Geistes, dessen Abdruck, in seinen Werken, die Bewunderung kommender
Jahrhunderte erhält; es bestand in den Gedanken selbst, welchen
nachzudenken, die Beschäftigung und der Genuß der edelsten Geister einer
unabsehbaren Zukunft ward. Der Wert des Nachruhms liegt also im

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Verdienen desselben, und dieses ist sein eigener Lohn. Ob nun die Werke,
welche ihn erwarben, unterweilen auch den Ruhm der Zeitgenossen hatten,
hing von zufälligen Umständen ab und war nicht von großer Bedeutung.
Denn da die Menschen in der Regel ohne eigenes Urteil sind und zumal
hohe und schwierige Leistungen abzuschätzen durchaus keine Fähigkeit
haben; so folgen sie hier stets fremder Autorität, und der Ruhm, in hoher
Gattung, beruht bei 99 unter 100 Rühmern, bloß auf Treu und Glauben.
Daher kann auch der vielstimmigste Beifall der Zeitgenossen für denkende
Köpfe nur wenig Wert haben, indem sie in ihm stets nur das Echo weniger
Stimmen hören, die zudem selbst nur sind, wie der Tag sie gebracht hat.
Würde wohl ein Virtuose sich geschmeichelt fühlen durch das laute
Beifallsklatschen seines Publikums, wenn ihm bekannt wäre, daß es, bis auf
einen oder zwei, aus lauter völlig Tauben bestände, die, um einander
gegenseitig ihr Gebrechen zu verbergen, eifrig klatschen, sobald sie die
Hände jenes Einen in Bewegung sähen? Und nun gar, wenn die Kenntnis
hinzukäme, daß jene Vorklatscher sich oft bestechen ließen, um dem
elendesten Geiger den lautesten Applaus zu verschaffen! – Hieraus ist
erklärlich, warum der Ruhm der Zeitgenossen so selten die Metamorphose
in Nachruhm erlebt; weshalb d ' A l e m b e r t , in seiner überaus schönen
Beschreibung des Tempels des literarischen Ruhmes, sagt: »das Innere des
Tempels ist von lauter Toten bewohnt, die während ihres Lebens nicht darin
waren, und von einigen Lebenden, welche fast alle, wann sie sterben,
hinausgeworfen werden.« Und beiläufig sei es hier bemerkt, daß einem bei
Lebzeiten ein Monument setzen die Erklärung ablegen heißt, daß
hinsichtlich seiner der Nachwelt nicht zu trauen sei. – Wenn dennoch einer
den Ruhm, welcher zum Nachruhm werden soll, erlebt, so wird es selten
früher als im Alter geschehn: allenfalls gibt es bei Künstlern und Dichtern
Ausnahmen von dieser Regel, am wenigsten bei Philosophen. Eine
Bestätigung derselben geben die Bildnisse der durch ihre Werke berühmten
Männer, da dieselben meistens erst nach dem Eintritt ihrer Zelebrität
angefertigt wurden: in der Regel sind sie alt und grau dargestellt,
namentlich die Philosophen. Inzwischen steht, eudämonologisch
genommen, die Sache ganz recht. Ruhm und Jugend auf einmal ist zu viel
für einen Sterblichen. Unser Leben ist so arm, daß seine Güter
haushälterischer verteilt werden müssen. Die Jugend hat vollauf genug an
ihrem eigenen Reichtum und kann sich daran genügen lassen. Aber im
Alter, wann alle Genüsse und Freuden, wie die Bäume im Winter,

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abgestorben sind, dann schlägt am gelegensten der Baum des Ruhmes aus,
als ein ächtes Wintergrün: auch kann man ihn den Winterbirnen
vergleichen, die im Sommer wachsen, aber im Winter genossen werden. Im
Alter gibt es keinen schönern Trost, als daß man die ganze Kraft seiner
Jugend We r k e n einverleibt hat, die nicht m i t altern.

Wollen wir jetzt noch etwas näher die Wege betrachten, auf welchen
man, in den Wissenschaften, als dem uns zunächst liegenden, Ruhm erlangt;
so läßt sich hier folgende Regel aufstellen. Die durch solchen Ruhm
bezeichnete intellektuelle Überlegenheit wird allemal an den Tag gelegt
durch eine neue Kombination irgendwelcher Data. Diese nun können sehr
verschiedener Art sein; jedoch wird der durch ihre Kombination zu
erlangende Ruhm um so größer und ausgebreiteter sein, je mehr sie selbst
allgemein bekannt und jedem zugänglich sind. Bestehn z. B. die Data in
einigen Zahlen oder Kurven, oder auch in irgend einer speziellen
physikalischen, zoologischen, botanischen oder anatomischen Tatsache,
oder auch in einigen verdorbenen Stellen alter Autoren, oder in
halbverlöschten Inschriften, oder in solchen, deren Alphabet uns fehlt, oder
in dunkeln Punkten der Geschichte; so wird der durch die richtige
Kombination derselben zu erlangende Ruhm sich nicht viel weiter
erstrecken, als die Kenntnis der Data selbst, also auf eine kleine Anzahl
meistens zurückgezogen lebender und auf den Ruhm in ihrem Fache
neidischer Leute. – Sind hingegen die Data solche, welche das ganze
Menschengeschlecht kennt, sind es z. B. wesentliche, allen gemeinsame
Eigenschaften des menschlichen Verstandes, oder Gemütes, oder
Naturkräfte, deren ganze Wirkungsart wir beständig vor Augen haben, oder
der allbekannte Lauf der Natur überhaupt; so wird der Ruhm, durch eine
neue, wichtige und evidente Kombination Licht über sie verbreitet zu
haben, sich mit der Zeit fast über die ganze zivilisirte Welt erstrecken.
Denn, sind die Data jedem zugänglich, so wird ihre Kombination es
meistens auch sein. – Dennoch wird hiebei der Ruhm allemal nur der
überwundenen Schwierigkeit entsprechen. Denn, je allbekannter die Data
sind, desto schwerer ist es, sie auf eine neue und doch richtige Weise zu
kombiniren; da schon eine überaus große Anzahl von Köpfen sich an ihnen
versucht und die unmöglichen Kombinationen derselben erschöpft hat.
Hingegen werden Data, welche, dem großen Publiko unzugänglich, nur auf
mühsamen und schwierigen Wegen erreichbar sind, fast immer noch neue

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Kombinationen zulassen: wenn man daher an solche nur mit geradem
Verstande und gesunder Urteilskraft, also einer mäßigen geistigen
Überlegenheit, kommt; so ist es leicht möglich, daß man eine neue und
richtige Kombination derselben zu machen das Glück habe. Allein der
hiedurch erworbene Ruhm wird ungefähr dieselben Grenzen haben, wie die
Kenntnis der Data. Denn zwar erfordert die Lösung von Problemen solcher
Art großes Studium und Arbeit, schon um nur die Kenntnis der Data zu
erlangen; während in jener andern Art, in welcher eben der größte und
ausgebreiteteste Ruhm zu erwerben ist, die Data unentgeltlich gegeben
sind: allein in dem Maße, wie diese letztere Art weniger Arbeit erfordert,
gehört mehr Talent ja Genie dazu, und mit diesen hält, hinsichtlich des
Wertes und der Wertschätzung, keine Arbeit oder Studium den Vergleich
aus.

Hieraus nun ergibt sich, daß die, welche einen tüchtigen Verstand und ein
richtiges Urteil in sich spüren, ohne jedoch die höchsten Geistesgaben sich
zuzutrauen, viel Studium und ermüdende Arbeit nicht scheuen dürfen, um
mittelst dieser sich aus dem großen Haufen der Menschen, welchen die
allbekannten Data vorliegen, herauszuarbeiten und zu den entlegeneren
Orten zu gelangen, welche nur dem gelehrten Fleiße zugänglich sind. Denn
hier, wo die Zahl der Mitbewerber unendlich verringert ist, wird auch der
nur einigermaßen überlegene Kopf bald zu einer neuen und richtigen
Kombination der Data Gelegenheit finden: sogar wird das Verdienst seiner
Entdeckung sich mit auf die Schwierigkeit, zu den Datis zu gelangen,
stützen. Aber der also erworbene Applaus seiner Wissensgenossen, als
welche die alleinigen Kenner in diesem Fache sind, wird von der großen
Menge der Menschen nur von Weitem vernommen werden. – Will man nun
den hier angedeuteten Weg bis zum Extrem verfolgen; so läßt sich der
Punkt nachweisen, wo die Data, wegen der großen Schwierigkeit ihrer
Erlangung, für sich allein und ohne daß eine Kombination derselben
erfordert wäre, den Ruhm zu begründen hinreichen. Dies leisten Reisen in
sehr entlegene und wenig besuchte Länder: man wird berühmt durch das,
was man gesehen, nicht durch das, was man gedacht hat. Dieser Weg hat
auch noch einen großen Vorteil darin, daß es viel leichter ist, was man
gesehn, als was man gedacht hat, andern mitzuteilen und es mit dem
Verständnis sich ebenso verhält: demgemäß wird man für das Erstere auch
viel mehr Leser finden als für das andere. Denn, wie schon Asmus sagt:

Page 99

»Wenn jemand eine Reise tut,
So kann er was erzählen.«

Diesem allen entspricht es aber auch, daß, bei der persönlichen
Bekanntschaft berühmter Leute dieser Art einem oft die Horazische
Bemerkung einfällt:

Coelum, non animum, mutant, qui trans mare currunt.

(Epist. I, 11, v. 27.)

Was aber nun andrerseits den mit hohen Fähigkeiten ausgestatteten Kopf
betrifft, als welcher allein sich an die Lösung der großen, das Allgemeine
und Ganze betreffenden und daher schwierigsten Probleme wagen darf; so
wird dieser zwar wohl daran tun, seinen Horizont möglichst auszudehnen,
jedoch immer gleichmäßig, nach allen Seiten, und ohne je sich zu weit in
irgend eine der besonderen und nur Wenigen bekannten Regionen zu
verlieren, d. h. ohne auf die Spezialitäten irgend einer einzelnen
Wissenschaft weit einzugehen, geschweige sich mit den Mikrologien zu
befassen. Denn er hat nicht nötig, sich an die schwer zugänglichen
Gegenstände zu machen, um dem Gedränge der Mitbewerber zu entgehn;
sondern eben das allen Vorliegende wird ihm Stoff zu neuen, wichtigen und
wahren Kombinationen geben. Dem nun aber gemäß wird sein Verdienst
von allen denen geschätzt werden können, welchen die Data bekannt sind,
also von einem großen Teile des menschlichen Geschlechts. Hierauf
gründet sich der mächtige Unterschied zwischen dem Ruhm, den Dichter
und Philosophen erlangen, und dem, welcher Physikern, Chemikern,
Anatomen, Mineralogen, Zoologen, Philologen, Historikern usw. erreichbar
ist.

Page 100

Kapitel V.
Paränesen und Maximen.
Weniger noch, als irgendwo, bezwecke ich hier Vollständigkeit; da ich
sonst die vielen, von Denkern aller Zeiten aufgestellten, zum Teil
vortrefflichen Lebensregeln zu wiederholen haben würde, vom Theognis
und Pseudo-Salomo an, bis auf den Rochefoucauld herab; wobei ich dann
auch viele, schon breit getretene Gemeinplätze nicht würde vermeiden
können. Mit der Vollständigkeit fällt aber auch die systematische
Anordnung größtenteils weg. Über beide tröste man sich damit, daß sie, in
Dingen dieser Art, fast unausbleiblich die Langeweile in ihrem Gefolge
haben. Ich habe bloß gegeben, was mir eben eingefallen ist, der Mitteilung
wert schien und, so viel mir erinnerlich, noch nicht, wenigstens nicht ganz
und eben so, gesagt worden ist, also eben nur eine Nachlese zu dem auf
diesem unabsehbaren Felde bereits von andern Geleisteten.

Um jedoch in die große Mannigfaltigkeit der hierher gehörigen Ansichten
und Ratschläge einige Ordnung zu bringen, will ich sie einteilen in
allgemeine, in solche, welche unser Verhalten gegen uns selbst, dann gegen
andere, und endlich gegen den Weltlauf und das Schicksal betreffen.

Page 101

A. Allgemeine.

1. Als die oberste Regel aller Lebensweisheit sehe ich einen Satz an, den
A r i s t o t e l e s beiläufig ausgesprochen hat, in der Nikomachäischen Ethik
(VII, 12): ὁ φρονιμος το αλυπον διωκει, ου το ἡδυ (quod dolore vacat, non
quod suave est, persequitur vir prudens). Besser noch deutsch ließe sich
dieser Satz etwan so wiedergeben: »Nicht dem Vergnügen, der
Schmerzlosigkeit geht der Vernünftige nach«; oder: »Der Vernünftige geht
auf Schmerzlosigkeit, nicht auf Genuß aus.« Die Wahrheit desselben beruht
darauf, daß aller Genuß und alles Glück negativer, hingegen der Schmerz
positiver Natur ist. Die Ausführung und Begründung dieses letzteren Satzes
findet man in meinem Hauptwerke Bd. I, § 58. Doch will ich denselben hier
noch an einer täglich zu beobachtenden Tatsache erläutern. Wenn der ganze
Leib gesund und heil ist, bis auf irgend eine kleine wunde, oder sonst
schmerzende Stelle; so tritt jene Gesundheit des Ganzen weiter nicht ins
Bewußtsein, sondern die Aufmerksamkeit ist beständig auf den Schmerz
der verletzten Stelle gerichtet und das Behagen der gesamten
Lebensempfindung ist aufgehoben. – Ebenso, wenn alle unsere
Angelegenheiten nach unserem Sinne gehen, bis auf e i n e , die unserer
Absicht zuwider läuft, so kommt diese, auch wenn sie von geringer
Bedeutung ist, uns immer wieder in den Kopf: wir denken häufig an sie und
wenig an alle jene andern wichtigeren Dinge, die nach unserem Sinne gehn.
– In beiden Fällen nun ist das Beeinträchtigte der Wille, einmal, wie er sich
im Organismus, das andere, wie er sich im Streben des Menschen
objektivirt, und in beiden sehen wir, daß seine Befriedigung immer nur
negativ wirkt und daher gar nicht direkt empfunden wird, sondern
höchstens auf dem Wege der Reflexion ins Bewußtsein kommt. Hingegen
ist seine Hemmung das Positive und daher sich selbst Ankündigende. Jeder
Genuß besteht bloß in der Aufhebung dieser Hemmung, in der Befreiung
davon, ist mithin von kurzer Dauer.

Hierauf nun also beruht die oben belobte Aristotelische Regel, welche
uns anweist, unser Augenmerk nicht auf die Genüsse und Annehmlichkeiten
des Lebens zu richten, sondern darauf, daß wir den zahllosen Übeln

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desselben, so weit es möglich ist, entgehn. Wäre dieser Weg nicht der
richtige: so müßte auch Vo l t a i r e s Ausspruch, le bonheur n'est qu'un
rève, et la douleur est réelle, so falsch sein, wie er in der Tat wahr ist.
Demnach soll auch der, welcher das Resultat seines Lebens, in
eudämonologischer Rücksicht, ziehn will, die Rechnung nicht nach den
Freuden, die er genossen, sondern nach den Übeln, denen er entgangen ist,
aufstellen. Ja, die Eudämonologie hat mit der Belehrung anzuheben, daß ihr
Name selbst ein Euphemismus ist und daß unter »glücklich leben« nur zu
verstehn ist »weniger unglücklich«, also erträglich leben. Allerdings ist das
Leben nicht eigentlich da, um genossen, sondern um überstanden, abgetan
zu werden; dies bezeichnen auch manche Ausdrücke, wie degere vitam, vita
defungi, das Italienische si scampa così, das Deutsche »man muß suchen
durchzukommen«, »er wird schon durch die Welt kommen«, u. dgl. m. Ja,
es ist ein Trost im Alter, daß man die Arbeit des Lebens hinter sich hat.
Demnach nun hat das glücklichste Los der, welcher sein Leben ohne
übergroße Schmerzen, sowohl geistige, als körperliche, hinbringt; nicht
aber der, dem die lebhaftesten Freuden oder die größten Genüsse zuteil
geworden. Wer nach diesen letzteren das Glück eines Lebenslaufes
bemessen will, hat einen falschen Maßstab ergriffen. Denn die Genüsse sind
und bleiben negativ: daß sie beglücken, ist ein Wahn, den der Neid, zu
seiner eigenen Strafe, hegt. Die Schmerzen hingegen werden positiv
empfunden: daher ist ihre Abwesenheit der Maßstab des Lebensglückes.
Kommt zu einem schmerzlosen Zustand noch die Abwesenheit der
Langenweile; so ist das irdische Glück im Wesentlichen erreicht: denn das
Übrige ist Chimäre. Hieraus nun folgt, daß man nie Genüsse durch
Schmerzen, ja, auch nur durch die Gefahr derselben, erkaufen soll; weil
man sonst ein Negatives und daher Chimärisches mit einem Positiven und
Realen bezahlt. Hingegen bleibt man im Gewinn, wenn man Genüsse
opfert, um Schmerzen zu entgehn. In beiden Fällen ist es gleichgültig, ob
die Schmerzen den Genüssen nachfolgen, oder vorhergehn. Es ist wirklich
die größte Verkehrtheit, diesen Schauplatz des Jammers in einen Lustort
verwandeln zu wollen und, statt der möglichsten Schmerzlosigkeit, Genüsse
und Freuden sich zum Ziele zu stecken, wie doch so viele tun. Viel weniger
irrt, wer, mit zu finsterem Blicke, diese Welt als eine Art Hölle ansieht und
demnach nur darauf bedacht ist, sich in derselben eine feuerfeste Stube zu
verschaffen. Der Tor läuft den Genüssen des Lebens nach und sieht sich
betrogen: der Weise vermeidet die Übel. Sollte ihm jedoch auch dieses

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mißglücken; so ist es dann die Schuld des Geschicks, nicht die seiner
Torheit. So weit es ihm aber glückt, ist er nicht betrogen: denn die Übel,
denen er aus dem Wege ging, sind höchst real. Selbst wenn er etwan ihnen
zu weit aus dem Wege gegangen sein sollte und Genüsse unnötigerweise
geopfert hätte; so ist eigentlich doch nichts verloren: denn alle Genüsse sind
chimärisch, und über die Versäumnis derselben zu trauern wäre kleinlich, ja
lächerlich.

Das Verkennen dieser Wahrheit, durch den Optimismus begünstigt, ist die
Quelle vielen Unglücks. Während wir nämlich von Leiden frei sind,
spiegeln unruhige Wünsche uns die Chimären eines Glückes vor, das gar
nicht existirt, und verleiten uns sie zu verfolgen: dadurch bringen wir den
Schmerz, der unleugbar real ist, auf uns herab. Dann jammern wir über den
verlorenen schmerzlosen Zustand, der, wie ein verscherztes Paradies, hinter
uns liegt, und wünschen vergeblich, das Geschehene ungeschehen machen
zu können. So scheint es, als ob ein böser Dämon uns aus dem
schmerzlosen Zustande, der das höchste wirkliche Glück ist, stets
herauslockte, durch die Gaukelbilder der Wünsche. – Unbesehens glaubt
der Jüngling, die Welt sei da, um genossen zu werden, sie sei der Wohnsitz
eines positiven Glückes, welches nur die verfehlen, denen es an Geschick
gebricht, sich seiner zu bemeistern. Hierin bestärken ihn Romane und
Gedichte, wie auch die Gleißnerei, welche die Welt, durchgängig und
überall, mit dem äußern Scheine treibt und auf die ich bald zurückkommen
werde. Von nun an ist sein Leben eine, mit mehr oder weniger Überlegung
angestellte Jagd nach dem positiven Glück, welches, als solches, aus
positiven Genüssen bestehn soll. Die Gefahren, denen man sich dabei
aussetzt, müssen in die Schanze geschlagen werden. Da führt denn diese
Jagd nach einem Wilde, welches gar nicht existiert, in der Regel, zu sehr
realem, positivem Unglück. Dies stellt sich ein als Schmerz, Leiden,
Krankheit, Verlust, Sorge, Armut, Schande und tausend Nöte. Die
Enttäuschung kommt zu spät. – Ist hingegen, durch Befolgung der hier in
Betracht genommenen Regel, der Plan des Lebens auf Vermeidung der
Leiden, also auf Entfernung des Mangels, der Krankheit und jeder Not,
gerichtet; so ist das Ziel ein reales: da läßt sich etwas ausrichten, und um so
mehr, je weniger dieser Plan gestört wird durch das Streben nach der
Chimäre des positiven Glücks. Hiezu stimmt auch, was G o e t h e , in den
Wahlverwandtschaften, den für das Glück der andern stets tätigen M i t t l e r

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sagen läßt: »Wer ein Übel los sein will, der weiß immer was er will: wer
was besseres will, als er hat, der ist ganz staarblind.« Und dieses erinnert an
den schönen französischen Ausspruch: le mieux est l'ennemi du bien. Ja,
hieraus ist sogar der Grundgedanke des Zynismus abzuleiten, wie ich ihn
dargelegt habe, in meinem Hauptwerke, Bd. 2, Kap. 16. Denn, was bewog
die Zyniker zur Verwerfung aller Genüsse, wenn es nicht eben der Gedanke
an die mit ihnen, näher oder ferner, verknüpften Schmerzen war, welchen
aus dem Wege zu gehn ihnen viel wichtiger schien, als die Erlangung jener.
Sie waren tief ergriffen von der Erkenntnis der Negativität des Genusses
und der Positivität des Schmerzes; daher sie, konsequent, alles taten für die
Vermeidung der Übel, hierzu aber die völlige und absichtliche Verwerfung
der Genüsse nötig erachteten; weil sie in diesen nur Fallstricke sahen, die
uns dem Schmerze überliefern.

In Arkadien geboren, wie Schiller sagt, sind wir freilich alle: d. h. wir
treten in die Welt, voll Ansprüche auf Glück und Genuß, und hegen die
törichte Hoffnung, solche durchzusetzen. In der Regel jedoch kommt bald
das Schicksal, packt uns unsanft an und belehrt uns, daß nichts u n s e r ist,
sondern alles s e i n , indem es ein unbestrittenes Recht hat, nicht nur auf
allen unsern Besitz und Erwerb und auf Weib und Kind, sondern sogar auf
Arm und Bein, Auge und Ohr, ja, auf die Nase mitten im Gesicht. Jedenfalls
aber kommt, nach einiger Zeit die Erfahrung und bringt die Einsicht, daß
Glück und Genuß eine Fata Morgana sind, welche, nur aus der Ferne
sichtbar, verschwindet, wenn man herangekommen ist; daß hingegen
Leiden und Schmerz Realität haben, sich selbst unmittelbar vertreten und
keiner Illusion noch Erwartung bedürfen. Fruchtet nun die Lehre; so hören
wir auf, nach Glück und Genuß zu jagen, und sind vielmehr darauf bedacht,
dem Schmerz und Leiden möglichst den Zugang zu versperren. Wir
erkennen alsdann, daß das Beste, was die Welt zu bieten hat, eine
schmerzlose, ruhige, erträgliche Existenz ist, und beschränken unsere
Ansprüche auf diese, um sie desto sicherer durchzusetzen. Denn, um nicht
sehr unglücklich zu werden, ist das sicherste Mittel, daß man nicht
verlange, sehr glücklich zu sein. Dies hatte auch Goethes Jugendfreund
M e r c k erkannt, da er schrieb: »die garstige Prätension an Glückseligkeit,
und zwar an das Maß, das wir uns träumen, verdirbt alles auf dieser Welt.
Wer sich davon losmachen kann und nichts begehrt, als was er vor sich hat,
kann sich durchschlagen« (Briefe an und von Merck, S. 100). Demnach ist

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es geraten, seine Ansprüche auf Genuß, Besitz, Rang, Ehre usw. auf ein
ganz Mäßiges herabzusetzen; weil gerade das Streben und Ringen nach
Glück, Glanz und Genuß es ist, was die großen Unglücksfälle herbeizieht.
Aber schon darum ist jenes weise und ratsam, weil sehr unglücklich zu sein
gar leicht ist; sehr glücklich hingegen nicht etwan schwer, sondern ganz
unmöglich. Mit großem Rechte also singt der Dichter der Lebensweisheit:

Auream quisquis mediocritatem
Diligit, tutus caret obsoleti
Sordibus tecti, caret invidenda
Sobrius aula.

Saevius ventis agitatur ingens
Pinus: et scelsae graviore casu
Decidunt turres: feriuntque summos
Fulgura montes.

Wer aber vollends die Lehre meiner Philosophie in sich aufgenommen
hat und daher weiß, daß unser ganzes Dasein etwas ist, das besser nicht
wäre und welches zu verneinen und abzuweisen die größte Weisheit ist, der
wird auch von keinem Dinge oder Zustand große Erwartungen hegen, nach
nichts auf der Welt mit Leidenschaft streben, noch große Klagen erheben
über sein Verfehlen irgend einer Sache; sondern er wird von Platos »οὐτε τι
των ἀνθρωπινων ἀξιον μεγαλης σπουδης« (rep. X, 604) durchdrungen sein,
sowie auch hievon:

Ist einer Welt Besitz für dich zerronnen,
Sei nicht in Leid darüber, es ist nichts;
Und hast du einer Welt Besitz genommen,
Sei nicht erfreut darüber, es ist nichts.
Vorüber gehn die Schmerzen und die Wonnen,
Geh' an der Welt vorüber, es ist nichts.

Anwari Soheili.

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(Siehe das Motto zu Sadis Gulistan, übers. von Graf.)

Was jedoch die Erlangung dieser heilsamen Einsichten besonders
erschwert, ist die schon oben erwähnte Gleißnerei der Welt, welche man
daher der Jugend früh aufdecken sollte. Die allermeisten Herrlichkeiten
sind bloßer Schein, wie die Theaterdekoration, und das Wesen der Sache
fehlt. Z. B. bewimpelte und bekränzte Schiffe, Kanonenschüsse,
Illumination, Pauken und Trompeten, Jauchzen und Schreien usw., dies
alles ist das Aushängeschild, die Andeutung, die Hieroglyphe der F r e u d e :
aber die Freude ist daselbst meistens nicht zu finden: sie allein hat beim
Feste abgesagt. Wo sie sich wirklich einfindet, da kommt sie, in der Regel,
ungeladen und ungemeldet, von selbst und sans façon, ja, still
herangeschlichen, oft bei den unbedeutendesten, futilsten Anlässen, unter
den alltäglichsten Umständen, ja, bei nichts weniger als glänzenden oder
ruhmvollen Gelegenheiten: sie ist, wie das Gold in Australien, hierhin und
dorthin gestreuet, nach der Laune des Zufalls, ohne alle Regel und Gesetz,
meist nur in ganz kleinen Körnchen, höchst selten in großen Massen. Bei
allen jenen oben erwähnten Dingen hingegen ist auch der Zweck bloß,
andere glauben zu machen, hier wäre die Freude eingekehrt: dieser Schein,
im Kopfe anderer, ist die Absicht. Nicht anders als mit der Freude verhält es
sich mit der Trauer. Wie schwermütig kommt jener lange und langsame
Leichenzug daher! der Reihe der Kutschen ist kein Ende. Aber seht nur
hinein: sie sind alle leer, und der Verblichene wird eigentlich bloß von
sämtlichen Kutschern der ganzen Stadt zu Grabe geleitet. Sprechendes Bild
der Freundschaft und Hochachtung dieser Welt! Dies also ist die Falschheit,
Hohlheit und Gleißnerei des menschlichen Treibens. – Ein anderes Beispiel
wieder geben viele geladene Gäste in Feierkleidern, unter festlichem
Empfange; sie sind das Aushängeschild der edelen, erhöhten Geselligkeit:
aber statt ihrer ist in der Regel nur Zwang, Pein und Langeweile
gekommen: denn schon wo viel Gäste sind, ist viel Pack, – und hätten sie
auch sämtlich Sterne auf der Brust. Die wirklich gute Gesellschaft nämlich
ist, überall und notwendig, sehr klein. Überhaupt aber tragen glänzende,
rauschende Feste und Lustbarkeiten stets eine Leere, wohl gar einen Mißton
im Innern; schon weil sie dem Elend und der Dürftigkeit unsers Daseins
laut widersprechen, und der Kontrast erhöht die Wahrheit. Jedoch von
außen gesehn wirkt jenes alles: und das war der Zweck. Ganz allerliebst
sagt daher C h a m f o r t : la société, les cercles, les salons, ce qu'on appelle

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le monde, est une pièce misérable, un mauvais opéra, sans intérêt, qui se
soutient un peu par les machines, les costumes, et les décorations. –
Desgleichen sind nun auch Akademien und philosophische Katheder das
Aushängeschild, der äußere Schein der We i s h e i t : aber auch sie hat
meistens abgesagt und ist ganz wo anders zu finden. – Glockengebimmel,
Priesterkostüme, fromme Gebärden und fratzenhaftes Tun ist das
Aushängeschild, der falsche Schein der Andacht, usw. – So ist denn fast
alles in der Welt hohle Nüsse zu nennen: der Kern ist an sich selten, und
noch seltener steckt er in der Schale. Er ist ganz wo anders zu suchen und
wird meistens nur zufällig gefunden.

2. Wenn man den Zustand eines Menschen, seiner Glücklichkeit nach,
abschätzen will, soll man nicht fragen nach dem, was ihn vergnügt, sondern
nach dem, was ihn betrübt: denn, je geringfügiger dieses, an sich selbst
genommen, ist, desto glücklicher ist der Mensch; weil ein Zustand des
Wohlbefindens dazu gehört, um gegen Kleinigkeiten empfindlich zu sein:
im Unglück spüren wir sie gar nicht.

3. Man hüte sich, das Glück seines Lebens mittelst vieler Erfordernisse
zu demselben, auf ein b r e i t e s F u n d a m e n t zu bauen: denn auf einem
solchen stehend stürzt es am leichtesten ein, weil es viel mehr Unfällen
Gelegenheit darbietet und diese nicht ausbleiben. Das Gebäude unsers
Glückes verhält sich also, in dieser Hinsicht, umgekehrt wie alle anderen,
als welche auf breitem Fundament am festesten stehn. Seine Ansprüche, im
Verhältniß zu seinen Mitteln jeder Art, möglichst niedrig zu stellen, ist
demnach der sicherste Weg großem Unglück zu entgehn.

Überhaupt ist es eine der größten und häufigsten Torheiten, daß man
w e i t l ä u f t i g e A n s t a l t e n zum Leben macht, in welcher Art auch
immer das geschehe. Bei solchen nämlich ist zuvörderst auf ein ganzes und
volles Menschenleben gerechnet; welches jedoch sehr Wenige erreichen.
Sodann fällt es, selbst wenn sie so lange leben, doch für die gemachten
Pläne zu kurz aus; da deren Ausführung immer sehr viel mehr Zeit
erfordert, als angenommen war: ferner sind solche, wie alle menschlichen
Dinge, dem Mißlingen, den Hindernissen so vielfach ausgesetzt, daß sie
sehr selten zum Ziele gebracht werden. Endlich, wenn zuletzt auch alles
erreicht wird, so waren die Umwandlungen, welche die Zeit an u n s

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s e l b s t hervorbringt, außer Acht und Rechnung gelassen; also nicht
bedacht worden, daß weder zum Leisten noch zum Genießen unsere
Fähigkeiten das ganze Leben hindurch vorhalten. Daher kommt es, daß wir
oft auf Dinge hinarbeiten, welche, wenn endlich erlangt, uns nicht mehr
angemessen sind; wie auch, daß wir mit den Vorarbeiten zu einem Werke
die Jahre hinbringen, welche derweilen unvermerkt uns die Kräfte zur
Ausführung desselben rauben. So geschieht es denn oft, daß der mit so
langer Mühe und vieler Gefahr erworbene Reichtum uns nicht mehr
genießbar ist und wir für andere gearbeitet haben; oder auch, daß wir den
durch vieljähriges Treiben und Trachten endlich erreichten Posten
auszufüllen nicht mehr im Stande sind: die Dinge sind zu spät für uns
gekommen. Oder auch umgekehrt, wir kommen zu spät mit den Dingen; da
nämlich, wo es sich um Leistungen, oder Produktionen handelt: der
Geschmack der Zeit hat sich geändert; ein neues Geschlecht ist
herangewachsen, welches an den Sachen keinen Anteil nimmt; andere sind,
auf kürzeren Wegen, uns zuvorgekommen usw. Alles unter dieser Nummer
Angeführte hat Horaz im Sinne, wenn er sagt:

quid aeternis minorem
Consiliis animum fatigas?

Der Anlaß zu diesem häufigen Mißgriff ist die unvermeidliche optische
Täuschung des geistigen Auges, vermöge welcher das Leben, vom
Eingange aus gesehn, endlos, aber wenn man vom Ende der Bahn
zurückblickt, sehr kurz erscheint. Freilich hat sie ihr Gutes: denn ohne sie
käme schwerlich etwas Großes zustande.

Überhaupt aber ergeht es uns im Leben wie dem Wanderer, vor welchem,
indem er vorwärts schreitet, die Gegenstände andere Gestalten annehmen,
als die sie von ferne zeigten, und sich gleichsam verwandeln, indem er sich
nähert. Besonders geht es mit unseren Wünschen so. Oft finden wir etwas
ganz anderes, ja, Besseres, als wir suchten; oft auch das Gesuchte selbst auf
einem ganz anderen Wege, als den wir zuerst vergeblich danach
eingeschlagen hatten. Zumal wird uns oft da, wo wir Genuß, Glück, Freude
suchten, statt ihrer Belehrung, Einsicht, Erkenntnis, – ein bleibendes,
wahrhaftes Gut, statt eines vergänglichen und scheinbaren. Dies ist auch der

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Gedanke, welcher im Wilhelm Meister als Grundbaß durchgeht, indem
dieser ein intellektueller Roman und eben dadurch höherer Art ist, als alle
übrigen, sogar die von Walter Scott, als welche sämtlich nur ethisch sind, d.
h. die menschliche Natur bloß von der Willens-Seite auffassen. Ebenfalls in
der Zauberflöte, dieser grotesken, aber bedeutsamen und vieldeutigen
Hieroglyphe, ist jener selbe Grundgedanke, in großen und groben Zügen,
wie die der Theaterdekorationen sind, symbolisirt; sogar würde er es
vollkommen sein, wenn, am Schlusse, der Tamino, vom Wunsche, die
Tamina zu besitzen, zurückgebracht, statt ihrer, allein die Weihe im Tempel
der Weisheit verlangte und erhielte; hingegen seinem notwendigen
Gegensatze, dem Papageno, richtig seine Papagena würde. – Vorzügliche
und edle Menschen werden jener Erziehung des Schicksals bald inne und
fügen sich bildsam und dankbar in dieselbe: sie sehn ein, daß in der Welt
wohl Belehrung, aber nicht Glück zu finden sei, werden es sonach gewohnt
und zufrieden, Hoffnungen gegen Einsichten zu vertauschen, und sagen
endlich mit Petrarka:

Altro diletto, che 'mparar, non provo.

