Sämtliche Werke 20 _ Aus dem Dunkel der Großstadt _ Acht Novellen (German) Fyodor Dostoyevsky 1406 downloads.pdf

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Title: Sämtliche Werke 20
Aus dem Dunkel der Großstadt : Acht Novellen

Author: Fyodor Dostoyevsky

Contributor: Dmitriĭ Vladimirovich Filosofov
Dmitry Sergeyevich Merezhkovsky

Editor: Arthur Moeller van den Bruck

Translator: E. K. Rahsin

Release date: August 10, 2025 [eBook #76662]
Most recently updated: January 10, 2026

Language: German

Original publication: München: Piper, 1907

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/76662

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Credits: Alexander Bauer and the Online Distributed Proofreading Team at
https://www.pgdp.net

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMTLICHE
WERKE 20 ***

Page 5

F. M. Do st ojewsk i: S äm t l iche Wer k e
Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski,
Dmitri Philossophoff und anderen
herausgegeben von Moeller van den Bruck

Übertragen von E. K. Rahsin

Zweite Abteilung: Zwanzigster Band

Page 6

F. M. Dostojewski

Aus dem
Dunkel der Großstadt
Acht Novellen

Mü nch en u nd L ei pzi g
R . P iper u. C o.
190 7

Page 7

R. Piper & Co. Verlag, München und Leipzig, 1907

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Petersburg ist die abstrakteste und künstlichste Stadt der Welt.
Dostojewski.

Page 9

Zur Einführung.

Bemerkungen über Dostojewski als Dichter der Großstadt.

D ie Großstadt ist der Kampfplatz des modernen Lebens, sie ist die
große Siegesstätte und zugleich die große Schädelstätte der modernen
Menschheit. Auch wenn man die Großstadt vor dem allgemeinen
Hintergrund des ganzen Volkes sieht und sich durchaus darüber klar ist, daß
die nährenden, die schöpferischen Kräfte gerade des Lebens unserer Zeit
nach wie vor im Lande liegen, in dem weiten, breiten, fruchtbaren Schooß
der vielen Millionen, gegen die auch die größte Großstadt doch immer nur
einen Bruchteil aufzuweisen hat – auch dann bleibt die Großstadt doch noch
etwas ganz Besonderes. Sie zeigt Seiten des modernen Lebens doppelt
charakteristisch ausgeprägt. Sie ist das Musterbeispiel aller neuen
Erfindung und Erfahrung. Sie ist gleichsam die zivilisatorische
Versuchsstation der Epoche, der Schmelzofen der Werte, das Bassin des
Erdenkraters, aus dem die Erde ihre neuen Menschen und Werke dichter,
gedrängter herausschleudert. Draußen auf dem Lande geht die schwere,
ruhige, gleichmäßige Weiterentwickelung der Nation vor sich, erneut sich
ihr unerschöpflicher Menschen- und Kräftereichtum, der das Ganze
zusammenhält und immer wieder spendet und spendet. Drinnen in der
Großstadt aber werden die Kämpfe der Zeit ausgefochten, spitzen die
Probleme sich zu, finden ihre Lösung oder brechen aus im Konflikt. Hier
wird jene Nähe aller Ferne am deutlichsten empfunden, die wir den
modernen Verkehrsmitteln verdanken. Hier liegt die Kreuzung aller Züge,
der Treffpunkt aller Wege, der Austausch von Völkern und Erdteilen. Hier
strahlt das elektrische Licht heller als anderswo, hier ist auch in der Nacht
unausgesetzt Tag, hier stehen Arbeit und Genuß, Not und Glanz samt allen
Lastern der Zeit am gefährlichsten nebeneinander. Die Menschen der
Großstadt haben etwas voraus vor anderen Menschen, sie sind Pioniere und

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Märtyrer zugleich, die die überraschenden Wandlungen mit vermehrter
Nervenanspannung aushalten mußten. Generationen auf Generationen
wurden in der Großstadt eingesetzt, Lücken wurden gerissen und Opfer
gebracht, und doch fanden sich immer wieder Neue, die kühn in das
Unbekannte der modernen Kultur vordrangen, die wir alle suchen. Gewiß
wird unsere Kultur dereinst von dem ganzen Lande gelten, von jedem Gau,
dessen Menschen an ihr mitgearbeitet haben. Vielleicht werden sogar ihre
tiefsten und mächtigsten Werke, diejenigen welche dann über die ganze
Welt sich erstrecken und das Ewige ausdrücken, ursprünglich aus den
stillen Winkeln irgend einer engeren Heimat kommen – aber die
eigentlichen Kulturformen, die modernen Kunstformen, die neuen
Stilformen werden doch immer und überall in irgend einer Weise diejenigen
sein, welche die Großstadt zuerst als Lebensformen ausgebildet hat.

In die moderne Dichtung hat sich der Gegensatz von Land und Großstadt
früh schon hineingezogen; nirgendwo schärfer als dort, wo der Gegensatz
auch im Leben heftig und unvermittelt einsetzte: als in Rußland und der
russischen Dichtung. Beinahe unmittelbar lösten hier patriarchalische
Verfassung und moderne, europäische Kultur einander ab. Beinahe
übergangslos folgten hier Vergangenheit und Zukunft auf einander, indes
keine oder doch nur eine halbe, unausgesprochene, zerrissene Gegenwart da
war, die vermitteln konnte. Es wurde der Gegensatz von Tolstoi und
Dostojewski. Beide wuchsen durch ihn zu monumentalen Erscheinungen
aus. Der eine, indem er die ganze robuste Volks- und Urkraft in sich
aufspeicherte, die im flachen Lande, im Leben des russischen Bauern und
des russischen Landadels liegt, und die er dann in seinen Romanen in
Kapiteln vorführte, die fast die Ruhe und den Fluß homerischer Gesänge
hatten. Und der andere, indem er all das Fieber aufnahm, das von der Stadt
Peters des Großen aufstieg, und all das Grauen und den Wahnsinn, all den
Schmerz und das Elend versammelte, die das Leben ihrer neuen Menschen
erfüllen. Monumentalität ist immer in irgend einer Weise
Überpersönlichkeit, ist Ausdruck nicht so sehr des einzelnen Dichters, als
Ausdruck des massiven Lebens der Vielen, der Menge, des ganzen Volkes,
oder doch eines bestimmten und immer eines beträchtlichen Teiles
desselben. Die Monumentalität Tolstois wie Dostojewskis ist von dieser
Art. Nur das ist der Unterschied, daß die Monumentalität der Natur, vor der

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wir bei Tolstoi stehen, im Grunde wieder die alte, große, ewige ist, während
die Monumentalität der Großstadt, die Dostojewski erreichte, ein Neues,
Kühnes, Unerhörtes war. Wir wußten bereits, daß die ewigen Wahrheiten
starker und gesunder Liebe monumental gestaltet werden konnten, die
großen Verhältnisse von Herr und Knecht, die von allen Zeiten gelten, die
schlichten einfachen Daseinsbeziehungen schlichter einfacher Menschen,
die so riesig wirken, weil sie das gerade herausgegriffene Beispiel von
Millionen sind. Aber wir wußten noch nicht, daß auch aus dem modernen
Leben, all seinen ungewohnten Verhältnissen, absonderlichen Menschen,
seltsamen Schicksalen, all seinen ungeahnten Tragödien und unheimlichen
Problemen diese gewaltigen Wirklichkeitsfresken zu malen waren. Eine
Monumentalität der modernen Großstadtdichtung: die gibt es erst von
Dostojewski an.

Wohl haben auch die Dichter anderer Länder die Großstadt geschildert.
Man könnte vor allem an Amerika denken, wo sich der Übergang von dem
patriarchalischen Leben, das dort die Kolonisten führten, zur modernen
Zivilisation, wenn auch im Einzelnen natürlich unter ganz anderen
Lebenserscheinungen, ähnlich rapid vollzog wie in Rußland. Doch die
amerikanischen Großstädte, die in ihrer kalten Klarheit der Anlage und bei
dem ungeheuren Raum, der für ihre noch immer weitere Ausdehnung
vorhanden ist, immer mehr ins Riesenhafte wachsen, scheinen nicht von
einer schildernden, sondern nur von einer peripherischen, fast möchte man
sagen einer geographischen Phantasie erfaßt werden zu können. Deshalb
näherte sich ihnen Walt Whitman nur von Ferne, wie ein greiser Seher, der
die Hand über die Augen hob und die Stätte der Menschen schaute. Weit,
weit am Horizont liegen bei ihm Boston und Newyork, dazu unter
indianischem Namen, obwohl gerade Walt Whitman sonst das moderne
Wort nicht scheut, und nur selten führt er, wenn er die Städte auch liebt und
preist, bis hin in ihre Straßen. Poe dagegen, der in diesen Städten leben
mußte, ging an ihnen zu Grunde, als der einzelne Schwärmer, der ihrem
Leben nicht gewachsen war. Doch hat gerade Poe einmal, im „Mann der
Menge“, den Geist der Großstadt symbolisch gefaßt wie ein wandelndes
Gespenst und eine Geschichte aus ihr gebildet, die ihr mächtiger Ausdruck
sein wird, solange es eine Großstadt gibt. Nur war Poe deshalb noch nicht
monumental in dem Sinne, wie es Dostojewski, der Großstadtschilderer, ist.

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Zwar könnte man schon, im Vergleiche des Menschlichen, in Walt Whitman
einen amerikanischen Tolstoi und in Poe einen amerikanischen Dostojewski
sehen. Auch Poe ist der Mensch, der unter der Großstadt leidet, obwohl er
beinahe nur in ihr leben kann, der Mensch der nervösen, tragischen,
kataleptischen Seele. Aber künstlerisch fehlt doch jene Allgemeingültigkeit,
die Dostojewski so groß macht, seine Erscheinung bleibt problematisch und
statt Schilderung ist alles Bekenntnis. Hinzukommt, daß Poe den
Großstadtmenschen fast durchweg romantisch verkleidete. Seine Novellen
sind wie Träume eines Mannes, der mitten in grauer und ihn schreckender
Wirklichkeit steht und sich hinüberphantasiert in reinere Gefilde. Darin
zeigte sich noch der Byronismus in Poe, während Dostojewski in Rußland
Byronismus und Romantik mit Puschkin schon erledigt fand. Immerhin
verspürt man bei Poe, nicht aus gewaltiger Ferne, wie bei Walt Whitman,
sondern aus unheimlicher Nähe, etwas von dem Geist der modernen
Großstadt. Nur braucht es nicht unbedingt die amerikanische Großstadt zu
sein: nicht das Pionierhafte, nur das Gespenstische des Amerikanertums hat
Poe begriffen, und bezeichnend ist, daß gerade sein „Mann der Menge“ von
ihm nach London verlegt wurde. England selbst, dem die romantische, die
allegorisch-mystische, prärafaelitische Hälfte von Poes Seele noch
angehörte, hat überhaupt keine Großstadtkunst hervorgebracht, obwohl es
in London früh schon, bereits im siebzehnten Jahrhundert, eine Stadt mit
modernem Großstadtcharakter ausbildete und im alten Defoe auch schon
einen kräftigen Großstadtschilderer, den ersten modernen überhaupt,
bekam. Aber auf Defoe folgte kein ebenbürtiger Gestalter mehr, nur noch
platte und rührselige Skribenten. Selbst Dickens ist schließlich nur ein
Unterhaltungsschriftsteller, kein Künstler, und Wilde, der eher ein Künstler
war, ist gerade als Großstadtschilderer nur eine Wiederholung von Poe.
Nicht ganz so versagte Frankreich vor dem Problem der
Großstadtschilderung. Zwar ist Paris gar keine eigentliche und einheitliche
Großstadt, sondern eine Metropole, die zusammengesetzt ist aus alten und
neuen, bald beinahe romantischen, bald bourgoisen, bald mondainen
Quartiers und Faubourgs. Aber von den Lyrikern waren doch Verlaine und
Rimbaud echte Großstadterscheinungen, und von den Romanciers hat Zola
in gar manchem Roman wenigstens die Monumentalität einer
Massenwirkung erreicht, wie es denn auch durchaus folgerichtig war, daß er
vor dem Thema „Paris“ als Ganzem versagte, und sein Bestes immer nur in
Ausschnitten gab, in Romanen, die er aus dem Leben der Künstlerwelt, der

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Hallen, der großen Magazine zog. An Deutschland dagegen scheint das
Problem der Großstadtschilderung überhaupt noch nicht herangekommen
zu sein. Man mag das mit dem engen Zusammenhang erklären, den der
Deutsche nach wie vor zur Natur haben muß, wenn er schöpferisch sein
soll. Jedenfalls haben unsere Persönlichkeiten, Liliencron, Dehmel,
Hauptmann, Frenssen, die stärksten Wurzeln ihrer Kraft in der Heimat, im
Rahmen der deutschen Landschaft. Nur Schlaf hat einmal den
großangelegten Versuch gemacht, Berlin wenigstens als Panorama zu
geben. Entziehen können wir uns dem Problem nicht. Wir sind nun einmal
in unserem Leben wie kein zweites Leben das Volk der Großstädte. So
werden wir es, bei der Wechselbeziehung zwischen beiden, auch in unserer
Dichtung sein und irgend eine individuelle Lösung finden müssen. Im
übrigen liegt die Schuld nicht so sehr an den Dichtern, als an unseren
Großstädten selbst. Denn es hat einen inneren Grund, ob eine Großstadt
ihren Dichter findet, und welchen, und wann. Die Städte bekommen ihren
Dichter genau in dem Augenblick, in dem sie ihren Charakter bekommen.
Es ist fast ein geschichtliches Zeugnis, das sich eine Stadt damit ausstellt,
daß sie ihren Dichter hervorbringt. Sie zeigt damit an, daß sie
herausgetreten ist aus der Periode der Vorbereitung, und von nun an als ein
geschlossenes Ganzes betrachtet werden kann. Unsere deutschen Städte
aber sind noch nicht fertig, selbst Berlin ist es noch nicht. Eine große
Bestimmung liegt vor ihnen. Einen ganz neuen Städtestil gilt es zu
entwickeln, dem europäischen Kontinent die neue Welthauptstadt zu
schaffen. Und da ist es denn klar, daß erst zusammen mit der Erfüllung
dieser Bestimmung einer Stadt wie Berlin ihr Dichter erscheinen wird. So
bleibt, wie seltsam es klingen mag, vorläufig Rußland das einzige Land, in
dem Großstadt und Dichter sich bereits zusammengefunden haben –
Petersburg und Dostojewski.

Petersburg ist die Tragödie Rußlands, und diese Tragödie hat Dostojewski
ausgedrückt. Man kann nicht sagen, daß Petersburg einen bestimmten
Charakter habe, und erst recht hat es, ganz ungleich Moskau darin, keinen
bestimmten Stil. Petersburg ist verkörperte, Stadt gewordene Idee. Wenn
man seinen Charakter suchen wollte, so würde man ihn finden in einer
ewigen Unfertigkeit, und seinen Stil in einer rein äußerlich bleibenden
Einbeziehung so ziemlich sämtlicher Stile. Petersburg ist etwas anderes:

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Petersburg ist Geist, Problem, Phantasie. Auf eine Idee hin wurde es von
Peter dem Großen aufgebaut, mitten in den Sumpf hinein, eine sozusagen
befohlene Stadt, die nur die politische Berechtigung hatte, daß durch sie
Rußland an die Ostsee gebracht wurde, und die alsbald mit einem Heer von
Hofbediensteten, Staatsarbeitern, Beamten, Offizieren pöpliert wurde.
Solange Petersburg im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert kaum mehr
als eine große Residenz war, mochte Rußland sich bei dieser Schöpfung
beruhigen, obwohl die Rivalität mit Moskau früh schon bedenkliche
Formen annahm. Gefährlich, verhängnisvoll wurde die Stellung Petersburgs
erst, als im neunzehnten Jahrhundert Rußland immer entschiedener in die
Reihe der europäischen Großmächte hineindrängte, als Petersburg jäh
aufschoß, in eine für Rußland zunächst unnatürliche moderne Entwicklung
hineingezogen wurde und gleichfalls seinen Platz unter den europäischen
Großstädten beanspruchte. Von da an war an Petersburg Alles dunkel und
ungewiß. Ungewiß war jetzt nicht mehr bloß der schwankende
Wassergrund, auf dem es ruht und in den es jeden Augenblick versinken
kann. Ungewiß war seine ganze Zukunft, seine kulturelle, seine politische.
Jetzt zeigte sich, wie das russische Volk an Petersburg litt. Wohl ist es seine
offizielle Hauptstadt, doch das russische Volk drängt nach Moskau, der
alten organischen, zurück, und noch über Moskau hinaus. Rußland sucht
erst seine wahre Hauptstadt, wie es seine politische Form erst sucht.
Möglich, daß Rußland groß erst werden wird, wenn der
Nationalitätenkoloß, der es heute ist, dereinst auseinanderfällt und aus ihm
ein reines Rußland reiner Russen hervorgeht. So steht ganz Rußland in
einem Übergang, und die Stadt dieser Übergangszeit ist Petersburg. Es kann
sterben, wie Ravenna und Brügge gestorben sind, es kann auch noch immer
weiter wachsen – es wird stets etwas Beängstigendes, Verhängnisvolles,
Unseliges über sich haben. Nicht anders als so, in dieser Mystik von Nebel,
Tod und Schrecken, hat es Dostojewski aufgefaßt. Sein Petersburg, das ist
das Fatum des ganzen Landes und Volkes, das ist das Rußland, das bei sich
zu Hause Europa kopiert, das Rußland, das da Weltmacht sein will und
doch immer wieder darauf gestoßen wird, daß es nur eine russische, eine
slawische Bestimmung hat, das Rußland, das die glänzendste Aristokratie,
die ausgebildetste Bürokratie besitzt und zugleich draußen im flachen
Lande viele, viele Millionen, die nicht lesen und nicht schreiben können,
und die doch zugleich seine treueste, seine fast unsterbliche seelische und
auch körperliche Kraft sind. Jedenfalls ist es gerade die ihm geschichtlich

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aufgezwungene russische Rolle, die so tragisch an Petersburg ist. Die
„künstlichste und abstrakteste“ Stadt hat Dostojewski Petersburg genannt,
und tragisch hat er es geschildert.

Man kann Großstadt auf zweierlei Weise schildern: als Ort und Stimmung,
malerisch gleichsam, und in den Menschen, psychologisch. Dostojewski hat
beides getan. Sein Petersburg, das ist wirklich die kalte nordische Stadt mit
den Farben schneeweiß und feuchtgrau, deren Winter acht Monate währt
und über der dann die Sonne nur selten steht, hängend, wie ein blaßroter
Schwamm, ohne Strahlen, und deren helle Frühlingsnächte sehnsüchtig und
verträumt wie die Jugend Petersburgs selbst zu sein scheinen. Auf diesem
vagen gespensterhaften Hintergrunde hat Dostojewski das Leben der
Großstadt geschildert, ihr gewaltiges Hin und Her, ihren ungeheuren Lärm,
und doch die furchtbare, die unheimliche Stille wiederum mitten im
Geräusch. Aber dann war Dostojewski doch vor allem ein
Menschenschilderer. Die Menge der Typen, Silhouetten, Physiognomien,
die er in seinem Gesamtwerk vorführt, ist endlos, unzählbar, unübersehbar.
Aus jedem Hause Petersburgs scheint eine Gestalt herauszugehen, die wir
kennen lernen. Einmal, in der Figur des Raskolnikoff, hat er den Helden
ihrer furchtbaren moralischen Kämpfe und Krisen gefunden. Andere
Gestalten in anderen Werken ergänzen ihn. Wir sehen von ihnen einen
ganzen Zug tragischer Jünglinge, deren Gestalten schließlich in der Ferne
Sibiriens verschwinden. Und um die Jünglinge gruppieren sich die Frauen,
Studentinnen, Heldinnen, die, wenn es nottut, für ihre Idee zu sterben
wissen. Schwer dazwischen schieben sich die dicken Figuren von
Spießbürgern. Offiziere und Beamte, hohe und niedere, anmaßende und
gedrückte, lernen wir kennen. Dazu die Menge der Verkommenen einer
Großstadt, der Gescheiterten und Verlorenen aller Art, der Menschen,
Männer und Frauen, mit dem oft tief rührenden zersprungenen Klang auch
in Not noch und Schande. Als eine Übergangsstadt hat Dostojewski
Petersburg geschildert, von Übergangsmenschen bewohnt, von vielen,
vielen Unglücklichen, Suchenden, Irrenden, die mitten in Rußlands
Hauptstadt aus Rußland wie verbannt zu sein scheinen und den Sinn ihres
Lebens, so sehr sie auch suchen mögen, nicht finden können. Dostojewski
hat damit die Großstadt überhaupt geschildert. Denn sind die
Großstadtmenschen nicht alle in irgend einer Weise Übergangsmenschen,

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vielleicht nicht so verzweifelte, aussichtslose, doppelt scharf und unheilvoll
ausgeprägte wie in Rußland, aber doch immer solche, heute wenigstens und
fürs erste, die noch nicht den Punkt gefunden haben, auf dem sie zu stehen
vermögen? und den Platz noch nicht, auf dem sie ruhig leben und arbeiten
können?

Woher wird die Erlösung für alle diese Menschen kommen? Irgendwoher
muß sie kommen, das hat auch Dostojewski gewußt, und im Grunde handelt
sein ganzes mächtiges Werk von nichts als den Erlösungsmöglichkeiten der
Menschheit. Er hat verschiedene Antworten gegeben, er hat oft an das
flache Land gedacht, an die Rückkehr zur Natur, zur Rasse und dem
schlichten starken Gott der Väter. Aber schließlich weiß er doch immer
wieder zu sagen, und dadurch unterscheidet er sich von Tolstoi, daß gerade
aus der Großstadt, aus all ihrem Leid und Wirrsal, durch das wir nun einmal
hindurch müssen, nachdem wir es uns selbst geschaffen, die Erlösung für
uns kommen wird, daß gerade aus diesen blassen und eilenden Menschen,
die grau in grau durch die feuchten asphaltierten Straßen ziehen, sich eines
Tages, wenn die Not zu gewaltig, unerträglich geworden ist, die Gestalt
eines neuen Heilandes für uns ablösen wird. Für Tolstoi und seine Bauern
genügte Christus, derselbe Christus, den wir nun schon seit zwei
Jahrtausenden aus der Überlieferung kennen. Auch Dostojewski denkt an
Christus, er hat selbst ein Buch über Christus schreiben wollen, und
vielleicht wäre er der einzige Mensch gewesen, der es je gekonnt hätte.
Aber wenn Dostojewski von Heil und Erlösung spricht, so ist es doch stets
die Gestalt eines neuen, eines russischen, eines modernen Christus,
hervorgegangen aus dem Leben der Menschen von Heute. Dostojewski hat
nicht zu allegorischen oder symbolischen Mitteln zu greifen brauchen, um
diesen Zug zur Erlösung auszudrücken, der durch unsere Zeit geht. Die
Wirklichkeit, die ihn umgab, genügte ihm durchaus. Gar mancher
unscheinbare Mensch, den er schilderte, trägt bereits Heilandszüge, und aus
seinem ganzen Werke steigt es schon auf wie Tod und Verklärung gerade
der Großstadt.
Moeller van den Bruck.

Page 17

Vorwort.

D er Band enthält drei Jugendnovellen Dostojewskis: „Der Herr
Prochartschin“ – „Polsunkoff“ – „Der ehrliche Dieb“, die erste aus
dem Jahre 1846, die beiden letzteren aus dem Jahre 1848. Ferner sind
da zwei Novellen des mittleren Dostojewski: „Eine dumme Geschichte“ aus
dem Jahre 1862, und „Aus dem Dunkel der Großstadt“ aus dem Jahre 1864,
beide geschrieben in der Zeit nach der Rückkehr Dostojewskis aus Sibirien.
Schließlich folgen drei Novellen des späteren Dostojewski, die „Letzten
Novellen“: „Bobock“ aus dem Jahre 1873, „Die Kleine“ aus dem Jahre
1876 und „Der Traum eines lächerlichen Menschen“ aus dem Jahre 1877.
Die Zusammenstellung geschah unter dem Gesichtspunkte, daß alle
Novellen in der Großstadt spielen und speziell Petersburg zum Hintergrund
haben. Dieser Gesichtspunkt gab zugleich die Berechtigung, dem Bande die
größte und wichtigste Novelle voranzustellen und ihm ihren Titel
vorzuschreiben: „Aus dem Dunkel der Großstadt“.
Eine wörtliche Übertragung des russischen Titels dieser Novelle ging
nicht an. Der russische Titel vereinigt in der Art, wie er von Dostojewski
geprägt und zweifellos auch gedacht ist, das soziale und seelische Milieu in
einem einzigen knappen Wort. Die deutsche Sprache bietet zu einer
derartigen Vereinigung nicht die Möglichkeit. Das lokale Milieu allein
würde etwa die Übertragung „Aus dem dunkelsten Winkel der Großstadt“
bedingen. Es klingt sozial, doch Soziales liegt der Novelle nur im
allergeringsten Maße zu Grunde. Das seelische Milieu dagegen würde etwa
eine Übertragung verlangen wie: „Aus dem dunkelsten Innern des
Großstadtmenschen“. Aber hier wird wiederum das Intim-Persönliche zu
stark betont. Einen Ausweg bot schließlich der gewählte Titel, der innerlich
und seelisch ist, dabei den Ort angibt, und doch den Ort nicht zu realistisch-
genau bezeichnet.

Page 18

Die hier als „Letzte Novellen“ zusammengefaßten Erzählungen hat
Dostojewski nicht als solche veröffentlicht. Sie stehen im „Tagebuch eines
Schriftstellers aus dem Jahre 1873“, bezw. 1876, bezw. 1877, eingerahmt
von literarischen und politischen Aufsätzen Dostojewskis. Ihre
Entstehungszeit, die zwischen „Die Dämonen“ und „Die Brüder
Karamasoff“ fällt, verbürgt schon ihren außerordentlichen Wert im Werke
Dostojewskis. In der Tat gehört „Die Kleine“, die da wirkt wie ein
lebendiges Heiligenbild aus dem modernen Petersburg, zu dem Schönsten,
und „Der Traum eines lächerlichen Menschen“ zu dem Tiefsten, was
Dostojewski geschrieben hat, während „Bobock“, dieses tolle Satyrspiel des
Großstadtlebens, Dostojewski von einer ganz eigenartigen, seiner
humoristischen, exzentrischen, grotesken Seite zeigt.
E. K. R.

Page 19

Aus dem Dunkel der Großstadt.

Aufzeichnungen.

Page 20

Erster Teil. Das Dunkel.[1]

I.

I ch bin ein kranker Mensch ... ein schlechter Mensch ... Ein abstoßender
Mensch bin ich. Ich glaube, ich bin leberleidend. Übrigens habe ich mir
von meiner ganzen Krankheit noch nie einen rechten Begriff machen
können; ja, genau genommen weiß ich überhaupt nicht, was in mir denn
eigentlich krank sein könnte. Für meine Gesundheit tu ich nichts, wenn ich
auch sonst vor der Medizin und sogar vor den Ärzten alle Achtung habe.
Zudem bin ich noch fabelhaft abergläubisch – als Beweis dafür dürfte schon
diese meine Hochachtung vor der Medizin genügen. Ich bin genügend
gebildet, um nicht abergläubisch zu sein, trotzdem aber bin ich es, wie
gesagt. Nein, meine Herren, wenn ich für meine Gesundheit nichts tue, so
geschieht es einfach nur aus Bosheit. Nun, das z. B. werden Sie bestimmt
nicht verstehen können. Ich aber, ich verstehe es vorzüglich! Ich kann es
Ihnen natürlich nicht so ganz klar machen, wem ich denn eigentlich in
diesem Falle mit meiner Bosheit etwas antun will. Ich weiß auch ganz
genau, daß die Doktoren nichts verlieren, wenn ich mich nicht von ihnen
behandeln lasse, – oh, ich weiß es selbst am allerbesten, daß ich damit nur
mir allein schade und sonst niemandem. Trotzdem aber – wenn ich mich
nicht kuriere, so geschieht es doch nur aus Bosheit. Also das Leberchen
schmerzt? Na, so schmerz nur noch mehr, wenn du kannst!
... Ich lebe schon lange so, – zwanzig Jahre. Jetzt bin ich vierzig. Früher
hatte ich eine Anstellung in einer Kanzlei; jetzt aber nicht mehr. Ich war ein
boshafter Beamter. Ich war roh – und das freute mich. Da ich keine Sporteln
nahm, mußte ich mich eben auf eine andere Weise entschädigen. – Hm,
fauler Witz, aber ich streiche ihn nicht aus. Als ich ihn schrieb, glaubte ich,
er würde sich geistreich ausnehmen, doch jetzt, da ich selbst einsehe, daß er
dumm ist, streiche ich ihn erst recht nicht aus! –
... Saß ich an meinem Pult und trat jemand zu mir – meistens Bittsteller
mit Anfragen –, so fuhr ich sie zähneknirschend an und fühlte labende
Genugtuung, wenn es mir gelang, jemanden einzuschüchtern – und es
gelang mir fast immer: wir wissen ja, – zaghaftes Volk, diese Bittsteller.

Page 21

Doch gab es da unter den dreisteren einen Offizier, den ich ganz besonders
haßte. Er wollte sich für keinen Preis einschüchtern lassen und rasselte
geradezu unverschämt mit seinem Säbel. Dieses Säbels wegen habe ich
anderthalb Jahre lang mit ihm Krieg geführt. Endlich besiegte ich ihn: er
ließ das Rasseln. Doch das war noch in meiner Jugend. Aber wissen Sie
auch, meine Herren, worin gerade meine Hauptwut bestand? Das war ja der
ganze Jammer, darin lag ja gerade die größte Gemeinheit, daß ich in jeder
Minute, in jeder Sekunde, im Augenblick meiner stärksten Wut mir
schmachvoll selbst eingestehen mußte, daß ich nicht nur kein boshafter,
sondern nicht einmal ein böser Mensch bin, daß ich ganz umsonst nur
Spatzen schrecke und damit mich selbst zu trösten suche. Schaum steht mir
vor dem Munde – doch bringt mir ein Püppchen oder gebt mir ein
Zuckerstückchen und ich werde mich höchstwahrscheinlich sofort
beruhigen. Werde sogar ganz windelweich werden ..., wenn ich mich auch
nachher am liebsten selbst zerfleischen würde und vor Schande Monate
lang schlaflose Nächte habe ... Ich bin nun einmal so.
Das habe ich übrigens vorhin gelogen, daß ich ein boshafter Beamter
gewesen sei. Aus Bosheit hab ich’s gelogen. Das mit den Bittstellern und
dem Offizier war einfach nur Eigensinn, – in Wirklichkeit konnte ich
überhaupt nicht böse werden. Wollte ich es aber, so fühlte ich im
Augenblick über die Maßen viel entgegengesetzte Elemente in mir. Ich
fühlte sie nur so wimmeln in mir, diese entgegengesetzten Elemente. Ich
wußte, daß sie mein ganzes Leben lang in mir so wimmelten und mich
baten, sie hinauszulassen, aber ich ließ sie nicht, ich ließ sie nicht,
absichtlich ließ ich sie nicht hinaus! Sie quälten mich bis zur Scham, bis zu
Krämpfen brachten sie mich, und ach Gott! ich wurde ihrer schließlich so
überdrüssig, so maßlos überdrüssig! Oder glauben Sie vielleicht gar, meine
Herren, daß ich hier irgend etwas bereue – vor Ihnen? daß ich für irgend
etwas Ihre Verzeihung erbitte? ... Ich bin überzeugt, daß Sie das glauben ...
Doch, übrigens, versichere Ihnen, ’s ist mir ganz egal, was Sie da glauben ...
... Nicht nur, daß ich es nicht verstand, böse zu werden, – ich verstand
überhaupt nichts zu werden: weder böse noch gut, weder ehrlich noch
schlecht, weder Held noch Insekt. Und jetzt lebe ich in meinem Winkel,
verspotte mich selbst, indem ich mich „böse“ nenne und mich mit dem
überflüssigen Troste beruhige, daß ein kluger Mensch – im Ernst –
überhaupt nicht irgend etwas werden kann, sondern nur ein Pinsel etwas
wird. Ein Mensch des neunzehnten Jahrhunderts muß, ja, ist sogar

Page 22

moralisch verpflichtet, ein im wahrsten Sinne des Wortes charakterloses
Wesen zu sein. Ein Mensch jedoch mit einem Charakter, ein Tatmensch,
muß – im vollsten Sinne des Wortes beschränkt sein. Dieses ist meine
vierzigjährige Überzeugung. Ich bin jetzt vierzig Jahre alt; aber vierzig
Jahre – das ist doch das ganze Leben, das ist doch das höchste Alter! Über
vierzig Jahre zu leben ist unanständig, ist gemein, trivial, ist unsittlich! Wer
lebt denn heutzutage noch über vierzig Jahre? – antwortet aufrichtig,
ehrlich. Ich werde es Euch sagen, wer noch über vierzig lebt: Dummköpfe
und Spitzbuben leben! Das sage ich allen Greisen ins Gesicht, allen diesen
ehrwürdigen Greisen, allen diesen silberhaarigen, ehrwürdigen Greisen!
Sage es der ganzen Welt ins Gesicht! Ich habe das Recht, das zu sagen,
denn ich werde selbst bis sechzig leben. Bis siebzig werde ich leben! Bis
achtzig werd ich leben! ... Wartet! Die Luft geht mir aus, ... laßt mich erst
wieder zu Atem kommen ...
Sie denken bestimmt, meine Herren, daß ich Sie belustigen will? Dann
irren Sie sich aber sehr. Ich bin durchaus kein so lustiger Mensch, wie es
Ihnen scheint oder wie es Ihnen vielleicht auch nicht scheint. Übrigens,
wenn dieses Geschwätz Sie ärgert – ich fühle es ja, daß Sie schon gereizt
sind – so werden Sie mich vielleicht fragen wollen, wer ich denn eigentlich
bin? – Gut, ich will Ihnen die Antwort nicht schuldig bleiben: ich bin
Kollegienassessor. Ich war Beamter, um nicht zu verhungern – und zwar
einzig aus diesem Grunde. Als mir aber im vorigen Jahre einer meiner
entfernten Verwandten testamentarisch sechstausend Rubel hinterließ, trat
ich sofort aus dem Dienst und siedelte mich hier in meinem Winkel an.
Auch früher schon lebte ich hier, jetzt aber habe ich mich endgültig in
diesem Winkel angesiedelt. Mein Zimmer ist ein elendes, scheußliches
Nest. Meine Aufwartefrau ist ein Weib vom Lande, ein altes, das vor
Dummheit wütend geworden ist und zudem noch unausstehlich riecht. Man
sagt mir, das Petersburger Klima sei mir schädlich, und Petersburg für
meine kümmerlichen Mittel viel zu teuer. Das weiß ich selbst ganz genau,
weiß es hundertmal besser als diese erfahrenen und überklugen Ratgeber.
Aber ich bleibe in Petersburg: ich fahre nicht fort! Ich fahre darum nicht
fort, weil ... Ach! Das ist doch wirklich gleichgültig, ob ich nun fortfahre
oder nicht fortfahre.
Übrigens, bei der Gelegenheit noch eine Frage: Worüber kann ein
anständiger Mensch zu jeder Zeit mit dem größten Vergnügen reden?
Antwort: Über sich selbst.

Page 23

Nun, dann werde auch ich über mich selbst reden.

Page 24

II.

Meine Herren, jetzt will ich Ihnen erzählen – einerlei ob Sie hören wollen
oder nicht –, warum ich nicht einmal ein Insekt zu werden verstand.
Versichere Ihnen feierlichst: schon mehrere Mal wollte ich ein Insekt
werden. Doch selbst dazu langte es nicht. Meine Herren, ich schwöre Ihnen,
daß allzuviel erkennen – Krankheit ist, eine richtige, rechte Krankheit. Für
den menschlichen Bedarf wäre eine gewöhnliche menschliche Erkenntnis
übergenug, d. h. die Hälfte oder dreiviertel von der Dosis, die auf einen
entwickelten Menschen kommt, einen Menschen unseres unseligen
neunzehnten Jahrhunderts, und der zudem noch das doppelte wenn nicht
dreifache Unglück hat, in Petersburg zu leben, der abstraktesten und
künstlichsten Stadt der ganzen Welt. – Es gibt künstliche Städte und
nichtkünstliche Städte. – Zum Beispiel würde vollkommen genügen, sagen
wir, solch eine Erkenntnis, wie die, mit der alle sogenannten unmittelbaren
Menschen, d. h. alle Tatmenschen leben. Ich könnte wetten, Sie glauben
jetzt, daß ich dieses aus Anmaßung schreibe, um über die Tatmenschen zu
witzeln – und noch aus einer Anmaßung, die geschmacklos ist –: lasse den
Säbel rasseln, wie mein Offizier. Aber, meine Herren, wer brüstet sich denn
mit seinen eigenen Gebrechen?
Übrigens, – was sage ich? Alle tun das: alle prahlen mit ihren Gebrechen
und ich, na, ich meinetwegen mehr als sie alle zusammen. Streiten wir nicht
darüber: meine Einwendung ist nicht stichhaltig. – Schön; aber trotzdem bin
ich doch fest überzeugt, daß nicht nur sehr viel Erkenntnis, sondern sogar
jede Erkenntnis – Gebrechen, Krankheit ist. Dabei bleibe ich. Aber lassen
wir dieses Thema auf einen Augenblick. Sagen Sie mir lieber etwas
anderes: wie kam es, daß ich, zum Beispiel, in denselben, ja, in denselben
Minuten, da ich am allerfähigsten war, sämtliche Feinheiten „alles Schönen
und Hohen“ zu erkennen, zuweilen so widerliche Sachen nicht nur
erkennen, sondern auch begehen konnte, Sachen, sag ich Ihnen, die ... nun
ja, mit einem Wort, die meinetwegen alle machen, die aber wie zum Trotz
gerade dann von mir begangen wurden, wenn ich am klarsten erkannte, daß
man sie eigentlich überhaupt nie tun sollte? Je mehr ich von der Erkenntnis
des Guten und „alles Schönen und Hohen“ durchdrungen war, desto tiefer
sank ich in meinen Morast und desto fähiger war ich, völlig in ihm

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unterzugehn. Doch das Auffallendste an dem war, daß all dieses
gewissermaßen durchaus nicht zufällig geschah, sondern geradezu als
müßte es genau so sein. Als ob das mein allernormalster Zustand gewesen
wäre und durchaus nicht Krankheit oder Verderbtheit, sodaß schließlich die
Lust in mir verging, gegen ihn noch anzukämpfen. Es endete damit, daß ich
fast zu glauben begann – oder vielleicht glaubte ich es schon tatsächlich –,
dieses sei sozusagen mein wirklicher normaler Zustand. Aber zuerst, am
Anfang, wieviel Qual lag für mich in diesem Kampf! Ich glaubte nicht, daß
es anderen ebenso erginge und verbarg dieses Geheimnis mein Leben lang.
Ich schämte mich, und – vielleicht schäme ich mich sogar jetzt noch –. Es
kam so weit, daß ich, wenn ich zuweilen in einer der ekelhaftesten
Petersburger Nächte nach Haus in meinen Winkel zurückkehrte, einen
gewissen – wie soll ich sagen? – geheimen, unnormalen, gemeinen Genuß
oder einen angenehmen Kitzel empfand, mich krampfhaft zu zwingen, zu
erkennen, – zu erkennen, daß ich auch heute wieder eine Gemeinheit
begangen hatte, daß ich das Getane wiederum auf keine Weise ungeschehen
machen konnte, und mich dann innerlich, heimlich deswegen zu nagen, zu
nagen, wie mit Zähnen zu feilen, mir mein eigenes Blut auszusaugen, mich
zu foltern, – so lange, bis sich die Bitterkeit allmählich in eine schändliche
verfluchte Süßigkeit, in eine Wonne verwandelte und schließlich – in
entschiedenen, wirklichen Genuß! Ja: in Genuß, in Genuß! Dabei bleibe
ich. Deswegen habe ich doch überhaupt angefangen, davon zu sprechen,
weil ich endlich genau wissen wollte, ob andere auch solche Genüsse
haben? Warten Sie, ich werde es Ihnen ausführlicher erklären. Der Genuß
liegt hier gerade in der allzu grellen Erkenntnis der eigenen Erniedrigung:
in der Erkenntnis, daß man schon an der letzten Wand angekommen ist; daß
man keine einzige Möglichkeit mehr hat, jemals noch ein anderer Mensch
zu werden; daß, selbst wenn noch Zeit und Glaube übrig wären, sich in
etwas anderes umzumachen, man sicherlich selbst dieses nicht wollen
würde; wollte man es aber, so würde man es doch nicht tun, weil es im
Grunde vielleicht nichts gibt, in was man sich ummachen könnte. Aber die
Hauptsache und des Endes Ende ist, daß alles nach den normalen und
fundamentalen Gesetzen angestrengten Erkennens vor sich geht und nach
der Inertie, die sich unmittelbar aus diesen Gesetzen ergibt, folglich aber
kann man sich hierbei nicht nur nicht ummachen, sondern kann hierbei
überhaupt nichts machen. Es ergibt sich z. B. aus der angestrengten
Erkenntnis: „stimmt, Du bist ein gemeiner Mensch“ – als ob das dem

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gemeinen Menschen eine Beruhigung sein könnte, wenn er schon selbst
fühlt, daß er tatsächlich gemein ist. Doch genug ... Viel hab ich
zusammengeschwatzt, was aber bewiesen? Wodurch erklärt sich hier dieser
Genuß? Aber ich werde mich schon erklären! Ich werde es schon zu Ende
führen!! Deswegen hab ich doch die Feder in die Hand genommen!
Meine Eigenliebe z. B. ist ganz furchtbar entwickelt. Argwöhnisch und
empfindlich bin ich wie ein Krüppel oder ein Zwerg, aber – Hand aufs Herz
– ich habe auch Augenblicke gehabt, in denen ich mich, wenn es geschehen
wäre, daß mir jemand eine Ohrfeige gegeben, vielleicht darüber gefreut
hätte. Nein, im Ernst: ich hätte bestimmt verstanden, auch darin einen
Genuß zu finden, einen Genuß in seiner Art, versteht sich, einen Genuß der
Verzweiflung, aber in der Verzweiflung sind ja gerade die tiefsten Genüsse,
die heißesten Wonnen, besonders wenn man schon sehr stark die
Aussichtslosigkeit seiner Lage erkennt. Und hier, also bei der Ohrfeige, –
hier erdrückt einen ja die Erkenntnis, bis zu welch einer Schmiere man Dich
zerdrückt hat. Die Hauptsache jedoch, wie man es sich auch überlegt und
wie man es auch überdenkt, es kommt doch immer heraus, daß man als
Erster an allem selbst schuld ist und das kränkendste an der Sache – daß
man ohne Schuld schuldig ist, sagen wir einfach: nach den Naturgesetzen.
Erstens, weil man klüger ist als alle, die einen umgeben. (Ich habe mich
immer für klüger gehalten als die, die mich umgaben und gar manches Mal
– glauben Sie es mir – mich sogar dessen geschämt. Wenigstens habe ich
mein ganzes Leben lang immer zur Seite gesehn, und niemals den
Menschen gerade in die Augen blicken können.) Und zweitens, weil ich,
selbst wenn ich großmütig gewesen wäre, durch diese Großmut nur noch
mehr gelitten hätte, nämlich durch die Erkenntnis ihrer ganzen
Nutzlosigkeit. Ich hätte doch bestimmt nichts aus ihr zu machen verstanden:
weder zu verzeihen, denn der Beleidiger hat mir vielleicht naturgesetzmäßig
die Ohrfeige gegeben, und den Gesetzen der Natur hat man nichts zu
verzeihen, noch zu vergessen, denn wenn es auch hundertmal die Gesetze
der Natur sind, so bleibt es doch immerhin beleidigend. Und selbst wenn
ich mich am Beleidiger hätte rächen wollen, so würde ich mich doch für
nichts und an niemandem gerächt haben, denn es wäre mir bestimmt
unmöglich gewesen, den Entschluß zu fassen, etwas zu tun, selbst wenn
ichs hätte tun können. Warum nicht? Ja, darüber will ich jetzt einige
besondere Worte sagen.

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III.

Wie geschieht es denn, zum Beispiel, bei Leuten, die es verstehen, sich zu
rächen, und überhaupt – ihren Mann zu stehn? Wenn sie vom Rachedurst
ergriffen werden, so bleibt ja von ihrem ganzen Wesen überhaupt nichts
mehr übrig, außer diesem Gefühl. Solch ein Mensch schießt denn auch
sofort wie ein wild gewordener Stier mit tiefgesenkten Hörnern auf das Ziel
los, und höchstens eine Wand kann ihn dann noch zum Stehen bringen. (Bei
der Gelegenheit sei es noch gesagt: vor der Wand ergeben sich solche
Menschen, d. h. die Unmittelbaren- und Tatmenschen, widerspruchslos, vor
der Wand „passen“ sie wie im Kartenspiel. Für sie ist die Wand keine
Ablenkung wie z. B. für uns denkende und folglich tatlose Menschen, kein
Vorwand, auf diesem Wege umzukehren – ein Vorwand, an den unsereiner
gewöhnlich im Grunde selbst nicht glaubt, doch über den er sich stets
ungemein freut. Nein, sie „passen“ vor ihr wirklich mit aller Aufrichtigkeit.
Die Wand hat für sie stets etwas Beruhigendes, moralisch Entscheidendes
und Definitives, meinetwegen sogar etwas Mystisches ... Doch von der
Wand später.) Also gerade solch einen unmittelbaren Menschen halte ich für
den wirklichen, normalen Menschen, wie ihn Mutter Natur selbst haben
wollte, als sie ihn liebend aus der Erde gebar. Solch einen Menschen
beneide ich bis zur grünsten Galle! Er ist dumm. Nun gut, darüber will ich
mit Ihnen nicht streiten, vielleicht aber, wer kann’s denn wissen, muß jeder
normale Mensch dumm sein? Vielleicht ist das sogar sehr schön. Und ich
bin um so mehr zu diesem, sagen wir, Verdacht geneigt, als z. B. die
Antithese des normalen Menschen, also der verstärkt erkennende Mensch,
der natürlich nicht aus dem Schoße der Erde hervorgegangen, sondern aus
der Retorte, dem Destillationstopf aller Chemikalien, entstanden ist, – das
ist fast schon Mystizismus, meine Herren, aber ich nehme auch das als
Tatsache an – wenn man also diesen Retortenmenschen nimmt, so „paßt“ er
vor seiner Antithese zuweilen dermaßen, daß er sich selbst samt seiner
ganzen verstärkten Erkenntnis gewissenhaft für eine Maus hält, nicht aber
für einen Menschen. Mag das auch eine verstärkt erkennende Maus sein, so
bleibt sie doch trotzdem eine Maus, jener aber ist ein Mensch und folglich
auch das Weitere. Und die Hauptsache: er selbst, er selbst hält sich für eine
Maus; niemand bittet ihn darum; das aber ist ein wichtiger Umstand.

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Betrachten wir nun diese Maus in der Tätigkeit. Nehmen wir zum Beispiel
an, daß sie auch einmal beleidigt wird – und sie wird fast immer beleidigt –
und sich gleichfalls rächen will. Wut kann sich in ihr vielleicht noch mehr
ansammeln, als in einem homme de la nature et de la vérité. Das gemeine,
niedrige Wünschchen der Maus, dem Beleidiger mit derselben Münze
heimzuzahlen, kann vielleicht noch heißer in ihr sieden, als in diesem
homme de la nature et de la vérité, denn l’homme de la nature et de la
vérité hält bei seiner angeborenen Dummheit seine Rache allereinfachst für
Gerechtigkeit. Die Maus jedoch verneint hierbei die Gerechtigkeit – infolge
ihrer verstärkten Erkenntnis. Endlich kommt es zur Tat selbst, zum
Racheakt. Die unglückliche Maus hat aber inzwischen außer der
anfänglichen Gemeinheit schon soviel neue Gemeinheiten in Gestalt von
Fragen und Zweifeln um sich herum aufgehäuft, hat an eine Frage so viele
andere ungelöste Fragen angereiht, daß sich unwillkürlich um sie herum ein
verhängnisvoller Brei bildet, ein stinkender Schmutz, der unbedingt
entstehen muß aus diesen ihren eigenen Zweifeln und Peinigungen und
schließlich auch aus dem Speichel, der auf sie von den unzähligen
unmittelbaren Tatmenschen, die sie als Richter und Diktatoren in
feierlichem Kreise umstehn und aus vollem Halse über sie lachen,
niederfliegt. Selbstverständlich kann sie ja noch auf sie alle pfeifen, mit
ihrem Pfötchen eine geringschätzige Gebärde machen und mit einem
Lächeln vorgespielter Verachtung, an die sie selbst nicht glaubt, schimpflich
in ihr Ritzchen zurückschlüpfen. Dort, in ihrem scheußlichen, stinkenden
Winkel versenkt sich dann unsere beleidigte, zerschlagene und verhöhnte
Maus alsbald in kalte, giftige – und vor allen Dingen – ewig andauernde
Bosheit. Vierzig runde Jahre lang wird sie sich bis in die letzten, kleinsten,
allerschmählichsten Einzelheiten der Beleidigung erinnern und dabei noch
jedesmal von sich aus neue Details, noch schimpflichere, hinzufügen, wird
sich fortwährend mit der eigenen Phantasie boshaft reizen und aufstacheln.
Sie wird sich dieser Erinnerung schämen, trotzdem aber sich alles ins
Gedächtnis zurückrufen, wieder alles von neuem erleben, sich Unerhörtes
noch hinzudenken, unter dem Vorwand, daß dieses ja ebensogut hätte
geschehen können – warum auch nicht? – und wird sich nichts, aber auch
nichts verzeihen! Am Ende wird sie dann vielleicht auch anfangen, sich zu
rächen, doch wird sie es immer irgendwie kleinlich tun, hinter dem Ofen
hervor, inkognito; wird selbst nicht einmal weder an ihr Recht, sich zu
rächen, noch an den Erfolg ihrer Rache glauben und im voraus wissen, daß

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unter allen ihren Racheversuchen sie selbst hundertmal mehr leiden wird,
als der, an dem sie sich rächen will, ja, daß der sie vielleicht nicht einmal
beachten wird. Auf dem Sterbebett wird sie sich wiederum des Ganzen
erinnern und das noch mit allen in der Zwischenzeit angesammelten
Prozenten ... Und gerade in dieser kalten, quälenden Halbverzweiflung, in
diesem Halbglauben, in diesem bewußten Sich-vor-Leid-lebendig-begraben
im dunkelsten Winkel des Kellers auf vierzig Jahr, in dieser verstärkt
erkannten und immerhin doch teilweise zweifelhaften Aussichtslosigkeit
der Lage, in diesem Gift unbefriedigter Wünsche, in diesem Fieber des
Schwankens zwischen auf ewig gefaßten und nach einer Minute wieder
aufgegebenen Entschlüssen – darin, gerade darin liegt ja der Saft dieses
sonderbaren Genusses, von dem ich sprach. Dieser Genuß ist dermaßen fein
und der Erkenntnis zuweilen so wenig zugänglich, daß nur etwas
beschränktere Menschen oder sogar einfach Menschen mit starken Nerven
überhaupt nichts davon verstehen können.
„Vielleicht können auch die nichts davon verstehen,“ denken Sie wohl
soeben mit spöttischem Lächeln bei sich, „die niemals Ohrfeigen
bekommen haben,“ und wollen mir auf diese Weise höflich zu verstehen
geben, daß vielleicht auch ich in meinem Leben schon eine Ohrfeige
ertragen habe und darum jetzt aus Erfahrung spreche. Ich könnte wetten,
daß Sie das denken. Aber beruhigen Sie sich, meine Herren, ich habe
niemals Ohrfeigen bekommen, obgleich es mir vollkommen einerlei ist, ob
Sie das denken oder nicht. Ja, vielleicht bedauere ich es selbst noch, in
meinem Leben wenig Ohrfeigen ausgeteilt zu haben. Doch genug, kein
Wort mehr über dieses für Sie so ungemein interessante Thema.
Ich setze ruhig meine Erklärung fort – von den Menschen mit den starken
Nerven, die besagte Feinheit des Genusses nicht verstehen. Diese Menschen
beruhigen sich, wenn sie auch in manchen Fällen wie die Ochsen aus
vollem Halse brüllen, und dieses ihnen meinetwegen auch die größte Ehre
einlegt, so beruhigen sie sich doch sofort, wie ich schon bemerkt habe, vor
der Unmöglichkeit. Die Unmöglichkeit – das ist die Wand! Was für eine
Wand? Nun, versteht sich, die Naturgesetze, die Ergebnisse der
Wissenschaft, der Mathematik. Und wenn man Dir gar beweist, z. B., daß
Du vom Affen abstammst, so hast Du nichts mehr zu meinen, nimm es hin,
so wie es ist. Oder wenn man Dir beweist, daß ein einziges Tröpfchen
Deines eigenen Fettes Dir hunderttausendmal teurer sein muß, als die ganze
Menschheit, und daß in diesem Resultat schließlich alle sogenannten

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Wohltaten und Pflichten und sonstigen Faseleien und Vorurteile gelöst
werden, so nimm das nur ruhig an, ist ja nichts zu machen, denn, wie
gesagt, zweimalzwei – Mathematik! Versuchen Sie zu widerlegen.
„Na, hören Sie mal!“ wird man Ihnen zuschreien, „das ist doch wie
zweimalzwei = vier! Die Natur wird Sie nicht fragen; was gehen die Natur
Ihre Wünsche an, und ob die Naturgesetze Ihnen gefallen oder nicht! Sie
müssen die Natur so nehmen, wie sie ist, und folglich auch alle ihre Gesetze
nebst allen Resultaten. Die Wand also bleibt Wand“ ... usw., usw.
Herrgott, was gehen aber mich die Gesetze der Natur und die Mathematik
an, wenn mir aus irgend einem Grunde diese Gesetze und das zweimalzwei-
ist-vier nicht gefallen? Versteht sich, ich werde solch eine Wand nicht mit
dem Kopf einrennen, da ich ja auch tatsächlich nicht die Kraft dazu habe,
aber ich werde mich ihnen doch nicht ergeben, bloß weil hier eine Wand ist
und ich nicht genügend Kraft besitze!
Als ob solch eine Wand tatsächlich eine Beruhigung wäre, als ob sie
irgend einen Trost enthielte, – einzig weil sie zweimalzwei = vier ist. Oh,
Absurdität aller Absurditäten! Eine ganz andere Sache ist doch – alles
verstehen, alles erkennen, alle Unmöglichkeiten und Steinwände; sich mit
keiner einzigen dieser Unmöglichkeiten oder Wände aussöhnen, wenn es
einem vor dem Aussöhnen ekelt; auf dem Wege der unumgänglichen
logischen Kombinationen bis zu den allerwiderlichsten Schlüssen kommen
– über das ewige Thema, daß man an der Steinwand irgendwie geradezu
selbst schuldig ist, obgleich es wiederum bis zur Durchsichtigkeit
augenscheinlich bleibt, daß man durchaus nicht schuldig ist – und
infolgedessen schweigend und kraftlos zähneknirschend, wollüstig in der
Inertie ersterben, mit dem Gedanken, daß man, wie es sich ergibt, nicht
einmal einen Grund hat, sich über jemanden zu ärgern; daß überhaupt keine
Ursache vorhanden ist und sich vielleicht auch niemals finden lassen wird,
daß hier heimlicher Betrug ist, ein künstliches Aneinanderreihen von
Tatsachen, Falschspielerei, einfach Brei, – unbekannt was, unbekannt wer,
aber trotz all dieser Ungewißheiten und Täuschungen schmerzt es einen
doch und je mehr einem unbekannt ist, desto mehr schmerzt es!

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IV.

„Hahaha! Dann werden Sie ja auch an Zahnschmerzen Genuß finden!“
wenden Sie lachend ein.
„Warum nicht? Auch im Zahnschmerz ist Genuß,“ antworte ich. Einmal
habe ich einen ganzen Monat Zahnschmerzen gehabt – ich weiß, wie das
ist! Natürlich, hierbei erbost man sich nicht schweigend – man stöhnt. Doch
ist es dann kein aufrichtiges, sondern ein schadenfrohes Gestöhn, aber in
dieser Schadenfreude ist ja alles enthalten! Gerade in diesem Gestöhn
drückt sich ja die ganze Wonne, der ganze Genuß des Leidenden aus:
empfände er keinen Genuß, so würde er auch nicht stöhnen. Das ist ein
gutes Beispiel, meine Herren, bleiben wir bei ihm. In diesem Stöhnen liegt
erstens die ganze für Ihre Erkenntnis erniedrigende Zwecklosigkeit Ihres
Schmerzes, die ganze Gesetzlichkeit der Natur, auf die Sie natürlich
spucken können, doch durch die Sie trotzdem leiden, die Natur aber nicht.
Zweitens, die Erkenntnis, daß kein Feind vorhanden, wohl aber der
Schmerz vorhanden ist; die Erkenntnis, daß Sie zusammen mit allen
möglichen Doktoren vollkommen Sklave Ihrer Zähne sind; daß, falls es
irgend jemand will, Ihre Zähne nicht mehr schmerzen werden, wenn er es
aber nicht will, sie noch weitere drei Monate schmerzen werden; und daß
drittens, wenn Sie sich immer noch nicht ergeben und immer noch
protestieren wollen, Ihnen zur eigenen Beruhigung nur noch übrig bleibt,
sich selbst durchzuprügeln oder mit der Faust etwas schmerzhafter an Ihre
Wand zu schlagen – sonst aber entschieden nichts. Nun, sehen Sie, – gerade
von diesen Beleidigungen bis aufs Blut, von diesem Verspottetwerden, ohne
zu wissen von wem, entsteht dann allmählich dieser Genuß, der oft bis zur
höchsten Wollust steigen kann. Bitte, meine Herren, hören Sie doch einmal
aufmerksam dem Gestöhn eines gebildeten Menschen des neunzehnten
Jahrhunderts zu, wenn er Zahnschmerzen hat, doch schon so am zweiten
oder dritten Tage, wenn er nicht mehr so stöhnt, wie am ersten Tage, d. h.,
nicht nur einfach, weil seine Zähne schmerzen, nicht wie irgend ein
gewöhnlicher Bauer stöhnt, sondern wie ein Mensch, der von der Bildung
und der europäischen Kultur durchdrungen ist – wie ein Mensch, „der sich
vom Boden und dem Volke getrennt hat,“ wie man sich jetzt auszudrücken
pflegt. Sein Gestöhn wird gewissermaßen gemein, boshaft und hält ganze

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Tage und Nächte lang an. Und er weiß es ja selbst, daß ihm dieses Stöhnen
nicht den geringsten Nutzen bringt; weiß es selbst am allerbesten, daß er
damit ganz umsonst sich wie auch die anderen nur ärgert und reizt; er weiß
sogar, daß das Publikum, vor dem er sich solche Mühe gibt, seine Familie,
ihm schon bis zum Widerwillen zugehört hat, ihm nicht für einen Pfennig
glaubt und bei sich denkt, daß er doch anders, einfacher stöhnen könnte,
ohne Läufer, Triller und Sprünge, daß er es nur aus Bosheit, aus
Schadenfreude tut. Nun, gerade in diesen Erkenntnissen und Qualen liegt ja
die Wollust! „Ich beunruhige Euch, zerreiße Euch das Herz, gönne keinem
im Hause Schlaf! So wacht denn, bitte, fühlt mal mit, daß meine Zähne
schmerzen! Jetzt bin ich für Euch nicht mehr der Held, der ich früher
scheinen wollte, sondern einfach ein gemeines Menschlein, ein Chenapan.
Nun gut! Freut mich sehr, daß Ihr mich durchschaut! Mein häßliches
Gestöhn widert Euch wohl an? Nur zu! werde Euch gleich einen noch
häßlicheren Läufer vorstöhnen ...“ Verstehen Sie mich auch jetzt noch nicht,
meine Herren? Nein, es scheint doch, daß man sich lange bis zu dem
entwickeln und tief in sich selbst versenken muß, um alle Windungen dieser
Wollust verstehen zu können. Sie lachen? Freut mich! Meine Späßchen sind
vielleicht etwas abgeschmackt, sind uneben, verwirrt und voll von
Mißtrauen zu mir selbst. Aber das kommt doch daher, daß ich mich selbst
nicht achte! Aber kann denn ein erkennender Mensch sich überhaupt noch
irgendwie achten?

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V.

Nun, wie ist es denn möglich, wie kann sich denn ein Mensch auch nur ein
wenig achten, wenn er sich verschworen hat, sogar im Gefühl der eigenen
Erniedrigung Genuß zu suchen? Nicht aus irgend einer faden Reue sage ich
das jetzt. Hab’s überhaupt nie leiden können, zu sagen: „Verzeihen Sie,
Papa, ich werde nicht mehr ...“ – nicht etwa, weil ich das nicht sagen
konnte, sondern im Gegenteil, vielleicht gerade, weil ich schon allzu schnell
bereit war, das zu sagen, und wie noch! Wie absichtlich habe ich mich
zuweilen beschuldigt, in Fällen, in denen ich selbst nicht einmal wußte,
woran ich eigentlich hätte schuld sein können. Das war ja das
Allergemeinste. Und dabei verging ich fast vor Mitleid mit mir selbst; ich
bereute und vergoß viele Tränen, und – versteht sich – betrog mich an allen
Ecken und Kanten, wenn ich mich auch nicht im geringsten verstellte: das
Herz verpfuschte es einfach ... Dabei konnte ich nicht einmal mehr die
„Gesetze“ der Natur beschuldigen, obgleich mich doch diese Gesetze der
Natur fortwährend und am meisten beleidigten. Widerlich, sich dessen von
neuem zu erinnern; es war auch damals widerlich. Denn schon nach einer
Minute sagte ich mir, daß alles Lüge ist, ekelhafte, trügerische Lüge – ich
meine dieses ewige Bereuen und diese ewigen Vorsätze, sich zu bessern.
Fragen Sie mich aber, warum ich mich so wand und quälte? Antwort: weil
es schon etwas zu langweilig war, mit gefalteten Händen still zu sitzen, und
so ließ ich mich denn auf die Windungen ein. Wahrhaftig, so war’s.
Beobachten Sie sich selbst etwas besser, meine Herren, dann werden Sie
sehn, daß es so ist. Hab mir Abenteuer ausgedacht und das Leben zurecht
gedichtet, um doch wenigstens auf diese Weise zu leben. Wie viel mal ist es
nicht vorgekommen, daß ich mich – nun, sagen wir zum Beispiel, gequält
habe, ganz einfach ohne jede Ursache, absichtlich. Und ich wußte doch
selbst ganz genau, daß ich überhaupt keinen Grund hatte, gekränkt zu sein,
hetzte mich auf mich selbst auf. Aber schließlich bringt man es tatsächlich
so weit, daß man sich allen Ernstes gekränkt fühlt. Mein ganzes Leben lang
habe ich mich auf diese Weise gereizt, so daß ich mich schließlich nicht
mehr beherrschen konnte. Einmal wollte ich mich krampfhaft verlieben,
sogar zweimal. Hab doch gelitten, meine Herren, versichere Ihnen. Im
tiefsten Seelengrund glaubt man’s zwar nicht, daß man leidet, Spott kichert

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dort versteckt, aber man leidet doch und noch in einer wirklichen, ganz
gehörigen Weise; bin eifersüchtig, fahre aus der Haut ... Und alles aus
Langeweile, meine Herren, alles aus Langeweile! Die Inertie erdrückte
mich. Denn die direkte, gesetzmäßige, unmittelbare Frucht der Erkenntnis,
– das ist die Inertie, d. h., das bewußte Hände-im-Schoß-Stillsitzen. Das
habe ich auch schon früher erwähnt. Wiederhole es, wiederhole es
nachdrücklichst: alle Tatmenschen sind ja nur tätig, weil sie stumpfsinnig
und beschränkt sind. Wie das erklären? Ganz einfach: infolge ihrer
Beschränktheit nehmen sie die nächsten und zweitrangigen Ursachen für
die Urgründe, und so überzeugen sie sich schneller und leichter als die
anderen, daß sie eine unwandelbare Basis für ihre Tätigkeit gefunden
haben, nun, und geben sich damit zufrieden, – und das ist doch die
Hauptsache. Denn um eine Tätigkeit zu beginnen, muß man vorläufig
vollständig beruhigt sein, auf daß nicht die geringsten Zweifel mehr übrig
bleiben. Nun, wie aber soll z. B. ich mich beruhigen? Wo sind bei mir die
Urgründe, auf die ich mich stützen kann, wo die Basis? Woher soll ich sie
nehmen? Ich übe mich im Denken und folglich zieht bei mir jeder Urgrund
sofort einen anderen, noch älteren, hinter sich her und so geht es weiter bis
in die Endlosigkeit. Derart ist eben das Wesen aller Erkenntnis und alles
Denkens. Somit sind das also schon wieder die Gesetze der Natur. Und was
ergibt sich denn schließlich im Resultat? Ja, ganz dasselbe. Erinnern Sie
sich: vorhin sprach ich doch von der Rache. (Sie haben es bestimmt nicht
begriffen.) Es heißt: der Mensch rächt sich, weil er darin Gerechtigkeit
sieht. Also hat er doch die Basis gefunden, und zwar: die Gerechtigkeit.
Also ist er allseitig beruhigt und folglich rächt er sich, da er überzeugt ist,
eine ehrliche und gerechte Tat zu vollbringen, ruhig und mit gutem Erfolg.
Ich jedoch sehe hierin keine Gerechtigkeit, und eine Wohltat kann ich hierin
erst recht nicht entdecken; wollte ich mich aber dann trotzdem noch rächen,
so könnte es allenfalls nur aus Bosheit geschehn. Allerdings könnte Bosheit
vielleicht alles besiegen, alle meine Zweifel, und somit erfolgreich die
Basis ersetzen, gerade weil sie kein Standpunkt ist. Was soll ich aber tun,
wenn ich nicht einmal Bosheit habe! – damit begann ich ja vorhin. Infolge
dieser verfluchten Gesetze der Erkenntnis unterwirft sich nämlich meine
Bosheit der chemischen Zerlegung. Man sieht –: das Ding hebt sich auf, die
Vernunftgründe verdunsten, der Schuldige ist nicht zu finden, die
Beleidigung bleibt nicht Beleidigung, sondern wird Fatum, etwas in der Art
wie Zahnschmerz, an dem niemand schuld ist, und so bleibt wiederum nur

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der eine Ausweg – etwas fester mit der Faust an die Wand zu schlagen.
Nun, da winkt man denn wieder mit der Hand ab, denn man hat doch nicht
die Basis gefunden. Versucht man es, läßt man sich von seinem Gefühl
blindlings hinreißen, ohne Erwägungen, ohne Begründungen, verjagt man
die Erkenntnis wenigstens für diese Zeit; ergibt man sich dem Haß oder
ergibt man sich der Liebe, nur um nicht mit gefalteten Händen stillzusitzen:
– Übermorgen, das ist die letzte Frist, wirst Du anfangen, Dich selbst zu
verachten, dafür, daß Du Dich selbst wissentlich betrogen hast! Im Resultat:
eine Seifenblase und Inertie. Oh, meine Herren, ich, vielleicht halte ich
mich nur deswegen für einen klugen Menschen, weil ich in meinem ganzen
Leben nichts habe weder beginnen noch beenden können. Schön, gut, möge
ich ein Schwätzer sein, ein unschädlicher, langweiliger Schwätzer, wie wir
alle. Aber was soll man denn machen, wenn die einzige und direkte
Bestimmung jedes klugen Menschen – schwatzen ist, d. h. mit vollem
Bewußtsein leeres Stroh dreschen?

Page 36

VI.

Oh, wenn ich doch aus Faulheit nichts getan hätte! Herrgott, wie würde ich
mich dann achten! Würde mich gerade deswegen achten, weil ich dann
doch fähig wäre, wenigstens faul zu sein! Dann hätte ich doch wenigstens
eine Eigenschaft, eine positive Eigenschaft, von der ich dann auch selbst
überzeugt sein könnte. Man fragt: was ist das für einer? Antwort: ein
Faulpelz. Aber ich bitt’ Sie, meine Herren, das wäre doch über alle Maßen
angenehm von sich zu hören. Also bin ich dann doch positiv bezeichnet,
klassifiziert, es gibt also etwas, was man von mir sagen kann. „Ein
Faulpelz!“ – aber das ist doch eine Benennung, eine Bestimmung, das ist ja
eine Karriere, ich bitt’ Sie! Scherz bei Seite, das ist so. Dann bin ich
rechtmäßiges Mitglied des ersten Klubs der Welt und beschäftige mich
ausschließlich mit der Hochachtung meiner selbst. Ich kannte einen Herrn,
der sein Leben lang nichts anderes tat, als darauf stolz sein, daß er sich auf
Weinsorten verstand. Er hielt das für eine positive Würde und zweifelte nie
an sich. Er starb nicht nur mit einem ruhigen, sondern mit einem wahrhaft
triumphierenden Gewissen und war auch vollkommen im Recht. Ich aber
hätte mir dann eine Karriere gewählt – oh! – ich wäre Faulpelz und Vielfraß
geworden! – doch kein gewöhnlicher etwa, sondern einer, der, sagen wir,
mit allem Schönen und Hohen sympathisiert. Hm! Wie gefällt Ihnen das?
Ich habe mir das schon lange ausgemalt. Dieses „Schöne und Hohe“ hat mir
in den vierzig Jahren doch arg auf dem Puckel gelegen; jetzt aber bin ich
schon vierzig; doch wenn ich damals – oh, dann wäre jetzt alles ganz
anders! Ich hätte mir sofort eine entsprechende Lebensaufgabe gewählt,
nämlich: auf die Gesundheit alles Schönen und Hohen zu trinken. Ich
würde jede gebotene Gelegenheit ergriffen haben, um zuerst in meinen
Pokal eine Träne zu träufeln und ihn dann auf’s Wohl alles Schönen und
Hohen hinabzustürzen. Alles auf der Welt würde ich dann in Schönes und
Hohes verwandelt, und selbst im gemeinsten Schmutz würde ich Schönes
und Hohes gefunden haben. Tränenreich wäre ich geworden wie ein nasser
Schwamm. Zum Beispiel –: ein Künstler hat ein Bild gemalt: sofort trinke
ich auf die Gesundheit dieses Künstlers, denn ich liebe alles Schöne und
Hohe. Ein Schriftsteller hat „Einerlei was“ verfaßt, und sofort trinke ich auf
das Wohl „Einerlei wessen“, denn ich liebe „alles Schöne und Hohe“. –

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Achtung würde ich deswegen für mich heischen, würde jeden verfolgen,
der mir dafür keine Achtung zollt! Lebe ruhig, sterbe triumphierend, – ja,
aber das ist doch herrlich, einfach herrlich! Und was für einen
Schmeerbauch ich mir dann anlegen würde, und welch ein dreifaches
Doppelkinn, von der Leuchtkraft der Nase schon gar nicht zu reden! Jeder,
der mir begegnet, würde bei meinem Anblick sagen: „Donnerwetter, das ist
aber ein Plus! Das ist mal was Positives!“ Sagen Sie was Sie wollen, meine
Herren, aber solche Bemerkungen sind doch in unserem negativen
Jahrhundert ungemein schmeichelhaft zu hören, ungemein schmeichelhaft!

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VII.

Doch das sind ja alles bloß goldene Träume.
Wissen Sie vielleicht, wer es zum ersten Mal gesagt hat, daß der Mensch
nur deswegen Gemeinheiten begehe, weil er seine wahren Interessen nicht
kenne, und daß, wenn man ihm seine wirklichen normalen Interessen
erklären könnte, er sofort aufhören würde, Gemeinheiten zu begehen, denn
einmal aufgeklärt über seinen Vorteil, würde er natürlich nur im Guten
seinen Vorteil finden – bekanntlich aber könne kein einziger Mensch
wissentlich gegen seinen eigenen Vorteil handeln, – folglich würde er
sozusagen gezwungener Weise immer nur Gutes tun? Oh Säugling, der du
das gesagt! Oh reines, unschuldiges Kindlein! Wann ist es denn jemals in
den vergangenen Jahrhunderten geschehen, daß der Mensch einzig und
allein nur um des eigenen Vorteils willen seine Taten vollbracht hat? Was
mit all diesen Millionen von Fakten anfangen, die da bezeugen, daß die
Menschen wissentlich, d. h. bei vollem Verständnis für ihre wirklichen
Vorteile, letztere doch zurücksetzten und sich auf einen anderen Weg
begaben, aufs geratewohl, in die Gefahr, von niemandem und durch nichts
dazu gezwungen, sondern als ob sie gerade die Vorteile verschmähten, und
eigensinnig und verstockt womöglich das Gegenteil suchten? Das zeigt
doch, daß ihnen dieser Eigensinn und Eigenwille lieber waren, als der
eigene Vorteil ... Vorteil! Was ist Vorteil? Wollen Sie es vielleicht
übernehmen, ganz genau zu erklären, zu bestimmen, worin der Vorteil des
Menschen besteht? Wie aber, wenn es einmal vorkommen sollte, daß sich
das Schlechtere wünschen und nicht das Vorteilhaftere, nicht nur der Vorteil
des Menschen sein kann, sondern wirklich und wahrhaft ist? Wird aber
einmal die Möglichkeit dieses Falles zugegeben, so ist sofort diese ganze
Regel aufgehoben. Was meinen Sie, meine Herren, kann es solch einen Fall
geben oder nicht? Sie lachen! Nun, lachen Sie meinetwegen, aber antworten
Sie nur: sind denn die Vorteile des Menschen auch wirklich richtig
festgesetzt und sind sie denn auch alle aufgezählt? Gibt es nicht auch
solche, die nicht nur noch nicht klassifiziert sind, sondern sich überhaupt
nicht klassifizieren lassen? Sie haben doch, meine Herren, soviel ich weiß,
Ihr ganzes Register der menschlichen Vorteile als Durchschnittssumme aus
den statistischen Zahlen und wissenschaftlich-praktischen Formeln

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genommen. Ihre Vorteile sind doch: Glück, Reichtum, Freiheit, Ruhe, nun,
u. s. w., u. s. w., so daß, zum Beispiel, der Mensch, der offenbar und
wissentlich gegen dieses ganze Register handelt, nach Ihrer Meinung, nun
ja, und selbstverständlich auch nach meiner, ein Obskurant oder ein
vollkommen Verrückter ist, nicht wahr? Aber bei alledem ist doch eines
wunderlich: woher kommt es, daß diese sämtlichen Statistiker, Weisen,
Menschenfreunde beim Aufzählen der menschlichen Vorteile beständig
einen Vorteil übergehen? Sie nehmen ihn nicht einmal in ihre Liste auf,
wenigstens nicht in der Weise, wie er aufgenommen werden müßte, von
ihm aber hängt doch die ganze Rechnung ab! Nun, das wäre ja weiter nicht
schlimm, man könnte diesen Vorteil nehmen und ihn einfach auf der Liste
hinzufügen. Doch darin besteht ja das ganze Malheur, daß dieser
eigentümliche Vorteil sich überhaupt nicht klassifizieren läßt und man ihn
auch auf keiner einzigen Liste unterbringen kann! Ich habe z. B. einen
Freund ... Ach, meine Herren, er ist ja bestimmt auch Ihr Freund, und
überhaupt – wessen Freund ist er denn nicht!? Wenn sich nun dieser Freund
an eine Sache macht, wird er Ihnen sofort redselig klar und deutlich
auseinandersetzen, wie er nach den Gesetzen der Vernunft und Wahrheit
handeln muß. Ja, er wird Ihnen sogar aufgeregt und leidenschaftlich viel
von den wahren und normalen Interessen der Menschen erzählen; wird
spöttelnd die kurzsichtigen Dummköpfe tadeln, die weder ihre Vorteile
noch die wahre Bedeutung der Wohltat erkennen und – genau nach einer
Viertelstunde ohne jede plötzliche äußere Veranlassung, sondern gerade aus
irgend etwas Innerlichem, das stärker ist, als alle seine Interessen, wird er
plötzlich ein ganz anderes Lied pfeifen, d. h. wird offen gegen alles
vorgehen, was er selbst gesagt hat: gegen die Gesetze der Vernunft, gegen
den eigenen Vorteil, mit einem Wort, gegen alles ... Doch – Sie wissen es ja
selbst – mein Freund ist eine Kollektivperson und darum – ihn allein
beschuldigen, hm, geht nicht gut an. Das ist es ja, meine Herren: gibt es
denn wirklich nicht etwas, das fast jedem Menschen teurer ist, als seine
besten Vorteile? Oder sagen wir – um die Logik nicht zu zerstören –: es gibt
solch einen allervorteilhaftesten Vorteil, der aber in allen
Vorteilsverzeichnissen beständig ausgelassen wird, einen Vorteil, der
wichtiger und größer ist, als alle anderen Vorteile, und für den der Mensch
bereit ist, wenn’s darauf ankommt, allen anerkannten Vorteilen, allen
Gesetzen zuwider zu handeln, also gegen Vernunft, Ehre, Ruhe, Glück u. s.

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w. zu handeln, kurz, gegen alle diese guten und schönen Dinge, – nur um
diesen größten, vorteilhaftesten Vorteil, der ihm am teuersten ist, zu haben.
„Aber es ist doch immerhin ein Vorteil!“ unterbrechen Sie mich.
Warten Sie, ich werde es noch erklären! Mir ist es nicht um einen
Kalauer zu tun, sondern um den Beweis, daß dieser Vorteil gerade
deswegen bemerkenswert ist, weil er alle Ihre Klassifikationen der Vorteile
zerstört, und alle Systeme, die von den Menschenfreunden zur Erreichung
des vollen Erdenglücks aufgestellt werden, einfach unmöglich macht.
Bevor ich jedoch diesen Vorteil nenne, will ich mich noch persönlich
kompromittieren, und darum erkläre ich jetzt dreist, daß alle diese schönen
Systeme, alle diese Theorien – die den Menschen ihre wahren und normalen
Interessen erklären wollen, auf daß sie dann gezwungen nach der Erfüllung
derselben streben und somit gut und edel werden – meiner Meinung nach
nichts als Logistik sind! Ja, – Logistik! Denn diese Theorie der Erneuerung
der ganzen Menschheit mittels des Systems ihrer Vorteile bejahen, das ist
doch fast dasselbe, wie ... nun, wie z. B. nach Buckle behaupten, der
Mensch würde durch die Kultur weicher, folglich weniger blutdürstig und
immer unfähiger zum Kriege. Nach der Logik, glaube ich, kommt er zu
diesem Folgeschluß. Der Mensch aber hat solch eine Vorliebe für das
System und den abstrakten Folgeschluß, daß er bereit ist, die Wahrheit
absichtlich zu entstellen, bereit, mit den Augen nicht zu sehen, mit den
Ohren nicht zu hören, nur damit seine Logik recht behält. Aber so öffnen
Sie doch Ihre Augen, meine Herren, und blicken Sie um sich! Das Blut
fließt in Strömen und dazu noch in einer so kreuzfidelen Weise, als ob’s
Champagner wäre. Nehmen Sie doch unser ganzes neunzehntes
Jahrhundert, in dem auch Herr Buckle gelebt hat: da haben Sie Napoleon –
den Großen und den Dritten; da haben Sie Nord-Amerika – die ewige
Union; da haben Sie endlich das karikaturhafte Schleswig-Holstein ... Und
jetzt sagen Sie mir bitte, worin uns denn die Kultur weicher macht? Die
Kultur arbeitet im Menschen nur die Vielseitigkeit der Empfindung aus und
... das ist alles, was sie tut. Und gerade durch die Entwicklung dieser
Vielseitigkeit wird der Mensch schließlich auch im Blutvergießen Genuß
finden. Er tut es ja schon jetzt. Ist es Ihnen nicht aufgefallen, daß die
raffiniertesten Blutvergießer fast ausnahmslos die zivilisiertesten Menschen
gewesen sind, Menschen, mit denen sich solche wie Attila oder Stenjka
Rasin[2] überhaupt nicht vergleichen können, und wenn sie nicht so
bekannt sind wie Attila oder Stenjka Rasin, so kommt das nur daher, weil

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sie viel zu häufig vorkommen, viel zu gewöhnlich sind, so daß man ihrer
schon überdrüssig geworden ist. Jedenfalls ist der Mensch durch die
Zivilisation, wenn nicht blutdürstiger, so doch gewiß schlechter, gemeiner
blutdürstig geworden, als er es früher war. Früher sah er im Blutvergießen
Gerechtigkeit und vernichtete mit ruhigem Gewissen einen jeden, den er
seiner Meinung nach vernichten mußte; jetzt jedoch vergießen wir weit
mehr Menschenblut, obgleich wir es schon längst für eine Gemeinheit
halten. Welch ein Blutvergießen ist nun schlechter? Urteilen Sie selbst. Man
sagt, Kleopatra – Verzeihung für das Beispiel aus der Alten Geschichte –
habe es geliebt, goldene Stecknadeln in die Brüste ihrer Sklavinnen zu
stecken, und habe an deren Gestöhn und Geschrei Genuß gefunden. Sie
werden sagen, daß das in, relativ gesprochen, barbarischen Zeiten
geschehen ist, daß wir auch jetzt noch in barbarischen Zeiten leben, denn –
wiederum relativ gesprochen – auch jetzt stecke man Stecknadeln, und daß
der Mensch auch jetzt noch, wenn er auch schon gelernt habe, in manchen
Dingen klarer zu sehen als in barbarischen Zeiten, sich doch noch lange
nicht gewöhnt hätte, so zu handeln, wie es ihn die Vernunft und die
Wissenschaften lehrten. Doch immerhin sind Sie, meine Herren,
vollkommen überzeugt, daß er sich bestimmt daran gewöhnen wird, in
Zukunft, wenn auch die letzten alten, dummen Angewohnheiten ganz
vergessen sein werden, und wenn die gesunde Vernunft nebst der
Wissenschaft die menschliche Natur vollständig umerzogen und auf den
einzig richtigen Weg gelenkt haben werden. Sie sind überzeugt, daß der
Mensch dann von selbst aufhören wird, freiwillig Fehler zu begehen, und
seinen Willen seinen normalen Interessen sozusagen unwillkürlich nicht
mehr entgegensetzen wird. Ja, Sie sagen sogar noch: dann wird die
Wissenschaft selbst den Menschen belehren – wenn das meiner Meinung
nach auch schon Luxus ist – und ihm sagen, daß er weder Wille noch
Eigensinn in Wirklichkeit besitzt noch je besessen hat, und daß er selbst
nichts mehr ist, als etwas in der Art einer Klaviertaste oder eines
Drehorgelstiftes, und daß auf der Welt außerdem noch Naturgesetze
vorhanden sind: so daß alles, was er auch tun mag, nicht durch seinen
Wunsch oder Willen getan wird, sondern ganz von selbst geschieht, einfach
nach den Gesetzen der Natur. Folglich braucht man dann nur diese Gesetze
der Natur zu entdecken und sofort wird der Mensch für seine Handlungen
nicht mehr verantwortlich sein, und ein ungemein leichtes Leben beginnen
können. Versteht sich – alle menschlichen Handlungen werden dann nach

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diesen Gesetzen mathematisch in der Art der Logarithmentafeln bis 108 000
berechnet und in einen Kalender eingetragen werden. Oder, noch besser, es
werden einige wohlgemeinte Bücher erscheinen, etwa wie die jetzigen
encyclopädischen Lexica, in denen dann alles so genau ausgerechnet und
bezeichnet ist, daß auf der Welt hinfort weder Taten noch Abenteuer mehr
vorkommen werden.
Dann also – das sind immer noch Ihre Meinungen, meine Herren –
werden die neuen ökonomischen Verhältnisse beginnen, vollkommen
ausgearbeitete und gleichfalls mit mathematischer Genauigkeit berechnete,
so daß im Handumdrehen alle Fragen verschwinden werden, – eigentlich
nur aus dem Grunde, weil man sonst die verschiedensten Antworten auf
dieselben erhielte. Dann wird ein Kristall-Palast gebaut werden, dann ...
Nun, mit einem Wort, dann wird der Märchenvogel angeflogen kommen.
Natürlich kann man nicht garantieren, – jetzt rede ich wiederum von mir
aus –, daß es dann z. B. nicht furchtbar langweilig sein wird – denn was soll
man noch machen, wenn alles schon berechnet ist? – dafür wird es aber
ungemein vernünftig sein. Aber was denkt man sich nicht alles aus
Langeweile aus! Die goldenen Nadeln wurden doch auch aus Langeweile
gesteckt, und davon noch gar nicht zu reden! Gemein ist nämlich nur, daß
man sich dann der Stecknadeln womöglich noch freuen wird. Denn der
Mensch ist doch dumm, phänomenal dumm! Das heißt, wenn er auch
durchaus nicht dumm ist, so ist er doch so undankbar, daß man etwas
Undankbareres mit der Laterne suchen kann und doch nicht finden wird. Z.
B. würde es mich nicht im geringsten wundern, wenn sich dann mir nichts,
dir nichts inmitten der allgemeinen zukünftigen Vernünftigkeit plötzlich
irgend ein Gentleman vor uns aufstellt, die Hände in die Seiten stemmt und
mit spöttischer Physiognomie uns allen sagt: „Nun wie, meine geehrten
Anwesenden, sollten wir nicht diese ganze Vernünftigkeit mit einem
Fußtritt zertrümmern, auf daß alle diese verfluchten Logarithmen zum
Teufel gehen und wir wieder nach unserem törichten Willen leben
können!?“ Das wäre ja schließlich noch nicht so schlimm, aber kränkend ist
nur, daß er doch zweifellos – was sage ich! – unbedingt
Gesinnungsgenossen finden wird. Der Mensch ist nun einmal so
geschaffen. Und er würde es aus dem nichtigsten Grunde, den zu erwähnen
es sich überhaupt nicht lohnen sollte, tun: weil der Mensch, wer er auch sei,
immer und überall so zu handeln liebt, wie er will, und durchaus nicht so,
wie es ihm Vernunft und Vorteil befehlen. Wollen aber kann man auch

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gegen seinen eigenen Vorteil und zuweilen muß man es sogar unbedingt –
das ist schon so meine Idee. Sein eigenes, freies Wollen, seine eigenen,
meinetwegen dümmsten Launen, seine Phantasie, die zuweilen selbst bis
zur Verrücktheit aufgeschraubt sein mag – das, gerade das ist ja dieser auf
keiner einzigen Liste vermerkte vorteilhafteste Vorteil, der sich unmöglich
klassifizieren läßt und durch den alle Systeme und Theorien sofort zum
Teufel gehen. Woher wissen es denn diese Weisen, daß der Mensch irgend
ein normales, irgend ein edles Wollen braucht? Wie kommen Sie darauf,
sich skrupellos einzubilden, daß der Mensch unbedingt ein vernünftig-
vorteilhaftes Wollen nötig hätte? Der Mensch braucht einzig und allein
selbständiges Wollen, was diese Selbständigkeit auch kosten und wohin sie
auch führen mag. Aber das Wollen – weiß der Teufel ...

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VIII.

„Hahaha! Aber das Wollen, das gibt es ja in Wirklichkeit überhaupt nicht!“
unterbrechen Sie mich lachend. „Die Wissenschaft hat den Menschen heute
schon so anatomiert, daß, wie wir wissen, das Wollen und der sogenannte
freie Wille nichts anderes sind, als ...“
Warten Sie, meine Herren, ich wollte ja selbst damit anfangen! Ich muß
gestehen, ich erschrak sogar, als mir das einfiel. Ich wollte gerade ausrufen,
daß das Wollen weiß der Teufel wovon abhängt, und daß wir dafür
meinetwegen Gott danken können, aber da fiel mir plötzlich die
Wissenschaft ein und ... da unterbrachen Sie mich auch schon. Nun, sagen
wir, daß man einmal wirklich die Formel aller unserer Wünsche und
Launen findet, ich meine, wovon sie abhängig sind, nach welchen Gesetzen
sie eigentlich entstehen, wie sie sich verbreiten, wohin sie in diesem oder
jenem Falle streben u. s. w., kurz, die richtige mathematische Formel, – so
wird doch der Mensch dann sofort womöglich aufhören, zu wollen, ja, er
wird sogar bestimmt aufhören, noch weiter zu wollen. Was ist denn das für
ein Vergnügen, nach dem Kalender zu wollen? Und das wäre ja noch nicht
alles: er verwandelt sich doch sofort aus einem Menschen in einen
Drehorgelstift, oder etwas derartiges; denn was ist der Mensch ohne
Wünsche, ohne Willen anderes, als ein Stiftchen an der Drehorgelwalze?
Was meinen Sie dazu? Untersuchen wir die Wahrscheinlichkeiten, – kann
das geschehen oder nicht?
„Hm! ...“ entscheiden Sie, – „unser Wollen ist infolge der fehlerhaften
Auffassung unserer Vorteile größtenteils fehlerhaft. Darum wollen wir auch
zuweilen reinen Blödsinn, weil wir infolge unserer Dummheit in diesem
Blödsinn den leichtesten Weg zur Erreichung irgend welches
vermeintlichen Vorteils sehen. Wenn aber alles erklärt, schwarz auf weiß
ausgerechnet sein wird, – was keineswegs unmöglich ist, denn es wäre doch
sinnlos und gemein, schon im voraus zu glauben, daß der Mensch gewisse
Naturgesetze niemals erfahren könnte –, so wird es dann selbstverständlich
diese sogenannten Wünsche nicht mehr geben. Denn wenn sich das Wollen
einmal mit der Vernunft vereint haben wird, so werden wir dann eben
vernunftgemäß denken, nicht aber wollen, und zwar einfach aus dem
Grunde nicht, weil man doch z. B. bei voller Vernunft nicht Blödsinn

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wollen und somit bewußt gegen seine Vernunft handeln und sich
Nachteiliges wünschen kann ... Da man aber alle Wünsche und Gedanken
tatsächlich einmal berechnet haben wird, denn irgend einmal wird man
doch die Gesetze unseres sogenannten freien Willens entdecken, so wird es
folglich doch zu so etwas in der Art einer Tabelle kommen, so daß wir dann
auch in facto nach dieser Tabelle wollen werden. Denn wenn man mir
vorrechnet und beweist, daß ich, wenn ich irgend jemandem eine lange
Nase gezeigt, dieses ausschließlich getan habe, weil ich sie unbedingt
gerade so, mit genau solch einer Grimasse habe zeigen müssen, so möchte
ich bloß wissen, was nach dem noch Freies in mir übrig bleibt, besonders
wenn ich Gelehrter bin und irgendwo den Kursus der Wissenschaften
beendet habe? Dann kann ich ja mein Leben auf ganze dreißig Jahre
vorausberechnen. Mit einem Wort, wenn es einmal dazu kommt, so wird
doch nichts mehr daran zu ändern sein; man wird es einfach annehmen
müssen. Ja, und überhaupt müssen wir uns unermüdlich immer wieder
sagen, daß die Natur uns dann und dann, sagen wir im Augenblick, da wir
die lange Nase unter diesen oder jenen Umständen zeigen, nicht erst nach
unserem Willen fragt; wir müssen sie so nehmen, wie sie ist, nicht aber so,
wie wir sie uns vorstellen, und wenn wir wirklich nach der Tabelle und dem
Kalender streben, nun und ... wenn auch meinetwegen zur Retorte, so – was
ist denn dabei zu machen, – so müssen Sie auch die Retorte annehmen!
Andernfalls wird sie eben ohne Sie angenommen ...“
Wunderbar, aber gerade hier liegt meiner Meinung nach der Haken!
Meine Herren, Sie werden mir verzeihen, daß ich mich von der Philosophie
habe fortreißen lassen; in ihr liegen vierzig Jahre Dunkel! Da können Sie
mir doch erlauben, zu phantasieren. Sehen Sie mal: die Vernunft, meine
Herren, ist eine gute Sache, das wird niemand bestreiten, aber die Vernunft
ist und bleibt nur Vernunft, und befriedigt nur den Geist des Menschen; das
Wollen dagegen ist die Offenbarung des ganzen Lebens, d. h. des ganzen
menschlichen Lebens mit allem, was drum und dran ist. Und wenn sich
auch unser Leben in dieser Offenbarung oftmals als ein lumpiges Ding
erweist, so ist es doch immerhin Leben und nicht nur ein Ausziehen von
Quadratwurzeln. Denn ich z. B. will doch ganz natürlicher Weise leben, um
meine ganze Lebensfähigkeit zu befriedigen, nicht aber, um bloß meiner
Vernunft Genüge zu tun, also irgend einem zwanzigsten Teil meiner ganzen
Lebensfähigkeit. Was weiß denn die Vernunft? Die Vernunft weiß nur das,
was sie bereits erfahren hat – anderes wird sie überhaupt nie wissen: das ist

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zwar kein Trost, doch warum soll man es denn nicht aussprechen? –, die
menschliche Natur jedoch handelt stets als Ganzes, mit allem, was in ihr ist,
bewußt und unbewußt, und wenn sie auch lügt, so lebt sie doch. Ich
argwöhne, meine Herren, daß Sie mich jetzt gewissermaßen bemitleiden;
Sie wiederholen mir, daß es für einen gebildeten und entwickelten
Menschen, kurz, für einen Menschen, wie wir ihn im zukünftigen Typ
haben werden, unmöglich sein wird, wissentlich sich etwas für sich
unvorteilhaftes zu wünschen, – daß dieses mathematisch klar sei. Bin
vollkommen einverstanden mit Ihnen, meine Herren, gebe zu, daß es
tatsächlich mathematisch klar ist. Doch trotzdem sage ich Ihnen zum
hundertsten Mal: es gibt solch einen Fall, nur einen einzigen, in dem sich
der Mensch wissentlich, absichtlich sogar Schädliches, Dummes, ja sogar
Allerdümmstes wünschen kann, und zwar: um das Recht zu haben, sich
sogar das Dümmste wünschen zu können, und nicht durch die Pflicht, sich
einzig und allein nur Kluges wünschen zu müssen, gebunden zu sein.
Gerade dieses „Allerdümmste“, diese seine Laune kann ja doch, meine
Herren, für unsereinen in der Tat das Vorteilhafteste von allem sein, was es
auf der Welt gibt, und das besonders noch in gewissen Fällen. Und mitunter
kann es sogar vorteilhafter als alle Vorteile selbst in solch einem Falle sein,
wenn es uns augenscheinlich Schaden bringt und unseren allergesündesten
Vernunftschlüssen über die Vorteile widerspricht, – denn es erhält uns doch
jedenfalls das Hauptsächlichste und Teuerste: unsere Persönlichkeit, unsere
Individualität. Behaupten doch schon einige Philosophen, daß dieses für
den Menschen wirklich das Teuerste sei; das Wollen kann sich natürlich,
wenn es will, auch mit der Vernunft vereinigen, besonders wenn man sie
nicht mißbraucht, sondern sich ihrer gemäßigt bedient; das ist dann auch
ganz nützlich und zuweilen sogar lobenswert. Nun ist aber das Wollen sehr
häufig, ja, sogar größenteils vollkommen und eigensinnig anderer Meinung,
wie die gesunde Vernunft, und ... und ... und wissen Sie auch, daß auch das
nützlich und zuweilen sogar lobenswert ist? Meine Herren, nehmen wir an,
daß der Mensch nicht dumm ist ... Das kann man ja auch wirklich nicht von
ihm sagen, denn sonst erhebt sich sofort die Frage, wer denn eigentlich klug
sein soll? ... Doch wenn er auch nicht dumm ist, so ist er doch – ungeheuer
undankbar! Ganz phänomenal undankbar! Ich glaube sogar, daß die beste
Bezeichnung des Menschen sein würde: ein Wesen, das auf zwei Beinen
steht und undankbar ist. Doch das ist noch nicht so schlimm; das ist noch
nicht sein Hauptfehler; sein Hauptfehler ist – seine fortwährende,

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beständige Unsittsamkeit, angefangen von der Sintflut bis zur Schleswig-
Holsteinschen Periode der Menschenschicksale. Ja, Unsittsamkeit, folglich
aber auch Unvernunft; denn es ist doch schon längst bekannt, daß
Unvernunft nicht anders entsteht, als durch Unsittsamkeit. Versuchen Sie es,
werfen Sie einen Blick auf die Geschichte der Menschheit: nun, was?
Großartig – wie? Meinetwegen auch großartig; allein schon der Koloß von
Rhodos, was der wert ist! Nicht umsonst sagen die einen von ihm, er sei ein
Werk von Menschenhand, die anderen aber, er wäre von der Natur selbst
geschaffen worden. – Oder finden Sie sie bunt? Nun, meinetwegen auch
bunt: wollte man bloß die Paradeuniformen der Militärs und Staatsleute
nach den Jahrhunderten und den Nationen klassifizieren, – welch eine
Heidenarbeit wäre schon das allein, und dabei wären die Mäntel noch nicht
einmal mitgerechnet, – kein Historiker würde das fertig stellen. – Oder
einförmig? Nun, meinetwegen auch einförmig: sie raufen sich, und raufen
sich, und raufen sich jetzt und haben sich früher gerauft und haben sich
später gerauft und werden sich auch noch hinfort raufen – Sie müssen mir
doch zugeben, nicht wahr, daß das denn doch schon verboten einförmig ist!
Kurz, man kann alles über die Weltgeschichte sagen, alles, was der
hirnverbranntesten Einbildungskraft einfällt. Nur eines kann man nicht
sagen, nämlich: daß sie vernünftig wäre. Sie würden bei der ersten Silbe
stecken bleiben und das Hüsteln kriegen. Und dabei stößt man noch bei
jeder Gelegenheit auf folgendes Naturspiel: fortwährend erscheinen im
Leben solche sittsame und vernünftige und weise Leute, und Freunde des
Menschengeschlechts, die es sich zum Ziel setzen, ihr ganzes Leben lang
sich möglichst sittsam und vernünftig zu benehmen, gleichsam um mit ihrer
Person den lieben Nächsten eine Leuchte zu sein, und das eigentlich nur,
um ihnen zu beweisen, daß man in der Welt tatsächlich sowohl sittsam als
vernünftig leben kann. Und? Bekanntlich aber sind viele dieser
Menschheitsfreunde früher oder später oder vielleicht auch erst am späten
Lebensabend sich nicht treu geblieben und haben irgend so ein
Geschichtchen gemacht, zuweilen sogar eines, das zu den
allerunsittsamsten gehört. Jetzt frage ich Sie: was kann man nun von einem
Menschen, als von einem Wesen, das mit solchen sonderbaren
Eigenschaften bedacht ist, erwarten? Überschütten Sie ihn mit allen
Erdengütern, versenken Sie ihn in Glück bis über die Ohren, bis über den
Kopf, so daß auf der Oberfläche des Glücks wie auf dem Wasserspiegel nur
noch Blasen aufsteigen, geben Sie ihm solch ein pekuniäres Auskommen,

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daß ihm nichts anderes zu tun übrig bleibt, als zu schlafen, Pfefferkuchen zu
vertilgen und für das Nichtaussterben der Menschheit zu sorgen, – so wird
er, dieser selbe Mensch, Ihnen doch auf der Stelle aus bloßer
Undankbarkeit, einzig zu Ihrer Schmach und Schande einen Streich spielen.
Er wird sogar die Pfefferkuchen aufs Spiel setzen und sich vielleicht den
verderblichsten Blödsinn wünschen, den allerunökonomischsten Blödsinn,
einzig um in diese ganze positive Vernünftigkeit sein verderbliches,
phantastisches Element hineinzumischen. Gerade seine phantastischen
Gedanken, seine gemeinste Dummheit wird er behalten wollen, und zwar
ausschließlich zu dem Zweck, um sich selbst zu beweisen – ganz als ob das
weiß Gott wie nötig wäre –, daß die Menschen immer noch Menschen sind,
und nicht Klaviertasten, auf denen meinetwegen die Naturgesetze
eigenhändig spielen mögen, dafür aber doch drohen, sich dermaßen
einzuspielen, daß man allseits vom Kalender überhaupt nichts mehr wird
wünschen oder wollen dürfen. Und nicht genug damit: selbst wenn er sich
wirklich nur als Klaviertaste erweisen sollte, und wenn man ihm das sogar
wissenschaftlich und mathematisch beweisen würde, selbst dann würde er
nicht Vernunft annehmen, und noch zum Trotz absichtlich etwas
Unheilvolles machen, natürlich nur aus purer Undankbarkeit, und eigentlich
nur, um auf dem Seinen zu bestehn. Falls sich aber bei ihm keine Mittel,
keine Möglichkeiten dazu erweisen sollten, so würde er sich Zerstörung und
Chaos ausdenken, würde sich womöglich selbst Qualen ausdenken, aber
doch auf dem Seinen eigensinnig bestehn! Flüche würde er über die Welt
ausschütten! Da aber nur der Mensch allein fluchen kann – das ist nun
schon einmal sein Privilegium, eines, das ihn vorzugsweise von den
anderen Tieren unterscheidet –, so wird er doch mit diesem Fluch allein
erreichen, was er will, d. h. wird sich tatsächlich überzeugen, daß er ein
Mensch und keine Klaviertaste ist. Wenn Sie sagen, man könne auch dieses
nach der Tabelle ausrechnen, Chaos, Finsternis und Fluch, so daß schon die
bloße Möglichkeit der vorherigen Berechnung alles stocken macht und die
Vernunft dann das Ihre nimmt, – so wird der Mensch sich ja womöglich
verrückt machen, um keine Vernunft mehr zu haben und somit doch auf
dem Seinen bestehn zu können. Daran glaube ich fest, dafür stehe ich ein,
denn genau genommen besteht doch das ganze menschliche Tun, wie’s
scheint, bloß darin, daß der Mensch sich immerwährend beweist, daß er ein
Mensch ist und kein Stiftchen! Und wenn er es auch selbst ausbaden muß,
aber beweisen will er’s, einerlei womit, aber beweisen, beweisen! Wenn das

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aber wahr ist, wie soll man dann nicht sündigen, nicht Gott danken, daß
dieses noch nicht eingeführt ist und das Wollen vorläufig noch weiß der
Teufel wovon abhängt!?
Sie schreien mir zu – wenn Sie mich überhaupt noch Ihres Schreiens
würdigen –, daß mir doch niemand den Willen entziehe, daß man ja hierbei
nur eines im Auge hätte, nämlich: es irgendwie so zu machen, daß mein
Wille ganz von selbst, freiwillig mit meinen normalen Interessen
zusammenfiele, mit den Gesetzen der Natur und Arithmetik.
Ach, meine Herren, was kann es denn da noch für einen eigenen Willen
geben, wenn die Sache schon bis zur Tabelle und bis zur Arithmetik kommt,
wenn nur noch Zweimalzwei = vier im Gange ist? Zweimalzwei wird auch
ohne meinen Willen vier sein. Sieht denn freier Wille etwa so aus?

Page 50

IX.

Meine Herren, ich scherze natürlich nur, und ich weiß es ja selbst, daß ich
erfolglos scherze, aber man kann doch wirklich nicht alles für Scherz
nehmen. Ich scherze, während ich vielleicht mit den Zähnen knirsche.
Meine Herren, mich quälen viele Fragen; beantworten Sie sie mir. Sie
wollen z. B. den Menschen von seinen alten Angewohnheiten abbringen
und seinen Willen den Erkenntnissen der Wissenschaft und der gesunden
Vernunft gemäß verbessern. Woher aber wissen Sie, ob es nicht nur
möglich, sondern überhaupt nötig ist, den Menschen so zu verbessern?
Woraus schließen Sie, daß das menschliche Wollen der Verbesserung so
notwendig bedarf? Mit einem Wort, woraus schließen Sie, daß solch eine
Verbesserung dem Menschen wirklich vorteilhaft sein wird? Und – da ich
Sie schon einmal frage – warum sind Sie so vollkommen überzeugt, daß den
wahren, normalen Vorteilen, die durch die Schlüsse der gesunden Vernunft
und Arithmetik garantiert werden, nicht zuwiderhandeln, für den Menschen
immer wirklich vorteilhaft, und der ganzen Menschheit durchaus Gesetz
sei? Das ist doch vorläufig nur Ihre bloße Annahme. Nun schön, nehmen
wir an, daß es die Gesetze der Logik sind, so sind es doch allein deswegen
vielleicht noch längst nicht Gesetze der Menschheit. Sie glauben vielleicht,
meine Herren, daß ich verrückt bin? Erlauben Sie, daß ich mich
rechtfertige. Also gut: der Mensch ist ein vornehmlich schöpferisches Tier,
das verurteilt ist, bewußt nach einem Ziel zu streben, und sich ewig und
ununterbrochen einen Weg zu bahnen, wenn auch einerlei wohin. Nun aber
will er sich vielleicht gerade deswegen zuweilen aus dem Staube machen,
sich abseits in die Büsche schlagen, weil er dazu verurteilt ist, sich diesen
Weg zu bahnen, und meinetwegen auch noch aus dem anderen Grunde, weil
ihm, wie dumm der unmittelbare Tatmensch im allgemeinen auch sein mag,
zuweilen doch der Gedanke kommt, daß dieser Weg, wie es sich erweist,
fast immer einerlei wohin führt, und daß die Hauptsache durchaus nicht ist,
wohin er führt, sondern, daß er überhaupt nur führt, auf daß sich das
sittsame Menschlein nicht dem verderblichen Müßiggang ergebe, der, wie
allgemein bekannt, aller Laster Anfang ist. Der Mensch liebt, zu schaffen
und Wege zu bahnen, das steht fest. Warum aber liebt er bis zur
Leidenschaft gleichfalls die Zerstörung und das Chaos? Bitte, meine

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Herren, beantworten Sie mir doch diese Frage! Aber darüber will ich ganz
gern selbst ein paar Worte sagen. Liebt er Zerstörung und Chaos vielleicht
deswegen so sehr – denn es ist doch klar, daß er sie zuweilen ganz
ungewöhnlich liebt, das ist schon so –, weil er sich instinktiv fürchtet, das
Ziel zu erreichen, das zu schaffende Gebäude zu vollenden? Was können
Sie wissen, meine Herren, vielleicht liebt er dieses Gebäude nur aus der
Entfernung, nicht aber in der Nähe? Vielleicht liebt er nur, es zu schaffen, in
ihm zu leben aber überläßt er aux animaux domestiques, als da sind:
Ameisen, Schafe, Ochsen usw. usw. Sehen Sie, die Ameisen z. B. sind ganz
andere Geisteskinder. Sie haben schon ein bewunderungswürdiges,
unzerstörbares Gebäude – den Ameisenhaufen.
Mit dem Ameisenhaufen haben die ehrenwerten Ameisen angefangen,
mit dem Ameisenhaufen werden sie bestimmt auch enden, was ihrer
Beständigkeit und Positivität fraglos große Ehre macht. Der Mensch aber ist
ein leichtsinniges Wesen, und liebt vielleicht gleich dem Schachspieler nur
den Prozeß des Strebens zum Ziel, nicht aber das Ziel an und für sich. Und
wer weiß – man kann es doch nicht verreden –, es wäre vielleicht sogar
möglich, daß auch das ganze Erdenziel, zu dem die Menschheit strebt, nur
in diesem einen ununterbrochenen Prozeß des Strebens liegt, nicht aber
eigentlich im Ziel, das natürlich nichts anderes sein kann, als Zweimalzwei-
ist-vier, d. h. die Formel. Zweimalzwei-ist-vier ist aber nicht mehr Leben,
meine Herren, sondern der Anfang des Todes. Wenigstens hat der Mensch
dieses Zweimalzwei-ist-vier immer gewissermaßen gefürchtet, ich aber
fürchte es auch jetzt noch. Nehmen wir an, daß der Mensch nichts anderes
tut, als dieses Zweimalzwei-ist-vier suchen, in diesem Suchen Ozeane
überschwimmt, das Leben opfert, jedoch es zu finden, sich, bei Gott,
fürchtet. Er fühlt doch, daß ihm, wenn er es gefunden hat, nichts mehr zu
suchen übrig bleibt. Wenn Arbeiter eine Arbeit beendet haben, so erhalten
sie doch wenigstens Geld, für das sie in die Schenke gehn und sich
betrinken, um darauf von der Polizei abgeführt zu werden, – und damit
wäre eine Woche ausgefüllt. Wohin aber soll der Mensch gehn? Wenigstens
kann man an ihm jedesmal, wenn er ein ähnliches Ziel erreicht hat,
gewissermaßen eine Enttäuschung, etwas Unbeholfenes wahrnehmen. Das
Streben nach der Erreichung des Zieles liebt er, das Erreichen aber selbst –
nicht mehr so ganz; und das ist natürlich äußerst lächerlich. Kurz: der
Mensch ist schon lächerlich von Natur; in allem zusammengenommen ist
augenscheinlich ein Kalauer enthalten. Doch Zweimalzwei-ist-vier – bleibt

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immerhin eine verteufelt unerträgliche Sache. Zweimalzwei-ist-vier, das ist
meiner Meinung nach nur eine unverschämte Frechheit! Zweimalzwei-ist-
vier steht wie ein frecher Bengel mit den Händen in den Hosentaschen
mitten auf unserer Straße und spuckt bloß nach rechts und links. Ich gebe ja
widerspruchslos zu, daß zweimalzwei-ist-vier eine ganz vortreffliche Sache
ist, doch, wenn man schon einmal lobt, so ist auch zweimal-zwei-ist-fünf
zuweilen ein allerliebstes Sächelchen.
Und warum sind Sie so fest, so feierlich überzeugt, daß ausschließlich
das Normale und Positive – mit einem Wort, daß nur die Wohlfahrt dem
Menschen vorteilhaft sei? Sollte sich diese Ihre Vernunft nicht vielleicht
täuschen in dem, was sie Vorteile nennt? Denn es kann doch sein, daß der
Mensch nicht nur die Wohlfahrt allein liebt? Vielleicht liebt er ganz ebenso
sehr das Leiden? Vielleicht bringt ihm das Leid ebenso viel Gewinn, wie
die Wohlfahrt? Und der Mensch liebt zuweilen wirklich das Leiden, bis zur
Leidenschaft kann er es lieben, – bitte, das ist Tatsache. Da braucht man
sich nicht mehr an die Weltgeschichte zu halten; man frage sich selbst,
wenn man nur ein Mensch ist und zum mindesten ein wenig gelebt hat. Was
meine persönliche Meinung anbetrifft, so ist nichts als Wohlfahrt lieben
geradezu unanständig. Ob’s gut oder schlecht ist, – aber irgend etwas
zerbrechen ist mitunter gleichfalls äußerst angenehm. Ich bin ja eigentlich
nicht gerade für das Leiden, doch natürlich auch nicht für die Wohlfahrt. Ich
bin für ... den Eigenwillen und dafür, daß ich mich zu jeder Zeit auf ihn
verlassen kann. Das Leiden wird z. B. in Vaudevilles nicht zugelassen, das
weiß ich. Im Kristallpalast ist es ja auch undenkbar: Leiden ist Zweifel, ist
Verneinung, was aber gibt es im Kristallpalast, worüber man in Zweifel
geraten könnte? Währenddessen aber bin ich überzeugt, daß der Mensch auf
das wirkliche Leiden, d. h. auf Zerstörung und Chaos niemals verzichten
wird. Das Leiden – ja, das ist doch die einzige Ursache der Erkenntnis!
Wenn ich auch zu Anfang behauptet habe, daß die Erkenntnis meiner
Meinung nach für den Menschen das größte Unglück ist, so weiß ich doch,
daß der Mensch es liebt und gegen keine Befriedigungen eintauschen
würde. Die Erkenntnis steht z. B. unendlich höher als Zweimalzwei. Nach
den Zweimalzweien, versteht sich, bleibt ja nicht nur nichts mehr zu tun,
sondern auch nichts mehr zu erkennen übrig. Alles, was dann noch möglich
sein wird, ist – seine fünf Sinne zu verstopfen und sich in Selbstanschauung
zu versenken. Nun, und wenn es bei der Selbstanschauung auch zum selben
Resultat kommen sollte, daß es nichts zu tun geben wird, so wird man

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wenigstens sich selbst mitunter zerfleischen können, das aber ermuntert
doch immerhin. Wenn’s auch rückständig ist, so ist es doch, was man
dagegen auch sagen mag, immer besser als nichts tun.

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X.

Sie, meine Herren, glauben an einen ewig unzerstörbaren Kristallpalast, d.
h. also an etwas, dem man heimlich weder die Zunge zeigen noch eine
lange Nase machen kann. Ich aber fürchte diesen Palast, gerade weil er aus
Kristall und ewig unzerstörbar ist, und weil man ihm nicht einmal heimlich
wird die Zunge zeigen können.
Denn sehen Sie mal: wenn an Stelle des Palastes ein Hühnerstall wäre
und es regnete, so würde ich vielleicht auch in den Hühnerstall kriechen,
um nicht naß zu werden, doch würde ich trotzdem nicht aus bloßer
Dankbarkeit den Hühnerstall für einen Palast halten, einzig weil er mich vor
dem Regen beschützt hat. Sie lachen, Sie sagen, daß in diesem Fall der
Hühnerstall und ein großes Wohnhaus – ein und dasselbe wären. Gewiß,
antworte ich, wenn man nur zu dem Zweck leben müßte, um nicht naß zu
werden.
Was soll ich aber tun, wenn ich es mir nun einmal in den Kopf gesetzt
habe, daß man nicht nur zu dem Zweck lebt, und daß, wenn man schon
einmal lebt, dann auch in Wohnhäusern leben sollte. Das ist meine
Überzeugung, das sind meine Wünsche, und die werden Sie nur dann aus
mir herausreißen können, wenn es Ihnen zuerst gelingt, sie zu verändern.
Nun gut, verändern Sie mich, verführen Sie mich zu etwas Anderem, geben
Sie mir ein anderes Ideal. Vorher aber werde ich einen Hühnerstall doch
nicht für einen Palast halten. Mag es sogar so sein, daß der Kristallpalast
nur Aufschneiderei ist, daß man ihn nach den Naturgesetzen überhaupt
nicht als möglich annehmen kann, und daß ich ihn mir nur infolge meiner
eigenen Dummheit ausgedacht habe, infolge einiger alter irrationaler
Angewohnheiten unserer Generation. Was geht es aber mich an, ob man ihn
annehmen kann oder nicht. Bleibt sich das denn nicht ganz gleich, wenn er
nur in meinen Wünschen vorhanden ist, oder, besser gesagt, so lange
vorhanden ist, wie meine Wünsche vorhanden sind? Vielleicht belieben Sie
wieder, über mich zu lachen? Nur zu! Ich nehme Ihren ganzen Spott gerne
hin, doch werde ich nicht sagen, daß ich satt bin, wenn ich essen will; ich
weiß, daß ich mich mit einem Kompromiß nicht zufrieden geben werde, mit
einer unendlichen periodischen Null, bloß weil sie nach den Naturgesetzen
wirklich vorhanden ist. Ich werde niemals sagen, die Krone meiner

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Wünsche sei – eine Mietskaserne mit Wohnungen für die Armen und auf
alle Fälle mit dem Aushängeschild irgend eines jüdisch-deutschen
Zahnarztes. Vernichten Sie meine Wünsche, verwischen Sie die Bilder
meiner Ideale, zeigen Sie mir irgend etwas Besseres, und ich werde Ihnen
glauben. Meine Herren, Sie wollen mir vielleicht sagen, es lohne sich nicht,
unsere Bekanntschaft weiter fortzusetzen? In dem Falle aber könnte ich
Ihnen von mir aus dasselbe sagen. Wir diskutieren ja im Ernst. Wollen Sie
mich jedoch Ihrer Aufmerksamkeit nicht mehr würdigen, so werde ich Sie
nicht weiter belästigen. Meinetwegen. Ich werde Sie ja sowieso nicht
grüßen.
Ich habe meinen dunklen Winkel, habe meinen Untergrund.
Vorläufig aber lebe und wünsche ich noch, – und daß mir meine Hand
verdorre, wenn ich auch nur einen einzigen Ziegelstein zum Bau solch einer
Mietskaserne bringe! Beachten Sie bitte weiter nicht, daß ich vorhin den
Kristallpalast, wie ich vorgab, aus dem einen Grunde ablehnte, weil man
ihm nicht die Zunge zeigen könne. Ich habe das keineswegs gesagt, weil ich
es etwa so liebe, meine Zunge herauszustecken. Ich ... vielleicht hat es mich
nur geärgert, daß es unter all Ihren Gebäuden bis jetzt noch kein einziges
gibt, dem man auch nicht die Zunge zeigen wollte. Im Gegenteil, ich wäre
sogar gern bereit, mir aus lauter Dankbarkeit die Zunge ganz und gar
abschneiden zu lassen, wenn man mir dafür garantiert, daß mich dann
niemals mehr der Wunsch anwandeln wird, sie noch herauszustecken. Was
kann ich dafür, daß mir dieses niemand garantiert, und daß man sich mit
Mietswohnungen begnügen muß! Warum bin ich denn mit solchen
Wünschen geschaffen? Sollte ich denn wirklich nur geschaffen sein, um zur
Überzeugung zu kommen, daß mein ganzer innerer Mensch nichts als
Betrug ist? Sollte wirklich der ganze Zweck meines Daseins nur darin
liegen? Glaub’s nicht.
Doch, übrigens, wissen Sie was: ich bin überzeugt, daß man unsereinen,
ich meine, solch einen Untergrundmenschen, im Zaum halten muß. Er ist
wohl fähig, vierzig Jahre lang stumm im dunkelsten Winkel zu sitzen, dafür
aber geht er denn auch sofort durch, wenn er einmal ans Tageslicht kommt,
dann redet er, redet er, redet er ...

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XI.

