Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange_ II. Band (German) Friedrich Dannemann 393 downloads.pdf

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ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange, II. Band
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Title: Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem
Zusammenhange, II. Band

Author: Friedrich Dannemann

Release date: February 7, 2017 [eBook #54127]
Most recently updated: October 23, 2024

Language: German

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/54127

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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE
NATURWISSENSCHAFTEN IN IHRER ENTWICKLUNG UND IN
IHREM ZUSAMMENHANGE, II. BAND ***

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The Project Gutenberg eBook, Die Naturwissenschaften in ihrer
Entwicklung und in ihrem Zusammenhange, II. Band, by Friedrich
Dannemann

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DIE NATURWISSENSCHAFTEN
IN IHRER ENTWICKLUNG UND
IN IHREM ZUSAMMENHANGE

DARGESTELLT VON

FRIEDRICH DANNEMANN

ZWEITE AUFLAGE

II. BAND:
VON GALILEI BIS ZUR MITTE DES XVIII. JAHRHUNDERTS

Page 5

MIT 132 ABBILDUNGEN IM TEXT UND MIT EINEM BILDNIS VON GALILEI

LEIPZIG

VERLAG VON WILHELM ENGELMANN

1921

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.

Copyright 1921 by Wilhelm Engelmann, Leipzig.

Druck von Breitkopf & Härtel in Leipzig.

Dannemann, Die Naturwissenschaften. II. Bd. 2. Auflage.

GALILEI.

Page 6

HERRN PROF. DR.

EDMUND O. VON LIPPMANN

AUS DANKBARKEIT FÜR SEINE
MITWIRKUNG BEI DER HERAUSGABE
DER NEUEN AUFLAGE

GEWIDMET

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Vorwort.
Der zweite Band befaßt sich in der Hauptsache mit den im 17. Jahrhundert
entstandenen Grundlagen der neueren Naturwissenschaft. Es sind die
Schöpfungen eines Galilei, Newton, Huygens und zahlreicher anderer
Forscher ersten Ranges, die wir in diesem Zeitraum der Entwicklung der
Wissenschaften entstehen sehen. Die grundlegenden Arbeiten jener Männer
sind durch »Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften« heute
weiteren Kreisen in erläuterten Ausgaben und, wo es erforderlich war, in
deutscher Übersetzung zugänglich gemacht. Der zweite Band nimmt, wie es
auch die folgenden tun werden, auf diese Ausgaben oft Bezug, so daß die
Absicht des Verfassers, in seinem Werke gewissermaßen einen Rahmen für
»Ostwalds Klassiker« zu schaffen, mehr als im ersten Bande zum
Ausdruck kommt.
Bezüglich der übrigen Gesichtspunkte, die bei der Abfassung des Werkes in
Betracht kamen, muß auf das Vorwort zum ersten Bande hingewiesen
werden. Der Verfasser hofft, daß es ihm gelungen ist, auch in dem zweiten
Bande die Geschichte der Wissenschaften im Rahmen der
Gesamtentwicklung darzustellen und ein Buch zu schaffen, mit dem nicht
nur dem Historiker, sondern auch dem Arzte, dem Techniker, dem
Lehrenden und Studierenden, kurz jedem, der an den Naturwissenschaften
lebhafteren Anteil nimmt, gedient ist. War es doch sein Bestreben, die
Entwicklung der Naturwissenschaften in ihren noch heute wertvollen
Grundlagen, sowie in ihren Beziehungen zu den übrigen Wissenschaften,
insbesondere zur Philosophie, zur Mathematik, zur Heilkunde und zur
Technik darzustellen.
An der Überwachung des Satzes haben sich wieder die Herren Geh. Hofrat
Prof. Dr. E. Wiedemann (Erlangen), Prof. Dr. E. O. v. Lippmann (Halle
a. S.), dem der vorliegende Band gewidmet ist, und Prof. Dr. J.
Würschmidt (Erlangen) beteiligt. Ich bin ihnen für zahlreiche
Verbesserungen und Zusätze zum größten Dank verpflichtet. Auch sonst
gingen mir manche Anregungen teils in Besprechungen, teils persönlich zu,
die ich hier dankbar anerkenne.

Page 8

München, im Frühjahr 1921.
Friedrich Dannemann.

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Inhalt.
1. Altertum und Neuzeit.
(S. 1–10.)
1. Einleitendes. – 2. Rückblick. – 3. Einfluß der alten Literatur. – 4.
Mittelalterliche und neuere Denkweise. – 5. Allgemeingeschichtliches. – 7.
Neugestaltung des wissenschaftlichen Lebens. – 8. Reformation und
Humanismus. – 10. Erweiterung des Weltbildes.

2. Neuzeitliche Forschungsmittel.
(S. 11–19.)
11. Das Mikroskop. – 13. Das Fernrohr. – 16. Keplers Teleobjektiv. – 17.
Verbesserungen der Fernrohre. – 18. Auge und Vorgang des Sehens.

3. Galileis grundlegende Schöpfungen.
(S. 20–80.)
20. Allgemeingeschichtliches. – 21. Leben und Entwicklungsgang Galileis.
– 24. Galileis astronomische Entdeckungen. – 27. Wissenschaft und Kirche.
– 30. Galileis Eintreten für die koppernikanische Lehre. – 38. Galileis
Inquisitionsprozeß. – 41. Galileis letzte Lebensjahre. – 43. Galileis
Untersuchungen über die Kohäsion und über das Gewicht der Luft. – 46.
Die Fallbewegung. – 54. Die Pendelbewegung. – 58. Der Wurf. – 62. Das
Prinzip der virtuellen Geschwindigkeiten. – 65. Mängel der Galilei'schen
Mechanik. – 67. Galilei untersucht die Festigkeit der Körper. – 70. Die
Mechanik der Flüssigkeiten und der Gase. – 74. Galileis Untersuchungen
über den Schall. – 76. Galileis optische und magnetische Untersuchungen. –
78. Galileis Persönlichkeit und Schriften.

4. Die Ausbreitung der induktiven Forschungsweise.
(S. 81–112.)

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81. Die Versuche der Florentiner Akademie. – 92. Grundlegende optische
Untersuchungen. – 96. Die Erforschung der Elektrizität und des
Magnetismus. – 105. Die Begründung einer Philosophie der Erfahrung. –
110. Die Denkweise des 17. Jahrhunderts.

5. Die Astronomie im Zeitalter Keplers.
(S. 113–152.)
113. Keplers Entwicklungsgang. – 117. Keplers Konstruktion der
Planetensphären. – 119. Fortschritte der Beobachtungskunst. – 127. Die
Entdeckung der Keplerschen Gesetze. – 133. Keplers weitere
astronomische Leistungen. – 139. Keplers Verdienste um die Optik. – 150.
Keplers Nachfolger auf dem Gebiete der Astronomie.

6. Die Förderung der Naturwissenschaften durch die Fortschritte der
Mathematik.
(S. 153–173.)
153. Fortschritte der Rechenkunst. – 156. Die Lehre von den Gleichungen.
– 157. Die Begründung der analytischen Geometrie. – 160. Maxima- und
Minimaaufgaben. – 162. Das Prinzip der kleinsten Wirkung. – 165. Die
Anfänge der Infinitesimalrechnung. – 167. Quadraturen und Kubaturen. –
169. Cavalieris Satz und Guldins Regel. – 171. Die Arithmetik des
Unendlichen. – 172. Differential- und Integralrechnung. – 173. Die
Methode der Fluxionen.

7. Die Beziehungen der Naturwissenschaft zur neueren Philosophie.
(S. 174–188.)
174. Philosophie, Mathematik und Naturwissenschaft. – 177. Atome und
Korpuskeln. – 179. Kraft und Stoff. – 181. Die cartesianische Physik. – 182.
Hobbes und Spinoza. – 183. Newtons Prinzipien. – 185. Cartesianer und
Newtonianer. – 187. Descartes und Leibniz.

8. Der Ausbau der Physik der flüssigen und der gasförmigen Körper.
(S. 189–214.)

Page 11

189. Die Begründung der Hydrostatik. – 192. Anfänge einer Dynamik der
Flüssigkeiten. – 194. Die Erfindung des Quecksilberbarometers. – 196.
Pascals Versuche. – 200. Die Erfindung der Luftpumpe. – 206. Das
Wasserbarometer. – 209. Wägung der Luft und Versuche im Vakuum. – 211.
Die Entdeckung des Boyle-Mariotte'schen Gesetzes.

9. Die weitere Entwicklung der Iatrochemie und die Begründung der
wissenschaftlichen Chemie durch Boyle.
(S. 215–230.)
215. Neue Ziele der Chemie. – 217. Die Entdeckungen der Alchemisten. –
219. Das erste Lehrbuch der Chemie. – 221. Der Einfluß der Chemie auf
die Gewerbe. – 225. Die Begründung der Chemie als Wissenschaft. – 227.
Die Anfänge der antiphlogistischen Lehre.

10. Der Ausbau der Botanik und der Zoologie nach dem
Wiederaufleben der Wissenschaften.
(S. 231–242.)
231. Fortschritte der Botanik. – 234. Anfänge der natürlichen und der
künstlichen Systematik. – 236. Die Begründung einer Morphologie der
Pflanzen. – 240. Fortschritte der Zoologie.

11. Die Begründung der großen wissenschaftlichen Akademien.
(S. 243–253.)
243. Allgemeines. – 245. Die Royal Society. – 247. Die Pariser Akademie
der Wissenschaften. – 249. Die Preußische Akademie der Wissenschaften. –
252. Preisaufgaben, Akademieschriften.

12. Newton.
(S. 254–285.)
254. Newtons Werdegang. – 255. Fortschritte der praktischen Optik. – 258.
Die Untersuchung des Sonnenspektrums. – 261. Newtons Farbentheorie. –
266. Emissions- und Wellentheorie. – 273. Die Entdeckung des
Gravitationsgesetzes. – 277. Newtons »Prinzipien«. – 281. Newtons
Weltanschauung.

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13. Huygens und die übrigen Zeitgenossen Newtons.
(S. 286–345.)
286. Huygens' Werdegang. – 288. Der Ausbau der Wellentheorie des
Lichtes. – 293. Das Huygens'sche Prinzip. – 296. Doppelbrechung und
Polarisation. – 302. Die Erfindung der Pendeluhr. – 309. Förderung der
Theorie des Pendels. – 313. Untersuchungen über die Zentrifugalkraft. –
316. Die Abplattung der Erde. – 318. Die Begründung einer Theorie des
Stoßes. – 320. Lebendige Kraft und Erhaltung der Kraft. – 323. Weiteres
Schicksal der Lehre von der Erhaltung der Kraft. – 326. Mariottes
Entdeckungen. – 330. Halleys astronomische und physikalische
Forschungen. – 337. Die Entdeckungen Cassinis. – 340. Deutschland
während der Newton-Huygens-Periode.

14. Unter dem Einfluß der chemischen und der physikalischen
Forschung entstehen die Grundlagen der neueren Mineralogie und
Geologie.
(S. 346–362.)
346. Allgemeines. – 347. Stenos kristallographische und geologische
Untersuchungen. – 351. Die Entwicklung der Ansichten über das Erdinnere.
– 353. Anfänge der Paläontologie. – 355. Weitere geologische und
mineralogische Fortschritte. – 357. Die Chemie im Zeitalter der
Phlogistontheorie.

15. Das Emporblühen der Anatomie und der Physiologie.
(S. 363–372.)
363. Die Lehre vom Kreislauf des Blutes. – 368. Tieferes Eindringen in den
Bau der Organe. – 369. Anatomie und Mechanik.

16. Die ersten Ergebnisse der mikroskopischen Erforschung der
niederen Tiere.
(S. 373–390.)
373. Der Bau und die Entwicklung der Insekten. – 378. Urzeugung und
Entwicklung. – 383. Anfänge der Embryologie. – 386. Die Entdeckung
mikroskopisch kleiner Organismen. – 388. Mikroskopie und Anatomie.

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17. Die Begründung der Pflanzenanatomie und der Lehre von der
Sexualität der Pflanzen.
(S. 391–404.)
391. Einleitendes. – 393. Grews Anatomie der Pflanzen. – 395. Anatomie
und Physiologie. – 399. Die Sexualität der Pflanzen.

18. Der weitere Ausbau der Mechanik, Optik und Akustik.
(S. 404–443.)
404. Naturwissenschaft und Mathematik. – 408. Die Begründung der
mathematischen Physik. – 415. Mathematik und Astronomie. – 419. Eulers
Äthertheorie. – 422. Die Begründung der analytischen Mechanik. – 427.
Fortschritte der Mathematik. – 429. Die Grundformeln der analytischen
Mechanik. – 432. Die Begründung der Photometrie. – 438. Fortschritte der
Akustik.

19. Die Astronomie nach der Begründung der Gravitationsmechanik.
(S. 444–464.)
444. Die Abplattung der Erde. – 447. Die Grundlagen des metrischen
Systems. – 452. Sonnenparallaxe, Erddichte und Aberration. – 458. Weitere
Fortschritte der Astronomie. – 460. Astronomie und Kartographie.

20. Mineralogie und Geologie im 18. Jahrhundert.
(S. 465–488.)
465. Die Begründung der Mineralchemie. – 467. Die Aufstellung eines
Systems der Mineralien. – 470. Die Unterscheidung der Gebirgsglieder. –
474. Die Aufstellung von Perioden der Erdgeschichte. – 476. Weitere
Fortschritte der Geologie. – 483. Neptunismus und Vulkanismus. – 486. Die
Begründung der Paläontologie.

21. Die Naturwissenschaften und das Zeitalter der Aufklärung.
(S. 489–493.)
Verzeichnis der im II. Bande enthaltenen Abbildungen S. 494
Namen- und Sachverzeichnis S. 501

Page 14

Ergänzungen, Zusätze und Berichtigungen S. 507
Aus den Besprechungen der ersten Auflage S. 509

Page 15

1. Altertum und Neuzeit.
Ein Ereignis, das gewöhnlich als ein Wendepunkt in der Geschichte der
Wissenschaften betrachtet wird, und mit dem auch wir den ersten Abschnitt
unserer Darstellung abschlossen, ist die Aufstellung des heliozentrischen
Weltsystems durch Koppernikus. Man darf jedoch nicht außer Acht
lassen, daß der Umschwung allmählich erfolgte, und daß man auf allen
Wissensgebieten zunächst an das Vorhandene anknüpfte. Auch ging für die
einzelnen Zweige die Befreiung aus den Formen des mittelalterlichen
Denkens durchaus nicht gleichzeitig vor sich. Zuerst war es die Astronomie,
die einen erhöhten Standpunkt gewann. Ihr folgten die Physik seit dem 17.
und die Chemie seit dem 18. Jahrhundert, während die Biologie erst im
Laufe des 19. Jahrhunderts auf den Rang einer exakten Wissenschaft
erhoben wurde.
Eine große Zahl von Aufgaben, deren Bewältigung man mit dem Beginn
der Neuzeit in Angriff nahm, hatte sich schon das Altertum gestellt.
Während des Mittelalters verlor man sie fast sämtlich aus den Augen. Die
Neuzeit nahm sie nahezu dort, wo das Altertum stehen geblieben, wieder
auf. Zum Teil führte sie diese Aufgaben ihrer Lösung entgegen, sie knüpfte
aber auch an die gelösten und an die schwebenden neue Probleme an, die
noch unsere Zeit vollauf beschäftigen, so daß letztere das Gefühl beseelt,
daß sich ein Ende in der Kette der Entdeckungen und Erfindungen nirgends
absehen läßt.
Ein kurzer Rückblick soll uns zunächst das Erbe vergegenwärtigen, das die
neuere Zeit vom Altertum übernommen hat. Die Elemente der Mathematik
waren in der Hauptsache entwickelt und am vollständigsten durch Euklid
zusammengefaßt worden. Hieran schlossen sich die Untersuchungen des
Archimedes und des Apollonios, die insbesondere die wichtige Lehre
von den Kegelschnitten begründeten. Das »Almagest« genannte Hauptwerk
des Ptolemäos enthielt die Grundzüge der ebenen und der sphärischen
Trigonometrie. Das heutige Ziffernsystem und die Anfänge der Algebra
verdankte man, als Schöpfungen einer späteren Zeit, vorzugsweise den
Indern und den Arabern.

Page 16

Die Alten hatten ferner gezeigt, in welcher Weise sich die Mathematik auf
astronomische und mechanische Probleme anwenden läßt. Das Werk des
Ptolemäos und vor allem die Schriften des Archimedes bieten zahlreiche
Beispiele dafür. Über den Lauf der Gestirne hatte man eine große Summe
von Beobachtungen gesammelt; ferner lagen für eine richtige
astronomische Theorie Ansätze vor, die nur der weiteren Entwicklung
harrten. Die Methoden und die Instrumente waren im wesentlichen noch
dieselben, deren sich die Griechen bedient hatten. Auch gab es im Beginn
der neueren Zeit für die Astronomie keine Aufgabe, die sich nicht schon die
Alten gestellt hätten. Die Bestimmung des Umfangs der Erdkugel, ihr
Verhältnis zu den übrigen Himmelskörpern, eine genaue Topographie des
Fixsternhimmels, genaue Zeit- und Ortsbestimmung, die Vorhersage
astronomischer Ereignisse, wie der Finsternisse, alles das waren
Gegenstände, mit denen sich schon das Altertum, insbesondere die
alexandrinische Periode, eingehend beschäftigt hatte, und von denen die
neuere Zeit vorzugsweise durch das Hauptwerk des Ptolemäos Kenntnis
erhielt.
Die auf uns gekommenen Berichte über Jahrtausende zurückliegende
Finsternisse haben einen doppelten Wert. Einmal sind sie geeignet, einen
Prüfstein für die neueren, einen weit kürzeren Zeitraum umfassenden
Berechnungen zu bieten. Ferner geben sie ein Mittel an die Hand, um weit
zurückliegende geschichtliche Ereignisse chronologisch zu ordnen1.
Mitunter hat es sich in den alten Berichten offenbar nur um Verfinsterungen
gehandelt, die durch plötzlich auftretende Gewitterwolken veranlaßt waren.
Im ganzen haben aber die Berechnungen von Mond- und
Sonnenfinsternissen, die bis zum Jahre 900 v. Chr. zurückreichen, für die
Geschichte des Altertums und für die astronomische Wissenschaft gleich
wertvolle Ergebnisse geliefert2.
Auch die Statik und die Optik, Gebiete, die sich für die den Alten am
meisten zusagende deduktive Behandlung besonders eigneten, empfing die
Neuzeit in einer, bis zu einem gewissen Grade wissenschaftlich
durchgebildeten Form, während bezüglich der übrigen Teile der Physik nur
die Kenntnis von mehr oder minder wertvollen Einzelbeobachtungen
übermittelt wurde, deren richtige Deutung und weiterer Verfolg der neueren
Periode vorbehalten blieb. Es gilt dies namentlich von den magnetischen
und den elektrischen Erscheinungen, sowie von dem Verhalten der Gase

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und Dämpfe, über deren Studium wir Heron von Alexandrien ausführliche
Mitteilungen verdanken.
Auch die Chemie ist in ihren Anfängen auf das Altertum zurückzuführen.
Ist es auch häufig nicht mehr möglich, im einzelnen zu entscheiden, welche
Kenntnisse das Mittelalter den späteren Alexandrinern verdankte und
welche es selbständig erwarb, so muß doch anerkannt werden, daß die
Chemie im Mittelalter ganz besonders gepflegt und auch in mancher
Hinsicht durch neue Entdeckungen bereichert wurde. Die Chemie in ihrer
ersten, unvollkommenen Gestalt war so sehr eine Wissenschaft des
Mittelalters, daß sie weit über den Beginn der neueren Zeit hinaus sich nach
den in jener Periode gesteckten Zielen bewegte und sich erst spät den
Denkformen der neueren Zeit anpaßte.
Auf dem Gebiete der beschreibenden Naturwissenschaften knüpfte man
gleichfalls dort an, wo das Altertum aufgehört hatte. Nachdem das Studium
der alten Schriftsteller die erste Anregung gegeben, wandte man sich aber in
steigendem Maße der eigenen, auf keine Autorität zurückgreifenden
Beobachtung zu, der sich durch die Erweiterung des gesamten
Gesichtskreises und infolge der Entwicklung der exakten Wissenschaften
ein überreiches, den Alten verschlossen gebliebenes Feld eröffnete.
Die im Altertum geschaffenen Ansätze waren im Mittelalter nicht etwa
gänzlich verschollen. Man muß vielmehr annehmen, daß im Orient
überhaupt keine völlige Unterbrechung stattfand. Die Wissenschaft der
Alten empfing der Orient vorzugsweise aus den Händen der dort ansässig
gewordenen Griechen. Man verstand es, dieses Erbe nicht nur zu erhalten,
sondern es auch auszubauen und es durch Zuführung neuer Elemente, z. B.
aus Indien, zu vermehren. Mit dem 9. und 10. Jahrhundert begannen die
arabisch schreibenden Gelehrten des Orients auf den Gebieten der
Naturwissenschaften und der Heilkunde selbständig zu werden, während sie
sich vorher auf die Aneignung der älteren Werke beschränkt hatten. Ihre
Blütezeit erlebte die arabische Literatur im 11. Jahrhundert. Den
christlichen Völkern des Mittelalters flossen die Kenntnisse der Alten zuerst
aus spärlicher und trüber, dann aber aus immer reinerer Quelle. Was ihre
Entfaltung zunächst hinderte, war einmal die jähe Unterbrechung, welche
die Kulturentwicklung Europas durch die Völkerwanderung und den Sturz
des römischen Kaiserreiches erlitten, ferner aber der eigentümliche, auf das
Kirchlich-Dogmatische und Mystische gerichtete, der Natur abholde Geist,

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der das christliche Mittelalter kennzeichnete. Unter seiner Herrschaft
konnte nur ganz allmählich eine die Dogmen beiseite schiebende und die
Dinge selbst ins Auge fassende Forschung aufkommen.
Die Welterklärung des Mittelalters drehte sich im wesentlichen um den
Streit, ob die Begriffe bloße Namen seien (Nominalisten), oder ob sie als
etwas wirklich Vorhandenes, als Wesenheiten, den Dingen und Vorgängen
zugrunde lägen (Realisten). Die Realisten, in denen die Philosophie
Platons ihre Fortsetzung fand, haben der Naturauffassung des eigentlichen
Mittelalters den Stempel aufgeprägt. Die als wirkliche Wesen betrachteten
Begriffe (universalia ante res«) spielten damals etwa die Rolle unserer
heutigen Naturgesetze. Sie sind es, denen wir noch während der
Übergangszeit in dem Archeus des Paracelsus und in der Erd- und
Weltseele Keplers begegnen. Als der Realismus3 herrschte, waren die
Sterne, die Pflanzen, ja selbst die Steine, kurz jeder Körper, der Schauplatz
für das Treiben einer Unzahl von Geistern. Dies rührte daher, daß man der
substantiellen Form, ein Wort, das etwa die Bedeutung der platonischen
Idee besitzt, reale Existenz beilegte, anstatt in ihr eine Schöpfung des
eigenen Verstandes zu erblicken. Das Nächste war dann, daß eine
ungezügelte Phantasie diesen wesenhaft gewordenen Begriffen die Attribute
der Persönlichkeit beilegte und einen Mystizismus erzeugte, der eine
Forschung nach den natürlichen Ursachen unter Anerkennung des
Kausalitätsgesetzes gar nicht aufkommen ließ. Die Umwälzung, welche die
Überwindung des mittelalterlichen Geistes und die Begründung der neueren
Philosophie und Naturforschung bedeutet, bestand darin, daß an Stelle jener
substantiellen Formen und ihrer mystischen Auswüchse die bloße Regel,
das Naturgesetz, trat. Die Regel mußte aus der Beobachtung vieler
Einzelfälle entnommen werden, daher rührte die Forderung, induktiv zu
verfahren, eine Forderung, die an der Schwelle des neuen Zeitraumes von
vielen Seiten und nicht etwa bloß von Francis Bacon erhoben wurde. Die
Regel ließ sich ferner mathematisch fassen. So entstand eine enge
Verbindung der Mathematik mit der Naturwissenschaft, durch welche die
neuere Zeit sich gleichfalls von den früheren Perioden abhebt. In der
Philosophie war es Bacon, in der Naturwissenschaft vor allem Galilei,
welche die substantiellen Formen der Scholastiker beseitigten und an ihre
Stelle das immaterielle Naturgesetz stellten.

Page 19

Die Entwicklung der Wissenschaft war während des Mittelalters fast noch
mehr als im Altertum auch dadurch sehr gehindert, daß zwischen ihr und
der Technik eine nur geringe Berührung stattfand. Der weltfremde Gelehrte
des Mittelalters beschränkte sich im wesentlichen darauf, daß er die alten
Schriftsteller und ihre Kommentatoren studierte und in maßloser
Überschätzung des Wortwissens etymologischen Betrachtungen nachging,
ohne auf die eigene Beobachtung Wert zu legen. Auf diese Weise
erwuchsen aus der vorhandenen Literatur zwar neue Schriften, es fehlte
ihnen aber an neuem Inhalt. Der mitten im Leben stehende
Gewerbetreibende dagegen beobachtete und erfand, aber er schrieb nicht.
Seine Kenntnisse pflanzten sich vorwiegend durch mündliche
Überlieferung fort. So begann, um einen Zweig der Technik
herauszugreifen, schon in früher Zeit ein reger Bergbau in Böhmen. Von
dort aus breitete er sich über Schlesien aus. Im 11. Jahrhundert begann man
in Ungarn, im Harz und im Mansfeldischen Bergwerke einzurichten.
Gleichzeitig entstanden Hütten- und Salinenwerke. Dasjenige von
Wieliczka z. B. wird seit dem 13. Jahrhundert betrieben. Welchen Nutzen
hätte die Naturwissenschaft aus diesen Unternehmungen ziehen können!
Und welch befruchtenden Einfluß hätte sie wiederum auf die Technik
auszuüben vermocht! Diese Wechselwirkung blieb solange aus, bis der
Buchdruck aufkam. Von diesem Zeitpunkt an sehen wir auch den Techniker
schriftstellerisch wirken. Er stellte seiner ganzen Eigenart gemäß die eigene
Beobachtung und Erfindung in den Vordergrund und beschränkte sich
hinsichtlich der literarischen Überlieferungen darauf, sie als Hilfsmittel für
seine eigene Arbeit und nicht, wie der Gelehrte, als Mittelpunkt zu
betrachten.
Von großem Einfluß auf die Umgestaltung der gesamten europäischen
Verhältnisse war auch die Verwendung des schon im 13. Jahrhundert
bekannt gewordenen Pulvers zu kriegerischen Zwecken. Es ist nicht
unwahrscheinlich, daß sein Gebrauch zum Fortschleudern von Geschossen
von einem Mönch namens Berthold (um 1300) herrührt4. Jedenfalls
erfolgte die Verbreitung der Feuerwaffen von Deutschland aus, wo
vermutlich schon um die Mitte des 14. Jahrhunderts die ersten
Pulverfabriken eingerichtet wurden.
Für die Richtung, welche die Entwicklung der Wissenschaft und der
gesamten Kultur in der Neuzeit nahm, ist endlich noch ein

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allgemeingeschichtliches Moment hervorzuheben. Der Sitz der politischen
Macht und der geistigen Bildung wanderte nämlich von ihren alten Stätten,
dem Orient und den Mittelmeerländern nach dem Nordwesten und der
Mitte Europas, nach England, Frankreich und Deutschland. Dieser Zug von
Osten nach Westen ist indessen kein blindes Walten des Schicksals. Er wird
dadurch hervorgerufen, daß sich dem Westen Europas gegenüber ein neuer
Weltteil erschließt, während der Osten dem Andrängen aus Asien
hervorbrechender Stämme (Mongolen und Türken) erliegt.
So sehen wir besonders in den beiden großen Hauptstädten nördlich und
südlich des Kanals neue Brennpunkte des wissenschaftlichen Lebens
entstehen. Und fortan gelten die Gestade der Nordsee dem
Geschichtsschreiber5 »als die vornehmste Werkstätte des allgemeinen
Geistes des menschlichen Geschlechtes, seiner staatenbildenden,
ideenhervorbringenden, die Natur beherrschenden Tätigkeit«.
In dieser Tätigkeit wurde der Mensch der neueren Geschichte durch nichts
in dem Maße gefördert, wie durch das Emporblühen der
Naturwissenschaften. Sie waren es, die durch ihren Erkenntnisinhalt und
durch ihre zahllosen Anwendungen auf allen Gebieten neue Gedanken
hervorriefen und das gesamte Leben, sowie die Lebensanschauungen
umgestalteten. Das Mittelalter hatte vorzugsweise gesammelt, was an
Resten der untergegangenen Kultur des Altertums übrig geblieben war. In
der Neuzeit dagegen entfaltete sich immer machtvoller das Bestreben »die
Dinge aus den Dingen selbst« kennen zu lernen, wie ein oft gebrauchter
Ausdruck lautet. Dadurch gelangte man zu dem eigentlichen Kern der
Wissenschaft, deren Wesen das der vorurteilslosen Kritik und der
eindringenden Forschung ist. Zwar hat man sich nur nach und nach von den
überkommenen herrschenden Vorstellungen frei zu machen gewußt. Selbst
Männer wie Koppernikus, Galilei, Kepler und Newton waren nicht
unbeeinflußt von ihnen. Die größten Hemmungen bereiteten die kirchlichen
Dogmen, die im Mittelalter die Wissenschaft schon aus dem Grunde
eingeengt hatten, weil sie fast ausschließlich in den Händen der Geistlichen
lag. Erst dadurch, daß die Wissenschaft weltlich wurde, daß sie der engen
Haft der Klöster entrann und an besondere, ihrer Pflege bestimmten Stätten,
die Universitäten, verpflanzt wurde, daß sie mit dem praktischen Leben in
Fühlung trat und mit der selbständig und ohne alle Buchgelehrsamkeit sich
entfaltenden Technik in Beziehung kam, waren die Voraussetzungen zu

Page 21

einer Um- und Neugestaltung des gesamten wissenschaftlichen Lebens
gegeben. Unter dem Einfluß dieses Lebens hätte sich Europa, wenn die
mittelalterlichen Einrichtungen des staatlichen Lebens nicht übermächtig
gewesen wären, eigentlich zu einer Art Völkerfamilie entwickeln müssen,
da alle Voraussetzungen zu einer Kulturgemeinschaft gegeben waren. Unter
den Gelehrten aller europäischen Länder herrschte wenigstens das Gefühl
der engen Zusammengehörigkeit. Konnte sich doch der besonders von
Leibniz gehegte Gedanke hervorwagen, sämtliche gelehrten Akademien,
die als Schöpfungen der Neuzeit entstanden waren, zu einer europäischen
Gesamtakademie zu vereinigen. Auch daß eine einzige Sprache, die
Lateinische nämlich, die Gebildeten aller Länder verband, war ein Vorzug,
dessen die neuere Zeit durch nationalistische Absonderung nach und nach
verlustig gegangen ist. Infolge dieses Zusammenschlusses war ferner der
Wetteifer zwischen den einzelnen Ländern, insbesondere zwischen
Frankreich, England und den Niederlanden gleich groß. Trotz ihrer
Kleinheit verdienen die letzteren besondere Anerkennung. Ihre Beteiligung
am Welthandel, das Emporblühen von Städten, die ein Hort der Freiheit, der
Kunst und blühender Gewerbe waren, befähigten die Niederländer auf allen
Gebieten schon an der Schwelle der Neuzeit zu Leistungen ersten Ranges.
Zu diesen ist vor allem zu rechnen: die Erfindung des Fernrohrs und des
Mikroskops, die Gründung hervorragender Hochschulen, wie derjenigen
von Leiden und Utrecht, sowie die Entwicklung des Buchgewerbes auf eine
Höhe, von der heute noch die Schätze der Plantinschen Druckerei in
Antwerpen und die Buchausgaben der Familie Elzevir Zeugnis ablegen.
Auch dadurch haben die Niederlande sich unvergänglichen Ruhm
erworben, daß sie Descartes und anderen Großen im Reiche der
Wissenschaft eine Zuflucht boten, wenn politischer oder religiöser
Fanatismus ihnen die Heimat verleideten.
Politische und konfessionelle Spaltungen waren es auch, die Deutschland
anfangs daran hinderten, sich dem edlen, zwischen den übrigen
europäischen Ländern entbrannten Wettbewerbe mit Erfolg anzuschließen.
Zunächst mußten die Folgen des dreißig Jahre währenden Religionskrieges
überwunden werden, ehe Deutschland seinen vollen Anteil an der
neuzeitlichen Entwicklung der Wissenschaften beitragen konnte. Man hätte
eigentlich von einem Lande, in dem die Reformation ihren Anfang nahm
und der Humanismus zu großer Blüte gelangte, mehr erwarten können. Der
Einfluß dieser beiden Bewegungen auf die Entwicklung der

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Naturwissenschaften war indessen nicht so groß, wie man oft annimmt. Mit
Recht ist darauf hingewiesen worden, daß die Reformation in gewissem
Sinne für die Wissenschaften sogar einen Rückschritt bedeutete, indem sie
die transzendente Richtung wieder verstärkte. Die protestantische Kirche
verhielt sich, wie ihr Auftreten gegen Koppernikus und Kepler zeigte,
den naturwissenschaftlichen Fortschritten gegenüber häufig sogar feindlich.
Was die Reformation Fortschrittliches im Gefolge hatte, war, daß sie den
Autoritätsglauben und damit eine der größten Fesseln der
naturwissenschaftlichen Forschung, einschränken half. Ihn gänzlich zu
beseitigen ist vergebliches Bemühen geblieben, da er zu tief in der Natur
des Menschen wurzelt.
Ebensowenig wie die Reformation war auch der Humanismus allein
imstande, für die Wissenschaften ein neues Zeitalter heraufzuführen. Der
Boden auf dem er erwuchs, waren die Universitäten, während an dem
Gebäude der neueren Naturwissenschaften viele Männer von geistig freiem
Blick arbeiteten, die abseits von dem am alten Herkommen festhaltenden
Leben der Universitäten standen. Es sei nur auf Koppernikus, Kepler,
Tycho, Guericke, auf Agricola, Leeuwenhoek, Grew und viele
andere, die uns in diesem Werke begegnen, hingewiesen. Mitunter
verhielten sich die Universitäten gegen die naturwissenschaftliche
Forschung geradezu ablehnend. Namentlich in Frankreich, wo Staat und
Kirche sich zur Unterdrückung freier geistiger Bewegungen vereinigten,
war dies zu Beginn der Neuzeit der Fall. Dies für die Wissenschaft
verhängnisvolle Bündnis hemmte auch in Italien den durch Galilei und
seine Schule eingeleiteten Fortschritt, so daß Italien die Führung, die es auf
geistigem Gebiete anfangs hatte, bald an die nördlichen Länder Europas,
insbesondere an England und die Niederlande abtreten mußte.
Der Schaden, den die staatliche unter dem Einfluß der Kirche ausgeübte
Bevormundung der Forschung antat, wurde mitunter dadurch wieder
aufgehoben, daß der neuzeitliche Staat die Wissenschaft förderte, wenn er
sich einen unmittelbaren Nutzen von ihr versprach. So entstanden
Sternwarten, die bisher meist der privaten Liebhaberei entsprangen, sowie
Akademien unter Aufwendung staatlicher Mittel. Unter den Sternwarten
sind besonders die von Paris (gegründet im Jahre 1667) und Greenwich
(gegründet 1675) zu nennen. Ihrem Muster schlossen sich diejenigen von
Berlin, von Petersburg und Wien im 18. Jahrhundert an.

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Die Akademien, denen der vorliegende Band einen besonderen Abschnitt
widmet, bildeten sich anfangs durch freien Zusammenschluß
hervorragender Forscher. Die Regierungen unterstützten die neue
Einrichtung, von der sie mehr als von den Universitäten praktisch
verwertbare Ergebnisse erhofften, und nahmen sie zumeist in ihre Obhut
oder schufen Neugründungen. Unter den in den nördlichen Ländern
gestifteten Akademien sind besonders die Royal Society (Gründungsjahr
1662) und die 1666 durch den Minister Colbert ins Leben gerufene
Académie des Sciences zu nennen. Im 18. Jahrhundert folgten Berlin
(1700) und Petersburg (1725). Erwähnung verdient auch die erste, rein
naturwissenschaftliche Akademie, die 1652 unter dem Namen der
Kaiserlich Leopoldinischen Akademie in Deutschland gegründet wurde
und, wie die übrigen, heute noch besteht.
Zu den genannten Forschungsmitteln gesellten sich die in der Regel von
den Akademien herausgegebenen periodischen Zeitschriften, unter denen
vor allem die Berichte der Royal Society und die seit 1682 in Deutschland
erscheinende »Acta Eruditorum« zu nennen sind6.
Vor allem aber ist der neue, in den Arbeiten eines Galilei, Guericke,
Kepler und Newton seinen Höhepunkt erreichende Abschnitt in der
Entwicklung der Naturwissenschaften dadurch gekennzeichnet, daß man
die wichtigsten Hilfsmittel zur Verschärfung der Sinne erfand und
infolgedessen einen weit tieferen Einblick wie bisher in die Erscheinungen
zu tun vermochte. Was die früheren Zeitalter an solchen Mitteln besaßen,
erhob sich wenig über den Rang einfacher, durch handwerksmäßiges
Schaffen hergestellter Werkzeuge. Jetzt treten uns auf wissenschaftlichen
Grundsätzen beruhende, der planmäßigen Forschung dienende Instrumente
in größerer Zahl entgegen.
Was nützten alle Bemühungen, in die Natur der Wärmeerscheinungen
einzudringen, solange man kein Thermometer besaß? Das 17. Jahrhundert
erfand es. Die Philosophen hatten zahllose Spekulationen angestellt über
den leeren Raum, über das Wesen der Luft, über die Frage, ob sie Gewicht
besitzt oder mit einem Streben vom Erdmittelpunkte fort begabt ist. Da trat
Guericke auf, der nichts vom Disputieren auf dem Gebiete der
Naturwissenschaften hielt. Er baute seine Luftpumpe und bewies das
Vorhandensein des Luftdruckes durch den berühmten Versuch mit den
Magdeburger Halbkugeln. Er wog die Luft, untersuchte mit seinem

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Wasserbarometer die Schwankungen ihres Druckes und vermochte aus
ihnen das Wetter vorherzusagen. An die Stelle des Wasserbarometers trat
dann das bequemere Quecksilberbarometer. Zur Luftpumpe gesellte
Guericke die Elektrisiermaschine. Das Fernrohr wurde in den Dienst der
Astronomie gestellt. Das Mikroskop erschloß dem Biologen eine neue Welt.
Die Sinne wurden nicht nur bewaffnet und zu höheren Leistungen befähigt;
es wurden auch ganz neue Gebiete der Wahrnehmung erschlossen,
beispielsweise die Luftdruckschwankungen, die doch etwas sind, wofür wir
keinen unmittelbaren Sinn besitzen. Höchstens ein dumpfes Gefühl läßt
besonders starke Schwankungen ahnen, während das Barometer die
geringste Änderung des atmosphärischen Druckes anzeigt.
So hat sich seit dem 17. Jahrhundert infolge der Erfindung neuer
Forschungsmittel eine bedeutende Vertiefung und Erweiterung des
Weltbildes vollzogen. Gewiß vermochten auch die Instrumente nicht den
letzten Schleier von den Dingen zu ziehen. Es zeugt indes von schlechter
Kenntnis der Aufgaben der Naturwissenschaft, das von ihr zu verlangen.
Alle Forschung ist Menschenwerk und somit an die körperlichen und
geistigen Grenzen des menschlichen Erkennens gebunden. Die Instrumente
tragen nur bis an diese Grenzen, und die echte Forschung bleibt sich ihrer
stets bewußt.

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2. Neuzeitliche Forschungsmittel.
Gleich an der Schwelle dieser Periode treten uns die beiden wichtigsten
unter den neuzeitlichen Forschungsmitteln, das zusammengesetzte
Mikroskop und das Fernrohr, entgegen. Ersteres wurde um 1590, letzteres
um 1608 erfunden.
Die Glaslinse und ihre vergrößernde Kraft waren zwar seit alters bekannt.
Auch waren die Erscheinungen, welche die verschiedenen Arten der
Spiegel darboten, da sie sich einer Erklärung durch geometrische
Konstruktion zugänglich erwiesen, stets ein Lieblingsgegenstand der
Mathematiker. Die Zusammenfügung mehrerer Linsen, in der das
Eigentümliche des zusammengesetzten Mikroskops und des Fernrohrs
besteht, scheint dagegen anfangs ohne einen leitenden Gedanken als ein
bloßes Spiel des Zufalls stattgefunden zu haben. Obgleich die Geschichte
jener Instrumente sehr verwickelt ist und mehrere Völker
Prioritätsansprüche erheben, ist doch soviel festgestellt, daß der Ruhm
beider Erfindungen den Niederländern gebührt, bei denen die Glas- und
Steinschleiferei schon im Mittelalter in Blüte stand und die Herstellung von
Linsen zwecks Verfertigung von Brillen gewerbsmäßig betrieben wurde7.
Es würde viel zu weit führen, wenn wir uns hier mit der Abwägung aller
Prioritätsansprüche befassen wollten8. Nicht nur Roger Bacon und Porta
wurden auf Grund dunkler Stellen ihrer Werke für die Erfinder des
Fernrohrs gehalten, sondern im Hinblick auf Matthäus 4, 8 wurde das neue
Werkzeug sogar für eine Erfindung des Teufels ausgegeben9. Letzteres sei
nicht etwa der bloßen Kuriosität wegen angeführt, sondern um die
mißbräuchliche Anwendung zu zeigen, die, wie wir noch des öfteren sehen
werden, von der Bibel gemacht wurde. In den meisten Fällen geschah dies,
um, wie einst dem Emporblühen des Humanismus, der heranwachsenden
Naturwissenschaft Hemmnisse zu bereiten. Dies Bestreben hat zwar
einzelnen Vertretern der Wissenschaft Verfolgungen eingetragen. Für den
gesamten Gang der Entwicklung, der vom Dunkel zum Lichte führte, sollte
es indes belanglos bleiben.

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Bei Bacon kann es sich nur um prophetische Aussprüche handeln, Porta
deutet indessen schon darauf hin, daß sich durch eine Vereinigung von
Glaslinsen besondere optische Wirkungen erzielen lassen; doch scheint es
sich bei seinem Vorschlage um eine Art Brille gehandelt zu haben10.
Irrtümliche Nachrichten, welche die Bekanntschaft mit dem Fernrohr vor
dem 17. Jahrhundert bezeugen sollen, sind auch dadurch entstanden, daß
man sich schon im Mittelalter, ja selbst im Altertum, beim Beobachten der
Gestirne leerer Röhren bediente, um seitliches Licht abzuhalten.
Das erste zusammengesetzte Mikroskop bestand aus der Vereinigung einer
Bikonvex- mit einer Bikonkavlinse. Erstere diente als Objektiv, letztere als
Okular. Dieses Instrument wurde sehr wahrscheinlich11 von dem
holländischen Glasschleifer Zacharias Jansen um das Jahr 1590
erfunden. Eins der ältesten Exemplare beschrieb Borelius. Es war 1½ Fuß
lang. Das Rohr hatte zwei Zoll Durchmesser. Auf das Fußgestell gelegte
kleine Gegenstände erschienen beim Hineinblicken in das Instrument stark
vergrößert12.
Die heutigen zusammengesetzten Mikroskope sind bekanntlich anders
eingerichtet. Sie bestehen aus zwei Sammellinsen oder aus zwei
Linsensystemen, von denen jedes wie eine einzige Sammellinse wirkt. Die
dem Gegenstande genäherte Linse a erzeugt ein physisches Bild, das durch
die zweite Linse b wie durch eine Lupe betrachtet wird (s. Abb. 1). Diese
Konstruktion kam jedoch erst später auf, wir begegnen ihr nicht vor dem
zweiten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts.
Auch das Fernrohr bestand in seiner ersten Einrichtung, die nach
glaubwürdigen Zeugnissen von dem holländischen Brillenmacher Franz
Lippershey herrührt, in der Verbindung einer Konvexlinse als Objektiv
mit einer Konkavlinse als Okular. Diese Vereinigung wird bekanntlich noch
jetzt als holländisches Fernrohr bezeichnet und in binokularer Ausführung
den heutigen Operngläsern zugrunde gelegt. Auch hier leitete wohl der
Zufall auf die Erfindung. Es wird nämlich erzählt, Lippershey habe seine
Linsenkombination auf die Wetterfahne eines nahen Kirchturmes gerichtet
und sei von der vergrößernden Wirkung überrascht gewesen.

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Abb. 1. Mikroskop aus zwei Sammellinsen13.

Dafür, daß Lippershey in Middelburg das Fernrohr erfunden hat, sprechen
Zeugnisse von Männern des 17. Jahrhunderts und auch behördliche
Dokumente. In einem solchen wird Lippershey auf eine Bewerbung um
ein Privilegium geantwortet, er möge sein Fernrohr so verbessern, daß man
dadurch gleichzeitig mit beiden Augen sehen könne. Dies Verlangen soll
Lippershey im Dezember des Jahres 1608 erfüllt haben, während die erste
Einsendung seines aus Kristallinsen verfertigten Fernrohrs nach neueren
Untersuchungen14 im Herbst 1608 erfolgt sein soll.
Die Kunde von der wunderbaren Erfindung, verbreitete sich mit großer
Schnelligkeit. In Frankreich wurden schon im November des Jahres 1610
die Jupitermonde mit dem neuen Instrumente beobachtet. Nach Italien
gelangte das Gerücht von der epochemachenden Erfindung im Jahre 1609,
in Deutschland soll das Fernrohr schon 1608 zum Kaufe angeboten worden
sein15.
In Italien, wo Galilei auf der Höhe seines Schaffens stand, fand die
Nachricht den geeignetsten Boden. Mit welchem Eifer Galilei sich der
Sache annahm, hat er selbst in einer kleinen Schrift erzählt, die über die
ersten, ihm gelungenen astronomischen Entdeckungen berichtet. Es heißt
dort16: »Vor etwa zehn Monaten kam das Gerücht zu unseren Ohren, ein
Niederländer habe ein Instrument erfunden, vermittelst dessen man
entfernte Dinge so deutlich wie nahe gelegene sehe. Das veranlaßte mich,

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darauf zu sinnen, wie ich zur Verfertigung eines solchen Instruments
gelangen könnte. Von den Gesetzen der Dioptrik geleitet, verfiel ich darauf,
an den Enden eines Rohres zwei Gläser anzubringen, ein plankonvexes und
ein plankonkaves. Als ich das Auge dem letzteren näherte, sah ich die
Gegenstände etwa dreimal so nahe und neunmal vergrößert. Da ich weder
Arbeit noch Kosten scheute, bin ich soweit gekommen, ein solch
vortreffliches Instrument zu erhalten, daß mir die Sachen fast 1000mal so
groß und 30mal näher erscheinen, als wenn man sie mit bloßem Auge
betrachtet.«
Das Fernrohr, das Galilei anfertigte, war also gleichfalls ein holländisches,
während das eigentliche astronomische Fernrohr wie das zusammengesetzte
Mikroskop zwei Sammellinsen besitzt. Die Konstruktion des
astronomischen Fernrohrs wurde von Kepler in seiner Dioptrik17 (s. Abb. 2)
angegeben, dem hervorragendsten Werk, das zu Beginn der neueren Zeit
über die Brechung des Lichtes geschrieben wurde.

Abb. 2. Keplers Konstruktion des astronom. Fernrohrs (aus Keplers
»Dioptrik«).

Im letzten Teile der »Dioptrik« befaßt sich Kepler mit der Wirkung der
verschiedenen Linsenkombinationen. Gleich die erste Aufgabe, die er sich
stellt, enthält die Konstruktion des astronomischen Fernrohrs. Sie lautet:
»Durch zwei Konvexlinsen eine Vergrößerung des Gegenstandes bei
vollkommener Deutlichkeit herbeizuführen, aber in umgekehrter Lage«18.
Kepler nimmt an, das Objektivglas AB sei in solcher Entfernung von dem

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Gegenstande CE, daß sein umgekehrtes Bild undeutlich sein würde. »Stellt
man nun zwischen das Auge und dieses undeutliche Bild, und zwar nahe
dahinter eine zweite Sammellinse OP, so wird letztere die von D und F
kommenden Strahlen konvergent und das Bild dadurch deutlich machen.«
Auch wird dieses durch das Okular erzeugte Bild, wie Kepler dartut,
größer erscheinen als das Bild das »die dem Auge nächststehende Linse
(OP) von der entfernteren Linse (AB) erhalten hatte«19.
Das astronomische Fernrohr verdrängte binnen kurzem das holländische,
weil es zwei Vorzüge besitzt. Einmal gewährt das astronomische Fernrohr
ein größeres Gesichtsfeld. Ferner ermöglicht es die Anwendung eines
Fadenkreuzes, mit dem das zwischen Objektiv und Okular erzeugte reelle
Bild zur Deckung gebracht werden kann.
Daß sich durch Einfügung einer dritten Konvexlinse das umgekehrte Bild,
das ein solches Fernrohr liefert, in ein aufrechtes verwandeln läßt, hat
Kepler gleichfalls dargetan20. Merkwürdigerweise wurde das nach ihm
benannte astronomische Fernrohr jedoch nicht von ihm selbst, sondern erst
einige Jahre später nach den Angaben der Dioptrik von Scheiner, dem wir
in der Lebensgeschichte Galileis noch begegnen werden, zum ersten Male
angefertigt. Auch das aus drei Konvexlinsen bestehende terrestrische
Fernrohr hat Scheiner 21 zuerst hergestellt.
Kepler gab in seiner »Dioptrik« auch die erste Theorie des holländischen,
aus der Verbindung einer Konvex- mit einer Konkavlinse bestehenden
Fernrohrs (Abb. 3). Er zeigte nämlich, daß die verschwommenen Bilder, die
eine dicht vor das Auge gesetzte Konkavlinse (LM) liefert, deutlich und
größer werden, wenn eine Konvexlinse (NO) in einer bestimmten
Entfernung vor die Konkavlinse gehalten wird22. Im Zusammenhang mit
seiner Beweisführung steht der durch Abb. 3 gleichfalls erläuterte Satz, daß
Strahlen, die durch eine Konvexlinse NO konvergent gemacht sind und
noch vor ihrem Schnittpunkt auf eine Konkavlinse LM fallen, so gebrochen
werden, daß entweder der Schnittpunkt weiter hinaus verlegt wird (nach A)
oder die Strahlen parallel gemacht (AʹAʺ) oder endlich divergent weiter
geschickt werden (ξK).
Kepler erläutert ferner, wie sich durch die Kombination einer Konkav- mit
einer Konvexlinse reelle Bilder erhalten lassen, die größer sind als die mit
einer Konvexlinse allein erhaltenen Bilder. Diese von Kepler

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vorgeschlagene Vereinigung (Abb. 4) hat erst vor kurzem den Anlaß zur
Erfindung des Teleobjektivs gegeben. Kepler verfolgt den Gang von drei
Strahlenbündeln, die von den Punkten CAE des Gegenstandes kommen.
Die Konkavlinse wird an eine Stelle gebracht, an der die Konvexlinse GH
ein verschwommenes Bild geben würde. Indem nun die Konkavlinse (LN)
die Büschel kurz vor der Spitze auffängt und die Büschel zu den Spitzen
SPT formt, erzeugt sie ein deutliches, reelles Bild, das größer ist als das in
FBD durch die Konvexlinse allein hervorgerufene.

Abb. 3. Keplers Abbildung zur Erläuterung des holländischen Fernrohrs.

Außer den hier hervorgehobenen wichtigen Sätzen über die Wirkung von
Linsenkombinationen bringt Kepler noch eine Fülle anderer, bezüglich
deren jedoch auf die »Dioptrik« verwiesen werden muß. Um das Fernrohr
zu verkürzen, empfiehlt er z. B. zwei gleiche Sammellinsen, die möglichst
nahe hintereinander stehen als Objektiv zu wählen. Auch der Vorschlag, das
Rohr des Fernrohres verschiebbar zu machen, um es den Augen
anzupassen, rührt von Kepler her23.
Das Jahr, in dem das astronomische oder Keplersche Fernrohr zur
Ausführung gelangte, hat sich nicht genau ermitteln lassen. Es geschah
wohl zwischen 1613 und 1617, und zwar, wie schon erwähnt, durch
Scheiner 24. Er hat sich um die Begründung der Optik und um die
Erfindung und Verbesserung der optischen Instrumente zur Zeit des
Wiederauflebens der Naturwissenschaften neben Kepler die größten

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Verdienste erworben. Scheiner war ferner einer der ersten, der das
Fernrohr zu astronomischen Beobachtungen benutzte. Im April oder Mai
des Jahres 1611 erblickte er die fast zur selben Zeit von Fabricius und
Galilei gesehenen Sonnenflecken25. Gebührt ihm auch nicht die Priorität
dieser Entdeckung, so war er es doch, der in jahrewährender Arbeit mehrere
tausend Beobachtungen über die neue, so viel Aufsehen erregende
Erscheinung anstellte. Diese Beobachtungen wären nicht möglich gewesen,
wenn Scheiner nicht als erster an dem Fernrohr besondere Blendgläser
angebracht hätte. Sie bestanden in geschliffenen, farbigen Platten, die er vor
den Linsen befestigte. Seine ersten Versuche, die Linsen selbst aus farbigem
Glase herzustellen und so das Licht zu schwächen, gab er bald wieder auf.
Vielleicht ist Galilei dadurch erblindet, daß er noch keine Blendgläser
gebrauchte26.

Abb. 4. Keplers Teleobjektiv.

Einen zusammenfassenden Bericht über seine Beobachtungen
veröffentlichte Scheiner 1630 unter dem Titel »Rosa Ursina«27. Es wird
noch an anderer Stelle davon die Rede sein. Hier sei nur hervorgehoben,
daß diese Schrift die erste Nachricht von der Scheiner gelungenen
Erfindung des astronomischen, aus zwei konvexen Linsen hergestellten
Fernrohres brachte. Die Möglichkeit einer solchen Konstruktion hatte, wie
oben erwähnt, zwar Kepler angegeben. Die Ausführung und die erste
Anwendung verdanken wir indessen Scheiner. Er erzählt in der Rosa

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Ursina, er habe mit dem neuen Instrument vor 13 Jahren (also 1617) dem
Kaiser die Sonnenflecken gezeigt.
Scheiner wandte auch eine Linsenkombination unter dem Namen
Helioskop zur objektiven Darstellung astronomischer Vorgänge an. Er
zeigte z. B. die Sonnenflecken gleichzeitig einer größeren Anzahl von
Personen, indem er sein Helioskop aus einem dunklen Zimmer gegen die
Sonne richtete und hinter dem Instrument eine weiße Platte anbrachte, auf
der dann die Sonnenscheibe mit ihren Flecken sichtbar wurde.
Bei diesem Stand der optischen Forschung war es selbstverständlich, daß
man sich auch dem uns von der Natur verliehenen Organ und dem Vorgange
des Sehens zuwandte. So bewies Scheiner die Ähnlichkeit des Auges mit
der Camera obscura durch folgenden Versuch: Er entfernte die Häute an der
hinteren Wand eines Ochsenauges bis auf die Netzhaut und brachte eine
Kerze in einiger Entfernung vor dem so präparierten Auge an. Das
umgekehrte Bild der Kerzenflamme konnte dann auf der Netzhaut von
einem hinter dem Auge befindlichen Standpunkt wahrgenommen werden28.
Später (im Jahre 1625) stellte Scheiner den gleichen Versuch mit
demselben Ergebnis am menschlichen Auge an.
Scheiner ließ sich bei seiner Beschäftigung mit optischen Fragen von dem
Gedanken leiten, daß das Auge ein nach den Prinzipien der Optik gebautes
Organ und deshalb besonders geeignet sei, die Grundlehren der Optik zu
entwickeln. So entstand das Werk, das die soeben erwähnten
Beobachtungen enthält. Es führt den, jenen Gedanken Scheiners zum
Ausdruck bringenden Titel »Oculus, hoc est fundamentum opticum« und ist
grundlegend für die physiologische Optik geworden.
Scheiner beginnt mit der eingehenden anatomischen Beschreibung des
Auges. Dann folgt eine Untersuchung des Brechungsvermögens der
verschiedenen Medien, welche die Strahlen nach ihrem Eintritt in das Auge
durchdringen müssen, um zu der Netzhaut zu gelangen. Letztere ist nach
Scheiner und nach Kepler, entgegen früheren Meinungen, welche die
Wahrnehmung des Bildes in den Glaskörper oder gar in die Linse verlegten,
der eigentliche Sitz des Sehvermögens. Scheiner zeigte, daß das
Brechungsvermögen der wässerigen Feuchtigkeit mit demjenigen des
Wassers und dasjenige der Linse mit dem des Glases nahezu übereinstimmt,
während das Brechungsvermögen des Glaskörpers zwischen dem der

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erstgenannten Medien liegt. Der Gang des Lichtstrahls wird dann von
seinem Eintritt in das Auge, bis er die Netzhaut trifft, verfolgt. Die
entsprechenden Kapitelüberschriften geben am besten einen Überblick über
den Gang und die Ausführlichkeit der von Scheiner unternommenen
Untersuchung. Sie lauten: Brechung des Lichtstrahls beim Übergang aus
der Luft in die Hornhaut, Brechung beim Übergang aus der Hornhaut in die
wässerige Feuchtigkeit, Vergleich der das Auge zusammensetzenden
Medien hinsichtlich ihrer Dichte, Brechung des Lichtes beim Übergang aus
der wässerigen Feuchtigkeit in die Kristallinse, Brechung an der Grenze
von Kristallinse und Glaskörper, und endlich Brechung an der Grenze von
Glaskörper und Netzhaut29.
Scheiner gab ferner die erste zutreffende Antwort auf die Frage, wie es
kommt, daß das Auge nahe und entfernte Gegenstände deutlich zu sehen
vermag. Dieses, als Akkommodationsfähigkeit bezeichnete Vermögen
erklärte Scheiner daraus, daß die Gestalt der Linse sich ändert, indem die
Linse sich für nahe Gegenstände stärker wölbt, für entferntere dagegen sich
abflacht.
Von den zahlreichen Versuchen, die Scheiner über das Sehen anstellte, sei
folgender hervorgehoben. In ein Papierblatt werden mit der Nadel mehrere
kleine Öffnungen gestochen, die sich so nahe beieinander befinden, daß die
entstehende Figur die Pupille an Größe nicht übertrifft. Bringt man das Blatt
dann nahe an das Auge und hält einen Gegenstand, etwa eine Nadelspitze,
dahinter, so sieht man von ihm so viel Bilder, als das Papier Öffnungen
besitzt. Die Erscheinung erklärt sich daraus, daß sich die von der
Nadelspitze ausgehenden Strahlen vor oder hinter der Netzhaut kreuzen.

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3. Galileis grundlegende Schöpfungen.
Auf dem Boden Italiens hatte das Wiederaufleben der Antike stattgefunden,
dort entstanden durch Galilei und seine Schüler auch die Grundlagen der
neueren Naturwissenschaft. Zu der Zeit, als sich das Dunkel des Mittelalters
zu lichten begann, war Italien in zahlreiche Republiken und Fürstentümer
zerfallen, die in kriegerischem, sowie in friedlichem Wettbewerb um die
Herrschaft rangen. Ihre Nahrung zogen diese kleinen Staatsgebilde
vorwiegend aus dem Handel und dem Gewerbe. Seitdem sich die
italienischen Seefahrer der Bussole und der geographischen Karten
bedienten, hatte sich ein steigender Verkehr nach der Levante entwickelt.
Eine Folge davon war das Emporblühen des Kunstgewerbes. Venedigs
Glasgegenstände, sowie die Majoliken und Metallgüsse anderer
italienischen Städte galten als unübertroffen. Auf solchem Boden erwuchs
auch die Kunst eines Lionardo da Vinci, Raphael und Michel Angelo,
nachdem im Beginn dieses Zeitalters Dante und Petrarca ihre
unvergänglichen Dichtungen geschaffen. In dem Maße, wie die Blüte der
Kunst sich ihrem Ende zuneigte, begann der wissenschaftliche Geist seine
Schwingen zu regen. An demselben Tage, an dem Michel Angelo die
Augen für immer schloß, erblickte Galilei das Licht der Welt. Die Natur,
sagt Libri 30, schien damit andeuten zu wollen, daß die Kunst das Scepter an
die Wissenschaft abgetreten habe.

Leben und Entwicklungsgang Galileis.

Galileo Galilei 31 wurde am 18. Februar (alten Stils), nach neueren
Forschungen wahrscheinlich am 15. Februar, des Jahres 1564 in Pisa
geboren. Diese Stadt war im Mittelalter eine freie gewesen; zur Zeit
Galileis befand sie sich unter florentinischer Herrschaft, die damals in den
Händen des berühmten Geschlechts der Mediceer ruhte. Der Vater
Galileis, Vincenzio Galilei, ein verarmter Edelmann, besaß eine große
Vorliebe für Musik und Mathematik. Offenbar hat Galilei von ihm seine
auf die Naturwissenschaften und gegen den Autoritätsglauben gerichteten

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geistigen Anlagen empfangen. Bezeichnend hierfür ist, daß Galileis Vater
auch schon die Form des Dialogs bevorzugte und einen solchen über die
alte und die neuere Musik verfaßte, sowie, daß er sich darin gegen die
Berufung auf Autoritäten aussprach.
Der junge Galilei ragte durch Lernbegierde, sowie durch Selbständigkeit
des Denkens unter seinen Altersgenossen hervor. Er widmete sich in Pisa
zunächst dem Studium der Medizin, einer Wissenschaft, die in ihrer
damaligen Verfassung wenig geeignet war, einen Geist wie denjenigen
Galileis zu fesseln. Es wird erzählt, daß er vor der Tür den Vorträgen eines
Mathematikers lauschte und von den Hörern einige Brocken zu erhaschen
suchte. Sobald der Mathematiker davon erfuhr, nahm er sich des jungen
Menschen an und bewirkte, daß dieser das Studium der Heilkunde mit dem
der Mathematik und der Physik vertauschte.
Auf dem Gebiete der Physik herrschten damals die aristotelischen Lehren
noch so gut wie unangefochten. Sie wurden in Italien zu jener Zeit wie ein
Evangelium betrachtet32. Als Galilei den »Aristoteles« zu lesen begann,
hatte er sich über viele Naturvorgänge schon eigene Meinungen gebildet. Er
war nun in hohem Grade erstaunt, daß diese mit den herrschenden Lehren
des griechischen Philosophen so wenig im Einklang waren. Bei weiterer
Prüfung verwandelte sich dieses Staunen in Zweifel und endlich in völlige
Abkehr von den als unrichtig erkannten, älteren Lehrmeinungen.
Als Fünfundzwanzigjähriger bestieg Galilei die Lehrkanzel und trat nun
öffentlich als Gegner der aristotelischen Physik auf. Da er dabei mit großer
Kühnheit die eigene wissenschaftliche Überzeugung über die Autorität
stellte, machte er sich in Pisa, wo man ihn des beharrlichen Verfechtens
seiner Meinung wegen den Zänker nannte, auf die Dauer unmöglich. Mit
Freuden folgte er deshalb einem vom venetianischen Senat an ihn
ergangenen Ruf an die Universität Padua, wo er im Dezember des Jahres
1592 seine Antrittsvorlesung hielt.
Die Eigenart Galileis, seine Ansichten auf eigene Beobachtungen und
zweckmäßig ersonnene Versuche zu stützen, hat sich schon in den ersten
Jahren seiner Tätigkeit in Pisa geäußert. So ließ er Holz, Marmor und Blei
aus bedeutender Höhe herabfallen und zeigte, daß, entgegen der
Behauptung der Aristoteliker, die Fallzeit für Körper von verschiedenem
Gewicht dieselbe sei. »Daß dies der Ansicht vieler widerspricht«, sagt er in

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seiner Jugendarbeit, die von dem Fall der Körper handelt (De motu
gravium), »ist mir ganz gleichgültig, wenn es nur mit der Vernunft und der
Erfahrung übereinstimmt«.
Durch den Luftzug in Schwingungen versetzte Lampen sollen seine später
zu besprechenden Forschungen über die Pendelbewegung veranlaßt haben.
Es wird erzählt, Galilei habe, als er eine an einer langen Kette
schwankende Lampe im Dom seiner Vaterstadt beobachtete, die
Schwingungszeit aus der Zahl seiner Pulsschläge ermittelt und auf diese
Weise den Isochronismus der Pendelschwingungen entdeckt, d. h. die
Tatsache, daß Schwingungen von kleinerem und größerem Ausschlag bei
unveränderter Länge des Pendels die gleiche Zeit beanspruchen.
Euklid, Apollonios und Archimedes boten ihm während dieser Zeit des
wissenschaftlichen Heranreifens die meiste Anregung. Aus dem Schüler
wurde aber bald ein Meister, der seine Lehrer überflügelte. Nicht in dem
Erlernen, sondern in der Weiterentwicklung der Wissenschaft erblickte
Galilei seine Aufgabe. Wo Erstarrung eingetreten war, galt es, durch neue
Wege und bessere Methoden den Fortschritt der Erkenntnis herbeizuführen.
In dieser Richtung sehen wir ihn in wachsendem Maße sich betätigen,
seitdem er das Lehramt in Padua angetreten. Auch war er schon frühzeitig
der koppernikanischen Lehre zugetan. In einem 1597 an Kepler
geschriebenen Briefe bekennt er nämlich, daß er »seit vielen Jahren«
Anhänger der neuen Weltanschauung sei.
Dieser Brief, in dem er Kepler für die Übersendung des »Prodomus«, der
Erstlingsarbeit des großen Deutschen, seinen Dank ausspricht, ist für die
Stellung, die beide Männer zu ihren Zeitgenossen einnahmen, so
bezeichnend, daß er im Auszuge hier Platz finden möge. »Ich preise mich
glücklich«, schreibt Galilei, »in dem Suchen nach Wahrheit einen so
großen Bundesgenossen gefunden zu haben. Es ist wirklich erbärmlich, daß
es so wenige gibt, die nach dem Wahren streben und bereit sind, von der
verkehrten Art zu philosophieren abzugehen. Aber es ist hier nicht am Platz,
die Jämmerlichkeit unserer Zeit zu beklagen, sondern Dir zu Deinen
herrlichen Forschungen Glück zu wünschen. Ich tue das um so lieber, als
ich seit vielen Jahren Anhänger der koppernikanischen Lehre bin. Sie
erklärt mir die Ursache vieler Erscheinungen, die aus der allgemein gültigen
Ansicht ganz unbegreiflich sind. Ich habe zur Widerlegung der letzteren
viele Gründe gesammelt, doch wage ich es nicht, sie ans Licht der

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Öffentlichkeit zu bringen. Wahrlich, ich würde es wagen, wenn es mehr
solche Männer, wie Du bist, gäbe. Da dies aber nicht der Fall ist, so spare
ich es mir auf«33.
Galilei hatte allen Grund vorsichtig zu sein, denn ein Jahr, nachdem er
diese Zeilen geschrieben, wurde Giordano Bruno, der begeisterte
Verfechter der koppernikanischen Lehre, der römischen Inquisition
ausgeliefert, um später seine Kühnheit auf dem Scheiterhaufen zu büßen34.
Die Befreiung aus den Banden der Scholastik fand auch darin ihren
Ausdruck, daß Galilei, obwohl er das Latein, die Sprache des Mittelalters,
beherrschte, in Wort und Schrift sich meist der Muttersprache bediente.
Dank für dieses Unterfangen erwies ihm jedoch nur die lernbegierige
Jugend, welche dem begeisterten Verkünder einer neuen Zeit in Scharen
zuströmte. Auch Gustav Adolf, der als Kronprinz in Italien weilte, soll,
nach Vivianis Erzählung, sich in Padua unter seinen Zuhörern befunden
haben35.
Zu einem Zusammenstoß zwischen Galilei und den Scholastikern kam es,
als 1604 plötzlich der neue Stern erschien, über den Kepler und Fabricius
(siehe an späterer Stelle) so eingehend berichtet haben. Da nach der Lehre
des Aristoteles der Himmel unveränderlich sein und die Sphäre des
Veränderlichen erst unterhalb des Mondes beginnen sollte, so wurde der
neue Stern in diese Sphäre verlegt. Dagegen wandte sich Galilei, indem er
aus denselben Gründen wie Kepler darauf hinwies, daß sich der neue
Himmelskörper weit außerhalb der Sphären der Planeten zwischen den
Fixsternen befinden müsse.

Galileis astronomische Entdeckungen.

Wir sahen, welche Rolle Galilei in der Geschichte des Fernrohrs spielte.
Die Erfindung dieses Instruments veranlaßte ihn, sich seit dem Jahre 1608
mit großem Eifer und Erfolge astronomischen Beobachtungen zu widmen.
Von besonderer Wichtigkeit war die Entdeckung, daß vier kleinere
Weltkörper den Jupiter umkreisen. Dieses Gestirn mit seinen Trabanten bot
ihm nämlich einen Analogiebeweis für die Richtigkeit der
koppernikanischen Weltansicht36.

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»Ich bin vor Verwunderung ganz außer mir«, schrieb Galilei damals, »und
sage Gott unendlichen Dank, daß es ihm gefallen hat, so große und allen
Jahrhunderten unbekannte Wunder durch mich entdecken zu lassen. Daß
der Mond ein der Erde gleicher Körper sei, dessen war ich schon versichert.
Auch habe ich eine Menge nie gesehener Fixsterne, welche die Zahl derer,
die man mit bloßem Auge sehen kann, mehr als zehnmal übertrifft, entdeckt
und weiß nun, was die Milchstraße ist. Ferner habe ich gefunden, daß
Saturn aus drei Kugeln besteht, die sich fast berühren, nie ihre Stelle
gegeneinander verändern und längs des Tierkreises in einer Reihe, wie
stehen, dergestalt, daß der mittlere die anderen dreimal an Größe
übertrifft«37.
Von der Gleichgültigkeit und dem Widerstande, dem damals die größten
Entdeckungen begegneten, zeugt eine Stelle in einem Briefe Galileis an
Kepler. Sie lautet: »Als ich den Professoren am Gymnasium zu Florenz die
Jupitertrabanten durch mein Fernrohr zu zeigen wünschte, wollten sie
weder diese noch das Rohr sehen. Diese Menschen glauben, in der Natur
sei keine Wahrheit zu suchen, sondern nur in der Vergleichung der Texte«38.
Ausführlicher hat Galilei über seine astronomischen Entdeckungen in dem
»Himmelsboten«39 berichtet, einem Buch, das großes Aufsehen erregte, aber
auch eine ganze Schar von Gegnern in Bewegung setzte.
Eine weitere Stütze erhielt das koppernikanische System durch die
Entdeckung, daß ein Planet wie die Venus, ähnlich wie der Mond,
Lichtgestalten aufweist. Sie erschien nämlich bald als leuchtende Scheibe,
bald war sie von halbkreis- oder sichelförmiger Gestalt. Letzteres war der
Fall, wenn sie ihre von der Sonne beleuchtete Hälfte nicht voll dem
Beschauer zukehrte. Damit war einer der Nachweise geliefert, den die
Gegner des Koppernikus forderten. Die Fixsterne erschienen Galilei
dagegen nur als leuchtende Punkte und sind es trotz aller Zunahme der
vergrößernden Kraft des Fernrohrs bis auf den heutigen Tag geblieben.
Sobald Galilei indes das bewaffnete Auge auf den Himmel richtete,
erkannte er, daß die Zahl der Fixsterne viele Male die Zahl der mit bloßem
Auge sichtbaren Sterne übertrifft40.
Den Ruhm, die Sonnenflecken entdeckt zu haben, mußte Galilei jedoch
mit mehreren zeitgenössischen Astronomen teilen41. Die Sonnenflecken
hatten sich selbst Kepler in eigentümlicher Weise bemerkbar gemacht,

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ohne daß er sich dabei eines Fernrohrs bedient hätte42. Der aus der
Bewegung der Flecken gezogene Schluß, daß die Sonne sich dreht, war eine
weitere Tatsache, die zur Stütze der neuen Weltansicht herangezogen
werden konnte.
Als Galilei seine astronomischen Entdeckungen begann, richtete auch der
Deutsche Johann Fabricius 43 das kurz zuvor in Holland erfundene
Fernrohr auf den Himmel. Diesem Fabricius gebührt hinsichtlich der
Sonnenflecken sogar die Priorität der Entdeckung, um die zwischen
Galilei und Scheiner mit so großer Heftigkeit gestritten wurde. In einer
1611 erschienenen Schrift44 berichtet Fabricius über seine Beobachtung
mit folgenden Worten: »Als ich den Rand der Sonne aufmerksam
betrachtete, zeigte sich mir unerwartet ein schwärzlicher Fleck. Zuerst
glaubte ich, es sei eine vorüberziehende Wolke. Am nächsten Morgen
erschien aber beim ersten Anblick der Fleck wieder, indes schien er ein
wenig seine Stellung verändert zu haben. Darauf herrschte drei Tage trübes
Wetter. Als wir wieder heiteren Himmel bekamen, war der Fleck von Ost
nach West gerückt, und kleinere waren an seine Stelle getreten. Darauf
entzog sich der große Fleck am entgegengesetzten Rande nach und nach
den Blicken. Daß den kleineren dasselbe bevorstand, sah man aus ihrer
Bewegung. Eine unbestimmte Hoffnung ließ mich die Wiederkehr der
Flecken erwarten. Und in der Tat, nach 10 Tagen begann der größere Fleck
am östlichen Rande von neuem hervorzutreten«.
Neben Galilei und Fabricius verdient auch Scheiner 45 als Astronom, der
die Sonnenflecken selbständig entdeckte, genannt zu werden. Er berichtete
über seine Beobachtungen in einigen, an den Bürgermeister von Augsburg
gerichteten Briefen46, welche die Mitteilung enthielten, Scheiner habe im
April des Jahres 1611 dunkle Flecken auf der Sonnenscheibe
wahrgenommen. Der Bürgermeister sandte diese Briefe an Galilei, um
dessen Meinung zu erfahren und erhielt von Galilei die Antwort, er habe
dieselbe Erscheinung schon im Oktober 1610 wahrgenommen und sie auch
anderen gezeigt. Scheiner war im Zweifel, ob die Flecke sich auf oder
dicht über dem Sonnenkörper befänden. Trotzdem schloß er aus ihrer
Bewegung, die er mit größter Ausdauer verfolgte, auf eine Drehung der
Sonne. Zuerst hatte er an eine optische Täuschung oder an einen Fehler
seines Instruments gedacht. Erst nachdem er acht Fernrohre auf die Sonne

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gerichtet, und sie ihm und den herbeigerufenen Zeugen stets dasselbe
gezeigt hatten, glaubte er seiner Sache sicher zu sein.
Als Ursache der eigentümlichen Erscheinung gab es zwei Möglichkeiten,
die beide eingehend erörtert wurden. Entweder gehörten die Flecken dem
Sonnenkörper an – und diese Ansicht vertrat von vornherein Fabricius –
oder man hatte es mit dunklen, die Sonne umkreisenden Körpern zu tun,
eine Annahme, die besonders unter denjenigen Astronomen Anhänger fand,
welche die neue Erscheinung mit der aristotelischen Lehre von der Reinheit
der Sonne in Einklang zu bringen suchten. Fortgesetzte Beobachtungen
verhalfen jedoch der ersten Ansicht zum Siege. Blieb es auch
unentschieden, welchen Ursprung die Flecken besitzen, so zögerte man
doch nicht, nachdem man sie als Teile der Sonne erkannt hatte, aus ihrer
Bewegung auf eine Achsendrehung dieses Weltkörpers zu schließen, sowie
daraus die Dauer jener Bewegung und die Lage des Sonnenäquators
abzuleiten.
Um diese Zeit wurden auch die ersten Nebel entdeckt, und zwar zunächst
diejenigen, die bei sehr klarer Luft mit unbewaffnetem Auge als ganz blasse
Lichtschimmer wahrgenommen werden können. Es sind das die Nebel im
Orion und in der Andromeda. Ersterer wird 1618 zuerst erwähnt. Den
Andromedanebel entdeckte Simon Marius im Jahre 1612.

Wissenschaft und Kirche.

Diese Fülle von astronomischen Entdeckungen hatte zur Folge, daß die
Frage nach der Richtigkeit des koppernikanischen Systems in den
Mittelpunkt der Erörterung gerückt wurde. Alles was in Italien an
Frömmelei, an scholastischem Dünkel und an Neid gegen den Ruhm
Galileis herrschte, vereinigte sich, um unter dem Vorgeben, die von
Koppernikus begründete und von Galilei verteidigte Lehre sei der
heiligen Schrift zuwider, den großen Entdecker zu Fall zu bringen. Es ist
dies eins der dunkelsten Blätter in der Geschichte der Wissenschaften. Jene
angeblich religiösen Bedenken gegen den Fortschritt der letzteren hat keiner
mit solch treffenden Worten zurückgewiesen wie Galilei selbst. Es geschah
dies in einem Briefe, aus dem hier einige Stellen47 Platz finden mögen:

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»Wir bringen das Neue nicht, um die Geister zu verwirren, sondern um sie
aufzuklären, nicht um die Wissenschaft zu zerstören, sondern um sie
wahrhaft zu begründen. Unsere Gegner aber nennen, was sie nicht
widerlegen können, falsch und ketzerisch, indem sie sich aus erheucheltem
Religionseifer einen Schild machen und die heilige Schrift zur Dienerin
ihrer Absichten erniedrigen.
Wer sich an den nackten, grammatischen Sinn halten wollte, müßte die
Bibel Widersprüche zeihen, wenn sie von Gottes Auge, Hand oder Zorn
redet. Wenn aber solches, der Fassungskraft des Volkes entsprechend,
vorkommt, um wieviel mehr mußte diese bei Gegenständen berücksichtigt
werden, die von der Wahrnehmung der Menge weit abliegen und nicht das
Seelenheil betreffen, wie es auf dem Gebiete der Naturwissenschaften der
Fall ist. Hier muß man nicht mit der Autorität der Bibel beginnen, sondern
mit der Wahrnehmung und dem Beweis. Da die Bibel vieles figürlich sagt,
so darf das, was Wahrnehmung und Beweis uns ersichtlich machen, nicht
durch solche Stellen der heiligen Schrift in Zweifel gezogen werden, die
einen doppelten Sinn haben. Vor allem muß man sich der Tatsache
versichern; ihr kann die Bibel nicht entgegen sein, sonst würde Gott sich
selbst widersprechen. Die Bibel redet, wie das damalige Volk die Sache
ansah. Hätte sie der Erde Bewegung und der Sonne Ruhe beigelegt, so
würde das die Fassungskraft der Menge verwirrt haben. Wo hat aber die
Bibel die neue Lehre verdammt? Man setzt das Ansehen der Bibel aufs
Spiel, wenn man die Sache anders nimmt und, statt nach erwiesenen
Tatsachen den Sinn der Schrift zu deuten, lieber die Natur zwingen, den
Versuch leugnen, den Beweis verschmähen will.
Das Verbieten der Wissenschaft selbst aber wäre gegen die Bibel, die an
hundert Stellen lehrt, wie der Ruhm und die Größe Gottes wunderbar aus
allen seinen Werken hervorleuchten und vor allem im offenen Buche des
Himmels zu lesen sind. Und glaube niemand, daß das Lesen der
erhabensten Gedanken, die auf diesen Blättern geschrieben stehen, damit
getan sei, daß man bloß den Glanz der Sterne angafft. Da sind so tiefe
Geheimnisse und so erhabene Begriffe, daß die Nachtarbeiten und Studien
von hundert und aber hundert der schärfsten Geister in tausendjährigem
Forschen noch nicht durchgedrungen sind und die Lust des Forschens und
Findens ewig währt.«

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Trotz aller Bemühungen und Vermittlungsversuche, die Galilei zugunsten
der heliozentrischen Weltansicht unternahm, fanden in Rom, wo man ihm
anfangs geneigt war, von fanatischen Mönchen ausgehende
Anschuldigungen schließlich Gehör. Im Jahre 1616 kam es zum Verbot aller
Schriften, welche die Bewegung der Erde behaupteten. Galilei wurde
befohlen, seine Meinung aufzugeben; wenigstens sollte er sich enthalten,
diese Meinung zu verteidigen oder zu lehren. Im Übertretungsfalle werde
man ihn einkerkern. Das Werk des Koppernikus aber wurde einer
entsprechenden Änderung unterzogen. Das bezügliche Dekret lautete:
»Behaupten, die Sonne stehe unbeweglich im Mittelpunkt der Welt, ist
töricht, philosophisch falsch und, weil ausdrücklich der heiligen Schrift
zuwider, förmlich ketzerisch. Behaupten, die Erde stehe nicht im
Mittelpunkt der Welt und habe sogar eine tägliche Umdrehung, ist
philosophisch falsch und zum mindesten ein irriger Glaube.«
Die Ironie des Schicksals fügte es, daß zur selben Zeit, als Galilei diesen
Kampf gegen Unwissenheit und Autoritätsglauben führte, das
heliozentrische System, dem bis dahin noch manche Unvollkommenheiten
anhafteten, durch die Arbeiten Keplers auf den Rang einer
wohlbegründeten Theorie erhoben wurde.
Galilei lehrte, als das soeben erwähnte Dekret erschien, nicht mehr in
Padua. In seinem engeren Vaterlande, in Florenz, war ein Fürst, den er als
Prinzen unterrichtet hatte, zur Regierung gelangt. Dieser wünschte dem
Lehrer seine Dankbarkeit zu beweisen und ihn als Zierde des eigenen
Landes wirken zu sehen. Galilei ließ sich gern zur Rückkehr bewegen, da
er mit seiner neuen Anstellung nicht die Verpflichtung übernahm, Vorträge
zu halten, sondern ausschließlich seiner wissenschaftlichen Tätigkeit leben
durfte. Länger als ein Jahrzehnt hat er diese ungestört ausgeübt. Zwar starb
sein hochherziger Gönner. Doch gestalteten sich in Rom selbst die
Verhältnisse günstiger, indem mit Urban VIII. ein von regem Eifer für die
astronomische Wissenschaft beseelter Mann den päpstlichen Stuhl einnahm.
Urban hatte sogar Gedichte auf die Entdeckung der Jupitertrabanten
verfaßt und brachte Galilei großes Wohlwollen entgegen. Alle
Bemühungen des letzteren, den Papst von der Richtigkeit der
koppernikanischen Lehre zu überzeugen und eine Zurücknahme der
kirchlichen Entscheidung vom Jahre 1616 herbeizuführen, waren jedoch
vergeblich.

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Galileis Eintreten für die koppernikanische Lehre.

Unterdessen schrieb Galilei in der Stille seines Landhauses den »Dialog
über die beiden hauptsächlichsten Weltsysteme«, ein Buch, das die
glänzendste Verteidigung der koppernikanischen Lehre darstellt48.
Der Dialog, der aus vier umfangreichen Gesprächen oder Tagen, wie
Galilei sich ausdrückt, besteht, ist eins der merkwürdigsten Werke, das je
geschrieben worden ist. Handelt es sich doch nicht darum, zu entscheiden,
welches von den beiden Weltsystemen das richtige sei, sondern um die
Darlegung einer Methode wissenschaftlichen Forschens und Denkens, die
zu dem bisher meist geübten Verfahren in einem schroffen Gegensatze
stand. Der Geist, der sich in diesem Buche ausspricht, bezeichnet eine
Überwindung der bisherigen Stufe, einen Schritt vorwärts, den die
Menschheit auf dem Wege des Denkens machte, wenn auch manches schon
vor Galilei im Keime vorhanden war. Mit Recht ist daher Galileis Dialog
als eins der wichtigsten Dokumente in der Geschichte des menschlichen
Geistes bezeichnet worden.
Die Gesprächsform wählte Galilei in diesem und auch in späteren Werken
teils aus ästhetischen, teils aus didaktischen Gründen. Auch mag ihn das
Vorbild der platonischen Dialoge dazu veranlaßt haben. Außerdem sprachen
Opportunitätsrücksichten für diese Art der Veröffentlichung. Von den sich
unterredenden Personen sind Salviati und Sagredo Freunde und
Anhänger Galileis, denen er im Dialog ein Denkmal setzt, indem er sie zu
Trägern seiner Ansichten macht. Simplicio, eine fingierte Persönlichkeit,
ist der Verfechter der zu Galileis Zeiten überwuchernden, dem blinden
Autoritätsglauben huldigenden Buchgelehrsamkeit49.
Im ersten Gespräch wird die Lehre des Aristoteles von der besonderen, im
Gegensatz zu allem Irdischen stehenden Natur der Himmelskörper
angefochten. Das Erscheinen neuer Sterne und die Sonnenflecken dienen
Galilei als wichtige Beweisstücke gegen die aristotelische Ansicht von der
Unveränderlichkeit des Himmels. Gegen die von Aristoteles behauptete
vollkommene Kugelgestalt der Gestirne führt Galilei die durch ihn
entdeckten Berge des Mondes ins Feld. Die Unvergänglichkeit ist ferner
nach ihm ein Attribut aller Materie und nicht etwa der himmlischen allein.
»Ich habe«, läßt er Salviati sagen, »nie eine Umwandlung der Stoffe
ineinander begreifen können, vermöge deren ein Körper als vernichtet zu

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gelten hat und ein völlig verschiedener Körper aus ihm hervorgegangen sein
soll. Ich halte es für möglich, daß die Umwandlung durch eine bloße
Veränderung in der Anordnung der Teile geschieht, ohne daß etwas
vernichtet oder etwas Neues erzeugt wird.«
So sehen wir Galilei in die, aus a priori aufgestellten Sätzen abgeleiteten
Lehren des Aristoteles, dessen Methode bis dahin die herrschende
gewesen war, erfolgreich Bresche legen. Bewundernswert ist der Geist, mit
dem er jede Spitzfindigkeit der Aristoteliker, die er dem Simplicio in den
Mund legt, ad absurdum führt. Wenn Simplicio sich zu dem Ausspruch
versteigt, Aristoteles könne keinen Denkfehler machen, da er der Erfinder
der Logik sei, so ist Galilei sofort mit dem treffenden Einwand bei der
Hand, es könne jemand sehr wohl ein guter Instrumentenmacher sein, ohne
deshalb kunstgeübt auf seinen Instrumenten spielen zu können50.
Was nun die Frage anbetrifft, ob sich sämtliche Himmelskörper in 24
Stunden um die Erde, oder letztere in der gleichen Zeit sich um sich selbst
bewegt, so gibt Galilei zu, daß allerdings beide Annahmen auf den ersten
Blick wohl die beobachteten Erscheinungen erklären können. Die Gründe,
die sich für eine Drehung der Erde anführen ließen, seien jedoch
überwältigend.
»Wenn wir«, meint Galilei, »nur den ungeheuren Umfang der
Sternensphäre betrachten, im Vergleiche zu der Kleinheit des Erdballs, der
in jener viele Millionen mal enthalten ist, und sodann an die
Geschwindigkeit der Bewegung denken, infolge deren in einem Tage eine
ganze Umdrehung des Himmel sich vollziehen müßte, so kann ich mir nicht
einreden, daß die Himmelssphäre sich dreht, der Erdball dagegen in Ruhe
bleibt.« Wolle man aber jene gewaltige Bewegung dem Himmel beilegen,
so müsse man notwendigerweise diese als entgegengesetzt den besonderen
Bewegungen der sämtlichen Planeten betrachten, die alle ihre eigene
Bewegung von West nach Ost besäßen und zwar eine sehr langsame. Lasse
man dagegen die Erde sich um sich selbst bewegen, so falle jener
Gegensatz der Bewegungen fort.
Eine dritte Schwierigkeit bestehe darin, daß, je größer die Sphäre sei, der
Umlauf um so längere Zeit in Anspruch nehme. Saturn, dessen Bahn an
Größe die aller Planeten übertreffe, vollende seinen Umlauf in dreißig
Jahren. Jupiter beschreibe seinen eigenen Kreislauf in zwölf Jahren, Mars in

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zweien, der Mond endlich, das uns nächste Gestirn, innerhalb eines Monats.
Dasselbe hatten Galilei die Jupitertrabanten gelehrt, für die sich als
Umlaufszeiten für den innersten Trabanten 42 Stunden, für den folgenden
3½ Tage, den nächsten 7 und den äußersten endlich 16 Tage ergeben hatten.
Wolle man nun die Erde ruhen lassen, so müsse man von dem ganz kurzen
Umlauf des Mondes zu immer größeren übergehen, zu dem zweijährigen
des Mars, dem zwölfjährigen des Jupiter, dem dreißigjährigen des Saturn,
dann aber plötzlich zu einer unvergleichlich viel größeren Sphäre, der man
gleichwohl eine volle Umdrehung in 24 Stunden beilegen müsse. Nehme
man aber eine Bewegung der Erde an, so werde die Geschwindigkeit der
Perioden aufs beste gewahrt: Von der trägsten Sphäre des Saturn gelange
man dann zu den ganz unbeweglichen Fixsternen.
Als weitere Schwierigkeit der Ptolemäischen Weltanschauung führt Galilei
die gewaltige Ungleichheit in den Bewegungen der Fixsterne an, von denen
einige sich außerordentlich schnell in ungeheuren Kreisen drehen müßten,
andere langsam in kleinen Kreisen, da sich die einen in größerer, die
anderen in geringerer Entfernung vom Himmelspole befänden.
Noch verwickelter aber werde die Sache dadurch, daß die Fixsterne in ihrer
Stellung langsamen Änderungen unterworfen seien. »Diejenigen nämlich,«
führt er aus, »die vor Jahrtausenden im Äquator standen und folglich bei
ihrer Bewegung größte Kreise beschrieben, müssen, weil sie heutzutage
mehrere Grade von ihm entfernt sind, sich langsamer und in kleineren
Kreisen bewegen. Auch wird es sogar geschehen, daß einer von denen, die
sich bisher stets bewegt haben, schließlich mit dem Pole zusammenfällt und
dann feststeht, nach einiger Zeit der Ruhe aber wiederum anfängt sich zu
bewegen.«
Bezüglich der Entstehung des Sonnensystems hatte Galilei sich eine
Ansicht gebildet, welche der auf Laplace und Kant zurückzuführenden
Anschauung, nach der die Planeten aus der Sonne hervorgegangen sind,
genau entgegengesetzt ist. Galilei stellte sich vor, der göttliche Baumeister
habe zuerst die Sonne gebildet und ihr einen festen Platz verliehen. Dann
seien aus seiner Hand die Planeten hervorgegangen. Diese hätten sich von
dem Orte ihrer Entstehung mit wachsender Geschwindigkeit nach der
Sonne hinbewegt. Dann seien sie, wiederum durch göttlichen Eingriff, an
einem bestimmten Punkte mit der bis dahin erlangten Geschwindigkeit aus

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der Fall- in eine Drehbewegung versetzt worden. Nach Galilei sind z. B.
Jupiter und Saturn von demselben Punkte nach der Sonne hin gefallen. Da
Jupiter tiefer fiel, erlangte er eine größere Geschwindigkeit, mit der er sich
jetzt innerhalb der Bahn des langsamer umlaufenden Saturns um die Sonne
bewegt.
Man kann noch weiter gehen, meint Galilei, und aus dem Verhältnis der
Geschwindigkeiten von Jupiter und Saturn, die sich ja aus dem Abstand von
der Sonne und der Umlaufszeit ergeben, und aus dem Maße der
Beschleunigung einer nach dem Zentrum gerichteten Bewegung berechnen,
in welcher Entfernung von diesem Zentrum der Ort sich befunden hat, von
dem die Planeten ausgingen.
Dafür, daß die Erde und die Himmelskörper gleichartiger Natur seien, führt
Galilei besonders die Gebirge des Mondes ins Feld. Sind doch die Gestirne
nach der neuen Lehre Erden wie unsere Erde, während sie vorher, wenn
auch nicht mehr als göttliche, so doch als übernatürliche Wesen gegolten
hatten. In diesem Versetzen der Erde unter die Sterne, unter Aufgabe des
anthropozentrischen Standpunktes, liegt eben das Umwälzende, die
befangene Menge Aufregende, der neuen Weltanschauung.
Galilei wies auch darauf hin, daß die Sonnenflecken eine verhältnismäßig
geringe Beständigkeit besitzen. Er sah sie entstehen und sich allmählich
wieder auflösen und verschwinden51. Daraus nahm Galilei besonders
Anlaß, sich gegen die Lehre von der Unwandelbarkeit der Gestirne und
gegen die Vorstellung, daß das Beständige und Unveränderliche das
Vollkommenere sei, zu wenden. Hierin zeigt sich vor allem der Wandel, den
das Weltbild an der Schwelle der Neuzeit erfährt. Die Starrheit, die es im
Altertum und ganz besonders im Mittelalter besessen, weicht der
Vorstellung, daß überall ein Werden, eine Entwicklung vor sich geht. Und
dieser Entwicklungsgedanke ist es, der bis auf den heutigen Tag an Kraft
und Ausdehnung stetig zugenommen hat und in der Gegenwart nicht nur die
wissenschaftlichen, sondern auch alle übrigen, selbst die metaphysischen
Vorstellungen beherrscht.
Galilei verleiht diesem Gedanken in folgenden Worten Ausdruck: »Ich
kann nur mit dem größten Widerstreben hören, daß die Eigenschaften des
Unwandelbaren und Unveränderlichen als etwas Vornehmes und
Vollkommenes gelten und im Gegensatz dazu die Veränderlichkeit als etwas

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Unvollkommenes betrachtet wird. Ich halte die Erde für höchst vornehm
gerade wegen der Wandlungen, die sich auf ihr abspielen, und dasselbe gilt
von dem Monde, vom Jupiter und anderen Weltkugeln.«
Worin diese Wandlungen der Gestirne beständen, vermöge sich die
mächtigste Einbildungskraft nicht vorzustellen. Deshalb tritt Galilei auch
der Annahme, daß die Gestirne den irdischen Geschöpfen ähnliche
Lebewesen beherbergen, entgegen.
Den Fixsternen hatte man vor Galilei, durch die Irradiation verleitet, eine
bedeutende scheinbare Größe zugeschrieben und sie für verhältnismäßig
nahe Weltkörper gehalten. Durch Koppernikus und mehr noch durch
Galilei, der sie zuerst als bloße Lichtpünktchen wahrnahm, wurden sie in
unermeßliche Fernen gerückt, zumal, nachdem Galilei gezeigt hatte, daß
sie in Wahrheit einen wenigstens tausendmal geringeren scheinbaren
Durchmesser besitzen, als es infolge der Irradiation den Anschein hat52.
Während nämlich noch Tycho für einen Fixstern erster Größe einen
scheinbaren Durchmesser von 2 Minuten gemessen zu haben glaubte, eben
weil er auf die Irradiation keine Rücksicht nahm, gibt Galilei für den
Durchmesser eines solchen Sternes als obere Grenze den Wert von 5
Sekunden an. Spätere Untersuchungen haben ergeben, daß sich für die
Fixsterne überhaupt kein scheinbarer Durchmesser nachweisen läßt.
Dafür, daß nicht nur auf der Sonne, sondern auch in der unendlich viel
weiter entfernten Region der Fixsterne Entwicklung, Vernichtung, kurz ein
den irdischen Vorgängen ähnlicher Wechsel besteht, führt Galilei das
plötzliche Erscheinen neuer Sterne in den Jahren 1572 und 1604 ins Feld.
Für das Sonnensystem dagegen bezeugen ihm nicht nur die am
Zentralkörper auftretenden, ihre Form und Größe ändernden Flecken,
sondern auch das Auftauchen und das Verschwinden von Kometen, daß
überall in der Welt ein natürliches Geschehen stattfindet und daß der
Himmel keine über das Naturgesetz hinausgehende Sonderstellung
einnimmt. Außer den astronomischen Gründen, welche der
vorkoppernikanischen Astronomie für eine Bewegung der Gestirne um die
im Weltzentrum ruhende Erde zu sprechen schienen, gab es für diese
Annahme noch einige physikalische Scheingründe, die Galilei gleichfalls
widerlegte53. Aristoteles und seine Anhänger behaupteten nämlich, daß der
senkrechte Fall die Ruhe der Erde beweise. Rotiere diese nämlich, so könne
ein senkrecht emporgeworfener Körper nicht längs derselben Linie an den

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nämlichen Ort zurückkehren, von dem aus er geworfen wurde. Während der
für das Steigen und Fallen erforderlichen Zeit habe sich der Ort, wenn eine
Rotation vorhanden sei, um ein bedeutendes Stück nach Osten verschoben,
der Körper müsse also nach Westen abweichen. Dem widerspräche aber die
Beobachtung. Der zweite Einwurf besagte, daß die Erde, wenn sie rotiere,
alle nicht in der Nähe der Pole befindlichen Gegenstände vermöge der
Schwungkraft von ihrer Oberfläche abschleudern müsse.
Dem ersten Einwurf gegenüber hebt Galilei hervor, daß der Turm, von
dem man den Stein herabfallen läßt, sich mit der gleichen Geschwindigkeit
nach Osten bewegt wie der Stein. Ein ähnliches Verhalten zeige sich, wenn
man einen schweren Körper von dem Maste eines ruhenden und eines
schnell fahrenden Schiffes herabfallen lasse. In beiden Fällen treffe nämlich
der Körper dieselbe Stelle am Fuße des Mastes. Scharfsinnig hebt Galilei
hervor, daß eine kleine Abweichung, die bei diesem Experiment eintreten
könne, auf Rechnung des Luftwiderstandes gesetzt werden müsse. Die Luft
sei nämlich in bezug auf das fahrende Schiff in Ruhe, während beim Fall
von einem Turm sowohl der Turm und der Körper, als auch das Medium an
der Erdumdrehung in völlig gleicher Weise teilnähmen. Das Medium könne
unter diesen Umständen also auf die Bewegung des fallenden Körpers nicht
störend einwirken, wie es bei dem bewegten Schiffe bei großer
Geschwindigkeit möglich sei. Es ist also immer wieder der erweiterte
Begriff des Beharrungsvermögens, der bei Galilei bald mehr, bald minder
deutlich zum Ausdruck kommt, ein Begriff, der seinen Gegnern fehlte und
daher ihre Einwürfe gegen die koppernikanische Ansicht von ihrem
Standpunkte aus als berechtigt erscheinen ließ.
Den zweiten Einwurf, daß in der Nähe des Äquators befindliche Körper bei
einer Rotation von der Erde abgeschleudert werden müßten, widerlegt
Galilei gleichfalls. Er zeigt nämlich, daß die Schwungkraft in Anbetracht
der verhältnismäßig geringen Rotationsgeschwindigkeit so klein ist, daß
ihre Wirkung durch die Schwerkraft viele Male übertroffen wird54.
Nachdem Galilei die ältere Weltanschauung abgelehnt und die von ihren
Anhängern erhobenen Einwürfe beseitigt hat, bringt er eine ausführliche
Darstellung des koppernikanischen Systems. Für dieses System spreche
mehr wie alles andere der Umstand, daß das Stehenbleiben, Rückwärts- und
Vorwärtsgehen der Planeten aus der jährlichen Bewegung der Erde folge.
Aufgabe der Astronomie sei es, Rechenschaft von den Erscheinungen zu

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geben, und das habe die geozentrische Lehre nicht vermocht, da sie zu den
ungereimtesten Theorien gegriffen habe, um die Stillstände und die
Rückgänge der Planeten zu erklären.
Dem Einwurf, daß die von Koppernikus behauptete Ortsveränderung der
Erde um ihren doppelten Abstand von der Sonne parallaktische
Verschiebungen am Fixsternhimmel zur Folge haben müsse, wußte Galilei
durch die Annahme zu begegnen55, daß die Fixsternsphäre wenigstens 10000
Sonnenweiten vom Sonnensystem entfernt sei. Infolgedessen entziehe sich
eine durch die Erdbewegung hervorgebrachte, äußerst geringfügige
Verschiebung der Fixsterne unserer Beobachtung.
Die bisher erwähnten Anzeichen, die für eine Bewegung der Erde sprachen,
bezogen sich sämtlich auf Himmelserscheinungen. Irdische Vorgänge
schienen für den Nachweis, ob die Erde sich dreht oder fest steht, nicht in
Betracht zu kommen. Nur an dem Wasser, meinte Galilei, das infolge
seiner Flüssigkeit gewissermaßen »unter eigener Botmäßigkeit« stehe, ließe
sich vielleicht ein Anzeichen finden, aus dem man entnehmen könne, ob die
Erde sich dreht oder nicht. Ein solches Anzeichen erblickte Galilei in den
Gezeiten. Wenn auch erst Newton imstande war, eine befriedigende
Theorie der Gezeiten zu geben, so verdienen doch Galileis scharfsinnige
Betrachtungen über diesen Gegenstand unsere Beachtung56. Man muß sich
vergegenwärtigen, daß Galilei die Gravitation der Weltkörper zur
Erklärung der Gezeiten noch nicht verwerten konnte, weil man von einer
zwischen den Weltkörpern wirkenden Kraft wohl eine dunkle Ahnung, aber
noch keine festgegründete Lehre besaß. Galilei setzte also noch keine
anziehende Kraft des Mondes voraus, sondern erklärte die Gezeiten
folgendermaßen: Ist der Erdball unbeweglich, so kann keine Ebbe und Flut
stattfinden. Gibt man der Erde aber die Bewegungen, die Koppernikus ihr
zuschreibt, so muß das Meer in einer den Beobachtungen entsprechenden
Weise der Ebbe und der Flut unterliegen. Und zwar geschieht dies nach
Galilei, weil, infolge der Zusammensetzung der jährlichen Bewegung mit
der Drehung, gewisse Teile der Erdoberfläche in ihrer absoluten Bewegung
beschleunigt, andere dagegen verzögert werden. Nehmen wir mit Galilei
an, in A befinde sich die Sonne. Der große Kreis sei die Erdbahn und der
kleine die Erde selbst. Bewegt sich letztere von B nach C, während sie
gleichzeitig in der Richtung DEFG rotiert, so erkennt man ohne weiteres,
daß sich der Punkt D der Erdoberfläche, absolut genommen, am schnellsten

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bewegt, während derselbe Punkt, wenn er in F angelangt ist, seine geringste
Geschwindigkeit besitzt, weil dort die tägliche Bewegung der jährlichen
entgegengesetzt und deshalb von ihr in Abzug zu bringen ist. Ähnlich wie
nun in einem bewegten Wasserbecken, dessen Geschwindigkeit sich ändert,
das Wasser auf der einen Seite steigen und auf der anderen fallen wird,
ähnlich muß nach Galilei der erwähnte Einfluß ein Steigen und ein Fallen
der Wassermasse im Meeresbecken hervorrufen. Daß dieser Schluß zutrifft,
läßt sich nicht in Abrede stellen, und es ist wohl möglich, daß die erwähnte
Verschiedenheit der Geschwindigkeiten in D und F (Abb. 5) von Einfluß ist.
Da jedoch die Geschwindigkeit der jährlichen Bewegung viele Male größer
ist als die Rotationsgeschwindigkeit eines in der Nähe des Äquators
gelegenen Punktes, so kann der von Galilei behauptete Einfluß jedenfalls
nur gering sein und höchstens Nebenerscheinungen veranlassen. Galilei
unterschätzte nämlich jenes Verhältnis, da er den Durchmesser der
Sonnenbahn etwa 20mal zu klein annahm57.

Abb. 5. Galileis Erklärung der Gezeiten58.

Galileis Inquisitionsprozeß.

Der »Dialog« ist, wie wir sahen, eins der merkwürdigsten und in seinen
Folgen wichtigsten Bücher, die je geschrieben wurden59. Es nimmt für seine
Zeit dieselbe Bedeutung ein, welche die »Kreisbewegungen« des
Koppernikus für das 15. Jahrhundert und Newtons »Prinzipien« für das

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auf Galilei folgende Zeitalter besitzen. Diese drei Werke bezeichnen
Fortschritte in der Entwicklung der Weltanschauung, d. h. des Weltbildes,
der Vorstellungen vom Kosmos, wie sie seitdem kaum wieder gemacht
wurden. Wir haben uns deshalb mit dem Inhalt des »Dialogs« eingehender
befaßt und wollen nun auch seine Geschichte kennen lernen. Wenn je von
einem Buche, so gilt nämlich von diesem das bekannte Wort: Habent sua
fata libelli. Auch hat wohl selten ein Werk in solchem Maße das Schicksal
seines Verfassers bestimmt, wie es der »Dialog« getan hat.
Mit dem Verbot vom Jahre 1616 suchte sich Galilei dadurch abzufinden,
daß er die Lehre des Koppernikus nicht als eigene Meinung vortrug,
sondern sie einer der sich unterredenden Personen, dem Salviati, in den
Mund legte, während das ptolemäische System von Simplicio verteidigt
wurde. Jeder Einsichtige konnte indessen leicht erkennen, daß mit Salviati
der Verfasser selbst gemeint sei.
Trotzdem erteilte die römische Zensurbehörde, nachdem auf ihren Wunsch
einige Änderungen vorgenommen waren, die Erlaubnis zum Druck des
»Dialogs«. Das Buch erschien 1632. Es erregte großes Aufsehen, rief aber
auch die Tätigkeit der Feinde und Neider Galileis von neuem wach.
Insbesondere war es der Jesuit Scheiner, derselbe, mit dem Galilei einen
Prioritätsstreit hinsichtlich der Entdeckung der Sonnenflecken ausgefochten
hatte60, der gegen ihn mit allen Mitteln zu Felde zog und die Angelegenheit
vor die Inquisition zu bringen suchte. Die freundliche Gesinnung, die
Urban VIII. bisher gegen Galilei gehegt, verstand man in das Gegenteil
zu verkehren. Man redete dem Papste nämlich ein, in Simplicio, dem
ungeschickten Verteidiger der ptolemäischen Ansicht, habe Galilei ihn zu
verspotten gesucht.
Es würde hier zu weit führen, wenn wir uns mit den Einzelheiten des gegen
Galilei in Szene gesetzten Inquisitionsverfahrens näher befassen wollten61.
Der siebzigjährige, durch Krankheit gebeugte Greis, dem sein Vaterland
unsterblichen Ruhm verdankt, wurde gezwungen, nach Rom zu reisen. Dort
mußte das weitere Verfahren ihn bald überzeugen, daß es hier nur zwei
Wege gab. Entweder er teilte das Schicksal Giordano Brunos, der 1600 in
Rom den Scheiterhaufen bestiegen hatte, oder er widerrief den Inhalt seines
ganzen bisherigen Lebens, indem er nach der Forderung der Inquisition die
Lehre des Koppernikus als irrtümlich abschwor und verfluchte. Galilei
wählte das letztere. Er beugte sich dem Zwange. Auch mochte ihn die

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Überzeugung leiten, daß sein Märtyrertod ebensowenig der Wissenschaft
wie der Kirche zum Vorteil gereichen könne. Die Abschwörungsformel, die
er nach Androhung der Tortur, unter schmachvollen Formen – er war nur
mit einem Hemd bekleidet – aussprechen mußte, bildet das unwürdigste
Gegenstück zu den Worten, mit denen er selbst in dem oben mitgeteilten
Briefe Duldsamkeit gepredigt. Sie lautet62 nach einigen Kürzungen: »Ich
beuge meine Knie vor den ehrwürdigen General-Inquisitoren, berühre das
heilige Evangelium und versichere, daß ich glaube und in Zukunft alles
glauben werde, was die Kirche für wahr erkennt und lehrt.
Mir war von der heiligen Inquisition befohlen, daß ich die falsche Lehre
von der Bewegung der Erde und dem Stillstand der Sonne weder glauben
noch lehren dürfe, weil sie der heiligen Schrift zuwider sei. Trotzdem habe
ich ein Buch geschrieben, und es sogar drucken lassen, in dem ich diese
verdammte Lehre vortrage und mit großer Stärke Gründe zu ihren Gunsten
vorbringe. Ich bin deswegen der Ketzerei für verdächtig erklärt worden.
Um nun jedem katholischen Christen den mit Recht gegen mich gefaßten
Verdacht zu benehmen, schwöre ich ab und verfluche ich die erwähnten
Irrtümer und Ketzereien und überhaupt jeden anderen Irrtum und jede
Meinung, die gegen die Lehre der Kirche ist. Zugleich schwöre ich, in
Zukunft nie etwas mündlich oder schriftlich zu äußern, das mich in einen
gleichen Verdacht bringen könnte. Sondern ich will, wenn ich irgendwo
Ketzerei finde oder vermute, es gleich dem heiligen Gericht anzeigen.« Der
ganze berechnete, fanatische Haß der kirchlichen Machthaber geht aus dem
letzten Satze hervor, durch den Galilei auch noch zum Angeber gegen jede
weitere Regung der freien Forschung gemacht werden sollte.
Das Galilei zugeschriebene Wort: »Und sie bewegt sich doch« ist gewiß
nicht bei diesem Anlaß gesprochen worden63. Daß es jedoch im Grunde
seines Herzens erklungen, wer möchte daran zweifeln!
Der gegen Galilei geführte Inquisitionsprozeß ist nicht nur
kulturgeschichtlich eine der merkwürdigsten Begebenheiten. Er muß auch
späteren Zeiten immer wieder als warnendes Beispiel hingestellt werden, da
er mit erschreckender Deutlichkeit zeigt, wohin Unduldsamkeit und
religiöser Fanatismus in ihren letzten Konsequenzen geführt haben und
immer wieder führen können, wenn nicht durch die stetig wachsende

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Einsicht weiterer Kreise der trüben Flut ein starker Damm entgegengesetzt
wird.

Galileis letzte Lebensjahre.

Die Jahre, welche Galilei nach diesen Ereignissen noch gelebt hat, waren
voll Bitternis. Die Inquisition wies ihm ein Landhaus bei Florenz als
Wohnsitz an, erstreckte jedoch ihre Überwachung auf seine persönlichen
Angelegenheiten, so daß er, wenn auch nicht dem Namen nach, so doch
tatsächlich, ihr Gefangener blieb. In Galileis Wunsch, nach Florenz
übersiedeln zu dürfen, willigte man erst ein, nachdem sein Augenleiden zu
völliger Erblindung geführt hatte.
Dennoch war die Schaffenskraft Galileis, die in steigendem Maße, trotz
seiner Niederlage in dem Inquisitionsprozeß, die Bewunderung der
Zeitgenossen errang, keineswegs gelähmt. Zwar beschäftigten ihn nach
seiner Verurteilung nur noch solche astronomische Aufgaben, bei denen
keine Erneuerung des Streites mit der römischen Kirche zu befürchten war.
So fuhr er, ungeachtet seines beginnenden Augenleidens, mit teleskopischen
Untersuchungen fort und entdeckte die Libration des Mondes64. Unter
Libration versteht man kleine Schwankungen des Mondes in seiner Stellung
zur Erde, die bewirken, daß, vom Erdmittelpunkte aus betrachtet, nicht stets
derselbe Punkt der Mondoberfläche im Zentrum der Mondscheibe gesehen
wird. Man unterscheidet Libration in Länge (in der Ebene des
Mondäquators) und Libration in Breite (senkrecht zur Ebene des
Mondäquators). Aber auch abgesehen von derartigen Schwankungen wird
die Mondscheibe, von verschiedenen Punkten der Erdoberfläche aus
beobachtet oder für denselben Ort zu verschiedenen Tageszeiten, nicht
genau dieselbe sein. Es ist dies eine nur scheinbare, parallaktisch genannte
Libration. Galilei wies auf letztere hin und entdeckte die Libration in
Breite. Die Libration in Länge bemerkte erst Hevel, der bedeutendste
Selenograph der neueren Zeit65.
Auch das Problem der Längenbestimmung, das für alle schiffahrttreibenden
Nationen die größte Bedeutung hatte, beschäftigte Galilei von neuem. Sein
Lieblingsplan, die Verfinsterungen der Jupitermonde zu diesem Zwecke zu
verwerten, wurde, nachdem er zwei Jahrzehnte geruht hatte, wieder

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aufgenommen66. Im Grunde war es derselbe Gedanke, der schon die Alten
bei ihren Längenbestimmungen leitete. Periodisch wiederkehrende
Himmelsereignisse, die von einem großen Teile der Erde gesehen werden,
bieten in beiden Fällen einen Anhalt zur Ermittelung des Zeitunterschiedes
für den in Betracht kommenden und einen seiner geographischen Länge
nach bekannten Ort. Im Altertum hatte man sich hierzu des Eintritts der
Mondfinsternisse bedient. Doch ist ein solches Ereignis so selten, daß es für
die Schifffahrt nicht von Belang sein kann. Die Umlaufszeiten der
Jupitermonde sind dagegen von so kurzer Dauer, daß fast in jeder Nacht
einer derselben durch den Zentralkörper verfinstert wird. Ist nun, schloß
Galilei, die Umlaufsbewegung dieser Monde genau bekannt und in
Tabellen für den täglichen Gebrauch der Seefahrer niedergelegt, so stellt
das System des Jupiters sozusagen eine im Weltraum schwebende, der
Beobachtung durch gute Teleskope zugängliche Uhr dar, aus deren
Vergleich mit einer nach der Sonne gestellten Uhr der Längenunterschied
zwischen dem Ort, auf den sich die Tabellen beziehen, und demjenigen, an
dem sich das Schiff befindet, gefunden werden kann. Galilei wußte für
seine Methode die Vereinigten Staaten von Holland zu gewinnen und stellte
ihnen Ephemeriden der Jupitertrabanten, sowie hinlänglich genau gehende
Uhren in Aussicht. Zunehmendes körperliches Leiden brachte jedoch seine
Bemühungen, die auch ohnehin schwerlich zu einem Gelingen geführt
haben würden, zum Stillstande. Erst im 18. Jahrhundert waren Theorie und
Praxis weit genug fortgeschritten, um die Mittel zur Lösung des so überaus
wichtigen und schwierigen Problems an die Hand zu geben.
Über das weitere Schicksal des Dialogs, des astronomischen Hauptwerks
Galileis, sei noch bemerkt, daß es mit anderen das koppernikanische
Weltsystem betreffenden Schriften bis ins 19. Jahrhundert auf dem Index
der von der Kirche verbotenen Bücher blieb. Vergebens bemühte sich um
die Mitte des 18. Jahrhunderts der große französische Astronom Lalande,
die Streichung dieser Schriften aus dem Index durchzusetzen. Erst 1822
entschied das Kardinalskollegium, daß fortan die koppernikanische Lehre in
den katholischen Ländern unbeanstandet verkündet werden dürfe. »So
endete nach zwei Jahrhunderten dieser denkwürdige Streit der Kirche gegen
den vorwärts schreitenden Menschengeist mit einer kläglichen Niederlage
der ersteren«67.

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Galileis Untersuchungen über die Kohäsion und über das
Gewicht der Luft.

Wir gelangen jetzt zu Galileis Arbeiten auf dem Gebiete der Mechanik.
Diese Arbeiten waren in solchem Maße grundlegend, daß Galilei in
seinem Hauptwerk über diesen Gegenstand, den »Unterredungen«, mit
Recht von neuen Wissenszweigen sprechen durfte. Die Zeitgenossen zwar,
soweit sie nicht vom Fanatismus geblendet waren, bewunderten vorwiegend
seine Leistungen auf astronomischem Gebiete. Die Nachwelt hat jedoch
erkannt, daß die Begründung des dynamischen Teiles der Mechanik eine
Geistestat von weit höherem Range und weit größerer Bedeutung für den
Fortschritt der menschlichen Erkenntnis war, als jene Beobachtungen, von
denen, ohne das Verdienst Galileis zu schmälern, gesagt werden kann, daß
sie jedes andere, mit einem guten Fernrohr bewaffnete Auge gleichfalls
gemacht haben würde. Die »Unterredungen« dagegen bezeichnen den
bedeutendsten Fortschritt der Mechanik seit Archimedes.
Mit mechanischen Problemen hatte sich Galilei, anknüpfend an
Archimedes und im Kampfe gegen die irrigen Ansichten der Peripatetiker,
während seiner ganzen Laufbahn beschäftigt. Nach seiner Verurteilung
unternahm er es, die Ergebnisse seiner Forschungen zu dem genannten
Hauptwerk68 zusammenzufassen. Bei dieser Arbeit hatte er wenigstens keine
Belästigung von seiten kurzsichtiger Gegner zu befürchten.
Das Werk ist wie der »Dialog« in Gesprächsform abgefaßt. Simplicio
verficht die Ansichten des Aristoteles. Sagredo und insbesondere
Salviati entwickeln dagegen die Lehren Galileis.
Die neuen Prinzipien, die Galilei in die Naturwissenschaft einführte,
betreffen vor allem die Dynamik oder die Lehre von der Bewegung der
Körper, deren Ansätze wir bereits bei Lionardo da Vinci und einigen
andern Forschern vorfanden69. Durch seine Untersuchung des Falles, der
Wurf- und der Pendelbewegung zeigte Galilei, wie durch die Vereinigung
von messender Beobachtung mit dem mathematischen Beweisverfahren an
die Stelle unklarer, schwankender Begriffe wissenschaftliche Erkenntnis
gesetzt werden kann. Er schuf so die Methode, die auf
naturwissenschaftlichem Gebiete allein zur Auffindung der Wahrheit führt

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und der im weiteren Verfolg alle bewundernswerten Fortschritte der
neueren Zeit zu danken sind.
»Der oberflächlichen Beobachtung ist es zwar nicht entgangen, daß die
Geschwindigkeit frei fallender Körper mit der Fallzeit zunimmt. In
welchem Maße aber die Beschleunigung stattfindet, ist bisher nicht
ausgesprochen worden. Denn soviel ich weiß, hat niemand bewiesen, daß
die vom fallenden Körper in gleichen Zeiten zurückgelegten Strecken sich
zueinander wie die ungeraden Zahlen verhalten.« Mit diesen Worten leitet
Galilei den dritten Abschnitt70 seiner »Unterredungen« ein. »Man hat
beobachtet«, so fährt er fort, »daß die Wurfgeschosse eine gewisse Kurve
beschreiben, daß letztere aber eine Parabel ist, hat niemand gelehrt. Daß
aber dieses sich so verhält und noch vieles andere nicht minder
Wissenswerte, soll von mir bewiesen werden. Zu dem, was noch zu tun
übrig bleibt, wird die Bahn geebnet, nämlich zur Errichtung einer sehr
weiten, außerordentlich wichtigen Wissenschaft, deren Anfangsgründe die
vorliegende Arbeit bietet, in deren tiefere Geheimnisse einzudringen aber
Geistern vorbehalten bleibt, die mir überlegen sind.« In diesen Worten
sprechen sich zwei schöne Eigenschaften Galileis aus, Wertschätzung
eigener Errungenschaften gepaart mit wahrer Bescheidenheit.
Wir wollen jetzt die wesentlichsten Punkte der »Unterredungen« einer
kurzen Betrachtung unterziehen. Die Peripatetiker hatten eine Reihe von
Naturerscheinungen, wie das Saugen, das Aneinanderhaften glatter Platten,
das Aufsteigen von Flüssigkeiten in der Pumpe usw. darauf zurückgeführt,
daß die Natur kein Vakuum, d. h. keinen leeren Raum zulasse. In
Ermangelung eines mechanischen Prinzips dichtete man auf solche Weise
der Natur ein psychisches Vermögen an. In dieser Vakuumtheorie bleibt
Galilei noch befangen; aus ihr sucht er z. B. die Kohäsion zu erklären.
Die Kohäsion ist nach Galileis Ansicht auf zwei Ursachen
zurückzuführen, einmal auf das Widerstreben der Natur, einen leeren Raum
zuzulassen. Zweitens müsse ein Mittel angenommen werden, das die
Teilchen der Körper fest miteinander verbinde. »Um dies zu beweisen,«
sagt Galilei, »nehme man zwei völlig glatt polierte Marmorplatten. Legt
man die eine auf die andere, so lassen sie sich leicht gegeneinander
verschieben, offenbar ein Beweis, daß kein Bindemittel sie vereinigt. Gegen
jede Trennung aber tritt ein Widerstand auf, so daß die obere Platte die
untere tragen kann.« Ein solcher Widerstand, der so fühlbar zwischen den

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Platten sich zeige, sei ohne Zweifel auch zwischen den Teilen eines festen
Körpers vorhanden und zum Teil wenigstens die Ursache ihres
Zusammenhanges71.
Ein wesentlicher Fortschritt den bloßen Spekulationen seiner Vorgänger
gegenüber ist es, daß Galilei überall das Experiment anwendet und daher
auch die Größe des Widerstandes, den das Vakuum hervorruft, zu
bestimmen sucht. Dies geschieht, indem ein Kolben aus einem mit Wasser
gefüllten, die Öffnung nach unten kehrenden Zylinder herausgezogen und
die Größe des hierzu erforderlichen Gewichts ermittelt wird (siehe Abb. 6).
Galilei kennt auch die Erscheinung, daß das Wasser mittelst Pumpen nur
auf eine Höhe von 18 Ellen gehoben werden kann. Tatsächlich wird in
beiden Fällen die Größe des Luftdrucks gemessen. Durch Versuche
gewonnene Ergebnisse besitzen also immer Wert, gleichgültig, ob die daran
geknüpfte Theorie sie richtig deutet oder nicht.

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Abb. 6. Galileis Versuch, den Widerstand des Vakuums zu messen.

Daß Galilei das Steigen von Flüssigkeiten und verwandte Erscheinungen
nicht auf den Luftdruck zurückführte, ist um so verwunderlicher, als ihm
die Tatsache, daß die Luft Gewicht besitzt, bekannt war. Aristoteles hatte
der Luft und dem Feuer absolute Leichtigkeit, d. h. das Bestreben, sich in
gerader Linie vom Mittelpunkt der Erde fortzubewegen, zugeschrieben.
Wäre diese Annahme richtig, so würde, wie Galilei 72 anführt, daraus
folgen, daß beim Verdichten der Luft die Leichtigkeit und damit das Streben
nach oben zunimmt. Der Versuch lehrte indes das Gegenteil. Galilei nahm
einen Glaskolben und preßte mittelst einer Spritze Luft hinein. Dann wurde
der Kolben auf einer genauen Wage ins Gleichgewicht gebracht. Öffnete
man ihn jetzt, so trat die zusammengepreßte Luft heraus, und das Gefäß
wurde merklich leichter, so daß von der Tara etwas fortgenommen werden
mußte, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. »Unzweifelhaft ist das
Gewicht des Fortgenommenen«, sagt Galilei, »genau gleich dem der Luft,
die gewaltsam hineingepreßt war«73.
Hatte man einmal die Luft als einen schweren Körper erkannt, so lag die
Frage nahe, wie groß ihr Gewicht im Verhältnis zu demjenigen anderer
Stoffe, z. B. des Wassers, sei. Auch diese Aufgabe, das spezifische Gewicht
der Luft zu bestimmen, löste Galilei durch den Versuch74. Er preßte Wasser
in einen mit Luft gefüllten Kolben, bis er zu dreiviertel seines Inhalts mit
Wasser angefüllt war, ohne daß die Luft entweichen konnte. Das Gewicht
dieses Gefäßes mit seinem Inhalt wurde bestimmt. Darauf wurde eine die

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komprimierte Luft abschließende Haut durchstochen, um diejenige
Luftmenge, die vorher drei Viertel des Kolbens eingenommen hatte,
entweichen zu lassen. Galilei wog jetzt wieder und fand einen dem
Gewichte jener Luftmenge entsprechenden Unterschied. War diese
Bestimmung bei den damaligen Hilfsmitteln und den der Methode
anhaftenden Unvollkommenheiten auch keine genaue, so ergab sich doch,
daß die Luft sehr viel leichter als das Wasser ist75.

Die Fallbewegung.

Größeres als in der Physik der gasförmigen Körper, deren experimenteller
Ausbau insbesondere auf deutschem Boden durch Otto von Guericke
erfolgte, hat Galilei dadurch geleistet, daß er den Begriff der gleichmäßig
beschleunigten Bewegung erörterte und durch Versuche nachwies, daß der
Fall über die schiefe Ebene eine derartige Bewegung sei.
Zur genaueren Untersuchung der Fallbewegung wurde Galilei durch die
Behauptung des Aristoteles geführt, daß verschiedene Körper in ein- und
demselben Mittel mit verschiedener Geschwindigkeit sich bewegen sollten,
und zwar proportional den Gewichten. Demnach müßten z. B. zwei Steine,
deren Gewichte sich wie 1 : 10 verhalten, wenn man sie gleichzeitig 100
Ellen hoch herabfallen läßt, so verschieden in ihrer Bewegung sein, daß bei
der Ankunft des größeren der kleinere erst 10 Ellen zurückgelegt haben
würde. Galilei bezweifelte dies. Man darf jedoch nicht annehmen, daß sich
nicht schon früher Zweifel geregt hätten. Es fehlte selbst nicht an älteren
Versuchen zur Nachprüfung der aristotelischen Lehre76. Ja, Philoponos,
der alexandrinische Kommentator des Aristoteles, bemerkte schon
tausend Jahre vor Galilei, daß jene Lehre durch Versuche widerlegt werde.
Philoponos tut dies mit folgenden Worten77: »Nach Aristoteles müssen,
wenn das Medium, durch welches die Bewegung stattfindet, dasselbe ist,
die Fallzeiten sich wie die Gewichte der bewegten Körper verhalten. Das ist
aber, wie der Augenschein besser als jeder logische Beweis dartut, gänzlich
falsch. Läßt man nämlich zwei an Schwere sehr verschiedene Körper
gleichzeitig aus derselben Höhe herabfallen, so wird man sehen, daß die
Fallzeiten sich nicht wie die Gewichte verhalten, sondern daß nur eine sehr
geringe Verschiedenheit in bezug auf die Zeiten stattfindet«.

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Um eine Entscheidung herbeizuführen, ließ Galilei, wie Viviani berichtet
hat, vom schiefen Turm zu Pisa, der sich für Fallversuche trefflich eignete,
eine halbpfündige Kugel und eine hundertpfündige Bombe herabfallen.
Dabei eilte letztere nur um wenige Zoll voran78.
Die Verschiedenheiten in der Geschwindigkeit freifallender Körper führt
Galilei lediglich auf den Widerstand der Luft zurück. Wenn man diesen
Widerstand aufheben, mit anderen Worten einen luftleeren Raum herstellen
könne, »so würden alle Körper gleich schnell fallen«.
Für Galilei blieb der Nachweis dieses Satzes, für den er nur einen hohen
Grad von Wahrscheinlichkeit annehmen konnte, eine wissenschaftliche
Utopie. Erst nach der Erfindung der Luftpumpe wurde dieser Nachweis zu
einem Versuch, der in jedem elementaren Physikunterricht angestellt wird.
Wir wenden uns jetzt Galileis Versuchen und Betrachtungen über das
Gesetz der Fallbewegung zu. Sie sind von größter Wichtigkeit, weil sie den
Ausgangspunkt für die Entwicklung der Dynamik bilden. Galilei
behandelte seine Aufgabe zuerst rein phoronomisch, d. h. als Problem der
Bewegungslehre. Er stellte der gleichförmigen die gleichförmig
beschleunigte Bewegung gegenüber und schuf den Begriff der
gleichförmigen Beschleunigung79. Gleichförmig beschleunigt nennt Galilei
diejenige Bewegung, bei der von Anfang an in gleichen Zeiten gleiche
Geschwindigkeitszunahmen erfolgen.
Daß sich die Geschwindigkeit fallender Körper stetig vergrößert, konnte der
frühesten Beobachtung nicht entgehen. Indessen von dieser Beobachtung
bis zur Auffindung von Gesetz und Ursache war ein weiter Weg. Rein
begrifflich hatte sich mit der gleichförmig beschleunigten Bewegung um
die Mitte des 14. Jahrhunderts schon Oresme, einer der hervorragendsten
Mathematiker des Mittelalters, befaßt. In einem um dieselbe Zeit
entstandenen Kommentare heißt es, die Zeit, in der eine Wegstrecke bei
gleichförmig beschleunigter Bewegung zurückgelegt werde, sei gleich der
Zeit, in der dieselbe Strecke bei einer gleichförmigen Bewegung
zurückgelegt werde, für welche die Geschwindigkeit das Mittel aus der
geringsten und der größten Geschwindigkeit sei. Derartige begriffliche
Untersuchungen sind von Einfluß auf Galilei gewesen, der sich zunächst
mit der scholastischen Physik vertraut gemacht hatte80. Letztere erblickte die
Ursache des Fallens in einer verborgenen Qualität, in einem dem Körper

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innewohnenden Streben nach »seinem Orte«. Die auf solche Weise
hervorgerufene Bewegung sollte schneller werden, indem die Luft, die sich
über dem fallenden Körper stets wieder zusammenschließt, dabei
fortgesetzt einen neuen Antrieb ausübe. Im vollsten Gegensatz dazu
behauptete Galilei, daß die Luft kein Mittel zur Beschleunigung sei,
sondern vielmehr durch ihren Widerstand die Fallbewegung verzögere. Die
experimentelle Probe konnte Galilei, wie gesagt, nicht machen, da ihm die
Luftpumpe noch nicht zur Verfügung stand. War die Ansicht der älteren
Physiker richtig, so hätten die Körper nach Fortnahme der Luft sich
gleichförmig bewegen müssen, während doch, wie Galilei voraussah und
spätere Versuche bewiesen, die Körper im luftleeren Raum erst recht
deutlich die gleichförmig beschleunigte Bewegung erkennen lassen.
Sehr ausführlich sucht Galilei darzutun, daß der fallende Körper nach
Verlauf des ersten, sehr kleinen Zeitteilchens eine von Null kaum
verschiedene Geschwindigkeit besitzt. Daß der Körper seine Bewegung
»mit unendlich großer Langsamkeit« beginnt, schließt Galilei auch aus
dem Verhalten beim senkrechten Wurf. Man könne nicht zweifeln, daß der
Zuwachs an Geschwindigkeit beim Fall in derselben Ordnung vor sich
gehe, wie die Abnahme beim senkrechten Wurf. Bei letzterem werde die
Geschwindigkeit allmählich ganz vernichtet. Bevor der Stein zur Ruhe
komme, müsse er daher alle Grade der Langsamkeit durchgemacht haben.
Um zu einer richtigen Vorstellung von der Fall- und von der Wurfbewegung
zu gelangen, bedurfte es einer Erweiterung des Trägheitsgesetzes. Daß ein
ruhender Körper im Zustande der Ruhe beharrt und nur durch die Wirkung
einer Kraft in den Zustand der Bewegung übergeht, war ein Satz, den
Galilei nicht erst zu entdecken brauchte. Dieser Satz war stets,
stillschweigend oder ausgesprochen, die Voraussetzung mechanischer
Erörterungen gewesen. Wohl aber blieb es Galilei vorbehalten, irrtümliche
und unklare Vorstellungen, die man sich über den Zustand der Bewegung
gebildet hatte, zu berichtigen oder zu klären. Vor ihm herrschte die
Meinung, jede Bewegung müsse auch ohne äußere Hindernisse endlich
aufhören, wenn sie nicht durch eine Kraft unterhalten werde. Galilei
dagegen erweiterte das Trägheitsgesetz dahin, daß ein sich bewegender
Körper weder seine Geschwindigkeit noch seine Richtung ändert, wenn
nicht eine Kraft auf ihn einwirkt. Wirkt aber eine Kraft, so ist, wie Galilei
gleichfalls erkannte, die Größe ihrer Wirkung die gleiche, einerlei ob der

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Körper ruht oder sich bewegt. Da nun beim freien Fall eine Kraft
ununterbrochen wirkt, so werden sich ihre Wirkungen stetig summieren, da
jede einmal hervorgerufene Wirkung, dem Trägheitsgesetz zufolge, erhalten
bleibt. Diese Summation bewirkt Galilei auf folgende Weise: AB stelle die
Zeit t vor, in der ein Körper eine bestimmte Strecke, mit der Ruhelage
beginnend, mit gleichförmig beschleunigter Bewegung zurücklegt. Die
Gesamtzeit teile man in Zeitteilchen und trage die einem jeden
entsprechenden Geschwindigkeitsbeträge senkrecht auf AB ab. EB sei die
Endgeschwindigkeit v. Verbindet man dann sämtliche Endpunkte der
senkrecht zu AB errichteten Strecken, so erhält man die Linie AE, die mit
EB (v) und AB (t) ein Dreieck bildet. Errichtet man dann über FB = ½ EB
= ½ v ein Parallelogramm, so erhält man zwei flächengleiche Figuren ABE
und ABFG. Beide sind, wie aus der Größe der Stücke AB, EB und FB
folgt, gleich (v·t)/2. Innerhalb der Zeit t legt somit ein Körper bei
gleichförmig beschleunigter Bewegung den gleichen Weg zurück, als ob er
sich während der Zeit t mit der sich stets gleichbleibenden Geschwindigkeit
v/2 bewegt hätte. »Denn«, sagt Galilei, »was bei der beschleunigten
Bewegung während der ersten Zeithälfte an Bewegung fehlt, entsprechend
den Parallelen im kleinen Dreieck AGJ, wird während der zweiten Hälfte
der Bewegung ersetzt durch den Überschuß, den die Parallelen in dem AGJ
flächengleichen kleinen Dreieck EFJ vorstellen.«

Abb. 7. Galilei ermittelt das Gesetz der gleichförmig beschleunigten Bewegung.

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Aus der auf solche Weise gewonnenen Grundvorstellung, nach welcher der
Weg bei einer gleichförmig beschleunigten Bewegung gleich dem Produkt
aus der Zeit und der halben Endgeschwindigkeit ist (s = v/2·t), folgen nun
die übrigen Fallgesetze rein mathematisch. So bewies denn Galilei im
Anschluß an dieses Grundgesetz den Satz, daß, wenn ein Körper von der
Ruhelage aus gleichförmig beschleunigt fällt, die in bestimmten Zeiten
zurückgelegten Strecken sich wie die Quadrate der Zeiten verhalten. Wird
nämlich v = gt, so ist s = (g/2)·t2. Daraus schloß Galilei weiter, daß sich
die Fallstrecken, die in gleichen Zeiten zurückgelegt werden, wie die
ungeraden Zahlen 1, 3, 5, 7 ... verhalten müssen. Dies ergibt sich, wenn wir
die Unterschiede der Fallräume für t = 1, 2, 3, 4 ... bilden.
Die Größe der Beschleunigung für den freien Fall zu bestimmen, gelang
Galilei noch nicht. So gibt er an, eine eiserne Kugel sei nach wiederholt
angestellten Versuchen aus einer Höhe von 100 Ellen, das sind etwa 60 m,
in 5 Sekunden herabgefallen81. In Wahrheit würde der Fallraum für diese
Zeit aber mehr als das Doppelte (122 m) betragen. Galilei konnte zwar den
Einfluß des Luftwiderstandes noch nicht in Rechnung ziehen,
nichtsdestoweniger ist der Fehler, den er beging, auffallend groß, da sich
aus seinen Versuchen für die Beschleunigung nur der Wert von 5 m ergab.
Erst Huygens stellte fest, daß der Geschwindigkeitszuwachs 10 m beträgt,
so daß ein Körper nach Ablauf der 1., 2., 3. ... Sekunde eine
Geschwindigkeit von 10, 20, 30 ... Metern besitzt. Solche Größen ließen
sich durch unmittelbare Beobachtung nicht gut messen. Galilei suchte
deshalb nach einem Mittel, die Fallgeschwindigkeit zu vermindern. Als
solches schien ihm die schiefe Ebene besonders geeignet. Es sei bekannt, so
führt er aus, daß die Geschwindigkeiten ein und desselben Körpers bei
verschiedenen Neigungen der Ebene verschieden groß seien. Den größten
Wert habe die Geschwindigkeit bei senkrechter Richtung. Die
Geschwindigkeit sei um so geringer, je mehr die Ebene vom Lot abweiche.
Es zeige sich also, daß der Impuls, die Energie oder die Tendenz zum Fall82
durch die Ebene, auf welche der Körper sich stützt, vermindert werde.
Galilei bestimmt auch die Abhängigkeit der Impulse von den
Neigungswinkeln und zeigt, daß der Impuls, den der Körper beim freien
Fall erhält, und derjenige, der längs der schiefen Ebene wirkt (der in ihrer
Richtung wirkenden Seitenkraft oder Komponente, würden wir heute
sagen), sich wie die Länge zur Höhe der schiefen Ebene verhalten83.

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Die schiefe Ebene war somit, weil dem geringeren Impulse auch ein
geringerer Geschwindigkeitszuwachs entspricht, vortrefflich geeignet, die
Schlüsse, zu denen Galilei über den Verlauf einer gleichförmig
beschleunigten Bewegung gekommen war, experimentell auf ihre
Richtigkeit zu prüfen. »Denn«, sagt er, »die Prinzipien sind durch Versuche
zu erhärten, und diese bilden die Grundlage für den ganzen späteren
Aufbau.«
Über seine Versuche mit der schiefen Ebene gibt uns Galilei folgenden
Bericht84: In einem Brett von 12 Ellen Länge wurde eine Rinne von einem
halben Zoll Breite hergestellt. Sie wurde gerade gezogen und mit sehr
glattem Pergament ausgekleidet. Das Brett wurde darauf an dem einen Ende
gehoben, bald eine, bald zwei Ellen hoch. Sodann ließ Galilei eine glatt
polierte Messingkugel durch die Rinne laufen und bestimmte die Fallzeit
für die ganze Länge der Rinne. Ließ er dagegen die Kugel nur durch ¼ der
Rinne laufen, so erforderte dies genau die halbe Zeit. Die Strecken
verhielten sich somit wie 1 : 4, wenn die Fallzeiten in dem Verhältnis 1 : 2
standen; allgemeiner ausgedrückt: die Strecken verhielten sich wie die
Quadrate der Zeiten. Daß dieses Gesetz nicht nur in dem gewählten
Beispiel seine Richtigkeit hat, sondern eine für alle Fälle zutreffende Regel
ist, wurde durch hundertfache Wiederholung unter jedesmaliger
Abänderung der Strecke und des Neigungswinkels dargetan.
Zur genaueren Bestimmung der Fallzeit diente folgende Vorrichtung: Ein
größeres Gefäß war mit Wasser gefüllt und besaß eine enge Öffnung im
Boden, durch die sich ein feiner Strahl ergoß. Dieser wurde während jeder
Beobachtungszeit in ein kleineres Gefäß geleitet. Die auf solche Weise
aufgefangene Flüssigkeitsmenge wog man mittels einer sehr genauen Wage.
Aus den Differenzen der Wägungen ergab sich das Verhältnis der Gewichte.
Es entsprach dem Verhältnis der Zeiten mit solcher Genauigkeit, daß die
zahlreichen Beobachtungen niemals merklich voneinander abwichen.
Wir haben Galileis Versuchen mit der schiefen Ebene eine etwas größere
Ausführlichkeit gewidmet, weil sie eine der ersten, bis zur Auffindung des
Naturgesetzes durchgeführten Versuchsreihen darstellen.

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Abb. 8. Galilei untersucht die Bewegung auf der schiefen Ebene.

Galilei erkannte auch, daß die Geschwindigkeiten, die beim Falle über die
schiefe Ebene erlangt werden, nur von der Höhe und nicht von der Neigung
abhängen. Ein Körper wird demnach, wenn er von C nach A und ein
anderes Mal von C nach D gelangt (Abb. 8), in A und in D die gleiche
Geschwindigkeit haben. Und zwar ist die Geschwindigkeit dieselbe, als
wenn der Körper im freien Fall von C nach B gelangt wäre.
Daß die Geschwindigkeiten eines Körpers, der durch die Schwerkraft auf
beliebiger Bahn zur selben Horizontalebene hinabsteigt, unter der
Voraussetzung, daß keine Widerstände die Bewegung hemmen, sämtlich
gleich sind, bewies Galilei noch durch folgenden Versuch. Er ließ das
einfache Pendel AB vor einer Wand schwingen, so daß es den Bogen CBD
beschrieb. Das Pendel wird dann, indem es durch den Bogen BD ansteigt,
fast bis zur Horizontalebene CD gelangen und nur ein kleines Stück
darunter bleiben, einzig und allein deshalb, weil infolge des Widerstandes
der Luft und des Fadens das Pendel an der genauen Rückkehr in dieselbe
Horizontalebene gehindert wird.
Befestigt man darauf bei E einen Nagel in der unmittelbar hinter dem
Pendel befindlichen Wand, so wird das Pendel dadurch gezwungen, den
Bogen BG um E als Mittelpunkt zu beschreiben. Es wird aber, von der
erwähnten kleinen Ungenauigkeit abgesehen, wieder dieselbe
Horizontalebene CD erreichen. Das gleiche ist der Fall, wenn der Nagel in
F angebracht wird. Nur wird das Pendel diesmal wieder einen anderen
Bogen und zwar BJ durchlaufen. Es sind folglich alle Momente und alle
Geschwindigkeiten, mit denen sich das Pendel durch B bewegt, gleich groß.
Wenn wir die Bewegung in D, G oder J anfangen lassen, so wird das Pendel
auf der anderen Seite stets bis C steigen. Folglich sind auch alle Momente,

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beziehungsweise Geschwindigkeiten, die beim Durchlaufen der so
verschiedenen Bahnen DB, GB, JB hervorgerufen werden, einander gleich.

Abb. 9. Galileis Versuch, der später auf das Gesetz von der Erhaltung der Kraft
geführt hat.

An dieser Stelle begegnet uns also im Grunde schon, angewandt auf den
Fall der Pendelbewegung, jene Vorstellung, welche unter der Bezeichnung
des Prinzips von der Erhaltung der Kraft das Fundament der gesamten
Naturerklärung bildet. Ist doch die Erkenntnis, daß ein frei fallender Körper
infolge der erlangten Geschwindigkeit gerade zu seiner ursprünglichen
Höhe wieder emporzusteigen vermag, für alle späteren Vorstellungen, die
man sich über die Erhaltung der Kraft gebildet hat, grundlegend geblieben.
Es erübrigte nur, die an dem einzelnen Körper gewonnene Erkenntnis auf
ein System von Körpern zu übertragen, eine Erweiterung des Prinzips, die,
wie sich später zeigen wird, Huygens vollzog.

Die Pendelbewegung.

Wir wollen jetzt die leitenden Gesichtspunkte und Versuche kennen lernen,
die Galilei zur Erklärung der Pendel- und der Wurfbewegung geführt
haben, und uns dabei eng an die von ihm selbst gegebene Darstellung
anschließen.
Galilei hatte bei seinen Versuchen neben einer Verringerung der
Beschleunigung stets eine Herabminderung des Widerstandes im Auge.
»Läßt man zwei an Gewicht verschiedene Körper fallen,« so führt er aus,
»etwa eine Kork- und eine Bleikugel, so wird die Luft, die stets verdrängt
und zur Seite geschoben werden muß, einen größeren Einfluß auf den

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leichteren Körper ausüben als auf den mit einem heftigeren Antrieb
begabten schwereren. Der erste wird infolgedessen zurückbleiben.«
Wenn auch der Widerstand der Luft durch die Verlangsamung, welche der
Fall bei der schiefen Ebene erfährt, hinreichend vermindert wird, so ließ
sich doch nicht verkennen, daß durch die Berührung mit dieser Ebene ein
neuer Widerstand auftrat. Gab es nun ein Mittel, den Einfluß dieses
Widerstandes zu beseitigen? Das letztere wurde erreicht, indem man die
Kork- sowie die Bleikugel an zwei gleichen, feinen Fäden von 4–5 Ellen
Länge aufhing. Entfernte man dann beide Körper aus der Ruhelage und ließ
sie gleichzeitig los, so wurden Kreisbögen von gleichen Halbmessern
beschrieben. Die Kugeln schwangen über ihre ursprüngliche Lage hinaus
und kehrten auf denselben Wegen zurück. Nachdem sie sehr oft hin- und
hergegangen waren, zeigte sich deutlich, daß die Bewegung des schwereren
Körpers so sehr mit derjenigen des leichteren übereinstimmte, daß kaum
eine Verschiedenheit zu bemerken war. Die Pendelbewegung stellte sich
somit als eine Fallbewegung dar, bei welcher der Widerstand des Mittels
sehr eingeschränkt und der bei einer geneigten Ebene vorhandene
Reibungswiderstand vermieden ist.
Noch eine weitere Ähnlichkeit zwischen der Pendelbewegung und dem Fall
über die schiefe Ebene ließ sich erkennen: Galilei hatte gezeigt85, daß ein
Körper, welcher längs der zu einem beliebigen Bogen gehörigen Sehne
herabfällt, z. B. von A, B, C, D oder E nach F, die gleiche Zeit gebraucht,
einerlei ob der entsprechende Bogen volle 180° oder weniger beträgt. Auch
für ein um A schwingendes Pendel ergab sich, daß es in der gleichen Zeit, in
der es den Weg E 1 F (der Sehne EF entsprechend) zurücklegt, bei größerem
Ausschlage die Strecke D 1 F (entsprechend der Sehne DF) durchfällt. Hatte
man z. B. das Bleipendel um 50° von dem Lote entfernt86 und ließ man es
frei schwingen, so beschrieb es jenseits des Lotes gleichfalls nahezu 50°, im
ganzen also 100°. Zurückkehrend, beschrieb es einen etwas kleineren
Bogen und gelangte nach einer großen Anzahl von Schwingungen endlich
zur Ruhe. Jede dieser Schwingungen kam in einer sich stets gleich
bleibenden Zeit zustande, sowohl die von 50° Ausschlag, wie diejenigen
von 20° oder 10°. Die Geschwindigkeit nahm also allmählich ab, da in
gleichen Zeiten immer kleinere Bögen beschrieben wurden87.

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Abb. 10. Zur Erklärung der Isochronie der Pendelschwingungen.

Ganz denselben Vorgang nahm Galilei bei der Korkkugel wahr, wenn er
sie an einem ebenso langen Faden befestigte. Nur daß die Korkkugel nach
einer kleineren Zahl von Schwingungen zur Ruhe kam. Alle Schwingungen
geschahen in gleichen Zeiten, und zwar in derselben Zeit wie die
Schwingungen der Bleikugel.

Abb. 11. Kreis und Zykloide als Bahnen des schwingenden Körpers.

Für größere Ausschläge des Pendels besitzt, wie man später erkannte, dieses
Gesetz nicht mehr die volle Gültigkeit, da der Kreisbogen keine Isochrone,
d. h. keine Kurve gleicher Schwingungsdauer ist. Huygens wies später
nach, daß dies aber für die Zykloide zutrifft. Da die Krümmung beider
Kurven in der Nähe der Ruhelage F jedoch (s. Abb. 11) nahezu gleich ist, so
gilt das Gesetz von der Isochronie der Pendelschwingungen für kleine
Ausschlagswinkel mit hinreichender Genauigkeit. Auffallend bleibt es
allerdings, daß Galilei den bei größeren Winkeln eintretenden Unterschied
nicht erwähnt. Es geschah dies wohl daher, weil er ihn allein auf den
wachsenden Widerstand des Mediums bei der schnelleren Bewegung durch

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einen größeren Kreisbogen zurückführte. Überhaupt beschränkt sich
Galilei vorwiegend auf die experimentelle Erforschung der
Pendelbewegung, während ihre mathematische Analyse späteren
Jahrzehnten vorbehalten blieb. Wieder war es Huygens, dem wir die
Formel für diese Bewegung, sowie die Verwendung des Pendels in den
Uhren verdanken. Der Gedanke, das Pendel zur Zeitmessung zu verwenden,
ist Galilei indessen auch schon gekommen88.
Auch die Heilkunde hatte sich zu Anfang des 17. Jahrhunderts dieses
Gedankens bemächtigt. So findet sich ein zur Pulszählung dienendes
Instrument in einem 1602 erschienenen Buche beschrieben. Es bestand89 aus
einer Bleikugel, die der Arzt an einer langen Schnur hielt. Man brachte die
Schwingungen dieses Pendels mit dem Puls in Übereinstimmung und las
dann die Pendellänge an einer Skala ab.

Abb. 12. Galilei verbindet das Pendel mit einem Zählwerk.

Galilei hat seinem Sohne und seinem Schüler Viviani, wie aus dessen
Aufzeichnungen hervorgeht, kurz vor seinem Tode sogar die Konstruktion
einer Pendeluhr entwickelt.
Sie besaß folgende Einrichtung. An dem Pendel AB (Abb. 12) ist eine
starke Borste C befestigt. Diese greift in eine Lücke des Zahnrades D, das
sich auf der Achse F drehen kann. Es ist ersichtlich, daß die Borste bei
jedem Hin- und Hergehen des Pendels dem Rädchen eine Drehung um
einen Zahn erteilt. Diese Drehung ließ sich leicht auf ein Zählwerk

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übertragen. Nur bedurfte das Pendel, damit es nicht schließlich stillstand,
von Zeit zu Zeit eines Anstoßes. Galileis Bemühen mußte sich ganz
naturgemäß darauf richten, diesen Anstoß durch eine mechanische
Vorrichtung herbeizuführen. Abb. 13 gibt Galileis Zeichnung wieder, die
er kurz vor seinem Tode anfertigen ließ90. Über die Prioritätsansprüche ist
man geteilter Ansicht. Jedenfalls hat Huygens die Pendeluhr unabhängig
von Galileis Vorarbeiten erfunden.

Abb. 13. Galileis Entwurf einer Pendeluhr91.

Galilei dehnte seine Untersuchungen auch auf Pendel verschiedener Länge
aus und fand, daß ein Pendel, um doppelt so langsam zu schwingen wie ein
anderes, viermal so lang sein muß, während der neunfachen Länge eine
dreimal so große Schwingungszeit entspricht, so daß sich also die
Pendellängen wie die Quadrate der entsprechenden Schwingungszeiten
verhalten92.
Man vermöge daher, fügt Galilei hinzu, sofort die Länge eines Pendels von
beliebiger Länge zu berechnen, auch wenn sein Aufhängepunkt unsichtbar
sei und man nur das untere Ende beobachten könne. Galilei gibt dazu
folgendes Beispiel: »Während mein Gehilfe einige Schwingungen zählt,
beobachte ich die Schwingungszahl eines anderen Pendels von genau einer
Elle Länge. Angenommen mein Gehilfe habe 20 Schwingungen gezählt,
während ich 240 erhalten habe. Die Quadrate dieser Zahlen sind 400 und

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57600. Das lange Pendel enthält somit 57600 solcher Teile, von denen 400
auf eine Elle gehen. Seine Länge ist also 57600 : 400 gleich 144 Ellen.«

Der Wurf.

Nachdem die Pendelbewegung als eine Modifikation der Fallbewegung
erkannt war, ergab sich dem Scharfsinn Galileis dasselbe für den Wurf.
Bezüglich dieses Vorganges war die bloße Spekulation zu den
ungereimtesten Ansichten gelangt. Einige Klarheit findet sich zwar schon
bei den Vorläufern Galileis 93. Diesem blieb es jedoch vorbehalten, auf
Grund der von ihm erkannten Prinzipien eine wahre und erschöpfende
Analyse der Wurfbewegung zu geben. Es war dies zunächst das Prinzip der
Trägheit oder des Beharrungsvermögens. Danach ist die Bewegung auf
einer unbegrenzten horizontalen Ebene, wenn alle Widerstände
ausgeschlossen sind, gleichförmig und unaufhörlich94. Wird dann, so lautet
das zweite Prinzip, der in Bewegung begriffene Körper einer Kraft
unterworfen, so setzt sich die neue Bewegung, die aus der Wirkung jener
Kraft hervorgeht, mit der ersten, schon bestehenden zusammen.
Wahrscheinlich hat Galilei diese beiden Grundprinzipien der Mechanik,
nämlich das Trägheitsgesetz und das Gesetz von der gegenseitigen
Unabhängigkeit der auf einen Körper einwirkenden Kräfte, aufgestellt, um
das Koppernikanische System darauf zu stützen. Man geht sogar so weit,
diese Prinzipien weniger als das Ergebnis von Versuchen, denn als
Folgerungen aus dem Koppernikanischen System anzusehen95. Richtiger ist
wohl, daß Galilei die Ergebnisse der Erforschung irdischer mechanischer
Vorgänge mit den nach der Theorie des Koppernikus gedeuteten
Himmelserscheinungen in gutem Einklang fand.
Im Grunde genommen handelt es sich bei Galileis Untersuchung des
Wurfes zunächst um die Anwendung des Gesetzes vom Parallelogramm der
Bewegungen, das uns bei ihm zum erstenmal als allgemeines Prinzip
begegnet, und noch nicht um das Gesetz vom Parallelogramm der Kräfte,
das sich zuerst in voller Klarheit in Newtons Prinzipien ausgesprochen
findet. Andererseits betrachtete aber schon Galilei die erzeugten
Bewegungen nicht rein phoronomisch, sondern er faßte sie auch als
Wirkungen von Kräften auf. Mit Recht aber gilt es als einer der wichtigsten

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Fortschritte der Mechanik, daß Galilei die Umstände, welche die
Bewegungen veranlassen, in ihren Wirkungen als unabhängig voneinander
erkannte. Newton selbst hat ihn deshalb als den Entdecker des Satzes vom
Parallelogramm der Kräfte bezeichnet96. Wären Galilei indessen die in
diesem Satz enthaltenen Vorstellungsweisen so geläufig gewesen wie die
Zusammensetzung der Bewegungen, so würde er den Satz vom
Parallelogramm der Kräfte auf statische Probleme, wie sie z. B. das
Verhalten der Körper auf der schiefen Ebene darbietet, angewandt haben.
Sehen wir jetzt an einem besonderen Fall, wie Galilei die von ihm
erkannten, soeben erwähnten Prinzipien anwendet.
Ist die horizontale Ebene, auf der ein Körper sich dem Gesetz der Trägheit
zufolge fortbewegt, nicht unendlich, sondern begrenzt, so wird der Körper,
am Ende der Ebene angelangt, sich zwar weiter bewegen, zu seiner
gleichförmigen unzerstörbaren Bewegung wird sich indes die durch die
Schwerkraft erzeugte gesellen, so daß eine zusammengesetzte Bewegung
entsteht. Solcher Art nun ist die Wurfbewegung. Der Körper wird eine Bahn
von stetiger Krümmung beschreiben, und zwar, wie sich leicht zeigen läßt,
eine Halbparabel.
Die horizontale Ebene, längs der sich der Körper gleichförmig fortbewegt,
sei AB. Am Ende B der Ebene fehlt die Stütze, und der Körper unterliegt
infolge seiner Schwere einer Bewegung längs der Senkrechten BN. Man
denke sich AB nach E hin fortgesetzt und teile gewisse gleiche Strecken
BC, CD, DE darauf ab. Gelangt der Körper infolge seiner gleichförmigen
Bewegung nach C, so denken wir uns das durch den Fall bedingte Stück CJ
hinzugefügt. Der Körper wird sich somit nach Ablauf derjenigen Zeit,
welche der Bewegung von B nach C entspricht, im Punkte J befinden.
Während der Körper infolge der gleichförmigen Bewegung von C nach D
gelangt, also dasselbe Stück zurücklegt wie vorher, ist die Fallstrecke gleich
3CJ oder der Gesamtfallraum DF gleich 4CJ. Hat endlich nach Ablauf des
dritten Zeitteils der Körper infolge der gleichmäßigen Bewegung die
dreifache Strecke BE zurückgelegt, so würde ihn der Fall von B nach L
geführt haben, welche Strecke das Neunfache von CJ ist usf. Nun verhalten
sich die Quadrate von BC, BD und BE, welche Stücke man als die
Ordinaten der Kurvenpunkte J, F und H bezeichnet, wie die Strecken CJ,
DF und EH, nämlich wie 1 : 4 : 9. Diese Strecken CJ, DF und EH sind die
Abszissen der Punkte J, F und H. Die analytische Geometrie lehrt aber, daß

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alle Punkte, deren Abszissen sich verhalten wie die Quadrate der
zugehörigen Ordinaten, einer Parabel angehören97.

Abb. 14. Galileis Ableitung der Wurfkurve98.

Galilei zeigte dann, daß der schräg aufwärts gerichtete Wurf nichts neues
darbietet, sondern in der gleichen Weise aus zwei Bewegungen hervorgeht,
deren Zusammensetzung als Wurfbahn wieder eine Parabel liefert. Er
bestimmt auch die Parabelamplituden (Wurfweiten) und weist nach, daß
Körper, die mit gleicher Anfangsgeschwindigkeit (»gleichen Impulsen«)
unter Winkeln abgeschossen werden, die nach oben und unten gleich viel
von 45° abweichen, dieselbe Wurfweite besitzen99.
Aus der Tatsache, daß beim Spannen eines Seiles auch zwei Kräfte wirken,
nämlich die horizontale Spannkraft und das in vertikaler Richtung wirkende
Gewicht des Seiles, leitet Galilei die Erscheinung ab, daß das Seil stets die
Form einer krummen Linie annimmt und bei einiger Länge nicht
vollkommen horizontal ausgespannt werden kann. Galilei ist oft des
Irrtums geziehen worden, daß er jene Linie, die später Kettenlinie genannt
wurde, mit der Parabel verwechselt habe. Er sagt aber ausdrücklich, daß
nicht gleiche, sondern nur ähnliche Verhältnisse vorlägen und das gespannte
Seil sich der parabolischen Form nur nähere100.
Obgleich Galilei sehr wohl wußte, daß die Wurflinie durch den
Luftwiderstand bedeutende Änderungen erfährt, hat er letzteren bei seinen
Ableitungen doch außer Betracht gelassen. Daß die Ergebnisse der Theorie
in der Wirklichkeit durch eine Reihe von Nebenumständen beeinflußt
werden, ohne jedoch deshalb ihren Wert zu verlieren, war ihm vollkommen
klar. Er selbst beweist in aller Ausführlichkeit, daß genau genommen weder
die durch den Stoß hervorgerufene Bewegung gleichförmig, noch die

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Fallbewegung gleichförmig beschleunigt, noch die Wurfkurve eine Parabel
ist. Letzteres treffe schon deshalb nicht zu, weil die Richtung der
Schwerkraft nicht sich gleich bleibt, sondern sämtliche Lote nach dem
Erdmittelpunkte zusammenlaufen. Bei weiten Würfen aus Geschützen
müsse dieser Umstand die Form der Kurve, ganz abgesehen von dem
Widerstand der Luft, schon merklich beeinflussen. Wir sehen, daß hier
schon im Keime das Problem der Zentralbewegung, deren Gesetze erst
Newton und Huygens ermittelten, gegeben ist. Die durch den Stoß
hervorgerufene, der Theorie nach gleichförmige Bewegung wird aber, wie
Galilei weiter ausführt, durch den Luftwiderstand nicht nur verzögert,
sondern schließlich ganz vernichtet; und zwar geschehe dies um so
schneller, je leichter der Körper sei. Jede Fallbewegung müsse endlich, auch
bei den schwersten Körpern, infolge des mit der Geschwindigkeit sehr stark
anwachsenden Widerstandes der Luft in eine gleichförmige Bewegung
übergehen. Um dies zu entscheiden, empfiehlt Galilei, je eine Kugel aus
großer und aus geringer Höhe senkrecht herabzuschießen. Obgleich der
Theorie nach im ersten Fall die Wirkung eine größere sein müsse, so werde
man doch das Umgekehrte finden, weil der Luftwiderstand die
Geschwindigkeit, die dem Geschoß durch die Kraft des Pulvers erteilt
werde, auf dem größeren Wege bedeutender hemme als auf dem kleineren101.
Beim schrägen Wurf müsse aus demselben Grunde die Gestalt der
Wurfkurve um so mehr von der Parabel abweichen, je größer die
Anfangsgeschwindigkeit sei. Die Nebenumstände, die bei der
Wurfbewegung in Betracht kommen, hat Galilei somit erkannt und ihre
Wirkung richtig ermessen. Er kommt indessen zu der Ansicht, daß über all
die unendlich verschiedenen Möglichkeiten, die hinsichtlich der Schwere,
der Geschwindigkeit und der Form des geworfenen Körpers bestehen, keine
Theorie gegeben werden könne. Es bedurfte einer bedeutenden
Fortentwicklung der mathematischen Analyse und der Experimentierkunst,
um das »ballistische« Problem zu bewältigen und die wirkliche Bahn eines
geworfenen Körpers, die »ballistische Kurve« zu bestimmen. Erst im 18.
Jahrhundert haben Johann Bernoulli und andere102 eine angenäherte
Lösung dieser Aufgabe gefunden103.

Das Prinzip der virtuellen Geschwindigkeiten.

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Hiermit verlassen wir Galileis Untersuchungen über die Fall- und
Wurfbewegung, welche den dritten und vierten Tag seiner »Unterredungen«
ausfüllen und hier nur skizzenhaft geschildert werden konnten. Diese
Untersuchungen werden mit Recht als die hervorragendste Leistung
Galileis bezeichnet. Erst wenn man berücksichtigt, daß Galilei auf
diesem Gebiete kaum etwas anderes vorfand als irrige Meinungen, vermag
man den Ausspruch Lagranges zu würdigen, daß ein außerordentliches
Genie dazu gehörte, um diesen Teil der »Unterredungen«, den man nie
genug bewundern könne, zu verfassen.
Wie wir sahen, liegen die Hauptverdienste Galileis auf dem Gebiete der
Dynamik. Ja, er hat diesen Teil der Mechanik, von dem vor ihm nur einige
verhältnismäßig unbedeutende, durch Lionardo da Vinci, Tartaglia,
Benedetti und andere geschaffene Ansätze vorhanden waren, erst von
Grund aus geschaffen. Die Fundamente der Statik hatte die neuere Zeit
dagegen aus dem Altertum überliefert bekommen. Doch war auf diesem
Gebiete von Archimedes bis Galilei so wenig geschehen, daß letzterem
auch hier nicht nur die schärfere Begründung der schon bekannten Sätze,
sondern auch die Auffindung mancher neuen Wahrheit vorbehalten blieb.

Abb. 15. Ableitung des Hebelgesetzes aus dem Prinzip der virtuellen
Geschwindigkeiten.

Vor allem verdanken wir Galilei jene eigentümliche Verbindung statischer
und dynamischer Grundsätze, die wir heute als das Prinzip der virtuellen, d.
h. möglichen Geschwindigkeiten oder Verschiebungen bezeichnen. Man
versteht darunter die Geschwindigkeiten, welche die Punkte eines Systems,
an dem sich Kräfte das Gleichgewicht halten, in dem Momente annehmen
würden, in dem das Gleichgewicht gestört wird. Das neue Prinzip besagt,
daß die im Gleichgewicht befindlichen Kräfte sich umgekehrt wie jene
Wege oder Verschiebungen verhalten. Findet die zunächst nur gedachte
Verschiebung wirklich statt, so ist die bei der einen Bewegung geleistete
Arbeit gleich derjenigen, die bei der entgegengesetzten Bewegung geleistet

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würde. Wie an Hand dieser Vorstellungsweise verborgene statische
Beziehungen als bestimmte Verhältnisse hervortreten, möge an einigen
Beispielen aus Galileis Schriften gezeigt werden. So ergibt sich die
Bedingung für das Gleichgewicht am Hebel aus dem Prinzip der virtuellen
Geschwindigkeiten104 folgendermaßen: Zwei Kräfte P und Q (Abb. 15)
greifen an den Armen des Hebels ACB unter einem rechten Winkel an. Die
Verschiebungen bei einer Störung des Gleichgewichts sind AD und BE.
Diese können für einen sehr kleinen Winkel als gerade, zu ACB senkrechte
Stücke betrachtet werden. Es verhalten sich dann die Kräfte, wenn
Gleichgewicht besteht, umgekehrt wie diese Verschiebungen (P : Q = BE :
AD). Auf solche Weise erkannte Galilei die Wahrheit, daß bei jeder
Maschine das, was an Kraft gewonnen wird, an Weg wieder verloren geht.
In ähnlicher Weise dehnt Galilei die Betrachtung an Hand des neuen
Prinzips, das er, ohne es mit einem besonderen Ausdruck zu benennen, bei
allen statischen Untersuchungen anwendet, auf den Flaschenzug und auf die
schiefe Ebene aus. Das Gleichgewicht auf letzterer untersucht er für den
Fall, daß ihre Länge das Doppelte der Höhe beträgt (Abb. 16). Es ist dann P
= Q/2. Wie Galilei hervorhebt, wird das Gleichgewicht auch durch die
mögliche Annäherung und Entfernung der Gewichte in bezug auf den
Erdmittelpunkt bestimmt105. Sinkt nämlich P um h, so steigt Q längs AB um
h/2. Die Produkte aus dem bewegten Gewicht und der Bewegung in
vertikaler Richtung P · h und Q h/2 sind aber gleich, da ja P = Q/2 ist.