Es kann damit sogar dahin kommen, daß sie ihren Wünschen und
Bestrebungen gewissermaßen nur noch zum Schein und tändelnd nachgehn,
eigentlich aber und im Ernst ihres Innern, bloß Belehrung erwarten;
welches ihnen alsdann einen beschaulichen, genialen, erhabenen Anstrich
gibt. – Man kann in diesem Sinne auch sagen, es gehe uns wie den
Alchemisten, welche, indem sie nur Gold suchten, Schießpulver, Porzellan,
Arzeneien, ja Naturgesetze entdeckten.

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B. Unser Verhalten gegen uns selbst betreffend.

4. Wie der Arbeiter, welcher ein Gebäude aufführen hilft, den Plan des
ganzen entweder nicht kennt, oder doch nicht immer gegenwärtig hat; so
verhält der Mensch, indem er die einzelnen Tage und Stunden seines
Lebens abspinnt, sich zum Ganzen seines Lebenslaufes und des Charakters
desselben. Je würdiger, bedeutender, planvoller und individueller dieser ist;
desto mehr ist es nötig und wohltätig, daß der verkleinerte Grundriß
desselben, der Plan, ihm bisweilen vor die Augen komme. Freilich gehört
auch dazu, daß er einen kleinen Anfang in dem γνωθι σαυτον gemacht
habe, also wisse, was er eigentlich, hauptsächlich und vor allem andern
will, was also für sein Glück das Wesentlichste ist, sodann was die zweite
und dritte Stelle nach diesem einnimmt; wie auch, daß er erkenne, welches,
im ganzen, sein Beruf, seine Rolle und sein Verhältnis zur Welt sei. Ist nun
dieses bedeutender und grandioser Art; so wird der Anblick des Planes
seines Lebens, im verjüngten Maßstabe, ihn, mehr als irgend etwas, stärken,
aufrichten, erheben, zur Tätigkeit ermuntern und von Abwegen
zurückhalten.

Wie der Wanderer erst, wenn er auf einer Höhe angekommen ist, den
zurückgelegten Weg, mit allen seinen Wendungen und Krümmungen, im
Zusammenhange überblickt und erkennt; so erkennen wir erst am Ende
einer Periode unsers Lebens, oder gar des ganzen, den wahren
Zusammenhang unserer Taten, Leistungen und Werke, die genaue
Konsequenz und Verkettung, ja, auch den Wert derselben. Denn, solange
wir darin begriffen sind, handeln wir nur immer nach den feststehenden
Eigenschaften unsers Charakters, unter dem Einfluß der Motive, und nach
dem Maße unserer Fähigkeiten, also durchweg mit Notwendigkeit, indem
wir in jedem Augenblicke bloß tun, was uns jetzt eben das Rechte und
Angemessene dünkt. Erst der Erfolg zeigt, was dabei herausgekommen, und
der Rückblick auf den ganzen Zusammenhang das Wie und Wodurch.
Daher eben auch sind wir, während wir die größten Taten vollbringen, oder
unsterbliche Werke schaffen, uns derselben nicht als solcher bewußt,
sondern bloß als des unsern gegenwärtigen Zwecken Angemessenen, unsern

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dermaligen Absichten Entsprechenden, also jetzt gerade Rechten: aber erst
aus dem Ganzen in seinem Zusammenhang leuchtet nachher unser
Charakter und unsere Fähigkeiten hervor: und im einzelnen sehn wir dann,
wie wir, als wäre es durch Inspiration geschehn, den einzig richtigen Weg,
unter tausend Abwegen, eingeschlagen haben, – von unserm Genius
geleitet. Dies alles gilt vom Theoretischen wie vom Praktischen, und im
umgekehrten Sinne vom Schlechten und Verfehlten.

5. Ein wichtiger Punkt der Lebensweisheit besteht in dem richtigen
Verhältnis, in welchem wir unsere Aufmerksamkeit teils der Gegenwart,
teils der Zukunft widmen, damit nicht die eine uns die andere verderbe.
Viele leben zu sehr in der Gegenwart: die Leichtsinnigen; – andere zu sehr
in der Zukunft: die Ängstlichen und Besorglichen. Selten wird einer genau
das rechte Maß halten. Die, welche, mittelst Streben und Hoffen, nur in der
Zukunft leben, immer vorwärts sehn und mit Ungeduld den kommenden
Dingen entgegeneilen, als welche allererst das wahre Glück bringen sollen,
inzwischen aber die Gegenwart unbeachtet und ungenossen vorbeiziehn
lassen, sind, trotz ihren altklugen Mienen, jenen Eseln in Italien zu
vergleichen, deren Schritt dadurch beschleunigt wird, daß an einem, ihrem
Kopf angehefteten Stock ein Bündel Heu hängt, welches sie daher stets
dicht vor sich sehen und zu erreichen hoffen. Denn sie betrügen sich selbst
um ihr ganzes Dasein, indem sie stets nur ad interim leben, – bis sie tot
sind. – Statt also mit den Plänen und Sorgen für die Zukunft ausschließlich
und immerdar beschäftigt zu sein, oder aber uns der Sehnsucht nach der
Vergangenheit hinzugeben, sollten wir nie vergessen, daß die Gegenwart
allein real und allein gewiß ist; hingegen die Zukunft fast immer anders
ausfällt, als wir sie denken; ja, auch die Vergangenheit anders war; und
zwar so, daß es mit beiden, im ganzen, weniger auf sich hat, als es uns
scheint. Denn die Ferne, welche dem Auge die Gegenstände verkleinert,
vergrößert sie dem Gedanken. Die Gegenwart allein ist wahr und wirklich:
sie ist die real erfüllte Zeit, und ausschließlich in ihr liegt unser Dasein.
Daher sollten wir sie stets einer heitern Aufnahme würdigen, folglich jede
erträgliche und von unmittelbaren Widerwärtigkeiten oder Schmerzen freie
Stunde mit Bewußtsein als solche genießen, d. h. sie nicht trüben durch
verdrießliche Gesichter über verfehlte Hoffnungen in der Vergangenheit,
oder Besorgnisse für die Zukunft. Denn es ist durchaus töricht, eine gute
gegenwärtige Stunde von sich zu stoßen oder sie sich mutwillig zu

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verderben, aus Verdruß über das Vergangene, oder Besorgnis wegen des
Kommenden. Der Sorge, ja, selbst der Reue sei ihre bestimmte Zeit
gewidmet: danach aber soll man über das Geschehene denken:

Αλλα τα μεν προτετυχθαι εασομεν αχνυμενοι περ,
Θυμον ενι στηθεσσι φιλον δαμασαντες αναγκῃ,

und über das Künftige:

Ητοι ταυτα θεων εν γουνασι κειται,

hingegen über die Gegenwart: singulas dies singulas vitas puta (Sen.) und
diese allein reale Zeit sich so angenehm wie möglich machen.

Uns zu beunruhigen sind bloß solche künftige Übel berechtigt, welche
gewiß sind und deren Eintrittszeit ebenfalls gewiß ist. Dies werden aber
sehr wenige sein: denn die Übel sind entweder bloß möglich, allenfalls
wahrscheinlich; oder sie sind zwar gewiß; allein ihre Eintrittszeit ist völlig
ungewiß. Läßt man nun auf die beiden Arten sich ein, so hat man keinen
ruhigen Augenblick mehr. Um also nicht der Ruhe unsers Lebens durch
ungewisse oder unbestimmte Übel verlustig zu werden, müssen wir uns
gewöhnen, jene anzusehn, als kämen sie nie; diese, als kämen sie gewiß
nicht sobald.

Je mehr nun aber einem die Furcht Ruhe läßt, desto mehr beunruhigen
ihn die Wünsche, die Begierden und Ansprüche. G o e t h e s so beliebtes
Lied, »ich hab' mein' Sach' auf nichts gestellt,« besagt eigentlich, daß erst
nachdem der Mensch aus allen möglichen Ansprüchen herausgetrieben und
auf das nackte, kahle Dasein zurückgewiesen ist, er derjenigen Geistesruhe
teilhaft wird, welche die Grundlage des menschlichen Glückes ausmacht,
indem sie nötig ist, um die Gegenwart und somit das ganze Leben
genießbar zu finden. Zu eben diesem Zwecke sollten wir stets eingedenk
sein, daß der heutige Tag nur einmal kommt und nimmer wieder. Aber wir
wähnen, er komme morgen wieder: morgen ist jedoch ein anderer Tag, der

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auch nur einmal kommt. Wir aber vergessen, daß jeder Tag ein integrirender
und daher unersetzlicher Teil des Lebens ist, und betrachten ihn vielmehr
als unter demselben so enthalten, wie die Individuen unter dem
Gemeinbegriff. – Ebenfalls würden wir die Gegenwart besser würdigen und
genießen, wenn wir, in guten und gesunden Tagen, uns stets bewußt wären,
wie, in Krankheiten oder Betrübnissen, die Erinnerung uns jede schmerz-
und entbehrungslose Stunde als unendlich beneidenswert, als ein verlorenes
Paradies, als einen verkannten Freund vorhält. Aber wir verleben unsre
schönen Tage, ohne sie zu bemerken: erst wann die schlimmen kommen,
wünschen wir jene zurück. Tausend heitere, angenehme Stunden lassen wir,
mit verdrießlichem Gesicht, ungenossen an uns vorüberziehn, um nachher,
zur trüben Zeit, mit vergeblicher Sehnsucht ihnen nachzuseufzen. Statt
dessen sollten wir jede erträgliche Gegenwart, auch die alltägliche, welche
wir jetzt so gleichgültig vorüberziehn lassen, und wohl gar noch ungeduldig
nachschieben, – in Ehren halten, stets eingedenk, daß sie eben jetzt
hinüberwallt in jene Apotheose der Vergangenheit, woselbst sie fortan, vom
Lichte der Unvergänglichkeit umstrahlt, vom Gedächtnisse aufbewahrt
wird, um, wann dieses einst, besonders zur schlimmen Stunde, den Vorhang
lüftet, als ein Gegenstand unsrer innigen Sehnsucht sich darzustellen.

6. A l l e B e s c h r ä n k u n g b e g l ü c k t . Je enger unser Gesichts-,
Wirkungs- und Berührungskreis, desto glücklicher sind wir: je weiter, desto
öfter fühlen wir uns gequält, oder geängstigt. Denn mit ihm vermehren und
vergrößern sich die Sorgen, Wünsche und Schrecknisse. Darum sind sogar
Blinde nicht so unglücklich, wie es uns a priori scheinen muß; dies bezeugt
die sanfte, fast heitere Ruhe in ihren Gesichtszügen. Auch beruht es zum
Teil auf dieser Regel, daß die zweite Hälfte des Lebens trauriger ausfällt als
die erste. Denn im Laufe des Lebens wird der Horizont unserer Zwecke und
Beziehungen immer weiter. In der Kindheit ist er auf die nächste
Umgebung und die engsten Verhältnisse beschränkt; im Jünglingsalter
reicht er schon bedeutend weiter; im Mannesalter umfaßt er unsern ganzen
Lebenslauf, ja, erstreckt sich oft auf die entferntesten Verhältnisse, auf
Staaten und Völker; im Greisenalter umfaßt er die Nachkommen. – Jede
Beschränkung hingegen, sogar die geistige, ist unserm Glücke förderlich.
Denn je weniger Erregung des Willens, desto weniger Leiden: und wir
wissen, daß das Leiden das Positive, das Glück bloß negativ ist.
Beschränktheit des Wirkungskreises benimmt dem Willen die äußeren

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Veranlassungen zur Erregung; Beschränktheit des Geistes die innern. Nur
hat letztere den Nachteil, daß sie der Langenweile die Tür öffnet, welche
mittelbar die Quelle unzähliger Leiden wird, indem man, um nur sie zu
bannen, nach allem greift, also Zerstreuung, Gesellschaft, Luxus, Spiel,
Trunk usw. versucht, welche jedoch Schaden, Ruin und Unglück jeder Art
herbeiziehen. Difficilis in otio quies. Wie sehr hingegen die ä u ß e r e
Beschränkung dem menschlichen Glücke, so weit es gehen kann,
förderlich, ja, notwendig sei, ist daran ersichtlich, daß die einzige
Dichtungsart, welche glückliche Menschen zu schildern unternimmt, das
Idyll, sie stets und wesentlich in höchst beschränkter Lage und Umgebung
darstellt. Das Gefühl der Sache liegt auch unserem Wohlgefallen an den
sogenannten Genre-Bildern zum Grunde. – Demgemäß wird die möglichste
E i n f a c h h e i t unserer Verhältnisse und sogar die E i n f ö r m i g k e i t der
Lebensweise, so lange sie nicht Langeweile erzeugt, beglücken; weil sie das
Leben selbst, folglich auch die ihm wesentliche Last, am wenigsten spüren
läßt: es fließt dahin, wie ein Bach, ohne Wellen und Strudel.

7. In Hinsicht auf unser Wohl und Wehe kommt es in letzter Instanz
darauf an, womit das Bewußtsein erfüllt und beschäftigt sei. Hier wird nun
im ganzen jede rein intellektuelle Beschäftigung dem ihrer fähigen Geiste
viel mehr leisten als das wirkliche Leben mit seinem beständigen Wechsel
des Gelingens und Mißlingens, nebst seinen Erschütterungen und Plagen.
Nur sind dazu freilich schon überwiegende geistige Anlagen erfordert.
Sodann ist hiebei zu bemerken, daß, wie das nach außen tätige Leben uns
von den Studien zerstreut und ablenkt, auch dem Geiste die dazu
erforderliche Ruhe und Sammlung benimmt; ebenso andrerseits die
anhaltende Geistesbeschäftigung zum Treiben und Tummeln des wirklichen
Lebens, mehr oder weniger, untüchtig macht: daher ist es ratsam, dieselbe
auf eine Weile ganz einzustellen, wann Umstände eintreten, die irgendwie
eine energische praktische Tätigkeit erfordern.

8. Um mit vollkommener B e s o n n e n h e i t zu leben und aus der
eigenen Erfahrung alle Belehrung, die sie enthält, herauszuziehn, ist
erfordert, daß man oft zurückdenke und was man erlebt, getan, erfahren und
dabei empfunden hat, rekapitulire, auch sein ehemaliges Urteil mit seinem
gegenwärtigen, seinen Vorsatz und Streben mit dem Erfolg und der
Befriedigung durch denselben vergleiche. Dies ist die Repetition des

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Privatissimums, welches jedem die Erfahrung ließ. Auch läßt die eigene
Erfahrung sich ansehn als der Text; Nachdenken und Kenntnisse als der
Kommentar dazu. Viel Nachdenken und Kenntnisse, bei wenig Erfahrung,
gleicht den Ausgaben, deren Seiten zwei Zeilen Text und vierzig Zeilen
Kommentar darbieten. Viel Erfahrung, bei wenig Nachdenken und geringen
Kenntnissen, gleicht den bipontinischen Ausgaben, ohne Noten, welche
Vieles unverstanden lassen.

Auf die hier gegebene Anempfehlung zielt auch die Regel des
Pythagoras, daß man abends, vor dem Einschlafen, durchmustern solle, was
man den Tag über getan hat. Wer im Getümmel der Geschäfte oder
Vergnügungen dahinlebt, ohne je seine Vergangenheit zu ruminiren,
vielmehr nur immerfort sein Leben abhaspelt, dem geht die klare
Besonnenheit verloren: sein Gemüt wird ein Chaos, und eine gewisse
Verworrenheit kommt in seine Gedanken, von welcher alsbald das Abrupte,
Fragmentarische, gleichsam Kleingehackte seiner Konversation zeugt. Dies
ist um so mehr der Fall, je größer die äußere Unruhe, die Menge der
Eindrücke, und je geringer die innere Tätigkeit seines Geistes ist.

Hieher gehört die Bemerkung, daß, nach längerer Zeit und nachdem die
Verhältnisse und Umgebungen, welche auf uns einwirkten,
vorübergegangen sind, wir nicht vermögen, unsere damals durch sie erregte
Stimmung und Empfindung uns zurückzurufen und zu erneuern: wohl aber
können wir unserer eigenen, damals von ihnen hervorgerufenen
Ä u ß e r u n g e n uns erinnern. Diese nun sind das Resultat, der Ausdruck
und der Maßstab jener. Daher sollte das Gedächtnis, oder das Papier,
dergleichen, aus denkwürdigen Zeitpunkten, sorgfältig aufbewahren. Hiezu
sind Tagebücher sehr nützlich.

9. Sich selber genügen, sich selber alles in allem sein, und sagen können
omnia mea mecum porto, ist gewiß für unser Glück die förderlichste
Eigenschaft: daher der Ausspruch des A r i s t o t e l e s ἡ ευδαιμονια των
αυταρκων εστι (felicitas sibi sufficientium est. Eth. Eud. 7, 2) nicht zu oft
wiederholt werden kann. (Auch ist es im wesentlichen derselbe Gedanke,
den, in einer überaus artigen Wendung, die Sentenz Chamforts ausdrückt,
welche ich dieser Abhandlung als Motto vorgesetzt habe.) Denn teils darf
man, mit einiger Sicherheit, auf niemand zählen, als auf sich selbst, und

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teils sind die Beschwerden und Nachteile, die Gefahr und der Verdruß,
welche die Gesellschaft mit sich führt, unzählig und unausweichbar.

Kein verkehrterer Weg zum Glück, als das Leben in der großen Welt, in
Saus und Braus (high life): denn es bezweckt, unser elendes Dasein in eine
Sukzession von Freude, Genuß, Vergnügen zu verwandeln, wobei die
Enttäuschung nicht ausbleiben kann; so wenig, wie bei der obligaten
Begleitung dazu, dem gegenseitigen einander Belügen[K].

[K] Wie unser Leib in die Gewänder, so ist unser Geist in Lügen verhüllt. Unser
Reden, Tun, unser ganzes Wesen ist lügenhaft: und erst durch diese Hülle
hindurch kann man bisweilen unsere wahre Gesinnung erraten, wie durch die
Gewänder hindurch die Gestalt des Leibes.

Zunächst erfordert jede Gesellschaft notwendig eine gegenseitige
Akkommodation und Temperatur: daher wird sie, je größer, desto fader.
Ganz e r s e l b s t s e i n darf jeder nur so lange er allein ist: wer also nicht
die Einsamkeit liebt, der liebt auch nicht die Freiheit: denn nur wann man
allein ist, ist man frei. Zwang ist der unzertrennliche Gefährte jeder
Gesellschaft, und jede fordert Opfer, die um so schwerer fallen, je
bedeutender die eigene Individualität ist. Demgemäß wird jeder in genauer
Proportion zum Werte seines eigenen Selbst die Einsamkeit fliehen,
ertragen oder lieben. Denn in ihr fühlt der Jämmerliche seine ganze
Jämmerlichkeit, der große Geist seine ganze Größe, kurz, jeder sich als was
er ist. Ferner, je höher einer auf der Rangliste der Natur steht, desto
einsamer steht er, und zwar wesentlich und unvermeidlich. Dann aber ist es
eine Wohltat für ihn, wenn die physische Einsamkeit der geistigen
entspricht: widrigenfalls dringt die häufige Umgebung heterogener Wesen
störend, ja, feindlich auf ihn ein, raubt ihm sein Selbst und hat nichts als
Ersatz dafür zu geben. Sodann, während die Natur zwischen Menschen die
weiteste Verschiedenheit, im Moralischen und Intellektuellen, gesetzt hat,
stellt die Gesellschaft, diese für nichts achtend, sie alle gleich, oder
vielmehr sie setzt an ihre Stelle die künstlichen Unterschiede und Stufen
des Standes und Ranges, welche der Rangliste der Natur sehr oft diametral
entgegen laufen. Bei dieser Anordnung stehen sich die, welche die Natur
niedrig gestellt hat, sehr gut; die wenigen aber, welche sie hoch stellte,

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kommen dabei zu kurz; daher diese sich der Gesellschaft zu entziehn
pflegen und in jeder, sobald sie zahlreich ist, das Gemeine vorherrscht. Was
den großen Geistern die Gesellschaft verleidet, ist die Gleichheit der
Rechte, folglich der Ansprüche, bei der Ungleichheit der Fähigkeiten,
folglich der (gesellschaftlichen) Leistungen, der andern. Die sogenannte
gute Sozietät läßt Vorzüge aller Art gelten, nur nicht die geistigen, diese
sind sogar Kontrebande. Sie verpflichtet uns, gegen jede Torheit, Narrheit,
Verkehrtheit, Stumpfheit, grenzenlose Geduld zu beweisen; persönliche
Vorzüge hingegen sollen sich Verzeihung erbetteln oder sich verbergen;
denn die geistige Überlegenheit verletzt durch ihre bloße Existenz, ohne
alles Zutun des Willens. Demnach hat die Gesellschaft, welche man die
gute nennt, nicht nur den Nachteil, daß sie uns Menschen darbietet, die wir
nicht loben und lieben können, sondern sie läßt auch nicht zu, daß wir selbst
seien, wie es unsrer Natur angemessen ist; vielmehr nötigt sie uns, des
Einklanges mit den anderen wegen, einzuschrumpfen, oder gar uns selbst
zu verunstalten. Geistreiche Reden oder Einfälle gehören nur vor
geistreiche Gesellschaft: in der gewöhnlichen sind sie geradezu verhaßt;
denn um in dieser zu gefallen, ist durchaus notwendig, daß man platt und
bornirt sei. In solcher Gesellschaft müssen wir daher, mit schwerer
Selbstverleugnung, dreiviertel unserer selbst aufgeben, um uns den andern
zu verähnlichen. Dafür haben wir dann freilich die andern: aber je mehr
eigenen Wert einer hat, desto mehr wird er finden, daß hier der Gewinn den
Verlust nicht deckt und das Geschäft zu seinem Nachteil ausschlägt; weil
die Leute, in der Regel, insolvent sind, d. h. in ihrem Umgang nichts haben,
das für die Langweiligkeit, die Beschwerden und Unannehmlichkeiten
desselben und für die Selbstverleugnung, die er auflegt, schadlos hielte:
demnach ist die allermeiste Gesellschaft so beschaffen, daß, wer sie gegen
die Einsamkeit vertauscht, einen guten Handel macht. Dazu kommt noch,
daß die Gesellschaft, um die echte, d. i. die geistige Überlegenheit, welche
sie nicht verträgt und die auch schwer zu finden ist, zu ersetzen, eine
falsche, konventionelle, auf willkürlichen Satzungen beruhende und
traditionell unter den höheren Ständen sich fortpflanzende, auch, wie die
Parole, veränderliche Überlegenheit beliebig angenommen hat: diese ist,
was der gute Ton, bon ton, fashionableness genannt wird. Wann sie jedoch
einmal mit der echten in Kollision gerät, zeigt sich ihre Schwäche. –
Zudem, quand le bon ton arrive, le bons sens se retire.

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Überhaupt aber kann jeder i m v o l l k o m m e n s t e n E i n k l a n g e nur
mit sich selbst stehn; nicht mit seinem Freunde, nicht mit seiner Geliebten:
denn die Unterschiede der Individualität und Stimmung führen allemal eine,
wenn auch geringe, Dissonanz herbei. Daher ist der wahre, tiefe Friede des
Herzens und die vollkommene Gemütsruhe, dieses, nächst der Gesundheit
höchste irdische Gut, allein in der Einsamkeit zu finden und als dauernde
Stimmung nur in der tiefsten Zurückgezogenheit. Ist dann das eigene Selbst
groß und reich; so genießt man den glücklichsten Zustand, der auf dieser
armen Erde gefunden werden mag. Ja, es sei heraus gesagt: so eng auch
Freundschaft, Liebe und Ehe Menschen verbinden; g a n z e h r l i c h meint
jeder es am Ende doch nur mit sich selbst und höchstens noch mit seinem
Kinde. – Je weniger einer, infolge objektiver oder subjektiver Bedingungen,
nötig hat, mit den Menschen in Berührung zu kommen, desto besser ist er
daran. Die Einsamkeit und Öde läßt alle ihre Übel auf einmal, wenn auch
nicht empfinden, doch übersehn: hingegen die Gesellschaft ist i n s i d i ö s :
sie verbirgt hinter dem Scheine der Kurzweil, der Mitteilung, des geselligen
Genusses usf. große, oft unheilbare Übel. Ein Hauptstudium der Jugend
sollte sein, d i e E i n s a m k e i t e r t r a g e n z u l e r n e n ; weil sie eine
Quelle des Glückes, der Gemütsruhe ist. – Aus diesem allen nun folgt, daß
der am besten daran ist, der nur auf sich selbst gerechnet hat und sich selber
alles in allem sein kann; sogar sagt Cicero: Nemo potest non beatissimus
esse, qui est totus aptus ex sese, quique in se uno ponit omnia. (Paradox.
II.) Zudem, je mehr einer an sich selber hat, desto weniger können andere
ihm sein. Ein gewisses Gefühl von Allgenugsamkeit ist es, welches die
Leute von innerm Wert und Reichtum abhält, der Gemeinschaft mit andern
die bedeutenden Opfer, welche sie verlangt, zu bringen, geschweige
dieselbe, mit merklicher Selbstverleugnung, zu suchen. Das Gegenteil
hievon macht die gewöhnlichen Leute so gesellig und akkommodant: es
wird ihnen nämlich leichter, andere zu ertragen, als sich selbst. Noch
kommt hinzu, daß, was wirklichen Wert hat in der Welt, nicht geachtet wird,
und, was geachtet wird, keinen Wert hat. Hievon ist die Zurückgezogenheit
jedes Würdigen und Ausgezeichneten der Beweis und die Folge. Diesem
allen nach wird es in dem, der etwas Rechtes an sich selber hat, echte
Lebensweisheit sein, wenn er, erforderlichen Falls seine Bedürfnisse
einschränkt, um nur seine Freiheit zu wahren oder zu erweitern, und
demnach mit seiner Person, da sie unvermeidliche Verhältnisse zur
Menschenwelt hat, so kurz wie möglich sich abfindet.

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Was nun andrerseits die Menschen gesellig macht, ist ihre Unfähigkeit,
die Einsamkeit, und in dieser sich selbst, zu ertragen. Innere Leere und
Überdruß sind es, von denen sie sowohl in die Gesellschaft, wie in die
Fremde und auf Reisen getrieben werden. Ihrem Geiste mangelt es an
Federkraft, sich eigene Bewegung zu erteilen: daher suchen sie Erhöhung
derselben durch Wein und werden viele auf diesem Wege zu
Trunkenbolden. Eben daher bedürfen sie der steten Erregung von außen und
zwar der stärkesten, d. i. der durch Wesen ihresgleichen. Ohne diese sinkt
ihr Geist, unter seiner eigenen Schwere, zusammen und verfällt in eine
drückende Lethargie[L]. Imgleichen ließe sich sagen, daß jeder von ihnen
nur ein kleiner Bruch der Idee der Menschheit sei, daher er vieler
Ergänzung durch andere bedarf, damit einigermaßen ein volles
menschliches Bewußtsein herauskomme: hingegen wer ein ganzer Mensch
ist, ein Mensch p a r e x c e l l e n c e , der stellt eine Einheit und keinen
Bruch dar, hat daher an sich selbst genug. Man kann, in diesem Sinne, die
gewöhnliche Gesellschaft jener russischen Hornmusik vergleichen, bei der
jedes Horn nur einen Ton hat und bloß durch das pünktliche
Zusammentreffen aller eine Musik herauskommt. Denn monoton, wie ein
solches eintöniges Horn, ist der Sinn und Geist der allermeisten Menschen:
sehn doch viele von ihnen schon aus, als hätten sie immerfort nur einen und
denselben Gedanken, unfähig irgend einen andern zu denken. Hieraus also
erklärt sich nicht nur, warum sie so langweilig, sondern auch warum sie so
gesellig sind und am liebsten herdenweise einhergehn: the gregariousness
of mankind. Die Monotonie seines eigenen Wesens ist es, die jedem von
ihnen unerträglich wird: – omnis stultitia laborat fastidio sui: – nur
zusammen und durch die Vereinigung sind sie irgend etwas; – wie jene
Hornbläser. Dagegen ist der geistvolle Mensch einem Virtuosen zu
vergleichen, der sein Konzert a l l e i n ausführt; oder auch dem Klavier. Wie
nämlich dieses, für sich allein, ein kleines Orchester, so ist er eine kleine
Welt, und was jene alle erst durch das Zusammenwirken sind, stellt er dar in
der Einheit Eines Bewußtseins. Wie das Klavier, ist er kein Teil der
Symphonie, sondern für das Solo und die Einheit geeignet: soll er mit ihnen
zusammenwirken; so kann er es nur sein als Prinzipalstimme mit
Begleitung, wie das Klavier; oder zum Tonangeben, bei Vokalmusik, wie
das Klavier. – Wer inzwischen Gesellschaft liebt, kann sich aus diesem
Gleichnis die Regel abstrahiren, daß was den Personen seines Umgangs an
Qualität abgeht, durch die Quantität einigermaßen ersetzt werden muß. An

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einem einzigen geistvollen Menschen kann er Umgang genug haben: ist
aber nichts als die gewöhnliche Sorte zu finden, so ist es gut, von dieser
recht viele zu haben, damit durch die Mannigfaltigkeit und das
Zusammenwirken etwas herauskomme, – nach Analogie der besagten
Hornmusik: – und der Himmel schenke ihm dazu Geduld.

[L] Bekanntlich werden Übel dadurch erleichtert, daß man sie gemeinschaftlich
erträgt: zu diesen scheinen die Leute die Langeweile zu zählen; daher sie sich
zusammensetzen, um sich gemeinschaftlich zu langweilen. Wie die Liebe zum
Leben im Grunde nur Furcht vor dem Tode ist, so ist auch der
G e s e l l i g k e i t s t r i e b der Menschen im Grunde kein direkter, beruht nämlich
nicht auf Liebe zur Gesellschaft, sondern auf Furcht vor der E i n s a m k e i t ,
indem es nicht sowohl die holdselige Gegenwart der andern ist, die gesucht, als
vielmehr die Öde und Beklommenheit des Alleinseins, nebst der Monotonie des
eigenen Bewußtseins, die geflohen wird; welcher zu entgehn man daher auch mit
schlechter Gesellschaft vorlieb nimmt, imgleichen das Lästige und den Zwang,
den eine jede notwendig mit sich bringt, sich gefallen läßt. – Hat hingegen der
Widerwille gegen dieses alles gesiegt und ist, infolge davon, die Gewohnheit der
Einsamkeit und die Abhärtung gegen ihren unmittelbaren Eindruck eingetreten,
so daß sie die oben bezeichneten Wirkungen nicht mehr hervorbringt; dann kann
man mit größter Behaglichkeit immerfort allein sein, ohne sich nach Gesellschaft
zu sehnen; eben weil das Bedürfnis derselben kein direktes ist und man
andrerseits sich jetzt an die wohltätigen Eigenschaften der Einsamkeit gewöhnt
hat.

Jener innern Leere aber und Dürftigkeit der Menschen ist auch dieses
zuzuschreiben, daß, wenn einmal, irgendeinen edelen, idealen Zweck
beabsichtigend, Menschen besserer Art zu einem Verein zusammentreten,
alsdann der Ausgang fast immer dieser ist, daß aus jenem plebs der
Menschheit, welcher, in zahlloser Menge, wie Ungeziefer, überall alles
erfüllt und bedeckt, und stets bereit ist, jedes, ohne Unterschied, zu
ergreifen, um damit seiner Langenweile, wie unter anderen Umständen
seinem Mangel, zu Hilfe zu kommen, – auch dort einige sich einschleichen,
oder eindrängen und dann bald entweder die ganze Sache zerstören, oder
sie so verändern, daß sie ziemlich das Gegenteil der ersten Absicht wird.

Übrigens kann man die Geselligkeit auch betrachten als ein geistiges
Erwärmen der Menschen an einander, gleich jenem körperlichen, welches
sie, bei großer Kälte, durch Zusammendrängen hervorbringen. Allein wer

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selbst viel geistige Wärme hat, bedarf solcher Gruppirung nicht. Eine in
diesem Sinne von mir erdachte Fabel wird man im 2. Bande dieses Werkes
finden, im letzten Kapitel. Diesem allen zufolge steht die Geselligkeit eines
jeden ungefähr im umgekehrten Verhältnisse seines intellektuellen Wertes;
und »er ist sehr ungesellig« sagt beinahe schon »er ist ein Mann von großen
Eigenschaften.«

Dem intellektuell hochstehenden Menschen gewährt nämlich die
Einsamkeit einen zwiefachen Vorteil: erstlich den, mit sich selber zu sein,
und zweitens den, nicht mit andern zu sein. Diesen letzteren wird man hoch
anschlagen, wenn man bedenkt, wie viel Zwang, Beschwerde und selbst
Gefahr jeder Umgang mit sich bringt. Tout notre mal vient de ne pouvoir
être seul, sagt L a b r u y è r e . G e s e l l i g k e i t gehört zu den gefährlichen,
ja, verderblichen Neigungen, da sie uns in Kontakt bringt mit Wesen, deren
große Mehrzahl moralisch schlecht und intellektuell stumpf oder verkehrt
ist. Der Ungesellige ist einer, der ihrer nicht bedarf. An sich selber so viel
zu haben, daß man der Gesellschaft nicht bedarf, ist schon deshalb ein
großes Glück, weil fast alle unsere Leiden aus der Gesellschaft entspringen,
und die Geistesruhe, welche, nächst der Gesundheit, das wesentlichste
Element unseres Glückes ausmacht, durch jede Gesellschaft gefährdet wird
und daher ohne ein bedeutendes Maß von Einsamkeit nicht bestehen kann.
Um des Glückes der Geistesruhe teilhaft zu werden, entsagen die Kyniker
jedem Besitz: wer in gleicher Absicht der Gesellschaft entsagt, hat das
weiseste Mittel erwählt. Denn so treffend, wie schön, ist was B e r n a r d i n
d e S t . P i e r r e sagt: la diète des alimens nous rend la santé du corps, et
celle des hommes la tranquillité de l'âme. Sonach hat, wer sich zeitig mit
der Einsamkeit befreundet, ja, sie lieb gewinnt, eine Goldmine erworben.
Aber keineswegs vermag dies jeder. Denn, wie ursprünglich die Not, so
treibt, nach Beseitigung dieser, die Langeweile die Menschen zusammen.
Ohne beide bliebe wohl jeder allein; schon weil nur in der Einsamkeit die
Umgebung der ausschließlichen Wichtigkeit, ja, Einzigkeit entspricht, die
jeder in seinen eigenen Augen hat, und welche vom Weltgedränge zu nichts
verkleinert wird; als wo sie, bei jedem Schritt, ein schmerzliches démenti
erhält. In diesem Sinne ist die Einsamkeit sogar der natürliche Zustand
eines jeden: sie setzt ihn wieder ein, als ersten Adam, in das ursprüngliche,
seiner Natur angemessene Glück.