Das Resultat, meine Herren: am besten ist – überhaupt nichts tun! Lieber
kontemplative Inertie! Und darum – es lebe der dunkle Untergrund! Ich
habe zwar gesagt, daß ich den normalen Menschen bis zur grünsten Galle
beneide, doch in jenen Verhältnissen, in denen ich ihn sehe, will ich nicht er
sein – obgleich ich trotzdem nicht aufhören werde, ihn zu beneiden. Nein,
nein, der Untergrund ist in jedem Fall vorteilhafter! In ihm kann man
wenigstens ... Ach! Ich lüge ja schon wieder, sogar hier lüge ich! Ich lüge,
weil ich ja selbst weiß, wie zweimal-zwei-ist-vier weiß, daß der Untergrund
keineswegs besser ist, sondern etwas Anderes, ganz Anderes, nachdem ich
mich sehne, über die Maßen sehne, und das ich doch nicht finden kann! Der
Teufel hole den Untergrund!
Ja, wissen Sie, was dieses „Besser“ wäre: das wäre – wenn ich selbst nur
an irgend etwas von dem glauben könnte, was ich soeben geschrieben habe.
Ich schwöre Ihnen doch, meine Herren, daß ich keinem einzigen, aber auch
wirklich keinem einzigen Wort von all dem, was ich geschrieben habe,
glaube! Das heißt, schließlich glaube ich ja auch, doch im selben
Augenblick fühle und argwöhne ich, weiß wirklich nicht warum, daß ich
wie ein Schuster lüge.
„Ja, wozu haben Sie denn das alles geschrieben?“ fragen Sie mich.
Warten Sie mal, ich werde Sie auf vierzig Jahre ohne jede Beschäftigung
in einen Keller einsperren, und dann nach vierzig Jahren zu Ihnen kommen,
um mich zu erkundigen, wie weit Sie es gebracht haben. Kann man denn
einen Menschen vierzig Jahre lang ohne Arbeit allein lassen?
„Und Sie schämen sich nicht einmal!?“ werden Sie mir vielleicht mit
verächtlichem Kopfschütteln zurufen. „Sie lechzen nach dem Leben und
wollen dabei doch die Lebensfragen mit logischem Unsinn lösen? Und wie
zudringlich, wie frech Ihre Ausfälle sind, und, zu gleicher Zeit, wie fürchten
Sie sich doch! Sie reden Unsinn und finden Gefallen an ihm; Sie sagen
Frechheiten, wegen deren Sie sich fürchten, und für die Sie ununterbrochen
um Entschuldigung bitten. Sie versichern, Sie fürchteten nichts, und
währenddessen bemühen Sie sich doch, unsere gute Meinung zu
erschmeicheln. Sie versichern, Sie knirschten mit den Zähnen, und zu
gleicher Zeit reißen Sie Witzchen, um uns zu erheitern. Sie wissen, daß Ihre

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Witze nicht geistreich sind, doch sind Sie mit ihrem literarischen Wert
augenscheinlich zufrieden. Es ist möglich, daß Sie vielleicht wirklich
gelitten haben, doch achten Sie ihre Leiden nicht im Geringsten. In Ihnen
steckt allerdings auch Wahrheit, doch was Ihnen gänzlich fehlt, ist
Keuschheit; aus kleinlicher Ruhmsucht tragen Sie Ihre Wahrheit zur Schau,
zu Schimpf und Schande auf den Markt ... Sie wollen, wie’s scheint,
tatsächlich etwas sagen, doch aus Furcht verstecken Sie Ihr letztes Wort,
denn Sie haben keinen Mut, es auszusprechen. Sie haben ja nur feige
Gemeinheit. Sie rühmen sich mit Ihrer Erkenntnis, doch wirklich überzeugt
sind Sie von keiner einzigen: Sie schwanken zwischen allen Erkenntnissen
hin und her, denn wenn Ihr Verstand auch arbeitet, so ist doch Ihr Herz von
Verderbnis beschmutzt, ohne ein reines Herz jedoch – wird man niemals zu
voller, rechter Erkenntnis gelangen. Und wie zudringlich Sie sind, wie Sie
sich verstellen! Alles ist bei Ihnen Lüge, Lüge, Lüge!“
Selbstverständlich habe ich diese Ihre Worte mir selbst ausgedacht. Die
kommen gleichfalls aus dem Untergrund. Dort habe ich vierzig Jahre lang
auf diese Ihre Worte durch eine kleine Spalte gelauscht. Ich habe sie mir
selbst ausgedacht ... das ist ja doch alles, was bei meinem Denken
herausgekommen ist. Was Wunder, wenn ich sie schon auswendig hersagen
kann, und wenn sie literarische Form angenommen haben ...
Sollte es möglich sein, wäre es wirklich möglich, daß Sie tatsächlich so
leichtgläubig sind und faktisch glauben, ich würde alles, was ich
geschrieben habe, drucken lassen und es dann noch Ihnen zu lesen geben?
Und dann ist mir noch eines rätselhaft: warum nenne ich Sie „meine
Herren“, warum wende ich mich an Sie, ganz als ob ich mich wirklich an
Leser wendete? Geständnisse, wie ich sie zu machen beabsichtige, läßt man
nicht drucken, und gibt man nicht anderen zu lesen. Wenigstens habe ich
nicht so viel Festigkeit in mir, um so etwas zu tun, und ich halte es auch für
überflüssig, sie zu haben. Aber, sehen Sie, mir ist ein phantastischer
Gedanke in den Kopf gekommen, und nun will ich ihn unbedingt
aussprechen. Es handelt sich um folgendes:
In den Erinnerungen eines jeden Menschen gibt es Dinge, die er nicht
allen mitteilt, sondern höchstens seinen Freunden. Aber es gibt auch Dinge,
die er nicht einmal den Freunden aufdeckt, sondern nur sich selbst, ja und
auch das nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Endlich gibt es aber
auch noch Dinge, die der Mensch sogar sich selbst zu sagen sich fürchtet,
und solcher Dinge sammelt sich bei jedem anständigen Menschen eine ganz

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beträchtliche Menge an. Und zwar läßt sich sogar folgendes sagen: je mehr
er ein „anständiger Mensch“ ist, desto mehr wird er solcher Dinge haben.
Wenigstens habe ich mich erst vor ganz kurzer Zeit entschlossen, mich
einiger meiner früheren Erlebnisse zu erinnern, bis dahin aber umging ich
sie immer mit einer gewissen Unruhe. Jetzt jedoch, da ich nicht nur an sie
denke, sondern mich sogar entschlossen habe, sie niederzuschreiben, jetzt
will ich gerade erproben: kann man denn wenigstens sich selbst gegenüber
ganz und gar aufrichtig sein, ohne die Wahrheit zu fürchten? Bei der
Gelegenheit: Heine behauptet, wahrheitsgetreue Autobiographien gäbe es
überhaupt nicht, der Mensch könne niemals die ganze Wahrheit über sich
schreiben. Seiner Meinung nach hat z. B. Rousseau in seinen Bekenntnissen
bestimmt über sich selbst gelogen, und sogar bewußt gelogen, aus
Ruhmsucht. Ich bin überzeugt, daß Heine recht hat; ich verstehe sehr gut,
wie man sich zuweilen einzig aus Ruhmsucht ganze Verbrechen
aufschwätzen kann, und ich begreife auch vollkommen, welcher Art diese
Ruhmsucht ist. Doch Heine urteilte über einen Menschen, der vor dem
Publikum beichtete. Ich jedoch schreibe nur für mich und erkläre hiermit
ein für alle Mal, daß ich, wenn ich auch so schreibe, als ob ich mich an
meine Leser wende, es nur zum Schein tue, weil es mir so leichter ist, zu
schreiben. Es ist also nur eine gewisse Form bei mir, eine ganz
bedeutungslose Redewendung; Leser werde ich niemals haben. Übrigens
habe ich das ja schon einmal gesagt ...
Ich will mich in der Redaktion meiner Aufzeichnungen durch nichts
beeinflussen lassen. Ein besonderes System werde ich nicht anwenden.
Werde schreiben, was mir gerade einfällt.
Nun, sehen Sie, da könnten Sie mich jetzt mit vollem Recht fragen:
„Warum treffen Sie denn, wenn Sie wirklich nicht auf Leser rechnen, mit
sich selbst und dazu noch schriftlich solche Verabredungen, wie z. B., daß
Sie kein System einführen würden, daß Sie alles so niederschreiben
wollten, wie es Ihnen einfällt u. s. w.? Wozu erklären Sie so viel? Warum
entschuldigen Sie sich?“
„Ja, seht doch mal!“
Hierin liegt übrigens die ganze Psychologie. Es kann aber auch sein, daß
ich einfach nur ein Feigling bin. Aber es kann auch sein, daß ich mir
absichtlich ein Publikum ausdenke, um mich in der Zeit, in der ich schreibe,
anständiger zu benehmen. Gründe kann es doch wirklich zu Tausenden
geben.

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Aber noch eines: warum eigentlich, zu welch einem Zweck will ich denn
schreiben? Wenn es nicht für ein Publikum geschieht, so könnte man sich
alles dessen doch auch so, einfach in Gedanken, erinnern, ohne es zu Papier
zu bringen?
Stimmt. Aber auf dem Papier nimmt es sich doch gewissermaßen
feierlicher aus, geschrieben liegt etwas eindringlicheres darin, es wird mehr
wie Gericht über sich selbst sein, der Stil wird sich entwickeln. Außerdem:
vielleicht wird mir das Aufschreiben wirklich Erleichterung bringen.
Augenblicklich bedrückt mich ganz besonders eine dumme Erinnerung. Vor
einigen Tagen fiel mir diese Geschichte plötzlich ein, und seit der Zeit kann
ich sie nicht mehr los werden, ganz wie ein lästiges musikalisches Motiv,
das einem zuweilen nicht aus den Ohren will. Und doch muß ich mich
endlich von ihr befreien. Solcher Erinnerungen habe ich zu Hunderten;
zuweilen aber löst sich aus den Hunderten eine einzige, irgend eine, die
dann anfängt, mich zu quälen. Aus einem unbestimmten Grunde glaube ich,
daß ich mich von ihr befreien werde, wenn ich sie niederschreibe. Warum
soll ich’s nicht versuchen?
Und dann: ich habe es langweilig, habe nie etwas zu tun. Schreiben aber
ist doch immerhin so etwas wie eine Arbeit. Man sagt, daß der Mensch
durch Arbeit gut und ehrlich werde. Nun, da hätten wir wenigstens eine
Chance.
Es schneit. Nasser, gelber, schwerer Schnee. Gestern schneite es
gleichfalls, und auch vor einigen Tagen hat es geschneit. Ich glaube, dieser
nasse Schnee war die Ursache, warum mir jene Geschichte, die ich jetzt
nicht mehr los werden kann, wieder einfiel. So mag denn auch meine kleine
Erzählung so heißen: Bei nassem Schnee.

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Zweiter Teil. Bei nassem Schnee.

I.

Damals war ich erst vierundzwanzig Jahre alt. Mein Leben war auch schon
zu der Zeit unfreundlich, unordentlich und bis zur Verwilderung einsam.
Mit keinem einzigen Menschen pflegte ich Umgang; ich vermied es sogar
zu sprechen, und immer mehr und mehr zog ich mich in meinen Winkel
zurück. In der Kanzlei bemühte ich mich sogar, niemanden anzusehen, und
doch glaubte ich, zu bemerken, daß meine Kollegen mich nicht nur für
einen Sonderling hielten, sondern mich gleichsam mit einem gewissen
Widerwillen betrachteten. Ich fragte mich: warum scheint es den anderen
nicht, daß man Widerwillen vor ihnen empfindet? Einer unserer
Kanzleibeamten hatte ein ganz abscheuliches, pockennarbiges
Verbrechergesicht; ich glaube, ich hätte es nicht gewagt, mit solch einem
unanständigen Gesicht irgend jemanden auch nur anzublicken. Ein anderer
hatte eine so vertragene Uniform, daß es in seiner Nähe schon übel roch.
Währenddessen aber genierte sich kein einziger dieser Herren – weder
seiner Kleider, noch seines Gesichtes wegen, noch sonst aus irgend einem
moralischen Grunde. Weder der eine noch der andere ließen es sich
träumen, daß man vor ihnen hätte Ekel empfinden können, ja, und selbst
wenn sie es sich hätten träumen lassen, so wäre es ihnen doch gleichgültig
gewesen – wenn nur die Vorgesetzten nichts bemerkten. Jetzt ist es mir
vollkommen klar, daß ich selbst, infolge meines grenzenlosen Ehrgeizes
und somit auch infolge meiner grenzenlosen Ansprüche an mich selbst, sehr
oft so unzufrieden mit mir war, daß diese Unzufriedenheit sich bis zum Ekel
vor mir selbst, bis zur Raserei steigern konnte, und deswegen schrieb ich
denn auch mein eigenes Empfinden in Gedanken jedem anderen zu. So z.
B. haßte ich mein Gesicht, fand ich, daß es abscheulich war, und argwöhnte
sogar, daß in ihm ein ganz besonders gemeiner Ausdruck lag, und darum
bemühte ich mich qualvoll jedesmal, wenn ich in die Kanzlei kam, mit
meinem Gesicht möglichst viel Edelmut auszudrücken, und mich möglichst
ungezwungen und unabhängig zu benehmen, damit man mich nicht einer
Gemeinheit verdächtige. „Mag es auch ein unschönes Gesicht sein,“ dachte

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ich, „dafür aber könnte es doch edel, ausdrucksvoll und vor allem
außerordentlich klug sein.“ Zu gleicher Zeit aber wußte ich unter wahren
Marterqualen auf das bestimmteste, daß ich alle diese Vollkommenheiten
mit meinem Gesichte nie und nimmer würde ausdrücken können. Doch das
Schrecklichste war, daß ich es ausgesprochen dumm fand. Und doch hätte
ich mich mit dem klugen Ausdruck allein gern zufrieden gegeben. Sogar so
gern, daß ich selbst einverstanden gewesen wäre, noch einen gemeinen
Ausdruck mit in den Kauf zu nehmen, nur aber unter der einen Bedingung,
daß alle mein Gesicht zu gleicher Zeit auch furchtbar klug fänden.
Unsere Kanzleibeamten haßte ich natürlich alle, vom ersten bis zum
letzten ohne Ausnahme, trotzdem aber schien es mir, daß ich sie
gewissermaßen auch fürchtete. Ja, es kam vor, daß ich sie plötzlich sogar
über mich stellte. Das geschah bei mir damals immer abwechselnd: bald
verachtete ich sie, bald stellte ich sie wieder über mich. Ein entwickelter
und anständiger Mensch kann nicht ehrgeizig sein, ohne dabei grenzenlose
Ansprüche an sich selbst zu stellen und sich in manchen Augenblicken bis
zum Haß zu verachten. Doch ob ich mich nun verachtete oder hochschätzte,
ich senkte doch vor jedem Menschen, der mir begegnete, die Augen. Ich
stellte daraufhin sogar Versuche an: würde ich den Blick dieses oder jenes
Menschen aushalten können, – und siehe: jedesmal mußte ich meinen Blick
zuerst senken. Das quälte mich bis zum Wahnsinn ... Bis zu Krämpfen
fürchtete ich gleichfalls, lächerlich zu sein, und darum vergötterte ich
sklavisch die Routine in allem, was das Auftreten anbetraf; liebevoll
schwamm ich mit dem Strom und fürchtete mit ganzer Seele jede
Exzentrizität in mir. Wie hätte ich das lange aushalten können? Ich war
krankhaft entwickelt, wie es eben ein entwickelter Mensch unserer Zeit sein
muß. Sie aber waren alle stumpfsinnig und glichen sich untereinander wie
die Schafe einer Heerde. Vielleicht war das der Grund, warum es mir immer
schien, daß ich ein Feigling und ein Sklave sein müßte – weil ich allein
entwickelt war. Aber es schien mir ja nicht nur so, es war auch wirklich der
Fall: ich war ein Feigling und ein Sklave. Das sage ich jetzt ohne jede
Verlegenheit. Jeder anständige Mensch unserer Zeit ist ein Feigling und
Sklave und muß es sein. Das ist sein normaler Zustand. Davon bin ich nicht
nur fest, sondern auch untergründig tief überzeugt. Er ist als Mensch
unserer Zeit schon so geschaffen. Und nicht nur in unserer Zeit, und nicht
nur durch irgend welche zufälligen Umstände, sondern überhaupt zu allen
Zeiten muß der ordentliche Mensch Feigling und Sklave sein. Das ist das

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Naturgesetz aller anständigen Menschen. Und wenn es einmal geschehen
sollte, daß sich einer von ihnen zu irgend etwas ermutigt, so soll er sich
deswegen noch nicht gleich an seinem Mut berauschen: bei der nächsten
Gelegenheit wird er sich doch als Feigling erweisen. Das ist nun einmal der
einzige und ewige Ausweg. Nur Esel und ihre Bastarde ermutigen sich, aber
auch die nur bis zu der gewissen Wand. Doch es lohnt sich nicht, noch
weiter über sie zu reden, sie bedeuten ja doch so gut wie nichts.
Auch quälte mich noch etwas anderes: daß mir niemand gleicht und auch
ich niemandem ähnlich sehe. „Nur ich bin allein, sie aber sind alle,“ dachte
ich, und – versank in Nachdenken.
Daraus sieht man, daß ich noch ein ganz unreifer Junge war.
Mitunter geschah aber auch das Entgegengesetzte. War es doch zuweilen
so entsetzlich langweilig, in die Kanzlei zu gehen, daß ich ganz krank aus
dem Dienst nach Haus zurückkehrte. Und plötzlich begann dann wiederum
eine Periode der Skepsis und Gleichgültigkeit – bei mir war alles in
Perioden – und siehe, da lachte ich selbst über meine Unduldsamkeit und
Launenhaftigkeit, machte mir selbst wegen meiner Romantik Vorwürfe.
Bald will ich überhaupt nicht sprechen, bald aber werde ich nicht nur
gesprächig, sondern es fällt mir sogar ein, mich freundschaftlich an meine
Kollegen anzuschließen. Die ganze Reizbarkeit ist plötzlich im
Handumdrehen verschwunden. Wer weiß, vielleicht habe ich sie nie gehabt,
vielleicht ist sie nur Selbsttäuschung gewesen, nur vom Bücherlesen
gekommen? Diese Frage habe ich bis auf den heutigen Tag noch nicht
beantworten können. Einmal hatte ich mich bereits ganz mit ihnen
angefreundet, besuchte sie sogar in ihren Wohnungen, spielte Préférence,
trank Schnaps, diskutierte über Rußlands Produktionsfähigkeit ... Doch hier
erlauben Sie mir bitte, einige vom Thema abweichende Worte zu sagen.
Bei uns, bei uns Russen – im allgemeinen gesprochen – hat es niemals
jene dummen überirdischen deutschen und besonders französischen
Romantiker gegeben, jene, auf die nichts mehr Eindruck macht, wenn auch
meinetwegen die ganze Erde unter ihnen kracht, oder ganz Frankreich
mitsamt den Barrikaden untergeht, – sie bleiben immer dieselben, ja,
werden sich anstandshalber nicht einmal im Geringsten verändern und
immer nur ihre überirdischen Lieder weitersingen, die Lieder „an das Grab
ihres Lebens“, wie sie zu sagen pflegen – denn wir dürfen nicht vergessen,
daß sie dumm sind. Bei uns jedoch, d. h. bei uns in Rußland, gibt es keine
Dummköpfe; das weiß doch ein jeder: dadurch unterscheiden wir uns ja von

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den übrigen deutschen Ländern. Folglich gibt es bei uns auch keine
überirdischen Naturen von reinstem Wasser. Diese Eigenschaften haben
unsere damaligen „positiven“ Publizisten und Kritiker aus Dummheit
unseren Romantikern aufgebunden, da sie sie für ebenso überirdisch
hielten, wie die deutschen oder französischen Romantiker. Im Gegenteil,
die Eigenschaften unseres Romantikers sind denen des überirdisch-
europäischen Romantikers gerade entgegengesetzt, und darum kann man sie
mit keinem einzigen europäischen Maßstäbchen messen. (Erlauben Sie mir,
dieses Wörtchen „Romantiker“ zu gebrauchen – es ist ja so alt, ehrwürdig,
verdient und allen bekannt.) Die Eigenschaften unseres Romantikers sind:
alles zu verstehen, alles zu sehen, und häufig sogar unvergleichlich klarer
zu sehen, als unsere allerpositivsten Intelligenzen; sich mit niemandem und
nichts auszusöhnen, doch zu gleicher Zeit auch nichts zu verachten; alles zu
umgehen, allem politisch nachzugeben; niemals das nützliche, praktische
Ziel aus dem Auge zu lassen – wie z. B. Staatswohnungen, Pensiönchen,
Sternchen –, dieses Ziel durch alle Enthusiasmen und alle Bände lyrischer
Gedichte hindurch im Auge zu behalten, und gleichzeitig „das Schöne und
Erhabene“ bis an das Grab ihres Lebens in sich unversehrt zu erhalten, und
bei der Gelegenheit auch noch sich selbst vollkommen zu erhalten – und
das noch bei all den vielen Sorgen! – sich wie ein kostbares Juwel zu hüten,
wenn auch nur zum Nutzen dieses selben „Schönen und Erhabenen“. Ja, ja,
ein vielseitiger Mensch ist unser Romantiker und der geriebenste Spitzbube
von allen unseren Spitzbuben, versichere Ihnen ... nach eigener Erfahrung.
Versteht sich, das gilt nur vom klugen Romantiker. Das heißt, Verzeihung,
was fällt mir denn ein! Ein Romantiker ist natürlich immer klug! Ich wollte
ja nur bemerken, daß die dummen Romantiker, die es auch bei uns
einstmals gegeben hat, doch nicht mitrechnen, weil sie sich alle noch in den
besten Jahren vollständig in Deutsche verwandelt, und, um sich als Juwel
besser erhalten zu können, dort irgendwo in Weimar oder im Schwarzwald
angesiedelt haben. – Ich, z. B., habe meine Kanzleiarbeit aufrichtig
verachtet und habe nur, weil ich Geld für sie erhielt, nicht auf sie gespuckt.
Das Ergebnis also – beachten Sie es wohl –: ich habe sie doch nicht
aufgegeben. Unser Romantiker dagegen wird eher verrückt – was übrigens
sehr selten vorkommt –, doch wird er nie und nimmer auf seine Tätigkeit
spucken, wenn er noch keine andere Karriere in Aussicht hat, und vor die
Tür wird er sich auch nicht setzen lassen, es sei denn, daß man ihn in die
Irrenanstalt überführt, ja, und auch das nur, wenn er schon gar zu verrückt

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wird. Aber verrückt werden bei uns doch nur die Hageren, die
Blondlockigen. Die unabsehbare Zahl jedoch der Romantiker bringt es
später gewöhnlich zu hohen Ehren. Wirklich ungewöhnliche Vielseitigkeit!
Und welch eine Fähigkeit zu den allerwidersprechendsten Eigenschaften!
Auch damals schon beruhigte mich das ungemein, und auch jetzt bin ich
noch derselben Meinung. Darum gibt es ja auch bei uns so viel „weite
Naturen“, die selbst in der größten Verkommenheit niemals ihr Ideal
verlieren; und wenn sie auch für dieses ihr Ideal keinen Finger rühren, wenn
sie auch die verrufensten Räuber und Diebe werden, so lieben sie doch ihr
anfängliches Ideal bis zu Tränen, und sind in der Seele ganz ungewöhnlich
ehrlich. Ja, nur bei uns kann der ausgesprochenste Schuft vollkommen und
sogar erhaben ehrlich in der Seele bleiben, ohne dabei etwa aufzuhören,
Schuft zu sein. Wie gesagt, unsere Romantiker entpuppen sich in
Geschäftssachen zuweilen als solche Spitzbuben – diese Bezeichnung ist
von mir ausschließlich liebevoll gemeint –, und sie beweisen plötzlich solch
einen Instinkt für die Wirklichkeit, und solch ein positives Wesen in realen
Dingen, daß die verwunderte Obrigkeit mitsamt dem ganzen Publikum in
der Starrheit der Verwunderung nur noch die Köpfe schütteln kann.
Eine wahrlich wundernehmende Vielseitigkeit haben sie, und Gott mag
wissen, wozu sie sich unter den zukünftigen Verhältnissen noch entwickeln
und was sie uns dann noch bescheren werden? Das Material ist nicht
schlecht. Ich sage das nicht etwa aus lächerlichem Patriotismus. Übrigens
glauben Sie wohl wieder, daß ich scherze? Oder vielleicht sind Sie sogar
überzeugt, daß ich auch wirklich so denke? Wie dem nun auch sein mag,
meine Herren, jedenfalls werde ich Ihre beiden Meinungen mir zur Ehre
anrechnen. Und meine Abweichung vom Thema verzeihen Sie mir bitte.
Die Freundschaft mit meinen Kollegen hielt ich natürlich nicht lange aus
und so kehrte ich ihnen schon sehr bald den Rücken. Infolge meiner
damaligen jugendlichen Unerfahrenheit hörte ich sogar auf, sie zu grüßen,
als ob ich alles Frühere mit der Schere hätte abschneiden wollen. Übrigens
habe ich nur ein einziges Mal mit ihnen Freundschaft angeknüpft. Im
allgemeinen bin ich ja immer allein gewesen.
Zu Hause las ich gewöhnlich. Wollte ich doch durch äußere Eindrücke
betäuben, was unaufhörlich in mir kochte. Von äußeren Eindrücken aber
konnte ich mir nur Lektüre leisten. Das Lesen half natürlich viel, – es regte
auf, berauschte und quälte. Mitunter aber wurde es, weiß Gott, doch
verteufelt langweilig. Man wollte sich auch einmal bewegen! Und so ergab

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ich mich plötzlich einer dunklen, unterirdischen, kellerhaften, gemeinen ...
nicht gerade Ausschweifung, aber solchen kleinen niedrigen Lasterchen.
Meine kleinen Leidenschaften waren scharf, spitz und brennendheiß; das
kam von meiner immerwährenden krankhaften Reizbarkeit. Die Ausbrüche
waren hysterisch, mit Tränen und fast mit Krämpfen. Außer der Lektüre
hatte ich nichts, womit ich mich hätte zerstreuen können – ich meine, in
meiner ganzen Umgebung hatte ich damals nichts, was ich hätte achten
können oder was mich hätte anziehen können. Außerdem schwoll noch die
Sehnsucht gar manches Mal erdrückend in mir an: krankhaftes Verlangen
nach Widersprüchen, nach Kontrasten war’s, nun, und so ergab ich mich
denn der Ausschweifung. Aber ich will mich doch nicht etwa rechtfertigen
... Halt! – das stimmt nicht! Nein. Hab gelogen! Ich habe mich ja gerade
rechtfertigen wollen. Diese Bemerkung mache ich – wohl verstanden! – nur
für mich, meine Herren, als Knoten ins Taschentuch. Will nicht lügen. Will
Wort halten.
Meiner Ausschweifung ergab ich mich nur des Nachts, heimlich,
ängstlich, schmutzig, mit einer Scham, die mich selbst in den ekelhaftesten
Augenblicken nicht verließ, und die ich in solchen Minuten fast als Fluch
empfand. Auch damals schon trug ich das Dunkel in meiner Seele. Ich
fürchtete mich bis zum Entsetzen, daß man mich vielleicht irgendwie sehen,
mir begegnen, mich erkennen könnte. Ging ich doch in verschiedene
äußerst dunkle Häuser.
Einmal, als ich nachts an einem elenden Restaurant vorüberkam, sah ich
durch das helle Fenster, wie man sich drinnen um das Billard herum mit den
Queues prügelte, und wie darauf einer von den Herren durch das Fenster
hinausbefördert wurde. Zu einer anderen Zeit wäre es mir zuwider gewesen;
damals jedoch kam plötzlich solch eine Stimmung über mich, daß ich
diesen herausgeworfenen Herrn einfach beneidete, ja sogar dermaßen
beneidete, daß ich in das Restaurant ging und in das Billardzimmer eintrat:
„Vielleicht wird man auch mich verprügeln und durch das Fenster
hinausbefördern,“ dachte ich.
Ich war nicht betrunken, doch was sollte ich machen, – kann einen die
Sehnsucht doch bis zu solch einer Hysterie quälen! Es kam aber zu nichts.
Es erwies sich, daß ich nicht einmal zum Hinausgeworfen-werden begabt
war, und ich ging unverprügelt fort. Gleich zu Anfang wurde ich dort von
einem Offizier zurückgedrängt.

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Ich stand am Billard und versperrte ahnungslos den Weg, er aber mußte
vorübergehen, und so faßte er mich an den Schultern – ohne vorher etwas
zu sagen oder zu erklären – und stellte mich schweigend von dem Platz, wo
ich stand, auf einen anderen, und ging selbst an mir vorüber – als ob er
mich überhaupt nicht bemerkt hätte. Ich hätte sogar Schläge verziehen,
doch nimmermehr konnte ich verzeihen, daß er mich so umgestellt und so
absolut übersehen hatte.
Weiß der Teufel, was ich damals nicht alles für einen wirklichen,
regelrechten Streit gegeben hätte, für einen anständigen, sagen wir, mehr
literarischen! Man hatte mich wie eine Fliege behandelt. Dieser Offizier
war gut gewachsen, groß von Wuchs, ich aber bin ein kleiner, dürrer
Mensch. Übrigens lag es ja in meiner Macht, es auf einen Streit ankommen
zu lassen: ich hätte nur zu protestieren gebraucht, um zu erreichen, was ich
wollte – gleichfalls aus dem Fenster geworfen zu werden. Ich aber wurde
nachdenklich und zog es vor ... mich erbost davon zu schleichen.
Aus dem Restaurant begab ich mich erregt geradewegs nach Haus; am
nächsten Tage aber ging das Ausschweifen wieder an, nur noch
schüchterner, versteckter und trauriger als zuvor, gleichsam mit Tränen in
den Augen, – aber ich fuhr doch fort. Übrigens, bitte nicht zu glauben, daß
ich mich aus Feigheit vor dem Offizier so benommen habe: in meinem
Herzen bin ich niemals feig gewesen, wenn ich mich auch im Leben immer
feige benommen habe, aber – warten Sie noch ein wenig mit dem Lachen,
meine Herren, das hat seinen guten Grund, dafür gibt es eine Erklärung.
Seien Sie überzeugt, ich habe für alles eine Erklärung.
Oh, wenn dieser Offizier doch zu denjenigen gehört hätte, die bereit sind,
sich zu schlagen! Doch nein, das war gerade einer von jenen leider schon
längst nicht mehr vorhandenen Offizieren, die es vorzogen, mit dem Queue
zu handeln, oder mittels der Vorgesetzten. Zu einem Duell jedoch fordern
solche nie heraus, mit unsereinem aber sich zu schlagen, würden sie unter
allen Umständen für unanständig halten, – und überhaupt halten sie das
Duell für etwas Unsinniges, Freisinniges, Französisches, selbst aber
beleidigen sie nicht selten, besonders wenn sie noch groß und stattlich sind.
Hier aber war nicht Feigheit die Ursache meines feigen Rückzugs,
sondern mein grenzenloser Ehrgeiz. Nicht sein hoher Wuchs schreckte
mich, nicht, daß man mich schmerzhaft würde verprügelt und
hinausgeworfen haben, physischen Mut hatte ich wahrlich genügend; doch
der moralische Mut reichte nicht aus. Ich fürchtete plötzlich, daß mich alle

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Anwesenden – angefangen vom unverschämten Marqueur bis zum letzten
stinkenden, sinnigen kleinen Beamten, der dort in einem schäbigen Rock,
dessen fettdurchtränkter Kragen nur so glänzte, gleichfalls
herumscherwenzelte – „nicht verstehen und auslachen könnten, wenn ich
protestieren und in literarischer Sprache mit ihnen reden würde.“ Denn von
dem Ehrenpunkte, – point d’honneur – kann man ja bei uns überhaupt nicht
anders sprechen, als in literarischen Redewendungen. Erinnere mich nicht,
jemals etwas vom „Ehrenpunkte“ in gewöhnlicher Sprache gehört zu haben.
Ich war vollkommen überzeugt – Instinkt für die Wirklichkeit, trotz der
ganzen Romantik! –, daß sie alle vor Lachen platzen würden, der Offizier
mich aber nicht einfach verprügeln, sondern vorher bestimmt rund um das
Billard schleifen und erst dann vielleicht aus Gnade und Barmherzigkeit
durch das Fenster hinausbefördern würde. Selbstverständlich konnte diese
klägliche Geschichte für mich damit nicht abgetan sein. Später traf ich
diesen Offizier sehr oft auf der Straße und ich beobachtete ihn gut. Nur
weiß ich nicht, ob er auch mich erkannte. Wahrscheinlich nicht; so nach
einigen Anzeichen zu urteilen. Ich aber, ich haßte und beneidete ihn, und
das dauerte so ... einige Jahre! Mein Haß vertiefte sich und wuchs noch mit
den Jahren; zuerst bemühte ich mich heimlich, Näheres über diesen Offizier
zu erfahren. Das fiel mir allerdings sehr schwer, denn ich kannte doch
keinen Menschen. Einmal aber, als ich ihm wieder wie gebannt auf der
Straße folgte, rief ihn irgend jemand beim Familiennamen an, und so erfuhr
ich denn, wie er hieß. Ein anderes Mal folgte ich ihm bis zu seiner
Wohnung und erfuhr dort für zehn Kopeken vom Dwornick, wo er wohnte,
in welch einem Stock, allein oder mit anderen usw. – kurz, alles, was man
von einem Dwornick erfahren kann. Und an einem Morgen kam mir
plötzlich der Gedanke – obgleich ich niemals Literatur machte –, diesen
Offizier zu beschreiben, karrikiert natürlich, in der Form einer Novelle. Oh,
mit welch einer Genugtuung ich diese Novelle schrieb! Ich polemisierte, ich
verleumdete ihn sogar ein wenig; seinen Familiennamen veränderte ich
zuerst so, daß man sofort hätte erraten können, um wen es sich handelte,
doch später, nachdem ich reiflicher überlegt hatte, veränderte ich ihn ganz,
und schickte das Manuskript an die Redaktion der „Vaterlandsschriften“.
Doch damals gab es noch keine Polemik und meine Novelle wurde nicht
gedruckt. Das ärgerte mich gewaltig. Zuweilen raubte mir die Wut sogar
den Atem. Da entschloß ich mich endlich, meinen Gegner zu fordern. Ich
schrieb ihm einen wundervollen, anziehenden Brief, in dem ich ihn

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anflehte, sich bei mir zu entschuldigen, falls er aber das nicht wollte, so –
ich deutete ziemlich bestimmt das Duell an. Der Brief war derart verfaßt,
daß der Offizier, wenn er nur ein wenig das „Schöne und Hohe“ verstand,
unbedingt sofort zu mir hätte eilen müssen, um mich zu umarmen und mir
seine ewige treue Freundschaft anzubieten. Und wie schön wäre das doch
gewesen! Wie herrlich hätten wir zusammen gelebt! „Er würde mich
verteidigen und ich würde ihn veredeln, sagen wir, mit meiner Bildung, nun
und ... durch meine Ideen, und, ach Gott, was könnte nicht noch alles sein!“
Stellen Sie sich vor, daß damals seit der Nacht, in der er mich beleidigt
hatte, schon zwei Jahre vergangen waren und meine Forderung sich als ein
ganz unglaublicher Anachronismus erwies, trotz der ganzen geschickten
Redewendungen meines Briefes, die den Anachronismus erklären und
aufheben sollten. Doch Gott sei Dank! – bis auf den heutigen Tag danke ich
noch dem Schöpfer inbrünstig dafür – ich schickte meinen Brief nicht ab.
Ein Schauer läuft mir über den Rücken, wenn ich denke, was daraus hätte
entstehen können, – wenn ich ihn abgeschickt hätte! Und plötzlich ... und
plötzlich rächte ich mich auf die allereinfachste, allergenialste Weise! Ein
herrlicher Gedanke beglückte mich plötzlich. Ich ging nämlich zuweilen an
Feiertagen, so um vier herum, auf den Newsky und spazierte dann auf der
Sonnenseite. Das heißt, ich spazierte durchaus nicht, sondern empfand bloß
unzählige Qualen und Demütigungen und fühlte nur, wie mir die Galle
überging; doch hatte ich wahrscheinlich gerade das nötig. Ich kroch dort
wie ein Wurm zwischen den Fußgängern herum, trat bald vor Generälen zur
Seite, bald vor Gardekavallerie- oder Husarenoffizieren, bald vor eleganten
Damen; in diesen Minuten fühlte ich konvulsive Schmerzen im Herzen und
Fieberschauer im Rücken bei dem bloßen Gedanken an die Schäbigkeit
meiner Kleider, an die Misere und Gemeinheit meiner ganzen sich
herumdrückenden, kleinen, unansehnlichen Gestalt. Das war eine wahre
Märtyrerqual, ein ununterbrochenes, unerträgliches Erniedrigtwerden durch
den Gedanken, der schließlich zum beständigen, unmittelbaren Gefühl
wurde, daß ich vor diesen Menschen nur eine Fliege war, eine ganz
gemeine unnütze Fliege, wenn ich auch klüger als sie alle war, entwickelter,
edler – das versteht sich natürlich von selbst –, so doch eine ihnen allen
fortwährend ausweichende Fliege, die von allen erniedrigt und von allen
beleidigt wurde. Wozu ich mir diese Qual auflud, warum ich auf den
Newsky ging – ich weiß es nicht. Es zog mich einfach bei jeder Gelegenheit
dorthin.

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Doch damals empfand ich schon die Fluten jener Wonnen, jener Genüsse,
von denen ich bereits im ersten Teil gesprochen habe. Nach der Geschichte
mit dem Offizier aber zog es mich noch mehr dorthin: auf dem Newsky traf
ich ihn am häufigsten, dort konnte ich mich dann an ihm sattsehn. Er ging
gleichfalls vornehmlich an den Feiertagen spazieren. Wenn er auch oft
Generälen und höheren Persönlichkeiten ausbog und sich gleichfalls
schlängelte, so wurden doch Leute wie meine Wenigkeit, und sogar solche,
die weit besser aussahen, als ich, von ihm einfach bei Seite geschoben: er
ging gerade auf sie los, als ob vor ihm freier Raum gewesen wäre, und bog
dann unter keinen Umständen aus. Ich berauschte mich an meinem Haß,
wenn ich ihn beobachtete, und ... ingrimmig jedesmal vor ihm ausbog. Es
quälte mich, daß ich sogar auf der Straße ihm unterlegen war. „Warum
biegst Du unbedingt als erster aus?“ fragte ich mich in rasender Wut, wenn
ich zuweilen so um drei Uhr Nachts erwachte und mir selbst auf den Leib
rückte. „Warum denn gerade Du, warum niemals er? Dafür gibt es doch
kein Gesetz, das steht doch nirgends geschrieben! Nun, kann es denn nicht
genau zur Hälfte geschehn, so, wie höfliche Menschen ausbiegen, wenn sie
sich begegnen: er halb und Du halb und Ihr beide geht dann einfach höflich
aneinander vorüber.“ Doch das geschah nie, und nach wie vor bog immer
nur ich aus, er aber bemerkte es nicht einmal. – Und siehe, da kam mir
plötzlich ein bewunderungswürdiger Gedanke. „Wie aber,“ dachte ich, „wie
wäre es, wenn ich ihm begegne und ... nicht ausbiege! Absichtlich nicht
ausbiege, und wenn ich ihn auch stoßen sollte? Wie, wie wäre das?“ Dieser
freche Gedanke bemächtigte sich meiner allmählich derart, daß ich
überhaupt keine Ruh mehr hatte. Ich dachte ununterbrochen, wie das wohl
sein würde und ging absichtlich noch öfter auf den Newsky, um mir noch
deutlicher vorzustellen, wie ich es machen würde. Ich war einfach
begeistert. Diese Absicht schien mir immer mehr und mehr ausführbar.
„Versteht sich, nicht stark stoßen,“ dachte ich, schon im Voraus durch die
Freude gütiger gestimmt, „sondern nur so, einfach nicht ausweichen, mit
ihm zusammenprallen, natürlich nicht schmerzhaft, aber so, Schulter mit
Schulter, genau so viel, wie es der Anstand erlaubt; so daß ich ihn eben so
stark anstoße, wie er mich stößt.“ Endlich entschloß ich mich definitiv
dazu. Doch die Vorbereitungen nahmen noch sehr viel Zeit. Vor allen
Dingen mußte man zu diesem Zwecke möglichst anständig aussehen, also
mußte man zuerst an die Kleider denken. „Auf alle Fälle, wenn z. B. ein
Auflauf entsteht – das Publikum ist doch dort pikfein: Gräfin M. geht, Fürst

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D. geht, die ganze Literatur geht –, da muß man doch gut angezogen sein;
das macht einen günstigen Eindruck und stellt einen in den Augen der
höheren Gesellschaft gewissermaßen auf eine höhere Stufe.“ Zu diesem
Zweck bat ich denn den Kassierer mir mein Monatsgehalt vorauszuzahlen
und kaufte mir dann bei Tschurkin ein Paar schwarze Glacé-Handschuhe
und einen anständigen Hut. Schwarze Handschuhe schienen mir erstens
solider, und zweitens mehr bon-ton als zitronenfarbene, auf die ich es zuerst
abgesehen hatte. „Die Farbe ist zu grell und es sieht dann aus, als ob der
Mensch sich allzusehr hervortun will,“ und so verzichtete ich denn auf die
zitronenfarbenen. Ein gutes Hemd mit weißen Knöpfen hatte ich schon
längst bei Seite gelegt; nur der Mantel hielt mich noch auf. An und für sich
war er ja gar nicht übel, gut warm; er war aber wattiert und hatte bloß einen
ganz billigen Pelzkragen: Waschbär, was schon die Krone der Billigkeit ist.
Da hieß es denn unbedingt einen neuen Kragen kaufen, und zwar, was es
auch koste, sich einen kleinen Biber, in der Art, wie ihn die Offiziere tragen,
anzuschaffen. Zu diesem Zweck ging ich des öfteren in den Gostinny Dwor,
und nach einigem hin und her entschied ich mich für einen billigen
deutschen Biber. Diese deutschen Felle vertragen sich zwar sehr schnell,
und sehen dann miserabel aus, doch dafür sind sie, wenn sie noch neu sind,
sogar sehr anständig; ich aber brauchte ja den Kragen nur für das eine Mal.
Ich fragte nach dem Preis: immerhin war’s teuer. Nach reiflichem
Überlegen entschloß ich mich, meinen Waschbärkragen zu verkaufen. Die
fehlende und für mich doch recht beträchtliche Summe wollte ich borgen,
und zwar von Anton Antonytsch Ssetotschkin, meinem Bureauvorsteher,
einem stillen, ernsten und durchaus positiven Menschen, der sonst
niemandem Geld lieh, doch dem ich bei meinem Antritt von dem mich für
diesen Dienst bestimmenden Würdenträger ganz besonders empfohlen
worden war. Ich quälte mich fürchterlich. Anton Antonytsch um Geld
anzugehen, schien mir ungeheuerlich und schmachvoll. Zwei, drei Nächte
konnte ich nicht schlafen und überhaupt schlief ich damals wenig: war wie
im Fieber. Das Herz war so träge und dumpf und hörte zuweilen ganz auf,
zu schlagen, zuweilen aber fing es plötzlich an, zu springen und dann
sprang es, und sprang, und sprang ... Anton Antonytsch war zuerst sehr
erstaunt, darauf runzelte er die Stirn, dachte nach und schließlich lieh er mir
doch das Geld – nachdem er sich von mir einen Zettel hatte ausstellen
lassen, daß er das geliehene Geld nach zwei Wochen von meiner Gage
zurückbehalten konnte. Auf diese Weise war schließlich alles bereit; ein

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hübscher Biber ersetzte meinen häßlichen Waschbär und ich bereitete mich
allmählich zur Tat vor. Natürlich konnte man’s doch nicht gleich beim
ersten Mal, doch nicht irgendwie unbedacht, nachlässig tun; man mußte es
geschickt machen, mußte sich eben allmählich einüben. Nur muß ich
gestehen, daß ich nach vielfachen Versuchen geradezu in Verzweiflung
geriet: es muß wohl so bestimmt sein, daß wir nicht zusammenstoßen!
dachte ich hoffnungslos. Wie ich mich auch vorbereitete, wie fest ich auch
entschlossen war, – jetzt, jetzt, gleich, sofort prallen wir aneinander und –
wieder war ich ausgebogen, und wieder war er an mir vorübergegangen,
ohne mich auch nur zu bemerken! Ich betete sogar, wenn ich mich ihm
näherte, damit Gott mir Mut gäbe. Einmal hatte ich mich schon fest
entschlossen, doch endete es damit, daß ich ihm nur vor die Füße kam, denn
im letzten Augenblick, einige Zentimeter vor ihm, verließ mich der Mut.
Mit der größten Seelenruhe schritt er weiter, ich aber flog wie ein Ball zur
Seite. In der Nacht darauf lag ich wieder im Fieber und phantasierte wirres
Zeug. Und plötzlich endete es besser, als man’s sich überhaupt hätte
wünschen können! Am Vorabend beschloß ich definitiv, von meinem
unglücklichen Vorhaben abzulassen, die Rache einfach aufzugeben und mit
diesem Entschluß ging ich noch zum letzten Mal auf den Newsky, um zu
sehn, wie ich das alles so aufgebe ... Plötzlich, drei Schritt vor meinem
Feinde, faßte ich den Entschluß, schloß krampfhaft die Augen und – wir
stießen uns gehörig Schulter an Schulter! Keinen Zentimeter breit war ich
ausgewichen, und ich ging, ihm vollkommen gleichstehend, an ihm
vorüber!! Er blickte sich nicht einmal nach mir um und tat, als ob er mich
überhaupt nicht bemerkt hätte; natürlich tat er nur so, davon bin ich
überzeugt. Bis auf den heutigen Tag bin und bleibe ich davon überzeugt!
Natürlich bekam ich mehr ab als er; er war ja viel stärker, doch nicht darum
handelte es sich. Es handelte sich darum, daß ich mein Ziel erreicht, meine
Würde aufrecht erhalten hatte, keinen Zollbreit ausgewichen war, und mich
öffentlich mit ihm auf die gleiche soziale Stufe gestellt hatte! Ich hatte mich
für alles gerächt! Triumphierend kehrte ich zurück in meinen dunklen
Winkel. Ich war begeistert und sang italienische Arien. Selbstverständlich
werde ich Ihnen nicht erzählen, was drei Tage darauf mit mir geschah;
wenn Sie den ersten Teil, „Das Dunkel“, gelesen haben, so können Sie’s
vielleicht selbst erraten ... Der Offizier wurde später irgendwohin versetzt;
seit vierzehn Jahren habe ich ihn nicht mehr gesehn. Wer weiß, was jetzt
mein Herzensjunge macht? Wen er jetzt auf die Seite drängt?

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II.

Doch auch die Periode meiner Ausschweifungen ging vorüber und mir
wurde alles unsäglich zuwider. Die Reue kam, ich verjagte sie: es war
schon zu ekelhaft. Mit der Zeit aber gewöhnte ich mich auch an sie: Ich
gewöhnte mich ja an alles, d. h. nicht gerade, daß ich mich an alles gewöhnt
hätte, sondern ich willigte gewissermaßen freiwillig ein, zu ertragen. Doch
hatte ich einen Ausweg, der alles wieder gut machte, das war – mich ins
„Schöne und Hohe“ zu retten, natürlich: nur in der Phantasie. Phantasieren
tat ich unglaublich viel, ich phantasierte in meinen Winkel verkrochen
mitunter drei Monate lang in einem Strich, und Sie können es mir schon
glauben, daß ich dann nicht jenem Herrn glich, der in der Verwirrung seines
Hühnerherzens an den Kragen seines Mantels einen deutschen Biber nähte.
Ich wurde plötzlich Held. Meinen langen Leutnant hätte ich dann nicht
einmal empfangen, wenn er, sagen wir, seine Visite bei mir hätte machen
wollen. Ich konnte ihn mir damals überhaupt nicht vorstellen, konnte
überhaupt nicht an ihn denken. Was ich damals gerade dachte, wovon ich
träumte, und wie mir das genügen konnte, ist jetzt schwer zu sagen, doch
damals genügte es mir vollkommen. Übrigens genügt es mir ja auch jetzt
teilweise. Ganz besonders süß und wild waren die Träumereien nach
meinen jämmerlichen Ausschweifungen; sie kamen mit Reue und Tränen,
mit Flüchen und Ekstasen. Es gab Augenblicke, in denen mein Entzücken,
mein Freudentaumel, mein Glück so rein waren, daß ich, bei Gott!, nicht
den geringsten Spott in mir fühlte. Dann war alles vorhanden: Hoffnung,
Glaube, Liebe. Das war’s ja, daß ich dann blind glaubte, alles würde durch
irgend ein Wunder, irgend einen äußeren Umstand plötzlich
auseinanderrücken, würde sich erweitern; und es würde sich plötzlich die
Perspektive einer entsprechenden Tätigkeit für mich öffnen, einer
segenreichen, schönen und, vor allen Dingen, ganz besonderen – was für
einer eigentlich, wußte ich allerdings nie, aber die Hauptsache war doch,
daß es eine ganz besondere Tätigkeit sein würde. Und siehe, da trete ich
denn plötzlich auf, und es fehlt nicht viel, daß ich auf weißem Roß im
Lorbeerkranz erscheine ... In einer zweitrangigen Rolle habe ich mich nie
denken können. Deswegen war ich denn auch in Wirklichkeit in größter
Seelenruhe mit der letztrangigen zufrieden. Entweder Held oder Schmutz,

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eine Mitte gabs nicht. Das wars ja, was mich verdarb, denn im Schmutz
beruhigte ich mich damit, daß ich zu anderen Zeiten wiederum Held war,
der Held aber den Schmutz zur Null macht: für einen gewöhnlichen
Menschen, meinte ich, ist es eine Schande, in den Schmutz zu geraten, der
Held jedoch steht viel zu hoch, um sich je beschmutzen zu können, folglich
kann er ruhig in Schmutz geraten. Sonderbar, daß mich diese Fluten „alles
Schönen und Hohen“ auch in der Zeit meiner elenden Ausschweifungen
überkamen, und zwar gerade dann, wenn ich schon ganz auf dem Boden
lag. Sie kamen dann so in einzelnen kurzen kleinen Wellen, als ob sie nur
an sich erinnern wollten, vernichteten aber mit ihrem Erscheinen doch nicht
die Gemeinheit. Im Gegenteil, durch den Kontrast belebten sie sie geradezu,
und sie kamen genau nur in der Portion, die zu einer guten Sauce nötig war.
Diese Sauce bestand aus Widersprüchen und Leiden, aus qualvoller innerer
Analyse, und alle diese Qualen und Quälchen gaben dann geradezu eine
gewisse Pikanterie, gaben sogar meinen gemeinen Ausschweifungen einen
Sinn, – mit einem Wort, sie erfüllten in jeder Beziehung die Pflicht und
Schuldigkeit einer guten Sauce. Alles das war sogar nicht ohne eine gewisse
Tiefe. Und wie hätte ich mich denn auf eine einfache, gemeine
Schreiberausschweifung einlassen und wie hätte ich diesen ganzen Schmutz
dann auf mir ertragen können! Was konnte mich denn damals zum Schmutz
verführen, was mich nachts auf die Straße locken? Nein, wissen Sie, ich
hatte für alles ein edles Schlupfloch ...
Doch wieviel Liebe, Herrgott, wieviel Liebe erlebte ich zuweilen in
diesen meinen Träumereien, in diesen „Rettungen in alles Schöne und
Hohe“! Wenn’s auch eine phantastische Liebe war, wenn sie sich auch
niemals auf etwas Menschenartiges in Wirklichkeit übertrug, so war sie ja
doch dermaßen groß, diese Liebe, daß man später, in Wirklichkeit, gar nicht
das Bedürfnis empfand, sie auf jemanden zu übertragen: das wäre schon
ganz überflüssiger Luxus gewesen. Übrigens endete alles immer überaus
glücklich in trägem und berauschendem Übergang zur Kunst, d. h. zu den
schönen Formen des Seins, zu ganz fertigen, versteht sich, die natürlich
stark von Dichtern und Romantikern entlehnt waren und allen möglichen
Anforderungen angepaßt wurden. Zum Beispiel: ich triumphiere über alle;
selbstverständlich liegen sie alle im Staube vor mir und sind gezwungen,
freiwillig meine sämtlichen Vollkommenheiten anzuerkennen, und ich
vergebe ihnen darauf alles. Ich verliebe mich, bin berühmter Dichter und
Kammerherr, verdiene unzählige Millionen und spende sie sofort für das

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Wohl der Menschheit, und zu gleicher Zeit beichte ich vor dem ganzen
Volke alle meine Laster, die selbstverständlich nicht gewöhnliche Laster
sind, sondern ungemein viel „Schönes und Hohes“ in sich schließen –
Laster, die, sagen wir, etwas Manfredartiges haben. Alle weinen und küssen
mich natürlich – wären sie doch Tölpel, wenn sie das nicht täten –, ich aber
gehe barfuß und hungrig von dannen, um neue Ideen zu verkünden und
schlage die Reaktionäre bei Austerlitz. Darauf wird ein Marsch gespielt,
eine Amnestie wird erlassen, der Papst willigt ein, von Rom nach Brasilien
überzusiedeln; darauf wird für ganz Italien ein Ball gegeben in der Villa
Borghese, die am Comersee liegt, da der Comersee expreß zu diesem
Zweck nach Rom verlegt wird; darauf folgt eine Szene im Gebüsch u. s. w.,
u. s. w. – als ob Sie’s nicht wüßten? ... Sie sagen, es sei niedrig und gemein,
alles das jetzt auf den Markt zu tragen, besonders nach so viel Begeisterung
und Tränen, die ich selbst eingestanden habe. Aber warum ist’s denn
gemein? Glauben Sie denn wirklich, daß ich mich all dessen schäme, und
daß alles dieses dümmer ist, als einerlei was in Ihrem Leben, meine
hochverehrten Herren? Und zudem können Sie mir glauben, daß ich mir
manches wirklich gar nicht so übel zusammengesetzt hatte ... Es spielte sich
doch nicht alles auf dem Comersee ab. Doch übrigens, Sie haben Recht; es
ist tatsächlich niedrig und gemein. Aber am allergemeinsten ist, daß ich
mich jetzt vor Ihnen zu rechtfertigen suche. Und noch gemeiner ist es, daß
ich jetzt diese Bemerkung mache. Nun aber genug, sonst käme man ja
überhaupt nicht zum Schluß: immer würde eines noch gemeiner als das
andere sein ...
Länger als drei Monate in einem Strich denken, konnte ich aber doch
nicht; dann stellte sich bei mir das unüberwindliche Bedürfnis ein, mich in
menschliche Gesellschaft zu stürzen: das bedeutete für mich, zu meinem
Bureauvorsteher Anton Antonytsch Ssetotschkin zum Besuch zu gehn. Das
war in meinem ganzen Leben mein einziger ständiger Bekannter, – nein
wirklich, jetzt wundert mich das sogar selbst –. Doch auch zu ihm ging ich
nur im äußersten Fall, bloß dann, wenn schon die Periode begann, in der
meine Träumereien zu solch einem Glück wurden, daß ich unbedingt und
unverzüglich die Menschen oder die Menschheit umarmen mußte; zu dem
Zweck aber mußte man wenigstens einen wirklich vorhandenen, wirklich
existierenden Menschen vor sich haben. Zu Anton Antonytsch konnte man
übrigens nur Dienstags gehen – das war sein freier Tag –, folglich mußte
man auch das Bedürfnis, die ganze Menschheit zu umarmen, immer auf den

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Dienstag hinausschieben. Dieser Anton Antonytsch wohnte bei den Fünf
Ecken im vierten Stock in vier niedrigen Zimmerchen, die klein-kleiner-am-
kleinsten waren und einen recht ärmlichen Eindruck machten. Er hatte zwei
Töchter und deren Tante, die gewöhnlich mit Tee bewirtete, bei sich. Die
Töchter waren eine dreizehn, die andere vierzehn; beide hatten sie
Stutznäschen, und mich verwirrten sie nicht wenig, denn sie flüsterten und
kicherten die ganze Zeit. Der Hausherr saß immer in seinem Arbeitszimmer
auf dem Ledersofa vor dem Tisch, meistens mit irgend einem alten
Bekannten, oder einem Beamten aus unserer Kanzlei. Mehr als zwei oder
drei Gäste – immer dieselben – habe ich dort nie gesehn. Man sprach über
die Accise, über die Senatsverhandlungen, über die Gagen, von seiner
Exzellenz, von dem Mittel zu Gefallen und ähnlichem ad infinitum. Ich
hatte die Geduld, neben diesen Menschen als Narr mitunter geschlagene
vier Stunden zu sitzen und ihnen zuzuhören, ohne selbst auch nur einmal
ein Wort zu sagen oder sagen zu können. Ich stumpfte vor mich hin,
schwitzte und fühlte einen Schlaganfall über mir schweben; aber es war gut
und nützlich. Nach Haus zurückgekehrt, schob ich meinen Wunsch, die
ganze Menschheit zu umarmen, für eine Zeitlang auf.
Übrigens hatte ich noch so etwas wie einen Bekannten: Ssimonoff,
meinen gewesenen Schulkameraden. Solcher Schulkameraden hatte ich
genau genommen nicht wenige in Petersburg, doch gab ich mich mit ihnen
nicht weiter ab, ja, ich hörte sogar auf, sie auf der Straße zu grüßen.
Vielleicht war das der einzige Grund, warum ich in ein anderes Ressort
überging, – ich meine, vielleicht tat ich es nur, um mit meiner ganzen
verhaßten Kindheit mit einem Mal abzubrechen. Verflucht sei diese Schule,
diese furchtbaren Gefängnisjahre! Kurz: als ich endlich die Schule hinter
dem Rücken hatte, wollte ich nichts mehr von meinen Mitschülern wissen.
Es blieben höchstens drei oder vier Menschen, mit denen ich, wenn ich sie
traf, noch einen Gruß tauschte. Zu diesen vier gehörte auch Ssimonoff. In
der Schule zeichnete er sich durch nichts aus, war gleichmäßig ruhig und
still, doch entdeckte ich in seinem Charakter eine gewisse Unabhängigkeit
und sogar Ehrlichkeit. Ja, ich glaube nicht einmal, daß er sehr beschränkt
war. Einmal hatten wir beide ziemlich lichte Stunden durchlebt, doch die
hielten nicht lange an, und allmählich breitete sich Nebel über sie. Ihm
waren diese Erinnerungen augenscheinlich unangenehm, und er fürchtete,
wie’s mir schien, immer, ich würde wieder in den alten Ton verfallen. Ich

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vermutete zwar, daß ich ihm widerlich war, doch ging ich trotzdem zu ihm,
da ich mich davon doch noch nicht ganz überzeugt hatte.
Und einmal, an einem Donnerstag, konnte ich meine Einsamkeit nicht
mehr ertragen, und da ich wußte, daß Donnerstags Anton Antonytschs Tür
verschlossen war, so ging ich denn zu Ssimonoff. Als ich langsam zum
vierten Stock zu ihm hinaufstieg, dachte ich noch gerade, daß ich ihm doch
nur lästig falle und daher eigentlich nicht zu ihm gehen sollte. Doch da es ja
bei mir gewöhnlich damit endete, daß ähnliche Bedenken mich noch mehr
aufstachelten, in zweideutige Lagen zu kriechen, so trat ich auch damals bei
ihm ein, anstatt zurück nach Haus zu gehen. Es war fast ein ganzes Jahr
vergangen, seit ich ihn zum letzten Mal gesehen hatte.

Page 77

III.

Er war nicht allein: zwei meiner früheren Schulkameraden saßen bei ihm.
Sie sprachen, wie es schien, über etwas sehr Wichtiges. Auf meinen Eintritt
verwandte kein einziger von ihnen irgendwelche Aufmerksamkeit, was mir
eigentlich etwas sonderbar erschien, denn wir hatten uns doch schon
jahrelang nicht mehr gesehen. Augenscheinlich hielt man mich für so etwas
wie eine gewöhnliche Fliege. Derartig hatte man mich nicht einmal in der
Schule behandelt, obgleich mich dort alle gehaßt hatten. Ich begriff
natürlich, daß sie mich wegen meines Mißerfolges in der Karriere, wegen
meiner tiefen Gesunkenheit, wegen meines schlechten Überziehers u. s. w.
verachteten. Mein Überzieher war in ihren Augen geradezu das Plakat
meiner Unfähigkeit und geringen Bedeutung. Doch immerhin hatte ich
nicht eine dermaßen tiefe Verachtung von ihnen erwartet. Ssimonoff
wunderte sich sogar über meinen Besuch. Auch früher schon hatte er immer
getan, als ob ihn mein Kommen in Erstaunen setzte. Alles das machte mich
natürlich stutzig; ich setzte mich ein wenig bedrückt auf einen Stuhl und
hörte ihrem Gespräch zu.
Man sprach ernst und interessiert über das Abschiedsdiner, das diese drei
ihrem Freunde Swerkoff, der als aktiver Offizier in den Kaukasus versetzt
worden war, am Tage vor der Abfahrt geben wollten. Dieser Swerkoff war
gleichfalls von der ersten Klasse an mein Mitschüler gewesen, aber erst in
den höheren Klassen hatte ich ihn ganz besonders gehaßt. In den unteren
Klassen war er bloß ein netter, mutwilliger Knabe gewesen, den alle liebten.
Übrigens haßte ich ihn auch schon in den unteren Klassen, und zwar
gerade, weil er ein netter und mutwilliger Knabe war. Was das Lernen
anbetraf, so lernte er ausnahmslos schlecht, und zwar von Jahr zu Jahr
schlechter; einstweilen aber beendete er doch das Gymnasium, denn er hatte
eine gute Protektion. Als er in der letzten Klasse war, fiel ihm eine
Erbschaft zu, zweihundert Seelen, und da wir anderen fast alle arm waren,
so tat er sich gar bald mit seinem Reichtum vor uns wichtig. Er war ja ein
im höchsten Grade fader Mensch, doch trotzdem ein guter Junge, selbst
dann, wenn er aufschnitt. Bei uns aber scherwenzelten, abgesehen von sehr
wenigen, fast alle vor ihm, trotz unserer äußeren phantastischen und
phrasenhaften Schuljungenbegriffe von Ehre und Honorigkeit. Und man tat

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es nicht etwa, um von ihm etwas dafür zu erhalten, sondern einfach nur so,
vielleicht weil ihn die Natur bei der Verteilung ihrer Gaben bevorzugt hatte.
Zudem hielt man ihn, ich weiß nicht warum, für einen Spezialisten in allem,
was die Gewandtheit und gute Manieren anbetraf. Das ärgerte mich ganz
besonders. Ich haßte seine helle, selbstzufriedene Stimme, seine
Bewunderung der eigenen Witzchen, die gewöhnlich äußerst dumm waren,
wenn er auch sonst ganz unterhaltend sein konnte. Ich haßte sein hübsches,
doch ziemlich dummes Gesicht – gegen das ich, nebenbei bemerkt, mein
kluges gerne eingetauscht hätte – und seine freien Offiziersmanieren. Ich
haßte es, daß er von seinen zukünftigen Erfolgen bei den Frauen sprach –
doch konnte er sich nicht entschließen, mit ihnen vorher anzufangen, als bis
er die heißersehnten Offiziersepauletten hatte –, und seine Prahlerei, daß er
fortwährend Duelle haben würde. Ich erinnere mich noch, wie ich, der ich
immer schweigsam war, plötzlich mich auf ihn stürzte, als er gerade in der
Zwischenpause mit den Kameraden selbstzufrieden wie ein junger Köter in
der Sonne wieder über die Weiber sprach und erklärte, daß er kein einziges
Mädchen seines Gutes unbeachtet lassen würde, dieses wäre „droit de
seigneur“, die Bauernkerle aber, falls sie sich erdreisten sollten, zu
protestieren, alle durchpeitschen und diesen bärtigen Kanaillen dann noch
doppelte Pacht auflegen würde. Unsere Hamiten klatschten Beifall, ich aber
krallte ihn, doch tat ich das keineswegs aus Mitleid mit den Mädchen, oder
ihren Vätern, sondern einfach weil solch ein Mistkäfer so großen Beifall
fand. Ich behielt damals die Oberhand, Swerkoff aber war, wenn auch an
und für sich dumm, doch lustig und dreist, und so zog er sich mit Lachen
aus der Situation, und zwar gelang ihm das so gut, daß ich im Grunde
genommen denn doch nicht ganz die Oberhand behielt: die Lacher waren
auf seiner Seite. Später besiegte er mich noch mehrmals, doch eigentlich
ganz ohne Bosheit, mehr scherzend, so im Vorübergehen, lachend. Ich tat,
als ob ich ihn verachtete und schwieg. Nach der Entlassung näherte er sich
mir ein wenig und ich sträubte mich nicht sonderlich, denn es schmeichelte
mir selbstverständlich sehr; doch gingen wir bald wieder auseinander, was
ja ganz natürlich war. Später hörte ich von seinen Leutnantserfolgen, von
seinem flotten Leben. Darauf hieß es, daß er im Dienst gute Fortschritte
machte. Nach einiger Zeit grüßte er mich nicht mehr auf der Straße; wohl
um sich nicht durch die Bekanntschaft mit solch einer unbedeutenden
Persönlichkeit zu kompromittieren. Einmal sah ich ihn auch im Theater, da
hatte er schon Achselschnüre. Er machte den Töchtern irgend eines alten

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Generals eifrig den Hof. Darauf, so nach drei Jahren, hatte er sich plötzlich
ziemlich stark verändert, wenn er auch noch wie früher hübsch und
gewandt war: er wurde dick; und als ich ihn nachher wiedersah, war sein
Gesicht schon ein wenig aufgedunsen; es war vorauszusehen, daß er mit
dreißig Jahren feist werden würde. Also diesem Swerkoff wollten meine
Schulkameraden ein Abschiedsdiner geben. Sie hatten sich in diesen drei
Jahren ununterbrochen mit ihm abgegeben, wenn sie sich auch innerlich
nicht für gleichstehend mit ihm hielten – davon bin ich überzeugt.
Von den beiden Gästen Ssimonoffs war der eine Ferfitschkin, ein
Deutsch-Russe – ein Männchen von kleinem Wuchs mit einem
Affengesicht, ein alle Welt verspottender Dummkopf, mein gehässigster
Feind noch aus den untersten Klassen –, ein gemeiner, frecher Prahlhans,
der vorgab, in Ehrensachen äußerst kitzlich zu sein, in Wirklichkeit aber
natürlich ein Feigling war. Er gehörte zu jenen Anhängern Swerkoffs, die
sich mit ihm nur abgaben, weil er gesellschaftlich höher stand und sie ihn
anpumpen konnten. Der andere Gast Ssimonoffs war Trudoljuboff, kein
sehr bemerkenswerter Mensch, Militär, von großem Wuchs mit einer kalten
Physiognomie, ein Mensch, dem jeder Erfolg imponierte, und der im
übrigen nur fähig war, über Rußlands Produktionsfähigkeit zu sprechen.
Mit Swerkoff war er irgendwie entfernt verwandt, und das – es ist zwar
dumm zu sagen, aber es war nun einmal so –, das gab ihm unter uns eine
gewisse Bedeutung. Mich hielt er für eine Null; wenn er auch nicht gerade
sehr höflich zu mir war, so betrug er sich doch leidlich.
„Also abgemacht: pro Mann sieben Rubel,“ begann Trudoljuboff, „– wir
sind drei, macht also einundzwanzig. Dafür kann man schon dinieren.
Swerkoff zahlt natürlich nicht.“
„Selbstverständlich zahlt er nicht, wenn wir ihn doch auffordern,“ meinte
Ssimonoff.
„Glaubt Ihr denn wirklich, Swerkoff wird uns allein zahlen lassen?“
fragte plötzlich hochmütig auffahrend Ferfitschkin – ganz wie ein
unverschämter Lakai, der mit den Orden seines Herrn prahlt –. „Aus
Delikatesse wird er es vielleicht tun, dafür aber von sich aus wie ein halbes
Dutzend ansetzen!“
„Na, wissen Sie, sechs Flaschen Champagner sind denn doch für uns zu
viel,“ bemerkte Trudoljuboff, dem nur das „halbe Dutzend“ aufgefallen war.
„Also wir drei, mit Swerkoff vier, für einundzwanzig Rubel im Hotel de
Paris, morgen um Punkt fünf,“ schloß Ssimonoff, der zum Anordner

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gewählt worden war.
„Wieso einundzwanzig?“ fragte ich, kaum, daß er ausgesprochen hatte,
einigermaßen erregt und scheinbar sogar gekränkt, „ich bin doch auch
dabei, also nicht einundzwanzig, sondern achtundzwanzig Rubel!“
Ich glaubte, sich so plötzlich und unerwartet anbieten würde sich sehr
schön ausnehmen und sie würden alle im Augenblick besiegt sein und mich
achten.
„Wollen Sie denn auch –?“ fragte statt dessen Ssimonoff ungehalten,
wobei er es vermied, mich anzusehen. Er kannte mich auswendig.
Mich ärgerte es maßlos, daß er mich so gut kannte.
„Warum denn nicht? Ich bin doch, glaube ich, auch sein Schulfreund, und
ich muß offen gestehn, es kränkt mich sogar, daß man mich übergangen
hat.“
„Wo Teufel sollte man Sie denn suchen?“ fragte frech Ferfitschkin.
„Sie standen sich doch niemals sehr besonders mit Swerkoff,“ bemerkte
gleichfalls geärgert Trudoljuboff. Ich aber ließ sie nicht mehr los.
„Ich glaube, darüber zu urteilen steht mir allein zu,“ entgegnete ich mit
wutbebender Stimme, ganz als ob Gott weiß was geschehen wäre.
„Vielleicht will ich gerade deswegen jetzt mit ihm speisen, weil ich mich
früher nicht besonders mit ihm stand.“
„Na, wer kann denn das ahnen ... diese Feinheiten ...“ bemerkte lächelnd
Trudoljuboff.
„Nun gut,“ entschied Ssimonoff und wandte sich zu mir, – „morgen um
fünf Uhr im Hotel de Paris. Verspäten Sie sich nicht,“ fügte er hinzu.
„Und das Geld ...?“ begann Ferfitschkin halblaut, indem er mit dem Kopf
auf mich wies und Ssimonoff fragend anblickte, verstummte aber, da sogar
Ssimonoff verlegen wurde.
„Nun, genug,“ sagte Trudoljuboff und erhob sich. „Wenn er so große
Lust hat, mag er kommen.“
„Aber unser Kreis ist doch privat,“ sagte Ferfitschkin wütend und griff
gleichfalls nach seinem Hut. „Das ist doch keine öffentliche Versammlung.“
„Vielleicht wollen wir Sie überhaupt nicht ...“
Sie gingen: Ferfitschkin grüßte mich nicht einmal, Trudoljuboff nickte
kaum, ohne mich dabei anzusehen. Ssimonoff, mit dem ich allein blieb, war
verdrossen und schien unangenehme Bedenken zu tragen; nur einmal
blickte er mich sonderbar an. Er setzte sich nicht und forderte auch mich
nicht auf, Platz zu nehmen.

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„Hm! ... ja ... also morgen. Geben Sie das Geld heute? Ich ... nur um es
genau zu wissen,“ begann er, brach aber sofort verlegen ab.
Ich wurde rot und im selben Augenblick fiel es mir plötzlich ein, daß ich
Ssimonoff noch seit undenklichen Zeiten fünfzehn Rubel schuldete, die ich
übrigens nie vergessen, doch die ich ihm noch immer nicht wiedergegeben
hatte.
„Sagen Sie es sich doch selbst, Ssimonoff, ich konnte es doch nicht
wissen, als ich herkam ... es tut mir sehr leid, daß ich vergaß, m...“
„Schon gut, schon gut, bleibt sich ja gleich. Sie zahlen dann morgen nach
dem Diner. Ich fragte ja nur, um zu wissen ... bitte ...“
Er verstummte mitten im Satz, schritt aber noch unwilliger im Zimmer
auf und ab, wobei er mit den Absätzen immer stärker und stärker auftrat.
„Ich halte Sie doch nicht auf?“ fragte ich ihn nach längerem Schweigen.
„O, nein!“ protestierte er und tat, als ob er aus tiefen Gedanken auffahre,
„– das heißt ... im Grunde – ja. Sehen Sie, ich müßte eigentlich noch
ausgehen ... hier, in der Nähe ...“ fügte er mit entschuldigender Stimme
hinzu. Ersichtlich schämte er sich ein wenig.
„Ach, mein Gott! Warum sagten Sie es nicht gleich!“ rief ich, ergriff
meine Mütze und verabschiedete mich von ihm – übrigens benahm ich
mich in dem Augenblick ganz erstaunlich ungezwungen; weiß Gott woher
diese Sicherheit über mich kam.
„Es ist ja nicht weit ... Hier ganz in der Nähe ...“ wiederholte Ssimonoff
etwas gar zu geschäftig, als er mich in den Treppenflur hinausbegleitete.
„Also morgen um Punkt fünf!“ rief er mir noch nach; er war schon allzu
glücklich über meinen Aufbruch. Ich aber raste innerlich vor Wut.
„Was plagte Dich, was plagte Dich, Deine Nase da hineinzustecken!“
fragte ich mich zähneknirschend auf der Straße. „Dieser Gauner, dieses
Ferkel Swerkoff! Einfach – ich gehe nicht! Natürlich, hol sie der Henker!
Bin ich denn etwa gebunden? Morgen früh werde ich Ssimonoff brieflich
benachrichtigen ...“
Aber ich raste ja doch nur vor Wut, weil ich wußte, weil ich genau,
tödlich genau wußte, daß ich doch gehen würde, zum Trotz gehen würde!
Und je taktloser, je unanständiger es sein sollte, hinzugehen, um so eher
würde ich gehen! – das wußte ich.
Und ich hatte sogar einen guten Grund, abzusagen: hatte kein Geld. Alles
in allem besaß ich noch neun Rubel. Doch von diesen neun Rubeln mußte

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ich am nächsten Tage meinem Aufwärter Apollon, der bei mir wohnte, doch
sich selbst beköstigte, seine Monatsgage, sieben Rubel, auszahlen.
Nicht auszahlen war unmöglich, da ich den Charakter meines Apollon
nur zu gut kannte. Doch auf diese Kanaille, auf diese meine Plage, meine
Seuche, werde ich noch ausführlicher zu sprechen kommen.
Aber ich wußte es ja im voraus, daß ich ihm das Geld doch nicht geben
und unbedingt ins Hotel de Paris gehen würde.
In jener Nacht hatte ich ganz hundsgemeine Träume. Kein Wunder: den
ganzen Abend vorher hatten mich Erinnerungen aus den Kerkerjahren
meiner Schulzeit gequält; nicht loszuwerden! In diese Schule hatten mich
meine entfernten Verwandten gesteckt, – mich, den Waisenknaben, der ich
schon sowieso verprügelt und von ihren Vorwürfen fast erdrückt war. Ich
war ein schweigsames, nachdenkliches Kind, das nur scheu beobachtete.
Meine Mitschüler empfingen mich mit boshaften, unbarmherzigen
Witzchen, weil ich ihnen so ganz unähnlich war. Ich aber konnte keinen
Spott ertragen; ich konnte mich nicht so schnell wie andere Kinder mit
ihnen einleben. Ich haßte sie vom ersten Tage an, zog mich ganz von ihnen
zurück und wappnete mich mit übermäßig empfindlichem Stolz. Ihre
Rohheit empörte mich. Sie lachten zynisch über mein Gesicht, über meine
eckige Gestalt; und doch – was hatten sie selbst für Gesichter! In unserer
Schule wurden die Gesichter mit der Zeit ganz absonderlich dumm. Wie
viele prächtige Kinder traten bei uns ein – und schon nach wenigen Jahren
war’s widerlich, sie anzusehen. Ich war noch nicht sechzehn, als ich mich
schon über die Flachheit ihrer Gedanken, die Dummheit ihrer
Beschäftigungen, Spiele und Gespräche wunderte. Die wichtigsten Dinge,
die auffallendsten Erscheinungen konnten sie nicht verstehen, ja, sie hatten
nicht einmal Interesse für sie übrig, so daß ich sie unwillkürlich für unter
mir stehende Geschöpfe hielt. Nicht etwa beleidigter Ehrgeiz veranlaßte
mich dazu, und kommen Sie mir um Gottes willen nicht mit den bis zur
Übelkeit durchgekauten Gemeinplätzen, den alten abgedroschenen Phrasen,
wie: „Sie träumten bloß, jene aber begriffen schon das wirkliche Leben“.
Nichts begriffen sie, vom wirklichen Leben schon ganz zu schweigen, und
das, ich schwör’s Ihnen, das war es gerade, was mich an ihnen am meisten
empörte. Im Gegenteil, die augenscheinlichste, die auffallendste
Wirklichkeit faßten sie geradezu phantastisch dumm auf, und schon damals
achteten sie nur den Erfolg. Alles, was im Recht, doch erniedrigt und
verprügelt war, wurde von ihnen grausam und schmählich verlacht. Rang

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oder Titel hielten sie für Verstand; schon mit sechzehn Jahren
philosophierten sie über warme Plätzchen, ich meine, über gute ruhige
Posten. Natürlich kam das meist von ihrer Dummheit und dem schlechten
Beispiel, das sie von Kindheit an vor Augen hatten. Verdorben waren sie bis
zu Ungeheuern. Natürlich war hierbei vieles nur äußerlich, war nur
angenommener Zynismus; Jugend und eine gewisse Frische durchbrachen
auch bei ihnen zuweilen die Verderbnis, doch war selbst diese Frische an
ihnen abstoßend. Ich haßte sie furchtbar, obgleich ich womöglich noch
schlechter war als sie. Sie zahlten mir mit derselben Münze heim und
machten auch aus ihrem Haß keinen Hehl. Doch ich wollte damals schon
nichts mehr von ihrer Liebe wissen; im Gegenteil, ich wollte sie nur noch
erniedrigen. Um mich vor ihren Spötteleien zu schützen, bemühte ich mich
absichtlich, möglichst gut zu lernen, und so wurde ich denn alsbald einer
der ersten Schüler. Das imponierte ihnen natürlich. Zudem leuchtete es
ihnen allmählich ein, daß ich schon Bücher las, die sie nicht lesen konnten,
und daß ich schon Dinge – die nicht in unseren speziellen Kursus gehörten
– begriff, von denen sie noch nicht einmal hatten reden gehört. Doch auch
dazu verhielten sie sich wie immer spöttisch, moralisch aber unterwarfen
sie sich, – um so mehr, als sogar die Lehrer in der Beziehung einige
Aufmerksamkeit auf mich verwandten. Die Spötteleien hörten auf, doch die
Feindseligkeit hörte nicht auf, und das Verhältnis zwischen ihnen und mir
blieb kühl und gezwungen. Zu guterletzt hielt ich es selbst nicht aus; mit
den Jahren stellte sich bei mir das Bedürfnis nach Menschen und Freunden
ein. Ich versuchte zwar, mich einigen von ihnen zu nähern, aber diese
Annäherungen waren von mir aus immer unnatürlich, und so hörten sie
denn auch bald wieder auf. Einmal aber hatte auch ich einen Freund. Da ich
aber schon von Hause aus Despot war, wollte ich unumschränkt über seine
Seele herrschen: ich wollte in seine Seele Verachtung für die ihn
umgebenden Menschen einpflanzen; ich verlangte von ihm, er sollte mit
ihnen ganz und gar brechen. Ich ängstigte ihn mit meiner leidenschaftlichen
Liebe; ich brachte ihn bis zu Tränen, zu Krämpfen; er hatte ein naives, sich
hingebendes Herz; doch als er sich mir ganz ergeben hatte, da erfaßte mich
plötzlich Haß gegen ihn, und ich stieß ihn von mir, – ganz als ob ich ihn nur
gebraucht hätte, um ihn zu besiegen, um ihn mir zu unterwerfen. Alle aber
konnte ich doch nicht so besiegen; mein Freund war gleichfalls nicht wie
die anderen, er glich keinem einzigen von ihnen und war in jeder Beziehung
eine Ausnahme. Als ich die Schule verließ, war das Erste, was ich tat, daß

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ich den Dienst, zu dem ich bestimmt war, verließ, um so alle Fäden, die
mich an das Frühere banden, zu zerreißen, das Vergangene zu verfluchen
und den Staub alles Gewesenen von meinen Füßen zu schütteln ... Weiß der
Teufel, warum ich dann noch zu diesem Ssimonoff kroch! ...
Am nächsten Morgen erwachte ich sehr früh, erinnerte mich sofort des
Geschehenen und sprang erregt aus dem Bett, ganz als ob ich unverzüglich
hätte hingehen müssen. Ich glaubte, daß noch am selben Tage irgend ein
radikaler Umschwung in meinem Leben beginnen, ja, unbedingt beginnen
würde. Weiß Gott, vielleicht war er aus Ungewohnheit, aber jedesmal bei
irgend einem äußeren, wenn auch noch so kleinen Ereignis, schien es mir,
daß sofort irgend ein radikaler Umschwung in meinem Leben eintreten
würde. Übrigens begab ich mich an jenem Tage wie gewöhnlich in meine
Kanzlei, doch verließ ich sie heimlich schon zwei Stunden früher als sonst,
um mich zu Hause vorzubereiten. Die Hauptsache ist nur, dachte ich, daß
Du nicht als erster erscheinst, sonst würde man denken, Du freutest Dich
schon so sehr auf das Essen, daß Du nicht abwarten könntest. Doch solcher
Hauptsachen gab es Hunderte und alle regten sie mich bis zu völliger
Entkräftung auf. Eigenhändig putzte ich noch einmal meine Stiefel – waren
mir nicht blank genug; Apollon hätte sie um nichts in der Welt zweimal am
Tage geputzt, denn er fand, daß das nicht in der Ordnung sei. Und so putzte
ich sie denn selbst, nachdem ich die Bürste im Vorzimmer glücklich
erwischt hatte, heimlich in meinem Zimmer, damit er es nicht sah und dann
Grund gehabt hätte, mich zu verachten. Darauf besah ich meine Kleider und
fand, daß alles schon alt, fadenscheinig, vertragen war. Hatte mein Äußeres
schon etwas zu sehr vernachlässigt. Der Überzieher war allerdings
ausgebessert, aber ich konnte doch nicht im Überzieher dinieren. Doch das
Schlimmste waren die Beinkleider: gerade auf dem Knie war ein großer
gelber Fleck. Ich fühlte es im voraus, daß mir schon allein dieser Fleck
neun Zehntel meiner Würde nehmen mußte. Auch wußte ich, daß es sehr
niedrig war, so zu denken. „Doch jetzt ist’s nicht mehr ums Denken zu tun:
jetzt beginnt die Wirklichkeit,“ dachte ich und verlor immer mehr den Mut.
Auch wußte ich ganz genau – im selben Augenblick, da ich jenes dachte –,
daß ich alle diese Dinge ungeheuer vergrößerte; aber was sollte ich machen:
mich beherrschen war unmöglich. Fieberschauer schüttelten mich.
Verzweifelt stellte ich mir vor, wie das alles sein wird: wie dieser „Gauner“
Swerkoff mich kühl und herablassend begrüßt; mit welch einer stumpfen,
mit nichts abzuwehrenden Verachtung der Rüpel Trudoljuboff auf mich

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herabsieht, und wie gemein und frech dieser Mistkäfer Ferfitschkin über
mich kichert, um Swerkoff zu gefallen; wie vorzüglich Ssimonoff alles
versteht, wie er mich durchschaut und mich wegen der Niedrigkeit meines
Ehrgeizes und Kleinmuts verachtet. Und vor allen Dingen – wie kläglich,
wie unliterarisch, wie alltäglich das alles sein wird! Am besten wäre es
natürlich gewesen – überhaupt nicht hinzugehn. Aber gerade das war ja
ganz und gar unmöglich: wenn es mich schon einmal irgendwohin zog, so
war nichts mehr zu wollen. Ich hätte mir ja dann mein Leben lang keine
Ruh gelassen: „Hast doch Angst bekommen, hehe, hast vor der Wirklichkeit
Angst bekommen, ja ja!“ Nein, das war ganz ausgeschlossen. Ich aber
wollte doch gerade diesem Pack beweisen, daß ich keineswegs solch ein
Feigling war, wie ich’s selbst glaubte. Ja, im stärksten Paroxismus meiner
Feigheit wollte ich sie mir sogar unterwerfen, sie besiegen, bezaubern,
zwingen, mich zu lieben – na, sagen wir meinetwegen „wegen der
Erhabenheit meines Geistes“. Sie würden Swerkoff ganz vergessen, er
würde abseits sitzen, schweigen und sich schämen, ich aber würde Swerkoff
einfach zum Nußknacker machen. Später könnte ich mich ja wieder mit ihm
versöhnen, meinetwegen sogar Brüderschaft trinken; doch was am
bittersten und kränkendsten für mich war, das war, daß ich im selben
Augenblick doch wußte, genau, tödlich genau wußte, daß ich dessen in
Wirklichkeit überhaupt nicht bedurfte, daß ich sie im Grunde überhaupt
nicht mir unterwerfen oder besiegen wollte, und daß ich für diesen ganzen
Erfolg, wenn ich ihn nur erringen könnte, selbst nicht eine Kopeke geben
würde. Oh wie betete ich zu Gott, daß dieser Tag schneller vorübergehen
möge! In unbeschreiblicher Seelenangst trat ich ans Fenster und starrte in
die neblige Dämmerung des dicht fallenden Schnees ...
Endlich schlug es: meine kleine erbärmliche Wanduhr schnurrte heiser
fünf Schläge. Ich ergriff meine Mütze und schlüpfte dann ohne aufzusehn
an Apollon vorüber – der seit dem Morgen die Auszahlung seiner Gage von
mir erwartete, doch in seiner Dummheit es für unter seiner Würde hielt,
mich daran zu erinnern – und nahm darauf für meinen letzten Fünfziger
einen guten Schlitten, um als vornehmer Herr am Hotel de Paris
vorzufahren.

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IV.

Schon am Abend vorher hatte ich es gewußt, daß ich als erster ankommen
würde. Doch war es mir nicht mehr darum zu tun.
Von ihnen war noch niemand erschienen und erst nach langem Suchen
konnte ich das für uns bestellte Zimmer finden. Der Tisch war noch nicht
ganz gedeckt. Was hatte das zu bedeuten? Nach vielen Fragen und
endlosem Hin und Her erfuhr ich endlich von den Kellnern, daß das Diner
zu sechs und nicht zu fünf Uhr bestellt worden war. Das bestätigte man mir
auch am Buffet. Ich schämte mich, noch mehr zu fragen. Es war erst
fünfundzwanzig Minuten nach fünf. Wenn sie die Stunde verändert hatten,
so wäre es ihre Pflicht gewesen, mich davon zu benachrichtigen, dazu gibt
es doch eine Stadtpost, nicht aber mich der „Schande“ auszusetzen, ... vor
... vor mir selbst wie ... wie auch, nun, meinetwegen, wie auch vor den
Kellnern. Ich setzte mich; bald darauf kam der Diener, um den Tisch zu
decken; in seiner Gegenwart wurde das Warten noch unangenehmer, und
das Benehmen der anderen zu mir noch kränkender. Kurz vor sechs Uhr
wurden noch Lichte gebracht, da die Lampen das Zimmer nicht genügend
erhellten. Dem Bedienten war es nicht in den Sinn gekommen, die Lichte
sofort, nachdem ich mich gesetzt hatte, zu bringen. Im Nebenzimmer
speisten an verschiedenen Tischen zwei alte, schweigsame, augenscheinlich
mürrische Herren. In einem der weitergelegenen Zimmer ging es sehr laut
zu, es wurde dort sogar geschrieen; man hörte das Gelächter einer ganzen
Gesellschaft, und hin und wieder auch gemeines französisches Gekreisch:
ein Diner mit Damen. Kurz, es war widerlich. Selten hatte ich so
scheußliche Minuten durchlebt ... infolgedessen war ich denn, als sie
endlich alle zusammen um Punkt sechs erschienen, im ersten Augenblick so
erfreut, daß ich fast ganz vergaß, wie es sich gehörte, den Gekränkten zu
spielen.
Swerkoff trat als erster ein; natürlich war er der Erste! Alle lachten sie;
doch als Swerkoff mich erblickte, nahm er sofort eine steifere Haltung an,
und kam langsam, in der Taille ein wenig nach vorn geneigt, gleichsam als
kokettierte er mit seiner Gestalt, auf mich zu und reichte mir die Hand;
zwar tat er das freundlich – wenn auch nicht gerade sehr –, aber er tat es
doch mit einer gewissen Vorsicht, mit fast exzellenzenhafter Höflichkeit,

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ganz als ob er sich im selben Augenblick vor irgend etwas in Acht nehmen
wollte. Ich hatte gedacht, er würde sofort beim Eintritt mit seinem alten
Lachen, seinen flachen Witzchen und Späßchen beginnen. Auf die hatte ich
mich schon seit dem Abend vorbereitet, doch nie und nimmer hatte ich
solch ein vonobenherab, solch eine Generalsliebenswürdigkeit erwartet. Er
hielt sich wohl in jeder Beziehung für unvergleichlich höherstehend. Wenn
er mich mit dieser Würde hätte kränken wollen, so wär’s weiter nicht
schlimm gewesen, dachte ich; hätte ausgespuckt, und damit wär’s abgetan
gewesen. Wie aber, wenn sich in seinem elenden Kalbskopf tatsächlich die
blödsinnige Idee, er stehe hoch über mir und könne sich nur gönnerhaft zu
mir verhalten, festgesetzt hatte, und er überhaupt nicht beabsichtigte, mich
zu beleidigen? Bei der bloßen Vorstellung dieser Möglichkeit ging mir
schon der Atem aus.
„Ich hörte zu meinem Erstaunen von Ihrem Wunsch, mit uns den Abend
zu verbringen,“ begann er in seiner albernen Weise zu sprechen, wobei er
diesmal die Worte ganz besonders langsam und deutlich aussprach, was er
früher nicht getan hatte. „Der Zufall hat es gewollt, daß wir uns lange nicht
mehr gesehn haben. Sie sind ja ganz menschenscheu geworden, nur tun Sie
uns damit Unrecht. Wir sind nicht so furchtbar, wie wir scheinen. Nun,
jedenfalls er–neu–ere ich gern ...“
Er wandte sich nachlässig zum Fenster, um seinen Hut aus der Hand zu
legen.
„Warten Sie schon lange?“ fragte Trudoljuboff.
„Ich kam um Punkt fünf, so wie man es mir gestern gesagt hatte,“
antwortete ich laut und mit einer Gereiztheit, die einen nahen Ausbruch
versprach.
„Hast Du ihn denn nicht benachrichtigt?“ fragte Trudoljuboff etwas
erstaunt Ssimonoff.
„Nein. Hab’s vergessen,“ antwortete der ohne die geringste Verlegenheit
und ging, sogar ohne sich bei mir deswegen zu entschuldigen, hinaus ans
Buffet, um die Weine zu bestellen.
„Dann warten Sie hier schon seit einer Stunde? Ach, Sie Armer!“ rief
Swerkoff spöttisch lachend, denn nach seinen Begriffen mußte das
allerdings lächerlich sein; und gleich nach ihm stimmte auch Ferfitschkin
mit seiner dünnen Stimme wie ein Schoßhündchen in das Gelächter ein.
Schien doch auch ihm meine Lage ungewöhnlich lächerlich.

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„Das ist durchaus nicht lächerlich!“ schrie ich ihn plötzlich an, da mich
das Lachen immer mehr gereizt hatte. „Die Schuld daran tragen andere,
nicht ich. Man hat es für unnötig gefunden, mich zu benachrichtigen. Das
ist ... das ist ... das ist ... einfach ungeschickt ist das!“
„Nicht nur ungeschickt, sondern noch etwas anderes,“ brummte
Trudoljuboff, der mich naiv verteidigen wollte. „Sie sind etwas zu
gutmütig. Das ist einfach eine Unhöflichkeit. Selbstverständlich keine
beabsichtigte. Wie hat aber Ssimonoff nur ... Hm!“
„Wenn man sich mir gegenüber so etwas erlaubt hätte,“ bemerkte
Ferfitschkin, „so würde ich ...“
„So würden Sie sich etwas bestellt haben, nicht wahr,“ unterbrach ihn
Swerkoff. „Oder Sie hätten sich das Diner servieren lassen, ohne die
anderen zu erwarten.“
„Sie werden mir zugeben, daß ich das ohne jede Erlaubnis hätte tun
können,“ sagte ich kurz, um das Gespräch abzubrechen. „Wenn ich wartete,
so geschah es nur ...“
„Setzen wir uns, meine Herren!“ rief der eintretende Ssimoneff, „alles ist
fertig; für den Champagner garantiere ich, famos gekühlt ... Ich wußte doch
nicht, wo Sie wohnen, und wo hätte ich Sie denn finden können!?“ sagte er
plötzlich zu mir gewandt, doch vermied er es wieder, mich offen anzusehn.
Ersichtlich hatte er etwas gegen mich.
Sie setzten sich alle; auch ich nahm Platz. Es war ein runder Tisch. Links
von mir saß Trudoljuboff, rechts Ssimonoff, Swerkoff mir gegenüber;
Ferfitschkin zwischen ihm und Trudoljuboff.
„Saagen Sie ... Sie sind im Département?“ fragte mich Swerkoff, der im
Ernst glaubte, da er sah, daß ich gereizt war, man müsse mich freundlich
behandeln und ein wenig beruhigen. – „Was will er eigentlich von mir? Will
er, daß ich ihm eine Flasche an den Kopf werfe?“ dachte ich, innerlich
bebend vor Wut. Ungewohnt an Verkehr mit Menschen war ich schnell
reizbar.
„In der ...schen Kanzlei,“ antwortete ich schroff, den Blick auf den Teller
gesenkt.
„Und! ... S–sie s–sind mit Ihrer Stellung zufrieden? S–saagen Sie doch,
was verr–anlaßte Sie eigentlich, Ihren früheren Dienst zu ver–lassen?“
„Mich verrrr–anlaßte dazu, daß ich meinen früheren Dienst verlassen
wollte,“ sagte ich, dreimal länger das r ziehend – ich konnte mich schon
nicht mehr beherrschen. Ferfitschkin schneuzte sich umständlich.

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Ssimonoff blickte mich von der Seite ironisch an; Trudoljuboff legte Messer
und Gabel hin und betrachtete mich gleichfalls interessiert.
Swerkoff tat, als ob er nichts bemerkt hätte.
„Nun, und Ihr Gehalt?“
„Welch ein Gehalt?“
„Ich meine Ihre Gaa–ge?“
„Wozu examinieren Sie mich, wenn ich fragen darf?“
Übrigens sagte ich gleich darauf, wieviel ich erhielt und wurde dabei
feuerrot.
„Das ist all–lerdings nicht viel,“ bemerkte Swerkoff würdevoll.
„Ja, ja, damit kann man nicht in Café-Restaurants dinieren!“ fügte
Ferfitschkin unverschämt hinzu.
„Ich finde das einfach armselig,“ meinte Trudoljuboff mit ernstem
Gesicht.
„Und wie ma–ger Sie geworden sind, wie S–sie sich verändert haben ...
seit der Zeit ...“ fuhr Swerkoff nicht ohne Bosheit mit einem gewissen
arglistigen Bedauern fort, während er mich und meinen Anzug betrachtete.
„Lassen Sie ihn, machen Sie ihn doch nicht ganz verlegen,“ rief
Ferfitschkin.
„Mein Herr, bitte zu begreifen, daß ich mich nicht im geringsten verlegen
machen lasse!“ rief ich, da mich meine Selbstbeherrschung schon ganz
verlassen hatte. „Hören Sie! Ich speise hier im ‚Café-Restaurant‘ für mein
Geld, für meines, und nicht auf Kosten anderer, merken Sie sich das,
monsieur Ferfitschkin.“
„Wie – wa–as!? Wer speist denn hier nicht für sein Geld? Sie tun ja
wirklich, als ob ...“ Ferfitschkin konnte natürlich nicht nachgeben – er war
rot wie ein Krebs und blickte mir starr in die Augen.
„So – Da–aas!“ antworte ich, und da ich fühlte, daß ich schon zu weit
gegangen war, fügte ich noch hinzu: „und ich glaube, wir täten besser, ein
etwas klügeres Gespräch zu führen.“
„Sie beabsichtigen wohl, Ihren Verstand zu zeigen?“
„Oh, beunruhigen Sie sich nicht: das wäre hier vollkommen überflüssig.“
„Was fehlt Ihnen eigentlich, Verehrtester: Sie scheinen ja, wenn Sie
einmal ins Gackern hineingekommen sind, nicht mehr aufhören zu können.
Oder haben Sie Ihren Verstand vielleicht in Ihrem Departemang gelassen?“
„Genug, meine Herren, genug!“ rief allmächtig Swerkoff dazwischen.
„Wie dumm das ist!“ brummte halblaut Ssimonoff.

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„Du hast Recht, das ist wirklich dumm. Wir haben uns hier als Freunde
versammelt, zum letzten Mal, zum Abschied von unserem verreisenden
Freunde, und Sie müssen es natürlich wieder zum Streit bringen,“ sagte
Trudoljuboff, wobei er sich grob nur an mich allein wandte. „Sie haben sich
uns gestern selbst aufgedrängt, so stören Sie denn jetzt bitte nicht die
allgemeine Harmonie ...“
„Genug, genug!“ rief Swerkoff. „Hören Sie auf, meine Herren, das geht
wirklich nicht so weiter. Ich werde Ihnen lieber erzählen, wie ich vor drei
Tagen fast geheiratet hätte – faktisch ...“
Und so begann denn die Erzählung der Geschichte, wie dieser Herr vor
drei Tagen fast geheiratet hätte. Von dem Heiratsprojekt selbst war
eigentlich wenig die Rede, oder richtiger, überhaupt nicht; es drehte sich
immer nur um Generäle, Generalleutnants, Obristen und sogar
Kammerjunker, – unter denen Swerkoff natürlich die erste Rolle spielte.
Bald erhob sich auch beifälliges Lachen; Ferfitschkin wieherte förmlich.
Mich vergaßen sie ganz; ich saß moralisch vernichtet auf meinem Stuhl
und schwieg.
„Gott, ist denn das meine Gesellschaft?“ dachte ich. „Und als was für
einen Tölpel habe ich mich ihnen gezeigt! Aber Ferfitschkin habe ich doch
zu viel erlaubt. Da denken nun die Rüpel, sie machten mir große Ehre,
wenn sie mir an ihrem Tisch einen Platz geben, und begreifen nicht, daß ich
es bin, der ihnen Ehre erweist, aber nicht etwa sie sie mir erweisen! ‚Wie
mager!! Wie verändert!‘ Oh, diese verfluchten Hosen! Swerkoff hat ja
schon bei der Begrüßung den gelben Fleck auf dem Knie bemerkt ... Ach
was! Stehe sofort auf, nehme meinen Hut und gehe ohne ein Wort zu sagen
... Aus Verachtung! Und morgen meinetwegen auf Pistolen ... Diese
Schufte! Mir tun doch nicht die sieben Rubel leid. Aber, sie könnten denken
... Hols der Teufel! Was sind denn sieben Rubel! Ich gehe sofort! ...“
Natürlich blieb ich.
Vor Kummer trank ich Lafitte und Sherry glasweise. Da ich das Trinken
aber nicht gewohnt war, so wurde ich bald betrunken, und mit der
Trunkenheit wuchs auch der Ärger. Mich überkam plötzlich die Lust, sie
alle in der frechsten Weise zu beleidigen und dann fortzugehn: „Den
günstigsten Augenblick abwarten und sich dann einmal zeigen: mögen sie
sagen: wenn er auch lächerlich ist, so ist er doch klug ... und ... und ... mit
einem Wort – der Teufel hole sie alle!“

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Ich betrachtete sie unverschämt mit meinen blöd gewordenen Augen; sie
aber taten, als bemerkten sie mich überhaupt nicht. Bei ihnen ging es laut
und fröhlich zu. Es war immer noch Swerkoff, der da sprach. Er erzählte
von irgend einer schönen Dame, die er endlich so weit gebracht haben
wollte, daß sie ihm eine Liebeserklärung gemacht – er log natürlich wie ...
wie ein Mensch – und daß ihm in dieser Sache sein intimer Freund, der
Husarenoffizier Kolä – irgend ein Fürst, der dreitausend Seelen besitzen
sollte – ganz besonders geholfen hätte.
„Das hindert natürlich nicht, daß es diesen Kolä, der dreitausend Seelen
hat, überhaupt nicht gibt,“ unterbrach ich plötzlich das Gespräch.
Alle verstummten.
„Sie sind ja schon jetzt besoffen,“ sagte endlich Trudoljuboff, der allein
mich zu bemerken geruhte, und blickte mich verächtlich von der Seite an.
Swerkoff fixierte mich wie einen Käfer unterm Mikroskop. Ich senkte
meinen Blick. Ssimonoff beeilte sich, den Champagner einzugießen.
Trudoljuboff erhob das Glas und seinem Beispiel folgten alle – außer mir.
„Auf Deine Gesundheit! und glückliche Reise!“ rief er Swerkoff zu, „auf
die alten Jahre, meine Herren, die Zukunft! Hurrah!“
Alle tranken und gingen dann zu Swerkoff, um ihn zu küssen. Ich saß
unbeweglich, das volle Glas stand vor mir unberührt.
„Sie wollen also nicht trinken?!“ schrie mich plötzlich drohend
Trudoljuboff an, dem die Geduld riß.
„Ich möchte meinerseits einen Speech halten ... und dann erst werde ich
trinken, Herr Trudoljuboff.“
„Widerlicher Giftpilz!“ brummte Ssimonoff.
Ich bog mich etwas zurück auf dem Stuhl, Brust heraus, nahm das Glas
und erwartete im Fieber etwas ganz Ungewöhnliches: ich wußte selbst noch
nicht, was ich eigentlich sagen würde.
„Silence!“ rief Ferfitschkin. „Jetzt wird’s Verstand hageln!“
Swerkoff erwartete sehr ernst, was da kommen würde, denn er begriff,
worum es sich handelte.
„Herr Leutnant Swerkoff,“ begann ich, „ich hasse die Phrase, die
Phraseure und die engen Taillen ... Das ist der erste Punkt, und hierauf folgt
der zweite.“
Alle wurden unruhig.
„Der zweite Punkt ist: ich hasse gewisse Damen und die Liebhaber dieser
Damen. Besonders die Liebhaber! Der dritte Punkt: ich liebe Wahrheit,

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Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit,“ fuhr ich fast mechanisch fort, denn ich
fühlte mich schon gefrieren, erstarren vor Entsetzen; begriff ich doch selbst
nicht, wie ich das alles so sagen konnte. „Ich liebe den Gedanken, monsieur
Swerkoff; ich liebe wahre Kameradschaftlichkeit auf gleichem Fuß, nicht
aber ... hm! ... Ich liebe ... Doch übrigens – wozu? Auch ich werde auf Ihre
Gesundheit trinken, monsieur Swerkoff. Verführen Sie Tscherkessinnen,
erschießen Sie die Feinde des Vaterlandes und ... und ... Auf Ihre
Gesundheit, monsieur Swerkoff!“
Swerkoff erhob sich, verbeugte sich gemessen und sagte eisig:
„Ich danke Ihnen sehr.“
Er war maßlos gekränkt und ganz bleich im Gesicht.
„Das ist aber mal stark!“ schrie Trudoljuboff und schlug empört mit der
Faust auf den Tisch.
„Für so etwas verabreicht man Ohrfeigen!“ rief Ferfitschkin.
„Läßt ihn einfach rausschmeißen!“ brummte Ssimonoff.
„Kein Wort, meine Herren, kein Wort weiter!“ rief feierlich Swerkoff und
hielt damit die allgemeine Empörung auf. „Ich danke Ihnen allen, meine
Herren, doch ich werde ihm selbst beweisen, inwieweit ich seine Worte zu
schätzen verstehe.“
„Herr Ferfitschkin, morgen noch werden Sie mir für Ihre Worte
Rechenschaft geben!“ sagte ich plötzlich laut und wichtig zu Ferfitschkin.
„Sie meinen – ein Duell? Mit Vergnügen,“ antwortete der, doch war ich
in dem Augenblick, als ich forderte, wahrscheinlich so lächerlich, daß
Swerkoff, Ssimonoff und Trudoljuboff, und nach ihnen auch Ferfitschkin
sich vor Lachen einfach wälzten.
„Er ist ja schon ganz besoffen, beachten wir ihn weiter nicht!“ sagte
schließlich angeekelt Trudoljuboff.
„Werde mir nie verzeihen, daß ich ihn zugelassen habe!“ brummte
wieder Ssimonoff.
„Jetzt einfach eine Flasche ihnen allen an die Köpfe,“ dachte ich, nahm
die Flasche und ... goß mir das Glas bis zum Rande voll.
„Nein, lieber bleibe ich bis zum Schluß hier!“ fuhr ich fort zu denken,
„Euch, meine Lieben, Euch könnte jetzt wohl nichts Angenehmeres
geschehen, als daß ich aufstände und fortginge. Gepfiffen! Werde zum
Trotz bis zum Schluß sitzen bleiben, zum Zeichen dessen, daß ich Euch
nicht die geringste Wichtigkeit beilege. Werde sitzen und trinken, denn das
hier ist doch ein öffentliches Lokal, in das ich für mein Geld eingetreten

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bin. Werde sitzen und trinken, denn in meinen Augen seid Ihr nichts als
Tölpel, nicht vorhandene Tölpel! Werde sitzen und trinken ... und singen,
wenn’s mir einfällt, ja, und auch singen, denn ich habe das Recht ... zu
singen ... hm!“
Aber ich sang doch nicht. Ich bemühte mich bloß, auf keinen von ihnen
zu sehn; ich nahm die unabhängigsten Posen an, und wartete ungeduldig,
wann sie mit mir wieder sprechen würden, – sie zuerst! Doch leider taten
sie es nicht. Ach und wie wünschte ich in diesem Augenblick, mich mit
ihnen zu versöhnen! Es schlug acht ... Es schlug neun. Sie gingen vom
Tisch zum Diwan. Swerkoff streckte sich sofort aus und legte einen Fuß auf
ein kleines rundes Tischchen. Dorthin wurde dann auch der Wein gebracht.
Er setzte ihnen tatsächlich drei Flaschen an. Mich forderte er natürlich nicht
auf. Die anderen setzten sich um ihn herum und hörten ihm andächtig zu.
Man sah es ihnen an, daß sie ihn liebten. „Weswegen? Weswegen nur?“
dachte ich bei mir. Zuweilen gerieten sie in trunkene Begeisterung und
fielen dann einander um den Hals. Sie sprachen vom Kaukasus, sprachen
über die wahre Leidenschaft, über das Kartenspiel, über vorteilhafte Posten
im Dienst, sprachen über die Einkünfte, die der Husarenoffizier
Podcharschewski hatte, – ein Mensch, den keiner von ihnen persönlich
kannte, und sie freuten sich, daß er große Einkünfte hatte – sie sprachen von
der ungewöhnlichen Schönheit und Grazie der Fürstin D–i, die gleichfalls
keiner von ihnen gesehn hatte; endlich kam es so weit, daß Shakespeare von
ihnen für unsterblich erklärt wurde.
Ich lächelte spöttisch und ging in der anderen Hälfte des Zimmers auf
und ab: vom Tisch bis zum Ofen und vom Ofen bis zum Tisch. Aus allen
Kräften strengte ich mich an, ihnen zu zeigen, daß ich auch ohne sie
auskommen könnte; mittlerweile aber fing ich absichtlich an, so laut wie
möglich auf und ab zu schreiten, ja ich stampfte sogar ganz ordentlich mit
den Absätzen. Doch alles war vergeblich. Sie schenkten mir nicht die
geringste Aufmerksamkeit. Ich hatte die Geduld, in dieser Weise vor ihnen
von acht bis elf Uhr auf und ab zu gehn, immer auf ein und derselben
Stelle: vom Tisch bis zum Ofen und vom Ofen bis zum Tisch. „So, ich gehe
einfach, und niemand kann es mir verbieten.“ Der abräumende Bediente
hielt mehrmals in seiner Beschäftigung inne, um mich verwundert zu
betrachten. Von dem häufigen Umkehren drehte sich mir schon alles vor
den Augen; zuweilen schien mir alles nur ein Fieberwahn zu sein. In diesen
drei Stunden geriet ich dreimal in Schweiß und wurde dreimal wieder

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pulvertrocken. Mitunter bohrte sich mir mit tiefem, ätzendem Weh der
Gedanke ins Herz, daß ich mich noch nach zehn Jahren, nach zwanzig, nach
vierzig Jahren, ja, selbst nach vierzig Jahren noch mit Schmerz und
Selbstverabscheuung an diese schmutzigsten, lächerlichsten und
schrecklichsten Augenblicke meines ganzen Lebens erinnern werde. Noch
gewissenloser und noch freiwilliger sich selbst zu erniedrigen, war schon
unmöglich, und ich begriff das vollkommen, nein, wirklich, das begriff ich
so voll und ganz, wie man’s besser überhaupt nicht gekonnt hätte – und
trotzdem fuhr ich fort, vom Tisch bis zum Ofen und vom Ofen bis zum
Tisch zu gehn. „O, wenn Ihr nur wüßtet, welcher Gefühle und Gedanken
ich fähig bin, und überhaupt wie entwickelt ich bin!“ dachte ich, mich in
Gedanken an den Diwan wendend, auf dem meine Feinde saßen. Doch
meine Feinde taten, als wäre ich überhaupt nicht im Zimmer gewesen.
Einmal, nur ein einziges Mal wandten sie sich nach mir um, nämlich als
Swerkoff über Shakespeare sprach und ich plötzlich laut auflachte: ich
lachte so unnatürlich, so gemein, daß sie alle im selben Augenblick
verstummten und mich zwei oder drei Minuten lang schweigend und ernst
betrachteten, wie ich an der Wand vom Tisch bis zum Ofen und vom Ofen
bis zum Tisch ging und sie überhaupt nicht beachtete. Aber sie sagten kein
Wort und wandten sich wieder von mir ab. Da schlug es elf.
„Meine Herren!“ rief aufspringend plötzlich Swerkoff. „Jetzt gehn wir
alle dorthin!“
„Versteht sich! Famos!“ riefen die anderen.
Ich drehte mich hastig um und trat auf Swerkoff zu. Ich war dermaßen
abgequält, dermaßen gemartert, daß ich, und wenn es mir auch das Leben
gekostet hätte, einen Schluß damit machen mußte. Ich war im Fieber; meine
vom Schweiß feucht gewordenen Haare waren an Stirn und Schläfen
angetrocknet.
„Swerkoff! Ich bitte Sie um Verzeihung,“ sagte ich schroff und
entschieden. „Auch Sie, Ferfitschkin, bitte ich, mir zu verzeihen, und Sie
alle, alle, ich habe alle beleidigt!“
„Aha! Das Duell scheint ihm doch ’nen Schrecken eingejagt zu haben!“
tuschelte Ferfitschkin boshaft seinem Nachbar zu.
Das schnitt mir weh ins Herz.
„Nein, Ferfitschkin, ich habe keine Angst vor dem Duell! Ich bin bereit,
mich morgen mit Ihnen zu schlagen, aber erst nachdem wir uns versöhnt
haben. Ich bestehe sogar darauf, und Sie können es mir nicht abschlagen.

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Ich will Ihnen beweisen, daß ich das Duell nicht fürchte. Sie haben den
ersten Schuß, ich aber werde in die Luft schießen.“
„Will sich trösten,“ bemerkte Ssimonoff.
„Faselt wieder mal!“ meinte Trudoljuboff.
„So lassen Sie mich doch vorüber, Sie versperren einem ja den Weg! ...
Was wollen Sie denn eigentlich?“ fragte Swerkoff verächtlich.
Alle waren sie rot; ihre Augen glänzten: hatten viel getrunken.
„Ich bitte Sie um Ihre Freundschaft, Swerkoff, ich habe Sie beleidigt,
aber ...“
„Beleidigt? S–sie? M–mich? Wissen Sie, mein Verehrtester, daß Sie
niemals und unter keinen Umständen mich beleidigen können!“
„Ach, hol ihn der Kuckuck,“ rief Trudoljuboff. „Fahren wir.“
„Olympia gehört mir, meine Herren, das ist abgemacht!“ rief Swerkoff.
„Schön, wir machen sie Ihnen nicht streitig!“ antwortete man ihm
lachend.
Ich blieb wie ein begossener Hund zurück. Die Bande verließ
geräuschvoll das Zimmer, Trudoljuboff stimmte irgend ein Lied an.
Ssimonoff aber blieb noch auf einen Augenblick zurück, um den Bedienten
das Trinkgeld zu geben. Da trat ich plötzlich an ihn heran.
„Ssimonoff! Geben Sie mir sechs Rubel!“ sagte ich entschlossen in
meiner Verzweiflung.
Er sah mich über die Maßen verwundert mit sonderbar stumpfem Blick
an. Er war gleichfalls betrunken.
„Ja, wollen Sie denn auch dorthin mit uns!“
„Ja!“
„Ich habe kein Geld!“ sagte er kurz und wollte verächtlich lächelnd das
Zimmer verlassen.
Ich ergriff ihn am Rock. Das war ja ein Alpdruck, ein Traum!!
„Ssimonoff! Ich habe in Ihrem Beutel das Geld gesehn, warum schlagen
Sie es mir ab? Bin ich denn ein Schuft? Hüten Sie sich, es mir
abzuschlagen: wenn Sie wüßten, wenn Sie nur wüßten, wozu ich es bitte!
Davon hängt alles ab, alles, meine ganze Zukunft, alle meine Pläne ...“
Ssimonoff zog das Geld heraus und warf es mir verächtlich hin.
„Nehmen Sie, wenn Sie so unverschämt sind!“ rief er mir unbarmherzig
zu und eilte den anderen nach.
Ich blieb eine Minute lang allein zurück. Unordnung, Speisereste, ein
zerschlagenes Glas auf dem Fußboden, verschütteter Wein,

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Zigarettenstummel, Rauch .. Rausch und Fieberleere im Kopf, quälendes
Weh im Herzen und schließlich der Kellner, der alles gesehn und gehört
hatte und mir neugierig in die Augen blickte ...
„Dorthin!“ schrie ich auf. „Entweder sind alle auf den Knieen und flehen
mich um meine Freundschaft an, oder ... oder ich gebe Swerkoff eine
Ohrfeige!“

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V.

„Endlich, endlich ist der Zusammenstoß mit der Wirklichkeit gekommen!“
murmelte ich, als ich die Treppe hinunter lief. „Das ist jetzt nicht mehr der
Papst, der Rom verläßt, um nach Brasilien auszuwandern, das ist nicht mehr
der Ball auf dem Comersee!“
„Gemein bist du, wenn du jetzt darüber lachst!“ zuckte es mir durch den
Kopf.
„Meinetwegen!“ rief ich mir selbst zur Antwort. „Jetzt ist ja doch schon
alles verloren!“
Von ihnen war jede Spur verschwunden: doch was tat’s schließlich: ich
wußte, wohin sie gefahren waren.
An der Vorfahrt hielt einsam ein Schlitten; der Kutscher – einer von den
Bauern, die die Not im Winter in die Stadt treibt, ein Wanjka in grobem
Bauernkittel – war von dem immer noch träge fallenden nassen und, wie
man hätte glauben können, warmen Schnee schon ganz bedeckt. Die Luft
war feucht und schwül. Sein kleines rauhhaariges, mageres Pferdchen war
gleichfalls schon ganz weißgeschneit und hustete – das weiß ich noch
genau. Ich riß die Schlittendecke zurück, doch kaum hatte ich den Fuß
hineingesetzt, als mich plötzlich die Erinnerung daran, wie Ssimonoff mir
die sechs Rubel zugeworfen hatte, durchzuckte –: ich fiel wie von einem
Keulenschlage getroffen auf den Schlitten.
„Nein, ich muß viel tun, um das wieder gut zu machen!“ schrie ich
heiser. „Aber ich werde es schon tun, oder es ist noch heute Nacht aus mit
mir. Fahr zu!“ Ich sagte ihm wohin. Das Pferd zog an. Ein ganzer
Wirbelsturm von Gedanken wütete in meinem Hirn.
„Sie werden mich ja doch nicht um meine Freundschaft bitten,
geschweige denn, daß sie es noch auf den Knieen täten. Das ist ja eine Fata
morgana, eine umgekehrte Welt, die ich mir vorstelle, eine widerliche,
romantische und phantastische Luftspiegelung, die ich mir wieder einmal
vorstelle, ist ebenso wie der Ball auf dem Comersee. Und darum muß ich
Swerkoff eine Ohrfeige geben! Ich bin verpflichtet, sie ihm zu geben. Also
es steht fest: ich fahre hin, um ihm eine Ohrfeige zu geben. Schneller! Fahr
zu!“
Der Wanjka zog die Zügel an.