Abb. 16. Galilei wendet das Prinzip der virtuellen Geschwindigkeiten auf die
schiefe Ebene an.

Durch die Ermittlung der möglichen Verschiebungen findet Galilei auch
das Verhältnis von Kraft und Last beim Flaschenzug. Er gelangt unter der
Voraussetzung, daß die Wege s und w der Kraft und der Last sich verhalten
wie die Zahl der Seilstücke, über welche sich die Last verteilt, zu der
Gleichung P · s = Q · w. An Stelle vorher zur Beurteilung des
Gleichgewichts allein maßgebender statischer Momente benützt Galilei für

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diesen Zweck die Produkte aus den Gewichten und den Falltiefen, d. h. die
Arbeit, und erkennt als die Bedingung des Gleichgewichts den Satz, daß die
Arbeit der Kraft (Kraft mal Kraftweg) gleich der Arbeit der Last (Last mal
Lastweg) ist.
Die Gleichung P · s = Q · w führt auf die Proportion P : Q = w : s. In
Worten: Wenn zwei Kräfte im Gleichgewicht stehen, so verhalten sie sich
umgekehrt wie die entsprechenden Wege. Oder auch: Was man mit einer
Maschine an Kraft ersparen kann, geht an Weg verloren. Man hat diesen
Grundsatz wohl nach Descartes benannt. In Wahrheit aber ist auch er auf
Galilei zurückzuführen.

Mängel der Galileischen Mechanik.

Die wesentlichste Unfertigkeit, welche für die Mechanik trotz dieser
Erfolge zunächst noch bestehen blieb, war der Mangel einer klaren Einsicht
in das Gesetz vom Parallelogramm der Kräfte. Galilei kannte zwar das
Parallelogrammgesetz, er wandte es aber, wie wir bei seiner Untersuchung
der Wurfbewegung sahen, nur zur Zusammensetzung von Bewegungen an.
Dagegen findet sich bei ihm kein Fall einer statischen Anwendung des
Prinzips von der Zusammensetzung der Kräfte.
Unfertig waren auch die Vorstellungen, zu denen Galilei hinsichtlich des
Wesens und der Wirkung des Stoßes gelangte. Seine dynamischen
Untersuchungen waren erfolgreich, solange er sich auf die Wirkung von
Kräften auf eine einzige Masse beschränkte, wie es bei der Fall-, der
Pendel- und der Wurfbewegung zutrifft. Bei der Stoßbewegung liegt nun
eine Aufgabe höherer Ordnung vor, da es sich hier um das Verhalten von
wenigstens zwei Massen unter der Wirkung von Kräften handelt. Die
Schwierigkeit dieses Problems ahnte schon das Altertum, als es die Frage
aufwarf, warum ein kleiner Stoß auf einen Keil viel mehr ausrichten könne
als ein großer Druck106. Galilei widmete dem Problem einen ganzen
Abschnitt seiner »Unterredungen«. Und wenn er es auch nicht auf
mathematisch formulierte Gesetze zurückzuführen vermochte, so ist doch
der Grad der Einsicht, zu dem er gelangte, ein hoher und für die weiteren
Fortschritte bedeutsamer gewesen.

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Mit voller Klarheit spricht es Galilei aus, daß die Kraft beim Stoße von
zwei Umständen abhängt, die beide die zu messende Energie bestimmen,
nämlich von der Masse des stoßenden Körpers und von seiner
Geschwindigkeit. Galilei hebt hervor, daß jeder Stoß Arbeit leistet,
während das ruhende Gewicht keine Arbeit leistet. Daher rührt auch seine
Vorstellung, daß die Kraft des Stoßes im Verhältnis zur Kraft des bloßen
Druckes gleichsam unendlich sei, weil bei letzterem der eine, die Energie
mitbestimmende Faktor, die Geschwindigkeit nämlich, gleich Null ist.
Galilei braucht daher für das ruhende, nur einen Druck ausübende Gewicht
mitunter den bekannt gewordenen Ausdruck totes Gewicht (Peso morto).
Seine Anschauung entspricht durchaus der heutigen Vorstellungsweise,
nach welcher die Bewegungsgröße eine andere Dimension als der Druck
besitzt und letzterer sich somit zum Moment des Stoßes wie die Linie zur
Fläche verhält. Wenn also Galilei sagt, die Kraft des Stoßes sei im
Verhältnis zur Kraft des Druckes unbegrenzt groß107, so liegt darin nichts
Unklares, wie man ihm wohl vorgeworfen hat. Man muß vielmehr in
diesem Ergebnis die glänzende Verstandesschärfe Galileis anerkennen und
zugeben, daß das Wesen der Sache ohne die Anwendung einer
mathematischen Formel kaum zutreffender ausgedrückt werden konnte.

Abb. 17. Galileis Versuch über Kräftebeziehungen in einem System von
Körpern108.

In seine Betrachtungen über das Wesen des Stoßes hat Galilei einen
Versuch eingeflochten, der zu den später entdeckten Kräftebeziehungen, die

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sich innerhalb eines Systems von Körpern darbieten, hinüberleitet. Galilei
brachte an einer Wage zwei übereinander befindliche Eimer durch ein
Gegengewicht ins Gleichgewicht. Von diesen Eimern war der obere mit
Wasser gefüllt, der untere dagegen leer. Darauf ließ er das Wasser durch
eine im Boden des oberen Eimers vorhandene Öffnung in den unteren
Eimer fließen und beobachtete, ob durch den Stoß des Wassers auf den
unteren Eimer das Gleichgewicht gestört wird. Es zeigte sich folgender
unerwarteter Verlauf. Während das Wasser aus dem oberen Eimer in den
unteren lief, blieb der Gleichgewichtszustand des ganzen Systems trotz des
Anpralls der Flüssigkeit vollkommen erhalten. Die Seite mit den Eimern
senkte sich nicht um eines Haares Breite. In dem Augenblicke, in welchem
das Ausfließen begann, senkte sich das Gegengewicht jedoch, das System
erschien also sogar leichter. Sobald aber das Wasser den unteren Eimer
erreicht hatte, ging das System in den ursprünglichen
Gleichgewichtszustand zurück.
Galilei nennt diesen Versuch zwar sinnreich, vermochte sich aber die
Erscheinung doch nicht recht zu erklären. Wir wissen, daß das anfängliche
Steigen des mit den Eimern beschwerten Wagearmes auf den
Reaktionsdruck des ausfließenden Wassers zurückzuführen ist. Eine zweite
Druckverminderung tritt für diesen linken Arm der Wage dadurch ein, daß
das Gewicht des in der Luft schwebenden, also noch im Fall begriffenen
Wassers nicht wirksam ist. Beide, ein Steigen des linken Armes bewirkende
Druckverminderungen werden aber von dem Augenblicke an, in dem der
Strahl den Boden des unteren Eimers erreicht, durch die Wirkung des
Stoßes vollkommen ausgeglichen.

Galilei untersucht die Festigkeit der Körper.

Grundlegend sind auch Galileis Untersuchungen über die Festigkeit
gewesen, wenn er auch unter dem Einfluß der Lehre vom Horror vacui zu
unrichtigen Vorstellungen gelangt ist.
Zunächst stellte er sich die Aufgabe, die Zugfestigkeit und die
Bruchfestigkeit zu bestimmen und ihr Verhältnis zu ermitteln. Es waren
Erfahrungen des praktischen Lebens, insbesondere der Bau- und der
Maschinentechnik, welche den Ausgangspunkt für diese Untersuchungen

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bildeten. Es sei eine bekannte Erfahrung, meint Galilei, daß eine Maschine
mitunter im Kleinen als Modell wohl gelinge, im Großen ausgeführt, aber
nicht bestehen könne. Eine größere Maschine, in den gleichen Proportionen
wie eine kleine hergestellt, besitze nämlich eine viel geringere Festigkeit.
So könne man auch kleine Obelisken und Säulen handhaben und aufrichten
ohne die Gefahr des Zerbrechens, während sehr große infolge der eigenen
großen Last bei jedem Zufall Gefahr liefen, zu bersten. Nicht nur für
Maschinen und Kunstwerke, sondern auch für alle Naturkörper bestehe
daher eine notwendige Grenze, über die man nicht hinausgehen könne,
wenn das Material dasselbe bleibt und auch die Proportionen gewahrt
werden. So würden bei einem Baume von 200 Ellen Höhe zweifelsohne die
Zweige unter ihrem Eigengewicht abbrechen; es müßte denn die Materie
widerstandsfähiger gewählt, oder es müßten die Verhältnisse geändert, z. B.
bei sehr großen Tieren die Knochen unförmlich dick gestaltet werden. Aus
diesem Grunde fänden sich die Riesen des Tierreiches nur im Wasser, weil
dort ihr Gewicht durch den Auftrieb ausgeglichen würde. Andererseits finde
man, daß bei einer Verminderung des Körpers die Kräfte nicht im gleichen
Maße abnehmen, sondern sogar relativ größer sind. Z. B. könne ein kleiner
Hund drei andere von gleicher Größe tragen, während ein Pferd wohl kaum
imstande sei, auch nur ein einziges Pferd auf seinem Rücken
fortzuschleppen.
Es sind das für die Einsicht in die Mechanik der Tiere und der Pflanzen sehr
wichtige Bemerkungen, die wir Galilei verdanken. Zu ihnen fügt er die
weitere Einsicht, daß auch die Anordnung der Materie die Festigkeit in
hohem Grade bedingt. Die Kunst und die Natur, sagt er, bedienten sich der
hohlen Körper in tausend Fällen. Denn hier werde ohne
Gewichtsvermehrung die Festigkeit bedeutend gesteigert. Als Beispiele
führt er die Knochen und die Grashalme an. Galilei begnügt sich aber
nicht mit der allgemeinen Beobachtung dieser Tatsache, sondern er zeigt
auch, daß sich die Bruchfestigkeiten zweier Zylinder von gleicher Masse
und Länge (Abb. 18), von denen der eine hohl, der andere massiv ist,
zueinander wie ihre Durchmesser verhalten.

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Abb. 18. Galilei vergleicht die Bruchfestigkeit hohler und massiver Zylinder.

Auch für die oben erwähnten Beobachtungen über die Inanspruchnahme
größerer und kleinerer Gegenstände, Organismen und Maschinen findet
Galilei den Grund in einem Satz der Festigkeitslehre. Dieser besagt, daß
der Widerstand der Körper gegen das Zerbrechen, wenn die
Formverhältnisse dieselben bleiben, nicht mit der Masse, sondern in
geringerem Maße wächst. Während nämlich die Massen prismatischer
Körper sich wie die dritten Potenzen der ähnlichen Seiten verhalten, wächst
der Widerstand gegen das Zerbrechen nur wie die Quadrate dieser Seiten.
Seine Theorie der Bruchfestigkeit begründet Galilei in folgender Weise.
Denken wir uns (Abb. 19) einen parallelepipedischen Balken in einer
Mauer befestigt und mit Q belastet, so können wir ihn als einen
Winkelhebel STU betrachten, dessen Drehpunkt T ist. An dem Arme TU
wirkt die Last Q, an TS wirkt der Gesamtwiderstand aller Fasern. TS ist die
Hälfte der Höhe h des Prismas, TU ist seine Länge. Setzen wir die
Momente gleich, so ist der Gesamtwiderstand X multipliziert mit h/2 = Q ·
l. Der Gesamtwiderstand ist aber gleich einer Konstanten für die Einheit des
Querschnittes, multipliziert mit dem Querschnitt (b · h), also gleich K · bh.
Die Gleichung, eine der wichtigsten der technischen Mechanik, nimmt also
die Form an:
K · bh · h/2 = Q · l
oder die Bruchfestigkeit (oder relative Festigkeit) des Balkens wird
ausgedrückt durch Q = ½ K · (bh2)/l. Galilei nahm bei seiner Ableitung
auf die Elastizität der Fasern noch keine Rücksicht. Für Körper wie Glas
und Stein ist dies zulässig, da man für diesen Fall die Annahme, welche
Galilei allgemein macht, gelten lassen darf, die Annahme nämlich, daß die
Fasern sich vor dem Abreißen nicht verändern, während sie in Wirklichkeit
sich ja zum Teil ausdehnen, zum Teil verkürzen und nur in einer gewissen

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Zone (neutrale Fasern) ihre Länge beibehalten, so daß das Zerreißen aller
Fasern nicht gleichzeitig stattfindet, wie Galilei voraussetzt. Unter
Berücksichtigung der Elastizität der Körper gilt daher in der heutigen
Mechanik ein kleinerer, in der Form aber dem von Galilei gefundenen
ganz entsprechender Wert:
(1/6 K (bh2)/l).

Abb. 19. Galilei untersucht die Bruchfestigkeit eines Balkens109.

Abb. 20. Galilei untersucht die Bruchfestigkeit von Prismen.

An diese Untersuchung anknüpfend, zeigt Galilei nun weiter, weshalb ein
Prisma auf schmaler Basis eine größere Bruchfestigkeit besitzt als ein
solches auf breiter (siehe Abb. 20). In beiden Fällen bleibt der Hebelarm
(BD) der Last unverändert. Auch der Widerstand ändert sich nicht, da er in
beiden Fällen gleich dem Widerstande aller Fasern der Basis AB ist. Was
sich dagegen ändert, ist der Hebelarm des Widerstandes. Er ist im ersten
Falle die Hälfte von AC, im zweiten dagegen nur die Hälfte von BC. Dem
größeren Hebelarm entspricht aber ein größeres Moment, und diesem
wieder eine größere relative Festigkeit.

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Die Mechanik der Flüssigkeiten und der Gase.

Auch der Mechanik der flüssigen Körper, die seit Archimedes keine
Förderung erfahren hatte, wurde von Galilei zuerst wieder Beachtung
geschenkt. Zunächst stellte er in seiner Schrift über die schwimmenden
Körper110 eine Nachprüfung der von Archimedes gefundenen
hydrostatischen Gesetze an und bestätigte ihre Richtigkeit. Dadurch
gelangte, gegenüber der unrichtigen Behauptung der Aristoteliker, daß das
Schwimmen eines Körpers vor allem von seiner Form abhänge, die richtige
Erkenntnis wieder zur Geltung. Diese Erkenntnis gipfelt darin, daß das
Schwimmen vom spezifischen Gewicht abhängt, und daß ein Körper
schwimmt, wenn sein spezifisches Gewicht kleiner ist als dasjenige der
verdrängten Flüssigkeit. Die Aristoteliker waren zu ihrem Trugschluß durch
die bekannte Erscheinung geführt worden, daß dünne Metallplatten auf dem
Wasser schwimmen. Galilei machte demgegenüber darauf aufmerksam,
daß solche Platten in einer Vertiefung auf der Oberfläche des Wassers ruhen
und daß sie untersinken und nicht wieder emporsteigen, sobald sie ganz in
die Flüssigkeit eingetaucht werden. Eine Erklärung des Schwimmens
dünner Metallplatten oder Nadeln auf einer spezifisch leichteren Flüssigkeit
vermochte erst das 18. Jahrhundert nach der Entdeckung der
Oberflächenspannung zu geben. Letztere gab auch Aufschluß über eine
Erscheinung, über die Galilei sich keine Rechenschaft zu geben
vermochte, die Erscheinung nämlich, daß Wassermassen auf Blättern sich
im Zusammenhang erhalten, ohne zu zerfließen.
Um das Sinken und Steigen von Körpern in Flüssigkeiten aus dem
spezifischen Gewichte der Flüssigkeiten zu erklären, stellte Galilei
folgenden Versuch an. Er brachte eine Wachskugel in reines Wasser und
bemerkte, daß sie untersank. Erhöhte er darauf das spezifische Gewicht der
Flüssigkeit, indem er Salz darin löste, so stieg die Kugel bei einem
bestimmten Konzentrationsgrade wieder empor.
Galilei entwickelte ferner für die Beschaffenheit der Flüssigkeiten eine
Auffassung, die bis auf den heutigen Tag allen Untersuchungen auf dem
Gebiete der Hydromechanik als Grundlage gedient hat. Danach bestehen
die Flüssigkeiten aus isolierten Teilchen, die sehr beweglich sind und
deshalb dem geringsten Drucke folgen. Infolgedessen pflanzt sich jeder
Druck durch die ganze Masse der Flüssigkeit fort.

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In dem Bestreben, die Mechanik der Flüssigkeiten auf die zunächst an
festen Körpern gewonnenen Grundsätze der allgemeinen Mechanik
zurückzuführen, wandte Galilei zum ersten Male das Prinzip der virtuellen
Geschwindigkeiten auf hydrostatische Verhältnisse an. Er schuf damit für
dieses Gebiet ein neues Beweisverfahren, das besonders durch Pascal in
seiner ganzen Bedeutung erfaßt und in vollem Umfange angewandt wurde.
Archimedes hatte für die Untersuchung der statischen Verhältnisse den
Begriff des statischen Moments geschaffen und bei der Erklärung der
einfachen Maschinen sein Augenmerk vornehmlich auf die Gewichte und
ihre Abstände vom Drehpunkt gerichtet. Stevin und Galilei dagegen
faßten die statischen Verhältnisse vom dynamischen Gesichtspunkt auf und
betrachteten die Gewichte und deren bei einer Verschiebung des Systems
auftretende, also virtuelle, Falltiefen oder vertikale Verschiebungsgrößen als
maßgebend für die Beurteilung der Gleichgewichtsbedingungen. Dieses
Prinzip der virtuellen Geschwindigkeiten oder Verschiebungen, wie man es
genannt hat, läuft im Grunde genommen auf den Satz hinaus, daß
Gleichgewicht besteht, wenn die Arbeit der Kraft gleich der Arbeit der Last
ist, da ja das Produkt aus dem Gewicht und der vertikalen Verschiebung als
die geleistete Arbeit betrachtet wird.
Am einfachsten und durchsichtigsten gestaltet sich bei Galilei die
Anwendung des Prinzips der virtuellen Geschwindigkeiten in dem Falle, in
dem es sich um das Eintauchen eines prismatischen Körpers in ein
gleichfalls prismatisches mit Flüssigkeit gefülltes Gefäß handelt. Galilei
vergleicht die Verschiebung oder, was sich dafür auch setzen läßt, die
Geschwindigkeit des Prismas mit derjenigen Verschiebung, die der
Flüssigkeitsspiegel in entgegengesetzter Richtung erfährt. Offenbar
verhalten sich die Verschiebungen oder die Geschwindigkeiten des Prismas
und des Spiegels umgekehrt wie die entsprechenden Flächen, nämlich die
Grundfläche des Prismas und die Oberfläche des Flüssigkeitsspiegels. Wird
das Prisma wieder herausgezogen, so findet in entsprechender Weise ein
Sinken des Spiegels statt. Das Produkt aus Gewicht und Geschwindigkeit
des eingetauchten Körpers wird dann, wenn Gleichgewicht bestehen soll,
gleich dem Produkte aus Gewicht und Geschwindigkeit der gehobenen
Flüssigkeitsmasse gesetzt und so das Prinzip der virtuellen
Geschwindigkeiten zur Anwendung gebracht. Galilei dehnte es auch auf
das Verhalten der Flüssigkeiten in kommunizierenden Röhren aus. Die

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Analogie zwischen diesem Verhalten und dem soeben geschilderten
Vorgang konnte ihm nicht entgehen. Entspricht doch dem Eintauchen des
Prismas und dem dadurch bewirkten Emporheben des Spiegels ein
Herabdrücken der Flüssigkeit in der engeren und ein Steigen in der weiteren
Röhre, wobei sich gleichfalls die Verschiebungen umgekehrt wie die
Querschnitte verhalten.
Auch mit Erfindungen hat Galilei die Hydromechanik bereichert. Er
erfand eine hydrostatische Schnellwage und konstruierte eine hydraulische
Maschine, für die ihm Venedig ein Patent verlieh111.
Wir haben hiermit die Art der Behandlung, die Galilei den Problemen der
Mechanik angedeihen ließ, kennen gelernt und werden ihm die
Berechtigung, von neuen Wissenszweigen zu sprechen, voll zugestehen
müssen. Durchdrungen von der Bedeutung des erschlossenen, auf der
innigen Verknüpfung des Versuches mit der mathematischen Ableitung
beruhenden neuen Weges, ruft er am Schlusse seines dritten Gespräches
aus: »Die in dieser Abhandlung vorgeführten Sätze werden, wenn sie in die
Hände anderer gelangen, immer wieder zu neuen, wunderbaren
Erkenntnissen führen. Und es wäre denkbar, daß in solcher Weise eine
würdevolle Behandlung sich allmählich auf alle Gebiete der Natur
erstreckte«. Diese Vorahnung sollte schon ein Menschenalter nach Galileis
Hinscheiden durch die Taten eines Newton, Huygens und anderer
Forscher der Erfüllung nahe gebracht werden. Indes schon Galilei selbst
hat sich durchaus nicht auf die Mechanik beschränkt, sondern, wenn auch in
bescheidenem Maße und mit geringerem Erfolge, seine Untersuchungen
den übrigen Gebieten der Naturlehre zugewendet.
Daß die Luft sich beim Erwärmen ausdehnt, war schon dem Altertum
bekannt. Beruhen doch auf diesem Verhalten manche physikalische
Schaustücke Herons. Galilei scheint trotz allen Dunkels, das die
Geschichte des Thermometers umgibt, der erste gewesen zu sein, der diese
Ausdehnung zum Messen des Wärmezustandes benutzt hat. Zwar enthalten
seine Schriften, soweit sie noch erhalten sind, kaum mehr als eine
Andeutung über diesen Gegenstand. So heißt es im »Dialog« an einer
Stelle, man dürfe nicht zweifeln, daß heißes Eisen beim Erkalten eher von
10 Grad auf 9 Grad sich abkühle als von 10 auf 6. Indes ist unter Grad hier
jedenfalls nur eine ganz unbestimmt gelassene Einheit zu verstehen.

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Angaben der älteren Biographien weisen darauf hin, daß Galilei schon vor
1597, als er sich mit den Werken Herons beschäftigte, ein Thermoskop
herstellte, das er bei seinen Vorträgen zeigte112. Es bestand aus einer unten
offenen und oben in eine Kugel endigenden Röhre (Abb. 21), in der sich
eine Flüssigkeit auf- und abbewegte. Letzteres geschah, sobald die in der
Kugel eingeschlossene Luft erwärmt oder abgekühlt wurde, da sie
dementsprechend einen größeren oder kleineren Raum einnahm.
Gleichzeitig mußte sich aber auch jede Schwankung des Luftdrucks an
diesem Instrument bemerkbar machen. Infolgedessen waren nur innerhalb
eines kurzen Zeitraumes angestellte Versuche vergleichbar.

Abb. 21. Galileis Thermoskop113.

Eine Verbesserung dieses Instrumentes bestand darin, daß man der Röhre
eine horizontale Lage gab und die Luft nur durch ein Flüssigkeitströpfchen
absperrte. Letzteres wurde bei den durch Wärmeunterschiede
hervorgerufenen Volumschwankungen hin- und herbewegt114. Ein Freund
Galileis 115 kam schon auf den trefflichen Gedanken, ein solches, seinen
Zwecken entsprechend abgeändertes Thermoskop zur Bestimmung der
Körperwärme von Kranken zu benutzen.

Galileis Untersuchungen über den Schall.

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Galilei hat auch unter den Neueren zuerst sich eingehender mit
akustischen Untersuchungen beschäftigt. Zwar rührt das erste neuere Werk116
über diesen Gegenstand von Mersenne her, während die Untersuchungen
Galileis nur gelegentliche Bemerkungen über akustische Dinge bringen.
Man muß jedoch annehmen, daß Mersenne, der mit Galilei in regem
Verkehr stand, seine Kenntnisse im wesentlichen Galilei verdankte.
Mersenne gebührt das Verdienst, die Forschungsergebnisse des Meisters
ausführlicher dargestellt und durch eigene Untersuchungen vervollständigt
zu haben.
Galilei behandelte im Anschluß an die von ihm entdeckten Gesetze der
Pendelschwingungen die Saitenschwingungen und zwar zunächst das
Phänomen des Mitschwingens117, das im physikalischen Denken nicht
geschulte Zeitgenossen aus einer Art Sympathie erklären zu können
glaubten118. Die Abhängigkeit der Tonhöhe von der Schwingungszahl
erkannte Galilei durch folgenden Versuch. Er fuhr mit einem scharfen
Eisen über eine Messingplatte. Jedesmal, wenn er dabei einen deutlichen
Ton erhielt, waren auf der Platte, entsprechend den Schwingungen des
Eisens, eine Menge feiner Striche in völlig gleichen Abständen
eingegraben. Erzielte er durch Ändern der Geschwindigkeit einen höheren
Ton, so waren die Striche gedrängter; wurde der Ton dagegen tiefer, so
nahmen die Abstände zu und zeigten dadurch eine geringere Zahl von
Schwingungen an. Diese Schwingungen machten sich auch dadurch
bemerklich, daß das Eisen, jedesmal wenn beim Hinwegstreichen über die
Messingplatte ein Ton entstand, in der Faust erzitterte, so daß die Hand ein
Schauer durchfuhr. Der Vorgang, sagt Galilei, sei genau derselbe, als wenn
wir flüstern und laut sprechen. Nur im letzteren Falle empfinde man im
Kehlkopf und im Schlunde ein Zittern.
Die Zahl der in der Zeiteinheit bei bestimmten Tönen entstandenen Striche
bot nun Galilei das Mittel, einen vorher nur in seiner physiologischen
Wirkung bekannten Vorgang der messenden physikalischen Untersuchung
zu unterwerfen. Zunächst richtete es Galilei so ein, daß zwei bestimmte
Töne, die er auf seiner Messingplatte durch schnelleres und langsameres
Streichen erzeugte, den Zusammenklang bildeten, den man in der Musik als
Quinte bezeichnet. Als Galilei darauf die Striche zählte und ihre
Entfernung ausmaß, fand er, daß auf 30 Striche, d. h. Schwingungen, des
einen Tones 45 Striche oder Schwingungen des anderen kamen.

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Bisher hatte man die Tonhöhe nur in ihrer Abhängigkeit von der Länge der
schwingenden Saiten betrachtet und auch hierbei einfache Beziehungen
entdeckt. Galilei erkannte als das Grundgesetz der Akustik, daß die Höhe
eines Tones von der Anzahl der Schwingungen abhängt, welche der tönende
Körper in der Zeiteinheit macht. Er fand durch jenen einfachen, soeben
geschilderten Versuch, daß diese Schwingungszahlen für den Grundton, die
Quarte, die Quinte und die Oktave sich verhalten wie 1 : 4/3 : 3/2 : 2 = 6 : 8
: 9 : 12.
Galilei untersuchte ferner die Töne schwingender Saiten in ihren
Beziehungen zur physikalischen Beschaffenheit dieser Saiten. Das Ergebnis
war folgendes: Bei gleicher Spannung und Beschaffenheit entsteht die
Oktave durch Verkürzung der Saite auf die Hälfte. Bei gleicher Länge und
Beschaffenheit erhält man die Oktave, wenn man die Spannung
vervierfacht. Will man bei gleicher Länge und Spannung die Oktave
erhalten, indem man die Saite feiner wählt, so muß man ihre Dicke auf ein
Viertel reduzieren. Indessen wird das akustische Verhältnis, wie Galilei
hervorhebt, nicht durch die Länge, die Spannung und den Querschnitt der
Saite verursacht, sondern durch die Zahl der Schwingungen oder
Lufterschütterungen, die unser Trommelfell treffen und es im gleichen
Tempo mitschwingen lassen.
Für diese Erscheinung des Mitschwingens oder der Resonanz gibt Galilei
folgende Erklärung: Die Schwingungen der Saite versetzen die Luft in
Bewegung. Jede mit der angeschlagenen gleich gestimmte Saite fängt, weil
sie im selben Tempo zu vibrieren vermag, beim ersten Impulse an, sich ein
wenig mit zu bewegen. Es werden nun aber ein zweiter, dritter und viele
andere Impulse hinzugefügt; und weil sämtliche Impulse die Saite zur
passenden Zeit treffen, so wird schließlich die Schwingung der
mitschwingenden Saite ebenso ergiebig wie diejenige der angeschlagenen.
Auch die Erscheinung der Konsonanz und der Dissonanz sucht Galilei aus
dem Verhältnis der Schwingungszahlen und aus der Beschaffenheit des
Gehörorgans zu erklären. Konsonant seien diejenigen Töne, die in einer
gewissen Ordnung das Trommelfell erschüttern. Dissonante Töne dagegen
bewirkten, daß die Knorpel des Trommelfells sich in steter Qual befänden,
weil die Erschütterungen, die solche Töne hervorriefen, nicht rhythmisch
zusammenträfen.

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Auch auf die Erscheinung der stehenden Wellen machte Galilei
aufmerksam. Er füllte ein Glas zum Teil mit Wasser und brachte das Glas
durch Streichen zum Tönen. Es zeigten sich dann Erhöhungen und
Vertiefungen der Oberfläche, die bestehen blieben, solange der Ton dauerte.
Sprang der Ton in die höhere Oktave über, so zerfiel jede Welle in zwei
Wellen.

Galileis optische und magnetische Untersuchungen.

Mit optischen Untersuchungen hat sich Galilei, abgesehen von seiner
Mitwirkung bei der Erfindung des Fernrohrs, kaum beschäftigt. Doch zeugt
es von Divinationsgabe, daß er eine endliche Geschwindigkeit des Lichtes
annahm, obgleich sein Versuch, sie zu messen, scheiterte. Der Versuch
selbst war so gut ausgedacht, daß wir ihn trotzdem schildern wollen, weil er
sich im Prinzip mit der später von Fizeau erdachten erfolgreichen
Versuchsanordnung deckt119.
In beiden Fällen handelt es sich nämlich um ein rasches Hin- und
Hersenden von Lichtsignalen zwischen zwei weit voneinander entfernten
Orten. Bei Galilei erhielten zwei Personen Laternen. Sie wurden zunächst
auf kurze Entfernung einander gegenübergestellt. Jeder hatte dann sein
Licht wiederholt aufzudecken und sofort wieder abzublenden. Das kurze
Aufdecken erfolgte jedesmal, wenn der eine Beobachter das Licht des
zweiten Beobachters erblickte. Darauf wurde der Abstand zwischen beiden
Personen auf eine Meile vergrößert und das Experiment wiederholt. Wäre
dann die Beantwortung der Signale in einem langsameren Tempo erfolgt, so
hätte man daraus auf die Zeit, die das Licht zu seiner Fortpflanzung
gebraucht, schließen können. Die Entfernung war indessen zu gering und
der Wechsel erfolgte nicht rasch und nicht gleichmäßig genug.
Infolgedessen verlief der Versuch ohne Ergebnis. Wir werden später sehen,
daß Fizeau ein solches erzielte, ohne die Entfernung erheblich zu
vergrößern, und zwar dadurch, daß er eine mechanische Vorrichtung ersann,
die einen gleichmäßigen Wechsel der Signale innerhalb des Bruchteils einer
Sekunde ermöglichte.
Zur Beschäftigung mit den magnetischen Erscheinungen wurde Galilei
durch das Studium des Gilbertschen Werkes veranlaßt. Er ließ sich dabei

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von dem Bestreben leiten, den Magnetismus, auf dessen kosmische
Bedeutung Gilbert zum ersten Male hingewiesen hatte, zur Erklärung
astronomischer Vorgänge zu verwerten. Betrachtungen über den
Magnetismus bilden daher einen nicht unwesentlichen Teil seines großen
Dialogs über die Weltsysteme120. Das erwähnte Bestreben offenbart sich
darin, daß er die unveränderliche Richtung der Erdachse aus der
magnetischen Natur der Erde zu erklären sucht und darauf hinweist, daß der
Mond »wie durch magnetische Kraft gebannt« stets ein und dieselbe Seite
der Erde zukehre121. Gilbert ging darin noch weiter und suchte auch die
Drehung der Erde um ihre Achse aus dem Magnetismus zu erklären. Er
nahm an, daß jede magnetische Kugel, wenn keine Widerstände sie daran
hindern, sich um sich selbst drehen müsse. Diese Ansicht vermochte der in
mechanischen Dingen Gilbert weit überlegene Galilei indessen nicht zu
teilen. Wohl aber erblickt er in den Bewegungen, welche die Erde nach der
koppernikanischen Lehre ausführt, eine Analogie zu den Bewegungen des
Magneten, der »in ähnlicher, vielleicht in derselben Weise« eine horizontale
und eine vertikale Kreisbewegung (infolge der Deklination und Inklination)
besitze122.
In der Erkenntnis, daß »der Magnet dem menschlichen Verstande ein weites
Forschungsfeld« darbiete, hat sich Galilei auch mit der Tragkraft des
Magneten, sowie mit der Herstellung von Armaturen und ihrer Wirkung
eingehender befaßt. Durch Armierung eines Magnetsteins verstärkte er
seine Kraft auf das Achtfache. Den Grund dieser Erscheinung erblickt er in
dem Umstand, daß die geglättete Armatur das angezogene Eisenstück in
viel mehr Punkten berühre als die gröbere und rauhere Substanz des
Magnetsteins. In einem anderen Falle123 will Galilei durch Armierung die
Tragfähigkeit auf das Achtzigfache gesteigert und bewirkt haben, daß der
Magnet 26mal soviel trug, als er Gewicht besaß.
Im vorstehenden haben wir die Verdienste Galileis um die Begründung der
neueren Naturwissenschaft kennen gelernt und gesehen, wie überall das
mathematische und induktive Verfahren durch diesen Mann zum
Durchbruch kam. Fast sämtliche Gebiete der Naturlehre empfingen die
kräftigste Anregung. Vor allem aber wurde das ganze Gebiet dieser
Wissenschaft von den Auswüchsen metaphysischer Betrachtungsweise, mit
denen es vorher so sehr verquickt war, befreit. Galileis Eigenart entsprach
es nämlich, daß er sich stets der Grenzen der Naturforschung bewußt blieb

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und sich darauf beschränkte, die Erscheinungen in ihrem Verlaufe und in
ihrem Zusammenhange mit verwandten Vorgängen scharf zu erfassen, ohne
in ein unfruchtbares Suchen nach den letzten Gründen zu verfallen. Eine
solche Beschränkung ist für die Erneuerung der Naturwissenschaft, wie sie
im Beginn des 17. Jahrhunderts erfolgte, von höchstem Werte gewesen.
Bevor wir uns dem weiteren Ausbau des von Galilei geschaffenen
Lehrgebäudes zuwenden, scheint es geboten, auch der Persönlichkeit des
einzigartigen Mannes gerecht zu werden.

Galileis Persönlichkeit und Schriften.

Galilei war nach den Berichten seiner Zeitgenossen groß, stark gebaut und
von ehrwürdigem Aussehen (siehe das Titelbild). Die Stirn war hoch, der
Blick voll Feuer und seine Rede angenehm und ausdrucksvoll. Dabei war er
kein einseitiger Gelehrter. Die Erholungsstunden widmete er der Musik und
der Malerei. Sogar einige Sonette sind von ihm vorhanden. Diese
künstlerische Veranlagung Galileis kam in seinen Schriften dadurch zum
Ausdruck, daß sie neben ihrer wissenschaftlichen Bedeutung sprachlich zu
dem Vollendetsten gehören, was die italienische Literatur des 17.
Jahrhunderts hervorgebracht hat. Gelehrte Unterhaltungen führte Galilei
nur mit seinen Freunden, suchten Unberufene ihn in solche hineinzuziehen,
so wußte er geschickt abzulenken.
Die gegen ihn gerichteten Verfolgungen setzten sich bis über das Grab
hinaus fort. Sogar das letztere wurde ihm streitig gemacht. Erst ein
Jahrhundert nach Galileis Tode wurde seinem letzten Wunsche
gewillfahrt, indem man die irdischen Überreste des großen Forschers in der
Kirche Santa Croce zu Florenz bestattete. Ein prächtiges Denkmal
schmückt jetzt diesen Ort. Von gleicher Tragik war das Geschick der
handschriftlichen Hinterlassenschaft Galileis. Von seinem Sohne sehr
vernachlässigt, von einem Enkel in einer skrupulösen Anwandlung zum Teil
verbrannt, gelangte sie endlich in die Hände Vivianis, der Galilei die
letzten schlimmen Lebensjahre ertragen geholfen. Vivianis Absicht, diese
Geistesschätze durch eine Herausgabe zu heben, wurde jedoch vereitelt. In
Florenz, wo mit dem Enkel desjenigen Mediceers, der Galilei in seinem
Lande eine Ehrenstätte bereitete, Andächtelei und Priesterherrschaft den
Thron bestiegen hatten, war der Name des großen Mannes geradezu verhaßt

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geworden. Viviani sah sich schließlich in der Furcht, daß ihm auf
obrigkeitlichen Befehl die Schriften abgenommen werden könnten,
genötigt, sie einem Verstecke anzuvertrauen. Erst im nachfolgenden
Jahrhundert wurden Galileis Manuskripte wieder entdeckt. Sie sollten
schon als Makulatur in die Hände eines Krämers wandern, als man noch
rechtzeitig ihren Wert erkannte und wenigstens einen Teil in die Bibliothek
zu Florenz hinüberrettete.
Eine Gesamtausgabe der Werke Galileis 124 erschien um die Mitte des 19.
Jahrhunderts. Eine auf Grund der eingehendsten Vorarbeiten veranstaltete
neue Ausgabe besorgte Favaro. Sie wurde durch staatliche Mittel
ermöglicht und umfaßt zwanzig große Bände125.
Um das Bekanntwerden der Werke Galileis hat sich ein Straßburger
Professor namens Bernegger verdient gemacht. Bernegger unterhielt mit
Galilei und mit Kepler einen lebhaften Briefwechsel126 und übersetzte
mehrere Schriften Galileis ins Lateinische, um sie dadurch der gelehrten
Welt zugänglicher zu machen. Galilei selbst hatte nämlich seine Werke
zum großen Teil in der Muttersprache veröffentlicht. Sein Hauptwerk, der
»Dialog« über die beiden hauptsächlichsten Weltsysteme (Deutsch von E.
Strauß im Jahre 1891 herausgegeben), erschien in der lateinischen, von
Bernegger besorgten Ausgabe schon 1635, also nur wenige Jahre nach der
ersten Veröffentlichung durch Galilei 127.

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4. Die Ausbreitung der induktiven Forschungsweise.
Der vorige Abschnitt war ausschließlich einer Darstellung und Würdigung
der von Galilei geschaffenen Grundlagen der neueren Wissenschaft
gewidmet. Es gilt jetzt zu zeigen, wie sich das neue Verfahren der
Naturforschung in Italien und bald darauf auch in den nördlichen Ländern
Europas ausbreitete.
Zunächst fand Galilei in Italien eine Anzahl begeisterter Schüler, die sein
Werk fortsetzten, wenn ihnen auch nur ein bescheideneres Können
verliehen war. Vivianis und seiner Bemühungen haben wir schon gedacht.
Ferner ist Torricelli zu nennen, der vor allem zur Fortsetzung der Arbeiten
Galileis berufen war. Beide Männer hatten während der qualvollen
Monate, welche der Auflösung des Meisters vorhergingen, mit diesem in
unmittelbarem Verkehr gestanden und pietätvoll aufgezeichnet, was den
unermüdlichen Geist während der letzten Spanne seines Erdenwallens
beschäftigte. Sie umstanden mit den Angehörigen das Sterbebett, an dem
leider auch die Bevollmächtigten der Inquisition nicht fehlten.

Die Versuche der Florentiner Akademie.

An Torricelli und Viviani schlossen sich eine Anzahl von gleichem
Streben erfüllter Männer an. So entstand in Florenz ein Verein, der sich die
Aufgabe stellte, die Natur auf dem Wege des Experimentes zu erforschen.
Unter den Mitgliedern dieser Accademia del Cimento128 (Schule des
Versuches) sind folgende hervorzuheben: Der Anatom Borelli, welcher die
Mechanik auf das Gebiet der Physiologie ausdehnte; der aus Dänemark
gebürtige Steno, dessen Untersuchung der toskanischen Gebirge die neuere
Geologie einleitete; ferner Redi, bekannt geworden durch seine
Experimente über die Urzeugung; Domenico Cassini, der Galileis
astronomische Arbeiten fortsetzte und später in Paris die Leitung der neu
errichteten Sternwarte übernahm. Diese Männer, die uns im weiteren
Verlaufe der Geschichte noch wiederholt begegnen werden, stellten

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gemeinsam in dem Zeitraum von etwa 1657 bis 1667 eine Fülle
grundlegender, meist physikalischer Versuche an, ohne sich dabei von
theoretischen Erwägungen leiten zu lassen. Zwar liegt darin eine gewisse
Einseitigkeit und ein Abweichen vom Geiste Galileis, der nirgends zu
einem bloßen Experimentator herabsinkt. Trotzdem war das Unternehmen
bei dem damaligen Mangel sicherer empirischer Grundlagen ein höchst
verdienstvolles.
Die Accademia del Cimento bestand nur zehn Jahre. Dann wurde sie
infolge der in Florenz aufkommenden hierarchischen Strömung wieder
aufgelöst129. Gleichzeitig wurden jedoch die von ihren Mitgliedern
erhaltenen Resultate bekannt gegeben130. Da die betreffende Schrift für die
weitere Entwicklung der experimentellen Physik von großer Bedeutung
war, so soll hier einiges daraus mitgeteilt werden. Sie beginnt mit der
Beschreibung und der Gebrauchsanweisung wichtiger Meßinstrumente. Vor
allem sind hier das Thermometer, das Hygrometer, das Aräometer und das
Pendel zu nennen.
Der umfangreichste Abschnitt trägt die Überschrift: Versuche über den
natürlichen Druck der Luft. Er enthält die Beschreibung des Barometers
und schildert zahlreiche, im Vakuum angestellte Versuche.
Ein Abschnitt handelt von der Herstellung und Wirkung der
Kältemischungen. Ein anderer enthält den ersten Versuch über
Wärmestrahlung. Eine größere Eismasse wurde in einiger Entfernung von
einem Hohlspiegel aufgestellt. Brachte man dann ein empfindliches
Thermometer in den Brennpunkt des Spiegels, so sank die Quecksilbersäule
unter die Temperatur der umgebenden Luft. Die weiteren Abschnitte
handeln von der Ausdehnung der festen Körper durch die Wärme, von der
Zusammendrückbarkeit des Wassers, der Fortpflanzungsgeschwindigkeit
des Schalles und des Lichtes, dem Magnetismus, der Elektrizität und der
Wurfbewegung. Die Akademiker zogen also alle Gebiete der Physik in den
Bereich ihrer Versuche. Allerdings war der Erfolg sehr verschieden.
Während man, wie wir sogleich im einzelnen sehen werden, auf dem
Gebiete der Mechanik die wertvollsten Aufschlüsse erlangte, waren die
Ergebnisse auf den Gebieten des Magnetismus und der Elektrizitätslehre
nur gering.

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Wir wenden uns den wichtigsten Untersuchungen, Entwürfen und
Entdeckungen der Florentiner Physiker zu und geben zunächst in Abb. 22
ein Gefäßbarometer in der zur Zeit der Akademie gebräuchlichen Form
wieder. Seine Teilung wurde durch eingebrannte Glasperlen bewerkstelligt.

Abb. 22. Das in den Abhandlungen der Accademia del Cimento dargestellte
Gefäßbarometer131.

Daß die Quecksilbersäule von der auf dem Quecksilberspiegel CBD
lastenden Luft getragen wird, bewiesen die Akademiker folgendermaßen:
Sie verbanden den kleinen, in der Abbildung links befindlichen Ansatz
luftdicht mit einer Spritze. Zogen sie den Kolben heraus, so sank das
Quecksilber in der Röhre beträchtlich, wurde dagegen durch Hineindrücken
des Kolbens auf die in dem weiten Gefäß befindliche Luft ein Druck
ausgeübt, so stieg das Quecksilber entsprechend dem größeren auf CBD
lastenden Gesamtdruck über A hinaus.
Der Apparat (Abb. 22) eignete sich auch vortrefflich, um die Abhängigkeit
der Gasspannung von der Temperatur nachzuweisen. Als die Florentiner
Physiker nämlich den kleinen Ansatz hermetisch schlossen und die über
dem Quecksilberniveau abgesperrte Luftmenge durch Eis abkühlten,
bemerkten sie, daß das Quecksilber in der Röhre fiel, während es beim
Erwärmen der abgeschlossenen Luft entsprechend der durch die
Temperatursteigerung erzeugten Druckzunahme stieg.

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Um Versuche im Vakuum anzustellen, bedienten sich die Akademiker, in
Ermangelung einer Luftpumpe, der in Abb. 23 dargestellten, ohne weiteres
verständlichen Vorrichtung. Sie erweiterten den oberen Teil des Barometers
zu einem Gefäß, das durch einen Deckel luftdicht geschlossen werden
konnte. An diesem Deckel wurden Gegenstände befestigt und deren
Verhalten untersucht, nachdem man in dem Apparat die Torricellische
Leere in der bekannten Weise hergestellt hatte. So wurde z. B., wie die
Abbildung andeutet, eine nur wenig Luft enthaltende, zugebundene Blase in
das Vakuum gebracht und auf diese Weise erkannt, daß sie infolge einer der
Luft zukommenden Expansivkraft erheblich anschwillt. Durch einen
ähnlichen Versuch wurde nachgewiesen, daß das Steigen von Flüssigkeiten
in engen Röhren auch im Vakuum stattfindet, also mit dem Luftdruck in
keiner Beziehung steht.

Abb. 23. Vorrichtung der Akademiker, um Versuche im Vakuum anzustellen132.

Die erste Erwähnung findet das Emporsteigen der Flüssigkeiten in engen
Röhrchen bei Lionardo da Vinci (1490). Die genauere Untersuchung
dieser unter dem Namen Kapillarität bekannten Erscheinung erfolgte
indessen erst im 17. Jahrhundert durch das Akademiemitglied Borelli.
Borellis Werk über diesen Gegenstand133 erschien gesondert von den
Veröffentlichungen der Akademiker, an deren Kapillaritätsversuchen er Teil
genommen hatte. Was Borelli darin schildert, sind die heute jedermann
geläufigen, bis zum 17. Jahrhundert indessen infolge ihrer Unscheinbarkeit
übersehenen Kapillaritätserscheinungen. Sie waren selbst Pascal noch

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nicht bekannt. In seinem berühmten Werk »Über das Gleichgewicht der
Flüssigkeiten«134 behauptet er nämlich, eine Flüssigkeit setze sich in
kommunizierenden Röhren stets ins Gleichgewicht, wie auch der
Durchmesser dieser Röhren beschaffen sei. Offenbar kann es sich hier nur
um eine vorgefaßte Meinung und nicht um das Ergebnis einer Prüfung
handeln, die Pascal sofort von der Unrichtigkeit seiner Behauptung
überzeugt hätte. Borelli entdeckte nicht nur das Ansteigen, sondern auch
den Zusammenhang mit der Beschaffenheit der Röhre. War letztere im
Innern feucht, so erfolgte das Ansteigen rascher. Die Höhe erwies sich
ferner abhängig von dem Durchmesser der Röhre. Borelli fand, daß die
Steighöhe dem Durchmesser umgekehrt proportional ist (h : hʹ= dʹ : d). Zog
er die Röhre aus der Flüssigkeit heraus, so blieb so viel davon im Innern
hängen, wie der Steighöhe entspricht.

Abb. 24. Durch Kapillarwirkung hervorgerufene Bewegungen.

Borelli entdeckte auch die mit der Kapillarität zusammenhängende
Erscheinung, daß sich schwimmende Körper (Holzplatten oder sehr leichte
auf dem Wasser schwimmen bleibende Metallplatten) innerhalb einer
gewissen Entfernung gegenseitig anziehen, wenn sie von der Flüssigkeit
benetzt werden (Abb. 24). Dagegen fand er Abstoßung, wenn der eine
Körper benetzt wird, der andere aber nicht. Eine befriedigende Erklärung
dieser merkwürdigen Erscheinungen vermochte das 17. Jahrhundert noch
nicht zu geben. Die erste Theorie der Kapillarität begegnet uns um die Mitte
des 18. Jahrhunderts135.
Die Mitglieder der Akademie stellten auch das erste wirkliche Thermometer
her. Das von Galilei zum Messen der Temperatur gebrauchte Instrument
war nur ein Thermoskop, d. h. es zeigte nur ein Mehr oder Minder von
Wärme an. Auch machte sich an ihm jede Schwankung des Luftdrucks
bemerkbar.
Ähnliche Thermoskope erfanden auch Guericke und Drebbel.
Guerickes Apparat bestand aus einer mit Luft gefüllten Metallkugel, an
die sich unten eine U-förmig gebogene, zur Hälfte mit Flüssigkeit gefüllte
Röhre anschloß (Abb. 25). In dieser Röhre befand sich ein Schwimmer, der

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wieder durch einen über eine Rolle geschlungenen Faden, wie die
Abbildung zeigt, mit einer schwebenden Figur verbunden war. Letztere
bewegte sich auf- und abwärts in dem Maße, in dem die Flüssigkeit,
entsprechend den Volumänderungen der in der Kugel eingeschlossenen
Luft, fiel und stieg.

Abb. 25. Guerickes Thermoskop136.

Eine ähnliche Vorrichtung, bei der eine Flüssigkeit durch die
Temperaturschwankungen eines mit Luft gefüllten Gefäßes zum Steigen
und Fallen gebracht wurde, verfertigte Drebbel 137. Er bezeichnete seinen
Apparat als ein Perpetuum mobile und suchte den Glauben zu erwecken,
daß es sich hier um eine der Ebbe und Flut des Meeres entsprechende
Erscheinung handle138. Galilei erhielt im Jahre 1612 Kenntnis von dem
Apparate Drebbels, der bis in die neuere Zeit hinein für den Erfinder des
Thermometers gegolten hat. Ein wirkliches Thermometer, das vom Wechsel
des Luftdruckes nicht merklich beeinflußt wurde, war erst das Instrument,
dessen sich die Accademia del Cimento bei ihren Untersuchungen bediente
(siehe Abb. 27). Höchst wahrscheinlich waren Galilei und Drebbel, ohne
von einander zu wissen, zur selben Vorstufe gelangt139. Wem dagegen die
Erfindung des eigentlichen Thermometers zu verdanken ist, weiß man
nicht. Das Instrument wurde schon 1641, also vor der Gründung der
Akademie in Italien gebraucht. Die grundsätzliche Neuerung, um deren
Zustandekommen sich vielleicht mehrere Physiker der Florentiner Schule
verdient gemacht haben, bestand darin, daß die Kugel und die Röhre

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luftleer gemacht und letztere oben, anfangs durch Siegellack und später
durch Zuschmelzen, vollkommen geschlossen wurde. Auf diese Weise war
der Luftdruck, der bei den Apparaten Galileis, Drebbels und Guerickes
neben den Temperaturveränderungen die Schwankungen der Flüssigkeit
veranlaßte, ausgeschlossen.

Abb. 26. Drebbels Thermoskop.

Abb. 27. Das in den Abhandlungen der Accademia del Cimento dargestellte
Thermometer140.

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Als Flüssigkeit, deren Ausdehnung zum Messen der Wärme diente,
benutzte man Weingeist. Die Skala besaß zwar hundert Teile; doch waren
die Angaben sehr schwankend, da man keine festen, leicht bestimmbaren
Punkte zugrunde legte, sondern für die niedrigste, sowie die höchste in
Toskana beobachtete Temperatur gewisse Punkte der Skala festsetzte. Erst
nach der Auflösung der Akademie brachte eines ihrer Mitglieder141 die noch
heute gebräuchlichen Fundamentalpunkte, nämlich den Schmelzpunkt und
den Siedepunkt des Wassers, in Vorschlag. Die Verfertigung der
Thermometer wird in den Abhandlungen der Accademia del Cimento mit
folgenden Worten beschrieben: »Zunächst hat der Glasbläser eine Kugel
von geeigneter Größe herzustellen und ihr eine Röhre anzufügen. Die
Füllung geschieht folgendermaßen: Die Kugel wird erhitzt und dann
plötzlich das offene Ende in Weingeist getaucht, der langsam hineinsteigt.
Das letzte Nachfüllen wird mit einem Trichter besorgt, der einen ganz dünn
ausgezogenen Hals hat. Das Rohr wird vorher in gleiche Teile geteilt und
jeder Teilstrich durch eine eingebrannte, weiße Glasperle bezeichnet. Dann
wird das Thermometer erwärmt und endlich, nachdem der Weingeist den
gewünschten höchsten Stand erreicht hat, vollkommen geschlossen.«
Weitere Versuche betrafen die Ausdehnung des Wassers beim Gefrieren und
seine Zusammendrückbarkeit. Man füllte ein metallenes Gefäß142 mit
Wasser, verschloß das Gefäß und brachte es in eine Kältemischung, deren
Anwendung zu wissenschaftlichen Zwecken gleichfalls ein Verdienst der
Akademie ist. Die Ausdehnung des Wassers bei seiner Umwandlung in Eis
erfolgte mit solch unwiderstehlicher Gewalt, daß das Gefäß zersprang, ein
Versuch, der ja in den Bestand der Vorlesungsversuche des heutigen
Physikunterrichts übergegangen ist.
Auch das Maß der beim Gefrieren eintretenden Ausdehnung bestimmten die
Akademiker; und zwar fanden sie, daß sich das Wasser bei diesem Vorgang
im Verhältnis von 8 : 9 ausdehnt. Ihre Kältemischung stellten sie aus
Schnee her, dem sie Kochsalz, Salpeter oder Salmiak beimengten.
Daß sich beim Auflösen von Salpeter die Temperatur erniedrigt, war wohl
schon im 16. Jahrhundert bekannt geworden. Als merkwürdig und
unerklärlich erwähnt Descartes die Kältemischungen aus Salz und Schnee
in seiner Schrift über die Meteore143. An den Nachweis, daß das Wasser sich
auszudehnen vermag, mußte sich die Frage knüpfen, ob diese Flüssigkeit
auch zusammengedrückt werden kann. Um darüber eine Entscheidung

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herbeizuführen, schloß man Wasser in eine silberne Kugel ein und suchte
ihre Form durch Pressen und Hämmern zu verändern144. Dabei bedeckte sich
ganz wider Erwarten die Kugel mit Wasser (siehe Abb. 28), das offenbar
durch das Silber hindurchgepreßt worden war.

Abb. 28. Versuch der Akademiker über die Zusammendrückbarkeit des
Wassers145.

Wie Galilei, so mühten sich die Akademiker auch ab, die Schall- und
Lichtgeschwindigkeit zu bestimmen. Ihr Verfahren, die
Schallgeschwindigkeit zu messen, bestand darin, daß sie die Zeit, die
zwischen dem Aufblitzen und dem Knall eines entfernten Geschützes
verfließt, durch Pendelschwingungen ermittelten. Auf die Temperatur der
Luft wurde hierbei noch keine Rücksicht genommen. Ihr Ergebnis, 1111
Par. Fuß in der Sekunde, kam dem wahren Werte näher als die früheren
Bestimmungen. Indessen glaubten die Akademiker irrigerweise, aus den
von ihnen erhaltenen Werten schließen zu dürfen, daß der Wind auf die
Schallgeschwindigkeit keinen Einfluß habe.
Die Bemühungen, die Geschwindigkeit des Lichtes zu ermitteln, konnten zu
keinem Ergebnis führen, da man noch zu keiner neuen Methode gelangt
war, sondern das von Galilei vorgeschlagene Signalverfahren benutzte.
Endlich sei noch erwähnt, daß die Akademie manchen Satz, den Galilei
nur ausgesprochen, aber noch nicht auf seine Richtigkeit geprüft hatte,
durch das Experiment erhärtete. So wurde eine Kugel von einem hohen

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Turme horizontal fortgeschossen, während man gleichzeitig eine gleich
große Kugel von demselben Standort frei herabfallen ließ. Es zeigte sich,
daß beide Kugeln, wie Galilei behauptet, zur selben Zeit aufschlugen.
Einige Überreste des physikalischen Apparats, den die Akademiker für ihre
Versuche geschaffen, finden sich noch in Florenz146. Die Akademie selbst,
die sich mit unvergänglichem Ruhm bedeckt hat, wurde schließlich auf
Betreiben der römischen Kurie geschlossen. Zum Glück war religiöse
Unduldsamkeit nicht mehr imstande, die Fackel der Wissenschaft zum
Erlöschen zu bringen. Fast zur selben Zeit als die Florentiner Akademie
aufgelöst wurde, entstanden nämlich nach ihrem Vorbilde die großen
Akademien in London und Paris, die ihre glorreiche Laufbahn bis auf den
heutigen Tag fortgesetzt haben und nebst zahlreichen
Schwestergesellschaften Hochburgen wissenschaftlicher, von keinerlei
Rücksichten gehemmter Forschung bilden.
Mit optischen Dingen hat sich unter den Mitgliedern der Akademie
besonders Torricelli beschäftigt. Er stellte winzige Glaskügelchen her und
lehrte sie als einfache Mikroskope von bedeutendem
Vergrößerungsvermögen gebrauchen. Er befaßte sich ferner mit
geometrischen Untersuchungen über die Wirkung der Linsen und
konstruierte Teleskope, welche diejenigen Galileis übertrafen147. Aber nicht
nur die Schüler und die Anhänger Galileis beschritten eifrig den Weg des
Versuches, sondern auch seine Gegner, die ihm besonders aus der Ecclesia
militans erstanden, verfolgten häufig denselben Weg. Es war immerhin ein
Zugeständnis dieser Kreise an den Geist der neueren Zeit, daß man nicht
mehr, wie in früheren Jahrhunderten, den Bannstrahl und scholastisches
Gezänke für ausreichend hielt, um das Emporkommen neuer Wahrheiten zu
unterdrücken. Ein solcher Gegner Galileis und der koppernikanischen
Lehre war der Jesuit Riccioli. Er hat sich trotz dieser Gegnerschaft
Verdienste um die Astronomie und die Mechanik erworben.
Giovanni Battista Riccioli (1598–1671) unternahm es, in Gemeinschaft
mit Grimaldi, die Gesetze des Falles, die von Galilei nur für die schiefe
Ebene experimentell nachgewiesen waren, für den freien Fall zu prüfen.
Beide Männer ließen um 1640 von einem Turm Kugeln aus verschiedener
Höhe herabfallen und maßen, während der eine oben, der andere unten
stand, die Zeit. Um letztere zu messen, bedienten sie sich kleiner Pendel,
die 6 Schwingungen in der Sekunde machten. Riccioli unternahm seine

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Versuche in der Absicht, Galilei zu widerlegen und selbst das wahre
Gesetz des Falles zu finden. Um die Werke Galileis lesen zu können,
mußte er die Erlaubnis seiner Oberen einholen, da Galileis Schriften von
der Indexkongregation verboten waren. Ricciolis Ergebnisse sind in
folgender Tabelle wiedergegeben:
Anzahl der Fallhöhe Fallraum in Verhältnis der
Pendelschwingungen in Fuß gleichen Fallstrecken
Zeiten
5 10 10 1
10 40 30 3
15 90 50 5
20 160 70 7
25 250 90 9
Ricciolis und Grimaldis Fallversuche entsprachen also vollkommen dem
von Galilei für den Fall über die schiefe Ebene gefundenen, für den freien
Fall aber noch nicht bewiesenen Gesetz. Es macht dem Charakter beider
Forscher alle Ehre, daß sie ihre eigene Niederlage unumwunden
eingestanden und die Anhänger Galileis von den Versuchsergebnissen in
Kenntnis setzten.
Spätere Versuche Ricciolis bezweckten, den Einfluß der Luft auf fallende
Körper zu ermitteln. Schon Galilei hatte den Widerstand der Luft für
größere Geschwindigkeiten als recht erheblich angenommen und zum
Beweise dieser Annahme einen Versuch vorgeschlagen, den aber erst die
Mitglieder der Accademia del Cimento zur Ausführung brachten. Galilei
schlug vor, man solle eine Flintenkugel aus einer Höhe von 100 Ellen
senkrecht auf eine Eisenplatte herab schießen und diesen Versuch in einer
Entfernung von wenigen Ellen wiederholen. Es sei wahrscheinlich, daß im
ersteren Falle die Kugel infolge der längeren Wirkung des Luftwiderstandes
mit geringerer Geschwindigkeit auf das Eisen treffen werde als im zweiten,
obgleich bei dem Schuß aus größerer Entfernung die durch das Pulver
erhaltene Geschwindigkeit durch den Fall noch wesentlich vergrößert
werde. Ob diese Vermutung richtig sei, müsse sich an der größeren oder
geringeren Formveränderung der Kugel ergeben. Die Akademie fand diese
Vermutung bestätigt, denn die aus großer Höhe herabgeschossene Kugel
war tatsächlich weniger verändert148.

Page 104

Bemerkenswert sind auch Ricciolis Versuche über diesen Gegenstand. Er
stellte zwei Tonkugeln von gleichem Gewicht her, von denen die eine
massiv war und 10 Zoll Durchmesser besaß, während die andere hohl war
und einen Durchmesser von 20 Zoll hatte. Beide Kugeln ließ Riccioli von
der Höhe des Campanile zu Bologna herabfallen. Dabei zeigte es sich, daß
die massive Kugel die 280 röm. Fuß betragende Strecke in 3,2 Sekunden
durchlief, während die hohle 4,2 Sekunden brauchte. Ferner stellte
Riccioli Fallversuche mit Kugeln von Blei, Ton, Wachs und Holz an und
beobachtete, daß der spezifisch schwerere Körper schneller als der
spezifisch leichtere fällt.
Riccioli war zwar ein Gegner des koppernikanischen Systems. Er hat sich
aber um die Astronomie trotzdem verdient gemacht, indem er unter dem
Titel Almagestum novum (1651) ein bedeutendes, eine Menge von
Tatsachen bietendes Sammelwerk dieser Wissenschaft herausgab.

Grundlegende optische Untersuchungen.

Auch für die Lehre vom Licht wurden um diese Zeit neue experimentelle
Grundlagen geschaffen. Das geschah vor allem durch Grimaldi.
Francesco Maria Grimaldi wurde 1618 in Bologna geboren, wirkte dort
als Lehrer der Mathematik und starb 1663. Er war ein sehr gelehrter Mann
und ein hervorragender Beobachter. Sein Hauptgebiet war die Optik, in die
er tiefer einzudringen verstand als irgend jemand vor ihm. Das Werk, in
dem Grimaldi seine Beobachtungen und Lehren über diesen Gegenstand
zusammenfaßte, erschien erst einige Jahre nach seinem Tode unter dem
Titel Physico-Mathesis de lumine, coloribus et iride149. In diesem Buche
findet sich nicht nur die erste Beschreibung des durch ein Prisma erzeugten
Sonnenspektrums150, es wird darin auch über merkwürdige Erscheinungen
berichtet, welche dem Gesetz der geradlinigen Fortpflanzung des Lichtes zu
widersprechen schienen, und mit dem Namen der Beugung belegt wurden.

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Abb. 29. Grimaldis Nachweis der Beugung des Lichtes151.

Abb. 30. Grimaldi beobachtet die Beugung an einem Lichtkegel.

Grimaldi ließ Sonnenlicht durch eine feine Öffnung in ein dunkles
Zimmer fallen und brachte in das so erhaltene Lichtbündel einen
undurchsichtigen Körper (s. Abb. 29). Fing man vermittelst eines Schirmes
CD den Schatten auf, so besaß dieser eine größere Breite (MN), als der
Konstruktion entsprach. Ferner war der Schatten von farbigen Streifen
umgeben, die seiner Begrenzung parallel liefen und sich auch in das Innere
des Schattens erstreckten. Ließ Grimaldi durch die Öffnungen CD und
GH (siehe Abb. 30) einen Lichtkegel fallen, der von dem Schirm IK
aufgefangen wurde, so besaßen die Grundflächen dieses Kegels nicht den
Durchmesser NO, den die geometrische Konstruktion auf Grund der
geradlinigen Fortpflanzung des Lichtes fordert, sondern einen größeren
Durchmesser IK.

Page 106

Diese Erscheinungen, insbesondere die zuerst beschriebene, die offenbar
nicht mit der infolge der Brechung auftretenden Farbenzerstreuung
identisch war, veranlaßte Grimaldi, das Licht als eine wellenförmige
Bewegung zu betrachten. »Wie sich um einen Stein, den man ins Wasser
wirft, kreisförmige Wellen bilden«, sagt er, »ebenso entstehen um den
Schatten des undurchsichtigen Gegenstandes jene glänzenden Streifen. Und
so wie jene kreisförmigen Wellen nichts anderes sind als angehäuftes
Wasser, um das sich eine Furche hinzieht, so sind auch die glänzenden
Streifen nichts anderes als das Licht selbst, das durch eine heftige
Zerstreuung ungleichmäßig verteilt und durch schattige Intervalle getrennt
wird. So wie endlich die kreisförmigen Wasserwellen breiter werden, wenn
sie sich von der Quelle ihrer Erregung entfernen, ebenso bemerken wir
dasselbe an den glänzenden Streifen, je weiter sie von dem Anfange ihrer
Erregung abstehen«152.
Wir finden hier die erste Andeutung der Undulations- oder Wellentheorie
des Lichtes, die in der neuesten Zeit zur vollen Geltung gelangte, da sie
nicht nur sämtliche Lichterscheinungen erklärte, sondern in manchen Fällen
sogar bisher unbekannte Phänomene vorherzusagen gestattete.

Abb. 31. Grimaldi entdeckt die Interferenz des Lichtes.

Der Gedanke, daß das Licht aus einer feinen Flüssigkeit bestehe, die in
wellenförmiger Bewegung begriffen sei, kehrt in Grimaldis Ausführungen
immer wieder. Auch die wichtige Beobachtung, daß »Licht zu Licht
addiert«, wie es später bei Arago lautet, Finsternis geben kann, hat
Grimaldi zuerst gemacht: »Ein erleuchteter Körper kann dunkel werden«,
sagt er153, »wenn zu dem Licht, das er empfängt, noch neues Licht
hinzutritt«. In dem Laden eines verdunkelten Zimmers wurden zwei Löcher
angebracht, durch welche Licht fiel. Jeder Lichtkegel gab für sich auf dem
weißen Schirm einen hellen, gegen die Ränder rötlichen Fleck. Ließ
Grimaldi nun die Lichtkegel teilweise übereinander greifen, (s. Abb. 31)

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so fand er, daß die Kreisbögen, welche den Mittelraum des von den
übergreifenden Rändern eingeschlossenen Stückes begrenzen, dunkel
erscheinen. Durch diese Versuche war die Interferenz des Lichtes entdeckt.
Auf den Gedanken, das weiße Licht aus farbigem zusammenzusetzen, ist
Grimaldi noch nicht gekommen. Durch weitere Versuche hat er aber
dargetan, daß weißes Licht durch bloße Reflexion, wie er sich ausdrückt, in
farbiges Licht verwandelt werden kann. Zu diesem Zwecke, ließ
Grimaldi 154 das Sonnenlicht auf eine feingeritzte Metallplatte und von dort
auf einen Schirm fallen. Es zeigten sich durch Beugung entstandene farbige
Streifen. Wir begegnen also schon hier an der Schwelle der neueren Physik
dem Verfahren, mittelst dessen heute die Gitter zur Erzeugung eines
Beugungspektrums hergestellt werden.
Grimaldi selbst hat aus dem Verhalten seiner geritzten Platte gegen das
Licht schon die im Tierreich an Federn, Insektenflügeln usw. so häufig
vorkommenden Schillerfarben erklärt, eine Untersuchung, welche die
neuere Zoologie wieder aufnahm und die Brücke 155 zu einem vorläufigen
Abschluß brachte.
Der zuletzt erwähnte Versuch mußte in Grimaldi schon die Überzeugung
wachrufen, daß die Farben Bestandteile des weißen Lichtes und nicht etwas
den Körpern Eigentümliches sind. Die Farben, sagt er wiederholt, seien
nichts vom Lichte Verschiedenes, das etwa in den farbigen Körper ohne die
Gegenwart des Lichtes vorhanden wäre. Die Ursache der Körperfarben
erblickt Grimaldi vielmehr in dem, was wir heute den molekularen Bau
der Körper nennen würden. Er meint nämlich156, ihre Ursache beruhe
wahrscheinlich auf der Lage der Poren, also auf dem Gefüge der Stoffe,
wodurch gerade diejenige Farbe, die dem betreffenden Körper eigentümlich
sei, zurückgeworfen werde. Die Farbe selbst, so führt er weiter aus, ist
danach eine durch die Natur des reflektierenden Körpers hervorgerufene
Modifikation des Lichtes und besteht wahrscheinlich in einer Änderung der
Bewegungsform und der Geschwindigkeit des letzteren. Wie die Töne
durch die Verschiedenartigkeit der Luftschwingungen hervorgerufen
würden, so würden auch die Farben dadurch erzeugt, daß das Auge von
Erzitterungen des Lichtes getroffen werde, deren Geschwindigkeit
verschieden groß sei und so die Unterschiede der Farben bedinge. Alles das
sind Anschauungen, die für die weitere Entwicklung der Optik grundlegend
gewesen sind.

Page 108

Daß Grimaldi zwischen der Auffassung, ob das Licht stofflicher Natur sei
oder in einem reinen Bewegungsvorgang bestehe, noch nicht scharf genug
zu unterscheiden vermochte, tut dem Werte seiner Versuche keinen, und
dem Werte der an diese Versuche geknüpften Lehren nur geringen
Abbruch157. Man findet daher bei den bedeutendsten Physikern des 17.
Jahrhunderts, vor allem bei Hooke und Newton, manche Spuren seiner
Anregungen, wenn auch beide Forscher auf diese Anregungen in ihren
Werken nicht immer hinweisen158.

Die Erforschung der Elektrizität und des Magnetismus.

Nicht nur in Italien, sondern auch in den übrigen Kulturländern hatte das
induktive Verfahren Wurzel geschlagen. Teils unabhängig von Galilei und
seiner Schule, teils angeregt von dieser, erstand eine stetig wachsende Schar
von Forschern, welche die Unfruchtbarkeit der alten Methode erkannten
und mit vereinten Kräften die Naturwissenschaften in das neue Fahrwasser
hinüberzulenken strebten. Während in Italien diese Wissenschaften durch
das Verhalten der in mittelalterlicher Denkweise beharrenden Kreise, wenn
auch nicht unterdrückt, so doch in hohem Grade gehemmt wurden, erwies
sich im Verlauf des 17. Jahrhunderts der Boden Englands und der
Niederlande für ihre Entwicklung besonders günstig. Im nördlichen Europa
waren durch die Reformation die Fesseln des blinden Autoritätsglaubens
gesprengt worden. Zwar wurde diese Bewegung bald durch neue Schranken
eingedämmt. In Deutschland ließen sie auch die politischen Verhältnisse
weniger zum Durchbruch kommen. Eine tiefgehende Wirkung blieb jedoch
nicht aus. Sie trat auch in den Geisteserzeugnissen jener Zeit zutage. In
England vor allem fand seit dem Zeitalter Elisabeths eine Neugestaltung
der gesamten Lebensverhältnisse, sowie eine Ausdehnung des
Gesichtskreises und des Machtbereiches statt, die eine in diesem Lande nie
vorher in solchem Maße gesehene Entfaltung aller Kräfte zur Folge hatten.
»Unter den Waffen«, sagt der Geschichtsschreiber dieser Periode159 »wuchs
der Handel. Die Erhaltung des Friedens im Innern erfüllte das Land mit
Wohlstand und Reichtum; man sah Paläste aufsteigen, wo sonst Hütten
gestanden hatten«. Hier war es, wo damals das Wort »Wissen ist Macht«160
erklang. Und daß dieses Wort seitdem gewürdigt wurde, ist eine der

Page 109

Ursachen von Englands Emporblühen gewesen, das, wie Bacon es einmal
ausdrückte, seine natürliche Stellung in der Welt gewann.
Der bedeutendste Forscher, der uns zu Beginn der neueren Zeit auf dem
Boden Englands begegnet, ist Gilbert. Ihm verdanken wir die erste
wissenschaftliche Behandlung der elektrischen und der magnetischen
Erscheinungen. Das Ergebnis seiner Untersuchungen hat Gilbert in dem
Werke161 »Über den Magneten« niedergelegt. William Gilbert wurde in
Colchester im Jahre 1540162 geboren. Er lebte seit 1573 als Arzt in London
und wurde von der Königin Elisabeth zu ihrem Leibarzt ernannt. Er starb
in London im Jahre 1603.
Zu seinen Untersuchungen wurde Gilbert durch die »Magia naturalis«
Portas, besonders aber durch den Umstand angeregt, daß die Magnetnadel
und der Erdmagnetismus für die Schifffahrt von solch außerordentlicher
Bedeutung geworden waren. Während aber Porta seine Darstellung der
physikalischen Erscheinungen noch mit phantastischem und
abenteuerlichem Beiwerk vermengte, betrat Gilbert gleich Galilei den
Weg der von Vorurteilen und unbegründeten Voraussetzungen absehenden,
auf Versuche sich aufbauenden Forschung. Das Ergebnis dieser
Bemühungen war ein wissenschaftliches, die Grundlagen für ein weites
Gebiet enthaltendes Werk, mit dessen Inhalt wir uns der Hauptsache nach
bekannt machen wollen.
Gilbert gebrauchte für seine Versuche kräftige Magnetsteine von
geeigneter Größe und gab ihnen die Kugelform. »Der so geformte Stein«
sagt er, »ist das getreue und vollkommene Ebenbild der Erde; wir wollen
ihn daher Terrella163 nennen«. Um die Pole des Magneten zu finden, nahm er
die Terrella in die Hand und legte einen dünnen Eisendraht über den Stein.
Letzteren bezeichnete er dort, wo der Draht haftete, mit Kreide. Darauf
brachte er die Mitte des Drahtes an eine andere Stelle, sowie an eine dritte
und an eine vierte, und versah jedesmal den Stein in der Längsrichtung des
Drahtes mit einem Strich. »Diese Striche«, sagt Gilbert, »werden den
Meridianen vergleichbare Linien auf der Terrella darstellen. Und es wird
sich deutlich zeigen, daß sie in den Polen der Terrella zusammenlaufen.« In
gleichem Abstande von diesen Polen der Terrella ließ sich dann ein größter
Kreis ziehen, der dem Äquator entsprach.

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Abb. 32. Die Pole eines kugelförmigen Magneten aufzufinden. (Aus Gilbert,
De magnete.)

Abb. 33. Die Teilung eines Magneten. (Aus Gilbert, De magnete.)

Ein anderes Verfahren, die Pole aufzufinden, besteht nach Gilbert darin,
daß man sich einer Magnetnadel bedient, die mit einer Vertiefung versehen
und auf der Spitze einer Nadel so angebracht ist, daß sie sich frei bewegen
kann. Diese Vorrichtung wird so auf den Stein AB in C gestellt, daß sich
die Nadel im Gleichgewicht befindet (Abb. 32). Darauf wird die Richtung
der ruhenden Nadel mit Kreide bezeichnet, dann das Instrument auf eine
andere Stelle gebracht und die Richtung wieder vermerkt. »Geschieht dies
an recht vielen Stellen, so wird man aus dem Zusammenlauf der Linien den
einen Pol an dem Punkte A, den andern bei B finden. Den Pol selbst zeigt

Page 111

die dem Steine genäherte Nadel dadurch an, daß sie sich rechtwinklig zur
Oberfläche einstellt und auf den Pol und somit nach dem Mittelpunkt des
Steines hinweist.«
Für seine Versuche über die Teilung des Magneten wählte Gilbert einen
länglichen Magnetstein AD, mit dem Nordpol A und dem Südpol D, und
teilte ihn in zwei gleiche Teile. Darauf ließ er den Teil AB in einem Gefäß
auf Wasser schwimmen. Er bemerkte, daß der Nordpol A nach Süden zeigte
und D nach Norden. B und C aber, die vorher miteinander verbunden
gewesen, waren jetzt zum Nord- und Südpol geworden. Der Südpol B zog
den Nordpol C an. »War kein Hindernis vorhanden und das Gewicht
aufgehoben, wie es auf der Oberfläche des Wassers der Fall ist, so näherten
sich diese Pole und vereinigten sich. Näherte man jedoch den Pol A dem
Pole C des anderen Steines, so flohen sie einander.« Es handelte sich bei
diesen Schilderungen Gilberts nicht etwa immer um ganz neue
Entdeckungen. Wir finden aber vor ihm keine solche klare, wissenschaftlich
zu nennende Darstellung. Einen Vorläufer besaß Gilbert in Petrus
Peregrinus, dessen im Jahre 1269 entstandene Abhandlung Ȇber den
Magneten« die älteste im Abendlande angestellte Untersuchung über diesen
Gegenstand und zugleich eins der frühesten Zeugnisse dafür ist, daß die
Anfänge der experimentellen Forschung bis auf das Mittelalter
zurückzuführen sind164.
Von dem Inhalt der Schrift des Petrus Peregrinus erhalten wir durch
folgende Kapitelüberschriften eine ungefähre Vorstellung: Auf welche
Weise der Magnet Eisen anzieht. – Wie das mit dem Magneten berührte
Eisen nach den Himmelspolen gerichtet wird. – Über die wechselseitige
Anziehung des Nord- und Südpols. – Vorschrift, die Pole aufzufinden. Sie
lautet: Man bringe den Magnetstein in ein hölzernes Gefäß. Dieses läßt man
in einem größeren mit Wasser gefüllten Behälter schwimmen. Der Stein
dreht dann das Gefäß, wie ein Seemann sein Schiff dreht, bis die Pole sich
nach den Himmelsrichtungen einstellen.
Von den magnetischen Erscheinungen wußte Gilbert die elektrischen wohl
zu unterscheiden, während vor ihm in dieser Hinsicht eine große Unklarheit
herrschte. Bis zu seiner Zeit kannte man die elektrische Anziehung fast nur
am Bernstein. Durch Gilberts Versuche wurde bewiesen, daß sich diese
Kraft auf alle festen Substanzen und sogar auf Flüssigkeiten erstreckt.
Tropfen, denen Gilbert elektrisierte Körper näherte, erhoben sich auf ihrer

Page 112

Unterlage. Die Einwirkung der Elektrizität auf Metalle stellte Gilbert fest,
indem er diese in der Form leicht beweglicher Nadeln anwandte und zeigte,
daß sie von elektrisierten Körpern angezogen werden. Daß zwischen den
letzteren auch eine Abstoßung stattfindet, ist von Gilbert übersehen
worden. Ganz unbekannt blieb ihm die elektrische Abstoßung jedoch nicht,
da er wenigstens die Beobachtung machte, daß die Flamme sich von einem
elektrisierten Körper fortbewegt.
Gilbert elektrisierte außer dem Bernstein auch Diamant, Saphir, Rubin,
Opal, Amethyst, Beryll, Bergkristall, Schwefel und Harz. Er wies nach, daß
all diese Substanzen nicht nur Spreu anziehen, sondern auch sämtliche
Metalle, Holz, Blätter, Steine, Erde, sogar Wasser und Öl, kurz, »alles, was
durch unsere Sinne wahrgenommen werden kann«. Um aber durch
Versuche festzustellen, wie diese Anziehung stattfindet und welches die
Stoffe sind, die alle Körper auf solche Weise anziehen, richtete er sich einen
3–4 Zoll langen Zeiger aus Metall her und brachte diesen auf der Spitze
einer Nadel, ähnlich wie bei einem Kompaß, leicht beweglich an. Näherte
er nun diesem Zeiger Bernstein oder Bergkristall, nachdem er sie gerieben
hatte, so geriet der Zeiger sofort in Bewegung.
Der Magnet, bemerkt Gilbert, äußere seinen Magnetismus ohne
vorhergehendes Reiben, sowohl im trockenen als im feuchten Zustande, in
der Luft wie im Wasser, ja selbst, wenn die dichtesten Körper, seien es
Platten aus Holz und Stein oder Scheiben aus Metall, dazwischen gebracht
seien. Der Magnet wirke aber nur auf magnetische Körper, während
elektrische Substanzen alles anzögen. Auch vermöge der Magnet
bedeutende Lasten zu tragen, während der elektrisierte Körper nur sehr
kleine Gewichte bewege165.
Die magnetischen Erscheinungen waren infolge der Verwendung, welche
die Boussole seit dem 12. Jahrhundert in Europa sowohl für die Schiffahrt
als auch beim Bergbau erfahren hatte166, weit mehr als die elektrischen
beachtet worden. So konnte die als Deklination bezeichnete Abweichung
der Nadel aus der Nord-Südrichtung einem aufmerksamen Beobachter nicht
wohl entgehen. Columbus hatte die Änderungen der Deklination auf
seiner Reise nach Westen bemerkt und war sogar auf den Gedanken
gekommen, diese Änderungen zur Bestimmung der geographischen Länge
zu benutzen. Er beobachtete 200 Seemeilen über Ferro hinaus eine
westliche Deklination von fünf Graden. Bei der weiteren Fahrt nach Westen

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vergrößerte sich diese Abweichung, während sie in Europa damals östlich
war. Die Neigung der um eine horizontale Achse drehbaren Magnetnadel
war gleichfalls bereits bekannt. Gilbert selbst teilt mit, daß ihre Größe im
Jahre 1576 für London gleich 71° 50ʹ gefunden sei167.

Abb. 34. Gilbert untersucht die Stellung eines kleineren Magneten zu seiner
Terrella168.

Gilberts wesentlichstes Verdienst bestand darin, daß er alle
erdmagnetischen Erscheinungen unter einem Gesichtspunkt vereinigte,
indem er die Erdkugel für einen einzigen großen Magneten erklärte. Zu
dieser Auffassung gelangte er, als er das Verhalten der Nadel gegen einen
kugelförmigen Magneten eingehend untersuchte und es mit dem Verhalten
der Magnetnadel gegen die Erde verglich. Daraus, daß die Nadel sich an
den Polen eines kugelförmigen Magneten senkrecht zur Oberfläche einstellt
(s. Abb. 34), schloß Gilbert, daß die Inklination in den nördlichen Teilen
der Erde größer sein müsse als in London, eine Vermutung, die später durch
Hudson während seiner Entdeckungsreisen in den polaren Gegenden
Amerikas bestätigt wurde. Hudson fand nämlich im Jahre 1608 schon
unter dem 75. Grad nördlicher Breite eine nahezu senkrechte Einstellung
der Inklinationsnadel. Dies war der Annahme Gilberts nicht ganz
entsprechend. Er meinte nämlich, der magnetische Nordpol müsse mit dem
geographischen zusammenfallen, wie er ja auch die tägliche Drehung als
eine Folge des Erdmagnetismus auffaßte. Galilei, der Gilbert schätzte
und seine Ergebnisse im wesentlichen gelten ließ, wies jedoch die Ansicht,

Page 114

daß jede freischwebende, magnetische Kugel sich um ihre Achse drehen
müsse, als irrtümlich zurück.
Von dem Nachweis, daß die Erde ein kugelförmiger Magnet ist, war es nur
ein Schritt zu dem Gedanken, daß auch die übrigen Weltkörper,
insbesondere der Mond und die Sonne, mit magnetischer Kraft begabt
seien169. Gilbert zögerte nicht, diesen Schluß zu ziehen und als Anhänger
des koppernikanischen Systems die Bewegung der Weltkörper, sowie die
Erscheinung von Ebbe und Flut auf den Magnetismus zurückzuführen.
Hierin folgte ihm auch Kepler, dessen Ansichten über die magnetische
Kraft der Sonne wir später kennen lernen werden.
Da Gilbert die geographischen Pole mit den magnetischen
zusammenfallen ließ, bedurfte die Erscheinung der Deklination einer
besonderen Erklärung. Gilbert, dem noch wenig Beobachtungsmaterial zur
Verfügung stand, hielt die Verteilung von Wasser und Land für die Ursache
jener Abweichung der Nadel. Seiner Meinung nach mußte im Innern
größerer Kontinente, wo der Einfluß des Meeres aufhörte, auch die
Deklination verschwinden. Die wenigen Beobachtungen, welche die
Seefahrer damals gesammelt hatten, waren geeignet, diese irrige Ansicht zu
unterstützen.
Zwar wußte Gilbert noch keine eigentliche Theorie der von ihm
gefundenen Tatsachen zu geben, wenn er auch die elektrischen
Erscheinungen in ähnlicher Weise, wie es schon das Altertum versucht
hatte, auf Ausflüsse zurückführte. Wie man die Luft als einen Ausfluß der
Erde betrachten müsse, so beruhe die Elektrisierbarkeit der Körper darauf,
daß eine gewisse feinste Flüssigkeit, die erforderlich sei, um den
Zusammenhang der Körper zu bewirken, infolge der Reibung aus ihnen
herausgetrieben werde. Dieses Fluidum sollte die elektrische Anziehung
leichter Körper vermitteln, ebenso wie nach Gilberts Ansicht die Luft es
ist, welche die ihrer Unterstützung beraubten Körper veranlaßt, sich dem
Mittelpunkt der Erde zu nähern. Diese Vorstellung von einer oder mehreren
Flüssigkeiten als Trägern der elektrischen Erscheinungen, die uns bei den
Alten und bei Gilbert im Keime begegnet, wurde vom 18. Jahrhundert, das
sich in hervorragendem Maße der Erforschung der Reibungselektrizität
zuwandte, festgehalten und zu einer wissenschaftlichen Theorie entwickelt.

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Hinsichtlich der magnetischen Erscheinungen verzichtete Gilbert auf eine
physikalische Erklärung. Er hielt diese Erscheinungen für die Folge einer
Beseelung der Materie. Jenseits der Ausflüsse, welche die elektrischen
Vorgänge veranlassen sollten, befinde sich der leere Raum, das Vakuum,
durch das hindurch unmöglich eine materielle Einwirkung stattfinden
könne. Daher nahm Gilbert – und auch hierin folgte dem Physiker der
Astronom Kepler – in den Weltkörpern eine Art seelischer Kraft an. Das
große Rätsel von der Wirkung der Materie in die Ferne begegnet uns also
schon hier an der Schwelle der neueren Naturwissenschaft170.
Der Mangel an klaren theoretischen Vorstellungen beeinträchtigt indessen
nicht den Wert experimentell gewonnener Ergebnisse. Und diese sind es,
die wir Gilbert in reichem Maße verdanken. Hervorgehoben seien noch
seine Versuche mit bewaffneten oder armierten Magneten. Letztere stellte er
dadurch her, daß er die Pole eines natürlichen Magneten mit Eisenkappen
bedeckte (siehe Abb. 35). Es zeigt sich, daß die Tragkraft durch eine
derartige Armierung bedeutend zunimmt. So trug ein Magnet vor der
Armierung 2 und nach der Armierung 12 Unzen Eisen. Die Abbildung zeigt
uns einen armierten Magneten, der zwei andere von gleicher Größe trägt171.

Abb. 35. Gilberts Versuche mit armierten Magneten172.

Mit dem Werke Gilberts kaum in Parallele zu stellen ist das dickleibige
Buch eines gelehrten Deutschen, das wenige Jahrzehnte später (1634)
erschien. Es führt den Titel »Magnes sive de arte magnetica« und hat den in

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Würzburg eine Professur bekleidenden Jesuitenpater Athanasius Kircher
zum Verfasser. Kircher steht mit Porta, Schwenter und ähnlichen vom
Forschergeist der neuen Zeit noch weniger erfüllten Männern auf einer
Stufe. Er ist kein Physiker wie Gilbert oder Galilei, sondern schildert mit
vielen Worten überraschende naturwissenschaftliche Erscheinungen und
den Laien fesselnde, naturwissenschaftliche Spielereien. Wir haben
Kirchers gesamtes, auch die Optik und andere Zweige der Naturlehre
betreffendes Wirken schon in einem früheren, jene Übergangszeit
behandelnden Abschnitt gewürdigt (Bd. I. S. 427). Hier sei als von
Bedeutung nur noch hervorgehoben, daß er die Stärke des Magneten
mittelst der Wage zu bestimmen suchte. Einen großen Umfang in Kirchers
Werk nehmen seine Vorschläge ein, mit Hilfe des Magnetismus
Krankheiten zu heilen. Auch manche Erscheinungen der Tierwelt, z. B. die
Züge der Vögel, werden auf diese Naturkraft zurückgeführt. Ein besonderer
Abschnitt ist dem Magnetismus der Liebe (Magnetismus amoris) gewidmet.
Das Buch schließt mit der Betrachtung, daß Gott totius naturae magnes, der
Magnet der gesamten Natur, sei.
Ganz hiervon abweichend und mit derjenigen Gilberts und Galileis
verwandt war die Geistesart eines anderen Deutschen, Ottos von
Guerickes, der nicht nur die Luftpumpe erfand, sondern zu den ersten
Erforschern der magnetischen und ganz besonders der elektrischen
Erscheinungen zu rechnen ist. Von Guericke rührt auch die erste, zwar
noch sehr einfache Elektrisiermaschine her. Sie findet sich in seinem Werke
»De vacuo spatio« abgebildet (siehe Abb. 36) und beschrieben. Zu ihrer
Herstellung füllte Guericke eine Glaskugel mit geschmolzenem Schwefel.
Nach dem Erkalten wurde das Glas zerschlagen und die so erhaltene
Schwefelkugel auf eine Achse gesteckt, die auf zwei Stützen ruhte. Als
Reibzeug diente die trockene Hand; ein Konduktor fehlte noch. Immerhin
war es die erste maschinelle Vorrichtung zum Erzeugen von Elektrizität.
Die geriebene Kugel zog Papier, Federn und andere leichte Gegenstände an
und führte sie mit sich herum. Wassertropfen, die man in ihre Nähe brachte,
gerieten in eine wallende Bewegung. Auch wurden ein Leuchten und ein
Geräusch wahrgenommen, wenn man der Schwefelkugel nach dem Reiben
den Finger näherte. Vermittelst dieser Maschine entdeckte Guericke auch
die von Gilbert noch übersehene Abstoßung gleichnamig elektrisierter
Körper. Ferner bemerkte er, daß ein von der Kugel abgestoßener Körper
wieder angezogen wird, nachdem er mit dem Finger oder mit dem Boden in

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Berührung gekommen ist. Brachte er z. B. eine Feder zwischen die
elektrisierte Kugel und den Fußboden, so hüpfte diese Feder auf und nieder.
Auch daß sich die Elektrizität der Kugel vermittelst eines leinenen Fadens
fortleiten läßt, wurde von Guericke nachgewiesen.

Abb. 36. Guerickes Elektrisiermaschine173.

Guericke beobachtete sogar schon, daß Körper elektrisch werden, wenn
man sie der geriebenen Schwefelkugel nur nähert. Er war also ein Vorläufer
von Aepinus, der als der eigentliche Erforscher der Influenzerscheinungen
betrachtet werden muß. Leider fand Guericke auf diesem Gebiete nicht die
Beachtung, die man seiner Luftpumpe und den Magdeburger Halbkugeln
zollte. Die Laien vermochten ihm hier nicht zu folgen, und die Gelehrten
ließen Guerickes Entdeckungen der Vergessenheit anheimfallen174.

Die Begründung einer Philosophie der Erfahrung.

In ganz anderer Weise wie Galilei und Gilbert machte sich zur selben
Zeit der Engländer Francis Bacon (1561–1626) um die Erneuerung der
Naturwissenschaften verdient. Hatte Gilbert gleich Galilei aufbauend und
durch die Tat geschaffen, so wirkte Bacon mehr zerstörend und durch das
Wort. Er war es, der die damalige geistige Atmosphäre von jenen
Trübungen reinigen half, die ihr aus der aristotelisch-scholastischen Periode
noch anhafteten. Dabei unterstützte ihn eine klare und gefällige
Ausdrucksweise. Mit beredten Worten kämpft er in seinem Hauptwerk, dem
neuen Organon175, gegen alles, was die Menschheit von der Ausübung des
induktiven Verfahrens bisher zurückgehalten hatte. Es sind das nach ihm
vor allem die »Idole« oder falschen Begriffe, die zum Teil in der Natur des
Menschen begründet sind, teils aber aus dem Zusammenleben entspringen.

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Nicht der menschliche Sinn ist bei Bacon das Maß der Dinge. Vielmehr
geschehen alle Auffassungen der Sinne und des Verstandes nach der Natur
des Menschen und nicht nach der Natur des Weltalls. Der menschliche
Verstand gleicht »einem Spiegel mit unebener Fläche, der seine Natur mit
den Strahlen der Gegenstände vermengt«. Aber auch die Eigenart der
einzelnen Menschen bedinge wieder eine besondere Auffassung. Ferner
beeinflusse die so oft unzutreffende Benennung von Sachen und Vorgängen
den Geist in merkwürdiger Weise, so daß »bloße Worte die Menschen zu
zahllosen leeren Streitigkeiten und Erdichtungen verleiten«. Der größte
Anlaß zu Irrtümern rühre aber von den Täuschungen der Sinne her. Alles,
was die Sinne erschüttere, werde über das gestellt, bei dem dies nicht
unmittelbar der Fall sei, wenn auch letzteres das Wichtigere sein sollte.
Darauf müsse man es z. B. zurückführen, daß die Natur der gewöhnlichen
Luft fast unbekannt sei. Die wahre Erklärung der Natur vollziehe sich durch
passende Versuche, wobei die Sinne nur über den Versuch, der Versuch aber
über die Natur das Urteil zu sprechen habe.
Das Ziel der Wissenschaften besteht nach Bacon darin, das menschliche
Leben mit neuen Erfindungen und Hilfsmitteln zu bereichern. Doch könne
man auf einen weiteren Fortschritt nur hoffen, wenn die Naturwissenschaft
vorzugsweise solche Versuche aufnehme, die zwar keinen unmittelbaren
Nutzen gewähren, aber zur Entdeckung der Ursachen und der Gesetze
dienen. Ferner sei nicht nur die Zahl der Versuche zu vermehren, sondern es
müsse durch eine neue Methode eine bestimmte Regel eingeführt werden.
Ein unbestimmtes, sich selbst überlassenes Experimentieren sei ein reines
Umhertappen und verwirre nur die Menschen, anstatt sie zu belehren. Wenn
aber die Naturforschung nach einer festen Regel in Ordnung und
Zusammenhang vorschreite, so lasse sich Besseres für die Wissenschaft
erhoffen.
Manche der bisherigen Erfindungen seien derart, daß niemand vorher eine
Ahnung von ihnen gehabt, sondern dergleichen als Unmöglichkeiten
betrachtet haben würde. Bacon erinnert an die Erfindung der Feuerwaffen
und des Kompasses. Man dürfe daher hoffen, daß die Natur in ihrem Busen
noch vieles verborgen halte, was mit dem bisher Gefundenen keine
Verwandtschaft und Ähnlichkeit habe, sondern weitab von den Wegen der
Einbildungskraft liege. Unzweifelhaft werde es im Laufe der Jahrhunderte
zum Vorschein kommen, ebenso wie es mit dem Früheren auch geschehen

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sei. Aber auf dem von ihm gezeigten Wege werde dies schneller und
sicherer geschehen.
Trotz dieser unleugbar richtigen Grundsätze einer Philosophie der
Erfahrung würde es verkehrt sein, Bacon für einen Naturforscher oder gar,
wie es auch wohl geschehen ist, für den eigentlichen Begründer der neueren
Naturwissenschaft zu halten. Das, was er forderte, war durch Galilei,
Gilbert und andere längst Wirklichkeit geworden. In allen Ländern regte
sich ein neuer, dem experimentellen Verfahren zugewandter Geist. Bacons
Verdienst war es, daß er diesen in einer klaren, oft prophetischen Weise zum
Ausdruck brachte. Wir dürfen ihn also nicht als den Erfinder, wohl aber als
einen beredten Verkünder der induktiven Forschungsweise bezeichnen. Es
sei daher noch einiges über die Eigenart und den Lebensgang dieses
merkwürdigen Mannes mitgeteilt.
Francis Bacon wurde am 22. Januar 1561 in London geboren. Er
bekundete frühzeitig eine hervorragende Begabung. Mit 13 Jahren bezog er
die Universität, mit 16 Jahren veröffentlichte er seine erste Schrift, in der er
bereits sein Lebenswerk, den Kampf gegen die scholastische Philosophie,
aufnahm. Die Anregung dazu ist Bacon von verschiedenen Seiten
gekommen. An vielen Orten waren während des 16. Jahrhunderts Männer
aufgetreten, die sich dem Einfluß der aristotelischen Lehren zu entziehen
und selbständig an das Studium der Natur zu gehen strebten. Unter ihnen ist
vor allem der Italiener Telesio zu nennen, dessen Hauptwerk »De natura
rerum« im Jahre 1565 erschienen war176. Sowohl Bacon als auch Giordano
Bruno zollten dem Telesio große Anerkennung.
Bei einem Aufenthalt in Frankreich hatte Bacon dagegen in Palissy einen
Mann kennen gelernt, der ohne die Kenntnis der griechischen und
lateinischen Quellen sich der Erforschung der Natur widmete und durch
seine Erfindungen und Entdeckungen die Aufmerksamkeit der gelehrten
Kreise Frankreichs auf sich gezogen hatte. Palissy machte wichtige
Erfindungen auf dem Gebiete der Keramik und beschrieb ein von ihm
angelegtes Mineralienkabinett. Er bekämpfte die Alchemie, erklärte die
Versteinerungen für Überreste von Lebewesen und entwickelte in seiner
Abhandlung über die Gewässer und die Quellen ein klares geologisches
Verständnis. Dieser seltene Mann177 hielt in Paris Vorträge, denen auch
Bacon beiwohnte.

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Von Beruf war Bacon Staatsmann. Eine glänzende Beredsamkeit, vereinigt
mit einem oft allzu geschmeidigen Wesen, unterstützte sein ehrgeiziges
Streben. Sprach er, so hatte er seine Zuhörer so in der Gewalt, daß jeder
fürchtete, er möchte schon am Ende angekommen sein. Staffel auf Staffel
erklimmend, dabei wenig wählerisch in seinen Mitteln, gelangte Bacon
schließlich zur höchsten Würde, indem ihn der König zum Großkanzler und
zum Baron von Verulam erhob. Dies geschah zu einer Zeit, als sich in
England die Anzeichen bevorstehender politischer Umwälzungen immer
mehr geltend machten und der Widerstand des Parlaments gegen die Krone
und deren Vertreter in stetem Wachsen begriffen war. Eins der ersten,
indessen nicht schuldlosen Opfer dieses Streites ist Bacon geworden.
Damals war die Unsitte, Beamten Geldgeschenke zu machen, in England
sehr verbreitet. Auch Bacon nahm solche entgegen, um den Aufwand, den
seine Stellung mit sich brachte, zu bestreiten. Bacon wurde infolgedessen
der Bestechlichkeit bezichtigt, wenn er auch beteuerte, bei seiner amtlichen
Tätigkeit auf die Schenker niemals Rücksicht genommen zu haben. Das
Parlament hielt jedoch Bestechlichkeit in mehr als zwanzig Fällen für
erwiesen, und das Haus der Lords verurteilte den Kanzler und obersten
Richter Englands zum Verlust seiner Stelle. Niemals dürfe Bacon wieder
ein öffentliches Amt bekleiden, noch im Parlament sitzen, auch solle er aus
der Nähe des Hofes verbannt sein, so lautete das harte, wenn auch gerechte
Urteil178. Die Verurteilung geschah im Jahre 1621. Den Rest seines Lebens
verbrachte Bacon in der Zurückgezogenheit, mit der Abfassung
philosophischer Werke beschäftigt.
Obgleich Bacon auf Experimente drang und lehrte, daß alle Philosophie
von der Erfahrung ausgehen müsse, hat er keinen Versuch von Bedeutung
angestellt. Sein mathematisches und physikalisches Wissen war selbst für
seine Zeit gering. Er kannte die Werke Galileis und Gilberts, hatte jedoch
zu ihrem eingehenden Studium offenbar keine Muße gefunden. Während
Galilei mit dem Fernrohr den Himmel durchforschte, zweifelte Bacon, ob
Instrumente von Nutzen seien179. Auch blieb er Zeit seines Lebens ein
Gegner der koppernikanischen Lehre. Ebensowenig fanden die Fortschritte
der Mechanik, die wir Galilei und seinen Schülern verdanken, die
Beachtung Bacons. Auf diesem Gebiete beharrte er gänzlich in den Fesseln
der Scholastik, die er im übrigen bekämpfte. Man höre nur seine
Ausführungen über die Bewegung des Zitterns. »Sie ist,« heißt es180, »die

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einer ewigen Gefangenschaft, in der die Körper nicht ihrer Natur
entsprechend gestellt sind, sich aber auch nicht ganz schlecht befinden. Sie
bewegen sich deshalb hin und her, weil sie weder mit ihrem Stand zufrieden
sind, noch es wagen, weiter vorzuschreiten.« Als eine Bewegung solcher
Art faßte er z. B. diejenige des Herzens auf. Ja, er kennt sogar eine
»Bewegung aus Abscheu vor Bewegung«. Daß er an dem aristotelischen
Begriff der Leichtigkeit und Schwere festhielt und z. B. zu untersuchen
empfahl, ob die Luft ein absolut leichter oder ein schwerer Körper sei, darf
uns daher nicht wunder nehmen181.
Trotz seines Unvermögens, Eigenes in der von ihm gewollten Richtung zu
vollbringen, ist Bacons Einfluß nicht zu unterschätzen. Seine Werke haben
manche tüchtige Kraft ermuntert, sich in den Dienst der großen, von Bacon
in den Vordergrund gerückten Aufgabe zu stellen, der Aufgabe nämlich, die
wahre Herrschaft des Menschen dadurch zu begründen, daß letzterer sich
zum Herren der Naturkräfte mache. In der Philosophie ist Bacon der
Urheber derjenigen Richtung, die von der Erfahrung ausgeht und als
Realismus bezeichnet wird. Auch auf die Pädagogik hat sich sein Einfluß
erstreckt. Comenius, der Vater der neueren Pädagogik, wurde in erster
Linie durch Bacons Schriften veranlaßt, das größte Gewicht auf die
Anschauung zu legen. »Die Jugend recht unterrichten«, sagt Comenius,
»heißt nicht ihr einen Mischmasch von Worten, Phrasen, Sentenzen und
Meinungen einstopfen, sondern ihr das Verständnis für die Dinge öffnen.
Warum sollen wir nicht statt fremder Bücher das lebendige Buch der Natur
aufschlagen?182 Fast niemand lehrt Physik durch Anschauung und
Experiment. Alle unterrichten durch mündlichen Vortrag des aristotelischen
Werkes oder eines anderen.«

Die Denkweise des 17. Jahrhunderts.

Neben Italien, Frankreich, den Niederlanden und England hat sich auch
Deutschland an der Neubegründung der Naturwissenschaften beteiligt. Hier
war das koppernikanische System entstanden; von hier aus hatte die
Reformationsbewegung einen großen Teil der europäischen Menschheit
ergriffen. Zwar drohte die befreiende Kraft, welche dieser Bewegung
innewohnte, unter neuen starren Formen, sowie in endlosen
Religionskämpfen zu ersticken. Die evangelische Hierarchie war nicht

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weniger darauf bedacht, die Lehrfreiheit zu beschränken, wie es in Italien
durch den katholischen Klerus geschah. Ebensowenig wie in diesem Lande
hätte es an deutschen Hochschulen ein Gelehrter wagen dürfen, sich zur
koppernikanischen Weltanschauung zu bekennen. Dazu kam in den
protestantischen Ländern ein solch weitgehender Haß gegen den
Katholizismus, daß selbst vernünftige Neuerungen, wenn sie von Rom
ausgingen, zurückgewiesen wurden. So erging es z. B. der von Gregor
XIII. im Jahre 1582 ins Leben gerufenen Reform des Kalenders. Bis dahin
hatte die Christenheit mit dem julianischen Jahr von 365¼ Tagen gerechnet,
obgleich schon Hipparch und Ptolemäos wußten, daß die Dauer des
Jahres geringer ist. Alle Bemühungen, den stetig wachsenden Fehler des
Kalenders zu beseitigen, an denen auch Koppernikus lebhaften Anteil
genommen, waren vergeblich geblieben. Dieser Fehler belief sich zur Zeit
Gregors schon auf 10 Tage. Er wurde dadurch ausgemerzt, daß man die
Tage vom 5. bis zum 15. Oktober 1582 ausfallen ließ und anordnete, daß in
Zukunft die Säkularjahre, sofern sie nicht durch 400 teilbar sind,
gewöhnliche Jahre bleiben sollten183.
Die allgemeine Annahme des gregorianischen Kalenders wurde besonders
durch Kepler befürwortet, der 1613 als Begleiter des Kaisers auf dem
Reichstage zu Regensburg erschien. Die protestantischen Stände
betrachteten jedoch die Frage als eine Religionssache und lehnten jeden
Vermittlungsvorschlag ab. Volle hundert Jahre dauerte es, bis der
Verwirrung ein Ende bereitet wurde und dank den Bemühungen eines
Leibniz die Kalenderreform in den protestantischen Gegenden
Deutschlands Eingang fand184.
Wie bezüglich des Kalenders und des koppernikanischen Systems, so übte
damals in allen Dingen eine noch nicht hinlänglich geläuterte Religiosität
einen überwiegenden Einfluß aus. Indem sie sich auch mit politischen
Interessen verquickte und den Gegensatz des alten und des neuen
Bekenntnisses in Kriegen und Verfolgungen zum Ausdruck brachte, wie sie
die Menschheit blutiger und zerstörender kaum gesehen, verlieh dieser auf
Irrwegen befindliche Religionseifer dem 17. Jahrhundert sein
eigentümliches Gepräge. Bevor jedoch in Deutschland der dreißigjährige
und in England der Bürgerkrieg entfesselt wurde, Begebenheiten, die in der
Entwicklung dieser Länder einen langen Stillstand herbeigeführt und viele
Keime in ihrem Ansatz zerstört haben, hatte der wissenschaftliche Sinn dort

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schon in solchem Maße Wurzel geschlagen, daß er wohl gehemmt, nicht
aber wieder vernichtet werden konnte. Während des 16. und des 17.
Jahrhunderts lief die geistige Entwicklung, zumal in Deutschland darauf
hinaus, die scholastisch-aristotelische Denkweise zurückzudrängen und
zunächst das humanistisch-philologische, dann aber auch das
naturwissenschaftliche Element an deren Stelle zu setzen. Zwar blieb das
Denken der großen Masse, dem Gesetz der Trägheit zufolge, das auch auf
geistigem Gebiete seine Geltung hat, zunächst noch in den alten Banden
befangen. Indes nahm während der Generationen, welche dem deutschen
Religionskriege vorangingen, die Zahl der selbständig denkenden Männer
stetig zu. Gleichzeitig erlebten Kunst, Gewerbfleiß und Handel einen
bedeutenden Aufschwung und wirkten befruchtend auf viele Zweige der
Wissenschaft.
Einen Beweis, welches Ansehen Aristoteles trotzdem noch immer genoß,
bietet die Geschichte der Entdeckung der Sonnenflecken. Als nämlich im
Jahre 1611 der Jesuit Scheiner sie fast gleichzeitig mit Fabricius und
Galilei auffand, meinte sein geistlicher Vorgesetzter, es könne sich hier nur
um Fehler der Gläser oder der Augen handeln, da er den Aristoteles
zweimal durchgelesen und nichts von derartigen Dingen gefunden habe.
Scheiner ließ sich jedoch durch dieses Urteil nicht beeinflussen. Er stellte
etwa 2000 Beobachtungen185 über die Sonne zusammen und dehnte seine
Forschungen mit Erfolg auf den Vorgang des Sehens und die Beschaffenheit
des Auges aus.

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5. Die Astronomie im Zeitalter Tychos und Keplers.
Koppernikus hatte das heliozentrische Weltsystem gegründet. Durch
deutsche Geistesarbeit sollte es auch seinen weiteren Ausbau erfahren und
auf den Boden unzweifelhafter Gewißheit erhoben werden. Zu dieser Tat
war Johannes Kepler berufen, der bedeutendste Astronom, den
Deutschland im 17. Jahrhundert hervorgebracht hat. Nicht nur die
Forschungen Keplers, sondern auch sein Lebensgang verdienen
eingehender gewürdigt zu werden.

Keplers Entwicklungsgang.

Johannes Kepler wurde am 27. Dezember 1571 in dem
württembergischen Städtchen Weil geboren. Schon im frühesten
Lebensalter begann für ihn eine Kette von Widerwärtigkeiten, die sich
durch sein ganzes Leben hindurch fortsetzen sollten. Es ist ein eigenartiges
Stück Kulturgeschichte, das uns dieser Lebensgang darbietet. Keplers
schwächlicher Körper wurde wiederholt von Krankheiten heimgesucht. Im
Elternhause herrschte ehelicher Zwist. Der Vater nahm Kriegsdienste. Nach
seiner Rückkehr verlor er durch Übernahme einer Bürgschaft seine geringe
Habe. Später zog er von neuem hinaus. Er fiel im Kampfe gegen die
Türken. Nach einer freudlosen Jugend wurde Kepler, da er seines
schwächlichen Körpers wegen für einen praktischen Beruf untauglich war,
in eine Klosterschule und darauf in das theologische Stift zu Tübingen
geschickt.
»Was auf dem Gebiete der Geometrie und der Astronomie vorkam«, schrieb
Kepler später186, »begriff ich ohne Schwierigkeit. Ich wurde auf Kosten des
Herzogs von Württemberg unterhalten. Meine Fortschritte in der
Gelehrsamkeit bewies mein Mysterium cosmographicum.« Es ist dies
Keplers im Jahre 1596 erschienenes astronomisches Erstlingswerk, das
uns nach Inhalt und Bedeutung noch beschäftigen wird.

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Die Anregung zu mathematischen und astronomischen Studien empfing
Kepler durch den in Tübingen lehrenden Mästlin. Mästlin (1550–1631)
bekleidete dort die Professur für Mathematik und Astronomie. Er war ein
Anhänger der koppernikanischen Lehre und soll auch Galilei für diese
gewonnen haben. Mästlin hat das »aschfarbene« Licht des Mondes daraus
erklärt, daß das Sonnenlicht von der Erde auf den Mond zurückgeworfen
werde.

Abb. 37. Johannes Kepler 187.

Zwischen Mästlin und Kepler entwickelte sich ein freundschaftliches
Verhältnis. In dem Maße, wie Keplers Interesse für die Astronomie
zunahm, wurde er der damals herrschenden Theologie entfremdet. Letztere
war nämlich im evangelischen Württemberg zu einer Orthodoxie erstarrt,
die jede freie Regung hemmte und in Dogmen zum Ausdruck kam, die in
das wahrhaft religiöse Gemüt Keplers keinen Eingang fanden. Als Kepler
sich dazu noch als ein Anhänger der koppernikanischen Lehre bekannte,
war es um seine theologische Laufbahn geschehen. Er wurde als ungeeignet
für den Kirchendienst bezeichnet und konnte von Glück sagen, daß er durch
Mästlin eine Stelle in Graz erhielt. Hier mußte er Mathematik und
Rhetorik vortragen, sowie den Kalender schreiben, wobei die Voraussage
des Wetters und der politischen Ereignisse von besonderer Wichtigkeit war.
Mit welch schwerem Herzen mag der so aufrichtige Mann oft dies Geschäft
erledigt haben, das er selbst als die »eitelste, aber notwendige Amtsarbeit«
bezeichnete! »Mutter Astronomie müßte gewißlich Hunger leiden«, sagte er

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ein anderes Mal, »wenn die Tochter Astrologie nicht das Brot erwürbe.«
Daß Kepler übrigens in gewissem Sinne eine Einwirkung kosmischer
Vorgänge auf irdische Begebenheiten für möglich hielt, ersieht man aus
dem Schlußabschnitt seines »ausführlichen Berichtes über den im Jahre
1607 erschienenen Kometen und dessen Bedeutung«188. Kepler führt darin
aus, er wolle nicht unbedingt in Abrede stellen, daß durch Kometen
Seuchen hervorgerufen werden könnten. Wenn nämlich der Schwanz die
Erde berühre, so könne es geschehen, daß die Luft verunreinigt werde. Da
dies aber selten vorkomme, so müsse man nach einem anderen Grunde
suchen, um eine etwaige natürliche Wirkung der Kometen zu erklären. »Ist
etwas daran«, so fährt er fort, »daß nach der Ordnung der Natur
Überschwemmung, Trockenheit oder Pestilenz durch einen Kometen
verursacht und also vorbedeutet werden, so muß dies folgendermaßen
zugehen: Wenn im Himmel etwas Seltsames entsteht, so empfinden dies
alle Kräfte der natürlichen Dinge. Diese Sympathie mit dem Himmel
erstreckt sich besonders auf die Kraft, die in der Erde steckt und ihre
inneren Zustände beherrscht. Die Folge ist, daß diese Kraft feuchte Dämpfe
emportreibt, wodurch Regen und Überschwemmung und schließlich
allgemeine Seuchen entstehen.«
Auch der Mensch, wenn er selbst blind wäre, besitze doch dergleichen
empfindliche und auf den Himmel aufmerkende Kräfte, die durch einen im
Himmel auftauchenden Kometen ebenfalls beunruhigt würden und nicht
allein zu unnatürlichen Bewegungen des Geblütes und infolgedessen zu
Krankheiten, sondern auch zu starken Gemütserregungen Veranlassung
geben könnten. Diese Auffassung Keplers ist weit verschieden von dem
abergläubischen Hang zur Sterndeuterei, der seine Zeit beherrschte. Sind es
doch gerade Keplers Forschungen gewesen, welche der Astrologie den
Boden entzogen haben. »Die sogenannten Irrsterne,« sagt einer seiner
Biographen189, »die durch ihre Bewegungen die Schicksale bestimmen
sollten, irrten nun nicht mehr, und die mystische Deutung, welche die
Astrologie diesem Umherschweifen gab, verlor jeden Anhalt.«
Trotzdem war Kepler, wenn er als Astronom sein Brot verdienen wollte,
zum astrologischen Frondienst gezwungen. Dieser Umstand brachte ihn
auch in Berührung mit zwei geschichtlichen Persönlichkeiten, mit Kaiser
Rudolf II. und Wallenstein, deren Hang zur Astrologie bekannt genug
geworden ist. Ein glücklicher Zufall fügte es, daß die von Kepler seinem

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ersten Kalender einverleibten Prophezeiungen, ein strenger Winter nämlich
und der Ausbruch von Unruhen, wirklich eintrafen. Ein Erfolg dieser Art
wurde damals von der urteilslosen Menge höher eingeschätzt als die
Abfassung eines gelehrten Buches.
Die freie Entfaltung der Wissenschaft wurde zu Keplers Zeit auch durch
das Fehlen desjenigen ethischen Momentes, das wir als akademische
Lehrfreiheit bezeichnen, und das wir auch heute noch immer gegen
rückwärts gerichtete Bestrebungen verteidigen müssen, in hohem Grade
gehemmt. Eine Lehrfreiheit konnte sich nur in dem Maße entwickeln, in
dem der Streit mit Worten und das gegenseitige Ausspielen von Autoritäten
durch die greifbaren und logisch verknüpften Ergebnisse der exakten
Forschung zurückgedrängt wurden. Der letzteren ist es zu danken, daß das
αὐτὸς ἒφα (Er, d. h. der Meister, hat's gesagt) allmählich verstummte und
eine neue, die Wahrheit kündende Sprache an dessen Stelle trat, die Sprache
nämlich, in welcher die Natur auf die an sie gerichteten Fragen Antwort
gibt.
Zu der Zeit, die wir kennzeichnen, konnte ein Mästlin von dem Senat der
evangelischen Universität Tübingen gezwungen werden, die Astronomie
entgegen seiner Überzeugung nach dem System des Ptolemäos zu lehren
und gegen den gregorianischen Kalender zu schreiben. Als er zauderte,
erteilte man ihm einen Verweis. Mästlin mußte sich fügen, wenn er nicht
seine Stelle verlieren wollte. Er entledigte sich der aufgezwungenen Arbeit,
indem er einige unbedeutende Mängel des Kalenders rügte. In eine neue
Verlegenheit geriet Mästlin, als Kepler ihm von Graz seine erste
astronomische Arbeit, das Mysterium cosmographicum190, zusandte, damit
sie in Tübingen im Druck erschiene. Der Senat erhob Einwendungen, weil
die dem Werke zugrunde liegende Lehre von der Bewegung der Erde das
Ansehen der heiligen Schrift schädigen könne. »Was ist zu tun?« schrieb
Kepler darauf an Mästlin. »Ich denke, wir machen es wie die Pythagoreer
und teilen nur uns gegenseitig mit, was wir entdecken. Ich möchte Dir um
meinetwillen keine Feinde machen.« Die Schwierigkeiten wurden
schließlich überwunden. Das Werk erschien, und der jugendliche Verfasser
sandte es an Tycho und an Galilei, die bedeutendsten zeitgenössischen
Astronomen, mit denen er auch später in Verbindung blieb.

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Keplers Konstruktion der Planetensphären.

Das Bestreben, das Kepler nicht nur bei der Abfassung seiner ersten
Schrift, sondern auch bei allen übrigen Arbeiten beherrschte, gipfelt darin,
einfache arithmetische oder geometrische Beziehungen zwischen den
Entfernungen und den Geschwindigkeiten der Planeten nachzuweisen. Die
Lösung des ersten Teiles dieser Aufgabe hat er in seinem »Mysterium«
vergeblich gesucht, während ihm die Bewältigung des zweiten Problems
nach großen Mühen gelungen ist.
Als Kepler seine wissenschaftliche Tätigkeit begann, war die
Naturwissenschaft von pythagoreischen und platonischen, auf Zahl und
Maß sich gründenden Spekulationen überwuchert. Dieser Geist war es, der
auch in Keplers Erstlingswerk zum Ausdruck kam.
Die Zahl der damals bekannten Planeten betrug sechs: Merkur, Venus, Erde,
Mars, Jupiter, Saturn. Den Grund für diese Zahl glaubte Kepler in der
Existenz der fünf regelmäßigen Körper gefunden zu haben, die er zwischen
die für kugelförmig gehaltenen Planetensphären einschaltete. Wir wollen
ihn dieses Mysterium, auf das er so stolz war, daß er einmal äußerte, er
würde die Ehre dieser Entdeckung nicht um den Besitz des Kurfürstentums
Sachsen preisgeben, selbst verkünden lassen: »Die Erdbahn liefert die
Sphäre, die das Maß aller übrigen ist. Um diese Sphäre (η in Abb. 38)
beschreibe ein Dodekaëder. In der Sphäre, welche dieses umschließt, liegt
die Bahn des Mars (♂ in Abb. 38). Um die Marssphäre beschreibe man ein
Tetraëder. Eine diesem Körper umschriebene Kugelfläche würde die Bahn
des Jupiter enthalten (s. Abb. 39, γ). Letztere umschließe mit einem Würfel;
die umschriebene Sphäre (α) enthält die Bahn des Saturn (♄). Ferner
errichte innerhalb der irdischen Sphäre ein Ikosaëder; die demselben
eingeschriebene Kugelfläche enthält die Bahn der Venus (s. Abb. 38, ♀ ).
Beschreibt man innerhalb ihrer Sphäre ein Oktaëder, so umschließt das
letztere die Sphäre des Merkur.«

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Abb. 38. Keplers Konstruktion der Planetensphären.

Kepler legt also eine Folge von sechs Kugelflächen zugrunde, denen die
fünf regulären Körper ein- bzw. umgeschrieben sind. Es zeigte sich, daß die
Radien jener sechs Sphären ungefähr den von Koppernikus ermittelten
verhältnismäßigen Entfernungen der Planeten entsprachen. Die von
Koppernikus berechneten Werte weichen indes von den später geltenden
erheblich ab. Auch wurde die Annahme, daß die Planeten sich in Kreisen
bewegen, von Kepler selbst durch die mühevolle Arbeit der nachfolgenden
Jahre widerlegt. Das »Mysterium« war daher nur ein Versuch, dem man
indessen seine Berechtigung nicht absprechen darf. Besteht doch die
Tätigkeit des Forschers, wenn es sich um einen Fortschritt von
grundlegender Bedeutung handelt, meist in der Aufstellung einer neuen
Idee und der sich daran anschließenden Prüfung, ob das gesamte
Tatsachenmaterial sich in den Rahmen dieser Idee einfügen läßt. Ähnlich
verfuhr auch Galilei. Zunächst entwickelte er aus dem Begriff der
gleichförmig beschleunigten Bewegung alle Umstände derselben. Dann
zeigte er durch den Versuch, daß die Körper beim Fall über die schiefe
Ebene ein Verhalten zeigen, das dem Begriff der gleichförmig
beschleunigten Bewegung entspricht. Auch unsere heutige
Naturwissenschaft besteht in der Vereinigung von Gedankenerzeugnissen,
die sich als Systeme, Hypothesen und Theorien darstellen, mit der Summe
des zurzeit bekannten Tatsachenmaterials. Weder die Gebilde einer nicht
genügend gestützten Spekulation, noch die Erfahrungstatsachen allein sind
Wissenschaft. Kepler selbst gesteht einmal, er habe 19 Hypothesen

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ersonnen und wieder verworfen, ehe er zu der wahren, den Tatsachen
entsprechenden Vorstellung gelangt sei.

Abb. 39. Keplers Konstruktion der Planetensphären. Orbium planetarum
dimensiones et distantias per quinque regularia corpora geometrica exhibens. α =
Sphaera Saturni. β = Cubus. γ = Sphaera Jovis. δ = Tetraëder. ε = Sphaera
Martis. ζ = Dodekaëder. η = Orbis Terrae. θ = Ikosaëder. ι = Sphaera Veneris. κ =
Oktaëder. λ = Sphaera Mercurii. m = Sol. (Abb. 38 und 39 sind Keplers
Mysterium cosmographicum entnommen; siehe Opera omnia, Bd. I.)

Fortschritte der Beobachtungskunst.

Keplers Aufenthalt in Steiermark dauerte nicht lange. Der von Jesuiten
erzogene Erzherzog Ferdinand, der spätere Kaiser Ferdinand der
Zweite, wurde einige Jahre nach der Veröffentlichung des »Mysteriums«
Keplers Landesherr. Als solcher begann er den Protestantismus mit der
Wurzel auszurotten. Wie ein Verbrecher wurde Kepler, der sich in Graz
eine glückliche Häuslichkeit gegründet hatte, des Landes verwiesen. Dieses
Ereignis, so traurig es für den Betroffenen war, hatte das Gute im Gefolge,
daß es Kepler in persönliche Berührung mit Tycho, dem Meister der
astronomischen Beobachtungskunst, brachte. Erst dadurch, daß Kepler
Tychos Beobachtungen verwerten konnte, wurde es ihm möglich, seine
Lebensaufgabe, die in der Erforschung der wahren Bewegung der Planeten
bestand, zu erfüllen.

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Tycho Brahe 191 stammte aus Schweden. Er wurde im Jahre 1546 geboren
und zeigte schon als Jüngling, angeregt durch die Beobachtung einer
Sonnenfinsternis und das Studium des Almagest, ein großes Interesse für
die Himmelskunde. Auch der Alchemie war er zugetan. Ja, er hoffte, durch
sie die zur Errichtung einer Sternwarte erforderlichen Mittel zu bekommen.
Als Tycho eines Abends im November des Jahres 1572 sein
alchemistisches Laboratorium verließ und den Blick auf den ihm
wohlbekannten Sternenhimmel lenkte, nahm er einen neuen, vorher nicht
gesehenen Stern in der Cassiopeia wahr. Andere hatten diesen Stern schon
einige Tage vor Tycho gesehen. Einen Monat später hatte das neue Gestirn
an Glanz den Jupiter fast erreicht. Im Frühling des Jahres 1572 erschien es
als Stern erster Größe; darauf nahm es stetig ab. Im Beginn des folgenden
Jahres besaß es kaum mehr als 5. Größe, um im Jahre 1574 ganz zu
verschwinden.
Die Astronomen gerieten über dieses Vorkommnis in eine leicht
begreifliche Erregung. Da man mit Aristoteles den Fixsternen ein
wandelloses Sein zuschrieb, glaubten die meisten, die Erscheinung habe
innerhalb der planetaren Region stattgefunden. Daran knüpften sich die
unsinnigsten Vermutungen. Nach einigen war das in Frage kommende
Gestirn sogar vom Jupiter in Brand gesteckt worden. Demgegenüber wies
Tycho nach, daß der neue Stern sich jenseits der äußersten Planetensphäre
befunden haben müsse, da er seine Stellung zu den Fixsternen nicht
verändert habe. Der Zufall fügte es, daß das plötzliche Aufleuchten eines
Sternes innerhalb des kurzen Zeitraums von 1572–1604 wiederholt vorkam,
wodurch den Astronomen die Wichtigkeit genauer Fixsternverzeichnisse
von neuem nahegelegt wurde.
Keine Wissenschaft ist so sehr durch fürstliche Gunst gefördert worden wie
die Astronomie. Allerdings hat dabei oft weniger das Interesse für den
Gegenstand den Ausschlag gegeben, als der Glaube, daß in den Sternen das
Schicksal geschrieben sei. Dies erfuhr auch Tycho. Durch die Freigebigkeit
des dänischen Königs192 wurde er in den Stand gesetzt, auf einem zwischen
Schonen und Seeland gelegenen Inselchen193 eine Sternwarte zu errichten,
wie sie die Welt in gleicher Großartigkeit noch nicht gesehen. Diese Warte
erhielt den Namen Uranienborg. Sie blieb 20 Jahre die Arbeitsstätte
Tychos, dem sich hervorragende Mitarbeiter zugesellten. Tychos größtes
Verdienst bestand darin, daß er den astronomischen Messungen einen bis

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dahin nicht erreichten Grad von Genauigkeit verlieh und auf diese Weise
den Grund für jeden weiteren astronomischen Fortschritt legte. Um die
Rektaszension eines Sternes zu finden, hatte man bisher am Tage den
Abstand des Mondes von der Sonne bestimmt und in der darauffolgenden
Nacht die Stellung des Mondes mit derjenigen der Sterne verglichen. Eine
weit größere Sicherheit wurde dadurch erreicht, daß Tycho die Venus, die
mitunter am Tage sichtbar ist, zu diesem Zwecke verwertete, anstatt des
seine Stellung rasch ändernden Mondes. Der Unterschied der
Rektaszensionen zweier Sterne ergibt sich aus der Zeit, die zwischen ihren
Kulminationen verfließt. Ein hierauf sich gründendes Verfahren zur
Ortsbestimmung der Gestirne setzt aber die Benutzung genau gehender
Uhren voraus. Tychos Augenmerk war daher schon auf eine möglichst
scharfe Bestimmung des Zeitablaufs gerichtet. Da er jedoch auf Sanduhren
und auf Räderuhren ohne Pendelvorrichtung angewiesen war, ließ sich
diese Aufgabe nur unvollkommen lösen.
Besonders übertraf Tycho seine Vorgänger in der Genauigkeit des
Winkelmessens. Zuerst benutzte er einen Kreuzstab. Später (1569) ließ er
einen riesigen Quadranten aus Holz verfertigen, den uns Abb. 40 zeigt. Die
Teilung befand sich auf einem Messingreif, dessen Halbmesser sich auf 6 m
belief. Die Ablesung erfolgte mittels eines an einem Metallfaden
herabhängenden Lotes. Die Beobachtungen erfolgten durch die beiden
Lochvisiere. Infolge der gewaltigen Dimensionen des an einem vertikalen
drehbaren Eichenpflock befestigten Quadranten war die Genauigkeit der
Messung eine beträchtliche.

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Abb. 40. Tychos Riesenquadrant194.

Tychos Riesenquadrant war unter freiem Himmel aufgestellt und daher
nicht lange brauchbar. Einen handlichen, kleineren, von Tycho
konstruierten Apparat, dessen Einrichtung und Gebrauch ohne weiteres
verständlich ist, zeigt Abb. 41. Die Schenkel dieses Apparates besaßen eine
Länge von 1,6 m.
Das Urbild des heutigen Theodoliten endlich war Tychos
Azimutalquadrant, dessen Einrichtung Abb. 42 (s. S. 124) erläutert. Der
Apparat bestand aus Messing und war, trotzdem er weit geringere
Dimensionen aufwies, als sie der Riesenquadrant besaß, doch von solcher
Genauigkeit, daß sich die Winkel bis auf die Minute daran ablesen ließen.
Tycho ließ ferner eine Himmelskugel aus Kupfer anfertigen, die etwa 1000
Sterne in der nach seinen Messungen berichtigten Stellung zeigte. Die
Kreise dieser Kugel waren gleichfalls in Minuten geteilt. Dementsprechend
erforderte ihre Herstellung auch die Summe von 5000 Talern.

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Abb. 41. Tychos Distanzenmesser.

Zur Annahme des koppernikanischen Systems konnte Tycho sich nicht
verstehen, da ihm wie keinem anderen die Schwierigkeiten bekannt waren,
welche diesem System noch entgegenstanden. Eine Bewegung, die im
Laufe eines halben Jahres den Ort der Erde um das Doppelte ihres
Abstandes von der Sonne verändere, müsse, so schloß Tycho mit Recht,
auch eine Änderung in der gegenseitigen Stellung der Fixsterne bewirken.
»Eine jährliche Bewegung195«, schreibt er, »würde die Fixsternsphäre196 in
eine solche Ferne rücken, daß die von der Erde beschriebene Bahn im
Vergleich zu jener Entfernung verschwindend klein sein müßte. Hältst Du
es für möglich, daß der Raum zwischen der Sonne, dem angeblichen
Zentrum der Welt, und dem Saturn noch nicht 1/700 des Abstandes der
Fixsternsphäre betrage? Zudem müßte dieser Raum sternenleer sein. Dies
ist notwendig der Fall, wenn die jährliche Bahn der Erde, von den
Fixsternen betrachtet, nur den Durchmesser einer Minute haben soll. Dann
werden aber schon die Fixsterne dritter Größe, deren scheinbarer
Durchmesser gleichfalls eine Minute beträgt, an Umfang gleich der
Erdbahn sein.« Dieser Einwand Tychos wurde dadurch hinfällig, daß, wie
man nach der Erfindung des Fernrohrs wahrnahm, die Fixsterne überhaupt
keinen scheinbaren Durchmesser besitzen, sondern als bloße Lichtpunkte
erscheinen, eine Tatsache, die wieder für die Behauptung der
Koppernikaner sprach, daß sich die Fixsterne in ungeheurer Entfernung
befänden. Der von Tycho geforderte Nachweis einer Parallaxe, deren

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Größe zugleich einen Schluß auf die Entfernung der Fixsterne gestattet
hätte, sollte, wie wir später sehen werden, erst im 19. Jahrhundert dem
Scharfsinn und der Beobachtungskunst eines Bessel gelingen197. Tychos
Bemühungen, eine Parallaxe nachzuweisen, um dadurch die
koppernikanische Lehre auf ihre Richtigkeit zu prüfen, blieben ohne Erfolg.

Abb. 42. Tychos Azimutalquadrant, aus dem der heutige Theodolit
hervorgegangen ist198. Das aus Messing hergestellte Instrument diente zur
Bestimmung des Azimuts und der Höhe. Der Azimutalkreis NP ruhte auf vier
Säulen. Der Höhenquadrant besaß fast 2 Ellen Radius und war mit
Minuteneinteilung (BC) und Diopterlineal (DE) versehen.

Außer den astronomischen Bedenken machte sich bei Tycho der
koppernikanischen Lehre gegenüber auch ein für jene Zeit
charakteristischer Mangel an richtigen mechanischen Begriffen geltend. So
erhebt er den landläufigen Einwand, daß ein fallender Körper, wenn die
Erde sich bewege, unmöglich in lotrechter Richtung die Oberfläche treffen
könne. Ferner meint er, die »träge, dicke« Erde sei zu den Bewegungen, die
Koppernikus ihr zuschreibe, viel zu ungeschickt.
Andererseits sah Tycho aber wohl ein, daß die Erscheinungen, welche die
Planeten zeigen, sich besser mit der neuen Lehre als mit der geozentrischen
Ansicht vereinigen ließen. Er stellte deshalb199 ein neues System auf, das
zwischen dem geozentrischen und dem heliozentrischen eine vermittelnde
Stellung einnahm. Danach sollte sich die Sonne in einem exzentrischen
Kreise um die im Mittelpunkte ruhende Erde bewegen, die Planeten sollten

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indes gleichzeitig die Sonne umkreisen (s. Abb. 43, S. 126). Tychos
System fand nur geringen Beifall. Kaum einer unter den angeseheneren
Astronomen nahm es an.
Als Tycho auf der Höhe seines Ruhmes stand, ereilte ihn ein trauriges
Geschick. Sein hoher Gönner starb200, und nun erhoben sich zahlreiche
Feinde und Neider. Auf ihr Betreiben hin wurden Tycho die für die
Uranienborg bestimmten Gelder entzogen mit der Begründung, seine
Untersuchungen seien nicht nur nutzlos, sondern sogar »voll schädlicher
Kuriosität«. Dem großen Forscher, den Bessel später einen König unter
den Astronomen nannte, wurde von der Regierung bedeutet, er möge sich
mit dergleichen Arbeiten nicht mehr befassen201. Damit war das Schicksal
der Uranienborg besiegelt. Die Verblendung, welche der aufstrebenden
Naturwissenschaft so manchen Schaden zugefügt, hatte wieder einen ihrer
unrühmlichen, zum Glück aber auch erfolglosen Siege errungen. Tycho,
der schließlich sogar tätlichen Angriffen ausgesetzt war, rettete von seinen
Instrumenten und Aufzeichnungen das Wertvollste und kehrte seinem
Vaterlande den Rücken. Wiederum war es fürstliche Gunst, die ihm und
seiner Wissenschaft eine neue Stätte bereitete. Auf Veranlassung Kaiser
Rudolfs des Zweiten siedelte Tycho nach Prag über. Dort wurde er zum
kaiserlichen Astronomen ernannt.

Abb. 43. Tychos System202.

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Von Prag aus erfolgte im Jahre 1599 Tychos Ruf an Kepler, dessen
Schicksale wir bis zu dem Zeitpunkte verfolgt haben, in dem die
Unduldsamkeit der Kirche den in gesicherten Verhältnissen lebenden Mann
in eine hilflose Lage versetzt hatte. Kepler wurde Tychos Hilfsrechner
und erhielt die Erlaubnis, das umfangreiche Beobachtungsmaterial Tychos
nach eigenem Ermessen zu verwerten.
»Ich halte es«, schrieb Kepler später203 »für eine Fügung der Vorsehung,
daß bei meiner Ankunft gerade der Mars untersucht wurde. Durch die
Bewegungen dieses Gestirnes müssen wir zu den Geheimnissen der
Astronomie gelangen oder darin beständig unwissend bleiben«. Der Mars
machte nämlich von jeher unter den Planeten die größten Schwierigkeiten,
was sich daraus erklärt, daß seine Bahn am meisten vom Kreise abweicht.
Andererseits bietet dieser Himmelskörper den Vorteil, daß man seinen
Umlauf in wenigen Jahren beobachten kann, während die übrigen äußeren
Planeten eine weit längere Beobachtungszeit erfordern.
Tychos Marsbeobachtungen erstreckten sich über einen Zeitraum von 16
Jahren. Sie verteilten sich ferner auf die ganze Bahn des Planeten und
waren bis auf einige Minuten richtig, besaßen also eine bisher unerreichte
Genauigkeit204.

Die Entdeckung der Keplerschen Gesetze.

Daran, daß die Himmelskörper kreisförmige Bahnen beschreiben, hatte vor
Kepler niemand gezweifelt. Kepler war der erste, der diesen, fast als
Axiom betrachteten Grundsatz verließ. Zunächst untersuchte er, ob sich
bessere Resultate unter der Annahme ergeben würden, daß die Bahn des
Planeten die Form eines Ovals besäße. Endlich, als sich eine genügende
Übereinstimmung zwischen Rechnung und Beobachtung auch dadurch
nicht erreichen ließ, kam er auf den Gedanken, anstatt des Ovals die Ellipse
zugrunde zu legen. Und siehe da, während nach den von Koppernikus
entworfenen Tafeln der beobachtete Ort des Mars im Jahre 1608 um nahezu
5 Grad von dem berechneten abwich, zeigte Kepler in seinem ein Jahr
später herausgegebenen Hauptwerk: »Über die Bewegungen des Mars«205,
daß der Fehler fast ganz verschwindet, wenn man den Planeten eine Ellipse
beschreiben läßt, in deren einem Brennpunkte sich die Sonne befindet.

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Wenige Entdeckungen sind in solchem Maße das Ergebnis mühevoller,
Jahrzehnte dauernder Arbeit gewesen wie diese Entdeckung Keplers. In
der an den Kaiser gerichteten Widmung führt er in scherzhaftem Tone
folgendes aus: Die Astronomen hätten bisher den Mars nicht zu
überwältigen vermocht. Dem trefflichen Heerführer Tycho indessen sei es
in zwanzigjährigen Nachtwachen gelungen, alle Listen des Feindes
auszukundschaften. Dadurch habe Kepler Mut bekommen. Und es sei ihm
gelungen, Mars gefügig zu machen. Er biete nun dem Kaiser seine Dienste
an, auch die Verwandtschaft des Mars, nämlich Jupiter, Venus und Merkur,
in gleicher Weise zu bezwingen, doch möge man die Schatzkammer
anweisen, daß sie ihm die Mittel zu diesem Feldzug auszahle. Die letzten
Worte gestatten einen Schluß auf die ständige Not, in der sich Kepler bis
an das Ende seines Lebens befand. Tycho war bald nach Keplers
Eintreffen gestorben206 und letzterer zu seinem Nachfolger ernannt. Die
Schatzkammer des Kaisers befand sich indessen meist im Zustande der
Erschöpfung, wofür insbesondere die Goldkocher sorgten, die Rudolfs
Hang zur Alchemie auszunutzen verstanden. Kepler klagt: »Ich stehe
ganze Tage in der Hofkammer und bin für die Studien nichts. Ich stärke
mich jedoch mit dem Gedanken, daß ich nicht dem Kaiser allein, sondern
dem ganzen menschlichen Geschlechte diene, daß ich nicht nur für die
Gegenwart, sondern auch für die Nachwelt arbeite«.
Nach dem Tode Kaiser Rudolfs wurde Keplers Lage noch schlimmer. Er
erhielt eine Anstellung in Linz, wo er Mathematik lehren und
Vermessungen überwachen mußte. Trotz aller Widerwärtigkeiten verlor er
jedoch sein großes Ziel nicht aus den Augen. Das unwürdigste Schauspiel,
das uns in der Lebensgeschichte Keplers begegnet, ist der gegen seine
Mutter geführte Hexenprozeß. Eine kurze Darstellung desselben läßt uns
nicht nur einen Einblick in die damals herrschenden Rechtszustände tun, sie
bezeugt auch den bewundernswerten Charakter Keplers. Die Mutter des
großen Astronomen lebte in einem kleinen schwäbischen Städtchen. Eine
ihrer Nachbarinnen erkrankte und verbreitete das Gerede, sie sei von Frau
Kepler behext worden. Der Vogt des Ortes wußte die Angelegenheit zu
einem Hexenprozeß aufzubauschen. Erschwerend wirkte dabei der
Umstand, daß die Angeklagte bei einer Verwandten erzogen war, die man
als Hexe verbrannt hatte. Einzig und allein ihrem Sohn Johannes, der von
Linz herbeieilte, gelang es, die Mutter vor der Folter und dem
Scheiterhaufen zu bewahren. Die übrigen Söhne hatten sich zurückgezogen,

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und mit Kepler befreundete Juristen besaßen nicht den Mut, für die arme,
verfolgte Frau einzutreten, die bald, nachdem sie freigesprochen, infolge
der erlittenen Behandlung starb. Gibt es unter den Gestalten, in denen
menschliche Größe uns begegnet, eine solche, der wir größere
Bewunderung zollen können, als Kepler? Die eigene Sicherheit gering
schätzend, zieht er gegen den Wust eines mittelalterlichen
Gerichtsverfahrens zu Felde, um die Mutter zu retten207. Und während der
dadurch verursachten, jahrelangen Aufregung enthüllt er die Gesetze, nach
denen sich der Lauf der Welten regelt.
Unermüdlich hatte Kepler während der ersten Jahrzehnte des 17.
Jahrhunderts trotz seiner untergeordneten Amtstätigkeit, die ihn nicht
einmal vor der Sorge um das tägliche Brot bewahrte, zwei Aufgaben
verfolgt. Einmal galt es, auf Grund der eigenen und der Beobachtungen
Tychos Planetentafeln zu entwerfen, welche die bisherigen ungenauen
Tafeln übertrafen. Die zweite, höhere Aufgabe bestand in der Begründung
einer mit dem System des Koppernikus in Einklang stehenden Theorie der
Planetenbewegung. Beide Aufgaben hat Kepler glänzend gelöst und
daneben noch Wertvolles auf den Gebieten der Mathematik und der Optik
geleistet.
Die neuen Tafeln, die in Anerkennung der Verdienste Kaiser Rudolfs um die
Förderung der Astronomie die rudolfinischen genannt wurden, erschienen
erst gegen das Ende Keplers 208. Während der letzten Jahre ihrer Abfassung
konnte die mühevolle Arbeit durch die von Bürgi und Neper erfundenen
Logarithmen verringert werden209. Fast ein Jahrhundert blieben die
rudolfinischen Tafeln ein unentbehrliches Hilfsmittel der Astronomen, dann
erst wurden sie durch neue, bessere ersetzt.
Koppernikus hatte sich darauf beschränkt, eine zum Teil noch mit den
Mängeln der geozentrischen Ansicht behaftete bloße Beschreibung des
Planetensystems zu geben. Kepler war dagegen bestrebt, gesetzmäßige
Beziehungen innerhalb dieses Systems aufzudecken. Das Mißlingen seiner
ersten Versuche ist darauf zurückzuführen, daß es ihm noch an genügendem
Beobachtungsmaterial fehlte. Erst durch die Verbindung mit Tycho
gelangte er in den Besitz desselben, und im Jahre 1609, also ein Jahrzehnt
nach Tychos Tode, veröffentlichte er die Entdeckung, daß die
Planetenbahnen Ellipsen seien. Damit war das seit alters geheiligte Axiom
von der Kreisbewegung beseitigt. Ebensowenig konnte die Ansicht, daß die

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Bewegung der Himmelskörper eine gleichförmige sei, aufrecht erhalten
werden. Kepler wies nach, daß ein Planet sich in der Sonnennähe schneller
als in der Sonnenferne bewegt. Die Geschwindigkeiten stehen nach ihm in
einem solchen Verhältnis, daß die Flächenstücke, die von dem Leitstrahl, d.
h. der den Planeten mit der Sonne verbindenden Geraden, beschrieben
werden, für gleiche Zeiten gleiche Größe besitzen. (Siehe Abb. 44.)
Damit waren die Gesetze enthüllt, nach denen die Bewegung jedes
einzelnen Planeten vor sich geht210. Es galt noch die Beziehung zu finden,
die alle Planeten verknüpft und sie als Glieder eines Systems erscheinen
läßt. Die Lösung dieses Problems wurde erst nach einem weiteren Jahrzehnt
mühevoller Arbeit gefunden und 1619 in der »Weltharmonie« bekannt
gegeben.

Abb. 44. Zur Erläuterung des zweiten Keplerschen Gesetzes. Werden die Stücke
ttʹ und TTʹ von dem Planeten in gleichen Zeiten zurückgelegt, so ist ttʹS der
Fläche nach gleich TTʹS.

Seit dem Jahre 1595 brütete Kepler, wie er sich selbst einmal ausdrückt,
mit der ganzen Kraft seines Geistes über die Einrichtung des
Koppernikanischen Systems. Unablässig suchte er von drei Dingen die
Ursache zu ergründen, nämlich von der Anzahl, der Entfernung und der
Bewegung der Planeten211. Endlich konnte er ausrufen: »Dasjenige, dem ich
den größten und besten Teil meines Lebens gewidmet habe, ist jetzt
gefunden und die Wahrheit auf eine Weise erkannt, die selbst meine
glühendsten Wünsche übersteigt«212. Die als drittes Keplersches Gesetz
bekannte Beziehung zwischen den Umlaufszeiten und den Entfernungen
zweier Planeten lautet dahin, daß sich die Quadrate der Umlaufszeiten wie
die dritten Potenzen der mittleren Abstände von der Sonne verhalten213.

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Besitzt z. B. ein Planet eine Umlaufszeit von 27 Jahren, so läßt sich nach
diesem Gesetze folgern, daß er neunmal so weit wie die Erde von der Sonne
entfernt ist, denn 12 : 272 = 1 : 729 = 13 : 93. Dieses Verhältnis findet sich
beim Saturn annähernd verwirklicht. Er hat eine Umlaufszeit von 30 Jahren,
und seine Entfernung von der Sonne ist dementsprechend etwas größer als
neun Halbmesser der Erdbahn. Wir erkennen aus dieser Betrachtung, daß
die genaue Bestimmung des Abstandes der Erde von der Sonne von der
größten Bedeutung ist. Kepler kannte die absolute Größe dieses Abstandes
noch nicht. Er setzte ihn in seinen Berechnungen gleich eins, benutzte also
für die Entfernungen der Planeten nur die relativen Werte.
Die naheliegende Gefahr, die entdeckten Gesetze nach Art der Pythagoreer
als Ursachen zu betrachten, vermied Kepler. Versteht man unter der
Entdeckung der Ursache einer Erscheinung ihre Zurückführung auf andere,
in ihrer Gesetzmäßigkeit erkannte Vorgänge, so war Kepler schon bemüht,
auch nach dieser Richtung die Planetenbewegungen zu untersuchen. Die
endgültige Bewältigung dieses Problems blieb jedoch Newton vorbehalten.
Ihm gelang es, die Zentralbewegung gleich der Fall- und Wurfbewegung
aus der Schwere zu erklären. Daß die Schwerkraft nicht nur an der
Oberfläche der Erde, sondern auf kosmische Entfernungen hin wirkt, hat
indessen schon Kepler ausgesprochen. Seiner Ansicht nach würden zwei
Körper, auf die kein dritter wirkt, aufeinander zueilen und sich vereinigen.
Und zwar würden sich, wie er ausführt, die zurückgelegten Wege
umgekehrt wie die Massen der betreffenden Körper verhalten. »Liefe der
Mond nicht um die Erde, so würde sich die Erde nach dem Monde um den
54. Teil des Abstandes beider Weltkörper bewegen, und der Mond würde
sich um die übrigen 53 Teile nach der Erde senken. Dann würden sie
aufeinander treffen, vorausgesetzt, daß beide gleiche Dichte besitzen214«.
Erklären ließ sich die Bewegung der Planeten jedoch erst, als man das
Gesetz vom Beharrungsvermögen auch auf sie ausdehnte, wie es Galilei
bezüglich aller irdischen Bewegungen getan hatte. Kepler war nämlich
noch in dem Irrtum befangen, daß die Planeten zu ihrer Bewegung um die
Sonne eines fortgesetzten Antriebes bedürften. Dieser sollte in der
Sonnenrotation gegeben sein, die Kepler daher schon als
Erklärungsprinzip forderte, bevor ihr Vorhandensein beobachtet war. Drehte
sich die Sonne nicht um sich selbst, so würden nach Keplers Meinung die
Planeten diesen Zentralkörper nicht umkreisen, sondern sich auf ihn

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stürzen, während doch in der Tat die Sonnenrotation aufhören könnte, ohne
daß die Bewegungen der Planeten eine Änderung erführen. Zu erklären
blieb dann noch die ungleiche Dauer, welche die Umläufe der Planeten
beanspruchen. Kepler äußert sich darüber mit folgenden Worten: »Hätten
die Planeten nicht ein natürliches Widerstreben, so ließe sich keine Ursache
angeben, warum sie nicht der Achsendrehung der Sonne aufs genaueste
folgen sollten. Nun aber gehen zwar alle Planeten nach der Richtung, in der
die Sonne rotiert, aber der eine langsamer als der andere. Sie vermengen
nämlich nach gewissen Verhältnissen mit der Geschwindigkeit des
Bewegers die Trägheit ihrer eigenen Masse«215. Die bewegende Kraft der
Sonne, die sich auf die Planeten erstrecken sollte, wurde von Kepler als
eine Art Magnetismus betrachtet. Er berief sich dabei auf Gilbert, der ja
auch die Erde als einen Magneten angesehen habe. Wie der Magnet die
Nadel, so sollte nach Kepler die Sonne vermöge ihrer Rotation die Erde
und die übrigen Planeten mit sich herumführen.
Kepler wußte, daß die Lichtintensitäten sich umgekehrt wie die Quadrate
der Entfernungen des beleuchteten Gegenstandes von der Lichtquelle
verhalten. Er erörtert daher die Frage, ob die Wirkungen jener bewegenden
Kraft der Sonne sich nicht etwa ebenso verhalten, streift damit also schon
an die Entdeckung des Newtonschen Gravitationsgesetzes.

Keplers weitere astronomische Leistungen.

Kepler besitzt auch ein gewisses Anrecht auf die Entdeckung der
Sonnenflecken. Es war am 28. Mai des Jahres 1607, zu einer Zeit, als das
Fernrohr noch nicht erfunden war, als Kepler in seinem Tagebuche eine
seltsame Beobachtung vermerkte216. Er war nämlich mit älteren, aus der Zeit
Karls des Großen stammenden Nachrichten bekannt geworden, nach
welchen man Merkur vor der Sonne als kleinen schwarzen Fleck gesehen
haben wollte217. Um zu prüfen, ob dies möglich sei, verfuhr Kepler an
einem Tage, an dem Sonne und Merkur in Konjunktion standen,
folgendermaßen: Er ließ die Sonnenstrahlen durch eine enge Öffnung in ein
dunkles Zimmer treten und fing das Sonnenbild vermittelst eines
Papierschirmes auf (s. Abb. 45, S. 134). Zur großen Überraschung Keplers
zeigte sich ein kleiner, verschwommener Fleck, den er für Merkur hielt.

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Ohne Zweifel hat es sich in diesem, wie in jenem älteren Falle, um
Sonnenflecken gehandelt, da Merkur, wie spätere Rechnungen ergeben
haben, am Tage der Beobachtung sich nicht vor der Sonnenscheibe befand
und auch zu klein ist, um sich bei einer Konjunktion in der geschilderten
Weise bemerklich zu machen.
Mehrfach hat sich Kepler auch mit den Kometen beschäftigt, die er und
Tycho unter die Himmelskörper versetzten, während die meisten sie für
atmosphärische Erscheinungen hielten. »Man möge es mir«, sagt er, »nicht
übelnehmen, daß ich eine neue Ansicht einführe oder vielmehr der alten
Lehre des Anaxagoras und des Demokrit folge und dem Himmel
zuschreibe, was man bisher nicht glauben wollte, daß nämlich darin
ebensowohl etwas Neues entstehen kann, wie hier auf der Erde«. Nach
Kepler soll nämlich die überall befindliche himmlische Luft, der Äther,
durch Zusammenziehung aus sich heraus die Kometen entstehen lassen,
von denen der Himmel so voll sei, wie das Meer voll von Fischen. Kepler
setzte sich damit in Widerspruch mit Aristoteles, der den meisten damals
noch als Autorität galt. Aristoteles schrieb nämlich den Himmelskörpern
ein wandelloses Sein zu und ließ die Welt des Werdens und Vergehens erst
unter dem Monde beginnen. Die Planeten bekunden dagegen nach ihm,
zumal durch ihre ungleichmäßige Bewegung, eine mittlere Stellung
zwischen beiden Regionen. Diese Lehre des Aristoteles wurde besonders
durch das Aufleuchten neuer Fixsterne in den Jahren 1572, 1600 und 1604
und deren späteres allmähliches Verschwinden widerlegt.

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Abb. 45. Kepler erblickt einen Sonnenflecken, den er für den Merkur hält218.

Über den Stern vom Jahre 1604 hat Kepler ausführlich berichtet. Er zeigte,
daß auch dieser neue, im Sternbilde der Schlange entstandene Stern seine
Stellung zu den Fixsternen nicht veränderte. Daraus schloß er, daß es sich
nicht etwa um einen Planeten oder einen Kometen handeln könne. »Wollte
Gott, daß diejenigen, die ein langes Gewäsch vom Ursprung dieses Sternes
machen, zuvor Tychos Ausführungen über den Stern vom Jahre 1572 lesen
möchten, damit sie mit so kindischen Gedanken, als sollte dieser Stern vom
Jupiter oder Mars angezündet worden sein, daheim blieben.« So schreibt
Kepler in seinem Bericht über einen ungewöhnlichen neuen Stern, der im
Oktober 1604 erschien. Ein Faksimileabdruck dieses Berichtes wurde
zusammen mit dem Faksimiledruck einer Schrift, in der David Fabricius
über den neuen Stern von 1604 berichtete, vor kurzem veröffentlicht219. Die
Schrift von Fabricius erschien 1606 in Magdeburg unter dem Titel
»Himmlischer Herold«.
Es gewährt einen besonderen Reiz zu sehen, in welcher Weise die beiden
Forscher ein und denselben Gegenstand behandelt haben. Dort David
Fabricius, der überzeugte Astrolog, der die Bedeutung des Wundersterns
seinen staunenden Landsleuten auslegt; hier Kepler, der sich in sehr
skeptischer Weise über die Bedeutung des neuen Gestirns ausspricht220. Was
der Stern zu bedeuten habe, schreibt Kepler, sei schwerlich zu ergründen.
Entweder bedeute er uns Menschen nichts oder er habe solch hohe wichtige
Dinge zu bedeuten, daß sie aller Menschen Sinn und Vernunft überträfen.
Eine gewisse Wirkung auf die Menschen äußere ein solcher Stern insofern,
als die ganze Natur eine verborgene Art habe, die vom Himmel kommenden
Lichtstrahlen zu verspüren und sich danach zu regeln. Sehr wohl könne
auch ein Potentat durch das Erscheinen des neuen Sternes zu einem Wagnis
ermuntert oder auch von einem solchen abgeschreckt werden, indem er das
neue Licht als ein vom Himmel selbst gegebenes Zeichen betrachte.
Nicht ohne Humor bemerkt Kepler, viel zu bedeuten habe der Stern auch
dadurch, daß er den Verlegern viel Arbeit und Gewinn bringe, denn fast
jeder Theologe, Philosoph oder Astronom werde seine besondere Ansicht
darüber haben und damit herauskommen wollen.
Zu diesen gehörte auch der friesische Prediger und Astronom David
Fabricius 221. Er hat über den neuen Stern drei Abhandlungen veröffentlicht.

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Nach seiner Schilderung ist der Stern am 30. September 1604 bald nach
Sonnenuntergang gegen Südwesten von verschiedenen Astronomen in
Deutschland, Böhmen und Italien zuerst gesehen worden. Fabricius sah
ihn, da um jene Zeit in Friesland der Himmel bewölkt war, erst am 3.
Oktober. Er konnte bis zum Oktober 1605, also ein ganzes Jahr beobachtet
werden. Der neue Stern übertraf nach dem Zeugnis des Fabricius alle
Fixsterne, ja sogar den Jupiter und auch die Nova von 1572 an Größe und
flimmerte »wie ein großes Licht, das vom Winde bewegt wird«.
Seine Größe nahm von Monat zu Monat allmählich ab, so daß er »im
Anfang des Jahres 1605 mit der Spica in der Jungfrau von gleicher Größe
gewesen ist. Im März war er 3. und im Juli 4. Größe« usw. Darüber, daß
sich der Stern jenseits der Sphäre der Planeten befand, zweifelte auch
Fabricius nicht. Schon das starke Flimmern beweist ihm, daß man es hier
mit einem Fixstern zu tun habe. Deshalb sei auch die »Meinung zahlreicher
Gelehrter, daß die Erscheinung von irdischen Dünsten herrühre, als falsch
und ungereimt zu verwerfen«.
Fest steht dagegen für Fabricius, daß »je und allerwege neue Sterne und
Kometen Vorboten von zukünftigem Unglück und Veränderung gewesen
sind«. Ganz besonders deute »der jetzige Wunderstern auf große wichtige
Sachen«, weil er alle Vorgänger an Größe übertreffe, und weil bald nach
seinem Erscheinen und zwar fast am Orte seines Erscheinens die große
Konjunktion von Saturn und Jupiter eingetreten sei. Fabricius sucht dann
nachzuweisen, daß diese alle achthundert Jahre wiederkehrende
Konjunktion von großer Bedeutung für die Geschicke der Menschheit
gewesen. In die Zeit der Konjunktion vom Jahre 800 falle das Auftreten
Karls des Großen und die große Konjunktion zu Beginn unserer
Zeitrechnung falle mit dem Anfange des Christentums und »großen
Veränderungen in vielen Königreichen und Ländern zusammen«. Auch die
jetzige große Konjunktion (Fabricius nennt sie den achthundertjährigen
Reichstag der beiden obersten himmlischen Kurfürsten) deute auf
bevorstehende große Veränderungen hin. Die Bedeutung dieser
Konjunktion werde durch das gleichzeitige Erscheinen eines neuen Sternes
besonders hervorgehoben. Zum Schlüsse gibt Fabricius der Hoffnung
Ausdruck, daß die in Aussicht stehenden Veränderungen dem deutschen
Volke ein Zeitalter des Friedens und der Gerechtigkeit bringen möchten.
Deshalb nennt er seine Schrift auch den Glücksboten.

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Nachdem das koppernikanische System durch Kepler eine festere Gestalt
gewonnen, bedurfte es einer zusammenhängenden neuen Darstellung des
gesamten astronomischen Lehrgebäudes. Dieser Aufgabe unterzog sich
Kepler durch die Veröffentlichung seiner »Epitome astronomiae
Copernicanae«222. Damit erschien das erste astronomische Lehrbuch,
welches das koppernikanische System zugrunde legte, fast hundert Jahre
nach der Aufstellung des letzteren.
Nach Keplers Tode gab sein Sohn im Jahre 1634 ein zweites, für
Lehrzwecke bestimmtes Werk des großen Astronomen heraus, in dem
letzterer es unternimmt, mit dichterischer Phantasie die astronomischen
Erscheinungen so darzustellen, wie sie einem Beobachter auf dem Monde
erscheinen würden. Das Buch ist betitelt »Keplers Traum oder
nachgelassenes Werk über die Astronomie des Mondes« und verdient als
»eine der merkwürdigsten Schriften aus der Reformationszeit der
Sternkunde« mehr als bisher beachtet zu werden223. Kepler schildert darin
in phantasievoller Weise eine Reise nach dem Monde, ein Gedanke, der vor
und nach ihm häufiger näher ausgeführt wurde. Als Brücke dient den
Dämonen, die den Reisenden begleiten, der bei Finsternissen den Mond und
die Erde verbindende Schattenkegel. Vom Monde aus werden darauf die
Himmelserscheinungen beobachtet, und es zeigt sich, daß mit der
Veränderung des Standpunktes sich eine, von der irdischen völlig
abweichende, neue Astronomie ergibt. An die Astronomie des Mondes
schließen sich Mitteilungen über die Oberflächengestalt und die Natur
dieses Weltkörpers, den Kepler mit den Wesen seiner Phantasie bevölkert.
Erhöht wird der Wert dieser, ein Vierteljahrhundert vor ihrer Herausgabe
entstandenen Schrift, durch Anmerkungen, die Kepler ihr nach und nach
beifügte. In diesen Anmerkungen findet sich nämlich vieles, das auf den
damaligen Stand der Astronomie und der übrigen Zweige der
Naturwissenschaft ein helles Licht wirft224.
Der Herausgeber nennt »Keplers Traum« eine in die schönste Form
gekleidete astronomische Offenbarung, ja das hohe Lied der
koppernikanischen Lehre. In den Anmerkungen, die Kepler in den Jahren
1620 bis 1630 niedergeschrieben hat, begegnet uns zum ersten Male die
Behauptung225, daß die vom Monde reflektierten Strahlen neben der Licht-
auch eine Wärmewirkung ausüben. Kepler glaubte sogar die Wärme der
Mondstrahlen im Brennpunkte eines parabolischen Hohlspiegels als

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warmen Hauch fühlen zu können. Neuere Messungen haben jedoch gezeigt,
daß die vom Monde ausgestrahlte Wärme nicht größer ist als diejenige, die
eine Kerze auf 21 Fuß Entfernung ausstrahlt. Bei Kepler begegnet uns
ferner schon die Ansicht, daß das Leben keineswegs auf die Erde
beschränkt sei. Wie sich die Menschen und die Tiere der Beschaffenheit
ihres Landes und ihrer Provinz anpaßten, so werde es sich auch mit den
lebenden Wesen auf dem Monde verhalten226.
Das Jahr 1619, in dem Kepler durch die Entdeckung des dritten Gesetzes
der Planetenbewegung sein Lebenswerk krönte, war für die spätere
Gestaltung seiner äußeren Lage kein günstiges. In diesem Jahre kam
nämlich der fanatische Ferdinand II. auf den Kaiserthron. Die
Verfolgungen der Protestanten mehrten sich. Im Jahre 1626 wurde Kepler
gedrängt, seine dürftig besoldete Stelle aufzugeben. Von diesem Zeitpunkte
an führte der schon alternde Mann ein sorgenvolles unstetes Leben. Er hatte
an rückständigem Gehalt nicht weniger als 12000 Gulden zu fordern. Man
entledigte sich des unbequemen Mahners, indem man diese Schuld dem
zum Herzog von Mecklenburg ernannten Wallenstein übertrug. Letzterer
suchte Kepler wieder mit einer Professur in Rostock abzuspeisen.
Nach dem Sturze Wallensteins begab sich Kepler nach Regensburg, um
dort auf dem Reichstage seine Forderungen geltend zu machen. Den
ausgestandenen Entbehrungen und Aufregungen war sein geschwächter
Körper jedoch nicht mehr gewachsen. Er erlag ihnen bald nach seiner
Ankunft in Regensburg, am 15. November 1630. Die letzte Ruhestätte hat
man ihm vor den Toren dieser Stadt bereitet. Zwei Jahre später tobte dort
die Furie des dreißigjährigen Krieges, wodurch jede Spur von Keplers
Grab verwischt wurde. Während der nächsten zwei Jahrhunderte die auf ihn
folgten, hat Deutschland, von Leibniz abgesehen, keinen Mathematiker
und Astronomen gehabt, der sich auch nur annähernd hätte mit Kepler
messen können. Auch die hervorragenden ausländischen Forscher, die im
18. Jahrhundert der Berliner Akademie angehörten, (Euler, d'Alembert u.
a.) blieben ohne Einfluß auf die Wiederbelebung der mathematischen
Wissenschaften in Deutschland227. Eine Änderung, die uns später noch
beschäftigen soll, trat fast unvermittelt mit Gauß ein, dem sich zahlreiche
hervorragende Mathematiker auf deutschem Boden hinzugesellten.
Wie der literarische Nachlaß Galileis, so erfuhr auch derjenige Keplers
ein besonderes Schicksal. Keplers Sohn kam nur dazu, das Somnium

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herauszugeben. Keplers Enkel verkaufte alles an den Astronomen Hevel.
Hevels Sternwarte wurde durch einen Brand vernichtet, doch wurden
Keplers Manuskripte zum Glück gerettet. Sie wechselten noch mehrfach
den Besitzer, bis sie, auf Veranlassung Eulers, Katharina II. für 2000
Rubel kaufte und der Petersburger Akademie überwies. Hier und später in
der Sternwarte zu Pulkowa ruhten die Manuskripte unbenutzt, bis endlich
ein Landsmann Keplers, Chr. Frisch in Stuttgart, die so lange
vernachlässigten Schätze zu heben verstand. Als Frucht einer
dreißigjährigen Arbeit gab er von 1858 bis 1871 das gesamte, ihm
zugängliche, gedruckte und ungedruckte Material mit Einleitungen und
Erläuterungen versehen als Opera omnia Joannis Kepleri in acht Bänden
heraus.