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Aber hatte doch auch Adam weder Vater, noch Mutter! Daher wieder ist,
in einem andern Sinne, die Einsamkeit dem Menschen nicht natürlich;
sofern nämlich er, bei seinem Eintritt in die Welt, sich nicht allein, sondern
zwischen Eltern und Geschwistern, also in Gemeinschaft, gefunden hat.
Demzufolge kann die Liebe zur Einsamkeit nicht als ursprünglicher Hang
dasein, sondern erst infolge der Erfahrung und des Nachdenkens entstehn;
und dies wird statthaben, nach Maßgabe der Entwickelung eigener geistiger
Kraft, zugleich aber auch mit der Zunahme der Lebensjahre; wonach denn,
im ganzen genommen, der Geselligkeitstrieb eines jeden im umgekehrten
Verhältnisse seines Alters stehn wird. Das kleine Kind erhebt ein Angst-
und Jammergeschrei, sobald es nur einige Minuten allein gelassen wird.
Dem Knaben ist das Alleinsein eine große Pönitenz. Jünglinge gesellen sich
leicht zueinander: nur die edleren und hochgesinnten unter ihnen suchen
schon bisweilen die Einsamkeit: jedoch einen ganzen Tag allein
zuzubringen wird ihnen noch schwer. Dem Manne hingegen ist dies leicht:
er kann schon viel allein sein, und desto mehr, je älter er wird. Der Greis,
welcher aus verschwundenen Generationen allein übrig geblieben und dazu
den Lebensgenüssen teils entwachsen, teils abgestorben ist, findet an der
Einsamkeit sein eigentliches Element. Immer aber wird hiebei, in den
einzelnen, die Zunahme der Neigung zur Absonderung und Einsamkeit
nach Maßgabe ihres intellektuellen Wertes erfolgen. Denn dieselbe ist, wie
gesagt, keine rein natürliche, direkt durch die Bedürfnisse hervorgerufene,
vielmehr bloß eine Wirkung gemachter Erfahrung und der Reflexion über
solche, namentlich der erlangten Einsicht in die moralisch und intellektuell
elende Beschaffenheit der allermeisten Menschen, bei welcher das
schlimmste ist, daß, im Individuo, die moralischen und die intellektuellen
Unvollkommenheiten desselben konspiriren und sich gegenseitig in die
Hände arbeiten, woraus dann allerlei höchst widerwärtige Phänomene
hervorgehn, welche den Umgang der meisten Menschen ungenießbar, ja,
unerträglich machen. So kommt es denn, daß, obwohl in dieser Welt gar
vieles recht schlecht ist, doch das Schlechteste darin die Gesellschaft bleibt;
so daß selbst Vo l t a i r e , der gesellige Franzose, hat sagen müssen: la terre
est couverte de gens qui ne méritent pas qu'on leur parle. Den selben Grund
gibt auch der die Einsamkeit so stark und beharrlich liebende, sanftmütige
P e t r a r k a für diese Neigung an:

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Cercato ho sempre solitaria vita
(Le rive il sanno, e le campagne, e i boschi),
Per fuggir quest' ingegni storti e loschi,
Che la strada del ciel' hanno smarita.

In gleichem Sinne führt er die Sache aus, in seinem schönen Buche de
vita solitaria, welches Z i m m e r m a n n s Vorbild zu seinem berühmten
Werke über die Einsamkeit gewesen zu sein scheint. Eben diesen bloß
sekundären und mittelbaren Ursprung der Ungeselligkeit drückt, in seiner
sarkastischen Weise, C h a m f o r t aus, wenn er sagt: on dit quelquefois d'un
homme qui vit seul, il n'aime pas la société. C'est souvent comme si on
disait d'un homme, qu'il n'aime pas la promenade, sous le prétexte qu'il ne
se promène pas volontiers le soir dans la forêt de Bondy[M]. Aber auch der
sanfte und christliche Angelus Silesius sagt, in seiner Weise und mythischen
Sprache, ganz das Selbe:

»Herodes ist ein Feind; der Joseph der Verstand,
Dem macht Gott die Gefahr im Traum (im Geist) bekannt.
Die Welt ist Bethlehem, Ägypten E i n s a m k e i t :
Fleuch, meine Seele! Fleuch, sonst stirbest du vor Leid.«

[M] Im selben Sinne sagt S a d i , im Gulistan (S. die Übers. v. Graf p. 65): »Seit
dieser Zeit haben wir von der Gesellschaft Abschied genommen und uns den
Weg der Absonderung vorgenommen: denn die S i c h e r h e i t i s t i n d e r
E i n s a m k e i t .«

In gleichem Sinne läßt sich Jordanus Brunus vernehmen: tanti uomini,
che in terra hanno voluto gustare vita celeste, dissero con una voce: »ecce
elongavi fugiens, et mansi in solitudine«. In gleichem Sinne berichtet
S a d i , der Perser, im Gulistan, von sich selbst: »meiner Freunde in
Damaskus überdrüssig zog ich mich in die Wüste bei Jerusalem zurück, die
Gesellschaft der Tiere aufzusuchen.« Kurz, in gleichem Sinne haben alle

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geredet, die Prometheus aus besserem Thone geformt hatte. Welchen Genuß
kann ihnen der Umgang mit Wesen gewähren, zu denen sie nur vermittelst
des Niedrigsten und Unedelsten in ihrer eigenen Natur, nämlich des
Alltäglichen, Trivialen und Gemeinen darin, irgend Beziehungen haben, die
eine Gemeinschaft begründen, und denen, weil sie nicht zu ihrem Niveau
sich erheben können, nichts übrig bleibt, als sie zu dem ihrigen
herabzuziehn, was demnach ihr Trachten wird? Sonach ist es ein
aristokratisches Gefühl, welches den Hang zur Absonderung und
Einsamkeit nährt. Alle Lumpe sind gesellig, zum Erbarmen: daß hingegen
ein Mensch edlerer Art sei, zeigt sich zunächst daran, daß er kein
Wohlgefallen an den übrigen hat, sondern mehr und mehr die Einsamkeit
ihrer Gesellschaft vorzieht und dann allmälig, mit den Jahren, zu der
Einsicht gelangt, daß es, seltene Ausnahmen abgerechnet, in der Welt nur
die Wahl gibt zwischen Einsamkeit und Gemeinheit. Sogar auch dieses, so
hart es klingt, hat selbst Angelus Silesius, seiner christlichen Milde und
Liebe ungeachtet, nicht ungesagt lassen können:

»Die Einsamkeit ist not: doch sei nur nicht gemein:
So kannst du überall in einer Wüste sein.«

Was nun aber gar die großen Geister betrifft, so ist es wohl natürlich, daß
diese eigentlichen Erzieher des ganzen Menschengeschlechtes zu häufiger
Gemeinschaft mit den übrigen so wenig Neigung fühlen, als den Pädagogen
anwandelt, sich in das Spiel der ihn umlärmenden Kinderherde zu mischen.
Denn sie, die auf die Welt gekommen sind, um sie auf dem Meer ihrer
Irrtümer der Wahrheit zuzulenken und aus dem finstern Abgrund ihrer
Roheit und Gemeinheit nach oben, dem Lichte zu, der Bildung und
Veredlung entgegen zu ziehn, – sie müssen zwar unter ihnen leben, ohne
jedoch eigentlich zu ihnen zu gehören, fühlen sich daher, von Jugend auf,
als merklich von den andern verschiedene Wesen, kommen aber erst
allmälig, mit den Jahren, zur deutlichen Erkenntnis der Sache, wonach sie
dann Sorge tragen, daß zu ihrer geistigen Entfernung von den andern auch
die physische komme, und keiner ihnen nahe rücken darf, er sei denn schon
selbst ein mehr oder weniger Eximirter von der allgemeinen Gemeinheit.

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Aus diesem allen ergibt sich also, daß die Liebe zur Einsamkeit nicht
direkt und als ursprünglicher Trieb auftritt, sondern sich indirekt, vorzüglich
bei edleren Geistern und erst nach und nach entwickelt, nicht ohne
Überwindung des natürlichen Geselligkeitstriebes, ja, unter gelegentlicher
Opposition mephistophelischer Einflüsterung:

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»Hör' auf, mit deinem Gram zu spielen,
Der, wie ein Geier, dir am Leben frißt:
Die schlechteste Gesellschaft läßt dich fühlen,
Daß du ein Mensch mit Menschen bist.«

Einsamkeit ist das Los aller hervorragenden Geister: sie werden solche
bisweilen beseufzen; aber stets sie als das kleinere von zwei Übeln
erwählen. Mit zunehmendem Alter wird jedoch das sapere aude in diesem
Stücke immer leichter und natürlicher, und in den sechziger Jahren ist der
Trieb zur Einsamkeit ein wirklich naturgemäßer, ja instinktartiger. Denn
jetzt vereinigt sich alles, ihn zu befördern. Der stärkste Zug zur
Geselligkeit, Weiberliebe und Geschlechtstrieb, wirkt nicht mehr; ja, die
Geschlechtslosigkeit des Alters legt den Grund zu einer gewissen
Selbstgenugsamkeit, die allmählich den Geselligkeitstrieb überhaupt
absorbirt. Von tausend Täuschungen und Torheiten ist man
zurückgekommen; das aktive Leben ist meistens abgetan, man hat nichts
mehr zu erwarten, hat keine Pläne und Absichten mehr; die Generation, der
man eigentlich angehört, lebt nicht mehr; von einem fremden Geschlecht
umgeben, steht man schon objektiv und wesentlich allein. Dabei hat der
Flug der Zeit sich beschleunigt, und geistig möchte man sie noch benutzen.
Denn, wenn nur der Kopf seine Kraft behalten hat; so machen jetzt die
vielen erlangten Kenntnisse und Erfahrungen, die allmälig vollendete
Durcharbeitung aller Gedanken und die große Übungsfertigkeit aller Kräfte
das Studium jeder Art interessanter und leichter als jemals. Man sieht klar
in tausend Dingen, die früher noch wie im Nebel lagen: man gelangt zu
Resultaten und fühlt seine ganze Überlegenheit. Infolge langer Erfahrung
hat man aufgehört, von den Menschen viel zu erwarten; da sie, im ganzen
genommen, nicht zu den Leuten gehören, welche bei näherer Bekanntschaft
gewinnen: vielmehr weiß man, daß, von seltenen Glücksfällen abgesehn,
man nichts antreffen wird, als sehr defekte Exemplare der menschlichen
Natur, welche es besser ist, unberührt zu lassen. Man ist daher den
gewöhnlichen Täuschungen nicht mehr ausgesetzt, merkt jedem bald an,
was er ist, und wird selten den Wunsch fühlen, nähere Verbindung mit ihm
einzugehn. Endlich ist auch, zumal wenn man an der Einsamkeit eine
Jugendfreundin erkennt, die Gewohnheit der Isolation und des Umgangs

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mit sich selbst hinzugekommen und zur zweiten Natur geworden. Demnach
ist jetzt die Liebe zur Einsamkeit, welche früher dem Geselligkeitstriebe
erst abgerungen werden mußte, eine ganz natürliche und einfache: man ist
in der Einsamkeit, wie der Fisch im Wasser. Daher fühlt jede vorzügliche,
folglich den übrigen unähnliche, mithin allein stehende Individualität sich,
durch diese ihr wesentliche Isolation, zwar in der Jugend gedrückt, aber im
Alter erleichtert.

Denn freilich wird dieses wirklichen Vorzuges des Alters jeder immer nur
nach Maßgabe seiner intellektuellen Kräfte teilhaft, also der eminente Kopf
vor allen; jedoch in geringerem Grade wohl jeder. Nur höchst dürftige und
gemeine Naturen werden im Alter noch so gesellig sein wie ehedem: sie
sind der Gesellschaft, zu der sie nicht mehr passen, beschwerlich, und
bringen es höchstens dahin, tolerirt zu werden; während sie ehemals
gesucht wurden.

An dem dargelegten, entgegengesetzten Verhältnisse zwischen der Zahl
unsrer Lebensjahre und dem Grade unsrer Geselligkeit läßt sich auch noch
eine teleologische Seite herausfinden. Je jünger der Mensch ist, desto mehr
hat er noch, in jeder Beziehung, zu lernen: nun hat ihn die Natur auf den
wechselseitigen Unterricht verwiesen, welchen jeder im Umgange mit
seinesgleichen empfängt und in Hinsicht auf welchen die menschliche
Gesellschaft eine große Bell-Lancastersche Erziehungsanstalt genannt
werden kann; da Bücher und Schulen künstliche, weil vom Plane der Natur
abliegende Anstalten sind. Sehr zweckmäßig also besucht er die natürliche
Unterrichtsanstalt desto fleißiger, je jünger er ist.

Nihil est ab omni parte beatum sagt Horaz, und »Kein Lotus ohne
Stengel« lautet ein indisches Sprichwort: so hat denn auch die Einsamkeit,
neben so vielen Vorteilen, ihre kleinen Nachteile und Beschwerden, die
jedoch, im Vergleich mit denen der Gesellschaft, gering sind; daher wer
etwas Rechtes an sich selber hat, es immer leichter finden wird, ohne die
Menschen auszukommen, als mit ihnen. – Unter jenen Nachteilen ist
übrigens einer, der nicht so leicht, wie die übrigen, zum Bewußtsein
gebracht wird, nämlich dieser: wie durch anhaltend fortgesetztes
Zuhausebleiben unser Leib so empfindlich gegen äußere Einflüsse wird,
daß jedes kühle Lüftchen ihn krankhaft affizirt; so wird, durch anhaltende

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Zurückgezogenheit und Einsamkeit, unser Gemüt so empfindlich, daß wir
durch die unbedeutendesten Vorfälle, Worte, wohl gar durch bloße Mienen,
uns beunruhigt, oder gekränkt, oder verletzt fühlen; während der, welcher
stets im Getümmel bleibt, dergleichen gar nicht beachtet.

Wer nun aber, zumal in jüngern Jahren, so oft ihn auch schon gerechtes
Mißfallen an den Menschen in die Einsamkeit zurückgescheucht hat, doch
die Öde derselben, auf die Länge, zu ertragen nicht vermag, dem rate ich,
daß er sich gewöhne, einen Teil seiner Einsamkeit in die Gesellschaft
mitzunehmen, also daß er lerne, auch in der Gesellschaft, in gewissem
Grade, allein zu sein, demnach, was er denkt, nicht sofort den andern
mitzuteilen, und andrerseits mit dem, was sie sagen, es nicht genau zu
nehmen, vielmehr, moralisch wie intellektuell, nicht viel davon zu erwarten
und daher, hinsichtlich ihrer Meinungen, diejenige Gleichgültigkeit in sich
zu befestigen, die das sicherste Mittel ist, um stets eine lobenswerte
Toleranz zu üben. Er wird alsdann, obwohl mitten unter ihnen, doch nicht
so ganz in ihrer Gesellschaft sein, sondern hinsichtlich ihrer sich mehr rein
objektiv verhalten: Dies wird ihn vor zu genauer Berührung mit der
Gesellschaft, und dadurch vor jeder Besudelung, oder gar Verletzung,
schützen. Sogar eine lesenswerte dramatische Schilderung dieser
restringirten, oder verschanzten Geselligkeit besitzen wir am Lustspiel »el
Café o sea la comedia nueva« von M o r a t i n , und zwar im Charakter des
D. Pedro daselbst, zumal in der zweiten und dritten Szene des ersten Akts.
In diesem Sinne kann man auch die Gesellschaft einem Feuer vergleichen,
an welchem der Kluge sich in gehöriger Entfernung wärmt, nicht aber
hineingreift, wie der Tor, der dann, nachdem er sich verbrannt hat, in die
Kälte der Einsamkeit flieht und jammert, daß das Feuer brennt.

10. N e i d ist dem Menschen natürlich: dennoch ist er ein Laster und
Unglück zugleich[N]. Wir sollen daher ihn als den Feind unsers Glückes
betrachten und als einen bösen Dämon zu ersticken suchen. Hiezu leitet uns
S e n e k a an, mit den schönen Worten: nostra nos sine comparatione
delectent: nunquam erit felix quem torquebit felicior (de ira III, 30), und
wiederum: quum adspexeris quot te antecedant, cogita quot sequantur (ep.
15): also wir sollen öfter die betrachten, welche schlimmer daran sind, als
wir, denn die, welche besser daran zu sein scheinen. Sogar wird, bei
eingetretenen, wirklichen Übeln, uns den wirksamsten, wiewohl aus

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derselben Quelle mit dem Neide fließenden Trost die Betrachtung größerer
Leiden, als die unsrigen sind, gewähren, und nächstdem der Umgang mit
solchen, die mit uns im selben Falle sich befinden, mit den sociis malorum.

[N] Der N e i d der Menschen zeigt an, wie unglücklich sie sich fühlen; ihre
beständige A u f m e r k s a m k e i t auf fremdes Tun und Lassen, wie sehr sie sich
langweilen.

Soviel von der aktiven Seite des Neides. Von der passiven ist zu erwägen,
daß kein Haß so unversöhnlich ist, wie der Neid; daher wir nicht unablässig
und eifrig bemüht sein sollten, ihn zu erregen; vielmehr besser täten, diesen
Genuß, wie manchen andern, der gefährlichen Folgen wegen, uns zu
versagen. – Es gibt d r e i A r i s t o k r a t i e n : 1. die der Geburt und des
Ranges, 2. die Geldaristokratie, 3. die geistige Aristokratie. Letztere ist
eigentlich die vornehmste, wird auch dafür anerkannt, wenn man ihr nur
Zeit läßt: hat doch schon Friedrich der Große gesagt: les âmes privilégiées
rangent à l'égal des souverains, und zwar zu seinem Hofmarschall, der
Anstoß daran nahm, daß, während Minister und Generäle an der
Marschallstafel aßen, Voltaire an einer Tafel Platz nehmen sollte, an
welcher bloß regierende Herren und ihre Prinzen saßen. – Jede dieser
Aristokratien ist umgeben von einem Heer ihrer Neider, welche gegen jeden
ihrer Angehörigen heimlich erbittert und, wenn sie ihn nicht zu fürchten
haben, bemüht sind, ihm auf mannigfaltige Weise zu verstehn zu geben, »du
bist nichts mehr, als wir!« Aber gerade diese Bemühungen verraten ihre
Überzeugung vom Gegenteil. Das vom Beneideten dagegen anzuwendende
Verfahren besteht im Fernhalten aller dieser Schar Angehörigen und im
möglichsten Vermeiden jeder Berührung mit ihnen, so daß sie durch eine
weite Kluft abgetrennt bleiben; wo aber dies nicht angeht, im höchst
gelassenen Ertragen ihrer Bemühungen, deren Quelle sie ja neutralisirt: –
auch sehn wir dasselbe durchgängig angewandt. Hingegen werden die der
einen Aristokratie Angehörigen sich mit denen einer der beiden andern
meistens gut und ohne Neid vertragen; weil jeder seinen Vorzug gegen den
der andern in die Wage legt.

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11. Man überlege ein Vorhaben reiflich und wiederholt, ehe man dasselbe
ins Werk setzt, und selbst nachdem man alles auf das gründlichste
durchdacht hat, räume man noch der Unzulänglichkeit aller menschlichen
Erkenntnis etwas ein, infolge welcher es immer noch Umstände geben
kann, die zu erforschen oder vorherzusehn unmöglich ist, und welche die
ganze Berechnung unrichtig machen könnten. Dieses Bedenken wird stets
ein Gewicht auf die negative Schale legen und uns anraten, in wichtigen
Dingen, ohne Not, nichts zu rühren: quieta non movere. Ist man aber einmal
zum Entschluß gekommen und hat Hand ans Werk gelegt, so daß jetzt alles
seinen Verlauf zu nehmen hat und nur noch der Ausgang abzuwarten steht;
dann ängstige man sich nicht durch stets erneuerte Überlegung des bereits
Vollzogenen und durch wiederholtes Bedenken der möglichen Gefahr;
vielmehr entschlage man der Sache sich jetzt gänzlich, halte das ganze
Gedankenfach derselben verschlossen, sich mit der Überzeugung
beruhigend, daß man alles zu seiner Zeit reiflich erwogen habe. Diesen Rat
erteilt auch das italiänische Sprichwort legala bene, e poi lascia la andare,
welches Goethe übersetzt »du, sattle gut und reite getrost«; – wie denn,
beiläufig gesagt, ein großer Teil seiner unter der Rubrik »Sprichwörtlich«
gegebenen Gnomen übersetzte italiänische Sprichwörter sind. – Kommt
dennoch ein schlimmer Ausgang; so ist es, weil alle menschlichen
Angelegenheiten dem Zufall und dem Irrtum unterliegen. Daß S o k r a t e s ,
der Weiseste der Menschen, um nur in seinen eigenen, persönlichen
Angelegenheiten das Richtige zu treffen, oder wenigstens Fehltritte zu
vermeiden, eines warnenden D ä m o n i o n s bedurfte, beweist, daß hiezu
kein menschlicher Verstand ausreicht. Daher ist jener, angeblich von einem
Papste herrührende Ausspruch, daß von jedem Unglück, das uns trifft, wir
selbst, wenigstens in irgend etwas, die Schuld tragen, nicht unbedingt und
in allen Fällen wahr: wiewohl bei weitem in den meisten. Sogar scheint das
Gefühl hievon viel Anteil daran zu haben, daß die Leute ihr Unglück
möglichst zu verbergen suchen und, so weit es gelingen will, eine
zufriedene Miene aufsetzen. Sie besorgen, daß man von Leiden auf die
Schuld schließen werde.

12. Bei einem unglücklichen Ereignis, welches bereits eingetreten, also
nicht mehr zu ändern ist, soll man sich nicht einmal den Gedanken, daß
dem anders sein könnte, noch weniger den, wodurch es hätte abgewendet
werden können, erlauben: denn gerade er steigert den Schmerz ins

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Unerträgliche; so daß man damit zum ἑαυτοντιμωρουμενος wird. Vielmehr
mache man es wie der König David, der, so lange sein Sohn krank
daniederlag, den Jehova unablässig mit Bitten und Flehen bestürmte; als er
aber gestorben war, ein Schnippchen schlug und nicht weiter daran dachte.
Wer aber dazu nicht leichtsinnig genug ist, flüchte sich auf den
fatalistischen Standpunkt, indem er sich die große Wahrheit verdeutlicht,
daß alles, was geschieht, notwendig eintritt, also unabwendbar ist.

Bei allem dem ist diese Regel einseitig. Sie taugt zwar zu unserer
unmittelbaren Erleichterung und Beruhigung bei Unglücksfällen: allein
wenn an diesen, wie doch meistens, unsere eigene Nachlässigkeit oder
Verwegenheit, wenigstens zum Teil, schuld ist; so ist die wiederholte,
schmerzliche Überlegung, wie dem hätte vorgebeugt werden können, zu
unserer Witzigung und Besserung, also für die Zukunft, eine heilsame
Selbstzüchtigung. Und gar offenbar begangene Fehler sollen wir nicht, wie
wir doch pflegen, vor uns selber zu entschuldigen, oder zu beschönigen,
oder zu verkleinern suchen, sondern sie uns eingestehn und in ihrer ganzen
Größe deutlich uns vor Augen bringen, um den Vorsatz, sie künftig zu
vermeiden, fest fassen zu können. Freilich hat man sich dabei den großen
Schmerz der Unzufriedenheit mit sich selbst anzutun: aber ὁ μη δαρεις
ανθρωπος ου παιδευεται.

13. In allem, was unser Wohl und Wehe betrifft, sollen wir die
P h a n t a s i e i m Z ü g e l h a l t e n : also zuvörderst keine Luftschlösser
bauen; weil diese zu kostspielig sind, indem wir, gleich darauf, sie, unter
Seufzern, wieder einzureißen haben. Aber noch mehr sollen wir uns hüten,
durch das Ausmalen bloß möglicher Unglücksfälle unser Herz zu ängstigen.
Wenn nämlich diese ganz aus der Luft gegriffen, oder doch sehr weit
hergeholt wären; so würden wir, beim Erwachen aus einem solchen
Traume, gleich wissen, daß alles nur Gaukelei gewesen, daher uns der
bessern Wirklichkeit um so mehr freuen und allenfalls eine Warnung gegen
ganz entfernte, wiewohl mögliche Unglücksfälle daraus entnehmen. Allein
mit dergleichen spielt unsere Phantasie nicht leicht: ganz müßigerweise
baut sie höchstens heitere Luftschlösser. Der Stoff zu ihren finstern
Träumen sind Unglücksfälle, die uns, wenn auch aus der Ferne, doch
einigermaßen wirklich bedrohen: diese vergrößert sie, bringt ihre
Möglichkeit viel näher, als sie in Wahrheit ist, und malt sie auf das

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Fürchterlichste aus. Einen solchen Traum können wir, beim Erwachen,
nicht sogleich abschütteln, wie den heitern: denn diesen widerlegt alsbald
die Wirklichkeit und läßt höchstens eine schwache Hoffnung im Schoße der
Möglichkeit übrig. Aber haben wir uns den schwarzen Phantasien (blue
devils) überlassen; so haben sie uns Bilder nahe gebracht, die nicht so leicht
wieder weichen: denn die Möglichkeit der Sache, im allgemeinen, steht
fest, und den Maßstab des Grades derselben vermögen wir nicht jederzeit
anzulegen: sie wird nun leicht zur Wahrscheinlichkeit, und wir haben uns
der Angst in die Hände geliefert. Daher also sollen wir die Dinge, welche
unser Wohl und Wehe betreffen, bloß mit dem Auge der Vernunft und der
Urteilskraft betrachten, folglich trockener und kalter Überlegung, mit
bloßen Begriffen und in abstracto operiren. Die Phantasie soll dabei aus
dem Spiele bleiben: denn urteilen kann sie nicht; sondern bringt bloße
Bilder vor die Augen, welche das Gemüt unnützer und oft sehr peinlicher
Weise bewegen. Am strengsten sollte diese Regel abends beobachtet
werden. Denn wie die Dunkelheit uns furchtsam macht und uns überall
Schreckensgestalten erblicken läßt, so wirkt, ihr analog, die Undeutlichkeit
der Gedanken; weil jede Ungewißheit Unsicherheit gebiert: deshalb
nehmen des Abends, wann die Abspannung Verstand und Urteilskraft mit
einer subjektiven Dunkelheit überzogen hat, der Intellekt müde und
θορυβουμενος ist und den Dingen nicht auf den Grund zu kommen vermag,
die Gegenstände unserer Meditation, wenn sie unsere persönlichen
Verhältnisse betreffen, leicht ein gefährliches Ansehn an und werden zu
Schreckbildern. Am meisten ist dies der Fall nachts, im Bette, als wo der
Geist völlig abgespannt und daher die Urteilskraft ihrem Geschäfte gar
nicht mehr gewachsen, die Phantasie aber noch rege ist. Da gibt die Nacht
allem und jedem ihren schwarzen Anstrich. Daher sind unsere Gedanken
vor dem Einschlafen, oder gar beim nächtlichen Erwachen, meistens fast
ebenso arge Verzerrungen und Verkehrungen der Dinge, wie die Träume es
sind, und dazu, wenn sie persönliche Angelegenheiten betreffen,
gewöhnlich pechschwarz, ja, entsetzlich. Am Morgen sind dann alle solche
Schreckbilder, so gut wie die Träume, verschwunden: dies bedeutet das
spanische Sprichwort: noche tinta, blanco el dia (die Nacht ist gefärbt, weiß
ist der Tag). Aber auch schon abends, sobald das Licht brennt, sieht der
Verstand, wie das Auge, nicht so klar, wie bei Tage: daher diese Zeit nicht
zur Meditation ernster, zumal unangenehmer Angelegenheiten geeignet ist.
Hiezu ist der Morgen die rechte Zeit; wie er es denn überhaupt zu allen

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Leistungen, ohne Ausnahme, sowohl den geistigen wie den körperlichen,
ist. Denn der Morgen ist die Jugend des Tages: alles ist heiter, frisch und
leicht: wir fühlen uns kräftig und haben alle unsere Fähigkeiten zu völliger
Disposition. Man soll ihn nicht durch spätes Aufstehn verkürzen, noch auch
an unwürdige Beschäftigungen oder Gespräche verschwenden, sondern ihn
als die Quintessenz des Lebens betrachten und gewissermaßen heilig halten.
Hingegen ist der Abend das Alter des Tages: wir sind abends matt,
geschwätzig und leichtsinnig. – Jeder Ta g i s t e i n k l e i n e s L e b e n , –
jedes Erwachen und Aufstehen eine kleine Geburt, jeder frische Morgen
eine kleine Jugend, und jedes zu Bette gehn und Einschlafen ein kleiner
Tod.

Überhaupt aber hat Gesundheitszustand, Schlaf, Nahrung, Temperatur,
Wetter, Umgebung und noch viel anderes Äußerliches auf unsere
Stimmung, und diese auf unsere Gedanken, einen mächtigen Einfluß. Daher
ist, wie unsere Ansicht einer Angelegenheit, so auch unsere Fähigkeit zu
einer Leistung so sehr der Zeit und selbst dem Orte unterworfen. Darum
also

»Nehmt die gute Stimmung wahr,
Denn sie kommt so selten.«

G.

Nicht etwa bloß objektive Konzeptionen und Originalgedanken muß man
abwarten, ob und wann es ihnen zu kommen beliebt; sondern selbst die
gründliche Überlegung einer persönlichen Angelegenheit gelingt nicht
immer zu der Zeit, die man zum voraus für sie bestimmt und wann man sich
dazu zurechtgesetzt hat; sondern auch sie wählt sich ihre Zeit selbst; wo
alsdann der ihr angemessene Gedankengang unaufgefordert rege wird und
wir mit vollem Anteil ihn verfolgen.

Zur anempfohlenen Zügelung der Phantasie gehört auch noch, daß wir
ihr nicht gestatten, ehemals erlittenes Unrecht, Schaden, Verlust,
Beleidigungen, Zurücksetzungen, Kränkungen u. dgl. uns wieder zu
vergegenwärtigen und auszumalen; weil wir dadurch den längst
schlummernden Unwillen, Zorn und alle gehässigen Leidenschaften wieder

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aufregen, wodurch unser Gemüt verunreinigt wird. Denn, nach einem
schönen, vom Neuplatoniker Proklos beigebrachten Gleichnis, ist, wie in
jeder Stadt, neben den Edelen und Ausgezeichneten, auch der Pöbel jeder
Art (οχλος) wohnt, so in jedem, auch dem edelsten und erhabensten
Menschen das ganz Niedrige und Gemeine der menschlichen, ja tierischen
Natur, der Anlage nach, vorhanden. Dieser Pöbel darf nicht zum Tumult
aufgeregt werden, noch darf er aus den Fenstern schauen; da er sich häßlich
ausnimmt: die bezeichneten Phantasiestücke sind aber die Demagogen
desselben. Hieher gehört auch, daß die kleinste Widerwärtigkeit, sei sie von
Menschen oder Dingen ausgegangen, durch fortgesetztes Brüten darüber
und Ausmalen mit grellen Farben und nach vergrößertem Maßstabe, zu
einem Ungeheuer anschwellen kann, darüber man außer sich gerät. Alles
Unangenehme soll man vielmehr höchst prosaisch und nüchtern auffassen,
damit man es möglichst leicht nehmen könne.

Wie kleine Gegenstände, dem Auge nahe gehalten, unser Gesichtsfeld
beschränkend, die Welt verdecken, – so werden oft die Menschen und
Dinge unserer n ä c h s t e n U m g e b u n g , so höchst unbedeutend und
gleichgültig sie auch seien, unsere Aufmerksamkeit und Gedanken über die
Gebühr beschäftigen, dazu noch auf unerfreuliche Weise, und werden
wichtige Gedanken und Angelegenheiten verdrängen. Dem soll man
entgegenarbeiten.

14. Beim Anblick dessen, was wir nicht besitzen, steigt gar leicht in uns
der Gedanke auf: »wie, wenn das mein wäre?« und er macht uns die
Entbehrung fühlbar. Statt dessen sollten wir öfter fragen: »wie, wenn das
n i c h t mein wäre?«, ich meine, wir sollten das, was wir besitzen, bisweilen
so anzusehn uns bemühen, wie es uns vorschweben würde, nachdem wir es
verloren hätten; und zwar jedes, was es auch sei: Eigentum, Gesundheit,
Freunde, Geliebte, Weib, Kind, Pferd und Hund: denn meistens belehrt erst
der Verlust uns über den Wert der Dinge. Hingegen infolge der
anempfohlenen Betrachtungsweise derselben wird erstlich ihr Besitz uns
unmittelbar mehr, als zuvor, beglücken, und zweitens werden wir auf alle
Weise dem Verlust vorbeugen, also das Eigentum nicht in Gefahr bringen,
die Freunde nicht erzürnen, die Treue des Weibes nicht der Versuchung
aussetzen, die Gesundheit der Kinder bewachen usw. – Oft suchen wir das
Trübe der Gegenwart aufzuhellen durch Spekulation auf günstige

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Möglichkeiten und ersinnen vielerlei chimärische Hoffnungen, von denen
jede mit einer Enttäuschung schwanger ist, die nicht ausbleibt, wann jene an
der harten Wirklichkeit zerschellt. Besser wäre es, die vielen schlimmen
Möglichkeiten zum Gegenstand unserer Spekulation zu machen, als
welches teils Vorkehrungen zu ihrer Abwehr, teils angenehme
Überraschungen, wenn sie sich nicht verwirklichen, veranlassen würde.
Sind wir doch, nach etwas ausgestandener Angst, stets merklich heiter. Ja,
es ist sogar gut, große Unglücksfälle, die uns möglicherweise treffen
könnten, uns bisweilen zu vergegenwärtigen; um nämlich die uns nachher
wirklich treffenden viel kleineren leichter zu ertragen, indem wir dann
durch den Rückblick auf jene großen, nicht eingetroffenen, uns trösten.
Über diese Regel ist jedoch die ihr vorhergegangene nicht zu
vernachlässigen.