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„Sofort nachdem ich eingetreten bin, gebe ich sie ihm. Oder sollte man
noch vorher einige Sätze so ... hm, gewissermaßen als Vorwort sagen? Nein.
Ich trete ein und gebe sie ihm. Sie werden alle im Salon sitzen, er mit
Olympia auf dem Sofa. Diese verfluchte Olympia! Sie hat über mein
Gesicht gelacht und mir einmal abgesagt. Ich werde Olympia an den
Haaren und Swerkoff an den Ohren fortziehen! Nein, besser an einem Ohr
und so am Ohr werde ich ihn denn durch’s ganze Zimmer ziehen. Sie
werden mich vielleicht überfallen und hinauswerfen. Bestimmt werden sie
das tun. Meinetwegen! Immerhin habe ich zuerst die Ohrfeige gegeben;
also meine Initiative ... und nach den Gesetzen des Ehrenkodex ist das alles:
er ist gebrandmarkt und kann dann mit keinen Schlägen seine Ohrfeige
abwaschen, außer mit einem Duell. Er muß mich fordern. Und mögen sie
mich jetzt nur schlagen. Mögen Sie nur! Diese Undankbaren! Am meisten
wird Trudoljuboff schlagen: er ist stark; Ferfitschkin wird sich an
ungefährlicheren Stellen ankrallen, in die Haare wird er mir fahren,
natürlich, der bestimmt in die Haare. Die sind ja für ihn wie geschaffen.
Meinetwegen! Zu dem Zweck gehe ich ja hin. Diese Schafsköpfe werden
doch endlich das Tragische in all dem begreifen müssen! Wenn sie mich zur
Tür schleppen, werde ich ihnen zurufen, daß sie im Grunde nicht einmal
meinen kleinen Finger wert sind. Fahr zu, Wanjka, fahr zu!“ schrie ich
plötzlich. Der Kutscher zuckte zusammen vor Schreck und hieb mit der
Peitsche auf seine Mähre ein. Ich hatte schon etwas zu wild geschrieen.
„Beim Morgengrauen schlagen wir uns, das steht fest. Mit der Kanzlei,
oder wie Swerkoff sagt, dem Département ist es aus. Ferfitschkin sagte
vorhin, ‚Debartemang‘. Woher aber die Pistolen nehmen? Unsinn! Ich
nehme meine Gage voraus und kaufe sie. Aber das Pulver, und die Kugeln?
Das ist Sache des Sekundanten. Und wie damit bis zum Morgengrauen
fertig werden? Und wo den Sekundanten hernehmen? Ich habe keine
Bekannten. Unsinn!“ rief ich noch erregter, „Unsinn! Der erste beste, den
ich auf der Straße treffe und den ich darum angehe, ist verpflichtet, mein
Sekundant zu sein, ganz so, wie er zum Beispiel verpflichtet wäre, einen
Ertrinkenden aus dem Wasser zu ziehen. Die exzentrischsten Zufälle
müssen doch zugegeben werden. Ja, wenn ich den Direktor morgen bitte,
mein Sekundant zu sein, so müßte der sich schon allein aus Ritterlichkeit
dazu bereit erklären und ... und das Geheimnis bewahren! – Anton
Antonytsch ...“

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Doch in demselben Augenblick begriff ich klarer und deutlicher als je die
ganze blödsinnige Unmöglichkeit meiner Voraussetzungen und die ganze
Kehrseite der Medaille, aber ...
„Fahr zu, Wanjka, fahr zu, Esel, fahr zu!“
„Ach Herr!“ sagte die Landkraft.
Ein Frösteln überlief mich.
„Aber wär’s nicht besser ... weiß Gott, wär’s nicht besser ... direkt nach
Hause zu fahren, sofort? Ach, warum, warum drängte ich mich gestern zu
diesem Abschiedsmahl auf! Doch nein, das ist unmöglich! Und der
Spaziergang von acht bis elf vom Tisch bis zum Ofen, vom Ofen bis zum
Tisch? Nein, sie, sie müssen für diesen Spaziergang büßen! Sie müssen
diese Schmach abwaschen! Fahr zu!“
„Aber was dann, wenn sie mich auf die Polizeiwacht bringen?! Das
werden sie nicht wagen! Werden einen Skandal fürchten. Was aber dann,
wenn Swerkoff aus Verachtung das Duell ausschlägt? Das ist ja so gut wie
sicher; dann aber werde ich ihnen beweisen ... Dann werde ich in den
Posthof gehen, wenn er morgen abfährt, werde ihn am Bein packen, werde
ihm, wenn er in den Postwagen kriecht, den Mantel abreißen. Werde ihn mit
den Zähnen an der Hand packen, werde ihn beißen. ‚Seht, wozu man einen
verzweifelten Menschen bringen kann!‘ Mögen sie mich auf den Kopf
schlagen und sie alle da hinter mir ... Ich werde dem ganzen Publikum
zuschreien: ‚Seht diesen jungen Hund, der, um Tscherkessinnen zu
verführen, in den Kaukasus fährt – mit meinem Speichel im Gesicht!‘
„Versteht sich, dann ist alles aus! Dann ist das ‚Département‘ vom
Angesicht der Welt verschwunden. Man wird mich ergreifen, verurteilen,
aus dem Dienst jagen, mich zu den Zwangsarbeitern stecken, darauf zu den
sibirischen Ansiedlern ... Mögen Sie nur! Nach fünfundzwanzig Jahren
schleppe ich mich zu ihm, in Lumpen, als Bettler, wenn man mich aus dem
Gefängnis entlassen hat. Ich suche ihn irgendwo in einer
Gouvernementsstadt auf. Er wird verheiratet und glücklich sein. Er wird
eine erwachsene Tochter haben ... Ich werde einfach sagen: Sieh,
Unmensch, sieh meine eingefallenen Wangen und mein zerlumptes
Gewand! Ich habe alles verloren: die Karriere, das Glück, die Kunst, die
Wissenschaft, das geliebte Weib, und alles Deinetwegen. Sieh, hier sind
Pistolen. Ich bin gekommen, um meine Pistole abzufeuern und ... ich
vergebe Dir! Da schieße ich denn einfach in die Luft und verschwinde
spurlos ...“

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Es fehlte nicht viel und ich hätte aufgeschluchzt, obgleich ich im selben
Augenblick ganz genau wußte, daß meine Phantasie auf Lermontoffs
„Sylvio“ und der „Maskerade“ beruhte. Und plötzlich schämte ich mich
furchtbar, ich schämte mich dermaßen, daß ich das Pferd anhalten ließ, aus
dem Schlitten kroch und mitten auf der Straße im Schnee stehen blieb. Der
Wanjka sah mich verwundert an und seufzte.
Was sollte ich tun? Dorthin konnte ich nicht: es würde nichts dabei
herauskommen; und die Sache auf sich beruhen lassen – war gleichfalls
unmöglich: was dann herauskommen würde ... Himmlischer Vater! Wie
denn so etwas auf sich beruhen lassen! Und nach solchen Beleidigungen!
„Nein!“ schrie ich und stürzte wieder in den Schlitten. „Das ist
vorausbestimmt, das ist Verhängnis, Schicksal! Fahr zu, fahr zu, dorthin!“
Vor Ungeduld schlug ich mit der Faust den Wanjka ins Genick.
„Ach! Gott! Was haust Du mich!“ rief das Bäuerlein erschrocken,
peitschte aber doch seine Schindmähre, sodaß sie mit den Hinterbeinen
ausschlug.
Der nasse Schnee fiel senkrecht in dichten Flocken, als ob ihn die Erde
angezogen hätte. Ich vergaß alles, denn ich hatte mich endgültig für die
Ohrfeige entschlossen; ich fühlte nur mit Grauen, daß es doch schon
unbedingt und sofort geschehn würde und sich durch keine Macht der Welt
mehr aufhalten ließe. Die einsamen Laternen schauten mürrisch durch das
von Schneestreifen durchzogene Dunkel, wie Fackeln bei nächtlichen
Beerdigungen. Der Schnee schlug mir in den offenen Mantel, unter den
Rock, auf die Weste, fiel mir in den Mantelkragen, rutschte dann weiter in
das Halstuch, taute an meinem heißen Halse auf und durchnäßte meinen
Kragen; ich schlug aber meinen Mantel nicht zu: es war ja doch schon alles
verloren! Endlich kamen wir an. Ich sprang fast bewußtlos aus dem
Schlitten, lief die Stufen hinauf und schlug mit Händen und Füßen an die
Tür. Meine Beine wurden besonders in den Knieen furchtbar schwach.
Sonderbarer Weise wurde bald geöffnet; ganz als ob sie mich erwartet
hätten.
Ssimonoff hatte in der Tat schon gesagt, daß vielleicht noch jemand
kommen würde, hier aber mußte man anmelden und überhaupt
Vorsichtsmaßregeln ergreifen. Es war eines jener „Modegeschäfte“, die jetzt
schon längst von der Polizei aufgehoben sind. Tagsüber war es allerdings
ein „Modegeschäft“; abends jedoch wurden Herren, die eine
Rekommendation hatten, empfangen.

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Ich ging schnellen Schrittes durch den dunklen Laden in den mir
bekannten Saal und blieb erstaunt in der Tür stehen: der Saal war leer; nur
ein einziges Licht brannte auf einem Tisch.
„Wo sind sie denn?“ fragte ich irgend jemanden.
Sie hatten natürlich schon Zeit gehabt, auseinanderzugehn.
Vor mir stand ein Weibsbild mit dummem Lächeln; das war die Wirtin.
Sie kannte mich schon von früher. Nach einer Minute öffnete sich eine Tür
und eine andere Person trat ein.
Ich schritt im Zimmer auf und ab und sprach mit mir. Es war mir, als
wäre ich vom Tode errettet worden; ich fühlte es freudig mit meiner ganzen
Seele: denn ich hätte ja die Ohrfeige unbedingt, unbedingt gegeben! Doch
sie waren nicht da und ich ... alles war wie Spukgebilde verschwunden,
alles hatte sich verändert! Endlich blickte ich mich um. Ich konnte noch
nicht recht begreifen. Mechanisch blickte ich auch auf die eingetretene
Person: vor meinen Augen verschwamm ein frisches, junges, etwas bleiches
Gesicht mit geraden, dunklen Augenbrauen, mit einem ernsten und fast ein
wenig verwunderten Blick. Das gefiel mir sofort; ich würde sie gehaßt
haben, wenn sie gelächelt hätte. Ich mußte mich anstrengen, um
aufmerksamer hinzusehn: noch fiel es mir schwer, meine Gedanken zu
sammeln. Etwas Offenherziges und Gutes lag in diesem Gesicht, doch war
es bis zur Sonderbarkeit ernst. Ich bin überzeugt, daß sie nur deswegen bei
diesen dummen Jungen verspielt hatte. Übrigens konnte man sie nicht
gerade schön nennen, wenn sie auch ziemlich groß, schlank und gut gebaut
war. Angezogen war sie ungewöhnlich schlicht. Etwas Gemeines kroch mir
ins Herz; ich trat geradenwegs auf sie zu.
Ich blickte zufällig in den Spiegel: mein erregtes aufgedunsenes Gesicht
erschien mir unsagbar ekelhaft: bleich, boshaft, gemein, von zottigem,
nassem Haar umrahmt. „Meinetwegen, – um so besser,“ dachte ich. „Es
freut mich gerade, daß ich ihr ekelhaft erscheinen muß; das ist mir sehr
angenehm ...“ –

Page 102

VI.

... Irgendwo im Nebenzimmer begann plötzlich, wie unter einem starken
Druck, als ob sie jemand gewürgt hätte – heiser die Uhr zu schnurren. Nach
unnatürlich langem, langsamem, heiserem Rrrr folgte plötzlich ein heller
und ganz unerwartet hastiger Schlag, – ganz als ob jemand plötzlich
vorspringt. Es schlug zwei. Ich erwachte, wenn ich auch vorher nicht
geschlafen, sondern nur in halber Vergessenheit dagelegen hatte.
In dem schmalen und niedrigen Zimmer, in dem noch ein großer
Kleiderschrank stand und Hutpaudeln, Stoffe und verschiedener
Kleiderkram herumlagen, war es fast ganz dunkel. Der Lichtstumpf, der auf
einem Tisch am anderen Ende des Zimmers in einem alten Leuchter
brannte, drohte schon auszulöschen, nur ab und zu flackerte er noch auf.
Nach wenigen Minuten mußte tiefes Dunkel herrschen.
Es dauerte nicht lange, bis ich ganz zu mir kam; mit einem Mal, ohne
mich angestrengt zu haben, fiel mir alles wieder ein; als ob es mir irgendwo
aufgelauert hätte, um sich dann plötzlich wieder auf mich zu stürzen. Ja,
und selbst in der Bewußtlosigkeit blieb im Gedächtnis doch noch, ich
möchte sagen: so ein Punkt, der unter keiner Bedingung in Vergessenheit
versank, und um den müde, unermüdlich, schwerfällig die Schemen meines
Halbschlaftraumes kreisten. Doch eines war sonderbar: alles, was mit mir
an jenem Tage geschehn war, schien mir, als ich im dunklen Zimmer
erwachte, schon längst, längst vergangen zu sein, als ob ich das alles schon
längst, längst überlebt hätte.
In meinem Kopf war nichts als schwerer Dunst. Es war mir, als ob etwas
über mir schwebte, mich lähmte und zu gleicher Zeit beunruhigte und
erregte. Die Beklemmung und die ohnmächtige Wut schwollen wieder an,
schäumten auf und suchten einen Ausgang. Plötzlich – sah ich dicht neben
mir zwei offene Augen, die mich ernst und beharrlich betrachteten. Der
Blick war kalt-teilnahmslos, war finster, als ob er von einem ganz fremden
Wesen herrührte. Es wurde mir schwer unter ihm.
Ein häßlicher Gedanke erwachte in meinem Hirn und kroch mir wie ein
gemeines Gefühl über den ganzen Körper, etwa wie die Empfindung, die
einen überkommt, wenn man in einen feuchten, faulenden Keller tritt. Es
war so sonderbar unnatürlich, daß es diesen zwei Augen gerade jetzt einfiel,

Page 103

mich zu betrachten. Es fiel mir ein, daß ich in diesen zwei Stunden mit
diesem Wesen kein einziges Wort gewechselt und das auch für völlig
überflüssig gehalten hatte; sogar das Schweigen hatte mir zu Anfang aus
irgend einem Grunde gefallen. Jetzt jedoch empfand ich plötzlich deutlich
den ganzen Ekel, die ganze spinnenhafte Scheußlichkeit der Idee der
Ausschweifung, die ohne Liebe, roh und schamlos direkt damit beginnt,
womit die wahre Liebe sich krönt. Lange blickten wir uns so durch das
nächtliche Dunkel in die schimmernden Augen, doch senkte sie nicht ihren
Blick vor mir: ohne mit der Wimper zu zucken, ohne den Blick zu
verändern, schauten die Augen still und bewegungslos furchtlos mich an ...
Mich schauderte.
„Wie heißt Du?“ fragte ich rauh, um der Stille ein Ende zu machen.
„Lisa,“ klang es fast flüsternd, doch sonderbar unfreundlich zurück, und
sie wandte die Augen von mir ab.
Ich schwieg.
„Das Wetter ist heute scheußlich ... Schnee ...“ sagte ich mehr so vor
mich hin, schob die Hand unter den Kopf und blickte zur Decke hinauf.
Sie antwortete nicht. Widerlich war das alles.
„Bist Du eine hiesige?“ fragte ich nach einer Minute etwas aufgebracht
und kehrte meinen Kopf ein wenig zu ihr.
„Nein.“
„Woher kommst Du denn?“
„Aus Riga,“ sagte sie unwirsch.
„Bist ’ne Deutsche?“
„Nein, Russin.“
„Bist Du schon lange hier?“
„Wo?“
„Hier, in diesem Hause?“
„Zwei Wochen.“
Sie antwortete immer schroffer und schroffer. Das Licht erlosch schon
fast ganz; ich konnte ihr Gesicht kaum noch unterscheiden.
„Leben Deine Eltern noch?“
„N–ja ... nein ... doch, sie leben.“
„Wo denn das?“
„Dort, in Riga.“
„Was sind sie?“
„So ...“

Page 104

„Wie ‚so‘? Von welch einem Stande?“
„Kleinbürger.“
„Hast Du immer bei ihnen gelebt?“
„Ja.“
„Wie alt bist Du?“
„Zwanzig.“
„Warum bist Du denn von ihnen fortgegangen?“
„So ...“
Dieses so bedeutete: hör auf, bist mir zuwider. Wir verstummten.
Gott mag wissen, warum ich nicht fortging. Es wurde mir selbst immer
widerlicher und qualvoller zu Mut. Die Schemen des vergangenen Tages
zogen ganz von selbst in wirrem, hastigem Durcheinander, eigentlich ohne
daß ich’s gewollt hätte, durch mein Gedächtnis. Plötzlich fiel mir etwas ein,
was ich am Morgen auf dem Wege zur Kanzlei gesehn hatte.
„Heute wurde ein Sarg herausgetragen und beinahe hätte man ihn fallen
lassen,“ sagte ich plötzlich laut, ohne ein Gespräch beginnen zu wollen,
einfach so, fast in Versehen.
„Ein Sarg?“
„Ja, auf der Ssennaja[3]; aus einem Keller.“
„Aus einem Keller?“
„Das heißt, nicht gerade aus einem Keller, sondern aus einer
Kellerwohnung ... Nun, Du weißt schon ... von unten ... aus einem
unanständigen Hause ... Es war dort so schmutzig überall ... Kehricht ...
Gestank ... Gemein war’s.“
Schweigen.
„Scheußlich, heute beerdigt zu werden!“ sagte ich wieder nach einiger
Zeit, nur um nicht zu schweigen.
„Wieso?“
„So, ich meine nur, der Schnee, die Feuchtigkeit ...“ Ich gähnte.
„Was tut das!“ stieß sie plötzlich nach längerem Schweigen hervor.
„Nein, ’s ist doch schon gemein ...“ Ich gähnte wieder. – „Die
Totengräber haben sicherlich geschimpft ... es ist ja auch kein Vergnügen,
bei solch einem Wetter zu beerdigen. Und im Grabe wird bestimmt Wasser
gewesen sein.“
„Warum soll denn im Grabe Wasser sein?“ fragte sie neugierig, aber doch
etwas ungläubig-spöttisch. Übrigens stieß sie die Worte noch abgerissener,

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schroffer hervor. Mich stachelte plötzlich etwas gegen sie auf, ich weiß
nicht, was es war.
„Weißt Du das denn nicht? Die Särge liegen zum mindesten bis zur
Hälfte unter Wasser, gewöhnlich aber ganz. Hier auf dem Wolchoffschen
Friedhofe kannst Du kein einziges trockenes Grab finden.“
„Warum nicht?“
„Wieso – warum nicht!? Morastiger Boden. Hier ist doch überall Sumpf.
So wird man denn einfach ins Wasser hinabgesenkt. Habe selbst gesehn ...
mehrere Mal ...“
(Kein einziges Mal hatte ich es gesehn, und war überhaupt noch nicht auf
dem Wolchoffschen Friedhofe gewesen, hatte nur andere davon sprechen
gehört.)
„Ist es Dir denn wirklich ganz gleichgültig, zu sterben?“
„Warum soll ich denn sterben?“ fragte sie gereizt, wie um sich zu
verteidigen.
„Nun, einmal wirst auch Du sterben, und dann wird man Dich ebenso
beerdigen, wie jenes Mädchen heute Morgen. Das war ... auch so Eine ... Ist
an der Schwindsucht gestorben.“
„Solch Eine hätte doch im Krankenhause sterben können ...“
(Aha, dachte ich, das weiß sie schon; und sie sagte auch: „solch Eine“.)
„Sie schuldete der Wirtin,“ entgegnete ich, immer mehr aufgestachelt
durch das Gespräch, „und war bei ihr bis zum Tode, obgleich sie
schwindsüchtig war. Droschkenkutscher und Soldaten sprachen dort an der
Pforte über sie. Wahrscheinlich ihre gewesenen Bekannten. Lachten
natürlich. Nahmen sich vor, in der Schenke noch ein Glas Schnaps auf ihr
Wohl zu trinken.“
(Auch hierbei setzte ich noch vieles von mir aus hinzu.)
Schweigen, tiefes Schweigen. Sie bewegte sich nicht einmal.
„Ach, bleibt sich das nicht wirklich ganz gleich!? ... Und warum soll ich
denn sterben?“ fügte sie gereizt hinzu.
„Nicht jetzt, natürlich, aber später?“
„Ach, später ...“
„Ja, ja! Jetzt bist Du noch jung, hübsch und frisch, deswegen schätzt man
Dich auch. Nach einem Jahr aber wird Dich dieses Leben schon verändert
haben, wirst bald verwelkt sein.“
„Nach einem Jahr?“

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„Jedenfalls wirst Du nach einem Jahr schon im Wert gesunken sein,“ fuhr
ich schadenfroh fort. „Dann wirst Du aus diesem Hause in ein anderes,
niedrigeres kommen. Nach einem zweiten Jahr – in ein drittes Haus, immer
niedriger und niedriger, und so nach sieben Jahren wirst Du dann glücklich
an der Ssennaja in der Kellerwohnung angelangt sein. Und das würde
verhältnismäßig noch angehn. Wie aber, wenn sich dann noch irgend eine
Krankheit einstellen sollte, sagen wir, schwache Brust, oder so etwas
Ähnliches ... oder Du erkältest Dich womöglich. Bei solch einem Leben
vergehen die Krankheiten nicht so leicht. Hat man sie sich einmal
zugezogen, so ist man gewöhnlich geliefert. Nun, und dann wirst Du eben
sterben.“
„Nun, dann werde ich eben sterben!“ sagte sie wütend und bewegte sich
hastig.
„Es tut einem aber doch leid.“
„Was?“
„Das Leben.“
Schweigen.
„Hast Du einen Bräutigam gehabt? – Wie?“
„Was geht das Sie an?“
„Du hast Recht, was geht das mich an. Ich will Dich ja nicht ausfragen.
Warum ärgerst Du Dich nur? Du wirst natürlich Deine Unannehmlichkeiten
gehabt haben ... Was geht’s mich an! Es war ja nur so gesagt. Aber
immerhin kann man doch bedauern.“
„Wen?“
„Dich natürlich.“
„Lohnt sich nicht ...“ sagte sie kaum hörbar und bewegte sich wieder.
Das ärgerte mich. Wie! Ich war so freundlich zu ihr, sie aber ...
„Ja, was denkst Du denn eigentlich? Bist Du etwa auf einem guten
Wege?“
„Nichts denke ich.“
„Das ist es ja, daß Du Dir nichts dabei denkst! Besinn Dich so lange es
noch Zeit ist. Jetzt geht’s ja noch. Du bist noch jung und hübsch; könntest
Dich verlieben, könntest heiraten und glücklich sein ...“
„Nicht alle sind glücklich, wenn sie verheiratet sind,“ unterbrach sie
mich wieder schroff.
„Nicht alle!! Selbstverständlich nicht alle! Aber es ist doch immer besser
als hier, hundertmal, tausendmal besser als hier! Liebt man aber, so kann

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man auch ohne Glück leben. Auch im Leid ist das Leben schön; es ist
überhaupt immer schön, auf der Welt zu leben, selbst einerlei wie man lebt.
Was ist aber hier außer ... Gestank. Pfui Teufel!“
Ich drehte mich angeekelt auf die andere Seite. Ich sprach nicht mehr
kaltblütig, nein, ich geriet schon in Begeisterung. Mich riß das Verlangen
mit sich fort, meine geliebten Ideechen, die ich im Keller ausgebrütet hatte,
auseinanderzusetzen. Irgend etwas entflammte sich in mir plötzlich, ich sah
plötzlich ein Ziel vor mir.
„Übrigens mußt Du mich nicht als Beispiel nehmen. Ich bin vielleicht
noch schlechter als Du. Ich bin ja betrunken hierhergekommen.“ (Ich
beeilte mich doch ein wenig, mich zu rechtfertigen.) „Zudem kann ein
Mann einem Weibe nie ein Beispiel sein. Das sind zwei ganz verschiedene
Dinge; wenn ich auch schlechter bin als Du, und wenn auch ich es bin, der
andere besudelt, so bin ich doch niemandes Sklave; komme und gehe und
damit ist’s abgetan, – bin wieder ein anderer Mensch. Und jetzt bedenke
bloß das eine, daß Du gleich von Anfang an – Sklavin bist. Ja, Sklavin! Du
gibst alles hin, Deinen ganzen Willen. Und wenn Du später diese Ketten
zerreißen willst, so kannst Du es nicht mehr: immer fester und fester wirst
Du umsponnen werden. Das ist schon so der Fluch dieser Ketten, daß sie
sich immer fester ziehen. Ich kenne sie. Von dem übrigen rede ich lieber gar
nicht, Du würdest es vielleicht auch nicht einmal verstehn, aber sag doch
mal: Du schuldest natürlich schon der Wirtin? Nun, sieh mal!“ fügte ich
hinzu, obgleich sie mir nichts geantwortet hatte, sondern nur schweigend,
mit ganzer Seele zuhörte, „– da hast Du die Kette! Wirst Dich nie mehr
loskaufen können. Das wird schon so gemacht werden. Kennt man ...
Ebenso gut, wie dem Teufel die Seele verkauft ...“
„... Und zudem bin ich vielleicht ebenso unglücklich wie Du und, was
kannst Du wissen, suche vielleicht absichtlich den Schmutz ... vor Leid.
Trinken doch viele vor Leid und Kummer: nun, und ich bin wiederum vor
Leid hierher gekommen. Sag doch selbst, was ist denn das eigentlich: nun,
wir beide sind ... zusammengekommen ... gestern Abend, und haben doch
kein Wort miteinander gewechselt, und erst nachher fiel es Dir ein, mich
wie eine Wilde zu betrachten; und ich ebenso auch Dich. Liebt man denn
etwa so? Soll denn der Mensch den Menschen auf diese Weise kennen
lernen? Das ist doch nur eine ... eine Unanständigkeit und weiter nichts!“
„Ja!“ sagte sie plötzlich rauh, – sie stimmte mir sofort bei. Mich
wunderte sogar die Hastigkeit dieses „Ja“. – „Also ist durch ihren Kopf

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vielleicht derselbe Gedanke gegangen, als sie mich vorhin betrachtete? So
ist also auch sie schon zu eigenen Gedanken fähig? ... Hols der Teufel; das
ist interessant, das ist ja – Seelenverwandtschaft,“ dachte ich und hätte mir
fast schon die Hände gerieben. „Wie soll man auch mit solch einer jungen
Seele nicht fertig werden! ... –“
Aber am meisten verlockte mich doch das Spiel.
Sie drehte ihren Kopf etwas näher zu mir und stützte ihn in die Hand – so
schien es mir wenigstens in der Dunkelheit. Vielleicht sah sie mich wieder
an. Wie bedauerte ich es, daß ich ihre Augen nicht mehr sehn konnte. Ich
hörte ihr tiefes Atmen.
„Warum bist Du in dieses Haus gekommen?“ begann ich bereits mit einer
gewissen Überlegenheit.
„So.“
„Und doch, wie schön ist’s, im Elternhause zu leben! Warm, behaglich;
eigenes Nest!“
„Wenn es aber schlimmer ist als hier?“
(„Ich muß den richtigen Ton finden,“ zuckte es mir durch den Kopf, „mit
etwas Sentimentalität wirst Du sie wahrscheinlich am ehesten nehmen.“)
Übrigens zuckte das, wie gesagt, nur in einer Sekunde durch meine
Gedanken. Ich schwöre es, sie interessierte mich tatsächlich. Und dann war
ich auch in einer so sonderbaren Stimmung, entkräftet. Und Spitzbüberei
verträgt sich ja so gut mit Gefühl.
„Oh, das kommt natürlich auch vor!“ Beeilte mich, schnell zu entgegnen.
„Ich bin überzeugt, daß Dich irgend jemand beleidigt hat, daß eher sie vor
Dir schuldig sind, als Du vor ihnen. Zwar kenne ich Deine
Lebensgeschichte nicht, aber ich weiß doch, daß ein Mädchen, wie Du,
nicht freiwillig zum Vergnügen in solch ein Haus kommt ...“
„Was für ein Mädchen bin ich denn?“ fragte sie flüsternd, kaum hörbar;
ich aber hörte es doch.
(„Weiß der Teufel – ich schmeichle ja. Das ist gemein von mir. Aber,
weiß Gott, vielleicht ist’s auch gut.“)
Sie schwieg.
„Sieh mal, Lisa, ich sage das von mir aus: hätte ich von Kindheit an eine
Familie gehabt, so würde ich jetzt anders sein, als ich bin. Darüber habe ich
schon oft nachgedacht. Denn wie schlecht es auch in der Familie sein mag –
es sind doch immer Vater und Mutter, und nicht Fremde, nicht Feinde. Sie
lieben Dich doch, und wenn sie es Dir auch nur einmal im Jahr beweisen.

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Immerhin weißt Du, daß Du bei Dir zu Hause bist. Sieh mal, ich bin ohne
Familie aufgewachsen; darum bin ich wahrscheinlich auch so ... gefühllos
geworden.“
(„Hm, vielleicht versteht sie’s überhaupt nicht,“ dachte ich, „und ’s ist ja
auch lachhaft: – Moral.“)
„Wenn ich Vater wäre und eine Tochter hätte, ich würde, glaub ich, meine
Tochter mehr als meine Söhne lieben, nein nein, – tatsächlich!“ sagte ich,
denn ich wollte auf ein anderes Thema übergehn, um sie zu zerstreuen. Ich
muß gestehen, ich errötete.
„Warum denn das?“ fragte sie.
(„Aha, sie hört also doch!“)
„So, ich weiß nicht, warum. Sieh, Lisa, ich kannte einen Vater, der sonst
im Leben ein strenger, stolzer Mensch war, vor seiner Tochter aber auf den
Knieen lag, ihr Hände und Füße küßte und sich an ihr nicht satt sehen
konnte. Wenn sie auf den Bällen tanzte, stand er zuweilen fünf Stunden lang
auf ein und demselben Fleck und ließ sie nicht aus den Augen. Sie war ihm
zur fixen Idee geworden: das kann ich sehr gut verstehn. Wenn sie schläft,
wacht er bei ihr, küßt und bekreuzt sie. Selbst geht er in einem schäbigen
Rock, ist geizig bis zur Unglaublichkeit – für sie aber kauft er alles, was sie
haben will, macht ihr teure Geschenke und freut sich wie ein Kind, wenn
das Geschenk ihr gefällt. Der Vater liebt die Töchter immer mehr als die
Mutter. Viele Töchter haben ein gutes Leben zu Haus! Ich aber würde
meine Tochter wahrscheinlich überhaupt nicht heiraten lassen.“
„Warum denn nicht?“ fragte sie, kaum, kaum lächelnd.
„Weiß Gott! Ich glaube, aus Eifersucht nicht. Sie soll einen Fremden
küssen? Einen Fremden mehr als den Vater lieben? Es wird einem ja
unheimlich, bloß wenn man daran denkt! Aber das ist ja natürlich Unsinn;
schließlich nehmen ja auch solche Väter Vernunft an. Ich aber würde mich
vorher bestimmt schon allein durch die Sorge totquälen: würde alle
Heiratskandidaten ausbrackieren. Schließlich würde ich sie aber doch
verheiraten, und würde sie natürlich nur dem geben, den sie liebt. Man weiß
doch, daß derjenige, den die Tochter selbst liebgewinnt, dem Vater immer
der Schlechteste scheint. Das ist schon einmal so. Deswegen kommt es zu
viel häßlichen Auftritten in manchen Familien.“
„Manche sind froh, wenn sie ihre Tochter verkaufen können, nicht daß
sie sie in Ehren fortgeben wollten,“ sagte sie plötzlich.
(„Aha! das also ist’s!“)

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„Das, Lisa, kommt nur in jenen verfluchten Familien vor, in denen weder
Gott noch Liebe ist,“ griff ich eifrig das neue Thema auf, „wo es aber keine
Liebe gibt, dort gibt es auch keinen Verstand. Solche Familien gibt es, ich
weiß es selbst, aber nicht von ihnen spreche ich. Du mußt wohl in Deiner
Familie wenig Güte gesehn haben, wenn Du so sprichst. Glaube es Dir
gern, daß Du unglücklich bist. Hm! ... Das geschieht aber doch meistens nur
aus Armut.“
„Ist es denn bei den reichen Herrschaften besser? Auch in der Armut
leben gute Menschen ehrlich.“
„Hm! ... ja. Vielleicht. Aber sieh, Lisa ... der Mensch liebt es, nur sein
Leid in Betracht zu ziehen, sein Glück aber nicht. Würde er aber alles
richtig einschätzen, so müßte er zugeben, daß es überall Glück gibt. Jedem
Menschen ist Glück beschert. Wie schön aber ist es, wenn in der Familie
alles wohlgelingt, wenn Gottes Segen auf ihr ruht, wenn Du einen Mann
hast, der Dich liebt und hätschelt, keinen Schritt von Dir geht. Schön ist
solch eine Familie! Ja, zuweilen ist es dann sogar mit dem Leid schön; und
wo gibt es denn kein Leid? Solltest Du einmal heiraten, dann wirst Du es
selbst erfahren. Und denk bloß an die erste Zeit nach der Hochzeit, wenn
Du den bekommen hast, den Du liebst –: wieviel Glück, wieviel
wundervolles herrliches Glück es dann zuweilen gibt! Glück auf Schritt und
Tritt! In der ersten Zeit endet sogar jeder Streit zwischen Mann und Frau
mit Glück! Manche Frauen rufen sogar desto häufiger Streit hervor, je mehr
sie ihren Mann lieben. Nein, nein, tatsächlich, ich habe selbst solch eine
Frau gekannt: ‚Ich liebe Dich so sehr,‘ sagt sie, ‚und so quäle ich Dich denn
aus lauter Liebe – Du aber solltest das fühlen‘. Weißt Du auch, daß man
einen Menschen aus Liebe absichtlich quälen kann? Meistens tuns die
Frauen. Bei sich aber denken sie dann: ‚Dafür werde ich Dich nachher so
lieben, werde so reizend zu Dir sein, daß es doch keine schlimme Sünde
sein kann, Dich jetzt ein bißchen zu quälen‘. Und ein jeder, der Euch sieht,
freut sich über Euch und Ihr seid gut, fröhlich, friedlich, und ehrlich ...
Manche sind natürlich eifersüchtig. Geht der Mann einmal aus, – ich kannte
solch eine –, da hält sie’s nicht aus und läuft sogar in der Nacht hinaus, um
heimlich zu erfahren, wo er ist: in diesem oder jenem Hause, bei dieser oder
jener? Das ist schon nicht mehr schön. Und das weiß sie ja auch und
verurteilt sich auch selbst und das Herz bleibt ihr stehn vor Angst, – aber sie
liebt doch! Es geschieht ja nur aus Liebe! Und wie schön ist es, sich
nachher zu versöhnen, ihn um Verzeihung zu bitten oder selbst zu

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verzeihen. Und so gut werden beide, so schön wird’s ihnen zu Mut – ganz
als ob sie sich von neuem gefunden hätten, und von neuem beginnt ihre
Liebe. Und niemand, niemand soll wissen, was zwischen Mann und Weib
geschieht, wenn sie sich beide lieben. Und was für ein Streit auch zwischen
ihnen ausbrechen mag – selbst die leibliche Mutter dürfen sie nicht zum
Richter wählen, noch darf ihr der eine über den anderen etwas erzählen. Sie
müssen sich selbst Richter sein. Die Liebe ist ein Geheimnis Gottes und sie
muß allen fremden Augen verborgen bleiben – was auch geschehen möge.
Dadurch wird sie heiliger, schöner. Mann und Weib werden sich dann
gegenseitig mehr achten, auf der Achtung aber beruht gar vieles. Und wenn
schon einmal Liebe zwischen ihnen gewesen ist, wenn sie sich um der
Liebe willen geheiratet haben, warum soll dann die Liebe vergehen? Sollte
sie sich wirklich nicht erhalten lassen? Nur ganz selten kommt es vor, daß
man sie nicht mehr erhalten kann, daß es wirklich unmöglich ist. Ist aber
der Mann ein guter, ehrlicher Mensch, wie soll dann die Liebe vergehn? Die
erste Liebe – die vergeht natürlich mit der Zeit, aber dann kommt ja wieder
eine andere, ebenso schöne Liebe. Dann nähern sich die Seelen; alle
Angelegenheiten werden gemeinsam erörtert, beraten, kein Geheimnis
besteht zwischen ihnen. Und kommen dann die Kinder, so sind ja selbst die
schwersten Zeiten lauteres Glück. Wenn man nur liebt und mutig ist. Dann
ist auch die Arbeit eine Freude, dann versagt man sich manches Mal auch
ein Stückchen Brot, um es den hungrigen Mäulchen zu geben – und auch
das ist dann Freude. Werden sie doch später Dich dafür lieb haben. Die
Kinder werden größer – und Du fühlst, daß Du ihnen ein Beispiel, eine
Stütze bist; Du weißt, daß sie nach Deinem Tode Deine Gedanken und
Gefühle ihr Leben lang in sich tragen werden, da Du sie ihnen gegeben
hast. Sie werden Dein Ebenbild sein. Wie Du siehst: das ist eine große
Pflicht! Wie sollen sich dann Vater und Mutter nicht nähertreten? Da sagt
man allerdings, Kinder haben sei schwer! Wie ist das nur möglich! Kinder
sind doch Himmelsglück! Liebst Du kleine Kinderchen, Lisa? Ich liebe sie
furchtbar. Weißt Du, – solch ein rosarotes zartes Bengelchen saugt Dir an
der Brust, – Gott! welch eines Mannes Herz wird nicht zu seiner Frau
gezogen, wenn er sieht, wie sie sein Kind nährt! Das Kerlchen ist so weich
und dick, zappelt, reckt und streckt sich, breitet die Ärmchen nach Dir aus;
die Beinchen, die Händchen sind noch voller Grübchen, die Nägelchen sind
reingewaschen, klein, ho! so klein, daß es zum lachen ist; die Augen aber
blicken schon drein, als ob er alles verstände. Saugt er, so haut er mit den

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Fäustchen um sich rum, schlägt Dir auf die Brust womöglich, spielt. Tritt
der Papa an ihn heran, – reißt er sich los von der Brust, biegt sich zurück,
guckt ihn an, lacht – ganz als obs weiß Gott wie lachhaft wäre – und dann
geht von neuem das Trinken an. Und mitunter, wenn’s dem Schlingel mal
einfällt, da beißt er die Brust, wenn die Zähnchen schon kommen, selbst
aber lugt der Racker dann mit seinen kleinen Äuglein: ‚siehst Du, hab
gebissen‘! Ja, ist denn das kein Glück, wenn sie drei beisammen sind –
Mann, Weib und Kind? Für diese Minuten kann man vieles verzeihen. Nein,
Lisa, weißt Du, zuerst muß man selbst zu leben lernen und dann andere
beschuldigen!“
„Mit solchen kleinen Bildern, gerade mit solchen, muß man Dir
kommen!“ – dachte ich bei mir, obgleich ich, bei Gott, mit tiefem Gefühle
sprach, und plötzlich errötete ich: „Wie aber, wenn sie jetzt plötzlich lacht
wohin soll ich mich dann verkriechen?“ – Dieser Gedanke machte mich
rasend! Zum Schluß der Rede war ich tatsächlich in Begeisterung geraten
und darum litt mein Ehrgeiz, als sie nichts darauf erwiderte.
Das Schweigen dauerte an. Ich wollte ihr fast schon einen Stoß geben.
„Nein, – Sie ...“ begann sie plötzlich – und stockte.
Doch ich hatte schon alles begriffen: in ihrer Stimme zitterte etwas
anderes, nicht mehr Schroffes, Rauhes, wie vorher, sondern etwas Weiches
und Verschämtes, dermaßen Verschämtes, daß ich mich plötzlich auch vor
ihr schämte, daß ich mich vor ihr schuldig fühlte.
„Was?“ fragte ich in zärtlicher Neugier.
„Sie ...“
„Was denn?“
„Nein, Sie sprechen wirklich ganz wie ein Buch,“ sagte sie stockend und
wieder schien es mir, daß in ihrer Stimme etwas Spöttisches klang.
Oh, schmerzhaft traf mich diese Bemerkung. Nicht das hatte ich
erwartet!
Ich begriff nicht einmal, daß sie sich absichtlich hinter dem Spott
verbergen wollte, daß dieses gewöhnlich der letzte Winkelzug aller
schamhaften Menschen ist, die keuschen Herzens sind, und denen man
aufdringlich und roh in die Seele dringt. Ich begriff nicht, daß sie sich bis
zum letzten Augenblick aus Stolz nicht ergeben wollte, und sich fürchtete,
jemandem ihr Gefühl zu zeigen. Schon die Zaghaftigkeit, mit der sie sich
erst nach mehreren Ansätzen zu ihrem Spott entschloß, hätte mir alles
verraten müssen. Ich aber erriet es nicht, und ein böses Gefühl erfaßte mich.

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„Wart mal!“ dachte ich.

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VII.

„Ach, Gott, Lisa, was kann hier wie ein Buch sein, wenn ich es selbst
schlecht habe im Leben. Alles das erwachte jetzt wieder in mir ... Sollte
dieses Haus Dich hier wirklich nicht anekeln? Nein, weiß Gott, Gewohnheit
macht doch viel aus! Teufel noch eins, was die Gewohnheit alles aus einem
Menschen machen kann! Glaubst Du denn im Ernst, daß Du ewig jung und
hübsch sein wirst, und daß man Dich hier bis in alle Ewigkeit behalten und
bezahlen wird? Ganz abgesehen davon, daß hier nichts als Schmutz ist ...
Übrigens, weißt Du, was ich Dir über Dein jetziges Leben sagen werde:
sieh, jetzt bist Du noch jung, hübsch, gut, gefühlvoll und Du hast doch noch
eine Seele; nun, so laß es Dir denn gesagt sein, daß es mich vorhin, als ich
erwachte, einfach anekelte, hier mit Dir zu liegen! Man kann ja doch nur in
betrunkenem Zustande hierher geraten. Wärest Du aber an einem anderen
Ort, lebtest Du wie anständige Menschen leben, so würde ich vielleicht –
nicht etwa nach Dir her sein – nein, ich würde mich einfach in Dich
verlieben, würde glücklich sein, wenn Du mir einen Blick schenkst, und
selig, wenn Du ein Wort mit mir sprichst; ich würde Dich an der Haustür
erwarten, würde auf den Knieen vor Dir liegen; würde Dich wie meine
Braut hochhalten und es mir zur Ehre anrechnen, wenn Du freundlich zu
mir wärst. Würde es nicht wagen, etwas Unsauberes von Dir auch nur zu
denken. Hier aber weiß ich doch, daß ich bloß zu pfeifen brauche und Du,
ob Du willst oder nicht, kommen mußt, und dann scher ich mich gerade was
um Deinen Willen. Du mußt tun, was ich will. Selbst der letzte Tagelöhner
verdingt sich doch nicht wie Du mit Leib und Seele und zudem weiß er, daß
er es nur für eine bestimmte Zeit tut. Wann aber ist Deine Zeit um? Bedenk
doch bloß, was Du hier verdingst! Was Du hier zur Knechtschaft hingiebst!
Die Seele, Deine Seele verdingst Du hier zur Knechtschaft! Deine Liebe
gibst Du zur Beschimpfung dem ersten besten Trunkenbold hin. Deine
Liebe! Das ist ja doch alles, das ist ja der Talisman, der Schatz jedes
Mädchens – die Liebe! Um diese Liebe zu erwerben, ist gar manch einer
bereit, in den Tod zu gehn. Wie hoch aber wird Deine Liebe hier
eingeschätzt? Man kauft Dich ja ganz, mit Leib und Seele, wozu sich da
noch besonders um die Liebe bemühen, wenn auch ohne Liebe alles
möglich ist! Eine größere Beleidigung kann es ja für ein Mädchen

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überhaupt nicht geben – begreifst Du das auch? Da hab ich nun gehört, daß
man Euch Törinnen Liebhaber zu halten erlaubt, um Euch zu trösten. Das
ist ja doch nur ein Betrug, ist ja nur Spott! Was glaubst Du wohl – liebt er
Dich etwa, Dein Liebhaber? Ich glaub’s nicht. Wie soll er Dich denn lieben,
wenn er weiß, daß man Dich zu jeder Zeit von ihm fortrufen kann. Ein
gemeiner Mensch ist er und weiter nichts! Achtet er Dich denn etwa auch
nur so viel? Was gibt es zwischen Euch Gemeinsames? Er lacht ja nur über
Dich und bestiehlt Dich womöglich noch obendrein, und das ist seine ganze
Liebe! Kannst noch froh sein, wenn er Dich nicht schlägt. Frag ihn doch,
wenn Du einen hast, ob er Dich heiraten würde. Er wird Dir ja ins Gesicht
lachen, wenn er Dich nicht anspuckt oder durchprügelt – er selbst aber ist
vielleicht nicht mal eine halbe Kopeke wert. Und warum nur, warum
richtest Du Dich hier zu Grunde? Weil man Dir hier Kaffee gibt und Du
Dich hier sattessen kannst? Aber so bedenke doch bloß, zu welch einem
Zweck Du hier gefüttert wirst! Eine andere Ehrliche würde solch einen
Bissen überhaupt nicht anrühren können, denn sie weiß doch, warum man
ihr zu essen gibt. Du schuldest hier der Wirtin, und so wirst Du ihr ewig
schulden: bis zu dem Tage, da die Gäste Dich nicht mehr werden haben
wollen. Das aber wird schon bald kommen, vertraue nicht zu sehr auf Deine
Jugend. In solch einem Hause geht es ja mit Riesenschritten. Dann wirst Du
einfach hinausgeworfen werden. Und zwar wird man Dich schon lange
vorher schikanieren, Dir Vorwürfe machen, Dich schimpfen, – als ob nicht
Du Deine Gesundheit für sie hergegeben, Deine Jugend, Deine Seele für sie
geopfert hast, sondern als ob Du sie womöglich noch zu Grunde gerichtet,
bestohlen, beschimpft hättest. Und hoffe nur nicht auf Beistand: die
anderen, diese Deine Freundinnen werden dann gleichfalls über Dich
herfallen, um der Alten einen Gefallen zu erweisen, denn hier sind ja alle
Sklavinnen, hier haben alle jegliches Mitleid und jegliches Gewissen
verloren. Gemeineres, Beleidigenderes als diese Schimpfwörter, die sie Dir
dann sagen werden, gibt es in der ganzen Welt nicht. Und alles wirst Du
hier opfern, alles, – Gesundheit, Jugend, Schönheit, und alle Deine
Hoffnungen wirst Du hier begraben und mit zweiundzwanzig Jahren wirst
Du aussehn, als ob Du fünfunddreißig wärst, und wirst noch Gott danken
können, wenn Du nicht krank bist. Du denkst jetzt natürlich: hier brauche
ich nicht zu arbeiten, lebe nur zum Vergnügen! Aber es gibt ja auf der
ganzen Welt keine Arbeit, die schwerer, sklavischer, knechtender wäre, als
diese ‚Arbeit‘ hier. Und kein Wort darfst Du sagen, kein halbes Wörtchen,

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wenn man Dich von hier fortjagt! Du wirst wie eine Verbrecherin von hier
fortgehn, wirst zuerst in ein anderes Haus gehn, dann wieder in ein anderes,
und schließlich wirst Du dann an der Ssennaja landen ... Dort aber geht
dann das Prügeln an; das ist dort so eine übliche Liebenswürdigkeit; dort
verstehn die Gäste überhaupt nicht zärtlich zu sein, wenn sie nicht vorher
geprügelt haben. Du glaubst es vielleicht nicht? Geh einmal hin, vielleicht
wirst Du es mit eigenen Augen sehn können. Ich sah dort einmal am
Neujahrstage eine an der Tür. Sie wurde von ihren Hausgenossen
hinausgeworfen; da sie zu sehr geschrieen hatte, sollte sie ein wenig kalt
gestellt werden, und hinter ihr wurde die Tür zugeschlagen. Um neun Uhr
morgens war sie schon total betrunken, zerzaust, halbnackt und blau
geschlagen. Ihr Gesicht war gepudert und geschminkt, doch um die Augen
hatte sie dunkle grünbraune Ringe; aus Mund und Nase floß ihr das Blut.
Irgend ein Kutscher hatte sie wahrscheinlich gehörig bearbeitet. Sie setzte
sich auf die kleine steinerne Treppe, in der Hand hatte sie irgend einen
gesalzenen Fisch, einen Hering, glaub ich, sie gröhlte, und klagte irgend
etwas über ihr ‚Los‘, und dabei klatschte sie mit dem Fisch ununterbrochen
auf die Steinstufen der Treppe. Natürlich hatte man sich schon um sie
versammelt, Droschkenkutscher und betrunkene Soldaten, die sie neckten.
Du glaubst wohl nicht, daß auch Du so herunterkommen wirst? Auch ich
würde es nicht glauben wollen, aber, was kann man wissen, vielleicht war
diese selbe mit dem gesalzenen Fisch vor zehn, vor acht Jahren rein und
unschuldig wie ein kleiner Engel hierher gekommen; errötete womöglich
bei jedem Wort. Vielleicht war sie auch so eine wie Du: stolz, empfindlich,
den anderen unähnlich; sah vielleicht wie eine Königin drein und wußte,
daß denjenigen, der sie liebgewinnen und den sie wiederlieben würde, ein
ganzes, großes wundervolles Glück erwartete. Und sieh nun, womit das
geendet hat! Und wenn ihr in dem Augenblick, als sie mit dem Fisch auf die
schmutzigen Stufen klatschte und das Blut ihr aus der Nase floß, wenn sie
sich in dem Augenblick ihrer Jugend, ihrer Kinderjahre im Elternhause
erinnerte: wie der Nachbarssohn sie auf dem Heimweg erwartete und ihr
sagte, daß er sie sein ganzes Leben lang lieben würde, und wie sie dann
beschlossen, sich zu heiraten, wenn sie erst groß sein würden! Nein, Lisa,
Du kannst von Glück reden, wenn Du dort irgendwo in einem Kellerloch
bald an der Schwindsucht sterben solltest, so wie die, die gestern beerdigt
wurde. Du sagtest, man könne ja ins Krankenhaus gehn? Schwindsucht ist
nicht wie Influenza. Ein Schwindsüchtiger glaubt noch bis zur letzten

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Minute, daß er gesund ist. Tröstet sich auf diese Weise. Der Wirtin aber ist
das sogar vorteilhaft. Glaub mir, das ist schon so: hast Deine Seele verkauft
und zudem bist Du noch Geld schuldig, also darfst Du nicht einmal
mucksen. Liegst du aber schon, so wirst du von allen verlassen, alle kehren
Dir dann den Rücken, – dann ist ja nichts mehr von Dir zu holen. Dann
wird man Dir noch vorwerfen, daß Du unnütz Platz einnimmst, nicht
schnell genug stirbst. Nicht mal einen Schluck Wasser werden sie Dir ohne
Vorwürfe geben. ‚Du Vieh, wann wirst Du denn endlich einmal krepieren,
läßt uns nicht schlafen, stöhnst in der Nacht, die Gäste ärgern sich.‘ Ja, ja,
das ist schon so; hab selbst solche Vorwürfe gehört. Wenn Du mit dem Tode
ringst, stopft man Dich in den schmutzigsten Winkel der Kellerwohnung –
Finsternis, Feuchtigkeit, Schimmel an den Wänden. Was glaubst Du wohl,
was für Gedanken Dir kommen werden, wenn Du allein dort liegen mußt?
Bist Du endlich tot, so packt man Dich irgendwie in einen Futtertrog ein.
Niemand segnet Dich, niemandem fällt es ein, Deinetwegen auch nur zu
seufzen – ist froh, wenn man Dich schneller los wird! Und so trägt man
Dich denn hinaus, so wie gestern diese Arme hinausgetragen wurde, und
geht dann in die Schenke zur ‚Gedächtnisfeier‘. Im Grabe ist dunkles,
fettiges Wasser, Schmutz, nasser, braungewordener Schnee, – ‚He! hop,
Wanjucha, rinn mit dem Kasten! – Hoho! da sieht man doch gleich, was das
für eine ist: selbst hier geht sie noch mit die Beine ruff. Na, reck die
Schniere, wird’s bald?‘ – ‚Siehste denn nicht, daß sie mit’n Kopf nach
unten liegt! War doch auch’n Mensch!‘ – ‚Is schon gut genug für solch
eine‘. – ‚Nu, mein’twegen‘. Nicht einmal schimpfen wollen sie sich um
solch eine. Schütten mit der nassen, blauen Lehmerde das Grab irgendwie
zu und gehn dann in die Schenke ... Und damit ist die Erinnerung an Dich
hier auf Erden begraben. Andere Gräber werden von den Kindern, Vätern,
Müttern, Männern der Verstorbenen besucht, – an Deinem Grabe fällt keine
Träne, wird kein einziger Seufzer laut. Niemand, niemand kommt zu Dir,
kein einziger Mensch: Dein Name verschwindet auf ewig von dieser Erde –
als ob Du niemals auf ihr gelebt hättest, niemals von einem Weib geboren
wärst! Schmutz und Sumpf umgeben Dich, – und kein Echo gibt Dir
Antwort, wenn Du in der Nacht, wenn die Toten erwachen, in Deiner
Verzweiflung an den Deckel Deines Sarges schlägst und rufst: ‚Laßt mich,
laßt mich, Ihr guten Menschen, noch einmal die Sonne sehn! Ich lebte, doch
jetzt bin ich gestorben, ohne das Leben gekannt zu haben: mein Leben

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wurde an der Sjennaja vertrunken! Ach, laßt mich, laßt mich Ihr stolzen
Menschen, noch einmal die Welt und das Leben sehn!‘“
Ich geriet in solches Pathos, daß mir schon ein Kehlkopf- oder
Halskrampf drohte und ... und plötzlich verstummte ich, erhob mich
erschrocken und lauschte mit ängstlich gesenktem Kopf und pochendem
Herzen. Ich hatte wahrlich Grund, mich zu ängstigen.
Schon lange hatte ich gefühlt, daß ich ihr die ganze Seele um und
umkehrte, und je mehr ich mich davon überzeugte, desto mehr verlangte es
mich, so schnell als möglich, das Ziel zu erreichen. Das Spiel, ja, das Spiel
verlockte mich ... Übrigens nicht nur das Spiel ...
Ich wußte, daß ich unnatürlich und steif sprach, aber ich verstand nicht,
anders zu sprechen, als eben „wie ein Buch“. Doch nicht das verwirrte
mich: ich wußte doch, ich ahnte es ja, daß ich verstanden wurde, und daß
dieses „wie ein Buch“ die Sache nur noch höher hinaufschraubte. Dann
aber, als ich plötzlich den Effekt erreicht hatte, überkam mich die Angst.
Nein, nie noch, nie noch war ich Zeuge solch einer Verzweiflung gewesen!
Sie hatte das Gesicht in das Kissen gepreßt, das sie mit beiden Händen
umklammerte. Ihr ganzer junger Körper zitterte und zuckte wie in
Krämpfen. Das zurückgedrängte Schluchzen drohte, sie zu ersticken, ihr die
Brust zu zerreißen – und plötzlich brach es in Schreien, in Gestöhn aus ihr
heraus. Da preßte sie ihr Gesicht noch fester in das Kissen: sie wollte nicht,
daß irgend jemand, wenn auch nur eine einzige lebende Seele, etwas von
ihrer Qual und von ihren Tränen wisse. Sie biß in das Kissen, biß sich die
Hand blutig – das sah ich später –, oder sie krallte die Finger in ihre
gelösten Flechten und erstickte geradezu in der Anstrengung, den Atem
zurückzuhalten. Ich wollte ihr etwas sagen, sie bitten, sich zu beruhigen,
doch fühlte ich, daß ich es nicht durfte, und plötzlich packte mich ein
Frösteln; ich stürzte fast entsetzt aus dem Bett und beeilte mich, tastend und
tappend meine Kleider zusammenzusuchen. Es war stockdunkel im
Zimmer: wie sehr ich mich auch beeilte, ich konnte es doch nicht schnell
genug machen. Da fand ich schließlich die Streichholzschachtel und ein
ungebrauchtes Licht neben dem Leuchter. Kaum hatte ich es angezündet,
als Lisa sich hastig erhob und sich auf den Bettrand setzte. Ihr Gesicht war
sonderbar verzerrt, ein halbwahnsinniges Lächeln irrte um ihren Mund und
fast sinnlos blickte sie mich an. Ich setzte mich neben sie und ergriff ihre
Hände; sie kam wieder zu sich, wandte sich dann zu mir und wollte mich,

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glaub ich, umarmen – doch plötzlich wagte sie es nicht und senkte
schweigend ihren Kopf vor mir.
„Lisa, mein lieber Freund, ich habe es ... Du, verzeih mir,“ begann ich,
sie aber preßte meine Hände so stark mit ihren heißen Fingern, daß ich
erriet, wie überflüssig meine Worte waren, und ich verstummte.
„Hier hast Du meine Adresse, Lisa; komm einmal zu mir.“
„Ich werde kommen ...“ sagte sie leise aber entschlossen, den Blick noch
immer zu Boden gesenkt.
„Jetzt gehe ich, leb wohl ... und auf Wiedersehn.“
Ich stand auf und auch sie erhob sich langsam.
Plötzlich wurde sie über und über rot, fuhr zusammen, ergriff ein auf dem
Stuhl liegendes Tuch, das sie sich umwarf und unter dem Kinn stramm
zusammenzog. Darauf lächelte sie wieder so sonderbar, errötete und blickte
mich schließlich ganz seltsam an. Mir tat es weh; ich beeilte mich, hinaus
zu kommen, – zu verschwinden!
„Warten Sie,“ sagte sie plötzlich – wir waren schon im Flur an der Tür
angelangt –, hielt mich noch schüchtern am Ärmel zurück, stellte dann
schnell das Licht auf den Fußboden und lief zurück. Ersichtlich war ihr
etwas eingefallen, das sie mir zeigen wollte. Als sie mich zurückhielt,
errötete sie wieder, ihre Augen glänzten und auf ihren Lippen erschien ein
Lächeln, – was mochte es sein? Unwillkürlich wartete ich: sie kam sofort
zurück, – mit einem Blick, der mich fast um Verzeihung bat. Überhaupt war
das nicht mehr jenes Gesicht vom Abend vorher, mit dem mürrischen,
mißtrauischen, starren Blick: es war ein flehender, weicher und zu gleicher
Zeit zutraulicher, freundlicher, zaghafter Ausdruck in ihren Augen. So
pflegen Kinder diejenigen anzusehn, die sie sehr lieb haben und von denen
sie etwas erbitten wollen. Hellbraun waren ihre Augen. Oh, prachtvolle
Augen waren es, Augen, die Liebe und Haß zu sprechen verstanden.
Ohne mir etwas zu erklären, als ob ich wie irgend ein höheres Wesen
alles auch ohne Erklärungen wissen müßte, reichte sie mir einen Brief. Ihr
ganzes Gesicht erstrahlte in naivstem, fast kindlichem Stolz. Ich faltete den
Bogen auseinander: es war ein Schreiben an sie von einem Studenten der
Medizin oder so etwas ähnliches, – eine sehr schwülstige, blumenreiche,
doch ungemein höfliche Liebeserklärung. Ich habe zwar die
Redewendungen vergessen, doch weiß ich noch, daß durch den
verschnörkelten Stil wahres, aufrichtiges Gefühl leuchtete, eines, das man
nicht künstlich vortäuschen kann. Als ich zu Ende gelesen hatte, traf ich

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ihren heißen, neugierigen, kindlich-ungeduldigen Blick. Sie hing geradezu
mit ihrem Blick an meinem Gesicht und erwartete in fiebernder Ungeduld,
was ich sagen würde. Darauf erzählte sie mir in kurzen Worten, flüchtig,
aber doch gewissermaßen stolz, daß sie irgendwo auf einem Tanzabend in
einer Familie gewesen war, „bei sehr sehr guten Menschen, in einer
Familie, wie gesagt, wo man noch nichts weiß, nicht das geringste,“ – denn
sie war ja in diesem Hause erst ganz kurze Zeit und nur so ... und sie hatte
sich doch noch nicht entschlossen, hier zu bleiben, im Gegenteil, sie würde
sogar bestimmt fortgehn, sobald sie nur ihre Schuld bezahlt hätte ... – Nun,
und dort war auch dieser Student gewesen, er hatte den ganzen Abend mit
ihr getanzt und gesprochen, und siehe da, bei der Gelegenheit hatte es sich
herausgestellt, daß er gleichfalls aus Riga war, daß sie sich als Kinder
gekannt und zusammen gespielt hatten, nur war das alles schon sehr lange
her – und sogar ihre Eltern kannte er, doch davon wisse er nichts-nichts-
nichts und vermutete es nicht einmal! Und da hatte er ihr denn am Tage
nach dem Tanzabend – vor drei Tagen also – durch ihre Freundin, durch
dieselbe, mit der sie hingegangen war, diesen Brief geschickt ... und ... nun,
und das war alles.
Nachdem sie geendet hatte, senkte sie ein wenig verschämt ihre
leuchtenden Augen vor meinem Blick.
Armes Ding! Sie bewahrte diesen Brief des Studenten wie einen Schatz
auf, und lief nach diesem ihrem einzigen Hab und Gut, da sie nicht wollte,
daß ich fortginge, ohne zu erfahren, daß auch sie in Ehren und aufrichtig
geliebt wurde, daß man auch mit ihr ehrerbietig sprach. Ich glaube, diesem
Brief wird es wohl bestimmt gewesen sein, in ihrem Kasten ergebnislos
ewig liegen zu bleiben. Aber was hat das zu sagen! Bin ich doch überzeugt,
daß sie ihn ihr Leben lang wie einen Schatz verwahren wird, wie ihren
Stolz und ihre Rechtfertigung. Sogar in solch einem Augenblick erinnerte
sie sich seiner und brachte ihn mir, um ihn in naivem Stolz auch mir zu
zeigen, um sich in meinen Augen zu erhöhen, um auch von mir gelobt zu
werden. Ich sagte ihr kein Wort, drückte ihr nur die Hand und ging. Es
drängte mich so maßlos, fortzugehn ... Ich ging zu Fuß nach Haus, obgleich
der nasse Schnee immer noch in dicken, schweren Flocken niederfiel. Ich
war zu Tode gequält, war vernichtet, und wurde noch von Zweifeln
gemartert. Doch die Wahrheit schimmerte schon durch die Zweifel. Diese
scheußliche Wahrheit!

Page 121

VIII.

Und so verging denn auch noch eine geraume Zeit, bis ich schließlich
einwilligte, diese Wahrheit anzuerkennen. Als ich am nächsten Morgen
nach kurzem, tiefem Schlaf erwachte, fiel mir sofort der ganze vergangene
Tag ein, und wirklich – ich wunderte mich sogar über meine
„Sentimentalität“ mit Lisa und über diesen ganzen „gestrigen Unfug“.
„Pfui Teufel, was für eine weibische Nervosität einen doch zuweilen
überfallen kann!“ dachte ich ärgerlich. „Und wozu habe ich ihr eigentlich
meine Adresse gegeben? Jetzt wird sie ja womöglich herkommen? Na,
meinetwegen, mag sie nur kommen ...“ Doch selbstverständlich war jetzt
nicht das von Wichtigkeit: wichtig war vielmehr, daß ich so schnell wie
möglich meine Reputation in den Augen Swerkoffs und Ssimonoffs rettete.
Das war die Hauptsache! Lisa aber vergaß ich an jenem Morgen vor lauter
anderen Sorgen ganz und gar.
Vor allen Dingen hieß es, Ssimonoff das geliehene Geld sofort
zurückzuerstatten. Ich entschloß mich zu einem verzweifelten Schritt:
Anton Antonytsch um ganze fünfzehn Rubel anzugehn. Zum Glück war er
an jenem Morgen gerade in vorzüglicher Gemütsverfassung und erfüllte
daher meine Bitte einwandlos. Das erfreute mich dermaßen, daß ich ihm,
als ich den Schuldschein unterschrieb, unaufgefordert, nur so wie nebenbei,
erzählte, wie ich gestern mit meinen Freunden im Hôtel de Paris den
Abschied eines Schulkameraden gefeiert hatte, „ja, ich kann wohl sagen,
meines Jugendfreundes. Und wissen Sie, – er ist ein fabelhafter
Durchgänger, maßlos verwöhnt in solchen, wie überhaupt in allen Dingen, –
nun, versteht sich, aus guter Familie, riesige Einkünfte, glänzende Karriere,
geistreich, liebenswürdig, kennt vorzüglich diese Damen, Sie wissen schon,
haben noch ‚einem halben Dutzend‘ den Hals gebrochen, und ...“ Und wie
gut das alles klang, es hörte sich so flott, unterhaltend und selbstzufrieden
an.
Nach Haus zurückgekehrt, setzte ich mich sofort hin und schrieb an
Ssimonoff.
Noch jetzt lacht mir das Herz vor Freude, wenn ich an den wahrhaft
weltmännischen, harmlosen Ton meines Briefes denke. Gewandt und doch
vornehm, und vor allen Dingen ganz ohne überflüssige Worte: die Schuld

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an allem schrieb ich mir allein zu. Ich rechtfertigte mich – „wenn es mir
zusteht, mich zu rechtfertigen“ – mit der Erklärung, daß ich bereits nach
dem ersten Gläschen, welches ich angeblich schon vor ihrer Ankunft im
Hôtel de Paris getrunken hatte, nicht mehr ganz nüchtern gewesen wäre,
natürlich nur infolge meiner völligen Entwöhnung von Alkohol. Um
Entschuldigung bat ich eigentlich nur Ssimonoff; doch fügte ich zum
Schluß noch hinzu, daß ich ihm dankbar wäre, wenn er meine Erklärung
auch allen anderen mitteilen wollte, besonders Swerkoff, den ich, wie ich
„glaubte“, – denn ich könnte mich des Vorgefallenen „nicht mehr ganz
deutlich entsinnen – vielleicht beleidigt habe“. Ich fügte noch hinzu, daß ich
selbst bei allen anfahren würde, doch schmerzte mein Kopf zu sehr und
zudem – schämte ich mich der ganzen Geschichte. Besonders gefiel mir die
„gewisse Leichtigkeit“, fast sogar Nachlässigkeit – übrigens eine
vollkommen vornehme – die sich in meinem Stil ausdrückte, und ihnen
besser als alle Beweise zu verstehen geben mußte, daß ich „auf diese ganze
gestrige Geschichte“ ziemlich gleichgültig blickte, also keineswegs
niedergeschlagen oder gar vernichtet war, wie es jene Herren
wahrscheinlich glaubten, sondern die ganze Sache so auffaßte, wie sie ein
sich achtender Gentleman eben auffassen mußte.
„Hm, ... und sieh mal einer an, was für eine Scherzhaftigkeit drin steckt –
das macht mir so leicht kein Grandseigneur nach!“ dachte ich, als ich
schmunzelnd mein Kunstwerk durchlas. „Und das kommt natürlich nur
daher, daß ich ein entwickelter und gebildeter Mensch bin! Andere würden
an meiner Stelle nicht wissen, wie sich hier herausreißen, ich aber bin schon
wieder obenauf, und das nur, weil ich eben ein ‚gebildeter und entwickelter
Mensch unserer Zeit bin‘. Und wie kann ich’s wissen, vielleicht ist das alles
gestern wirklich nur vom Wein gekommen? Hm! ... um die Wahrheit zu
sagen, das stimmt denn doch nicht so ganz. Schnaps hatte ich ja überhaupt
nicht getrunken, zwischen fünf und sechs, als ich sie erwartete. Hab’s dem
Ssimonoff bloß weisgemacht. Im Allgemeinen ist Lügen gemein; ja, und
auch jetzt ist’s nicht schön ...“
„Ach, hol’s der Kuckuck! – Die Hauptsache ist, daß ich die Geschichte
los bin!“
Ich legte die sechs Rubel in den Brief, versiegelte ihn und bat darauf
meinen Apollon, ihn zu Ssimonoff zu bringen. Als Apollon hörte, daß in
dem Brief Geld war, wurde er höflicher, und erklärte sich bereit, hinzugehn.
In der Schummerstunde ging ich hinaus ... spazieren. Mein Kopf tat mir

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noch weh. Doch je mehr der Abend heranrückte und je dunkler es wurde,
desto mehr verwirrten sich meine Eindrücke und mit ihnen auch meine
Gedanken. Irgend etwas wollte in mir nicht sterben, etwas, das in der Tiefe
des Herzens und Gewissens lag – es wollte nicht sterben und quälte mich in
brennender Sehnsucht. Ich schob mich durch die belebtesten Straßen, durch
die Meschtschanskaja, Ssadowaja und am Jussupoffgarten vorüber. Ich
liebte es besonders in der Dämmerung, in diesen Straßen zu spazieren,
wenn dort die Menge der Fußgänger dichter wurde, wenn Kaufleute,
Handwerker, Arbeiter mit ihren von den Sorgen zuweilen bis zu
Verbrecherphysiognomien entstellten Gesichtern vorüberschoben, um
schnell nach Haus zu gelangen. Gerade diese nackte Prosa, diese stiere Hast
gefielen mir. Und an jenem Abend wirkte dieses ganze Straßengedränge
noch ganz besonders auf mich. Ich konnte mich auf keine Weise mit meinen
Gefühlen zurechtfinden. Es war etwas in meiner Seele, das mir weh tat und
sich erhob, erhob und immer wieder erhob, und sich nicht beruhigen
konnte. Ganz verstimmt kehrte ich schließlich heim. Es war mir, als ob auf
meiner Seele ein Verbrechen läge.
Mich quälte beständig der Gedanke, daß Lisa zu mir kommen würde.
Sonderbar kam es mir vor, daß von allen schrecklichen Erinnerungen des
vergangenen Tages die Erinnerung an sie mich ganz besonders quälte. Alles
andere hatte ich bis zum Abend schon glücklich vergessen, hatte einmal
ausgespuckt und damit war es abgetan, und im übrigen blieb ich mit
meinem Brief an Ssimonoff vollkommen zufrieden. Mit dieser Geschichte
aber konnte ich mich doch nicht zufrieden geben. Nein, diese Lisa quälte
mich. „Wenn sie jetzt zu mir kommt?“ dachte ich immer wieder. „Ach, nun,
so mag sie doch kommen! Hm! Schon allein, daß sie dann, zum Beispiel,
sehn wird, wie ich wohne! Gestern war ich ja gewissermaßen ein Held vor
ihr ... jetzt aber, hm! Genau genommen ist es doch gemein, daß ich so
heruntergekommen bin. Es ist ja die reine Bettlerwohnung. Und gestern
entschloß ich mich, in solchen Kleidern ins Hôtel de Paris zu fahren! Und
mein altes Wachstuchsofa, aus dem Krollhaar und Bast heraushängt! Und
mein Schlafrock, der vorne nicht zugeht! Und die Troddeln ... Und das wird
sie alles sehn! Und auch den Apollon wird sie sehn! Er wird sie ja bestimmt
beleidigen. Dieses Vieh wird ihr natürlich irgend eine Frechheit sagen, um
mich zu ärgern. Ich aber werde selbstverständlich nach meiner alten
Gewohnheit wieder verlegen werden, werde mich mit den
Schlafrockschößen zu bedecken suchen, werde lächeln, werde lügen ... Pfui

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Teufel, diese Gemeinheit! Und die größte Gemeinheit besteht ja nicht
einmal darin! Es gibt ja noch etwas Wichtigeres, Gemeineres,
Schändlicheres! Ja, Schändlicheres! Und wieder, wieder muß ich mich
hinter dieser verlogenen, ehrlosen Maske verstecken! ...“
Bei diesem Gedanken angekommen, stieg mir das Blut zu Kopf.
„Warum ist es denn eine ‚ehrlose‘? Was für eine ehrlose? Ich habe doch
gestern aufrichtig gesprochen! Ich erinnere mich doch ganz genau, daß ein
aufrichtiges Gefühl mich zum Reden zwang. Ich wollte ja in ihr gerade edle
Gefühle hervorrufen ... Wenn sie schließlich weinte, so war das gut,
heilbringend ...“
Aber ich konnte mich doch nicht beruhigen.
Den ganzen Abend, nachdem ich schon zurückgekehrt war, nach neun,
also zu einer Zeit, da Lisa nach menschlicher Berechnung nicht mehr hätte
kommen können, sah ich sie immer noch vor mir, und zwar immer noch so,
wie damals, als ich mit dem Streichholz das Zimmer plötzlich erhellt hatte:
sah ihr verzerrtes Gesicht mit dem gequälten Blick und ihr armseliges,
gezwungenes Lächeln, zu dem sie sich in jenem Augenblick zwang! Doch
damals wußte ich noch nicht, daß ich sie auch nach fünfzehn Jahren immer
noch mit diesem armseligen, verzerrten, unnötigen Lächeln vor mir sehen
würde.
Am folgenden Tage war ich wieder bereit, das Ganze für Unsinn, für
Nervosität und vor allen Dingen für – übertrieben zu halten. Ich habe
immer diese meine schwache Seite gekannt und mich zuweilen sogar sehr
vor ihr gefürchtet: „Immer übertreibe ich alles, das ist schon einmal mein
Kreuz,“ dachte ich ununterbrochen. Doch schließlich: „Einmal wird Lisa
doch kommen“ – das war der Refrain, mit dem alle meine Gedanken
endeten. Ich war dermaßen unruhig, daß ich mitunter ganz außer Rand und
Band geriet: „Sie wird kommen! Unbedingt wird sie kommen!“ rief ich, im
Zimmer auf und ab rasend, – „wenn nicht heute, dann morgen, aber
kommen wird sie! Das ist die verfluchte Romantik all dieser sentimentalen
Seelen! Oh Gemeinheit, oh Dummheit, oh Borniertheit dieser sogenannten
reinen Herzen! Herrgott, was ist denn da zu begreifen, Mensch, was ist
denn da zu begreifen?“ ... Hier aber stockte ich selbst und war noch mehr
verwirrt.
„Und wie weniger Worte hat es bedurft,“ dachte ich nach einem
Augenblick, „wie wenig Idyll – und dazu war’s ja noch kein echtes, sondern
nur ein literarisches, sozusagen –, um sofort ein ganzes Menschenleben

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umzudrehen, so wie man’s will. Ja ja, die Jungfräulichkeit! Die Frische des
Bodens, wie man zu sagen pflegt ...“
Zuweilen kam mir auch der Gedanke, selbst zu ihr zu fahren, ihr „alles zu
erzählen“ und sie zu bitten, nicht zu mir zu kommen. Doch erfaßte mich bei
diesem Gedanken, wenn ich bei jenem Punkt angekommen war, solch eine
Wut, daß ich diese „verfluchte“ Lisa einfach nur so plattgeschlagen hätte,
wenn sie neben mir gewesen wäre, daß ich sie beleidigt, bespieen,
hinausgejagt, geprügelt hätte!
Inzwischen aber verging auch der zweite Tag und dann verging noch
einer, und schließlich noch einer – sie kam nicht, und ich beruhigte mich ein
wenig; besonders, wenn die Uhr schon neun geschlagen hatte. Dann ging
zuweilen auch wieder das Phantasieren an, was mitunter gar nicht übel und
ganz vernünftig war: Ich rette z. B. Lisa gerade durch meinen Verkehr mit
ihr, indem ich ihr erlaube, mich zu besuchen, und sie bei der Gelegenheit
belehre ... Ich erziehe, ich bilde sie. Endlich bemerke ich dann, daß sie mich
liebt, leidenschaftlich liebt. Ich stelle mich, als ob ich es nicht bemerke –
warum ich mich so stelle, weiß ich übrigens selbst nicht, aber es muß wohl
so sein, zur Verschönerung wahrscheinlich. Schließlich erhebt sie sich vom
Sofa, ganz verwirrt, schön wie eine Göttin, und stürzt zitternd und
schluchzend zu meinen Füßen, und sagt mir, daß ich ihr Retter bin, daß sie
mich mehr als alles auf der Welt liebt. Ich bin erstaunt, aber ... „Lisa,“ sage
ich ihr, „glaubtest Du wirklich, daß ich Deine Liebe zu mir nicht bemerkt
hätte? Ich sah alles, ich erriet alles, doch konnte ich nicht als erster von
Liebe sprechen, denn gerade weil ich einen Einfluß auf Dich hatte, fürchtete
ich, daß Du Dich dann vielleicht aus Dankbarkeit zwingen würdest, mich zu
lieben, daß Du Gefühle in Dir erwecken würdest, die Du in Wirklichkeit
nicht für mich übrig hast – das wollte ich aber nicht, denn das wäre ...
Despotismus ... Das ist unfein“.. Hier kam ich etwas aus dem Konzept, da
ich mich zu sehr in irgend einer europäischen, George-Sandschen,
unerklärlich edlen Feinheit ergangen hatte ... „Jetzt jedoch, jetzt bist Du
mein! Du bist mein Geschöpf, Du bist lauter, und rein, und schön, Du bist
mein wundervolles Weib.“

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Und in mein Haus zieh frei und heiter
Als stolze Herrin ein!

Darauf beginnt dann das Leben, wir fahren ins Ausland usw., usw. Kurz, –
ich schämte mich schließlich vor mir selber und zeigte mir die Zunge.
„Und man wird ihr ja überhaupt nicht die Erlaubnis geben, auszugehn,“
sagte ich mir zur Beruhigung. „Ich glaube, man läßt sie nicht allzu oft
spazieren gehn, abends schon ganz bestimmt nicht!“ Ich weiß nicht, warum
ich annahm, daß sie am Abend kommen würde, und warum ich glaubte, daß
es gerade um sieben Uhr sein würde. „Aber sie hat mir doch gesagt, daß sie
sich dort noch nicht ganz verdungen hat, noch besondere Vorrechte genießt;
das heißt, hm! Teufel noch eins, dann wird sie kommen, dann wird sie ja
bestimmt kommen!“
Gut, daß mich in dieser Zeit mein Apollon mit seinen Grobheiten
zerstreute. Der brachte mich wirklich um meine letzte Geduld! Das war ja
meine Seuche, meine Geißel Gottes, die die Vorsehung speziell für mich
geschaffen hatte! Schon mehrere Jahre lang suchten wir uns gegenseitig zu
übertrumpfen und ich haßte ihn regelrecht. Oh Gott, wie ich ihn haßte!
Noch kein einziges lebendes Wesen habe ich, glaub ich, so gehaßt wie diese
Kreatur, besonders in gewissen Augenblicken. So als Mensch war er schon
bejahrt, gravitätisch und erhaben. Hin und wieder beschäftigte er sich mit
Schneiderarbeit. Es wird ewig ein Geheimnis bleiben, warum er mich
verachtete, jedenfalls aber tat er das über alle Maßen: er blickte unerträglich
hochmütig auf mich herab. Übrigens behandelte er alle Welt von oben
herab. Nur ein Blick auf dieses Gesicht mit den weißen Augenbrauen und
Wimpern, auf diesen glattgekämmten Kopf, auf diese Locke, die er sich
über der Stirn drehte und mit gewöhnlicher Küchenbutter einsalbte, auf
diesen soliden Mund mit der spitzen Oberlippe und den zurückgezogenen
Mundwinkeln, der ganz wie ein lateinisches v aussah, – und wahrlich,
meine Herren, Sie würden ein Wesen vor sich sehn, das kein einziges Mal
an sich gezweifelt hat. Das war ein Pedant vom allerreinsten Wasser, der
allergrößte Pedant von allen, die in der Welt je gelebt, und dazu besaß das
Vieh noch eine Eigenliebe, die sich vielleicht höchstens Alexander der
Große hätte leisten können. Er war in jeden Knopf seines Rockes verliebt,
in jeden Nagel seiner Extremitäten – unbedingt gerade verliebt, das sah man
ihm ja deutlich an der Nasenspitze an! Zu mir verhielt er sich

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unveränderlich despotisch, würdigte mich selten eines Wortes, und blickte
er mich einmal an, so geschah das mit einer festen, majestätisch-
selbstbewußten und immer etwas spöttischen Miene, die mich zuweilen bis
zum Wahnsinn brachte. Seine Pflicht erfüllte er mit einem
Gesichtsausdruck, als ob er mir die größte Gnade erwies. Bei der
Gelegenheit sei noch bemerkt, daß er so gut wie überhaupt nichts machte,
und sich nicht einmal für verpflichtet hielt, etwas zu machen. Daß er mich
für den letzten Dummkopf der Welt hielt, und „mich nur bei sich hielt“,
weil ich ihm dafür monatlich sieben Rubel zahlte, darüber konnte kein
Zweifel bestehn. Er war einverstanden, bei mir für diese sieben Rubel
monatlich „nichts zu machen“. Seinetwegen werden mir sicherlich viele
Sünden vergeben werden. Zuweilen war mein Haß auf ihn so groß, daß
mich schon sein Gang zu Krämpfen brachte. Doch ganz besonders
widerlich war mir seine Art zu sprechen. Seine Zunge war, glaub ich, etwas
länger als es sich gehört, und so lispelte er denn beständig und sprach die
Zischlaute einfach scheußlich aus, doch schien er auf sein Lispeln
ungeheuer stolz zu sein: er glaubte wahrscheinlich, daß es ihm eine gewisse
Vornehmheit verlieh. Er sprach gewöhnlich leise, gemessen, wobei er die
Hände auf dem Rücken hielt und schräg zu Boden blickte. Ganz besonders
ärgerte er mich, wenn er bei sich in seiner Kammer, die nur durch eine
dünne Wand von meinem Zimmer geschieden war, die Psalmen las. Oh,
groß war das Kreuz, das mir diese Psalmen aufluden! Er aber liebte es sehr,
des Abends zu lesen mit seiner leisen, gleichmäßigen Stimme, ein wenig
singend – ganz als ob er neben einer Leiche gesessen und für den Toten
gelesen hätte. Jetzt ist er auch glücklich Psalmenleser geworden: hält
Totenwacht und liest die Bibel, vertilgt Ratten und macht Wichse. Damals
jedoch konnte ich ihn nicht fortschicken, ich glaube, er war mit meiner
Existenz irgendwie chemisch verbunden. Zudem hätte er um nichts in der
Welt eingewilligt, von mir fortzugehn. Ich aber konnte nicht in einem
Chambre-garnie wohnen: meine kleine Wohnung war abgesondert, hatte
nichts mit den anderen Mietern zu tun, sie war meine Schale, mein Futteral,
in das ich mich verkroch, um mich vor der ganzen Menschheit zu
verstecken. Apollon aber schien mir, weiß der Teufel warum, zu dieser
Wohnung zu gehören und so konnte ich ihn denn ganze sieben Jahre lang
nicht vor die Tür setzen.
Seine Monatsgage auch nur zwei oder gar drei Tage lang zurückzuhalten,
war vollkommen ausgeschlossen. Er hätte mich so gepeinigt, daß ich nicht

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gewußt hätte, wo mich verkriechen. In diesen Tagen aber war ich dermaßen
erbittert auf alle Welt, daß ich mich aus irgend einem Grunde und zu irgend
einem Zweck entschloß, meinen Apollon zu bestrafen – ihm das Geld erst
nach ganzen zwei Wochen zu geben. Das hatte ich mir schon lange, schon
seit zwei Jahren vorgenommen, – einzig, um ihm zu beweisen, daß er kein
Recht hatte, sich vor mir so breit zu machen, und daß ich ihm seine Gage
auszahlen konnte, „wann es mir gefällt.“ Ich beschloß also, vom Gelde kein
Wort zu sagen und sogar absichtlich zu schweigen, um seinen Stolz zu
besiegen, und ihn zu zwingen, sich die Gage von mir auszubitten. Dann erst
würde ich die sieben Rubel aus dem Kasten nehmen, sie ihm zeigen und
sagen, daß ich sie habe, sie ihm aber doch nicht gebe, „einfach weil ich
nicht will, nicht will, nicht will – kurz, da ich das so will,“ weil das so mein
„Herrenwille“ ist, weil er nicht ehrerbietig genug ist, weil er ein Grobian
ist! Falls er aber bescheiden wie es sich gehört um das Geld bitten wollte,
so würde ich mich meinetwegen auch erweichen lassen, und ihm die sieben
Rubel geben; wenn nicht, dann könne er noch zwei Wochen warten, könne
er drei Wochen warten, könne er ’nen ganzen Monat warten! ...
Aber wie wütend ich auch war, er blieb doch Sieger. Nicht vier Tage lang
hätte ich’s ausgehalten. Er begann damit, womit er in ähnlichen Fällen
immer zu beginnen pflegte – denn ähnliche Fälle hatte es schon gegeben;
und ich bemerke noch, daß ich im Voraus wußte, wie es kommen würde:
kannte ich doch seine ganze niederträchtige Taktik schon auswendig!
Nämlich: er begann damit, daß er einen ungemein strengen Blick auf mich
richtete und ihn einige Minuten lang nicht von mir abwandte. Das geschah
gewöhnlich, wenn ich ausging oder heimkehrte – dann begleitete oder
empfing mich dieser liebe Blick. Tat ich dann z. B., als bemerkte ich ihn
samt seinen Blicken überhaupt nicht, so schritt er – wiederum schweigend –
zum nächsten Folterexperiment. Plötzlich kommt er mir nichts, dir nichts
leise und mit leichten Schritten in mein Zimmer, wenn ich auf und ab gehe
oder lese, bleibt an der Tür stehn, legt eine Hand auf den Rücken stellt das
eine Bein etwas vor und richtet seinen Blick auf mich – dieser Blick ist aber
dann nicht etwa bloß streng, sondern er drückt mit ihm zugleich seine ganze
niederschmetternde Verachtung aus, die er für mich empfindet. Wenn ich
ihn dann plötzlich frage, was er will, warum er eingetreten ist, so antwortet
er mir keine Silbe, fährt nur fort, mich noch einige Sekunden lang starr
anzusehn und darauf, nachdem er ganz absonderlich die Lippen
zusammengepreßt hat, dreht er sich mit vielbedeutsamer Miene langsam auf

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demselben Fleck um und verläßt langsam das Zimmer. Nach etwa zwei
Stunden öffnet sich plötzlich wieder die Tür und mein Apollon stellt sich
von neuem auf ... Es kam vor, daß ich vor Wut ihn überhaupt nicht fragte,
was er suche, sondern kurz entschlossen, gebieterisch meinen Kopf in den
Nacken warf und ihn gleichfalls unbeweglich anblickte. Dann schauten wir
uns auf diese Weise eine geraume Zeit an, bis er sich endlich langsam und
wichtig umdrehte und mich auf weitere zwei Stunden verließ.
Ließ ich mich durch diese Manöver immer noch nicht eines Besseren
belehren, so fing er mit einem Mal an, zu – seufzen: er blickte mich an und
seufzte tief, ganz als wollte er mit diesem langen, langen Atem die ganze
Tiefe meiner moralischen Gesunkenheit ausmessen. Nun, versteht sich, es
endete damit, daß er mich vollkommen besiegte: ich wütete, schrie,
schimpfte, aber das, um was es sich drehte, mußte ich schließlich doch tun.
Dieses Mal aber, als die üblichen Manöver der „strengen Blicke“
begannen, geriet ich sofort außer mir und stürzte mich wutbebend auf
meinen Peiniger. War ich doch schon so wie so gereizt!
„Bleib!“ schrie ich ihn an, als er sich langsam und schweigend, die eine
Hand auf dem Rücken, wieder umdrehen wollte, um hinauszugehn. –
„Bleib! Komm zurück! Komm zurück, sag ich Dir!“ Ich muß wohl so
absonderlich gegröhlt haben, daß er sich umkehrte und mich sogar
einigermaßen erstaunt anblickte. Übrigens sagte er wieder kein Wort, was
mich total verrückt machte.
„Wie unterstehst Du Dich, ohne Erlaubnis einzutreten und mich so zu
betrachten, antworte!“
Er aber betrachtete mich wieder etwa dreißig Sekunden lang und fing
dann wieder an, sich langsam umzudrehen.
„Steh!“ schrie ich und stürzte auf ihn zu, „nicht vom Fleck! So! Jetzt
antworte: Was suchst Du hier?“
„Wenn Sie mir jetzt was anzuordnen haben, so ist es meine Sache, es
auszuführen,“ sagte er nach kurzem Schweigen ruhig und gemessen wie
immer, wobei er leicht die Augenbrauen heraufzog und langsam den Kopf
von der einen Seite auf die andere bog, – und all das geschah wiederum mit
erschreckender Ruhe.
„Ach, davon rede ich nicht, Henker!“ schrie ich zornbebend. „Ich werde
Dir, Henker, selbst sagen, warum Du herkommst: Du siehst, daß ich Dir die
Gage nicht auszahle, willst aber aus Stolz nicht darum bitten, und so
kommst Du dann mit Deinen dummen Blicken; mich dafür strafen, quälen,

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und den–k–s–t nicht einmal, Du Henker, daß das dumm ist, dumm,
fabelhaft dumm, bodenlos dumm!“
Er schickte sich wieder an, sich langsam umzudrehen, ich aber packte
ihn.
„Hör!“ schrie ich ihn an. „Sieh, hier ist das Geld, siehst Du, siehst Du,
hier ist es!“ – Ich riß das Schubfach meines Tisches auf und nahm das Geld
heraus.
„Volle sieben Rubel! Du aber bekommst sie nicht, be–komm–s–t sie
nicht, so lange bekommst Du sie nicht, bis du kommst und höflich,
reumütig mich um Verzeihung bittest! Hast Du mich verstanden?“
„Das kann niemals geschehen!“ antwortete er mit einem geradezu
übernatürlichen Selbstbewußtsein.
„Wird aber!“ brüllte ich, „geb Dir mein Ehrenwort, daß es geschehen
wird!“
„Und für was soll ich Sie denn um Verzeihung bitten?“ fuhr er fort, als ob
er mein Geschrei überhaupt nicht hörte. „Sie haben mich doch Henker
genannt, für was ich Sie jederzeit auf der Polizei wegen Beleidigung
anzeigen kann.“
„Geh! Tu’s nur!“ schrie ich heiser, „geh sofort, sofort, hörst Du! Ein
Henker bist Du doch! Henker! Henker!“ – Er jedoch schenkte mir nur einen
Blick und schritt ruhig und selbstbewußt hinaus.
„Wenn’s keine Lisa gäbe, würde nichts von alledem geschehen sein!“
entschied ich still bei mir. Darauf, nachdem ich eine Minute lang gestanden
hatte, begab ich mich würdevoll und feierlich, doch mit langsam- und
starkklopfendem Herzen in eigener Person in seine Kammer.
„Apoll!“ sagte ich ruhig und bedeutsam, in Wirklichkeit aber war ich
nichts weniger als ruhig. „Geh sofort zum Polizeioffizier unseres
Stadtviertels!“
Er hatte sich inzwischen schon an seinen Tisch gesetzt, die Brille auf die
Nase geschoben und seine Arbeit wieder aufgenommen. Als er so plötzlich
meinen Befehl hörte, lachte er mit einem Mal laut auf.
„Sofort, geh sofort! Geh, oder – Du weißt nicht, was sonst geschieht!“
„Sie sind wohl nicht ganz normal,“ meinte er darauf gemächlich, ohne
selbst den Kopf zu erheben, denn er fädelte gerade seine Nadel ein. „Und
wer hat denn je erlebt, daß ein Mensch wegen sich selbst die Polizei ruft?
Was aber die Angst anbetrifft, so ängstigen Sie sich umsonst, es wird nichts
geschehn.“

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„Geh!“ krächzte ich und packte ihn an der Schulter. Ich fühlte, daß ich
ihn sofort schlagen würde.
Ich überhörte es ganz, daß in demselben Augenblick die Flurtür geöffnet
wurde und irgend jemand eintrat, stehn blieb und schließlich uns
verwundert anstarrte.
Da blickte ich plötzlich hin und – ich erstarrte zuerst vor Schande und
stürzte dann in mein Zimmer. Dort krallte ich meine Hände ins Haar, stützte
den Kopf an die Wand und blieb unbewegt in dieser Stellung.
Nach einiger Zeit hörte ich die langsamen Schritte Apollons.
„Irgend Eine fragt dort nach Ihnen,“ sagte er, mich ganz besonders streng
messend, worauf er zur Seite trat und Lisa eintreten ließ. Er wollte nicht
hinausgehn und betrachtete mich spöttisch.
„Pack Dich!“ kommandierte ich halb bewußtlos. In dem Augenblick fing
meine Wanduhr an zu schnarren und schlug dann sieben Mal.

Page 132

IX.

Und in mein Haus zieh frei und heiter
Als stolze Herrin ein.

Ich stand vor ihr – vernichtet und in einer Weise fassungslos, die abstoßend
sein mußte, und lächelte, glaub ich, wobei ich mich krampfhaft bemühte,
die Schöße meines schäbigen wattierten Schlafrockes übereinander zu
schlagen, – auf ein Haar so, wie ich es mir noch kurz vorher in einer
verzagten Stunde vorgestellt hatte. Apollon schob zwar nach zwei Minuten
ab, doch wurde mir deswegen noch nicht leichter. Am schlimmsten aber
war, daß sie plötzlich gleichfalls verlegen wurde, und das sogar dermaßen,
wie ich es nie von ihr erwartet hätte. Bei meinem Anblick, versteht sich.
„Setz Dich,“ sagte ich mechanisch und rückte für sie einen Stuhl an den
Tisch, selbst aber setzte ich mich auf das Sofa. Sie nahm sofort gehorsam
Platz, blickte mich aber mit weit offenen Augen an, als erwartete sie sofort
etwas Besonderes von mir. Diese Naivität der Erwartung war’s ja, was mich
aus der Haut brachte. Bezwang mich jedoch.
Da wär’s doch das einzig Vernünftige gewesen, zu tun, als bemerke man
nichts, als sei alles so, wie es sein müßte, sie aber ... – Und dumpf fühlte ich
schon, daß sie für all dieses bitter büßen würde.
„Du hast mich in einer sonderbaren Lage angetroffen, Lisa,“ begann ich
stockend – mit dem vollen Bewußtsein, daß man gerade so nicht anfangen
durfte.
„Nein nein, denk nur nichts Schlechtes!“ rief ich schnell, als ich
bemerkte, daß sie plötzlich errötete, „ich schäme mich nicht meiner Armut
... Im Gegenteil, ich bin stolz auf meine Armut. Ich bin arm aber edel ... Das
kann man, das kann man ... arm aber edel,“ stotterte ich. „Übrigens ... Willst
Du Tee?“
„Nein ...“ sie wollte noch mehr sagen.
„Wart!“
Ich sprang auf und lief hinaus zu Apollon. Man mußte doch irgend etwas
tun.
„Apoll,“ sagte ich leise, doch fieberhaft erregt, „hier hast Du Deine Gage,
siehst Du, ich gebe sie Dir!“ Damit warf ich das Geld, das ich noch in der
Hand behalten hatte, auf seinen Tisch, „aber dafür mußt Du mich retten:

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geh sofort hier in das nächste Restaurant und bring mir Tee und Zwieback
... zehn Stück. Wenn Du nicht gehst, so stürzt Du einen Menschen ins
Unglück! Du weißt nicht, was das für ein Wesen ist ... Sie ist – alles!
Vielleicht glaubst Du irgend etwas. ... Aber Du weißt ja nicht, was das für
ein Wesen ist! ...“
Apollon, der sich schon wieder an seine Arbeit gemacht und die Brille
aufgesetzt hatte, schielte zuerst, ohne die Nadel aus der Hand zu legen,
mißtrauisch auf das Geld; fuhr aber fort, ohne auf mich die geringste
Aufmerksamkeit zu verwenden, an seinem Zwirnfaden herumzuzupfen. Ich
wartete etwa drei Minuten lang in einer Stellung à la Napoleon. An meinen
Schläfen rann kalter Schweiß herab; mein Gesicht war bleich, das fühlte
ich. Endlich – Gott sei Dank! – erfaßte ihn ein menschliches Rühren.
Nachdem er mit seinem Faden fertig geworden war, erhob er sich langsam,
schob langsam den Stuhl zurück, nahm langsam die Brille ab, zählte
langsam das Geld nach, und fragte mich dann langsam über die Schulter, ob
er eine ganze Portion nehmen solle, worauf er langsam das Zimmer verließ.
Als ich zu Lisa zurückkehrte, zuckte mir plötzlich ein Gedanke durch den
Kopf: einfach so wie ich war, im alten Schlafrock, fortzulaufen, einerlei
wohin, immer geradeaus – und dann komme was da kommen mag.
Ich setzte mich wieder auf mein Sofa. Sie blickte mich unruhig an. Wir
schwiegen.
„Ich schlag ihn tot!“ schrie ich plötzlich wild auf und schlug mit der
Faust auf den Tisch, so daß die Tinte aus dem Tintenfaß spritzte.
„Ach! mein Gott, was haben Sie!“ rief sie entsetzt und fuhr zusammen
vor Schreck.
„Ich schlag ihn tot! mausetot!“ schrie ich wieder und schlug unbändig auf
den Tisch – und zu gleicher Zeit begriff ich doch vorzüglich, daß es dumm
war, so außer sich zu geraten.
„Du weißt nicht, Lisa, was dieser Mensch für mich ist! Er ist mein
Henker! ... Jetzt ist er nach Tee und Zwieback gegangen; er ...“
Und plötzlich brach ich in Tränen aus. Es war Nervosität. Wie schämte
ich mich, als ich schluchzte; ich konnte mich aber nicht beherrschen.
Sie erschrak.
„Was haben Sie nur! Was fehlt Ihnen!?“ rief sie erregt, indem sie sich um
mich mühte.
„Wasser, gib mir Wasser, dort auf dem Tisch!“ sagte ich mit schwacher
Stimme, wobei ich aber bei mir genau wußte, daß ich vorzüglich auch ohne

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Wasser auskommen konnte, und durchaus nicht mit so schwacher Stimme
zu sprechen brauchte. Ich aber verstellte mich, wie man zu sagen pflegt, um
den Anstand zu wahren, obgleich der Anfall an sich echt war.
Sie reichte mir das Wasser, wobei ihr Blick wie verloren auf mir lag. In
dem Augenblick trat Apollon mit dem Tee ein. Da schien mir plötzlich
dieser gewöhnliche, prosaische Tee unglaublich unanständig und kläglich
nach allem, was geschehen war, und ich errötete. Lisa blickte sich ängstlich
nach Apollon um: er verließ uns wieder, scheinbar ohne uns auch nur
bemerkt zu haben.
„Lisa, verachtest Du mich?“ fragte ich sie, zitternd vor Ungeduld zu
erfahren, was sie von mir dachte.
Sie wurde verlegen und wußte nichts zu antworten.
„Trink den Tee!“ sagte ich ärgerlich. Ich war wütend auf mich, doch
mußte natürlich sie dafür büßen. Eine furchtbare Wut auf sie erhob sich
plötzlich in meinem Herzen; ich glaube, ich hätte sie totschlagen können.
Um mich an ihr zu rächen, schwor ich mir innerlich, die ganze Zeit über
kein Wort mit ihr zu sprechen. „Sie ist an allem schuld,“ sagte ich mir
immer wieder.
Unser Schweigen dauerte noch eine geraume Zeit. Der Tee stand auf dem
Tisch: ich wollte absichtlich nicht anfangen, um ihre Lage noch
unangenehmer zu machen, denn sie konnte doch nicht zuerst den Tee
nehmen. Sie hatte mich schon mehrere Mal in traurigem
Nichtverstehenkönnen angeblickt. Ich aber schwieg eigensinnig. Natürlich
war ich selbst der größte Märtyrer, denn ich begriff vollkommen die ganze
widerliche Gemeinheit meiner dummen Wut, und doch konnte ich mich auf
keine Weise beherrschen oder zusammennehmen.
„Ich will ... von dort ... ganz fortgehn,“ sagte sie schließlich stockend,
vorsichtig, wahrscheinlich nur, um das Schweigen zu brechen. Die Arme!
Gerade davon hätte sie doch in einem ohnehin schon so dummen
Augenblick, zu einem sowieso schon so dummen Menschen, wie ich, nicht
sprechen sollen. Mein Herz tat mir sogar weh vor Mitleid mit ihr – wegen
ihrer unnötigen Offenheit und Ehrlichkeit. Doch etwas Scheußliches
erstickte in mir sofort das Mitleid, ja, es hetzte mich sogar noch mehr gegen
sie auf. Ach, so mag die ganze Welt untergehn! ... Es vergingen noch fünf
Minuten ...
„Habe ich Sie vielleicht gestört?“ fragte sie schüchtern, kaum hörbar und
erhob sich schon vom Stuhl.

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Als ich aber diesen ersten Ausbruch einer beleidigten Würde sah,
erzitterte ich geradezu vor Wut und verlor meine letzte Selbstbeherrschung.
„Sag mir doch bitte, warum Du eigentlich hergekommen bist?“ rief ich
plötzlich – das Blut stieg mir zu Kopf – ohne daran zu denken, was ich
sprach. Ich wollte alles mit einem Mal aussprechen, daher war’s mir
einerlei, womit ich anfing – wenn mir nur der Atem nicht immer
ausgegangen wäre.
„Warum bist Du zu mir gekommen? Sprich!“ schrie ich besinnungslos.
„Ich werde es Dir sagen, mein Täubchen, warum Du hergekommen bist: Du
bist gekommen, weil ich Dir damals mitleidige Worte gesagt habe. Und jetzt
bist Du wieder sentimental geworden und darum bist Du hergekommen, um
wieder ‚mitleidige Worte‘ zu hören. So wisse denn, wisse, daß ich mich
damals über Dich lustig machte! Und auch jetzt mache ich mich über Dich
lustig. Warum zitterst Du? Ja, ich machte mich lustig über Dich! Man hatte
mich vorher im Restaurant beleidigt – diese selben, die kurz vor mir zu
Euch gekommen waren. Ich aber fuhr zu Euch, um einen von ihnen, den
Offizier, zu verprügeln; das konnte ich nicht, da ich ihn nicht mehr antraf;
da mußte ich meine Wut an einem anderen Menschen auslassen, da kamst
Du mir in die Quere und so ließ ich denn meine Wut an Dir aus, und machte
mich lustig über Dich. Man hatte mich erniedrigt, so wollte denn auch ich
erniedrigen; man hatte mich zu einem Lappen gemacht, so wollte denn auch
ich Macht beweisen ... Das war’s! Du aber glaubtest wohl schon, daß ich
gekommen war, um Dich zu retten – nicht wahr? Das glaubtest Du doch?
Das hast Du doch geglaubt?“
Ich wußte, daß sie vielleicht die Einzelheiten nicht verstehen konnte,
doch wußte ich gleichfalls, daß sie das Wesen der Sache vorzüglich
begreifen würde. So war’s denn auch. Sie erbleichte, wollte zwar etwas
sagen, ihre Lippen verzogen sich zitternd, und plötzlich fiel sie, als ob man
sie mit einem Beil gefällt hätte, auf den Stuhl zurück. Und die ganze Zeit
darauf hörte sie mir zu mit halboffenem Munde, weit offenen Augen,
zitternd vor maßloser Angst. Der Zynismus, der Zynismus meiner Worte
erdrückte sie ...
„Haha! Retten!“ rief ich höhnisch, sprang auf und raste im Zimmer auf
und ab. „Wovor denn retten!? Ich, ich will Dich ja vielleicht selbst haben!
Warum fragtest Du mich nicht, als ich Dir die Leviten las: ‚Wozu bist Du
denn hergekommen? Etwa um uns nachher Moral zu predigen?‘ – Macht!
Macht hatte ich damals nötig, das Spiel mit Dir hatte ich nötig, Deine

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Tränen hatte ich nötig, Deine Erniedrigung, Deine Hysterie – siehst Du, nur
das hatte ich damals nötig! Später hielt ich’s selbst nicht aus, denn ich bin ja
ein Lappen, bekam Angst und stopfte Dir aus Dummheit, weiß der Teufel
wozu, meine Adresse in die Hand. Aber deswegen bedachte ich Dich ja
schon unterwegs, noch bevor ich nach Haus gekommen war, mit allen
Schimpfwörtern der Welt. Schon damals haßte ich Dich, denn ich hatte
Dich belogen. Mit Worten kann ich spielen, in Gedanken träumen – in
Wirklichkeit aber brauche ich – weißt Du was: daß Euch samt und sonders
der Teufel holt! Ja, das brauche ich! Ich brauche Ruhe. Ich würde ja dafür,
daß man mich in Ruhe läßt, die ganze Welt sofort für eine Kopeke
verkaufen. Soll die Welt untergehn, oder soll ich keinen Tee trinken? Ich
sage: die ganze Welt soll untergehn, denn ich will Tee trinken. Wußtest Du
das, oder wußtest Du das nicht? Nun, ich weiß aber, daß ich ein Scheusal,
ein Faulpelz bin, daß ich gemein, selbstsüchtig, egoistisch bin. Diese
ganzen Tage habe ich vor Angst, Du könntest kommen, nur so gezittert.
Weißt Du aber auch, was mich in diesen drei Tagen am meisten beunruhigt
hat? Am meisten – daß ich mich damals Dir als ein Held gezeigt hatte, Du
aber mich hier in meinem alten Schlafrock, bettelarm und scheußlich finden
würdest. Ich sagte Dir vorhin, daß ich mich meiner Armut nicht schäme; so
wisse denn, daß ich mich ihrer schäme, mehr denn aller anderen Mängel
schäme, mich ihretwegen fürchte, mehr fürchte, als wenn ich stehlen würde,
denn ich bin in diesem Punkt so empfindlich, als ob man mir die Haut
abgezogen hätte, und ich schon von der Luft allein Schmerz empfinde.
Solltest Du wirklich selbst jetzt noch nicht erraten, daß ich Dir niemals
verzeihen werde, daß Du mich in diesem elenden Morgenrock angetroffen
hast – gerade als ich mich wie ein kläffendes Hündchen auf Apollon
stürzte? Der Erlöser, der gewesene Held stürzt sich wie ein grindiger,
zottiger Hund auf seinen Diener und der lacht ihn noch aus! Und meine
Tränen vorhin, die ich wie ein altes Weib vor Dir nicht verbergen konnte,
werde ich Dir gleichfalls nie und nimmer verzeihen! Und das, was ich Dir
jetzt gestehe, werde ich Dir auch nicht verzeihen! Ja, – Du, Du allein bist
für alles verantwortlich, weil Du mir so in den Weg gelaufen bist, weil ich
ein gemeiner Mensch bin, weil ich der allgemeinste, der allerlächerlichste,
allerkleinlichste, allerdümmste, allerneidischste Wurm aller Erdenwürmer
bin, die keineswegs besser sind als ich, die aber, weiß der Teufel woher das
kommt, sich niemals verblüffen lassen; ich aber werde mein ganzes Leben
lang von jedem Knirps ’nen Knips auf die Nase kriegen, das ist schon

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einmal so! Und was geht es mich an, daß Du es nicht begreifen kannst! Und
was, nun, was – sag doch selbst, was gehst Du mich an, und was geht es
mich an, ob Du da untergehst oder nicht? Ja, begreifst Du denn auch, wie
ich Dich jetzt, nachdem ich Dir das alles gesagt habe, dafür hassen werde,
daß Du hier gewesen bist, und meine Worte gehört hast? So spricht sich der
Mensch doch nur ein einziges Mal im Leben aus, und auch das geschieht
dann nur aus Hysterie! ... Was willst Du denn noch? Wozu hockst Du denn
noch immer hier vor mir, warum quälst Du mich denn so, warum gehst Du
nicht endlich fort?“
Hier aber geschah plötzlich etwas ganz Sonderbares.
Ich war dermaßen gewöhnt, literarisch zu denken und mir alles auf der
Welt so vorzustellen, wie ich es mir in meiner Phantasie vorher
zurechtgelegt hatte, daß ich zuerst dieses Sonderbare überhaupt nicht
begriff. Das aber war folgendes: diese Lisa, die ich so beleidigt und
erniedrigt hatte, diese Lisa begriff viel mehr, als ich es für möglich gehalten
hätte. Aus allem begriff sie das, was ein Weib, wenn es nur aufrichtig liebt,
immer sofort begreift, nämlich: daß ich selbst unglücklich war.
Der ängstliche, gekränkte Ausdruck ihres Gesichts verwandelte sich
allmählich in traurige Befremdung. Als ich mich aber gemein, selbstsüchtig
nannte und meine Tränen schon herabrollten – diese ganze Tirade sprach
ich mit Tränen in den Augen –, da verzog sich ihr Gesicht wie im Krampf.
Sie wollte aufstehn, mich unterbrechen; als ich aber endete, da beachtete sie
nicht meine Schreie: ‚warum hockst Du hier, warum gehst Du nicht fort?‘ –
sondern sah nur, daß es mir selbst schwer war, alles das auszusprechen. Und
so eingeschüchtert war das arme Ding; sie hielt sich für so tief unter mir
stehend; wie sollte sie es wagen, sich zu ärgern, oder gar beleidigt zu sein?
Von einem unbezwinglichen Gefühl getrieben erhob sie sich plötzlich vom
Stuhl und – denn sie wagte es nicht, sich zu rühren oder zu mir zu kommen
– streckte sie mir nur wortlos ihre Hände entgegen ... Mein Herz wollte mir
brechen. Da kam sie denn zu mir, umarmte meinen Hals und brach in
Tränen aus. Ich hielt es nicht mehr aus und schluchzte auf, wie ich noch nie
geschluchzt ...
„Man läßt mich nicht ... Ich kann nicht ... gut sein!“ sagte ich
schluchzend, darauf ging ich zum Diwan, warf mich auf ihn hin, preßte
mein Gesicht auf das alte Lederkissen und schluchzte mindestens eine
ganze Viertelstunde lang in wahrer Hysterie. Sie schmiegte sich an mich,
umarmte mich und blieb regungslos in dieser Stellung.

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Nun war aber das Unangenehme der Sache, daß das Weinen doch einmal
ein Ende haben mußte. Und da – ich schreibe ja die ekelhafteste Wahrheit –
als ich noch schluchzend auf dem Diwan lag, das Gesicht fest an mein altes
Lederkissen gepreßt, fing ich schon allmählich an, zuerst nur ganz von fern
her, unwillkürlich, aber unbezwingbar zu fühlen, daß es mir doch etwas
peinlich sein würde, den Kopf zu erheben und Lisa in die Augen zu sehn.
Weswegen schämte ich mich denn? – Das weiß ich nicht, aber ich weiß, daß
ich mich schämte. Unter anderem ging mir auch der häßliche Gedanke
durch meinen heißen, verwirrten Kopf, daß jetzt die Rollen vertauscht
waren, daß jetzt sie die Heldin war, ich aber ein ebenso erniedrigtes und
zerschlagenes Geschöpf, wie sie es damals in der Nacht vor mir gewesen –
vor vier Tagen ... Und dieses dachte ich in den Minuten, als ich noch mit
dem Gesicht auf dem Diwan lag und weinte!
Mein Gott! Sollte ich sie denn wirklich in dem Augenblick beneidet
haben?
Ich weiß es nicht, selbst heute kann ich es noch nicht sagen, damals aber
begriff ich mich natürlich noch weniger als jetzt. Ich kann nun einmal nicht
leben, ohne irgend jemanden zu tyrannisieren ... Aber ... Aber mit
Erwägungen hin und her läßt sich ja doch nichts erklären, folglich lohnt es
sich nicht, darüber noch weiter nachzudenken.
Einstweilen aber überwand ich mich doch und erhob den Kopf; einmal
mußte es ja doch geschehen ... Und siehe, ich bin noch jetzt fest überzeugt,
daß gerade weil ich mich schämte, ihr in die Augen zu sehn, gerade darum
in mir plötzlich ein anderes Gefühl erwachte und aufflammte ... die Lust –
sie – zu – besitzen. Meine Augen glänzten vor Leidenschaft und ich preßte
krampfhaft ihre Hände. Wie haßte ich sie und wie zog es mich zu ihr in
diesem Augenblick! Das eine Gefühl bewältigte das andere. Das glich fast
einer Rache! ... Auf ihrem Gesicht drückte sich zuerst Verwunderung aus,
oder vielleicht sogar Angst, doch nur einen Augenblick. Berauscht,
leidenschaftlich umarmte sie mich.

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X.

Nach einer Viertelstunde lief ich wie besessen im Zimmer auf und ab, und
trat vor Ungeduld immer wieder zum Wandschirm, um durch die Spalte
nach Lisa zu sehn. Sie saß auf dem Fußboden, hatte den Kopf an den
Bettrand gestützt und weinte, wie es schien. Sie ging aber nicht fort, und
das war’s ja, was mich ärgerte. Sie wußte bereits alles. Ich hatte sie
beleidigt, aber ... Ach, wozu erzählen. Sie hatte schon erraten, daß der
Ausbruch meiner Leidenschaft gerade Rache war, eine neue Erniedrigung
ihrer Person, und daß zu meinem vorherigen, fast grundlosen Haß noch ein
persönlicher, neidischer Haß auf sie hinzugekommen war ... Übrigens, ich
will nicht behaupten, sie hätte das alles vollkommen bewußt und klar
begriffen; dafür aber begriff sie vollkommen, daß ich ein gemeiner Mensch
war und vor allem einer, der nicht fähig war, sie zu lieben.
Ich weiß, man wird mir sagen, es sei unwahrscheinlich, –
unwahrscheinlich, daß man so grausam, so dumm sein könnte, wie ich es
war; oder vielleicht wird man noch hinzufügen, es wäre unmöglich
gewesen, sie nicht lieb zu gewinnen, wenigstens diese Liebe nicht zu
schätzen. Warum soll es denn unwahrscheinlich sein? Erstens konnte ich
überhaupt nicht mehr lieben, denn lieben bedeutete für mich – tyrannisieren
und moralisch überlegen sein. Mein ganzes Leben lang habe ich mir eine
andere Liebe nicht einmal vorstellen können, und sogar jetzt glaube ich
noch zuweilen, daß die Liebe gerade in dem vom geliebten Wesen
geschenkten Recht, es zu tyrannisieren, besteht. Auch in meinen
Einsamkeitsträumen im Dunkel habe ich mir die Liebe nie anders
vorgestellt, denn als Kampf, hab sie in Gedanken stets mit Haß begonnen
und mit moralischer Unterwerfung beendet, dann aber war’s mir
unmöglich, mir auch nur vorzustellen, was man mit einem unterworfenen
Wesen noch anfangen könnte. Und was kann denn hierbei unwahrscheinlich
sein, wenn ich mich moralisch schon so weit gebracht, mich vom
„lebendigen Leben“ so entwöhnt hatte, daß ich sie beschämen wollte, als
ich ihr vorwarf, sie sei gekommen, um „mitleidige Worte“ zu hören, selbst
aber nicht einmal erriet, daß sie keineswegs deswegen gekommen war, um
mitleidige Worte zu hören, sondern daß sie gekommen war, um mich zu
lieben, denn für das Weib liegt in der Liebe die ganze Auferstehung, die

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ganze Rettung vor einerlei welch einem Verderben, und die ganze
Wiedergeburt, die sich ja anders überhaupt nicht offenbaren kann, als
gerade in ihrer Liebe. Übrigens haßte ich sie gar nicht so sehr, als ich im
Zimmer auf und ab lief und durch die Spalte des Bettschirms lugte. Es war
mir nur unerträglich schwer zu Mut, gerade weil sie bei mir war. Ich wollte,
daß sie vom Angesicht der Erde verschwand. Nach „Ruhe“ sehnte ich mich,
in meinem Winkel allein bleiben wollte ich. Das „lebendige Leben“
erdrückte mich, da ich es nicht gewöhnt war, dermaßen, daß mir sogar das
Atmen schwer wurde.
Es vergingen noch etliche Minuten, sie aber erhob sich immer noch nicht
– als ob sie alles vergessen hätte. Ich war so gewissenlos, leise an den
Schirm zu klopfen, um sie zu erinnern ... Sie fuhr erschrocken zusammen,
erhob sich hastig und suchte eilig ihre Sachen, Tuch, Mützchen, Pelz
zusammen, ganz als wollte sie sich vor mir retten ... Nach zwei Minuten trat
sie langsam hinter dem Schirm hervor und richtete einen schweren Blick
auf mich. Ich lachte boshaft auf, gezwungen natürlich, anstandshalber, und
wandte mich ab.
„Adieu,“ sagte sie und ging zur Tür.
Da trat ich schnell an sie heran, ergriff die Hand, legte hinein ... und
preßte sie wieder zu. Darauf kehrte ich mich hastig um und ging schnell in
die andere Ecke des Zimmers, um wenigstens nicht zu sehen ...
Soeben wollte ich lügen, – schreiben, daß ich dieses in Versehen, halb
bewußtlos, aus Dummheit, aus Kopflosigkeit getan hätte. Ich will aber nicht
lügen, und darum sage ich jetzt offen, daß ich es ... aus Bosheit tat. Es fiel
mir ein, das zu tun, als ich im Zimmer auf und ab lief und sie hinter dem
Bettschirm saß. Eines jedoch kann ich mit aller Bestimmtheit sagen: ich
beging diese Grausamkeit, wenn auch absichtlich, so doch nicht aus
meinem Herzen, sondern aus meinen schlechten Gedanken heraus. Diese
Grausamkeit war dermaßen unnatürlich, dermaßen „gedacht“, absichtlich
komponiert, so literarisch, daß ich sie selbst nicht eine Minute lang ertrug –
zuerst lief ich in die Ecke, um nicht zu sehn, dann aber stürzte ich mit
Scham und Verzweiflung im Herzen ihr nach. Ich riß die Flurtür auf und
horchte hinaus.
„Lisa! Lisa!“ rief ich halblaut, denn ich wagte es nicht, dreister zu rufen.
Keine Antwort. Doch schien es mir, als hörte ich noch unten ihre Schritte
auf der Treppe.
„Lisa!“ rief ich lauter.