Keplers Verdienste um die Optik.

Nach dieser Darstellung des Lebensganges und der astronomischen
Leistungen Keplers wollen wir seine Verdienste um die Optik, als eine der
wichtigsten Hilfswissenschaften der Astronomie, ins Auge fassen. Von
besonderem Interesse mußte für den Astronomen das Problem der Brechung
sein, an dem sich schon das Altertum mit einigem Erfolg versucht hatte.
Beruhte doch auf dieser Erscheinung die astronomische Refraktion, deren
genauere Bestimmung für die beobachtende Astronomie sehr wichtig war,
sowie die Konstruktion des Fernrohrs, um dessen Verbesserung Kepler
sich gleichfalls verdient gemacht hat.
Die Ergebnisse seiner optischen Untersuchungen hat er in zwei Werken
niedergelegt, von denen das eine unter dem Titel »Supplemente zum
Vitellio«228 die gesamte Lehre vom Lichte betrifft, während sich das zweite,
die »Dioptrik«229, vorzugsweise mit der Brechung beschäftigt. Was Euklid
im Altertum und was in späterer Zeit Alhazen auf dem Gebiete der Optik
geleistet haben, wird bei weitem übertroffen durch die grundlegenden, in
den genannten Werken enthaltenen Untersuchungen Keplers. Daß dieser
mit dem Gesetz der Lichtintensität bereits vertraut war, haben wir bei der
Erörterung seiner astronomischen Ansichten230 bereits erfahren. Kepler hat
dieses wichtige Gesetz zuerst in voller Klarheit ausgesprochen231, und zwar
geschieht dies in seiner ersten, dem Kaiser Rudolph gewidmeten optischen

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Schrift, den »Supplementen zum Vitellio«232, mit deren Inhalt wir uns
zunächst beschäftigen wollen.
Das erste Kapitel handelt von der Natur des Lichtes. Bemerkenswert sind
die Aussprüche, daß das Licht imstande sei, sich ins Unbegrenzte
fortzupflanzen (Prop. III); daß ferner das Licht keine Zeit beanspruche,
sondern sich momentan ausbreite (Prop. V)233.
Den Hauptsatz der Photometrie finden wir (in Prop. IX) in folgenden
Worten ausgesprochen234: »In dem Maße, wie die Kugelfläche, von deren
Mittelpunkt das Licht ausgeht, größer oder kleiner ist, verhält sich die
Stärke oder Dichte der Lichtstrahlen, die auf die kleinere, zur Stärke
derjenigen Strahlen, die auf die größere Kugelfläche fallen.«
Die Farben vermochte Kepler noch nicht zu erklären; er nahm an, daß sie
aus den verschiedenen Graden der Durchsichtigkeit und Dichte entständen,
auch huldigte er der irrtümlichen Ansicht, die Brechung werde dadurch
veranlaßt, daß dem dichteren Mittel ein größerer Widerstand und
demgemäß ein größeres Brechungsvermögen zukomme. Indessen wurde
Kepler schon bald nach dem Erscheinen seiner Schrift darauf aufmerksam
gemacht, daß das weniger dichte Öl das Licht weit stärker bricht als das
Wasser235.
Wie Maurolykus befaßte sich auch Kepler mit der Frage, weshalb hinter
verschieden gestalteten Öffnungen stets ein rundes Sonnenbild entsteht. Auf
die richtige Erklärung kam er durch folgende geometrische Konstruktion236:
»Ich nahm ein Buch, das mir die Stelle des leuchtenden Körpers vertreten
sollte, und legte es hin. Zwischen diesem Buch und einer Wand stellte ich
eine Tafel mit einer winkligen Öffnung auf. Nun befestigte ich an der einen
Ecke des Buches einen Faden, zog ihn durch die Öffnung hindurch und
beschrieb, indem der Faden längs den Grenzen dieser Öffnung bewegt
wurde, mit Kreide, die an dem Ende des Fadens angebracht war, eine Figur
auf der Wand. Diese Figur war der Öffnung ähnlich. Dies wiederholte ich,
indem ich den Faden an sämtlichen Ecken und mehreren anderen Stellen
des Buches befestigte. Aus sämtlichen Figuren, die ich erhielt, entstand
schließlich eine einzige, welche die Gestalt des Buches hatte.«
Das dritte Kapitel enthält außer den Grundlagen der Katoptrik eine
Erörterung der Umstände, von denen unser Urteil über die Entfernung eines
Gegenstandes abhängt. Ohne uns dessen bewußt zu werden, nehmen wir,

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wie Kepler ausführt, die Entfernung der beiden Augen zu Hilfe und
ermitteln den Ort des Gegenstandes durch ein Dreieck, dessen Grundlinien
jener Abstand der Augen, und dessen Seiten die von jedem Auge nach dem
Gegenstande gezogenen Gesichtslinien sind237.
In den beiden letzten Abschnitten seiner Optik vom Jahre 1604 behandelt
Kepler die Brechung, insbesondere die astronomische Strahlenbrechung,
für die er eine Tabelle entwirft, und die Theorie des Sehens. Da diese
Gegenstände der Optik indessen in Keplers Dioptrik vom Jahre 1611
wieder behandelt werden, wollen wir uns auf diese spätere Darstellung
beschränken.
Einen Anlaß, sich von neuem mit der Optik zu beschäftigen, bot Kepler die
im Jahre 1609 in Holland gemachte Erfindung des Fernrohrs. Das Ergebnis
seiner, nur durch geringfügige experimentelle Hilfsmittel unterstützten
Erwägungen war seine »Dioptrik«. Durch sie insbesondere ist Kepler zum
Begründer der neueren Optik geworden. Er ist auf diesem Gebiete das
gewesen, was Galilei für die Mechanik und Gilbert für die
Elektrizitätslehre war. Leider wurde dies Verdienst Keplers im Vergleich
zu den Leistungen anderer Forscher viel zu wenig gewürdigt. Während
Galilei z. B. durch seine Beschäftigung mit der Optik Ruhm und Gewinn
erntete, ohne diese Wissenschaft wesentlich zu bereichern, trugen Keplers
höchst wertvolle Arbeiten, die der Wissenschaft einen neuen Ansporn
gaben, nichts dazu bei, das traurige Los des großen deutschen Forschers zu
bessern238.
Keplers Dioptrik239 ist vor kurzem durch eine Übersetzung240 zugänglich
gemacht. Wir wollen sie der im nachfolgenden gegebenen Darstellung der
wichtigsten Errungenschaften zugrunde legen, die wir Kepler auf den
Gebieten der Brechung, der optischen Instrumente und der Theorie des
Sehens verdanken.
Will man sich das Verdienst Keplers nur diese Dinge vergegenwärtigen, so
muß man bedenken, daß man zu jener Zeit mit dem Problem der Brechung
noch so wenig bekannt war, daß man das Verhältnis zwischen dem Einfalls-
und dem Brechungswinkel als konstant annahm. Ferner war die
herrschende Theorie vom Sehen durchaus unrichtig, und bezüglich der
optischen Instrumente war eine Theorie überhaupt noch nicht vorhanden.

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In seiner Vorrede zur Dioptrik erklärt Kepler, die Erfindung des Fernrohrs
habe in ihm den Wunsch entstehen lassen, die Grundlagen dieser Erfindung
auf geometrische Gesetze zurückzuführen und so für die Dioptrik das zu
leisten, was Euklid für die Katoptrik geschaffen habe.
Als Erfahrungsgrundsatz stellte Kepler folgende Regel an die Spitze:
Strahlen, die in ein dichteres Medium eintreten, nähern sich nach der
Brechung innerhalb des Körpers der Senkrechten, die auf der Grundfläche
im Einfallspunkte errichtet wird. Diese Brechung bleibt dieselbe, ob nun die
Strahlen ein- oder austreten.

Abb. 46. Keplers Verfahren, den Brechungswinkel zu bestimmen241.

Beim Messen der Brechung verfuhr Kepler folgendermaßen: Er bestimmte
die Schattenlänge von BE (siehe EH in Abb. 46) und schob dann einen
Würfel der zu untersuchenden Substanz gegen die senkrechte Platte BDE.
Infolge der Brechung des Lichtes trat dann eine Verkürzung des Schattens
um das Stück GH ein, aus deren Größe er das Verhältnis zwischen dem
Einfalls- und dem Brechungswinkel berechnete. Dabei machte Kepler die
Entdeckung, daß ein durch Glas gehender Lichtstrahl, dessen
Einfallswinkel an der Grenze zwischen Glas und Luft größer ist als 42°,
nicht in die Luft tritt, sondern an der Grenze beider Medien nach dem
Gesetz der Reflexion total zurückgeworfen wird242.
Trotz zahlreicher Messungen der Einfalls- und der zugehörigen
Brechungswinkel vermochte Kepler indessen keine gesetzmäßige
Beziehung zwischen beiden Größen zu finden. Zunächst ermittelte er, daß
das Brechungsvermögen von Bergkristall und Glas ungefähr übereinstimmt.
Betrug der Einfallswinkel 0°-30°, so war nach seinen Messungen das
Verhältnis von Einfallswinkel und Brechungswinkel ungefähr konstant. Die
bisher auch für größere Winkel angenommene Proportionalität fand Kepler

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jedoch nicht bestätigt. »Bei einer Neigung von 30°«, heißt es nämlich243
»beträgt die Refraktion 10°. Nach demselben Maße müßte zu einer Neigung
von 90° eine Refraktion von 30° gehören; das Experiment ergibt aber
48°«244. Zwar suchte schon Kepler das Brechungsverhältnis zu einer
trigonometrischen Funktion in Beziehung zu bringen, doch gelang dies erst
einige Jahrzehnte später den Bemühungen von Snellius und Descartes.
Snellius entdeckte nämlich (Abb. 47), daß der Weg (CA) eines
Lichtstrahls, der aus Luft in Wasser tritt und auf eine senkrechte Wand BA
fällt, sich zu dem Wege (CB), den derselbe Strahl ohne Ablenkung von
seiner Eintrittsstelle bis zu jener Wand zurückgelegt haben würde, stets wie
3 : 2 verhält. Mit dem heute gebräuchlichen Ausdruck für dieses Gesetz,
nach dem der Sinus des Einfallswinkels (DCE) zum Sinus des
Brechungswinkels (ACF) in einem bestimmten Verhältnis (für Luft und
Wasser 3 : 2) steht, war Snellius noch nicht vertraut245. In diese Form
wurde das Brechungsgesetz erst durch den französischen Philosophen und
Mathematiker Descartes 246 gebracht.

Abb. 47. Snellius entdeckt das Brechungsgesetz.

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Abb. 48. Ableitung des Brechungsgesetzes.

Obgleich Kepler weder im Besitze des strengen Brechungsgesetzes noch
des Gesetzes der konjugierten Brennweiten war, das, wie wir sehen werden,
erst Halley ableitete, war er doch imstande, eine im großen und ganzen
zutreffende Lehre von der Wirkung der Linsen und der Linsensysteme zu
geben. Er läßt zunächst parallele Strahlen auf eine plankonvexe Glaslinse
fallen und findet, indem er das Brechungsverhältnis 3 : 2 zugrunde legt, daß
sie sich in einer Entfernung von ungefähr dem dreifachen
Krümmungshalbmesser schneiden. Für die beiderseits gleiche bikonvexe
Glaslinse fällt der Brennpunkt nach einem späteren Satze der Dioptrik247
etwa mit dem Krümmungsmittelpunkt zusammen. Auch in diesem Falle
nahm Kepler mit einer für geringe Öffnungen der Linse hinreichenden
Genauigkeit an, daß sich beim Glase der Einfallswinkel zum
Brechungswinkel wie 3 : 2 verhält, während dies Verhältnis ja tatsächlich
nicht für die Winkel selbst, sondern für ihre Sinuswerte zutrifft. Es entging
Kepler nicht, daß die vom Rande der Linse kommenden Strahlen mit den
aus der Mitte kommenden nicht genau zusammentreffen248, eine
Erscheinung, die unter dem Namen der sphärischen Abweichung bekannt
ist. Sie tritt auch an den sphärischen Hohlspiegeln auf und wurde bezüglich
dieser schon von Roger Bacon erwähnt. Daß sie infolge der Brechung an
einer Glaskugel auftritt, hatte übrigens schon Maurolykus dargetan, so
daß Keplers Verdienst in dieser Hinsicht nicht groß ist. Von ihm rührt
indessen der Gedanke her, den Linsen statt der sphärischen eine
hyperbolische Form zu geben, um dadurch die sphärische Abweichung
aufzuheben. Er nahm nämlich mit den Anatomen seiner Zeit an, daß die
Linse unseres Auges auf der hinteren Seite eine hyperbolische Gestalt habe

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und infolgedessen scharfe Bilder gebe, während durch die sphärische
Abweichung das Bild an Schärfe verliert.
Bei seinen Ableitungen der für die Linse und für Linsenkombinationen
geltenden Regeln verwendet Kepler meist zwei Strahlenkegel, deren
gemeinschaftliche Basis die Linse ist, während die Spitzen mit einem
Punkte des Gegenstandes und dem entsprechenden Bildpunkte
zusammenfallen. Die nebenstehende Abbildung enthält drei solcher
Strahlenbündel, wie Kepler jedes Kegelpaar bezeichnet. Da dem Punkte E
des Gegenstandes im Bilde der Punkt F, dem Punkte C dagegen der Punkt D
entspricht, so ist der Satz, daß eine Linse umgekehrte Bilder liefert, ohne
weiteres ersichtlich. Dieses von Kepler verfolgte Konstruktionsverfahren
war eine von ihm herrührende Neuerung. Seine Vorgänger auf dem Gebiete
der Optik hatten stets einzelne Strahlen verfolgt, während uns bei Kepler
zum ersten Male das aus unzähligen Strahlen bestehende Strahlenbündel als
Konstruktionsmittel begegnet. Mit dessen Hilfe war er imstande, die Lage
und die Größe der Bilder weit richtiger zu ermitteln, als es vor ihm geschah.
Kepler entdeckte beispielsweise die Eigenschaft der bikonvexen Linsen,
von einem Gegenstande, der sich in der doppelten Brennweite befindet, ein
gleich großes Bild in der gleichen Entfernung auf der entgegengesetzten
Seite zu erzeugen.

Abb. 49. Kepler beweist, daß eine Linse umgekehrte Bilder liefert.

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Besondere Verdienste hat sich Kepler auch um die Theorie des Sehens
erworben. Er erklärte die Netzhaut für denjenigen Teil des Auges, der das
von der Linse erzeugte Bild auffängt, und vertrat die Ansicht, es müsse,
nach Fortnahme der undurchsichtigen äußeren Häute des Auges, auf der
Netzhaut ein umgekehrtes, verkleinertes Bild des Gegenstandes zu sehen
sein. Diese Annahme Keplers hat später Scheiner 249 durch den Versuch
bestätigt. Da Kepler, nachdem zahlreiche Versuche anderer
vorhergegangen, als der erste eine richtige Theorie des Sehens entwickelte,
so wollen wir bei seiner sowohl in der ersten Schrift250 als in der Dioptrik251
gegebenen Darstellung dieses Vorganges noch etwas verweilen.
Keplers Vorläufer auf diesem Gebiete waren Maurolykus und Porta.
Beide nahmen an, daß von jedem Punkte des leuchtenden Gegenstandes ein
Strahl durch die Pupille ins Auge gelange. Das erzeugte Bild sollte nach
Porta auf die Kristallinse, nach Maurolykus hinter diese fallen. Nach
Keplers zutreffender Annahme gehen dagegen von jedem Punkte des
Gegenstandes Strahlenkegel aus, deren gemeinschaftliche Grundfläche die
Pupille ist. Sämtliche Strahlenkegel werden, ähnlich wie es Abbildung 49
zeigt, durch die Kristallinse des Auges so gebrochen, daß sie hinter dieser
Linse gleichfalls Kegel bilden, deren Spitzen auf der Netzhaut liegen.
Letztere befindet sich an der Stelle des Schirmes der Camera obscura und
ist »in einem hohlen Bogen von allen Seiten her um die Kristallinse
ausgespannt«.
Sehr zutreffend und an die neuesten Theorien anklingend ist das, was
Kepler über die Tätigkeit der Netzhaut sagt. Wir wollen hier mit einigen
Abkürzungen seine eigenen Worte bringen: »Das Sehen«, sagt er, »ist eine
Gefühlstätigkeit der gereizten und mit Sehgeist erfüllten Netzhaut; oder
auch: Sehen heißt die Reizung der Netzhaut fühlen. Die Netzhaut wird mit
den farbigen Strahlen der sichtbaren Welt bemalt«. Die Veränderung der
Netzhaut ist jedoch nach Keplers Annahme keine nur oberflächliche,
sondern eine stoffliche. In der Netzhaut befinde sich nämlich ein
außerordentlich feiner Stoff, »der Sehgeist«. Auf diesen wirke das durch die
Linse gesammelte Licht zersetzend in der nämlichen Weise, wie etwa
brennbare Stoffe durch die Brenngläser verändert würden. Das so
entstandene Bild sei auch von einiger Dauer. Als Beweis dafür führt
Kepler die Nachbilder an, die sich zeigen, wenn man »sich von einem
angeschauten Lichtglanz abwendet«. Eine Bestätigung hat diese

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Anschauung später durch die Entdeckung des chemisch veränderlichen
Sehpurpurs gefunden252.
Vollkommen richtig bemerkt Kepler, daß die Abbildung des Gegenstandes
auf der Netzhaut noch nicht den ganzen Sehakt ausmache, sondern, daß das
Bild »durch einen geistigen Strom« in das Gehirn übergehen und dort an
den Sitz des Sehvermögens abgeliefert werden müsse.
Daß nur ein einziges Bild zur Wahrnehmung gelangt, hat seinen Grund nach
Kepler 253 darin, daß beide Netzhäute in gleicher Weise gereizt werden.
Dementsprechend würden auch, wenn sie in ungleicher Weise gereizt
würden, zwei Bilder wahrgenommen. Auch mit der Frage, weshalb wir trotz
der umgekehrten Netzhautbilder die Gegenstände aufrecht sehen, hat sich
Kepler beschäftigt. Doch vermochte er hierauf keine befriedigende
Antwort zu geben. »Das Oben und Unten der Gegenstände,« meinte er,
»lernen wir schon aus der Bewegung der Augen unterscheiden, da wir sie in
die Höhe richten, wenn wir einen hoch befindlichen Gegenstand und nach
unten, wenn wir einen tief gelegenen sehen wollen254.«
Ferner erklärte Kepler die Kurzsichtigkeit und die Übersichtigkeit. Die
Ärzte des Altertums handeln zwar auch schon von der Kurzsichtigkeit. Sie
führten indessen diesen Zustand, gegen den sie kein Mittel besaßen, auf
eine Schwäche der vom Auge ausgehenden Ausströmung zurück255. Wie die
Ursache der Kurzsichtigkeit, so blieb den Alten auch das Wesen des
Sehvorgangs verborgen. Bei einem kurzsichtigen Auge schneiden sich, wie
Kepler richtig ausführt, die von jedem Punkte eines Gegenstandes
ausgehenden Strahlen schon innerhalb des zwischen der Linse und der
Netzhaut befindlichen Glaskörpers. Sie breiten sich hinter ihrem
Durchschnittspunkte wieder aus und geben daher auf der Netzhaut
Lichtkreise an Stelle von Lichtpunkten. Ähnlich verhält sich das
übersichtige Auge. Es bricht die Strahlen nicht stark genug, so daß die
Spitzen der Strahlenkegel hinter der Netzhaut liegen256. Da mit der
Entfernung des Gegenstandes von der Linse sich auch die Bildweite ändert,
so blieb noch zu erklären, durch welchen Vorgang ein normales Auge
imstande ist, die Bilder entfernter und naher Gegenstände mit gleicher
Schärfe wahrzunehmen. Kepler meinte, daß dieser, als Akkommodation
bezeichnete, Vorgang durch eine Verschiebung der Linse oder der Netzhaut
geschehe257, während Descartes der später als richtig erkannten Ansicht
zuneigte, daß die Linse infolge eines auf sie ausgeübten, wechselnden

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Druckes bald mehr, bald weniger gekrümmt sei258. »Da die Netzhaut«, führt
Kepler aus, »in ein und derselben Lage nicht zugleich von nahen und
fernen Gegenständen scharfe Bilder erhalten kann und doch bei den
Menschen, die nah und fern deutlich sehen, gleich scharfe Bilder erhält, so
muß die Netzhaut inbezug auf die in der kristallenen Feuchtigkeit liegende
Linse eine Ortsveränderung erleiden.« Es sei wahrscheinlich, meint
Kepler, daß ein kräftiges, jugendliches Auge, wie es eine deutliche
Bewegung in der Pupille zeige, so auch hinter der Linse die Fähigkeit habe,
den Augapfel dergestalt zu verändern, daß der Augengrund sich der Linse
nähere oder von ihr zurückweiche, je nach der Entfernung der Gegenstände,
auf die das Auge eingestellt werde. Vielleicht befinde sich der Sitz dieser
Bewegung aber auch in jener Haut, welche die Linse in der kristallenen
Feuchtigkeit festhalte und jene eigentümlichen, als Ziliarfortsätze
bezeichneten, schwarzen Strahlen aussende. Kepler nahm auch an, daß das
Innere des Auges flüssig sei, damit die von ihm geforderten
Formveränderungen vor sich gehen könnten. Er erzählt, daß er sich mit der
Erklärung des Sehens mehrere Jahre fast ausschließlich beschäftigt habe.
Dafür gebührt ihm aber auch der Ruhm, der Begründer der physiologischen
Optik zu sein. – Keplers Verdienste um die Theorie der optischen
Instrumente haben wir an der Hand seiner »Dioptrik« schon in einem
früheren Abschnitt259 gewürdigt.
Descartes und Kepler waren der Meinung, daß das Licht zu seiner
Fortpflanzung keine Zeit beanspruche. Ersterer stützte sich dabei nicht
ausschließlich auf die Wahrnehmung irdischer Vorgänge, sondern zog auch
astronomische Erscheinungen in Betracht. Da er jedoch nur die
Verfinsterungen des Mondes ins Auge faßte, so konnte sich bei der
verhältnismäßig geringen Entfernung dieses Weltkörpers, die das Licht in
einer Sekunde durcheilt, nur ein negatives Resultat ergeben260.

Keplers Nachfolger auf dem Gebiete der Astronomie.

Unter den Männern, welche die astronomische Wissenschaft als Nachfolger
Keplers mit Erfolg gepflegt haben, ist vor allem Hevel zu nennen.
Johann Hevel 261 wurde 1611 in Danzig geboren. Sein Lebensgang erinnert
in mancher Hinsicht an denjenigen Guerickes. Hevel stammte gleichfalls
aus einer alten, vermögenden Familie seiner Vaterstadt. Er studierte in

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Leyden Rechtswissenschaft, machte ausgedehnte Reisen, auf denen er
Beziehungen zu hervorragenden Ausländern anknüpfte und bekleidete, nach
Danzig zurückgekehrt, das Amt eines Ratsherrn. Die Anregung zu
astronomischen Arbeiten, denen sich Hevel neben seinen Berufsgeschäften
aus Liebhaberei widmete, empfing er von einem seiner Danziger Lehrer.
Hevel mußte ihm auf dem Totenbette das Versprechen geben, den
gemeinsam gepflegten Studien treu zu bleiben. Er baute 1641 eine
Sternwarte und verfertigte nicht nur alle Instrumente, deren er sich bediente
– sogar die Linsen schliff er selbst – sondern besorgte auch die Herstellung
der Kupferplatten für seine Abbildungen und deren Druck.
Zum Messen benutzte Hevel noch nicht das Fernrohr, obgleich die übrigen
Astronomen ihre Meßapparate schon mit dem neuen Instrument versehen
hatten, sondern er bediente sich mit einem gewissen Eigensinn
ausschließlich der für das unbewaffnete Auge eingerichteten Diopter.
Trotzdem erreichte er eine große Genauigkeit. Ja, Halley, der Hevel im
Auftrage der Royal Society besuchte, mußte sogar zugeben, daß seine mit
dem Fernrohr erhaltenen Messungen mit denjenigen Hevels bis auf die
Bogenminute übereinstimmten und oft nur um wenige Sekunden davon
abwichen.
Das größte Verdienst Hevels bestand darin, daß er die ersten genauen
Karten vom Monde zeichnete und damit einen neuen Zweig der
astronomischen Wissenschaft, die Selenographie, begründete. Hevels
Werk262 über den Mond erschien als das Ergebnis einer sich über viele Jahre
erstreckenden, mühevollen Arbeit im Jahre 1647. Es ist mit Recht als eines
der ehrwürdigsten Denkmäler ausdauernder wissenschaftlicher Tätigkeit
bezeichnet worden263. Leider sind die von Hevel für dieses Werk
gestochenen Kupferplatten infolge der Pietätlosigkeit seiner Erben verloren
gegangen. Die dunklen Flecken des Mondes (Abb. 50) hielt Hevel noch für
Wasseransammlungen; er benannte sie deshalb Mare frigoris (Eismeer),
Oceanus procellarum (stürmischer Ozean) usw. Um die Berge und Gebirge
des Mondes zu bezeichnen, bediente er sich geographischer Namen. Es
begegnen uns daher auf dem Monde der Vesuv, die Apenninen, die
Karpathen usw. Zum großen Schaden für die Wissenschaft wurde Hevels
Sternwarte 1679 durch eine Feuersbrunst zerstört, der auch viele Bücher
und Aufzeichnungen zum Opfer fielen.

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Abb. 50. Hevels Abbildung des Mondes.

Hevel war auch ein fleißiger Kometenforscher. Es war ihm vergönnt von
1652–1683 neun größere Kometen zu beobachten. Die hierdurch und durch
andere gewonnenen Aufzeichnungen über 400 Kometen hat er in seiner
Cometographie vom Jahre 1668 veröffentlicht.
Hevel starb im Jahre 1687. Er hatte einen ausgedehnten Briefwechsel mit
den bedeutendsten Gelehrten seiner Zeit unterhalten. Die von Hevel
gesammelten Briefe umfaßten viele Folianten, sind aber von seinen Erben
für einen Spottpreis verkauft worden264. In einer Geschichte der
Wissenschaften verdient dies Verhalten verurteilt zu werden, zur Warnung
für spätere Geschlechter und zur Mahnung an die Pflichten, welche der
Staat hat, wenn dem einzelnen das Verständnis abgeht.
Die unmittelbar auf Kepler folgende Generation schuf auch die mit der
Physik und mit der Astronomie in engem Zusammenhange stehende
allgemeine Geographie. Ihr Begründer ist Bernhard Varenius und das
Werk, durch das er dies vollbrachte, seine »Geographia generalis« (1650)265.
Der große Fortschritt, den wir bei Varenius finden, besteht vor allein darin,
daß er nicht lediglich schildert und beschreibt, sondern in erster Linie
vergleicht. Sein Werk wird daher mit Recht dem zweihundert Jahre später
erschienenen Kosmos A. v. Humboldts zur Seite gestellt.

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6. Die Förderung der Naturwissenschaften durch die
Fortschritte der Mathematik.
Die Entdeckungen der großen Erneuerer der Naturwissenschaften sind zum
großen Teil der Anwendung der Mathematik auf physikalische und
astronomische Probleme zu verdanken. Der Fortschritt in der von Galilei
und Kepler eingeschlagenen Richtung war daher nicht nur an die
Ausbildung und Ausbreitung des induktiven Verfahrens, sondern auch an
die Weiterentwicklung der Mathematik geknüpft. Letztere nahm denn auch
in diesem Zeitalter unter der Mitwirkung der bedeutendsten Naturforscher
einen kräftigen Aufschwung, der in der nachfolgenden Periode durch
Newton, Leibniz, Descartes und Huygens eine Fortsetzung erfuhr.

Fortschritte der Rechenkunst.

In dem Maße, wie die Genauigkeit der Beobachtungen zunahm, war auch
die Berechnung der Ergebnisse zeitraubender und mühseliger geworden, so
daß man das Bedürfnis fühlte, an die Stelle des Multiplizierens und
Dividierens großer Zahlen eine Vereinfachung treten zu lassen. Diesem
wurde durch die Erfindung der Logarithmen genügt, durch die jene
Operationen auf das viel schneller zu bewerkstelligende Addieren und
Subtrahieren zurückgeführt wurden. Zur Berechnung astronomischer Tafeln
wandte Kepler zum erstenmal im Jahre 1620 die Logarithmen an, die nach
einem Ausspruch von Laplace das Leben des Astronomen verlängern,
indem sie die Arbeit von Monaten auf Stunden abkürzen.
Ein großes Verdienst um die für die Allgemeinheit wie für die Wissenschaft
gleichwichtige Fortbildung der Rechenkunst erwarb sich auch der
Holländer Simon Stevin 266, dessen Lebensgang und physikalische
Forschungen wir an späterer Stelle kennen lernen werden. Stevin ist die
erste systematische Darstellung des Rechnens mit Dezimalbrüchen zu
verdanken. Dabei verfehlte er nicht, auf den Wert der dezimalen Schreib-
und Rechnungsweise hinzuweisen und im Zusammenhange damit von den

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Regierungen die Einführung dezimaler Münz-, Maß- und Gewichtssysteme
zu fordern, ein Wunsch, der erst zweihundert Jahre später durch die Männer
der französischen Revolution verwirklicht wurde.
Stevins Schreibweise für die Dezimalbrüche ist noch eine umständliche.
Er fügte nämlich jeder Ziffer die Stelle, die sie einnimmt, als Index bei. Der
Dezimalbruch 0,3469 z. B. nimmt bei ihm folgende Form an: 3① 4② 6③ 9④.
Fast zur selben Zeit entstand aber nach Vietas Vorschlag die heutige
Schreibweise unter Anwendung des Kommas.
Mit Zinsberechnungen war man schon im Altertum bekannt. Bei den Indern
und den italienischen Kaufleuten des Mittelalters begegnen uns auch
Zinseszinsberechnungen. Stevin gebührt das Verdienst, zuerst267 Tafeln für
die Berechnung von Zinsen und Zinseszinsen veröffentlicht zu haben.
Von größtem Einfluß auf die weitere Entwicklung der Mathematik, wie auf
die mathematische Behandlung der Naturwissenschaften war auch die
Fortbildung der algebraischen Zeichensprache und des wichtigsten Gebietes
der Algebra, der Lehre von den Gleichungen.
Wir haben in früheren Abschnitten erfahren, daß in der ältesten Periode die
Mathematik der Zeichen entbehrte und alle Rechnungen und Beziehungen
in Worten zum Ausdruck brachte. Bald traten jedoch Fachausdrücke und
Abkürzungen und endlich besondere Zeichen auf. So stellten sich gegen
den Ausgang des 15. Jahrhunderts, als man in Italien noch für Plus und
Minus die Abkürzungen p und m brauchte, die Zeichen + und - ein268.
Das Zeichen = für die Gleichsetzung ist noch jüngeren Datums. Es
begegnet uns ein halbes Jahrhundert später und wird von dem Erfinder269
damit begründet, daß nichts gleicher sei als ein Paar paralleler Strichelchen.
Klammern, Wurzel- und Unendlichkeitszeichen sind noch später
entstanden.
Der bedeutendste Fortschritt in der Ausbildung der Algebra zu einer auf
internationaler Kurzschrift beruhenden Sprache geschah durch den
Franzosen Vieta mit seiner Einführung allgemeiner Buchstabengrößen270.
Bei ihm begegnen uns auch die ersten Anfänge einer Verknüpfung der
Algebra mit der Geometrie, indem er die Wurzeln gegebener Gleichungen
geometrisch darstellen lehrte. Auch das Verfahren, die Zahl π durch eine

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unendliche Reihe zu ermitteln, rührt von Vieta her. Er hat auf diesem Wege
π bis auf 10 Dezimalen berechnet.
Franziskus Vieta wurde 1540 im Poitou geboren und starb 1603 in Paris.
Er wirkte unter Heinrich IV. als Parlamentsrat und später als Mitglied des
Königlichen Geheimen Rates. Vieta gilt als der hervorragendste
französische Mathematiker des 16. Jahrhunderts.
Mit allgemeinen Sätzen war man in der Arithmetik schon lange vor Vieta
bekannt geworden. Wollte man aber eine für das ganze Bereich der
konkreten Zahlen gültige Regel ausdrücken, so mußte dies in Worten
geschehen. Ein Beispiel diene zur Erläuterung. Ausdrücke von der Form 3
(4 + 2) = 3 · 6 = 3 · 4 + 3 · 2 = 12 + 6 = 18 lassen sich für beliebig viele
konkrete Fälle bilden. Man hatte auch daraus den allgemeinen Satz
entnommen, daß eine Summe mit einer Zahl multipliziert wird, indem man
entweder zuerst summiert und die erhaltene Zahl mit der gegebenen Zahl
multipliziert, oder auch, indem man die Summanden einzeln mit der
gegebenen Zahl multipliziert und die erhaltenen Produkte dann addiert.
Diese umständliche Regel ließ sich in der mit Buchstabengrößen
arbeitenden Algebra, zumal bald nach Vieta der Gebrauch von Klammern
aufkam, auf folgenden, ohne weiteres verständlichen, sämtliche möglichen
konkreten Fälle umfassenden Ausdruck bringen:
a (b + c) = a · b + a · c.
Vieta unternahm es auch, die Trigonometrie mit der Algebra zu
verknüpfen, indem er lehrte, wie sich nach algebraischem Verfahren die
trigonometrischen Funktionen umformen und in mannigfache Beziehungen
bringen lassen. Auf diese Weise entstand durch ihn derjenige Teil der
Trigonometrie, den man auch wohl als Goniometrie bezeichnet. So leitete er
die Formeln für sin n α und cos n α ab und zeigte z. B., daß sin 3 α = sin α ·
cos 2 α + cos α · sin 2 α ist271.

Die Lehre von den Gleichungen.

Der zweite große Fortschritt auf dem Gebiete der Algebra betraf die Lehre
von den Gleichungen. Vieta war noch der Meinung, daß nur die positiven
Wurzelwerte einer Gleichung eine Lösung darstellen. Daß auch die

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negativen Wurzeln reell sind und überhaupt jede Gleichung so viel Wurzeln
hat, als ihr Grad anzeigt, erkannten erst die Mathematiker des 17.
Jahrhunderts.
Daß jede Gleichung n. Grades n Wurzeln besitzt, folgerte der Niederländer
Girard 1629 in seinem Werke »Neue Entdeckungen auf dem Gebiete der
Algebra« aus dem von ihm erkannten Zusammenhange zwischen den
Wurzeln einer Gleichung mit ihren Koeffizienten272. Dieser Zusammenhang
ergab sich daraus, daß die Entstehung einer Gleichung n. Grades durch die
Multiplikation von n Faktoren ersten Grades nachgewiesen wurde, eine
Erkenntnis, deren mathematischer Ausdruck Xn = (x - α1)(x - α2)(x - α3) ...
(x - αn) lautet, wenn wir mit Xn das Polynom der Gleichung und mit α1, α2,
α3, αn die Wurzeln bezeichnen.
Nachdem Girard das Bildungsgesetz der Gleichungen erkannt hatte,
erhielten auch die imaginären Wurzeln, mit denen man früher nichts
anzufangen wußte, gleichsam ihre Daseinsberechtigung. Wenn Girard z. B.
findet, daß eine bestimmte Gleichung vierten Grades neben zwei reellen
noch zwei imaginäre Wurzeln liefert, so läßt er sich durch das Auftreten der
letzteren nicht beirren, sondern erläutert es dahin, daß diese Wurzeln es
eben sind, welche dem Bildungsgesetz Genüge leisten.
In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts begann man mit den negativen
Zahlen und mit der Null zu rechnen. Auch hierin hat Girard neben dem
gleich zu nennenden Descartes Bahnbrechendes geleistet. Girard
bemerkt, die negative Lösung werde geometrisch durch Rückwärtsschreiten
dargestellt273. Dieser Gedanke findet sich bei Descartes für eine Reihe von
Aufgaben verwertet. Er sowie Girard erklären die negativen Wurzeln
geometrisch als Strecken, deren Richtung derjenigen entgegengesetzt ist,
welche die den positiven Wurzeln entsprechenden Strecken angeben274.
Auf Gleichungen dritten Grades kamen schon die Alten durch das Problem
der Würfelverdopplung (Bd. I. S. 85). Auch Archimedes wurde auf eine
kubische Aufgabe geführt, als er eine Kugel durch eine Ebene so zu
zerlegen suchte, daß die beiden Teile der Kugel in einem bestimmten
Verhältnis stehen. Die Folge war, daß sich auch die Araber mit Gleichungen
dritten Grades beschäftigten, ohne indessen andere als geometrische
Lösungen zu finden. Die algebraische Auflösung dieser Gleichungen war
daher eins der wichtigsten Probleme der neueren Mathematik. Seine

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Bewältigung gelang zu Beginn des 16. Jahrhunderts275, indem man eine
Regel fand, um die Gleichung x3 + ax = b zu lösen. Bekannt gegeben wurde
diese Lösung durch Cardano (Cardanische Formel). Er hatte sie indes
nicht selbst gefunden, sondern verdankte sie Tartaglia. Es ergibt sich, daß
eine Gleichung dritten Grades drei Wurzeln hat und daß die Summe dieser
Wurzeln gleich dem Koeffizienten von x2 ist. Bei diesen Untersuchungen
war man gezwungen, auch Wurzeln aus negativen Zahlen zu
berücksichtigen und mit solchen »imaginären« Werten wie mit
algebraischen Zahlen zu rechnen.
Mit einer Gleichung vierten Grades haben sich zuerst arabische
Mathematiker beschäftigt. Die Lösung gelang durch Konstruktion276. Die
algebraische Lösung dagegen blieb einem Schüler Cardanos 277 vorbehalten.
Er führte die biquadratische Gleichung auf eine kubische zurück.
Diese Erfolge des 16. Jahrhunderts bewirkten, daß man im 17. und 18. sich
eifrig um die Lösung von Gleichungen fünften und höheren Grades mühte.
Alle Anstrengungen waren jedoch vergeblich. Sie führten schließlich zu
dem negativen Ergebnis, daß es unmöglich sei, solche Gleichungen
algebraisch aufzulösen278.

Die Begründung der analytischen Geometrie.

Eine ganz ungeahnte Wichtigkeit erhielt die Lehre von den Gleichungen, als
Descartes diesen Teil der Algebra mit der Geometrie in die engste
Beziehung setzte und dadurch die Grundlagen der analytischen Geometrie
der Ebene schuf. Descartes zeigte, daß jede gesetzmäßig entstandene
Kurve auf eine Gleichung zurückgeführt werden kann, aus der sämtliche
Eigenschaften der Kurve sich durch Rechnung ableiten lassen. Gesetzmäßig
entsteht eine Kurve, wenn sie als der geometrische Ort aller Punkte zu
betrachten ist, die einer bestimmten Bedingung genügen. Jene Bedingung
drückt Descartes durch eine unbestimmte Gleichung zwischen zwei
voneinander abhängigen Größen x und y aus, die er durch Linien darstellt.
Den Grundgedanken des auf diesen Voraussetzungen beruhenden
Verfahrens279 spricht er in folgenden Worten aus: »Indem man der Linie y
der Reihe nach unendlich viele verschiedene Größen beilegt, erhält man
auch unendlich viele Werte für die Linie x.« Auf diese Weise sind aber, wie

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Descartes hinzufügt, unendlich viele Punkte bestimmt, welche der
gegebenen Gleichung genügen. Verbindet man diese Punkte, so erhält man
eine Kurve als das geometrische Bild jener Gleichung.
Die Möglichkeit einer analytischen Geometrie des Raumes wurde von
Descartes nur angedeutet. Er bemerkt nämlich, eine dreidimensionale
Kurve sei völlig bestimmt, wenn man von jedem ihrer Punkte zwei Lote auf
zwei zueinander senkrechte Ebenen fälle. Auf diesen entständen dadurch
ebene Kurven, die uns einen vollkommenen Begriff von dem Verlauf der
Raumkurve gäben.
Descartes knüpfte zwar unmittelbar an Vieta an, den wir als den Schöpfer
der algebraischen Geometrie kennen gelernt haben. Auf den
Grundgedanken seines Verfahrens wurde er aber durch das Studium der
Alten geführt. In der Einleitung zu seiner »Geometrie« erzählt Descartes,
er habe sich mit einer Aufgabe des Pappus beschäftigt, deren vollständige
Lösung den Alten nicht gelungen sei. Den Grund dafür habe er darin
gefunden, daß die Aufgabe eine unbestimmte, d. h. die Zahl der
Gleichungen kleiner als die der Unbekannten war. Eine Lösung ließ sich,
wie Descartes erkannte, nur dadurch ermöglichen, daß man für die
überzählige Unbekannte oder die überzähligen Unbekannten bestimmte
Werte annahm, wodurch dann jedesmal auch die andere oder die anderen
Unbekannten bestimmt waren. Allerdings ergaben sich dann soviel
Lösungen, so oft man diese Operation vornahm, und statt eines bestimmten
Punktes erhielt man eine Reihe von Punkten oder eine Linie, deren Punkte
der gestellten Aufgabe genügten. Der große Fortschritt der
Descartes'schen Methode bestand darin, daß fortan geometrische Gebilde
der Rechnung unterworfen und alle geometrischen Aufgaben allgemein
gelöst werden konnten, während das Altertum nur geometrische Einzelfälle
betrachtete.
Auch neue, für die Weiterentwicklung der Mathematik in ihrer Anwendung
auf die Naturwissenschaften höchst wichtige Probleme wurden durch das
analytische Verfahren zugänglich. Eins der ersten, mit dem sich schon
Descartes befaßte und an dem sich vorzugsweise die
Infinitesimalrechnung entwickelt hat, war die Tangentenaufgabe.
Descartes stellte sie zunächst in der Fassung, daß er für einen gegebenen
Punkt einer Kurve die zur Tangente senkrechte Linie, die Normale, suchte.
Ein Jahr nach dem Erscheinen seiner »Geometrie« sehen wir ihn jedoch

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schon mit der Konstruktion der Tangente an die Zykloide beschäftigt, jener
Kurve, auf die zuerst Galilei aufmerksam geworden war280. Descartes'
Verfahren, unbestimmte Gleichungen geometrisch zu deuten, lehrte alsbald
eine Fülle neuer Kurven kennen. Erwähnt seien nur die von ihm entdeckte
logarithmische Spirale und das gleichfalls von ihm gefundene und nach ihm
benannte Cartesische Blatt, dessen Gleichung x3 + y3 = a · x · y lautet.
Die Geometrie der Ebene wurde insbesondere durch Fermat, diejenige des
Raumes erst ein Jahrhundert später durch Clairaut (1713–1765) weiter
ausgebaut.
Fermats Verdienste um die Fortbildung der Mathematik zur wichtigsten
Hilfsdisziplin der Naturwissenschaften sind so hervorragend, daß wir bei
diesem Manne und seinen Leistungen etwas verweilen müssen.
Pierre Fermat wurde 1601 in der Nähe von Toulouse geboren. Er starb
dort im Jahre 1665. Wir wollen versuchen Fermat, dem man den Ruhm
zuerkannt hat, der bedeutendste französische Mathematiker281 zu sein, als
Mitbegründer der analytischen Geometrie zu würdigen, mit deren
Problemen er sich bereits 10 Jahre vor dem Erscheinen des
Descartes'schen Werkes beschäftigte. Auch Fermat knüpfte wie
Descartes an die alte Mathematik an. Fermat bemühte sich nämlich, eine
verloren gegangene und nur in Bruchstücken durch Pappus bekannt
gewordene Schrift des Euklid, die sogenannten Porismen282, wieder
herzustellen.
Fermats für die analytische Geometrie grundlegende Arbeit zeichnet sich
der »Geometrie« des Descartes gegenüber durch größere Klarheit und
erschöpfende Behandlung aus. Nirgends findet sich bei Descartes eine
solch klare Darstellung des Grundgedankens, wie Fermat sie gleich zu
Beginn seiner Arbeit gibt. Die Gleichungen, sagt er, können in bequemer
Weise dargestellt werden, wenn wir zwei Strecken unter einem gegebenen
Winkel, als den man am passendsten den rechten nimmt, aneinandersetzen
und einen Anfangspunkt wählen. Diesen Nullpunkt bezeichnet Fermat mit
N. Die Strecke, die er von dort abträgt, wird mit A (unser x), die dazu
senkrechte mit E (unser y) bezeichnet. Die konstanten Werte (a, b, c usw.)
werden bei ihm durch B, D, G ausgedrückt. Die Gleichung einer Geraden,
welche durch den Nullpunkt geht, begegnet uns bei Fermat zum ersten
Male. Sie lautet D · A = B · E. (unser ax = by). Die Parabelgleichung

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schreibt er A2 = D · E (unser x2 = ay), die Kreisgleichung B2 - A2 = E2
(heute r2 - x2 = y2) usw.283.

Maxima- und Minimaaufgaben.

Fermat war einer der ersten, der eine allgemeine Methode fand, die
Maxima- und Minimaaufgaben zu lösen. Zum ersten Male begegnet uns ein
hierher gehöriges Problem, und zwar in geometrischer Fassung, bei
Euklid 284. Es läuft, modern ausgedrückt, darauf hinaus, für x · (a - x) den
größten Wert zu finden. Die Lösung ergibt, daß dies Produkt ein Maximum
ist, wenn x = a/2 gesetzt wird. Daß der Kreis bei gegebenem Umfang unter
allen ebenen Figuren die größte Fläche, und die Kugel bei gegebener
Oberfläche unter allen Körpern den größten Rauminhalt besitzt, war den
Alten gleichfalls bekannt.
Unter den neueren Mathematikern haben sich, von vereinzelten Fällen
abgesehen285, zuerst Kepler, Cavalieri und Fermat mit den in ihrer
Anwendung auf das physikalische Gebiet so außerordentlich wichtigen
Maxima- und Minimabestimmungen beschäftigt. Mit Keplers und mit
Cavalieris Verdienst um die Begründung der neueren Mathematik werden
wir uns später befassen.
Fermats Methode ist diejenige, die auch heute wohl noch für eine
elementare Behandlung von Maxima- und Minimaaufgaben Anwendung
findet286. Er setzt nämlich an Stelle einer Unbekannten x einen neuen Wert x
- Δ, in welchem Δ (Fermat braucht dafür die Bezeichnung E) als eine von
Null nur wenig abweichende Größe betrachtet wird.
Nachdem er den Ausdruck umgeformt, wird der Übergang von Δ zur Null
vollzogen und der für x gesuchte Wert ermittelt.
Ein Beispiel Fermats, bei dem wir jedoch von seiner Ausdrucksweise
absehen, möge sein Verfahren erläutern. Für x2 (a - x) wird nach dem Wert
von x gefragt, für den dieses Produkt den größten Wert annimmt. Für x wird
x + Δ gesetzt und wir erhalten:
x2 (a - x) = (x + Δ)2 (a - x - Δ).
Die Ausrechnung und Umformung ergibt:

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2ax - 3x2 + Δ (a - 3x - Δ) = 0.
Wird darin Δ = 0 gesetzt, so erhalten wir:
2ax - 3x2 = 0
und daraus:
x = 2/3 a.
Der von Fermat gelehrten Methode fehlte noch ein bestimmtes
Kennzeichen dafür, ob der erhaltene Wert ein Maximum oder ein Minimum
ist. Dies allgemein zu entscheiden, vermochte man erst mit Hilfe des von
Leibniz herrührenden Verfahrens der Differentialrechnung.
In dem Bestreben, die von ihm gefundene Methode auf die Naturlehre
anzuwenden, wurde Fermat zu seinem Prinzip von der geringsten
Wirkung287 geführt. Fermats Satz läuft darauf hinaus, daß die Natur, »die
große Arbeiterin, die unserer Instrumente und Maschinen nicht bedarf«, alle
Geschehnisse mit einem Minimum von Aufwand ablaufen lasse. Dieser
Gedanke war auch den Alten nicht fremd. So erklärten sie die Form der
Bienenzellen aus dem Streben der Natur, möglichst an Material zu sparen288.
Der alexandrinische Physiker Heron äußerte einen ähnlichen Gedanken in
bezug auf das Reflexionsgesetz. Er wies nämlich darauf hin, daß die
Reflexion des Lichtes von A nach B auf dem kürzesten Wege erfolgt, wenn
der Reflexionspunkt C die Lage hat, daß der Einfallswinkel ACD gleich
dem Austrittswinkel BCD ist, da jede andere Verbindung der Punkte A und
B mit der spiegelnden Fläche, z. B. die Verbindung AC 1 B (Abb. 51),
länger ist.

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Abb. 51. Das Reflexionsgesetz, erklärt aus dem Prinzip der kleinsten Wirkung, d.
i. in diesem Falle des kürzesten Lichtweges.

Diese Betrachtungsweise übertrug Fermat zunächst auf das damals im
Mittelpunkte der Erörterung stehende Brechungsgesetz. Fermats
Gedankengang war etwa folgender: Daß der Lichtstrahl beim Übergang von
dem dünneren zum dichteren Medium gebrochen wird, rührt daher, daß das
Licht in letzterem einen größeren Widerstand findet und sich infolgedessen
langsamer bewegt. Je größer nämlich der Widerstand ist, um so länger wird
die für seine Überwindung beanspruchte Zeit sein. Die im Sinne des
Prinzips der kleinsten Aktion gestellte Frage lautete also: Welchen Weg
muß der Lichtstrahl nehmen, um mit dem geringsten Gesamtwiderstande,
der sich aus den Widerständen in den beiden Medien summiert, oder was
auf dasselbe hinausläuft, da ja dem kleineren Widerstande eine kürzere Zeit
entspricht, um innerhalb der kürzesten Zeit von A nach B zu gelangen (Abb.
52)? Fermat findet mit Hilfe seines Verfahrens, daß dieses Minimum
stattfindet, wenn sich der Sinus des Einfallswinkels zum Sinus des
Brechungswinkels wie die Geschwindigkeiten in den zugehörigen Medien
verhalten (sin α : sin β = v1 : v2 = n).
Fermat schloß auch umgekehrt aus dem Gesetz als einer feststehenden
Tatsache auf die Zulässigkeit seines, immerhin einen gewissen
metaphysischen Zug aufweisenden Prinzips. Denn metaphysisch war das
Prinzip, so lange es darauf hinauslief, an die Stelle des ursächlichen
Wirkens der Natur gewissermaßen ein überlegtes, aus Vernunftgründen
entspringendes Handeln zu setzen.

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Abb. 52. Fermat erklärt das Brechungsgesetz aus dem Prinzip der kleinsten
Wirkung.

Das Prinzip der kleinsten Wirkung ist für die weitere Folge von nicht
geringem Einfluß gewesen, obgleich es das »unbestimmteste von allen
Prinzipien«289 ist, aus dem man das Wirken der Natur zu erklären sucht.
Auch Huygens benutzte den Fermatschen Satz. Bei der nahen Beziehung,
in der Huygens zu Leibniz stand, hat man wohl vermutet, daß der letztere
seine Lehre von der prästabilierten Harmonie in Anlehnung an die
Gedanken Fermats geschaffen hat. Die Mathematiker und die
Physikotheologen des 18. Jahrhunderts hielten gleichfalls an diesem Prinzip
fest und suchten seine Allgemeingültigkeit dadurch nachzuweisen, daß sie
zahlreiche Einzelfälle daraus ableiteten. Auf solche Weise äußerte das
Prinzip eine sehr anregende und fruchtbare Wirkung. Viele Untersuchungen
über größte und kleinste Werte, die man im 18. Jahrhundert unternahm,
waren von dem Bestreben geleitet, die Naturvorgänge aus dem Prinzip der
kleinsten Wirkung zu erklären. Hand in Hand damit erwuchs in der
Variationsrechnung ein besonderer Zweig der Mathematik, der sich mit
Maxima- und Minima-Aufgaben befaßte und allgemeingültige Regeln für
ihre Lösung erkennen ließ. Einen vorläufigen Abschluß fanden diese
Untersuchungen, an denen sich auch Johann und Jacob Bernoulli
beteiligten, in Eulers Schrift vom Jahre 1744290. Welchen Standpunkt Euler
dem Fermatschen Prinzip gegenüber einnahm, ersehen wir aus folgenden,
jenem Hauptwerk entnommenen Worten: »Da die Einrichtung der Welt die

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vorzüglichste ist, wird nichts in ihr angetroffen, woraus nicht irgend eine
Maximum- oder Minimumeigenschaft hervorleuchtet. Deshalb kann kein
Zweifel bestehen, daß alle Wirkungen in der Welt durch die Methode der
Maxima und Minima aus den Zwecken wie aus den wirkenden Ursachen
selbst abgeleitet werden können«.
Inzwischen mehrten sich die Beobachtungen, daß auch für die organische
Welt Fermats Satz als Stütze dienen könne. Der Bau der Knochen, der
Federn und der Halme: alles schien darauf hinzudeuten, daß die Natur von
ihren Mitteln den zweckmäßigsten und sparsamsten Gebrauch macht und
insbesondere bei dem Aufbau der organischen Körper gewissermaßen nach
einem Sparsamkeitsgesetz verfährt, das sich als ein besonderer Fall des in
der Optik und in der Mechanik beobachteten Prinzips der kleinsten
Wirkung darstellt. Letzteres wurde dann auch um die Mitte des 18.
Jahrhunderts von Maupertuis zur Grundlage der gesamten Naturlehre
gemacht und in folgende Worte gekleidet: »Wenn in der Natur eine
Veränderung vor sich geht, so ist der für diese Veränderung erforderliche
Aufwand der möglichst kleinste«291.
Wie wir später sehen werden, wurde diese, in ihren Anfängen bis ins
Altertum zurückreichende Vorstellung, die Fermat klarer formulierte und
das 18. Jahrhundert weiter entwickelte, erst durch schärfere mechanische
Prinzipien verdrängt, als Lagrange die Neubegründung der Mechanik
unternahm.
Wir kehren noch einmal zu Fermat zurück, um seine Verdienste um die
Begründung der Zahlentheorie, der Kombinationslehre und der
Wahrscheinlichkeitsrechnung wenigstens kurz zu erwähnen. Schienen auch
diese Gebiete zuerst rein mathematisch zu sein, so sind sie im Laufe ihrer
Entwicklung doch in den Dienst der Naturwissenschaften getreten. Ganz
besonders gilt dies von der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Ihre ersten
Anfänge begegnen uns im 15. und 16. Jahrhundert. Sie knüpfen an die
Glücksspiele an.
Die Begründer der Wahrscheinlichkeitsrechnung als einer mathematischen
Disziplin sind Fermat und sein Zeitgenosse Pascal (1623–1662). Pascal
wurde die Frage vorgelegt, bei wieviel Würfen man Aussicht habe, mit zwei
Würfeln den Sechserpasch zu werfen. Als das wichtigste Mittel zur
Bewältigung der Probleme der Wahrscheinlichkeitsrechnung schufen

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Pascal und Fermat die Kombinatorik, deren Anfänge uns schon bei den
Indern begegnen.
Was Fermats Verdienst um die Theorie der Zahlen anbelangt, so sei daran
erinnert, daß auch auf diesem Gebiete ein Satz, und zwar ein fundamentaler,
seinen Namen führt.
Um die Fortentwicklung der Kombinationslehre haben sich im 18.
Jahrhundert Jacob Bernoulli und im 19. Laplace und Gauß die
hervorragendsten Verdienste erworben.
Zur selben Zeit, als Descartes neben die alte Euklidische die analytische
Geometrie setzte, begegnen uns die Anfänge einer dritten geometrischen
Betrachtungsweise, derjenigen der Zentralprojektion. Aus ihr hat sich im
19. Jahrhundert auf Grund der Untersuchungen Poncelets und Steiners
die projektivische Geometrie entwickelt292, deren Sätze sich durch einen
hohen Grad von Allgemeingültigkeit vor denjenigen der Euklidischen und
der analytischen Geometrie auszeichnen.

Die Anfänge der Infinitesimalrechnung.

In den Anfang des 17. Jahrhunderts fallen auch die ersten Schritte zur
Begründung einer mathematischen Methode, deren Ausgestaltung zu einem
der mächtigsten Hilfsmittel der Naturforschung Newton und Leibniz
vorbehalten blieb. Dies ist die Infinitesimalrechnung. Unter den Männern,
die hier als Vorläufer zu nennen sind, nimmt Kepler neben dem Italiener
Cavalieri, einem Schüler Galileis, die erste Stelle ein. Schon die Alten,
insbesondere Archimedes, hatten bemerkt, daß manche geometrische
Aufgaben mit Hilfe der Elementarmathematik nicht gelöst werden können.
Dies hatte auf die Anwendung eines unter dem Namen der
Exhaustionsmethode bekannten Verfahrens geführt, vermittelst dessen z. B.
Archimedes 293 die Quadratur der Parabel gelang. Auch die von
Archimedes und früheren angestellte Berechnung des Kreisumfanges mit
Hilfe der ein- und umgeschriebenen Vielecke zeigt uns, wie man schon im
Altertum, wenn auch in umständlicher Weise, die Rektifikation einer Kurve
vorzunehmen wußte294. Nach neueren Entdeckungen (s. Bd. I S. 164) besaß
Archimedes sogar schon ein Verfahren, das der Integration, wie man sie
heute ausübt, in seinem Wesen schon entsprach.

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Der Fortschritt der Astronomie und der Physik war an die Entwicklung
eines Verfahrens geknüpft, das eine allgemein gültige Lösung für die
Ausmessung von Kurven, der von Kurven eingeschlossenen Flächen, sowie
der durch Bewegung solcher Flächen entstandenen Körper ermöglichte.
Wie wichtig mußte es z. B. für Kepler sein, den Umfang der Ellipse aus
der großen (a) und der kleinen (b) Achse berechnen zu können295. Er hat sich
auch hieran versucht und gibt den Wert für diesen Umfang als nahezu
gleich π (a + b) an. Daß es sich hier um eine Annäherung handelt, hebt
Kepler ausdrücklich hervor. Auch wird ihm zweifelsohne bekannt gewesen
sein, daß der Ausdruck nur gebraucht werden darf, wenn a und b wenig
voneinander verschieden sind296.
Mit der Bestimmung des Rauminhaltes von Rotationskörpern befaßt sich
Kepler in seiner Doliometrie297 oder Faßberechnung. Lagrange hat später
von diesem Buche gerühmt, daß es ähnlich wie die Sandesrechnung des
Archimedes an einem gewöhnlichen Gegenstande die erhabensten
Gedanken entwickele. Ein besonderer Umstand veranlaßte Kepler, seine
Betrachtungen gerade an die Raumbestimmung von Fässern anzuknüpfen.
Er hatte nämlich beim Einkauf von Wein beobachtet, daß die Händler den
Inhalt der Fässer bestimmten, indem sie einen Meßstab durch den Spund bis
zu den gegenüber befindlichen Dauben führten, ohne auf die Krümmung
der letzteren Rücksicht zu nehmen. Ein dem Fasse an Inhalt gleicher Körper
entsteht, wenn der Längsschnitt um die Achse rotiert. Keplers
Grundgedanke bestand nun darin, derartige Rotationskörper in eine
unendliche Zahl von Elementarteilen zu zerlegen und diese zu summieren,
eine Untersuchung, die er in der »Doliometrie« auf etwa 90 Fälle
ausdehnte.
Bei der Quadratur von Flächen hatten sich Archimedes und Euklid der
»Exhaustionsmethode« bedient, deren Wesen wir an früherer Stelle kennen
lernten. Kepler dagegen bediente sich bei seinen Quadraturen und
Kubaturen unendlich kleiner Größen und ging dabei von Vorstellungen aus,
welche die alten Mathematiker im allgemeinen vermieden hatten. So gelten
für ihn unendlich kleine Bogen als gerade Linien, unendlich schmale
Ebenen als Linien und unendlich dünne Ebenen als Körper, eine
Vorstellung, die später auch Cavalieri seinen Integrationen zugrunde legte.
Als Beispiel diene die Quadratur des Kreises, an der wir bei Archimedes
das Exhaustionsverfahren kennen gelernt haben. Der Kreisumfang, sagt

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Kepler, hat unendlich viele Teile. Jedes dieser Teilchen ist als Basis eines
gleichschenkligen Dreiecks anzusehen. Wir erhalten so unendlich viele
Dreiecke, die sämtlich mit ihren Spitzen im Mittelpunkte des Kreises
liegen. Werden nun die sämtlichen Grundlinien, deren Summe gleich der
Peripherie ist, auf einer Geraden aneinander gefügt und mit dem
Mittelpunkte des Kreises verbunden, so erhalten wir ein aus unendlich
vielen Dreieckchen bestehendes größeres Dreieck, dessen Inhalt gleich dem
des Kreises ist.
Auf die gleiche Weise wird der Inhalt der Kugel berechnet. »Sie enthält«,
sagt Kepler, »der Möglichkeit nach gleichsam unendlich viele Kegel,
deren Grundflächen sozusagen Punkte sind, während die Spitzen im
Mittelpunkte der Kugel zusammenstoßen.«
Eins der lehrreichsten Beispiele für Keplers Verfahren ist seine Kubatur
des Ringes (s. Abb. 53). Dieser wird zunächst durch Ebenen, welche durch
die Achse A gehen, in unendlich viele Scheibchen zerlegt. Diese
Scheibchen sind aber nicht überall gleich dick, sondern sie sind, von ihrer
eigenen Mitte aus gerechnet, nach der Achse A zu dünner und nach der
entgegengesetzten Richtung dicker. Diese Unterschiede gleichen sich aber
aus, und infolgedessen ist der Rauminhalt des Ringes gleich dem Inhalt
eines Zylinders, dessen Grundfläche mit einer Schnittfläche des Ringes
zusammenfällt, während seine Höhe gleich dem Kreise ist, den der
Mittelpunkt F dieser Schnittfläche bei ihrer Rotation um die Achse A
beschreibt.

Abb. 53. Keplers Kubatur des Ringes298.

Zu den wenigen, von den Alten betrachteten Rotationskörpern fügte
Kepler eine Fülle von neuen, so daß die Gesamtzahl der von ihm
betrachteten Körper sich auf 92 beläuft. Diese Mannigfaltigkeit ergab sich,
indem er geradlinige Figuren und die vier Kegelschnitte um Durchmesser,

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Sehnen, Tangenten oder außerhalb dieser Kurven gelegene Achsen rotieren
ließ (s. Abb. 54). Die entstandenen Körper benannte Kepler oft nach
Früchten. So entstand sein »Apfel«, wenn ein Kreisabschnitt, der größer als
der Halbkreis ist, um seine Sehne rotiert299. War der rotierende
Kreisabschnitt dagegen kleiner als der Halbkreis, so nannte er den
entstandenen Körper »Zitrone«.
Die mathematische Strenge eines Euklid und Archimedes vermochte
Kepler bei seinen Ableitungen nicht zu erreichen. Dazu bedurfte es der
weiteren Entwicklung der Infinitesimalmethode, die er erst begründete. In
manchen Fällen mußte er sich mit Wahrscheinlichkeitsschlüssen begnügen,
oder er verfehlte gar die richtige Lösung des vorliegenden Einzelfalles.

Abb. 54. Keplers Rotationskörper, den er »Apfel« nannte.

Kepler hatte sich in seiner »Doliometrie« nicht nur die Aufgabe gestellt,
den Inhalt von Fässern und anderen Rotationskörpern zu berechnen,
sondern er wollte zugleich untersuchen, welche Form des Fasses die
zweckmäßigste sei, d. h. beim geringsten Verbrauch an Material möglichst
viel fassen könne. Ein Problem von der Art des zuletzt erwähnten hat man
als ein isoperimetrisches bezeichnet, und wir werden erfahren, daß auch in
späteren Perioden derartige Probleme für die Entwicklung der höheren
Analysis von der allergrößten Wichtigkeit gewesen sind. Als Beispiel unter
Keplers hierher gehörigen Betrachtungen sei der Satz erwähnt, daß der
Würfel das größte Parallelepipedon ist, das in eine Kugel einbeschrieben
werden kann300.

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Kepler bemerkte auch schon, daß die Maximalwerte dadurch
gekennzeichnet sind, daß in ihrer Nähe die Veränderungen einer Funktion
gleich Null werden. Ist z. B. MP (Abb. 55) die größte Ordinate der Kurve
AMB, so ist die Zu- und Abnahme von MP bei unendlich kleiner paralleler
Verschiebung gleich Null. Kepler zeigte durch diesen für die Theorie der
Maxima und Minima grundlegenden Satz, wenn er ihn auch noch nicht zu
beweisen vermochte, wie tief er auch nach dieser Seite in die
Infinitesimalbetrachtungen eingedrungen war. In Keplers Worten lautet der
Satz: »An solchen Stellen, wo der Übergang von einem kleineren zum
größten und wieder zum kleineren stattfindet, ist der Unterschied immer bis
zu einem gewissen Grade unmerklich.«

Abb. 55. Keplers Untersuchung der größten und kleinsten Werte.

Wenig später als Kepler nahm der Italiener Cavalieri 301 das Problem der
Quadratur und Kubatur gleichfalls nach einer von der Mathematik der Alten
abweichenden Methode in Angriff. Dies geschah 1635 in seiner »Geometrie
der Indivisibilien«302. Eine klare Definition des Wortes »Indivisibilien«, d. h.
die »Unteilbaren«, hat Cavalieri nicht gegeben. Sein Verfahren, die
Flächen auf Linien und die Körper auf Flächen zurückzuführen, hat auch
wohl das Mißverständnis hervorgerufen, als ob Cavalieri die Flächen als
die Summen unendlich vieler Parallelen und die Körper als die Summen
von Flächen auffassen wollte, und infolgedessen Widerspruch erregt.
Cavalieri weiß aber sehr wohl, daß die Summe aller parallelen Sehnen
einer geschlossenen Fläche unendlich und daß das Verhältnis zwischen zwei
solchen Summen unbestimmt ist. Besitzen dagegen die zahlreichen
parallelen Sehnen, welche durch zwei Flächen gelegt werden, die von zwei
Parallelen eingeschlossen sind, gleichen Abstand, so erhält das Verhältnis

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der Sehnensummen einen Wert, der sich mit der Vermehrung der Sehnen
einer bestimmten Grenze nähert. Und zwar entspricht dies Verhältnis dem
der beiden Flächen, welche durch die Sehnen zerteilt werden. Ein einfaches
Beispiel möge das Gesagte erläutern. Man errichte über der Grundlinie
eines Dreiecks ein Rechteck von gleicher Höhe und ziehe dann in beiden
Figuren eine Anzahl Linien parallel zur Grundlinie in gleichen Abständen.
Dann wird die Summe der Strecken im Dreieck halb so groß sein wie die
Summe der Strecken im Rechteck. Daraus schließt Cavalieri, daß auch die
Flächen im Verhältnis von 1 : 2 stehen.
Nach demselben Verfahren ergibt sich, daß eine Ellipse und ein Kreis,
dessen Durchmesser mit einer Achse der Ellipse zusammenfällt, sich der
Fläche nach verhalten wie die andere Achse der Ellipse zum
Kreisdurchmesser.
Wird Cavalieris Methode auf körperliche Gebilde übertragen, so sind statt
der Linien parallele Ebenen in gleichen Abständen zu wählen. Schneiden
diese Ebenen die Körper in Flächen, die in einem gegebenen Verhältnis
stehen, so gilt für die Volumina der Körper das gleiche Verhältnis. Noch
heute trägt dieser Satz bekanntlich den Namen Cavalieris. Eingeschränkt
auf inhaltsgleiche Gebilde lautet er: Gebilde der Ebene sowie des Raumes
sind inhaltsgleich, wenn die in gleicher Höhe geführten Schnitte gleiche
Strecken bzw. Flächen ergeben.
Gegenüber der Methode Keplers, der sich bestimmte Aufgaben stellte,
besaß die Methode Cavalieris den Vorzug größerer Allgemeingültigkeit
und abstrakterer Behandlung. Trotz des Widerspruches, den beide Männer
fanden, war die von ihnen eingeführte Infinitesimalbetrachtung die
wertvollste Idee, die jemals die Mathematik bereichert hat. Erweisen sollte
sich ihre Fruchtbarkeit zwar erst nach der Erfindung der analytischen
Geometrie, aus deren Verknüpfung mit der neuen Betrachtungsweise die
Differential- und Integralrechnung als das wichtigste mathematische
Hilfsmittel der neueren Naturforschung hervorging.
Unter den wissenschaftlichen Gegnern Keplers und Cavalieris ist
besonders Guldin zu nennen. Er befaßte sich in einem umfangreichen
Werke mit der Bestimmung der Schwerpunkte von Kurven, Flächen und
Körpern und zwar eingehender, als es bisher geschehen war303. Fußend auf
einem Satz, der sich bei Pappus findet, ging Guldin gleichfalls zu

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Inhaltsbestimmungen über. Der Pappus-Guldinsche Satz, der heute noch
als die Guldinsche Regel bezeichnet wird, besagt, daß der Rauminhalt
eines Rotationskörpers gleich dem Produkt aus der erzeugenden Fläche und
dem Wege ihres Schwerpunktes ist.
Einen einwandfreien Beweis dieses Satzes vermochte Guldin nicht zu
geben. Seine Richtigkeit folgerte er vielmehr aus dem Umstande, daß man
mit Hilfe dieser Regel zu den gleichen Ergebnissen gelangt, die sich auch
auf anderen Wegen finden lassen. Seine Beispiele sind oft dieselben, die
Kepler behandelt hat. Während aber Keplers, von Guldin als
unwissenschaftlich bekämpfte Methode den Keim der höheren Mathematik
enthielt, ist Guldins Verfahren ohne Einfluß auf die Weiterentwicklung
dieser Wissenschaft geblieben, zumal die Quadratur der gegebenen Figur
und die Bestimmung ihres Schwerpunktes häufig weit schwieriger sind, als
die direkte Kubatur des betreffenden Rotationskörpers304.
Einen weiteren Schritt auf dem Gebiete der Infinitesimalbetrachtungen
bedeutet die »Arithmetik des Unendlichen« des Engländers Wallis 305
(1655). Wallis wurde durch die Untersuchungen Cavalieris angeregt, sich
mit Quadraturen und Kubaturen zu beschäftigen. Sie bilden den
wesentlichen Inhalt seiner »Arithmetik des Unendlichen«. Aus dem Titel
des Werkes ist schon ersichtlich, daß Wallis im Gegensatz zu Cavalieri,
der seine Ableitungen geometrisch zu gestalten suchte, vorzugsweise
rechnerisch verfuhr. Dies gelang ihm, indem er die analytische Methode des
Descartes auf die infinitesimale Betrachtungsweise Keplers und
Cavalieris übertrug. Ob Wallis mit der Doliometrie Keplers bekannt
war, ist allerdings zweifelhaft306.
Wallis zerlegt z. B. eine Fläche, um deren Quadratur es sich handelt, durch
unendlich viele parallele Ordinaten in eine unendlich große Zahl von
unendlich schmalen Parallelogrammen und sucht deren Summe zu
ermitteln. Dabei bedient er sich der noch heute üblichen Form des
Grenzüberganges.
Die Erweiterung dieser von Kepler, Cavalieri und anderen geschaffenen
Grundlagen einer neuen, höheren Mathematik zu einem allgemeinen, für
die Fortentwicklung der Naturwissenschaft sowohl wie der Technik
unentbehrlichen Hilfsmittel ist insbesondere das Werk von Newton und
von Leibniz.

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Durch seine Untersuchungen über unendliche Reihen war Newton zu einer
allgemeineren Lösung der Tangentenaufgabe gelangt, mit der sich schon
Fermat und Descartes beschäftigt hatten. Newton veröffentlichte sein
Verfahren zunächst nicht, sondern setzte seit 1669 mehrere Personen, mit
denen er in wissenschaftlichem Verkehr stand, davon in Kenntnis. Durch
einen Brief des Sekretärs der Royal-Society307 erfuhr auch Leibniz davon.
Diesen Brief empfing Leibniz jedoch erst 1677. Er antwortete noch in
demselben Jahre unter Darlegung einer Methode, die zum gleichen Ziele
führe und machte sie im Jahre 1684 und 1686 bekannt. In der Schrift vom
Jahre 1684308 entwickelte er die Prinzipien der Differentialrechnung. Er
bezeichnete es als ihre Aufgabe, den unendlich kleinen Zuwachs zu
bestimmen, den eine Funktion f(x) erfährt, wenn sich die Variable x
unendlich wenig ändert. Jenen unendlich kleinen Zuwachs nannte Leibniz
das Differential der Funktion. Er bezeichnete ihn mit d.
In der zweiten Schrift309 entwickelte Leibniz die Prinzipien der
Integralrechnung. Er stellte sich darin die Aufgabe, umgekehrt aus dem
unendlich kleinen Zuwachs die Funktion zu finden, ein Verfahren, das man
als Integration bezeichnet. Leibniz führte für die gesuchte Funktion das
Zeichen ∫ (Integral) ein. Auch erkannte er schon den Zusammenhang, in
dem das Integrationsverfahren mit der Quadratur und mit der Kubatur steht.
Bald nach diesen Veröffentlichungen erschienen die »Prinzipien« (1687), in
denen Newton sich der geometrischen Einkleidung seiner Beweise
bediente. So kam es, daß sich die von Leibniz erfundene Methode rasch
ausbreitete, während diejenige Newtons fast unbekannt blieb und
vollständig erst nach seinem Tode310 veröffentlicht wurde. Er nannte sie
Methode der Fluxionen. Die unendlich kleinen Größen, mit denen Leibniz
operiert, ersetzt Newton durch seine verschwindenden Größen. Das Neue
ist bei Newton vor allem der Begriff der Grenze. Er versteht darunter den
Wert, dem sich die gleichsam fließenden (daher der Ausdruck Fluxionen)
Größen immer mehr nähern.
Erwähnt sei noch, daß im Jahre 1699 ein heftiger Prioritätsstreit entbrannte.
Er wurde entfacht durch die Bemerkung eines Mathematikers311, daß
Leibniz sein Verfahren wahrscheinlich Newton entlehnt habe. Leibniz
war daraufhin so unvorsichtig, in einer anonymen Schrift Newton des
Plagiats zu beschuldigen. Eine Aussöhnung fand nicht statt. Leibniz hat
bis zu seinem Tode (1716) sehr unter diesem Streit gelitten. Newton hat in

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seinen »Prinzipien« anerkannt, daß Leibniz auf die gleiche Methode wie er
gekommen sei. Erst in der nach Newtons Tode erschienenen Auflage ist
die Bemerkung fortgelassen.
Daran, daß Newton die Priorität gebührt, ist nicht zu zweifeln, wie auch
Leibniz wohl die Anregung zu seiner Entdeckung durch Newton
empfangen hat. Vor allem hat Leibniz das Verdienst, die neue Methode
zuerst bekanntgegeben und durch den von ihm geschaffenen Algorithmus
ganz besonders zu ihrer Ausbreitung beigetragen zu haben.
Die tiefere Begründung der Infinitesimalmethode erfolgte erst durch
Carnot 312, den großen Carnot der französischen Revolution, dessen Neffe
grundlegende Untersuchungen auf dem Gebiete der Wärmelehre anstellte
(s. Bd. III ds. Werkes). Um die mathematische Strenge des Verfahrens hat
sich Cauchy das größte Verdienst erworben. Er entschied sich für die von
Newton begründete Methode der Grenzwerte, die an Klarheit und Schärfe
von keiner anderen erreicht wird.

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7. Die Beziehungen der Naturwissenschaft zur neueren
Philosophie.
Wie die Mathematik, so ist auch die Philosophie auf die Entwicklung der
Naturwissenschaften von großem Einfluß gewesen. Alle drei entspringen ja
der gleichen Quelle, nämlich dem uns innewohnenden Triebe, uns gegen
die geistige Umwelt einzustellen. Bei der Philosophie erweitert sich dieser
Trieb dahin, auch das Verhältnis der Umwelt zum denkenden und
forschenden Subjekt zu ergründen. Wie sich die Mathematik, die
Philosophie und die Naturwissenschaften seit dem Altertum gegenseitig
bedingt haben, wurde in früheren Abschnitten gezeigt. Im Anfange war die
Berührung eine so innige, daß gewöhnlich ein und derselbe Mann
Philosoph, Mathematiker und Naturforscher war. Man braucht nur an
Thales, Platon und Aristoteles zu erinnern. Später setzte die
Spezialisierung ein. Männer wie Archimedes und Heron haben sich
schwerlich eingehender mit philosophischen Fragen beschäftigt, wenigstens
erkennen wir es nicht aus ihren Werken. Auch die Mathematik wurde vielen
ein Sondergebiet, das sich von den übrigen loslöste und als reine
Mathematik seine eigenen Wege ging. Dagegen ist die Vereinigung des
naturwissenschaftlichen Forschens mit mathematischem Denken durch alle
Zeiten erhalten geblieben. Die Astronomie war seit den ersten Anfängen
angewandte Mathematik, die Physik war es, sobald sie sich mechanischen
Problemen zuwandte, und die übrigen Zweige der Naturwissenschaft
erhoben sich erst in dem Maße auf eine Stufe, die als wissenschaftlich
bezeichnet werden kann, in dem sie der Mathematik und der auf ihr
beruhenden Mechanik ihre Tore öffneten.
Trotz der engen Beziehungen, die zwischen den Naturwissenschaften, der
Mathematik und der Philosophie herrschen und jederzeit vorhanden waren,
haben sich diese drei Wissenschaften keineswegs stets gegenseitig
gefördert. Selbst die Mathematik konnte die Entwicklung der
Naturwissenschaften hemmen, indem sie letztere mit geometrischen und
Zahlenspekulationen überwucherte, anstatt ihnen lediglich bei der
Ausbildung des messenden Verfahrens behilflich zu sein. Geradezu
unheilvoll ist mitunter der Einfluß der Philosophie auf die

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Naturwissenschaft gewesen. Letztere hatte am meisten, erstere am
wenigsten festen Boden unter den Füßen. Die Philosophie konnte daher
besonders leicht auf Abwege geraten. Das ist bis in die neueste Zeit
geschehen, wie uns die Betrachtungen über den Einfluß der während der
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts herrschenden Naturphilosophie zeigen
werden. In Deutschland konnten die Naturwissenschaften damals erst
wieder aufblühen, nachdem sie sich von der zeitgenössischen Philosophie
losgelöst hatten. Eine ähnliche Befreiung aus den Fesseln der Philosophie
mußte auch dem Aufblühen der Naturwissenschaften zu Beginn des 17.
Jahrhunderts vorhergehen. Bis dahin reicht für die Philosophie das Zeitalter
der Scholastik. Sie erblickte ihre Aufgabe in der Vermittlung zwischen
Wissen und Glauben. Anfangs galt ihr das Dogma als unerschütterliche
Wahrheit und Aristoteles als die Hauptquelle alles Wissens. Zwischen
beiden zu vermitteln, erforderte einen großen Aufwand an Spitzfindigkeit.
Eine solche war auch der Grundsatz, daß etwas vom Standpunkt des
Dogmas aus wahr, mit der Vernunft aber unvereinbar sein könne. Dieser
Grundsatz wurde von der Kirche sehr befehdet, da er schon ein Streben der
Philosophie bekundete, sich von den Fesseln der Kirche zu befreien. Dieses
Streben führte schließlich dahin, daß die Philosophie selbständig wurde,
und daß der durch das scholastische Verfahren rege gewordene Geist des
Prüfens und des Zweifelns endlich mit allen Voraussetzungen brach. Diese
Erneuerung begegnet uns bei Bacon und bei Descartes.
Von Bacon und seiner Stellung einerseits zur Scholastik, andererseits zu
der in seinem Zeitalter auch ohne sein Zutun sich entwickelnden
experimentellen Naturforschung war schon die Rede. Wir wenden uns jetzt
Descartes als dem eigentlichen Begründer der neueren Philosophie zu.
Seine großen Verdienste um die Mathematik und um die Lösung manches
naturwissenschaftlichen Problems haben uns bereits beschäftigt, auch
werden wir ihnen noch an anderen Stellen begegnen313.
Es wird hier, sowie in den folgenden Abschnitten dieses Kapitels von einem
Hineinbeziehen der Philosophie in ihrem ganzen Umfange abgesehen. Der
Ausgangspunkt der Cartesianischen Philosophie ist nämlich das Verhältnis
des Menschen zu einem vernünftigen Urheber der Welt. Sie ist also ihrem
Wesen nach dualistisch und überschreitet insofern die Grenzen der
naturwissenschaftlichen Forschung. Für letztere kommt die Philosophie nur
insoweit in Betracht, als sie Naturphilosophie ist. Mit ihren Prinzipien hat

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Descartes sich gleichfalls eingehend beschäftigt. Sie betreffen das Wesen
der Materie und der Kraft, sowie ihr Verhältnis zur Beseelung. Die
philosophische Erörterung dieser Begriffe ist von einer tieferen Erfassung
der naturwissenschaftlichen Probleme untrennbar. In dieser Erörterung
wollen wir den Naturphilosophen folgen, die, zu Beginn der Neuzeit, häufig
auch Naturforscher waren. Dies gilt besonders von Descartes.
In seinen »Prinzipien der Philosophie« sucht er, sämtliche
Naturerscheinungen aus den Begriffen Materie und Bewegung abzuleiten.
Als das Wesen der Materie betrachtet er die Ausdehnung. »Ich gestehe«,
sagt er, »daß ich keine andere Materie anerkenne als jene, welche die
Mathematiker Quantität nennen. An dieser betrachtete ich nichts anderes als
Teilung, Gestalt und Bewegung. Ferner lasse ich nichts gelten, was nicht
aus allgemeinen Begriffen, über deren Wahrheit kein Zweifel besteht, so
sicher gefolgert werden kann, daß es als mathematisch bewiesen anzusehen
ist. Da sich auf diese Weise alle Naturerscheinungen erklären lassen, so
halte ich andere Prinzipien weder für zulässig, noch für wünschenswert.«
Nach Descartes ist jeder Raum von Materie erfüllt. Trotzdem nimmt er
kleine Teilchen an, aus deren Gestalt, Größe und Bewegung die
Naturerscheinungen zu erklären seien. Auch Demokrit hatte solche
Teilchen angenommen, die er für unteilbar und für schwer hielt. Demokrit
hatte ferner ein Leeres vorausgesetzt. Nach Descartes dagegen ist ein
Vakuum unmöglich. Ferner sind die Teilchen, aus denen der Stoff besteht,
nach Descartes weiter teilbar, auch besitzen sie keine anziehende Kraft,
keine Schwere.
»Wenn ich«, sagt Descartes, »den Körperteilchen eine bestimmte Gestalt,
Größe und Bewegung beilege, obgleich ich zugeben muß, daß diese
Teilchen nicht wahrnehmbar sind, so wird man vielleicht fragen, woher ich
denn jene Eigenschaften kenne.« Seine Antwort lautet, zunächst
entsprächen sie den einfachsten Prinzipien, die er bei seinen Überlegungen
in Betracht gezogen habe. Ferner genügten seine Ableitungen dem
tatsächlichen Verhalten der Körper, was wiederum für die Richtigkeit seiner
Voraussetzungen bürge.
Die Erklärung der Erscheinungen aus den Bewegungen kleinster Teilchen
ist somit das Ziel, das Descartes für die Naturwissenschaften aufgestellt
hat. Dieses Ziel sucht er durch Deduktionen aus wenigen Prinzipien nach

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dem Muster der Mathematik zu erreichen. Descartes' Auffassung des
Naturganzen als eines Mechanismus, aus dem er sowohl die anorganische
wie die organische Welt erklären wollte, steht im schroffsten Gegensatze zu
der vor ihm herrschenden, aristotelisch-scholastischen Weltanschauung,
zumal Descartes den in dieser herrschenden Zweckbegriff vollständig aus
seinem System verbannte. In diesem Punkte berührt er sich mit
Gassendi 314. Nur daß letzterer auf die Atomistik des Altertums,
insbesondere die Lehren Epikurs, zurückgreift, während Descartes die
Unteilbarkeit der materiellen Teilchen und das Vorhandensein des leeren
Raums nicht anerkennt. Auch darin stimmen Descartes und Gassendi
überein, daß sie jede Wirkung der Körper aufeinander auf den Stoß
bewegter Materie zurückführen und alle Sinnesqualitäten auf die Größe, die
Gestalt und die Bewegung der materiellen Teilchen (der Korpuskeln bei
Descartes und der Atome bei Gassendi).
Lag auch ein berechtigtes Streben in dem Versuche, zu wenigen
umfassenden Prinzipien zu gelangen, so bestand doch darin wieder eine
Gefahr, daß diese Prinzipien nicht induktiv gewonnen, sondern a priori
aufgestellt waren. Dadurch erschien die experimentelle Forschung bedroht.
Zwar verwirft Descartes das Experiment nicht, doch steht es ihm,
verglichen mit dem Denken, an zweiter Stelle. Mit dieser Einschätzung des
Experimentes steht die Haltung in Einklang, die Descartes Galilei
gegenüber einnahm. In einem Briefe an Mersenne schreibt er, er sehe in
Galileis Schriften nichts, um das er ihn beneide und fast nichts, das er als
das Seinige betrachtet wissen möchte. In diesem ablehnenden Verhalten
gegen die Ergebnisse der zeitgenössischen exakten Naturforschung berührt
sich Descartes in gewissem Grade mit Bacon.
Die Verbindung der Naturwissenschaft mit der Philosophie, wie sie sich zur
Zeit der Erneuerung beider Wissenschaften bei Descartes und Bacon
vollzog, erwies sich somit für die exakte Wissenschaft als wenig förderlich.
Weder der vage Empirismus Bacons vermochten die Methode der
Forschung zu begründen, noch vermochten es die Spekulationen eines
Descartes. Nicht die Philosophie hat den Naturwissenschaften ihre
Methode vorgezeichnet. Die Methode der letzteren ist vielmehr unabhängig
von den herrschenden Lehren der Philosophie entstanden, um sich langsam
aber sicheren Schrittes dem Ziele zu nähern, das die Spekulation in kühnem
Fluge vergeblich zu erreichen suchte. In ihren Keimen tritt uns die Methode

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der neueren Naturwissenschaft schon im Verlauf des 16. Jahrhunderts
entgegen. Ihr Aufbau erfolgte vor allem durch Galilei, dem Descartes
vorwarf, er habe, ohne die ersten Ursachen der Natur zu betrachten, nur die
Gründe einiger besonderen Wirkungen gesucht und ohne Fundament
gebaut. Die exakte Forschung sah sich also gleich in ihrem Anfange von
einer Philosophie bedroht, die vor keinem Problem zurückschreckte, so daß
Huygens sagen konnte: »Es scheint, daß Descartes über alle Gegenstände
der Physik entscheiden will, unbekümmert darum, ob er wahr spricht oder
nicht«315.
Die Betrachtungen, denen Descartes sich überließ, mußten in einer Zeit, in
der die Scheidung zwischen dem Erreichbaren und dem, was stets Problem
bleibt, noch nicht zum Bewußtsein gekommen war, von bestrickendem Reiz
sein. Fragen über das Wesen der Materie, die Aggregatzustände, die
Ursache der Schwere standen im Vordergrunde. Atomistik und
Korpuskulartheorie sollten über sie entscheiden. An Gassendi schloß sich
Huygens an, der gleichfalls einer strengen Atomistik huldigte, während
Boyle, Hooke, Borelli sich mehr den physikalischen Theorien des
Descartes zuneigten. So bedeutend der Unterschied der Lehren von
Gassendi und Descartes auch ist, so stimmen sie doch darin überein, daß
sie alle Erscheinungen aus den Bewegungen der Materie und dem Stoß
ihrer Teilchen zu erklären und dadurch ein anschauliches Bild der
Naturvorgänge zu geben suchen. Druck, Stoß und Zug vermöge
hakenförmiger Verbindungen bilden die Begriffe, mit denen man arbeitete.
Der Begriff des Atoms, wie er von Gassendi aus dem Altertum
übernommen worden war, schließt innere Kräfte vollständig aus. Die Atome
Gassendis, sowie die Korpuskeln Descartes' sind von Anfang an mit
Bewegung begabt. Alle Wirkung ist letzten Endes eine Übertragung der
Bewegung in Berührungsnähe. Wie es bei den Alten besondere Atome für
die einzelnen Empfindungen gab (Bd. I, S. 72), so gibt es bei Gassendi
besondere Wärmeatome. Sie sind zwar nicht an sich warm, sondern sie
erregen durch ihre Gestalt, durch ihre Größe und ihre Bewegung die
Wärme. Die Cartesianer nahmen auch hier zur materia subtilis die Zuflucht.
Auch Huygens nahm eine solche zur Erklärung der Wärme an.
Abweichend von diesen Ansichten gewann indessen auch schon frühzeitig
die Annahme Verbreitung, daß die Wärme eine bloße Bewegung der
kleinsten Teilchen sei, die sich mechanisch in den Körpern erzeugen lasse.

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Besonders Hooke und Locke traten für diese Ansicht ein. Durch den
Mechanismus, den Gassendi und Descartes einführten, wurden die
verborgenen Qualitäten der Scholastiker und alle Sympathien und
Antipathien aus der Naturwissenschaft verbannt und die Bewegung der
Himmelskörper wie der Fall auf der Erde auf die Stoßwirkung kleinster
Teilchen zurückgeführt. Der Satz, daß ein Körper nur dort wirken könne,
wo er sei, galt als Axiom. Nur vereinzelt tauchten Ansichten auf, welche der
Materie eine anziehende Kraft beilegten, so bei Kepler und bei Gilbert.
Bacon äußert sich darüber folgendermaßen: »Bei den Lichtstrahlen, den
Tönen, der Wärme und einigen anderen in die Ferne wirkenden Dingen ist
es wahrscheinlich, daß die zwischen befindliche Materie disponiert und
alteriert wird und daß für die Übertragung der Wirkung ein geeignetes
Medium erforderlich ist316.« Die magnetische Kraft läßt sich indes nach
Bacon durch eine Mitwirkung des Mediums nicht erklären und Mersenne
berichtet bereits317, daß viele die Schwere nicht wie Descartes auf einen
Druck, sondern auf eine anziehende Kraft der Erde zurückführen wollten.
Bei Roberval findet sich dann die bestimmte Vorstellung318, daß jedem
einzelnen Teilchen der Materie eine anziehende Kraft als wesentliche
Eigenschaft beizulegen sei. Und mehr als vierzig Jahre später schreibt
Borelli 319, daß man sehr häufig der Annahme einer anziehenden Kraft
begegne. Borelli wendet sich lebhaft dagegen, freilich nur um durch einen
motus spontaneus, der dem Eisen und dem Magneten, sowie den schweren
Körpern innewohne, den Magnetismus und die Gravitation zu erklären. So
wurde allmählich der Begriff einer Anziehung in die Ferne eine den
Physikern geläufige Vorstellung.
Aus den Spekulationen über die Materie erwuchsen solche über den
Kraftbegriff. Descartes hatte das Wesen der Materie in die Ausdehnung
gesetzt. Daneben schreibt er nach dem Vorgange Keplers 320 der Materie
Trägheit zu, vermöge deren sie einer Veränderung des Zustandes der Ruhe
oder der Bewegung widerstehe321. Dazu fügten Boyle 322 und Huygens 323 die
Undurchdringlichkeit als eine weitere wesentliche Eigenschaft, während
Hooke 324 die Undurchdringlichkeit auf eine vibrierende Bewegung der
kleinsten Teilchen zurückführte. Auch Huygens bemerkt, er sei nicht der
Ansicht des Descartes, der das Wesen der Materie in die Ausdehnung
setze. Man müsse vielmehr noch »la dureté parfaite, qui rend le corps
impénétrable« hinzufügen. Locke schlug später statt des negativen
Ausdrucks der Undurchdringlichkeit die positive Bezeichnung solidity

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vor325. Hooke macht übrigens eine Bemerkung über das Verhältnis von
Materie und Kraft, die, wie so manches, sich der Beachtung entzogen hat.
»Ich setze voraus«, sagt er, »daß alle Dinge, welche zu Objekten unserer
Sinne werden, aus Materie und Kraft zusammengesetzt sind. Wir nehmen
diese gegenwärtig als distinkte Wesenheiten an, obschon sich später
vielleicht finden wird, daß sie nur verschiedene Auffassungen ein und
desselben Wesens sind.«
Durch die Bewegung ließ Descartes die ursprünglich einheitliche Materie
sich in drei Elemente teilen, die sich durch den verschiedenen Grad der
Feinheit unterscheiden sollten. Aus den gröbsten sollten nach ihm die Erde,
die Planeten und die Kometen gebildet sein, aus feineren die Fixsterne und
die Sonne, und aus den allerfeinsten der den Weltraum ausfüllende Stoff,
auf dessen Wirbelbewegung der Kreislauf der Planeten beruhe. Dieser
subtile Stoff erfüllt nach Descartes' Vorstellung auch die Zwischenräume
zwischen den groben Teilchen, welche die irdische Materie
zusammensetzen. Er vermittelt ferner, da er sozusagen allgegenwärtig ist,
die Fortpflanzung des Lichtes. Diese Vorstellung ist in die neuere Physik
übergegangen. Die Unterscheidung nach dem Grad der Feinheit, die den
Keim zu der späteren Trennung in wägbare und unwägbare Materie bildete,
lieferte der cartesianischen Physik das Mittel, nicht nur die Gravitation und
die Schwere, sondern auch Kohäsion, Adhäsion, Wärme, Licht, Elektrizität,
die Aggregatzustände usw., mechanisch durch die Wirbelbewegung oder
den Stoß einer materia subtilis zu erklären. Hierbei wurde später,
namentlich durch Huygens, Hooke, Daniel Bernoulli und Euler für
jedes der aufgezählten Phänomene eine besondere materia subtilis
angenommen, woraus dann die Lehre von den Imponderabilien entstanden
ist. Den festen Aggregatzustand führte Descartes auf die Ruhe der
Teilchen zurück. Anders Hooke, der die mechanische Theorie der Wärme
vorwegnahm, indem er bemerkte: »Daß die Teilchen aller Körper, so fest
sie auch sein mögen, doch vibrieren, dazu braucht es meines Erachtens
keinen anderen Beweis als den, daß alle Körper einen gewissen Grad
Wärme in sich haben und daß noch niemals ein absolut kalter Körper
gefunden ist«326.
Hooke, der für die feine Materie den Namen Äther einführte327, läßt den
ganzen Weltraum von dieser Substanz erfüllt sein. In ihr sind die übrigen
Körper gleichsam aufgelöst. Statt der Wirbelbewegungen des Descartes

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schreibt Hooke dem Äther eine vibrierende Bewegung zu. Ausführlich
erklärt er aus ihr die Erscheinungen der Gravitation und des Lichtes. Die
weitere Ausbildung der Ätherhypothese erfolgte besonders durch
Huygens.
Die von Descartes und seinen Nachfolgern geschaffene Lehre vom
Weltmechanismus erhielt dadurch einen gewissen Abschluß, daß sich die
Quantität der Materie und die Quantität der Bewegung unveränderlich
erhalten sollten328. Der Keim zu dieser Anschauung findet sich schon bei
Epikur. Er weist darauf hin, daß es keinen Ort außerhalb des Universums
gebe, wohin ein Teilchen der Materie zu entfliehen, und von wo eine neue
Kraft in das Universum einzudringen vermöge329. Auch diesen Satz
übernahm Gassendi mit dem System Epikurs und drückt ihn in folgenden
Worten aus: »Wenn die Körper in den Zustand der Ruhe übergehen, so geht
die eingeborene Kraft der Atome nicht verloren, sondern sie wird nur
gehemmt. Auch wird die Kraft nicht erzeugt, wenn die Körper anfangen
sich zu bewegen. Sie erlangt vielmehr nur ihre Freiheit wieder. Es bleibt
nämlich soviel Trieb (impetus) beständig in den Körpern, wie von Anfang
an vorhanden gewesen ist330.«
Diesen Ausführungen entspricht Descartes' Behauptung, daß sich das
Bewegungsquantum erhalte. Sie bildet den Ausgangspunkt jener
Forschungen, die schließlich die volle Gültigkeit des Prinzips der Erhaltung
der Energie gezeitigt haben.
Wir haben bisher die Cartesianische Philosophie nur insoweit betrachtet, als
sie auf die Erklärung des Weltgeschehens hinauslief. Neben der
körperlichen Welt, die Descartes aus rein mechanischen Prinzipien
erklären zu können glaubte, erkannte er indessen als gleich wirklich eine
geistige Welt an. Beide Welten haben indessen nach Descartes nichts
miteinander gemein.
Wie dieser völlige Dualismus überwunden wurde, kann hier nur angedeutet
werden. Den ersten Schritt tat Hobbes 331, indem er auch die seelischen
Vorgänge aus den Bewegungsgesetzen der Mechanik zu erklären suchte und
damit die materialistische Richtung der Naturphilosophie begründete. Die
wichtigste Konsequenz der Auffassung von Hobbes bestand darin, daß es
nach ihr keinen freien Willen gibt.

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Über den einseitigen Dualismus und den nicht weniger einseitigen
Materialismus hinaus hat dann Spinoza 332 das Denken geführt. Nach ihm
gibt es nur eine wirkliche Substanz. Spinoza braucht für sie den
herkömmlichen Namen Gott. Diese absolute und unendliche Substanz ist
Ursache ihrer selbst und aller Dinge. Gott und Natur sind somit identisch.
Das Geistige und das Körperliche sind nur Modi, d. h. nur verschiedene
Erscheinungsformen der nämlichen Substanz. Sie hängen in der Weise
zusammen, daß jedem physischen ein seelischer Vorgang entspricht, die
Natur also geistig-körperlich ist. Wie sich auf diesen philosophischen
Grundvorstellungen die moderne, nach naturwissenschaftlicher Methode
arbeitende Psychophysik entwickelt hat, kann erst gegen den Schluß des
vorliegenden Werkes dargelegt werden.
Trotz der zahlreichen Anregungen, welche die neuere Naturwissenschaft
durch die ihr parallel verlaufende Entwicklung der Philosophie empfing,
verhielten sich die großen Naturforscher ihr gegenüber im allgemeinen
ablehnend, weil sie ihre Aufgabe in ihnen näher liegenden Dingen
erblickten.
Newtons Wort »Hypotheses non fingo« (Hypothesen erdichte ich nicht)
war eine entschiedene Absage gegenüber den Spekulationen der
Cartesianischen Physik. »Alles, was nicht aus den Erscheinungen folgt,«
sagt Newton, »ist eine Hypothese. Solche dürfen nicht in die
Experimentalphysik aufgenommen werden. In dieser leitet man die Sätze
aus den Erscheinungen ab und verallgemeinert sie durch Induktion333«. Es
galt dem Überwuchern der Hypothesen Einhalt zu gebieten und anstatt an
dem luftigen Gebäude der Cartesianischen Naturphilosophie weiter zu
bauen, die wahren Gesetze der Natur zu entdecken. Nachdem man die
scholastische Lehre von den substantiellen Formen und den verborgenen
Eigenschaften aufgegeben hatte, waren, wie Newton forderte, die
Erscheinungen der Natur auf mathemathische Prinzipien zurückzuführen.
Darin erblickte er seine Hauptaufgabe. Sie lautet: Mechanische Erklärung
aller Naturerscheinungen unter Zurückgehen auf die Kräfte.
An dem Begriff der Kraft, wie er von Newton verwendet wird, zeigt sich
am deutlichsten der fundamentale Unterschied der alten und der neueren
Physik. In diesem Begriff liegt ferner der Hauptanlaß zu der Opposition, die
Newtons System fand, sowie der Grund zu den Verirrungen, denen viele
Nachfolger Newtons anheimfielen. Auf Druck und Stoß als die unserer

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sinnlichen Anschauung geläufigen Vorstellungen reduzierte sich die
Mechanik der Korpuskularphilosophie. Newton dagegen führte den
Begriff der Kraft als »causa mathematica« ein. Die »causa physica« bleibt
dabei unbestimmt. »Die physischen Ursachen und den Sitz der Kräfte ziehe
ich nicht in Betracht«, sagt Newton. Nur unter dem mathematischen Bilde
der Abhängigkeit wird der Kausalzusammenhang der Naturerscheinungen
dargelegt. Newton kommt es lediglich darauf an, die Gesetze der
Bewegungen zu ermitteln. Wiederholt erklärt er, daß er nur in diesem Sinne
von Kräften rede. »Die Benennungen Anziehung, Stoß, Hinneigung gegen
den Mittelpunkt«, heißt es in den Prinzipien334, »nehme ich an, indem ich
diese Kräfte nicht im physischen, sondern nur im mathematischen Sinne
betrachte. Man möge daraus nicht etwa schließen, daß ich die physische
Ursache erklären will oder daß ich den Mittelpunkten wirkliche Kräfte
beilege, indem ich sage, die Mittelpunkte zögen an«335. Wenn Newton die
Zentripetalkräfte als Anziehungen bezeichnet, so bemerkt er sogleich, daß
sie, rein physikalisch betrachtet, vielleicht richtiger Anstöße genannt
werden müßten336. Dieser Auffassung entsprechend hat Newton sich
wiederholt gegen eine Wirkung in die Ferne, sowie gegen die Annahme
erklärt, daß die Schwere eine wesentliche Eigenschaft der Materie sei. So
schreibt er: »Es ist unbegreiflich, daß Materie ohne die Vermittlung von
irgend etwas, was nicht materiell ist, andere Materie beeinflussen könnte,
wie es der Fall sein müßte, wenn die Schwere eine wesentliche,
inhärierende Eigenschaft der Materie wäre. Daß ein Körper auf einen
anderen aus der Entfernung durch den leeren Raum wirken könnte ohne die
Vermittlung von etwas anderem, halte ich für eine große Ungereimtheit. Die
Schwere muß durch ein beständig nach bestimmten Gesetzen wirkendes
Agens verursacht werden«337. Ob aber dieses Agens materiell oder
immateriell ist, darüber will Newton keine Entscheidung treffen. In einem
Briefe Newtons an Boyle 338 wird die Ursache der Schwere auf den Äther
zurückgeführt. Doch bemerkt Newton am Schlusse: »Ich habe so wenig
Geschmack an solchen Dingen, daß ich schwerlich die Feder dazu ansetzen
würde, wenn mich nicht Ihre Aufforderung dazu bewogen hätte«. Entgegen
der von Newton gegebenen Definition der Kraft als »causa mathematica«
und trotz seiner Warnung, die Schwere als eine wesentliche Eigenschaft der
Materie zu betrachten, wurde für die Nachfolger Newtons die
unvermittelte Fernwirkung (actio in distans) Tatsache.

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Diese Auffassung wurde durch Roger Cotes, der 1713 die Vorrede zur
zweiten Ausgabe der »Prinzipien« verfaßte, und durch Roberval vertreten.
Letzterer erklärte die Attraktion als eine allgemeine Eigenschaft des Stoffes
und schrieb diese Kraft ausdrücklich jedem einzelnen Teilchen zu.
Allmählich wurde dann diese Vorstellung zu einer nicht nur den
Philosophen, sondern auch den Physikern geläufigen. Anfangs zwar machte
sich von mehreren Seiten Widerspruch geltend. Hatte man in der
Cartesianischen Physik die Bewegungen der Gestirne sowie den Fall der
Körper auf der Erde durch die Wirbelbewegung einer materia subtilis auf
rein mechanische Ursachen zurückzuführen gesucht, so erblickte man in der
Attraktion der Newtonianer eine Rückkehr zu der scholastischen Lehre von
den okkulten Qualitäten. Diese Stellung nahmen unter anderen Johann
Bernoulli 339 und Huygens 340 ein. Obgleich Huygens die Vorzüge des
Newtonschen Systems vor dem Cartesianischen anerkannte, erklärte er,
daß »eine Attraktion nicht aus den Prinzipien der Mechanik erklärt werden
könne.« Auch Leibniz wandte sich gegen die Anziehung in die Ferne,
während Daniel Bernoulli zu den Newtonianern hinüberschwenkte und
auch Euler mit sich zu ziehen suchte. Er schreibt an diesen: »Konnte Gott
eine Seele erschaffen, deren Natur uns unbegreiflich ist, so konnte er auch
der Materie eine allgemeine Anziehung verleihen«341. Euler lehnte indessen
die Attraktionshypothese ab; er ließ sie zwar als Arbeitshypothese gelten,
wenngleich sie »mit der Physik gänzlich unvereinbar«342 sei.
Der Kampf zwischen den Cartesianern und den Newtonianern bietet,
abgesehen von seiner geschichtlichen Bedeutung, ein besonderes Interesse,
indem sich hier an der Schwelle der neueren Zeit an einem glänzenden
Beispiele dartun läßt, wie hinderlich für den ersprießlichen Fortschritt der
Wissenschaft, sich jedes Übermaß an Spekulation erweist. Die Aufgabe, die
Descartes der Physik gestellt hatte, nämlich eine mechanische Erklärung
der Naturerscheinungen zu geben, wurde von Newton dadurch ihrer
Lösung näher gebracht, daß er auf dem dornenvollen Wege der Forschung
die Gesetze der Natur enthüllte, während die Cartesianer den mühelosen
Weg der Spekulation verfolgten, ohne zu Ergebnissen von Wert zu
gelangen. Unter Lossagung von allen spekulativen Elementen, die so weit
ging, daß er der Hypothese nur geringen Wert beilegte, erblickte Newton
den obersten Grundsatz der Naturforschung darin, die Naturgesetze in den
Tatsachen zu suchen und da abzubrechen, wo sich unlösbare Probleme
zeigen. Auf diese Weise gelangte durch Newton, entgegen der spekulativen

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Richtung der Cartesianischen Physik, die empirisch-mathematische
Methode zur vollen Geltung. Ihr verdankt die Wissenschaft den raschen
Aufschwung, den sie unter den Nachfolgern Newtons nahm.
Sein entschlossenes Eintreten für die richtige Methode in einer Zeit, in
welcher die Naturphilosophie die besten Köpfe gefangen nahm, bildet einen
Wendepunkt in der Entwicklung der Naturwissenschaften. Nicht minder
bezeichnen die Ergebnisse, zu denen Newton durch eben diese Methode
gelangte, den Anfang einer neuen Aera.
Auch der Begriff der Materie erfuhr eine Umwandlung und zwar durch
Leibniz. Dieser bestritt die Ansicht des Descartes, daß das Wesen der
Materie allein in der Ausdehnung beruhe. Es genüge auch nicht, daß man
später der Materie die Eigenschaft der Undurchdringlichkeit beigelegt habe.
Das seien lediglich passive Eigenschaften343. Zu der Ausdehnung und der
Undurchdringlichkeit müsse man zur Kennzeichnung des Wesens der
Materie die Kraft hinzufügen. Dieses aktive Prinzip besitzt nach Leibniz
auch die Fähigkeit des Perzipierens. Aus dieser Auffassung entsprang die
von ihm herrührende Lehre von den Monaden. So sehr auch bei Leibniz
metaphysische Spekulationen, denen wir hier nicht folgen können, in den
Vordergrund treten, so unumwunden spricht er sich doch dahin aus, daß für
alle Vorgänge der materiellen Welt nur eine rein mechanische Erklärung
zulässig sei.
Außer der Attraktion nahmen die Newtonianer auch eine abstoßende
Kraft an. Und zwar galten ihnen beide als physikalische Kräfte, während sie
für Newton nur »causae mathematicae« waren. Newton hatte in den
»Prinzipien« zur Erklärung der Konstitution eines elastischen Fluidums die
Hypothese von der Repulsivkraft der Teilchen aufgestellt. Daraus entsprang
bei den späteren Physikern die Ansicht, daß die Repulsivkraft der
Gasmolekeln eine von Newton bewiesene physikalische Wahrheit sei.
Auch die Frage nach der Konstanz der Materie wurde von neuem erörtert.
Während der Satz von der Unzerstörbarkeit des Stoffes trotz allen
Wechsels, den der Begriff der Materie erfuhr, nicht ernstlich angezweifelt
wurde und das Fundament der in diesem Zeitalter entstehenden
wissenschaftlichen Chemie bildete, ist der Grundpfeiler der neueren Physik,
der Satz von der Erhaltung der Energie erst von Leibniz scharf formuliert,
aber erst viel später in seiner vollen Bedeutung anerkannt worden.

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Descartes hatte ja den Satz aufgestellt, daß die Quantität der Bewegung im
Universum konstant bleibe. Huygens wies dagegen in einem Zusatze zu
den Stoßgesetzen elastischer Körper darauf hin344, daß die Bewegungsgröße
zweier Körper beim Zusammenstoß sich vermehren oder vermindern
könne. Nur die algebraische Summe der Bewegungsgrößen bleibe vor und
nach dem Stoße gleich. Huygens zeigte ferner, daß die Summen der
beiden Produkte aus den Massen in die Quadrate ihrer
Geschwindigkeiten vor und nach dem Stoße gleich groß sind.
Damit war zum ersten Male das Prinzip der Erhaltung der lebendigen
Kräfte klar ausgesprochen. Descartes hatte das Produkt mv als Kräftemaß
betrachtet. Hooke suchte bereits 1669 zu zeigen, daß die Kraft eines
bewegten Körpers dem Quadrate von v proportional ist345. Zehn Jahre später
gelangt er zu folgendem Ausdruck: »Wird ein Körper mit einem gewissen
Geschwindigkeitsgrade durch ein bestimmtes Kraftquantum bewegt, so
erfordert dieser Körper vier mal so viel Kraft, um zweimal, und neunmal so
viel Kraft, um dreimal so schnell bewegt zu werden usw. Dies gilt nicht nur
für die Bewegung von Kugeln und Pfeilen, die abgeschossen werden,
sondern auch für vibrierende Körper, für Sprungfedern, für senkrecht oder
schräg fallende Körper, kurz für sämtliche Bewegungen, wenn man nur von
dem Widerstand des Mediums dabei absieht«.
Wir sind mit diesen Betrachtungen von der bloßen Spekulation wieder bei
dem Gebiet der Tatsachen angelangt und werden in einem späteren
Abschnitt die hier nur angedeuteten Keime der theoretischen Physik in ihrer
Entwicklung verfolgen. Zunächst wenden wir uns den weiteren Ergebnissen
der experimentellen Forschung zu, da nur mit ihrer Hilfe ein Eindringen in
die Zusammenhänge möglich war.

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8. Der Ausbau der Physik der flüssigen und der gasförmigen
Körper.
Der erste, der sich nach dem Wiederaufleben der Wissenschaften
eingehender mit der Mechanik der Flüssigkeiten beschäftigte, war der
Niederländer Stevin.
Simon Stevin (Stevens) wurde 1548 in Brügge geboren und bekleidete
die Stelle eines Oberaufsehers der Land- und Wasserbauten in Holland. Er
starb 1620 in Leyden. Stevin und Galilei haben ihre Untersuchungen
unabhängig voneinander ausgeführt. Fast zur selben Zeit, als Galilei die
Grundlagen der Mechanik schuf, »feierte die archimedische, rein statische
Methode ihren letzten Triumph«346 durch Stevin. Letzterer machte seine
Methoden und Entdeckungen in einer Schrift bekannt, die er »Prinzipien
des Gleichgewichts« betitelte und 1586 veröffentlichte347. Nach seinem Tode
wurde eine Sammlung seiner Schriften in französischer Sprache
herausgegeben348.
Stevin hat sich sowohl um die Statik der festen wie der flüssigen Körper
hervorragend verdient gemacht und das Prinzip der virtuellen
Verschiebungen gekannt, allerdings, ohne es wie Galilei auf die flüssigen
Körper auszudehnen. Stevin verwendet das Prinzip bei der Untersuchung
der Rollen und Rollenverbindungen (lose Rolle, Flaschenzug,
Potenzflaschenzug) und findet, daß an ihnen Gleichgewicht herrscht, wenn
die Produkte aus den Gewichten und den entsprechenden Wegen oder, was
auf dasselbe hinausläuft, Geschwindigkeiten auf beiden Seiten gleich sind.
Durch eine originelle Betrachtung gelangt Stevin dann zu den
Gleichgewichtsbedingungen, die für die schiefe Ebene gelten, und zum Satz
vom Parallelogramm der Kräfte. Seine Betrachtung, die weniger einen
Beweis als eine intuitive Art des Erkennens bedeutet, läuft auf folgendes
hinaus: Stevin denkt sich um das Dreieck ABC, dessen Grundlinie
wagerecht verläuft, eine Kette geschlungen, die aus gleichschweren
Gliedern besteht (Abb. 56) und ohne jede Reibung um das Dreieck bewegt
werden kann. Eine solche Kette muß im Gleichgewicht sein, da sie sich
sonst ja unaufhörlich bewegen würde. Das Gleichgewicht kann auch keine

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Störung erleiden, wenn man die beiden gleichschweren, symmetrischen
Teile SL und VK, die sich unter der Basis des Dreiecks befinden, ganz fort
läßt. Somit vermag das kürzere Kettenstück über BC dem längeren über
AB das Gleichgewicht zu halten. Die Gewichte der Kettenstücke verhalten
sich aber, da ihre Glieder gleiche Abstände besitzen und gleich schwer sind,
wie die Seiten AB und BC. Es folgt also aus dieser Betrachtung der Satz,
daß zwei Gewichte auf den schiefen Ebenen AB und BC im
Gleichgewichte stehen, wenn sie sich wie die Längen dieser Ebenen
verhalten.

Abb. 56. Stevins Ableitung der Gleichgewichtsbedingung für die schiefe Ebene.

Steht BC senkrecht zu AB, so haben wir das einfachere Gesetz für die
schiefe Ebene, daß sich die Kraft zur Last wie die Höhe zur Länge verhält.
Indem Stevin das Gewicht auf der schiefen Ebene in einen zur schiefen
Ebene parallelen und einen dazu senkrechten Teil zerlegte, gelangte er zu
dem Satz vom Parallelogramm der Kräfte, allerdings in seiner
Beschränkung auf statische Verhältnisse. Er selbst war von dem Ergebnis
seines Nachdenkens und seiner Versuche so überrascht, daß er in den Ruf
ausbrach: »Hier ist ein Wunder und doch kein Wunder«349!

Die Begründung der Hydrostatik.

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Das größte Verdienst hat sich Stevin dadurch erworben, daß er die
wichtigsten Sätze der Hydrostatik auffand. So rührt von ihm der Nachweis
des hydrostatischen Paradoxons her350, d. h. des Satzes, daß der Bodendruck
einzig von der Größe der gedrückten Fläche und der Höhe der
Flüssigkeitssäule und nicht von der Gestalt des Gefäßes abhängt. Stevin
führte diesen Nachweis durch einen Versuch (Abb. 57), den er mit
folgenden Worten schildert: ABCD ist ein mit Wasser gefülltes Gefäß, in
dessen Boden sich eine runde Öffnung EF befindet, die mit einer hölzernen
Scheibe GH bedeckt ist. IRL ist ein zweites Gefäß von derselben Höhe wie
das vorige und mit einer gleichgroßen Öffnung im Boden. Diese Öffnung
sei gleichfalls durch eine Holzscheibe OP von demselben Gewicht wie die
vorige geschlossen. Man findet dann durch den Versuch, daß die Scheiben
nicht emporsteigen, sondern gegen die Öffnungen gepreßt werden; und
zwar werden sie denselben Druck empfangen. Dies läßt sich nachweisen,
indem man die gleichen Gewichte T und S anbringt, die ebenso schwer sind
wie die über der Scheibe GH befindliche Wassersäule ERQF 351.

Abb. 57. Stevins Nachweis des hydrostatischen Paradoxons.

Page 197

Abb. 58. Stevins Nachweis des aufwärts gerichteten Druckes.

Auf diese Weise, bemerkt Stevin, könne 1 Pfund Wasser in einer engen
Röhre gegen einen Verschluß in einem weiten Gefäß wohl einen Druck von
100000 Pfund ausüben. Damit war ein Gedanke ausgesprochen, auf den die
spätere Erfindung der hydraulischen Presse zurückzuführen ist.
Den aufwärts gerichteten Druck in Flüssigkeiten wies Stevin nach, indem
er eine Metallplatte G (siehe Abbildung 58) gegen die beiderseits offene
Röhre EF legte und das von der Platte verschlossene Ende in das Wasser
hinabsenkte. Es zeigte sich, daß die Platte nicht abfällt, sondern durch den
aufwärts gerichteten Druck der Flüssigkeit gegen die Röhre gepreßt wird352.
Handelt es sich bei Stevin um die Bestimmung des Druckes, den ein Stück
der Seitenwand eines mit Wasser gefüllten Gefäßes auszuhalten hat353, so
zerlegt Stevin dieses Stück durch horizontal verlaufende Linien in eine
Summe von kleinen Rechtecken. Das oberste Stück (Abb. 59) empfängt
einen Druck, der größer ist als der Druck eines Wasserprismas von der
Grundfläche g und der Höhe h, indes geringer als der Druck eines Prismas
von der gleichen Grundfläche und der Höhe h1. Dieselbe Betrachtung ergibt
sich für alle übrigen Rechtecke. Stevin erhält dann durch Summierung
einen Gesamtdruck, der zu groß, und durch eine zweite Summierung einen
Gesamtdruck, der zu klein ist. Beide Summen nähern sich, wenn man die
Streifen immer schmäler nimmt, dem gleichen Grenzwert.

Page 198

Abb. 59. Stevins Ableitung des Seitendruckes.

Endlich untersuchte Stevin noch die Gleichgewichtsbedingungen
schwimmender Körper. Er fand, daß bei solchen ihr Schwerpunkt und der
Schwerpunkt der verdrängten Wassermasse in einer Vertikalen liegen. Auch
schwimmt ein Körper nach Stevin nur dann stabil, wenn sein Schwerpunkt
unter dem Schwerpunkt der verdrängten Wassermasse liegt. Und zwar
schwimme er um so stabiler, je tiefer der Schwerpunkt des Körpers sich
unter dem Schwerpunkt der verdrängten Flüssigkeit befinde.

Die Anfänge einer Dynamik der Flüssigkeiten.

Auch Galileis Schüler dehnten ihre Untersuchungen auf die Mechanik der
Flüssigkeiten und der Gase aus. Vor allem ist hier Galileis
hervorragendster Schüler Torricelli zu nennen.
Evangelista Torricelli wurde 1608 als Sproß eines vornehmen
Geschlechtes in Faenza geboren. Im Alter von 20 Jahren kam er nach Rom,
wo er Schüler des Mathematikers Castelli wurde. Castelli hatte vorher in
Pisa gelehrt und war seitdem Galileis eifriger Anhänger und Freund, der
seine eigenen Schüler mit dem Geiste und dem Streben des großen
Begründers der neueren Naturforschung zu erfüllen suchte. Auf besonders
fruchtbaren Boden gelangten die neuen Gedanken bei Torricelli. Nach
dem Erscheinen der »Unterredungen«, des grundlegenden Werkes über die

Page 199

Mechanik354 verfaßte Torricelli eine Schrift über den gleichen Gegenstand,
in der er einige der von Galilei gefundenen Bewegungsgesetze auf eine
eigene Art zu beweisen suchte. Diese Schrift gelangte einige Jahre später in
die Hände des großen, mittlerweile völlig erblindeten Meisters und rief in
ihm den Wunsch hervor, die junge bedeutende Kraft, die sich ihm offenbart
hatte, an sich zu fesseln. So kam denn Torricelli nach Florenz und
verfaßte dort unter der Leitung Galileis eine Fortsetzung der
»Unterredungen«, die später durch Viviani veröffentlicht wurde355. Die
gemeinsame Arbeit Galileis und Torricellis dauerte indessen nur wenige
Monate. Dann wurde ihr durch den Tod des Meisters ein Ziel gesetzt.
Torricelli wirkte in Florenz im Geiste Galileis weiter, bekleidet mit den
Ämtern und Würden des Meisters, bis ihn im Jahre 1647 ein früher Tod
ereilte.
Die wichtigste wissenschaftliche Tat Torricellis bestand darin, daß er
neben der von Galilei begründeten Dynamik der festen Körper eine
Dynamik der flüssigen Körper schuf. Dies geschah in einer im Jahre 1644
erschienenen Abhandlung über ausströmende Flüssigkeiten356, die für das
Gebiet der Hydrodynamik grundlegend geworden ist. Torricelli wies nach,
daß ein Strahl, der aus einem mit Flüssigkeit gefüllten Behälter seitlich
heraustritt, die Form einer Parabel annimmt. Ferner zeigte er, daß die
Geschwindigkeit der Flüssigkeit, und mithin auch die ausfließende Menge,
zu der Höhe der über der Ausflußöffnung befindlichen Säule in einem
bestimmten Verhältnis steht. Für die vierfache Höhe ergab sich die
doppelte, für die neunfache dagegen die dreifache Geschwindigkeit, d. h.
die Geschwindigkeiten verhalten sich wie die Quadratwurzeln aus den
Druckhöhen357.
Da den Geschwindigkeiten die Ausflußzeiten entsprechen, so folgt aus dem
erwähnten Gesetz, daß die Zeiten, in denen gleiche Gefäße durch gleich
große Öffnungen sich leeren, sich wie die Quadratwurzeln aus den Höhen
der über den Öffnungen befindlichen Flüssigkeitsmengen verhalten.
Befindet sich die Ausflußöffnung in dem horizontalen Boden des Gefäßes,
so ergibt sich nach Torricelli, daß die Ausflußmengen für gleiche Zeiten
wie die ungeraden Zahlen abnehmen. Beträgt z. B. die für das Ausfließen
erforderliche Gesamtzeit 6 Sekunden, und setzt man die in der letzten
Sekunde ausfließende Menge gleich 1, so betragen die Ausflußmengen in
der 5., 4., 3.... Sekunde 3, 5, 7 ...

Page 200

Auch die Dynamik der festen Körper wurde durch Torricelli weiter
ausgebaut. So hat er sich mit der Wurfbewegung beschäftigt und gezeigt,
daß die Wurfweite für den Neigungswinkel 45° + α gleich derjenigen für
den Winkel 45° - α ist.

Die Erfindung des Quecksilberbarometers.

Am bekanntesten ist Torricelli durch die Erfindung des
Quecksilberbarometers geworden. Anknüpfend an die von Galilei
erwähnte Beobachtung358, daß Wasser dem Kolben einer Pumpe nur bis zu
einer gewissen Höhe (10 m) folgt, untersuchte Torricelli, wie weit wohl
Quecksilber, das etwa 14mal so schwer wie Wasser ist, von dem
vermeintlichen Horror vacui emporgehoben wird. Der auf Torricellis
Veranlassung von Viviani angestellte Versuch zeigte, wie Torricelli
vorausgesagt, daß die Steighöhe des Quecksilbers in demselben Verhältnis
geringer ist, wie sein spezifisches Gewicht größer als dasjenige des Wassers
ist. Beide Forscher führten im Jahre 1643 den Versuch in der in Abb. 60
dargestellten Weise aus. Sie nahmen ein Rohr von zwei Ellen Länge, füllten
es mit Quecksilber und kehrten es in einem mit Quecksilber gefüllten
Behälter um, indem sie das offene Ende des Rohres verschlossen. Nachdem
der Verschluß aufgehoben war, sank das Quecksilber bis zu einer Höhe von
1½ Ellen herab und blieb dort in der Schwebe. Das Vakuum, das sich
hierbei über dem Quecksilber bildet, wurde in der Folge als die
Torricellische Leere bezeichnet. Der Apparat selbst ist ein Barometer, da die
Höhe der Quecksilbersäule der Größe des Luftdruckes entspricht. Die
Schwankungen, die man an diesem Instrument beobachtet, erklärte
Torricelli aus den Änderungen des Luftdrucks. Die Lehre vom Horror
vacui war jedoch dermaßen eingewurzelt, daß erst die überzeugende Kraft,
die den Versuchen Pascals und Guerickes innewohnte, jenes unrichtige
Prinzip aus der Physik verschwinden ließ.
Über die Versuche, welche die Accademia del Cimento mit dem Barometer,
sowie über Vorgänge im Vakuum anstellte, wurde schon an früherer Stelle
berichtet359.
Erst dem Franzosen Pascal, einem scharfsinnigen Kopf, der sich auch
durch seine gegen die Jesuiten gerichteten »Lettres provinciales« einen

Page 201

Namen in der französischen Literatur erworben hat, gelang es, die Frage, ob
ein Horror vacui oder der Luftdruck die Flüssigkeiten in der Schwebe hält,
durch einen entscheidenden Versuch zu lösen.

Abb. 60. Torricellis Versuch360.

Pascal wurde 1623 in Clermont geboren. Sein Vater zog bald darauf nach
Paris und verkehrte dort mit bedeutenden Gelehrten wie Roberval und
Mersenne. Dadurch fand das in dem jungen Pascal frühzeitig sich
regende mathematische Talent die erste Nahrung. Es wird erzählt, daß
Pascal, bevor er mathematischen Unterricht genossen, den Satz von der
Winkelsumme im Dreieck fand und als Zehnjähriger eine Abhandlung über
den Klang verfaßte. Dazu soll ihn die Beobachtung veranlaßt haben, daß ein
zum Tönen gebrachtes Trinkglas bei der Berührung verstummt. Gewiß ist,
daß Pascal mit 16 Jahren ein Buch von wissenschaftlichem Wert über die
Kegelschnitte schrieb und dadurch die Aufmerksamkeit von Descartes auf
sich lenkte.
Pascals Verdienste sind besonders auf dem Gebiete der Mathematik zu
suchen. Allzu angestrengte Tätigkeit untergrub seine wenig feste
Gesundheit schon im jugendlichen Alter. Er wurde schließlich religiös-
schwermütig und starb 1662 im Alter von 39 Jahren.
Die Kunde von Torricellis Versuch gelangte durch Mersennes
ausgedehnten Briefwechsel nach Frankreich361. Pascal wiederholte den
Versuch mit Quecksilber und mit Wasser, das er in 40 Fuß lange Röhren

Page 202

einschloß, hielt aber zunächst an der Lehre vom Horror vacui fest. Als
jedoch Torricellis Erklärung in Frankreich bekannt wurde, stimmte er ihr
lebhaft zu, erkannte aber, daß es noch eines entscheidenden Versuches
bedürfe. Dieser Versuch Pascals 362 bestand darin, das Torricellische
Vakuum mehrere Male an einem Tage in derselben Röhre und mit
demselben Quecksilber hervorzurufen, und zwar das eine Mal am Fuße, das
andere Mal auf dem Gipfel eines Berges, um zu prüfen, ob die Höhe des in
der Röhre schwebenden Quecksilbers in beiden Fällen dieselbe oder
verschieden sei363. War nämlich die Quecksilbersäule auf dem Gipfel kürzer
als am Fuße des Berges, so mußte daraus geschlossen werden, daß der
Luftdruck es ist, der das Quecksilber in der Schwebe hält. »Es ist leicht
ersichtlich«, sagt Pascal, »daß am Fuße des Berges eine größere
Luftmenge einen Druck ausübt als auf dem Gipfel, während kein Grund
vorliegt, daß die Natur in der unteren Region einen größeren Abscheu vor
der Leere empfinden sollte als in der oberen.«
Der Versuch, den Pascal nicht selbst anstellte, sondern durch seinen
Schwager Périer auf dem Gipfel des 4300 Pariser Fuß hohen Puy de Dôme
ausführen ließ, entsprach ganz dieser Erwartung. Périer stellte am Fuße des
Berges in Clermont in zwei Gefäßen das Vakuum her. Es zeigte sich, daß
das Quecksilber in beiden Röhren dieselbe Höhe von 26 Zoll 3½ Linien
hatte. Darauf ließ er eine Röhre in ihrem Gefäße, ohne den Versuch zu
unterbrechen; er merkte die Höhe der Quecksilbersäule auf dem Glase an
und bat jemanden, sorgfältig und unausgesetzt während des ganzen Tages
darauf zu achten, ob eine Änderung einträte. Mit dem zweiten Apparat
begab er sich in Begleitung mehrerer Personen auf den Gipfel des Puy-de-
Dôme und stellte dort, 500 Toisen oberhalb des ersten Ortes, in der gleichen
Art denselben Versuch an, den er vorher am Fuße gemacht hatte. Es zeigte
sich, daß die Höhe der Quecksilbersäule jetzt nur noch 23 Zoll und 2 Linien
betrug, während sie in Clermont gleichzeitig in der gleichen Röhre 26 Zoll
3½ Linien betragen hatte, so daß der Unterschied bei diesen Versuchen sich
auf 3 Zoll 1½ Linien belief. Dies erfüllte alle mit Bewunderung und
Erstaunen.
Später stellte Périer beim Abstieg denselben Versuch mit den gleichen
Apparaten an und zwar 150 Toisen oberhalb Clermonts. Dort fand er, daß
die Höhe der Quecksilbersäule 25 Zoll betrug. »Dies verschaffte uns«,

Page 203

schrieb Périer, »keine geringe Genugtuung, da wir sahen, daß die Höhe der
Quecksilbersäule sich mit der Höhe des Ortes verminderte.«
Nach Clermont zurückgekehrt, fand er dort an dem Apparat, den er
unverändert zurückgelassen, denselben Stand der Quecksilbersäule wie bei
seinem Aufbruch, nämlich 26 Zoll 3½ Linien. Die Person, die zur
Beobachtung zurückgeblieben war, berichtete, daß während der ganzen Zeit
darin keine Änderung eingetreten sei.
Am folgenden Tage wurde Périer der Vorschlag gemacht, denselben
Versuch am Fuße und auf der Spitze des höchsten Turmes Clermonts zu
wiederholen, um zu erproben, ob in diesem Falle ein Unterschied
bemerkbar sei. Auch dieses Mal fand er einen Unterschied in der Höhe der
Quecksilbersäule, der sich allerdings nur auf wenige Linien belief.

Abb. 61. Pascals Abänderung des Torricellischen Versuches.

Außer seinem Bergexperiment ersann Pascal noch einen zweiten Versuch,
um den Luftdruck als die Ursache des Torricellischen Phänomens
nachzuweisen. Er verband mit der beiderseits offenen Röhre ab die U-
förmig gebogene Röhre cd. Die Stücke ab und cd hatten jedes die Länge
der für den Torricellischen Versuch gebräuchlichen Röhre, d.h. sie waren
jedes etwa einen Meter lang, und das Ganze stellte sich als ein
Übereinander zweier Torricellischen Röhren dar. Die verbundenen Röhren
wurden darauf ganz mit Quecksilber gefüllt und mit dem Ende a in
Quecksilber getaucht, während man a und b mit den Fingern geschlossen

Page 204

hielt. Öffnete Pascal darauf a allein, so fiel das Quecksilber in cd ganz in
den unteren Teil der oberen U-Röhre, bis es in beiden Schenkeln im
gleichen Niveau stand. Gleichzeitig sank das Quecksilber in der Röhre ab
bis zum herrschenden Barometerstande, und der Finger bei b wurde durch
den äußeren Luftdruck fest gegen die Öffnung gepreßt. Es war also damit
dasselbe erreicht, als ob man für das obere Barometer den Druck der
äußeren Luft gänzlich entfernt hätte. Öffnete man nämlich jetzt b, so stieg
das Quecksilber im oberen Barometer cd auf den gewöhnlichen Stand,
gleichzeitig aber sank es in ab ganz herab.

Abb. 62. Pascals durch den Druck des Wassers in Tätigkeit gesetzter Heber.

Pascal unternahm es darauf, die Statik der gasförmig-flüssigen und der,
hinsichtlich des Druckes ähnlichen Gesetzen folgenden tropfbar-flüssigen
Körper, in einer Abhandlung darzustellen. Sie nimmt infolge ihrer klaren
Fassung und ihrer überzeugenden Versuche einen hervorragenden Platz
unter den physikalischen Schriften des 17. Jahrhunderts ein und führt den
Titel364 »Abhandlung über das Gleichgewicht der Flüssigkeiten«. Sie
erläutert zunächst, welche Fülle alltäglicher Erscheinungen als Wirkungen
des Luftdruckes aufzufassen sind. So wird das Saugen, Schröpfen, Pumpen,
Heben usw., irrtümlicherweise aber auch die Adhäsion geschliffener Platten
auf ihn zurückgeführt. Der bedeutendste Schritt, den Pascal tat, ist die
Erkenntnis, daß die durch den Luftdruck und die durch den Druck einer
tropfbaren Flüssigkeit hervorgerufenen Erscheinungen einander völlig
entsprechen. Als Beispiel für die Art, wie Pascal den experimentellen

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Nachweis führte, wählen wir seinen Versuch, das Fließen des Hebers durch
den Wasserdruck hervorzurufen. Er tauchte die gabelförmig gestaltete, an
allen drei Enden offene Röhre abc mit den Schenkeln a und b in
Quecksilbergefäße, die sich unter Wasser befanden (Abb. 62). War das
Wassergefäß, in das die ganze Vorrichtung hinabgesenkt wurde, hinreichend
tief, so stieg das Quecksilber, bis sich die Säulen vereinigten; und von
diesem Augenblicke an floß es von dem höher gelegenen Gefäße d infolge
des vorhandenen Druckunterschiedes nach dem tieferen Gefäße e.
Für die Hydrostatik hatten zwar Galilei und ganz besonders Stevin neue
Grundlagen geschaffen, doch hat Pascal denselben Gegenstand
unabhängig von jenen mit großer Klarheit und unter Hervorkehrung
wesentlich neuer Gesichtspunkte behandelt. Pascal gründet seine
hydrostatischen Untersuchungen auf den Satz, daß sich der Druck in
Flüssigkeiten nach allen Seiten gleichmäßig fortpflanzt. Ferner wendet er
nach dem Vorgange Galileis das Prinzip der virtuellen Geschwindigkeiten
oder Verschiebungen auf die Hydrostatik an; doch bekundet Pascals
Auffassung einen wesentlichen Fortschritt. Er betrachtet jede Flüssigkeit,
die von festen Körpern begrenzt wird, als eine Maschine, an der die Kräfte,
wie an dem Hebel und den anderen einfachen Maschinen, nach bestimmten
Verhältnissen ins Gleichgewicht gesetzt werden. Betrachten wir z. B. mit
Pascal zwei kommunizierende, durch Kolben abgeschlossene Gefäße. Die
Kolben seien durch Gewichte belastet, die den Oberflächen proportional
sind. In diesem Falle ist Gleichgewicht vorhanden. Es sind nämlich bei
jeder Verschiebung dieses Systems die nach den entgegengesetzten
Richtungen geleisteten Arbeiten einander gleich. Oder, um die Beziehung
zur Mechanik der festen Körper hervortreten zu lassen, für die das Prinzip
der virtuellen Geschwindigkeiten zuerst entwickelt wurde: die geschilderte
hydrostatische Vorrichtung entspricht in ihrer Wirkungsweise vollkommen
einem Hebel mit zwei ungleichen Armen. »Man muß«, sagte Pascal,
»bewundern, daß sich in dieser neuen Maschine«, nämlich in der von einem
Gefäß und zwei verschiebbaren Kolben begrenzten Flüssigkeit, »jene
beständige Ordnung wieder findet, die für den Hebel, die Rolle usw. gilt,
daß sich nämlich die Wege umgekehrt wie die Kräfte verhalten. Dies kann
man sogar als die wahre Ursache jener Wirkung betrachten. Denn offenbar
ist es dasselbe, ob man 100 Pfund Wasser einen Zoll Weges oder ein Pfund
Wasser einen Weg von 100 Zoll zurücklegen läßt«365.

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Erwähnt sei noch, daß Pascal im Anschluß an sein Bergexperiment das
Barometer als Instrument zum Messen von Höhen in Vorschlag brachte und
das Gewicht der gesamten Atmosphäre auf 8 Trillionen Pfund berechnete.
Auch die atmosphärischen Bewegungen wurden, nachdem der Luftdruck
als die Ursache zahlreicher physikalischer Erscheinungen erkannt war, auf
Gleichgewichtsstörungen dieses Druckes zurückgeführt. Torricelli war der
erste, der aus diesem physikalischen Prinzip die Luftströmungen zu
erklären suchte366. Er nahm an, daß zwischen Gegenden verdünnter und
solchen dichterer Luft ein Ausgleich durch eine Strömung stattfinde, die
sich uns als Wind bemerkbar mache. Als ein Beispiel hierfür galt ihm die
besonders in Italien auffallende Erscheinung, daß an warmen
Frühlingstagen ein kühler Wind aus den Pforten größerer Kirchen
hervorbricht. »Die Luft«, so lautet seine Erklärung, »ist in großen
Gebäuden um diese Zeit bedeutend kühler und schwerer, als die Luft in
ihrer Umgebung. Daher fließt sie an der Pforte heraus, wie Wasser es tun
würde, wenn man es in das Gebäude eingeschlossen hätte und dann
plötzlich eine seitliche Öffnung herstellte.«

Die Erfindung der Luftpumpe.

Die bedeutendste Förderung empfing die Physik der Gase durch die
Versuche, die Guericke mit Hilfe der von ihm erfundenen Luftpumpe
anstellte. Die neuere, das Experiment in den Vordergrund stellende
Richtung der Naturwissenschaft hatte in Deutschland vor Guericke wenig
Beachtung gefunden. Ein Mann wie Kepler gelangte nicht einmal dazu, die
Ergebnisse seines Nachdenkens, sofern sie das Bild auf der Netzhaut und
die Konstruktion des astronomischen Fernrohrs betrafen, durch den Versuch
nachzuprüfen. In Guericke tritt uns dagegen ein Experimentator ersten
Ranges entgegen. Als solchen haben wir ihn zu würdigen, nicht nach seiner
Begabung zur Entwicklung theoretischer und philosophischer
Vorstellungen. In dieser Hinsicht mag sogar das Urteil eines Leibniz, daß
Guericke kein Naturforscher ersten Ranges sei, berechtigt sein.
Andererseits übertraf Guericke durch folgerichtiges Denken die Mehrzahl
seiner Zeitgenossen. Indem sie an die Stelle verschwommener
Vorstellungen die scharfe Logik der neueren Naturwissenschaft setzten,
haben Guericke und geistesverwandte Männer, die in den nördlichen

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Ländern Europas bald in größerer Zahl erstanden, der wahren, auf die
Ergebnisse der exakten Forschung sich gründenden Philosophie erst die
Wege geebnet. In Anbetracht dieser Bedeutung Guerickes wird es sich
rechtfertigen, wenn wir zunächst bei seinem Leben verweilen, dessen
Schilderung, wie die Biographien Galileis und Keplers, zugleich einen
Schluß auf die Zustände des 17. Jahrhunderts gestattet.
Otto von Guericke 367 wurde am 20. November 1602 in Magdeburg als
Sprößling einer Patrizierfamilie geboren368. Er studierte zunächst
Rechtsgelehrsamkeit. Später befaßte er sich mit Mathematik, Mechanik und
Befestigungslehre. An seine Studienjahre schloß sich eine Reise nach
Frankreich und England an. Nach dieser Vorbereitung trat Guericke in das
Ratskollegium seiner Vaterstadt ein. Durch das Unglück, das der
dreißigjährige Krieg über Magdeburg brachte, wurde auch Guericke
schwer betroffen. Als die Horden Tillys im Jahre 1631 plündernd und
mordend in die Stadt eindrangen, vermochte Guericke kaum das nackte
Leben zu retten. Durch seine Kenntnisse in den Ingenieurwissenschaften
gelang es ihm, sich eine neue Existenz zu gründen. So war er nach der
Zerstörung Magdeburgs in verschiedenen Städten Deutschlands mit der
Anlage von Befestigungen betraut, einer Tätigkeit, in der jene Zeit die
wichtigste Aufgabe der Technik erblickte. Diese Arbeit hatte das Gute im
Gefolge, daß Guericke dazu überging, die Mittel der Ingenieurmechanik
auf die Lösung wissenschaftlicher Aufgaben anzuwenden. Leider ist wenig
über die allmähliche Ausreifung und Durchführung seiner
Experimentaluntersuchungen bekannt geworden. Selbst über die Zeit der
Erfindung der Luftpumpe konnten genauere Daten nicht ermittelt werden369.
Als endgültige Form der von Guericke erfundenen Luftpumpe ist
diejenige zu betrachten, die er in seinem Werke beschreibt und abbildet. Die
Abbildung ist auf S. 205 dies. Bds. wiedergegeben.
Später kehrte Guericke nach Magdeburg zurück, um sich am
Wiederaufbau der Stadt zu beteiligen. Unter seiner Leitung wurden die
Festungswerke und die von den Kaiserlichen zerstörte Elbbrücke wieder
hergestellt. Für Guericke folgte dann zunächst eine ruhige Zeit, während
er später nach seiner Ernennung zum Bürgermeister mit Geschäften
überhäuft war. So finden wir ihn als Vertreter Magdeburgs auf dem
Friedenskongreß in Osnabrück, dann wieder am Hofe in Wien oder auf dem
Reichstage zu Regensburg. Dort zeigte er dem Kaiser und den

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versammelten Ständen im Jahre 1654 seine Luftpumpe und den so berühmt
gewordenen Versuch mit den Magdeburger Halbkugeln.
In Anbetracht des Umstandes, daß Guerickes Versuche jahrelange Mühen
und bedeutende Kosten erforderten – sein Sohn hat sie auf 20000 Taler
beziffert – hat die Annahme etwas für sich, daß diese Versuche in das
Jahrzehnt von 1635–1645 fallen.
Die erste Veröffentlichung über die Luftpumpe und die von Guericke
angestellten Versuche rührt von dem Würzburger Professor Kaspar Schott
her. Dieser befaßte sich im Auftrage seines Landesherrn mit der
Wiederholung jener Versuche, ohne sich jedoch von der durch Guericke
mit Nachdruck bekämpften Lehre vom Horror vacui freimachen zu können.
Kaspar Schott wurde 1608 in der Nähe von Würzburg geboren und starb
dort 1666 als Professor der Physik und Mathematik. Er gehörte der alten,
damals in Deutschland herrschenden Schule von Physikern an, die noch in
einem Wust philologischer und philosophischer Gelehrsamkeit steckten und
außerstande waren, den von Galilei eingeschlagenen Weg der induktiven
Naturforschung zu beschreiten. Dazu kam bei Schott und seinen
Geistesverwandten eine große Abhängigkeit von religiösen Dogmen. In
jeder neuen Entdeckung witterten sie Gefahr für die herrschende
Philosophie und die Kirche. Auch Schott eifert gegen die Vertreter der
neueren Naturwissenschaft, die er spöttisch als »neotericos
philosophastros«370 bezeichnet und denen er vorwirft, sie wollten aus dem
sogenannten leeren Raum vieles schließen, was vom Standpunkte der
Philosophie töricht und in bezug auf den orthodoxen Glauben gefährlich
sei. Trotzdem hat sich Schott ein gewisses Verdienst um die Belebung der
naturwissenschaftlichen Forschung in Deutschland, erworben, weil er,
ähnlich wie Mersenne in Frankreich, mit zahlreichen Forschern in
schriftlichem Verkehr stand und dadurch zur raschen Verbreitung neuer
Beobachtungen und Entdeckungen beitrug, Probleme aufwarf und
Streitfragen in Fluß hielt. So war er auch der erste, durch den die Gelehrten
von Guerickes Erfindungen und Entdeckungen ausführlichere Kenntnis
erhielten. Dies geschah durch Schotts Mechanik der Flüssigkeiten und der
Gase (Mechanica hydraulico-pneumatica) vom Jahre 1657. Schott wurde
zu seiner Veröffentlichung über die Magdeburgischen Versuche durch den
Kurfürsten Johann Philipp von Mainz, der zugleich Bischof von
Würzburg war und Guerickes Versuche 1654 in Regensburg gesehen

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hatte, veranlaßt. Welches Staunen die neuen, heute als etwas Alltägliches
erscheinenden Vorgänge bei den Zeitgenossen verursachten, geht aus
Schotts Vorrede zu seinen einige Jahre später erschienenen »Technischen
Merkwürdigkeiten« (Technica curiosa 1664) hervor. Schott sagt dort über
die Magdeburger Wunderdinge: »Ich trage kein Bedenken zu bekennen, daß
ich auf diesem Gebiete nichts Bewunderungswürdigeres gesehen habe.
Auch meine ich, daß die Sonne niemals Ähnliches, geschweige denn
Wunderbareres seit der Erschaffung der Welt beschien.«
Ursprünglich hatte Guericke nicht die Absicht, über seine Erfindungen
und Entdeckungen zu schreiben, doch zwang ihm der Widerspruch, den er
fand, endlich die Feder in die Hand. So entstand das im Jahre 1663
vollendete, indes erst 1672 erschienene umfangreiche Werk Ȇber den
leeren Raum«371. Der weitaus wichtigste Teil desselben ist das dritte, »Über
eigene Versuche« betitelte Buch. Es ist eine der wichtigsten und
lehrreichsten älteren Monographien über einen physikalischen
Gegenstand372.
Infolge philosophischer Streitigkeiten über den leeren Raum war in
Guericke der Wunsch entstanden, die Frage, ob ein Vakuum möglich sei,
durch Versuche zu beantworten. Denn die Gewandtheit im Disputieren gelte
nichts auf dem Gebiete der Naturwissenschaften373. Wir erfahren aus der von
ihm gegebenen Darstellung zunächst von seinen Bemühungen, ein Faß zu
evakuieren374. Es wurde mit Wasser gefüllt und wohl verpicht, so daß die
Luft nicht einzudringen vermochte. Am unteren Teile des Fasses wurde eine
Messingspritze als Pumpe angebracht, mit deren Hilfe man das Wasser
herausziehen konnte. Letzteres, schloß Guericke, müsse vermöge seiner
Schwere herabsinken und über sich einen leeren Raum zurücklassen. An der
Spritze hatte Guericke zwei Ventile angebracht, von denen das eine den
Eintritt des Wassers aus dem Faß in die Spritze, das andere den Abfluß nach
außen vermittelte.
Die Bemühungen, das so hergerichtete Faß luftleer zu machen, scheiterten
jedoch an der Porosität des Holzes. Selbst als Guericke das Faß, um das
Eindringen der Luft zu verhindern, in einen größeren, mit Wasser gefüllten
Behälter einschloß, mißlang der Versuch, Das Wasser wurde zwar aus dem
kleineren Faß herausgezogen, trotzdem fand sich letzteres nach einiger Zeit
zum Erstaunen aller Zuschauer zum Teil mit Wasser, zum Teil mit Luft
gefüllt. Diese Stoffe waren durch die Poren des Holzes eingedrungen.

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Nachdem die Porosität des Holzes als die Ursache des Mißerfolges erkannt
war, wählte Guericke für sein Vorhaben eine kupferne Kugel. Er verband
sie mit einer Spritze, wie er sie bei den vorhergehenden Versuchen benutzt
hatte. Anfangs ließ sich der Stempel leicht bewegen; bald wurde dies aber
immer schwieriger. Als nun Guericke glaubte, es sei nahezu alle Luft
herausgeschafft, wurde die Metallkugel plötzlich mit lautem Knall und zu
aller Schrecken zerknittert. Guericke schrieb diesen Vorfall dem Umstände
zu, daß sich an der Kugel wahrscheinlich eine flache Stelle befunden hatte,
die den Druck der umgebenden Luft nicht auszuhalten vermochte. Als der
Metallarbeiter eine vollkommen runde Kugel hergestellt hatte, gelang der
Versuch. Zum Beweise, daß die Kugel vollständig evakuiert war, diente der
Umstand, daß aus dem nach außen führenden Ventil der Spritze endlich
keine herausgezogene Luft mehr entwich.
Öffnete man dann den Hahn der Kugel, so drang die Luft mit großer Gewalt
in sie ein. Brachte man dabei das Gesicht an den Hahn, so wurde einem der
Atem benommen, ja man konnte die Hand nicht über den Hahn halten, ohne
daß sie mit Heftigkeit angezogen wurde.
Nach diesem so glänzend gelungenen Versuch baute Guericke eine
verbesserte Luftpumpe, die folgende Einrichtung aufwies (siehe Abb. 63)375.
Ein Dreifuß wurde mit Schrauben am Boden befestigt. Zwischen seinen
Füßen wurde in passender Höhe der Stiefel der Pumpe angebracht, deren
Kolben durch den Hebel wu bewegt wurde. Der obere, deckelförmige Teil
der Luftpumpe ist in Fig. IV abgebildet. Er trägt eine Röhre n, in welche der
Hahn des Rezipienten gesteckt wird. Unter dieser Röhre befindet sich ein
Lederventil, das sich bei der Abwärtsbewegung des Kolbens öffnet und die
Luft aus dem Rezipienten in den Stiefel treten läßt. Durch das äußere Ventil
z (Fig. IV) entweicht die Luft beim Aufwärtsbewegen des Kolbens. Das
trichterförmige Gefäß xx wird nach der Verbindung und dem Abdichten
aller Teile mit Wasser gefüllt, um das Wiedereindringen von Luft nach
Möglichkeit zu verhindern. Aus demselben Grunde wird das untere Ende
des Stiefels in einen Wasserbehälter (Fig. VI) getaucht.

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Abb. 63. Guerickes Luftpumpe.
(Wiedergabe der 6. Tafel der »Magdeburgischen Versuche«.)

Guericke erkannte bald, daß die Luft nicht etwa infolge ihrer Schwere aus
dem Rezipienten in den Kolben gelangt, wie er anfänglich voraussetzte,
sondern infolge ihrer Expansivkraft. Da letztere gegen das Ende der
Evakuierung indessen nicht mehr groß genug war, um das unter der Röhre n
befindliche Ventil zu bewegen, brachte er noch ein Röhrchen m mit einem
kleinen Stempel an, der die Bewegung des Ventils unabhängig von der
Elastizität der Luft gestattete.

Die Erfindung des Wasserbarometers.

Als Guericke eines Tages in den entleerten Rezipienten vermittelst einer
Röhre Wasser aus einem Kübel steigen ließ, der am Boden des Zimmers
stand, kam er auf den Gedanken, zu untersuchen, wie weit wohl bei diesem
Versuch der Rezipient von dem Kübel entfernt sein könne. Er verlängerte
daher die Röhre, so daß sie aus dem zweiten Stockwerk seines Hauses
durch das Fenster bis auf den Boden des Hofes reichte. Nachdem dann ein
Gefäß mit Wasser darunter gesetzt war, öffnete er den Rezipienten. Das
Wasser stieg darauf, seiner Schwere entgegen, nichtsdestoweniger in das
entleerte Gefäß empor. Bei einer Wiederholung des Versuches unter
Anwendung einer längeren Röhre stieg das Wasser sogar bis in das dritte

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Stockwerk. Erst nachdem Guericke sich mit seinem Rezipienten in den
vierten Stock begeben hatte, nahm er wahr, daß kein Wasser mehr in das
Gefäß gelangte, sondern daß es in der Röhre in der Schwebe blieb.
Abb. 64, welche eine Wiedergabe der X. Tafel des Guerickeschen Werkes
ist, enthält auf der rechten Seite das Wasserbarometer. mm ist der Kübel, i
der Rezipient, bg die aus vier Stücken zusammengesetzte Röhre. Jedes
Stück besaß am oberen Ende eine napfförmige Erweiterung, in die nach
dem Zusammenfügen zum besseren Abdichten Wasser gegossen wurde. Die
Rohrstücke bestanden aus Messing, so daß sich die Steighöhe nicht genau
ermitteln ließ. Es war daher nötig, an der Stelle, wo sich das in der Schwebe
befindliche Wasser vermuten ließ, eine Glasröhre vermittelst Kitt gut
schließend einzuschalten und den Versuch von neuem anzustellen. Als jetzt
der Hahn des Rezipienten geöffnet wurde, sah Guericke das Wasser
eindringen, einige Male in der Glasröhre auf und niederschwanken, endlich
aber zur Ruhe kommen. Jetzt ließ sich die Stelle, bis zu der das Wasser
gestiegen war, genau feststellen. Guericke merkte diese Stelle an und ließ
von hier ein Lot bis zum Boden des Hofes hinab. Die Länge des Lotes fand
er gleich etwa 19 Magdeburger Ellen.

Abb. 64. Guerickes Wasserbarometer.
(Wiedergabe der 10. Tafel der »Magdeburgischen Versuche«.)

Fortgesetzte Beobachtungen an diesem Apparat ließen Guericke alsbald
Schwankungen in der Höhe der Wassersäule entdecken. Das Wasser stand
nämlich mitunter um mehrere Handbreit höher und dann wieder um soviel

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tiefer. Um diese Schwankungen besser zu verfolgen, brachte Guericke
eine aus Holz geschnitzte Figur in die Röhre, die mit dem Wasser auf- und
niederstieg und dabei auf eine an der Röhre angebrachte Skala wies (Fig.
10, IV). Aus diesen Schwankungen, von denen Pascal nachwies, daß sie in
viel beträchtlicherem Maße beim Durchschreiten verschiedener Niveaus der
Atmosphäre eintreten (s. S. 197), schlossen beide Forscher, daß nicht der
Horror vacui, sondern eine äußere Ursache, der Luftdruck nämlich, das
Steigen der Flüssigkeiten hervorruft. »Wenn das Emporsteigen infolge des
Abscheus vor dem leeren Raum geschähe,« meint Guericke, »so müßte
das Wasser entweder bis zu einer beliebigen Höhe dem Vakuum folgen oder
immer in ein- und derselben Höhe stehen bleiben. Daß aber die Höhe sich
ändert, ist das sicherste Zeichen dafür, daß nicht nur das Emporsteigen,
sondern auch die Schwankungen des Wassers von einer äußeren Ursache
herrühren. Seine Höhe hängt also nicht von dem Abscheu der Natur vor
dem leeren Raume ab, sondern von dem Gleichgewicht zwischen dem
Druck der Wassersäule und dem Luftdruck.«
Ferner entging es Guericke nicht, daß zwischen den von ihm entdeckten
Schwankungen der Wassersäule und den Witterungserscheinungen ein
gewisser Zusammenhang besteht. Über eine Wettervorhersage berichtet er
mit folgenden Worten: »Ich habe mit Bestimmtheit, als im vergangenen
Jahre jener ungeheure Sturm stattfand, eine besondere, außerordentliche
Veränderung der Luft wahrgenommen. Sie war so leicht im Vergleich zu
sonst geworden, daß der Finger des Männchens bis unter den äußersten, an
der Glasröhre angebrachten Punkt herabstieg. Als ich dies sah, teilte ich den
Umstehenden mit, es sei ohne Zweifel irgendwo ein großes Unwetter
ausgebrochen. Und kaum waren zwei Stunden verflossen, als der Orkan in
unsere Gegend einbrach.«

Wägung der Luft und Versuche im Vakuum.

Das Nächstliegende war, daß Guericke eine abgeschlossene Luftmenge
wog, indem er den Gewichtsunterschied zwischen dem mit Luft gefüllten
und dem luftleeren Rezipienten feststellte376. Von einem hervorragenden
Beobachtungsvermögen zeugt es, daß ihm die geringen, durch die
Änderungen des aërostatischen Auftriebs veranlaßten Schwankungen im
Gewichte des evakuierten Rezipienten nicht entgingen. Die 3. Abbildung

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seiner X. Kupfertafel377 erläutert den betreffenden Versuch. Der
leergepumpte Rezipient L wurde mit einem an Rauminhalt viel kleineren
Metallkörper ins Gleichgewicht gebracht. Als Guericke diese Vorrichtung
längere Zeit beobachtete, fand er, daß der Rezipient bald höher, bald tiefer
stand. Er bemerkt hierzu ganz richtig, daß beim Eintauchen des ganzen
Apparates in Wasser der Rezipient in diesem dichteren Medium viel leichter
erscheinen und erheblich in die Höhe steigen müsse. Sein Apparat lieferte
also den Nachweis, daß das unter dem Namen des Auftriebs bekannte und
schon von Archimedes erforschte Verhalten auch für gasförmige Medien
gilt.
Auf Grund der von ihm gefundenen Tatsache, daß die Luft denselben Druck
ausübt wie eine 19 Magdeburger Ellen (10 m) hohe Wassersäule, zeigt
Guericke 378, wie man den Druck eines beliebigen Luftzylinders berechnen
kann. In dem Fall, daß der Durchmesser des Zylinders 2/3 Ellen beträgt,
findet er für ihn einen Druck von 2687 Pfund. Um diesen außerordentlichen
Druck recht augenfällig zu zeigen, verfuhr er folgendermaßen: Er ließ zwei
Halbkugeln aus Kupfer von etwa 2/3 Magdeburger Ellen Durchmesser so
herrichten, daß sie gut aufeinander paßten. Die eine Halbkugel wurde mit
einem Ventil versehen, mit dessen Hilfe die im Innern der Kugel befindliche
Luft herausgezogen werden konnte. Die Schalen besaßen ferner eiserne
Ringe, um Pferde daran zu spannen. Ferner ließ Guericke einen Ring aus
Leder herstellen, der gut mit Wachs und Öl durchtränkt war, so daß er keine
Luft durchließ.
Die Schalen wurden, nachdem der Lederring zwischen sie gebracht war,
aufeinander gelegt und darauf die Luft schnell herausgepumpt. Die beiden
Schalen wurden dadurch von dem Drucke der äußeren Luft so fest
zusammengepreßt, daß sechzehn Pferde sie nur mit Mühe voneinander
reißen konnten. Ließ man jedoch durch Öffnen des Hahnes die Luft wieder
eintreten, so konnten die Halbkugeln schon mit den Händen getrennt
werden.
Fast alle Luftpumpenversuche, die im heutigen Physikunterrichte gezeigt
werden, rühren von Guericke her. So wies er nach, daß der Schall sich im
Vakuum nicht fortpflanzt, während das Licht ungehindert hindurchgeht.
Tiere starben in seinem entleerten Rezipienten nach kurzer Zeit. Fische mit
allseitig geschlossener Schwimmblase schwollen darin infolge der
Expansion der Luft stark an, während bei solchen Fischen, deren

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Schwimmblase einen Ausführungsgang nach dem Schlunde besitzt, die
eingeschlossene Luft infolge der gleichen Ursache zum Teil entwich.
Guericke zeigte ferner, daß das Feuer im Vakuum erlischt. Er bestätigte
auch die Beobachtung, daß bei der Verbrennung Luft verzehrt wird. Eine
Kerze, die in einem geschlossenen Rezipienten brannte, erlosch nämlich,
sobald ein Teil der Luft verbraucht war379. Bei der Erörterung dieses
Versuches zeigt Guericke, wie klar er urteilt. Zunächst wirft er die Frage
auf, warum das Erlöschen eintritt, bevor die ganze Luftmenge aufgezehrt
ist. Als Grund dafür gibt er an, daß die Luft durch die Produkte der
Verbrennung verunreinigt werde. Die weitere Frage, ob das Feuer die Luft
in der Weise verzehrt, daß es letztere vernichtet, oder ob es die Luft in einen
anderen Stoff verwandelt, entscheidet Guericke in letzterem Sinne. Doch
sei der Stoff so fein, daß man ihn nicht wahrnehmen könne.
Über die Ursache des Luftdrucks äußert sich Guericke mit folgenden
Worten: »Einige verlegen die Ursache in die von allen Seiten kommenden
Strahlen der Sterne. Wäre dies der Fall, so müßte indessen auch die
Erdkugel diesen Druck empfangen und ihm Widerstand leisten. Wenn aber
zwei Körper einander drücken, so wird ein zwischen ihnen befindlicher
Gegenstand von beiden Seiten denselben Druck erleiden. Daraus würde
notwendig folgen, daß die oberen Teile der Luft in gleichem Maße gedrückt
werden, wie die unteren, was aber durch die Versuche widerlegt wird.«
»Da die untere Luft stärker zusammengedrückt ist als die obere, und man
dies nicht erst auf hohen Bergen, sondern schon auf Türmen wahrnimmt380,
so folgt daraus, daß die Luft sich nicht weit von der Oberfläche der Erde
erstreckt, sondern daß ihre Höhe, verglichen mit der großen Entfernung der
Sterne, nur gering ist.«
Um die Fortpflanzung des Schalles im Vakuum zu prüfen, hatte Berti in
Rom im Jahre 1647 einen Apparat ersonnen, der große Ähnlichkeit mit
Guerickes Wasserbarometer besaß. Berti errichtete an seinem Hause eine
Röhre von 100 Fuß Länge. An ihrem oberen Ende verband er sie luftdicht
mit einem Gefäß, in dem sich ein Schlagwerk befand. Der ganze Apparat
wurde durch eine obere Öffnung mit Wasser gefüllt. Diese Öffnung wurde
dann luftdicht geschlossen, worauf das untere Ende der Röhre, das in
Wasser tauchte, geöffnet wurde. Das Wasser sank und in dem Gefäß
entstand ein leerer Raum. Trotzdem gab das Schlagwerk, das vermittelst
eines Magneten in Bewegung gesetzt wurde, einen Ton. Hieraus leiteten

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Berti und Schott, der über den geschilderten Versuch berichtete, einen
Einwurf gegen die Möglichkeit des Vakuums her. Guericke und nach ihm
Boyle zeigten jedoch, daß, bei Vermeidung aller Fehler, Gefäße derart
evakuiert werden können, daß der Schall sich in ihnen nicht oder kaum
noch fortpflanzt381. So hing Guericke das Schlagwerk an einem Faden auf,
um die Fortpflanzung des Schalles durch die feste Materie des Rezipienten
nach Möglichkeit zu verhindern.
Mit dem von Torricelli erfundenen Verfahren, ein Vakuum über
Quecksilber herzustellen, wurde Guericke erst 1654 auf dem Reichstage
zu Regensburg382 bekannt. – Auch um die Elektrizitäts-, die Wärmelehre und
die Mechanik hat sich Guericke Verdienste erworben. Doch ist davon an
anderer Stelle die Rede.

Die Entdeckung des Boyle-Mariotte'schen Gesetzes.

Als die Kunde von der Erfindung Guerickes nach England gelangt war,
machte sich dort Boyle an die Herstellung einer Luftpumpe, die in
mehrfacher Hinsicht diejenige Guerickes übertraf. Im Jahre 1660
veröffentlichte Boyle seine »Neuen Versuche«383, die sich zum Teil mit den
»magdeburgischen« deckten, zum Teil aber wirklich »neu« waren. Erwähnt
sei die Beobachtung, daß erwärmtes Wasser im Vakuum kocht, womit die
Abhängigkeit des Siedepunktes von dem auf der Flüssigkeit lastenden
Druck erwiesen war.
Boyle war auch der erste, der die einfache Beziehung erkannte, die
zwischen dem Druck und dem Volumen eines Gases besteht. Er schloß 12
Kubikzoll Luft durch Quecksilber in dem kürzeren Schenkel einer U-förmig
gebogenen Röhre ab (siehe Abb. 65). In dem Maße, in dem Quecksilber in
den längeren offenen Schenkel gegossen wurde, verringerte sich das
Volumen der abgesperrten Luft. Bei einem Drucke von zwei Atmosphären
nahm sie nur noch sechs Kubikzoll, bei drei Atmosphären vier Kubikzoll
(ein Drittel des ursprünglichen Volumens) ein, oder, wie Boyle es
aussprach, die Luft verdichtete sich im Verhältnis der zusammendrückenden
Kräfte.

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Abb. 65. Boyles Versuch, eine Beziehung zwischen dem Druck und dem
Volumen eines Gases zu finden384.