15. Weil die uns betreffenden Angelegenheiten und Begebenheiten ganz
vereinzelt, ohne Ordnung und ohne Beziehung auf einander, im grellsten
Kontrast und ohne irgend etwas Gemeinsames, als eben daß sie unsere
Angelegenheiten sind, auftreten und durcheinanderlaufen; so muß unser
Denken und Sorgen um sie ebenso abrupt sein, damit es ihnen entspreche. –
Sonach müssen wir, wenn wir eines vornehmen, von allem andern
abstrahiren und uns der Sache entschlagen, um jedes zu seiner Zeit zu
besorgen, zu genießen, zu erdulden, ganz unbekümmert um das übrige: wir
müssen also gleichsam Schiebfächer unserer Gedanken haben, von denen
wir eines öffnen, derweilen alle andern geschlossen bleiben. Dadurch
erlangen wir, daß nicht eine schwer lastende Sorge jeden kleinen Genuß der
Gegenwart verkümmere und uns alle Ruhe raube; daß nicht eine
Überlegung die andere verdränge; daß nicht die Sorge für eine wichtige
Angelegenheit die Vernachlässigung vieler geringen herbeiführe usw.
Zumal aber soll, wer hoher und edeler Betrachtungen fähig ist, seinen Geist
durch persönliche Angelegenheiten und niedrige Sorgen nie so ganz
einnehmen und erfüllen lassen, daß sie jenen den Zugang versperren: denn
das wäre recht eigentlich propter vitam vivendi perdere causas. – Freilich
ist zu dieser Lenkung und Ablenkung unsrer selbst, wie zu so viel anderm,
Selbstzwang erfordert: zu diesem aber sollte uns die Überlegung stärken,
daß jeder Mensch gar vielen und großen Zwang von außen zu erdulden hat,
ohne welchen es in keinem Leben abgeht; daß jedoch ein kleiner, an der
rechten Stelle angebrachter Selbstzwang nachmals vielem Zwange von

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außen vorbeugt; wie ein kleiner Abschnitt des Kreises zunächst dem Centro
einem oft hundertmal größern an der Peripherie entspricht. Durch nichts
entziehn wir uns so sehr dem Zwange von außen, wie durch Selbstzwang:
das besagt Senekas Ausspruch: si tibi vis omnia subjicere, te subjice rationi
(ep. 37). Auch haben wir den Selbstzwang noch immer in der Gewalt, und
können, im äußersten Fall, oder wo er unsere empfindlichste Stelle trifft,
etwas nachlassen; hingegen der Zwang von außen ist ohne Rücksicht, ohne
Schonung und unbarmherzig. Daher ist es weise, diesem durch jenen
zuvorzukommen.

16. Unseren Wünschen ein Ziel stecken, unsere Begierden im Zaume
halten, unsern Zorn bändigen, stets eingedenk, daß dem einzelnen nur ein
unendlich kleiner Teil alles Wünschenswerten erreichbar ist, hingegen viele
Übel jeden treffen müssen, also, mit einem Worte απεχειν και ανεχειν,
abstinere et sustinere, – ist eine Regel, ohne deren Beobachtung weder
Reichtum noch Macht verhindern können, daß wir uns armselig fühlen.
Dahin zielt Horaz:

Inter cuncta leges, et percontabere doctos
Qua ratione queas traducere leniter aevum;
Ne te semper inops agitet vexetque cupido,
Ne pavor, et rerum mediocriter utilium spes.

17. Ὁ βιος ἐν τῃ κινησει ἐστι (vita motu constat) sagt Aristoteles, mit
offenbarem Recht: und wie demnach unser physisches Leben nur in und
durch eine unaufhörliche Bewegung besteht; so verlangt auch unser inneres,
geistiges Leben fortwährend Beschäftigung, Beschäftigung mit irgend
etwas, durch Tun oder Denken; einen Beweis hievon gibt schon das
Trommeln mit den Händen oder irgend einem Gerät, zu welchem
unbeschäftigte und gedankenlose Menschen sogleich greifen. Unser Dasein
nämlich ist ein wesentlich rastloses: daher wird die gänzliche Untätigkeit
uns bald unerträglich, indem sie die entsetzlichste Langeweile herbeiführt.
Diesen Trieb nun soll man regeln, um ihn methodisch und dadurch besser
zu befriedigen. Daher also ist Tätigkeit, etwas treiben, womöglich etwas
machen, wenigstens aber etwas lernen, – zum Glück des Menschen
unerläßlich: seine Kräfte verlangen nach ihrem Gebrauch, und er möchte

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den Erfolg desselben irgendwie wahrnehmen. Die größte Befriedigung
jedoch, in dieser Hinsicht, gewährt es, etwas zu m a c h e n , zu verfertigen,
sei es ein Korb, sei es ein Buch; aber daß man ein Werk unter seinen
Händen täglich wachsen und endlich seine Vollendung erreichen sehe,
beglückt unmittelbar. Dies leistet ein Kunstwerk, eine Schrift, ja selbst eine
bloße Handarbeit; freilich, je edlerer Art das Werk, desto höher der Genuß.
Am glücklichsten sind, in diesem Betracht, die Hochbegabten, welche sich
der Fähigkeit zur Hervorbringung bedeutsamer, großer und
zusammenhängender Werke bewußt sind. Denn dadurch verbreitet ein
Interesse höherer Art sich über ihr ganzes Dasein und erteilt ihm eine
Würze, welche dem der Übrigen abgeht, welches demnach, mit jenem
verglichen, gar schal ist. Für sie nämlich hat das Leben und die Welt, neben
dem allen gemeinsamen, materiellen, noch ein zweites und höheres, ein
formelles Interesse, indem es den Stoff zu ihren Werken enthält, mit dessen
Einsammlung sie, ihr Leben hindurch, emsig beschäftigt sind, sobald nur
die persönliche Not sie irgends atmen läßt. Auch ist ihr Intellekt
gewissermaßen ein doppelter: teils einer für die gewöhnlichen Beziehungen
(Angelegenheiten des Willens), gleich dem aller andern: teils einer für die
rein objektive Auffassung der Dinge. So leben sie zwiefach, sind Zuschauer
und Schauspieler zugleich, während die Übrigen letzteres allein sind. –
Inzwischen treibe jeder etwas, nach Maßgabe seiner Fähigkeiten. Denn wie
nachteilig der Mangel an planmäßiger Tätigkeit, an irgend einer Arbeit, auf
uns wirke, merkt man auf langen Vergnügungsreisen, als wo man, dann und
wann, sich recht unglücklich fühlt; weil man, ohne eigentliche
Beschäftigung, gleichsam aus seinem natürlichen Elemente gerissen ist.
Sich zu mühen und mit dem Widerstande zu kämpfen ist dem Menschen
Bedürfnis, wie dem Maulwurf das Graben. Der Stillstand, den die
Allgenugsamkeit eines bleibenden Genusses herbeiführte, wäre ihm
unerträglich. Hindernisse überwinden ist der Vollgenuß seines Daseins; sie
mögen materieller Art sein, wie beim Handeln und Treiben, oder geistiger
Art, wie beim Lernen und Forschen: der Kampf mit ihnen und der Sieg
beglückt. Fehlt ihm die Gelegenheit dazu, so macht er sie sich, wie er kann:
je nachdem seine Individualität es mit sich bringt, wird er jagen, oder
Bilboquet spielen, oder, vom unbewußten Zuge seiner Natur geleitet,
Händel suchen, oder Intriguen anspinnen, oder sich auf Betrügereien und
allerlei Schlechtigkeiten einlassen, um nur dem ihm unerträglichen
Zustande der Ruhe ein Ende zu machen. Difficilis in otio quies.

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18. Zum Leitstern seiner Bestrebungen soll man nicht B i l d e r d e r
P h a n t a s i e nehmen, sondern deutlich gedachte B e g r i f f e . Meistens aber
geschieht das Umgekehrte. Man wird nämlich, bei genauerer Untersuchung,
finden, daß, was bei unsern Entschließungen, in letzter Instanz, den
Ausschlag gibt, meistens nicht die Begriffe und Urteile sind, sondern ein
Phantasiebild, welches die eine der Alternativen repräsentirt und vertritt. Ich
weiß nicht mehr, in welchem Romane von Voltaire, oder Diderot, dem
Helden, als er ein Jüngling und Herkules am Scheidewege war, die Tugend
sich stets darstellte in Gestalt seines alten Hofmeisters, in der Linken die
Tabaksdose, in der Rechten eine Priese haltend und so moralisirend; das
Laster hingegen in Gestalt der Kammerjungfer seiner Mutter. – Besonders
in der Jugend fixirt sich das Ziel unsers Glückes in Gestalt einiger Bilder,
die uns vorschweben und oft das halbe, ja das ganze Leben hindurch
verharren. Sie sind eigentlich neckende Gespenster: denn, haben wir sie
erreicht, so zerrinnen sie in nichts, indem wir die Erfahrung machen, daß sie
gar nichts von dem, was sie verhießen, leisten. Dieser Art sind einzelne
Szenen des häuslichen, bürgerlichen, gesellschaftlichen, ländlichen Lebens,
Bilder der Wohnung, Umgebung, der Ehrenzeichen, Respektsbezeugungen
usw. usw. chaque fou a sa marotte auch das Bild der Geliebten gehört oft
dahin. Daß es uns so ergehe ist wohl natürlich: denn das Anschauliche
wirkt, weil es das Unmittelbare ist, auch unmittelbarer auf unsern Willen,
als der Begriff, der abstrakte Gedanke, der bloß das Allgemeine gibt, ohne
das Einzelne, welches doch gerade die Realität enthält: er kann daher nur
mittelbar auf unsern Willen wirken. Und doch ist es nur der Begriff, der
Wort hält: daher ist es Bildung, nur ihm zu trauen. Freilich wird er wohl
mitunter der Erläuterung und Paraphrase durch einige Bilder bedürfen: nur
cum grano salis.

19. Die vorhergegangene Regel läßt sich der allgemeineren subsumiren,
daß man überall Herr werden soll über den Eindruck des Gegenwärtigen
und Anschaulichen überhaupt. Dieser ist gegen das bloß Gedachte und
Gewußte unverhältnismäßig stark, nicht vermöge seiner Materie und
Gehalt, die oft sehr gering sind; sondern vermöge seiner Form, der
Anschaulichkeit und Unmittelbarkeit, als welche auf das Gemüt eindringt
und dessen Ruhe stört, oder seine Vorsätze erschüttert. Denn das
Vorhandene, das Anschauliche, wirkt, als leicht übersehbar, stets mit seiner
ganzen Gewalt auf einmal: hingegen Gedanken und Gründe verlangen Zeit

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und Ruhe, um stückweise durchdacht zu werden, daher man sie nicht jeden
Augenblick ganz gegenwärtig haben kann. Demzufolge reizt das
Angenehme, welchem wir, infolge der Überlegung, entsagt haben, uns doch
bei seinem Anblick: ebenso kränkt uns ein Urteil, dessen gänzliche
Inkompetenz wir kennen; erzürnt uns eine Beleidigung, deren
Verächtlichkeit wir einsehen; ebenso werden zehn Gründe gegen das
Vorhandensein einer Gefahr überwogen vom falschen Schein ihrer
wirklichen Gegenwart usw. In allen diesen macht sich die ursprüngliche
Unvernünftigkeit unsers Wesens geltend. Auch werden einem derartigen
Eindruck die Weiber oft erliegen, und wenige Männer haben ein solches
Übergewicht der Vernunft, daß sie von dessen Wirkungen nicht zu leiden
hätten. Wo wir nun denselben nicht ganz überwältigen können, mittelst
bloßer Gedanken, da ist das Beste, einen Eindruck durch den
entgegengesetzten zu neutralisiren, z. B. den Eindruck einer Beleidigung
durch Aufsuchen derer, die uns hochschätzen; den Eindruck einer
drohenden Gefahr durch wirkliches Betrachten des ihr Entgegenwirkenden.
Konnte doch jener Italiäner, von dem Leibnitz (in den nouveaux essais, Liv.
I, c. 2, § 11) erzählt, sogar den Schmerzen der Folter dadurch widerstehn,
daß er, während derselben, wie er sich vorgesetzt, das Bild des Galgens, an
welchen sein Geständnis ihn gebracht haben würde, nicht einen Augenblick
aus der Phantasie entweichen ließ; weshalb er von Zeit zu Zeit io ti vedo
rief; welche Worte er später dahin erklärt hat. – Eben aus dem hier
betrachteten Grunde ist es ein schweres Ding, wenn alle, die uns umgeben,
anderer Meinung sind als wir, und danach sich benehmen, selbst wenn wir
von ihrem Irrtum überzeugt sind, nicht durch sie wankend gemacht zu
werden. Einem flüchtigen, verfolgten, ernstlich incognito reisenden Könige
muß das unter vier Augen beobachtete Unterwürfigkeitszeremoniell seines
vertrauten Begleiters eine fast notwendige Herzensstärkung sein, damit er
nicht am Ende sich selbst bezweifle.

20. Nachdem ich schon im zweiten Kapitel den hohen Wert der
G e s u n d h e i t , als welche für unser Glück das erste und wichtigste ist,
hervorgehoben habe, will ich hier ein paar ganz allgemeiner
Verhaltungsregeln zu ihrer Befestigung und Bewahrung angeben.

Man härte sich dadurch ab, daß man dem Körper, sowohl im ganzen wie
in jedem Teile, so lange man gesund ist, recht viel Anstrengung und

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Beschwerde auflege und sich gewöhne, widrigen Einflüssen jeder Art zu
widerstehn. Sobald hingegen ein krankhafter Zustand, sei es des Ganzen,
oder eines Teiles, sich kundgibt, ist sogleich das entgegengesetzte Verfahren
zu ergreifen und der kranke Leib, oder Teil desselben, auf alle Weise zu
schonen und zu pflegen: denn das Leidende und Geschwächte ist keiner
Abhärtung fähig.

Der Muskel wird durch starken Gebrauch gestärkt; der Nerv hingegen
dadurch geschwächt. Also übe man seine Muskeln durch jede angemessene
Anstrengung, hüte hingegen die Nerven vor jeder; also die Augen vor zu
hellem, besonders reflektirtem Lichte, vor jeder Anstrengung in der
Dämmerung, wie auch vor anhaltendem Betrachten zu kleiner Gegenstände;
ebenso die Ohren vor zu starkem Geräusch; vorzüglich aber das Gehirn vor
gezwungener, zu anhaltender oder unzeitiger Anstrengung: demnach lasse
man es ruhen während der Verdauung; weil dann eben dieselbe Lebenskraft,
welche im Gehirn Gedanken bildet, im Magen und den Eingeweiden
angestrengt arbeitet, Chymus und Chylus zu bereiten; ebenfalls während,
oder auch nach, bedeutender Muskelanstrengung. Denn es verhält sich mit
den motorischen wie mit den sensibeln Nerven, und wie der Schmerz, den
wir in verletzten Gliedern empfinden, seinen wahren Sitz im Gehirn hat; so
sind es auch eigentlich nicht die Beine und Arme, welche gehn und
arbeiten; sondern das Gehirn, nämlich der Teil desselben, welcher, mittelst
des verlängerten und des Rückenmarks, die Nerven jener Glieder erregt und
dadurch diese in Bewegung setzt. Demgemäß hat auch die Ermüdung,
welche wir in den Beinen oder Armen fühlen, ihren wahren Sitz im Gehirn;
weshalb eben bloß die Muskeln ermüden, deren Bewegung willkürlich ist,
d. h. vom Gehirn ausgeht, hingegen nicht die ohne Willkür arbeitenden, wie
das Herz. Offenbar also wird das Gehirn beeinträchtigt, wenn man ihm
starke Muskeltätigkeit und geistige Anspannung zugleich, oder auch nur
dicht hinter einander abzwingt. Hiemit streitet es nicht, daß man im Anfang
eines Spaziergangs, oder überhaupt auf kurzen Gängen, oft erhöhte
Geistestätigkeit spürt: denn da ist noch kein Ermüden besagter Gehirnteile
eingetreten, und andrerseits befördert eine solche leichte Muskeltätigkeit
und die durch sie vermehrte Respiration das Aufsteigen des arteriellen,
nunmehr auch besser oxydirten Blutes zum Gehirn. – Besonders aber gebe
man dem Gehirn das zu seiner Refektion nötige, volle Maß des Schlafes;
denn der Schlaf ist für den ganzen Menschen, was das Aufziehn für die Uhr.

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(Vergl. Welt als Wille und Vorstellung II, 217. – 3. Aufl. II, 240.) Dieses
Maß wird um so größer sein, je entwickelter und tätiger das Gehirn ist; es
jedoch zu überschreiten wäre bloßer Zeitverlust, weil dann der Schlaf an
Intension verliert, was er an Extension gewinnt. (Vergl. Welt als Wille und
Vorstellung II, 247. – 3. Aufl. II, 275.)[O] Überhaupt begreife man wohl, daß
unser Denken nichts anderes ist als die organische Funktion des Gehirns,
und sonach jeder andern organischen Tätigkeit, in Hinsicht auf Anstrengung
und Ruhe, sich analog verhält. Wie übermäßige Anstrengung die Augen
verdirbt, ebenso das Gehirn. Mit Recht ist gesagt worden: das Gehirn denkt,
wie der Magen verdaut. Der Wahn von einer immateriellen, einfachen,
wesentlich und immer denkenden, folglich unermüdlichen Seele, die da im
Gehirn bloß logirte, und nichts auf der Welt bedürfte, hat gewiß manchen zu
unsinnigem Verfahren und Abstumpfung seiner Geisteskräfte verleitet; wie
denn z. B. Friedrich der Große einmal versucht hat, sich das Schlafen ganz
abzugewöhnen. Die Philosophieprofessoren würden wohl tun, einen
solchen, sogar praktisch verderblichen Wahn nicht durch ihre
katechismusgerechtseinwollende Rocken-Philosophie zu befördern. – Man
soll sich gewöhnen, seine Geisteskräfte durchaus als physiologische
Funktionen zu betrachten, um danach sie zu behandeln, zu schonen,
anzustrengen usw., und zu bedenken, daß jedes körperliche Leiden,
Beschwerde, Unordnung, in welchem Teil es auch sei, den Geist affizirt.
Am besten befähigt hiezu C a b a n i s , des Rapports du physique et du
moral de l'homme.

[O] Der Schlaf ist ein Stück To d , welches wir anticipando borgen und dafür das
durch einen Tag erschöpfte Leben wieder erhalten und erneuern. Le sommeil est
un emprunt fait à la mort. Der Schlaf borgt vom Tode zur Aufrechthaltung des
Lebens. Oder: er ist der e i n s t w e i l i g e Z i n s des Todes, welcher selbst die
Kapitalabzahlung ist. Diese wird um so später eingefordert, je reichlichere
Zinsen und je regelmäßiger sie gezahlt werden.

Die Vernachlässigung des hier gegebenen Rats ist die Ursache, aus
welcher manche große Geister, wie auch große Gelehrte, im Alter
schwachsinnig, kindisch und selbst wahnsinnig geworden sind. Daß z. B.
die gefeierten englischen Dichter dieses Jahrhunderts, wie Wa l t e r
S c o t t , Wo r d s w o r t h , S o u t h e y u. a. m. im Alter, ja schon in den

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sechziger Jahren geistig stumpf und unfähig geworden, ja, zur Imbezillität
herabgesunken sind, ist ohne Zweifel daraus zu erklären, daß sie sämtlich,
vom hohen Honorar verlockt, die Schriftstellerei als Gewerbe getrieben,
also des Geldes wegen geschrieben haben. Dies verführt zu
widernatürlicher Anstrengung, und wer seinen Pegasus ins Joch spannt und
seine Muse mit der Peitsche antreibt, wird es auf analoge Weise büßen, wie
der, welcher der Venus Zwangsdienste geleistet hat. Ich argwöhne, daß auch
K a n t , in seinen späten Jahren, nachdem er endlich berühmt geworden war,
sich überarbeitet und dadurch die zweite Kindheit seiner vier letzten Jahre
veranlaßt hat. –

Jeder Monat des Jahres hat einen eigentümlichen und unmittelbaren, d. h.
vom Wetter unabhängigen Einfluß auf unsere Gesundheit, unsere
körperlichen Zustände überhaupt, ja, auch auf die geistigen.

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C. Unser Verhalten gegen andere betreffend.

21. Um durch die Welt zu kommen, ist es zweckmäßig, einen großen
Vorrat von Vo r s i c h t und N a c h s i c h t mitzunehmen: durch erstere wird
man vor Schaden und Verlust, durch letztere vor Streit und Händel
geschützt.

Wer unter Menschen zu leben hat, darf keine Individualität, sofern sie
doch einmal von der Natur gesetzt und gegeben ist, unbedingt verwerfen;
auch nicht die schlechteste, erbärmlichste oder lächerlichste. Er hat sie
vielmehr zu nehmen als ein Unabänderliches, welches, in Folge eines
ewigen und metaphysischen Prinzips, so sein muß, wie es ist, und in den
argen Fällen soll er denken: »es muß auch solche Käuze geben«. Hält er es
anders; so tut er Unrecht und fordert den andern heraus zum Kriege auf Tod
und Leben. Denn seine eigentliche Individualität, d. h. seinen moralischen
Charakter, seine Erkenntniskräfte, sein Temperament, seine Physiognomie
usw. kann keiner ändern. Verdammen wir nun sein Wesen ganz und gar; so
bleibt ihm nichts übrig, als in uns einen Todfeind zu bekämpfen: denn wir
wollen ihm das Recht zu existiren nur unter der Bedingung zugestehn, daß
er ein anderer werde, als er unabänderlich ist. Darum also müssen wir, um
unter Menschen leben zu können, jeden, mit seiner gegebenen
Individualität, wie immer sie auch ausgefallen sein mag, bestehn und gelten
lassen, und dürfen bloß darauf bedacht sein, sie so, wie ihre Art und
Beschaffenheit es zuläßt, zu benutzen; aber weder auf ihre Änderung
hoffen, noch sie, so wie sie ist, schlechthin verdammen[P]. Dies ist der wahre
Sinn des Spruches: »leben und leben lassen«. Die Aufgabe ist indessen
nicht so leicht, wie sie gerecht ist, und glücklich ist zu schätzen, wer gar
manche Individualitäten auf immer meiden darf. – Inzwischen übe man, um
Menschen ertragen zu lernen, seine Geduld an leblosen Gegenständen,
welche, vermöge mechanischer oder sonst physischer Notwendigkeit,
unserm Tun sich hartnäckig widersetzen; wozu täglich Gelegenheit ist. Die
dadurch erlangte Geduld lernt man nachher auf Menschen übertragen,
indem man sich gewöhnt zu denken, daß auch sie, wo immer sie uns
hinderlich sind, dies vermöge einer ebenso strengen, aus ihrer Natur

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hervorgehenden Notwendigkeit sein müssen wie die, mit welcher die
leblosen Dinge wirken; daher es ebenso töricht ist, über ihr Tun sich zu
entrüsten, wie über einen Stein, der uns in den Weg rollt.

[P] Bei manchem ist am klügsten zu denken: »ändern werde ich ihn nicht; also will
ich ihn benutzen.«

22. Es ist zum Erstaunen, wie leicht und schnell Homogeneität oder
Heterogeneität des Geistes und Gemüts zwischen Menschen sich im
Gespräche kund gibt: an jeder Kleinigkeit wird sie fühlbar. Betreffe das
Gespräch auch die fremdartigsten, gleichgültigsten Dinge; so wird,
zwischen wesentlich heterogenen, fast jeder Satz des einen dem andern
mehr oder minder mißfallen, mancher gar ihm ärgerlich sein. Homogene
hingegen fühlen sogleich und in allem eine gewisse Übereinstimmung, die,
bei großer Homogeneität, bald zur vollkommenen Harmonie, ja, zum
Unisono zusammenfließt. Hieraus erklärt sich zuvörderst, warum die ganz
Gewöhnlichen so gesellig sind und überall so leicht recht gute Gesellschaft
finden, – so rechte, liebe, wackere Leute. Bei den Ungewöhnlichen fällt es
umgekehrt aus, und desto mehr, je ausgezeichneter sie sind; so daß sie, in
ihrer Abgesondertheit, zu Zeiten, sich ordentlich freuen können, in einem
andern nur irgend eine ihnen selbst homogene Fiber herausgefunden zu
haben, und wäre sie noch so klein! Denn jeder kann dem andern nur so viel
sein, wie dieser ihm ist. Die eigentlichen großen Geister horsten, wie die
Adler in der Höhe, allein. – Zweitens aber wird hieraus verständlich, wie
die Gleichgesinnten sich so schnell zusammenfinden, gleich als ob sie
magnetisch zu einander gezogen würden: – verwandte Seelen grüßen sich
von ferne. Am häufigsten freilich wird man dies an niedrig Gesinnten oder
schlecht Begabten zu beobachten Gelegenheit haben; aber nur weil diese
legionenweise existiren, die besseren und vorzüglichen Naturen hingegen
die seltenen sind und heißen. Demnach nun werden z. B. in einer großen,
auf praktische Zwecke gerichteten Gemeinschaft zwei rechte Schurken sich
so schnell erkennen, als trügen sie ein Feldzeichen, und werden alsbald
zusammentreten, um Mißbrauch oder Verrat zu schmieden. Desgleichen,
wenn man sich, per impossibile, eine große Gesellschaft von lauter sehr
verständigen und geistreichen Leuten denkt, bis auf zwei Dummköpfe, die

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auch dabei wären; so werden diese sich sympathetisch zu einander gezogen
fühlen und bald wird jeder von beiden sich in seinem Herzen freuen, doch
wenigstens einen vernünftigen Mann angetroffen zu haben. Wirklich
merkwürdig ist es, Zeuge davon zu sein, wie zwei, besonders von den
moralisch und intellektuell Zurückstehenden, beim ersten Anblick einander
erkennen, sich eifrig einander zu nähern streben, freundlich und freudig
sich begrüßend, einander entgegeneilen, als wären sie alte Bekannte; – so
auffallend ist es, daß man versucht wird, der Buddhaistischen
Metempsychosenlehre gemäß, anzunehmen, sie wären schon in einem
früheren Leben befreundet gewesen.

Was jedoch, selbst bei vieler Übereinstimmung, Menschen
auseinanderhält, auch wohl vorübergehende Disharmonie zwischen ihnen
erzeugt, ist die Verschiedenheit der gegenwärtigen Stimmung, als welche
fast immer für jeden eine andere ist, nach Maßgabe seiner gegenwärtigen
Lage, Beschäftigung, Umgebung, körperlichen Zustandes, augenblicklichen
Gedankenganges usw. Daraus entstehn zwischen den harmonirendsten
Persönlichkeiten Dissonanzen. Die zur Aufhebung dieser Störung
erforderliche Korrektion stets vornehmen und eine gleichschwebende
Temperatur einführen zu können, wäre eine Leistung der höchsten Bildung.
Wie viel die Gleichheit der Stimmung für die gesellige Gemeinschaft leiste,
läßt sich daran ermessen, daß sogar eine zahlreiche Gesellschaft zu
lebhafter gegenseitiger Mitteilung und aufrichtiger Teilnahme, unter
allgemeinem Behagen, erregt wird, sobald irgend etwas Objektives, sei es
eine Gefahr oder eine Hoffnung oder eine Nachricht oder ein seltener
Anblick, ein Schauspiel, eine Musik oder was sonst, auf alle zugleich und
gleichartig einwirkt. Denn dergleichen, indem es alle Privatinteressen
überwältigt, erzeugt universelle Einheit der Stimmung. In Ermangelung
einer solchen objektiven Einwirkung wird in der Regel eine subjektive
ergriffen, und sind demnach die Flaschen das gewöhnliche Mittel, eine
gemeinschaftliche Stimmung in die Gesellschaft zu bringen. Sogar Tee und
Kaffee dienen dieser Absicht.

Eben aber aus jener Disharmonie, welche die Verschiedenheit der
momentanen Stimmung so leicht in alle Gemeinschaft bringt, ist es zum
Teil erklärlich, daß in der von dieser und allen ähnlichen, störenden, wenn
auch vorübergehenden, Einflüssen befreiten Erinnerung sich jeder idealisirt,

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ja, bisweilen fast verklärt darstellt. Die Erinnerung wirkt, wie das
Sammlungsglas in der Kamera obskura: sie zieht alles zusammen und
bringt dadurch ein viel schöneres Bild hervor als sein Original ist. Den
Vorteil, so gesehn zu werden, erlangen wir zum Teil schon durch jede
Abwesenheit. Denn obgleich die idealisirende Erinnerung, bis zur
Vollendung ihres Werkes, geraumer Zeit bedarf: so wird der Anfang
desselben doch sogleich gemacht. Dieserwegen ist es sogar klug, sich
seinen Bekannten und guten Freunden nur nach bedeutenden
Zwischenräumen zu zeigen; indem man alsdann beim Wiedersehen merken
wird, daß die Erinnerung schon bei der Arbeit gewesen ist.

23. Keiner kann ü b e r s i c h sehen. Hiemit will ich sagen: jeder sieht
am andern so viel, als er selbst auch ist: denn er kann ihn nur nach Maßgabe
seiner eigenen Intelligenz fassen und verstehn. Ist nun diese von der
niedrigsten Art; so werden alle Geistesgaben, auch die größten, ihre
Wirkung auf ihn verfehlen und er an dem Besitzer derselben nichts
wahrnehmen, als bloß das Niedrigste in dessen Individualität, also nur
dessen sämtliche Schwächen, Temperaments- und Charakterfehler. Daraus
wird er für ihn zusammengesetzt sein. Die höheren geistigen Fähigkeiten
desselben sind für ihn so wenig vorhanden, wie die Farbe für den Blinden.
Denn alle Geister sind dem unsichtbar, der keinen hat: und jede
Wertschätzung ist ein Produkt aus dem Werte des Geschätzten mit der
Erkenntnissphäre des Schätzers. Hieraus folgt, daß man sich mit jedem, mit
dem man spricht, nivellirt, indem alles, was man vor ihm voraus haben
kann, verschwindet und sogar die dazu erforderte Selbstverleugnung völlig
unerkannt bleibt. Erwägt man nun, wie durchaus niedrig gesinnt und niedrig
begabt, also wie durchaus g e m e i n die meisten Menschen sind; so wird
man einsehn, daß es nicht möglich ist, mit ihnen zu reden, ohne, auf solche
Zeit, (nach Analogie der elektrischen Verteilung) selbst g e m e i n zu
werden, und dann wird man den eigentlichen Sinn und das Treffende des
Ausdrucks »sich gemein machen« gründlich verstehn, jedoch auch gern
jede Gesellschaft meiden, mit welcher man nur mittelst der partie honteuse
seiner Natur kommuniziren kann. Auch wird man einsehn, daß,
Dummköpfen und Narren gegenüber, es nur e i n e n Weg gibt, seinen
Verstand an den Tag zu legen, und der ist, daß man mit ihnen nicht redet.
Aber freilich wird alsdann in der Gesellschaft manchem bisweilen zu Mute

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sein wie einem Tänzer, der auf einen Ball gekommen wäre, wo er lauter
Lahme anträfe: mit wem soll er tanzen?

24. D e r Mensch gewinnt meine Hochachtung, als ein unter hundert
Auserlesener, welcher, wann er auf irgend etwas zu warten hat, also
unbeschäftigt dasitzt, nicht sofort mit dem, was ihm gerade in die Hände
kommt, etwan seinem Stock, oder Messer und Gabel, oder was sonst,
taktmäßig hämmert oder klappert. Wahrscheinlich denkt er an etwas. Vielen
Leuten hingegen sieht man an, daß bei ihnen das Sehn die Stelle des
Denkens ganz eingenommen hat: sie suchen sich durch Klappern ihrer
Existenz bewußt zu werden; wenn nämlich kein Cigarro bei der Hand ist,
der eben diesem Zwecke dient. Aus demselben Grunde sind sie auch
beständig ganz Auge und Ohr für alles, was um sie vorgeht.

25. R o c h e f o u c a u l d hat treffend bemerkt, daß es schwer ist,
jemanden zugleich hoch zu verehren und sehr zu lieben. Demnach hätten
wir die Wahl, ob wir uns um die Liebe oder um die Verehrung der
Menschen bewerben wollen. Ihre Liebe ist stets eigennützig, wenn auch auf
höchst verschiedene Weise. Zudem ist das, wodurch man sie erwirbt, nicht
immer geeignet, uns darauf stolz zu machen. Hauptsächlich wird einer in
dem Maße beliebt sein, als er seine Ansprüche an Geist und Herz der
andern niedrig stellt, und zwar im Ernst und ohne Verstellung, auch nicht
bloß aus derjenigen Nachsicht, die in der Verachtung wurzelt. Ruft man sich
nun hiebei den sehr wahren Ausspruch des H e l v e t i u s zurück: le degré
d'esprit nécessaire pour nous plaire, est une mesure assez exacte du degré
d'esprit que nous avons; – so folgt aus diesen Prämissen die Konklusion. –
Hingegen mit der Verehrung der Menschen steht es umgekehrt: sie wird
ihnen nur wider ihren Willen abgezwungen, auch, ebendeshalb, meistens
verhehlt. Daher gibt sie uns, im Innern, eine viel größere Befriedigung: sie
hängt mit unserm Werte zusammen; welches von der Liebe der Menschen
nicht unmittelbar gilt: denn diese ist subjektiv, die Verehrung objektiv.
Nützlich ist uns die Liebe freilich mehr.

26. Die meisten Menschen sind so subjektiv, daß im Grunde nichts
Interesse für sie hat, als ganz allein sie selbst. Daher kommt es, daß sie bei
allem, was gesagt wird, sogleich an sich denken und jede zufällige, noch so
entfernte Beziehung auf irgend etwas ihnen Persönliches ihre ganze

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Aufmerksamkeit an sich reißt und in Besitz nimmt; so daß sie für den
objektiven Gegenstand der Rede keine Fassungskraft übrig behalten; wie
auch, daß keine Gründe etwas bei ihnen gelten, sobald ihr Interesse oder
ihre Eitelkeit denselben entgegensteht. Daher sind sie so leicht zerstreut, so
leicht verletzt, beleidigt oder gekränkt, daß man, von was es auch sei,
objektiv mit ihnen redend, nicht genug sich in acht nehmen kann vor irgend
welchen möglichen, vielleicht nachteiligen Beziehungen des Gesagten zu
dem werten und zarten Selbst, das man da vor sich hat: denn ganz allein an
diesem ist ihnen gelegen, sonst an nichts, und während sie für das Wahre
und Treffende, oder Schöne, Feine, Witzige der fremden Rede ohne Sinn
und Gefühl sind, haben sie die zarteste Empfindlichkeit gegen jedes, was
auch nur auf die entfernteste oder indirekteste Weise ihre kleinliche
Eitelkeit verletzen oder irgendwie nachteilig auf ihr höchst pretioses Selbst
reflektiren könnte; so daß sie in ihrer Verletzbarkeit den kleinen Hunden
gleichen, denen man, ohne sich dessen zu versehen, so leicht auf die Pfote
tritt und nun das Gequieke anzuhören hat; oder auch einem mit Wunden
und Beulen bedeckten Kranken verglichen werden können, bei dem man
auf das Behutsamste jede mögliche Berührung zu vermeiden hat. Bei
manchen geht nun aber die Sache so weit, daß sie Geist und Verstand, im
Gespräch mit ihnen an den Tag gelegt, oder doch nicht genugsam versteckt,
geradezu als eine Beleidigung empfinden, wenngleich sie solche vor der
Hand noch verhehlen; wonach dann aber nachher der Unerfahrene
vergeblich darüber nachsinnt und grübelt, wodurch in aller Welt er sich
ihren Groll und Haß zugezogen haben könne. – Ebenso leicht sind sie aber
auch geschmeichelt und gewonnen. Daher ist ihr Urteil meistens bestochen
und bloß ein Ausspruch zu Gunsten ihrer Partei oder Klasse; nicht aber ein
objektives und gerechtes. Dies alles beruht darauf, daß in ihnen der Wille
bei Weitem die Erkenntnis überwiegt und ihr geringer Intellekt ganz im
Dienste des Willens steht, von welchem er auch nicht auf einen Augenblick
sich losmachen kann.