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Keine Antwort. Da hörte ich, wie die schwere Haustür geöffnet wurde
und gleich darauf mit dumpfem Krach zuschlug. Der Widerhall schallte
durch das Haus.
Sie war fortgegangen. Nachdenklich kehrte ich in mein Zimmer zurück.
Weh und schwer wars mir ums Herz.
Ich blieb am Tisch nicht weit von dem Stuhl, auf dem sie gesessen hatte,
stehn und starrte gedankenlos vor mich hin. Es verging vielleicht eine
Minute. Plötzlich fuhr ich zusammen: gerade vor mir auf dem Tisch
erblickte ich ... kurz, ich erblickte einen blauen verknitterten
Fünfrubelschein, denselben, den ich ihr in die Hand gedrückt hatte. Das war
derselbe Schein, ein anderer hätte es überhaupt nicht sein können, in der
ganzen Wohnung gab es keinen anderen! Also hatte sie noch Zeit gehabt,
ihn, als ich in die Ecke lief, auf den Tisch zu werfen.
Wie, was? Ich hätte es doch wissen müssen, daß sie es tun würde. Hätte
es wissen müssen? Nein. Ich war so weit Egoist, achtete die Menschen im
Grunde so wenig, daß ich von ihr niemals so etwas erwartet hätte. Das
ertrug ich nicht! Einen Augenblick später stürzte ich mich wie ein Sinnloser
in meine Kleider, zog mir an, was mir in die Hände kam, und lief atemlos
hinaus – ihr nach. Sie hätte noch keine zweihundert Schritte gegangen sein
können, als ich hinaustrat.
Es war ganz still auf der Straße, es schneite; die schweren Flocken fielen
fast senkrecht zur Erde und bedeckten den Fußsteig und die einsame Straße
mit weichen, weißen Schneekissen. Kein Mensch war rings zu sehn, kein
Laut zu hören ... nur Schnee. Wehmütig und nutzlos schimmerten die
Laternen. Ich lief an zweihundert Schritt, – bis zur Querstraße und blieb
stehn.
Wohin war sie gegangen? Und warum lief ich ihr nach?
Warum? Um vor ihr niederzufallen, vor Reue zu weinen, ihre Füße zu
küssen, um ihre Vergebung zu erflehen! Das, gerade das wollte ich. Meine
ganze Brust riß sich entzwei! Niemals, niemals werde ich gleichmütig an
diesen Augenblick zurückdenken können. Aber, – wozu? fragte ich mich.
Werde ich sie denn nicht vielleicht morgen schon hassen, weil ich ihr heute
die Füße geküßt? Werde ich ihr denn Glück bringen? Habe ich denn heute
nicht wieder, schon zum hundertsten Mal, erkannt, was ich wert bin? Werde
ich sie denn nicht totquälen!
Ich stand im Schnee, starrte in die trübe Dunkelheit und dachte darüber
nach.

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„Und ist es nicht besser, ist’s nicht besser,“ fragte ich mich noch oftmals,
wenn ich später in den folgenden Jahren zu Hause mit Phantasieen das
lebendige Weh im Herzen betäuben wollte, „ist es nicht besser, daß sie auf
ewig die Beleidigung mit sich forttrug? Beleidigung – ist doch Läuterung;
das ist die allerätzendste und schmerzhafteste Erkenntnis. Schon am
nächsten Tage würde ich ihre Seele beschmutzt und ihr Herz ermüdet
haben. Die Beleidigung aber wird niemals in ihr erlöschen und wie gemein
auch der Schmutz, der sie umgibt, sein mag, – die Beleidigung wird sie
erheben und läutern ... durch Haß ... hm! ... vielleicht auch durch Vergebung
... Aber wird es ihr denn davon leichter werden?“
Und sagt mir doch – jetzt will ich von mir aus noch eine müßige Frage
stellen: was ist besser, – billiges Glück, oder erhabenes Leid? Nun, was ist
besser?
Sie stieg in mir auf, als ich an jenem Abend halbtot vor Seelenqual bei
mir zu Hause saß. Niemals noch hatte ich solch ein Leid, solch eine Reue
empfunden. Aber wie hätte denn, als ich hinaus- und ihr nachlief, noch
irgend ein Zweifel darüber bestehn können, daß ich nicht auf halbem Wege
umkehren und zurückkommen würde!?
Lisa habe ich nie mehr gesehn und auch nie etwas von ihr gehört. Ich
füge noch hinzu, daß mich die Phrase von der Beleidigung und dem Haß
auf lange beruhigte, obgleich ich damals vor Leid fast krank wurde.
Selbst jetzt noch nach so langen Jahren scheint mir vieles in der
Erinnerung schlecht, aber ... Übrigens, sollte ich nicht hier meine
„Aufzeichnungen“ beenden? Ich glaube, es war falsch von mir, daß ich sie
überhaupt zu schreiben begann. Wenigstens habe ich mich während des
Schreibens die ganze Zeit geschämt: also ist das nicht mehr Literatur,
sondern Selbstgeißelung. Denn lange Geschichten erzählen zum Beispiel
darüber, wie ich mein Leben verfehlt habe durch moralische Verwesung in
meinem Dunkel, durch den gänzlichen Mangel oder vielleicht auch nur ein
zu Wenig an Mittelmäßigkeit, durch Entwöhnung von allem Lebendigen
und durch all die Bosheit, die ich gepflegt, – das ist, bei Gott, alles andere,
nur nicht unterhaltend. In einem Roman muß es einen Helden geben, hier
aber findet man alle Eigenschaften eines Anti-Helden. Und die Hauptsache
ist, daß das Ganze einen äußerst unangenehmen Eindruck macht. Haben wir
uns doch alle vom Leben entwöhnt, alle lahmen wir, alle, – natürlich mehr
oder weniger. Wir sind es ja sogar dermaßen nicht mehr gewohnt, daß uns
mitunter vor dem wirklichen „lebendigen Leben“ Ekel erfaßt, und darum

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ärgert es uns, wenn wir an dasselbe erinnert werden. Sind wir doch sogar so
weit gekommen, daß wir das wirkliche „lebendige Leben“ fast für Mühe,
für eine Last, fast für Dienst halten, und im Geheimen sind wir vollkommen
einig, daß es besser ist, literarisch zu leben. Und warum nur krabbeln wir
herum, was wollen wir denn eigentlich? Das wissen wir ja selbst nicht.
Wehe uns, wenn unsere einfältigen Bitten in Erfüllung gingen! Nun, möge
man es doch einmal versuchen und uns z. B. größere Freiheit geben,
einerlei wem von uns einmal die Hände befreien, das Arbeitsfeld
vergrößern, die Vormundschaft zurückziehen, und wir ... ja, ich versichere
Ihnen, meine Herren: wir würden sofort wieder um eine Vormundschaft
bitten. Ich weiß, daß Sie sich wegen dieser Behauptung maßlos über mich
ärgern und mir wütend zuschreien werden:
„Reden Sie von sich und von Ihrer Misère so viel Sie wollen, aber
unterstehn Sie sich nicht, ‚wir alle‘ zu sagen!“
Erlauben Sie, meine Herren, ich will mich doch mit diesem „wir alle“
keineswegs etwa rechtfertigen!
Was aber mich speziell hierbei anbetrifft, so habe ich in meinem Leben
bloß das bis zum Äußersten geführt, was Sie nicht einmal bis zur Hälfte zu
führen wagen. Und diese Ihre Feigheit halten Sie ja noch für Vernunft und
trösten sich noch mit ihr, – sehen aber nicht ein, daß das Selbstbetrug ist. So
stellt es sich heraus, daß ich schließlich noch lebendiger bin, als Sie, meine
Herren. So blicken Sie doch nur aufmerksamer um sich! Wir wissen ja nicht
einmal, wo das Lebendige jetzt lebt, was es eigentlich ist und wie es heißt.
Man versuche es doch: lasse uns allein, nehme uns die Bücher, und wir
würden uns sofort verlieren und verirren, würden nicht wissen, an wen uns
anschließen, an was uns halten, was lieben und was hassen, was hochachten
und was verachten. Es ist uns ja sogar lästig, Menschen zu sein, Menschen
mit wirklichem, eigenem Leib und Blut. Wir schämen uns unseres Leibes,
halten das Natürliche für Schande und wollen irgend welche noch nie
dagewesene Allmenschen sein. Wir sind Totgeborene – werden wir doch
schon lange nicht mehr von lebendigen Vätern geboren ... und das gefällt
uns ja sogar immer mehr und mehr! Unser Geschmack gewöhnt sich daran.
Bald werden wir uns ausdenken, irgendwie von der Idee geboren zu
werden. Doch jetzt genug damit. Ich will nicht mehr „aus dem Dunkel“
schreiben.

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Übrigens sind hiermit die Aufzeichnungen dieses paradoxen Menschen
noch nicht beendet. Er konnte es nicht lassen, und fuhr daher fort, zu
schreiben. Aber auch mir will es scheinen, daß man vorläufig hier
abbrechen kann.

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Herr Prochartschin.

Eine Erzählung.

I n der Wohnung Ustinja Fedorownas hatte sich im allerdunkelsten und
bescheidensten Winkel Semjon Iwanowitsch Prochartschin eingemietet,
ein älterer, nüchterner und vernünftig denkender Mensch. Da Herr
Prochartschin bei seinem kleinen Posten ein nur seinen dienstlichen
Fähigkeiten entsprechendes Gehalt bezog, so konnte Ustinja Fedorowna auf
keine Weise mehr als fünf Rubel monatlich für diesen Winkel von ihm
verlangen. Einige behaupteten, sie hätte dabei eine besondere Berechnung
gehabt; aber wie dem auch war, jedenfalls wurde Herr Prochartschin all
diesen bösen Zungen zum Trotz ihr Günstling – eine Auszeichnung, die nur
in anständigem und ehrenhaftem Sinne zu verstehn ist. Ich muß hier
bemerken, daß Ustinja Fedorowna eine sehr achtenswerte und wohlbeleibte
Dame war, die einerseits eine besondere Vorliebe fürs Essen und
Kaffeetrinken hatte, und andrerseits dann wieder übermäßiges Fasten liebte,
eine Dame, die bei sich etliche solcher Winkelmieter hatte, und zwar sogar
mehrere, die das Doppelte von dem zahlten, was sie von Semjon
Iwanowitsch erhielt, und die, wenn sie nicht friedlich waren – denn sie
waren alle bis auf den Letzten „böse Spötter“ – sehr in ihrer Achtung fielen,
so daß sie diese Herren, wenn sie nicht ihr Logis bezahlt hätten, nicht nur
nicht bei sich aufgenommen, sondern auch nicht einmal in ihrer Wohnung
empfangen haben würde. Zum Günstling wurde Semjon Iwanowitsch erst,
nachdem man den „Einen“ auf den Friedhof gebracht hatte. Dieser „Eine“
außer Diensten hatte es aber, obgleich er nur ein Auge und ein einziges Bein
besaß, die er nach seinen Worten alle beide aus Tapferkeit verloren,

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nichtsdestoweniger verstanden, die Geneigtheit Ustinja Fedorownas zu
erringen. Und wahrscheinlich wäre er noch lange ihr allertreuester Gehilfe
und Pensionär geblieben, wenn er sich nicht bedauerlicher Weise zu Tode
getrunken hätte. Aber das war schon früher gewesen, als Ustinja Fedorowna
noch auf den Peski[4] wohnte und nur drei Mieter hatte, von denen ihr dann
später beim Umzug in die neue Wohnung, in der sie sich auf weit größerem
Fuße einrichtete und wo sie zehn Pensionäre hielt, nur Herr Prochartschin
gefolgt war.
Ob nun Herr Prochartschin unverbesserliche Mängel hatte, oder ob nun
an seinen Kameraden die Schuld lag, jedenfalls konnte man sich, wie es
schien, beiderseits von Anfang an nicht gut verstehn. Hierbei sei erwähnt,
daß alle neuen Mieter Ustinja Fedorownas unter einander wie die leiblichen
Brüder lebten; einige von ihnen dienten sogar zusammen und alle
verspielten sie ihr Monatsgehalt schon am ersten, wenn sie sich zum
Kartenspiel zusammentaten; sie freuten sich auch zusammen ihres Lebens
„in den schäumenden Augenblicken des Erdendaseins“, wie sie sich
ausdrückten, und sie liebten es, vom Hohen und Erhabenen zu sprechen,
obgleich sich bei diesem Thema nie ein Streit vermeiden ließ; da aber
Vorurteile in ihrer Gesellschaft verpönt waren, so wurde die allgemeine
Harmonie doch nie dabei ganz aufgehoben. Von diesen Winkelmietern
waren besonders bemerkenswert: Mark Iwanowitsch, ein kluger und
belesener Mensch; darauf Oplewanjeff, Prepolowenko – gleichfalls ein
bescheidener und guter Mensch –, dann Sinowij Prokoffjewitsch, dessen
Ideal es war, in die höhere Gesellschaft zu kommen; zuletzt seien noch
erwähnt der Schreiber Okeanoff – der seiner Zeit Semjon Iwanowitsch
Prochartschin beinahe die Siegespalme des Bevorzugten und Günstlings
streitig gemacht hätte –, Ssudjbin, Kantareff und noch andere. Allen diesen
Leuten war Semjon Iwanowitsch scheinbar kein Kamerad. Böses wünschte
ihm zwar keiner von ihnen, umsoweniger, als sie gleich von Anfang an
Prochartschin Gerechtigkeit widerfahren ließen und mit den Worten Mark
Iwanowitschs vollkommen übereinstimmten, nämlich daß Prochartschin ein
friedlicher und guter Mensch sei – allerdings kein Weltmann, dafür aber
auch kein Schmeichler –, daß er natürlich seine Fehler habe, im Übrigen
aber, falls er einmal leiden sollte, dieses doch nur wegen gänzlichen
Mangels eines persönlichen Vorstellungsvermögens geschehen könnte.
Doch nichtsdestoweniger konnte Herr Prochartschin, obgleich man ihn auf
diese Weise ungefragt eines eigenen Vorstellungsvermögens beraubt hatte,

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weder mit seiner Figur, noch mit seinen Manieren jemanden von einem für
ihn günstigen Standpunkte aus in Erstaunen setzen, worüber die Spötter
sich dann andrerseits natürlich gleich zu belustigen hatten. Aber, wie gesagt,
Mark Iwanowitsch, die Autorität in höheren Fragen, hatte ja öffentlich und
formell Semjon Iwanowitsch in den Schutz genommen, und ziemlich
geschickt in einem schönen, blütenreichen Stil erklärt, daß Prochartschin
ein erfahrener und solider Mensch sei, der schon längst alles Elegische und
Romantische im Leben abgestreift hätte. Also trug denn doch Semjon
Iwanowitsch, wenn er sich mit den anderen nicht einzuleben verstand, ganz
allein die Schuld daran.
Was allen zuerst auffiel, war zweifellos Semjon Iwanowitsch’s sparsame
Haushaltung und sein schmutziger Geiz. Das bemerkte man gar bald und
setzte es ihm dann auch sofort auf die Rechnung. Semjon Iwanowitsch
konnte z. B. niemals und niemandem seine Teekanne leihen, wenn auch nur
auf einen Augenblick; und das war um so mehr unrecht von ihm, als er
selbst fast nie Tee trank, sondern nur zuweilen, wenn er dessen sehr
bedurfte, einen angenehmen Aufguß von Kamillentee und anderen
heilsamen Kräutern, von denen er große Vorräte bei sich aufbewahrte, in
dieser Teekanne zu kochen pflegte. Übrigens speiste er auch nicht so, wie
die anderen Mieter. Niemals z. B. erlaubte er sich das ganze Mittagessen,
das Ustinja Fedorowna täglich ihren Pensionären verabfolgte, zu
verspeisen. Das Mittagessen kostete fünfzig Kopeken; Semjon Iwanowitsch
aß aber nur für fünfundzwanzig Kopeken und überstieg diese Summe kein
einziges Mal. Er aß entweder die Kohlsuppe mit Piroggen oder den Braten,
– und sehr oft aß er weder das Eine noch das Andere, sondern irgend einen
Mehlbrei mit Zwiebeln oder saure Milch mit gesalzener Gurke, was weit
billiger war. Wenn er aber seine natürlichen Instinkte nicht mehr
überwinden konnte, so kehrte er wieder zu seiner halben Portion
Mittagessen zurück ...
Ich muß gestehen, daß ich mich niemals entschlossen hätte, von solchen
niedrigen und sogar peinlichen Einzelheiten zu sprechen, wenn nicht diese
kleinen Einzelheiten gerade ein vorherrschender Charakterzug des Helden
meiner Erzählung gewesen wären; denn Herr Prochartschin war längst nicht
so geizig – wie er es selbst manchmal behauptete –, um sich eine
regelmäßige und gute Kost zu versagen, sondern er tat es, ohne dabei die
Kritik der anderen zu fürchten, bloß zur Befriedigung seiner sonderbaren
Launen; das waren: Sparsamkeit und übertriebene Vorsicht. Auch kann ich

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nicht unterlassen zu bemerken – ich berufe mich hier nur auf die Aussagen
Ustinja Fedorownas –, daß er sich in seinem ganzen Leben nicht
entschließen konnte, seine Wäsche waschen zu lassen oder wenigstens sich
so selten dazu entschloß, daß man sich mitunter zweifelnd fragen mußte, ob
Semjon Iwanowitsch überhaupt Wäsche trug. Wie sie sagte, hat Semjon
Iwanowitsch ihr „Täubchen“ zweimal zehn Jahre lang bei ihr einen Winkel
gewärmt, Scham kannte er nicht, denn es fehlte ihm nicht nur sein ganzes
Erdenleben hindurch immerwährend an Socken, Taschentüchern und
anderen unentbehrlichen Gegenständen der Leibesnotdurft, sondern „ich
selbst, Ustinja Fedorowna, habe mit eigenen Augen gesehn, dank der
Altersrisse des großen Bettschirms, daß er, mein Täubchen, nicht einmal
etwas hatte, um sein weißes Körperchen zu bedecken“. Solche Gerüchte
verbreiteten sich aber erst nach dem Tode Semjon Iwanowitschs, denn zu
seinen Lebzeiten – und das war eine der Hauptursachen aller Zwistigkeiten
– konnte er es unter keinen Umständen vertragen, ungeachtet der
kameradschaftlichsten Beziehungen, daß irgend jemand seine neugierige
Nase in seinen Winkel steckte und wenn auch nur infolge der Risse des
alten Bettschirms. Er war ein schweigsamer, unzugänglicher Mensch, der
sich auf keine unnütze Unterhaltung einließ. Ratgeber liebte er in keinerlei
Gestalt, Vorwitzige aber noch weniger, und konnte er einmal einen von
ihnen auf der Stelle packen, so ließ er ihn nicht früher wieder los, als bis er
ihm ordentlich die Wahrheit gesagt hatte. „Du dummer Junge Du, behalte
Deine Ratschläge für Dich, sieh mal erst in Deine Tasche, mein Herr, und
zähle lieber nach, was Du hast!“ Semjon Iwanowitsch war ein einfacher
Mensch und sagte zu allen ausnahmslos Du. Auch konnte er es nicht leiden,
wenn irgend jemand, der seine Gewohnheiten kannte, nur zum Scherz oder
aus Unart ihn fragte, was er denn eigentlich in seinem Koffer aufbewahrte
... Semjon Iwanowitsch besaß nämlich einen sonderbaren Koffer: er stand
bei ihm unter dem Bett und wurde von ihm wie ein Augapfel behütet.
Obgleich es alle wußten, daß in ihm außer alten Lappen, außer zwei oder
drei Paar alter, vertragener Stiefel und überhaupt allem möglichstem Kram
so gut wie gar nichts enthalten war, schätzte Herr Prochartschin dieses sein
bewegliches Mobiliar doch sehr hoch; ja, einmal ließ er sogar etwas von
seiner Absicht verlauten, das alte, aber sehr starke Schloß des Koffers durch
ein neues Schloß deutscher Arbeit, das verschiedene kniffliche
Sicherheitsvorrichtungen und heimliche Federn haben sollte, zu ersetzen.
Als einmal Sinowij Prokoffjewitsch infolge seiner jugendlichen

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Unbedachtsamkeit einen sehr taktlosen, ja groben Verdacht äußerte,
nämlich, daß Semjon Iwanowitsch wahrscheinlich in seinen Koffer
hineinsparte, um seinen „Nachkommen“ etwas zu hinterlassen, da waren
alle anwesenden Winkelmieter angesichts der außergewöhnlichen Folgen
dieser Unbedachtsamkeit Sinowij Prokoffjewitschs einfach sprachlos.
Erstens konnte Herr Prochartschin auf solch eine grobe Bemerkung nicht
sofort eine anständige Erwiderung finden. Dann aber stürzten über seine
Lippen nur Worte ohne jeglichen Zusammenhang, und erst nach langer Zeit
konnte man endlich erraten, daß Semjon Iwanowitsch den Sinowij
Prokoffjewitsch wegen einer altvergangenen schmutzigen Angelegenheit
beschimpfte; darauf prophezeite Semjon Iwanowitsch, daß Sinowij
Prokoffjewitsch nie in die höhere Gesellschaft gelangen und ihn der
Schneider, dem er noch einen Anzug schuldete, einfach durchprügeln
würde, unbedingt gerade durchprügeln, da der „dumme Junge“ doch nicht
bezahlen könnte; und „Du dummer Junge“ fügte Semjon Iwanowitsch
hinzu, „Du willst zu den Husaren übergehn, aber sieh, ich sage Dir, das
wird Dir nicht gelingen, da hast Du es, Du dummer Junge, und so wie die
Obrigkeit von Dir alles erfahren wird, wird sie Dich zum Schreiber
degradieren; siehst Du jetzt, wie’s ist! Du dummer Junge!“ Darüber schien
sich Semjon Iwanowitsch zu beruhigen. Aber siehe da, nachdem er fünf
Stunden lang wie in tiefes Nachdenken versunken ruhig dagelegen hatte,
fing er plötzlich, zum größten Erstaunen aller, zuerst nur vor sich hin, dann
aber wieder an Sinowij Prokoffjewitsch gewandt zu schimpfen an. Damit
aber war die Sache auch noch nicht abgetan, denn als am Abend Mark
Iwanowitsch und Prepolowenko einen Tee spendierten, da kroch auch
Semjon Iwanowitsch aus seinem Bett, setzte sich zu ihnen und steuerte
sogar seine fünfzehn oder zwanzig Kopeken dazu bei, und unter dem
Vorwand, daß er Tee trinken wollte, fing er an, sich sehr weitschweifig über
die Sache auszubreiten: daß er ein armer Mensch wäre und sonst nichts
mehr, und daß ein armer Mensch nichts einzuscharren hätte. Bei der
Gelegenheit gestand also Herr Prochartschin – und zwar nur darum, weil es
einmal zur Sprache gekommen –, daß er ein armer Mensch war; noch vor
drei Tagen hätte er den frechen Menschen um einen Rubel anpumpen
wollen, jetzt aber würde er es nicht mehr tun, weil der dumme Junge sonst
triumphieren könnte ... und sein Gehalt sei gerade so groß, daß es kaum für
ihn selbst ausreichte, er aber müßte noch, so arm wie er war und wie es
doch alle sahen und wußten, fünf Rubel monatlich seiner Schwägerin nach

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Twerj schicken, und wenn er sie nicht schicken würde, so würde die
Schwägerin sterben, und wenn sie sterben würde, so würde er sich sofort
neue Kleider kaufen können ... Und lange noch und ausführlich sprach
Semjon Iwanowitsch vom armen Menschen, von den fünf Rubeln und der
Schwägerin, und wiederholte dasselbe des stärkeren Nachdrucks halber den
Zuhörern so lange, bis er sich endlich selbst ganz verwirrte und
verstummte. Aber nach drei Tagen, als schon niemand mehr ihn anzugreifen
beabsichtigte und alle ihn vergessen hatten, fügte er plötzlich noch zum
Schluß hinzu: „Wenn Sinowij Prokoffjewitsch zu den Husaren geht, so wird
man diesem frechen Menschen im Kriege die Beine abschießen und wenn
er dann in Holzbeinen betteln gehn wird, und ihn bitten wird: ‚gib mir,
guter Mensch, Semjon Iwanowitsch, ein Stückchen Brot!‘, so wird er,
Semjon Iwanowitsch, ihm nichts geben und wird diesen übermütigen
Menschen Sinowij Prokoffjewitsch nicht einmal ansehn und nur sagen: ‚geh
Du nur jetzt mit Deinen Bohnenstangen! Siehst Du jetzt, wie’s ist‘!“
Alles das, wie es ja auch nicht anders möglich war, wirkte sehr sonderbar
und zu gleicher Zeit sehr lächerlich. Ohne sich lange zu bedenken,
versammelten sich alle Winkelmänner zur weiteren Untersuchung der
Verhältnisse Semjon Iwanowitschs und sie entschlossen sich, ihn alle
zusammen endgültig anzugreifen. Da es Herr Prochartschin in der letzten
Zeit, in der er sich ihrer Kompagnie anschloß, sehr liebte, sich in alles
einzumischen und über alles auszufragen, was er wahrscheinlich aus
besonderen geheimnisvollen Gründen tat, so verschlechterten sich die
beiderseitigen Beziehungen, ohne jegliche vorhergefaßte Absicht, einfach
durch diese seine neue Eigenschaft ganz von selbst.
Semjon Iwanowitsch hatte sich nämlich eine sehr schlaue Taktik
ausgedacht, mittels der er sich auf anständige Weise des Abends zu den
Anderen gesellen konnte, ein Manöver, das dem Leser zum Teil bereits
bekannt ist: wenn er sah, daß die Anderen sich zusammentaten, um einen
Tee mit Likör oder sonstigen Zutaten zu trinken, so kroch er ganz einfach
aus seinem Bett, ging als bescheidener, kluger und liebenswürdiger Mensch
zu ihnen und legte seine obligatorischen zwanzig Kopeken auf den Tisch,
was bedeuten sollte, daß er sich zu beteiligen wünschte. Die Gesellschaft
tauschte darauf verständnisinnge Blicke aus und – Semjon Iwanowitsch
wurde einwandlos angenommen. Man bemühte sich zuerst ein anständiges
und vernünftiges Gespräch zu führen, darauf wurde aber irgend ein freieres
Thema gewählt und allmählich, als ob nichts dabei gewesen wäre, ging man

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auf die Neuigkeiten über. Nun aber war die Sache die, daß diese
Neuigkeiten von dem Erzähler ganz willkürlich erdacht und wiedergegeben
wurden. Zum Beispiel erzählte man, wie seine Excellenz Demid
Wassiljewitsch gesagt, daß seiner Meinung nach die verheirateten Beamten
weit solider wären als die unverheirateten und daher bei der Beförderung
den Anderen stets vorzuziehen seien; denn erstens wären sie ruhiger, und
zweitens entwickle die Ehe in ihnen viel mehr Fähigkeiten, und darum,
fügte der betreffende Erzähler der Nachricht von sich aus hinzu, werde auch
er hinfort, um sich auszuzeichnen und etwas erreichen zu können, bemüht
sein, sich baldmöglichst mit irgendeiner Fewronja Prokoffjewna zu
verehelichen. Oder, zum Beispiel, wie alle bemerkt hätten, daß die
Unverheirateten jeglicher angenehmen und guten Manieren eines
Weltmannes entbehrten, und deshalb in der Gesellschaft und besonders den
Damen nicht gefallen könnten. Um nun ähnlichen Unfug auszurotten, solle
von dem Monatsgehalt ein Teil abgezogen werden, und zwar zur Errichtung
eines Saales, in dem man das Tanzen erlernen, und bei der Gelegenheit
Anstand, gute Manieren, Höflichkeit, Ehrfurcht vor dem Alter, einen festen
Charakter, ein gutes Herz und weiß Gott was sonst noch alles erwerben
könnte. Ja, es hieße sogar, sagte der Erzähler, daß die Beamten, besonders
die älteren und allerältesten, ein Examen in allen Fächern würden ablegen
müssen, um schneller einen vorschriftsmäßigen Bildungsgrad zu erreichen
und daß infolgedessen viele von ihnen ihre Karten aus der Hand legen
müßten ... mit einem Wort, es wurden tausend solcher sinnloser Sachen
besprochen, und man tat, als ob man im Ernst an sie glaubte, als ob man
selbst davon betroffen wäre: einige machten eine traurige Miene, andere
wiegten bedenklich das Haupt und fragten um Rat, was sie tun sollten, um
diesem Schicksal zu entgehn? Es versteht sich von selbst, daß ein anderer
Mensch, der nicht so gutmütig und ruhig gewesen wäre, wie Herr
Prochartschin, sich in das allgemeine Gespräch eingemischt und erklärt
haben würde, mit ihren Ansichten nicht übereinstimmen zu können. Aber
augenscheinlich war Semjon Iwanowitsch viel zu stumpfsinnig und
beschränkt, um einen neuen Gedanken, an den sich sein Verstand noch nicht
gewöhnt hatte, sofort zu erfassen, und so war er denn, wenn er einmal
irgendwo einen neuen Gedanken hörte, genötigt, ihn erst wochenlang zu
bedenken und zu verdauen, um seinen Sinn zu begreifen; gewöhnlich aber
verwickelte er sich bei dieser Prozedur dermaßen, daß er ihn dann
schließlich nur auf eine ganz besondere, nur ihm eigene Weise überwinden

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konnte. Infolge dieser Gespräche entpuppten sich bei Semjon Iwanowitsch
plötzlich ganz eigenartige und ganz unvorhergesehene Eigenschaften ...
Diese Gespräche mit Variationen und Zulagen wurden später sogar in seiner
Kanzlei bekannt. Besonderes Aufsehn erregte aber die eine Tatsache, daß
Herr Prochartschin, der seit undenklichen Zeiten immer ein und dasselbe
Gesicht gehabt hatte, plötzlich um nichts und wieder nichts seine
Physiognomie ganz und gar veränderte: sein Gesicht wurde unruhig und er
blickte scheu und mißtrauisch um sich; wenn er ging, trat er leise auf,
schrak oft zusammen, und mit einem Male liebte er es über alles, sozusagen
zur Vollendung seiner neuen Eigenschaften, die Wahrheit zu erforschen. In
der Liebe zur Wahrheit brachte er es schließlich so weit, daß er es wagte,
sich bei Demid Wassiljewitsch, seinem Chef, selbst nach der
Glaubwürdigkeit dieser Gerüchte zu erkundigen, und wenn ich die Folgen
dieses Wagnisses verschweige, so geschieht das nur, um Semjon
Iwanowitschs Reputation zu schonen. So fanden denn alsbald seine
sämtlichen Kollegen, daß er ein Misantrop wäre und den gesellschaftlichen
Anstand verachtete. Auch fanden sie, daß viel Phantastisches an ihm war,
und auch darin hatten sie Recht; es fiel allgemein auf, daß Semjon
Iwanowitsch sich manchmal ganz vergessen konnte, mit offenem Munde
unbeweglich und versteinert dasaß und die Feder in der Luft hielt, so daß er
mehr dem Schatten eines denkenden Menschen, als einem denkenden
Menschen selbst glich. Auch kam es nicht selten vor, daß irgend einer der
stumpfenden Schreiber, wenn er plötzlich seinem unruhigen und suchenden
Blick begegnete, zusammenfuhr, erzitterte und auf das zu beschreibende
Papier ein ganz unnötiges Wort niederschrieb. Die Unzulässigkeit seines
Benehmens beunruhigte und beleidigte aufrichtig viele anständige Leute ...
Als sich aber an einem schönen Morgen in der Kanzlei das Gerücht
verbreitete, daß Herr Prochartschin sogar seinen Bureauchef Demid
Wassiljewitsch erschreckt, sich nämlich bei einer Begegnung im Korridor
dermaßen eigenartig und sonderbar benommen hatte, daß dieser genötigt
gewesen war, ihm auszuweichen, da war man allgemein überzeugt, daß die
Entwicklung seines Geistes eine gefährliche Richtung eingeschlagen hatte.
Dieses Gerücht kam auch schließlich ihm zu Ohren. Als er es hörte, stand er
auf, ging vorsichtig an allen Tischen und Stühlen vorüber, erreichte das
Vorzimmer, nahm eigenhändig seinen Mantel vom Kleiderständer, zog ihn
an, ging hinaus und – verschwand. Warum er verschwand? Wer kann das
wissen! Ob er den Mut vollständig verlor oder ihn etwas anderes fortzog,

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das mag dahingestellt sein. Jedenfalls war er weder zu Hause noch in der
Kanzlei zu finden.
Ich werde nicht das Schicksal Semjon Iwanowitschs durch seine
phantastischen Neigungen zu erklären versuchen, doch muß ich bemerken,
daß unser Held – nichts weniger als ein Weltmann war, denn früher, als er
noch auf den „Peski“ wohnte, d. h. als er noch nicht in diese Kompagnie der
Winkelbewohner geraten war, hatte er in einer dumpfen,
undurchdringlichen Einsamkeit gelebt. Fast geheimnisvoll kam er einem
vor, denn er hatte die ganze Zeit über nur auf seinem Bett hinter dem
Schirm gelegen und geschwiegen und zu Niemandem in Beziehung
gestanden. Seine beiden alten Miteinwohner, Ustinja Fedorowna sowie der
Verstorbene, lebten ebenso zurückgezogen wie er; beide schienen sie nicht
weniger geheimnisvoll zu sein, beide lagen sie gleichfalls fünfzehn Jahre
lang hinter den Schirmen. In patriarchalischer Ruhe zogen sich die
glücklichen dämmerigen Tage und Stunden hin und da alles um sie herum
in derselben Ordnung seinen Gang nahm, so erinnerten sich später weder
Semjon Iwanowitsch noch Ustinja Fedorowna genau, wann das Schicksal
sie eigentlich zusammengeführt hatte. „Ob es zehn Jahre her sind oder
schon fünfzehn Jahre, oder vielleicht sogar schon fünfundzwanzig,“ sagte
sie ihren neuen Mietern, „daß er, mein Täubchen, bei mir nistet und ich ihm
die Seele wärme – wer kann’s wissen?“ – Und darum war es nur natürlich,
daß sie äußerst unangenehm erstaunt war, als sich der Held unserer
Erzählung, ihr solider, bescheidener Liebling, vor einem Jahr in die
Gesellschaft der neuen Winkelbewohner, dieser lärmenden und unruhigen
zehn „jungen Kinder“, einmischte.
Das Verschwinden Semjon Iwanowitschs verursachte nicht wenig
Aufsehen in den Winkeln. Allein schon, weil er der Günstling Ustinja
Fedorownas war und sodann, weil es sich erwies, daß sein Paß, den bis jetzt
sie als Wirtin aufbewahrt hatte, plötzlich verschwunden war. Ustinja
Fedorowna schluchzte natürlich – was sie in allen kritischen Augenblicken
zu tun pflegte; den Einwohnern machte sie zwei ganze Tage lang Vorwürfe,
daß sie ihn wie ein armes Küken verjagt hätten, daß sie ihn umgebracht
hätten „alle diese bösen Spötter“ und – am dritten Tage jagte sie alle hinaus,
ihn zu suchen, mit dem Befehl, den Flüchtling tot oder lebendig
einzufangen. Gegen Abend kam als erster der Schreiber Ssudjbin zurück
und erklärte, daß er auf seiner Spur wäre, daß er den Flüchtling auf dem
Trödelmarkt und noch an anderen Stellen gesehen hätte, daß er ganz in

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seiner Nähe gestanden beim Feuerschaden in der „schiefen Gasse“, es aber
nicht gewagt hätte, ihn anzureden. Eine Stunde darauf erschienen Okeanoff
und Kantareff und bestätigten Ssudjbins Aussagen Wort für Wort: auch sie
hätten nicht weit von ihm gestanden, ihn anzureden hätten aber auch sie
nicht gewagt, und beide hätten sie bemerkt, daß Semjon Iwanowitsch mit
dem bekannten Trunkenbold Simoweikin gegangen wäre. Dieser Vagabund
war ein schlechter, schmeichlerischer Mensch, der auf Semjon Iwanowitsch
ersichtlich einen schlechten Einfluß hatte. Er tauchte gerade eine Woche vor
dem Verschwinden Semjon Iwanowitschs mit seinem Freunde Remneff auf,
lebte einige Zeit in den Winkeln und erzählte allen, daß er um der Wahrheit
willen litt, daß er früher in der Provinz gedient hätte, dann aber, als der
Revisor gekommen war, samt seinen Genossen um der Wahrheit willen
verjagt worden wäre, daß er dann nach Petersburg gekommen und Porfirij
Grigorjewitsch fußfällig gebeten hätte, ihn durch seine Fürsprache in einer
Kanzlei unterzubringen, aber daß man ihn, dank seines grausamen
Schicksals, auch von dort wieder entfernt hätte, woran nur die Kanzlei die
Schuld trüge; in die neugebildete Gesellschaft der Beamten nehme man ihn
aber nicht auf, einesteils wegen seiner Unfähigkeit zum Dienst überhaupt,
und andrerseits wegen seiner Neigung zu einer anderen, ganz
nebensächlichen Sache, – alles zusammen genommen aber doch nur wegen
seiner Liebe zur Wahrheit und zu guter Letzt auch noch infolge der Ränke
seiner Feinde. Nachdem Herr Simoweikin die Erzählung seiner
Lebensgeschichte beendet hatte, während welcher er die ganze Zeit über
seinem unrasierten Freunde zugeblinzelt hatte, verabschiedete er sich der
Reihe nach von allen, die im Zimmer anwesend waren, auch Awdotja, die
Magd, nicht ausgenommen, nannte sie alle seine Wohltäter und sagte noch
zum Schluß, daß er allein ein unwürdiger, gemeiner, unsolider und dummer
Mensch wäre, und daß gute Menschen sein trauriges Schicksal nicht
bemitleiden sollten. Nachdem er dann alle um Schutz angefleht hatte,
wurde Herr Simoweikin froh und lustig, küßte Ustinja Fedorowna sogar die
Hand, ungeachtet ihrer bescheidenen Versicherungen, daß ihre Hand eine
einfache, keine adlige Hand wäre, und versprach am Abend der ganzen
Gesellschaft sein Talent in einem besonderen charakteristischen Tanze zu
zeigen. Aber am darauffolgenden Tage wurde er vor die Tür gesetzt, –
vielleicht weil sein Charaktertanz zu viel Charakter gehabt oder weil er
Ustinja Fedorowna nach ihren Worten „beleidigt und erniedrigt“ hatte, sie
aber, die selbst mit Jaroslaff Iljitsch bekannt war, folglich, wenn sie nur

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gewollt, schon längst die Frau eines Oberleutnants hätte sein können. Er
ging, kehrte aber wieder zurück, wurde jedoch wieder als ehrlos vertrieben.
Da bat er denn Semjon Iwanowitsch, sich seiner anzunehmen, nahm ihm so
nebenbei seine neuen Hosen ab und erschien dann in der Eigenschaft als
Verführer Semjon Iwanowitschs wieder auf der Bildfläche.
Als nun die Wirtin hörte, daß Semjon Iwanowitsch noch lebte und
gesund war, und daß man somit seinen Paß nicht mehr zu suchen brauchte,
ließ sie das Trauern und beruhigte sich allmählich. Da fiel es aber einem
von der Kompagnie ein, dem Entlaufenen einen feierlichen Empfang zu
bereiten, und sofort waren alle dabei: sie öffneten den Riegel des
Bettschirmes, hoben ihn etwas weiter ins Zimmer, durchwühlten ein wenig
das Bett, nahmen den bekannten Koffer und legten ihn quer auf die
Fußstelle des Bettes; darauf machten sie aus den alten Kleidern der Wirtin,
aus einem Tuch, einer Haube und einem Schlafrock die „Schwägerin aus
Twerj“ und legten diese Puppe „zur Erholung von der Reise“ auf das Lager
des Entlaufenen. Bei seiner Ankunft wollten sie ihm dann mitteilen, daß
seine Schwägerin angekommen wäre und sich in seiner Ecke eingerichtet
hätte. Sie warteten und warteten aber vergeblich! Bis Mitternacht hatte in
der Erwartung Mark Iwanowitsch schon seine halbe Monatsgage an
Kantareff und Prepolowenko verspielt. Awdotja, die Magd, hatte sich schon
vollkommen ausgeschlafen und war bereits zweimal von ihrem Bett
aufgestanden, um den Ofen zu heizen. Sinowij Prokoffjewitsch war bis auf
die Haut durchnäßt, da er immer wieder auf den Hof hinausgelaufen war,
um nachzusehn, ob nicht Semjon Iwanowitsch endlich kam; aber es
erschien Niemand: weder Semjon Iwanowitsch, noch der Simoweikin.
Endlich legten sich alle schlafen und ließen für alle Fälle die Schwägerin
auf seinem Bett. Erst um vier Uhr nachts wurde an die Pforte geklopft, und
zwar so heftig, daß alle Erwartenden für ihre Mühen reichlich belohnt
waren. Das war er, er selbst, Semjon Iwanowitsch, Herr Prochartschin, nur
befand er sich in solch einem Zustande, daß alle entsetzt die Mäuler
aufsperrten und keiner von ihnen mehr an die Schwägerin dachte. Der
Verlorengegangene war ganz durchnäßt und besinnungslos. Ihn brachte,
oder richtiger gesagt, trug auf den Schultern ein zerlumpter
Droschkenkutscher. Auf die Frage der Wirtin, wo sich denn der Arme so
betrunken hatte, antwortete jener: „Betrunken ist er nicht und ist es auch gar
nicht gewesen; das kann ich Dir schon versichern, wahrscheinlich hat ihn
eine Ohnmacht überfallen oder ein Krampf, oder der Schlag hat ihn

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gerührt.“ Man untersuchte ihn, brachte den Schuldigen an den Ofen, und
überzeugte sich, daß er weder betrunken, noch vom Schlag gerührt war,
sondern daß ihn irgend eine andere Sünde überfallen haben mußte. Auch
konnte Semjon Iwanowitsch seine Zunge nicht bewegen, ihn schüttelte nur
ein Fieberfrost und er blinkerte mit den Augenlidern und stierte erstaunt den
einen oder anderen Zuschauer in ihren Nachtkostümen an. Man fragte
darauf den Kutscher, woher er ihn gebracht? „Von irgend woher“ antwortete
dieser, „der Henker weiß woher, Herren sind nicht Herren, wenn sie
spazieren gegangen und lustige Herren sind; haben sie sich geprügelt oder
sonst was, Gott weiß es, was für welche es waren, lustige Herren sind gute
Herren!“ Man trug Semjon Iwanowitsch auf sein Bett. Als Semjon
Iwanowitsch aber seine „Schwägerin“ berührte und seinen geliebten Koffer
wiedersah, da schrie er auf, bedeckte ihn mit seinem Körper, mit seinen
Händen und starrte die Anwesenden mit verzweifeltem, aber sonderbar
entschlossenem Blick an; dieser Blick schien auszudrücken, daß er eher zu
sterben bereit war, als auch nur den hundertsten Teil seiner armseligen Habe
irgend jemandem abzutreten ...
Semjon Iwanowitsch lag so zwei oder drei Tage lang in Fieber, durch
seinen Bettschirm von jeglicher Gotteswelt und all ihren Lebensstürmen
abgeschieden. Schon am nächsten Morgen hatten ihn alle vergessen, was ja
schließlich ganz in der Ordnung war; die Zeit flog dahin, Stunden folgten
auf Stunden, Tage auf Tage. Halbschlaf und Träume umlagerten den heißen
Kopf des Kranken; er lag ganz ruhig und still, stöhnte nicht und klagte
nicht; im Gegenteil, er schwieg und drückte sich an sein Bett wie ein Hase,
der sich vor Angst an die Erde preßt, wenn er die Jagd hört. Zu einer
gewissen Tageszeit trat in der Wohnung eine langandauernde
melancholische Stille ein – das Zeichen, daß alle Einwohner sich entfernt
hatten, in den Dienst gegangen waren, und der vor sich hinträumende
Semjon Iwanowitsch konnte so viel er wollte damit seinen Kummer
zerstreuen, daß er dem Geräusch in der nahen Küche zuhörte, wo die Wirtin
herumhantierte, oder den gleichmäßigen schlurrenden Schritten Awdotja’s,
der Magd, die von Zimmer zu Zimmer ging und krächzend und stöhnend
alle Winkel aufräumte, Staub wischte und die Ordnung wieder herstellte.
Ganze Stunden vergingen so in dieser schläfrigen, faulen, eintönigen Weise,
wie das Wasser, das man regelmäßig in der Küche vom Krahn ins Becken
tröpfeln hörte. Dann kehrten die Einwohner wieder zurück, einzeln oder
zusammen, und Semjon Iwanowitsch hörte, wie sie über das Wetter

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schimpften, essen wollten, lärmten, sich herumzankten, sich wieder
versöhnten, Karten spielten, und wie die Tassen klirrten, wenn sie sich
anschickten, den Tee zu trinken. Semjon Iwanowitsch machte ganz
mechanisch den Versuch aufzustehn, um wie gewöhnlich an dem Tee Teil
zu nehmen, schlief aber mittlerweile wieder ein, und so schien es ihm denn,
daß er schon lange am Teetisch saß und sich mit ihnen unterhielt, und daß
Sinowij Prokoffjewitsch den Zufall benutzte, um in das Gespräch ein
Projekt über die Schwägerinnen im allgemeinen einzuflechten und im
besonderen über die moralischen Verpflichtungen gewisser guter Leute
ihnen gegenüber. Da beeilte sich Semjon Iwanowitsch, sich zu verteidigen,
aber siehe da, ihm wurde von allen Gegnern auf einmal eine so mächtig
ausgedrückte Antwort zu Teil, daß Semjon Iwanowitsch sich weiter nichts
Schöneres ausdenken konnte, als schnell davon zu träumen, daß es der erste
des Monats ist und er in seiner Kanzlei viele Silberstücke erhält, und wie es
ihm auf der Treppe so ganz ohne Schwierigkeiten gelingt, die Hälfte der
Summe in seinem Stiefel verschwinden zu lassen, immer noch dort auf der
Treppe. Und ohne sich auch nur im geringsten darüber aufzuhalten, daß er
sich in seinem Bett befand, beschloß er, nach Hause zu gehn und das Nötige
für Kost und Logis der Wirtin zu bezahlen, darauf noch irgend etwas
durchaus Nötiges zu kaufen, und unbeabsichtigt, wie zufällig, Jedem zu
zeigen, daß ihm nach der Abrechnung nichts mehr verblieben, daß er jetzt
nichts mehr habe, um der Schwägerin zu schicken, bei der Gelegenheit
seine Schwägerin zu beklagen, viel von ihr morgen und übermorgen zu
sprechen und in zehn Tagen noch so nebenbei ihrer Armut zu erwähnen,
damit die Kameraden es nicht vergäßen. Wie er das aber noch gerade so
beschließt, sieht er plötzlich, daß Andrei Jefimowitsch, dieser selbe kleine
ewig schweigsame und kahlköpfige Beamte, der in der Kanzlei im dritten
Zimmer von Semjon Iwanowitsch seinen Platz hatte, und der ihm in
fünfundzwanzig Jahren kein einziges Wort gesagt, dort auf der Treppe
neben ihm steht und gleichfalls seine Silberrubel zählt, mit dem Kopf
schüttelt und ihm sagt: „Ja ja, das Geld! Wenn kein Geld ist, ist auch kein
Brei,“ und wie er die Treppe hinuntergeht, fügt er noch hinzu: „und ich
habe sieben Kinder.“ Dabei gab der rothaarige Mensch, augenscheinlich
gleichfalls ohne sich darum zu bekümmern, daß er nur ein Gespenst war,
mit der Hand die Größe seiner Sprößlinge an, indem er sie eine Elle hoch
über dem Fußboden hielt und sie dann ruckweis niedriger senkte; darauf
murmelte er noch, daß der Älteste das Gymnasium besuche, blickte dann

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Semjon Iwanowitsch unwillig an, ganz als ob dieser daran Schuld wäre, daß
er ihrer sieben hatte – zog seine Mütze auf die Augen, schlug den Mantel
zu, kehrte nach links um und verschwand. Semjon Iwanowitsch erschrak,
obgleich er von seiner Unschuld an der Zahl der Sieben unter einem Dach
vollständig überzeugt war, aber es kam ihm doch so vor, daß Niemand
anders als gerade er die Ursache des Elends sein mußte. Er erschrak, wie
gesagt, und fing an zu laufen, denn es schien ihm, daß der rothaarige
Schreiber zurückkehrte, ihn verfolgte und ihm durchaus das empfangene
Monatsgehalt nehmen wollte, sich auf die unumstößliche Zahl Sieben berief
und jegliche Verpflichtung Semjon Iwanowitschs, seine Schwägerin zu
unterstützen, einfach ableugnete. Prochartschin lief und lief, der Atem ging
ihm aus ... neben ihm liefen eine Menge Menschen und bei allen klapperte
Geld in den Taschen: zuletzt liefen alle Menschen, die Feuerwehr stieß in
die Trompeten und ganze Volkswellen trugen ihn auf den Schultern zu der
Brandstätte, wo er das letzte Mal mit dem Vagabunden gewesen war. Der
Vagabund, sonst Herr Simoweikin genannt, befand sich schon dort, empfing
ihn feierlich, sorgte sich sehr um ihn, nahm ihn an der Hand und führte ihn
mitten in das Gedränge. So wie damals wogte und dröhnte um sie herum
die unübersehbare Volksmenge, die sich längs dem Quai der Fontanka auf
den zwei Brücken und in allen Straßen und Nebenstraßen der Umgegend
anstaute. Ganz wie damals wurden er und der Vagabund auf dem großen
Holzplatz wie mit Klammern an einen Zaun gepreßt. Die Zuschauer
strömten vom Trödelmarkt und von allen umliegenden Häusern, Scheunen
und Baracken herbei. Semjon Iwanowitsch sah und hörte alles wie damals;
in seinem Fiebertraum tauchten viele sonderbare Gesichter auf. Er erinnerte
sich einiger derselben. Eines von ihnen gehörte dem außerordentlich
aufdringlichen Herrn von hohem Wuchs und mit einem meterlangen
Schnurrbart, der während des Brandes hinter seinem Rücken gestanden und
der ihn aufgemuntert hatte, wenn er seinerseits so etwas wie Begeisterung
fühlte, der kühnen Arbeit der Feuerwehr zu applaudieren. Ein anderes
Gesicht gehörte dem Burschen, von dem unser Held einen Rippenstoß
erhalten hatte, als er im Begriff war, über ihn hinwegzuklettern, um
vielleicht irgend jemanden zu retten. Desgleichen tauchte vor ihm die Figur
eines Alten auf, der sich noch vor dem Ausbruch des Brandes in die Bude
begeben hatte, um Zwieback und Tabak für seinen Mieter einzukaufen, und
darauf mit den Sachen in den Händen wie erstarrt dastand und zusehn
mußte, wie seine Frau und seine Tochter in Gefahr schwebten, zu

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verbrennen mitsamt seinen Ersparnissen – fünfunddreißig Rubel, die in der
Matratze eingenäht waren. Aber noch deutlicher sah er ein altes Weib – das
ihn die ganze Zeit schon in seinen Fantasien verfolgte – in Lumpen, mit
einem Krückstock und mit einem Quersack auf dem Rücken. Sie überschrie
die Feuerwehr und das Volksgetöse, sie fuchtelte wie wahnsinnig mit dem
Krückstock und mit den Armen in der Luft herum, weil man sie von ihren
Kindern getrennt und sie dabei zehn Kopeken verloren hatte. Sie schrie und
weinte, doch Niemand begriff, was sie haben wollte, auch kümmerte sie
sich nicht um den Feuerschaden, nicht um die Menschen, nicht um die
Funken und die Asche, die auf sie niederfielen. Plötzlich aber empfand Herr
Prochartschin einen furchtbaren Schreck: er sah mit einem Mal, daß auch er
nicht dem Unglück entgehn konnte, daß sich dort nicht weit von ihm ein
Mann mit feurigem Haar und feurigem Bart erhob und anfing, das ganze
Volk auf ihn, Semjon Iwanowitsch, aufzuhetzen. Die Menge wuchs und
wuchs, der Mann schrie immer lauter und mit Schrecken erkannte Herr
Prochartschin, daß der Mann derselbe Droschkenkutscher war, den er
gerade vor fünf Jahren auf eine so unmenschliche Weise betrogen hatte,
indem er ohne ihn zu bezahlen durch eine Pforte verschwunden war und
sich so schnell als möglich aus dem Staube gemacht hatte. Der verzweifelte
Herr Prochartschin wollte sprechen, schreien, aber die Stimme versagte
ihm. Er fühlte, wie die ganze Volksmenge ihn wie eine bunte Schlange
umwand und zu ersticken drohte. Er nahm seine ganze Kraft zusammen und
– erwachte. Da sah er plötzlich, daß alles brannte, seine ganze Ecke, sein
Schirm, die ganze Wohnung mit Ustinja Fedorowna und all ihren
Winkelmietern, daß sein Bett, sein Kissen, seine Decke, sein Koffer und
zuletzt noch seine teure Matratze brannten! Semjon Iwanowitsch sprang
entsetzt aus dem Bett, ergriff die Matratze und lief, sie nach sich ziehend,
hinaus. Aber im Zimmer der Wirtin, wohin unser Held ohne jegliche Gêne,
barfüßig und im Hemd, gelaufen war, ergriff man den Flüchtling und
brachte ihn wieder zurück hinter den Bettschirm, dem es natürlich gar nicht
einfiel zu brennen, da es ja nur im Kopfe Semjon Iwanowitschs brannte. So
packte man ihn denn in sein Bett ein, wie der herumziehende Komödiant
sein Kasperle in den Kasten steckt, nachdem es gelärmt, getobt, alle
verprügelt, die Seele dem Teufel verkauft hat und nun zusammen mit dem
Teufel und all seinen Feinden bis zur nächsten Vorstellung sein Dasein
ruhig in der schmutzigen Schachtel verbringen muß.

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In feierlichem Kreise umstanden alle sein Lager und sämtliche Gesichter
drückten peinliche Erwartung aus. Endlich kam er zu sich: zuerst zerrte er
an seiner Decke und plötzlich zog er aus allen Kräften an ihr,
wahrscheinlich um sich vor den Blicken seiner mitfühlenden Kameraden zu
verbergen; die Decke aber gab nicht nach. Endlich unterbrach Mark
Iwanowitsch als Erster das Schweigen, und als kluger Mensch fing er an,
vernünftig auf Semjon Iwanowitsch einzusprechen: erstens, daß er sich
beruhigen müsse, zweitens, daß es schlecht sei, so zu erkranken, drittens,
daß das nur kleine Kinder täten und viertens, daß er gesund werden müsse,
um wieder in die Kanzlei gehn zu können. Und Mark Iwanowitsch schloß
sogar mit dem Scherz, daß Kranken noch kein festgesetztes Gehalt
ausgesetzt worden sei, somit hätte denn seiner Meinung nach solch ein
Beruf oder solch ein Zustand nicht einmal einen materiellen Vorteil. Kurz,
es war ersichtlich, daß alle sich für das Schicksal Semjon Iwanowitschs
interessierten und sich seiner annahmen. Er aber lag, schwieg – was doch
eine unverzeihliche Grobheit war – und zog heftig an seiner Decke, um sich
endlich ganz zu bedecken. Mark Iwanowitsch hielt sich aber noch längst
nicht für besiegt: er faßte sich ein Herz und sagte Semjon Iwanowitsch noch
etwas Angenehmes, wie man es ja mit einem kranken Menschen zu tun
pflegt. Aber Semjon Iwanowitsch wollte nichts davon bemerken, im
Gegenteil, er brummte nur was durch die Zähne und plötzlich schielte er auf
eine ganz mißtrauische Weise mit den Augen unter der Stirn hervor nach
links und rechts, als wollte er mit seinen Blicken alle, die um ihn
herumstanden, vernichten. Da war nichts mehr zu wollen: Mark
Iwanowitsch konnte denn auch nicht an sich halten, als er einsah, daß der
Mensch sich verschworen hatte, bei diesem Benehmen zu verharren;
geärgert und gekränkt erklärte er daher einfach und geradeaus ohne jegliche
höflicheren Redewendungen, daß es Zeit wäre, aufzustehn, daß es nicht
anginge, immer auf beiden Seiten zu liegen, Tag und Nacht von Feuer,
Schwägerinnen, Schlössern, Koffern und weiß der Teufel noch wovon zu
schreien, daß das dumm, unanständig und eines Menschen unwürdig wäre,
und wenn er, Semjon Iwanowitsch, jetzt nicht ruhig schlafen wollte, so
sollte er wenigstens die Anderen nicht daran verhindern. Die Rede tat ihre
Wirkung, denn Semjon Iwanowitsch wandte sich plötzlich an den Redner
und erklärte mit erstaunlicher Festigkeit, wenn auch mit schwacher und
heiserer Stimme:

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„Du dummer Junge, Du, halt Deinen Mund! Du schwatzhafter Mensch,
Du Schandmaul! Hörst Du, Stiefel! Bist Du etwa ein Fürst? Was verstehst
Du denn eigentlich?“ Als Mark Iwanowitsch so etwas hörte, brauste er
zuerst auf, aber er sah bald ein, daß er es doch mit einem kranken
Menschen zu tun hatte, und war so großmütig, nicht gekränkt zu sein, und
so versuchte er denn auch nur, ihn zu beschämen – aber auch das gelang
ihm nicht, denn Semjon Iwanowitsch bemerkte sofort, daß er mit sich nicht
zu spaßen erlaube und Mark Iwanowitsch doch lieber seine Worte sparen
solle. Es folgte ein zwei Minuten langes Schweigen; endlich erholte sich
Mark Iwanowitsch von seinem Erstaunen und drückte sich klar, schön und
deutlich aus, übrigens mit großer Überlegenheit, daß Semjon Iwanowitsch
doch nicht vergessen dürfte, daß er sich unter fremden Menschen befand,
und daß „der allergnädigste Herr sich doch besinnen möge, wie man sich
unter anständigen Menschen zu betragen habe“. Mark Iwanowitsch
verstand es bei Gelegenheit sich schön auszudrücken und das auch seine
Zuhörer fühlen zu lassen. Seinerseits sprach Semjon Iwanowitsch, da er ja
stets zu schweigen gewohnt war, in einer etwas abgebrochenen Art und
Weise, und daher gebar denn, wenn er genötigt war, einmal eine längere
Phrase zu sagen, jedes Wort schon beim Entstehen ein anderes Wort und
dieses wieder ein drittes und das dritte wieder ein viertes usw., usw., so daß
er schließlich den ganzen Mund voll Worte hatte, die dann in der
allermalerischsten Unordnung zu Tage kamen. Das war der Grund, warum
Semjon Iwanowitsch, der doch sonst ein solider Mensch war, manchmal
solch einen Unsinn sprechen konnte.
„Du lügst,“ antwortete er jetzt Mark Iwanowitsch. „Du Lebemann! Wenn
Du Geld hast, putzt Du Dich auf, Du Freigeist, Du liederlicher
Herumtreiber, Du! Das laß Dir gesagt sein, Du Verseschmied!“
„Sie phantasieren wohl noch, Semjon Iwanowitsch?“
„Ach Du, der Dummkopf phantasiert, der Trunkenbold phantasiert, der
Hund phantasiert, aber der Weise dient dem Vernünftigen. Von Geschäften
verstehst Du nichts, Du liederlicher Mensch, Du Gelehrter, Du
geschriebenes Buch Du! Wenn Du aber brennst, so wirst Du sehn, wie Dir
der Kopf abbrennt. Siehst Du jetzt, wie’s ist!?“
„Ja ... das heißt, wie denn ... das heißt, wie meinen Sie, Semjon
Iwanowitsch, daß der Kopf ...“
Mark Iwanowitsch beendete seinen Satz nicht, denn es war ja klar, daß
Semjon Iwanowitsch noch nicht nüchtern war, sondern phantasierte; die

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Wirtin konnte denn auch nicht mehr an sich halten und bemerkte, daß das
Haus in der Schiefen Gasse von einem rothaarigen Mädchen angezündet
worden sei, das mit dem Licht die Dachkammer in Brand gesetzt hätte, sie
selbst aber habe nicht gebrannt, und auch ihr Winkel wäre unversehrt
geblieben.
„Ja, Semjon Iwanowitsch!“ überschrie Sinowij Prokoffjewitsch außer
sich die Wirtin, „Semjon Iwanowitsch, sind Sie solch ein verlorener, naiver
Mensch, daß Sie diesen Scherz mit Ihrer Schwägerin oder mit den Examen
und den Tänzen ernst genommen haben? Haben Sie das wirklich geglaubt?“
„Nun höre Du jetzt,“ antwortete ihm unser Held und richtete sich, seine
letzten Kräfte zusammennehmend, wütend im Bett auf. „Wer ist hier der
Narr? Du Hund, Du närrischer Mensch, ich aber werde nicht auf Deinen
Befehl Dummheiten machen; hörst Du, dummer Junge, ich bin nicht Dein
Diener!“
Semjon Iwanowitsch wollte noch etwas sagen, fiel aber kraftlos auf das
Kissen zurück. Alle verloren den Kopf, alle rissen sie den Mund auf und
wußten nicht, was sie jetzt anfangen sollten; plötzlich knarrte die Küchentür
und gleich darauf steckte auch schon Herr Simoweikin den Kopf durch die
Tür und beroch, wie es so seine Art war, vorsichtig den Ort und die
Situation.
Alle schienen ihn erwartet zu haben; alle winkten sie ihm zu, schnell zum
Bett zu kommen, worüber Simoweikin äußerst erfreut war und sich sofort
bereitwilligst, ohne den Mantel abzunehmen, zum Kranken begab.
Man sah es ihm an, daß er die Nächte mehr im wachen Zustande
verbrachte. Die rechte Seite seines Gesichtes war irgendwomit verklebt; die
angeschwollenen Augenlider waren feucht von seinen eiternden Augen; der
Frack und die Kleider waren zerrissen, wobei die ganze linke Seite seiner
Kleidung irgendwomit bespritzt war, vielleicht mit Schmutz aus irgendeiner
Pfütze. Unter dem Arm trug er eine Geige, die er irgendwohin zum Verkauf
brachte. Augenscheinlich hatte man gut getan, daß man ihn zu Hülfe
gerufen, denn sofort wußte er, worum es sich handelte und so sagte er denn
auch mit der Miene und dem Tone eines Menschen, der weiß, worum es
sich handelt:
„Hörst Du Senjka, steh auf! Was tust Du Senjka, weiser Prochartschin,
nimm Vernunft an! Werde Dich fortschleppen, wenn Du hier noch so
herumrumorst; mach Dich hier nicht so wichtig!“

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Solch eine kurze und strenge Rede setzte alle Anwesenden in Erstaunen;
aber sie erstaunten noch mehr, als sie bemerkten, daß Semjon Iwanowitsch
bei diesen Worten und beim Anblick dieses Gesichts so erschrak und so
bescheiden wurde, daß er kaum hörbar und nur durch die Zähne die nötige
Erwiderung murmelte.
„Geh fort, Du Unglücklicher,“ sagte er, „Du unglücklicher Dieb Du!
Hörst Du, verstehst Du? Ein Protz bist Du, ein protziger Mensch bist Du!“
„Nein, Bruder,“ antwortete in schleppendem Tone Simoweikin, ganz
Herr der Situation, „das ist nicht gut, Du weiser Bruder Prochartschin,
Prochartschinscher Mensch Du!“ parodierte Simoweikin und schaute sich
zufrieden im Kreise um. „Mache keine Stückchen! Beruhige Dich, Senja,
beruhige Dich oder sonst werde ich alles erzählen, Brüderchen, verstehst
Du?“
Es schien, daß Semjon Iwanowitsch alles verstand, denn er zuckte
zusammen, als er den Schluß der Rede hörte und sah plötzlich schnell und
mit ganz verlorenem Ausdruck um sich herum. Zufrieden mit dem Effekt
seiner Rede, wollte Simoweikin noch fortfahren, aber Mark Iwanowitsch
verbot ihm das Geschwätz und man wartete einige Zeit, bis Semjon
Iwanowitsch sich beruhigt hatte und wieder still da lag; dann erst sprach er
vernünftig auf ihn ein, wie z. B. daß ähnliche Gedanken, wie die, die er
soeben in seinem Kopfe hätte, erstens ganz unnütz und zweitens nicht nur
unnütz, sondern auch schädlich wären und zu guter Letzt nicht so schädlich,
als vielmehr unmoralisch, und die Folge von alledem wäre nur die, daß
Semjon Iwanowitsch alle irreführte und seinen Nächsten ein schlechtes
Beispiel gab. Von solch einer Rede erwarteten alle nur eine vernünftige
Wirkung. Zudem war Semjon Iwanowitsch ganz still und antwortete
gemäßigt. Es begann ein kleiner Streit. Man wandte sich brüderlich an ihn
und fragte ihn, was ihn denn eigentlich so bedrückte? Semjon Iwanowitsch
antwortete nur allegorisch. Man antwortete ihm darauf und Semjon
Iwanowitsch antwortete wieder. Man antwortete beiderseits noch einmal,
und dann mischten sich alle in das Gespräch, alt und jung, denn man sprach
von einem wunderbaren und sonderbaren Gegenstand, so daß man wirklich
nicht wußte, wie das alles ausdrücken. Man verlor die Geduld, es kam zu
Geschrei und zu Tränen, und Mark Iwanowitsch ging schließlich, mit
Schaum vor dem Munde, fort und erklärte, daß er bis jetzt solch einen
vernagelten Menschen noch nicht gesehen hätte. Oplewanjeff spuckte,
Okeanoff erschrak, Sinowij Prokoffjewitsch weinte Tränen und Ustinja

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Fedorowna heulte wieder einmal und jammerte, daß sie einen Mieter
verliere, weil jener wiederum den Verstand verloren hätte, daß ihr
Täubchen, ohne ihr den Paß überlassen zu haben, sterbe, daß sie eine Waise
sei und daß die Polizei ihr zu schaffen machen würde. Mit einem Wort, alle
sahen es endlich klar ein, daß ihre Aussaat gut gewesen war, daß das, was
sie gesät hatten, hundertfältig trug, und daß es ihnen gelungen war, den
Verstand Semjon Iwanowitschs auf eine unverbesserliche Weise zu
bearbeiten. Alle schwiegen, denn sie sahen, daß Semjon Iwanowitsch sich
vor allem fürchtete, und so wurden auch sie ganz kleinlaut und fühlten
schließlich Mitleid mit ihm.
„Wie!“ schrie Mark Iwanowitsch, „was fürchten Sie denn so? Worüber
sind Sie denn verrückt geworden? Wer denkt denn an Sie, mein Herr?
Haben Sie denn überhaupt das Recht, sich so zu fürchten? Wer sind Sie,
was sind Sie? Eine Null sind Sie, mein Herr, ein runder Pfannenkuchen,
wissen Sie das auch? Weil man ein Weib auf der Straße überfahren hat,
glauben Sie, daß man jetzt auch Sie überfahren wird? Weil man einem
Trunkenbold Geld aus der Tasche gestohlen hat, glauben Sie, daß man
Ihnen gleich den ganzen Rock abreißen wird? Weil ein Haus abgebrannt ist,
muß auch bei Ihnen gleich der Kopf abbrennen, wie? Ist es nicht so, mein
Herr? Nicht so, Väterchen, nicht so?“
„Du, Du, Du bist dumm!“ murmelte Semjon Iwanowitsch. „Man wird
Dir die Nase abbeißen und Du wirst sie auf Deinem Butterbrot verzehren,
ohne daß Du’s merkst!“
„Dumm wie ein Stiefel, meinetwegen dumm wie ein Stiefel,“ schrie
Mark Iwanowitsch, der die Prophezeiung ganz überhört hatte, „ich bin
meinetwegen ein dummer Mensch. Ja, ich habe es ja nicht nötig, Examen
zu machen, weder zu heiraten, noch zu tanzen, mir wankt der Boden nicht
unter den Füßen! Was Väterchen? Sie finden Ihren Platz nicht, der Boden
stürzt unter Ihnen zusammen, wie?“
„Wie, was, fragt man Dich darum? Schließt man sie, so ist sie
geschlossen.“
„Was soll man schließen? Was haben Sie da wieder?“
„Den Vagabunden hat man doch abgesetzt ...“
„Abgesetzt! Dafür ist er auch ein Vagabund, Sie und ich sind aber doch –
Menschen!“
„Menschen! Ist sie noch oder nicht? ...“
„Was ist noch, oder nicht? Von was für einer ‚sie‘ reden Sie?“

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„Sie, die Kanzlei ... die Kan–ze–lei!!!“
„Ja, gesegneter Mensch, Sie! Sie ist doch nötig, Ihre Kanzlei ...“
„Sie ist nötig! fehlt noch! Heute ist sie nötig, morgen ist sie nötig und
übermorgen wird sie nicht mehr nötig sein! Siehst Du jetzt, wie’s ist?“
„Aber man gibt Ihnen doch ein jährliches Gehalt?“
„Gehalt? Ich habe das Gehalt aber aufgegessen, Diebe kommen und
nehmen das Geld fort; ich habe noch eine Schwägerin, hörst Du? Eine
Schwägerin! Verstehst Du, wenn Du nicht vernagelt bist ...“
„Eine Schwägerin! Mensch, Sie ...“
„Mensch, ja, ich bin ein Mensch, Du aber bist mit Dummheit geschlagen,
ein vernagelter Mensch bist Du, verstehst Du? Ich spreche schon gar nicht
von Deinem Unsinn, den Du schwatzt. Das ist schon solch eine Stelle, wenn
es drauf ankommt, wird sie vernichtet. Demid Wassiljewitsch sagt es selbst
...“
„Ach, Sie, Demid, Demid!“
„Ja, er löst sie auf und damit basta und dann sitzt man da ohne Stelle;
was wirst Du dann sagen ...“
„Ach, Sie lügen ja einfach nur, oder haben Sie den Verstand verloren?
Sagen Sie uns doch einfach, was Ihnen fehlt! Gestehen Sie uns doch Ihre
Sünden! Da ist ja nichts sich zu schämen! Oder ist es alle mit dem Verstand,
wie, Väterchen?“
„Der Kerl ist wahrhaftig verrückt geworden! Er hat den Verstand
verloren!“ tönte es in der Runde und man rang die Hände vor Verzweiflung,
die Wirtin aber umfing Mark Iwanowitsch mit beiden Armen, damit er
Semjon Iwanowitsch nur nicht weiter quälte.
„Ein Heide bist Du, eine heidnische Seele hast Du, Weiser!“ flehte ihn
Simoweikin an; „Senja, Du lieber gutmütiger Mensch, Du! Du bist
bescheiden, Du bist gut ... hörst Du? Das kommt von Deiner Großmut; der
unordentliche und dumme, das bin ich, der Bettler bin ich! Du hast als guter
Mensch mich nicht verlassen, fürchte nichts; Dir wird schon Ehre zuteil
werden; Dir und der Wirtin sage ich Dank! Siehst Du, ich mache Dir eine
Verbeugung bis zur Erde, siehst Du, siehst Du, ich bezahle meine Schuld,
liebe Wirtin!“ Simoweikin machte mit pedantischer Würde rund herum
seine Verbeugung bis zur Erde. Semjon Iwanowitsch wollte fortfahren zu
sprechen, aber man erlaubte es ihm nicht mehr, alle stürmten auf ihn ein,
flehten ihn an, sich zu beruhigen und erreichten zuletzt, daß Semjon

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Iwanowitsch ganz beschämt und mit schwacher Stimme bat, sich erklären
zu dürfen.
„Ja, nun gut,“ sagte er, „ich bin liebenswürdig, angenehm, ruhig, hörst
Du, und wohltätig, ergeben und treu; weißt Du, meinen letzten Tropfen
Blut, hörst Du, dummer Junge, ... möge sie bestehn, die Stelle; ich bin ja
arm; wenn man sie mir nimmt, hörst Du ... schweige jetzt, verstehst Du,
man nimmt sie ... und dann, Bruder, ist sie nicht mehr da ... verstehst Du?
Und ich, Bruder, mit dieser Summe, hörst Du?“
„Senjka!“ brüllte außer sich Simoweikin, dieses Mal jegliches Lärmen
übertönend, „Freidenker Du! Ich werde sofort alles sagen! Was bist Du!
Wer bist Du! Du Schafsgehirn! Nur einen unsoliden und dummen wird man
ohne Abschied von der Stelle jagen; wer bist Du denn eigentlich?“
„Ja, dies und das ...“
„Was, dies und das?!“
„Geh Du nur mit ihm ...“
„Wie, geh Du nur mit ihm?“
„Ja, ich bin frei, er ist frei; wenn man so liegt und liegt und darüber ...“
„Worüber?“
„Bin ein Freidenker ...“
„Freidenker! Senjka, Du ein Freidenker!!“
„Halt an,“ schrie Herr Prochartschin, fuchtelte mit der Hand und
unterbrach das sich erhebende allgemeine Geschrei, „ich spreche nicht
davon ... Versteh doch nur, Du Hammel: ich bin heute ruhig, morgen ruhig
und übermorgen schon nicht mehr ruhig, werde frech; nun und ... mache
Dich fort, Freidenker! ...“
„Was sagen Sie!“ donnerte Mark Iwanowitsch endlich drein, er sprang
vom Stuhl auf, auf den er sich zur Erholung niedergelassen hatte und lief
voller Aufregung ans Bett, außer sich und zitternd vor Ärger. – „Wer sind
Sie? Ein Hammel sind Sie! Weder Fisch noch Fleisch! Sind Sie etwa allein
auf der Welt? Ist für Sie allein die Welt gemacht? Sind Sie etwa Napoleon?
Was sind Sie? Wer sind Sie? Sind Sie Napoleon oder sind Sie es nicht?!
Sagen Sie doch, mein Herr, Napoleon oder nicht Napoleon? ...“
Aber Herr Prochartschin antwortete nicht mehr auf diese Gewissensfrage.
Nicht, daß er sich geschämt hätte, Napoleon zu sein oder sich gefürchtet,
solch eine Verantwortung auf sich zu nehmen, nein, er konnte ganz einfach
nicht mehr streiten noch von Geschäften sprechen. Eine krankhafte Krisis
trat ein. Ströme von Tränen stürzten plötzlich aus seinen grauen,

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fieberglänzenden Augen. Mit seinen knochigen, von der Krankheit
abgemagerten Händen bedeckte er seinen heißen Kopf, erhob sich im Bett
und schluchzend fing er an, zu klagen, daß er arm wäre, daß er solch ein
unglücklicher und einfacher Mensch wäre, dumm und stumpf, daß ihm gute
Menschen vergeben müßten, daß sie ihn doch beschützen und ihm zu essen
und zu trinken geben, ihn nicht der Armut preisgeben sollten, und Gott
weiß, worum Semjon Iwanowitsch noch sonst alles bat. Dabei blickte er mit
solch einer wilden Angst um sich, als ob die Decke einstürzen oder der
Boden sich vor ihm auftun müßte. Allen tat er leid, der Arme, und alle
Herzen erweichten sich. Die Wirtin heulte wie ein altes Weib, sagte, daß
auch sie eine Waise wäre und mühte sich, Semjon Iwanowitsch besser zu
betten. Mark Iwanowitsch sah es ein, daß er unnütz ans Gehirn Napoleons
gerührt hatte: ihn überkam plötzlich auch eine gütige Anwandlung und so
wollte er denn der Wirtin behülflich sein, den Unglücklichen zu betten. Die
Anderen, die auch irgendwas dazu tun wollten, schlugen vor, ihm doch eine
Himbeerlimonade zu stiften, da sie von allem befreie und dem Kranken
sehr angenehm sein würde; aber Simoweikin widerlegte es und behauptete,
daß bei seiner Verfassung nichts besser wäre, als ein starker Kamillentee.
Was nun Sinowij Prokoffjewitsch mit seinem guten Herzen anbelangt, so
weinte er heiße Tränen der Reue, weil er Semjon Iwanowitsch mit
erlogenen Sachen geängstigt hatte. Doch die letzten Worte des Kranken, die
Klagen über seine Armut, brachten ihn auf eine Idee: er setzte sofort eine
Liste auf, eine Kollekte für den armen Kranken, die sich fürs Erste nur auf
die Einwohner der Winkel erstreckte. Alle jammerten und stöhnten, allen tat
es bitter leid, doch zwischendurch wunderten sie sich alle darüber, wie sich
der Mensch dermaßen hatte einschüchtern lassen. Und wodurch eigentlich?
Wenn er auf einem großen Posten gewesen wäre, eine Frau gehabt und
Kinder gezeugt hätte und wenn man ihn vor Gericht geladen hätte: aber
solch ein kleines Tierchen wie er, mit einem Koffer und dem deutschen
Schloß davor, lag schon seit zwanzig Jahren hinter dem Schirm, schwieg,
kannte die Welt nicht, hatte keinen Kummer, sparte, und plötzlich fiel es
jetzt diesem Menschlein ein, sich durch irgendein unnützes,
abgeschmacktes Wort den Kopf verdrehen zu lassen und ganz und gar am
Leben zu verzweifeln ... Und dabei denkt der Mensch garnicht, daß es die
Anderen ebenso schwer haben.
„Würde er doch nun das Eine in Betracht ziehn,“ sagte später Okeanoff,
„daß es allen schwer fällt, so würde er ja seinen Kopf behalten, würde seine

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tollen Streiche lassen und leben und reden, wie es sich gehört.“
Den nächsten ganzen Tag über sprach man nur von Semjon Iwanowitsch.
Man kam zu ihm, erkundigte sich nach ihm, beruhigte ihn; aber zum Abend
hin halfen die Beruhigungen nicht mehr. Der Arme fieberte und phantasierte
und verlor von Zeit zu Zeit seine Besinnung, so daß man schon nach dem
Arzt schicken wollte; alle Einwohner beschlossen gemeinsam, der Reihe
nach bei Semjon Iwanowitsch die Nacht über zu wachen, ihn zu beruhigen
und falls irgend etwas geschehn sollte, die Anderen aufzuwecken. In dieser
Absicht fingen sie an Karten zu spielen, und ließen seinen Freund
Simoweikin, der schon den ganzen Tag über bei ihm gewesen war und von
ihnen die Erlaubnis erhielt, auch dort zu nächtigen, bei ihm. Da sie aber
kein hohes Spiel machten, so wurde es ihnen alsbald langweilig. Sie
brachen das Spiel ab und gerieten allmählich über irgendetwas in Streit,
lärmten und polterten und zogen sich schließlich in die Winkel zurück, wo
ein jeder noch lange in seinem Herzen den Anderen widersprach und sie
allesamt übertrumpfte, und da sie alle geärgert waren, so wollte Niemand
mehr wachen. So kam es denn, daß alle einschliefen: bald darauf wurde es
in den Winkeln so still wie in einem leeren Keller, um so mehr, als es sehr
kalt war. Einer von den Letzten, die einschliefen, war Okeanoff, und wie er
später erzählte, hatte er nicht gerade im Schlaf und auch nicht gerade im
wachen Zustande, neben sich kurz vor Morgengrauen zwei Menschen
miteinander sprechen gehört. Darauf aber hätte er Simoweikins Stimme
erkannt, der Remneff, seinen alten Freund weckte und lange mit ihm leise
sprach, dann habe er gehört, wie Simoweikin fortgegangen war und wie er
die Küchentür mit dem Schlüssel aufgeschlossen hatte. Der Schlüssel –
versicherte später Ustinja Fedorowna – habe immer unter ihrem Kopfkissen
gelegen und wäre seit dieser Nacht verloren gegangen. Dann – erzählte
Okeanoff – schien es ihm, daß beide hinter den Schirm zum Kranken
gingen und dort das Licht anzündeten. Mehr, sagte er, wisse er nicht, seine
Augen wären ihm zugefallen; er erwachte erst mit allen anderen, die in den
Winkeln schliefen und sprang mit ihnen zu gleicher Zeit aus dem Bett, als
plötzlich hinter dem Schirm Semjon Iwanowitschs solch ein Geschrei
ertönte, daß selbst die Toten erwacht wären – in dem Moment aber schien
es vielen, daß plötzlich das Licht hinter dem Schirm ausgelöscht wurde. Es
entstand eine allgemeine Verwirrung: hinter dem Schirm hörte man
Geschimpf, Geschrei und Kampf. Es wurde Licht gemacht und man sah,

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daß Simoweikin und Remneff sich prügelten und jähzornig beschimpften.
Als man sie nun auseinander brachte, so schrie der eine:
„Nicht ich bin es, aber dieser Räuber da!“ und Simoweikin schrie
wiederum:
„Rühr mich nicht an, bin nicht schuldig; ich werde sofort schwören!“
Aber in der ersten Minute war es nicht um sie zu tun, denn – der Kranke
war verschwunden! Man entfernte die Vagabunden und siehe da: Herr
Prochartschin lag unter dem Bett, vollständig besinnungslos; auf ihm lagen
seine Decke und sein Kissen, so daß sich auf dem Bett nur noch die
schmutzige Matratze befand, – denn Bettücher besaß er nicht. Man zog also
Semjon Iwanowitsch unter dem Bett hervor und legte ihn auf die Matratze
und bemerkte da sofort, daß mit ihm nichts mehr zu machen war; er war
schon ganz steif, hin und wieder lief nur noch ein Zittern über den Körper.
Er wollte die Hände erheben, konnte es aber nicht, seine Zunge bewegte
sich nicht mehr, aber er blinzelte noch mit den Augen, wie die Köpfe der
Enthaupteten noch mit den Lidern blinzeln sollen, wenn das Beil des
Henkers sie schon vom Körper getrennt hat.
Allmählich wurde er ruhiger, der Todeskrampf ließ nach; Herr
Prochartschin streckte die Beine von sich und begab sich mit all seinen
Sünden ins Jenseits. Ob er sich nun so erschreckt hatte, oder ob er einen
Traum gehabt, wie später Remneff versicherte, oder ob dem eine andere
Sünde zu Grunde lag, das ist eine offene Frage. Die Sache war aber die,
daß, wenn jetzt selbst der Chef in der Wohnung erschienen wäre, um
persönlich Semjon Iwanowitsch den Abschied wegen Trunksucht,
Freidenkerschaft und Händeleien zu überbringen, und wenn durch die
andere Tür eine Bettlerin unter dem Titel einer Schwägerin Semjon
Iwanowitschs eingetreten wäre, ja selbst wenn er plötzlich zweihundert
Rubel Gratifikation erhalten hätte, oder das Haus in Flammen aufgegangen
wäre, Semjon Iwanowitsch doch nicht mehr geruht haben würde, auch nur
einen Finger zu rühren. Während die erste Erstarrung sich legte, die
Anwesenden die Sprache langsam wiedererlangten und ein Chaos von
Vorschlägen, Vermutungen und Geschrei entstand, – zog Ustinja Fedorowna
den Koffer unter dem Bett hervor und suchte in aller Eile unter dem Kissen
unter der Matratze, ja sogar in den Stiefeln Semjon Iwanowitschs nach. Und
während man Remneff und Simoweikin verhörte – bewies Okeanoff, der
bis jetzt allerunintelligenteste und stillste Winkelbewohner, plötzlich die
größte Geistesgegenwart, ja entdeckte vielleicht zum ersten Mal seine

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Fähigkeiten und sein Talent, nahm seine Mütze und verschwand bei der
allgemeinen Verwirrung ganz unbemerkt. Und als alle Schrecken des Chaos
ihren Höhepunkt in den bis jetzt so friedlichen Winkeln erreichten, öffnete
sich die Tür und wie kalter Schnee auf heiße Köpfe fällt, erschien zuerst ein
Herr von anständigem Äußeren, aber mit einem strengen, unzufriedenen
Gesicht; ihm folgte Jaroslaff Iljitsch mit seinem Beamten samt Allem, was
dazu gehört; und ihnen folgte aufgeregt Herr Okeanoff. Der strenge Herr
von anständigem Äußern ging geradewegs auf Semjon Iwanowitsch zu,
befühlte ihn, machte eine Grimasse, zuckte mit den Schultern und sagte,
was alle schon längst wußten, daß der Tote tot wäre, und fügte nur von sich
aus noch hinzu, daß in diesen Tagen einem sehr hohen und angesehenen
Herrn dasselbe im Schlaf passiert sei, und er daran gestorben wäre. Darauf
behauptete er noch, daß man ihn ganz unnütz belästigt hätte und ging zur
Tür hinaus. Ihn ersetzte sofort Jaroslaff Iljitsch, der Beamte, und während
Remneff und Simoweikin den Gerichtsdienern übergeben wurden,
bemächtigte er sich des Koffers, den die Wirtin schon zu verstecken
versucht hatte, stellte die Stiefel auf ihren früheren Platz zurück, bemerkte
dazu, daß sie ganz durchlöchert seien und daher fortgeworfen werden
könnten, verlangte auch das Kissen zurück, rief Okeanoff und bat um den
Schlüssel zum Koffer, der sich schließlich in Simoweikins Tasche fand und
öffnete feierlich wie es sich gehörte die Habe Semjon Iwanowitschs. Da
lagen denn allen sichtbar: zwei alte Hemden, ein Paar Socken, ein
zerrissenes Tuch, ein alter Hut, einige Knöpfe, alte Stiefelsohlen, ferner
Schnüre, Seife, Salben, alle möglichen Lumpen, die einen üblen Geruch
verbreiteten; gut war nur das deutsche Schloß. Man rief Okeanoff und
sprach streng mit ihm; aber Okeanoff war bereit zu schwören. Man
verlangte das Kissen, sah es sich an; es war nur schmutzig, glich aber sonst
in jeder Beziehung einem Kissen. Man hob die Matratze auf, legte sie
wieder hin, bedachte sich noch, was zu tun wäre, als plötzlich etwas
Schweres, Klingendes auf den Boden schlug. Man bückte sich, man suchte
und fand eine Papierrolle mit zehn Silberrubel. „Eh, eh, eh!“ rief Jaroslaff
Iljitsch und zeigte auf eine offene Stelle in der Matratze, aus der Roßhaar
hervorlugte. Man besah sich die Stelle und alle waren überzeugt, daß sie
soeben mit dem Messer gemacht worden war: man steckte die Hand hinein
und zog ein Küchenmesser hervor, das man wohl in aller Eile da
hineingesteckt hatte, nachdem man mit ihm vorher die Matratze
aufgeschnitten. Kaum war es Jaroslaff Iljitsch gelungen, das Messer

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herauszuziehn, als er schon wieder „Ehe–e!“ sagte und bald darauf eine
andere Rolle herausfiel und nach ihr Fünfzigkopekenstücke,
fünfundzwanzig Kopeken, und verschiedenes Kleingeld, darunter auch ein
gesundes, kupfernes Fünfkopekenstück. Alle Hände griffen danach. Auch
war man der Meinung, daß es nicht schlecht wäre, die Matratze
aufzuschneiden. Man verlangte eine Schere ...
Der heruntergebrannte Lichtstummel beleuchtete eine äußerst
interessante Szene. Ungefähr zehn Einwohner gruppierten sich in den
allermalerischsten Nachtkostümen um das Bett herum, alle ungekämmt,
unrasiert und ungewaschen und kaum vom Schlaf erwacht. Einige von
ihnen waren kreidebleich, bei anderen perlte der Schweiß auf der Stirn, die
Einen schüttelte der Frost, die Anderen die Hitze. Die Wirtin stand halb
bewußtlos da, hatte die Hände gefaltet und überließ sich der Gnade Jaroslaff
Iljitschs. Vom Ofen herab sahen erschrocken und doch neugierig Awdotja,
die Magd, und die Lieblingskatze der Wirtin. Zerrissene und zerschlagene
Bettschirme lagen überall im Wege; der geöffnete Koffer zeigte sein
unanständiges Innere; die Decke und das Kopfkissen zusammen mit dem
Inhalt der Matratze lagen auf dem Boden und auf einem kleinen
gebrechlichen hölzernen Tischchen glänzte der anwachsende Haufen der
verschiedensten Geldstücke. Nur Semjon Iwanowitsch allein behielt seine
Kaltblütigkeit: er lag friedlich auf dem Bett und schien seinen Ruin
überhaupt nicht zu ahnen. Als die Schere gebracht war und der Gehilfe
Jaroslaff Iljitschs, aus Wunsch behilflich zu sein, die Matratze ein wenig zu
hastig hob, um sie besser vom Rücken des Besitzers befreien zu können,
trat ihnen Semjon Iwanowitsch wohl aus Höflichkeit ein wenig seinen Platz
ab und kehrte sich auf die Seite; beim zweiten Ruck machte er ihnen noch
ein wenig Platz und drehte sich mit dem Gesicht aufs Kissen, mit anderen
Worten: drehte ihnen den Rücken zu, und plötzlich ganz unerwartet fiel er
mit dem Kopf voran aus dem Bett, so daß seine beiden knochigen, mageren
und blauen Beine wie zwei verkohlte Äste eines abgebrannten Baumes in
die Luft starrten. Da Herr Prochartschin sich schon das zweite Mal an
diesem Morgen unter das Bett begab, so erregte das Verdacht und mehrere
von den Einwohnern krochen sofort unter der Anführung Sinowij
Prokoffjewitschs unter das Bett, in der Absicht zu untersuchen, ob nicht da
noch was verborgen war. Aber die Suchenden stießen bloß mit den Köpfen
aneinander und da Jaroslaff Iljitsch sie anschrie und ihnen befahl, sofort
Semjon Iwanowitsch von seiner schlechten Lage zu befreien, so packten ihn

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denn zwei von den vernünftigeren mit beiden Händen je an ein Bein und
zogen den unerwarteten Kapitalisten wieder an die Oberfläche und legten
ihn quer aufs Bett. Währenddessen flogen Roßhaar und Watte umher und
der silberne Haufen wuchs – und wuchs und – oh Gott! was war da nicht
alles zu finden! ... Anständige Silberrubel, solide starke anderthalb
Rubelstücke, reizende Fünfziger, plebejischere Fünfundzwanziger und
Zwanziger, altes Kleingeld in Zehnern und Fünfern – alles in besonderen
Papierrollen methodisch und in solider Ordnung eingewickelt. Es waren
auch Seltenheiten dabei: ein Napoleond’or, eine unbekannte und sehr
seltene Münze ... Auch einige von den Silberrubeln waren von hohem Alter,
Elisabetheische, deutsche Kreuzer, Petermünzen, Katharinenmünzen; auch
waren da alte durchlöcherte Silbermünzen, solche, die man früher als
Gehänge trug, sogar Kupfer war dabei, aber schon ganz grün und rostig
gewordenes ... Auch fand man noch ein rotes Stück Papier – aber das war
denn auch alles. Als man endlich die ganze Operation beendigt und den
Überzug der Matratze um und um geschüttelt hatte und nichts mehr in ihm
klirrte noch klimperte, setzte man sich an den Tisch, um das Geld zu zählen.
Auf den ersten Anblick konnte man sich sehr täuschen und den Geldhaufen
auf eine Million schätzen – so groß war er! Aber eine Million war es denn
doch nicht, obgleich es keine geringe Summe war – genau 2497 Rubel und
50 Kopeken. Wenn die Einnahme der Kollekte, die Sinowij Prokoffjewitsch
am Abend vorher zur Unterstützung des armen Kranken entworfen hatte,
schon bar vorhanden gewesen wäre, so hätte es genau 2500 Rubel
ausgemacht. Man nahm das Geld, versiegelte den Koffer des Verstorbenen,
hörte den Klagen der Wirtin zu und sagte ihr, wohin und an wen sie sich mit
ihrem Schuldschein des Verstorbenen zu wenden hätte. Wie es sich gehörte,
forderte man Unterschriften, man sprach auch dabei von der Schwägerin,
aber man versicherte sich gegenseitig, daß die Schwägerin in gewissem
Sinne nur eine Allegorie sein könnte, die vielleicht nur in der krankhaften
Einbildungskraft Semjon Iwanowitschs entstanden war, was man nicht nur
einmal dem Verstorbenen vorgehalten haben wollte. Und damit war denn
die Sache zu Ende. Als der erste Schreck sich gelegt hatte, als die armen
Winkelmieter mit wiedergewonnenem Verstande erkennen konnten, wer der
Verstorbene eigentlich gewesen war, so wurden sie nachdenklich und in
sich gekehrt und sahen sich gegenseitig mißtrauisch an. Einige nahmen es
sich sehr zu Herzen und fühlten sich durch solch ein Verhalten Semjon
Iwanowitschs beleidigt ... Solch ein Kapital! Das hat der Mensch

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zusammengescharrt. Mark Iwanowitsch, der seine Geistesgegenwart wieder
erlangte, wollte ergründen und untersuchen, warum Semjon Iwanowitsch
plötzlich so allen Mut verloren hatte, aber man hörte ihm nicht mehr zu.
Sinowij Prokoffjewitsch wurde sehr nachdenklich, Okeanoff trank zur
Stärkung ein wenig Schnaps, und die Übrigen fühlten sich gleichfalls sehr
bedrückt. Der kleine Kantareff, der sich nur durch seine Habichtnase
auszeichnete, verließ die Wohnung, nachdem er sorgfältig sein Hab und Gut
zusammengesucht hatte, und erklärte kühl auf die Fragen, warum er
fortginge, daß die Zeit schwer wäre und das Leben hier über seine Mittel
ginge. Die Wirtin heulte ununterbrochen und prophezeite, daß Semjon
Iwanowitsch in die Hölle käme, da er sie, eine arme Waise, ausgenutzt und
beleidigt hätte. Sie fragte Mark Iwanowitsch, warum der Verstorbene sein
Geld nicht in die Sparkasse gebracht habe?
„Mütterchen, er war zu naiv dazu, sein Vorstellungsvermögen reichte
nicht dazu aus,“ antwortete Mark Iwanowitsch.
„Nun, und auch Sie sind naiv, Mütterchen,“ schloß Okeanoff,
„fünfundzwanzig Jahre stärkte sich der Mensch bei Ihnen und von einem
kleinen Nasenstüber fiel er um, bei Ihnen aber kochte die Kohlsuppe, hatten
keine Zeit dafür! Ach Sie, ... Weibsbild! ...“
„Ach, das sagst Du mir! – und was Sparkasse!“ fuhr die Wirtin auf.
„Hätte er mir doch nur eine Handvoll davon gebracht und mir gesagt:
Nimm, Ustinjuschka, hier ist für Dich der Lohn, ernähre Du mich so lange,
wie mich die kühle Mutter Erde noch trägt, das wäre recht gewesen, ich
hätte ihn gefüttert, getränkt, bedient! Ach, dieser Verführer, solch ein
Betrüger! Betrogen hat er mich Waisenkind!“
Man ging wieder ans Bett Semjon Iwanowitschs. Er lag bereits wie es
sich gehörte in seinem besten und übrigens einzigen Anzug, das knochige
Kinn hinter einer Halsbinde, die ihm etwas ungeschickt umgebunden
worden war, gewaschen und gekämmt, aber nicht rasiert, weil ein
Rasiermesser in den Winkeln nicht vorhanden war: das einzige Messer, das
Sinowij Prokoffjewitsch gehört hatte, war schartig geworden und man hatte
es auf dem Trödelmarkt verkauft. Die Anderen gingen alle zum Barbier.
Das Zimmer hatte man aber noch nicht aufräumen können. Die zerrissenen
Schirme lagen noch kreuz und quer umher und entblößten die
Vereinsamung Semjon Iwanowitschs, ganz wie ein Emblem dessen, daß der
Tod alle Vorhänge vor unseren Geheimnissen und Intrigen zerreißt. Das
Füllsel der Matratze lag auch noch in Haufen zerstreut umher. Diesen

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plötzlich zerstörten Winkel hätte man mit einem zerstörten Nest von
Hausschwalben vergleichen können, zerschlagen und zerrissen vom Sturm,
das warme Bettchen aus Federn und Wolle zerstört ... Übrigens, Semjon
Iwanowitsch selbst sah eher einem diebischen Spatz ähnlich. Er war ganz
still geworden und tat, als ob er nichts zu verhehlen hätte, an nichts Schuld
wäre und nicht gewissenlos und schamlos die besten Menschen auf die
allerunanständigste Weise betrogen hätte. Er hörte nicht mehr das Weinen
und Schluchzen seiner verwaisten und beleidigten Witwe. Im Gegenteil, als
erfahrener und geriebener Kapitalist, der selbst im Grabe nicht eine Minute
nutzlos verlieren wollte, schien er mit spekulativen Berechnungen
beschäftigt zu sein. Sein Gesicht drückte tiefes Nachdenken aus und die
Lippen waren zusammengepreßt. Er sah geradezu bedeutend aus, – eine
Eigenschaft, der man Semjon Iwanowitsch im Leben nicht hätte
verdächtigen können. Er schien klüger geworden zu sein. Das rechte Auge
war pfiffig zusammengezogen; auch wollte Semjon Iwanowitsch etwas
sagen, etwas sehr Nötiges mitteilen und erklären, um so schnell als möglich
die Geschäfte zu erledigen, denn er schien auch keine Zeit zu haben. Auch
glaubte man ihn sagen zu hören: „Was fehlt Dir? Höre auf zu weinen,
dummes Weib! Heul nicht! Du Mutter, mach’ ein Schläfchen, hörst Du! Ich
bin gestorben; jetzt ist schon nichts mehr nötig ... Was für eine Wahrheit? Es
ist schön so zu liegen ... Ich, hörst Du, spreche übrigens nicht davon, Du
bist ein Weib, hast mich verstanden? Jetzt ist es aus mit dem Dienst; siehst
Du jetzt, wie’s ist? – Dumm! ... fehlt noch! Aber, weißt Du, wenn ich jetzt
aufstehe, was würde dann sein, wie?“

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Polsunkoff.

Eine Erzählung.

I ch sah mir diesen Menschen näher an. Sogar in seinem Äußeren hatte er
etwas so Besonderes, das einen unfreiwillig zwang, wie zerstreut man
auch gewesen wäre, ihn sich näher anzusehn, um dann sofort von einem
unüberwindlichen Lachkrampf befallen zu werden. So geschah es auch mit
mir. Die Äuglein dieses kleinen Herrn waren so beweglich oder vielmehr er
selbst war dem Magnetismus eines jeden auf ihn gerichteten Blickes
dermaßen unterlegen, daß er instinktiv erriet, wann man ihn betrachtete,
sich gleich nach seinem Beobachter umkehrte und unruhig dessen Blick zu
analysieren begann. Durch seine ständige Beweglichkeit und sein ewiges
hin und her ähnelte er tatsächlich auffallend einer kleinen Wetterfahne.
Sonderbar! Wie es schien, fürchtete er, daß man über ihn lachen könnte, und
doch verdiente er sich gerade damit sein Brot: er war Allerweltsnarr und
ließ sich, je nachdem in welcher Gesellschaft er sich befand, im
moralischen wie im physischen Sinne alles gefallen. Freiwillige Narren tun
einem ja nicht leid. Aber ich bemerkte sofort, daß dieses sonderbare
Geschöpf, dieser lächerliche Mensch kein Narr von Beruf war. In ihm
steckte noch etwas Anständiges. Seine Unruhe, seine ewig krankhafte Angst
vor der Lächerlichkeit sprachen zu seinen Gunsten. Mir schien es vielmehr,
daß sein Wunsch, anderen zu Diensten zu sein, nur aus seinem guten
Herzen entsprang, nicht aber aus Berechnung eines materiellen Vorteils
etwa. Er erlaubte es mit Vergnügen, daß man über ihn aus vollem Halse und
in der taktlosesten Weise lachte, zu gleicher Zeit aber – und ich könnte es
schwören – schmerzte ihm sein Herz, und das Blut stieg ihm zu Kopf bei

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dem Gedanken, daß seine Zuhörer so gemein und herzlos sein konnten,
nicht nur über seine Witzchen allein, sondern auch noch über ihn selbst, ja
über seinen ganzen Menschen zu lachen. Ich bin überzeugt, daß er in diesen
Minuten die ganze Dummheit seiner Lage fühlte; aber der Protest erstarb
sofort in seiner Brust, um jeden Augenblick von neuem geboren zu werden.
Wie gesagt, ich bin überzeugt, daß bei ihm alles nur vom guten Herzen kam
und nicht aus Angst vor dem materiellen Schaden, sagen wir, etwa
fortgejagt zu werden und hinfort kein Geld mehr gepumpt zu erhalten:
dieser Herr borgte nämlich immer Geld, d. h., er bat in dieser Form
Almosen, und wenn er genug Faxen gemacht und andere auf seine
Rechnung belustigt hatte, glaubte er, sich teilweise diese Almosen verdient
zu haben. Aber, mein Gott, was war das für ein Pumpen! Und auf welche
Weise machte er diesen Pump! Man hätte es niemals voraussetzen können,
daß auf einer so kleinen Oberfläche, wie es das runzelige, eckige Gesicht
dieses Menschen war, zu ein und derselben Zeit, so viel verschiedenartige
Grimassen, so viel sonderbare, charakteristische Ausdrücke und die
Widerspiegelung soviel allerqualvollster Eindrücke Platz finden konnten.
Was war doch alles auf ihm zu erblicken, – Scham und erlogene
Frechheit, Ärger, Bangen vor dem Mißerfolg, die Bitte um Verzeihung, daß
er es wagte, einen zu belästigen, das Bewußtsein des eigenen Wertes und
wiederum das vollkommene Bewußtsein seiner eigenen Nichtigkeit – alles
das ging wie Wetterleuchten über sein Gesicht. Ganze sechs Jahre lang
fristete er sein Dasein in dieser Weise auf der Gotteswelt und konnte sich
noch immer nicht in der wichtigsten Minute des Pumpes eine Haltung
geben. Versteht sich, er konnte nicht gefühllos werden oder gar gemein
handeln. Sein Herz war zu beweglich, zu heiß! Ja, meiner Meinung nach
war er der alleranständigste und ehrlichste Mensch auf der Welt, der aber
nur mit einer einzigen kleinen Schwäche behaftet war: er konnte nämlich
auf den ersten Befehl gutmütig und uneigennützig eine Gemeinheit begehn,
nur um den Nächsten einen Gefallen zu erweisen. Mit einem Wort, als
Mensch war er ein vollständiger Lappen. Aber am allerlächerlichsten war es
doch, daß er ebenso gekleidet war wie alle, nicht schlechter, nicht besser,
sauber und sogar mit einer gewissen Gesuchtheit, mit Anspruch auf
Solidität und persönliche Würde. Dieses Streben nach äußerer und gewiß
auch innerer Gleichheit, die Unruhe um sich selbst und zu gleicher Zeit
diese ununterbrochene Selbsterniedrigung – alles das bildete den
schreiendsten Kontrast und war des Mitleids und des Gelächters wert. Wenn

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er in seinem Herzen überzeugt gewesen wäre, daß alle Lacher die besten
Menschen der Welt sind – was er trotz seiner Erfahrungen immer noch
glaubte –, und daß sie nur über die Tatsache der Lächerlichkeit, nicht aber
über seine Persönlichkeit lachten, so würde er mit Vergnügen seinen Frack
ausgezogen und ihn umgekehrt angezogen haben und in diesem Gewande
den Anderen zum Gefallen und sich selbst zur Genugtuung durch die
Straßen gegangen sein, nur um seine Gönner zu erheitern und ihnen
Vergnügen zu bereiten. Aber die Gleichheit konnte er doch nie und nimmer
und durch nichts erreichen. Übrigens noch ein Zug: der sonderbare Kauz
hatte ehrgeizige Anwandlungen und, wenn gerade keine Gefahr vorhanden
war, auch sogar großmütige. Man mußte nur sehn und hören, wie er es
verstand, zuweilen sogar ohne sich zu schonen, folglich also mit einem
Risiko, ja, fast mit Heldenmut, irgend jemanden von seinen Gönnern, der
ihn zu sehr gekränkt hatte, zu bearbeiten! Aber das kam nur in seltenen
Minuten vor ... Kurz, er war ein Märtyrer in des Wortes vollster Bedeutung,
aber der allernutzloseste und daher allerlächerlichste Märtyrer der Welt.
Unter den Gästen erhob sich ein allgemeiner Streit. Plötzlich sah ich wie
mein Kauz vom Stuhle springt und aus allen Kräften schreit, man möge
doch ausschließlich ihm das Wort geben.
„Passen Sie auf,“ flüsterte mir der Wirt zu. „Er erzählt mitunter die
sonderbarsten Sachen ... Interessiert er Sie?“
Ich nickte mit dem Kopf und mischte mich unter die Zuhörer. Der
Anblick eines anständig gekleideten Herrn, der auf dem Stuhl stand und die
ganze Gesellschaft überschrie, erweckte die allgemeine Aufmerksamkeit.
Viele, die den Sonderling nicht kannten, sahen sich unwillig unter einander
an, andere wiederum lachten über ihn aus vollem Halse.
„Ich kenne Fedossei Nikolajitsch! Ich muß Fedossei Nikolajitsch von
allen am besten kennen!“ rief er von seinem erhöhten Platze aus. „Meine
Herren, ich bitte ums Wort! Ich werde von Fedossei Nikolajitsch erzählen!
Eine Geschichte, sag ich Ihnen – einfach wundervoll!“
„Erzählen Sie, Ossip Michailytsch, erzählen Sie!“
„Erzähl!!!“
„Hört doch ...“
„Hören Sie, hören Sie!!!“
„Ich beginne. Aber meine Herren, diese Geschichte ist sehr sonderbar ...“
„Gut, gut!“
„Diese Geschichte ist sehr lächerlich.“

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„Schon gut, wundervoll, vorzüglich, – zur Sache!“
„Sie ist eine Episode aus dem Leben Ihres alleruntertänigsten ...“
„Nun, wozu gaben Sie sich dann noch die Mühe, zu versichern, daß sie
lächerlich ist!“
„Und sogar ein bißchen tragisch!“
„Ah????“
„Mit einem Wort, die Geschichte – beendigen Sie das Vergnügen bereitet,
mich zu hören, meine Herrn, – die Geschichte infolge der ich in eine für
mich so interessante Gesellschaft geraten bin!“
„Die Geschichte ...“
„Mit einem Wort, die Geschichte – beendigen Sie etwas schneller Ihren
Apolog – die Geschichte, die wohl wieder etwas kosten wird,“ fügte mit
heiserer Stimme ein junger Herr hinzu, steckte seine Hand in die Tasche
und zog wie zufällig statt des Taschentuchs seinen Geldbeutel hervor.
„Eine Geschichte, meine Herren, nach der ich gern viele von Ihnen an
meiner Stelle sehen würde. Und, endlich, die Geschichte, der zufolge ich
nicht geheiratet habe.“
„Geheiratet! ... Eine Frau! ... Polsunkoff wollte heiraten!! Du lieber
Gott!!“
„Ich muß gestehn ich hätte gern Mme. Polsunkoff gesehn!“
„Erlauben Sie, bitte, mich zu erkundigen, wer denn diese gewesene Frau
Polsunkoff war?“ piepste ein blondlockiger Jüngling, der sich dem Erzähler
näherte.
„Also, meine Herren, das erste Kapitel: es war genau vor sechs Jahren,
im Frühling, am 31sten März, – bemerken Sie das Datum, meine Herren –
am Vorabend ...“
„Des ersten April!“ rief der blondlockige Jüngling.
„Sie sind wirklich ungemein scharfsinnig. Also: es war Abend. Über die
Gouvernementsstadt N. verdichtete sich die Dämmerung und der Mond
schickte sich an, langsam am blauen Himmelszelt aufzutauchen ... mit
einem Wort, kurz, alles war wie es sich gehörte. Und siehe da, – in der
spätesten Dämmerstunde war’s, da tauchte auch ich ganz leise und heimlich
aus meiner kleinen Wohnung auf, nachdem ich mich noch vorher von
meiner ‚total verschlossenen‘ Großmutter verabschiedet hatte.
Entschuldigen Sie, meine Herren, daß auch ich diesen modernen Ausdruck
gebrauche, den ich erst neulich von Nikolai Nikolajitsch hörte. Aber meine
Großmutter war in der Tat vollkommen verschlossen: sie war blind, taub,

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stumm und dumm, – mehr kann man doch nicht verlangen ... Ich muß
gestehn, ich zitterte am ganzen Körper, denn was ich vorhatte, war
bedeutungsschwer für mich; das Herz zitterte mir wie einem Kater, der eine
knöcherne Hand an seinem Genick fühlt.“
„Erlauben Sie, Mr. Polsunkoff.“
„Sie wünschen?“
„Erzählen Sie einfacher; bitte geben Sie sich nicht so große Mühe!“
„Zu Befehl,“ sagte Ossip Michailytsch ein wenig ungehalten über die
Unterbrechung. „Also ich ging zu Fedossei Nikolajitsch – in sein
wohlerworbenes Haus. Fedossei Nikolajitsch war bekanntlich nicht mein
Mitarbeiter, sondern mein gestrenger Vorgesetzter. Ich wurde angemeldet
und man führte mich sofort zu ihm in’s Kabinett. Ich sehe es noch jetzt vor
mir; ein fast, fast ganz dunkles Zimmer war’s; Licht wurde nicht gebracht.
Ich warte: da tritt auch schon Fedossei Nikolajitsch ein. Und so blieben wir
denn beide in der Dunkelheit ...“
„Was ging denn zwischen Ihnen vor?“ fragte ein Offizier.
„Ja, was meinen Sie wohl?“ fragte Polsunkoff, und wandte sich
unverzüglich mit zuckendem Gesicht an den Jüngling mit den Locken.
„Nun, meine Herren, es war eine sonderbare Situation. Das heißt,
sonderbar war an ihr eigentlich nichts, es war, wie man es so nennt, eine
rein praktische Gelegenheit – ich zog einfach aus meiner Tasche einen
Packen Papiere, das heißt Staatspapiere ...“
„Papiere?“
„Und er zog gleichfalls aus seiner Brusttasche einen Packen Papier
hervor und wir tauschten die beiden Packen aus.“
„Ich könnte wetten, daß es nach Sporteln roch,“ äußerte sich ein gut
gekleideter und gut frisierter junger Herr.
„Sporteln?“ griff sofort Polsunkoff das Wort auf, – „Ach!

Wär ich doch ein Liberaler,
Wie ich viele schon gesehn!