Dieses Grundgesetz der Aëromechanik385 wurde geraume Zeit später durch
den Franzosen Mariotte (1620–1684) selbständig aufgefunden und klarer
ausgesprochen als von Boyle. Eine vortreffliche Darstellung seiner
Entdeckung gab Mariotte in der »Abhandlung über die Natur der Luft«386.
Mariotte tauchte ein Barometer in hinreichend tiefes, klares Wasser, und
bemerkte, daß eine Wassersäule von 14 Zoll Höhe ein Steigen des
Quecksilbers um einen Zoll bewirkt. »Offenbar rührt dies«, sagt Mariotte,
»daher, daß das spezifische Gewicht des Quecksilbers 14mal größer ist als
dasjenige des Wassers.« Wenn das Quecksilber im Barometer 28 Zoll hoch
stehe, so gehe daraus hervor, daß diese Quecksilbersäule gerade so viel
wiege wie eine Luftsäule von gleicher Grundfläche, die sich von der
Oberfläche des in dem Gefäße befindlichen Quecksilbers bis zur Grenze der
Atmosphäre erstrecke.
Eine zweite Eigenschaft der Luft bestehe darin, daß sie außerordentlich
verdichtet und ausgedehnt werden könne, dabei aber immerfort einen Druck
ausübe, wodurch die Luft die Körper, die sie einschließen, zurückstoße oder
zurückzustoßen strebe. Während die meisten anderen Spannkräfte
allmählich abnehmen, bemerke man nie, daß dies bezüglich der Spannung
der Luft der Fall sei. So komme es vor, daß lange Zeit geladene
Windbüchsen dasselbe leisteten, als ob sie soeben geladen wären. Daß die
Luft im Verhältnis zur Steigerung des Druckes, der auf ihr lastet, verdichtet

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wird, zeigte Mariotte wie Boyle vermittelst einer U-förmig gebogenen
Röhre. Er wies auch darauf hin, daß der kürzere Schenkel dieser Röhre,
wenn der Beweis gelingen soll, überall gleich weit sein müsse, während
dies für den längeren Schenkel nicht erforderlich sei.
Daß das Volumen der Luft dem Drucke auch dann umgekehrt proportional
ist, wenn wir den Druck vermindern, bewies Mariotte auf folgende Weise.
Er schloß in einem Barometerrohr Quecksilber und Luft ab und machte den
Torricellischen Versuch. Das Quecksilber sank dann. »Indem es fällt«,
sagt Mariotte, »dehnt die im Innern der Röhre befindliche Luft sich aus.
Infolgedessen ist ihre Spannung geringer. Ein Teil des Quecksilbers bleibt
in der Röhre. Und zwar wird die Höhe der Quecksilbersäule von der Dichte
der eingeschlossenen Luft abhängen. Das Quecksilber, das in der Röhre
schweben bleibt, hebt den Rest des Luftdrucks auf, so daß sich ein
Gleichgewichtszustand bildet zwischen dem Drucke der Atmosphäre
einerseits und dem Drucke der Quecksilbersäule, vermehrt um die
Spannung der eingeschlossenen Luft andererseits.« Wenn die Luft im
Verhältnis des Druckes, der auf ihr lastet, ihr Volumen verändert, so muß,
schloß Mariotte richtig bei einem Versuche, bei dem das Quecksilber in
der Röhre 14 Zoll hoch steht, die eingeschlossene Luft die doppelte
Ausdehnung besitzen wie vorher, vorausgesetzt, daß zur selben Zeit ein
Barometer ohne Luft eine Quecksilberhöhe von 28 Zoll anzeigt.
Um zu zeigen, daß es sich so verhält, machte Mariotte folgende Probe. Er
bediente sich einer Röhre von 40 Zoll Länge und füllte 27½ Zoll
Quecksilber hinein, so daß sich 12½ Zoll Luft darin befanden. Nachdem die
Röhre umgedreht und 1 Zoll tief in das Quecksilber des Gefäßes getaucht
war, fiel das Quecksilber beim Fortnehmen des Fingers und blieb nach
einigen Schwankungen in einer Höhe von 14 Zoll stehen. Die
eingeschlossene Luft nahm jetzt 25 Zoll387 ein, hatte also ihr Volumen
verdoppelt, da sich vor dem Versuche nur 12½ Zoll Luft in der Röhre
befanden. War also der Druck auf die Hälfte vermindert, so hatte sich das
Volumen der Luft verdoppelt.
Die Idee des Aneroidbarometers begegnet uns zuerst bei Leibniz. Er
schreibt: »Ich glaube, daß man ein Barometer ohne Quecksilber nach Art
eines wohl verschlossenen Blasebalgs oder nach Art einer Pumpe herstellen
kann«388. In einem Briefe an Johann Bernoulli finden sich folgende
Ausführungen über diesen Gegenstand: »Ich habe zuweilen an ein tragbares

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Barometer gedacht, das in einen, einer Uhr ähnlichen, kleinen Behälter
eingeschlossen werden könnte. Quecksilber soll dabei nicht zur
Verwendung kommen, sondern eine Art Blasebalg, den das Gewicht der
Luft zusammenzudrücken sucht, während er durch die Kraft einer
elastischen Feder Widerstand leistet.« Zu einer brauchbaren Ausführung
dieses Gedankens kam es erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts389.

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9. Die weitere Entwicklung der Iatrochemie und die
Begründung der wissenschaftlichen Chemie durch Boyle.
Von einem Zeitalter, das sich mit solcher Energie und mit solchem Erfolge
der experimentellen Forschung zuwandte, wie das 17. Jahrhundert, ließ sich
erwarten, daß auch die Chemie um manche wichtige Entdeckung bereichert
würde, wenn auch diese Wissenschaft erst weit später diejenige Stufe
einnahm, auf die ihre ältere Schwester, die Physik, durch Galilei und seine
Zeitgenossen gelangt war.

Neue Ziele der Chemie.

Wir verließen die Chemie an einem Punkte ihrer Entwicklung, an dem eine
wesentliche Änderung ihrer ganzen Richtung eintrat. Ihr bisheriges Ziel,
den Stein der Weisen und mit dessen Hilfe Gold zu bereiten, trat nämlich im
Verlauf des 16. Jahrhunderts immer mehr gegen dasjenige zurück, Präparate
zur Heilung von Krankheiten herzustellen. Diese unter dem Namen der
Iatrochemie bekannte Richtung der Chemie erreichte ihren Höhepunkt in
van Helmont. Begründet war die Iatrochemie durch Paracelsus, mit
dessen Leben und Wirken wir schon bekannt geworden sind390. Paracelsus
pries in übertriebenem Maße die Heilwirkung anorganischer Verbindungen,
während Libavius, der uns wie van Helmont in diesem Abschnitt
beschäftigen wird, eine vermittelnde Stellung einnahm. Alle drei standen,
obgleich sie der Chemie neue Ziele wiesen, noch mit einem Fuße im
alchemistischen Zeitalter.
Johann Baptist van Helmont entstammte einem vornehmen
niederländischen Geschlecht. Er wurde 1577 in Brüssel geboren391 und
widmete sich zunächst der Theologie. Da diese ihn nicht befriedigte,
wandte er sich der Heilkunde zu. Auch hier geriet er mit den hergebrachten,
Galen entstammenden Dogmen in einen Widerspruch, aus dem ihn erst die
neue, auf chemischer Grundlage errichtete Lehre des Paracelsus befreite.
Van Helmont verzichtete auf eine glänzende Laufbahn, die sich ihm durch

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äußere Verhältnisse wohl eröffnet hätte. Er zog es vor, sich in der Stille
seines Laboratoriums ganz der Forschung zu widmen.
Als besonderes Verdienst hat man es van Helmont angerechnet, daß er
zum ersten Male die Verschiedenartigkeit der luftförmigen Körper
hervorgehoben, sowie den Begriff und die Bezeichnung »Gas« eingeführt
habe392. Vor ihm hatte man trotz ihrer großen Unterschiede Wasserstoff,
Schwefeldioxyd, Kohlendioxyd und atmosphärische Luft für wesentlich ein
und dasselbe gehalten. Am genauesten hat van Helmont das
Kohlendioxyd untersucht. Er zeigte, daß dieses Gas sich aus Kalkstein,
sowie aus Pottasche durch Übergießen mit Säuren entwickeln läßt und daß
es mit dem Verbrennungsprodukt der Kohle identisch ist. Auch daß sich
Kohlendioxyd in Mineralwässern findet und bei der Gärung entsteht, war
ihm bekannt393.
Die Erkenntnis, daß es in der Chemie kein eigentliches Entstehen und
Vergehen gibt, regte sich gleichfalls schon bei van Helmont. So lehrte er,
daß Kupfer, das aus dem blauen Vitriol durch Zusatz von Eisen
abgeschieden wird, nicht etwa neu entstanden sei. Auch das Silber läßt er in
seinen Salzen fortbestehen. Trotz alledem beschäftigte ihn das
alchemistische Problem; ja, dieses gewann infolge des Ansehens, das van
Helmont genoß, sogar erhöhte Beachtung.
Um den Stein der Weisen, die Materia prima, zu gewinnen, schmolzen,
kochten und mischten die Alchemisten alle Stoffe, auf die man nur verfallen
konnte. »Durchprobiert«, sagt ein hervorragender Schilderer der
alchemistischen Bestrebungen394, »wurde, was auf der Erde vorkommt, was
sie in ihren Tiefen birgt und was auf sie herabfällt.« Man untersuchte auch
Pflanzensäfte und Tiersekrete, wie Milch und Speichel, Fäces und Harn.
Auf diese Weise wurde zwar nicht die Materia prima gefunden, aber
manche wertvolle Beobachtung gemacht, vor allem wurde die
Beschäftigung mit der Natur in den Mittelpunkt des menschlichen Tuns und
Denkens gerückt. War man doch bis dahin in mystischen und religiösen
Vorstellungen nicht selten so befangen, daß jede Beschäftigung mit
natürlichen Vorgängen als sündhaft, mindestens aber als niedrig betrachtet
wurde. Wenn es auch der experimentellen Forschungsweise an Mitteln und
den richtigen Methoden noch sehr gebrach, so wurde doch der Boden für
eine höhere, eigentlich wissenschaftliche Tätigkeit auf solche Weise
vorbereitet und manche wichtige, wenn auch mehr zufällige Entdeckung

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gemacht. So führte das von den Alchemisten geübte Kochen, Glühen und
Destillieren aller möglichen Stoffe, welche die zur Darstellung des Goldes
notwendige Materia prima geben sollten, im 17. Jahrhundert zur
Entdeckung des Phosphors durch den Hamburger Kaufmann Brand 395.
Dieser ließ sich bei seinen Versuchen von dem Gedanken leiten, daß die im
Organismus tätige Lebenskraft, die so Wunderbares bewirke, imstande sein
müsse, die Metalle zu verwandeln. Er unterwarf daher den beim
Eindampfen von Harn erhaltenen Rückstand der trockenen Destillation.
Dabei wurden die phosphorhaltigen Verbindungen des Harns durch den in
der organischen Materie enthaltenen Kohlenstoff reduziert. Das auf solche
Weise396 im Jahre 1669 erhaltene Element Phosphor erregte wegen seiner
überraschenden Eigenschaften das größte Aufsehen.
Von Interesse sind auch die Beziehungen des Philosophen Leibniz, der
über die Erfindung des Phosphors ausführlich berichtete, zu den
alchemistischen Bestrebungen seiner Zeit397. Leibniz war, als er in Altdorf
studierte, Mitglied der Nürnberger hermetischen Gesellschaft. Die Stellung,
die er jedoch den Übertreibungen der Alchemisten gegenüber einnahm, geht
aus folgenden, für das Gelehrtendeutsch jener Zeit charakteristischen
Worten des großen Philosophen hervor:
»Die Laboranten, Charlatans, Marktschreier, Alchymisten und andere
Vaganten und Grillenfänger sind gemeiniglich Leute von großem Ingenio,
bisweilen auch Experienz, nur daß die disproportio ingenii et indicii, oder
auch bisweilen die Wollust, die sie haben, sich in ihren eitelen Hoffnungen
zu unterhalten, sie ruiniert und in Verderben und in Verachtung bringet.
Gewißlich, es weiß bisweilen ein solcher Mensch mehr aus der Erfahrung
und Natur gewonnene Realitäten, als mancher in der Welt hochangesehene
Gelehrte, der seine aus den Büchern zusammen gelesene Wissenschaft mit
Eloquenz, Adresse und anderen politischen Streichen zu schmücken und zu
Markt zu bringen weiß, dahingegen der andere mit seiner Extravaganz sich
verhaßt oder verächtlich macht. Daran sich aber verständige Regenten in
einer wohlbestellten Republique nicht kehren, sondern sich solcher
Menschen bedienen, ihnen gewisse regulierte Employ und Arbeit geben und
dadurch sowohl ihr als ihrer Talente Verderben verhüten können.« (Klopp,
die Werke von Leibniz. Bd. I. S. 143.)
Auch König Friedrich I. von Preußen hatte seinen Goldmacher, den Grafen
Cajetan, einen Italiener, der ihm versprach, in wenigen Wochen für sechs

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Millionen Taler Gold zu machen. Als sich die Hoffnung des Königs nicht
erfüllte, ließ er den »Grafen« aufknüpfen. Vorher hatte dieser dem
Kurfürsten von Bayern und dem Kaiser große Summen durch ähnliche
Versprechungen abzuschwindeln verstanden.
Im 17. Jahrhundert begegnet uns auch die Umkehrung der bisherigen
Aufgabe der Alchemie. Anstatt Gold zu schaffen, wollte man gegebenes
Gold zerstören oder, wie man sich ausdrückte, »aus seinem Wesen setzen«.
Es erschien eine Schrift unter dem Titel »Sol sine veste oder dreißig
Experimente, dem Gold seinen Purpur auszuziehen«398. Als eine solche
Zerstörung des Goldes wurde z. B. die eigentümliche feinste Verteilung des
Goldes im Glasfluß aufgefaßt. Selbst Kunkel glaubte, das Gold, das die
Farbe des Rubinglases bewirkt, sei aus seinem Wesen gesetzt, d. h. nicht
mehr als Gold vorhanden.
Bei den Stoffverwandlungen spielte auch die Lehre, daß das Wasser der
Hauptbestandteil aller Stoffe sei, eine Rolle. Diese Ansicht war bei van
Helmont jedoch kein bloßes Philosophem wie bei Thales. Sie stützte sich
vielmehr auf, wenn auch irrtümlich gedeutete, Beobachtungen und
Versuche. Van Helmont hatte z. B. 200 Pfund Erde in einem irdenen
Gefäße abgewogen und in dieses eine 5 Pfund schwere Weide gepflanzt.
Letztere wurde nur mit Regenwasser begossen. Nach Verlauf von 5 Jahren
wog die Weide 170 Pfund, während das Gewicht der Erde nur um wenige
Unzen abgenommen hatte. Die Gewichtszunahme der Weide schrieb van
Helmont, da er die Rolle des atmosphärischen Kohlenstoffs noch nicht
kannte, allein dem Wasser zu.
Im Zeitalter der Iatrochemie sind sehr wahrscheinlich auch die Schriften
entstanden, die früher Basilius Valentinus (er sollte um 1450 gelebt
haben) zugeschrieben wurden. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts gab nämlich
Thölde, Ratskämmerer zu Frankenhausen, eine Anzahl alchemistischer
Schriften heraus. Die Titel der wichtigeren lauten: »Triumphwagen
Antimonii« und »Vom großen Stein der uralten Weisen«. Diese Schriften
gaben den alchemistischen Bestrebungen, die ihren Höhepunkt damals
schon überschritten hatten, wieder Anregung. Nach neueren
Untersuchungen beruhen sie indessen auf einer literarischen Fälschung
ganz eigener Art. Sind auch die Einzelumstände dieser Fälschung noch
nicht genügend aufgeklärt, so ist doch so viel gewiß, daß die unter dem
Namen des Basilius Valentinus gehenden Schriften nicht von einem im

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15. Jahrhundert lebenden Mönche dieses Namens herrühren, sondern erst
gegen das Ende des 16. oder zu Beginn des 17. Jahrhunderts verfaßt
wurden.
Die Aufnahme zahlreicher anorganischer Verbindungen unter die Heilmittel
rief anfangs manchen und gewiß sehr oft berechtigten Widerstand hervor. In
Heidelberg z. B. ließ die medizinische Fakultät noch bis zur Mitte des 17.
Jahrhunderts diejenigen, denen sie die Doktorwürde verlieh, schwören, daß
sie niemals von Antimon- und Quecksilberpräparaten in ihrer ärztlichen
Praxis Gebrauch machen wollten. Ein ähnliches Verbot bestand auch in
Paris.
Zwischen den Paracelsisten und den Anhängern der älteren Heilkunde
suchte besonders Libavius zu vermitteln. Andreas Libavius wurde in
Halle geboren399. Er studierte Medizin, Geschichte und
Sprachwissenschaften und starb im Jahre 1616 als Direktor des
Gymnasiums zu Coburg. Libavius war der namhafteste deutsche
Chemiker seiner Zeit. Wir verdanken ihm das erste Lehrbuch der Chemie,
seine 1595 erschienene Alchymia, mit dem wir uns etwas näher befassen
wollen. Wie schon der Titel sagt und wie die ersten Sätze des Buches
lehren, war Libavius ein erklärter Anhänger der Alchemie. Sie ist für ihn
die Kunst, die Magisterien, d. h. die Stoffe, die zur Metallverwandlung
dienen, zu erzeugen und die reinen Grundbestandteile aus ihren
Mischungen abzuscheiden400. Als Grundbestandteile oder Prinzipien
unterscheidet auch er Mercurius, Sal und Sulphur. Der zweite Teil der
»Alchymia« des Libavius ist das eigentliche Lehrbuch der Chemie, da sich
darin im wesentlichen eine Darstellung der zu seiner Zeit bekannten
chemischen Tatsachen und die Grundzüge einer Dokimasie (Probierkunst)
finden. Die Überschriften der einzelnen Abschnitte lauten:

Von der Natur der Metalle.
Vom Golde.
Vom Silber.
Von den unvollkommenen Metallen.
Vom Eisen.
Von den Stoffen, die mit den Metallen verwandt sind.

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Als solche werden aufgezählt: Quecksilber, Wismut, Antimon, Schwefel
und Arsen.
Libavius untersuchte die schon lange vor ihm bekannten Bleisalze,
Bleizucker und Bleiessig, genauer und brachte sie als Heilmittel in
Vorschlag. Er vereinfachte die Darstellung der Schwefelsäure und wies
nach, das die aus Alaun, Vitriol oder Schwefel erzeugte Säure ein und
dieselbe Substanz ist.
Wie der gleichzeitig lebende Agricola bemühte sich Libavius auch,
Mittel und Wege anzugeben, um in den Erzen und den metallischen
Präparaten den Metallgehalt nachzuweisen. Beide begründeten die, durch
hüttenmännische Erfahrungen allerdings seit alters vorbereitete,
metallurgische Probierkunst (Dokimasie). So legte sich Libavius die Frage
vor, wieviel Gold anderen Metallen, wie dem Silber, dem Blei oder dem
Quecksilber beigemengt sei, wie man den Silbergehalt der Bleiglätte
ermitteln könne usw. Von besonderem Werte ist das Buch des Libavius
noch dadurch, daß es eine genaue Beschreibung der gegen den Ausgang des
16. Jahrhunderts üblichen chemischen Apparate und Vorrichtungen enthält.
Neben der Wärme suchte man z. B. auch das Licht als chemisches Agens zu
verwerten, wovon uns die Abbildungen des Libavius eine Vorstellung
geben.

Der Einfluß der Chemie auf die Gewerbe.

Eine große Förderung erfuhr die Chemie in Deutschland durch das
Emporblühen der Gewerbe. Als der wichtigste Vertreter der infolgedessen
als besonderer Wissenszweig aufkommenden angewandten Chemie
begegnet uns Glauber. Johann Rudolf Glauber (1604–1668)
bereicherte die anorganische Chemie um eine Reihe von Entdeckungen, die
zumeist die Chlorverbindungen betreffen. Auf dieses Gebiet wurde
Glauber dadurch geführt, daß er die Darstellung der Salzsäure durch
Einwirkung von Schwefelsäure auf Kochsalz kennen lernte. Ganz
entsprechend stellte er auch die Salpetersäure aus Salpeter und
Schwefelsäure her. Das dabei auftretende Natriumsalz der Schwefelsäure ist
nach ihm Glaubersalz genannt worden401. Das Chlor soll Glauber
gleichfalls schon gekannt haben. Vor Glauber hatte man die Chloride aus

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den Metallen hergestellt, indem man letztere mit Sublimat
(Quecksilberchlorid) erhitzte. Infolgedessen war man zu der irrtümlichen
Annahme gelangt, daß in den Chlorverbindungen der Metalle Quecksilber
enthalten sei. Glauber lehrte dagegen, sie seien Verbindungen der Metalle
mit Salzsäure. Er traf damit zwar auch noch nicht das Richtige, da es sich
nur um den einen Bestandteil der Salzsäure, das Chlor, handelt, dessen
Reindarstellung erst Scheele gelang. Die Chloride, die Glauber
untersucht und beschrieben, zum Teil auch als erster reiner dargestellt hat,
sind Zinn- und Zinkchlorid, Eisenchlorid, Chlorblei, Arsen- und
Kupferchlorür. Auch das Chlorsilber und seine Entstehung aus Silberlösung
durch Zusatz von Salzsäure wurde damals bekannt. Ferner gelang Glauber
die Darstellung des als vulkanisches Produkt schon lange bekannten
Salmiaks durch die Einwirkung der Salzsäure auf das unter dem Namen
»flüchtiges Laugensalz« bekannte kohlensaure Ammoniak. Letzteres hatten
die Alchemisten früherer Jahrhunderte durch Destillation von gefaultem
Harn gewonnen.
Man kann sich denken, welche Umwälzung, aber auch welchen Mißbrauch,
all diese Präparate, die in der übertriebensten Weise und mit der größten
Geheimnistuerei angepriesen wurden, auf dem Gebiete der Heilkunde
hervorriefen. Insbesondere war man bemüht, neue Arsen-, Antimon- und
Quecksilberpräparate herzustellen und für Heilzwecke zu benutzen. So
lernte man antimonsaures Kalium und einige weinsaure Salze kennen. Die
Einwirkung von Antimonoxyd auf Weinstein lieferte den Brechweinstein,
der gleichfalls für den Arzneischatz sofort die größte Bedeutung erlangte.
Es ist begreiflich, daß das wissenschaftliche Interesse an den beobachteten
Vorgängen und Verbindungen der medizinischen Bedeutung gegenüber
immer mehr überwog, so daß das Ziel der Chemie verschoben wurde. Aus
einem bloßen Zweige der Heilkunde erwuchs auf diese Weise, ganz ähnlich,
wie es der Zoologie und der Botanik ergangen war, die reine Wissenschaft,
die ihren Gegenstand, losgelöst von allen Nützlichkeitsbestrebungen, um
seiner selbst willen zu erforschen bemüht ist.
Ein wissenschaftliches Ergebnis der experimentellen Arbeiten Glaubers
war z. B. das klarere Hervortreten des Begriffes der chemischen
Verwandtschaft. So braucht Glauber, wenn er von der Befreiung des
Ammoniaks aus Salmiak durch die Einwirkung von Kalk handelt402, den
Ausdruck, der eine Bestandteil des Salmiaks »liebe den Kalk mehr als der

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andere und werde auch von dem Kalke mehr geliebt«. Auch die doppelte
Verwandtschaft ist ein Begriff, der in seinen Anfängen bis auf Glauber
zurückgeht. So führte er aus, daß aus Quecksilberchlorid und
Schwefelantimon durch wechselseitigen Austausch der Bestandteile
Schwefelquecksilber und Antimonchlorid hervorgehen. Um eine Probe der
damals herrschenden Ausdrucksweise zu geben, sei hier diese Umsetzung
in Glaubers Sprache unter Hinzufügung der heutigen Formeln
beschrieben: »Wenn der Mercurius sublimatus (HgCl2) mit Antimonio
(Sb2S3) vermischt die Hitze empfindet, so greifen die Spiritus (Cl), die bei
dem Mercurio sublimato sein, den Antimonium (Sb2S3) lieber an und lassen
den Mercurium (Hg) wieder fallen, und geht also ein dick Oleum (SbCl3)
über. Der Sulphur antimonii (S) aber konjugiert sich mit dem Mercurio vivo
(Hg) und gibt einen Zinnober (HgS), der im Halse der Retorte bleibt«403.
Die ursprüngliche Vorstellung, daß ähnliche Stoffe mit einander verwandt
seien, wich der richtigen Erkenntnis, daß gerade die verschiedenartigsten
Stoffe das größte Vereinigungsbestreben haben. Am deutlichsten sprach es
Hermann Boerhaave (1668–1738) aus, daß gerade nicht verwandte
Stoffe die Kraft besitzen, die man als chemische Verwandtschaft oder
Affinität bezeichnet, ein Wort, das uns schon bei Albertus Magnus
begegnet.
Als überzeugter Anhänger der Alchemie kann Glauber nicht mehr gelten.
Er sagt von ihr: »Wer Zeit und Gelegenheit haben mag, solche Arbeiten im
großen anzustellen, dem ist es nicht gewehrt, zu versuchen, ob Nutzen
damit zu erlangen ist«. Auch bekennt er, daß er selbst nicht den geringsten
Erfolg »in Verbesserung der Metalle« gehabt habe.

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Abb. 66. Glaubers Destillierofen.

Glaubers Hauptwerk führt den Titel »Novi furni philosophici«. Es
erschien zuerst im Jahre 1648 unter der deutschen Bezeichnung
»Beschreibung einer Destillierkunst«. Über Glaubers Verfahren sei auf
Grund seiner dort gegebenen Darstellung noch einiges mitgeteilt. Das
Kapitel, das von der Salzsäure handelt, überschreibt er: »Wie man einen
Spiritus salis destillieren soll«. Die Vorschrift lautet: »Man nimmt
gewöhnliches Kochsalz und mischt Vitriol oder Alaun darunter. Diese
Mischung bringt man über glühende Kohlen. Der davon ausgehende
Spiritus wird in einem Rezipienten verdichtet (siehe Abb. 66). Nun könnte
jemand sagen, daß dieser Spiritus salis nicht rein sei, denn der Spiritus des
Vitriols oder des Alauns gehe auch mit über. Darauf antworte ich, daß dies
nicht der Fall ist. Ich habe nämlich häufiger Vitriol oder Alaun für sich in
den Ofen gebracht. Dann ist gar kein Spiritus gekommen. Die Ursache ist
die, daß der Spiritus des Vitriols oder des Alauns nicht emporsteigt, sondern
im Ofen verbrennt.« Die Abbildung seines Ofens erläutert Glauber, wie
folgt: A ist der Ofen mit seinem eingemauerten eisernen Destilliergefäß,
daran ein Rezipient akkommodiert ist. C zeigt die Gestalt des
Destilliergefäßes, und D läßt erkennen, wie »es inwendig anzusehen ist«.
Der nächste Abschnitt handelt von der Verwendung der Salzsäure (De usu
Spiritus salis). Glauber preist sie als »eine herrliche Medizin für den
innerlichen und den äußerlichen Gebrauch«, als Lösungsmittel für alle
Mineralien und Metalle »excepta Luna« d. h. mit Ausnahme des Silbers. Im

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Haushalt soll die Salzsäure an die Stelle von Essig treten, da Fleisch,
Geflügel und anderes mit Salzsäure zubereitet »viel lieblicher schmecke«.
Die weiteren Vorschriften Glaubers beziehen sich auf die Darstellung von
Schwefelsäure, Salpetersäure und Königswasser, sowie deren Verwendung.
Durch Destillation von Vitriol erhält er die Schwefelsäure als »ein schweres
Oleum, das man mit starkem Feuer vertreiben und rektifizieren kann,
wodurch es klar wird«. Mit diesem »korossiven Oleum Vitrioli« könne man
auch etliche Metalle solvieren und in ihre Vitriole umwandeln, so Eisen und
Zink. Man müsse jedoch Wasser hinzufügen, da das Oleum sonst nicht
angreife.
Die Verwendung zu Heilzwecken spielt auch hier eine Rolle, so soll die
Wärme, die sich bei der Einwirkung der Säure auf Eisen entwickelt,
Krankheiten zu heilen vermögen.
Vom Spiritus Nitri (Salpetersäure) heißt es, er werde zwar in fast allen
Apotheken gefunden, aber in der Heilkunde nicht viel gebraucht. Aqua
regis (Königswasser) endlich bereitet Glauber, indem er in gläsernen
Retorten Kochsalz in Salpetersäure auflöst.
In einem zweiten, »Teutschlands Wohlfahrt« betitelten Werke suchte
Glauber die Bedeutung der Chemie für die Volkswirtschaft darzutun.
»Dieses Werk«, sagt er in seiner Einleitung, »mit dem ich meinem
Vaterlande zu dienen mir vorgenommen, besteht in Offenbarung der in
Deutschland verborgenen großen Schätze, die zwar bisher auch sind
gewonnen worden, aber nicht, wie es wohl hätte sein sollen und können. Z.
B. läßt sich das Holz, so doch liegt und verdirbt, zu Salpeter machen, um
den Feinden damit die Spitze zu bieten. In künftigen großen Landsterben
werden sich ferner durch Konzentrieren der Mineralien und Metalle gute
Medikamente bereiten lassen.«

Die Begründung der Chemie als Wissenschaft.

Sehr gefördert wurde die Chemie während des 17. Jahrhunderts durch die
Arbeiten Boyles. Robert Boyle wurde im Jahre 1626 geboren. Er
studierte in Oxford und in Genf und lebte von 1668 an in London, wo er mit
Newton, Hooke und anderen hervorragenden Gelehrten die Royal Society

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gründete. Der gemeinsame Grundzug dieser Männer war der, daß sie sich
bei ihren, im Geiste echter Forschung ausgeführten Arbeiten lediglich von
dem Streben nach Naturerkenntnis und von keinerlei Nebenabsichten leiten
ließen. Boyle war der erste, der die wahre Aufgabe der Chemie in der
Erkenntnis der Zusammensetzung der Körper erblickte. »Die Chemiker«
sagt er404, »haben sich bisher durch enge Prinzipien, die der höheren
Gesichtspunkte entbehrten, leiten lassen. Sie erblickten ihre Aufgabe in der
Bereitung von Heilmitteln und in der Verwandlung der Metalle. Ich habe
versucht, die Chemie von einem ganz anderen Gesichtspunkte aus zu
behandeln, nicht als Arzt, noch als Alchemist, sondern als Naturphilosoph«.
Er habe, fährt er fort, den Plan für eine chemische Philosophie gezeichnet,
die er durch seine Versuche und Beobachtungen zu vervollständigen hoffe.
Den Menschen müsse der Fortschritt der Wissenschaft mehr am Herzen
liegen als ihre engeren Interessen. Der Welt würde dadurch der größte
Dienst geleistet, daß man Versuche anstelle, Beobachtungen sammle und
keine Theorie aufstelle, ohne zuvor die in Betracht kommenden
Erscheinungen geprüft zu haben.
Mit der Aufstellung dieser Gesichtspunkte begann für die Chemie ein neues
Zeitalter. Indem Boyle als letzte Bestandteile, als Elemente im Sinne der
heutigen Wissenschaft, diejenigen Stoffe ansprach, die keiner weiteren
Zerlegung fähig sind, war das Schicksal der aristotelischen Elemente
(Feuer, Erde, Luft und Wasser), sowie der Prinzipien der Alchemisten (Salz,
Schwefel und Quecksilber) besiegelt. Auch der Unterschied zwischen
mechanischer Mischung und chemischer Verbindung wurde von Boyle
zum ersten Male scharf hervorgehoben. Als charakteristisch für die
Verbindungen stellte er das Verschwinden der Eigenschaften der
Bestandteile bin.
Anknüpfend an van Helmont destillierte Boyle Regenwasser aus
Glasgefäßen. Er fand stets einen Rückstand und glaubte damit gleichfalls
bewiesen zu haben, daß sich das Wasser in erdige Bestandteile verwandeln
lasse. Erst durch Lavoisier und Scheele wurde der wahre Sachverhalt
aufgeklärt und die Ansicht, daß das Wasser eine derartige Umwandlung
erfahren könne, als unhaltbar nachgewiesen. Ein zweiter wichtiger Versuch,
an den Lavoisier bei der Begründung der neueren Chemie anknüpfte,
betrifft die Verkalkung (Oxydation) der Metalle beim Erhitzen an der Luft.
Boyle schmolz Zinn und Blei und wies nach, daß der erhaltene Metallkalk

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schwerer ist als das Metall405. Um dies zu erklären, nahm er aber an, daß ein
aus dem Feuer stammender Stoff das Gefäß, in dem die Schmelzung vor
sich geht, durchdringe und sich mit dem Metall verbinde. Ein ähnlicher
hypothetischer, von Lavoisier später als unhaltbar erkannter Stoff, das
Phlogiston, das bei der Verbrennung entweichen sollte, erhielt bei den auf
Boyle folgenden Chemikern eine solche Bedeutung, daß das von Boyle
bis Lavoisier reichende Zeitalter der Chemie das phlogistische genannt
wird.
Durch die Forschungen Boyles, dem seine Landsleute den Beinamen des
großen Experimentators gegeben haben, wurde auch die analytische
Chemie begründet. Bisher hatte man sich bei qualitativen Untersuchungen
wesentlich auf das sogenannte trockene Verfahren beschränkt, das heute
noch bei der Vorprüfung, sowie bei der Bestimmung von Mineralien
Anwendung findet. Boyle lehrte die in Lösung gebrachte Substanz mit
Hilfe flüssiger Reagentien untersuchen, indem er aus der Entstehung und
der Beschaffenheit von Niederschlägen auf die Zusammensetzung des zu
untersuchenden Stoffes schloß. So wies er Salzsäure mittelst Silberlösung
und Schwefelsäure durch Kalksalze nach. Er fällte Eisen durch
Galläpfeltinktur406 und bediente sich zum Nachweise der Säuren mit
Pflanzensäften gefärbter Papiere, alles Verfahrungsarten, die auch heute
noch im Gebrauch sind.
In das Zeitalter Boyles fällt auch eine Vorwegnahme der antiphlogistischen
Lehre durch den englischen Arzt John Mayow, dessen Verhältnis zu
Lavoisier etwa dasselbe ist wie auf astronomischen Gebiete dasjenige
Aristarchs zu Koppernikus.
John Mayow wurde im Jahre 1643 in London geboren. Er widmete sich
der Heilkunst, die er in dem kleinen Badeorte Bath ausübte. Zur
Beschäftigung mit der Chemie wurde er dadurch geführt, daß er die
Heilquelle von Bath untersuchte. Später wurde Mayow Mitglied der Royal
Society. Bald darauf (1679) starb er in noch jugendlichem Alter in London.
Mayow war gleich vielen Forschern seines Zeitalters ein eifriger Anhänger
der Philosophie des Descartes, dessen Werke ihn zur mechanistischen
Erklärung der Naturvorgänge angeregt hatten. Seine wichtigsten
Untersuchungen und Betrachtungen legte Mayow in seinem »Tractatus
quinque« genannten Werke nieder. Den für die Entwicklung der Chemie
bedeutendsten Abschnitt dieser Schrift bilden die in deutscher Übersetzung

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erschienenen »Untersuchungen über den Salpeter und den salpetrigen
Luftgeist, das Brennen und das Atmen«407. Leider fanden die Arbeiten
Mayows nicht die verdiente Beachtung. Sie gerieten infolgedessen
schließlich in Vergessenheit. Es erging ihnen ähnlich wie später den
botanischen Arbeiten Sprengels, die trotz ihrer außerordentlichen
Bedeutung gleichfalls ein Jahrhundert ruhten. Erst nach der Entdeckung des
Sauerstoffs und nach der Begründung der antiphlogistischen Theorie durch
Lavoisier wurde von deutscher und englischer Seite darauf hingewiesen,
daß schon Mayow das wahre Wesen der Verbrennung und der Atmung
erkannt habe. Hätte Mayow größere Beachtung gefunden und länger
gelebt, um seine Lehre fester zu begründen, so wäre die chemische
Wissenschaft schwerlich ein Jahrhundert in der irrigen Phlogistontheorie
befangen geblieben. Man muß nämlich erwägen, daß die
Gewichtszunahme, welche die Metalle beim Erhitzen an der Luft erfahren,
im 17. Jahrhundert schon von mehreren Seiten, wie von Hooke, Boyle
und Rey, festgestellt worden war. Rey war es auch, der diese Erscheinung
auf den Zutritt der Luft zu den Metallen zurückführte. Und Hooke, der so
oft mit seinen knappen Bemerkungen das Richtige traf und ja auch die
Gravitationstheorie vorwegnahm, gab in seiner Mikrographie (1665) eine
Verbrennungstheorie, die gleichfalls schon den Keim der antiphlogistischen
Lehre enthielt. Hooke nahm nämlich an, daß in der Luft und im Salpeter
ein Stoff enthalten sei, der auf die brennbaren Körper wirke.
Von der Untersuchung des Salpeters geht auch Mayow aus. Dieser
wunderbare Stoff, meinte er, sei berufen, in der Wissenschaft ebensoviel
Lärm wie im Kriege zu verursachen. Als Bestandteile des Salpeters lehre
seine Entstehung und seine Zerlegung einen sauren Salpetergeist (wie er die
Salpetersäure nannte) und eine alkalische Substanz kennen. Gieße man
nämlich die durch Destillation aus dem Salpeter erhaltene Säure auf ein
geeignetes alkalisches Salz, so bilde sich der Salpeter mit all seinen
bekannten Eigenschaften von neuem. Auch der natürliche Salpeter entstehe
durch die Einwirkung von Salpetergeist auf alkalische Salze des Bodens;
doch dürfe man nicht annehmen, daß der Salpetergeist, d. h. die
Salpetersäure, als solcher in der Luft enthalten sei. Vielmehr sei in der Luft
nur ein Teil dieses Geistes enthalten, nämlich die salpetrige Luftsubstanz.
Letztere unterhalte die Verbrennung und die Atmung. Sie ist also mit dem
Sauerstoff der Antiphlogistiker völlig identisch.

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Es verdiene auch Erwähnung, bemerkt Mayow, daß Antimon durch
Verkalkung an Gewicht zunehme408. Es sei schwer einzusehen, woher diese
Gewichtszunahme rühre, wenn nicht von den mit dem Metall sich
verbindenden Luftteilchen. »Ich weiß sehr wohl«, fügt er hinzu, »daß nach
der gewöhnlichen Meinung die Verkalkung des Antimons in der Entfernung
seines Schwefels bestehen soll. Trotzdem bin ich geneigt zu glauben, daß
diese Ansicht kaum die Wahrheit trifft«.
Der Hauptzweck der Atmung besteht nach Mayow darin, gewisse, dem
tierischen Leben unentbehrliche Teilchen aus der Luft den Lungen
zuzuführen und sie mit dem Blute auf das innigste zu vermischen. Er habe,
sagt Mayow, Versuche angegeben, welche zeigten, daß die von den
Lungen ausgeatmete Luft gewisser Teilchen beraubt sei, wobei sie
gleichzeitig eine Volumverminderung erfahren habe. Letztere werde
dadurch hervorgerufen, daß der Luft die salpetrigen Luftteilchen (d. h. der
Sauerstoff) entzogen wurden.
Mayow legt sich sodann die Frage vor, welche Aufgabe der in das Blut
gelangende Sauerstoff im Organismus zu erfüllen habe und findet auch
hierauf eine im ganzen richtige Antwort. »Ich huldige der Ansicht« bemerkt
er, »daß sowohl bei den Tieren als auch bei den Pflanzen der salpetrige
Luftgeist die Hauptquelle des Lebens und der Bewegung ist«. Auch die
Körperwärme könne man nicht etwa auf eine in den Gelenken stattfindende
Reibung zurückführen. Sie rühre vielmehr gleichfalls von der Wirkung des
Sauerstoffes auf das Blut her, in dem brennbare Stoffe in Menge vorhanden
seien. Daß das Blut bei seinem Eintritt in die Lunge dunkelrot, und beim
Verlassen hellrot ist, war eine Mayow bekannte, durch die Erfahrung längst
ermittelte Tatsache. Daß es sich hierbei um eine chemische Einwirkung der
Luft auf das Blut handelt, geht ihm daraus hervor, daß venöses, der Luft
ausgesetztes Blut an der Oberfläche hellrot wird, während die unteren
Schichten dunkelrot bleiben.
Im Lichte der von Mayow entwickelten Theorie der Atmung gewannen
also auch verwandte Gebiete der Physiologie, wie die Tätigkeit und das
Zusammenwirken der Atmungs- und der Kreislauforgane, an Klarheit. Auch
darauf wies Mayow hin, daß beim Fötus an die Stelle der Atmung die
Versorgung mit Sauerstoff durch das arterielle, an Sauerstoff so reiche Blut
der Mutter tritt.

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Abb. 67. Mayows Analyse der Luft.

Die von Mayow ausgesprochenen Ansichten waren nicht etwa lediglich
glückliche Einfälle, sondern das Ergebnis oft sehr sinnreich ausgedachter
Versuche. Eins der schönsten Beispiele, und wohl eine der ersten
gasometrischen Untersuchungen, ist folgendes: Man bringe einen Stab in
der Weise, wie es die Abbildung 67 zeigt, in einem Glasgefäße an. An
diesen Stab hänge man einen glasierten, mit Salpetersäure (Salpetergeist
nennt sie Mayow) gefüllten Topf. Dicht über den Topf wird an einem
Faden ein Bündel von Eisenstückchen befestigt. Der Faden wird zunächst
über den Stab und dann unter den Rand des Gefäßes hinaus geführt (siehe
Abb. 67), so daß man das Eisenbündel in die Säure tauchen und wieder
herausziehen kann. »Nachdem«, fährt Mayow fort, »die durch Berührung
mit den Händen erwärmte Luft sich abgekühlt hat und die Höhe des inneren
Wasserspiegels angemerkt worden ist, lasse man die Eisenstücke in die
Säure gleiten«. Es entstand eine lebhafte Einwirkung, und das innere
Niveau wurde durch die entwickelten Dämpfe zunächst herunter gedrückt.
Nachdem die Reaktion einige Zeit gedauert, zog Mayow das Eisen wieder
empor. Jetzt stieg das Wasser über den ursprünglichen Stand hinaus, wobei
»ein Viertel des von der Luft ursprünglich erfüllten Raumes von dem
Wasser eingenommen wurde«. Diese Raumverminderung wird ganz richtig
auf die Fortnahme des Sauerstoffes oder, wie Mayow sagt, der salpetrigen
Luftteilchen zurückgeführt409. »In der Tat«, sagt er, »erfährt hier die Luft
eine Verminderung auf ganz dieselbe Weise wie bei der Verbrennung«. Das

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ein Jahrhundert später erfundene Eudiometer beruht auf derselben
Wechselwirkung zwischen den aus der Salpetersäure entstehenden Gasen
und dem Sauerstoff der Luft410.

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10. Der Ausbau der Botanik und der Zoologie nach dem
Wiederaufleben der Wissenschaften.
Wir haben in einem früheren Abschnitt die ersten Ansätze zur
Neubegründung der organischen Wissenschaften kennen gelernt. Das
wichtigste Ergebnis auf dem Gebiete der Botanik waren die Entstehung der
Kräuterbücher (Bock und Brunfels), die Anlage der ersten botanischen
Gärten und Herbarien, sowie die Ausdehnung der Florenkenntnis auf die
neuentdeckten außereuropäischen Länder. Gleichzeitig erfolgte die
Neubegründung der Zoologie durch die umfassenden Werke eines Gesner
und eines Aldrovandi. Wotton verbesserte die Systematik, während
Vesal die Grundlagen der neueren Anatomie errichtete.

Fortschritte der Botanik.

In der Pflege der Botanik zeichneten sich neben den Deutschen besonders
die Niederländer aus. War doch die Anregung, welche diesem Volksstamm
durch den Handel und die Entdeckungsreisen auf naturhistorischem Gebiete
zuteil wurde, nicht gering. Auch standen schon damals der Gartenbau und
die Blumenzucht in den Niederlanden in hoher Blüte. Als der größte
Botaniker des 16. Jahrhunderts gilt Carolus Clusius in Antwerpen (1525–
1609). Er war eine Zeitlang mit der Verwaltung der kaiserlichen Gärten in
Wien betraut und fand dadurch Gelegenheit, auch Ungarn naturhistorisch zu
durchforschen. Clusius starb als Professor der Naturgeschichte in Leyden
im Jahre 1609, nachdem er die Botanik um eine derartige Fülle neuer Arten
bereichert hatte, wie niemand vor und nach ihm. Die Frucht seines
Aufenthalts in Österreich-Ungarn war eine Flora von Osteuropa411. Von
Augsburg hatte er mit Angehörigen des Hauses Fugger eine Reise durch
Frankreich, Spanien und Portugal unternommen. Das Ergebnis dieser Reise
war ein floristisches Werk über die pyrenäische Halbinsel412. Außerdem hat
Clusius als einer der ersten die Pflanzen Indiens und der Levante
beschrieben413. Er hat die neuen Arten auch vortrefflich abgebildet.

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Clusius konnte sein Vorhaben nur mit Unterstützung von zahlreichen
Forschern und Reisenden vollbringen. Unter seinen Mitarbeitern ist vor
allem der Niederländer Lobelius zu nennen. Er wurde 1538 geboren und
starb 1616 in England, wo er die königlichen Gärten verwaltete.
Bei Lobelius tritt das Gefühl für die natürliche Verwandtschaft schon sehr
deutlich hervor. So bilden die Gräser, die Liliaceen, die Orchideen, die
Kreuzblüter, die Doldengewächse, die Schmetterlings- und die Lippenblüter
bei ihm schon deutlich erkennbare Gruppen.
Während man sich im 16. Jahrhundert in Mitteleuropa vorzugsweise der
umgebenden Pflanzenwelt zuwandte, bemühten sich die Italiener um diese
Zeit in erster Linie um die Erklärung der alten botanischen Schriften. Da sie
aber merkten, daß bei Dioskurides und Plinius nur ein geringer Bruchteil
der in Italien vorkommenden Pflanzen erwähnt wird, wandten auch sie sich
zumal in Norditalien der Erforschung der heimatlichen Flora zu. Hier waren
es besonders die südlichen Kalkalpen, die durch ihren außergewöhnlichen
Pflanzenreichtum die Aufmerksamkeit von Apothekern, Ärzten und anderen
der Botanik obliegenden Männern auf sich zogen. So entstanden mehrere
Monographien, die sich ausschließlich mit der Flora des an Pflanzen so
reichen Monte Baldo, eines östlich vom Gardasee gelegenen Kalkgebirges,
beschäftigten.
Einer der hervorragendsten unter den italienischen Botanikern des 16.
Jahrhunderts war Mattioli (1501–1577). Er wußte wie kein anderer den
Dioskurides zu kommentieren und »mit seltener Spürkraft die Pflanzen
der Alten zu erraten«414. Mattioli war auch ein scharfer Beobachter und
eifriger Sammler, der die Wissenschaft um die Kenntnis zahlreicher neuer
Arten bereicherte.
Das Bestreben, an die Stelle der anfangs üblichen alphabetischen eine
natürliche Anordnung zu setzen, fand eine Fortsetzung bei Bauhin, in dem
die erste Periode der neueren Botanik ihren Gipfel erreichte.
Kaspar Bauhin wurde 1550 als Sohn eines Arztes in Basel geboren. Er
verbrachte einen Teil seiner Studienzeit in Padua und durchforschte die
Flora von Deutschland, Italien und Frankreich. Ganz davon abgesehen, daß
Bauhin zahlreiche neue Arten entdeckte, besteht sein großes Verdienst in
der Durchführung der erschöpfenden Artdiagnose, der Einführung der

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binären Nomenklatur, der Anordnung der Pflanzen nach ihrer Ähnlichkeit,
und endlich der Entwirrung der zahllosen Synonyme.
Wir beginnen mit dem letzten Punkte. Seit dem Wiederaufleben der Botanik
waren in allen Teilen Europas und in den entdeckten außereuropäischen
Ländern neue Pflanzen bekannt geworden, die an Zahl die von den Alten
beschriebenen Pflanzen bei weitem übertrafen. Die Benennung dieser neuen
Pflanzen war aber ohne einheitliche Gesichtspunkte und zum Teil unter
ganz willkürlicher Verwertung der alten Pflanzennamen erfolgt. Ja,
derselben Art waren von den verschiedenen Schriftstellern häufig auch
verschiedene Namen beigelegt, und die gleichen Namen für verschiedene
Arten gebraucht worden. Die Verwirrung war also eine schlimme und
drohte jeden gesunden Fortschritt der Wissenschaft, für die der Name
keineswegs »Schall und Rauch« ist, zu untergraben. Diesem unhaltbaren
Zustande machte Bauhin durch sein in vierzigjähriger, mühevoller Arbeit
entstandenes Werk über die Pflanzensynonyme ein Ende415. In ihm wies er
für alle ihm bekannten, etwa 6000 Arten die von den verschiedenen
Botanikern gebrauchten Namen nach und schuf damit für die botanische
Literatur das vollständigste Synonymenwerk, das noch heute für den
Systematiker wichtig ist. »Gewiß kein kleines Lob, das einem Buche nach
250 Jahren noch gespendet werden kann«416.
Auf solche Weise brachte Bauhin nicht nur Ordnung in die gelehrten
Arbeiten seiner Vorgänger, sondern er beugte auch durch die vorbildliche
Art, wie er selbst die Pflanzen benannte und beschrieb, dem Einreißen einer
neuen Verwirrung vor. Die Beschreibung der Pflanzen wurde nämlich von
ihm zu der Kunst ausgebildet, in wenigen Zeilen erschöpfende, die
Wiedererkennung leicht ermöglichende Diagnosen zu geben. Jede von
ihnen berücksichtigte in aller Kürze sämtliche Teile der Pflanze. Die Form,
die Größe, die Verzweigung der Wurzel und des Stengels, die Gestalt der
Blätter, die Beschaffenheit der Blüte, der Frucht und des Samens: alles
wurde in knappen, treffenden Worten aufgeführt, ohne den Raum von etwa
20 Zeilen zu überschreiten. Ferner wurden Arten und Gattungen bei ihm
scharf und bewußt unterschieden. Jede Art erhielt eine meist aus zwei
Wörtern bestehende Benennung, die als Gattungs- und als Speziesnamen
gelten können. Die binäre Nomenklatur, um deren Durchführung sich später
Linné so große Verdienste erworben hat, ist also auf Bauhin
zurückzuführen.

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Anfänge der natürlichen und der künstlichen Systematik.

Endlich tritt bei Bauhin in seinem Synonymenwerk die Anordnung nach
der Ähnlichkeit in den gesamten Merkmalen, nach natürlichen Familien
würden wir heute sagen, noch mehr wie bei Lobelius hervor, ohne daß
jedoch die so erhaltenen Gruppen benannt oder deutlich voneinander
getrennt worden wären. Auch Bauhin beginnt mit den Gräsern, die er für
die einfachsten Blütenpflanzen hielt. Es folgen die Liliengewächse, die
wichtigsten Familien der krautartigen Pflanzen und endlich die Bäume. Die
Sonderstellung der Farnkräuter vermochte Bauhin so wenig wie Lobelius
zu erkennen. Auch fehlt es nicht an Zusammenstellungen, die uns heute als
große Irrtümer erscheinen. So bringt Bauhin z. B. die phanerogamen
Wasserlinsen mit den Moosen, und die Schwämme mit den Meeresalgen in
Verbindung. Andererseits dürfen wir ihm solche Fehler nicht zu sehr
anrechnen, weil das Verhältnis der Kryptogamen zu den Phanerogamen erst
Jahrhunderte nach Bauhin seine Aufklärung gefunden hat und die Natur
der Pflanzentiere erst im 18. Jahrhundert durch Trembley enthüllt wurde.
Während das induktive Verfahren, dessen Ansätze uns in den
Kräuterbüchern begegnen, zu einer wenn auch noch mangelhaften
natürlichen Systematik führte, ging man in Italien bei der Neubegründung
der Botanik vielfach noch in aristotelischer Weise von vorher getroffenen
Einteilungsprinzipien aus. Hier suchte Caesalpin den immer mehr
anschwellenden Artenreichtum zu bewältigen, indem er seiner Anordnung
insbesondere die Beschaffenheit der Früchte zugrunde legte. Diese
Richtung der einseitig künstlichen Systematik wurde in der Folge zunächst
zur herrschenden, weil sie dem Bedürfnis der Praxis besser entsprach als
die noch unvollkommene natürliche Gruppierung, die für die Wissenschaft
jedoch einen höheren Wert besitzt. Wir werden später Linné als denjenigen
kennen lernen, dem das von Caesalpin erstrebte Werk gelang. Linné
erwies diesem seinem Vorgänger auch alle Anerkennung, indem er ihn als
den ersten wahren Systematiker bezeichnete.
Das botanische Hauptwerk des Andrea Caesalpino 417 erschien 1583 unter
dem Titel: De plantis libri XVI. Caesalpin liefert darin zwar auch
Beschreibungen einzelner Pflanzen, er geht aber nach zwei Richtungen über
die Verfasser der Kräuterbücher hinaus. Einmal beschränkt er sich nicht wie
jene auf die Schilderung des allgemeinen Habitus einer Pflanze, sondern er

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untersucht die einzelnen Pflanzenteile genau und berücksichtigt dabei
besonders die Fruktifikationsorgane. Zweitens begegnet uns bei Caesalpin
eine denkende, philosophische Betrachtung der Pflanze im allgemeinen und
ihrer Natur. Die Grundzüge der theoretischen Botanik, zu denen er auf diese
Weise in der Einleitung zum ersten Buche seines Werkes gelangte, sind
indessen in überwiegend aristotelischem Sinne abgefaßt. Da die Pflanze
ausschließlich jene Art von Seele besitze, durch welche die Ernährung, das
Wachstum und die Fortpflanzung erfolge, so begnüge sie sich mit viel
einfacheren Werkzeugen als das Tier, dem außerdem noch Bewegung und
Empfindung zukomme. Die Tätigkeit der Pflanzenseele bestehe darin,
durch die Ernährung das Einzelwesen und durch die Fortpflanzung die Art
zu erhalten. Daher seien der Pflanze zwei Teile verliehen, die Wurzel, durch
die sie die Nahrung aufnehme, und der Stengel, der die Frucht erzeuge. Für
die niederen Pflanzen, wie die Pilze und die Flechten, an denen Caesalpin
noch keine Fortpflanzungsorgane wahrzunehmen vermochte, nimmt er mit
Aristoteles die Urzeugung (Generatio spontanea) an. Sie entständen durch
Fäulnis und brauchten sich daher nur zu ernähren und zu wachsen. Sie seien
Mitteldinge zwischen der unorganischen Natur und den vollkommenen
Pflanzen, wie es ja auch Übergangsstufen zwischen den letzteren und den
Tieren gebe.
Der Einfluß, den Caesalpin auf die Entwicklung der Botanik im 17. und
18. Jahrhundert ausgeübt hat, ist nicht zu unterschätzen. Das von ihm
begründete Lehrgebäude wurde durch Linné vollendet und damit die
Entwicklung der künstlichen Systematik im wesentlichen zum Abschluß
gebracht.

Die Begründung einer Morphologie der Pflanzen.

In das 17. Jahrhundert fallen auch die ersten Schritte zur Begründung einer
wissenschaftlichen Morphologie der Pflanzen. Als ihr Hauptvertreter ist der
Deutsche Joachim Jungius zu nennen. Von dem Lebensgange dieses
Mannes (1587–1657) und seiner Bedeutung für die allgemeine
Geisteskultur seines Zeitalters wird an späterer Stelle noch gehandelt
werden. Sein Bestreben, Besseres an die Stelle des scholastischen
Wortkrams zu setzen, der im 17. Jahrhundert sich in Deutschland breit
machte, war besonders auf botanischem Gebiete von Erfolg begleitet. Ein

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gewaltiger handschriftlicher Nachlaß418 zeugt davon, daß sich die
Reformbestrebungen des Jungius auf das gesamte Gebiet der Naturlehre
erstreckten. Mit logischer Klarheit, gestützt auf Demokrits Atomistik und
ausgestattet mit einem scharfen Beobachtungsvermögen, hat Jungius
erfolgreich an der Erneuerung der Wissenschaften gearbeitet. Sein Einfluß
hätte noch größer sein können, wenn er sich nicht auf Vorträge, Diktate und
schriftliche Aufzeichnungen beschränkt hätte. Zum Glück erging es ihm
nicht wie ein Jahrhundert vorher Lionardo da Vinci, der auch fast nichts
von seinen wertvollen Aufzeichnungen veröffentlicht und infolgedessen auf
die Entwicklung der Wissenschaften einen viel zu geringen Einfluß
ausgeübt hat. Während die Manuskripte Lionardos erst gegen das Ende
des 18. Jahrhunderts zugänglich gemacht wurden, kamen wichtige
botanische Schriften des Jungius bald nach seinem Tode durch Vermittlung
seiner Schüler an das Licht der Öffentlichkeit. Sie fanden nicht nur in der
Heimat, sondern auch in England durch Ray und in Schweden durch
Linné die ihnen gebührende Beachtung.
Durch sein botanisches Hauptwerk419 wirkte Jungius nach zwei
Richtungen. Zunächst schuf er eine wissenschaftliche Terminologie, die so
geeignet war, daß sie zum Teil sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat.
So sind, um ein Beispiel zu erwähnen, die noch heute für die verschiedenen
Blütenstände gebräuchlichen Ausdrücke wie spica, panicula, umbella,
corymbus, sowie ihre genauere Definition auf Jungius zurückzuführen.
Auch Linné hat sich hinsichtlich der Nomenklatur an Jungius
angeschlossen. Jungius war es ferner, der zuerst auf die Formwandlungen
hinwies, welche die Blätter eines Stengels mit ihrer Entfernung vom
Erdboden erfahren. Auch die einfachen und die vorher oft mit Zweigen
verwechselten zusammengesetzten Blätter wurden von ihm deutlich
unterschieden und benannt.
Sehr ausführlich hat Jungius auch die Gestalt der Blüte behandelt,
obgleich ihm das Wesen der Sexualität noch verborgen blieb. Die
Klarstellung der morphologischen Grundbegriffe bedingte auch eine
bessere Anordnung der Pflanzen. Geruch, Geschmack, medizinische
Wirkungen, Farbe und andere nebensächliche Charaktere wurden von
Jungius als wertlos für die Anordnung erachtet. Auch die bis dahin immer
noch anzutreffende Einteilung in Bäume, Sträucher und Kräuter wurde von
ihm als nichtig zurückgewiesen.

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Im einzelnen gestaltete Jungius das Pflanzensystem übersichtlicher, indem
er für zahlreiche, früher getrennt aufgeführte Pflanzen die
Zusammengehörigkeit nach ihrem gesamten Habitus nachwies und Regeln
für die Benennung der Pflanzen aufstellte.
Die von Bauhin und Jungius entwickelten Grundsätze fanden zunächst in
England fruchtbaren Boden, wo sie Morisons und Rays Bemühungen um
den Ausbau der systematischen Botanik förderten420.
Morison unterzog das System Bauhins, wie dieser es in seinem »Pinax«
niedergelegt hatte, einer gründlichen Durchsicht und zeigte, welche
Pflanzen dort einen unrichtigen Platz einnahmen. Ferner war er der erste
Botaniker, der eine größere Pflanzengruppe, und zwar die Umbelliferen,
einer eingehenden, monographischen Bearbeitung unterwarf421. Die
Doldengewächse wurden in dieser Arbeit nach der Beschaffenheit der
Früchte in eine Reihe von Unterabteilungen zerlegt.
In Morisons Fußstapfen trat der auch als Zoologe bekannt gewordene
John Ray 422. Er stellte in einem umfangreichen Werke423 ähnlich wie
Bauhin den gesamten, bis dahin geschaffenen Inhalt der botanischen
Wissenschaft zusammen. Die morphologischen Teile behandelte er im
engsten Anschluß an Jungius. In seinem System kommen zum ersten Male
die großen natürlichen Gruppen des Pflanzenreichs zum Ausdruck. Er
beginnt mit den unvollkommenen Pflanzen (Imperfectae), den Pilzen,
Moosen, Farnkräutern und unterseeischen Pflanzen. Zu letzteren werden
neben den Tangen auch die Pflanzentiere gerechnet. Die blühenden
Pflanzen teilt Ray in die zweisamenlappigen (Dikotyledonen) und die
einsamenlappigen Gewächse (Monokotyledonen). Von letzteren werden die
Gräser mit besonderer Ausführlichkeit behandelt und nach ihrem
Gesamteindruck systematisch weiter gegliedert.
Den Monokotylen werden auch die Palmen, die Liliengewächse und die
Orchideen zugewiesen. Die natürlichen Gruppen der Labiaten und der
Schmetterlingsblüter hatte man schon früher erkannt. Mehr oder minder
deutlich treten jetzt auch die Kreuzblüter, die Rubiaceen, die
Rauhblätterigen, die Korbblüter und andere, dem natürlichen System
entsprechende Gruppen zutage. Die Einteilung im einzelnen blieb indessen
recht mangelhaft, da es noch zu sehr an leitenden Gesichtspunkten fehlte.

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Hatten Morison und nach ihm Ray in der Beschaffenheit der Früchte ein
systematisches Merkmal von hervorragender Wichtigkeit erblickt, so legte
der Deutsche Rivinus 424 den größten Wert auf die Zahl und den
Zusammenhang der Kronenblätter. Bei Rivinus begegnet uns auch schon
der von Linné später durchgeführte Grundsatz, den Gattungsnamen bei
jeder Art zu wiederholen und letztere durch ein hinzugefügtes Adjektiv
auszudrücken.
In Frankreich fand in diesem, Linné vorhergehenden Stadium der Botanik
diese Wissenschaft ihren hervorragendsten Vertreter in Tournefort 425. Sein
System bedeutete insofern einen Rückschritt, als es die von Ray erkannten,
großen, natürlichen Gruppen der Kryptogamen, Monokotylen und
Dikotylen nicht zum Ausdruck brachte. Für die Einteilung der
Blütenpflanzen war, wie bei Rivinus, die Beschaffenheit der Blumenkrone
maßgebend. Danach wurden blumenblattlose (apetale) und petaloide
Pflanzen unterschieden. Letztere zerfielen in einblätterige (monopetale) und
vielblätterige (polypetale) Pflanzen. Zu den monopetalen rechneten z. B.
die Glockenblumengewächse und die Lippenblüter mit ihren aus einem
Stück bestehenden Kronen, zu den Polypetalen dagegen Kreuzblüter,
Rosengewächse, Schmetterlingsblüter usw.
Die 22 Klassen, zu denen Tournefort unter gleichzeitiger Verwertung der
so unbestimmten Begriffe Bäume, Sträucher und Kräuter gelangte, zerfielen
in Gruppen. Soweit es sich um petaloide Pflanzen handelte, wurden diese
Gruppen nach der Beschaffenheit der Kronen gebildet. So wurden bei den
Lippenblütern solche mit gerader, helmartiger und löffelförmiger Oberlippe
unterschieden. An diese reihten sich die Lippenblüter ohne Oberlippe.
Tournefort schuf also ein künstliches System, d. h. ein solches, das auf der
Beschaffenheit eines willkürlich herausgegriffenen Organs, und zwar der
Krone, beruhte. Es blieb während der ersten Jahrzehnte des 18.
Jahrhunderts das herrschende. Dann wurde es durch Linnés künstliches
System, das sich auf die Beschaffenheit der Staubgefäße gründete, abgelöst.
Tournefort selbst hatte den Staubgefäßen nur geringe Bedeutung
beigelegt, indem er sie als bloße Absonderungsorgane betrachtete.
Man hat Tournefort wohl das Verdienst zugeschrieben, daß er den Begriff
der Gattung festgestellt habe. Gattungs- und Artbegriff haben sich indessen
seit dem Wiederaufblühen der Botanik durch Einzelbeschreibung und
Vergleich ganz allmählich herausgebildet. Bauhin trug diesen Begriffen

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ferner schon lange vor Tournefort durch seine Art der Namengebung
Rechnung. Beide Begriffe nahmen allerdings an Bestimmtheit zu, je mehr
man die wesentlichen von den unwesentlichen Merkmalen unterscheiden
lernte und erkannte, daß die Zusammengehörigkeit zu einer Gattung nicht
durch die Übereinstimmung eines einzigen, sondern der Mehrzahl der
wesentlichsten Teile bestimmt ist. Als solche wurden immer mehr die
Fortpflanzungsorgane erkannt.
Weniger fest stand der Artbegriff, weil man bei seiner Aufstellung mitunter
allzu veränderliche Abwandlungen berücksichtigte und Spielarten von
echten Arten noch nicht zu unterscheiden wußte. Zu dieser Frage äußerte
sich auch Leibniz, indem er dem einseitig systematischen Standpunkte
einzelner Botaniker eine recht zutreffende, im Einklang mit dem natürlichen
Systeme stehende Bemerkung entgegenhielt. Anlaß dazu gab ihm die
Äußerung eines deutschen Botanikers, die für das System verwertbaren
Merkmale seien nicht den Blüten, sondern den Wurzeln zu entnehmen.
Leibniz bemerkte dazu426, man müsse die Merkmale aller Teile
berücksichtigen. Dabei sei aber zu beachten, daß der Zweck des
Pflanzenlebens die Erhaltung des Einzelwesens und der Art sei. Deshalb
müsse man beim Aufbau des Systems denjenigen Teilen den Vorzug geben,
die zu diesen Zwecken in engster Beziehung ständen.
Verfehlt wäre es jedoch in diesem und in anderen, ähnlichen Fällen solchen
gelegentlichen treffenden Äußerungen einen für den Gang der Wissenschaft
entscheidenden Wert beizulegen und Leibniz z. B., wie es wohl geschehen
ist, zu den Mitbegründern der Sexualtheorie und des darauf begründeten
Systems zu zählen.

Fortschritte der Zoologie.

Eine ähnliche Entwicklung, wie sie die Botanik nach dem Wiederaufleben
der Wissenschaften erfuhr, begegnet uns auf dem Gebiete der Zoologie.
Auch hier knüpfte man zunächst an die Alten an; darauf begab man sich an
die Beobachtung und die Beschreibung der zugänglichen Tierformen, und
schließlich erwuchsen aus den Einzelbeschreibungen umfangreiche
zoographische Sammelwerke. Als Repräsentanten dieser Richtung haben
wir besonders Gesner und Aldrovandi kennen gelernt. Wie die

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Pflanzenkenntnis so wurde auch die Kenntnis der Tierformen durch die
geographischen Entdeckungen außerordentlich erweitert. Um die Mitte des
17. Jahrhunderts begegnen uns z. B. schon besondere Werke über die
Faunen Brasiliens und Ostindiens.
Auf die Periode des Sammelns folgte diejenige des Ordnens. Auch in dieser
Hinsicht läuft die Entwicklung der Zoologie derjenigen der Botanik
parallel. Ja, es sind zum Teil dieselben Männer, die im 17. Jahrhundert sich
der Systematik des Tier- und Pflanzenreiches widmen. Dies gilt auch von
dem größten Systematiker auf dem Gebiete der Zoologie des 17.
Jahrhunderts, dem Engländer Ray.
John Ray wurde 1628 in Essex geboren. Er durchforschte die Tier- und
Pflanzenwelt Großbritanniens, Deutschlands, Frankreichs und Italiens, war
Mitglied der Royal-Society und starb im Jahre 1705. Nach der Herausgabe
mehrerer botanischer Werke427 schuf er ein für die systematische Zoologie
grundlegendes Werk in seiner Synopsis vom Jahre 1693. Ray teilt darin die
Tierwelt in Wirbeltiere und in Wirbellose ein, wie es schon Aristoteles
getan. Er bedient sich sogar der aristotelischen Bezeichnungen »Bluttiere«
und »Blutlose«. Die Wirbeltiere zerfallen nach Ray in Lungenatmer und
Kiemenatmer (Fische). Die Lungenatmer werden in Lebendiggebärende
und Eierlegende (Vögel) eingeteilt. Auch der Bau des Gefäßsystems wird
verwertet, indem die eierlegenden Lungenatmer mit nur einem
Herzventrikel zu einer besonderen Gruppe zusammengefaßt werden. Für
die Bildung von Unterabteilungen werden der Bau des Gebisses und die
Beschaffenheit der Gliedmaßen verwertet. So begegnen uns Nagetiere
(Hasenartige), Krallentiere, die Ein-, Zwei- und Vierhufer (Nashorn und
Nilpferd). Nach ähnlichen Gesichtspunkten werden die Vögel gruppiert,
sodaß auch hier die Grundlagen der späteren Einteilung geschaffen wurden.
Die Wirbellosen zerfallen bei Ray in Weichtiere, Krustentiere (Krebse),
Schaltiere (Muscheln und Schnecken) und Insekten. Letztere hat er am
eingehendsten bearbeitet. Er begreift darunter alle mit Einschnitten
versehenen Tiere.
Was Ray auf dem Gebiete der zoologischen Systematik geschaffen, bildete
die unmittelbare Grundlage des Linnéschen Systems, das uns an späterer
Stelle beschäftigen wird. Auch in der scharfen Erfassung des Artbegriffs
war Ray ein Vorläufer Linnés. »Formen, die der Species nach verschieden
sind«, heißt es bei Ray 428, »behalten diese ihre spezifische Natur beständig,

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und es entsteht die eine nicht aus dem Samen einer anderen.« Ray huldigte
indessen noch keineswegs der starren Auffassung des Artbegriffes, der uns
bei den Systematikern des 18. Jahrhunderts begegnet. Denn er fügt seiner
Erklärung429 folgende Einschränkung hinzu: »Nun ist aber dieses Zeichen
der spezifischen Übereinstimmung, obschon ziemlich konstant, doch nicht
beständig und untrüglich«.
Das 17. Jahrhundert war indessen für die Zoologie und die Botanik nicht
etwa ein Zeitalter der bloßen Systematik. Es kam vielmehr als zweites,
besonders wichtiges Moment hinzu, daß die beschreibenden
Naturwissenschaften unter den Einfluß der seit Galilei emporblühenden
exakten physikalischen Forschung gerieten. Dies führte zur Anwendung
besonderer Hilfsmittel, z. B. des Mikroskops, auf die Erforschung der
Lebewesen. Die Blicke der Zoologen und der Botaniker wurden dadurch
mehr als bisher auf den inneren Bau der Organismen und die kleinsten
Lebewesen gelenkt. Ja, es erschloß sich den erstaunten Blicken eine neue
Welt, die bis dahin, der Kleinheit ihrer Formen wegen, den Sinnen ganz
verborgen geblieben war. Die Berührung mit der physikalischen Forschung
führte aber nicht nur zur Benutzung technischer Hilfsmittel, sondern es
wurde auch die Methode der neueren physikalischen Forschung, der
messende Versuch, auf die Erscheinungen der Tier- und Pflanzenwelt
angewandt. Von Einfluß war in dieser Hinsicht auch der Hauptzug der
neueren, mit Descartes anhebenden Philosophie, die alles Geschehen auf
die Grundgesetze der Mechanik zurückzuführen suchte und selbst die
Organismen nach der körperlichen Seite als bloße Maschinen betrachtete.
So entstand im 17. Jahrhundert die biomechanische Richtung, als deren
Hauptvertreter wir Borelli kennen lernen werden. Die hier nur
angedeuteten, auf den Einfluß der Physik zurückzuführenden Fortschritte
der biologischen Wissenschaften sollen in besonderen Abschnitten
behandelt werden, nachdem wir zunächst das Emporblühen der
anorganischen Wissenschaften während der auf Galileis Zeitalter
folgenden Newton-Huygens-Periode kennen gelernt haben.

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11. Die Begründung der großen wissenschaftlichen Akademien.
Während der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts lag der Schwerpunkt der
wissenschaftlichen Arbeit auf dem Gebiete der Mechanik. Erst nachdem
man die Gesetze festgestellt hatte, die das Verhalten der festen, flüssigen
und gasförmigen Körper regeln, war eine Grundlage für die weitere
Erforschung alles Geschehens geschaffen. Den Versuch einer mechanischen
Erklärung aller Naturerscheinungen unternimmt das nachfolgende Zeitalter,
dessen bedeutendste Tat die Begründung der Mechanik des Himmels durch
Newton ist.
Galilei hatte in einem an Kepler gerichteten Briefe die Befürchtung
ausgesprochen, daß auf den das 17. Jahrhundert kennzeichnenden
wissenschaftlichen Aufschwung vielleicht eine Zeit des Stillstandes
eintreten werde. War doch auf die Blüteperiode der griechischen
Wissenschaft eine Brache von vielen Jahrhunderten gefolgt. Diese
Befürchtung Galileis erwies sich als grundlos. Die Wissenschaft war zu
einem Gemeingut der zivilisierten Menschheit geworden; sie war nicht
mehr an das Schicksal eines Volkes gebunden. Während auf dem Boden
Italiens rückwärts gerichtete Bestrebungen ihren Fortschritt hemmten,
gelangte sie zunächst vornehmlich in England, in den Niederlanden und in
Frankreich zur Entfaltung. Günstig beeinflußt wurden die
Naturwissenschaften durch den Fortschritt der Mathematik, insbesondere
durch die Begründung der analytischen Geometrie und der
Infinitesimalrechnung. Eine zu weit gehende Arbeitsteilung, wie sie heute,
nicht ohne Gefahr für die Wissenschaft, Platz gegriffen, bestand damals
noch nicht. So sehen wir die hervorragendsten Philosophen und
Mathematiker – es sei nur an Descartes 430 und Leibniz erinnert – eifrig an
der Lösung naturwissenschaftlicher Aufgaben mitarbeiten. Die neuere
Philosophie zeigte sich von dem Bestreben beseelt, mit allen hergebrachten
Anschauungen zu brechen und ihre Probleme vom Standpunkt der
Voraussetzungslosigkeit in Angriff zu nehmen. Dies Bestreben erwies sich
auch für das naturwissenschaftliche Gebiet als überaus fruchtbringend. Von
nachhaltigem Einfluß auf das letztere ist insbesondere der englische
Philosoph John Locke (1632–1704) gewesen, dessen gründliche

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Untersuchungen über das Erkenntnisvermögen den modernen Realismus ins
Leben gerufen haben.
Es ist bemerkenswert, eine wie hohe Wertschätzung die Mathematik in ihrer
Anwendung auf die Naturwissenschaften erfuhr. Mathematik und
mathematische Physik waren im Verein mit der aus den scholastischen
Banden befreiten Philosophie zum Inbegriff aller Wissenschaften, ja
sozusagen zu einem neuen Evangelium geworden. Sie wurden sogar zu
einem Bestandteil der höfischen Bildung. Vornehme Frauen umgaben sich
mit Philosophen und Mathematikern anstatt wie früher mit Dichtern und
Sängern. Wie im Zeitalter der Renaissance die Begeisterung für die Antike,
so galt während des 17. Jahrhunderts eine nicht geringere Begeisterung für
die exakten Wissenschaften und die ihr geistesverwandte neuere
Philosophie als ein Ersatz für das religiöse Leben der vergangenen
Jahrhunderte. Eine solche Strömung zeitigte als erfreulichste Erscheinung
die Gründung der großen nordeuropäischen Akademien.
Nach dem Vorbilde der Accademia del Cimento entstanden nämlich auch in
den nördlichen Ländern Europas gelehrte Gesellschaften, die, gefördert
durch reiche Mittel sowie durch die Gunst der Monarchen, für die weitere
Entwicklung von großer Bedeutung wurden. Den wesentlichsten Vorteil
derartiger Vereinigungen hat einmal Laplace mit folgenden Worten
gekennzeichnet: »Während der einzelne Gelehrte sich leicht dem
Dogmatisieren hingibt, führt in einer gelehrten Gesellschaft der
Zusammenprall dogmatischer Ansichten sehr bald zu ihrer Zerstörung. Der
Wunsch, sich gegenseitig zu überzeugen, ruft ferner unter den Mitgliedern
die Übereinkunft hervor, nichts anderes als die Ergebnisse der Beobachtung
und Rechnung anzunehmen«431.
In der Pflege dieses Geistes zeichneten sich vor allem die unter Ludwig
XIV. im Jahre 1666 ins Leben gerufene Pariser Akademie, sowie die um
dieselbe Zeit entstandene Royal Society432 in London aus. Und während des
18. Jahrhunderts, besonders im Fridericianischen Zeitalter, erlangte die
durch Leibniz ins Leben gerufene Preußische Akademie der
Wissenschaften eine ähnliche Bedeutung.
Die Geschichte dieser Akademien zeigt uns mehr als der Lebens- und
Entwicklungsgang des einzelnen Forschers die Wissenschaft in ihrer
Abhängigkeit von dem gesamten Kulturzustande und der politischen

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Gestaltung Europas. Wir wollen daher bei dieser Erscheinung, die uns die
neuere Geschichte der Wissenschaften bietet, noch etwas verweilen.
In der Zeit vor der Begründung der großen Akademien erwarb sich der
Jesuit Mersenne (1588–1648) dadurch ein besonderes Verdienst, daß er
durch eine umfangreiche Korrespondenz den Austausch an Erfahrungen
und Gedanken zwischen den einzelnen Gelehrten besorgte. Mersennes
Briefwechsel, der ein reiches Material für die Geschichte der
Wissenschaften darstellt, wird in der Nationalbibliothek zu Paris
aufbewahrt433. In demselben Sinne wie Mersenne wirkte in Deutschland ein
anderer Jesuit, der Pater Kaspar Schott. Die Rolle solcher Männer
übernahmen mit der Gründung der erwähnten Akademien die Sekretäre
dieser Gesellschaften.
Die Royal Society wurde von einer Anzahl englischer Forscher im Jahre
1645 ins Leben gerufen, um, wie die Stifter sagten, in der Unterhaltung
über naturwissenschaftliche Gegenstände Trost über das Elend des Landes
zu suchen. Die Geschichte der Royal Society ist ein wichtiges Stück der
Geschichte der Wissenschaften überhaupt. Der Gedanke, ein von jedem
Nebenzwecke unabhängiges wissenschaftliches Institut zu gründen und es
mit allen Mitteln zu versehen, ging in England von Francis Bacon aus. Er
hat diesen Gedanken in seiner neuen Atlantis geäußert und sein Ideal als das
Haus Salomos bezeichnet. Auch der König wurde für diesen Plan
gewonnen; er sicherte der Vereinigung, zu deren Begründern Boyle und
Wren zählten, seinen besonderen Schutz zu und verlieh ihr
Korporationsrechte, sowie den Titel einer königlichen Gesellschaft434. Das
Ziel dieser Vereinigung war zwar, das schon von Bacon gewünschte
System der Wissenschaften zu errichten. Man erkannte aber, daß dazu
zunächst eine sichere Grundlage durch die rein empirische Erforschung der
Tatsachen ohne Rücksicht auf irgend welche Theorien geschaffen werden
müsse. Man war also in den für die Naturwissenschaften interessierten
Kreisen Englands von demselben Geiste ergriffen, der die Mitglieder der
Accademia del Cimento beseelte und durch sie schon so bedeutende
Erfolge gezeitigt hatte.
Das Hauptgewicht wurde nicht auf Vorträge, sondern auf Versuche und
Demonstrationen gelegt, welche die Entdecker neuer Gesetze und
Tatsachen im Beisein von Mitgliedern der Akademie zu wiederholen hatten.
Unter diesen Mitgliedern waltete zunächst das medizinische Element vor.

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Daher kam es, daß man sich in den ersten Jahren besonders mit der
Nachprüfung der Harveyschen Lehre vom Blutkreislauf befaßte und
manche neue Stütze für diese Lehre beibrachte. Boyle stellte im Schoße
der Royal Society seine Versuche über die Atmung an. Andere Forscher
nahmen Zergliederungen von Organismen vor. Kurz, dem unmittelbaren
Zeugnis der Sinne wurde eine entscheidende Bedeutung eingeräumt und
manche irrige Meinung, ja mancher Aberglauben dadurch beseitigt. Die
Gesellschaft beschränkte sich indessen nicht auf den Verkehr der Mitglieder
unter sich, sie trat auch mit bedeutenden auswärtigen Gelehrten in
Verbindung. Den umfangreichen schriftlichen Verkehr, der dazu nötig war,
leitete in den ersten Jahren ein Deutscher namens Oldenburg, der die
Stelle eines Sekretärs der Akademie einnahm435.
Leeuwenhoek, Malpighi und viele andere richteten die ersten
Mitteilungen über ihre Entdeckungen an die Royal Society. Letztere
unterstützte nämlich wissenschaftliche Unternehmungen, auch wenn sie
von Ausländern ausgingen, in freigebiger Weise. So ließ sie Malpighis
große Abhandlung über den Seidenschmetterling auf ihre Kosten drucken
und mit Kupfertafeln ausstatten.
Die Veröffentlichungen der Royal Society führten die Bezeichnung
Philosophical Transactions436. Sie erschienen seit dem Jahre 1664 und
bildeten durch ihre Berichte und ihre Abhandlungen die wichtigste Quelle
für die Entwicklung, welche die Wissenschaften im Verlauf der letzten
Jahrhunderte genommen haben.
Seit ihrer Begründung stand für die Royal Society die Astronomie im
Mittelpunkte des Interesses. Dieses wurde besonders durch die lebhafte
Anteilnahme genährt, die Karl II. ihrer nautischen Anwendung wegen für
die Astronomie empfand. Auf das Zusammenwirken des Königs und der
Gesellschaft, der auch der königliche Astronom angehörte, ist die Gründung
der Sternwarte in Greenwich zurückzuführen. Unter den übrigen
wissenschaftlichen Aufgaben, mit denen man sich um die Mitte des 18.
Jahrhunderts beschäftigte, standen obenan die Probleme der Mechanik, der
Ausbau der Lehre von der Bewegung zu einem zusammenhängenden, auf
wenige Axiome sich gründenden System. Dem Verdienste der Royal
Society, das vor allem darin bestand, die wissenschaftlichen Aufgaben ihrer
Zeit zu erkennen und deren Lösung stets wieder in Anregung zu bringen,
gesellte sich das besondere Glück zu, daß in ihrem Schoße der Genius

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erstand, der diese Fragen einer umfassenden Lösung entgegenführte. Dieses
Genie, das bedeutendste Mitglied der Royal Society, war Newton. In ihm
finden nämlich die beiden Hauptstämme der neueren Naturwissenschaft, die
Astronomie in der Gestalt, die Kepler ihr gegeben, und die Mechanik, wie
sie aus dem Haupte Galileis hervorging, ihren Zusammenschluß und ihre
Fortentwicklung.
Wie die Royal Society, so ging auch die Pariser Akademie der
Wissenschaften, die 1666 unter Ludwig XIV. durch Colbert ins Leben
gerufen wurde, aus dem Bedürfnis einiger Forscher hervor, die sich
zwanglos zusammenfanden. Es war das der Kreis, der sich schon
Jahrzehnte vor der Gründung der Akademie um Mersenne 437 versammelte.
Die Pariser Akademie der Wissenschaften438 entwickelte sich noch im 17.
Jahrhundert zu einer der Royal Society ebenbürtigen Einrichtung. Beide
Akademien gaben in regelmäßiger Folge Druckschriften heraus, in denen
die bedeutendsten Arbeiten der einheimischen aber auch fremder Gelehrter
veröffentlicht wurden.
Während der Revolution wurde die Pariser Akademie der Wissenschaften
zunächst (1793) aufgehoben, indes schon 1795 wieder eingerichtet. Ihre
endgültige Einrichtung empfing sie nach der Beendigung des
Revolutionszeitalters (im Jahre 1816). Sie zählt statutengemäß 65
Mitglieder und zerfällt in 11 Abteilungen, nämlich in eine solche für
Mathematik, Mechanik, Astronomie, Geographie, Physik, Chemie,
Mineralogie, Botanik, Agrikultur, Zoologie einschließlich Anatomie,
Heilkunde.
An die Royal Society und die Pariser Akademie haben sich im 18.
Jahrhundert eine größere Zahl von ähnlichen Forschungsinstituten
angeschlossen. Die wichtigsten unter ihnen sind die folgenden: Berlin
(1700), Petersburg (1725), Stockholm (1739), München (1759). Die
Münchener Akademie verdient besondere Anerkennung für die Verdienste,
die sie sich um die Geschichte der Wissenschaften erworben hat439.
Bevor wir uns mit dem Lebensgange und den Taten Newtons befassen,
wollen wir einen Blick auf Deutschland werfen, das während des 17.
Jahrhunderts in Leibniz einen dem englischen Forscher zwar nicht
ebenbürtigen, ihn an Vielseitigkeit aber übertreffenden Führer besaß, in dem
die aus der Renaissance, der Reformation und der exakten Wissenschaft

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hervorquellenden Kräfte, wie in keinem anderen, in die Erscheinung traten.
Daneben ist Jungius zu nennen, in dem sich während der ersten Hälfte des
17. Jahrhunderts das Streben nach einer Erneuerung der Wissenschaften
verkörperte. Auch in dem Bemühen, die der freien Forschung sich
widmenden Kräfte zu gemeinsamer Tätigkeit anzuspornen, müssen wir
Jungius als einen Vorläufer von Leibniz bezeichnen.
Joachim Jungius wurde im Jahre 1587 in Lübeck geboren. Er widmete
sich der Heilkunde und hielt sich einige Jahre in Italien auf, wo er mit den
botanischen Forschungen Caesalpins bekannt und mit dem Geiste der in
Italien aufblühenden neueren Naturwissenschaft erfüllt wurde. Nach
Deutschland zurückgekehrt, nahm er dort den Kampf gegen die Scholastik
auf und suchte gleichgesinnte Männer um sich zu scharen. Von diesem
Bestreben geleitet, gründete Jungius 1622 in Rostock die erste deutsche
Gesellschaft, welche die Pflege der Mathematik und die Erforschung der
Natur als ihre wichtigste Aufgabe bezeichnete. Ihr Zweck sollte darin
bestehen, »die Wahrheit aus der Vernunft und der Erfahrung zu erforschen,
die Wissenschaften von der Sophistik zu befreien und durch Erfindungen zu
vermehren«. Von den Erfolgen, die Jungius selbst in der gewollten
Richtung aufzuweisen hatte, wird an anderer Stelle die Rede sein440.
Neben der Rostocker Gesellschaft verdient auch die etwas später (1652) auf
deutschem Boden entstandene Kaiserlich Leopoldinische Akademie
genannt zu werden. Sie gibt seit dem Jahre 1672 Abhandlungen meist
naturgeschichtlichen Inhalts heraus, hat aber für das wissenschaftliche
Leben in Deutschland keine ihrem stolzen Namen entsprechende
Bedeutung gewonnen. Dies lag daran, daß der Sitz dieser Akademie häufig
wechselte und daß ihre Mitglieder über das ganze Land zerstreut lebten.
Damit fiel das fruchtbarste Moment, der häufige persönliche
Gedankenaustausch zwischen den Mitgliedern fort. Auch der Umstand, daß
die einzelnen deutschen Länder (Preußen, Bayern) in ihren Hauptstädten
Akademien unterhielten, ließ eine allgemeine deutsche Akademie, wie es
die Leopoldinische sein wollte, nicht erstarken.
Der Gedanke, den Jungius und die Gründer der Leopoldinischen
Akademie wenn auch nur in bescheidenem Maße verwirklichten, lebte in
Leibniz wieder auf, als er während seines mehrjährigen Aufenthaltes in
Paris den außerordentlichen Nutzen einer großen, vom Staate in freigebiger
Weise geförderten Vereinigung gelehrter Forscher kennen gelernt hatte.

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Leibniz bot seinen ganzen Eifer und seine Beredsamkeit auf, um eine
ähnliche Einrichtung für Deutschland ins Leben zu rufen.
Dies geschah in seiner von mehreren Entwürfen begleiteten Consultatio
vom Jahre 1672441. Die Grundsätze, die Leibniz darin entwickelte, sind in
Kürze die folgenden: Alle Kräfte müssen sich vereinigen, um tiefer in die
Natur einzudringen. Zunächst sind deshalb die einfacheren gelösten und die
schwierigeren ungelösten Probleme übersichtlich zusammenzustellen, um
der Forschung Ziel und Richtung zu geben. Die von einer solchen
Neubelebung zu erwartenden Ergebnisse sind der Allgemeinheit zugänglich
zu machen, damit sie auch für die Bildung und das Leben Früchte zeitigen
können. Deshalb sollte sich die zu gründende Akademie in ihren
Veröffentlichungen der deutschen Sprache bedienen. Scharf und zutreffend
urteilt bei dieser Gelegenheit schon Leibniz über den Wert der einseitig
klassischen Bildung und die übertriebene Wertschätzung der grammatisch-
philologischen Schulung, wenn er sagt: »Wir nötigen unsere Jugend dazu,
zuerst die Herkulesarbeit der Bezwingung verschiedener Sprachen zu
leisten, wodurch oft die Schärfe des Geistes abgestumpft wird, und
verurteilen alle, welche die Kenntnis des Lateinischen entbehren, zur
Unwissenheit«. Die Befürchtung, daß durch das Aufgeben der alten
Sprachen als allgemeines Bildungsmittel das altsprachliche Studium in
Verfall kommen werde, weist Leibniz mit vollem Recht zurück. Niemals
werde der Theologe das Griechische oder der Jurist das Lateinische
entbehren wollen, noch der Geschichtsforscher sich den Zugang zu den
Quellen versperren lassen.
Die Anregungen, welche die Consultatio brachte, waren zunächst ohne
Erfolg. Leibniz wurde dadurch recht deutlich daran erinnert, daß es wohl
ein Frankreich, aber kein Deutschland gab. Er ließ jedoch seinen Plan nicht
fallen, an dessen Verwirklichung er die Hoffnung knüpfte, daß die deutsche
Wissenschaft bald die der anderen Nationen überflügeln werde. Was sich
nicht für das Deutsche Reich ins Leben rufen ließ, war vielleicht in einem
der Einzelstaaten, die das Reich in seinem lockeren Gefüge
zusammensetzten, möglich. Und so richtete er denn in dieser, ihm wie keine
andere am Herzen liegenden Sache seine Aufmerksamkeit auf den
mächtigsten deutschen Staat, auf das emporstrebende Brandenburg-
Preußen. Ein äußerer Umstand kam Leibniz zu Hilfe. Der Kurfürst
Friedrich III. von Brandenburg vermählte sich mit der hannoverschen

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Prinzessin Sophie Charlotte. An dieser hatte Leibniz, der nach seiner
Rückkehr aus Paris in hannoversche Dienste getreten war, eine begeisterte
Schülerin gefunden. Die Beziehungen zwischen der neuen Kurfürstin und
ihrem früheren Lehrer erhielten in einem regen Briefwechsel ihre
Fortsetzung, und der wichtigste Gegenstand dieses Briefwechsels war der
alte Leibniz'sche Plan, in Deutschland, und zwar jetzt in Berlin, eine der
französischen Akademie der Wissenschaften ebenbürtige Schöpfung ins
Leben zu rufen. Leibniz wies besonders darauf hin, daß Preußen auf dem
Gebiet der praktischen Künste Kraft gewinnen müsse. Denn bei dem Kampf
und Wettbewerb der Völker werde die zivilisierteste und gewerbreichste
Nation den Sieg davontragen. Die Akademie sollte eins der Mittel sein, dem
protestantischen Deutschland unter Preußens Führung durch die
Anwendung der Wissenschaften auf Landwirtschaft und Gewerbe einen
inneren, friedlichen Machtzuwachs zu verleihen.
Nach langem Harren und Mühen drang Leibniz endlich in Berlin mit
seinen Vorschlägen durch. Am 19. März des Jahres 1700 befahl der
Kurfürst, eine »Académie des Sciences und ein Observatorium in Berlin zu
etablieren.« Ein Vierteljahrhundert hatte es also gewährt, bis der erste, von
Leibniz in seiner Consultatio entwickelte Vorschlag in die Tat umgesetzt
worden war. Leibniz wurde nach Berlin berufen und an die Spitze der
Akademie gestellt. Im übrigen entsprachen die zur Verfügung gestellten
Mittel zunächst in keiner Weise der Größe des von Leibniz entwickelten
Planes. Der ganzen Sinnesart Friedrich Wilhelms I., der etwa ein
Jahrzehnt nach der Begründung der Akademie den Thron bestieg, entsprach
es nicht, gelehrte Einrichtungen zu fördern. Dieser König, dem Preußen im
übrigen so vieles verdankt, verkannte, ja verhöhnte sogar die Akademie und
ihre Einrichtungen. Die einzige Wissenschaft, die er achtete, und förderte,
war die Chemie, die während seiner Regierungszeit in Preußen einige
hervorragende Vertreter, wie Stahl und Pott, besaß.
Mit einem Schlage änderten sich die unter Friedrich Wilhelm I.
bestehenden Verhältnisse, als sein großer Sohn die Regierung übernahm
und mit ihm »die Wissenschaften und die Künste auf den Thron stiegen«.
Schon als Kronprinz hatte Friedrich II. den Plan gefaßt, die Akademie der
Wissenschaften zu neuem Leben zu erwecken. Er hatte sogar in Europa
nach geeigneten Gelehrten Ausschau gehalten, die er nach seiner
Thronbesteigung durch die Akademie an Preußen zu fesseln wünschte.

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Seine Aufmerksamkeit richtete sich zunächst auf Maupertuis und Wolf.
Maupertuis galt seinen Zeitgenossen als einer der hervorragendsten
Vertreter der Astronomie sowie der mathematischen Physik. Wolf dagegen
genoß als Philosoph das größte Ansehen. Friedrich glaubte, daß diese
beiden Männer berufen seien, Newton und Leibniz zu ersetzen. Die
Geschichte hat sie jedoch weit geringer einschätzen müssen. Wolf nahm
die Berufung nach Berlin nicht an. Er hatte in Preußen schlechte
Erfahrungen gemacht. Während er in Halle die Professur der Philosophie
bekleidete, hatten seine theologischen Amtsgenossen ihn der Irreligiosität
beschuldigt und damit erzielt, daß Wolf bei Strafe des Stranges binnen 48
Stunden das Land verlassen mußte. Wolfs Verdienst um die Philosophie
beschränkte sich im wesentlichen darauf, daß er die Leibniz'schen Lehren
weiter ausbaute und für ihre Verbreitung sorgte. Dabei bediente er sich –
und das ist ein bahnbrechendes Verdienst gewesen – der von Leibniz
gegebenen Anregung gemäß der deutschen Sprache.
Maupertuis dagegen folgte dem Rufe des Königs und wurde 1742 zum
Direktor der Akademie ernannt. Ein Jahr vorher war auch der große Euler
für sie gewonnen worden. Die ersten Jahrzehnte der Fridericianischen Zeit
waren für die Preußische Akademie der Wissenschaften die bedeutendsten.
Maupertuis verstand es, hervorragende Männer als wirkliche oder
auswärtige Mitglieder in ihr zu vereinigen. Die Preußische Akademie war
damals, und das ist ihr schönster Ruhmestitel gewesen, eine Freistätte für
die vom Fanatismus oder vom Absolutismus aus anderen Ländern
vertriebenen Gelehrten und eine Burg gegenüber der Unduldsamkeit der
Kirche442. Was ihre Mitglieder, unter denen neben den erwähnten noch
Lagrange, Lambert und Marggraf genannt seien, für die Wissenschaft
geleistet haben, bleibt späteren Abschnitten vorbehalten.
Unter den Mitteln, deren sich die Akademien zur Erreichung ihrer Zwecke
bedienten, standen die Preisaufgaben obenan. An ihrer Lösung beteiligten
sich in regem Wetteifer die besten Kräfte. Sie waren gleichsam, wie der
Historiograph der Preußischen Akademie der Wissenschaften sich
ausdrückt, die Hebel, durch die Jahr für Jahr die Wissenschaften um eine
Stufe gehoben wurden. Der Fragestellung, in welcher der Geist und das
Geschick der betreffenden Akademie zum Ausdruck kam, blickte man fast
mit der gleichen Spannung entgegen wie der Verkündigung des Preises.

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Die von Seiten der Akademien herausgegebenen Berichte fanden eine
wertvolle Ergänzung in anderen periodisch erscheinenden
wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Unter ihnen sind besonders die Acta
Eruditorum zu nennen. Sie erschienen seit dem Jahre 1682 in Leipzig und
enthalten viele mathematische und physikalische Abhandlungen, daneben
aber auch solche aus allen anderen Wissensgebieten. Leibniz,
Tschirnhausen und viele andere Männer von Bedeutung gehörten zu ihren
Mitarbeitern. Der letzte Band ist 1776 erschienen. In dem Maße, in dem für
die einzelnen Zweige der Naturwissenschaft besondere Zeitschriften ins
Leben gerufen wurden, verloren die »Acta Eruditorum« an Wert und gingen
endlich (1776) ein.
Auch durch die im 18. Jahrhundert herrschende Sitte, daß sich die
Mitglieder der verschiedenen Akademien gegenseitig Probleme vorlegten,
wurde die Wissenschaft gefördert, doch entstanden hierbei nicht selten
durch nationale Eifersucht geschürte Streitigkeiten, die sich namentlich
zwischen den Deutschen und den Engländern geltend machten. Solche
Streitigkeiten waren mitunter recht unerquicklich. Im ganzen genommen,
haben sie der Wissenschaft aber nicht geschadet.

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12. Newton.
Nachdem wir den allgemein geschichtlichen, kulturhistorischen und
naturphilosophischen Hintergrund kennen gelernt haben, von dem sich die
gewaltige Forschergestalt Newtons abhebt, gehen wir zur Schilderung
seiner Lebensarbeit und seiner Persönlichkeit über.
Isaak Newton 443 wurde am 4. Januar 1643 in Woolsthorpe, einem in der
Grafschaft Lincolnshire gelegenen Dorfe, geboren, ein Jahr, nachdem
Galilei die Augen geschlossen hatte und hundert Jahre nach dem Tode des
Koppernikus. Sein Vater, der dort Landwirtschaft betrieb, war einige
Monate vor der Geburt des Sohnes gestorben. Die Mutter hegte den
Wunsch, daß letzterer das kleine Besitztum, das sie ihr eigen nannte, später
übernehmen möchte. Newton wurde auf die Schule zu Grantham, einem
wenige Meilen von Woolsthorpe entfernten Städtchen, geschickt. Seine
Lernbegierde war zunächst gering. Mit besonderem Eifer beschäftigte er
sich mit der Herstellung mechanischer Vorrichtungen. So entstanden
Windmühlen, Sonnen- und Wasseruhren usw. Auch in anderer Hinsicht
zeigte sich die Eigenart Newtons, der an den Spielen seiner
Jugendgefährten nur geringen Anteil nahm.
Als der Knabe mit 14 Jahren auf das kleine Gut der Mutter zurückkehrte,
dessen Bewirtschaftung er übernehmen sollte, zeigte es sich, daß er für die
Geschäfte des praktischen Lebens keine rechte Neigung besaß. Auf Anraten
und unter Beihilfe seines Oheims, der ihn hinter einer Hecke, mit dem
Lesen eines geometrischen Buches beschäftigt, gefunden hatte, wurde
Newton deshalb nach Grantham zurückgeschickt. Mit 17 Jahren bezog er
die Universität Cambridge. Hier studierte er zunächst die mathematischen
Werke der Alten, insbesondere die Geometrie Euklids. Darauf fesselten
ihn die Arbeiten der neueren Schriftsteller. Er las die mathematischen
Schriften des Descartes, die Arithmetik von Wallis 444, welche die Keime
der später von Newton und Leibniz erfundenen Infinitesimalrechnung
enthält, und die Dioptrik Keplers. An alle Arbeiten anderer trat er jedoch
mit einer Selbständigkeit des Denkens heran, wie sie nur hervorragende
Geister auszeichnet. Eigene mathematische Untersuchungen leiteten ihn

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schon während seiner Studienzeit zur Auffindung des allgemeinen
binomischen Lehrsatzes. Auch nahm er, bereits bevor er in Cambridge als
letzten akademischen Grad die Magisterwürde erlangt hatte, das
Gravitationsproblem in Angriff. Ihn leitete dabei der fruchtbare Gedanke,
die Identität der Schwere und der von der Erde auf den Mond wirkenden
Kraft nachzuweisen. Indes gelangte er damals noch nicht zum Ziele, weil
ihm die, seiner Rechnung zugrunde zu legenden Abmessungen der Erde
nicht hinreichend genau bekannt waren. Die später zu besprechende
Gradmessung Picards verschaffte endlich seiner Ableitung die richtigen
Unterlagen, so daß erst 16 Jahre später jener Gedanke als zutreffend
bewiesen werden konnte.

Fortschritte der praktischen Optik.

In den Beginn der wissenschaftlichen Tätigkeit Newtons fällt seine erste
Beschäftigung mit der Optik. Wie auf Galilei, so wurde auch auf Newton
die Mitwelt zuerst infolge seiner Verdienste um die Erfindung,
beziehungsweise die Verbesserung des Fernrohrs aufmerksam. Man hatte
bemerkt, daß zwei Eigenschaften der Glaslinsen der Vervollkommnung
dieses Instrumentes im Wege standen. Einmal wurden parallel einfallende
Strahlen nicht genau in einem Punkte vereinigt; zweitens machten sich an
den Bildern farbige Ränder bemerkbar. Beide Erscheinungen sind unter
dem Namen der sphärischen und der chromatischen Abweichung bekannt.
Da die letztere an den durch Hohlspiegel erzeugten Bildern nicht auftritt, so
brachte Newton die von mehreren Seiten445 geäußerte Idee eines
Spiegelteleskops zur Ausführung (s. Abb. 68). Das durch einen sphärischen
Hohlspiegel (aqsb) erzeugte Bild wurde von einem schräg gestellten
Planspiegel (fg) seitwärts reflektiert und durch eine in der Seitenwand
angebrachte Linse (h) betrachtet (siehe Abb. 69).

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Abb. 68. Ansicht von Newtons Spiegelteleskop446.

Abb. 69. Newtons schematische Zeichnung seines Spiegelteleskops.

Das erste, im Jahre 1668 verfertigte Spiegelteleskop war nur 5 Zoll lang.
Man war jedoch imstande, damit die Monde Jupiters, sowie die
Lichtgestalten der Venus zu erkennen. Einige Jahre später447 sandte Newton
ein zweites, größeres Instrument an die Royal Society. Es fand deren Beifall
und erregte auch die Bewunderung des Hofes. Dieses Instrument wird noch
heute in der Bibliothek jener Gesellschaft aufbewahrt. Es trägt die Inschrift:
Invented by Sir Isaac Newton
and made with his own hands.
1671.
Das Verdienst des genialen Erfinders, der seit dem Jahre 1662 die Professur
der Mathematik in Cambridge bekleidete, wurde dadurch anerkannt, daß
man ihn in die Royal Society aufnahm, deren Vorsitz er in späteren Jahren
führte.

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Abb. 70. Hadleys Spiegeloktant.

Eine kurze Erwähnung verdient auch der Spiegelsextant. Sein Erfinder ist
John Hadley. Nach Maskelyne 448 hat sich schon Newton mit der Idee
befaßt, für die Beobachtung von Monddistanzen einen Spiegeloktanten
herzustellen. Die Beschreibung eines brauchbaren Spiegelmeßapparats, der
alle älteren, bisher von den Seefahrern benutzten Winkelmeßinstrumente
verdrängte, veröffentlichte Hadley im Jahre 1731449. Seine Abbildung stellt
einen Oktanten mit einem senkrecht zur Mittellinie gerichteten Fernrohr
dar. Vor dem Fernrohr befindet sich der feste, und links davon der auf einer
beweglichen Alhidade angebrachte Spiegel. Vor diesem kann ein Blendglas
(ganz links in der Abbildung) gedreht werden. An Stelle des in Grade und
Minuten geteilten Oktanten setzte man den Sextanten, von dem das
Instrument seinen Namen erhielt.

Die Untersuchung des Sonnenspektrums.

Von nicht geringerem Belang als jene, in erster Linie der Praxis dienenden
Erfolge war die Förderung, welche die theoretische Optik durch Newton
erfuhr. Mit der Brechung des Lichtes hatten sich schon die Alten, sowie
unter den Neueren besonders Kepler und Snellius befaßt. Eine Vertiefung
von großer Tragweite erlangte dieses Problem, als Newton sein
Augenmerk auf die bis dahin kaum weiter verfolgte Erscheinung der
Farbenzerstreuung richtete. Sämtliche grundlegenden Versuche, welche
dieses Gebiet betreffen und die ihn seit dem Jahre 1666 beschäftigten,
rühren von ihm her. Eine zusammenfassende Darstellung gab Newton in

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seinen drei Büchern über die Optik450. Newton beginnt das erste Buch mit
der Versicherung, daß er die Eigenschaften des Lichtes nicht durch
Hypothesen erklären, sondern daß er sie nur aufdecken und durch Versuche
und Rechnung klarstellen wolle. Diesem Vorsatz ist er nicht immer treu
geblieben, sondern durch das ganze Werk zieht sich die Auffassung, daß wir
es in dem Licht mit einer feinen, aus gesonderten Teilchen bestehenden
Materie zu tun haben, die von den leuchtenden Körpern ausgestoßen wird.
Newtons Ansicht ist unter dem Namen der Emanations- oder
Emissionstheorie bekannt geworden und hat die Wissenschaft bis in das 19.
Jahrhundert hinein beherrscht.
Den Ausgangspunkt der Untersuchung bildete der Nachweis, daß Licht
verschiedener Farbe einen verschiedenen Grad der Brechbarkeit besitzt. In
einem dunklen Zimmer brachte Newton hinter einer kleinen Öffnung ein
Glasprisma an. Letzteres lenkte den Lichtstrahl, der durch die Öffnung
eindrang, ab und rief auf der gegenüberliegenden Wand des Zimmers ein
Spektrum hervor. Die Achse des Prismas war senkrecht zu den einfallenden
Lichtstrahlen gerichtet. Als Newton das Prisma um diese Achse drehte, sah
er das Spektrum zuerst hinab- und dann wieder hinaufsteigen. Zwischen der
Ab- und Aufwärtsbewegung, in dem Augenblicke, als das Bild still zu
stehen schien, also das Minimum der Ablenkung stattfand, stellte er das
Prisma fest. Nun ließ er das gebrochene Licht senkrecht auf einen Bogen
weißen Papieres MN fallen, der auf der gegenüberliegenden Wand des
Zimmers angebracht war, und beobachtete die Gestalt und die Größe des
dort entstandenen Spektrums (Abb. 71). Letzteres war rot in seinem am
wenigsten gebrochenen Ende T, violett in dem am stärksten abgelenkten
Ende P. Darauf wurden in den Weg des Lichtstrahls zwei Bretter (Abb. 72)
DE und de mit Öffnungen bei G und g gestellt. Durch G. ging nur ein Teil
des gebrochenen Lichtes, während der Rest aufgefangen wurde. Zwölf Fuß
von dem ersten Brette entfernt, befestigte Newton das zweite Brett de
(Abb. 72) in der Weise, daß wieder nur ein Teil des gebrochenen Lichtes,
das durch G gelangt war, das Loch g in jenem zweiten Brette passieren
konnte. Unmittelbar hinter dem zweiten Brette de brachte er dann ein
anderes Prisma abc an, welches das die Öffnung g passierende Licht
ablenken sollte. Indem er nun das erste Prisma ABC langsam um seine
Achse hin- und herdrehte, bewirkte er, daß das Spektrum sich auf- und
abbewegte, so daß alle Teile desselben nacheinander auf das Prisma abc
fallen mußten. Gleichzeitig merkte Newton die Stellen auf der

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gegenüberliegenden Wand NM (Abb. 72) an, auf welche die Lichtstrahlen
nach ihrem Durchgänge durch das zweite Prisma abc gelangten. Aus der
verschiedenen Höhe dieser Stellen fand er, daß die Strahlen stärkster
Brechbarkeit, die den blauen Teil des Spektrums bilden, stärker gebrochen
werden, als das rote Licht. Trat nämlich der untere rote Teil des Spektrums
durch die Öffnung g, so gelangte dieses Licht zu einer tieferen Stelle M der
Wand. Wurde dagegen der obere blaue Teil des Spektrums durch dieselbe
Öffnung g geworfen, so gelangte der betreffende Strahl zu der höheren
Stelle N. Die dazwischen befindlichen Teile des Spektrums endlich fielen
nach dem Passieren der Öffnung g zwischen M und N auf die Wand (Abb.
72).

Abb. 71. Newton untersucht das Spektrum451.

Abb. 72. Newtons Nachweis, daß die Spektralfarben verschieden brechbar
sind452.

Diesem Versuch wurde von Newton eine solch entscheidende Bedeutung
beigelegt, daß er ihn als Experimentum crucis, d. h. als einen am
Kreuzwege entscheidenden Versuch, bezeichnet hat. Das Wort ist der bei
Bacon üblichen, an Bildern so reichen Terminologie entnommen.
Durch Vereinigung sämtlicher Spektralfarben ließ sich das weiße
Sonnenlicht in seiner vollen Ursprünglichkeit wieder herstellen. Newton
zeigte dies durch folgenden Versuch.
ABC abc (Abb. 73) stellt ein Prisma vor, das in ein dunkles Zimmer
fallendes Sonnenlicht so brach, daß es auf die Linse MN fiel und darauf bei
pqrst die bekannten Spektralfarben erzeugte. Die divergierenden Strahlen

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gelangten dann vermöge der Brechung durch die Linse nach X und
erzeugten dort durch Mischung sämtlicher Farben einen weißen Lichtstrahl.
Darauf wurde ein zweites Prisma DEG deg parallel dem ersten in X
aufgestellt, um das weiße Licht aufwärts nach Y zu brechen (Abb. 73). Die
Brechungswinkel der Prismen und ihre Abstände von der Linse waren
gleich, so daß die Strahlen, die nach X zu konvergierten und, ohne eine dort
stattfindende Brechung, sich daselbst hätten schneiden und hierauf wieder
divergieren müssen, durch das zweite Prisma parallel gemacht wurden. War
letzteres der Fall, so setzten diese Strahlen wieder einen weißen Lichtstrahl
zusammen, und man konnte sämtliche Versuche mit diesem Strahle XY
anstellen, die vorher im direkten Sonnenlicht gemacht waren. Durch
Auffangen irgend einer Spektralfarbe pqrst vor der Linse MN ließ sich
zeigen, daß die durch Versuche mit dem Strahl XY erzeugten Farben keine
anderen waren, als diejenigen, die den Strahlen entsprachen, aus denen XY
zusammengesetzt wurde. Daraus war ersichtlich, daß die Farben nicht durch
irgend eine, infolge der Brechung und der Reflexion bewirkte Veränderung
des Lichtes sich erst bilden, sondern daß sie aus der Trennung und der
Zusammensetzung von Strahlen hervorgehen, von denen jeder eine gewisse
Farbe besitzt.

Abb. 73. Newton vereinigt die Spektralfarben zu weißem Licht453.

Newtons Farbentheorie.

Um die Ursache der Körperfarben zu erkunden, brachte Newton
verschiedene Gegenstände in den Strahl XY (Abb. 73) und fand, daß sie
dort sämtlich in der Farbe erschienen, die sie bei Tageslicht besitzen. So
zeigte z. B. Zinnober in dem Lichtstrahl XY dieselbe Farbe wie im
Tageslicht. Wenn man bei der Linse MN die grünen und die blauen
Strahlen auffing, wurde seine rote Farbe noch voller und lebhafter.
Beseitigte man aber diejenigen Lichtstrahlen, welche die rote Farbe
hervorrufen, so erschien der Zinnober nicht mehr rot, sondern er war gelb

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oder grün oder von anderer Farbe, entsprechend den Strahlenarten, die auf
ihn fielen. Setzte Newton Zinnober und Ultramarin nebeneinander dem
homogenen roten Lichte aus, so erschienen beide rot. Zinnober zeigte
jedoch ein helles, glänzendes, Ultramarin dagegen ein schwaches dunkles
Rot. Im homogenen blauen Licht erschienen dagegen beide Stoffe blau.
Diesmal erglänzte aber Ultramarin in einem kräftigen, glänzenden Blau,
während Zinnober nur eine schwache, dunkelblaue Farbe aufwies. Aus
diesen Versuchen schloß Newton, daß die Farben daher rühren, daß die
Körper je nach ihrer Art die einen oder die anderen Strahlenarten
vorwiegend reflektieren. Die Veilchen reflektieren die brechbarsten Strahlen
am meisten und haben daher ihre Farbe. Und so ist es nach Newton bei
allen übrigen Körpern. Jeder wirft die Strahlen der ihm eigentümlichen
Farbe in größerer Menge zurück als die anderen und hat seine Farbe
dadurch, daß die ersteren in dem von ihm reflektierten Lichte überwiegen.
Streng genommen sind also die Körper, wie Newton hervorhebt, nicht
gefärbt, sondern sie besitzen eine gewisse Kraft, die Empfindung dieser
oder jener Farbe zu erregen. Wie der Schall einer Glocke nichts anderes ist,
als eine zitternde Bewegung des tönenden Körpers, die sich auf die Luft
überträgt und unser Empfindungsorgan erregt, so sind auch »die Farben an
den Objekten nichts weiter als ihre Fähigkeit, diese oder jene Strahlenart zu
reflektieren. Und in den Strahlen ist wiederum nichts anderes als die
Fähigkeit, diese Bewegung bis in unser Empfindungsorgan zu verbreiten. In
letzterem endlich entsteht die Empfindung dieser Bewegungen in Gestalt
von Farben«.
Ohne Zweifel bedeutet die Farbentheorie Newtons einen der größten
Fortschritte der Optik. Man muß sich vergegenwärtigen, daß die Lehre des
Aristoteles, nach der die Farben aus einer Mischung von Weiß und
Schwarz, von Licht und Finsternis hervorgehen, im 17. Jahrhundert noch in
voller Geltung war. Selbst Kepler wurde von dieser aristotelischen
Auffassung beherrscht454 und de Dominis äußerte sich in seiner so
hervorragenden optischen Schrift vom Jahre 1611, mische man dem Lichte
etwas Dunkles hinzu, ohne jedoch das ganze Licht zu verhindern oder
auszulöschen, so entständen die Farben455. Z. B. erscheine ein Feuer rot, weil
der Rauch, den es mit sich führt, es verdunkle.
Nachdem Newton die verschiedene Brechbarkeit der Strahlenarten
nachgewiesen hatte, mußte sich die Frage erheben, ob das ohne Rücksicht

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auf die Farbenlehre von Snellius aufgestellte Gesetz, daß der Sinus des
Einfallwinkels zum Sinus des Brechungswinkels in einem bestimmten
Verhältnis steht, für jede einzelne Strahlengattung gültig ist. Es sei sehr
glaublich, meinte Newton, daß es sich so verhalte, weil die Natur immer
gleichförmige Gesetze befolge. Ein experimenteller Nachweis456 war
indessen doch erwünscht, und wurde von Newton auch erbracht. Brechung
und Farbenerzeugung hielt Newton auf Grund dieser Versuche für zwei
stets miteinander verknüpfte Vorgänge. Daher hielt er sich auch für
überzeugt, daß es kein Mittel gäbe, den Fehler der chromatischen
Abweichung zu beseitigen.
Die Unvollkommenheit der Fernrohre wurde vor Newton ausschließlich
der sphärischen Gestalt der Gläser zugeschrieben. Nach ihm entsteht der
größte Fehler dadurch, daß Strahlen verschiedener Brechbarkeit nicht nach
einem Punkt konvergieren. Die Untersuchung hatte nämlich ergeben, daß
für Strahlen, die von einem weit entfernten leuchtenden Punkte kommen,
der Brennpunkt der brechbarsten Strahlen, verglichen mit demjenigen der
am wenigsten brechbaren Strahlen, ungefähr um den 28. Teil der mittleren
Brennweite näher bei der Linse liegt. Trotz dieser Erkenntnis erhob sich ein
Wettkampf zwischen dem dioptrischen Fernrohr und dem Spiegelteleskop.
Man suchte den Fehler des ersteren nämlich dadurch zu verringern, daß
man der Objektivlinse eine sehr mäßige Krümmung und dementsprechend
eine bedeutende Brennweite gab. Das Fernrohr nahm infolgedessen immer
größere Abmessungen an. Schließlich verzichtete man nach einem von
Huygens herrührenden Vorschlage auf eine feste Verbindung der beiden
Linsen. Es entstand das sogenannte Luftfernrohr (Abb. 74), bei dem die
Objektivbrennweite auf 2 Meter gesteigert war. Auch der Reflektor
erreichte später infolge der Bemühungen Wilhelm Herschels die
ansehnliche Länge von 40 Fuß457. Wie die durch Euler angebahnte
Erfindung der achromatischen Linse dem Refraktor endlich zum Siege
verhalf458 und das Irrtümliche der Newton'schen Voraussetzung aufdeckte,
wird der Gegenstand späterer Betrachtungen sein.

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Abb. 74. Luftfernrohr nach Huygens.

Eine weitere Folge von Newtons Spektraluntersuchungen war seine
Theorie vom Regenbogen, durch die ein Jahrtausende altes Rätsel gelöst
wurde. Aristoteles hatte den Regenbogen aus der Spiegelung zu erklären
gesucht, während ihn die arabischen Optiker auf die Brechung des Lichtes
zurückführten. Nachdem dann Snellius sein Gesetz gefunden, vermochten
Descartes und de Dominis die Erscheinung theoretisch und
experimentell soweit zu analysieren, daß nur noch das Auftreten der Farben
zu erklären blieb. Dies geschah durch Newton. Die seiner »Optik«
entnommene Abb. 75 stellt den inneren und den äußeren Regenbogen,
sowie den Gang der Lichtstrahlen durch Tropfen dar, die sich im roten F
und im violetten Teile E befinden459. Man erkennt, daß im innern Bogen eine
einmalige, im äußern dagegen eine doppelte Reflexion an der Wand der
Tropfen stattfindet. Letzteres hatte schon Descartes angenommen, um zu
erklären, daß der äußere Bogen lichtschwächer ist. Newton zeigte nun, wie
von dem Tröpfchen E, dessen Winkelabstand von dem gemeinschaftlichen,
in der Verlängerung der Linie OP liegenden Mittelpunkt der beiden Bögen
40° 17ʹ beträgt, der violette Teil des Spektrums nach dem Auge O des
Beobachters gelangt. OP ist die Linie, welche die Sonne mit dem Auge
verbindet. Der Tropfen F dagegen, dessen Abstand von dem Punkte, wo OP
das Himmelsgewölbe schneidet, 42° 2ʹ beträgt, wird Strahlen geringerer
Brechbarkeit zum Auge senden, wie aus der Abbildung ohne weiteres
ersichtlich ist. Diejenige ringförmige Zone, in der sich der Tropfen F

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befindet, muß deshalb rot erscheinen. Im äußeren Bogen kehrt sich das
Verhältnis um. Der Tropfen H sendet den stärker abgelenkten, violetten Teil
des Spektrums zum Auge, während das Rot von der inneren, durch den
Tropfen G repräsentierten Zone erzeugt wird.

Abb. 75. Newton erklärt das Zustandekommen des Regenbogens460.

Den experimentellen Nachweis lieferte Newton nach dem Vorgange von
Descartes und de Dominis 461, indem er eine mit Wasser gefüllte
Glaskugel in die Sonne hing und die Kugel hob und senkte, so daß der
Winkel zwischen dem Sonnenstrahl und der die Glaskugel mit dem Auge
verbindenden Linie die verschiedensten Werte durchlief. Betrug dieser
Winkel etwa 42°, so sah man an der unteren, von der Sonne abgewendeten
Seite der Kugel ein lebhaftes Rot. Ließ man die Kugel herab, so daß der
Winkel um einige Grade kleiner wurde, so erschienen an Stelle des Rot
nach und nach Gelb, Grün und Blau. Wurde die Kugel hinaufgezogen, so
erschien bei einem Winkel von 51° das Rot auf der oberen, der Sonne
zugekehrten Seite. Die übrigen Farben erschienen nacheinander, wenn man
den Winkel allmählich durch weiteres Emporziehen der Kugel um einige
Grade vergrößerte.

Emissions- und Wellentheorie.

Im Verlauf des 17. Jahrhunderts waren mehrere, bisher unbekannte
Erscheinungen in den Gesichtskreis der Physiker getreten. Bartholin hatte
die Doppelbrechung am isländischen Kalkspat, Grimaldi die Beugung des
Lichtes entdeckt, während Hooke sich zuerst mit den Farben dünner
Blättchen beschäftigte. Dadurch waren neue Aufgaben auf dem Gebiete der

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Optik gegeben. Zwar blieb die theoretische Lösung dieser Aufgaben einem
späteren Zeitalter vorbehalten; ihre experimentelle Erforschung hat indes
Newton gleichfalls in erheblichem Maße gefördert.
Der italienische Mathematiker Grimaldi (1618–1663) hatte seine
Beobachtungen über die Natur des Lichtes in einem Werk zusammengefaßt,
das im Jahre 1665, zu jener Zeit, als Newton seine Untersuchungen
begann, veröffentlicht wurde. In diesem Werke findet sich nicht nur die
erste Beschreibung des durch ein Prisma erzeugten Sonnenspektrums462, es
wird darin auch über merkwürdige Erscheinungen berichtet, die später mit
dem Namen der Diffraktion und der Interferenz belegt wurden. Die für die
Theorie des Lichtes grundlegenden Versuche Grimaldis wurden schon in
einem früheren Abschnitt geschildert463.
Die ersten Anhänger einer die Allverbreitung eines außerordentlich
elastischen Mediums voraussetzenden Wellentheorie waren außer
Grimaldi, der die Wahrheit nur dunkel ahnte, Hooke und Huygens.
Letzterer hat die Undulationstheorie, wie wir später sehen werden,
besonders klar entwickelt464 und gilt mit Recht als ihr eigentlicher
Begründer. Manche Äußerungen Newtons weisen darauf hin, daß er der
Wellentheorie durchaus nicht jede Berechtigung absprach. Dennoch sah er
sich veranlaßt, seine eigenen Erklärungen auf die Annahme zu stützen, daß
das Licht ein Stoff sei, der von den leuchtenden Körpern ausgesandt wird.
Während nämlich beide Lehren, die Undulationstheorie, sowie die von
Newton begründete Emissionstheorie, die Erscheinungen der Reflexion
und der Brechung zu deuten vermochten, war die erstere in der Fassung, die
Huygens ihr gegeben, noch nicht imstande, das Auftreten der Farben zu
erklären.
Nach der Annahme Newtons gibt es Lichtteilchen verschiedener Größe.
Trifft ein Strahl des weißen Lichtes, in dem alle Größen vertreten sind, in
schräger Richtung auf einen durchsichtigen Körper, so werden die
kleinsten, das Violett ausmachenden Teilchen durch eine von den Partikeln
des Körpers ausgehende Anziehung in höherem Grade aus ihrer Richtung
abgelenkt als die gröberen, die rote Farbe bedingenden. Zwischen beiden
Ablenkungen finden alle Übergänge statt, und so entsteht nach Newton das
zusammenhängende Farbenband des Spektrums. Um die Beugung und die
gleich zu besprechenden Farben dünner Blättchen zu erklären, mußte
Newton dem Lichtstoff wieder neue Eigenschaften beilegen, so daß seine

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Hypothese mit jeder neu hinzutretenden Erscheinung verwickelter wurde,
ein Umstand, der von vornherein nicht gerade zu ihren Gunsten sprach.
Gestützt auf das große Ansehen ihres Urhebers hat sich die
Emissionstheorie dennoch, obgleich von verschiedenen Seiten,
insbesondere von Euler 465, auf ihre Schwächen hingewiesen wurde, durch
das ganze 18. Jahrhundert und darüber hinaus behauptet.
Ein weiteres Feld für optische Untersuchungen hatten Hookes Arbeiten
über die Farben dünner Blättchen erschlossen. Robert Hooke wurde 1635
auf der Insel Wight geboren und starb im Jahre 1703 in London. Er war
Mitglied der Royal Society und zeichnete sich durch große Vielseitigkeit
aus, die ihn leider von dem beharrlichen Verfolgen eines Grundgedankens
abzog. An Hookes Bemerkungen über die Natur des Lichtes knüpfte später
Huygens die ausführliche Darstellung der Undulationstheorie an.

Abb. 76. Hooke erklärt das Zustandekommen der Interferenz.

Hookes Untersuchungen, die zu denjenigen Newtons hinüberleiten,
finden sich in seiner Mikrographie466, einem Werke, das auch in
naturgeschichtlicher Hinsicht wichtig ist, weil darin die ersten
Beobachtungen über den zelligen Bau der Pflanzen mitgeteilt werden.
»Dicke Glimmerblättchen«, heißt es dort467, »sind farblos. Mache ich sie
durch Spaltung immer dünner, so zeigt sich zuletzt jedes Blättchen schön
gefärbt; dringt in die Spalten Luft ein, so zeigen sich Regenbogenfarben.
Beim Zusammenpressen von Glasplatten entstehen Erscheinungen der
gleichen Art«. Sehr dünn geblasenes Glas, angelassener Stahl, überhaupt
sehr dünne durchsichtige Körper, die auf reflektierenden Körpern von
anderer brechender Kraft liegen, bringen dieselben Farben hervor. Hooke
führt die Entstehung dieser Farben auf eine »Verwirrung« der an den
Grenzflächen der dünnen Schicht reflektierten Schwingungen zurück. Die
Teilchen jedes leuchtenden Körpers seien in größerer oder geringerer
Bewegung. Manche Stoffe würden durch Stoß oder Reibung leuchtend.

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Man müsse daher annehmen, daß das Licht in feinen Vibrationen bestehe,
und daß nur solche Körper durchsichtig seien, welche diese Bewegung
aufnehmen und fortleiten könnten. Das Zustandekommen der
Interferenzfarben erläutert obenstehende, dem Werke Hookes entnommene
Abbildung. (Siehe Abbildung 76.) Fällt danach ein Lichtstrahl, dem Hooke
einen gewissen Durchmesser beilegt, auf eine dünne durchsichtige Platte, so
wird ein Teil des Strahles gleich an der ersten Oberfläche zurückgeworfen.
Ein anderer Teil dringt in die Platte ein und wird dann an der unteren
Grenzfläche reflektiert, um endlich, abermals gebrochen und dem zuerst
reflektierten Teile parallel, aus der Platte wieder auszutreten. Da nun das
Licht zu seiner Fortpflanzung Zeit gebraucht, so werden die beiden Teile, in
die der Strahl zerlegt ist, nicht gleichzeitig von der ersten Fläche
zurückgehen. Durch dieses Nacheinander werden nach Hooke auf der
Netzhaut die Farben hervorgerufen. Rot ist danach der Eindruck, den das
Licht erzeugt, wenn der stärkere, an der ersten Oberfläche reflektierte Teil
vorangeht und der schwächere folgt. Beim Blau ist es umgekehrt. Letzteres
entsteht bei der Interferenz, wenn das schwächere, aus der Platte kommende
Licht mit dem Teil eines nachfolgenden Lichtstrahls zusammentrifft, der an
der oberen Fläche reflektiert wird. Der schwächere Teil kann dann
vorangehen und der einheitlich empfundene Lichtstrahl die Empfindung
von Blau hervorbringen. Blau und Grün sind für Hooke die Grundfarben.
Aus ihrer Mischung entstehen die übrigen. Bei aller Unzulänglichkeit der
Hooke'schen Theorie ist doch ihr Grundgedanke, die Farben dünner
Blättchen durch die Interferenz zweier an den Oberflächen reflektierten
Strahlen entstehen zu lassen, in die heutige theoretische Optik
übergegangen. Sein Mühen, Beziehungen zwischen der Dicke der die
Interferenzerscheinungen veranlassenden Schicht und den erzielten
Wirkungen zu finden, blieb jedoch erfolglos.
»Eins, was von größter Wichtigkeit für diese Hypothese zu sein scheint«,
sagt Hooke über diesen Punkt, »nämlich die Bestimmung der Dicke der
Platten, die für das Eintreten jener Farbenerscheinungen notwendig ist, habe
ich vielfach vergeblich auszuführen versucht. So außerordentlich dünn sind
jene Platten und so unvollkommen unsere Mikroskope, daß alle meine
Bemühungen in dieser Beziehung erfolglos gewesen sind.«
An diesem Punkte setzten die Untersuchungen Newtons ein, die er im
zweiten Buche seiner Optik zusammenfaßt. Um die Reihenfolge der Farben

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genauer zu ermitteln, legte Newton die Linse eines Teleskops auf eine
ebene Glasfläche. Es entstanden die den Farben dünner Blättchen
entsprechenden »Newtonschen Ringe«, die im einfachen Lichte nur in
einer Folge von hell und dunkel bestehen, während das auf die Platte
fallende Sonnenlicht die Spektralfarben hervorruft.
In der Nähe der Berührungsstelle, die selbst vollkommen durchsichtig und
farblos ist, bemerkte Newton die Farbenringe in der Reihenfolge Violett,
Blau, Grün, Gelb, Rot. Und diese Folge wiederholte sich, bis die Farben
immer schwächer wurden und nach der vierten Folge etwa in Weiß
übergingen. Auch aus diesem Ineinanderfließen schloß er, daß das weiße
Licht eine Mischung aller Farben sei.
Aus der Krümmung der Linse und dem Abstand der Ringe vom
Berührungspunkte berechnete Newton die jeder Farbe entsprechende Tiefe
der Luftschicht. Für das Gelb eines jeden Farbenringes verhielten sich die
betreffenden Werte wie 1 : 3 : 5 : 7 ... während für die zwischen den gelben
Zonen liegenden dunklen Partien die Durchmesser der Schicht dem
Verhältnis 2 : 4 : 6 ... entsprachen. Es ergab sich somit auf Grund der
Messungen und Berechnungen das einfache Gesetz, daß die den hellen und
den dunklen Stellen entsprechenden Tiefen des vom Glase
eingeschlossenen Mediums sich wie die natürlichen Zahlen verhalten468.
Newtons weitere Bemühungen bestanden darin, eine Analogie zwischen
den dauernden Farben der natürlichen Körper und den Farben dünner
durchsichtiger Blättchen darzutun. Dies geschah, indem er die Oberflächen
der Körper als dünne Platten auffaßte, da alle Körper bis zu einem gewissen
Grade durchsichtig seien.
Wie den Betrachtungen Hookes verhielt sich Newton auch den Versuchen
Grimaldis gegenüber. In beiden Fällen ergänzte er die Arbeiten seiner
Vorgänger durch genaue Messungen und lieferte dadurch wertvolles
Material zur festeren Begründung der Theorie, die später an die Stelle
seiner eigenen, unzutreffenden Ansichten über die Natur des Lichtes treten
sollte.
Das dritte Buch der Optik enthält außer einer Nachprüfung und Erweiterung
der Grimaldischen Versuche über die Beugung des Lichtes eine Anzahl
von Betrachtungen, die Newton »Fragen« (Queries) genannt hat. In diesen
»Fragen« bringt er das zur Sprache, was er den Forschern zur Prüfung

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durch weitere Beobachtungen und Versuche überlassen wollte. Newton
wünschte nämlich aus seinem Lehrgang der Optik dasjenige auszuscheiden,
worüber er mit sich selbst noch nicht ins Reine gekommen war. So wird die
Frage aufgeworfen, ob das Licht nicht die Körper dadurch erwärme, daß es
die Körperteilchen in eine vibrierende Bewegung versetze469. Daß erhitzte
Körper Licht aussenden, scheint ihm wiederum von einer vibrierenden
Bewegung ihrer Teilchen herzurühren470. In den Belegen, die Newton für
diese Meinung beibringt, werden allerdings Erscheinungen
zusammengestellt, für die sich im weiteren Verlaufe der Forschung die
verschiedensten Ursachen ergeben haben. So sagt Newton, es leuchte
Meerwasser beim Sturm, Quecksilber, wenn es im Vakuum geschüttelt
werde, der Rücken einer Katze, wenn man ihn im Dunklen streichle. Ferner
leuchte Phosphor beim Reiben und Eisen, wenn es rasch mit dem Hammer
bearbeitet werde. Setze man eine Glaskugel in rasche Umdrehung, so
leuchte sie an der Stelle, gegen die man die Handfläche presse.
Weiter wird gefragt, ob nicht die Empfindung verschiedener Farben etwa
dadurch erregt werde, daß das Licht Schwingungen von verschiedener
Größe mache, etwa so, wie die Schwingungen der Luft je nach ihrer
Verschiedenheit die Empfindung der Töne erregen. Allerdings dachte sich
Newton diese Schwingungen als longitudinale Schwingungen in dem
Strome der materiellen Lichtkörperchen. – Newton verläßt also auch hier
den Boden seiner Theorie nicht. Ja er ist sogar der Ansicht, daß sich die
festen Körper und das Licht ineinander umwandeln lassen471.
In einer seiner »Fragen«, die er an das Verhalten des Lichtes zum
Doppelspat anknüpft, ist der Ursprung des Namens »Polarisation« zu
suchen. »Sieht nicht«, sagt Newton 472, »die ungewöhnliche Brechung im
isländischen Kristall gar sehr danach aus, als käme sie durch eine Art
anziehender Kraft zustande, die nach gewissen Seiten hin sowohl den
Strahlen als den Kristallteilchen innewohnt?« Die den Strahlen
innewohnende Kraft sollte derjenigen der Kristallteilchen ebenso
entsprechen wie sich die »Pole zweier Magnete entsprechen«. Wie ferner
der Magnetismus verstärkt oder geschwächt werden oder ganz fehlen
könne, so sei auch die Kraft, die senkrecht einfallenden Lichtstrahlen zu
brechen, größer im Doppelspat, kleiner im Bergkristall und endlich in
anderen Körpern gar nicht vorhanden.

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Dieser Gedanke Newtons wurde ein Jahrhundert nachher von Malus, als
er die Polarisation durch Reflexion entdeckte, wieder aufgenommen. Und
das Wort »Polarisation«, das zur Bezeichnung der »Seitlichkeit« gewisser
Lichtstrahlen gewählt war, wurde später auch von den Anhängern der
Wellenlehre gebraucht.
Im Anschluß an seine »Fragen« entwickelte Newton, gleichfalls in
hypothetischer Form, die Grundzüge der Emissions- oder
Emanationstheorie. Nach dieser bestehen die Lichtstrahlen aus sehr kleinen
Körperchen, die von den leuchtenden Substanzen ausgesandt werden.
Solche Körper werden sich durch ein gleichförmiges Medium in geraden
Linien fortbewegen. Durchsichtige Substanzen werden aus der Entfernung
auf sie wirken, indem sie sie brechen, zurückwerfen und beugen. Um die
Verschiedenheit in den Farben und in den Graden der Brechbarkeit zu
erklären, genügt die Annahme, daß die Lichtstrahlen aus Körperchen
verschiedener Größe bestehen, von denen die kleinsten das Violett
erzeugen, die übrigen in dem Maße, in dem sie größer werden, das Blau,
Grün, Gelb und Rot hervorrufen und immer schwerer abgelenkt werden.
Am meisten tritt die Schwäche der Emissionstheorie dort hervor, wo es sich
um Interferenzerscheinungen handelt. Die Annahme periodisch
wiederkehrender Anwandlungen leichterer Reflexion und leichteren
Durchganges, die Newton hier machte, kann den Rang einer mechanischen
Erklärung nicht beanspruchen. Ähnliche Schwierigkeiten bereitete die
Doppelbrechung im isländischen Kalkspat. Newton meinte indes, sie
müsse gleichfalls durch eine Art anziehender Kraft zustande kommen, die
nach gewissen Seiten hin sowohl den Strahlen als den Kristallteilchen
innewohne. Es sei aber schwer zu begreifen, wie die Lichtstrahlen nach
zwei Seiten hin eine Kraft äußern könnten, wenn sie nicht aus Korpuskeln
beständen.
Obgleich Newton selbst sich durchaus nicht entschieden zugunsten der
einen oder der anderen der in dem Anhang zur Optik erörterten Theorien
entschieden hatte, wurde von seinen Schülern und Anhängern der
Emanationstheorie der Wert eines durch die Autorität des Meisters
gestützten Dogmas beigelegt. Was Newton nur bezweifelte, wurde
verworfen, was er dagegen für wahrscheinlich hielt, wurde als vollkommen
sicher erachtet. So wurde er durch seine Schule zum Vater der
Emanationstheorie473, während er doch immer seine Neutralität gegenüber

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jeder Hypothese betont hatte. Diese Theorie setzte sich so unerschütterlich
in den Köpfen fest, daß abweichende, von Huygens, Euler und Christian
Wolf geäußerte Ansichten gar keine Beachtung fanden. Scheu und
Ehrfurcht gegenüber Newton hielt die meisten Physiker des 18.
Jahrhunderts davon ab, auch nur den leisesten Zweifel in die Richtigkeit der
Emanationstheorie zu setzen. »Es ist wirklich ein trüber Fleck in der
Geschichte der Physik«, sagt einer ihrer Darsteller474, »und ein schlagender
Beweis dafür, wie schädlich die Autorität eines großen Geistes auf die
nachfolgenden Zeitalter wirken kann, wenn sie sich soweit steigert, daß
dadurch die unbefangene Forschung unterdrückt wird.«

Die Entdeckung des Gravitationsgesetzes.

Seinen Höhepunkt erreichte Newtons Schaffen, als er den im Jahre 1666
erfolglos angestellten Versuch, die Bewegung der Himmelskörper aus den
Gesetzen der Mechanik zu erklären, wieder aufnahm. Anlaß hierzu bot ihm
die im Jahre 1682 an ihn gelangte Mitteilung, daß Picard in Frankreich
wesentlich andere Abmessungen für die Erdkugel erhalten habe, als man in
England zur Zeit Newtons annahm. Jean Picard (1620–1682), ein
Mitglied der französischen Akademie, hatte noch unter der Voraussetzung,
daß die Erde die Gestalt einer Kugel besitze, eine Gradmessung durch
Triangulation zwischen Amiens und Malvoisine ausgeführt475. Bei dieser
Messung kamen zum erstenmal mit Fernrohren versehene
Winkelmeßinstrumente in Anwendung. Picard hatte für den Breitengrad
den Wert von 70 englischen Meilen oder 57060 Toisen476 gefunden, während
Newton, der die von Snellius im Jahre 1617 ausgeführte Messung nicht
kannte477, bei seiner 1666 angestellten Rechnung 60 englische Meilen für
den Breitengrad zu Grunde gelegt hatte.
Die mittlere Entfernung des Mondes war hinlänglich genau bekannt.
Newton nahm sie zu 60 Erdhalbmessern an. Das Stück, um das der Mond
in einer Minute infolge der auf ihn wirkenden Zentripetalkraft von der
Tangente seiner Bahn abgelenkt wird, ergab sich aus diesen Daten gleich 15
Fuß478. Unter der im Jahre 1666 gemachten Annahme hatte die Rechnung
13½ Fuß ergeben, ein Wert, der keine einfache Beziehung zu dem an der
Oberfläche der Erde von einem frei fallenden Körper in einer Minute
durchlaufenen Wege erkennen ließ. Letzterer beträgt 5400 = 60 · 60 · 15

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Fuß. Er ist also im Verhältnis des Quadrates der Entfernung größer als die
zum Erdzentrum gerichtete Bewegung des Mondes, und in demselben
Maße ist es daher auch die auf den fallenden Körper wirkende Kraft. Die
Zentripetalkraft ergab sich folglich als mit der Schwere identisch, wenn
man für die letztere voraussetzte, daß ihre Abnahme dem Quadrate der
Entfernung entspricht. Damit war ein Gesetz von der größten
Allgemeingültigkeit aufgefunden, das man mit Recht als das Weltgesetz
bezeichnet hat.
Als Newton die soeben mitgeteilte Folgerung zog, ergriff ihn eine solche
Erregung, daß er einen Freund bitten mußte, die Rechnung zu Ende zu
führen. Was schon Anaxagoras vorgeahnt hatte, als er aussprach, wenn die
Schwungkraft des Mondes aufhöre, so müsse dieser zur Erde fallen wie der
Stein aus der Schleuder; was bei Kepler und bei Hooke mit wachsender
Deutlichkeit hervortrat: das stand mit einem Schlage klar vor dem Geiste
Newtons. Auf die glückliche Entdeckung des Augenblicks folgten dann
Jahre mühevollster Arbeit. Galt es doch, die Richtigkeit des gefundenen
Prinzips durch seine Anwendung auf sämtliche astronomischen
Erscheinungen zu erweisen. Die Untersuchung wurde auf die Planeten, die
Jupitermonde, die Erscheinung der Ebbe und Flut, ja selbst auf die Kometen
ausgedehnt. Überall ergab sich die Bestätigung des Gravitationsgesetzes,
nach dem die anziehende Kraft den Massen direkt und dem Quadrate der
Entfernung umgekehrt proportional ist. So entstanden die »Mathematischen
Prinzipien der Naturwissenschaft«, durch welche Newton die Erklärung
des Weltmechanismus aus seiner Gravitationstheorie zu einem vorläufigen
Abschluß brachte479.
In seiner Schrift über die Bewegung der Erde480 streifte Hooke schon an die
Entdeckung des Gravitationsgesetzes. »Ich werde«, heißt es dort, »ein
Weltsystem entwickeln, das in jeder Beziehung mit den bekannten Regeln
der Mechanik übereinstimmt. Dies System beruht auf drei Annahmen:
Erstens, daß alle Himmelskörper ohne Ausnahme eine gegen ihren
Mittelpunkt gerichtete Anziehung oder Schwerkraft besitzen, wodurch sie
nicht bloß ihre eigenen Teile, sondern auch alle innerhalb ihrer
Wirkungssphäre befindlichen Himmelskörper anziehen. Die zweite
Voraussetzung ist die, daß alle Körper, die in eine geradlinige und
gleichförmige Bewegung versetzt werden, sich so lange in gerader Linie
fortbewegen, bis sie durch irgendeine Kraft abgelenkt und in die Bahn

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gezwungen werden, die einem Kreise, einer Ellipse oder einer anderen,
nicht so einfachen, krummen Linie entspricht. Nach der dritten Annahme
sind die anziehenden Kräfte um so stärker, je näher ihrem Sitz der Körper
ist, auf den sie wirken. Welches die verschiedenen Grade der Anziehung
sind, habe ich noch nicht durch Versuche feststellen können. Aber es ist ein
Gedanke, der, wenn er weiter verfolgt wird, den Astronomen in den Stand
setzen muß, alle Bewegungen der Himmelskörper nach einem gewissen
Gesetze zu bestimmen.« An diese Ausführungen wird der Wunsch geknüpft,
daß jemand diesen Gedanken verfolgen möge, da der Verfasser durch
andere Dinge zu sehr in Anspruch genommen sei.
Die Gravitationsmechanik stellt sich im wesentlichen als eine Fortbildung
der von Galilei aufgefundenen Sätze über den Wurf dar. Am klarsten geht
dieser Zusammenhang aus der folgenden, von Newton selbst gegebenen
Darstellung hervor481: »Daß durch die Zentralkräfte die Planeten in ihren
Bahnen erhalten werden können, ersieht man aus der Bewegung der
Wurfgeschosse. Ein geworfener Stein wird, indem auf ihn die Schwere
wirkt, vom geraden Wege abgelenkt und fällt, indem er eine krumme Linie
beschreibt, zuletzt zur Erde. Wird er mit größerer Geschwindigkeit
geworfen, so fliegt er weiter fort. Und so könnte es geschehen, daß er einen
Bogen von 10, 100, 1000 Meilen beschriebe und zuletzt über die Grenzen
der Erde hinausginge und nicht mehr zurückfiele. Es bezeichne (Abb. 77)
AFB die Oberfläche der Erde, C ihren Mittelpunkt und VD, VE, VF
krumme Linien, die ein von der Spitze V eines sehr hohen Berges in
horizontaler Richtung und mit wachsender Geschwindigkeit geworfener
Körper beschreibt. Damit der Widerstand der Luft nicht in Rechnung
gestellt zu werden braucht, wollen wir sie uns ganz fortgenommen denken.
Auf dieselbe Weise, wie der mit zunehmender Geschwindigkeit geworfene
Körper die Bögen VD, VE und VF beschreibt, wird er endlich, wenn die
Geschwindigkeit noch weiter vergrößert wird, über den Umfang der Erde
fortgehen und zu dem Berge, von dem aus er geworfen wurde,
zurückkehren482. Da nach den Sätzen, die von der Zentrifugalkraft handeln483,
die Geschwindigkeit bei der Rückkehr zum Berge nicht kleiner als beim
Ausgange sein kann, so muß der Körper fortfahren, sich in derselben Weise
um die Erde herumzubewegen. Denken wir uns Körper aus höheren
Punkten in horizontaler Richtung fortgeworfen, und zwar aus Punkten, die
10 Meilen, 100 Meilen oder ebensoviele Halbmesser über der Oberfläche
der Erde liegen, so werden diese Körper, je nach ihrer Geschwindigkeit und

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nach der in den einzelnen Punkten herrschenden Anziehung, Kurven
beschreiben, die entweder konzentrisch oder exzentrisch sind. In diesen
Bahnen werden sie fortfahren, nach der Weise der Planeten den Weltraum
zu durchwandern.«

Abb. 77. Newtons Ableitung der Zentralbewegung aus der Wurfbewegung484.

Die hier gegenüber der Betrachtung Galileis eingetretene Erweiterung
besteht also darin, daß die Richtung der auf den Körper konstant wirkenden
Kraft sich stetig ändert, während sie im anderen Falle485 die gleiche bleibt.
Newton begründete mit seinem Werk die neuere mathematische Physik;
und die »Prinzipien« sind zwar nicht dem Umfange, wohl aber der Methode
nach das erste Lehrbuch dieses Gebietes.

Newtons »Prinzipien«.

Die Bedeutung der »Prinzipien« für die Entwicklung nicht nur der
Mechanik und der Astronomie, sondern aller übrigen Zweige der
Naturwissenschaft ist so groß, daß wir diesem Werke eine etwas
eingehendere Betrachtung widmen müssen.
Newton beginnt mit einer Reihe von Definitionen und Gesetzen, die teils
neu sind, teils zum ersten Male mit der nötigen Klarheit von ihm
ausgesprochen werden. Die wichtigsten lauten486:

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1. Die Größe oder die Masse der Materie wird durch ihre Dichtigkeit und
ihr Volumen bestimmt.
2. Die Größe der Bewegung ist das Produkt aus Masse und
Geschwindigkeit.
3. Jeder Körper, auf den keine Kraft wirkt, beharrt im Zustande der Ruhe
oder der gleichförmigen Bewegung.
4. Eine Kraft ist das auf einen Körper wirkende Bestreben, seinen
Bewegungszustand zu ändern.
5. Die Änderung der Bewegung ist der Einwirkung der bewegenden
Kraft proportional und geschieht in der nämlichen Richtung, in der
jene Kraft wirkt.
6. Die Wirkungen zweier Körper auf einander sind stets gleich und von
entgegengesetzter Richtung.
7. Ein Körper beschreibt unter der Wirkung zweier Kräfte die Diagonale
eines Parallelogramms. Und zwar geschieht dies in derselben Zeit, in
der er vermöge der einzelnen Kräfte die Seiten beschrieben haben
würde.

Um verwickeltere Bewegungsaufgaben zu lösen, genügte die von den Alten
geschaffene mathematische Methode nicht mehr. In der Dynamik waren
veränderliche, »fließende« Größen und die momentanen Veränderungen,
die ihr Verhältnis erleidet, in Rechnung zu ziehen. Newton befand sich, als
er die »Prinzipien« schrieb, schon im Besitze einer von ihm erfundenen, als
Fluxionsrechnung bezeichneten Methode, die speziell für die Mechanik
geschaffen war und der soeben ausgesprochenen Forderung genügte.
Newton gibt an mehreren Stellen seines Werkes, allerdings nur kurze,
lückenhafte Abrisse dieser Methode. Seltsamerweise zieht er aber bei der
Lösung der Bewegungsaufgaben die alte, geometrisch-synthetische Art der
Darstellung vor, obgleich er, wie er später selbst angab, auf analytischem
Wege zu seinen Resultaten gelangt war.
Nachdem er die mechanischen Grundbegriffe, wie wir an einigen
Beispielen gesehen haben, formuliert und seine mathematische Methode
auseinandergesetzt, wendet sich Newton seiner eigentlichen Aufgabe zu,
nämlich der Bestimmung der Zentralkräfte. Zunächst beweist er in der noch
heute üblichen Weise, daß die Bahnen von Körpern, die sich unter dem
Einfluß einer Zentripetalkraft bewegen, in festen Ebenen liegen, und daß
die von den Radien beschriebenen Flächen den Zeiten proportional sind. Es

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möge wenigstens die Newtons Beweis zugrunde liegende Konstruktion
hier Platz finden (Abb. 78).

Page 280

Abb. 78. Newtons Satz über die Zentralbewegung.

Auf diesen Satz folgt seine Umkehrung, daß nämlich jeder Körper, der sich
in einer festen Fläche so bewegt, daß die Leitstrahlen in gleichen Zeiten
gleiche Flächen beschreiben, unter der Wirkung einer Zentripetalkraft steht.
Newton geht dann zu der Bewegung der Körper in Kegelschnitten über,
deren einer Brennpunkt das Kraftzentrum ist. Er betrachtet zuerst den für
die Planetenbewegung wichtigsten Fall, daß der Körper sich in einer Ellipse
bewegt, und sucht das Gesetz der nach ihrem Brennpunkt gerichteten
Zentralkraft zu ermitteln. Es ergibt sich, daß die gesuchte Kraft dem
Quadrate des Radius vector umgekehrt proportional ist. Dasselbe Gesetz
wird dann auch für die Parabel und für die Hyperbel dargetan. In einem
besonderen Abschnitt werden die anziehenden Kräfte sphärischer Körper
erörtert. Ihre Gesamtanziehungen werden aus den Einzelanziehungen der
Teilchen abgeleitet, die den Körper zusammensetzen. Newton findet, daß
die Wirkung einer homogenen Vollkugel auf einen außerhalb befindlichen
Punkt der Masse direkt und dem Quadrat des Abstandes vom Mittelpunkt
der Kugel umgekehrt proportional ist. Dagegen ergibt sich, daß die Wirkung
der Vollkugel auf einen inneren Punkt der Entfernung dieses Punktes vom
Mittelpunkte entspricht. Die Anziehungen endlich, die zwei Kugeln
aufeinander ausüben, verhalten sich wie die Massen der anziehenden
Kugeln und umgekehrt wie die Quadrate der Entfernungen der
Mittelpunkte.

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Nachdem Newton in den beiden ersten Büchern seines fundamentalen
Werkes die allgemeinen Gesetze der Bewegung, einschließlich der
Bewegungen der Flüssigkeiten entwickelt, bringt er im dritten Buche die
Anwendung dieser Gesetze auf das Weltsystem.
Newton zeigt, daß sowohl das zweite wie auch das dritte Keplersche
Gesetz aus dem allgemeinen Gesetze, das die Anziehung regelt, gefolgert
werden können. Es wird ferner dargetan, daß alle Monde gegen ihre
Planeten und alle Planeten gegen die Sonne gravitieren, sowie daß sich die
Bewegungen dieser Körper durch Zentralkräfte regeln, die den Massen
direkt und dem Quadrate der Entfernung umgekehrt proportional sind. Das
Newtonsche Gesetz gilt somit für den ganzen Weltraum. Es ist das schon
so lange erstrebte, mehr oder minder deutlich von anderen vorgeahnte, von
Newton dagegen erst in voller Klarheit enthüllte Weltgesetz.
Auf die Erkenntnis dieses allgemeinsten Gesetzes folgt wieder die
Ableitung der Einzelheiten, wie der planetarischen Störungen, der
Ungleichheiten der Mondbewegung, der Ebbe und Flut des Meeres usw.
»Alle Planeten«, sagt Newton, »sind gegeneinander schwer, daher werden
z. B. Jupiter und Saturn sich in der Nähe ihrer Konjunktion anziehen und
ihre Bewegungen wechselseitig merklich stören. Ebenso wird die Sonne die
Bewegung des Mondes stören, und Sonne und Mond das Meer
beeinflussen.« Die Ableitung der gedachten Erscheinungen, die bisher jeder
mechanischen Erklärung gespottet hatten, aus dem Gravitationsgesetz
machte nicht geringe Schwierigkeiten. Sie völlig zu heben, war Newton
noch nicht imstande, weil er sich auf die anziehenden Kräfte von Körpern
sphärischer Gestalt beschränkte. Doch ist es ihm gelungen, in der
Hauptsache den Zusammenhang und die Begründung des Weltsystems aus
seinem Gesetze abzuleiten.
Daß die Gezeiten wohl auf eine kosmische Anziehung zurückzuführen
seien, hatte schon Kepler ausgesprochen. Er betrachtete Ebbe und Flut als
einen Beweis dafür, daß sich die anziehende Kraft des Mondes bis zur Erde
erstrecke. Selbst im Altertum begegnet uns schon diese Ansicht. Ja, Seneca
erwähnt sogar, daß sich bei Springfluten außer der Kraft des Mondes auch
die der Sonne bemerkbar mache487.
Von diesen Vermutungen bis zur Begründung der Gesetze einer
Erscheinung und bis zum Nachweise, daß die Tatsachen im allgemeinen

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diesen Gesetzen entsprechen, war indessen ein großer Fortschritt. Ihn
herbeigeführt zu haben, ist eins der wesentlichsten Verdienste Newtons.
Auf ihn konnten sich später Euler und Laplace stützen und die
Gezeitentheorie im 17. Jahrhundert zu einem gewissen Abschluß bringen488.
Der Kernpunkt der Newtonschen Theorie ist der Satz, daß das Wasser auf
der dem Monde zugekehrten Seite der Erde stärker angezogen wird als auf
der vom Monde abgewandten Seite, so daß es dort der Erde gegenüber, die
ja auch zum Monde gravitiert oder sozusagen nach ihm hinfällt,
zurückbleibt. Die Folge ist, daß zwei Flutwellen entstehen. Das Ansteigen
des Wassers auf der dem Monde zugekehrten Seite erschien ja auch vor
Newton begreiflich. Das Zustandekommen der zweiten Welle und manche
Einzelheit der Flutbewegung wurde jedoch erst durch ihn erklärt.
An die Gravitationslehre anknüpfend, wollen wir noch die Ansichten
erwähnen, die Newton sich nach dem Vorgange von Descartes und
Gassendi über die Konstitution der Materie gebildet hatte. Er hielt es für
das Wahrscheinlichste, daß sie aus festen, undurchdringlichen, beweglichen
Partikeln bestehe. Da die Naturkörper, z. B. das Wasser, in ihren
Eigenschaften unveränderlich seien, so müßten die Partikeln, aus denen sie
beständen, weder abgenutzt noch zerstört werden können. Der Wandel der
körperlichen Dinge sei ausschließlich in die Trennungen, Vereinigungen
und Bewegungen jener unveränderlichen Teilchen zu verlegen. Diese
Veränderungen sollten aus aktiven Prinzipien folgen, zu denen Newton die
Schwerkraft rechnet.
Den Begriff der anziehenden Kraft (als causa mathematica) übertrug
Newton auch auf die Erscheinungen der Kohäsion, der Adhäsion, der
chemischen Verbindung usw. »Ich möchte«, sagte er, »aus der Kohärenz der
Körper schließen, daß auch deren kleinste Teilchen sich gegenseitig
anziehen durch eine Kraft, die auf kleine Entfernungen hin auch die
chemischen Wirkungen hervorbringt«489. Er betont aber, daß diese Prinzipien
nicht mit den verborgenen Qualitäten der Aristoteliker verwechselt werden
dürften, sondern allgemeine Naturgesetze seien. Die Wahrheit dieser
Prinzipien werde uns aus den Erscheinungen deutlich, wenn ihre Ursachen
bis jetzt auch nicht entdeckt worden seien. Der Unterschied ist also der, daß
die Aristoteliker annahmen, die Wirkungen der Dinge entsprängen
unbekannten Eigenschaften, die sich weder entdecken noch klarstellen
ließen. Damit war natürlich jeder Fortschritt in der Naturerkenntnis

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gehemmt. Die neuere, durch Newton vertretene Richtung erkannte es
dagegen als einen großen Fortschritt, aus den Erscheinungen allgemeine
Prinzipien der Bewegung herzuleiten und dann zu zeigen, wie aus solchen
Prinzipien die Eigenschaften und Wirkungen der körperlichen Dinge folgen,
wenn auch die Ursache jener Prinzipien selbst unbekannt bleibt. Das war
der Grundgedanke, der Newton bei seinen Forschungen leitete; und in
diesem Sinne ist auch sein oft erwähnter Ausspruch: »Hypothesen ersinne
ich nicht« zu verstehen. Die gleiche Beschränkung wie Newton hatte sich
Galilei auferlegt. »Die Ursache der Gesetze freifallender Körper ist kein
notwendiger Teil unserer Untersuchung«, sagt dieser. »Für uns genügt es,
die Eigenschaften dieser Bewegung unter der Voraussetzung eines
einfachen Gesetzes kennen zu lernen.«

Newtons Weltanschauung.

Newtons Weltanschauung war indessen keine rein materialistische. Es
erscheint ihm durchaus unphilosophisch, anzunehmen, die Welt sei allein
durch die Wirkung der Naturgesetze aus dem Chaos entstanden. Die
wundervolle Gesetzmäßigkeit im Planetensystem z. B. könne nicht aus
einem blinden Walten hervorgegangen sein, sondern sie entspräche einer
bestimmten Sorgfalt und Anordnung. Wir werden später sehen, daß das 18.
Jahrhundert Newton hierin nicht beipflichtete, und daß ein Kant und ein
Laplace versucht haben, den Aufbau des Planetensystems auf rein
mechanisch wirkende Ursachen zurückzuführen.
Aber auch abgesehen von diesen, auf einen teleologischen Standpunkt
Newtons hindeutenden Erwägungen ist seine Auffassung des Weltganzen
eine dualistische. Er nimmt an, daß eine geistige Substanz alle Körper
durchdringe und in ihnen enthalten sei. »Durch die Kraft dieser geistigen
Substanz«, sagt er490, »ziehen sich die Teilchen der Körper wechselseitig
an«. Durch diese Kraft wirken sie aber auch auf die größte Entfernung. Aus
den Vibrationen der geistigen Kraft scheint ihm auch die Tätigkeit des
Gehirns und die Wirkung dieses Organs auf die Nerven und die Muskeln
erklärlich. Daß Newton außerdem in den »Prinzipien« Betrachtungen über
das Wesen Gottes anstellt, als den er nicht etwa die Weltseele gelten lassen
will, steht außer Zusammenhang mit seinem, im übrigen so wohl gefügten,
Lehrsystem.

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Newtons Lehre vermochte sich, zumal in Frankreich und in Deutschland,
nur langsam Bahn zu brechen, da die zeitgenössischen Astronomen, noch
mehr aber die Physiker, zu sehr in der von Descartes herrührenden
Wirbeltheorie befangen waren. Letzterer, der als Begründer der neueren
Philosophie das größte Ansehen genoß, und dessen Bemühen um die
Formulierung des Brechungsgesetzes, um die Theorie des Regenbogens,
sowie um die Begründung der analytischen Geometrie alle Anerkennung
verdiente, dachte sich die Planeten in kreisenden Ätherströmen
schwimmend, in deren Mitte sich die Sonne befinden sollte. Eine Wirkung
in die Ferne schien den Anhängern der Cartesianischen Physik ganz
unannehmbar491.
Aus Newtons Schriften geht nicht mit Sicherheit hervor, ob er sich die
Wirkung in die Ferne als eine unvermittelte oder als eine vermittelte dachte.
Anfangs war Newton zu der Annahme geneigt, daß die Bewegungen der
Gestirne aus mechanischen Prinzipien zu erklären seien. Später sah er
jedoch davon ab, da er sich außerstande fühlte, den Grund der Schwere aus
den Erscheinungen abzuleiten. In der Vorrede zur zweiten Ausgabe der
»Prinzipien« von 1713 wird die Gravitation denn auch als eine »causa
simplicissima« hingestellt, für die es keine mechanische Erklärung gebe.
Jene Vorrede hat indessen Newtons Freund Cotes (Prof. d. Astronomie in
Cambridge) verfaßt, und man darf die darin geäußerten Ansichten nicht
ohne weiteres auf Newton übertragen. Dafür, daß Newton ein materielles
Agens durchaus nicht etwa für ganz ausgeschlossen hielt, spricht nämlich
folgende von ihm herrührende Bemerkung: »Daß die Gravitation eine
inhärente Eigenschaft der Materie sei, derart, daß ein Körper auf einen
anderen aus der Ferne und durch den völlig leeren Raum ohne die
Vermittlung von irgend etwas anderem wirke, erscheint mir als eine große
Absurdität. Ich kann mir nicht vorstellen, daß jemand, der fähig ist,
philosophisch zu denken, in sie verfallen kann.«
Jedenfalls ist also die Annahme einer durch das Medium erfolgenden
Wirkung nicht erst im 19. Jahrhundert durch Faraday entstanden. Sie hat
vielmehr schon im 18. Jahrhundert namhafte Vertreter gefunden. Auch
Kepler hat sich lange vor Newton gegen die Möglichkeit einer »actio in
distans« ausgesprochen und eine die Schwere bedingende
Strahlungsenergie angenommen, die sich wie das Licht durch den Raum
ausbreiten und alle Körper durchdringen sollte492. Der große deutsche

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Philosoph Leibniz nahm eine vermittelnde Stellung ein. Viel weniger als
er konnte sich Huygens mit der Newtonschen Kraftidee befreunden493. Er
bemühte sich deshalb, auf Cartesianischer Grundlage die Schwerkraft, für
die er das Newtonsche Gesetz nicht etwa in Abrede stellte, mechanisch zu
erklären. Seine Ansichten, auf die wir in dem nächsten Abschnitt
zurückkommen, entwickelte er im Jahre 1690 als Anhang zu seinem Werke
über das Licht.
Allmählich gelangte die Newtonsche Gravitationsmechanik indessen doch
zur allgemeinen Anerkennung. In Frankreich, wo man besonders lange an
Descartes festhielt, wurde der neuen Lehre erst durch Voltaire und
Maupertuis Bahn gebrochen. Das Gravitationsgesetz wurde zwar als
richtig anerkannt, um so energischer bekämpfte man die Annahme der in
die Ferne wirkenden Kraft, der »Zentripetalkraft« Newtons, und suchte
durch ein modifiziertes Wirbelsystem die kosmischen Erscheinungen zu
erklären. Auch durch den Stoß von Molekeln, die sich im Weltraum
bewegen sollten, suchte man die Gravitation auf ein anschauliches Prinzip
zurückzuführen494. Indes hundert Jahre später waren es gerade die
Franzosen, vor allem ihr großer Astronom Laplace, die das von Newton
in den gröberen Zügen ausgearbeitete System bis in alle Einzelheiten
vollendet haben.
Zu jener Zeit, als die »Prinzipien« erschienen, bekleidete Newton immer
noch die Professur der Mathematik in Cambridge, deren kärgliche
Besoldung nur den bescheidensten Ansprüchen genügte. Dazu traf ihn das
Unglück, daß ein Teil seiner wertvollen Aufzeichnungen verbrannte.
Newton wurde dadurch so bekümmert, daß man eine Geistesstörung
befürchtete. Diese äußeren Verhältnisse wurden mit einem Schlage durch
Newtons Ernennung zum königlichen Münzmeister geändert. Seitdem
wohnte er, im Alter mit Ehren überhäuft, bald in der Hauptstadt, bald auf
einem Landsitz in der Nähe, bis ein Steinleiden am 31. März des Jahres
1727 seinem, an wissenschaftlichen Erfolgen so überaus reichen Leben ein
Ende bereitete.

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Abb. 79. Newton in seinem 84. Lebensjahre.