Einen großartigen Beweis von der erbärmlichen Subjektivität der
Menschen, infolge welcher sie alles auf sich beziehn und von jedem
Gedanken sogleich in gerader Linie auf sich zurückgehn, liefert die
A s t r o l o g i e , welche den Gang der großen Weltkörper auf das armselige
Ich bezieht, wie auch die Kometen am Himmel in Verbindung bringt mit

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den irdischen Händeln und Lumpereien. Dies aber ist zu allen und schon in
den ältesten Zeiten geschehen. (S. z. B. Stob. Eclog. L. I, c. 22, 9, pag. 478.)

27. Bei jeder Verkehrtheit, die im Publiko, oder in der Gesellschaft,
gesagt, oder in der Literatur geschrieben und wohl aufgenommen,
wenigstens nicht widerlegt wird, soll man nicht verzweifeln und meinen,
daß es nun dabei sein Bewenden haben werde; sondern wissen und sich
getrösten, daß die Sache hinterher und allmälig ruminirt, beleuchtet,
bedacht, erwogen, besprochen und meistens zuletzt richtig beurteilt wird; so
daß, nach einer, der Schwierigkeit derselben angemessenen Frist, endlich
fast alle begreifen, was der klare Kopf sogleich sah. Unterdessen freilich
muß man sich gedulden. Denn ein Mann von richtiger Einsicht unter den
Betörten gleicht dem, dessen Uhr richtig geht in einer Stadt, deren
Turmuhren alle falsch gestellt sind. Er allein weiß die wahre Zeit: aber was
hilft es ihm? alle Welt richtet sich nach den falsch zeigenden Stadtuhren;
sogar auch die, welche wissen, daß seine Uhr allein die wahre Zeit angibt.

28. Die Menschen gleichen darin den Kindern, daß sie unartig werden,
wenn man sie verzieht; daher man gegen keinen zu nachgiebig und
liebreich sein darf. Wie man in der Regel keinen Freund dadurch verlieren
wird, daß man ihm ein Darlehn abschlägt, aber sehr leicht dadurch, daß man
es ihm gibt; ebenso, nicht leicht einen durch stolzes und etwas
vernachlässigendes Betragen; aber oft infolge zu vieler Freundlichkeit und
Zuvorkommens, als welche ihn arrogant und unerträglich machen, wodurch
der Bruch herbeigeführt wird. Besonders aber den Gedanken, daß man ihrer
benötigt sei, können die Menschen schlechterdings nicht vertragen;
Übermut und Anmaßung sind sein unzertrennliches Gefolge. Bei einigen
entsteht er, in gewissem Grade, schon dadurch, daß man sich mit ihnen
abgibt, etwan oft, oder auf eine vertrauliche Weise mit ihnen spricht: alsbald
werden sie meinen, man müsse sich von ihnen auch etwas gefallen lassen,
und werden versuchen, die Schranken der Höflichkeit zu erweitern. Daher
taugen so wenige zum irgend vertrauteren Umgang, und soll man sich
besonders hüten, sich nicht mit niedrigen Naturen gemein zu machen. Faßt
nun aber gar einer den Gedanken, er sei mir viel nötiger als ich ihm; da ist
es ihm sogleich, als hätte ich ihm etwas gestohlen: er wird suchen, sich zu
rächen und es wiederzuerlangen. Ü b e r l e g e n h e i t im Umgang erwächst
allein daraus, daß man der andern in keiner Art und Weise bedarf, und dies

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sehn läßt. Dieserwegen ist es ratsam, jedem, es sei Mann oder Weib, von
Zeit zu Zeit fühlbar zu machen, daß man seiner sehr wohl entraten könne:
das befestigt die Freundschaft; ja, bei den meisten Leuten kann es nicht
schaden, wenn man ein Gran Geringschätzung gegen sie, dann und wann,
mit einfließen läßt: sie legen desto mehr Wert auf unsere Freundschaft: chi
non istima vien stimato (wer nicht achtet wird geachtet) sagt ein feines
italienisches Sprichwort. Ist aber einer uns wirklich sehr viel wert; so
müssen wir dies vor ihm verhehlen, als wäre es ein Verbrechen. Das ist nun
eben nicht erfreulich; dafür aber wahr. Kaum daß Hunde die große
Freundlichkeit vertragen, geschweige Menschen.

29. Daß Leute edlerer Art und höherer Begabung so oft, zumal in der
Jugend, auffallenden Mangel an Menschenkenntnis und Weltklugheit
verraten, daher leicht betrogen oder sonst irre geführt werden, während die
niedrigen Naturen sich viel schneller und besser in die Welt zu finden
wissen, liegt daran, daß man, beim Mangel der Erfahrung, a priori zu
urteilen hat, und daß überhaupt keine Erfahrung es dem a priori gleichtut.
Dies a priori nämlich gibt denen vom gewöhnlichen Schlage das eigene
Selbst an die Hand, den Edelen und Vorzüglichen aber nicht: denn eben als
solche sind sie von den andern weit verschieden. Indem sie daher deren
Denken und Tun nach dem ihrigen berechnen, trifft die Rechnung nicht zu.

Wenn nun aber auch ein Solcher a posteriori, also aus fremder Belehrung
und eigener Erfahrung, endlich gelernt hat, was von den Menschen, im
Ganzen genommen, zu erwarten steht, daß nämlich etwa 5/6 derselben, in
moralischer oder intellektueller Hinsicht, so beschaffen sind, daß, wer nicht
durch die Umstände in Verbindung mit ihnen gesetzt ist, besser tut, sie
vorweg zu meiden und, soweit es angeht, außer allem Kontakt mit ihnen zu
bleiben; – so wird er dennoch von ihrer Kleinlichkeit und Erbärmlichkeit
kaum jemals einen a u s r e i c h e n d e n Begriff erlangen, sondern
immerfort, so lange er lebt, denselben noch zu erweitern und zu
vervollständigen haben, unterdessen aber sich gar oft zu seinem Schaden
verrechnen. Und dann wieder, nachdem er die erhaltene Belehrung wirklich
beherzigt hat, wird es ihm dennoch zu Zeiten begegnen, daß er, in eine
Gesellschaft ihm noch unbekannter Menschen geratend, sich zu wundern
hat, wie sie doch sämtlich, ihren Reden und Mienen nach, ganz vernünftig,
redlich, aufrichtig, ehrenfest und tugendsam, dabei auch wohl noch

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gescheut und geistreich erscheinen. Dies sollte ihn jedoch nicht irren: denn
es kommt bloß daher, daß die Natur es nicht macht wie die schlechten
Poeten, welche, wann sie Schurken oder Narren darstellen, so plump und
absichtsvoll dabei zu Werke gehn, daß man gleichsam hinter jeder solcher
Person den Dichter stehn sieht, der ihre Gesinnung und Rede fortwährend
desavouirt und mit warnender Stimme ruft: »dies ist ein Schurke, dies ist
ein Narr; gebt nichts auf das, was er sagt.« Die Natur hingegen macht es
wie Shakespeare und Goethe, in deren Werken jede Person, und wäre sie
der Teufel selbst, während sie dasteht und redet, Recht behält; weil sie so
objektiv aufgefaßt ist, daß wir in ihr Interesse gezogen und zur Teilnahme
an ihr gezwungen werden: denn sie ist, eben wie die Werke der Natur, aus
einem innern Prinzip entwickelt, vermöge dessen ihr Sagen und Tun als
natürlich, mithin als notwendig auftritt. – Also, wer erwartet, daß in der
Welt die Teufel mit Hörnern und die Narren mit Schellen einhergehn, wird
stets ihre Beute oder ihr Spiel sein. Hiezu kommt aber noch, daß im
Umgange die Leute es machen, wie der Mond und die Bucklichten, nämlich
stets nur eine Seite zeigen, und sogar jeder ein angeborenes Talent hat, auf
mimischem Wege seine Physiognomie zu einer Maske umzuarbeiten,
welche genau darstellt, was er eigentlich sein s o l l t e , und die, weil sie
ausschließlich auf seine Individualität berechnet ist, ihm so genau anliegt
und anpaßt, daß die Wirkung überaus täuschend ausfällt. Er legt sie an, so
oft es darauf ankommt, sich einzuschmeicheln. Man soll auf dieselbe so viel
geben, als wäre sie aus Wachstuch, eingedenk des vortrefflichen
italiänischen Sprichworts: non è sì tristo cane, che non meni la coda (so
böse ist kein Hund, daß er nicht mit dem Schwanze wedelte).

Jedenfalls soll man sich sorgfältig hüten, von irgend einem Menschen
neuer Bekanntschaft eine sehr günstige Meinung zu fassen; sonst wird man,
in den allermeisten Fällen, zu eigener Beschämung oder gar Schaden,
enttäuscht werden. – Hiebei verdient auch dies berücksichtigt zu werden:
Gerade in Kleinigkeiten, als bei welchen der Mensch sich nicht
zusammennimmt, zeigt er seinen Charakter, und da kann man oft, an
geringfügigen Handlungen, an bloßen Manieren, den grenzenlosen, nicht
die mindeste Rücksicht auf andere kennenden Egoismus bequem
beobachten, der sich nachher im Großen nicht verleugnet, wiewohl verlarvt.
Und man versäume solche Gelegenheit nicht. Wenn einer in den kleinen
täglichen Vorgängen und Verhältnissen des Lebens, in den Dingen, von

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welchen das de minimis lex non curat gilt, rücksichtslos verfährt, bloß
seinen Vorteil oder seine Bequemlichkeit, zum Nachteil anderer, sucht;
wenn er sich aneignet, was für alle da ist usw.; da sei man überzeugt, daß in
seinem Herzen keine Gerechtigkeit wohnt, sondern er auch im Großen ein
Schuft sein wird, sobald das Gesetz und die Gewalt ihm nicht die Hände
binden, und traue ihm nicht über die Schwelle. Ja, wer ohne Scheu die
Gesetze seines Klubs bricht, wird auch die des Staates brechen, sobald er es
ohne Gefahr kann[Q].

[Q] Wenn in den Menschen, wie sie meistenteils sind, das Gute das Schlechte
überwöge, so wäre es geratener, sich auf ihre Gerechtigkeit, Billigkeit,
Dankbarkeit, Treue, Liebe oder Mitleid zu verlassen, als auf ihre Furcht: weil es
aber mit ihnen umgekehrt steht, so ist das Umgekehrte geratener.

Hat nun einer, mit dem wir in Verbindung oder Umgang stehn, uns etwas
Unangenehmes oder Ärgerliches erzeigt; so haben wir uns nur zu fragen, ob
er uns so viel wert sei, daß wir das Nämliche, auch noch etwas verstärkt,
uns nochmals und öfter von ihm wollen gefallen lassen; – oder nicht.
(Vergeben und Vergessen heißt gemachte kostbare Erfahrungen zum Fenster
hinauswerfen.) Im bejahenden Fall wird nicht viel darüber zu sagen sein,
weil das Reden wenig hilft: wir müssen also die Sache, mit oder ohne
Ermahnung, hingehn lassen, sollen jedoch wissen, daß wir hiedurch sie uns
nochmals ausgebeten haben. Im verneinenden Falle hingegen haben wir
sogleich und auf immer mit dem werten Freunde zu brechen, oder, wenn es
ein Diener ist, ihn abzuschaffen. Denn unausbleiblich wird er,
vorkommenden Falls, ganz dasselbe, oder das völlig Analoge, wieder tun,
auch wenn er uns jetzt das Gegenteil hoch und aufrichtig beteuert. Alles,
alles kann einer vergessen, nur nicht sich selbst, sein eigenes Wesen. Denn
der Charakter ist schlechthin inkorrigibel; weil alle Handlungen des
Menschen aus einem innern Prinzip fließen, vermöge dessen er, unter
gleichen Umständen, stets das gleiche tun muß und nicht anders kann. Man
lese meine Preisschrift über die sogenannte Freiheit des Willens und befreie
sich vom Wahn. Daher auch ist, sich mit einem Freunde, mit dem man
gebrochen hatte, wieder auszusöhnen, eine Schwäche, die man abbüßt,
wann derselbe, bei erster Gelegenheit, gerade und genau dasselbe wieder

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tut, was den Bruch herbeigeführt hatte; ja, mit noch mehr Dreistigkeit, im
stillen Bewußtsein seiner Unentbehrlichkeit. Das Gleiche gilt von
abgeschafften Dienern, die man wiedernimmt. Ebensowenig, und aus
demselben Grunde, dürfen wir erwarten, daß einer, unter v e r ä n d e r t e n
Umständen, das Gleiche, wie vorher, tun werde. Vielmehr ändern die
Menschen Gesinnung und Betragen ebenso schnell, wie ihr Interesse sich
ändert; ja, ihre Absichtlichkeit zieht ihre Wechsel auf so kurze Sicht, daß
man selbst noch kurzsichtiger sein müßte, um sie nicht protestiren zu
lassen.

Gesetzt demnach, wir wollten etwan wissen, wie einer, in einer Lage, in
die wir ihn zu versetzen gedenken, handeln wird; so dürfen wir hierüber
nicht auf seine Versprechungen und Beteuerungen bauen. Denn, gesetzt
auch, er spräche aufrichtig; so spricht er von einer Sache, die er nicht kennt.
Wir müssen also allein aus der Erwägung der Umstände, in die er zu treten
hat, und des Konfliktes derselben mit seinem Charakter, sein Handeln
berechnen.

Um überhaupt von der wahren und sehr traurigen Beschaffenheit der
Menschen, wie sie meistens sind, das so nötige, deutliche und gründliche
Verständnis zu erlangen, ist es überaus lehrreich, das Treiben und
Benehmen derselben in der Literatur als Kommentar ihres Treibens und
Benehmens im praktischen Leben zu gebrauchen, und vice versa. Dies ist
sehr dienlich, um weder an sich, noch an ihnen irre zu werden. Dabei aber
darf kein Zug von besonderer Niederträchtigkeit oder Dummheit, der uns
im Leben oder in der Literatur aufstößt, uns je ein Stoff zum Verdruß und
Ärger, sondern bloß zur Erkenntnis werden, indem wir in ihm einen neuen
Beitrag zur Charakteristik des Menschengeschlechts sehn und demnach ihn
uns merken. Alsdann werden wir ihn ungefähr so betrachten, wie der
Mineralog ein ihm aufgestoßenes, sehr charakteristisches Spezimen eines
Minerals. – Ausnahmen gibt es, ja, unbegreiflich große, und die
Unterschiede der Individualitäten sind enorm: aber, im Ganzen genommen,
liegt, wie längst gesagt ist, die Welt im argen: die Wilden fressen einander
und die Zahmen betrügen einander, und das nennt man den Lauf der Welt.
Was sind denn die Staaten, mit aller ihrer künstlichen, nach außen und nach
innen gerichteten Maschinerie und ihren Gewaltmitteln anderes, als
Vorkehrungen, der grenzenlosen Ungerechtigkeit der Menschen Schranken

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zu setzen? Sehn wir nicht, in der ganzen Geschichte, jeden König, sobald er
fest steht, und sein Land einiger Prosperität genießt, diese benutzen, um mit
seinem Heer, wie mit einer Räuberschar, über die Nachbarstaaten
herzufallen? Sind nicht fast alle Kriege im Grunde Raubzüge? Im frühen
Altertum, wie auch zum Teil im Mittelalter, wurden die Besiegten Sklaven
der Sieger, d. h. im Grunde, sie mußten für diese arbeiten: dasselbe aber
müssen die, welche Kriegskontributionen zahlen: sie geben nämlich den
Ertrag früherer Arbeit hin. Dans toutes les guerres il ne s'agit que de voler,
sagt Voltaire, und die Deutschen sollen es sich gesagt sein lassen.

30. Kein Charakter ist so, daß er sich selbst überlassen bleiben und sich
ganz und gar gehn lassen dürfte; sondern jeder bedarf der Lenkung durch
Begriffe und Maximen. Will man nun aber es hierin weit bringen, nämlich
bis zu einem nicht aus unsrer angeborenen Natur, sondern bloß aus
vernünftiger Überlegung hervorgegangenen, ganz eigentlich erworbenen
und künstlichen Charakter; so wird man gar bald das

Naturam expelles furca, tamen usque recurret

bestätigt finden. Man kann nämlich eine Regel für das Betragen gegen
andere sehr wohl einsehn, ja, sie selbst auffinden und treffend ausdrücken,
und wird dennoch, im wirklichen Leben, gleich darauf, gegen sie verstoßen.
Jedoch soll man nicht sich dadurch entmutigen lassen und denken, es sei
unmöglich, im Weltleben sein Benehmen nach abstrakten Regeln und
Maximen zu leiten, und daher am besten, sich eben nur gehn zu lassen.
Sondern es ist damit, wie mit allen theoretischen Vorschriften und
Anweisungen für das Praktische: die Regel verstehn ist das erste, sie
ausüben lernen ist das zweite. Jenes wird durch Vernunft auf einmal, dieses
durch Übung allmälig gewonnen. Man zeigt dem Schüler die Griffe auf
dem Instrument, die Paraden und Stöße mit dem Rapier: er fehlt sogleich,
trotz dem besten Vorsatze, dagegen, und meint nun, sie in der Schnelle des
Notenlesens und der Hitze des Kampfes zu beobachten, sei schier
unmöglich. Dennoch lernt er es allmälig, durch Übung, unter Straucheln,
Fallen und Aufstehn. Ebenso geht es mit den Regeln der Grammatik im
lateinisch Schreiben und Sprechen. Nicht anders also wird der Tölpel zum
Hofmann, der Hitzkopf zum feinen Weltmann, der Offene verschlossen, der
Edle ironisch. Jedoch wird eine solche, durch lange Gewohnheit erlangte

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Selbstdressur stets als ein von außen gekommener Zwang wirken, welchem
zu widerstreben die Natur nie ganz aufhört und bisweilen unerwartet ihn
durchbricht. Denn alles Handeln nach abstrakten Maximen verhält sich zum
Handeln aus ursprünglicher, angeborener Neigung, wie ein menschliches
Kunstwerk, etwan eine Uhr, wo Form und Bewegung dem ihnen fremden
Stoffe aufgezwungen sind, zum lebenden Organismus, bei welchem Form
und Stoff von einander durchdrungen und eins sind. An diesem Verhältnis
des erworbenen zum angeborenen Charakter bestätigt sich demnach ein
Ausspruch des Kaisers Napoleon: tout ce qui n'est pas naturel est imparfait;
welcher überhaupt eine Regel ist, die von allem und jedem, sei es physisch
oder moralisch, gilt, und von der die einzige, mir einfallende Ausnahme
das, den Mineralogen bekannte, natürliche Aventurino ist, welches dem
künstlichen nicht gleichkommt.

Darum sei hier auch vor aller und jeder A f f e k t a t i o n gewarnt. Sie
erweckt allemal Geringschätzung: erstlich als Betrug, der als solcher feige
ist, weil er auf Furcht beruht; zweitens als Verdammungsurteil seiner selbst
durch sich selbst, indem man scheinen will, was man nicht ist, und was man
folglich für besser hält, als was man ist. Das Affektiren irgend einer
Eigenschaft, das Sich-Brüsten damit, ist ein Selbstgeständnis, daß man sie
nicht hat. Sei es Mut oder Gelehrsamkeit oder Geist oder Witz oder Glück
bei Weibern oder Reichtum oder vornehmer Stand, oder was sonst, womit
einer groß tut; so kann man daraus schließen, daß es ihm gerade daran in
etwas gebricht: denn wer wirklich eine Eigenschaft vollkommen besitzt,
dem fällt es nicht ein, sie herauszulegen und zu affektiren, sondern er ist
darüber ganz beruhigt. Dies ist auch der Sinn des spanischen Sprichworts:
herradura que chacolotea clavo le falta (dem klappernden Hufeisen fehlt
ein Nagel). Allerdings darf, wie anfangs gesagt, keiner sich unbedingt den
Zügel schießen lassen und sich ganz zeigen, wie er ist; weil das viele
Schlechte und Bestialische unserer Natur der Verhüllung bedarf: aber dies
rechtfertigt bloß das Negative, die Dissimulation, nicht das Positive, die
Simulation. – Auch soll man wissen, daß das Affektiren erkannt wird, selbst
ehe klar geworden, was eigentlich einer affektirt. Und endlich hält es auf
die Länge nicht Stich, sondern die Maske fällt einmal ab. Nemo potest
personam diu ferre fictam. Ficta cito in naturam suam recidunt. (Seneca de
Clementia, L. I, c. 1.)

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31. Wie man das Gewicht seines eigenen Körpers trägt, ohne es, wie
doch das jedes fremden, den man bewegen will, zu fühlen; so bemerkt man
nicht die eigenen Fehler und Laster, sondern nur die der andern. – Dafür
aber hat jeder am andern einen Spiegel, in welchem er seine eigenen Laster,
Fehler, Unarten und Widerlichkeiten jeder Art deutlich erblickt. Allein
meistens verhält er sich dabei wie der Hund, welcher gegen den Spiegel
bellt, weil er nicht weiß, daß er sich selbst sieht, sondern meint, es sei ein
anderer Hund. Wer andre bekrittelt, arbeitet an seiner Selbstbesserung. Also
die, welche die Neigung und Gewohnheit haben, das äußerliche Benehmen,
überhaupt das Tun und Lassen der andern im Stillen, bei sich selbst, einer
aufmerksamen und s c h a r f e n K r i t i k zu unterwerfen, arbeiten dadurch
an ihrer eigenen Besserung und Vervollkommnung: denn sie werden
entweder Gerechtigkeit, oder doch Stolz und Eitelkeit genug besitzen, selbst
zu vermeiden, was sie so oft strenge tadeln. Von den Toleranten gilt das
Umgekehrte: nämlich hanc veniam damus petimusque vicissim. Das
Evangelium moralisirt recht schön über den Splitter im fremden, den
Balken im eigenen Auge: aber die Natur des Auges bringt es mit sich, daß
es nach außen und nicht sich selbst sieht: daher ist, zum Innewerden der
eigenen Fehler, das Bemerken und Tadeln derselben an andern ein sehr
geeignetes Mittel. Zu unserer Besserung bedürfen wir eines Spiegels.

Auch hinsichtlich auf Stil und Schreibart gilt diese Regel: wer eine neue
Narrheit in diesen bewundert, statt sie zu tadeln, wird sie nachahmen. Daher
greift in Deutschland jede so schnell um sich. Die Deutschen sind sehr
tolerant: man merkt's. Hanc veniam damus petimusque vicissim ist ihr
Wahlspruch.

32. Der Mensch edlerer Art glaubt, in seiner Jugend, die wesentlichen
und entscheidenden Verhältnisse und daraus entstehenden Verbindungen
zwischen Menschen seien die i d e e l l e n , d. h. die auf Ähnlichkeit der
Gesinnung, der Denkungsart, des Geschmacks, der Geisteskräfte usw.
beruhenden: allein er wird später inne, daß es die r e e l l e n sind, d. h. die,
welche sich auf irgend ein materielles Interesse stützen. Diese liegen fast
allen Verbindungen zum Grunde: sogar hat die Mehrzahl der Menschen
keinen Begriff von andern Verhältnissen. Demzufolge wird jeder
genommen nach seinem Amt, oder Geschäft, oder Nation, oder Familie,
also überhaupt nach der Stellung und Rolle, welche die Konvention ihm

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erteilt hat: dieser gemäß wird er sortirt und fabrikmäßig behandelt.
Hingegen was er an und für sich, also als Mensch, vermöge seiner
persönlichen Eigenschaften sei, kommt nur beliebig und daher nur
ausnahmsweise zur Sprache, und wird von jedem, sobald es ihm bequem
ist, also meistenteils, beiseite gesetzt und ignorirt. Je mehr nun aber es mit
diesem auf sich hat, desto weniger wird ihm jene Anordnung gefallen, er
also sich ihrem Bereich zu entziehn suchen. Sie beruht jedoch darauf, daß,
in dieser Welt der Not und des Bedürfnisses, die Mittel, diesen zu begegnen,
überall das Wesentliche, mithin Vorherrschende sind.

33. Wie Papiergeld statt des Silbers, so kursiren in der Welt, statt der
wahren Achtung und der wahren Freundschaft, die äußerlichen
Demonstrationen und möglichst natürlich mimisirten Gebärden derselben.
Indessen läßt sich andrerseits auch fragen, ob es denn Leute gebe, welche
jene wirklich verdienten. Jedenfalls gebe ich mehr auf das Schwanzwedeln
eines ehrlichen Hundes, als auf hundert solche Demonstrationen und
Gebärden.

Wahre, echte Freundschaft setzt eine starke, rein objektive und völlig
uninteressirte Teilnahme am Wohl und Wehe des andern voraus, und diese
wieder ein wirkliches Sich mit dem Freunde identifiziren. Dem steht der
Egoismus der menschlichen Natur so sehr entgegen, daß wahre
Freundschaft zu den Dingen gehört, von denen man, wie von den
kolossalen Seeschlangen, nicht weiß, ob sie fabelhaft sind, oder irgendwo
existiren. Indessen gibt es mancherlei, in der Hauptsache freilich auf
versteckten egoistischen Motiven der mannigfaltigsten Art beruhende
Verbindungen zwischen Menschen, welche dennoch mit einem Gran jener
wahren und echten Freundschaft versetzt sind, wodurch sie so veredelt
werden, daß sie, in dieser Welt der Unvollkommenheiten, mit einigem Fug
den Namen der Freundschaft führen dürfen. Sie stehn hoch über den
alltäglichen Liaisons, welche vielmehr so sind, daß wir mit den meisten
unserer guten Bekannten kein Wort mehr reden würden, wenn wir hörten,
wie sie in unsrer Abwesenheit von uns reden.

Die Echtheit eines Freundes zu erproben, hat man, nächst den Fällen, wo
man ernstlicher Hilfe und bedeutender Opfer bedarf, die beste Gelegenheit
in dem Augenblick, da man ihm ein Unglück, davon man soeben getroffen

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worden, berichtet. Alsdann nämlich malt sich in seinen Zügen entweder
wahre, innige, unvermischte Betrübnis; oder aber sie bestätigen, durch ihre
gefaßte Ruhe, oder einen flüchtigen Nebenzug, den bekannten Ausspruch
des R o c h e f o u c a u l d : dans l'adversité de nos meilleurs amis, nous
trouvons toujours quelque chose qui ne nous déplait pas. Die gewöhnlichen
sogenannten Freunde vermögen, bei solchen Gelegenheiten, oft kaum das
Zucken zu einem leisen, wohlgefälligen Lächeln zu unterdrücken. – Es gibt
wenig Dinge, welche so sicher die Leute in gute Laune versetzen, wie wenn
man ihnen ein beträchtliches Unglück, davon man kürzlich getroffen
worden, erzählt, oder auch irgend eine persönliche Schwäche ihnen
unverhohlen offenbart. – Charakteristisch! –

Entfernung und lange Abwesenheit tun jeder Freundschaft Eintrag; so
ungern man es gesteht. Denn Menschen, die wir nicht sehn, wären sie auch
unsere geliebtesten Freunde, trocknen, im Laufe der Jahre, allmählich zu
abstrakten Begriffen aus, wodurch unsere Teilnahme an ihnen mehr und
mehr eine bloß vernünftige, ja traditionelle wird: die lebhafte und
tiefgefühlte bleibt denen vorbehalten, die wir vor Augen haben, und wären
es auch nur geliebte Tiere. So sinnlich ist die menschliche Natur. Also
bewährt sich auch hier Goethes Ausspruch:

»Die Gegenwart ist eine mächt'ge Göttin.«

(Tasso, Aufzug 4, Auftr. 4.)

Die H a u s f r e u n d e heißen meistens mit Recht so, indem sie mehr die
Freunde des Hauses, als des Herrn, also den Katzen ähnlicher als den
Hunden, sind.

Die Freunde nennen sich aufrichtig; die Feinde sind es: daher man ihren
Tadel zur Selbsterkenntnis benutzen sollte, als eine bittre Arznei. –

Freunde in der Not wären selten? – Im Gegenteil! Kaum hat man mit
einem Freundschaft gemacht; so ist er auch schon in der Not und will Geld
geliehen haben. –

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34. Was für ein Neuling ist doch der, welcher wähnt, Geist und Verstand
zu zeigen wäre ein Mittel, sich in Gesellschaft beliebt zu machen! Vielmehr
erregen sie, bei der unberechenbar überwiegenden Mehrzahl, einen Haß und
Groll, der um so bitterer ist, als der ihn Fühlende die Ursache desselben
anzuklagen nicht berechtigt ist, ja, sie vor sich selbst verhehlt. Der nähere
Hergang ist dieser: merkt und empfindet einer große geistige Überlegenheit
an dem, mit welchem er redet, so macht er, im stillen und ohne deutliches
Bewußtsein, den Schluß, daß in gleichem Maße der andere seine Inferiorität
und Beschränktheit merkt und empfindet. Dieses Enthymem erregt seinen
bittersten Haß, Groll und Ingrimm. (Vergl. Welt als Wille und Vorstell., 3.
Aufl., Bd. II, 256 die angeführten Worte des Dr. J o h n s o n s und
M e r c k s , des Jugendfreundes Goethes.) Mit Recht sagt daher G r a c i a n :
»para ser bien quisto, el unico medio vestirse la piel del mas simple de los
brutos.« (S. Oraculo manual, y arte de prudencia, 240. [Obras, Amberes
1702, P. II, p. 287.]) Ist doch Geist und Verstand an den Tag legen, nur eine
indirekte Art, allen andern ihre Unfähigkeit und Stumpfsinn vorzuwerfen.
Zudem gerät die gemeine Natur in Aufruhr, wenn sie ihr Gegenteil ansichtig
wird, und der geheime Anstifter des Aufruhrs ist der Neid. Denn die
Befriedigung ihrer Eitelkeit ist, wie man täglich sehn kann, ein Genuß, der
den Leuten über alles geht, der jedoch allein mittelst der Vergleichung ihrer
selbst mit andern möglich ist. Auf keine Vorzüge aber ist der Mensch so
stolz, wie auf die geistigen: beruht doch nur auf ihnen sein Vorrang vor den
Tieren[R]. Ihm entschiedene Überlegenheit in dieser Hinsicht vorzuhalten,
und noch dazu vor Zeugen, ist daher die größte Verwegenheit. Er fühlt sich
dadurch zur Rache aufgefordert und wird meistens Gelegenheit suchen,
diese auf dem Wege der Beleidigung auszuführen, als wodurch er vom
Gebiete der Intelligenz auf das des Willens tritt, auf welchem wir, in dieser
Hinsicht, alle gleich sind. Während daher in der Gesellschaft Stand und
Reichtum stets auf Hochachtung rechnen dürfen, haben geistige Vorzüge
solche keineswegs zu erwarten: im günstigsten Fall werden sie ignorirt,
sonst aber angesehn als eine Art Impertinenz, oder als etwas, wozu ihr
Besitzer unerlaubter Weise gekommen ist und nun sich untersteht damit zu
stolziren; wofür ihm also irgend eine anderweitige Demütigung angedeihen
zu lassen jeder im stillen beabsichtigt und nur auf die Gelegenheit dazu
paßt. Kaum wird es dem demütigsten Betragen gelingen, Verzeihung für
geistige Überlegenheit zu erbetteln. Sadi sagt im Gulistan (S. 146 der
Übersetzung von Graf): »Man wisse, daß sich bei dem Unverständigen

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hundertmal mehr Widerwillen gegen den Verständigen findet, als der
Verständige Abneigung gegen den Unverständigen empfindet.« – Hingegen
gereicht geistige I n f e r i o r i t ä t zur wahren Empfehlung. Denn was für
den Leib die Wärme, das ist für den Geist das wohltuende Gefühl der
Überlegenheit; daher jeder, so instinktmäßig wie dem Ofen, oder dem
Sonnenschein, sich dem Gegenstande nähert, der es ihm verheißt. Ein
solcher nun ist allein der entschieden tiefer Stehende, an Eigenschaften des
Geistes, bei Männern, an Schönheit, bei Weibern. Manchen Leuten
gegenüber freilich unverstellte Inferiorität zu beweisen – da gehört etwas
dazu. Dagegen sehe man, mit welcher herzlichen Freundlichkeit ein
erträgliches Mädchen einem grundhäßlichen entgegenkommt. Körperliche
Vorzüge kommen bei Männern nicht sehr in Betracht; wiewohl man sich
doch behaglicher neben einem kleineren, als neben einem größeren fühlt.
Demzufolge also sind, unter Männern, die dummen und unwissenden, unter
Weibern die häßlichen allgemein beliebt und gesucht: sie erlangen leicht
den Ruf eines überaus guten Herzens; weil jedes für seine Zuneigung, vor
sich selbst und vor andern, eines Vorwandes bedarf. Eben deshalb ist
Geistesüberlegenheit jeder Art eine sehr isolirende Eigenschaft: sie wird
geflohen und gehaßt, und als Vorwand hiezu werden ihrem Besitzer
allerhand Fehler angedichtet[S]. Gerade so wirkt unter Weibern die
Schönheit: sehr schöne Mädchen finden keine Freundin, ja, keine
Begleiterin. Zu Stellen als Gesellschafterinnen tun sie besser sich gar nicht
zu melden: denn schon bei ihrem Vortritt verfinstert sich das Gesicht der
gehofften neuen Gebieterin, als welche, sei es für sich, oder für ihre
Töchter, einer solchen Folie keineswegs bedarf. – Hingegen verhält es sich
umgekehrt mit den Vorzügen des Ranges; weil diese nicht, wie die
persönlichen, durch den Kontrast und Abstand, sondern, wie die Farben der
Umgebung auf das Gesicht, durch den Reflex wirken.

[R] Den W i l l e n , kann man sagen, hat der Mensch sich selbst gegeben, denn der
i s t er selbst; aber der I n t e l l e k t ist eine Ausstattung, die er vom Himmel
erhalten hat, – d. h. vom ewigen, geheimnisvollen Schicksal und dessen
Notwendigkeit, deren bloßes Werkzeug seine Mutter war.

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[S] Zum Vo r w ä r t s k o m m e n i n d e r We l t sind Freundschaften und
Kamaraderien bei weitem das Hauptmittel. Nun aber g r o ß e F ä h i g k e i t e n
machen allemal stolz und dadurch wenig geeignet, denen zu schmeicheln, die nur
geringe haben, ja, vor denen man deshalb die großen verhehlen und verleugnen
soll. Entgegengesetzt wirkt das Bewußtsein nur geringer Fähigkeiten: es verträgt
sich vortrefflich mit der Demut, Leutseligkeit, Gefälligkeit und Respekt vor dem
Schlechten, verschafft also Freunde und Gönner.