Wenn Sie einmal in der Provinz dienen sollten, so werden Sie sehn, daß Sie
Ihre Hände am Herd des Vaterlandes nicht wärmen können, wenn Sie nicht
... Sagte doch ein Dichter: Selbst der Rauch des Vaterlandes ist mir
angenehm und lieb! Unser Vaterland ist unsere Mutter, unsere Mutter,

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meine Herren, die leibliche Mutter, wir aber sind ihre Säuglinge, und so
saugen wir denn auch an ihm! ...“
Ein allgemeines Gelächter erhob sich.
„Aber glauben Sie mir, meine Herren, ich habe niemals Sporteln
genommen,“ sagte Polsunkoff, wobei er plötzlich mißtrauisch die ganze
Versammlung übersah. Doch wahrhaft homerisches Gelächter verschlang
die Worte Polsunkoffs.
„Nein, wirklich, meine Herren ...“
Er verstummte aber plötzlich, und betrachtete alle mit einem sonderbaren
Ausdruck. Vielleicht – wer kann es wissen – vielleicht kam es ihm in dieser
Minute in den Sinn, daß er ehrlicher und anständiger war als viele
hochgeehrte Herren dieser anständigen Gesellschaft ... Und bis zum Schluß
der allgemeinen Heiterkeit blieb der Ausdruck seines Gesichtes ernst und
nachdenklich.
„Also,“ begann Polsunkoff, als die Heiterkeit sich gelegt hatte, „obgleich
ich niemals Sporteln genommen, beging ich doch dieses Mal eine Sünde:
ich schob die Bestechung in meine Tasche ... die Bestechung von einem
bestechlichen Beamten ... Das heißt, in meinen Händen befanden sich
Papiere, die ... kurz, wenn ich es gewollt hätte, sie Jemandem zu schicken,
so wäre es Fedossei Nikolajitsch schlecht ergangen.“
„So kaufte er sie also von Ihnen zurück?“
„Das tat er.“
„Wieviel gab er Ihnen denn dafür?“
„Er gab soviel, für wieviel ein Anderer in unserer Zeit sein Gewissen
verkaufen würde, mit allen Variationen desselben ... wenn man ihm dafür
nur soviel geben würde. Ich aber war wie mit siedendem Wasser begossen,
als ich das Geld in meine Tasche steckte. Wirklich, ich weiß nicht, meine
Herren, wie das bei mir zuging, denn ich war weder tot, noch lebendig,
meine Lippen konnte ich kaum bewegen, die Kniee zitterten mir; schuldig,
schuldig fühlte ich mich, ganz furchtbar schuldig; machte mir ein
Gewissen, war sogar bereit, Fedossei Nikolajitsch um Vergebung zu bitten
...“
„Nun, verzieh er Ihnen?“
„Aber ich tat es ja doch nicht ... ich erzähle doch nur, wie mir damals zu
Mute war; ich habe, das heißt ... ich habe ein heißes Herz. Ich sehe, er blickt
mir gerade in die Augen: ‚Gott fürchten Sie nicht, Ossip Michailytsch?‘
Nun, was war da zu machen? Ich breitete so die Hände aus, blickte zur

Page 181

Seite. – ‚Warum soll ich denn Gott nicht fürchten, Fedossei Nikolajitsch?‘
Sage das nur so aus Anstand ... selbst bin ich bereit in die Erde zu sinken.
‚Sie, der so lange der Freund unseres Hauses gewesen sind, Sie, der Sie uns
fast ein Sohn ... und wer weiß, was vom Schicksal uns noch bestimmt
gewesen wäre, Ossip Michailytsch! Und plötzlich, bereiten Sie sich vor
mich anzugeben! ... Was soll man nach alledem von den Menschen denken,
Ossip Michailytsch?‘ Ach, meine Herren, wie hat er mir ins Gewissen
geredet! – ‚Sagen Sie mir, was soll man nach alledem von den Menschen
denken, Ossip Michailytsch?‘ fragt er mich. – ‚Was,‘ denke ich, ‚was soll
man denn denken?‘ Wissen Sie, die Kehle wurde mir trocken und das
Stimmchen zitterte mir, ich fühlte schon, daß ich weich wurde und griff zur
Mütze ... ‚Wohin wollen Sie, Ossip Michailytsch? Werden Sie wirklich am
Vorabend solch eines Tages ... werden Sie es mir wirklich nachtragen? Was
habe ich Ihnen denn Böses getan? ...‘ ‚Fedossei Nikolajitsch,‘ sage ich,
‚Fedossei Nikolajitsch!‘ Mit einem Wort, meine Herren, ich wurde
windelweich, wie ein nasses Zuckerstück schmolz ich zusammen. Und das
Paket mit den Banknoten, das in meiner Tasche lag, schien mir gleichfalls
zuzurufen: ‚Undankbarer Räuber, ruchloser Dieb, Du!‘ – und fünf Pud
schwer dünkte es mich – wenn es doch in Wahrheit nur fünf Pud gewogen
hätte! – ‚Ich sehe, daß Sie es bereuen,‘ sagt Fedossei Nikolajitsch – ‚Wissen
Sie, morgen ist der Namenstag ... Nun, weine nicht, genug: hast gesündigt
und bereust es! Gehn wir! Vielleicht gelingt es mir, Dich auf den rechten
Weg zurückzuführen! Vielleicht werden meine bescheidenen Penaten –
erinnere mich ganz genau, der Räuber sagte Penaten – Dich erwärmen,
werden Dein Herz ...‘ Er faßte mich unter den Arm und führte mich zu den
Seinen. Mir lief es kalt über den Rücken; ich zitterte. Mit welchen Augen
werden sie mich ansehn? dachte ich. Sie müssen nämlich wissen, meine
Herren ... wie soll ich’s Ihnen sagen, es gab da noch so eine delikate
Geschichte ...“
„Etwa Madame Polsunkoff?“
„Marja Fedossejewna war es nicht bestimmt, solch eine Madame zu
werden, wie Sie sie zu nennen belieben. Doch Fedossei Nikolajitsch war im
Recht, wenn er sagte, daß ich im Hause fast für einen Sohn gehalten wurde.
Vor einem halben Jahre war das schon der Fall gewesen, nämlich als noch
Michail Maximytsch Dwigailoff, der Junker außer Diensten, lebte. Aber
nach einem höheren Ratschluß Gottes starb er und da er das

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Testamentmachen immer aufgeschoben, so konnte man auch nachher
nirgendwo eines finden ...“
„Ah!!!“
„Nun, nichts zu machen, meine Herren, entschuldigen Sie, ich habe mich
versprochen, das war allerdings nicht schön, doch das will ja auch nichts
besagen, dafür aber war die Sache selbst um so schlechter, als ich
zurückblieb, sozusagen, bloß mit der Null in der Perspektive, denn der
Junker außer Diensten, wenn ich auch sein Haus nicht betreten durfte – er
lebte auf großem Fuße, wahrscheinlich weil er früher lange Finger gehabt –
so hielt er mich vielleicht doch nicht ganz irrtümlicher Weise für seinen
leiblichen Sohn.“
„Aha!!!“
„Ja, also so war’s! Nun, und da zeigte man mir bei Fedossei Nikolajitsch
lange Nasen. Ich bemerkte es denn auch sofort und war darob nicht wenig
verwundert, bezwang mich aber. Da kam plötzlich zu meinem Unglück –
oder vielleicht auch zu meinem Glück – wie kalter Schnee auf’s Haupt, in
unser Städtchen ein Remonteoffizier hereingesaust. Nun, wissen Sie, seine
Aufgabe wurde ihm nicht allzu schwer gemacht, Kavallerieplänkelei ...
wenn er sich nur nicht bei Fedossei Nikolajitsch so festgesetzt hätte, saß
wie eine Kugel in der Wand! Ich, der langjährige Hausfreund war vergessen
... und, wissen Sie, dumme Angewohnheit: nehme Fedossei Nikolajitsch bei
Seite und erkläre ihm so und so, warum denn gleich beleidigen! Da ich
doch in gewissem Sinne schon wie ein Sohn war ... Das Väterliche, das
Väterliche ... ach, nun ja, das heißt, ich meine, wie soll ich’s denn
abwarten!? Nun, er antwortete mir, das heißt, er erzählte mir ein ganzes
Poem in zwölf Liedern und Gesängen, schon allein vom Zuhören fließt es
einem wie Honig über die Seele, man leckt sich bloß die Lippen. Fragst Du
Dich aber nach dem Sinn der Worte, so stehst Du wie ein Ochs am Berg:
der Schuft dreht sich wie ein Aal, bleibt nirgends stecken, geht ölglatt über
alle Hindernisse hinweg. Mit einem Wort, ein Talent hatte er, sag ich Ihnen,
ein Talent, daß einem angst und bange wurde, wirklich eine phänomenale
Begabung! Weder ja noch nein, denk Dir, was Du willst. Nun, Sie können
sich denken, was ich mir dachte! Schleppe ihr Romanzen zu, bringe
Konfekt und brüte Witzchen aus, seufze und stöhne, Ach und Weh, mein
Herz schmerzt mir vor Liebe, sage ich und weine Tränen, mache heimliche
Geständnisse. Dumm ist der Mensch! Der Alte hatte ja nicht in den
Kirchenbüchern nachgeschlagen, wußte also nicht, daß ich dreißig Jahre alt

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war! Fehlt noch! Wollte schlau sein! Aber meine Sache glückte mir nicht,
Spott und Gelächter rund um mich herum ... da packte mich die Wut und
preßte mir die Kehle zu. Ich ging davon, gedachte in dieses Haus nie mehr
meinen Fuß zu setzen – und die Sache anzugeben. Ich gebe es zu, daß es
gemein von mir war, den Freund angeben zu wollen, aber Material dazu
war viel vorhanden, kostbares Material, wäre eine kapitale Sache gewesen!
Tausendfünfhundert brachte es mir ein, als ich es gegen Papierscheine
eintauschte!“
„Ah! Da haben wir die Sporteln!“
„Ja, mein Herr, das wären Sporteln gewesen, die mir ein käuflicher
Mensch bezahlt hätte! Und das wäre doch wirklich keine Sünde gewesen.
Aber ich werde meine Erzählung jetzt wieder aufnehmen: wie Sie sich
vielleicht noch erinnern, zog er mich halbtot, also nur halb lebendig ins
Teezimmer; man empfängt mich: alle scheinen sie beleidigt, das heißt, nicht
gerade beleidigt, sondern so betrübt zu sein, daß es schon einfach ... Mit
einem Wort, niedergeschlagen, ganz niedergeschlagen, auf ihren Gesichtern
lag eine Feierlichkeit, sag’ ich Ihnen, eine Trauer in ihren Blicken, so etwas
Väterliches, Verwandtschaftliches ... der verlorene Sohn kehrte wieder
zurück. Kurz, man setzte sich an den Tisch, um Tee zu trinken: mir selbst
kochte ein Samowar in der Brust, meine Füße waren eiskalt: ich zitterte,
betete! Marja Fominischna, seine Gemahlin, Hofrätin – jetzt ist sie Frau
Kollegienrat – redete mich sofort mit Du an: ‚Warum bist Du, Väterchen, so
abgemagert?‘ fragte sie. – ‚Nur so, bin erkältet, Marja Fominischna,‘ sage
ich ... das Stimmchen zitterte mir. Und sie beginnt sofort, mir nichts, dir
nichts, die Sachen abzuwickeln, solch eine Viper: daß augenscheinlich wohl
das Gewissen mich quäle. ‚Unser verwandtschaftliches Salz und Brot, das
Du verraten wolltest, meine blutigen Tränen, die ich vergossen habe,
brennen Dir wohl auf dem Herzen‘. Bei Gott, das sagte sie, gegen ihr
eigenes Gewissen sagte sie das! Ein verwegenes Weib war sie! Saß da am
Tisch und goß den Tee ein. Warte, dachte ich, wenn Du auf dem Markt
wärest, würdest Du alle anderen Weiber überschreien. Solch eine war
unsere Hofrätin. Und zu meinem Unglück trat jetzt noch die Tochter Marja
Fedossejewna mit ihrer ganzen Unschuld ins Zimmer, ein wenig bleich, die
Äuglein wie von Tränen gerötet – ich war vernichtet, auf der Stelle
vernichtet! Später erfuhr ich es, daß sie die Tränen wegen des
Remonteoffiziers vergossen hatte: der hatte sich heimlich aus dem Staube
gemacht, die Flucht auf seine Weise ergriffen, denn es war für ihn Zeit

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geworden, den Rückzug anzutreten ... doch war’s nicht etwa ein Befehl von
oben gewesen, der ihn dazu gezwungen hatte. Nein ... nachher erst
bemerkten es die Eltern, aber was war dann noch zu machen? Mußten das
Unglück in aller Stille beseitigen! ... Ich aber, ich war, als ich sie erblickte,
einfach vernichtet, ich griff nach meinem Hut, wollte so schnell als möglich
spurlos verschwinden ... aber man nahm mir den Hut fort ... Ich wollte
schon ohne Hut auf und davon – man schloß die Tür zu, man lächelte, man
blinzelte sich gegenseitig zu, – ich wurde ganz konfus, ich stammelte irgend
etwas, sprach vom Liebesgotte Amor: sie, das Täubchen, setzte sich ans
Klavier und sang in traurigen beleidigten Tönen eine Romanze von einem
Husaren, der sich auf seinen Säbel stützte. Großer Gott! – ‚Ach, alles, alles
soll vergessen sein, komm in meine Arme!‘ rief mir plötzlich Fedossei
Nikolajitsch zu. Ich, wie ich da war, fiel mit meinem Gesicht auf seine
Weste. ‚Mein Wohltäter, mein leiblicher Vater,‘ rief ich und weinte heiße
Tränen. Mein Gott! Die Folgen waren fürchterlich! Er weinte, die Frau
weinte, Maschenka weinte ... und noch eine blonde Dame war dort, und
auch die weinte ... plötzlich krochen aus allen Ecken und Enden Kinder
hervor – Gott hatte sein Haus gesegnet! – und auch die brüllten mit ...
wieviel Tränen, wieviel Verzeihen, welch eine Freude, einen Verlorenen
brachte man zurück, ich wurde beweint, wie ein Soldat, der in die Heimat
zurückkehrt! Man reichte Süßigkeiten herum, spielte Pfänderspiele und
blinde Kuh: ‚Oh, wie es schmerzt‘! – ‚Was schmerzt?‘ – ‚Das Herz!‘ –
‚Warum?‘ Sie wird rot, das Täubchen! Der Alte und ich tranken darauf
einen Punsch, – man ging endlich auseinander und hatte mich vollständig
eingezuckert ... Ich kehrte zu meiner Großmutter zurück. Mein Kopf ging
mir rund; auf dem ganzen Wege hatte ich vor mich hingelächelt, zu Hause
ging ich zwei geschlagene Stunden in meinem Zimmer auf und ab, weckte
die Alte auf, teilte ihr all mein Glück mit. ‚Hat er Dir das Geld gegeben, der
Räuber?‘ – ‚Hat gegeben Großmütterchen, hat gegeben, meine Liebe, das
Glück ist bei uns eingezogen, öffne nur die Arme!‘ – ‚Nun, jetzt heirate
aber, jetzt ist es Zeit, daß Du heiratest,‘ sagt mir die Alte, ‚meine Gebete
sind erhört worden‘. Ich weckte Ssofron. ‚Ssofron, zieh’ mir die Stiefel aus!
Nun, Ssofroscha! Jetzt kannst Du mir gratulieren, kannst mich umarmen!
Ich heirate einfach, Brüderchen, ich heirate, kannst Dich morgen betrinken,
kannst einmal durchgehn, liebe Seele, so viel Du willst. Dein Herr heiratet!‘
Eitel Sonnenschein war in meinem Herzen! ... Schon wollte ich einschlafen,
aber wieder erhob ich mich und dachte und dachte, und plötzlich ging es

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mir durch den Kopf: morgen ist der erste April, solch ein heller,
spielerischer Tag, wie wär’ es – wenn? ... Und was glauben Sie, meine
Herren, ich stand vom Bett auf, zündete das Licht an und setzte mich an den
Schreibtisch. Ich war außer Rand und Band, hatte mich schon ganz
vergessen, – wissen Sie, meine Herren, wie es ist, wenn ein Mensch sich
ganz im Spiel verliert? Mit dem Kopf voran bin ich ins Unglück gerannt!
Das liegt schon so im Charakter: sie nehmen Dir etwas und Du gibst Ihnen
alles, was Du sonst noch hast. Sie geben Dir einen Backenstreich, Du aber
bietest Ihnen zum Vergnügen noch den ganzen Rücken hin. Sie zeigen Dir
wie einem Hund ein Stückchen Weißbrot, und Du greifst aus ganzer Seele
und mit ganzem Herzen mit Deiner dummen Pfote danach – und küßt Ihre
Hände! Wenn das wenigstens jetzt ... Meine Herren! Sie lachen und flüstern
unter einander, ich sehe es ja! Nachher, wenn ich Ihnen alle meine
Geheimnisse erzählt haben werde, so werden Sie über mich lachen, werden
mich hinausstoßen, ich aber werde Ihnen erzählen, erzählen, alles erzählen!
Wer hat mich dazu gezwungen! Wer hat es mir befohlen? Wer steht hinter
meinem Rücken und flüstert mir zu: erzähle, erzähle! Und ich erzähle und
krieche Ihnen damit in die Seele, als ob Sie meine leiblichen Brüder oder
Busenfreunde wären ... eh!“
Das Gelächter, das sich immer mehr und mehr verbreitete, übertönte
schließlich vollständig die Stimme des Erzählers, der wirklich in
Begeisterung geraten war; er hielt inne, seine Augen liefen einige Minuten
lang über die Versammlung hin, und plötzlich, wie vom Sturme mitgerissen,
fing er selbst zu lachen an, als ob er wirklich seine Lage so lächerlich fand
– und setzte dann erst wieder seine Erzählung fort:
„Ich schlief so gut wie überhaupt nicht, meine Herren; die ganze Nacht
fast kritzelte ich auf dem Papier herum; hatte mir einen Scherz ausgedacht!
Ach, meine Herren, wenn ich daran denke, so wird mir schlecht zu Mut!
Das kommt vom Nachtwachen, von verschlafenen Augen, hatte mir da was
ausgeheckt, was zusammengelogen! Am anderen Morgen erwachte ich,
hatte im ganzen nur zwei Stunden geschlafen, kleidete mich an, wusch
mich, frisierte und pomadisierte mich, zog mir einen neuen Frack an und
begab mich geradewegs zum Fest zu Fedossei Nikolajewitsch. Das Papier
hatte ich in den Hut gesteckt. Er empfing mich selbst mit geöffneten Armen
und wollte mich wieder an seine väterliche Weste pressen. Ich aber nahm
eine vornehme Haltung an und trat einen Schritt zurück: ‚Nein, Fedossei
Nikolajitsch, wollen Sie gefälligst dieses Papier durchlesen,‘ sagte ich, und

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überreichte ihm das Papier, und wissen Sie, was in dem Bericht enthalten
war? Daß ein gewisser Ossip Michailytsch aus diesen und jenen Gründen
seinen Abschied einreicht, – und unterzeichnet hatte ich es mit meinem
vollen Rang und Namen! Großer Gott, daß ich mir auch gerade das hatte
ausdenken müssen! Klügeres konnte mir natürlich nicht einfallen! Heute ist
der erste April, folglich werde ich mir den Spaß erlauben und eine Miene
aufsetzen, als ob ich mich noch gekränkt fühlte und mich über Nacht
bedacht hätte, daß ich Euch, meine verwandtschaftlichen Wohltäter und
Eure Tochter überhaupt nicht brauche; das Geld habe ich mir gestern in die
Tasche gesteckt, bin daher versorgt und reiche jetzt meinen Abschied ein.
Möchte vielleicht unter solch einem Vorgesetzten wie Fedossei Nikolajitsch
nicht dienen! Werde mir einen anderen Dienst suchen und dann die
Denunziation doch einreichen. Zu solch einem Schurken machte ich mich,
um sie zu erschrecken! Da war denn Grund genug vorhanden, um
erschrocken zu sein! Seit dem vergangenen Tage hing ich mit ganzem
Herzen an ihnen; werde mir einen Familienscherz erlauben, dachte ich,
werde das väterliche Herz Fedossei Nikolajitschs beängstigen ...
Er griff sofort nach dem Papier, öffnete es und ich sah, wie seine ganze
Physiognomie sich veränderte. ‚Wa–a–s, Ossip Michailytsch?‘ – ‚Erster
April! Prost Fest, Fedossei Nikolajitsch!‘ sage ich ihm wie ein Dummkopf.
Das heißt, wie ein kleiner Junge, der sich hinter dem Stuhl der Großmutter
versteckt hat und plötzlich um sie zu erschrecken ihr aus vollem Halse
Kikiriki ins Ohr schreit! Ja ... man schämt sich einfach, so was zu erzählen,
meine Herren! Nein, ich werde lieber nicht mehr fortfahren ...!“
„Aber nein, weiter, weiter!“
„Nein, nein, erzählen Sie doch! Nein, unbedingt erzählen Sie, erzählen
Sie!“ tönte es von allen Seiten.
„Nun, meine Herren, man ächzte und seufzte und saß über mich zu
Gericht. Ein Schelm sei ich, und ein Spaßvogel sei ich und ich hätte sie so
erschreckt und so viel Süßes hörte ich, daß ich mich selbst schämte und mit
Schrecken daran dachte: ‚wie kann solch ein Sünder wie ich, solch einen
heiligen Platz einnehmen!‘ – ‚Nun, mein Werter,‘ quiekte die Hofrätin,
‚hast mich so erschreckt, daß mir noch jetzt die Kniee zittern und ich mich
kaum auf den Füßen halten kann! Wie eine Halbwahnsinnige lief ich zu
Maschenka und frage sie, was wird aus uns werden! Sieh, als was der
Deinige sich entpuppt! So sündigte ich, mein Lieber, mußt mir Alten schon
verzeihen! Nun, dachte ich: gestern Abend ist er spät nach Hause

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gekommen, hat sich’s dann noch überlegt, schien ihm vielleicht, daß wir
ihm gestern zu sehr den Hof gemacht, ihn beeinflußt haben. Laß gut sein,
Maschenka, brauchst mir nicht abzuwinken, Ossip Michailytsch ist uns ja
doch kein Fremder, und ich bin Deine Mutter, werde schon nichts
Unnötiges sagen! Gott sei Dank, lebe ja doch nicht erst seit zwanzig Jahren
auf der Welt, sondern schon seit ganzen fünfundvierzig!‘ ...“
„Nun, was glauben Sie, meine Herren, ich wäre ihr beinahe zu Füßen
gestürzt! Man weinte wieder Tränen der Freude und umarmte sich, erlaubte
sich Scherzchen. Fedossei Nikolajitsch dachte sich auch einen Aprilscherz
aus! Er sagte, daß ihm der Vogel Phönix in seinem brillantenen Schnabel
einen Brief gebracht hätte. Man lachte viel darüber. Man schämt sich rein,
es zu erzählen!“
„Nun, meine Herren, jetzt komme ich zum Schluß meiner Erzählung. Wir
lebten so noch einen Tag, den zweiten, den dritten, die ganze Woche; ich
war also Bräutigam. Die Ringe waren bestellt, der Tag schon festgesetzt,
man wollte es nur vorläufig noch nicht veröffentlichen, da man den Revisor
erwartete. Ich erwartete ihn besonders ungeduldig, er störte mein Glück.
Wenn man ihn doch schon wieder vom Halse hätte, dachte ich. Fedossei
Nikolajewitsch aber überließ mir unter Scherzen und Lachen alle Arbeit:
Rechnungen und Berichte zu schreiben, die Bücher zu vergleichen und was
noch mehr. Die schrecklichste Unordnung herrschte überall, alles war
rückständig, voll von Häkchen und Hindernissen. Nun, denke ich, tue es für
den Schwiegervater! Der aber kränkelte die ganze Zeit schon und es wurde
mit ihm von Tag zu Tag immer schlechter und schlechter. Ich selbst aber
war schon so abgemagert wie ein Streichhölzchen, arbeitete die Nächte
durch und fürchtete mich bereits, ganz zusammenzubrechen. Wurde aber
doch mit der Arbeit bis zum Termin fertig. Plötzlich schickt man einen
Boten nach mir, ich möge doch so schnell als möglich kommen, Fedossei
Nikolajitsch ginge es schlecht. Ich laufe hin, und zerbreche mir schon
unterwegs den Kopf, was da wohl los sein könnte? Mein Fedossei
Nikolajitsch sitzt, den Kopf mit Essigkompressen umwickelt, krächzt,
stöhnt, seufzt: Och und Ach! ‚Mein Werter, mein Lieber,‘ sagt er, ‚ich
sterbe, wem werde ich meine Küken überlassen?‘ Frau und Kinder
jammerten, Maschenka war in Tränen aufgelöst – nun, und ich selbst fing
an zu weinen! ‚Nein, Gott wird nicht so ungerecht sein, daß er meine
Familie für meine Sünden strafen wird,‘ sagte er. Darauf befahl er ihnen
allen, das Zimmer zu verlassen, die Tür zu schließen und uns allein zu

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lassen. ‚Habe eine Bitte an Dich!‘ – ‚Welch eine?‘ – ‚So und so,
Brüderchen, würde im Grabe keine Ruhe haben: habe Geld nötig!‘ – ‚Wie
denn das?‘
Ich stotterte und erbleichte. ‚Ja, Brüderchen, mußte von eigenem Gelde
in die Kasse legen; ich, Brüderchen, spare nicht, wenn es sich um den
allgemeinen Nutzen handelt! Schone nicht einmal mein Leben! Glaube
nicht Schlechtes von mir, man hat mich bei Dir verleumdet ... Der Kummer
um Dich machte mir mein Haar ergrauen. Der Revisor wird erwartet und
bei Matwejeff fehlen sieben Tausend Rubel in der Kasse, ich muß dafür
verantworten, wer denn sonst! Von mir wird man sie verlangen, und von
Matwejeff ist doch nichts zu holen! Habe schon so wie so genug von ihm!‘
‚Alle Heiligen,‘ denke ich, ‚welch ein Mensch, was für eine Seele!!‘ –
‚Ja,‘ sagt er, ‚an die Aussteuer und Mitgift meiner Tochter will ich nicht
rühren: das ist eine heilige Summe! Habe ja auch noch eigenes Geld, aber
das ist bei Leuten, von denen jetzt nichts zu erwarten ist!‘ Ich fiel vor ihm
auf die Kniee. ‚Mein Wohltäter,‘ rief ich, ‚habe Dich beleidigt und
gekränkt. Verleumder haben über Dich Schlechtes ausgesagt, nimm das
Geld zurück, das Geld, das Du mir gegeben hast!‘ Er sieht mich dankbar an
und die Tränen fließen ihm über die Wangen. ‚Das hatte ich von Dir
erwartet, mein Sohn, stehe auf; damals vergab ich Dir um der Tränen
meiner Tochter willen, jetzt verzeiht Dir auch mein Herz! Du hast mir
meine Wunden geheilt, sei gesegnet bis in alle Ewigkeit!‘ Nun, meine
Herren, als er mich gesegnet hatte, lief ich fast auf allen Vieren nach Haus
und brachte ihm die Summe: ‚Hier, Väterchen, ist alles, nur fünfzig Rubel
habe ich davon ausgegeben!‘ ‚Tut nichts,‘ sagt er, ‚man muß nicht alles so
genau nehmen; die Zeit eilt, schreib’ nur einen Zettel älteren Datums aus,
daß Du 50 Rubel Gage vorausbittest ...‘ Nun, was, meine Herren! Was
glauben Sie! Ich schrieb den Zettel! ...“
„Nun, und – wie endete denn alles? ...“
„Wie ich den Zettel geschrieben hatte, meine Herren, geschah Folgendes.
Ganz früh am anderen Morgen erschien ein versichertes und versiegeltes
Paket, und was finde ich in ihm? Meine Entlassung! Also arbeite und
schinde Dich und dann kannst Du Deines Weges gehn!“
„Wie denn das?“
„Ja, habe gleichfalls aus voller Kehle geschrieen, meine Herren, wie das
möglich wäre! Ich dachte nach: Sollte der Revisor angekommen sein? ...
Mein Herz krampfte sich zusammen. So wie ich war, lief ich zu Fedossei

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Nikolajitsch: ‚Was bedeutet das?‘ fragte ich. ‚Ja, wie denn, das ist doch die
erwünschte Entlassung!‘ – ‚Welche erwünschte Entlassung? Ich weiß nichts
davon.‘ –
‚Aber die Entlassung aus dem Dienst!‘ – ‚Ja, habe ich denn überhaupt ein
Entlassungsgesuch eingereicht?‘ – ‚Gewiß, am ersten April haben Sie Ihr
Entlassungsgesuch eingereicht.‘ – ‚Fedossei Nikolajitsch, sehen denn meine
Augen recht, hören denn meine Ohren recht?‘ – ‚Wie kommen Sie darauf,
so etwas zu fragen?‘ – ‚Oh, mein Gott!‘ – ‚Ja, mein Herr, es tut mir sehr
leid, daß Sie schon so früh Ihren Dienst verlassen wollen! Ein junger
Mensch muß dienen, aber Sie, mein Herr, scheinen Wind im Kopf zu haben.
Was das Attestat anbelangt, seien Sie unbesorgt, ich werde schon dafür
sorgen. Sie haben sich ja immer so gut aufgeführt!‘ – ‚Ich habe doch nur
gescherzt, Fedossei Nikolajitsch, hatte mir mit diesem Papier nur einen
Familienscherz erlauben ...‘ – ‚Wie das! Was für einen Scherz? Scherzt man
denn mit solchen Dingen? Für solche Scherze wird man Sie noch einmal
nach Sibirien schicken! Leben Sie wohl, ich habe keine Zeit mehr. Der
Revisor ist da, die Dienstpflichten gehn allem voran, Sie können Domino
spielen, wenn Sie wollen, wir aber müssen arbeiten. Ich werde Sie schon
wie es sich gehört attestieren. Übrigens, was ich sagen wollte, ich habe das
Haus von Matwejeff gekauft, werde daher in diesen Tagen umziehen, so
daß ich wohl hoffen kann, Sie ferner nicht mehr bei mir zu sehn!‘ Ich lief
nach Haus. ‚Wir sind verloren, Großmütterchen, verloren!‘ Die Alte weinte,
die Arme! Gleich darauf folgte der Laufbursche von Fedossei Nikolajitsch
mit einem Vogelbauer, in dem ein Staar saß, und überreichte mir einen
Zettel. Auf ihm stand: ‚1. April‘ – und weiter nichts. Nun, meine Herren,
wie gefällt Ihnen meine Erzählung?“
„Und was geschah denn weiter???“
„Was weiter geschah? Ich begegnete noch einmal Fedossei Nikolajitsch
auf der Straße, wollte ihm ins Gesicht sagen ...“
„Nun?“
„Aber ich brachte es doch nicht über die Lippen, meine Herren!“

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Der ehrliche Dieb.

Aufzeichnungen.

E ines Morgens, als ich mich gerade anschickte, in den Dienst zu gehn,
trat Agrafena, meine Köchin, Wäscherin und Haushälterin, zu mir ins
Zimmer und begann zu meinem großen Erstaunen ein Gespräch mit
mir.
Bis dahin war dieses alte Weib so schweigsam gewesen, daß sie außer
den paar Fragen täglich, was sie zum Mittag bereiten sollte u. s. w., fast seit
sechs Jahren kein einziges Wort gesprochen hatte. Wenigstens hatte ich
keines von ihr vernommen.
„Sehn Sie, Herr, ich bin zu Ihnen gekommen,“ begann sie hastig, „denn
Sie müssen die kleine Kammer vermieten.“
„Was für eine Kammer?“
„Die da, neben der Küche. Man weiß doch was für eine.“
„Warum?“
„Warum? Darum, weil Menschen doch vermieten. Man weiß doch
warum.“
„Aber wer wird sie denn mieten?“
„Wer wird sie mieten! Ein Mieter. Das weiß man doch wer.“
„Aber dort, Mütterchen, kann man doch kein Bett hinstellen! Es ist doch
viel zu eng! Wer kann denn dort leben?“
„Warum dort leben! Wenn er nur irgendwo schlafen kann; leben wird er
auf dem Fensterbrett.“
„Auf welch einem Fensterbrett?“

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„Das weiß man doch auf welch einem, als ob Sie es nicht wüßten! Auf
dem im Vorzimmer. Er wird dort sitzen, nähen oder sonst was tun. Aber er
kann ja auch auf dem Stuhle sitzen. Er hat einen Stuhl, auch ein Tisch ist
da, alles ist da.“
„Was ist er denn für Einer?“
„Ein erfahrener, ein solider Mensch ist er. Ich werde ihm das Essen
kochen, und für die Wohnung und für die Beköstigung werde ich drei Rubel
Silber monatlich nehmen ...“
Nach großen Anstrengungen erfuhr ich endlich, daß irgend ein älterer
Mensch Agrafena überredet hatte, ihn als Mieter und Pensionär
aufzunehmen. Was aber Agrafena sich einmal in den Kopf gesetzt hatte,
damit mußte man sich so schnell als möglich einverstanden erklären, denn
ich wußte es aus eigener Erfahrung, daß sie mir früher doch keine Ruhe
geben würde. Wenn ihr irgendetwas nicht nach Wunsch ging, so wurde sie
nachdenklich und verfiel zuletzt in eine tiefe Melancholie. Dieser Zustand
dauerte dann wenigstens zwei bis drei Wochen an und in dieser Zeit war das
Essen ungenießbar, die Wäsche nicht gewaschen und das Zimmer nicht
gesäubert, mit einem Wort es gab dann viel Unangenehmes. Ich hatte schon
längst bemerkt, daß diese schweigsame Frau nicht im Stande war, von sich
aus einen Entschluß zu fassen, geschweige denn auf einen neuen ihr selbst
angehörigen Gedanken zu kommen. Aber wenn sich in ihrem schwachen
Verstande einmal irgendetwas einer Idee oder gar einem Entschluß
Ähnliches festsetzte, so konnte man sie durch ein Verbot oder einen
Widerspruch auf einige Zeit moralisch vernichten. Weil ich nun um alles in
der Welt nicht in meiner Ruhe gestört sein wollte, so willigte ich auch
dieses Mal sofort ein.
„Hat er wenigstens irgendwelche Papiere, einen Paß oder so etwas?“
„Wie denn nicht? Man weiß doch, was er ist. Ein solider, erfahrener
Mensch. Drei Rubel hat er versprochen zu geben.“
Am anderen Morgen erschien also in meiner einfachen
Junggesellenwohnung der neue Einwohner, was mich genau genommen
nicht einmal kränkte; im Gegenteil, ich war innerlich sogar sehr zufrieden.
Ich lebe einsam, wie ein Einsiedler. Bekannte habe ich so gut wie überhaupt
keine, selten gehe ich aus. Zehn Jahre bin ich schon so allein. Freilich hatte
ich mich an die Einsamkeit gewöhnt, aber zehn, fünfzehn Jahre oder noch
mehr solcher Einsamkeit, mit solch einer Agrafena in solch einer
Junggesellenwohnung – ist eine farblose Perspektive. Unter solchen

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Umständen ist denn ein friedlicher Mensch mehr – eine himmlische
Wohltat.
Agrafena hatte nicht gelogen: mein Einwohner war einer von den
Soliden. Nach dem Paß erwies es sich, daß er Soldat gewesen war, was ich
freilich auch ohnedem auf den ersten Blick erraten hatte. Das erkennt man
sofort. Also mein Einwohner Astaphij Iwanytsch war unter seinen
Standesgenossen einer der Besseren. Wir lebten gut zusammen. Das Beste
war aber doch, daß Astaphij Iwanytsch Geschichten und Erlebnisse aus
seinem Leben zu erzählen wußte. Bei der immerwährenden Langweile
meines Lebens war solch ein Erzähler einfach ein Schatz. Eine seiner
Erzählungen machte auf mich einen nachhaltigeren Eindruck, und so will
ich sie denn hier wiedergeben, und auch, bei welch einer Gelegenheit er sie
mir erzählte.
Ich blieb einmal allein in der Wohnung. Astaphij wie auch Agrafena
waren ausgegangen. Plötzlich hörte ich aus meinem Zimmer, daß
irgendjemand ins Vorzimmer trat, wie es mir schien, ein Fremder; ich ging
hinaus, und tatsächlich war im Vorzimmer ein fremder Mensch, klein von
Wuchs und trotz der kalten Herbstzeit nur im Rock.
„Was suchst Du?“
„Den Beamten Alexandroff. Wohnt er hier?“
„Solch einen gibt es hier nicht, Brüderchen, adieu.“
„Wie denn, der Hausknecht hat mir doch gesagt, daß er hier ...“ murmelte
der Besucher und zog sich vorsichtig zur Tür zurück.
„Mach daß Du hinauskommst, mein Lieber.“
Am andern Tage nach dem Mittagessen, gerade als Astaphij Iwanytsch
mir meinen Rock anpaßte, den er mir ummachte, trat wieder Jemand ins
Vorzimmer. Ich öffnete ein wenig die Tür.
In diesem Augenblick nahm der gestrige Besucher vor meinen Augen
meinen Pelz vom Kleiderständer, steckte ihn unter den Arm und ging damit
zur Wohnung hinaus. Agrafena sperrte vor Erstaunen nur Mund und Augen
auf, tat aber sonst nichts zur Verteidigung meines Pelzes. Astaphij
Iwanytsch lief wohl dem Schurken nach, kehrte aber schon in zehn Minuten
ganz außer Atem und mit leeren Händen zurück. „Wie unter der Erde
verschwunden ist er!“
„Welch ein Pech! Ein Glück, daß er Ihnen noch den Mantel gelassen hat.
Er hätte uns ja sonst gänzlich aufs Trockene gesetzt, der Schuft!“

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Astaphij Iwanytsch war aber so erschüttert, daß ich vor Verwunderung
über ihn den Diebstahl bald ganz vergaß. Er konnte es garnicht fassen, wie
das alles so hatte geschehen können. Jeden Augenblick legte er die Arbeit
wieder aus der Hand und begann von Neuem, die Sache zu erzählen: wie
das alles geschehen war, wie er gestanden, wie man vor seinen Augen, zwei
Schritte von ihm entfernt, den Pelz genommen hatte, und wie es gekommen
war, daß er ihn nicht hatte packen können. Nach einiger Zeit setzte er sich
an die Arbeit, aber es dauerte nicht lange und er warf sie wieder fort. Bald
darauf sah ich ihn zum Hausknecht laufen, um ihm die ganze Geschichte zu
erzählen, und ihm Vorwürfe zu machen, daß auf seinem Hofe so etwas hatte
geschehen können. Darauf kam er zurück und schimpfte Agrafena aus, und
als er sich dann wieder an die Arbeit setzte, murmelte er noch lange vor sich
hin: wie sich das alles zugetragen, wie er dort gestanden hätte und ich dort
und wie jener vor seinen Augen, zwei Schritt von ihm entfernt, den Pelz
genommen hatte u. s. w. u. s. w.
Am Abend desselben Tages brachte ich ihm ein Glas Tee, um mir meine
Langeweile zu vertreiben, da ich wußte, daß er wieder vom gestohlenen
Pelz erzählen würde, was mich infolge der häufigen Wiederholung und
tiefempfundenen Aufrichtigkeit des Erzählers nachgerade ungemein
erheiterte.
„Man hat uns zum Besten gehabt, Astaphij Iwanytsch.“
„Zum Narren, Herr. Ja, selbst einen Unbeteiligten kränkt das, und die
Wut packt mich, wenn es auch nicht mein Mäntelchen war. Weiß Gott, es
gibt doch nichts Schändlicheres auf der Welt, als einen Dieb. Wie oft stiehlt
solch ein Dieb einem ehrlichen Menschen das Letzte fort, was er sich mit
Mühe und saurer Arbeit erworben hat, stiehlt ihm die Zeit, die ganze
Ersparnis fort ... Pfui! Man will gar nicht daran denken. Aber ist es denn
Ihnen um Ihr Gut nicht leid, Herr?“
„Ja, Du hast Recht, Astaphij Iwanytsch, es würde mir weniger leid tun,
wenn die Sache verbrannt wäre, aber sie so einem Diebe abtreten zu müssen
ist ärgerlich: das will man nicht.“
„Ja, das ist schon so, das will man nicht. Ein Dieb ist wie der andere ...
Aber, wissen Sie, Herr, ich kannte einmal einen Dieb, der doch ehrlich
war.“
„Wie das ehrlich? Welch ein Dieb ist denn ehrlich, Astaphij Iwanytsch?“
„Das ist schon wahr, Herr! Welcher Dieb ist denn ehrlich, – solch einen
gibt es gar nicht. Ich wollte nur sagen, daß er ein ehrlicher Mensch war,

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wenn er auch gestohlen hatte. Er konnte einem leid tun.“
„Wie ging denn das zu, Astaphij Iwanytsch?“
„Ja, Herr das war vor zwei Jahren. Ich war damals fast ein ganzes Jahr
ohne Stellung. Aber schon vorher, als ich noch im Dienst war, lernte ich
einen ganz verkommenen Menschen kennen. In der Volksküche trafen wir
uns. Solch ein Trunkenbold, Herumtreiber und Tagedieb war er; er hatte
irgendwo früher gedient, war aber seines Suffes wegen von seiner Stelle
verjagt worden. Solch ein Unwürdiger! Seine Kleider waren schon Gott
weiß wie! Oft wußte man wirklich nicht, ob er noch ein Hemd unter dem
Mantel anhatte: alles was er hatte, vertrank er. Dabei war er gar kein
Raufbold; war so still, so zärtlich und gut, nie bat er um etwas, immer
schämte er sich: aber man sah es ja, wie sehr der Arme trinken wollte und
gab ihm dann von selbst. Und so fanden wir uns zusammen, das heißt, er
hing sich mir an den Hals. Mir war alles gleich. Und was war das für ein
Mensch! Wie ein Hündchen hinter einem her, man geht hierhin, dorthin, er
folgt einem immer nach. Dabei hatten wir uns nur ein einziges Mal gesehn.
Solch ein Schwächling! Zuerst erlaube, daß er bei Dir nächtigt – nun, ich
ließ ihn: sein Paß war in Ordnung, auch der Mensch ging an. Am anderen
Tage, laß ihn wieder nächtigen, am dritten kam er schon auf den ganzen
Tag, saß bei mir auf dem Fenster und blieb dann wieder zur Nacht. Nun,
dachte ich, jetzt hast Du ihn auf dem Halse, gib ihm zu trinken, zu essen
und noch dazu ein Nachtlager. Jetzt hast Du, der Du selbst arm bist, noch
einen anderen zu ernähren. Früher hatte er sich auch an einen Anderen
gehängt, an einen Beamten. Sie tranken zusammen und der Beamte trank
sich bald zu Schanden und starb vor Kummer. Diesen hier nannte man
Emeljan Iljitsch. Ich dachte und dachte, was soll ich mit ihm anfangen? Ihn
fortjagen, dazu tat er mir zu leid: solch ein erbärmlicher und verlorener
Mensch, daß Gott erbarme! Solch ein Stiller, Sanfter, fragt nichts, sitzt nur
und sieht einem wie ein Hündchen in die Augen. Wie der Suff doch einen
Menschen herunterbringen kann! Denke bei mir, werde ihm einfach sagen:
gehe fort, Du Emeljanuschka! hier hast Du nichts zu suchen; bist nicht auf
den Rechten gestoßen; habe bald selbst nichts mehr zu beißen, wie kann ich
denn auch noch Dich aus meinem Brotsack ernähren? Sitze und denke, was
wird er machen, wenn ich so was sage? Und ich stelle mir vor, wie er lange
mich ansehn wird und wie er dasitzt, ohne zuerst auch nur ein Wort zu
verstehen, wie er aber dann, wenn er es endlich verstanden hat, vom Fenster
aufsteht und sein Bündelchen nimmt – ich sehe es jetzt noch vor mir, dieses

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rotkarrierte Bündelchen, voller Löcher, in dem weiß Gott was eingebunden
war und das er überall mit sich herumschleppte – wie er seinen Mantel
zurechtzieht, damit er etwas anständiger aussieht und man die Löcher nicht
sieht – solch ein feinfühliger Mensch war er! Dann würde er die Tür öffnen
und mit Tränen in den Augen hinausgehn. Ich kann doch den Menschen
nicht ganz zu Grunde gehn lassen ... mir tat er so leid. Da dachte ich denn
auch, was willst Du selbst bald beginnen! Warte mal, denke ich bei mir,
Emeljanuschka, nicht lange kannst Du bei mir feiern: bald werde ich von
hier fort müssen, dann wirst Du mich hier nicht mehr vorfinden. Nun, Herr,
so war es auch: Alexander Philimonowitsch, mein Brotherr – jetzt ist er tot,
ruh in Frieden seine Seele! – sagte mir: ‚Ich bin sehr zufrieden mit Dir,
Astaphij, wenn wir vom Gut zurückkehren, werde ich Dich wieder
beschäftigen, werde Dich nicht vergessen.‘ Ich lebte bei ihm als
Hausknecht, ein guter Herr war es, leider starb er in diesem Jahr. Nun, wie
also Emeljan fortgefahren war, nahm ich mein Hab und Gut und mein
bißchen Geld, zog zu einem alten Mütterchen und mietete bei ihr einen
Winkel, denn sie hatte nur noch einen Winkel frei. Sie war irgendwo Amme
gewesen, erhielt eine Pension und lebte ganz allein. Nun, so dachte ich, leb’
jetzt wohl, Emeljanuschka, lieber Mensch, wirst mich jetzt nicht mehr
finden! Was glauben Sie, Herr? Ich kam am Abend nach Haus, hatte einen
alten Bekannten besucht, und was sehe ich? Emelja sitzt bei mir auf
meinem Koffer, hat das karrierte Bündelchen neben sich, sitzt im Mantel
und erwartet mich! ... Von der Alten hat er sich sogar eine Bibel geben
lassen und so sitzt er und liest in ihr, hat aber das Buch umgekehrt
aufgeschlagen. Er hatte mich also doch gefunden! Ich ließ die Hände
sinken. Nun, dachte ich, jetzt ist schon nichts mehr zu machen, warum habe
ich ihn nicht schon früher fortgejagt? Und ich frage ihn nur einfach: ‚Hast
Du Deinen Paß mitgebracht, Emelja?‘
„Ich setzte mich dann hin, Herr, und fing an nachzudenken, wieviel
Beschwerden mir wohl solch ein Vagabund bereiten könnte. Ich dachte
nach und es schien mir nicht allzuviel. Er muß doch essen, sagte ich mir.
Nun, dachte ich, am Morgen ein Stückchen Brot, und damit es
schmackhafter ist, mit ein wenig Zwiebeln dazu. Um die Mittagszeit dann
auch wieder Brot mit Zwiebeln. Am Abend Zwiebeln mit Kwaß und auch
noch etwas Brot, wenn er Brot haben will. Hin und wieder noch eine
Kohlsuppe, dann werden wir ja beide bis zum Halse voll sein. Essen, nun
ich esse nicht viel und ein Trinker ißt ja, wie Sie wissen, überhaupt nichts.

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Aber mit seinem Trinken wird er mich ja zum Äußersten bringen – doch da
kam mir, Herr, plötzlich was anderes in den Sinn und es packte mich
gewaltig. Wie wenn Emelja fortginge, ich wäre ja meines Lebens nicht
mehr froh! Da nahm ich es mir denn vor, sein Vater und Wohltäter zu
werden. Ich werde ihn, dachte ich, vor dem Verderben bewahren, werde ihn
vom Gläschen entwöhnen. Wart mal, dachte ich, gut, Emelja, bleibe hier,
aber ich sage Dir: daß Du Dich gut hältst! Und ich dachte bei mir: wir
wollen Dich schon an die Arbeit gewöhnen, braucht ja nicht gleich zu sein,
Du kannst noch ein wenig herumstreichen, ich werde inzwischen zusehn
und untersuchen, wozu Du, Emelja, Fähigkeiten besitzt. Weil doch, Herr, zu
jeder Arbeit im voraus eine menschliche Fähigkeit nötig ist. Also, ich fing
daraufhin an, ihn so im Stillen zu beobachten. Was sehe ich: ein ganz
verlorener Mensch bist Du, Emeljanuschka! Ich begann erst, Herr, mit
guten Worten: so und so, sage ich, Emeljan Iljitsch, wie wäre es denn, wenn
Du etwas mehr auf Dich geben würdest? Genug mit dem Bummeln! Sieh
Dich doch an, Du gehst ja schon in Lumpen! Dein Mantel, mit Erlaubnis
gesagt, ist ja beinahe schon ein Sieb, das geht nicht mehr so weiter, es ist
Zeit, sich seiner Ehre zu erinnern! Mein Emeljanuschka sitzt da mit
gesenktem Kopf. Was sagen Sie, Herr! Er war schon so weit gekommen,
daß er seine Sprache vertrunken hatte, daß er schon kein gescheidtes Wort
mehr sagen konnte! Spricht man ihm von Gurken, so redet er von Bohnen.
Nun, er hörte mir zu, lange hörte er mir zu und seufzt. Was seufzt Du, frage
ich ihn, Emeljan Iljitsch?
„‚Ja, so–o, nichts, Astaphij Iwanytsch, beunruhigen Sie sich nicht.
Wissen Sie, Astaphij Iwanytsch, heute haben sich zwei alte Weiber auf der
Straße geprügelt. Eine hatte der Anderen den Korb mit Moosbeeren aus
Versehn umgeworfen.‘
„Na, was ist denn dabei Neues?“
„‚Diese hat denn der Anderen absichtlich deren Korb umgestoßen und
dann hat sie mit den Füßen die Beeren zerstampft.‘
„Nun, und was weiter, Emeljan Iljitsch?“
„‚Nichts, Astaphij Iwanytsch, ich habe nur so ...‘
„Nichts, nur so. Ach, denke ich Emeljan, Emeljanuschka, hast Deinen
Kopf vertrunken!“
„‚Ein Herr hatte Papiergeld auf der Ecke der Gorochowaja und
Ssadowaja verloren. Ein Mann sah es und sagte: das habe ich gefunden; ein
Anderer sah es auch und sagte: nein, das habe ich gefunden! Ich habe es

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früher als Du gesehn ... Und sie prügelten sich, Astaphij Iwanytsch. Ein
Schutzmann kam, hob das Geld auf und gab es dem Herrn zurück. Ihnen
aber drohte er, sie auf die Wache zu bringen.‘
„Nun, und was weiter? Was ist denn daran so Erbauliches,
Emeljanuschka?“
„‚Ja, – ich nichts ... Das Volk lachte, Astaphij Iwanytsch.‘
„Ach, Du Emeljanuschka! Das Volk! Hast Deine Seele für einen
kupfernen Dreier verkauft. Weißt Du was, Emeljan Iljitsch, was ich Dir
sagen werde?“
„‚Was denn, Astaphij Iwanytsch?‘
„Nimm doch irgendeine Arbeit, wirklich, zum hundertsten Male sage ich
es Dir. Suche Dir einen Dienst, hab doch selbst Mitleid mit Dir!“
„‚Was soll ich denn für eine Anstellung suchen, Astaphij Iwanytsch? Ich
weiß doch nicht, was für eine ich nehmen soll, und mich nimmt ja doch
Niemand, Astaphij Iwanytsch.‘
„Warum hatte man Dich denn aus dem Dienst gejagt, Emelja, Du
durstiger Mensch, Du?“
„‚Wlasja, der Schenkwirt, ist heute ins Kontor gerufen worden, Astaphij
Iwanytsch.‘
„Warum hat man ihn denn gerufen, Emeljanuschka?“
„‚Das weiß ich nicht, Astaphij Iwanytsch. Es war wohl nötig so, man
hatte es verlangt ...‘
„Ach, denke ich, wir sind beide verloren, Emeljanuschka! Für unsere
Sünden wird uns Gott strafen! Nun, sagen Sie doch selbst, Herr, was kann
man mit solch einem Menschen anfangen?“
„Oh, es war ein schlauer Bursche! Er hörte mir ja zu, aber wurde es ihm
langweilig oder merkte er, daß ich böse wurde, so nahm er seinen Mantel
und verschwand einfach ... Den Tag über bummelte er dann und kam am
Abend betrunken nach Haus. Wer ihm zu trinken gab, woher er das Geld
dazu hernahm, – das weiß nur Gott allein; ich wußte es nicht!
„Nein, sage ich Emeljan Iljitsch, Du wirst bald nicht mehr im Stande
sein, Deinen Kopf zu tragen! genug getrunken, hörst Du, genug! Wenn Du
noch einmal betrunken heimkehrst, wirst Du auf der Treppe nächtigen. Ich
werde Dich nicht mehr hereinlassen! ...
„Nach dieser Drohung saß mein Emelja einen Tag und noch einen
anderen bei mir; am dritten Tag war er aber wieder verschwunden. Ich
warte und warte – er kommt nicht! Nein wirklich, Herr, ich sorgte mich um

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ihn, er tat mir, weiß Gott, doch leid. Wo wird dieser armselige Mensch jetzt
hingekommen sein? Mein Gott, verliert sich am Ende noch ganz und gar. Es
wurde Nacht – er kommt immer noch nicht ... Am anderen Morgen gehe ich
auf die Treppe hinaus, und was sehe ich? – er hat dort übernächtigt. Den
Kopf hat er auf die Stufe gelegt und liegt da ganz erstarrt vor Kälte.
„Was tust Du, Emelja? Großer Gott, wo bist Du hingeraten?“
„‚Astaphij Iwanytsch, Sie waren doch böse auf mich, Sie sagten doch,
ich soll auf der Treppe schlafen ... so wagte ich nicht hineinzugehn,
Astaphij Iwanytsch, und legte mich hier schlafen ...‘
„Wut und Mitleid packten mich!
„Ach, Du Emeljan, wenn Du doch etwas anderes tun würdest, als
Treppen wischen!“
„‚Was denn sonst, Astaphij Iwanytsch?‘
„Wenn Du doch, Du verlorene Seele, sage ich – mich packte solch eine
Wut! Wenn Du doch wenigstens etwas schneidern lernen wolltest. Sieh
doch, was Du für einen Mantel hast! Nicht, daß er nur in Fetzen ist, Du
wischst auch noch die Treppen mit ihm! Wenn Du doch wenigstens eine
Nadel nehmen und Deine Löcher zustopfen würdest, wie es die Ehre
verlangt. Ach Du, Trunkenbold Du!“
„Und was glauben Sie, Herr! Er nahm eine Nadel. Ich hatte nur so im
Zorn gesprochen, er aber wollte sich doch bessern, wie es schien. Er zog
seinen Mantel aus und begann die Nadel einzufädeln. Ich sehe ihm zu; nun,
man weiß ja: die Augen entzündet und voll Eiter, die Hände zittern – nichts
zu wollen! Er steckt und steckt, der Faden geht nicht hinein; wie er ihn auch
leckt und steckt – vergeblich! Schließlich gibt er es auf und sieht mich an ...
„Nun, Emelja, wolltest mir wohl einen Gefallen tun? Gott mit Dir, laß ab
von diesen Sünden! Sitze da, wenn Du willst, mach mir aber keine Schande,
wie auf der Treppe nächtigen! ...
„‚Was soll ich denn tun, Astaphij Iwanytsch; ich weiß es ja selbst, daß ich
immer betrunken bin und zu nichts tauge ... und nur Ihnen, meinem Wo–
Wo–Wohltäter das Herz schwer mache.‘
„Da fangen denn plötzlich seine blauen Lippen zu zittern an und ein
Tränchen rollt ihm über die bleiche Wange. Wie nun dieses Tränchen auf
seinem ungepflegten Bart erzittert, quillt plötzlich ein ganzer Sturz von
Tränen hervor ... Väterchen! Wie mit Messern schnitt mir das ins Herz.
„Ach Du, gefühlvoller Mensch Du! Das hätte ich gar nicht von Dir
geglaubt! Wer hätte das denken, wer hätte das erraten können! ... Nein,

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denke ich bei mir, Emelja, Dich gebe ich auf; verkomme wenn Du willst,
wie ein Lappen!
„Na, Herr, was ist da noch viel zu erzählen! Die ganze Sache ist doch so
leer, erbärmlich und nichtig, nicht der Mühe wert, zu erzählen. Sie Herr,
zum Beispiel gesagt, würden für sie nicht zwei Kopeken geben, ich aber
hätte gern viel dafür gegeben, wenn ich nur was gehabt hätte, damit alles
das nicht geschehen wäre! Ich hatte, Herr, ein Paar Pumphosen, weiß der
Kuckuck, gute, wundervolle Pumphosen, blau-karrierte, ein Gutsbesitzer
hatte sie bei mir bestellt, überließ sie mir aber, weil er behauptete, daß ich
sie ihm zu eng gemacht hätte; so blieben sie denn bei mir. Nun, denke ich:
eine wertvolle Sache! Auf dem Trödelmarkt würde man vielleicht fünf
Rubel für sie geben, wenn nicht, so mache ich aus dieser einen Hose für die
Petersburger Herren zwei Hosen draus und dann bleibt mir noch ein
Schwänzchen zu einer Weste für mich. Einem armen Menschen, wie
unsereiner, ist alles gut genug! Mein Emeljanuschka verlebte inzwischen
eine harte, traurige Zeit. Er trinkt den einen Tag nichts, den anderen auch
nichts, den dritten wieder nichts. Kein Branntwein kommt über seine
Lippen, er ist ganz wie vor den Kopf geschlagen, trübsinnig stützt er seinen
Kopf in beide Hände, kann einem leid tun. Also Bursche, denke ich bei mir,
wenn Du kein Geld mehr haben wirst, kommst Du schon von selbst wieder
auf den Weg Gottes zurück, habe ja auch genug gesprochen, hast vielleicht
endlich Vernunft angenommen. So lagen die Sachen, Herr, als die großen
Feiertage begannen. Ich war zur Abendmesse gegangen: komme nach Haus
und was sehe ich? Mein Emeljanuschka sitzt betrunken auf dem
Fensterbrett, schaukelt bloß hin und her. He he, denke ich, also so bist Du
wieder, Bursche! Ich weiß nicht warum, ich ging aber gleich zu meinem
Koffer. Nun ja, die Pumphosen waren fort! Ich suche sie hier und dort:
verschwunden! Etwas fing in meinem Herzen zu nagen an. Ich stürzte zur
Alten, beschuldigte sie zuerst, denn auf Emelja verfiel ich nicht einmal, er
war ja wohl aus dem Hause gegangen und betrunken zurückgekehrt, aber ...
„‚Gott mit Dir, mein Kavallerist, was mache ich mit Deinen Reithosen,
soll ich sie etwa tragen?‘ sagt die Alte. ‚Mir ist selbst ein Rock
verschwunden, durch Ihre Güte an diesem sauberen Herrn Bruder dort ...‘
„Wer war hier? frage ich sie.
„‚Niemand kam, Niemand war hier, ich bin die ganze Zeit zu Hause
gewesen. Emeljan Iljitsch war hier und ging darauf aus, kam dann wieder,
da sitzt er ja! Frage ihn doch!‘

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„Hast Du nicht, Emelja, aus irgend einem Grunde meine Pumphosen
genommen, Du weißt doch, die, die ich für den Gutsbesitzer arbeitete?
„‚Nei–ein, Astaphij Iwanytsch,‘ sagte er, ‚ich ... ich habe sie nicht
genommen!‘
„Welch ein Unglück! Wieder fing ich an, sie zu suchen, suchte und
suchte – nichts! Emelja sitzt da und schaukelt sich. Ich saß, Herr, vor ihm
auf einem Koffer, so vor ihm niedergekauert und sah so mit einem Auge auf
ihn. He, denke ich, und plötzlich fängt mir das Herz in der Brust zu brennen
an und das Blut stieg mir zu Kopf. Plötzlich sieht auch Emelja auf mich.
„‚Nein,‘ sagte er hastig, ‚Astaphij Iwanytsch, ich habe Ihre Hosen nicht
... Sie glauben vielleicht, weil ... daß ... aber ich habe sie nicht genommen.‘
„Wo sind sie denn geblieben, Emeljan Iljitsch?
„‚Ich weiß es nicht,‘ sagte er, ‚ich habe sie überhaupt nicht gesehn.‘
„Nun, Emeljan Iljitsch, dann sind sie wohl also von selbst verloren
gegangen?
„‚Kann sein, Astaphij Iwanytsch. Ich weiß es nicht.‘
„Ich stand auf, ging zu ihm ans Fenster, zündete die Lampe an und setzte
mich an die Arbeit. Ich wandte die Weste des Beamten um, der über uns
lebte. In meiner Brust aber nagt und brennt es. Leichter wäre mir gewesen,
wenn ich mit meiner ganzen Garderobe den Ofen geheizt hätte. Emelja aber
fühlte es doch, daß Wut mein Herz packte. Wenn der Mensch was Böses
verbrochen hat, Herr, so wittert er das Unglück voraus wie die Vögel des
Himmels das Unwetter.
„‚Astaphij Iwanytsch,‘ begann Emeljanuschka, aber seine Stimme zitterte
dabei, ‚heute hat Antip Prochorytsch, der Feldscher, die Witwe des
Kutschers, der vor kurzem starb, geheiratet.‘
„Ich aber, ich sah ihn an, sah ihn nur an ... daß er wohl verstand! Was
sehe ich: er steht auf, geht ans Bett und fängt da an herumzustöbern. Ich
schweige still, er kramt und kramt und spricht dabei: ‚nicht und nicht,
wohin mögen diese dummen Dinger nur hingeraten sein?‘ Ich warte ab, was
nun weiter sein wird und was sehe ich? – Emelja kriecht unter das Bett! Da
konnte ich nicht mehr an mich halten.
„Was, sage ich, Emeljan Iljitsch, was rutschen Sie da auf den Knieen
herum?
„‚Ich sehe nur, Astaphij Iwanytsch, ob nicht die Hosen hier irgendwo
umherliegen.‘

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„Was tun Sie, mein Herr – aus Ärger sagte ich ‚Sie‘ zu ihm, und „Herr“ –
lohnt es sich denn, sich eines armen einfachen Menschen wegen so
abzumühn, auf den Knieen herumzurutschen!
„‚Ach, Astaphij Iwanytsch, das tut doch nichts ... man wird sie doch
irgendwo finden müssen, wenn man sie sucht.‘
„Hm! ... sage ich, höre mal, Emeljan Iljitsch ...
„‚Was, Astaphij Iwanytsch?‘
„Hast Du sie nicht einfach von mir gestohlen, wie ein Dieb und ein
Schurke, aus Dankbarkeit für mein Brot, das ich Dir gegeben habe? – Sehn
Sie, er wollte mich damit rühren, daß er auf den Knieen vor mir auf dem
Fußboden herumrutschte.
„‚Nein ... Astaphij Iwanytsch ...‘
„Und so wie er da huckte, blieb er noch lange unter dem Bett; endlich
kam er wieder hervorgekrochen. Und was sehe ich, ganz bleich ist der
Mensch, wie ein Handtuch. Er erhob sich, setzte sich neben mich aufs
Fenster und saß so zehn Minuten lang.
Plötzlich steht er auf und tritt auf mich zu, ich seh’ ihn noch jetzt vor mir,
furchtbar wie die Sünde.
„‚Nein,‘ sagt er, ‚Astaphij Iwanytsch, ich habe mir nicht erlaubt, Ihre
Hosen zu nehmen.‘
Dabei zittert er am ganzen Körper und die Stimme zittert ihm und er
stößt sich mit dem Finger vor die Brust, so daß ich selbst verzagte und ganz
starr und steif wurde, als ob ich am Fensterbrett angewachsen wäre.
„Nun, sage ich, Emeljan Iljitsch, wie Sie wollen, verzeihen Sie, wenn ich
ein dummer Mensch bin, Sie umsonst beschuldigt habe. Gott mit den
Hosen. Verloren, verloren, nichts zu machen! Wir werden ohne sie nicht
umkommen. Gott sei Dank, Hände habe ich noch, um zu arbeiten. Stehlen
werde ich nicht gehn. Bei armen Menschen Almosen betteln werde ich auch
nicht ...
„Emelja steht und steht und hört was ich sage, endlich – setzt er sich. So
saß er den ganzen Abend, ohne sich zu rühren; ich legte mich schon
schlafen – immer saß er noch auf demselben Platz. Am nächsten Morgen
wie ich aufstehe, sehe ich, er liegt eingewickelt in seinem Mantel auf dem
Fußboden. Hat sich zu sehr erniedrigt gefühlt, kam deshalb nicht auf’s Bett.
In der Zeit, Herr, liebte ich ihn nicht, ja, ich haßte ihn sogar. Gerade, als ob
mein leiblicher Sohn mich bestohlen und mir blutig weh getan hätte. Ach,
denke ich, Emelja, Emelja! Was glauben Sie, Herr, Emelja trank zwei

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Wochen ununterbrochen. Er war wie rasend geworden, er trank sich zu
Schanden! Am Morgen ging er fort und kam betrunken in der Nacht nach
Haus. Wenn ich in diesen zwei Wochen auch nur ein Wort von ihm gehört
hätte. Wahrscheinlich wollte er mit Absicht zu Grunde gehn. Endlich, da er
alles vertrunken hatte, hörte er auf und saß wieder bei mir auf dem
Fensterbrett. Ich weiß noch, er saß und schwieg dreimal vierundzwanzig
Stunden lang. Plötzlich sehe ich, der Mensch weint. Er sitzt, Herr, und
weint – und wie! Wie ein Brunnen und selbst scheint er es gar nicht zu
wissen, daß er weint. Es ist schwer zu sehn, Herr, wenn ein erwachsener
Mensch weint, wenn ein so alter Mensch wie Emelja vor lauter Armut und
Kummer zu weinen anfängt.
„Was fehlt Dir, Emelja?
„Er fuhr zusammen. Ich hatte zum ersten Mal seit jenem Tage wieder ein
Wort mit ihm gesprochen.
„Um Gottes willen, Emelja, was sitzt Du denn da wie eine Eule? – Er tat
mir leid, der Arme.
„‚Nur so, Astaphij Iwanytsch, nur so. Möchte Arbeit suchen ... Astaphij
Iwanytsch ...‘
„Was für eine Arbeit denn, Emelja Iljitsch?
„‚Irgendeine. Vielleicht finde ich so eine Stelle, wie ich sie früher hatte ...
ich bin schon zu Fedor Iwanytsch gegangen, habe ihn gebeten ... Es ist nicht
gut, Astaphij Iwanytsch, daß ich Sie mit meiner Gegenwart beleidige. Ich
werde Ihnen, Astaphij Iwanytsch, so wie ich eine Stelle finde, alles zurück
geben und für alle Ihre Sorgen ...‘
„Genug, Emelja, genug! Das war eine Sünde, nun, sie ging vorüber! Der
Kuckuck mag sie holen! Wir aber wollen wieder nach dem Alten leben!
„‚Nein, Astaphij Iwanytsch, Sie meinen vielleicht, daß ... aber ich habe
mir nicht erlaubt, Ihre Hosen zu nehmen.‘
„Nun, wie Du willst, Gott mit Dir, Emeljanuschka.
„‚Nein, Astaphij Iwanytsch, ich sehe, ich kann nicht mehr hier bleiben.
Entschuldigen Sie mich, Astaphij Iwanytsch, aber ...‘
„Gott mit Dir, sage ich, wer beleidigt Dich denn, Emeljan Iljitsch, wer
jagt Dich denn von hier fort, ich etwa?
„‚Ja, es ist von mir unanständig, so bei Ihnen zu wohnen, Astaphij
Iwanytsch ... Ich werde schon besser gehn.‘
„Er war beleidigt. Er stand wirklich auf und nahm seinen Mantel ...

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„Wohin gehst Du denn, Emeljan Iljitsch? Sei doch vernünftig. Wohin
willst du denn gehn?
„‚Leben Sie wohl, Astaphij Iwanytsch, halten Sie mich nicht mehr
zurück‘ – hier weinte er schon wieder – ‚ich gehe schon von der Sünde
weg, Astaphij Iwanytsch. Sie sind schon nicht mehr so wie früher zu mir ...‘
„Wie, nicht so? Du bist ja wie ein kleines unvernünftiges Kind, wirst
doch allein untergehn, Emeljan Iljitsch.
„‚Nein, Astaphij Iwanytsch, jetzt verschließen Sie immer Ihren Koffer
und ich muß das sehn und dann weine ich ... Nein, lassen Sie mich lieber,
Astaphij Iwanytsch, und verzeihn Sie mir, wenn ich Sie beleidigt habe ...‘
„Und was glauben Sie, Herr – der Mensch ging wirklich fort! Ich warte
einen Tag, denke bei mir, er kommt am Abend – nein! Am zweiten Tag –
wieder nicht, am dritten auch nicht. Die Sorge quälte mich, ich konnte nicht
essen, nicht trinken, nicht schlafen. Er hatte mich ganz entwaffnet, dieser
Mensch! Am vierten Tage ging ich in die Kneipen, um ihn zu suchen, frage
überall nach ihm – nichts! Emeljanuschka ist verschwunden! Hast Deinen
armen Kopf verloren, denke ich. Oder vielleicht liegst Du Trunkenboldchen
irgendwo am Zaun wie verfaultes Holz? ... Halbtot kam ich zu Hause an.
Am anderen Tage suchte ich ihn wieder und verwünschte mich selbst, weil
ich solch einem dummen Menschen seinen freien Willen gelassen hatte.
Endlich am fünften Tage, es war ein Feiertag – es tagte kaum – da knarrte
die Tür. Und siehe, Emelja kam! Ganz blau, die Haare voller Schmutz, als
ob er auf der Straße geschlafen hätte, und mager war er geworden wie ein
Holzspan! Zieht seinen Mantel aus, setzt sich zu mir auf den Koffer und
sieht mich an. Ich freute mich, ihn wiederzusehn, doch der alte Kummer
kam, wenn auch nur auf einen kurzen Augenblick, noch stärker über mich.
Denn es ist doch so, Herr, hätte ich solch eine Sünde begangen, so hätte ich
eher wie ein Hund am Zaune krepieren wollen, als so wiederkommen! Aber
Emelja kam zurück. Nun, natürlich ist es schwer, einen Menschen in solch
einer Lage zu sehn. Ich streichelte und tröstete ihn: Emeljanuschka, sage
ich, bin froh, daß Du wieder da bist! Wenn Du auch heute nicht gekommen
wärst, so wäre ich Dich wieder in allen Kneipen suchen gegangen. Hast Du
gegessen?“
„‚Ja, Astaphij Iwanytsch.‘
„Das wirst Du wohl kaum getan haben? Hör mal, Brüderchen, von
gestern ist noch Kohlsuppe nachgeblieben; haben nicht gefastet, haben

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sogar Fleisch gehabt. Hier sind auch Zwiebeln mit Brot. Iß, sage ich Dir, iß
zur Gesundheit.
„Gab ihm zu essen und da sah ich denn, daß der Mensch vielleicht drei
Tage nichts gegessen hatte – solch einen Hunger hatte er.
„Wie freue ich mich über Dich, Lieberchen! Warte, ich laufe und hole Dir
noch einen Liter Branntwein, damit Du Deine betrübte Seele vergessen
kannst! Machen wir Schluß mit allem, was gewesen ist, genug damit, ich
bin nicht mehr böse auf Dich, Emeljanuschka! Ich brachte ihm den
Branntwein.
„Nun, Emeljan Iljitsch, trinken wir auf den Feiertag. Willst Du? Zur
Gesundheit!
Gierig streckte er seine Hand darnach aus, schon wollte er zugreifen,
doch plötzlich zögerte er einen Augenblick; dann griff er wieder zu und
führte das Liter Branntwein an den Mund. Seine Hand zitterte dabei so, daß
er den Branntwein verschüttete. Was sehe ich aber, – er stellt ihn doch
wieder ohne zu trinken auf den Tisch zurück!
„Was ist Dir denn, Emeljanuschka?
„‚Nichts. Ich ... Astaphij Iwanytsch ...‘
„Wie, Du trinkst nicht?
„‚Ja, ich ... Astaphij Iwanytsch ... ich werde nicht mehr trinken ...
Astaphij Iwanytsch ...‘
„Was, Du hast also ganz aufgehört zu trinken, Emeljanuschka, oder
trinkst Du nur heute nicht?
„Er schwieg. Nach einiger Zeit stützt er seinen Kopf in beide Hände.
„Bist Du nicht am Ende krank, Emelja?
„‚Ja, so, fühle mich schlecht, Astaphij Iwanytsch.‘
„Ich legte ihn zu Bett. Es ging ihm wirklich schlecht. Der Kopf brannte,
und Fieber schüttelte ihn. Den Tag über saß ich bei ihm. Zur Nacht wurde
ihm noch schlechter. Ich tat in den Kwaß etwas Butter und Zwiebeln,
bröckelte etwas Brot hinein.
„Nun, sage ich, iß die Brotsuppe, es wird Dir dann besser werden! ... Er
schüttelt mit dem Kopf.
‚Nein,‘ sagt er, ‚heute werde ich nichts essen.‘
„Die Alte hat sich auch angestrengt für ihn; ich habe ihm Tee gemacht –
hilft alles nichts, es geht ihm nicht besser. Nun, denke ich, jetzt wird’s
schlimm! Am dritten Morgen ging ich zum Arzt. Der kam, sah ihn an und
sagte: ‚Es lohnte sich nicht mehr, mich zu rufen. Man kann ihm ja Pulver

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geben ...‘ Nun, Pulver habe ich ihm nicht gegeben, dachte, der Arzt will ihn
nur verwöhnen. Inzwischen kam aber schon der fünfte Tag.
„Er lag vor mir auf dem Bett, Herr. Ich saß auf dem Fenster, hielt gerade
die Arbeit in der Hand. Die Alte heizte den Ofen. Wir schwiegen alle. Mir
schmerzte das Herz zum Zerreißen, als ob ich meinen leiblichen Sohn
verlor. Ich wußte, daß Emelja mich ansieht. Schon am Morgen bemerkte
ich, daß er sich anstrengte, mir was zu sagen, es aber doch nicht wagte. Wie
ich nun aufsehe, lag solche Trauer in seinen Augen. So wie er aber
bemerkte, daß ich ihn ansah, wandte er gleich seinen Blick von mir ab.
„‚Astaphij Iwanytsch?‘
„Was, Emeljanuschka?
„‚Wie, wenn man, zum Beispiel, meinen Mantel auf dem Trödelmarkt
verkaufen würde, wieviel würde, wieviel würde man für ihn geben, Astaphij
Iwanytsch?‘
„Nun, wieviel würde man denn geben? Drei Rubelchen vielleicht,
Emeljan Iljitsch.
„Versuch’s mal, bring ihn nur hin, dachte ich bei mir, nichts würde man
Dir in Wirklichkeit dafür geben! Dich auslachen würde man, daß Du solch
eine Sache verkaufen gehst. Sage ihm nur so zur Beruhigung, kenne doch
den Menschen Gottes und seinen gutmütigen Charakter.
„‚Ja, ich denke auch, Astaphij Iwanytsch, daß man drei Rubel für ihn
geben würde. Es ist doch eine Sache aus Tuch, Astaphij Iwanytsch.‘
„Ich weiß nicht, Emeljan Iljitsch, sage ich, wenn Du ihn hinbringen
willst, dann mußt Du zuerst drei Rubel fragen.
„Emelja schwieg darauf eine Weile.
„‚Astaphij Iwanytsch?‘
„Was, Emeljanuschka?
„‚Verkaufen Sie den Mantel, wenn ich gestorben bin, beerdigen Sie mich
nicht in ihm. Ich kann auch so liegen; er ist eine wertvolle Sache, Sie
können ihn brauchen.‘
Das packte mich so, Herr, daß ich nichts mehr sagen konnte. Fühle nur,
daß der Tod schon an sein Herz klopft. Wieder schwiegen wir alle. Eine
Stunde verging so. Ich sehe heimlich zu ihm hinüber: immer sieht er mich
noch an. So wie sich aber sein Blick mit dem meinen kreuzt, sieht er fort.
„Willst Du nicht vielleicht ein Schluckchen Wasser trinken, Emeljan
Iljitsch?
„‚Geben Sie, Astaphij Iwanytsch.‘

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„Ich gab ihm zu trinken. Er trank gierig. ‚Danke, sagt er, Astaphij
Iwanytsch.‘
„Willst Du sonst noch was, Emeljanuschka?
„‚Nein, Astaphij Iwanytsch, ich habe nichts nötig, ich wollte nur ...‘
„Was?
„‚Davon ...‘
„Wovon, Emeljanuschka?
„‚Die Pumphosen ... Davon, daß ... ich hatte sie damals von Ihnen
genommen, Astaphij Iwanytsch.‘
„Nun, sage ich, Gott wird Dir verzeihn, Du Armer, gehe in Frieden ... Mir
selbst aber, Herr, blieb der Atem stehn. Die Tränen stürzten mir aus den
Augen, mußte mich abwenden.
„‚Astaphij Iwanytsch ...‘
„Ich kehre mich um und sehe, Emelja will mir noch was sagen, er will
sich mit aller Gewalt aufrichten, er bewegt die Lippen ... Plötzlich wird er
ganz rot im Gesicht und sieht mich an ... Darauf wird er immer blasser und
blasser, wirft den Kopf zurück, seufzt noch einmal tief auf ... und dann ging
seine Seele zu Gott. — — —

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Eine dumme Geschichte.

D iese dumme Geschichte datiert aus der Zeit, da die Wiedergeburt
unseres lieben Vaterlandes zu neuem Leben und das Streben all seiner
tapferen Söhne nach neuen Zielen mit einer so unbezwingbaren Macht
und in so rührend-naiver Weise gerade erst begonnen hatte. An einem
klaren, frostigen Winterabend – übrigens ging es schon auf zwölf – saßen in
einem reich ausgestatteten, doch gemütlichen Kaminzimmer eines schönen
zweistöckigen Hauses auf der „Petersburger Seite“ drei hochangesehene
Herren beisammen, und sprachen ernst und wohlbedacht über ein ungemein
wichtiges Thema. Alle drei hatten es schon bis zur Exzellenz gebracht. Sie
saßen um einen runden Tisch in großen weichen Sesseln und schlürften
während des Gesprächs hin und wieder behaglich aus ihren
Champagnergläsern. Die Flasche stand vor ihnen mitten auf dem Tisch in
einem silbernen Kühler. Der Hausherr, Geheimrat Stepan Nikiforowitsch
Nikiforoff, ein alter Junggeselle von fünfundsechzig Jahren, hatte nämlich
zur Einweihung seines neugekauften Hauses und zu gleicher Zeit auch zur
Feier seines Geburtstages – den er sonst nie festlich zu begehen pflegte –
seine Freunde zum Abend eingeladen. Übrigens war die Feier nicht Gott
weiß wie großartig; wie gesagt, es waren nur zwei Herren zu Gaste, beides
frühere Kollegen des Hausherrn: der Wirkliche Staatsrat Ssemjon
Iwanowitsch Schipulenko und der ebenfalls Wirkliche Staatsrat Iwan
Iljitsch Pralinski. Sie waren gegen neun Uhr zum Tee gekommen, tranken
jetzt Champagner und wußten beide, daß sie sich um punkt halb zwölf
erheben und verabschieden mußten. Der Hausherr liebte Regelmäßigkeit.
Bei der Gelegenheit zwei Worte über ihn: seine Karriere hatte er als kleiner
unversorgter Beamter begonnen, hatte ruhig seine Karre fünfundvierzig

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Jahre lang gezogen, hatte genau gewußt, zu was er sich aufdienen würde,
konnte es nicht leiden, „vom Himmel Sterne zu pflücken“, obgleich er ihrer
schon zwei auf der Brust hatte, und liebte es ganz besonders nicht, in
einerlei welch einer Angelegenheit, und wenn es auch die wichtigste
gewesen wäre, seine persönliche Meinung zu äußern. Er war ein ehrlicher
Mensch, d. h. er hatte keine Gelegenheit gehabt, irgend etwas besonders
Unehrliches zu begehen; war unverheiratet, da er Egoist war; war
keineswegs dumm, konnte es aber, wie gesagt, ganz und gar nicht leiden,
seinen Verstand leuchten zu lassen; ganz besonders mißfielen ihm
Unordnung und Begeisterung, da er letztere für moralische Unordnung
hielt, und am Abend seines Lebens versenkte er sich vollständig in eine
gewisse komfortable Behaglichkeit und systematische Einsamkeit. Wenn er
auch selbst zuweilen bei besseren Leuten zu Besuch war, so war es ihm
doch von Jugend auf unangenehm, Gäste auch bei sich zu empfangen, in
der letzten Zeit aber begnügte er sich, wenn er nicht gerade Grande-
patience legte, mit der Gesellschaft seiner Stutzuhr, deren eigensinnigem
Ticken unter der Glasglocke auf dem Kamin er unerschütterlich ganze
Abende lang zuhörte. Sein Äußeres war sehr anständig: glattrasiert, schien
er etwas jünger, als er war, hielt sich gut, versprach noch lange zu leben und
war stets vom Scheitel bis zur Sohle durchaus Gentleman. Zu arbeiten
brauchte er nicht mehr; er bekleidete zwar noch einen Posten, doch hatte er
dabei nur zu präsidieren und zu unterschreiben. Mit einem Wort, man hielt
ihn für einen prachtvollen Menschen. Nur eine einzige Leidenschaft hatte
dieser Mensch oder, sagen wir, einen einzigen heißen Wunsch: ein eigenes
Haus zu besitzen, und zwar ein herrschaftliches, keine Mietskaserne.
Endlich verwirklichte sich denn auch seine Sehnsucht: er fand schließlich
ein Haus auf der „Petersburger Seite“, das allerdings vom Zentrum der
Stadt etwas weit ablag, dafür jedoch sah es vornehm aus und hatte dazu
noch einen Garten – und so kaufte er es denn. Ja, der neue Hausherr hielt es
sogar für einen entschiedenen Vorzug, daß das Haus weiter lag: bei sich zu
empfangen liebte er nicht, um aber andere zu besuchen oder in die
Versammlungen zu fahren, dazu hatte er eine schöne Equipage von
schokoladenbrauner Farbe, seinen Kutscher Michei und zwei kleine, doch
starke und hübsche Pferdchen. Alles war durch vierzigjährige strenge
Ökonomie erworben, so daß sein Herz sich beim Anblick seiner Habe
freuen mußte. Das war auch der Grund, warum Stepan Nikiforowitsch
Nikiforoff, nachdem er in sein neues Haus eingezogen war, sogar Gäste

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einlud und noch dazu sagte, daß er seinen Geburtstag feiern wollte, diesen
Tag, den er sonst ängstlich sogar seinen besten Freunden verheimlicht hatte.
Zudem gab es für diese Einladung noch einen besonderen Grund. Er
bewohnte im Hause nur den oberen Stock, den unteren aber, der ganz so
wie der obere gebaut war, hätte er gar zu gern vermietet. Nun hoffte Stepan
Nikiforowitsch für diesen unteren Stock Ssemjon Iwanowitsch Schipulenko
zu gewinnen, und so brachte er denn an jenem Abend das Gespräch
zweimal auf dieses Thema, ohne aber das gewünschte Ziel zu erreichen,
denn Ssemjon Iwanowitsch schwieg hartnäckig über seine Pläne in Betreff
eines etwaigen Wohnungswechsels. Dieser Schipulenko, der sich gleichfalls
schon seit langer Zeit mühsam seinen Weg bahnte, war verheiratet, ein
mürrischer Stubenhocker, im Hause ein Despot und diente mit großem
Selbstbewußtsein. Auch er wußte genau, wie weit er es bringen würde, und
noch besser, wie weit er es nicht bringen würde. Inzwischen saß er auf
einem guten Posten und saß auf ihm sogar ungewöhnlich fest. Auf die
neueingeführten Reformen blickte er allerdings nicht ohne Galle, regte sich
aber ihretwegen doch nicht sonderlich auf: er war, wie gesagt, sehr
selbstbewußt und hörte nicht ohne spöttische Bosheit der Schönrednerei
Iwan Iljitsch Pralinskis zu, der über die neuen Themata nie genug reden
konnte. Sie hatten alle etwas mehr als gewöhnlich getrunken, so daß denn
auch der Hausherr sich zu einem kleinen Disput mit Herrn Pralinski über
die neuen Ordnungen herabließ. Doch jetzt muß ich einige Worte auch über
seine Exzellenz Herrn Pralinski sagen, um so mehr, als er der Held dieser
Erzählung ist.
Der Wirkliche Staatsrat Iwan Iljitsch Pralinski erfreute sich im ganzen
erst seit vier Monaten des schönen Titels „Exzellenz“, war also mit anderen
Worten eine sehr junge Exzellenz. An Jahren war er gleichfalls noch sehr
jung, höchstens dreiundvierzig, jedenfalls bestimmt nicht mehr, dem
Ansehen nach aber schien er – und wollte er auch scheinen – noch viel
jünger. Er war ein schöner Mann, hoch von Wuchs, elegant, doch nicht
auffallend, sondern stets gesucht vornehm gekleidet, und verstand es
vorzüglich, seinen bedeutenden Orden am Halse zu tragen; hatte es seit
Kindesbeinen verstanden, vornehme Angewohnheiten anzunehmen, und
träumte, da er noch unverheiratet war, von einer reichen und warum nicht
gar aristokratischen Braut. Allerdings träumte er auch noch von manchem
anderem, wenn er auch durchaus nicht so dumm war. Bisweilen konnte er
sehr gesprächig sein und dann nahm er gern parlamentarische Posen an. Er

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stammte aus guter Familie; sein Vater war General gewesen und als Kind
hatte man ihn in Sammet oder Batist gekleidet; in einer aristokratischen
Anstalt war er darauf erzogen worden und wenn er sie auch nicht mit
großen Kenntnissen verlassen hatte, so schien er im Dienst doch guten
Erfolg zu haben, denn er brachte es in Bälde bis zur Exzellenz. Die
Vorgesetzten hielten ihn für einen äußerst befähigten Menschen und setzten
sogar große Hoffnungen auf ihn. Herr Nikiforoff aber, unter dem er fast bis
zur Exzellenz gearbeitet hatte, hielt ihn dagegen keineswegs für etwas
Besonderes und setzte keine besonderen Hoffnungen auf ihn. Es gefiel
Herrn Nikiforoff, daß Herr Pralinski guter Herkunft war, gute Einkünfte, d.
h. ein großes Haus mit einem Verwalter hatte, nicht mit den letzten Leuten
verwandt und schließlich gut angesehen war. Das hinderte jedoch nicht, daß
er ihn im geheimen wegen Mangel an Einsicht und wegen großen
Leichtsinns tadelte. Pralinski fühlte es zuweilen sogar selbst, daß er allzu
viel Eigenliebe besaß und in diesem Punkte etwas sehr kitzlich war.
Mitunter hatte er nämlich Anfälle geradezu krankhafter Gewissensbisse und
sogar einer gewissen Reue in manchen Dingen. Dann gestand er sich mit
heimlichem Kummer im Herzen, daß er durchaus kein so großes Tier war,
wie er sich selbst glauben machen wollte. In solchen Augenblicken wurde
er sogar ganz melancholisch; zwar geschah das gewöhnlich nur, wenn er
Leibweh hatte; dann nannte er sein Leben une existence manquée, hörte
sogar auf, an seine parlamentarischen Fähigkeiten zu glauben, nannte sich
einen Parleur, Phraseur, und obgleich das alles ihm natürlich viel Ehre
machte, hinderte es ihn doch nicht, schon nach einer halben Stunde sein
Haupt von neuem zu erheben und um so hartnäckiger, um so anmaßender
sich zu versichern, daß er es noch verstehen würde, sich hervorzutun, und
nicht nur ein hoher Würdenträger, sondern ein Staatsmann ersten Ranges zu
werden, „den Rußland nimmer vergessen wird“. Ja, es kam dann so weit
mit ihm, daß er sich schon in Bronze gegossen oder in Marmor gemeißelt
auf einem Pralinskiplatz sah. Daraus ersieht man, daß er nach Großem
strebte, wenn er auch diese Träume und Hoffnungen tief und fast ängstlich
in seinem Innersten verbarg. Kurz, er war ein guter Mensch und in der
Seele sogar ein Dichter. In den späteren Jahren suchten ihn die krankhaften
Augenblicke der Verzweiflung immer häufiger heim. Er wurde ganz
besonders reizbar und mißtrauisch und war schließlich bereit, jeden
Widerspruch für eine Beleidigung zu halten. Doch da kam plötzlich das
liberale Rußland und flößte ihm wieder große Hoffnungen ein. Und die

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„Exzellenz“ tat dann noch das ihrige hinzu. Er richtete sich auf; er warf den
Kopf in den Nacken. Er redete plötzlich schön und viel, natürlich nur über
die neuesten Themata, die er sich ungemein schnell und bis zur
Leidenschaft angeeignet hatte. Er suchte Gelegenheiten zu reden, besuchte
bekannte Persönlichkeiten und wurde denn auch bald als verzweifelter
Liberaler bekannt, was ihm ungeheuer schmeichelte. An jenem Abend aber
kam er nach dem vierten Glas ganz besonders in Schwung. Er wollte
plötzlich den Hausherrn in allem bekehren. Er hatte ihn vorher lange nicht
mehr gesehn, ihn immer sehr geachtet, und hatte sonst stets auf seinen Rat
gehört. Plötzlich aber hielt er ihn für äußerst konservativ und griff ihn daher
mit ungewöhnlichem Eifer an. Nikiforoff antwortete fast überhaupt nicht,
sondern hörte ihm nur verschmitzt lächelnd zu, obgleich ihn das Thema
interessierte. Pralinski dagegen ereiferte sich immer mehr und führte in der
Hitze des vermeintlichen Disputs sein Glas weit häufiger als es sich gehörte
an die Lippen. Da griff denn der Hausherr immer wieder zur Flasche, um
das geleerte Glas zu füllen, was Herr Pralinski aus unbekannten Gründen
plötzlich nicht gerade höflich fand, um so mehr, als Ssemjon Iwanowitsch
Schipulenko, den er ganz besonders verachtete, und obendrein noch wegen
seines Zynismus und seiner witzigen Bosheit fürchtete, an seiner Seite
höchst verdächtig schwieg und gleichfalls häufiger als angebracht zu
lächeln beliebte. „Ich glaube, sie halten mich für einen dummen Jungen,“
dachte er eine Sekunde lang.
„Nein,“ fuhr er darauf mit noch größerem Aplomb fort, „nein, es ist Zeit!
Wir sind zu sehr zurückgeblieben und meiner Meinung nach ist Humanität
die erste Bedingung, Humanität in der Behandlung der Untergebenen, denn,
nicht zu vergessen, auch sie sind Menschen! Humanität wird alles retten
und alles auf den richtigen ...“
„Hihihihi!“ ertönte es da halblaut aus der Richtung Herrn Schipulenkos.
„Ja, aber mein Lieber, warum waschen Sie uns denn so den Kopf?“ fragte
endlich der Hausherr mit liebenswürdigem Lächeln. „Ich muß gestehen,
Iwan Iljitsch, es ist mir bis jetzt noch nicht klar geworden, was Sie uns
eigentlich erklären wollen. Sie betonen immer die Humanität. Das bedeutet
doch Menschlichkeit, nicht wahr?“
„Ja, schön, meinetwegen auch Menschlichkeit. Ich ...“
„Erlauben Sie! Soweit ich darüber urteilen kann, handelt es sich aber
nicht nur darum. Menschlichkeit ist selbstverständlich. Die Reformen
jedoch beschränken sich nicht nur auf das Moralische. Da haben wir jetzt

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die Bauernfragen, die Leibeigenschaft, die neuen Gesetze, die Rechte, die
moralischen Fragen und ... und ... sie nehmen ja kein Ende, diese Fragen,
und alle zusammen, alles zusammen kann plötzlich große, sagen wir,
Erschütterungen verursachen. Das ist es, was wir befürchten, aber gegen die
Humanität haben wir nichts einzuwenden ...“
„Tja, die Sache liegt etwas tiefer,“ meinte Herr Schipulenko trocken.
„Das verstehe ich sehr wohl, und erlauben Sie, Ssemjon Iwanowitsch,
Ihnen zu bemerken, daß ich keineswegs glaube, Ihnen in der Tiefe der
Auffassung dieser Sache nachzustehn,“ bemerkte gereizt und fast zu schroff
Herr Pralinski, „einstweilen aber erlaube ich mir, auch Ihnen, Stepan
Nikiforowitsch, zu bemerken, daß Sie mich gleichfalls durchaus nicht
verstanden haben ...“
„Hab’s auch nicht.“
„Währenddessen aber halte ich mich an die Idee, die ich auch überall
durchführe, daß Humanität, und besonders Humanität den Untergebenen
gegenüber, vom Beamten bis zum Schreiber, vom Schreiber bis zum
Hausknecht, vom Hausknecht bis zum Bauer, – daß die Humanität, sage
ich, als, sagen wir, als Eckstein der bevorstehenden Reformen und
überhaupt der Erneuerung der Dinge dienen kann. Warum? Das werde ich
Ihnen sofort sagen. Nehmen wir einen Syllogismus: ich bin human, folglich
liebt man mich. Liebt man mich, so hat man Zutrauen zu mir. Hat man
Zutrauen zu mir, so glaubt man auch an mich; glaubt man an mich, so wird
man mich folglich auch lieben ... das heißt, nein, ich will nur sagen, daß,
wenn man an mich glaubt, man dann auch an die Reform glauben und
begreifen wird, worin das Wesen der Sache besteht, sagen wir, sich
moralisch umarmen und die ganze Sache freundschaftlich und gründlich
machen wird. Worüber lachen Sie, Herr Schipulenko? Können Sie das nicht
begreifen?“
Der Hausherr zog schweigend die Brauen in die Höh; er schien erstaunt
zu sein.
„Ich glaube, ich habe etwas zu viel getrunken,“ meinte Herr Schipulenko
nicht ohne bissigen Spott, „und bin daher wohl etwas schwerfällig im
Begreifen. Die Spannkraft meines Gehirns hat, glaub ich, etwas
nachgelassen.“
Pralinski fühlte einen Stich im Herzen.
„Wir werden es nicht aushalten,“ sagte plötzlich der Hausherr nach
kurzem Nachdenken.

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„Wieso, wie meinen Sie das – nicht aushalten?“ erkundigte sich Herr
Pralinski, den die plötzliche und kurze Bemerkung des Hausherrn wunderte.
„So. Ganz einfach, werden’s nicht aushalten.“ Augenscheinlich wollte er
sich über seine Meinung nicht weitläufig verbreiten.
„Sie meinen das doch nicht etwa in Betreff des neuen Weines und der
neuen Schläuche?“ fragte ironisch Pralinski. „Nun, für mich garantiere ich.“
Da schlug die Stutzuhr halb zwölf.
„Da sitzen wir und sitzen und gehn nicht fort,“ sagte sich langsam
erhebend Herr Schipulenko. Herr Pralinski jedoch kam ihm zuvor, erhob
sich elastisch aus dem niedrigen Sessel und nahm vom Kamin seine
Zobelmütze. Er schien beleidigt zu sein.
„Und wie bleibt es denn damit, Ssemjon Iwanowitsch, mit der
Wohnung?“ fragte noch einmal der Hausherr, als er die Gäste begleitete.
„Mit der Wohnung? Ich werde sehn, ich werde sehn.“
„Jedenfalls benachrichtigen Sie mich bald.“
„Immer von Geschäften die Rede?“ erkundigte sich liebenswürdig Herr
Pralinski. Seine Stimme klang wieder recht versöhnlich. Er wartete auf eine
Antwort und spielte mit seiner Mütze. Es schien ihm, daß man ihn nicht
sonderlich beachtete.
Der Hausherr zog wieder die Brauen in die Höh und schwieg zum
Zeichen dessen, daß er die Gäste nicht aufhalten wollte. Herr Schipulenko
verabschiedete sich denn auch eiligst.
„Ah ... so ... nun, wie Ihr wollt ... wenn Ihr nicht einmal eine einfache
Liebenswürdigkeit versteht ...“ dachte Herr Pralinski bei sich und streckte
seine Hand möglichst unabhängig dem Hausherrn entgegen.
Im Vorzimmer hüllte sich Herr Pralinski in seinen leichten teuren Pelz
und bemühte sich aus irgend einem Grunde, den vertragenen Waschbär
Herrn Schipulenkos nicht zu bemerken.
„Unser Alter scheint irgend etwas übelgenommen zu haben,“ sagte, als
sie die Treppe hinabstiegen, Herr Pralinski zu Herrn Schipulenko.
„Wieso das? Ich glaube nicht,“ meinte ruhig und kühl der andere.
„Borniert!“ dachte bei sich Pralinski von seinem Begleiter.
Sie traten auf die Straße. Schipulenkos Schlitten fuhr vor. Sein Hengst
war gerade nicht sehr schön.
„Teufel! Wo mag denn Trifon mit meinem Schlitten stecken!“ rief
ungeduldig Herr Pralinski, da er sein Gefährt nicht erblicken konnte.

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Hierhin, dorthin – der Schlitten war nicht zu sehn. Der Hausknecht
konnte auch keine Auskunft geben. Da fragte man schließlich Warlam, den
Kutscher Schipulenkos, und erfuhr von ihm, daß der andere die ganze Zeit
gleichfalls gewartet habe, nun aber nicht mehr da sei, wie man ja sehen
könne.
„Dumme Geschichte!“ meinte Herr Schipulenko. „Wollen Sie – ich
bringe Sie nach Haus?“
„Solch ein Gaunervolk!“ schimpfte wütend Herr Pralinski. „Die Kanaille
wollte sich bei mir vorhin die Erlaubnis ausbitten, hier auf der Petersburger
Seite eine Hochzeit mitzumachen, irgend eine Verwandte von ihm soll
heiraten – daß sie der Henker hole! Und ich verbot ihm strengstens, sich
von hier zu entfernen. Ich könnte wetten, daß er dorthin gefahren ist!“
„Ja,“ bemerkte Warlam, „er ist auf diese Hochzeit gefahren, wollte aber
gleich wieder umkehren und zur angesagten Zeit hier sein.“
„Da haben wir’s! Ich ahnte es ja! Der soll mir aber büßen!“
„Versohlen Sie ihn lieber zweimal wie es sich gehört, dann wird er
gehorsamer sein,“ sagte Schipulenko, der schon die Schlittendecke
zuknöpfte.
„Seien Sie unbesorgt, Ssemjon Iwanowitsch!“
„So wollen Sie nicht? Ich bringe Sie gern nach Haus.“
„Danke, nein. Und glückliche Reise!“
Schipulenko fuhr fort, Pralinski aber ging gereizt zu Fuß auf den
Bretterstegen durch das öde Vorstadtviertel dem Zentrum der Stadt zu.

„Warte nur, Spitzbube, Du sollst mir aber büßen! Gehe jetzt zum Trotz zu
Fuß, damit Du Angst bekommst! Wenn er zurückkehrt, wird er sofort
erfahren, daß sein Herr zu Fuß gegangen ist ... Solch ein Spitzbube!“
Herr Pralinski hatte noch niemals innerlich so geflucht. Er war aber auch
wirklich so gereizt und zudem brummte noch sein Kopf. Da er sonst kein
Trinker war, so wirkten die fünf bis sechs Glas Champagner ziemlich
schnell. Die Nacht war wundervoll. Es war kalt und klar und ungewöhnlich
windstill. Der sternklare Himmel wölbte sich hoch, hoch, und der Mond
breitete über die Erde matten, luftlosen Silberschein. Es war so schön, daß
Pralinski schon nach kurzer Zeit seinen ganzen Ärger vergaß. Es wurde ihm
plötzlich so wunderlich angenehm zu Mut. Es ist ja eine bekannte Tatsache,
daß Menschen, die ein wenig getrunken haben, sehr schnell ihre Eindrücke

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und Empfindungen wechseln. Ihm gefielen plötzlich sogar die
unscheinbaren Holzhäuschen der öden Straße.
„’S ist doch schön, daß ich zu Fuß gegangen bin,“ dachte er bei sich, „für
Trifon ist’s eine Lehre und mir ist es ein Vergnügen. Man müßte wirklich
öfter zu Fuß gehn ... Auf dem großen Prospekt werde ich ja sofort einen
Schlitten finden. Prachtvolle Nacht! Was das hier für Häuschen sind.
Wahrscheinlich Kleinbürger, Beamte ... Kaufleute, vielleicht ... Dieser
Stepan Nikiforowitsch! Und was für Reaktionäre sie sind, diese
Schlafmützen! Oui, Schlafmützen, c’est le mot. Er ist übrigens ein kluger
Mensch; hat diesen bonsens, das nüchterne, praktische Begreifen der Dinge.
Dafür aber sind’s ja Greise, Greise! Dieser ... äh, wie heißt doch gleich der
Kerl! ... Nun ja, was nicht noch ... Werden es nicht aushalten! Was mag er
damit gemeint haben? Er versank ja sogar in Gedanken, als er das sagte.
Übrigens hat er mich überhaupt nicht verstanden. Und wie das nicht
verstehn! Das nicht zu verstehn ist ja schwerer, als zu verstehn. Die
Hauptsache ist, daß ich überzeugt bin, im Herzen überzeugt ... Humanität ...
Menschlichkeit. Den Menschen zu sich selbst zurückführen ... seine eigene
Würde erwecken und dann ... macht Euch dann mit dem neuen Material an
die Arbeit! Man sollte meinen, daß das klar ist! Ja–hm! Erlauben Sie mal,
Exzellenz; nehmen Sie einen Syllogismus: ich treffe z. B. einen Beamten,
einen armen Beamten, einen verprügelten, eingeschüchterten Menschen.
Nun ... was bist Du? Antwort: Beamter. Also gut, Beamter; weiter: was für
ein Beamter? Antwort: so und so. – Dienst Du? Ja, ich diene. – Willst Du
glücklich sein? Will. – Was hast Du zum Glücklichsein nötig? Das und das.
– Warum? Darum. – Und siehe, der Mensch begreift mich nach zwei
Worten, der Mensch ist gewonnen, ist, sagen wir, bestrickt, der Mensch
gehört mir und ich mache mit ihm, was ich will, d. h. natürlich nur zu
seinem Besten. ’N gemeiner Mensch, dieser Schipulenko! Und welch eine
scheußliche Fratze er hat ... ‚Versohlen Sie ihn!‘ – das hat er absichtlich so
gesagt. – Nein, mein Lieber, das kannst Du selbst besorgen, wenn es Dich
reizt; ich aber werde es nicht tun; ich werde meinen Trifon mit einem
einzigen Wort zu erziehen verstehn: ein kurzer Tadel – das genügt, er wird’s
schon fühlen. Was jedoch die Prügelstrafe anbetrifft, hm! ... ungelöste Frage
das ... hm! Pfui, Teufel, diese verfluchten Bretterstege!“ rief er plötzlich
wütend; er hatte auf den Weg nicht acht gegeben und war gestolpert. „Und
das will eine Hauptstadt sein! Oh Zivilisation! Hier kann man sich ja die
Beine brechen! Hm! ... Ich hasse diesen Schipulenko; unsympathischer

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Kerl. Vorhin lachte er über mich, als ich sagte, man würde sich moralisch
umarmen. Nun, man wird es auch, was geht das Dich an? Hab keine Angst,
Dich werde ich nicht umarmen; eher einen Bauern ... Wenn ich jetzt einem
Bauern begegnen sollte, so werde ich ihn anreden. Übrigens war ich etwas
angetrunken und drückte mich vielleicht nicht so aus ... Hm! Werde nie
mehr trinken. Was man am Abend schwatzt, das bereut man am nächsten
Morgen. Wie!? Ich gehe doch ganz gerade ... Aber, weiß Gott, sie sind doch
alle Spitzbuben!“
Das waren die zusammenhanglosen Gedanken, die Herrn Pralinski durch
den Kopf gingen, als er auf den Bretterstegen nach Hause schritt. Die
frische Nachtluft tat ihm gut, sie rüttelte ihn wieder wach, wie man zu sagen
pflegt. Nach fünf Minuten aber hätte er sich wieder beruhigt und wäre dann
vielleicht schläfrig geworden. Doch plötzlich, wenige Schritte vor dem
großen Prospekt, hörte er Musik. Er blickte sich um. In einem alten
einstöckigen, doch langgestreckten Holzhause, das einsam an der anderen
Straßenseite lag, schien ein Fest zu sein: eine Geige, ein Kontrabaß und
eine Flöte taten ihr Bestes, um tanzlustigen Leuten eine Quadrille
aufzuspielen. Unter den Fenstern drängten sich Zuschauer, meistens Weiber
in wattierten Mänteln und großen Tüchern; sie bemühten sich eifrig, durch
die Spalten der Läden irgend etwas zu sehn. Das Gestampf der Tanzenden
konnte man sogar auf der anderen Straßenseite hören. Pralinski erblickte
nicht weit von sich einen Schutzmann und ging auf ihn zu.
„Wem gehört dieses Haus, mein Lieber?“ fragte er ihn kurz, wobei er
seinen kostbaren Pelz am Halse etwas zurückschob, genau so viel, daß der
Schutzmann seinen Orden erkennen konnte.
„Dem Beamten Pseldonimoff, dem Registrator,“ antwortete der
Schutzmann, der natürlich den Orden sofort erkannt und eine stramme
Haltung angenommen hatte.
„Pseldonimoff? Hm! Pseldonimoff! ... Und was ist denn da los? Heiratet
er vielleicht?“
„Ja, Ew. Hochgeboren, er heiratet die Tochter eines Titularrats.
Mlekopitajeff, Titularrat ... hat an der Behörde gedient. Dieses Haus
bekommt jetzt der Schwiegersohn.“
„Also gehört es jetzt Pseldonimoff und nicht mehr Mlekopitajeff?“
„Pseldonimoff, jawohl, Ew. Hochgeboren, Mlekopitajeff gehörte es
früher, jetzt aber gehört es Pseldonimoff.“

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„Hm! Ich habe mich nur erkundigt, weil ich nämlich sein Vorgesetzter
bin.“
„Zu Befehl, Exzellenz.“
Der Schutzmann nahm eine wenn möglich noch strammere Haltung an,
Herr Pralinski aber schien nachzudenken. Er stand und überlegte ...
Ja, tatsächlich, dieser Pseldonimoff diente in seiner Kanzlei; das wußte er
ganz genau. Er war ein kleiner Beamter, der etwa zehn Rubel monatlich
erhielt. Da Herr Pralinski erst seit kurzer Zeit Chef seiner Kanzlei geworden
war, so hätte er sich schließlich seiner Untergebenen nicht allzu genau
erinnern können; Pseldonimoffs jedoch erinnerte er sich deutlich und zwar
nur des Namens wegen: der war ihm sofort aufgefallen und so hatte er sich
denn den Besitzer desselben etwas genauer angesehn. Er erinnerte sich
eines noch sehr jungen Menschen mit einer langen gebogenen Nase mit
blondem, strähnigem Haar, der krankhaft mager war, einen unmöglichen
Rock und noch unmöglichere Unaussprechliche trug. Er erinnerte sich
noch, daß ihm damals beim Anblick dieser Figur der Gedanke gekommen
war, dem Armen zu Weihnachten einige zehn Rubel zur Aufbesserung der
Toilette zukommen zu lassen. Da aber das Gesicht dieses Armen ungeheuer
einfach wirkte und der Blick sogar sehr unsympathisch war, so verdunstete
der gute Gedanke allmählich ganz von selbst, und Pseldonimoff erhielt kein
Geschenk. Um so mehr setzte ihn aber dann dieser selbe Pseldonimoff in
Erstaunen, als er ihn vor einer Woche um die Erlaubnis bat, heiraten zu
können: Pralinski erinnerte sich noch, daß er damals keine Zeit gehabt
hatte, sich mit der Sache eingehender zu beschäftigen, und so war denn die
Heiratsgeschichte schnell erledigt worden. Trotzdem jedoch wußte er noch
ganz genau, daß Pseldonimoff mit der Braut noch ein einstöckiges
Holzhaus und vierhundert Rubel bar erhalten sollte. Dieser Umstand hatte
ihn damals sogar etwas in Erstaunen gesetzt; und dann wußte er auch noch,
daß er über die Namen Pseldonimoff und Mlekopitajeff einen Kalauer
gemacht hatte. Dessen erinnerte er sich noch ganz genau.
Herr Pralinski verfiel immer mehr und mehr in Gedanken. Bekanntlich
können zuweilen ganze seitenlange Betrachtungen oder Erwägungen in
einer einzigen Sekunde durch unseren Kopf gehn, sagen wir, in Form
gewisser Gefühle, die sich in menschlicher Sprache nicht so einfach
ausdrücken lassen. So werde ich denn auch alle diese Gefühle unseres
Helden nicht weiter auszudrücken versuchen, sondern nur das Wesen dieser
Gefühle so gut ich es kann wiedergeben, sagen wir, nur das, was in ihnen

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das Notwendigste und Wahrscheinlichste war, denn viele unserer
Empfindungen würden, in die menschliche Sprache übersetzt, vollkommen
unwahrscheinlich sein. Das ist ja der Grund, warum sie niemand hört,
obgleich sie doch ein jeder hat. Natürlich waren die Empfindungen und
Gedanken Pralinskis ein wenig zusammenhanglos, doch wir wissen ja,
warum sie es waren.
„Da reden wir nun und reden,“ zuckte es ihm durch den Kopf, „kommt es
aber zum Handeln – so tun wir doch nichts. Da haben wir jetzt ein Beispiel,
nehmen wir meinetwegen diesen Pseldonimoff: er ist heute erregt aus der
Kirche heimgekehrt, hoffnungsfroh, freudig ... Dieser Tag ist einer der
seligsten seines Lebens ... Jetzt hat er mit den Gästen zu tun, gibt ein Fest –
ist bescheiden und arm, aber doch heiter, froh, aufrichtig ... Wie, wenn er
jetzt erfahren würde, daß in diesem Augenblick ich, ich, sein Vorgesetzter,
sein höchster Vorgesetzter, Exzellenz Pralinski, hier vor seinem Hause stehe
und seiner Hochzeitsmusik zuhöre? Nein, tatsächlich, was würde dann mit
ihm geschehn? Was würde er tun, wenn ich jetzt einfach den Entschluß
fasse und bei ihm eintrete? Hm! ... zuerst würde er natürlich vor Schreck
verstummen: Ich würde ihm seine Hochzeitsfeier verleiden, würde alles
verderben ... Ja, das würde das Erscheinen jedes anderen so hohen
Vorgesetzten zweifellos tun, nicht aber, wenn ich ... Das ist es ja, daß jeder
andere stören würde, nur ich nicht ...
„Ja, ja, mein lieber Nikiforoff! Vorhin konnten sie mich nicht verstehn,
da haben sie jetzt ein fertiges Beispiel.
„Hm – ja. Wir alle reden von Humanität, doch zu Heroismus, zu
Heldentaten sind wir noch immer nicht fähig.
„Was für eine Heldentat? Nun, urteilen Sie doch selbst: bei der jetzigen
Gesellschaftseinteilung soll ich, ich um zwölf Uhr nachts zu meinem
Registrator, der sich nur auf zehn Rubel monatlich steht, gehn! – Das ist
doch Wahnsinn, ist doch Rotation aller Kulturideen, Sodoms Ende und
Pompejis Untergang! Das würde niemand verstehn. Nikiforoff wird sterben,
ohne das zu begreifen. Er sagte ja doch: wir werden es nicht aushalten. Ja,
aber diese ‚wir‘ sind Sie, meine Herren, nicht ich; das sind Leute der
Lähmung und Stagnation, ich aber, ich werde es aushalten! Ich werde den
letzten Tag Pompejis in den schönsten Freudentag meines Untergebenen
verwandeln und dieser unerhörte Schritt wird eine normale,
patriarchalische, hohe und moralische Handlung werden. Wie das? So. Bitte
aufzumerken ...

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„Nun, nehmen wir an ... ich trete ein: sie sind erstaunt, erschrocken,
unterbrechen den Tanz, blicken sich scheu nach allen Seiten um, drängen
sich vor mir zurück. Schön; da aber trete ich vor: ich gehe geradenwegs auf
den entsetzten Pseldonimoff zu und sage ihm mit dem liebenswürdigsten
Lächeln: so und so, war bei Seiner Exzellenz, Herrn Nikiforoff, hier in der
Nähe .. Nun, und dann erzähle ich so in spaßiger Art und Weise mein Pech
mit diesem Trifon und gehe dann darauf über, wie es kam, daß ich zu Fuß
ging ... Nun, und da hörte ich denn plötzlich Musik, erkundige mich beim
Schutzmann und erfahre, daß Sie, mein Lieber, heute Ihre Hochzeit feiern.
Ach, denke ich, da mußt Du doch hingehen, mußt doch einmal sehn, wie
Deine Beamten sich amüsieren und ... heiraten. Ich hoffe, Sie werden mich
nicht vor die Tür setzen! – Haha, vor die Tür setzen! Das einem
Untergebenen! Ich glaube, er wird den Verstand verlieren, wird Hals über
Kopf alle Sessel zusammenschleppen, um mir eine Sitzgelegenheit zu
bieten, wird vor Entzücken erbeben, wird sich überhaupt nicht besinnen
können! ...
„Nun, was kann es Einfacheres, Vornehmeres als solch eine Handlung
geben! Warum ich eingetreten bin? Das ist eine andere Frage! Das ist die
moralische Seite der Sache ...
„Hm ... Woran dachte ich eigentlich? Ach so!
„Natürlich werden sie mich mit dem vornehmsten Gast
zusammenbringen, mit irgend einem Titularrat oder Verwandten, einem
abgesetzten Hauptmann mit einer verfänglich roten Nase ... Gogol hat sie
doch prachtvoll geschildert, diese Originale! Nun, ich lerne natürlich die
junge Frau kennen, lobe sie, ermuntere die Gäste, bitte sie, sich nicht stören
zu lassen, den Tanz wieder aufzunehmen, mache Bonmots; mit einem Wort
– bin bezaubernd liebenswürdig. Ich bin immer bezaubernd liebenswürdig,
wenn ich mit mir zufrieden bin. Hm! ... das ist es ja, daß ich immer noch so
ein wenig, natürlich nicht gerade betrunken, aber so ...
„... Versteht sich, als Gentleman stehe ich auf gleichem Fuß mit ihnen
und verlange nicht im geringsten irgend welche ... Aber moralisch,
moralisch – das ist eine andere Sache: sie werden es begreifen und
würdigen ... Meine Handlung wird Edelmut in ihnen erwecken ... Und dann
bleibe ich so eine halbe Stunde .. Meinetwegen auch eine Stunde. Gehe
selbstverständlich kurz vor dem Essen; sie werden natürlich alles mögliche
zusammenbraten, mich himmelhoch zu bleiben bitten, ich aber erhebe nur
meinen Pokal, spreche meinen Glückwunsch aus und danke für das Essen.

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Sage einfach – die Arbeit drängt. Dieses Wort wird genügen: sofort werden
sie ehrerbietig-ernste Gesichter machen. Und damit gebe ich zu gleicher
Zeit in delikater Weise zu verstehn, daß ich und sie – zwei verschiedene
Dinge sind. Himmel und Erde. Ich meine, ich sage das nicht, um ... aber
man muß doch ... im moralischen Sinn ist es sogar unbedingt nötig, was
man auch einwenden mag. Übrigens kann ich ja sofort wieder lächeln, kann
sogar lachen, und alle werden sie wieder Mut fassen ... Scherze noch ein
wenig mit der Jungen; hm! ... ich könnte ja sogar andeuten, daß ich nach
einer bestimmten Anzahl Monate wiederkommen würde als Taufpate, he–
he! Sie wird sich dann bestimmt bemühen, pünktlich zum Termin einen
kleinen Pseldonimoff auf die Welt zu setzen. Vermehren sich ja wie die
Kaninchen. Nun, man wird natürlich lachen, sie wird feuerrot, gefühlvoll
küsse ich sie dann auf die Stirn, segne sie womöglich noch ... und morgen
kennt dann die ganze Kanzlei meine Heldentat. Am nächsten Tage bin ich
wieder streng, anspruchsvoll, sogar unerbittlich, doch alle wissen dann
bereits, wer ich bin. Kennen mein Innerstes, mein geheimstes Wesen: ‚Als
Vorgesetzter ist er streng, doch als Mensch ist er – ein Engel!‘ Und da habe
ich denn gesiegt; habe mit einer einzigen kleinen Handlung alle Herzen
erobert: sie gehören mir; ich bin ihr Vater, sie sind meine Kinder ... Nun,
Exzellenz Stepan Nikiforowitsch, versuchen Sie doch einmal, etwas
Ähnliches zu machen ...
„... Ja, wissen Sie auch, begreifen Sie auch, daß Pseldonimoff seinen
Kindern und Kindeskindern erzählen wird, wie seine Exzellenz in eigener
Person auf seiner Hochzeit erschienen ist! Und die werden es noch ihren
Enkeln als heiligste Familiengeschichte erzählen, wie der Würdenträger, der
große Staatsmann – der ich dann bestimmt schon sein werde – sie einst der
Ehre gewürdigt u. s. w., u. s. w. Aber das wäre ja doch einen Erniedrigten
moralisch erheben, ihn sich selbst wiedergeben! ... Er bekommt ja nur zehn
Rubel monatlich! ... Sollte ich etwas Ähnliches fünfmal wiederholen, so bin
ich ja populär, ohne ... Werde in allen Herzen eingeschlossen sein und der
Teufel weiß, was daraus noch alles in Zukunft entstehen kann, aus dieser
Popularität! ...“
So, oder ungefähr so dachte Herr Pralinski. (Meine Herren, als ob der
Mensch zuweilen wenig bei sich denkt, und besonders noch, wenn er in
einer etwas exzentrischen Stimmung ist!). Diese Gedanken durchzuckten
ihn vielleicht in kaum einer halben Minute, und natürlich würde er sich mit
den Traumgebilden und der gedanklichen Beschämung Nikiforoffs

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zufrieden gegeben haben und würde weiter nach Haus und zu Bett
gegangen sein – unter normalen Umständen. Doch der Jammer war bloß
der, daß er in jenem Augenblick etwas exzentrisch war.
Wie vom Schicksal heraufbeschworen sah er plötzlich im entscheidenden
Augenblick die zufriedenen Gesichter Nikiforoffs und Schipulenkos vor
sich.
„Werden’s nicht aushalten!“ wiederholte Stepan Nikiforowitsch mit
hochmütigem Lächeln.
„Hihihi!“ sekundierte Ssemjon Iwanowitsch mit seinem scheußlichen
Gekicher.
„Das wollen wir mal sehn! Ich werde sofort beweisen, wie ich’s
aushalte!“ sagte entschlossen Herr Pralinski und es stieg ihm sogar heiß zu
Kopf.
Er verließ den Brettersteg und ging mit festen Schritten über die Straße
auf das Haus seines Untergebenen, des Registrators Pseldonimoff zu.

Sein Stern riß ihn mit sich. Mutig schritt er durch die offene Hoftür, schob
verächtlich mit dem Fuß einen kleinen, zottigen Spitz bei Seite, der ihm
mehr anstandshalber als um der Sache willen mit heiserem Gekläff an die
Beine fuhr. Auf den Brettern, die von der Hoftür bis zur Haustür führten,
schritt er munter weiter und stieg dann die drei alten Holzstufen hinan, die
unter einem kleinen Giebel einen Vorbau wie etwa ein Wächterhäuschen
bildeten, und trat in einen erbärmlich kleinen Flur. Zwar brannte daselbst
irgendwo in einer Ecke so etwas wie ein Licht oder eine bunte Laterne,
doch hinderte das Herrn Pralinski nicht, so wie er war, in Galoschen, mit
dem linken Fuß in eine Schüssel mit Gelée, die zum Kaltwerden
herausgestellt worden war, hineinzutreten. Herr Pralinski beugte sich
interessiert nieder, um den weichen Boden zu betrachten und erkannte mit
Schrecken, was er angerichtet hatte; zu gleicher Zeit bemerkte er auch, daß
neben ihm noch zwei Schalen mit irgend etwas Eßbarem, und zwei Formen
mit einer süßen Speise, augenscheinlich mit Blanc-manger, standen. Das
zerdrückte Gelée verwirrte ihn allerdings ein wenig und eine kurze Sekunde
lang dachte er wohl, ob es nicht besser wäre, noch leise umzukehren und
sich aus dem Staube zu machen. Doch gesinnungstüchtig wies er diesen
Gedanken als niedrige Anwandlung weit von sich. Er überlegte, daß ihn
doch niemand gesehn und man daher auch bestimmt nicht auf ihn verfallen

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würde, wischte schnell seine Galosche ab, um alle Spuren zu verstecken,
tastete dann an der filzbeschlagenen Tür nach der Klinke, öffnete die Tür
und trat in ein ganz kleines Vorzimmer. Die eine Hälfte desselben war mit
Mänteln, Pelzjacken, Überziehern, Tüchern, Muffs und Galoschen total
verbaut, in der anderen hatte man die Musikanten untergebracht: zwei
Geigen, eine Flöte und ein Kontrabaß, im ganzen also vier Mann. Sie saßen
um einen kleinen, ungestrichenen Holztisch, auf dem ein einziges Talglicht
brannte, und fiedelten was das Zeug hielt die letzte Tour der Quadrille
herunter. Durch die offene Tür konnte man im Saal die Tanzenden sehn, die
sich in Staub-, Rauch- und Dunstwolken drehten. Es ging ausgelassen-lustig
zu. Man hörte Gelächter, Schreie, Damengekreisch. Die Kavaliere
stampften wie eine Eskadron Pferde, und aus dem ganzen Sodom klang das
Kommando des Tanzordners, der, wie es schien, ein sehr freier Herr mit
aufgeknöpftem Rock war: „Avancez Messieurs, chaine de dames,
balancez!“ u. s. w., u. s. w. Herr Pralinski warf einigermaßen erregt seinen
Pelz von den Schultern, schob die Galoschen ab, und trat mit der Mütze in
der Hand in den sogenannten Saal. Übrigens hatte er schon aufgehört zu
denken.
Im ersten Augenblick bemerkte ihn niemand: alle tanzten in wildem
Galopp oder Walzer die Quadrille zu Ende. Pralinski stand wie betäubt und
konnte in diesem Wirrwarr nichts unterscheiden. Helle Damenkleider,
Frack- und Rockschöße, Herren mit einer Zigarette zwischen den Zähnen
schwirrten vor seinen Augen, und zwischen ihnen irgend eine
vorüberfliehende Dame, deren lange flatternde hellblaue Schärpe mit
Fransen ihm über die Nase wischte. Ihr setzte in heller Begeisterung ein
Student nach, der dabei den Eingetretenen unsanft stieß. Darauf drehte sich
vor ihm irgend ein Offizier, der länger als eine Werst lang war. Irgend
jemand rief vor Begeisterung mit ungewöhnlich hoher Stimme im
gemeinsamen Vorüberfliegen: „E–e–ech Pseldonimuschka!“ Herrn
Pralinski schien es, als klebten seine Sohlen am Fußboden: der war mit
Wachs oder Stearin gebohnt. In dem Zimmer, das übrigens nicht klein war,
tanzten etwa dreißig Menschen.
Doch nach einer Minute war die Quadrille beendet und fast im selben
Augenblick geschah genau dasselbe, was sich Herr Pralinski schon auf dem
Bretterstege gedacht hatte. Unter den Gästen, die noch nicht Atem
geschöpft, noch nicht den Schweiß von den Gesichtern gewischt hatten,
verbreitete sich plötzlich ein ganz ungewöhnliches Tuscheln. Aller Augen,

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alle Gesichter wandten sich erschrocken schnell auf den eingetretenen Gast.
Und gleich darauf begann ein allgemeines Reculement, alle schoben sie
sich wie die Krebse rückwärts. Die ihn noch nicht bemerkt hatten, wurden
an den Kleidern gezupft und eines Besseren belehrt. Herr Pralinski stand
immer noch in der Tür und wagte keinen Schritt vorzutreten, zwischen ihm
aber und den Gästen wurde der freie Zwischenraum immer größer und
größer und schließlich war das halbe Zimmer leer, abgesehen von den
Zigarettenstummeln und Konfektpapierchen, die friedlich den Fußboden
verzierten. Da löste sich plötzlich aus diesem enggepreßten Publikum
schüchtern ein junger Mensch in einem Gehrock los und trat vor in den
leeren Raum: er hatte strähniges blondes Haar und eine gebogene Nase. Er
schob sich zaghaft näher, machte einen Bückling nach dem anderen und
blickte dabei auf den unerwarteten Gast genau so wie ein Hund, der sich
mit gesenkter Rute an seinen ihn rufenden Herrn heranschlängelt, um
verdiente Schläge in Empfang zu nehmen.
„Guten Abend, Pseldonimoff, erkennen Sie mich?“ sagte Herr Pralinski
und fühlte doch im selben Augenblick, daß er es furchtbar ungeschickt
sagte und vielleicht eine unglaubliche Dummheit beging.
„Eu–eu–eure E–exzellenz!“ murmelte Pseldonimoff.
„Ach was, Exzellenz, – bin, mein Lieber, ganz zufällig bei Ihnen
eingetreten, wie Sie es sich wahrscheinlich denken können ...“
Doch Pseldonimoff konnte augenscheinlich überhaupt nicht denken. Er
stand mit weit aufgerissenen Augen vor seinem Vorgesetzten und nur das
Entsetzen des totalen Nichtverstehenkönnens drückte sich auf seinem
bleichen Gesichte aus.
„Ich nehme an, daß Sie mich doch nicht vor die Tür setzen werden ... Ob
willkommen oder nicht, aber einen Gast muß man stets empfangen! ...“ fuhr
Herr Pralinski fort, wobei er wieder fühlte, daß er sich bis zu unanständiger
Schwäche verwirrt, daß er lächeln will und doch selbst das nicht mehr kann;
daß die humoristische Erzählung vom Ausbleiben seines Trifon immer
unmöglicher wird. Pseldonimoff aber verharrte wie zum Trotz in seiner
Erstarrung und fuhr bewegungslos fort, ihn blödsinnig anzublicken.
Pralinski durchzuckte es, er fühlte: „noch eine solche Minute und es
geschieht etwas Unerhörtes!“
„Oder habe ich vielleicht gestört ... dann werde ich natürlich sofort ...“
sagte er halbmechanisch und an seinem rechten Mundwinkel erzitterte ein
kleiner Nerv ...