Newton war trotz seiner außerordentlichen Bedeutung ein bescheidener,
stiller Gelehrter. »Ich weiß nicht«, sprach er einst, »wie ich der Welt
erscheine. Mir selbst aber komme ich vor wie ein Knabe, der am
Meeresufer spielt und sich damit belustigt, dann und wann einen glatten
Kiesel oder eine schönere Muschel als gewöhnlich zu finden, während der
große Ozean der Wahrheit unerforscht vor mir liegt.«
Newton wurde in der Westminsterabtei, der Stätte, wo Englands große
Männer ruhen, unter Ehrenbezeugungen beigesetzt, wie sie sonst nur
verstorbenen Mitgliedern des königlichen Hauses erwiesen werden. Das
Denkmal, das seinen Staub bedeckt, trägt einen in lateinischer Sprache
verfaßten Nachruf. Er lautet in deutscher Übersetzung:
Hier ruht
Sir Isaac Newton,
Der mit fast göttlicher Geisteskraft
Der Planeten Bewegung und Gestalten,
Die Bahnen der Kometen und die Gezeiten des Ozeans
Mit Hilfe seiner mathematischen Methode
Zuerst erklärte.
Er ist es, der die Verschiedenheiten der Lichtstrahlen,
Sowie die daraus entspringenden Eigentümlichkeiten der Farben,
Die niemand vorher auch nur vermutete, erforscht hat.

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Als der Natur, der Altertümer und der Heiligen Schrift
Fleißiger, scharfsinniger und getreuer Deuter,
Verherrlichte er die Majestät des allmächtigen Schöpfers in seiner
Philosophie.
Die vom Evangelium geforderte Einfalt bewies er durch seinen Wandel.
Mögen die Sterblichen sich freuen, daß unter ihnen wallte
Eine solche Zierde des Menschengeschlechts.
Geboren am 25. Dezember 1642, gestorben am 20. März 1727495.

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13. Huygens und die übrigen Zeitgenossen Newtons.
Aus der Schar der zeitgenössischen Forscher ragte wohl niemand so weit an
Newton heran wie der schon wiederholt erwähnte Niederländer Huygens,
den Newton selbst Summus Hugenius nannte. Auch Huygens stand auf
den Schultern Galileis. Seine Tätigkeit erstreckte sich auf dieselben
Wissensgebiete, auf denen Newton bahnbrechend wirkte, auf die Optik
und die Mechanik; und wo zwischen beiden Forschern
Meinungsverschiedenheiten entstanden, hat deren Klärung nur Fortschritte
gezeitigt.

Abb. 80. Christiaan Huygens.

Christiaan Huygens wurde am 14. April des Jahres 1629 im Haag
geboren. Ausgestattet mit einer mathematischen Begabung, die frühzeitig
Bewunderung erregte, zeichnete ihn außerdem ein hervorragendes Geschick
für die praktische Bewältigung mechanischer Probleme aus. Wie auf
Galilei und auf Newton, so ist auch auf ihn die Mitwelt zuerst durch seine
astronomischen Entdeckungen aufmerksam geworden. Die von Galilei am
Saturn beobachtete, rätselhafte Erscheinung, die Galilei für eine
Verdreifachung dieses Gestirns angesehen hatte496, erfuhr nämlich durch
Huygens die richtige Deutung. Vor ihm hatten sich Grimaldi und

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besonders Hevel mit der Deutung des rätselhaften Aussehens dieses
Planeten beschäftigt. Grimaldi hatte den Eindruck, als ob Saturn mit zwei
Henkeln versehen sei, während Hevel für das veränderliche Aussehen des
Planeten einen periodischen Wechsel innerhalb eines bestimmten Zeitraums
nachwies.
Huygens dagegen erkannte vermittelst der vorzüglichen, von ihm
verfertigten Refraktoren, daß es sich hier weder um eine Verdreifachung
handeln könne, noch um zwei Henkel, die spätere Beobachter zu sehen
glaubten; sondern er erblickte den Saturn von einem freischwebenden
Ringe umgeben, wie es uns die dem Werke über das System des Saturn497
entnommene Abbildung 81 erkennen läßt.

Abb. 81. Huygens' Darstellung des Saturnringes.

Huygens machte diese Entdeckung im Jahre 1655. Er veröffentlichte sie
zunächst nach damaliger Sitte in Form eines Änigmas. Es lautete:
a7 c5 d1 e5 g1 h1 i7 l1 m2 n9 o4 p2 q1 r2 s1 t5 u5.
In diesem Ausdruck bedeuten die Ziffern, wie oft der betreffende Buchstabe
in der Lösung vorkommt. Letztere war: Saturnus cingitur annulo tenui,
plano, nusquam cohaerente et ad eclipticam inclinato498.
Huygens durfte mit Recht von einem System des Saturn reden, da er auch
den sechsten und größten der ihn umkreisenden Monde gefunden hatte499. Er
verfolgte diesen neuen Weltkörper lange Zeit und fand, daß er in 16 Tagen
seinen Umlauf um den Saturn vollendet.
Der von Huygens entdeckte Mond des Saturn war der erste500 der vielen
kleinen Begleiter dieses Planeten, den ein menschliches Auge erblickte;

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deshalb war auch diese Entdeckung Huygens' eine wesentliche
Bereicherung unserer Kenntnis des Planetensystems.
Fast zur selben Zeit, als die Entdeckung des Saturnringes erfolgte, wurde
Huygens auf die später zu besprechende Erfindung der Pendeluhr
geleitet501. Durch diese Leistungen war er schon, bevor er das 30. Lebensjahr
erreicht und noch ehe er seine für die Mechanik und die Optik
grundlegenden Werke veröffentlicht hatte, zu einer Berühmtheit von
europäischem Rufe geworden.
Als daher Colbert die französische Akademie der Wissenschaften
errichtete, war es das Erste, daß er den niederländischen Forscher an sie
berief. Huygens leistete der Ernennung Folge und blieb von 1666 bis 1681
eine Zierde des neubegründeten Instituts. Da jedoch in Frankreich die
Verfolgungen der Protestanten einen bedrohlichen Charakter annahmen,
kehrte er noch vor der Aufhebung des Ediktes von Nantes in die Vaterstadt
zurück, obgleich man ihm selbst volle Religionsfreiheit zugesichert hatte.
Er starb am 8. Juni 1695.

Der Ausbau der Wellentheorie des Lichtes.

Huygens' Hauptverdienst um die Optik besteht in dem Ausbau der
Wellentheorie des Lichtes. Angeregt wurden seine Betrachtungen einerseits
durch die Spekulationen Descartes' und Hookes 502, von denen der letztere
das Licht gleichfalls als eine Wellenbewegung ansprach, ohne jedoch seine
Ansichten ausführlicher zu begründen; andererseits durch die Entdeckung
der Doppelbrechung, sowie der Fortpflanzungsgeschwindigkeit des
Lichtes503. Mit dem Problem, diese Geschwindigkeit gleich derjenigen des
Schalles zu messen, hatte sich schon Galilei befaßt. Er war indes, wie man
es bei der Anwendung einfacher Lichtsignale nicht anders erwarten konnte,
zu keinem Ergebnis gelangt. Descartes' Meinung ging dahin, daß zwar
nichts Stoffliches von den leuchtenden Körpern in unser Auge gelange;
indessen sei das Licht keine Bewegung, sondern vielmehr ein Streben nach
Bewegung. Und dieses Streben beanspruche, als etwas gänzlich
Unkörperliches, zu seiner Fortpflanzung keine Zeit. Descartes war der
Erste, der die Frage durch astronomische Gründe zu entscheiden suchte.
Braucht das Licht, so schloß er, zu seiner Ausbreitung Zeit, dann kann die

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Verfinsterung des Mondes durch die Erde nicht in demselben Augenblicke
eintreten, in dem sich die Erdkugel zwischen Mond und Sonne schiebt. Nun
zeigen aber die Beobachtungen, daß die Mondfinsternis in eben diesem
Augenblicke beginnt. Die Fortpflanzung des Lichtes kann also keine Zeit
beanspruchen. Demgegenüber bemerkte Huygens, daß die Betrachtungen,
die Descartes anstellte, wohl eine sehr schnelle, keineswegs aber eine
augenblickliche Fortpflanzung des Lichtes beweisen. Wenn letzteres z. B.
den Weg von der Erde zum Monde innerhalb zehn Sekunden zurücklege, so
würde dies bei der astronomischen Beobachtung nicht leicht wahrzunehmen
sein.
Descartes war es auch, der zuerst die alte pseudo-aristotelische Ansicht
von der Entstehung der Farben aus einer Mischung von Hell und Dunkel
durch eine auf mechanischen Prinzipien beruhende Erklärung zu ersetzen
suchte, während Huygens von einer Erklärung der Farben gänzlich absah.
Huygens' Voraussetzung, daß das Licht zu seinem Wege Zeit gebrauche,
hatte erst wenige Jahre vor der Veröffentlichung seiner Wellentheorie ihre
Bestätigung gefunden504. Dies geschah durch die Beobachtungen, die der
dänische Mathematiker Olaf Römer 505 an dem innersten Jupitertrabanten
anstellte. Letzterer bewegt sich in etwa 42½506 Stunden um den
Zentralkörper und tritt nach jedesmaligem Ablauf dieses Zeitraums aus dem
Schatten des Jupiter heraus. Huygens gibt in seiner Abhandlung folgenden
Bericht über die von Römer angestellten Beobachtungen und Folgerungen:
A (Abb. 82) sei die Sonne, BCDE die jährliche Bahn der Erde, F der
Jupiter und GN die Bahn des nächsten seiner Begleiter. Bei H möge dieser
aus dem Schatten des Jupiter treten. Setzt man nun voraus, daß dies
geschah, während die Erde sich im Punkte B befand, so müßte man, wenn
die Erde an derselben Stelle bliebe, nach Ablauf von 42½ Stunden einen
ebensolchen Austritt beobachten. Wenn die Erde beispielsweise während 30
Umläufe des Mondes immer in B verharrte, so würde man ihn gerade nach
30 · 42½ Stunden wieder aus dem Schatten hervorkommen sehen. Während
dieser Zeit hat sich indes die Erde nach C bewegt, indem sie sich mehr und
mehr von dem Jupiter entfernt, der infolge seiner langen Umlaufszeit seine
Stellung wenig verändert. Daraus folgt, daß, wenn das Licht für seine
Fortpflanzung Zeit gebraucht, das Auftauchen des kleinen Mondes in C
später bemerkt werden wird, als dies in B geschehen wäre. Man muß
nämlich zu der Zeit von 30 · 42½ Stunden noch diejenige hinzufügen, die

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das Licht gebraucht, um den Weg MC, nämlich den Unterschied der
Strecken CH und BH zu durcheilen. Ebenso wird man, wenn die Erde von
D nach E gelangt und sich somit dem Jupiter nähert, das Eintreten des
Mondes G in den Schatten bei E früher beobachten müssen, als dies
geschehen würde, wenn die Erde in D geblieben wäre. Römers
Beobachtungen und Berechnungen ergaben, daß das Licht ungefähr 11
Minuten gebraucht, um den Halbmesser der Erdbahn zu durchlaufen.
Spätere Messungen haben diesen, in Anbetracht der großen Strecke sehr
geringen Wert sogar auf 8 Minuten herabgesetzt. Die Lichtgeschwindigkeit
ist demnach nicht das 600000fache derjenigen des Schalles, wie Huygens
angab, sondern nahezu das 900000fache.

Abb. 82. Römer berechnet die Geschwindigkeit des Lichtes507.

Wenn das Licht zu seinem Wege Zeit gebraucht, so folgt daraus nach
Huygens, daß es sich wie der Schall in kugelförmigen Flächen oder
Wellen ausbreitet. Indessen hebt er einen wichtigen Unterschied hervor.
Während nämlich der Schall durch die plötzliche Erschütterung des ganzen
Körpers oder eines beträchtlichen Teiles eines solchen hervorgebracht wird,
muß die Lichtbewegung von jedem Punkte des leuchtenden Gegenstandes
ausgehen, damit man alle seine Teile wahrnehmen kann.
Um das Licht zu erklären, nimmt Huygens ferner an, die leuchtenden
Körper seien aus sehr kleinen Teilchen zusammengesetzt, die sich heftig
bewegen und gegen die umgebenden, noch viel kleineren den Raum

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erfüllenden Teilchen stoßen. »Die Bewegung dieser Teilchen, die das Licht
verursachen«, fügt er hinzu, »muß viel schneller und heftiger sein als
diejenige der Körper, die den Schall bewirken, denn wir sehen, daß die
zitternde Bewegung eines tönenden Körpers ebenso wenig imstande ist,
Licht zu erzeugen, wie die Bewegung der Hand in der Luft Schall
hervorzubringen vermag.«
Die Materie, in der die von den leuchtenden Körpern ausgehende
Bewegung sich ausbreitet, nennt Huygens »Äther«. Sie könne nicht
dieselbe sein, wie diejenige, die zur Ausbreitung des Schalles diene. Denn
man finde, daß letztere nichts anderes ist, als die Luft, und daß, wenn man
die Luft wegnimmt, die andere, dem Lichte dienende Substanz
zurückbleibt. Es muß also, schließt Huygens, ein von der Luft
verschiedener Stoff, eben der Äther, vorhanden sein. Dieser erfüllt den
unendlichen Himmelsraum und den Raum zwischen den wägbaren Teilchen
der Körper. Er ist nicht schwer und somit nicht dem Gesetz der Gravitation
unterworfen.
Aus seiner Äthertheorie erklärte Huygens auch die Adhäsion sowie die
Kapillarität. Er war anfangs geneigt, beide auf den Druck der Luft
zurückzuführen. Versuche mit der Luftpumpe ergaben ihm jedoch, daß die
Erscheinungen im Vakuum dieselben bleiben. Darauf erklärte er die
Adhäsion, die Kapillarität und verwandte Erscheinungen aus dem Druck
einer materia subtilis, auf die er auch das Licht zurückführte.
Um die so außerordentlich rasche Fortpflanzung des Lichtes zu verstehen,
legt Huygens den Ätherteilchen drei Eigenschaften bei. Sie sind äußerst
klein, weit kleiner als die Luftteilchen; sie sind ferner sehr hart, gleichzeitig
aber äußerst elastisch. Nimmt man nämlich eine Anzahl gleich großer
Kugeln aus sehr hartem und gleichzeitig sehr elastischem Stoff, etwa Stahl,
und ordnet sie in gerader Linie so an, daß sie sich berühren, so wird, wenn
eine gleiche Kugel gegen die erste Kugel dieser Reihe stößt, die Bewegung
wie in einem Augenblicke bis zur letzten gelangen. Diese trennt sich darauf
von der Reihe, ohne daß man bemerkt, daß die übrigen sich bewegt hätten.
Die Kugel, die den Stoß ausgeübt hat, bleibt sogar unbeweglich mit den
übrigen vereint508. Es offenbare sich hierin ein Bewegungsübergang von
außerordentlicher Geschwindigkeit, die umso größer sei, je größere Härte
und Elastizität die Substanz der Kugeln besitze. Darin, daß der Äther als
flüssiger Körper sich in beständiger Bewegung befinden muß, weil die

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Bewegung der übrigen Materie in ihm vor sich geht, erblickt Huygens keine
Schwierigkeit. Die Fortpflanzung der Ätherwellen besteht nämlich nach
ihm nicht in der Fortbewegung der Ätherteilchen, sondern in einer geringen
Erschütterung, die sich trotz der ihre gegenseitige Lage verändernden
Bewegung auf die umgebenden Teilchen übertragen müsse. Was den
Ursprung dieser Wellen und die Art ihrer Fortpflanzung anbetrifft, fährt
Huygens fort, so folgt aus dem Vorausgeschickten, daß jede kleine Stelle
eines leuchtenden Körpers, wie der Sonne, einer Kerze oder einer
glühenden Kohle, Wellen erzeugt, deren Mittelpunkt diese Stelle ist. Sind z.
B. in einer Kerzenflamme A, B, C (Abb. 83) verschiedene Punkte, dann
stellen die um jeden dieser Punkte beschriebenen konzentrischen Kreise die
Wellen dar, die von den Punkten ausgehen.

Abb. 83. Die Fortpflanzung des Lichtes.

Auch darin, daß eine Menge von Wellen sich durchkreuzen, ohne sich
gegenseitig aufzuheben, liegt für Huygens nichts Unbegreifliches. Könne
doch dasselbe Stoffteilchen mehrere Wellen fortpflanzen, die von
verschiedenen oder sogar von entgegengesetzten Seiten kommen. Und zwar
geschehe dies nicht nur, wenn das Teilchen durch rasch
aufeinanderfolgende Stöße, sondern auch, wenn es durch Stöße getroffen
werde, die in demselben Augenblicke darauf wirken. Als Beweismittel führt
Huygens den schon oben erwähnten, aus elastischen Kugeln bestehenden
Apparat ins Feld. Wenn man nämlich gegen die ruhenden Kugeln von
entgegengesetzten Seiten in demselben Augenblicke gleich große Kugeln A

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und D stoße (Abb. 84), so werde man jede Kugel mit derselben
Geschwindigkeit, die sie beim Aufprall hatte, zurückschnellen und die
ganze Reihe an ihrer Stelle verharren sehen, obgleich die Bewegung
vollständig und zwar zweimal durch sie hindurchgegangen sei. Zwar könne
es unglaublich erscheinen, daß die durch die Bewegung so kleiner
Körperchen hervorgebrachten Wellen sich auf so ungeheure Entfernungen
fortzupflanzen vermögen, wie von der Sonne oder den Fixsternen bis zur
Erde. Doch auch dies Bedenken weiß Huygens zu beseitigen. Wenn sich
nämlich auch die Kraft dieser Wellen in dem Maße abschwäche, in dem
sich die Wellen von ihrem Ursprünge entfernen, so müsse man doch
erwägen, daß in einer großen Entfernung vom leuchtenden Körper eine
Unzahl von Wellen sich vereinigen. »Die unendliche Zahl von Wellen, die
in demselben Augenblicke von allen Punkten eines Fixsternes, etwa eines
so großen wie die Sonne, herkommen, bilden nur eine einzige Welle, die
auch genügend Kraft besitzen wird, um auf unsere Augen Eindruck zu
machen.«

Abb. 84. Huygens erklärt die Fortpflanzung des Lichtes.

Hinsichtlich der Fortpflanzung dieser Wellen sei ferner zu bedenken, daß
jedes Teilchen des Stoffes, in dem eine Welle sich ausbreitet, nicht nur dem
nächsten Teilchen, das in der von dem leuchtenden Punkte aus gezogenen
geraden Linie liegt, seine Bewegung mitteilen muß, sondern auch allen
übrigen, die es berühren und die sich seiner Bewegung widersetzen. Daher
muß sich um jedes Teilchen eine Welle bilden, deren Mittelpunkt dieses
Teilchen ist. Wenn also DCF (s. Abb. 85) eine Welle sei, die von dem
leuchtenden Punkte A als Zentrum ausgegangen ist, so werde das Teilchen
B, das zu den von der Kugel DCF umschlossenen gehört, seine die Welle
DCF in C berührende besondere Welle KCL in demselben Augenblicke
gebildet haben, in dem die von A ausgesandte Hauptwelle in DCF
angelangt sei. Ferner sei klar, daß die Welle KCL die Welle DCF eben nur
in dem Punkt C berühre, d. h. in demjenigen, der auf der durch AB
gezogenen Graden liegt. Auf dieselbe Weise bilde jedes andere Teilchen
innerhalb der Kugel DCEF wie bbdd usw. seine eigene Welle. Jede dieser
Wellen sei indessen nur unendlich klein im Vergleich zur Welle DCEF, zu
deren Bildung alle übrigen mit demjenigen Teile ihrer Oberfläche beitragen,

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der von dem Mittelpunkte A am weitesten entfernt sei. Ferner könne der
Wellenteil BG (Abb. 85), der den leuchtenden Punkt A zum Mittelpunkt
hat, sich nur bis zu dem von den Geraden ABC und AGE begrenzten
Bogen CE ausbreiten. Obgleich nämlich die Einzelwellen, welche durch
die im Raume CAE enthaltenen Teilchen erzeugt werden, auch außerhalb
dieses Raumes sich ausbreiten müßten, so träfen sie doch nirgends sonst, als
eben nur in dem Bogen CE, im nämlichen Augenblicke zusammen, um eine
die Bewegung abgrenzende Welle zu bilden. Hierin liegt für Huygens auch
der Grund, weshalb sich das Licht, sofern seine Strahlen nicht
zurückgeworfen oder gebrochen werden, nur in geraden Linien fortpflanzt,
so daß es einen Gegenstand nur dann beleuchtet, wenn der Weg von seiner
Quelle bis zu diesem Gegenstande längs solcher Linien offen steht. Wenn
beispielsweise eine durch undurchsichtige Körper begrenzte Öffnung BG
vorhanden wäre, so würden die von dem Punkte A kommenden Wellen
immer durch die Geraden BC und GE begrenzt sein, da diejenigen Teile
der Einzelwellen, die sich über BC und GE hinaus ausbreiten, zu schwach
seien, um daselbst Licht hervorzubringen.

Abb. 85. Erläuterung des Huygens'schen Prinzips.

Die Erscheinungen der Reflexion und der Brechung vermag Huygens aus
seinem soeben entwickelten Prinzip ohne Schwierigkeiten abzuleiten. AB
sei eine ebene Fläche (Abb. 86), AC ein Teil einer Lichtwelle, deren
Mittelpunkt soweit entfernt sei, daß AC als gerade Linie betrachtet werden
kann. Die Einzelwellen, die von den Punkten KKK ausgehen, werden dann
in einem bestimmten Augenblicke durch die gemeinschaftliche Tangente

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BN begrenzt. Aus der Figur (Abb. 86) ersieht man, daß die Winkel CBA
und NAB gleich sind, somit das Reflexionsgesetz bewiesen ist509.
Ebenso leicht erklärt Huygens aus seinem Prinzip die einfache Brechung,
unter der Voraussetzung, daß das Licht in den durchsichtigen Körpern eine
Verminderung seiner Geschwindigkeit erleidet. Daß die Körper keine
kontinuierliche Masse bilden, sondern aus nebeneinander gelagerten
Teilchen bestehen, schließt Huygens daraus, daß der Magnetismus und die
Schwerkraft, die für ihn materieller Natur sind, durch feste Körper hindurch
wirken. Die verbleibenden Zwischenräume sollen durch die Teilchen des
Äthers ausgefüllt sein. Beim Durchgang des Lichtes durch Körper seien
aber nicht nur die Äther-, sondern auch die Körperteilchen in Bewegung
und aus der geringeren Elastizität der letzteren erkläre sich die
Verlangsamung der Lichtwellen510. Es erhebt sich nun die Frage, weshalb
nicht alle Körper durchsichtig sind, da doch der Äther ihre Poren erfüllt.
Huygens begegnet dieser Schwierigkeit durch die Annahme, daß gewisse
Körperteilchen dem Äther gegenüber nachgiebig seien, ihre Gestalt unter
dem Druck des Äthers verändern und so die Bewegung des Äthers
vernichten.
Wir sehen, wie Huygens die von der neueren Philosophie, insbesondere
von Descartes begründete Korpuskulartheorie auszubauen und den
Zwecken der Naturerklärung dienstbar zu machen suchte. Huygens nahm
in der Entwicklung dieser Theorie eine abschließende Stellung ein, indem
er ihr den Wert einer wissenschaftlichen, die Grundsätze der Kinetik
benutzenden Betrachtungsweise zu verleihen wußte. Sehen wir nun, wie
Huygens das Verhalten des Lichtstrahls beim Eindringen in durchsichtige
Körper aus seinen Prinzipien erklärt.

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Abb. 86. Huygens erklärt die Reflexion des Lichtes.

AB (Abb. 87) sei die Grenze des durchsichtigen Körpers, AC ein
Wellenteil einer Lichtquelle, die soweit entfernt ist, daß AC als gerade
Linie angenommen werden kann. Es mögen sich ferner die
Geschwindigkeiten außerhalb und innerhalb des Körpers wie 3 : 2
verhalten. Dann wird sich in der Zeit, die das Licht gebraucht, um von C
nach B zu gelangen, um A in dem Körper eine Welle gebildet haben, die
durch BN begrenzt wird, und zwar wird das Stück AN nach der
Voraussetzung zwei Drittel von AG sein. Indessen auch um die Punkte
KKK bilden sich Einzelwellen, die durch Kreise dargestellt werden, deren
Halbmesser zwei Drittel der entsprechenden Verlängerungen KM, KM,
KM betragen. Alle diese Kreise haben nun BN als gemeinschaftliche
Tangente. Letztere begrenzt die Bewegung und ist somit die Fortsetzung der
Welle AC für den Augenblick, in dem sie von C nach B gelangt ist. Die
Lichtgeschwindigkeiten CB und AN, die für diesen Fall = 3 : 2
angenommen wurden, verhalten sich auch wie der Sinus von EAD zum
Sinus von FAN, so daß die Konstruktion mit dem Brechungsgesetz in
vollkommenem Einklang steht.

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Abb. 87. Huygens leitet aus seinem Prinzip das Brechungsgesetz ab.

Doppelbrechung und Polarisation.

Weit größere Schwierigkeiten machte es, aus dem Prinzip der
Elementarwellen die um die Mitte des 17. Jahrhunderts am isländischen
Spat entdeckte Doppelbrechung abzuleiten. Die betreffende Untersuchung
von Huygens bildet, wie sein Herausgeber sich ausdrückt, den Glanz- und
Mittelpunkt des ganzen Werkes und ist ein unübertroffenes Muster des
Zusammenwirkens experimenteller Forschung und scharfsinniger Analyse.
Huygens war bei dem Aufsehen, das Bartholins Schrift über den
Doppelspat511 erregt hatte, zu seiner Untersuchung geradezu gezwungen,
weil die neuentdeckte, wunderbare Erscheinung seine Erklärung der
gewöhnlichen Brechung umzustürzen schien. Das Ergebnis war, daß sich
die Doppelbrechung auf das gleiche Grundgesetz zurückführen und somit
zur Bestätigung desselben verwerten ließ.
Huygens begab sich zunächst an eine Nachprüfung der von Bartholin
gefundenen Ergebnisse. Die Winkel C, D (Abb. 88) des Rhomboeders fand
er gleich 101° 52ʹ, die Winkel A, B dagegen gleich 78° 8ʹ.

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Abb. 88. Huygens untersucht den Doppelspat.

Abb. 89. Huygens erläutert den Aufbau des Doppelspats.

Um die Form, die Spaltbarkeit und weiterhin auch die optischen
Eigenschaften des Doppelspats zu erklären, unternahm Huygens einen für
die weitere Entwicklung der mineralogischen Wissenschaft sehr wichtigen
Schritt. Er stellte sich nämlich vor, daß der Kristall aus kleinsten Teilchen
zusammengesetzt sei. Indem er dann weiter über die Form und die
Lagerung dieser Teilchen gewisse Annahmen machte, gelang es ihm, aus
diesen Annahmen die beobachteten Erscheinungen abzuleiten. Huygens
nahm an, die Teilchen des Kristalles seien Sphäroide, wie sie aus der
Umdrehung einer Ellipse um ihre kleinere Achse hervorgehen. Stehen die
Achsen dieser Sphäroide in einem bestimmten Verhältnis und setzt man
eine größere Zahl solcher Sphäroide in der in Abb. 89 angegebenen Weise
zusammen, so ergibt sich die aus der Beobachtung gefundene Form mit den
an ihr gefundenen Winkel- und Spaltungsverhältnissen. Wären nämlich die

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Sphäroide durch ein Bindemittel (im Modell könnte man die in der Natur
zwischen den Sphäroiden wirkenden Anziehungen durch Zusammenleimen
ersetzen) verbunden, so würde sich der aus ihnen aufgebaute Körper nach
Flächen spalten, welche den die Ecken bildenden Flächen parallel sein
müßten. Jedes Sphäroid würde sich nämlich von nur drei Sphäroiden der
benachbarten Schicht losreißen, während es sich doch von sechs
Sphäroiden trennen müßte, um die Schicht zu verlassen, der es selbst
angehört.
Da Huygens die Entdeckung machte, daß auch der Bergkristall das Licht
doppelt bricht, nahm er für dieses Mineral einen ähnlichen Aufbau an.
Derartige Betrachtungen über den regelmäßigen Bau der Kristalle aus
gleichartigen Teilchen von bestimmter Form sind, wie wir sehen werden, im
19. Jahrhundert durch Hauy wieder aufgenommen und auf sämtliche
Kristallformen ausgedehnt worden.
Über die Entdeckung der viel weniger auffallenden Doppelbrechung des
Bergkristalls teilt Huygens mit, er habe aus dem Material nach
verschiedenen Richtungen Prismen schneiden und diese gut polieren lassen.
Als er durch solche Prismen nach einer Kerzenflamme blickte, erschien sie
ihm doppelt. Jetzt war auch die Tatsache aufgeklärt, daß sich Linsen aus
dem so durchsichtigen Bergkristall für Fernrohre von einiger Länge als
unbrauchbar erwiesen hatten.
Wie die Form und die Spaltbarkeit des Doppelspats durch die Annahme
kleiner Sphäroide verständlich wird, so lassen sich die optischen
Eigenschaften nach Huygens aus sphäroidischen Lichtwellen erklären, die
in ihrer Lage mit den Körperteilchen übereinstimmen, so daß der Aufbau
des Kristalls als die Ursache sämtlicher geometrischen und physikalischen
Eigenschaften erscheint512. Es würde indessen zu weit führen, wenn wir den
Gang dieser Untersuchung eingehender verfolgen wollten. Es genügt hier,
die Fortpflanzung in sphäroidischen Wellen für das Licht zu betrachten, das
senkrecht auf die Fläche des Kristalles trifft und trotzdem abgelenkt wird.
Solche Wellen werden sich bilden, wenn sich das Licht »in der einen
Richtung etwas schneller als in der anderen ausbreitet.« AB (Abb. 90) sei
die Grenze zwischen dem Kristall und der Luft, RC sei ein Wellenteil des
Lichtes. Der Strahl treffe den Kristall in AKkkB. Von diesen Punkten
gehen aber nicht, wie es sonst die Regel ist, halbkugelförmige, sondern
halbsphäroidische Einzelwellen aus, deren große Achsen, wie VAX, gegen

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die Ebene AB geneigt sind. Um Punkt A wird sich nach Ablauf eines
gewissen Zeitteilchens ein halbes Sphäroid SVNT gebildet haben, das die
vom Punkte A ausgehende Einzelwelle darstellt. Um die Punkte K, k, k, B
bilden sich in derselben Zeit gleiche und ähnlich wie SVNT liegende
Einzelwellen, deren gemeinsame Tangente NQ analog der früheren
Betrachtungsweise wieder die in dem Kristall befindliche Fortsetzung der
Welle RC ist, denn diese Linie begrenzt in demselben Augenblicke die
Bewegung, die von der auf AB treffenden Welle RC herrührt. Diese
gemeinsame Tangente NQ ist zwar AB parallel und an Länge gleich, sie
liegt aber nicht AB genau gegenüber. »Jetzt verstand ich«, sagt Huygens,
»daß die an der Öffnung AB anlangende Welle RC fortfährt, sich von dort
zwischen den Parallelen AN und BQ fortzupflanzen.«

Abb. 90. Huygens erklärt die Doppelbrechung.

Wie Huygens dann die Lage und das Achsenverhältnis der Sphäroide
ergründet und unter der Annahme halbsphäroidischer Einzelwellen durch
eine Tangentenkonstruktion ähnlich derjenigen, die wir in Abb. 87 kennen
gelernt haben, den Gang des außergewöhnlichen Strahles für schräg
einfallendes Licht findet, muß in seiner Abhandlung selbst nachgesehen
werden513.
Aus der Konstruktion ergibt sich außer der zuerst betrachteten Anomalie,
daß senkrecht auffallendes Licht gebrochen wird, auch die Notwendigkeit,
daß es schräg einfallende Strahlen geben muß, welche durch den
Doppelspat hindurchgehen, ohne eine Brechung zu erleiden. In
Übereinstimmung mit der Rechnung zeigte die Erfahrung, daß sich so der

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Strahl verhält, der die Fläche des Kristalls unter einem Winkel von 73° 20ʹ
trifft514. Kurz, Huygens fand, daß jede Erscheinung, die er aus seiner
Hypothese abzuleiten vermochte, mit der Beobachtung übereinstimmte, ein
»nicht gering zu veranschlagender Beweis« für die Richtigkeit seiner
Voraussetzungen.
Nachdem Huygens seine Untersuchungen der optischen Eigenschaften des
Doppelspats bis zu diesem Punkte gefördert hatte, entdeckte er noch »eine
wunderbare Erscheinung«, die er aus seiner Theorie nicht abzuleiten
vermochte, nämlich die Polarisation des Lichtes durch Doppelbrechung. Er
beschreibt diese Entdeckung in folgender Weise: »Nimmt man zwei Stücke
des Kristalls und legt sie (Abb. 91) so aufeinander, daß alle Seiten des einen
denjenigen des anderen parallel sind, so wird der Strahl AB, der in dem
ersten Stück in die beiden Strahlen BD und BC zerlegt wird, beim Eintritt
in das zweite Stück sich nicht noch einmal spalten. Es wird vielmehr der
von der regelmäßigen Brechung herrührende Strahl DG noch eine
regelmäßige Brechung, der außergewöhnliche Strahl CE eine
unregelmäßige Brechung erleiden (Abb. 91). Dies geschieht immer, wenn
die Hauptschnitte beider Rhomboeder in ein und derselben Ebene liegen,
auch wenn die Seitenflächen der Rhomboeder gleichzeitig gegeneinander
geneigt sind.«

Abb. 91 Abb. 92.
Huygens entdeckt die Polarisation durch Doppelbrechung.

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Ordnete Huygens die beiden Kristalle dann in der Weise an, daß ihre
Hauptschnitte sich rechtwinklig schnitten (Abb. 92), so erlitt der
gewöhnliche Strahl ABDG in dem zweiten Kristall nur die eine, aber
außergewöhnliche Brechung GH, der außergewöhnliche Strahl aber nur die
eine, und zwar gewöhnliche Brechung EF.
In allen Zwischenstellungen endlich teilten sich die Strahlen beim Eintritt in
den unteren Kristall von neuem in je zwei, so daß aus dem ursprünglich
einzigen Strahl AB vier Strahlen entstanden. Diese vier Strahlen sind, wie
Huygens fand, je nach der Stellung der Kristalle bald von gleicher, bald
von verschiedener Helligkeit, jedoch so, daß sie »alle zusammen
anscheinend nicht mehr Licht enthalten, als der eine Strahl AB.«
Wenn Huygens sich auch nicht an eine Erklärung dieser von ihm
herrührenden, höchst wichtigen Entdeckung heranwagt, so macht er doch
darüber eine sehr zutreffende Bemerkung, welche denen, die sich später mit
dem Problem beschäftigten, einen wertvollen Fingerzeig bot. Huygens
meint nämlich, die Lichtwellen erhielten offenbar bei ihrem Durchgang
durch den ersten Kristall eine gewisse Anordnung, durch die ihr Verhalten
in dem zweiten Kristall bestimmt werde. Welcher Art aber die Anordnung
sei, dafür habe er keine befriedigende Erklärung finden können. Die von
Huygens als Polarisation bezeichnete Erscheinung blieb als vereinzelte
Sonderbarkeit fast unbeachtet, bis Malus nach mehr als einem Jahrhundert
fand, daß das Licht auch durch Reflexion polarisiert werden kann515. Die
Polarisation mußte solange jedem Erklärungsversuche widerstreben, als
man mit Huygens annahm, daß die Lichtschwingungen gleich denjenigen
des Schalles longitudinal seien. Erst nachdem man diese Annahme
aufgegeben, gelang der Undulationstheorie, wie uns die weitere
Entwicklung lehren wird, die Erklärung sämtlicher optischen
Erscheinungen.
Auch auf eine Erklärung der Farben hat Huygens verzichtet. Ihre
Entstehung wird in seiner Abhandlung nirgends gestreift. Dieser Umstand
hat viel dazu beigetragen, daß die Wellentheorie zunächst der
Emissionstheorie ihre Herrschaft nicht streitig zu machen vermochte. Die,
wenige Jahre vor der Entstehung seiner Abhandlung von Grimaldi (1665)
entdeckte, Beugung des Lichtes scheint Huygens damals noch nicht
gekannt zu haben, da er sie nirgends erwähnt.

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Descartes war der erste Physiker, der eine Farbenlehre schuf, die von der
bisher gültigen Meinung des Aristoteles 516, nach der die Farben durch
Mischung von Licht und Dunkelheit entstehen sollten, abwich. Für ihn
enthält der kosmische Raum eine außerordentlich feine Materie, die auch
die Zwischenräume der aus gröberem Stoff gebildeten, unseren Sinnen sich
offenbarenden Materie ausfüllt. Dieser feine Stoff befindet sich nach
Descartes als Ganzes und auch in seinen einzelnen Teilchen in einer
rotierenden Bewegung. Die großen Wirbel sind die Ursache der
Planetenbewegung, während die verschieden großen Teilrotationen die
Verschiedenartigkeit der Farben bedingen. Der Lichtstrahl selbst besteht nur
in einem Druck auf die den kosmischen Raum erfüllenden
Elementarteilchen, und ein solcher Druck braucht, weil er ja nur Tendenz
zur Bewegung und nicht Bewegung selbst ist, zu seiner Fortpflanzung keine
Zeit. Das Auge empfindet diesen Druck als Licht, und als Farben die
Rotationsbewegung der Elementarteilchen, die unter dem Einfluß dichter
optischer Medien überdies Änderungen erleidet, welche zum
Zustandekommen des Spektrums führen. Der stärksten Rotation der
kugelförmigen Teilchen entspricht das Rot, der schwächsten das Violett.
Descartes' Theorie fand zwar keine Annahme. Sie erregte aber als der
erste Versuch, das Licht und die Farben mechanisch zu erklären die
Aufmerksamkeit aller zeitgenössischen Physiker. Auch Boyle und
Newton haben sich mit ihr auseinander gesetzt.

Die Erfindung der Pendeluhr.

Von gleicher Bedeutung wie seine Leistungen auf dem Gebiete der Optik
waren Huygens' Arbeiten auf dem Felde der Mechanik, wenn es sich auch
hier nur um ein Fortbauen auf den von Galilei herrührenden Grundlagen
handeln konnte. Knüpfte Newton an Galileis Untersuchungen über den
Wurf an, so entwickelte Huygens die Theorie des Pendels, für das der
große Meister nur die fundamentalen Gesetze aufgefunden hatte, bis in alle
Einzelheiten. Dabei wandte er in seinem 1673 erschienenen Werke über die
Pendeluhr517, das den »Prinzipien« Newtons als ebenbürtig an die Seite
gestellt werden kann, die Geometrie in solch bewunderungswürdiger Weise
auf mechanische Probleme an, daß Newton sehr wahrscheinlich durch die
Mustergültigkeit der Huygens'schen Darstellung bewogen wurde, sich in

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dem genannten Hauptwerk gleichfalls geometrischer Beweise zu bedienen,
anstatt der höheren Analysis, in deren Besitz er sich damals schon befand,
den Vorzug einzuräumen518.
Die Frage der Einführung eines genauen Zeitmaßes war im Verlauf des 17.
Jahrhunderts, in dem so große Dinge auf den Gebieten der Astronomie und
der Physik geschahen, zu einer brennenden geworden. Der weitere
Fortschritt dieser Wissenschaften mußte wesentlich von der Einführung
eines solchen abhängen. Wir sahen, daß noch Galilei sich bei seinen
Fallversuchen einer Art Wasseruhr bediente519. Da Galilei mit Hilfe dieser
Vorrichtung die Schwingungsdauer eines und desselben Pendels als
konstant erwies, so mußte er auf den Gedanken kommen, sich dieses so viel
einfacheren Mittels als Zeitmaß zu bedienen. Galilei hatte sogar die Idee,
das Pendel mit einem Zählwerk zu verbinden520. Es kam nur noch darauf an,
den wiederholten Anstoß seitens der Hand, den die von Galilei ersonnene
Vorrichtung erforderte, durch eine automatisch wirkende Einrichtung zu
ersetzen. Hierin besteht die Erfindung des großen Huygens, auf die er
1667, im 28. Jahre seines Lebens, ein Patent nahm521.
Während man sich im Altertum, sowie im früheren Mittelalter nur der
Sonnen- und der Wasseruhren bedient hatte, kamen seit dem 11.
Jahrhundert Räderuhren mit Gewichten auf. Später wurden diese Uhren mit
einem Schlagwerk in Verbindung gesetzt. In der zweiten Hälfte des 14.
Jahrhunderts gab es derartige Turmuhren schon in vielen Städten. Ihre
Regulierung erfolgte durch Windflügel, wie sie noch heute bei den
Spielwerken gebräuchlich sind, oder durch eine horizontale, mit Gewichten
beschwerte Stange. Ihr Gang war jedoch so ungenau, daß ein Wärter ihn
überwachen und nach der Sonne und den Sternen regeln mußte.
Die nachstehende Abbildung zeigt uns die älteste der noch vorhandenen
Turmuhren. Sie hat von 1348–1872 in Dover die Stunden angegeben. Das
nicht mit abgebildete Gewicht hängt am Seile a und dreht zunächst das
Zahnrad b. Dieses setzt vermittelst des Zahngetriebes das Sperrad c in
Bewegung, das seinerseits mit der senkrechten Achse d eines
Horizontalpendels in Verbindung steht. Letzteres wird durch Laufgewichte
zu schnellerem oder langsamerem Schwingen veranlaßt und erhält seinen
Antrieb durch zwei an seiner Achse d befindliche Platten, die um den
Durchmesser des Sperrades von einander entfernt sind und abwechselnd in
dessen Zähne eingreifen.

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Abb. 93. Im South-Kensington-Museum (London) aufbewahrte Turmuhr aus
dem 14. Jahrhundert.

Deutschlands berühmteste Uhr war die im Jahre 1574 eingeweihte
astronomische Uhr im Straßburger Münster522. Sie war mit einem
Himmelsglobus verbunden (er befindet sich noch in Straßburg). Dahinter
befand sich ein immerwährender Kalender. Ein Astrolabium zeigte den
jeweiligen Stand der Planeten im Tierkreise an usw. Manches davon ist
erhalten geblieben523.
Für astronomische Beobachtungen hat zuerst Walther in Nürnberg im
Jahre 1484 eine Räderuhr konstruiert und benutzt. Hausuhren mit
Schlagwerk kamen um die Mitte des 16. Jahrhunderts auf. Auch
Taschenuhren waren damals schon häufiger anzutreffen. Sie werden auf
Peter Henlein in Nürnberg zurückgeführt, der das Gewicht durch eine
Feder ersetzte (1505). Ein Zeitgenosse schreibt darüber: »Er machte kleine
Uhren mit vielen Rädern. Diese Uhren können im Geldbeutel getragen
werden.« Wegen ihrer Form nannte man sie Nürnberger Eier.

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Abb. 94. Huygens' Abbildung der von ihm erfundenen Pendeluhr524.

Die dem Werke des Huygens entnommene Abbild. 94 zeigt die von ihm
erfundene Pendeluhr. Sie besteht in der Verbindung eines horizontalen,
gezähnten Rades K mit einer horizontalen Achse, deren Schaufeln LL
abwechselnd zwischen die Zähne eingreifen. Über D ist eine Schnur
gewickelt, die das Gewicht trägt. Die heute gebräuchliche Ankerhemmung
wurde erst später erfunden525.
Galilei hatte die Analogie der Pendelbewegung mit dem Fall über die
schiefe Ebene nachgewiesen. Huygens verallgemeinerte diese
Betrachtung, indem er den Fall durch eine beliebige Kurve auf eine Folge
von Bewegungen auf geneigten Ebenen zurückführte. Er fand, daß unter
den von ihm untersuchten Linien eine vorhanden war, in der die
Fallbewegung im luftleeren Raum vollkommen isochron verläuft. Es war
dies nicht der Kreisbogen, für den Galilei die Isochronie der
Schwingungen nachgewiesen zu haben glaubte, sondern die Cykloide. Der
tiefste Punkt B der Cykloide ABC (siehe Abb. 95) wird nämlich, wenn ein
Körper in dieser Kurve fällt, stets in derselben Zeit erreicht, von welchem
der zwischen A und B gelegenen Punkte aus die Bewegung auch beginnen
mag526.

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Abb. 95. Huygens beweist, daß die Schwingungen in der Cykloide isochron
erfolgen527.

Dieses Ergebnis seiner mathematischen Untersuchung wußte Huygens
auch praktisch zu verwerten. Um dem Pendel anstatt der Kreis- die
Cykloidenbewegung zu erteilen, kam es darauf an, daß der Faden, der bei
dem Kreispendel in jeder Stellung eine gerade Linie bildet, gezwungen
wird, sich an eine Kurve von bestimmter Gestalt anzuschmiegen. Die
Untersuchung ergab, daß diese Kurve gleichfalls eine Cykloide sein muß. In
der Abb. 95 stimmen dementsprechend die Cykloidenstücke AD und CD
mit den Stücken AB und BC überein. Abb. 96 zeigt uns die von Huygens
für sein Cykloidenpendel vorgeschlagene Einrichtung. Sie besitzt zwei
feste, cykloidisch gekrümmte Backen, denen sich der obere fadenförmige
Teil des Pendels anschmiegt. Anwendung hat das Cykloidenpendel selten
gefunden, da das Kreispendel nach Einführung der Ankerhemmung und bei
Anwendung kleiner Ausschläge den hinsichtlich der Genauigkeit des
Ganges zu stellenden Anforderungen genügend entspricht.
Die Taschenuhr versah Huygens (siehe Abb. 97) mit der noch jetzt
gebräuchlichen Unruhe528. Ferner entwickelte er die Theorie des konischen
oder Zentrifugalpendels529, das in einem horizontalen, vollen Kreise
schwingt, während gleichzeitig der Faden die Kegelfläche beschreibt, eine
Vorrichtung, die später Watt als Regulator der von ihm verbesserten
Dampfmaschine verwendet hat.

Page 310

Abb. 96. Huygens' Cykloidenpendel530.

Abb. 97. Huygens' Unruhe.

Fügen wir noch hinzu, daß Huygens die Länge des Sekundenpendels zum
erstenmal genauer bestimmte (er fand sie gleich 3,0565 Pariser Fuß), daß er
ferner die Formel für die Pendelbewegung531 und aus ihr die Beschleunigung
für den freien Fall ableitete, so erkennen wir, mit welcher Fülle neuer
Entdeckungen die Wissenschaft durch ihn bereichert wurde.
Die Beschleunigung g für den freien Fall oder die Acceleration der
Schwerkraft ergab sich, indem man in die Pendelformel t = π√(l/g) für l die
Werte für das Sekundenpendel (t = 1 und l = 3,0565) einsetzte und sie dann
nach g auflöste: 1 = π√(3,0565/g); g = π2 · 3,0565 = 30,1666 Pariser Fuß,
wofür Huygens 30 Fuß 2 Zoll setzte.

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Den Wert, den Huygens in Paris für die Länge des Sekundenpendels
ermittelt hatte, brachte er als Einheit für das Längenmaß in Vorschlag, ohne
jedoch den Beifall seiner Zeitgenossen zu finden.
Huygens hat sich nicht damit begnügt, die Wirkungen der Schwerkraft zu
erforschen, er hat sie auch, wie das Licht, mechanisch zu erläutern
gesucht532. Die Schwere darf man nach ihm nicht auf eine »Eigenschaft«
oder Neigung zurückführen wollen, sondern sie ist, wie jeder Vorgang in
der Natur, aus der Bewegung zu erklären. Huygens knüpft an Descartes
an, der die Schwere aus der Bewegung einer um die Erde kreisenden
Materie zu begreifen gesucht hatte. Die Schwere, sagt Huygens, wirke auf
eine so geheime Weise, daß die Sinne nichts darüber zu entdecken
vermöchten. Früher habe man diese Wirkungen inhärenten Eigenschaften
(Qualitäten) der Körper zugeschrieben. Dies heiße jedoch nicht die
Ursachen auseinandersetzen, sondern dunkle Prinzipien unterschieben.
Descartes dagegen habe erkannt, daß man die physikalischen Vorgänge
auf Begriffe zurückführen müsse, die unsere Fassungskraft nicht
übersteigen. Als solche gelten Descartes und Huygens die qualitätslose
Materie und ihre Bewegung.
Huygens ging dabei von folgendem Experiment aus. Er bedeckte den
Boden eines zylindrischen Gefäßes mit kleinen Stückchen eines festen
Körpers (z. B. Siegellack). Dann füllte er es zum Teil mit Wasser und ließ
es mit Hilfe einer Zentrifugalmaschine um die Achse rotieren. Hielt er die
Maschine und damit das Gefäß plötzlich an, so rotierte das Wasser noch
einige Zeit. Dabei zeigte es sich, daß die Siegellackstückchen nach dem
Mittelpunkt des Bodens getrieben wurden. Wie das Wasser in dem Gefäß,
so rotiert nach Huygens um die Erde eine »Äthermaterie«, deren
Flüssigkeitsgrad man sich unvergleichlich viel größer vorstellen müsse als
denjenigen, den wir beim Wasser bemerken. Befänden sich in dieser
flüssigen Materie gröbere Körper, so würden sie, wie der Versuch es zeige,
nicht der raschen Bewegung jener Materie folgen, sondern nach dem
Zentrum der Bewegung gestoßen. Die Schwere sei also »die Wirkung des
Äthers, der sich um den Erdmittelpunkt bewegt und sich von diesem
Zentrum zu entfernen und an seine Stelle diejenigen Körper zu drängen
sucht, welche dieser Bewegung nicht folgen.«
Auf die hier von Huygens entwickelten Vorstellungen gehen im Grunde
genommen auch die neueren Bestrebungen zurück, die Gravitation

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mechanisch zu erklären.

Förderung der Theorie des Pendels.

Huygens' Bedeutung ist hiermit bei weitem noch nicht erschöpft. Die
bisher gestreiften Leistungen auf dem Gebiete der Mechanik waren nämlich
entweder praktischer Art, oder sie bestanden in der Betrachtung des
einfachen Pendels, worunter ein materieller Punkt verstanden wird, der an
einem gewichtslosen Faden schwingt. Bald nachdem die Untersuchungen
Galileis in den nördlichen Ländern Europas bekannt geworden waren,
hatte ein französischer Gelehrter533 die Frage aufgeworfen, nach welchen
Gesetzen denn die Schwingungen beliebig gestalteter Körper vor sich
gingen. Descartes und andere scharfsinnige Mathematiker, darunter auch
der damals 17 Jahre alte Huygens, nahmen das Problem in Angriff, ohne
eine Lösung finden zu können. Descartes gab zwar eine schärfere
Formulierung. »Wie es einen Schwerpunkt in allen frei herabfallenden
Körpern gibt«, sagt er, »so haben alle Körper, die sich vermöge der
Schwere um irgend einen Punkt bewegen, einen Agitationspunkt; und alle
Körper, bei denen dieser Agitationspunkt gleich weit vom Aufhängepunkt
entfernt ist, machen ihre Hin- und Hergänge in derselben Zeit«. Die
Bestimmung dieses Agitations-, Oszillations- oder
Schwingungsmittelpunktes gelang erst viel später Huygens, der seine
Methode, 27 Jahre, nachdem die Frage aufgeworfen war, in seinem Werke
über die Pendeluhr bekannt gab.
Man nehme außer dem materiellen Punkt, der das einfache Pendel bildet,
auf der Pendellinie noch einen zweiten Punkt an, der mit dem ersten in
fester Verbindung steht (siehe Abb. 98). Sucht man nun die Länge ox
desjenigen einfachen Pendels zu bestimmen, das die gleiche
Schwingungszeit wie das System ab besitzt, so hat man das Problem des
Schwingungsmittelpunktes in seiner einfachsten Form. Der Punkt b wird
durch a gehemmt, a durch b dagegen beschleunigt. Mithin wird der Punkt b
langsamer und der Punkt a schneller schwingen, als sie es für sich allein tun
würden, und es muß zwischen b und a einen Punkt geben, der die gleiche
Schwingungszeit besitzt wie das System ab.

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Abb. 98. Das Problem des Schwingungsmittelpunktes.

Es entsteht nun die Frage, wie sich bei einem physischen, aus unendlich
vielen Massenteilchen zusammengesetzten Pendel die Bewegungen der
untereinander in fester Verbindung stehenden Teile zu einer
Gesamtbewegung vereinigen. Die Lösung dieses Problems des physischen
oder zusammengesetzten Pendels ist ohne Frage die bedeutendste Leistung,
die Huygens auf dem Gebiete der theoretischen Mechanik vollbrachte. Er
widmet dem Problem den vierten Teil seines großen Werkes.
Vorausgeschickt sind einige Erklärungen, darunter vor allem die Definition
des Schwingungsmittelpunktes. Sie lautet: »Als Schwingungs- oder
Oszillationszentrum einer beliebigen Figur wird derjenige Punkt auf der
Schwerelinie bezeichnet, der soweit von der Schwingungsachse entfernt ist,
wie die Länge des einfachen Pendels beträgt, das die gleiche
Schwingungsdauer wie die Figur besitzt534.« Man kann sich also in diesem
Punkte die Masse des schwingenden Körpers ebenso konzentriert denken,
wie in dem Schwerpunkt die Masse des ruhenden Körpers. Auch in dem
Oszillationspunkt sind nämlich die verschiedenen, auf die Teile des Pendels
während seiner Schwingung wirkenden Kräfte zu einer Resultierenden
vereinigt, wie während der Ruhelage die parallel gerichteten Schwerkräfte
sich zu einer Resultierenden zusammensetzen, die durch einen Punkt des
ganzen Systems geht, den wir deshalb als Schwerpunkt bezeichnen. Die
Lösung dieses verwickelten Problems gelang Huygens auf Grund eines
von ihm aufgestellten Prinzips, das sich sowohl hier als auch in der Folge

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als eins der allerwichtigsten erwiesen hat. Es lautet in der Fassung seines
Begründers: »Wenn irgendwelche schwere Körper vermöge der auf sie
wirkenden Schwerkraft sich in Bewegung setzen, so kann ihr gemeinsamer
Schwerpunkt nicht höher steigen, als er sich zu Beginn der Bewegung
befand«535. Huygens erläutert dies Prinzip am Pendel, indem er sagt, nach
der Entfernung der Luft und jedweden anderen Hindernisses müsse der
Schwerpunkt des bewegten Pendels beim Herabfallen und Emporsteigen
stets gleiche Bogen durchlaufen. Damit ist für ihn zugleich die Möglichkeit
des Perpetuum mobile, d. h. einer Erzeugung von Kraft ohne einen
entsprechenden Aufwand widerlegt. Eine solche Erzeugung aus dem Nichts
würde nämlich statthaben, wenn die Masse höher stiege, als sie zuvor
herabgefallen ist.
Aus den Fallgesetzen war bekannt, daß die Höhe, welche die Masse beim
Emporsteigen erreicht, proportional ist dem Quadrate der Geschwindigkeit,
die sie beim Herabfallen erlangt. Die Geschwindigkeiten der
Massenteilchen des Pendels sind aber den Abständen dieser Teilchen von
der Drehungsachse proportional. Mit Hilfe dieser Sätze gelingt Huygens
die allgemeine Lösung des Problems vom Schwingungsmittelpunkt. »Man
findet seine Entfernung von der Drehachse«, sagt er, »indem man die
Summe der Produkte der Massen mit den Quadraten der Abstände von der
Drehungsachse durch das Produkt aus der Summe dieser Massen und ihren
Abständen von der Drehungsachse dividiert.« Zur Erläuterung diene die
Abb. 99. Eine Reihe von materiellen Punkten B, C, D ..., deren Massen m1
m2 m3 sind, seien zu einem Massensystem verbunden. Ihre Entfernungen
von der Drehungsachse A seien a1, a2, a3 ... Dann ist nach dem von
Huygens gefundenen Satze die Entfernung z des Schwingungspunktes O
vom Aufhängepunkt A:
z = (m1a12 + m2a22 + m3a32 ...)/(m1a1 + m2a2 + m3a3 ...)
oder kürzer ausgedrückt:
z = (∑ (ma2))/(∑ ma)

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Abb. 99. Huygens löst das Problem des Schwingungsmittelpunktes.

Nachdem dann Euler für das Produkt aus der Masse und dem Quadrat ihrer
Entfernung von der Drehungsachse die Bezeichnung »Trägheitsmoment«
eingeführt hatte, lautete der Satz von Huygens in der noch heute üblichen
Fassung: Man erhält die Entfernung des Schwingungspunktes von der
Drehachse eines physischen Pendels, wenn man die Summe der
Trägheitsmomente durch die Summe der statischen Momente dividiert.
Der von Huygens ausgesprochene Satz, daß der gemeinschaftliche
Schwerpunkt miteinander verbundener, als Ganzes aber isolierter Massen
nicht höher steigen kann, als er zuvor durch den Fall herabgesunken ist,
wurde später von Johann Bernoulli als ein allgemeines Naturgesetz
hingestellt und das »Prinzip von der Erhaltung der lebendigen Kräfte«
genannt. Der letztere Ausdruck stammt wieder von Leibniz her, der unter
lebendiger Kraft das Produkt aus der Masse und dem Quadrate der
Geschwindigkeit verstand und über den im Weltall vorhandenen
Kräftevorrat gleichfalls schon Betrachtungen anstellte.
Auf die Ableitung der Hauptsätze folgt die Bestimmung des
Schwingungsmittelpunktes für einige geometrische Figuren. Auch darauf
machte schon Huygens aufmerksam, daß sich die Schwingungszeit eines
Pendels nicht ändert, wenn man es im Schwingungsmittelpunkte aufhängt,
und daß in diesem Falle der Punkt, der vorher Aufhängepunkt war, zum
Schwingungsmittelpunkte wird. Von ihm rührt also die Idee des

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Reversionspendels her, das erst im 19. Jahrhundert für die genauere
Bestimmung der Länge des Sekundenpendels so wichtig geworden ist.

Untersuchungen über die Zentrifugalkraft.

Am Schlusse seines Werkes über die Pendeluhr bringt Huygens noch die
wichtigsten Sätze über die Zentrifugalkraft. Auch hier handelt es sich um
eine Erweiterung der Galilei'schen Lehre von der Pendelbewegung. Wird
ein Körper, der sich im Zustande der geradlinigen und gleichförmigen
Bewegung befindet, in eine kreisförmige Bahn gezwungen, so übt er einen
vom Zentrum dieses Kreises fortgerichteten Zug aus, dem entweder durch
den gleichen Gegendruck oder durch die Spannung eines den Körper und
das Zentrum verbindenden Fadens das Gleichgewicht gehalten werden
muß. Huygens lieferte den Beweis, daß die Zentrifugalkraft wie das
Quadrat der Geschwindigkeit zunimmt und in dem Verhältnis kleiner wird,
wie der Radius wächst.
Eine ausführliche Abhandlung, die Huygens über die Zentrifugalkraft
geschrieben, wurde erst nach seinem Tode veröffentlicht. Sie führt den Titel
Tractatus de vi centrifuga und ist neuerdings in deutscher Übersetzung
herausgegeben worden536. Als sie zuerst im Jahre 1703 erschien, hatte
Newton die Lehre von der Zentrifugalkraft schon von einem viel
allgemeineren Standpunkt aus entwickelt und sich dabei nicht wie
Huygens auf die Kreisbewegung beschränkt, sondern die Untersuchung
dieses Problems auf die elliptische Bewegung der Himmelskörper
ausgedehnt.
Das Ergebnis der von Huygens über die Zentrifugalkraft geführten
Untersuchung läßt sich durch zwei Sätze ausdrücken, aus denen man
sämtliche für diese Kraft in Betracht kommenden Umstände ableiten kann.
Bezeichnet man nämlich die Geschwindigkeit des im Kreise sich
bewegenden Körpers mit v, seine Masse mit m und den Halbmesser des
Kreises mit r, so ist die Zentrifugalkraft:
P = mv2/r
Da ferner v gleich dem Verhältnis des Weges 2rπ zur Zeit t ist, so ist auch
P = m4rπ2/t2

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Die Formel P = (mv2)/r ist der kürzeste Ausdruck der beiden in der
Abhandlung vorangestellten Lehrsätze, die Huygens, wie folgt, ausspricht:

1. Wenn gleiche Körper auf ungleichen Kreisen mit gleicher
Geschwindigkeit rotieren, so verhalten sich die Zentrifugalkräfte
umgekehrt wie die Durchmesser, so daß auf dem kleineren Kreise die
besagte Kraft größer ist.
2. Wenn gleiche Körper auf gleichen (oder auf demselben) Kreise mit
ungleichen Geschwindigkeiten rotieren, so verhalten sich die
Zentrifugalkräfte wie die Quadrate der Geschwindigkeiten.

Huygens untersucht dann, wie groß die Geschwindigkeit eines Körpers
sein muß, wenn die auf ihn wirkende Zentrifugalkraft die Schwere aufheben
soll. Er erörtert ferner die infolge der Pendelbewegung auftretende
Zentrifugalkraft und findet beispielsweise537, daß ein einfaches Pendel,
dessen Masse = 1 gesetzt wird, nach Ablauf der größten seitlichen
Schwingung, d. h. nachdem es durch den ganzen Quadranten des Kreises
gefallen und im tiefsten Punkte angekommen ist, mit einer dreimal so
großen Kraft an seinem Faden zieht, als wenn es ruhend an ihm hängt538. Am
eingehendsten betrachtet er endlich den Fall, daß »an Fäden aufgehängte
Körper so rotieren, daß sie horizontale Kreisperipherien durchlaufen,
während das andere Fadenende unbewegt bleibt«. Er findet, daß sich die
Kräfte, welche die Fäden spannen, bei zwei Zentrifugalpendeln (Abb. 100)
von gleichem Gewicht, aber ungleichen Fadenlängen, bei gleicher Höhe der
Kegel wie die Fadenlängen verhalten. Bezüglich der übrigen bei der
Bewegung des Zentrifugalpendels obwaltenden Verhältnisse muß auf die
Lehrsätze VIII-XIV der Huygens'schen Abhandlung hingewiesen werden.
Unter den Versuchen, die Huygens über die Zentrifugalkraft anstellte, sind
ihrer Bedeutung wegen besonders die folgenden hervorzuheben. Er ließ
einen ganz mit Wasser gefüllten Behälter, in den er zuvor einige Holzkugeln
gebracht hatte, um seine Achse rotieren. Die Holzkugeln eilten dann auf die
Achse zu, ein Beweis, daß die Zentrifugalkraft von dem spezifischen
Gewicht der rotierenden Körper abhängig ist. Der Versuch wird heute in der
Weise ausgeführt, daß man Holzkugeln in die Röhren RR des in Abbildung
101 skizzierten Apparates bringt. Sind die Röhren mit Luft gefüllt, so
entfernen sich die Kugeln von der Achse und laufen, wenn die Drehung
hinreichend schnell erfolgt, bergan. Füllt man die Röhren dagegen

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vollständig mit Wasser, so bewegt sich das spezifisch leichtere Holz nach
der Achse hin. Das Hinablaufen der Holzkugeln in der mit Wasser gefüllten
Röhre erregt zunächst Verwunderung. Die Technik hat sich dies Verhalten
bekanntlich zunutze gemacht, um mittelst Zentrifugen die wässrigen
Bestandteile der Milch von den darin schwimmenden, spezifisch leichteren
Buttertröpfchen zu trennen.

Abb. 100. Huygens untersucht die Bewegung des Zentrifugalpendels539.

Abb. 101. Huygens zeigt, daß sich bewegliche Körper unter dem Einfluß der
Zentrifugalkraft nach den spezifischen Gewichten ordnen540.

Den zweiten Versuch stellte Huygens mit einer Tonkugel an, indem er sie
in rasche Drehung versetzte. Die Zentrifugalkraft wirkt auf jeden, außerhalb
der Drehachse gelegenen Punkt eines rotierenden Körpers. Ist die
Verbindung keine starre, besteht der Körper z. B. aus einem plastischen
Stoff, so werden, schloß Huygens, infolge der mit der Entfernung von der
Achse wachsenden Zentrifugalkräfte Formveränderungen eintreten. Zum

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Beweise des Gesagten wurde eine Tonkugel auf eine durch ihren
Mittelpunkt gehende Achse gesteckt und in Drehung versetzt. Die Kugel
nahm darauf die Form eines an den Polen abgeplatteten Sphäroids an.
Durch diesen Versuch und die vorausgehenden Überlegungen vermochte
Huygens die von ihm beobachtete Abplattung des Jupiter zu deuten. Sie
erschien ihm als das sicherste Zeichen dafür, daß dieser Planet, ähnlich wie
die Erde, eine Rotationsbewegung besitzt. Dann war aber auch, schloß
Huygens, die allen bisherigen Gradmessungen zugrunde liegende Ansicht
von der Kugelgestalt der Erde vermutlich eine irrige. Rotiert nämlich die
Erde, und ist sie kein absolut starrer Körper, so muß sie gleichfalls von der
Kugelgestalt abweichen. Die von Huygens angestellte Berechnung ergab
für unseren Planeten eine Abplattung von 1 : 587. Newton, der sich mit
derselben Frage beschäftigte, fand auf theoretischem Wege ein Resultat, das
den Ergebnissen späterer Messungen besser entsprach. Der von ihm
berechnete Wert betrug 1 : 229.
Diese Untersuchungen der beiden großen Mathematiker sollten durch eine
merkwürdige Beobachtung, die zugleich auf die Wichtigkeit der Pendeluhr
das hellste Licht warf, ihre Bestätigung finden. Der französische Astronom
Jean Richer stellte im Jahre 1672 auf der in der Nähe des Äquators
gelegenen Insel Cayenne astronomische Messungen an. Dabei fiel ihm auf,
daß seine von Paris mitgenommene Uhr täglich um 2 Minuten zurückblieb.
Als er das Pendel um 5/4 Linien541 verkürzte, zeigte die Uhr wieder einen
richtigen Gang. Nach Paris zurückgebracht, ging sie indes zu schnell, bis
dem Pendel seine ursprüngliche Länge wiedergegeben wurde. Huygens
erklärte diese Erscheinung als eine Folge der mit der Annäherung an den
Äquator zunehmenden Schwungkraft, welche der Schwere entgegenwirkt
und unter dem Äquator 1/289 der Schwere zu Paris beträgt542. Würde
demnach, führt Huygens aus, die Erde 17mal so schnell rotieren (172 =
289), so würde die Schwere durch die Schwungkraft völlig aufgehoben
werden, so daß bei einer weiteren Steigerung der letzteren die am Äquator
befindlichen Körper sich von der Erde fortbewegen müßten.
Eine Berechnung Newtons ergab zwar für die Schwungkraft gleichfalls
den von Huygens gefundenen Wert. Während letzterer aber noch annahm,
daß die Schwere auf der ganzen Erde die gleiche sei, und daß die
Änderungen in der Länge des Sekundenpendels ausschließlich durch die
wechselnde Größe der Schwungkraft bedingt würden, zeigte Newton, daß

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die Schwere, auch wenn man von der Zentrifugalkraft völlig absieht, einen
veränderlichen Wert besitzt und mit der Annäherung an den Äquator
abnimmt. Für die Notwendigkeit einer Verkürzung des Pendels an Orten
geringerer geographischer Breite ergaben sich somit zwei Ursachen, die
Verminderung der Schwere und das Anwachsen der, einen Teil der letzteren
aufhebenden, Zentrifugalkraft.
Die Mehrzahl der französischen Gelehrten verhielt sich diesen Ergebnissen
gegenüber ablehnend. Man war zunächst geneigt, die von Richer
beobachtete Erscheinung auf den Einfluß der Wärme zurückzuführen.
Newton hatte diesen Einfluß als zwar meßbar, aber sehr geringfügig,
angenommen, da eine 3 Fuß lange Eisenstange während des Winters nur um
1/6 Linie kürzer sei als im Sommer. Auch gegen die Lehre, daß die Erde ein
an den Polen abgeplattetes Sphäroid sei, erhob sich in Frankreich
Widerspruch. Dominique Cassini (1625–1712), der Direktor der im Jahre
1667 gegründeten Pariser Sternwarte, für dessen ausgezeichnetes
Beobachtungsvermögen die Entdeckung von vier Saturnmonden543, sowie
der Rotation des Jupiter sprachen, glaubte nämlich aus den Resultaten
neuerer Gradmessungen schließen zu dürfen, daß die Erde eher ein
längliches Sphäroid sei, anstatt an den Polen eine Abplattung aufzuweisen.
Die Newtonianer nahmen indes die Beobachtungen an dem Jupiter, der
entsprechend seiner auffallend raschen Umdrehung544 eine starke Abplattung
an den Polen zeigt, als einen Analogiebeweis für ihre außerdem durch die
oben erwähnten theoretischen Gründe gestützte Ansicht in Anspruch.
Dieser Streit setzte sich bis über das Zeitalter Newtons hinaus fort.
Endlich sahen sich die französischen Gelehrten veranlaßt, ihn durch
genauere Gradmessungen zum Austrag zu bringen. Das Ergebnis war die
Richtigkeit der Voraussetzung Newtons, dessen System nunmehr auch in
Frankreich einen vollständigen Sieg errang. Wir werden uns mit dieser
Lösung des Problems bei der Betrachtung des auf die Newton-
Huygensperiode folgenden Zeitraumes, in dem auch die erste genauere
Feststellung der Abmessungen unseres Sonnensystems gelang, zu
beschäftigen haben545.

Die Begründung einer Theorie des Stoßes.

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Auf das Gesetz von der Erhaltung der lebendigen Kräfte wurde Huygens
nicht nur, wie wir oben gesehen haben, durch die Erforschung der
Pendelbewegung geführt, sondern er gelangte zu diesem Grundgesetz
gleichfalls durch die von ihm und einigen ihm nahestehenden Physikern in
Angriff genommene Untersuchung des Stoßes. Eine Theorie des Stoßes gab
es während der ersten Hälfte 17. Jahrhunderts noch nicht. Galilei hatte in
seinen »Unterredungen« dem Stoßproblem zwar einen besonderen
Abschnitt gewidmet; leider ist dieser aber unvollendet geblieben. Soviel ist
gewiß, daß Galilei hier über allgemeinere Überlegungen nicht
hinausgekommen ist546. Auch Descartes' Bemühungen, die Gesetze des
Stoßes zu ergründen, waren erfolglos geblieben. Aus diesem Grunde stellte
im Jahre 1668 die Royal Society ihren Mitgliedern die Aufgabe, die
angedeutete, in der Mechanik noch bestehende Lücke auszufüllen.
Infolgedessen entstanden die Abhandlungen, die Wallis, Wren und
Huygens kurze Zeit nach der an sie ergangenen Aufforderung über die
Theorie des Stoßes veröffentlichten.
John Wallis wurde 1616 in einem kleinen Orte der Grafschaft Kent
geboren und bekleidete seit 1649 die Professur der Mathematik in Oxford547.
Sein Hauptverdienst ist seine Mitwirkung an der Begründung der höheren
Mathematik. Die von Cavalieri und von Wallis herrührenden Vorarbeiten
haben Newton und Leibniz den Weg zur Erfindung der
Infinitesimalrechnung geebnet. Wallis war 1650 mit Cavalieris 548
»Indivisibilien« bekannt geworden. Er ließ auf dieses Werk im Jahre 1655
seine »Arithmetica infinitorum« folgen549, in der Quadraturen durch
Zerlegen eines Flächenstückes in unendlich viele schmale Parallelogramme
und deren Summierung ausgeführt werden.
Wallis war der erste von den drei Begründern der Theorie des Stoßes, der
seine Abhandlung der Royal Society vorlegte. Sie erschien im Jahre 1668
und führt den Titel: A summary Account given by Dr. John Wallis of the
general laws of motion550.
Wallis betrachtet den Stoß unelastischer Körper, und zwar den zentralen
Stoß, bei dem sich die Körper auf einer, ihre Schwerpunkte verbindenden,
geraden Linie bewegen. Für seine Ableitung verwendet er den schon bei
Descartes vorkommenden Begriff der Bewegungsgröße. Die Massen der
zusammenstoßenden Körper seien m und m1. Die Geschwindigkeiten seien

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v und v1. Die Geschwindigkeit, welche die Masse m + m1 nach dem Stoß
besitzt, sei dagegen u. Dann besteht, wie Wallis fand, die Gleichung u =
(mv + m1v1)/(m + m1) für die gleichgerichtete und u = (mv - m1v1)/(m +
m1) für die entgegengesetzt gerichtete Bewegung.
Der Zweite, der sich auf Veranlassung der Royal Society mit der
Erforschung der Stoßgesetze befaßte, war der als Baumeister berühmte
Christoph Wren, dem London mehr als 60 öffentliche Gebäude und den
Plan für seinen Wiederaufbau nach dem großen Brande vom Jahre 1666
verdankte. Wren wurde 1632 geboren und starb im Jahre 1723. Er gehörte
zu den Gründern der Royal Society.
Wren fand durch Versuche mit pendelnden Körpern die Sätze für den Stoß
elastischer Körper, ohne die dazu gehörenden Ableitungen geben zu
können. Auch Huygens veröffentlichte wenige Monate nach Wren die
Gesetze für den zentralen Stoß elastischer Körper ohne Beweise (im
Februar des Jahres 1669). Die von Wren und von Huygens gefundenen
Ergebnisse lassen sich in folgende Formeln einkleiden. Sind m und m1 die
stoßenden Massen, v und v1 die Geschwindigkeiten vor, u und u1 die
Geschwindigkeiten nach dem Stoß, ist ferner e der Elastizitätskoeffizient,
so ist:
u = (mv + m1v1 - e(v - v1)m1)/(m + m1)
u1 = (mv + m1v1 + e(v - v1)m)/(m + m1).
Huygens hat später die Lehre vom Stoß ausführlicher und mit Beweisen
entwickelt. Die betreffende Abhandlung erschien aber erst acht Jahre nach
seinem Tode in lateinischer Sprache. Sie wurde neuerdings in deutscher
Übersetzung herausgegeben551. Mit dem Inhalt dieser grundlegenden Arbeit
des großen Forschers wollen wir uns etwas näher befassen.
Obgleich Huygens nirgends von vollkommener Elastizität spricht, setzt er
sie dennoch stets voraus. Es geht dies aus der zweiten von den drei, seinen
Lehrsätzen vorangestellten, Voraussetzungen hervor. Sie lautet: »Wenn zwei
gleiche Körper mit gleichen Geschwindigkeiten aus entgegengesetzter
Richtung und direkt sich treffen, so prallt jeder von beiden mit derselben
Geschwindigkeit zurück, mit der er kam.« Die andere Voraussetzung ist das
Beharrungsgesetz und die dritte das wichtige, von Huygens aufgestellte

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und in seiner Schrift zur konsequenten Durchführung gebrachte Axiom der
relativen Bewegung. Nach diesem Axiom ist die Bewegung der Körper und
die Gleichheit oder Verschiedenheit der Geschwindigkeiten relativ
aufzufassen, d. h. im Hinblick auf andere Körper, die als ruhend betrachtet
werden, wenn sie auch vielleicht in einer anderen, gemeinsamen Bewegung
begriffen sind. Huygens erläutert z. B. den Fall, daß der Insasse eines
fahrenden Schiffes zwei gleiche Kugeln in der Fahrtrichtung mit gleicher
Geschwindigkeit aufeinanderprallen läßt. Für ihn werden sie dann mit
gleicher Geschwindigkeit voneinander zurückprallen. Für einen am Lande
stehenden Zuschauer muß indessen, wenn die Geschwindigkeit der Kugeln
gleich derjenigen des Schiffes ist, die eine Kugel nach dem Stoße unbewegt
bleiben, während die andere mit einer Geschwindigkeit zurückprallt, die
doppelt so groß ist als die ihr von dem Passagier erteilte Geschwindigkeit.

Lebendige Kraft und Erhaltung der Kraft.

Die Sätze, welche Huygens entwickelt, behandeln durchweg den zentralen
Stoß. Da indessen das Verhältnis der Massen und der Geschwindigkeiten
geändert wird, so ergibt sich für seine Betrachtungen eine Mannigfaltigkeit
von Fällen. Einige der wichtigsten mögen hier hervorgehoben werden.
»Wenn auf einen ruhenden Körper ein anderer gleicher Körper stößt, so
wird dieser nach der Berührung ruhen, für den ruhenden aber wird dieselbe
Geschwindigkeit gewonnen werden, die der stoßende besaß.«
Dieser Satz ist ein besonderer Fall des folgenden: »Wenn zwei gleiche, mit
ungleichen Geschwindigkeiten bewegte Körper zusammenstoßen, so
werden sie sich nach dem Stoße mit vertauschten Geschwindigkeiten
bewegen.«
In diesem, besonders aber in dem berühmten elften, von Huygens
aufgestellten Satze, kommt das umfassende Prinzip zum Ausdruck, daß die
gesamte Bewegungsenergie beim Stoße vollkommen elastischer Körper
unverändert bleibt.
Der elfte Satz lautet: Beim wechselseitigen Stoß zweier Körper ist die
Summe der Produkte aus den Massen mit den Quadraten ihrer
Geschwindigkeiten vor und nach dem Stoße gleich. Jenes Produkt wurde
seit Leibniz als lebendige Kraft bezeichnet. In dem Satz von Huygens

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(1669) wird somit zum ersten Male das umfassendste Gesetz der Mechanik,
das Gesetz von der Erhaltung der lebendigen Kraft, zum Ausdruck
gebracht. Eine philosophische Andeutung dieses Grundgesetzes findet sich
zwar schon bei Epikur, dessen Ansichten über das Kräftespiel des
Universums Lucretius Carus in poetische Formen kleidete552. In seiner
vollen Bedeutung konnte es erst später erkannt werden, nachdem man die
Wärme als eine besondere Art der Bewegung kennen gelernt hatte. Einen
Ausdruck für die Allgemeingültigkeit des Gesetzes finden wir jedoch schon
bei Leibniz, wenn er sich folgendermaßen ausspricht: »Das Universum ist
ein System von Körpern, die mit anderen nicht kommunizieren. Daher
erhält sich in ihm immer dieselbe Kraft«553. Auch was beim Stoß die
kleinsten Teilchen an Kraft absorbieren, bemerkt Leibniz an anderer Stelle,
sei für das Universum nicht verloren554.
Den Ausgangspunkt für diese von Leibniz angestellten Betrachtungen
bildete eine Behauptung des Descartes, die Leibniz als irrtümlich
bekämpfte. Descartes hatte nämlich für die Kraftmessung das Produkt aus
Masse und Geschwindigkeit, das sogenannte Bewegungsquantum, gewählt
und behauptet, die Summe der Bewegungsquanten müsse für das
Universum konstant bleiben. Hiergegen wandte sich Leibniz in seiner
Abhandlung vom Jahre 1686, deren vollständiger, sehr bezeichnender Titel
folgendermaßen lautet555: Kurzer Nachweis des bemerkenswerten Irrtums
des Descartes und anderer bezüglich eines Naturgesetzes, demzufolge,
wie sie annehmen, durch Gott immer dasselbe Quantum an Bewegung sich
erhalte556.
Leibniz suchte seinen Gegner zu widerlegen, indem er einen anderen, und
zwar richtigen Satz des letzteren mit Hilfe der von Galilei erkannten
Fallgesetze auf einen neuen Ausdruck brachte557. Descartes hatte nämlich
den richtigen Gedanken, die Größe der Kraft durch das Produkt von
Gewicht und Erhebung auszudrücken. Daraus ergab sich, weil nach den
Fallgesetzen die Erhebungen den Quadraten der beim Beginn des
Aufsteigens vorhandenen Anfangsgeschwindigkeiten proportional sind, daß
die Wirkungsgröße dem Produkt aus Gewicht und Geschwindigkeitsquadrat
und nicht dem Produkt aus Gewicht und Geschwindigkeit proportional ist.
Leibniz beging insofern noch einen Irrtum, als er das Produkt mv2 als den
Ausdruck für die Arbeitsfähigkeit ansah, während der tatsächliche Wert
mv2/2 ist.

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Freilich war Leibniz das Verhältnis zwischen potentieller und kinetischer
Energie wie auch die Äquivalenz der Naturkräfte noch unbekannt, obgleich
er mit vielen seiner Zeitgenossen die Ansicht teilte, daß die Wärme in einer
Bewegung der kleinsten Teilchen bestehe. Er gibt sogar ein bezeichnendes
Bild von dem Übergang der Massenbewegung in Molekularbewegung,
indem er diesen Übergang mit dem Wechseln eines größeren Geldstückes in
Scheidemünze vergleicht558.

Weiteres Schicksal der Lehre von der Erhaltung der Kraft.

Wir wollen von dem Standpunkt, den Leibniz in dieser Frage gewonnen,
noch einen kurzen Blick vor- und rückwärts tun. Auf die Anklänge bei
Epikur haben wir schon hingewiesen. Voltaire konnte daher im Hinblick
auf den bei Descartes wieder aufkeimenden Gedanken sagen, sein
Landsmann habe nur eine alte Chimäre Epikurs erneuert559. Newton hat
sich um die Einführung des Prinzips von der Erhaltung der Kraft in die
Dynamik keine Verdienste erworben, insbesondere war er weit davon
entfernt, Anschauungen über die Abgeschlossenheit und den Kräftevorrat
des Universums zu entwickeln, wie sie uns bei Leibniz begegnen. Dies
kommt auch in dem von Leibniz herrührenden Worte zum Ausdruck, die
göttliche Maschine Newtons, d. h. das Universum, wie er es sich dachte,
sei nach Newtons eigener Annahme so unvollkommen, daß es von Zeit zu
Zeit ausgebessert werden müsse.
Aus den Stoßgesetzen hatte sich ergeben, daß die Quantität der Bewegung
nicht konstant ist, und Newton hatte daraus geschlossen, daß, entgegen der
Behauptung Descartes', das Bewegungsquantum daher auch für das
Weltall nicht konstant sein könne. Es seien zwei Prinzipien nötig, eins, um
die Körper in Bewegung zu setzen, und ein anderes, um die Bewegung zu
erhalten. Dagegen wandte sich Joh. Bernoulli: Wenn Newton die wahre
Bedeutung des Prinzips der Erhaltung der lebendigen Kräfte erkannt hätte,
so würde er nicht zwei verschiedene Prinzipien aufgestellt haben.
Dasselbe Prinzip nämlich, durch das die Bewegung mitgeteilt werde,
bewirke auch, daß die Bewegung sich erhalte, und zwar nicht im Verhältnis
der Quantität der Bewegung, sondern im Verhältnis der lebendigen Kräfte,
woraus hervorgehe, daß die Bewegung in der Welt niemals verloren gehen
könne560.

Page 326

Wie Joh. Bernoulli, so betonte auch Leibniz, daß die Summe der Kräfte
in der Welt erhalten bleibe. Die Kraft vermindere sich nicht, da kein Körper
seine Kraft verliere, ohne sie auf einen anderen zu übertragen. Ebensowenig
vermehre sich die Kraft, da keine Maschine, also auch die Welt nicht, ohne
äußeren Impuls Kraft aus sich erzeugen könne.
Mit dem Prinzip von der Erhaltung der Kraft haben sich unter Huygens'
Nachfolgern während des 18. Jahrhunderts besonders Johann und Daniel
Bernoulli beschäftigt.
Am meisten Beachtung verdienen die Ausführungen, die Daniel
Bernoulli im Jahre 1750 über diesen Gegenstand veröffentlichte561. Bei den
Betrachtungen, die wir bei Huygens und bei Leibniz antreffen, handelt es
sich um die lebendigen Kräfte, die durch eine gleichförmige, sich selbst
parallel bleibende Schwerkraft erzeugt werden. Daniel Bernoulli
untersucht den Fall, daß die Zentren ihren Ort verändern, und
beispielsweise die Körper sich gegenseitig nach dem Newtonschen
Gesetze anziehen. Zunächst seien es zwei Körper. Ihre Massen seien M und
m und ihre Entfernung a. Die Körper sind frei beweglich, so daß sie sich
einander nähern können. Bernoulli beweist dann, daß die Summe ihrer
lebendigen Kräfte unverändert fortbesteht, wie auch die beiden Körper aus
ihrer anfänglichen Entfernung a in eine neue x übergehen. Darauf dehnt
Bernoulli die Untersuchung auf drei und weiter auf beliebig viele Körper
aus und zeigt, daß auch für sie das gleiche Gesetz gilt, gleichgültig, welche
Bahnen die einzelnen Körper auch beschreiben mögen. »Die Natur«, so
schließt er, »verleugnet niemals das große Gesetz von der Erhaltung der
lebendigen Kräfte«. Bernoulli war es also, der dieses Gesetz zu seiner
heutigen allgemeinen Bedeutung erhoben hat562.
Daniel Bernoulli zerstreute den metaphysischen Nebel, der sich um das
Prinzip der Erhaltung der lebendigen Kraft verbreitet hatte. Um jeden
Anstoß zu vermeiden, zieht er die Bezeichnung vor: »Gleichheit zwischen
dem aktuellen Herabsteigen und dem potentiellen Aufsteigen« und knüpft
damit direkt an Huygens an.
Johann Bernoulli 563 sagt: »Wir schließen, daß jede lebendige Kraft ihre
bestimmte Quantität hat, von der nichts verloren gehen kann, was sich nicht
in dem ausgegebenen Effekte wiederfindet. Hieraus folgt, daß die lebendige
Kraft sich immer erhält, so daß diejenige, die sich vor der Aktion in einem

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oder mehreren Körpern befand, nach der Aktion in dem einen oder den
anderen Körpern sich vorfindet, wenn nicht ein Teil von ihr in dem ersten
Körper oder in dem System zurückgeblieben ist. Das ist es, was ich die
»Erhaltung der lebendigen Kräfte« nenne.« Dieses allgemeine Naturgesetz
sei auch da gültig, wo scheinbar eine Abweichung stattfinde. »Wenn
nämlich die Körper nicht vollkommen elastisch sind, so scheint ein Teil der
lebendigen Kräfte beim Zusammendrücken ohne Rückkehr in den früheren
Zustand verloren zu gehen. Wir müssen uns aber vorstellen, daß dieses
Zusammendrücken der Kompression einer elastischen Feder entspricht, die
durch ein Band (Sperrvorrichtung) verhindert wird, sich wieder
auszudehnen und auf diese Art die lebendigen Kräfte, die sie von dem auf
sie treffenden Körper empfangen, nicht zurück gibt, sondern in sich zurück
behält, so daß ein Verlust an Kraft nicht stattfindet.« Dies ist für Johann
Bernoulli eine Denknotwendigkeit, denn jedermann betrachte es als ein
Axiom, daß keine wirkende Ursache verloren gehen kann, weder als
Ganzes noch als Teil, ohne einen dem Verluste gleichen Effekt zu bewirken.
Ähnlich wie Johann äußert sich Daniel Bernoulli 564. Beide waren also
dem Ziele nahe, den Übergang von Massenbewegung zur
Molekularbewegung und das mechanische Äquivalent der Wärme zu
finden.
Was in dieser und der nächst folgenden Periode fehlte, waren sichere
numerische Daten. Mit Recht wies Diderot darauf hin565, daß man zu einer
Kenntnis der Korrelation der Naturkräfte erst gelangen werde, wenn der
experimentelle Teil der Physik weiter vorgeschritten sei.
Da das Prinzip der Erhaltung der Energie auf die Mechanik beschränkt
blieb, und es nicht gelang, es für alle Gebiete der Physik durchzuführen,
geriet es fast in Vergessenheit, so daß selbst Kant, obgleich er eine Schrift
über die Schätzung der lebendigen Kräfte veröffentlichte, das Prinzip nicht
erwähnte.
Erst durch die neuere umfassendere Begründung des Prinzips von der
Erhaltung der Energie ist der Zusammenhang zwischen den einzelnen
Zweigen der Physik gewonnen und damit die Mechanik zur Grundlage für
alle übrigen Zweige der Physik gemacht worden.
Auffallend ist, wie erwähnt, daß auch Kant bei seinen Betrachtungen über
das Weltall und den Weltbildungsprozeß nirgends auf das Prinzip von der

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Erhaltung der Kraft Bezug nahm. Dagegen lehrte er in seinen
»Metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft« die
Unveränderlichkeit der Quantität der Materie . Die Ausdehnung des
566

Prinzips, von der Dynamik, für die es zunächst erkannt war, auf sämtliche
Naturvorgänge, erfolgte erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts durch
Mayer, Joule und Helmholtz. Das Verhältnis dieser Männer zu Daniel
Bernoulli läßt sich mit demjenigen vergleichen, das zwischen
Koppernikus und Aristarch besteht.

Mariottes Entdeckungen.

Unter den Zeitgenossen Newtons ragte neben Huygens der Franzose
Mariotte hervor, wenn er auch den beiden zuerst genannten Forschern an
Bedeutung erheblich nachstand. Mariotte wurde 1620 geboren und trat
1666, also im Jahre ihrer Gründung, in die Pariser Akademie der
Wissenschaften ein. Er starb in Paris am 12. Mai des Jahres 1684.
Mariotte arbeitete besonders auf den Gebieten der Mechanik, der Optik
und der Wärmelehre567. Sein Verdienst um die ihm und Boyle gelungene
Auffindung des Grundgesetzes der Aëromechanik haben wir schon an
früherer Stelle hervorgehoben. Mariotte veröffentlichte seine Entdeckung
dieses Grundgesetzes im Jahre 1676, sechzehn Jahre später als Boyle, in
einer »Essai sur la nature de l'air« betitelten Abhandlung568. Wenn sein
Verdienst auch dadurch, daß Boyle die Priorität gebührt, verringert wird,
so war doch Mariotte der erste, der aus diesem Gesetz die Abhängigkeit
des Luftdrucks von der Höhe zu ermitteln suchte und so die barometrische
Höhenmessung begründete. Der Weg, den Mariotte hierbei einschlug, war
zwar der richtige, doch gelang es erst Deluc, eine brauchbare
hypsometrische Formel abzuleiten.
Die Hydromechanik bereicherte Mariotte durch seinen »Traité du
mouvement des eaux et des autres fluides«. Die Schrift erschien 1686569 und
handelt besonders von dem Ausfluß und der dabei auftretenden Reibung,
aus der Mariotte manchen Widerspruch zwischen Theorie und Erfahrung
erklärte. In dieser Abhandlung hat er auch die bekannte, nach ihm
Mariottesche Flasche genannte Vorrichtung beschrieben, die es
ermöglicht, eine Flüssigkeit unter konstantem Druck ausfließen zu lassen.
Ferner gab er hier die erste Formel der Berechnung der Wandstärke für

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zylindrische Röhren, die einen Druck von innen erfahren, erörterte die
Bewegung des Wassers in solchen Röhren, die Stoßwirkung von
Flüssigkeiten, die Springhöhe von Fontänen und manche andere für
Wissenschaft und Technik gleich wichtige Frage. Die Veranlassung zu
seinen Untersuchungen über Hydrostatik und Hydrodynamik sollen ihm die
prächtigen Wasserwerke zu Versailles gegeben haben570. Auch mit der
Mechanik der festen Körper hat sich Mariotte beschäftigt. In einer
Abhandlung571 vom Jahre 1677 untersuchte er den Stoß und beschrieb eine
Vorrichtung, um die von ihm und anderen (insbesondere von Wren)
gefundenen Gesetze experimentell nachzuweisen. Sie besteht aus einer
Anzahl Elfenbeinkugeln, die sich berühren und so aufgehängt sind, daß ihre
Mittelpunkte in einer horizontalen geraden Linie liegen572.
In der Optik ist Mariotte durch die Entdeckung des »blinden Flecks« im
Auge bekannt geworden. Er machte der Pariser Akademie darüber im Jahre
1666 folgende Mitteilung: »Ich hatte bei anatomischen Untersuchungen von
Menschen und Tieren oft beobachtet, daß der Sehnerv nicht genau der
Pupille gegenüber in den Augapfel eintritt, sondern etwas höher und mehr
nach der Nase hin. Um daher die von einem Gegenstande kommenden
Lichtstrahlen auf den Sehnerven meines Auges fallen zu lassen und zu
untersuchen, was dann geschähe, befestigte ich auf einem dunklen
Hintergrund, etwa in der Höhe meiner Augen, eine kleine Scheibe aus
weißem Papier, die mir zum Fixieren dienen sollte. Ferner brachte ich eine
zweite Scheibe rechts von der ersten, aber etwas tiefer und etwa 2 Fuß
davon entfernt an, so daß sie auf den Sehnerven meines rechten Auges
wirken konnte, während ich das linke geschlossen hielt. Ich stellte mich der
ersten Scheibe gegenüber und entfernte mich allmählich, indem ich sie
immer im Auge behielt. Als ich mich etwa neun Fuß entfernt hatte,
verschwand die zweite Scheibe, die etwa 4 Zoll Durchmesser besaß,
vollständig. Dies ließ sich nicht etwa aus der seitlichen Lage der zweiten
Scheibe erklären, denn ich bemerkte andere Gegenstände, die sich noch
mehr seitlich befanden, so daß ich hätte glauben können, man habe die
zweite Scheibe entfernt. Doch erblickte ich sie sofort wieder, sobald ich die
Stellung meines Auges ein wenig veränderte. Sobald ich dann wieder die
erste Scheibe ins Auge faßte, verschwand die zweite, zur Rechten
befindliche Scheibe sofort wieder. Ich machte dann denselben Versuch,
indem ich meine Entfernung von den Scheiben, gleichzeitig aber, und zwar
im selben Verhältnis, deren Abstand voneinander änderte. Ich stellte ihn

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ferner mit dem linken Auge an, indem ich das rechte geschlossen hielt.
Zuvor hatte ich die zweite Scheibe, links von meinem Fixierpunkte (der
ersten Scheibe nämlich) anbringen lassen. Auf solche Weise stellte ich fest,
daß es sich unzweifelhaft um einen Sehfehler handelt, der den Sehnerven
(richtiger seine Eintrittstelle) betrifft. Das Überraschende ist, daß, wenn
man auf diese Weise eine auf hellem Grunde befindliche schwarze
Papierscheibe verschwinden sieht, man nicht etwa irgend welchen Schatten
oder eine dunkle Stelle dort erblickt, wo sich das Papier befindet. Der
Hintergrund erscheint vielmehr in seiner ganzen Ausdehnung wei߫573. Der
Versuch erregte das größte Aufsehen. Die Royal Society wiederholte ihn
1668 sogar in Gegenwart des Königs. Mariotte kam zu dem unrichtigen
Schluß, daß nicht die Netzhaut, sondern die darunter liegende Aderhaut der
Sitz des Sehvermögens sei.
Ein Verdienst um die Optik erwarb sich Mariotte auch durch seine
Erklärung der um Mond und Sonne mitunter auftretenden Höfe, sowie der
Nebenmonde und der Nebensonnen. Seine Theorie über die Entstehung der
einen Durchmesser von 23 Graden besitzenden Höfe gilt im wesentlichen
auch heute noch. Er erklärt die Erscheinung durch die Annahme, daß in den
höheren Regionen prismatische Eisnadeln schweben, in denen das Licht
eine zweimalige Brechung und eine Reflexion erleidet. Das
Beweisverfahren ist demjenigen ähnlich, das Descartes zur Erklärung des
Regenbogens aus der in den Wassertropfen stattfindenden Brechung und
Spiegelung anwendet. Da die Eisnadeln in allen denkbaren Lagen die Luft
zwischen dem Auge des Beobachters und der Sonne oder dem Mond
erfüllen, so muß auch immer eine genügende Anzahl von Nadeln vorhanden
sein, deren Achse senkrecht zur Verbindungslinie des Auges mit dem
Himmelskörper steht. Für diese Stellung der Nadeln ergibt aber die
Berechnung den beobachteten Winkel von 23 Graden.
Auf dem Gebiet der Wärmelehre verdanken wir Mariotte wichtige
Beobachtungen, die Licht über die Wärmestrahlung verbreiten. Er wies z.
B. nach, daß die Sonnenstrahlen das Glas fast ungeschwächt durchdringen,
während die Wärme des Kaminfeuers dadurch fast ganz zurückgehalten
wird. Mariotte bediente sich dazu eines Brennspiegels, der vor einem
Kaminfeuer in seinem Fokus eine unerträgliche Hitze erzeugte. Letztere
verminderte sich sehr, wenn eine Glasplatte zwischen den Kamin und den
Spiegel gebracht wurde. Berühmt ist ferner Mariottes Versuch,

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Schießpulver mit einer aus Eis gebildeten Linse zu entzünden. Er beschreibt
ihn mit folgenden Worten574: »Mehrere Personen haben versucht,
Brennspiegel aus Eis herzustellen, indessen hat dies seine Schwierigkeiten.
Um vollkommen reines Eis herzustellen, ließ ich klares Wasser eine halbe
Stunde kochen und trieb so alle Luft heraus. Dies Wasser ließ ich zu einer
Platte gefrieren, die einige Zoll dick war. Sie enthielt keine Blase und war
vollkommen durchsichtig. Ein Stück dieser Eisplatte brachte ich dann in ein
kleines, sphärisch ausgehöhltes Gefäß und ließ das Eis darin unter
wiederholtem Umwenden so lange schmelzen, bis es auf beiden Seiten die
sphärische Form des Gefäßes angenommen hatte. Dann ergriff ich das
Eisstück an den Rändern, wobei ich mich eines Handschuhes bediente, und
brachte es in die Sonne. In kurzer Zeit vermochte ich mit Hilfe einer
solchen, aus Eis verfertigten Linse Schießpulver zu entzünden, das ich in
ihren Brennpunkt gebracht hatte.«
Das Wesen der Wärme erblickten die meisten im 17. Jahrhundert zumal
nach der Wiederbelebung der atomistischen Lehre durch Gassendi, in
besonderen Wärmeatomen, wie man auch für das Licht eigene Atome
annahm. Wenn Gassendi sagt, daß die Wärme eindringt, auflöst usw., so
versteht er darunter, daß bestimmte Atome, die nicht etwa selbst warm sind,
in die Körper eindringen, durch sie hindurchgehen, sie auseinandertreiben
usw. Die Wärmeatome betrachtete man als sehr klein, rund und mit
lebhafter Bewegung begabt. Diese Eigenschaften sollten sie befähigen, in
die Poren aller Körper einzudringen.
Daß man es in der Wärme mit einem Bewegungszustand zu tun haben
könne, wurde nur vereinzelt und ohne tiefere wissenschaftliche Begründung
ausgesprochen. Immerhin bestand ein Gegensatz der Meinungen, zumal
nachdem Daniel Bernoulli und Euler zu Beginn des 18. Jahrhunderts
Ansichten über die Natur der Wärme entwickelt hatten, die von den
herrschenden abwichen. Auch eine Preisaufgabe, welche die Akademie der
Wissenschaften zu Paris im Jahre 1736 ȟber das Wesen des Feuers und
seine Fortpflanzung« gestellt hatte, wurde im Sinne der Materialität der
Wärme beantwortet. Im übrigen konnte die Frage nach der Ausbreitung des
Feuers bei dem damaligen Stande der Physik und der Chemie keine Lösung
finden. Wenig später hat auch Kant zu dieser Frage Stellung genommen575.
Nach ihm ist »der Stoff des Feuers ein elastischer Stoff, der die Elemente

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der Körper zusammenhält. Seine wellenförmige oder zitternde Bewegung
ist das, was man Wärme nennt«.
Was uns im 17. und 18. Jahrhundert auf dem Gebiet der Wärmetheorie
begegnet, bestand somit vorzugsweise aus Hypothesen und Vergleichen.
Dagegen fehlte es an der genügenden Stütze durch Versuche und
Messungen.
Im Zusammenhange mit der Wärmelehre wurde auch die Meteorologie
gefördert. So verglich Mariotte z. B. die Niederschlagsmenge mit dem aus
einem Stromgebiet abfließenden Wasserquantum. Seine Berechnungen
stellte er für die Seine an, deren Gebiet er auf 3000 französische
Quadratmeilen schätzte. Die jährliche Regenhöhe betrug nach den damals
angestellten Messungen 15 Zoll, was eine Wassermenge von mehr als 600
Millionen Kubikfuß ergab, während die Seine nur etwa 100 Millionen
Kubikfuß, also 1/6 des gesamten Niederschlags, fortführt. Diese
Berechnung würde zwar heute keinen Anspruch auf Genauigkeit mehr
erheben können. Auch konnte Mariotte kaum ahnen, wie wichtig solche
Ermittlungen, zu denen er den Weg gewiesen, für spätere, auf eine
wirtschaftlichere Ausnutzung des Wasserreichtums gerichtete Bestrebungen
sein würden.

Halleys astronomische und physikalische Forschungen.

Noch engere Beziehungen als zwischen Newton und Huygens bestanden
zwischen dem unvergleichlichen englischen Forscher und seinem jüngeren
Landsmann Halley, der zu Newton in einem ähnlichen Verhältnis stand,
wie ein halbes Jahrhundert früher Torricelli zu Galilei.
Edmund Halley wurde 1656 in der Nähe von London geboren. Seine
Neigung für die Mathematik und die Physik zeigte sich wie bei Newton
sehr früh. Als 15jähriger Schüler widmete er sich schon der Verfertigung
von Apparaten und Beobachtungen über den Erdmagnetismus. Halley
studierte in Oxford und veröffentlichte mit 20 Jahren seine erste
Abhandlung in den Philosophical Transactions. Sie betraf die Exzentrizität
der Planetenbahnen. Im selben Alter wußte er vornehme Gönner dafür zu
gewinnen, daß man ihn mit dem Auftrage, einen Fixsternkatalog des
südlichen Himmels herzustellen, nach St. Helena schickte. Die Kosten für

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diese Expedition übernahm die Ostindische Kompagnie. Der Katalog, der
etwa 360, in Europa nicht sichtbare, Sterne enthielt, erschien 1679576 und
trug Halley die Mitgliedschaft der Royal Society ein, in der er ein Jahr vor
der Veröffentlichung seiner Arbeit, als 22jähriger, aufgenommen wurde.
Nach seiner Rückkehr wurde Halley durch die Erscheinung der großen
Kometen von 1680 und 1682 angeregt, sich der Erforschung dieser
Himmelskörper zu widmen. Zunächst galt es noch, eine Methode zu finden,
um aus einer Reihe von Beobachtungen die Bahn eines Kometen zu
bestimmen. Zu diesem Zwecke trat Halley im Jahre 1684 mit Newton in
Verbindung. Letzterer setzte ihn von seinem, später am Schlusse der
Prinzipien veröffentlichten Konstruktionsverfahren in Kenntnis. Dabei
gewann Halley auch Einblick in die übrigen Vorarbeiten zu Newtons
großem Werke, das dieser, wie Koppernikus seine »Kreisbewegungen«,
jahrelang nicht zum Abschluß und zur Kenntnis der Mitwelt brachte, um
immer noch kleine Unvollkommenheiten zu beseitigen. Dem Drängen
Halleys, der Newton das Werk förmlich abringen mußte und den Druck
besorgte, ist es zu danken, daß die »Prinzipien« endlich im Jahre 1688
erschienen.
Nach der von Newton geschaffenen Theorie berechnete Halley aus den
vorhandenen Beobachtungen die Bahnen von 24 Kometen, die in den
Jahren 1337 bis 1608 erschienen waren. Der früheren Annahme entgegen,
daß man es in diesen Weltkörpern durchweg mit fremden Eindringlingen
ganz unbekannter Herkunft zu tun habe, die auf ihrem parabolischen Wege
dem Sonnensystem einen kurzen Besuch abstatteten, machte Halley die
überraschende Entdeckung, daß gewisse Kometen Glieder unseres Systems
sind und sich wie die Planeten in elliptischen, wenn auch sehr
langgestreckten Bahnen um die Sonne bewegen. Diese Entdeckung machte
er an dem Kometen des Jahres 1682. Die Berechnung ergab nämlich für
diesen und die 1607 und 1531 erschienenen Kometen fast die gleichen
Elemente577. War die Annahme Halleys, daß es sich hier um dasselbe
Gestirn handle, das sich innerhalb 75 Jahren in elliptischer Bahn um die
Sonne bewege, zutreffend, so war eine neue Wiederkehr im Jahre 1759 zu
erwarten. Diese einzigartige Vorhersage, der im 19. Jahrhundert die
Entdeckung des Neptun durch Leverrier an die Seite zu stellen ist, traf
auch ein. Der Komet erschien 1835 nach weiteren 75 Jahren und wurde
auch im Jahre 1910 beobachtet. Die Erscheinung des Halleyschen
Kometen ist später bis zu dem Beginn unserer Zeitrechnung zurück verfolgt

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worden. Eine periodische Wiederkehr hat Halley ferner für den Kometen
von 1680, wohl den größten der je beobachtet wurde – sein Schweif war 70
Grad lang – wahrscheinlich gemacht. Die Umlaufszeit beträgt für diesen
Kometen nach Halleys Annahme 575 Jahre. Die Richtigkeit dieser
Annahme würde also erst durch eine Wiederkehr im Jahre 2255 ihre
Bestätigung finden können.
Halley hat auch zuerst die Meteore mit den Kometen in Parallele gebracht,
indem er für sie gleichfalls einen kosmischen Ursprung annahm. Früher
hatten sie für atmosphärische Erscheinungen gegolten. Aus den
Beobachtungsdaten, die für ein 1708 in England gesehenes Meteor
vorlagen, ergab sich eine solche Höhe für das Aufleuchten der Feuerkugel,
daß Halley zu der erwähnten Annahme geführt wurde. Er drang indessen
mit seiner Ansicht nicht durch, und es blieb Chladni vorbehalten,
endgültig die Lehre zur Anerkennung zu bringen, daß wir es in den
Meteoren und in den Sternschnuppen mit kosmischen Gebilden zu tun
haben578.
Halleys weitere astronomische Tätigkeit fällt vorzugsweise in die erste
Hälfte des 18. Jahrhunderts. Sie wird in einem späteren, die Astronomie
dieses Zeitraums behandelnden Abschnitt geschildert werden. Als Physiker
hat sich Halley auf dem Gebiete der Optik, des Magnetismus und der
Wärmelehre sehr verdient gemacht.
Wir haben erfahren, mit welchen Schwierigkeiten Kepler bei der
Begründung der Dioptrik zu kämpfen hatte, weil ihm die Kenntnis des
Brechungsgesetzes und einer Formel für die Brenn- und
Vereinigungsweiten der Linsen noch fehlte. Die Feststellung dieser Formel
gelang, nachdem eine Regel für die Berechnung der Brennweiten
sphärischer Gläser von Cavalieri aufgefunden war579, in allgemein gültiger
Weise erst Halley im Jahre 1693580. Seine dioptrische Fundamentalformel
läßt sich auf die bekannte einfache Form 1/f = 1/a + 1/b bringen, worin f die
Brennweite, a und b Gegenstands- und Bildweite bedeuten. Sie gilt nicht
nur für sphärische Linsen, sondern auch für sphärisch gekrümmte Spiegel581.
Eine andere wichtige Formel, deren Ableitung wir Halley verdanken582, ist
die von Mariotte vergeblich gesuchte Formel für die barometrische
Höhenmessung. Der Weg, den Halley dabei einschlug, ist der folgende:
Nach dem Boyleschen Gesetze verhalten sich die Volumina einer

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Luftmasse umgekehrt wie die Drucke oder v : v1 = p1 : p. Ebenso verhalten
sich aber auch die Koordinaten einer Hyperbel, wenn wir ihre Asymptoten
als Ordinaten- und Abszissenachse wählen. Es ist nämlich (s. Abb. 102) OP
: OQ = QB : PA. Stellen somit OP, OQ und OR die Drucke vor, so sind
PA, QB und RC die zugehörigen Volumina der betreffenden Luftmasse.
Für die Volumina können wir die Höhen setzen, da in einer zylindrischen
oder prismatischen Luftschicht, die sich von der Erde bis zur Grenze der
Atmosphäre erstreckt, die Grundflächen für alle Teilschichten dieselben
bleiben. Nun ist aber die Gesamthöhe aller Luftschichten zwischen zwei
Stellen, denen der Barometerstand OS und OR zukommt, gleich der Fläche
RCDS. Ferner verhalten sich bei der zugrunde gelegten Hyperbel die
Flächen
RCDS : QBCR = log(OS/OR) : log(OR/OQ).
Daraus folgt, da die Flächenräume die Höhen und die Abszissen die
Barometerstände vorstellen,
H = A log(B/b).
A bedeutet eine Konstante, deren Wert Halley aus dem Verhältnis der
Dichten von Luft und Quecksilber bestimmte. Dies ist die Barometerformel
in ihrer einfachsten Form und ohne Berücksichtigung der Temperatur. Der
erste, der sich dieser logarithmischen Formel bei Höhenmessungen
bediente, war Bouguer während seiner mit Condamine unternommenen
Gradmessung in Peru.

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Abb. 102. Halleys Ableitung der barometrischen Höhenformel.

Halleys Verdienste um die Mathematik können hier nur ganz kurz gestreift
werden. Erwähnt seien einige Arbeiten, die eine konstruktive Auflösung der
kubischen und der biquadratischen Gleichungen unter Anwendung der
Kegelschnitte brachten583. Wichtig ist auch Halleys etwas später (1695)
erschienene Abhandlung über die Berechnung der Logarithmen584. Sie
enthält unter anderem eine bis auf 60 Dezimalen durchgeführte Berechnung
des Moduls des Briggschen Logarithmensystems585. Auch durch seine
Apollonios-Ausgabe vom Jahre 1710 erwarb sich Halley hervorragende
Verdienste. Da nur die ersten vier Bücher, die Apollonios über die
Kegelschnitte geschrieben, in griechischer Sprache auf uns gekommen sind,
während vom fünften, sechsten und siebenten Buche nur eine arabische
Übersetzung zu Gebote stand, so war Halley, um seine Aufgabe zu lösen,
zur Erlernung der arabischen Sprache gezwungen. Letztere beherrschte er
bald in solchem Maße, daß er Verbesserungsvorschläge zu arabischen
Texten machen konnte, welche die Bewunderung der Orientalisten erregten.
Etwas eingehender betrachten müssen wir Halleys Anwendung der
Mathematik auf ein biologisches und sozialpolitisches Problem, nämlich
auf die Ermittlung der Lebenswahrscheinlichkeiten, ein Problem, das für
die gegen das Ende des 17. Jahrhunderts in England und in Holland
aufkommende Rentenversicherung von größter Bedeutung war. Die
betreffende Arbeit Halleys erschien 1693586 unter dem Titel: Eine
Schätzung des Sterblichkeitsgrades, gegründet auf eine Statistik der

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Geburts- und Sterbefälle. Halleys Schrift enthält für jene Zeit ganz neue,
die Sterblichkeit betreffende Entwicklungen und bringt eine solche Fülle
der fruchtbarsten Gedanken, daß man sie als grundlegend für diesen Teil der
Sozialwissenschaft betrachten muß587.
Erwähnt sei gleich an dieser Stelle, daß sich mit dem weiteren Ausbau der
von Halley gegebenen Grundzüge dieses Gebietes der französische
Mathematiker Moivre 588 und in Deutschland besonders Süßmilch
beschäftigt haben. Süßmilchs Werk erschien 1741 unter dem Titel: Die
göttliche Ordnung in den Veränderungen des menschlichen Geschlechtes
aus der Geburt, dem Tode und der Fortpflanzung erwiesen. Die Schrift
Süßmilchs ist gleichfalls ein für die statistische Wissenschaft
grundlegendes und unentbehrliches Werk, da es die Vorarbeiten Halleys
und andere Forschungen dieses Gebietes vereinigt589.
Wir kehren nach dieser kurzen Abschweifung zu Halley zurück, dessen
wissenschaftlicher Werdegang, je weiter man ihn verfolgt, um so mehr
Bewunderung hervorruft. Halley hatte sich seit frühester Jugend mit den
Erscheinungen des Erdmagnetismus befaßt, und es war sein
Lieblingswunsch, diese Erscheinungen auch in den Tropen eingehender zu
erforschen. Sein Gedanke, von dem man sich Vorteile für die Nautik
versprach, fand Anklang, und Halley wurde auf Kosten der Regierung zum
Führer von zwei Expeditionen ernannt, auf denen er während der Jahre
1698 bis 1700 das tropische Amerika, mehrere Inselgruppen und
Küstenpunkte Afrikas und Ostindiens besuchte. Das Ergebnis dieser Reisen,
die sich in südlicher Richtung bis zum 53. Breitengrad erstreckten, war die
erste Deklinationskarte. Sie ist das Muster für alle späteren
Deklinationskarten gewesen und ist noch heute für das Studium der
säkularen Schwankungen der Deklination von Wert.
Halleys Karte erschien 1701 unter dem Titel: A general chart, showing at
one view the variation of the compass590. Sein Verfahren, die in zahlreichen
Einzelbeobachtungen gewonnenen Ergebnisse übersichtlich zu machen,
bestand darin, daß er die Punkte gleicher Deklination verband und dadurch
eine graphische Darstellungsweise einführte, die seitdem Gemeingut der
Wissenschaft geworden ist. Für die nach Halleys Verfahren entstehenden
Linien gleicher Abweichung kam die Bezeichnung Isogonen in Aufnahme.

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Daß die magnetische Deklination an einem und demselben Orte säkularen
Schwankungen unterliegt, war schon seit längerer Zeit bekannt591. Einige
Jahrzehnte nach dem Erscheinen der Halleyschen Karte wurden auch die
kleinen täglichen Schwankungen entdeckt592.
Halley war auch der erste, der die Erscheinung des Nordlichts mit dem
Erdmagnetismus in Beziehung brachte. Er beobachtete nämlich, daß die
westliche Abweichung des Nordlichts dieselbe Größe wie die westliche
Abweichung der Magnetnadel besitzt. Die Erkenntnis dieser Tatsache war
von hervorragender Wichtigkeit, wenn auch der von Halley daran
geknüpfte Versuch, das Nordlicht zu erklären, mißlang593.
Wie kaum anders zu erwarten, hat Halley als Leiter mehrerer nautischer
Unternehmungen sich auch Verdienste um die Meereskunde erworben. Er
verbesserte die Taucherglocke, beschrieb eine Taucherkappe und machte,
als er sich selbst bis zu einer beträchtlichen Tiefe ins Meer hinabließ, die
Beobachtung, daß das Meerwasser grünes Licht zurückwirft, das
komplementäre rote dagegen durchläßt, so daß z. B. seine Hände ihm in
größerer Meerestiefe ganz rot erschienen. Auch die Regelmäßigkeit der
Passat- und der Monsunwinde regten das Nachdenken Halleys an, doch
blieben seine Erklärungen hier unzulänglich.
Da Halley die Entstehung der Winde auf die ungleichmäßige Erwärmung
der Luft zurückführte, kann es nicht wundernehmen, daß er sich auch mit
den Methoden der Wärmemessung befaßte. Er kannte die Konstanz des
Siedepunktes von Flüssigkeiten und brachte als oberen Fixpunkt den
Siedepunkt des Alkohols in Vorschlag. Als unteren Fixpunkt empfahl er die
Temperatur tiefer Keller. Auch stellte er Messungen über die Ausdehnung
an, die Wasser und Quecksilber beim Erwärmen erfahren.
Nachdem Halley seine Expeditionen, die er als englischer Flottenkapitän
befehligte, vollendet hatte, wurde er zum Professor der Geometrie in
Oxford ernannt. Daneben bekleidete er die Stelle des Sekretärs der Royal
Society. Nach dem Tode Flamsteeds übernahm er im Jahre 1721 die
Leitung der Sternwarte zu Greenwich. Auf diesem Posten blieb er bis zu
seinem Tode (1742). Auf die hervorragenden Verdienste, die Halley sich
um die Förderung der Astronomie erworben, kann erst in einem späteren
Abschnitt, der sich mit der Entwicklung dieser Wissenschaft während des
18. Jahrhunderts beschäftigt, näher eingegangen werden594.

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Die Entdeckungen Cassinis.

Wir haben an einer früheren Stelle erwähnt, daß sich Cassini an der
Streitfrage beteiligte, welches die genauere Gestalt der Erde sei. Da uns in
Cassini einer der hervorragendsten astronomischen Beobachter des
Newtonschen Zeitalters begegnet, wollen wir auch bei seinen
Lebensschicksalen und Verdiensten etwas verweilen.
Giovanni Domenico (Dominique) Cassini wurde 1625 in der Nähe
von Nizza geboren. Im Alter von 25 Jahren wurde er an Stelle Cavalieris
zum Professor in Bologna ernannt. Cassinis erste astronomische
Entdeckung bestand darin, daß er (1665) die Rotationszeit des Jupiter zu 9
Stunden und 56 Minuten bestimmte. In den folgenden Jahren dehnte
Cassini seine Untersuchungen über die Rotation auf Mars und Venus aus.
Er fand für diese beiden Planeten die Zeit einer Umdrehung gleich 24h 37m,
beziehungsweise 23h 21m.
Um jene Zeit hatte Colbert die französische Akademie der Wissenschaften
ins Leben gerufen und die Pariser Sternwarte errichtet. Gleich Huygens
wurde nun auch Cassini zum Mitglied der Akademie ernannt und 1669
nach Paris berufen, um dort als königlicher Astronom die Leitung der
Sternwarte zu übernehmen. In dieser Stellung blieb er über 40 Jahre. Er
starb im Jahre 1712.
Die Berufung nach Paris hatte Cassini vor allem seiner Berechnung von
Tafeln für die Jupitermonde zu verdanken595. Er löste damit eine Aufgabe,
mit der sich, wie wir schon erfuhren, Galilei während seiner letzten
Lebensjahre beschäftigt hatte596.
Erheblich bereichert wurde unsere Kenntnis des Planetensystems dadurch,
daß Cassini dem ersten, von Huygens entdeckten Saturnmonde die
Entdeckung von vier weiteren Trabanten des Saturns anreihte. Er nannte sie
zu Ehren Ludwigs XIV. Sidera Ludovicea597.
Die Beobachtungen über die Jupitermonde setzte Cassini, um seine in
Bologna erhaltenen Tafeln zu verbessern, in Paris fort. Hierbei fand er in
Olaf Römer einen Mitarbeiter. Römer blieb es vorbehalten, bei dieser
Tätigkeit auf eine der größten Entdeckungen zu stoßen. Bei der Bewegung
der Monde ergaben sich nämlich gewisse Ungleichmäßigkeiten, die schon

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Cassini auf die Vermutung brachten, »daß das Licht einige Zeit gebrauche,
um von einem der Jupitermonde zu uns zu gelangen«. Cassini gab jedoch
diese Ansicht wieder auf, während Römer an ihr festhielt und, wie wir an
anderer Stelle sahen598, den Nachweis für ihre Richtigkeit erbrachte.
Cassini gebührt auch das Verdienst, in Gemeinschaft mit einem jüngeren,
ihm als Hilfsarbeiter zugewiesenen Astronomen599 die ersten umfassenderen
Beobachtungen über das noch immer rätselhafte Tierkreis- oder
Zodiakallicht angestellt zu haben. Der merkwürdige, während der
Dämmerung mitunter sich zeigende kegelförmige Lichtschimmer, den wir
mit diesem Namen bezeichnen, war schon den Arabern aufgefallen. In der
europäischen Literatur begegnet uns die erste deutliche Beschreibung im
Jahre 1661600.
Cassinis Beobachtungen über das Zodiakallicht wurden während des
Zeitraums von 1683–1688 angestellt. Aus ihnen ging hervor, daß die
Lichterscheinung der jährlichen Bewegung der Sonne folgt. Den Ursprung
der Erscheinung verlegten Cassini und sein Mitarbeiter in einen Ring von
kleinen, das Licht reflektierenden Körpern, welche die Sonne umkreisen.
Den Erfolgen gegenüber, die Cassini als beobachtender Astronom zu
verzeichnen hatte, sind seine Leistungen um die Fortbildung der Theorie
nur unbedeutend. Cassini stand, indem er in den Anschauungen von
Descartes beharrte, den Neuerungen auf diesem Gebiete sogar ablehnend
gegenüber. Ein Sohn, ein Enkel und ein Urenkel Cassinis haben sich
gleichfalls als Astronomen einen Namen gemacht601.

Deutschland während der Newton-Huygens-Periode.

Neben der Optik und der Mechanik, deren Fortschritte in Verbindung mit
einer Weiterentwicklung der mathematischen Wissenschaft die Astronomie
während der Newton-Huygens-Periode ganz außerordentlich gefördert
haben, wurden die übrigen Zweige der Physik nicht in gleichem Maße
berücksichtigt. Auf dem Gebiete der Elektrizitätslehre ist kaum eine
nennenswerte Entdeckung zu verzeichnen; hier sollte der weitere Ausbau
insbesondere dem 18. Jahrhundert vorbehalten bleiben. Dazu kam, daß das
wissenschaftliche Streben in Italien nachließ, und Deutschland in seiner
Mitarbeit trotz der Entwicklung, welche die experimentelle Technik durch

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die Arbeiten Guerickes erfahren hatte, zurückblieb. Dieses Land litt unter
den Folgen des dreißigjährigen Krieges. Es war verarmt und zerrüttet,
während die Wissenschaften auf dem Punkte angelangt waren, wo sie zu
ihrer Fortentwicklung nicht nur der moralischen, sondern auch der
materiellen Unterstützung weiterer Kreise bedurften. Statt dessen wandten
die Machthaber Deutschlands in ihrer steten Geldbedürftigkeit immer noch
dem alchemistischen Problem ihr Interesse zu und spendeten für dessen
Lösung Mittel, die eines besseren Zweckes würdig gewesen wären602.
Unter den wenigen Deutschen, die während der zweiten Hälfte des 17.
Jahrhunderts sich größere Verdienste um die Förderung der Wissenschaften
erwarben, sind vor allem Tschirnhausen und Leibniz zu nennen.
Ehrenfried Walter Graf von Tschirnhausen (auch Tschirnhaus)
wurde 1651 in der Nähe von Görlitz geboren. Er gehört gleich Hevel und
Guericke zur Klasse der reichen Privatleute, die sich im 17. Jahrhundert,
angeregt durch die Erfolge der induktiven Forschungsweise, aus
Liebhaberei den exakten Wissenschaften zuwandten. Tschirnhausen
studierte in Leyden, wo Medizin und Naturwissenschaften im 17.
Jahrhundert eine ganz hervorragende Pflegstätte besaßen. Er machte dann
ausgedehnte Reisen, unterhielt persönliche Beziehungen zu Leibniz und
Spinoza, war auswärtiges Mitglied der französischen Akademie der
Wissenschaften und starb 1708 in Dresden. Tschirnhausen verwandte wie
Guericke bedeutende Summen auf die Verfertigung physikalischer,
insbesondere optischer Apparate. Seine aus Kupfer hergestellten
Hohlspiegel, deren größter noch heute eine Sehenswürdigkeit bildet,
erreichten einen Durchmesser von 3 und eine Brennweite von 2 Ellen. Sie
waren imstande, einen Taler innerhalb 5 Minuten zu schmelzen, brachten
jedoch keine merkliche Erwärmung hervor, als man mit ihrer Hilfe das
Licht des Mondes sammelte. Tschirnhausens Linsen besaßen bis 80 cm
Durchmesser603. Eine von ihnen gelangte nach Florenz und ward zu den
Versuchen benutzt, die man dort im Jahre 1695 über die Verbrennlichkeit
des Diamanten anstellte. Im Brennpunkt dieser Linse, die Porzellan und
Bimsstein zum Schmelzen brachte, verbrannte ein Diamant von 140 Gran
Gewicht innerhalb einer halben Stunde.
Durch seine Experimente mit Brennspiegeln wurde Tschirnhausen auch
zu theoretischen Untersuchungen auf dem Gebiete der Optik veranlaßt. Sie
betrafen die katakaustische oder Brennlinie, d. h. diejenige Kurve, welche

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durch die Reflexion der in den Hohlspiegel fallenden Strahlen dadurch
hervorgerufen wird, daß diese Strahlen nicht denselben Punkt der optischen
Achse treffen. Die katakaustische Linie ist mit anderen Worten der
geometrische Ort der Durchschnittspunkte je zweier benachbarter,
reflektierter Strahlen. In der nebenstehenden Abb. 103 finde in AFE die
Reflexion parallel einfallender Strahlen statt. Der Strahl DF werde in der
Richtung FG zurückgeworfen. Ein DF benachbarter Strahl erzeugt einen
von FG nur wenig abweichenden reflektierten Strahl. Beide schneiden sich
in G. Die Schnittpunkte sämtlicher reflektierten Strahlen liegen auf der
Kurve EGB, der katakaustischen Linie, für welche die reflektierten
Strahlen somit eine einhüllende Schar von Tangenten bilden.

Abb. 103. Tschirnhausens Satz über die katakaustische Linie.

Tschirnhausens Satz über die Brennlinie besagt nun, daß ihr Stück EG
der Summe der beiden Strahlen DF und FG gleich ist. Ausführlicher haben
sich mit der Katakaustika und der infolge der Brechung erzeugten
Diakaustika Johann und Jakob Bernoulli beschäftigt.
Tschirnhausen veröffentlichte seine Arbeiten größtenteils in den »Acta
Eruditorum«, einer Zeitschrift, die für Deutschland etwa diejenige
Bedeutung besaß, die den Philosophical Transactions der Engländer
zukommt. Die Acta Eruditorum sind die älteste gelehrte Zeitschrift, die auf
deutschem Boden entstand. Näheres über sie enthält der einleitende
Abschnitt dieses Bandes.

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Aller Wahrscheinlichkeit nach gebührt Tschirnhausen auch das Verdienst,
als erster in Europa Porzellan hergestellt zu haben. Als Erfinder des
europäischen Porzellans wird zwar häufig der Alchemist Böttger genannt,
der Tschirnhausen bei seinen Versuchen zur Hand ging und sich die Ehre
der Erfindung beizulegen wußte. Trotzdem galt während des 18.
Jahrhunderts Tschirnhausen, und zwar wohl mit Recht, als der eigentliche
Erfinder des sächsischen Porzellans. Erst als Böttgers Verdienste in einer
umfangreichen Biographie604 hervorgehoben wurden, geriet Tschirnhausen
in Vergessenheit. Die neuesten, quellenmäßigen Untersuchungen605 haben
diesen »durch den Biographen Böttgers bewirkten, merkwürdigen
Personenwechsel in der Erfindungsgeschichte des Porzellans« aufgeklärt606.
Nach diesen Feststellungen hat Tschirnhausen sich schon um die
Darstellung des Porzellans bemüht, als Böttger kaum 10 Jahre alt war.
Bekanntlich hielt August der Starke Böttger gefangen, weil dieser sein
Versprechen, Gold zu machen, nicht erfüllt hatte. Tschirnhausen hatte
Zugang zu Böttger und regte ihn an, anstatt der unfruchtbaren
alchemistischen Bemühungen unter seiner Leitung die Herstellung von
Porzellan zu versuchen. Diese Versuche glückten im Jahre 1707. Ein Jahr
später starb Tschirnhausen, und Böttger, der allein um das Verfahren
wußte, spielte sich als dessen Erfinder auf.
Ein Mann, den wir schon des öfteren erwähnten, dessen Bedeutung für die
Philosophie, die Mathematik und alle Zweige der theoretischen und
angewandten Naturwissenschaften sich in den wenigen Zeilen, die wir ihm
hier widmen können, nicht erschöpfend darstellen läßt, war Leibniz. Man
hat ihn als den Aristoteles des 17. Jahrhunderts bezeichnet. Allerdings
begegnet uns in Leibniz eine polyhistorische Gelehrsamkeit verbunden mit
einer Selbständigkeit des Denkens, wie sie kaum wieder gefunden werden.
Während diese Geistesanlage Aristoteles zu einer systematischen
Bearbeitung der Philosophie und der Naturwissenschaften führte, blieb die
Tätigkeit, die Leibniz entfaltete, allzusehr zersplittert. Selbst wichtige
philosophische Schriften, wie die Theodicee und die Monadologie, verfaßte
er, um sich mit hohen Persönlichkeiten über die Grundfragen der
Philosophie auseinandersetzen. Und noch mehr tragen die übrigen
Veröffentlichungen, die sich auf alle Gebiete menschlichen Denkens und
Handelns erstrecken, den Charakter unter sich in nur geringem inneren
Zusammenhange stehender Gelegenheitsschriften.

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Gottfried Wilhelm Leibniz wurde am 21. Juni 1646 in Leipzig geboren,
wo sein Vater ein akademisches Lehramt bekleidete. Über den
Entwicklungsgang, den Leibniz während der ersten Jahrzehnte seines
Lebens nahm, hat er selbst ausführliche Mitteilungen hinterlassen607. Er
lernte als Knabe Lateinisch ohne Mithilfe eines Lehrers. Überhaupt war er
in den meisten Dingen Autodidakt, dabei aber stets begierig, »alle Dinge
tiefer zu durchdringen und Neues zu finden«. Da ihm die Bibliothek seines
Vaters zur Verfügung stand, lernte er sehr früh die alten Schriftsteller,
besonders Aristoteles, kennen. Er las auch scholastische Schriften. Durch
das Studium der Cartesischen Werke fand in ihm die Wandlung von der
teleologischen Weltanschauung zur Erfassung des Kausalitätsprinzips statt.
Leibniz bekennt in einem späteren Schreiben, erst als er die Schule
verlassen habe, sei er mit den Schriften der neueren Philosophen bekannt
geworden. Er erinnere sich, daß er damals als fünfzehnjähriger Knabe
spazieren ging und überlegte, ob er in der scholastischen Betrachtungsweise
beharren solle. »Endlich siegte die mechanische Theorie und brachte mich
dazu, die mathematischen Wissenschaften zu studieren.«
Mit fünfzehn Jahren bezog Leibniz die Universität seiner Vaterstadt. Sein
Fachstudium war die Rechtsgelehrsamkeit. Nach dessen Beendigung wollte
man ihn »seiner Jugend wegen« nicht zur Promotion zulassen. Aus diesem
Grunde erwarb er (1666) die Doktorwürde in Altdorf, wo ihm seines
hervorragenden Wissens und seiner Beredtsamkeit wegen sofort eine
Professur angeboten wurde. Leibniz schlug sie aus und ging nach
Nürnberg. Dort trat er mit der alchemistischen Gesellschaft der
Rosenkreuzer in Beziehung. Er war ein Jahr im Dienste dieser
Gesellschaft tätig und hatte alchemistische Werke zu exzerpieren, die
Korrespondenz zu führen usw. Wenn sich auch Leibniz nicht an der
Lösung alchemistischer Probleme beteiligte, so bewahrte er ihnen doch
stets ein lebhaftes theoretisches Interesse608. Von den praktischen Zielen der
Alchemisten will er nichts wissen. Er wünscht sogar in einer im späteren
Alter abgefaßten Schrift609, daß die künstliche Erzeugung von Gold und
Silber, wenn sie gelingen sollte, um des gemeinen Besten willen
unterdrückt werden möge. Erstrebenswert erschien ihm dagegen, »aus dem
Golde die Quintessenz herauszuziehen, wie aus dem Wein den Weingeist,
und mit dieser Quintessenz ein anderes Metall in Gold zu verwandeln.« Das
würde zwar nichts einbringen, sondern eher etwas kosten, es würde aber die

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Naturerkenntnis fördern. Resigniert fügt er jedoch hinzu, auch die
Verwirklichung dieser letzten Aufgabe sei nicht wahrscheinlich.
Nachdem Leibniz Nürnberg verlassen hatte, trat er in den Dienst des
Kurfürsten von Mainz, der sich für Guerickes Versuche so lebhaft
interessierte610. Von Mainz wurde Leibniz in diplomatischer Sendung 1672
nach Paris geschickt. Es galt, Ludwig XIV. zu einem Zuge nach Ägypten
zu bewegen, um dadurch Deutschland vor den Eroberungsgelüsten dieses
Königs zu bewahren. Der Gedanke einer solchen Expedition rührte von
Leibniz her und wurde dem Könige in einer von dem deutschen
Philosophen ausgearbeiteten Denkschrift unterbreitet. Blieben diese
diplomatischen Bemühungen auch ohne Erfolg, so war der Aufenthalt in
Paris für Leibniz doch von großer Bedeutung. Er wurde hier mit vielen
bedeutenden Männern, vor allem mit Huygens bekannt. Durch den
persönlichen Einfluß dieses Mannes und durch das Studium des
Huygensschen Werkes über die Pendeluhr wurde das Interesse, das
Leibniz der Mathematik und der Mechanik schon früher entgegengebracht
hatte, von neuem entfacht. Auf die bereits in Nürnberg gemachte Erfindung
der Rechenmaschine folgte diejenige der Differentialrechnung. Beide
Erfindungen, sowie der sich an die zweite anknüpfende Prioritätsstreit mit
Newton haben uns an anderer Stelle beschäftigt.
Von Paris kehrte Leibniz 1676 über London nach Deutschland zurück. Er
wurde Bibliothekar in Hannover, wo er den größten Teil seines Lebens
zugebracht hat. Das von Leibniz geschaffene philosophische System
erregte das besondere Interesse von Sophie Charlotte, der Großmutter
Friedrichs des Großen, der Leibniz nachrühmte, er habe allein eine ganze
Akademie vorgestellt. Sophie Charlotte bewog ihren Gemahl, den
späteren König Friedrich I., auf den von Leibniz ausgehenden Vorschlag
hin im Jahre 1700 in Berlin eine Akademie, die »Societät der
Wissenschaften«, zu errichten. Leibniz wurde deren erster Präsident. Auch
zur Errichtung der Petersburger Akademie hat Leibniz durch seine
persönliche Einwirkung auf Peter den Großen die Anregung gegeben611. In
gleichem Sinne hat er in Dresden und in Wien gewirkt. Durch diese
Veranstaltungen sollte nach seinem Plane die Wissenschaft nicht nur
gefördert, sondern auch zum Gemeingut gemacht werden. Die Aufklärung
der Mitwelt war vor allem das Ziel des großen Philosophen, und auf diesem
Wege folgten ihm während des 18. Jahrhunderts Männer wie Christian

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Wolf, der die Leibnizsche Philosophie popularisierte, Basedow, dessen
Verdienste auf dem Gebiete des Erziehungswesens liegen, ja selbst ein
Lessing und ein Herder.
Leibniz starb in Hannover am 14. November 1716. Es mag bei der
Erwähnung seines Todes ein bedauerlicher Zug früherer deutscher Art nicht
unberührt bleiben. Von Leibniz berichtet der Chronist, »man habe ihn eher
wie einen Wegelagerer begraben, denn wie einen Mann, der eine Zierde
seines Vaterlandes gewesen«. Vom Hofe erschien niemand, kein Geistlicher
geleitete den Sarg. Als dagegen ein Jahrzehnt später Newton in der
Westminsterabtei beerdigt wurde, trugen der Lord-Oberkanzler und
Herzöge das Leichentuch. Solche Gegensätze verdienen zur Mahnung für
kommende Geschlechter erwähnt zu werden. Selbst die Pariser Akademie
ehrte Leibniz durch eine Gedenkfeier, während die Berliner von dem Tode
ihres Begründers und bedeutendsten Mitgliedes keine Notiz nahm!

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14. Unter dem Einfluß der chemischen und der physikalischen
Forschung entstehen die Grundlagen der neueren Mineralogie
und Geologie.
Den Ausgangspunkt für die Darstellung der meisten chemischen
Verbindungen bilden die Mineralien. In dem Maße, wie eine
wissenschaftlichen Zielen zustrebende Chemie emporwuchs, trat dem
praktischen Interesse an den Mineralien, von dem Agricola z. B.612 noch
vorzugsweise geleitet wurde, das wissenschaftliche an die Seite. Es erhob
sich die Frage nach der Zusammensetzung und der Entstehung nicht nur der
Mineralien, sondern der starren Erdrinde überhaupt. Um die Beantwortung
dieser Frage hat sich niemand während des 17. Jahrhunderts mit gleichem
Scharfsinn und mit gleichem Erfolge bemüht wie Steno.
Nikolaus Steno oder Stenon wurde 1631 in Kopenhagen geboren. Er
widmete sich in Paris dem Stadium der Medizin und war in den sechziger
Jahren des 17. Jahrhunderts Leibarzt am Hofe in Florenz. Im Jahre 1672
kehrte Steno auf Wunsch seines Königs nach Kopenhagen zurück, um dort
eine Professur für Anatomie zu übernehmen. Er verließ jedoch sein
Vaterland bald wieder, da er dort seiner religiösen Überzeugung wegen
angefeindet wurde, und starb, nachdem er sich an verschiedenen Orten
Deutschlands aufgehalten, im Jahre 1687 in Schwerin. Sein Leichnam
wurde auf Wunsch der Mediceer nach Florenz übergeführt und in St.
Lorenzo beigesetzt.
Steno befaßte sich eingehend mit der Erforschung der Bodenverhältnisse
Toskanas. Die Frucht dieser Untersuchungen war eine Arbeit, die zum
erstenmal die Grundlagen der geologischen Wissenschaft in klarer, durch
Profile erläuterter Darstellung entwickelte, während die Literatur vor Steno
nur vereinzelt zutreffende Bemerkungen über geologische Dinge enthält613.

Stenos kristallographische und geologische Untersuchungen.

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Zunächst bemühte sich Steno darzutun, daß weder die Mineralien noch die
Schichten, welche die Gebirge zusammensetzen, erschaffene, von Anbeginn
vorhandene Naturkörper sind, als die sie im Gegensatz zu der vergänglichen
Tier- und Pflanzenwelt wohl der naiven Betrachtung erscheinen. Wie sehr
diese in geologischen Dingen zur Zeit Stenos noch vorherrschte, erkennt
man daraus, daß er sich ausdrücklich gegen die Meinung wendet, die Berge
seien nach Art der Pflanzen gewachsen, oder sie seien mit dem
Knochengerüst der Tiere zu vergleichen.
Die Mineralien, deren am Bergkristall, Schwefelkies, Eisenglanz und
Diamant auftretende Formen Steno beschrieb, wachsen nach ihm durch
Ansatz von außen. Der Ansatz geschehe indessen nicht auf allen Flächen
gleichmäßig. Die Folge seien Verzerrungen der mathematischen Form,
während die Neigung der begrenzenden Flächen stets dieselbe bleibe.

Abb. 104. Stenos Zeichnungen von Längsschnitten durch Bergkristalle.

Steno machte diese Beobachtungen besonders am Bergkristall, einem
Mineral, das seit den ältesten Zeiten der auffallenden Form und der Größe
seiner Kristalle, sowie seiner Durchsichtigkeit wegen die Aufmerksamkeit
auf sich gelenkt hatte. Steno tritt der Meinung entgegen, daß der
Bergkristall durch Kälte oder im Feuer entstanden oder gar im Anbeginn
der Welt geschaffen sei. Kristalle sind nach seiner Meinung aus Lösungen
hervorgegangen und können durch geeignete Mittel wieder in Lösung
übergeführt werden. Darauf weisen, wie er ausführt, auch die
verschiedenfarbigen Schichten hin, aus denen die Kristalle mitunter
zusammengesetzt sind. Zum Beweise seiner Ansicht läßt Steno
verschiedene Salze, wie Vitriol und Alaun, aus einer Lösung kristallisieren
und findet hierbei ähnliche Erscheinungen, wie sie an Mineralien auftreten.
Nicht nur die Schichtung und die Verzerrungen der Form, sondern auch die
treppenförmigen Absätze, die Einschlüsse von Flüssigkeiten usw. erklärt
Steno aus der Bildungsweise der Kristalle. Die verschiedene Ausdehnung
der Flächen unter Beibehaltung der Winkel erläutert er durch die hier
wiedergegebenen, sehr lehrreichen Abbildungen der Quer- und

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Längsschnitte durch verschiedenartig ausgebildete Bergkristalle (Abb. 104
u. 105). Steno hat also schon das Grundgesetz der Mineralogie, das Gesetz
von der Konstanz der Kantenwinkel, klar ausgesprochen, wenn es auch in
seiner Allgemeingültigkeit erst in dem nachfolgenden Jahrhundert von
Romé de l'Isle erkannt wurde.

Abb. 105. Stenos Zeichnungen von Querschnitten durch Bergkristalle.

Die Erscheinung, daß die Prismenflächen des Bergkristalls quergestreift
sind, erklärt Steno durch die Annahme, daß solche Flächen durch
Aggregation zahlreicher Pyramiden entständen, die sich in der
Längsrichtung des Kristalles aneinander gereiht hätten.
Während die Mineralien aus wässerigen Lösungen auskristallisieren, ein
Vorgang, den Steno aus einer Art magnetischer Kraft erklären wollte, sind
die Felsschichten nach ihm durch Absatz vorher im Wasser schwebender
Teilchen entstanden. Letztere haben, dem Gesetz der Schwere zufolge,
Schichten von ursprünglich horizontaler Lage gebildet. Für den Absatz aus
dem Wasser spricht nach Steno auch die Tatsache, daß die niedersinkenden
Teilchen sich den Körpern, die sie einschließen, genau angepaßt haben und
ihre kleinsten Höhlungen ausfüllen.
Jeder Wechsel in der Beschaffenheit des Gesteinsmaterials, das die
Schichten zusammensetzt, weist nach ihm auf eine Änderung der
Entstehungsbedingungen hin. Sei es, daß die Flüssigkeit, aus der die
Schichten sich bildeten, dem periodischen Wechsel der Jahreszeiten
unterworfen war, oder daß sich ihre Zusammensetzung änderte.
Enthält eine Schicht Seesalz, sowie Überreste von Meeresbewohnern, so
muß man annehmen, daß sich das Meer einst dort befand, wo wir die
Schicht jetzt antreffen. Entweder stand das Meer einst höher, oder das Land
hat sich gesenkt. Aus Abdrücken von Gräsern und Binsen, Versteinerungen
von Baumstämmen usw. ist auf den terrestrischen Ursprung derjenigen
Schicht, in der solche Überreste enthalten sind, zu schließen. Derartige
Bildungen rühren von der Überschwemmung eines Flusses oder dem
Hereinbrechen eines Bergstromes her.

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Mit außerordentlicher Klarheit entwickelt Steno ferner eine allgemeine
Schichtenlehre (Stratigraphie), deren Grundzüge wir hier nach seinen
Angaben gleichfalls kurz skizzieren wollen. Die Bildung jeder Schicht setzt
eine feste Unterlage voraus. Die oberen Schichten sind daher ihrer
Entstehung nach jünger als die unteren. Jede Schicht wird von zwei
parallelen Ebenen eingeschlossen und besaß ursprünglich, weil sie sich aus
einer Flüssigkeit niederschlug, eine horizontale Lage. Jede Schicht muß
aber auch seitlich begrenzt sein, wenn man nicht Grund zu der Annahme
hat, daß sie sich über die ganze Erdkugel erstreckt. Wo man einer Schicht
begegnet, muß man daher entweder ihre Fortsetzung finden, oder andere
feste Körper, die ihre weitere Ausdehnung verhinderten614.
Wenn man heute senkrechte oder geneigte, ja selbst gebogene Schichten
antrifft, führt Steno weiter aus, so sind sie erst nachträglich durch die
gebirgsbildenden Kräfte aus der ursprünglich horizontalen Lage in ihre
jetzige gebracht worden. Auf eine gewaltsame Unterbrechung einer
ursprünglich ein Ganzes bildenden Schicht weise auch der Umstand hin,
daß man an den einander gegenüber befindlichen Anhängen der Gebirge
häufig abgebrochene Schichten finde, die in ihrer Substanz und in ihrem
Aussehen völlige Übereinstimmung zeigen.
Die Gebirgsbildung selbst wird auf zwei Kräfte zurückgeführt, die aus dem
Erdinnern heraus wirkende vulkanische Kraft und die Tätigkeit des
Wassers, das in Gestalt des Regens und der Flüsse die durch den Wechsel
von Wärme und Kälte zerbrochenen Schichten durchziehe und die
Oberfläche der Erde gestalten helfe.
Nicht richtig gedeutet werden die Kohlenlager. Sie werden nämlich auf
durch Wasser gelöschte Waldbrände zurückgeführt.
Steno unterschied, wie ihm A. v. Humboldt 615 nachrühmt, zum erstenmal
diejenigen Felsschichten, die schon vor der Tier- und Pflanzenwelt
vorhanden waren und infolgedessen keine organischen Überreste
einschließen, von den späteren Schichten, die jenen aufgelagert und mit
organischen Resten angefüllt sind. »Er ließ für den Boden Toskanas nach
Art unserer heutigen Geologen sechs große Naturepochen zu, innerhalb
deren das Meer periodisch das feste Land überschwemmte oder sich in
seine alten Grenzen zurückzog«616.

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In der ältesten Zeit habe das Meer die gesamte Erde bedeckt und diejenigen
Schichten gebildet, die heute den Kern und die höchsten Kämme der
Gebirge bilden. Daß diese Schichten keine Versteinerungen führen,
beweise, daß das Urmeer noch keine Bewohner gehabt habe. Dann erfolgte
die Bildung von Festland, und in der dritten Periode setzte die
Gebirgsbildung ein.
Daß die Schichten nur selten ihre ursprünglich horizontale Lage
beibehielten, sondern in der Regel in geneigter, ja selbst in senkrechter
Stellung angetroffen werden, führt Steno auf zwei Ursachen zurück.
Entweder wurden die Schichten durch Stöße zertrümmert, die aus der Tiefe
kamen, oder es erfolgte ein Einsturz, indem die unteren Schichten durch die
Tätigkeit des Wassers fortgeführt, und so die oberen ihrer Stütze beraubt
wurden.
In der vierten Periode fand eine neue Überflutung statt, und es bildeten sich
infolgedessen die Versteinerungen führenden Schichten. Dann trat der
Boden wieder aus der Wasserbedeckung hervor, und in der letzten
(sechsten) Periode erhielten die Gebirge durch die erodierende Tätigkeit des
Wassers und infolge vulkanischer Ausbrüche ihre heutige Gestalt, während
sich an den Flußmündungen und im Meere neue Sedimente bildeten.
Infolge der mannigfachen durch vulkanische Hebung oder durch Einsturz
hervorgerufenen Schichtenstörungen hatten sich Spalten gebildet, in denen
sich Mineralien absetzten. Diese Darstellung der Erdgeschichte wußte
Steno durch schematische, die Bodenverhältnisse Toskanas betreffende
Zeichnungen zu erläutern, in denen uns die ersten geologischen Profile
begegnen.
Steno hat seine Ansichten über die Entwicklung der Erde mit der
biblischen Schöpfungsgeschichte möglichst in Einklang zu bringen gesucht.
Wäre er gänzlich frei von allen Nebenrücksichten an seinen Gegenstand
herangetreten, so würden die Ergebnisse seiner Forschungen das Wesen der
geologischen Veränderungen noch klarer widergespiegelt haben.
Nichtsdestoweniger verdient Steno den schönen Ruhmestitel, daß er seiner
Zeit weit vorauseilte und Entdeckungen machte, die erst Jahrhunderte nach
seinem Tode ihren Platz unter den anerkannten wissenschaftlichen
Wahrheiten finden sollten.

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Die Entwicklung von Ansichten über das Erdinnere.

Zu den ersten Schriften, die sich mit dem inneren Bau und der Entstehung
der Erde befaßten, gehört Kirchers »Unterirdische Welt«617, ein Werk,
dessen Bedeutung darin besteht, daß es die erste, allerdings noch mit vielen
Mängeln behaftete physikalische Erdbeschreibung ist.
Kirchers Buch entsprang weniger dem Forschungstriebe als der
polyhistorischen, oft mit Kritiklosigkeit verbundenen Gelehrsamkeit seines
Verfassers. Die vulkanischen Erscheinungen wurden jedoch auf Grund
eigener, in Mittelitalien, Sizilien und auf den liparischen Inseln angestellter
Beobachtungen geschildert. Von besonderem Wert sind die den
Vulkanismus betreffenden Abschnitte dadurch, daß Kircher es unternimmt,
alle geschichtlich bekannt gewordenen Ausbrüche der südeuropäischen
Vulkane, sowie die historisch verbürgten Umgestaltungen der Meeresküsten
aufzuzählen. Ein phantastisches Gemälde ist Kirchers Schilderung des
Erdinnern. Er stellt sich letzteres als von zwei Systemen verzweigter Kanäle
durchzogen vor. In dem einen System bewegt sich eine glutflüssige Masse,
die in den Vulkanen zutage tritt; das andere System wird dagegen vom
Meere aus mit Wasser versorgt und speist die Quellen. Eingehender werden
die Bodenbestandteile beschrieben. Die Versteinerungen, die sich in den
Schichten der Erdrinde finden, werden nur zum Teil auf frühere Lebewesen
zurückgeführt, manches wird aus einer plastischen Kraft der unorganischen
Materie erklärt. Erwähnenswert ist noch, daß sich bei Kircher die ersten
Angaben über die mit dem Eindringen in das Erdinnere verknüpfte stetige
Zunahme der Temperatur finden. Er verdankte diese Angaben den
Bergleuten.
Auch Descartes und Leibniz beschäftigten sich mit der Frage nach der
Natur und der Entstehung unseres Planeten. Descartes entwickelt seine
Anschauungen über das Weltsystem und die Physik der Erde im zweiten
Teile seines Hauptwerkes618, nachdem er zuvor die Prinzipien der
Erkenntnistheorie und der Mechanik dargestellt. Die Erde und die übrigen
Planeten waren nach ihm ursprünglich glühende Sonnen. Infolge der
Abkühlung bildete sich eine starre Rinde. Diese enthält die leichteren
Bestandteile des Erdkörpers, während sich die schwereren Stoffe um den
Mittelpunkt sammelten619. Infolge des Zerbrechens der Rinde entstanden
Meere und Festländer, Berge und Täler.

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Die Erdbeben führte Descartes auf die Wirkung einer noch im Innern
vorhandenen flüssigen Masse zurück. Er gelangte also schon zu ähnlichen
Anschauungen, wie sie die moderne Geologie auf Grund eines viel
eingehenderen Studiums der geologischen Vorgänge entwickelt hat. Dieses
Verdienst des Descartes um die Begründung der Kosmologie und der
Geologie ist neuerdings in Frankreich besonders gewürdigt worden620.
Ähnliche Ansichten, wie die soeben entwickelten, äußerte einige Jahrzehnte
später der große deutsche Philosoph Leibniz in seiner »Protogaea«. Neben
mancher phantastischen Vorstellung enthält diese Schrift zahlreiche
treffende Bemerkungen. Leibniz nimmt an, die Planeten seien aus der
Sonne hervorgegangen und daher ursprünglich glühend flüssig gewesen.
Durch Abkühlung hätten sich zuerst auf der geschmolzenen Masse
schwimmende Schlacken gebildet, wie sie noch heute auf der Sonne
entständen und unseren Augen als Sonnenflecken sich bemerkbar machten.
Endlich sei eine zusammenhängende, erkaltete Rinde entstanden, während
die Hitze im Innern aufgespeichert blieb. Infolge der Abkühlung verdichtete
sich auch das Wasser, das im Urzustande der Erde Dampfform besaß. Auf
diese Weise entstand das Urmeer als eine Lösung der an der erkalteten
Oberfläche befindlichen Salze. Die glasartige Grundmasse der Erde wurde
in der folgenden Periode teils durch die lösende Kraft und die Bewegung
des Wassers, teils durch die vereinte Wirkung von Salzen und Hitze auf
mancherlei Art zerfressen und zerstört, so daß sich die obere Schicht dieser
Grundmasse in Schlamm verwandelte. Indem sich die erkaltete Rinde
zusammenzog, entstanden Sprünge, Erhöhungen und Vertiefungen. Die von
den bergigen Erhöhungen abfließenden Gewässer führten Schlamm mit sich
und bildeten neue Gesteinsschichten. Die Gesteine haben nach Leibniz
also einen doppelten Ursprung; teils entstanden sie aus dem Schmelzfluß,
teils wuchsen sie, nach der Zerteilung im Wasser, wieder zusammen. Durch
die Spalten der Rinde drang das Wasser auch in das noch jetzt glutflüssige
Erdinnere und rief dort einen Kampf hervor, der sich noch heute in den
Vulkanausbrüchen und den Erdbeben äußert.

Anfänge der Palaeontologie.

Die Versteinerungen führt Leibniz auf frühere Lebewesen zurück621.
Ausführlich bespricht er die Fischabdrücke des Mansfelder

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Kupferschiefers, wie denn überhaupt die »Protogaea« wohl als die Frucht
seiner Beschäftigung mit dem Bergbau des Harzes zu betrachten ist, zu der
ihm seine amtliche Stellung in Hannover den Anlaß bot. Die Erklärung, die
Leibniz über die Entstehung der Mansfelder Fischabdrücke gab, kann auch
heute noch als im wesentlichen zutreffend gelten.
»Die meisten«, sagt er, »nehmen behufs Erklärung ihre Zuflucht zu dem
Spiele der Natur, einem leeren Worte. Sie nehmen an, die große
Baumeisterin Natur ahme gleichsam im Scherze Zähne und Knochen der
Tiere nach. Die Übereinstimmung jener Fischzeichnungen mit wirklichen
Fischen ist indessen so groß, daß die Flossen und Schuppen haarscharf
abgedruckt sind. Ja, man sieht an einem Orte so viel Abdrücke, daß man
hier eine andere Ursache vermuten muß als das Spiel des Zufalls. Wie wäre
es zum Beispiel, wenn wir annähmen, es sei ein großer See mit seinen
Fischen entweder durch ein Erdbeben oder durch die Wirkung des Wassers
mit Erde gefüllt worden? Diese Erde wird, als sie zu Stein wurde, in die
weiche Masse eingedrückte Spuren behalten haben, die später, als die
tierischen Überreste längst vergangen waren, mit Erz622 ausgefüllt sind. Es
ist möglich, daß diese metallische Materie, die in dem ganzen Schlamm
verteilt war, durch die Wärme verflüchtigt wurde und in die Höhlungen
eindrang, die der Fisch zurückließ. Wir finden etwas ähnliches bei den
Goldschmieden. Sie überziehen eine Spinne oder ein anderes Tier mit
einem Stoff, der am Feuer hart wird. Alsdann schaffen sie die Asche des
Tieres aus diesem Gerüst durch hineingelassenes Quecksilber heraus.
Anstelle des letzteren gießen sie endlich durch dieselbe Öffnung Silber
hinein. So erhält man ein silbernes Tier, dessen Ähnlichkeit mit dem
lebenden Geschöpf erstaunlich ist.«
Überzeugt von der Neuheit und der Wichtigkeit seines Gegenstandes, sagt
Leibniz, seine Ausführungen wären zwar nur ein Versuch; doch sei in
ihnen der Same zu einer neuen Wissenschaft enthalten. Die Nachwelt werde
alles besser feststellen können, wenn sie die Arten der Erdschichten und
ihren Verlauf erforschen werde. Die bisherige Vernachlässigung dieser so
wichtigen Aufgabe entlockt ihm den unwilligen Ausruf: »Oft ärgere ich
mich über die menschliche Faulheit, welche die Augen nicht öffnet, noch
die offenkundige Wissenschaft in Besitz nehmen mag.« Das 17. Jahrhundert
war eben das Zeitalter, in dem die Menschheit erst eifriger in dem Buche
der Natur zu lesen begann.

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Zu bemerkenswerten Ansichten gelangte auch Hooke 623. Er lehrte, daß die
Versteinerungen, die man in früheren Jahrhunderten für Naturspiele oder für
bloße Ansätze einer in der Erde waltenden schöpferischen Kraft gehalten
hatte, aus dem Tier- und Pflanzenreiche stammen. Hooke erklärte, die
Versteinerungen seien wertvollere Dokumente als Manuskripte und
Münzen, da sie nicht gefälscht werden könnten, und fordert, aus dem
Auftreten der Versteinerungen die Geschichte der Erde zu enträtseln. Auch
über den Versteinerungsprozeß selbst äußerte Hooke manche zutreffende
Ansicht.
Er suchte ferner darzutun, daß die Petrefakten Englands zum größten Teile
ausgestorbenen Gattungen angehören und am meisten mit noch heute
lebenden exotischen Formen übereinstimmen. Daraus zog er den Schluß,
England müsse sich in früheren Zeiträumen der geologischen Entwicklung
unter dem Meere einer heißen Zone befunden haben. Ferner wurden die
Knochen großer Vierfüßer, die man vorher als Beweise für das frühere
Vorhandensein von Riesen angesehen hatte, als Überreste von Individuen
der Gattung Elephas gedeutet624.

Weitere geologische und mineralogische Fortschritte.

An die Beobachtungen schlossen sich auch schon geologische Versuche an.
So bemühte man sich, die unterirdische Wärme als eine Folge chemischer
Vorgänge nachzuweisen, eine Auffassung, die in unseren Tagen wieder ihre
Verfechter gefunden hat. Ein französischer Forscher625 ahmte z. B. einen
Vulkan dadurch nach, daß er ein feuchtes Gemenge von Schwefel und
Eisen vergrub. Diese Masse erhitzte sich unter dem Einflusse des aus der
Luft hinzutretenden Sauerstoffs so sehr, daß eruptionsartige Erscheinungen
unter Zerbersten der Bedeckung vor sich gingen.
Für die Begründung der neueren Mineralogie im 17. Jahrhundert ist es
bezeichnend, daß genauere Beobachtungen an einzelnen, besonders
auffallenden Mineralien gemacht wurden, ohne daß man dazu überging, die
gewonnenen Ergebnisse auf die übrigen auszudehnen. Ein vergleichendes
mineralogisches Studium blieb einem späteren Zeitalter vorbehalten. Steno
hatte seine Forschungen insbesondere am Bergkristall angestellt. Ein
anderes Mineral, das im 17. Jahrhundert die Aufmerksamkeit der

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Naturkundigen in hohem Grade auf sich lenkte, war der isländische
Doppelspat. Durch dänische Kaufleute gelangte dieses Mineral in die
Hände Bartholins, der ihm die eingehendste Untersuchung widmete.
Erasmus Bartholinus, der Entdecker der Doppelbrechung, wurde 1625 in
Dänemark geboren. Er studierte Medizin, bereiste das westliche Europa und
Italien und wurde 1656 Professor der Mathematik in Kopenhagen. Er starb
1698.
Bartholin schrieb einige mathematische und astronomische Werke; er ist
aber besonders durch seine Schrift über den isländischen Doppelspat und
dessen optische Eigenschaften bekannt geworden626. Die Schrift enthält eine
Monographie über das erwähnte Mineral, die so eingehend und genau ist,
daß man in Anbetracht der Bartholin zu Gebote stehenden Hilfsmittel und
Vorarbeiten nicht mehr erwarten kann. Bartholin beschränkt sich nicht auf
eine bloße Beschreibung der Kristallform, sondern er mißt die an den
begrenzenden Flächen auftretenden Winkel, deren Werte er gleich 101° und
79° ermittelt. Er zeigt, daß von den beiden Bildern, die man durch den
Doppelspat erblickt, das eine sich beim Drehen des Kristalls bewegt,
während das andere still steht; daß man aber in gewisser Richtung nur ein
Bild wahrnimmt. Bartholin weist ferner nach, daß das Auftreten von zwei
Bildern nicht etwa durch eine Spiegelung, sondern durch ein ganz
ungewöhnliches Verhalten hervorgerufen werde, indem das feste Bild durch
eine gewöhnliche, das bewegliche dagegen durch eine außergewöhnliche
Brechung entstehe. Das Gesetz der letzteren vermochte Bartholin nicht zu
ermitteln, auch entging ihm die Polarisation des durch den Kalkspat
gegangenen Lichtes. Ihre Entdeckung blieb Huygens vorbehalten627.
Die weitere Untersuchung Bartholins betraf die physikalische und die
chemische Natur des Doppelspats. Es zeigte sich, daß der Kristall, mit Tuch
gerieben, wie der Bernstein, Strohhalme und andere leichte Körper anzieht,
daß er unter Wasser seine Glätte allmählich verliert, mit Scheidewasser
aufbraust, durch starke Hitze in Kalk verwandelt wird. Kurz, der
Doppelspat wurde genauer untersucht, als es bis dahin mit irgend einem
anderen Mineral geschehen war. Daß die Arbeit Bartholins den großen
Physiker Huygens zu einer Nachuntersuchung des Doppelspats und zu
wichtigen Betrachtungen über die Natur des Lichtes anregte, ist der
Gegenstand eines früheren Abschnitts gewesen. Huygens hat auch seinen
Landsmann Leeuwenhoek veranlaßt, eine monographische Abhandlung

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über ein anderes Mineral, den Gips, zu liefern628. Leeuwenhoek machte
durch diese Arbeit auf mehrere wichtige mineralogische Tatsachen
aufmerksam. Er wies darauf hin, daß die Spaltbarkeit gewissen Gesetzen
folgt, und daß beispielsweise die Winkel der durch Spaltung aus dem Gips
erhaltenen rhomboidischen Tafeln 112° und 68° (genauer 113° 46ʹ und 66°
14ʹ) betragen. Ferner zeigte er, daß das beim Glühen aus dem Gips
entweichende Wasser ein Fünftel vom Gewicht des Minerals ausmacht. Er
brachte ferner Gips in Lösung, indem er das gebrannte Mineral mit Wasser
übergoß und nachwies, daß sich aus dieser Lösung beim Verdunsten des
Wassers Kristalle ausscheiden. Diese Versuche veranlaßten ihn auch, über
die Bildung der Mineralien im Innern der Erde Betrachtungen anzustellen.
Sie enthalten indessen wenig Zutreffendes.
Eine größere Summe von Erfahrungen und Beobachtungen lag bezüglich
der Edelsteine vor. Auch ihnen wurde eine monographische Bearbeitung
zuteil. Und zwar geschah dies durch den in erster Linie als Physiker
bekannten Robert Boyle 629. Auch er gelangte zu dem Ergebnis, daß die
Mineralien sich aus dem flüssigen Zustande gebildet hätten, und zwar in
derselben Weise, wie Salze in Kristallform aus der Lösung ausgeschieden
würden. Für diese Ansicht führt Boyle einige bemerkenswerte Gründe an630.
So habe man Bergkristall und andere Mineralien mit flüssigen Einschlüssen
gefunden. Ferner sei die Farbe der meisten Edelsteine durch Beimengungen
hervorgerufen, die in der Regel durch die ganze Masse gleichmäßig verteilt
seien, mitunter aber stellenweise oder gänzlich fehlten. Auch daß die
Mineralien, wie die aus wässeriger Lösung entstandenen Salze, spaltbar
seien, spreche für die gleiche Art der Entstehung.
Boyle wies ferner darauf hin, daß es auch eine Kristallisation aus dem
Schmelzfluß gebe; er untersuchte diesen Vorgang genauer, und zwar am
Wismut, prüfte auch den Einfluß der durch rasche Abkühlung
beschleunigten Kristallisation auf die Beschaffenheit der Kristalle, wies im
Granat durch die Analyse und durch die Wirkung des Magneten einen
Eisengehalt nach, und bestimmte das spezifische Gewicht vieler
Mineralien. Kurz, er bereicherte die mineralogische Wissenschaft um eine
nennenswerte Summe von Einzelkenntnissen, sodaß er neben Steno und
Bartholin als einer ihrer Begründer genannt werden kann.

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Die Chemie im Zeitalter der Phlogistontheorie.