Das Gesagte gilt nicht bloß vom Staatsdienst, sondern auch von den
Ehrenstellen, Würden, ja, dem Ruhm in der gelehrten Welt; so daß z. B. in den
Akademien die liebe Mediokrität stets oben auf ist, Leute von Verdienst spät oder
nie hineinkommen, und so bei allem.

35. An unserm Zutrauen zu andern haben sehr oft Trägheit, Selbstsucht
und Eitelkeit den größten Anteil: Trägheit, wenn wir, um nicht selbst zu
untersuchen, zu wachen, zu tun, lieber einem andern trauen; Selbstsucht,
wenn das Bedürfnis von unsern Angelegenheiten zu reden uns verleitet, ihm
etwas anzuvertrauen; Eitelkeit, wenn es zu dem gehört, worauf wir uns
etwas zu Gute tun. Nichtsdestoweniger verlangen wir, daß man unser
Zutrauen ehre.

Über Mißtrauen hingegen sollten wir uns nicht erzürnen: denn in
demselben liegt ein Kompliment für die Redlichkeit, nämlich das
aufrichtige Bekenntnis ihrer großen Seltenheit, infolge welcher sie zu den
Dingen gehört, an deren Existenz man zweifelt.

36. Von der H ö f l i c h k e i t , dieser chinesischen Kardinaltugend, habe
ich den e i n e n Grund angegeben in meiner E t h i k S. 201 (2. Aufl. 198):
der andere liegt in Folgendem. Sie ist eine stillschweigende Übereinkunft,
gegenseitig die moralisch und intellektuell elende Beschaffenheit von
einander zu ignoriren und sie sich nicht vorzurücken; – wodurch diese, zu
beiderseitigem Vorteil, etwas weniger leicht zutage kommt.

Höflichkeit ist Klugheit; folglich ist Unhöflichkeit Dummheit: sich
mittelst ihrer unnötiger und mutwilliger Weise Feinde machen ist Raserei,
wie wenn man sein Haus in Brand steckt. Denn Höflichkeit ist, wie die
Rechenpfennige, eine offenkundig falsche Münze: mit einer solchen
sparsam zu sein, beweist Unverstand; hingegen Freigebigkeit mit ihr

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Verstand. Alle Nationen schließen den Brief mit votre très-humble
serviteur, – your most obedient servant, – suo devotissimo servo: bloß die
Deutschen halten mit dem »Diener« zurück, – weil es ja doch nicht wahr sei
–! Wer hingegen die Höflichkeit bis zum Opfern realer Interessen treibt,
gleicht dem, der echte Goldstücke statt Rechenpfennige gäbe. – Wie das
Wachs, von Natur hart und spröde, durch ein wenig Wärme so geschmeidig
wird, daß es jede beliebige Gestalt annimmt; so kann man selbst störrische
und feindselige Menschen, durch etwas Höflichkeit und Freundlichkeit,
biegsam und gefällig machen. Sonach ist die Höflichkeit dem Menschen,
was die Wärme dem Wachs.

Eine schwere Aufgabe ist freilich die Höflichkeit insofern, als sie
verlangt, daß wir allen Leuten die größte Achtung bezeugen, während die
allermeisten keine verdienen; sodann, daß wir den lebhaftesten Anteil an
ihnen simuliren, während wir froh sein müssen, keinen an ihnen zu haben. –
Höflichkeit mit Stolz zu vereinigen ist ein Meisterstück. –

Wir würden bei Beleidigungen, als welche eigentlich immer in
Äußerungen der Nichtachtung bestehn, viel weniger aus der Fassung
geraten, wenn wir nicht einerseits eine ganz übertriebene Vorstellung von
unserm hohen Wert und Würde, also einen ungemessenen Hochmut hegten,
und andrerseits uns deutlich gemacht hätten, was in der Regel jeder vom
andern, in seinem Herzen, hält und denkt. Welch ein greller Kontrast ist
doch zwischen der Empfindlichkeit der meisten Leute über die leiseste
Andeutung eines sie treffenden Tadels und dem, was sie hören würden,
wenn sie die Gespräche ihrer Bekannten über sie belauschten! – Wir sollten
vielmehr uns gegenwärtig erhalten, daß die gewöhnliche Höflichkeit nur
eine grinsende Maske ist: dann würden wir nicht Zeter schreien, wenn sie
einmal sich etwas verschiebt, oder auf einen Augenblick abgenommen wird.
Wann aber gar einer geradezu grob wird, da ist es, als hätte er die Kleider
abgeworfen und stände in puris naturalibus da. Freilich nimmt er sich dann,
wie die meisten Menschen in diesem Zustande, schlecht aus.

37. Für sein Tun und Lassen darf man keinen andern zum Muster
nehmen; weil Lage, Umstände, Verhältnisse nie die gleichen sind, und weil
die Verschiedenheit des Charakters auch der Handlung einen verschiedenen
Anstrich gibt, daher duo cum faciunt idem, non est idem. Man muß, nach

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reiflicher Überlegung und scharfem Nachdenken, seinem eigenen Charakter
gemäß handeln. Also auch im P r a k t i s c h e n ist O r i g i n a l i t ä t
unerläßlich: sonst paßt was man tut, nicht zu dem, was man ist.

38. Man bestreite keines Menschen Meinung; sondern bedenke, daß,
wenn man alle Absurditäten, die er glaubt, ihm ausreden wollte, man
Methusalems Alter erreichen könnte, ohne damit fertig zu werden.

Auch aller, selbst noch so wohlgemeinter, korrektioneller Bemerkungen
soll man, im Gespräche, sich enthalten: denn die Leute zu kränken ist leicht,
sie zu bessern schwer, wo nicht unmöglich.

Wenn die Absurditäten eines Gesprächs, welches wir anzuhören im Falle
sind, anfangen uns zu ärgern, müssen wir uns denken, es wäre eine
Komödienszene zwischen zwei Narren. Probatum est. – Wer auf die Welt
gekommen ist, sie ernstlich und in den wichtigsten Dingen zu b e l e h r e n ,
der kann von Glück sagen, wenn er mit heiler Haut davonkommt.

39. Wer da will, daß sein Urteil Glauben finde, spreche es kalt und ohne
Leidenschaftlichkeit aus. Denn alle Heftigkeit entspringt aus dem Willen:
daher wird man d i e s e m und nicht der Erkenntnis, die ihrer Natur nach
kalt ist, das Urteil zuschreiben. Weil nämlich das Radikale im Menschen der
Wille, die Erkenntnis aber bloß sekundär und hinzugekommen ist; so wird
man eher glauben, daß das Urteil aus dem erregten Willen, als daß die
Erregung des Willens bloß aus dem Urteil entsprungen sei.

40. Auch beim besten Rechte dazu lasse man sich nicht zum Selbstlobe
verführen. Denn die Eitelkeit ist eine so gewöhnliche, das Verdienst aber
eine so ungewöhnliche Sache, daß, so oft wir, wenn auch nur indirekt, uns
selbst zu loben scheinen, jeder hundert gegen eins wettet, daß, was aus uns
redet die Eitelkeit sei, der es am Verstande gebricht, das Lächerliche der
Sache einzusehn. – Jedoch mag, bei allem dem, Bako von Verulam nicht
ganz Unrecht haben, wenn er sagt, daß das semper aliquid haeret, wie von
der Verläumdung, so auch vom Selbstlobe gelte, und daher dieses, in
mäßigen Dosen, empfiehlt.

41. Wenn man argwöhnt, daß einer lüge, stelle man sich gläubig: da wird
er dreist, lügt stärker und ist entlarvt. Merkt man hingegen, daß eine

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Wahrheit, die er verhehlen möchte, ihm zum Teil entschlüpft, so stelle man
sich darüber ungläubig, damit er, durch den Widerspruch provozirt, die
Arriergarde der ganzen Wahrheit nachrücken lasse.

42. Unsere sämtlichen persönlichen Angelegenheiten haben wir als
Geheimnisse zu betrachten, und unsern guten Bekannten müssen wir, über
das hinaus, was sie mit eigenen Augen sehn, völlig fremd bleiben. Denn ihr
Wissen um die unschuldigsten Dinge kann, durch Zeit und Umstände, uns
Nachteil bringen. – Überhaupt ist es geratener seinen Verstand durch das,
was man verschweigt, an den Tag zu legen, als durch das, was man sagt.
Ersteres ist Sache der Klugheit, letzteres der Eitelkeit. Die Gelegenheit zu
beiden kommt gleich oft: aber wir ziehn häufig die flüchtige Befriedigung,
welche das letztere gewährt, dem dauernden Nutzen vor, welchen das
erstere bringt. Sogar die Herzenserleichterung, einmal ein Wort mit sich
selbst laut zu reden, was lebhaften Personen wohl begegnet, sollte man sich
versagen, damit sie nicht zur Gewohnheit werde; weil dadurch der Gedanke
mit dem Worte so befreundet und verbrüdert wird, daß allmälig auch das
Sprechen mit andern ins laute Denken übergeht; während die Klugheit
gebeut, daß zwischen unserm Denken und unserm Reden eine weite Kluft
offen gehalten werde.

Bisweilen meinen wir, daß andere etwas uns betreffendes durchaus nicht
glauben können; während ihnen gar nicht einfällt, es zu bezweifeln: machen
wir jedoch, daß ihnen dies einfällt, dann können sie es auch nicht mehr
glauben. Aber wir verraten uns oft bloß, weil wir wähnen, es sei unmöglich,
daß man das nicht merke; – wie wir uns von einer Höhe hinabstürzen, aus
Schwindel, d. h. durch den Gedanken, es sei unmöglich, hier fest zu stehen,
die Qual aber, hier zu stehn, sei so groß, daß es besser sei, sie abzukürzen:
dieser Wahn heißt Schwindel.

Andrerseits wieder soll man wissen, daß die Leute, selbst die, welche
sonst keinen besondern Scharfsinn verraten, vortreffliche Algebristen in den
persönlichen Angelegenheiten anderer sind, woselbst sie, mittelst einer
einzigen gegebenen Größe, die verwickeltesten Aufgaben lösen. Wenn man
z. B. ihnen eine ehemalige Begebenheit, unter Weglassung aller Namen und
sonstiger Bezeichnung der Personen erzählt; so soll man sich hüten, dabei
ja nicht irgend einen ganz positiven und individuellen Umstand, sei er auch

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noch so gering, mit einzuführen, wie etwan einen Ort, oder Zeitpunkt, oder
den Namen einer Nebenperson, oder sonst etwas auch nur unmittelbar
damit Zusammenhängendes: denn daran haben sie sogleich eine positiv
gegebene Größe, mittelst deren ihr algebraischer Scharfsinn alles Übrige
herausbringt. Die Begeisterung der Neugier nämlich ist hier so groß, daß,
kraft derselben, der Wille dem Intellekt die Sporen in die Seite setzt,
welcher nun dadurch bis zur Erreichung der entlegensten Resultate
getrieben wird. Denn so unempfänglich und gleichgültig die Leute gegen
a l l g e m e i n e Wahrheiten sind, so erpicht sind sie auf individuelle.

Dem allen gemäß ist denn auch die Schweigsamkeit von sämtlichen
Lehrern der Weltklugheit auf das dringendeste und mit den mannigfaltigsten
Argumenten anempfohlen worden; daher ich es bei dem Gesagten
bewenden lassen kann. Bloß ein paar arabischer Maximen, welche
besonders eindringlich und wenig bekannt sind, will ich noch hersetzen.
»Was dein Feind nicht wissen soll, das sage deinem Freunde nicht.« –
»Wenn ich mein Geheimnis verschweige, ist es mein Gefangener: lasse ich
es entschlüpfen, bin ich sein Gefangener.« – »Am Baume des Schweigens
hängt seine Frucht, der Friede.«

43. Kein Geld ist vorteilhafter angewandt, als das, um welches wir uns
haben prellen lassen: denn wir haben dafür unmittelbar Klugheit
eingehandelt.

44. Man soll, wo möglich, gegen niemanden Animosität hegen, jedoch
die procédés eines jeden sich wohl merken und im Gedächtnis behalten, um
danach den Wert desselben, wenigstens hinsichtlich unserer, festzustellen
und demgemäß unser Verhalten und Betragen gegen ihn zu regeln, – stets
überzeugt von der Unveränderlichkeit des Charakters: einen schlechten Zug
eines Menschen jemals vergessen, ist, wie wenn man schwer erworbenes
Geld wegwürfe. – So aber schützt man sich vor törichter Vertraulichkeit und
törichter Freundschaft. –

»Weder lieben noch hassen« enthält die Hälfte aller Weltklugheit: »nichts
sagen und nichts glauben« die andere Hälfte. Freilich aber wird man einer
Welt, welche Regeln, wie diese und die nächstfolgenden nötig macht, gern
den Rücken kehren.

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45. Zorn oder Haß in Worten oder Mienen blicken zu lassen ist unnütz,
ist gefährlich, ist unklug, ist lächerlich, ist gemein. Man darf also Zorn oder
Haß nie anders zeigen als in Taten. Letzteres wird man um so
vollkommener können, als man ersteres vollkommener vermieden hat. –
Die kaltblütigen Tiere allein sind die giftigen.

46. Parler sans accent: diese alte Regel der Weltleute bezweckt, daß man
dem Verstande der andern überlasse herauszufinden, was man gesagt hat:
der ist langsam, und ehe er fertig geworden, ist man davon. Hingegen
parler avec accent heißt zum Gefühle reden; wo denn alles umgekehrt
ausfällt. Manchem kann man, mit höflicher Gebärde und freundlichem Ton,
sogar wirkliche Sottisen sagen, ohne unmittelbare Gefahr.

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D. Unser Verhalten gegen den Weltlauf und das Schicksal
betreffend.

47. Welche Form auch das menschliche Leben annehme; es sind immer
dieselben Elemente, und daher ist es im wesentlichen überall dasselbe, es
mag in der Hütte oder bei Hofe, im Kloster oder bei der Armee geführt
werden. Mögen seine Begebenheiten, Abenteuer, Glücks- und
Unglücksfälle noch so mannigfaltig sein; so ist es doch damit wie mit der
Zuckerbäckerware. Es sind viele und vielerlei gar krause und bunte
Figuren: aber alles ist aus einem Teig geknetet; und was dem einen
begegnet, ist dem, was dem andern widerfuhr, viel ähnlicher, als dieser
beim Erzählenhören denkt. Auch gleichen die Vorgänge unsers Lebens den
Bildern im Kaleidoskop, in welchem wir bei jeder Drehung etwas anderes
sehn, eigentlich aber immer das Selbe vor Augen haben.

48. Drei Weltmächte gibt es, sagt, sehr treffend, ein Alter: συνεσις,
κρατος, και τυχη, Klugheit, Stärke und Glück. Ich glaube, daß die zuletzt
genannte am meisten vermag. Denn unser Lebensweg ist dem Lauf eines
Schiffes zu vergleichen. Das Schicksal, die τυχη die secunda aut adversa
fortuna, spielt die Rolle des Windes, indem sie uns schnell weit fördert oder
weit zurückwirft; wogegen unser eigenes Mühen und Treiben nur wenig
vermag. Dieses nämlich spielt dabei die Rolle der Ruder: wenn solche,
durch viele Stunden langes Arbeiten, uns eine Strecke vorwärts gebracht
haben, wirft ein plötzlicher Windstoß uns ebenso weit zurück. Ist er
hingegen günstig, so fördert er uns dermaßen, daß wir der Ruder nicht
bedürfen. Diese Macht des Glückes drückt unübertrefflich ein spanisches
Sprichwort aus: da ventura a tu hijo, y echa lo en el mar (gib deinem Sohne
Glück und wirf ihn ins Meer).

Wohl ist der Zufall eine böse Macht, der man so wenig wie möglich
anheimstellen soll. Jedoch wer ist, unter allen Gebern, der einzige, welcher,
indem er gibt, uns zugleich aufs deutlichste zeigt, daß wir gar keine
Ansprüche auf seine Gaben haben, daß wir solche durchaus nicht unserer
Würdigkeit, sondern ganz allein seiner Güte und Gnade zu danken haben,

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und daß wir eben hieraus die freudige Hoffnung schöpfen dürfen, noch
ferner manche unverdiente Gabe demutsvoll zu empfangen? – Es ist der
Zufall: er, der die königliche Kunst versteht, einleuchtend zu machen, daß
gegen seine Gunst und Gnade alles Verdienst ohnmächtig ist und nichts
gilt. –

Wenn man auf seinen Lebensweg zurücksieht, den »labyrintisch irren
Lauf« desselben überschaut und nun so manches verfehlte Glück, so
manches herbeigezogene Unglück sehen muß; so kann man in Vorwürfen
gegen sich selbst leicht zu weit gehn. Denn unser Lebenslauf ist keineswegs
schlechthin unser eigenes Werk; sondern das Produkt zweier Faktoren,
nämlich der Reihe der Begebenheiten und der Reihe unserer Entschlüsse,
welche stets in einander greifen und sich gegenseitig modifiziren. Hiezu
kommt noch, daß in beiden unser Horizont immer sehr beschränkt ist,
indem wir unsere Entschlüsse nicht schon von weitem vorhersagen und
noch weniger die Begebenheiten voraussehen können, sondern von beiden
uns eigentlich nur die gegenwärtigen recht bekannt sind. Deshalb können
wir, so lange unser Ziel noch fern liegt, nicht einmal gerade darauf
hinsteuern; sondern nur approximativ und nach Mutmaßungen unsere
Richtung dahin lenken, müssen also oft lawiren. Alles nämlich, was wir
vermögen, ist, unsere Entschlüsse allezeit nach Maßgabe der gegenwärtigen
Umstände zu fassen, in der Hoffnung, es so zu treffen, daß es uns dem
Hauptziel näher bringe. So sind denn meistens die Begebenheiten und
unsere Grundabsichten zweien, nach verschiedenen Seiten ziehenden
Kräften zu vergleichen und die daraus entstehende Diagonale ist unser
Lebenslauf. – Te r e n z hat gesagt: in vita est hominum quasi cum ludas
tesseris: si illud, quod maxime opus est jactu, non cadit, illud quod cecidit
forte, id arte ut corrigas; wobei er eine Art Triktrak vor Augen gehabt
haben muß. Kürzer können wir sagen: das Schicksal mischt die Karten und
wir spielen. Meine gegenwärtige Betrachtung auszudrücken, wäre aber
folgendes Gleichnis am geeignetesten. Es ist im Leben wie im Schachspiel:
wir entwerfen einen Plan, dieser bleibt jedoch bedingt durch das, was im
Schachspiel dem Gegner, im Leben dem Schicksal, zu tun belieben wird.
Die Modifikationen, welche hierdurch unser Plan erleidet, sind meistens so
groß, daß er in der Ausführung kaum noch an einigen Grundzügen zu
erkennen ist.

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Übrigens gibt es in unserm Lebenslaufe noch etwas, welches über das
alles hinausliegt. Es ist nämlich eine triviale und nur zu häufig bestätigte
Wahrheit, daß wir oft törichter sind als wir glauben: hingegen ist, daß wir
oft weiser sind, als wir selbst vermeinen, eine Entdeckung, welche nur die,
so in dem Fall gewesen, und selbst dann erst spät, machen. Es gibt etwas
Weiseres in uns, als der Kopf ist. Wir handeln nämlich, bei den großen
Zügen, den Hauptschritten unsers Lebenslaufes, nicht sowohl nach
deutlicher Erkenntnis des Rechten, als nach einem innern Impuls, man
möchte sagen Instinkt, der aus dem tiefsten Grunde unsers Wesens kommt,
und bemäkeln nachher unser Tun nach deutlichen, aber auch dürftigen,
erworbenen, ja, erborgten Begriffen, nach allgemeinen Regeln, fremdem
Beispiele usw., ohne das »Eines schickt sich nicht für alle« genugsam zu
erwägen; da werden wir leicht ungerecht gegen uns selbst. Aber am Ende
zeigt es sich, wer Recht gehabt hat; und nur das glücklich erreichte Alter ist,
subjektiv und objektiv, befähigt, die Sache zu beurteilen.

Vielleicht steht jener innere Impuls unter uns unbewußter Leitung
prophetischer, beim Erwachen vergessener Träume, die eben dadurch
unserm Leben die Gleichmäßigkeit des Tones und die dramatische Einheit
erteilen, die das so oft schwankende und irrende, so leicht umgestimmte
Gehirnbewußtsein ihm zu geben nicht vermöchte, und infolge welcher z. B.
der zu großen Leistungen einer bestimmten Art Berufene dies von Jugend
auf innerlich und heimlich spürt und darauf hinarbeitet, wie die Bienen am
Bau ihres Stocks. Für jeden aber ist es das, was B a l t a s a r G r a c i a n la
gran sinderesis nennt: die instinktive große Obhut seiner selbst, ohne
welche er zu Grunde geht. – Nach a b s t r a k t e n G r u n d s ä t z e n handeln
ist schwer und gelingt erst nach vieler Übung, und selbst da nicht jedesmal:
auch sind sie oft nicht ausreichend. Hingegen hat jeder gewisse
a n g e b o r e n e k o n k r e t e G r u n d s ä t z e , die ihm in Blut und Saft
stecken, indem sie das Resultat alles seines Denkens, Fühlens und Wollens
sind. Er kennt sie meistens nicht in abstracto, sondern wird erst beim
Rückblick auf sein Leben gewahr, daß er sie stets befolgt hat und von ihnen,
wie von einem unsichtbaren Faden, ist gezogen worden. Je nachdem sie
sind, werden sie ihn zu seinem Glück oder Unglück leiten.

49. Man sollte beständig die Wirkung der Zeit und die Wandelbarkeit der
Dinge vor Augen haben und daher bei allem, was jetzt stattfindet, sofort das

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Gegenteil davon imaginiren; also im Glücke das Unglück, in der
Freundschaft die Feindschaft, im schönen Wetter das schlechte, in der Liebe
den Haß, im Zutrauen und Eröffnen den Verrat und die Reue, und so auch
umgekehrt, sich lebhaft vergegenwärtigen. Dies würde eine bleibende
Quelle wahrer Weltklugheit abgeben, indem wir stets besonnen bleiben und
nicht so leicht getäuscht werden würden. Meistens würden wir dadurch nur
die Wirkung der Zeit antizipirt haben. – Aber vielleicht ist zu keiner
Erkenntnis die Erfahrung so unerläßlich, wie zur richtigen Schätzung des
Unbestandes und Wechsels der Dinge. Weil eben jeder Zustand, für die Zeit
seiner Dauer, notwendig und daher mit vollstem Rechte vorhanden ist; so
sieht jedes Jahr, jeder Monat, jeder Tag aus, als ob nun endlich er Recht
behalten wollte, für alle Ewigkeit. Aber keiner behält es, und der Wechsel
allein ist das Beständige. Der Kluge ist der, welchen die scheinbare
Stabilität nicht täuscht und der noch dazu die Richtung, welche der Wechsel
zunächst nehmen wird, vorhersieht[T]. Daß hingegen die Menschen den
einstweiligen Zustand der Dinge, oder die Richtung ihres Laufes, in der
Regel für bleibend halten, kommt daher, daß sie die Wirkungen vor Augen
haben, aber die Ursachen nicht verstehn, diese es jedoch sind, welche den
Keim der künftigen Veränderungen in sich tragen; während die Wirkung,
welche für jene allein da ist, hievon nichts enthält. An diese halten sie sich
und setzen voraus, daß die ihnen unbekannten Ursachen, welche solche
hervorzubringen vermochten, auch imstande sein werden, sie zu erhalten.
Sie haben dabei den Vorteil, daß, wenn sie irren, es immer unisono
geschieht; daher denn die Kalamität, welche infolge davon sie trifft, stets
eine allgemeine ist, während der denkende Kopf, wenn er geirrt hat, noch
dazu allein steht. – Beiläufig haben wir daran eine Bestätigung meines
Satzes, daß der Irrtum stets aus dem Schluß von der Folge auf den Grund
entsteht. Siehe »Welt als W. u. V.« Bd. 1, S. 90. (3. Aufl. 94.)

[T] Der Z u f a l l hat bei allen menschlichen Dingen so großen Spielraum, daß, wenn
wir einer von ferne drohenden Gefahr gleich durch Aufopferungen vorzubeugen
suchen, diese Gefahr oft durch einen unvorhergesehenen Stand, den die Dinge
annehmen, verschwindet, und jetzt nicht nur die gebrachten Opfer verloren sind,
sondern die durch sie herbeigeführte Veränderung nunmehr, beim veränderten
Stande der Dinge, gerade ein Nachteil ist. Wir müssen daher in unsern
Vorkehrungen nicht zu weit in die Zukunft greifen, sondern auch auf den Zufall

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rechnen und mancher Gefahr kühn entgegensehn, hoffend, daß sie, wie so
manche schwarze Gewitterwolke, vorüberzieht.

Jedoch nur theoretisch und durch Vorhersehn ihrer Wirkung soll man die
Z e i t a n t i z i p i r e n , nicht praktisch, nämlich nicht so, daß man ihr
vorgreife, indem man v o r der Zeit verlangt was erst die Zeit bringen kann.
Denn wer dies tut, wird erfahren, daß es keinen schlimmeren,
unnachlassendern Wucherer gibt als eben die Zeit, und daß sie, wenn zu
Vorschüssen gezwungen, schwerere Zinsen nimmt als irgend ein Jude. Z. B.
kann man durch ungelöschten Kalk und Hitze einen Baum dermaßen
treiben, daß er binnen weniger Tage Blätter, Blüten und Früchte treibt, dann
aber stirbt er ab. – Will der Jüngling die Zeugungskraft des Mannes schon
jetzt, wenn auch nur auf etliche Wochen, ausüben und im neunzehnten Jahre
leisten was er im dreißigsten sehr wohl könnte; so wird allenfalls die Zeit
den Vorschuß leisten, aber ein Teil der Kraft seiner künftigen Jahre, ja, ein
Teil seines Lebens selbst, ist der Zins. – Es gibt Krankheiten, von denen
man gehörig und gründlich nur dadurch genest, daß man ihnen ihren
natürlichen Verlauf läßt, nach welchem sie von selbst verschwinden, ohne
eine Spur zu hinterlassen. Verlangt man aber sogleich und jetzt, nur gerade
jetzt, gesund zu sein; so muß auch hier die Zeit Vorschuß leisten: die
Krankheit wird vertrieben, aber der Zins ist Schwäche und chronische Übel,
zeitlebens. – Wenn man in Zeiten des Krieges oder der Unruhen Geld
gebraucht, und zwar sogleich, gerade jetzt; so ist man genötigt, liegende
Gründe oder Staatspapiere für 1/3 und noch weniger ihres Wertes zu
verkaufen, den man zum vollen erhalten würde, wenn man der Zeit ihr
Recht widerfahren lassen, also einige Jahre warten wollte; aber man zwingt
sie, Vorschuß zu leisten. – Oder auch man bedarf einer Summe zu einer
weiten Reise: binnen eines oder zweier Jahre könnte man sie von seinem
Einkommen zurückgelegt haben. Aber man will nicht warten, sie wird also
geborgt oder einstweilen vom Kapital genommen, d. h. die Zeit muß
vorschießen. Da ist ihr Zins eingerissene Unordnung in der Kasse, ein
bleibendes und wachsendes Defizit, welches man nie mehr los wird. – Dies
also ist der Wucher der Zeit: seine Opfer werden alle, die nicht warten
können. Den Gang der gemessen ablaufenden Zeit beschleunigen zu
wollen, ist das kostspieligste Unternehmen. Also hüte man sich, der Zeit
Zinsen schuldig zu werden.

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50. Ein charakteristischer und im gemeinen Leben sehr oft sich
hervortuender Unterschied zwischen den gewöhnlichen und den gescheuten
Köpfen ist, daß jene, bei ihrer Überlegung und Schätzung möglicher
Gefahren, immer nur fragen und berücksichtigen, was derart bereits
g e s c h e h n sei; diese hingegen selbst überlegen, was möglicherweise
g e s c h e h n k ö n n e ; wobei sie bedenken, daß, wie ein spanisches
Sprichwort sagt, lo que no acaece en un año, acaece en un rato (was binnen
eines Jahres nicht geschieht, geschieht binnen weniger Minuten). Der in
Rede stehende Unterschied ist freilich natürlich: denn was geschehn k a n n
zu überblicken, erfordert Verstand, was geschehn i s t , bloß Sinne.

Unsere Maxime aber sei: opfere den bösen Dämonen! D. h. man soll
einen gewissen Aufwand von Mühe, Zeit, Unbequemlichkeit,
Weitläuftigkeit, Geld oder Entbehrung nicht scheuen, um der Möglichkeit
eines Unglücks die Tür zu verschließen: und je größer dieses wäre, desto
kleiner, entfernter, unwahrscheinlicher mag jene sein. Die deutlichste
Exemplifikation dieser Regel ist die Assekuranzprämie. Sie ist ein
öffentlich und von allen auf den Altar der bösen Dämonen gebrachtes
Opfer.

51. Über keinen Vorfall sollte man in großen Jubel oder große Wehklage
ausbrechen; teils wegen der Veränderlichkeit aller Dinge, die ihn jeden
Augenblick umgestalten kann; teils wegen der Trüglichkeit unsers Urteils
über das uns Gedeihliche oder Nachteilige; infolge welcher fast jeder
einmal gewehklagt hat über das, was nachher sich als sein wahres Bestes
auswies, oder gejubelt über das, was die Quelle seiner größten Leiden
geworden ist. Die hier dagegen empfohlene Gesinnung hat Shakespeare
schön ausgedrückt:

I have felt so many quirks of joy and grief,
That the first face of neither, on the start,
Can woman me unto it.[U]

(All's well, A. 3. sc. 2.)

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[U] So viele Anfälle von Freude und Gram habe ich schon empfunden, daß ich nie
mehr vom ersten Anblicke des Anlasses zu einem von beiden sogleich mich
weibisch hinreißen lasse.

Überhaupt aber zeigt der, welcher bei allen Unfällen gelassen bleibt, daß
er weiß, wie kolossal und tausendfältig die möglichen Übel des Lebens
sind; weshalb er das jetzt eingetretene ansieht als einen sehr kleinen Teil
dessen, was kommen könnte: dies ist die stoische Gesinnung, in Gemäßheit
welcher man niemals conditionis humanae oblitus, sondern stets eingedenk
sein soll, welch ein trauriges und jämmerliches Los das menschliche Dasein
überhaupt ist, und wie unzählig die Übel sind, denen es ausgesetzt ist. Diese
Einsicht aufzufrischen, braucht man überall nur einen Blick um sich zu
werfen: wo man auch sei, wird man es bald vor Augen haben, dieses Ringen
und Zappeln und Quälen um die elende, kahle, nichts abwerfende Existenz.
Man wird danach seine Ansprüche herabstimmen, in die Unvollkommenheit
aller Dinge und Zustände sich finden lernen und Unfällen stets
entgegensehn, um ihnen auszuweichen oder sie zu ertragen. Denn Unfälle,
große und kleine, sind das eigentliche Element unsers Lebens: dies sollte
man also stets gegenwärtig haben; darum jedoch nicht, als ein δυσκολος,
mit B e r e s f o r d , über die stündlichen miseries of human life lamentiren
und Gesichter schneiden, noch weniger in pulicis morsu Deum invocare;
sondern, als ein ευλαβης, die Behutsamkeit im Zuvorkommen und Verhüten
der Unfälle, sie mögen von Menschen oder von Dingen ausgehn, so weit
treiben und so sehr darin raffiniren, daß man, wie ein kluger Fuchs, jedem
großen oder kleinen Mißgeschick (welches meistens nur ein verkapptes
Ungeschick ist) säuberlich aus dem Wege geht.

Daß ein Unglücksfall uns weniger schwer zu tragen fällt, wenn wir zum
voraus ihn als möglich betrachtet und, wie man sagt, uns darauf gefaßt
gemacht haben, mag hauptsächlich daher kommen, daß, wenn wir den Fall,
ehe er eingetreten, als eine bloße Möglichkeit, mit Ruhe überdenken, wir
die Ausdehnung des Unglücks deutlich und nach allen Seiten übersehn und
so es wenigstens als ein endliches und überschaubares erkennen; infolge
wovon es, wenn es nun wirklich trifft, doch mit nicht mehr als seiner
wahren Schwere wirken kann. Haben wir hingegen jenes nicht getan,

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sondern werden unvorbereitet getroffen; so kann der erschrockene Geist im
ersten Augenblick die Größe des Unglücks nicht genau ermessen: es ist jetzt
für ihn unübersehbar, stellt sich daher leicht als unermeßlich, wenigstens
viel größer dar, als es wirklich ist. Auf gleiche Art läßt Dunkelheit und
Ungewißheit jede Gefahr größer erscheinen. Freilich kommt noch hinzu,
daß wir für das als möglich antizipirte Unglück zugleich auch die
Trostgründe und Abhülfen überdacht, oder wenigstens uns an die
Vorstellung desselben gewöhnt haben.

Nichts aber wird uns zum gelassenen Ertragen der uns treffenden
Unglücksfälle besser befähigen, als die Überzeugung von der Wahrheit,
welche ich in meiner Preisschrift über die Freiheit des Willens aus ihren
letzten Gründen abgeleitet und festgestellt habe, nämlich, wie es daselbst,
S. 62 (2. Aufl. S. 60), heißt: »Alles was geschieht, vom Größten bis zum
Kleinsten, geschieht n o t w e n d i g .« Denn in das unvermeidlich
Notwendige weiß der Mensch sich bald zu finden, und jene Erkenntnis läßt
ihn alles, selbst das durch die fremdartigsten Zufälle Herbeigeführte, als
eben so notwendig ansehn, wie das nach den bekanntesten Regeln und unter
vollkommener Voraussicht Erfolgende. Ich verweise hier auf das, was ich
(Welt als W. u. V. Bd. 1, S. 345 u. 46 [3. Aufl. 361]) über die beruhigende
Wirkung der Erkenntnis des Unvermeidlichen und Notwendigen gesagt
habe. Wer davon durchdrungen ist, wird zuvörderst tun was er kann, dann
aber willig leiden was er muß.

Die kleinen Unfälle, die uns stündlich vexiren, kann man betrachten als
bestimmt, uns in Übung zu erhalten, damit die Kraft, die großen zu
ertragen, im Glück nicht ganz erschlaffe. Gegen die täglichen Hudeleien,
kleinlichen Reibungen im menschlichen Verkehr, unbedeutende Anstöße,
Ungebührlichkeiten anderer, Klatschereien u. dgl. m. muß man ein
gehörnter Siegfried sein, d. h. sie gar nicht empfinden, weit weniger sich zu
Herzen nehmen und darüber brüten; sondern von dem allen nichts an sich
kommen lassen, es von sich stoßen, wie Steinchen, die im Wege liegen, und
keineswegs es aufnehmen in das Innere seiner Überlegung und Rumination.