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Da aber besann sich endlich Pseldonimoff.
„Ew. Exzellenz, bitte, geruhen ... Ehre ...“ stotterte er unter erneuten
Bücklingen, „geruhen Platz zu nehmen ...“ Und noch etwas mehr zu sich
gekommen, wies er plötzlich mit beiden Händen auf das Sofa, das ohne
Tisch an die Wand geschoben war, um den Tanzenden nicht im Wege zu
sein ...
Herr Pralinski atmete innerlich auf und ließ sich wie erlöst auf das Sofa
nieder; sofort beeilte sich einer der Herren, den bei Seite geschobenen Tisch
wieder vorzuschieben Flüchtig blickte er sich um und da gewahrte er, daß
außer ihm niemand saß: alle, auch die Damen standen. Das war ein
schlechtes Zeichen. Doch war es noch nicht Zeit, zu ermuntern. Die Gäste
standen noch immer scheu zurückgedrängt und vor ihm hielt sich
Pseldonimoff immer noch krumm wie ein Haken und begriff immer noch
nichts und war immer noch weit entfernt vom Lächeln. Es war einfach
schändlich – oder kurz: in diesem Augenblick erlitt unser Held soviel Leid,
daß sein Harûn-al-Raschid würdiges Unternehmen um des Prinzips willen
wohl für eine Heldentat angesehn werden konnte. Da befand sich noch eine
Gestalt plötzlich neben Pseldonimoff, die einen Bückling nach dem anderen
machte. Zu seiner unbeschreiblichen Freude, ja, und auch zu seinem Glück
erkannte Herr Pralinski in ihm den Sekretär aus seiner Kanzlei, Akim
Petrowitsch Subikoff, den er zwar nicht gesellschaftlich, dafür aber als
tätigen, schweigsamen Beamten kannte. Vor Freude erhob er sich sofort und
streckte Subikoff seine Hand entgegen, die ganze Hand und nicht nur zwei
Finger. Subikoff drückte sie vorsichtig in tiefster Ehrerbietung. Exzellenz
triumphierte: alles war gerettet!
In der Tat, jetzt war Pseldonimoff nicht mehr, sagen wir, die zweite,
sondern einfach die dritte Person. Man konnte sich mit der Erzählung direkt
an Subikoff wenden, ihn in der Not wie einen Bekannten behandeln, sogar
wie einen nahen Bekannten, Pseldonimoff aber konnte dann schweigen und
zittern soviel er wollte. Folglich war der Anstand gewahrt. Die Erzählung
aber war unbedingt nötig, das fühlte Herr Pralinski; er sah, daß alle Gäste
etwas erwarteten, daß in beiden Türrahmen sich sogar das ganze
Hausgesinde versammelt hatte und fast schon aufeinander kroch, um ihn
besser sehn und hören zu können. Unangenehm war bloß, daß der Sekretär
sich in seiner Dummheit immer noch nicht setzen wollte.
„Aber so setzen Sie sich doch!“ sagte Herr Pralinski und wies etwas
ungeschickt neben sich auf das Sofa.

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„Ich ... ich ... ich ... ich kann auch hier ...“ stotterte Akim Petrowitsch
Subikoff verlegen und setzte sich flink auf einen Stuhl, der ihm im
Handumdrehen von Pseldonimoff, der selbst nicht Platz zu nehmen wagte,
in die Kniekehlen geschoben wurde.
„Denken Sie doch nur, was mir soeben passierte,“ begann Herr Pralinski
mit einer zwar noch etwas unsicheren, aber immerhin liebenswürdigen
Stimme ausschließlich zu Akim Petrowitsch gewandt. Er reckte sogar die
Worte möglichst in die Länge, sprach die Silben langsam und das a fast wie
ein e aus, kurz, er fühlte und begriff, daß er sich nicht natürlich gab, doch
konnte er sich nicht mehr beherrschen. Und überhaupt erkannte und begriff
er in jenem Augenblick furchtbar viel, weswegen er denn auch doppelt litt.
„Können Sie sich vorstellen: ich komme von Stepan Nikiforowitsch
Nikiforoff, dem Geheimrat, Sie haben vielleicht von ihm gehört ...“
Subikoff beugte sich ehrerbietig mit seinem ganzen Oberkörper vor, als
wollte er sagen: „Exzellenz, wie sollte ich nicht!“
„Er ist jetzt Ihr Nachbar,“ fuhr Herr Pralinski fort und wandte sich
anstandshalber an Pseldonimoff, doch kehrte er sich sofort wieder von ihm
ab, da er an den Augen Pseldonimoffs nur zu deutlich gesehn hatte, daß es
ihm vollkommen gleichgültig war.
„Er hat sich immer ein Haus kaufen wollen ... Nun, und jetzt hat er es
sich glücklich gekauft. Ein ganz allerliebstes Häuschen. Ja ... Und da kam
es denn noch hinzu, daß heute sein Geburtstag ist und so hat er ihn denn
diesmal vor lauter Freude über sein neues Haus uns nicht verheimlicht, wie
er es sonst immer zu tun pflegte, hehe! Wie gesagt, er hatte uns zu sich
eingeladen, mich und Ssemjon Iwanowitsch. Sie kennen ihn doch:
Schipulenko.“
Subikoff machte mit seinem Oberkörper wieder eine respektvolle
Verbeugung; er tat es sogar mit großem Eifer. Herr Pralinski beruhigte sich
ein wenig, denn er hatte schon gefürchtet, sein untergebener Sekretär
könnte es vielleicht erraten, daß er der einzige rettende Stützpunkt Seiner
Exzellenz war. Das wäre gar zu dumm gewesen.
„Nun, wir saßen, tranken Champagner, sprachen über Regierungssachen,
... über dieses und jenes ... über verschiedene Prob–leme ... disputierten
sogar ... Hehe!“
Subikoff machte ein ungewöhnlich ehrerbietiges Gesicht.
„Aber darum handelt es sich ja nicht hier. Ich verabschiedete mich
schließlich, denn, wissen Sie, Stepan Nikiforowitsch ist sehr pünktlich, er

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geht stets um halb zwölf zu Bett ... er ist ja auch schon bejahrt. Ich trete
hinaus – mein Trifon ist nirgends zu sehn. Gehe hin und her, erkundige
mich: es stellt sich heraus, daß er sich in der Hoffnung, ich würde länger
sitzen bleiben, auf eine Hochzeit – zu irgend einer Verwandten oder
Schwester – begeben hatte ... gleichfalls hier irgendwo auf der Petersburger
Seite. Und auch den Schlitten hatte er natürlich mitgenommen.“
Exzellenz blickte wieder vorsichtig zu Pseldonimoff hinüber, was diesen
sofort veranlaßte, sich krummzubiegen, doch keineswegs in der Art, wie es
Exzellenz haben wollte, und daher schloß er: „Dieser Mensch hat ja
überhaupt kein Herz.“
„Nein, so etwas!“ sagte tief erschüttert Akim Petrowitsch Subikoff. Ein
Schauer der Verwunderung lief tuschelnd gleichfalls über die
dichtgedrängte Schar der übrigen Gäste.
„Nicht wahr? Sie können sich meine Lage denken ...“ Herr Pralinski ließ
seinen fragenden Blick über alle Anwesenden schweifen. „Es war natürlich
nichts zu machen, gehe also zu Fuß. Ich denke mir, nun, Du gehst bis zum
großen Prospekt, dort wirst Du bestimmt noch einen Schlitten finden ...
hehe!“
„Hihihi!“ tönte pflichtschuldig das Echo von Subikoff zurück, und
wiederum ging ein Getuschel durch die gedrängte Gästeschar. In diesem
Augenblick platzte mit lautem Knall der Zylinder der Wandlampe. Irgend
jemand stürzte sofort eilfertig hin, um nachzusehn oder irgend etwas zu
retten. Pseldonimoff fuhr zusammen und warf einen strengen Blick auf die
Lampe, Exzellenz aber beachtete sie überhaupt nicht, und so beruhigte man
sich bald.
„Ich gehe also zu Fuß ... Die Nacht ist wundervoll, ganz windstill. Da
höre ich plötzlich Musik, Tanzmusik! Erkundige mich beim Schutzmann
und erfahre, daß Pseldonimoff seine Hochzeit feiert. Mein Lieber, Ihr Fest
ist ja auf der ganzen Petersburger Seite hörbar! Hahaha!“
„Hihihi! Stimmt ...“ meinte auch Subikoff; die Gäste flüsterten und
bewegten sich wieder; dumm war nur, daß Pseldonimoff sogar nach diesem
Scherz nicht lächelte, sondern wieder nur seinen Bückling machte –
wirklich als ob er von Holz gewesen wäre. „Der Kerl scheint ja total
borniert zu sein!“ dachte verwundert seine Exzellenz, „wenn der Esel doch
einmal lächeln wollte, wäre ja alles gut.“ Die Ungeduld tobte in seinem
Herzen.

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„Halt! denke ich, wie wär’s, wenn Du einmal bei Deinem Untergebenen
vorsprächst? Ob ich ihm willkommen bin oder nicht, er wird mich doch
nicht vor die Tür setzen ... Sie verzeihen mir doch, mein Lieber ...
Natürlich, wenn ich gestört habe, so werde ich schleunigst wieder gehn ...
Ich bin ja eigentlich nur angekommen ...“
Allmählich aber hatte sich eine gewisse Bewegung unter den Gästen
bemerkbar gemacht. Subikoff lächelte verklärt, als wollte er sagen:
„Gütiger Himmel, wie kann nur Eure Exzellenz stören!“ Und auch an den
übrigen Gästen waren die ersten Anzeichen des Zutrauens bemerkbar. Die
Damen saßen schon fast alle: ein gutes, positives Zeichen. Die Keckeren
von ihnen fächelten sich bereits mit den Taschentüchern zu. Eine von ihnen
– es war eine Dame in einem vertragenen Sammetkleide – sagte absichtlich
einige Worte etwas lauter. Der Offizier, an den sie gerichtet waren, wollte
ihr gleichfalls etwas lauter antworten, doch da sie beide die einzigen
mutigen waren, so führte er sein Vorhaben nicht aus. Die Herren, meistens
Kanzleibeamten und zwei oder drei Studenten, tauschten untereinander
Blicke aus, als wollten sie sich gegenseitig anfeuern, irgend etwas zu
unternehmen; vorläufig aber räusperten sie sich nur oder traten von einem
Fuß auf den anderen, um sich ein wenig von der Stelle zu rühren. Im
Grunde hatte kein einziger Angst; sie waren nur ein wenig scheu und genau
genommen blickten sie alle feindselig auf den Unglücklichen, der
gekommen war, um ihr Vergnügen zu stören. Der Offizier, der sich
schließlich seines Kleinmutes schämte, faßte sich ein Herz und näherte sich
ein wenig dem Tisch.
„Äh, mein Lieber, gestatten Sie, nach Ihrem und Ihres Vaters Namen zu
fragen?“ wandte sich Herr Pralinski an Pseldonimoff.
„Porfirij Petroff, Exzellenz,“ antwortete der sofort, als ob er Rapport
erstattete.
„Nun, Porfirij Petroff, wann werden Sie mich denn mit Ihrer jungen Frau
bekannt machen ... Führen Sie mich doch ... ich ...“
Und er bekundete schon die Absicht, sich vom Sofa zu erheben. Wie
Pseldonimoff das bemerkte, stürzte er sofort ins Nebenzimmer. Die
Neuvermählte stand übrigens an der Tür, als sie aber hörte, daß von ihr die
Rede war, schlüpfte sie sofort zurück und versteckte sich.
Nichtsdestoweniger führte Pseldonimoff sie nach einer Minute an der Hand
wieder in den Saal. Man trat sofort auseinander, um ihnen Platz zum

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Durchgehen zu geben. Exzellenz erhob sich feierlich und wandte sich mit
liebenswürdigem Lächeln an die Neuvermählte:
„Es freut mich ungemein, Ihre Bekanntschaft zu machen,“ sagte er mit
der elegantesten Halbverbeugung, „und um so mehr, als es gerade an solch
einem Tage ...“ u. s. w.
Er lächelte verschmitzt. Die Damen waren angenehm erregt.
„Charmant,“ sagte die Dame im Sammetkleide fast laut.
Die Neuvermählte war ihres Gatten wert. Sie war ein kleines mageres
Persönchen von sechzehn Jahren, bleich, mit einem kleinen Gesicht, in dem
ein kleines spitzes Näschen saß. Ihr kleinen Augen blickten durchaus nicht
verwirrt, im Gegenteil, sie sahen aufmerksam und sogar mit einer gewissen
Feindseligkeit den liebenswürdigen Vorgesetzten an. Ihr Brautkleid war aus
weißem Musselin auf einem rosa Unterkleide. Ihr Hals war erschreckend
mager und ihr Körper war dem eines jungen Huhnes nicht gerade
unähnlich. Auf die liebenswürdigen Worte seiner Exzellenz wußte sie so gut
wie nichts zu sagen.
„Ich kann Ihnen zu Ihrem Geschmack nur gratulieren,“ sagte er zu
Pseldonimoff gewandt halblaut, jedoch absichtlich so, daß sie es unbedingt
hören mußte.
Pseldonimoff Antwortete aber auch auf diese Liebenswürdigkeit nur mit
Schweigen; ja, diesmal vergaß er sogar, sich zu verbeugen: er rührte sich
nicht. Herrn Pralinski schien es plötzlich, daß in seinen Augen etwas Kaltes,
wenn nicht Feindseliges aufblitzte. Und doch hieß es für ihn mit aller
Gewalt, was es auch koste, die gewünschte Stimmung erreichen. Deswegen
war er ja überhaupt eingetreten!
„Das ist mir mal ein Pärchen!“ dachte er bei sich. „Übrigens ...“
Und er wandte sich von neuem an die Junge, die sich neben ihm auf das
Sofa niedergelassen hatte, erhielt aber auf seine Fragen nur ein „Ja“ oder
„Nein“, und zuweilen selbst das nicht einmal.
„Wenn sie doch wenigstens verlegen werden wollte!“ dachte er wütend.
„Ich könnte dann mit ihr scherzen. Aber so ist ja meine Lage einfach
aussichtslos!“
Und auch Subikoff schwieg wie zum Trotz, wenn er es auch aus
Dummheit tat, so blieb es doch immerhin unverzeihlich.
„Aber meine Damen und Herren! Ich habe Sie doch nicht in Ihrer
Geselligkeit gestört?“ wandte er sich an alle Gäste.
Er fühlte schon, daß sogar seine Handflächen transpirierten.

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„Oh nein, Exzellenz, wir werden sofort weitertanzen, augenblicklich ...
erholen wir uns ein wenig,“ antwortete ihm darauf der lange Offizier, auf
dem die Neuvermählte wohlgefällig ihre Blicke ruhen ließ: er war noch
nicht alt und sah gut aus in seiner Uniform. Pseldonimoff stand noch immer
unbeweglich und seine gebogene Nase nahm sich noch größer aus. Er stand
und hörte zu wie ein Diener, der mit Pelzen und Mänteln auf dem Arm dem
Abschiedsgespräch seiner Herrschaft zuhört. Diesen Vergleich machte Herr
Pralinski in Gedanken beim wiederholten Anblick seines Registrators. Ja,
unser Held fühlte sich sehr ungemütlich, er fühlte, wie er den Boden unter
den Füßen verlor, er fühlte, daß er irgendwohin hineingeraten war und sich
nicht mehr herausziehen konnte.

Da traten die Gäste an der Tür wieder auseinander, um, wie es schien,
jemandem Platz zu machen: es erschien eine mittelgroße, ziemlich
stämmige ältere Frau, die einfach angezogen war, ein Tuch, das sie unter
dem Kinn festgesteckt hatte, um die Schultern trug und an die Haube, die
ihren Kopf schmückte, augenscheinlich noch nicht gewöhnt war. In den
Händen hielt sie ein rundes Teebrett, auf dem eine volle, aber schon
aufgekorkte Flasche Champagner und zwei Gläser standen – zwei, nicht
mehr und nicht weniger. Ersichtlich war die Flasche nur für zwei Menschen
gekauft worden.
Die Frau näherte sich ruhig dem Sofa.
„Bitte, Exzellenz, nehmen Sie vorlieb,“ sagte sie nach einem Gruß und
einer Verbeugung, „wenn Sie uns schon einmal die Ehre erweisen zur
Hochzeit meines Sohnes in eigener Person zu kommen, so bitte ich Sie
gefälligst, begrüßen Sie auch schon das junge Paar mit einem Glas.
Verachten Sie es nicht, erweisen Sie uns schon die Ehre.“
Herrn Pralinski erschien sie wie ein rettender Engel. Sie war noch
durchaus nicht alt, vielleicht fünf- oder sechsundvierzig – nicht mehr. Aber
sie hatte solch ein gutes, frisches, solch ein offenes, rundes russisches
Gesicht, sie lächelte so gutmütig, begrüßte ihn so einfach, daß Herr
Pralinski wieder Mut schöpfte.
„Also S–s–sie sind die Mutter Ihres Sohnes?“ fragte er, sich erhebend.
„Ja, Exzellenz, meine Mutter,“ bestätigte Pseldonimoff, wobei er seinen
langen Hals noch mehr ausreckte und seine gebogene Nase noch weiter
vorschob.

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„Ah! Freut mich, freut mich ungemein!“
„So erweisen Sie uns schon die Ehre, Exzellenz.“
„Aber mit dem größten Vergnügen.“
Das Teebrett wurde auf den Tisch gestellt und Pseldonimoff goß eilfertig
den Wein ein. Herr Pralinski nahm seinen Pokal.
„Ich freue mich, ich freue mich ganz besonders der Gelegenheit ...“
begann er, „daß ich bei der Gelegenheit ... Mit einem Wort, als Vorgesetzter
mein Wohlwollen bezeugen kann ... Ich wünsche Ihnen, meine Gnädigste“
– er wandte sich an die Neuvermählte – „und auch Ihnen, mein lieber
Porfirij Petroff, volles, seliges, leuchtendes Glück!“
Er erhob seinen Pokal und leerte ihn mit tiefem Gefühl auf einen Zug –
es war der Zahl nach der siebente an jenem Abend. Pseldonimoff blickte
ernst und mürrisch drein und Exzellenz fühlte, daß er ihn schon qualvoll
haßte.
„Und diese verfluchte Bohnenstange“ – er blickte wütend auf den langen
Offizier, „kann der Kerl denn wirklich nicht einmal Hurra schreien!? Damit
würde er ja alles retten ...“
„Und auch Sie, Akim Petrowitsch, – bitte, trinken Sie auch auf das Glück
des jungen Paares,“ wandte sich die Alte an den Sekretär. „Sie sind sein
Vorgesetzter, beschützen Sie meinen Sohn, ich bitte Sie, wie eine Mutter
bittet. Und auch hinfort vergessen Sie uns nicht, mein Liebling, ein guter
Mensch sind Sie, Akim Petrowitsch!“
„Wie reizend doch diese alten russischen Frauen sind!“ dachte Herr
Pralinski bei sich. „Alle hat sie belebt. Hm, ich habe ja immer gesagt: ich
liebe alles, was volklich ist ...“
In dem Augenblick wurde noch ein Teebrett zum Tisch gebracht: eine
Magd in einem steifen, noch ungewaschenen Zitzkleide mit einer Krinoline
trug es herein; doch kaum konnte sie es fassen – so groß war es. Auf ihm
standen eine Menge Schalen, Teller und Vasen mit Äpfeln, Konfekt,
Marmeladen, Kuchen, Nüssen u. s. w. Dieses Teebrett hatte bis dahin im
Nebenzimmer gestanden, zur Bewirtung der Gäste, vornehmlich der
Damen. Nun wurde es aber zum Ehrengast gebracht.
„Verschmähen Sie nicht, Exzellenz, was wir Ihnen bieten können. Was
wir haben, dessen freuen wir uns,“ sagte wieder gutmütig die Alte.
„Aber, ich bitte Sie! ...“ rief Herr Pralinski und nahm sogar mit
Vergnügen eine Wallnuß, die er mit den Fingern zerdrückte. Er hatte sich
entschlossen, bis zum Schluß populär zu sein.

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Plötzlich kicherte die Neuvermählte neben ihm.
„Wie?“ erkundigte sich Herr Pralinski lächelnd, sichtlich sehr erfreut
über die unvermuteten Lebensanzeichen.
„Hihi, Iwan Kostenjkinytsch scherzt wieder,“ entgegnete sie diesmal mit
gesenktem Blick.
Er bemerkte tatsächlich einen hübschen blonden Jüngling, der sich auf
einem Stuhl neben dem Sofa niedergelassen und sich halb hinter der Lehne
und der jungen Pseldonimowa, der er etwas zuflüsterte, versteckt hatte. Der
Jüngling erhob sich sofort. Er schien sehr schüchtern und noch sehr jung zu
sein.
„Ich habe ihr nur vom Traumbuch erzählt, Exzellenz,“ sagte er, als wollte
er sich entschuldigen.
„Von was für einem Traumbuch?“ fragte Herr Pralinski herablassend.
„Es gibt jetzt ein neues, ein literarisches. Ich hab ihr gesagt, daß, wenn
man Herrn Panajeff im Traum sieht, das bedeutete dann, daß man sich das
Chemisette mit Kaffee begießen würde.“
„Himmlische Unschuld!“ dachte Exzellenz nicht ohne Wut bei sich.
Der junge Mann errötete zwar, als er seine Erklärung gab, doch war er zu
gleicher Zeit unglaublich stolz auf seinen Mut.
„Nun ja, schön, ich habe so etwas gehört ...“ meinte Exzellenz.
„Und was noch amüsanter ist,“ sagte plötzlich eine neue Stimme dicht
neben Herrn Pralinski, „es wird ein neues Lexikon herausgegeben, und so
heißt es denn, Herr Krajeffski würde palemische Artikel schreiben ...“
Der das sagte war ein junger Mensch, der aber durchaus nicht verlegen
schien, sondern eine gewisse Sicherheit in seinem Auftreten hatte. Er war in
Handschuhen und weißer Weste und behielt die ganze Zeit seinen Hut in
der Hand. Er tanzte nicht, gab aber sonst den Ton an, blickte auf die übrigen
Gäste von oben herab, denn er war schon Mitarbeiter an einem satyrischen
Blatt, „Der Feuerbrand“, und war gleichsam als Ehrengast zur Hochzeit
eingeladen worden. Er hatte schon ziemlich viel Wodka getrunken und war
zu diesem Zweck des öfteren in ein bescheidenes Hinterzimmer, zu dem
alle Herren den Weg kannten, gegangen. Seiner Exzellenz gefiel er
ausnehmend wenig.
„Und das ist nur darum so komisch,“ unterbrach ihn plötzlich freudig der
blonde Jüngling, der von der Chemisette erzählt hatte und den der
„Mitarbeiter“ haßerfüllt anblickte, „so furchtbar komisch, weil der
Herausgeber so tut, als ob Herr Krajeffski die Rechtschreibung nicht könnte

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und wirklich glaubte, man müsse statt ‚polemisch‘ ‚palemisch‘ sagen ...“
Der arme Jüngling sprach kaum zu Ende, was er sagen wollte. Er erkannte
an den Augen seines Zuhörers, daß er eine bekannte Geschichte erzählte,
denn seine Exzellenz wurde gleichfalls verlegen, und das natürlich nur, weil
er sie schon selbst längst kannte. Der junge Mann schämte sich entsetzlich:
er zog sich so schnell als möglich zurück und die ganze Zeit nachher war er
tief melancholisch. Dafür aber trat der Mitarbeiter des „Feuerbrandes“ noch
näher an seine Exzellenz heran und schien die Absicht zu haben, sich
irgendwo in der Nähe niederzulassen. Solch eine liebenswürdige
Annäherung schien aber Herrn Pralinski etwas kitzlich.
„Tja! was ich sagen wollte, Porfirij Petroff,“ begann er plötzlich zu
diesem gewandt, bloß um etwas zu sagen, „warum – ich wollte es Sie schon
längst fragen –, warum nennen Sie sich Pseldonimoff und nicht
Pseudonimoff? Denn Ihr Name lautet doch zweifellos Pseudonimoff?“
„Das kann ich leider nicht genau erklären, Exzellenz,“ entgegnete
Pseldonimoff.
„Das hat man wohl schon früher verwechselt, als sein Vater in den Dienst
trat, ich meine, in den Papieren,“ bemerkte Akim Petrowitsch Subikoff.
„Das kommt zuweilen vor.“
„Un–be–dingt!“ griff Exzellenz eifrig den Gedanken auf. „Unbedingt!
Denn, urteilen Sie doch selbst: Pseudonimoff würde von dem literarischen
Wort Pseudonym herkommen. Was aber bedeutet Pseldonimoff? –
Überhaupt nichts!“
„Aus Dummheit,“ fügte plötzlich Subikoff noch hinzu.
„Das heißt, wie meinen Sie das – aus Dummheit?“
„Das russische Volk verwechselt zuweilen aus Dummheit die Buchstaben
und spricht überhaupt die Fremdwörter auf seine Art aus. So sagt es z. B.
Nevalide, während man doch Invalide sagen muß.“
„Ach so ... Nevalide, hehehe ...“
„Auch hört man häufig ‚Mummer‘ sagen, Exzellenz,“ fiel der lange
Offizier ein, den die Lust, sich gleichfalls irgendwie auszuzeichnen, schon
lange plagte.
„Wie das, ‚Mummer‘?“
„Mummer anstatt Nummer, Exzellenz.“
„Ach so, Mummer anstatt Nummer ... ja ja ... hehehe? ...“ Exzellenz war
gezwungen, auch dem Offizier Beifall zu zollen.
Der Offizier zupfte an seinem Kragen.

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„Und dann sagt man auch noch ‚vurbei‘,“ mischte sich der „Mitarbeiter“
des „Feuerbrandes“ in das Gespräch. Exzellenz aber tat, als hätte er die
Bemerkung ganz überhört. Er konnte doch nicht für alle lächeln!
„Vurbei anstatt vorbei,“ wiederholte der „Mitarbeiter“ ersichtlich gereizt.
Exzellenz blickte ihn streng an.
„Wozu drängst Du Dich so vor?“ flüsterte Pseldonimoff dem
„Mitarbeiter“ zu.
„Wieso, darf ich denn etwa nicht sprechen!“ fragte der flüsternd zurück,
schwieg aber doch und verließ mit heimlichem Ingrimm das Zimmer.
Er begab sich wieder in das anziehende Hinterzimmer, in dem für die
Herren auf einem kleinen Tisch, der mit einem jaroslawschen Tischtuch
bedeckt war, zwei Sorten Schnaps, Hering, Kaviarbrötchen und noch eine
Flasche des allerstärksten Sherry aus einem russischen Keller zur
Erfrischung hingestellt waren. Mit Wut im Herzen goß er sich ein Gläschen
ein, als plötzlich der Student der Medizin hereinstürzte, hastig die Karaffe
ergriff und sich eingoß.
„Es wird gleich wieder losgehn!“ sagte er, der erster Tänzer auf dieser
Hochzeit Pseldonimoffs war. „Komm zusehn: werde ein Solo auf den
Händen tanzen, d. h. mit den Beinen in der Luft und nach dem Essen will
ich ’nen ‚Fisch‘ riskieren. Der paßt zur Hochzeit: sozusagen unserem
Pseldonimoff ein freundschaftlicher Wink ... Famoses Weib, diese
Kleopatra Ssemjonowna, man kann bei ihr faktisch alles riskieren.“
„Das ist ja ein Reaktionär,“ sagte finster der Mitarbeiter und stürzte sein
Glas hinab.
„Wer das?“
„Die hohe Persönlichkeit, vor der man sämtliche Süßigkeiten plaziert hat.
Ein Reaktionär vom reinsten Wasser, sag ich Dir.“
„Ach!“ rief der Student gleichgültig und stürzte hinaus, da er die ersten
Takte der Quadrille hörte.
Der Mitarbeiter goß sich, allein zurückgeblieben, ein noch größeres Glas
ein, um sich etwas Mut anzutrinken, darauf nahm er ein Kaviarbrötchen –
und noch niemals hatte sich der wirkliche Geheimrat Pralinski einen
schrecklicheren Feind und unerbittlicheren Rächer erworben, als es der von
ihm übersehene Mitarbeiter des „Feuerbrand“ war, besonders nach dem
zweiten Glase Schnaps. Doch wehe! Herr Pralinski ahnte nichts.
Desgleichen ignorierte er völlig noch einen anderen wichtigen Umstand,
der aber auf das weitere Verhältnis der Gäste zu seiner Exzellenz einen

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unheilvollen Einfluß haben sollte. Die Geschichte war nämlich die, daß
seine Erklärung, warum er zu seinem Untergebenen gekommen war,
niemand befriedigt hatte und die Gäste fortfuhren, sich zu ängstigen oder
wenigstens sich bedrückt zu fühlen. Plötzlich aber veränderten sich alle wie
durch einen Zauberschlag: alle beruhigten sich und waren sofort bereit,
wieder zu tanzen, zu lachen, zu schreien, ganz als ob der unerwartete Gast
überhaupt nicht zugegen gewesen wäre. Die Ursache dieser Veränderung
war das auf unerklärliche Weise entstandene Gerücht, der Gast sei nicht
ganz ... nüchtern! Und wenn dieses Gerücht auch den Stempel der
schrecklichsten Verleumdung auf sich trug, so fand es allmählich doch
immer mehr und mehr Glauben unter den Gästen und bald wurde es
allgemein als unzweifelhafte Tatsache angesehn. Daher ging es denn
plötzlich ungemein frei her. Die letzte Quadrille vor dem Essen begann.
Gerade als Herr Pralinski sich wieder an die Neuvermählte wenden
wollte, um diese Festung mit einem Scherz zu stürmen, erschien plötzlich
der lange Offizier und ließ sich unverhofft auf ein Knie vor ihr nieder. Sie
erhob sich sofort und flog selig mit ihm davon, um sich in die Reihe zu
stellen. Der Offizier machte nicht einmal seine Entschuldigung, als er sie
entführte, und sie schenkte seiner Exzellenz nicht einmal einen Blick, als ob
sie froh gewesen wäre, ihren Platz verlassen zu können.
„Im Grunde ist sie ja in ihrem Recht,“ dachte Herr Pralinski, „aber was
ist denn das für ein Benehmen!“ – „Hm! ... mein lieber Porfirij Petroff,“
wandte er sich an Pseldonimoff, „vielleicht haben Sie irgendetwas
anzuordnen ... das heißt, ich meine ja nur ... bitte lassen Sie sich dann nicht
abhalten ...“ – „Der Kerl tut wirklich, als müsse er hier auf mich
aufpassen,“ dachte er bei sich ungehalten.
Dieser Pseldonimoff, der mit seinem langen Hals und seiner gebogenen
Nase neben ihm stand und seinen Blick nicht von ihm abwandte, wurde ihm
unerträglich. Kurz, das war alles nicht das, längst nicht das, was Herr
Pralinski sich gedacht hatte, aber er war noch lange nicht bereit, sich das
einzugestehn.

Die Quadrille begann.
„Gestatten Exzellenz?“ fragte ehrfürchtig Akim Petrowitsch Subikoff, der
zaghaft die Champagnerflasche in der Hand hielt und sich halbwegs
anschickte, seiner Exzellenz einzugießen.

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„Ich ... wirklich, ich weiß nicht, ob ...“
Doch schon goß Subikoff mit andächtig leuchtendem Gesicht den
Champagner ein. Als das Glas bis zum Rande gefüllt war, entschloß er sich,
auch sein Glas zu füllen, doch tat er das gleichsam unter Gewissensbissen,
verlegen und betreten und mit dem Unterschied, daß er in sein Glas etwa
einen Fingerbreit weniger eingoß, was seiner Meinung nach etwas höflicher
war. Er fühlte sich wie eine Frau in Kindesnöten, als er neben seinem hohen
Vorgesetzten saß. Wovon sollte er sprechen? Sprechen aber mußte er
unbedingt, da er nun einmal die Ehre hatte, neben seiner Exzellenz zu
sitzen: dafür mußte er doch wenigstens unterhaltend sein! Da mußte denn
der Champagner retten. Seiner Exzellenz war es sogar angenehm, daß jener
eingoß, nicht des Weines wegen, denn der war warm und überhaupt
irgendein widerliches Zeug, sondern – gewissermaßen moralisch
angenehm.
„Der Alte will natürlich selbst gern trinken,“ dachte Herr Pralinski,
„allein aber wagt er es nicht. Ich kann ihn doch nicht des Genusses
berauben. Und ’s wäre ja auch lächerlich, wenn die Flasche so unangerührt
zwischen uns stände.“
Er nahm einen Schluck, denn das schien ihm besser, als so zu sitzen.
„Ich bin ja nur her–gekommen,“ begann er wieder in seiner „vornehmen“
Art und Weise, „ich bin ja nur, wie man sagt, zufällig her–gekommen, und
vielleicht werden einige finden ... daß ich ... daß es mir, wie man sagt, nicht
zu–steht, in solch einer ... Gesell–schaft zu sein.“
Subikoff schwieg und hörte nur in scheuer Neugier zu.
„Aber ich hoffe, daß Sie wenigstens verstehn, warum ich hergekommen
bin ... Hehe ...“
Subikoff wollte zwar gleichfalls ehrerbietig lächeln, doch plötzlich ging
es nicht und Herr Pralinski hörte wiederum nichts beruhigendes von ihm.
„Ich bin her–gekommen ... um, wie man sagt, zu ermuntern ... um zu
zeigen, daß es ein, wie man sagt, moralisches Ziel gibt,“ fuhr Pralinski fort,
doch die Stumpfheit seines Zuhörers ärgerte ihn und plötzlich verstummte
auch er. Der arme Subikoff wagte nicht einmal aufzublicken, ganz als ob
sein Gewissen Gott weiß wie schuldbeladen gewesen wäre. Ein wenig
verwirrt nahm Exzellenz sein Glas und trank wieder einen Schluck, worauf
Subikoff wie nach seinem letzten Strohhalm wieder nach der Flasche griff
und von neuem einschenkte.

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„Deine Ressourcen können doch unmöglich groß sein,“ dachte Herr
Pralinski und betrachtete streng den armen Subikoff. Als dieser den Blick
seines hohen Vorgesetzten auf sich ruhen fühlte, beschloß er endgültig, den
seinen nicht mehr zu erheben. So saßen sie sich denn stumm gegenüber –
das war für Subikoff eine furchtbare Zeit.
Dieser Subikoff war einer von den alten Unterbeamten, die jetzt so
ziemlich ausgestorben sind. In Ehrerbietung und Gehorsam aufgewachsen,
war er einerseits friedsam wie ein Huhn, und andrerseits ein guter und sogar
edler Mensch. Er war ein Petersburger Russe, d. h. sein Vater und sein
Urgroßvater waren in Petersburg geboren, aufgewachsen und schließlich
gestorben, ohne diese Stadt auch nur ein einziges Mal verlassen zu haben.
Das ist ein ganz besonderer Typ Russen. Von Rußland haben sie nicht die
geringste Ahnung, was sie aber auch nicht im geringsten beunruhigt. Ihr
ganzes Interesse ist auf Petersburg beschränkt und hauptsächlich auf ihren
Dienst. Alle ihre Sorgen drehen sich um die Kopekenpréférence, die nächste
Kolonialwarenhandlung und ihr Monatsgehalt. Sie kennen keinen einzigen
russischen Brauch, kein einziges russisches Volkslied, ausgenommen das
eine vom „Kienspanfeuer“ und auch das nur, weil die Drehorgeln dieses
Motiv leiern. Übrigens gibt es zwei bestimmte Anzeichen, an denen man
unfehlbar den Petersburger Russen von dem echten Russen unterscheiden
kann. Erstens: alle Petersburger Russen, alle ohne Ausnahme, sagen „Die
Akademischen Nachrichten“ und niemals „Petersburger Nachrichten“, wie
das Blatt doch eigentlich heißt. Und zweitens: der Petersburger Russe wird,
wenn er „Frühstück“ sagen will, niemals das russische Wort „Sawtrak“
gebrauchen, sondern immer „Frjühstick“ sagen, wobei er noch ganz
besonders die erste Silbe betonen wird. An diesen beiden eingewurzelten
Kennzeichen kann man sie genau unterscheiden.
Akim Petrowitsch Subikoff gehörte also zu jenen friedlichen
Beamtentypen, die sich in den letzten fünfunddreißig Jahren endgültig
ausgearbeitet haben. Übrigens war er keineswegs etwa dumm. Hätte
Exzellenz ihn andere Dinge gefragt, Dinge, die in sein Fach schlugen, so
würde er selbstverständlich geantwortet haben und vielleicht wäre dann das
Gespräch gar nicht so uninteressant gewesen. Was aber hätte er als
Untergebener auf solche Fragen, wie sie Exzellenz stellte, antworten sollen?
Es wäre ja einfach unhöflich gewesen! Und doch hätte er für sein Leben
gern etwas genaueres von den wirklichen Absichten seiner Exzellenz
erfahren ...

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Währenddessen aber versank Herr Pralinski immer mehr und mehr in
stumpfes Nachdenken. In der Zerstreutheit griff er immer häufiger nach
dem Glase um wieder einen Schluck zu tun. Und sein Nachbar ergriff
jedesmal die Gelegenheit, um das Glas wieder bis zum Rand zu füllen.
Beide schwiegen sie. Da fiel es Exzellenz plötzlich ein, daß man vor ihm
tanzte, und alsbald nahm die Gesellschaft seine Aufmerksamkeit mehr in
Anspruch. Mit einem Mal aber fiel ihm etwas auf und setzte ihn sogar in
nicht geringe Verwunderung.
Man war allerdings etwas ... sehr lustig. Man tanzte, um sich zu freuen
und womöglich auch um sich auszutoben. Gute Tänzer gab es nicht gerade
viel, aber die schlechten drehten sich und stampften dermaßen, daß man
auch sie für gewandte Tänzer halten konnte. Vor allen anderen zeichnete
sich der Offizier aus: er liebte besonders Figuren, in denen er allein blieb
und gewissermaßen ein Solo tanzen konnte. Dann, d. h. wenn er allein
blieb, verbog und verrenkte er sich wirklich bewunderungswürdig, und
zwar in folgender Weise: groß und eine Werst lang wie er war, beugte er
sich plötzlich auf eine Seite, so daß man glaubte, er sei in der Taille
gebrochen und würde sofort gänzlich umfallen; doch siehe, mit dem
zweiten Schritt richtete er sich wieder werstlang auf und mit dem dritten
beugte er sich unter demselben schrägen Winkel auf die andere Seite. Der
Ausdruck seines Gesichts blieb dabei unveränderlich ernst, und überhaupt
tanzte er ersichtlich mit der vollen Überzeugung, daß alle ihn bewunderten.
Ein anderer Kavalier, der allzu häufig in das Hinterzimmer gegangen war,
schlief in der zweiten Tour neben seiner Dame ein, so daß diese gezwungen
war, allein weiterzutanzen. Ein junger Registrator, der den ganzen Abend
nur mit einer einzigen Dame tanzte, mit derselben, deren blaue Schärpe
seiner Exzellenz über die Nase geflogen war, hatte sich etwas ganz
besonderes ausgedacht: er blieb immer ein wenig hinter seiner Dame
zurück und so konnte er denn in den Touren, beim Vorübergehn u. s. w. auf
das schnell aufgefangene Ende dieser Schärpe zehn bis zwanzig Küsse
drücken. Die Dame aber schwamm vor ihm im Tanz einher, als ob sie ein
Schwan wäre und nichts von seinen Küssen bemerkte. Der Student der
Medizin tanzte tatsächlich ein Solo auf den Händen und hatte unglaublichen
Erfolg: die Begeisterung, die er hervorrief, war geradezu erschütternd. Mit
einem Wort, die ganze Gesellschaft benahm sich vollkommen
ungezwungen. Herr Pralinski, auf den der Wein seine Wirkung hatte, ließ
sich herab, sogar zu lächeln, doch allmählich schlich sich eine etwas

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sonderbare Enttäuschung in seine Seele: oh, er liebte natürlich sehr
ungezwungenes, natürliches Benehmen; wie hatte er es herbeigewünscht,
als die Gäste noch scheu zurückgetreten waren, und plötzlich überschritten
die gerufenen Geister alle Grenzen! Eine Dame in einem vertragenen
blauen Sammetkleide z. B. steckte sich in der sechsten Tour den Rock mit
Stecknadeln derart auf, daß es aussah, als hätte sie Hosen angehabt. Das
war dieselbe Kleopatra Ssemjonowna, bei der man, allerdings nach dem
Ausdruck ihres Kavaliers, des Studenten der Medizin, „alles riskieren
konnte“. Von diesem Studenten der Medizin lohnt es sich nicht, zu reden:
einfach ein zweiter Fokin[5]. – Wie kam das nur? Noch vor so kurzer Zeit
waren sie scheu vor dem neuen Gaste zurückgewichen und mit einem Mal
sah er sie so emanzipiert vor sich? Es wäre ja weiter nichts dabei gewesen,
aber, aber dieser schnelle Übergang war doch etwas sonderbar: er schien
etwas zu bedeuten. Es hatte wirklich den Anschein, als hätten sie ganz
vergessen, daß Exzellenz zugegen war. Versteht sich, Exzellenz war der
erste, der lachte und er ließ sich sogar herab, Beifall zu klatschen. Subikoff
kicherte pflichtschuldigst mit, doch tat er es nicht nur gezwungen, sondern
mit augenscheinlichem Vergnügen, – ahnungslos, daß Exzellenz bereits
einen neuen Wurm in seinem Herzen nährte.
„Sie tanzen ja großartig!“ sagte Exzellenz, als der Student in der letzten
Tour an ihm vorüber ging.
Der Student wandte sich hastig zu ihm um, schnitt eine unglaubliche
Grimasse und näherte sein Gesicht blitzschnell bis auf eine unhöflich nahe
Entfernung und – krähte plötzlich aus voller Kehle. Das war aber denn doch
zu viel! Exzellenz erhob sich. Eine wahre Lachsalve erschütterte das Haus,
denn die Grimasse des Studenten war dermaßen unerwartet gekommen und
er hatte so naturgetreu gekräht, daß das Gelächter nur zu erklärlich war.
Exzellenz stand immer noch halb bewußtlos, als plötzlich Pseldonimoff
erschien und ihn unter Bücklingen zum Essen aufforderte. Gleich nach ihm
kam auch seine Mutter.
„Väterchen, Eure Exzellenz,“ sagte sie, „erweisen Sie uns die Ehre,
verabscheuen Sie nicht unser bescheidenes Mahl ...“
„Ich – ich weiß wirklich nicht ...“ stotterte Exzellenz, „ich bin doch nicht
mit der Absicht ... ich ... wollte schon längst ...“
Allerdings hielt er noch seine Zobelmütze in der Hand. Ja, er gab sich
sogar im selben Augenblick das Ehrenwort, sich unbedingt sofort zu
verabschieden, um nichts in der Welt zum Essen zu bleiben und ... und blieb

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natürlich doch. Nach einer Minute schritt er als erster zu Tisch.
Pseldonimoff und die Alte gingen vor ihm her, um ihm den Weg zu bahnen.
Man wies ihm den Ehrenplatz an und wieder stand eine volle
Champagnerflasche vor seinem Gedeck. Zuerst gab es einen Imbiß: Hering
und Schnäpse. Er streckte – nicht ganz bewußt dessen, was er tat – die
Hand nach der Schnapskaraffe aus und goß sich ein volles großes Glas ein.
Es war ihm, als ob er von einem Berge hinabflog, er glaubte zu fallen, zu
fallen, zu fallen und fühlte, daß er sich an irgend etwas halten, anklammern
mußte, doch wußte und fand er nicht, was das hätte sein können.
Seine Lage wurde wirklich immer exzentrischer. Er fühlte den Spott des
Schicksals. Gott weiß was mit ihm alles in einer kurzen Stunde geschah.
Als er eintrat, breitete er, wie man sagt, seine Arme aus, um die ganze
Menschheit und alle seine Untergebenen an sein Herz zu drücken; und nach
kaum einer Stunde wußte er unter allen Schmerzen seines Herzens, daß er
diesen Pseldonimoff haßte und ihn samt seiner Frau und Hochzeit zu allen
Teufeln verwünschte. Und zum Überfluß erkannte er noch an dessen
Gesicht und Augen, daß auch er von ihm gehaßt wurde: das hatte ihm schon
längst der feindselige Blick des jungen Mannes nur allzu deutlich verraten.
Selbstverständlich hätte sich Herr Pralinski, als er sich zu Tisch setzte,
eher die Hand abschlagen lassen, als daß er sich selbst wirklich die ganze
Wahrheit eingestanden hätte. Aber der Augenblick, da das hätte geschehen
können, war noch nicht gekommen, und vorläufig gab es, wie man zu sagen
pflegt, noch ein moralisches „Balancé“. Aber das Herz, das Herz ... oh, das
tat so weh! es drängte hinaus, in die Freiheit, an die Luft, zur Erholung! Es
war doch wirklich ein gar zu guter Mensch, dieser Iwan Iljitsch Pralinski!
Er wußte doch, wußte es ja ganz genau, daß er schon längst hätte
fortgehn müssen, und nicht nur einfach fortgehn, sondern sich geradezu
hätte retten müssen; daß sein ganzes Unternehmen vollkommen
fehlgeschlagen, keineswegs das war, was er sich auf dem Brettersteg
gedacht hatte!
„Warum bin ich denn hergekommen? Doch nicht, um hier zu essen und
zu trinken?“ fragte er sich, als er den Hering aß. Er wurde sogar ganz
Pessimist, und in seinem Herzen fühlte er, daß er sich selbst zuweilen
lächerlich fand in seiner Heldenrolle. Ja, es kam sogar so weit mit ihm, daß
er allmählich selbst nicht mehr begriff, warum er eigentlich eingetreten war.
„Wie hätte ich denn früher fortgehn sollen? So fortgehn, ohne die Sache
bis zu Ende durchgeführt zu haben, war unmöglich. Was würde man sagen?

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Man würde sagen, daß ich mich an unanständigen Orten herumtreibe. Und
das würde ja auch so sein, wenn ich es, wie gesagt, nicht durchführte. Was
wird aber morgen – bis dahin wird es ja schon überall bekannt sein – z. B.
Stepan Nikiforowitsch sagen, und Ssemjon Iwanytsch? Und was wird man
in der Kanzlei sagen? Und bei Schembels? Und bei Schubins? Nein, ich
muß so fortgehen, daß sie alle begreifen, warum ich überhaupt gekommen
bin, ich muß den moralischen Zweck meines Erscheinens klarlegen ...“ Und
doch wartete er vergeblich auf den pathetischen Moment. „Sie achten mich
ja nicht einmal,“ fuhr er fort, zu denken. „Worüber mögen sie jetzt nur
lachen? Sie sind so lustig, als ob sie ganz gefühllos wären ... Ich habe es ja
immer gesagt: die ganze neue Generation taugt nichts: gefühllos. Ich muß
bleiben, was es auch koste, ich muß! ... Bis jetzt haben sie getanzt, hier aber
bei Tisch sind sie alle beisammen ... Ich werde einfach von den Tagesfragen
reden, hm! ... von den Reformen, der Größe Rußlands ... oh! ich werde sie
schon fortreißen! Ja! Und vielleicht ist überhaupt noch nichts verloren ...
Vielleicht ist es in der Wirklichkeit immer so. Womit soll ich nur beginnen,
um sie sofort zu fesseln? Hm! man müßte so einen besonderen Kniff
erfinden ... Ich weiß wirklich nicht ... Und was wollen sie nur, was
verlangen sie eigentlich? ... Wie ich sehe, lachen sie dort schon wieder.
Sollten sie etwa über mich ...? Grundgütiger Himmel! Aber was will ich
denn ... warum bin ich denn hier, warum gehe ich nicht fort, was will ich
eigentlich? ...“ Und plötzlich, noch als er das dachte, befiel ihn eine tiefe
Scham, eine unerträgliche Scham, die ihm das Herz zu zerreißen drohte.

Es war nichts mehr zu machen: das war einfach Verhängnis.
Genau zwei Minuten nachdem er sich zu Tisch gesetzt hatte, überfiel ihn
ein furchtbarer Gedanke, ein Gedanke, der ihm kalten Schweiß auf die Stirn
herauspreßte. Er fühlte plötzlich, daß er furchtbar betrunken war, d. h. nicht
so, wie vorher, sondern wirklich total betrunken, und zwar infolge des einen
Schnapses, den er nach dem vielen Champagner hinuntergestürzt hatte, und
der alsbald seine Wirkung tat. Er fühlte es mit seinem ganzen Bewußtsein,
daß ihn alle Kräfte verließen. Den Mut verlor er zwar deswegen nicht im
geringsten, im Gegenteil, der nahm sogar noch ungeheuer zu, aber sein
Bewußtsein verließ ihn keinen Augenblick und schrie ihm ununterbrochen
in das linke Ohr: „das ist schlecht, sehr schlecht, sehr schlecht und sogar
ganz unanständig!“ Selbstverständlich blieben die trunkenen Gedanken

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nicht bei diesem einen Punkte stehn: in ihm tat sich plötzlich, fast greifbar
für ihn selbst, eine Duplizität seines Ichs kund. Sein erstes Ich war: Mut,
das Verlangen den Feind zu schlagen, zu siegen, und die verzweifelte
Überzeugung, daß er sein Ziel noch erreichen würde. Das zweite Ich aber
tat sich durch dumpfen, quälenden Kopfschmerz kund: „was wird man
sagen? Wie wird das enden? Was wird morgen sein, morgen, morgen!? ...“
Zuerst fühlte er nur gewissermaßen stumpfsinnig, daß er unter den
Gästen Feinde hatte. „Das kommt daher, daß ich auch vorhin betrunken
war,“ dachte er unter peinigenden Zweifeln. Wie groß aber war sein
Entsetzen, als er wirklich an unzweifelhaften Anzeichen einsehen mußte,
daß er am Tisch tatsächlich Feinde hatte.
„Und weswegen nur? Weswegen?“ fragte er sich.
An diesem Tisch saßen alle Gäste, etwa dreißig an der Zahl, doch waren
von ihnen einige schon ganz und gar „unterm Tisch“. Und die anderen
führten sich so sonderbar auf, mit solch einer bösartigen Ungezwungenheit,
schrieen, sprachen alle laut durcheinander, kündeten vorzeitig Toaste an,
schossen mit Brotkugeln auf die Damen ihrer Vis-à-vis. Irgend ein Herr in
einem fettigen Rock fiel, als er sich zu Tisch setzen wollte, unter den Tisch,
wo er ruhig liegen blieb – vielleicht bis zum nächsten Morgen. Ein anderer
wollte unbedingt auf den Tisch steigen, um einen Toast zu halten, und nur
dem Offizier, der ihn an den Rockschößen ergriff, gelang es noch, ihn von
seinem vorzeitigen begeisterten Vorhaben abzubringen. Das Essen war, was
die Güte anbetraf, sehr verschiedenartig, obgleich man einen Koch, den
Leibeigenen irgend eines Generals, um Rat und Hilfe gebeten hatte; es gab
Eisbein, gebratene Zunge mit Kartoffeln, Fleischplätzchen mit grünen
Erbsen, endlich gab es noch eine Gans und zum Schluß noch Blanc-manger.
An Getränken hatte man Bier, Schnaps und Sherry. Die Champagnerflasche
stand dicht vor seiner Exzellenz, was ihn zwang, sich wie Subikoff selbst
einzugießen, besonders da letzterer bei Tisch nicht mehr aus eigener
Initiative zu handeln wagte. Zu den Toasten auf das Wohl des jungen Paares
war irgend ein roter Wein bestimmt. Der Tisch an und für sich bestand aus
vielen Tischen, unter denen sich auch ein Kartentisch befand, und bedeckt
waren sie gleichfalls mit vielen Tischtüchern, unter denen sich wiederum
ein geblümtes jaroslawsches hervortat. Die Gäste saßen in bunter Reihe.
Pseldonimoffs Mutter hatte nicht am Tisch sitzen wollen; sie hatte in der
Küche zu tun. Dafür erschien ein anderes, aber bösartiges Frauenzimmer,
das sich vorher nicht gezeigt hatte, in einem rotseidenen Kleide, mit

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verbundener Backe und entsetzlich hoher Haube. Es war das die Mutter der
Neuvermählten. Sie hatte sich endlich herabgelassen, zum Essen zu
erscheinen; bis dahin war sie nicht zu bewegen gewesen, das Hinterzimmer
zu verlassen, und das nur infolge ihres unversöhnlichen Hasses auf die
Mutter ihres Schwiegersohnes; aber darauf werde ich noch später
zurückkommen. Exzellenz wurde von dieser Dame gehässig, ja fast
spöttisch betrachtet, und augenscheinlich wollte sie ihm nicht einmal
vorgestellt werden. Das schien ihm sehr verdächtig. Doch außer ihr gab es
noch andere Gesichter, die ihm verdächtig schienen und nicht wenig Sorgen
bereiteten. Es schien ihm sogar, daß sie sich alle untereinander gegen ihn
verschworen hatten, und während des Essens überzeugte er sich noch
immer mehr und mehr davon. Vor allen anderen erschien ihm sehr bösartig:
ein Herr mit einem kleinen Bart – irgend ein freier Künstler –, der
mehrmals Exzellenz ostentativ betrachtete und sich dann wieder an seinen
Nachbar wandte, um ihm etwas Spaßhaftes ins Ohr zu flüstern. Zweitens,
ein Jüngling, der allerdings ganz betrunken war, aber nach einigen
Anzeichen zu urteilen, doch keine Sympathieen für ihn übrig zu haben
schien. Dasselbe konnte man auch von dem Studenten der Medizin sagen.
Und sogar der Offizier war nicht ganz zuverlässig. Doch ganz
unverhohlenen Haß brachte ihm der Mitarbeiter des „Feuerbrandes“
entgegen: der lag so nachlässig auf seinem Stuhl, blickte so stolz und
herausfordernd drein, lachte so frech und frei. Und als plötzlich ein großes,
dickes, wohlgezieltes Brotkügelchen neben seinem Teller niederfiel, da war
Exzellenz fest überzeugt und hätte seinen Kopf auf die Wette gesetzt, daß
der Absender dieses Geschosses niemand anderes als dieser „Mitarbeiter“
gewesen war.
Alles das beeinflußte ihn natürlich in bedauerlicher Weise.
Besonders unangenehm war auch noch eine andere Beobachtung. Herr
Pralinski überzeugte sich nämlich, daß es ihm bereits einige
Schwierigkeiten machte, die Worte auszusprechen, daß er sehr vieles sagen
wollte, die Zunge sich aber nicht mehr so ganz bewegen ließ; und darauf,
daß er sich allmählich in Gedanken verlor und plötzlich ohne jeden Grund
lachte. Dieser Zustand verging aber bald nach einem neuen Glase
Champagner, das er sich zwar selbst eingegossen hatte, doch im Grunde
überhaupt nicht hatte trinken wollen, und das er dann plötzlich doch ganz in
Versehen hinabstürzte. Darauf hätte er am liebsten geweint. Er fühlte, daß
ihn wieder die exzentrischste Sentimentalität überkam, daß er wieder bereit

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war, alle zu lieben, alle, alle, selbst Pseldonimoff, selbst den Mitarbeiter des
„Feuerbrandes“. Er wollte ihnen um den Hals fallen, sich mit ihnen
versöhnen, alles vergessen. Ja, er wollte ihnen sogar alles erzählen, alles,
alles, d. h. was für ein guter und lieber Mensch er war, welche prachtvollen
Gaben er hatte, wie er dem Vaterlande nützlich sein würde, wie er die
Damen zu unterhalten verstände und vor allen Dingen, welch ein
Fortschrittler er wäre, wie human, wie bereit, zu allen hinabzusteigen, selbst
zu den allerniedrigsten; er war sogar bereit, ihnen aufrichtig alle Motive zu
erzählen, die ihn bewogen hatten, uneingeladen bei Pseldonimoff zu
erscheinen, bei ihm zwei Flaschen Champagner auszutrinken und ihn dafür
mit seiner Gegenwart zu beglücken.
„Die Wahrheit, die heilige Wahrheit vor allen anderen Dingen und die
Aufrichtigkeit! Das ist’s: mit Aufrichtigkeit werde ich sie nehmen. Sie
werden mir sofort Glauben schenken, ich sehe es schon kommen. Jetzt
blicken sie noch feindselig, wenn ich ihnen aber alles sage, werde ich sie
alle besiegen. Sie werden ihre Gläser füllen und sie mit einem Hoch auf
mich austrinken. Der Offizier wird sein Glas natürlich an seinem Sporn
zerschlagen. Sie könnten meinetwegen sogar Hurra schreien. Ja, selbst
wenn sie mich auf Husarenart aufheben wollen, werde ich es ihnen nicht
verbieten; es würde sich sogar sehr gut machen. Die Junge küsse ich dann
auf die Stirn; sie ist doch wirklich ganz nett. Dieser Subikoff ist auch ein
guter Mensch. Pseldonimoff wird sich mit der Zeit natürlich bessern. Ihm
fehlt noch, wie man sagt, der gesellschaftliche Schliff. ... Und obgleich der
ganzen neuen Generation diese gewisse Herzensvornehmheit abgeht, so ...
aber ich werde von der gegenwärtigen Bedeutung Rußlands unter den
anderen Mächten reden. Werde auch die Bauernfrage erwähnen, ja, und ...
und alle werden sie mich lieben und ich werde als Sieger dieses Haus
verlassen! ...“
Diese Gedanken waren natürlich sehr angenehm, aber unangenehm war
nur, daß er plötzlich zwischen all diesen rosaroten Hoffnungen ganz
unerwartet eine neue Eigenschaft an sich entdeckte, nämlich: unbewußt zu
spucken. Wenigstens sah er, wenn er sprach, daß sein Speichel ganz gegen
seinen Willen nur so spritzte. Zum ersten Mal bemerkte er es im Gespräch
mit Subikoff, dem er plötzlich die Wange total bespritzte und der vor lauter
Ehrfurcht nicht wagte, sie sich abzuwischen. Da nahm denn Exzellenz seine
Serviette und wischte ihm selbst die Wange ab. Doch im selben Augenblick
schien ihm was er tat dermaßen ungereimt, dermaßen gegen alle gesunde

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Vernunft, daß er verstummte und aus einer Verwunderung in die andere
geriet. Subikoff saß wie abgebrüht auf seinem Stuhl. Da erinnerte sich Herr
Pralinski, daß er schon seit einer Viertelstunde über ein äußerst
interessantes Thema zu ihm sprach, dieser Subikoff aber, wenn er auch
zuhörte, doch verlegen zu sein schien oder gar sich vor irgend etwas
fürchtete. Pseldonimoff, der einen Stuhl weiter von ihm saß, streckte
gleichfalls seinen langen Hals näher zu ihm und hörte mit dem
allerunangenehmsten Gesichtsausdruck zu. Nein, es hatte wirklich den
Anschein, als fühlte sich sein Registrator verpflichtet, auf ihn acht zu
geben. Er überflog die Gäste mit seinem Blick und bemerkte, daß viele ihn
ansahen und auslachten. Das Sonderbare war dabei nur, daß es ihn nicht im
geringsten verwirrte; er tat noch einen Schluck aus seinem Glase und hob
plötzlich laut zu sprechen an:
„Ich habe schon einmal gesagt,“ begann er möglichst laut, „meine
Damen und Herren, ich habe schon einmal gesagt, und soeben habe ich es
auch Akim Petrowitsch gesagt, daß Rußland ... ja, gerade Rußland ... mit
einem Wort, Sie verstehen, was ich sa-sa-sagen will ... Rußland durchlebt
jetzt, wenigstens meiner festen Überzeugung nach, eine Epoche der Hu-hu-
manität ...“
„Hu-hu-humanität!“ tönte es vom anderen Tischende zurück.
„Huhuhuu!“
„Tututuu!“
Exzellenz verstummte. Pseldonimoff erhob sich und blickte streng
hinüber: er wollte wissen, wer es geschrieen hatte. Subikoff schüttelte
gleichsam heimlich ein wenig den Kopf, als ob er die Gäste warnen wollte.
Exzellenz bemerkte es wohl, schwieg aber unter seinen Qualen.
„Humanität!“ fuhr er hartnäckig fort, „und vorhin, gerade vorhin sagte
ich Stepan Niki–ki–fo–rowitsch ... ja, ... daß ... daß die Erneuerung, wie
man sagt, der ...“
„Exzellenz!“ ertönte es laut am anderen Tischende.
„Wie beliebt?“ fragte der unterbrochene Redner, bemüht den Schreier zu
entdecken.
„Nichts, Exzellenz, ich meinte nur so. Fahren Sie fort! Fah–ren–Sie–
fort!“ ertönte von neuem dieselbe Stimme.
Herr Pralinski fühlte sich gekränkt, aber doch nicht allzu sehr.
„Die Erneuerung, wie man sagt, dieser selben ...“
„Exzellenz!“ rief die Stimme von neuem.

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„Was wollen Sie?“
„Leben Sie hoch!“
Da hielt es Herr Pralinski nicht mehr aus. Er verstummte und wandte sich
mit strenger Miene an den Friedensstörer und Beleidiger. Es war ein junger
Gymnasiast, der viel getrunken hatte und große Befürchtungen erregte. Er
hatte schon ein Glas und zwei Teller zerschlagen, unter dem Vorwande, daß
man es auf einer Hochzeit so tun müsse. Als Herr Pralinski sich an ihn
wandte, wies ihn der Offizier streng zur Ruhe.
„Was fehlt Dir eigentlich? Warum brüllst Du? Wenn Du nicht schweigst,
werde ich Dich vor die Tür setzen!“
„Nicht von Ihnen, Exzellenz, nicht von Ihnen ist hier die Rede! Fahren
Sie fort!“ schrie der heitere Schuljunge, auf seinem Stuhl in ungenierter
Pose zurückgelehnt. „Fahren Sie fort, ich höre zu und bin mit Ihnen sehr
zufrieden! Großartig, groß–artig!“
„Ein betrunkener Schulbub!“ raunte Pseldonimoff seinem Vorgesetzten
zu.
„Das sehe ich, aber ...“
„Ich habe ihm vorhin eine Geschichte erzählt, Exzellenz,“ begann der
Offizier, „von einem Leutnant unseres Regiments, der genau so mit seinem
Vorgesetzten sprach; und jetzt kopiert er ihn. Zu allem, was sein
Regimentschef sprach, sagte er: ‚groß–artig, groß–artig!‘ Dafür wurde er
denn vor zehn Jahren aus dem Dienst entlassen.“
„Wa–wa–was ist denn das für ein Leutnant?“
„Ein Leutnant unseres Regiments, Exzellenz. Er war auf dem ‚groß–
artig‘ einfach übergeschnappt. Zuerst bekam er Hausarrest, dann Verweise
und dann Karzer ... Der Regimentschef redete ihm wie ein Vater zu, er aber
sagt ihm: ‚groß–artig, groß–artig!‘ Und sonderbar: er war wirklich ein
mutiger Offizier. Man wollte ihn schließlich vor’s Gericht stellen, aber da
stellte es sich von selbst heraus, daß er irrsinnig war ...“
„Das bedeutet also ... ein Schuljunge. Für Schuljungenstreiche braucht
man auch nicht so streng ... Ich bin meinerseits bereit, zu verzeihen ...“
„... was die Ärzte auch sofort bestätigten.“
„A–ber er war doch ganz lebendig? Wie, wie konnte man ihn denn
anatomieren?“
Eine laute Lachsalve erhob sich. Das hatten sich die Gäste bis dahin denn
doch noch nicht erlaubt! Exzellenz wurde wild.

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„Meine Herren! Meine Damen und Herren!“ rief er, ohne auch nur ein
einziges Mal zu stottern. – „ich weiß es sehr gut, daß man einen lebendigen
Menschen nicht anatomieren kann. Ich nahm, wie gesagt, nur an, daß er im
Wahnsinn nicht mehr lebendig war ... das heißt, schon gestorben war ... das
heißt, ich meine nur ... daß Sie mich nicht lieben ... Ich aber liebe Sie alle ...
ja, und ich liebe auch Dich, Por... Porfirij ... Ich erniedrige mich, wenn ich
so spreche ...“
In dem Augenblick spritzte aber wieder Speichel von seinen Lippen und
flog auf das Tischtuch – gerade auf die sichtbarste Stelle. Pseldonimoff
stürzte sofort herbei, um abzuwischen. Dieses letzte Unglück vernichtete
seine Exzellenz vollständig.
„Nein, das ist zu viel!“ rief er verzweifelt.
„Nur ein betrunkener Schuljunge, Exzellenz!“ flüsterte ihm wieder
Pseldonimoff zu.
„Porfirij! Ich sehe, daß Ihr ... alle ... alle ... ja! Ich sage, daß ich hoffe ...
ja, ich fordere alle auf, zu sagen: wodurch habe ich mich erniedrigt?“
Exzellenz war dem Weinen nahe.
„Aber Exzellenz! Wie kommen Exzellenz auf so etwas!“
„Porfirij, ich wende mich an Dich. – Sage, warum ich gekommen bin ...
ja ... ja, auf die Hochzeit, ich hatte doch ein Ziel! Ich wollte moralisch
erheben ... ich wollte, daß man fühlt ... Ich wende mich an alle: verehrte
Anwesende! Bin ich in Ihren Augen sehr gesunken oder nicht?“
Grabesschweigen. Aber das war ja das Unglück, daß auf seine
kategorische Frage nur allgemeines Schweigen die Antwort war. „Was
würde es sie kosten, jetzt hurra zu schreien!“ zuckte es Exzellenz durch den
Kopf. Aber die Gäste tauschten nur stumm vielsagende Blicke
untereinander aus. Subikoff war weder tot noch lebendig und klammerte
sich nur krampfhaft an seinen Stuhl; Pseldonimoff stellte sich, stumm vor
Schreck, immer wieder die furchtbare Frage:
„Was wird mit mir dafür morgen geschehn?“
Plötzlich wandte sich der Mitarbeiter des „Feuerbrand“, der schon längst
betrunken war, doch bis dahin in finsterem Schweigen vor sich hin gebrütet
hatte, direkt an seine Exzellenz und antwortete im Namen der ganzen
Gesellschaft:
„Ja!“ rief er mit lauter Stimme und seine Augen glänzten. „Ja! Sie haben
sich erniedrigt, Sie sind ein ... Reaktionär!“

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„Junger Mann, besinnen Sie sich! Mit wem Sie, wie man sagt, sprechen!“
rief heftig Herr Pralinski und sprang wieder von seinem Platz auf.
„Mit Ihnen, und zweitens bin ich kein ‚junger Mann‘ ... Sie sind
hergekommen, um hier eine schöne Rolle zu spielen, um populär zu
werden.“
„Pseldonimoff, was bedeutet das!“ schrie Exzellenz außer sich.
Pseldonimoff sprang in solch einem Entsetzen auf, daß er zuerst steif und
betäubt stehen blieb, und nicht wußte, was er tun sollte. Die Gäste
verstummten gleichfalls auf ihren Plätzen. Der freie Künstler und der
Schüler klatschten Beifall und schrien „bravo, bravo!“
Der Mitarbeiter aber fuhr in unbändigem Eifer fort zu schreien:
„Ja, Sie sind hergekommen, um Ihre Humanität zu beweisen! Sie haben
das allgemeine Vergnügen gestört! Sie haben Champagner getrunken und
nicht bedacht, daß Champagner viel zu teuer ist für einen Beamten, der
zehn Rubel monatlich erhält, und ich vermute sogar, daß Sie zu jenen
Vorgesetzten gehören, die auf die jungen Frauen ihrer Untergebenen
geschliffen sind! Ja, und ich bin sogar überzeugt, daß Sie Schmiergelder
nehmen ... Ja, ja, ja!“
„Pseldonimoff, Pseldonimoff!“ rief Exzellenz und streckte in der
Verzweiflung die Arme nach ihm aus. Er fühlte, daß jedes Wort des
Mitarbeiters ein neuer Dolchstich für sein Herz war.
„Sofort, Exzellenz, beunruhigen Sie sich nicht!“ rief energisch der wieder
zu sich gekommene Pseldonimoff, lief zum Mitarbeiter, packte ihn am
Kragen und schleifte ihn hinaus. Solch eine physische Kraft hätte niemand
von dem schwächlichen Pseldonimoff erwartet. Der Mitarbeiter war aber
sehr betrunken und Pseldonimoff vollkommen nüchtern. Darauf gab er ihm
noch einige Rippenstöße und schloß dann die Tür hinter ihm zu.
„Alle seid Ihr Schufte!“ schrie der Mitarbeiter hinter der Tür. „Ich werde
Euch morgen alle im ‚Feuerbrand‘ karrikieren! ...“
Erregt sprangen sofort alle auf.
„Exzellenz, Exzellenz!“ riefen Pseldonimoff, seine Mutter und noch
einige Gäste, die sich um den Ehrengast drängten, „Exzellenz! Beruhigen
Sie sich!“
„Nein, nein!“ rief Exzellenz, „ich bin vernichtet ... Ich kam ... ich wollte,
sozusagen, taufen. Und das! Das habe ich dafür ... für alles, für alles! ...“
Er sank halb bewußtlos wieder auf seinen Stuhl, legte beide Arme auf
den Tisch und beugte seinen Kopf auf sie nieder – d. h. gerade auf seinen

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Teller mit Blanc-manger. Ich glaube, es ist überflüssig, das allgemeine
Entsetzen zu beschreiben. Nach einer Minute erhob er sich wieder,
augenscheinlich in der Absicht fortzugehn, wankte aber, stieß an einen
Stuhlfuß und fiel der Länge nach platt hin.
Das geschieht zuweilen mit Nichttrinkern, wenn sie sich einmal zufällig
angetrunken haben. Bis ins Kleinste, bis zum letzten Augenblick behalten
sie ihr Bewußtsein, dann aber fallen sie plötzlich wie vom Blitz getroffen
hin. Exzellenz lag vollkommen bewußtlos auf dem Boden. Pseldonimoff
fuhr sich in die Haare und erstarrte in dieser Bewegung. Die Gäste beeilten
sich, nach Haus zu gehn, und alle sprachen sie über das Vorgefallene. Es
war schon gegen drei Uhr morgens.

Das wirklich Schlimme war nur, daß die Verhältnisse Pseldonimoffs viel
schlechter waren, als man es sich damals hätte denken können, ganz
abgesehen selbst von der Peinlichkeit seiner Lage am Hochzeitstage.
Noch vor einem Monat hatte er im aussichtslosesten Elend gelebt. Er
stammte aus der Provinz, wo sein Vater Beamter gewesen war. Fünf Monate
vor seiner Heirat, nachdem er sich ein ganzes Jahr lang vorher brotlos in
Petersburg herumgetrieben, hatte er schließlich diese Stelle von zehn Rubel
monatlich erhalten. Er wäre körperlich und geistig wiedererstanden, wenn
sich nicht bald darauf seine Verhältnisse wieder verschlimmert hätten. Auf
der Welt gab es im ganzen nur zwei Pseldonimoffs, ihn und seine Mutter,
die nach dem Tode ihres Mannes die Provinz verlassen hatte. Mutter und
Sohn waren beide obdachlos, und wären in der Kälte beinahe elend
umgekommen: sie nährten sich nur von zweifelhaften Dingen. Auch gab es
Tage, an denen Pseldonimoff selbst mit einem Krug zur Fontanka ging, um
mit dem schmutzigen Flußwasser seinen Durst zu stillen. Als er die Stelle
erhalten hatte, mietete er mit seiner Mutter einen Winkel. Sie wurde
Wäscherin und er sparte drei, vier Monate, bis er sich ein Paar Stiefel und
einen Paletot kaufen konnte. Und wieviel Unangenehmes mußte er in der
Kanzlei erdulden: Vorgesetzte erkundigten sich bei ihm, ob er auch eine
Badstube kannte? Über ihn verbreitete sich das Gerücht, daß im Kragen
seiner Uniform sich Wanzen Nester bauten. Aber Pseldonimoff hatte einen
festen Charakter. Er war ein friedlicher und stiller Mensch; seine Bildung
war nur sehr gering, und sprechen hörte man ihn fast nie. Daher konnte man
auch nicht wissen, ob er dachte, ob er Pläne machte und Systeme baute oder

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sich nach irgendetwas sehnte. Zum Ersatz dafür hatte sich aber bei ihm
instinktiv der feste Entschluß entwickelt, sich aus dieser schlechten Lage
herauszuarbeiten. Er besaß eine wahrhaft ameisenhafte Zähigkeit: zerstört
man den Ameisen ihr Nest, so fangen sie bekanntlich sofort an, sich ein
neues zu bauen, zerstört man auch dieses, so bauen sie sich wieder ein
neues, und so weiter unermüdlich. Er war ein aufbauender und häuslicher
Charakter. Es stand auf seiner Stirn geschrieben, daß er sich doch sein Nest
bauen und vielleicht noch Vorräte ansammeln würde. Auf der ganzen Welt
liebte ihn nur seine Mutter, die aber liebte ihn bis zur Grenzenlosigkeit. Sie
war gleichfalls eine Frau von Charakter, war unermüdlich arbeitsam und
von großer Güte. So hätten sie in ihrem Winkel unter diesen Verhältnissen
vielleicht noch fünf oder sechs Jahre gelebt, wenn sie nicht mit dem
Titularrat außer Diensten, dem alten Mlekopitajeff zusammengetroffen
wären, der auch früher einmal in der Provinz gelebt und sich erst in letzter
Zeit mit seiner Familie in Petersburg niedergelassen hatte. Mit
Pseldonimoff war er bekannt und seinem Vater sogar einmal verpflichtet
gewesen. Er war bemittelt, allerdings nicht sehr, wieviel er aber in
Wirklichkeit besaß, das wußte Niemand, weder seine Frau, noch seine
Tochter, noch sonst seine Verwandten. Er hatte zwei Töchter und da er ein
eingebildeter Trunkenbold, ein Haustyrann und außerdem noch ein kranker
Mensch war, so fiel es ihm plötzlich ein, die eine Tochter mit Pseldonimoff
zu verheiraten: „Ich kenne ihn, sein Vater war ein guter Mensch, also wird
auch er ein guter Mensch sein.“ Und was Mlekopitajeff wollte, das führte er
auch durch: gesagt – getan. Er war ein sonderbarer Kauz. Den größten Teil
seines Lebens brachte er im Lehnstuhl zu, da er sich infolge einer Krankheit
seiner Beine kaum bedienen konnte, was ihn indessen nicht hinderte,
Schnaps zu trinken. Tagelang konnte er trinken und – schimpfen. Da er ein
boshafter Mensch war, so mußte er immer irgend jemanden haben, den er
ununterbrochen quälen konnte. Zu diesem Zweck unterhielt er bei sich
einige entferntere Verwandte: seine Schwester, die ebenfalls krank und
zänkisch war, zwei Schwestern seiner Frau, die der seinen in nichts
nachstanden, und eine alte Tante, die sich bei irgendeiner Gelegenheit
einmal eine Rippe gebrochen hatte. Dann gab es dort noch eine verrußte
Deutsche, die er gleichfalls unentgeltlich bei sich hielt, weil sie ihm so
schöne Märchen „aus Tausend und einer Nacht“ zu erzählen wußte. Sein
ganzes Vermögen bestand darin, diese unglücklichen freien Kostgänger
jeden Augenblick und bei jeder Gelegenheit zu schimpfen und

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aufzusticheln, seine Frau übrigens nicht ausgenommen, – ein Wesen, das
mit Zahnschmerzen bereits auf die Welt gekommen war –, und sie alle
wagten ihm nicht ein Wort zu erwidern. Er hetzte sie auch gegeneinander
auf, erfand und verbreitete unter ihnen Klatschgeschichten und lachte und
freute sich dann, wenn sie sich gegenseitig beinahe in die Haare gerieten.
Ebenso freute er sich sehr, als seine älteste Tochter, die mit einem armen
Offizier verheiratet gewesen war und zehn Jahre in der größten Armut
gelebt hatte, jetzt als Witwe mit drei kleinen Kindern zu ihm übersiedelte.
Ihre Kinder konnte er zwar nicht leiden, da sich aber dadurch das Material
zu seinen täglichen Experimenten vergrößerte, so war der Alte schließlich
doch ganz zufrieden damit. Diese Sammlung böser Weiber und kranker
Kinder lebte samt ihrem Peiniger zusammen gedrängt in dem Holzhause
auf der Petersburger Seite, konnte sich weder sattessen, denn der Alte war
geizig und gab nur kopekenweise das Geld her, obgleich er sonst zum
Schnaps immer genügend Geld hatte, noch sich ausschlafen, denn der Greis
litt an Schlaflosigkeit und wollte unterhalten und zerstreut werden. Kurz,
alle verwünschten sie ihr Schicksal. Und da war es denn, daß ihm plötzlich
Pseldonimoff auffiel. Er war erstaunt über dessen lange Nase und ergebenen
Gesichtsausdruck. Seine kränkliche und unansehnliche jüngere Tochter
erreichte gerade das Alter von siebzehn Jahren. Wenn sie auch früher
einmal so etwas wie eine deutsche Schule besucht hatte, so hatte sie es doch
nicht weiter als bis zum Lesen und Schreiben gebracht. Sie wuchs auf,
mager und skrophulös, unter dem Krückstock eines betrunkenen Vaters, in
einem Sodom von häuslichen Klatschereien, Spionage und Verleumdungen.
Freundinnen hatte sie niemals gehabt. Sie war zu allem zu dumm. Heiraten
wollte sie aber schon längst. In Gegenwart von fremden Menschen sprach
sie kein Wort, zu Hause aber war sie böse und zänkisch wie eine kleine
Viper. Besonders liebte sie die Kinder ihrer Schwester zu kneifen und zu
stoßen, sie anzugeben, wenn sie Zucker oder Brot gestohlen hatten, weshalb
denn zwischen ihr und der älteren Schwester ein ewiges unerbittliches
Gezänk war. Der Alte selbst bot seine Tochter Pseldonimoff an. Wie sehr
sich dieser darüber auch unglücklich fühlte, so bat er sich doch eine
Bedenkzeit aus. Lange berieten Mutter und Sohn miteinander, was zu tun
war. Aber das Haus wurde auf den Namen der Braut geschrieben und wenn
es auch ein unansehnliches einstöckiges Holzhaus war, so hatte es doch
immerhin einen Wert. Außerdem bekam sie auch noch vierhundert Rubel
Mitgift, wie aber sollte man sich die je zusammensparen! „Ich nehme mir

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diesen Menschen in’s Haus,“ schrie der betrunkene Alte, „erstens weil ihr
alle Weiber seid und das Weibspack allein langweilt mich. Ich will, daß
auch Pseldonimoff nach meiner Flöte tanzt, weil ich sein Wohltäter bin.
Zweitens, nehme ich ihn darum, weil Ihr ihn alle nicht wollt und Euch
darüber ärgert. Und so nehme ich ihn denn Euch zum Trotz. Was ich aber
gesagt habe, das werde ich auch ausführen. Du aber, Pseldonimoff, haue
sie, wenn sie Deine Frau wird; ihr sitzen von Geburt an sieben Teufel im
Leibe. Jage sie alle hinaus!“
Pseldonimoff schwieg, er hatte sich entschlossen. Man nahm ihn und
seine Mutter bereits vor der Hochzeit ins Haus, wusch und kleidete sie und
gab ihnen Geld. Der Alte protegierte sie vielleicht nur darum, weil die
ganze Familie sich über sie ärgerte. Pseldonimoffs Mutter gefiel ihm sogar
sehr und er enthielt sich ihr gegenüber jeglicher Gemeinheiten. Übrigens,
ihrem Sohn befahl er alsbald, vor ihm den Kasatschock zu tanzen. „Nun,
genug, ich wollte nur sehn, ob Du Dich mir gegenüber vergessen wirst,“
sagte er, nachdem er sich am Tanzen sattgesehen hatte. Geld zur Hochzeit
gab er wie es sich gehörte und er lud sogar alle seine Verwandten und
Bekannten ein. Von Seiten Pseldonimoffs waren der Mitarbeiter des
„Feuerbrandes“ und Akim Petrowitsch Subikoff die Ehrengäste.
Pseldonimoff wußte es sehr gut, daß seine Braut für ihn nur Widerwillen
empfand und daß sie den langen Leutnant heiraten wollte, nicht aber ihn. Er
ließ jedoch alles über sich ergehn, – das hatte er mit der Mutter so
verabredet. Den ganzen Tag über und selbst am Hochzeitsabend noch hatte
der Alte mit den gemeinsten Worten geschimpft und wieder gehörig
getrunken. Die ganze Familie hatte sich des Festes wegen in die hinteren
Zimmer zurückgezogen, wo es bis zum Ersticken heiß und eng war. Die
vorderen Zimmer dagegen waren zum Tanz und Festessen bestimmt.
Endlich, als der Alte vollständig betrunken einschlief, ungefähr um elf Uhr
Abends, entschloß sich die Mutter der Braut, die sich diesen Tag ganz
besonders schlecht zur Mutter Pseldonimoffs verhalten hatte, den Ärger in
Güte zu verwandeln und sich am Fest zu beteiligen. Das Erscheinen seiner
Exzellenz verdarb aber alles. Frau Mlekopitajeff verlor die Fassung, fühlte
sich beleidigt und schimpfte, warum man es ihr nicht gesagt, daß man seine
Exzellenz eingeladen hatte. Man versicherte ihr, daß er von selbst,
uneingeladen gekommen wäre – sie aber war so dumm, daß sie es nicht
glauben wollte. Man mußte Champagner reichen. Bei der Mutter fand sich
noch ein Rubel Silber, Pseldonimoff selbst aber hatte keine Kopeke mehr.

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Man mußte also die alte wütende Mlekopitajeff anflehen, Geld für die eine
und dann noch für die zweite Flasche zu geben. Man hielt ihr die Zukunft,
die Karriere ihres Schwiegersohnes vor, die man durch solche
Verbindungen machen könnte und sie gab denn auch zu guter Letzt von
ihrem eigenen Gelde, doch mußte Pseldonimoff einen so bitteren Kelch
dabei leeren, daß er wie wahnsinnig ins Zimmer lief, wo das Ehebett schon
bereitet war, und sich mit beiden Händen sein Haar raufte und seinen Kopf
in die schönen Kissen preßte, die doch nur zu paradiesischen Genüssen
bestimmt waren, und vor ohnmächtiger Wut am ganzen Körper zitterte. Ja,
Exzellenz ahnte es nicht, was diese zwei Flaschen Sekt, die er am Abend
getrunken, gekostet hatten! Wie groß aber war das Entsetzen Pseldonimoffs,
sein Kummer und seine Verzweiflung, als es mit seiner Exzellenz auf solche
Weise endete! Wieder standen ihm die größten Sorgen bevor und die ganze
Nacht über mußte er den Tränen seiner kapriziösen jungen Frau und den
Vorwürfen der dummen Verwandten Widerstand leisten. Ihn schmerzte
schon sowieso der Kopf und es wurde ihm schwarz vor den Augen. Aber
man mußte doch seiner Exzellenz zu Hilfe eilen, mußte ihm doch um drei
Uhr morgens einen Arzt und einen festen Wagen suchen, denn auf einem
kleinen offenen Schlitten konnte man solch eine Persönlichkeit und in solch
einem Zustande nicht nach Hause bringen. Und woher das Geld für den
Wagen nehmen? Die Mlekopitajeff, die darüber wütend war, daß der
„General“ ihr nicht ein Wort gesagt noch sie bei Tisch angesehen hatte,
erklärte einfach, sie hätte keine Kopeke mehr. Vielleicht hatte sie auch
wirklich keine mehr. Wo also sollte man das Geld hernehmen? Was sollte
man machen? Ja, es war genug Grund vorhanden, sich die Haare zu raufen.

Vorläufig hob man seine Exzellenz auf ein kleines Ledersofa, das im
Speisezimmer stand, und während man im Zimmer Ordnung schaffte und
alles abräumte, lief Pseldonimoff vom Einen zum Andern, um Geld
aufzutreiben. Zuerst versuchte er es bei der Magd, doch stellte es sich
heraus, daß niemand welches hatte. Er wagte es sogar Akim Petrowitsch
Subikoff, der noch nicht fortgegangen war, zu beunruhigen. Der aber geriet
in solch eine Verwirrung, wenn er auch sonst ein guter Mensch war, und
erschrak dermaßen, als von Geld die Rede war, daß er den unglaublichsten
Unsinn zusammensprach:

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„Ein anderes Mal werde ich mit Vergnügen,“ murmelte er, „... aber jetzt
... wirklich, entschuldigen Sie mich ...“
Er nahm seine Mütze und lief so schnell als möglich zum Hause hinaus.
Schließlich blieb nur noch der gutmütige Jüngling übrig, der von dem
Traumbuch erzählt hatte. Auch er war länger zurückgeblieben und nahm an
dem Unglück Pseldonimoffs herzlichen Anteil. Alle drei beschlossen sie,
nicht mehr nach dem Doktor, sondern nur nach einem Wagen zu schicken,
um den Kranken in seine Wohnung überzuführen, sonst aber an ihm
Hausmittel anzuwenden: die Schläfen und den Kopf mit kaltem Wasser
abzureiben, Eiskompressen zu machen und Ähnliches. Das übernahm die
Mutter Pseldonimoffs. Der Jüngling aber lief davon, um den Wagen zu
besorgen. Da aber auf der Petersburger Seite um diese Zeit nicht einmal
Schlitten zu finden waren, so mußte er sich auf einen weit entfernten
Droschkenhof begeben und dort erst die Kutscher aufwecken. Man handelte
und sprach noch lange hin und her, daß fünf Rubel zu solch einer Stunde für
einen geschlossenen Wagen zu wenig wären. Indessen kam man doch mit
drei Rubeln überein. Als aber der Jüngling um vier Uhr morgens mit dem
Wagen bei Pseldonimoff vorfuhr, hatten sie ihren Entschluß schon längst
geändert. Es erwies sich, daß Herr Pralinski, der noch immer nicht zu sich
kam, so schwer erkrankt war, so ächzte und stöhnte und sich hin und her
warf, daß es einfach unmöglich und viel zu gewagt schien, ihn in solch
einem Zustande nach Hause zu fahren.
„Was wird aus alledem noch werden?“ rief Pseldonimoff immer wieder
fassungslos.
Was sollte man tun? Es stellte sich jetzt eine neue Frage: wenn man ihn
nun einmal im Hause behalten mußte, wo sollte man ihn dann betten? Im
ganzen Hause waren nur zwei Betten: ein großes zweischläfriges Bett, in
dem der alte Mlekopitajeff und seine Frau schliefen, und das neugekaufte
zweischläfrige Bett, das für die Neuvermählten bestimmt war. Alle anderen
Einwohner oder richtiger Einwohnerinnen des Hauses schliefen auf dem
Fußboden, d. h. auf Matratzen, die meistens sehr zerrissen waren, aber auch
diese waren alle besetzt. Wohin sollte man den Kranken legen? Ein
Federbett würde sich zur Not noch haben finden lassen, man hätte es im
äußersten Falle unter irgend einer Schläferin hervorgezogen, aber wo und
worauf sollte man ihn betten? Im Saal natürlich, da es das entlegenste
Zimmer war, von dem Familiennest etwas weiter entfernt lag und einen
besonderen Ausgang hatte. Aber worauf betten? Doch nicht etwa auf

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Stühlen? Bekanntlich wird den Gymnasiasten, wenn sie am Sonnabend
Abend aus der Schule zum Sonntag nach Hause kommen, auf Stühlen eine
Schlafstelle bereitet, – aber solch einer Persönlichkeit gegenüber wäre das
ja einfach unerhört respektlos gewesen. Was würde er am nächsten Morgen
sagen, wenn er sich auf Stühlen gebettet fände? Pseldonimoff wollte davon
überhaupt nichts hören. Es blieb nur eines übrig: ihn auf das Bett der
Neuvermählten zu bringen. Dieses Brautlager war, wie ich schon erwähnte,
in einem kleinen Raum neben dem Speisezimmer hergerichtet. Auf dem
Bett war eine neue zweischläfrige Matratze, reine Wäsche, vier Kissen aus
rosa Kaliko mit weißen Musselinschleiern, die mit Rüschen besetzt waren.
Die rosa Atlasdecke war mit Mustern bestickt. Aus einem goldenen Ring
hingen Musselin-Bettvorhänge von oben herab. Mit einem Wort, es war wie
es sein mußte, und die Gäste, die sich fast alle das Brautgemach angesehn
hatten, waren von der Einrichtung sehr entzückt gewesen. Die Braut aber
lief während des Abends, obgleich sie Pseldonimoff nicht leiden konnte,
einige Mal hierher, um es sich anzusehn. Man kann sich denken, wie groß
ihr Unwille, ihre Wut war, als sie erfuhr, daß man auf ihrem Brautbett den
Kranken, der vielleicht sogar an der Cholera erkrankt war, betten wollte!
Auch ihre Mutter trat für sie ein, schimpfte gehörig und versprach am
anderen Tage sich bei ihrem Manne zu beklagen: aber Pseldonimoff blieb
dabei und bestand darauf: Exzellenz wurde aufs Bett gebracht und den
Neuvermählten bereitete man im Gastzimmer ein Lager auf Stühlen. Die
Neuvermählte weinte, war bereit, alle zu kneifen, wagte aber doch nicht zu
widersprechen: sie wußte, daß Papachen einen Krückstock hatte, und der
war ihr nur zu gut bekannt, und sie wußte gleichfalls, daß Papachen am
nächsten Tage Rapport verlangen würde. Zu ihrer Beruhigung brachte man
ihr noch die rosa Decke und die Kissen mit den Musselinbezügen. In
demselben Augenblick kam der Jüngling mit dem Wagen an, und als er
erfuhr, daß der Wagen nicht mehr nötig war, erschrak er furchtbar. Er mußte
also den Wagen bezahlen, obgleich er in seinem ganzen Leben noch keine
zehn Kopeken besessen hatte. Pseldonimoff erklärte sich für vollkommen
bankerott. Man versuchte den Kutscher zu bereden, doch wollte der von
alledem nichts wissen, er wütete nur und schrie. Womit das endete – weiß
ich nicht genau. Ich glaube, der Jüngling begab sich sozusagen als
Gefangener des Kutschers im Wagen in den Stadtteil Peski, wo er einen ihm
bekannten Studenten, der bei Bekannten übernächtigte, aufzuwecken und
anzupumpen gedachte. Es war schon fünf Uhr morgens, als man die

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Neuvermählten allein ließ und sie sich im Wohnzimmer einschlossen. Am
Bette des Kranken blieb die alte Pseldonimoff. Sie wickelte sich in einen
Pelz und legte sich auf den Teppich neben dem Bett, aber schlafen konnte
sie nicht, denn sie war gezwungen, alle Augenblicke aufzustehn: Exzellenz
litt an einem furchtbar verdorbenen Magen. Frau Pseldonimoff, eine tapfere
und großmütige Frau, entkleidete ihn eigenhändig, pflegte ihn wie ihren
eigenen Sohn und brachte die ganze Nacht über das nötige Geschirr hinaus
und wieder zurück. Indessen hatten die peinlichen Überraschungen dieser
Nacht noch lange nicht ihr Ende erreicht.

Es waren, seitdem man das junge Ehepaar allein gelassen hatte, noch keine
zehn Minuten vergangen, als man plötzlich ein ohrenzerreißendes Geschrei
hörte, keinen Schrei des Entzückens, nein, sondern ein sehr boshaftes
Gekreisch. Nach dem Geschrei hörte man Lärm und Gepolter wie ein
Fallen von Stühlen und im Augenblick stürzte völlig unerwartet in das
dunkle Zimmer eine ganze Eskadron erschrockener und jammernder Frauen
herein, die alle in den unmöglichsten Nachtkostümen staken. Diese Frauen
waren: die Mutter der Jungen, deren ältere Schwester, die in diesem
Moment selbst ihre drei kranken Kinder verlassen hatte, drei Tanten,
darunter auch die eine mit der gebrochenen Rippe, ja sogar die Köchin war
dabei, und auch die Deutsche, die so schöne Märchen erzählen konnte, und
der man das einzige, was sie besaß, nämlich ihre Matratze, – die beste im
ganzen Haus – unten weggezogen hatte, um sie dem jungen Paar zu geben,
auch sie stürzte mit den Andern zusammen herein. Alle diese achtenswerten
Frauen hatten sich schon seit einer Viertelstunde auf den Zehenspitzen
herangeschlichen, um aus einer ganz unerklärlichen Neugier an der Tür zu
lauschen. Man machte also sofort Licht und ihnen allen bot sich ein ganz
unerwartetes Schauspiel. Die Stühle, von denen die breite Matratze nur an
den Rändern gestützt worden war, hatten der doppelten Schwere nicht
Widerstand leisten können und waren auseinander gerutscht, die Matratze
war daher zwischen ihnen auf den Fußboden gesunken. Die junge Frau
weinte vor Wut, dieses Mal war sie wirklich tief gekränkt. Moralisch
vernichtet und wie ein Verbrecher stand der arme Pseldonimoff da –
öffentlich der Gemeinheit überführt. Er vermochte nicht einmal sich zu
verteidigen. Von allen Seiten hörte man Gekreisch und Geschrei. Auf diesen
Lärm hin lief auch die Mutter Pseldonimoffs herbei, doch die Mutter der

Page 256

Neuvermählten behielt das Übergewicht. Sie überschüttete Pseldonimoff
mit sonderbaren und ganz ungerechten Vorwürfen, wie: „Was bist Du denn
nach alledem eigentlich für ein Mann! Wozu taugst Du denn überhaupt
noch nach solch einem Skandal?“ und so weiter, nahm darauf ihre Tochter
am Arm und führte sie fort, nachdem sie persönlich die Rechtfertigung
dieser Handlung vor ihrem gefürchteten Manne auf sich genommen hatte.
Ihr folgten kopfschüttelnd und klagend all die anderen Frauen. Nur die
Mutter Pseldonimoffs verließ ihren Sohn nicht und versuchte ihn zu trösten.
Aber er jagte auch sie hinaus.
Ihm war nicht nach Trost zu Mut. Er setzte sich, so wie er war, im Hemd
und barfüßig, aufs Sofa und verfiel in trübes Sinnen. Gedanken
durchkreuzten und verwirrten seinen Kopf. Ganz mechanisch sah er sich im
Zimmer um, in welchem sich noch vor ein paar Stunden die Tanzenden
gedreht hatten und wo in der Luft noch der Zigarettenrauch stand.
Zigarettenstummel und Konfektpapier lagen auf dem begossenen und
staubigen Fußboden umher. Das zerstörte Ehelager und die umgeworfenen
Stühle zeugten von der Vergänglichkeit der besten und aufrichtigsten
Erdenträume und Hoffnungen. So saß er eine ganze Stunde lang. Ihm
gingen schwere Fragen durch den Kopf, zum Beispiel: was ihn jetzt im
Dienst erwarten würde? Es war ihm schmerzlich einzusehn, daß er seine
Stelle verlassen mußte, denn nach allem, was an diesem Abend geschehen
war, konnte er unmöglich auf seinem Posten bleiben. Auch dachte er an
Mlekopitajeff, der ihn vielleicht morgen schon wieder den Kasatschock
tanzen lassen würde, um seine Bescheidenheit zu erproben. Fünfzig Rubel
hatte er ihm zur Hochzeit gegeben, die waren aber bis auf die letzte Kopeke
verausgabt worden, doch die vierhundert Rubel Mitgift auszuzahlen, daran
dachte der Alte auch nicht einmal. Ja, auch von dem Besitz des Hauses hatte
er keine formelle Bescheinigung. Dann dachte er noch an seine Frau, die
ihn in der kritischsten Minute seines Lebens verlassen hatte und an den
langen Offizier, der vor seiner Frau aufs Knie gesunken war, dachte dann an
die sieben Teufel seiner Frau, auf die er von dem Schwiegervater selbst
aufmerksam gemacht worden war ... Freilich fühlte er die Kraft in sich,
Vieles ertragen zu können, aber das Schicksal brachte ihm solche
Überraschungen, daß es wohl verständlich war, wenn er an den eigenen
Kräften verzweifelte. So trauerte Pseldonimoff in der Unglücksnacht.
Währenddessen brannte der Lichtstummel aus, sein flackernder Schein fiel
gerade auf das Profil Pseldonimoffs und malte an die Wand in riesigen

Page 257

Dimensionen sein Schattenbild: seinen langen Hals, seine gebogene Nase
und die zwei Haarbüschel am Kopf, den einen am Kopfwirbel, den anderen
über der Stirn. Endlich beim ersten Morgengrauen, als es ihn fröstelte, legte
er sich auf die Matratze, ohne das Licht auszulöschen, ohne etwas zu
ordnen, ohne sich ein Kissen unter den Kopf zu schieben. Ihn überfiel ein
bleierner Schlaf, wie ihn nur zum Tode Verurteilte am Tage vor der
Hinrichtung zu haben pflegen.

Und andrerseits – womit hätte man diese qualvolle Nacht vergleichen
können, die Herr Pralinski auf dem Brautbett des unglücklichen
Pseldonimoff verbrachte! Die Kopfschmerzen, die Übelkeit mit allen ihren
Folgen verließen ihn keinen Augenblick. Das waren Höllenqualen! Das
Bewußtsein, wenn es für einen Moment in seinem Kopfe auftauchte,
beleuchtete solche Abgründe des Entsetzens, so trübe und widerliche Bilder,
daß es besser für ihn war, nicht zur Besinnung zu kommen. Übrigens drehte
sich ihm alles im Kopf herum. Er erkannte, zum Beispiel, die Mutter
Pseldonimoffs, hörte ihre tröstenden Beruhigungen, in der Art wie: „Halt
aus, mein Täubchen, halt aus Väterchen, es kommt alles auf Gewohnheit
an,“ er erkannte und hörte sie, konnte sich aber doch keine logische
Rechenschaft geben über ihre Anwesenheit. Unangenehme Bilder
verfolgten ihn; am häufigsten erschien ihm Ssemjon Iwanowitsch
Schipulenko; strengte er sich aber an, ihn sich näher anzusehn, so war es
wiederum nicht Ssemjon Iwanowitsch Schipulenko, sondern die Nase
Pseldonimoffs. Auch tauchten vor ihm der freie Künstler, der Offizier und
die Alte mit der verbundenen Backe auf. Aber am meisten beschäftigte ihn
der goldene Ring, der über seinem Kopfe hing und an dem die Vorhänge
befestigt waren. Er sah den Ring ganz genau bei dem kargen Schein des
Lichtendchens, das nur trübe das Zimmer beleuchtete, und strengte sich an
zu denken: wozu dieser Ring dient, warum er hier hängt und was er
bedeutet? Er fragte sogar einige Mal die Alte danach, doch konnte er sich
augenscheinlich nicht deutlich genug ausdrücken, denn wie er sich auch
anstrengte, die Alte verstand ihn nicht. Erst gegen Morgen hörten die
Anfälle auf und er schlief fest und traumlos ein. So schlief er ungefähr eine
Stunde und als er schließlich erwachte, war er bei voller Besinnung, fühlte
aber nur einen unerträglichen Kopfschmerz und seine Zunge schien sich in
ein Stück Tuch von schlechtestem Geschmack verwandelt zu haben. Er

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erhob sich ein wenig, blickte sich um und dachte nach. Das bleiche Licht
des Morgens stahl sich als heller Streifen durch die Ritze der Fensterläden
und erzitterte an der Wand. Es war ungefähr sieben Uhr morgens. Als er
sich aber plötzlich alles dessen erinnerte, was mit ihm am Abend vorher
geschehn war, als er sich aller Einzelheiten beim Abendessen erinnerte,
seiner fehlgeschlagenen Eroberung, seiner Rede bei Tisch, und sich
plötzlich mit der erschreckendsten Klarheit alle Folgen, die sich daraus für
ihn ergeben würden und was man über ihn denken würde, vorstellte, als er
sich umblickte und gewahr wurde, in welch einen traurigen und ekelhaften
Zustand er das friedliche Ehelager seines Untergebenen gebracht hatte – oh,
da überfiel ihn solch eine Scham, da fühlte er solche Qualen, daß er sein
Gesicht mit beiden Händen bedeckte und sich verzweifelt in die Kissen
warf. Aber sofort richtete er sich wieder auf, sprang aus dem Bett, ergriff
seine Kleider, die schon gereinigt und gesäubert neben ihm auf dem Stuhle
lagen, und zog sie so eilig an, als ob er irgend jemandem entfliehen wollte.
Dort auf dem anderen Stuhle lagen auch sein Pelz, seine Mütze, und in der
Mütze seine gelben Handschuh. So wollte er leise verschwinden, als sich
plötzlich die Tür öffnete und die alte Pseldonimowa mit einer tönernen
Waschschale und mit einem reinen Handtuch über der Schulter eintrat. Sie
stellte die Schüssel hin und erklärte ruhig und ohne Umschweife, daß er
sich waschen müsse.
„Wie denn, Väterchen, wasche Dich doch, es geht nicht so, man muß sich
zuerst waschen ...“
Und in diesem Augenblick fühlte er plötzlich, daß, wenn es auf der Welt
ein Wesen gab, vor dem er sich weder zu schämen noch zu fürchten
brauchte, es diese alte Frau war. Er wusch sich. Lange noch nachher
erinnerte er sich in den schweren Minuten seines Lebens dieser ganzen
Situation, der tönernen Waschschüssel mit dem kalten Wasser, in dem noch
Eisstückchen schwammen, und der Seife im rosa Papier mit erhabenen
Buchstaben, die fünfzehn Kopeken kostete und für die Neuvermählten
gekauft worden war und an deren Stelle er sich nun ihrer bediente, „der
Alten“ mit dem gewürfelten Handtuch auf der linken Schulter. Das kalte
Wasser erfrischte ihn; er trocknete sich ab, sagte kein Wort, dankte nicht
einmal seiner barmherzigen Schwester, ergriff die Mütze, nahm seinen Pelz,
den sie ihm reichte, um die Schultern und lief durch den Korridor, durch die
Küche, wo die Katze sich streckte und miaute und die Köchin ihm in
gieriger Neugier nachglotzte, lief auf den Hof, auf die Straße und warf sich

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in den ersten Schlitten, den er erblickte. Der Morgen war kalt und frostig,
ein gelber Nebel hüllte alles ein. Herr Pralinski schlug seinen Pelzkragen
auf. Es schien ihm, daß alle ihn ansahen, alle ihn kannten und alle alles
wußten.

Acht Tage ging er nicht von Hause, acht Tage erschien er nicht in seiner
Kanzlei. Er war krank, qualvoll krank, – aber doch mehr moralisch, als
physisch. Diese acht Tage durchlebte er wie in der Hölle, und es ist
anzunehmen, daß sie ihm im Jenseits angerechnet werden. Es gab Minuten,
da er glaubte, er müsse Mönch werden. Seine Phantasie entwickelte sich
ganz außerordentlich nach dieser Seite hin. Er sah sich bereits in der
einsamen Zelle, hörte unterirdische Gesänge, sah geöffnete Gräber, grüne
Wiesen und Gefilde; aber sobald er wieder zu sich kam, erkannte er sofort,
daß das doch nur der schrecklichste Unsinn wäre, Mönch zu werden, und
dann schämte er sich seiner Phantasie. Darauf bekam er moralische Anfälle,
die sich aus seiner vermeintlichen existence manquée ergaben. Dann
flammte wieder die Scham in seiner Seele auf und verbrannte und zerstörte
alles, was in ihr war. Er erzitterte bei der Vorstellung verschiedener Bilder:
was man von ihm sagen wird, was man von ihm denken wird, wie er in die
Kanzlei gehen wird, welch ein Geflüster ihn verfolgen wird, das ganze Jahr,
zehn Jahre lang, sein ganzes Leben lang. Die Geschichte wird sich noch in
seiner Nachkommenschaft fortpflanzen! Er verfiel sogar von Zeit zu Zeit in
solch einen Kleinmut, daß er bereit gewesen wäre, zu Semjon Iwanowitsch
Schipulenko zu fahren und ihn um seine Verzeihung und Freundschaft zu
bitten. Sich selbst verteidigte er überhaupt nicht mehr, er gab sich
vollständig auf.
Auch dachte er daran, seinen Abschied einzureichen und so in der
Einsamkeit sich dem Glücke der Menschheit zu widmen. Jedenfalls war es
unbedingt nötig, mit allen früheren Bekannten zu brechen und jegliche
Erinnerung an sich auszulöschen. Darauf schien es ihm wieder, daß auch
das ein Unsinn wäre und daß man durch verstärkte Strenge zu den
Untergebenen die ganze Sache wieder retten könnte. Von dem Augenblick
an faßte er wieder Mut und so fing er denn wieder zu hoffen an. Endlich,
nach Verlauf von zehn Tagen der größten Zweifel und Qualen fühlte er, daß
er die Ungewißheit nicht länger ertragen konnte und beschloß daher un
beau matin wieder in die Kanzlei zu gehn.

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In seiner Verzweiflung hatte er sich wenigstens tausendmal vorgestellt,
wie es sein würde, wenn er in die Kanzlei tritt. Mit Entsetzen überzeugte er
sich, daß er durchaus ein zweideutiges Geräusch hören, zweideutige
Gesichter und auf ihnen ein zweideutiges Lächeln bemerken wird. Wie groß
war daher sein Erstaunen, als in Wirklichkeit von alledem nichts geschah.
Man empfing ihn ehrerbietig; man grüßte ihn, alle waren ernst und alle
waren beschäftigt. Freude erfüllte sein Herz, als er in sein Kabinett eintrat.
Er erledigte sofort seine Arbeit, hörte aufmerksam allen Erklärungen und
Berichten zu und traf verschiedene Bestimmungen. Er fühlte es, daß er noch
nie so klug und so sachlich alles bestimmt und erledigt hatte, wie an diesem
Morgen. Er sah es, daß man mit ihm zufrieden war, daß alle ihm ergeben
waren, und daß man sich zu ihm ehrerbietig verhielt. Auch das allergrößte
Mißtrauen hätte nichts anderes bemerken können. Die Sache ging also
großartig.
Schließlich erschien auch Akim Petrowitsch Subikoff mit irgend welchen
Papieren. Bei seinem Erscheinen stach Herrn Pralinski etwas ins Herz, aber
nur auf einen Augenblick. Er beschäftigte sich mit Akim Petrowitsch, zeigte
und erklärte ihm, was er zu tun hatte. Er bemerkte nur, daß er es vermied,
ihm längere Zeit in die Augen zu sehn oder daß vielmehr Akim Petrowitsch
es vermied, ihn anzusehn. Und als die Sache erledigt war, stand Akim
Petrowitsch auf und suchte seine Papiere zusammen.
„Und dann ist hier noch ein Gesuch,“ begann er so trocken als möglich,
„des Beamten Pseldonimoff; er bittet um seine Überführung in die ...
Kanzlei ... Seine Exzellenz Semjon Iwanowitsch Schipulenko haben ihm
eine Stelle versprochen. Er bittet Exzellenz um eine gütige Fürsprache.“
„Also er geht über,“ sagte Exzellenz und fühlte dabei, wie ihm etwas
Schweres vom Herzen genommen wurde. Er sah auf, und in dem
Augenblick begegneten sich ihre Blicke.
„Nun, ich meinerseits ... ich werde ... ich bin bereit ...“ antwortete er.
Akim Petrowitsch wollte augenscheinlich so schnell als möglich
verschwinden. Exzellenz jedoch entschloß sich plötzlich – in einem Anfall
von Edelmut – sich darüber auszusprechen. Ihn überfiel wieder eine
gewisse Begeisterung.
„Übergeben Sie ihm,“ begann er, wobei er einen hellen und
bedeutungsvollen Blick auf Akim Petrowitsch richtete, „übergeben Sie ihm,
daß ich ihm nichts Böses nachtrage, ja, nichts Böses! ... Daß ich, im
Gegenteil, bereit bin, alles Gewesene zu vergessen, alles, alles ...“

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Aber plötzlich erstarrte Exzellenz förmlich, als er zu seinem Erstaunen
das sonderbare Betragen Akim Petrowitschs bemerkte, der sich, unbekannt
warum, aus einem vernünftigen Menschen in einen Dummkopf
verwandelte. Anstatt nun aufmerksam zuzuhören, was er ihm sagte, errötete
er über und über, verbeugte sich eilig mit kleinen Bücklingen und zog sich
ängstlich zur Tür zurück. Sein ganzes Aussehn verriet, daß er den Wunsch
hatte, in die Erde zu versinken, oder besser gesagt, sich an seinen Tisch
zurückzuziehen. Herr Pralinski, der allein blieb, erhob sich in der
Verwirrung vom Stuhl. Er blickte zwar in den Spiegel, doch tat er es, ohne
sich dabei zu sehn.
„Nein, Strenge, Strenge, nur Strenge!“ flüsterte er sich selbst unbewußt
zu, und plötzlich bedeckte heiße Röte sein Gesicht. Er schämte sich
dermaßen, wie er sich nicht einmal in den schrecklichsten Minuten seiner
achttägigen Krankheit geschämt hatte. „Konnte nicht aushalten!“ sagte er
sich und sank kraftlos auf seinen Stuhl zurück.

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Letzte Novellen.

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Die Kleine.

Eine phantastische Erzählung.

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Erstes Kapitel.

I. Wer ich war und wer sie war.

...
S o lange wie sie hier liegt, – ist ja noch alles gut: jeden Augenblick
gehe ich zu ihr hin und betrachte sie ... Aber morgen, wenn man sie
fortbringt – wie ... wie soll ich dann allein bleiben? Sie liegt jetzt im
Gastzimmer auf dem Tisch; man hat dort zwei Lhombretische
zusammengeschoben; der Sarg wird erst morgen kommen, ein weißer, mit
weißem Gros de Naples überzogen, übrigens, nicht davon wollte ich jetzt ...
Ich gehe die ganze Zeit auf und ab und versuche mir das alles zu erklären.
Schon sechs Stunden mühe ich mich damit, doch kann ich meine Gedanken
noch immer nicht zusammenhalten. Es ist ja nur, daß ich ununterbrochen
gehe, und gehe, und gehe ... Das war nämlich so. Ich werde einfach nach
der Reihenfolge erzählen. Nach der Reihenfolge! Ich bin kein Literat, und
Sie werden das ja selbst sehn. Einerlei: Aber erzählen werde ich es doch so,
wie ich es verstehe. Ach, darin, gerade darin liegt ja mein ganzes Entsetzen,
daß ich alles verstehe!
Das war, wenn Sie wissen wollen, – das heißt, wenn ich ganz von Anfang
beginnen soll: ... sie kam damals ganz einfach zu mir ihre Sachen versetzen,
um in der „Stimme“ annoncieren zu können, nun, daß, so und so, eine
Gouvernante eine Stelle sucht, meinetwegen sogar auf dem Lande, sonst
aber auch außer dem Hause Stunden geben würde, usw., usw. Das war ganz
zu Anfang und sie fiel mir natürlich nicht weiter auf: sie kam, wie alle
anderen gleichfalls kamen, – und das war alles. Dann aber fiel sie mir doch
einmal auf: sie war solch ein schlankes, schmales Persönchen, von mittlerer
Größe, mit blondem Haar, und im Verkehr mit mir immer so unbeholfen, so
zurückhaltend, als ob sie in meiner Gegenwart geniert gewesen wäre. (Ich
glaube, sie ist allen Fremden gegenüber ebenso gewesen, und ich war ihr
natürlich genau so gleichgültig, wie dieser oder jener, versteht sich, nicht
als Pfandleiher, sondern als Mensch genommen.) So wie sie das Geld
bekommen hatte, drehte sie sich sofort um und ging. Und dabei immer ohne
ein Wort zu sagen. Andere bitten noch, wollen mehr haben; sie aber nicht,
nahm, was man ihr gab ... Ich glaube, meine Gedanken verwirren sich

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fortwährend ... Ja: zuerst wunderten mich ihre Sachen; kleine
silbervergoldete Ohrringe, ein armseliges altes Medaillon, – Sachen zu
zwanzig Kopeken. Sie wußte es auch selbst, daß sie für mich keinen Wert
hatten, doch konnte man es an ihren Augen sehn, wie wertvoll ihr diese
Dinger trotzdem waren, – und wirklich, hab’s später erfahren: das war alles,
was sie noch von den Eltern besaß. Nur einmal erlaubte ich mir, über ihre
Sachen zu lächeln. Das heißt, sehen Sie mal, ich erlaube mir so etwas nie,
ich gehe mit dem Publikum stets taktvoll um: wenig Worte, höflich und
streng. „Streng, streng und streng“ – erste Regel. Als sie es aber einmal
wirklich für möglich hielt, mir die Überbleibsel – ja, buchstäblich – die
Überbleibsel einer alten Hasenfelljacke zu bringen, nun, da konnte ich mich
nicht beherrschen und sagte ihr plötzlich irgend etwas, ... so was wie eine
Bemerkung. Herrgott, wie sie zusammenfuhr und rot wurde! Sie hat blaue
Augen, große, nachdenkliche, – wie die aufblitzten! Aber sie sagte kein
Wort, nahm ihre „Überbleibsel“ und – ging. Da war es denn, daß ich sie
zum ersten Mal besonders bemerkte und etwas in der Art von ihr dachte,
wollte sagen, gerade so etwas in gewissem Sinne ... Ja: ich erinnere mich
noch eines Eindrucks, wenn Sie wollen, des Haupteindrucks, – der Synthese
des Ganzen: daß sie furchtbar jung war, so jung, daß man sie für
vierzehnjährig halten konnte, während sie damals doch schon fünfzehn
Jahre und neun Monate alt war ... Übrigens, nicht das wollte ich sagen,
nicht darin lag die Synthese. Am nächsten Tage kam sie wieder. Später
erfuhr ich, daß sie auch bei Dobronrawoff und bei Moser mit diesen
Überbleibseln ihrer Hasenfelljacke gewesen war, die aber nehmen außer
Gold überhaupt nichts – haben sie nicht mal zu Wort kommen lassen. Ich
aber hatte von ihr einmal eine Gemme angenommen – solch ein billiges
Ding – und als ich damals, nachdem es schon geschehen war, nachdachte,
wunderte ich mich noch selbst darüber: ich nehme ja außer Gold und Silber
auch nichts an, von ihr aber hatte ich diese Gemme angenommen! Das – ich
weiß es noch genau – war der zweite Gedanke, den ich über sie hatte.
Das nächste Mal, also nach Moser, brachte sie eine
Bernsteinzigarrenspitze, – kein übles Dingelchen, so ’n
Liebhabergegenstand, für mich aber wertlos, denn „wir nehmen ja nur
Gold“, wie gesagt. Es war gleich am zweiten Tag nach jener kleinen Szene,
von der ich gesprochen. Ich empfing sie deshalb mit strenger Miene. Meine
Strenge ist – Trockenheit. Doch als ich ihr die zwei Rubel dafür gab, konnte
ich mich nicht enthalten, ihr, gewissermaßen als ob ich gereizt wäre, zu

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sagen: „Ich tue es ja nur für Sie, Moser würde so etwas niemals annehmen.“
Die Worte: „für Sie“ betonte ich besonders und gerade so in gewissem
Sinne. War wütend. Sie flammte wieder auf, als sie dieses „für Sie“ hörte,
schwieg aber, warf das Geld nicht zurück, nahm’s ... Ja, ja –: die Armut!
Wie sie aber rot wurde! Ich begriff, daß ich sie verletzt hatte. Als sie fort
war, fragte ich mich: also ist Dir dieser Triumph über das kleine Ding
wirklich zwei Rubel wert? He – he – he! Ich weiß: noch zweimal stellte ich
mir diese Frage: „Ist er’s wert? Ist er’s?“ Und lachend bejahte ich sie.
Wurde damals schon gar zu heiter. Aber das war kein schlechtes Gefühl: ich
tat’s doch mit Absicht, mit Absicht! Ich wollte sie prüfen, denn mir waren
plötzlich in Bezug auf sie einige Gedanken gekommen. Das war mein
dritter besonderer Gedanke über sie.
... Nun, und seit der Zeit hat denn alles angefangen. Versteht sich: ich
bemühte mich sofort, auf Umwegen Näheres über sie zu erfahren und
erwartete ihr Kommen mit ganz besonderer Ungeduld. Ich ahnte es ja, daß
sie bald kommen würde. Als sie kam, knüpfte ich ein liebenswürdiges
Gespräch mit ihr an, natürlich ungemein höflich. Bin doch gut erzogen,
habe gute Manieren ... Hm! – Da erriet ich denn, daß sie gut und sanftmütig
war. Gute und sanftmütige Menschen widersetzen sich nicht lange, und
wenn sie auch nicht gleich sehr mitteilsam sind, so verstehen sie es doch
nicht, dem Gespräch auszuweichen: sie antworten kurz, aber sie antworten
und je weiter, desto mehr, man muß nur selbst nicht müde werden, wenn
einem etwas an dem Gespräch gelegen ist. Natürlich hat sie mir damals
nichts gesagt. Auch das von den Annoncen in der „Stimme“ und alles
übrige erfuhr ich erst später. Sie annoncierte damals noch für ihre letzten
Kopeken, zuerst selbstverständlich ganz stolz: „Gouvernante sucht Stelle –
auch auf dem Lande – Bedingungen in geschlossenem Brief erbeten –“ etc.,
etc., dann aber: „– zu allem bereit – zu unterrichten – als Gesellschaftsdame
– nach dem Haushalt zu sehn – oder Kranke zu pflegen – verstehe auch zu
nähen ...“ und wie man das so gewöhnlich annonciert, wir kennen’s ja!
Alles das wurde natürlich immer in verschiedener Form publiziert, zum
Schluß aber, als die Verzweiflung kam, da sogar: „ohne Gehalt, für
Beköstigung“. Nein, sie fand keine Stelle! Da beschloß ich, sie noch einmal
zu prüfen: plötzlich nehme ich die letzte Nummer der „Stimme“ und zeige
ihr eine Annonce: „Eine junge Person, Ganzwaise, sucht
Gouvernantenstelle bei kleinen Kindern, vorzugsweise bei älterem Witwer.
Kann im Haushalt helfen“.