Zu der Zeit, als Boyle sich bemühte, die Mineralogie und die Chemie auf
eine wissenschaftliche Grundlage zu erheben, waren die deutschen
Chemiker Kunkel und Becher noch in alchemistischen Vorstellungen
befangen. Kunkel (1630 bis 1702) hat indes, trotz der Irrigkeit seiner
Ansichten, die Chemie durch zahlreiche Beobachtungen bereichert.
Eine der wichtigsten chemischen Entdeckungen des 17. Jahrhunderts war
diejenige des Phosphors631. Sie erfolgte durch Brand (1669). Dieser hielt
sein Verfahren zuerst geheim. Auf Grund einiger Andeutungen gelang
Kunkel jedoch gleichfalls die Darstellung, so daß er einige Jahre nach der
Entdeckung des Phosphors das neue Element dem Großen Kurfürsten
zeigen konnte. Letzterer ernannte ihn zum Leiter eines alchemistischen
Laboratoriums, das er gleich manchen anderen Fürsten des 17. Jahrhunderts
unterhielt.
Becher (1635–1682) hielt sich wie Kunkel zeitweilig auch als Alchemist
an deutschen Höfen auf. Er und der etwas später lebende Stahl 632 sind die
Begründer der Phlogistontheorie, die trotz ihrer damals schon von
manchem als irrig erkannten Voraussetzungen die Chemie fast des
gesamten 18. Jahrhunderts beherrscht hat.
Daß die Aufstellung eines den Tatsachen entsprechenden Systems der
Chemie soviel später als die Begründung der Mechanik erfolgte, ist darauf
zurückzuleiten, daß die Chemie eine vorwiegend induktiv verfahrende
Wissenschaft ist, und sich der deduktiven Behandlung erst in unseren Tagen
zu erschließen beginnt. Was den Fortschritt der physikalischen Zweige,
insbesondere der Optik und der Mechanik, so ungemein gefördert hat, war
die innige Verbindung und die gegenseitige Unterstützung der induktiven
und der deduktiven Forschungsweise von den ersten Schritten auf diesen
Gebieten an. Die Grundlagen einer chemischen Theorie zu schaffen, war
bei weitem schwieriger, weil die chemischen Vorgänge nicht unmittelbar in
die Sinne treten, sondern erst durch eine lange, mühevolle Verknüpfung der
Ergebnisse experimenteller Forschung erschlossen werden müssen. Die
Chemie hatte indes seit Boyle, Becher und Stahl ihre wahre Aufgabe
darin erkannt, die stofflichen Veränderungen auf dem Wege des
Experiments zu erforschen. Insbesondere galt es, die so mannigfachen
Wandlungen der Materie, die mit der Verbrennung Hand in Hand gehen, auf

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ein einziges Prinzip zurückzuführen. Als solches glaubten Becher und
Stahl eine in den brennbaren Körpern angenommene Materie, die Stahl
als Phlogiston bezeichnete, erkannt zu haben. Der Verbrennungsprozeß
sollte in dem Entweichen dieses Phlogistons bestehen. Der brennbare
Körper mußte folglich eine Verbindung von Phlogiston mit dem gleichfalls
schon in der Substanz enthaltenen Verbrennungsprodukt sein. Je weniger
Verbrennungsprodukt, desto reicher war der ursprüngliche Körper an
Phlogiston. Kohle, die nur eine geringe Menge Asche hinterläßt, war
demnach nahezu reines Phlogiston. Wurde Zink verbrannt, so zerfiel es in
seine Bestandteile Zinkweiß und Phlogiston. Die Wiedergewinnung des
Zinks aus dem Zinkoxyd durch Erhitzen mit Kohle bestand in einer
Zuführung des in der letzteren enthaltenen Phlogistons. So gelang es in
leichtfaßlicher Weise, nicht nur die Vorgänge der Oxydation und der
Reduktion, sondern auch die der Atmung und der Verwesung auf ein
Prinzip zurückzuführen. Die mit der Phlogistontheorie unvereinbare, für
manche Fälle schon bekannte Tatsache, daß das Gewicht des
Verbrennungsproduktes dasjenige der unverbrannten Substanz übertrifft,
wurde nicht weiter beachtet. Obgleich von einem unrichtigen Grundsatz
geleitet, haben die Phlogistiker des 18. Jahrhunderts, unter denen sich
Experimentatoren ersten Ranges wie Scheele, Priestley und Marggraf
befanden, die Chemie in hohem Grade gefördert. Durch ihr Bemühen, in
dem sie Baustein auf Baustein zusammentrugen, zwar ohne sie in richtiger
Weise ordnen zu können, haben sie selbst den Sturz der Phlogistontheorie
herbeigeführt und dem Manne, dessen Scharfsinn wir die logische
Verknüpfung der zahllosen chemischen Einzelbeobachtungen verdanken,
dem Franzosen Lavoisier, erst sein Werk ermöglicht.
Insbesondere wollen wir hier Marggrafs gedenken, der um die Mitte des
18. Jahrhunderts in Berlin als eine Zierde der dortigen Akademie der
Wissenschaften wirkte. Diese Gesellschaft besaß um jene Zeit eine Reihe
vortrefflicher Chemiker in ihrer Mitte, so daß ihr Präsident Maupertuis
Friedrich dem Großen mit Recht sagen konnte: »Unsere Chemiker
stechen alle Chemiker Europas aus«633.
Andreas Sigismund Marggraf wurde 1709 in Berlin geboren. Durch
seinen Vater, der eine Apotheke besaß, wurde er der Pharmazie zugeführt.
Von den Hilfswissenschaften dieses Gebietes fesselte ihn die Chemie in
solchem Grade, daß er sich ihr ausschließlich widmete. Nach Beendigung

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seiner Studien, denen er auf der Universität Halle und auf der Bergschule zu
Freiberg oblag, kehrte er nach Berlin zurück, um sich ausschließlich mit
chemischen und mineralogischen Forschungen zu befassen. Er wurde
Mitglied der Akademie und später Direktor der naturwissenschaftlichen
Abteilung dieses Instituts, in dessen Abhandlungen während der Jahre
1747–1779 die Arbeiten Marggrafs veröffentlicht wurden. Diese haben
zahlreiche Punkte der anorganischen und der organischen Chemie, sowie
der Mineralogie aufgehellt. Die von Marggraf gewonnenen Ergebnisse
wurden dadurch erzielt, daß er die Analyse besonders auf nassem Wege
ausübte und dies Verfahren durch manche Hilfsmittel ausbaute. Auch wird
ihm nachgerühmt, daß er der erste war, der sich bei chemischen
Untersuchungen des Mikroskops bediente.
Auf die Ergebnisse seiner analytischen Forschungen werden wir zum Teil
noch bei der Besprechung der mineralogischen Fortschritte zurückkommen.
Hier sei nur hervorgehoben, daß er die Bittererde634 und die Tonerde635 als
besondere von der Kalkerde durchaus verschiedene Substanzen erkannte.
Marggraf zeigte ferner, daß der Gips eine Verbindung von Kalkerde,
Schwefelsäure und Wasser ist; er erkannte die Zusammensetzung von Alaun
und von Urinsalz, in welchem er Phosphorsäure und flüchtiges Alkali
entdeckte. Zahlreiche Untersuchungen über den Phosphor, seine
Darstellung und seine Verbindungen rühren von Marggraf und seinen
Schülern her. Vor allem wurde die Phosphorsäure genauer untersucht636.
Marggraf stellte sie entweder durch Kochen von Phosphor mit
Salpetersäure oder durch Verbrennen des Phosphors her. Dabei entging ihm
nicht, daß die entstandene Phosphorsäure mehr wog als der in die
Verbindung eingehende Phosphor, eine Tatsache, die eigentlich Marggrafs
Anschauungen hätte erschüttern müssen, da sie der phlogistischen Theorie,
nach der die Verbrennung in dem Entweichen einer Materie bestehen sollte,
durchaus widersprach. Es zeigte sich indessen an ihm die so häufige
Erscheinung, daß gerade der Fachmann oft am wenigsten geneigt ist,
liebgewordene Theorien, auf denen er das ganze System seines Wissens
aufgebaut hat, einer umwälzenden, neuen Anschauung zu opfern.
Marggraf hat noch die Anfänge der antiphlogistischen Lehre miterlebt, ist
aber trotzdem Phlogistiker geblieben. Dieses hartnäckige Festhalten an
einem Irrtum schmälert Marggrafs Verdienste um die Wissenschaft
indessen nicht wesentlich, da sie sich bis zu einem gewissen Grade

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unabhängig von dem Wechsel der Theorien, aus festgefügten Tatsachen
aufbaut. Marggraf hat übrigens nicht nur das Mikroskop, sondern auch die
Wage in die Chemie eingeführt, ein Verdienst, das man gewöhnlich
ausschließlich Lavoisier zuschreibt. Er fällte z. B. Silberlösung mit
Kochsalz und verglich das Gewicht des gelösten Silbers mit demjenigen des
Silberchloridniederschlages. In solchen und in ähnlichen Versuchen, die
gleichzeitig in Schweden Bergman 637 anstellte, begegnen uns die Anfänge
der quantitativen Analyse, d. h. des Verfahrens, die Stoffe nicht nur isoliert
zu wägen, sondern sie in Form von unlöslichen Verbindungen bekannter
Zusammensetzung abzuscheiden und deren Gewicht zu ermitteln.
Groß ist auch die Förderung, welche die technische Chemie durch
Marggraf erfuhr. Er lehrte neue Metallegierungen kennen, verbesserte die
hüttenmännische Gewinnung des Zinks, das seitdem in größerer Menge der
Industrie zu Gebote stand, vor allem aber lehrte er, den Zucker aus
einheimischen Pflanzen darstellen. Über diese Entdeckung, deren Tragweite
Marggraf wohl geahnt hat, berichtet er in den Abhandlungen der
Akademie vom Jahre 1747638 unter der Überschrift: »Chemische Versuche
angestellt in der Absicht, wirklichen Zucker aus verschiedenen, in unseren
Gegenden wachsenden Pflanzen herzustellen«. Unter den Pflanzen, aus
deren Wurzeln er reinen Zucker dargestellt hat, hebt er besonders die
Runkelrübe hervor. »Man erkennt«, schließt er seine Abhandlung, »welche
praktischen Anwendungen man von diesen Versuchen machen kann. Man
wird sich anstatt des teuren Rohrzuckers oder eines schlechten Sirups in
Zukunft des Zuckers unserer Pflanzen bedienen können.« Marggraf war
sich darüber vollkommen klar, daß es sich hier nicht um einen dem
Rohrzucker nur ähnlichen Stoff, sondern um das Vorkommen des
Rohrzuckers selbst in dem Saft der Runkelrübe handelte.
Technisch ausgestaltet wurde die Gewinnung des Zuckers aus Rüben durch
Marggrafs Schüler Achard. Eigentlich lebensfähig wurde das Verfahren
aber erst, nachdem Napoleon durch seine Zollschranken die Einfuhr von
Kolonialzucker nach dem europäischen Kontinent unterbunden hatte.
Dadurch sah die chemische Industrie sich gezwungen, an die Beschaffung
eines Ersatzmittels zu denken. Der große Aufschwung der
Rübenzuckerfabrikation datiert indessen erst seit etwa dem Jahre 1825.

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15. Das Emporblühen der Anatomie und der Physiologie.
Schon im 16. Jahrhundert hatten sich die Zoologen nicht mehr auf die bloße
Beschreibung der äußeren Form und eine im wesentlichen hierauf
begründete Systematik beschränkt, sondern begonnen, auch das Innere des
tierischen Organismus, sowie seine Entwicklung zu erforschen. In weit
höherem Maße gilt dies von dem 17. Jahrhundert, dem Zeitalter, in dem
sich durch das Mikroskop nicht nur die feineren Formverhältnisse des
Tierkörpers erschlossen, sondern in dem auch die ohne eine Verschärfung
der Sinnesorgane gar nicht mögliche Anatomie der Pflanzen begründet
wurde. Der Richtung jener Zeit entsprechend, die auf ein Zurückführen der
in der Natur obwaltenden Vorgänge auf physikalische Grundsätze abzielte,
regte sich auch das Bestreben, die Funktionen des lebenden Organismus aus
der Mechanik zu erklären. Kurz, es begegnen uns in diesem Zeitalter die
Anfänge desjenigen, mehr durch seine Methode als durch den Gegenstand
gekennzeichneten Wissenszweiges, den wir als Biologie im weiteren Sinne
bezeichnen.

Die Lehre vom Kreislauf des Blutes.

Die größte Errungenschaft auf diesem Gebiete ist die von dem Engländer
Harvey (1578–1658) begründete Lehre von dem Kreislauf des Blutes. Die
seit Vesal emporblühende Anatomie hatte eine Reihe von Tatsachen zutage
gefördert, die sich mit den herrschenden Ansichten Galens 639 nicht
vereinigen ließen. So waren die für Galens Lehre so wichtigen Annahmen,
daß die Herzscheidewand porös sei und die Arterien Luft führten, endgültig
widerlegt worden. Auch hatte man die Klappen des Herzens gründlich
untersucht und ferner die Klappen in den Venen gefunden, von denen
Galen noch keine Kenntnis besaß. Fabricio, der 1570 die Venenklappen
entdeckte, hatte schon über ihren Zweck nachgedacht und war zu der
Ansicht gelangt, sie hätten die Aufgabe, Unregelmäßigkeiten
auszugleichen, welche die Blutbewegung durch die Bewegung der
Gliedmaßen erleiden könnte. Die wahre Bedeutung der Klappen erkannte er

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also noch nicht. Dazu bedurfte es erst der großen Tat eines Harvey.
Endlich hat noch ein gelehrter Arzt, Serveto, der als ein Opfer Calvins in
Genf verbrannt wurde, schon im Jahre 1540 darauf hingewiesen, daß das
Blut durch die Lungenschlagader vom Herzen nach der Lunge geführt
werde. Hier ändere es durch die Vermischung mit der Luft seine Farbe und
komme durch die Lungenvenen zum linken Herzen zurück. Damit war das
Prinzip des Lungen- oder des kleinen Kreislaufs erkannt. Bestätigt wurde
Servetos Lehre, wenn auch nicht von ihm selbst, durch Experimente an
Tieren, mit denen sich auch Vesal befaßt hat640. All diese Entdeckungen
hatten indessen nur bei einigen aufgeklärten Forschern Zweifel an Galens
Lehre hervorgerufen. Richtige Anschauungen konnten nämlich kaum
aufkommen, so lange man an dem mystischen Pneuma des griechischen
Arztes festhielt.
Erst durch Harveys über 20 Jahre sich erstreckende Bemühungen wurde
über das bisher so dunkle, von Widersprüchen beherrschte Gebiet volles
Licht verbreitet. Dies war nur dadurch möglich, daß Harvey, der nicht
umsonst bei den Italienern in die Schule ging, zwei Grundsätze in sich
verkörperte, die durch Galilei und seine Jünger als die Leitsterne alles
naturwissenschaftlichen Forschens zur Geltung gekommen waren, nämlich
die Befreiung von hergebrachten, durch die Autorität des Altertums
gestützten Meinungen und die Befolgung des experimentellen Verfahrens.
Darin, daß Harvey diese Grundsätze der neueren Naturwissenschaft in die
Physiologie einführte, liegt eine nicht geringere Bedeutung als in den
Ergebnissen seiner Forschung selbst.
Zwar dürfen wir nicht erwarten, daß die Befreiung von den Anschauungen,
die bis dahin gegolten, und das Einlenken in neue Bahnen mit einem Male
und völlig gelungen wäre. Auch die größten Neuerer bleiben in mancher
Hinsicht, wie wir es auch bei Galilei, Gilbert und Kepler gesehen haben,
Kinder ihrer Zeit. So war das Ansehen, das Galen genoß, selbst bei
Harvey noch so groß, daß er fast ein Jahrzehnt nach seiner Entdeckung
verstreichen ließ, ehe er sie in seinem »anatomischen Übungsstück über die
Bewegung des Herzens und des Blutes« bekannt zu geben wagte641.
William Harvey wurde 1578 geboren. Er studierte in Cambridge Medizin
und ging 1598 nach Padua, wo er Schüler des soeben genannten
bedeutenden Anatomen Fabricio ab Aquapendente wurde. Nach seiner
Rückkehr wirkte er zunächst als Arzt und später als Professor der Anatomie

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in London. Seine Lehre vom Kreislauf des Blutes begründete er schon
1619. Veröffentlicht wurde sie indessen erst ein Jahrzehnt später (1628),
nachdem Harvey durch Vivisektionen ein umfangreiches Beweismaterial
gesammelt hatte. Bald darauf ernannte ihn Karl I. zu seinem Leibarzt. Als
solcher war er gezwungen, während des Bürgerkrieges den König auf
seinen Zügen zu begleiten642. Harvey starb im Jahre 1658.
Als neu enthält die Lehre Harveys folgende Punkte: Das Herz verhält sich
wie ein Muskel. Es wird beim Zusammenziehen härter und blässer und
stößt das Blut, das passiv aufgenommen wird, von sich. Das bei der Systole
(Zusammenziehung) des Herzens fortgetriebene Blut gelangt in die
Arterien, die sich also in der Diastole (im Zustande der Ausdehnung)
befinden, wenn sich das Herz zusammenzieht. Aus den Verzweigungen der
Arterien tritt das Blut in die Venen über und strömt in diesen zum Herzen
zurück, so daß dieses in einer bestimmten Zeit von der ganzen Masse des
Blutes durchflossen wird.
Um die Mitte des 17. Jahrhunderts wurde auch der alte Irrtum beseitigt, daß
sich das Blut in der Leber bilde. Dies geschah durch die Entdeckung des in
das Venensystem einmündenden Ductus thoracicus643, dessen
Zusammenhang mit den Lymphgefäßen des Darmes man fast gleichzeitig
auffand. Erst hierdurch wurde der »Kreis der die Lehre Harveys
ergänzenden Entdeckungen geschlossen«644.
Da die Klappen auch in den horizontal verlaufenden Venen der Vierfüßler
vorhanden sind, so können sie nicht den von Fabricio behaupteten Zweck
haben, den Sturz des Blutes zu mäßigen, sondern es liegt ihnen ob, den
Rückfluß aus den Ästen, die das venöse Blut zum Herzen führen, in die
Verzweigungen, in denen das Blut sich sammelt, zu verhindern. Während
das arterielle System von der linken Herzkammer gespeist wird, befördert
die Kontraktion der rechten Kammer das venöse Blut durch den schon von
Serveto gelehrten kleinen Kreislauf zunächst in die Lungen. Dort erleidet
es durch die atmosphärische Luft eine Farbenveränderung, über deren Natur
Harvey nicht ins klare kommen konnte, weil ihm die Einsicht in die
chemische Rolle der Luft noch fehlte. Der kleine Kreislauf findet dadurch
seinen Abschluß, daß das Blut von der Lunge zum Herzen zurückströmt. All
diese Feststellungen erfolgten, aus genauer anatomischer Untersuchung,
gestützt durch Experimente an höheren und niederen Tieren. Trotz aller
Gründlichkeit und Klarheit fand Harveys Arbeit, wie alles, was den

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eingewurzelten Meinungen widerspricht, zunächst lebhafte Anfeindung.
Einer der ersten, welcher der neuen Lehre Geltung verschaffte, war
Descartes. Dieser wurde mit dem Inhalt der Harvey'schen Schrift durch
den vielgeschäftigen Mersenne bekannt und gab in seinem »Discours de la
méthode«, auf Grund der Harvey'schen Entdeckungen, selbst eine
ausführliche Darstellung der Lehre vom Blutkreislauf645.
Nachdem diese Lehre Anerkennung gefunden, galt es, eine Reihe von
Einzelfragen zu entscheiden. Der Verlauf der gröberen Äste des
Gefäßsystems wurde durch das bald aufkommende Verfahren der Injektion
eingehender festgestellt, als dies durch bloßes Zerschneiden der Leichen
möglich war. In seinen Anfängen reicht dies Verfahren freilich viel weiter
zurück. Seine Erfindung wird Sylvius zugeschrieben, der während der
ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts lebte und auch schon auf die
Venenklappen hinwies. Zur Erforschung der feinsten Verzweigungen der
Gefäße wandten zuerst Malpighi (1661) und später Leeuwenhoek das
Mikroskop an. Die anfangs bestehende Meinung, daß die feineren Äste der
Arterien das Blut in die Gewebe ergössen, und die Venen es mit ihren
äußersten Enden wieder aufsögen, wurde durch den Nachweis eines zarten,
die Arterien mit den Venen verbindenden Netzes von Kapillargefäßen
wesentlich berichtigt. Gleichzeitig entdeckten beide Forscher die in dem
Blute schwimmenden, roten Körperchen.
Des weiteren erhob sich die Frage nach der Entstehung des Blutes. Galen
hatte angenommen, daß das Blut in der Leber bereitet werde und von dort
in die obere Hohlvene gelange, die mit der Leber durch eine Abzweigung in
Verbindung steht. Das Material für die Blutbereitung mußte aber doch in
letzter Linie aus dem Nahrungssaft stammen. Die anatomischen Elemente,
welche den Darm mit dem Blutgefäßsystem in Verbindung setzen,
vermochte man indessen erst um die Mitte des 17. Jahrhunderts zu
erkennen. Es erfolgte646 der Nachweis, daß die schon vor Harvey in der
Wand des Darmes entdeckten Chylusgefäße sämtlich in einen gemeinsamen
Gang, den Ductus thoracicus, eintreten und ihren Inhalt durch diesen in die
linke Schlüsselbeinvene ergießen647. An die Entdeckung und die richtige
Deutung der Chylusgefäße reihte sich diejenige des Lymphgefäßsystems648.
Erst jetzt ließ sich auf die Frage, welche Rolle die einzelnen Organe und
Organsysteme bei der Blutbereitung spielen, eine zunächst wohl

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befriedigende, die chemisch-physiologische Seite indes noch gar nicht
berührende Antwort geben.
Ähnliche Schwierigkeiten erhoben sich, als man nach einer Erklärung für
die sich stets und rhythmisch wiederholende Herzbewegung suchte. Nach
Galen wurden die Herzkammern passiv ausgedehnt, indem das Blut unter
dem Einfluß der Wärme, deren Sitz Galen und Aristoteles ins Herz
verlegten, sich ausdehnen und gleichsam aufbrausen sollte. Die neue Lehre
erblickte dagegen die Ursache der Blutbewegung in der Zusammenziehung
des muskulösen Herzens. Was veranlaßte aber diese Zusammenziehung?
Descartes glaubte, das einströmende Blut wirke als Reiz auf den
Herzmuskel. Diese Ansicht wurde durch Experimente widerlegt. Entfernte
man z. B. das Herz aus der Brust eines lebenden Tieres, so dauerten die
Kontraktionen noch lange fort. Sie ließen sich sogar, nachdem sie gänzlich
aufgehört hatten, durch leichte Reize wieder anregen. Um die Frage nach
dem Impuls des Herzens beantworten zu können, mußten spätere Zeitalter
erst eingehende Untersuchungen über die Herzinnervation und deren
Zusammenhang mit dem übrigen Nervensystem anstellen.

Tieferes Eindringen in den Bau der Organe.

Nachdem Harvey und schon vor ihm Serveto nachgewiesen hatten, daß
das Blut in einem zweiten, kleineren Kreislauf durch die Lungen geführt
wird, wandte man sich der Erforschung auch dieser Organe mit erhöhtem
Eifer zu. Wieder war es Malpighi, dessen Untersuchungen auch hier die
Grundlage geschaffen haben. Er wies (1661) nach, daß die Lungen ein
doppeltes Röhrenwerk darstellen, indem die Verästelungen der Luftröhren
in feinen Bläschen endigen, die von den Blutgefäßen umsponnen werden.
Aus den erwähnten Untersuchungen Malpighis über den Bau der Lunge
und über die Kapillargefäße geht zur Genüge hervor, daß für die
Physiologie das Mikroskop etwa dieselbe Bedeutung besitzt, die für die
Astronomie dem Fernrohr zukommt. Dem Mikroskop hatte man, obgleich
es früher erfunden wurde als das Fernrohr, zunächst ein weit geringeres
Interesse entgegengebracht. Selbst Leeuwenhoek, der in der zweiten
Hälfte des 17. Jahrhunderts die Erforschung kleinster Lebewesen
außerordentlich förderte, verwandte dazu einfache, bikonvexe Linsen aus

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besonders feinem Glase. Er erzielte mit ihnen eine 160fache lineare
Vergrößerung. Solche Linsen, deren sich auch Huygens bediente, waren
nur stecknadelkopfgroß. Ihr Gebrauch erforderte große Geschicklichkeit
und ein hervorragendes Sehvermögen. Letzteres, sowie die Sorgfalt im
Beobachten, wurden durch die Verwendung des Mikroskops in solchem
Maße gesteigert, daß auch das unbewaffnete Auge Dinge wahrnehmen
lernte, die sich früher der Beobachtung entzogen hatten.
Erst verhältnismäßig spät erhielt das Instrument denjenigen Grad der
Vollendung, der es zu wissenschaftlichen Untersuchungen geeignet machte.
Man suchte eine stärkere Vergrößerung und eine geringere
Farbenzerstreuung dadurch herbeizuführen, daß man das Objektiv und das
Okular, die bisher nur aus je einer Linse bestanden, aus zwei Linsen
zusammensetzte. Ferner ersann man Beleuchtungsvorrichtungen, wofür uns
die Abbildung Hookes ein Beispiel gibt. (Siehe Abb. 106.)
Um den Zeitgenossen die Brauchbarkeit seines Mikroskops zu beweisen,
veröffentlichte Hooke im Jahre 1667 seine »Micrographie oder
Beschreibung kleiner Gegenstände«. Eine Beteiligung an der Lösung
biologischer Probleme lag weniger in der Absicht dieses Forschers;
trotzdem machte er eine Entdeckung von der weitgehendsten Bedeutung,
indem er die Aufmerksamkeit auf den zelligen Bau der Pflanzen richtete.
Hooke bildete ferner den Stachel der Biene ab, dessen Widerhaken deutlich
zu erkennen sind. Auch die Häkchen, welche die feinsten Äste der Federn
verbinden, sind in der Mikrographie dargestellt; wie sich denn überhaupt
der Verfasser dieses Werkes mit einer fast kindlich zu nennenden
Wißbegierde mit allem beschäftigt, was sich ihm zufällig darbot.

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Abb. 106. Hookes zusammengesetztes Mikroskop649.

Anatomie und Mechanik.

Auch die Mitglieder der Accademia del Cimento befaßten sich nicht
ausschließlich mit rein physikalischen Problemen. Sie zeigten sich vielmehr
bestrebt, in Galileis Sinne die Methode des großen Meisters auf alle
Gebiete der Naturwissenschaften auszudehnen. In dieser Hinsicht ist vor
allem Borelli zu nennen.
Giovanni Alfonso Borelli wurde 1608 in Neapel geboren. Er studierte
Mathematik und Philosophie und war an verschiedenen Orten Italiens als
Lehrer und vielseitiger Forscher tätig. Malpighi zählte zu seinen Schülern.
In Florenz war Borelli als eins der eifrigsten Mitglieder der Accademia del
Cimento an physikalischen Untersuchungen beteiligt650. Nach der Auflösung
der Florentiner Akademie hielt er sich in Rom auf. Seine bedeutendste
Arbeit handelt von der Bewegung der Tiere.
Borelli hat durch diese Schrift651 der Physiologie die wertvollsten Dienste
geleistet, indem er die Grundsätze der Mechanik auf die Physiologie
anwenden lehrte. Er zeigte z. B., daß beim Zusammenwirken der Muskeln
und der Knochen letztere als Wurfhebel dienen, d. h. als einarmige Hebel,
bei denen die in den Muskeln tätige Kraft an dem kleineren Hebelarm
angreift. In der durch Abb. 107 erläuterten Stellung des Armes wird sich z.

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B. der Muskelzug, welcher der Last R das Gleichgewicht hält, zu dieser
Last entsprechend dem Hebelgesetz wie die Strecke OK zur Strecke OJ
verhalten. Der von dem zweiköpfigen Armmuskel CF, dem Biceps,
ausgeübte Zug muß also die in B wirkende Last bedeutend übertreffen.
Borelli berechnete, daß sämtliche Muskeln des Armes, wenn er horizontal
gehalten und an den Fingern mit 10 Pfund belastet wird, einen Zug
ausüben, der viele Male größer ist als das Gewicht.

Abb. 107. Borelli erläutert die Wirkung des zweiköpfigen Armmuskels652.

Auch die Mechanik des Gehens, Laufens, Springens, Schwimmens und
Fliegens wurde durch Borelli einer solch vortrefflichen physikalischen
Untersuchung unterworfen, daß erst die neueste Zeit durch die Gebrüder
Weber Besseres geleistet hat. Abb. 108 zeigt uns das Verfahren, das
Borelli zur Ermittlung des Schwerpunktes einschlug653. Welche Bedeutung
gerade die Lage dieses Punktes und die Art, wie er unterstützt wird, bei dem
Zustandekommen der einzelnen Bewegung besitzt, wurde von Borelli
besonders eingehend untersucht. Wie groß der Fortschritt in der richtigen
Auffassung der Mechanik des Körpers war, läßt sich ermessen, wenn man
berücksichtigt, daß das Fleisch bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts
entweder als bloßes Füllmaterial oder als Organ des Gefühls und des
Tastens betrachtet wurde. Erst jetzt begann man auf die Verkürzung der
Muskeln beim Zustandekommen der Bewegungen zu achten. Borelli
suchte diese Verkürzung aus einer Art von Elastizität des Muskels
begreiflich zu machen. Vor allem aber hob er hervor, daß dieser Vorgang

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wieder von der Tätigkeit der Nerven abhängig sei. Manches von dem, was
die Neuzeit hier wieder kennen lernte, war schon dem Altertum, besonders
Galen, bekannt (siehe z. B. Bd. I S. 235).

Abb. 108. Borelli ermittelt den Schwerpunkt eines Menschen.

Auch die Atembewegung untersuchte Borelli. Er erkannte, welche Rolle
die Zwischenrippenmuskeln bei der das Einatmen bedingenden Erweiterung
des Brustkastens spielen, daß das Ausatmen mehr passiv durch ein
Erschlaffen jener Muskeln vor sich geht, und daß vor allem die Lunge
selbst bei diesem ganzen Vorgang sich durchaus passiv verhält, indem sie
der Bewegung der Muskulatur nur folgt. Auf die Bedeutung, die das
Zwerchfell neben der Rippenmuskulatur für die Atembewegung besitzt,
wurde erst von einem Schüler Borellis hingewiesen654.
Für die Anatomie und für die Physiologie der höheren Tiere waren
Malpighis Forschungen über die Drüsengewebe von Bedeutung. Während
z. B. manche seiner Zeitgenossen die Galle noch in der Gallenblase
entstehen ließen, verlegte Malpighi mit aller Bestimmtheit die
Absonderung dieses Sekretes in die Leber. Seine Untersuchung der äußeren
Haut als wichtigstem Tastorgan lehrte die unter der Oberhaut befindliche
Schleimschicht kennen, die noch heute Malpighis Namen führt.
Der anatomische Bau und die Funktion der Drüsen wurde von Malpighi
zum ersten Male richtig gedeutet. Er erkannte, daß diese Organe der
Hauptsache nach aus kleinen Bläschen (Zellen) bestehen, die in die
Ausführungsgänge eine Flüssigkeit von besonderer Art und Wirkung
ergießen.
Es gibt kaum einen Teil der Anatomie oder der Physiologie, den Malpighi
nicht durch grundlegende Lehren bereichert hätte. Wie über den Bau der
Lunge, so verdanken wir ihm auch über den Bau der Nieren655 und der
Körperhaut die wichtigsten Entdeckungen. Malpighi verfolgte die

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Harnkanälchen und zeigte, wie sie in der Niere zu pyramidenförmigen
Bündeln zusammentreten. Er untersuchte ferner den Verlauf der Gefäße
innerhalb der Niere, entdeckte die nach ihm benannten Nierenkörperchen
und wies nach, daß sie mit den Harnkanälchen in Verbindung stehen. An
diese anatomischen Befunde schlossen sich Versuche an, durch die
Malpighi feststellte, daß der Urin aus dem Nierenbecken durch die
Harnleiter in die Harnblase geleitet wird.
Malpighis Forschungen über die Körperhaut gipfelten in der Entdeckung,
daß der Tastsinn in gewissen, unter der Epidermis liegenden Papillen
lokalisiert ist.

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16. Die ersten Ergebnisse der mikroskopischen Erforschung
der niederen Tiere.
Eine ganz wesentliche Bereicherung erfuhr die Zoologie im 17. Jahrhundert
durch die Erschließung der Welt des Kleinen mit Hilfe des einfachen und
des zusammengesetzten Mikroskops.
Man wird jetzt mit Lebewesen näher bekannt, denen man bisher ihrer
geringen Körpergröße wegen kaum oder gar nicht Beachtung geschenkt hat.
Mit Erstaunen und Bewunderung erkennt man, daß ihr Inneres, das dem
unbewaffneten Auge als eine gleichartige Masse erscheint, einen Bau
aufweist, der in seiner Art demjenigen der höheren Tiere durchaus nicht
nachsteht. Der Ausspruch des Plinius »Natura in minimis maxima« wird
jetzt erst als wahr erkannt. Geleitet von dem Zweckmäßigkeitsbegriff sucht
man nach einem Verständnis für das Geschaute.

Der Bau und die Entwicklung der Insekten.

In der Überzeugung, daß der Schöpfer alles planvoll eingerichtet habe und
in seinen Werken zu erkennen sei, sehen wir Swammerdam seine
mühevollen Untersuchungen über den Bau und die Entwicklung der
Insekten vollbringen.
Jan Swammerdam wurde am 12. Februar 1637 in Amsterdam geboren.
Sein Vater war Apotheker und besaß ein hervorragendes Interesse für
Naturalien. Er hatte in einem Zeitraum von 50 Jahren eine reiche
Sammlung zusammengebracht. Der heranwachsende Sohn wurde mit ihrer
Instandhaltung betraut und gewann infolgedessen einen unbezwinglichen
Hang zur Naturforschung. Boerhaave erzählt, der Knabe sei allen
Tierchen seiner Umgebung nachgegangen und habe Luft und Wasser,
Felder, Wiesen, Sandberge, Kräuter usw. nach ihnen durchsucht, um Eier,
Nahrung, Wohnung und Krankheiten kennen zu lernen. Als er später (von
1661 ab) in Leyden sich dem Studium der Medizin hingab, schloß
Swammerdam sich besonders eng an seinen Lehrer der Anatomie656 an.

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Nach Beendigung seiner Studien ging er jedoch nicht dem ärztlichen Berufe
nach, sondern verwendete die erworbenen anatomischen Kenntnisse auf die
Zergliederung der kleinsten Lebewesen, deren äußere Form und
Lebensgewohnheiten ihn während seiner Knabenzeit schon in solch hohem
Grade gefesselt hatten.
In Leyden lernte Swammerdam auch den hervorragenden dänischen
Forscher Nicolaus Steno kennen, der später in Toskana weilte und dort
die Grundlagen der Geologie schuf657. Der Großherzog von Toskana, der
sich 1668 in Holland aufhielt, wurde damals auch mit Swammerdam
bekannt und besichtigte dessen Sammlungen. »Nichts verwunderte den
Großherzog so sehr«, erzählt Boerhaave in seiner Schilderung des Lebens
Swammerdams, »als daß letzterer zeigte, wie ein Falter zusammengerollt
in einer Puppe steckt. Aus dieser nahm ihn Swammerdam mit
unglaublicher Geschicklichkeit und mit unbegreiflich feinen Werkzeugen
heraus, um dem Fürsten die verwickelten Teile des Insekts auf das
deutlichste auseinanderzusetzen«. Der Großherzog bot Swammerdam für
seine Sammlung 12000 Gulden und knüpfte an dieses Anerbieten die
Bedingung, daß der Forscher an den toskanischen Hof kommen und dort
die Sammlung verwalten und bereichern sollte. Leider schlug
Swammerdam dieses Anerbieten, sowie jede andere Anstellung aus. Er
starb, kränklich und verarmt, im Jahre 1680.
Seinen Fleiß im Nachspüren nennt Boerhaave 658 mehr als menschlich.
Sobald ihm die Sonne hinreichendes Licht spendete, begann er unter freiem
Himmel seine feinen Präparate zu betrachten. Während der Abend- und der
Nachtstunden wurde beschrieben und gezeichnet. Bei der Untersuchung
benutzte er Gläser von sehr verschiedener Schärfe. Der betreffende
Gegenstand wurde zuerst bei schwacher Vergrößerung untersucht, dann
betrachtete er ihn mit immer kleineren Linsen. Die Scheren, Messer und
Lanzetten, deren sich Swammerdam bediente, waren so klein, daß er sie
unter dem Vergrößerungsglase schleifen mußte. Um den Verlauf der zarten
Gefäße zu verfolgen, blies er sie mit Hilfe feiner gläserner Röhren auf, oder
er füllte sie mit gefärbten Flüssigkeiten. Auf solche Weise pflegte er die
Gedärme einer Biene so deutlich zu zeigen, wie man es bisher nur an
größeren Tieren zu tun vermochte. Swammerdams zootomische Arbeiten
erstreckten sich auch auf die Weichtiere (z. B. die Weinbergsschnecke und
die Sepie), sowie die Amphibien. Der Bau und die Entwicklung des

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Frosches wurden von ihm mit einer so weitgehenden Genauigkeit
untersucht, daß Swammerdams Befunde über den Bau der
Urogenitalorgane erst durch Arbeiten des 19. Jahrhunderts ihre Bestätigung
gefunden haben659.
Unter den zahlreichen Kunstgriffen, die Swammerdam in die Anatomie
einführte, seien noch folgende erwähnt. Er benutzte saure Flüssigkeiten,
welche den zarten Teilen bei längerer Einwirkung größere Festigkeit und
Härte verliehen. Um das, manche Organsysteme einhüllende, den Einblick
in die Form und den Zusammenhang der Teile hindernde Fett zu entfernen,
wandte er als Lösungsmittel Terpentinöl an. Mitunter verwandte er ganze
Tage darauf, das Fett aus einer Raupe zu entfernen. Zum Injizieren bediente
er sich nicht nur gefärbter Flüssigkeiten, sondern er benutzte zu diesem
Zwecke auch geschmolzenes Wachs. Auch den Kunstgriff, kleinere Tiere
unter Wasser zu zerlegen, so daß die voneinander gelösten Teile ins
Flottieren kamen und sich so leichter trennen und verfolgen ließen, hat
Swammerdam in die anatomische Technik eingeführt.
Wenden wir uns Swammerdams Untersuchungen der niederen Tierwelt
im einzelnen zu, so ist vor allem seine Abhandlung über den Bau und die
Entwicklung der Bienen zu nennen. Nach einem Ausspruch Boerhaaves,
der Swammerdams Schriften unter dem Titel »Bibel der Natur«
herausgab, ist das Buch über die Bienen ein Werk, das bis auf jene Zeiten
nicht seinesgleichen gefunden hatte. Nach Boerhaave ist es im Anfange
der 70er Jahre des 17. Jahrhunderts entstanden. Swammerdam, dessen
Augen durch die unermüdliche Anstrengung schließlich »ganz stumpf«
geworden seien, habe sich daran »zu schanden« gearbeitet.
Um von der Forschungsweise Swammerdams und den Ergebnissen seiner
Untersuchungen einen Begriff zu geben, sei einiges aus dieser, für die
Entwicklung der Zootomie so wichtigen Abhandlung über die Biene
mitgeteilt.
Zunächst werden die drei Formen, die Männchen, die Weibchen und die
Arbeitsbienen, genau beschrieben und ihre Lebensweise geschildert. Dann
folgt die Beschreibung der inneren Organe. Das obere und das untere
Schlundganglion werden als Gehirn und kleines Gehirn unterschieden. Von
letzterem geht nach Swammerdams Entdeckung das Mark aus. Es zieht

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sich durch den ganzen Körper, indem es in gewissen Abständen knotige
Verdickungen bildet, aus denen die feineren Nerven hervorsprießen.
In der Brust erblickt Swammerdam die Muskeln der Flügel und der Beine,
sowie die Luftröhren. Im Hinterleibe findet er die Speiseröhre, die sich
durch die Brust erstreckt, den Magen, die dünnen und die dicken Gedärme,
sowie besondere, zum Darm gehörende Drüsen und die Atmungswerkzeuge
mit ihren Bläschen und Luftröhren. Das Herz erblickt er gleichfalls, sowie
eine Menge Fett und die Muskeln, die unter den Ringen liegen und sie
bewegen.
Sehr genau wird die Entwicklung der Biene von dem Verlassen des Eies an
beschrieben. Und zwar beschränkt sich Swammerdam nicht etwa auf die
Veränderungen, welche die äußere Form erleidet, sondern er geht auf das
Wachstum der inneren Organe ein und gelangt dadurch als erster zu einer
klaren Auffassung der bis dahin in ihrem Wesen so sehr verkannten
Metamorphose der Insekten.
Vor der Zergliederung brachte er die zu untersuchenden Tiere in farbige
Flüssigkeiten. Auf die Weise bekam er Teile zu sehen, die sonst nicht oder
nicht deutlich genug hervortreten. Öffnete er die Bienenlarve auf der
Rückenseite, so quoll ihm nach seiner Schilderung eine Flüssigkeit
entgegen, die aus den verletzten Adern und dem Herzen kam. Unter der
Haut traf er die Muskeln, welche die Ringe des Leibes bewegen; darauf
kam das Fett zum Vorschein und in dem Fett, mitten auf dem Rücken, das
Herz als eine lange, den ganzen Rücken bis zum Kopf durchziehende und
Gefäße nach allen Richtungen aussendende Röhre. Im weiteren Verlaufe der
Zergliederung erblickte er unter dem Herzen den mit unzählig vielen
Luftröhren umflochtenen Magen (s. Abb. 109). Er fand ihn fleischig und
mit einer gelben Substanz gefüllt. Hinten am Magen (d) zeigten sich vier
Gefäßchen (e). Es waren die Malpighischen Gefäße, die später in weit
größerer Zahl auftreten und für harnabsondernde Organe gelten, während
ihnen früher wohl die Funktion der Leber, also eine Art Gallenbereitung,
zugeschrieben wurde. Swammerdam selbst sagt von ihnen, er habe ihre
Aufgabe nicht erraten können, doch nach langer, unverdrossener Mühe
festgestellt, daß diese Gefäße an den Enden geschlossen sind.
Auf jeder Seite der Bienenlarve wies Swammerdam zehn
Atmungsöffnungen nach. Er erkannte auch, daß sämtliche Luftröhren, die in

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den Körper führen, unter sich verbunden sind, und zwar geschehe dies
durch eine Röhre, die von der einen Öffnung zur nächsten, von dieser zur
dritten und so fort durch den ganzen Körper ziehe. »Der Bau dieser
Luftröhren«, ruft er aus, »ist wunderbar, ja sehr wunderbar; sie bestehen
insgesamt aus dicht nebeneinander befindlichen Ringen, welche durch sehr
dünne Häutchen miteinander verbunden sind. Die Luftröhren stehen immer
offen, wie bei uns Menschen und den höheren Tieren. Auch ist bezüglich
der Luftröhren noch zu bemerken, daß sie alle Teile des Körpers, selbst das
Gehirn und das Auge durchsetzen, wie ich noch näher bei der Zergliederung
dieses unergründlichen Kunst- und Meisterstückes des großen Baumeisters
zeigen werde.«

Abb. 109. Swammerdams Zeichnung des Darmkanals der Biene.
b Saugmagen; d Magen; e Malpighi'sche Gefäße; p Giftblase; q Giftdrüsen; i
Mastdarm; m Teile des letzten Bauchringes.

Swammerdam beobachtete auch, daß die Häutung sich bis auf diese
zarten Luftröhren erstreckt. Es würden nämlich bei diesem Vorgange ganze
Adern und Röhren ausgestoßen, so daß die im Innern abgestreiften
Luftröhren in der ihnen eigentümlichen Lage und Gestalt zum Leibe
hervordrängen. Desgleichen häute sich auch der Magen, der Mund und das
Ende des Darmes; doch sei dies schwierig zu beobachten. Auffällig sei
auch, daß, nachdem der Wurm zum Püppchen geworden, alle Gliedmaßen,
Flügel, Fühler und Freßwerkzeuge Luftröhren besäßen, die beim

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Ausstrecken dieser Teile mit Luft gefüllt würden und zur Ausdehnung der
Glieder das Ihrige beitrügen.

Urzeugung oder Entwicklung.

Mit der Schärfe und Sorgfalt der Beobachtung, die sich in den mitgeteilten
Ergebnissen der Untersuchungen Swammerdams ausspricht, steht die
klare, vorurteilsfreie Auffassung, welche dieser Forscher den
Naturerscheinungen entgegenbringt, im Einklang. Durch Swammerdam,
sowie den gleichzeitig lebenden Italiener Redi wurde die seit jeher in den
Köpfen der Gelehrten wie der Ungelehrten spukende Ansicht von der
Urzeugung niederer Tiere, wenn auch nicht gänzlich beseitigt, so doch für
zahlreiche Fälle widerlegt. Wie in früheren Jahrhunderten verschanzte sich
nämlich auch im 18. die Unwissenheit stets wieder hinter dieser Irrlehre.
Harvey, der in seiner Schrift über die Erzeugung der Tiere660
Hervorragendes geleistet und das Wort »Ex ovo omnia« an ihre Spitze
gestellt hatte, besaß durchaus keine klaren Vorstellungen über die
Entwicklung der Insekten und der übrigen niederen Tiere. »Einige
Geschöpfe«, sagt er, »werden aus einem schon fertigen Stoffe vollends
gebildet und aus einer Gestalt in die andere verändert. Alle Teile werden
zugleich durch eine Verwandlung geboren und unterschieden. So geschieht
die Zeugung der Insekten661.« Harvey zeigte sich in der Behandlung dieser
Frage also noch ganz von der Überlieferung, sowie der landläufigen
Auffassung beeinflußt, für die schon mit dem Worte »Verwandlung« der
Irrtum eng verknüpft war. Welch sonderbare Vorstellungen man mit diesem
Worte verband, geht auch aus folgenden Ausführungen Harveys hervor:
»Durch die Verwandlung erhalten die Tiere eine Gestalt wie durch ein
eingedrücktes Siegel. Bei solchen Tieren aber, welche durch Wachstum
entstehen, bringt die Bildungskraft andere und anders geordnete Teile
nacheinander hervor662.« Wenn man bedenkt, daß einer der hervorragendsten
Anatomen des 17. Jahrhunderts solche Anschauungen hegte, ein Mann, der
selbst heute wohl noch auf Grund des oben erwähnten Wortes als ein
Bekämpfer der Lehre von der Urzeugung betrachtet wird663, so erscheint die
Bedeutung Swammerdams erst in vollem Lichte. Wo der letztere das Wort
Verwandlung gebraucht, will er darunter nichts anderes verstanden wissen,
als eine langsame, auf natürliche Weise vor sich gehende Gestaltung der

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Gliedmaßen, die unter der ursprünglichen Hülle stattfindet und sich daher
der unmittelbaren Beobachtung entzieht, bis die neue Form die alte Haut
plötzlich zersprengt.
Swammerdam hält es für ausgemacht, daß in der ganzen Natur keine
Urzeugung, sondern nur Fortpflanzung stattfindet, und daß jedes wirbellose
Tier aus einem Ei hervorkommt, das ein anderes Tier derselben Art gelegt
hat. Zwar ist es ihm nicht möglich, für alle Fälle diese Ansicht durch die
Beobachtung zu erweisen. Das von ihm beigebrachte Material ist indes
umfangreich genug, um diese Verallgemeinerung zu rechtfertigen. Dazu tritt
der von ihm geführte Analogiebeweis durch die Aufdeckung einer von den
Anhängern der Urzeugung nicht vermuteten Feinheit im inneren Bau der
niederen Tiere. »Alle Züge des Apelles«, sagt Swammerdam in seiner
Anatomie des Nashornkäfers664, »sind gegen die zarten Striche der Natur nur
grobe Balken. Alles künstliche Gewebe der Menschen muß sich vor einer
einzigen Trachee verkriechen. Wer will sie abbilden? Welcher Witz vermag
sie zu beschreiben? Welcher Fleiß kann sie hinlänglich untersuchen?« Da
also die Organe der Insekten sich als ebenso vollendet, zweckmäßig und
kunstvoll gearbeitet erweisen wie diejenigen der allergrößten Geschöpfe, so
konnten jene Wesen auch unmöglich, wie die Anhänger der Urzeugung
wollten, durch einen zufälligen Zusammenfluß von Stoffen entstanden sein,
sondern sie mußten sich gleich den höheren Tieren durch elterliche
Zeugung gebildet haben.
Indem Swammerdam bei den Insekten die Verschiedenheiten in der
Entwicklung hervorhob, schuf er zugleich die Grundlage für die heutige
Systematik dieser Tierklasse. Der erste Fall besteht nach ihm darin, daß das
Tier, in allen seinen Gliedmaßen vollkommen ausgebildet, das Ei verläßt.
Als ein Beispiel dieser Gruppe wird die Laus genauer untersucht. Bei dem
zweiten Typus findet nach dem Verlassen des Eies nur noch ein
allmähliches Heranwachsen der Flügel statt, ein Ruhezustand
(Puppenstadium) tritt nicht ein. Swammerdam schildert diesen Fall bei der
Libelle. Bienen, Ameisen und Käfer kommen unentwickelt aus dem Ei
hervor und erhalten die vollkommene Gestalt durch allmähliche Ausbildung
der Gliedmaßen unter der Haut. »Endlich«, sagt Swammerdam, »treten
alle Glieder, nachdem die Haut abgestreift ist, hervor. Der Vorhang, der
soviel Irrungen unter den Gelehrten angestiftet hat, wird sozusagen
fortgezogen.«

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Wie erstaunte aber unser Forscher, als einmal aus vier Puppen eines
Tagschmetterlings anstatt des erwarteten Falters zahlreiche, kleine,
geflügelte Insekten hervorbrachen! Eine Erklärung dieser merkwürdigen
Erscheinung konnte erst später erfolgen, als man das geheimnisvolle
Treiben der Schlupfwespen kennen gelernt hatte. Diese legen bekanntlich
ihre Eier in die Larven anderer Kerbtiere, so daß die Puppe von der sich
entwickelnden jungen Brut, die endlich die Haut durchbricht, aufgezehrt
wird.
Einen Bundesgenossen, der auf dem Wege des planmäßigen Versuches
gleichfalls zur Erschütterung der Lehre von der Urzeugung beitrug, fand
Swammerdam in dem Italiener Redi 665. Dieser lieferte in einer 1668
erschienenen Schrift, die er »Versuche betreffend die Erzeugung der
Insekten« betitelte, den Nachweis, daß in den von ihm untersuchten Fällen
vermeintlicher Urzeugung die Insekten nicht aus faulenden Stoffen, sondern
aus Eiern entstanden, welche Tiere derselben Art vorher in jene Stoffe
gelegt hatten. In richtiger Vorahnung der Erkenntnis einer späteren Zeit
bemerkt Swammerdam hierzu, kein Tier werde durch Fäulnis erzeugt,
sondern es werde umgekehrt die Fäulnis erst durch die Tiere verursacht.
Am bekanntesten ist Redis Versuch, durch den er die Entstehung der
Fleischmaden auf Fliegeneier zurückführte. Wurde nämlich das Fleisch mit
einem feinen Netz bedeckt, das die Fliegen an der Ablage der Eier hinderte,
so traten auch keine Maden auf.
Auch für einige parasitische Würmer lieferte Redi den Nachweis, daß sie
durch Zeugung entstehen. Trotzdem fand die Lehre von der Urzeugung
immer wieder der Forschung noch zu sehr verschlossene Gebiete, wo sie ihr
Dasein bis in die neueste Zeit hinein weiter fristen konnte. Über Redi sei
noch erwähnt, daß er sich auch um die Anatomie der Schlangen, des
Zitterrochens und der Vögel Verdienste erworben hat. Seine Untersuchung
des Vogelkörpers erstreckte sich besonders auf die Luftsäcke, die von der
Lunge aus der Luft einen Zutritt bis in die Knochen gestatten.
Der hervorragendste Forscher auf den Gebieten der Anatomie, der
Physiologie und der Entwicklungsgeschichte, den das Italien des 17.
Jahrhunderts hervorbrachte, war Marcello Malpighi 666 (1628 bis 1694),
ein Schüler und Freund Borellis. Seine Verdienste um die Einführung des
Mikroskops in das naturwissenschaftliche Studium, sowie um die

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Begründung der Anatomie der Pflanzen wurden schon gewürdigt.
Malpighi machte von Swammerdams Erfindung der Injektion, d. h. der
Erfüllung feiner Gefäße mit gefärbten Flüssigkeiten oder erstarrenden
Massen (z. B. geschmolzenem Wachs) ausgedehnten Gebrauch. Gleich dem
niederländischen Forscher, der die Hoffnung aussprach, daß man durch das
Studium der Insekten zu den Gründen der Zeugung anderer Tiere gleichsam
hinaufsteigen werde, läßt Malpighi sich von dem richtigen Gedanken
leiten, durch die Erforschung der niederen Formen ein tieferes Verständnis
des Baues der höheren Tiere anzubahnen, ein Gedanke, der ihn zur
Beschäftigung mit den Pflanzen, als den einfachsten Organismen, geführt
hatte. So lieferte Malpighi eine für jene Zeit mustergültige Arbeit über den
Seidenschmetterling667, dessen Anatomie und Entwicklung er eingehend
untersuchte. Diese Arbeit enthält die erste Beschreibung des Rückengefäßes
und des Nervensystems der Insekten, sowie der Spinndrüsen und der nach
ihrem Entdecker genannten Blindsäcke, die Swammerdam später auch in
der Biene nachwies668.

Abb. 110. Malpighis Darstellung des Nervensystems beim
Seidenschmetterling669.

Die Abb. 110 (s. vorige Seite) gibt uns Malpighis Zeichnung des
bauchständigen zentralen Nervenstranges wieder. Malpighi unterschied an
ihnen 13 Nervenknoten. Von diesen aus verfolgte er die Nervenstränge bis
in ihre einzelnen Verzweigungen. Er zeigte z. B., daß von den Knoten I, I
aus Nerven nach den Augen und nach den Freßwerkzeugen geschickt

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werden. Die Knoten GG befinden sich nach seiner Schilderung zwischen
den beiden vordersten Öffnungen des Tracheensystems. Dann treten die
beiden Nervenstränge in O weit auseinander und bilden auf diese Weise den
Schlundring. M endlich bezeichnet die letzten feinen Verzweigungen des
ganzen Stranges.

Abb. 111. Malpighi untersucht die Verbindung eines Nervenknotens mit dem
Tracheensystem.

Die erste Figur der Tafel II (siehe Abb. 111) zeigt uns, mit welcher
Genauigkeit Malpighi den Lauf der von den paarweis sich
gegenüberstehenden Öffnungen (Stigmen) 1–9 (Abb. 110) ausgehenden
Tracheen verfolgt hat. Die Figur stellt die feinsten Tracheenverzweigungen
dar, die einen Nervenknoten versorgen. Wenn man sich vergegenwärtigt,
welch winziges Gebilde ein solcher Knoten ist, so muß man nicht nur die
Sorgfalt des Forschers anerkennen, sondern auch die Güte, die das
Mikroskop innerhalb eines verhältnismäßig so kurzen Zeitraums erreicht
hatte. Die große, obere Trachee PD, deren Spiralwindungen zu erkennen
sind, verbindet zwei einander gegenüber befindliche Stigmen. Sie sendet
Äste, die in die feinsten Verzweigungen auslaufen, nach dem benachbarten
Nervenknoten. Den übrigen Knoten und dem sie verbindenden Mark, sowie
allen übrigen Geweben wird in entsprechender Weise Luft zugeführt.
In Malpighis Arbeit über den Seidenschmetterling werden auch die
Verdauungsorgane und der Fortpflanzungsapparat beschrieben. Ferner sucht
Malpighi die Veränderungen festzustellen, welche die einzelnen

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Organsysteme während der verschiedenen Entwicklungsstufen des Insekts
durchlaufen.

Anfänge der Embryologie.

Ein Gegenstück zur Entwicklungsgeschichte des Seidenschmetterlings
lieferte Malpighis Untersuchung der Entstehung eines Wirbeltieres,
nämlich des Hühnchens im Ei. Es wird damit ein Problem wieder
aufgenommen, das schon Aristoteles und den der vorigen Periode
angehörenden Fabricio beschäftigt hatte. Auch zur Bewältigung dieser
Aufgabe, die erst im 19. Jahrhundert, seitdem v. Baer die Embryologie zur
wichtigsten Grundlage der zoologischen Forschung erhob, einer
befriedigenden Lösung entgegengeführt wurde, hat Malpighi zum
erstenmal die Hilfe des Mikroskops in Anspruch genommen. Insbesondere
wurde die Entstehung der Wirbelsäule, sowie der Gehirnabteilungen am
Hühnchen verfolgt.
Wir wollen auch bei dieser Abhandlung, die Malpighi »Über das bebrütete
Ei« betitelte und 1672 herausgab, einen Augenblick verweilen, da sie die
Grundlage für alle weiteren entwicklungsgeschichtlichen Arbeiten
geworden ist. Der Wert der Abhandlung wird dadurch noch erhöht, daß
Malpighi ihr eine größere Zahl (59) vortrefflicher Abbildungen
beigegeben hat. Die zweite Tafel, welche die Entstehung der Wirbelsäule
und der Gehirnanlagen erkennen läßt, ist in nachstehender Abbildung 112
wiedergegeben. In Fig. VIII erblicken wir eine Furche, die Primitivrinne
oder nach Malpighis Bezeichnung die Carina. A ist als Kopfende, dem
sich die erste Andeutung des Halses ansetzt, und D, D sind als die
Wirbelanlagen zu erkennen.
In Fig. XI zeigt uns Malpighi, daß am Grunde der Rinne sich das
Rückenmark (C) bildet, dem in der Kopfgegend einige blasenartige
Auftreibungen (Vesiculae cerebri nennt sie Malpighi) anhängen. Wie sich
die Rinne allmählich schließt und mit ihren Rändern verwächst, zeigt Fig.
XVII. Die untere Abbildung stellt die Umgebung der embryonalen Anlagen
dar. Wir erkennen aus Malpighis Zeichnung den Sack F und mehrere
Zonen, von denen er die Zone H Area umbilicalis nennt.

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In Fig. XVII erscheint zuerst die Anlage des Herzens (D) als ein einfaches
Rohr. Gleichzeitig bemerkt man (Fig. XVIII) auf der als Area umbilicalis
bezeichneten Zone zahlreiche Gefäße, die bei B dargestellt sind (Abb. 113).
Diese Gefäße sehen, wie Malpighi beobachtete, zuerst gelblich aus,
nehmen aber bald eine rötliche Farbe an. Fig. XIX (siehe Abbildung 112)
stellt das Erscheinen der Augen (A) zu beiden Seiten der Hirnanlage dar.

Abb. 112. Malpighis Darstellung der Entwicklung eines Wirbeltieres.

Man muß Malpighi das große Verdienst zuerkennen, daß er eine fast den
ganzen Gang der Entwicklung des Embryos umfassende Darstellung
gegeben hat, die in vielen Punkten durch spätere Untersuchungen vollste
Bestätigung fand, und grundlegend für die weitere Bearbeitung der
Embryologie geworden ist670.

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Abb. 113. Malpighis Darstellung der Entwicklung eines Wirbeltieres.

Zu einer genaueren Untersuchung des Nervensystems, insbesondere des
Gehirns, erwiesen sich die Mikroskope, mit denen Malpighi seine
Forschungen anstellte, noch nicht als ausreichend. So faßte er z. B. die
Nerven als hohle Röhren und das Gehirn als ein drüsenartiges Organ auf.
Diese Sinnestäuschungen führten auf dem Gebiete der Physiologie und der
so eng mit ihr verknüpften Psychologie zu sonderbaren Irrlehren. Man
nahm z. B. an, daß feine, flüssige Absonderungen im Gehirne abgeschieden
und als Lebensgeister (Spiritus animales) durch die Nerven in einer dem
Kreislauf des Blutes ähnlichen Bewegung, dem ganzen Körper zugeführt
würden.

Die Entdeckung mikroskopisch kleiner Organismen.

Während die zuletzt genannten Mikroskopiker dieses Zeitraumes bei ihren
Forschungen planmäßig zu Werke gingen, entsprangen die Untersuchungen
Leeuwenhoeks mehr der Liebhaberei als einem Streben nach Vertiefung
in den Gegenstand. Leeuwenhoek eröffnet die Reihe jener Männer, die
insbesondere während des 18. Jahrhunderts eifrig mikroskopierten, um »ihr
Gemüt und ihre Augen zu ergötzen«671. Doch ist ihm eine Fülle
mikroskopischer Funde zu verdanken. Seine sich über 50 Jahre

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erstreckenden Beobachtungen hat er in einer Reihe von Briefen mitgeteilt,
die später zu einem Werke vereinigt wurden672.
Anton van Leeuwenhoek wurde 1632 in Delft geboren. Er wurde zum
Kaufmannsstande bestimmt, wandte sich aber, ohne eine wissenschaftliche
Ausbildung erlangt zu haben, der Verfertigung von Linsen und der
Erschließung der gesamten bisher unsichtbaren Welt des Kleinen zu. Seine
Abhandlungen über die entdeckten Naturwunder sandte er an die Royal
Society, die sie in den Philosophical Transactions veröffentlichte. Die erste
dieser Abhandlungen datiert vom Jahre 1673. Das Werk, in dem er
sämtliche Abhandlungen vereinigte, erschien zuerst in holländischer
Sprache. Leeuwenhoek verstand nämlich kein Latein. Von 1695–1719
wurde es unter dem Titel »Arcana naturae ope microscopiorum detecta«
(Geheimnisse der Natur mit Hilfe der Mikroskope entdeckt), in vier starken
Bänden und durch viele Abbildungen erläutert, herausgegeben. Die Royal
Society machte Leeuwenhoek zu ihrem Mitgliede. Er starb im Alter von
90 Jahren (1723) zu Delft, wo ihm ein prächtiges Denkmal errichtet wurde.
Am bekanntesten ist Leeuwenhoek durch seine 1675 erfolgte Entdeckung
der Aufgußtierchen geworden, von denen er eine Anzahl Formen beschrieb.
Er sah und beschrieb auch die Rädertiere. Die Mängel, die seinen
Hilfsmitteln noch anhaften, verleiteten ihn, den Infusorien Organe und
Verrichtungen (wie die Begattung) zuzuschreiben, die bei ihnen nicht
vorkommen. Leeuwenhoek entdeckte die Infusorien nach seiner
Schilderung in Aufgüssen und im Schleime des Mundes. Über letzteren
berichtet er folgendes673: »Ich untersuchte die weiße Masse, die sich
zwischen den Zähnen bildet und mischte sie mit Regenwasser, in dem sich
keine Tierchen befanden. Ich nahm dann zu meiner großen Verwunderung
wahr, daß sich in der erwähnten Masse viele, sehr kleine Geschöpfe
befanden, die sich in der ergötzlichsten Weise bewegten.« Zur Erläuterung
des Gesagten diene nebenstehende Abbildung 114 Leeuwenhoeks, die
offenbar Bazillen und Aufgußtierchen darstellt.

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Abb. 114. Leeuwenhoeks Abbildung von im Schleime des Mundes
vorkommenden Infusorien und Bazillen674.

Im Zusammenhang mit diesem Nachweis mikroskopisch kleiner
Organismen im lebenden Körper entstand schon im 17. Jahrhundert eine,
allerdings noch sehr phantastische und den Kausalzusammenhang noch
kaum berücksichtigende, Lehre von den organisierten Krankheitserregern
(dem Contagium animatum)675. Während des 18. Jahrhunderts gewann durch
die weitere Ausdehnung der mikroskopischen Forschung die Vermutung,
daß ein ursächlicher Zusammenhang zwischen gewissen Krankheiten und
niederen Organismen besteht, mehr und mehr festen Boden, bis dann im 19.
Jahrhundert die Lehre vom Contagium animatum zu einem fest begründeten
Bestandteil der Pathologie nicht nur des Menschen, sondern auch der
höheren Tiere und Pflanzen wurde.
Auch die Zellen der Hefe hat Leeuwenhoek (1680) wahrgenommen, ohne
sie jedoch als Organismen zu deuten.
Er bemerkte ferner die Blutkörperchen und das bekannte wunderbare
Schauspiel der Zirkulation des Blutes in dem Körper der Froschlarven. »Als
ich den Schwanz dieses Würmchens untersuchte«, so berichtet er, »nahm
ich ein Schauspiel wahr, das alles übertraf, was ich bisher beobachtet habe.
Ich sah nicht nur das Blut durch die feinsten Gefäße von der Mitte des
Schwanzes zu den äußeren Teilen strömen, sondern jedes Gefäß machte
eine Biegung und beförderte das Blut wieder zur Mitte des Schwanzes
zurück, damit es von neuem zum Herzen ströme«676. Leeuwenhoek

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bemerkte auch die Knospung der Süßwasserpolypen, sowie die
parthenogenetische Fortpflanzung der Blattläuse, die er mit folgenden
Worten schildert: »Die von mir entdeckte Art der Fortpflanzung dieser
Geschöpfe erschien mir merkwürdiger als irgend eine der bisher bekannt
gewordenen. Vergebens suchte ich nach Eiern oder Männchen. Endlich
beschloß ich, die größeren von ihnen aufzuschneiden, damit ich Eier aus
ihrem Körper erhielt. An Stelle der Eier zog ich jedoch voll Verwunderung
kleine Tierchen hervor, die in ihrem Aussehen den Muttertieren so ähnlich
waren wie ein Ei dem andern. Nicht nur eins, sondern wohl vier zog ich
vollkommen ausgebildet aus demselben Körper677 hervor.«
Leeuwenhoek beobachtete auch, daß die Ameisen gern die Blattläuse
aufsuchen, glaubte aber, daß letztere von den Ameisen verzehrt würden,
während diese ja nur den von den Blattläusen ausgeschiedenen, als
Honigtau bezeichneten Saft genießen. Für den Honigtau, von dem man
bisher annahm, daß er aus der Luft auf die Blätter gelange, wies
Leeuwenhoek den tierischen Ursprung nach.

Mikroskopie und Anatomie.

Die grundlegenden Entdeckungen, die Leeuwenhoek über den
mikroskopischen Bau des Menschen und der höheren Tiere machte, sind so
zahlreich, daß sie hier nicht alle erwähnt werden können. Er erkannte den
faserigen Bau der Nerven, beging allerdings den Irrtum, die Nervenfaser für
hohl zu halten. Ferner erfuhr die Anatomie des Auges die größte
Erweiterung durch Leeuwenhoeks mikroskopische Untersuchung dieses
so oft schon vor ihm durchforschten Organs. Er fand, daß die Linse aus
elastischen Fasern zusammengesetzt ist, die mehrere Schichten bilden, so
daß dieser Teil des Auges in drei Teile gespalten werden kann. Auch für die
Hornhaut wies Leeuwenhoek die faserige Beschaffenheit und das
Vorhandensein eines epithelialen Überzugs nach. Ferner machte er am Auge
noch die wichtige Beobachtung, daß die Netzhaut, der er eine genauere
Beschreibung widmet, eine Stäbchenschicht enthält, wenigstens finden wir
bei ihm die erste Andeutung einer solchen678. Am Insektenauge wies
Leeuwenhoek die Zusammensetzung aus zahlreichen Facetten nach. Er
entdeckte ferner die Schuppen der Oberhaut, die Röhrchen in der
Zahnsubstanz und zahllose andere Einzelheiten.

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Abb. 115. Leeuwenhoeks Darstellung der Muskelfasern des Herzens.

Nachdem im Jahre 1677 der in Leyden studierende Deutsche Ludwig
Ham die wunderbare Entdeckung gemacht hatte, daß der menschliche
Samen selbständig sich bewegende Gebilde enthält, die man Samentierchen
nannte, bestätigte Leeuwenhoek diese Beobachtung. Er beschränkte sich
aber nicht auf diesen einzelnen Fall, sondern dehnte die Frage nach dem
Vorkommen ähnlicher Gebilde über das gesamte Tierreich aus und
vermochte bei allen Klassen das Vorhandensein von Samenfäden
nachzuweisen. Dadurch erhielt die von Harvey begründete Lehre von der
Evolution eine wesentliche Umgestaltung. Leeuwenhoek glaubte nämlich,
daß in den Samenfäden die Anlage des Embryos enthalten sei, und daß den
weiblichen Geschlechtsorganen etwa die Rolle von Brutbehältern zukäme.
Endlich sei hervorgehoben, daß Leeuwenhoek als erster die Querstreifung
der willkürlichen Muskeln bemerkte. Die obenstehende Abb. 115 zeigt
seine Darstellung einiger Muskelfasern des Herzens, welche die
Eigentümlichkeit besitzen, sich netzartig zu verzweigen, während die
gewöhnlichen Fasern parallel laufen679.
Die größte Bewunderung hat es erregt, daß Leeuwenhoek eine gewaltige
Summe verhältnismäßig oft recht schwieriger Beobachtungen nicht mit
dem zusammengesetzten, sondern mit dem einfachen Mikroskop gemacht
hat, obgleich Robert Hooke dem erstgenannten Hilfsmittel schon um
1660 eine für wissenschaftliche Arbeiten ganz geeignete Form gegeben
hatte. Mit seinen einfachen bikonvexen Linsen, die Leeuwenhoek mit
unübertrefflicher Geschicklichkeit anzufertigen wußte, erreichte er eine
160fache lineare Vergrößerung. Nach seinem Tode gelangten diese

Page 389

Vergrößerungsgläser in den Besitz der Royal Society. Mit solch einfachen
Hilfsmitteln ließen sich die erwähnten Funde nur machen, wenn das Auge
des Beobachters von außergewöhnlicher Schärfe und gut geschult war, und
wenn sich dazu noch eine ganz außerordentliche Geschicklichkeit und
Ausdauer gesellten. Bezüglich der Abbildungen Leeuwenhoeks ist
allerdings mit Recht bemerkt worden, daß sie mit den von Malpighi und
anderen Forschern jener Zeit herrührenden Abbildungen den Vergleich nicht
aushalten.
Diese Musterung der Erfolge eines Steno, Grew, Malpighi,
Swammerdam und Leeuwenhoek lehrt, daß in der zweiten Hälfte des
17. Jahrhunderts der gewaltige Anstoß, der mit der Begründung der
Dynamik anhob und darauf die gesamte Physik und Astronomie ergriff,
auch auf die übrigen Gebiete der Naturwissenschaften seine Wirkung übte,
so daß überall neue Grundlagen geschaffen wurden. Auf diesen hat das
nachfolgende 18. Jahrhundert während des größten Teiles seines Verlaufes
in ruhiger Entwicklung weiter gebaut. Erst gegen das Ende des 18.
Jahrhunderts trat von neuem ein Umschwung auf fast allen Gebieten ein. Er
kennzeichnet den Beginn der neuesten und letzten Periode in der
Entwicklung der Wissenschaften, die uns nicht nur unmittelbar in die
Geschehnisse des Tages hinüberleitet, sondern auch zahlreiche Keime
künftiger Verallgemeinerungen, Entdeckungen und Erfindungen in sich
birgt.

Page 390

17. Die Begründung der Pflanzenanatomie und der Lehre von
der Sexualität der Pflanzen.

Abb. 116. Die älteste Abbildung, welche den zelligen Bau der Korksubstanz
erläutert680.

Hooke, dessen Verdienst um die Verbesserung des Mikroskops wir kennen
gelernt haben, war der erste, der den zelligen Bau der Pflanzen entdeckte,
ohne indes im entferntesten die Bedeutung des Gesehenen zu ahnen. Als er
den dünnen Schnitt eines Flaschenkorkes betrachtete, erblickte er
zahlreiche, durch Wände getrennte Räume, denen er die bis auf den
heutigen Tag für die Elementarorgane des Tier- und Pflanzenkörpers
gebliebene Bezeichnung »Zellen« gab. Er berechnete, daß 1200 Millionen
solcher Zellen auf einen Kubikzoll Kork kommen. Die nebenstehende Abb.
116 ist eine Wiedergabe des ältesten Bildes, das den zelligen Bau einer
pflanzlichen Substanz darstellt681. Die gleiche Art des inneren Gefüges wies
Hooke für das Mark des Hollunders, sowie für das Holz verschiedener
Pflanzen nach. Dabei entging es ihm nicht, daß die Zellen oft langgestreckt
und im frischen Zustande mit Saft gefüllt sind. Hooke bemerkte manche
weitere Einzelheit. So beschreibt er die Spiralgefäße des Holzes, die

Page 391

Brennhaare der Nesseln, deren Saft er als die Ursache des Brennens
erkannte682, den Bau der Schimmelpilze usw.
Nur gelegentliche Entdeckungen über den inneren Bau der Pflanzen machte
Leeuwenhoek, dessen Verdienste um die mikroskopische Erforschung des
Tierleibes wir im vorigen Abschnitt kennen gelernt haben. So entdeckte
Leeuwenhoek die Tüpfel auf den im Holz verlaufenden Gefäßen. Die
merkwürdige Erscheinung richtig zu deuten, gelang erst im 19. Jahrhundert.
Leeuwenhoek war auch der erste, der auf das Vorkommen von Kristallen
im Innern der Pflanze hinwies.

Abb. 117. Leeuwenhoek bildet die einfachen und die gehöften Tüpfel der
Holzfasern einer Kiefer ab683.

Seine nebenstehend wiedergegebene Abbildung (Abb. 117) stellt die Tüpfel
der Holzfasern und der Markstrahlen einer Kiefer dar. Die Tüpfel der
Markstrahlen hielt er für Öffnungen. Auch die Natur der gehöften Tüpfel
verkannte er gänzlich. Er sagt darüber folgendes684: »Die Abbildung zeigt
uns etwas vom Holz der Kiefer, das ich so fein wie möglich der Länge nach
spaltete. Infolge der Feinheit des Splitterchens nahm das Auge deutlich
zahlreiche Kügelchen wahr, die in den Zellen des Holzes (in tubis ligneis)
lagen. Der Anblick ist sehr überraschend, nicht nur wegen der
vollkommenen Rundung dieser Kügelchen, sondern auch weil in ihnen
mitunter ein heller Fleck erscheint. Diese Kügelchen sind meiner Ansicht
derjenige Stoff, den wir als Harz bezeichnen.«

Page 392

Die Begründung der Anatomie der Pflanzen.

Die ersten planmäßigen, pflanzenanatomischen Untersuchungen sollten
nicht lange auf sich warten lassen. Sie erfolgten durch Nehemia Grew,
einen Landsmann Hookes, und den als Anatomen und Physiologen
hervorragenden Italiener Malpighi. Beide Männer legten die Ergebnisse
ihrer Forschungen fast gleichzeitig (im Jahre 1671) der Royal Society vor.
Eine ausführliche Darstellung gaben sie in zwei umfangreichen, erst
mehrere Jahre später veröffentlichten Werken685.
Die von Grew und Malpighi unabhängig voneinander angestellten
Untersuchungen verfolgen nicht etwa schon das Ziel, die Zelle, deren Inhalt
man erst viel später seinem Wesen nach verstehen lernte, als das
Grundorgan aller Pflanzenteile nachzuweisen. Neben der Beschreibung der
mit bloßem Auge nur unvollkommen sichtbaren, äußeren Pflanzenteile,
insbesondere der Blütenorgane, Knospenanlagen, Früchte, Samen usw.,
beschränken sie sich vielmehr auf die Darstellung grob anatomischer
Verhältnisse. Die ganze Untersuchung läuft mehr auf eine Zergliederung der
Organe in die einzelnen Gewebe hinaus, als auf den Nachweis der
Gewebselemente und deren gesetzmäßige Verknüpfung. Das Verfahren ist
also das analytische. Als Elemente der Gewebe werden Fasern und Zellen
unterschieden.
Nehemia Grew wurde 1628 als der Sohn eines Geistlichen in England
geboren. Er widmete sich dem ärztlichen Beruf, daneben aber
pflanzenanatomischen Untersuchungen. Grew bekleidete als Mitglied der
Royal Society das Amt ihres Sekretärs. Er starb im Jahre 1711.
Grews »Anatomie der Pflanzen« zeugt von einer hervorragenden
Geschicklichkeit im Mikroskopieren und von einem ganz außerordentlichen
Beobachtungsvermögen. Will man die Bedeutung dieses Buches würdigen,
so muß man erwägen, daß Grew keinen Vorgänger auf dem von ihm
durchforschten Gebiete hatte, sondern nur vereinzelte, dazu meist unrichtig
gedeutete Beobachtungen vorfand. Daher konnte sein Buch noch in neuerer
Zeit wegen der klaren Anschauung, die es vermittelt, Anfängern zur ersten
Orientierung von berufenster Seite empfohlen werden686. Die folgenden
Abschnitte mögen aus dem Inhalt des großen, unsterblichen Werkes einiges
wiedergeben.

Page 393

Neben dem Grund- oder Füllgewebe, für das Grew das noch jetzt
gebräuchliche Wort »Parenchym« einführte, unterschied er drei Arten von
Fasern, die Spiralröhren, die Faserzellen und die Saftgänge (milk vessels).
Nicht verdickte Teile der Zellwände hatten die ersten Beobachter wohl für
Löcher gehalten, durch welche die Saftbewegung vor sich gehe. Grew
widerlegte diese Ansicht und zeigte, daß es sich hier nicht um Öffnungen
handle, sondern daß das Parenchym am besten mit dem Schaum auf
Flüssigkeiten verglichen werden könne. Der von Grew herstammende
Ausdruck »Gewebe« für alle aus gleichartigen Elementen bestehenden
Zellvereinigungen ist wie der Ausdruck »Parenchym« in die heutige
Terminologie übergegangen. Die zuerst damit verknüpfte Vorstellung, daß
das Innere der Pflanze mit einem künstlichen Gewebe, einem
Spitzengewebe etwa, verglichen werden könne, hat sich allerdings als
unzutreffend erwiesen.
Grew bemerkte auch die Spaltöffnungen der Blattoberhaut. Diese wichtige
Entdeckung leitete ihn auf die Vorstellung, daß die Blätter den Verkehr des
Pflanzeninnern mit der Außenwelt, also das Ein- und Ausatmen, besorgen.
Allerdings war die Chemie im 17. Jahrhundert noch zu wenig entwickelt,
um den Verlauf dieses Stoffaustausches näher festzustellen.
Da Grew sich stets bemühte, das Gesehene physiologisch zu deuten, so
kann es nicht Wunder nehmen, daß er bei der mikroskopischen
Untersuchung der Blütenteile auch auf die Frage nach der Sexualität der
Pflanze geführt wurde. Er bejahte diese wichtige Frage, die zehn Jahre nach
ihm in Deutschland durch Camerarius 687 gleichfalls im bejahenden Sinne
entschieden wurde. Grews Ausführungen über diesen Punkt lauten etwa
folgendermaßen. In der Blume befinde sich ein Samen erzeugender Teil, die
Staubgefäße, und ein dem Eierstock entsprechender Teil. Letzterer werde
durch die Kügelchen, die sich in den Staubgefäßen befänden und dem
Samen der Tiere gleichwertig seien, befruchtet. Die Pflanze sei also ein
Zwitter688. Trotz dieser, dem Wesen der Sache nahekommenden Vorstellung
gebührt die Priorität der Entdeckung Camerarius, weil dieser die
Notwendigkeit des Zusammenwirkens von Staubgefäß und Stempel zum
Zwecke der Befruchtung zuerst durch einwandfreie Versuche erhärtete.
Neben Grew ist vor allem der Italiener Malpighi unter den Begründern
der Phytotomie zu nennen. Marcello Malpighi wurde am 10. März des
Jahres 1628 in der Nähe von Bologna geboren. Er studierte in Pisa, wo er

Page 394

mit dem zwanzig Jahre älteren Borelli, der ihn unterrichtete, ein enges
Freundschaftsbündnis einging. Borelli war eins der hervorragendsten
Mitglieder der Accademia del Cimento, die im Geiste Galileis die
Erforschung der Natur durch ausgedehnte Anwendung des Experiments
erstrebte. Borelli war es, der die neue Forschungsweise auf das Gebiet des
organischen Lebens ausdehnte, und auf diesem Wege folgte ihm in Italien
Malpighi. Nach Beendigung seiner medizinischen Studien beschäftigte
sich dieser besonders mit anatomischen Untersuchungen. Im Jahre 1656
wurde er Professor der Medizin in Bologna. Mit wenigen Unterbrechungen
lehrte er dort bis 1691. In diesem Jahre ernannte ihn der Papst zu seinem
Leibarzt. Infolgedessen siedelte Malpighi nach Rom über, wo er im Jahre
1694 starb.
Malpighi 689 weist insbesondere auf die große Verbreitung der Spiralröhren
hin (Abb. 118). Überall wird die Frage nach der Funktion der beschriebenen
Elemente mit den anatomischen Befunden verknüpft. Die Physik und
insbesondere die Chemie waren indes noch nicht imstande, der
Pflanzenphysiologie ihre unentbehrliche Hilfe zu gewähren, so daß die
Fragen nach der Saftbewegung und der Ernährung, obwohl sie im
Mittelpunkte des Forschens standen, keine Lösung finden konnten.
Malpighi, der sogar eine derjenigen des Darmes ähnliche Bewegung der
Spiralröhren690 wahrgenommen haben wollte, gelangte immerhin zu der für
die weitere Entwicklung der Ernährungsphysiologie grundlegenden
Erkenntnis, daß die Blätter diejenigen Organe sind, welche die Nahrung der
Pflanzen bereiten. Auch zeigte er, daß das Produkt der Assimilation von hier
aus in die übrigen Teile des Organismus gelangt und dort entweder zunächst
aufgespeichert oder sofort zum Wachstum gebraucht wird.
Malpighis Werk beginnt mit einer genial entworfenen Skizze über den
Bau und die Verrichtungen der pflanzlichen Organe. Er nennt diesen
Abschnitt Anatomes plantarum idea. Was er bringt, ist im wesentlichen
dasjenige, was er schon im Jahre 1671, um sich die Priorität zu sichern, der
Royal Society unterbreitet hatte, welcher der italienische Forscher seit 1669
als auswärtiges Mitglied angehörte. Dann folgt die durch nicht weniger als
93 Tafeln unterstützte ausführliche Darstellung.

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Abb. 118. Malpighis Darstellung eines Längsschnittes durch das Holz der Rebe.
Man erkennt die Spiralgefäße (K), die Holzfasern (M) und horizontal
verlaufende Zellreihen (N).

Von besonderem Werte ist es, zu erfahren, wie bei Malpighi und
denjenigen seiner Zeitgenossen, in denen der Geist der neueren
Naturwissenschaft lebte, der Bruch mit der bisherigen Art der Forschung
zum Ausdruck kam. Die Kriege und die staatlichen Veränderungen haben
nach Malpighis Ansicht die Entwicklung der Wissenschaften nicht so
ungünstig beeinflußt wie die verkehrte Art des Studiums. Bisher habe man
nämlich die Wissenschaften stets in ihrem ganzen Umfang durchmessen
und sie als etwas Fertiges betrachtet, anstatt sich der andauernden und
genauen Durchforschung eines begrenzten Gebietes zu widmen. Auch er
habe sich in der Begeisterung seiner Jugend gleich an die Anatomie der
höheren Tiere gewagt. Da ihm indessen vieles dunkel geblieben sei, so sei
er auf den Gedanken gekommen, das Wesen der Dinge durch Analogien zu
erschließen und die schwierigeren Erscheinungen durch Vermittlung der
einfacheren, leichter verständlichen zu erforschen. So sei er zur
Untersuchung der Insekten geschritten, um den Körperbau der
vollkommneren Tiere zu begreifen. Aber auch auf diesem Gebiete seien ihm
die Schwierigkeiten noch zu groß erschienen; deshalb habe er sich zunächst
an die Erforschung der Pflanzen begeben, um nach eingehender
Beschäftigung mit ihnen seine Schritte wieder zurück zu wenden und über
die Stufe der Pflanzenwelt den Weg zu den früheren Problemen zu finden.
Eigentlich, meint er mit Recht, hätte er zur Erklärung des Organischen von

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der Erforschung der Mineralien oder gar der Elemente ausgehen müssen.
Ein solches Unternehmen würde jedoch seine Kräfte überstiegen haben.
Malpighi untersucht dann besonders die Anatomie des Stammes, während
er sich bezüglich der Blätter und der Blüten mehr auf die makroskopischen
oder grob anatomischen Verhältnisse beschränkt. Der äußerste Teil der
Pflanze ist eine Haut, die aus Säckchen (Zellen) besteht. Sie werden im
Alter entleert und stellen eine trockne Oberschicht dar. Darunter kommen
netzartig verschlungene Fasern zum Vorschein, zwischen denen jedoch
wieder längliche Säckchen auftreten, die in horizontaler Richtung gegen das
Holz verlaufen. Ähnlich fand er das Holz aus längs verlaufenden Fasern
und Spiralröhren zusammengesetzt, deren Maschen von horizontal
verlaufenden Schlauchbündeln durchsetzt sind. Unklar blieb ihm der
Ursprung der Holz- und Rindenschichten aus dem zwischen beiden
liegenden Bildungsgewebe, dem Cambium. Malpighi läßt die Holzlagen
aus den innersten Schichten der Rinde hervorgehen, ein Irrtum, der sich in
der Pflanzenanatomie bis in die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts
hinein erhalten hat. Häufig war ihm der Gedanke gekommen, daß in der
faserigen Rinde die Anlagen, aus denen jedes Jahr der Holzzylinder
vergrößert werde, zusammengedrängt schon vorher existieren, wie es bei
den Schmetterlingen für mehrere Teile vorkomme, die an der Raupe und der
Puppe noch nicht sichtbar seien. Es begegnet uns also schon hier ein
Anklang an die später soviel umstrittene Lehre von der Evolution in der
Anlage präexistierender, für die Beobachtung aber noch nicht vorhandener
Organe, eine Lehre, die, wie wir sehen werden, zu den ungereimtesten
Konsequenzen führte. Sehr wertvoll war es, daß Malpighi den
ununterbrochenen Zusammenhang der Gewebeschichten gleich bei der
Begründung der Anatomie der Pflanzen erkannte und in solch treffender
Weise hervorhob, daß einige seiner zusammenfassenden Ausführungen hier
Platz finden mögen: »Die Wurzeln«, sagt Malpighi, »sind bei den Bäumen
ein Teil des Stammes, der sich in der Erde verzweigt und endlich sich in
haarfeine Fäden auflöst. Die feinen Röhren, die im Boden getrennt
verlaufen, sammeln sich nach und nach zu Bündeln und treten endlich zu
einem einzigen großen Zylinder, dem Stamm, zusammen. Dieser streckt
dann infolge der wieder eintretenden Trennung der Röhren am anderen
Ende seine Äste aus, bis die Röhrenbündel durch immer weitere Teilung in
den Blättern ihre letzte Begrenzung finden.«

Page 397

Die ausführliche Darstellung Malpighis ist nur in ihren ersten Abschnitten,
die von der Rinde und dem Stamme handeln, anatomischen Inhalts. In den
späteren Abschnitten werden morphologische Dinge wie die Knospenlage,
die Teile der Blüten, Haare, Stacheln, Ranken usw. beschrieben. Das
Hauptinteresse Malpighis wendet sich der Fortpflanzung und ihren
Organen zu. Hier zeigt sich besonders sein Bemühen eine Analogie
zwischen den tierischen und pflanzlichen Erscheinungen nachzuweisen. Er
gelangt zu dem Ergebnis, daß der Samen der Pflanzen ein Ei ist, das den aus
den wesentlichen Teilen der Pflanze bestehenden Embryo einschließt und
jahrelang entwicklungsfähig bleibt. Unter dem Drucke der eindringenden
Feuchtigkeit entfalten sich die Teile, und das Pflänzchen wird zum
Keimling. Die Keimblätter haben, wie Malpighi gleichfalls erkannte, die
Aufgabe, dem Keimling seine erste Nahrung zu liefern. Borelli bestritt
dies; und durch diesen Widerspruch wurde Malpighi dazu veranlaßt, den
Keimlingsvorgang einiger Pflanzen, wie des Lorbeers und der Dattelpalme,
recht genau zu untersuchen und durch Abbildungen zu erläutern. Schon
früher hatte er die Keimungsgeschichte von Ricinus verfolgt und in 20
Abbildungen dargestellt. Über den Vorgang der Befruchtung und das Wesen
des Blütenstaubs blieb Malpighi indessen noch völlig im Dunkeln.
Staubgefäße und Blütenblätter haben seiner Ansicht nach die Aufgabe, eine
Art Reinigung und Läuterung des Saftes vorzunehmen, aus dem sich der
Samen bilden soll. Die Tatsache, daß sich an den Blütenblättern oft Sekrete
absondern, deren Bedeutung für den Bestäubungsvorgang Malpighi noch
nicht kannte, hat ihn auf jene ganz unzutreffende Ansicht geführt. Ja, er
geht soweit, in der Absonderung des Nektars einen Vorgang zu erblicken,
welcher der Menstruation der höheren Tiere analog sei. Diese habe nämlich
auch die Aufgabe, alle Substanzen, die das Empfängnisorgan irgendwie
beeinträchtigen könnten, fortzuschaffen, damit der Rest des gereinigten
Blutes, das im Uterus verbleibe, leichter befruchtet und dem Wesen des
Tieres angepaßt werden könne. Man erkennt, auf wie verkehrte
Vorstellungen das Bestreben führen kann, überall Analogien aufzuweisen
und hierin die Hauptaufgabe der Naturerklärung zu erblicken. Es ist in
dieser Hinsicht auch auf späteren Stufen der Wissenschaft oft gefehlt und
weit über das Ziel hinausgeschossen worden. Selbst heute spielen die
falschen Analogien noch eine verhängnisvolle Rolle. Es ist gerade die
Geschichte der Wissenschaften, die uns immer wieder zu äußerster Vorsicht
in dieser Beziehung mahnt.

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Die Sexualität der Pflanzen.

Die von Malpighi und Grew begründete Anatomie der Pflanzen wurde
zunächst nicht weiter ausgebaut. Die Physiologen und vor allem die
Systematiker der nachfolgenden Periode glaubten dieses Zweiges der
botanischen Wissenschaft entraten zu können. Auch besaß das Mikroskop
noch nicht diejenige Vollendung, die es zur Aufhellung feinerer
anatomischer Einzelheiten befähigt hätte. So kam es, daß der Ausbau des in
der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts erschlossenen Gebietes erst zu
Beginn des 19. Jahrhunderts anhub, um dann in rascher Folge zu
Ergebnissen zu führen, die das Gesamtbild der Botanik wesentlich
verändert und dazu beigetragen haben, daß sie auf den Rang einer
induktiven Wissenschaft erhoben worden ist.
Die hervorragendste Entdeckung, die das 17. Jahrhundert auf dem Gebiete
der Pflanzenphysiologie zeitigte, war der Nachweis der Sexualität der
Pflanzen. Eine Vorahnung treffen wir schon im Altertum. So berichtet
Theophrast über ein beim Feigenbaum angewandtes, als Kaprifikation
bezeichnetes Verfahren, das auf die Erzielung besserer Früchte hinausläuft.
Man hatte seit alters beobachtet, daß auf der wilden Feige (Caprificus) eine
Gallwespe (Cynips psenes, L.) lebt, durch deren Stich die Früchte an Saft,
an Zuckergehalt und Größe zunehmen. Aus diesem Grunde hing man
angestochene wilde Feigen an die in den Gärten gezogenen Feigenbäume,
damit die ausschlüpfenden Insekten deren Früchte in der gleichen günstigen
Weise beeinflussen sollten691. Theophrast wies darauf hin, daß die Insekten
hier nicht den Ansatz der Früchte hervorrufen, sondern nur ihr Reifen
befördern. Der Vorgang besaß also mit dem an der Dattelpalme
beobachteten692 eine nur äußerliche Ähnlichkeit.
Die Unterscheidung zwischen weiblichen und männlichen Pflanzen, d. h. in
fruchttragende und solche, die keine Früchte hervorbringen, lag zur Zeit des
Aristoteles und Theophrast wohl schon im Sprachgebrauch. Auf eine
Kenntnis des Befruchtungsvorganges darf man daraus jedoch nicht
schließen. Als besondere Arten der Vermehrung berücksichtigte
Theophrast auch das Aussetzen von Ablegern, das Pfropfen und das
Okulieren, wobei die Pflanze dem Pfropfreis sozusagen als Boden diene693.
Die Sexualität der Pflanzen auf dem Wege des Versuches sicher

Page 399

nachgewiesen zu haben, ist das Verdienst des Tübinger Professors
Camerarius.
Rudolf Jakob Camerarius wurde 1665 in Tübingen geboren und starb
dort 1721. Im Jahre 1688 wurde er Professor und Direktor des botanischen
Gartens in Tübingen.
Wenn die Botaniker des 16. und 17. Jahrhunderts von männlichen und
weiblichen Pflanzen redeten, so geschah es nur in bildlichem Sinne, um
dadurch eine oft nicht verkennbare Verschiedenheit im ganzen Aussehen zu
bezeichnen. Caesalpin und Malpighi nahmen an, daß die Entstehung des
Samens ein der Knospenbildung entsprechender Vorgang sei. Den
Staubgefäßen und den Blumenblättern fiel nach ihrer Meinung die Aufgabe
zu, einen Teil der Feuchtigkeit an sich zu ziehen, damit in den übrigen
Teilen der Blüte ein umso reinerer Saft zur Bildung des Samens zurück
bleibe.
Camerarius ging dagegen von der Beobachtung aus, daß ein nur Früchte
tragender Maulbeerbaum, in dessen Nähe sich kein Blütenstaub
erzeugendes Exemplar befindet, taube, hohle, zur Keimung unfähige Samen
hervorbringt. Er entschloß sich darauf, das Verhältnis, in dem die
verschiedenartig gestalteten Individuen derselben Pflanzenart zueinander
stehen, auf dem einzig Erfolg versprechenden Wege des Versuches zu
erkunden. Camerarius wählte dazu eine der gemeinsten zweihäusigen
Pflanzen, das jährige Bingelkraut (Mercurialis annua). Brachte er von
diesem die reifen, keimfähigen Samen in den Boden, so sah er zweierlei
Pflanzen aus ihnen hervorgehen, die im allgemeinen einander ähnlich waren
und auch gleich benannt werden. Doch bemerkte er, daß die einen nur
Staubgefäße hervorbringen und gänzlich ohne Frucht und Samen bleiben,
während die anderen Früchte tragen, dafür aber der Blumenblätter und der
Staubbeutel entbehren. Sonderte er nun die fruchtbringenden Exemplare des
Bingelkrauts von den Blütenstaub erzeugenden völlig ab, so entstanden
zwar Samen, sie waren aber nicht keimfähig. Darauf ging er zu Versuchen
mit solchen Pflanzen über, die Staubgefäß- und Stempelblüten auf
demselben Individuum erzeugen. Wurden z. B. bei Ricinus und Mais die
Staubgefäßblüten entfernt, bevor die Antheren zur Entwicklung gelangt
waren, so erhielt er in keinem Falle reife Samen. Camerarius beschreibt
diese Versuche mit folgenden Worten: »Als ich beim Ricinus die runden,
Blütenstaub erzeugenden Knospen vor der Entfaltung der Staubbeutel

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entfernt und das Auftreten neuer derartiger Knospen sorgfältig verhindert
hatte, erhielt ich aus den vorhandenen unverletzten Samenanlagen niemals
Samen, sondern ich sah die tauben Samenhäute herabhängen und
schließlich verwelkt und verschrumpft untergehen. Ähnlich verhielt es sich
beim Mais. Nachdem ich den Schopf (der die Staubgefäßblüten enthält)
rechtzeitig abgeschnitten hatte, erschienen zwei Kolben, die gänzlich des
Samens entbehren, so daß eine große Zahl leerer Samenhäute vorhanden
war«. »Es erscheint daher gerechtfertigt«, schließt Camerarius, »den
Antheren die Bedeutung von männlichen Geschlechtsorganen beizulegen,
in denen der Same, jenes Pulver nämlich, ausgeschieden wird. Ebenso ist
einleuchtend, daß der Fruchtknoten mit seinem Griffel das weibliche
Geschlechtsorgan der Pflanze darstellt«694.
Camerarius verhehlte sich durchaus nicht die Schwierigkeiten, die damals
noch dieser Theorie anhafteten. So mußten ihm die Schachtelhalme und die
Bärlappgewächse als Pflanzen erscheinen, welche Staubbeutel besitzen und
dennoch keine Samen erzeugen. Bei diesen Pflanzen, meint Camerarius,
sei der männliche Samen reichlich vorhanden. Aber, fährt er fort, es
entspricht ihm kein weibliches Geschlecht, denn es fehlen die Griffel, die
Samenbehälter, die Samen. Eine Lösung dieses scheinbaren Widerspruchs
brachte erst das 19. Jahrhundert durch die Aufhellung der
Keimungsvorgänge der beiden, heute als Equiseten und Lykopodien
bezeichneten Pflanzengruppen. Camerarius zieht sich damit aus der ihm
sich bietenden Schwierigkeit, daß er die erwähnten Pflanzengruppen zu den
unvollkommenen (kryptogamen) Pflanzen rechnet, deren Ursprung und
Vermehrung noch dunkel sei.
Mißlungene Versuche mit dem Hanf brachten Camerarius dazu, die Frage
aufzuwerfen, ob nicht die Griffel einer Pflanze durch den Pollen einer
anderen bestäubt werden könnten, kurz, ob auch im Pflanzenreiche eine
Bastardbildung möglich sei. Er erzählte, er habe drei junge Pflanzen des
weiblichen Hanfes vom Felde in den Garten verpflanzt und darauf geachtet,
daß sie von keiner Blüte einer benachbarten männlichen Pflanze ihrer Art
bestäubt werden konnten. Trotzdem brachten die weiblichen Hanfpflanzen
viele fruchtbare Körner hervor, ein unerwarteter Ausgang, der Camerarius
zunächst sehr verdroß, dann aber auf folgende Überlegung brachte.
Entweder seien die weiblichen Pflanzen zu spät aus dem Bereiche der
männlichen entfernt worden, von denen einige vielleicht schon ihren Staub

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verstreut hätten. Es sei aber auch möglich, daß in dem Garten Pflanzen
anderer Art, die dort in Menge vorhanden gewesen, die
befruchtungsbedürftigen, weiblichen Hanfpflanzen bestäubt hätten. Zweifle
doch niemand daran, daß im Tierreich ein Weibchen von dem Männchen
einer anderen Art befruchtet werden könne. Neu sei allerdings die Frage, ob
eine weibliche Pflanze von der männlichen einer anderen Art befruchtet
werden könne, der weibliche Hanf z. B. von dem männlichen Hopfen. Die
Entscheidung, die der Lehre von der Sexualität der Pflanzen eine wertvolle
Stütze verliehen hätte, blieb allerdings einer späteren Zeit und einem
anderen Forscher vorbehalten695.
Ließ sich auch die geschlechtliche Differenzierung der Pflanzen
nachweisen, so war eine Einsicht in die Art des Befruchtungsvorganges
damit noch nicht gewonnen. Zur Lösung dieser Frage, meint Camerarius,
wäre es sehr zu wünschen, daß man von den Mikroskopikern erführe, was
die Körnchen der Staubbeutel enthalten, wie weit sie in den weiblichen
Apparat eindringen, ob sie unversehrt an den Ort kommen, wo ihre
Vereinigung mit den Samenknospen stattfindet, und was dabei aus ihnen
austritt.
Die Aufhellung dieser Verhältnisse sollte, wie wir später sehen werden, erst
im 19. Jahrhundert gelingen. Camerarius hielt es noch für
selbstverständlich, daß in jenem häufigsten Falle, in dem Staubgefäße und
Stempel in einer Blüte vereinigt sind, die Befruchtung zwischen diesen,
nahe benachbarten Teilen stattfinde, während doch in der Tat in der Natur,
wie spätere Untersuchungen gezeigt haben, alle erdenklichen
Veranstaltungen vorhanden sind, um eine Selbstbefruchtung der
Zwitterblüten zu verhindern. Einen der Vereinigung der Geschlechter in den
Zwitterblüten entsprechenden Hermaphroditismus hatte der zur Zeit des
Camerarius lebende Swammerdam im Tierreich, und zwar an den
Schnecken, aufgefunden. Camerarius erwähnt diese Beobachtung und
bemerkt dazu, daß dieser Fall, der im Tierreich eine Seltenheit bedeute, bei
den Pflanzen eben die Regel sei. Gleichzeitig wundert er sich darüber, daß
die Schnecken sich nicht selbst befruchten, während dies doch, wie er
annimmt, bei den Pflanzen der Fall sei.
Den Schluß der Schrift des Camerarius bildet eine, mit Goethes
Metamorphose der Pflanze in Parallele zu stellende, lateinische Ode, deren

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Verfasser nicht bekannt ist. Sie enthält die Grundzüge der neuen Lehre und
schließt mit den Worten:

Bestätigt seh'n wir jetzt mit Verwunderung
Für Tier' und Pflanzen gleiche Geschlechtlichkeit!
Was lebt, was Nachkommen hervorbringt,
Alles entsteht auf dieselbe Weise.

O mächt'ge Kraft des Geistes, die Du entdeckt
Zuerst so Großes, was durch Jahrhunderte
Verborgen war; wer der Natur sich
Weihte, ihn möge Dein Ruhm begeistern.

O hehre Allmacht, die Du die Welt erschufst,
Du sorgst, die Ordnung, welche Du eingesetzt,
In der Natur stets zu erhalten,
Liebst zu verjüngen die alte Schöpfung.

Linné, der bald darauf die Systematik durch die Errichtung seines auf die
Sexualität gegründeten Systems zu einem vorläufigen Abschluß brachte,
fußte, was diese Grundlage anbetraf, wesentlich auf Camerarius, wenn
dessen Lehre durch ihn auch keine nennenswerte Fortbildung erfuhr.
Letzteres geschah erst durch die Untersuchungen Koelreuters, die späterer
Besprechung vorbehalten bleiben.

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18. Der weitere Ausbau der Mechanik, Optik und Akustik.
Die von Galilei, Newton, Huygens und anderen ausgeübte Methode,
welche durch die Verknüpfung des Versuchs mit dem mathematischen
Beweisverfahren zum Auffinden der Naturgesetze führt, blieb während des
18. Jahrhunderts, wie zur Zeit ihrer Schöpfer, im wesentlichen auf die
Astronomie und die Mechanik beschränkt. Auch galt es, während dieses
Zeitraumes die von Newton 696 und Leibniz 697 ins Leben gerufene höhere
Analysis zur Bewältigung derjenigen großen Aufgaben geeignet zu machen,
die zunächst auf den Gebieten der Mechanik, der Optik und der Akustik
einer Lösung harrten.

Naturwissenschaft und Mathematik.

Daß die höhere Mathematik im Verlauf des 18. Jahrhunderts zu dem
»Riesenschwerte« des Astronomen und Physikers und später des modernen
Naturforschers überhaupt wurde, ist vor allem den Mitgliedern der Familie
Bernoulli und Leonhard Euler zu verdanken. Der älteste und zugleich
einer der bedeutendsten unter den zahlreichen großen Mathematikern dieser
Familie ist Jakob Bernoulli (1654–1705). Er ist als einer der wichtigsten
Bahnbrecher auf den Gebieten der Infinitesimalrechnung, der Reihenlehre,
Kombinationslehre und Wahrscheinlichkeitsrechnung zu nennen698. Jacob
Bernoulli beschäftigte sich mit den beiden zuletzt genannten
Gegenständen seit etwa 1680. Sein großes Werk, in dem er die eigenen und
die Forschungen anderer Mathematiker über Kombinatorik und
Wahrscheinlichkeitsrechnung zusammenfaßte, erschien jedoch erst einige
Jahrzehnte später699. Es enthält auf dem Gebiete der ersteren, und zwar in
der noch heute üblichen Form, so ziemlich alles, was den Bestand dieser
Disziplin ausmacht700. Bei weitem der wichtigste Abschnitt des Werkes ist
der letzte701. Bernoulli stellte sich darin die Aufgabe, die
Wahrscheinlichkeitsrechnung auf »bürgerliche, sittliche und wirtschaftliche
Verhältnisse« anzuwenden. Im Hinblick auf die ganz neuen Bahnen, welche
damit diesem Zweige der Mathematik gewiesen werden, ist es doppelt

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bedauerlich, daß dieser Abschnitt unvollendet geblieben ist. Die
Wahrscheinlichkeit wird als ein Grad der Gewißheit erklärt, der sich von
der Gewißheit selbst wie ein Teil vom Ganzen unterscheidet. Besteht die
absolute Gewißheit (a oder 1) aus 5 Wahrscheinlichkeiten (oder Teilen), von
denen 3 für das Eintreten eines Ereignisses und zwei dagegen sprechen, so
besitzt das Ereignis 3/5a oder 3/5 der Gewißheit.
Die Untersuchung gipfelt in dem Bernoullischen Theorem702, das man
auch das Gesetz der großen Zahlen genannt hat. Das Theorem betrifft die
Frage, ob durch Vermehrung der Beobachtungen, oder durch fortgesetzte
Häufung der Einzelfälle, die Wahrscheinlichkeit dafür wächst, daß die Zahl
der günstigen zur Zahl der ungünstigen Fälle schließlich das wahre
Verhältnis erreicht. Bernoulli formuliert das Problem und bejaht es auf
Grund eines mathematischen Beweisverfahrens. Sehr treffend bemerkt er,
die Aufgabe habe sozusagen ihre Asymptote, indem, auch bei beliebiger
Vermehrung der Beobachtungen, ein bestimmter Grad von
Wahrscheinlichkeit, das wahre Verhältnis der Fälle gefunden zu haben,
nicht überschritten werden könne.
Als Beispiel wählt Bernoulli eine zugedeckte Urne, in der sich ohne unser
Vorwissen 3000 weiße und 2000 schwarze Steine befinden. Durch häufiges
Ziehen und jedesmaliges Zurücklegen der Steinchen in die Urne wird man
mit immer größerer, schließlich mit an Gewißheit grenzender
Wahrscheinlichkeit das Verhältnis 3 : 2 ermitteln, indem dieser Wert mit der
Häufung der Fälle in immer engere Grenzen eingeschlossen wird. Wir sind
daher, sagt Bernoulli, gezwungen, bei allen Geschehnissen eine gewisse
Notwendigkeit anzuerkennen. Würde man nämlich alle Ereignisse durch
alle Ewigkeit hindurch beobachten, so würde schließlich die
Wahrscheinlichkeit in volle Gewißheit übergehen. Man müsse also bei noch
so zufällig erscheinenden Dingen doch eine Notwendigkeit annehmen und
zu dem Schlüsse kommen, daß alles in der Welt in bestimmter
Gesetzmäßigkeit vor sich gehe.
Jacob Bernoullis Arbeiten über unendliche Reihen703 sind darauf
zurückzuführen, daß sie häufig ein Mittel bieten, um zu einer Lösung von
Integrationsaufgaben zu gelangen. Deshalb hatten sich schon die Begründer
der Infinitesimalrechnung, Wallis und Newton, mit der Entwicklung von
Funktionen in unendliche Reihen befaßt704. So hatte Wallis die Fläche
zwischen der Hyperbel und ihren Asymptoten durch eine unendliche Reihe

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dargestellt. Man findet bei ihm auch schon die Reihe der reziproken
Quadratzahlen:
1/(12) + 1/(22) + 1/(32) + ...,
deren Summierung jedoch erst Euler vollzog.
Die erste Integration mit Hilfe der Reihenentwicklung gelang Nikolaus
Mercator (1668) bei seiner Quadratur der gleichseitigen Hyperbel705. Auch
Leibniz hat sich mit der Summation einiger unendlichen Reihen befaßt,
die auf die Ermittlung von π hinauslaufen. In ihren ersten Anfängen geht die
Lehre von den unendlichen Reihen sogar auf Euklid und Archimedes
zurück. Die eigentliche Begründung der Theorie der unendlichen Reihen
erfolgte jedoch erst durch Newton, den Entdecker der allgemeinen
Binomialformel. Für ganzzahlige positive Exponenten, die eine endliche
Reihe ergeben, war die Entwicklung der Formel (a + b)n schon lange vor
Newton bekannt.
Auf Jacob Bernoullis Arbeiten über unendliche Reihen kann hier nicht
näher eingegangen werden. Die Ergebnisse verdienen hier nur insoweit
Erwähnung, als sie zur angewandten Mathematik hinüberleiten. So gelang
es Bernoulli, die Beziehung zwischen den Koordinaten der elastischen
Kurve durch eine Reihe auszudrücken, die Parabel und die logarithmische
Linie mit Hilfe einer solchen zu rektifizieren, und anderes mehr706.
Von Jacob Bernoulli und seinem Bruder Johann wurde die
Aufmerksamkeit der Mathematiker auch wieder auf die für die Physik
besonders wichtigen Maxima- und Minimaaufgaben gelenkt und durch die
Behandlung der sogenannten isoperimetrischen Probleme ein Grund
geschaffen, auf dem später Euler, Lagrange und andere die
Variationsrechnung errichten konnten.
Die isoperimetrischen Probleme handeln von Kurven, die gewissen
Maxima- und Minimabedingungen genügen. Das älteste dieser Probleme
lautet: Welche unter allen isoperimetrischen Kurven schließt die größte
Fläche ein? Schon das Altertum beantwortete diese Frage dahin, daß die
verlangte Kurve der Kreis sei707.
Das erste isoperimetrische Problem, mit dem sich Johann Bernoulli
beschäftigte, betrifft die Brachystochrone, die Linie des kürzesten Falles708.
Johann Bernoulli formulierte dies Problem mit folgenden Worten: »Zwei

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gegebene Punkte, die verschiedenen Abstand vom Erdboden haben und
nicht senkrecht übereinander liegen, sollen durch eine Kurve verbunden
werden, auf der ein beweglicher Körper, vom oberen Punkte ausgehend,
vermöge seiner Schwere in der kürzesten Zeit zum unteren Punkte gelangt«.
Nachdem er die Lösung gefunden, forderte er nach damaliger Sitte »die
scharfsinnigsten Mathematiker des ganzen Erdkreises« auf, gleichfalls die
Aufgabe zu lösen. Leibniz gelang dies noch am nämlichen Tage, an dem er
davon Kenntnis erhielt. Auch Newton und Jacob Bernoulli fanden
übereinstimmend die Lösung, daß die Zykloide die gesuchte Kurve sei. Die
Verwunderung war umso größer, als Huygens diese Kurve schon als
diejenige erkannt hatte, in der die Fallbewegung von allen Punkten aus
dieselbe Zeit beansprucht. Er hatte ihr aus diesem Grunde den Namen
»Tautochrone« beigelegt. So zeige, sagt Jacob Bernoulli in der
Bekanntgabe seiner Lösung709, eine Kurve, die von so vielen Mathematikern
untersucht worden sei, daß an ihr nichts mehr zu erforschen übrig schien,
plötzlich eine ganz neue Eigenschaft.

Die Begründung der mathematischen Physik.

Die beiden älteren Bernoulli errichteten in erster Linie auf den
geschaffenen Grundlagen das Gebäude der Differential- und
Integralrechnung.
Eine Auswahl aus seinen Vorlesungen über die Methoden der
Integralrechnung schrieb Johann Bernoulli in den Jahren 1691 und 1692
nieder710. Ein von ihm herrührendes Werk über die Differentialrechnung
scheint verloren gegangen zu sein. Johann und Jacob Bernoulli ist es
besonders zu danken, daß sich das von Leibniz gefundene Verfahren der
Infinitesimalrechnung rasch einbürgerte.
Johann Bernoulli beginnt nach einigen allgemeinen Betrachtungen mit
der Quadratur von Flächen und der Rektifikation von Kurven. Danach
wendet er sich physikomechanischen Problemen zu, z. B. den zuerst von
Tschirnhausen eingehender untersuchten kaustischen Linien, und der
Kettenlinie. Später sehen wir Daniel Bernoulli vorzugsweise damit
beschäftigt, schwierige mechanische Probleme, bei denen die von
Huygens und selbst noch von Newton in seinen »Prinzipien« befolgte

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geometrische Methode keine Aussicht auf Erfolg bot, vermöge des neuen
Hilfsmittels zu bewältigen. Daniel Bernoulli ist daher als der
Hauptbegründer desjenigen Wissenszweiges zu nennen, den man als
mathematische Physik bezeichnet. Er führte in die Mechanik das Prinzip
von der Erhaltung der Kraft ein, das schon Huygens bei seinen
Untersuchungen über das zusammengesetzte Pendel vorgeschwebt hat, und
brachte dieses Prinzip bei seinen Arbeiten über die Bewegung flüssiger
Körper überall zur Anwendung (Hydrodynamik 1738)711. Huygens hatte es
dahin ausgesprochen, daß ein frei fallender Körper, wie immer man seine
Bewegungsrichtung ändert, nur bis zur ursprünglichen Höhe wieder
emporsteigen kann, da die Wirkung der Ursache gleichwertig sei. Aus
diesem Grunde hatte Huygens auch die Möglichkeit eines Perpetuum
mobile bestritten. Obgleich Daniel Bernoulli 712 die große Bedeutung des
Prinzips von der Erhaltung der Kraft wohl ahnte, blieb es doch dem 19.
Jahrhundert vorbehalten, es in seiner Allgemeingültigkeit nachzuweisen
und die gesamte Naturlehre darauf zu begründen.
Zu den mechanischen Vorgängen, mit denen sich das 18. Jahrhundert
beschäftigte, gehörten auch der Fall und der Wurf. Galilei hatte zwar die
Theorie dieser Bewegungen entwickelt und damit für die Mechanik eine
neue Ära eröffnet. Er hatte jedoch von einem sehr wesentlichen Faktor, dem
Luftwiderstande, abgesehen, nicht etwa weil er die Wichtigkeit dieses
Faktors nicht kannte, sondern weil sich Galilei die erwähnte Beschränkung
noch auferlegen mußte.
Ein Gesetz für den Widerstand, den Flüssigkeiten und Gase auf bewegte
Körper ausüben, stellte zuerst Newton auf. Er gelangte zu der Annahme,
daß der Widerstand des Mediums für ein und denselben Körper dem
Quadrate der Geschwindigkeit proportional sei. Auf Newtons
Veranlassung wurden Versuche angestellt, um das Gesetz zu prüfen. Es
erwies sich auch für mittlere Geschwindigkeiten als gültig.
Die Bahn, die ein geworfener Körper unter dem Einfluß des
Luftwiderstandes beschreibt, suchte zuerst Johann Bernoulli zu
bestimmen. Es ergab sich jedoch, daß die mathematische Analyse zur
Bewältigung dieser Aufgabe nicht imstande war, und daß eine angenäherte
Lösung des ballistischen Problems sich nur durch die Vereinigung von
Versuch und Rechnung erhoffen ließ. Am erfolgreichsten in dieser Richtung
war die Arbeit von Robins 713, die Euler unter dem Titel »Neue Grundsätze

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der Artillerie«714 in deutscher Sprache herausgab. Robins zeigte, daß
Newtons Gesetz nur für geringe Geschwindigkeiten gilt, daß aber mit
größeren Geschwindigkeiten der Widerstand weit stärker wächst, als jenes
Gesetz angibt.
Um die Geschwindigkeit des Geschosses in irgend einem Punkte der
Wurfbahn bestimmen zu können, konstruierte Robins sein »ballistisches
Pendel«. Ein Körper von bedeutendem Gewicht wurde so aufgehängt, daß
er pendeln konnte. Schoß man eine Kugel gegen diesen Körper, so ließ sich
aus dem Gewicht, den Dimensionen und dem Ausschlag des Pendels die
Geschwindigkeit der Kugel den Stoßgesetzen gemäß berechnen. Nach dem
Stoß besitzen nämlich das Pendel, dessen Masse M, und die Kugel, deren
Masse m und deren Geschwindigkeit im Augenblicke des
Zusammentreffens v sei, die gleiche Geschwindigkeit V. Gemäß den
Stoßgesetzen ist aber
mv = (M + m)V.
Daraus folgt, daß
v = (M + m)/m · V ist715.
Mit dem Einfluß des Widerstandes, den Gase und Flüssigkeiten der
Bewegung entgegensetzen, haben sich die theoretische und die
Experimentalphysik seit Bernoulli und Robins immer wieder beschäftigt,
ohne indes bei der Kompliziertheit der in Betracht kommenden Umstände
bisher zu einem abschließenden Ergebnis zu gelangen.
Fast noch übertroffen wurden die Leistungen Daniel Bernoullis durch
diejenigen Eulers. Leonhard Euler wurde am 15. April des Jahres 1707
in Basel geboren und war ein Schüler des daselbst ein Lehramt
bekleidenden Johann Bernoulli. Auf die Empfehlung Daniel
Bernoullis hin kam Euler mit 20 Jahren an die Akademie zu Petersburg.
Bezeichnend für seine ungewöhnliche mathematische Befähigung ist
Folgendes. Als es galt, gewisse astronomische Tafeln zu berechnen,
erklärten die Mathematiker der Akademie, hierzu einer Frist von einigen
Monaten zu bedürfen. Euler dagegen erbot sich, jene Tafeln in drei Tagen
fertig zu stellen, und hielt auch Wort. Doch hatte er diese Leistung mit dem
Verluste eines Auges zu bezahlen, das er infolge einer durch die
Überanstrengung herbeigeführten Krankheit einbüßte. Im Jahre 1741 berief

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Friedrich der Große durch ein aus dem Feldlager stammendes Schreiben
Euler an die Preußische Akademie der Wissenschaften. Volle 25 Jahre
arbeitete er als eine Zierde dieser Gesellschaft in der Residenz der
Preußischen Könige an dem Ausbau der neueren Mathematik. Dabei
entfaltete der große Mann eine beispiellose Produktivität. Allein in den
Jahrbüchern der Berliner Akademie veröffentlichte er 121, zum Teil sehr
umfangreiche, Abhandlungen716. Nach Maupertuis' Tode leitete Euler die
Akademie. Schließlich traten aber Zerwürfnisse ein, die Euler veranlaßten,
sein Verhältnis zur Berliner Akademie zu lösen und, einer Aufforderung
Katharinas der Zweiten folgend, nach Petersburg zurückzukehren. An
seine Stelle trat in die Berliner Akademie als würdiger Nachfolger
Lagrange ein. Trotzdem Euler bald darauf völlig erblindete, erlahmte
seine wissenschaftliche Tätigkeit nicht. Noch wenige Stunden vor seinem
am 7. September 1783 erfolgten Tode war er damit beschäftigt, die
Bewegung des in demselben Jahre erfundenen Luftballons zu berechnen.

Abb. 119. Leonhard Euler.

Bevor wir uns Eulers Arbeiten auf den Gebieten der mathematischen
Physik und der Astronomie zuwenden, haben wir ihn als das kennen zu
lernen, was er in erster Linie war, nämlich als Mathematiker. Gibt es doch
keinen Zweig der reinen Mathematik, der ihm nicht eine außerordentliche
Förderung verdankte717. Er war es, der die Bemühungen Vietas zum
Abschluß brachte und die Algebra zu einer »internationalen
mathematischen Kurzschrift« gestaltete718. In seiner »Einführung in die

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Analysis des Unendlichen« vom Jahre 1748719 gab er eine umfassende
Erörterung der Kurven, welche durch die allgemeine Gleichung zweiten
Grades definiert werden. Während er dadurch die analytische Geometrie
förderte, verstand er es andererseits, den höheren Kalkül von beengenden
geometrischen Fesseln loszulösen und ihn zu einer selbständigen Disziplin
zu gestalten. Euler vor allem gelang ferner die scharfe Erfassung des
Funktionsbegriffes, dem die ersten Kapitel der »Introductio« gelten, jenes
Begriffes, den man wohl zu den wichtigsten Schöpfungen der neueren
Mathematik gerechnet hat720. Im Anschluß an Bernoullis Untersuchungen
über isoperimetrische Probleme erfand Euler als einen besonderen Teil der
höheren Analysis die Variationsrechnung.
Während Johann Bernoulli über die isoperimetrischen Probleme sich
dahin geäußert hatte, daß man wohl vergebens nach einem allgemeinen
Verfahren für ihre Lösung suchen werde, unternahm Euler die ersten
Schritte zur Ausbildung einer »Methode, Kurven zu finden, denen eine
Eigenschaft im höchsten oder geringsten Grade zukommt.« Eine Auswahl
geeigneter Abschnitte der betreffenden umfangreichen Schrift Eulers
wurde neuerdings in deutscher Übersetzung veröffentlicht721. Ein näheres
Eingehen auf den Inhalt des gewöhnlich als »Methodus inveniendi«
bezeichneten Hauptwerkes von Euler ist hier nicht am Platze722. Bemerkt
sei nur, daß die von Euler befolgte Methode wesentlich geometrisch ist,
wodurch die Behandlung der einfacheren Probleme sehr klar und
durchsichtig wird. Euler hat sein Verfahren als Variationsrechnung
bezeichnet und es mit folgenden Worten erläutert. »Die Variationsrechnung
ist die Methode, die Änderung aufzufinden, die ein aus beliebig vielen
Veränderlichen zusammengesetzter Ausdruck erleidet, wenn man entweder
alle oder nur einige Variabeln sich ändern läßt«723.
In einem Anhang zu dem Werke »Methodus inveniendi« setzt Euler die
Bedeutung, welche die in diesem vorgetragenen Lehren für die Lösung
physikalischer Probleme besitzen, des Näheren auseinander. Er meint, »es
geschehe nichts in der Natur, dem nicht irgendein Verhältnis des Maximums
oder des Minimums zu Grunde liege«. Daraus ergibt sich für die Forschung
ein direktes und ein indirektes Verfahren. Das eine führt zur Bestätigung des
anderen, wodurch ein hoher Grad von Gewißheit verbürgt wird. Handelt es
sich z. B. darum, die Krümmung eines an den beiden Enden aufgehängten
Seiles festzustellen, so geschieht dies entweder direkt, indem man die

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Wirkungen untersucht, welche die Schwere auf das Seil ausübt. Oder man
bedient sich der Methode der Maxima und Minima und erörtert mit ihrer
Hilfe, welche Gestalt das Seil annehmen muß, damit sein Schwerpunkt in
die möglichst tiefe Lage gelangt. Auf beiden Wegen erhält man ein und
dieselbe Kurve, die Kettenlinie, die der Parabel sehr ähnlich sieht724.
Von der Kettenlinie, bei welcher die Elastizität keine Rolle spielt, ging man
zur Untersuchung derjenigen Kurven über, die ein elastisches Band unter
der Einwirkung von Kräften annimmt. Die hierbei entstehenden Gestalten
waren längst bekannt. Jedermann kennt z. B. die in Abb. 120 dargestellte
Form, die ein aus Fischbein oder Stahl hergestellter Streifen annimmt, wenn
wir an den Endpunkten A und C zwei Kräfte in den Richtungen AD und
CD wirken lassen, und der Streifen in B festgehalten wird.

Abb. 120. Eine der von Euler untersuchten elastischen Kurven.

Von der Untersuchung der elastischen Kurven, bei denen die Theorie der
Maxima und Minima gleichfalls eine Rolle spielt, ging man zu den
Schwingungen elastischer Bänder über. Der erste, der sich mit diesen
Problemen eingehender befaßte, war Daniel Bernoulli. Wird die
schwingende Bewegung hinreichend schnell, so wird durch sie ein Ton
hervorgerufen, dessen Natur sich mit Hilfe von Experimenten untersuchen
läßt. So vermochte man auf physikalischem Wege das Ergebnis der
mathematischen Analyse zu bestätigen und tiefer in das Wesen der
elastischen Körper einzudringen. Auch dies geschah besonders durch
Euler. Er unterschied dabei verschiedene Fälle, z. B. das Verhalten eines
elastischen Bandes, das an einem Ende befestigt ist, oder desjenigen, das an
beiden Endpunkten festgehalten wird. Bei diesen Untersuchungen sonderte

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Euler die Schwingungen von Körpern, die erst infolge ihrer Spannung
elastisch sind (elastische Saite) von den Schwingungen an sich elastischer
Bänder725. Die Töne, die dadurch hervorgerufen werden, hat besonders
Chladni in seiner »Akustik«726 untersucht und mit den mathematisch
gefundenen Ergebnissen Eulers in guter Übereinstimmung gefunden.
Eine der frühesten Arbeiten Eulers auf dem Gebiete der angewandten
Mathematik betrifft die von Newton gegebene Theorie der Gezeiten727. Die
Pariser Akademie der Wissenschaften hatte bei der Wichtigkeit des
Gegenstandes zu Beginn des 18. Jahrhunderts zahlreiche
Flutbeobachtungen in den französischen Häfen anstellen lassen. Dabei hatte
sich gezeigt, daß man diese Beobachtungen nur zum Teil aus Newtons
Theorie erklären konnte. Die Akademie schrieb deshalb im Jahre 1740
Preise über diese Frage aus. Unter den gekrönten Arbeiten befanden sich
auch diejenigen von Euler und Bernoulli. Es gelang, auf der durch
Newton geschaffenen Grundlage, mit Hilfe der höheren Analysis manche
Umstände in Rechnung zu ziehen, die bei den Gezeiten mitwirken, so daß z.
B. das Zurückbleiben der Flutwelle hinter der Kulmination des Mondes
bestimmt werden konnte.
Auch die Lösung einer zweiten, für die Nautik sehr wichtigen Aufgabe, an
der sich Galilei in seinen letzten Lebensjahren vergebens abgemüht hatte,
des Problems der Längenbestimmung, blieb Euler vorbehalten. Galilei
und das Altertum hatten ihren Berechnungen gewisse astronomische
Erscheinungen, wie die Verfinsterungen der Jupitermonde oder die viel
seltener vorkommenden Mondfinsternisse, zugrunde gelegt. Schon vor
Galilei erfolgten neue Vorschläge, deren Durchführung die endliche
Lösung des so lange schwebenden Problems herbeiführen sollte. Da der
Mond infolge seiner Bewegung um die Erde seinen Ort rasch ändert, kann
der Abstand des Mondes von bestimmten Fixsternen, der von Minute zu
Minute ein anderer ist, zum Vergleich der Ortszeiten und damit zur
Längenbestimmung dienen. Es würde dazu nur eine Tabelle erforderlich
sein, die für einen bestimmten Ort der Erde die Abstände des Mondes für
die einzelnen Tage, Stunden und Minuten angibt. Wird dann die betreffende
Distanz an dem Orte der Beobachtung zu einer anderen Tageszeit
gemessen, so läßt sich aus dem Unterschiede der Zeiten der
Längenunterschied berechnen728. Ein zweites in Vorschlag gebrachtes
Verfahren729 beruht auf der Anwendung genauer Chronometer, die während

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der ganzen Dauer der Reise die Zeit desjenigen Ortes angeben, den man
zum Ausgangspunkte für die Längenbestimmung gewählt hat. Die
Verwirklichung dieser beiden Vorschläge wurde lebhaft angestrebt,
nachdem im Jahre 1713 das englische Parlament einen Preis von 20000
Pfund für die praktische Lösung des Längenproblems ausgesetzt hatte.
Da die Bewegung des Mondes von den anziehenden Kräften der Erde und
der Sonne abhängt, war sie weit schwieriger zu ermitteln als diejenige der
Planeten. Noch zur Zeit Newtons betrug der Fehler bei der
Vorausbestimmung einer Mondfinsternis mitunter eine Stunde und mehr.
Auf Grund der Berechnungen Eulers 730 und eigener Beobachtungen brachte
der Astronom Tobias Mayer 731 in Göttingen um die Mitte des 18.
Jahrhunderts Mondtafeln zuwege, die für Längenbestimmungen genügten.
Die Witwe Mayers, sowie auch Euler erhielten daher einen Teil des
Preises.
Ein hinlänglich genau gehendes Chronometer lieferte im Jahre 1758 der
Uhrmacher John Harrison. Dieses wies nach einer vier Monate dauernden
Fahrt einen Fehler von nur etwa zwei Minuten auf. Durch fortgesetzte
Bemühungen wurde dieser Fehler noch weiter herabgemindert, worauf
Harrison die Hälfte der vom Parlamente ausgesetzten Summe erhielt. Um
die Länge des Pendels dem Einfluß der Temperaturschwankungen zu
entziehen, verfertigte Harrison 1725 nach dem Vorgange Grahams Rost-
oder Kompensationspendel, indem er Metalle von verschiedenen
Ausdehnungskoeffizienten, wie Messing und Eisen, vereinigte. Graham
(1675–1751) hatte zu diesem Zwecke die sogenannte
Quecksilberkompensation erfunden.
Verwickelte, nur mit Hilfe der höheren Analysis zu lösende Probleme boten
die Schallerscheinungen dar. Euler untersuchte nicht nur die
Schwingungen von Saiten und Stäben732, sondern er bestimmte auch die
Grenzen der Hörbarkeit. Seinen Versuchen gemäß fallen sie etwa mit den
Schwingungszahlen 20 und 7000 zusammen. Überhaupt erwarb sich Euler
große Verdienste um eine wissenschaftliche Behandlung der Musik.
Indessen hatte es schon weit früher (um 1700) Sauveur unternommen, aus
der Musik ein Objekt der naturwissenschaftlichen Forschung zu machen733.
Bei Sauveur begegnet uns die später auch von Euler vertretene Ansicht,
daß die Konsonanz auf ein einfaches Schwingungsverhältnis
zurückzuführen sei, das vom Gehörorgan leicht aufgefaßt wird. Töne, deren

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Schwingungszahlen sich wie 5 : 6 verhalten, werden nach Sauveur nicht
mehr als konsonierend empfunden. Den Wert 5 : 6 betrachtet er als die
Grenze der Konsonanz.

Abb. 121. Schwingende Saiten.

Das Hauptverdienst Sauveurs besteht darin, daß er bestrebt war, in die
musikalisch-akustische Untersuchung überall das quantitative Verfahren
einzuführen. Sauveur machte auch schon die Beobachtung, daß eine
schwingende Saite außer ihrem Grundton zugleich Obertöne erkennen läßt.
Dies beruht darauf, daß die Saite entweder ungeteilt schwingt (Abb. 121, I),
oder daß sie mehrere Teilschwingungen vollzieht (Abb. 121, II), oder
endlich, daß sie gleichzeitig als Ganzes und daneben in ihren Teilen
Schwingungen macht (Abb. 121, III). Die so entstehenden höheren Töne
nennt man Flageolett- oder Obertöne. Sie lassen sich nur durch besondere
Vorkehrungen ausschließen. Gewöhnlich tritt der Schwingungszustand III
ein. Das geschilderte Verhalten wurde schon im Jahre 1674734 entdeckt,
jedoch von Sauveur unabhängig davon aufgefunden und genauer
verfolgt735. Sauveur benutzte für seine Untersuchung ein Monochord. Er
rief an einer Saite ihren Grundton hervor. Darauf berührte er sie an
gewissen Stellen.
c b cʹ
a–––––––––––––––––––––aʹ
Geschah dies in b, so erhielt er die Oktave, geschah es in c, so hörte man
die zweite Oktave. Zur Untersuchung des Schwingungszustandes führte
Sauveur das noch heute gebräuchliche Verfahren ein. Er setzte z. B. auf b,
c, cʹ schwarze Papierreiterchen, und auf die genau dazwischen liegenden
Punkte weiße. Brachte er dann die Saite zum Tönen, indem er sie

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gleichzeitig in c berührte, so blieben die schwarzen Reiter sitzen, während
die weißen abflogen. Die Punkte b, c, cʹ, die in Ruhe bleiben, nannte
Sauveur Knoten, die dazwischen liegenden schwingenden Teile Bäuche,
Bezeichnungen, die bis auf den heutigen Tag üblich geblieben sind.
Wie die Obertöne, deren Bedeutung für das Zustandekommen dessen, was
wir Klangfarbe nennen, Helmholtz später untersucht hat, so wurde auch
die unter dem Namen der »Schwebung« bekannte Erscheinung durch
Sauveur wissenschaftlich erklärt. Es war den Orgelbauern schon längst
aufgefallen, daß das Ohr in regelmäßiger Folge eigentümliche Stöße
wahrnimmt, wenn zwei Pfeifen angeblasen werden, deren Töne sich nur
wenig voneinander unterscheiden. Sauveur hat diese Stöße (er nannte sie
battements, Schläge) aus dem Zusammentreffen von Schwingungen erklärt,
die sich als ein jedesmaliges Anschwellen des Tones bemerkbar machen.
Besteht z. B. ein Ton aus neun Schwingungen für eine gewisse Zeit,
während ein gleichzeitig stattfindender Ton durch zehn Schwingungen
während derselben Zeit hervorgerufen wird, so werden nach Ablauf dieser
Zeit jedesmal die Schwingungen zusammenfallen. In diesem Augenblick
wird der Ton am stärksten erscheinen, dann wieder abschwellen, um nach
Ablauf derselben Zeit von neuem verstärkt zu sein. Sauveur benutzte dies
Verhalten, um die Schwingungszahl eines Tones zu ermitteln, indem er ihn
gleichzeitig mit einem Ton von bekannter Schwingungszahl erklingen ließ
und die Anzahl der in einer Sekunde stattfindenden Schwebungen
feststellte736.

Eulers Äthertheorie.

Infolge der Zurückführung der akustischen Vorgänge auf die Schwingungen
elastischer Körper und Medien mußte sich dem schon von Huygens
unternommenen Versuch, die Lichtphänomene aus denselben Prinzipien zu
erklären, Aussicht auf Erfolg darbieten. So sehen wir denn Euler eifrig
bemüht, die Analogie der Schall- und Lichterscheinungen darzutun.
Nachdem er alle Schwächen der Emanationstheorie Newtons, die er für
geradezu vernunftwidrig erklärte, nachgewiesen hatte, entwickelte er seine
eigenen Ansichten vom Äther und vom Licht. Euler geht, wie vor ihm
Huygens, von der Annahme aus, daß der Raum zwischen den
Himmelskörpern mit einer äußerst feinen Materie, dem Äther, erfüllt sei.

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Letzterer sei eine Flüssigkeit wie die Luft, aber unvergleichlich viel feiner
und verteilter, da die Himmelskörper ihn durchschneiden, ohne in ihm einen
merklichen Widerstand zu finden. Ferner besitze der Äther das Vermögen,
sich nach allen Richtungen auszubreiten und jeden leeren Raum
auszufüllen. Infolgedessen finde er sich nicht nur in den höheren Regionen,
sondern er durchdringe die Atmosphäre und dringe auch in die
Zwischenräume aller irdischen Körper ein.
Da die Luft infolge entsprechender Eigenschaften geeignet sei, die
Erzitterungen der tönenden Körper aufzunehmen und sie nach allen
Richtungen fortzupflanzen, worin ja der Schall bestehe, so sei es natürlich,
daß der Äther unter ähnlichen Umständen Erschütterungen empfangen und
sie nach allen Richtungen und auf viel größere Entfernungen vermitteln
werde. Diese Erzitterungen des Äthers bewirken nach Euler das Licht. In
Wirklichkeit komme also nichts Stoffliches von der Sonne zu uns,
ebensowenig wie von einer Glocke, wenn ihr Geläut unser Ohr trifft. Man
brauche daher auch nicht zu befürchten, daß die Sonne, indem sie Licht
spendet, die geringste Einbuße an Substanz erleide. Den scheinbaren
Widerspruch, der darin liegt, daß die irdischen Lichtquellen sich doch
augenscheinlich verzehren, erklärte Euler ganz richtig daraus, daß diese
Lichtquellen nicht nur leuchten, sondern auch Rauch und Ausdünstungen
abgeben. Könnte man, sagt Euler, diesen Rauch und diese Ausdünstungen
aufheben, so würde das bloße Leuchten keine Verminderung mit sich
bringen. Als Beweis dafür gilt ihm die Erscheinung, daß Quecksilber, das
man in einer evakuierten Röhre schüttelt, in den leuchtenden Zustand
versetzt wird, ohne an Substanz einzubüßen.
Daß sich die Zahl der Ätherschwingungen je werde ermitteln lassen,
bezweifelte Euler. Das Sonnenlicht soll deshalb weiß erscheinen, weil es in
Ätherschwingungen von jeder Zahl bestehe. Bei der Brechung spalte sich
das weiße Licht in Wellen von verschiedener Länge; diese rufen nach ihrer
Trennung die einfachen Farben hervor. Um die Körperfarben zu erklären,
vergleicht Euler die Teilchen der Körper mit gespannten Saiten. Wie diese
durch Töne, die ihrem Grundton entsprechen, in Schwingungen versetzt
werden, ebenso verhalten sich die Körperteilchen, je nach dem Grade ihrer
Elastizität, gegenüber den Schwingungen des Äthers. Ein Körper erscheint
uns rot, wenn seine Teilchen eine bestimmte, dem roten Licht
entsprechende Zahl von Schwingungen mitmachen. Weiß erscheint der

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Körper, wenn seine Teilchen vermöge ihres Spannungszustandes auf alle
Schwingungen abgestimmt sind, die das Sonnenlicht enthält; schwarz
erscheint er, wenn er nicht mitschwingt.
Aus dem Gesagten erkennen wir, daß Euler den Vorstellungen, die sich
später aus der Undulationstheorie über das Zustandekommen der Farben
entwickelt haben, sehr nahe gekommen ist. Trotz aller Klarheit, mit welcher
er seine Anschauungen über die Natur des Lichtes in den Briefen an eine
deutsche Prinzessin737 vorträgt, sowie seiner in den Denkschriften der
Berliner Akademie gegebenen wissenschaftlichen Begründung dieser
Anschauungen, blieb die von Newton herrührende Emanationstheorie
unerschüttert. Was dem bloßen, gleichfalls von einem theoretischen
Standpunkte aus erfolgenden Bekämpfen einer irrigen Hypothese nicht
gelang, hat die spätere Entdeckung neuer Tatsachen sofort herbeigeführt.
Solchen gegenüber konnte eine Hypothese, die sich nicht mit ihnen in
Einklang bringen ließ, keinen Stand halten.
Auch um die Berichtigung eines anderen Irrtums Newtons machte Euler
sich verdient. Ersterer hatte die Beseitigung der chromatischen Abweichung
für unmöglich erklärt, da die Brechung des Lichtes stets mit einer
Farbenzerstreuung verbunden sei. Infolgedessen hielt man die
Vervollkommnung der dioptrischen Fernröhre für ausgeschlossen und
wandte sich gleich Newton vorzugsweise der Verfertigung von
Spiegelteleskopen zu, die gegen das Ende des 18. Jahrhunderts durch
Wilhelm Herschel einen hohen Grad der Vollendung erreichten. Der
Ansicht Newtons gegenüber wies nun Euler im Jahre 1747 darauf hin,
daß im Baue unseres Auges das von Newton für unlösbar gehaltene
Problem doch gelöst sei, da die auf der Netzhaut erzeugten Bilder den
Fehler der chromatischen Abweichung nicht besäßen. Da beim Auge in
verschiedenem Grade brechende Medien, wie die Substanz der Hornhaut,
die Linse und der Glaskörper, bei der Bilderzeugung zusammenwirken, so
kam Euler auf den Gedanken, mit dem Glase einen zweiten Stoff in
entsprechender Weise zu verbinden und dadurch die Farbenzerstreuung zu
beseitigen. Euler suchte dieses zu erreichen, indem er seine Objektivgläser,
wie es die nebenstehende Abb. 122 erläutert, aus Glas und Wasser
zusammensetzte. Das Verfahren bot zwar in der Ausführung
Schwierigkeiten, zeigte aber immerhin die Richtigkeit der Eulerschen

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Folgerungen, da die Bilder, wenn sie auch nicht die gewünschte Schärfe
besaßen, doch frei von dem gedachten Fehler waren.
Angeregt durch diese Untersuchung Eulers kam zehn Jahre später der
Optiker Dollond 738 auf den Gedanken, anstatt Glas und Wasser zwei
Glassorten von ungleichem Brechungsvermögen zu wählen. Zunächst
verfertigte er Kron- und Flintglasprismen von verschiedenen
Brechungswinkeln. Beim Prüfen dieser Prismen ergaben sich
Zusammenstellungen, bei denen der hindurchgegangene Strahl keine
Farbenzerstreuung mehr aufwies und doch noch, wenn auch in geringerem
Grade, gebrochen wurde. Nachdem sich auf solche Weise der Gedanke als
durchführbar erwiesen, ging Dollond zu seiner praktischen Verwertung
über. Er setzte Linsen aus zwei Stücken zusammen, von denen das eine aus
Kron-, das andere aus Flintglas bestand. Auch hierbei wurde die
zweckmäßigste Vereinigung durch Ausprobieren bewerkstelligt. Damit war
das achromatische Fernrohr erfunden, das durch Dollonds Sohn und
insbesondere im Beginn des 19. Jahrhunderts durch Joseph Fraunhofer
einen solchen Grad der Vollendung erhielt, daß der während des 18.
Jahrhunderts herrschende Reflektor das Feld räumen mußte739.

Abb. 122.
Eulers aus Glas und Wasser zusammengesetztes Objektivglas740.

Auch mit einem wichtigen Problem der angewandten Mechanik hat sich
Euler beschäftigt. Im Jahre 1750 hatte Segner das nach ihm benannte
Wasserrad erfunden741. Dies veranlaßte Euler, eine »Vollständigere Theorie

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der Maschinen, die durch die Reaktion des Wassers in Bewegung gesetzt
werden«, zu entwickeln742. Die Arbeiten von Segner und Euler sind für den
Bau der horizontalen Wasserräder (Turbinen) grundlegend gewesen. Die
soeben erwähnte Abhandlung Eulers wird selbst heute noch als nur wenig
veraltet betrachtet743. Euler löst in ihr die Aufgabe, die Leistung einer
hydraulischen Maschine zu finden, die für ein gegebenes Gefälle und einen
bestimmten Wasserverbrauch gebaut ist. Ferner wird an einer Reihe von
Beispielen gezeigt, wie man für gewisse Bedingungen die größtmögliche
Leistung der Turbine berechnen kann.

Die Begründung der analytischen Mechanik.

Der Weg zu der dem 18. Jahrhundert gelungenen, vorläufig abschließenden
Gestaltung der Mechanik führt von den Bernoullis und Euler über
d'Alembert zu Lagrange, dem großen Analytiker, dem jener Abschluß
vorbehalten blieb. Die durch Euler repräsentierte, ältere Generation
begnügte sich mit der Lösung zahlreicher, isolierter Aufgaben aus allen
Teilen der angewandten Mathematik. Für jedes Problem mußte man daher
einen neuen Weg, für jede Aufgabe besondere Kunstgriffe suchen, so daß
nur die hervorragendsten mathematischen Talente sich auf dem Gebiete der
Mechanik betätigen konnten. Durch d'Alembert und in noch höherem
Grade durch Lagrange wurde dieser Mangel beseitigt, indem sie die
allgemeinen Sätze fanden, die auf ganze Gruppen von mechanischen
Aufgaben anwendbar sind. D'Alembert war es, der diese »Formgebung«
der Mechanik einleitete, während Lagrange sie vollendete744. Diese
Bedeutung d'Alemberts rechtfertigt es, daß wir nicht nur seinem
Hauptwerk, sondern auch seinem Lebensgang eine kurze Darstellung zuteil
werden lassen, zumal seine Beziehungen zu den philosophischen
Bestrebungen der Aufklärungsperiode von besonderem Interesse sind.
D'Alemberts Lebensumstände waren ganz außergewöhnliche. Zu der Zeit,
als in Frankreich der berüchtigte Herzog von Orleans die Regentschaft
führte, fand man auf den Stufen einer Kirche ein ausgesetztes Kind, das der
Frau des Handwerkers Alembert zum Aufziehen übergeben wurde. Erst als
dieses Kind zum Manne geworden, der sich unter dem Namen d'Alembert
einen geachteten Namen geschaffen hatte, wurde der Schleier, der seine
Herkunft verbarg, gelüftet. Es stellte sich nämlich heraus, daß seine Mutter

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eine Frau war, in deren Salon hervorragende Schriftsteller, vornehme
Militärs und Kleriker, darunter der spätere Papst Benedikt XIV.,
verkehrten. Mit 12 Jahren wurde d'Alembert in ein Collège
aufgenommen. Er studierte Theologie, die Rechte und Medizin, bis er sich
schließlich mit ausgesprochener Neigung der Philosophie und den
mathematischen Wissenschaften zuwandte.
D'Alembert wurde Mitglied der Pariser und der Berliner Akademie. Den
glänzenden Verlockungen, durch die ihn Friedrich der Große und
Katharina II. an sich zu fesseln suchten, widerstand er. Er blieb in
Frankreich und starb dort im Jahre 1783.
Seine grundlegende »Abhandlung über Dynamik« veröffentlichte
d'Alembert im Alter von 26 Jahren (1743)745. Sie bedeutet einen Markstein
in der Entwicklung der Mechanik, weil sie für die Bewegung der Körper ein
ebenso einfaches Grundprinzip aufstellte, wie man es für das Gleichgewicht
in dem Prinzip der virtuellen Geschwindigkeiten besaß.
Die Ableitung des d'Alembert'schen Prinzips geht auf das Problem des
zusammengesetzten Pendels zurück. Offenbar ist ein solches nichts anderes
als ein Hebel, der sich in Bewegung befindet. An einem solchen werden die
auf jeden Massenpunkt wirkenden Kräfte bekanntlich in zwei Bestandteile
zerlegt, von denen die einen sich gegenseitig aufheben, zur Bewegung also
nicht beitragen, während die anderen im Gegensatz zu jenen »verlorenen«,
sich das Gleichgewicht haltenden Kräften dem System die Bewegung
erteilen. Derjenige Massenpunkt, an dem weder Verlust noch Gewinn
stattfindet, ist der uns aus früheren Betrachtungen bekannte
Schwingungsmittelpunkt. Auch d'Alembert behandelt als typischen Fall
für sein Prinzip eine an einem Ende befestigte und im übrigen mit
verschiedenen Körpern beschwerte Stange, also ein System, das sich
gleichfalls als ein zusammengesetztes Pendel oder ein in Bewegung
begriffener Hebel betrachten läßt. Dann zerlegt er, wie es schon vor ihm
Jakob Bernoulli bei der Untersuchung des zusammengesetzten Pendels
getan, die wirkenden Kräfte in diejenigen, die im Gleichgewicht sein
müssen, und in diejenigen, welche die Bewegung hervorrufen. In dieser Art
der Betrachtung liegt das Wesen von d'Alemberts Prinzip, das in seiner
allgemeinen Fassung folgendermaßen lautet: Werden einem System von
materiellen Punkten oder Körpern Bewegungen mitgeteilt, die infolge der
wechselseitigen Verbindung der Punkte oder Körper eine Abänderung

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erfahren, so findet man die resultierenden Bewegungen auf folgende Weise.
Man zerlege die jedem Körper mitgeteilten Bewegungen in je zwei andere
a, α; b, β; c, γ ... derart, daß die Körper, wenn man ihnen nur die
Bewegungen a, b, c beigelegt hätte, diese Bewegungen hätten bewahren
können, ohne sich gegenseitig zu hindern; und daß, wenn man ihnen nur die
Bewegungen α, β, γ ... eingeprägt hätte, das System in Ruhe geblieben
wäre. Dann werden a, b, c ... die Bewegungen sein, welche diese Körper
infolge ihrer Wechselwirkung annehmen.
Zahlreiche Anwendungen seines Prinzips hat d'Alembert im dritten
Abschnitt seiner Abhandlung geboten746. Ferner gelang es ihm, die Theorie
der Bewegung der Flüssigkeiten auf sein Prinzip zurückzuführen747.
D'Alembert huldigte der zu seiner Zeit verbreiteten Ansicht, daß die
Prinzipien der Mechanik beweisbar seien. Die Scheinbeweise, die er bringt,
laufen indessen nur darauf hinaus, daß der behauptete Satz wahr sei, weil
für das Gegenteil kein genügender Grund vorliege. Ein Zweifel hinsichtlich
des Wesens der mechanischen Prinzipien spricht sich indessen schon in der
zu jener Zeit gestellten Preisfrage der Berliner Akademie aus, »ob die
Gesetze von notwendiger oder nur erfahrungsmäßiger Wahrheit seien«.
D'Alemberts Satz führt offenbar die Aufgaben der Dynamik auf
Gleichgewichtsuntersuchungen und die dabei gewonnenen Erfahrungen
zurück. Der Satz macht die Erfahrung nicht etwa überflüssig. Er hat den
»Wert einer Schablone« zur bequemen Lösung von Aufgaben. Er fördert
»nicht so sehr das Durchblicken der Vorgänge, als ihre praktische
Bewältigung«748.
Bevor wir näher auf die weitere Entwicklung der Physik eingehen, wollen
wir uns mit dem Manne beschäftigen, der an Eulers Stelle trat und das
Werk dieses Meisters fortgeführt hat. Das war Lagrange. Ihm und Euler
ist es gelungen, anstatt des synthetischen Verfahrens früherer Jahrhunderte
in allen Zweigen der reinen und der angewandten Mathematik, das
rechnerische, analytische Verfahren zur Durchführung zu bringen.
Lagrange ist sowohl in amtlicher als in wissenschaftlicher Beziehung als
der Nachfolger Eulers zu bezeichnen. Er wurde nämlich nach dem
Fortgange Eulers (1766) in die Preußische Akademie der Wissenschaften
aufgenommen und wirkte bis zum Tode Friedrichs des Großen (1786) in
Berlin. Ein besserer Ersatz für Euler war nicht zu finden. An Bedeutung für
die Weiterentwicklung der Mechanik trat Lagrange gegen Euler nicht

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zurück, so daß die Preußische Akademie sich rühmen kann, fast ein halbes
Jahrhundert die beiden größten Meister dieser Wissenschaft zu den Ihren
gezählt zu haben.
Wie sehr die staatliche Fürsorge den Fortschritt der Wissenschaften
mitunter beeinflußt hat, das zeigt vor allem das Preußen Friedrichs des
Großen. Unter dem rauhen, jedes wissenschaftlichen Sinnes baren Vater
dieses Monarchen hatte die Preußische Akademie, in der sich während des
späteren Verlaufs des 18. Jahrhunderts das regste geistige Leben
verkörperte, ein geradezu klägliches Dasein gefristet. Der König hatte für
die Gelehrten seines Staates kaum etwas anderes übrig als Spott. Der
kulturelle und der politische Fortschritt Preußens wären unterblieben, wenn
die Wissenschaften dort auch weiterhin eine so geringe Beachtung gefunden
hätten wie zur Zeit Friedrich Wilhelms I. Was dieser versäumte, hat
jedoch sein großer Sohn vollauf wieder ausgeglichen. Und zwar geschah
dies nicht nur durch äußere Mittel, sondern vor allem durch die persönliche
Anteilnahme und das stete Wohlwollen, das er den Gelehrten
entgegenbrachte, sowie durch den Schutz, den er ihnen allen reaktionären
Strömungen gegenüber bot. Wenn man sich die Entdeckungen und die
Arbeiten vergegenwärtigt, welche die Mathematiker, Astronomen, Physiker,
Chemiker, Anatomen und Botaniker der Preußischen Akademie während
der Fridericianischen Periode geleistet haben, so muß man dem Historiker749
dieser Akademie darin recht geben, daß sie in Hinsicht auf die
Naturwissenschaften zu jener Zeit von keiner anderen Akademie
übertroffen worden sei. Man darf indessen nicht vergessen, daß ihre
hervorragendsten Mitglieder Ausländer waren. Doch kehren wir zu
Lagrange zurück.
Joseph Louis Lagrange wurde am 25. Januar 1736 in Turin geboren.
Sein Vater stammte aus Frankreich; dieser geriet in Turin in solch mißliche
Verhältnisse, daß der junge Lagrange, der Jüngste unter elf Geschwistern,
frühzeitig auf seine eigene Kraft angewiesen war. Lagrange hat diesen
Umstand später oft als ein Glück bezeichnet. Er meinte, hätte er Vermögen
gehabt, so würde er die Mathematik nicht geliebt, vielleicht nicht einmal
kennen gelernt haben. So sehen wir ihn, kaum 19 Jahre alt, bereits als
Lehrer der Mathematik an einer Artillerieschule unterrichten, wo er jünger
als ein Teil seiner Schüler war. Mit Euler und d'Alembert wurde
Lagrange dadurch bekannt, daß er sich gleich den genannten großen

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Mathematikern mit dem damals so viel erörterten Problem der
Saitenschwingungen befaßte. Zu einer Berühmtheit wurde Lagrange, als
er mit 28 Jahren (1764) den großen mathematischen Preis der Pariser
Akademie für eine Arbeit über die Libration des Mondes750 erhielt. Bei
dieser Untersuchung hat er zum ersten Male das Prinzip der virtuellen
Geschwindigkeiten751 angewandt, das er an die Spitze der analytischen
Mechanik stellte. Nach Berlin war Lagrange durch Vermittlung
d'Alemberts gekommen, den Friedrich der Große zunächst und zwar
vergeblich um die Übernahme der bisher von Euler verwalteten Stelle zu
gewinnen suchte. Nach dem Tode des großen Königs wurde Lagrange der
Aufenthalt in Berlin durch einen Minister aber derartig verleidet, daß er
nach Paris zurückkehrte, wo ihm durch Vermittlung der Königin freie
Wohnung im Louvre angewiesen wurde. In Paris veröffentlichte er im Jahre
1788 sein Hauptwerk, die Mécanique analytique. Da Lagrange im
öffentlichen Leben nicht hervortrat, so wurde er durch die Wirren der
Revolutionszeit auch nur wenig behelligt. Er wirkte während dieses
Zeitabschnittes an der École Polytechnique und war auch in der
Kommission tätig, die 1792 mit der Festsetzung des neuen Maßsystems
beauftragt wurde. Napoleon, der größte Förderer der exakten
Wissenschaften, den die Geschichte kennt, überhäufte ihn mit Ehren und
nannte ihn, halb im Scherz, halb aus Bewunderung, »La haute pyramide des
sciences mathématiques«. Lagrange starb am 10. April des Jahres 1813
und wurde im Pantheon bestattet. Seine Bedeutung hat Laplace in einem
Nachruf mit folgenden Worten gekennzeichnet: »Lagrange hat gleich
Newton in höchstem Maße die glückliche Kunst besessen, die allgemeinen
Prinzipien zu entdecken, die das Wesen der Wissenschaft ausmachen. Diese
Kunst verstand er mit einer seltenen Eleganz in der Entwicklung der
abstraktesten Theorien zu verbinden.«

Fortschritte der Mathematik.

Wir beschäftigen uns zunächst mit dem Anteil, den Lagrange an der
Entwicklung der reinen Mathematik genommen hat. Auf diesem Gebiete
setzte er die Arbeit der Bernoulli und Eulers fort. Nur erwähnt seien
Lagranges Zusätze zu Eulers Elementen der Algebra. Sie beziehen sich
auf das Gebiet der unbestimmten oder diophantischen Analysis, dem Euler

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den letzten Teil seines Werkes widmete. Diese Untersuchungen gehören der
reinen Mathematik an und stehen mit der Entwicklung der
Naturwissenschaften in einem nur lockeren Zusammenhange. Sie haben
aber in der neuesten Zeit die Grundlage für die Theorie der algebraischen
Zahlen gebildet und sind aus diesem Grunde vor kurzem durch eine
deutsche Übersetzung zugänglicher gemacht worden752.
Mit den unbestimmten Gleichungen befaßt sich Lagrange auch in einer für
dieses Gebiet grundlegenden Abhandlung vom Jahre 1768753. Er bewältigt
darin die Aufgabe, alle unbestimmten Gleichungen zweiten Grades mit
zwei Unbekannten durch ganze Zahlen zu lösen. Der Versuch, solche
Gleichungen zu lösen, reicht weit in der Geschichte der Mathematik zurück.
Fermat gelang die Lösung, doch hat er sein Verfahren nicht bekannt
gegeben. Es blieb daher Lagrange vorbehalten, ein allgemeines Verfahren
zu entwickeln und zu beweisen, daß jene Gleichungen stets in ganzen
Zahlen lösbar sind. Da sich nun jede Gleichung zweiten Grades mit zwei
Unbekannten auf die einfache Form A = x2 + By2 bringen läßt, so war das
Problem in seiner Allgemeinheit gelöst.
Gleichfalls an Euler anknüpfend, hat Lagrange ferner die Theorie der
partiellen Differentialgleichungen mitbegründet. Wird eine Gleichung y =
f(x) differenziert, so läßt sich aus der entstandenen Differentialgleichung
durch Integration die ursprüngliche Gleichung wiederherstellen. Eine
solche Integration ist jedoch nicht für jede beliebige Differentialgleichung
möglich. Es galt daher, ein Kennzeichen für die Integrierbarkeit einer
Differentialgleichung zu finden, und diese Aufgabe löste Euler für solche
Gleichungen erster Ordnung schon 1734. Später dehnte er mit Erfolg diese
Untersuchungen auf Differentialgleichungen höherer Ordnung aus. Zu einer
allgemeinen Theorie für dieses Gebiet ist Euler allerdings nicht gelangt,
sondern er beschränkte sich auf die Durchführung zahlreicher besonderer
Fälle von Integrationen. Die allgemeine Lösung des Problems blieb
Laplace und den Mathematikern des 19. Jahrhunderts (Pfaff, Cauchy
und anderen) vorbehalten.
Die Abhandlungen von Lagrange, welche die Lehre von der Integration
der Differentialgleichungen förderten, fallen in den Zeitraum von 1772–
1785. Seine Untersuchung vom Jahre 1772 Ȇber die Integration der
partiellen Differentialgleichungen erster Ordnung« wurde auch in deutscher
Übersetzung zugänglich gemacht754. Eine vollständige Integrationsmethode

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für lineare partielle Differentialgleichungen mit beliebig vielen
Veränderlichen fand Lagrange indessen erst sieben Jahre später, nachdem
er sich dem durch Eulers Untersuchungen gestellten Problem zugewandt
hatte.
Mit Lagrange begann auch eine neue Epoche in der Behandlung der
Maxima- und Minimaaufgaben. Der Fortschritt bestand darin, daß er die
analytische Bewältigung der hierher gehörigen Probleme ins Auge faßte,
während die Bernoulli und Euler vorzugsweise geometrisch verfuhren.
Die hierbei befolgte Methode von Lagrange bestand in einer engen
Verbindung der Differential- mit der Integralrechnung und wurde von
Euler mit dem besonderen Namen der »Variationsrechnung« belegt. Die
grundlegende Abhandlung von Lagrange für diesen Teil der höheren
Analysis erschien im Jahre 1762755.
Wie die Isoperimeterprobleme756 seit dem Altertum behandelt und
insbesondere durch Fermat gefördert wurden, haben wir an früherer
Stelle757 erfahren. Während des 18. Jahrhunderts waren es zunächst die
Bernoulli und Euler, die sich mit diesen Problemen befaßten. In seiner
epochemachenden Abhandlung vom Jahre 1762 löste Lagrange in seiner
Allgemeinheit das Problem, für eine Integralformel ∫Z, in der Z eine
bestimmte Funktion der Variabeln x, y, z und ihrer Differentiale bezeichnet,
diejenige Relation zu finden, welche diese Variabeln unter sich haben
müssen, damit ∫Z ein Maximum oder ein Minimum wird. Dann wendet er
sich zur Erläuterung seiner Methode der Brachystochrone zu, einer Kurve,
die in der Geschichte der Mathematik ihre besondere Bedeutung besitzt,
weil sie den Untersuchungen der Bernoulli über isoperimetrische
Probleme zum Ausgangspunkt gedient hat758.
Eine Vereinfachung und Vervollständigung der Variationsrechnung hat
Lagrange in einer Abhandlung759 vom Jahre 1770 und vor allem in seiner
»Analytischen Mechanik« (1788) gegeben. Auch Legendre und später
Jacobi haben wertvolle Beiträge zur weiteren Ausgestaltung des für die
mathematische Physik so wichtigen Verfahrens geliefert760.

Die Grundformeln der analytischen Mechanik.

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Lagrange war es vorbehalten, die Mechanik in ein System zu bringen und
durch die Verbindung des Prinzips der virtuellen Geschwindigkeiten mit
dem Satze von d'Alembert diejenige Gleichung abzuleiten, die er selbst
als die dynamische Grundformel bezeichnete, weil sich danach »die
Bewegung irgend eines Systems von Körpern regelt«761. Durch diese
Leistung Lagranges ist seine »Mécanique analytique« vom Jahre 1788
zum Fundament der neueren Mechanik geworden und zu einer Bedeutung
gelangt, die derjenigen, die Newtons »Prinzipien« für das vorhergehende
Zeitalter besaßen, fast gleichkommt. Ein wesentlicher Unterschied
zwischen Newton und Lagrange besteht indessen darin, daß Newton
seine Sätze an der Figur entwickelte und somit rein geometrisch
(synthetisch) verfuhr, während Lagrange und sein Vorgänger Euler auf
dem Gebiete der Mechanik die analytische oder rechnende Methode
begründeten. Das Bestreben dieser Analytiker lief darauf hinaus, zu
möglichst umfassenden Formeln zu gelangen, welche die Behandlung der
zahlreichen Einzelfälle nach dem gleichen Schema ermöglichen und sie
dadurch erleichtern. In diesem Sinne ist Lagranges analytische Mechanik
wohl als eine der großartigsten Leistungen für die Ökonomie des Denkens
bezeichnet worden762.
Für die Statik leitete Lagrange die allgemeine Formel für das
Gleichgewicht eines beliebigen Systems von Kräften aus dem Prinzip der
virtuellen Verschiebungen ab. Wirken auf eine Anzahl von Massenpunkten,
die zu einem System verbunden sind, die Kräfte P1, P2, P3 ... und sind die
entsprechenden virtuellen Verschiebungen p1, p2, p3 ..., so herrscht in dem
System Gleichgewicht, wenn P1p1 + P2p2 + P3p3 + ... = 0 ist. Der kürzeste
Ausdruck für diese Grundformel der Statik lautet:
∑Pp = 0.
Bezieht man die Massenpunkte auf ein rechtwinkliges Koordinatensystem
und zerlegt jede Kraft in ihre parallel zu den Koordinatenachsen wirkenden
Komponenten, so lautet die Formel:
∑(Xdx + Ydy + Zdz) = 0.
Die Komponenten für die einzelnen Massenpunkte sind X1Y1Z1, X2Y2Z2
usw. Ferner sind die virtuellen Verschiebungen für die zuletzt erwähnte
Formel, gleichfalls parallel den Achsen zerlegt, dx1dy1dz1, dx2dy2dz2 usw.

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Die Ableitung der Grundformel für die Dynamik aus dem Prinzip der
virtuellen Geschwindigkeiten in Verknüpfung mit dem Satz von
d'Alembert gestaltet sich folgendermaßen. Es seien m1m2m3 ... die
Massenpunkte, x1y1z1, x2y2z2 ... die zugehörigen Koordinaten, und X1Y1Z1,
X2Y2Z2 ... wieder die Kraftkomponenten. Da die Massenpunkte unter sich
verbunden sind, so führen sie Bewegungen aus, welche durch die Kräfte
m1d2x1/(dt2), m1d2y1/(dt2), m1d2z1/(dt2) ... an den nicht miteinander
verbundenen Massen hervorgerufen werden können. Diese Kräfte und die
angreifenden Kräfte X, Y, Z ... stehen nach d'Alemberts Prinzip im
Gleichgewicht. Wendet man darauf das Prinzip der virtuellen
Verschiebungen an, so ergibt sich die Formel:
Σm(d2x/(dt2)δx + d2y/(dt2)δy + d2z/(dt2)δz) = Σm(Xδx + Yδy + Zδz).
Dafür kann man auch schreiben:
Σ{m(X - d2x/(dt2))δx + m(Y - d2y/(dt2))δy + m(Z - d2z/(dt2))δz} = 0.
Die Grundformeln der analytischen Mechanik geben uns nicht etwa neue
Aufschlüsse über die Natur der mechanischen Vorgänge, sondern sie bauen
sich auf schon bekannten Prinzipien auf. Was sie bieten, ist die Möglichkeit,
mit ihrer Hilfe auf rechnerischem Wege zur Bewältigung der Einzelfälle
dieser Wissenschaft zu gelangen763. Die Vervollkommnung, welche die
analytische Mechanik seit Lagrange durch Poisson, Green, Hamilton,
Gauß, Helmholtz und andere Forscher erfuhr, hing daher von der
weiteren Entwicklung des Kalküls ab.
Durch seine »Analytische Mechanik« förderte Lagrange nicht nur die
mathematische Physik, sondern vor allem auch die theoretische
Astronomie. Um letztere machte sich Lagrange außerdem noch durch eine
Reihe von Abhandlungen verdient, unter denen sein »Versuch einer neuen
Methode, um das Problem der drei Körper zu lösen« besondere Erwähnung
verdient764.
Die Abweichungen, die ein Planet in seiner elliptischen Bahn um den
Zentralkörper durch den Einfluß eines dritten Weltkörpers erfährt, hatte
Newton noch nicht in Rechnung ziehen können. Die ersten, denen dies für
besondere Fälle gelang, waren Clairaut und Euler. Nach ihnen haben sich
um die Bewältigung dieses Problems Lagrange und ganz besonders

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Laplace verdient gemacht. War man auch nicht imstande, eine völlig
befriedigende Theorie zu finden, so erkannte man doch, daß auch unter dem
Einfluß eines dritten Körpers eine elliptische Bewegung stattfindet, bei der
jedoch die Elemente der Ellipse sehr langsamen (säkularen) Änderungen
unterworfen sind. Da also im Verlaufe langer Zeiträume periodisch derselbe
Zustand wieder eintritt, so erschien die Stabilität des Sonnensystems
gesichert.
Endlich sei noch erwähnt, daß Lagrange die mathematische Analyse auch
in den Dienst der Kartographie gestellt hat. Der erste, der die Theorie dieser
Disziplin unter allgemeine Gesichtspunkte zu bringen suchte, war
bekanntlich Lambert 765. Er stellte sich die Aufgabe, die Lage der Längen-
und Breitenkreise so zu bestimmen, daß alle auf der Karte vorkommenden
Winkel den betreffenden Winkeln auf der Erdkugel gleich sind. Dieselbe
Aufgabe beschäftigte auch Euler 766. Während Lambert und Euler sich
noch auf bestimmte Projektionsarten beschränkten, suchte Lagrange der
Theorie eine größere Allgemeinheit zu geben, indem er alle Fälle in
Betracht zog, in welchen die Meridiane und die Parallelkreise durch Kreise
wiedergegeben werden767.