52. Was aber die Leute gemeiniglich das Schicksal nennen, sind meistens
nur ihre eigenen dummen Streiche. Man kann daher nicht genugsam die
schöne Stelle im Homer (JL. XXIII, 313 sqq.) beherzigen, wo er die μητις,

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d. i. die kluge Überlegung, empfiehlt. Denn wenn auch die schlechtesten
Streiche erst in jener Welt gebüßt werden; so doch die dummen schon in
dieser; – wiewohl hin und wieder einmal Gnade für Recht ergehen mag.

Nicht wer grimmig, sondern wer klug dareinschaut, sieht furchtbar und
gefährlich aus: – so gewiß des Menschen Gehirn eine furchtbarere Waffe ist
als die Klaue des Löwen. –

Der vollkommenste Weltmann wäre der, welcher nie in Unschlüssigkeit
stockte und nie in Übereilung geriete.

53. Nächst der Klugheit aber ist Mut eine für unser Glück sehr
wesentliche Eigenschaft. Freilich kann man weder die eine noch die andere
sich geben, sondern ererbt jene von der Mutter und diesen vom Vater:
jedoch läßt sich durch Vorsatz und Übung dem davon Vorhandenen
nachhelfen. Zu dieser Welt, wo »die Würfel eisern fallen,« gehört ein
eiserner Sinn, gepanzert gegen das Schicksal und gewaffnet gegen die
Menschen. Denn das ganze Leben ist ein Kampf, jeder Schritt wird uns
streitig gemacht, und Voltaire sagt mit Recht: on ne réussit dans ce monde,
qu'à la pointe de l'épée, et on meurt les armes à la main. Daher ist es eine
feige Seele, die, sobald Wolken sich zusammenziehn oder wohl gar nur am
Horizont sich zeigen, zusammenschrumpft, verzagen will und jammert.
Vielmehr sei unser Wahlspruch:

Tu ne cede malis, sed contra audentior ito.

Solange der Ausgang einer gefährlichen Sache nur noch zweifelhaft ist,
solange nur noch die Möglichkeit, daß er ein glücklicher werde, vorhanden
ist, darf an kein Zagen gedacht werden, sondern bloß an Widerstand; wie
man am Wetter nicht verzweifeln darf, solange noch ein blauer Fleck am
Himmel ist. Ja, man bringe es dahin zu sagen:

Si fractus illabatur orbis,
Impavidum ferient ruinae.

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Das ganze Leben selbst, geschweige seine Güter, sind noch nicht so ein
feiges Beben und Einschrumpfen des Herzens wert:

Quocirca vivite fortes,
Fortiaque adversis apponite pectora rebus.

Und doch ist auch hier ein Exzeß möglich: denn der Mut kann in
Verwegenheit ausarten. Sogar ist ein gewisses Maß von Furchtsamkeit zu
unserm Bestande in der Welt notwendig: die Feigheit ist bloß das
Überschreiten desselben. Dies hat Bako von Verulam gar treffend
ausgedrückt, in seiner etymologischen Erklärung des terror Panicus,
welche die ältere, vom Plutarch (de Iside et Osir. c. 14) uns erhaltene, weit
hinter sich läßt. Er leitet nämlich denselben ab vom P a n , als der
personifizirten Natur, und sagt: Natura enim rerum omnibus viventibus
indidit metum, ac formidinem, vitae atque essentiae suae conservatricem,
ac mala ingruentia vitantem et depellentem. Verumtamen eadem natura
modum tenere nescia est: sed timoribus salutaribus semper vanos et inanes
admiscet; adeo ut omnia (si intus conspici darentur) Panicis terroribus
plenissima sint, praesertim humana. (De sapientia veterum VI.) Übrigens
ist das Charakteristische des panischen Schreckens, daß er seiner Gründe
sich nicht deutlich bewußt ist, sondern sie mehr voraussetzt als kennt, ja zur
Not geradezu die Furcht selbst als Grund der Furcht geltend macht.

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Kapitel VI.
Vom Unterschiede der Lebensalter.
Überaus schön hat Vo l t a i r e gesagt:

Qui n'a pas l'esprit de son âge,
De son âge a tout le malheur.

Daher wird es angemessen sein, daß wir, am Schlusse dieser
eudämonologischen Betrachtungen, einen Blick auf die Veränderungen
werfen, welche die Lebensalter an uns hervorbringen.

Unser ganzes Leben hindurch haben wir immer nur die G e g e n w a r t
inne, und nie mehr. Was dieselbe unterscheidet ist bloß, daß wir am Anfang
eine lange Zukunft vor uns, gegen das Ende aber eine lange Vergangenheit
hinter uns sehn; sodann, daß unser Temperament, wiewohl nicht unser
Charakter, einige bekannte Veränderungen durchgeht, wodurch jedesmal
eine andere Färbung der Gegenwart entsteht. –

In meinem Hauptwerke, Bd. 2, Kap. 31, S. 394 ff. (3. Aufl. 499 ff.), habe
ich auseinandergesetzt, daß und warum wir in der K i n d h e i t uns viel
mehr e r k e n n e n d als w o l l e n d verhalten. Gerade hierauf beruht jene
Glückseligkeit des ersten Viertels unsers Lebens, infolge welcher es
nachher wie ein verlorenes Paradies hinter uns liegt. Wir haben in der
Kindheit nur wenige Beziehungen und geringe Bedürfnisse, also wenig
Anregung des Willens: der größere Teil unsers Wesens geht demnach im
E r k e n n e n auf. – Der Intellekt ist, wie das Gehirn, welches schon im 7.
Jahre seine volle Größe erreicht, früh entwickelt, wenn auch nicht reif, und
sucht unaufhörlich Nahrung in einer ganzen Welt des noch neuen Daseins,
wo alles, alles mit dem Reize der Neuheit überfirnißt ist. Hieraus entspringt
es, daß unsre Kinderjahre eine fortwährende Poesie sind. Nämlich das
Wesen der Poesie, wie aller Kunst, besteht im Auffassen der platonischen

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Idee, d. h. des Wesentlichen und daher der ganzen A r t Gemeinsamen, in
jedem Einzelnen; wodurch jedes Ding als Repräsentant seiner Gattung
auftritt und e i n Fall für tausend gilt. Obgleich nun es scheint, daß wir in
den Szenen unsrer Kinderjahre stets nur mit dem jedesmaligen
individuellen Gegenstande oder Vorgange beschäftigt seien, und zwar nur,
sofern er unser momentanes Wollen interessirt; so ist dem doch im Grunde
anders. Nämlich das Leben, in seiner ganzen Bedeutsamkeit, steht noch so
neu, frisch und ohne Abstumpfung seiner Eindrücke durch Wiederholung,
vor uns, daß wir, mitten unter unserm kindischen Treiben, stets im Stillen
und ohne deutliche Absicht beschäftigt sind, an den einzelnen Szenen und
Vorgängen das Wesen des Lebens selbst, die Grundtypen seiner Gestalten
und Darstellungen, aufzufassen. Wir sehn, wie Spinoza es ausdrückt, alle
Dinge und Personen sub specie aeternitatis. Je jünger wir sind, desto mehr
vertritt jedes einzelne seine ganze Gattung. Dies nimmt immer mehr ab, von
Jahr zu Jahr: und hierauf beruht der so große Unterschied des Eindrucks,
den die Dinge in der Jugend und im Alter auf uns machen. Daher werden
die Erfahrungen und Bekanntschaften der Kindheit und frühen Jugend
nachmals die stehenden Typen und Rubriken aller spätern Erkenntnis und
Erfahrung, gleichsam die Kategorien derselben, denen wir alles Spätere
subsumiren, wenn auch nicht stets mit deutlichem Bewußtsein. So bildet
sich demnach schon in den Kinderjahren die feste Grundlage unserer
Weltansicht, mithin auch das Flache oder Tiefe derselben: sie wird später
ausgeführt und vollendet; jedoch nicht im Wesentlichen verändert. Also
infolge dieser rein objektiven und dadurch poetischen Ansicht, die dem
Kindesalter wesentlich ist und davon unterstützt wird, daß der Wille noch
lange nicht mit seiner vollen Energie auftritt, verhalten wir uns, als Kinder,
bei weitem mehr rein erkennend als wollend. Daher der ernste, schauende
Blick mancher Kinder, welchen Raffael zu seinen Engeln, zumal denen der
Sixtinischen Madonna, so glücklich benutzt hat. Eben dieserhalb sind denn
auch die Kinderjahre so selig, daß die Erinnerung an sie stets von Sehnsucht
begleitet ist. – Während wir nun, mit solchem Ernst, dem ersten
a n s c h a u l i c h e n Verständnis der Dinge obliegen, ist andrerseits die
Erziehung bemüht, uns B e g r i f f e beizubringen. Allein Begriffe liefern
nicht das eigentlich Wesentliche: vielmehr liegt dieses, also der Fonds und
echte Gehalt aller unserer Erkenntnisse in der a n s c h a u l i c h e n
Auffassung der Welt. Diese aber kann nur von uns selbst gewonnen, nicht
auf irgendeine Weise uns b e i g e b r a c h t werden. Daher kommt, wie unser

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moralischer, so auch unser intellektueller Wert nicht von außen in uns,
sondern geht aus der Tiefe unsers eigenen Wesens hervor, und können keine
Pestalozzische Erziehungskünste aus einem geborenen Tropf einen
denkenden Menschen bilden: nie! er ist als Tropf geboren und muß als
Tropf sterben. – Aus der beschriebenen, tiefinnigen Auffassung der ersten
anschaulichen Außenwelt erklärt sich denn auch, warum die Umgebungen
und Erfahrungen unserer Kindheit sich so fest dem Gedächtnis einprägen.
Wir sind nämlich ihnen ungeteilt hingegeben gewesen, nichts hat uns dabei
zerstreut, und wir haben die Dinge, welche vor uns standen, angesehn, als
wären sie die einzigen ihrer Art, ja, überhaupt allein vorhanden. Später
nimmt uns die dann bekannte Menge der Gegenstände Mut und Geduld. –
Wenn man nun hier sich zurückrufen will, was ich S. 372 ff. (3. Aufl. 423
ff.) des oben erwähnten Bandes meines Hauptwerkes dargetan habe, daß
nämlich das o b j e k t i v e Dasein aller Dinge, d. h. ihr Dasein in der bloßen
Vo r s t e l l u n g , ein durchweg erfreuliches, hingegen ihr s u b j e k t i v e s
Dasein, als welches im Wo l l e n besteht, mit Schmerz und Trübsal stark
versetzt ist; so wird man als kurzen Ausdruck der Sache auch wohl den Satz
gelten lassen: alle Dinge sind herrlich zu s e h n , aber schrecklich zu s e i n .
Dem Obigen nun zufolge sind, in der Kindheit, die Dinge uns viel mehr von
der Seite des S e h n s , also der Vorstellung, der Objektivität, bekannt, als
von der Seite des S e i n s , welche die des Willens ist. Weil nun jene die
erfreuliche Seite der Dinge ist, die subjektive und schreckliche uns aber
noch unbekannt bleibt; so hält der junge Intellekt alle jene Gestalten,
welche Wirklichkeit und Kunst ihm vorführen, für ebenso viele glückselige
Wesen: er meint, so schön sie zu sehn sind, und noch viel schöner, wären
sie zu s e i n . Demnach liegt die Welt vor ihm wie ein Eden: dies ist das
Arkadien, in welchem wir alle geboren sind. Daraus entsteht etwas später
der Durst nach dem wirklichen Leben, der Drang nach Taten und Leiden,
welcher uns ins Weltgetümmel treibt. In diesem lernen wir dann die andere
Seite der Dinge kennen, die des Seins, d. i. des Wollens, welches bei jedem
Schritte durchkreuzt wird. Dann kommt allmälig die große Enttäuschung
heran, nach deren Eintritt heißt es l'âge des illusions est passé: und doch
geht sie noch immer weiter, wird immer vollständiger. Demzufolge kann
man sagen, daß in der Kindheit das Leben sich uns darstellt wie eine
Theaterdekoration von weitem gesehn; im Alter, wie dieselbe in der größten
Nähe.

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Zum Glücke der Kindheit trägt endlich noch folgendes bei. Wie im
Anfange des Frühlings alles Laub die gleiche Farbe und fast die gleiche
Gestalt hat; so sind auch wir in früher Kindheit alle einander ähnlich,
harmoniren daher vortrefflich. Aber mit der Pubertät fängt die Divergenz an
und wird, wie die Radien eines Zirkels, immer größer.

Was nun den Rest der ersten Lebenshälfte, die so viele Vorzüge vor der
zweiten hat, also das jugendliche Alter, trübt, ja unglücklich macht, ist das
Jagen nach Glück, in der festen Voraussetzung, es müsse im Leben
anzutreffen sein. Daraus entspringt die fortwährend getäuschte Hoffnung,
und aus dieser die Unzufriedenheit. Gaukelnde Bilder eines geträumten,
unbestimmten Glückes schweben, unter kapriziös gewählten Gestalten, uns
vor, und wir suchen vergebens ihr Urbild. Daher sind wir in unsern
Jünglingsjahren mit unserer Lage und Umgebung, welche sie auch sei,
meistens unzufrieden; weil wir ihr zuschreiben, was der Leerheit und
Armseligkeit des menschlichen Lebens überall zukommt, und mit der wir
jetzt die erste Bekanntschaft machen, nachdem wir ganz andere Dinge
erwartet hatten. – Man hätte viel gewonnen, wenn man, durch zeitige
Belehrung, den Wahn, daß in der Welt viel zu holen sei, in den Jünglingen
ausrotten könnte. Aber das Umgekehrte geschieht dadurch, daß meistens
uns das Leben früher durch die Dichtung, als durch die Wirklichkeit
bekannt wird. Die von jener geschilderten Szenen prangen im Morgenrot
unserer eigenen Jugend, vor unserm Blick, und nun peinigt uns die
Sehnsucht, sie verwirklicht zu sehn, – den Regenbogen zu fassen. Der
Jüngling erwartet seinen Lebenslauf in Form eines interessanten Romans.
So entsteht die Täuschung, welche ich S. 347 (3. Aufl. 428) des schon
erwähnten zweiten Bandes bereits geschildert habe. Denn was allen jenen
Bildern ihren Reiz verleiht, ist gerade dies, daß sie bloße Bilder und nicht
wirklich sind, und wir daher, bei ihrem Anschauen, uns in der Ruhe und
Allgenugsamkeit des reinen Erkennens befinden. Verwirklicht werden heißt
mit dem Wollen ausgefüllt werden, welches Wollen unausweichbare
Schmerzen herbeiführt. Auch noch auf die Stelle S. 427 (3. Aufl. 488) des
erwähnten Bandes sei der teilnehmende Leser hier hingewiesen.

Ist sonach der Charakter der ersten Lebenshälfte unbefriedigte Sehnsucht
nach Glück; so ist der der zweiten Besorgnis vor Unglück. Denn mit ihr ist,
mehr oder weniger deutlich, die Erkenntnis eingetreten, daß alles Glück

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chimärisch, hingegen das Leiden real sei. Jetzt wird daher, wenigstens von
den vernünftigeren Charakteren, mehr bloße Schmerzlosigkeit und ein
unangefochtener Zustand als Genuß angestrebt[V]. – Wenn, in meinen
Jünglingsjahren, es an meiner Tür schellte, wurde ich vergnügt, denn ich
dachte, nun käme es. Aber in spätern Jahren hatte meine Empfindung, bei
demselben Anlaß, viel mehr etwas dem Schrecken Verwandtes: ich dachte:
»da kommt's.« – Hinsichtlich der Menschenwelt gibt es, für ausgezeichnete
und begabte Individuen, die, eben als solche, nicht so ganz eigentlich zu ihr
gehören und demnach, mehr oder weniger, je nach dem Grad ihrer Vorzüge,
allein stehn, ebenfalls zwei entgegengesetzte Empfindungen: in der Jugend
hat man häufig die, von ihr v e r l a s s e n zu sein; in spätern Jahren
hingegen die, ihr e n t r o n n e n zu sein. Die erstere, eine unangenehme,
beruht auf Unbekanntschaft, die zweite, eine angenehme, auf Bekanntschaft
mit ihr. – Infolge davon enthält die zweite Hälfte des Lebens, wie die zweite
Hälfte einer musikalischen Periode, weniger Strebsamkeit, aber mehr
Beruhigung, als die erste, welches überhaupt darauf beruht, daß man in der
Jugend denkt, in der Welt sei Wunder was für Glück und Genuß
anzutreffen, nur schwer dazu zu gelangen; während man im Alter weiß, daß
da nichts zu holen ist, also, vollkommen darüber beruhigt, eine erträgliche
Gegenwart genießt, und sogar an Kleinigkeiten Freude hat. –

[V] Im Alter versteht man besser die Unglücksfälle zu verhüten; in der Jugend, sie zu
ertragen.

Was der gereifte Mann durch die Erfahrung seines Lebens erlangt hat und
wodurch er die Welt anders sieht als der Jüngling und Knabe, ist zunächst
U n b e f a n g e n h e i t . Er allererst sieht die Dinge ganz einfach und nimmt
sie für das, was sie sind; während dem Knaben und Jüngling ein Trugbild,
zusammengesetzt aus selbstgeschaffenen Grillen, überkommenen
Vorurteilen und seltsamen Phantasien, die wahre Welt bedeckte oder
verzerrte. Denn das Erste, was die Erfahrung zu tun vorfindet, ist uns von
den Hirngespinsten und falschen Begriffen zu befreien, welche sich in der
Jugend angesetzt haben. Vor diesen das jugendliche Alter zu bewahren,
wäre allerdings die beste Erziehung, wenngleich nur eine negative; ist aber
sehr schwer. Man müßte, zu diesem Zwecke, den Gesichtskreis des Kindes

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möglichst enge halten, innerhalb desselben jedoch ihm lauter deutliche und
richtige Begriffe beibringen, und erst nachdem es alles darin Gelegene
richtig erkannt hätte, denselben allmälig erweitern, stets dafür sorgend, daß
nichts Dunkeles, auch nichts halb oder schief Verstandenes, zurück bliebe.
Infolge hievon würden seine Begriffe von Dingen und menschlichen
Verhältnissen, immer noch beschränkt und sehr einfach, dafür aber deutlich
und richtig sein, so daß sie stets nur der Erweiterung, nicht der Berichtigung
bedürften; und so fort bis ins Jünglingsalter hinein. Diese Methode erfordert
insbesondere, daß man keine Romane zu lesen erlaube, sondern sie durch
angemessene Biographien ersetze, wie z. B. die F r a n k l i n s , den Anton
Reiser von Moritz u. dgl. –

Wann wir jung sind, vermeinen wir, daß die in unserm Lebenslauf
wichtigen und folgenreichen Begebenheiten und Personen mit Pauken und
Trompeten auftreten werden: im Alter zeigt jedoch die retrospektive
Betrachtung, daß sie alle ganz still durch die Hintertür, und fast unbeachtet,
hereingeschlichen sind.

Man kann ferner, in der bis hieher betrachteten Hinsicht, das Leben mit
einem gestickten Stoffe vergleichen, von welchem jeder in der ersten Hälfte
seiner Zeit, die rechte, in der zweiten aber die Kehrseite zu sehen bekäme:
letztere ist nicht so schön, aber lehrreicher; weil sie den Zusammenhang der
Fäden erkennen läßt. –

Die geistige Überlegenheit, sogar die größte, wird, in der Konversation,
ihr entschiedenes Übergewicht erst nach dem vierzigsten Jahre geltend
machen. Denn die Reife der Jahre und die Frucht der Erfahrung kann durch
jene wohl vielfach übertroffen, jedoch nie ersetzt werden: sie aber gibt auch
dem gewöhnlichsten Menschen ein gewisses Gegengewicht gegen die
Kräfte des größten Geistes, solange dieser jung ist. Ich meine hier bloß das
Persönliche, nicht die Werke. –

Jeder irgend vorzügliche Mensch, jeder, der nur nicht zu den von der
Natur so traurig dotirten 5/6 der Menschheit gehört, wird, nach dem
vierzigsten Jahre, von einem gewissen Anfluge von Misanthropie
schwerlich frei bleiben. Denn er hatte, wie es natürlich ist, von sich auf
andere geschlossen und ist allmälig enttäuscht worden, hat eingesehn, daß

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sie entweder von der Seite des Kopfes oder des Herzens, meistens sogar
beider, ihm im Rückstand bleiben und nicht quitt mit ihm werden; weshalb
er sich mit ihnen einzulassen gern vermeidet; wie denn überhaupt jeder
nach Maßgabe seines inneren Wertes die Einsamkeit, d. h. seine eigene
Gesellschaft, lieben oder hassen wird. Von dieser Art der Misanthropie
handelt auch K a n t , in der Krit. der Urteilskraft, gegen das Ende der
allgemeinen Anmerkung zum § 29 des ersten Teils.

An einem j u n g e n M e n s c h e n ist es, in intellektueller und auch in
moralischer Hinsicht, ein schlechtes Zeichen, wenn er im Tun und Treiben
der Menschen sich recht früh z u r e c h t e z u f i n d e n weiß, sogleich darin
zu Hause ist und, wie vorbereitet, in dasselbe eintritt: es kündigt
Gemeinheit an. Hingegen deutet, in solcher Beziehung, ein befremdetes,
stutziges, ungeschicktes und verkehrtes Benehmen auf eine Natur edlerer
Art.

Die Heiterkeit und der Lebensmut unserer Jugend beruht zum Teil
darauf, daß wir, bergauf gehend, den Tod nicht sehn; weil er am Fuß der
andern Seite des Berges liegt. Haben wir aber den Gipfel überschritten,
dann werden wir den Tod, welchen wir bis dahin nur vom Hörensagen
kannten, wirklich ansichtig, wodurch, da zu derselben Zeit die Lebenskraft
zu ebben beginnt, auch der Lebensmut sinkt; so daß jetzt ein trüber Ernst
den jugendlichen Übermut verdrängt und auch dem Gesichte sich
aufdrückt. Solange wir jung sind, man mag uns sagen, was man will, halten
wir das Leben für endlos und gehn danach mit der Zeit um. Je älter wir
werden, desto mehr ökonomisiren wir unsere Zeit. Denn im spätern Alter
erregt jeder verlebte Tag eine Empfindung, welche der verwandt ist, die bei
jedem Schritt ein zum Hochgericht geführter Delinquent hat.

Vom Standpunkte der Jugend aus gesehn, ist das Leben eine unendlich
lange Zukunft; vom Standpunkt des Alters aus, eine sehr kurze
Vergangenheit; so daß es anfangs sich uns darstellt wie die Dinge, wann wir
das Objektivglas des Opernguckers ans Auge legen, zuletzt aber wie wann
das Okular. Man muß alt geworden sein, also lange gelebt haben, um zu
erkennen, wie kurz das Leben ist. – Je älter man wird, desto kleiner
erscheinen die menschlichen Dinge samt und sonders: das Leben, welches
in der Jugend als fest und stabil vor uns stand, zeigt sich uns jetzt als die

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rasche Flucht ephemerer Erscheinungen: die Nichtigkeit des Ganzen tritt
hervor. – Die Zeit selbst hat in unserer Jugend einen viel langsameren
Schritt; daher das erste Viertel unsers Lebens nicht nur das glücklichste,
sondern auch das längste ist, so daß es viel mehr Erinnerungen zurückläßt,
und jeder, wenn es darauf ankäme, aus demselben mehr zu erzählen wissen
würde, als aus zweien der folgenden. Sogar werden, wie im Frühling des
Jahres, so auch in dem des Lebens, die Tage zuletzt von einer lästigen
Länge. Im Herbste beider werden sie kurz, aber heiterer und beständiger.

Warum nun aber erblickt man, im Alter, das Leben, welches man hinter
sich hat, so kurz? Weil man es für so kurz hält, wie die Erinnerung
desselben ist. Aus dieser nämlich ist alles Unbedeutende und viel
Unangenehmes herausgefallen, daher wenig übrig geblieben. Denn, wie
unser Intellekt überhaupt sehr unvollkommen ist, so auch das Gedächtnis:
das Erlernte muß geübt, das Vergangene ruminirt werden, wenn nicht beides
allmälig in den Abgrund der Vergessenheit versinken soll. Nun aber pflegen
wir nicht das Unbedeutende, auch meistens nicht das Unangenehme zu
ruminiren; was doch nötig wäre, um es im Gedächtnis aufzubewahren. Des
Unbedeutenden wird aber immer mehr: denn durch die öftere und endlich
zahllose Wiederkehr wird vielerlei, das anfangs uns bedeutend erschien,
allmälig unbedeutend; daher wir uns der früheren Jahre besser als der
späteren erinnern. Je länger wir nun leben, desto weniger Vorgänge
scheinen uns wichtig, oder bedeutend genug, um hinterher noch ruminirt zu
werden, wodurch allein sie im Gedächtnis sich fixiren könnten: sie werden
also vergessen, sobald sie vorüber sind. So läuft denn die Zeit immer
spurloser ab. – Nun ferner das Unangenehme ruminiren wir nicht gern, am
wenigsten aber dann, wenn es unsere Eitelkeit verwundet, welches sogar
meistens der Fall ist; weil wenige Leiden uns ganz ohne unsere Schuld
getroffen haben. Daher also wird ebenfalls viel Unangenehmes vergessen.
Beide Ausfälle nun sind es, die unsere Erinnerung so kurz machen, und
verhältnismäßig immer kürzer, je länger ihr Stoff wird. Wie die
Gegenstände auf dem Ufer, von welchem man zu Schiffe sich entfernt,
immer kleiner, unkenntlicher und schwerer zu unterscheiden werden; so
unsere vergangenen Jahre, mit ihren Erlebnissen und ihrem Tun. Hiezu
kommt, daß bisweilen Erinnerung und Phantasie uns eine längst vergangene
Szene unseres Lebens so lebhaft vergegenwärtigen wie den gestrigen Tag;
wodurch sie dann ganz nahe an uns herantritt; dies entsteht dadurch, daß es

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unmöglich ist, die lange zwischen jetzt und damals verstrichene Zeit uns
ebenso zu vergegenwärtigen, indem sie sich nicht so in einem Bilde
überschauen läßt, und überdies auch die Vorgänge in derselben größtenteils
vergessen sind, und bloß eine allgemeine Erkenntnis in abstracto von ihr
übriggeblieben ist, ein bloßer Begriff, keine Anschauung. Daher nun also
erscheint das längst Vergangene im einzelnen uns so nahe, als wäre es erst
gestern gewesen, die dazwischen liegende Zeit aber verschwindet, und das
ganze Leben stellt sich als unbegreiflich kurz dar. Sogar kann bisweilen im
Alter die lange Vergangenheit, die wir hinter uns haben, und damit unser
eigenes Alter, im Augenblick uns beinahe fabelhaft vorkommen; welches
hauptsächlich dadurch entsteht, daß wir zunächst noch immer dieselbe,
stehende Gegenwart vor uns sehn. Dergleichen innere Vorgänge beruhen
aber zuletzt darauf, daß nicht unser Wesen an sich selbst, sondern nur die
Erscheinung desselben in der Zeit liegt, und daß die Gegenwart der
Berührungspunkt zwischen Objekt und Subjekt ist. – Und warum nun
wieder erblickt man in der Jugend das Leben, welches man noch vor sich
hat, so unabsehbar lang? Weil man Platz haben muß für die grenzenlosen
Hoffnungen, mit denen man es bevölkert, und zu deren Verwirklichung
Methusalem zu jung stürbe; sodann, weil man zum Maßstabe desselben die
wenigen Jahre nimmt, welche man schon hinter sich hat und deren
Erinnerung stets stoffreich, folglich lang ist, indem die Neuheit alles
bedeutend erscheinen ließ, weshalb es hinterher noch ruminirt, also oft in
der Erinnerung wiederholt und dadurch ihr eingeprägt wurde.

Bisweilen glauben wir, uns nach einem fernen O r t e zurückzusehnen,
während wir eigentlich uns nur nach der Z e i t zurücksehnen, die wir dort
verlebt haben, da wir jünger und frischer waren. So täuscht uns alsdann die
Zeit unter der Maske des Raumes. Reisen wir hin, so werden wir der
Täuschung inne. –

Ein hohes Alter zu erreichen, gibt es, bei fehlerfreier Konstitution, als
conditio sine qua non, zwei Wege, die man am Brennen zweier Lampen
erläutern kann: die eine brennt lange, weil sie, bei wenigem Öl, einen sehr
dünnen Docht hat; die andere, weil sie, zu einem starken Docht, auch viel
Öl hat: das Öl ist die Lebenskraft, der Docht der Verbrauch derselben auf
jede Art und Weise.

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Hinsichtlich der L e b e n s k r a f t sind wir, bis zum 36sten Jahre, denen
zu vergleichen, welche von ihren Zinsen leben: was heute ausgegeben wird,
ist morgen wieder da. Aber von jenem Zeitpunkt an ist unser Analogon der
Rentier, welcher anfängt, sein Kapital anzugreifen. Im Anfang ist die Sache
gar nicht merklich: der größte Teil der Ausgabe stellt sich immer noch von
selbst wieder her: ein geringes Defizit dabei wird nicht beachtet. Dieses
aber wächst allmälig, wird merklich, seine Zunahme selbst nimmt mit
jedem Tage zu: sie reißt immer mehr ein, jedes Heute ist ärmer als das
Gestern, ohne Hoffnung auf Stillstand. So beschleunigt sich, wie der Fall
der Körper, die Abnahme immer mehr, – bis zuletzt nichts mehr übrig ist.
Ein gar trauriger Fall ist es, wenn beide hier Verglichene, Lebenskraft und
Eigentum, wirklich zusammen im Wegschmelzen begriffen sind: daher eben
wächst mit dem Alter die Liebe zum Besitze. – Hingegen anfangs, bis zur
Volljährigkeit und noch etwas darüber hinaus, gleichen wir, hinsichtlich der
Lebenskraft, denen, welche von den Zinsen noch etwas zum Kapitale legen:
nicht nur das Ausgegebene stellt sich von selbst wieder ein, sondern das
Kapital wächst. Und wieder ist auch dieses bisweilen, durch die Fürsorge
eines redlichen Vormundes, zugleich mit dem Gelde der Fall. O glückliche
Jugend! o trauriges Alter! – Nichtsdestoweniger soll man die Jugendkräfte
schonen. Aristoteles bemerkt (Polit. L. ult. c. 5), daß von den olympischen
Siegern nur zwei oder drei einmal als Knaben und dann wieder als Männer
gesiegt hätten; weil durch die frühe Anstrengung, welche die Vorübung
erfordert, die Kräfte so erschöpft werden, daß sie nachmals, im
Mannesalter, fehlen. Wie dies von der Muskelkraft gilt, so noch mehr von
der Nervenkraft, deren Äußerung alle intellektuelle Leistungen sind: daher
werden die ingenia praecocia, die Wunderkinder, die Früchte der
Treibhauserziehung, welche als Knaben Erstaunen erregen, nachmals sehr
gewöhnliche Köpfe. Sogar mag die frühe, erzwungene Anstrengung zur
Erlernung der alten Sprachen schuld haben an der nachmaligen Lahmheit
und Urteilslosigkeit so vieler gelehrter Köpfe. –

Ich habe die Bemerkung gemacht, daß der Charakter fast jedes Menschen
einem Lebensalter vorzugsweise angemessen zu sein scheint; so daß er in
diesem sich vorteilhafter ausnimmt. Einige sind liebenswürdige Jünglinge,
und dann ist's vorbei; andere kräftige, tätige Männer, denen das Alter allen
Wert raubt; manche stellen sich am vorteilhaftesten im Alter dar, als wo sie
milder, weil erfahrener und gelassener sind: dies ist oft bei Franzosen der

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Fall. Die Sache muß darauf beruhen, daß der Charakter selbst etwas
Jugendliches, Männliches oder Ältliches an sich hat, womit das jedesmalige
Lebensalter übereinstimmt, oder als Korrektiv entgegenwirkt.

Wie man, auf einem Schiffe befindlich, sein Vorwärtskommen nur am
Zurückweichen und demnach Kleinerwerden der Gegenstände auf dem
Ufer bemerkt; so wird man sein Alt- und Älterwerden daran inne, daß Leute
von immer höhern Jahren einem jung vorkommen.