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„Sehen Sie,“ sagte ich, „die hat heute morgen annonciert und zum Abend
wird sie sicher eine Stelle gefunden haben. Sehen Sie, so muß man
annoncieren!“
Wieder wurde sie feuerrot und wieder blitzten ihre Augen auf; sie kehrte
sich sofort um und ging. Das gefiel mir sehr. Übrigens war ich damals
schon sicher und fürchtete nichts mehr: Zigarrenspitzen wird niemand
annehmen. Sie aber besaß selbst die nicht mehr. So war es denn auch: am
dritten Tage kam sie wieder, ganz bleich und aufgeregt, – ich begriff sofort,
daß es bei ihr zu Hause zu irgend etwas Schlimmem gekommen sein mußte,
und so verhielt es sich auch in der Tat. Ich werde später erzählen, wozu es
gekommen war, jetzt aber will ich mich erst erinnern, wie ich ihr damals
mit einem Mal imponierte, in ihren Augen wuchs; und zwar hatte ich mir
das ganz plötzlich so vorgenommen ... Richtig, so war’s: sie brachte dieses
Heiligenbild – hatte sich entschlossen, es zu bringen ... – Ja, richtig! jetzt,
jetzt fällt mir alles ein, warten Sie, warten Sie, vorhin war ich ja noch ganz
verwirrt ... Jetzt aber will ich mich all dessen entsinnen, jeder kleinen
Einzelheit, jedes Strichelchens. Ich will die ganze Zeit meine Gedanken auf
einen einzigen Punkt konzentrieren. Doch noch immer gelingt es mir nicht;
und werde ich es überhaupt können? Doch diese Strichelchen, Strichelchen
...
Das Bild der Muttergottes. Die Jungfrau mit dem Kinde, ein
Familienheiligenbild, ein altes, die Verzierung aus vergoldetem Silber; wert
– nun, sechs Rubel wert. Ich sehe, lieb hat sie das Heiligenbild, versetzt es
ganz, – ohne die silberne Bekleidung abzunehmen. Ich sage ihr: besser, man
nimmt das Silber ab, dann können Sie das Bild wieder mitnehmen; denn
sonst ein Heiligenbild zu versetzen, das ist doch immerhin ...
„Dürfen Sie es nicht nehmen? Ist es Ihnen denn verboten?“
„Nein, nicht daß es verboten wäre, ich meinte nur, daß es vielleicht Ihnen
selbst ...“
„Nun gut, nehmen Sie es ab.“
„Wissen Sie was, ich werde es lieber nicht abnehmen; ich werde es dort
in meinen Heiligenschrank stellen,“ sagte ich, nachdem ich etwas
nachgedacht hatte, „zu den anderen Heiligenbildern, unter das Lämpchen“
(seitdem ich mein Pfandgeschäft eröffnet hatte, brannte das Lämpchen bei
mir Tag und Nacht) „und nehmen Sie einfach zehn Rubel.“
„Zehn brauche ich nicht, geben Sie mir fünf, ich werde es unbedingt
auslösen.“

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„Sie wollen nicht zehn? So viel ist es wert,“ fügte ich noch hinzu, da ich
bemerkte, daß ihre Augen wieder dunkler wurden.
Sie schwieg darauf. Ich brachte ihr fünf Rubel.
„Verachten Sie niemanden ... ich bin selbst in Verlegenheit gewesen, ja,
in noch schlimmerer, und wenn Sie mich jetzt bei dieser Beschäftigung
sehen, ... so ist das doch, nach allem, was ich ertragen habe ...“
„Sie wollen sich an der Gesellschaft rächen? Ja?“ unterbrach sie mich
plötzlich mit ziemlich bitterem Spott, in dem aber viel Unbeabsichtigtes lag
(das heißt, Unpersönliches, denn damals unterschied sie mich bestimmt
noch nicht von den anderen, so daß sie es fast unverletzend sagte.)
„Aha!“ dachte ich, „also so bist Du! Der Charakter tut sich kund, hm,
gehört zur neuen Richtung.“
„Sehen Sie,“ bemerkte ich sofort halb scherzend, halb geheimnisvoll:
„Ich – ‚ich bin ein Teil jenes Teiles des Ganzen, der stets das Böse will,
doch stets das Gute schafft‘ ...“
Sie blickte schnell und mit großem Interesse zu mir auf – viel kindliches
lag darin.
„Warten Sie ... Was ist das für ein Gedanke? Woher ist dieser Ausspruch?
Ich habe ihn irgendwo gehört ...“
„Oh, zerbrechen Sie sich nicht den Kopf darüber; mit diesen Worten
empfiehlt sich Mephistopheles dem Faust. Haben Sie den Faust gelesen?“
„N – nicht aufmerksam ...“
„Das heißt wohl so viel, daß Sie ihn überhaupt nicht gelesen haben. Das
müssen Sie aber tun. Doch übrigens bemerke ich, daß Sie wieder spöttisch
zu lächeln belieben. Bitte glauben Sie nicht, ich wäre so geschmacklos,
meine Rolle als Pfandleiher durch die Rekommandation Mephistos
verschönen zu wollen. Ein Pfandleiher bleibt Pfandleiher – wissen wir.“
„Wie, wie sonderbar Sie sind! ... Ich habe Ihnen durchaus nicht so etwas
sagen wollen ...“
Sie hatte sagen wollen: „Ich hätte nicht gedacht, daß Sie ein gebildeter
Mensch sind,“ aber sie sagte es nicht; dafür jedoch wußte ich, daß sie es
gedacht hatte; jedenfalls gefiel ihr meine Bemerkung sehr.
„Sehen Sie,“ sagte ich, „auf jedem Gebiet kann man Gutes tun. Ich rede
natürlich nicht von mir: ich tue, sagen wir, außer Bösem überhaupt nichts,
doch ...“
„Natürlich, selbstverständlich kann man überall Gutes tun,“ unterbrach
sie mich eilig, und sah mich dabei so aufrichtig an. „Gerade auf jedem

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Gebiet,“ fügte sie plötzlich noch hinzu.
Oh, ich weiß noch, ich erinnere mich noch deutlich dieser Augenblicke!
Wenn diese Jugend, diese liebe Jugend irgend etwas so Kluges und
Durchdachtes sagen will, dann kann man es auf ihrem naiven, aufrichtigen
Gesicht förmlich lesen, was sie dabei denkt –: „siehst Du, jetzt sage ich Dir
etwas Kluges, Durchdachtes!“ – Und nicht, daß sie es etwa aus Ruhmsucht
täte, wie zum Beispiel unsereiner! Man sieht es ja, daß diese Jugend es
selbst furchtbar hochschätzt, und daran glaubt, und es achtet, und daß sie
denkt, man achte es gleichfalls ganz so, wie sie. Oh Aufrichtigkeit! Das ist’s
ja, womit diese Jugend besiegt! Und wie war das doch so schön an der
Kleinen!
... Ich weiß noch, hab nichts vergessen! Als sie hinausgegangen war,
faßte ich mit einem Mal meinen Entschluß. Am selben Tage noch ging ich
aus, um das Letzte über sie, ihre Umgebung und ihre Verhältnisse zu
erfahren; das Meiste wußte ich bereits durch Lukerja, ihre Küchenmagd, die
ich schon vor ein paar Tagen bestochen hatte. Was ich erfuhr, war so
schrecklich, daß ich nicht begriff, wie man noch, wie sie vorhin, lachen und
sich für Mephistos Worte interessieren konnte, – wenn man selbst unter
solch einem Entsetzen lebte! Aber – das ist eben die Jugend! Gerade dieses
dachte ich damals stolz und freudig über sie, denn hierbei war doch auch
Hochherzigkeit: selbst steht sie am Rande des Verderbens, doch
nichtsdestoweniger werden die großen Worte Goethes verehrt. Die Jugend
ist immer hochherzig, – wenn auch nur ein kleines wenig, und wenn auch in
falscher Richtung. Das heißt, ich spreche ja nur von ihr, von ihr allein. Und
vor allen Dingen, damals betrachtete ich sie schon als die Meine, und
zweifelte nicht mehr an meiner Macht über sie ... Wissen Sie, wunder-
wunderbar ist dieser Gedanke, wenn man schon nicht mehr zweifelt ...
Doch was ist mit mir! Wenn ich so fortfahre, wann werde ich dann alles
in einen Punkt zusammenfassen? Schneller, – kurz und gut, – ach, es
handelt sich ja nicht darum! – oh Gott!

II. Der Heiratsantrag.

Alles, was ich über sie erfuhr, ist kurz folgendes: ihre Eltern waren schon
tot, vor drei Jahren gestorben und sie war bei – hm! – bei unordentlichen
Tanten zurückgeblieben. Es ist eigentlich zu milde, sie bloß unordentlich zu

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nennen. Die eine von ihnen war Witwe, die andere eine scheußliche alte
Jungfer. Ihr Vater war ein kleiner Beamter gewesen. Mit einem Wort: alles
war günstig für mich. Ich kam wie aus einer höheren Welt: immerhin war
ich Hauptmann eines glänzenden Regiments, wenn auch außer Diensten,
war Edelmann, unabhängig u. s. w., und was meine Pfandkasse anbetrifft,
nun, so konnten die Tanten vor ihr nur Respekt haben. Bei den Tanten war
sie drei Jahre lang in der Sklaverei gewesen; trotzdem aber hatte sie
irgendwo das Examen bestanden, hatte es fertig gebracht, das Examen zu
bestehn, sich die Zeit dazu abgespart von ihrer täglichen unbarmherzigen
Arbeit; – das aber hatte doch etwas zu bedeuten, solch ein Streben nach
dem Höheren und Edleren! Warum wollte ich sie denn heiraten? Ach,
übrigens, zum Teufel mit mir, davon später ... Und handelt es sich denn
darum! – Die Kinder der Tante mußte sie unterrichten, Wäsche nähen und
zum Schluß sogar (sie mit ihrer schmalen Brust!) die Dielen scheuern!! Und
zum Lohn dafür haben sie ihr noch ihr tägliches Stück Brot vorgehalten und
zu guter Letzt ihr sogar Schläge verabreicht. Es endete damit, daß sie sie
einfach zu verkaufen beschlossen. Pfui Teufel! Den Schmutz der
Einzelheiten übergehe ich lieber ... Später hat sie mir alles ausführlich
erzählt.
Alles dieses beobachtete ein ganzes Jahr lang ihr Nachbar, ein dicker
Kaufmann, und zwar kein gewöhnlicher, sondern einer, der zwei
Kolonialwarenhandlungen besaß. Er hatte schon zwei Frauen unter die Erde
gebracht und suchte nun die dritte: und da war denn seine Wahl auf sie
gefallen. Hm –: „Sie ist still und sanft, in Armut aufgewachsen, ich aber
heirate nur, um meinen verwaisten Kindern eine Mutter zu geben“ – und
ähnliche schöne Worte – kennt man ... Er hatte tatsächlich Kinder von den
beiden ersten, zu Tode gequälten Frauen. Da bewarb er sich denn um sie,
hatte schon mit den Tanten gesprochen. Er war dabei fünfzig Jahre alt. Sie
in Angst, entsetzt! Und eben in dieser Zeit war es denn, daß sie so oft zu
mir kam, um in der „Stimme“ annoncieren zu können. Endlich bat sie die
Tanten, man möge ihr doch noch ein wenig, ein kleines wenig Zeit zum
Nachdenken geben. Nun, die gab man ihr denn schließlich, aber nur ein
wenig, ließ ihr keine Ruh –: „Wissen auch ohne Deinen überflüssigen Mund
nicht, was wir selber beißen sollen.“ Das alles wußte ich bereits, und so
entschloß ich mich denn, wie gesagt, zu handeln. Das war an jenem Tage
nach dem Gespräch am Vormittag. An jenem Abend war gerade der
Kaufmann gekommen und hatte aus seinem Geschäft ein Pfund Konfekt –

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zu 50 Kopeken – mitgebracht. Sie saß mit ihm im Gastzimmer, ich aber rief
Lukerja aus der Küche und sagte ihr, sie solle zu ihr gehn und ihr heimlich
zuflüstern, daß ich an der Hoftür sei und ihr etwas sehr Wichtiges zu sagen
wünschte. Ich war zufrieden mit mir. Überhaupt war ich an jenem ganzen
Tage ungemein zufrieden.
Und dort an der Hoftür erklärte ich ihr – die allein schon deswegen
verwundert war, daß ich, ein ihr ganz fremder Mensch, sie plötzlich hatte
rufen lassen – in Lukerjas Gegenwart, daß ich mich glücklich schätzen
würde und es mir als Ehre anrechnete, sie zu heiraten ... Zweitens: sie solle
sich nicht über mein Auftreten wundern, und daß ich an der Hoftür, u. s. w.
Hm, –: „bin ein aufrichtiger Mensch, trage den Umständen Rechnung ...“
Und ich log nicht, als ich sagte, daß ich aufrichtig bin. Nun, – zum Teufel
damit! Sprach ich doch nicht nur wie es sich gehört, wie ein wohlerzogener
Mensch, sondern auch „originell“; das aber ist ja die Hauptsache. Wie? –
ist’s denn etwa Sünde, das zu bekennen? Ich will mein eigener Richter sein;
ich muß also pro und contra reden, und so tu ich’s denn. Auch später habe
ich mich dessen immer mit Genugtuung erinnert, wenn’s auch dumm ist.
Ich erklärte ihr damals unumwunden, ohne jede Verwirrung, daß ich,
erstens, nicht besonders talentiert, nicht besonders klug, vielleicht sogar
nicht mal besonders gut, ein ziemlich billiger Egoist sei (hab noch den
Ausdruck behalten, hatte ihn mir auf dem Wege dahin ausgedacht und war
mit ihm zufrieden), und es sehr, sehr leicht möglich sein könne, daß ich
auch in anderen Beziehungen sehr viel Unangenehmes habe. Das war alles
mit einer bestimmten Art von Stolz gesagt, – wir wissen ja, wie so etwas
gesagt wird. Selbstverständlich war ich nicht so geschmacklos, daß ich,
nachdem ich edelmütig meine Fehler aufgezählt hatte, nun auch anfing,
meine guten Seiten hervorzuheben, wie etwa: „dafür aber bin ich so und so
und so.“ Ich bemerkte sehr wohl, daß sie noch furchtbar bange war, ließ
mich aber doch nicht rühren; ja, umgekehrt, ich verschlimmerte noch
absichtlich: sagte ihr gerade heraus, daß sie immer satt zu essen haben
würde, aber Theater, Bälle, Toiletten – „davon gibt’s nichts, – vielleicht
später einmal, wenn ich mein Ziel erreicht habe.“ Dieser strenge Ton
bezauberte mich. Ich fügte noch hinzu, gleichfalls so nebensächlich als
möglich, daß ich, wenn ich auch solch eine Beschäftigung gewählt hätte, es
eben nur mit einem besonderen Ziel getan, hm, – so aus einem ganz
besonderen Grunde ... Glauben Sie mir, ich habe doch selbst mein Leben
lang diese Pfandkasse gehaßt, aber in Wirklichkeit, – wenn’s auch

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lächerlich ist, sich selbst geheimnisvolle Phrasen zu sagen, aber – „ich
wollte mich doch an der Gesellschaft rächen!“ Ja ja, – wirklich, wirklich,
wirklich! So daß ihre spitze Bemerkung am Vormittag darüber, daß ich
mich „rächte“, doch nicht so falsch gewesen war. Das heißt, sehen Sie mal:
würde ich ihr einfach gesagt haben: „Ja, ich räche mich an der
Gesellschaft,“ so hätte sie mich ausgelacht, so wie vorhin am Morgen, und
es wäre auch wirklich lächerlich gewesen. Nun aber, mit einer indirekten
Anspielung, so mit einer geheimnisvollen Phrase, – damit konnte man, wie
es sich erwies, leicht die Einbildungskraft bestechen. Zudem fürchtete ich
damals ja schon nichts mehr: ich wußte doch, daß ihr der dicke Kaufmann
jedenfalls widriger war, als ich, und daß ich, als ich an der Hoftür stand, wie
ein Befreier erschien. Das begriff ich doch. Oh, die Gemeinheit begreift der
Mensch vorzüglich! Aber – war’s denn wirklich Gemeinheit? Wie soll man
nun den Menschen richten? Liebte ich sie denn etwa nicht schon damals?
... Warten Sie: von Wohltat sagte ich ihr damals natürlich kein Wort; im
Gegenteil, oh, ganz im Gegenteil: „ich bin’s, dem Wohltat erwiesen wird,
aber nicht Sie.“ So daß ich es sogar in Worten aussprach, konnte mich nicht
bezwingen und es kam vielleicht dumm heraus, denn ich bemerkte ein
flüchtiges Lächeln auf ihren Lippen. Doch so im Ganzen gewann ich
zweifellos. Warten Sie ... wenn man sich schon einmal diese ganze
Schändlichkeit ins Gedächtnis zurückruft, so will ich mich auch noch der
letzten Schändlichkeit erinnern: ... als ich so vor ihr stand ... schlich sich
plötzlich ganz leise durch meine Gedanken: „Du bist wohlgestaltet, schlank,
gut erzogen und schließlich, ganz ohne Prahlerei gesagt, bist nicht häßlich.“
Das war’s, das war’s, was in jenem Augenblick in meinem Hirn spielte!
Selbstverständlich sagte sie mir noch dort unten an der Hoftür „ja“. Aber ...
aber ich muß hinzufügen: dort an der Hoftür dachte sie noch lange nach,
bevor sie „ja“ sagte. So tief, so tief dachte sie nach, daß ich schon beinahe
fragen wollte: „nun, wie?“ – ja, ich tat’s ja auch, konnt’s nicht
zurückbehalten. „Nun, wie denn?“ fragte ich, ja ja, gerade mit „denn“, ich
weiß es noch ganz genau!
... Warten Sie, ich werde nachdenken ...
... Und solch ein ernstes Gesichtchen machte sie, solch ein ... – daß ich
schon damals hätte begreifen können! Ich aber fühlte mich gekränkt. „Sollte
sie wirklich,“ dachte ich, „noch zwischen mir und dem Krämer wählen?“
Oh, damals begriff ich noch nichts! Nichts, nichts begriff ich damals! Bis
auf den heutigen Tag habe ich nichts begriffen! Ich weiß noch: Lukerja kam

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mir nachgelaufen, hielt mich mitten auf der Straße auf und sagte atemlos:
„Gott wird’s Ihnen lohnen, Herr, daß Sie unser liebes Fräuleinchen nehmen!
Nur sagen Sie ihr das ja nicht, sie ist so stolz ...“
Nun, – stolz! Liebe selbst, dachte ich, die Kleinen, Stolzen. Die Stolzen
sind ganz besonders schön, wenn ... nun, wenn man an seiner Macht über
sie nicht mehr zweifelt, – wie? Oh niedriger, ungeschickter Mensch! Wie
war ich zufrieden! Wissen Sie, als sie damals an der Hoftür stand und
nachdachte, ob sie „ja“ sagen sollte oder nicht, und ich mich über dieses
Bedenken wunderte, – wissen Sie auch, daß sie damals sogar solch einen
Gedanken hätte haben können, wie: „Wenn schon einmal Unglück, hier wie
dort, sollte es da nicht besser sein, das größere Unglück zu wählen, also den
dicken Kaufmann? Mag der mich schneller in der Trunkenheit totprügeln!“
– Wie? Was meinen Sie, hätte sie solch einen Gedanken haben können?
Doch auch jetzt verstehe ich nicht ... selbst jetzt verstehe ich nichts!
Soeben habe ich gesagt, daß sie diesen Gedanken hätte haben können: das
größere Unglück zu wählen, das wäre – etwa der dicke Kaufmann –? Wer
aber war ihr damals widerlicher: – ich oder der Kaufmann? Der Kaufmann
oder der Goethe zitierende Pfandleiher? Das ist noch eine Frage! ... Was für
eine Frage? Und das verstehst Du nicht? – Die Antwort ist doch sonnenklar,
Du aber sagst, es sei noch eine Frage! Ach, zum Teufel mit mir! Nicht um
mich handelt es sich jetzt ... Doch, bei der Gelegenheit: was ist denn jetzt
für mich wichtig: – handelt es sich nun um mich oder nicht? Ach, diese
Frage, die kann ich überhaupt nicht beantworten ... Besser, ich lege mich
schlafen. Mein Kopf tut mir weh.

III. Bin der edelste Mensch, glaub’s jedoch selbst nicht.

Kann nicht schlafen. Wie soll ich denn: die ganze Zeit über tuckt mir
irgend ein Puls im Kopf. Ich will alles erfassen, die ganze Schändlichkeit.
Oh, aus welch einem Schmutz ich sie damals herauszog! Das mußte sie
doch begreifen und meine ganze Handlung schätzen! ... Auch gefielen mir
verschiedene Gedanken, wie zum Beispiel, daß ich einundvierzig war, sie
aber erst sechzehn. Es bezauberte mich geradezu, dieses Gefühl der
Ungleichheit ... süß ist’s, so süß ist es ...
Ich wollte, zum Beispiel, daß die Trauung à l’anglaise sei, mit höchstens
zwei Zeugen, Lukerja und noch irgend jemand, und dann direkt in den

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Waggon und so auf zwei Wochen nach Moskau in ein Hôtel (ich hatte dort
gerade Geschäftliches zu erledigen). Sie aber widersetzte sich dem und ich
war gezwungen, zu den Tanten zu fahren, um ihnen, als Anverwandten, von
denen ich sie erhielt, meine Aufwartung zu machen. Schön, ich gab nach
und den Tanten wurde die nötige Ehrerbietung erwiesen, so wie sich’s
gehört. Ich gab diesen Kreaturen sogar zweihundert Rubel, jeder von ihnen
hundert, und versprach noch mehr zu geben; versteht sich, ohne ihr etwas
davon zu sagen, um sie nicht durch die Niedrigkeit ihrer Umgebung zu
kränken. Die Tanten wurden natürlich sofort zuckersüß. Auch gab es Streit
wegen der Aussteuer: sie hatte nichts, fast buchstäblich nichts, aber sie
wollte auch nichts. Einstweilen jedoch gelang es mir, ihr klar zu machen,
daß es ganz ohne Sachen nicht ginge, und so kaufte ich also die Aussteuer,
denn wer hätte es sonst für sie tun sollen? Nun, ach zum Teufel mit mir ...
Immerhin fand ich noch Zeit, ihr einige meiner Gedanken
auseinanderzusetzen, damit sie sie wenigstens kennen lernte. Ich beeilte
mich sogar mit dem Auseinandersetzen. Das Wichtigste aber war, daß sie
mir schon gleich zu Anfang, wie sehr sie sich auch zu bezwingen suchte,
ihre ganze Liebe entgegenbrachte. Wenn ich des Abends angefahren kam,
empfing sie mich immer ganz begeistert, erzählte mir dann in ihrer
kindlich-stammelnden Weise – wie reizend war das an ihr! – ihre ganze
erste Jugend, erzählte von ihrem Elternhause, vom Vater und von der
Mutter. Ich aber begoß diese ganze Verzückung sofort mit kaltem Wasser.
Gerade darin lag ja mein ganzer Plan. Auf diese Ekstasen antwortete ich mit
Schweigen, mit wohlwollendem, natürlich, ... aber sie begriff doch bald,
daß wir verschiedene Menschen waren und ich – ein Rätsel. Das aber wollte
ich doch gerade, das bezweckte ich ja nur – ein Rätsel scheinen! Um ihr
dieses Rätsel zu raten zu geben, – hatte ich ja vielleicht die ganze
Dummheit ausgedacht! Erstens: Strenge, – damit führte ich sie auch in mein
Haus. Kurz, damals dachte ich mir ein ganzes System aus. Oh, das ergab
sich eigentlich ohne jede Anstrengung ganz von selbst. Und es war doch
anders gar nicht möglich, ich mußte doch dieses System schaffen, –
gezwungen durch eine unabweisbare Tatsache ... Ich weiß wirklich nicht,
warum ich mich da immer noch selbst beschuldige! Ein wirklich erlebtes
System war’s. Nein, hören Sie mal, wenn man schon einmal einen
Menschen beurteilt, so muß man es nur mit Kenntnis aller Umstände tun ...
Hören Sie:

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... Wie soll man da eigentlich beginnen? ... Das ist nicht so leicht zu
erzählen. Sobald man anfängt sich zu rechtfertigen – wird es sofort schwer.
Sehen Sie: Die Jugend verachtet z. B. – das Geld. Ich aber legte sofort
Gewicht auf das Geld, betonte es fortwährend, so daß sie immer mehr und
mehr verstummte. Sie machte große, verwunderte Augen, hörte, sah und –
verstummte ... Sehen Sie mal: Die Jugend ist hochherzig, d. h. gute Jugend,
hochherzig, aber heftig: hat wenig Duldsamkeit. Ist etwas auch nur ein
wenig anders, so wird es sofort verachtet. Ich aber wollte ihr das „Alles-
verstehen“ direkt ins Herz einimpfen, direkt in die Auffassung ihres
Herzens, – nicht wahr? Nehmen wir nun ein triviales Beispiel: wie hätte ich
diesem Charakter, sagen wir, meinen freiwillig erwählten Beruf erklären
sollen? Ich fing natürlich nicht direkt an, davon zu sprechen; sonst hätte es
ja geschienen, daß ich seinetwegen um Verzeihung bäte, ich aber handelte
stolz, sprach durch Schweigen. Oh, darin bin ich Meister! Habe mein
ganzes Leben lang schweigend gesprochen, habe mit mir selbst ganze
Tragödien schweigend durchlebt. Oh, auch ich war doch unglücklich! Ich
war von allen verstoßen, verstoßen und vergessen, und keiner, kein einziger
wußte das! Und plötzlich schnappte diese Sechzehnjährige von gemeinen
Menschen Klatschgeschichten über mein Leben auf und glaubte, daß sie
bereits alles wisse, während doch das Kostbare, der Schatz, einzig in der
Brust dieses Menschen selbst verschlossen blieb! Ich schwieg die ganze
Zeit über und besonders, besonders wenn ich mit ihr zusammen war,
schwieg ich – bis auf den gestrigen Tag! – Warum ich schwieg? Weil ich
eben ein stolzer Mensch war. Ich wollte, daß sie das selbst begriff, ohne
mein Dazutun, aber nicht aus den Erzählungen gemeiner Klatschbasen,
sondern daß sie diesen Menschen selbst erriet und ihn begriff! Als ich sie in
mein Haus nahm, verlangte ich von ihr volle Achtung meiner Person
gegenüber. Ich wollte, daß sie mich für meine Leiden anbetete – und ich
war’s wert. Oh, ich bin immer stolz gewesen, ich habe immer entweder
alles – oder nichts gewollt! Und gerade, weil ich kein armseliges Stückchen
Glück, sondern ein ganzes, großes haben wollte – gerade deswegen war ich
gezwungen, so zu handeln. – „Errate selbst und werte dann!“ Denn, nicht
wahr, Sie müssen mir doch zugeben, wenn ich selbst angefangen hätte, ihr
zu erklären und vorzusagen, Finten zu machen und Achtung zu erflehen, –
dann wär’s doch gleichbedeutend gewesen, mit – Almosen erbetteln ...
Übrigens ... übrigens – wozu rede ich davon!

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Dumm, dumm, dumm und nochmals dumm! Ich erklärte ihr damals in
zwei Worten, ohne Umschweife, unbarmherzig (ich betone es, daß es
unbarmherzig war), daß die Hochherzigkeit der Jugend an sich ja
wunderschön, aber – keine Kopeke wert sei. Warum nicht? – Weil sie ihr
billig zufällt, weil sie ihr zu Teil wird, noch bevor sie gelebt hat; alles das
sind, wie man zu sagen pflegt, „die ersten Eindrücke des Seins“. Wollen wir
aber mal erst abwarten, wie Ihr Euch in der Not bewährt! Billige
Hochherzigkeit ist immer leicht, billige Großmut immer flach; sogar das
Leben fortzugeben – auch das ist dann billig, denn da kocht nur das junge
Blut und schäumen die Kräfte des Überflusses. Schönheit, Schönheit
verlangt man leidenschaftlich! Nein, nehmt eine andere Heldentat der
Hochherzigkeit, die schwere, stille, unhörbare, ohne Glanz, die, die viele,
viele Opfer verlangt und keinen Tropfen Ruhm einbringt, – wohl aber
bittere Verleumdung; – wo der wertvollste Mensch von der ganzen Welt als
Schurke hingestellt wird, während er doch ehrlicher ist, als alle
Ehrenmänner der Welt zusammengenommen. – Nun, versucht mal solch
eine Heldentat zu vollbringen! – Nein, dafür werdet Ihr danken! ... Ich aber,
– ich aber habe mein ganzes Leben lang nichts anderes getan, wie diese
Heldentat – getragen.
Zuerst widersprach sie; ach Gott, wie sie mit mir stritt! Dann aber
verstummte sie allmählich, zuletzt sogar ganz. Nur die Augen öffnete sie
furchtsam weit, wenn sie mir zuhörte: so groß, groß waren diese Augen, so
aufmerksam. Und ... und plötzlich bemerkte ich ein Lächeln, ein
mißtrauisches, schweigsames, kein gutes ... Und mit diesem, mit diesem
selben Lächeln war’s, daß ich sie in mein Haus führte. Allerdings, sie hatte
sonst niemanden, zu dem sie hätte gehen können ...

IV. Lauter Pläne und Pläne.

Wer von uns fing damals zuerst an?
Keiner. Es fing von selbst an, vom ersten Schritt. Ich habe gesagt, daß ich
sie unter Strenge ins Haus führte, einstweilen aber milderte ich die doch
schon am ersten Tage. Noch vor der Trauung hatte ich ihr gesagt, daß sie
die Pfänder in Empfang nehmen und das Geld herausgeben würde – und sie
hatte damals nicht widersprochen (bitte das nicht zu vergessen). Ja, sie
machte sich sogar mit Eifer an die Sache. Nun, versteht sich, die Wohnung,

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die Einrichtung, – alles blieb so, wie es war. Zwei Zimmer, – das eine, ein
großes – das Wohnzimmer, in dem für die Kasse eine Hälfte abgeteilt ist,
das andere, gleichfalls groß, unser Schlafzimmer. Meine Möbel sind
ärmlich, sogar die Tanten hatten bessere. Mein Heiligenschrank mit dem
Lämpchen hängt im ersten Zimmer, dort wo die Kasse ist; bei mir aber, in
meinem Zimmer, steht mein Schrank, in dem auch einige Bücher liegen,
und mein Koffer; die Schlüssel trage ich bei mir. Nun und dann natürlich
noch das Bett, Tische, Stühle. Bereits vor der Trauung hatte ich ihr gesagt,
daß zu unserem Unterhalt, d. h. zur Beköstigung für mich, für sie und
Lukerja, die ich zu uns genommen hatte, täglich ein Rubel und nicht mehr
verausgabt werden würde –: „Muß in drei Jahren dreißig Tausend haben,
anders aber kommt man nicht zu Geld.“ Sie widersprach nicht, aber ich
legte selbst noch dreißig Kopeken hinzu. Desgleichen Theater. Ich hatte ihr
gesagt, daß wir nicht ins Theater gehen würden, beschloß aber dann doch
einmal im Monat mit ihr ins Theater zu gehn, und anständig – Parkett. Wir
gingen zusammen, waren zweimal, sahen, glaub ich, „Die Jagd nach dem
Glück“ und „Singvögel“ – oh, zum Teufel, zum Teufel damit! –
Schweigend gingen wir hin und schweigend kamen wir nach Haus. Warum,
warum wir uns von Anfang an vorgenommen hatten zu schweigen? Zuerst
gab es doch noch keine Streitigkeiten zwischen uns – nur Schweigen. Ich
weiß noch, damals sah sie mich immer heimlich an; ich aber, als ich das
bemerkte, da schwieg ich erst recht. ’S ist allerdings wahr: ich war es, der
auf dem Schweigen beharrte, nicht sie. Ihrerseits gab’s sogar ein- oder
zweimal leidenschaftliche Ausbrüche: stürzte zu mir, umarmte mich. Da
aber diese Ausbrüche krankhaft waren, hysterisch, ich jedoch ein starkes
Glück brauchte, und als erstes ihre volle Achtung, so blieb ich natürlich
kühl. War auch im Recht: jedesmal nach diesen Ausbrüchen gab’s am
nächsten Tage Streit.
Das heißt, Streit gabs eigentlich nicht, aber es gab Schweigen und – und
immer dreisteres, frecheres Aussehen ihrerseits. „Rebellion und
Unabhängigkeit“ – das war’s, nur verstand sie’s nicht. Ja, dieses sanfte
Gesicht nahm einen immer vermesseneren Ausdruck an. Glauben Sie es
mir, ich wurde ihr einfach zuwider; – ich kenne das, hab’s doch selbst
erlebt. Jedenfalls: daß sie zuweilen außer sich geriet, – daran war nicht zu
zweifeln. Nun wie, zum Beispiel, nachdem man aus solchem Schmutz, aus
solcher Armut herausgekommen ist, wie kann man denn da plötzlich über
unsere Armut die Nase rümpfen! Sehen Sie mal: es war keine Armut, aber

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es war Ökonomie und dort, wo es sich gehörte, sogar Luxus, – in der
Wäsche, zum Beispiel, in der Sauberkeit. Ich habe immer gedacht, daß die
Sauberkeit der Männer den Frauen angenehm sein muß. Übrigens tat sie’s
nicht über die Armut, sondern über meinen, wie sie glaubte, schmutzigen
Geiz –: „Behauptet, er verfolge ein Ziel, will Charakter beweisen!“ Für das
Theater dankte sie plötzlich selbst. Und immer spöttischer, immer
spöttischer wurde der Zug um ihren Mund ... ich aber verstärkte das
Schweigen, ich aber verstärkte das Schweigen.
Konnte doch nicht anfangen, mich zu rechtfertigen!? Die Hauptrolle
spielte dabei natürlich die Leihkasse. Sehen Sie: ich wußte, daß eine Frau,
und noch dazu eine sechzehnjährige, nicht umhin kann, sich dem Manne
ganz und gar unterzuordnen. Es ist keine Originalität in den Frauen, das –
das ist ein Axiom, sogar jetzt noch, sogar jetzt noch ein Axiom für mich!
Was ist’s denn, was dort im Saal auf dem Tische liegt: Wahrheit bleibt
Wahrheit, an der kann selbst Mill nichts ändern! Aber die liebende Frau, –
oh, die liebende Frau, – die vergöttert selbst die Laster, selbst die
Verbrechen des Geliebten. Er wird für seine Verbrechen niemals solche
Rechtfertigungen finden können, wie sie sie ihm ausdenken wird. Das ist
großmütig, aber nicht originell. Einzig die Unoriginalität hat die Frauen ins
Verderben gebracht. Und warum nun, wiederhole ich, zeigen Sie denn dort
hin auf den Tisch? Ja, ist denn das etwa Originalität, was dort auf dem Tisch
liegt? O – oh!
Hören Sie: von ihrer Liebe war ich damals überzeugt. Warf sie sich doch
stürmisch an meinen Hals. Also liebte sie doch, richtiger – wollte sie doch
lieben. Ja ja, so war es auch: sie wollte lieben, sie versuchte zu lieben. Aber
die Hauptsache lag eben darin, daß ich ja gar nicht solche Verbrechen
begangen hatte, für die sie sich hätte Entschuldigungen ausdenken müssen.
Sie sagen: „ein Pfandleiher“! – ja, und alle sagen es. Aber was will denn das
sagen, – „Pfandleiher“? Also muß es doch Gründe gegeben haben, daß der
großmütigste Mensch zum – Pfandleiher geworden ist? Sehen Sie: es gibt
Ideen ... das heißt, sehen Sie mal, es gibt manche Ideen, die, wenn man sie
ausdrücken, in Worten aussprechen will, furchtbar dumm erscheinen.
Wirklich – so dumm, daß man sich schämt. Und woher kommt das? –
Einfach so. Weil wir alle Lumpen sind und die Wahrheit nicht ertragen
können, oder ... ich weiß wirklich nicht ... Ich sagte vorhin: „der
großmütigste Mensch“. Das ist lächerlich. Währenddessen aber war es doch
wirklich so. Das ist doch Wahrheit, was ich sage, die allerallerwahrhaftigste

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Wahrheit! Ja; ich hatte damals das Recht, mich pekuniär sicher stellen zu
wollen und dieses Pfandgeschäft zu eröffnen. „Ihr habt mich verstoßen, Ihr
(Ihr Menschen natürlich), Ihr habt mich mit verachtendem Schweigen
fortgejagt! Auf meinen leidenschaftlichen Drang zu Euch habt Ihr mir mit
einer Beleidigung für mein ganzes Leben geantwortet. Somit war ich denn
im Recht, als ich mich von Euch trennte, zwischen Euch und mir eine
Mauer zog; bin im Recht, wenn ich diese dreißig Tausend Rubel ersparen
und irgendwo in der Krim, am Schwarzen Meere zwischen Bergen und
Weingärten auf meinem für diese dreißig Tausend gekauften Gute mein
Leben beschließen will. Und vor allen Dingen: ich will ohne Groll auf
Euch, aber nur fern von Euch leben, leben mit dem Ideal in der Seele,
zusammen mit meiner herzliebsten Frau und mit meinen Kindern, wenn
Gott sie uns schenken sollte. Und den Freunden und Nachbarn in der Not
würde ich eine helfende Hand sein.“ Gut, wenn ich das jetzt allein zu mir
sage, was aber hätte es Dümmeres geben können, als wenn ich damals ihr
das vorerzählt und ausgemalt hätte? Das war’s ja, warum ich stolz schwieg,
warum wir uns schweigend gegenübersaßen. Was hätte sie denn davon
begriffen? Sechzehn Jahre – das ist ja doch noch die erste Jugend! Und was
hätte sie denn verstehen können von meinen Rechtfertigungen, von meinen
Leiden? Offenherzigkeit, Unkenntnis des Lebens, jugendliche, billige
Überzeugungen, wahre Hühnerblindheit der „prachtvollen Herzen“, aber
vor allen Dingen – da war ja die Leihkasse und das genügte! – War ich denn
etwa ein Räuber, hatte sie denn nicht selbst gesehn, wie ich war und daß ich
nichts Unrechtmäßiges nahm? Oh, wie furchtbar ist die Wahrheit auf Erden!
Dieses reizende Wesen, diese sanfte Kleine, dieser Himmel – war mein
Tyrann, war der unerträgliche Peiniger meiner Seele! Würde ich mich doch
selbst anschwärzen, wenn ich das nicht sagte! Sie glauben vielleicht, daß
ich sie nicht geliebt habe? Wer kann mir sagen, ich hätte sie nicht geliebt?
Sehen Sie: hieraus wurde boshafte Ironie des Schicksals und der Natur! Wir
sind verflucht, das Leben der Menschen ist verflucht! – meines noch ganz
besonders! – Ich begreife jetzt, daß ich mich hierbei in irgend etwas
versehen hatte! Hierbei kam etwas nicht so heraus. Alles war doch so klar,
so klar wie der Himmel war mein Plan: „Hart, stolz, braucht niemandes
moralischen Trost, leidet schweigend.“ So war’s ja auch, ich log doch nicht,
ich log doch wahrhaftig nicht! „Sie wird dann selbst die Hochherzigkeit
entdecken, nur versteht sie vorläufig noch nicht, sie zu bemerken; doch
wenn sie das irgend einmal errät, so wird sie es dann zehnfach zu schätzen

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wissen und in den Staub vor mir niederknieen, mit betend gefalteten
Händen.“ – Das war der Plan! Aber hier mußte ich etwas vergessen oder aus
dem Auge gelassen haben. Irgend etwas habe ich hier nicht zu machen
verstanden. Doch genug, genug! Und wen soll ich denn jetzt um Verzeihung
bitten? Ist’s aus, dann ist’s aus. Mutiger, Mensch, und sei stolz! Nicht du
trägst die Schuld! ...
Nein, ich sage die Wahrheit, ich fürchte mich nicht, vor das Angesicht der
Wahrheit hinzutreten: sie trägt die Schuld daran, sie trägt die Schuld! ...

V. Die Kleine revoltiert.

Die Uneinigkeit begann damit, daß es ihr plötzlich einfiel, das Geld wie
es ihr gut dünkte auszugeben, die Pfänder über ihren Wert einzuschätzen,
und zweimal geruhte sie sogar, über dieses Thema mit mir zu streiten. Ich
erklärte mich damit nicht einverstanden. Und da kreuzte denn noch diese
Offizierswitwe unseren Weg.
Es kam eine alte Frau, die Witwe eines Hauptmanns, mit einem
Medaillon, – Geschenk des verstorbenen Gatten, nun, man weiß ja: eine
Erinnerung. Ich gab ihr dreißig Rubel. Da hob denn das Weinen an –: man
solle das Ding nur ja gut aufbewahren. – Selbstverständlich bewahren wir
es gut auf. Nun, kurz und gut, plötzlich, nach fünf Tagen kommt sie wieder,
um das Ding gegen ein Armband, das nicht mal acht Rubel wert war,
einzulösen. Ich schlug ihr’s natürlich ab. Wahrscheinlich hat sie wohl
damals schon etwas aus den Augen meiner Frau erraten, denn als sie das
zweite Mal in meiner Abwesenheit kam, tauschte die es tatsächlich gegen
ihr Medaillon ein.
Als ich das noch am selben Tage erfahren hatte, sprach ich sanft, doch
bestimmt und vernünftig mit ihr. Sie saß auf dem Bett, sah zu Boden und
baumelte mit dem rechten Fuß – ihre charakteristische Angewohnheit –,
wobei sie mit dem Schuhspitzchen immer über den Betteppich fuhr; ein
häßliches Lächeln lag auf ihren Lippen. Da erklärte ich ihr ruhig, ohne auch
nur die Stimme zu erheben, daß das Geld mir gehöre, daß ich das Recht
habe, auf das Leben mit meinen Augen zu sehn, und – daß ich, als ich sie
um ihre Hand gebeten, ihr doch nichts verheimlicht hatte.
Sie sprang auf, erzitterte am ganzen Körper und – was glauben Sie wohl
– stampfte plötzlich wie wahnsinnig mit den Füßen los! Das war einfach ein

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Tier, das war ein Anfall, das war ein Tier im Krampf!! Ich war starr vor
Erstaunen: solch einen Ausfall hätte ich nie und nimmer erwartet! Verlor
aber nicht den Kopf, zuckte nicht einmal und erklärte nur, wieder mit
derselben ruhigen Stimme, daß ich ihr von nun ab die Anteilnahme an
meinen Beschäftigungen entziehen würde. Sie lachte mir ins Gesicht und
ging, – ging aus der Wohnung.
Die Sache war aber, daß sie nicht das Recht hatte, die Wohnung zu
verlassen. Nicht ohne meinen Willen auszugehen – so war es zwischen uns
noch während der Brautschaft abgemacht worden. Zum Abend kehrte sie
zurück; ich sprach kein Wort.
Am nächsten Tage ging sie wieder gleich am Morgen aus, am
übernächsten wieder. Ich schloß die Kasse und begab mich zu den Tanten.
Mit ihnen hatte ich gleich nach der Trauung jegliche Beziehungen
abgebrochen –: weder kamen sie zu uns, noch wir zu ihnen. Es stellte sich
heraus, daß meine Frau nicht bei ihnen gewesen war. Sie hörten mir
neugierig zu, lachten mich aus: „Geschieht Ihnen recht.“ Aber ich hatte es
ja nicht anders erwartet. Bei derselben Gelegenheit gewann ich die jüngere
Tante, die Jungfer, bestach sie mit hundert Rubeln, von denen ich ihr
fünfundzwanzig sofort einhändigte. Nach zwei Tagen kam sie zu mir.
„Da ist ein Offizier,“ sagte sie, „ein Leutnant Jefimowitsch, Ihr früherer
Regimentskamerad, im Spiel.“
Ich war sehr verwundert. Von diesem Jefimowitsch hatte ich im
Regiment am allermeisten Bosheit erfahren müssen. Vor einem Monat aber
war er, schamlos wie er stets gewesen, zweimal unter dem Vorwand etwas
versetzen zu wollen, zu uns gekommen. Ich weiß noch, daß er damals mit
meiner Frau zu scherzen versucht hatte. Da war ich denn an ihn
herangetreten und hatte ihm gesagt, er solle es nicht wagen,
wiederzukommen, – so wie unsere Beziehungen nun einmal stünden. Doch
nicht mal ein Gedanke an irgend so etwas war mir in den Kopf gekommen;
ich dachte einfach, daß er nichts als frech und zudringlich war. Und nun
sagte mir plötzlich dieses Weibsbild von Tante, daß sie sich ein Rendezvous
geben werden, und daß die ganze Geschichte von einer früheren Bekannten
der anderen Tante, einer Julija Ssamssonowna, die noch dazu Witwe eines
Obersten sein sollte, unterstützt würde. – „Und zu dieser Witwe geht Ihre
Frau.“
Ich werde mich kürzer fassen. Im ganzen kam mich die Sache auf zirka
dreihundert Rubel zu stehn; dafür aber war es nach zweimal

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vierundzwanzig Stunden abgemacht, daß ich im Nebenzimmer hinter der
Tür stehen und auf diese Weise dem ersten tête-à-tête meiner Frau mit
Jefimowitsch beiwohnen sollte. In der Erwartung dessen kam es nun noch
am Abend vorher zu einer kurzen, doch nur zu bedeutsamen kleinen Szene
zwischen ihr und mir.
Sie kam kurz vor Abend zurück, setzte sich aufs Bett, blickte mich
spöttisch an und baumelte wieder mit dem Beinchen überm Teppich. Da, als
ich sie so sah, fiel es mir plötzlich auf, daß sie in diesem ganzen letzten
Monat oder wenigstens in den letzten zwei Wochen – ja gar nicht mehr sie
selbst gewesen war. Das war plötzlich ein wildes, unordentliches Geschöpf
geworden, das bereit war, sich ins Verderben zu stürzen, das den Strudel
geradezu suchte. Solch ein Wesen kann sich mit seiner Vernunft und seinem
Schamgefühl, wenn es einmal die Grenzen überschritten, nicht mehr
zurechtfinden. Es gerät in einer Weise aus dem Gleise, wie man es nie für
möglich gehalten hätte. Dagegen wird sich eine verderbte Seele immer zu
mäßigen wissen, wird vielleicht das Gemeinste tun, aber dabei doch immer
noch Ordnung und Anstand wahren und obendrein womöglich noch die
Anmaßung haben, einem überlegen zu sein.
„Ist es wahr, daß man Sie aus dem Regiment fortgejagt hat, weil Sie aus
Furcht ein Duell ausgeschlagen haben?“ fragte sie plötzlich und ihre Augen
erglänzten.
„Ja, es ist wahr. Man bat mich nach dem Urteilsspruch der Offiziere, das
Regiment zu verlassen, obgleich ich übrigens schon vorher selbst mein
Abschiedsgesuch eingereicht hatte.“
„Als Feigling fortgejagt?“
„Ja, ich wurde als Feigling verurteilt. Doch hatte ich das Duell nicht aus
Furcht ausgeschlagen, sondern weil ich mich nicht ihrem tyrannischen
Urteilsspruch fügen wollte: zum Duell herauszufordern, wenn ich selbst
eine Beleidigung nicht anerkennen konnte ... Wissen Sie,“ – sagte ich
plötzlich, denn ich konnte nicht an mich halten – „daß mit der Tat sich
gegen solche Tyrannei auflehnen und alle Folgen dieser Handlung auf sich
nehmen, viel mehr Männlichkeit beweisen hieß, als zu einem Duell
herausfordern.“
Ich hatte mich nicht beherrschen können und mit den letzten Worten
gleichsam mich zu rechtfertigen begonnen; das aber wollte sie ja nur, diese
meine neue Erniedrigung! Sie lachte boshaft auf.

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„Und ist es wahr, daß Sie sich darauf drei Jahre lang in den Straßen
Petersburgs wie ein Strolch herumgetrieben haben, um zehn Kopeken die
Leute angesprochen und unter den Billards genächtigt haben?“
„Ich habe sogar in der Ssennaja im Wjäsemskischen Hause[6] genächtigt.
Ja, es ist wahr; in meinem Leben war später, nach dem Ausschluß aus dem
Regiment, viel Schmach und Verkommenheit, doch keine moralische
Verkommenheit, denn ich war ja doch selbst der erste, der mich und meine
Handlungen haßte. Das war bloß eine Ohnmacht meines Willens, die durch
die Verzweiflung meiner Lage hervorgerufen wurde ... Aber das ist jetzt
vorüber, ist gewesen ...“
„Oh, natürlich. Jetzt sind Sie ja eine große Persönlichkeit: ein
Finanzmann!“
Das war natürlich eine Anspielung auf die Pfandkasse. Doch ich
beherrschte mich schon wieder. Ich sagte mir, daß sie es ja doch nur auf
Erklärungen meinerseits abgesehen hatte, die mich erniedrigen sollten und
– ich schwieg. Zudem klingelte gerade jemand und so ging ich denn aus
dem Schlafzimmer an meine Kasse. Darauf, nach einer Stunde ungefähr, als
sie sich angekleidet hatte, um wieder auszugehn, blieb sie plötzlich noch
vor mir stehen und sagte:
„Vor der Hochzeit aber haben Sie mir nichts davon gesagt?“
Ich antwortete nicht und sie ging.
Und so war’s denn am folgenden Tage, daß ich dort in jenem Zimmer
hinter der Tür stand und zuhörte, wie sich mein Schicksal entschied, – doch
in meiner Tasche hatte ich einen Revolver. Sie war sorgfältig angekleidet,
saß hinter dem Tisch auf dem Sofa und Jefimowitsch gab sich alle Mühe.
Nun, und –: es geschah das (ich sage es zu meiner Ehre), es geschah genau
das, was ich vorausgefühlt hatte, was ich angenommen, daß geschehen
würde ... wenn ich mir auch dessen nicht bewußt war, daß ich es tat ... Ich
weiß nicht, ob ich mich verständlich ausdrücke.
Und zwar geschah folgendes: Ich hörte eine ganze Stunde lang zu, eine
ganze Stunde lang dem Zweikampf eines Weibes, des edelsten und
keuschesten, mit einer stumpfen, verderbten Lebeweltkreatur. Und woher –
fragte ich mich erstaunt, woher kann diese naive, diese keusche, diese
unerfahrene junge Seele alles das wissen? Selbst der geistreichste Autor
einer mondänen Komödie hätte nicht solch eine Szene erdichten können,
solch einen Spott, solch ein allernaivstes Lächeln mit dieser heiligen
Verachtung, die der reine Mensch für das Laster hat. Und wieviel Geist war

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doch in ihren Worten und kleinen Wörtchen, welch ein Scharfsinn in ihren
schnellen Antworten und welche Sicherheit und Wahrheit in ihren Urteilen.
Und zu gleicher Zeit wieviel – ich möchte sagen – mädchenhafte
Gutmütigkeit! Auf seine Liebeserklärungen hin lachte sie ihn einfach aus.
Er, der mit seinen rohen Absichten gekommen war, saß plötzlich ganz
kleinlaut da und wußte nicht, wie ihm geschah. Zuerst hätte ich glauben
können, daß es ihrerseits nur Koketterie war – „Koketterie eines, wenn auch
verderbten, so doch jedenfalls geistreichen Weibes, um sich kostbarer zu
machen“. Aber nein, die Wahrheit war so sonnenklar, daß ein Zweifel
überhaupt nicht bestehen konnte. Nur aus Haß zu mir, aus sich selbst
vorgetäuschtem, eingebildetem plötzlichem Haß zu mir, hatte sie, dies
unerfahrene Ding, sich zu diesem Rendezvous entschließen können; sobald
es aber zur Tat kam – erwachte sie sofort. Sie quälte sich selbst, um mich
irgendwie, einerlei wodurch, zu beleidigen, doch ist es ja nur zu
verständlich, daß sie, die sich zu etwas so Scheußlichem entschlossen zu
haben schien, sofort auf diesem Wege stehen blieb und umkehrte, als sie
ihm gegenüberstand: sie ertrug es nicht. Und sie, diese sündenlose, keusche
Seele, die ihr Ideal besaß, hätte solch ein Jefimowitsch oder einerlei wer
von diesem Lebeweltgesindel verführen können? Er rief ja bei ihr nur
Gelächter hervor. Die ganze Wahrheit erhob sich in ihrer Seele und der
Unwille erweckte bloß Spott in ihrem Herzen. Ich wiederhole: dieser Narr
saß zum Schluß ganz verdutzt auf seinem Stuhl, blickte mürrisch drein und
antwortete kaum, so daß ich schon befürchtete, er würde vielleicht aus
niedriger Rachsucht sie zu beleidigen suchen. Und ich wiederhole
nochmals, zu meiner Ehre sei es gesagt –: ich hörte das ganze Gespräch so
gut wie ohne jegliche Verwunderung an. Es war mir, als ob ich etwas
Bekanntes wiederfand. Ich war gleichsam nur deswegen hingegangen, um
dieses Bekannte wiederzufinden. Ich ging hin, ohne einer einzigen
Beschuldigung zu glauben, obgleich ich mir den Revolver in die Tasche
gesteckt hatte –, das ist die ganze Wahrheit. Und wie hätte ich sie mir denn
überhaupt anders denken können? Warum liebte ich sie denn, warum
schätzte ich sie denn so hoch, warum hatte ich sie denn geheiratet? Oh,
natürlich wurde mir klar, wie sehr sie mich haßte, doch wurde mir auch das
klar, wie unverdorben, wie rein sie war. Ich machte der Szene plötzlich ein
Ende, indem ich die Tür öffnete. Jefimowitsch sprang auf; ich bot ihr den
Arm und bat sie, mit mir das Haus zu verlassen. Jefimowitsch faßte sich
ziemlich schnell und lachte belustigt laut auf.

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„Oh, gegen die geheiligten Gattenrechte habe ich natürlich nichts
einzuwenden! Bitte, führen Sie sie fort, bitte! Und wissen Sie,“ rief er mir
noch nach, „obgleich sich ja ein anständiger Mensch mit Ihnen eigentlich
nicht schlagen kann, so stehe ich doch, aus Achtung vor Ihrer Frau, zu Ihrer
Verfügung ... Wenn Sie, übrigens, selbst riskieren sollten ...“
„Hören Sie!“ sagte ich ihr, und hielt sie noch einen Augenblick auf der
Türschwelle zurück.
Darauf den ganzen Weg bis nach Haus kein Wort. Ich führte sie an der
Hand und sie widersetzte sich nicht. Im Gegenteil, sie war furchtbar
betroffen, und das nicht nur auf dem Wege bis zu unserer Wohnung. Bei uns
angekommen, setzte sie sich auf einen Stuhl und richtete dann starr ihren
Blick auf mich. Sie war ungewöhnlich bleich; wenn sich auch ihre Lippen
sofort wieder spöttisch verzogen, so sah sie mich doch mit einem Blick
stolzer Herausforderung an und war, glaube ich, fest überzeugt, wenigstens
in den ersten Minuten, daß ich sie nun sofort niederschießen würde. Ich
aber zog meinen Revolver schweigend aus der Tasche und legte ihn auf den
Tisch. Sie blickte von mir auf den Revolver, vom Revolver auf mich.
(Beachten Sie folgendes: dieser Revolver war ihr schon bekannt. Ich hatte
ihn mir gekauft, weil ich nicht beabsichtigte, große Hunde oder einen
starken Diener, wie ihn zum Beispiel Moser hat, zu halten. Bei mir öffnet
die Magd die Tür. Andrerseits aber können wir uns doch nicht ganz des
Selbstschutzes berauben, – wenn die Leute nun einmal wissen, daß man
immer Geld im Hause hat. Und so hatte ich mir denn diesen Revolver
gekauft. Sie nun, als sie zu mir ins Haus kam, interessierte sich in den
ersten Tagen ganz besonders für das Ding und ich erklärte ihr daraufhin das
ganze System und beredete sie sogar einmal, nach einem Ziel zu schießen.
Bitte sich das zu merken.)
Ohne ihren erschrockenen Blick weiter zu beachten, legte ich mich halb
ausgekleidet auf das Bett. Ich war nicht wenig erschöpft. Es war schon elf
Uhr. Sie blieb auf ihrem Platz sitzen, ohne sich zu rühren, ungefähr noch
eine Stunde lang. Darauf löschte sie das Licht aus und legte sich, gleichfalls
angekleidet, an der Wand auf den Diwan. Zum ersten Mal legte sie sich
nicht mit mir nieder. – Das bitte gleichfalls zu behalten.

VI. Eine furchtbare Erinnerung.

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Jetzt ist es eine furchtbare Erinnerung ...
Ich erwachte am Morgen, ungefähr um acht. Im Zimmer war es fast
schon ganz hell. Ich erwachte plötzlich mit vollem Bewußtsein und schlug
die Augen auf: sie stand am Tisch und hielt den Revolver in der Hand. Sie
bemerkte es nicht, daß ich aufgewacht war und sie beobachtete. Und
plötzlich sehe ich: sie bewegt sich auf mich zu, mit dem Revolver in der
Hand ... Ich schloß sofort die Augen und stellte mich schlafend.
Sie kam bis ans Bett und beugte sich über mich ... Ich hörte alles ... wenn
es auch totenstill war, so hörte ich doch diese Stille ... Da – es war eine
krampfhafte Bewegung –: ich schlug plötzlich, gegen meinen Willen die
Augen auf: sie stand über mich gebeugt und sah mich an, blickte mir gerade
in die Augen – und der Revolver war schon dicht an meiner Schläfe. Unsere
Blicke trafen sich. Wir sahen einander nicht länger als eine Sekunde an. Mit
Anstrengung all meiner Kräfte schloß ich wieder die Augen und im selben
Moment faßte ich auch aus der ganzen Kraft meiner Seele den Entschluß,
mich nicht mehr zu rühren und nicht mehr die Augen zu öffnen, einerlei,
was mich auch erwarten mochte.
Es kommt in der Tat zuweilen vor, daß auch ein festschlafender Mensch
plötzlich die Augen aufschlägt, sogar den Kopf erhebt und sich im Zimmer
umblickt, darauf, nach einer Sekunde, den Kopf wieder auf das Kissen legt
und einschläft, ohne sich seiner ganzen Bewegung bewußt zu sein oder sich
später noch ihrer zu entsinnen. Als ich, nachdem sich unsere Blicke
getroffen und ich den Revolver ganz nah an meiner Schläfe gesehn hatte,
plötzlich wieder meine Augen schloß und mich regungslos verhielt, wie ein
Festschlafender, – da konnte sie entschieden glauben, daß ich tatsächlich
schlief und nichts gesehn hatte, um so mehr, als es doch ganz
unwahrscheinlich sein mußte, ich hätte, nachdem ich das gesehn, was ich
gesehn, in solch einem Augenblick die Augen wieder schließen können.
Allerdings war es unwahrscheinlich. Aber trotzdem hätte sie doch die
Wahrheit erraten können, – das war’s ja, was mir plötzlich in diesem selben
Augenblick durch die Gedanken zuckte. Welch ein Wirbelsturm von
Gedanken und Gefühlen in weniger als einer Sekunde durch meine Seele
stob! – oh, Elektrizität des Menschengedankens! In diesem Falle – wenn sie
die Wahrheit erraten hatte und wußte, daß ich nicht schlief – mußte ich sie
schon durch meine Bereitwilligkeit, in den Tod zu gehn, niederdrücken,
vernichten ... und ihre Hand hätte zurückzucken müssen. Die anfängliche
Entschlossenheit hätte an einem neuen ungewöhnlichen Eindruck

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zerschellen können. Man sagt, wer auf der Höhe steht, fühle sich
unwillkürlich hinabgezogen in den Abgrund: Ich glaube, viele Selbstmorde
und Morde sind nur begangen worden, weil der Revolver schon in der Hand
war. Da ist es gleichfalls ein Abgrund, ein Abhang von fünfundvierzig Grad
und da kann man nicht umhin, diesen Abhang hinunterzugleiten und es ist
da etwas, was einen unwiderstehlich herausfordert, den Hahn abzudrücken.
Doch wenn sie sich sagte, daß ich alles gesehn habe, alles weiß und
schweigend von ihr den Tod erwarte – dieser Gedanke hätte sie doch
vielleicht auf dem Abhange aufhalten können.
Die Stille dauerte an und – plötzlich fühlte ich an der Schläfe, dicht an
meinem Haar die kalte Berührung des Eisens ... Sie werden mich fragen, ob
ich immer noch auf eine Rettung hoffte? Ich will Ihnen wie meinem Gott
antworten: ich hatte nicht die geringste Hoffnung, außer vielleicht wie eins
zu hundert, nicht erschossen zu werden. Warum – fragen Sie mich – nahm
ich dann den Tod von ihr entgegen? Ich aber frage: was war mir denn das
Leben noch, nachdem das von mir vergötterte Wesen den Revolver auf
mich angelegt hatte? Außerdem fühlte ich mit meinem ganzen Ich, daß in
diesem Augenblick zwischen uns ein Kampf vor sich ging, ein furchtbarer
Zweikampf auf Leben oder Tod, der Kampf mit diesem selben früheren
„Feigling“, der von den Kameraden wegen „Feigheit“ fortgejagt worden
war! Ich wußte das, und auch sie wußte das, wenn sie nur die Wahrheit
erraten hatte, – daß ich nicht schlief!
Vielleicht ist es auch nicht so gewesen, vielleicht habe ich all das in dem
Augenblick auch nicht gedacht, aber das hätte doch alles so sein müssen,
wenn auch ohne Gedanken. Ich habe ja nachher sonst nichts mehr getan, als
in jeder Stunde meines Lebens daran gedacht.
Doch Sie können noch eine andere Frage stellen: warum bewahrte ich sie
nicht vor dem Verbrechen? Oh, ich habe mir selbst nachher wohl an
tausendmal diese Frage gestellt – jedesmal, wenn ich mir mit einem
Schauer im Rücken diesen Augenblick zu vergegenwärtigen suchte. Doch
meine Seele war damals in finsterer Verzweiflung: ich ging unter, ich ging
selbst unter, wen hätte ich da noch retten können!? Und woher wissen Sie,
ob ich da überhaupt noch jemanden hätte retten wollen? Woher soll man’s
wissen, was ich damals habe fühlen können.
Einstweilen war mein Bewußtsein überwach, siedete, kochte in mir ...
Die Sekunden kamen und gingen, es war totenstill ... Sie stand immer noch
über mich gebeugt – und plötzlich durchzuckte mich eine Hoffnung! – Ich

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schlug schnell die Augen auf: sie war nicht mehr im Zimmer. Ich erhob
mich vom Bett. – Ich, ich hatte gesiegt! – und sie war auf ewig besiegt!
Ich ging in das vordere Zimmer zum Frühstück. Der Samowar wurde bei
uns immer im ersten Zimmer aufgestellt und den Tee goß stets sie ein. Ich
setzte mich schweigend an den Tisch und nahm von ihr mein Glas in
Empfang. So nach fünf Minuten sah ich zum ersten Mal auch zu ihr
hinüber: sie war entsetzlich bleich, noch bleicher, als am Tage vorher, und
blickte mich an. Und plötzlich – und plötzlich, als sie gewahr wurde, daß
ich sie betrachtete, verzog sie ihre bleichen Lippen zu einem blassen
Lächeln, mit scheuer Frage in den Augen ... So zweifelt sie immer noch?
fragt sich wohl: weiß er es oder weiß er es nicht, hat er gesehn oder hat er
nicht gesehn? Gleichmütig wandte ich meinen Blick von ihr ab.
Nach dem Tee schloß ich die Kasse, ging auf den Markt und kaufte ein
eisernes Bett und einen großen Bettschirm. Nach Haus zurückgekehrt, ließ
ich das Bett im ersten Zimmer aufstellen und mit dem Schirm gleichsam
das Zimmer abteilen. Das war ein Bett für sie, doch sagte ich kein Wort
davon. Auch ohne Worte begriff sie durch dieses Bett, daß ich „alles gesehn
habe und alles weiß“. Für die Nacht legte ich den Revolver wie immer auf
den Tisch. Spät abends legte sie sich in dieses neue Bett: die Ehe war
aufgelöst. – „Sie war besiegt, doch war ihr noch nicht verziehen.“ In der
Nacht fing sie an zu phantasieren und am nächsten Morgen hatte sie hohes
Fieber. Sechs Wochen lag sie.

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Zweites Kapitel.

I. Ein stolzer Traum.

Lukerja hat mir soeben erklärt, daß sie hinfort nicht mehr bei mir bleiben
will und fortgehen wird, sobald die gnädige Frau beerdigt ist. Habe kniend
fünf Minuten gebetet, wollte zuerst eine ganze Stunde lang beten, doch
denke ich, denke ich die ganze Zeit; alles nur kranke Gedanken und ein
schmerzender Kopf, – was da beten! – wäre ja Sünde ... Sonderbar, daß ich
nicht schlafen will. In großem, allzu großem Leid will man doch nach den
ersten, stärksten Ausbrüchen immer schlafen. Zum Tode Verurteilte sollen,
wie man sagt, in der letzten Nacht ungewöhnlich fest schlafen. Ja, das muß
auch so sein, – das verlangt die Natur, sonst würden die Kräfte nicht
ausreichen ... Ich legte mich auf den Diwan, konnte aber nicht einschlafen
...

... Sechs Wochen pflegten wir sie Tag und Nacht: ich, Lukerja und die
Krankenwärterin aus dem Hospital. Geld sparte ich nicht, ich hatte
geradezu das Bedürfnis, für sie auszugeben. Von Ärzten rief ich auch
Schröder zu ihr und zahlte ihm zehn Rubel für jede Visite. Als sie
allmählich das Bewußtsein wiedergewann, ging ich seltener zu ihr. Doch
wozu beschreibe ich das lang und breit. Als sie schließlich aufstand, das
Bett verließ, da setzte sie sich leise und schweigend in meinem Zimmer an
den kleinen Tisch, den ich mittlerweile gleichfalls für sie gekauft hatte ... Ja,
es ist wahr, wir schwiegen ganz und gar; später fingen wir auch zuweilen
an, über irgend etwas zu sprechen, aber – immer über Gleichgültiges. Ich
war natürlich mit Absicht nicht gesprächig, doch bemerkte ich sehr wohl,
daß auch sie froh war, kein überflüssiges Wort sagen zu müssen. Das
erschien mir ihrerseits ganz natürlich: „Sie ist viel zu erschüttert, viel zu
sehr besiegt,“ dachte ich, „und man muß ihr eben Zeit geben, zu vergessen
und sich wieder einzuleben.“ So schwiegen wir denn beide, doch bereitete
ich mich im Herzen jeden Augenblick auf das Zukünftige vor. Ich glaubte,

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daß auch sie dasselbe tat und bemühte mich fortwährend zu erraten, woran
sie eigentlich bei sich jetzt denken könnte.
Natürlich ahnt kein Mensch, wieviel ich gelitten habe, als ich während
ihrer Krankheit bei ihr wachte. Selbst vor Lukerja verbarg ich es. Ich konnte
es mir nicht vorstellen, konnte es nicht einmal in der Annahme zulassen,
daß sie sterben könnte, bevor sie alles erfahren haben würde. Als sie aber
die Gefahr überstanden hatte und die Gesundheit allmählich wiedererlangte,
da, ich weiß es noch genau, beruhigte ich mich gar bald und zwar
vollkommen. Ja, ich beschloß sogar, unsere „Zukunft“ so weit als möglich
hinauszuschieben und vorläufig alles so wie es war seinen Gang gehen zu
lassen. In der Tat, es geschah damals mit mir etwas Sonderbares und
Besonderes, – anders verstehe ich es nicht zu bezeichnen: ich hatte gesiegt,
und schon die bloße Erkenntnis dessen erwies sich für mich als
vollkommen genügend. Und so verging denn der ganze Winter. Oh, was
mich anbetraf, so war ich so zufrieden, wie noch nie zuvor ... und das war
ich den ganzen Winter über.
Sehen Sie: in meinem Leben gab es ein furchtbares äußeres Verhängnis,
das bis zu der Zeit, das heißt, bis zum Tage der Katastrophe mit meiner
Frau, mich jeden Tag, jede Stunde bedrückte: das war der Verlust meiner
Reputation und jener Ausschluß aus dem Regiment. Kurz: an mir war
tyrannisch Ungerechtigkeit verübt worden. Es ist wahr, meine Kameraden
liebten mich nicht wegen meines schweren Charakters und, vielleicht auch,
wegen meines sonderbaren Charakters, obgleich es doch häufig vorkommt,
daß das, was der eine hochhält, schätzt und achtet, zu gleicher Zeit aus
irgend einem Grunde den anderen lächerlich erscheint. Auch in der Schule
hat man mich niemals geliebt. Immer und überall hat man mich nicht
geliebt. Auch Lukerja mag mich nicht. Der Zwischenfall im Regiment –
wenn er auch im Grunde die Folge meiner Unbeliebtheit sein mochte, war
doch jedenfalls zufällig. Ich sage das nur, weil es nichts Kränkenderes und
Unerträglicheres gibt, als durch einen Zufall zu grunde zu gehen, durch
einen Zufall, der ebenso gut auch nicht hätte sein können, durch das
unglückliche Zusammentreffen von Umständen, die sonst vielleicht wie
eine Wolke vorübergezogen wären. Für einen intelligenten Menschen ist
das geradezu erniedrigend.
Der Fall war folgender:
Im Zwischenakt im Theater ging ich hinaus ans Buffet. Da trat der
Husarenleutnant A–ff plötzlich gleichfalls ein und erzählte zwei anderen

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Husaren aus seinem Regiment mit ziemlich lauter Stimme – wenigstens so,
daß es alle anwesenden Offiziere und das Publikum hören konnten –, daß
ein Hauptmann unseres Regiments, Besumzeff, im Korridor Skandal
gemacht habe und – „wahrscheinlich betrunken sei“. Es entspann sich
weiter kein Gespräch darüber, und dazu war es auch noch ein Irrtum, denn
der Hauptmann Besumzeff war weder betrunken gewesen, noch hatte er
besonderen Skandal gemacht. Die Husaren gingen auf ein anderes Thema
über und damit war’s abgetan. Am nächsten Tage jedoch wurde die
Geschichte in unserem Regiment bekannt und sofort wußte man auch, daß
von Offizieren unseres Regiments nur ich allein zugegen gewesen und auf
den Leutnant A–ff nicht zugetreten war, als er sich in ungeziemender Weise
über Hauptmann Besumzeff geäußert, um ihn wenigstens durch eine
Bemerkung zurechtzuweisen. Doch – aus welchem Grunde hätte ich das tun
sollen? Wenn er etwas gegen unseren Hauptmann Besumzeff hatte, so war
das doch eine persönliche Angelegenheit, aus welchem Grunde hätte ich
mich da hineinmischen sollen? Meine Kameraden jedoch fanden, daß die
Sache keine persönliche gewesen war, sondern das ganze Regiment anging:
ich hätte durch mein Verhalten allen am Buffet anwesenden Offizieren und
dem Publikum gezeigt, daß es in unserem Regiment auch Offiziere gibt, die
in Betreff ihrer wie des Regimentes Ehre nicht gerade empfindlich sind. Mit
dieser Auffassung konnte ich nicht übereinstimmen. Man gab mir zu
verstehn, daß ich noch alles gutmachen könnte, wenn ich mich noch
nachträglich mit A–ff auseinandersetzen wollte. Das aber wollte ich nicht
und da ich gereizt war, so weigerte ich mich stolz. Gleich darauf reichte ich
mein Abschiedsgesuch ein. Das ist die ganze Geschichte. Äußerlich stolz,
doch innerlich gebrochen ging ich fort: krank am Willen, kraftlos im Geiste.
Da kam gerade noch hinzu, daß mein Schwager in Moskau unser kleines
Kapital verlor und ich somit auch meines Teiles verlustig ging. Und so blieb
ich denn ohne eine Kopeke auf der Straße. Ich hätte ja in einen Zivildienst
eintreten können, doch tat ich es nicht: nach dem glänzenden Waffenrock
mochte ich keine einfache Uniform tragen, irgendwo an der Eisenbahn
dienen. Sollte einmal Schande in meinem Leben sein, nun – dann eben
Schande, je schlimmer, desto besser – das war’s, was ich vorzog. Darauf
folgten dann drei Jahre dunkle Erinnerungen und darunter auch solche aus
dem Wjäsemskischen Hause ... Vor anderthalb Jahren starb in Moskau eine
reiche alte Frau, meine Taufmutter, und hinterließ mir, wie allen ihren
Taufkindern, ganz unerwartet dreitausend Rubel. Das gab mir den Anstoß,

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nachzudenken, und ich entschied mein Schicksal. Ich entschloß mich für
die Pfandkasse, ohne mich um die Menschen weiter zu kümmern: erst Geld
erwerben, dann einen Winkel und – neues Leben fern von alten
Erinnerungen: – das war mein Plan ... Nichtsdestoweniger quälten mich das
dunkle Vergangene und die auf ewig verlorene Ehre in jeder Stunde, in
jeder Minute meines Lebens. Dann heiratete ich. Ob zufällig oder nicht –
ich weiß es nicht. Jedenfalls glaubte ich, als ich sie in mein Haus führte, daß
ich einen Freund einführe, denn einen Freund hatte ich nur zu nötig. Ich
erkannte aber deutlich, daß dieser Freund erst vorbereitet, erzogen, sogar
besiegt werden mußte. Und wie hätte ich denn dieser voreingenommenen
Sechzehnjährigen so mit einem Schlage irgend etwas erklären können?
Zum Beispiel, wie hätte ich sie ohne die zufällige Hilfe der furchtbaren
Katastrophe mit dem Revolver überzeugen können, daß ich kein Feigling
bin und daß man mich im Regiment mit Unrecht als Feigling verurteilt
hatte? Doch die Katastrophe kam zur rechten Zeit. Als ich den Revolver
aushielt, rächte ich mich an meiner ganzen finsteren Vergangenheit. Und
wenn das auch niemand erfuhr, so erfuhr es doch sie, sie aber war alles für
mich, denn sie selbst war mir alles, war in meinen Gedanken die ganze
Hoffnung meiner Zukunft! Sie war der einzige Mensch, den ich ganz für
mich bestimmte, einen anderen brauchte ich nicht mehr, – und da hatte sie
denn nun alles erfahren. Sie hatte wenigstens erfahren, daß es von ihr
Unrecht gewesen war, sich meinen Feinden anzuschließen. Der Gedanke an
meinen Sieg beruhigte mich. In ihren Augen konnte ich folglich nicht mehr
gemein sein, vielleicht höchstens noch ein sonderbarer Mensch, doch auch
das war mir nach allem, was geschehen war, durchaus nicht so unlieb:
Sonderbarkeit ist kein Laster, im Gegenteil, gefällt zuweilen sogar dem
weiblichen Charakter. Kurz, ich schob absichtlich die Lösung der Sache
hinaus: das Geschehene war vorläufig zu meiner Beruhigung übergenug
und enthielt solch eine Fülle von Bildern und Material für meine Träume!
Das ist ja die Gemeinheit, daß ich eben ein Träumer bin: mir genügten die
Träume, von ihr aber dachte ich, daß sie warten würde.
So verging der ganze Winter, gewissermaßen wie in Erwartung irgend
eines Ereignisses. Ich liebte es, sie heimlich zu betrachten, wenn sie so an
ihrem Tischchen saß. Sie beschäftigte sich mit einer Handarbeit, nähte an
der Wäsche, des Abends aber las sie Bücher, die sie dann aus meinem
Schrank nahm. Die Auswahl der Bücher, die ich besaß, mußte in ihrer Art
zu meinen Gunsten sprechen. Sie ging fast nirgendwo hin. Vor der

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Dämmerstunde, nach dem Essen, ging ich jeden Tag mit ihr spazieren, und
wir machten uns Bewegung, doch geschah das stets vollkommen
schweigend, ganz so wie früher. Ich bemühte mich gerade so zu tun, als ob
wir nicht schwiegen und in allem wortlos übereinstimmten, doch, wie
gesagt, vermieden wir beide überflüssige Worte. Ich tat es mit Absicht und
ihr, dachte ich, muß man unbedingt „Zeit geben“. Eines ist allerdings
sonderbar: es kam mir kein einziges mal in den Sinn, daß ich es liebte, sie
heimlich zu betrachten, andererseits hatte ich aber während des ganzen
Winters kein einziges mal bemerkt, daß auch ihr Blick auf mir ruhte. Ich
glaubte, das wäre ihre Schüchternheit. Und zudem war sie von solch einer
scheuen Sanftmut, sah sie so kraftlos nach der Krankheit aus. „Nein, warte
lieber ab und – und sie wird plötzlich selbst zu Dir kommen ...“
Dieser Gedanke bezauberte mich unwiderstehlich. Füge noch eines
hinzu: zuweilen geschah es, daß ich mich selbst gewissermaßen aufhetzte
und meinen Geist und meine Vernunft so weit brachte, daß ich sie haßte.
Und das dauerte dann so eine geraume Zeit. Doch konnte sich dieser Haß
nie so recht in meiner Seele einnisten. Und ich fühlte doch auch selbst im
Geheimen, daß es eigentlich nur ein Spiel war. Und sogar damals habe ich,
wenn auch ich es war, der unsere Ehe zerriß, indem ich das Bett und den
Wandschirm kaufte, – sogar damals habe ich niemals, niemals in ihr eine
Verbrecherin sehen können. Und nicht etwa, weil ich ihr Verbrechen
leichtfertig beurteilt hätte, nein, weil ich mir vorgenommen hatte, ihr ganz
und gar zu vergeben, schon vom ersten Tage an, sogar schon bevor ich noch
das Bett kaufte! Mit einem Wort, das war eine Sonderbarkeit meinerseits,
denn ich bin moralisch streng ... Im Gegenteil, in meinen Augen war sie
dermaßen besiegt, dermaßen erniedrigt, dermaßen vernichtet, daß sie mir
zuweilen in der Seele leid tat, obgleich mir andererseits bei all dem der
Gedanke an ihre Erniedrigung entschieden wohlgefiel. Ja, ja, der Gedanke
an diese unsere Ungleichheit gefiel mir ...
In diesem Winter tat ich absichtlich viel Gutes. Stundete unter anderem
zwei Schuldnern und gab einer armen Frau ohne jedes Pfand Geld. Meiner
Frau sagte ich nichts davon und tat es auch nicht, damit sie es erfahren
sollte; aber die arme Frau kam von selbst, um sich bei mir zu bedanken, –
hätte nicht viel gefehlt, so wäre sie auf die Kniee gefallen. So erfuhr sie es
denn doch; es schien mir, daß es ihr wirklich Freude machte, dieses von der
armen Frau zu hören.

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Da kam der Frühling; es war schon Mitte April, die Vorsatzfenster
wurden herausgenommen und die Sonne warf bereits leuchtende
Strahlenbündel in unsere schweigenden Zimmer. Doch die Binde war noch
vor meinen Augen und machte mich blind. Die verhängnisvolle furchtbare
Binde! Wie kam es nur, daß es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen
fiel und ich mit einem Male alles sah und alles begriff. Ob es ein Zufall war,
oder war’s der Tag einer abgelaufenen Frist, oder war’s ein Sonnenstrahl,
der in meinem stumpfgewordenen Geiste den Gedanken und die Wahrheit
entzündete? Nein, da war nichts von Gedanken noch von Bestimmung, da
erzitterte nur plötzlich eine kleine Ader, eine bis dahin scheintot gewesene
Ader, die plötzlich zusammenzuckte und sich belebte und meine ganze
stumpfgewordene Seele erleuchtete und meinen ganzen teuflischen
Hochmut, so daß ich damals geradezu aufschnellte von meinem Stuhl. Und
geschah es doch so plötzlich, so unvermutet. Es geschah gegen Abend, so
um fünf Uhr nachmittags ...

II. Die Binde fiel.

Zuerst noch zwei Worte. Schon vor einem Monat war mir an ihr eine
sonderbare Nachdenklichkeit aufgefallen; das war nicht mehr
Schweigsamkeit, sondern solch ein tiefes Sinnen. Das hatte ich gleichfalls
ganz plötzlich bemerkt. Sie saß damals mit einer Handarbeit, den Kopf
gebeugt und bemerkte nicht, daß ich sie betrachtete. Und da fiel es mir denn
plötzlich auf, daß sie so schmal, so mager geworden war, das Gesichtchen
so bleich und die Lippen so blaß, – und zudem noch die stille
Nachdenklichkeit erschreckte mich mit einem Mal ungewöhnlich. Auch
früher schon hatte ich sie von Zeit zu Zeit ein wenig trocken husten gehört,
besonders des Nachts. Ich erhob mich sofort und begab mich zu Schröder,
um ihn zu uns zu bitten – ohne ihr etwas davon zu sagen.
Schröder kam am nächsten Tage. Sie war sehr verwundert und sah
erstaunt bald mich, bald Schröder an.
„Aber ich bin doch ganz gesund!“ sagte sie darauf mit einem
unbestimmten Lächeln.
Schröder untersuchte sie nicht sonderlich genau – diese Mediziner sind
nicht selten vor lauter Eigendünkel nachlässig – und sagte mir dann im
Nebenzimmer, es hätte weiter nichts auf sich, sei noch von der Krankheit

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nachgeblieben und es wäre vielleicht nicht schlecht, wenn sie den Sommer
am Meere verbringen könnte oder, falls das nicht möglich sein sollte,
irgendwo auf dem Lande. Mit anderen Worten: er sagte nichts, außer, daß es
Schwäche wäre oder so etwas Ähnliches. Als Schröder fortgegangen war,
sagte sie mir, indem sie mich furchtbar ernst anblickte, plötzlich nochmals:
„Ich bin wirklich, wirklich ganz gesund.“
Doch kaum hatte sie es gesagt, als sie plötzlich errötete, augenscheinlich
vor Scham. Selbstverständlich war das Scham! Oh, jetzt verstehe ich es: sie
schämte sich, daß ich noch ihr Mann war, mich um sie sorgte. Damals
jedoch begriff ich es nicht und schrieb das Erröten der Demütigung zu.
Und ... ... – nach einem Monat war’s, so um fünf Uhr nachmittags, im
April an einem klaren, sonnigen Tage. Ich saß an der Kasse und rechnete.
Plötzlich höre ich, daß sie in meinem Zimmer an ihrem Tischchen bei der
Handarbeit – leise, ganz leise ... singt. Das kam so unerwartet, machte auf
mich einen so erschütternden Eindruck ... Bis dahin hatte ich sie fast nie
singen gehört, höchstens in den allerersten Tagen, nachdem ich sie in mein
Haus geführt, als wir noch Mutwillen treiben konnten, ins Ziel schießen und
ähnliches ... Damals war ihre Stimme ziemlich stark und gesund und wenn
auch ungeschult, so doch seltsam angenehm und klar gewesen. Jetzt aber
war das Liedchen so schwach, – oh, nicht daß es melancholisch gewesen
wäre – es war irgend eine Romanze –, aber es war, als ob in der Stimme
etwas Gesprungenes, Zerbrochenes klang, als ob das Stimmchen sich nicht
zurechtfinden konnte, als ob das Lied selbst krank gewesen wäre. Sie sang
nur halblaut, und plötzlich, bei einer höheren Note, brach die Stimme ab, –
solch ein armes Stimmchen, so leid tat’s einem, als es abbrach! Sie hustete
ein wenig und begann dann wieder leise, ganz leise, kaum, kaum hörbar zu
singen ...
Man wird über meine Aufregung lächeln, doch niemals wird jemand
begreifen, warum ich plötzlich so erregt war. Nein, sie tat mir noch nicht
leid ... Es war etwas ganz anderes. Zuerst, wenigstens in den ersten
Minuten, kam über mich plötzlich ein Nicht-begreifen-können, eine
furchtbare Verwunderung, ja: eine furchtbare und sonderbare, krankhafte
und fast mystische Verwunderung: „Sie singt, und das in meiner
Gegenwart!? Sollte sie mich etwa vergessen haben?“
Ganz erschüttert blieb ich auf meinem Platz. Dann stand ich plötzlich
auf, nahm meinen Hut und ging hinaus, gewissermaßen ohne daran zu

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denken, was ich tat. Wenigstens weiß ich nicht wohin und warum ich ging.
Lukerja brachte mir meinen Mantel.
„Sie singt?“ fragte ich sie unwillkürlich. Sie verstand mich nicht und sah
mich verwundert an; übrigens war ich auch wirklich unverständlich.
„Singt sie jetzt zum ersten Mal?“
„Nein, wenn Sie fort sind, singt sie zuweilen,“ antwortete Lukerja.
Ich weiß noch. Ich ging die Treppe hinunter, trat auf die Straße und ging
dann geradeaus weiter, ging bis zur Ecke, blieb dort stehn und blickte
angestrengt irgendwohin. Man ging an mir vorüber, stieß mich, ich fühlte es
nicht. Ich rief eine Droschke an und sagte dem Kutscher, er solle zur
Polizeibrücke fahren; warum dorthin, weiß ich nicht. Doch stieg ich
plötzlich aus und gab ihm einen Zwanziger.
„Für die Ruhestörung,“ sagte ich, sinnlos ihm zulächelnd, doch in
meinem Herzen erhob es sich plötzlich wie ein Rausch.
Ich kehrte nach Haus zurück; beschleunigte den Schritt. Die kleine
gesprungene, armselige Note erklang plötzlich wieder in meiner Seele. Mir
blieb der Atem stehn. Die Binde fiel, fiel von meinen Augen! Wenn sie in
meiner Gegenwart zu singen angefangen hatte, so hatte sie mich vergessen,
– das war’s, was ich klar begriff, das war das Furchtbare! Das fühlte das
Herz. Doch die Begeisterung erfüllte meine Seele und überwältigte die
Angst.
Oh Ironie des Schicksals! War doch ... konnte doch in meiner Seele
diesen ganzen Winter über nichts anderes sein, außer dieser selben
Begeisterung, diesem selben Entzücken – wo aber war ich selbst diesen
ganzen Winter über gewesen? wo war denn meine Seele gewesen? Ich lief
eilig die Treppe hinauf, weiß nicht, ob ich schüchtern eintrat. Erinnere mich
nur noch, daß der ganze Fußboden unter mir wie ein Meer zu wogen schien
und ich gleichsam wie in einem breiten Strome schwamm. Ich trat ins
Zimmer: sie saß auf ihrem früheren Platz, nähte, den Kopf über die Arbeit
gebeugt, doch sang sie nicht mehr. Sie warf einen flüchtigen, gleichgültigen
Blick auf mich, doch war das eigentlich kein Blick, sondern nur so eine
Bewegung, eine gleichgültige, so wenn irgend jemand ins Zimmer tritt.
Ich ging direkt zu ihr und setzte mich neben sie auf einen Stuhl, ganz
dicht neben sie, wie ein Wahnsinniger. Sie blickte schnell zu mir auf, als
hätte ich sie erschreckt: ich ergriff ihre Hand. Ich weiß nicht mehr, was ich
ihr sagte oder was ich ihr sagen wollte, denn ich konnte ja nicht mal recht

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sprechen. Meine Stimme riß immer ab und wollte mir nicht gehorchen. Und
ich wußte ja auch gar nicht, was ich sagen sollte, war nur ganz atemlos.
„Sprechen wir ... weißt Du ... sag etwas!“ brachte ich plötzlich stotternd
irgend so was Dummes hervor, – oh war’s denn um Klugheit zu tun! Sie
zuckte wieder zusammen und bog sich erschrocken zurück, starrte mich
entsetzt an, doch plötzlich drückte sich in ihren Augen – strenge
Verwunderung aus. Ja, Verwunderung, und strenge Verwunderung! Mit
großen Augen sah sie mich an. Diese Strenge, diese strenge Verwunderung
zermalmte mich wie mit einem Keulenschlage: „So willst Du noch Liebe?
Liebe?“ – fragte es mich plötzlich aus dieser Verwunderung heraus, wenn
sie auch schwieg. Doch ich las alles in ihrem Blick, alles. Alles erzitterte in
mir und ich stürzte zu ihren Füßen. Ja; ich fiel vor ihr nieder. Sie sprang
schnell auf, doch ich hielt sie mit all meiner Kraft an beiden Händen
zurück.
Und ich begriff vollkommen meine Verzweiflung, oh ich begriff sie!
Doch, werden Sie’s mir glauben, das Entzücken kochte in meinem Herzen
so unbezwingbar, daß ich glaubte, ich stürbe. In Verzweiflung und Glück
küßte ich ihre Füße. Ja, in Glück, in grenzenlosem, endlosem Glück, und
das beim vollen Begreifen meiner ganzen hoffnungslosen Verzweiflung?
Ich weinte, sagte etwas, konnte jedoch nicht sprechen. Der Schreck und die
Verwunderung wurden in ihr plötzlich von irgend einem besorgten
Gedanken verdrängt, von einer furchtbaren Frage, und sie blickte mich so
sonderbar an, fast wild, sie strengte sich an, irgend etwas schneller zu
begreifen und – sie lächelte. Sie schämte sich furchtbar, daß ich ihre Füße
küßte und zog sie immer zurück, doch da küßte ich die Stelle des
Fußbodens, wo ihr Fuß gestanden hatte. Sie sah das und plötzlich fing sie
an, vor Scham zu lachen (wissen Sie so, wenn die Menschen vor lauter
Scham lachen). Da begann die Hysterie, ich sah es wohl, ihre Hände
zuckten, – doch ich dachte nicht daran und flüsterte immer nur, daß ich sie
liebe, daß ich nicht aufstehn würde, – „laß mich nur Dein Kleid küssen ...
das ganze Leben lang Dich anbeten“ ... Ich weiß nicht mehr, erinnere mich
nicht, – und plötzlich schluchzte sie auf und erzitterte: ein furchtbarer
Nervenanfall. Ich hatte sie erschreckt.
Ich trug sie auf das Bett. Als der Anfall vergangen war, setzte sie sich auf,
so zerschlagen sah sie aus, erfaßte meine Hände und bat mich, mich zu
beruhigen: „Lassen Sie’s gut sein, quälen Sie sich doch nicht so, beruhigen
Sie sich!“ und wieder weinte sie. Diesen ganzen Abend ging ich nicht von

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ihr fort. Sagte ihr in einem fort, daß ich sie nach Boulogne-sur-mer bringen
würde, damit sie Seebäder nehmen könne, jetzt, sofort, oder höchstens nach
zwei Wochen, daß sie solch eine gesprungene Note im Stimmchen hätte wie
ich vorhin gehört, daß ich die Pfandkasse schließen und an Dobronrawoff
verkaufen würde, daß „alles nun von neuem beginnen wird, aber zuerst –
nach Boulogne, nach Boulogne!“ Sie hörte zu und fürchtete sich. Immer
mehr und mehr fürchtete sie sich. Doch die Hauptsache war für mich, daß
ich immer unbezwingbarer wieder ihr zu Füßen liegen und wieder den
Boden, auf dem ihre Füße standen, küssen wollte, und sie anbeten und –
„sonst werde ich nichts, nichts mehr von Dir bitten,“ wiederholte ich immer
wieder, – „antworte mir nichts, beachte mich überhaupt nicht, laß mich nur
Dich von einem Winkel aus ansehn, verwandele mich in Deinen Sklaven, in
Dein Hündchen“ ... Sie weinte.
„Und ich dachte, Sie würden mich einfach so lassen,“ – kam es plötzlich
ganz gegen ihren Willen aus ihr heraus, – so daß sie es vielleicht selbst
nicht mal bemerkte, wie sie es sagte, währenddessen aber, – oh, das war das
allerwichtigste, allerverhängnisvollste Wort von ihr, und das für mich an
jenem Abend allerverständlichste, und es war mir, als glitt mir von ihm ein
Messer durch das Herz! Alles erklärte es mir, alles, doch so lange wie sie
bei mir war, vor meinen Augen, hoffte ich unbezwinglich und war
unbeschreiblich glücklich. Oh ich habe sie maßlos ermüdet an jenem
Abend, was ich natürlich sehr gut wußte, doch glaubte ich immer, ich würde
so alles sofort gutmachen können. Endlich, in der Nacht war sie schon ganz
erschöpft; da beredete ich sie denn, einzuschlafen und sie schlief auch im
Augenblick ein. Ich blieb bei ihr und wartete, ob sie nicht phantasieren
würde: sie tat’s auch, doch nur ein wenig, ganz leicht. In der Nacht erhob
ich mich jeden Augenblick, ging leise in den Morgenschuhen zu ihr, um sie
zu betrachten. Ich rang die Hände über ihr, als ich dieses kranke Wesen sah,
auf diesem armseligen Lager, in diesem eisernen Bettchen, das ich ihr für
drei Rubel gekauft hatte. Ich kniete nieder, doch wagte ich es nicht, die
Füße der Schlafenden zu küssen – ohne ihre Erlaubnis ... – Ich wollte zu
Gott beten – konnt’s aber nicht: sprang auf. Lukerja betrachtete mich ganz
verwundert und kam fortwährend aus der Küche. Ich ging zu ihr hinaus und
sagte ihr, sie solle schlafen gehn; morgen würde etwas „ganz Anderes“
beginnen.
Und ich glaubte selbst daran – glaubte blind, sinnlos, furchtbar! Oh, das
Entzücken, das Entzücken überflutete mich! Ich erwartete nur den nächsten

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Tag. Vor allen Dingen: ich glaubte an kein Unglück, trotz der Symptome.
Die gesunde Vernunft war noch nicht ganz zurückgekehrt, trotz der
gefallenen Binde und lange, lange kehrte sie noch nicht zurück, – oh, bis
auf den heutigen Tag nicht, bis auf den heutigen Tag!! ja, und wie, wie hätte
sie damals auch wiederkehren sollen: lebte sie doch damals noch, war sie
doch hier vor meinen Augen und ich vor ihr: „Morgen wird sie aufwachen,
und ich werde ihr dann alles sagen und sie wird dann alles verstehn!“ – Das
waren meine Gedanken, einfach und klar, darum auch das Entzücken! Die
Hauptsache war dabei diese Fahrt nach Boulogne. Aus irgend einem
Grunde glaubte ich, daß Boulogne – alles, daß Boulogne etwas
Entscheidendes wäre. „Nach Boulogne, nur schnell nach Boulogne!“ ...
Sinnlos erwartete ich den Morgen.

III. Verstehe nur zu gut.

Das war doch im ganzen nur vor ein paar Tagen, vor fünf Tagen, im
ganzen nur fünf Tagen, am vorigen Dienstag! Nein nein, hätte sie doch nur
noch einen Augenblick gewartet und – und ich hätte die Finsternis
verscheucht! – Hatte sie sich denn etwa nicht beruhigt? Hörte sie mir doch
schon am nächsten Tage mit einem Lächeln zu, trotz der Verlegenheit ...
Das war’s ja: in dieser ganzen Zeit, in diesen fünf Tagen war sie entweder
verlegen oder sie schämte sich. Auch fürchtete sie sich, oh, sie fürchtete
sich sehr. Schon gut, ich sage ja nichts, ich werde nicht wie ein Sinnloser
widersprechen: es war Angst. Aber wie hätte sie sich denn nicht ängstigen
sollen? Waren wir uns doch schon so fremd geworden, hatten uns doch
schon so lange von einander entwöhnt und plötzlich all das ... Ich beachtete
ihre Angst nicht weiter, die Zukunft leuchtete! ... Es ist wahr, es ist
zweifellos wahr, daß ich einen Fehler begangen habe. Und vielleicht habe
ich sogar viele Fehler begangen. Gleich am Morgen schon, sofort nachdem
wir aufgewacht waren, das war also am folgenden Tage, am Mittwoch –
beging ich einen großen Fehler: ich machte sie plötzlich zu meinem
Freunde. Nur – beeilte ich mich damit zu sehr, allzu sehr ... aber die Beichte
war doch notwendig, unvermeidlich. Ach, was sage ich „Beichte“! – Das
war doch weit mehr! Ich verbarg ihr nicht einmal das, was ich auch vor mir
selbst mein Leben lang verborgen hatte. Ich sprach es offen aus, daß ich in
diesem ganzen Winter von ihrer Liebe überzeugt gewesen war. Ich setzte

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ihr auseinander, daß die Pfandkasse nur die Folge meines gebrochenen
Willens und Geistes war, meine persönliche Idee von Selbstgeißelung und
Eigenqual. Ich erklärte ihr, daß ich damals am Buffet tatsächlich den Mut
verloren hatte und zwar einfach aus meinem Charakter heraus, aus
Mißtrauen zu mir selbst, wenn man will; mich hatte die Umgebung
eingeschüchtert, es ängstigte mich das: „wie werde ich da nun so vortreten
und – wird es sich nicht vielleicht lächerlich ausnehmen?“ Hatte nicht das
Duell gefürchtet, wohl aber, daß es sich „lächerlich ausnehmen könnte“ ...
Dann aber hatte ich das schon nicht mehr eingestehn wollen und mich und
alle anderen deswegen gequält und auch sie deswegen gequält, und sie auch
nur geheiratet, um sie deswegen zu quälen. Überhaupt sprach ich die ganze
Zeit wie im Fieber. Sie erfaßte meine Hände und bat mich, aufzuhören: „Sie
übertreiben ... Sie quälen sich,“ und wieder brach sie in Tränen aus, wieder
kam es fast zu Anfällen! Immer wieder bat sie mich, nicht mehr davon zu
sprechen und überhaupt nicht daran zu denken.
Ich beachtete ihr Flehen nicht oder nur wenig: ich dachte an den
Frühling, an Boulogne! Dort ist Sonne, dort ist unsere neue Sonne! und nur
davon sprach ich. Ich schloß die Pfandkasse und übergab die Sachen
Dobronrawoff. Ich schlug ihr plötzlich vor, alles den Armen zu geben,
außer den ersten drei Tausend, die ich von meiner Taufmutter erhalten hatte,
um mit diesen nach Boulogne zu fahren – „und dann,“ sagte ich, „kehren
wir zurück und beginnen ein neues arbeitsames Leben“. Dabei blieb’s auch,
denn sie erwiderte mir doch nichts darauf ... Sie lächelte nur. Ich glaube, sie
lächelte mehr aus Zartgefühl, um mich nicht zu betrüben. Ich sah es doch,
daß ich ihr zur Last fiel, glauben Sie nicht, ich wäre so dumm und solch ein
Egoist gewesen, daß ich das nicht hätte sehen können. Ich sah alles, alles
bis auf den letzten Haarstrich, sah und wußte besser als alle anderen; meine
ganze Verzweiflung stand mir doch klar vor Augen!
Ich sprach immer nur von mir und von ihr. Auch von Lukerja. Ich
erzählte ihr, daß ich geweint hatte ... Oh, ich wechselte doch auch das
Gespräch, bemühte mich doch, gewisser Dinge mit keinem Wort zu
erwähnen. Und sie belebte sich dann auch sogar, hin und wieder, – ich
erinnere mich doch noch dessen, ich sah doch alles ganz genau! Wieso ...,
was sagen Sie da, ich hätte gesehn und dabei doch nichts bemerkt? – Wenn
nur das nicht geschehn wäre, so wäre alles gut geworden! Erzählte sie mir
doch noch vor drei Tagen, als das Gespräch auf die Lektüre kam, darauf,
was sie in diesem Winter gelesen hatte, – erzählte sie mir da doch alles ganz

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munter und als ihr die Szene aus dem Gil-Blas mit dem Erzbischof von
Granada einfiel, – da lachte sie doch! Und welch ein kindliches Lachen, wie
lieb war’s, – ganz wie früher, als wir noch verlobt waren – einen
Augenblick! einen Augenblick! Wie froh ich war! Übrigens setzte mich
dieses vom Erzbischof ungemein in Erstaunen: also mußte sie doch im
Winter, als sie hier so allein saß, soviel Seelenruhe und Glück gefunden
haben, daß sie über ein Chef-d’oeuvre lachen konnte. Folglich war sie auf
dem Wege, fest zu glauben, daß ich sie einfach so lassen würde ... „Und ich
glaubte, Sie würden mich einfach so lassen!“ – hatte es sich doch an jenem
Dienstag aus ihr herausgerungen! Oh, Phantasie eines kleinen, zehnjährigen
Mädchens! Und sie glaubte doch, glaubte doch ernstlich, daß ich sie
wirklich einfach so lassen würde: sie an ihrem Tisch und ich an meinem
und so bis zum sechzigsten Jahre. Und plötzlich – tauche ich wieder auf,
ich, der Mann, und der Mann braucht Liebe! Oh, meine Blindheit, oh mein
Mißverstehen! Ach, warum verstand ich es nicht richtig, ach warum war ich
so blind!
Ein Fehler war es gleichfalls, daß ich in Ekstase zu ihr aufsah; hätte mich
beherrschen sollen, denn diese Ekstase schreckte natürlich. Aber ich
beherrschte mich doch auch, küßte ich doch nicht mehr ihre Füße. Kein
einziges Mal ließ ich es merken, daß ... nun, daß ich Mann bin, – oh, auch
in meinem Geiste war nichts davon, ich betete nur! Aber ich konnte doch
nicht ganz und gar schweigen, konnte doch nicht überhaupt nicht sprechen!
Ich sagte ihr plötzlich, daß ihr Gespräch mich entzückte und daß ich sie
seelisch für unvergleichlich, unvergleichlich gebildeter und entwickelter
hielte, als mich. Sie errötete darauf furchtbar und sagte ein wenig verwirrt,
ich übertriebe. Da war es denn, daß ich dummer Weise – konnte es nicht
zurückhalten, – erzählte, wie entzückt ich gewesen war, als ich, hinter der
Tür stehend, damals ihrem Zweikampf zugehört hatte, dem Zweikampf der
Unschuld mit jenem Lump, und wie mich ihre Klugheit, ihre so geistreichen
Antworten bei aller kindlichen Gutmütigkeit, bezaubert hatten. Sie erzitterte
am ganzen Körper, stammelte zwar wieder, ich übertriebe, doch plötzlich
bedeckte sie ihr Gesicht mit den Händen und schluchzte auf ... Da hielt
auch ich es denn nicht mehr aus: wieder fiel ich vor ihr nieder, wieder küßte
ich ihre Füße und wieder kam es zu einem Nervenanfall, ganz so, wie an
jenem Dienstag. Das war gestern abend, und am nächsten Morgen ...
Am nächsten Morgen?! Wahnsinniger, dieser Morgen war doch heute,
vorhin noch, noch kürzlich, noch ganz kürzlich!

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Hören Sie und begreifen Sie es: als wir uns vorhin beim Samowar trafen
– also nach dem gestrigen Anfall –, da setzte sie mich doch noch durch ihre
Ruhe in Erstaunen, ja, so war’s doch! Ich aber hatte die ganze Nacht aus
Angst vor den Folgen der letzten Szene gezittert. Doch plötzlich tritt sie zu
mir, stellt sich vor mich hin mit gefalteten Händen – vorhin, vorhin! –, sagt,
daß sie – eine Verbrecherin sei, daß sie es sehr wohl wisse, daß das
Verbrechen sie den ganzen Winter gequält hätte, auch jetzt quäle ... daß sie
meine Großmut nur zu sehr schätze und ... „ich werde ... Ihre treue Frau
sein, ich werde Sie achten ...“ Da sprang ich auf und wie ein Wahnsinniger
umarmte ich sie! Ich küßte sie, küßte ihr Gesicht, küßte ihre Lippen, küßte
sie, wie ein Mann nach langer Trennung küßt! Und warum nur ging ich
vorhin fort ... im ganzen nur auf zwei Stunden ... unsere ausländischen
Pässe ... Oh Gott! Wär’ ich nur fünf Minuten früher zurückgekehrt! ... Und
da steht diese Volksmenge an unserer Haustür, diese Blicke auf mich ... oh
Gott!
Lukerja sagt – ach, auf keinen Fall lasse ich jetzt Lukerja fort, für keinen
Preis, sie weiß alles, sie war den ganzen Winter zugegen, sie wird mir alles
erzählen –, sie sagt, daß sie im ganzen nur so zwanzig Minuten vor meiner
Rückkunft zur gnädigen Frau in unser Zimmer gegangen war, um etwas zu
fragen, ich weiß nicht mehr was, und da hatte sie gesehn, daß ihr
Heiligenbild (dieses selbe der Muttergottes) vor ihr auf dem Tisch steht, die
gnädige Frau aber ganz so steht, als ob sie gerade vor ihm gebetet hätte.
„Was ist Ihnen, gnädige Frau?“
„Nichts, Lukerja, geh nur ... wart, Lukerja,“ sie ist zu ihr gekommen und
hat sie geküßt.
„Sind Sie jetzt,“ frage ich, „glücklich, gnädige Frau?“
„Ja, Lukerja.“
„Ja ja, der Herr hätte gnädige Frau schon längst um Verzeihung bitten
müssen ... Gott sei Dank, daß Sie sich jetzt versöhnt haben.“
„Schon gut, Lukerja,“ sagt sie, „geh jetzt, Lukerja,“ und sie lächelte so,
ja, so sonderbar ... So sonderbar, daß Lukerja nach zehn Minuten
zurückgekommen war, um nochmals nach der gnädigen Frau zu sehn.
„Ich sehe, sie steht an der Wand, ganz nah am Fenster, hat die Hand an
die Wand gelegt und preßt den Kopf in die Hand, steht so und denkt. Und
steht so tief nachdenklich, daß sie gar nicht bemerkt hat, wie ich
hereingekommen bin, und sie dort aus dem anderen Zimmer betrachte. Ich
sehe, sie scheint so zu lächeln, steht, denkt und lächelt. Ich betrachtete sie,

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drehte mich dann leise um und ging wieder zurück, denke noch so bei mir
selbst; nur höre ich plötzlich das Fenster öffnen. Ich ging sofort wieder hin,
um zu sagen, daß es kalt ist, gnädige Frau, Sie könnten sich erkälten – und
plötzlich sehe ich: sie steigt auf das Fenster und steht schon ganz
aufgerichtet im offenen Fenster, mit dem Rücken zu mir, hält in den Händen
das Heiligenbild. Mein Herz blieb mir stehn, schreie: Frau! Frau! Sie hörte
es, wollte sich so wie zu mir umkehren, kehrte sich aber nicht um, und –
trat vorwärts, preßte das Heiligenbild an die Brust und – stürzte!“
Ich erinnere mich nur noch, daß sie, als ich an der Haustür ankam, noch
warm war. Und alle sehen sie mich an. Zuerst schrien sie und sprachen, und
plötzlich ist alles still und verstummt und ... da treten sie vor mir zurück
und ... und da sehe ich sie liegen mit dem Heiligenbild. Ich erinnere mich
nur noch, wie durch einen dichten Nebel, daß ich schweigend zu ihr trat und
lange vor mich hinsah. Und alle umringen sie mich, und sprechen etwas zu
mir. Lukerja soll auch dort gewesen sein, ich weiß es nicht, ich habe sie
nicht gesehn. Sie sagt, sie hätte mit mir gesprochen. Ich erinnere mich nur
noch jenes Bauern: er rief mir die ganze Zeit zu: „nur ein Löffelvoll Blut ist
aus dem Mund geflossen, nur ein Löffelvoll, Löffelvoll!“ und wies, zu mir
gewandt, immer auf das bißchen Blut daselbst auf dem Stein. Ich, ich
glaube, – ich berührte das Blut mit dem Finger, beschmutzte den Finger,
betrachtete darauf meinen Finger (dessen erinnere ich mich noch ganz
genau), er aber schreit noch fortwährend: „ein Löffelvoll, ein Löffelvoll, ein
Löffelvoll!“
„Was ist das für ein Löffelvoll!?“ soll ich plötzlich wütend aufgeschrien
haben. Man sagt, ich habe die Hände erhoben und mich auf ihn gestürzt ...
Oh Wahnsinn! Mißverständnis! Unmöglichkeit! Unmöglichkeit!

IV. Im ganzen nur fünf Minuten zu spät.

Etwa nicht? Ist denn das wahrscheinlich? Kann man denn sagen, das
wäre möglich? Wozu, warum starb diese Frau?
Ach, glauben Sie mir, ich verstehe es vollkommen, doch wozu ist sie
gestorben – das bleibt immer noch eine Frage. Meine Liebe hat sie
erschreckt, sie hat sich gewissenhaft gefragt: soll ich sie annehmen oder soll
ich nicht, und hat die Frage nicht ertragen und ist lieber in den Tod
gegangen. Ich weiß, ich weiß, es hat keinen Sinn, sich darüber den Kopf zu

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zerbrechen: sie hatte zu viel versprochen, sie erschrak, fürchtete, daß sie es
nicht würde halten können, – es ist doch klar. Hier gibt es ganz furchtbare
Gründe ...
Aber wozu ist sie gestorben? – das bleibt immerhin die Frage. Diese
Frage klopft, klopft in meinem Hirn, klopft, klopft ... Ich hätte sie doch
einfach so in Ruh gelassen, wenn sie gewollt hätte, daß es einfach so bliebe.
Sie aber konnte nicht daran glauben, das war’s! Nein nein, ich lüge, gar
nicht das war’s. Einfach, weil man mit mir ehrlich sein mußte: lieben, dann
auch ganz lieben, nicht aber so, wie sie den Kaufmann geliebt hätte. Da sie
aber zu keusch war, zu rein, um sich mit solch einer Liebe, wie sie der
Kaufmann braucht, abzufinden, so wollte sie mich nicht betrügen. Wollte
mich nicht mit einer Halb-Liebe unter dem Anschein der Liebe betrügen
oder mit einer Viertel-Liebe. Solche sind schon allzu ehrlich, das ist’s!
Hochherzigkeit hatte ich ihr einimpfen wollen, wissen Sie noch?
Sonderbarer Gedanke.
Ungemein interessant wäre doch zu wissen, ob sie mich überhaupt
geachtet hat? Ich weiß nicht, hat sie mich verachtet oder nicht? Ich glaube
nicht, daß sie mich verachtet hat. Wie sonderbar: warum ist es mir kein
einziges Mal in den Sinn gekommen, im ganzen langen Winter, daß sie
mich verachtet? Ich war im höchsten Grade vom Gegenteil überzeugt bis zu
demselben Augenblick, da sie mich damals plötzlich mit strenger
Verwunderung anblickte. Gerade mit strenger. Da begriff ich denn mit
einem Mal, daß sie mich verachtete. Begriff es unwiderruflich, auf ewig!
Ach, gut, gut, möge sie mich verachten, meinetwegen das ganze Leben
lang, aber – möge sie nur leben, leben! So kürzlich war es noch, daß sie hier
herumging, sprach. Ich begreife wirklich nicht, wie sie sich aus dem Fenster
gestürzt hat! Und wie hätte ich mir das nur fünf Minuten vorher denken
können? Ich rief Lukerja. Oh, die Lukerja, die lasse ich jetzt auf keinen Fall
fort, auf keinen Fall!
Wir hätten uns ja noch besprechen können, wir waren doch schon
übereingekommen. Nur hatten wir uns im Winter so entwöhnt von einander,
– aber hätten wir uns denn nicht wieder aneinander gewöhnen können?
Warum, warum hätten wir nicht wieder eine Ehe führen und ein ganz neues
Leben beginnen können? Ich bin großmütig und sie ist es gleichfalls – da
hätten wir ja schon einen Einigungspunkt! Noch ein paar Worte, noch zwei
Tage – nicht mehr, das hätte genügt, und sie würde alles begriffen haben.

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Vor allen Dingen ist das kränkend, daß es nur ein Zufall war, – ein
gewöhnlicher, barbarischer, passiver Zufall! Das ist ja das Beleidigende!
Fünf Minuten, im ganzen, im ganzen nur fünf Minuten bin ich zu spät
gekommen! Wäre ich fünf Minuten früher zurückgekehrt – und der
Augenblick wäre wie eine Wolke vorübergezogen, und es wäre ihr nie
wieder in den Sinn gekommen. Und schließlich hätte sie alles begriffen.
Jetzt aber sind die Zimmer wieder leer, wieder bin ich allein. Dort tickt der
Pendel, ihn geht es nichts an, ihm tut nichts leid. Niemand ist bei mir – das
ist das Unglück!
Ich gehe, die ganze Zeit gehe ich ... Ich weiß, ich weiß, sagt mir nicht
vor: Ihr lächelt darüber, daß ich den Zufall anklage und die fünf Minuten?
Aber hier liegt es doch auf der Hand! Bedenken Sie bloß eines: sie hat nicht
mal einen Zettel hinterlassen, daß ... nun, so, wie ihn alle hinterlassen.
Anderenfalls hätte sie sich doch sagen müssen, daß man jetzt sogar Lukerja
verdächtigen könnte ... „Bist ganz allein mit ihr gewesen, also hast Du sie
zum Fenster hinausgestoßen.“ Wenigstens hätte man Lukerja doch
beunruhigen können, wenn nicht zufällig vier Zeugen vorhanden wären, die
aus ihren Fenstern gesehen haben, wie sie mit dem Heiligenbild im offenen
Fenster gestanden und sich selbst hinuntergestürzt hat. Das ist doch ein
reiner Zufall, daß diese vier es gesehn haben. Nein, das Ganze – war nur ein
Augenblick, bloß ein willkürlicher Augenblick, in dem sie sich von ihrer
Tat nicht Rechenschaft ablegte ... Plötzlichkeit und Phantasie! Was will’s
besagen, daß sie vor dem Heiligenbild gebetet hat? Das bedeutet doch nicht,
daß sie vor dem Tode ... Dieser Augenblick hat vielleicht im ganzen nur
irgend welche zehn Minuten gedauert, den ganzen Entschluß hat sie gefaßt
– gerade als sie, den Kopf in die Hand gestützt, an der Wand stand und
lächelte. Der Gedanke ist ihr plötzlich durch den Kopf gegangen, hat ihr
Schwindel verursacht und – und sie hat ihm nicht widerstehen können.
Das war ein augenscheinliches Mißverständnis – was Sie da auch
einwenden mögen. Mit mir könnte man doch leben ... Wie aber, wenn es
Blutarmut war? ... Einfach aus Blutarmut, aus Erschöpfung der
Lebensenergie? Müde war sie geworden im Winter, das war’s ...
Zu spät!!!
Wie schmal sie im Sarge ist, wie das Näschen sich zugespitzt hat! Die
Wimpern liegen wie kleine Zeiger. Und wie sie doch gefallen ist – nichts
hat sie sich zerschlagen, nichts verunstaltet! Nur dieser eine „Löffel voll
Blut“, nur ein Teelöffelvoll. Innere Verblutung.

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Sonderbarer Einfall ... wenn es möglich wäre, sie nicht zu beerdigen?
Denn, wenn man sie fortträgt ... oh, nein, sie fortbringen ist fast unmöglich!
Oh, ich weiß ja, daß man sie fortbringen muß, ich bin doch nicht
wahnsinnig, ich phantasiere doch nicht, im Gegenteil, – nie noch ist mein
Verstand so wach gewesen, aber wie soll denn das wieder so: – wieder kein
Mensch im Hause, wieder zwei Zimmer und wieder ich allein mit den
Pfändern ... Fieberphantasie, Fieberphantasie ... das ist ja Fieberphantasie!
Ich habe sie zu Tode gequält – das ist’s!
Was sind mir jetzt Eure Gesetze? Was sollen mir jetzt Eure Gebräuche,
Eure Sitten, Euer Leben, Euer Staat, Euer Glaube? Möge mich Euer Richter
richten, möge man mich vor Euer Gericht schleppen, vor Euer
Geschworenengericht, und ich werde sagen, daß ich nichts anerkenne! Der
Richter wird mich anschreien: „Schweigen Sie, Offizier!“ Ich aber rufe
zurück: „Woher willst Du solch eine Macht nehmen, daß ich Dir jetzt
gehorchte? Warum hat finstere Passivität das zerschlagen, was mir am
teuersten war? Was sind mir denn jetzt Eure Gesetze?! Ich scheide mich
aus! Oh, ist mir doch alles gleich!“
Du blindes, blindes Wesen du! – Tot, – sie hört nicht – ... Du weißt nicht,
mit welch einem Paradies ich Dich umgeben hätte. Das Paradies war in
meiner Seele, ich hätte es um Dich gepflanzt! Gut, Du hättest mich nicht
geliebt, – sei’s drum, nun, und – was? Alles wäre jetzt einfach so und würde
auch einfach so bleiben. Würdest mir nur wie einem Freunde erzählen, –
und da würden wir uns denn freuen, würden zusammen lachen, freudig uns
in die Augen blicken. Und so würden wir denn gelebt haben ... Und wenn
Du einen anderen lieb gewinnen solltest, – nun, sei’s drum, sei’s drum! Du
würdest dann mit ihm gehn und lachen, ich aber würde nur von der anderen
Straßenseite sehn ... Ach, alles alles! nur möge sie noch einmal die Augen
aufschlagen! Nur auf einen Augenblick, nur auf einen! mich anblicken, so
wie vorhin, da sie vor mir stand und schwor, daß sie mein treues Weib sein
würde! Ach, mit einem einzigen Blick würde sie alles begreifen!
Oh Natur! Die Menschen sind einsam auf der Erde – das ist das Unglück!
„Sprich, Ferne, lebt in dir ein Mensch?“ rief einstmals, wie unser
Heldensang uns sagt, in alten Zeiten der fahrende russische Held. So rufe
auch ich, doch niemand gibt mir Antwort und die Ferne verschlingt das
Echo. Es heißt, die Sonne belebe das Weltall. Wenn die Sonne aufgeht – so
seht sie doch an, – ist das nicht eine Leiche? ist sie nicht tot? ... Alles ist tot
und überall sind Tote. Allein die Menschen sind noch, doch um sie herum

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ist Schweigen – das ist die Erde! Es tickt ... tickt ... tickt der Pendel,
gefühllos, widerlich ... zwei Uhr nachts. Ihre Schuhchen stehn am Bett,
ganz als ob sie sie erwarteten ... Nein, im Ernst, wenn man sie morgen
fortträgt – was soll ich dann?

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Bobock.

D ieses Mal bringe ich meinen Lesern die „Aufzeichnungen eines
gewissen Menschen“. Dieser Mensch bin nicht ich; das ist vielmehr
ein ganz anderer. Ich glaube, ein Vorwort ist weiter nicht nötig.

Aufzeichnungen eines gewissen Menschen.