Die Begründung der Photometrie.

Die Ausdehnung der mathematischen Analyse auf sämtliche Gebiete der
Naturwissenschaft kam im 18. Jahrhundert nicht nur der reinen und der
angewandten Mechanik, sondern auch der Optik und der so lange
vernachlässigten Akustik zugute.
Die Optik war bis auf Keplers und Scheiners Zeit eine vorwiegend
geometrische Wissenschaft gewesen. Scheiner errichtete die Grundlagen
für die physiologische Optik. Eine bemerkenswerte Erweiterung der
Theorie des Sehens unter Berücksichtigung der physiologischen und der
physikalischen, insbesondere der quantitativen Seite, erfolgte um die Mitte
des 18. Jahrhunderts durch Lambert, den wir als den Begründer der
Photometrie bezeichnen müssen. Lambert erschöpfte dies Gebiet in einer
Weise, daß seit dem Erscheinen seines großen, diesen Wissenszweig
behandelnden Hauptwerkes768 nur wenige die Photometrie betreffende

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Fragen aufgeworfen und erörtert worden sind, die er nicht schon behandelt
oder gestreift hätte.
Johann Heinrich Lambert wurde am 26. August des Jahres 1728 zu
Mülhausen im Elsaß als Sohn eines armen Handwerkers geboren. Da es an
Mitteln fehlte, um den hochbegabten Knaben, dem Rate seiner Lehrer
entsprechend, studieren zu lassen, war Lambert zunächst gezwungen, das
Schneiderhandwerk zu erlernen. Seiner schönen Handschrift verdankte er
dann eine Anstellung als Schreiber. Zunächst war er als solcher in einem
Eisenwerk, später bei einem Professor der Rechtswissenschaft in Basel
tätig. Letzterer ließ ihm einen Teil des Tages zur wissenschaftlichen
Weiterbildung frei, und so vermochte es Lambert, die Lücken seiner
Bildung auszufüllen. Sein Gönner verschaffte ihm darauf eine Stelle als
Erzieher in einem gräflichen Hause. Hier und in den Jahren, die er mit
seinen Zöglingen auf der Universität verlebte, fand Lambert Muße, sich
eingehender mit wissenschaftlicher Arbeit zu befassen. Sein Interesse war
besonders der Astronomie zugewandt. Aus dem Bestreben, gewisse
astronomische Fragen zu lösen, entsprang auch seine Beschäftigung mit der
Lehre vom Licht. Bald nachdem Lambert seine Tätigkeit als Erzieher
aufgegeben hatte, erschienen rasch nacheinander seine drei Hauptwerke,
nämlich die Photometrie (1760), eine Abhandlung über den Lauf der
Kometen und seine kosmologischen Briefe (1761). Lambert war dadurch
als kaum Dreißigjähriger mit einem Schlage zu einer europäischen
Berühmtheit geworden. Auch als Philosoph gewann der vielseitige Mann
einen solch hervorragenden Ruf, daß Kant ihn für einen der ersten unter
seinen Zeitgenossen hielt769. Kant schrieb an Lambert, er halte ihn für das
größte Genie Deutschlands und für den geeigneten Mann, die Philosophie
zu reformieren. Er selbst wolle keine Zeile in seinen Werken stehen lassen,
die Lambert nicht deutlich finde. Die Bemühungen der Petersburger
Akademie um Lambert wurden dadurch vereitelt, daß ihn die Berliner
Akademie zum Mitglied ihrer physikalischen Klasse mit einem Jahresgehalt
von 500 Talern ernannte. Lambert stand in regem wissenschaftlichen
Verkehr mit Euler und Lagrange. Er starb am 25. September 1777. Sein
frühzeitiger Tod wird darauf zurückgeführt, daß er durch übermäßiges
Arbeiten seine Gesundheit untergrub.
Über Lambert besitzen wir folgende Charakterzeichnung: »Er war
gleichgültig gegen alles, was das Leben schön und behaglich macht. Sein

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Kopf arbeitete unbehelligt durch Leidenschaften wie eine schwer zum
Stehen zu bringende Maschine. Dabei war er harmlos und naturwüchsig. In
der Mathematik stand Lambert nicht auf der Höhe von Euler und
Lagrange. In der Astronomie war er kein Herschel, in der Physik kein
Newton. In der Philosophie gebrach es ihm an Leibnizens Fülle und
Beweglichkeit und an Kants bohrendem Tiefsinn. Aber, daß er alle vier
Disziplinen mit grundlegenden und fortbildungsfähigen Arbeiten
befruchtete, macht ihn doch den Größten ähnlich.«
Auf dem Gebiete der Photometrie war vor Lambert nur wenig geschehen.
Kepler hatte zwar den Hauptsatz, daß die Lichtstärke mit dem Quadrate
der Entfernung abnimmt, geometrisch abgeleitet, zu Versuchen, die
Lichtstärken verschiedener leuchtender Körper zu vergleichen, war
indessen erst Huygens übergegangen. Das erste wirkliche Photometer
hatte dann der Franzose Bouguer (1698 bis 1758) geschaffen. Es bestand
aus zwei durchscheinenden Schirmen, die sich in den Öffnungen OO 1 (s.
Abb. 123) befanden. Damit das Licht der beiden Lichtquellen sich nicht
vermischen konnte, war zwischen den beiden Öffnungen nach der Seite der
Flammen eine Scheidewand (F) angebracht. Die Lichtquelle, deren Stärke
zu messen war, wurde verschoben, bis dem vor OO 1 befindlichen Auge die
transparenten, in OO 1 befindlichen Schirme gleich hell erschienen.

Abb. 123. Bouguers Photometer.

Bouguer verfaßte auch ein Werk über die Photometrie, das 1760, also
gleichzeitig mit Lamberts, denselben Gegenstand betreffender Schrift

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erschien, von Lambert also nicht berücksichtigt werden konnte770. Es läßt
sich begreifen, daß die Verdienste Bouguers und Lamberts um die
Begründung des neuen Wissenszweiges gegeneinander abgewogen wurden,
und es hat nicht an Stimmen gefehlt, die Lambert gegenüber Bouguer zu
verkleinern suchten771. Anerkannt muß werden, daß der französische den
deutschen Forscher in der Anstellung sinnreicher und sorgfältiger Versuche
übertraf, während Lambert bei seinen experimentellen Untersuchungen
sogar mit einer gewissen Nachlässigkeit verfuhr. Bestand doch sein ganzes
Instrumentarium nur aus drei kleinen Spiegeln, zwei Linsen, einigen
Glasplatten und einem Prisma. Andererseits gebührt Lambert das
Verdienst, die Begriffe und das System der Photometrie geschaffen zu
haben. Während Bouguer sich an Beobachtungen hält und aus ihnen nicht
mehr folgert, als sich streng genommen daraus folgern läßt772, weiß
Lambert jedem Problem eine, bis zum Ziel gelangende, mathematische
Lösung zu geben. Allerdings war dies mitunter nur auf Grund einer so weit
gehenden Vereinfachung der Voraussetzungen möglich, daß das Ergebnis
der Rechnung nur als eine rohe Annäherung an die wirklichen Verhältnisse
betrachtet werden durfte. Daß der Franzose, wie wir hervorhoben, die
Beobachtung und die genaue Messung, der Deutsche dagegen die
Begriffsbestimmung und die Ableitung, unbeschadet mangelhafter Empirie,
in den Vordergrund stellt, war kein Zufall, sondern entsprach der Eigenart
französischen und deutschen Geistes. Ein ähnliches Verhältnis waltete im
18. Jahrhundert zwischen den englischen und den deutschen
Geisteserzeugnissen. Daß die Deutschen die Vorzüge der westeuropäischen
Forschungsweise sich anzueignen und mit den eigenen Vorzügen zu
verbinden wußten, hat dem Deutschland des 19. und 20. Jahrhunderts die
führende Rolle auf manchen Gebieten der Naturwissenschaften eingebracht.
Nach diesen allgemeinen Bemerkungen und der Eingliederung Lamberts
in die Reihe seiner Zeitgenossen773 wenden wir uns seiner Photometrie zu,
einem Werke, das, wie sein Herausgeber hervorhebt, für den Astrophysiker
ebenso unentbehrlich ist, wie für den Astronomen Laplaces Mécanique
céleste774.
Lambert beginnt mit einer Betrachtung der Grundbegriffe der Photometrie.
Gerade dasjenige, meint er, sei unserer Einsicht am meisten verschlossen,
was der sinnlichen Wahrnehmung fortwährend begegne. Dafür stelle die
Theorie des Lichtes ein ausgezeichnetes Beispiel dar. Daß diese nicht

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genüge, könne man schon daraus schließen, daß zwei so verschiedene
Hypothesen wie diejenige von Newton und Euler (richtiger Huygens)
zur Erklärung der Erscheinungen angewendet würden. Die erstere liege
dem Verständnis näher, doch entspreche Eulers Theorie wohl mehr der
Natur der Sache. Lambert knüpft daran einen oft wiederholten Ausspruch
über die Beurteilung von Hypothesen. Seine Worte lauten: »Unter die
vornehmsten und sichersten Kriterien dafür, daß eine Hypothese sich der
Wahrheit nähert, muß man den Fall nehmen, wenn man aus ihrem
Lehrgebäude den Eintritt neuer Erscheinungen vorhersehen und wenn man
Sätze daraus folgern kann, denen die zu diesem Zwecke angestellten
Versuche beipflichten«775. Diese Prüfung sollte erst weit später zugunsten
der von Huygens und Euler vertretenen Wellentheorie entscheiden776.
Da es für photometrische Untersuchungen kein absolutes Maß gibt, sondern
stets ein sehr subjektiver Faktor, das Urteil des Auges nämlich, in Betracht
gezogen werden muß, macht Lambert die Voraussetzung, daß »eine
Erscheinung stets dieselbe ist, so oft dasselbe Auge auf die
gleiche Weise affiziert wird«. Das Auge sei bei verschiedenen
Helligkeitsgraden zwar nicht imstande, zu entscheiden, um wieviel der eine
größer sei als der andere, doch müsse man voraussetzen, daß das Auge über
die Gleichheit zweier Helligkeitsgrade entscheiden könne. Nur durch die
Verknüpfung dieses Axioms mit den schon aus geometrischen
Überlegungen folgenden Prinzipien der Photometrie könne man zu einem
Ausbau dieses Teils der Optik gelangen.
Von solchen Prinzipien hob Lambert außer dem Satze von der Abnahme
des Lichtes mit dem Quadrate der Entfernung noch zwei besonders hervor.
Das erste lautet: »Wird dieselbe Fläche einmal von m, das andere Mal von n
Lichtquellen beleuchtet, von denen jede dieselbe Intensität besitzt und ihr
Licht unter völlig gleichen Umständen nach der Fläche sendet, so verhalten
sich die Helligkeitsgrade wie m : n.« Die Beleuchtung eines Blattes ist also
um so stärker, je größer die Anzahl der leuchtenden Kerzen ist,
vorausgesetzt, daß diese gleich hell sind, die gleiche Entfernung vom Blatte
und die gleiche Größe besitzen777.
Der dritte, wichtigste Grundsatz sprach aus, daß die Helligkeit in demselben
Verhältnis abnimmt wie der Sinus des Neigungswinkels. Der geometrische
Beweis, den Lambert hierfür bringt (Photometrie § 53), ist in alle
Lehrbücher der Physik übergegangen. Lambert begnügte sich nicht mit

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dem theoretischen Beweise dieser Sätze, sondern er suchte auch durch
geeignete Versuche ihre gegenseitige Abhängigkeit darzutun und ihnen auf
diese Weise eine noch größere Sicherheit zu verleihen.
Das nächste Kapitel beschäftigt sich mit der Messung und der Stärke des
direkten Lichtes. Für zahlreiche Einzelfälle wird die Lichtmenge oder die
Erleuchtungskraft berechnet, die von verschieden gestalteten
Flächenstücken ausgeht. Das von Lambert benutzte Photometer stimmte
mit dem nach Rumford benannten ziemlich überein. Lamberts Verfahren
bestand darin, daß er die Helligkeit zweier Flächenstücke verglich, von
denen das eine durch eine bestimmte Lichtquelle, das andere durch eine
Lichtquelle, deren Stärke ermittelt werden sollte, beleuchtet wurde. Die
Einrichtung geht aus Fig. 2 der Photometrie (s. Abb. 124) hervor.

Abb. 124. Lamberts Photometer.

In K und A befinden sich die beiden Lichtquellen, die verglichen werden
sollen. BDCEFG sei eine weiße, ebene Fläche; vor dieser ist über HI ein
undurchsichtiger, Schatten spendender Schirm aufgestellt. Der von der
Lichtquelle bei A herrührende Schatten bedeckt den Teil DFEC der weißen
Fläche, während der von K ausgehende Schatten auf DFGB fällt. Auf diese
Weise wird der vordere Teil der Fläche DFGB nur von der Lichtquelle in
A, der hintere Teil DFEC nur von den von K kommenden Strahlen
beleuchtet. Die eine Lichtquelle wird dann so lange bewegt, bis die weiße
Fläche zu beiden Seiten der Linie DF gleich hell erscheint.
Auf das Kapitel, das sich mit dem direkten Lichte beschäftigt, folgt ein
anderes über die Reflexion des Lichtes durch dunkle Körper778. Ferner wird
von der durch zerstreutes Licht erzeugten Helligkeit der durchsichtigen
Körper, insbesondere der irdischen Atmosphäre gehandelt und eine Formel
für die Extinktion des Lichtes auf seinem Wege durch die Atmosphäre
abgeleitet (Photometrie § 878 bis 882). Im Anschluß hieran wird die

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Dämmerung untersucht und die Höhe der Atmosphäre unter gewissen
einfachen Annahmen berechnet.
Der sechste Teil des Lambertschen Werkes enthält die Grundzüge der
Astrophotometrie. Es wird darin die Theorie der Lichtstärke des Mondes
und der Hauptplaneten entwickelt. Den Schluß bildet eine experimentelle
und theoretische Erörterung über die Intensität des heterogenen und des
relativen Lichtes, worunter die Farben und der Schatten verstanden sind.
Auf den Gang der Untersuchung kann hier nicht näher eingegangen werden,
doch sei hier einiges über die Ergebnisse mitgeteilt. Nach Lambert
entspricht die Absorption des Lichtes beim senkrechten Durchgang durch
die Atmosphäre dem Verhältnis 100 : 59779. Für die mittlere Helligkeit des
Vollmondes zu derjenigen der Sonne wird das Verhältnis 1 : 277000
ermittelt, und die mittlere Helligkeit des Vollmondes zu zwei Dritteln der
mittleren Zentralhelligkeit bestimmt. Letztere wird dann auch für die
Planeten aus der Zentralhelligkeit der Erde nach dem ersten von Kepler
ausgesprochenen Grundsatz der Photometrie berechnet.

Fortschritte der Akustik.

Während die Mechanik und die Optik seit den Zeiten Galileis von seiten
aller hervorragenden Physiker gefördert wurden, blieb das Gebiet der
Akustik zunächst vernachlässigt. Newton hatte zwar in seinen
»Prinzipien« eine Formel für die Fortpflanzungsgeschwindigkeit des
Schalles abgeleitet. Die experimentellen Bestimmungen dieser wichtigen
Konstante schwankten jedoch zwischen 1071 und 1255 Pariser Fuß. Die
Berechnung aus Newtons Formel ergab den noch geringeren Wert von 906
Fuß. Dieser Widerspruch zwischen Theorie und Erfahrung bewog die
Mathematiker, sich mehr als bisher der Akustik zuzuwenden. Zunächst
prüften Euler und bald darauf Lagrange die Newtonsche Formel, ohne
jedoch zu einer Lösung des bestehenden Widerspruchs gelangen zu können.
Daniel Bernoulli wandte sich besonders der Untersuchung der
Luftschwingungen in den Orgelpfeifen zu780. Er sowie Euler lieferten ferner
Untersuchungen über die Schwingungen von Saiten und Stäben. Die
Abhandlungen, die Euler, Lagrange, Bernoulli, d'Alembert u. a. über
diesen Gegenstand veröffentlichten, besitzen indessen mehr

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mathematischen als physikalischen Wert. Der erste, der den akustischen
Problemen durch eine erfolgreiche Vereinigung von Experiment und
mathematischer Analyse gerecht zu werden vermochte, war Chladni.
Ernst Florens Friedrich Chladni wurde als Sohn eines Professors der
Rechte am 30. November 1756 in Wittenberg geboren. Er studierte zunächst
gleichfalls die Rechte, wandte sich aber später mit großer Vorliebe den
Naturwissenschaften und der Musik zu. Die Beschäftigung mit der letzteren
veranlaßte ihn zum Lesen akustischer Schriften. Da ihm diese indessen nur
sehr unvollkommene Aufschlüsse gaben, ging er zu eigenen
Untersuchungen über.
Vor Chladni hatte man sich ausschließlich mit den Quer- oder
Transversalschwingungen von Saiten befaßt. Chladni entdeckte, daß an
Saiten und insbesondere an Stäben auch Longitudinalschwingungen und
drehende Schwingungen hervorgerufen werden können781.
Um Longitudinalschwingungen zu erhalten, wurden die Stäbe festgehalten
und der Länge nach gestrichen. Chladni benutzte dazu besonders
Glasröhren. Zum Hervorrufen der Töne bediente er sich eines mit Smirgel
bestreuten Tuches, das er mit der Hand den Stab entlang rieb. Bei mittlerer
Länge des Stabes waren die Töne sehr hoch. Sie standen ferner in keinem
bestimmten Verhältnis zu den an demselben Stab durch transversale
Schwingungen erzeugten Tönen.
Auf die Longitudinalschwingungen von Stäben, die Chladni beschrieb
(Über die Longitudinalschwingungen der Saiten und Stäbe, Erfurt 1796)
gründete er die Erfindung einiger neuer Musikinstrumente, des Euphons
und des Klavizylinders.
Das Euphon bestand aus Glasstäben, die auf Eisenstäben ruhten und mit
angefeuchteten Fingern gerieben wurden. Beim Klavizylinder bestanden die
Stäbe aus Holz; sie wurden durch eine Tastatur gegen einen rotierenden
feuchten Glaszylinder gepreßt. Beide Instrumente gaben einen sanften,
anhaltenden, langsam an- und abschwellenden Ton. Sie haben indessen
keine Verbreitung gefunden.
Das Studium der Longitudinalschwingungen führte Chladni auch zu einer
Berechnung der Fortpflanzungsgeschwindigkeit des Schalles in festen

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Körpern. Er fand sie weit größer als die Schallgeschwindigkeit in der Luft.
Wählte er letztere als Einheit, so ergab sich diejenige für
Zinn gleich 7,5
Silber » 9
Kupfer » 12
Eisen » 17
Glas » 17.
Eine direkte Messung der Schallgeschwindigkeit in einem Metall hat einige
Jahrzehnte später Biot vorgenommen. Er stellte sie an gußeisernen Röhren
an, die auf eine längere Strecke verbunden waren. Wurde die so
entstandene, sehr lange metallische Leitung an einem Ende angeschlagen,
so nahm man den Ton zuerst durch das Metall und später durch die Luft
wahr. Aus der Zeitdifferenz ergab sich für Gußeisen eine
Fortpflanzungsgeschwindigkeit des Schalles von etwa 3500 Metern.
Chladni untersuchte auch die Geschwindigkeit in verschiedenen Gasen.
Über die Stärke des Schalles in den Gasarten hatte schon Priestley
Versuche angestellt. Er hatte gefunden, daß der Schall in Wasserstoff fast so
schwach ist wie im Vakuum, während er in Sauerstoff und in Kohlensäure
stärker ist als in der atmosphärischen Luft. Eine direkte Messung in den
verschiedenen Gasarten vermochte Chladni nicht vorzunehmen. Sein
Verfahren bestand darin, daß er Orgelpfeifen in verschiedenen Gasen
ertönen ließ. Da hier die Schwingungszahl und somit die Höhe der Töne zu
der Fortpflanzungsgeschwindigkeit in einem mathematisch bestimmten
Verhältnis steht, ließ sich aus der Verschiedenheit der Tonhöhe, welche
dieselbe Pfeife in verschiedenen Gasen aufwies, die
Fortpflanzungsgeschwindigkeit des Schalles für jedes Gas ermitteln.
Direkte Messungen hat später Regnault in Wasserleitungsröhren
vorgenommen, die mit verschiedenen Gasen gefüllt waren. Sie ergaben, daß
Chladnis Ableitungen im allgemeinen zutreffend sind.
Ein ganz neues Gebiet wurde von Chladni dadurch erschlossen, daß er
sich der experimentellen und der mathematischen Untersuchung
schwingender Platten zuwandte. Ausführlich berichtete er darüber 1787 in
einer Schrift, die den Titel »Entdeckungen über die Theorie des Klanges«
führt. Besonderes Aufsehen erregte er durch die Art, wie er die

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Schwingungen der Platten vermittelst der nach ihm genannten
Chladnischen Klangfiguren sichtbar machte. Auf sein Verfahren wurde er
durch die Lichtenbergschen Staubfiguren geführt. Sie entstehen, wenn
fein gepulverte Körper, wie Schwefelblumen oder Mennige, auf Platten
gebracht werden und man auf sie die Elektrizität überspringen läßt. Die Art,
wie sich das Pulver lagert, läßt erkennen, ob die Elektrizität positiv oder
negativ war.
War der überspringende Funke positiv, so ordnete sich das Pulver zu
eigentümlichen Strahlen, war er negativ, so entstanden wolkenartige
Gebilde. Als Chladni diese Versuche wiederholte, kam ihm plötzlich der
Gedanke: Sollte sich nicht auf ebenen Scheiben, sobald sie klingen und
etwas Sand darauf gestreut wird, eine Figur bilden, die den betreffenden
Ton kennzeichnet und so gleichsam sichtbar macht.
Um auf diese Weise den akustischen Zustand einer Platte festzustellen,
befestigte Chladni sie in horizontaler Lage an einer oder mehreren Stellen,
strich sie unter rechtem Winkel mit einem Violinbogen und streute
gleichzeitig Sand hinauf. Letzterer ordnet sich dann in den bekannten
regelmäßigen Figuren an, indem er »von den schwingenden Stellen
heruntergeworfen wird und auf den nicht schwingenden Stellen ruhig liegen
bleibt.« Chladni erkannte daraus, daß »die natürliche Gestalt des Körpers
durch die elastischen Flächenkrümmungen, ebenso in gewissen Linien
durchschnitten wird, wie dieses bei den krummen Schwingungslinien der
Saiten in gewissen Punkten geschieht, und daß zwei Stellen, die durch eine
solche feste Linie voneinander gesondert sind, stets nach entgegengesetzten
Richtungen schwingen«.
Die folgenden, dem Werke Chladnis entnommenen 4 Figuren zeigen uns,
wie eine quadratische Platte schwingt, wenn sie in verschiedener Weise
festgehalten und gestrichen wird.
Fig. 87 erscheint, wenn die Scheibe in der Mitte gehalten und an einer Ecke
gestrichen wird. Diese Schwingungsart gibt den tiefsten Ton.
Fig. 88 entsteht, wenn man die Scheibe wieder in der Mitte befestigt, aber
in der Mitte einer Seite streicht.

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Abb. 125. Chladnische Klangfiguren782.

Der Ton ist dann nicht derselbe wie vorher, sondern etwa um eine Quinte
höher.
Fig. 89, die leicht in 90 übergeht, erhält man, wenn die Scheibe bei n oder g
gehalten und bei a gestrichen wird. Der Ton ist wieder etwas höher als der
vorige.
Chladni zeigte, daß man durch Festhalten mehrerer Stellen und
Abwechseln ihrer Lage eine ganz außerordentliche Mannigfaltigkeit von
Schwingungszuständen und diesen entsprechenden Klangfiguren
hervorrufen kann. Sie könnten, meint er, den Tapeten- und
Kattunfabrikanten genug Stoff zur Bereicherung ihrer Muster geben. Die
Klangfiguren fesselten das Interesse aller Kreise in hohem Grade, da
Chladni, der kein Amt bekleidete, sie an vielen Orten in akustischen
Vorträgen, durch die er seinen Lebensunterhalt erwarb, vorführte783.
Außer den erwähnten Schriften Chladnis ist noch sein zusammenfassendes
Werk, »Die Akustik«, zu erwähnen784. In seinen neuen Beiträgen zur Akustik
vom Jahre 1817 ermittelte Chladni die obere Grenze der Hörbarkeit von
Tönen zu 22000 Schwingungen in der Sekunde.
Chladnis Verdienst um die Aufklärung der Natur der Meteore wird an
anderer Stelle gewürdigt werden. Er starb in Breslau am 3. April des Jahres
1827.

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Über den Stand der gesamten Experimentalphysik des 18. Jahrhunderts
geben die großen Werke von Desaguliers, s'Gravesande und
Musschenbroek Auskunft. Die genaueren Titel dieser mehr als bloß
historisches Interesse erregenden Werke finden sich in der
Literaturübersicht am Schluß des vierten Bandes. Sie befassen sich in erster
Linie mit Gegenständen der angewandten Mathematik und haben dazu
beigetragen, die Wissenschaft jener Zeit von der oft überwuchernden
Spekulation immer wieder auf den sicheren Boden des Experiments
zurückzuführen. Desaguliers beschäftigt sich besonders mit der Mechanik
und dem Maschinenwesen. Bei s'Gravesande fallen dagegen die
zahlreichen Untersuchungen aus dem Gebiete der Hydrostatik und der
Hydrodynamik auf, während Musschenbroek, angeregt durch die
Versuche der Florentiner Akademie, zahlreiche Versuche über die Wärme
anstellte.

Page 440

19. Die Fortschritte der Astronomie nach der Begründung der
Gravitationsmechanik.
Die Astronomie wurde während des 18. Jahrhunderts immer mehr zum
Vorbild, dem die übrigen Naturwissenschaften, vor allem die Physik,
nachzueifern strebten. In der Vollendung der Methoden, sowie bezüglich
der Sicherheit der Resultate, zu denen die Astronomie gelangte, reichte
jedoch kein anderer Zweig an sie heran.
Neben dem Wettkampf zwischen dem dioptrischen Fernrohr und dem
Reflektor beschäftigten die Astronomen des 18. Jahrhunderts noch zwei
wichtige Fragen, welche die vorhergehende Periode aufgeworfen hatte. Sie
betrafen die Abweichung der Erde von der Kugelgestalt und die
Bestimmung der Sonnenparallaxe aus den 1761 und 1769 wieder zu
erwartenden Vorübergängen der Venus. Um die von Newton und
Huygens herrührende Annahme, daß die Erde ein an den Polen
abgeplattetes Rotationsellipsoid sei785, auf ihre Richtigkeit zu prüfen, waren
genaue Gradmessungen in der Nähe eines Pols und des Äquators
erforderlich. War, der Theorie Newtons gemäß, die Krümmung in der
Nähe der Pole eine geringere, so mußte sich hier für den Breitengrad eine
größere Strecke ergeben als für eben dieses Maß in der Nähe des Äquators.
Zur Entscheidung dieser Frage sandte die französische Regierung in den
Jahren 1735 und 1736 Expeditionen nach Peru und Lappland. Die erstere,
die von Bouguer 786 und de la Condamine 787 geleitet wurde, maß den
Abstand zwischen zwei nördlich und südlich vom Äquator gelegenen Orten
und fand für den Grad 56734 Toisen. Die von Maupertuis 788 geführte
zweite Expedition stellte ihre Messungen in der Nähe des Tornea unter dem
66. Grade nördlicher Breite an. Das von dieser Expedition gefundene
Ergebnis belief sich auf 57438 Toisen789, war also um 704 Toisen größer als
das am Äquator erhaltene, während sich für die Breite von 45° ein zwischen
diesen beiden Größen liegender Wert von 57012 Toisen ergab. Die von
Newton und Huygens aufgestellte Ansicht über die Gestalt der Erde hatte
somit ihre Bestätigung erfahren. Nach de la Condamine ergaben diese
Messungen, daß sich die Erdachse zum Durchmesser des Äquators wie 299

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: 300 verhält, während Newton auf rechnerischem Wege das Verhältnis
288 : 289 gefunden hatte.
Zu den Männern, die Maupertuis auf seiner Lapplandexpedition
begleiteten, gehörte der damals erst 23 Jahre alte Clairaut, der zu den
größten Mathematikern Frankreichs zählt790. Ihm verdankt man die
bedeutendste theoretische Untersuchung über die Gestalt der Erde791.
Clairauts Arbeit wurde besonders dadurch veranlaßt, daß die beiden
Gradmessungen zwar die Richtigkeit der von Newton und Huygens
vertretenen Annahme bewiesen, daß sich aber die Abplattung als nahezu
doppelt so groß herausstellte, wie sie nach der Theorie hätte sein sollen.
Clairaut ging davon aus, daß die Gestalt der Erde, abgesehen von den sehr
geringen, als Berg und Tal in die Erscheinung tretenden
Unregelmäßigkeiten, von den Gesetzen der Hydrostatik abhängen muß. Die
Ausmessung der Erde könne daher nur dasselbe ergeben, wie wenn die
Messungen auf einer festgewordenen Flüssigkeit ausgeführt wären, die
vorher eine dem Gleichgewicht entsprechende Gestalt angenommen hätte.
An dem damit gegebenen Problem, die Gestalt der Erde aus den
hydrostatischen Gesetzen abzuleiten, hat sich die mathematische
Hydrostatik recht eigentlich erst entwickelt792.
Die Anfangsgründe der Lehre vom Gleichgewicht der Flüssigkeiten rühren
besonders von Newton und von Huygens her. Huygens hatte
ausgesprochen, daß eine flüssige Masse nur dann in Ruhe ist, wenn ihre
Oberfläche ein Niveau darstellt, d. h. wenn sie überall lotrecht zu den
Kraftresultanten verläuft. Newton dagegen führte den
Gleichgewichtszustand auf den Druck zurück, der in Flüssigkeitssäulen
herrscht, die von der Oberfläche zum Kraftzentrum reichen. Clairaut
endlich stellte ein umfassenderes Prinzip an die Spitze. Es spricht aus, daß
eine flüssige Masse nur dann im Gleichgewicht sein kann, wenn die an
allen Stellen eines beliebig geformten Kanals auftretenden Kräfte sich
gegenseitig aufheben. Diesen Kanal kann man sich so entstanden denken,
daß die übrige Masse der Flüssigkeit fest wird. Der Kanal kann ferner an
der Oberfläche münden, in der Oberfläche selbst verlaufen oder auch in
sich zurückkehren (Abb. 126). Von diesem Prinzip des beliebigen Kanals
ausgehend, gelangte Clairaut zu den partiellen Differentialgleichungen für
das Gleichgewicht der Flüssigkeiten. Besteht nämlich für jeden beliebigen

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Kanal Gleichgewicht, so ist offenbar auch die ganze Flüssigkeitsmasse im
Zustande des Gleichgewichts.

Abb. 126. Erläuterung des Clairautschen Kanalprinzips.

Bei der Verwendung hydrostatischer Untersuchungen zur Erklärung der
Gestalt der Erde beschränkte sich Newton auf eine homogene Masse. Für
eine solche hatte Newton das Achsenverhältnis gleich 230 : 231 berechnet.
Clairaut dehnte dagegen die Untersuchung auf den Fall aus, daß die
Dichte der Schichten sich mit der Annäherung an das Zentrum ändert. Auf
die Einzelheiten dieser Untersuchung und das daraus sich ergebende
»Clairautsche Theorem«793 kann hier nicht näher eingegangen werden, da
es sich um einen Gegenstand der höheren Analysis handelt.
Clairaut gehörte auch zu den ersten, die den höheren Kalkül auf die
Theorie der Mondbewegung anwandten. Dazu bedurfte es einer Erörterung
des Problems der drei Körper794, um dessen angenäherte Lösung sich außer
Clairaut besonders d'Alembert, Euler, Lagrange und Laplace verdient
gemacht haben.
Erwähnt sei noch, daß sich in Clairauts »Theorie der Erdgestalt« schon
der Grundgedanke der Lehre von der Kraftfunktion oder dem Potential
findet, mit deren Weiterentwicklung sich besonders Green, Laplace und
Gauß beschäftigt haben795.

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Weit genauer als diejenige Gradmessung, an der Clairaut sich beteiligte,
war eine zweite, gegen das Ende des 18. Jahrhunderts vorgenommene. In
diesem Falle handelt es sich nicht um eine vergleichende, aus rein
wissenschaftlichen Gründen stattgefundene Messung, sondern um eine
solche, die darauf abzielte, den genauen Wert einer den Maßen und
Gewichten zugrunde zu legenden Naturkonstante zu ermitteln.
Der Wunsch, ein einheitliches Maß- und Gewichtssystem zu besitzen, war
schon im 14. Jahrhundert mit dem Emporblühen des Handels rege
geworden. Man empfand immer deutlicher, daß die bestehenden
Unterschiede keinerlei Vorteil boten, sondern nur zu Mißbräuchen,
Bedrückungen und Betrügereien Anlaß gaben. Die Bemühungen, hier
Besserung zu schaffen, scheiterten schon an dem Widerstande der Fürsten
und Prälaten. Es war daher eine der ersten Forderungen der
Revolutionsmänner, die zahlreichen, in Frankreich wie in allen anderen
Ländern bestehenden Maße durch ein gemeinsames, der Natur entlehntes
Längenmaß zu ersetzen, und dieses als Grundlage für die Hohlmaße und
die Gewichte festzulegen.
Als solches hatte schon 1670 ein Franzose796 die Minute eines Längengrades
vorgeschlagen. Fast zur selben Zeit brachte Huygens in seinem Werke
über die Pendeluhr (1673) das Sekundenpendel als Längeneinheit in
Vorschlag. Huygens wünschte den dritten Teil des Sekundenpendels als
Stundenfuß in allgemeinen Gebrauch genommen zu sehen. Bald darauf
entdeckte man jedoch die Abhängigkeit der Länge des Sekundenpendels
von der geographischen Breite. Aus diesem Grunde wurde die von
Huygens ausgehende Anregung nicht weiter verfolgt.
Im Jahre 1790 wurde die Angelegenheit in der konstituierenden
Nationalversammlung behandelt. Letztere beschloß, die Länge, welche das
Sekundenpendel unter dem 45. Breitengrade besitzt, als Maßeinheit zu
wählen und beauftragte eine Kommission, in der sich die bedeutendsten
französischen Gelehrten (wie Laplace, Lagrange, Monge und Borda)
befanden, das Erforderliche in die Wege zu leiten. Ein weiterer Beschluß
lief darauf hinaus, auch die englische Regierung für das Vorhaben zu
gewinnen, und die französische Kommission durch eine von der Royal
Society in London gewählte zu ergänzen. Man verwarf den Vorschlag, als
Längenmaß das Sekundenpendel festzusetzen, weil dieses wieder durch
eine andere Größe, nämlich die Zeit und ihre willkürliche Einteilung in

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Sekunden, bedingt sei. Die Kommission schlug deshalb vor, den
Meridianquadranten möglichst genau zu messen und seinen zehnmillionsten
Teil als die gewünschte Einheit anzunehmen.
Veranlaßt durch diese Verhandlungen und Beschlüsse entstanden zwei
Arbeiten, von denen die eine auf eine möglichst genaue Bestimmung des
Sekundenpendels hinauslief. Die andere schuf die Grundlage des
metrischen Systems. Sie bestand in der Messung eines von Dünkirchen bis
Barcelona reichenden Meridianbogens797.
Die Pendelmessungen währten vom Juni bis zum August 1792. Sie
erfolgten unter Anwendung aller Kautelen und mit der größten Genauigkeit
nach der Methode der Koinzidenzen. Das Verfahren beruhte darauf, daß die
Schwingungen des Pendels einer astronomischen Uhr mit den
Schwingungen des zu messenden Pendels verglichen wurden. Uhr und
Pendel waren durch einen Glaskasten vor Luftbewegungen geschützt. Das
Pendel bestand aus einem dünnen Platindraht und einer Platinkugel von
etwa 161/6 Linien Durchmesser. Sie war auf eine besondere Art befestigt798
und die Aufhängevorrichtung wurde so eingerichtet, daß sie auf die
Schwingungsdauer des Pendels keinen Einfluß hatte. Die Beobachtung nach
der Methode der Koinzidenzen, deren sich Borda zuerst bediente,
geschieht folgendermaßen: Man läßt beide Pendel schwingen und
beobachtet die Durchgänge durch das Gesichtsfeld eines in die Richtung
DD, eingestellten Fernrohrs. Man bestimmt zunächst den Zeitpunkt, in dem
beide Pendel gleichzeitig durch das Gesichtsfeld gehen (eine Koinzidenz).
Da die Pendel nicht gleich lang sind, so wird bei der nächsten Schwingung
das eine Pendel schon ein wenig vorangeeilt sein, und die nächste
Koinzidenz wird eintreten, sobald das etwas rascher schwingende Pendel
eine volle Schwingung mehr gemacht hat als das andere. Je mehr
Koinzidenzen man unter jedesmaliger Feststellung der von einer
Koinzidenz bis zur anderen verflossenen Zeit ermittelt, desto genauer wird
die experimentelle Grundlage für die sich anschließenden Berechnungen
sein. Zunächst galt es, aus der Beobachtung der Koinzidenzen die Zahl der
Schwingungen zu bestimmen, die das Pendel in einem Tage mittlerer
Sonnenzeit macht. Dann mußten alle erforderlichen Korrekturen
vorgenommen werden, um die Entfernung des Aufhängepunktes bis zum
Schwingungsmittelpunkt zu finden. Endlich galt es, aus dieser reduzierten
Entfernung und der Zahl der Schwingungen, die das benutzte Pendel an

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einem Tage macht, die Länge des Sekundenpendels zu berechnen. Sie ergab
sich für Paris (48° 50ʹ 14ʺ n. Br.) gleich 440,5593 Linien. Daraus folgt für
die Beschleunigung g der Wert 9,80882 m799.

Abb. 127. Die Bestimmung der Länge des Sekundenpendels.

Wir wenden uns jetzt der zweiten, durch den Wunsch nach einem
einheitlichen Maß veranlaßten Messung zu. Sie wurde besonders im
Anfange durch die Wirren der Revolution in hohem Grade gestört und
nahm eine Reihe von Jahren in Anspruch. Man muß die Kühnheit, die
Ausdauer und das Geschick bewundern, womit ein solches Riesenwerk in
einer Zeit ins Werk gesetzt und durchgeführt wurde, in der das Land unter
Greueltaten litt, von Feinden bedroht war und keine festbegründete,
staatliche Ordnung besaß. Durch ein Gesetz vom 1. August 1793 wurde die
Länge des Meters vorläufig auf 443,443 Linien festgesetzt unter der
Voraussetzung, daß das zu erwartende Ergebnis der Gradmessung nicht
wesentlich hiervon abweichen werde.
Über dieses Ergebnis konnte die Kommission für Maß und Gewicht erst
mehrere Jahre später berichten. Das durch geodätische Bestimmungen
gefundene, als Meter bezeichnete Maß belief sich auf 443,296 Linien (3
Fuß 11,296 Linien). Das provisorische Maß war also um 0,146 Linien, d. h.
um etwa 1/3 mm länger als das durch die Gradmessung ermittelte Meter.
Darauf wurde die Einheit des Gewichtes im dezimalen metrischen System
bestimmt. Es ergab sich, daß das Kubikdezimeter destillierten Wassers von

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größter Dichte im leeren Raum 18827,15 Gran wog800. Die so erhaltenen,
sehr genau gearbeiteten, aus Platin verfertigten Normalmaße (ein Meter und
ein Kilogramm) wurden am 22. Juni 1799 im Staatsarchiv hinterlegt. Sie
werden dort mit größter Sorgfalt aufbewahrt und nur selten zur
Verifizierung gebraucht, da für diesen Zweck von ihnen entnommene Maße
dienen.
Es konnte nicht ausbleiben, daß man später Fehler in der Bestimmung des
Gradbogens entdeckte. Eine 1840 unternommene Berechnung ergab für das
Meter 3 Fuß 11,375 Linien. Danach ist ein Meridianquadrant nicht
10000000, sondern 10000856 mal so groß, wie der in Paris aufbewahrte
étalon primitif. Man beschloß aber, an letzterem festzuhalten, »weil man auf
dem eingeschlagenen Wege doch nicht in aller Strenge zu einem natürlichen
Maße gelangen« könne.
Wie das Ergebnis dieser zu den denkwürdigsten wissenschaftlichen
Untersuchungen zählenden Gradmessung, so ist auch ihre Ausführung von
Interesse. Übertraf sie doch alle früheren an Umfang und Genauigkeit. Die
äußersten Punkte des gemessenen Bogens waren Dünkirchen (51° 2ʹ 10,5ʺ
n. Br.) und ein Turm (41° 21ʹ 44,8ʺ n. Br.) in der Nähe von Barcelona. Die
Länge dieses Bogens betrug also 9° 40ʹ 25,7ʺ. Seine Mitte lag unter 49° 11ʹ
58ʺ. Da man die Mitte des Bogens möglichst unter 45° n. Br. zu haben
wünschte, dehnte man die Triangulationen später (1806) weiter nach Süden
bis zur Insel Formentera aus. Der Bogen erhielt dadurch eine Länge von 12°
22ʹ 13,44ʺ. Seine Mitte fällt unter 44° 51ʹ 2,83ʺ.
Der Triangulation wurden zwei Standlinien zugrunde gelegt. Die eine in der
Nähe von Paris war 6075,9 Toisen lang, die andere in der Nähe der
spanischen Grenze (Perpignan) besaß eine Länge von 6006,25 Toisen und
diente zur Kontrolle. Ausgemessen wurden diese Standlinien mit
Platinstangen, die unter der Aufsicht von Borda mit der größten Sorgfalt
verfertigt waren. Besondere Vorkehrungen dienten dazu, um die jeweils
herrschende Temperatur bei der Benutzung dieser Stangen in Betracht zu
ziehen usw. In wissenschaftlicher Hinsicht hatte die Messung das
bemerkenswerte Ergebnis, daß die Erde kein regelmäßiges
Rotationsellipsoid vorstellt, daß also kein Meridianquadrant genau gleich
dem anderen ist. Auch eine zur selben Zeit in England unternommene
Gradmessung kleineren Umfangs, die aber mit größter Genauigkeit
durchgeführt wurde, ergab die gleiche Anomalie. Um also wenigstens

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annähernd die Gestalt der Erde zu bestimmen, mußte man die Ergebnisse
aller an den verschiedenen Orten der Erde vorgenommenen Gradmessungen
zusammenfassen und nach der Methode der kleinsten Quadrate diejenige
Gestalt daraus berechnen, die der wahren Gestalt der Erde am nächsten
kommt. Diese Aufgabe, mit der sich schon Bessel beschäftigte, suchte das
im Jahre 1886 gegründete Unternehmen der internationalen Erdmessung zu
lösen. Das Ergebnis, zu dem man seitdem vorgedrungen ist, läuft darauf
hinaus, daß die Erde keine regelmäßige mathematische Gestalt besitzt. Sie
bildet zwar eine nach außen überall konvexe Fläche, zu deren Bestimmung
indessen die geodätische Untersuchung nur vorzudringen vermag, wenn sie
sich mit der systematisch durchgeführten Schweremessung verbindet. Man
hat sie als Geoid bezeichnet und bringt sie mit dem Normalellipsoid in der
Art in Verbindung, daß die Abweichungen zwischen diesem und dem Geoid
durch trigonometrische Messung, geodätisches Nivellement und
Schweremessung ermittelt werden, um auf diese Weise immer genaueren
Aufschluß über die wahre Gestalt der Erde zu erlangen.

Sonnenparallaxe, Erddichte und Aberration.

In der Periode, die wir schildern, wurden auch die Entfernung und die
Größe der Sonne, sowie die Abmessungen des Planetensystems nach ihrem
absoluten Werte bestimmt, und damit Aufgaben gelöst, die der Astronomie
seit der Zeit Aristarchs vorgeschwebt hatten.
Edmund Halley (1656–1742), ein jüngerer Zeitgenosse Newtons, dessen
Verdienste um die Fortbildung der Physik, der Astronomie und der
physikalischen Geographie wir kennen gelernt haben, war gelegentlich
eines von ihm beobachteten Vorüberganges Merkurs vor der Sonne auf den
Gedanken gekommen, einen derartigen Vorgang zur Bestimmung der
Sonnenparallaxe zu verwerten, d. h. desjenigen Winkels, unter dem der
Erdhalbmesser von der Sonne aus erscheint.
Halley machte seinen Vorschlag in zwei Abhandlungen, die 1693 und 1716
in den Philosophical Transactions erschienen. Ihre Titel lauten: Ȇber die
sichtbare Konjunktion der unteren Planeten mit der Sonne«801 und »Ein
besonderes Verfahren, durch das die Parallaxe der Sonne mit Hilfe der vor
der Sonnenscheibe zu erblickenden Venus sicher bestimmt werden kann«802.

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Halleys Vorschlag ging dahin, von mehreren entfernten Stellen der Erde
aus die Durchgangszeiten eines der unteren Planeten, d. h. die Zeiten ihres
Vorüberganges vor der Sonnenscheibe zu beobachten.
Bei einem Merkur- oder Venusdurchgang beschreiben nämlich die
genannten Planeten auf der Sonnenscheibe Sehnen, deren Lage und Größe
je nach dem Orte, den der Beobachter auf der Erde einnimmt, verschieden
ist. Infolgedessen ist auch die Zeit eines und desselben Vorüberganges für
die einzelnen Beobachtungsstationen von verschiedener Dauer. Wie aus
Abb. 128 ersichtlich ist, steht die Entfernung cd der Sehnen ef und gh zu
den Abständen der drei Weltkörper und dem durch Messungen auf der Erde
seiner absoluten Größe nach bekannten Stück ab in einer gewissen
Beziehung, so daß sich aus den Ergebnissen der Beobachtung eines
Venusdurchganges die Größe und die Entfernung der Sonne berechnen
läßt803.

Abb. 128. Halleys Bestimmung der Sonnenparallaxe804.

Halley selbst war es nicht mehr vergönnt, seinen Vorschlag ins Werk zu
setzen, da Vorübergänge der Venus seltene Ereignisse sind und sich seit
seinem Tode erst viermal wiederholt haben, nämlich in den Jahren 1761,
1769, 1874 und 1882. Sowohl für das Jahr 1761 als auch für 1769 wurden
Expeditionen ausgesandt. Insbesondere waren daran England, Frankreich
und Rußland beteiligt. Aus dem an der Hudsonbay, in Lappland, auf Tahiti
usw. angestellten Beobachtungen berechnete der französische Astronom
Delalande eine Parallaxe von 8,5–8,6 Sekunden. Da der mittlere
scheinbare Durchmesser der Sonne sich auf 31ʹ 37ʺ = 1897 Sekunden
beläuft, so ergibt sich aus dieser Bestimmung Delalandes, daß der
Sonnendurchmesser denjenigen der Erde nahezu um das 113fache übertrifft,
oder daß das Volumen der Sonne 1400000mal so groß ist wie dasjenige der
Erde. Für die halbe große Bahnachse ergab sich ein Wert von 20682000

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geographischen Meilen. Eine sorgfältige Neuberechnung der
Sonnenparallaxe nach den 1761 gewonnenen Daten veröffentlichte später
Encke (1822). Er fand den Wert der Parallaxe gleich 8,53 Sekunden.
Sind die Größenverhältnisse des Systems bekannt, so läßt sich durch eine
ähnliche Schlußfolgerung, wie diejenige, die Newton auf die Entdeckung
des Gravitationsgesetzes führte805, die Kraft ermitteln, mit der ein Körper in
der Nähe der Sonnenoberfläche angezogen wird. Delalande fand, daß
diese Kraft 29mal die Anziehung der Erde übertrifft, so daß ein frei
fallender Körper auf der Sonne in der ersten Sekunde 29 × 15,09 = 434
Pariser Fuß zurücklegt. Die neueren Bestimmungen haben für die
Sonnenparallaxe 8,88ʺ ergeben, wodurch sich der Abstand der Erde von der
Sonne auf rund 20000000 geographische Meilen (148,6 Millionen
Kilometer) vermindert, und auch die übrigen Werte entsprechende
Änderungen erfahren.
Von außerordentlicher Tragweite war Halleys Beobachtung, daß die
Fixsterne ihre gegenseitige Stellung ändern. Er machte sie am Aldebaran,
Arktur und Sirius, für die nach seinen Angaben diese, als Eigenbewegung
bezeichnete Änderung sich seit den Zeiten des Ptolemäos auf die
beträchtliche Größe von etwa einem halben Grad belief806.
Newton hatte auf theoretischem Wege nicht nur die Abplattung, sondern
auch die Dichte unseres Weltkörpers ermittelt. Die Bestimmung der ersteren
und der sich daran anknüpfende Streit hatte die Aussendung der
Expeditionen nach Lappland und nach Quito zur Folge gehabt. In Quito
machte Bouguer 807 eine Entdeckung, welche die Handhabe bot, um auch
die Newtonsche Berechnung der Erddichte zu verifizieren. Bouguer fand
nämlich, daß infolge der Anziehung des Chimborazo das Bleilot um 7–8ʺ
von der senkrechten Lage abwich. Diese Beobachtung veranlaßte den
Engländer Maskelyne (1732–1811), derartige Untersuchungen an einem
nach Volumen und Dichte bekannten Berge anzustellen, um aus der Größe
jener Abweichung und der Masse, die sie hervorruft, die unbekannte Masse
der Erde auf Grund des Newtonschen Gravitationsgesetzes zu berechnen808.
Maskelyne wählte für seine im Jahre 1774 angestellten Messungen einen
steilen, regelmäßig geformten Granitberg Schottlands. Die Dichte dieses
Berges wurde auf Grund mehrerer, an verschiedenen Stellen entnommener
Proben zu 2,5 gefunden, und aus diesem Wert und dem Rauminhalt des

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Berges die gesamte auf das Pendel wirkende Masse berechnet. Die
Ablenkung selbst wurde dann in der Weise bestimmt, daß die Polhöhe
nördlich und südlich von dem Berge gemessen wurde (siehe Abb. 129).
Eine auf Grund der so gewonnenen Daten angestellte Rechnung ergab für
die Erde als mittlere Dichte 4,71. Letztere ist danach etwa doppelt so groß
wie diejenige des Granits, eines Gesteins, mit dem die meisten Substanzen,
welche die starre Erdkruste zusammensetzen, hinsichtlich ihrer Dichte
nahezu übereinstimmen.

Abb. 129. Maskelyne und Hutton bestimmen die Dichte der Erde.
Der Abstand der durch A und B gezogenen Breitenkreise betrug 4364,4 Fuß.
Dementsprechend hätten die Lote AP und BPʹ, wenn der Berg nicht vorhanden
gewesen wäre, einen Winkel von 42,92 Sekunden bilden müssen, und dieser
Winkel wäre gleich der Differenz der Polhöhen gewesen. Die astronomischen
Beobachtungen ergaben jedoch eine Polhöhendifferenz von 54,6ʺ. Der
Unterschied von 11,6 Sekunden ist durch eine Verminderung der Polhöhe bei A
um den Winkel PAQ und eine Vermehrung bei B um PʹBQʹ hervorgerufen.
PAQ + PʹBQʹ = doppelte Ablenkung = 11,6 Sekunden.

Durch die Lösung derartiger Aufgaben trat die Astronomie in eine immer
engere Beziehung zur Physik der Erde. Aber auch die reine Physik sollte
durch die Bewältigung eines astronomischen Problems eine wichtige
Förderung erhalten. Im 17. Jahrhundert hatte Römer auf astronomischem
Wege eine physikalische Konstante, die Fortpflanzungsgeschwindigkeit des
Lichtes nämlich, festgestellt. Jetzt bot sich eine andere Gelegenheit,
dieselbe Größe zu ermitteln und infolge der Übereinstimmung der auf

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verschiedenen Wegen erhaltenen Ergebnisse zu einem höheren Grade der
Gewißheit zu gelangen.

Abb. 130. Bradley entdeckt die Aberration.

Seit dem Bekanntwerden des koppernikanischen Systems war seinen
Anhängern die Aufgabe gestellt, den Umlauf der Erde um die Sonne durch
den Nachweis einer entsprechenden, scheinbaren, jährlichen Bewegung der
Fixsterne darzutun. In Abb. 130 bedeute ABCD die Erdbahn, S sei ein
Stern, der sich in der Ebene der Ekliptik befinde. Steht nun der
Durchmesser CA der Erdbahn zu dem Abstand ES des Sternes in einem
nicht zu kleinen Verhältnis, so wird der Fixstern im Verlaufe eines Jahres
am Himmel die scheinbare Bewegung SʹSʺSʹ erkennen lassen.
Beobachtungen an einem außerhalb der Ekliptik gelegenen Fixstern werden
für diesen als scheinbare Bahn eine Kurve ergeben, deren Gestalt der von
dem Sterne aus beobachteten Bahn der Erde genau entspricht809. Der Winkel
CSE, unter dem von dem Sterne aus der Halbmesser der Erdbahn erscheint,
wird die jährliche Parallaxe des Sternes genannt. Tycho, der hinsichtlich
der Genauigkeit seiner Messungen alle Vorgänger übertraf, mühte sich
vergeblich ab, eine solche Parallaxe am Polarstern nachzuweisen, und
erklärte insbesondere aus diesem Grunde dem koppernikanischen System
seine Gegnerschaft. Letzteres war trotzdem zur unbestrittenen Herrschaft
gelangt, ohne daß der geforderte, unmittelbare Nachweis der
Umlaufbewegung bisher erbracht worden wäre.
Da die Schärfe der astronomischen Beobachtung seit den Zeiten Tychos
sich vervielfältigt hatte810, so nahmen Hooke und Cassini das alte Problem
wieder auf. Ersterer wählte für seine Messungen den in der Nähe des
Nordpols der Ekliptik befindlichen Stern γ Draconis und wies nach, daß
dieser Himmelskörper tatsächlich seine Stellung innerhalb eines
Vierteljahres um 25 Sekunden ändert.
James Bradley (1692–1763), der nach dem Tode Halleys 811 zum Direktor
der Sternwarte zu Greenwich ernannt worden war, stellte während der Jahre
1725–1728 zu dem gleichen Zwecke zahlreiche Beobachtungen an. Neben

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γ Draconis zog er indes auch andere Fixsterne in Betracht, die in der
Ekliptik selbst oder zwischen dem Pole und der Ebene der Ekliptik liegen.
Seine Beobachtungen ließen scheinbare Bewegungen erkennen, die zwar
den Beweis für eine Bewegung der Erde um die Sonne lieferten, indes doch
nicht als parallaktische betrachtet werden konnten. Während nämlich γ
Draconis im Laufe eines Jahres eine nahezu kreisförmige Bahn von 40ʺ
Durchmesser beschrieb, durchliefen die in der Ekliptik gelegenen Sterne in
demselben Zeitraum zweimal eine Linie, die unter demselben Winkel von
40ʺ gesehen wurde. Zwischen der Ebene und den Polen der Ekliptik
befindliche Sterne endlich legten unterdessen Ellipsen zurück, deren große
Achsen wieder 40ʺ maßen und der Ebene der Ekliptik parallel waren,
während der Wert der kleinen Achsen zwischen 0ʺ und 40ʺ schwankte, je
nachdem der betreffende Stern der Ekliptik oder ihrem Pole näher gelegen
war812. Um diese scheinbaren Bewegungen auf eine Parallaxe
zurückzuführen, hätte man, da in allen Fällen derselbe Wert von 40ʺ
wiederkehrt, zunächst annehmen müssen, daß sämtliche Fixsterne gleich
weit von der Erde entfernt seien. Dieser an sich schon unwahrscheinlichen
Annahme widersprach aber die Tatsache, daß in B und D (siehe Abb. 130)
der Stern nicht an demselben Orte gesehen wurde, wie es bei der
parallaktischen Bewegung doch der Fall sein müßte. Bradley fand
nämlich, daß, wenn die Erde sich in D befindet und sich in der Richtung Dd
bewegt, der Stern nach Sʹ verschoben erscheint. Befindet sich die Erde
dagegen in B, wo ihre Bewegungsrichtung die entgegengesetzte ist, so
findet die Verschiebung nach Sʺ statt. In beiden Fällen erreicht der Wert
dieser Verschiebung 20ʺ, während in C und A, wo die Bewegungsrichtung
der Erde mit derjenigen des von dem Fixstern kommenden Lichtes
übereinstimmt, der Stern, falls er in der Ebene der Ekliptik liegt, an seinem
wahren Orte gesehen wird.
Zur Erklärung dieser auffallenden Erscheinung soll Bradley durch eine
alltägliche Beobachtung gelangt sein. Er bemerkte nämlich bei einer
Bootfahrt, daß die Fahne die Windrichtung wirklich angibt, wenn der Lauf
des Schiffes mit der Richtung des Windes übereinstimmt. Änderte man
dagegen den Kurs, so nahm die Fahne die Stellung an, die sich als abhängig
von den Richtungen und den Geschwindigkeiten des Windes und des
Bootes erwies. Pflanzt sich, so folgerte Bradley, das Licht mit endlicher
Geschwindigkeit fort, so muß sich letztere mit derjenigen der Erde

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zusammensetzen. Abb. 131 stellt das Parallelogramm dieser
Geschwindigkeiten dar.
Zu der Zeit, in der sich die Erde in den Stellungen B und D (Abb. 130)
befindet, beträgt ihre durch das Stück ab (Abb. 131) wiedergegebene
Geschwindigkeit, wie überall auf ihrer Bahn, etwa 4 Meilen. Die Aberration
erreicht dann ihren größten Wert von 20ʺ, der dem Winkel acb beizulegen
ist. In diesem Falle verhält sich bc zu ab wie die Geschwindigkeit des
Lichtes zu derjenigen der Erde. Ist der eine dieser Werte bekannt, so ist der
andere durch eine einfache Beziehung gegeben813. Bradley erhielt so für die
Fortpflanzungsgeschwindigkeit des Lichtes, fast in Übereinstimmung mit
dem von Römer gefundenen Ergebnis, den Wert von 40000 Meilen. Beide
auf astronomischem Wege erhaltenen Bestimmungen fanden um die Mitte
des 19. Jahrhunderts eine Bestätigung durch terrestrische, nach rein
physikalischer Methode angestellte Messungen.

Abb. 131.
Bradleys Erklärung der Aberration.

Weitere Fortschritte der Astronomie.

Bei Newton und den auf ihn folgenden Astronomen war das
Hauptinteresse auf das Planetensystem gerichtet, für das die
Gravitationsmechanik zunächst noch zahlreiche Probleme bot. Mit den

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Kometenbahnen hatte sich zwar Newton in seinen Prinzipien auch
beschäftigt, doch war die von ihm geschaffene Methode noch sehr
unvollkommen. Weitere Untersuchungen auf diesen Gebieten unternahmen
Euler und ganz besonders Lambert. Hatte Kepler für diese
Himmelskörper noch eine geradlinige Bewegung angenommen, so lieferte
Newton den Nachweis, daß es sich auch hier um Kegelschnitte handle. Er
lehrte ferner, durch Konstruktion aus drei Positionen die parabolische Bahn
ermitteln, ein Verfahren, dessen sich besonders Halley mit Erfolg bediente.
Grundlegende, geradezu klassische Arbeiten über die Bestimmung der
Kometenbahnen rühren von Lambert her, mit dessen Lebensgang und
Verdiensten um die Physik wir schon im vorigen Abschnitte bekannt
geworden sind814. Lamberts Ziel bestand, wie er in seiner Vorrede
hervorhebt, darin, die Bahn des Kometen auf Grund von drei
Beobachtungen, aus den Eigenschaften der Kegelschnitte vollständig zu
ermitteln. Von besonderer Wichtigkeit ist Lamberts Satz815, daß die Zeit,
die zum Durchlaufen eines Kurvenstücks erforderlich ist, aus der Sehne und
den beiden Vektoren ermittelt werden kann. Für die Parabel hatte diesen
Satz schon Euler gefunden816. Er erkannte jedoch noch nicht seine
Bedeutung und hat ihn nicht bei seinen Arbeiten über die Bahnbestimmung
benutzt, während Lambert ihn auf hyperbolische Bahnen ausdehnte.
Nachdem Lambert die Bewegung der Kometen erörtert hat, befaßt er sich
mit dem Verfahren, eine parabolische Kometenbahn aus den
Beobachtungen zu bestimmen. Genauer lautet das Problem, das er sich
stellt, folgendermaßen817: Gegeben sind drei geozentrische Örter eines in
einer Parabel sich bewegenden Kometen; man soll Lage und Größe der
Bahn ermitteln. Die Lösung führte ihn auf eine Gleichung 6. Grades.
Werden Lamberts Ausdrücke nach einer kleinen Berichtigung entwickelt,
so gibt seine Methode ein brauchbares Verfahren818.
Unabhängig von Kant hat Lambert ferner Ansichten über den Bau des
Weltalls entwickelt, die mit den Ergebnissen der neueren Forschung in
Einklang stehen. Es geschah dies in seiner 1761 erschienenen Schrift
»Kosmologische Briefe über die Einrichtung des Weltbaus«. Lambert
unterscheidet darin Weltsysteme erster, zweiter und dritter Ordnung. Ein
System erster Ordnung bilden die Sonne und jeder Fixstern, da alle
Fixsterne als Zentren von ebensoviel Scharen von Planeten und Kometen
aufzufassen sind.

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Das Sonnensystem kreist mit zahlreichen benachbarten Sonnensystemen
um einen gemeinschaftlichen Schwerpunkt. Das Ganze betrachtet Lambert
als ein System zweiter Ordnung. Aus solchen setzt sich endlich die
Milchstraße als eine Scheibe, deren Durchmesser nach vielen tausend
Siriusweiten zählt, zusammen. Vielleicht sei, meint Lambert, auch hiermit
die Gliederung zu immer umfassenderen Gruppen nicht abgeschlossen,
doch übersteige eine Fortsetzung dieser Betrachtung unser
Fassungsvermögen.
Die etwa drei Jahrzehnte (1718) vor der Herausgabe der Kosmologischen
Briefe durch Bradley entdeckte Eigenbewegung der Fixsterne würde sich,
diesen Ausführungen Lamberts entsprechend, aus zwei Bewegungen
zusammensetzen, der Bewegung der Sterne selbst und der von Lambert
vorgeahnten Bewegung unseres Sonnensystems. »Es wird später möglich
werden«, sagt Lambert, »diese beiden Komponenten zu trennen und die
Richtung anzugeben, nach der sich unsere Sonne bewegt.« Diese
Voraussage sollte, wie wir in einem späteren Abschnitt sehen werden, schon
einige Jahrzehnte später (1781) durch Herschel in Erfüllung gehen.

Astronomie und Kartographie.

Ganz Hervorragendes hat Lambert auch auf einem Nebengebiet der
Astronomie, auf dem Gebiete der Kartographie, geleistet, so daß man für
dieses mit dem Erscheinen von Lamberts Schrift über Land- und
Himmelskarten wohl eine neue Epoche datiert hat. Die Schrift ist mit
Anmerkungen versehen von neuem herausgegeben worden819. Ihr erstes
Erscheinen fiel in das Jahr 1772.
Der in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts fallende große Aufschwung
der Kartographie hing mit dem Einsetzen der wissenschaftlichen
Entdeckungsreisen (Cook) und mit genaueren topographischen
Landesaufnahmen zusammen. So entstand (1750 bis 1793) auf Grund einer
großen genauen Landesvermessung Cassinis Carte géométrique de la
France. Sie umfaßte 184 Blätter im Maßstab von 1 : 86400 und diente für
die Karten der übrigen Länder als Muster820. In gleichem Maße
epochemachend war die erwähnte Schrift Lamberts.

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Zwar fehlte es vor Lambert nicht an Untersuchungen über einzelne
Entwerfungsarten. Ihm gebührt jedoch das Verdienst, daß er zuerst die
allgemeinen Grundsätze, die bei der Kartenprojektion in Betracht kommen,
aufstellte und als erster diejenigen Forderungen erörterte, die das Kartenbild
zu erfüllen hat. Im Verfolg dieser Aufgaben kam Lambert auch auf
mehrere neue Projektionsarten, die noch heute im Gebrauch sind. Es sind
dies vor allem die winkeltreue und flächentreue Kegelprojektion821.
Mit demselben Gegenstande hat sich einige Jahre später auch Leonhard
Euler beschäftigt. Ihm hatte auch die sphärische Trigonometrie um die
Mitte des 18. Jahrhunderts Fortschritte zu verdanken, die in erster Linie der
Astronomie zugute kamen. Eulers Abhandlungen über Kartenprojektion822
gehen über die Behandlung, die Lambert dem gleichen Gegenstande
widmete, weit hinaus und leiten andererseits zu den Untersuchungen über,
die Lagrange und später Gauß 823 über die konforme Abbildung von
Flächen auf anderen Flächen angestellt haben.
Die erste Arbeit Eulers handelt von der Abbildung der Kugelfläche in einer
Ebene, und zwar behandelt Euler nicht nur die früheren Projektionen, bei
denen die einzelnen Punkte der Kugelfläche nach den Gesetzen der
Perspektive so auf eine Ebene projiziert werden, wie sie dem Beobachter
von einem bestimmten Punkte aus erscheinen, sondern er faßt seine
Aufgabe in weiterem Sinne auf und zeigt, wie die Punkte der Kugelfläche
nach einem beliebigen Gesetz in einer Ebene dargestellt werden können.
Unter anderem werden die Bedingungen der Mercator'schen
Projektionsart entwickelt und dargetan, daß für diese die kleinsten Teile der
Oberfläche ihren Bildern in der Ebene ähnlich sind, also das Prinzip der
Konformität oder Winkeltreue gewahrt ist. Euler zeigte ferner, daß der
größte Vorteil, den derartige Karten den Seefahrern gewähren, darin besteht,
daß die loxodromischen Linien, d. h. die Kurven, die sämtliche Meridiane
unter dem gleichen Winkel schneiden, bei dieser Projektionsart als gerade
Linien erscheinen. Jede gerade Linie schneidet nämlich alle Meridiane der
Karte, die ja bei Mercators Projektion einander parallel sind, unter
demselben Winkel.
Auch die bekannte Abbildung der Erdhalbkugeln im Innern von Kreisen,
deren Mitte der Pol einnimmt, während die Meridiane und die Parallelkreise
sich senkrecht schneiden, wird von Euler aus den von ihm aufgestellten

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allgemeinen Gleichungen abgeleitet und gezeigt, daß auch für diese
Projektionsart alle sehr kleinen, auf der Kugel beliebig angenommenen
Figuren durch ähnliche Figuren in der Ebene wiedergegeben werden.
In der zweiten Abhandlung wird ein für die Darstellung besonders häufiger,
flächentreuer Entwurf aus den allgemeinen Bedingungen erörtert, der
Entwurf nämlich, bei dem die Meridiane und die Parallelkreise als Kreise
erscheinen.
Die letzte Abhandlung endlich erörtert die Projektionsart, die De Lisle
seiner Karte des russischen Reiches zugrunde gelegt hat824, und zeigt, wie
man die Fehler einer solchen nach De Lislescher Projektion entworfenen
Karte möglichst verringern kann. Die genannte Projektionsart ist eine
konische, d. h. ein Teil der Kugelzone wird derart auf einen Kegel
übertragen, daß den Meridianen gerade Linien, den Parallelkreisen der
Kugel aber parallele Kreise auf dem Mantel des Kegels entsprechen.
Nicht minder groß sind die Verdienste, die sich Euler um die wichtigste
Hilfswissenschaft der Astronomie, die Trigonometrie, erworben hat. In
seiner ersten Abhandlung über diesen Gegenstand (1753) stellte er sich die
Aufgabe, wichtige Sätze der sphärischen Trigonometrie nach der Methode
der größten und kleinsten Werte abzuleiten825.
Etwaige Bedenken gegen die Ableitung der sphärischen Trigonometrie aus
den Regeln der Infinitesimalrechnung werden von Euler zurückgewiesen.
Es sei immer von Nutzen, auf verschiedenem Wege dieselben Wahrheiten
zu erreichen, weil aus diesem Verfahren sich stets neue Gesichtspunkte
ergeben würden. Zur Notwendigkeit wurde aber die Anwendung der neuen
Methode hier wie in allen übrigen Fällen, wenn man ein Problem ganz
allgemein lösen wollte. Die bisher übliche Betrachtungsweise war auf das
ebene und das sphärische Dreieck beschränkt. Wollte man dagegen
Dreiecke untersuchen, die auf einer beliebigen, z. B. einer konoidischen
oder sphäroidischen Fläche dadurch entstehen, daß man drei Punkte durch
drei kürzeste, der betreffenden Oberfläche angehörende Linien verbindet, so
war damit ein Problem gegeben, das sich nur mit den Mitteln der höheren
Mathematik lösen ließ. Die Wichtigkeit einer solchen Begründung der
Trigonometrie auf einer allgemeinen Auffassung leuchtet ein, wenn man
bedenkt, daß die Messungen der Geodäten nicht auf einer Kugel, sondern,
wie Euler hervorhebt, auf einer sphäroidisch gestalteten Fläche geschehen.

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Wenn man die bei den Triangulationen erforderlichen Dreiecke recht groß
wähle, so müsse man auf diesen Umstand auch Rücksicht nehmen. In der
erwähnten Abhandlung leitet Euler nur die Formeln für die
Kugeloberfläche mit Hilfe der Infinitesimalrechnung ab. Für andere
Flächen, wie das Sphäroid (Umdrehungsellipsoid), wird diese
Trigonometrie der kürzesten Linien (der Name sphärische Trigonometrie
paßt ja nur für die Kugel) in einer späteren Arbeit behandelt826. Auch darauf
wies Euler hin, daß die ebene Trigonometrie aus der sphärischen
hervorgeht, wenn man den Radius der Kugel unendlich groß werden läßt827.
Sehr glücklich war sein Gedanke, die Seiten eines Dreiecks mit a, b, c und
die entsprechenden Gegenwinkel mit A, B, C zu bezeichnen. Die
trigonometrischen Formeln wurden dadurch viel übersichtlicher und neue
Beziehungen weit leichter als bisher entdeckt828. Die trigonometrischen
Formeln, die wir heute benutzen, hat Euler mit Ausnahme der Gaußschen
Formeln829 infolgedessen besonders klar dargestellt, teilweise auch zum
ersten Male abgeleitet830.

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20. Mineralogie und Geologie im 18. Jahrhundert
Wesentlich bedingt durch die Fortschritte der Physik und der Chemie
entwickelten sich im 18. Jahrhundert die Mineralogie und die Geologie auf
der in der vorhergehenden Epoche vor allem durch Steno geschaffenen
Grundlage weiter.
Die von Agricola begründete Lehre von den äußeren Kennzeichen bildete
bei Linné zwar noch den Kernpunkt der mineralogischen Wissenschaft.
Doch dürfen wir nicht vergessen, daß Linné auf diesem Gebiete kein
Forscher war, sondern die Mineralien nur seinem alles umfassenden
Natursystem anzugliedern suchte. Seine Begriffsbestimmungen erhoben
sich kaum über die von Agricola aufgestellten; sie waren sogar weniger
verständlich, da bei Linné Erläuterungen durch Beispiele, wie sie
Agricola gegeben, fehlten831.
Linné berücksichtigte die äußere Gestalt (würflig, säulenförmig,
pyramidal), die Oberfläche (rauh, glatt), die innere Struktur (körnig, faserig,
blätterig), die Härte (am Stahl funkend, läßt sich schneiden, schreibt) und
endlich das optische Verhalten (durchsichtig, gefärbt usw.). Der
Kristallform schenkte man zu jener Zeit noch geringe Aufmerksamkeit.
Linné suchte die an den Mineralien vorkommenden Formen auf einige
bekannte Salze (Kochsalz, Salpeter, Alaun, Vitriol) zurückzuführen. Dies
war ein vergebliches Bemühen, zumal Linné sich von der sonderbaren
Vorstellung leiten ließ, daß dasjenige Salz, mit dem ein Mineral in seiner
Kristallform übereinstimmt, auch die Ursache für die Form des Minerals
sei.

Die Begründung der Mineralchemie.

Erst im 18. Jahrhundert gelangte man allgemeiner zu der Auffassung, daß
man es in den Mineralien mit Verbindungen zu tun habe und begann sie
nach ihrer Zusammensetzung einzuteilen. Ein nach diesem Gesichtspunkt
durchgeführtes System konnte sich indessen im 18. Jahrhundert wegen des

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unfertigen Zustandes der Chemie noch nicht entwickeln. Durch das
Handinhandgehen der Mineralogie mit der Chemie wurden aber im 18.
Jahrhundert die wichtigen Grundlagen für die Mineralchemie geschaffen.
Die größten Verdienste um diesen Wissenzweig haben sich die
schwedischen Forscher Cronstedt (1722–1765) und Bergman (1735–
1784) erworben.
Dem wichtigsten Instrument zur chemischen Untersuchung der Mineralien,
dem Lötrohr, begegnet man gelegentlich schon im 17. Jahrhundert. Seine
ausgedehnte, mit zahlreichen Kunstgriffen verknüpfte Anwendung verdankt
man indessen Cronstedt. Er lehrte auf einem Stück Kohle eine kleine
Probe des zu untersuchenden Minerals durch Hinaufblasen der Flamme und
die Anwendung von Flußmitteln all den chemischen Prozessen unterwerfen,
denen die Erze beim Hüttenbetriebe im Schmelzofen unter der Wirkung des
Gebläses ausgesetzt sind. Dabei läßt aber die Behandlung der kleinen Probe
hinsichtlich der Zusammensetzung des Minerals weit mehr erkennen als die
hüttenmännischen Prozesse, weil letztere der unmittelbaren Beobachtung
viel weniger zugänglich sind. Arsen und Schwefel werden vor dem Lötrohr
an dem Geruch ihrer bei der Verbrennung entstehenden Oxyde, Antimon am
Beschlage erkannt. In der reduzierenden Flamme werden Blei, Silber,
Kupfer, Eisen usw. abgeschieden832. Insbesondere achtete Cronstedt auf die
Färbung der Flußmittel, die er der Probe vor dem Schmelzen zusetzte. Als
Flußmittel gebrauchte er Borax, der z. B. durch Kobalt blau, durch Kupfer
grün und durch Braunstein violett gefärbt wird, ferner dienten ihm als
Ersatz für Borax in geeigneten Fällen Soda und Phosphorsalz833.
Der Schmelzfluß wurde auf der Kohle hergestellt, seine Herstellung am
Platindrahte erfolgte erst später, nachdem der Gebrauch des Platins
allgemeiner geworden war834. Ließ sich das Lötrohr auch für die quantitative
Untersuchung der Mineralien nicht verwerten, so wurde es doch auf die
geschilderte Weise in der Hand Cronstedts zu einem Hilfsmittel, das der
Mineralchemie ebenso wertvolle Dienste leistete, wie sie die
Kristallographie der Anwendung des Goniometers verdankt.
Um das weitere Eindringen in die chemische Natur der Mineralien zu
ermöglichen, mußte sich zu dem Lötrohrverfahren, oder der Untersuchung
auf trockenem Wege, die Analyse des in den löslichen Zustand
übergeführten Minerals gesellen. Nur auf diesem Wege ließen sich genauere
Ermittlungen anstellen. Diesen Weg erschlossen zu haben, ist vor allem

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dem schwedischen Chemiker Bergman zu danken. Seine Verdienste um
den Ausbau der qualitativen und der Gewichtsanalyse werden jedoch an
anderer Stelle besprochen werden. Wir haben es hier nur mit der von
Bergman geübten Anwendung dieser Methode auf die Mineralien zu tun.
Hatte er das Mineral, das zuerst aufs feinste gepulvert, gegebenenfalls auch
durch Schmelzen mit Pottasche »aufgeschlossen« wurde, in einer Säure
gelöst, so begann die qualitative Untersuchung durch Reagentien, die
größtenteils noch heute gebraucht werden. Dann folgte die quantitative
Bestimmung. Ihre Ergebnisse werden jedoch aus zwei Gründen recht
ungenau. Einmal waren die Methoden der Gewichtsanalyse noch zu
unvollkommen; ferner waren mitunter die Bestandteile der Mineralien, die
Bergman untersuchte, noch nicht sämtlich bekannt. So erblickte er im
Rubin, der nur aus Tonerde besteht (Al2O3), eine Verbindung dieses Oxyds
mit Kieselerde. Hyazinth dagegen, der aus Kiesel- und Zirkonerde
zusammengesetzt ist, wurde für eine Verbindung von Kieselerde mit Ton-
und Kalkerde angesehen, weil Bergman die Zirkonerde noch nicht als
eigentümliche Substanz erkannt hatte. Dies geschah erst durch Klaproth
(1789), der sich ganz besonders bemühte, die Mineralchemie im Anschluß
an Bergman weiter auszubauen. Das Ergebnis der Bemühungen von
Scheele, Bergman, Klaproth und anderen Chemikern des 18.
Jahrhunderts, die ihre Wissenschaft mit der Mineralogie zu verknüpfen
strebten, bestand darin, daß Werner, der zwar selbst kein Chemiker war,
aber die Wichtigkeit der Zusammensetzung der Mineralien zu würdigen
wußte, noch vor Ablauf des 18. Jahrhunderts ein mineralogisches System
nach chemischen Gesichtspunkten aufstellte.

Die Aufstellung eines Systems der Mineralien.

Die Gruppierung der Mineralien nach »inneren Kennzeichen« war zwar
schon früher versucht worden835. Doch war der Erfolg naturgemäß nur
gering, solange nicht die Mineralanalyse der Systematik die Wege geebnet
hatte, und bevor man nicht eine Scheidung zwischen Mineralien, Gesteinen
und Versteinerungen durchzuführen wußte. Ein kurzer Überblick über das
System Werners lehrt uns am besten den Standpunkt kennen, den die
mineralogische Systematik gegen das Ende des 18. Jahrhunderts
eingenommen hatte.

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In die erste Klasse wurden die in Wasser unlöslichen Oxyde der
Nichtmetalle und die Silikate der Leichtmetalle, die selbst noch der
Entdeckung harrten, gestellt. So begegnet uns in dieser Klasse, zu der
übrigens auch der Diamant gerechnet wurde, das den Quarz (SiO2) und
viele Silikate umfassende Kieselgeschlecht. An dieses reihten sich das
Tongeschlecht mit Korund (Al2O3), Feldspat, Glimmer, die ja beide
Tonerde enthalten, und einige scheinbar homogene und daher noch als
Mineralien betrachtete Gesteine, wie Basalt und Tonschiefer.
Als Salze (II. Klasse) werden in Wasser lösliche, dem Kochsalz ähnliche
Mineralien zusammengefaßt, wie Alaun, Salpeter und Salmiak. Dann folgen
als III. Klasse die brennbaren Mineralien (Schwefel, Bernstein, Steinkohle
usw.).
Am besten bestimmt ist die IV. und letzte Klasse. Sie umfaßt die
Schwermetalle und ihre Verbindungen. Eingeteilt wird sie in die
silberhaltigen Erze (das Silbergeschlecht), die kupferhaltigen, bleihaltigen
usw. Auf die Elemente, mit denen die Schwermetalle verbunden sind, wird
bei dieser Einteilung kein Gewicht gelegt. So umfaßt das Eisengeschlecht
etwa folgende Mineralspezies:
1. Gediegenes Eisen Fe
2. Schwefelkies FeS2
3. Magneteisenstein Fe3O4
4. Eisenglanz Fe2O3
5. Spateisenstein FeCO3 usw.
Zu einem ähnlichen Mineralsystem war man um 1800 auch in Frankreich
gelangt836. Diese Systeme mußten sich indessen in dem Maße, in dem man
in die chemische Zusammensetzung der Mineralien eindrang, als
unzulänglich erweisen. Schwefelkies, Eisenglanz und Eisenspat z.B. waren,
trotzdem sie alle drei Eisen enthalten, in chemischer Hinsicht drei
verschiedenen Gruppen zuzuweisen. Ferner griff auch die Erkenntnis Platz,
daß die chemische Konstitution in manchen Fällen für die Krystallform
bestimmend ist. Damit waren die wichtigsten Gesichtspunkte gegeben, nach
denen sich die Systematik im 19. Jahrhundert, wie wir sehen werden, weiter
entwickeln sollte.

Page 463

Abb. 132. Das von Romé de l'Isle gebrauchte Anlegegoniometer837.
GF und AB sind zwei Lineale, deren Abschnitte GC und BC je nach der Größe
des zu messenden Objektes verlängert oder verkürzt werden können. MTN trägt
den Gradbogen, AB wird um C gedreht. OC dient zur Stütze des Gradbogens.
AB wird gedreht, bis die Schenkel BC und CG den, sich schneidenden
Kristallflächen genau anliegen. Der Kantenwinkel läßt sich dann auf dem
Gradbogen ablesen.

Aus dem Bedürfnisse, die Mineralien auch ohne eingehendere chemische
Analyse zu bestimmen, entspringt die Kennzeichenlehre, die insbesondere
auf der Verwendung des 1758 von Cronstedt eingeführten Lötrohrs beruht.
Borax, Phosphorsalz und andere noch heute zur raschen Bestimmung
gebräuchliche Hilfsmittel kommen in Aufnahme. Auch die Farbe und die
Spaltbarkeit werden als wichtige Kennzeichen verwertet. Ebenso wird das
spezifische Gewicht berücksichtigt, doch begnügt man sich zunächst mit
dem bloßen Abschätzen des letzteren. Eine größere Beachtung fand diese
physikalische Konstante erst, nachdem in Nicholsons Senkwage838 ein
bequemes Mittel zur raschen Bestimmung des spezifischen Gewichtes an
die Hand gegeben war. Seitdem Steno auf die Konstanz der Winkel
hingewiesen hatte, wandte man sich auch mit wachsendem Interesse dem an
den Mineralien in die Erscheinung tretenden Formenreichtum zu. Dem
französischen Forscher de l'Isle 839 gelang es, die von Steno nur für einige
Fälle nachgewiesene Regel in ihrer Allgemeingültigkeit zu erkennen. Als
Meßinstrument bediente er sich hierbei des von seinem Gehilfen840
erfundenen Anlegegoniometers (s. Abb. 132 auf der vorigen Seite).

Page 464

Die Unterscheidung der Gebirgsglieder.

In seiner »Urgeschichte« hatte Leibniz mit Nachdruck als Vorbedingung
für die weitere Entwicklung der Geologie die gründliche Untersuchung der
Beschaffenheit und des Verlaufs der Erdschichten gefordert. An die Lösung
dieser Aufgabe machte sich unter hervorragender Beteiligung Deutschlands
das 18. Jahrhundert. Das Interesse für die geologischen Kräfte wurde in
diesem Zeitraum auch durch zwei außergewöhnliche, elementare Vorgänge
in hohem Grade angeregt, nämlich durch die Entstehung einer vulkanischen
Insel (Santorin) inmitten des ägäischen Meeres und durch das furchtbare
Erdbeben von Lissabon. Insbesondere das letztere rief eine wahre Flut von
Schriften hervor841. Unter anderen hat sich auch Immanuel Kant mit
diesem Naturereignis und seiner Ursache eingehend beschäftigt842.
An die Entstehung von Santorin und die Bildung des Monte Nuovo bei
Pozzuoli knüpfte Moro 843 seine Theorien über die Entstehung der Erde an.
Moro unterscheidet die ursprünglichen Gesteine von den sekundären,
geschichteten und läßt alle Inseln, Kontinente und Gebirge durch
vulkanische Hebung entstehen. Auch Moros Landsmann Vallisneri 844
suchte die geologischen Erscheinungen auf natürliche Ursachen
zurückzuführen. Er untersuchte845 die marinen Ablagerungen, die sich zu
beiden Seiten des Apennin befinden und wies die Verbreitung derartiger
Ablagerungen auch für die übrigen europäischen Länder nach. So kam er zu
der Erkenntnis, daß das heutige Festland früher Meeresboden gewesen sei,
und daß sich die Versteinerungen führenden Schichten dereinst durch
allmählichen Absatz bildeten und gleichzeitig die Überreste abgestorbener
Organismen, unsere heutigen Petrefakten, einhüllten.
Während man anfangs alle leblosen Körper, die der Schoß der Erde birgt,
unter dem Namen »Fossilien« vereinigte, gelangte man im Laufe des 18.
Jahrhunderts dazu, die Versteinerungen und die Felsarten von den
eigentlichen, dem Auge gleichartig erscheinenden Mineralien zu trennen.
Von jetzt an traten Versteinerungslehre und Geognosie der Mineralogie als
selbständige Wissenzweige zur Seite. Mit großem Eifer wandte man sich in
allen Kulturländern diesen neu erschlossenen Forschungsgebieten zu und
begab sich an das gründliche Studium von Naturkörpern, denen man bisher
neben der Tier- und Pflanzenwelt nur geringe Beachtung gezollt hatte. An
den Universitäten wurden neue Lehrstühle errichtet. Gleich den Botanikern

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und den Zoologen unternahmen jetzt auch Geologen Reisen zur
Erforschung fremder Länder. Besondere Schulen wurden gegründet; so
verdanken die Bergakademie in Freiberg und die École de mines in Paris
ihren Ursprung der geschilderten Bewegung. Die erstere der genannten
Anstalten gelangte rasch zu europäischer Berühmtheit durch die Tätigkeit
eines Mannes, mit dem wir uns zunächst befassen müssen. Es ist dies der
Deutsche Werner, der sich um die Kennzeichenlehre und die Geognosie
besonders verdient gemacht hat. Bevor wir uns ihm zuwenden, müssen wir
uns mit zwei anderen deutschen Geologen beschäftigen, die für Werners
wissenschaftliche Tätigkeit die Grundlagen schufen, indem sie die
geologische Spekulation beiseite setzten und eine gründliche,
voraussetzungslose Durchforschung der Erdschichten unternahmen. Diese
Männer waren Lehmann und Füchsel.
Lehmann 846, der in Berlin und später in Petersburg Mineralogie und
Chemie lehrte, veröffentlichte als das Ergebnis zahlreicher Beobachtungen
die erste genauere Untersuchung über die Zusammensetzung und die
Lagerung der geschichteten Gebirgsglieder847. Er unterscheidet sie als
»Flözgebirge« von den »Ganggesteinen«, die früher entstanden seien und
sich »in die ewige Teufe fortsetzen«. Bezeichnend ist nun, daß die ersten
deutschen Geologen, die sich nicht auf Spekulationen beschränkten,
sondern sich an die Erforschung der tatsächlichen Verhältnisse begaben, die
Erdrinde ihrer Hauptmasse nach, den Granit und Basalt eingeschlossen, aus
dem Wasser entstehen ließen, während man in Italien unter dem
unmittelbaren Eindruck des Vulkanismus alles auf diese Kraft
zurückzuführen suchte und selbst geschichtete Gesteine als
Eruptionsprodukte betrachtete, wie es vor allem Moro tat.
Lehmanns Arbeit gründet sich, wie die Betrachtungen von Leibniz und
die eingehenderen Untersuchungen Füchsels, besonders auf die
geologische Natur des Mansfelder, durch den Bergbau seit alters
aufgeschlossenen Bodens. Lehmann unterscheidet 30 verschiedene
Schichten und bedient sich dabei zum Teil noch heute üblicher
Bezeichnungen, wie der Ausdrücke Zechstein, Kupferschiefer,
Rottotliegendes.
Von dem zweiten Vorläufer Werners, dem Arzt Füchsel, rührt die erste
scharf ausgeprägte Terminologie her. Von besonderer Wichtigkeit ist die
durch ihn erfolgte Aufstellung des Begriffes »Formation«. »Jeder einzelne

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Niederschlag«, sagt Füchsel, »bildet eine Erdschicht oder Bank. Aber es
gibt gewisse Folgen von Schichten, die unter gleichen Verhältnissen
unmittelbar nacheinander entstanden sind; solche Reihen bilden zusammen
das, was wir eine Formation nennen, und eine solche Formation bezeichnet
eine Epoche in der Geschichte der Erde«. Die einzelnen Formationen
kennzeichnete Füchsel durch das Vorhandensein von eigentümlichen
Versteinerungen, den Leitfossilien.
G. Ch. Füchsel wurde 1722 in Ilmenau geboren und wirkte als Arzt in
Rudolstadt. Dort starb er 1773. Über seine geologischen Arbeiten schrieb er
in seiner »Historia terrae et maris ex historia Thuringiae per montium
descriptionem erecta 1762«.
Er unterschied für Thüringen folgende neun Formationen:

1. Muschelkalk als das oberste Kalkgebirge,
2. Sandgebirge (Buntsandstein),
3. Den heutigen Zechsteindolomit,
4. Den Kupferschiefer,
5. Das Weißliegende,
6. Das rote Gebirge,
7. Dachschiefergebirge,
8. Steinkohlengebirge, das stellenweise auch in Thüringen zutage tritt.
9. Grundgebirge.

Füchsel stellte auch als erster in Deutschland eine geologische Karte der
von ihm durchforschten Gegend her. Auch wußte er seine Beschreibungen
durch deutliche Profile zu unterstützen. Seine Veröffentlichungen wurden
zwar der Allgemeinheit wenig bekannt, doch sind sie es, auf die Werner,
der Linné der Geologie, sich insbesondere stützte.
Die gleichen Bestrebungen wie in Deutschland begegnen uns im 18.
Jahrhundert in Frankreich. Dort untersuchte Guettard das Pariser Becken
und gelangte zu dem Schlusse, daß dieses einst von Wasser bedeckt
gewesen und durch die im Lauf der Zeit zu festem Gestein gewordenen
Ablagerungen einmündender Flüsse ausgefüllt worden sei. Die Berge der
Auvergne, wie den Puy de Dôme und den Mont Dore, erkannte Guettard
als erloschene Vulkane.

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Guettards 848 Schrift über die Vulkane der Auvergne ist für die Entwicklung
der Geologie von großer Bedeutung gewesen, da sie den Blick der
Geologen von den nur sporadisch vorkommenden tätigen Vulkanen auf die
außerordentliche Bedeutung des Vulkanismus für längst abgelaufene
Perioden der Erdgeschichte lenkte849. Daß die Kegel der Auvergne einst
tätige Vulkane waren, schloß Guettard aus den lavaartigen Gesteinen und
den Bimssteinmassen, die sich dort zeigen. Für den Basalt nahm er seiner
scheinbar kristallinischen Regelmäßigkeit wegen den vulkanischen
Ursprung nicht an. Er hielt ihn vielmehr für eine Kristallisation aus einer
wässrigen Lösung. Erst ein jüngerer Zeitgenosse und Landsmann
Guettards erkannte die wahre Natur des Basalts. Dies war Desmarest 850.
Er zeigte, daß der Basalt oft deutlich auf vulkanischer Asche lagert, daß er
mitunter auch von dieser bedeckt wird oder allmählich in Lava übergeht.
Wieder an anderen Stellen fand er den Basalt stromartig geflossen, so daß
an seiner ursprünglich feurig-flüssigen Beschaffenheit nicht mehr
gezweifelt werden konnte. Die gleiche Entstehungsart machte Desmarest
auch für die älteren Massengesteine (Granit und Porphyr) wahrscheinlich.
Im Jahre 1746 veröffentlichte Guettard eine geognostische Karte, die den
Aufbau Frankreichs, Englands und eines Teiles von Mitteleuropa zur
Darstellung brachte. Diese Karte gibt nicht nur über das Vorkommen von
Gesteinen und Mineralien Auskunft, sondern es sind auf ihr auch die
wichtigsten Bergwerke und Mineralquellen, sowie Fundorte von
Versteinerungen verzeichnet, so daß sie noch heute mit Vorteil gebraucht
werden kann851.
Später vereinigte sich Guettard mit Lavoisier in der Absicht,
gemeinschaftlich mit diesem einen mineralogisch-geognostischen Atlas von
Frankreich herauszugeben. Es erschienen auch eine größere Anzahl von
Blättern, doch blieb das Unternehmen unvollendet.

Die Aufstellung von Perioden der Erdgeschichte.

Eine eigenartige Stellung in der Geschichte der Geologie nimmt Buffon,
der geistreichste Naturforscher des 18. Jahrhunderts, ein. Buffon 852 (1707–
1788), dessen Lebens- und Entwicklungsgang an anderer Stelle geschildert
werden soll, hat die Geologie weniger durch neue Beobachtungen

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bereichert, sondern durch die Art, wie er die bis dahin bekannt gewordenen
Tatsachen zusammenzufassen und mit neuen Gedanken zu verknüpfen
wußte. Er hat die Geologie mit einer vor ihm nicht anzutreffenden Klarheit
als die in langen Zeiträumen sich abspielende Geschichte unseres Planeten
dargestellt. Die Planeten sind nach ihm aus der Sonne hervorgegangen. Die
Loslösung der Planeten vom Zentralkörper erfolgte nach der allerdings
unhaltbaren Hypothese Buffons durch den Zusammenstoß der Sonne mit
einem Kometen.
Um ein Urteil über die Dauer der gesamten Erdgeschichte zu gewinnen,
stellte Buffon zahlreiche Versuche über die Abkühlung glühender Kugeln
von verschiedenem Durchmesser an. Aus den Ergebnissen dieser Versuche
berechnete er, daß sich die Erdkugel in etwa 75000 Jahren von ihrer
anfänglichen bis zu ihrer heutigen Temperatur abgekühlt habe. Es ergaben
sich daraus für die einzelnen Perioden der Erdgeschichte Zeiträume853, die
heute als viel zu gering erscheinen. Während des ersten Zeitraums, den
Buffon auf 35000 Jahre bemessen zu dürfen glaubte, schieden sich infolge
einer unregelmäßigen Zusammenziehung der äußeren Rinde die
Festlandsmassen von den Meeresbecken. Aus der gleichen Ursache und
durch Gasentwicklung im Innern des Erdkörpers entstand das Urgebirge.
Während anfangs das Wasser die Erde als eine Dunstmasse umgab,
verdichtete es sich mit der fortschreitenden Abkühlung. Die dritte Periode
beginnt daher mit der Entstehung des Urmeeres, aus dem nur die Gipfel der
Urgebirge hervorragten. Das heiße Wasser des Urmeeres besaß in hohem
Grade die Fähigkeit, feste Bestandteile der Erdoberfläche zu zersetzen und
aufzulösen. Allmählich sonderten sich aus dieser Lösung diese Bestandteile
als Ton, Schiefer und Sand in parallelen, dem Urgebirge auf- und
angelagerten Schichten wieder ab. Das Meer bevölkerte sich schließlich
infolge der weiteren Abkühlung mit lebenden Wesen, deren Gehäuse
gleichfalls zur Bildung von Schichten beitrugen. Die fortschreitende
Änderung der Lebensbedingungen bewirkte, daß auch die Lebewelt ihren
Charakter ununterbrochen durch das Aussterben von Arten und die
Entstehung neuer Arten änderte. Aus den Überresten zusammengesetzter
Pflanzen entstanden in dieser Periode auch die Steinkohlen führenden
Schichten.
Während der nächsten (vierten) Periode entwickelte sich durch das
Eindringen größerer Wassermengen in das heiße Erdinnere eine gewaltige

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vulkanische Tätigkeit, durch welche der bisherige Aufbau der Erdkruste
sehr gestört und die Lage der Schichten in mannigfacher Weise geändert
wurde. Die heutigen Eruptionen und Erdbeben betrachtet Buffon als die
verhältnismäßig unbedeutenden Nachwehen des gewaltigen Kampfes der
Elemente, der in jener Periode stattfand.
Im folgenden Zeitraum näherten sich die irdischen Zustände den heutigen.
Gewaltige Landsäugetiere entstanden unter höheren Breiten zu einer Zeit,
als die Lebensbedingungen in der Nähe der heißen Äquatorialzone noch
ungünstig waren. Die Flora und die Fauna drangen daher von den
Polargegenden allmählich in die niederen Breiten vor, während in der
Verteilung von Wasser und Land nur noch geringe Änderungen stattfanden.
So löste sich in dieser, mit dem Erscheinen des Menschen ihren Abschluß
findenden Periode Großbritannien von Frankreich. Es entstand die Ostsee,
und in den außereuropäischen Teilen der Erde fanden ähnliche
Verschiebungen statt, zu denen Buffon die Entstehung der Sundainseln und
der Antillen aus Teilen der benachbarten Festländer rechnet.
Es ist ein Reichtum von neuen Gedanken, die uns in Buffons Darstellung
der Epochen der Natur begegnen, Gedanken, die in ihrer ganzen Bedeutung
zum Teil erst spätere Generationen gewürdigt haben.

Weitere Fortschritte der Geologie.

Während Buffon wie kein anderer Forscher des 18. Jahrhunderts die
Geologie als Ganzes darzustellen wußte, bemühten sich andere Männer die
Grundlagen dieser Wissenschaft durch eindringende Beobachtung der
Einzeltatsachen immer mehr zu befestigen. Unter ihnen sind zu nennen:
Pallas als Erforscher außereuropäischer Länder, Saussure wegen seiner
Begründung des wissenschaftlichen Alpinismus, und Werner, der die von
Lehmann und Füchsel begonnene, genauere Erforschung der einzelnen
Formationsglieder fortsetzte.
Pallas 854 wurde 1741 in Berlin geboren. Er studierte Medizin und
Naturwissenschaften und wurde in noch jugendlichem Alter an die
Petersburger Akademie berufen und von Katharina II. mit der Leitung einer
Forschungsreise nach Sibirien betraut (1768–1774). Nach seiner Rückkehr
veröffentlichte er ein Reisewerk über das nördliche Asien, das alle bisher

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erschienenen Reisewerke in bezug auf Reichtum an neuen Beobachtungen
übertraf. Pallas starb 1811 in Berlin.
Das Hauptergebnis seiner Durchforschung Sibiriens war die Beobachtung,
daß der Boden dieses Landes in seinen oberflächlichen, aus Ton, Mergel
und Pflanzenresten bestehenden Teilen mit den Knochen großer
Landsäugetiere förmlich durchsetzt ist. Die Erklärung, die Pallas hierfür
gab, war wenig stichhaltig. Sie hat trotzdem der phantastischen, bald darauf
von Cuvier aufgestellten Katastrophentheorie als Grundlage gedient: Aus
dem vulkanischen Charakter der Südsee, die ihm »über einem einzigen
vulkanischen Gewölbe zu stehen« schien und aus der Beschaffenheit der
sibirischen Ebene folgerte Pallas nämlich, die Gewässer des Stillen Ozeans
seien durch vulkanische Kraft nach den Polen gedrängt worden und hätten
zahllose Pflanzen und Tiere der tropischen Länder dorthin geschwemmt und
im Schutt der Gebirge begraben.
Kamen die Forschungen von Pallas auch in erster Linie der Zoologie, der
Botanik und der Völkerkunde zugute, so ist doch auch in geologischer
Beziehung manche genaue Beobachtung und treffende Ansicht auf ihn
zurückzuführen. Die Meinung Buffons, daß das Urmeer fast bis zu den
Gipfeln der ältesten Gebirge gereicht habe, wies Pallas zurück. Nach ihm
fand die Erhebung der geschichteten Gesteine bis weit über das Niveau des
Meeres hinaus durch vulkanische Kräfte statt. Pallas verstand es, aus der
Störung der Schichten und ihren Lagerungsverhältnissen Schlüsse auf das
Alter der Gebirge zu ziehen und z. B. begreiflich zu machen, daß die Alpen
einem relativ jungen gebirgsbildenden Vorgang ihren Ursprung verdanken.
Fast ausschließlich der Erforschung der Alpen widmete sich Horace
Benedicte de Saussure in vieljähriger, mühevoller Tätigkeit. Saussure
wurde 1740 in Genf geboren und bekleidete dort eine Professur. Im Jahre
1787 führte er zu wissenschaftlichen Zwecken die erste Besteigung des
Montblanc aus855. Er starb 1799. Als Ergebnis seiner alpinistischen
Untersuchungen, die sich nicht nur auf die geognostischen, sondern auch
auf die biologischen, meteorologischen und physikalischen Verhältnisse des
Hochgebirges erstrecken, veröffentlichte er ein umfangreiches Werk856.
Saussure erkannte, daß der Kern der Alpen aus Urgestein (insbesondere
Granit) besteht, und daß sich an diese Gesteine geschichtete, zunächst auch
noch versteinerungslose Gebirgsglieder anlehnen. Hervorzuheben ist, daß

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Saussure, obgleich er die wissenschaftliche Erforschung der Gletscher
begann, die Findlingsblöcke und andere glaziale Gebilde doch nicht als
solche erkannte, sondern sie im Sinne der Katastrophentheorie als Zeugen
plötzlich auftretender Gewalten, z. B. eines Zusammenbruchs von
Gebirgsmassen, auffaßte. Wertvoll war dagegen sein Nachweis, daß die
Westalpen nicht durch vulkanische Tätigkeit gehoben sein können, da sich
nirgends Spuren einer solchen finden. Über die eigentliche Ursache der
Gebirgsbildung blieb er jedoch die Auskunft schuldig.
Erwähnt sei noch, daß Saussure seine geologischen Arbeiten mit solchen
über die Schneegrenze, über die Wärmezunahme im Erdinnern und die
Verbreitung der Pflanzenwelt nach Höhenzonen zu verknüpfen wußte. In
letzterer Hinsicht hat er den pflanzenklimatologischen Untersuchungen
vorgearbeitet, die später v. Humboldt am Pik von Teneriffa und in
Südamerika anstellte.

Werners System der Mineralien und der Gesteine.

In dem Maße, wie die Kenntnis der Gesteins- oder Gebirgsarten wuchs,
nahm die bei ihrer Anordnung und Benennung einreißende Verwirrung zu.
Diesem Zustande machte Werners erstes systematisches Lehrbuch der
Geognosie ein Ende. Es erschien im Jahre 1787 und führt den Titel: »Kurze
Klassifikation und Beschreibung der verschiedenen Gebirgsarten«.
Abraham Gottlob Werner wurde am 25. September 1750 in einem kleinen
Orte der Oberlausitz geboren. Sein Vater verwaltete ein Eisenhüttenwerk
und besaß eine Mineraliensammlung, die den Knaben in hohem Grade
fesselte. Seit dem Jahre 1775 bekleidete Werner ein Lehramt an der
Bergakademie in Freiberg857.
In den von ihm vertretenen Gebieten nahm er bald eine ähnliche Stellung
ein, wie sie um dieselbe Zeit Linné in der Reihe der Botaniker und
Zoologen besaß. Beide Männer wirkten vorzugsweise als Lehrer und
Systematiker. Sie verstanden es, für ihre Wissenschaft zu begeistern und ihr
Jünger zuzuführen, während die durch eigenes Forschen aufgefundenen
Ergebnisse sich in bescheideneren Grenzen hielten. Bei Werner, wie bei
Linné, entwickelte sich ferner eine gewisse Einseitigkeit, wodurch der

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weitere Ausbau der Wissenschaft bei dem Ansehen, das beide Männer
genossen, mitunter ungünstig beeinflußt worden ist.
Da Werners Buch über die Fossilien858 sich besonders eignet, um mit dem
Standpunkt, den die Mineralogie im 18. Jahrhundert einnahm, bekannt zu
machen, da es ferner, wie selten eine Schrift, den Fortschritt dieser
Wissenschaft bedingt hat, so sei aus seinem Inhalt hier noch einiges
mitgeteilt.
Unter Fossilienkunde versteht Werner das, was wir heute als Mineralogie
bezeichnen. Sie ist ihm nicht nur ihres Nutzens wegen von besonderer
Wichtigkeit, sondern auch, weil auf ihr die »Lehre von den Gebirgen«
(Petrographie) und die »mineralogische Geographie« (Geologie) beruhen.
Als den Begründer der neueren Mineralogie haben wir den Deutschen
Agricola (Bauer) kennen gelernt859. In den auf Agricola folgenden zwei
Jahrhunderten waren die Fortschritte dieser Wissenschaft jedoch gering. Ein
erneutes Aufblühen begann um 1730, also etwa 40 Jahre vor dem
epochemachenden Auftreten Werners. Zwischen den Mineralogen des 18.
Jahrhunderts war eine gewisse Scheidung eingetreten. Die einen gründeten
ihre Wissenschaft ausschließlich auf die äußeren Kennzeichen der
Mineralien, während andere die wichtigste Aufgabe in der Zerlegung der
Mineralien in ihre Bestandteile erblickten. Eine vermittelnde Richtung
wollte Gruppen von Mineralien nach ihrer chemischen Zusammensetzung
bilden. Für die Bestimmung der Mineralspezies innerhalb dieser Gruppen
sollten aber die äußeren Kennzeichen maßgebend sein860. Werner dagegen
hielt es für das Natürlichste, die systematische Gliederung des
Mineralreichs ausschließlich nach der chemischen Zusammensetzung
vorzunehmen, weil auf ihr die wesentlichste Verschiedenheit der Mineralien
beruhe. Wenn sein Buch trotzdem in erster Linie von den Kennzeichen
handelt, so liegt darin kein Widerspruch. »Denn«, sagt Werner, »die
Mineralien in ein System bringen und nach Mitteln suchen, um die
einzelnen Mineralspezies rasch und sicher zu erkennen, sind zwei
verschiedene Dinge.« Zudem war die Chemie noch zu unentwickelt, um für
das von Werner gewünschte System schon eine ausreichende Grundlage zu
geben. Es lag daher näher, zunächst die Lehre von den äußeren
Kennzeichen der Mineralien durch eingehende Erforschung und scharfe
Begriffsbestimmung zu vervollkommnen. Hierin bestand denn auch vor
allem Werners Reformwerk. Recht treffend bemerkt er, er wolle lieber die

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Mineralien schlecht geordnet und gut beschrieben als gut geordnet und
schlecht beschrieben haben.
Werner unterscheidet äußere, innere und physikalische Kennzeichen. Die
inneren oder chemischen Kennzeichen sind ihm zwar die wichtigsten, indes
aus verschiedenen Gründen unbequem. Ihre Ermittlung erfordere viele
Vorkehrungen und setze voraus, daß der Mineraloge gleichzeitig ein
geschickter Chemiker sei. Bei der chemischen Untersuchung gehe ferner
die Substanz verloren, da man sie zerlegen müsse. Unter den physikalischen
Kennzeichen versteht Werner das Verhalten der Mineralien gegen andere
Körper, insbesondere das magnetische und elektrische Verhalten. Da dieses
keine große Rolle spielt, so bleiben als wichtigste die äußeren, durch unsere
Sinne wahrnehmbaren Kennzeichen übrig.
Am ausführlichsten behandelt Werner die Farbe. Sie sei zwar allein nicht
hinreichend, um die Mineralien zu unterscheiden, das seien aber alle
übrigen Eigenschaften einzeln genommen auch nicht. Nur die Summe aller
Eigenschaften bestimme den Begriff eines Minerals861. Werner
unterscheidet acht Hauptfarben: Weiß, Grau, Schwarz, Blau, Grün, Gelb,
Rot und Braun. Für jede Hauptfarbe werden, unter Anführung eines
typischen Minerals, eine Anzahl Abstufungen unterschieden. Beim Gelb z.
B.:

1. Schwefelgelb (Schwefel),
2. Speisgelb (Schwefelkies),
3. Weingelb (Topas vom Schneckenstein),
4. Goldgelb (Gold) usw.

Jede dieser Abstufungen wird nicht nur durch ein oder mehrere Beispiele
gekennzeichnet, sondern außerdem noch genau beschrieben. Goldgelb, sagt
Werner z. B., ist eine metallische, hohe, gelbe Farbe, in der keine
Beimischung einer anderen wahrzunehmen ist.
Werner schuf auch die für die äußere Gestalt (den Habitus) noch heute
üblichen Bezeichnungen, indem er Ausdrücke wie »derb, eingesprengt,
angeflogen, gestrickt, dendritisch« usw. so scharf umschrieb, daß sie für
eine wissenschaftliche Terminologie zweckdienlich waren.
Die Kristallform findet zwar schon eine ausgedehntere Berücksichtigung,
doch ist Werner von einer wissenschaftlichen Kristallographie noch weit

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entfernt. Er unterscheidet eine Reihe von Grundgestalten, wie die Säule, die
Pyramide, die Tafel, die Achtflächner (Würfel und Rhomboeder), und
beschreibt, wie sie durch Abstumpfung, Zuschärfung und Zuspitzung
verändert werden. Abgestumpft nennt er z. B. einen Kristall, wenn »einige
oder alle« Ecken oder Kanten wie abgeschnitten sind. Daß am Bleiglanz
und am Kalkspat ein großer Formenreichtum vorkommt, wird nur nebenbei
erwähnt862. Auch geht aus Werners Beschreibungen hervor, daß er
charakteristische Formen, wie das Pentagondodekaeder am Schwefelkies,
ebensowenig näher untersucht hat wie seine Vorgänger863.
Wie gering auf dem Gebiete der Naturbeschreibung noch das Bedürfnis
nach wissenschaftlicher Genauigkeit war, geht aus der ganzen Art hervor,
wie Werner das so wichtige, die größten Verschiedenheiten aufweisende
Kennzeichen der »Schwere« berücksichtigt. Von der so einfachen
Bestimmung des spezifischen Gewichtes mittels der hydrostatischen Wage
heißt es864: »Dieser Versuch ist in der Mineralogie unbrauchbar. Denn wie ist
es möglich, die dazu nötigen Werkzeuge gleich bei der Hand zu haben, und
in welchem Kabinett würde es einem Mineralogen erlaubt sein, mit den
Erzstufen dergleichen Versuche anzustellen? Hier müssen wir uns unserer
Gliedmaßen bedienen, indem wir das Mineral in die Höhe heben. Unser
Gefühl muß uns dann sagen, wie groß, unter Bemessung des räumlichen
Umfangs, den wir nach Augenmaß beurteilen, die verhältnismäßige
Schwere ist.« Einem derartigen noch ganz unwissenschaftlichen Verfahren
entspricht es denn auch, wenn Werner sich bei seinen Beschreibungen der
Angaben leicht, nicht sonderlich schwer, schwer und außerordentlich
schwer, bedient.
Nur ganz nebenher wird auch das chemische Verhalten herangezogen. So
empfiehlt Werner den Nachweis von Kupfer durch Ammoniak (blaue
Farbe der Lösung), das Betupfen mit Säure, um kohlensaure Salze
nachzuweisen, usw.
Zum Schluß sei als ein Beispiel, wie Werner die Mineralogie darstellt,
seine Beschreibung von Fraueneis (Gips) hierhergesetzt:

Es ist von hellweißer Farbe;
derb;
hat eine unebene Oberfläche;
ist äußerlich kaum schimmernd;

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inwendig stark glänzend;
besteht aus großen ebenen Blättern;
zerspringt in rautenförmige Stücke;
ist durchsichtig;
sehr weich;
in dünnen Scheiben etwas elastisch-biegsam;
klingt ein wenig;
ist mager;
etwas kalt anzufühlen;
nicht sonderlich schwer.

Mag uns auch heute das von Werner Geschaffene nur dürftig erscheinen,
sein Reformwerk hatte doch den glänzendsten Erfolg und bewirkte, daß die
Mineralogie schon unter seinen Schülern (Breithaupt, Weiß u. a.) eine
achtunggebietende Stelle einnahm.
Als Geognosie bezeichnet Werner »die Wissenschaft, die uns den festen
Erdkörper überhaupt kennen lehrt, und uns mit den verschiedenen
Lagerstätten der Fossilien, aus denen die Erde besteht, und mit ihrer
Erzeugung und ihrem Verhalten gegeneinander bekannt macht«. Obgleich
durch verschiedenartige Zusammenstellung der Mineralien, von denen
schon Werner über 200 kannte, sich eine unbegrenzte Zahl von
Mischungen ergeben würde, fand sich, daß die Verschiedenheit der
Gebirgsarten durchaus nicht ins Unendliche geht und daß die meisten sehr
charakteristisch und leicht bestimmbar sind. »Es ist wahrscheinlich«, sagt
Werner, »daß wir den größten Teil der Gebirgsarten schon kennen, da
diejenigen der entferntesten Länder insgemein mit den uns bekannten
übereinstimmen«865. Sämtliche Arten werden sodann in fünf Gruppen
eingeteilt, die Werner als Urgebirge, Übergangsgebirge, Flözgebirge,
aufgeschwemmtes Gebirge und vulkanische Gesteine unterscheidet.
Zu der ersten Gruppe werden Granit, Gneiß und Glimmerschiefer
gerechnet. »Uranfänglich« nennt Werner diese Gesteine, weil sie
gleichsam den Kern der Gebirge vorstellen und sich in das Innere der Erde
erstrecken. Auch der Mangel an Versteinerungen ist ihm charakteristisch für
diese Bildungen. Erst im Übergangsgebirge, das vorzugsweise aus
Tonschiefer und Grauwacke besteht, begegnen uns die ersten
Versteinerungen.

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Als Flözgebirge bezeichnet Werner Muschelkalk, Sandstein, rotes
Totliegendes, Basalt, Steinkohle, Steinsalz und Gips. Es ist ihm
wahrscheinlich, daß diese Gesteine aus Gliedern der älteren Gruppe
hervorgegangen sind, die ihrerseits wieder durch Kristallisation aus
wäßriger Lösung entstanden sein sollten. Eigentümlich ist ihm für das
Flözgebirge das Vorhandensein von meist zahlreichen Versteinerungen,
sowie die Erscheinung, daß seine Gesteine innerhalb desselben
Gebirgsstocks in der Regel in Lagen miteinander abwechseln, während ein
uranfängliches Gestein an dem Aufbau eines Gebirges ausschließlich oder
doch auf weite Erstreckung beteiligt sei.
Die Verwitterungsprodukte der genannten Gesteine endlich werden als
aufgeschwemmtes Gebirge bezeichnet, das entweder als Seifen aus Kiesel
und Sand die Täler füllt, oder die alles bedeckende Schicht des niedrigen
Landes bildet.

Neptunismus und Vulkanismus.

Die Anschauungen, welche Werner über die Natur und den Ursprung der
vulkanischen Gesteine entwickelte, haben dem Fortschreiten der
geologischen Wissenschaft gegenüber keinen Stand halten können. Er
betrachtete sie nämlich als jüngste Produkte, die aus den sedimentären
Gesteinen durch die Wirkung brennender Kohlenflöze umgeschmolzen
seien. Von dem Basalt, dessen feurig-flüssiger Ursprung durch die
Untersuchungen französischer Geologen als zweifellos dargetan worden
war, behauptete Werner, das Gestein sei sedimentär; es habe einst ein weit
verbreitetes Lager ausgemacht, das größtenteils wieder zerstört worden sei
und die zerstreuten Basaltkuppen als Überreste zurückgelassen habe.
Diese Ansicht Werners wurde von einem seiner Schüler866 angegriffen, und
alsbald erhob sich in Deutschland eine erbitterte wissenschaftliche Fehde
zwischen den Anhängern Werners, den »Neptunisten«, und ihren Gegnern,
den »Vulkanisten«. Es ist bekannt, daß auch Goethe, wie aus zahlreichen
Stellen seiner Werke hervorgeht, an dieser Streitfrage lebhaften Anteil
nahm.
Auch die neue, von Pallas und Saussure verfochtene Lehre, daß die
Gebirge und ausgedehnte Teile der Erdoberfläche emporgehoben worden

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seien, bekämpfte Werner. Nach seiner Meinung änderte sich das Niveau
des Weltmeeres; indem die gewaltigen Wassermassen von den Kontinenten
abflössen, schufen sie durch ihre erodierende Tätigkeit die Unebenheiten
der Erdoberfläche, ein Irrtum, der gleichfalls durch einen Schüler Werners,
den hervorragenden Geologen von Buch, widerlegt wurde.
Die erwähnten Einseitigkeiten und Irrtümer erklären sich besonders aus
dem Umstande, daß Werner seine Lehren auf Beobachtungen aufbaute, die
sich auf das Erzgebirge und die angrenzenden Teile von Böhmen und
Sachsen beschränkten, während die französischen Geologen und die
jüngere, von Werner vorgebildete Generation deutscher Forscher zunächst
Italien und bald darauf auch das übrige Europa und die außereuropäischen
Erdteile geologisch untersuchten und mit der Ausdehnung des
Gesichtskreises zu allgemeineren und richtigeren Ansichten kamen.
Werners Verdienst war trotzdem nicht gering. Es besteht für die Geologie
wie für die Mineralogie darin, eine »feste Terminologie eingeführt und
dadurch eine klare Darstellung der Beobachtungen ermöglicht zu haben«867.
Bevor wir uns den jüngeren Geologen zuwenden, müssen wir uns mit dem
Manne befassen, der am meisten zum Sturz der einseitig »neptunistischen«
Lehre Werners beigetragen hat. Es ist das James Hutton. Er wurde 1726
in Edinburg geboren, studierte in seiner Vaterstadt und in Paris, wirkte als
Privatgelehrter und starb 1797. Hutton war ein unvergleichlicher
Beobachter und ein nüchterner scharfer Denker. Seine streng induktiv
begründeten geologischen Ansichten entwickelte er zuerst im Jahre 1785.
Ausführlich legte er sie in der 1795 erschienenen »Theorie der Erde« dar868.
Seine Beobachtungen stellte Hutton in England, Frankreich und vor allem
in Schottland an. Dort untersuchte er im Grampiangebirge die Grenze
zwischen dem Granit und den benachbarten Gesteinen. Dabei machte er die
wichtige Entdeckung, daß von einem Granitstock mitunter Gänge ausgehen,
die das Nebengestein durchsetzen, und letzteres an den Stellen, wo der
Granit es berührt, oft wesentlich verändern. Hutton schloß hieraus, daß der
Granit und der sich ähnlich verhaltende Porphyr eruptiv und jünger als die
durchsetzten Schichten seien. Er beobachtete ferner, daß die von ihm als
ursprünglich feurig-flüssig angesehenen Gesteine sich mitunter zwischen
die Schichten sedimentärer Gesteine ergossen haben und daher irrtümlich
für flözartige Bildungen angesehen wurden.

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Zu erklären blieb noch der Unterschied, den Granit, Porphyr und Basalt
gegenüber den eigentlichen, porösen und meist kein deutliches
kristallinisches Gefüge aufweisenden Laven der noch tätigen Vulkane
besitzen. Die Schwierigkeit wurde dadurch gehoben, daß zu jener Zeit die
experimentelle Geologie einsetzte und Beweise für die Richtigkeit der
Huttonschen Lehre brachte. James Hall, ein Landsmann Huttons und
der Begründer des geologischen Versuchs, zeigte, daß die Laven des
Vesuvs, wenn man sie schmilzt und langsam erstarren läßt, kristallinische
Massen ergeben, deren Gefüge von den Bedingungen dieses Versuches
abhängt. Die Ansicht der Neptunisten, daß eine kristallinische
Beschaffenheit stets auf eine Ausscheidung aus wäßriger Lösung hindeute,
war dadurch als Irrtum nachgewiesen. Ferner erwies Hall auf
experimentellem Wege die Richtigkeit der Ansicht Huttons, nach welcher
der hohe Druck, unter dem sich manche Gesteine im Erdinnern bilden, die
Beschaffenheit ihres Gefüges bedinge. Hall schmolz z. B. Kreide in
geschlossenen Gefäßen, so daß eine Zersetzung in Kalk und Kohlensäure
nicht eintreten konnte. Auch in diesem Falle war das Erstarrungsprodukt
körnig kristallinisch und mit dem Marmor völlig identisch869. Die älteren,
unter Druck und langsam aus dem Schmelzfluß erstarrten Massengesteine
wurden fortan als plutonische Gesteine bezeichnet.
Weit vorangeeilt war Hutton seinen der Katastrophenlehre huldigenden
Zeitgenossen durch die Gesamtauffassung, die er sich vom geologischen
Geschehen gebildet hatte. Er zeigte sich nämlich schon von den beiden
Grundvorstellungen beherrscht, die erst seit Lyell Gemeingut der Geologen
geworden sind870. Hutton lehnt nämlich den Gedanken, daß es sich in der
Entwicklung der Erde um Katastrophen oder gar um übernatürliche Kräfte
gehandelt habe, entschieden ab und sucht die Tatsachen aus den bekannten,
noch heute wirkenden Kräften zu erklären. Da deren Wirkungen innerhalb
der kurzen der Beobachtung zugänglichen Zeit aber nur geringfügig sein
kann, so nahm Hutton zweitens die Vorstellung bedeutender Zeiträume
zuhilfe, innerhalb welcher die Wirkungen der geologischen Kräfte sich zu
großen Gesamtwirkungen summieren mußten.
Hinsichtlich der geschichteten Gesteine entwickelte Hutton gleichfalls
Ansichten, die sich im wesentlichen mit den heutigen geologischen
Anschauungen decken. Für diese Gesteine nahm er einen doppelten
Ursprung an. Sie entstanden auf dem Grunde der Gewässer als Sand- oder

Page 479

Tonschichten aus dem Material, das sich durch die Zertrümmerung des
festen Landes bildete. Jene Schichten wechseln mit Kalksteinen ab, die
ihrerseits aus den Schalen der Meeresbewohner hervorgingen. An die
Oberfläche gelangten die sedimentären Gesteine nicht etwa durch das
Sinken des Meeresspiegels, wie manche der älteren Geologen annahmen,
sondern die vulkanische Hitze bewirkte eine teilweise Hebung der
Erdkruste. Unter dem Einfluß dieser Hitze sollten sich auch die Sedimente
verfestigt haben, eine Ansicht, der die neuere Geologie allerdings nicht in
ihrem ganzen Umfange beipflichtet. Die Hutton'sche Schule hat auch die
erodierende Tätigkeit des Wassers in vortrefflicher Weise gewürdigt und
zuerst auf die gestaltende und transportierende Wirkung des Gletschereises
hingewiesen871.

Die Begründung der Paläontologie.

Sollte das Studium der Gebirgsglieder Licht über die
Entwicklungsgeschichte der Erde verbreiten, so mußte die Aufmerksamkeit
sich in steigendem Maße den Einschlüssen der Gesteine, den
Versteinerungen, zuwenden. Die alte, verbreitete Meinung, man habe es in
diesen mit Naturspielen oder mit den Überresten der Sintflut zu tun, wich
allmählich der Erkenntnis, daß die Fossilien Zeugnis von vergangenen Tier-
und Pflanzenwelten ablegen. So entstand die Paläontologie, die vereint mit
der gleichfalls im 18. Jahrhundert sich entwickelnden Geognosie, die
Grundlage für die geologische Wissenschaft des 19. Jahrhunderts bilden
sollte. Es entstanden Schriften über die fossilen Pflanzen, wie das Werk
Scheuchzers 872. Und im Jahre 1755 erschien in Deutschland ein größeres,
systematisches Werk paläontologischen Inhalts, das sich den großen
naturhistorischen Werken der Botaniker und der Zoologen dieses, sowie des
verflossenen Zeitraums als ebenbürtig an die Seite stellen konnte873.
Der Schweizer Scheuchzer (1672–1733) war der Hauptvertreter der
»Diluvianer«, die alle Versteinerungen als Zeugnisse für die Sintflut
betrachteten. Einen im Kalkschiefer zu Oeningen gefundenen Abdruck, den
Cuvier später einem Riesensalamander (Andrias Scheuchzeri) zuschrieb,
hielt Scheuchzer für den »homo diluvii testis«, das »Beingerüst eines
verruchten Menschenkindes, um dessen Sünde willen das Unglück über die
Welt hereingebrochen.«

Page 480

Der Verfasser des erwähnten paläontologischen Hauptwerkes war der
Nürnberger Sammler und Maler Knorr 874. Unterstützt durch den Jenenser
Professor Walch gab Knorr ein mit hunderten von kolorierten Tafeln
versehenes Werk heraus, das für die Versteinerungskunde grundlegend
gewesen ist. Die Erläuterungen der Tafeln rühren von Walch her und gelten
als Muster gründlicher Gelehrsamkeit, während man die Herstellung der
zahlreichen Tafeln stets als Zeugnis eines bewunderungswürdigen Fleißes
betrachten wird. Der reiche Inhalt kann nur angedeutet werden; er betrifft
die fossilen Fische, Krebse, Seelilien (Crinoideen), Ammoniten, Nautiliden,
Muscheln, Schnecken, Brachiopoden, Schwämme, Korallen, Belemniten
usw. Am vortrefflichsten ist der Abschnitt über die für das Silur
charakteristische Krebstiergruppe der Trilobiten. Aus dem Pflanzenreiche
werden die fossilen Hölzer und die Steinkohlenpflanzen genau beschrieben.
Der Wert des Werkes wird dadurch erhöht, daß es die vollständigsten und
zuverlässigsten Angaben über die gesamte frühere Literatur enthält.
Werner und seine Schüler hatten ihr Augenmerk in erster Linie auf die
Zusammensetzung und die Lagerung der Gebirgsglieder gerichtet und den
Versteinerungen nur geringe Aufmerksamkeit gezollt. Das Werk von Knorr
und Walch hatte sich dagegen auf genaues Beschreiben beschränkt. Erst
seit dem Ende des 18. Jahrhunderts lernte man nach und nach die
Versteinerungen als geschichtliche Denkmäler schätzen und ihr Verhältnis
zur gegenwärtigen Lebewelt begreifen. Die Blattabdrücke der
steinkohlenführenden Schichten z. B. hatten die älteren Geologen auf
tropische Gewächse zurückgeführt. Und es erschien fast als ein Wagnis, daß
1784 ein Geologe875 erklärte, die betreffenden Überbleibsel hätten nichts mit
jetzt lebenden Pflanzen zu tun, sondern seien auf gänzlich ausgestorbene
Arten zurückzuführen.
Ähnlich änderten sich die Ansichten über die Versteinerungen tierischen
Ursprungs. Große fossile Knochen von Säugern hatte man zwar seit dem
Altertum schon hin und wieder ausgegraben. Erwähnung finden derartige
Funde z. B. bei Plinius und später bei Athanasius Kircher.
Wissenschaftliches Interesse erregten sie indessen erst im 18. Jahrhundert,
als sich ihre Häufigkeit auffallend mehrte, und man sich nicht mehr mit der
Fabel begnügte, daß es sich hier um untergegangene Riesengeschlechter
handle. Im Jahre 1700 entdeckte man bei Cannstatt fossile Knochen, unter
denen sich viele Elephantenzähne befanden, und etwa 100 Jahre später

Page 481

konnte Blumenbach mehrere hundert Stellen angeben, an denen man in
Deutschland Überreste eines vorweltlichen Elefanten gefunden hatte, den
Blumenbach als Elephas primigenius (Mammut) von den lebenden Arten
dieser Gattung unterschied. Die ersten Nachrichten über Mammutreste in
Sibirien stammen aus dem Jahre 1725, und gegen das Ende des 18.
Jahrhunderts wies Pallas 876 nach, daß der Boden des nördlichen Asiens mit
den Überresten des Mammuts förmlich durchsät sei.
Ähnliche, von gewaltigen Landsäugern herrührende Funde machte man
während des 18. Jahrhunderts in Amerika. Aus Resten, die man im
nördlichen Teile dieses Kontinents entdeckte, gelang es, das Skelett des
Mastodons wieder herzustellen; und im Jahre 1789 kam das vollständige, in
den Pampas ausgegrabene Skelett eines riesigen Geschöpfes nach Europa.
Das ausgestorbene Tier, dem es angehörte, wurde unter dem Namen
Megatherium (Riesenfaultier) beschrieben. Um dieselbe Zeit bemerkte man
im Pariser Gips zum ersten Male fossile Knochen von Vögeln.
Ein ganz neuer Geist wurde der Paläontologie eingehaucht, als Cuvier sie
mit der Zoologie und mit der vergleichenden Anatomie in die engste
Verbindung brachte. Wie auf diese Weise die Versteinerungskunde sich aus
der bloßen Naturbeschreibung zu einer induktiv verfahrenden, modernen
Wissenschaft entwickelte, bleibt späterer Darstellung vorbehalten.

Page 482

21. Die Naturwissenschaften und das Zeitalter der Aufklärung.
Die Ergebnisse der neueren Philosophie, sowie der neueren
Naturwissenschaft übten einen Einfluß auf das allgemeine Denken aus, der
sich seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts in wachsendem Maße geltend
machte und wiederum eine Rückwirkung auf das wissenschaftliche Denken
äußerte. Die Wurzeln dieser unter dem Namen der »Aufklärung« bekannten
Erscheinung sind in England zu suchen. Von dort aus pflanzte sie sich nach
Frankreich fort, um schließlich auch in Deutschland und den übrigen
europäischen Ländern ihren Widerhall zu finden. Das Ziel der Aufklärung
war die Befreiung von den kirchlichen Dogmen und anderen Vorurteilen,
denen sich Galilei, Descartes und Huygens noch gebeugt hatten,
während seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts Philosophie und Forschung
auf der ganzen Linie mehr oder weniger offen im bewußten Gegensatz zur
herrschenden kirchlichen Lehre standen. Daß die Kirche dem Geiste der
neuen Zeit sich nicht anpaßte, ja ihn sogar, wo sie es konnte, in Fesseln
schlug, erregte den Widerspruch der Gelehrten und der Gebildeten. In
England knüpfte diese geistige Revolution vor allem an die Lehren Lockes
an. Ihr Führer war der Ire John Toland (1670–1722). Die Schriften
Tolands und seiner Anhänger haben Holbach und Diderot, die für ihre
Übersetzung sorgten, sowie andere französische Aufklärer angeregt. Vor
allem war es Voltaire, der auf den Spuren Tolands und seiner Jünger
wandelte und, wie sie, veraltete Anschauungen und Gebräuche mit allen
Waffen des Geistes bekämpfte. Tolands Einfluß erstreckte sich so weit,
daß wir ihn auch als den Vater des neueren Monismus betrachten müssen877.
Gleich sein erstes Werk, das er im Jahre 1696 anonym erscheinen ließ,
erregte ungeheures Aufsehen. »Nur wer das Erscheinen des ‚Leben Jesu‛
von Strauß erlebt hat, kann sich hierüber eine annähernde Vorstellung
machen«878. Toland suchte darzutun, daß die Lehren des Evangeliums,
richtig gedeutet, nichts enthalten, was nicht mit der Vernunft vereinbar ist.
Das Buch (Christianity not mysterious) gilt noch heute als die Grundlage
des »Deismus«. Danach offenbart sich Gott nicht durch Wunder, sondern er
wirkt nur innerhalb der Naturgesetze. Die Verfechter dieser Ansicht nannten

Page 483

sich Freidenker (free-thinker), ein Wort, das ja noch in der Jetztzeit seine
Geltung hat.
Die Kirche verhielt sich gegen Toland genau so, wie hundert Jahre vor
ihm, gegen Galilei. Sie brachte es fertig, daß im irischen Parlament der
Beschluß gefaßt wurde, Tolands Buch öffentlich zu verbrennen. Es wurde
sogar vorgeschlagen, nicht nur das Buch, sondern auch den Verfasser den
Flammen zu überliefern. Toland entzog sich seinen Verfolgern durch die
Flucht. Später begab er sich auf Einladung der Königin Sophie Charlotte
nach Berlin. Dort verkehrte er in dem gelehrten Kreise, den die Königin um
sich versammelte, und dem auch Leibniz angehörte. Briefe, die Toland
später an die Königin richtete, erschienen unter dem Titel: Letters to Serena
(London 1704). In diesen Briefen suchte er nachzuweisen, daß die geistigen
Vorgänge nur als Tätigkeitsformen der Materie zu betrachten sind. Kann die
Materie denken? und Wie kommt Bewegung in die Materie? Das sind die
wichtigsten Fragen, die Toland beschäftigen. Die allgemeine Ursache der
Bewegung ist nach Descartes Gott, der die Materie zugleich mit der
Bewegung geschaffen hat. Wie heute das Verhältnis von Materie und
Energie, so bildete damals das Verhältnis von Materie und Bewegung den
Hauptgegenstand der naturphilosophischen Untersuchungen. Die Ruhe
betrachtete Toland nur als einen Grenzfall, in dem zwei gleichstarke,
entgegengesetzt gerichtete Bewegungen einander aufheben.
Undurchdringlichkeit, Ausdehnung und Aktion sind nach ihm nicht drei
verschiedene Dinge; sie entspringen nur verschiedenen Betrachtungsweisen
eines und desselben Dinges. Descartes hatte das Wesen der Materie in der
Ausdehnung erblickt; Huygens hatte ihr außerdem als nicht minder
wesentlich die Undurchdringlichkeit zugeschrieben. Aktion endlich ist
vielleicht im Tolandschen Sinne schon eine Vorahnung von dem, was die
heutige Physik als Erhaltung der Kraft bezeichnet. Tolands Auffassung
läßt sich im Sinne moderner Naturauffassung dahin präzisieren, daß es
weder Kraft noch Materie gibt, sondern daß beide von verschiedenen
Standpunkten aus aufgenommene Abstraktionen der Dinge sind.
Das Prinzip von der Erhaltung der Kraft gelangt bei ihm, wenn auch in
philosophischer Fassung, in folgenden Worten zum Ausdruck: »Sowie die
einzelnen Körper nur die verschiedenen Modifikationen der Materie und in
ihr sämtlich enthalten sind, so sind alle einzelnen Bewegungen der Materie

Page 484

nur die verschiedenen Äußerungen der allgemeinen Aktion, die
ebensowenig wie die Materie vermehrt noch vermindert werden kann«879.
Dies Prinzip läßt sich in seinen Vorahnungen also rückwärts über Toland,
Leibniz, Descartes, Gassendi bis ins Altertum, wo wir es bei Epikur
als schon bekannt antreffen, zurückverfolgen. Bei Descartes lautet die
Fassung, daß Gott nicht nur die Menge der Materie, sondern auch die
Summe der in der Welt vorhandenen Bewegung konstant erhalte, wobei
Descartes als das Maß der Kraft das Produkt von Masse und
Geschwindigkeit bezeichnete880.
In Frankreich wirkte der Geist der Aufklärungsperiode besonders in
Männern wie d'Alembert, Holbach und Voltaire. Unter ihnen nahm
d'Alembert die hervorragendste Stellung als Naturforscher ein. Er war
sehr vielseitig begabt und bildete den Mittelpunkt einer Vereinigung, die
sich später zu dem so bekannt gewordenen Holbachschen Zirkel
erweiterte. D'Alembert würdigte gleich der Mehrzahl der französischen
Gelehrten jener Zeit neben der Arbeit nichts so sehr als die geistig
angeregte Unterhaltung, die in den Salons von Damen der Gesellschaft und
des Hofes in Fluß gehalten wurde. Hat doch in keinem Lande die Frau eine
so weitgehende Einwirkung auf die Politik, auf Kunst und Wissenschaft
ausgeübt wie gerade in Frankreich. Und man kann sagen, daß diese mehr
mittelbare Anregung der Wissenschaft nicht zum Nachteil gereicht, sondern
die französischen Gelehrten in ihrer klaren, leicht verständlichen
Ausdrucksweise gefördert hat.
In Gemeinschaft mit Diderot gab d'Alembert die berühmte Enzyklopädie
heraus, die den beiden Männern und ihrem für die Aufklärung wirkenden
Anhang den Namen der Enzyklopädisten eintrug. D'Alembert übernahm
den mathematischen Teil dieses Werkes, das in alphabetischer Folge alle bis
zur Mitte des 18. Jahrhunderts erworbenen Kenntnisse übermitteln sollte.
Der Mathematik und den Naturwissenschaften wurde der erste Platz
eingeräumt und betont, daß auf die alten Sprachen und die
Altertumswissenschaft nicht viel Gewicht zu legen sei. Schoß man auch
über das Ziel hinaus, so machte sich hierin doch eine gesunde Reaktion
gegen die Überschätzung geltend, welche die »Humaniora« als Bestandteile
der allgemeinen Bildung genossen haben und sehr häufig auch heute noch
beanspruchen. Zu weit ging d'Alembert besonders darin, daß er das

Page 485

Verdienst der Alten um die Entwicklung der Mathematik und der
Naturwissenschaften sehr gering einschätzte.
Neben Diderot und d'Alembert sind besonders Holbach, Lamettrie 881
und Helvetius zu nennen. Holbach wurde 1723 in der Pfalz geboren und
starb 1789 in Paris. Er arbeitete gleichfalls an der großen Enzyklopädie und
ist besonders durch sein »System der Natur« bekannt geworden882. Diese
Schrift sowie diejenige des Helvetius (1715–1771) über den Geist
bedeuten den Höhepunkt der materialistischen Weltanschauung und sind
von größtem Einfluß auf das geistige Leben des Zeitalters der Aufklärung
gewesen.
Im »System der Natur« wird alles Geschehen allein auf Materie und
Bewegung zurückgeführt. An die Stelle der Teleologie wird auch auf
seelischem Gebiete überall das rein mechanische Wirken gesetzt. Die Moral
wird aus dem physisch zu erklärenden Instinkt hergeleitet.
Über das Verhältnis des Menschen zur Natur äußert sich Holbach in
folgenden Worten: »Die Menschen werden sich jederzeit um die Wahrheit
bringen, wenn sie die Erfahrung für selbstgeschaffene Systeme hingeben.
Der Mensch ist ein Geschöpf der Natur; in ihr wurzelt er, ihren Gesetzen ist
er unterworfen; ihrer kann er sich nicht entschlagen; selbst im Denken kann
er nicht aus ihr heraustreten. Für ein von der Natur gebildetes, durch sie
bestimmtes Wesen gibt es nichts jenseits des großen Ganzen, unter dessen
Einflüssen es steht. Wesen, die man jenseits der Natur setzt, sind jederzeit
Geschöpfe unserer Einbildungskraft.
Der Mensch höre also auf, außerhalb der Welt Wesen zu suchen und von
ihnen ein Glück zu erwarten, das die Natur ihm versagt. Er lerne vielmehr
eben diese Natur und ihre Gesetze kennen. Dann wende er das Beobachtete
auf seine eigene Glückseligkeit an, mit stiller Unterwerfung unter die
Gesetze, denen er sich nicht entziehen kann.
Offenbar ist es ein Mißbrauch, wenn man dem Menschen ein physisches
und ein moralisches Sein beilegt. Der Mensch ist ein rein physisches
Wesen und seine moralische Existenz ist nur eine besondere Seite seines
physischen Seins. Seine sichtbaren Handlungen sowohl wie seine inneren
Erregungen sind natürliche Folgen seines eigentümlichen Mechanismus und
der Eindrücke, die er von Wesen seiner Umgebung erhält.«

Page 486

Auf die philosophische Unhaltbarkeit dieser Lehren hat schon Voltaire
hingewiesen. Ihren unumwundensten Ausdruck fanden sie in Lamettries
Buch, Der Mensch eine Maschine883.
Hiermit endet unsere Betrachtung der naturwissenschaftlichen
Errungenschaften desjenigen Zeitalters, das vom Wiederaufleben der
Wissenschaften bis zu dem gegen das Ende des 18. Jahrhunderts
einsetzenden Umschwung reicht. Wir gedachten auch der geistigen
Strömungen, die neben der geschilderten Entwicklung einhergingen, sie
bedingten und durch sie bedingt wurden. Der nächste und der Schlußband
sollen das Emporblühen der Naturwissenschaften in der mit jenem
Umschwung anhebenden neuesten Zeit bis zu den Problemen des Tages
schildern.

Page 487

Verzeichnis der im II. Bande enthaltenen Abbildungen.

Figur aus
1. Mikroskop aus zwei Sammellinsen Gerland u. Traumüller,
Geschichte d. physikalisch.
Experimentierkunst. Leipzig,
W. Engelmann. 1899. Abb.
109.
2. Keplers Konstruktion des Keplers Dioptrik (Ostwalds
astronomischen Fernrohrs Klassiker Nr. 144. S. 38).
3. Keplers Abbildung zur Erläuterung Keplers Dioptrik (Ostwalds
des holländischen Fernrohrs Klassiker Nr. 144. S. 59).
4. Keplers Teleobjektiv Keplers Dioptrik (Ostwalds
Klassiker Nr. 144. S. 60).
5. Galileis Erklärung der Gezeiten Dialog, Ausg. v. Strauß. S.
446.
6. Galileis Versuch, den Widerstand Ostwalds Klassiker Nr. 11. S.
des Vakuums zu messen 70.
7. Galilei ermittelt das Gesetz der Ostwalds Klassiker Nr. 24. S.
gleichförmig beschleunigten 21.
Bewegung
8. Galilei untersucht die Bewegung auf Ostwalds Klassiker Nr. 24. S.
der schiefen Ebene 40.
9. Galileis Versuch, der später auf das Ostwalds Klassiker Nr. 24. S.
Gesetz von der Erhaltung der Kraft 19.
geführt hat
10. Zur Erklärung der Isochronie der
Pendelschwingungen.
11. Kreis und Zykloide als Bahnen des
schwingenden Körpers.
12. Galilei verbindet das Pendel mit Gerland u. Traumüller,
einem Zählwerk Geschichte d. physik.

Page 488

Experimentierkunst. 1899. S.
120.
13. Galileis Entwurf einer Pendeluhr Zeitschrift f.
Instrumentenkunde. 1868. S.
79.
14. Galileis Ableitung der Wurfkurve Ostwalds Klass. Nr. 24. Fig.
108.
15. Ableitung des Hebelgesetzes aus M. Rühlmann, Gesch. d.
dem Prinzip der virtuellen techn. Mechanik. 1885. Abb.
Geschwindigkeiten 13.
16. Galilei wendet das Prinzip der E. Mach, Die Mechanik in
virtuellen Geschwindigkeiten auf ihrer Entwicklung. 1883. Fig.
die schiefe Ebene an 40 (S. 47).
17. Galileis Versuch über E. Mach, Die Mechanik in
Kräftebeziehungen in einem System ihrer Entwicklung. 1883. S.
von Körpern 157.
18. Galilei vergleicht die Ostwalds Klass. Nr. 11. Fig.
Bruchfestigkeit hohler und massiver 37.
Zylinder
19. Galilei untersucht die Rühlmann, Vorträge über
Bruchfestigkeit eines Balkens Gesch. der techn. Mechanik.
Leipzig 1885. Fig. 12.
20. Galilei untersucht die Ostwalds Klass. Nr. 11. Fig.
Bruchfestigkeit von Prismen 18.
21. Galileis Thermoskop Gerland u. Traumüller,
Geschichte d. physik.
Experimentierkunst. 1899. S.
116.
22. Das in den Abhandlungen der Musschenbroek, Tent.
Accademia del Cimento dargestellte MDCCLVI Tab. IX. Fig. 3.
Gefäßbarometer
23. Vorrichtung für Versuche im desgl.
Vakuum
24. Durch Kapillarwirkung
hervorgerufene Bewegungen.

Page 489

25. Guerickes Thermoskop Guerickes »Experimenta
nova«. Cap. 37.
26. Drebbels Thermoskop.
27. Das i. d. Abhandlungen der Musschenbroek, Tentamina
Accademia del Cimento dargestellte Tab. I. Fig. 1.
Thermometer
28. Versuch der Akademiker über die desgl.
Zusammendrückbarkeit des Wassers
29. Grimaldis Nachweis der Beugung Grimaldi, Physico-Mathesis
des Lichtes de lumine, coloribus et iride.
Bologna 1665.
30. Grimaldi beobachtet die Beugung an desgl.
einem Lichtkegel
31. Grimaldi entdeckt die Interferenz desgl.
des Lichtes
32. Die Pole eines kugelförmigen Gilbert, Physiologia nova de
Magneten aufzufinden magnete, magneticisque
corporibus et de magno
magnete tellure. London
1600.
33. Die Teilung eines Magneten desgl.
34. Gilbert untersucht die Stellung eines desgl.
kleineren Magneten zu seiner
Terella
35. Gilberts Versuche m. armierten desgl.
Magneten
36. Guerickes Elektrisiermaschine Otto v. Guericke, De vacuo
spatio 1672. Tafel XVIII. Fig.
5.
37. Keplers Bild Günther, Kepler u. Galilei.
38. Keplers Konstruktion der Keplers Mysterium
Planetensphären cosmographicum de
admirabili proportione orbium
coelestium. Tübingen 1596.
(Opera omnia. Bd. I.)

Page 490

39. Keplers Konstruktion der desgl.
Planetensphären
40. Tychos Riesenquadrant Tychos Astronomiae
instauratae Mechanica. 1602.
41. Tychos Distanzenmesser desgl.
42. Tychos Azimutalquadrant Tychonis Brahe, De mundi
aetherei recentioribus
phaenomenis. Prag 1603. 2.
Buch. Abbildung auf S. 463.
43. Tychos System Guericke, De vacuo spatio.
Buch I. Abb. III.
44. Erläuterung des zweiten
Keplerschen Gesetzes.
45. Kepler erblickt einen Sonnenflecken Kepler, Opera omnia (ed.
Frisch). Bd. II. S. 805.
46. Keplers Verfahren, den Keplers Dioptrik. Opera
Brechungswinkel zu bestimmen omnia Bd. II. S. 528.
47. Snellius entdeckt das
Brechungsgesetz.
48. Ableitung des Brechungsgesetzes.
49. Kepler beweist, daß eine Linse Keplers Dioptrik. (Ostwalds
umgekehrte Bilder liefert Klassiker Nr. 144. Fig. 11.)
50. Hevels Abbildung des Mondes Hevels Selenographie. 1647.
Tafel 23.
51. Das Reflexionsgesetz, erklärt aus
dem Prinzip der kleinsten Wirkung.
52. Fermat erklärt das Brechungsgesetz
aus dem Prinzip der kleinsten
Wirkung.
53. Keplers Kubatur des Ringes Opera omnia (ed. Frisch) Bd.
IV, p. 575. (Ostwalds
Klassiker Nr. 165. S. 7.)
54. Keplers Rotationskörper, den er Keplers Doliometrie.
Apfel nannte (Ostwalds Klassiker Nr. 165.

Page 491

S. 7.)
55. Keplers Untersuchung der größten
und kleinsten Werte.
56. Stevins Ableitung der Stevin, Beghinselen der
Gleichgewichtsbedingung für die Weegkonst. Leyden 1586.
schiefe Ebene
57. Stevins Nachweis des Stevins Werke. Leyden 1634.
hydrostatischen Paradoxons S. 499. Fig. 4.
58. Stevins Nachweis des aufwärts Stevins Werke. Leyden 1634.
gerichteten Druckes S. 500. Fig. 2 u. 3.
59. Stevins Ableitung des
Seitendruckes.
60. Torricellis Versuch. Torricelli, 7. Heft der »Neudrucke«,
Esperienza del Argento Vivo herausgegeben von Prof. Dr.
G. Hellmann, Berlin 1897.
61. Pascals Abänderung des Mach, Die Mechanik in ihrer
Torricelli'schen Versuches Entwicklung. Fig. 83.
62. Pascals durch den Druck des Mach, Die Mechanik in ihrer
Wassers in Tätigkeit gesetzter Hebel Entwicklung. Fig. 82.
63. Guerickes Luftpumpe Wiedergabe der 6. Tafel von
Guerickes De vacuo spatio.
64. Guerickes Wasserbarometer Wiedergabe der 10. Tafel von
Guerickes De vacuo spatio.
65. Boyles Versuch, eine Beziehung Boyle, Opera varia. 1680. S.
zwischen dem Druck und dem 38. Fig. 5.
Volumen eines Gases zu finden
66. Glaubers Destillierofen Glauber, Beschreibung einer
Destillierkunst. 1648.
67. Mayows Analyse der Luft Ostwalds Klass. Nr. 125. Fig.
3.
68. Ansicht von Newtons Abbildung aus den Philos.
Spiegelteleskop Transactions von 1672.
69. Newtons schematische Zeichnung Newtons Optik. 1721. 1.
seines Spiegelteleskops Buch. 1. Teil. Tafel 5. Fig. 29.

Page 492

70. Hadleys Spiegeloktant Abbildung aus den Philos.
Transactions von 1732.
71. Newton untersucht das Spektrum Newtons Optik. I. Tafel III.
Abb. 13.
72. Newtons Nachweis, daß die Newtons Optik. I. Tafel IV.
Spektralfarben verschieden brechbar Abb. 18.
sind
73. Newton vereinigt die Spektralfarben Newtons Optik. II. Tafel IV.
zu weißem Licht Abb. 16.
74. Das Luftfernrohr nach Huygens.
75. Newton erklärt das Newton Optics. London 1721.
Zustandekommen des Regenbogens Book I. Part. II. Tab. IV. Fig.
15.
76. Hooke erklärt die Interferenz Hookes Micrographia.
77. Newtons Ableitung der Newtons Principien (Ausgabe
Zentralbewegung aus der von Wolfers). Fig. 213.
Wurfbewegung
78. Newtons Satz über die a. a. O. (1872). Fig. 15.
Zentralbewegung
79. Newtons Bild.
80. Huygens' Bild.
81. Huygens' Darstellung des Christiani Hugenii Systema
Saturnringes Saturnium. Haag 1659.
82. Römer berechnet die Huygens, Abhandlung über
Geschwindigkeit des Lichtes das Licht. Fig. 2 (Ostwalds
Klassiker Nr. 20. S. 14).
83. Die Fortpflanzung des Lichtes a. a. O. Abb. auf S. 21.
84. Huygens erklärt die Fortpflanzung a. a. O. Abb. auf S. 22.
des Lichtes
85. Erläuterung des Huygens'schen a. a. O. Abb. auf S. 23.
Prinzips
86. Huygens erklärt die Reflexion des a. a. O. Abb. auf S. 26.
Lichtes

Page 493

87. Huygens leitet aus seinem Prinzip a. a. O. Abb. auf S. 36.
das Brechungsgesetz ab
88. Huygens untersucht den Doppelspat a. a. O. Abb. auf S. 50.
89. Huygens erläutert den Aufbau des
Doppelspats
90. Huygens erklärt die a. a. O. Abb. auf S. 57.
Doppelbrechung
91. Huygens entdeckt die Polarisation Wilde, Geschichte d. Optik,
u. durch Doppelbrechung Bd. II. Tafel II. Fig. 33.
92.
93. Turmuhr aus dem 14. Jahrhundert Gerland u. Traumüller,
Geschichte d. physik.
Experimentierkunst. Fig. 75.
94. Huygens' Abbildung der von ihm Christiani Hugenii,
erfundenen Pendeluhr Horologium oscillatorium.
1673. S. 4. Fig. 1.
95. Huygens beweist, daß die Horologium oscillatorium.
Schwingungen in der Cykloide Figur auf S. 12.
isochron erfolgen
96. Huygens' Cykloidenpendel Huygens, Horologium
oscillatorium. S. 4. Fig. 2.
97. Huygens' Unruhe Huygens, Opera varia. Bd. I.
98. Das Problem des
Schwingungsmittelpunktes
99. Huygens löst das Problem des Rühlmann, Geschichte der
Schwingungsmittelpunktes techn. Mechanik. S. 95. Abb.
19.
100. Huygens untersucht die Bewegung Ostwalds Klass. Nr. 138. Fig.
des Zentrifugalpendels 21.
101. Huygens zeigt, daß sich bewegliche E. Mach, Die Mechanik in
Körper unter dem Einfluß der ihrer Entwicklung. Fig. 106.
Zentrifugalkraft nach den
spezifischen Gewichten ordnen

Page 494

102. Halleys Ableitung der
barometrischen Höhenformel
103. Tschirnhausens Satz über die Cantor, Vorlesungen z.
katakaustische Linie Geschichte d. Mathematik.
Bd. III. S. 142.
104. Stenos Zeichnungen von v. Kobell, Geschichte der
Längsschnitten durch Bergkristalle Mineralogie. S. 18.
105. Stenos Zeichnungen von desgl.
Querschnitten durch Bergkristalle
106. Hookes zusammengesetztes Hookes Micrographia. Schem.
Mikroskop I. Fig. 5 u. 6.
107. Borelli erläutert die Wirkung des Borelius, De motu animalium.
zweiköpfigen Armmuskels Leyden 1685. Tab. III. Fig. 2.
108. Borelli ermittelt den Schwerpunkt Borelius, De motu animalium.
eines Menschen Leyden 1685. Fig. 12.
109. Swammerdams Zeichnung des Swammerdam, Bibel der
Darmkanals der Biene Natur. Tafel XVIII. Fig. 1.
110. Malpighis Darstellung des Malpighi, De Bombycibus.
Nervensystems vom Tab. VI. Fig. 1 u. 2.
Seidenschmetterling
111. Malpighi untersucht die Verbindung desgl.
eines Nervenknotens mit dem
Tracheensystem
112. Malpighis Darstellung der Malpighi, De ovo incubato.
Entwicklung eines Wirbeltieres Taf. II.
113. Malpighis Darstellung der desgl.
Entwicklung eines Wirbeltieres
114. Leeuwenhoeks Abbildung von Leeuwenhoek, Arcana
Infusorien naturae. 1695. Bd. I. S. 42.
115. Leeuwenhoeks Darstellung der Leeuwenhoek, Arcana
Muskelfasern des Herzens naturae. 1695. Bd. I. S. 447.
116. Die älteste Abbildung, welche den Hooke, Micrographia. Schem.
zelligen Bau der Korksubstanz XI. Fig. 1.
darstellt

Page 495

117. Leeuwenhoek bildet die einfachen Arcana naturae. Bd. I. S. 315.
und die gehöften Tüpfel der
Holzfasern einer Kiefer ab
118. Malpighis Darstellung eines Malpighi, Die Anatomie der
Längsschnittes durch das Holz der Pflanzen, bearb. v. M.
Rebe Möbius, (Ostwalds Klass. Nr.
120. S. 31.)
119. Eulers Bild.
120. Eine der von Euler untersuchten
elastischen Kurven.
121. Schwingende Saiten.
122. Eulers aus Glas und Wasser Eulers Briefe an eine deutsche
zusammengesetztes Objektivglas Prinzessin. Leipzig 1773. Bd.
III. Abb. auf S. 299.
123. Bouguers Photometer Wilde, Gesch. d. Optik. II.
Teil. 3. Tafel.
124. Lamberts Photometer Lambert, Photometrie.
(Ostwalds Klassiker Nr. 31.
Fig. 2.)
125. Chladni'sche Klangfiguren Chladni, Entdeckungen über
die Theorie des Klanges. Taf.
VIII. Fig. 87–90.
126. Erläuterung des Clairaut'sehen
Kanalprinzips.
127. Die Bestimmung der Länge des
Sekundenpendels.
128. Halleys Bestimmung der J. Müller, Lehrbuch d.
Sonnenparallaxe kosmischen Physik. 5. Aufl.
1894. Fig. 97.
129. Maskelyne und Hutton bestimmen
die Dichte der Erde.
130. Bradley entdeckt die Aberration.
131. Bradleys Erklärung der Aberration.

Page 496

132. Das von Romé de l'Isle gebrauchte Hauy, Traité de Minéralogie.
Anlegegoniometer 1801. Bd. V, p. VIII. Fig. 77.

Page 497

Namen- und Sachverzeichnis.
A.

Aberration 456.
Accademia del Cimento 81.
Achard 359, 362.
Achromasie 421.
Acta eruditorum 9, 252.
Adam Riese 154.
Akademien 7, 9, 81, 243-253.
Akkommodation 149.
Akustik 74.
d'Alembert 322, 422, 426, 491.
Alpen 477.
Analytische Geometrie 157.
– Mechanik 422-427.
Anatomie 375.
Anlegegoniometer 469.
Arago 94.
Arbeit 64.
Aristoteles 31.
Artbegriff 239.
Astrologie 115, 136.
Äther 181, 291, 419.
Atmung 228, 229.
Atome 177.
Auge 19, 148, 149.

B.

Bacon, Francis 105, 110, 208.
Bacon, Roger 11.
Ballistischen Problem 410.

Page 498

Barometer 83, 194.
Bartholin 266, 298, 355-357.
Basilius Valentinus 219.
Bauhin 232-234.
Bazillen 387.
Becher 358.
Befruchtung, 398, 401-403.
Beharrungsvermögen 58.
Bergbau 5.
Bergman 467.
Bernegger 78.
Bernoulli, Daniel 324, 325, 330, 408 bis 412.
Bernoulli, Jakob 404, 407.
Bernoulli, Johann 312, 323, 324, 407 bis 413.
Berti 211.
Beschleunigung 48, 51.
Bessel 451.
Beugung des Lichtes 93.
Bewegungsquantum 322.
Bibel 28.
Bienen 375-377.
Biomechanik 242, 370, 371.
Blinder Fleck 327.
Blumenbach 488.
Blutkörperchen 387.
Blutkreislauf 363-367.
Boerhaave 373.
Böttger 340.
Borda 449.
Borelius 12.
Borelli 84, 242, 369, 371, 395.
Bouguer 334, 434, 444, 454.
Boyle 212, 213, 225, 246, 357, 358.
Boyle-Mariotte'sches Gesetz 211-214.
Bradley 457.
Brand 217.
Buchstabenrechnung 155.

Page 499

Buffon 474-476.
Bürgi 130.

C.

Caesalpin 234, 235.
Cajetan 218.
Camerarius 394, 400-403.
Cardano 140, 157.
Carnot 173.
Cassini 317, 337-339.
Castelli 192.
Cavalieri 170.
Cavalieris Satz 170.
Childrey 339.
Chladni 415, 439-443.
Chronometer 416.
Clairaut 445.
Clusius 231.
Comenius 110.
Condamine 444.
Cronstedt 466.
Cuvier 488.
Cykloidenpendel 307.

D.

De Dominis 265.
Deklination 101, 336.
Delalande 453.
Delambre 448.
De Lisle 462.
Deluc 326.
Desaguliers 443.
Descartes 103, 144, 149, 157-161, 176-182, 265, 301, 308, 310, 322,
323, 352, 417.
Desmarest 473.
Dezimalbrüche 154.

Page 500

Diderot 491.
Differentialgleichungen 428.
Distanzenmesser 123.
Dokimasie 220.
Dollond 421.
Doppelbrechung 296.
Doppelspat 355.
Drebbel 76, 87.
Drüsen 371.

E.

Eigenbewegung 460.
Elastische Kurven 414.
Elektrizität 100.
Elemente, chemische 225.
Emanationstheorie 272.
Emissionstheorie 272.
Encyklopädisten 491.
Erdabplattung 316, 445.
Erdinneres 351.
Erdrotation 35.
Erhaltung der Kraft 53, 188, 320, 323-326, 409.
Euler 410-416, 419, 422, 425, 453.

F.

Fabricio 363.
Fabricius, David 24, 135.
Fabricius, Joh. 26.
Fallbewegung 47, 91.
Farben 95, 141, 262, 270, 301.
Fermat 159-165, 427.
Fernrohr 13-17.
Festigkeit 67.
Fixsterne 25, 34, 36.
Flüssigkeiten 70, 192.
Fluxionsrechnung 173.

Page 501

Formationen 348.
Fraunhofer 421.
Füchsel 472.
Funktionsbegriff 412.

G.

Gahn 217.
Galilei 14, 17, 20-80, 90, 91, 243, 306, 308, 318.
Gas 216.
Gassendi 177-179, 329.
Gattungsbegriff 239.
Gebirgsbildung 349.
Geographie 152.
Geologische Perioden 350, 475.
Gewebe 394.
Gezeiten 37, 280, 415.
Gilbert 77, 97, 105.
Giordano Bruno 23.
Girard 156.
Glauber 221-225.
Gleichungen 156, 427.
Gradmessung 273.
Gravitationsgesetz 273-281.
Gregorianischer Kalender 111.
Grew 393-395.
Grimaldi 91-96, 266, 270.
Guericke 86, 104, 200-211.
Guettard 473, 474.
Guldin'sche Regel 170.

H.

Hall 484.
Halley 145, 330-337, 452-454.
Halleys Komet 331.
Ham 389.
Harrison 416.

Page 502

Harvey 363-368, 378.
Helioskop 18.
Heliozentrisches System 29, 124.
Helmont, van 215-219.
Helvetius 492.
Henlein 305.
Heron 162.
Hevel 139, 152.
Hexenverfolgungen 129.
Hobbes 182.
Höfe 328.
Höhenmessung, barometrische 326, 333.
Holbach 491-493.
Hooke 96, 180, 181, 188, 227, 266-270, 368, 369, 391-393.
Hutton 455, 484-486.
Huygens 286-321.
Huygens' Prinzip 293.
Hydrostatik 446.
Hydrostatisches Paradoxon 191.

I.

Infinitesimalrechnung 165, 172.
Injektion 381.
Inklination 101.
Insekten 374-383.
Interferenz 94, 267-270.
Irradiation 34.
Isochronie 56, 306.
Isoperimetrische Probleme 407, 413, 429.

J.

Jacobi 429.
Jansen 12.
Jungius 236-238, 248.
Jupitermonde 24, 29, 41, 338.

Page 503

K.

Kant 326, 433.
Kapillarität 85.
Kartographie 460-464.
Katakaustische Linie 341.
Kegelschnitte 335.
Keimung 398.
Kepler 14-19, 23, 111, 113-150, 153, 166, 283.
Kepler'sche Gesetze 127, 131.
Kettenlinie 414.
Kirche 27.
Kircher 104, 351, 487.
Klangfiguren 442.
Knorr 486.
Kohäsion 45.
Koinzidenzen 449.
Kometen 115, 154, 459.
Kompensationspendel 416.
Koppernikus 29.
Kräftebeziehungen 66.
Kreispendel 306.
Kristallographie 347.
Kubaturen 167.
Kunkel 357.

L.

Lagrange 425-432.
Lambert 433-438, 459-461.
Lamettrie 493.
Längenbestimmung 42, 415.
Laterna magica 11.
Lebendige Kraft 321.
Lebensgeister 385.
Leeuwenhoek 341, 356, 368, 386-390, 392.
Legendre 429.

Page 504

Leibniz 7, 111, 172, 187, 239, 249-252, 312, 321, 322, 343-345, 352,
353, 406.
Libavius 219, 220.
Libration 41.
Licht, sein Wesen 292-302.
Lichtgeschwindigkeit 76, 90, 290.
Linné 465.
Lippershey 13.
Lobelius 232, 234.
Logarithmen 130, 153, 335.
Logarithmische Spirale 159.
Lötrohr 466.
Luft, ihre Wägung 46, 209.
Luftanalyse 229.
Luftfernrohr 263.
Luftpumpe 200-208.
Luftwiderstand 92.
Lyell 485.
Lymphgefäße 365.

M.

Magnet 77.
Magnetismus 96-104.
Malpighi 371, 381-385, 395-399.
Marggraf 359-362.
Mariotte 211-214, 326-330.
Mariotte'sche Flasche 327.
Mars 127.
Maskelyne 454.
Mästlin 114-117.
Materie 181, 280.
Mattioli 232.
Maupertuis 251, 444, 445.
Maurolykus 141.
Maxima- und Minimaaufgaben 160, 413, 428.
Mayer, Tobias 416.