Schon oben ist erörtert worden, wie und warum alles, was man sieht, tut
und erlebt, je älter man wird, desto wenigere Spuren im Geiste zurückläßt.
In diesem Sinne ließe sich behaupten, daß man allein in der Jugend mit
vollem Bewußtsein lebte; im Alter nur noch mit halbem. Je älter man wird,
mit desto wenigerem Bewußtsein lebt man: die Dinge eilen vorüber, ohne
Eindruck zu machen; wie das Kunstwerk, welches man tausendmal gesehn
hat, keinen macht: man tut, was man zu tun hat, und weiß hinterher nicht,
ob man es getan. Indem nun also das Leben immer unbewußter wird, je
mehr es der gänzlichen Bewußtlosigkeit zueilt, so wird eben dadurch der
Lauf der Zeit auch immer schleuniger. In der Kindheit bringt die Neuheit
aller Gegenstände und Begebenheiten jegliches zum Bewußtsein: daher ist
der Tag unabsehbar lang. Dasselbe widerfährt uns auf Reisen, wo deshalb
e i n Monat länger erscheint, als vier zu Hause. Diese Neuheit der Dinge
verhindert jedoch nicht, daß die, in beiden Fällen, länger scheinende Zeit
uns auch in beiden oft wirklich »lang wird«, mehr als im Alter, oder mehr
als zu Hause. Allmälig aber wird, durch die lange Gewohnheit derselben
Wahrnehmungen, der Intellekt so abgeschliffen, daß immer mehr alles
wirkungslos darüber hingleitet; wodurch dann die Tage immer
unbedeutender und dadurch kürzer werden: die Stunden des Knaben sind
länger als die Tage des Alten. Demnach hat die Zeit unsers Lebens eine
beschleunigte Bewegung, wie die einer herabrollenden Kugel; und wie auf
einer sich drehenden Scheibe jeder Punkt um so schneller läuft, als er weiter
vom Zentro abliegt; so verfließt jedem, nach Maßgabe seiner Entfernung
vom Lebensanfange, die Zeit schneller und immer schneller. Man kann
demzufolge annehmen, daß, in der unmittelbaren Schätzung unsers
Gemütes, die Länge eines Jahres im umgekehrten Verhältnisse des
Quotienten desselben in unser Alter steht: wenn z. B. das Jahr 1/5 unsers
Alters beträgt, erscheint es uns zehnmal so lang, als wenn es nur 1/50

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desselben ausmacht. Diese Verschiedenheit in der Geschwindigkeit der Zeit
hat auf die ganze Art unsers Daseins in jedem Lebensalter den
entschiedensten Einfluß. Zunächst bewirkt sie, daß das Kindesalter, wenn
auch nur etwan 15 Jahre umfassend, doch die längste Zeit des Lebens, und
daher die reichste an Erinnerungen ist; sodann daß wir durchweg der
Langenweile im umgekehrten Verhältnis unsers Alters unterworfen sind:
Kinder bedürfen ständig des Zeitvertreibs, sei er Spiel oder Arbeit; stockt er,
so ergreift sie augenblicklich entsetzliche Langeweile. Auch Jünglinge sind
ihr noch sehr unterworfen und sehn mit Besorgnis auf unausgefüllte
Stunden. Im männlichen Alter schwindet die Langeweile mehr und mehr:
Greisen wird die Zeit stets zu kurz und die Tage fliegen pfeilschnell
vorüber. Versteht sich, daß ich von Menschen, nicht von altgewordenem
Vieh rede. Durch diese Beschleunigung des Laufes der Zeit fällt also in
spätern Jahren meistens die Langeweile weg, und da andrerseits auch die
Leidenschaften, mit ihrer Qual, verstummen; so ist, wenn nur die
Gesundheit sich erhalten hat, im Ganzen genommen, die Last des Lebens
wirklich geringer als in der Jugend: daher nennt man den Zeitraum, welcher
dem Eintritt der Schwäche und der Beschwerden des höhern Alters
vorhergeht, »die besten Jahre«. In Hinsicht auf unser Wohlbehagen mögen
sie es wirklich sein: hingegen bleibt den Jugendjahren, als wo alles
Eindruck macht und jedes lebhaft ins Bewußtsein tritt, der Vorzug, die
befruchtende Zeit für den Geist, der blütenansetzende Frühling desselben zu
sein. Tiefe Wahrheiten nämlich lassen sich nur erschauen, nicht errechnen,
d. h. ihre erste Erkenntnis ist eine unmittelbare und wird durch den
momentanen Eindruck hervorgerufen: sie kann folglich nur eintreten, so
lange dieser stark, lebhaft und tief ist. Demnach hängt, in dieser Hinsicht,
alles von der Benutzung der Jugendjahre ab. In den späteren können wir
mehr auf andere, ja, auf die Welt einwirken: weil wir selbst vollendet und
abgeschlossen sind und nicht mehr dem Eindruck angehören: aber die Welt
wirkt weniger auf uns. Diese Jahre sind daher die Zeit des Tuns und
Leistens; jene aber die des ursprünglichen Auffassens und Erkennens.

In der Jugend herrscht die Anschauung, im Alter das Denken vor: daher
ist jene die Zeit für Poesie; dieses mehr für Philosophie. Auch praktisch läßt
man sich in der Jugend durch das Angeschaute und dessen Eindruck, im
Alter nur durch das Denken bestimmen. Zum Teil beruht dies darauf, daß
erst im Alter anschauliche Fälle in hinlänglicher Anzahl dagewesen und den

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Begriffen subsumirt worden sind, um diesen volle Bedeutung, Gehalt und
Kredit zu verschaffen und zugleich den Eindruck der Anschauung, durch
die Gewohnheit, zu mäßigen. Hingegen ist in der Jugend, besonders auf
lebhafte und phantasiereiche Köpfe, der Eindruck des Anschaulichen,
mithin auch der Außenseite der Dinge, so überwiegend, daß sie die Welt
ansehn als ein Bild; daher ihnen hauptsächlich angelegen ist, wie sie darauf
figuriren und sich ausnehmen, – mehr, als wie ihnen innerlich dabei zumute
sei. Dies zeigt sich schon in der persönlichen Eitelkeit und Putzsucht der
Jünglinge.

Die größte Energie und höchste Spannung der Geisteskräfte findet, ohne
Zweifel, in der Jugend statt, spätestens bis ins 35ste Jahr: von dem an
nimmt sie, wiewohl sehr langsam, ab. Jedoch sind die späteren Jahre, selbst
das Alter, nicht ohne geistige Kompensation dafür. Erfahrung und
Gelehrsamkeit sind erst jetzt eigentlich reich geworden: man hat Zeit und
Gelegenheit gehabt, die Dinge von allen Seiten zu betrachten und zu
bedenken, hat jedes mit jedem zusammengehalten und ihre
Berührungspunkte und Verbindungsglieder herausgefunden; wodurch man
sie allererst jetzt so recht im Zusammenhange versteht. Alles hat sich
abgeklärt. Deshalb weiß man selbst das, was man schon in der Jugend
wußte, jetzt viel gründlicher; da man zu jedem Begriffe viel mehr Belege
hat. Was man in der Jugend zu wissen glaubte, das weiß man im Alter
wirklich, überdies weiß man auch wirklich viel mehr und hat eine nach
allen Seiten durchdachte und dadurch ganz eigentlich zusammenhängende
Erkenntnis; während in der Jugend unser Wissen stets lückenhaft und
fragmentarisch ist. Nur w e r a l t w i r d , erhält eine vollständige und
angemessene Vorstellung vom Leben, indem er es in seiner Ganzheit und
seinem natürlichen Verlauf, besonders aber nicht bloß, wie die übrigen, von
der Eingangs-, sondern auch von der Ausgangsseite übersieht, wodurch er
dann besonders die Nichtigkeit desselben vollkommen erkennt; während
die übrigen stets noch in dem Wahne befangen sind, das Rechte werde noch
erst kommen. Dagegen ist in der Jugend mehr Konzeption; daher man
alsdann aus dem Wenigen, was man kennt, mehr zu machen imstande ist:
aber im Alter ist mehr Urteil, Penetration und Gründlichkeit. Den Stoff
seiner selbsteigenen Erkenntnisse, seiner originalen Grundansichten, also
das, was ein bevorzugter Geist der Welt zu schenken bestimmt ist, sammelt
er schon in der Jugend ein: aber seines Stoffes Meister wird er erst in späten

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Jahren. Demgemäß wird man meistenteils finden, daß die großen
Schriftsteller ihre Meisterwerke um das fünfzigste Jahr herum geliefert
haben. Dennoch bleibt die Jugend die Wurzel des Baumes der Erkenntnis;
wenngleich erst die Krone die Früchte trägt. Wie aber jedes Zeitalter, auch
das erbärmlichste, sich für viel weiser hält als das ihm zunächst
vorhergegangene, nebst früheren; ebenso jedes Lebensalter des Menschen:
doch irren beide sich oft. In den Jahren des leiblichen Wachstums, wo wir
auch an Geisteskräften und Erkenntnissen täglich zunehmen, gewöhnt sich
das Heute mit Geringschätzung auf das Gestern herabzusehn. Diese
Gewohnheit wurzelt ein und bleibt auch dann, wenn das Sinken der
Geisteskräfte eingetreten ist und das Heute vielmehr mit Verehrung auf das
Gestern blicken sollte; daher wir dann sowohl die Leistungen wie die
Urteile unsrer jungen Jahre oft zu gering anschlagen.

Überhaupt ist hier zu bemerken, daß, ob zwar, wie der Charakter oder das
Herz des Menschen, so auch der Intellekt, der Kopf, seinen
Grundeigenschaften nach, angeboren ist, dennoch dieser keineswegs so
unveränderlich bleibt wie jener, sondern gar manchen Umwandelungen
unterworfen ist, die sogar, im ganzen, regelmäßig eintreten; weil sie teils
darauf beruhen, daß er eine physische Grundlage, teils darauf, daß er einen
empirischen Stoff hat. So hat seine eigene Kraft ihr allmäliges Wachstum,
bis zur Akme, und dann ihre allmälige Dekadenz, bis zur Imbezillität. Dabei
nun aber ist andrerseits der Stoff, der alle diese Kräfte beschäftigt und in
Tätigkeit erhält, also der Inhalt des Denkens und Wissens, die Erfahrung,
die Kenntnisse, die Übung und dadurch die Vollkommenheit der Einsicht,
eine stets wachsende Größe, bis etwan zum Eintritt entschiedener
Schwäche, die alles fallen läßt. Dies Bestehn des Menschen aus einem
schlechthin Unveränderlichen und einem regelmäßig, auf zweifache und
entgegengesetzte Weise, Veränderlichen erklärt die Verschiedenheit seiner
Erscheinung und Geltung in verschiedenen Lebensaltern.

Im weitern Sinne kann man auch sagen: die ersten vierzig Jahre unsers
Lebens liefern den Text, die folgenden dreißig den Kommentar dazu, der
uns den wahren Sinn und Zusammenhang des Textes, nebst der Moral und
allen Feinheiten desselben, erst recht verstehn lehrt.

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Gegen das Ende des Lebens nun gar geht es wie gegen das Ende eines
Maskenballs, wenn die Larven abgenommen werden. Man sieht jetzt, wer
diejenigen, mit denen man, während seines Lebenslaufes in Berührung
gekommen war, eigentlich gewesen sind. Denn die Charaktere haben sich
an den Tag gelegt, die Taten haben ihre Früchte getragen, die Leistungen
ihre gerechte Würdigung erhalten und alle Trugbilder sind zerfallen. Zu
diesem allen nämlich war Zeit erfordert. – Das Seltsamste aber ist, daß man
sogar sich selbst, sein eigenes Ziel und Zwecke, erst gegen das Ende des
Lebens eigentlich erkennt und versteht, zumal in seinem Verhältnis zur
Welt, zu den andern. Zwar oft, aber nicht immer, wird man dabei sich eine
niedrigere Stelle anzuweisen haben, als man früher vermeint hatte; sondern
bisweilen auch eine höhere, welches dann daher kommt, daß man von der
Niedrigkeit der Welt keine ausreichende Vorstellung gehabt hatte und
demnach sein Ziel höher steckte als sie. Man erfährt beiläufig, was an
einem ist. –

Man pflegt die Jugend die glücklichste Zeit des Lebens zu nennen, und
das Alter die traurige. Das wäre wahr, wenn die Leidenschaften glücklich
machten. Von diesen wird die Jugend hin- und hergerissen, mit wenig
Freude und vieler Pein. Dem kühlen Alter lassen sie Ruhe, und alsbald
erhält es einen kontemplativen Anstrich: denn die Erkenntnis wird frei und
erhält die Oberhand. Weil nun diese, an sich selbst, schmerzlos ist, so wird
das Bewußtsein, je mehr sie darin vorherrscht, desto glücklicher. Man
braucht nur zu erwägen, daß aller Genuß negativer, der Schmerz positiver
Natur ist, um zu begreifen, daß die Leidenschaften nicht beglücken können
und daß das Alter deshalb, daß manche Genüsse ihm versagt sind, nicht zu
beklagen ist. Denn jeder Genuß ist immer nur die Stillung eines
Bedürfnisses: daß nun mit diesem auch jener wegfällt, ist so wenig
beklagenswert, wie daß einer nach Tische nicht mehr essen kann und nach
ausgeschlafener Nacht wach bleiben muß. Viel richtiger schätzt Plato (im
Eingang zur Republik) das Greisenalter glücklich, sofern es den bis dahin
uns unablässig beunruhigenden Geschlechtstrieb endlich los ist. Sogar ließe
sich behaupten, daß die mannigfaltigen und endlosen Grillen, welche der
Geschlechtstrieb erzeugt, und die aus ihnen entstehenden Affekte einen
beständigen, gelinden Wahnsinn im Menschen unterhalten, solange er unter
dem Einfluß jenes Triebes oder jenes Teufels, von dem er stets besessen ist,
steht; so daß er erst nach Erlöschen desselben ganz vernünftig würde.

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Gewiß aber ist, daß, im allgemeinen und abgesehn von allen individuellen
Umständen und Zuständen, der Jugend eine gewisse Melancholie und
Traurigkeit, dem Alter eine gewisse Heiterkeit eigen ist: und der Grund
hievon ist kein anderer, als daß die Jugend noch unter der Herrschaft, ja
dem Frondienst jenes Dämons steht, der ihr nicht leicht eine freie Stunde
gönnt und zugleich der unmittelbare oder mittelbare Urheber fast alles und
jedes Unheils ist, das den Menschen trifft oder bedroht: das Alter aber hat
die Heiterkeit dessen, der eine lange getragene Fessel los ist und sich nun
frei bewegt. – Andrerseits jedoch ließe sich sagen, daß nach erloschenem
Geschlechtstrieb der eigentliche Kern des Lebens verzehrt und nur noch die
Schale desselben vorhanden sei, ja, daß es einer Komödie gliche, die von
Menschen angefangen, nachher von Automaten, in deren Kleidern, zu Ende
gespielt werde.

Wie dem auch sei, die Jugend ist die Zeit der Unruhe; das Alter die der
Ruhe: schon hieraus ließe sich auf ihr beiderseitiges Wohlbehagen
schließen. Das Kind streckt seine Hände begehrlich aus, ins Weite, nach
allem, was es da so bunt und vielgestaltet vor sich sieht: denn es wird
dadurch gereizt; weil sein Sensorium noch so frisch und jung ist. Dasselbe
tritt, mit größerer Energie, beim Jüngling ein. Auch er wird gereizt von der
bunten Welt und ihren vielfältigen Gestalten: sofort macht seine Phantasie
mehr daraus, als die Welt je verleihen kann. Daher ist er voll Begehrlichkeit
und Sehnsucht ins Unbestimmte: diese nehmen ihm die Ruhe, ohne welche
kein Glück ist. Im Alter hingegen hat sich das alles gelegt; teils weil das
Blut kühler und die Reizbarkeit des Sensoriums minder geworden ist; teils
weil Erfahrung über den Wert der Dinge und den Gehalt der Genüsse
aufgeklärt hat, wodurch man die Illusionen, Chimären und Vorurteile,
welche früher die freie und reine Ansicht der Dinge verdeckten und
entstellten, allmälig losgeworden ist; so daß man jetzt alles richtiger und
klarer erkennt und es nimmt für das, was es ist, auch, mehr oder weniger,
zur Einsicht in die Nichtigkeit aller irdischen Dinge gekommen ist. Dies
eben ist es, was fast jedem Alten, selbst dem von sehr gewöhnlichen
Fähigkeiten, einen gewissen Anstrich von Weisheit gibt, der ihn vor den
Jüngern auszeichnet. Hauptsächlich aber ist durch dies alles Geistesruhe
herbeigeführt worden: diese aber ist ein großer Bestandteil des Glückes,
eigentlich sogar die Bedingung und das Wesentliche desselben. Während
demnach der Jüngling meint, daß wunder was in der Welt zu holen sei,

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wenn er nur erfahren könnte, wo; ist der Alte vom Kohelethischen »es ist
alles eitel« durchdrungen und weiß, daß alle Nüsse hohl sind, wie sehr sie
auch vergoldet sein mögen.

Erst im spätern Alter erlangt der Mensch ganz eigentlich das horazische
nil admirari, d. h. die unmittelbare, aufrichtige und feste Überzeugung von
der Eitelkeit aller Dinge und der Hohlheit aller Herrlichkeiten der Welt: die
Chimären sind verschwunden. Er wähnt nicht mehr, daß irgendwo, sei es im
Palast oder der Hütte, eine besondere Glückseligkeit wohne, eine größere
als im wesentlichen auch er überall genießt, wenn er von leiblichen oder
geistigen Schmerzen eben frei ist. Das Große und das Kleine, das Vornehme
und Geringe, nach dem Maßstab der Welt, sind für nicht mehr
unterschieden. Dies gibt dem Alten eine besondere Gemütsruhe, in welcher
er lächelnd auf die Gaukeleien der Welt herabsieht. Er ist vollkommen
enttäuscht und weiß, daß das menschliche Leben, was man auch tun mag es
herauszuputzen und zu behängen, doch bald durch allen solchen
Jahrmarktsflitter, in seiner Dürftigkeit durchscheint und, wie man es auch
färbe und schmücke, doch überall im wesentlichen dasselbe ist, ein Dasein,
dessen wahrer Wert jedesmal nur nach der Abwesenheit der Schmerzen,
nicht nach der Anwesenheit der Genüsse, noch weniger des Prunkes zu
schätzen ist. (Hor. epist. L. I, 12, v. 1-4.) Der Grundcharakterzug des höhern
Alters ist das Enttäuschtsein: die Illusionen sind verschwunden, welche bis
dahin dem Leben seinen Reiz und der Tätigkeit ihren Sporn verliehen; man
hat das Nichtige und Leere aller Herrlichkeiten der Welt, zumal des
Prunkes, Glanzes und Hoheitsscheins erkannt; man hat erfahren, daß hinter
den meisten gewünschten Dingen und ersehnten Genüssen gar wenig steckt,
und ist so allmälig zu der Einsicht in die große Armut und Leere unsers
ganzen Daseins gelangt. Erst im 70. Jahre versteht man ganz den ersten
Vers des Koheleth. Dies ist es aber auch, was dem Alter einen gewissen
grämlichen Anstrich gibt. –

Gewöhnlich meint man, das Los der Alten sei Krankheit und Langeweile.
Erstere ist dem Alter gar nicht wesentlich, zumal nicht, wenn dasselbe hoch
gebracht werden soll: denn crescente vita, crescit sanitas et morbus. Und
was die Langeweile betrifft, so habe ich oben gezeigt, warum das Alter ihr
sogar weniger, als die Jugend, ausgesetzt ist: auch ist dieselbe durchaus
keine notwendige Begleiterin der Einsamkeit, welcher, aus leicht

Page 194

abzusehenden Ursachen, das Alter uns allerdings entgegenführt; sondern sie
ist es nur für diejenigen, welche keine anderen, als sinnliche und
gesellschaftliche Genüsse gekannt, ihren Geist unbereichert und ihre Kräfte
unentwickelt gelassen haben. Zwar nehmen, im höhern Alter, auch die
Geisteskräfte ab: aber wo viel war, wird zur Bekämpfung der Langenweile
immer noch genug übrig bleiben. Sodann nimmt, wie oben gezeigt worden,
durch Erfahrung, Kenntnis, Übung und Nachdenken, die richtige Einsicht
immer noch zu, das Urteil schärft sich und der Zusammenhang wird klar;
man gewinnt in allen Dingen mehr und mehr eine zusammenfassende
Übersicht des Ganzen: so hat dann, durch immer neue Kombinationen der
aufgehäuften Erkenntnisse und gelegentliche Bereicherung derselben, die
eigene innerste Selbstbildung in allen Stücken noch immer ihren Fortgang,
beschäftigt, befriedigt und belohnt den Geist. Durch dieses alles wird die
erwähnte Abnahme in gewissem Grade kompensirt. Zudem läuft, wie
gesagt, im Alter die Zeit viel schneller; was der Langenweile
entgegenwirkt. Die Abnahme der Körperkräfte schadet wenig, wenn man
ihrer nicht zum Erwerbe bedarf. Armut im Alter ist ein großes Unglück. Ist
diese gebannt und die Gesundheit geblieben; so kann das Alter ein sehr
erträglicher Teil des Lebens sein. Bequemlichkeit und Sicherheit sind seine
Hauptbedürfnisse: daher liebt man im Alter, noch mehr als früher, das Geld;
weil es den Ersatz für die fehlenden Kräfte gibt. Von der Venus entlassen,
wird man gern eine Aufheiterung beim Bacchus suchen. An die Stelle des
Bedürfnisses zu sehn, zu reisen und zu lernen ist das Bedürfnis zu lehren
und zu sprechen getreten. Ein Glück aber ist es, wenn dem Greise noch die
Liebe zu seinem Studium, auch zur Musik, zum Schauspiele und überhaupt
eine gewisse Empfänglichkeit für das Äußere geblieben ist; wie diese
allerdings bei einigen bis ins späteste Alter fortdauert. Was einer »an sich
hat,« kommt ihm nie mehr zugute als im Alter. Die meisten freilich, als
welche stets stumpf waren, werden im höhern Alter mehr und mehr zu
Automaten: sie denken, sagen und tun immer dasselbe, und kein äußerer
Eindruck vermag etwas daran zu ändern oder etwas Neues aus ihnen
hervorzurufen. Zu solchen Greisen zu reden, ist wie in den Sand zu
schreiben: der Eindruck verlischt fast unmittelbar darauf. Ein Greisentum
dieser Art ist denn freilich nur das caput mortuum des Lebens. – Den
Eintritt der zweiten Kindheit im hohen Alter scheint die Natur durch das, in
seltenen Fällen, alsdann sich einstellende dritte Zahnen symbolisiren zu
wollen.

Page 195

Das Schwinden aller Kräfte im zunehmenden Alter, und immer mehr und
mehr, ist allerdings sehr traurig, doch ist es notwendig, ja wohltätig, weil
sonst der Tod zu schwer werden würde, dem es vorarbeitet. Daher ist der
größte Gewinn, den das Erreichen eines sehr hohen Alters bringt, die
Euthanasie, das überaus leichte, durch keine Krankheit eingeleitete, von
keiner Zuckung begleitete und gar nicht gefühlte Sterben; von welchem
man im zweiten Bande meines Hauptwerkes, Kap. 41, S. 470 (3. Aufl. 534),
eine Schilderung findet. –

Im Upanischad des Veda (Vol. II, p. 53) wird d i e n a t ü r l i c h e
L e b e n s d a u e r auf 100 Jahre angegeben. Ich glaube, mit Recht; weil ich
bemerkt habe, daß nur die, welche das 90ste Jahr überschritten haben, der
E u t h a n a s i e teilhaftig werden, d. h. ohne alle Krankheit, auch ohne
Apoplexie, ohne Zuckung, ohne Röcheln, ja bisweilen ohne zu erblassen,
meistens sitzend, und zwar nach dem Essen, sterben, oder vielmehr gar
nicht sterben, sondern nur zu leben aufhören. In jedem früheren Alter stirbt
man bloß an Krankheiten, also vorzeitig[W]. –

Page 196

[W] [Variante:] Im A. T. wird (Psalm 90, 10) die menschliche Lebensdauer auf 70
und, wenn es hoch kommt, 80 Jahre gesetzt, und, was mehr auf sich hat,
H e r o d o t (I, 32 und III, 22) sagt dasselbe. Es ist aber doch falsch und ist bloß
das Resultat einer rohen und oberflächlichen Auffassung der täglichen Erfahrung.
Denn wenn die natürliche Lebensdauer 70-80 Jahre wäre, so müßten die Leute
zwischen 70 und 80 Jahren v o r A l t e r sterben. Dies aber ist gar nicht der Fall:
sie sterben, wie die jüngeren, an K r a n k h e i t e n ; die Krankheit aber ist
wesentlich eine Abnormität: also ist dies nicht das natürliche Ende. Erst
zwischen 90 und 100 Jahren sterben die Menschen, dann aber in der Regel v o r
A l t e r , ohne Krankheit, ohne Todeskampf, ohne Röcheln, ohne Zuckung,
bisweilen ohne zu erblassen, welches die E u t h a n a s i e heißt. Daher hat auch
hier der U p a n i s c h a d recht, welcher die natürliche Lebensdauer auf 100 Jahre
setzt.

Das menschliche Leben ist eigentlich weder lang noch kurz zu nennen[X];
weil es im Grunde das Maß ist, wonach wir alle andern Zeitlängen
abschätzen. –

[X] Denn, wenn man auch noch so lange lebt, hat man doch nie mehr inne, als die
unteilbare Gegenwart: die Erinnerung aber verliert täglich mehr durch die
Vergessenheit, als sie durch den Zuwachs gewinnt.

Der Grundunterschied zwischen Jugend und Alter bleibt immer, daß jene
das Leben im Prospekt hat, dieses den Tod; daß also jene eine kurze
Vergangenheit und lange Zukunft besitzt; dieses umgekehrt. Allerdings hat
man, wenn man alt ist, nur noch den Tod vor sich; aber wenn man jung ist,
hat man das Leben vor sich; und es fragt sich, welches von beiden
bedenklicher sei, und ob nicht, im ganzen genommen, das Leben eine Sache
sei, die es besser ist hinter sich, als vor sich zu haben; sagt doch schon
Koheleth (7, 2): »der Tag des Todes ist besser denn der Tag der Geburt.«
Ein sehr langes Leben zu begehren, ist jedenfalls ein verwegener Wunsch.
Denn quien larga vida vive mucho mal vive sagt das spanische
Sprichwort. –

Page 197

Zwar ist nicht, wie die Astrologie es wollte, der Lebenslauf der einzelnen
in den Planeten vorgezeichnet; wohl aber der Lebenslauf des Menschen
überhaupt, sofern jedem Alter desselben ein Planet, der Reihenfolge nach,
entspricht, und sein Leben demnach sukzessive von allen Planeten
beherrscht wird. – Im zehnten Lebensjahre regiert M e r k u r . Wie dieser
bewegt der Mensch sich schnell und leicht, im engsten Kreise: er ist durch
Kleinigkeiten umzustimmen, aber er lernt viel und leicht, unter der
Herrschaft des Gottes der Schlauheit und Beredsamkeit. – Mit dem
zwanzigsten Jahre tritt die Herrschaft der Ve n u s ein: Liebe und Weiber
haben ihn ganz im Besitze. Im dreißigsten Lebensjahre herrscht M a r s : der
Mensch ist jetzt stark, heftig, kühn, kriegerisch und trotzig. – Im vierzigsten
regieren die 4 P l a n e t o i d e n : sein Leben geht demnach in die Breite: er
ist frugi, d. h. fröhnt dem Nützlichen, kraft der C e r e s : er hat seinen
eigenen Herd, kraft der Ve s t a : er hat gelernt, was er zu wissen braucht,
kraft der P a l l a s : und als J u n o regiert die Herrin des Hauses, seine
Gattin[Y]. – Im fünfzigsten Jahre aber herrscht J u p i t e r . Schon hat der
Mensch die meisten überlebt, und dem jetzigen Geschlechte fühlt er sich
überlegen. Noch im vollen Genuß seiner Kraft, ist er reich an Erfahrung
und Kenntnis: er hat (nach Maßgabe seiner Individualität und Lage)
Autorität über alle, die ihn umgeben. Er will demnach sich nicht mehr
befehlen lassen, sondern selbst befehlen. Zum Lenker und Herrscher, in
seiner Sphäre ist er jetzt am geeignetsten. So kulminirt Jupiter und mit ihm
der Fünfzigjährige. – Dann aber folgt im sechzigsten Jahre S a t u r n und
mit ihm die Schwere, Langsamkeit und Zähigkeit des B l e i e s :

But old folks, many feign as they were dead;
Unwieldy, slow, heavy and pale as lead[Z],

Rom. et. Jul. A. 2 sc. 5.

[Y] Die zirka 60 seitdem noch hinzu entdeckten Planetoiden sind eine Neuerung, von
der ich nichts wissen will. Ich mache es daher mit ihnen, wie mit mir die
Philosophieprofessoren: ich ignorire sie, weil sie nicht in meinen Kram passen.

Page 198

[Z]
Viel Alte scheinen schon den Toten gleich:
Wie Blei, schwer, zähe, ungelenk und bleich.

Zuletzt kommt U r a n u s : da geht man, wie es heißt, in den Himmel. Den
N e p t u n (so hat ihn leider die Gedankenlosigkeit getauft) kann ich hier
nicht in Rechnung ziehn; weil ich ihn nicht bei seinem wahren Namen
nennen darf, der E r o s ist. Sonst wollte ich zeigen, wie sich an das Ende
der Anfang knüpft, wie nämlich der Eros mit dem Tode in einem geheimen
Zusammenhange steht, vermöge dessen der Orkus oder Amenthes der
Ägypter (nach Plutarch de Iside et Os. c. 29), der λαμβανων και διδους, also
nicht nur der Nehmende, sondern auch der Gebende, und der Tod das große
réservoir des Lebens ist. Daher also, daher, aus dem Orkus, kommt alles,
und dort ist schon jedes gewesen, das jetzt Leben hat: – wären wir nur
fähig, den Taschenspielerstreich zu begreifen, vermöge dessen das
geschieht; dann wäre alles klar.

Ende.

Page 199

Anmerkungen zur Transkription:

Bei der Transkription erfolgte Korrekturen:

Im Kontext "gewissermaßen auf einer Akkommodation":
statt "Akkommodation" stand "Akkomodation".
Im Kontext "παντες ὁσοι περιττοι γεγονασιν ανδρες, η κατα
φιλοσοφιαν, η πολιτικην, η ποιησιν η τεχνας, φαινονται
μελαγχολικοι οντες": statt "οντες" stand "σντες".
Im Kontext "Δοκει δε ἡ ευδαιμονια εν τῃ σχολῃ ειναι": statt
"σχολῃ" stand "οχολῃ".
Im Kontext "verbreiteter oder vielmehr angeborener Manie":
statt "Manie" stand "Mannie".
Im Kontext "Daher wird man z. B. unter fünfzig
Engländern": statt "fünfzig" stand "funfzig".
Im Kontext "der Mylitta zu Babylon": statt "Babylon" stand
"Babylan".
Im Kontext "Shakespeare, im Othello und im
Wintermärchen": statt "Shakespeare" stand "Shakesspeare".
Im Kontext "welche bloß ein opus supererogationis ist":
statt "supererogationis" stand "supererogations".
Im Kontext "Alle jene Vorgaben halten also nicht Stich.":
statt "Vorgaben" stand "Vorgeben".
Im Kontext "der geringe Erfolg ihres Bestrebens": statt
"ihres" stand "ihrer".
Im Satz "Zum Wege der Ta t e n befähigt vorzüglich das
große Herz; zu dem der We r k e der große Kopf." wurde
"Werke" in gleicher Weise hervorgehoben wie "Taten".
Im Kontext "sondern daß er es sei, macht ihn
beneidenswert": statt "beneidenswert" stand
"beneidensweit".
Im Kontext "sind die Data jedem zugänglich, so wird ihre
Kombination es meistens auch sein": statt "meistens" stand
"meistes".
Im Kontext "1. Als die oberste Regel aller Lebensweisheit":
aus Gründen der Konsistenz "1)" geändert zu "1.".

Page 200

Im Kontext "wir denken häufig an sie und wenig an alle jene
andern wichtigeren Dinge, die nach unserem Sinne gehn.":
statt "unserem" stand "unseren".
Im Kontext "daß seine Befriedigung immer nur negativ
wirkt und daher gar nicht direkt empfunden wird" und "im
Unglück spüren wir sie gar nicht": statt "gar nicht" (wie
anderswo im Buch verwendet) stand "garnicht".
Im Kontext "Kommt zu einem schmerzlosen Zustand noch
die Abwesenheit der Langenweile": statt "noch" stand
"nach".
Im Kontext "Man kann in diesem Sinne auch sagen,": statt
"Man" stand "Mann".
Im Kontext "Hat hingegen der Widerwille gegen dieses alles
gesiegt": statt "hingegen" stand "hingegegen".
Im Kontext "Wer inzwischen Gesellschaft liebt, kann sich
aus diesem Gleichnis die Regel abstrahiren, daß was den
Personen seines Umgangs an Qualität abgeht, durch die
Quantität einigermaßen ersetzt werden muß.": zwei
Kommata ergänzt, und statt "Quantität" stand "Quantiät".
Im Kontext "Furcht vor der E i n s a m k e i t ": statt "Furcht"
stand "Frucht".
Im Kontext "daher viele Reiche sich unglücklich fühlen,"
Semikolon ersetzt durch Komma.
Im Kontext "in den sechziger Jahren ist der Trieb zur
Einsamkeit": statt "sechziger" stand "sechsziger".
Im Kontext "so daß man damit zum ἑαυτοντιμωρουμενος
wird": statt "ἑαυτοντιμωρουμενος" stand
"ἑαυτοντιμορουμενος".
Im Kontext "indem er sich die große Wahrheit verdeutlicht,
daß alles, was geschieht, notwendig eintritt,": statt "daß"
stand "das".
Im Kontext "in der Linken die Tabaksdose, in der Rechten
eine Priese haltend": statt "Rechten" stand "rechten".
Im Kontext "Denn da die Menschen in der Regel ohne
eigenes Urteil sind und zumal hohe und schwierige
Leistungen abzuschätzen durchaus keine Fähigkeit haben; so

Page 201

folgen sie hier stets fremder Autorität,": statt "Autorität"
(wie anderswo im Buch verwendet) stand "Auktorität".
Im Kontext "eine falsche, konventionelle, auf willkürlichen
Satzungen beruhende und traditionell unter den höheren
Ständen sich fortpflanzende, auch, wie die Parole,
veränderliche Überlegenheit": statt "eine" stand "ein".
Im Kontext "Sind nicht fast alle Kriege im Grunde
Raubzüge?" war der Satzanfang klein geschrieben.
Im Kontext "für den ganzen Menschen,": statt "ganzen"
stand "ganen".
Im Kontext "bei großer Homogeneität": statt
"Homogeneität" stand "Homogenietät".
Im Kontext "in der Literatur geschrieben": statt "Literatur"
stand "Literartur".
Im Kontext "außer allem Kontakt": statt "Kontakt" stand
"Konkakt".
Im Kontext "trocknen, im Laufe der Jahre, allmählich zu
abstrakten Begriffen aus": statt "aus" stand "auf".
Im Kontext "eine bloß vernünftige, ja traditionelle": statt
"vernünftige" stand "venünftige".
Im Kontext "sie wird geflohen und gehaßt": statt "gehaßt"
stand "gehaß".
Im Kontext "In diesem Sinne ließe sich behaupten, daß man
allein in der Jugend mit vollem Bewußtsein lebte": statt
"Bewußtsein" stand "Bewußstein".
Im Kontext "an Geisteskräften und Erkenntnissen täglich
zunehmen,": statt "zunehmen" stand "znuehmen".
Im Kontext "Diese Gewohnheit wurzelt ein und bleibt auch
dann, wenn das Sinken der Geisteskräfte eingetreten ist":
statt "das" stand "des".
Im Kontext "der Jüngling meint, daß wunder was in der
Welt zu holen sei": statt "daß" stand "das".
Im Kontext "Amenthes der Ägypter": statt "Ägypter" stand
"Ägipter".
Im Kontext "si scampa così": statt "così" stand "cosi".
Im Kontext "non è sì tristo cane, che non meni la coda":
statt "sì" stand "si".

Page 202

Page 203

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK APHORISMEN
ZUR LEBENSWEISHEIT ***

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501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state
of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue
Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification number is
64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S.
federal laws and your state’s laws.

The Foundation’s business office is located at 41 Watchung Plaza
#516, Montclair NJ 07042, USA, +1 (862) 621-9288. Email contact

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links and up to date contact information can be found at the
Foundation’s website and official page at www.gutenberg.org/contact

Section 4. Information about Donations to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation

Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without
widespread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small
donations ($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax
exempt status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
requirements. We do not solicit donations in locations where we have
not received written confirmation of compliance. To SEND
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state visit www.gutenberg.org/donate.

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
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outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate.

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Section 5. General Information About Project Gutenberg
electronic works

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our website which has the main PG search facility:
www.gutenberg.org.

This website includes information about Project Gutenberg, including
how to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

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