Fährt mich da plötzlich dieser Ssemjon Ardaljonowitsch ganz ohne
weiteres an:
„Sag’ doch bitte, Iwan Iwanytsch, wirst Du überhaupt einmal nüchtern
werden oder nicht!?“
Sonderbare Anforderung! Fühle mich aber nicht gekränkt. Bin ein
schüchterner Mensch. Einstweilen aber hat man mich schon für verrückt
erklärt. Ein Maler hat mich porträtiert. Ganz zufällig. „Bist doch,“ sagt er,
„immerhin Literat!“ Meinetwegen. Und so saß ich ihm dreimal. Jetzt hat
er’s ausgestellt. Kurz darauf lese ich: „Man beeile sich, dieses kranke, dem
Wahnsinn nahe Gesicht anzusehen!“
Meinetwegen. Aber trotzdem: wie kann man das nur so öffentlich in der
Zeitung sagen? Schreiben muß man doch nur Edles; Ideale tun not; und da
schreiben sie nun so was! ...
Sag’ es doch wenigstens indirekt, dazu gibt es doch Redewendungen!
Nein, er will es nicht mehr indirekt sagen. Humor und guter Stil
verschwinden heutzutage spurlos und Geschimpf wird jetzt für Witz und
Scharfsinn gehalten. Nein. Fühle mich nicht gekränkt: bin nicht Gott weiß
was für ein Literat, um verrückt zu werden. Schrieb mal eine Novelle –
wurde nicht gedruckt. Schrieb ein Feuilleton – wurde abgewiesen. Solcher

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Feuilletons habe ich etliche in verschiedene Redaktionen geschleppt:
vergeblich. „Sie haben,“ heißt es, „kein Salz in Ihren Schriften.“
„Was wollen Sie denn für ein Salz,“ frage ich spöttisch, „– etwa
attisches?“
Begreifens nicht einmal. Übersetze größtenteils für Buchhändler aus dem
Französischen. Schreibe auch Reklameannoncen für Kaufleute: „Seltenheit!
Prima Sorte! Roter Tee von eigenen Plantagen! ...“ Zapfte auch einmal dem
seligen Pjotr Matwejitsch ein stattliches Sümmchen für einen Panegyrikus
ab. Schrieb: „Die Kunst gefällt dem schönen Geschlecht“ auf Bestellung
des Buchhändlers. Ja, solcher Büchelchen habe ich schon an sechs Stück in
meinem Leben verfaßt. Will zwar schon lange Voltaires Bonmots sammeln,
fürchte aber, daß man sie fade finden wird. Was soll man heutzutage noch
mit Voltaire! Knüppeldummheit, aber nicht Voltaire! Würden einander die
letzten Zähne einschlagen. Das wäre also meine ganze literarische
Tätigkeit. Es sei denn, daß man noch mitrechnete, was ich so an ganz
uneigennützigen Briefen an die Redaktionen verfaßt habe. Schicke sie stets
mit meiner vollen Unterschrift. Ermahne, gebe Ratschläge, kritisiere und
weise auf den richtigen Weg. An eine dieser Redaktionen habe ich in der
vorigen Woche den vierzigsten Brief gesandt; macht vier Rubel allein für
Postmarken. Mein Charakter taugt nichts, das ist’s.
Ich glaube, der Maler hat mich nicht wegen der Literatur gemalt, sondern
wegen der zwei symmetrisch auf meiner Stirn wachsenden Warzen: ein
Phänomen, sagt man. Haben ja keine Ideen mehr, da versuchen sie es denn
jetzt mit den Phänomena. Dafür aber, wie sind bei ihm meine Warzen auf
dem Bilde herausgekommen? – lebendig, sag ich Ihnen! Das nennen sie
jetzt Realismus.
Was aber das Verrücktsein anbetrifft, so haben sie ja bei uns im vorigen
Jahre viele für verrückt erklärt. Und noch dazu in welch einem Stil: „Solch
ein selbständiges Talent!“ schreiben sie zuerst verwundert, dann zum
Schluß des Artikels: „übrigens war es schon längst vorauszusehen ...“ Das
ist ja noch ganz gerieben. Könnte es vom Gesichtspunkte der reinen Kunst
sogar loben. Warum auch nicht? Sie selbst aber sind dann plötzlich
ungemein klug. Das ist’s ja! für verrückt erklären, das kann man bei uns
schon, aber irgend jemanden klüger machen, das bringt man doch noch
nicht fertig.
Der klügste ist meiner Meinung nach, wer sich freiwillig wenigstens
einmal im Monat selbst einen Esel nennt, – heutzutage eine unerhört seltene

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Begabung. Früher sagte sich der Esel mindestens einmal im Jahr, daß er ein
Esel ist, jetzt aber – nie und nimmer. Und derart haben sie jetzt alles
verdreht, daß man, Hand aufs Herz, den Klugen wahrlich auf keine Weise
mehr vom Esel unterscheiden kann. Das haben sie natürlich mit Absicht
getan.
Soeben fällt mir eine spanische Anekdote ein. Man sagte dort vor
zweieinhalb Jahrhunderten, als die Franzosen das erste Tollhaus bauten:
„Die haben alle ihre Dummköpfe in ein besonderes Haus eingesperrt, um
glauben zu machen, daß sie selbst kluge Leute sind“. Die Spanier haben
recht: damit, daß man den anderen in die Irrenanstalt einsperrt, will man ja
nur seinen eigenen Verstand beweisen. „X. ist verrückt geworden, – daraus
folgt, daß wir jetzt klug sind.“ Nein, das folgt daraus noch längst nicht.
Hm! ... Teufel! – wozu mache ich auch mich denn mit meinem Verstande
so breit? Schwatze, schwatze ... Sogar der Dienstmagd bin ich langweilig
geworden: will mir nicht einmal mehr zuhören. Hat’s satt. Gestern kam ein
Bekannter zu mir.
„Dein Stil,“ sagt er, „verändert sich: wird gehackt. Du hackst, hackst –
und das soll dann eine Einleitung sein. Und dann kommt zu dieser
Einleitung noch eine Einleitung, und die hat wiederum ein Vorwort, und
dann schickst Du in Klammern noch etwas voraus, und dann geht das
Hacken von neuem los.“
Er hat recht. Es geschieht wirklich etwas Sonderbares mit mir. Auch mein
Charakter ändert sich und der Kopf tut mir weh. Ich fange schon an, ganz
absonderliche Sachen zu hören und zu sehen. Nicht, daß es gerade Stimmen
wären, aber es scheint mir immer, als ob irgend etwas oder irgend jemand
neben mir gluckst: „bobock, bobock, bobock!“
Was zum Teufel ist das für ein „bobock“? Muß mich zerstreuen.

Ging mich zerstreuen, stieß auf eine Beerdigung. Entfernter Verwandter.
Einstweilen aber doch Kollegienassessor. Eine Witwe, fünf Töchter – alle
ledig. Allein, wenn man die Stiefel berechnet, was kostet das! Der Selige
verstand noch zu verdienen, aber jetzt – Pensiönchen. Müssen aber auch
auskommen. Mich haben sie immer ungern empfangen. Wäre auch jetzt
nicht hingegangen, wenn’s nicht solch ein Ausnahmefall gewesen wäre.
Ging bis zum Friedhof mit den anderen zusammen; wenden sich von mir
ab, tun wichtig. Allerdings, mein Überzieher ist wirklich schon etwas

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schäbig. Es werden wohl so fünfundzwanzig Jahre her sein, daß ein
Friedhof mich nicht mehr gesehen hat. Das wäre noch so ein Plätzchen!
Aber der Geruch! An Leichen waren etwa fünfzehn angekommen. Särge
zu verschiedenen Preisen; sogar zwei Katafalke gab es: für einen General
und irgend eine Dame. Viel traurige Gesichter, viel auch geheuchelte
Trauer, und viel unverhohlene Fröhlichkeit. Die Geistlichkeit hat nicht zu
klagen: gute Einkünfte. Aber der Geruch, der Geruch! Würde hier nicht
Geistlicher sein wollen.
Nur vorsichtig blickte ich in die Särge, den Toten ins Gesicht[7]: kann
nicht wissen, was für einen Eindruck sie auf mich machen werden.
Zuweilen haben sie einen sanften Ausdruck, zuweilen einen unangenehmen.
Überhaupt – ihr Lächeln ist nicht gut, und bei manchen ist’s sogar
schrecklich. Lieb’s nicht. Spuken dann im Traum.
Nach der Messe ging ich aus der Kirche an die frische Luft; der Tag war
ein wenig trübe, dafür aber trocken. Und auch kalt; nun, wir haben ja schon
Oktober. Ging zu den anderen. Verschiedene Klassen. Die dritte zu dreißig
Rubel: anständig und doch nicht so teuer. Die ersten zwei in der Kirche;
natürlich nur für große Beutel. Drittklassig wurden diesmal an sechs
beerdigt, darunter auch der General und die Dame.
Warf einen Blick in die Gräber – furchtbar: Wasser, und welch ein
Wasser! vollkommen grün und – ’s ist wahr, wahrhaftig! – der Totengräber
schöpfte es fortwährend heraus. Ging, so lange die Messe noch gelesen
wurde, ein wenig auf die Straße – spazieren. Dort ist gleich das Armenhaus
und etwas weiter ein Restaurant. Und durchaus kein übles: Imbiß,
Frühstück, Schnäpse. War voll von den Begleitenden. Bemerkte viel
aufrichtige Lustigkeit und Begeisterung. Ich trank mein Glas und aß ein
Brötchen dazu. –
Darauf beteiligte ich mich eigenhändig an der Überführung des Sarges
aus der Kirche zum Grabe. Warum werden die Menschen als Leichen
immer so schwer im Sarge? Man sagt, infolge irgend einer Inertie, weil der
Körper sich nicht mehr selbst trage ... oder sonst einen Blödsinn ähnlicher
Art; widerspricht der Mechanik und dem gesunden Menschenverstand.
Kann’s nicht leiden, wenn man mit einer bloß allgemeinen Bildung über
Spezialfragen urteilen will; bei uns aber tun das alle ohne Ausnahme.
Zivilbeamte lieben es, über Militär oder gar Generalstabsfragen zu urteilen,
und Ingenieure über Philosophie und Staatsökonomie.

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Fuhr nicht zum Totenschmaus. Bin stolz, und wenn man mich nur im
äußersten Notfall empfängt, wozu soll ich mich dann an ihre Tische
drängen, selbst wenn es sich um einen Toten handelt? Begreife nur nicht,
warum ich auf dem Friedhof blieb. Setzte mich auf einen Grabstein und
verfiel in entsprechende Gedanken.
Begann mit der Moskauer Ausstellung und endete schließlich bei dem
„sich wundern“ – letzteres im allgemeinen genommen, so als Thema
überhaupt. Kam über dieses „sich wundern“ zu folgendem Schluß:
„Sich über alles wundern ist natürlich dumm, sich aber über nichts
wundern ist viel hübscher und aus irgend einem Grunde sogar guter Ton.
Doch ist es in Wirklichkeit wohl kaum so. Meiner Meinung nach ist sich
über nichts wundern viel dümmer, als sich über alles wundern, ja, ist fast
dasselbe, wie nichts achten. Aber ein dummer Mensch versteht ja auch nicht
zu achten.“
„Vor allen Dingen will ich achten! Ich lechze danach, achten zu können,“
sagte mir vor ein paar Tagen einer meiner Bekannten.
Lechzt danach, achten zu können! Herrgott, dachte ich, was würde wohl
aus dir werden, wenn du es jetzt wagtest, das drucken zu lassen!
Verlor mich darüber in Gedanken. Liebe es nicht, die Grabinschriften zu
lesen; ewig dasselbe. Neben mir auf der Marmortafel lag ein angebissenes
Butterbrot; dumm und nicht am Platz. Warf es auf die Erde, denn das war ja
kein Brot; bloß ein Brötchen. Übrigens ist auf die Erde Brot werfen, glaub
ich, nicht Sünde; nur auf den Fußboden. Vielleicht ist’s auch umgekehrt.
Muß in Ssuworins Kalender nachschlagen.
Es ist anzunehmen, daß ich lange saß, sogar zu lange; wollte sagen, daß
ich mich auf der großen Marmorplatte sogar ausstreckte. Und wie das
eigentlich so kam, daß ich plötzlich verschiedene Dinge hörte? Beachtete es
zuerst natürlich nicht weiter; fand’s verächtlich. Einstweilen aber setzte sich
das Gespräch fort. Höre –: dumpfe Laute, als ob man ihnen den Mund mit
Kissen zugedrückt hätte; und bei alledem waren die Stimmen doch deutlich
vernehmbar, als ob sie ganz nah gesprochen hätten. Ich erwachte, richtete
mich auf, setzte mich und hörte aufmerksam zu.
„Aber Exzellenz, ich bitt’ Sie, das geht doch wirklich nicht! Sie sagten
Coeur an, ich nehme das Spiel auf und plötzlich haben Sie Carreau sieben!
Das hätte man doch im voraus abmachen müssen, ich bitt’ Sie!“
„Wie, was – also auswendig, aus dem Gedächtnis spielen? I, wo bleibt
denn da die Gemütlichkeit?“

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„Das geht nicht, Exzellenz, ich bitt’ Sie, ohne Garantien geht’s wirklich
nicht! Sie müssen noch einmal die Karten geben, aber vergessen Sie
diesmal nicht den Schafskopf ...“
„Nun, einen solchen gibt es hier wohl kaum, dächte ich.“
Welch hochmütige Worte! Ganz sonderbar und wie unerwartet! Die eine
Stimme so selbstbewußt, solide, die andere süßlich schmeichelnd. Hätt’s
wirklich nicht geglaubt, wenn ich es nicht mit eigenen Ohren gehört haben
würde. Zum Leichenschmaus war ich, glaub ich, doch nicht gegangen ...
Hier Préférence zu spielen! Und was ist das für eine Exzellenz? Daß die
Stimmen aus den Gräbern kamen, daran war nicht zu zweifeln. Ich rückte
etwas zur Seite und las die Inschrift auf dem Marmor.
„Hier ruht Generalmajor Perwojedoff ... Ritter dieser und dieser Orden,
... gest. im August ... im siebenundfünfzigsten ... Ruhe sanft bis zur seligen
Auferstehung!“
Hm, wahrhaftig ein General! Auf dem andern Grabe, aus dem die
schmeichlerische Stimme kam, war noch kein Denkmal: nur eine kleine
Steinplatte; wohl ein Neuling. Der Stimme nach ein Hofrat.
„Och – chohoho!“ ertönte plötzlich eine neue Stimme, ungefähr fünf
Schritt vom Generalsgrabe, unter einem noch ganz frischen Hügel hervor;
eine Männerstimme, so eine einfachere, wie man sie im Volke hört; jetzt
aber andächtig-gerührt und ein wenig schwach.
„Och – chohoho!“
„Ach, schon wieder stöhnt er!“ erklang plötzlich die launische,
anmaßende Stimme einer gereizten Dame der höheren Gesellschaft, wie’s
schien. – „Wirklich ein Kreuz, neben diesem Krämer zu liegen!“
„Hab gar nicht gestöhnt, hab doch schon lange nichts gegessen, das ist
einzig nur so meine natürliche Gewohnheit. – Und immer können Sie,
Gnädige, von Ihren Launen noch nicht lassen.“
„Warum haben Sie sich denn hierher gelegt?“
„Hab mich nicht selbst hierher gelegt, begraben haben mich meine Frau
und meine kleinen Kinderchen, nicht selbst hab ich mich hier hingelegt.
Das ist eben das Geheimnis des Todes! Hätt ich mich doch selber nie und
nimmer neben Sie gelegt, für kein Gold der Welt! Liege hier nur infolge
meines eigenen Kapitals, nach dem Preis zu urteilen. Denn das können wir,
daß wir für unser Grabchen drittklassig zahlen.“
„Will’s gern glauben; auf das Leutebetrügen werden Sie sich schon
verstehen.“

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„Wo soll man Sie denn betrügen, wenn Sie schon seit dem Januar nichts
mehr bezahlt haben. Ich hab noch eine nette Rechnung für Sie in meinem
Kassenbuch.“
„Das ist aber wirklich stark! Da sehen wir’s ja, wie Sie sind! Sogar hier
noch wollen Sie Ihre Rechnungen einkassieren! Gehen Sie nur nach oben.
Fragen Sie bei meiner Nichte; die ist die Erbin.“
„Ach Gott, wo soll man jetzt noch fragen, und wohin gehn! Sind beide
begraben und vor Gott beide in Fehl und Sünde gleich.“
„In Fehl und Sünde!“ spottete die Tote verächtlich. „Unterstehen Sie sich
nicht, mit mir zu sprechen!“
„Och – chohoho!“
„Aber der Krämer gehorcht ihr doch, Exzellenz.“
„Warum sollte er denn auch nicht gehorchen?“
„Das schon, aber hier gibt es doch bekanntlich eine neue Ordnung,
Exzellenz.“
„Was ist denn das für eine neue Ordnung?“
„Aber wir sind doch, wie man zu sagen pflegt, gestorben, Exzellenz.“
„Ach ja, richtig! Nun, aber immerhin eine Ordnung ...“ –
Na, das muß ich sagen, die haben mich wirklich zerstreut! Wenn es schon
hier dazu kommt, was soll man dann noch von der oberen Etage erwarten?
Was für Späßchen, in der Tat! Fuhr einstweilen fort, zuzuhören, wenn auch
mit tiefem Unwillen.

„Nein, ich würde aber leben! Nein ... ich, wissen Sie ... ich würde aber
leben!“ hörte ich da plötzlich eine neue Stimme, irgendwoher, so in der
Mitte zwischen dem General und der reizbaren Dame.
„Hören Sie, Exzellenz? Unser Alter fängt wieder an. Schweigt, schweigt
drei Tage lang womöglich, und mit einem Mal: ‚Ich würde aber leben, nein,
ich würde aber leben!‘ Und mit solch einem, wissen Sie, Appetit, sagt er es,
hi – hi!!“
„Und Leichtsinn.“
„Ihm geht’s schon nah, Exzellenz, und, wissen Sie, er schläft schon ein,
ja, ja, er fängt bereits an, ganz einzuschlafen, ist doch seit dem April hier –
und plötzlich: ‚ich würde aber leben!‘“
„Ziemlich langweilig,“ bemerkte seine Exzellenz.

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„Langweilig, Exzellenz? Sollte man dann nicht wieder Awdotja
Ignatjewna ein wenig necken, hi – hi, – wie?“
„Nein, da muß ich Sie doch bitten, mich mit der ungeschoren zu lassen.
Kann diese keifende Schachtel nicht ausstehen.“
„Ich aber kann Sie alle beide nicht ausstehen!“ schrie sofort die Schachtel
erbost zurück. „Alle beide sind Sie sterbenslangweilig, und keiner von
Ihnen versteht etwas Ideales zu erzählen. Ich aber könnte, wenn ich wollte,
ein Geschichtchen von Ihnen, Exzellenz, – bitte seien Sie nicht so
hochnasig –, könnte ein Geschichtchen von Ihnen erzählen, ... wie ein
Diener Sie früh morgens mit dem Besen unter einem Ehebett hervorgekehrt
hat ...“
„Gemeines Frauenzimmer!“ stieß der General brummend zwischen den
Zähnen hervor.
„Mütterchen Awdotja Ignatjewna,“ rief plötzlich wieder der Kaufmann
dazwischen, „sag mir doch, meine Herrin, ohne des Bösen zu gedenken, sag
mir doch, muß ich jetzt alleweil die Übergänge und Zustände der Seele
nach dem Tode erst durchmachen, oder was ist das sonst?“
„Ach, da kommt er schon wieder damit, ahnte ich’s doch! Also von ihm
rührt dieser Geruch her, also er verwest jetzt schon!“
„Ich verwese noch längst nicht, Mütterchen, und ich kann nicht sagen,
daß von mir irgend solch ein besonderer Geruch ausginge, hab mich noch
wie ich war an ganzem Leibe erhalten, aber Sie, Gnädige, Sie fangen ja
schon an, in einen anderen Zustand überzugehen – denn der Gestank ist
wirklich stark, sogar bis zu mir her. Schwieg bis jetzt nur aus Höflichkeit.“
„Ach, Sie schändlicher Lügner! Von ihm riecht es, daß man ohnmächtig
werden könnte, und er hat noch die Frechheit, es auf mich zu schieben!“
„Och – chohoho! Wenn doch bald mein vierzigster Tag[8] käme: hörte
dann ihre traurigen Stimmen über mir, meines Weibes Schluchzen und der
Kinder stilles Weinen! ...“
„Ach, hört doch, worüber der trauert! Die werden schon den Reis[9] zu
deiner Totenfeier verzehren, da sei Du unbesorgt! Ach, wenn doch
wenigstens jemand erwachen würde!“
„Awdotja Ignatjewna,“ rief sofort der Beamte – ein Hofrat, glaub ich –
„warten Sie nur noch einen Augenblick, bald werden Neue erwachen!“
„Ach, gibt es auch Junge unter ihnen?“
„Gewiß, gewiß, auch Junge – sogar Jünglinge!“
„Ach, das ist ja herrlich!“

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„Wie, sind sie denn noch nicht erwacht?“ erkundigte sich seine
Exzellenz.
„Selbst vorvorgestrige sind noch nicht erwacht; Exzellenz wissen es doch
selbst, daß man sie gestern, vorgestern und heute mit einem Mal ganz
plötzlich und zu gleicher Zeit angefahren hat. Sonst sind doch um uns etwa
zehn Schritt in der Runde alles vorjährige.“
„Hm! interessant!“
„Und wissen Sie, Exzellenz, heute hat man den Wirklichen Geheimrat
Tarassewitsch beerdigt. Ich erkannte die Stimmen. Seinen Neffen kenne ich
sehr gut, – der half vorhin den Sarg versenken.“
„Hm – wo liegt er denn hier?“
„Etwa fünf oder sechs Schritt links von Ihnen, Exzellenz. Fast gerade
Ihnen zu Füßen ... Wie wär’s, Exzellenz, wenn Sie sich mit ihm bekannt
machen würden?“
„Hm, nein – wie denn!? ... ich kann doch nicht als erster ...“
„O, er wird schon selbst anfangen, Exzellenz. Er wird sich sogar sehr
geschmeichelt fühlen, überlassen Sie es nur mir, Exzellenz, ich ...“
„Ach, ach ... ach, was ist mit mir?“ ließ sich da plötzlich ein neues,
keuchendes, ganz erschrockenes Stimmchen hören.
„Ein Neuer, Exzellenz, ein Neuer, Gott sei Dank, und wie schnell
erwacht! Zuweilen schweigen sie ja eine ganze Woche.“
„Ach, ich glaube, es ist ein junger!“ rief Awdotja Ignatjewna verzückt aus
der Fistel.
„Ich ... ich ... ich bin an einem Rückfall und so plötzlich!“ stammelte
wieder der Jüngling. „Noch am Abend untersuchte mich Schulz: Sie haben
sich wieder erkältet, sagte er, haben einen Rückfall, und am Morgen starb
ich plötzlich. Ach! Ach!“
„Nun, nichts zu machen, junger Mann,“ meinte der General,
augenscheinlich gnädigst über den Neuling erfreut, „– man muß sich
trösten! Willkommen in unserem, wie man sagt, Tale Josaphat. Wir sind
gute Menschen; Sie werden uns ja selbst kennen und schätzen lernen.
Generalmajor Wassili Wassiljewitsch Perwojedoff, zu Ihren Diensten.“
„Ach, nein! Nein, nein, das kann ich auf keinen Fall! Ich, wissen Sie, bei
mir hat sich eine Verschlimmerung eingestellt, zuerst war’s nur die Brust
und der Husten, dann aber erkältete ich mich: Brust und Katarrhalfieber ...
und dann plötzlich ganz unerwartet ... das ist es ja, daß es so ganz
unerwartet kam!“

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„Sie sagen, zuerst war es nur die Brust?“ mischte sich mit freundlicher
Stimme der Beamte ein, ganz als ob er den Jüngling ermuntern wollte.
„Ja, die Brust und Schleimauswurf, dann aber hörte der plötzlich auf und
– ich kann nicht mehr atmen ... und wissen Sie ...“
„Ich weiß, ich weiß. Aber wenn’s die Brust war, so hätten Sie zu Eck
gehen sollen, aber nicht zu Schulz.“
„Ich aber, wissen Sie, wollte immer zu Botkin gehen ... und plötzlich ...“
„Nun, Botkin schneidet,“ bemerkte der General.
„Ach nein, das ist gar nicht wahr, er schneidet gar nicht! Ich habe gehört,
er soll so aufmerksam sein, und alles voraussagen.“
„Seine Exzellenz meinte es nur in betreff des Preises,“ berichtigte der
Beamte.
„Ach – gar nicht, nur drei Rubel und er untersucht so gut und das Rezept
... und ich wollte es unbedingt, weil man mir gesagt hatte ... Ja, wie denn
nun, meine Herren, was soll ich tun, zu wem soll ich jetzt: zu Eck, oder zu
Botkin?“
„Wie? Wohin?“ fragte interessiert der General und in gemütlichem
Lachen schüttelte sich seine Leiche. Der Beamte sekundierte ihm natürlich
sofort in der Fistel.
„Mein lieber Junge, mein lieber fröhlicher Junge, wie ich Dich liebe!“
fiel bezaubert Awdotja Ignatjewna etwas kreischend ein. „Ach, wenn man
doch solch einen neben mich gebettet hätte!“ –
Nein, das ist aber doch unmöglich. Und das soll ein Toter unseres
Jahrhunderts sein! Einstweilen kann man aber noch zuhören und mit dem
letzten Urteil noch etwas warten. Dieser grüne Neuling – ich erinnerte mich
noch, wie er vorhin im Sarge aussah: Ausdruck eines erschrockenen
Huhnes, der allerwiderlichste der ganzen Welt! Aber was weiter.

Doch was dann kam, war solch ein Chorus von Stimmen, daß ich alles nicht
einmal behalten konnte, denn es erwachten sehr viele zu gleicher Zeit, unter
anderen auch ein höherer Beamter, einer von den Staatsräten, der mit dem
General sofort ein Gespräch anknüpfte über das Projekt einer
Unterkommission im Ministerium der öffentlichen Arbeiten und die
mutmaßlich damit in Verbindung stehende Versetzung der Amtspersonen, –
wodurch er den General ersichtlich ungemein, ganz ungemein zerstreute.
Ich muß gestehen, daß auch ich bei der Gelegenheit viel Neues erfuhr, –

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schüttelte noch mein Haupt über die sonderbaren Wege, auf denen man hier
in dieser Hauptstadt administrative Neuigkeiten erfahren kann. Darauf
erwachte auch halb und halb ein Ingenieur, schwätzte jedoch noch lange
allerhand Unsinn, sodaß die anderen ihn vorläufig nicht belästigten, sondern
ihn erst „sich ausliegen“ ließen. Zum Schluß bekundete auch noch die am
Morgen unter dem Katafalk beerdigte vornehme Dame einige Anzeichen
der Grabesbeseelung. Lebesätnikoff, – es stellte sich nämlich heraus, daß
der schmeichlerische, mir verhaßte Hofrat, der sich neben dem General
Perwojedoff befand, Lebesätnikoff hieß – nun ja, war furchtbar verwundert
und in Anspruch genommen durch den ungewöhnlichen Umstand, daß
dieses Mal die meisten so bald erwachten. Muß gestehen: auch mich
nahm’s ein wenig wunder. Übrigens waren einige von den Erwachenden
bereits vor drei Tagen beerdigt worden, wie z. B. ein ganz junges Mädchen,
eine Sechzehnjährige, die aber die ganze Zeit über nur kicherte ...
Widerlich.
„Exzellenz, Geheimrat Tarassewitsch ist soeben im Begriff, zu
erwachen,“ meldete plötzlich Lebesätnikoff mit ungewöhnlicher
Eilfertigkeit.
„A? was?“ fragte da auch schon – ein wenig wie im Halbschlaf – der
erwachende Geheimrat mit einer anmaßenden, quäkenden Stimme, in der
etwas Eigensinnig-Befehlendes lag. Ich horchte interessiert auf, denn in den
letzten Tagen hatte ich viel von diesem Tarassewitsch reden gehört – im
höchsten Grade Verfängliches und Aufregendes.
„Das bin ich, Exzellenz, vorläufig nur ich.“
„Was wollen Sie?“
„Einzig mich um das Befinden Eurer Exzellenz erkundigen; aus
Ungewohnheit fühlt sich hier fast jeder anfänglich ein wenig beengt.
Entschuldigen Sie ... General Perwojedoff würde es sich zur Ehre
anrechnen, die Bekanntschaft Eurer Exzellenz zu machen, und hofft ...“
„Kenne nicht.“
„Unmöglich, Exzellenz, General Perwojedoff, Wassili Wassiljewitsch ...“
„Sie sind also General Perwojedoff?“
„Nein, Verzeihung, Exzellenz, nicht ich, ich bin im ganzen nur Hofrat
Lebesätnikoff, und stehe zu Ihren Diensten, aber General Perwojedoff ...“
„Blödsinn! Tun Sie mir den Gefallen, mich nicht zu stören.“
„Lassen Sie ihn,“ hielt schließlich würdevoll General Perwojedoff selbst
die unvornehme Eilfertigkeit seines Grabklienten auf.

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„Er ist ja noch nicht ganz erwacht, Exzellenz, das muß man doch in
Betracht ziehen; das ist ja bei ihm vorläufig nur Ungewohnheit: wenn er
ganz erwacht, wird er es natürlich anders aufnehmen ...“
„Lassen Sie ihn,“ wiederholte nur der General.

„Wassili Wassiljewitsch! Heda, Exzellenz!“ rief plötzlich laut und verwegen
dicht neben Awdotja Ignatjewna eine ganz neue Stimme, – eine etwas
blasierte „Herren“stimme mit jener gewissen müden Note und frechen
Dehnung einzelner Silben in der Aussprache, wie sie jetzt in der
Gesellschaft Mode ist. – „Ich beobachte Sie alle schon geschlagene zwei
Stunden. Liege doch bereits drei Tage hier, Sie erinnern sich wohl meiner,
Wassili Wassiljewitsch? – Klinewitsch. Haben uns bei Wolokonskis
getroffen, wo man Sie – ich weiß übrigens nicht warum – gleichfalls
empfing.“
„Wie, Graf Pjotr Petrowitsch ... sollten Sie denn wirklich schon ... und in
so jungen Jahren! Wie ich’s bedauere!“
„Tja, bedaure es natürlich gleichfalls, bloß ist es mir jetzt ziemlich egal,
und zudem will ich aus allem das möglichst Beste exstirpieren. Und – bin
nicht Graf, sondern Baron, im ganzen nur Baron. Wir sind ja irgend solche
räudige Barönchen von Lakaienabstammung, tja, und ich weiß auch
wahrhaftig nicht warum, – äh, ’s ist doch übrigens ganz egal. Ich bin bloß
ein Taugenichts der pseudo-höheren Gesellschaft und man hält mich für
einen ‚lieben Polisson‘. Mein Vater, äh, – so ein armseliger General, und
meine Mutter ist einmal en haut lieu empfangen worden. Habe mit dem
elenden Hebräer Siffel im vorigen Jahre an fünfzigtausend falsche Scheine
fabriziert, und ihn dann angezeigt, doch mit dem Gelde ist mir Julchen
Charpentier de Lusignan exgezogen – äh – nach Bordeaux, glaube ich. Und
denken Sie sich nur, ich war schon so gut wie verlobt – mit der kleinen
Schtschewalewski, drei Monate fehlten ihr noch an sechzehn Jahren, ist
noch im Institut, erbt Neunhunderttausend. Äh, Awdotja Ignatjewna,
erinnern Sie sich noch dessen, wie Sie mich vor etwa fünfzehn Jahren, als
ich noch vierzehnjähriger Page war, verdarben?“
„Ach, das bist Du, Nichtsnutz! Obgleich Dich wohl Gott gesandt hat,
aber sonst wäre es ...“
„Sie haben umsonst Ihren Nachbar, den Negoziant, der Verbreitung des
üblen Geruchs verdächtigt ... Ich schwieg nur und lachte im stillen; – das

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geht doch von mir aus; man hat mich ja schon in geschlossenem Sarge
hergebracht.“
„Ach, wie abscheulich er ist! Aber es freut mich trotzdem; Sie können
sich nicht denken, Klinewitsch, werden es sich bestimmt nicht vorstellen
können, welch ein Mangel an Leben und Esprit hier herrscht!“
„Nun ja, nun ja, ... Tja ich beabsichtige hier etwas Originelles
einzuführen, Exzellenz, – nicht Sie, Perwojedoff, – Exzellenz, ich meine
den anderen, Herr Tarassewitsch, äh, Geheimrat! So antworten Sie doch! –
Klinewitsch, der Sie zur Fastenzeit zu Mademoiselle Füry brachte, hören
Sie mich?“
„Ich höre Sie, Klinewitsch, freue mich sehr, und glauben Sie mir ...“
„Glaube Ihnen nicht ein Wort – übrigens, ’s ist doch ganz egal. Ich
möchte Sie, lieber Alter, gerne abküssen, doch kann ich’s Gott sei Dank
nicht. Wissen Sie denn, verehrte Anwesende, was dieser grand-père
angestiftet hat? Er ist vor drei oder vier Tagen gestorben und, – können Sie
sich vorstellen – hat rundum Vierzigtausend Kassendefizit hinterlassen!
Geld der Witwen und Waisen, und er hat aus irgend einem Grunde ganz
allein gewirtschaftet, sodaß man ihn oder vielmehr seine Bücher etwa acht
Jahre nicht mehr revidiert hat. Äh, ich kann mir denken, was die jetzt dort
für lange Gesichter machen werden, und wie sie seiner gedenken! N’est-ce
pas, wonniger Gedanke! Konnte es mir schon das ganze letzte Jahr nicht
erklären, woher diesem siebzigjährigen Klappergreis, Podagristen und
Chiragriker noch Kräfte zu einem so ausschweifenden Leben verblieben
waren und – äh, da haben wir jetzt die Lösung des Rätsels! Diese Witwen
und Waisen – tja, du lieber Gott, schon der bloße Gedanke an sie mußte ihn
doch erglühen machen! ... Ich war der einzige, der es wußte, die
Charpentier hatte mir alles erzählt, und sofort nachdem ich es erfahren
hatte, ging ich zu ihm, und setzte diesem heiligen Sünder moralisch den
Revolver auf die Brust, – äh, so wie’s sich Freunden geziemt –: ‚Sofort
fünfundzwanzigtausend her, wenn nicht, kommt man morgen revidieren‘.
Was glauben Sie wohl, meine Herren, er konnte nicht mehr wie
dreizehntausend zusammenbringen, so daß er jetzt, wie’s scheint, sehr zur
rechten Zeit gestorben ist. Grand-père, Grand-père, hören Sie?“
„Cher Klinewitsch, ich bin mit Ihnen vollkommen einverstanden, aber es
ist ganz überflüssig ... daß Sie sich in solchen Details ergehen. Es gibt im
Leben so viel Leid und Qual und so wenig Lohn dafür ... ich hatte den

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Wunsch, mich endlich zu beruhigen ... Und insoweit ich mir darüber klar
bin, wird sich auch von hier noch vieles herausziehen lassen ...“
„Haha, ich könnte wetten, daß er schon Katjisch Berestowa
herausgewittert hat!“
„Wen? ... Was für eine Katjisch?“ fragte sofort sinnlich vibrierend die
Stimme des Alten zurück.
„A–ah? Also was für eine Katjisch? Äh, nun, hier links, etwa fünf Schritt
von mir, – von Ihnen zehn. Sie liegt hier schon seit fünf Tagen. Wenn Sie
wissen würden, Grand-père, was das für ein Mädel ist ... Aus gutem Hause
natürlich, wohlerzogen und – ein monstre, un monstre im höchsten Grade!
Ich habe sie dort niemandem gezeigt, ich allein wußte es nur ... Katjisch,
eh!?“
„Hi – hihi!“ kam als Antwort das kichernde Lachen einer feinen, hohen
Mädchenstimme zurück, doch klang in ihm etwas, das wie ein Nadelstich
war. – „Hi – hi – hi!“
„Und ... ist ... sie ... blond?“ stieß lispelnd, kurzatmig Grand-père in vier
Lauten hervor.
„Hi – hi – hi!“
„Mir ... mir gefiel schon lange ...“ fuhr der Alte atemlos lispelnd fort, –
„schon lange der Gedanke an ein Blondköpfchen ... ein ... ein
fünfzehnjähriges ... und gerade unter solchen Umständen wie hier ...“
„Ungeheuer!“ rief Awdotja Ignatjewna empört.
„Genug!“ entschied Klinewitsch. „Ich sehe schon, daß das Material
vortrefflich ist. Wir werden uns hier bald famos einrichten. Die Hauptsache
ist, daß man die übrig gebliebene Zeit lustig verbringt; doch was für eine
Zeit ist das eigentlich? Heda, Sie, irgend ein Beamter, der Sie da sind,
Lebesätnikoff – nicht? – ich glaube, man nannte Sie vorhin so?“
„Gewiß, gewiß, Lebesätnikoff, Hofrat, Ssemjon Jewssejitsch, stehe zu
Ihren Diensten, und freut mich, freut mich, ungemein.“
„Äh, ’s ist mir wirklich ganz egal, ob es Sie freut, nur scheinen Sie hier
alles zu wissen. Sagen Sie mal vor allen Dingen – ich wundere mich noch
seit gestern darüber, – – auf welch eine Weise sprechen wir denn hier
eigentlich? Wir sind doch tot, gestorben – nicht wahr, – trotzdem aber
sprechen wir; ja es ist auch gleichsam, als ob wir uns sogar bewegten,
währenddessen aber bewegen wir uns weder noch sprechen wir? Was soll
das alles?“

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„Das, oh das, wenn Sie wünschen, Baron, könnte Ihnen Platon
Nikolajewitsch besser erklären als meine Wenigkeit.“
„Was für ein Platon Nikolajewitsch? Quatschen Sie nicht dummes Zeug –
zur Sache.“
„Platon Nikolajewitsch ist hier unser einheimischer Philosoph,
Naturforscher und Professor. Hat bei Lebzeiten mehrere philosophische
Bücher verfaßt, doch werden es jetzt wohl schon drei Monate sein, daß er
sich anschickt, ganz einzuschlafen, daher wird es wohl schwer fallen, ihn
jetzt noch wachrütteln. Er brummt jetzt höchstens einmal in der Woche
einige zusammenhanglose Worte, die eigentlich nicht zur Sache gehören ...“
„So kommen Sie doch wenigstens zur Sache!“
„Er – er – er erklärt das mit der ganz einfachen Tatsache, und zwar
gerade mit der, daß wir oben, das heißt, als wir noch lebten, den dortigen
Tod ganz irrtümlich für einen Tod hielten. Der Körper belebt sich hier
gewissermaßen nochmals, die Reste des Lebens konzentrieren sich, aber
nur im Bewußtsein. Das – ich kann Ihnen das nicht so recht sagen, ich weiß
eigentlich nicht, wie ich mich ausdrücken soll, das Leben setzt sich hier
gewissermaßen durch die Inertie fort. Alles konzentriert sich seiner
Meinung nach irgendwo im Bewußtsein und lebt dort noch drei oder vier
Monate lang fort, zuweilen sogar ein ganzes halbes Jahr ... Es gibt hier zum
Beispiel einen, der sich schon total zersetzt hat, doch einmal in etwa sechs
Wochen murmelt er plötzlich doch noch ein Wort, natürlich ein sinnloses,
von irgend einem Bobock: bobock, bobock, bobock, – also glüht doch auch
in ihm noch ein Lebensfünkchen ...“
„Alles ziemlich dumm, was Sie da sagen. Aber wie kommt es, daß ich,
ohne Geruchssinn zu haben, doch diesen Gestank hier rieche?“
„Das ... he–he ... Nun, was das anbetrifft, so wurde unser Philosoph,
offen gestanden, schon etwas schleierhaft in seiner Erklärung. Gerade über
den Geruchssinn bemerkte er, man rieche hier nur, he–he, sozusagen den,
he–he, moralischen Gestank! Den Gestank, heißt es, der Seele, um sich in
diesen zwei–drei Monaten noch besinnen zu können ... und dieses wäre
sozusagen noch die letzte Barmherzigkeit, die uns ... Nur glaube ich, Baron,
das ist alles schon mystische Phantasterei, natürlich entschuldbar durch
seine Verfassung ...“
„Danke, ich bin überzeugt, daß alles weitere Unsinn ist. Es genügt, daß
wir jetzt wissen, woran wir sind –: also zwei oder drei Monate Leben und
zum Schluß – bobock. Ich schlage allen vor, diese zwei Monate möglichst

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angenehm zu verbringen, und uns zu dem Zweck neue Grundsätze zu
wählen. Meine Damen und Herren! ich schlage vor, sich überhaupt nicht
mehr zu schämen!“
„Ach ja, ach ja! wollen wir uns nicht mehr schämen!“ riefen sofort viele
Stimmen und sonderbar, es ließen sich auch viele ganz neue Stimmen
hören, was natürlich bedeutete, daß inzwischen noch andere erwacht waren.
Mit ganz besonderer Bereitwilligkeit und dröhnendem Baß aber äußerte der
bereits völlig belebte Ingenieur seinen Beifall. Katjisch kicherte erfreut.
„Ach, wie gern ich mich keiner einzigen meiner Handlungen schämen
will!“ rief begeistert Awdotja Ignatjewna.
„Hören Sie, wenn schon Awdotja Ignatjewna sich keiner Sache mehr
schämen will! ...“
„Nein nein nein, Klinewitsch, ich habe mich wirklich geschämt,
immerhin habe ich mich doch geschämt, aber hier will ich mich furchtbar,
furchtbar gern nicht mehr schämen!“
„Ich verstehe, Klinewitsch,“ meinte mit dröhnendem Baß der Ingenieur,
„daß Sie vorschlagen, das hiesige, sagen wir, Leben auf neuen vernünftigen
Grundsätzen aufzubauen ...“
„Äh, das ist mir wirklich ganz egal! Was das anbetrifft, wollen wir lieber
Kudejaroff abwarten, – gestern beerdigt. Wenn er erwacht, wird er Ihnen
alles erklären. ’N großartiger Kerl! Morgen, denk ich, wird man noch so
einen Naturalisten ’ranschleppen, einen Leutnant jedenfalls bestimmt, und
wenn ich mich nicht täusche, nach drei–vier Tagen einen Feuilletonisten –
vielleicht mitsamt dem Redakteur. Übrigens, hol sie der Henker, nur wird
sich hier bei uns ein geschlossener Kreis bilden und, na ja, es wird sich
dann schon alles ganz von selbst machen. Doch – eine Bedingung! –: ich
verlange, daß man nicht lügt. Nur dieses eine verlange ich, denn das ist
doch die Hauptsache. Auf der Erde leben und nicht lügen ist unmöglich,
denn Leben und Lüge sind synonym; hier aber wollen wir zur Erhöhung der
Heiterkeit einmal nicht lügen. Der Teufel noch eins! – es hat doch etwas zu
bedeuten, daß man im Grabe liegt! ... Wir werden alle laut unsere
Lebensgeschichte erzählen und uns keiner einzigen Sache mehr schämen.
Ganz zuerst werde ich von mir erzählen. Ich, wissen Sie, gehöre zu den
wollüstigen ... Dort oben war alles mit faulen Schnüren
zusammengebunden. Reißen wir sie ab, diese faulen Schnüre, fort mit
ihnen, und lassen Sie uns diese zwei Monate in der schamlosesten Wahrheit
verleben! Entblößen wir uns alle, und zeigen wir uns nackt!“

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„Ach ja, ja! Entblößen wir uns, entblößen wir uns!“ riefen alle Stimmen
aus vollem Halse.
„Ach, ich will mich furchtbar, furchtbar gern entblößen!“ rief Awdotja
Ignatjewna und ihre kreischende Stimme klappte vor lauter Begeisterung
über.
„Ach ... ach ... ach, ich sehe schon, es wird hier lustig werden, ich will
nicht mehr zu Eck!“
„Nein, ich würde aber leben, nein, wissen Sie, ich würde aber leben!“
„Hi–hi–hi!“ kicherte Katjisch.
„Vor allen Dingen kann uns niemand etwas verbieten und wenn sich auch
Perwojedoff, wie ich sehe, ärgert, so kann er mich doch nicht kneifen, noch
sonst mir etwas antun. Grand-père, sind Sie einverstanden?“
„Oh, oh, ich bin durchaus, durchaus einverstanden und mit dem größten
Vergnügen, aber nur mit der Bedingung: daß Katjisch als erste ihre Bi–o–
graphie zum besten gibt.“
„Ich protestiere! Ich protestiere mit allem Nachdruck! ...“ erklärte
plötzlich mit fester Stimme General Perwojedoff.
„Exzellenz!“ flehte sofort in ängstlicher Erregung und mit gesenkter
Stimme der Nichtsnutz Lebesätnikoff – er wollte ihn eines Besseren
überzeugen: „Aber, Exzellenz, es ist doch für uns sogar vorteilhafter, wenn
wir zustimmen. Hier ist, wissen Sie, dieser Backfisch ... und schließlich,
alle diese kleinen Späßchen ...“
„Nun schön, gesetzt – ein Backfisch, aber ...“
„... Vo–vo–vorteilhafter, Exzellenz, bei Gott, es wäre vorteilhafter! Sagen
wir meinetwegen nur so zum Beispiel, nur so zur Probe ...“
„Selbst im Gra–abe läßt man einen nicht zur Ruhe kommen!“
„Erlauben Sie, General –,“ unterbrach ihn Klinewitsch gemessen,
„Erstens: Sie geruhten vorhin selbst im Grabe Préférence zu spielen und
zweitens – sind Sie uns ganz egal – aber ganz!“
„Mein Herr, ich bitte Sie, sich nicht zu vergessen.“
„Was? – Tja, Sie können mich doch nicht erreichen und ich kann Sie ja
von hier aus necken so viel ich will – wie Julchens Mops. Und übrigens, –
äh, meine Herren, was ist er denn hier noch für ein General? Dort mag er ja
auch General gewesen sein, hier aber ist er nichts – überhaupt nichts!“
„Nein, mein Herr, auch hier bin ich ...“
„Hier werden Sie im Sarge verfaulen und was von Ihnen übrig bleibt –
sind sechs silberne Knöpfe.“

Page 325

„Bravo, Klinewitsch, haha–ha!“ gröhlten lachende Stimmen.
„Ich habe meinem Kaiser gedient ... ich ... ich besitze einen Degen!“
„Äh, mit Ihrem Degen kann man jetzt Mäuse spießen und zudem haben
Sie ihn doch noch nie gezogen.“
„Das ... bleibt sich gleich. Ich machte einen Teil des Ganzen aus!“
„Als ob es wenig Teile des Ganzen gäbe!“
„Bravo, Klinewitsch, bravo, ha–ha–ha!“
„Ich begreife nicht, was solch ein Degen überhaupt bedeuten soll,“
meinte spöttisch der Ingenieur.
„Vor den Preußen werden wir wie die Mäuse ausreißen, die werden uns
doch zu Staub zerklopfen!“ schrie eine entferntere, mir noch unbekannte
Stimme, die aber buchstäblich vor Begeisterung erstickte.
„Der Degen, mein Herr, ist die Ehre!“ schrie wohl noch der General,
wenigstens konnte ich nur noch seine Stimme unterscheiden, denn es erhob
sich ein wütendes, unbändiges Geschrei, das wie ein Getöse dahinbrauste,
und das nur noch von dem ungeduldigen hysterischen Gekreisch Awdotja
Ignatjewnas durchschnitten wurde.
„Ach schneller, schneller doch! Ach, wann werden wir denn endlich
anfangen, uns nicht mehr zu schämen!“
„Och–chohoho! Wahrlich, wahrlich, meine Seele durchlebt das
Fegefeuer!“ hörte ich zwar noch die Stimme des Kaufmanns, aber ...
Aber da nieste ich plötzlich. Es kam ganz plötzlich und unbeabsichtigt,
doch die Wirkung war verblüffend: alles verstummte, verging wie ein
Traum. Wahre Grabesstille brach an. Glaube nicht, daß sie sich vor mir
schämten: sie hatten doch beschlossen, sich überhaupt nicht mehr zu
schämen!
Ich wartete noch fünf Minuten –: kein Wort, kein Laut. Es ist doch nicht
anzunehmen, daß sie eine Anzeige an die Polizei fürchteten; denn was
könnte die Polizei hierbei tun? Schließe daraus, daß sie immerhin irgend
solch ein Geheimnis haben müssen, eines, das uns Sterblichen unbekannt
ist, und das sie sorgfältig vor uns bewahren.
„Nun, meine Lieben,“ dachte ich, „Euch werde ich noch oftmals
besuchen.“ Und mit diesen Worten verließ ich den Friedhof.

Nein, das kann ich nicht zulassen; nein, wahrhaftig nicht! Da habe ich nun
in Gräbern mein bobock gefunden! ... Hab ja weiter keine Angst davor, aber

Page 326

...
Verderbnis an solch einem Ort, Verderbnis zerfallender, verwesender
Leichen und das noch in dem letzten Augenblick der Besinnung, angesichts
der letzten Zuversicht! Diese kurzen Augenblicke sind ihnen gegeben,
geschenkt, um ... Doch die Hauptsache, die Hauptsache, – an solch einem
Ort! Nein, das kann ich nicht zulassen! ...
Werde zu den anderen Klassen gehen, werde überall zuhören. Das ist’s ja
eben, daß man überall zuhören muß, und nicht nur irgendwo am Rande an
einer einzigen Stelle, um sich eine richtige Vorstellung machen zu können.
Wer weiß, – vielleicht werde ich auch auf etwas Tröstendes stoßen.
Doch zu denen werde ich bestimmt noch zurückkehren. Versprachen
doch ihre Biographien und verschiedene Geschichtchen ... Pfui! Aber ich
werde überall hingehen, unbedingt werde ich hingehen! Gewissenssache!
Will es in die Redaktion des „Bürger“ bringen; dort hat man auch das
Bild eines Redakteurs ausgestellt. Vielleicht drucken sie’s.

Page 327

Der Traum eines lächerlichen Menschen.

Eine phantastische Erzählung.

Page 328

I.

I ch bin ein lächerlicher Mensch. Jetzt halten sie mich sogar für irrsinnig.
Das wäre ja eine Rangerhöhung, wenn ich dabei nicht immer noch
lächerlich für sie bliebe. Jetzt aber ärgere ich mich nicht mehr darüber,
jetzt sind sie mir alle lieb, auch wenn sie über mich lachen – ja dann sind
sie mir aus irgend einem Grunde noch ganz besonders lieb. Ich würde gern
mit ihnen lachen, – nicht gerade über mich, wohl aber aus Liebe zu ihnen,
wenn mich nur ihr Anblick nicht so traurig machte. Traurig, weil sie die
Wahrheit nicht wissen. Ich aber weiß die Wahrheit. Oh Gott, wie schwer ist
es doch, ganz allein die Wahrheit zu wissen! Doch das werden sie nicht
verstehn. Nein, das werden sie nicht verstehn.
Früher schuf es mir viel Leid, daß ich lächerlich schien. Nein, nicht
schien, sondern war. Ich war immer lächerlich, und das weiß ich vielleicht
schon seit meiner Geburt. Vielleicht wußte ich es schon mit sieben Jahren,
daß ich lächerlich war. Später besuchte ich die Schule, dann die Universität,
aber – je mehr ich lernte, desto mehr erkannte ich, daß ich lächerlich bin. So
daß meine ganze Universitätswissenschaft zum Schluß für mich nichts
anderes bedeutete, als mir in dem Maße, wie ich mich in sie vertiefte, zu
beweisen und zu erklären, daß ich lächerlich bin. Und im Leben erging es
mir ähnlich wie in der Wissenschaft. Mit jedem Jahr wuchs und befestigte
sich in mir dieselbe Erkenntnis meiner Lächerlichkeit in jeder
Lebensbeziehung. Über mich haben immer alle gelacht. Aber kein einziger
von ihnen wußte oder erriet es wenigstens, daß, wenn es irgendwo in der
Welt einen Menschen gab, der besser als alle anderen wußte, wie lächerlich
ich bin, ich dieser Mensch war. Und gerade das war es, was mich am
meisten kränkte: daß sie das nicht wußten. Aber daran war ich selbst schuld:
ich war immer so stolz, daß ich es um nichts in der Welt einem Menschen
gestanden hätte. Und dieser Stolz wuchs in mir noch mit den Jahren, und
wenn es geschehen wäre, daß ich mir erlaubt hätte, irgend jemandem,
einerlei wem, sei es wem es sei, einzugestehen, daß ich lächerlich bin, so
würde ich mir sofort, noch am Abend desselben Tages eine Kugel durch den
Kopf geschossen haben. Oh, wie litt ich in meiner Jugend unter der Angst,
ich könnte es vielleicht nicht aushalten, und es plötzlich selbst meinen
Kameraden sagen. Doch seit der Zeit, da ich schon ein junger Mann wurde,

Page 329

wenn ich dabei auch mit jedem Jahr immer mehr und mehr meine
furchtbare Eigenschaft erkannte, wurde ich doch aus irgend einem Grunde
ruhiger ... Gerade aus irgend einem Grunde, denn ich kann bis jetzt noch
nicht sagen warum. Vielleicht weil in meiner Seele die Angst einer
bestimmten Erkenntnis, die menschlich höher war als mein Ich, gerade
damals wuchs und wuchs: – das war die mich ergreifende Überzeugung,
daß in der ganzen Welt alles einerlei ist.
Ich hatte es schon sehr lange vorausgefühlt, aber die volle Überzeugung
überkam mich erst im letzten Jahre und irgendwie ganz plötzlich. Ich fühlte
mit einem Mal, daß es mir ganz einerlei wäre, ob die Welt existierte, oder
ob es überhaupt nichts gäbe. Allmählich sah und fühlte ich mit meinem
ganzen Wesen, daß es nichts außer mir gab. Zuerst schien es mir immer,
daß es dafür früher vieles gegeben hatte, dann aber erriet ich, daß auch
früher nichts gewesen war, sondern nur aus irgend einem Grunde
geschienen hatte. Und allmählich überzeugte ich mich, daß es auch hinfort
niemals etwas geben wird. Da hörte ich plötzlich auf, mich über die
Menschen zu ärgern, und ich bemerkte sie fast nicht mehr. Und das tat sich
bald in den kleinsten Dingen kund, z. B. kam es vor, daß ich, wenn ich auf
der Straße ging, mit den Leuten zusammenstieß. Und das nicht etwa, weil
ich in Gedanken versunken gewesen wäre: woran hätte ich denn denken
sollen, ich hatte damals ganz aufgehört, zu denken: mir war alles einerlei.
Und wenn ich doch wenigstens Fragen gelöst hätte! Oh, keine einzige habe
ich gelöst, und doch gab es ihrer wahrlich nicht wenig! Aber mir wurde
alles einerlei, und die Fragen entfernten sich von selbst.
Und dann, plötzlich erfuhr ich die Wahrheit. Die Wahrheit erfuhr ich im
vorigen November, genau am dritten November und seit der Zeit erinnere
ich mich jedes Augenblicks meines Lebens. Es war in einer finsteren, so
finsteren Nacht, wie ich sie dunkler noch nie gesehn. Ich kehrte damals um
elf Uhr abends heim, und ich weiß noch, ich dachte gerade, daß es eine
noch finstrere, dunklere Zeit nicht geben könnte. Sogar in physischer
Beziehung. Der Regen hatte den ganzen Tag gerieselt, und das war der
allerkälteste, allerfinsterste Regen gewesen, so ein die Seelen ängstigender
Regen, das weiß ich noch, der so eine fühlbare Feindseligkeit zu den
Menschen hatte. Und plötzlich, um elf Uhr nachts, hörte er auf, und es
begann eine furchtbare Feuchtigkeit, die noch feuchter und noch kälter als
der Regen war, und von überall her erhob sich ein Nebel, wie Dampf, von
jedem feuchten Steine der Straße und aus jeder Quergasse, wenn man im

Page 330

Vorübergehn in sie tiefer hineinblickte, dorthin, wo die beiden
Häuserstreifen sich ineinander näherten und im Dunkel verschwanden, stieg
er auf. Ich dachte plötzlich, daß es doch viel wohltuender wäre, wenn das
Gas erlöschen würde, denn die Beleuchtung machte das alles sichtbar, und
so wurde es dem Herzen nur schwerer. Ich hatte an jenem Tage fast nichts
gegessen und seit der Dämmerstunde war ich mit zwei anderen bei einem
Ingenieur gewesen. Ich hatte die ganze Zeit geschwiegen und war ihnen
wahrscheinlich langweilig gewesen. Sie sprachen über irgend etwas und
plötzlich gerieten sie sogar in Meinungsverschiedenheiten und Streit. Aber
es ging sie im Grunde doch nichts an, das wußte ich, und sie ereiferten sich
nur um des Ereiferns willen. Das sagte ich ihnen denn auch plötzlich:
„Hört, es ist Euch doch alles einerlei.“ Sie waren deswegen nicht gekränkt,
sondern lachten nur über mich. Weil ich es ohne jeden Vorwurf gesagt hatte,
einfach weil mir alles einerlei war. Sie sahen es denn auch ein, daß mir alles
einerlei war, und wurden wieder guter Laune.
Als ich auf der Straße an das Erlöschen der Gasbeleuchtung dachte,
blickte ich zum Himmel auf. Er war unheimlich dunkel, doch deutlich
konnte man hellere, zerrissene, zerflatterte Wolken unterscheiden und
zwischen ihnen bodenlose schwarze Flecke. Plötzlich erblickte ich in einem
dieser Flecke einen kleinen Stern: ich blieb stehn und betrachtete ihn
aufmerksam. Ich tat es nur, weil mir dieser kleine Stern einen Gedanken
gab: ich beschloß, mich noch in derselben Nacht zu erschießen. Das hatte
ich schon vor zwei Monaten fest beschlossen, und wie arm ich auch war,
ich hatte mir doch einen schönen Revolver gekauft und ihn noch am selben
Tage geladen. Und doch waren schon zwei Monate vergangen und er lag
immer noch in meinem Kasten; es war mir alles dermaßen einerlei, daß ich
einen Augenblick, in dem mir nicht alles so einerlei sein würde, abwarten
wollte, warum – weiß ich nicht. Und so kam es denn, daß ich in diesen zwei
Monaten in jeder Nacht, wenn ich heimkehrte, glaubte, ich würde mich in
dieser Nacht erschießen. Ich erwartete immer den Augenblick. Und
plötzlich gab mir dieser kleine Stern den Gedanken, und ich beschloß, daß
es unbedingt in dieser Nacht geschehen sollte. Warum mir aber der Stern
den Gedanken gab – das weiß ich nicht.
Und da war’s denn, daß mich, als ich in den Himmel blickte, plötzlich
dieses kleine Mädchen am Ellenbogen zupfte. Die Straße war schon ganz,
ganz still, kein Mensch war ringsum zu sehn. Nur in der Ferne schlief ein
Droschkenkutscher auf seinem Bock. Das Mädchen war vielleicht acht

Page 331

Jahre alt, in einem dünnen Kleidchen, hatte nur ein kleines Tuch um, war
ganz durchnäßt, doch am meisten fielen mir ihre nassen zerrissenen Stiefel
auf und auch jetzt noch erinnere ich mich ihrer deutlich. Sie stachen mir
ganz besonders in die Augen. Sie zupfte mich plötzlich am Ärmel und rief
irgend etwas. Sie weinte nicht, aber sie stieß wie bellend irgend welche
Worte hervor, Worte, die sie nicht deutlich aussprechen konnte, da sie vor
Kälte am ganzen Körper zitterte. Sie war so erschrocken, so entsetzt, daß
sie in ihrer Verzweiflung nur stockend immer ein und dasselbe rief:
„Mammi! Mammi!“ Ich blickte mich zwar einmal nach ihr um, sagte aber
kein Wort und ging weiter, sie aber lief mir nach und zupfte mich immer am
Ärmel und in ihrer Stimme klang jener Ton, der bei erschrockenen Kindern
Verzweiflung bedeutet. Ich kenne diesen Ton. Wenn sie auch ihre Worte
nicht aussprach, so begriff ich doch, daß ihre Mutter irgendwo im Sterben
lag, oder daß bei ihnen sonst etwas Furchtbares geschehen sein mußte, und
sie hinausgelaufen war, um irgend jemanden zu Hilfe zu rufen, um irgend
etwas zu finden, ihrer Mammi zu helfen. Ich aber folgte ihr nicht, wohin sie
mich rief, im Gegenteil, es fiel mir sogar ein, sie fortzujagen. Zuerst sagte
ich ihr noch, sie solle den Schutzmann suchen. Sie jedoch faltete plötzlich
die Händchen zusammen und lief schluchzend, atemlos, neben mir her:
wahrscheinlich hatte sie Angst mich zu verlassen. Und da war es denn, daß
ich plötzlich mit dem Fuß stampfte und sie anschrie. Sie rief nur angstvoll:
„Herr, lieber Herr! ...“ dann aber blieb sie stehn und plötzlich lief sie schnell
über die Straße: dort ging eine Gestalt, und so verließ sie mich, um zu dem
anderen Menschen hinüber zu laufen.
Ich stieg in meinen fünften Stock. Ich wohne hier bei einer Frau, die
Zimmer vermietet. Mein Zimmer ist ärmlich und klein; es hat nur ein
halbrundes Dachfenster. Ich habe einen mit Wachstuch bezogenen
Schlafdiwan, einen Tisch, auf dem meine Bücher stehn, zwei Stühle und
einen Lehnstuhl, der zwar alt, uralt, dafür aber bequem ist. Ich setzte mich,
zündete das Licht an und kam ins Denken. Im Nebenzimmer, das nur durch
eine dünne Wand von meinem Zimmer geschieden ist, zog sich das Gelage
schon den dritten Tag hin. Dort wohnte ein verabschiedeter Hauptmann und
bei ihm waren wieder Gäste – sechs Mann; gewöhnlich tranken sie Schnaps
und spielten mit alten fettigen Karten irgend ein Hazardspiel. In der
vergangenen Nacht war es bei ihnen zu einer Prügelei gekommen und ich
weiß, daß zwei von ihnen sich lange gegenseitig in den Haaren gelegen
hatten. Die Wirtin wollte sich beklagen, wagte es jedoch nicht, da sie vor

Page 332

dem Hauptmann furchtbar Angst hatte. Sonst gibt es hier an Mietern nur
noch eine kleine, magere Dame, eine angereiste, mit ihren drei kleinen und
hier bei uns erkrankten Kinderchen. Sie wie die Kleinen fürchten den
Hauptmann bis zur Lächerlichkeit und wenn er wieder Gäste hat, so
schlafen sie die ganze Nacht nicht, zittern und bekreuzen sich und das
kleinste soll vor Angst schon irgend welche Krämpfe gehabt haben. Dieser
Hauptmann bettelt zuweilen, wie ich genau weiß, die Menschen auf dem
Newsky an, eine Stelle sucht er sich nicht, doch sonderbarer Weise –
deswegen erzähle ich ja nur von ihm – hat mich dieser Hauptmann während
der ganzen Zeit, die er bei uns wohnt, noch kein einziges Mal gestört.
Seinem Verkehr war ich allerdings gleich zu Anfang ausgewichen, und ich
wurde ihm auch schon bei seinem ersten Besuch in meinem Zimmer
furchtbar langweilig, doch wie laut sie auch im Nebenzimmer schreien
mochten – mir war immer alles einerlei. Ich sitze die ganze Nacht in
meinem Lehnstuhl, und wirklich, ich höre sie überhaupt nicht – so weit
konnte ich sie und ihr Geschrei vergessen. Schlafe ich doch in keiner
einzigen Nacht – und das tue ich jetzt schon ein Jahr lang. Ich sitze bis zum
Morgengrauen in meinem Sessel und mache nichts. Bücher lese ich nur des
Tags. Ich sitze und denke nicht einmal, ich sitze einfach so, irgend welche
Gedanken schweifen umher und ich lasse sie ruhig gewähren. Das Licht
brennt in der Nacht ganz aus. Ich setzte mich an den Tisch, nahm meinen
Revolver und legte ihn vor mich hin. Ich weiß noch – als ich ihn vor mich
hinlegte, fragte ich mich: „Ja?“ und vollkommen ruhig antwortete ich mir:
„Ja.“ Also hatte ich beschlossen, mich noch in derselben Nacht zu
erschießen. Ich wußte, daß ich mich in dieser Nacht bestimmt erschießen
würde, wie lange ich aber vorher noch so sitzen würde – das wußte ich
nicht. Und zweifellos hätte ich mich auch erschossen, wenn nicht jenes
Mädchen ...

Page 333

II.

Sehen Sie: wenn mir auch alles einerlei war, so fühlte ich doch, zum
Beispiel, den Schmerz, den fühlte ich doch. Hätte mich jemand geschlagen,
so würde ich bestimmt den Schmerz gefühlt haben. Und ebenso auch in
moralischer Hinsicht: wäre etwas sehr Trauriges geschehn, so würde ich
Mitleid empfunden haben, ganz wie früher, als mir noch nicht alles im
Leben einerlei war. Und so hatte ich denn auch jetzt Mitleid gefühlt: einem
Kinde würde ich doch unter allen Umständen geholfen haben. Warum hatte
ich dann dem kleinen Mädchen nicht geholfen? Weil mir gerade in dem
Augenblick ein Gedanke gekommen war: als sie mich rief und zupfte, hatte
sich vor mir gerade eine Frage erhoben, die ich nicht lösen konnte. Sie war
müßig, aber sie ärgerte mich doch. Ärgerte mich wegen der logischen
Folgerung, daß mir, wenn ich beschlossen hatte, mich noch in derselben
Nacht zu erschießen, folglich alles auf der Welt mehr denn je gleichgültig
sein mußte. Warum aber fühlte ich dann plötzlich, daß mir nicht alles
gleichgültig war und daß ich das Mädchen bemitleidete? Ich weiß noch, daß
sie mir wirklich leid tat; sogar bis zu einem ganz sonderbaren Schmerz tat
sie mir leid, der doch in meiner Lage ganz unwahrscheinlich und
unangebracht schien. Nein, ich kann mein damaliges vorübergehendes
Empfinden nicht gut wiedergeben, aber es dauerte noch an, als ich schon in
meinem Zimmer war, als ich mich schon an den Tisch gesetzt hatte; und ich
war so aufgebracht, wie ich es seit langer Zeit nicht mehr gewesen war.
Erwägung zog nach Erwägung vorüber. Es ist doch klar, daß ich, wenn ich
ein Mensch und noch keine Null bin, d. h. mich noch nicht in eine Null
verwandelt habe, daß ich dann lebe – und folglich kann ich mich dann noch
ärgern, kann ich noch leiden, und wegen meiner Handlungen Scham
empfinden. Schön. Meinetwegen. Aber wenn ich mich, zum Beispiel, nach
zwei Stunden töte, was ist mir dann dieses kleine Mädchen und was geht
mich dann die Scham an und überhaupt die ganze Welt? Ich verwandle
mich in eine Null, in eine absolute Null. Und konnte denn wirklich die
Erkenntnis, daß ich alsbald überhaupt nicht mehr sein würde, folglich aber
auch sonst überhaupt nichts mehr sein würde, weder auf das Gefühl des
Mitleids mit dem kleinen Mädchen, noch auf das Gefühl der Scham nach
der begangenen Rohheit nicht den geringsten Einfluß haben? Nur deswegen

Page 334

stampfte ich doch mit dem Fuß und schrie ich das arme Kindchen so
wütend an, weil ich zeigen wollte, daß ich – nicht nur kein Mitleid
empfinde, sondern auch die unmenschlichste Rohheit begehen kann, da
nach zwei Stunden alles erlöschen und es dann nichts mehr geben wird.
Werden Sie es mir glauben, daß ich sie deswegen anschrie? Ich bin jetzt fest
überzeugt davon. Es war mir in jenem Augenblick vollkommen klar, daß
das Leben und die Welt gleichsam nur von mir abhängen. Ja, ich kann es
sogar so sagen: daß die Welt jetzt gleichsam nur für mich allein geschaffen
ist – erschieße ich mich, so hört die Welt auf zu sein, wenigstens für mich.
Ganz abgesehen davon, daß es vielleicht auch wirklich für niemanden mehr
etwas nach mir geben wird, und die ganze Welt, sobald nur meine
Erkenntnis erlischt, gleichfalls wie eine Vision vergeht, wie ein Attribut
bloß dieser meiner Erkenntnis, und sich aufhebt: denn vielleicht ist diese
ganze Welt und sind alle diese Menschen – nur ich selbst ganz allein. Ich
weiß noch, daß ich diese neuen Fragen, die sich eine nach der anderen
herandrängten, in das Entgegengesetzte umkehrte und mir etwas ganz
Neues ausdachte. Das war, als ich in meinem Lehnstuhl saß und grübelte.
So kam mir u. a. plötzlich auch ein sonderbarer Gedanke: wenn ich, zum
Beispiel, früher auf dem Monde oder auf dem Mars gelebt und daselbst
irgend eine unglaublich ehrlose, schändliche Tat begangen hätte, die
schändlichste, die man sich nur denken kann, und wenn ich dort für diese
Tat so beschimpft und entehrt worden wäre, wie man es sich höchstens im
Traum zuweilen vorstellen, unter einem Alpdruck fühlen kann, und wenn
mich dann auf der Erde die Erinnerung an das, was ich auf dem anderen
Planeten getan, nicht verlassen und ich außerdem noch wissen würde, daß
ich niemals mehr, unter keinen Umständen auf jenen anderen Planeten
zurückkehren werde, so, frage ich mich, würde mir dann, wenn ich von der
Erde aus auf den Mond blickte, – alles einerlei sein oder nicht? Würde ich
mich dann dieser meiner Tat schämen oder nicht? Die Fragen waren müßig
und überflüssig, da der Revolver schon vor mir auf dem Tisch lag, und ich
mit meinem ganzen Wesen wußte, daß es bestimmt geschehn würde – aber
sie regten mich auf und ich ärgerte mich. Es war mir, als könnte ich nicht
mehr sterben, bevor ich nicht etwas – Unbestimmtes gelöst hatte. Kurz,
dieses kleine Mädchen rettete mich, denn durch die Fragen schob ich den
Tod auf. Beim Hauptmann im Nebenzimmer wurde es mittlerweile still: sie
hatten ihr Kartenspiel beendet und richteten sich zum Schlafen ein,
inzwischen aber brummten sie noch oder schimpften schlaftrunken zu

Page 335

Ende. Und da geschah es denn, daß ich plötzlich einschlief, was mit mir
sonst noch nie vorgekommen war: am Tisch im Lehnstuhl. Ich schlief, mir
vollkommen unbewußt, ein.
Träume sind bekanntlich eine äußerst sonderbare Sache: das Eine sieht
man mit erschreckender Deutlichkeit, mit schmuckstückhafter Ausarbeitung
der Einzelheiten, anderes dagegen übergeht man fast ganz, als ob es
überhaupt nicht vorhanden wäre, so z. B. Raum und Zeit. Ich glaube,
Träume träumt nicht die Vernunft, sondern der Wunsch, nicht der Kopf,
sondern das Herz, und doch: welch komplizierte Dinge überwand meine
Vernunft zuweilen im Traum! Ganz unbegreifliche Dinge! Zum Beispiel:
mein Bruder ist vor fünf Jahren gestorben, ich sehe ihn aber sehr oft im
Traum: er nimmt Anteil an meinen Interessen, wir sprechen sehr sachlich
über alle möglichen Dinge, währenddessen aber weiß ich doch die ganze
Zeit über genau und vergesse es keinen Augenblick, daß mein Bruder schon
tot und längst begraben ist. Wie kommt es aber, daß ich mich nicht im
geringsten über sein Erscheinen wundere? Daß der Tote neben mir sitzt und
mit mir spricht? Warum läßt meine Vernunft so etwas ruhig zu? Doch
genug. Ich komme jetzt zu meinem Traum. Ja, damals hatte ich jenen
Traum, meinen Traum vom dritten November! Jetzt necken Sie mich damit,
daß es ja doch nur ein Traum gewesen ist. Aber ist es denn wirklich nicht
ganz gleichgültig, ob es ein Traum gewesen ist oder nicht, wenn nur dieser
Traum mir die Wahrheit offenbart hat? Denn wenn man einmal die
Wahrheit erkannt, sie nur einmal gesehn hat, so weiß man doch, daß sie die
einzige Wahrheit ist und es außer ihr eine andere überhaupt nicht mehr
geben kann, einerlei ob man schläft oder lebt. Nun gut, mags ein Traum
sein, meinetwegen, aber dieses Leben, das Ihr so preist, wollte ich mit
einem Selbstmord von mir werfen, mein Traum aber, mein Traum – oh,
mein Traum offenbarte mir ein neues, großes, wundervolles Leben!
Hört.

Page 336

III.

Ich sagte, daß ich ganz unmerklich einschlief; es war mir, als ob ich nur
fortfuhr über dieselben Fragen nachzugrübeln. Plötzlich nehme ich den
Revolver – d. h. es schien mir im Traum, daß ich ihn nahm – und setze ihn
gerade an das Herz, – an das Herz, und nicht an die Stirn; ich aber hatte
vorher fest beschlossen, mich durch einen Schuß in den Kopf, unbedingt in
den Kopf, und zwar gerade durch die rechte Schläfe zu töten. Nachdem ich
den Lauf auf die Brust gesetzt hatte, wartete ich eine, nein, zwei Sekunden
lang und mein Licht, der Tisch und die Wand vor mir kamen plötzlich wie
näher und fingen zu schaukeln an. Ich drückte schnell den Hahn ab.
Im Traum fällt man zuweilen von einer Höhe herab oder man wird
ermordet, oder geschlagen, doch fühlt man dabei niemals einen Schmerz, es
sei denn, daß man sich selbst irgendwie am Bett beschädigt: dann allerdings
fühlt man einen Schmerz, von dem man denn auch gewöhnlich erwacht. So
war es auch in meinem Traum: Schmerz fühlte ich nicht, aber es war mir,
als ob durch meinen Schuß alles in mir – erschüttert wurde und plötzlich
erlosch, und um mich herum alles furchtbar dunkel wurde. Ich wurde
gleichsam blind und stumm, und siehe da, ich liege auf etwas Hartem
ausgestreckt, auf dem Rücken, sehe nichts und kann nicht die geringste
Bewegung machen. Um mich herum wird gegangen und geschrieen, ich
höre die Baßstimme des Hauptmanns und die Fistelstimme meiner Wirtin, –
und plötzlich wieder eine Unterbrechung ... und da trägt man mich schon in
geschlossenem Sarge. Und ich fühle wie die Träger beim Gehen den Sarg
schaukeln und denke noch so darüber nach, und plötzlich fällt mir zum
ersten Mal der Gedanke auf, daß ich ja doch gestorben bin, daß ich tot bin,
daß ich es weiß und nicht daran zweifeln will, nicht sehe und mich nicht
bewege, trotzdem aber fühle und denke. Doch ich söhne mich schnell damit
aus und nehme, wie man es gewöhnlich im Traum tut, die Wirklichkeit
widerspruchslos an.
Und siehe, da senkt man mich in ein tiefes Grab hinab und begräbt mich
in der Erde. Alle gehen fort, ich bin allein, vollständig, ganz und gar allein.
Ich rühre mich nicht. Wenn ich mir früher vorstellte, wie man mich
beerdigen würde, so verband ich mit dem Begriff Grab eigentlich nur das
Gefühl von Feuchtigkeit und Kälte. Und so wars denn auch: ich fühlte, daß

Page 337

ich es sehr kalt hatte, besonders an den Zehenspitzen, doch sonst fühlte ich
nichts.
Ich lag und, sonderbar, – erwartete nichts, da ich widerspruchslos
annahm, daß ein Toter nichts zu erwarten hat. Aber es war feucht. Ich weiß
nicht, wieviel Zeit inzwischen verging, – eine Stunde oder einige Tage, oder
viele Tage. Doch plötzlich – fiel auf mein linkes geschlossenes Auge ein
durch den Sargdeckel durchgesickerter kalter Wassertropfen ... es verging
eine Minute und es fiel ein zweiter – nach ihm ein dritter, und so weiter,
und so weiter, immer nach einer Minute. Heftiger Unwille entbrannte darob
mit einem Mal in meinem Herzen und plötzlich fühlte ich in ihm einen
physischen Schmerz: „Das ist meine Wunde,“ dachte ich, „dort sitzt die
Kugel“ ... Der Tropfen aber tropfte in jeder Minute und immer gerade auf
mein linkes geschlossenes Auge. Da rief ich, nicht mit der Stimme, denn ich
war unbeweglich, sondern mit meinem ganzen Wesen zum Beherrscher
alles dessen, was mit mir geschah:
„Wer Du auch seist, doch wenn Du bist, und wenn es etwas
Vernünftigeres gibt, als das, was soeben mit mir geschieht, so gebiete ihm
auch hier zu sein. Wenn Du mich aber für meinen unvernünftigen
Selbstmord mit dem Blödsinn eines weiteren Seins strafen willst, so wisse,
daß sich nichts von dem, was mich auch erwartet, mit meiner Verachtung
wird messen können, mit meiner Verachtung, die ich schweigend
empfinden werde, und wenn auch im Verlauf von Jahrmillionen der Qual
und des Märtyrertums! ...“
Ich rief es und verstummte. Fast eine ganze Minute lang dauerte das tiefe
Schweigen an, und es tropfte sogar noch ein Tropfen auf mein
geschlossenes Auge herab, doch ich wußte, grenzenlos und unerschütterlich
wußte ich, und ich glaubte daran, daß sich unbedingt sofort alles verändern
würde. Und siehe, plötzlich tat sich mein Grab auf. Das heißt, ich weiß
nicht, ob es gerade aufgegraben wurde, ich weiß nur, daß ich von einem
dunklen, mir unbekannten Wesen aufgenommen wurde und wir befanden
uns im Weltenraum. Und plötzlich ward ich wieder sehend: Es war tiefe
Nacht und niemals, niemals noch hatte es solch eine Dunkelheit gegeben!
Wir durchzogen den Weltraum schon weit entfernt von der Erde. Ich stellte
an den, der mich trug, keine einzige Frage, ich wartete und war stolz. Ich
versicherte mir, daß ich mich nicht fürchtete, und erstarb fast vor Entzücken
bei dem Gedanken, daß ich mich nicht fürchtete. Ich weiß nicht mehr, wie
lange wir so schwebten und ich kann mir auch nicht recht vorstellen:

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geschah alles so, wie es gewöhnlich im Traum zu geschehen pflegt, wenn
man Raum und Zeit und die Gesetze der Vernunft überspringt und nur auf
den Punkten stehn bleibt, von denen das Herz träumt. Ich erinnere mich
noch, daß ich plötzlich in der Dunkelheit einen kleinen Stern erblickte.
„Ist das der Sirius?“ fragte ich mit einem Mal ganz gegen meinen Willen,
da ich nichts fragen wollte.
„Nein, das ist derselbe Stern, den Du zwischen den Wolken erblicktest,
als Du nach Hause gingst,“ antwortete mir das Wesen, das mich trug. Ich
wußte nur, daß es ein menschenartiges Antlitz hatte. Doch sonderbar: ich
liebte dieses Wesen nicht, ich empfand sogar eine tiefe Abneigung gegen
dasselbe. Ich hatte vollkommenes Nichtsein erwartet und mit dieser
Annahme hatte ich mir den Tod gegeben. Und siehe, ich bin in den Armen
eines Wesens, natürlich keines menschlichen Wesens, aber trotzdem eines
Wesens, das wirklich ist.
„Also gibt es auch nach dem Tode ein Leben!“ dachte ich mit dem
sonderbaren Leichtsinn des Traumes, doch das Wesen meines Herzens blieb
mit mir in seiner ganzen Tiefe. „Und wenn ich von neuem sein muß,“
dachte ich, „und wieder nach irgend jemandes unabwendbarem Willen
leben muß, so will ich nicht, daß man mich besiegt und erniedrigt!“
„Du weißt, daß ich mich vor Dir fürchte, und verachtest mich deswegen,“
sagte ich plötzlich zu meinem Gefährten: ich hatte mich nicht bezwingen
können und so war denn die erniedrigende Frage, die das Bekenntnis in sich
schloß, gestellt, und in meinem Herzen fühlte ich den Schmerz meiner
Erniedrigung wie den Stich einer Stecknadel. Das Wesen antwortete auf
meine Frage nicht, doch fühlte ich plötzlich, daß man mich nicht verachtete,
und nicht über mich lachte, und daß man mich nicht einmal bemitleidete,
und daß unser Flug sogar ein Ziel hatte, ein unbekanntes und
geheimnisvolles, und das nur mich allein anging. Und die Angst wuchs in
meinem Herzen. Irgend etwas ging von meinem stummen Gefährten
schweigend, doch qualvoll auch auf mich über und durchdrang mich. Wir
durchzogen dunkle, unbekannte Sphären. Schon längst waren die meinem
Auge bekannten Gestirne verschwunden. Ich wußte, daß es im Weltenraum
Sterne gibt, deren Strahlen erst in Jahrtausenden oder Jahrmillionen die
Erde erreichen. Wir aber hatten vielleicht schon größere Entfernungen
durchmessen. Ich erwartete irgend etwas und die Sehnsucht quälte mein
Herz. Und plötzlich überkam mich ein bekanntes, heimisches Gefühl: ich
erblickte unsere Sonne! Ich wußte, daß es nicht unsere Sonne sein konnte,

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die Mutter unserer Erde, die unsere Erde geboren hat, aber ich erfuhr durch
irgend etwas, ich weiß nicht wodurch, doch mit meinem ganzen Wesen
erfuhr ich es, daß es ganz eben solch eine Sonne war wie die unsrige, ihre
Wiederholung und ihr Doppelgänger. Ein süßes, herrliches Gefühl
durchdrang voll Entzücken meine Seele: die Kraft des Lichts, die jener
Kraft verwandt war, die mich hervorgebracht, fand in meinem Herzen einen
Widerschein und erweckte es wieder zu neuem Leben, und ich fühlte das
Leben, das frühere Leben zum ersten Mal nach meinem Grabe.
„Aber wenn das die Sonne ist, wenn das ganz genau solch eine Sonne ist,
wie die unsrige,“ rief ich, „– wo ist dann die Erde?“ Und mein Gefährte
wies auf einen kleinen Stern, der in smaragdgrünem Glanze strahlte. Wir
schwebten gerade auf ihn zu.
„Wie ist es möglich, daß es solche Wiederholungen im Weltall gibt, ist
denn wirklich derart das Weltgesetz? ... Und wenn das dort die Erde ist, so
sag mir doch, ist es eben solch eine Erde wie die unsrige? ... genau solch
eine unglückliche, arme, doch so teure und ewig geliebte Erde, die ebenso
qualvolle Liebe selbst in ihren undankbarsten Kindern zu sich erweckt, wie
unsere Erde? ...“ rief ich, zitternd vor unbezwingbarer berauschender Liebe
zu jener heiligen Mutter, der feuchten, sonnigen Erde, die ich verlassen
hatte. Und die Gestalt des kleinen Mädchens, das ich angeschrieen hatte,
tauchte auf einen Augenblick in meiner Erinnerung auf.
„Du wirst es selbst sehn,“ antwortete mein Gefährte und eine gewisse
Trauer klang durch seine Worte. Wir näherten uns schnell dem Planeten. Er
wuchs in meinen Augen, ich konnte schon die Ozeane unterscheiden, dann
die Konturen Europas und plötzlich lohte eine große heilige Eifersucht in
meinem Herzen auf:
„Wie darf es solch eine Wiederholung geben, und zu welch einem Zweck
gibt es sie? Ich liebe und kann ja nur jene Erde lieben, die ich verlassen
habe, auf der die Tropfen meines verspritzten Blutes blieben, als ich, ich
Undankbarer, mein Leben durch Selbstmord von mir warf! Doch niemals,
niemals habe ich aufgehört, unsere Erde zu lieben, und sogar in jener Nacht,
in der ich sie verließ, habe ich sie vielleicht heißer, qualvoller denn je
geliebt! Gibt es auch auf dieser neuen Erde Qual? Auf unserer Erde können
wir nur mit Qualen oder durch Qualen wahrhaft lieben! Anders verstehn wir
nicht zu lieben und wir kennen keine andere Liebe. Ich will Qual, um lieben
zu können. Ich will, oh, ich lechze jetzt, in diesem Augenblick danach,
tränenüberströmt einzig und allein die Erde küssen zu können, die ich

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verlassen habe! Und ich will nicht, ich nehme kein anderes Leben an, als
nur eines auf unserer Erde! ...“
Mein Gefährte aber hatte mich schon verlassen. Für mich ganz
unmerklich, war ich auf jener anderen Erde angekommen, im grellen
Sonnenlicht eines paradiesisch schönen Tages. Ich stand, glaube ich, auf
einer jener Inseln, die auf unserer Erde den Griechischen Archipel
ausmachen, oder vielleicht war es irgendwo an der Küste des Festlandes,
das dort das Ägäische Meer umgibt. Oh, alles war ganz so wie bei uns, nur
schien alles in einer Feststimmung zu sein, und in einem großen, heiligen,
endlich erreichten Siege zu leuchten. Das freundliche tiefblaue Meer
plätscherte leis an das Gestade und drängte sich zu ihm wie in unendlicher,
sichtbarer, fast bewußter Liebe. Die hohen schattigen Bäume standen in der
ganzen Pracht ihrer Blüten, und ich bin überzeugt, daß mich ihre unzähligen
Blättchen mit ihrem sanften freundlichen Rauschen willkommen hießen
und mir unbekannte Worte der Liebe zuflüsterten. Das Gras war von so
leuchtendem frischen Grün, die Vögel durchzogen in Scharen die Luft und
die kleinen setzten sich mir furchtlos auf die Schulter und Arme und
schlugen mich freudig mit ihren lieben bebenden Flügelchen, und
schließlich erblickte und erkannte ich auch die Menschen dieser glücklichen
Erde. Sie kamen von selbst zu mir, umringten und küßten mich. Es waren
Kinder der Sonne, Kinder ihrer Sonne, – oh, wie sie schön waren! Niemals
noch hatte ich auf unserer Erde solch eine Schönheit im Menschen gesehn.
Höchstens in unseren Kindern, in ihren ersten Lebensjahren hätte man einen
entfernten, wenn auch schwachen Widerschein dieser Schönheit finden
können. Die Augen dieser seligen Menschen waren licht und klar. Aus ihren
Gesichtern sprach Vernunft und eine, ich möchte sagen, bis zur Ruhe
vollkommene Erkenntnis, doch waren diese Gesichter ausnahmslos heiter;
in den Worten und der Stimme dieser Menschen klang kindliche Freude.
Oh, sofort, schon beim ersten Blick auf diese Gesichter, begriff ich alles,
alles! Das war die Erde, die nicht durch den Sündenfall entweihte Erde, auf
ihr lebten Menschen, die nicht gesündigt hatten und sie lebten in ebensolch
einem Paradiese, wie das, in dem nach den Überlieferungen der ganzen
Menschheit auch unsere Urväter vor dem Sündenfall gelebt haben, nur mit
dem Unterschied, daß die ganze Erde hier überall ein und dasselbe Paradies
war. Diese Menschen drängten sich freudig und lächelnd zu mir und
liebkosten mich; sie führten mich zu sich und ein jeder von ihnen wollte
mich beruhigen. Oh, sie fragten mich nicht, sie schienen schon alles zu

Page 341

wissen, und sie wollten nur schneller das Leid aus meinem Gesichte
verscheuchen.

Page 342

IV.

Sehen Sie, wiederum: Nun gut, mag das nur ein Traum gewesen sein!
Aber die Empfindung der Liebe dieser unschuldigen, schönen Menschen zu
mir ist für alle Zeiten in mir geblieben, und ich fühle, daß ihre Liebe sich
auch jetzt auf mich fernher von ihnen ergießt. Ich sah sie selbst, ich lernte
sie kennen und ich liebte sie und litt für sie später. Oh, ich begriff sofort,
sogar damals, daß ich sie in vielem überhaupt nicht würde verstehen
können, es schien mir als zeitgenössischem russischem Fortschrittler und
garstigem Petersburger unbegreiflich, warum sie, die so viel wußten, nicht
unsere Wissenschaft hatten? Doch sah ich bald ein, daß ihr Wissen durch
andere Erkenntnisse genährt wurde, als das Wissen auf unserer Erde, und
daß ihre Bestrebungen gleichfalls ganz anderer Art waren. Sie wünschten
sich nichts; sie waren ruhig und zufrieden, sie rangen nicht nach der
Erkenntnis des Lebens so, wie wir es tun, denn ihr Leben war vollkommen
ausgefüllt. Doch war ihr Wissen ein tieferes und höheres, als das unserer
Wissenschaft; denn unsere Wissenschaft versucht das Leben zu erklären,
will es selbst ergründen, um die Menschen zu lehren, wie sie leben sollen;
sie aber wußten schon, wie sie zu leben hatten, und das begriff ich, aber ihr
Wissen konnte ich nicht begreifen. Sie wiesen auf ihre Bäume hin, ich aber
konnte diese Größe der Liebe, mit der sie sie betrachteten, nicht nachfühlen:
als ob die Bäume Menschen wie sie gewesen wären. Und wissen Sie,
vielleicht täusche ich mich nicht, wenn ich sage, daß sie auch mit ihnen
sprachen! Ja, sie kannten deren Sprache und ich bin überzeugt, daß die
Bäume sie verstanden. Und so sahen sie auch auf die ganze übrige
Naturwelt, auch auf die Tiere, die friedlich bei ihnen lebten, sie nicht
angriffen, sondern liebten, da sie durch ihre Liebe besiegt waren. Sie
deuteten auf die Sterne, und sprachen zu mir etwas, das ich nicht begreifen
konnte, doch bin ich überzeugt, daß sie durch irgend etwas mit den Sternen
des Himmels in Verbindung standen, nicht nur durch den Gedanken,
sondern noch auf eine andere Weise. Oh, diese Menschen trachteten nicht
danach, daß ich sie verstand, sie liebten mich auch so schon, doch dafür
wußte ich, daß sie auch mich niemals verstehen würden, und darum erzählte
ich ihnen auch nichts von unserer Erde. Ich küßte nur in ihrer Gegenwart
die Erde, die sie bewohnten, und vergötterte sie selbst, und sie sahen es und

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ließen es wortlos geschehn, ohne sich deswegen zu schämen, daß ich sie
liebte, weil sie so viel liebten. Sie litten nicht für mich, wenn ich
tränenüberströmt zuweilen ihre Füße küßte, da ich ja wußte, welch eine
Liebe sie mir dafür entgegenbrachten. Zuweilen fragte ich mich
verwundert: wie konnten sie nur einen Menschen wie mich kein einziges
Mal beleidigen, und wie kam es nur, daß sie in mir kein einziges Mal das
Gefühl der Eifersucht oder des Neides hervorriefen? Oftmals fragte ich
mich, wie ich, solch ein Prahlhans und Lügner, ihnen nicht von meinen
Erkenntnissen einiges mitteilte, von denen sie natürlich keine Ahnung
hatten, um sie in Erstaunen zu setzen oder auch nur aus Liebe zu ihnen? –
Sie waren mutwillig und fröhlich wie Kinder. Sie wandelten durch ihre
prachtvollen Haine und auf den blumigen Wiesen umher, sie sangen schöne
Lieder, sie nährten sich von den Früchten ihrer Bäume und der Milch der
sie liebenden Tiere. Für ihre Nahrung und Kleidung mühten sie sich nur
wenig. Es gab bei ihnen Liebe und sie gebaren Kinder, doch niemals
gewahrte ich bei ihnen Ausbrüche jener grausamen Wollust, die fast alle
Menschen auf unserer Erde überkommt, alle und jeden, und die der einzige
Ursprung fast aller Sünden unserer Menschheit ist. Sie freuten sich mit den
Neugeborenen als neuer Teilhaber ihrer Seligkeit. Es gab weder Streit noch
Eifersucht unter ihnen, und sie wußten nicht einmal, was das war. Ihre
Kinder waren die Kinder aller, denn alle bildeten sie eine einzige Familie.
Sie hatten fast überhaupt keine Krankheiten, obgleich sie doch starben; aber
ihre Greise schieden so sanft hin, als ob sie einschliefen, umringt von den
sie liebenden Menschen, segnend, lächelnd und von ihnen mit klaren,
heiteren Blicken begleitet. Niemals sah ich Trauer oder Tränen bei einem
Sterbebett, nur eine bis zur Verzücktheit, bis zu einer ruhigen, geklärten
Begeisterung gesteigerte Liebe. Man hätte glauben können, daß sie mit
ihren Toten sogar noch nach dem Tode in Verbindung standen, und daß ihr
Erdenleben nicht durch den Tod unterbrochen wurde. Sie begriffen mich
kaum, als ich sie nach dem ewigen Leben fragte, doch waren sie
augenscheinlich dermaßen fest von ihm überzeugt, daß für sie überhaupt
kein Zweifel mehr darüber bestehen konnte. Sie hatten keine Tempel, aber
es war bei ihnen so ein lebendiges Einssein mit dem All; sie hatten keinen
Glauben, dafür aber das überzeugte Wissen, daß dann, wenn ihre irdische
Freude die Grenze der irdischen Natur erreicht haben würde, für sie, für die
Lebenden wie für die Verstorbenen, eine noch größere Berührung mit dem
All eintreten müßte. Freudig erwarteten sie diesen Augenblick, doch

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sehnten sie sich weder nach ihm, noch litten sie um ihn, sie hatten ihn
gleichsam schon als Vorgefühl in ihren Herzen, und dieses Vorgefühl teilten
sie einander mit. Des Abends vor dem Schlafengehn liebten sie es, in
harmonischen Chören zu singen. In diesen Abendgesängen gaben sie die
Gefühle wieder, die der vergangene Tag ihnen gebracht hatte, und sie lobten
und priesen ihn und verabschiedeten sich von ihm. Sie priesen die Natur,
die Erde, das Meer, die Wälder. Sie dichteten Lieder über einander und
lobten sich, wie Kinder sich loben; es waren einfache Lieder, doch sie
ergossen sich aus dem Herzen und gingen zu Herzen. Und nicht nur in
Liedern, nein im ganzen Leben taten sie nichts anderes, als sich lieben. Das
war geradezu eine gegenseitige Verliebtheit, eine große, allgemeine
Verliebtheit. Einige aber ihrer Lieder, die triumphierend und begeistert
klangen, konnte ich fast überhaupt nicht verstehn. Obgleich ich die Worte
begriff, konnte ich doch nicht ihre ganze Bedeutung erfassen. Sie waren
meinem Verstande unzugänglich, nur mein Herz durchdrangen sie immer
mehr und mehr, ohne daß ich mir von dem Vorgang hätte Rechenschaft
ablegen können. Ich sagte ihnen oftmals, daß ich das alles schon früher
vorausgeahnt hatte, daß die Ahnung dieser ganzen Seligkeit, dieses
freudigen Preisens sich in mir schon auf unserer Erde in ohnmächtiger
Sehnsucht, die sich mitunter bis zu übergroßem Leid gesteigert, geäußert
hatte; daß ich sie alle geahnt hatte in den Träumen meines Herzens und in
den Gedanken meiner Sinne, daß ich auf unserer Erde gar manches Mal die
untergehende Sonne nicht ohne Tränen hatte ansehn können ... Daß in
meinem Haß auf die Menschen unserer Erde immer Leid gewesen war:
warum konnte ich sie nicht hassen, wenn ich sie doch nicht liebte, warum
konnte ich ihnen nicht verzeihen, war doch in meiner Liebe zu ihnen Leid,
warum konnte ich sie nicht hassend lieben? Sie hörten mir zu und ich sah,
daß sie sich das nicht vorstellen konnten, was ich sprach, aber es tat mir
nicht leid, daß ich ihnen davon gesprochen hatte: ich wußte, daß sie die
ganze Macht meiner Sehnsucht nach denen, die ich verlassen hatte,
begriffen. Ja, wenn ich ihren klaren, liebedurchdrungenen Blick auf mir
ruhen fühlte, wenn ich fühlte, daß unter ihnen auch mein Herz so
unschuldig und rein wurde, wie ihre Herzen, so tat es mir weiter nicht leid,
daß ich sie nicht verstehen konnte. Vor lauter Fühlen der Lebensfülle
verging mir der Atem, und schweigend betete ich sie an.
Oh, alle lachen mir jetzt ins Gesicht und versichern mir, daß man so
etwas nicht sehen könnte, wie ich es jetzt wiedergebe, daß ich in meinem

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Traum bloß ein einziges Gefühl empfunden hätte, eines, das mein eigenes
Herz geschaffen, diese Einzelheiten aber später, nachdem ich aufgewacht,
hinzugedacht hätte. Und als ich ihnen gestand, daß es vielleicht in der Tat
so gewesen ist – Gott, welch ein Gelächter sie da anstimmten, welch eine
Heiterkeit meine Worte hervorriefen! Oh, natürlich war ich nur von dem
Gefühl des Traumes beherrscht, und nur dieses eine Gefühl allein blieb in
meinem blutigwunden Herzen zurück. Dafür aber waren die wirklichen
Bilder und Gestalten meines Traumes, d. h. diejenigen, welche ich gerade in
der Stunde meines Traumes sah, in solch einer Harmonie abgeschlossen, so
vollendet, dermaßen bezaubernd, berauschend und schön, daß ich, als ich
erwacht war, selbstverständlich nicht fähig war, sie in unseren schwachen
Worten lebendig werden zu lassen, so daß sie in meinem Bewußtsein
natürlich erbleichen, zergehen mußten und somit war ich vielleicht wirklich
gezwungen, unbewußt später die Einzelheiten zu erdichten, wobei ich sie
bestimmt entstellt haben werde, bei meinem leidenschaftlichen Wunsch, das
große Gefühl doch wenigstens irgendwie wiederzugeben. Darum aber –
warum soll man mir nicht glauben, daß alles wirklich so war? Vielleicht
war es noch tausendmal besser, heller, schöner, als ich es schildere? Mag es
auch ein Traum gewesen sein, aber all das konnte doch nicht nicht sein.
Wissen Sie, ich werde Ihnen ein Geheimnis sagen: das ganze war vielleicht
überhaupt kein Traum! Denn hier geschah etwas Derartiges, etwas bis zu
solch einem Entsetzen Wahres, daß es einem ja gar nicht hätte träumen
können, nur träumen! Mag der Traum auch mein Herz erweckt haben, aber
wie konnte denn mein Herz allein jene furchtbare Wahrheit erwecken, die
ich dann später sah? Wie hätte ich sie denn allein ausdenken oder mein
Herz allein es sich erträumen können? Wär’s möglich, daß mein kleinliches
Herz und mein flacher, launischer Verstand sich zu solch einer Offenbarung
der Wahrheit emporschwingen könnten! Oh, urteilt doch selbst: bis jetzt hab
ich’s verschwiegen – aber jetzt will ich die ganze Wahrheit sagen. Es endete
damit, daß ich ... sie alle verdarb!

Page 346

V.

Ja, ja, es endete damit, daß ich sie alle verdarb! Wie das geschehen
konnte – weiß ich nicht. Ich weiß es nicht mehr, wie es geschah. Der Traum
durchflog Jahrtausende und hinterließ in mir nur die Gesamtempfindung.
Ich weiß nur noch, daß die Ursache des Sündenfalles ich war. Wie eine
scheußliche Trichine, wie eine Pestbazille, die ganze Erdteile verwüstet, so
verpestete auch ich diese ganze glückliche, sündenlose Erde. Sie lernten das
Lügen und gewannen die Lüge lieb und erkannten die Schönheit der Lüge.
Oh, das begann vielleicht ganz unschuldig, nur als Spiel, aus Tändelei, es
ging in der Tat vielleicht nur von einer Bazille aus, doch dieses Atom Lüge
drang in ihre Herzen und gefiel ihnen. Darauf entstand bald Sinnenlust, und
diese Sinnenlust zeugte Eifersucht, und die Eifersucht Grausamkeit ... Oh,
ich weiß nicht, ich erinnere mich nicht mehr, doch bald, sehr bald ward das
erste Blut vergossen: sie waren zuerst nur erstaunt, dann erschraken sie aber
und begannen, auseinander zu gehen und sich zu entzweien. Es entstanden
Verbindungen, doch waren es bereits Verbindungen gegen einander. Es kam
zu Vorwürfen und Beschuldigungen. Sie erkannten die Scham und erhoben
die Scham zur Tugend. Es entstand der Begriff der Ehre und jede Gruppe
sammelte sich unter einer besonderen Fahne. Sie fingen an, die Tiere zu
quälen, und die Tiere entfernten sich von ihnen und verkrochen sich in den
Wäldern und wurden ihnen feind. Es begann der Kampf um die
Entzweiung, um die Absonderung, um die Persönlichkeit, um Mein und
Dein. Sie fingen an, in verschiedenen Sprachen zu sprechen. Sie lernten das
Leid kennen und gewannen es lieb, sie lechzten nach Qual und sagten, daß
die Wahrheit sich nur durch Märtyrertum erkaufen lasse. Da kam die
Wissenschaft zu ihnen. Als sie böse geworden waren, fingen sie an von
Brüderschaft und Humanität zu sprechen und sie begriffen diese Ideen. Als
sie Verbrecher wurden, erfanden sie die Gerechtigkeit und schrieben sich
Kodexe vor, um sie zu erhalten, und zur Sicherstellung der Kodexe
errichteten sie die Guillotine. Kaum, kaum erinnerten sie sich dessen, was
sie verloren hatten, ja, sie wollten es fast nicht glauben, daß sie einmal
schuldlos und glücklich gewesen waren. Sie lachten sogar über die
Möglichkeit dieses ihres früheren Glücks und nannten es einen
phantastischen Traum. Sie konnten sich diesen Zustand nicht einmal

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vorstellen, doch war dabei eines sonderbar: nachdem sie allen Glauben an
das gewesene Glück verloren hatten und es ein Märchen nannten, wollten
sie dermaßen gern wieder unschuldig und glücklich sein, daß sie vor den
Wünschen ihres Herzens niederknieten wie Kinder, dieses Wünschen
vergötterten, ihm Tempel bauten und zu ihrer eigenen Idee, ihrem eigenen
„Wollen“ beteten, während sie dabei doch unerschütterlich an die
Unerfüllbarkeit, Unverwirklichbarkeit derselben glaubten, trotzdem aber
beteten sie sie weinend an und sanken sie vor ihr auf die Kniee. Und doch,
– wenn es hätte geschehen können, daß sie zu diesem unschuldigen und
glücklichen Zustand, den sie verloren hatten, wieder hätten zurückkehren
können, wenn ihn jemand ihnen wiedergezeigt und sie gefragt hätte: wollt
Ihr zu ihm zurückkehren? – so würden sie bestimmt nicht gewollt haben.
Sie sagten mir: „Gut, mögen wir verlogen, böse, ungerecht sein, wir wissen
es und weinen darob, und quälen uns deswegen selbst, und martern uns und
bestrafen uns dafür vielleicht mehr, als es jener barmherzige Richter tun
würde, der uns einstmals in Zukunft richten wird, doch dessen Name uns
unbekannt ist. Aber wir haben die Wissenschaft und durch sie werden wir
von neuem die Wahrheit finden, doch werden wir sie dann bereits bewußt
annehmen. Das Wissen steht über dem Gefühl, die Erkenntnis des Lebens –
steht über dem Leben. Die Wissenschaft wird uns allwissend machen, die
Allwissenheit kennt alle Gesetze, die Kenntnis aber der Gesetze des Glücks
– steht über dem Glück.“ Also sprachen sie zu mir, und nach solchen
Worten wurde sich ein jeder von ihnen noch lieber, wurde sich ein jeder der
liebste von allen, ja – hätte es doch anders überhaupt nicht geschehn oder
sein können. Ein jeder wurde so eifersüchtig auf sein Ich, daß er das Ich
seines Nächsten mit allen Mitteln zu erniedrigen, zu unterdrücken und zu
verringern trachtete; und nur darin setzte er sein Leben voraus. Es
entwickelte sich die Sklaverei, es gab sogar freiwillige Sklaven; die
Schwachen unterwarfen sich gern den Starken, doch nur mit der einen
Bedingung, daß jene ihnen halfen, die noch Schwächeren zu unterdrücken.
Es kamen Propheten zu diesen Menschen, und weinend sprachen sie zu
ihnen von ihrem Stolz, dem Verlust des Maßes und der Harmonie, über die
Einbuße der Scham. Sie wurden verlacht und verspottet und schließlich
gesteinigt. Heiliges Blut rann über die Schwellen der Tempel. Dafür aber
kamen Menschen, die anfingen sich auszudenken: wie wäre es möglich, daß
alle sich wieder vereinigten, daß ein jeder, ohne aufzuhören sich selbst am
meisten zu lieben, zu gleicher Zeit keinen anderen störte, und daß somit

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wieder alle zusammen lebten, als ob sie eine einzige friedliche einmütige
Gesellschaft wären. Es kam zu ganzen Kriegen wegen dieser Idee. Alle
Kämpfer glaubten zu gleicher Zeit, daß die Wissenschaft, die Allwissenheit
und der Trieb der Selbsterhaltung den Menschen schließlich zwingen
würden, sich mit allen zu einer vernünftigen und einmütigen Gesellschaft
zu vereinigen, darum aber trachteten die „Allweisen“ zur Beschleunigung
der Sache alle „Nichtallweisen“ und die, die ihre Idee nicht begreifen
konnten, auszurotten, auf daß sie ihren Sieg nicht verhinderten. Aber das
Gefühl der allgemeinen Selbsterhaltung fing bald an abzunehmen, es kamen
stolze Wollüstlinge, die offen entweder alles oder nichts verlangen. Man
ging zu Freveltaten aller Art über, und wenn man durch sie nichts erreichte
– zum Selbstmord. Es kamen Religionen mit dem Kult des Nichtseins und
der Selbstzerstörung um willen der ewigen Ruhe im Nichts. Endlich aber
ermüdeten diese Menschen in der sinnlosen Mühe und auf ihren Gesichtern
erschien das Leid, und diese Menschen verkündeten: das Leiden ist
Schönheit, denn nur im Leiden liegt ein Sinn. Und sie besangen das Leiden
in ihren Liedern. Ich ging verstört unter ihnen umher, rang die Hände und
weinte über sie, aber ich liebte sie vielleicht noch mehr als früher, als auf
ihren Gesichtern noch kein Leid war und sie noch so unschuldig und so
schön waren. Mir wurde die von ihnen entweihte Erde noch teurer denn
früher als Paradies, und das nur, weil auf ihr das Leid erschienen war. Oh,
ich habe immer das Leid und die Trauer geliebt, aber nur für mich, für
mich! Da sie es aber hatten, weinte ich vor Mitleid über sie. Ich streckte
ihnen meine Arme entgegen und in der Verzweiflung beschuldigte,
verfluchte und verachtete ich mich. Ich sagte ihnen, daß ich alles getan
hatte, daß ich die Schuld an allem trug, ich, ich allein! Daß ich ihnen
Verderbnis, Pest und Lüge gebracht! Ich flehte sie an, mich zu kreuzigen,
ich lehrte sie ein Kreuz zu zimmern und zu errichten. Ich konnte nicht mich
selbst töten, ich hatte nicht die Kraft dazu, aber ich wollte von ihnen Qualen
empfangen, ich lechzte nach Qualen, ich lechzte danach, daß in diesen
Qualen mein Blut bis auf den letzten Tropfen vergossen würde! Sie aber
lachten nur über mich und schließlich sagten sie mir, ich sei ein
blödsinniger Narr. Sie verteidigten mich sogar; sie sagten, sie hätten bloß
das bekommen, was sie sich selbst gewünscht, und das alles, was bei ihnen
ist, überhaupt nicht hätte nicht sein können. Und zum Schluß erklärten sie
mir, daß ich für sie gefährlich wäre und sie mich in ein Irrenhaus einsperren
würden, wenn ich nicht endlich aufhörte davon zu sprechen. Da wurde das

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Leid, das meine Seele durchdrang, so übergroß, daß mein Herz sich
zusammenkrampfte, und ich fühlte, daß ich starb, und ... da erwachte ich
aus meinem Traum.

Es war schon Morgen, das heißt, die Sonne war noch nicht aufgegangen:
die Uhr war erst sechs. Ich erwachte in meinem Lehnstuhl, das Licht vor
mir war schon ganz heruntergebrannt, im Nebenzimmer beim Hauptmann
schlief man und es herrschte eine in unserer Wohnung seltene Stille. Zuerst
sprang ich verwundert auf; noch nie war mit mir Ähnliches geschehen,
selbst die kleinsten Dinge waren auffallend: z. B. war ich noch nie so im
Lehnstuhl eingeschlafen. Und dann – während ich stand und zu mir kam,
erblickte ich plötzlich meinen Revolver, den geladenen Revolver, – doch im
selben Augenblick stieß ich ihn weit von mir! Oh, Leben, großes, heiliges
Leben! Ich breitete meine Arme aus und rief die ewige Wahrheit an; ich
schluchzte: Begeisterung, unermeßliche Begeisterung erhob mein ganzes
Ich. Ja, Leben und – Verkünden! Das Verkünden beschloß ich in demselben
Augenblick, – beschloß es für das ganze Leben! Ich gehe predigen, ich will
verkünden – was? Die Wahrheit, denn ich habe sie gesehn, habe sie mit
eigenen Augen gesehn, und habe ihre ganze Herrlichkeit erkannt!
Und seit der Zeit verkünde ich! ... Ich liebe alle, und die, die über mich
lachen, liebe ich am meisten. Warum ich diese mehr liebe – weiß ich nicht
und ich kann es auch nicht erklären, aber mag es so sein. Sie sagen, daß ich
mich schon jetzt verirre, – wenn ich mich aber schon jetzt so verirrt habe,
was würde dann noch weiter geschehn? Ja, es ist wahrhaftig wahr: ich
verirre mich und je weiter, desto schlimmer wird es vielleicht werden.
Natürlich werde ich noch oftmals fehlgehn, bevor ich es erlernen werde,
wie man predigen muß, d. h. mit welchen Worten und welchen Taten, denn
es ist schwer, das zu erfüllen. Es ist mir ja jetzt schon so klar wie der Tag,
aber hört mal: wer irrt sich denn nicht? Und dabei streben doch alle zu ein
und demselben, alle, angefangen vom Weisen bis zum letzten Verbrecher,
nur tun sie es auf verschiedenen Wegen. Das ist eine alte Wahrheit, doch
eines ist hierbei neu: ich kann mich ja gar nicht so sehr verirren. Denn ich
habe doch die Wahrheit gesehn, ich weiß, daß die Menschen schön und
glücklich sein können, ohne dabei die Fähigkeiten auf der Erde zu leben,
verloren zu haben. Ich will nicht und ich kann auch nicht glauben, daß das
Böse der Normalzustand der Menschen sei. Sie aber lachen ja nur über

Page 350

diesen meinen Glauben! Aber wie soll man mir denn nicht glauben! Ich
habe die Wahrheit gesehn, – nicht, daß ich sie mit meinem Verstande
erfunden hätte, nein, ich habe sie gesehn, gesehn, und ihr lebendiges
Angesicht hat meine Seele bis in alle Ewigkeit erfüllt. Ich sah sie in solch
einer vollendeten Ganzheit, – wie soll ich nun glauben, daß es diese
Wahrheit nicht auch bei den Menschen geben kann? Und wie, wie soll ich
mich denn verirren? Vielleicht werde ich etwas vom Wege abgeraten,
vielleicht sogar mit fremden Worten sprechen, aber nicht lange: das
lebendige Ebenbild dessen, was ich gesehn, wird ewig in mir sein und mich
führen und leiten. Oh, ich bin mutig und guter Hoffnung und ich gehe und
gehe und wenn auch auf tausend Jahr. Wißt, ich wollte es zuerst sogar
verheimlichen, daß ich sie alle verdorben hatte, aber das wäre ein Fehler
von mir gewesen, – da hätten wir schon den ersten Fehler! Doch die
Wahrheit flüsterte mir zu, daß ich log und bewahrte mich vor der Verirrung
und lenkte mich auf den rechten Weg. Wie aber das Paradies errichten, das
weiß ich nicht, denn ich kann es nicht in Worten wiedergeben. Nach
meinem Traum habe ich die Worte verloren. Wenigstens alle notwendigen
Worte, die nötigsten. Doch mag es sein; ich werde gehen und verkünden,
unermüdlich verkünden, denn ich habe es doch immerhin mit eigenen
Augen gesehn, wenn ich es auch nicht wiedergeben kann, was ich gesehn
habe. Aber das ist es ja gerade, was die Spötter nicht begreifen können.
„Hat einen Traum gehabt, wie er sagt, irgend ein Fieberwahnbild,
Halluzination.“ Ach! Ist denn das weise? Und wie stolz sie dabei sind. Ein
Traum? Was ist ein Traum? Ist denn unser Leben kein Traum? Wartet, ich
werde Euch noch mehr sagen! Gut, nun gut, das wird niemals in Erfüllung
gehn und das Paradies wird sich nie verwirklichen (das sehe ich doch selbst
ein!) – gut, aber ich werde doch verkünden. Und trotzdem, wie einfach
wäre es: in einem Tage, in einer einzigen Stunde – würde sich alles
verwandeln! Liebe die Menschheit wie Dich selbst! – das ist das ganze, das
ist alles, weiter ist nichts mehr nötig: sofort wirst Du wissen, wie Du leben
sollst. Und währenddessen ist das ja doch nur eine – alte, ganz alte
Wahrheit, die aber- und abertausendmal wiederholt worden ist, und doch
hat sie sich nirgendwo eingelebt! „Die Erkenntnis des Lebens – ist höher als
das Leben, die Erkenntnis der Gesetze des Glücks – ist höher als das
Glück“ – das ist es, womit man kämpfen muß! Und ich werde es. Wenn nur
alle wollten, so würde sich sofort alles auf Erden verändern.

Page 351

Aber jenes kleine Mädchen habe ich doch aufgesucht ... Und jetzt gehe ich.
Und jetzt gehe ich ...

Page 352

Fußnoten.

[1] Natürlich sind beide, sowohl der Autor wie die Aufzeichnungen, von mir erdacht. Doch
nichtsdestoweniger kann es solche Leute, wie den Verfasser dieser Aufzeichnungen, oder
richtiger, muß es sogar solche Leute in unserer Gesellschaft geben, wenn man die Verhältnisse,
unter denen sich unsere Gesellschaft gebildet hat, in Betracht zieht. Ich wollte dem Leser einen
Menschen vorführen, der von den anderen Leuten etwas absticht, einen Charakter aus der jüngst
vergangenen Zeit – einen der Vertreter der jetzt erst ihr Leben allmählich beschließenden
Generation. In diesem ersten Teil – „Das Dunkel“ betitelt – empfiehlt er zuerst sich selbst und
seine Anschauungen, und will gewissermaßen die Gründe erklären, warum er zu uns gekommen
ist oder warum er zu uns hat kommen müssen. Erst im zweiten Teil – „Bei nassem Schnee“ –
bringe ich die wirklichen „Aufzeichnungen“ einiger seiner Erlebnisse. Fedor Dostojewski.

[2] Anführer des Kosakenaufstandes von 1667-1671, wurde 71 hingerichtet. E. K. R.

[3] Der sogenannte Heumarkt in Petersburg. E. K. R.

[4] Stadtteil in Petersburg. E. K. R.

[5] Berühmter russischer Klown und Akrobat. E. K. R.

[6] Berüchtigtes Nachtasyl am großen „Heumarkt“. E. K. R.

[7] In Rußland wird der Sarg erst kurz vor der Versenkung in die Gruft geschlossen. E. K. R.

[8] Tag der ersten Seelenmesse.

[9] Gericht mit Honig und Rosinen, das bei der Totenfeier zum Einsegnen in die Kirche
gebracht wird. E. K. R.

Page 353

Anmerkungen zur Transkription.

Die „Sämtlichen Werke“ erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen Fassung der
Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und Ausgaben 1906–1922 im Piper-
Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert nach:

F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke.
Zweite Abteilung: Zwanzigster Band
R. Piper & Co. Verlag, München und Leipzig, 1907.

Das Cover wurde von den Bearbeitern den ursprünglichen Bucheinbänden nachempfunden und
der public domain zur Verfügung gestellt.

Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der „Sämtlichen Werke“ vereinheitlicht
und entspricht nicht der Anordnung in den ursprünglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen
Angaben wie Jahr, Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt
nach der Titelseite eingefügt.

Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.

Wiederholungen der Überschriften an den Anfängen der jeweiligen Novellen wurden entfernt.

Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen („“)
eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von Gesprächen wurde in
einfache Anführungszeichen (‚‘) eingeschlossen.

Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der Buchstabe „ä“ (oder
auch „jä“) steht für den kyrillischen Buchstaben „ja“. Die Schreibweise häufig vorkommender
Namen und Begriffe wurde vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern):

Klinewitsch (Klinéwitsch)
Newsky (Newski)
Ssemjon (Semjon)

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen sind hier
aufgeführt (vorher/nachher):

... viel Tränen, und – versteht sich – betrog mich ...
... viele Tränen, und – versteht sich – betrog mich ...
... werden daher in diesen Tagen umziehen, so daß ich wohl ...
... werde daher in diesen Tagen umziehen, so daß ich wohl ...

Page 354

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMTLICHE
WERKE 20 ***

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Section 2. Information about the Mission of Project
Gutenberg

Project Gutenberg is synonymous with the free distribution of electronic
works in formats readable by the widest variety of computers including
obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the

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efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks of
life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
they need are critical to reaching Project Gutenberg’s goals and ensuring
that the Project Gutenberg collection will remain freely available for
generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation was created to provide a secure and permanent future for
Project Gutenberg and future generations. To learn more about the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org.

Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit 501(c)
(3) educational corporation organized under the laws of the state of
Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax
deductible to the full extent permitted by U.S. federal laws and your state’s
laws.

The Foundation’s business office is located at 41 Watchung Plaza #516,
Montclair NJ 07042, USA, +1 (862) 621-9288. Email contact links and up
to date contact information can be found at the Foundation’s website and
official page at www.gutenberg.org/contact

Section 4. Information about Donations to the Project
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including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
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