Page 505

Mayow 227-230.
Mechain 448.
Meereskunde 337.
Mercator, Gerhard 462.
Mercator, Nikolaus 406.
Mersenne 160, 179, 245, 311.
Metamorphose 378.
Meteore 332.
Meteorologie 330.
Metrisches System 447.
Mikroskop 12, 90, 368.
Mineralchemie 465.
Mineralsystem 467.
Moivre 335.
Mond 25.
Monddistanzen 415.
Morison 237.
Morphologie der Pflanzen 236.
Muskelfasern 389.
Musschenbroek 82, 443.

N.

Neper 130.
Neue Sterne 31, 35, 120, 134.
Newton 96, 172, 183-187, 247, 254 bis 285, 313, 317, 323, 420.
Nicholson 469.
Noble 417.
Nominalisten 4.
Nordlicht 336.
Norman 101.

O.

Obertöne 417.
Oresme 48.
Oxydation 226-230.

Page 506

P.

Paläontologie 353.
Palissy 164.
Pallas 476, 488.
Pappus 158.
Parallelogramm der Kräfte 65.
Pascal 71, 196-199.
Patentwesen 303.
Pendelbewegung 54, 309.
Pendeluhr 57, 302-305, 308, 316.
Périer 196, 197.
Perpetuum mobile 311.
Petrus Peregrinus 99.
Pflanzensynonyme 233.
Pflanzensysteme 234.
Philoponos 47.
Philosophie 106.
Phlogiston 226, 357.
Phosphor 217.
Photometrie 141, 432-438.
Picard 273.
Pigot 417.
Planeten 33, 117-119.
Planetentafeln 129.
Plejaden 25.
Polarisiertes Licht 271, 301.
Porta 11, 81.
Porzellan 342.
Prinzip der kleinsten Wirkung 162.
Problem der drei Körper 431.

Q.

Quadrant 122.
Quadraturen 167.
Qualitative Analyse 226.

Page 507

Quantitative Analyse 360.

R.

Ray 237, 240.
Realisten 4.
Redi 82, 380.
Reflektor 263.
Refraktor 263.
Regenbogen 265.
Regiomontan 161.
Reihen 406.
Riccioli 91, 92.
Richer 316.
Roberval 180, 185.
Robins 410.
Römer 339.
Royal Society 245.
Rumford 437.

Page 508

S.

Saiten, schwingende 417.
Samentierchen 389.
Saturn 24, 287, 338.
Säuren 223.
Saussure 477.
Sauveur 417, 418.
Schallgeschwindigkeit 440.
Scheiner 15-19, 26, 112.
Scheuchzer 486.
Schiefe Ebene 52, 190.
Schießpulver 5.
Scholastik 109, 112.
Schott 176, 202.
Schwebungen 418.
Schwere 185, 308.
Schwingungsmittelpunkt 310.
Sekundenpendel 308.
Serveto 364.
Sextant 257.
Sexualität 394, 399-403.
Simon Marius 27.
Snellius 144, 273.
Sonnenbild 141.
Sonnenflecken 17, 33, 134.
Sonnenparallaxe 453.
Sozialwissenschaft 335.
Spektrum 258-261.
Spiegelteleskop 256.
Spinoza 183.
Spiralröhren 395.
Staubfiguren 441.
Steno 82, 346-350.
Sternwarten 9.
Stevin 71, 153, 189-192.

Page 509

Störungen 279.
Stoß 65, 187, 318.
Süßmilch 335.
Swammerdam 373-381.

T.

Tartaglia 157-161.
Telesio 107.
Theophrast 391.
Thermometer 87.
Thermoskop 72, 86.
Thölde 219.
Tiersystem 240.
Toland 489.
Torricelli 192-197, 200.
Torricelli'scher Versuch 194-197.
Trägheit 49.
Triangulation 273, 451.
Tschirnhausen 340-342.
Tycho Brahe 120, 129.
Tychos Weltsystem 126.

U.

Uhren 303.
Undurchdringlichkeit 180.
Unruhe 307.
Urzeugung 378, 380.

V.

Varenius 152.
Variationsrechnung 413, 428.
Venenklappen 363.
Venus 25.
Versteinerungen 353-355, 472.
Verwandtschaft, chemische 222.

Page 510

Vieta 155, 158.
Virtuelle Geschwindigkeit 62, 71, 199, 426.
Viviani 23, 47, 194.
Vulkanismus 473.

W.

Wahrscheinlichkeitsrechnung 164.
Wallis 171, 318, 406.
Wärme 179, 181, 329.
Wasserbarometer 206-208.
Welser 26.
Werner 468, 478-487.
Weyer 129.
Widerstand des Mediums 409.
Winde 337.
Wirbeltheorie 103.
Wirkung in die Ferne 282.
Wolf 251.
Wren 318.
Wurfbewegung 58.

Z.

Zellen 391.
Zentralbewegung 276, 278.
Zentrifugalkraft 313.
Zodiakallicht 339.
Zuckergewinnung 361.

Page 511

Ergänzungen, Zusätze und Berichtigungen.884
Zu S. 88, Anm. 2: Vgl. K. Meyer, Die Entwicklung des Temperaturbegriffs
im Laufe der Zeiten. Nr. 48 der Sammlung »Die Wissenschaft«, Verlag von
Vieweg, Braunschweig.
Zu S. 119: Zu den Ausführungen Keplers bemerkt E. Wiedemann:
»Faraday hat einmal meinem Vater gesagt, wenn man wüßte, was er alles
versucht habe, so würde man ihn für verrückt halten.«
Zu S. 121: Der Ehrensaal des Deutschen Museums in München birgt eine
Rekonstruktion der »Uranienborg« nebst den von Tycho benutzten
Instrumenten in der Größe 1 : 10.
Zu S. 129: Unter den Gegnern des Hexenwahns ist auch der Jesuit Spee
(1591–1635) zu nennen, der sich durch seine geistlichen Lieder einen
Namen in der Literaturgeschichte erworben hat (Wü).
E. Wiedemann bemerkt zu diesem Punkt: Ob wir dank der Telepathie
nicht bald wieder Hexenprozesse haben werden? Wir sind auf dem besten
Wege dazu! Sobald die Telepathie geglaubt wird, gibt es auch Hexen!
Zu S. 141: Das Problem des Sonnenbildes wurde schon von Kamâl al Dîn
gelöst (Wi).
Zu S. 143 oben: Alhazen war schon bekannt, daß das Verhältnis zwischen
dem Einfalls- und dem Brechungswinkel nicht konstant ist (Wi).
Zu S. 145 Mitte: Auch Alhazen war mit der am sphärischen Hohlspiegel
auftretenden Abweichung schon bekannt (Wi).
Zu S. 145 unten: Der Gedanke, den Linsen eine hyperbolische Form zu
geben, begegnet uns nach den neuesten Untersuchungen, welche die großen
Verdienste der Araber um die Entwicklung der Optik dargetan haben, schon
bei Kamâl al Dîn (Wi).
Zu S. 150, Anm. 3: Siehe auch S. Günther, Vergleichende Mond- und
Erdkunde (Vieweg, Die Wissenschaft) (Wü).

Page 512

Zu S. 174 (4. Zeile): Es muß heißen »uns gegen die Umwelt geistig
einzustellen« statt »uns gegen die geistige Umwelt einzustellen«.
Zu S. 201: Ein prächtiges Ölbild Otto v. Guerickes befindet sich im
Ehrensaal des Deutschen Museums zu München.
Zu S. 207: Der Saal für Mechanik im Deutschen Museum zu München
enthält außer der Originalluftpumpe Guerickes auch Nachbildungen des
Baroskops (Abb. 64 unten).
Zu S. 265: Nach E. Wiedemann finden sich auch bei Kamâl al Dîn
schon richtige Vorstellungen über das Zustandekommen des Regenbogens.
Zu S. 282: Zu dem zweiten Absatz ist zu bemerken, daß dies Verhalten
Newtons für seine ganze Denkungsart bezeichnend ist (Wi).
Zu S. 338: Herrn Prof. Dr. Plaßmann (Münster i. W.) verdanke ich
folgende Mitteilung über die Entdeckung der Saturnmonde:
In neuerer Zeit wurden zwei weitere Monde auf photographischem Wege
entdeckt. Nach dem Abstände von dem Hauptplaneten (gemessen von
dessen Mittelpunkt und in Teilen seines Äquatorradius) lassen sich die 10
Monde folgendermaßen ordnen:
Satellit Entdecker – Zeit Abstand
Mimas W. Herschel 1789 3,1
Enceledus " " " 3,9
Tethys D. Cassini 1684 4,9
Dione " " " 6,2
Rhea " " 1672 8,7
Titan Chr. Huygens 1655 20,2
Themis W. H. Pickering 1904 24,2
Hyperion W. Cr. Bond 1848 24,5
Japetus D. Cassini 1671 58,9
Phoebe W. H. Pickering 1898 214,4
Zu S. 432: Mit physiologischer Optik hatten sich schon Ptolemäos und vor
allem Ibn al Haitam befaßt (Wi). Siehe Bd. I dieses Werkes.

Page 513

Zu S. 491: Hier wie an früheren Stellen decken sich die modernen
Anschauungen nicht etwa vollkommen mit den älteren. Das Prinzip der
Erhaltung der Kraft (richtiger der Energie) konnte erst in Verknüpfung mit
dem Arbeitsbegriff aufgestellt werden. (Auf Grund einer Bemerkung von E.
Wiedemann.)

Page 514

Fußnoten:
[1] Kugler, Astronomische und meteorologische Finsternisse. (Zeitschr. d. deutschen
morgenländ. Gesellschaft 1902. S. 60.)
[2] Besonders K. F. Ginzels Berechnungen der Sonnenfinsternisse für Rom, Athen, Memphis
und Babylon für den Zeitraum von 900 v. Chr. bis 600 n. Chr.
[3] Das Wort hat also eine von seiner heutigen ganz abweichende Bedeutung.
[4] v. Lippmann, Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte der Naturwissenschaften.
Leipzig 1906. S. 142.
[5] L. v. Ranke, Englische Geschichte. I, 4.
[6] Näheres hierüber siehe an späterer Stelle.
[7] Nach den Niederlanden weist auch die älteste Kunde über die Laterna magica. Vgl. F. P.
Liesegang, Christian Huygens und die Erfindung der Zauberlaterne. (Deutsche opt.
Wochenschrift 1919. S. 152 u. 165.)
[8] Siehe darüber: Servus, Die Geschichte des Fernrohrs bis auf die neueste Zeit. Berlin 1886.
Petri, Das Mikroskop von seinen Anfängen bis zu seiner jetzigen Vervollkommnung. Berlin
1896. M. v. Rohr, Die optischen Instrumente (Leipzig, Teubner, 1906), sowie v. Rohrs
Abhandlungen in der optischen Wochenschrift.
[9] Die betreffende Bibelstelle lautet: Wiederum führte ihn der Teufel auf einen hohen Berg
und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit.
[10] Heller, Gesch. d. Phys. I. 384.
Den der Erfindung zu Grunde liegenden Gedanken hat Porta in seiner Magia naturalis
angedeutet, jedoch ohne daß ihm die Ausführung gelungen wäre. Es heißt dort: »Konkave
Linsen lassen ferne Gegenstände, konvexe nahe sehr deutlich wahrnehmen. Wenn man beide
Linsenarten richtig zusammenzusetzen wüßte, so würde man ferne wie nahe Gegenstände
deutlich sehen«.
[11] Nach dem Zeugnis des belgischen Gesandten Borelius. Das betreffende, lateinisch
verfaßte Schriftstück findet sich in Wildes Geschichte der Optik I. 147. wiedergegeben.
[12] Wilde, Geschichte der Optik. Bd. I. 150.
In Middelburg wird noch heute ein Mikroskop gezeigt, das Jansen verfertigt haben soll. Es
befindet sich im Besitz der dortigen wissenschaftlichen Gesellschaft. Über dieses und andere
Mikroskope von historischem Interesse siehe den Bericht von R. Biedermann über die
Ausstellung im South Kensington Museum. Berlin 1877. S. 945.
[13] Gerland und Traumüller, Geschichte der physikalischen Experimentierkunst. Leipzig.
W. Engelmann. 1899. Abb. 109.
[14] Wolff, Gesch. d. Astronomie. S. 359.
[15] Heller, Geschichte der Physik I. 386.

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[16] Galilei, Sidereus nuntius, 1610. Le opere di Galileo Galilei, Ed. naz. Vol. III. Parte prima.
p. 60. Firenze 1892.
[17] Johannis Kepleri Dioptrice. 1611. Kepleri Opera omnia (ed. Frisch) II. 515 ff.
[18] Dioptrice, Problema LXXXVI. Duobus convexis majora et distincta praestare visibilia,
sed everso situ.
[19] Ostwalds Klassiker Bd. 144. S. 49.
[20] Keplers Dioptrik, 89. Problem; es lautet: Tribus convexis erecta et distincta et majora
praestare visibilia.
[21] Wie er in seinem »Rosa Ursina« betitelten Werke mitteilt. Siehe an späterer Stelle.
[22] Ostwalds Klassiker. 144. (Keplers Dioptrik oder Schilderung der Folgen, die sich aus
der unlängst gemachten Erfindung der Fernrohre für das Sehen und die sichtbaren Gegenstände
ergeben. 1611. Übersetzt von F. Plehn. Leipzig, W. Engelmann, 1904). S. 61.
[23] Ostwalds Klassiker, 144. S. 72.
[24] Christoph Scheiner wurde im Jahre 1575 in einem kleinen schwäbischen Orte geboren.
Mit 20 Jahren trat er in den Jesuitenorden ein. Er lehrte Mathematik in Ingolstadt und Rom und
starb 1650 als Rektor eines Jesuitenkollegiums.
[25] Näheres darüber siehe an späterer Stelle.
[26] Humboldt, Kosmos III. 383.
[27] Rosa ist ein symbolischer Name für die Sonne. Das Adjektiv Ursina weist darauf hin, daß
Scheiner das Buch einem Herzog von Orsini widmete, der ihn bei seinen Untersuchungen
unterstützt hatte.
[28] Scheiner, Oculus, hoc est fundamentum opticum. 1619.
[29] Scheiner, Oculus, Liber III. Pars I. Cap. VI. Refractio radii visorii ex aëre in tunicam
Corneam. VII. Refractio e Cornea in humorem Aqueum. Cap. VIII. Densitas humorum oculi
comparata. Cap. IX. Refractio radii ex Aqueo humore in Crystallinum. Cap. X. Refractio
crystallino humore in Vitreum. Cap. XI. Refractio e Vitreo humore in tunicam Retinam.
[30] Libri, Histoire des sciences mathématiques en Italie. Bd. III. S. 201.
[31] In seinen Galilei-Studien handelt E. Wohlwill von zahlreichen, das Leben Galileis
betreffenden Einzelheiten (Mitteilungen zur Gesch. der Med. u. Naturwissensch.). Wohlwill
unternimmt darin auch die Nachprüfung mancher Angaben der Biographen Galileis. Als erster
unter diesen ist Niccolo Gherardini zu nennen. Er hatte Galilei 1633 kennen gelernt und
gab 15 Jahre nach Galileis Tode die erwähnte Biographie heraus. Auch einem Schüler
Galileis, Vincenzio Viviani, verdanken wir eine Schilderung des Lebens seines Meisters.
Ihr Titel lautet: Raconto istorico della vita di Galileo Galilei.
Eine von Wohlwill unternommene Würdigung der Galilei-Biographie Vivianis hat ergeben,
daß die Angaben Vivianis nur mit Vorsicht aufzunehmen sind. Vivianis Darstellung zeigt,
wie manche von Schülern herrührende Biographien, den Fehler, daß die Objektivität der
Darstellung unter der pietätvollen Gesinnung des Schriftstellers leidet. Wohlwill kommt zu
dem Ergebnis, daß die Angaben Vivianis, für die eine Bestätigung durch anderweitige
Zeugnisse fehlt, als hinreichend beglaubigte Daten nicht angesehen werden können. Zu weit
scheint Wohlwill zu gehen, wenn er Viviani absichtliche Fälschungen vorwirft und z. B.
annimmt, er habe Galilei die Erfindung der Pendeluhr zugeschrieben, während Viviani sie
sehr wahrscheinlich selbst erfunden habe.

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[32] Forschungen über die Vorgänger Galileis hat P. Duhem angestellt. Siehe darüber auch
den I. Band.
[33] Galilei, Opere complete ed. Alberi, VI. 11–12.
[34] Allerdings nicht allein wegen seiner Anhängerschaft an Koppernikus.
[35] Verbürgt ist dies nicht. Nach neueren Untersuchungen handelt es sich sogar wohl nur um
eine Erfindung, mit der man Galilei einen besonderen Nimbus zu verleihen bezweckte. –
Nach Wohlwill (Galilei-Studien in den Mitteil. zur Gesch. d. Med. u. Naturwissensch. Bd.
IV. N. 27. S. 247) ist Gustav Adolf sogar niemals in Italien gewesen.
[36] Galilei sah zuerst drei Trabanten. Das war am 7. Januar 1610; einige Tage später
erblickte er alle vier. Darauf verfolgte er ihre Bewegungen mehrere Monate sehr genau. Zu
Ehren seines Herrscherhauses nannte Galilei die Jupitermonde die »Mediceischen Gestirne«.
Gegen Ende des Jahres 1610 entdeckte Galilei die Lichtgestalten der Venus.
[37] Aus Fabronis »Lettere inedite d'uomini illustri, Florenz 1773«, übersetzt von C. J.
Jagemann. Siehe Geschichte des Lebens und der Schriften des Galilei von C. J. Jagemann,
Weimar 1783.
[38] Nach A. B. Hanschmann, Bernhard Palissy als Vater der induktiven
Wissenschaftsmethode. Leipzig 1903. S. 145.
[39] Sidereus nuntius. Venedig 1610. Diese Schrift findet sich im dritten Bande der
Alberischen Gesamtausgabe der Werke Galileis.
[40] So zählte er im Sternenbilde der Plejaden 40 Sterne, während das unbewaffnete Auge nur
6 erkennt. Den Mond, den die Aristoteliker für eine Scheibe hielten, erblickte er als eine Welt
gleich der unsrigen mit Gebirgen und Tälern. Er war sogar imstande, die Höhe der Mondberge
aus der Länge ihres Schattens zu berechnen.
[41] Fabricius und Scheiner.
[42] Siehe weiter unten bei Kepler.
[43] Gerhard Berthold, Der Magister Johann Fabricius und die Sonnenflecken. Leipzig
1894.
[44] De maculis in sole observatis. Wittenberg 1611. Ein Neudruck des sehr seltenen
lateinischen Originals findet sich in der erwähnten Schrift von G. Berthold.
[45] Siehe S. 13.
[46] An Marcus Welser. Die Briefe waren vom November und Dezember des Jahres 1611
datiert und mit dem Pseudonym »Apelles latens post tabulam« unterzeichnet.
[47] In der von Moritz Carriere gegebenen Übersetzung. Siehe Carriere, Die
philosophische Weltanschauung der Reformationszeit. Stuttgart und Tübingen 1847. S. 139.
[48] Dialog über die beiden hauptsächlichsten Weltsysteme, das Ptolemäische und das
Koppernikanische, von Galileo Galilei. Aus dem Italienischen übersetzt und erläutert von
Emil Strauß. Leipzig B. G. Teubner 1891. Der Titel des Originals lautet: Dialogo de Galileo
Galilei sopra i due massimi sistemi del mondo, Tolemaico e Copernicano. MDCXXXII.
[49] Wie in so vielen Fällen, war die »Schule« weit beschränkter und engherziger als der
Meister, und vieles, was sie als »aristotelisch« zu lehren vorgab, hat Aristoteles selbst teils
gar nicht behauptet, teils nicht als Dogma hingestellt! Vgl. v. Lippmann, Abhandl. u.
Vorträge, Bd. 2, S. 153 (über Aristoteles).

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[50] Ausgabe von Strauß S. 37.
[51] Dialog, S. 57.
[52] Dialog (Ausgabe von Strauß) S. 81.
[53] Es geschieht dies im zweiten »Tag« des Dialogs.
[54] Dialog (Ausgabe von Strauß). S. 209.
[55] Dialog (Strauß). S. 382.
[56] Dialog. 4. Tag.
[57] Gleich 1200 Erdhalbmessern statt 23000.
[58] Dialog, Ausgabe von Strauß. S. 446.
[59] Es ist daher zu begrüßen, daß es durch eine mit den nötigen Erläuterungen versehene
Übersetzung dem deutschen Leser zugänglicher gemacht wurde. Sie erschien 1891 bei B. G.
Teubner: E. Strauß, Dialog über die beiden hauptsächlichsten Weltsysteme von Galileo
Galilei.
[60] Siehe S. 26 dies. Bds.
[61] Es sei verwiesen auf Gebler, Galileo Galilei und die Römische Kurie. Nach
authentischen Quellen dargestellt. Stuttgart 1876–1880, sowie auf Wohlwill, der
Inquisitionsprozeß des Galileo Galilei. Berlin 1870. Eine neuere Biographie veröffentlichte
Wohlwill unter dem Titel: Galilei und sein Kampf für die Koppernikanische Lehre. 1909.
Hamburg. L. Voss.
[62] Riccioli, Almagestum novum, lib. IX.
[63] Siehe auch G. Bertholds in der Zeitschrift für Geschichte der Mathematik (1897)
erschienene Notiz: Über den angeblichen Ausspruch Galileis »Eppur si muove«.
[64] Seine Mitteilung über diese Entdeckung datiert vom 20. Februar 1637.
[65] Hevels Selenographie, Danzig 1647.
[66] Er hatte sich deswegen 1616 mit Philipp III. von Spanien vergeblich in Verbindung gesetzt
(S. Jagemann. Geschichte des Lebens und der Schriften des G. Galilei. 1783. S. 146).
[67] Heller, Geschichte der Physik, I. 366.
[68] Unterredungen und mathematische Demonstrationen über zwei neue Wissenszweige von
Galileo Galilei. Aus dem Italienischen übersetzt und herausgegeben von A. v. Oettingen.
Leipzig. Verlag von Wilhelm Engelmann 1890. Ostwalds Klassiker der exakten
Wissenschaften Nr. 11, 24 u. 25. Der Originaltitel lautet: Discorsi e dimostrazioni matematiche
intorno a due nuove scienze. Leyden 1638.
[69] S. Bd. I. S. 430.
[70] Galilei, Unterredungen und mathematische Demonstrationen, Dritter und vierter Tag.
Ostwalds Klassiker Nr. 24. S. 3
[71] Dieser Schluß war nicht zulässig. Welche Rolle hier der Luftdruck spielt, war Galilei
allerdings noch unbekannt.
[72] Ostwalds Klassiker Nr. 11. S. 70.
[73] Ostwalds Klassiker Nr. 11. S. 71.
[74] Ostwalds Klassiker Nr. 11. S. 72.

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Daß die Luft schwer sei, wurde auch schon im Altertum angenommen. Auch Lionardo da
Vinci und Cardano schrieben der Luft Gewicht zu. Cardano stellte das Problem, »das
Verhältnis der Dichte des Wassers zu derjenigen der Luft durch Wägung zu finden.« Er hielt
die Luft für 50mal so leicht wie Wasser.
[75] Galilei gibt nämlich an (Ostwalds Klassiker Nr. 11, Seite 72), sie sei gegen 400mal
leichter, während sie tatsächlich 773mal so leicht ist.
[76] Rafaelo Caverni, Storia del metodo sperimentale in Italia. Tomo IV. p. 269 u. f. Firenze
1895.
[77] Commentaria in Aristotelem Graeca, edita consilio et auctoritate Academiae literarum
regiae Borussicae Vol. XVII. Philoponi in physicorum libros quinque posteriores. Ed.
Hieronymus Vitelli, Berolini 1888, p. 683.
[78] Viviani in seinem Bericht über das Leben Galileis, der 1654 geschrieben, aber erst 1717
veröffentlicht wurde. Galilei selbst hat diese Versuche in seinen Schriften nicht erwähnt,
daraus glaubt Wohlwill schließen zu dürfen, daß es sich hier nur um eine der in der
Geschichte der Wissenschaften so häufigen Legenden handelt (Mitteilungen zur Geschichte der
Medizin und der Naturwissenschaften IV, 2. 1905). Daß übrigens Galilei die Angaben des
Aristoteles durch Fallversuche widerlegt hat, geht aus seiner in den »Unterredungen«
gegebenen Darstellung zur Genüge hervor. Ob diese Versuche vom Turme zu Pisa oder von
einem anderen hohen Gebäude vorgenommen wurden, ist im Grunde ohne Bedeutung.
[79] Mach, Die Mechanik in ihrer Entwicklung. Leipzig 1883. S. 133.
[80] Siehe die Mitteilungen z. Gesch. d. Medizin u. d. Naturwiss. XIV. Bd. S. 181.
[81] Dialog, Ausgabe von Strauß, S. 237.
[82] Galilei braucht hierfür die Ausdrücke impeto, energia und momento del descendere.
[83] Ostwalds Klassiker Nr. 24. S. 30.
[84] Ostwalds Klassiker Nr. 24. S. 25.
[85] Ostwalds Klassiker Nr. 24. S. 35.
[86] Ostwalds Klassiker Nr. 11. S. 75.
[87] Den Isochronismus der Pendelschwingungen entdeckte Galilei bereits 1582 während
seiner Studienzeit in Pisa.
[88] Näheres siehe bei Gerland und Traumüller, Geschichte der physikalischen
Experimentierkunst, Leipzig 1899, S. 120 u. f.
[89] Näheres berichtet darüber A. Kistner in den Mitteilungen zur Geschichte d. Medizin u.
d. Naturw. Bd. XIV. S. 240.
[90] Näheres findet sich in der Abhandlung E. Gerlands, Über die Erfindung der Pendeluhr.
Bibl. math. III. Folge, Bd. V. S. 234.
[91] Zeitschrift für Instrumentenkunde 1888. S. 79.
Die Zeichnung stellt die erste Idee der Anwendung des Pendels auf die Uhr dar. Sie wurde nach
den Angaben Galileis, der damals schon blind war, von seinem Sohne und von seinem
Schüler Viviani angefertigt. Näheres siehe im Bericht über die Ausstellung im South-
Kensington Museum. Berlin 1877. S. 411 u. f.
[92] Ostwalds Klassiker Nr. 11. S. 84.

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[93] S. Bd. I. S. 430.
[94] Näheres über die Entdeckung dieses Prinzips siehe bei E. Wohlwill, Die Entdeckung des
Beharrungsgesetzes (Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft. Bd. XIV u.
XV.)
[95] P. Tannery, Galilée et les principes de la dynamique.
Siehe auch die Jahrbücher über die Fortschritte der Mathematik, Jahrgang 1901.
[96] Rosenberger, Geschichte der Physik B. II. S. 227.

[97] Der analytische Ausdruck für diese Kurve lautet: y2 = 2px. Für zwei Punkte x_{ʹ}y_{ʹ}
und x_{ʺ}y_{ʺ} erhalten wir y_{ʹ}2 = 2px_{ʹ} und y_{ʺ}2 = 2px_{ʺ}. Die Division der beiden
Gleichungen ergibt das oben ausgesprochene Gesetz: x_{ʹ} : x_{ʺ} = y_{ʹ}2 : y_{ʺ}2.
[98] Galileis Unterredungen und mathematische Demonstrationen. Siehe Ostwalds Klassiker
Nr. 24. Fig. 108.
[99] Ostwalds Klassiker Nr. 24. S. 107.
[100] Ostwalds Klassiker Nr. 24. S. 119. Mit dem Problem der Kettenlinie befaßten sich
Huygens, Leibniz und Johann Bernoulli. Die erste Lösung erfolgte 1690 durch Jakob
Bernoulli (Acta Eruditorum, Mai 1690).
[101] Ostwalds Klassiker Nr. 24. S. 90 u. 91. Über die Ausführung dieses Versuches durch die
Florentiner Akademie siehe an späterer Stelle dies. Bds.
[102] Benjamin Robins, New principles of gunnery. London 1742. Näheres siehe an späterer
Stelle.
[103] Eingehender hat man diese Fragen erst in der neuesten Zeit untersucht.
[104] Es ist hier der moderne Ausdruck gebraucht.
[105] Mach, Die Mechanik in ihrer Entwicklung. 1883. S. 47.
[106] Aristoteles, Mechan. Probleme (Poselger). Hannover 1881. S. 34. Näheres über den
vermutlichen Verfasser dieser Schrift findet sich auf S. 128 des ersten Bandes.
[107] Ostwalds Klassiker Nr. 25. S. 43. (Galilei, Unterredungen und mathematische
Demonstrationen, fünfter und sechster Tag).
[108] Mach, Die Mechanik in ihrer Entwicklung. 1883. Fig. 157.
[109] M. Rühlmann, Vorträge über Geschichte der technischen Mechanik. Leipzig 1885. Fig.
12.
[110] Discorso intorno alle cose che stanno in su l'acqua o che in quelle.
[111] Nelli, Vita I. p. 62. Das Patent datiert vom Jahre 1594 (Libri, l'histoire des
mathématiques en Italie. IV. S. 197).
[112] Nelli. Vita e commercio letterario di Galileo Galilei. Vol. I. Losanna 1793. S. 72.
[113] Traumüller und Gerland, Geschichte der physikalischen Experimentierkunst. Leipzig
1899. S. 116.
[114] Der Vorschlag rührte von Galileis Freund Sagredo her.
[115] Sanctorius, Professor der Medizin in Padua.

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[116] Harmonicorum libri XII. Paris 1636.
[117] Ostwalds Klassiker Nr. 11. S. 86.
[118] Z. B. Schwenter (Bd. I, S. 424).
[119] Siehe an späterer Stelle.
[120] »Dialog« Ausg. von Strauß S. 418–434 und an anderen Stellen.
[121] Dialog (Strauß) S. 70.
[122] Dialog (Strauß) S. 278.
[123] Dialog (Strauß) S. 424.
[124] Le opere di Galileo Galilei, Florenz 1842–1856. Sie rührt von Alberi her.
[125] Favaro, Le Opere di Galileo Galilei. Edizione nazionale sotto gli auspicie di Sua
Maestà il Re d'Italia. Firenze 1890 u. f.
E. Wiedemann nennt diese Nationalausgabe mit Recht »eins der schönsten Denkmäler, das je
Nationen einem ihrer großen Gelehrten gesetzt haben«.
[126] Die Briefe an und von Kepler erschienen 1672 unter dem Titel Epistolae Joannis
Kepleri et Math. Berneggeri mutuae. Sie sind im 1. Bande der von Ch. Frisch besorgten
großen Ausgabe der Keplerschen Werke zum Teil abgedruckt.
[127] Näheres über Bernegger und sein Verhältnis zu Galilei hat Eilhard Wiedemann in
den Berichten der physik. mediz. Sozietät in Erlangen (Bd. 36, 1904) unter dem Titel, »Studien
zur Geschichte Galileis« bekannt gegeben.
[128] Die erste naturwissenschaftliche Gesellschaft rief Porta 1560 in Neapel ins Leben. Sie
hieß Academia secretorum naturae und bestand nur kurze Zeit. Im Jahre 1603 wurde die
Accademia dei Lyncei (Akademie der Lüchse) in Rom gegründet. Sie hatte neben der
Förderung der Naturwissenschaften künstlerische und literarische Ziele im Auge. Noch mehr
galt dies von der Accademia della Crusca.
[129] Eins ihrer Mitglieder (Antonio Oliva) fiel in Rom der Inquisition in die Hände. Um der
Tortur zu entgehen, nahm er sich durch einen Sturz aus dem Fenster seines Gefängnisses das
Leben.
[130] In den Saggi di naturali esperienze fatte nell' Accademia del Cimento, Florenz, 1667. Im
Jahre 1731 wurden die »Saggi« in lateinischer Übersetzung von Musschenbroek
herausgegeben: Tentamina experimentorum naturalium captorum in Accademia del Cimento.
[131] Musschenbroek, Tentamina experimentorum captorum in Accademia del Cimento.
MDCCLVI. Tab. IX. Fig. 3.
[132] Abbildung aus Musschenbroeks Bericht über die Versuche der Accademia del
Cimento.
[133] De vi repercussionis et motionibus naturalibus a gravitate pendentibus. Reggio 1670.
Angestellt hatte Borelli die in diesem Werk beschriebenen Versuche schon im Jahre 1655.
[134] Siehe Bd. II an spät. Stelle.
[135] Sie rührt von Clairaut her und findet sich im 189. Bande von Ostwalds Klassikern S.
60 u. f. auseinandergesetzt.
[136] Guericke, Experimenta nova ut vocantur Magdeburgica, Cap. 37.

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[137] Cornelius Drebbel wurde geboren zu Alkmar 1672. Nach einem wechselvollen Leben
gelangte er nach England an den Hof Jakobs I. Dort starb er 1634. Drebbel war ein Physiker
von dem Schlage Portas und Kirchers. Seine magisch-physikalischen Versuche beschrieb er
in seinem Traktat von der Natur der Elemente.
[138] Über Drebbels Apparat, sowie über die Vorgeschichte des Thermometers im
allgemeinen hat E. Wohlwill in den Mitteilungen zur Geschichte der Medizin und der
Naturwissenschaften berichtet. Jahrg. 1902. Heft 1–4.
[139] In seiner Abhandlung »Neue Beiträge zur Vorgeschichte des Thermometers« macht
Wohlwill es wahrscheinlich, daß die Erfindung dieses Instrumentes in den Niederlanden ganz
unabhängig von derjenigen in Italien erfolgte. (Mitteilungen zur Geschichte der Medizin und
Naturwissenschaften. 1902. Nr. 4.)
[140] Musschenbroek, Tentamina. Tab. I. Fig. 1.
[141] Renaldini, Philosophia naturalis. 1694. III, 276. Nach Gerland hat Huygens zum
erstenmal, und zwar schon 1665, den Vorschlag gemacht, den Schmelzpunkt und den
Siedepunkt des Wassers als Fundamentalpunkte zu benutzen (Zeitschrift für
Instrumentenkunde XIII, 390. 1893.)
[142] Abschn. III der Abhandlungen der Accademia del Cimento. Florenz 1667.
[143] E. v. Lippmann, Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte der Naturwissenschaften.
Leipzig 1906.
[144] Abschnitt IV der »Saggi«.
[145] Abbildung aus Musschenbroek: Tentamina experimentorum naturalium captorum in
Accademia del Cimento.
[146] Gerland, Beiträge zur Geschichte der Physik. Leopoldina. Halle 1882.
[147] Eines dieser Instrumente befindet sich noch heute im physikalischen Museum zu
Florenz.
[148] Benzenberg, Versuche über das Gesetz des Falles, über den Widerstand der Luft und
über die Umdrehung der Erde. Dortmund 1804. S. 101.
[149] Bologna 1665.
[150] l. c. S. 235 u. f.
[151] Physico-Mathesis, s. S. 2.
[152] Physico-Mathesis, S. 8.
[153] Physico-Mathesis, Propos. XXII.
[154] Physico-Mathesis, Propos. XXIV. S. 231.
[155] Ostwalds Klassiker Nr. 43.
[156] Grimaldi, Physico-Mathesis. Propos. XLII.
[157] Im ersten Buche seiner Physico-Mathesis sucht Grimaldi in 60 Propositionen darzutun,
daß das Licht eine Substanz sei, im zweiten spricht er sich in einer Reihe von Propositionen für
die Akzidentalität des Lichtes, also für das Gegenteil aus.
[158] Rosenberger, Newton und seine Prinzipien. S. 27.
[159] L. v. Ranke, Englische Geschichte im 17. Jahrhundert, I, 324.

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[160] Ein Ausspruch Bacons: »Scientia est potentia.«
[161] Gilbert, Physiologia nova de magnete magneticisque corporibus et de magno magnete
tellure, London 1600. Auch in Deutschland erschienen mehrere Ausgaben, so in Stettin 1628
und 1633, sowie in Frankfurt a. M. 1629. Eine biographische Skizze über Gilbert
veröffentlichte F. M. Feldhaus. Winters Universitätsbuchhandlung. Heidelberg 1904.
[162] Nach anderen Angaben 1544. Siehe Mitteilungen z. Gesch. d. Mediz. und Naturw. 1904.
(Bd. III; Heft 1 u. 2.) S. 115.
[163] Ein auf Deutsch schlecht wiederzugebendes Diminutiv von Terra, die Erde.
[164] Über Petrus Peregrinus siehe auch Bd. I. S. 353. Seine Schrift wurde durch G.
Hellmann von neuem herausgegeben. Siehe Nr. 10 der von diesem veröffentlichten
Neudrucke von Schriften über Meteorologie. Nr. 10 bringt unter dem Titel »Rara Magnetica«
die seltensten und wichtigsten Abhandlungen über den Erdmagnetismus aus der ersten bis
Gilbert reichenden Periode.
[165] Gilbert, De magnete, Buch II, Kapitel II.
[166] Über die Verwendung der Magnetnadel bei der Anlage von Gruben berichtet Agricola
(1490–1555) in seinem Werke De re metallica.
[167] Gilbert, De magnete, I, 1. Diese Messung rührt von Robert Norman her. Die erste,
jedoch sehr ungenaue Beobachtung der Inklination erfolgte im Jahre 1544 durch den
Deutschen Georg Hartmann.
[168] Gilbert, De magnete. Lib. II. Cap. VI.
[169] Gilbert, De magnete II, Cap. IV.
[170] Ähnliche Gedanken wie bei Gilbert begegnen uns auch bei Descartes, und man kann
annehmen, daß dieser seine Wirbeltheorie unter dem Einfluß von Gilberts Lehren entwickelt
hat (M. L. Hoppe, Die Abhängigkeit der Wirbeltheorie des Descartes von Gilberts Lehre
vom Magnetismus. Halle a. S. 1914).
[171] Solche Versuche stellte auch schon Galilei an. Siehe S. 77 dies. Bds.
[172] Gilbert, De magnete. Cap. XX.
[173] Otto von Guericke, De vacuo spatio. 1672. Tafel XVIII. Fig. 5.
[174] Hoppe, Geschichte der Elektrizität. Leipzig 1884, S. 5.
[175] Bacon, Novum organon. 1610. Übersetzt und erläutert von J. H. v. Kirchmann,
Berlin, 1870.
[176] Telesio (Bernardinus Telesius) schrieb in der Vorrede zu diesem naturphilosophischen
Buch, er könne nicht begreifen, daß so viele ausgezeichnete Männer sich durch die
Jahrhunderte mit der aristotelischen Physik zufriedengegeben hätten. Er gründete eine
Vereinigung, die sich die Aufgabe stellte, die Natur zu ergründen und die Philosophie des
Aristoteles zu beseitigen. Diese Vereinbarung wurde durch die Kurie aufgelöst.
Nach Telesio gibt es nur drei Prinzipien, ein völlig passives, den Stoff, und zwei bewegende,
die Wärme und die Kälte. Erstere dehnt den Stoff aus, letztere zieht ihn zusammen. Die
experimentelle Erforschung der Natur hat Telesio nicht gefördert. Sein Verdienst ist, daß er
die Menschheit vom Autoritätsglauben freizumachen suchte.
[177] Näheres über ihn und seine Beziehung zu Bacon findet man in dem Buche von A. B.
Hanschmann, Bernhard Palissy als Vater der induktiven Wissenschaftsmethode. Leipzig

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1903.
Über Palissy siehe auch Bd. I dies. Werkes S. 438, 444, 445.
[178] L. v. Ranke, Englische Geschichte. Bd. II. S. 135.
[179] Siehe Draper, Geschichte der geistigen Entwicklung Europas. Leipzig 1841. S. 527 u. f.
[180] Novum organum scientiarum. Lugd. Bat. 1645. Kap. 48, S. 366.
[181] Eine scharfe, aber in mancher Hinsicht gerechte Beurteilung Bacons rührt von Liebig
her (Ueber Bacon und die Methode der Naturforschung, München 1863): »Bacons Urteil
über Gilbert und Coppernikus ist sein eigenes wissenschaftliches Todesurteil. Die
Tatsachen, die Gilbert entdeckte, hielt Bacon für Fabeln (Nov. Organ. II. Aph. 48) und
Coppernikus erklärt er für einen Schwindler (Glob. intell. Cap. VI).« Das Vernichtende für
Bacon ist, daß er beide verurteilt, weil er ihrer Forschungsmethode die Berechtigung
abspricht. (Nov. Org. I. Aph. 64.) Liebig hat es von philosophischer Seite an Entgegnungen
zugunsten Bacons nicht gefehlt. Das zutreffende Urteil ist auf der mittleren Linie zu finden,
der die Darstellung des vorliegenden Werkes gefolgt ist. Vgl. v. Lippmann in »Abhandl. u.
Vorträge« Bd. I: Bacon.
[182] Die gleiche Forderung ist oft und lange vor Comenius erhoben worden. Es kam aber
vor allem darauf an, wie Galilei sich ausdrückt, die »Sprache und die Schriftzeichen verstehen
zu lernen, worin dieses Buch geschrieben ist. Erst dann könne es verstanden werden«.
Auch die übliche Art der philologischen Ausbildung wurde angegriffen. Gegen sie wandte sich
besonders der geistreiche Montaigne (1533–1592), der zu dem Urteil gelangte, daß der
Zögling durch das jahrelange Studium der griechischen und der lateinischen Sprache »dummer
werde, als er war, da er von Hause fortging«.
[183] Der gregorianische Kalender schaltet somit in 400 Jahren 97 Tage ein; sein Fehler beträgt
für diesen Zeitraum nur 0,122 Tage.
[184] Die evangelischen Stände des Deutschen Reiches nahmen den gregorianischen Kalender
1700 an. England folgte erst 1752, während die griechisch-katholische Kirche sich bis auf den
heutigen Tag ablehnend verhalten hat.
[185] Rosa Ursina sive sol ex admirando facularum et macularum suarum phaenomeno varius.
1630.
[186] Kästner, Geschichte der Mathematik. IV. S. 247.
[187] Siehe Günther, Kepler u. Galilei. E. Hofmann & Co., Berlin. 1896.
[188] Siehe Dannemann, Aus der Werkstatt großer Forscher. 3. Auflage, Abschnitt 12. Es
handelt sich um den Halleyschen Kometen.
Eine volkstümliche Darstellung der Lehren Keplers bringt das Buch L. Günthers, Die
Mechanik des Weltalls. Leipzig 1909.
[189] Breitschwerdt, J. Keplers Leben und Wirken. 1831. S. 71.
[190] Prodromus dissertationum cosmographicarum continens Mysterium cosmographicum de
admirabili proportione orbium coelestium a Joanne Keplero. Tübingen 1596.
[191] Ein Bild des Lebens und Schaffens Tychos hat J. E. L. Dreyer geliefert: Tycho
Brahe, ein Bild wissenschaftlichen Lebens und Arbeitens im 16. Jahrhundert. Autorisierte
deutsche Übersetzung von M. Bruns. XII, 434 S. Karlsruhe, 1894.
[192] Friedrich II.

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[193] Namens Hven.
[194] Nach Tychos »Mechanica«. 1602.
[195] Brief an Rothmann vom 24. 11. 1589. Tychonis Brahe, epistolarum astronomicarum
libri. 1610.
[196] Bei Annahme des koppernikanischen Systems nämlich.
[197] Siehe den 66. Abschnitt von Dannemann, Aus der Werkstatt großer Forscher. Leipzig,
W. Engelmann. 1908.
[198] Tycho Brahe, De mundi aetherei recentioribus phaenomenis. Liber secundus. Prag
1603. Figur auf S. 463.
[199] Im Jahre 1587.
[200] 1588.
[201] Laplace sagt in seiner Darstellung des Weltsystems (Ausgabe von Hauff), der Name
aller derjenigen, welche ihre Gewalt mißbrauchten, um die Fortschritte der Vernunft
aufzuhalten, müsse der Verwünschung aller Zeitalter preisgegeben werden. Als Tychos
größten Widersacher nennt Laplace (Bd. II, S. 278) den dänischen Minister Walchendorp.
[202] Guericke, De vacuo spatio. lib. I. Icon. III.
[203] De motibus stellae Martis, Pars Secunda, Cap. 7.
[204] Siehe Johannes Frischauf, Grundriß der theoretischen Astronomie und der Geschichte
der Planetentheorien. Leipzig, W. Engelmann. 1903.
[205] De motibus stellae Martis. Prag 1609, Opera omnia ed. Frisch. III. 135 ff.
[206] Am 24. Oktober 1601.
[207] Die Hexenverfolgungen haben mit dem Ende des 15. Jahrhunderts mehr als zweihundert
Jahre wie die Pest gewirkt. Näheres siehe bei Binz, Doktor Johann Weyer, ein rheinischer
Arzt, der erste Bekämpfer des Hexenwahns. Berlin 1896. Das Unheil ging von der Kirche aus.
Seine Ausrottung erfolgte durch die der Naturwissenschaft zu verdankende Aufklärung. Als
Beweis für die Verblendung jener Zeit mögen folgende Zeilen eines berühmten Theologen
dienen. Sie sind einem Buche entnommen, daß auf Befehl Joachims von Brandenburg verfaßt
wurde. Es heißt dort von den Hexen: »Kein Glied ist an unserem Körper, dem sie nicht schaden
können. Meist machen sie die Menschen besessen und lassen sie von den Dämonen kreuzigen.
Mit letzteren treten sie sogar in fleischliche Verbindung. Kein Ort ist so klein, wo man nicht
eine Hexe findet. Aber selten findet sich ein Inquisitor«. Daß sich letztere auf kirchliches
Geheiß bald einstellten, beweist die Tatsache, daß allein in der Gegend von Bormio die von
Innocenz VIII. eingesetzten Inquisitoren in einem Jahre 41 Hexen verbrannten.
[208] Tabulae Rudolphinae. Ulm 1627. Opera omnia (ed. Frisch), VI. 661.
[209] Bürgi, ein Schweizer (1552–1632), und Napier oder Neper, ein Schotte (1550–1617),
machten die so wichtige Erfindung der Logarithmen unabhängig voneinander. Bürgi war
zuerst Gehilfe an der vom Landgrafen von Hessen unterhaltenen Sternwarte zu Cassel. Später
leitete er diese Sternwarte, trat aber bald nach dem Tode seines fürstlichen Gönners in den
Dienst Rudolfs des Zweiten über und wurde so zum Mitarbeiter Keplers.
[210] De motibus stellae Martis, Cap. 59 (Opera, edit. Frisch, Bd. III).
[211] Opera omnia (ed. Frisch) I. 106.
[212] »Harmonices mundi« lib. V.

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[213] Opera omnia V. 279.
[214] Da sich die Massen bei gleicher Dichte wie die Volumina verhalten. In Wahrheit beträgt
das Volumen der Erde etwa das 50fache von dem des Mondes, während sich die Dichten beider
Weltkörper wie 1 : 0,6 verhalten. Die betreffende Stelle findet sich in Keplers Astronomia
nova (Opera omnia III, 151).
[215] Nach einem von Kästner in seiner Geschichte der Mathematik Bd. IV. 360 mitgeteilten
Auszug der Epitome astronomicae copernicanae Keplers.
[216] Joannis Kepleri Phaenomenon singulare seu Mercurius in sole. Leipzig 1609. (Opera
omnia, ed. Frisch. II, 793.)
[217] In Einhards Vita Caroli Magni (herausgegeben von Jaffé 1876) wird berichtet, der
Merkur sei im April des Jahres 807 »quasi parva macula nigra« vor der Sonnenscheibe gesehen
worden.
[218] Opera omnia, II, S. 805.
[219] Durch Dr. G. Berthold.
[220] Siehe das Vorwort zu der erwähnten Ausgabe Dr. Bertholds. Über Keplers Stellung zur
Astrologie siehe auch S. 115 dieses Bandes.
[221] Der Prediger David Fabricius war nicht etwa ein Mann, der sich mit der Astronomie
nur oberflächlich aus Liebhaberei befaßte, sondern er hat nach Tycho Brahes Tode die erste
Stelle unter den beobachtenden Astronomen eingenommen. So urteilt wenigstens Kepler, mit
dem Fabricius in regem Briefwechsel stand. Für die Bestimmung der Marsbahn hat Kepler
durch Fabricius viel wertvolles Material erhalten. David Fabricius gehörte auch zu den
ersten, die das Fernrohr zu astronomischen Zwecken benutzten. Wahrscheinlich brachte es ihm
sein Sohn Johann, der sich 1610 als Student der Medizin in Leyden aufhielt, aus Holland mit.
Mit einem solchen Fernrohr entdeckte Johann Fabricius im elterlichen Hause die
Sonnenflecken. Er stellte darauf unter Aufsicht seines Vaters eine Reihe von Beobachtungen
zusammen und veröffentlichte deren Ergebnis in einer Schrift, die 1611 unter dem Titel »De
Maculis in sole observatis« (Von den Sonnenflecken) erschien. (Näheres darüber siehe Bd. II.
S. 26.)
[222] Erschienen 1618–1621 in Linz und Frankfurt; Opera omnia VI, 113 u. f.
[223] Somnium Kepleri von Ludwig Kepler dem Sohne. Frankfurt 1634. Eine deutsche, mit
Erläuterungen versehene Ausgabe besorgte L. Günther, Leipzig, B. G. Teubner. 1898.
[224] Günther hat auch diese Anmerkungen übersetzt und erläutert. L. Günther, Keplers
Traum vom Monde. Leipzig 1898.
[225] Günther, Keplers Traum. S. 129 u. f.
[226] A. a. O. S. 174.
[227] Siehe auch H. Hankel, Die Entwicklung der Mathematik. Tübingen 1869. S. 26.
[228] Ad Vitellionem Paralipomena. Frankfurt 1604 (Gesamtausgabe von Frisch II, 119).
[229] Johannis Kepleri Dioptrice. Augsburg 1611 (Gesamtausgabe von Frisch II. 515). –
Keplers Dioptrik wurde neuerdings von Plehn in deutscher Übersetzung als Band 144 von
Ostwalds Klassikern der exakten Wissenschaften herausgegeben (Leipzig, Verlag von
Wilhelm Engelmann, 1904).
[230] Siehe S. 133 ds. Bds.

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[231] Ad Vitellionem Paralip. Cap. I, Prop. IX. (Edit. Frisch. II, 113).
[232] Der vollständige Titel lautet: Ad Vitellionem Paralipomena, quibus Astronomiae pars
optica traditur. Frankfurt 1604. Ausgabe von Frisch II. 119–397.
Der Pole Vitello (Vitellio) lebte um 1270. Er war also ein Zeitgenosse Roger Bacons.
Vitello hat seine Optik, die im wesentlichen in einer Wiedergabe der Lehren Alhazens
besteht, in Italien verfaßt. Sie erschien wiederholt gedruckt. Am bekanntesten ist die Ausgabe
von Risner (Basel, 1572).
[233] Letzteres wird damit begründet, daß das Licht nichts Stoffliches sei (quia lux materia
caret).
[234] Sicut se habent sphaericae superficies, quibus origo lucis pro centro est, amplior ad
angustiorem: ita se habet fortitudo seu densitas lucis radiorum in angustiori ad illam in laxiori
sphaerica superficie.
[235] Dies geschah durch Harriot, Epist. ad Keplerum scriptae; ed. Hanschii, 233; 1606.
Siehe auch Wilde, Geschichte der Optik. I. 190.
[236] Ad Vitellionem. cap. 2. Opera omnia II. 153. – Einen Überblick über den Inhalt dieses
Werkes, das die optischen Grundlagen der Astronomie entwickelt, gibt F. Plehn im Archiv für
Optik. I. Bd. S. 75 u. f. 1908.
[237] Wilde, Geschichte der Optik. I. 188.
[238] Poggendorff, Geschichte der Physik. S. 167.
[239] Johannis Kepleri Dioptrice 1611. Opera omnia II. S. 515–567.
[240] Johannes Keplers Dioptrik oder Schilderung der Folgen, die sich aus der unlängst
gemachten Erfindung der Fernrohre für das Sehen und die sichtbaren Gegenstände ergeben.
1611. Übersetzt und herausgegeben von Ferdinand Plehn. Ostwalds Klassiker der exakten
Wissenschaften. Nr. 144. Leipzig, Verlag von W. Engelmann. 1904.
[241] Keplers Dioptrice, Figur zu Problema IV (Editio Frisch II, 528).
[242] Dioptrice, XIII. Propositio (Edit. Frisch II, 530): Nullus radius, qui intra corpus crystalli
super unam ejus superficiem plus 42° inclinatur a vertice, potent illam superficiem penetrare.
[243] Dioptrik, Lehrsatz XII.
[244] Das Komplement des 42° betragenden Brechungswinkels.
[245] Der von Snellius gefundene Ausdruck läßt sich leicht in den gebräuchlichen
umwandeln. Man geht von der oben gegebenen Abb. 47 aus und schlägt um C einen Kreis mit
CA als Einheit (siehe Abb. 48). Dann ist sin α (Einfallsw.) = DE und sin β (Brchsw.) = AF,
ferner ist AC : CB = sin (180 - α) : sin β = sin α : sin β = DE : AF. Ist nun AC : CB konstant,
und zwar für Luft und Wasser = 3 : 2, so gilt dasselbe von sin α : sin β, da wir diesen Ausdruck
gleich AC : CB gefunden haben.
[246] Descartes Dioptrik, Kapitel 2. Näheres über Descartes' Anteil an der Entdeckung des
Brechungsgesetzes siehe in der bezüglichen Abhandlung von P. Kramer (Abhandlungen zur
Geschichte der Mathematik. 4. Heft. 1882), sowie in der Abhandlung von H. Wieleitner
»Das Brechungsgesetz bei Descartes und Snellius« (Natur und Kultur, 13. Jahrgang. S. 403–
406).
[247] Lehrsatz XXXIX.
[248] Siehe auch Wilde, Geschichte der Optik. Berlin 1838. Bd. I. S. 201.

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[249] Die Ähnlichkeit des Auges mit der Dunkelkammer findet man zuerst bei Lionardo da
Vinci erwähnt. Porta, dem wir die erste abendländische Beschreibung der Dunkelkammer
verdanken, betrachtete die hintere Wand des Auges als einen Hohlspiegel, von dem aus das
Licht nach der Mitte des Auges gelange, um dort wahrgenommen zu werden.
Der Nachweis, daß die Linse des Auges ein Bild auf die Netzhaut wirft, erfolgte indessen
schon vor Scheiner (Arauzi 1587). Das Auge eines Tieres wurde auf der hinteren Seite mit
einem Ausschnitt versehen. In diesem Ausschnitt fing man das Bild eines vor dem Auge
befindlichen Lichtes auf. E. Pergens, Geschichtliches über das Netzhautbildchen und den
Optikuseintritt. Klinisches Monatsblatt für Augenheilkunde. Bd. 42, I. S. 137–143.
[250] In Vitellionem Paralipomena. Cap. V.
[251] Ostwalds Klassiker Nr. 144 (Dioptrik), S. 26–34.
[252] Siehe an späterer Stelle dieses Werkes.
[253] Dioptrik, Lehrsatz 62.
[254] Wilde, Geschichte der Optik, I. S. 199.
[255] Hirschberg, Die Optik der alten Griechen. Zeitschr. f. Psychologie und Physiol. d.
Sinnesorgane. Bd. XVI. S. 350. Siehe auch Bd. I ds. Werkes S. 267.
[256] Ad Vitellionem Paralipomena. Frankfurt 1604. Cap. V. Propos. XXVIII (Edit. Frisch II,
255.)
[257] Kepler, Dioptrice LXIV, Propositio. (Ed. Frisch II, 540.)
[258] Siehe Wilde, Geschichte der Optik I, 254.
[259] Siehe S. 14 u. f. ds. Bds.
[260] Siehe Ostwalds Klassiker d. exakt. Wiss. Nr. 20, S. 12 u. 13.
[261] Hevelius, eigentlich Hewelke.
[262] Selenographia seu descriptio lunae et macularum ejusdem.
[263] Wolf, Geschichte der Astronomie. S. 396.
[264] Näheres über das mutmaßliche Schicksal dieser Briefe siehe in Poggendorffs
Geschichte der Physik. S. 448.
[265] Eine englische Ausgabe besorgte Newton (Cambridge 1681).
[266] In seiner Pratique d'Arithmétique. Leyden 1585.
[267] In seiner Pratique d'Arithmétique.
[268] Zuerst in dem Rechenbuch des Johannes Widmann von Eger, das 1489 in Leipzig
erschien. Erwähnt seien auch die Rechenbücher von Adam Riese, dessen Verdienst um die
Kunst des Rechnens ja sprichwörtlich geworden ist. Die Rechenbücher Adam Rieses haben
wissenschaftlich keine Bedeutung; sie waren aber praktisch recht brauchbar und sehr
verbreitet. Über die Species, die Progressionen, die Bruchrechnung und die Regel de tri gehen
sie kaum hinaus. Adam Riese (1492–1559) war Bergbeamter in Annaberg und leitete
gleichzeitig eine Schule, in der er besonders das Rechnen lehrte.
[269] Cantor, Geschichte der Mathematik. Bd. II. S. 479.
[270] Anfänge hierzu finden sich schon bei Aristoteles.
[271] Cantor, Geschichte der Mathematik. Bd. II. S. 581.

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[272] Näheres siehe Cantor II. S. 718.
[273] Suter, Geschichte d. mathem. Wissenschaften. Bd. II. S. 19.
[274] O. Stolz, Größen und Zahlen. Leipzig 1891. S. 11.
[275] Scipione del Ferro, 1508.
[276] Tropfke I. S. 285.
[277] Luigi Ferrari, 1522–1565.
[278] Gauß 1799 und Abel 1824.
[279] Veröffentlicht in Descartes' »Geometrie« im Jahre 1634. Eine deutsche Bearbeitung des
Werkes lieferte Schlesinger. Berlin 1894.
[280] Cantor, Geschichte der Mathematik. Bd. II. S. 780.
[281] Cantor II. S. 605.
[282] Über Euklids drei Bücher Porismen siehe Cantor I. S. 239 u. f. Vielleicht hängt der
Ausdruck mit πείρω, ich forsche, zusammen; jedenfalls verstand man darunter einen Satz, der
ein neues Problem anregte und einschloß. (Cantor I. S. 291.)
[283] Fermat entwickelte seine analytisch-geometrische Methode in seiner Schrift: »Ad locos
planos et solidos isagoge«. Die ihm Descartes gegenüber zugeschriebenen
Prioritätsansprüche sind schwer zu entscheiden, weil Fermat sich zumeist darauf beschränkte,
die Ergebnisse seiner Forschungen in Paris lebenden Mathematikern (besonders Mersenne)
brieflich mitzuteilen. Seine Werke und ein großer Teil seiner Briefe wurden erst längere Zeit
nach seinem Tode veröffentlicht. Fermat, Varia opera. Tolosae 1679.
[284] Elemente VI. 27.
[285] Bei Regiomontan begegnet uns z.B. die Aufgabe, festzustellen, von welchem Punkte
der Erdoberfläche eine 10 Fuß lange senkrechte Stange, die 4 Fuß über dem Boden endigt, am
größten erscheint. Eine Lösung hat Regiomontan indessen nicht gegeben. Im 16. Jahrhundert
(bei Tartaglia) begegnet uns ferner die Aufgabe, eine bestimmte Zahl so zu teilen, daß das
Produkt dieser Teile multipliziert mit ihrer Differenz den größten Wert hat.
[286] Methodus ad disquirendum maximum et minimum (Fermat, Opera varia S. 63 u. f.).
Fermat wandte seine Methode schon 1629, also lange vor dem Erscheinen des
Descartes'schen Werkes an. (Cantor II. S. 782.)

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[287] de la moindre action.
[288] Der Gedanke findet sich bei Pappus. S. auch Mach, Die Mechanik in ihrer
Entwicklung. S. 397.
[289] Dühring, Kritische Geschichte der allgemeinen Prinzipien der Mechanik. Berlin 1873.
S. 290.
[290] Methodus inveniendi lineas curvas maximi minimive proprietate gaudentes; neuerdings
in Ostwalds Klassikern Nr. 46 in deutscher Übersetzung erschienen. Leipzig, W. Engelmann.
1894.
[291] Les lois du mouvement et du repos, déduites d'un principe métaphysique. Histoire de
l'Académie de Berlin 1746. p. 290.
[292] Siehe den 8. Abschnitt des III. Bandes.
[293] Archimedes (ed. Nizze) Seite 12–23. Siehe auch: Dannemann, Die
Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung. Bd. I. S. 164 u. f.
[294] A. a. O. S. 163.
[295] De motibus stellae Martis: Cap. 59, 5. Opera Kepleri (ed. Frisch) III, 401.
[296] Zeuthen, Geschichte der Mathematik im 16. und 17. Jahrhundert. Leipzig, B. G.
Teubner. 1903. S. 255.
[297] Nova Stereometria Doliorum vinariorum. Linz 1615. Opera omnia (ed. Frisch) IV, 555.
Unter dem Titel »Neue Stereometrie der Fässer« aus dem Lateinischen übersetzt und
herausgegeben von R. Klug. Bd. 165 von »Ostwalds Klassikern der exakten
Wissenschaften«. Leipzig, W. Engelmann. 1908.
[298] Opera omnia IV. 575.
[299] Opera Kepleri IV, 584–585.
[300] Kepleri Opera omnia (ed. Frisch) IV, 607–609.
[301] Bonaventura Cavalieri wurde 1598 in Bologna geboren. Er war Schüler und später
Freund Galileis. Nachdem Cavalieri in Bologna als Professor der Mathematik gewirkt hatte,
starb er dort im Jahre 1647.
[302] Geometria indivisibilibus continuorum nova quadam ratione promota.
[303] Das Werk Guldins erschien 1635–1641 unter dem Titel Centrobaryca. Paul Guldin
wurde 1577 in St. Gallen geboren; er war Jesuit und wirkte als Lehrer der Mathematik in Rom
und an anderen Orten. Guldin starb 1643.
[304] Gerhard, Geschichte der Mathematik in Deutschland. S. 130.
[305] Arithmetica infinitorum sive nova methodus inquirendi in curvilineorum quadraturam
1655. John Wallis wurde 1616 in einem kleinen Orte der Grafschaft Kent geboren und wirkte
als Professor der Mathematik in Oxford. Er gehört zu den Begründern der Royal Society und
starb im Jahre 1703.
[306] Cantor, Geschichte der Mathematik. II. S. 822.
[307] Der Brief wurde im Oktober 1674 an Leibniz gesandt.
[308] Nova methodus pro maximis et minimis itemque tangentibus... (Acta eruditorum 1684).
[309] De geometria recondita et analysi indivisibilium atque infinitorum. Acta eruditor. 1686.

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[310] Method of fluxions. London 1736. Geschrieben hatte Newton dieses Werk schon 1671.
[311] Fatio de Duillier.
[312] Réflexions sur la metaphysique du calcul. infinitesimal 1797.
[313] René Descartes (Cartesius) wurde 1596 in der Touraine geboren und starb 1650 in
Stockholm, wohin er durch die Königin Christine von Schweden berufen worden war. Vorher
hatte er nach einer unsteten Jugend viele Jahre in Holland gelebt.
[314] Pierre Gassendi, geboren 1592 in der Provence, gestorben in Paris im Jahre 1655, ist
der Erneuerer der atomistischen Lehre Epikurs. Über das Verhältnis Epikurs zu Demokrit
siehe Bd. I. S. 75. Nach Gassendi wurde eine bestimmte Anzahl von Atomen geschaffen. Sie
sind der Urgrund aller Dinge. Außer den Elementen bestehen daher auch das Licht, die Wärme
usw. aus Atomen. Sie sind unteilbar, von bestimmter Größe und Gestalt, schwer, absolut hart
und undurchdringlich. Zwischen den Atomen befindet sich der leere Raum. Kurz, in den
Grundzügen und mit nur geringen Abänderungen entwickelt Gassendi in seiner Physica
corpuscularis die zuerst von Demokrit aufgestellten Lehren der materialistischen
Weltanschauung. (Näheres siehe bei Lange in seiner Geschichte des Materialismus und Kritik
seiner Bedeutung für die Gegenwart. 1882. S. 184 u. f.)
[315] Brief von Huygens an Leibniz vom 11. Juli 1692. Chr. Hugenii exercitationes
mathem. ed. Uylenbroek. Hag. Com. 1833. I, 136.
[316] Novum organum. Lugd. Bat. 1645. Lib. II. Art. 37. p. 294.
[317] Cogitata physico-mathematica. Parisiis 1644. p. 21.
[318] Aristarchus Samius, de mundi systemate Parisiis 1644, p. 2. Vgl. J. C. Fischer,
Geschichte der Physik. 1801. Bd. I. S. 272.
[319] De motionibus naturalibus. Lugd. Bat. 1686. c. VI. p. 166.
[320] Epitome astronomiae. 1621. Lib. IV. p. 510. Leibniz macht an verschiedenen Stellen
darauf aufmerksam, daß zuerst Kepler diesen Begriff einer Trägheit eingeführt habe. Ansätze
zu ihm finden sich nach v. Lippmann schon bei Aristoteles.
[321] Principia philosophiae 1677. P. II. § 43. p. 41.
[322] Boyle, Origo formarum et qualitatum. 1669. p. 50.
[323] Huygens, Discours sur la cause de la pésanteur 1690. p. 162.
[324] Hooke, De potentia restitutiva. 1678. p. 7.
[325] Locke, An essay concerning human understanding. London 1731. V. I. Book II. p. 87.
[326] Micrographia, London 1665. p. 16.
[327] Micrographia, 1665. p. 12.
[328] Descartes, Principia philosophiae. 1677. P. II. § 36. p. 37.
[329] T. Lucretii Cari, De rerum natura libri sex. II. v. 294–307. Vgl. G. Berthold, Notizen
zur Geschichte des Prinzips der Erhaltung der Kraft (Ber. d. Kgl. Akad. d. Wiss. z. Berlin.
1875. S. 57, sowie Bd. I des vorliegenden Werkes S. 241).
[330] Animadversiones in X. libr. Diogenis Laertii 1675. V. I. p. 241.
[331] Der Engländer Thomas Hobbes (1632–1679) suchte gleich Descartes alle Vorgänge
auf die Bewegung kleiner Teilchen zurückzuführen. Die Bewegung pflanzt sich dadurch fort,
daß sich das Medium bewegt. Eine unvermittelte Wirkung in die Ferne gibt es nicht. Dies alles

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kennzeichnet die Philosophie des Hobbes als materialistisch. Gleichzeitig ist sie
sensualistisch, indem sie alle Begriffe auf die Wirkung der Sinnesorgane zurückführt. Bekannt
ist der Satz, durch den Hobbes dies folgendermaßen ausdrückt: »Nihil est in intellectu, quod
non prius fuerit in sensu«. Dieser Satz wird irrtümlich mitunter Locke zugeschrieben.
[332] Spinoza (1632–1677) stammt von portugiesischen Juden, die nach Amsterdam
geflüchtet waren, um den Verfolgungen der Inquisition zu entgehen. Die jüdische Gemeinde
verhielt sich gegen Spinoza nicht weniger intolerant, da sie ihn seiner religiösen Ansichten
wegen durch Meuchelmord aus dem Wege zu räumen suchte und schließlich ausstieß.
Spinoza erwarb sich seinen Lebensunterhalt durch das Schleifen optischer Gläser. Er wurde
durch seine philosophischen Schriften als Fortsetzer des cartesianischen Systems bekannt und
erhielt einen Ruf nach Heidelberg, den er aber ausschlug, weil er die Freiheit der Forschung
nicht als gesichert ansah.
[333] Newton. Philosophiae naturalis principia mathematica 1723. Lib. III. Scholium generale
p. 484.
[334] Philosophiae natur. princ. math. 1723. S. 5.
[335] a. a. O. S. 147.
[336] a. a. O. S. 173.
[337] Auszug aus dem Briefe Newtons an Bentley v. 25. II. 1692; abgedruckt bei S.
Horsley, J. Newtoni op. omn. Lond. 1782. IV. p. 438.
[338] Horsley l. c. p. 394.
[339] Opera omnia; Lausanne 1742. III. 138.
[340] Diss. de causa gravitatis. Chr. Hugenii op. reliqua. 1728. I. 121. 125.
[341] P. H. Fuß, correspondance math. et physique. St. Petersburg 1843. T. II p. 550.
[342] Nov. act. Petrop. 1779. T. III. P. I. p. 162.
[343] Opera philosophica, ed. Erdmann. 1820. p. 466.
[344] Journal des savants. 1669. S. 23.
[345] Th. Birsch, The history of the Royal Society. Lond. 1756. Bd. II. S. 337.
[346] Rosenberger, Geschichte der Physik. II. 131.
[347] De Beghinselen der Weegkonst. Leyden 1586.
[348] Les [oe]uvres mathématiques de Simon Stevin. Leyden 1634.
[349] Wonder en is gheen Wonder.
[350] Stevins Werke, Seite 499. V. Buch der Statik.
[351] Stevins Werke, S. 499, Fig. 4.
[352] Stevins Werke, S. 500, Fig. 2 u. 3.
Beide Nachweise gehören bekanntlich zum festen Bestand des heutigen Physikunterrichts, der
sich dazu derselben Apparate wie Stevin bedient.
[353] Stevins Werke, Les [oe]uvres mathématiques de Simon Stevin, herausgegeben von
Girard, Leyden 1634. Des éléments hydrostatiques; Théorème IX. p. 488–491. Die
betreffende Untersuchung hat Stevin im Jahre 1608 veröffentlicht (S. Cantor, Geschichte der
Mathematik. II. 533).

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[354] Galileis Discorsi erschienen 1638.
[355] Viviani, Della scienza universale delle proporzioni.
[356] Opera geometrica. Florenz 1644, 3. Abschnitt: De motu gravium naturaliter
descendentium.
[357] v = √(2gh), v1 = √(2gh1), v : v1 = √h : √h1. Mit der Formel v = √(2gh) war Torricelli
noch nicht bekannt; sie rührt von Johann und Daniel Bernoulli her. Bei Torricelli ist v = A
· √h, worin h die Höhe und A eine Konstante bedeutet.
[358] Siehe Ostwalds Klassiker Nr. 11. S. 17.
[359] Siehe S. 82 u. 83 dies. Bds.
[360] Siehe das 7. Heft der »Neudrucke von Schriften und Karten über Meteorologie u.
Erdmagnetismus«, hrsg. von Prof. Dr. G. Hellmann: Evangelista Torricelli, Esperienza
dell'Argento Vivo. Berlin. A. Asher & Co. 1897.
[361] Torricelli hatte zuerst Ricci in Rom darüber geschrieben und dieser Mersenne
berichtet.
[362] Zu dem Descartes Pascal angeregt haben will.
[363] Blaise Pascal, Récit de la grande expérience de l'équilibre des liqueurs, Paris 1648.
Neuerdings erschienen als 2. Heft der »Neudrucke von Schriften und Karten über Meteorologie
und Erdmagnetismus«, herausgegeben von Professor Dr. G. Hellmann. Berlin, A. Asher &
Co.
[364] Traité de l'équilibre des liqueurs et de la pesanteur de la masse de l'air. Paris 1663.
Verfaßt wurde diese Abhandlung schon im Jahre 1653.
[365] Pascal, Oeuvres III. p. 86–86.
[366] In seinen akademischen Vorlesungen (lezioni academiche), die 1715 in Florenz
erschienen, und zwar in der 7. Vorlesung.
[367] Eine ausführliche Biographie lieferte F. W. Hoffmann unter dem Titel: O. v.
Guericke, ein Lebensbild aus der Geschichte des 17. Jahrhunderts.
[368] Er starb am 11. Mai 1686 in Hamburg.
[369] Siehe die betreffenden Abhandlungen G. Bertholds in den Annalen der Physik und
Chemie Bd. 20. 1883, Bd. 54. 1895, sowie in den Verhandlungen der Akademie der
Wissenschaften zu Stockholm 1895. Nr. 1.
[370] Mechanica hydraulico-pneumatica, S. 307.
[371] Ottonis de Guericke Experimenta nova (ut vocantur) Magdeburgica de Vacuo Spatio.
Amsterdam 1672
[372] Aus dem Lateinischen übersetzt und mit Anmerkungen herausgegeben von Friedrich
Dannemann. Leipzig, Verlag von Wilhelm Engelmann, 1894 (59. Bd. von Ostwalds
Klassikern der exakten Wissenschaften).
Einige wichtige Kapitel des »Über eigene Versuche« betitelten Buches bilden mit den
erforderlichen Erläuterungen den 17. Abschnitt des Werkes von Dannemann, Aus der
Werkstatt großer Forscher. Leipzig, W. Engelmann 1908.
[373] Auf der ersten Seite der Vorrede seines Werkes de Vacuo Spatio.
[374] Ostwalds Klassiker Nr. 59. S. 11.

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[375] Eine der von Guericke gebauten Luftpumpen sowie seine Magdeburger Halbkugeln
befinden sich jetzt im Deutschen Museum von Meisterwerken der Naturwissenschaft und der
Technik in München. Die Zeit der Erfindung der Luftpumpe wird auf 1647–49 oder 1651–52
angesetzt. Ob mit Recht, bleibt dahingestellt. Siehe F. Poske, Zum Gedächtnis Otto von
Guerickes. Verhandl. d. Deutschen physikal. Gesellsch. IV (1902). Nr. 16.
Eine andere Luftpumpe gelangte 1676 nach Stockholm. Dort diente sie Jahrzehnte zur
Anstellung von Versuchen. Als noch vorhanden wurde sie zuletzt im Jahre 1734 nachgewiesen.
Neuere Nachforschungen nach dieser Originalluftpumpe Guerickes blieben zunächst ohne
Erfolg (Berthold in Poggend. Annalen. 1895. S. 726). Vor kurzem (1917) hat sie sich aber in
den Sammlungen der Universität Lund wiedergefunden. Über die noch erhaltenen Luftpumpen
und Nebenapparate Guerickes, sowie die ersten englischen und niederländischen Luftpumpen
gibt der »Bericht über die Ausstellung wissenschaftlicher Apparate im South Kensington
Museum« (Berlin 1877. S. 158 u. f.) Auskunft.
[376] Magdeburgische Versuche Kapitel XXII. Siehe 59. Bd. von Ostwalds Klassikern der
exakten Wissenschaften S. 66.
[377] Siehe S. 207.
[378] Siehe Ostwalds Klassiker Nr. 59. S. 66.
[379] Ostwalds Klassiker Nr. 59. S. 45.
[380] Pascal hatte dies aus der Verkürzung der Quecksilbersäule des Barometers gefolgert
(siehe S. 197 d. Bds.). Guericke verschloß einen Rezipienten am Fuße eines Kirchturms und
begab sich mit ihm auf die Spitze desselben. Wurde der Hahn jetzt gedreht, so trat Luft aus,
während Luft in den Rezipienten hineindrang, wenn man ihn auf der Spitze des Turmes
verschloß und am Fuße wieder öffnete. Guericke, De vacuo spatio. III. Buch, 30. Kap.
[381] Ostwalds Klassiker Nr. 59. Kap. XV.
[382] Ostwalds Klassiker Nr. 59. S. 108.
[383] New experiments, Physico-Mechanical, touching the Spring of the Air and its Effects
made in the most part in a new pneumatical engine. Oxford 1660. Ein Jahr später erschien eine
lateinische Übersetzung unter dem Titel: Nova experimenta de vi aeris elastica.
[384] R. Boyle, Opera varia. Genevae 1680. S. 38. Fig. 5.
[385] Mitgeteilt von Boyle in seiner Schrift gegen Linus, Defensio contra Linum London
1662. Cap. V. Opera Varia. Genf 1680. S. 42 ff.
[386] Mariotte, Essai sur la nature de l'air. 1679. Die wichtigsten Abschnitte enthält
Dannemann, Aus der Werkstatt großer Forscher. S. 104 u. f.
[387] 40–1–14.
[388] Leibnizens und Huygens' Briefwechsel mit Papin. Herausgegeben von Gerland.
Berlin 1881. S. 222.
[389] Durch Vidi. Poggendorffs Annalen. 1848. Bd. 73. S. 620.
[390] Siehe Bd. I S. 434.
[391] Dort ist er 1644 auch gestorben.
[392] Eine sehr ausführliche Geschichte des Namens »Gas« bringt v. Lippmann im II. Bande
seiner Abhandlungen u. Vorträge. S. 361–394. Veit u. Co. Leipzig 1913.

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[393] Van Helmonts Schriften hat sein Sohn unter dem Titel »Ortus medicinae vel opera et
opuscula omnia« im Jahre 1648 herausgegeben.
[394] H. Kopp, Die Alchemie in älterer und neuerer Zeit, Heidelberg 1886. Bd. I. S. 8.
[395] Leibniz, Historia inventionis phosphori. Miscellanea Berolinensia 1710. T. 1. p. 91.
[396] Ein Jahrhundert später (1776) zeigte Gahn, daß sich Phosphor aus kalzinierten Knochen
darstellen läßt, indem man den beim Eindampfen der Knochen mit Schwefelsäure erhaltenen
Rückstand mit Kohle destilliert.
[397] H. Peters, Leibniz in seiner Beziehung zur Chemie und den anderen
Naturwissenschaften. Chemikerzeitung 1901. Nr. 81 u. 82.
[398] J. C. Orchall, Augsburg 1684.
[399] Das Geburtsjahr ist nicht bekannt.
[400] Alchemia est ars perficiendi magisteria et essentias puras e mistis separato corpore
extrahendi.
[401] Es wurde auch als Wundersalz (Sal mirabile) bezeichnet und fand in der Heilkunde bald
ausgedehnte Anwendung.
[402] 2NH4Cl + CaO = CaCl2 + 2NH3 + H2O.
[403] In der heutigen Formelsprache würde dieser Vorgang durch folgende Gleichung
wiederzugeben sein:
3HgCl2 + Sb2S3 = 2SbCl3 + 3HgS.
[404] In seinem Preliminary discourse.
[405] E. Bloch, Boyles Anschauungen über die Metallverkalkung. Chemikerzeitung. 1915.
S. 481–486.
[406] Nach v. Lippmann kannte diese Reaktion schon Plinius.
[407] Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften Nr. 125. Leipzig, W. Engelmann. 1901.
[408] Dies hatte man seit 1600 schon wiederholt vor Mayow beobachtet.
[409] Ostwalds Klassiker Nr. 125. S. 15.
[410] Siehe den 19. Abschnitt des 3. Bandes.
[411] Rariarum stirpium per Pannoniam, Austriam et alias provincias observatarum historia.
Antwerpen 1583.
[412] Rariarum stirpium per Hispanias observatarum historia. Antwerpen 1576.
[413] Exoticorum libri 10. Antwerpen 1605.
[414] Sprengel, Geschichte der Botanik. I. 294.
[415] Pinax theatri botanici. Basel 1623.
[416] Sachs, Geschichte der Botanik. S. 37.
[417] Er wurde 1519 in Arezzo geboren, war ein Schüler des (Bd. I. S. 458) erwähnten Luca
Ghini und starb 1603.
[418] Emil Wohlwill, Joachim Jungius. Mit Beiträgen zu Jungius' Biographie und zur
Kenntnis seines handschriftlichen Nachlasses. Hamburg 1888.

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[419] Isagoge phytoscopica. 1678.
[420] Robert Morison wurde 1620 in Aberdeen geboren. Er starb 1683.
[421] Plantarum umbelliferarum distributio nova. 1672.
[422] Er wurde 1628 in Essex geboren und starb 1705.
[423] Historia plantarum. 1686–1704.
[424] Latinisiert für Bachmann (1652–1725).
[425] Tournefort (1656–1708) wurde in der Provence geboren. Er wirkte als Professor am
Jardin des Plantes und durchforschte die Flora in Griechenland, Nordafrika und Kleinasien,
Ländern, welche der Botanik des Altertums wegen immer noch eine besondere
Anziehungskraft ausübten.
[426] Sprengel, Geschichte der Botanik. II. 157.
[427] Historia plantarum (1686) und Methodus plantarum nova (1682).
[428] Historia plantarum. Bd. I. 1886. S. 40.
[429] a. a. O. S. 42.
[430] Karl Jungmann, Die Weltentstehungslehre des Descartes. Bd. 54 der Berner Studien
zur Philosophie und ihrer Geschichte. Herausgegeben von Ludwig Stein. Bern,
Buchdruckerei Scheitlin, Spring & Co., 1907. 51 Seiten.
[431] Laplace, Précis de l'histoire de l'astronomie. Paris 1821. p. 99.
[432] Die Royal Society veröffentlichte ihre Arbeiten seit dem Jahre 1665 unter dem Titel
»Philosophical Transactions«.
[433] Siehe auch P. Tannery, Les sociétés savantes et l'histoire des sciences. Paris, 1906.
[434] Weld, History of the Royal Society, und v. Ranke, Englische Geschichte. V. 165. Die
Verleihung der Korporationsrechte erfolgte am 10. Juli 1662.
[435] Heinrich Oldenburg war im Jahre 1626 in Bremen geboren und als Konsul seiner
Vaterstadt nach England gekommen. Nach Verlust seiner Stelle zog er als Hofmeister eines
jungen Lords nach Oxford. Dort wurde er mit Mitgliedern der Royal Society bekannt, die ihm
seiner Sprachkenntnisse wegen das Amt eines Sekretärs anvertrauten.
[436] Zeitweilig führten sie den Titel Philosophical Collection. Die Gesellschaft selbst
übernahm die Herausgabe erst vom 47. Bande (1753) ab.
[437] Über ihn und seine Bedeutung für die Förderung der Wissenschaften wurde an anderer
Stelle (s. S. 245) schon berichtet.
[438] Nicht zu verwechseln mit der schon vor ihr gegründeten französischen Akademie, die
wie die Accademia della Crusca in Rom, der Pflege der französischen Sprache diente.
[439] Siehe den ersten Abschnitt des IV. Bandes.
[440] Jungius wirkte eine Zeitlang als Rektor des Johanneums in Hamburg. Er starb nach
einem vielbewegten Leben 1667. Siehe auch Guhrauer, Joachim Jungius und sein Zeitalter.
Tübingen 1850.
[441] Der vollständige Titel lautet in der Übersetzung: Vorschlag, die Naturforschung ihres
Nutzens wegen zu fördern und zu diesem Zwecke eine Deutsche Gesellschaft zu gründen,

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deren Aufgabe es sein würde die nutzbringenden Künste und Wissenschaften in unserer
Sprache zu beschreiben und den Ruhm des Vaterlandes zu mehren.
[442] Harnack, Geschichte der preußischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 1901. S.
243.
[443] Eine ausführliche Biographie Newtons verfaßte Brewster: Life of Newton. London
1831. Übersetzt von B. M. Goldberg. Leipzig 1833. Neu bearbeitet erschien dies Werk unter
dem Titel: Memoirs of the Life, Writings and Discoveries of Sir Isaac Newton. Edinburg. 2
Bde. 1855. 2. Aufl. 1860. Siehe auch Snell, Newton und die mechanische Naturwissenschaft.
Dresden u. Leipzig 1843.
[444] Wallis, Arithmetica infinitorum sive nova methodus inquirendi in curvilineorum
quadraturam. 1655. Wallis beschäftigte sich darin wie Cavalieri in seinen »Indivisibilien«
vorzugsweise mit Quadraturen und Kubaturen, verfuhr, anknüpfend an Descartes, aber mehr
rechnerisch, während Cavalieri seine Ableitungen so geometrisch als irgend möglich zu
gestalten trachtete (siehe auch Cantors Geschichte der Mathematik II, 822).
[445] Zucchi 1616. Siehe Nicolai Zucchii Optica philosophica. Leyden 1652. Die
bezügliche Stelle wird von Wilde in seiner Geschichte der Optik, Bd. I. Seite 308 angegeben.
Zucchi machte auch, wie er an dieser Stelle mitteilt, den entsprechenden Fundamentalversuch,
indem er das Licht mit einem Hohlspiegel auffing und gleichzeitig eine Konkavlinse in
passender Entfernung ans Auge brachte. Er wird deshalb von Wilde schon als der Erfinder des
Spiegelteleskops bezeichnet (Wilde I, 308). Gregory beschränkte sich in seiner Optica
promota vom Jahre 1663 (Seite 92 u. f.) auf den bloßen Vorschlag, das durch zwei Spiegel
erzeugte Bild durch eine Linse zu betrachten. Die Ausführung dieses Gregory'schen Teleskops
erfolgte erst ein Jahrzehnt später (1774) durch Hooke. Siehe die schematische Zeichnung in
Wüllners Lehrbuch der Experimentalphysik II, 344.
[446] Aus den Philos. Transactions von 1672.
[447] 1672.
[448] Philos. Transact. 1742. S. 155.
[449] Philos. Transact. 1731. S. 147 u. f.
[450] Optics or a treatise of the reflections, refractions, inflections and coulours of light.
London 1704. – Newtons Optik wurde als 96. und 97. Band von Ostwalds Klassikern der
exakten Wissenschaften übersetzt und herausgegeben von W. Abendroth. W. Engelmann,
Leipzig. 1898. – Es ist dies die erste deutsche Übersetzung. Neben vier englischen Auflagen
gibt es sechs lateinische und drei französische Ausgaben.
[451] Newtons Optik. I. Tafel III. Abb. 13.
[452] Newtons Optik. I. Tafel IV. Abb. 18.
[453] Newtons Optik, II. Taf. IV. Abb. 16.
[454] Opera omnia (ed. Frisch) II. 119 u. f.
[455] De radiis visus et lucis in vitris perspectivis et iride Tractatus Marci de Dominis, Venedig
1611.
De Dominis (1566–1624) war Kleriker und erlitt ein ähnliches Schicksal wie Giordano
Bruno. Er geriet mit den katholischen Lehren in Widerspruch, wurde von der Inquisition
gefangen gesetzt und starb in dem Kerker der Engelsburg, wahrscheinlich an Gift.

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Nach v. Lippmann entstammt die Lehre, daß die Farben eine Mischung von Weiß und Dunkel
seien, pseudo-aristotelischen Schriften.
[456] Näheres siehe Newtons Optik (Ostwalds Klassiker Bd. 96 S. 50 u. f.) sowie Wilde,
Geschichte der Optik. II. S. 44 u. f.
[457] Der Spiegel hatte einen Durchmesser von 4 Fuß und wog 2000 Pfund. Herschel lieferte
eine Beschreibung dieses Fernrohrs in den Philos. Transact. 1795, II, pag. 347. Das Teleskop
des Earl of Rosse vom Jahre 1845 besaß sogar eine Länge von 16,6 und einen
Spiegeldurchmesser von 1,82 m.
[458] Für bestimmte Zwecke (photographische Aufnahmen) werden auch jetzt noch gewaltige
Reflektoren von über 2 m Öffnung benutzt.
[459] Bzw. in G (rot) und in H (violett) beim äußeren Bogen.
[460] Ostwalds Klassiker. Bd. 96. S. 130.
[461] Jesuit, von 1566–1624 lebend. Er wurde von der Inquisition seiner freieren religiösen
Auffassung wegen eingekerkert.
[462] Grimaldi, Physico-Mathesis de lumine, coloribus et iride. Bologna 1665. S. 235 u. f.
[463] Siehe S. 92 u. f.
[464] Huygens, Abhandlung über das Licht. Nr. 20 von Ostwalds Klassikern der exakten
Wissenschaften.
[465] Dannemann, Aus der Werkstatt großer Forscher. Leipzig 1908. Abschnitt 34.
[466] Hooke, Micrographia or some philosophical descriptions of minute bodies. London
1665.
[467] Micrographia, Observat. IX: Of the Colours observable in Muscovy Glass and other thin
Bodies.
[468] Newton, Optice, Lib. II. Pars 1. Observatio VI. S. 149 der Clarkeschen Ausgabe von
1740.
[469] Frage 5. (Ostwalds Klassiker. Nr. 97. S. 101.)
[470] Frage 8. (Ostwalds Klassiker. Nr. 97. S. 101.)
[471] Frage 30. (Ostwalds Klassiker. Nr. 97. S. 124.)
[472] Frage 29. (Ostwalds Klassiker. Nr. 97. S. 123.)
[473] Rosenberger, Newtons Prinzipien. S. 329.
[474] Poggendorff, Geschichte der Physik. S. 645.
[475] Picard, La mésure de la terre. Paris 1671.
[476] 1 Toise = 6 frz. Fuß = 1,949 m.
[477] Sie hatte für den Breitengrad 55972 Toisen ergeben. Snellius verfuhr folgendermaßen.
Er bestimmte die Polhöhe von Alkmaar zu 52° 40,5ʹ, diejenige von Bergen op Zoom zu 51°
29ʹ. Der Abstand der durch beide Orte gehenden Parallelkreise ergab sich daraus zu 1° 11,5ʹ.
Die Messung dieses Abstandes ergab 55072 Toisen für den Grad. Bei dieser Messung wurde
zum erstenmal das Verfahren der Triangulation angewandt (De terrae ambitu a Willebrordo
Snellio, Leyden 1617), indem Snellius von einer festen, äußerst genau gemessenen
Standlinie oder Basis ausging und von dieser aus durch Winkelmessung ein Netz von

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Dreiecken bestimmte. Als einige Jahre nach seiner ersten Messung die Umgegend von Leyden
überschwemmt wurde und überfror, benutzte er diese Gelegenheit, um nochmals eine
Ausgangslinie möglichst genau zu messen.
Willibrord Snellius, in Leyden 1591 geboren und dort als Universitätslehrer 1626 gestorben,
ist uns bei früherer Gelegenheit als der Entdecker des Brechungsgesetzes bekannt geworden.
Von ihm rührt auch das trigonometrische Verfahren des »Rückwärtseinschneiden« her, das
fälschlich wohl dem Franzosen Pothenot zugeschrieben wird. Die hier kurz geschilderte
Tätigkeit dieses hervorragenden Geometers war es also, die Newton die Lösung des größten
naturwissenschaftlichen Problems, das je den Menschengeist beschäftigte, ermöglicht hat.

[478] Genau gleich 15ʹ 1ʺ 14/9ʺ. Siehe Newtons Prinzipien (Ausgabe von Wolfers) S. 386.
[479] Philosophiae naturalis principia mathematica, London 1687. Übersetzt von Wolfers,
Berlin 1872. Siehe auch Ferd. Rosenberger: Isaac Newton und seine physikalischen
Prinzipien. Ein Hauptstück aus der Entwicklungsgeschichte der modernen Physik. Leipzig
1895.
[480] Hooke, An attempt to prove the motion of the earth, London 1674. S. 27 und 28.
[481] Newtons Prinzipien (ed. Wolfers), S. 515.
[482] Dies würde geschehen, wenn die Geschwindigkeit 21000ʹ für die Sekunde beträgt.
[483] Newtons Prinzipien. I. Buch. § 13.
[484] Newtons Prinzipien (ed. Wolfers), Fig. 213.
[485] Siehe Abb. 14 dies. Bds.
[486] Siehe auch die »Begriffsbestimmungen und Leitsätze« aus Newtons mathematischen
»Prinzipien der Naturphilosophie«, die im ersten Teil des 191. Bandes von Ostwalds Klassik.
d. exakt. Wissensch. zusammengestellt sind (Leipzig, W. Engelmann, 1914).
[487] Seneca, Nat. Quaest. III, 28.
[488] Näheres darüber siehe im III. Bande.
[489] Optik, Frage 31.
[490] Newtons Prinzipien III. 5. Abschnitt.
[491] Den Gegensatz zwischen den Newtonianern und den Cartesianern verspottete Voltaire
einst mit folgenden Worten: »Wenn ein Franzose in London ankommt, so findet er einen
großen Unterschied. In Paris verließ er die Welt ganz voll von Materie, in London findet er sie
völlig leer. In Paris sieht er das Universum von ätherischen Wirbeln erfüllt, während in London
unsichtbare Kräfte ihr Spiel treiben. Dort ist es der Druck des Mondes, der Ebbe und Flut
bewirkt, während in England das Meer gegen den Mond gravitiert und alles durch den Zug
verrichtet wird.«
[492] E. Hoppe, Zur Geschichte der Fernwirkung. Programm des Wilhelmgymnasiums,
Hamburg 1901.
[493] Rosenberger, Newtons Prinzipien. S. 234.
[494] Ausführlicher wurde das System der corpuscules ultramondaines von Le Sage entwickelt
(Prévost, Deux traités de physique mécanique, Genève et Paris, 1818).
[495] Nach dem gregorianischen Kalender am 5. Januar 1643 und am 31. März 1727.
[496] Siehe S. 24.

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[497] Christiani Hugenii Systema Saturnium. Haag 1659.
[498] Saturn wird von einem dünnen, ebenen, freischwebenden Ringe umgeben, der zur
Ekliptik geneigt ist.
[499] Die übrigen Saturnmonde wurden später von Cassini, Herschel u. a. entdeckt.
[500] Der Reihenfolge nach, wie oben erwähnt, der sechste Mond.
[501] Das Patent, das er auf seine Erfindung nahm, datiert vom 16. Juni 1657.
[502] Siehe S. 96.
[503] Siehe S. 290.
[504] Siehe Dannemann, Aus der Werkstatt großer Forscher, S. 96.
[505] Olaf oder Olof Römer wurde am 25. September 1644 zu Arhuus geboren und starb am
19. September 1710 in Kopenhagen. Die erwähnten Beobachtungen stellte er 1672–1676 auf
der Pariser Sternwarte an. Sein Bericht an die Pariser Akademie datiert vom 22. November
1675. (Anc. Mémoires, Paris. Tome I et X.)
[506] 42 Stunden 27 Minuten 33 Sekunden.
[507] Chr. Huygens, Abhandlung über das Licht. Fig. 2. Siehe Ostwalds Klassiker der
exakten Wissenschaften Nr. 20, S. 14.
Die Abhandlung über das Licht (Traité de la lumière) erschien im Jahre 1690 in Leyden,
zusammen mit der Untersuchung über die Ursache der Schwere (Discours de la Cause de la
Pesanteur). Die Arbeit über das Licht entstand schon in Paris um 1678. Dadurch, daß
Huygens 1681 Frankreich der Mißhandlung seiner Glaubensgenossen wegen verließ, wurde
die Herausgabe bis zum Jahre 1690 verzögert. Eine lateinische Übersetzung wurde 1728 von
s'Gravesande unter dem Titel »Tractatus de Lumine« herausgegeben.
[508] Dieser in vielen Lehrbüchern der Physik beschriebene Apparat (z. B. Wüllner,
Lehrbuch der Experimentalphysik, III. Aufl. Bd. I, Fig. 66) zum Nachweis der Gesetze des
Stoßes wurde von Mariotte angegeben. (Traité de la percussion ou du choc des corps. Paris
1677.)
[509] Ostwalds Klassiker Nr. 20. S. 26.
[510] Ostwalds Klassiker Nr. 20. S. 34.
[511] Experimenta crystalli islandici disdiaclastici, quibus mira et insolita refractio detegitur.
Havniae 1669.
[512] Huygens hatte wie Bartholin gefunden, daß Licht, das in einen Doppelspatkristall
eindringt, im allgemeinen zwei Brechungen erleidet, von denen die eine dem von Snellius
gefundenen Gesetze folgt, nach dem der Sinus des Einfallswinkels zum Sinus des
Brechungswinkels in einem bestimmten Verhältnis steht. Dies Verhältnis ermittelten
Bartholin und Huygens übereinstimmend gleich 5 : 3. Es blieb für alle Neigungen stets
dasselbe, während sich dies Verhältnis für den zweiten, außergewöhnlichen Strahl mit der
Neigung des einfallenden Strahles änderte. Um das Auftreten beider Strahlen zu erklären,
mußte Huygens annehmen, daß sich ein Teil des Lichtes nach dem Eintreten in den Kristall in
kugelförmigen Wellen fortpflanze, ein anderer dagegen in sphäroidischen. Ferner galt es, für
den durch letztere bewirkten Strahl ein dem von Snellius ermittelten analoges Gesetz zu
finden, was Bartholin nicht vermocht hatte.
[513] Ostwalds Klassiker Nr. 20. S. 61.

Page 540

[514] Ostwalds Klassiker Nr. 20. S. 65.
[515] Siehe an späterer Stelle dieses Werkes.
[516] Nach heutiger Annahme ist die aristotelische Schrift »Über die Farben« nicht echt-
aristotelisch, entstammt aber der Schule des Philosophen. S. auch Wilde, Gesch. d. Optik. I. S.
8 u. f.
[517] Horologium oscillatorium sive de motu pendulorum. Paris 1673. Eine Besprechung der
einzelnen Teile dieses Werkes bringt eine Abhandlung von A. Heckscher in den Mitteilungen
z. Gesch. d. Med. u. d. Natw. XIV. Bd. S. 97. In deutscher Übersetzung wurde es von A.
Heckscher und A. v. Oettingen als 192. Band von Ostwalds Klassikern der exakten
Wissenschaften, unter dem Titel »Die Pendeluhr« herausgegeben. Leipzig, W. Engelmann,
1913. Huygens erste Pendeluhr wird noch heute im physikalischen Kabinett der Universität
Leyden aufbewahrt.
[518] Im Besitze der Grundzüge seines unter dem Namen der Fluxionsrechnung bekannt
gewordenen analytischen Verfahrens befand sich Newton schon im Jahre 1666. Siehe Cantor,
Geschichte der Mathematik. Bd. III. S. 150 u. f.
[519] Siehe S. 52 ds. Bds.
[520] Das von Viviani herrührende Modell dieser Vorrichtung existiert noch im Galilei-
Museum zu Florenz. Siehe Günther, Vermischte Untersuchungen zur Geschichte der
mathematischen Wissenschaften. 1876. Seite 316.
[521] Die Erteilung von Erfindungspatenten ist eine neuzeitliche Einrichtung. Ihre Ausbreitung
gehört dem 19. Jahrhundert an. Die Anfänge des Patentwesens reichen jedoch bis ins 17.
Jahrhundert zurück. Das erste Patentgesetz wurde 1624 in England durch Jakob I. bestätigt.
Während der ersten hundert Jahre wurden in England im ganzen nur etwa 300 Patente erteilt.
In Frankreich setzte die Patentgesetzgebung im Jahre 1791 und in Preußen 1815 ein.
[522] Siehe über sie die Arbeit von W. Schmidt in den Abhandlungen zur Geschichte der
Mathematik. 8. Heft (1898). S. 177.
[523] Siehe die der Arbeit Schmidts beigegebene Photographie.
[524] Christiani Hugenii, Horologium oscillatorium. Paris MDCLXXIII. pag. 4. Fig. 1.
[525] Der Londoner Uhrmacher Clement erfand die Ankerhemmung im Jahre 1680.
[526] Horologium oscillatorium, Pars II.
[527] Horologium oscillatorium. Fig. auf S. 12.
[528] Diese Erfindung wurde veröffentlicht im Journal des savants vom 25. Februar 1675.
[529] Horologium oscillatorium, Pars 5. Eine zusammenfassende Arbeit über die Geschichte
der Erfindung der Pendeluhr lieferte E. Gerland in Wiedemanns Annalen, Bd. 4, Seite 585–
613.
Gerland schreibt Galilei das Verdienst zu, die Pendeluhr schon 1641, also 15 Jahre vor
Huygens erfunden zu haben. Beide Männer seien unabhängig voneinander auf sie gekommen.
Von Galileis Apparat existiert jedoch nur ein Entwurf. Er ist zehn Jahre nach Galileis Tode
nur unvollkommen zur Verwirklichung gelangt. (Siehe Gerland und Traumüller, Geschichte
der physikalischen Experimentierkunst. S. 121 und S. 57 des vorlieg. Bandes.)
[530] Horologium oscillatorium. pag. 4. Fig. II.
[531] t = π√(l/g).

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[532] Dies geschah in der »Abhandlung über die Ursache der Schwere« (Discours de la cause
de la pesanteur), die 1690 als Anhang zu der Abhandlung über das Licht erschien und von R.
Mewes deutsch herausgegeben wurde (A. Friedländer, Berlin 1893).
[533] Der mit den hervorragendsten Männern seiner Zeit in Briefwechsel stehende Pater
Mersenne (1588–1648).
[534] Centrum oscillationis vel agitationis figurae cujuslibet, dicatur punctum in linea centri,
tantum ab axe oscillationis distans, quanta est longitudo penduli simplicis quod figurae
isochronum sit.
[535] Si pondera quodlibet, vi gravitatis suae, moveri incipiant, non posse centrum gravitatis ex
ipsis compositae altius, quam ubi incipiente motu reperiebatur, ascendere.
Diesen Satz benutzt Huygens, um die Unmöglichkeit des Perpetuum mobile nachzuweisen. Er
erklärt es für »mechanisch« unmöglich. Huygens hatte indessen noch nicht erkannt, daß das
Prinzip der Erhaltung der Kraft für sämtliche Naturkräfte gilt. So sagt er in einem Briefe an
Leibniz ausdrücklich, ein Perpetuum mobile sei zwar mechanisch unmöglich, doch bestehe
einige Hoffnung, ein solches physico-mechanisch zu konstruieren, z. B. mit Hilfe eines
Magneten. Dagegen hatte Mersenne bereits 1644 die Möglichkeit eines Perpetuum mobile
überhaupt in Abrede gestellt, und die auf dessen Konstruktion gerichteten Bestrebungen mit
dem Suchen nach dem Stein der Weisen verglichen. Cogitata physico-mechanica. 1644. S. 224.
[536] Von Felix Haushofer im 138. Bande von Ostwalds Klassikern der exakten
Wissenschaften. W. Engelmannn, Leipzig 1903.
[537] Ostwalds Klassiker Nr. 138. S. 158.
[538] Im tiefsten Punkte ist nämlich, da dann die durchfallene Strecke = l ist, v = [sqrt](2gl)
und die Zentrifugalkraft P = v2/l = 2gl/l = 2g. Dazu kommt die Schwere g, so daß (für m = 1)
die gesamte Zugkraft = 3g ist.
[539] Ostwalds Klassiker Nr. 138, Fig. 21.
[540] Mach, Mechanik. Fig. 106.
[541] Newtons Prinzipien (übers. von Wolfers) S. 406.
[542] D. h. unter Berücksichtigung der in Paris gleichfalls durch die Zentrifugalkraft
hervorgerufenen Verminderung der Schwere. Siehe auch die über diesen Gegenstand von
Newton in seinen Prinzipien der Naturlehre (ed. Wolfers) S. 401 angestellten Berechnungen.
[543] Cassini entdeckte in den Jahren 1671 bis 1684 den dritten, vierten, fünften und achten
Mond des Saturn.
[544] Cassini bestimmte deren Dauer zu 9 Stunden 56 Minuten; die Abplattung des Jupiter
beträgt 1/14.
[545] Siehe an späterer Stelle dieses Bandes.
[546] Siehe S. 65 dieses Bandes.
[547] Er starb dort im Jahre 1703.
[548] Siehe S. 169 dieses Bandes.
[549] Wallis, Opera mathematica I, 355–478. Der vollständige Titel lautet: Arithmetica
infinitorum sive nova methodus inquirendi in curvilineorum quadraturam.

Page 542

[550] Sie wurde in lateinischer Sprache im darauf folgenden Jahre in den Philosophical
Transactions veröffentlicht.
[551] Christian Huygens, »Über die Bewegung der Körper durch den Stoß«, als 138. Band
I. Teil von Ostwalds Klassikern der exakten Wissenschaften herausgegeben von Felix
Hausdorff. Leipzig, Verlag von W. Engelmann, 1903. Diese Abhandlung von Huygens
erschien unter dem Titel »Tractatus de motu corporum ex percussione« im Jahre 1703
(Opuscula posthuma).
[552] S. Bd. I dieses Werkes, S. 241. Danach haben die Atomisten die Konstanz der Materie
und der Kraft damit begründet, daß es keinen Ort außerhalb des Weltalls gäbe, wohin ein
Teilchen der Materie entfliehen, oder von wo eine neue Kraft in das Universum einzudringen
vermöge.
[553] Leibniz, Mathematische Schriften. Herausgegeben von Gerhardt. Halle 1860. II. Abt.
Bd. II. S. 434.
[554] Ausgabe von Pertz-Gerhardt. Bd. VI. S. 231.
[555] Brevis demonstratio etc. (Acta eruditorum 1686. S. 163.)
[556] Der Kampf wogte bis 1691 zwischen Leibniz einerseits und Papin und anderen
Cartesianern andererseits hin und her. Dann beteiligten sich auch die Engländer (Briefwechsel
zwischen Clarke und Leibniz) daran. J. Bernoulli war zuerst gegen Leibniz, trat dann aber
auf seine Seite. In diesen Streit mischten sich schließlich die Gelehrten aller Länder Europas.
Endgültig entschieden wurde er erst 1743 durch d'Alembert. Dieser erklärte, daß der ganze
Streit nur auf eine leere metaphysische Diskussion oder auf einen Wortstreit hinauslaufe.
D'Alembert, Traité de dynamique. 1743. Vorrede S. 21.
[557] Dühring, Kritische Geschichte der allgemeinen Prinzipien der Mechanik. S. 230.
[558] Opera philosophica S. 775.
[559] H. Berthold, Notiz zur Geschichte des Prinzips der Erhaltung der Kraft (Chem.
Zentralbl. VII, 7. 1876).
[560] Opera omnia III. S. 253.
[561] Daniel Bernoulli, Bemerkungen über eine allgemeinere Fassung des Satzes von der
Erhaltung der lebendigen Kraft. Berlin 1750. Aus dem Französischen übersetzt und
veröffentlicht im 191. Bande von Ostwalds Klassikern. Leipzig, W. Engelmann. 1914.
[562] Siehe auch Jacobis Vorlesungen über Dynamik, herausgegeben von E. Lottner, Berlin
1884. S. 19.
[563] De vera ratione virium vivarum. Acta erudit. 1735. 240.
[564] Hydrodynamica 1738. Sectio I. § 20. S. 12.
[565] Pensées sur l'interprétation de la nature 1754. § 45. p. 61.
[566] Siehe A. Stadler, Kant und das Prinzip von der Erhaltung der Kraft. (Philosoph.
Monatshefte Bd. XV. Leipzig 1879.)
[567] Eine Sammlung seiner Werke erschien 1717 in Leyden: [OE]uvres de Mariotte,
divisées en deux tomes.
[568] [OE]uvres de Mariotte. Bd. I. S. 149 u. f.
[569] [OE]uvres de Mariotte. Bd. II. S. 322 u. f.

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[570] Poggendorff, Geschichte der Physik. S. 493.
[571] Traité de la percussion ou choc des corps. Paris 1677. [OE]uvres, Bd. 1. S. 3 u. f.
[572] Siehe S. 293 dieses Bandes.
[573] Mariotte, [OE]uvres. Bd. II. S. 496.
[574] [OE]uvres de Mariotte. Bd. II. S. 607.
[575] I. Kant, Einige kurz gefaßte Bemerkungen über das Feuer. Königsberg 1755.
[576] Catalogus stellarum australium, seu supplementum catalogi Tychonici.
[577] Eine Zusammenstellung der Elemente findet sich in Wolffs Geschichte der Astronomie.
S. 702. Der Halleysche Komet flößte bei seinem Erscheinen im Jahre 1456 während der
Belagerung von Belgrad Türken und Christen Schrecken ein.
[578] Siehe an späterer Stelle (Bd. III).
[579] Im Jahre 1647. Siehe Wilde, Geschichte der Optik. I. 272.
[580] Philos. Transactions von 1693.
[581] Den von Halley geführten Beweis dieser Formel enthält Wildes Geschichte der Optik.
I. 275 u. f.
[582] Philos. Transactions 1686. Discourse of the rule of the decrease of the height of the
mercury in the barometer, according as places are elevated above the surface of the earth.
Abb. 102 ist der Abhandlung Halleys entnommen (Philos. Transact. 1686, S. 79). Für die
Höhen, die einem gemessenen Barometerstand entsprechen, berechnete Halley folgende
Tabelle:
Barometerstand in Zollen Höhe in Fuß
30 0
29 915
28 1862
27 2844
26 4922
20 10947
15 18715
10 29662
5 48378
1 91831
[583] Cantor, Geschichte der Mathematik. III. S. 114 u. 115.
[584] Cantor III. S. 80–82.
[585] Cantor III. S. 363.
[586] Philos. Transactions XVII 596–610. An Estimate of the Degrees of the Mortality of
Mankind, drawn from curious Tables of the Births and Funerals at the City of Breslaw with an
Attempt to ascertain the Price of Annuities upon Lives.
[587] Cantor, Geschichte der Mathematik. Bd. III. S. 45–47.
[588] Cantor III. S. 343.

Page 544

[589] Cantor, Geschichte der Mathematik. III. S. 616.
[590] Übersichtliche Karte, die mit einem Blick die Deklination der Magnetnadel erkennen
läßt.
[591] Die Entdeckung dieser Erscheinung erfolgte durch E. Gunter 1622.
[592] Graham, Observations made on the variation of the horizontal needle at London. 1722–
23.
[593] Heller, Geschichte der Physik. II. S. 308.
[594] Siehe an späterer Stelle dieses Bandes.
[595] Ephemerides Bononienses Mediceorum Siderum. Bologna 1668.
[596] Siehe S. 41 dieses Bandes.
[597] Die vier Jupitermonde hatte Galilei gleichfalls zu Ehren seines fürstlichen Gönners als
Sidera Medicea bezeichnet.
Nach der Zeit ihrer Entdeckung lassen sich die Saturnmonde in folgende Reihe bringen:
Huygens entdeckte den 6. Mond im Jahre 1655,
Cassini " " 8. " " " 1671,
" " " 5. " " " 1672,
" " " 4. " " " 1684,
" " " 3. " " " 1684,
Herschel " " 1. " " " 1789,
" " " 2. " " " 1789,
Bond " " 7. " " " 1848.
Dazu kamen 1898 und 1904 noch zwei weitere Monde. (Siehe den Anhang.)
[598] Siehe S. 290 dieses Werkes.
[599] Nicolaus Fatio, geboren 1664 in Basel.
[600] Sie rührt von dem Engländer Childrey her und wurde von ihm in seiner Britannia
Baconica veröffentlicht.
[601] Jacques Cassini 1677–1756.
César François Cassini de Thury 1714–1784.
Jacques Dominique Cassini de Thury 1748–1845.
Letzterer leitete die Pariser Sternwarte bis 1793.
[602] Lehrreich ist in dieser Hinsicht die Geschichte Böttgers, des angeblichen Erfinders des
Porzellans. Siehe dessen Biographie von Engelhardt. Siehe ferner S. 342.
[603] Siehe Gerland: Beiträge zur Geschichte der Physik. Leopoldina, Halle 1882. Eine Linse
von 4,34 m Brennweite befindet sich in Kassel. Sie ist jedoch voll von Schlieren.
[604] Von K. A. Engelhardt.
[605] Von Peters.
[606] Siehe das Referat Diergarts in den Mitteilungen zur Geschichte der Medizin und der
Naturwissenschaften. Bd. V. S. 534.

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[607] Vita a se ipso breviter delineata (kurze Selbstbiographie).
[608] Kopp, Geschichte der Alchemie. Bd. I. S. 233.
[609] Miscellanea Berolinensia. Berolini 1710. S. 16 ff.
[610] Siehe S. 203.
[611] Die Eröffnung der Petersburger Akademie fand zwar erst nach Peters Tode statt.
[612] Siehe Bd. I. S. 437.
[613] Steno, De solido inter solidum naturaliter contento. Florenz 1669. Ein von Élie de
Beaumont herrührender Auszug dieser Schrift findet sich in den »Annales de sciences
naturelles«. XXV. p. 337.
[614] Annales des sciences naturelles. XXV. S. 347.
[615] Humboldt, Essai géognostique. Paris 1823. pag. 38.
[616] Humboldt a. a. O.
[617] Athanasius Kircher Mundus subterraneus, in quo universae naturae majestas et
divitiae demonstrantur. 2 vol. fol. Amsterdam 1664.
Der gelehrte Jesuit Kircher wurde 1602 in der Nähe von Eisenach geboren. Er wirkte als
Lehrer der Mathematik in Rom, wo er das Museum Kircherianum gründete, und starb dort
1680.
[618] Principia philosophiae. 1644.
[619] Descartes unterschied drei Grundstoffe, die in der Sonne, im Weltraum und auf der
Erde vertreten sein sollten. Siehe E. Bloch, Die chemischen Theorien bei Descartes und den
Kartesianern (Isis, 1914. S. 590–635).
[620] G. Daubrée, Descartes l'un des créateurs de la Cosmologie et de la Géologie. Paris
1880.
[621] Man vergleiche dazu Bd. I S. 260, 380, 443, 445.
[622] Auch die heutigen Geologen nehmen an, daß die Mansfelder Schiefer aus dem feinen
Schlamme einer mit Fischen reich bevölkerten Meeresbucht entstanden sind. Dieser Bucht
wurden schwefelsaure Salze von Kupfer, Eisen und Silber zugeführt. Die Fische starben
infolgedessen und sanken in den Schlamm. Der Reichtum an tierischer, in Zersetzung
begriffener Substanz machte den aus diesem Schlamm hervorgehenden Schiefer bituminös
(pechhaltig). Gleichzeitig wirkte die organische Substanz reduzierend auf jene schwefelsauren
Metallsalze. Diese wurden infolgedessen in Schwefelmetalle (Erze) verwandelt, die den
Kupferschiefer durchsetzen und insbesondere die Stellen überziehen, an denen sich einst die
verwesenden Fischkörper befanden.
[623] Hooke, Lectures on Earthquakes, 1688.
[624] Dies geschah durch Langmantel im Jahre 1688.
[625] N. Lemery.
[626] Experimenta Crystalli Islandici Disdiaclastici, quibus mira et insolita refractio detegitur.
Havniae 1669.
[627] Siehe S. 301.
[628] Arcana naturae detecta ab Antonio van Leeuwenhoek. 1695. p. 124.

Page 546

[629] Näheres über Boyle siehe S. 225 dieses Werkes.
[630] Specimen de Gemmarum origine et virtutibus, auctore Roberto Boyle. 1673.
[631] Siehe S. 217 dies. Bds.
[632] Georg Ernst Stahl wurde 1660 in Ansbach geboren und war Professor der Medizin
und der Chemie in Halle. Von 1716 bis zu seinem Tode (1734) wirkte er in Berlin.
[633] Außer Marggraf und seinem Schüler Achard sind von den Berliner Chemikern noch
Neumann und Pott zu nennen. Casper Neumann (1683–1737) war Professor an der
medizinischen Bildungsanstalt zu Berlin. Sein Nachfolger war Johann Heinrich Pott (1692–
1777). Ersterer hat sich um die Analyse, letzterer um die Mineralchemie Verdienste erworben.
[634] 1760. Vgl. v. Lippmann, »Abhandl. u. Vorträge«. Bd. I: Marggraf.
[635] 1754. Vgl. v. Lippmann, »Abhandl. u. Vorträge«. Bd. I: Marggraf.
[636] Einige von Marggrafs Arbeiten über den Phosphor wurden im 187. Bande von
Ostwalds Klassikern veröffentlicht (W. Engelmann, Leipzig 1912). Insbesondere die erste der
dort veröffentlichten Abhandlungen, die 1743 in den Miscellanea Berolinensia (VII, 324–344)
erschien, ist von epochemachender Bedeutung, weil durch sie der Phosphor des
Geheimnisvollen entkleidet wurde, das ihn seit seiner Entdeckung umgab (Ostwalds
Klassiker Nr. 187. S. 43).
[637] Siehe an späterer Stelle.
[638] Siehe a. a. O. S. 79–90.
[639] Siehe Bd. I dieses Werkes. S. 179.
[640] John Hemmeter, Michael Servetus. Discoverer of the Pulmonary Circulation. His
Life and Work. Janus. S. 331–364 mit 9 Tafeln.
[641] Exercitatio anatomica de motu cordis et sanguinis in animalibus. Francof. 1628.
[642] West, Harvey and his times. London 1874.
[643] So lautet der anatomische Name des großen Gefäßes, das den in den Lymphgefäßen des
Magens und des Darmes bereiteten Milch- oder Speisesaft (Chylus) dem Blutstrom zuführt.
[644] Haeser, Geschichte der Medizin. Bd. II. S. 277.
[645] Siehe auch K. Lasswitz, Geschichte der Atomistik. II. S. 84.
[646] Durch Jean Pecquet.
[647] Siehe auch S. 365, Anm. 3.
[648] Sie erfolgte durch den schwedischen Arzt Olaf Rudbeck im Jahre 1651.

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[649] Hooke, Micrographia. Schem. I, Fig. 5/6.
[650] Borelli erfand den Heliostaten, indem er einem Spiegel durch ein Uhrwerk eine solche
Bewegung gab, daß die Sonnenstrahlen immer nach derselben Richtung zurückgeworfen
werden.
[651] Borelius, De motu animalium. Rom 1680, Leyden 1685.
[652] Borelius, De motu animalium. Leyden 1685. Tab. III. Fig. 2.
[653] De motu animalium. Tab. X. Fig. 12.
[654] Lorenzo Bellini. Die insbesondere durch Borelli ins Leben gerufene Schule wird
wohl als die iatrophysische bezeichnet.
[655] Malpighi, Opera omnia. London 1697. B. II. S. 87: De renibus.
[656] Jan van Hoorne. Er war der erste, der die Bedeutung der Ovarien für die Entstehung
des Embryos erkannte. Siehe Hirsch, Geschichte der medizinischen Wissenschaften, S. 120.
[657] Siehe S. 346.
[658] Boerhaave (1668–1738) war Professor der Chemie und der Botanik in Leyden.
[659] Siehe Carus, Geschichte der Zoologie. München 1872. S. 403.
[660] Harvey, Exercitationes de generatione animalium. London 1651.
[661] De gener. animal. XLV. Leydener Ausgabe vom Jahre 1737. Seite 161.
[662] A. a. O. Seite 162 und 163.
[663] Siehe auch »Harvey, Über die Erzeugung der Tiere« von W. Preyer. Zeitschrift
Kosmos, II. Jahrgang. Seite 396.
[664] Bibel der Natur. 1752. Seite 126.
[665] Francesco Redi (1618–1676). Arzt in Florenz und Mitglied der Accademia del
Cimento.
[666] Professor der Medizin in Bologna, später Leibarzt von Papst Innocenz XII.
[667] Malpighi, Opera omnia, London 1686.
[668] Siehe S. 376.
[669] Malpighi, De Bombycibus. Tab. VI. Fig. 2.
[670] A. Hirsch, Geschichte der medizinischen Wissenschaften. 1893. S. 122.
[671] Ledermüller, Mikroskopische Gemüts- und Augenergötzungen. 1763.
[672] Leeuwenhoek, Arcana naturae. Delphis Batavorum 1695–1719.
[673] Arcana naturae Bd. I. S. 42.
[674] Arcana naturae. Bd. I. S. 42.
[675] Hirsch, Geschichte der Medizin. S. 493.
[676] Arcana naturae. 1695. Bd. I. S. 173.
[677] Arcana naturae, 1695, Bd. I. Brief 90. Die nähere Aufklärung über dies Verhalten der
Blattläuse gab Bonnet im 1. Bande seiner Insektologie. Paris 1745.
[678] Hirsch, Geschichte der Medizin. S. 115.

Page 548

[679] Abbildung aus Leeuwenhoeks Arcana naturae, 1695. Bd. I. Seite 447.
[680] Hookes »Micrographia«, Schem. XI, Fig. 1.
[681] Hooke, Micrographia or some physiological descriptions of minute bodies. London
1667. pg. 112 (Observat. XVIII).
[682] Micrographia. S. 143.
[683] Arcana naturae. Bd. I. S. 315.
[684] Arcana naturae. Bd. I. S. 318.
[685] Malpighi, Anatome plantarum. 1675. Grew, The anatomy of plants. 1682. Fol. mit 83
Kupfertafeln.
Siehe Marcellus Malpighi, Die Anatomie der Pflanzen, bearbeitet von M. Möbius.
Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften. Nr. 120. S. 31. Leipzig, Verlag von Wilhelm
Engelmann, 1901.
[686] Sachs, Geschichte der Botanik. S. 259.
[687] Siehe S. 399.
[688] The anatomy of plants. S. 172.
[689] Siehe Marcellus Malpighi, Die Anatomie der Pflanzen, bearbeitet von M. Möbius.
Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften. Nr. 120. S. 31. Leipzig, Verlag von Wilhelm
Engelmann, 1901.
[690] Die Spiralröhren bestehen nach Malpighi aus einem zarten Streifen von geringer Breite,
der spiralig verläuft und an den äußeren Rändern zusammenhängt. »Findet ein Zerreißen statt,
so zerfällt das Spiralband nicht in einzelne Ringe, wie es bei der Trachee der höheren Tiere der
Fall ist, sondern es entsteht ein langes Band« (Ostwalds Klassiker 120. S. 7).
[691] Das Verfahren ist noch heute in Gebrauch.
[692] Siehe Bd. I dieses Werkes, S. 145.
[693] Theophrast, Von den Ursachen der Pflanzen. I, 6.
[694] Camerarius, De sexu plantarum epistola, datiert vom 25. August 1694. Herausgegeben
von J. G. Gmelin, Tübingen 1749. Eine Ausgabe in deutscher Übersetzung veranstaltete M.
Möbius. Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften. Nr. 105. Leipzig, Verlag von
Wilhelm Engelmann, 1899. Siehe auch Dannemann, Aus der Werkstatt großer Forscher, 3.
Aufl., Abschnitt 27.
[695] Koelreuter, siehe an späterer Stelle.
[696] Newton, Abhandlung über die Quadratur der Kurven (1704). Aus dem Lateinischen
übersetzt von G. Kowalewski. Band 164 von Ostwalds Klassikern der exakten
Wissenschaften. Leipzig, Verlag von W. Engelmann. 1908.
[697] Leibniz, Über die Analysis des Unendlichen. Aus dem Lateinischen übersetzt von G.
Kowalewski. Band 162 von Ostwalds Klassikern der exakten Wissenschaften. Leipzig,
Verlag von Wilhelm Engelmann. 1908.
[698] Siehe auch S. 165.
[699] Ars conjectandi (Wahrscheinlichkeitsrechnung) von Jakob Bernoulli. Basel 1713. Als
107. und 108. Bd. von Ostwalds Klassikern in deutscher Übersetzung herausgegeben von R.
Haussner. Leipzig, Verlag von Wilhelm Engelmann. 1899.

Page 549

[700] Tropfke, Geschichte der Elementarmathematik. Bd. II. 354.
[701] Ostwalds Klassiker Nr. 108. S. 71 u. f.
[702] Ostwalds Klassiker Nr. 108. S. 104.
[703] Sie entstanden in der Zeit von 1689 bis 1704 und bilden den Inhalt des 171. Bandes von
Ostwalds Klassikern der exakten Wissenschaften. Leipzig, W. Engelmann. 1904. Die
Übersetzung und die Herausgabe erfolgten durch G. Kowalewski.
[704] Wallis in seiner Arithmetica infinitorum (1655) und Newton in seiner Methodus
fluxionum.
[705] Ostwalds Klassiker. Bd. 171. S. 110.
Nicolaus Mercator (nicht mit dem hundert Jahre vor ihm lebenden Gerhard zu
verwechseln) wurde 1640(?) in Holstein geboren. Er war Mitglied der Royal Society und starb
1687. Seine mathematischen Untersuchungen wurden besonders durch Wallis' Arithmetica
infinitorum (1655) angeregt.
[706] Von neueren Untersuchungen über Reihen seien noch diejenigen von Paul du Bois
Reymond erwähnt, weil sie Aufnahme in die Sammlung Ostwalds gefunden haben; P. du
Bois Reymond, Über unendliche und trigonometrische Reihen. Als 185. Band von
Ostwalds Klassikern herausgegeben. Leipzig, W. Engelmann. 1912.
P. du Bois Reymond, Über die Darstellung der Funktionen durch trigonometrische Reihen.
Als 186. Bd. von Ostwalds Klassikern herausgegeben. Leipzig, W. Engelmann. 1912.
[707] Pappus, V. 2.
[708] Abhandlungen über Variationsrechnung: Ostwalds Klassiker Nr. 46, S. 3–13. Leipzig,
W. Engelmann. 1894.
[709] Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften. Bd. 46. S. 14–20. Leipzig, W.
Engelmann. 1894.
[710] Siehe Johann Bernoulli, Die erste Integralrechnung. Aus dem Lateinischen übersetzt
und als Bd. 194 von Ostwalds Klassik. d. exakt. Wiss. herausgegeb. von G. Kowalewski.
Leipzig, W. Engelmann. 1914.
[711] Hydrodynamica seu de viribus et motibus fluidorum commentarii 1738.
[712] Jacob Bernoulli (1654–1705), Johann Bernoulli (1667–1748), Bruder des vorigen.
Daniel Bernoulli (1700–1802), Sohn von Johann Bernoulli.
Die Familie Bernoulli gilt als ein Beispiel dafür, daß sich das so seltene mathematische Talent
in einer Familie vererben kann. Dies Beispiel ist allerdings wohl einzig in seiner Art. Acht
Mitglieder der Familie Bernoulli waren bedeutende Mathematiker, darunter sind die drei
obigen, so oft erwähnten als Mathematiker ersten Ranges bekannt. Die Bernoulli stammen
aus Antwerpen, von wo ein Jacob Bernoulli nach Frankfurt auswanderte, um sich den
Verfolgungen des Herzogs Alba zu entziehen. Einer seiner Enkel wurde 1622 Bürger der Stadt
Basel. Der mathematische Lehrstuhl der Universität Basel war länger als ein Jahrhundert von
einem Bernoulli besetzt.
[713] Robins, New Principles of gunnery. London. 1742.
[714] Berlin, 1745.
[715] Diese Formel gilt, wenn wir das Pendel als ein einfaches betrachten.

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[716] Die Zahl sämtlicher von Euler veröffentlichten Abhandlungen wird auf 700
veranschlagt. Daneben verfaßte er 45 Bände selbständiger Werke. Eine Ausgabe sämtlicher von
Euler herrührenden Schriften würde etwa 2000 Druckbogen umfassen.
[717] Eulers »Einführung in die Analysis des Unendlichen« und seine »Anleitung zur
Differential- und Integralrechnung« gelten noch heute als vorzügliche Lehrbücher der höheren
Mathematik. So viele Werke seitdem über denselben Gegenstand geschrieben sind, »sie sind
fast alle mehr oder weniger Variationen des von Euler behandelten Themas« (F. Radio in L.
Euler S. 16).
[718] Tropfke, Geschichte der Elementarmathematik. Bd. I. S. 127.
[719] Introductio in analysin infinitorum.
[720] H. Hankel, Die Entwicklung der Mathematik in den letzten Jahrhunderten. S. 15.
[721] Durch P. Stäckel im 46. Band von Ostwalds Klassikern. Leipzig. W. Engelmann.
1894. Eulers Werk erschien 1744. Der vollständige Titel lautet: Methodus inveniendi lineas
curvas maximi minimive proprietate gaudentes sive solutio problematis isoperimetrici
latissimo sensu accepti.
[722] Eine Inhaltsübersicht gibt Cantor im III. Bande seiner Geschichte der Mathematik. S.
830–840.
[723] Leonhard Euler, Vollständige Anleitung zur Integralrechnung. Ausgabe von Salomon.
Bd. III. S. 392.
[724] Über das Problem der Kettenlinie bei Galilei, der es noch nicht zu lösen vermochte, und
Huygens, Leibniz, sowie den Gebrüdern Bernoulli s. S. 61, Anm. 2.
[725] L. Euler, Von den elastischen Kurven (1744). Einen Neudruck der Abhandlung enthält
Nr. 175 der Sammlung »Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften«.
[726] Siehe an späterer Stelle dieses Abschnitts (S. 443).
[727] Siehe S. 280.
[728] Diese Methode wurde schon von Apian (1495–1552) in dessen Kosmographie (§ 5)
empfohlen.
[729] Herrührend von Gemma Frisius (1508–1555).
[730] Novae et correctae tabulae ad loca Lunae computanda. Berlin 1746.
[731] Novae tabulae motuum Solis et Lunae. 1752.
[732] Siehe S. 414.
[733] E. Mach, Zur Geschichte der Akustik (E. Machs Vorlesungen. IV. Leipzig, J. A.
Barth. 1896). Sauveurs akustische Abhandlungen finden sich in den Mém. de Paris von
1701.
[734] Durch Noble und Pigot, die in den Philos. Transactions vom Jahre 1677 darüber
berichteten.
[735] Descartes, der sich mit Mersenne über das Verhalten schwingender Saiten unterhielt,
hat schon vermutet, daß die Saiten Teilschwingungen vollziehen, und daß dadurch ihr Ton
beeinflußt wird.
[736] Wurde ein Ton z. B. durch 36 Schwingungen in der Sekunde hervorgerufen, und ergaben
sich für einen zweiten, etwas höheren Ton vier Stöße in der Sekunde, so beruhte dieser auf 40

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Schwingungen, entsprechend dem oben gegebenen Beispiel. Bemerkt sei noch das Kuriosum,
daß Sauveur ganz unmusikalisch war und seine Untersuchungen nur unter Mitwirkung von
Musikern anzustellen vermochte.
[737] Siehe Dannemann, »Aus der Werkstatt«, 3. Aufl., Abschnitt 34.
[738] Geboren 1706 in der Nähe von London.
[739] Von Dollonds Fernrohren befinden sich noch mehrere im Besitz der Petersburger
Akademie der Wissenschaften. Dollond hatte sie für die russische Expedition zur
Beobachtung des Venusdurchgangs vom Jahre 1769 geliefert.
[740] Eulers Briefe an eine deutsche Prinzessin. Leipzig 1773. Bd. III. Abbildung auf S. 299.
[741] J. A. Segner (1704–1777), Programma, quo theoriam machinae cujusdam hydraulicae
praemittit. Gött. 1750.
[742] Als 182. Band von »Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften« erschienen.
Leipzig, W. Engelmann. 1911.
[743] Ostwalds Klassiker Nr. 182. S. 71.
[744] Dühring, Prinzipien der Mechanik. § 162.
[745] Abhandlung über Dynamik (Traité de dynamique) von d'Alembert. Übersetzt und als
Bd. 106 von Ostwalds Klassikern herausgegeben von A. Korn. Leipzig, W. Engelmann.
1899.
[746] Ostwalds Klassiker Bd. 106. S. 71 u. f.
[747] D'Alembert, Traité de l'équilibre et du mouvement des fluids. Paris 1744.
[748] E. Mach, Die Mechanik in ihrer Entwicklung. 1883. S. 335.
[749] Harnack, Geschichte der Preußischen Akademie der Wissenschaften.
[750] Siehe S. 41 dies. Bandes.
[751] Siehe S. 62 dies. Bandes.
[752] J. L. Lagranges Zusätze zu Eulers Elementen der Algebra. Als 103. Band von
Ostwalds Klassikern der exakten Wissenschaften herausgegeben von A. J. v. Öttingen und
H. Weber. Leipzig, Verlag von W. Engelmann. 1898.
[753] J. L. Lagrange, Über die Lösung der unbestimmten Probleme zweiten Grades. Aus
dem Französischen übersetzt und als 146. Band von Ostwalds Klassikern herausgegeben von
Eugen Netto. Leipzig, W. Engelmann. 1904.
[754] Durch G. Kowalewski im 113. Band von Ostwalds Klassikern der exakten
Wissenschaften. Leipzig, Verlag von W. Engelmann. 1900.
[755] Lagrange, Versuch einer neuen Methode, um die Maxima und Minima unbestimmter
Integralformeln zu bestimmen. Im 47. Bande von Ostwalds Klassikern herausgegeben von P.
Stäckel. Leipzig, W. Engelmann. 1894.
[756] Ein anderer Ausdruck für Maxima- und Minimaaufgaben.
[757] Siehe S. 159 dies. Bandes.
[758] Siehe an früherer Stelle (S. 407).
[759] Lagrange, Über die Methode der Variation. 1770. Im 47. Bande von Ostwalds
Klassikern herausgegeben von P. Stäckel. Leipzig, W. Engelmann. 1894.

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[760] Die betreffenden Arbeiten von Legendre und Jacobi hat P. Stäckel gleichfalls im 47.
Bande von Ostwalds Klassikern veröffentlicht.
[761] Mec. analyt. Partie II, Sect. II.
[762] E. Mach, Die Mechanik in ihrer Entwicklung. Leipzig 1897. S. 458.
[763] Mach, a. a O. S. 471.
[764] Essai d'une nouvelle méthode pour résoudre le problème des trois corps. Paris 1788.
[765] Siehe Ostwalds Klassiker. Bd. 54.
[766] Siehe Ostwalds Klassiker. Bd. 93.
[767] J. L. de Lagrange, Über die Konstruktion geographischer Karten (1779). Im 55. Bande
von Ostwalds Klassikern der exakten Wissenschaften herausgegeben von A. Wangerin.
Leipzig, W. Engelmann. 1894.
[768] Lambert, Photometria sive de mensura et gradibus luminis, colorium et umbrae, 1760.
Das Werk wurde als 31., 32. und 33. Band von Ostwalds Klassikern d. exakten Wissensch.
übersetzt und mit zahlreichen Anmerkungen herausgegeben von E. Anding. Leipzig, Verlag
von W. Engelmann. 1892.
[769] Lamberts philosophische Werke verdienen deshalb besondere Beachtung, weil sie aus
dem Bestreben hervorgegangen sind, die Mathematik und die exakte Beweisführung auf dem
Gebiete der Philosophie zur Geltung zu bringen. Ihre Titel lauten: 1. Neues Organon oder
Gedanken über die Erforschung und Bezeichnung des Wahren und dessen Unterscheidung von
Irrtum und Schein. Leipzig 1764. 2. Architektonik oder Theorie des Einfachen und Ersten in
der philosophischen und mathematischen Erkenntnis. Riga 1771.
[770] Bouguer, Traité d'optique sur la gradation de la lumière. Ouvrage posthume. Paris 1760.
[771] Siehe darüber Zöllners Photometrische Untersuchungen.
[772] Zöllner, Photometrische Untersuchungen. S. 27 u. f.
[773] Über die Beziehung von Lamberts Photometrie zum neueren Standpunkte der
Wissenschaft handelt G. Recknagels gekrönte Preisschrift: Lamberts Photometrie.
München 1861.
[774] Ostwalds Klassiker Nr. 33. S. 63.
[775] Ostwalds Klassiker Nr. 31. S. 5.
[776] Durch die Entdeckung der konischen Refraktion.
[777] Ostwalds Klassiker. Bd. 31. S. 21. Auf diesen Grundsatz hatte auch schon Euler
hingewiesen.
[778] Ostwalds Klassiker. Bd. 32. S. 1 u. f.
[779] Ostwalds Klassiker. Bd. 32. S. 71.
[780] Dan. Bernoulli, Sur le son et sur les tons des tuyaux d'orgues Mém. de Paris. 1762.
[781] Über die drehenden Schwingungen eines Stabes berichtete Chladni in den neuen
Schriften der naturforschenden Freunde in Berlin. II. Bd. 1799.
[782] Chladni, Entdeckungen über die Theorie des Klanges. 1787. Taf. VIII. Fig. 87–90.
[783] Chladni wurde von Napoleon, der den Ergebnissen der physikalischen Forschung das
größte Interesse entgegenbrachte, ehrenvoll aufgenommen. Napoleons Ausspruch: »Chladni

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läßt uns die Töne sehen«, machte die Runde durch die ganze gebildete Welt. Siehe J. Ebstein
»Aus Chladnis Leben und Wirken« (Mitteilungen zur Geschichte der Med. und der Naturw.,
IV. Bd. Nr. 3 (1905), S. 438 u. f.). Ebsteins Abhandlung enthält 18 bisher ungedruckte Briefe
Chladnis. Chladni hat die Aufnahme, die er bei den französischen Gelehrten und am Hofe
Napoleons fand, ausführlich geschildert (in der musikalischen Zeitschrift »Cäcilia«). Er hielt
sich in Paris fast 1½ Jahre auf (1808–1810). Im Jahre 1809 wurde er durch Laplace und
Berthollet dem Kaiser vorgestellt, um seine Versuche zu zeigen und seinen Klavizylinder
vorzuführen. Der Besuch dauerte mehrere Stunden. Am anderen Tage wurde Chladni eine
Gratifikation von 6000 Frank gesandt. Napoleon zeigte sich auf dem Gebiete der Akustik gut
bewandert. Er wußte recht wohl, daß man noch nicht imstande sei, Flächen so dem Kalkül zu
unterwerfen wie Kurven. Er setzte daher 3000 Frank als Preis für eine mathematische Theorie
der Flächenschwingungen aus, auf denen die Chladnischen Figuren beruhen.
[784] Chladni, Die Akustik. Leipzig 1802.
[785] Siehe S. 316 ds. Bds.
[786] Pierre Bouguer wurde im Jahre 1698 in der Bretagne geboren und starb 1758.
[787] Charles Maria de la Condamine wurde 1701 in Paris geboren und starb im Jahre
1774.
[788] Pierre de Maupertuis wurde 1698 zu St. Malo geboren und trat im Jahre 1731 in die
Akademie ein. Zehn Jahre später berief ihn Friedrich der Große nach Berlin und ernannte
ihn zum Präsidenten der dortigen Akademie. Während er diese Stellung bekleidete, hat
Maupertuis wissenschaftlich wenig geleistet; um so größeres Aufsehen erregte sein Streit mit
Voltaire, der die Entfremdung zwischen dem letzteren und dem Könige zur Folge hatte. 1753
kehrte Maupertuis nach Paris zurück. Er starb im Jahre 1759.
[789] 1 Toise = 1,949 m.
[790] Alexis Claude Clairaut (Clairault) wurde 1713 in Paris geboren. Sein Vater war dort
Lehrer der Mathematik. Er förderte seinen Sohn, der einen ganz außergewöhnlichen Fall
frühreifen mathematischen Talentes darbot, in solchem Grade, daß der junge Clairaut schon in
seinem 13. Lebensjahre der Pariser Akademie eine Arbeit vorlegte, in der mehrere Kurven mit
den Hilfsmitteln der Infinitesimalrechnung diskutiert waren. Mit 16 Jahren reichte Clairaut
der Akademie eine Abhandlung ein, von welcher der Berichterstatter sagte, die geschicktesten
Mathematiker würden es sich zur Ehre anrechnen, Verfasser dieser Schrift zu sein. (Näheres
darüber siehe bei Cantor, Gesch. d. Math. III. 1901. S. 779.) Clairaut starb 1765 in Paris.
[791] Clairaut, Théorie de la Figure de la Terre, tirée des Principes de l'Hydrostatique. Paris
1743. Eine deutsche Ausgabe erschien als 189. Band von Ostwalds Klass. d. exakt. Wiss.
Leipzig, W. Engelmann. 1913.
[792] Mach, Die Mechanik in ihrer Entwicklung, historisch-kritisch dargestellt. 1901. S. 428
u. f.
[793] Dieser Satz besagt, daß bei einem kugelähnlichen Sphäroid die Schwere von dem Gesetz,
nach dem sich die innere Dichtigkeit ändert, unabhängig ist. Er lautet:

g_{φ} = g0(1 + sin2φ(5/2 f/g0 - α)).
In dieser Formel bedeutet α die Abplattung, g0 und gφ die Beschleunigung am Äquator, bzw.
unter der Breite φ, und f die Zentrifugalkraft am Äquator.
[794] Siehe Bd. II S. 374.

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[795] Siehe Bd. III Abschnitt 20.
[796] Gabriel Mouton (1618–1694), Observationes diametrorum solis et lunae apparentium,
medianarumque. pag. 427.
[797] Der Bericht über diese, von Méchain und Delambre ausgeführte Messung erschien in
drei Bänden in Paris in den Jahren 1806 bis 1810. Eine Auswahl wurde übersetzt und
herausgegeben im 181. Bande von Ostwalds Klassikern der exakten Wissenschaften. Dieser
enthält auch die von Borda und Cassini verfaßte Abhandlung über die Länge des
Sekundenpendels. Leipzig, W. Engelmann. 1911.
[798] Um sie gegen Kugeln aus anderen Substanzen leicht auswechseln zu können und auf
diese Weise zu zeigen, daß der Wert von g für alle Substanzen der gleiche sei.
[799] Bessel wiederholte die Bestimmung (Untersuchungen über die Länge des einfachen
Sekundenpendels. 1826. S. Bd. IV dies. Werkes). Er bediente sich gleichfalls der Methode der
Koinzidenzen und fand für Königsberg die Länge gleich 440,8179 Linien, sowie für die
entsprechende Beschleunigung g = 9,81443 m. Kater bestimmte (1818) mit Hilfe des
Reversionspendels g zu 9,80804 m unter der Breite von London und auf den Meeresspiegel
reduziert. Kater, Experiments for determining the length of the pendulum vibrating seconds in
the latitude of London (Phil. Trans. 1818. Näheres siehe im IV. Bande).
[800] Ostwalds Klassiker Nr. 181. S. 186.
[801] De visibili conjunctione inferiorum planetarum cum Sole.
[802] Methodus singularis, qua Solis parallaxis ope. Veneris intra Solem conspiciendae tuto
determinari poterit.
[803] Da sich die Abstände der Erde und der Venus von der Sonne wie 1 : 0,723 verhalten, so
ergibt sich die Proportion cd : ab = 0,723:(1 - 0,723), woraus folgt, daß das zunächst gesuchte
Stück cd = 2,6ab ist.
[804] Joh. Müllers Lehrbuch der kosmischen Physik, 5. Aufl. Braunschweig 1894, Fig. 97.
[805] Siehe S. 274 d. Bds.
[806] Philosophical Transactions von 1718.
[807] Siehe S. 434 d. Bds.
[808] Maskelyne, An account of observations made on the mountain Shehallien for finding
its attraction. Philosophical Transactions for the year 1795 (Vol. LXV), pg. 500. Nevil
Maskelyne wurde 1732 in London geboren und starb 1811 in Greenwich als Astronom der
dortigen Sternwarte. Im Jahre 1761 beobachtete er den Durchgang der Venus von St. Helena
aus. Ferner war er Begutachter der Ansprüche Harrisons und Mayers an den großen Preis,
den die englische Regierung für die Lösung des Längenproblems ausgesetzt hatte. (Siehe S.
416.)
[809] Siehe Dannemann, Aus der Werkstatt großer Forscher, S. 354.
[810] Die Instrumente gaben damals schon einzelne Sekunden an, während die Genauigkeit
sich zur Zeit Tychos nur auf Minuten belief.
[811] Halley starb im Jahre 1742.
[812] Bradley, Account of a new discovered motion of the fixed stars (Phil. Transact. 1728).
[813] bc/ab = cotg 20ʺ; bc = ab · cotg 20ʺ

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[814] J. H. Lamberts Abhandlungen zur Bahnbestimmung der Kometen erschienen 1761,
1771 und 1772. Sie wurden neuerdings von J. Bauschinger als 133. Band von Ostwalds
Klassikern der exakten Wissenschaften herausgegeben. Leipzig, W. Engelmann. 1902.
[815] Ostwalds Klassiker Nr. 133. S. 36.
[816] Miscell. Berol. Tom. VII. pag. 20.
[817] Ostwalds Klassiker Nr. 133. S. 65.
[818] Ostwalds Klassiker Nr. 133. S. 141.
[819] J. H. Lambert, Anmerkungen und Zusätze zur Entwerfung der Land- und
Himmelskarten. Herausgegeben von A. Wangerin als 54. Band von Ostwalds Klassikern der
exakten Wissenschaften. Leipzig, Verlag von W. Engelmann. 1894.
[820] Ein entsprechendes Unternehmen war für Mitteleuropa die Reymannsche Karte, von der
1806 die ersten 6 Sektionen erschienen. Die Karte wuchs bis 1874 auf 405 Blätter (1 : 200000).
Dann ging sie in den Besitz des preußischen Generalstabs über, der den Umfang auf 796
Blätter erweiterte.
[821] Das Nähere hierüber siehe in Ostwalds Klassikern Bd. 54. S. 24 u. 67.
[822] Sie wurden 1777 in den Berichten der Petersburger Akademie der Wissenschaften
veröffentlicht und, übersetzt und erläutert, von A. Wangerin als 93. Band von Ostwalds
Klassikern wieder herausgegeben. Leipzig, W. Engelmann. 1898.
[823] Über Kartenprojektion. Abhandlungen von Lagrange (1779) und Gauß (1822).
Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften. Bd. 55. Leipzig, W. Engelmann. 1894.
[824] Die Projektionsart rührt nicht von De Lisle, sondern von Mercator her, der sie schon
1585 benutzt hat.
[825] L. Euler, Grundlage der sphärischen Trigonometrie, im 73. Bande von Ostwalds
Klassikern in deutscher Übersetzung herausgegeben von E. Hammer. Leipzig, Verlag von W.
Engelmann. 1896.
[826] Elemente der sphäroidischen Trigonometrie. Abhandlungen d. Berliner Akademie. 1753.
IX. 268–293.
[827] Tropfke, Geschichte der Elementarmathematik. II. S. 295.
[828] Zum Vergleich mögen Eulers Schreibweise und die damals übliche Schreibweise des
pythagoräischen Satzes für jedes beliebige ebene Dreieck hier Platz finden:

a2 = b2 + c2 - 2bc cos A
und

BC q = AB q + AC q - 2AB × AC × (Cosin BAC)/(sin. tot.).
[829] Sie wurden 1807 und 1808 durch Mollweide und durch Delambre bekannt gegeben.
[830] L. Euler, Allgemeine sphärische Trigonometrie in kurzer und durchsichtiger
Entwicklung von den einfachsten Voraussetzungen ausgehend. Im 73. Bande von Ostwalds
Klassikern übersetzt und herausgegeben von H. Hammer. Leipzig, W. Engelmann. 1896.
[831] Caroli a Linné, Systema naturae. 1768. Bd. III. S. 29 u. f.
[832] Die Natur dieses Vorganges konnte sich erst später durch die antiphlogistische Lehre
enthüllen.

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[833] Natriumammoniumhydrophosphat, das man damals aus Harn darstellte.
[834] Als Blech und Draht kam Platin erst seit 1772 in den Handel.
[835] Wallerius, 1768.
[836] Hauy, 1801.
[837] Hauy, Traité de Minéralogie. 1801. Bd. V, p. VIII, Fig. 77.
[838] W. Nicholson (1753–1815). Description of a new instrument of measuring the specific
gravities of bodies. (Mem. Manchest. Soc. II. 1787.)
[839] Romé de l'Isle (1736–1790). Cristallographie ou description des formes propres à tous
les corps du règne minéral. Paris 1783.
[840] Namens Carangeot.
[841] Zittel, Geschichte der Geologie und der Paläontologie. S. 64.
[842] Kant, Geschichte der Naturbeschreibung des Erdbebens vom Jahre 1755. Die kleine
Schrift erschien 1756.
[843] Lazzaro Moro, 1687–1740.
[844] Antonio Vallisneri (1661–1730) war Professor in Padua.
[845] A. Vallisneri, Dei corpi marini che sui monti si trovano. Venezia 1721.
[846] J. G. Lehmann war Professor der Chemie und Mineralogie in Berlin. Er starb 1767.
[847] J. G. Lehmann, Versuch einer Geschichte der Flözgebirge. Berlin 1756.
[848] Jean Etienne Guettard wurde 1715 geboren und war Verwalter einer
naturgeschichtlichen Sammlung. Er machte zahlreiche Reisen und starb 1786 in Paris.
[849] Mém. Acad. roy. des Sciences pour 1702. S. 27. Sur quelques montagnes de la France qui
ont été Volcans.
[850] Nicolas Desmarest, 1725 geboren und 1815 als Leiter der Porzellanfabrik zu Sèvres
gestorben. Er reiste viele Jahre, um Frankreich und Italien geologisch zu durchforschen.
[851] Zittel, Geschichte der Geologie. S. 56.
[852] George Louis Leclerc de Buffon.
[853] Buffon, Epoques de la Nature. 1778.
[854] Simon Peter Pallas.
[855] De Saussure, Rélation d'un voyage à la cime du Montblanc en août 1787. Er ermittelte
die Höhe des Montblanc zu 2426 Toisen. Vorher hatte ein Führer den Montblanc erstiegen und
dadurch Saussures Expedition ermöglicht.
[856] Voyage dans les Alpes. 1779–1796. 4 Bde.
[857] Ein Jahr vorher war sein erstes Werk unter dem Titel »Von den äußerlichen Kennzeichen
der Fossilien« erschienen.
[858] Werner, Von den äußerlichen Kennzeichen der Fossilien.
[859] Georgius Agricola, De natura fossilium. Basileae 1546.
[860] Wallerius, De systematibus mineralogicis et systemate mineralogico rite condendo.
1768.

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[861] Werner, a. a. O. S. 89.
[862] Werner, Von den äußeren Kennzeichen der Mineralien. S. 197.
[863] v. Kobell, Geschichte der Mineralogie. S. 93.
[864] Werner, a. a. O. S. 274.
[865] Werner, a. a. O. in der Einleitung.
[866] Er hieß K. W. Voigt und sammelte in der Rhön eine große Anzahl von Beobachtungen,
die auf das Deutlichste gegen den neptunischen Ursprung des Basalts sprachen.
[867] Zittel, Geschichte der Geologie. S. 90.
[868] J. Hutton, Theory of the Earth. Edinburg 1795. 2 Bände. Ein Auszug in deutscher
Sprache erschien im 6. Bande von Voigts Magazin der Physik.
[869] Die von Hall benutzten Vorrichtungen, sowie die mit ihnen in den Jahren 1787–1805
erzielten geologischen Präparate werden im Museum der Geologischen Gesellschaft zu London
aufbewahrt. Es befinden sich darunter Porzellanröhren, in denen Kreide unter Druck
geschmolzen wurde, sowie Proben von Basalt und Lava, die geschmolzen und unter
verschiedenen Bedingungen abgekühlt wurden, usw.
[870] Beide Anschauungen vertritt nach dem Vorgange Demokrits schon Aristoteles. Siehe
Bd. I S. 124 u. f.
[871] John Playfair (Schüler Huttons, lebte von 1748–1819), Illustration of the Huttonian
Theory. 1802.
[872] Scheuchzer, Herbarium diluvianum. 1721.
[873] Knorrs mit 300 vortrefflichen Kupfertafeln versehenes Werk vom Jahre 1755, das unter
dem Titel »Sammlung von Merkwürdigkeiten der Natur und Altertümern des Erdbodens« in
Nürnberg erschien.
[874] Georg Wolfgang Knorr, 1706–1761.
[875] G. A. Suckow, Näheres siehe Zittel, Geschichte der Geologie. S. 214.
[876] Siehe S. 476 dieses Bandes.
[877] Dr. G. Berthold, John Toland und der Monismus der Gegenwart. Heidelberg 1876, Carl
Winter.
[878] A. a. O. S. 5.
[879] Siehe die Bemerkung in den Zusätzen.
[880] Principia philosophiae. 1677. P. II. § 36. Es wird also irrtümlicherweise die
Bewegungsgröße für konstant gehalten.
[881] Richtig lautet der Name La Métherie.
[882] Système de la nature ou des lois du monde physique et morale. 1770.
[883] Siehe auch E. du Bois-Reymond, Lamettrie. Berlin 1875. Verlag von A. Hirschwald.
Eine deutsche Ausgabe des Systems der Natur erschien 1841 in Leipzig.
[884] Sie rühren zum großen Teile von E. Wiedemann (Wi) und J. Würschmidt (Wü) her.
Die Bemerkungen E. v. Lippmanns konnten sämtlich im Text Platz finden.

Page 558

Aus den Besprechungen der ersten Auflage.
Des Verfassers Grundriß einer Geschichte der Naturwissenschaften hat in
zweiter Auflage G. W. A. Kahlbaum (I, 160 und III, 75) in
anerkennendster Weise besprochen und zugleich die Gefühle
ausgesprochen, die angesichts der Erfolge dieses Werkes jeden Historiker
der Naturwissenschaften beseelen müssen. Aus den gleichen Gründen
begrüßen wir es heute freudigst, daß unser Gesellschaftsmitglied und
Mitarbeiter den zweiten Teil dieses Buches zu einem vierbändigen Werke
ausgestalten will und davon bereits den ersten Band vorzulegen vermag.
(H. Stadler in den Mitteilungen
zur Geschichte der Medizin und
der Naturwissenschaften, Bd. X, 2.
Heft.)
Der soeben erschienene 2. Band dieses großen Werkes behandelt die Zeit
von Galilei bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, also jene Epoche, in
welcher die Grundlagen der neueren Naturwissenschaften gelegt wurden.
Auch in diesem Bande hat sich der Verfasser mit Erfolg bemüht, eine
Darstellung zu schaffen, die nicht nur dem Historiker dient, sondern für
jeden anregend ist, der sich überhaupt für die Naturwissenschaft
interessiert.
(Kölnische Zeitung, 20. Februar
1911.)
Ähnlich wie Cantors Vorlesungen über Geschichte der Mathematik ein
»standard work« allerersten Ranges bleiben werden, so wird auch
Dannemanns Werk von bleibendem Wert sein, das für den
Geschichtsforscher wie für den Mediziner, für den Lehrer wie für den
Techniker großen Nutzen haben und dessen Lektüre für jeden, der sich für
die Naturwissenschaften interessiert, eine Quelle hohen Genusses bilden
wird.
(Monatsschrift für höhere Schulen,
1911, 6. Heft.)

Page 559

Besonders dankenswert erscheint, wie Dannemann in allen diesen
Wissenschaften die verbindenden großen Gedanken herauszuschälen weiß,
die im hohen Maße geeignet sind, die Vertreter der einzelnen
naturwissenschaftlichen Disziplinen vor Einseitigkeit zu bewahren.
(Ärztliche Rundschau, 1910, XX.
Jahrgang, Nr. 47.)
Für die Hebung der Kultur unseres Volkes kann dieses Buch, das die
Wissenschaft und ihre Erfolge als etwas Werdendes vorstellt, von größtem
Nutzen sein, da es die Erfolge fortschrittlichen Denkens gegenüber den
Schwächen dogmatischer Gesinnung aufs deutlichste vergegenwärtigt.
(Prometheus, 26. November 1910,
XXII. Jahrgang.)
L'ouvrage me paraît excellent; il a d'ailleurs une qualité inappréciable; c'est
de n'avoir pas d'équivalent.
(Revue générale des Sciences.
Paris 15. III. 1912.)
Das Gesamtwerk, dessen Inhalt durch gute Register und
Literaturverzeichnisse übersichtlich zusammengehalten wird, liegt nun,
auch in äußerlich schönem Gewande, vollständig vor; es gehört fraglos zu
den besten, bestgeschriebenen, originellsten und
nutzbringendsten der neueren naturwissenschaftlichen Literatur
und ist mehr als jedes andere geeignet, den immer unheilvoller
hervortretenden Folgen der völligen Zersplitterung unter den
Naturforschern abzuhelfen und deren allgemeine Fortbildung wieder zu
heben. Es gereicht dem Verfasser zur Ehre, nicht minder aber auch der
ganzen deutschen Literatur.
(Prof. Dr. E. O. von Lippmann in
der Chemiker-Zeitung 1913.)
Seit Jahren empfehle ich meinen Hörern in der einführenden Vorlesung über
experimentelle Chemie das Dannemannsche ausgezeichnete, noch nicht
nach Gebühr verbreitete Werk »Die Naturwissenschaften in ihrer
Entwicklung und in ihrem Zusammenhange«.

Page 560

(Dr. A. Stock, Prof. a. d. Univ.
Berlin und am Kaiser-Wilh.-Inst.
Dahlem, in d. Monatsschrift f. d.
chem. u. biol. Unterr. 1920.)

Aus den Besprechungen des ersten Bandes der zweiten Auflage.
So steht das Werk in seiner verjüngten Gestalt zweifellos auf der Höhe und
kann jedem, der sich für die Geschichte der Naturwissenschaften
interessiert, aufs beste empfohlen werden.
(Süddeutsche Zeitung, 23.
Dezember 1920.)
Das Werk wird dem Lehrer einer höheren Schule Gelegenheit geben, sich
ohne zu große Mühe über alle Punkte zu vergewissern, die er in seinem
Unterricht zu verwerten beabsichtigt. Es wird aber zugleich auch dem
Lehrer der Hochschule als wertvoller Handweiser für eine Reihe von
akademischen Vorträgen über das Gesamtgebiet der Naturwissenschaften
willkommen sein. Und mit dem Verfasser hofft der Unterzeichnete, daß
recht bald schon das Bedürfnis derartiger Vorträge von allen unseren hohen
Schulen anerkannt werden möchte.
(S. Günther in der D. Lit.-Ztg. v.
11. u. 25. September 1920.)

Von dem Verfasser erschienen ferner:
Leitfaden für die Übungen im chemischen Unterricht der oberen
Klassen höherer Lehranstalten. 6. Aufl. B. G. Teubner, Leipzig 1920.
Aus der Werkstatt großer Forscher. 430 Seiten. 3. Aufl. Leipzig 1908.
Wilhelm Engelmann.
Gebunden M. 13.50 einschließl. V.-T.-Z.

Page 561

»Es sei jeder, der sich bisher noch nicht mit diesem vortrefflichen Werke
bekannt gemacht hat, darauf hingewiesen, die sehr wertvolle Bekanntschaft
nicht länger hinauszuschieben.«
(Prof. Dr. Wilh. Ostwald.)
Naturlehre für höhere Lehranstalten, auf Schülerübungen gegründet.
Hannover 1908. Hahnsche Buchhandlung.
»Der Verfasser hat so alle Momente vereinigt, die zur Erteilung eines
zeitgemäßen Unterrichts von Belang sind und zwar so, daß zu dem neuen
Plane ein Übergang von dem bestehenden her möglich ist.«
(Deutsche Literaturzeitung,
1909, Nr. 5.)
Handbuch für den physikalischen Unterricht. J. Beltz, Langensalza
1919.
»Was in diesem Buche gesagt wird, faßt alle lebenskräftigen
Reformgedanken der letzten Jahre in geschickter Weise zusammen.«
(R. Winderlich, i. d. Ztschr. f. d.
math. u. naturw. Unterr.)

VERLAG VON WILHELM ENGELMANN IN LEIPZIG
Logarithmisch-trigonometrische Tafeln mit 8 Dezimalstellen.
Enthaltend die Logarithmen aller Zahlen von 1–200000 und die
Logarithmen der trigonometrischen Funktionen für jede
Sexagesimalsekunde des Quadranten. Mit Unterstützung der Preußischen
Akademie der Wissenschaften in Berlin und der Akademie der
Wissenschaften in Wien. Neu berechnet und herausgegeben von Professor
Dr. J. Bauschinger und Professor Dr. J. Peters. 2 Bände. Lex.-8.
M. 78.–
Aus den Besprechungen:
»... Mit ... hat die Tafelliteratur erstklassige Bereicherungen erfahren, die von bleibendem Wert sind
und für die Erstellung von Tabellensammlungen vorbildlich sein sollten ...«

Page 562

(Archiv der Mathematik und
Physik.)
Zur Geschichte der astronomischen Meßwerkzeuge von Purbach
bis Reichenbach 1450–1830 von Joh. A. Repsold. 1. Band. Mit 171
Abbildungen (VIII und 132 Seiten gr. 8).
M. 24.–
Aus den Besprechungen:
»Das Buch, das sich überall als eine reiche Quelle der Belehrung über die Zweckdienlichkeit und die
sachgemäße Verwendung der Instrumente, sowie über die Vorteile und Nachteile der einzelnen
Konstruktionen darbietet, wird gewiß nicht verfehlen, einen dauernden, großen Nutzen für die
Wissenschaft zu stiften.«

(Astronomische Nachrichten, Bd.
177, Nr. 6.)
»Ein höchst interessantes, lehrreiches Werk ist es, das der Verfasser, der wie kein anderer dazu
berufen war, es zu schreiben, den Mechanikern und Astronomen darbietet.«

(Zeitschrift für Instrumentenkunde.
XXVIII. Jahrg., Sept. 1908.)

Vorstehende Preise einschließlich Verleger-Teuerungszuschlag.

Bei der Transkription vorgenommene Änderungen und weitere
Anmerkungen:
In "»Stellt man nun zwischen das Auge und dieses undeutliche Bild,
und zwar nahe dahinter eine zweite Sammellinse OP, so wird letztere
die von D und F kommenden Strahlen konvergent und das Bild
dadurch deutlich machen.« Auch wird dieses durch das Okular
erzeugte Bild, wie Kepler dartut, größer erscheinen als das Bild das
»die dem Auge nächststehende Linse (OP) von der entfernteren
Linse (AB) erhalten hatte«[2]." erstes öffnendes und zweites
schließendes Anführungszeichen ergänzt.
In "Ließ Grimaldi durch die Öffnungen CD und GH (siehe Abb.
30) einen Lichtkegel fallen, der von dem Schirm IK aufgefangen
wurde, so besaßen die Grundflächen dieses Kegels nicht den

Page 563

Durchmesser NO, den die geometrische Konstruktion auf Grund der
geradlinigen Fortpflanzung des Lichtes fordert, sondern einen
größeren Durchmesser IK." stand "angefangen" statt "aufgefangen",
und "JK" statt "IK" (Text wurde Abbildung 30 angepasst).
In "Auf dieses Gebiet wurde Glauber dadurch geführt, daß er die
Darstellung der Salzsäure durch Einwirkung von Schwefelsäure auf
Kochsalz kennen lernte" stand "lehrte" statt "lernte".
In "Ferner könne der Wellenteil BG (Abb. 85), der den leuchtenden
Punkt A zum Mittelpunkt hat, sich nur bis zu dem von den Geraden
ABC und AGE begrenzten Bogen CE ausbreiten." stand "dem
Graden" statt "den Geraden".
In "z = (m1a12 + m2a22 + m3a32 ...)/(m1a1 + m2a2 + m3a3 ...)":
Tiefergestellte 1 an der Variable a im Formelteil m1a12 hinzugefügt.
In "Σ{m(X - d2x/(dt2))δx + m(Y - d2y/(dt2))δy + m(Z - d2z/(dt2))δz}
= 0." stand im mittleren Formelteil der Partikel "δy" in der Klammer.
Fußnote 97: In x_{ʹ} : x_{ʺ} = y_{ʹ}2 : y_{ʺ}2 wurde der Strich
hinter dem x im ersten Formelteil ergänzt.

Page 564

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE
NATURWISSENSCHAFTEN IN IHRER ENTWICKLUNG UND IN
IHREM ZUSAMMENHANGE, II. BAND ***

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Gutenberg

Project Gutenberg is synonymous with the free distribution of electronic
works in formats readable by the widest variety of computers including
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efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks of
life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
they need are critical to reaching Project Gutenberg’s goals and ensuring
that the Project Gutenberg collection will remain freely available for
generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation was created to provide a secure and permanent future for
Project Gutenberg and future generations. To learn more about the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org.

Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit 501(c)
(3) educational corporation organized under the laws of the state of
Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax
deductible to the full extent permitted by U.S. federal laws and your state’s
laws.

The Foundation’s business office is located at 41 Watchung Plaza #516,
Montclair NJ 07042, USA, +1 (862) 621-9288. Email contact links and up
to date contact information can be found at the Foundation’s website and
official page at www.gutenberg.org/contact

Section 4. Information about Donations to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation

Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread
public support and donations to carry out its mission of increasing the
number of public domain and licensed works that can be freely distributed
in machine-readable form accessible by the widest array of equipment

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including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable effort,
much paperwork and many fees to meet and keep up with these
requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
determine the status of compliance for any particular state visit
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While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
statements concerning tax treatment of donations received from outside the
United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg web pages for current donation methods
and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
checks, online payments and credit card donations. To donate, please visit:
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Section 5. General Information About Project Gutenberg
electronic works

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg
concept of a library of electronic works that could be freely shared with
anyone. For forty years, he produced and distributed Project Gutenberg
eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg eBooks are often created from several printed editions,
all of which are confirmed as not protected by copyright in the U.S. unless a

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copyright notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in
compliance with any particular paper edition.

Most people start at our website which has the main PG search facility:
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This website includes information about Project Gutenberg, including how
to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation,
how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email
newsletter to hear about new eBooks.

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